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            <forname>Eugen</forname>
            <surname>Dühring</surname>
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        Antiquariat J. Kitzinger 
München 13 
Schellingstraße 25 
Lager.Nr.%g^gA 
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INSTITUTS 
FÜR 
WELTWIRTSCHAFT 
KIEL 
BIBLIOTHEK 
Nr. 1118231
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        Kritisclie Geschichte 
der 
Nationalökonomie 
und des 
Soeialismns 
von 
Dr. EijDühring, 
Docenten der Staatswissenschaften und der Philosophie an der berliner Uniyersitât, 
Zweite, thoilwoise umgearbeitete Auflage. ", » ' ' 
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Berlin. 
Verlag von Theobald Grieben. 
1875.
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        Inhalt. 
Einleitung. 1. Bedeutung einer Geschichte dem Unfertigen der 
bisherigen Systeme gegenüber und zur Erläuterung des eignen Systems. 
2. Persönlichkeiten und Systeme. 3. Richtungen der Kritik. Bestre 
bungen und rein theoretische Vorstellungen. 4. Verbindung der National 
ökonomie mit dem Socialismus, aber nur im Gebiet der materiellen 
Interessen 1 
Erster Abschnitt. 
Die Zeit vor den wissenscbaftlielien Versuchen. 
Erstes Capitel. Ursprung und Anfänge wirthschaft- 
“®ber Vorstellungen. 1. Vorgeschichtlicher Hintergrund. 2. Die 
Geschichte der Oekonomie als Wissenschaft noch sehr jung. Gewöhn 
liche Vorstellungen und wissenschaftliche Sätze. Fehler der bisherigen 
Geschichtsbeiträge. Echte Geschichten der Theorie. 3. Falsche Ideen 
über die Vergangenheit der theoretischen Geschichte, Kein Behältniss 
für zusammengewürfelte Abfälle aller Zeiten. Alterthum und Mittel- 
alter. 4. Hineindichtungen von nationalökonomischen Begriffen und 
Sätzen in die Gemeinplätze der Griechischen Schriftsteller. Aristoteles. 
Sogenannter Tauschwerth. 5. Angebliche Arbeitstheilung bei Platon. 
Sehr gewöhnliche und leere Vorstellungen über die Rolle des Geldes 
bei Aristoteles. Antipathie gegen den Zins. 6. Römer. Ihre Landbau 
schriftsteller und Rechtsquellen wirthschaftlich noch weniger erheblich. 
Gewöhnliche Gedanken in allen Völkerbeurkundungen. Heimsuchung 
des Mittelalters. Der Bischof Oresme. Copernicus 10 
Zweites Capitel. Der Merca nt ilismus und die Colbert- 
scho Praxis. 1. Entwicklungsart der Wissenschaft. 2. Der Mercan- 
tilismus als ein System der Praxis. Ungleichartigkeit desselben mit 
den späteren theoretischen Systemen. 3. Wahrer Sinn des Mercantil- 
eystoms. Handel, Geld und Bilanz. 4, Erklärung des mercantilistischen 
Irrthums aus Innern Gründen. Leitfaden des Geldes. Naturalbetrach 
tung, 6. A. Serra an der Spitze der Geschichte als Beispiel und Typus. 
Die Rollo der Italiener bis auf die neuste Zeit, Ihr Mercantilismus und 
ihre theoretischen Ansprüche. 6. Colbert. Praktisches und theoreti 
sches Industriesystem. Persönliches Element. Handelsfeindschaft. 
7. Rationelles Element im Colbertismus. 8. Neuere Anfeindungen der 
Colbertschen Praxis. Gewerberegulirung. Grundsatz der staatlichen 
Fürsorge. Voraussichtliche spätere Feststellung des Urtheils über den 
Colbortismus und das Mercantilsystem . . 25 
Drittes Capitel. Vorgänger und Anzeichen einer ratio 
nelleren Volkswirthschaftslehre, 1. Unterbrechung der Stetig 
keit in der Schöpfung einer Wissenschaft, unbeschadet früherer vager 
Gedankeuregungen und einer Menge von überlieferten Ideen. 2, Abwei 
sung der Hereinziehung der für die Volkswirthschaftslehre unerheblichen
        <pb n="8" />
        VI 
Seita 
Namen, 3. Widersprechende Mischungen im Rahmen des Mercantilismns. 
Petty und Locke in England, Boisguillebert und Vauban in Frankreich. 
Falsche Hineiudichtungen. Kennzeichnung der Pettyschen Art und Weise. 
4. Lebenszüge zur Beurtheilung Pettys als Schriftsteller. 5. Umwälzung. 
Naturwissenschaft, Zwei Schriften Pettys. Gold mit dem Fett ver 
glichen, Bevölkerungscapitalisirung. 6. Pettys Vorstellungen vom Gelde, 
von der Bevölkerung und deren Dichtigkeit, Sein Mercantilismns, 
7. Pettys Versuche über ein Werthmaass. Tagosnahrung als Grundfehler. 
Inconsequenz. Schlnssergebniss. 8. Locke. Beziehung von Arbeit und 
Werth, Erinnerung an North. 9. Keine besondere Auszeichnung einer 
Englischen Entwicklung wie in der Philosophie. Lockes Mercantilismus. 
10. Eigonthümlichkeit der Franzosen. Boisguillebert und Vauban in 
ihrem Charakter. Züge aus dem Leben Boisguilleberts. Sinnesart. Phan 
tasie. 11. Ursprung und Richtung seiner Ideen. Schriften. 12. Schäd 
lichkeit niedriger Getraidepreise. Gegenseitigkeit in den Vortheilen an 
gemessen hoher Preise für beide Theilo. Kein Grund zur Hineindich 
tung der Interessenharraonio des laisser aller. Eine Stelle der unwill 
kürlichen Selbstkritik. Gerechter und billiger Verkehr oder wahrer 
Werth als unbestimmt gelassene Vorstellung. Musterfehler in der still 
schweigenden Voraussetzung wirthschaftlicher Gerechtigkeit. Erinnerung 
an Späteres. 13. Boisguilleberts Vorstellungen über das Geld. Er be 
kämpft einen Irrthum durch einen entgegengesetzten. Wendung in der 
Richtung auf Law. 14. Boisguilleberts Ansicht über die Finanzkünstler. 
Vauban. Charakter und Leistungen. Der allgemeine Zehnt. Volks- 
wirthschaftliche Vorstellungen. 15. John Law. Neue Form des Mercan 
tilismus und zugleich Gegensatz gegen die ältere Gestalt. Unabhängig 
keit von den edlen Metallen als Ziel, aber das Geld noch immer mit 
der Werthsumme verwechselt. 16. Beziehungen der Ideen zur Lebensart 
der Person. 17, Schriften und Hauptgedanken 48 
Zweiter Abschnitt. 
Die Pbysiokraten und die gleiohzeitigen Scbottisclien Anfänge, 
Erstes Capitel. Quesnay und Turgot. 1. Speculative Los 
lösung von der Praxis. Gemeinschaftliches in der Art und Weise der 
physiokratischen Secte und der Socialisten, 2. Leben, Schriften und 
Charakter Quesnays. 3. Ursprung und Sinn des Namens Physiokratie, 
Charakteristik durch einige Anhänger. Mirabeau. Schicksal des Tableau 
économique. 4. Nettoproduct in Geldwerth gedacht. Innerer Grund der 
Vorstellungsart. Erinnerung an Malthus. 5. Verwirrung, die dadurch 
entsteht, dass das Nettoproduct verschiedene Rollen spielt. Mathemati 
sches Phantasiren. Grundsteuer als einzige Steuer, 6. Gournay, Laisser 
aller. Quesnay über Handelsbilanz. 7. Beziehungen der Physiokraten 
zur Revolution. Turgots Charakter. Ministerrolle. Die Widersacher der 
Physiokraten im Kornhandel 97 
Zweites Capitel. David Hume, 1, Humes Bedeutung. Ver- 
hältniss der Philosophie zur Nationalökonomie, 2, Zusammenhang der 
Abhandlungen. Kaufen um Arbeit. 3. Ansichten über das Geld. Ein 
seitige Auffassung desselben durch Spätere. 4. Handelsbilanz. Zins als 
Barometer. Schutzzölle. Bodenreichthum. Bevölkerung. 5. Verhältniss 
zu A, Smith. Gründe für die nationalökonomischo Auszeichnung Humes. 121 
Dritter Abschnitt. 
Das theoretische Industriesystem. 
Erstes Capitel. Die Leistung Adam Smiths. 1. Verhältniss 
zur Vergangenheit. Aeusserlicho Eigenschaften des Smithschen Völker 
reichthums. Charakteristik im Hinblick auf J. B. Say. 2. Stellung zur
        <pb n="9" />
        VII 
Seite 
kommenden Revolution und dem was ihr folgte. Parallele mit dem 
Schicksal der Deutschen Philosophie. 3. Lebenszüge. 4. Allgemeine 
wissenschaftliche Methode. Arbeitsprincip und Sinn des Ausdrucks In 
dustriesystem. Behandlung der Arbeitstheiluug. Gang und Gegenstand 
der ersten Ilauptlehron. 5. Werth. Arbeit als Preisursache, Einschrän 
kung dieser Idee. Doppelheit der Gesichtspunkte. Unklarheit. Hin 
weisung auf Späteres. 6. Wichtigster Inhalt des Werks. Fehlerhafte 
Anschauungen vom Geld und Capital. Spartheorie. Summe von Privat- 
wirthschaften, Künstlichkeit des vermeinten Naturprincips. Excerpt 
aus dem Menschen. 7. Interesse als Princip. Fälschliche Gegenüber 
stellung der Sympathie. Vernachlässigung aller organisirten Interessen 
wirkungen. Unpolitischer Charakter der Auffassung. Widersprüche, 
Blosse theoretische Speculation. 8. Handelsbilanz. Missleitung der Capi 
talien. Steuerausgleichung durch Zölle. 9. Wesentlich richtige Abgren 
zung des Materiellen. Schlussergebniss 135 
Zweites Capitel. Die Wirkungen des Smithschen Werks, 
1. Hindeutung auf die verschiedenen Einflüsse. J. B. Say als Vertreter 
einer gewissen Art von Popularisirung. Sogenannte Theorie der Absatz 
wege. Producto gegen Producto. Charakteristik des Sayschen Verhal 
tens. 2. Zwei Hauptrichtungen. Positive Entwicklung einerseits und 
Zuspitzung isolirter Bestandtheilo andererseits. Hinweisungen auf die 
Gruppirung von Malthus, Ricardo, Thüuen, List und Carey. Anlehnung 
des socialisireuden Sismondi an Smith 104 
Vierter Abschnitt. 
Die Malthms-Ricardosclie Oekonomie. 
Erstes Capitel. Malthus und die Bevölkerungsvorstel 
lungen. 1. Allgemeine Charakteristik. Das Paar, Verhältnissmässiger 
Vorzug Ricardos. Verstandesvirtuosität, Die zwei Eigenthümlichkeiten, 
Früheres. 2. Lebenszüge von Malthus. Charakter. Schriften. Bezie 
hung von Leben und Charakter. 3. Geometrische und arithmetische Reihe 
als blosse Bilder. Rohheit der Malthusschen Gedankenverfassung in Be 
ziehung auf das sogenannte Gesetz. Moralisches Missgebilde. Der Priester 
Ortes als Vorgänger. Vorliebe der Geistlichkeit für Geschlechtsfragen. 
4. Ungeschickte Vorstellung von einer blossen Tendenz. Zurückdrän 
gende Mittel. Krieg, Seuchen, Hunger. Vorbeugungsmittel. Sogenannte 
moralische Einschränkung. Enthaltung von der Ehe. Aufhebung der 
Armenunterstützung. Kanzelvcrmahnung. Hülfloslassung der Kinder. 
6. Kein Recht auf Existenz. Roher Ausdruck und spätere Abschwächun 
gen des Gedankens. Voraussetzung und Folgerung. Eiuschnürungs- 
system. Zweischueidigkeit der Hypothese. Malthus Gesinnung im Unter 
schied von einem etwaigen theoretischen Gesetz. Legitimität der socialen 
Uebel. 6. Verwechselungen der Malthusschen Vorstellung mit äusserlich 
ähnlichen Anschauungen 174 
Zweites Capitel. Ricardo und die Vorstellungen von der 
Bodenrente. 1. Unterschied der Bodenfruchtbarkeit als Ausgangs 
punkt. Erinnerung an das entsprechende Vorurtheil und an das Ver- 
nältniss zum Smithschen Werk. Leben und Schriften. Besteuerung statt 
Anleihen. Ausgabe oinlösbaren Zottelgeldes durch den Staat unter Aus 
schliessung der Banken. 2. Lehre von einem eigenthümlichen Bestand- 
theil der Grundrente. Geschichtliche Construction desselben. Als Wir 
kung, nicht als Ursache der Getraidepreise betrachtet. Rentenmythus. 
3, Kritische Stellung der Frage. Etwaige Wirkungen der Fruchtbarkeits- 
Unterschiede. Kritik der Betonung von Naturdifferenzen. Gesellschaft 
liche Positionsvortheile als eigentliche Ursache. 4. Vortheile der Lage 
in nebensächlicher Rolle. Capitalzuführung auf den bereits angebauten 
Boden, aber mit sinkendem Ertrag. Unwillkürliche Vei’wandlnng des 
Rentengebildes in eine vorlengnete Differenz des Capitalgewinns. Un- ,
        <pb n="10" />
        VIII 
Seite 
praktische Natur des Rentengebildes von Ricardo selbst bei der Be 
steuerung blosgestellt. 5. Frühere Auffassungen der Rente. Humes 
Brief an Smith, Andersons Theorie 40 Jahre früher, mit der Ricardo- 
schen verwandt, aber natürlicher als diese. Neuere Variationen oder an 
gebliche Ebenbilder der Ricardoschen Rententheorie. 6. Verwandlung 
des Bestandtheils in eine volle Rente und Variationen der Theorie. 
Hauptgegner. Stellung von List und Carey in dieser Beziehung. 7. Ver- 
theilung als Schwerpunkt des Ideenkreises, eine Folge der Renten- 
betrachtung. Anziehungskraft dieser VertheilungsVorstellungen für neuere 
Socialisten. Sogenanntes Lohngesetz, Geringstes Maass des Unterhalts. 
Die Arbeit in ihrer Naturalbesehaffenheit als vornehmliche Ursache des 
Werthes der Erzeugnisse, Unterscheidung von Werth und Reichthum; 
jedoch noch mangelhaft, Pecchio redet nicht ganz ohne Recht von 
einem Jargon Ricardos. 8. Praktische Denkungsart Ricardos. Ansicht 
über die sociale Wirkung der Maschinen. Die Consequenzen seiner Ge 
sinnung als Anknüpfungspunkte für sociale Kritik 193 
Fünfter Abschnitt. 
Der ältere Socialismos, 
Erstes Capitel. Ursprung und Artung der Socialtheorien. 
1. Beziehungen zur Nationalökonomie. Schwerpunkt des älteren Socia 
lismus in St. Simon. 2. Falsche Vorgeschichte und falsche Geographie 
des Socialismus. Thatsächliche Gestaltungen und Theorie, Schwerpunkt 
im Materiellen. 3. Socialokonomio, Die zwei charakteristischen Eigen- 
thümlichkeiten des Socialismus als einer modernen Erscheinung. Wissen 
schaftliche Anknüpfung. Französische Revolution als Geburtsstätte des 
Socialismus. Zeit der Hauptpcrsönliohkeiten. Erinnerung an die Grup- 
pirungen der Volkswirthschaftslehre. Naturrechtliche Elemente der Phy- 
siokratie einerseits und andererseits Mal thus als Vertreter einer Reac 
tion gegen socialpolitische Ideen. 4. Abweisung der socialen Phantasie 
vorspiele der Französischen Revolution. Unterschied des Socialismus 
von den Staatsdichtungen aller Zeiten. Erinnerung au Platons Staat 
als Urbild. Grenzlinie gegen die religiös communistischen Verworren 
heiten. 5. Rousseaus Stellung an der Grenze des Socialismus. Sein 
Schüler Marat. 6. Schwaches Echo Rousseauscher Ideen, namentlich in 
der Deutschen Philosophie. Missgestaltete Entwicklung der letzteren und 
schlechter Einfluss auf den jüngsten Deutschen Socialismus. Kritischer 
Socialismus 221 
Zweites Capitel, Babeuf und Saint Simon. 1. Communis- 
mus und communistische Bestandtheile der theoretischen und der prak 
tischen Gebilde, 2. Bin von der Revolution erzeugter communistischer 
Plan. Contrast mit den Socialcaricaturen. Babeuf. Charakter. Gefühl für 
Gerechtigkeit. Männliche Züge. Buonarrotis Bericht. 3. Babeufs Be 
weggründe und Ideen. Politische Grundlage. Rohheiten der Auffassung 
mit der Nationalökonomie gemeinsam. Entbehrlichkeit der edlen Métallo 
und ausschliessliche Richtung der Gedanken auf Grundeigenthum und 
Ackerbau. 4. Das Eigeuthum als Quelle alles Uebels und als öffentliches 
Verbrechen betrachtet. Edlere Züge in den Antrieben der Persönlich 
keit. 5. Kluft zwischen St. Simon ui;d dem St. Simonismus. Lebens 
bild St. Simons. Physiko-politische Richtung. Studirweise. Urtheil 
über die mystische Philosophie Deutschlands. Lebensexperimente durch 
ihn und mit ihm. Elend. Copistenrolle. Zeitweilige Aushülfe. Aeusser- 
stes Darben. Religiöser A fleet als Erklärungsgrund des Verhaltens, 
Verfehlte Selbsttödtung. 6. Schriften und Ideen. Ueberspannthoit der 
Genfer Briefe, Art der gewöhnlichen Berichterstattung über St. Simon. 
7. Erläuterung seiner Grundansicht aus dem Verhältniss A. Comtes zu 
derselben. Politische Stellung der wirthschaftlichen Elemente der Ge 
sellschaft. Die sogenannten Industriellen, der Gesellschaft, sollen
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        IX 
Seite 
das Budget machen. Der Comtesche Gesichtspunkt hatte nur die Ge 
lehrten im Auge und ist ideologischer. 8. Uebereinstimmuug in den 
Phasen der Oomteschen Philosophie und des zugehörigen Lebens mit 
den St. Simonschen theoretischen und praktischen Schicksalen. Ver 
gleichung der wissenschaftlichen Seite der beiden Persönlichkeiten. Ver- 
hältnissmässige Unerheblichkeit dessen, was Oomte Sociologie nennt. 
Punkt der Ueberlegenheit St. Simons. 9. Verhältniss zur Restauration. 
Politische Parabel. Pehlgreifender Positivismus. 10. Zwei feste Punkte 
in der übrigens unentwickelten Idee. Zwischenclasse. Subalternisirung 
des feudalen und militairischen Elements. Stellung zur parlamentarischen 
Opposition und ihrem socialpolitischen Charakter. Widerspruch. Mangel 
an volkswirthschaftlicher Rechenschaft über die Verwicklung der Rechts 
stellung mit der Rolle der zugehörigen ökonomischen Thätigkeit. Die 
drei, später durch Oomte weiter ausgeführten Entwicklungszustände der 
Gesellschaft. Die zwei selbständigen Formen. Verkettung des Theolo 
gischen mit dem Feudalen. 11. Das Uebergangsstadium als fortdauernde 
Krisis. Gestaltung des dritten Gliedes in der Parallele der politisch 
socialen Zustände und der zugehörigen geistigen Physionomie und Grund 
lage. Auffassungsart der Französischen Geschichte. Mangel jeder eigent 
lich politischen Anschauung. Die vage Moral kein Ersatz. 12. Bnd- 
ergebnisB. Frage nach dem materiell ökonomischen Socialismus. Das 
doppelte Industriesystem. Letzte Worte. Zukunft 236 
Drittes Capitel. Die Missgebildo der socialen Phan 
tastik. (Fourier, Owen und der Enfautinismus). 1. Physionomie. 
Falsche Auffassungen B’ouriers. Unkritische Berichterstatter. Ufberein- 
stimmendes bei Fourier und den gleichzeitigen unkritischen Philosophi- 
rern in Deutschland. Vergleichung mit Schelling. Gravitationsmanie. 
2. Lebenszüge. Leitendes Idol. Umschaffung der Natur. Hauptschrif 
ten. 3. Theoretische Haupthallucination. Passionelle Attraction. Mathe 
matische Einbildung. Erinnerung an philosophische Seitenstücke. Lichte 
Augenblicke von etwas Geist. Verhältnissmässige Ungerechtigkeit und 
Geschmacklosigkeit in der einseitigen Hervorhebung von Fourierschen 
Ausschweifungsproben. 4. Die sogenannten Reihen. Mangel eines jeden 
klaren Begriffs von den wirklichen Leidenschaften und den Gesetzen ihres 
Spiels. Phalanstero. Kein Oommunismus und auch kein Element des 
rationelleren Socialismus anzutreffen. Verzerrungen der Ehe. Erklärung 
dieser Schnörkel aus einer Anlehnung an die Thatsachen der Wirklich 
keit. 5. Oomfortrninimura für die Arbeit. Capital und Talent. Reguli 
rung der Bevölkeruugsverraehrung in den Phalansteren. Productivität. 
Die Hennen der Phalanstere und die Brittische Staatsschuld. Newton 
von Fourier als kleiner Anfänger angesehen. Einheitsspuk in Rücksicht 
auf die Natur und die Beziehungen der pflanzlichen zur menschlichen 
Association nach passionirten Reihen. Kosmischer und spiritistischer 
Gipfel des Unsinns, jedoch auch darin wenig Originalität. 6. Spiritisti 
scher Kram in Beziehung zur societären Harmonie. Pfiffigkeit der Aus 
flüchte. Possierlichkeit der Fourierschen Polemik gegen Owen. 7. Ge- 
sammturtheil über Fourier. 8. Owen. Lebenszüge und Schriften. An- 
häkelung an regierende oder sonst als einflussreich angesehene Existenzen. 
Schliesslicher Spiritismus mit Geisteroffenbarungeu über das neue sociale 
Reich. 9. Princip der Oharaktergestaltuug aus den Umständen. Roh 
heit der Vorstellungsart. 10. Auslassung in Reden. Geistige Unabhän- 
gigkeitserklärung. Gestaltungen von New Harmony. Eigenthum und 
Ehe. Arbeitsgeld. Associatives. Owens Biograph. 11. Gruppirung des 
Owenitenthums, des Enfantinismus und Fourierismus im Hinblick auf 
Frankreich, England und Nordamerika. 12. Enfantin und Genossen. 
Religiös mystische und geschlechtliche Harlequinade. Michel Chevalier 
an der Seite Enfantins. Criminelle Verurtheilung. 13. Fourierismus. 
Journale. Verlagsgeschäft. Victor Considérant. Der Fourierismus in 
Nordamerika. Schluss 273
        <pb n="12" />
        X 
Seite 
Sechster Abschnitt, 
Die Deutsche Nationalökonomie. 
Erstes Capitel. Behandlungsart. — Thünen. 1. Fr. List 
als Vertreter der Deutschen Nationalökonomie und als Oapacität von 
Weltruf. Im Gegensatz hiezu das sonstige Schülerthum der Deutschen. 
Innerhalb der Sphäre des letzteren jedoch Thünen als originale Erschei 
nung. Bedeutung desselben durch eine einzelne Idee und durch die 
Untersuchungsart. 2. Lebenszüge und Schriften Thünens. Socialistischo 
Sympathien. Unsicherheit seiner Ansichten über Handelspolitik. Schwä 
chere Seiten seiner allgemeinen und socialen Lebensauifassung. 3. Haupt 
idee. Sinn des isolirten Staats. Transportkosten. 4. Relative Berech 
tigung des Thünenschen Schema. Die Vorstellung von der Rente ist 
nicht die Ricardoscho, 5. Geographischer und geschichtlicher Relativis 
mus in der Gruppiruug der ländlichen Wirthschaftssystemo. Kritik. 
Spätere Wendungen des ursprünglichen Schema. Schranken der Thü- 
nenscheu Denkweise. Anregendes in seinem gründlich gemeinten Stre 
ben. Anwendungsart des Schema des isolirteu Staats auf die Wirklich 
keit. 6. Sinn der methodischen Wendung zur Erklärung der Thatsachen. 
Ergebniss. 7. Abweisung falscher Ansprüche auf eine Deutsche erheb 
liche Forderung der Nationalökonomie ausserhalb ihrer Vertretung durch 
Thünen und List 313 
Zweitem Capitel. Fr. List. 1. Allgemeine Stellung. Deutsch- 
Amerikanische Oekonomio. 2. Leben und Charakter. Politische Rich 
tung. Unfreiwilliges Exil nach Amerika. Hauptfehler. 3. Schriften. 
4. Verknüpfung des Listschen Namens mit der praktischen Geschichte 
der Eisenbahnen und ihrer volkswirthschafdichen Theorie. Missgeschick 
ungeachtet aller praktischen Fähigkeiten. Ursache. Einfluss auf die 
Wahrnehmung der Theorie. 5. Oekonomisches National!tätsprincip. Un 
abhängigkeit desselben von den besondern Mitteln seiner Verwirklichung. 
6. Erkenntniss des Gegensatzes der Productivität und des Werths. Un 
vollendete Gestalt dieser für die reine Theorie wichtigsten Idee. 7. Kritik 
der praktischen Seite der Listschen Theorie im Hinblick auf das Inte 
ressenspiel, welches sich unmittelbar an die Werthe knüpft. Beschränkte 
Anwendbarkeit des Gesichtspunkts der industriellen Erziehung der Na 
tionen. 8. Gesetz der Bevölkerungscapacität verschiedener wirthschaft- 
licher Verfassungszustände. 9. Natürliche Wirkungen der Völkerfeind 
schaft und der Kriege auf die Handelspolitik. 10. Gegensatz zu Smith 
in der Theorie der Oapitalbildung. Hunger- und Sparsystem. Bessere 
Beleuchtung des Sinnes von Bilanzstörungen im Verkehr der Völker und 
Gruppen. 11. Bessere Geschichtlichkeit im Gegensatz zum Pseudohisto 
rismus. 12. Schluss 335 
Siebenter Abschnitt. 
Die Amerikanische Nationalökonomie and deren Verhältniss 
zu den gleichzeitigen Europäischen Erscheinungen. 
Erstes Capitel. Entwicklungsursachen. 1. Amerikanischer 
Ideenkreis. Ausdruck in den Staatsschriften. A. Hamilton. Seine An 
sicht von der Bodenrente. 2. Wirthschaftliches Lebensprincip der Union. 
Neuste Thatsachen in Vergleichung mit Europa. 3. Rasche Umwand 
lungen. Charakter der wirthschaftlichen Volksbildung. 4. Verhältniss 
des Careyschen Systems zu den Amerikanischen Thatsachen und zu dom 
Ursprung der Doctrinen. Ueborwiogen des schöpferischen und metho 
dischen Elements über die blossen Gelcgenheitsursachen. Erinnerung 
an List 
Zweites Capitel. Das Careysche System. 1. Sinn des neuen 
376
        <pb n="13" />
        XI 
Seite 
Systems. Angabe der Hauptpunkte. 2. Lebenszüge. Schriften der ersten 
Gruppe. 3. Uebergang von der reinen Theorie zur Wirthschaftspohtik. 
Spätere Schriftengruppe und Charakter der schriftstellerischen Thätigkeit. 
Abweisung der Vergleichung mit Humboldt. 4. Theilnahme Deutschlands. 
Oekonomische Social Wissenschaft. Verhältuiss zur früheren politischen 
Oekonomie und zuni communitären Socialismus. 5. Nützlichkeit und 
Worth. Werthgesetz. Reproductionskosten. Vorstellung von einer har 
monischen Verthei lung. Doppelte Gestaltung der Ansicht von einer Inte 
ressenharmonie. Letzte Gestalt des Werthbegriffs. 6. Bodenrente. Ge 
setz vom Gange der Bodencultur. Geschichtsphilosophische Anschauung 
seiner Wirkungen. 7. Antimalthusisch angelegte Bevölkerungstheorie. 
8. Auffassung des Capitals. 9. Unterscheidung des Verkehrs vom Han 
del. Entfernung und Transport. Annäherung der Prodneenten und Con- 
sumenten durch Localisation der Wirthschaft. Vermeidung der Boden 
erschöpfung und Arbeitsvergeudung. Stellung der Landwirthschaft. 
Decentralisation. 10. Vertheidigungsart des Schutzsystems. Currrency- 
frage. Fiscalische Ergiebigkeit der Schutzzölle. 11. Wissenschaftliche 
Gestalt der Methode • • • : ; • • 
Drittes Capitel. Bastiat, Maoleod und Nebenerscheinun 
gen. 1. Stellung Bastiats. 2. Charakteristik seiner Rolle. 3. Plagiat. 
Harmonisches Vertheilungsgesetz ohne die zugehörigen Voraussetzungen. 
Werth. 4. Bodenrente. Eigenthum. Enger Begriff von den gerechten 
Interessen. Eigne literarische Gerechtigkeit. Zumnthung einer falschen 
Harmonik. 5. Oobden. Manchesteranschauungen. 6. Stuart Mill. Höhere 
Compilation. Malthusianismus. 7. Mangel an Entwicklung. 8. Macleods 
Stellung und Schriften. Vorzüge. 9. Methode. Vierfache Scholastik. 
Bizarre Vorstellung von den geschichtlichen Vorgängern. 10. Systematik. 
Werth. Neue Credittheorie. 11. Macleods Denkweise im Sinne des 
Manchesterthums. Contrast der wissenschaftlichen Methode im Vergleich 
mit andern Brittischen Erscheinungen 
Achter Abschnitt. 
Der neuere Socialismus. 
Erstes Capitel. Französische Vertreter. 1. Allgemeiner 
Typus. 2. Louis Blanc. Vorbildlichkeit für Späteres. Leben und 
Schriften. Attentate. Charakterzüge. 3. Englisches Exil, Ansichten 
über die Centralisation. Beharrlichkeit. 4. Organisation der Arbeit. 
Anarchische Concurrenz. 5. Literarische Arbeit. Kritisches Ergebniss. 
6. Proudhon. Lebenszüge, Schriften und philosophirerische Haltung. 
7* Nebenideen. Autorrecht, ürtheil über die Presse. 8. Sogenannte 
Methode. Eigenthum als Diebstahl. 9. Werth. Rente. Charakteristik 
dos Einflusses. Endergebniss . . , . . . • ■ • • • ' ' / ' " 
Zweites Capitel. Gestaltungen in Deutschland. 1. Ver- 
hältniss des Politischen zum Wirthschaftlichen. 2. Karl Marx. Der 
Capitalbegriff. 3. Werth. Sogenannter Mehrwerth. 4. Sinn der capi- 
talistischen Productionsweise. Historisch dialektischer Hergang Ent- 
oignung der Enteigner. 6. Vorhegelte Manier. Stellung zum ^fhne- 
mäntihirprofessoralenChinosengelebi-samkeit. 6. Banal e. V^^haltniss 
zum Früheren. 7. Lebensphysionomie. Schriften Ende. Charakter. 
463
        <pb n="14" />
        thusianismus. Erinnerung an Ortes. Bemerkung über das contrastirondo 
Verhältniss Lassalles zum Malthusianismus und über die vorherrschende 
Tendenz alles Socialismus gegen die Annahme von einem Naturgesetz 
der üebervölkerung 492 
Neunter Abschnitt. 
Die Gegenwart. 
Erstes Capitel. Die alten Partei en nnd die rückläufigen 
Elemente. 1. Reaotionáre Oberfläche des Jahrhunderts. Unterströ- 
mung. Einschaltung eines langen Verfaulungsprocesses oder positiver 
Uebergang zu den socialitären Nothwendigkeiten. 2. Der blos häusliche 
Bourgeoisstreit zwischen Schutzzöllnern und Freihändlern. Mauchester 
partei. 3. Zersetzung der alten politischen Parteien durch den Gegensatz 
von Socialdemokratie und Besitzoligarchie. Aehnliches Schicksal der 
religionspolitischen Parteien. 4. Pietistelnde Oekonomie auf Deutschen 
Universitäten. Sogenannte Kathedersocialiston. 5. Universitäre Zustände 
in Rücksicht auf Nationalökonomie und Socialismus 542 
Zweites Capitel. Ideenrichtung der socialdemokratischon 
Agitationen. 1. Uebersicht. 2. Lassallescher Arbeiterverein. 3. Die 
Internationale und der Nationalismus. 4. Unzulänglichkeit des Pro 
gramms der Internationalen. 5. Bakunin und die Internationale in ihrem 
gegenseitigen Verhältniss 563 
Drittes Capitel. Die Commune und der neuste Stand 
punkt der Theorie. 1. Ausrottungen im Pariser Proletariat. 2, Prole- 
tarischer Charakter der Commune. 3. Politischer Communalismus. Huma 
nitäre Milde in dem Verhalten der Commune. 4. Socialitäre Symptome in 
den einzelnen Verwaltungsmaassregeln der Commune. Moralischer Geist 
in den Ansätzen und Kundgebungen. 5. Theoretische Anregungen von 
dem Communeschicksal her. Der neuste Standpunkt in Rücksicht auf 
socialistischen Optimismus oder Pessimismus. 6. Socialisirung der an 
sich nichtwirthsohaftlichen Verhältnisse. 7. Absolute Zielpunkte im 
Wirthschaftlichen. Vorläufigkeiten im alten Rahmen. Individuelle Ver 
antwortlichkeit 577 
Schriften desselben Verfassers 
596
        <pb n="15" />
        T o r r e d e. 
Äus dem unmittelbaren Studium der eignen Schriften der Ter- 
treter der nationalökonomischen und socialistischen Ideenkreise 
eine untersuchende Gedankengeschichte hervorgehen zu lassen, 
in welcher keine einzige Angabe und kein einziges ürtheil auf 
Unterlagen aus zweiter Hand beruhte, ist bei der ursprünglichen 
Vorbereitung und der schliesslichen Abfassung dieses Buchs 
mein Hauptbestreben gewesen. Zugleich habe ich mich aber 
auch bemüht, mit der tiefer eindringenden Forschung und Prü 
fung eine für jeden höher Gebildeten verständliche Darstellung 
zu verbinden. Der Standpunkt, von dem ich ausgegangen bin, 
ist nicht der irgend einer vorhandenen Partei mit ihren blos 
partiellen Interessen, sondern derjenige eines eignen rein 
wissenschaftlichen Systems, an dessen Grundlegung ich schon 
in meinen früheren Schriften gearbeitet habe. 
An Vorarbeiten in der Geschichtsschreibung der Volks- 
wirthschaftslehre und des Socialismus ist ausser einigem^ vor 
nehmlich bibliographischen und oberflächlich literaturhisto 
rischen, nicht einmal in dem eignen engen Bereich zuverlässigen 
Material Nichts auch nur als äusserliches Hülfsmittel zu be 
nutzen gewesen, wie ich dies in der vorliegenden Schrift selbst 
dargcthan habe. Die tiefere Geschichtsschreibung des ganzen 
Gebiets, ja überhaupt die Darstellung der neuern Theile des 
selben war erst zu schaffen und eine grosse Lücke in der 
Wissenschaft und Literatur durch die vorliegende Unterneh 
mung auszufüllen. Die erste Auflage erschien im Februar 1871. 
In der gegenwärtigen habe ich durch die erforderlichen Um 
arbeitungen und Ergänzungen dafür gesorgt, dass mein syste 
matischer Cursus und diese geschichtliche Schrift sich gegen 
seitig in strengster Einheitlichkeit ohne Wiederholungen er 
läutern.
        <pb n="16" />
        Ungeachtet der ausführlichen Darstellung der neusten sonst 
noch nirgend im Zusammenhang bearbeiteten Erscheinungen 
und trotz einer eingehenderen Einlassung auf die älteren An 
sätze zur wissenschaftlichen Ookonomie ist es mir dennoch 
möglich gewesen, auf einem verhältnissmässig engen Raum 
alle erheblichen Gestaltungen zusammenzufassen. Diese Auf 
gabe wäre für das Doppelgebiet von Nationalökonomie und 
Sociahsmus unlösbar gewesen, wenn sie nicht in dem Vorwalton 
der sichtenden, das Untergeordnete und Nebensächliche besei 
tigenden Thätigkeit, sowie in dem jugendlichen Alter der 
Wissenschaft und der massigen Anzahl wirklich bedeutender 
Vertreter eine natürliche Unterstützung gefunden hätte. Da 
wo mein Urtheil weniger die lebendige Geschichte bedeutender 
Anschauungen als die nebensächlichen Schulabfällo betraf, für 
welche sich das Publicum auf die Dauer nicht intoressiren 
kann, habe ich es in dieser unfruchtbaren Richtung bei blossen 
Signalisirungen der Abwege bewenden lassen. Ueberdies 
habe ich in allen Beziehungen dahin gestrebt, aus der Ge 
schichtsdarstellung selbst eine Wissenschaft zu machen, in 
welcher das zu Grunde liegende System derjenigen kritischen 
Anschauungsweise, die auch in der gegenwärtigen Gesammt- 
auffassung der Socialökonomie allein noch Chancen hat, einen 
dem historischen Stoff angemessenen Ausdruck fände. Die 
Thatsache, dass sich ein Buch, welches von den universitären Co- 
terien systematisch mit eben solchem Stillschweigen als stiller 
Ausnutzung beehrt und dessen Existenz oder Bedeutung dem 
Publicum auf alle mögliche Weise auch von den Parteien ver 
heimlicht worden ist, so rasch und entschieden Bahn gebrochen 
hat und in einer ansehnlichen Auflage so bald vergriffen ge 
wesen ist, dürfte wohl ausschliesslich auf Rechnung seiner 
innern Beschaffenheit zu setzen sein. 
Berlin, im September 1874. 
Düliriiig^.
        <pb n="17" />
        Eiiileitnng. 
Die wesentlich modernen Versuche, dem Gebiet der ma 
teriellen Interessen eigentliche Gesetze abzugewinnen und hie- 
mit eine strenge Wissenschaft aufzurichten, haben sich einer 
seits in dem, was man kurzweg Volkswirthschaftslehre, und 
andererseits in dem, was man socialistische Theorie nennt 
einen in einer Anzahl von Hauptsystemen verzweigten und 
sich dabei vielfach widerspi-echenden Ausdruck gegeben. Wer, 
wie auch ich es zuerst in meiner „Kritischen Grundlegung“ 
und dann in meinem „Cursus“ gethan habe, es unternimmt, 
den bisherigen Systemen der Oekonomie ein neues anzureihen, 
wird natürlich die älteren Conceptionen vielfach nur als An 
sätze und die mehr oder minder gelungenen Ergebnisse nur 
als Materialien betrachten können. Die verhältnissmässigo 
Unfertigkeit alles Bisherigen, wenigstens wenn es als ein Gan 
zes gelten soll, wird hier die Voraussetzung sein. Selbst über 
den Kreis der beengteren Nationalökonomie hinaus wird die 
eigentlich socialistische Theorie oder Kritik nicht genügt haben 
können; denn sonst hätte es an einem Recht gefehlt, mit dem 
Anspruch auf ein neues, nicht etwa blos der Epoche genügen 
des, sondern für die Epoche maassgebendes System aufzutreten. 
Die Vorführung einer Gedankengeschichte, in welcher sich 
das Gelungene und das Misslungene gekennzeichnet und unter 
schieden linden, dient nicht blos zur Erläuterung des gegen 
wärtig am meisten entwickelten Systems, sondern liefert auch 
den eingehenderen Nachweis der Berechtigung eines solchen 
Dühriug, Geschichte der Nationalökonomie. 2. Auflage. ^
        <pb n="18" />
        2 
fundamentalen Neubaus. Indessen werden auch diejenigen, dio 
allen Systemen zweiflerisch gegenübertreten, aus der kritischen 
Darstellung der grossen Typen volkswirthschaftlicher Denk 
weise lernen können, wo ihre Zurückhaltung und ihr wissen 
schaftlicher Eieinmuth am Orte sein mögen und wo nicht. 
Für jene andere Gattung aber, denen der beengte Rahmen 
irgend eines rückständigen Systems ein genügender Horizont 
ist, mag freilich die universelle Weite des geschichtlichen üm- 
blicks eine unbequeme Mahnung an das Halbdunkel werden, 
mit welchem sic in ihren abgelegenen Systembehausungen das 
helle Licht verwechseln. Schlimmer als für diese Gewöhnung 
an unzulängliche Beleuchtung wirkt aber die Fackel der Ge-' 
dankengeschichte da, wo auch nicht einmal irgend ein, wenn 
auch beschränktes System, sondern nur ein sich historisch 
nennendes Mosaik von Ansichts- und Meinungsabfällen das 
Surrogat eigentlicher Wissenschaft bildet. Den Vertretern 
dieser falschen Geschichtlichkeit ist die wahre Geschichte der 
Theorie am gefährlichsten. Die auch anderswo nicht fehlende 
Species der fraglichen Art, die in Deutschland in nicht benei- 
denswerthor Weise durch Herrn Roschers Pseudohistorismus als 
vertreten gilt, scheut sich in Thatsachen und Theorien vor nichts 
mehr, als vor wirklicher und wahrer Geschichtsschreibung. 
Meine ernsthafte Geschichte der ökonomischen Theorien ist 
daher auch mit dem Treiben dieser Üuiversitätscoterie unver 
träglich. Was die letztere für Wahrheit ausgiebt, ist mir 
meistens nicht etwa Irrthum, sondern mehr als das, nämlich 
Unwahrheit, die aus der Unredlichkeit der selbstgewählten 
Parteiposition und mithin aus einer verwerflichen Gesinnung 
hervorgeht. Historische Richtung heisst in der fraglichen Sphäre 
nichts Anderes als Feindschaft gegen die Freiheitstriebo dea 
18. Jahrhunderts, und unter historischer Behandlung der Po 
litik und Oekonomie wird eine rückläufige Officiosität zu Gun 
sten der restaurativen Staats- und Gesellschaftsansichten ver 
standen. Obwohl nun meine Arbeit, in der mit grösseren An 
gelegenheiten abgerechnet wird, es durchaus nicht auf die 
Widerlegung solcher Kleinigkeiten abgesehen und dafür keinen 
besoudern Raum übrig hat, so wird sie doch unwillkürlich und 
mittelbar auch auf die Würdigung der angedeuteten Zerrbilder 
ihres eignen Wesens hin wirken müssen. 
2. Da der bisherige Bestand des ökonomischen Wissens
        <pb n="19" />
        3 
und Wollene sich aus individuellen Systemen zusammensetzt, 
80 haben die Persönlichkeiten, welche Träger dieser Systeme 
sind, auch in ihrer besondern Physionomie eine Bedeutung. 
Man darf daher ihre Biographie nicht als eine äusserliche Bei 
gabe betrachten, die auch unbeschadet des Verständnisses der 
Systemeigcnthümlichkeiten fehlen könnte. Man wird vielmehr 
wohl daran thun, in den Lebenszügen der im Verfehlten oder 
Gelungenen originalen und auf die Menschheit einflussreichen 
Bearbeiter der Oekonomie einen ähnlichen Standpunkt einzu 
nehmen, als wenn es sich um eigentliche Philosophie handelte. 
Die Denkweise, wie sie sich in den Thaten des Einzellebens 
ausdrückt, wird daher keineswegs gleichgültig bleiben können. 
Alles Aufkeimen von Gedanken und sogar alle neuen wis 
senschaftlichen Auffindungen gehören einer einzigen umfassen- 
^ den Gesetzmässigkeit an, und nichts, was in eines Menschen 
' Kopfe zu Stande kommt, darf in Rücksicht auf gesetzmässige 
Noth Wendigkeit so angesehen werden, als wenn es wenio-er 
bedingt, bestimmt und der Wissenschaft unterworfen wäre, als 
irgend ein anderer Natur Vorgang. Auch die genialsten Pro- 
ductionen können von dieser alles beherrschenden Gesetzmässig- 
^it keine Ausnahme machen, und es hiesse zum Zauber- und 
Wunderglauben zurückkehren, wenn man einem wissenschaft 
lichen Heroencultus und der zugehörigen Romantik im Wider 
spruch mit der allgemeinen Bedingtheit aller Gedankenregun 
gen und Gedankenergebnisse auch nur das geringste Zuge- 
ständiiiss machen wollte. Der Protest gegen den falschen, 
mystisch romantischen oder wenigstens ungehörig autoritären 
Cultus des Genies ist aber sehr wohl mit der Anerkennung 
der Wahrheit verträglich, dass es weit mehr die von Innen 
bedingte Gesetzmässigkeit glücklich beanlagter Köpfe, als die 
äusseren Umstände gewesen sind und sein werden, wodurch 
Bich die grossen Fortschritte der Wissenschaft vollzogen fin 
den. Es kommt daher in der Wissenschaft weniger auf die 
jenigen an, welche von der Epoche gemacht werden, als auf 
die, welche die Epoche machen. Die Productivität hört in die 
sem eminent persönlichen Sinne da auf, wo das Product be 
ginnt. Für die Wirthschaftslehre liefert dieses Rangverhält- 
mss, durch welches die Naturen erster Ordnung von den Pfle 
gern gewöhnlicher und naheliegender Vorstellungen deutlich 
gesondert werden, einen noch wenig gebrauchten Maassstab der 
!•
        <pb n="20" />
        4 
Kritik. Was allein und zureichend aus den allgemeinen Ver 
hältnissen des umgebenden gesellschaftlichen Mediums erklär 
bar und daher für Mehrere ohne Weiteres Zugänglich und er 
fassbar ist, kann in den Gruppenbewegungen der Gedanken 
und in dem Mechanismus der Zustände von grosser collectivcr 
Bedeutung sein. Die Breite dieser Einflüsse wird aber erst 
vollendeter von jenen Höhen aus gestaltet, auf denen die stets 
einzeln handelnden Denker- und Eorschernaturen ihre weiteren, 
meist über die Jahrhunderte erstreckten Bahnen und Ziele be 
messen. 
Der Verkehr zwischen den Geistern ersten Ranges ist stets 
direct und kann gar nicht durch jenen Kleinhandel bewerk 
stelligt werden, der in der Sphäre gemeiner und oberflächlich 
aufgelescner Vorstellungen den leider herkömmlichen und, wie 
es scheint, unverbesserlichen Nahrungszweig der Schulen und 
der schulmässigen Literatur bildet. Man kann daher, ohne den 
Zusammenhang zu stören, über die tertiären oder noch tiefer 
stehenden Erscheinungen, die blos dem Gewühl des literarischen 
Marktes angehören und zum Theil auch wohl für eine Spanne 
Zeit das jederzeit laute Geschrei desselben verstärken, ge 
trost zur Tagesordnung der Geschichte, nämlich zu dem über 
gehen, was, um von dem grossen Maassstab ganzer Jahrhun 
derte noch gar nicht zu reden, auch nur einzelne Menschenalter 
ernstlich angeht. Die thätigen Erzeuger, nicht die mecha 
nischen und handwerksrnässigen Erzeugnisse oder untergeord 
neten Creaturen sind es, die für den universellen Zusammen 
hang einer Geschichte grossen und edlen Stiles in Frage kom 
men. Mit der letzteren ist es weit eher verträglich, neben 
den grossen positiven Errungenschaften auch originale Irrthü- 
mer eingehender zu kennzeichnen, als sicli mit platten, gegen 
erhebliche Wahrheit und erheblichen Irrthum gleichgültigen 
Ansichten abzugeben. Ja eine solche genauere Einlassung mit 
dem original und kraftvoll Verfehlten wird häufig zu einer 
äusserlich unbedingt zwingenden Nothwendigkeit; denn im Be 
reich unfertiger Gebilde wiegen die Grössen des Irithums eine 
Zeit lang oft schwerer als die Grössen der Wahrheit. 
3. Das Kritische in der Behandlungsart der Geschichte 
der Wirthschaftslehro wird auf mehreren Hauptrücksicliten 
beruhen, von denen sich zunächst nur eine unvollkommene An 
deutung geben lässt. An erster Stelle ist das eigne System
        <pb n="21" />
        inaassgobend. Alsdann wird die nngehörige Mischung der Ge 
schichte der Wirthschaffcslehren mit der Geschichte der that- 
ßächlichen Volkswirthscliaften ausgeschlossen. Ferner wird 
streng zwischen dem Wissen und dem Wollen, den Einsichten 
imd den Bestrebungen unterschieden. Endlich wird nur nach 
wissenschaftlichen Sätzen, aber nicht nach Vorstellungen ge 
iragt werden, die sich unter bestimmten Voraussetzungen fast 
in jedem Gehirn bilden mussten, sobald sich nur die aller- 
dürftigste Ueberlegung den vor Augen liegenden Thatsachen 
zugesellte. Auch die privatmoralistischen Gemeinplätze werden 
den Raum der Darstellung nicht verkürzen, sondern ernsteren 
Angelegenheiten Platz machen. Die Trivialitäten der Pedan 
terie, welche sich in Deutschland mehr als irgendwo breit ge 
macht haben, fallen bereits unter das Niveau der Kritik grossen 
Stils und sie werden daher nur gelegentlich gestreift werden, 
um die Grenze zu kennzeichnen, jenseits welcher die Wissen- 
schaft im strengeren Sinne dieses Worts nichts mehr zu be- 
merken hat. 
Die Sonderung des Wissens und des Wollens in der Her- 
voi^ringung der verschiedenen Systeme und Standpunkte hat 
nicht den Sinn einer Verurtheilung aller Gedanken und Sätze, 
welche auf bestimmte Antriebe zurück weisen, sondern ist grade 
in entgegengesetzter Richtung vom grössten Werth. Sie soll 
(as gesetzmässige Spiel der Interessen auch in der Gestaltung 
der Wissenschaft sichtbarer machen und zugleich bemerken 
lassen, wie es zwei sehr wesentlich verschiedene Gebiete von 
Untersuchungsgegenständen gebe. Entweder hat eine wirth- 
ßchaftliche Erkenntniss solche Verhältnisse zum Gegenstände, 
die ausserhalb des Kreises menschlicher Antriebe liegen; oder 
es sind diese Antriebe selbst, über deren thatsächliche Beschaifen- 
üeit und Vorhaltungsart etwas festgestellt wird. Im letzteren 
-t^all, der in der Ookonomie die vorherrschende Regel bildet, 
sind ebenfalls unverbrüchliche Gesetze das Hauptziel des Nach- 
n xns und der Forschung; aber diese Gesetze beziehen sich 
au das Reich der mehr oder minder bewussten Antriebe. Sie 
nnen i aber nur dann richtig gefasst und gewürdigt werden, 
wenn man die richtende Kraft in Anschlag bringt, die von dem 
^ ewusstsein und dem Verstände ausgeht. Auch diese Einwir- 
ngen haben ihre strepgen Gesetze; aber sie sind von der 
^atur mit einer Macht ausgestattet, die weit über das unwill-
        <pb n="22" />
        6 
kürliclie Spiel der unmittelbaren Antriebe und nächsten In 
teressen hinausgreift. Hienach ist dasjenige li^issen, welches 
sich auf das Gebiet der Bestrebungen bezieht, genau ebenso 
sicher, als wenn es sich um Thatsachen handelte, die ganz 
ausserhalb des Kreises menschlicher Macht liegen. Das Ein 
zige, was mit jener Unterscheidung der beiden Sphären bezweckt 
wird, ist sachlich die Hinweisung auf die doppelte Verzweigung 
und Bedeutung der übrigens einheitlichen Wissenschaft, und 
ist in Rücksicht auf die Behandlung der Systeme die nothwen 
dige Bloslegung der Motive einseitiger Standpunkte und ge 
fälschter oder wenigstens falsch fixirtcr Ideen. 
4. Im Hinblick auf die Bedeutung des Wollens, der Be 
strebungen oder, mit andern Worten, der Antriebe in der Ge 
staltung der materiellen Verhältnisse und ihrer Wissenschaft liegt 
es nahe, die Verbindung der Nationalökonomie mit dem Socia 
lismus auch von dem Standpunkt der ideellen Bedürfnisse und 
Ziele ins Auge zu fassen. Die socialreformatorischen Mächte 
haben zwar zunächst die materiellen Interessen zum Angel 
punkt; aber sie sind weit davon entfernt, sich allein auf diese 
Seite der Verhältnisse zu beschränken. Die socialitären Theo 
rien haben ja grade darin ihren auszeichnenden Charakter, 
dass sie dem Menschen nach allen Richtungen seines gesell 
schaftlichen Daseins gerecht zu werden versuchen. Dennoch 
würde es aber unpassend sein und die innere Gleichartigkeit 
einer wohlabgegrenzten Wissenschaft verleugnen heissen, wenn 
man alle jene Fragen, mit denen sich der Socialismus im wei 
teren Sinne beschäftigt, ohne Sichtung und besondere Ein 
schränkung in den Kreis der Betrachtung ziehen wollte. Der 
materielle Mittelpunkt darf bei der Vereinigung der Wirth- 
schaftslehre mit den Socialtheorien nie aus dem Auge verloren 
werden, und es wird stets nur die Beziehung zu der materiellen 
Seite der Verhältnisse sein, was die Berücksichtigung der 
übrigens fremdartigen Gegenstände rechtfertigt. Hierüber sind 
sich die socialreformatorischen Ideenkreiso selbst nicht hin 
reichend klar geworden, und es wird daher im Interesse der 
scharfen Sonderung des Verschiedenartigen nur um so mehr 
am Orte sein, die Gebietsgrenzen der socialökonomischen Be 
ziehungen nicht mit denjenigen der menschheitlichen Ziele rein 
ideeller Art verworren zusammenlaufen zu lassen. Wie die 
edlere Gestalt menschlichen Fühlens und Anschauens ausge-
        <pb n="23" />
        i 
bildet werde, und wie sich der Mensch in den verschiedenen 
gesellschaftlichen Verbindungen am besten genüge und eine 
Bürgschaft für die höheren, ja für die erhabenen Bestandtheile 
und Beziehungen seiner Natur gewinne ; — das sind Fragen, 
niit denen sich der in einem weiteren Sinn verstandene So 
cialismus bereits ein wenig beschäftigt hat und ferner noch 
mehr beschäftigen wird. Aber es sind zugleich auch Fragen, 
die zum grössten Theil von der Oekonomie und dem Materiellen 
soweit abschweifen, dass sie an sich selbst eine besondere Be 
handlung erfordern. Ihre indirecte Erheblichkeit für die Ge 
staltung der socialökonomischen Grundlagen der Existenz nöthigt 
allerdings zur Beachtung ihrer materiellen Vorbedingungen und 
Rückwirkungen. Sie berechtigt aber keineswegs zur Verleuo-- 
nung jener vollständigen Gleichartigkeit, welche in dem wirth- 
schaftlichen Gebiet überall herrschen muss, wenn nicht jeglicher 
Eeitfaden und jede Abgrenzung des Zusammengehörigen preis 
gegeben werden soll. Die materielle Versorgung ist ein ver- 
hältnissmässig selbständiger Kreis von Aufgaben, und die 
Meinung, es lasse sich die Behandlung dieses Gebiets durch 
Hineintragungen rein ideeller und so zu sagen ästhetischer 
Bestrebungen veredeln, zeigt sich als unhaltbar. Im G egen- 
theil widersprechen solche Auswege dem Grundzug der moder 
nen Denkungsart, welche in der materiellen Wirthschaft die 
Grundlagen für die Verwirklichung einer höheren Geistes- 
cultur sucht und dem umgekehrten Wirkungsverhältniss zwar 
seine Bedeutung nicht gänzlich abspricht, aber von ihm auch 
nicht allzu viel erwartet. Die rationellere Socialtheorie würde 
sofort ihren Boden verlieren, wenn sie sich über jenes Ver- 
hältniss täuschte. Sie würde einem Rückschritt von Jahr 
tausenden verfallen und uralte Wahngebildo erneuern, wenn 
sie das eiserne Piédestal der materiell wirthschaftlichen Ord 
nung mit den für sich allein haltungslosen Spitzen der idealen 
Hervorbringungen vertauschen und so die natürlichen Lagerun- 
i?en umkehren wollte. 
Es betrifft die eben erwähnte Trennung des gänzlich Ver 
schiedenartigen nicht blos die im System und in der geschicht 
lichen Darstellung einzuhaltende Kritik, sondern auch die lebens- 
^ ollen Verhältnisse der Wirklichkeit. Es würde ein falsches 
Licht auf den Gang der Dinge selbst werfen, wenn man die 
inheit von Nationalökonomie und Socialismus so auffasste.
        <pb n="24" />
        8 
als wenn sie auch abgesehen von der Betonung des Materiellen 
bestehen könnte. Thatsächlich ist die gemeinsame Wurzel und 
das verbindende Element beider Richtungen nur in der mate 
riellen Interessensphäre anzutreffen. Dort bilden sie im Leben 
und im Denken eine Doppelgestalt, deren Theile sich weder im 
Guten noch im Schlimmen von einander trennen lassen. Die 
Krisis des Lebens und die Kritik des Gedankens sorgen beide 
gleichzeitig dafür, dass sich jene beiden Mächte wohl oder übel 
zusammenfinden. Wie es für eine tiefer eindringende Geschichts 
darstellung ihrer Lehren unmöglich sei, die Verwandtschaft und 
wechselseitige Ergänzung derselben zu verkennen, zeigen die 
Ausführungen dieser Schrift im Einzelnen. Wie jedoch schon 
die allereinfachstc Ucbcrlegung ganz im Allgemeinen auf diese 
Wahrheit hinlcite, ergiebt sich, sobald man sich erinnert, dass 
die nichtwirthschaftlichcn Machtuntcrschiedc zwischen Mensch 
und Mensch die allercrhcblichste Wirkung auf die Gestaltung 
der rein ökonomischen Beziehungen haben, und dass die obersten 
Principien der Nationalökonomie, wie namentlich das Gesetz 
von Angebot und Nachfrage, nur einen sehr oberflächlichen Sinn 
erhalten, wenn man sie von den sehr verschiedenen socialen 
Voraussetzungen ihrer Anwendung isolirt. Ja die Vernach 
lässigung dieser unentbehrlichen socialen Grundlagen einer 
jeden tieferen Einsicht in die Gesetze des wirthschaftlichen 
Verkehrs ist bisher der Hauptgrund gewesen, welcher die 
ki’itische Vereinigung der entgegenstehenden Theorien am 
meisten gehindert hat. 
Mit dieser letzteren Bemerkung ist nun aber auch schon 
das Verhältniss angegeben, in welchem die socialitäre Richtung 
zu der einseitig nationalökonomischen Cultur der Wissenschaft 
nothwendig stehen muss. Die politischen und socialen Ver 
knüpfungen sind an sich selbst und ursprünglich weit mehr 
eine Ursache als eine Wirkung der wirthschaftlichen Aneig 
nungen, Hiemit fällt denn aber auch die gemeine Voraus 
setzung aller bisherigen, sei es beschränkt ökonomistischen oder 
auch socialistischen Volkswirthschaftslehron zusammen, als 
wenn die rein ökonomischen Verhältnisse die Wurzel aller 
übrigen gesellschaftlichen und politischen Beziehungen, also 
auch aller Unterdrückungsformen wären. Dom Socialismus, 
der im universellen Sinne seiner Idee weit über den wirth 
schaftlichen Communismus hinausstrebt, widerfährt auf diese
        <pb n="25" />
        9 
Weise Gerechtigkeit. Er bleibt von der Einzwängung' in den 
für seine grossen Ziele zu engen Rabin en einer wenn auch 
socialistiscben, so doch immer blos materiellen Volkswirth- 
schaftslebro verschont. Er mag das ganze Gebiet des bisheri 
gen Rechts und Staats, sowie der mannicbfaltigen Gesell 
schaftszwecke mit seiner umsebafFenden Kraft in jeder Richtung 
des Gemeinlebeus durebdringen, ohne danach zu fragen, ob 
auch nur in zweiter Ordnung eigentlich materielle Interessen 
für die Einrichtungen maassgehend werden. Auf diese Weise 
wird er der engen ücberlieferung seiner bisherigen Geschichte 
entwachsen, und es wird alsdann um so weniger verkennbar 
sein, wie er nur in seiner materiellen Verzweigung mit der 
kritisch umgestalteten Nationalökonomie ein vereinbares Ganze 
bilde. Vom Standpunkt dieses Ganzen empfangen aber auch 
die früheren Systeme eine neue Beleuchtung, und da die Ge 
schichte noch nichts Erhebliches an nicht materiell wirthschaft- 
lichem Socialismus, namentlich noch keine besondern Sociali- 
tätslehren im Gebiet des Criminalrechts, der MilitilrVerhältnisse, 
der Unterrichtsgegenstände, der Sitten u. s. w. aufzuweisen 
hat, so konnte auf dem Titel unserer Arbeit das Wort Socia 
lismus noch in seiner engeren, wirthschaftlich begrenzten Be 
deutung gebraucht und so der Nationalökonomie als gleichartig 
zugesellt werden. Die eingehende verbundene Behandlung bei 
der Stoffmassen ist neu, wie überhaupt die Unternehmung 
einer kritischen Geschichte der Theorie. Wenn aber schon 
dieses Unternehmen in seinen äusserlich wahrnehmbaren Eigen- 
thümlichkeiten und in der neuern Hälfte seines Inhalts ganz 
ohne Vorgänger ist, so gehört es mir noch viel mehr seinen 
innern kritischen Gesichtspunkten und seinem allgemeinen 
Standpunkt nach eigenthümlich an. Es war auch in der That 
die freiere geschichtliche Kritik nur von der Höhe eines eigen 
erzeugten Systems möglich, welches einen sichern Ausblick in 
die socialitäre Zukunft gestattet und hiemit auch ein Maass 
für die Lebensfähigkeit von Ideen und Thatsachen der Ver- 
gangenheit darbietet.
        <pb n="26" />
        Erster Abschnitt. 
Die Zeit vor den wisseiiscliaftliehen Versuchen. 
Erstes Capitel. 
Ursprung und Anfänge wirthschaftlicher Vorstellungen. 
Mit den Thatsachen entwickeln sich auch Gedanken über 
dieselben. Die letzteren können äusserst dürftig sein, aber sie 
werden niemals gänzlich fehlen. Neben den instinctiven An 
trieben findet sich bei dem Menschen stets irgend eine, wenn 
auch noch so unbedeutende Spur von Uebcrlegung. Man kann 
daher zuversichtlich behaupten, dass die wirthschaftlichen Hand 
lungen auch im rohesten Zustande von einem Bewusstsein über 
irgend einen Sinn derselben begleitet gewesen sind. Auf das 
Maass von Wahrheit oder Irrthum, welches sich in den so 
entstehenden Vorstellungen bekundete, kommt es wenig an. 
Es ist für den geschichtlichen und den vorgeschichtlichen Hin 
tergrund nur zu wissen nöthig, dass ein ganz natürliches Ge 
setz der Erkenntnissbildung zu allen Zeiten und bei allen 
Völkern zu wirthschaftlichen Ideen führen musste, vorausgesetzt, 
dass man diesen Begriff hinreichend allgemein nimmt. 
In seinem Ursprung grenzt der Mensch an die Thierheit 
einer niederen Stufe. Indessen fehlen auch bei gewissen Thier 
arten weder die Antriebe noch die Vorstellungen, welche sich 
in Beziehung auf eine so zu sagen wirthschaftliche Thätigkoit 
mit dem Verhalten und der Gedanken Verfassung des unent 
wickelten Menschen vergleichen Hessen. Eine Art Wirthschaft 
muss aber von dem Augenblick an bestanden haben, in welchem 
der fast nur leidende und auf die Zufälle angewiesene Zustand 
in der Befriedigung der materiellen Bedürfnisse mit irgend
        <pb n="27" />
        11 
welchen Regungen bewusster Fürsorge vertauscht wurde. Jedoch 
ist die Grenzlinie, welche das vorherrschend instinctive Ver 
halten von einem merklichen Hervortreten des regelnden Be 
wusstseins trennt, ohne Rücksicht auf Grössenbestimmungen 
gar nicht zu ziehen, weil es überhaupt keine Triebe und In- 
stincte giebt, die nicht von Vorstellungen begleitet wären. Bei 
den höheren Thieren liegt es sichtbar genug vor Augen, wie 
sie für ihre Existenz soi-gen und hiebei innerhalb eines frei 
lich sehr engen Rahmens nicht ohne Heberlegung thätig sind. 
Etwas sonderlich Anderes ist bei dem nur wenig entwickelten 
Menschen auch nicht vorauszusetzen. Um also den Horizont 
der Vergangenheit nicht gänzlich gestaltlos werden zu lassen, 
mag man sich die vorgeschichtliche Zeit nach Maassgabe der 
neusten Vorstellungen über das Alter und den thierischen 
Ausgangspunkt der Menschengattung wenigstens in einigen 
Zügen auch wirthschaftlich zu reconstruiren versuchen. Man 
mag es immerhin unternehmen, das Gepräge von Zuständen 
zu kennzeichnen, in denen die Werkzeuge von Stein waren, 
oder in denen die Menschen buchstäblich und nicht blos meta 
phorisch wie später, von dem Fleisch und Blut ihrer eignen 
Species lebten. Hiedurch wird man die Stetigkeit und Voll 
ständigkeit des gesummten Entwicklungsganges fördern. Allein 
für den Zweck einer Geschichte der Wissenschaft sind die An 
deutungen jener Möglichkeit vollkommen hinreichend. 
Ja diese Hinweisungen auf die Urzustände haben sogar einen 
entgegengesetzten Vortheil. Sie zeigen, wieweit man sich ver 
irren würde, wenn man jede, auf wirthschaftliche Gegenstände 
bezügliche Vorstellung als einen wissenschaftlichen Bestandtheil 
der Oekonomie betrachten wollte. Dieser Fehler wird nicht 
leicht in Beziehung auf die vorgeschichtliche Urvergangenheit 
gemacht werden; denn dort verbietet er sich fast von selbst. 
Jedoch versucht er sich sofort geltend zu machen, sobald ent 
wickeltere Verhältnisse geschichtlich vorliegen. In diesem Fall 
wird das Vorhandensein einer mehr oder minder verzweigten 
Wirthschaft und der sich unmittelbar an dieselbe knüpfenden, 
ganz gewöhnlichen Vorstellungen mit der Existenz einer wissen 
schaftlichen Erkenntniss verwechselt. Aus diesem Mangel an 
Unterscheidung gehen dann jene Behauptungen hervor, dass 
^ie Nationalökonomie viel älter sei, als man gewöhnlich an- 
üehme. Solche Ansichten sind in verschiedenen Ländern auf-
        <pb n="28" />
        12 
gestellt und bethätigt worden, als die wissenscbaftlichc National 
ökonomie ihren Lebenslauf eben erst begonnen hatte. Der 
Grund dieses Missgriffs liegt nahe genug. Man wusste noch 
nicht, was wissenschaftliche Wirthschaftslohrc zu bedeuten habe, 
und hielt daher in der verworrensten Weise alle Uebcrliefe- 
rungen für zurechnungsfähig, die nur irgend wirthschaftliche 
Angelegenheiten zum Gegenstände ihrer Vorstellungen gehabt 
hatten. 
Je dürftiger die Vorstellungen sind, die Jemand von den 
wissenschaftlichen Elementen der Wirthschaftslehre hat, um 
so mehr wird er geneigt sein, den Ursprung dieser Lehre in 
die fernsten Zeiten zu verlegen. In den allergewöhnlichsten 
Ideen, die sich den Menschen am ehesten und unmittelbarsten 
aufdrängen, stimmen selbstverständlich die gedanklichen Re 
gungen aller Zeiten und Völker überein. Es ist aber nicht 
diese oberflächliche Gemeinschaft, was den wesentlichen Inhalt 
der Wissenschaft berührt, sondern cs muss im Gegcnthcil nach 
solchen Ideen gesucht werden, welche bereits erhebliche und 
sich von dem gemeinen Lauf der Vorstellungen unterscheidende 
Sätze enthalten. Verfährt man nach diesem Grundsatz, so wird 
man finden, dass die Wirthschaftslehre eine eminent moderne 
Erscheinung ist und noch dazu eine solche, deren wissenschaft 
liche Existenzweise kaum ein Jahrhundert hinter sich hat. Ver 
flacht man aber den Begriff der wirthschaftlichen Wissenschaft, 
so kann man allerdings soweit zurückgreifen als man will, 
und es wird an gelehrt aussehendem Stoff niemals fehlen. Man 
wird alsdann zu dem wunderlichen Satze gelangen, dass Wirth 
schaftslehre und Socialtheorio so alt seien, wie das gedanken 
bildende Menschengeschlecht. 
2. Schon Blanqui in seiner geschichtlichen Gesammt- 
darstellung, die zum ersten Mal 1837 erschien, glaubte die 
Entdeckung gemacht zu haben, dass die Wirthschafts- 
Ichre älter sei, als man gewöhnlich an nehme. Auch be 
schäftigte er sich in seinem Buch ganz unverhältnissmässig mit 
älteren Erscheinungen, und dieses Missverhältniss würde noch 
mehr hervorgetreten sein, wenn er überhaupt zwischen Wirth- 
schaftstheorie und Wirthschaft unterschieden hätte. Letzteres 
ist aber so wenig geschehen, dass im Gegontheil die Theo 
rien selbst und deren Zusammenhang fast zur Nebensache 
gemacht worden sind. Nun konnte ein solches Verfahren
        <pb n="29" />
        offenbar nur möglich werden, indem sich die strengeren wis- 
senscliaftlichcn Yorstellimgen von ausgeprägter Eigenthümlich- 
keit zu ganz allgemeinen und überdies oberflächlichen Ideen 
verflüchtigten. 
Ueberhaupt ist in Bezug auf das Wenige, was für die Ge- 
schichtsschreibung der Wirthschaftslehre bisher geschah, die 
Bemerkung gerechtfertigt, dass man die Geschichte einer eigent 
lichen Wissenschaft nur schreiben kann, wenn man diese Wissen 
schaft selbst versteht. Aeusserliche Bücherkenntnisse genügen 
hiezu am allerwenigsten. Ein Geschichtsschreiber der Physik, 
welcher die Vorstellungen über Schwere und Leichtigkeit, wie 
sie im unwissenschaftlichen Zustande der betreffenden Sphäre 
ganz unwillkürlich gebildet werden, als Theorien und als Be 
weise für das Dasein einer wissenschaftlichen Erkenntniss auf 
führen und einreihon wollte, würde sich lächerlich machen. 
Das Einzige, was ihm erlaübt wäre, würde eine Einweisung 
auf derartige Ideen als auf die sichern Merkmale des Mangels 
einer wissenschaftlichen Erkenntniss sein. Aehnlich verhält 
es sich nun auch in unserm Gebiet. Ja man muss hier sogar 
noch strengere Anforderungen machen, weil der bisherigen 
Unfertigkeit wegen die Abschweifung in das Unbestimmte und 
Bedeutungslose hier noch weit näher liegt. Die Kenntniss der 
ganz gewöhnlichen Vorstellungen von den wirthschaftlicheii 
Dingen ist also keine Ausstattung, mit welcher sich Jemand an 
die Behandlung der Geschichte unseres Wissensgebiets machen 
dürfte. Dennoch haben die meisten geschichtlichen Beiträge 
in dieser Bich tun g auf wenig mehr, als auf jenem Verständniss 
für die gleichgültigeren und gemeineren Gedanken beruht. Man 
hat die gesammte Politik in die Kennzeichnungen des Inhalts 
der schriftstellerischen Erzeugnisse hineingezogen und die aller- 
nnerhcblichsten, gelegentlichen Bemerkungen so behandelt, als 
wenn cs Bostandtbeile der Wirthschaftslehre wären. Man hat 
die ärmlichsten Reflexionen moralisirender Natur weitläufig be 
sprochen und die unvermeidlichen Verrichtungen, die bei einem 
gesunden Gehirn Angesichts bestimmter äusserer Thatsachen 
dos wirthschaftlichou Zustandes eintreten müssen, als Zeugnisse 
fill' das Dasein einer wissenschaftlichen Einsicht ausgegeben. 
Man hat in die unerheblichsten Aeusserungen der älteren und 
alten Schriftsteller moderne Erkenntnisse hineingedichtet, die 
ihnen völlig fern lagen. Auf diese Weise ist es geschehen,
        <pb n="30" />
        14 
dass man bis jetzt eine gründliche Kenntniss gar nicht aus 
solchen Geschichtsherichten gewinnen konnte und keinen andern 
Ausweg hatte, als die Quellen, d. h. die grossen Schriftsteller 
selbst zu lesen. Diese Nothwendigkeit ist aber vollends unum 
gänglich geworden, seit die neusten Wendungen der Volks- 
wirthschaftslehre die Betrachtungsart erweitert und geschärft 
haben und die älteren Leistungen in einem neuen Licht er 
scheinen lassen. 
In dem Maasse, in welchem sich das wirthschaftlicho 
Wissensgebiet selbständig macht und sich mit bestimmteren, 
dem Missverständniss und der Verwechselung weniger ausge 
setzten Einsichten bereichert, wird auch die strengere Art der 
Geschichtsdarstellung an Boden gewinnen, weil ohne sie auch 
nicht einmal ein Eindringen in die älteren Zustände der that- 
sächlichen Wirthschaften selbst möglich ist. Dagegen wird jene 
oberflächliche Befassung mit einem Gegenstände verschwinden, 
der nicht dazu gemacht ist, vom Standpunkt eines mittleren 
Maasses allgemeiner historischer Bildung behandelt zu werden. 
Man wird mehr und mehr nach Thatsachen der Wirthschafts- 
theorie fragen und sich nicht dabei beruhigen, wenn an Stelle 
derselben eine gleichgültige Notizensammlung zum Vorschein 
kommt. Ebenso werden auch diejenigen Schriften, welche nicht 
viel mehr als Bücherverzeichnisse mit einigen aus dritter und 
vierter Hand bezogenen, meist schiefen und unzuverlässigen 
Erläuterungen sind, den Werth, den sie etwa noch in mancher 
Leute Augen haben mögen, gänzlich verlieren. Zu dieser Gat 
tung gehörte das wässerige Erzeugniss eines Pester Professors, 
des Herrn Kautz, vom Jahre 1860, welches sich zwar nur als 
„Literaturgeschichte“ der Ockonomie gab, aber durch seine 
Plattheit und seinen Urtheilsmangel sogar jede Vergleichbar 
keit mit dem doch wahrlich auch nicht allzu eindringend ab 
gefassten Blanquischen Buch bei Jedermann ausschliessen musste, 
der sich einigen Sinn für die verhältnissmässige Gewandtheit 
der Französischen Erscheinung erhalten hatte. Nebenbei hat 
Herr Kautz, der hauptsächlich Brocken von Herrn Boschors 
Tisch zu einer breiten Bettelsuppe verdünnte, auch schon einen 
Vorgeschmack geliefert, wie das Hauptgericht seines Tisch 
herrn selbst beschaiffen sein werde. An Stelle solcher Zwitter 
erscheinungen werden einerseits rein bibliographische und rein 
technische literarische Hülfsmittel, andererseits aber echte
        <pb n="31" />
        Geschichten der Theorie treten. Dies alles wird um so eher 
und um so mehr geschehen, je entschiedener die Täuschung 
beseitigt wird, als wenn gemeine Vorstellungen über wirth- 
schaftliche Thatsachen und Vorgänge schon wissenschaftliche 
Theorien wären. 
3. Soll durchaus ein Satz über das Alter unseres Wissens 
gebiets in einer Weise ausgesprochen werden, die von der am 
Anfang unseres Jahrhunderts herrschenden Vorstellung ab 
weicht, so kann man getrost sagen, dass die Nationalökonomie 
als Wissenschaft jünger sei, als man gewöhnlich annimmt. Es 
ist also nicht die oben berichtete Bemerkung, sondern eher 
deren Umkehrung am Platze. Diejenigen, welche das Schema 
von den drei Systemen (Mercantilismos, Physiokratie und In 
dustriesystem) zum Ausgangspunkt nahmen, hatten bezüglich 
der eigentlichen Theorie bereits zu viel gethan. Das physio- 
kratische System ist allenfalls als ein phantasiemässiger Ver 
such zu betrachten; aber schliesslich werden Diejenigen Recht 
behalten, welche die ernstlichere Constituirung der Wissen 
schaft von Hume und Adam Smith datiren. Doch wir wollen 
hier der besondern Darstellung noch nicht vorgreifen. Der 
Gedanke, auf den es an dieser Stelle ankommt, bezieht sich 
nicht auf die Stufenleiter der verschiedenen Anschauungsweisen, 
sondern richtet sich ganz allgemein auf den Gegensatz des Wis 
senschaftlichen und des fast zu jeder Zeit allgemein Zugäng 
lichen. 
Gesetzt nun, es stände Jemand noch heute ausschliesslich 
äuf dem Standpunkt der Smithschen Oekonomie, so würde 
selbst dieser noch unentwickelte Kreis von Einsichten die Ver 
mengung und Verwechselung mit jeder beliebigen Reflexion 
verbieten. Wer sich also auch nur die Hauptsätze dieses wirth- 
schaftlichen Gedankenkreises gehörig zu eigen gemacht hätte, 
würde darauf verzichten müssen, die Geschichte der Wirth- 
schaftslehro im Alterthum suchen oder gar durch mittelalter 
liche Früchte der theologischen Scholastik decoriren zu wollen. 
Nehmen wir dagegen an, dass Jemand für strengere wissen 
schaftliche Begriffe und für einen rationellen Zusammenhang 
derselben so wenig Sinn hätte, dass ihm nicht einmal die Leh 
ren Adam Smiths verständlich wären, so würde eine solche 
Capacität allerdings dazu angethau sein, das Behältniss für die 
zusammengewürfelten Abfälle aller Zeiten abzugeben. In einem
        <pb n="32" />
        16 
solchen Behältniss, wie es z. B. in Deutschland noch jetzt 
durch eines der auf den Universitäten am meisten empfohlenen 
sogenannten Lehrbücher, nämlich durch das lioschersche, reprä- 
sentirt wird, kann man selbstverständlich keine rationelle 
Kritik erwarten. Bei Behandlung des Listschen Systems wird 
jedoch erst der Ort sein, über diese Spielart einer falschen 
oder vielmehr nur angeblichen Geschichtlichkeit Einiges zu 
bemerken und die Verkommenheit dieser Erscheinung im Con 
trast mit der unvergleichlich hervorragenden Grösse der eben ge 
nannten nationalökonomischen Vertretung des Deutschen Na 
mens zu charakterisiren. 
Nicht einmal für die Erforschung der Alterthümer und 
der Geschichten der verschiedenen Völker ist die eben bezcich- 
nete unkritische Art irgend zu gebrauchen. Will der allge 
meine Historiker, der sich die Darstellung einer Volksgeschichto, 
z. B. des alten Griechenland, zur Aufgabe macht, in die Zu 
stände und Entwicklungsstufen der in Frage kommenden 
Wirthschaitsverhältnissc tiefer eindringen, so bedarf er vor 
allen Dingen einer festen Theorie über diejenigen Beziehungen 
und Gesetze, welche sich zu keiner Zeit verleugnen. Mit diesen 
Gesetzen kann er die verschiedensten Fälle und Gestaltungen 
beherrschen, sobald er überhaupt gelernt hat, die veränderten 
Ergebnisse zu beurtheilen, welche ein und derselbe wirthschaft- 
liche Satz bei seiner Anwendung auf verschiedene thatsächliche 
Voraussetzungen liefert. Zu jenen Gesetzen gehören selbst 
verständlich auch die Regeln der Entwicklung, nach welchen 
sich die Aufeinanderfolge, der Grad von Beharrlichkeit und die 
Veränderungen der ökonomischen Zustände bestimmen. Aussei - 
dem wird es für die Kennzeichnung des wirthschaftlichen Bil 
dungszustandes eines solchen Volks in einer gegebenen Zeit 
von grossem W er the sein, die Auslassungen der verschiedensten 
Gattungen seiner Schriftsteller zu untersuchen. Die Thatsachen 
selbst werden sich auf diese W eise aus den ungleich artigsten 
Gebieten der Literatur erläutern und näher bestimmen lassen. 
Namentlich wird man oft icstzustellen vermögen, wieweit das 
ökonomische Bewusstsein reichte und welche Verhältnisse ini 
wirthschaitlichen Leben gleichsam unbewusste Natui-thatsacheii 
blieben. Grade aber für die Zwecke einer solchen Sonderung 
und namentlich für die richtige Bestimmung der Grenzen, in 
denen sich die wirthschaftlichen Vorstellungen bewegten, ist
        <pb n="33" />
        17 
die moderno Theorie mib ihrer ausgeprägten Eigenthümlichkeit 
und hchilrfo am allerwenigsten %n cnthehren. Wer dagegen 
&lt; le oistclluiigcn des Alterthums so bctraclitot, als wären sie 
schon \ orwegnahmen des wesentlichen und wissenschaftlichen 
Inhalts der modernen Nationalökonomie, bekundet hiemit, dass 
er weder Jene noch diese gehörig versteht. Es liegt daher 
auch ira Interesse der allgemeinen Geschichtsschreibung, dass 
die Vermischungen und Verwechselungen gewöhnlicher oder in 
Ihrem Zusammenhang bedeutungsloser Vorstellungen mit der 
bewussten Aufstellung wissenschaftlicher Sätze ausgeschlossen 
werden. Wie man in dieser Richtung nicht zu verfahren habe 
dafür lieferte der Augenblick ein neues Beispiel in dem ephe- 
meren Buch von Du Mosnil-Marigny: Histoire de l'économie 
zolle b.3 an das classische Athen reconstruirt, und die in- 
dns.nello Donkwc'so ergel.t sich da, « o sonst nur das gelehrte 
TÎ leitender, strenger wissenschaftlicher 
Iheoricri nicht aussöhnen. 
w I^iGnach hätten wir in Bezug auf wissenschaftliche 
irthschaftstheorio vom Alterthum eigentlich gar nichts Po- 
1 belichten, und das gänzlich unwissenschaftliche 
1 e a tei bietet dazu noch weit weniger Veranlassung. Da 
jedoch die den Schein der Gelehrsamkeit eitel zur Schau tra 
gende Manier schon mehrfach und nicht etwa hlos in Deutsch- 
and in unser Gebiet eingedrungen ist und den reinen Charakter 
er modernen Wissenschaft verunziert hat, so müssen zur Notiz 
nahrae wenigstens einige Beispiele beigebracht werden. 
ganzen Griechischen Alterthum waren eigentlich na- 
lonalökoiiomischc Sätze von wissenschaftlicher Bedeutung 
imbekannt. Die Vorstellungen, die man in Rücksicht auf öko- 
omisc IC Angelegenheiten hegte, betrafen entweder nur die 
Einrichtungen des Hauswesens, oder waren, wo sie sich zufällig 
aut den Veikehr ausdehnten, von keinem Bewusstsein 
Tragweite begleitet. Gebildete und 
mg, Geschichte der 5ationalükonomio. 2. Auflage. 2
        <pb n="34" />
        — 18 
staatsmännisch denkende Beobachter und Darsteller der allge 
meinen Thatsachen haben natürlich gewisse wirthschaftliche 
Züge, die bei dem üeberblick unmittelbar in die Augen fielen, 
nicht leicht zu übersehen vermocht. Die öffentlichen Finanzen 
mussten auch den Praktikern jenerZeiten und Zustünde manches 
eigentlich volkswirthschaftliche Verhältniss nahebringon. Allein 
von der bewussten Aufstellung auch nur eines einzig'en Princips 
der Volkswirthschaftslehre, an welches man rationelle Folge 
rungen geknüpft und welches man als wissenschaftlichen Satz 
in irgend einem Zusammenhang gleichartiger Wahrheiten gel 
tend zu machen versucht hätte, ist keine Spur anzutreffeu. Man 
wird thatsächlich freilich mehr gewusst haben, als man bei 
Xenophon oder bei Platon und Aristoteles an allgemeinen Vor 
stellungen antrifft. Dennoch ist auch unter Berücksichti 
gung dieses Umstandes kein thatsächlicher Anhaltspunkt für 
die Rechtfertigung der Voraussetzung vorhanden, dass man zu 
irgend erheblichen Elementen einer nationalökonomischen 
Wissenschaft gelangt wäre. Die Geschäftsleute jener Zeit 
werden zwar sicherlich von manchen wirthschaftlichen Vor 
gängen, die ihr Interesse unmittelbar berührten, praktisch 
brauchbarere Vorstellungen gehabt haben, als mancher heutige 
Professor der Nationalökonomie, der durch Citate aus Aristo 
teles den Mangel seiner Urthcilskraft zu ersetzen sucht. Allein 
von dem Wissen oder vielmehr dem Instinct der Routine bis 
zu einer, auf mehr als die nächsten Zwecke ausblickenden 
Beurtheilung und Einsicht ist noch ein sehr weiter Schritt, 
wie wir dies heute jeden Tag an unsern eignen Zuständen 
beobachten können. Ganz ohne Zweifel wusste der Händler 
zu allen Zeiten und unter allen Verhältnissen, dass die grössere 
Menge des Angebots der Waaren, mit denen er sich befasste, 
unter übrigens gleichen Umständen und namentlich bei gleich 
gebliebenem Bedürfniss die Aussichten auf die Erzielung der 
bisherigen Gegenleistung ungünstiger gestaltete. Ebenso musste 
er auch wissen, dass man eine Sache unmittelbar gebrauchen 
oder sie für andere Gegenstände Umtauschen kann. Indessen 
wird ein antiker Kaufmann schwerlich diese letztere Vorstel 
lung für so erheblich gehalten haben, um sie für eine beson 
dere Weisheit auszugeben. Da sie sich aber gelegentlich im 
ersten Buch von Aristoteles Schrift über den Staat in recht 
trivialer und verschulter Art ausgesprochen findet, so machen
        <pb n="35" />
        — 19 
einige Neuere, welche die echte Philologie und wahre Alter 
thumsforschung nur carikiren, aus jenen Vorstellungen sofort 
die moderne Unterscheidung von Gebrauchswerth und Tausch 
werth. Uebrigens besteht der Humor der Nachweisung dieses 
Unterschieds als einer hesondern Erkenntniss der antiken Welt 
noch obendrein darin, dass der moderne Sprachgebrauch und 
die Gewohnheit, von Gebrauchswerth und Tauschwerth zu 
reden, grade ein Ausdruck für die erheblichsten Irrthümer ge 
wesen ist, in welche die Volkswirthschaftlehre in ihren ersten 
modernen Formulirungen verfallen ist und von denen sie sich 
erst in allerjüngster Zeit und auch dies nur im Rahmen der 
am meisten fortgeschrittenen Systeme befreit hat. Man legt 
also den antiken Schriftstellern auf diese Weise moderne Irr 
thümer unter, von denen die volkswirthschaftliche Gleichgültig 
keit und Unschuld ihrer Vorstellungen weder im Rechten noch 
im Schlechten etwas wissen konnte. Wenn sich daher hei 
ihnen einmal ein Satz findet, in den sich eine moderne Theorie 
hineindichten lässt, so ist dies noch kein Zeichen einer wirk 
lichen Kenntniss. Man muss vielmehr stets danach fragen, 
was sie wirklich meinten, und ob sie, wenn sie zufällig eine 
anscheinende Wahrheit aussprachen, sich auch des Gegensatzes 
gegen den zugehörigen Irrthum bewusst waren. Ohne diese 
Vorsicht wird man in ihre aus dem Zusammenhang gerissenen 
Sätze allzu leicht Vorstellungen hineinlegen, die jene Schrift 
steller selbst gar nicht hatten und auch nicht einmal suchten. 
Die Moral, die Privatwirthschaft und die technischen Acker 
baurathschläge, mit denen sie sich beschäftigten, gehören in 
der Weise, in welcher sie diese Dinge zusammenmischten, gar 
nicht in die Nationalökonomie. 
Auch die moralische Empfehlung von Sparsamkeit ist kein 
wissenschaftlicher Satz der Wirthschaftslehre oder Socialtheorie 
und wird sicherlich nicht gefehlt haben, wo es überhaupt bei 
den Völkern Moralisirer, Propheten oder sonst etwas Aehnliches 
gegeben hat. Lassen wir uns also in das Reich solcher Ge*- 
wöhnlichkeiten hinabziehen, so geben wir hiemit die Würde 
der Wissenschaft und des verstandesmässigen Verhaltens Preis. 
Bei solchen Abwegen ist es aber nicht einmal ausschliesslich 
geblieben. Die Niaiserie ist so weit gegangen, in dem Eifern 
der Propheten und Moralisten grade die Herrschaft der Grund 
sätze zu erblicken, deren Mangel jene mahnenden Persönlich- 
2*
        <pb n="36" />
        20 
keiten beklagten. Anstatt, wie es sich gehörte, auf den ent 
gegengesetzten Zustand als Gepräge des wirklichen Lebens zu 
schlicssen, hat man die Meinungen und Satzungen der gegen die 
Thatsachen reagirenden Schriftsteller als Ansichten genommen, 
die im Verkehr Geltung gehabt hätten. Durch solche Wendungen 
könnte man von der heutigen Welt Alles beweisen, was mau nur 
irgend wünschte, und die früheren Völkere-xistenzen sollten in die 
ser Beziehung denn doch auch nicht so betrachtet werden, als wenn 
bei ihnen die Beschränktheit der vorherrschende Zug des geschäft 
lichen Verkehrs und der staatsinännischen Praxis gewesen wäre. 
5. In Platons Schrift über den Staat hat man unter vielem 
Andern auch das moderne Capitel von der volkswirthschaft- 
lichen Arbeitstheilung finden wollen. Freilich hat Plato nicht 
übersehen, dass es verschiedene Beschäftigungen gab und geben 
musste. Auch hat er die verschiedenen Geschicklichkeiten und 
Anlagen dabei nicht vergossen. Wenn indessen so etwas 
nationalökonomische Weisheit sein soll, so hat sie der Urheber 
der philosophischen Idcenlehre mit jeder Person gcthcilt, die 
überhaupt zu einem Gedanken über das auf der Hand Liegende 
Veranlassung erhielt. Man ehrt jene Grössen wenig, wenn 
man bei ihnen das sucht, was sie selbst nicht suchten und wo 
von sie gar keine Rechenschaft geben wollten. Die Platonische 
Staatsdichtung musste selbstverständlich alle möglichen Ver 
hältnisse berühren und kann allenfalls in ihrer ganz entfernten 
Aehnlichkeit mit Utopien der neuern Zeit, aber nicht mehr 
mit dom ‘modernen Socialismus verglichen werden. Dagegen 
ist es schlecht angebracht, in ihr nationalökonomische Theorien 
suchen zu wollen. Das Gesetz der Arbeitstheilung, wie cs die 
Volkswirthschaftslchrc von vornherein verstanden hat, ist denn 
doch etwas mehr, als die höchst unerhebliche Vorstellung, dass 
mannichfaltige Berufszweigo mit entsprechenden verschiedenen 
Geschicklichkeiten existiren, und dass Jemand nicht Alles in 
Allem sein kann. Die Grenze, welche der jeweilige Umfang 
des Marktes für die weitere Verzweigung der Berufsarten und 
die technische Zerlegung der Arbeit in einzelne 8])Ccialopera- 
tionen setzt, — die Vorstellung von dieser Grenze ist erst die 
jenige Erkenntniss, mit welcher die sonst kaum wissenschaft 
lich zu nennende Idee von der thatsächlichen Arbeitstheilung 
zu einer ökonomisch erheblichen Wahrheit wird. Bei ciuer 
solchen Auffassung muss natürlich der Gedanke der ausser-
        <pb n="37" />
        21 
ordentlichen Prodnctionssíeig-ening als Wirkung der Tbeiliin ^ 
Ol Veiiichtiingen zu Grunde liegen mul eingeschlossen sein 
Nun snoho man aber eine derartig bestimmte und bewusste 
-hinsicht bei Platon oder überhaupt bei den antiken Schrift- 
Btellorn; man wird, wenn man zu unterscheiden weiss, auch 
nicht einmal eine Annäherung daran ausfindig machen, 
I)ie Rolle des Geldes ist zu allen Zeiten die erste Haupt- 
anregnng zu wirthschaftlichen Gedanken gewesen. Was wusste 
aber ein Aristoteles von jener Rolle? Ofienbar nichts weiter, 
als was in der Vorstellung liegt, dass der Austausch durch 
Vermittlung des Geldes dem ursprünglichen Naturaltausch ge 
folgt sei. Pie Aotiz, dass Bezeichnung der Gewichtsmenge und 
Prägung erst eingeführt werden mussten, ehe sie vorhanden 
sein konnten, wird man auch wohl nicht als einen besondern 
Aufschluss ausgeben können. Wenn aber der Stamrit in dem 
schon erwähnten ersten Buch seiner Schrift über den Staat zu 
den a^ das Geld bezüglichen paar Bemerkungen noch hinzufü,yt, 
dass der durch das Geld möglich gewordene, ins Unbestimmte 
gehende Erwerb sammt dem Zinsnehmen wider die Natur sei, 
^ druckt er hiemit nur eine moralische Antipathie aus, deren 
Erklärung ziemlich nahe liegt. Sie findet sich bei den Griechi 
schen und bei den Römischen Schriftstellern sehr häufig, und 
wenn auch aus derselben nicht im Mindesten geschlossen 
werden kann, dass der wirkliche Verkehr unter dem Einfluss 
solcher Ansichten eine andere Richtung erhalten habe, so steht 
es doch umgekehrt frei, den Ursprung jenes Widerwillens in 
den thatsächlichen Verhältnissen zu suchen. Da Grundbesitz 
und Landbau die maassgebende Grundlage der antiken Wirth- 
Bchaftsverhältuissc waren, so mussten die durch den Handel 
oder andere Geschäfte aufkommenden Geldmächte als Vertreter 
einer Erwerbsgattung erscheinen, die einerseits mit den alten 
Ueberlicferungen nicht übereinstirnmto und andererseits als 
unbequemer Nebenbuhler oder missliebiger Helfer die Regungen 
&lt; er Eifersucht und des Ressentiment verdiente. In einer ähn- 
ichcn Weise haben sich zu den verschiedensten Zeiten die 
Oí action im engem Sinne und das blosse Gewinnmachen 
gegenübergestanden. Man braucht daher in der Entstehung 
yeses allgemeinen Gegensatzes keine specifische Eigenthümlich- 
keit der antiken Welt zu suchen. Wohl aber ist jener Mangel 
n Einsicht, welcher sich in der Verwerfung des Zinses Angesichts
        <pb n="38" />
        von gebilligten Voraussetzungen des Eigenthums und der 
Sklaverei ausspricht, den fraglichen Schriftstellern eigenthümlich, 
und hiebei hat Aristoteles sogar noch Einiges voraus, indem 
er meint, der blosse Umtausch sei darum so naturgemäss, weil 
er in sich selbst sein Ziel finde und nicht, wie der Gelderwerb, 
ins Schrankenlose treibe. 
üebrigens müssen auch in Rücksicht auf die Rollo des 
Geldes thatsächlicli Ansichten vorhanden gewesen sein, denen 
zufolge die Bedeutung desselben auf blosse Uebereinkunft oder 
aber auf eine entgegengesetzte und jedenfalls bessere Idee zu 
rückgeführt wurde. Der Umstand, dass sich dieser Sachverhalt 
sogar aus den eignen Auslassungen des Aristoteles entnehmen 
lässt, ist noch die beste Frucht seiner Bemerkungen. Man 
muss indessen, um zu diesem Ergebniss zu gelangen, schon 
Schlüsse machen und die andern Schriftsteller, namentlich 
Xenophon, gehörig berücksichtigen. Alsdann kann man allen 
falls behaupten, es sei in der Betrachtung des Geldes schon 
eine entfernt ähnliche Auffassung versucht worden, wie sie 
durch das neuere Mercantilsystem ausgebildet worden ist. Alle 
solche Vorstellungen, wie man sie theils in zweideutigen Spuren 
auffindet, theils voraussetzon kann, konnten jedoch nur Ein 
kleidungen der ersten ganz unvollkommenen Gedankenbildung 
sein, der wir nicht die scharfe Bestimmtheit des wissenschaft 
lichen Bewusstseins unterschieben dürfen. 
G. Die Griechen hatten wissenschaftliche Anlagen und 
konnten hiedurch auch da, wo sie thatsächlich nicht viel wuss 
ten, wenigstens die Formen des Denkens mit einer gewissen 
Virtuosität geltend machen. Hiedurch gelangten ihre philoso 
phischen Schriftsteller auch in Rücksicht auf ein paar volks- 
wirthschaftliche Punkte zu Auslassungen, welche den ganz ge 
wöhnlichen Ideen einen zur Mittheilung geeigneten Ausdruck 
verliehen. Was die Geschäftsleute sicherlich im einzelnen Fall 
weit besser übersahen, wurde auf diese Weise, wenn auch un 
vollkommen, so doch abstract und allgemein formulirt. Ganz 
anders verhält es sich dagegen mit den Römern, deren allgo- 
meinwissenscliaftliche Ungeschicklichkeit und Unfruchtbarkeit 
eine anerkannte Thatsache der Geschichte ist. Man hat ihre 
Landbauschriftsteller aus den verschiedenen Jahrhunderten her 
beigezogen, um Spuren nationalökonomischer Theorie nachzu 
weisen. Indessen wird die Bemerkung genügen, dass derartige
        <pb n="39" />
        23 — 
eisuche noch kläglicher ausgefallen sind und ausfallen muss 
ten, als die entsprechenden Bemühungen um eine Volkswirth- 
schaftslehro der Griechen. Die Justinianische Sammlung von 
Bruchstücken juristischer Schriftsteller sowie überhaupt die 
Römischen Rechtsquellen enthalten allerdings einiges Material 
zur Charakteristik der wirthschaftlichen Zustände; aber sie sind 
fast völlig leer an dem, was man etwa wirthschaftliche Theorie 
zu nennen belieben möchte. Die Stelle des Juristen Paulus, 
in welcher derselbe in wenigen Zeilen sagt, dass der Kauf 
durch Einführung des Geldes aus dem Tausch entstanden sei, 
wird wahrlich nicht als besondere Errungenschaft gelten können, 
da solche Ideen so nahe lagen, wie die entsprechenden Ver 
hältnisse selbst. TJeberhaupt haben die Römer, abgesehen von 
der Rechtstheorie, nie etwas Anderes gethan, als sich zum 
Echo der meist noch nicht einmal gehörig verstandenen Aus 
sprüche der Griechen gemacht. 
Es versteht sich von selbst, dass, wenn man in den Urkun 
den der übrigen Völker des Alterthums nur suchen will, auch 
gewisse ganz gewöhnliche Gedanken nicht fehlen werden, welche 
die Aussenseite der wirthschaftlichen Erscheinungen aufgefasst 
haben. Sobald Geld im Gebrauch war, hatte man nothwendig 
auch irgend eine Vorstellung’ von dessen Verrichtungen, und 
ähnlich muss es sich mit jeder andern in die Augen springen 
den Ihatsache verhalten haben. Eine blosse Beschreibung und 
Kundgebung der sich unwillkürlich bildenden Vorstellungen 
ist aber noch keine nennenswcrthe Einsicht, und über eine 
solche Beschreibung waren ja nicht einmal die geistig regsamen 
Griechen sonderlich hinausgekommen. Eine Untersuchung der 
Gründe und Ursachen der wirthschaftlichen Vorgänge war da 
her etwas geblieben, woran nicht einmal gedacht wurde, ehe 
die neuste Zeit das selbständige Gebiet einer eigentlichen Natio 
nalökonomie abgrenzte. 
Das Mittelalter ist fast in allen wissenschaftlichen Bezie 
hungen nur eine einzige grosse Wüste gewesen. Dennoch ist 
es ebenfalls heimgesucht worden, und die Verkommenheit ein 
zelner Behandlungsarten der Nationalökonomie hat auch hier 
ihren Mangel an Unterscheidungsvermögen zur Geltung gebracht. 
)ie mittelalterlichen Theologen haben sich gefallen lassen 
müssen, unter die Reihe der Nationalökonomen einregistrirt zu 
werden. Ein Thomas von Aquino spielt als Depositar volks-
        <pb n="40" />
        •24 
•wirtbschaftliclier Wissenschaft sicherlich eine recht komische 
Rolle; aber selbst da, wo bei andern Erscheiunng’cn diese Komik 
wegfilllt, bleiben noch immer ziemlich wunderliche Figuren 
übrig. Die Scholastiker des Mittelalters sind nicht die Leute, 
bei denen man volkswirthschaftliche Theorien zu suchen hatte. 
Wenn es hoch kam, gelang es hier und da einmal einem Schrift 
steller, das ziemlich rein wiederzugebon, was er etwa aus Ari 
stoteles oder aus den sich auf den letzteren stützenden Schriften 
gelernt hatte. Im besten Falle waren also diese sogenannten 
volkswirthschaftlichen Vorstellungen ein Nachhall der schiff 
brüchigen und verdunkelten Hinterlassenschaften des Alter- 
thuins. Auch an die Hebräischen Urkunden knüpfte man hüuhg 
an, und so entstand ein geschmackloses Gemisch von Vorstel 
lungen, die stets irgend welche autoritäre Redensarten und An 
führungen zum Geleit ihres auch ohnedies meist versclmürkeltcn 
Ausdrucks haben mussten. Nur in sehr günstigen Ausnuhms- 
fälleu war diese Bagage etwas leichter und weniger unbeholfen 
gestaltet. Indessen auch in diesem Fall darf man nicht vor 
eilig nationalökonomische Theorien herausklaubcn wollen. 8o 
ist z. B. die Abhandlung des dem vierzehnten Jahrhundert an- 
gehörenden Bischofs Oresmc, deren Französischen Text man 
1864 herausgegeben hat, und welche den Ursprung des Geldes, 
vornehmlich aber die Münz Verschlechterung behandelt, durch 
aus keine Erweiterung der wirthschaftlich erheblichen Ansichten. 
Abgesehen von der Einlassung auf die Herstellung der Münzen 
bietet sie sogar noch weniger, als bei Aristoteles bereits vor 
handen war. Was ihr Verfasser über den Ursprung des Geldes 
sagt, hat er eingcständlich auf Aristoteles Autorität angenommen. 
Die flüchtige Aeusserung, das Gold habe mehr Werth, weil es 
schöner und schwerer zu haben sei als das Silber, kann noch 
nicht für eine richtige Theorie gelten, da man derartige Wort 
wend un gen , die sich zur Hineindichtung eines dem Autor gar 
nicht bewussten Sinnes missbrauchen lassen, wohl noch mehr 
und namentlich auch bei den Dichtern und den übrigen, auf 
gar keine Wissenschaft ausgehenden Schriftstellern antreffen 
dürfte. Da jedoch die Schrift von Oresmc in ihrer Französischen 
Gestalt in der Gesellschaft eines wirklich grossen wissenschaft 
lichen Namens, nämlich zusammen mit einer Arbeit des Coper 
nicus über die Münzfabrication (Traité de la première invention 
des monnaies de Nicole Oresme et traité de la monnaie do
        <pb n="41" />
        Copernic, annotes par Wolowski, Paris 18G4) erschienen ist, so 
kann es einigermaassen die Mühe lohnen, sich selbst zu über 
zeugen. Man wird bei näherem Zusehen und unter Voraus 
setzung einer genauen Kenntniss des in unserer modernen 
Geldtheorie Erheblichen sich sehr bald überzeugen, dass weder 
in der einen noch in der andern Schrift in Rücksicht auf die 
volkswirthschaftlicho Theorie der Functionen des Geldes etwas 
Wichtiges enthalten sei. Der Unterschied in dem Interesse an 
beiden Arbeiten besteht nur darin, dass wir es in dem einen 
Falle mit den Gedanken des Begründers der modernen Astro 
nomie, in dem andern Falle aber nicht einmal mit einer Person 
aus dem Kreise der eigentlichen Wissenschaften zu thun haben. 
Abgesehen von der lebhaften Theilnahme, mit welcher Coper 
nicus für die Herstellung soliden Geldes und gegen die Müuz- 
verschlechterung eintrat, hat es immerhin einigen Reiz, zu 
zusehen, ob nicht die ganz gewöhnlichen Irrtliümcr solchen 
Geistern ersten Ranges selbst in einer Nebenarbeit fremd ge 
blieben sind. In der That kann man wahrnehmen, wie hier 
die Kraft der rein wissenschaftlichen Auffassung die Widei-- 
sprüche ferngehalten und der Auseinandersetzung eine reine 
und klare Gestalt gegeben hat. Nichtsdestoweniger wird man 
aber auch bei dieser Gelegenheit einsehen müssen, dass es ver 
gebens sein würde, über Rolle und Verrichtungen des Geldes 
Vorstellungen zu suchen, die mehr enthielten, als die ganz ge 
wöhnlichen Ideen des Griechischen Alterthums. Das schliess- 
liche Ergebniss bleibt also immer das Nichtvorhandensein eigent 
licher und erheblicher volkswirthschaftlicher Sätze vor Beginn 
der neuern Zeit. Vorher hat man zwar überall wirthschaftliche 
Vorstellungen unwillkürlich bilden müssen; aber man hat sich 
nie zu wirthschaftlichen Sätzen und rationellen Verbindungen 
solcher Sätze erhoben. 
Zweites Capitel. 
Der Mercantilismus und die Colbertsche Praxis. 
Der natürliche und noth wen di ge Entwicklungsgang wirth- 
schaftlicher Einsichten hat seinen Ausgangspunkt in der Praxis 
der Geschäftsleute und Staatsmänner. Um aber schliesslich zu 
einer eigentlichen Wissenschaft zu führen, muss er zuerst irgend 
einmal zu einer entschiedenen Loslösung von dem unmittel-
        <pb n="42" />
        26 
baren Einfluss der vielgestaltigten und sehr gemischten Antriebe 
des unmittelbaren Thuns gelangen. Diese Abzweigung einer 
rein 'öder vorherrschend theoretischen Thätigkeit ist nun so 
wohl erfahrungsmässig als auch aus Innern Gründen in ihren 
ersten Versuchen weit grossem Abirrungen ausgesetzt, als sie 
in der thatsächlichen Befassung mit den Wirthschafts- und 
Staatsgeschäften vorzukommen pflegen. Sobald sich die theo 
retische Speculation selbständig machen will, wird sie das Ge 
wicht auf die Gonsequenz leitender Vorstellungen legen müssen 
und wird ausserdem nicht umhin können, die Schlusskraft all 
gemeiner principieller Anschauungen zu erproben. Hiebei wird 
nun fast unvermeidlich die auf das neue Gebiet gerichtete und 
in dieser Beziehung gleichsam erst erweckte Phantasie eine 
Rolle spielen und Mischungen zu Tage fördern, in denen sich 
der verstandesmässigo Gehalt noch keineswegs abgeklärt hat. 
Dieser sehr begreifliche Hergang ist auch das Schicksal 
des volkswirthschaftlichen, in den Jahrhunderten der neuern 
Zeit vorbereiteten und erst in der neusten Epoche eiuiger- 
maassen constituirton IVissensgebiets gewesen. Der gesamuite 
Mercantilismos und dessen besondere Ausprägung in den leiten 
den Ideen der Oolbertschen Staatspraxis vertreten nebst allen 
Schriftstellern, die im Sinne dieser Thatsachen oder auch wohl 
gelegentlich und inconsequent im entgegengesetzten Sinne 
arbeiteten, noch keine selbständige Volkswirthschaftslehre. Der 
erste Versuch aber, der in der Richtung auf eigentlich national 
ökonomische Theorie seit der Mitte des 18. Jahrhunderts von 
Quesnay gemacht wird, bleibt, wie die ganze Physiokratie, in 
einer höchst phantasiemässigen und den Charakter der Wissen 
schaftsdichtung an der Stirn tragenden Anschauungs- und 
Schlussweise befangen. Erst mit Adam Smith, den man zu 
gleich als Vertreter der Humeschen Bemühungen betrachten 
kann, führt sich die Wissenschaft als solche mit einem ent 
scheidenden und zugleich umfassenden Versuch ein und gewinnt 
einige feste Anhaltspunkte, die trotz aller Mischung mit den 
erheblichsten Irrthümern und trotz der einseitigen, oft verfehlten 
I assungen der zugehörigen Nebengedanken dennoch bleibenden 
Werth beanspruchen können. Mit dem Werke Adam Smiths 
sind mindestens einige rein wissenschaftliche Elemente des 
Inhalts unseres Gebiets und daneben auch einige Grundzügo 
für die Methode gesichert. Dennoch ist aber auch in der
        <pb n="43" />
        27 
epochemaclieiiden Arbeit des genannten Schotten die Wirkung 
nicht zu verkennen, welche die theoretisirende Loslösung von 
den Maximen der Staatspraxis und des Geschäftslehens zunächst 
im Gefolge haben muss. Diese Trennung hat überhaupt bis 
auf den heutigen Tag noch gar nicht aufgehört, die wissen 
schaftliche Thätigkeit und die späteren Systemversuche zu Ab 
wegen zu veranlassen, und sie dürfte erst dann nicht mehr 
schaden, wenn sich die strenge Theorie vollständig festgestellt 
haben wird. Ja man kann behaupten, dass die ganze neuste 
Geschichte unseres Gebiets- von Systemen zu reden hat, die 
grade in dem grössten Theil ihrer principiellen Behauptungen 
nichts weiter als Wirkungen jener Loslösung und hiemit die 
zugehörigen ideologischen Einseitigkeiten producirt haben. 
2. Obwohl es eine umfassende Literatur des Mercantilismus 
giebt, so ist der Schwerpunkt dieses Systems doch in der 
Praxis zu suchen. Aus diesem und keinem andern Grunde 
ist die früher gewöhnliche und noch jetzt häufige Aufführung 
desselben in der bekannten Trias von Systemen zu verwerfen. 
Man stellt etwas zu Ungleichartiges zusammen, wenn man Mer 
can tilsy stem, Physiokratie und Industriesystem als drei theore 
tische Standpunkte unter dem allgemeineren Gesichtspunkt 
wissenschaftlicher Gedankenkreise vereinigt. Der Mercantilis 
mus wird mit seiner Literatur hiedurch einerseits zu hoch, 
andererseits aber wieder zu tief gestellt. Seine Stärke und 
Bedeutung liegt in der Anlehnung an die Praxis und in dem 
Dienst für deren Bedürfnisse, und in dieser Bichtung sind die 
Schriftsteller desselben den späteren eigentlich wissenschafts 
bildenden Systemen vielfach überlegen. Seine Schwäche wur 
zelt aber in der Unfähigkeit, aus dem Rahmen der von der 
Routine gebildeten Hauptgrundsätze herauszutreten und die ge 
legentlichen, allgemeineren und universelleren Ansichten, die; 
auch seinen literarischen Vertretern nicht ganz gefehlt haben, ; 
consequent geltend zu machen. Ein Mercantilsystem als Wissen- i 
Schaft giebt es daher streng genommen gar nicht, und man 
kann sich diesen auf den ersten Blick und manchen Gewohn 
heiten gegenüber paradoxen Satz durch das Beispiel der allge 
meinen Politik erläutern. Wer die den politisehen Thatsachen, 
Maassnahmen und Staatsmaximen gewidmete und auf diese 
Weise an die Praxis anknüpfende Literatur sofort für ein 
Zeichen des Vorhandenseins einer entsprechenden eigentlichen
        <pb n="44" />
        28 
Wissenschaft nehmen wollte, würde gewaltig irreal. Die blosse 
Aufprilgiing einer verschulten Ansdrucksweiso macht sicherlich 
auch keine Wissenschaft, sondern wird das etwa davon Vor 
handene nur entstellen und verderben. Sic wird die Ansichten 
der Geschilftsleuto und Staatsmänner im besten Falle nur ge 
schmacklos und ungeniessbar machen, gewöhnlich aber selbst 
nicht einmal gehörig zu copiren verstehen. Wo aber das Ge 
rüst schulmässiger Darstellung nicht ausartet, sondern einfach 
seinem Zweck entspricht, da wird ebenfalls sein blosses Dasein 
noch weit davon entfernt bleiben, einem an sich unvollkommen 
verarbeiteten Stoff den Charakter einer folgerichtigen Wissen 
schaft zu verleihen. Dieser Umstände muss man eingedenk 
bleiben, wenn man sich den Versuchen gegenüber sieht, den 
erst seit dem letzten Jahrhundert zur Geltung gelangten Be 
griff einer nationalökonomischen Wissenschaft in die Acusse- 
rungen derjenigen Schriftsteller hincinzutragen, welche unter 
dem Einfluss des Mercantilismus schrieben. Sehr oft haben 
diese Autoren Auffassungen entwickelt, die aus dem Zusammen 
hang ihrer übrigen Darlegungen herausgehoben, den Schein 
viel tieferer Einsichten und offenbarer Vorwegnahmen der 
Hauptpunkte neuerer Systeme erzeugen. Sicht man aber näher 
zu und berücksichtigt das Ganze ihrer Darstellung und Denk 
weise, so findet sich regelmässig, dass sie nebenbei und in einem 
ihnen selbst unbewussten Widersprach auch diejenigen Haupt 
vorstellungen des Mercantilismus cultivirten, welche von einem 
ernstlich veränderten Standpunkt aus verworfen oder wenig 
stens eingeschränkt und berichtigt werden mussten. Grade die 
Thatsacbe, dass diese zerstreuten Glieder des Richtigen und 
Falschen neben einander liegen konnten, ohne dass ein einheit 
licher Körper der Wahrheit an zu treffen gewesen wäre, beweist 
uns deutlich genug, wie die Berufung auf gelegentliche Vor 
stellungen und Ausführungen oder gar auf einzelne Stellen nur 
in den seltensten Fällen etwas zu entscheiden vermöge. Wo 
es nämlich auf die Grundansichten und eigentlichen Principien 
ankommt, wird man danach zu fragen haben, von welchen Vor 
stellungen sich die Schriftsteller wirklich leiten Hessen, und 
man wird sich nicht dadurch täuschen lassen dürfen, dass sie 
bei gewissen Gelegenheiten, wo cs die grade naheliegenden 
Thatsachen mit sich brachten, fast unwillkürlich zu andern Aus 
sprüchen und Gesichtspunkten gelangten.
        <pb n="45" />
        lïiciiacli iát dor Grimd, aus welchem mandas Schema von 
den drei Systemen nicht in der gewöhnlichen Bedeutung an- 
nohmen kann, ein ganz anderer, als derjenige, welcher gegen 
wärtig nicht selten zur Verwischung aller ausgeprägten Unter 
schiede veranlasst. Es giebt nämlich Ansichten, denen zufolge 
die Vorstellung von markirten Systomrichtuugon überhaupt auf 
zugeben wäre. Indessen liegt in einer solchen Zumuthung 
nichts weiter als die Verleugnung besserer früherer Beobach 
tungen, indem die eigenthümlicli ausgeprägten Erscheinungen 
mit gestaltlosen Nebeln vertauscht und die charakteristischen 
Begriife zu leicht verwechselbaren Unbestimmtheiten verflacht 
werden. Die Systeme sind also wirklich vorhanden, und es ist 
nichts weiter zu verhüten, als dass die Virtuositäten in der Er 
läuterung und Formulirung der praktischen Maximen, wie sie 
das Mcrcantilsystcm lieferte, mit den selbständigen theoretischen 
Aufstellungen, die bei den Physiokraten ihre erste geschicht 
lich wichtige und wirksame Rollo spielten, in eine einzige 
gleichartige Einheit zusammengeworfen werden. Wie aber der 
Mercantilismus eine vornehmlich praktische Erscheinung ge 
wesen ist und dies auch hat nothwendig werden und bleiben 
müssen, wird sich aus der Untersuchung seiner Natur sofort 
zeigen. 
fl. In einem sehr allgemeinen Sinne des Worts redet man 
noch heute von Mercantilismus, wenn man eine Richtung be 
zeichnet, die ihren Ausgangspunkt ausschliesslich im Gebiet 
dos Handels hat und dessen Interessen einseitig ohne die ge 
bührende Rücksicht auf die übrigen Berufszweige geltend ge 
macht wissen will. Obwohl nun in diesem Sinne grade der 
gegenwärtige Zustand der Volkswirthschaften die Idee eines 
ganz modernen Mercantilismus sehr nahe legt, und obwohl 
dieses jüngste Gebilde keineswegs dem völlig fremd ist, was 
man in der Geschichte mit jenem Namen bezeichnet, so kommt 
es doch vor allen Dingen darauf an, die historische Erschei 
nung zunächst als solche in ihrer vollen Eigenthümlichkeit mit 
allen sie wesentlich unterscheidenden Zügen zu ergreifen und 
sich noch nicht durch allgemeinere Aehnlichkeiten ablenken 
zu lassen. 
Man sagt sehr wenig, wenn man dem Mercantilsystem, wie 
cs piaktisch und literarisch in den Jahrhunderten der neuern 
Zeit zur Herrschaft gelangte, die Maxime zuschreibt, dass der
        <pb n="46" />
        30 
i 
Handel die entscheidende Macht zur Bereicherung der Völker 
sei. Allerdings ist diese Vorstellung sein Ausgangspunkt und 
sie wurzelte in einem Antriebe der Thatsachen, welcher nichts 
Zufälliges an sich hatte. Allein es müssen noch andere Ziel 
punkte hinzutreten, und in dieser Hinsicht sind sogar die ge 
wöhnlichen Erinnerungen an die edlen Metalle und an die 
Bilanzrücksichten im Allgemeinen zutreffend. Doch pflegt man 
die Bedeutung, welche der Mercantilismus den edlen Metallen 
beilegte, ebenso wie die Art, in welcher er die Wirksamkeit 
der Handelsbilanz betrachtete, meist bis zur Caricatur zu ver 
zerren; — gar nicht davon zu reden, dass man den natürlichen 
Zusammenhang, in welchem die Bestrebungen in Rücksicht auf 
den Handel, das Held und die Bilanz standen, gemeiniglich 
übersieht. 
Die bekannte Midasfabel wurde schon im Altorthum und 
speciell auch von Aristoteles gebraucht, um zu beweisen, dass 
man Gold nicht essen könne. Die neuern und neusten Cari- 
kirer des Mercantilismus haben diese uralte und sicherlich nicht 
nach allzu viel Geist aussehende Wendung nachgeahmt und 
den mercantilen Anschauungen die thörichtsten Ansichten und 
Absichten untergeschoben. Sie haben oft genug so geredet, als 
wenn die Geschäftsleute und Staatsmänner beinahe geglaubt 
hätten, dass sich die edlen Metalle zur Nahrung des mensch 
lichen Körpers gebrauchen Hessen. Zu diesen Ausschweifungen 
hat ausserordentlich viel die Feindschaft beigetragen, mit welcher 
die neuaufkommenden Schulen und die veränderten Interessen 
Alles befehdeten, was mit dem Mercantilismus in irgend welcher 
Beziehung stand. Noch heute ist man durchschnittlich von 
einer unbefangenen und geschichtlich zutreffenden Würdigung 
der mercantilen Praxis und der ihr anhängeuden Ideen ziemlich 
weit entfernt. Die Hinweisung auf die Ueberschätzung der 
edlen Metalle durch die Mercantilisten ist zwar im Allgemeinen 
berechtigt, genügt aber nicht, indem man wissen muss, in wel 
cher Art die Vorstellung über die Rolle des Silbers und Goldes 
fehlgegriffen habe. 
In dieser Beziehung giebt es nun keinen andern Ausweg, 
als die innern und äussern Gründe zu untersuchen, aus welchen 
eine bestimmte Idee über die Bedeutung der edlen Me talle her 
vorgehen konnte. Zunächst war der Handel und zwar vor 
nehmlich der auswärtige Handel im Beginn der neuern Ge-
        <pb n="47" />
        31 
schichte die wirthschaftlich vorwiegende Macht. Die höhere 
Civilisation und Bildung hatte sich zuerst in den Italienischen 
Handelsrepubliken entwickelt, und ihnen folgten in der Bedeu 
tung für die Welt und im Kampfe um Handelseinfluss später 
hauptsächlich die Holländer, Franzosen und Engländer. Spanien 
hatte dagegen mehr die Rolle übernommen, eine Zeit lang durch 
Ausbeutung des neuerschlossenen Welttheils die Jagd auf die 
edlen Metalle typisch zu vertreten und auf diese Weise zu 
glänzen. In dieser allgemeinen Lage der Dinge war es sehr 
natürlich, dass überhaupt der gesammte Handel in der An 
eignung von Silber und Gold eine Steigerung seiner eignen 
Kräfte erblickte, und so befestigte sich die in ihrem sonstigen 
allgemeinen Ursprung sehr begreifliche Neigung, den Reichthum 
überall da anzunehmen, wo die edlen Metalle in reichlicher 
Menge angezogen und erworben werden konnten. Der Besitz 
der letzteren wurde als eine Errungenschaft des Handels an 
gesehen, die zugleich wiederum den Handel zu neuen Erfolgen 
befähigte. Mindestens galten Silber und Gold als Zeichen des 
Reichthums, wenn auch der heute oft gebrauchte Satz, dass 
Ulan amals den Reichthum habe in Gold und Silber bestehen 
assen, keineswegs zutreflend ist. Niemals war man so thöricht, 
( le verschiedenen Quellen des Wohlstandes und die wirthschaft- 
^hen Lebensbedingungen eines Volkes gänzlich zu verkennen. 
Höchstens haben hie und da einmal unkundige und beschränkte 
Schriftsteller, die noch nicht einmal immer die Oekonomie im 
Auge hatten, die Grenzen des gesunden Verstandes überschritten 
Und widersinnige Aussprüche gethan, die aus ihrem erklären 
den Zusammenhang entfernt und als Belägstellen angeführt, 
noch erst vollends zu literarischem Unfug werden. 
Was man aber wirklich that und was das auszeichnende 
Merkmal jenes Mercantilismus bildete, war die Unterwerfung 
jeder sonstigen natürlichen Betrachtungsweise der Reichthums 
quellen unter den leitenden Gedanken der wohlthätigen Wir 
kung des Besitzes edler Metalle. Man sah die Manufacturen 
und den Ackerbau vornehmlich darauf an, in welcher Weise 
«e zur Erzielung eines günstigen, mit dem Erwerb von edlen 
Metallen verbundenen Handels führen könnten. Man suchte 
also auch die Industrie nach ihrer goldbeschaffenden Kraft zu 
messen. Man wollte die Manufacturen gefördert wissen, weil 
nian in ihnen das Mittel sah, den angedeuteten günstigen Handel
        <pb n="48" />
        auszudehnen. In diesem Ideengange lag die bekannte Ansicht 
eingeschlossen, dass ein Volk ini auswärtigen Verkehr eine 
günstige Bilanz in der Gestalt eines in edlen Metallen von dem 
Ausland zu zahlenden Ucberschusses erzielen müsse. So wurde 
die Maxime der Politik, die Gunst oder Ungunst der Handels 
bilanz als ein Zeichen des Erfolges oder der Schädigung anzu 
sehen, ein ganz natürlicher und sehr begreiflicher Bcstandthcil 
der mercan tilistischen Vors teil ungsart. Hiezu kamen die Port- 
schlitte in der einheitlichen Gestaltung von Grossstaaten, und 
cs wurde der IVcttkampf um den Handel, der durch seine neuen 
oder näher gerückten Verbindungen einen weiteren Schauplatz 
und durch die Metallzufuhren aus dem erschlossenen Welttheil 
in der That ein verbessertes Werkzeug erhalten hatte, das vor 
herrschende Gepräge der weiteren Geschichte. Die Vereinigung 
von nur erst lose zusammenhängenden Nationalmasscn zu 
Nationalstaaten trug nicht wenig dazu bei, den Begriff einer 
eigentlichen Volkswirthschaft im Gegensatz zu andern Volks 
wirt!] schatten herauszubilden. Jedoch blieb diese hochwichtige 
Vorstellung bis auf die neuste Zeit mehr oder minder beengt, 
weil sic ihren Schwerpunkt fast ausschliesslich in der Einheit 
der Staatsfinanzen hatte und begreiflicherweise haben musste. 
Hiemit hing es denn auch zusammen, dass man alle Maass- 
regelu in erster Linie und meist sogar einzig und allein in 
ihren Beziehungen zu den Bedürfnissen der Regierungen er 
örterte. Diese Geldbedürfnisse und ganz besonders diejenigen 
für die mit jener Staatenentwicklung und Staateneifersucht sehr 
natürlich verbundenen Kriege trugen dazu bei, die Glieder in 
der Ideenkette des Mercantilismus zu vervollständigen und den 
Ring dieses Systems gleichsam zu schliesseii. Ueberall war es 
dm auf das Geld gerichtete Zugkraft der Vorstellungen, welche 
nicht nur in den praktischen Maassnahmen, sondern auch in 
allen Erörterungen und Betrachtungen die Herrschaft führte. 
Der Besitz der edlen Metalle als Wirkung und als Ursache, 
als Erfolg und als Anregung der wirthschaftlichen Thätigkeiten 
unter der Leitung des Handels; — dies ist, soweit überhaupt 
ein paar Worte zur Kennzeichnung genügen können, die leitende 
Idee des Mercantilismus gewesen. 
4. Die genaue Bestimmung des mercantilistischen Irrthums 
kann nur erfolgen, wenn man erwägt, dass der Fehlgriff auf 
der blossen Abwesenheit einer freieren und mehr unmittelbaren
        <pb n="49" />
        33 
^otraclitiing der TV olilstandsqiiellcn beruhte. Man bewegte seint 
Vxedauken am Leitfaden des Geldes und befand sich hiemit ur 
sprünglich im Stadium einer üneutwickeltheit, ja man möchte 
Sitg-en Rohheit des Denkens, wie sie am einzelnen Menschen 
individuell sehr erklärlich ist und noch heute nicht blos unter 
cn wirthschaftlich Unkundigen nachgewiosen werden kann. 
Der Gegensatz dieser beschränkten Auifassiingsart der ökono- 
misohen Vorgänge besteht in demjenigen Verhalten, welches 
man die Naturalbetrachtung nennen könnte. Der letzteren zu 
folge erwägt man die wichtigsten Beziehungen, bei denen dies 
überhaupt möglich ist, grade so, als wenn die Vermittlung des 
Verkehrs durch das Geld gar nicht vorhanden wäre. Für einen 
grossen Kreis von Wahrheiten kommt das Dazwischentreten 
des Geldes in der That gar nicht in Betracht, und die starken 
Seiten in dem wirthschaftlichen Denken Adam Smiths beruhten 
auf dem Absehen von dieser Dazwischenkunft. Erst durch 
diesen Contrast erklärt und bestimmt sich das unwissenschaft- 
,che Element vollständig, welches die ältere Vorstellungsart 
theoretischunfruchtbarbleibenliess. Ebensobegreiftsichlber 
auch, wie in der entgegengesetzten Richtung eine grosse Un- 
vo Ikommenheit und Unzulänglichkeit der Ideen und Sätze nicht 
Überwunden werden konnte, solange man die Naturalbetrach- 
tung nicht wieder hinterher durch eine verbesserte Rücksicht 
nahme auf die eigenthümlichen Einwirkungen des Geldes er 
gänzte und verfeinerte. Hiemit ist denn auch zugleich erklärt, 
warum die neusten und vollkommensten Systeme von einigen 
Seiten mercantilistischer Irrthüiner beschuldigt werden, wäh 
rend die jüngsten Wendungen in der That nichts Anderes be 
zwecken, als die feineren Verhältnisse der durch das Geld her- 
vorgobrachten eigen thümlichen Gestaltungen aufzudecken und 
cs nicht mehr bei der ganz im Groben verbleibenden ersten 
Stufe der Naturalbetrachtung bewenden zu lassen. 
Wenn Jemand bei seiner wirthschaftlichen Thätigkeit auf 
nichts weiter achtet als auf den Umstand, dass er Geld'erwerbe, 
nnd wenn er hiebei auch gar nicht weiter zu der Einsicht ge 
äugt, dass der Besitz des Geldes nicht an sich selbst sondern 
r vciinöge der mit ihm jedesmal übertragenen ökonomischen 
lacht Bedeutung habe; — so wird er als Privatmann genau 
icjcmge Idee vertreten, welche durch den Mercantilismus auch 
Betrachtung der Volks wir thschaft zur Geltung kam. 
ölinng, Oeschiclite der Nationalökonomie. 2. Auflage. 3 ^
        <pb n="50" />
        Die ungenügende Ansicht von der Stellung des einzelnen Kauf 
manns übertrug sich so auf das Yolksganze, und derselbe Mangel 
an Unterscheidung, welcher nur nach dem Geldstoff fragen 
liess, führte sich auf diese Weise in das Gesammturthoil über 
die allgemeinen wirthschaftlichen Zustande ein. Man muss sich 
künstlich auf diesen Standpunkt der noch sehr rohen Beur- 
theilung und Handhabung der Geschäfte zu versetzen suchen, 
um überhaupt an ihn glauben zu können. Man muss die schrift 
stellerischen oder sonstigen in nicht eigentlich theoretischen 
Schriftstücken enthaltenen Zeugnisse unter Vermeidung jeder 
unwillkürlichen Voraussetzung und Unterlegung unserer heutigen 
Denkungsart würdigen, wenn man überhaupt zu einem Vor- 
ständniss jener geschichtlichen Unentwickelthoiten des wirth 
schaftlichen Denkens gelangen will. 
5. Die Italiener pflegen Antonio Serra von Neapel als den 
jenigen Mann zu betrachten, der ihre umfassende, in einem 
weiteren Sinne des Worts ökonomische Literatur oingeleitet 
habe. Nehmen wir diese Auffassungsart an und lassen wir 
zugleich die Idee gelten, dass sich die ersten ernstlicheren 
Versuche wirthschaftlicher Orientirung da vollzogen haben und 
vollziehen mussten, wo Vorkehr und Wissenschaft zu allererst 
wieder angeregt wurden, so können wir Serras Buch mit seinem 
höchst charakteristischen Titel als eine Art Inschrift am Ein 
gänge der neuern Vorgeschichte der Oekonomie betrachten. 
Es ist dies ein „Kurzer Tractat von den Ursachen, welche, wo 
Bergwerke nicht vorhanden sind, dön Ländern eine reichliche 
Versorgung mit Gold und Silber ermöglichen” (far ahondare 
d’oro o d’argento). Diese merkwürdige Schrift ist 1613 aus dem 
Gefängniss datirt und rührt übrigens von einem Manne her, 
der schon durch seinen Charakter und seine Schicksale eine 
besondere Aufmerksamkeit verdient. Zwar ist der Ausgang 
seines Lebens in Dunkel gehüllt, und auch seine Schrift hat 
später erst wieder aufgosucht werden müssen; doch woiss 
man, dass er 10 Jahre dem Kerker anhoimfiol und dass er sich 
die Namen der Genossen des republikanischen, gegen die Eromd- 
herrschaft gerichteten Unternehmens, in welchem er agirt hatte, 
auch nicht durch die Folter entreissen liess. Es ist bei ihm 
also doch wenigstens vorauszusetzen, dass er die Feder nicht 
zu eitlem Geschwätz und nicht dazu angesetzt habe, um etwas 
zu schreiben, wovon er nicht überzeugt gewesen wäre. Auch
        <pb n="51" />
        35 
entspricht der Inhalt seiner Abhandlung ernstlich der Aufschrift 
derselben und befindet sich nicht, wie neuerdings behauptet 
worden ist, im Widerspruch mit der mercantilen Gedanken- 
nchtung. Im Gegentheil kann man grade an dieser kleinen 
öchrift studiren, wie alle Hauptzweige der wirthschaftlichen 
ihätigkeit dem dominirenden Gedanken der Metallbeschaffung 
unterworfen und nur in ihren Beziehungen zu diesem Gegen 
stände betrachtet wurden. Freilich kann man aber auch ebenso 
ersehen, dass die ganz groben Unterschiebungen, welche in 
neuster Zeit den Autoren der mercantilen Richtung einen fast 
für Kinder greifbaren Widersinn angedichtet und sich hiemi; 
selbst das Urtheil gesprochen haben, nie und nirgend auch nur 
annähernd zutreffen, wo höhere Bildung und gesundes Urtheil 
vorhanden waren. Eine gänzliche Verkennung der allgemeinen 
auf der Hand liegenden Ursachen des Wohlstandes hat stets 
nur da Platz gegriffen, wo überhaupt jedes selbständige Urtheil 
Völlig mangelte. Abgesehen von dem letzteren Fall, der fast 
nur auf dem Gebiet der Verschulung und der den scholastischen 
Ueberheferungen specifisch anhaftenden Beschränktheit ror- 
kommt, haben es die Vertreter der mercantilen Richtung nicht 
an einom gewissen Verständniss der Thatsachen und oft genug 
auc 1 nicht an einem solchen Maass von Geist fehlen lassen, 
wie man es in der Sphäre der wissenschaftlich constituirten 
Nationalökonomie der neusten Zeit in mehrfachen Richtungen 
nur zu häufig nicht aufzufinden vermag. 
Die wirthschaftlichen Schriftsteller der Italiener aus der 
jüngsten Zeit nehmen im Hinblick auf die lange Reihe von 
Werken, welche sie unter die Rubrik der Volkswirthschafts- 
lehre bringen, für ihre Nation eine ganz besondere Stellung in 
Anspruch. Sie gehen nicht selten gradezu von der Idee aus, 
«ass sicli die Nationalökonomie in Italien selbständig oder 
wenigstens in fester Haltung gegen theoretische Ausschwei 
fungen anderer Nationen entwickelt habe. Der Streit über diese 
Ansprüche wird nun aber sofort in die richtigen Bahnen ge- 
eitet, wenn man sich erinnert, dass es sich in letzter Instanz 
doch immer um die wissenschaftlich gestaltete Oekonomio han- 
( e n weide, die nicht viel über ein Jahrhundert alt ist. Im 
mblick auf diese viel bestimmter gestellte Frage wird man 
ün allerdings zugeben können, dass die Italiener vor der Pflege 
einiger Abirrungen dadurch bewahrt geblieben sind, dass bei
        <pb n="52" />
        36 
ihnen in Verbindung mit den wirthschaftliclien Reflexionen stets 
eine theoretisch politische Ueberlieferung mächtig gewesen ist. 
Man braucht nur an Macchiavelli zu erinnern, und man wird, 
ohne diesem noch heute nicht hinreichend gewürdigten Mann 
etwa durch Einreihung in die Geschichte der Ockonomio eine 
ganz unpassende und ihm selbst gar nicht entsprechende Schein 
ehre scholastischer Art zu erweisen, begreiflich zu machen ver 
mögen, dass die Italienischen Autoren nicht so leicht, wie die 
jenigen anderer Völker, den Leitfaden der politischen Betrach 
tungsweise verlioren konnten. Ausserdem hat der Gedanke an 
die antike Vergangenheit und mitunter auch wohl der Hinblick 
auf die Organisation der priestcrlichen Beherrschungsformen 
das Gefühl für die Wichtigkeit der politischen Betrachtungsart 
lebendig erhalten. Hiezu kam der Stachel, welcher in dom 
Mangel eines Nationalstaats und in der Erprobung der wirth- 
schaftlichen Wirkungen der Zersplitterung lag. Die Italienischen 
Schriftsteller hatten daher keine Veranlassung, ihre wirthschaft- 
lichen Erörterungen aus dem Zusammenhang der politischen 
Ueherlegungcn zu lösen. In der That beweist ihre Thätigkeit 
in allen Jahrhunderten der neuern Zeit bis auf die jüngsten 
Erscheinungen hin, dass sie mit Vorliebe an dem festgehalten 
haben, was die Oekonomio mit der Politik oder auch mit den 
Sitten verbindet. So geneigt man aber auch sein möge, alle 
Vorzüge dieser einheitlichen Behandlung der Oekonomie und 
aller öffentlichen Angelegenheiten anzuerkennen, so kann doch 
die tiefere Erkenntniss der Beziehungen zwischen Oekonomic, 
Politik und Moral erst dadurch gewonnen werden, dass man 
diese Gebiete zuvor wissenschaftlich trennt und erst hinterher 
die Bindeglieder nachweist, welche die Grundsätze der einen 
Sphäre mit denen der andern in Beziehung bringen. Die frag 
liche Eigenschaftder bei den Italienern vorherrschenden Behand 
lungsart volkswirthschaftlicher Gegenstände ist daher schliess 
lieh als ein Zeichen der mangelnden Entwicklung nothwendiger 
Zergliederungen und Trennungen zu betrachten, und selbst 
die relativen Vortheilo, die mit dieser Verhaltungsart vcrhundcu 
waren, sind als Wirkungen dieses Mangels, nicht aber als Con- 
sequenzen eines höheren wissenschaftlichen Bewusstseins an 
zusehen. 
Geht man die bändereiche Custodische Sammlung der öko 
nomischen Autoren der Italiener durch und sieht von den Er-
        <pb n="53" />
        — 3 í 
scheinungen ab, welche der Zeit der bereits constituirten wissen 
schaftlichen Oekonomio angehören, so findet man das Thema 
von Geld und Handel überall vorherrschend. Wenn überhaupt 
irgendwo, so drückt sich in den einschlagenden Schriften der 
Mercantilismus deutlich genug aus, und es dürfte ein vergeb 
liches Unternehmen bleiben, auf diesem Felde etwas Anderes 
nach weisen zu wollen. Allerdings wird die Neugestaltung Ita 
liens die bereits hervortretende und den alten Traditionen an 
Eifer ebenbürtige Regsamkeit mit der Zeit noch steigern. Aber 
die auch neuerdings von mehreren Schriftstellern festgehaltene 
Vermischung der Oekonomie mit der Politik und namentlich 
mit der Moral ist nicht jene verstandesmassige Verbindung, 
welche diese Elemente nach ihrer gehörigen wissenschaftlichen 
Trennung in geordneter Weise wieder vereinigt. Es bekundet 
sich in manchen neuern Werken dieser Art vielmehr noch 
jener Mischcharakter, aus welchem die scharfen Gestalten erst 
abgeschieden werden sollen. Nichtsdestoweniger eröffnet die 
Stellung Italiens zu den übrigen Völkern jetzt die Aussicht, 
dass dies Land dazu beitragen werde, die Nationalökonomie in 
einem den Brittischen Einflüssen später weniger zugänglichen 
Sinne auszubilden, und hiebei mag es sich am natürlichsten an 
den politischen Geist halten, dessen Geltendmachung nach allen 
Richtungen ihm Bedürfniss sein und immer mehr werden muss. 
In diesem Bestreben werden die Italienischen Volkswirthschafts- 
theoretiker der nächsten Zeit selbstverständlich weit mehr, als 
bis jetzt geschehen ist, dafür zu sorgen haben, dass die Ver 
gangenheit ihrer ökonomischen Literatur in das rechte Licht 
trete. Was sie aber auch thun, und welche Vorzüge sie noch 
einmal nachweisen mögen, die Behauptung, dass sie die National 
ökonomie geschaffen oder gar, dass sie das Mercantilsystem 
nicht wesentlich wie andere Völker gepflegt hätten, wird bei 
einer nur irgend kritischen d. h. auf den erheblichen Inhalt der 
eigentlich wissenschaftlichen Oekonomie aufmerksamen Unter 
suchung stets hinfällig werden müssen. Wenigstens könnten 
wir uns in Deutschland beinahe mit ähnlichem Recht eine ältere 
theoretisch nationalökonomischc Vergangenheit zuschreiben, weil 
wir seit den entsprechenden Jahrhunderten sogenannte camera- 
listischo Schriftsteller in Fülle aufzuweisen hätten. Indessen 
dürfte ein derartiger Anspruch demjenigen, der weiss, was die 
wissenschaftliche Oekonomie des letzten Jahrhunderts zu be-
        <pb n="54" />
        88 
deuten hat, einigermaassen bizarr, um nicht zu sagen lächer 
lich erscheinen. Wie grosse Ursache also auch die erst neu an 
die selbständige Pflege einer wissenschaftlichcnNationalökonomie 
höherer Art herantretenden Völker haben mögen, die histo 
rischen Elemente ihrer Vergangenheit gegen die Anmaassungen 
der Neubrittischen Theorie als des ausschliesslichen Trägers 
wirthschafthcher Wahrheit zu schützen, so worden sich die be 
rechtigten Geltendmachungen eigner Ansprüche doch meistens 
auf die letzten paar Monschenaltor einzuschränken haben. Vor 
der wissenschaftlichen Oekonomie, die mit der zweiten Hälfte 
des 18. Jahrhunderts erstand, hat es überall wesentlich nur 
eine Praxis gegeben, und die verschiedenen Völker haben 
sich nur dadurch unterschieden, dass sie die Reflexionen über 
oder gegen diese Praxis in mehr oder minder entwickelten 
Formen aussprachen. In dieser Beziehung kann kein Zweifel 
bestehen, dass die Italiener den Vortritt hatten und von den 
Wirkungen desselben sich auch unter dem schlimmsten Geistes 
druck noch immer Einiges erhielten. Für den Punkt, auf den 
es uns aber an dieser Stelle ankommt, stellt sich die Antwort 
am allerbestimmtcsten, indem grade der Mercantilismus bei den 
Italienern so gepflegt worden ist, wie es dem Sinne der Serra- 
schen Abhandlung entspricht. 
6. Sucht man für die in allen Ländern geübte Praxis des 
Mercantilsystems einen schon hoch entwickelten und typischen 
Ausdruck, so bietet sich in unvergleichbar hervorragender Weise 
die Handels- und Industriepolitik Colberts dar. Dieser auch für 
die allgemeine Geschichte so grosses Interesse bietende Minister 
Ludwigs XIV. bevorzugte jedoch innerhalb des Rahmens der 
gewöhnlichen Mercantilpolitik das eigentlich industrielle Element 
so entschieden, dass diese Thatsache unsern grossen National 
ökonomen Friedrich List veranlasst hat, für den Colbertismus 
die Bezeichnung als Industriesystem für gerechtfertigt zu er 
achten. Jedoch empfiehlt es sich nicht, die Einsicht in die be 
treffende Eigenschaft des Colbertismus durch den Gebrauch 
von Namen fördern zu wollen, die in der theoretischen Oeko 
nomie ihren bestimmten und schwerlich jemals veränderlichen 
Sinn bereits erhalten haben. Die Oekonomie Adam Smiths 
heisst Industriesystem, weil sie die Quelle des Völkerreichthums 
in der Arbeit findet. Ein praktisches Industriesystem irn engem 
Sinne und im Gegensatz zu jener theoretischen Vorstellung
        <pb n="55" />
        89 
wird nun aber überall da zu suchen sein, wo die Wirthschafts- 
politik einer Nation auf die Schöpfung, Erhaltung oder Steige 
rung der Manufacturen als auf die Grundlagen der ökonomi 
schen Kraft vorzugsweise gerichtet ist. Naturgemäss wird ein 
solches System auch einen wissenschaftlichen Gedankenkreis 
zum Gegenstück haben; aber es ist nicht durchaus nothwendig, 
dass eine Lehre, welche sich vornehmlich an die Arbeit als 
Princip hält, auch mit einer speciellen Industriepolitik zusam- 
mentretfo. Es sind im Gegentheil in der reinen Theorie die 
verschiedensten Mischungen denkbar. Sie kann in Rücksicht 
auf das, was sie zur blossen Erklärung eines beschränkteren 
Kreises von Erscheinungen leistet, vollkommen wahr ausfallen 
und dennoch in dem, was sie will und als Ziel der Praxis hin 
stellt, gewaltig irren. Diese beiden Bestandtheile einer Theorie 
muss man auseinanderhalten, wenn man gegen die letztere 
nicht ungerecht werden will. Die rein theoretischen Systeme, 
welche eine volkswirthschaftliche Praxis zunächst ganz ver 
worfen und sich auf die Empfehlung der blossen Wegräumung 
von Hindernissen beschränkt haben, sollten überhaupt eingehen 
der nur auf das geprüft werden, was sie zur Erklärung der 
allgemeinsten Erscheinungen leisteten. Im Uebrigen muthet 
man ihnen zu viel zu, wenn man sie im Einzelnen für den 
Gegensatz zu irgend einem praktischen System verantwortlich 
macht. Ein solches lag ja gar nicht in ihrer Absicht, und man 
thut am besten, wenn man in dieser Richtung ihnen gegenüber 
die Zurechnung ganz ausschliesst, indem man sich mit der 
Peststellung der Unmöglichkeit der letzteren begnügt. Auf 
diese Weise wird der Streit zwischen allzu ungleichartigen 
Mächten ganz vermieden oder doch abgekürzt. Wir lassen 
also den Namen Industriesystem auf sich beruhen und halten 
uns an die Thatsachen. 
Die Ideen, denen Colbert in seinen Denkschriften und ähn 
lichen Arbeiten einen ganz unverkennbaren Ausdruck gegeben 
hat, lassen keinen Zweifel darüber, dass er die mercantile An 
schauungsweise der oben gekennzeichneten Art auch da an 
erster Stelle vertrat, wo er dieselbe mit der Richtung auf die 
unmittelbare Beförderung der eigentlichen Industrie mischte. 
Das unbefangene Urtheil wird daher auch hier anerkennen 
müssen, dass sich der Grundzug der herrschenden Auf 
fassungsart und namentlich die Rücksichtnahme auf die
        <pb n="56" />
        40 
int^nabona^ Handelsgestaltung nicht wesentlich verändert 
land. Die Person des Mannes ging freilich nicht in der vor- 
lierrschenden Bjchtnng: gänzlich auf. 8io irertrat noch etivas 
molir, und nicht ganz unpassend haben socialistische Geschichts 
bearbeiter, wie Lonis Blanc, den Kaiifmannsabköminling und 
ehemaligen Handlungsgehülfen als denjenigen bezeichnet, der 
zur Machtentfaltung der Bourgeoisie den Grund gelegt habe. 
Ausserdem ist die Rolle Colberts gar nicht gehörig zu würdin-on 
wenn man den Schwerpunkt derselben, der in den oigentliWieu 
htaatshnanzen lag, nicht zum unmittelbaren Gegenstand der 
rorterung zu machen hat. Der Finanzminister und der Ilan- 
( elspohtiker nach Maassgabe der damaligen Bedürfnisse fanden 
sich so eng verbunden, dass man auch die Innern wirthschaft- 
lichen Vornahmen nur als Zubehör jener Positionen ansehen 
darf Ueberhaupt erklären sich alle wirthscliaftlichen Acte der 
fraglichen /eiten, ja überhaupt der früheren Jahrhunderte am 
natürlichsten, wenn man stets eingedenk bleibt, dass die un- 
mittclbare und selbständige Vorstellung von einer Volkswirth- 
^haf die in sich selbst und im Wdhlstand der gesammten 
Bevölkerung ihr Ziel habe, noch gar nicht existirte. Imlnter- 
esso der ^aatshnanzen und zur Steigerung der Eriegsfähigkeit 
wurde selbstverständlich auch das wirthschaftliche Schicksal der 
ürger und überhaupt der als ökonomisch wichtig betrachteten 
Gesellsohaftselomento einigermaassen berücksichtigt. Ja es 
konnte d^selbe niemals ganz ausser Acht gelassen werden 
insoweit Classen vorhanden waren, die sich selbst geltend 
machten und mit ihrem Einfluss aueh der absolutesten und per- 
sönlichsten Gewalt gegenüber keine gleichgültigen Widerstands- 
Kräfte bildeten. 
Niemand wird dio Thatkraft und unermttdliche Arbeitsam 
keit leugnen können, mit welcher ein Colbert die Geschäfte 
irto und nach allen Richtungen überwachte. Auch die Un 
bestechlichkeit des Mannes, die damals inmitten der Corruption 
me r als gewöhnlich zu bedeuten hatte, findet sich sogar bei 
oisguillebert, dem eifrigen Gegner, ausdrücklich hervorgohoben. 
Was ein zäher Wille und eine ausnahmsweise solide Wahr 
nehmung der finanziellen und wirthscliaftlichen Angelegenheiten 
des Landes unter Anbequemung an die sonstige Politik Lud- 
wigs Xiy. vermochte, davon haben die zwei Jahrzehnte der 
olbertschen Wirksamkeit Zeugniss abgelegt. Es war ein
        <pb n="57" />
        grosser Theil von dem, was geschah, weit weniger dem System 
äls der Person zu danken, welche dieses System ausführte und 
zweckmässig modificirtc. Hieher gehörten besonders die direclcn 
Bemühungen um die Herstellung einer selbständigen und ver 
zweigten Industriethätigkoit. Diese erfolgreichen Bestrebungen 
waren etwas entschieden Positives, während dasMercantilsystem 
und die Führung des Kampfes um die Handclsstellung mit den 
zugehörigen Tarifconsequenzen nur die negativen Vorbedingungen 
lieferten. Colbert selbst war, wie man nicht blos aus dem Geist, 
sondern auch aus den Worten seiner Schriftstücke unzweifel 
haft sieht, von dem Gedanken des Handelskampfes zwischen den 
Nationen völlig durchdrungen. Er hegte die üeberzeugung, 
dass es sich in diesen Conflicten um Sein und Nichtsein handle, 
und man wird diese bei ihm, wie überhaupt zu seiner Zeit, 
sehr scharf zugespitzte Aufhissungsart nur durch die Verglei 
chung derselben mit dem Kriege gehörig begreifen. In der 
That hatte man damals bei allen auf der Bühne agirenden 
Völkern nur die Niederwerfung des Handelsconcurrenten und 
eventuell auch die eigentliche Einverleibung seiner mercantilen 
Macht im Auge. Die völlige Ruinirung der Handelshauptstadt 
eines besiegten Staats durch gewaltsame Uebertragung ihrer 
bisherigen Thätigkeit auf das eigne Land und die eignen Bür 
ger lag nicht ausserhalb der bisweilen in Betracht gezogenen 
Chancen. Eine solche Denkweise war nichts, was man auf 
Rechnung der besondern Persönlichkeit Colberts setzen könnte. 
Sie war nur ein Zug der Zeit und der Verhältnisse, den auch 
er theilte. Seine wirkliche Politik gegen die Holländer war 
sogar nur ein Theil von dem, was unter einer andern Gestal 
tung der Machtverhältnisse in weiterem Umfang geschehen 
sein würde. 
7. Die Ausdrücke Mercantilsystem, Colbertisraus und Schutz 
system sind oft fast als gleichbedeutend gebraucht und mit ein 
ander vertauscht worden. Auch ist dies, so lange man ganz 
im Allgemeinen blieb, noch durchaus kein Fehler gewesen. 
Handel, Geldbeschaffung, günstige Bilanz und Schutzzölle, — 
das sind Begriffe, deren einheitliche Verbindung zu einem 
praktischen System jene verschiedenen Namen führen, die ent 
sprechenden sachlichen Seiten aufweisen und doch ein in sich 
gleichartiges Gebilde vertreten kann. Indessen ist der Charakter 
eines solchen Systems einer sehr verschiedenen Ausprägung
        <pb n="58" />
        je nachdem die ganze Zurüsfcung der staatlichen Rege 
lung der Wirthschaftsbeziehungen zur Anwendung gelangt, oder 
aber vorwiegend die reinen Schutzzollmaassregeln das Haupt- 
augenmerk bilden. Insofern es sich nun hiebei nicht um die 
innern ganz positiven Unterstützungen der Industrie handelte, 
lässt sich die Richtung der Colbertschcn Maassregeln im üebrigen 
keineswegs als eine Uebung des gesammten mcrcantilen Apparats 
ansehen. Wo er nach Aussen agirte, suchte er vielmehr das 
System rationeller zu gestalten, indem er die Schutzidco zur 
Hauptsache machte. Allerdings hatte er die spätere völlige 
Ungemischtheit dieses Systems noch nicht vor Augen. Seine 
Zurückhaltung des Gctraides im Innern des Landes gehört zu 
den auch von den neusten und entschiedensten Anhängern jener 
Politik verurtheilten Maassregeln. Auch kann man nicht behaup 
ten, dass Colbert oder irgend einer seiner Zeitgenossen die 
befolgten Maximen mit den auch nur von diesem Standpunkt 
aus zureichenden tlieoretischen Gründen ausgestattet habe. 
Der Zug des Noth wendigen und die mehr instinctiven als deut 
lich bewussten Regungen hätten in der wirthschaftlichen Völ 
kerpolitik das Entscheidende thun müssen, und erst hinterher 
konnten dio tiefem Ursachen der Zweckmässigkeit des Ver 
haltens eine Sache der Kritik werden. Erst die allez jüngsten 
Gestaltungen unserer Wissenschaft haben einen Standpunkt 
möglich gemacht, aus welchem sich das damalige Verfahren 
wenigstens in gewissen Grundzügen erklärt. Von diesem Stand 
punkt werden aber weit weniger die Verstandesgründe, die 
man zu jener Zeit geltend machte, als vielmehr die so zu sagen 
unwillkürlichen Thatsachen der staatlichen Selbsterhaltung zum 
Gegenstand der Untersuchung. Nicht dio beigefügte Rechen- 
schaftsablcgung, sondern die Sache selbst in ihrer theils na 
türlichen, theils aus der Thorheit entspringenden Nothwendig- 
keit wird bei dieser kritischen Erläuterung und Sichtung im 
Auge behalten. Jedoch kann man auch in Colberts eignen 
Worten solche Fassungen seiner Grundsätze nach weisen, dio 
den Gesichtspunkten der neusten Schutztheoretikor entsprechen. 
Hieher gehört besonders eine Stelle, welche auch in Joubleaus 
Etudes sur Colbert (Bd. I Paris 1866, S. 378) abgedruckt ist 
und die leitenden Gesichtspunkte in folgende Worte zusam 
mendrängt: „Herabsetzung der Ausfuhrzölle auf die Lebens 
mittel und Manufacturen des Reichs; Verringerung der Ein-
        <pb n="59" />
        43 
fuhrzölle auf Alles, was den Fabriken dient; Fernhaltung der 
ï^rxeugnisso der fremden Manufacturen durch Zollerhöhungen.’ 
Mit andern Worten heisst dies soviel als Beförderung der Ein 
fuhr der Rohstoffe und Entwicklung einer eignen, exportfähigen 
Manufacturindustrie. Dennoch würde man irren, wenn man 
die völlig allgemeine Maxime der Erleichterung des Bezugs 
der Rohstoffe und der Förderung der Fabricatenausfuhr in 
ihrer ganzen Tragweite und in ihrem modernen Sinn als deut 
lich bewussten Antrieb voraussetzen wollte. 
Was vom Standpunkt der heutigen Wissenschaft his zur 
grössten Klarheit und zur gewissesten Einsicht entwickelt wer 
den kann, ist der Satz, dass die Steigerung der den höheren 
Beschäftigungsarten, also der eigentlichen Industrie zugeführten 
Kräfte eine Veredlung der gosammten Volkswirthschaft mit 
sich führt, welche die Nation zu einer höheren Rangstufe auf 
steigen und ihre absolute wie relative Macht wachsen lässt. 
Die Idee dieser Veredlung des wirthschaftlichen Könnens im 
Gegensatz zu dem Beharren auf der niederen Stufe eines un 
entwickelten und ohne eigne Industrie auch nicht gehörig ent 
wickelbaren Ackerbaues, — diese eminent moderne Idee der am 
meisten fortgeschrittenen Theorien konnte in ihrer strengen 
Allgemeinheit früher schon darum nicht vorhanden sein, weil 
sie in dieser reinen Fassung noch gar nicht die nähere Be 
schaffenheit der Mittel einschliesst, durch welche die Erhebung 
aus den roheren Zuständen zu bewerkstelligen ist. Das Schutz 
system ist nur eine vereinzelte Gestaltung, in welcher man 
glauben konnte jenes Ziel verfolgen zu müssen. Colbert hatte 
nun ausser dem Zollschutz, den er Holland gegenüber so nach 
drücklich zur Anwendung brachte, noch ein Gebiet innerer 
Mittel im Auge, die zum Theil director und positiv fördernder 
Art waren. Man kann über die Einzelheiten dieser Seite seiner 
Praxis streiten und die Reglementirungsgrundsätze in ihrer be 
lästigenden Gestaltung verwerfen, aber dennoch zugleich an 
erkennen, dass dieser Positivismus der staatsmännischen Thä- 
tigkeit innerhalb gewisser Grenzen auch für andere Zeitalter, 
als dasjenige Ludwigs XIV., alsdann aber selbstverständlich in 
freieren nichtpolizeilichen Formen, eine Bedeutung zu erhalten 
vermöge. Die Fürsorge für die Heranziehung geschickter Kräfte 
vom Auslande und die Beschämung der Mittel und Vorbedin 
gungen zur Steigerung der einheimischen Fertigkeiten ist eine
        <pb n="60" />
        Angelegenheit, die unter gewissen Verhältnissen nur im Grossen 
und oft nur durch die Initiative oder wenigstens Mitwirkung 
öffentlicher Organe betrieben werden kann. Wo nun hiezu die 
geeigneten Voraussetzungen in irgend einer Gestalt cintro ten 
da braucht zwar nicht der Colbcrtismus mit seinen bosondern, 
zum Theil geschichtlich durch die despotischen Verhältnisse, 
zum Theil aber auch durch den Stand des wirthschaftlichen 
Wissens bestimmt und beschränkt gewesenen Mitteln maass 
gebend zu werden; wohl aber wird das allgcmeinoro Princip, 
welches er vertrat, in einer freieren Form ähnliche Ziele ver 
folgen und bessere Ergebnisse liefern können. 
8. Die Einseitigkeiten derjenigen neuern Theorien, welche 
die Rolle der öffentlichen Organe in wirthschaftlichon Ange 
legenheiten auf gar nichts zurückgoführt wissen wollen, haben 
natürlich die Colbertschon Grundsätze sowie die Person selbst 
nach Kräften angofeindet. Dies zeigt sich unter Andcrm auch 
in neuern Specialschriften, z. B. bei Clement (in seiner Histoire 
de la vio et do l’administration de Colbert, Paris 1846) und 
sogar die erwähnten Joubloauschen Studien, deren bestes Ver 
dienst nicht in ihnen selbst, sondern in den am Ende ihres 
zweiten Bandes veröffentlichten Denkschriften und sonstigen 
Actcnstückon bestand, bieten eine Mischung der Auffassung 
dar, die nur im Hinblick auf den Französischen Standpunkt 
und untergeordnete Umstände begreiflich ist. Das Bestreben, 
einen bedeutenden Mann als Franzosen unter allen Umständen 
und selbst im Widerspruch mit der völlig entgegenstehenden 
und bis zur Caricatur ausartenden ökonomischen Anschauungs 
weise gehörig zu loben, macht einen komischen Eindruck. 
Dieser letztere muss sich noch steigern, wenn man die zwar 
übrigens kaum erwähnenswerthe, aber doch hier recht charak 
teristische Zufälligkeit erwägt, dass es das Geld der Französi 
schen Akademie und die hinter diesem Golde stehenden Per 
sönlichkeiten gewesen sind, welche als die eigentlichen Produ 
centen jener vermeintlichen Rehabilitation Colberts betrachtet 
werden müssen. Die unbefangene Würdigung in volleswirth- 
schaftlicher Beziehung wird also der grossen Persönlichkeit wohl 
erst später und zwar nur in dem Maas so zu Theil werden, in 
welchem die neusten Wendungen der Nationalökonomie mit 
dem rein negativen Standpunkt der Wirthschaftspolitik auf- 
räumen. Man wird alsdann manches an Colberts Maassregeln
        <pb n="61" />
        selir bcg-reiflicli und natürlich finden, was der ersten Entwick 
lungsstufe der wissenschaftlichen Oekonoinie unverständlich 
hlieh und ihr demgemäss als Thorheit galt. Ein sehr will 
kommenes Ilülfsmittel für die qucllenmässige Beurtheilung von 
Colberts Denk- und Handlungsweise bietet die neue, bisher 
Ungedrucktes und Zerstreutes vereinigende Herausgabe seiner 
„Briefe, Instructionen und Denkschriften” (Lettres, instructions 
et mémoires, 0 Bände. Paris 1861—69). 
Obwohl die besondern Gestaltungen der von Colbert be- 
thätigten Gewerbepolizei für unsern Zweck nicht erheblich 
sind, so mag doch eine Erinnerung an einen vornehmlich an 
gefeindeten Grundzug derselben am Orte sein, da er der socialen 
Denkweise, die in den Beformbestrebungen und in der Gesell 
schaftskritik der heutigen Zeit eine Rolle spielt, durchaus nicht 
fremd ist. Mit einem unbeugsamen Willen hielt nämlich jener 
für geschäftliche Tüchtigkeit und Ordnung ernstlich einge 
nommene Mann an dem Gedanken fest, dass die Solidität und 
Güte der Industrieerzeugnisse keine gleichgültige Angelegenheit 
sei, die man dem hergebrachten Schlendrian, den eingewurzelten 
üblen Gewohnheiten, den zufälligen Folgen der Unwissenheit 
und den beliebigen Einflüssen der regellosen Beziehungen zu 
überlassen habe. Seine Vorschriften, die sich auf die Qualität 
und eine systematische Gleichförmigkeit der Erzeugnisse im 
Interesse der Consumenten richteten, sind zwar Allen, die über 
die Schablone des laisser aller hinaus nichts weiter wahrzu 
nehmen vermögen, eine ausgemachte Verkehrtheit, liegen aber 
grade von alledem, was von socialer Seite auch heute ins Auge 
gefasst wird, wenigstens im Princip nicht allzuweit ab. Die 
corrumpirten Praktiken, welche die Erzeugnisse in allen Rich 
tungen verfälschen oder die Production in verschiedenen Be 
ziehungen unsolide machen, sind denn doch keineswegs eine 
Erscheinung, in die man sich künftig unbedingt ergeben wird. 
So sehr also auch die einzelnen Mittel Colberts zu einem grossen 
Thcil der Kritik anheimfallen mögen, so wird doch das Princip 
selbst, von welchem er ausging, die Anwendungsformen über 
dauern, die dem Zeitalter Ludwigs XIV. angehörten. 
Das bei Joubleau zum ersten Mal vollständig veröffent 
lichte und auch in der angeführten Sammlung der Briefe etc. 
Bd. II, S. 17 fg, wieder abgedruckte Mémoire über die Einanz 
angelegenheiten Frankreichs (1663) enthält in einem kleinen
        <pb n="62" />
        46 
Artikel über die Pariser Polizei einen energischen Ausdruck 
der Anschauungsweise, welche den Staatsmann im Hinblick 
auf die wirthschaftlicho Noth des Volkes leiten müsse. Es 
gebe, meint Oolbert, in einer Zeit des Mangels nichts so 
Nöthiges als „zu verhindern, dass Getraidohändler, Bäcker und 
andere Geschäftstreibende von dom Elend des Volks ungebühr 
lich profitiren.” Dieser Grundsatz, über den sich die Beschränkt 
heit einer einseitigen Ideologie völlig erhaben dünkt, birgt 
einen Kern in sich, den die socialen Ansichten ernstlich ins 
Auge fassen, wenn sie auch nicht daran denken, die Regulirungon 
für annehmbar zu halten, welche vor mehr als zwei Jahr 
hunderten in einer Musterdespotie eine Rollo spielen konnten. 
Auch in der Gegenwart haben wenigstens die eigentlichen 
Nothstände schon so viel gelehrt, dass die reine Sichselbstüber- 
lassung der wirthschaftlichen Angelegenheiten häufig genug 
zur thatsächlichen Unmöglichkeit wird. Will man jedoch in 
der Kritik des Colbortschen Verhaltens nach dieser und andern 
Seiten hin sehr weit gehen, so mag man immerhin Zusehen, 
inwieweit er das zuträgliche Maass überschritten und die 
Industrie, die er zu einem grossen Theil erst selbst schaden 
musste, mit Normen versehen habe, die zu viele Belästigungen 
im Gefolge hatten. Man wird alsdann nur finden, dass er be 
sonders nachdrücklich in derjenigen Richtung vorgegangen 
ist, in welcher man es vorher hatte fehlen lassen. Wenn nun 
ein sich mit neuer Energie geltend machendes Princip zu viel 
thut, was vorher zu wenig geschehen war, so ist dies eine nur 
zu natürliche und begreifliche Erscheinung. 
Die Thatsachen können in der Würdigung der Folgen, 
welche die Colbertscho Verwaltung begleiteten, nur dann ent 
scheiden, wenn man die ungünstigen Gegenwirkungen in 
Rechnung zieht. Die gewaltigen Ausgaben Ludwigs XIV. und 
die scbliessliche Vertreibung fieissigor und geschickter Bcstand- 
theilo der Bevölkerung aus religiösen Gründen waren ebenso 
wenig als die Verheerungen des Krieges dazu an ge than, die 
wirthschaftlichen Schöpfungen, welche der Energie eines ein 
zigen Mannes ihr Dasein verdankten, später zur unverkürzten 
Entwicklung aller ihrer Vorthcilc gelangen zu lassen. Wenn nun 
dennoch Colbert von Französischen Beurtheilcrn vielfach als 
der Begründer der wesentlichsten Richtungen der Industrie 
Frankreichs anerkannt wird, so dürfte diese Thatsacho doch
        <pb n="63" />
        47 
wohl hinreichend sein, die doctrinaren Anfeindungen seiner 
Maximen aufzuwiegen. Er, der es verstanden hatte, in der 
kürzesten Frist eine Flotte zu schaffen und die verwirrten 
Finanzen in Ordnung zu bringen, sollte auch in Rücksicht auf 
seine eigentliche Wirthschaftspolitik nicht so angesehen wer 
den, als w enn nur etwas schulknabenmässigo Oekonomie dazu 
gehörte, um ihn angemessen zu beurtheilen. Zwar würde er aus 
dem Gesichtspunkt seiner Behandlung der Staatsfinanzen, die 
den Mittelpunkt seiner Thätigkeit bildete, auch dann eine 
bedeutende Persönlichkeit bleiben, wenn sein sonstiges wirth- 
schaftliohes System ganz ausser Betracht gelassen werden sollte ; 
indessen ist die Trennung in dieser Art kaum ausführbar; denn 
man kann wohl die volkswirthschaftliche Praxis ohne die 
Staatsfinanzen, die letzteren aber nicht ohne die erstere gehand- 
habt denken. 
Die schliessliche Entscheidung über die Verdienste und den 
rationellen Sinn des Colbertschen Systems, insofern es mehr 
als blos finanziell war und sich unmittelbarer auf die Entwicklung 
und Vertheidig'ung der Industrie des Landes richtete, wird 
offenbar nicht von denjenigen Doctrinen ausgehen können, 
welche die erste Stufe der wissenschaftlichen Oekonomie und 
die mit dieser Stufe verbundene Einseitigkeit und Ideologie 
vertreten. Erst indem die Wissenschaft immer mehr dazu ge- 
langt, die Kluft, welche zwischen ihr und der Praxis zunächst 
in der grössten Ausdehnung entstanden ist, durch höhere Ent 
wicklung wieder auszugleichen, wird sie auch dem Oolbertismus 
gerecht zu worden vermögen. Sie wird alsdann einsehen und 
im Einzelnen nachweisen, dass die Instincte der nationalen 
Selbsterhaltung inmitten eines vorherrschend feindlichen Völkei- 
vorkchrs die wesentlichen Züge jenes Systems mit sich brach 
ten, und dass die Gegenseitigkeiten und die Rechtsgemein 
schaften im internationalen Handel von einer auch in allen 
andern Beziehungen vorhandenen Möglichkeit des friedlichen 
Verhaltens abhängig sind. Die Völkerverhältnisse wollen zu 
einem wirtlischaft 1 ichen Recht im Laufe der Zeit erst ent 
wickelt sein und bieten von vornherein und als natürlichen 
Ausgangspunkt nur das Bild eines Zustandes der Abschliessuug 
sowie der gegenseitigen Eifersucht dar. Wenn nun ein prak 
tisches System der Wirthschaftspolitik alle ausserwirthschaft- 
lichen Relationen der Völker ganz übersehen und sich nicht
        <pb n="64" />
        48 
einigcrmaassen nach den Verhältnissen richten wollte, welche 
für die sonstigen Beziehungen maassgehend sind, so würde es 
etwas ganz Naturwidriges unternehmen und seine Maximen mit 
dem übrigen Lauf der Dinge in Widerspruch setzen. Die Natur 
selbst hat dafür gesorgt, dass die Interessen und Instincte der 
Selbsterhaltung und Machtsteigerung solche Ungleichartigkcitcn 
der wirthschaiclichen und der allgemeinen Politik vorurthcilcu, 
und die gründlichste Theorie kann nichts weiter thun, als die 
Gesetze dieser Gestaltungen nachweisen. Vom Standpunkt 
einer solchen Theorie wird aber der Colbertismus wenigstens 
in seinen principiellen Antrieben Recht behalten müssen, wenn 
auch über die besondere Gestaltung der Mittel, deren er sich 
bediente, und über die specifisch mercantilen Elemente, die er 
einschloss, eine andere Entscheidung zu treifen ist. 
Drittes Capitel. 
Vorgänger und Anzeichen einer rationelleren Volkswirthschaftslehre. 
Eine Wissenschaft ist mit ihrem gesammten Inhalt nie 
mals das plötzlich hervorspringende Erzeugniss einer einzelnen 
Gedankenhandlung. Auch wird es nie eine einzige Person sein, 
auf deren Rechnung man den vollständigen Inhalt eines ganzen 
Wissenszweiges setzen dürite. Es herrscht für die erste Bil 
dung einer Wissenschaft ebensogut ein Gesetz der Stetigkeit, 
wie dies anerkanntermaassen für die Weiterentwicklung der 
Fall ist. Wo man grundlegende und epochemachende Werke 
als Ausgangspunkte von neuen Wissensgebieten bezeichnet, 
kann dies für die tiefere Untersuchung nie den Sinn haben, 
dass die Gesammtheit der einschlagenden Ideen und Einsichten 
mit einem Mal aus dem Kopf eines einzelnen Mannes hervor- 
gegangen sei. Man wird also überall, wo man nur nachforschen 
will, die Ansätze zu wichtigen Ideen auch bei früheren Schrift 
stellern und überhaupt in den verschiedensten älteren Gedanken 
kundgebungen anzutreffen vermögen. Diese Nothwondigkeit 
ist aus innern Gründen von vornherein abzusehen, und wer 
sich einmal die Einsicht in dieses Verhältniss im Allgemeinen 
zu eigen gemacht hat, wird an den besondern Nachweisungeu del- 
Spuren und Keime späterer wissenschaftlicher Aufstellungen 
nicht mehr ein allzu intensives Interesse nehmen können. Er
        <pb n="65" />
        49 
W0Í8S ja schon im Yoraiis, dass die Ansätze zu den mehr ent 
wickelten Ideen vorhanden gctwesen sein müssen, wo die Yor- 
hedingnngen zu der betreffenden Gedankenthätigkeit, also die 
äussern Anregungen und die innern Fähigkeiten vorhanden 
waren. Er weiss ferner auch, dass sich an Spuren solcher Art 
noch weit mehr feststellen lassen würde, wenn der Kreis der 
erhaltenen Literatur umfangreicher wäre. 
Aus dem eben gekennzeichneten Sachverhalt folgt aber 
noch keineswegs, dass irgend eine Art von Ueherlieferung der 
Grund gewesen sein müsse, aus welchem es den Späteren ge 
lungen sei, etwas Aehnliches, aber Yollkommneres hervorzu- 
hringen. Die Reproduction ist im Gegentheil nur selten die 
Sache derjenigen, welche die Fundamente neuer Wissenschaften 
aufführen. Eine grosse Anzahl von Ideen wird von ihnen lieber 
in ganz ursprünglicher Weise durch Nachdenken über die ge 
gebenen Yerhältnisse erzeugt, anstatt wie von Seiten der weniger 
denkfähigen oder ganz passiven und nachahmenden Naturen 
geschieht, bei Andern aufgesucht zu werden. Ausserdem giebt 
es Bestandtheile des Wissens, die in einer entwickelteren 
Periode so gleichgültig und unerheblich erscheinen, dass sie 
unwillkürlich gleichsam aus der Umgebung aufgenommen und 
fast unbewusst angeeignet werden. Derartige Elemente werden 
nun nicht einmal vorzugsweise aus der Literatur stammen, 
sondern dem Leben und Yerkehr angehören. Sieht man nun 
aber von alledem, was sich auf die eben angegebene Weise er 
klärt, gänzlich ab, so muss man für das Uebrige neben der 
Anregung durch Früheres und der liiemit gegebenen Stetigkeit 
auch die Unterbrechung der letzteren durch irgend einen ent 
scheidenden Schritt anerkennen. Hienach hat also das Frühere 
seinen bestimmten und meist nicht geringfügigen Antheil, wäh 
rend die erhebliche Wendung, durch welche die Erscheinung 
Upoche macht, die neue Errungenschaft vertritt. Bei einer 
richtigen Würdigung wird man offenbar keinen Anstand zu 
nehmen haben, den deutlich unterscheidbaren Fortschritt von 
grosser Tragweite, der mit einer wesentlichen Gestaltverände 
rung verbunden ist, als Wirkung eines Yerbal tens anzusehen, 
'Welches zwar durch die Stetigkeit des früheren Gedankcnlaufs 
vorbereitet sein mag, keineswegs aber durch dieselbe eigentlich 
erzeugt worden ist. Nur wenn man diese Unterscheidung im 
Auge behält, wird man den grossen Leistungen gerecht werden. 
Dühring, Gcscliichte der Nationalökonomie. 2. Auflage. 4
        <pb n="66" />
        50 
Nur unter dieser Voraussetzung wird man sich davor hüten, 
die gelegentlichen, meist halbbewussten und ohne Consoqucnzon 
gelassenen Ansätze zu späteren Gedanken für etwas sonderlich 
Werthvolles zu halten. Auch wird man einsehen, dass cs für 
weniger scharf denkende Naturen sehr naheliegt, aus einer 
üebereinstimmung des wörtlichen, aus dem Zusammenhang ge 
rissenen Ausdrucks auf das frühere Vorhandensein der späteren 
Idee zu schliessen, während doch in der That meist nur eine 
Zufälligkeit vorliegt, hinter welcher kein besonders markirtor 
Gedanke des älteren Schriftstellers zu suchen ist. Bei denselben 
Sätzen kann man mehr oder minder Bestimmtes denken, und 
dei Zusammenhang zeigt meist, dass die Gedanken derjenigen, 
die man bisweilen als Vorläufer der wissenschaftlichen Ocko- 
nomie bezeichnet, ausserordentlich vage, unsicher, flüchtig und 
mit entgegengesetzten Aeusserungen verbunden gewesen sind. 
Dennoch dichten diejenigen, welche einer unkritischen Geschicht 
lichkeit anhcimfallen, oder die Neigung haben, die der Gegen 
wart nahestehenden Leistungen durch vermeintliche Aufweisung 
ihres früheren Vorhandenseins zu verkleinern, in die unerheb 
lichsten Aeusserungen ganze ¡Systeme hinein und entstellen 
hiedurch das richtige Bild und die wirklichen Verdienste beider 
Theile. Weder der alte noch der neue Schriftsteller kommt 
zu seinem Recht; dem Einen wird untergeschoben, woran er 
nie gedacht hat, und dem Andern wird oft genug auch noch 
der Vorwurf gemacht, seine Quelle nicht genannt zu haben. 
Allermindestens aber wird durch ein solches Verfahren die 
Idee des späteren Autors, welche den Zeitgenossen als bahn 
brechend erschien, in ihrer Bedeutung und Wirksamkeit, so 
wie, was am schlimmsten ist, in ihrer auszeichnenden Eigeii- 
thümlichkeit verkannt. 
2. Die vorangehenden Hinweisungen sind geeignet, die 
Ansichten zu berichtigen, welche in Beziehung auf Brittische 
Autoren aus der Zeit der Englischen Revolutionen und für ein 
paar an der Grenzscheide und im üebergang vom 17. zum 
18. Jahrhundert wirksame Einanzschriftsteller der Franzosen 
mit einigem Schein geltend gemacht werden. Allerdings be 
gnügt man sich nicht einmal mit Petty und Locke einerseits 
sowie Boisguillebert und Vauban andererseits. Indessen sind 
diese Persönlichkeiten doch die einzigen, bei denen die Vor 
gängerschaft in eigentlich nationalökonomischen Ideen noch
        <pb n="67" />
        — 51 
allenfalls ein Gegenstand der Erörterung und Kritik werden 
kann, während in andern Fällen auch nicht einmal hiezu hin 
reichende Veranlassung vorhanden ist. Besonders kann man 
bei Boisguillebert schon die Kundgebung einer gewissen Ge- 
sammtanschauung und eine Art von Ueberblick über den Zu 
sammenhang volkswirthschaftlicher Erscheinungen einiger- 
niaassen anerkennen. Wenn man aber zu jenen vier Namen 
noch andere hinzufügen will, indem man in England und Frank 
reich noch weiter zurückgreift oder untergeordnete Erscheinun 
gen dieser oder einer etwas späteren Zeit herbeizieht, so befin 
det man sich auf jenem Abwege, der dazu führt, die gleich 
gültigsten und folgenlosesten Gedanken zu Antecedentien der 
wissenschaftlichen Oekonomie zu stempeln. Die Philosophen 
Werden sicherlich nicht dadurch gehoben, wenn man sie mit 
Unterschiebungen auf Veranlassung von solchen Aeusserungen 
bedenkt, die von ihnen gar nicht in der Absicht gemacht wur 
den, besondere wirthschaftliche Wahrheiten auszusprechen. Man 
lasse also, wenn es sich um Volkswirthschaftslehre handelt, 
einen Hobbes lieber zur Seite, als dass man seinen ganz gewöhn 
lichen und noch dazu nur gelegentlich ausgesprochenen Ge 
danken, dass der Staat ernährt werden müsse, dass Land und 
Meer Nahrungsstofie liefern und dass zur Versorgung mit den 
Gaben der Natur auch Arbeit nöthig sei, die Bedeutung von 
volkswirthschaftlichen Einsichten vindicirt. Ja mit noch mehr 
Grund könnte man auch schon in dem Mythos von der Aus 
treibung der ersten Menschen aus dem Paradiese und dem be 
kannten, bei dieser Gelegenheit verhängten Arbeitsgesetz: „Im 
Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brod essen” — eine 
üationalökonomische Maxime und noch dazu eine solche finden 
Wollen, deren alte und gute Autorität man wissenschaftlich gar 
ïücht zu vcrtlieidigen brauchte. 
Will man aber einen Hobbes durchaus mit der Volks- 
Wirthschaftslehre in Verbindung setzen, dann mag man seine 
Vorstellung von dem Krieg Aller gegen Alle in das ökono 
mische und sociale Gebiet übertragen. Man wird ihn hiedurch 
zwar nicht zu einem Vorläufer der neuern Socialtheorie machen; 
aber man wird einem durch ihn vorbildlich gewordenen Ge 
danken, der zunächst für ein anderes Gebiet geltend gemacht 
"^ürde, eine dem Geiste jenes Denkers entsprechende Anwen- 
dung geben. Doch es handelt sich hier nicht um die weiteren 
4*
        <pb n="68" />
        Conseqiienzen allgemeiner Naturreclitsidcen, sondern imi die 
thatsäclilicli vorhanden gewesenen Gedanken, und in dieser 
Beziehung ist Hobbes ebenso, wie vor ihm Bacon von Verni am 
mit den Gesichtspunkten der Nationalökonomie zu verschonen. 
Auch würden die eben gemachten Bemerkungen hier gar nicht 
eingeschaltet worden sein, wenn man nicht auch ausserhalb 
Deutschlands und zwar schon früher, als es bei uns im Gefolge 
der Entartungen der bessern Geschichtlichkeit geschah, in der 
Sphäre der untergeordneteren Behandlung der Oekonomio allerlei 
unkritischen historischen Aufputz zugclasscn hätte. 
Noch bei Weitem unhaltbarer werden aber die Berufungen 
und Hereinziehungen, wenn man beliebige Staatsmänner, wie 
z. B. für Frankreich Sully einführt, weil sie diesen oder jenen, 
wahrlich nicht sonderlich theoretischen, sondern im Gegentheil 
eher einem Bauernsprüchwort gleichenden Gedanken bevorzugt, 
also etwa, wie der Genannte, Ackerbau und Viehzucht für die 
Brüste des Staats erklärt haben. Solche Anschauungen mögen 
immerhin für die Geschichte der Wirthschaft einige Bedeutung 
haben; — für die Geschichte der Wirthschaftslehre im Sinne 
der wissenschaftlichen Nationalökonomie sind sie völlio- uner 
heblich. * 
Nach den eben angedeuteten Grundsätzen wird man es 
begreifen, wenn hier auf Darstellungen verzichtet werden muss, 
die man bei denen antrifft, welche die ungesichtete Mischnatur 
des bunten Durcheinanders ihrer Notizen nicht gewahr gewor 
den sind, oder den Sinn einer Geschichte der Volkswirthschafts- 
lehre nicht begriffen haben. 
3. Das MercantilsyStern war bis zu den bewussten wissen 
schaftlichen Versuchen, die man von Quesnay datiren muss, 
in allen theoretischen Reflexionen mehr oder minder vorherr 
schend. Dieser Satz wird auch nicht entkräftet, wenn man 
die Petty und Locke in Erwägung zieht; ja er bleibt selbst 
einem Boisguillebert und Vauban gegenüber noch wesentlich 
bestehen. Indessen haben diejenigen nicht völlig unrecht, 
welche bei den vier fraglichen Autoren auf die Regungen 
und Kundgebungen einer entgegengesetzten Gedankenbewegung 
aufmerksam machen. Namentlich haben die beiden Franzosen 
in dieser Beziehung etwas voraus, während die Engländer un 
geachtet ihrer thatsächlich höheren Entwicklung nicht den 
gleichen Grad von Allgemeinheit und innerer Oonsequenz der
        <pb n="69" />
        53 
AuíFassung erreiclien. Selbstverständlich gilt diese Bemerkung 
nur, wenn man Boisguillebert und Vauban als ein einigcrmaassen 
zusammengehöriges Paar betrachtet und die Art und Weise des 
ersteren als entscheidend ansieht. Yauban war mehr ein Mann 
der That und seine Arbeit vornehmlich ein Pinanzplan, wäh 
rend bei dem Andern die Doctrin einen weniger eingeschränkten 
Antheil hat. 
Yergleichen wir hiemit die beiden Engländer, von denen 
der eine, Petty, eine Art Statistiker und politischer Rechner, 
der andere, Locke, der berühmte Begründer der philosophischen 
BegrifFskritik war, so finden wir, dass die gewissermaassen 
nationalökonomischen Gedankenansätze derselben noch äusserst 
unzusammenhängend und in den Hauptpunkten ohne bewusste 
Gonsequenz, ja ohne eine Vorstellung von einer eigentlich 
Volkswirthschaftlichen Rolle derselben dastehen. Man findet 
ferner, dass sich der mercantile Ideengang, aller scheinbar ent 
gegenstehenden Ausführungen ungeachtet, keineswegs verleug 
net, so dass sich die richtigen aber isolirten und mit der übri 
gen Gedankenhaltung nicht vereinbaren Anschauungen oder 
Aperçüs gar nicht als Einsichten ansehon lassen, die den ähn 
lichen, modernen Begrifien entsprächen. Das Aeusserste, was 
sich hienach zugestehen lässt, ist daher die Thatsacho einer 
Mischung ungleichartiger, zum Theil ganz vereinzelter oder gar 
nur gelegentlich und nebensächlich hervortretender Gedanken, 
Unter denen Unbestimmtheiten und Widersprüche leicht genug 
uiöglich waren, weil die betreifenden Vorstellungen durch kei- 
nen volkswirthschaftlich theoretischen und in diesem Sinne 
fiominirenden Gesichtspunkt aneinandergebracht, zusammenge 
halten und ausgeglichen werden konnten. Letzteres lag gar 
uicht im Bestreben dieser Schriftsteller, da sie unmittelbar fast 
immer Ziele vor Augen hatten, die von der Idee einer eigent- 
liclien Wirthschaftslehro sehr entfernt waren. Petty hatte noch 
iho meiste Veranlassung, in seinen Inventarisirungen der Lan- 
iloszuständo und namentlich der grünen Insel, an tiefere volks- 
wirthschaftliche Einsichten zu streifen, und seinem fortwährend 
i’echnenden Kopf musste vermöge der Grössenbeziehungen der 
ursächliche Zusammenhang der Thatsachen oft weit näher treten? 
dies bei dem gewöhnlichen Denken in quantitativ unbe 
stimmten und daher unsicher schweifenden Vorstellungen mög- 
hch ist. Dennoch macht seine Art und Weise, wenn sie vom
        <pb n="70" />
        — 54 
Standpunkt der besten und schärfsten Erkenntnisse der Gegen 
wart aufmerksam betrachtet wird, einen auffallenden Eindruck. 
Man wird nämlich nur zu deutlich gewahr, wie leicht ihm die 
später schwer wiegenden Gedanken entschlüpften oder sich, 
kaum halb erfasst, gleich wieder in etwas Bedeutungsloses ver 
wandelten. Was er mit einer nicht geringen Naturanlage für 
freie, oft kühne Combinationen als ein Geistesspicl hin warf, 
welches er ebenso leicht ergriff, als wieder verlicss und ohne 
ernstere Consequenzen preisgab, — das darf heute nicht als 
Beurkundung eines selbständigen Wissens in Anspruch genom 
men werden, zumal wenn das Ganze der Abhandlungen oder 
auch nur das der gesammten Schriften damit nicht überein- 
stimmt, 
4. William Petty (1G23—87), Engländer im engem Sinne 
des Worts, Sohn eines Tuchmachers, hatte sich in allen Haupt 
punkten zuerst autodidaktisch entwickelt und war auf diese 
Weise zu einer Bildung gelangt, die neben vieler Selbständig 
keit auch ein grosses Maass Rohheit enthielt und die Wirkun 
gen eines niedrigen, dem gewöhnlichsten Leben angehörigen 
Ausgangspunkts nicht abzulegen vermochte. Die Mischungen 
derselben mit späterer Schulung und mit mehrfacher prakti 
scher Thätigkeit als Mediciner, Landvermesser und in öffent 
lichen Stellungen, welche bei mehr Erwerbstrieb als Gewissen, 
zur Aneignung colossaler Summen Gelegenheit gaben, erzeugten 
in dem leichtlebigen Charakter ein Geistesgepräge, welches ein 
ziemliches Maass leichtfertiger Denkungsart einschloss und an 
eigentlichem Ernst vorzugsweise nur die geschäftsmännische 
Art desselben kannte. In rein wissenschaftlicher Beziehung 
kam daher zu dem Mangel an logischer Durcharbeitung, welcher 
dem speciffschen Engländer im Gegensatz zum Schotten eigen 
st, und welcher sich in der Vorliebe für Aufzählungen nach 
der Art des zweiten Bacon auch bei den ökonomischen Schrift 
stellern recht sichtbar bekundet hat, noch eine cigenthümliche 
Spielart so zu sagen statistischer Phantasie, die einen gewissen 
Reiz ausüben mag, aber im Grunde doch des Leitfadens fester 
Begriffe und schärferer Unterscheidungen entbehrt. Zwar wird, 
wie schon vorher bemerkt, diese Art und Weise durch das 
Gebiet, in welchem sic sich bewegt, einigermaassen gezügelt. 
Sie wmd nämlich soweit eingeschränkt, als Schätzungen, Zahlen 
und ein rechnender Sinn, welchem die Satzungen des gesunden
        <pb n="71" />
        55 
Verstandes keineswegs gleichgültig bleiben, die Ausschweifungen 
ausschliessen oder mildern. Wer jedoch weiss, dass grade im 
Gebiet des gewöhnlichen Oalculirens über öffentliche Yerhillt- 
nisso die ärgste Phantastik vorzugsweise mit den Zahlen und 
Veranschlagungen getrieben werden kann, wird sich nicht wun 
dern, wenn wir die Thatsache des rechnenden Vorstellens noch 
nicht sofort als die Bürgschaft für einen strengen Zusammen 
hang und für gründlichere Unterscheidungen gelten lassen. In 
der Abwesenheit des Sinnes für die innern und feinem Unter 
scheidungen der Begriffe, ja nicht selten in der Zusammen- 
werfung der schon im gewöhnlichen Leben keineswegs unge 
trennt gebliebenen Ideen, bekundet sich die schwächste Seite 
der Pettyschen Auffassungsart. Hiedurch wird es auch erklär 
lich, dass er eine Menge Begriffe und Sätze berühren und aus 
sprechen konnte, die trotz ihrer gegenseitigen Unvereinbarkeit 
friedlich ncbeneinanderstchen, so dass man von ihnen sagen 
kann, die eine Idee habe sich nicht viel um die andere geküm 
mert, und die verschiedenen Gedanken seien wie Blasen auf- 
g’estiegen. 
Es wird Leute geben, die vor Petty Respect haben, veil 
m* seine eignen Geschäfte so betrieben hat, dass er schliesslich 
über ein jährliches Einkommen von 15,000 Pf. St. verfügte. 
Indessen rechten wir hierüber nicht. Der Umstand, dass dei 
Verfasser der Anatomie von Irland auch in die Geschichte der 
Millionäre gehört, beweist nur soviel, dass er neben einem 
höheren Maass von Geschäftsvorstand auch gehörigen Aneig- 
imngssinn besessen und ausserdem Gelegenheit und Gluck auf 
seiner Seite gehabt hat. Uebrigens weiss man ja auch, dass er 
sich zur Revolution wie zu Karl II glcichermaasscn sympathisch 
%n verhalten und die Gunst des letzteren bis zu dem Punkte sich 
zu Biohorn verstanden hat, dass die gegen ihn erhobenen Beschuldi- 
gimgen finanziellen Betruges ohne Folgen blichen. Ein anderer 
%ug seinoa Wesens, der auch für die Beurthoilung seiner schriít- 
stellerischen Thätigkeit nicht gleichgültig ist, bestand m der 
Garnie, die er gesellschaftlich spielen liess und auch auf damals 
gmfährlichero Gegenstände richtete, wenn er Vertrauten gegen- 
hber sicher zu sein glaubte. So soll er es vortrefflich verstanden 
kaben, die verschiedenen Spielarten der Englischen PriesterschaR 
«mschliesslich der Secten vollkommen zutreffend zu copiren und 
eigenthümlichen Arten ihres Predigens so täuschend her-
        <pb n="72" />
        — 56 
vorzubnngen, dass Niemand das willkürlich Gemachte erkannt 
haben würde, wenn ihm der Bachverhalt unbekannt gewesen 
ware Diese Virtuosität geht uns hier an sich selbst %war nichts 
an. Auch würde sie sicherlich nicht unmittelbar gegen Petty 
sprecheru wenn sie nicht durch sein übriges Verhalten eine 
andere Bedeutung gewönne. Din Enthusiasmus ist in dem 
Maasso leichter zu reproduciron, als es dem Urbild selbst an 
rnst und Aufrichtigkeit fehlt. Jener Zug würde mithin sehr 
erklärlich sein, wenn er Jemand angehört hätte, bei dem ein 
anderer Fond anzutreß-en gewesen wäre. Bo aber bestätio-t or 
nur das, was man auch aus den Bchriften und dom sonstio-on 
joben jenes rührigen Geistes entnehmen kann, nämlich 'die 
ersatilität, die Vieles kennt, aber von dom Einen zum Andern 
leicMen Fusses übergeht, ohne in irgend einem Gedanken tiefe- 
rer Natur Wurzel zu schlagen. 
Für die eigentlichen Zwecke Pettys, nämlich für die In- 
imntarisirungon und daran geknüpften Beßoxionen, reichte die 
charaktorisirte Geistosart allerdings aus, und man würde unge- 
rec it gegen ihn sein, wenn man seinen Arbeiten aus diesem 
Gesichtspunkt eineVerfehlung dos Ziels verwerfen wollte. Im 
cgentheil sind dieselben, auch ganz abgesehen von ihrem Ge- 
brauch durch die Historiker und Statistiker, noch heute lesens- 
worth und haben in manchen Partien sogar für das national- 
olœnomische Denken etwas Anregendes. Diese gute Eio-on- 
schaft he^ aber weit weniger in den Gedanken, die man ydrk- 
ich antriflt als in ebenen, die man zu vermissen nicht umhin 
kann. Grade weil Petty in volkswirthschaftlicher Beziehung 
noch sehr roh verfahrt und sich noch durch keine Schule ge- 
nii n e , ge äugt ei zu Naivetäten, deren Contrast oft nütz- 
hch wirken und den ernsteren Denker auch wohl einmal unter 
halten, jedenialls aber mit der Wichtigkeit vertraut machen 
kann, welche es hat, die auch noch heute fortbestohonden Un 
sicherheiten ähnlicher Art nirgend zu verkennen. 
5. Wie überhaupt die grossen politischen Ereignisse und 
ganz besonders die in der Richtung auf freiere Gestaltungen 
ointretenden Umwälzungen auch diejenigen Zeiten bezeichnen, 
in denen frischere geistige Leistungen zum Vorschein kommen 
so Enden wir auch, dass die Epoche der Englischen Révolu: 
üonen die in unsorm Gebiet sich überhaupt auszoichnonden 
Regungen aufzuweisen hat. Hiezu kommt aber noch ein zweiter
        <pb n="73" />
        57 
Umstand, der zwar auch für Locke, aber in noch höherem 
Grrade für Petty gilt, und dies ist derjenige, der noch am ehesten, 
lüit der übrigen Beschaffenheit seiner Rolle und Schriftstellerei 
‘lüszusöhnen vermag. Es hat nämlich eine Art von natur 
wissenschaftlicher Denkweise einen grossen Antheil an mehreren 
brauchbareren Ideen. So ist z. B. schon der Titel seiner Haupt 
schrift, der Anatomie von Irland (Political survey [or anatomy] 
of Ireland etc., zuerst 1691), eine Andeutung davon. Er selbst 
erklärt in der Vorrede, dass es auf das Knochengerüst eines 
Landes ankomme, und dass man sich vor allen Dingen solche 
Kenntnisse aneignen müsse, die mit denjenigen, welche ver 
möge der Anatomie für den Körper gewonnen werden, eine 
Aehnlichkeit haben. Gänzlich neu waren nun freilich derartige 
Gesichtspunkte nicht. Bekanntlich legte grade Hobbes, zu dem 
Petty Beziehungen batte, grosses Gewicht auf eine Betrach- 
füngsart, welche sich schon in dem Ausdruck politischer Körper 
zur Bezeichnung des Staats ankündigte. Auch hatte jener 
Philosoph nach der strengeren Seite hin unter besserem natur 
wissenschaftlichen Einfluss gestanden, als der ihm im Denken 
gänzlich ungleiche Petty. Ausserdem darf man von Gleich 
nissen, auch wenn sie auf naturwissenschaftlichen Anschauungen 
beruhen, für den weiteren Eortschritt nicht zuviel erwarten, 
sie nur zum Ausdruck noch unentwickelter Gedanken dienen 
nnd später den ohne Umschweif auf die Sache gehenden Be 
griffen oder reineren logischen Vorstellungen Platz machen 
nrüsseu. Dennoch ist aber bei Petty der fragliche Sachverhalt 
nicht allzu gering anzuschlagen, weil der Autor seine Anie 
gvingen aus seiner eignen medicinischen Bildung erhielt und 
daher in seinem naturwüchsigen Vorstellungsspiel ein gewisses 
Maass von Originalität nicht verleugncte. Zwar ist sein Ver 
gleich der Rolle des Geldes mit derjenigen des Fettes im Körper 
nicht allzu gelungen, aber doch im Hinblick auf die giöbeicn 
Ausartungen der mercantilen Vorstcllungsart immerhin als die 
Kidäuterung einer besseren Einsicht anzuerkennen. In einer 
^bnlichen Weise sind andere Consequenzen des Analogisirens 
und noch dazu in einer, wie man einräumen muss, nicht grade 
Überladenen Fassung der Bilder ausgeführt und häufig genug 
unch unabhängig durch directe Vorstellungen deutlicher ge- 
niacht worden. Wir können hienach getrost annehmen, dass 
äuch schon zu jener Zeit sogar das rohere naturwissenschaft-
        <pb n="74" />
        58 — 
liehe Denken seine Früchte trug und zur bessern Untersuchung 
der Thatsachen des staatlichen Daseins entschieden mitwirktc. 
Auch haben wir auf diese Beziehung nur darum etwas ein 
gehender aufmerksam gemacht, weil sie uns immer wieder von 
Neuem begegnen wird und in der ganzen Geschichte der Wirth- 
schaftslehre einen erheblichen Antrieb bildet. 
Als das zweite wichtigere Buch Pettys sind seine Essays 
im Gebiet der politischen Arithmetik (Several essays etc., zuerst 
1682, posthum vermehrt 1691) zu erwähnen, und zwar um so 
mehr, als ein Theil schon bei seinen Eebzeiten erschienen war. 
Für den ökonomischen Gesichtspunkt enthalten sie überdies 
noch mehr Andeutungen, als die Darstellung des Zustandes von 
Irland. Jedoch darf der Ausdruck politische Arithmetik nicht 
täuschen. In den nachgelassenen Abhandlungen wird er durch 
die Hinweisung auf den Bodenwerth, die Bevölkerung, die Ge 
bäude, die Manufacturen u. s. w. schon in der Ucherschrift 
ciuigermaassen erläutert, und man würde irren, wenn man die 
Bezeichnung im heutigen Sinne nehmen wollte, in welchem sie 
bekanntlich die Darstellung der Rechnungsarten, die bei öffent 
lichen Anleihen und ähnlichen puhlicistischen Verhältnissen 
Vorkommen, zu vertreten pflegt. Um die Hülfsmittel der Rech 
nung handelt es sich nun aber bei Petty am allerwenigsten, son 
dern es ist der statistische Stoff selbst, der in sehr einfachen 
Operationen bearbeitet wird. Ein gelungenes Beispiel dieser 
Verfahrungsart (in den erwähnten Essays, 4. Ausg. 1755, S. 123) 
ist die ganz naive Gapitalisirung der Bevölkerung. Da man 
heute in den Ländern, die der Sklaverei ferner stehen, an eine 
solche Veranschlagung nicht zu denken püegt, und da dieselbe 
für jede Vergleichung mit den gesammten Capitalstücken des 
Landes volleswirthschaftlich unumgänglich ist, so mag die nähere 
Erinnerung an Pettys Wendung am Orte sein. Im Hinblick 
auf die Veranschlagung der Verluste durch Seuchen und Kriege 
geht er, um den Werth des Bevölkerungskopfes zu berechnen, 
von den Ausgaben pro Kopf aus, ermittelt so eine Jahres 
summe für die Gesammtheit, zieht von derselben alle Renten 
und Gewinne ab, capitalisirt alsdann durch Verzwanzigfachung 
und dividirt durch die Bevölkerungszahl. Eine Prüfung dieser 
Procedur hat hier für uns keinen Zweck; wohl aber ist die 
Erwähnung nicht überflüssig, dass sich Petty für seine Ver 
zwanzigfachung darauf beruft, dass ebenso wie für Grundstücke
        <pb n="75" />
        — 59 
der Werth einer gewissen Anzahl Jahre maassgehend sein 
müsse. Die Oapitalisirung des ganzen Yolks bleibt, von allen 
Ncbenumstilnden' und möglichen Einwendungen der besondern 
Ausführung abgesehen, eine nicht zu verachtende Idee, auf die 
überdies jeder selbständig gelangen muss, der über die Ver 
gleichungen der Capitalwerthe mit den übrigen, thatsächlich 
uncapitalisirten Elementen die letzten Aufschlüsse zu suchen 
vermag. 
6. Wer die Thatsachen nach ihrer Grösse und ihrem Um 
fang in Betracht zieht, kann in Rücksicht auf das Geld nicht 
leicht in jenen ganz nebelhaften und grobirrthümlichen ^ or- 
stcllungen verbleiben, denen zufolge der vorhandene Metall- 
vorrath mit dem Reichthum selbst verwechselt wird. So etwas 
ist nur auf dem Kinderstandpunkt der fast völligen Gedanken 
losigkeit und etwa auch bei solchen Schriftstellern möglich ge 
wesen, die sich aus einem andern Bereich des Denkens und 
Wissens in ein Gebiet verirrten, in welchem ihre Vorstellungen 
unentwickelter waren, als die derjenigen Wilden, welche über 
die einfach übersehbaren Verhältnisse ihres beschränkten Daseins 
wenigstens instinctive und halb bewusste Anschauungen haben. 
Petty wusáte sehr gut, wie das Geld zu der Menge er m 
satzo, die es bewirkt, je nach den kürzeren oder länpren 
Perioden seines Umlaufs, in einem Verhältniss stehe, und wie 
daher die Werthe der übrigen Besitzartikel ein bedeutendes 
Vielfache der vorhandenen Geldmasse bilden. Auch sprac er 
B. in der Stelle, welche den oben erwähnten Vergleich mit 
dem Fett enthält (in der Abhandlung Verbum sapienti, Cap. V) 
die Ansicht aus, dass von dem Gelde ebensowohl zu vml als 
%ü wenig vorhanden sein könne. Wer aber hieraus sowie aus 
«einen Vorstellungen über den Werth und die Kosten der edlen 
Metalle (in dem besondern Tractat über die Steuern) darauf 
«chliossen wollte, dass er nicht auch dem Gedankengang des 
Mercantilismus wesentlich gefolgt wäre, würde zu voreilig ur- 
theilcn. Für die Nützlichkeit der Verwendungen giebt er näm 
lich eine Stufenleiter an und hält die verfügbaren Mittel für um 
«0 besser benutzt, jo nachdem sie zur Beschaffung von 
Häusern und Ländereien dienen und sich schliesslich im erto g- 
roichsten Fall auf die Hereinbriugung von Gold und Silber 
richten. Der Vortheil, sagt er wörtlich (S. 126 der Essays), 
ist hier „am grössten, indem Gold und Silbei in tas an
        <pb n="76" />
        60 
kommt, weil diese Dinge nicht mir unzerstörbar sind, sondern zu 
allen Zeiten und überall als Reichtlium geschützt werden.“ Der 
Zusammenhang, in welchem er zur Kundgebung dieser Idee 
gelangte, ist nicht unerheblich. Er handelte davon, dass manclie 
Steuern den Reichthum vermehrten, anstatt ihn zu vermindern. 
Hiebei hatte er die Classen im Auge, welche das ihnen als 
Steuer abgenommeno Geld doch nur ganz unnütz verwenden 
würden, also die Leute, welche nur ilssen, tränken, spielten und 
tanzten, sowie die Metaphysiker und überhaupt Alle, die nichts 
Reelles hervorbrächten. In einem solchen Gegensatz nimmt 
sich das herein gebrachte Geld gewiss recht mercantilistisch ge 
diegen aus, und wenn man einem Petty auch seine Verurthei- 
lung des blossen Vergnügungsdaseins und einer crgobnissloseii 
Metaphysik als eine gelungene Zusammenstellung anrechnen 
muss, so ist doch das Geld grade in der Auflassung dieser Stelle 
kein besonders erspriesslicher Hintergrund. Man wird unwill 
kürlich denjenigen gewähr, der seine Bestrebungen auf die 
Millionärwürde gerichtet hatte und auch das Geschäft des Landes 
oder, wenn man es schon so nennen will, die Volkswirthschaft 
nach dem Bilde seiner Person aufzufassen suchte. Wirklich 
wagt er auch im Schlusscapitel des V erb um sapienti ein wenig 
Phantasie und Philosophie dieser Art, indem er den Fall vor 
wegnimmt, dass die Nation überhaupt genug, und zwar auch 
an Geld, an sich gebracht habe, um nicht mehr zu wissen, was 
zu thun sei. Alsdann seien die Erregungen des Geistes in 
ihrer ganzen Mannichfaltigkeit zu pflegen und hier das Feld 
der Befriedigung zu suchen. Obwohl nun in der Idee über 
diesen Ausweg ein leidlicher Bestandtheil von halber Wahrheit 
enthalten ist, so ist doch die erötfnete Aussicht selbst wunder 
lich genug. Man wird bei dieser Gelegenheit daran erinnert, 
dass Petty seine Art von Bevölkerungsstatistik mit der Sünd- 
fluth und 8 Personen beginnen, nach 10 Jahren bereits 10, 
nach 20 Jahren 32 vorhanden sein lässt und nach den will 
kürlichsten, wenn auch unregelmässiger werdenden Aufstellun 
gen, endlich auch in die Zukunft mit ganz monströsen An 
schlägen hinausgreift, wie man sich in der Nachbarschaft der 
Tabelle auf S. 21 der Essays überzeugen kann. 
Weit besser als solche Perspectiven sind seine Ideen über 
die Vortheile einer Verdichtung oder Zusammenrückung der 
Bevölkerung. Die Anhäufung in grossen Städten wird von
        <pb n="77" />
        Cl 
ihm vorzugsweise in ihren günstigen Umständen hetiachtet. 
Doch sind seine Gründe kaum eigentlich nationalökonomisch 
geartet. Er sieht eben nur darauf, dass die enger verbundene 
Menschenzahl im Allgemeinen eine grössere Macht und zui 
Befriedigung von mancherlei Bedürfnissen eine bessere Gele 
genheit hat, als eine zerstreute. Eine der neusten Iheorien, 
welche ein nicht in Isolirung ausartendes ebenmässiges Yer- 
theilungssystcm verlangt und hiebei die grossen Städte nicht 
über-, sondern unterschätzt, wird sich in die angedeuteten An 
schauungen nicht hineindichten lassen, und die einzige Gemein 
samkeit dieser und anderer Auffassungsarten besteht dann, die 
Trennung der Bevölkerung für ein Hinderniss der Vereinigung 
und Ivraftentfaltung anzusehen. In diesem Punkte sind die 
Schriftsteller dos Mercantilsystems überhaupt nicht so be 
schränkt, als die Malthiisisch gestörten und verkehrten An 
wandlungen der letzten Me ns dien alter. Doch lassen wir es ei 
dieser einfachen Bemerkung bewenden, da die Illusion einer 
Malthiisisch haltbaren Bevölkerungstheorie schon im Yerschwin 
den begriffen ist. Wie sehr Petty selbst von der Machtsteige- 
rung durch das nähere Zusammenwohnen überzeugt gewesen 
sei, beweist seine unter der Gestalt einer Traumfiction ein^e 
führte und erörterte V oraussetzung, dass sich die ganze ri^ 
Bevölkerung auf Englischen Boden verpflanzt finde. Man 
merkt, dass ihm diese Vorstellung mehr als ein blosses bpiei 
war, und seine Erinnerung an Descartes und dessen 
rischen Traumstandpunkt soll nur eine Rechtfertigung r le 
Kühnheit seiner Conception sein. 
Dio Bevölkerung erlaubt, wie die kntischo Oekonom 
beute sowohl aus innern Gründen als auch durch äussere That- 
sachen ausser Zweifel setzt, jo nach der dichteren oder dünneren 
Gestaltung allgemeine Schlüsse auf eine grössere oder gering 
Hölle der verschiedenen Einkünftearten und zwar ganz beson 
ders der Grundrente. Nun hat Petty emo unvollkon^ene An- 
üäliorung an derartige Gedanken; doch zeigt seine c 
tmd seine Torstclliing von einer hier in Frage kommenden 
Honte, dass sich ihm die Begriffe, hei solchen , 
das critwiokeliide Denken, denn doch cimgermaassen 
ünd verwirrten. Allerdings macht es sich ganz anne , 
wenn er sich das Land erst mit einem Menschen, d™n 
zwei, drei u. s. w. in Verbindung denkt. Diese werden ernahit,
        <pb n="78" />
        62 
und hiemit vervielfacht sich nach seiner Vorstellungsart auch 
das, was er in diesem Zusammenhang (Essays 8. 148) auch 
schon bei einem einzigen vorhandenen Menschen Rente nennt. 
Allein die Schlussfolge von historischen Berichterstattern, dass 
Petty hier kurzweg die Rente, wie wir dieselbe verstehen, mit 
der Bevölkerungsdichtigkeit steigen lasse, beruht auf einem 
Mangel an Unterscheidungsvermögen und erzeugt eine geschicht 
lich ganz falsche Voraussetzung. Die von dem Boden aus 
gehende Ernährung einer Menschenmasso oder, mit andern 
Worten, dessen Nahrungsleistung drückt sich zwar bei grösseren 
Bezirken einigermaassen in der Volkszahl aus, ist aber nicht 
im Mindesten mit der Rente, d. h. mit den Einkünften des 
Eigenthümers zusammenfallend, welcher im Gegensatz zum 
Pächter oder zu den Arbeitern einen eigenthümlichen socialen 
Gewinn erzielt. Wer aber auch noch nicht bis zu diesem 
Punkto unterscheiden wollte, müsste denn doch, wenn er nur 
etwas subtiler dächte, gewahr werden, dass die Rente unter 
allen Umständen mindestens soweit abgegrenzt und unterschie 
den werden müsse, als es schon der Geschäftsverkehr selbst 
fast jederzeit bei einiger Entwicklung der Verhältnisse gethan 
hat. Uebrigens ist es aber auch bei Petty ein Grundfehler, 
einseitig von der Ernährung auszugehen und die Rücksicht auf 
die Arbeit und sogar auf die Arbeitszeit als Werthmaass, wo 
von sich bei ihm an andern Orten unvollkommene Spuren 
vorfinden, hier auf sich beruhen zu lassen und für beide Ge 
sichtspunkte nicht einmal an einen möglichen Widerspruch 
oder eine Ausgleichung zu denken. 
7. Die Vorstellungen von der Arbeitstheilung sind das, 
wonach man in neuster Zeit sich regelmässig umzusehen pfiegto,' 
wenn man ältere Schriftsteller vor sich hatte. Nun ist schon 
früher bemerkt worden, dass die ganz gewöhnlichen Gedanken 
hierüber in den verschiedensten Zeitaltern und an den ver 
schiedensten Orten entstehen mussten, und dass man, um einen 
Fortschritt in dieser Beziehuug festzustellen, weit mehr an- 
troffon muss als Anschauungen, die nicht viel über die auf der 
Hand liegende Thatsacho der Verzweigung der Borufsarten und 
der Theilung der Verrichtungen hinausreichen. Bei Petty ist 
nun (im Hinblick auf die Stelle S. 113 der Essays) keine Ver 
anlassung vorhanden, ihm eine besondere Erkonntniss der frag 
lichen Wirkungen zuzuschreiben. Seine Auslassungen besagen
        <pb n="79" />
        G3 
genau betrachtet nichts weiter, als dass eine Theilung bestehe 
und dass sie förderlich sei. Auch seine sonstigen Beispiele 
sind nichts als erläuternde Bilder der thatsächlichen Functionen- 
theilung. Die Hauptsache, welche in der zergliedernden Unter 
suchung der Ursachen der Förderlichkeit und in der Bestini- 
naung der Grenzen besteht, kommt nicht einmal in Frage. 
Wenn irgendwo, so zeigt es sich hier, dass Jemand über die 
Fortschritte eines Wissenszweiges keinen Bericht geben kann, 
wenn ihm die leitenden Gesichtspunkte des gegenwärtigen In 
halts und Bestandes der Wissenschaft fehlen. Im letzteren 
Falle werden die entferntesten Aehnlichkeiten mit den erst 
später vorhandenen Einsichten für diese Einsichten selbst ange 
sehen, und von einer eigentlichen Wissensgeschichte kann bei 
einem solchen Verfahren gar nichts zum Vorschein kommen. 
Dieses Sachverhalts muss man noch besonders eingedenk 
hleibcn, wenn man sich denjenigen Ideen Pettys gegenüber 
sieht, welche in einer ganz andern Richtung den meisten Schein 
öiner bewussten gründlicheren Vorstellungsart für sich haben. 
Fs sind dies seine gelegentlichen Bemerkungen über die Her 
stellung einer Werthbeziehung zwischen Land und Arbeit. Er 
nennt diese Aufgabe (S. G3 der Anatomie von Irland, 2. Ausg. 
17I9) die wichtigste in der politischen Oekonomie, aber er ver 
fällt mit seinen Anschauungen sofort in den Fundamentalfehler, 
den wir schon oben bei seinem Begriff einer mit dem Ertrage 
fast gleichbedeutenden Rente kennen gelernt haben. Die Er- 
uährungscapacität des Bodens ist wiederum sein Ausgangspunkt, 
lind dio durchschnittliche Tagesnahrung eines Menschen wird 
von ihm ausdrücklich als ein Werthmaass hingestellt, welches 
gloicherweise für Land und Arbeit entscheiden musse. Ja ei 
WilioBBt sogar die Arbeit selbst zu Gunsten seiner Schätzungs- 
art aus und glaubt, indem er thatsächlich auf den denkbar 
weitesten Abweg geräth, noch obenoin, dass er Jer Ab- 
Weisung der Arbeit als eines Ausgangspunktes der Werthbe- 
^timmung einen Irrthum berichtige. 
Uebrigens darf man sich durch die eben erwä nten o 
Btollungcn Pettys nicht zu der Annahme verleiten lassen, dass 
î&gt;ci ihm selbst die Begriffe so ungemischt hervortreten, wie sie 
in der abgekürzten Wiedergabe erscheinen. ätte er 
schärfer gedacht, so würde es gar nicht möglich sein, 
an andern Orten Spuren einer entgegengesetzten Auffassung
        <pb n="80" />
        G4 
vorfändon, an welche schon vorher erinnert worden ist. Das 
Schlusserg-ebniss unseres Eingehens auf die Einzelheiten ist 
also die Bestärkung der Thatsache, dass Petty zwar vermöge 
seiner quantitativ bestimmter gestalteten Anschauungen sehr 
vielen Erkenntnissen näher kommen musste als diejenigen, 
welchen dieser natürliche Zwang zur bessern Orientirung fern 
blieb; — dass er aber dessenungeachtet in der Richtung auf 
Volkswirthschaftliche Theorie nur halbe und flüchtige Gedanken 
aufzuweisen hat, die grade nach der feineren Seite einander 
widersprechen und mithin kaum als Versuche gelten können. 
Was dagegen den eigentlichen Gegenstand seiner Arbeiten, 
nämlich eine Art statistischer Inventarisirung betrifft, so ist 
die Bcurtheilung des materiellen Werthes dieser Hauptseito 
seiner Leistungen eine Sache, die nicht in den Zusammenhang 
unserer Geschichte gehört. 
8. tJeber Locke braucht im Allgemeinen hier nicht viel 
gesagt zu werden, da sein Bild wesentlich der Geschichte der 
Philosophie angchört. Eür die Volkswirthschaftslehre kommt 
er nur mit Nebenbeschäftigungen in Frage. Die wichtigste Idee 
oder vielmehr die erheblichste Annäherung an einen später in 
anderer Gestalt sehr einflussreich gewordenen Gedanken findet 
sich in seiner Schrift über bürgerliche Regierung unter dem 
Capitel vom Eigenthum eingestreut. Was er sonst in Abhand 
lungen über Zins und Münze schrieb, tritt nicht aus dem 
Rahmen der Reflexionen heraus, wie sie unter der Herrschaft 
des Mercantilismus in Anlehnung an die Vorkommnisse des 
Staatslebens üblich waren. TJeber die Freiheit des Zinsfusses 
hatte mancher Geschäftsmann ähnlich gedacht, und auch die 
Entwicklung der Verhältnisse brachte die Neigung mit sich, 
die Zinshemmungen als unwirksam zu betrachten. In einer 
Zeit, wo ein Dudley North seine Discourses upon trade (1691) 
in dor Richtung auf Freihandel schreiben konnte, musste be 
reits Vieles gleichsam in der Luit liegen, was die theoretische 
Opposition gegen Zinsheschränkungen nicht als etwas Uner 
hörtes erscheinen liess. Zwar hatte der eben genannte Händler, 
ein niedriges Werkzeug der richterlichen Reactionsvcrfolgungen, 
für seine aus den Geschäften von Oonstantinopel und Smyrna 
her erworbenen Grundsätze keinen Beifall zu finden ver 
mocht, und es fiel in unserm Jahrhundert dem Neubrittischen 
Freihandel anheim, jene verschollene, ja fast verlorne Schrift
        <pb n="81" />
        65 
^ißder zugänglich zu machen. Indessen darf man sich, unge 
achtet des grade mit der ßevolution entwickelten Schutzpiin- 
Gips, die Zustände doch nicht so denken, als wenn sie den auf 
Freimachung anderer wirthschaftlicher Verhältnisse gerichteten 
Herstellungsarten nicht schon günstig gewesen wären. Die 
Darlegung der Gründe für die (nicht einmal ausnahmslos ge 
forderte) Zinsfreiheit ist daher bei Locke nichts Ueberraschen- 
des, worauf die Geschichte ganz besondern Werth zu legen 
hätte. Auch eine blosse wenn auch rationellere Befassung mit 
Münzfragen ist noch kein Umstand, der an sich und abgesehen 
von den wichtigeren Hülfsvorstellungen zu eigentlich volks- 
wirthschaftlichen Ideen zu führen pflegt. Dennoch müssen wir 
grade bei Locke ein paar Einzelheiten aus seinen kleinen 
Schriften über Zins und Münze berühren, um zu zeigen, dass 
auch er sich der mercantilen Anschauungsweise keineswegs 
entzog, wie man dies allzu voreilig und ohne Verstäiidniss fur 
den Geist seiner Arbeiten behauptet hat. 
Zunächst wollen wir jedoch jene Idee betrachten, auf le 
schon oben hingewiesen wurde, und die sich mit ziemlic ei 
Klarheit, wenn auch mit wenig Gonsequenz, in einem natui- 
rechtlichen Zusammenhang (im Essay on civil goveinmcnt, 
1689, Werke Bd. V 1812, S. 361) vorfindet und dort die Rolle 
eines sich aufdrängenden, aber kaum halb gewürdigten Gedan 
kens spielt. Wenn wir den Begründer des psychologischen 
Ideenkriticismus hier auf einem andern Gebiet nicht unge 
schickt und nicht ohne einigen Erfolg vergehen sehen, so ist 
dieses Ergebniss zu einem, grossen Theil auf da^ Maass 
Denkvirtuosität zurüokzuführen, welches bei dem VerWser des 
.Versuchs überden menschlichen Verstand" in keiner Richung 
gdnzlicli ohne Wirkungen bleiben konnte. Von besondeim 
Interesse ist die Entwicklung der wirthschaftlichen Vorstellung, 
mn die es sich handelt, aus demBedürfniss einer naturrechtlichen 
Kogründung des Eigenthums. Es ist die Arbeit, die auch schon 
von Locke als Rechtfertigungsgrund des Eigcnthums in . n- 
rrr.fr ä 
''wauf anzusehen, inwiefern die Arbeit an ihnen theilhabo In 
Interesse seines Arbeitsprincips, als des vorausgesc z on 
ÄTcr: £ =r.:r.;.::r= 
Otihring, Geschichte der Nationalökonomie. 2. Auflage.
        <pb n="82" />
        66 — 
darunter auch derjenige der Ländereien fast vollständig auf Arbeit 
zurückführen lasse. Es seien des Werths der Bodenerzeug 
nisse auf die Arbeit zu verrechnen; nehme man aber die Dinge, 
wie man sie schliesslich verbrauche, so seien auf die Ar 
beit und nicht auf die Natur zurückzuführen. Weiterhin 
(S. 363) heisst es sogar „die Natur und Erde lieferten nur die 
fast werthlosen Materialien”. Wer mit der kritischen Oeko- 
nomie bekannt ist, weiss, dass es jene fehlenden Zehntel 
und Hundertel und die unentschiedenen sich durch das Wört 
chen „fast” verrathenden Yorstellungsartoii sind, in welchen die 
Unsicherheit und Inconsequenz der Auffassung gegenwärtig 
klar genug erkennbar dasteht. Offenbar streifte das Vorstel 
lungsspiel in diesem Fall nahe genug an den neuerdings auf 
gestellten und so berühmt gewordenen Careyschen Satz, dass 
die Natur überhaupt und im strengsten Sinn an der Wertherzeu 
gung gar keinen Theil habe, sondern als unentgeltliche Pro- 
ductionsvoraussetzung betrachtet werden müsse. An welche 
Auskunft man aber auch "denken möge, so musste doch unter 
allen Umständen jene Lockesehe Gestalt der Vorstellung einem 
Jeden als unbefriedigend erscheinen, der überhaupt sein ver 
nehmliches Augenmerk auf den Ursprung des Werthes der 
Dinge unmittelbar und ernstlich richtete. Locke selbst aber 
war offenbar nur gelegentlich auf Vorstellungen gekommen, 
die in dieser nachlässigen Form noch kaum als Theorien be 
zeichnet werden können. Wenn daher diese Gedanken mit 
alledem, was später den Schwerpunkt der weiteren Ideenent 
wicklung bildete, äusserlich Zusammentreffen, so liegt hierin 
nur ein Zeugniss dafür, dass die Regungen in dom Anschauungs 
kreis des Philosophen eine Tendenz zum Richtigen fast unwill 
kürlich einschlugen. Es ist aber hiemit durchaus nicht be 
wiesen, dass jene halbfertigen Gebilde, die selbst noch nicht 
wussten, was sie eigentlich genau sein sollten, als Resultate 
und Theorien eine erhebliche Bedeutung in Anspruch nehmen 
könnten. Auch sieht man sich nach ernstlichen Gonsequenzen 
an andern Orten vergebens um. Streng genommen ist es mithin 
nur die neuere Volkswirthschaftslehre gewesen, die dazu ver 
anlasst hat, bei Locke nach einem Spiegelbild ihrer eignen 
leitenden Vorstellung zu suchen. 
9. Ueber Lockes Mercantilismus kann nicht der mindeste 
Zweifel bestehen bleiben, sobald man sich nicht durch gänzlich
        <pb n="83" />
        67 
ÍAolirte Redewendungen muschen lässt. Einige entscheidende 
Stellen genügen vollkommen, um eine ganz unzweideutige 
llechonscliaft zu geben. Der Sachverhalt ist in dieser Rich 
tung um so wichtiger, als man sonst geneigt sein könnte, die 
Kultur der volkswirthscbaftliclien Ideen in England ebenso von 
derjenigen des Festlandes sondern zu wollen, wie dies für die 
tjcschichte der Philosophie nothwendig ist. Alsdann würde 
man die geistig'en Vorgänge auf der Insel in Rücksicht auf die 
Ausbildung einer Volkswirthschaftslehre als eine verhältniss- 
mässig isolirte Gruppe von Thatsachen und Gedanken anzu 
sehen und den dortigen Theorien eine von vornherein über- 
iegene Rolle zuzuschreiben haben. Hiezu ist indessen keines 
wegs dasselbe Maass von Gründen vorhanden, wie im Gebiet 
der Philosophie. Es giebt hier keinen wirthschaftlichen Be- 
griffskriticismus, der dom philosophischen Vorgehen eines Locke 
entsprochen und hinterher, nach einer Schottischen Verfeine- 
imng, in Deutschland seine tiefer denkenden Fortsetzer gefunden 
hätte. Nur soviel ist allerdings als gemeinsam anzuerkennen, 
dass die Ausbildung einer Volks wirthschaftslehre in England 
nachher da am besten gelungen ist, wo sich die Philosophie 
‘tm entschiedensten gefördert fand. Wir werden später sehen, 
wie in Hume beide Gebiete ihre tiefsten Wurzeln geschlagen 
haben, und wie innerhalb des gleichartigen und zum Theil ge 
meinsamen Gedankenkreises Adam Smith die Kraft schöpfte, 
sein epochemachendes Werk abzufassen. 
Hätte Locke etwa ebenso dem Ursprung wirthschaftlicher 
ßegrilfo nachgeforscht, wie er dies bezüglich der metaphysischen 
^üd philosophischen Vorstellungen gethan hatte, so winden 
wir schwerlich in der Nothwendigkeit sein, die mercantile Rich 
tung seines Gedankenlaufs festzustellen. In dieser Beziehung 
erhob er sich nämlich sowenig über die vorherrschenden Ideen, 
(lass er sogar bessere Einwendungen nicht zu würdigen wusste. 
Letzteres zeigt sich z. B. in einer Stolle über die Handels- 
hilauz (Betrachtungen über Zinserniedrigung etc., im ange 
führten Bd. V S. 17)i Dort enthält der von ihm abgedruckte 
Gegenein wand, es werde schliesslich meist in Gütern gezahlt, 
und das Gold werde dann im Lande nicht verringert, bereits 
eine Andeutung der späteren Theorie, und wenn man auch vom 
ueusten Standpunkt aus sogar die schliessliche Smithsche Fas 
sung selbst für einseitig erachten muss, so war doch Alles, was auf 
5»
        <pb n="84" />
        '— 68 
dieselbe hinarbeitete, als Fortschritt zu betrachten. Nun ver 
kannte aber Locke den bessern Bestandthcil der gegnerischen 
Anführung bis zu dem Punkte, dass er sich sogar zu einer 
höchst zuversichtlichen und verächtlichen Ausdrucks weise be 
wogen fand. Hiebei tritt es in seinem Gedanken mit mehr als 
hinreichender Deutlichkeit hervor, dass er in der gröbsten Weise 
dem Leitfaden der edlen Metalle folgt und sich gar nicht vor 
zustellen vermag, wie zwischenWerthsummo und Geld cinUntcr- 
schied bestehen könne. Seine Idee von der Bilanz ist nämlich 
die ganz gewöhnlich mercantilistische, derzufolgo zwischen den 
Ländern alle Ausgleichungen des Werthuntersehiedos zwischen 
Einfuhr und Ausfuhr unbedingt und ausschliesslich in edlen 
Metallen erfolgen müssen. Wie er sich aber auch den lleich- 
thum noch ernstlich mercantilistisch vorstellt, zeigt folgender 
Satz derselben Abhandlung (S. 13); „Reichthümer bestehen 
nicht darin, mehr Gold und Silber zu haben, sondern darin, 
davon im Verhältniss zu der übrigen Welt oder unsern Nach 
barn mehr zu haben.” Die Aufspeicherung der edlen Metalle 
soll, wie der weitere Zusammenhang noch ausdrücklich bestätigt, 
ein Volk in den Stand setzen, sein Hebergewicht über die an 
dern weniger versehenen Nationen geltend zu machen und sich 
ein grösseres Maass von Bequemlichkeiten zu verschaffen. Heber 
haupt kennt Locke nur zwei Wege der Bereicherung ver 
mittelst der edlen Metalle, nämlich Eroberung und Tribut einer 
seits und Handel andererseits. Indem er den ersteren von 
seinem philosophischen Standpunkt aus verwirft, bleibt ihm nur 
eine ziemlich grobe Gestalt der mercantilistischen Anschauungs 
weise übrig. Der wörtliche Ausdruck jenes Gedankens (auf 
der zuletzt angeführten Seite) ist entscheidend : „In einem 
Lande ohne Bergwerke giebt es zum Rciehthum nur zwei Wege, 
Eroberung oder Handel”. Wer hienach noch daran zweifeln 
sollte, dass Lockes wirthschaftlicho Erörterungen in den maass 
gebenden Hauptpunkten den vorwiegenden Meinungen folgten 
und in dieser Beziehung keine Originalität in Anspruch zu 
nehmen haben, wird wohlthun, sich mit dem Wesen des Mor- 
cantilismus strenger vertraut zu machen und dann zu unter 
scheiden, wo die gröberen und die feineren Artungen dieses 
Vorstellungskreises zu suchen sind. Unseres Erachtens hat 
zwar Locke den Vortheil einer ziemlich klaren Ausdrucksweiso 
und eines meist gesunden Verständnisses der Verhältnisse für
        <pb n="85" />
        69 — 
í^ich, so lange os sich um nicht viel mehr als um die Anwendung 
der im Verkehr bereits herrschenden oder nahegelegten Ideen 
handelt. Uebrigens bleibt er aber sachlich meist weit mehr 
befangen, als seine Kenntniss der Thatsachen rechtfertigt, und 
wo er einmal einen glücklicheren Streifzug des Gedankens un 
ternimmt, da ist es, wie wir gesehen haben, das Naturrecht 
oder die allgemeine politische Erörterung gewesen, was ihn 
auf die Spur, aber auch nur auf die Spur einer erheblicheren 
ökonomischen Einsicht geleitet hat. 
10. Indem wir von den Engländern zu den Franzosen über 
gehen, deren zwei Hauptschriftsteller sich auch der Zeit nach 
eng anschliessen, betreten wir ein Gebiet, in welchem die Ver 
allgemeinerungen der Ideen eine weit erheblichere Rolle spielen. 
Es scheint fast, als wenn der Boden Frankreichs den mehr 
schematischen und systematischen Vorstellungsarten ungleich 
günstiger wäre, als das Gestrüpp der specifisch Englischen, 
von der Schottischen unterschiedenen Art und Weise. Die 
bewegliche Abstraction sowie ein gewisses Maass von leichtem 
Ueberblick lassen sich bei den Französischen Erzeugnissen nie 
verkennen, und Boisguillebert ist hiefür ein derartig hervor 
ragendes Beispiel, dass man von ihm behaupten kann, er ver 
trete unter den sämmtlichen zu jener Zeit in Frage kommenden 
Autoren die Idee von einer Art universellem Zusammenhang 
der wirthschaftlichen Erscheinungen, Hierauf haben seine 
Landsleute neuerdings mitunter soviel Werth gelegt, dass sie 
versucht worden sind, die Hauptsätze der neuern Oekonomie 
bei ihm wenigstens im Keime nachzuweisen. Wie günstig man 
ihn aber auch beurtheilen möge, so ist es bei unbefangener 
Prüfung ganz unmöglich, mehr als eine einzige wesentliche 
Idee von einiger Tragweite zu constatiren. Diese Idee liegt 
aber noch nicht einmal auf dem Wege, den die Französischen 
Anhänger der Neubrittischen Richtung zu wandeln %)üegen. Sie 
erhobt sich vielmehr, wenn auch in einer noch unentwickelten 
Gestalt, bedeutend über jenes Niveau und kann ihre volle Wür 
digung nur vom neusten Standpunkt der Volkswirthschaftslehre 
erwarten. Ehe wir jedoch auf diesen treibenden Grundgedan 
ken eingehen, müssen wir ein wenig nach dem Manne fragen, 
von dom diese Idee so lebhaft erfasst wurde. 
Boisguillebert und Vauban sind zwei Persönlichkeiten, die 
darauf Anspruch haben, dass man bei der Kennzeichnung ihrer
        <pb n="86" />
        70 
Leistungen ihre Charakterhaltung und Lebensstellung nicht : 
übergehe. Beide waren Männer von grossem persönlichen \ 
Freimuth und Unabhängigkeitssinn, Beide waren Männer der 1 
Praxis und schrieben nicht berufsmässig, sondern cin/dg und j 
allein in Folge der Anregung, die sie in der von ihnen he- ] 
dauerten Lage des Landes gefunden hatten. Der eine von 
ihnen, der ehrliche Vauban, wurde ganz offenbar von seiner 
A/aterlandsliebe und seinem Gerechtigkeitssinn geleitet. Der ’ 
andere, von dem wir zunächst eingehender zu sprechen haben, 
hatte zwar schon früh ein paar schriftstellerische Versuche in ; 
einer leichteren Gattung gemacht, kann aber dennoch nicht als 
Jemand betrachtet werden, den bei seinen ernstlichen finan 
ziellen Arbeiten die Eitelkeit der Schaustellung schriftstcllo- • 
rischer Vorzüge geleitet hätte. Sein Ziel war die ¡iraktischc 
Einwirkung auf das Schicksal des Landes durch unmittelbare 
Umgestaltung der finanziellen Begierungsgrundsätzo. Er glaubte 
trotz der vier Auflagen seiner ersten Hauptschrift und un 
geachtet des Beifalls, den seine weiteren Arbeiten bei dem ; 
Publicum fanden, dennoch nichts ge than zu haben, weil seine ; 
Ideen nicht zur unmittelbaren Verwirklichung gelangten. Er ■ 
setzte sich in der Führung seiner Sache erheblichen Vexationen 
und Verfolgungen aus, die ihn um so leichter erreichten, als i 
seine amtliche Stellung in Rouen durch mannichfaltige Chicanen ¡ 
dazu benutzt werden konnte, ihn von der ökonomischen Seite 
zu treffen. Die mehrmalige Wiedorerkaufung des Rechts zu dieser 
Stelle wurde ihm durch die allgemeinen fiscalischen Maass- ' 
regeln, jedoch seiner Person gegenüber noch unter maliciöser 
Hinweisung auf seine finanziellen Reformpläne aufgenöthigt, 
und dem Schlimmem entging er schliesslich auch nicht. So 
viel man von seinem zum Theil ziemlich unbekannt gebliebenen 
Leben (1646—1714) weiss, so hat er seinen Posten, dessen 
Functionen in der leitenden Ausübung eines Gemisches von 
Justiz und Polizei bestanden, und auf diese Weise einen ent 
scheidenden Einfluss auf das Schicksal der Stadt übten, mit 
der grössten Gewissenhaftigkeit und Geschäftstüchtigkeit aus- 
gefüllt. Es ist daher bei der Leetüre seiner lebendig und ge 
wandt geschriebenen Arbeiten nicht zu vergessen, dass der Ver 
fasser derselben vom Standpunkt einer praktischen Stellung 
und überdies im Hinblick auf Erfahrungen schrieb, die er sich 
auch in der eignen, nach der Seite des Ackerbaus und Handels ^ 
I 
;
        <pb n="87" />
        — 7l — 
dirigirten Privatwirthschaft erworben hatte. Die ökonomischen 
Pbicanen und der Umstand, dass er überhaupt von verfehlten 
Maassregeln der Regierung ernstlich zu leiden gehabt hatte, 
lüögen seiner Sprache hier und da eine besondere Erregtheit 
ürtheilt haben. Indessen sieht man dennoch deutlich genug, 
dass die Ideen selbst, die er vor Augen hat, das eigentliche 
Lebenselement seiner Wärme und Leidenschaft bilden. Man 
bat in ihm einen Schriftsteller vor sich, der mit einem prak 
tischen Ausgangspunkt und vielen verhältnissmässig klaren 
Anschauungen eine edle Begeisterung für gerechte Rücksicht 
nahme des Menschen auf den Menschen und sogar für Ideen 
verbindet, bei deren Ausdruck die Kühnheiten der Paradoxie 
und die Mächte des Affects eine Rolle spielen. 
Seine Schwächen sind die ziemlich natürlichen Begleiter 
der letzterwähnten Vorzüge. Er dachte zu sanguinisch an die 
Möglichkeit, seinen Gesichtspunkten bei Ministern Eingang zu 
verschaffen. Die, wenn nicht wahre, so doch nicht schlecht 
eifundene Anekdote, welche der Herzog von St. Simon über 
die Audienz oder vielmehr Nichtaudienz unseres Finanzrefor 
mers bei Pontchartrain erzählt, ist ein Zeugniss für jene Sinnes 
art. Boisguillebert begann nämlich mit der dem fraglichen 
Herrn gegenüber allzu naiven Erklärung, derselbe würde ihn 
zuerst für einen Narren nehmen, dann sehen, dass er Aufmerk 
samkeit verdiente, und schliesslich mit seinem System zufrieden 
sein, Pontchartrain erwiderte lachend, er halte sich an den 
ersten, und kehrte ihm den Rücken. 
Selbst die günstigste Beurtheilung kann nicht umhin, bei 
dieser Gelegenheit darauf hinzu weisen, dass Boisguilleberts 
Phantasie allerdings die Neigung hatte, die Grenzen des Mög 
lichen einigermaassen kühn hinauszuschieben. Man hat ihm 
namentlich seine allzu viel versprechenden Büchertitel zum 
Vorwurf gemacht, und man kann nicht leugnen, dass dieselben 
in ihren Erläuterungen ein wenig an die Kunst erinnern, in 
24 Stunden Dinge zu leisten, zu denen ein Jahr selbst unter 
den günstigsten Umständen noch eine kurz bemessene Frist 
wäre. Dennoch darf man nicht voraussetzen, dass er etwa bei 
seinen Ankündigungen nicht mit der vollsten Ueberzeugung 
verfahren sei. Wenn er auf dem Titel seiner ersten Haupt 
schrift, des Détail de la France (zuerst unter Chiffre 1695, dann 
mit dem langen Titelprogramm 1697) und zwar in einem Alter
        <pb n="88" />
        72 
von ungefähr 50 Jahren in einem Monat alles für die Finanzen 
nöthige Geld und die Bereicherung von Jedermann in Aussicht 
stellte, so war dies eben nichts als eine sehr begreifliche Illu 
sion. Er urtheilte über die Möglichkeiten nach dem innern 
und allgemeinen Wesen der Sache, wie er sich dieselbe unab 
hängig von der bcsondern Beschaffenheit der Regierungspor- 
sonen, der Zustände und der Menschen seinen Voraussetzungen 
entsprechend vorstellte. Eine derartige Auffassung ist in ari- 
uern Gebieten des Wissens und Könnens bei den berühmtesten 
Persönlichkeiten häutig genug vorgekommen, und wenn sich 
z. B. ein Roger Bacon anheischig machte, die ganze zu seiner 
Zeit bekannte Mathematik in 8 Tagen beizubringen, so hat 
man sich zu hüten, sofort eine gewöhnliche Grosssprecherei 
anzunehmen. Auch in der allerneusten Zeit haben sich sehr be 
rühmte Nationalökonomen zur Aeusserung von Vorstellungen be 
wogen gefunden, die den Perspectiven Boisguilleberts mindestens 
gleichkamen. Wir dürfen also seine Arbeiten um jener Illusion 
willen nicht in den übrigen Beziehungen herabsetzen. Das 
Einzige, wozu wir gegründete Veranlassung haben, ist Vorsicht 
gegen die anderweit naheliegenden Abirrungen seiner Imagi 
nation und Leidenschaft, und hier dürfte besonders die in den 
Zahlenbestimmungen unterlaufende Poesie nicht zu vergessen 
sein. Man darf ihm dieselbe jedoch in der damaligen Zeit bei 
dem Mangel einer eigentlichen Statistik nicht zu hoch an 
rechnen, zumal ja auch der in dieser Beziehung nach Zuver 
lässigkeit strebende und überhaupt gediegen und gesetzt ver 
fahrende Vauban mehrfach zu Angaben gelangt ist, welche 
heute als vollständige Unmöglichkeiten erkannt werden. Wenn 
ausschweifende Schätzungsangaben dem mit unverkennbarer 
Ruhe, Festigkeit und Klarheit denkenden Ingenieur und zu 
gleich dem Manne begegnen konnten, den die Franzosen an die 
Spitze der Entstehungsgeschichte der Statistik stellen, so wird 
man es bei dem Lieutenant-General von Rouen nicht über 
raschend finden dürfen, dass er seine von bedeutenden praktischen 
Zielen eingenommene Phantasie oft genug nicht im gehörigen 
Gleichgewicht erhalten hat. Die Unbestimmtheit der Thatsachen, 
aus denen er seine Schlüsse zu ziehen hatte und für welche er sich 
allzu sehr auf die eignen praktischen Anschauungen angewiesen 
sah, macht das Schweifen der Ideen nur zu erklärlich. Ja die 
eigne Erfahrung musste hier oft irreleiten, da sie sich unmit-
        <pb n="89" />
        73 
telbar nur auf einen kleineren Kreis bezog und leicht die Vor 
gänge in einer Provinz zum Maass der Schicksale des ganzen 
Landes machte. 
11. Die eben angedeutete, sehr natürliche Einseitigkeit, 
die eine Folge des provinziellen Standpunkts ist, hat jedoch 
bei Boisguillebert nicht blos die Irrthümer, sondern auch die 
besten Früchte erzeugt. Seine Ideen über die Wohlthätigkeit 
angemessen hoher Gretraidepreise und über die zerstörenden 
Wirkungen ihres zu grossen Sinkens sind der Stärke der Ein 
drücke zu verdanken, mit welcher sich ihm die Folgen der 
Ausfuhrverbote grade in seiner Provinz aufdrängten. Aus dei - 
selben Quelle, aus welcher jene sich zu einer Theorie erweitern 
den Gedanken flössen, schreibt sich aber auch seine leiden 
schaftliche Eingenommenheit gegen den Colbertismus her, den 
er in der Hauptsache nicht verstand. Er musste der Gediegen 
heit der Person und ihrem unbestechlichen Eifer Gerechtigkeit 
widerfahren lassen; aber er wird nicht müde, das Jahr 1660, 
d. h. die Einleitung der Colbertschen Verwaltung, als den 
Wendepunkt zu allem Unglück des Landes zu bezeichnen. 
Freilich hat er nicht blos Colbert, sondern auch das vor 
Augen, was dessen Wirksamkeit folgte. Ja überhaupt war das 
System des eifrigen Ministers nur insoweit zur Verwirklichung 
gelangt, als es sich mit der sonstigen Politik Ludwigs XIV 
vereinigen liess und durch die letztere nicht gekreuzt oder be 
schränkt wurde. In der zunächst interessirenden îrago hatte 
allerdings Boisguillebert eine von Colbert gutgeheissene Maass 
regel im Auge, die gegenwärtig sogar von den entschiedensten 
Vertheidigern der sonstigen Grundsätze jenes Ministers als 
Fehler betrachtet wird. Die Verhinderungen der Getraideaus- 
fuhr sollten die Nothstände mildern, welche sich an die schlech 
ten Ernten und an den Mangel von Nahrungsmitteln knüpften 
und häufig genug in Zwischenräumen von wenigen Jahren 
wiederholten. Das Princip, die Nahrungsmittel durch Zurück 
haltung ihrer Ausfuhr billiger zu machen, musste aber zu einem 
ganz anders gearteten Nothstand führen, der die Landwirth- 
schaft und die ländliche Bevölkerung in Folge von Absatz 
mangel heimsuchte. In der Charakteristik dieser letzteren Er 
scheinung hat nun unser Autor seine Stärke. Hier zeigt er 
das Unheil der Stauungen des Verkehrs und das Elend, von 
welchem die Ackerbaubevölkerung betroffen wird, wenn die
        <pb n="90" />
        74 
Preise der Bodcncrzeugnisse die Kosten ihrer Herstellung nicht 
mehr decken. An die Erkenntniss dieser Missverhältnisse 
knüpft sich hei ihm aber auch jene allgemeinere Idee, die 
den Schwerpunkt seiner theoretischen Kräfte bildet, und die, 
wenn man nur auf das ganz Allgemeine sieht, allerdings schon 
eine gewisse Vorstellung von dem vertritt, was man in neuster 
Zeit mit den Schlagworten der Harmonie oder Solidarität der 
Interessen zu bezeichnen pflegt. Indessen sind die Mannich- 
faltigkeitcn im Gebiet dieser Begriflb so gross, dass man wohl- 
tlmt, wenn man sich von derartigen Ausdrücken unabhängig 
macht und einfach zusicht, was der Schriftsteller thatsächlich 
gemeint habe. Die Hineindichtungen sind in diesem Eelde be 
denklicher als irgendwo, und man leistet weder der Vergangen 
heit noch der Gegenwart einen Dienst, wenn man Ideen für 
einerlei erklärt, welche zwar Berührungspunkte gemein haben, 
aber in ihrer weiteren Entwicklung gewaltig von einander ab 
weichen. Weit gefehlt, dass sich derartige Gedanken irgend 
einer vagen Allgemeinheit wegen, in der sie sich begegnen, 
schon decken müssten, befinden sie sich vielmehr oft genug 
mit einander in Widerstreit, und die erzwungene Harmoni- 
sirung ist am wenigsten bei den vielgestaltigen Meinungen ange 
bracht, die man mit dem losen Gewand der Interessenhar 
monie umhüllen kann. 
Die Schriften Boisguillcberts haben eine Darlegung des 
Zustandes Frankreichs unter dem Einfluss der dem Ackerbau 
ungünstigen Stcuerverhältnisse und Maassregeln zum Zweck. 
Sie sind wesentlich finanzieller Natur, und die eigentlich volks- 
wirthschaftlichen Gedanken spielen in ihnen nur eine Neben 
rolle. Aus diesem Grunde kann ihnen nur die eigentliche 
b inanzgeschichte gehörig gerecht werden, und diesem besondern 
Zweige müssen wir auch die Entscheidung überlassen, in wel 
chem Maass die Boisguillebertsche Finanzkritik und Finanz- 
Opposition begrfSndet gewesen und nach welcher Seite sie über 
das Ziel hinausgegangen sei. Nur eine einzige kleine Schrift, 
die Abhandlung über die Eeichthümer (Dissertation sur les 
richesses etc.) ist abstracter gehalten und sieht ein wenig nach 
allgemeinerer Theorie aus. Doch ist es fast vollkommen gleich 
gültig, wo man die volkswirthschaftlichen Hauptgedanken un 
seres Autors aufsucht; denn er wiederholt sie in allen seinen 
grösseren und kleineren Arbeiten. TJebrigens ist die Abhand-
        <pb n="91" />
        hing über das Getraido (Traité dos gmins) für nnsern Zweck 
insofern ausKuzeichnen, als vorzugsweise in ihr das Hauptniotn 
der wirthschaftlich erheblichen Ideen hervortritt. Ausser dem 
vorher erwähnten Détail de la France ist etwa 10 Jahre später 
(jedenfalls vor 1706) noch ein anderes Zustandsbild als ,,Factum 
de la France" erschienen, welches die Veranlassung wurde, dass 
der Verfasser harten Verfolgungen anheimfiel. Die Schreibart 
ist überall von Pedanterie frei; nur wird die sonst recht ge 
fällige und noch heute einen gewissen Beiz bietende Lecture 
dadurch mehrfach unmodern, dass biblische Anfänge nicht selten 
die allgemeinen Erörterungen einleiten und dass auch die 
moralischen Gedanken sich nicht vollständig von diesem Hinter 
grund getrennt finden. Vom Standpunkt einer höheien Bil 
dung, wie sie schon in der Cartesischen Philosophie nahelag, 
hätte sich auch über Finanzen und wirthschaftliche Ideen mit 
weniger mittelalterlichen Anklängen schreiben lassen. Indessen 
hatten ja in England ein Petty und ein Locke etwas Achnliches 
gethan, und der letztere hatte sich in seiner Staatstheorie auf 
Adam und alles Mögliche dieser Art eingelassen, wie es hei 
seinen .Gegnern Sitte war. Die Zeit hatte also einen grossen 
Antheil an dieser, unserm Geschmack widersprechenden Manier, 
und sie hat dafür gesorgt, dass die wissenschaftliche Ileinheit 
und Classicität ausser im Gebiet der am meisten fortgeschrit 
tenen Darstellungsformcn der höheren Naturwissenschaft eine 
Unmöglichkeit blieb. Diese Bemerkung war nöthig, um den 
übermässigen Lobpreisungen entgegenzutreten, welche in Bois 
guilleberts Arbeiten für den Inhalt wie für die Foim einen 
Grad von Wissenschaftlichkeit in Anspruch nehmen, der weder 
in dem thatsächlichen Wissen noch in der bewussten logischen 
Verknüpfung der Gedanken vorhanden gewesen ist. 
12. Nach dieser Kennzeichnung werden wir die Haltung, 
in welcher die einzelnen Ideen mehr oder minder fest auftreten, 
zu heurtheilen vermögen. Der erste Ausgangspunkt, aus wel 
chem man zu allem Uebrigen gelangt, ist, wie schon erwähnt, 
die Einsicht, dass die zu niedrigen Getraidepreise den Rum 
des Ackerbaus mit sich bringen, und dass ein gewisser Höhe 
stand derselben nicht blos im Interesse der Landwirthe und 
Landarbeiter, sondern auch in demjenigen der übrigen Beiufs- 
zweige liege. Die übermässige Theuerung und der Mangel 
tödten, meint unser Autor, durch Inanition, d. h. auf dem Wege
        <pb n="92" />
        76 
(1er Stoffentziehung und des Verhungerns; der zu billige Preis 
bringe aber"eine Art Indigestion oder staatliche Verdauungs 
störung durch zu grossen Ueboriluss mit sich. Das Bild ist, 
wie man sieht, in der Hauptsache treffend. Nur darf man nicht 
übersehen, dass die für den Ackerbau entstehenden Calamitäten 
auf der gesellschaftlichen Unmöglichkeit beruhen, die Production 
hei zu niedrigen Preisen gehörig im Gange zu erhalten. Die 
Schilderungen Boisgiiilleberts sind einschneidend. Er erinnert 
an die Decirnirung der ländlichen Bevölkerung und beschreibt, 
wie die durch zu billige Absatzpreise erzeugte Noth zuerst die 
Kinder hinwegrafft, die den Entbehrungen und namentlich dom 
Mangel an Fürsorge am ehesten erliegen. Die Stadien, in 
denen er sich den Hergang der Vernichtung vollziehen lässt, 
sind keine Erdichtung und haben eine allgemeinere Bedeutung. 
Er kennt bereits cinigermaassen, was uns heute auf der Grund 
lage der Statistik so klar vor Augen liegt, — den durch ökono 
mische Gesammtursachon vermittelten Uobergatig vom Loben 
zum Tode. Er spricht sich bei solchen Gelegenheiten sehr 
bitter aus, und bisweilen greift die Gluth seiner Leidenschaft 
zu den stärksten Ausdrücken. Die durch Erntoausfälle erzeugte 
Noth wiegt in seinen Augen leicht, sobald er ihr das Elend im 
Gefolge der ruinirend billigen Preise gogenüberstellt. Hiebei 
muss man eingedenk bleiben, dass er es mit den durch Aus 
fuhrverbote künstlich gedrückten Preisen und beschränkten 
Absatzverhältnissen zu thun hatte. Im Hinblick auf solche 
Zustände wurde er durch seine Idee zum Anwalt der Land- 
wirthschaft, und noch heute, wo es sich nicht mehr um land- 
wirthschaftliche Ausfuhrbeschränkungen handelt, haben dennoch 
die Erörterungen über die Wirkungen der Preishöhe eine ent 
scheidende Bedeutung. Alles was in der Wirthscliaftspolitik 
indirect blos auf Niederhaltung der landwirthschaftlichen Preise 
hinwirkt, ohne an einer entgegengesetzten Tendenz eine heil 
same Schranke zu finden, muss schliesslich zum Ruin aller 
Classen hintreiben. Diese Wahrheit liegt allen Erörterungen 
und sogar den gewagtesten Paradoxien unseres Autors zu 
Grunde. Allerdings erfasst er diesen Satz nicht in seiner heu 
tigen Allgemeinheit; aber er weist doch im Einzelnen nach, 
wie die Unfähigkeit der Ackerbauer, die Erzeugnisse der Ge 
werbetreibenden in gehörigem Maass zu kaufen, auch die letz 
teren in den Verfall hineinziehe. Die Darlegung dieser Be-
        <pb n="93" />
        Ziehungen des Verkehrs ist das Bedeutendste, wozu Boißguilie- 
bort in seinem volkswirthschaftlichen Denken jemals gelangt 
ist. Die weiteren Gedanken, welche die gegenseitige Abhän 
gigkeit der Wohlstandsvcrhältnisse der verschiedenen Stände 
hetreflen, sind nur mannichfaltigo Einkleidungen oder moralische 
Begründungsversuche jener Grnndvorstellung. 
Die heute am meisten fortgeschrittene Gestalt der National- 
ökonomio geht davon aus, dass in der geographischen Ver- 
gleichung der Zustände die höheren Preise der Bodenerzeugnisse 
ein Anzeichen des grösseren Wohlstandes sind. Sie verwiift 
also das Princip, welches einseitig nur die Tendenz zur Drückung 
jener Preise im Auge hat. Sic weiss, dass sich die Interessen 
beider Theilo, d. h. der Verbraucher und der Erzeuger von 
Nahrungsmitteln dann am besten befriedigen, wenn sie einander 
im Gleichgewicht halten und hiedurch verhindern, dass nur das 
eine von ihnen vornehmlich maassgebend werde. Aus dem 
Widerstreit, aus der doppelseitigen Sclbsterhaltung und aus der 
Wahrnehmung der Selbständigkeit und Freiheit in beiden 
Lagern gehen erst diejenigen Thatsachen hervor, welche von 
wirklich allgemeinem Nutzen sind. Nur diejenigen Preise, 
welche einer derartigen beiderseitigen freien Entfaltung der un 
mittelbar gegen einander gerichteten Interessen ihr Dasein ver 
danken, werden auch dem höheren gemeinsamen Nutzen dienen. 
Besteht aber auf einer der Seiten ein starkes Uebergewicht, 
so wird dasselbe, gleichviel ob es sich auch in staatlichen oder 
nichtstaatlichen Maassregeln und Verfahrungsarten geltend 
mache, zu einer Gestaltung der Verhältnisse führen, die schliess 
lich auch den begünstigten Theil in das Verderben des ge 
schädigten hineinreisst. Hienach giebt es also für die gegen- 
scitigen Austauschungen solche Preissätze, welche weder zu 
niedrig noch zu hoch, sondern der grössten Summe von Vor- 
t heilen, die für alle Betheiligten auf die Dauer erzielt werden 
kann, am angemessensten sind. Von dieser Wahrheit hatte nun 
Boisguillcbcrt im Hinblick auf den landwirthschaftlichen Absatz 
einen ziemlich genügenden Begriff. ISur trübt sich bei ihm die 
Verallgemeinerung dieser Idee durch die Hineinziehung eines 
moralischen Gesichtspunkts, dessen Absicht zwar die höchste 
Achtung verdient, der aber doch thatsächlich nur in einer 
Gestalt erscheint, wie sic den edelsten Zielen der Menschheit 
bis jetzt mehr geschadet als genützt hat. Die Ansicht Bois-
        <pb n="94" />
        78 
g-uillcberts ist nämlich die, dass, wenn Alle hillig und gerecht 
mit einander verkehren, also den wahren Wcrtli geben, dann 
die sämmtlichen Berufszweige einander fördern, im umgekehrten 
Falle aber schaden. Hiebei hat er %ie Rücksicht auf Andere 
als moralisch wirksames Princip im Sinne, und seine Erörte 
rung weist deutlich genug auf einen Religionsantrieb zurück. 
Sieht man nun aber auch ganz von der Beschaffenheit solcher 
Grundlagen ab und betrachtet nur die Voraussetzung eines 
billigen und gerechten Verkehrs an sich selbst, so steht sie 
zunächst als eine blosse Erdichtung da. Auch fühlte dies unser 
Autor selbst; denn er ermangelte nicht, eine Schilderung der 
wirklichen Gestaltung der Verhältnisse hinzuzufügen. That- 
sächlich seien die Menschen vom Morgen bis zum Abend be 
müht, einander zu chicaniren und zu betrügen; es sei aus die 
sem Grunde überall Polizei nöthig und man beklage sich über 
deren regelnde Thätigkeit auch oft mit Unrecht. Besonders 
lehrreich ist aber für Boisguilleberts Auffassungsart eine Stelle 
im Cap. 4 des „Factum”. Es werde, sagt er, die Gerechtigkeit 
in dem Verkehr nur mit der Degenspitze aufrecht erhalten. 
Wie die Natur den schwachen Tiñeren Zufluchtsörter und Mittel 
gegeben habe, um nicht sämmtlich die Beute der starken, ge- 
wissermaassen bewaffnet gebornen und vom Raube existirenden 
zu werden, so habe sie auch in den Verkehr des Lebens solche 
Ordnung gebracht, dass, wenn man sie nur walten lasse, der 
Mächtige im Kauf der Waare eines Armen keine Macht habe, 
zu verhindern, dass dem letzteren dieser Verkauf den Unter 
halt verschaffe. 
Diese Worte sollten überall da als Aufschrift oder Inschrift 
stehen, wo man sich versucht findet, einem Boisguillebert die 
bedenkliche Ehre anzudichten, die Theorie des laisser aller und 
die entsprechende Interessenharmonie zuerst wirthschaftlich 
formulirt zu haben. Wenn irgendwo ein Gedanke in zwei ein 
ander widersprechenden Hälften zur Welt kam, so ist dies in 
den angeführten Sätzen geschehen. Auch dürfte es kaum je 
mals ein Gleichniss gegeben haben, welches sich so unglücklich 
gegen sich selbst gekehrt hätte, als dasjenige der boigebrachten 
Stelle. Die Schranken, welche die Natur dem Raubthier da 
durch setzt, dass seine Beute ihm vielfach entgehen und die 
bedrohte Species durch Fortpflanzung erhalten kann, wird mit 
denjenigen Hindernissen verglichen, welche der mächtige Er-
        <pb n="95" />
        79 — 
presser im wirthachaftliclien Verkehr auch den Dürftigsten uud 
Schwächsten gegenüber an deren zahmer Selbsterhaltung findet. 
Die eine Seite dieser Anschauung ist nun zwar richtig, sobald 
man sie streng nimmt; denn nicht der Einzelne, sondern nur 
die Species, der er zunächst in wirthschaftlicher Hinsicht, also 
etwa als Arbeiter dieser oder jener Gattung angehört, ist vor 
der Zerstörung schon durch den natürlichen Verlauf der Ver 
hältnisse im Allgemeinen gesichert. Wenn aber im Hinblick 
auf diesen dürftigsten Schutz das Waltenlassen der Natur von 
Boisguillebert noch als eine Handlung hingestellt wird, die eine 
Vorbedingung der Erzielung jenes grossen Schutzresultates sei, 
so begreift man kaum, wie die Logik in dem Affect dieser 
Gleichnisspoesie bis zu einem solchen Punkt untergehen konnte. 
Ja selbst wenn man jene Stelle als den bittern Ausdruck eines 
leidenschaftlichen Hohnes über die Thatsachen nehmen wollte, 
würde doch die Einstreuung des Gedankens an das Walten 
lassen der Natur und dessen günstige Folgen wieder die völligste 
Selbstironie bezeichnen. Es bleibt also nichts übrig, als anzu 
nehmen, dass der Autor in diesem Falle besser gefühlt als 
gedacht habe, so dass es ihm unwillkürlich begegnet ist, den 
einen Gedanken durch den andern zu comprornittiren. Wer 
das laisser aller zu verherrlichen wünscht, wird sicherlich nicht 
erbaut sein, wenn er die Naturgeheimnisse desselben in jener 
kühnen Vergleichung bis in das innerste Heiligthum hinein 
blosgestellt und davon noch weit mehr enthüllt sieht, als was 
die späteren Ideen über das Untcrhaltsminimum unabsicht 
lich vertreten haben. Wer dagegen von dem völlig entgegen 
gesetzten Standpunkt ausgeht, wird zwar jenes Grundgerüst 
in der Ordnung der Natur als eine äusserste Schranke gelten 
lassen und von dieser Basis aus die Grenzen begreifen, inner 
halb deren sich die Erscheinungen des wirtUschaftlichen Seins 
Und Nichtseins unter allen Umständen halten müssen, aber 
er wird jeden Versuch, diesen rohen Mechanismus einer Art 
von Naturzustand zu einem Oulturideal zu machen, als einen 
Hohn auf die Hülfsmittel der bewussten Thätigkeit und Lei 
tung ansehen müssen. 
Erinnern wir uns nach Betrachtung jener bedeutsamen 
Stolle an den gerechten und billigen Verkehr, durch welchen 
der wahre Werth als Preis zur Geltung kommen soll. Diese 
Idee ist offenbar eine täuschende, weil sie eine Anweisung auf
        <pb n="96" />
        etwas Unerkanntes enthält, das von Boisguillebort nicht näher 
hestimmt wird. Die Frage nach dem gerechten Grössenver- 
hältniss der Aiistauschungen wird uns in der Geschichte der 
Nationalökonomie noch mehrfach begegnen und besonders in 
den neusten Wendungen derselben eine immer ernstere Gestalt 
annohmen. Hier an der Grenzscheide des 1/. und 18. Jahr 
hunderts giebt sich der entsprechende Gedanke, nämlich die 
Idee einer wirthschaftlichen Gerechtigkeit und Billigkeit in den 
gegenseitigen Preisansprüchen und Preiszugeständnissen, als eine 
leicht erfüllbare Yoraussetzung, die man stillschweigend machen 
könne, sobald die Menschen nur ein Einsehen haben und eine 
bessere Gesinnung bekunden wollten. Boisguillebert spricht es 
deutlich genug aus, dass die Corruption der edleren Gefühle in 
seinen Augen die Ursache des Unheils sei. Drückt man seine 
Idee etwas schärfer aus, als er sie selbst gefasst hat, so meint er 
im letzten Grunde, dass die sehönste Harmonie herrschen würde, 
wenn die Menschen nur freundschaftlich, voll Vortrauen und 
guter Absichten mit einander verkehrten, dagegen die Neigun 
gen zu schaden, sowie sich durch Verletzung des Andern zu 
bereichern, und hiemit das Misstrauen und die Eifersucht ab- 
Icgten. Im Reiche dieser Abstraction oder Erdichtung ist nun 
freilich jedes störende und vernichtende Element als ausge 
schlossen angenommen, und hier hat die von selbst vorhandene 
Interessenharmonio ihre richtige Stelle. Der Musterfehler Bois- 
guilleberts, der von so manchem gutartigen, aber die zweite 
Seite der Dingo vergessenden Gemüth immer wieder von Neuem 
wiederholt wird, besteht darin, anzunehmen, dass es für die 
Menschen nur eines moralischen Entschlusses bedürfe, um sich 
im Verkehr auf jenem Fuss der freundschaftlichen Förderung 
und der wohlwollenden Gegenseitigkeit zu bewegen. In dieser 
Richtung liegt aber die Schwierigkeit, an welcher die Cultur- 
geschichto und die Gestaltung der volkswirthschaftlichen Be 
ziehungen arbeiten. Schon die Bürgschaften des ganz gewöhn 
lichen Rechtsschutzes, der mit den Preisen unmittelbar noch 
gar nichts zu schaffen hat, werden nur sehr unvollkommen und 
langsam ausgebildet. Um wie viel schwieriger muss nun nicht 
die Aufgabe sein, die Ideen der Gercebtigkoit, d. h. der gegen 
seitigen Nichtverletzung oder gar die der positiven Förderung 
in das Wirthschaftslebon hineinzuarbeiten! Der Zweifel an der 
Möglichkeit, überhaupt von gerechten Preisen, Löhnen ii. dgl.
        <pb n="97" />
        81 
in einem klaren und bestimmten Sinn zu sprechen, ist in dei 
neuern Oekonomio nach mehreren Richtungen hin so einge 
wurzelt, dass diejenigen, welche die gänzliche Ausschliessung 
solcher Gesichtspunkte verlangen, selbst die besser gesinnten 
Naturen nur allzu leicht für ihre Meinung einnehmen. Die 
socialen Theorien sind es fast allein, denen die Rolle zufällt, 
jenen Gedanken den volkswirthschaftlichen Leugnungen gegen 
über zu vertreten. Aus diesem Grunde und ausserdem des 
Zusammenhanges wegen, in welchem die Frage mit allen neuern 
Vorstellungen von der Interessenharmonie steht, musste grade 
Boisguilleberts Gedankenlauf schärfer geprüft werden. In der 
That haben wir aus ihm ersehen, dass er einerseits nur die 
grobe NaturnothWendigkeit vor Augen hat, die dem Beute 
machen eine letzte Schranke setzt, andererseits aber scheinbar 
eine Kleinigkeit, in Wahrheit jedoch die Lösung des Haupt 
problems selbst, nämlich die Verbürgung der wirthschaftlichen 
Gerechtigkeit und Billigkeit zur stillschweigenden Voraussetzung 
seiner harmonischen Schlüsse macht. Er hat noch keine Ahnung 
von den Naturgesetzen, welche die Sitten und den moralischen 
Verkehr beherrschen, und denen gegenüber man nicht blos mit 
den Neigungen der einen, sondern auch mit denen der andern 
Art zu rechnen hat. Schliesslich sei jedoch bemerkt, dass die 
Kritik, welche die Verallgemeinerungsversuche bei Boisguillc- 
bert treffen muss, auf seinen besondern Hauptgedanken über 
einen Austauschfuss, der beiden Theilen günstig ist, keine An 
wendung findet. Diese specielle Idee ist nicht blos für den 
Getraideverkehr, sondern für alle Austauschbeziehungen gültig, 
und die Frage bleibt stets nur die, ob eine gegenseitige Messung 
der Kräfte der entgegenstehenden wirthschaftlichen Parteien in 
jeglicher Form dazu führe, jenen wohlthätigen Preis zu be 
stimmen. Dies ist zu verneinen; jedoch gehört die Beibringung 
der einschlagenden Gedanken erst der neusten Entwicklungs 
geschichte an. 
13. Viel unbedeutender als die erörterten Grundanschauun 
gen sind Boisguilleberts Ansichten über Reichthum und Geld. 
In jenen ersteren Ideen bekundete sich überall der Sinn für die 
Erfagsung des Zusammenhangs der wirthschaftlichen Erschm- 
nungen. Die Phänomene blieben nicht isolirt; die Schicksale 
der verschiedenen Berufsclassen wurden als von einander ab- 
hängig vorgestellt. In alledem war kein anderer Irrthum, als 
Dühring, Geschichte der Nationalökonomie. 2. AuHage. 6
        <pb n="98" />
        82 
derjenige, welcher von der Yerallgemeinerung, von der unklar 
gelassenen Rolle der Moral und von der Vermischung des 
Harmoniegedankens mit demjenigen der blossen Wechselwirkung 
herrührte. Jetzt aber kommen wir zu Ideen, die thoils trivial, 
theils offenbare Irrthümer sind, und die nur den einzigen Vor- 
theil haben, einen entgegengesetzten Irrthum zu bekämpfen. 
Wir wollen uns daher nicht bei dom Umstande auf halten, dass 
Boisguillebert die Rcichthümer in dem Besitz überhaupt, nicht 
aber speciell in demjenigen von Gold und Silber suchte; denn 
hiemit that er nichts, was nicht auch die Morcantilisten gern 
zugestanden. Die letzteren waren, wie wir schon mehrfach 
gesehen haben, auch nicht der Meinung, dass Gold und Silber 
Nahrungsmittel seien. Welche Vorstellungen sie auch hegten, 
so sahen sie in den edlen Metallen die Werkzeuge des Handels 
und der Wirthschaft oder doch wenigstens die Ursachen, durch 
welche die wirthschaftlichc Macht geübt werde. Die verhält- 
nissmässige Unentwickeltheit dieser Vorstellungen und die 
Nichtunterscheidung des Goldstoffos von den Werthsummen, 
über die man durch ihn wiederholt verfügte; — kurz der theils 
wirklich unklare, theils blos nachlässige Sprach- und Begriffs 
gebrauch des Wortes Geld und der leitenden Idee des Geld 
materials waren in der liier fraglichen Richtung die charakte 
ristischen Züge der morcantilen Anschauung. Boisguillebert 
fand sich nun durch diese Irrthümer, deren praktische Folgen 
für den Ackerbau er bekämpfte, zur Kundgebung einer oppo 
sitionellen Vorstellung getrieben, die nichts weiter als ein ent 
gegengesetzter, auf der andern Seite belogener Irrthum war. 
Während er sich über die edlen Metalle fast wie antike Dichter 
äussertc, die das Gold als die Quelle aller Leiden und aller 
Laster verwünschten, hielt er sich andererseits an das „ein 
fache Stück Papier” (simple morceau de papier), welches die 
edlen Metalle „zur Vernunft bringen” werde. Die uralte Illu 
sion, dass die Menschen „dem Metallgeld, wenn sie sich nur 
verständigten, den Abschied geben könnten”, kehrte in den oben 
angeführten Worten auch bei ihm wieder. Er hatte hiebei den 
Handel vor Augen, der im Wege des Credits eine Menge von 
Geschäften vermittelt, ohne dass die Metalle eine Rolle spielen. 
Wenn er aber voreilig den Schluss zog, dass für die Nation 
„das einfache Papierstückcheu” die edlen Metalle überflüssig 
machen könnte, so befand er sich hiemit nur auf der Bahn
        <pb n="99" />
        83 
eines Irrthums, den bald darauf John Law im grossen Sti e 
^usbilden und durch seine Experimente unabsichtlich widerlegen 
sollte. Ueberdies war es aber sicherlich eine befremdliche Art, 
die mercantilen Vorstellungen vom Gelde durch eine Wendung 
kritisiren zu wollen, die schon eine neue Gestalt des Mercan- 
tilismus in sich barg. Es kam nur darauf an, dem „einfachen 
Papierstückchen” dieselbe Rolle zuzuweisen, welche bisher die 
edlen Metalle hatten spielen sollen, und es war hiemit sofort 
die Metamorphose des Mercantilismus vollzogen. Allerdings 
hatte Boisguillebert nicht eine solche Absicht; ja es fehlte ihm 
sogar das deutlichere Bewusstsein über die Grenze seiner eignen 
Idee. Während er in dem einen Satze den edlen Metallen den 
Abschied geben wollte, bemerkte er dann wieder in dem andern, 
dass sie zu Zahlungen für die Consumtion nöthig wären, und 
gesteht ihnen so einen Spielraum zu, dessen Bedeutung im 
Verhältniss zum Gebrauch von papiernen Ausgleichungen eine 
strenge Erörterung erfordert hätte. Doch mag immerhin zu 
gestanden werden, dass unserm Autor hier und da eine wirklich 
treffende Bemerkung gelungen ist, wie z. B. in dem Fall, wo 
er den vermeintlichen Mangel des Geldes als blosse Zurück 
haltung desselben erklärt. Eben dahin gehört auch seine Vor 
stellungsart, derzufolge das Geld nur die Garantie der künftigen 
Uebergabe eines Gegenstandes (gage de la tradition future) sein 
soll. Obwohl nämlich dieser Gedanke an sich weder ganz 
genau, noch ausreichend ist, und übrigens ohne erhebliche Oon 
Sequenzen gelassen wird, so dient er doch ein wenig dazu, le 
Beschränktheiten in den gröberen Gestaltungen des mercanti- 
8tischen Denkens sichtbar zu machen. 
14. Rufen wir uns nun nach diesen Anführungen den wirth- 
3haftlich leitenden Gedanken, nämlich die Nothwendigkeit an- 
omessen hoher Getraidepreiso zurück, so können wir jetzt über- 
3hen, wie mit dieser Idee die übrige Richtung der Vorstellungen 
asammenhing. Das mercantile Streben nach den edlen Metallen 
urde von Boisguillebert bekämpft, weil die zugehörige Poliük 
ach die Verhinderung der Getraideausfuhr eingeschlossen hatte, 
ene Tendenz und diejenige des Golbertismus wurde aber auch 
:rner angegriffen, weil sie oder vielmehr das mit ihr verbun- 
ene Finanzsystem die gedrückte Lage des Ackerbaus verse u 
en sollte. In der Kritik der Steuerwirkunpn lag daher der 
Schwerpunkt der Boisguillebertschen Bestrebungen, und grade
        <pb n="100" />
        84 
die Ideen, welche die Geschichte der Nationalökonomie angehen, 
bildeten nur ein Zubehör, welches selbstverständlich dem Haupt 
ziel untergeordnet blieb. Obwohl wir nun hier, wie schon oben 
gesagt, die besondere Geschichte der Finanzkritik und der 
Finanzpläne nicht zum Gegenstand haben, so kann doch die 
Erinnerung an eine allgemeinere Anschauungsweise Boisguille- 
berts zur Abschliessung der Charakteristik sehr dienlich sein. 
Herr J. E. Horn hat in seiner Preisschrift über unsern Autor 
(herausgegeben unter dem Titel: L’économie politique avant les 
physiocrates, Paris 1867) eine bisher ungedruckte Abhandlung 
desselben über das Verdienst und die Manieren der Finanzleute 
veröffentlicht. In diesem Aufsatz wird bemerklich gemacht, 
dass eine einfache Sache in eine raffinirte Wissenschaft ver 
kehrt worden sei. Der Zustand, aus welchem Sully durch 
seine „Ignoranz” in dieser Kunst herausgeholfen habe, sei nach 
her durch die Chicanen und Raffinirtheiten der späteren Finanz 
künstler wieder über das Land gekommen, und die von den 
Italienern der Marie von Medieis importirten Praktiken hätten 
die Verschnörkelung und völlige Verworrenheit der fiscalischen 
Beziehungen zur Folge gehabt. Wenn nun gleich diese mit 
Geist geschriebenen Angriffe einigermaassen über das Ziel hin 
austrugen, so bekundete sich in ihnen doch ein allgemeiner 
Gedanke, der bis jetzt noch fast nirgend des Anwendungsstoffs 
ermangelte. Er besteht nämlich in der Einsicht, dass in der 
Ordnung der Finanzen bis jetzt der Sinn für Einfachheit und 
das finanziell gar nicht besonders geschulte Organisationstalent 
durch kräftiges Eingreifen und Anwendung sehr naheliegender 
aber solider Grundsätze meist mehr geleistet haben, als die 
Verzwicktheiten und verworrenen Gesichtspunkte einer sich 
selbst unklaren Finanzhalb Wissenschaft oder einer entarteten 
und corrumpirten Finanzkunst. Grosse Staatsmänner, die sich 
in den Finanzangelegenheiten wie in einer Hauswirthschaft sehr 
rasch zurechtfanden und ohne Finanz Wissenschaft den Staats 
haushalt in Ordnung brachten, sind auch später entscheidende 
Zeugnisse für die Richtigkeit jener Ansicht geworden. Nur 
hätte Boisguillebert nicht verkennen sollen, dass ihm ein be 
deutendes Beispiel dieser Art in Colbert sehr nahelag. Indessen 
hat ihn hier der Oppositionsstandpunkt verleitet, Alles nur von 
der einen Seite anzusehen und überall nur die schlechten 
Ueberlieferungen entarteter Finanzeinrichtungen zu erblicken.
        <pb n="101" />
        85 
Die Steuerkritik ist es auch gewesen, welche einen Yau- 
ban %u ökonomischen Beobachtungen und Untersuchungen ver 
anlasst hat. Dieser etwas ältere Zeitgenosse Boisguilleberts 
hatte die entscheidenden Schriften des letzteren bereits vor sich 
liegen, als er sein Buch über den allgemeinen Zehnten (Dîme 
royale) abfasste. Dies geschah 1698, während die Veröffent 
lichung erst 1707 erfolgte. Der loyale Mann, der Ludwig XIV 
einen grossen Dienst zu leisten glaubte, sah sich in Folge die 
ser Schrift alle Anerkennung entzogen, die ihm ein Leben 
voll Hingebung und geschichtlich bedeutender Thätigkeit in 
einer andern Richtung erworben hatte. Er, dessen Verdienste 
um das Festungswesen und die Kriegs Wissenschaft so gross, 
waren, dass man ihm im Hinblick auf dieselben sogar seine 
Ehrlichkeit, Freimüthigkeit und Humanität verzieh, musste nun 
erfahren, dass ein redlich gemeintes Wort über die Zustände 
nicht zu seinem Amt gehörte. Tief gekränkt starb er nach 
kurzer Frist, Seine Arbeit aber wird ungeachtet ihrer Fehler 
ein wichtiges Denkmal bleiben, aus welchem sich zuverlässiger 
als aus Boisguilleberts Schriften einige Züge der thatsächlichen 
Zustände entnehmen lassen. Er hatte die Dinge mit den Augen 
eines ruhigen und fest einherschreitenden Mannes gesehen. 
Die Gereiztheit und sanguinische Beweglichkeit Boisguilleberts 
war ihm fremd. Der Erfinder so mancher Mittel der Ingenieur 
kunst, der seine Fähigkeiten vor so vielen Festungen erprobt 
hatte, sah auch auf das ökonomische Schlachtfeld seiner Zeit 
mit dem entschlossenen Blick eines Mannes, der den im 
testen Umfang und nach allen Richtungen festgestellten Be 
schaffenheiten des Terrains gerecht werden will. Ist nun auch 
sein Mittel nur unvollkommen ausgefallen, so haben doch seine 
Beobachtungen einen bedeutenden Werth. Sein Vorschlag, das 
Steuersystem durch eine Zehntabgabe beinahe zu erschöpfen 
und zu ersetzen, ist freilich von wenig Erheblichkeit. Jedoch 
war in diesen nach allen Richtungen verallgemeinerten, zum 
Thoil in Natura, zum Theil in Geld zu erhebenden 5 bis 10 
Procent des Ertrages auch eine eigentliche Einkommensteuer 
mit eingesohlossen. Die Naivetät, mit der er die Steuerbe- 
freiungen durchgängig beseitigt und „die grossen un 
liehen Perrücken” nicht vergessen wissen wollte, war nicht die 
jenige der Unschuld im finanziellen Wissen, sondern eine solche, 
wie sie oft der tiefsten Brkenntniss der Corruption und dem
        <pb n="102" />
        86 
unbeugsamsten Ernst der Erfahrung eigen ist. Doch wir haben 
hier nicht auf den Finanzplan einzugehen, sondern die volks- 
wirthschaftlichen Vorstellungen zu berühren, die theils als eine 
Ergänzung und übrigens als eine Bekräftigung des Boisguille- 
bertschen Gedankenkreises betrachtet werden können. Der 
Name Vauban hatte einen so bedeutenden Klang, dass er für 
eine buchhändlerische Speculationsausgabe der Boisguillebert- 
schen Werke, bei welcher der letztere wohl schwerlich bethei- 
ligt war, als Flagge benutzt wurde. Die Schriften des über 
lebenden Vorgängers erschienen so als „Politisches Testament 
Vaubans”. Diese zufällige Aeusserlichkeit vom Jahre 1707 
kann als Andeutung für die nahe Beziehung dienen, in welcher 
auch der Inhalt und die Bestrebungen der beiden Männer im 
Allgemeinen standen. 
Vauban hat wie Boisguillebert die Volkszustände in ihren 
verschiedenen Schichten gekennzeichnet; nur hat der grosse 
Militair fast noch mehr auf die unterste Schicht gesehen und 
dieselbe Humanität, die ihn im Kriege zu jeder möglichen, mit 
dem Zwecke vereinbaren Schonung und Rücksichtnahme be 
wog, auch in der Gesinnung bekundet, mit welcher er das Elend 
biosstellte. Berühmt ist die Stelle seiner Vorrede, nach wel 
cher streng genommen nur ein Procent der Bevölkerung in 
vollkommenem W^ohlstande leben, kaum sich einigermaassen 
einrichten kann, 7,0 von Schulden arg bedrückt werden und 
Vio nicht in der Lage sind, dem letzten aus Bettlern bestehen 
den Zehntel Almosen zu geben. Eine volle Hälfte der Bevöl 
kerung stand hienach dem Bettlerthum nahe. Dieses uns heut 
nicht einmal sonderlich überraschende Bild wurde als das Er- 
gebniss einer Anzahl an verschiedenen Orten des Landes und 
lange fortgesetzter Beobachtungen verzeichnet. Die Versuche 
zu einer dem Steuerplan dienstbaren Statistik, die zugleich eine 
Ausführung der verwandten Zustandsschilderungen einschliessen, 
gehen uns hier nicht näher an. Auch der Umstand, dass Vauban 
sich den Reichthum nicht in mercan tiler Weise, sondern durch 
unmittelbare Vorstellung seiner natürlichen Gegenstände zu 
denken suchte, bedarf nur der Erwähnung. Es sind die noth- 
wendigsten Lebensmittel, die er hiebei als Repräsentanten an 
sieht. Im Uebrigen sind seine wirthschaftlichen Darlegungen, 
ungeachtet ihrer grösseren Einschränkung im Verhältniss zu 
den reinen Steuerfragen, als umsichtige Beurkundungen solcher
        <pb n="103" />
        87 
allgemeiner Anschauungen %u betrachten, wie wir sie au 
schon hei Boisguillebert, aber in einer weniger gesetzten h orm, 
angetroifen haben. Die auszeichnenden Eigonthümlichkeiten, 
die wir hei dem letzteren weitläufiger zu besprechen atten, 
kcnmnen freUieh iiioht in ITrage; dafür ist aber der allgonieme 
Gegensatz zu der mercantilen Denkweise schon in der blossen 
Natürlichkeit der Auffassung enthalten. Aus diesem Grunde 
Würde es auch kaum einen Vortheil haben, die Beispiele der 
schon früher cdiarakterisirteri IRhgpingeii (gegen inancdie ]Ele- 
mente des ^[ercantifismus zu vriederholen. ])ag6(gen nmss 
hervorgehoben werden, dass Vauban die Wichtigkeit emer 
ungehinderten Oonsumtion und die Unentbehrlichkeit eines 
leichteren einheimischen Verkehrs zwischen den Provinzen ein- 
sah. Bei der Mannichfaltigkeit der Verhältnisse innerhalb dos 
Gesammtgcbiets sei Frankreich so günstig gestellt, dass keine 
Provinz vorhanden sei, welche nicht mit einer andern Be 
ziehungen haben müsse. Trotzdem komme es vor, dass bei 
einer Entfernung von 20—30 Lieues die Erzeugnisse an dem 
einen Orte verderben, während man an dem andern daran 
Mangel leidet. Hieran seien die innern Zollschranken Schuld, 
indem die Chicanen derselben oft so gross wären, dass auf 
den Verkauf und oft auf die Hervorbringung selbst von vornhei 
ein verzichtet würde. 
Aus diesen Anführungen sieht man, dass der erü m 
Marschall auch volkswirthschaftlich oft sehr richtig zu se 
vermochte. Wir würden aber dennoch fehlgreifen, 
derartigen Aperçus eine zu grosse Tragweite W egen wo 
Sie ergaben sich vermöge des unbefangenen Blicks; aber sie 
bildeten keine eigentliche Theorie, sondern spielten nur die 
Kollo von Vorstellungen, bei denen an umfassende Consequen 
und Beziehungen zu andern Ideen nicht gedacht vnrde. Beber- 
haupt war Alles, was mit mercantilen Irrthüinern m W^- 
sprnch stand, mehr die Folge eines naturwüchsigen Denkens 
als eines kritischen Eingehens auf die vorherrschende Vor 
stellungsart. In einer solchen Gestalt, wie es bei ^^iban .e- 
wurden. Ein derartiger Standpunkt, der sic
        <pb n="104" />
        Opposition gegen die äusserlichen Merkmale und Formeln des 
entgegenstehcndcn Systems vertrug, kann nun aber nicht als 
eine ernstliche Ueberwindung des letzteren gelten. Wir müssen 
daher darauf zurückkommen, dass es sich auch bei den beiden 
Franzosen nur um Gegenregungen gehandelt hat, die den 
gröbsten Formen der mercantilen Yorstellungsart widersprachen, 
aber selbst keineswegs zu einer genügenden Ansohauung von 
den Schwierigkeiten gelangten, die dem tieferen Vcrstündniss 
der Verrichtungen des Geldes und der Rollo dos Handels ent- 
gegenstehen. 
15. Wie die blosse Neigung, das edle Metall durch Papier 
zu ersetzen, noch keine Beseitigung der Mangel des mercan 
tilen Denkens zu enthalten brauche, hat der Schotte John 
Law, der seine Experimente an Frankreich und zwar bald nach 
dem 1/14 erfolgten Tode Boisguillcberts machte, durch den 
unglücklichen Ausgang seines Bank- und Papiersystems hin- 
reiohend bewiesen. Seine Credit- und Finanzoperationen haben 
der Welt ein Beispiel gegeben, wohin man gelangen kann, 
wenn man Geldstoif und Werthsummen mit einander ver 
wechselt und sich cinbildet, durch den papiernen Ersatz des 
ersteren auch die letzteren her vorzubringen und gleichsam aus 
dem Nichts entstehen zu lassen. Die Lawschen Ideen sind 
hienach zunächst eine Verwandlung des mercantilen Gedankens 
von der Rolle des Geldes, und sie befinden sich nur insofern 
zu demselben in einem Gegensatz, als die Wirkung der edlen 
Metalle nicht mehr als wesentlich anerkannt, sondern mit der 
jenigen des Creditgeldes vertauscht wird. In beiden Fällen ist 
es aber das Geld, welchem die Hauptfunction in der ergiebigen 
Gestaltung der WirthschaftsVerhältnisse zugeschrieben wird. 
Die Beschaffung desselben soll der Weg zum nationalen Reich 
thum sein, und die Schicksale, die dasselbe betroffen, sollen 
den entscheidenden Ausgangs- und Mittelpunkt bilden, auf den 
sich die gesammte Productionsmöglichkeit beziehen müsse. 
Der Gedanke dieses Abhängigkeitsvorhältuisses ist aber grade 
derjenige Charakterzug der mercantilen Anschauungsweise, 
welcher weit tiefer wurzelt, als das Haften an den edlen Me 
tallen. Er ist es, der noch heute eine gewisse Rolle spielt. 
Es lässt sich nämlich Angesichts des neusten Standpunkts der 
Wissenschaft nicht mehr leugnen, dass in den Beziehungen 
von Geld und Production eine doppelte Wirkungsrichtung in
        <pb n="105" />
        89 
Frage kommen muss. Erstens ist es die Production, welche 
verursacht, dass ein Goldsystom in einem bestimmten Umfang 
ein nothwendiges Erforderniss wird; zweitens ist aber die Be- 
Bchaffungsmöglichkoit in Beziehung auf Geldstoff [und zuge 
hörige Creditrnittel wiederum selbst eine Ursache, welche auf 
die Schicksale der Production einwdrkt oder, wenn man lieber 
will, zurück wirkt. Behält man beide Verhältnisse im Auge, so 
wird man sich vor einer einseitigen Beiirtheilung der Credit- 
hülfen hüten; aber man wird dennoch die Lawschen Ideen in 
den Hauptpunkten als Irrthümer erkennen. Man wird in ihnen 
grade diejenigen Fehlgriffe des Denkens hervortreten sehen, 
in denen der Mercantilismus eine thatsächliche Kritik an sich 
selbst vollzog, während er in der einen seiner Gestalten aul- 
gegeben und in einer zweiten feineren Form zur Krisis ge 
trieben wurde. In dieser neuen Wendung bekämpfte er seine 
alte Form, die Uebcrschätzung der edlen Metalle, indem er zu 
einer fast vollständigen Verleugnung ihrer Bedeutung überging. 
Fr behielt aber die Vorstellungen von der Macht des Geldes 
hei und übertrug dieselben nur auf die Zettel und Creditzeichen 
als auf den vermeintlichen Ersatz, der jene schliesslich ganz 
entbehrlich machen solle. 
Durch das Gesagte rechtfertigt es sich zugleich, dass wir 
die Lawschen Vorstellungen und Operationen zu denjenigen 
ffhatsachen rechnen, w eiche als V orbereitungen der sich gänz 
lich vom Mercantilismos entfernenden Gedanken dastehen. Auch 
thut es nichts zur Sache, dass es Irrthümer und Fehlgriffe auf 
dem Boden der mercantilen Denkungsart selbst gewesen sind, 
die zu den entgegengesetzten Vorstellungsarten überleiteten, 
oder mindestens einen Schritt in der Entwicklung einer neuen 
Auffassungsart repräsentirten. So ungleichartig die Anknüpfung 
an Boisguillebcrts „einfaches Papicrsttickchen hier auch in den 
übrigen Beziehungen erscheinen möge, so ist es doch wichtig, 
für die weitere Geschichte nicht zu vergessen, dass der im 
Wesentlichen mercantilistisch denkende Law jene Idee theilte. 
Welche den edlen Metallen den Abschied geben wollte. Vor- 
elellungen von einer solchen Möglichkeit werden wir später 
iü der ersten entscheidenden Bearbeitung der wissenschaftlichen 
Oekonomie bei Adam Smith antreffen, und wir werden weiter 
hin sehen, dass in den allerjüngsten Wendungen der National 
ökonomie die Frage wieder neu aufgenommen und im Sinne
        <pb n="106" />
        90 
der Unentbehrlichkeit, ja Unersetzbarkeit des Metallgeldes ent 
schieden wird. 
16. Ueber die Rolle, welche Law mit seiner Bank und als 
Beherrscher der Französischen Finanzen gespielt hat, können 
wir kurz sein, da die einschlagenden Thatsachen als solche noch 
keine Theorie sind, und da sich die erheblichen Ideen unmittelbar 
in seinen Schriften nachweisen lassen. Doch sei daran erinnert, 
was der Urheber aller jener Experimente für eine Person ge 
wesen und wie sein Leben seinen öffentlichen Handlungen 
entsprochen habe. Unser Schotte, der Sohn eines Goldschmieds 
zu Edinburg, der mit seinem Gewerbe, der Uebung gemäss, 
auch Discontogeschäftc verband, zeichnete sich schon früh in 
Dingen aus, für welche ein gewisses Talent im Rechnen er 
forderlich ist. Die Richtung dieser Eigenschaft bethätigto sich 
jedoch später vornehmlich im Spiel, durch welches er sich, 
noch ziemlich jung, in London ruinirto. Das Zubehör dieser 
Daseinsart, nämlich das Spiel im Reiche der weiblichen Welt, 
zog ihm eine Affaire zu, in der er seinen Widerpart für immer 
ausstach und in Folge davon zum Tode verurtheilt wurde. Aus 
dem Gefängniss entkommen, hielt er sich an verschiedenen 
Orten des Festlandes, namentlich in Holland und Venedig auf 
und brachte sich wieder empor, während er zugleich seine Auf 
merksamkeit für die mannichfaltigen Verhältnisse des Handels 
schärfte. Hiebei scheint er zuerst die Idee gefasst zu haben, 
die ökonomische Welt durch Creditoperationen zu reformiren. 
Das Spiel und die Speculation machten ihn zum Millionär, und 
die Bereisung der Hauptstädte, verbunden mit einem glänzen 
den Auftreten unter Uebung jenes vornehmen Zeitvertreibs, 
brachte ihn mit den Diplomaten und Hofleuten in nahe Be 
rührung. So hatte er Gelegenheit, seine Projecte bei verschie 
denen Regierungen anzubieten. Die Erzählung, wie er in 
Frankreich unter dem Regenten zuerst die Erlaubniss zur Er 
richtung einer Privatbank erhielt, bei welcher er seine eignen 
Millionen einsetzte, und wie er dann seine umfassende Staats 
rolle mit seinen staatlichen Creditoperationen und Handels 
compagnien abspielte, überlassen wir theils der allgemeinen, 
theils der im engeren Sinne finanziellen Geschichte. Unsere 
Aufgabe ist nur die Andeutung von alledem, wodurch die 
Theorie charakterisirt wird. Die Art aber, wie dieser Schotte 
das Leben behandelte, ist auch die Weise gewesen, in welcher
        <pb n="107" />
        91 — 
er Bich mit dem Denken abfand. Die eine Speculation war 
ein Bild der andern; seine speculativen Papiergedanken waren 
nicht besser und nicht schlechter, als seine Spiel- und Staats- 
speculationen, wie sich dieselben als Thatsacheu geltend mac ten. 
In der Theorie und in der Praxis, in der Behandlung der 
eignen und der fremden Angelegenheiten waltete derselbe Geist. 
Der Spieler verfuhr mit den öffentlichen Interessen wie mit 
sich selbst, und er ist frei von dem Vorwurf, dass er seme 
Person mehr geschont und sein Schicksal mehr bedac t a e, 
als dasjenige der Gesammtheit. So bedenklich es auc 
mag, auf Grundlage der Schriften und dei geschic t ic eu 
Zeugnisse ein völlig bestimmtes Urtheil abzugeben, so tir 
doch diejenigen einigermaassen Recht behalten, welche ^ei aw 
den wirklichen Glauben an eine Reformatorrolle zu Guns^n 
einer universellen und fast demokratisch gedachten Wohlfahrt 
voraussetzen. Hiezu sind besonders einige Socialisten geneigt 
gewesen, denen der Credit als das grosse Mittel galt, sich von 
^un zu bdrmen, was ^e dm Tyrannei der GeldhernmhaR 
nannten. Von dieser und auch von andern Seiten ist jenem 
Schotten ebensowohl grosse Gesinnung als grosses Genie zu 
geschrieben worden. Wir müssen jedoch vorsichtig sein und 
immer eingedenk bleiben, dass soweit überhaupt von ^ 
und Enthusiasmus hier die Rede sein kann, diese Eigensc a en 
jedenfalls so geartet waren, wie sie es bei einena eic e i 
kühnen Spieler eben sein konnten. Die Einheitlichkei u 
innere Uebereinstimmung aller Züge des Ohara teis ^ 
privaten wie der öffentlichen Handlungen bürgt für die 
koit unserer Auffassung. Law ruinirte einen ei ei 
Wsischen Gesellschaft; aber auch er selbst bereitete s 
mais die jähesten Schicksalswechsel. Br kannte ikn He 
gang von der völligen Entblössung ruin glänzenden Beichthu 
und wiederum von der Millionärschaft zur knappen Existenz. 
Als er, selbst ruinirt, den Schauplatz seiner schliesslich schiff 
brüchigen Reformatorstelle verliess und nun in engen Terhä t- 
mm##:
        <pb n="108" />
        — 92 — 
"V orstellung von dem Beruf zur Lösung einer reformatoriscben 
Aufgabe. Immerbin mag der Glaube an die letztere nichts 
als der secundare Ausdruck eines mächtigen Antriebs in Form 
irgend einer Leidenschaft sein; — dieser Ursprung erklärt 
die wahre Tbatsaebe nur um so besser. Die Leidenschaft ist 
alsdann die eigentliche Schöpferin der Bestrebungen und Ideen, 
und nicht ein äussorlichcr Zweck, sondern das treibende Be- 
dürfniss ist die lebendige Macht, welche die Bothätigung in 
grossen Dimensionen zu suchen antreibt. In diesem und nicht 
in einem ganz niedrigen Sinne können wir in Law überall 
den Spieler sehen, welcher seiner Leidenschaft ein höheres 
Ziel zu stecken und sie sogar in einer gewissen Weise, näm 
lich durch universelle Erweiterung und ücbertragung auf die 
allgemeinen Interessen, ein wenig zu veredeln verstanden hat. 
Dies ist aber auch das Acusserste, was sich einräumen lässt. 
Sehen wir nun zu, wie die leitenden Ideen selbst gestaltet 
waren. 
17. Die erste und erheblichste Darlegung der Lawschen 
Vorstellungen findet sich in seiner Denkschrift über Geld und 
Handel (Money and trade etc., 1705), welche in Schottland 
ohne Erfolg blieb. Ausserdem kommen hauptsächlich seine 
verschiedenen Briefe in Betracht, in denen man bisweilen eine 
Leichtfertigkeit des Gedankengangs antrifft, die sich nur zum 
Th eil aus der Rücksicht auf die Beschaffenheit derjenigen er 
klärt, an welche diese Schreiben gerichtet waren. Wo Law 
mit dem Regenten verhandelt, begreift sich die Inhaltlosigkeit 
einer Menge von Wendungen und Phrasen. Allein auch sonst 
ist die Schreibart eine Bestätigung der übrigen Weise des 
Mannes. Sie gleitet mit einer gewissen äusserlichen Geschliffen 
heit über alle Schwierigkeiten hin, ohne sich durch die eigent 
lichen Wurzeln der Gedanken und Verhältnisse behindert zu 
fühlen. Sie ist ein Bild der ganzen Behandlungsart der Dinge 
und Ideen, wie sie einer Person von Laws Charakter und 
Lebensweise eigen war. Aus diesem Grunde kann man auch 
leicht fehlgreifen, indem man den Sinn tiefer zu nehmen und 
einen Zusammenhang vorauszusetzen veranlasst wird, der gar 
nicht vorhanden ist. In das Bereich dieser naheliegenden Hin 
eindichtungen gehört auch die Vorstellung, als wenn Law die 
Entwicklung des Zettelcredits als eine Wirkung der gesell 
schaftlichen Association angesehen hätte, vermöge deren die
        <pb n="109" />
        93 
Unabhängigkeit von dem Eiofluss der Geldbesitzer errungen 
werde. In diesem rein socialen Sinne dachte unser Financiei 
noch keineswegs; wohl aber hatte er die Befreiung von der 
Gebundenheit an den Gebrauch der edlen Metalle stets im, 
Auge. Der erste Ausgangspunkt seiner Ideen war die Uebei- 
legung, dass ein Kaufmann, namentlich aber ein Banquier, that- 
sächlich einen Credit geniesse, von dessen Betrag seine wirk 
lichen Mittel nur einen Bruchtheil und zwar oft nur '/,y reprä- 
sentirten. Der Staat, schloss er nun, müsse in dieser Bezie 
hung noch mehr vermögen, und ihm könne es gelingen, auf 
der Grundlage der ihm zur Verfügung stehenden Mittel, weit 
mehr als das Zehnfache an Credit zu verwirklichen. Diese 
Vergleichung des einzelnen Unternehmers mit dem Staat ist 
an sich selbst sicherlich nicht der Fehler, wie man dies von 
dem bekannten Standpunkt aus behauptet hat, für welchen der 
Staat nicht einmal zur Privatwirthschaft, geschweige zu be 
deutenderen Erfolgen gehörig geeignet sein soll. Hätte Law 
nichts weiter gethan, als auf die überlegene Kraft der durch 
öffentliche Organe zusammengefassten Wirthschaftsgesarnmtheit 
gerechnet, so würde er hiemit nur, und zwar ganz unabhängig 
von Erfolg oder Misserfolg, die Bahn eines an sich richtigen 
ï*rincips eingeschlagen haben. Sein Fehlgriff lag nicht im 
Gebiet des Credits überhaupt, sondern in demjenigen des Credit- 
geldes. Er wusste recht gut, dass sich zwischen den haaren 
Mitteln und den einlösbaren Zetteln die Einhaltung eines Ver 
hältnisses thatsächlich überall von selbst geboten ha o, 
seine Phantasie wollte schliesslich diese Schranke überspringen, 
h Cap. 5 der angeführten Hauptsohrift wird ausdrücklich ge 
sagt, der auf Einlösung gegründete Credit könne ein gewisses 
Vorhaltniss sum Metall nicht überschreiten; aber man müsse 
aus diesem Grunde Zusehen, ob sich nicht etwas n eres a 
«über zum Golde eigne. In der That heniühte sich Law auch 
überall nachzuweisen, .dass die edlen Metalle keineswegs da 
beste Geld constituirten. Es hätten dieselben vielmehr sehr 
erhebliche Fehler, und es Hesse sich sogar die Gleichmässi - 
beit irn Worth bei einem andern Golde weit besser garan ire . 
Hiezu kam dann der positive Hinblick auf den Gru“d und 
Boden, der die Basis für umlaufende Marthe ahgehen s&lt;ü te. 
Dieser letztere Gesichtspunkt ist an sich noch kein Fehlen 
wird es aber in dem Augenblick, wo ein eigentliches Geld den
        <pb n="110" />
        94 — 
Zielpunkt zu bilden beginnt. Im Allgemeinen kann man näm 
lich die Lawschen, in dieser Beziehung einigermaassen ver 
worren auftretenden Vorstellungen auch blos darauf anseben, 
wie weit sie den Verkehr mit dem Grund und Boden und mit 
Grundschulden berühren. Im Besondern hat es sich aber 
praktisch stets um ein eigentliches Creditgeld gehandelt, und 
in dieser Richtung ist der Gedanke, den Grund und Boden 
oder auch andere Stammwertho in eigentliches Geld zu ver 
wandeln und gleichsam darin auszumünzen, pin ziemlich grober 
Irrthum, den die kritische Oekonomic in einer einzigen kurzen 
Wendung zu widerlegen vermag. Die Basis für ein Goldsystem 
könnte nämlich, von allem Uebrigen abgesehen, doch niemals 
in Stammworthon bestehen, die nur darum eine grosso Summe 
ropräsontiren, weil sie weit in die Zukunft hinausgreifen und 
sachlich für die Gegenwart nur mit einem geringen Bruchthoil 
von natürlichen Leistungen ointreten. In dem Getriebe der 
in einander eingreifenden wirthschaftlichen Leistungen spielen 
die Zeit und so zu sagen das Tempo die Hauptrolle. Das 
eigentliche Geld ist aber stets etwas, was dem augenblicklichen 
Umlauf und der Ausgleichung der unmittelbar gegebenen Be 
ziehungen zu dienen hat. Die Ordnung muss mithin gestört 
worden, sobald eine Garantie des Geldsystems nicht auch wirk 
lich etwas für den Augenblick zu leisten vermag. Die An 
weisungen auf eine fernere Zukunft können nichts helfen, 
wo sich grade das stetige Getriebe der Gegenwart in unge 
hemmter Bewegung zu erhalten hat. In diesen einfachen, 
wenn auch nicht an der Oberfläche belegenen Gedanken ist 
die Kritik eines jeden Versuchs enthalten, das Goldsystem von 
der Basis der edlen Metalle abzulösen. Auch Law hat die 
letztere Grundlage begreiflicherweise nie ganz und gar aus 
merzen können; aber er hat die Zettelausgabo bis auf das 
Aeusserste, d. h. bis zu dem Zusammenbruch des Gebäudes 
getrieben. 
Es versteht sich von selbst, dass in den Lawschen Ideen 
eine Erläuterung des herrschenden Creditgoldsystoms nicht ver 
kannt werden könne, sobald man die abnormsten Fehler und 
namentlich die Ueberspringung der Metallschranko als bereits 
in Abzug gebracht ansieht. Auf diese Weise könnte man in 
dessen alles Mögliche rechtfertigen, und es ist daher weit
        <pb n="111" />
        95 
heaser, ganz einfach zu sagen, dass sich der Schotte gewaltig 
geirrt, und dass er nicht einmal von den damals schon be- 
stehenden Einrichtungen eine zutreffende Theorie abstrahirt 
habe. Ein Stück Phantastik über die Vorrichtung und Bedeu 
tung^ des Geldes, — das ist der Kern der Sache gewesen, und 
wenn hiebei auch die theoretische Speculation in Bewegung 
gesetzt wurde, so mag man bedenken, dass die anregende Kra t 
der Irrthümer in Ermangelung von Wahrheiten nichts Ueber- 
raschendes hat. Eine solche Wirkung ist vielmehr sehr ge 
wöhnlich, da der soliden Feststellung von Theorien meist 
phantasiereiche Versuche und oft glänzende Irrthümer von 
grosser Anziehungskraft voraufgehen, und da eine gewisse 
Art des Reizes am grössten ist, solange die Ideen sich noch 
Unentschieden im schöpferischen Stadium ihrei eisten es 
tung befinden. Letztere Wahrheit wird uns auch bei den um 
fassenderen Volkswirthschaftlichen Versuchen, die wir jetzt 
darzustellen haben, leiten können und uns begreiflich machen, 
wie in manchen Beziehungen auch ein Rückschritt mög ic 
urde. . . 1,^« 
Was wir bis jetzt von Vorbereitungen einer eigentlichen 
olkswirthschaftslehre und von Regungen gegen einze ne 'e 
Haltungen der rnercantilen Denkweise vorgeführt ha en, 
rade da, wo es noch die meiste unabhängige un zu^ eic i n 
estaltete Theorie enthielt, nämlich bei Boisguillebert, en 
Iharakter einer noch tastenden und unerfahrenen Speculaüo , 
. h. einer Bewegung der Phantasie, welche m 
'rgehen die einzuhalteuden Schranken noc nie ^ 
Bia# 
tedroeken. Wer eine Gegend überhaupt nicht betritt kann
        <pb n="112" />
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;Ír:-’&gt;.^’" 
% 
90 
in grösserem Stile überhaupt versucht wird. Wir dürfen uns 
daher nicht wundern, dass auch fernerhin die speculative Los 
lösung von den unmittelbar an der Hand der Praxis gewon 
nenen Maximen zunächst in Ideologie verfällt. Mag ein solcher 
Gang der Sache auch nicht unter allen Umständen eine irtnere 
Noth Wendigkeit sein, so ist er doch als Thatsache unseres 
Wissensgebiets nicht zu verkenüen. 
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        <pb n="113" />
        Zweiter Abschnitt. 
Die Physiokraten und die gleichzeitigen 
Schottischen Anfänge. 
Erstes Capitel. 
Cluesnay und Turgot. 
Die Physiokraten sind die ersten Vertreter einer rein theo- 
retisohen Speculation von grossem Einfluss. Der Begründer 
ihrer Richtung oder, besser gesagt, der Schöpfer der eigen- 
thümlichen Hauptideen dieser Gruppe ist Quesnay. Dagegen 
hat Turgot mehr die Rolle eines verständigen Denkers gespielt, 
der vom Standpunkt seiner verhältnissmässig tiefen und um 
fassenden Bildung das System des originellen Meisters von den 
greifbarsten Auswüchsen säuberte und mit einigen nahestehen 
den Elementen andern Ursprungs verschmolz. Die übrigen 
Glieder der Schule oder, wie man mit mehr Recht sagte, dei 
Akonomistischen Secte, treten in ziemlicher Unbedeutendheit zu 
rück und werden uns nur nebensächlich beschäftigen. Ehe 
wir jedoch den Urheber der ganzen Bewegung und dessen 
Ideenkrois kennzeichnen, müssen wir an das am Ende des 
vorigen Capiteis Gesagte noch einige Bemerkungen anknüpfen. 
Wir hatten darauf hingewiesen, dass die Loslösung der 
theoretischen Speculation von der Praxis sehr begreiflicher 
weise zur Ideologie führen könne. In der That ist nun die 
pliysiokratische Einleitung zu einem volkswirthschaftlichen 
System ein unhaltbarer Gedanken bau gewesen. Was man in 
der Philosophie als willkürliche Construction bezeichnet, das 
ist GS auch, was wir im ökonomischen Gebiet bei Quesnay an 
troffen. Die um die Erfahrung und die gewöhnlichen Ansichten 
ünbekümmerten Aufstellungen griffen in diesem Fall so stark 
Dûhriiïg, Geschiclite der ÜMatioiialökonomie. 2. Auflage. 7
        <pb n="114" />
        98 — 
aus, dass sie als ein Muster gelten dürfen, an welchem man 
die Wirkungen einseitig fixirter Anschauungen studiren kann. 
Das Element von Wahrheit, welches sie einschlossen, ertheilte 
ihnen den Reiz, der die Zähigkeit erklärt, mit welcher der 
Urheber und seine Gefolgschaft an ihnen festhielten. Die 
indirecten Beziehungen aber, welche jene Ideen mit der Strö 
mung des politischen Lebens und der wirthschaftlichen Bedürf 
nisse von Zeit und Land gemein hatten, machen den Enthusias 
mus begreiflich, mit welchem selbst ihre verkehrtesten Ge 
staltungen von vielen Seiten aufgenommen wurden. 
Hienach haben die Vorspiele einer wissenschaftlicheren 
Oekonomie einen ähnlichen Charakter gehabt, wie die sociali- 
stischen Imaginationen, die dem kritischen Socialismus voran 
gegangen sind. Die Nationalökonomie kann sich, sobald sie 
Quesnay und die übrigen Physiokraten als die Vertreter ihrer 
ersten selbständigen Form anerkennt, keineswegs rühmen, auf 
einem andern Boden gewachsen und in einer wesentlich andern 
Weise behandelt worden zu sein, als die Gesellschaftstheorie durch 
den älteren Socialismus. Der Inhalt der beiden Arten von Bestre 
bungen war allerdings ein sehr verschiedener; aber die ideolo 
gische Form der Behandlung ist beiden gemeinsam. Die Ver 
kehrtheiten des Raisonnements und die Thorheiten der ver 
folgten Idole sind auf beiden Seiten in ziemlich gleichem Grade 
gepflegt worden, und der Unterschied hat nur darin bestanden, 
dass die Socialisten, die ein weniger beschränktes Feld culti- 
virten, für Ausschweifungen des Denkens und Wollens eine 
vielgestaltigere Veranlassung und einen grösseren Spielraum 
zur Verfügung hatten. Uebrigens ist aber die ökonomische 
Secte ganz unzweifelhaft zu denjenigen Erscheinungen zu rech 
nen, in welchen eine Art Messianismus eine nicht zu verken 
nende Rolle gespielt hat. Die Wüstheiten der theoretischen 
Speculation sind nicht ganz so oflen zu Tage getreten, wie im 
Reich der socialistischen Constructionen aus dem Zeitalter der 
Restauration. Indessen spricht diese Thatsache keineswegs 
unbedingt zu Gunsten Quesnays und seiner enthusiastischen 
Verehrer. Ein gewisses Maass von trüber Unklarheit ist in 
der Secte nirgend zu verkennen. Ja in der Gestaltung der Rai 
sonnements macht sich sogar eine Spielart von Mysticismus 
geltend, wie sie auf den die wissenschaftlichen Vorstollungs- 
formen betreffenden Gebieten in den rnannichfaltigsten Varia-
        <pb n="115" />
        99 
tionen vorgekommen ist und oft zu Mystificationen in grossem 
Maassstabe geführt hat. Ganze Generationen sind auf diese 
Weise durch den Schein der mit wissenschaftlichen Bestand- 
theilen versetzten Wunderlichkeiten getäuscht worden, und 
man kann Angesichts solcher Vorkommnisse noch nicht einmal 
behaupten, dass die Urheber derselben mit deutlichem Bewusst 
sein verfahren wären. Im Gegentheil sind es häufig genug 
Naturen von verhältnissmässig grosser Naivetät und Aufrich 
tigkeit gewesen, welche fast unwillkürlich die fragliche Rolle 
gespielt haben. Auch soll am allerwenigsten in dem uns hier 
beschäftigenden Fall das Vorhandensein einer absichtlichen 
Täuschung angedeutet werden. Es ist uns vielmehr nur darum 
zu thun, bemerklieh zu machen, wie auf der Grundlage eines 
gut gearteten und edel denkenden Charakters dennoch das an 
gedeutete Halbdunkel bestehen könne. 
Was wir soeben gesagt haben, soll nicht blos für die Secte 
der Physiokraten, sondern auch für manche Gestaltung in der 
späteren Entwicklung der Oekonomie und des Socialismus 
gelten. Die Mischung der wissenschaftlichen Formen mit dem 
Widerspiel aller Wissenschaft, nämlich mit der Berufung auf 
etwas, was sich nicht vollständig in Gründe und Thatsachen 
auf lösen will, darf uns nicht überraschen. Sie ist vielmehr 
überall ein sehr natürlicher Charakterzug, wo die Autorität in 
ihrer unentwickeltsten Form in den Vordergrund tritt. In 
diesem Fall wird die Person, die neben dem blossen Wissen 
auch ein Wollen und eine Gestaltung der Dinge vertritt, da 
wo sie sich selbst nicht klar ist, gar zu leicht veranlasst, den 
Einfluss ihres Ansehens ganz im Allgemeinen zum Beweismitte 
zu machen, und so erklärt es sich, dass die Anhängeischäften 
und die verschiedenen Gruppen des Publicums in Vorstellungs 
kreise hineingezogen werden, in denen wichtige Bestandtheile 
dom Urheber selbst nicht klar waren. Ferner begreift sich 
hieraus auch, dass die Adepten der Secte oft eine stärkere 
Ueberzeugungskraft als der Stifter entwickeln können, da sie 
Vieles oben nur auf die Autorität hin angenommen haben und 
die BeschaflFenheit des Ueberlieferten in seinem Ursprung zu 
Würdigen nicht im Stande sind, 
2. Nach diesen Kennzeichnungen können wir der Person- 
lichkeit, der die Physiokratie ihren Ursprung verdankt^äher- 
treton, ohne uns der Gefahr auszusetzen, durch die^ Hervor-
        <pb n="116" />
        100 
hebung ihrer in Richtung auf die Wissenschaft wirksamen Yor- 
züge ein Missverständniss oder auch nur eine einseitige Auf 
fassung zu erzeugen, François Quesnay (1694—1774) auf dem 
Lande in der Nähe von Versailles geboren, Sohn eines, wie 
man berichtet, gutartigen Advocaten, der die Processe gern 
ausglich und hiebei natürlich nicht viel gewann, wurde von der 
Mutter ziemlich lange ohne Unterricht gelassen. Diesem Um 
stande hat er jedoch seine spätere Originalität zu einem guten 
Theil zu verdanken gehabt. Elf Jahre alt, konnte er noch nicht 
lesen. Als er es aber nun aus Bedürfniss, d. h. als Mittel zum 
Zweck erlernt hatte, wurde er Autodidakt in allen Richtungen. 
Er las, was er sich nur verschafíen konnte, und scheute zur 
Beschallung von Lectüre die Fussreisen nach Paris keineswegs. 
Bei dieser Art, sich zu unterrichten, herrschte jedoch die Nei 
gung für Naturwissenschaftliches, Medicinisches und Mathe 
matisches sichtbar vor. Auch wurde seine Laufbahn, die wir 
hier als für die Sache unerheblich nicht weiter verfolgen, eine 
medicinisch chirurgische. Schliesslich Arzt Ludwigs XY, trat 
er in schon stark vorgerücktem Alter mit ökonomischen Ideen 
und zwar zuerst in der Encyklopädie mit den Artikeln Fer 
mier und Grains hervor. Seine originalsten Veröffentlichungen 
erfolgten kurz darauf (1758). Sie bestanden in dem berühmten 
„Tableau économique” und den „Maximen der ökonomischen 
Regierung eines Ackerbaureichs.” Seine sonstigen, auf die 
Wirthschaft bezüglichen Schriften, die zum Theil in Gesprächs 
form und als Artikel in Zeitschriften erschienen, fügten zu den 
Grundgedanken nichts Erhebliches hinzu. Doch mögen die 
„Oekonomischen Probleme” und die „Dialoge über den Handel” 
wenigstens genannt sein. Es begreift sich, dass der Verfasser, 
der bei der Veröffentlichung jener ökonomischen Tafel schon 
Anfangs der Sechziger war, mit seinen leitenden Ideen fertig 
sein musste, und dass er fernerhin wesentlich nur Erläuterungen 
und Vertheidigungen producirte. Auch galt jene ökonomische 
Tafel nebst der hinzugefügten Erklärung unter den Anhängern 
als der Schlüssel zur tiefsten Weisheit. Der König hatte sich 
mit eigner Hand bei der Besorgung des Drucks dieser Schrift 
betheiligt. Sie ist aber dennoch in ihrer ursprünglichen Ge 
stalt nachher fast verschwunden. In der 1768 von Dupont, 
einem Schüler Quesnays, unter dem Titel „Physiokratie” in 
6 Bändchen veröffentlichten Sammlung der Arbeiten des Meisters
        <pb n="117" />
        101 
findet sich das Tableau nebst den Maximen im ersten Bändchen. 
Es gehen jedoch, was sehr bezeichnend ist, die naturrechtlichen 
Erörterungen Quesnays voran. Nebenbei sei bemerkt, dass der 
Stifter der Secte seinen Namen nicht genannt wissen wollte, 
und dass man ihn daher in solchen Büchern, wie die erwähnte 
Sammlung, nur als den Autor bezeichnet findet, was bei aller 
Verschiedenheit doch einigermaassen an die Redeweise der 
Pythagoreer — Er selbst hat es gesagt — erinnern kann. 
Ludwig XV nannte Quesnay seinen Denker. Die Mög 
lichkeit einer gewissen Vertrautheit der beiden Personen müsste 
in der That überraschen, wenn nicht die Naivetät und Philan 
thropie des ökonomisirenden Arztes Alles hinreichend erklärte. 
Es giebt Naturen, die in den corrumpirtesten Beziehungen ihre 
bessere Eigenart bewahren, und es ist noch nicht einmal die 
Gemüthsart eines Quesnay noth wendig, um dieses Ergebniss 
zu liefern. Auch männlichere Gestalten, wie Vauban, hatten 
sich in ihren Verhältnissen zum Hofe eine ehrliche Stellung 
zu bewahren gewusst. Man hat es oft wiederholt, dass Quesnay 
im Schlosse zu Versailles seine ökonomischen Anschläge und 
Rechnungen betrieben habe, während sich in den Zimmern 
über seiner Wohnung jene Affairen abspielten, die im wunder 
lichsten Gegensatz zu den harmlosen Beschäftigungen des Autors 
des ökonomischen Tableau standen. Hieran ist aber, sobald 
man den Charakter der Person in Betracht zieht, nichts mehr 
überraschend. Wer allen Dingen eine Gesinnung entgegen 
trägt, die das Schlechte nur in irrthümlichen Abweichungen 
von der Natur sieht und übrigens glaubt, die ganze Welt durch 
ein einziges Mittel in Ordnung bringen, mit ihren verschie- 
densten Elementen aussöhnen und in der Hauptsache befrie 
digen zu können, wird auch mit den verschiedensten Naturen 
so zu sagen gut Freund sein wollen und in einem gewissen 
Sinn es auch zu sein vermögen. Freilich beruht diese Art von 
Freundschaft vornehmlich auf der Verkennung der wirklichen 
Differenzen, welche in der menschlichen Natur unvermeidlich 
zum Ausdruck kommen müssen. Der Philanthrop, der mit 
seinem weiten Herzen die ganze Menschheit umfassen will, 
wird in bestimmten Richtungen seine Person zurücktreten und 
die gewöhnlichen Regeln des Verkehrs häufig zur Seite lassen. 
Auf diese Weise wird er über manches Ressentiment hinweg 
kommen, welches bei weniger bonhommistischen Naturen sofort
        <pb n="118" />
        103 
den Kriegszustand herbeiführen müsste. Vergessen wir jedoch 
nicht, dass bei der angedeuteten Charakterart fast regelmässig 
das fehlen wird, was man die Logik des Lebens nennen könnte. 
Ausser dieser Logik fehlt es natürlich auch noch an einer 
andern, womit jedoch nicht gesagt sein soll, dass auf einem 
solchen Grund und Boden nicht bedeutende, ja bisweilen 
geniale Gedanken wachsen und in einzelnen Richtungen auch 
Bethätigungen einer partiellen Verstandesschärfe hervortreten 
könnten. 
3. Es ist nicht ohne Bedeutung, dass man Quesnay und 
seine Anhänger ursprünglich Oekonomiston oder ökonomistischo 
Philosophen nannte. An die Stelle dieser Bezeichnung trat 
später vorherrschend die Benennung Physiokraton. Dupont 
de Nemours hatte hiezu mit dem Titel seiner vorher erwähnten 
Sammlung die Veranlassung gegeben. Die Physiokratio, Natur 
herrschaft oder Naturverfassung, sollte eine Gesellschafts- und 
Regierungsform sein, in welcher allein die Natur mit ihren auf 
das menschliche Verhalten bezüglichen Gesetzen maassgebend 
wäre. Schon die Naturrechtsideen Quesnays hatten diesen 
Charakter, und die natürliche Oekonomie, die ihm vor Augen 
schwebte, war das aus seinen ärztlichen Vorstellungen von der 
Gesundheit und den Verrichtungen des Leibes entstandene und 
auf die Gesellschaft übertragene Idol einer unfehlbar heilsamen 
und harmonischen Naturgesetzmässigkeit. Die Idee von natür 
lichen Gesetzen der ökonomischen Vorgänge war zwar schon bei 
Boisguillebert mehrfach hervorgetreten, und die blossen Ver 
gleichungen dieser Art hatten auch früher, wie z. B. bei Petty, 
durchaus nicht gefehlt. Allein eine grundsätzliche Betonung 
von dem, was man auch in neuster Zeit ohne erhebliche Ver 
änderung des Begriffs die Naturgesetze der Volkswirthschaft 
genannt hat, ist recht eigentlich erst durch den Schöpfer des 
physiokratischen Vorstellungskreises eingeführt worden. Das 
Natürliche wurde hiebei im Gegensatz zu Alledem gedacht, 
was sich aus den gutgeheissenen Eigenschaften des Menschen 
nicht wollte ableiten lassen. Ein Arzt, der seine Stärke darin 
sucht, die Natur walten zu lassen, und sich äussersten Falls 
nur mit der Beseitigung der Hindernisse abgiebt, die nach seiner 
Meinung einem solchen freien Walten entgegenstehen, ist in 
der That das Bild eines physiokratischen Oekonomisten. Obwohl 
in der Unterscheidung der Unnatur, Abirrung und Entartung
        <pb n="119" />
        103 
von einem normalen Typus eine wichtige Wahrheit zu Grunde 
liegt, 80 ist die Vorstellungsart Quesnays doch etwas ganz 
Anderes. Er machte sich von der menschlichen Natur gleich- 
sam einen JLuszug, indeni er die ihin gpit scheimmden Eigcni- 
schaften als Ausgangspunkt der Naturgesetze der Gesellschaft 
gelten Hess, alles Uehrige aber auf Rechnung der Missstande 
und künstlichen Verkehrtheiten setzte. Er hatte keine Ahnung 
davon, dass er auf diese Weise die Natur halbirte und mit der 
einen Hälfte in der Hand ganz willkürliche Voraussetzungen 
machte. Trotz alledem hat aber seine Art, das Spiel der öko- 
nomisclmn ITorgaaige sils eine TfaturluindlurMg auikuhu386]i, deri 
Vortheil gehabt, wenn auch in verbaltnissmässig roher und 
schiefer Form, für eine Anschauungsweise zu arbeiten, deren 
feinere und vollkommen zutreffende Gestaltung uns noch gegen 
wärtig beschäftigt. - 
Um die Caricatur, die bei einer Einseitigkeit niemals 
zu fehlen pflegt, nicht zu vergessen, sei an ein Wort erinnert, 
welches Catharina II in Folge einer Unterredung mit dem Phy- 
siokraten Mercier de La Rivière an Voltaire richtete. Jener 
Jünger Quesnays war ausdrücklich nach Russland berufen 
worden, um bei der Gesetzgebung Dienste zu leisten. In Folge 
einer Zufälligkeit kam es jedoch nur zu kurzen Erklärungen 
gegenüber der Kaiserin, deren Fragen mit der Hinweisung au 
die Naturgesetze beantwortet wurden. Der naive Verzicht aut 
Alles, was sich nicht schon von Natur mache, veranlasste sie, 
sich über den Genannten in einem Brief dahin zu äussern, der 
selbe habe geglaubt, man ginge bei ihr auf allen 
er habe sich sehr höflich hinbemüht, ihnen dort au le in 
füsse zu helfen. ^ 
In einer andern Biohtung liessen es die Anhänger Ques- 
nays an Selbrtcaricaturen in Form wunderlicher Schriften nicht 
fohlen, ohne dasa man jedoch darauf scbliessen dürfte, derartige 
Bücher waren ohne grosseres Publicum geblieben Im Gegen- 
theil erlreute sich grade einer der vertraktesten Schreiber dieser 
Gattung eines nicht geringen Beifalls. Es ist dies der Marquis 
Mirabeau, der Vater des in der allgemeinen Geschichte bekann 
ten bestechlichen Redevirtuosen. Von allen seinen -"mtschic - 
tigon Werken ist der Curiosität wegen nur die zweite Ballte 
des 6. Bandes seines „Amides hommes" zu erwähnen, in w^ 
Cher er 17(10 eine eigne Darstellung und Erklärung des Tableau
        <pb n="120" />
        104 
économique lieferte. Er sah dasselbe als die dritte grosse Er 
findung zu denjenigen der Schrift und des Geldes an. Voltaire 
sagte von ihm, er sei ein Narr, der viel gute Augenblicke habe. 
Die Bezeichnung Menschenfreund, die von Mirabeaus Ver 
öffentlichungen als Beiname auf ihn selbst überging, ist jedoch 
noch nicht so charakteristisch, als der Titel eines „ältesten 
Sohns der Doctrin,” den er für sich in Anspruch nahm. Eine 
seiner Schriften soll 18 Auflagen erlebt haben. Ehe er sich, 
zu Qiiesnay bekehrte, hatte er öffentlich schon andere, wenn 
auch philanthropische Ansichten verfochten. Das Wichtigste 
aber bleibt, dass grade er es gewesen, der sich mit dem Ta 
bleau économique sofort und am meisten abgegeben hat. 
Er versichert in der fraglichen Erklärungsschrift, man müsse 
nicht glauben, mit leichter Mühe in den wahren Sinn desselben 
eindringen zu können; aber seine sogenannte Explication be 
weist nur, dass sich das Unklare, was die eigne unvergleich 
lich bessere Fassung bei Quesnay einschloss, noch viel unver 
ständlicher hatte ausspinnen lassen. * 
Alles Enthusiasmus ungeachtet, mit welchem das ökono 
mische Tableau Quesnays die Jünger und einen Theil des 
Publicums erfüllte, ist es dennoch am allerfrühesten der Ver 
nachlässigung anheimgefallen. Dieser Gang der Sache erklärt 
sich aber weit mehr aus der Oberflächlichkeit derjenigen, welche 
der Physiokratie ihre Aufmerksamkeit widmeten, als aus einem 
richtigen Urtheil über das Verfehlte jenes speculativen Entwurfs. 
Dupont hatte in einer Vorbemerkung zu seinem oben ange 
führten Abdruck dieser Quesnayschen Arbeit gar keine an sich 
falsche Idee befürwortet, indem er daran erinnerte, dass mit 
ein paar Begriffen ohne Rechnung sich ebensowenig eine ge 
hörige Einsicht in die IHervorbringung und Vertheilung ge 
winnen, als etwa die Höhe der Berge ohne Kunstmittel fest 
stellen lasse. Freilich war diese Andeutung einer erst gegen 
wärtig in strengerer Gestaltung hervorgetretenen Wahrheit sehr 
weit von einer klaren Einsicht entfernt, und sie schloss zu 
gleich den Irrthum ein, dass die in Begriffen und Grössen 
bostimmungen ganz willkürliche Ausführung Quesnays ein zu 
treffendes Bild der Vorgänge verzeichnet habe. Nichtsdesto 
weniger dürfen wir nicht darauf verzichten, bcmerklich zu 
machen, dass der wunderlich calculirende Denker doch in einem 
Punkt Recht gehabt habe. Die allgemeine Idee eines ökono-
        <pb n="121" />
        105 
miseheD Tableau war nämlich völlig berechtigt und ist noch 
heut eine unerfüllte Forderung der Wissenschaft. 
4. Was das ökonomische Abbild der Verhältnisse der Pro 
duction und Vertheilung bei Quesnay selbst zu bedeuten habe» 
lässt sich nur angeben, wenn man zuvor die ihm eigenthüm- 
lichen leitenden Begriffe von der Erzeugung der Reichthümer 
genau untersucht. Dies ist um so nöthiger, als die einschla 
genden Vorstellungen bisher in einer so schwankenden Unbe 
stimmtheit wiedergegeben worden sind, dass man selbst aus 
besseren Berichten, wie z. B. demjenigen Adam Smiths, ihre 
wesentlichen Züge nicht gehörig zu erkennen vermochte. Ueber- 
dies machen diese Begriffe die ganze Originalität Quesnays 
und zugleich der gesammten Physiokratie aus, und man würde 
daher der Sache einen schlechten Dienst leisten, wenn man 
für diese Grundanschauungen die herkömmliche leichtfertige 
Berichterstattung gelten Hesse. Das Nettoproduct (produit net) 
ist bei dem Urheber des physiokratischen Systems ein so 
wichtiges Begriffsgebilde, dass man behaupten kann, dasselbe 
sei der Angelpunkt der ganzen Anschauungsweise. 
Zunächst erscheint diese Vorstellung in Gestalt der Vor 
aussetzung einer einzigen productiven Classe, nämlich derjenigen, 
Welche die Ackerbauarbeit verrichtet. Zu derselben werden die 
Eigenthümer als solche nicht gerechnet, da dieselben wesent 
lich nur als Einstreicher der Pacht in Frage kommen. Pächter, 
eigentliche Arbeiter und überhaupt Alle, welche thatsächlich 
an der Landwirthschaft mit der Einsetzung ihrer Arbeit thei 
nehmen, gehören hienach zur productiven Classe. Sie sind a er 
nur darum productiv, weil sie mehr hervorbringen, als sie 
Während ihrer Thätigkeit verzehren. Nur die Bodenbearbeitung 
soll nach Quesnay die Eigenschaft haben, ein Ergebniss zu 
liefern, welches mehr enthält, als die blosse Wiedererzeugung 
des inzwischen Verbrauchten. Dieses Mehr oder dieser Ueber- 
schuss ist das Nettoproduct oder der Reinertrag im physiokra- 
tisch technischen Sinne dieses Worts. Man würde nun aber 
irren, wenn man bei dieser Vorstellung eine Naturalbetrach 
tung des Verhältnisses voraussetzte und sich den Gedanken in 
seiner natürlichen Einfachheit construirte, ohne sich an dem 
Leitfaden der Geldwerthe zu bewegen. Eine solche Idee lag 
der Denkweise Quesnays noch fern. Ihm erschien es als selbst 
verständlich, dass man den Ertrag von vornherein als einen
        <pb n="122" />
        106 
Geldwertli auffassen und behandeln müsse. Er dachte sich 
nicht etwa den Nahrungsverbrauch während der Arbeit und 
dann die gewonnene Nahrungsmenge mit ihrem Ueberschuss 
als die beispielsweise zu vergleichenden Grössen, sondern er 
knüpfte seine Ueberlegungen sofort an die Gcldwerthc an, die 
er als Verkaufsergebniss aller landwirthschaftlichoii Erzeugnisse 
bei dem Uebergang aus der ersten Hand voraussetzte. Auf 
diese Weise operirt er in den Colonnen seines Tableau mit 
einigen Milliarden. Die Leichtigkeit, mit welcher er über diesen 
Cardinalpunkt der Werthbestimmung hin weggleitet, ist für seine 
Methode kennzeichnend. Doch wollen wir nicht vergessen, 
dass bis zu seiner Zeit alle Vorstellungen über den Begriff des 
Werthes nicht nur höchst unentwickelt waren, sondern auch 
verworren durcheinanderliefen. Sie waren nichts weiter als 
oberflächliche Reflexionen, wie man sie zu einem grossen Theil 
auch schon im Alterthum aufweisen kann. 
Hätte Quesnay den Weg einer wirklich natürlichen Be 
trachtung eingcschlagen, und hätte er sich nicht blos von der 
Rücksicht auf die edlen Metalle und die Geldmenge, sondern 
auch von derjenigen auf die Geldwerthe frei gemacht, so würde 
er die colossalen Irrthümer, zu denen sein Productivitätsbegriff 
führte, sicherlich vermieden haben. So aber rechnete er mit 
lauter Werthsummen und dachte sich das Nettoproduct eben 
falls von vornherein als einen Geldworth. Er gewann dasselbe 
indem er die Auslagen in Abzug brachte und hauptsächlich an 
denjenigen Werth dachte, der dem Grundeigenthümer als Rente 
zufiele. Andererseits geht nun aber auch das Nettoproduct als 
Naturalgegenstand in die Circulation und wird auf diese Weise 
ein Element, durch welches die als steril bezeichnete Classe, 
d. h. die technisch industrielle und die blos consumirende Be 
völkerung, zu unterhalten und zu ihren Leistungen in den 
Stand zu setzen ist. Hier kann man sofort die Verwirrung 
bemerken, welche dadurch entsteht, dass in dem einen Fall der 
Geldwerth, in dem andern die Sache selbst den Gedankengang 
bestimmt. Quesnay will eine doppelte Ansetzung des volks- 
wirthschaftlichen Ertrags vermeiden, und da er sich denselben 
als den Gesammtwerth aller Bodenerzeugnisse gedacht hat, so 
kann er eine Vermehrung desselben nirgend zulassen. Der 
Gewerbetreibende ertheilt daher nach dieser Ansicht seinen Er 
zeugnissen nur soviel Werth, als er von jenem Nettoproduct
        <pb n="123" />
        107 — 
während der Arbeit verzehrt. Hiedurch wird das, was er ver 
braucht, an Werth dem gleich, was er schafft, und er soll da 
her ungeachtet des Nutzens, den seine Bemühungen für die 
wirthschaftlicho Gesellschaft haben, nicht eigentlich productiv 
sein können. Mit andern Worten heisst dies nichts weiter, 
als dass es ihm unmöglich sei, einen ähnlichen Heberschuss zu 
erzielen, wie es der Handwirth mit Hülfe der Natur vermag. 
Die leitende Idee besteht also darin, dass die Productivität von 
der Natur herrühre und einzig und allein dem Umstande zu 
verdanken sei, dass sie hei der Bodenbenutzung die Arbeit des 
Menschen mit mehr als seinem, zu dieser Arbeit erfordeiliehen 
Verbrauch belohne. Der Name Physiokratie bewährt sich, 
wie man sieht, hier wiederum und zwar in einem specielleren 
Sinn, indem die Natur in der Gestalt des Ackerbodens als die 
eminent productive Macht erscheint. Erinnern wir uns hiebei, 
dass Quesnay auf dem Lande erzogen war und für das Land 
leben stets eine besondere Vorliebe bewahrt hatte. Lassen wir 
aber auch übrigens nicht ausser Acht, wie naturwüchsig sich 
noch heute immer von Neuem die Vorstellung bildet und gel 
tend macht, dass in der Ausnutzung des Bodens, namentlich 
aber in der rechtlichen Herrschaft über denselben, d. h. im 
Grundeigenthum vornehmlich die Naturgaben angeeignet worden. 
Das Paradoxon, dass die Industrie steril sei, und beson 
ders die Bezeichnung der ihr angehörigen Elemente als einer 
sterilen Classe, hat sowohl bei Anhängern als Gegnern der 
Physiokratie die Aufmerksamkeit am meisten gereizt. Die 
Spätere Gegenkritik hat sich aber die Sache ziemlich leicht 
gemacht, indem sie, statt in den Beweggrund und das etwa zu 
Grunde liegende wahre Element der befremdlichen Anschauungs 
weise einzudringen, die Vorstellungsart entweder kurzweg als 
eine greifbare Thorheit behandelte oder aber, wie Adam Smith, 
nur äusserlich widerlegte. Ein gründlicheres Verfahren hat den 
Sinn und hiemit auch die Schranken und das Irrthümliche des 
Gedankens zu zeigen. Letzteres geschieht, indem man Quesnays 
ursprüngliche Idee in ihrem natürlichen Kern bemerklich macht, 
der dem Urheber selbst in keiner deutlichen Sonderung vor 
liegen konnte. . i i- xr i. 
Nimmt man an, es gehe Jemand davon aus, dass die Nah 
rungsmittel die Grundlage aller Production bilden, so wird er 
sich alle sonstigen Erzeugnisse der wirthschaftlichen Thätig-
        <pb n="124" />
        108 
keit als die Ergebnisse eines zu ihrer Herstellung erforder 
lichen Nahrungsaufwandes zu denken haben. Dieser Aufwand 
an Nahrung wird in jedem Fall die natürlichen Kosten der 
Production repräsentiren. Alles was nicht Nahrung, aber 
von Menschen hergestellt ist, wird so zu sagen als eine Ver 
wandlung der verbrauchten Nahrung erscheinen. Weiss nun 
derjenige, der auf diese Weise denkt, nicht zwischen dem zu 
unterscheiden, was in der Nahrung selbst auf Rechnung der 
productiven Thätigkeit zu setzen sei, und dem, was an ihr 
eine andere Bedeutung hat, so wird die Vorstellung von der 
Productivité unvermeidlich eine höchst verworrene werden 
müssen. Alles wird dann in Nahrung geschützt, und das 
Resultat ist ein Vorstellungskreis, der von der Wahrheit so 
weit als nur irgend möglich abweicht. Die Natur ist dann der 
einzige Producent, und zwar ist sie dies nur insofern, als sie 
über den Unterhalt der arbeitenden Menschen hinaus ihre über- 
schicssenden Gaben spendet. 
Im natürlichen Aufbau der grossen Wirthschaftszweige ist 
die Nahrungsgewinnung offenbar das Fundament, ohne welches 
von dem Uebrigen auch nicht das Mindeste bestehen kann. 
In dieser Hinsicht ist ein verfügbarer Nahrungsüberschuss, 
mag er nun der Arbeit zu verdanken sein oder nicht, unter 
allen Umständen und selbst in rein fingirten Verhältnissen die 
unerlässliche Vorbedingung einer industriellen Entwicklung. 
Hieraus folgt aber nicht, dass er auch als der hervorbringende 
Grund der Gewerbe und als der Repräsentant der productiven 
Kraft betrachtet werden dürfe. Im Gegentheil ist das Ursäch- 
lichkeitsverhältniss das grade umgekehrte, und es muss in 
völlig entgegengesetzter Richtung gedacht werden. Der Zug 
der höheren Bedürfnisse und die Kraft der technischen Fähig 
keiten ist es, was auch den Ackerbau im Verhältniss zu den aufge 
wendeten Mitteln ergiebiger macht, und über den Unterhalt der 
landwirthschaftlichen Bevölkerung hinaus eine immer grössere 
Erzeugnissmenge verfügbar werden lässt. Doch wir wollen hier 
nicht den neusten kritischen Vorstellungen vergreifen, sondern 
uns ausschliesslich mit dem Standpunkt der Quesnayschen, dem 
Naturmenschen und der noch nicht oriontirten Phantasie sehr 
naheliegenden Vorstellungsart beschäftigen. 
Alle diejenigen, welche im ökonomischen Denken erste 
Versuche machten, sind der Abirrung ausgesetzt gewesen, die
        <pb n="125" />
        109 — 
Nahrungsproduction als entscheidende Ursache für alle übrigen 
Gestaltungen anzusehen. Indessen sind nicht Alle wirklich 
in diesem Fehler verblieben. Nach Qiiesnay war derjenige, 
welcher sich in dieser Beziehung am gründlichsten irrte, 
kein Anderer als Malthus, und dieselbe ünentwickeltheit 
des Denkens, welche die treibenden und begrenzenden Kräfte 
der Production in der Gunst der Natur und des Grund und 
Bodens sucht, Hess auch die berüchtigte Bevölkerungstheorie 
wirthschaftliche Scheinbarkeit gewinnen. Noch heute findet 
man die Spuren dieser naturwüchsigen Irrthümer in den gang 
barsten Lehrbuchcompilationen, und es ist mit Sicherheit vor 
auszusehen, dass sich diese Vorstellungsart auch dann noch 
wiedererzeugen und hier und da plausibel machen werde, wenn 
die strengere Wissenschaft das Gegentheil mit der grössten 
Deutlichkeit in allen Richtungen bewiesen haben wird. 
5. Die richtige Seite, die zwar in der Quesnayschen Idee 
nicht fertig anzutreffen ist, derselben aber doch abgewonnen 
werden kann, ist der Gedanke an den Unterschied zwischen 
Aufwendung und Erfolg. Beide werden einerseits in Geldwerth 
gedacht und sollen sich andererseits wie Unterhalt und Ueber- 
schuss über denselben aufiassen lassen. In der That besteht 
nun die Productivität oder Ergiebigkeit bei jeder ökonomischen 
und nicht blos bei der landwirthschaftlichen Thätigkeit in dem 
Verhältniss, welches zwischen der Erzeugnissmenge und dem 
hiezu erforderlich gewesenen Aufwand statthat. Die Erzeug 
nisse veranschlagen sich nach den bedürfnissbefriedigenden 
Eigenschaften, während der Aufwand in dem besteht, was zur 
Ueberwindung der Productionshindernisse nöthig ist. Die nach 
den höheren Verrichtungen hin verfügbar gemachte Erzeugniss 
menge ist daher ein Zeichen des Fortschritts und der vollständi 
geren Entwicklung. In einem solchen Sinn ist der Gedanke 
einer Grössendifferenz zwischen dem, was die unterste Stufe 
der Existenz in irgend welchen gegebenen Verhältnissen erfor 
dern würde, und dem, was zu dieser Stufe noch durch Erzie 
lung eines Ueberschusses hinzukommt, ein berechtigter Begriff. 
Jener Ueberschuss verwandelt sich durch Ueberlassung an 
Andere in eine Summe von Gegenleistungen, die das Leben 
veredeln, insofern der Austausch gegen die Erzeugnisse höherer 
Verrichtungen geschieht. Aus letzterer Wendung sieht man 
aber auch zugleich, dass die Berichtigung der Quesnayschen
        <pb n="126" />
        lio 
Differenzidee schliesslich zum Gegentheil seiner Anschauungs 
weise führt. Es ist nämlich das Dasein der höheren und 
höchsten Thätigkeiten der Volkswirthschaft, was die Erzielung 
der TJeberschüsse auf den untersten und Zwischenstufen möglich ' 
macht und wirksam anregt. 
Erinnern wir uns nun nach Erklärung und Kritik des 
Nettoproducts der verschiedenen Gesellschaftsclassen, so haben 
wir die productive, die sterile und diejenige der Gutseigenthürner 
zu unterscheiden. Die Holle der letzteren Gattung ist von 
Quesnay als eine neutrale gedacht worden, hei welcher der 
Gegensatz von Productivität und Unproductivität in seinem 
Sinne nicht in Frage kommen kann, da es sich hier um gar 
kein eignes Wirthschaftsergebniss, geschweige um den üeher- 
schuss eines solchen handelt. Doch wird die inconsequonz 
sofort klar, sobald man danach fragt, was denn aus dem als 
Rente angeeignoten Nettoproduct im volkswirthschaftlichen 
Kreislauf werde. Hier ist für die Vorstcllungsart der Physio- 
kraten und für das ökonomische Tableau nur eine sich bis zum 
Mysticismus steigernde Verworrenheit und Willkür möglich 
gewesen. Die Linien, welche Quesnay in seinen 'übrigens 
ziemlich einfachen Tafeln hin und her zieht und welche die 
Circulation des Ncttoproducts darstellen sollen, erinnern leb 
haft daran, dass ihr Urheber von der Mathematik und über 
haupt dem rechnenden Denken grade genug verstand, um nach 
dieser Richtung hin ein wenig phantasiren zu können. Schon 
die Erwähnung des Namens Mathematik würde bei diesen 
wunderlichen Oolonnenverknüpfungen und bis zum Centime 
hinuntergehenden Halbirungen der Summen nicht am Orte 
sein, wenn sich Quesnay in Rücksicht auf dieselbe nicht durch 
die bekannte Thorheit der Quadratur des Cirkols in die Mono 
manen dieser Gattung eingereiht hätte. Er hatte sich um die 
Ermöglichung jener Unmöglichkeit nicht nur bemüht, sondern 
glaubte zuletzt auch, die Quadratur gefunden zu haben, und es 
soll nur der Tod gewesen sein, der ihn an der von seinen 
Freunden widerrathonen Veröffentlichung verhindert hat. Man 
muss die Psychologistik des Deutschen Philosophirers Herhart 
kennen, um ein Gegenstück zu diesen Wunderlichkeiten zu 
haben. Die Spielereien aber, die im letzten Monschonaltcr im 
Gebiet der Nationalökonomie und Statistik von verschiedenen, 
in einigen Fällen sogar bedeutenderen Personen getrieben worden
        <pb n="127" />
        Ill 
sind, gehören schon in eine andere Species und können daher 
mit Quesnays Verfahren nur ganz im Allgemeinen verglichen 
werden. Es ist nämlich etwas Anderes, ob man die BegrifiPe 
des Rechnens und der Mathematik so anwendet, wie die Scho 
lastiker die Logik, oder ob man jene Vorstellungsarten nur 
als Zerrbilder producirt. In dem einen Fall ist das Verfahren 
bl OS leer und unfruchtbar; es können aber die sachlichen 
Grundlagen und die leitenden Rechnungsformen an sich selbst 
vollkommen richtig sein. In dem andern Fall ist das Gebühren 
selbst mehr oder weniger widersinnig, und die Voraussetzungen 
sind ebenso willkürlich und unverständlich, als der Zusammen 
hang, in welchem sie sich vermöge der Zahlenangaben und der 
Annahme von Zahlenverhältnissen befinden sollen. 
Indem wir das Ncttoproduct von dieser bedenklichsten 
Seite betrachtet haben, sind wir für ein in das Gebiet der 
Praxis gehöriges Idol, nämlich für die einzige Steuer vorbe 
reitet, welche ebenfalls aus jenem Urfond und zwar gleich an 
der Quelle geschöpft werden soll. Die verschiedenen Steuer 
erhebungen würden nach der Ansicht Quesnays doch schliess 
lich immer das Ncttoproduct treffen, und es sei daher besser, 
die kostspieligen Umwege zu vermeiden. Auf diese Weise er- 
giebt sich die allgemeine Grundsteuer, welche hienach aus der 
Grundrente zu zahlen ist. Wenn irgendwo, so machte sich in 
diesem Punkt die thörichtste Gonsequenz der Grundanschauung 
mit Händen greifbar, und der Sarkasmus eines Voltaire hatte 
die schönste Gelegenheit, sich mit leichter Mühe zu bethätigen. 
„Der Mann mit 40 Thalern”, welcher die Hälfte dieses Grund 
einkommens an physiokratischer Grundsteuer bezahlen muss 
und die reichen Geschäftsleute oder sonst bereicherten Existenzen 
steuerfrei ausgehen sieht, während er selbst verhungert, — 
dies war das kleine Bildchen, mit welchem der Französische 
Satiriker die Oekonomisten beschenkte. 
Man würde jedoch irren, wenn man glaubte, die fraglichen 
Ideen hätten zu der Praxis niemals Beziehungen erhalten. Auch 
ohne die Physiokratie sind ähnliche, wenn auch nicht bis zum 
Acussersten getriebene Irrthümer grade in der Steuergesetz 
gebung wirksam geworden, und die Quesnayschen Vorstellungen 
haben daher, wo sie nicht etwas ganz Neues anregten, wenig 
stens mehrfach als Bestärkungsmittel gedient. Die falsche 
Auffassung von der Bedeutung einer Grundsteuer, wie sie sich
        <pb n="128" />
        112 
in den Gesetzgebungen zum Theil noch heute vertreten findet, 
ist durch die physiokratischen Ideen in mehreren Fällen ge 
steigert und unterstützt worden. 
6. Die wenn auch verfehlten, so doch wenigstens im Irr 
thum originalen Gedanken ergänzen sich hei Quosnay und den 
übrigen Physiokraten durch sehr gewöhnliche und untergeord 
nete Grundsätze, die man zum Theil nur als Echos der von 
Englischen Kaufleuten und Handelsschriftstellern vertreten ge 
wesenen Maximen ansehen kann. Hieher gehört besonders 
das, was mehr von Gournay als von Quesnay herrührte. Der 
erstere, ein vielgereister und in den Englischen Handelsschrift 
stellern heimischer sowie überhaupt sehr belesener Kaufmann, 
der, nachdem er seine Geschäfte aufgegeben, gleichzeitig mit 
dem Stifter der Physiokratie und zum Theil in amtlichen 
Functionen für den Grundsatz des laisser aller wirkte, ist von 
Turgot in einer besondern „Lobschrift” geschildert worden. 
Man ersieht aus derselben, dass er eigentlich nichts weiter that, 
als in Frankreich für Anschauungsweisen eintreten, wie er sie 
sich aus Englischen Schriftstellern, wie Child, herausgelesen 
hatte. Der Widerwille gegen das in Frankreich traditionelle 
Uebermaass des Reglementirens und gegen die Verkehrtheiten, 
zu denen ein solches System unter schlechten Regierungen ge 
führt hatte, kam dem Gedanken der Sichselbstüberlassung des 
Verkehrs zu Hülfe. Ausserdem hatte ja auch Quesnay selbst 
in seiner Vorstellung von Natürlichkeit und Naturgesetzen die 
entschiedenste Veranlassung, dieselbe Richtung einzuschlagen, 
und so geschah es, dass sich die Grundsätze des Kaufmanns 
mit denen des Stifters der Physiokratie verschmolzen. Der 
letztere hatte die Freiheit des Kornhandels ohnedies schon von 
seinem eignen Standpunkt aus zum Axiom gemacht, und seine 
Natürlichkeitsvorstellungen schlugen ihm die Brücke, auf welcher 
er vollständig in das Gebiet des laisser aller gelangte. Heber 
die Verträglichkeit des Widerspruchs, der zwischen der kauf 
männischen und der landwirthschaftlichen Denkungsart gegen 
seitig beinahe ausgeglichen schien, dürfen wir uns nicht wundern. 
Im Reich eines Vorstellungskreises, wie der Quesnay sehe, 
konnten sich die verschiedensten Elemente vereinbaren, wenn 
sie nur in der philanthropischen Gesinnung einigermaassen zu 
sammenstimmten. Einschneidende Logik war überhaupt auf 
diesem Felde und namentlich in Rücksicht auf die praktischen
        <pb n="129" />
        113 
Gegensätze kaum anzutreifen. Ein Streit über etwaige Ein- 
Iheilung in Schulen ist daher ganz überflüssig. Gournays Be 
deutung besteht in der Einwirkung auf Quesnay und auf Turgot. 
Der letztere ist aber wiederum nur als ein sichtender Dar 
steller der Hauptlehren Quesnays anzusehen, die er in seiner 
Weise mit einigen, dem gesunden Verstände zu verdankenden 
Berichtigungen wiedergab. 
Wenn also Einige von drei besondern Schulen oder Richtun 
gen reden wollen, die den Namen Quesnay, Gournay und Turgot 
entsprächen, so ergiebt dies ein ganz falsches Bild. Gournay, 
der nichts Eignes veröffentlichte, sondern seine Manuscripte 
unbekümmert seinen Freunden zur Verfügung stellte und bei 
der Abfassung der späteren so verfuhr, als wenn die früheren 
noch gar nicht dagewesen wären, muss vorwiegend als eine blos 
anregende Persönlichkeit betrachtet werden, Turgot aber war 
ungeachtet seiner universellen Richtung und seiner vielseitigen 
Talente doch kein Schöpfer eines ökonomischen Gedankens von 
solcher Erheblichkeit, dass sich daran eine besondere System 
gestaltung hätte knüpfen lassen. Das Vorherrschen der einen 
oder andern Denkphysionomie in der Anhängerschaft giebt noch 
nicht das Recht, von ernstlichen Schul- und Systemverzwei 
gungen zu reden. Wohl aber hat der zuletzt Genannte durch 
sein Ministerium eine praktische Bedeutung gehabt, die für die 
Physiokratie nicht gleichgültig blieb. Ehe wir jedoch hievon 
reden, müssen wir noch der Art und Weise gedenken, wie 
Quesnay die Handelsbilanz auffasste. In einer der „Maximen”, 
von denen er zuerst ein paar Dutzend und schliesslich noch ein 
halbes Dutzend aufstellte, behauptete er, dass die günstige 
Bilanz sogar schädlich sein könne. Einen klaren Einblick in 
den Sinn und die Schranken seines Gedankens verstattet jedoch 
besonders eine Aeusserung in dem ersten Dialog vom Handel, 
wo zur Widerlegung der Bilanz Vorstellungen die Meinung geltend 
gemacht wird, dass sich auf Kosten der andern Nationen kein 
Gewinn machen lasse. „Ein gerechter und guter Gott”, sagt 
er (Physiokratie II S. 135), „habe gewollt, dass dies unmöglich 
sei, und dass der Handel, wie er auch ausgeführt würde, immer 
nur die Frucht eines offenbar gegenseitigen Vortheils wäre.” 
Hier haben wir die ganze Einseitigkeit der so oft wiederholten 
Antibilanztheorie in ihrer optimistischen Verkennung der mensch 
lichen Beziehungen und mit ihrer billigen Hypothese eines 
Dühring, Goschichte dor Nationalökonomie. 2. Auflage. 8
        <pb n="130" />
        114 
willkürlich erdichteten Harmonismus vor uns. Der wahre Be- 
standtheil, der auch in dieser thörichten Vorstellungsart nicht 
fehlt, ist die Hinweisung auf die Gegenseitigkeit dos Nutzens. 
Allein man muss zu unterscheiden wissen, was diese Gegen 
seitigkeit unter den verschiedenen Verhältnissen leistet und 
wo sie ihre Grenzen hat. Doch wir wollen uns bei dem allge 
meinen Gedanken von der Gemeinsamkeit des Vortheils der 
handeltreibenden Theile nicht aufhalten, da wir eine noch 
universellere Idee schon bei Boisguillebert zu berühren gehabt 
haben. Es wird jedoch gut sein, dass man sich für die Folge 
zeit merke, welche nebelhafte Gestalt die Anfechtungen der 
ßilanztheorie bei Quesnay gehabt haben. Nach Hume finden 
wir dieses Thema bei den verschiedensten Schriftstellern im 
negativen Sinn behandelt; aber nirgend werden wir auf Gründe 
treffen, die mehr repräsentirten, als eine Beseitigung der An 
sicht, dass grade die Gewinnung der Differenz in edlen Me 
tallen das Mittel zur Vermehrung des Reichthums sei. 
7. Wäre es hier unsere Aufgabe, die Vorgänge in der 
Volkswirthschaft und nicht vielmehr diejenigen im Bereich der 
wissenschaftlichen Sätze darzustellen, so würden wir dem Men 
schenalter, welches der grossen Französischen Revolution vor 
anging, eine ganz besondere Aufmerksamkeit widmen müssen. 
Die ökonomischen Reformen, die man versuchte oder wirklich 
ausführte, standen in engerer Beziehung zu den Ideen der 
Physiokraten. Die Opposition gegen die Hemmungen des Ver- 
kehrs und gegen die Monopole und Zünfte war sehr begreiflich. 
Das Naturrecht, wie es in einer eigenthümlichen Gestalt auch 
der Physiokratie zu Grunde lag, hatte selbst da, wo die poli 
tischen Grundsätze ganz anderer Art zu sein schienen, eine 
unwillkürliche Tendenz zur Revolution. In den Maximen Ques- 
nays wird freilich die ungetheilte Gewalt für nothwendig er 
klärt, und auch sonst kommt innerhalb der Secte eine gewisse 
an das Despotische streifende Neigung zum Ausdruck. Indessen 
alles dies hindert keineswegs, anzuerkennen, dass die Einfüh 
rung eines verhältnissmässig freien Denkens über natürliche 
Wirthschaftsgestaltung und der Kampf gegen die missliebigen 
Zustände, der sich hieran anknüpfte, nicht blos zu den Symp 
tomen und Wirkungen, sondern auch zu den sccundirenden 
Vorbereitungen eines Vorabends der Revolution gehörten. Zieht 
man aber Turgots Ministerium etwa als eine officielle Bethä-
        <pb n="131" />
        115 
tilling physiokratisclier Grundsätze in Betracht, so liegt sogar 
ein unmittelbarer Zusammenhang deutlich genug vor. Dennoch 
hat man sich zu hüten, die Oekonomisten als solche und um 
ihrer eigenthümlichen Theorien willen unbedingt zu Yorläufern 
jener grossen Umwälzung zu machen. Sie dachten und han 
delten vielmehr unter dem Einfluss von Antrieben, die mäch 
tiger waren, als der philanthropische Geist eines Quesnay. Das 
Nettoproduct mit der einzigen Grundsteuer und all seinem son 
stigen Zubehör sowie die Sterilität der gewerbetreibenden Classe 
waren keine Begriffe, die auch nur ein Stückchen revolutionärer 
Anregung repräsentirten. Die negativen und auflösenden Ideen 
aber, unter denen das laisser aller und die Durchbrechung der 
bisherigen Concurrenzschranken die Angelpunkte bildeten, waren 
nicht ausschliesslich und speciflsch physiokratisch, sondern er 
gaben sich auch ohnedies aus der unerträglich gewordenen Ver 
wicklung der Verhältnisse. Das Bestreben, den Ackerbau von 
seinen Fesseln zu befreien und den Verkehr durch Wegräumung 
der Hindernisse zu befördern, war seit Boisguillebert und Vauban 
hei allen denen traditionell, welche die Schäden der Zustände 
empfanden und ihre Kritik gegen die Missstände richteten. Das 
Wort laissez nous faire war ja schon einem Colbert gegenüber 
gebraucht worden, und grade diejenigen Classen, welche, wie 
die durch Colberts eigne Maassregeln emporgekommenen bür 
gerlichen Berufszweige, über die grösste ökonomische Macht 
verfügten, hatten ein natürliches Interesse, die wirthschaftlichen 
Freiheitsideen in jeder Richtung zu begünstigen, wo ihnen die 
selben eine Erweiterung ihres Einflusses versprachen. Es ver 
einigten sich also verschiedene Umstände, uni die Thatsachen 
in ähnliche Richtungen zu treiben, in denen sich die Ideen und 
nebenbei auch ein Theil des physiokratischen Naturcodex be 
wegte. 
Der einzige einigermaassen politische Charakter, der seiner 
ökonomischen Ansichten wegen zu den Physiokraten zählen 
muss, war jener Minister, der einem Ludwig XVI sein Schicksal 
vorhersagte. Es war ein Mann von seltenem Geist und noch 
viel seltener anzutreffender Gesinnung. Seine Fähigkeiten be 
kundeten sich literarisch nicht blos in dem Umspannen vieler 
Gebiete und Anschauungen, sondern auch in einem hohen Grad 
philosophischer Durcharbeitung und in geistvollen Combina- 
tionen der verschiedenartigsten Stoffe. Seine Abhandlungen 
8*
        <pb n="132" />
        IIG 
zu der Philosophie der Geschichte sind berühmt und bekunden 
in der That in mehreren Richtungen eine AufFassungsart, die 
um so mehr bedeutet, als sie schon bei dem jugendlichen Schrift 
steller anzutreffen war. Was Turgot 1750 als junger Mann 
von 23 Jahren „TJeherdie Fortschritte dos menschlichen Geistes” 
geschrieben hatte, enthielt höchst bedeutsame Gesichtspunkte 
und sehr richtige Urtheile, die, wie die Hinweisung auf die 
Nothwendigkeit einer zukünftigen Loslösung Nordamerikas vom 
Mutterlando, durch die Ereignisse bestätigt wurden. Was je 
doch mehr sagen wollte, ist die psychologische Klarheit, mit 
welcher derjenige schrieb, welcher den Eindrücken des theolo 
gischen Studiums ausgesetzt gewesen war. Freilich war es 
eine Natur, die erklärte, auf eine priosterliche Laufbahn ver 
zichten zu müssen, weil es ihr „unmöglich wäre, sich darein 
zu ergeben, zeitlebens eine Maske zu tragen.” 
Bei aller Würdigung dieser vorzüglichen Eigenschaften 
darf man sich jedoch nicht darüber täuschen, dass man es in 
Turgot sowohl in Rücksicht auf die Wissenschaft als im Hin 
blick auf sein Ministerium mit keiner im höheren Sinne dos 
Worts genialen und actionsfähigen Kraft zu thun hat. Eine 
Summe von Talenten und ein entsprechendes Maass von ideo 
logischer Hartnäckigkeit, die über den Principien die Rück 
sichten auf das volle Leben vergass, sowie der Mangel eines 
Verständnisses für die politischen Bewegungsgesetze der Massen 
und der Interesseneinflüsso, — das waren die Elemente, die in 
Turgots Person die Physiokratie äusserlich erhoben und nach 
kurzer Frist stürzten. Die berühmte Ministerrolle spielte sich 
zufällig innerhalb der paar Jahre ab, welche einerseits durch 
den Tod Quesnays und andererseits durch das Erscheinen des 
Smithschen Werks markirt werden können. Was 1774 70 
geschah, ist ein geschichtliches Zeuguiss für die Unzulänglich 
keit einer Politik geworden, die eigentlich nichts weiter als ein 
paar abstracto Regeln zum Compass hatte. Selbst eine gewisse 
Energie musste unter dieser Voraussetzung mehr schaden als 
helfen, und was auch immer nach einigen Richtungen an heil 
samen Maassregeln durchgeführt wurde, — die übergangslose 
Zusammenwürfelung der bisherigen Zustände des Kornhandels 
nach dem ausschliesslich negativen Grundsatz des laisser aller und 
ohne positive Hülfe gegen die augenblicklich erwachsenden 
Verlegenheiten, war mindestens unpolitisch. Auch hat sie in
        <pb n="133" />
        117 
Vorbiuduüg mit dem Verfahren hei der Kornern ente die Stel 
lung dos physiokratischen Finanzministers am meisten compro- 
mittirt und schliesslich unhaltbar gemacht. Hiemit soll nicht 
gesagt sein, dass der versatile Italiener Galiani mit seinen 
Dialogen über den Kornhandel gegen die Physiokraten, und 
ein Kecker mit seiner über denselben Gegenstand speciell gegen 
Turgot gerichteten Schrift theoretisch Recht gehabt hätten. 
Im Gegentheil war der Standpunkt dieser so viel Aufsehen er 
regenden Bücher in der Hauptsache principios. Ganz beson 
ders gilt dies von Galiani, bei welchem das Funkenstieben des 
Geistes den Mangel eines ruhigen Lichts und ernster Grund 
sätze nicht aufwiegen kann. Allein in der Blosstellung der 
Thorheit einer rücksichtslosen Schablonenpolitik hatten diese 
Autoren wirklich Recht, wenn es auch keine sonderlich schwie 
rige Sache war, die Blossen des physiokratischen Enthusias 
mus und der Dogmen dieser Secte sichtbar zu machen. 
Galiani suchte das System ausdrücklich darin, keines zu 
haben, und dieser windige Standpunkt, der zu allen Zeiten 
seine Anhänger zählt, kann in der Erprobung des wirklichen 
Lebens auch nur die Bedeutung einer Wetterfahne beanspruchen. 
Wir haben also keinen Grund, jenen Italienischen Gegner der 
Dhysiokraten zu bewundern, sondern müssen sogar an den 
Gegensatz erinnern, der zwischen der Frivolität und Unwissen 
schaftlichkeit des sogenannten geistreichen Verhaltens und dem 
redlichen, wenn auch durch Irrthümer und falschen Enthusias 
mus verunstalteten Ernst der bessern Physiokraten bestand. 
Doch lassen wir die auf die damalige Polemik bezüglichen 
Kundgebungen ebenso wie die streitigen Maassregeln und die 
Wirthschaftsgeschichte zur Seite, um uns der Hauptsache, näm 
lich den Theorien Turgots zuzuwenden. 
8. Im Hinblick auf den sichtenden und in einem bessern 
Sinn, als das Wort gewöhnlich hat, eklektisch zu nennenden 
Autor der „Reflexions sur la formation et la distribution des 
richesses” (I76G) würde man kaum behaupten können, dass er 
ein entschiedener Anhänger der Physiokratie gewesen sei, wenn 
ihn nicht die Annahme der entseheidenden Haupt Vorstellungen 
dazu gestempelt hätte. Die Art und Weise des Denkens und 
der Darstellung weicht von der sonst bei den Physiokraten 
üblichen Physionomie zu Gunsten der Klarheit und Verstandes- 
mässigkeit erheblich ab. Jene kleine Schrift liest sich noch
        <pb n="134" />
        118 —. 
heute mit einigem Interesse und kann durch ihre Uehersicht- 
lichkeit, durch ihre Kürze und durch Hervorhebung des Zu 
sammenhangs der einzelnen Gedanken sehr viel zur Erläute 
rung der physiokratischen Ansichten beitragen. Auch enthält 
sie einige eigenthümlicbe Bestandtheile, die wie die Vorstellung, 
dass die Capitalion durch Ersparung entstehen, nachher in dem 
Smithschen Gedankenkreis eine Rolle gespielt haben. Dennoch 
dürfen wir aber nicht verkennen, dass wir es in dieser Turgot- 
schen Skizze mehr mit einem kühlen verständigen Niederschlag 
als mit der ursprünglichen Lebendigkeit, originalen Haltung 
und Gonsequenz der Quesnaysclien Ideen zu thun haben. Heb ei 
gens findet sich auch ein Stück ökonomischer Geschichtsphilo 
sophie in die Darstellung verwebt, so dass man überall den 
Versuch zu einer tieferen Ergründung der Aufeinanderfolge der 
Zustände wahrnimmt. 
In den einzelnen Lehren sind die Dogmen der Physiokratie 
von den mehr unabhängigen und selbständigen Ideen zu unter 
scheiden. In erstcrer Beziehung wird der Begrifi" des Netto- 
products wiedergegeben, jedoch ohne dass sich daran die Gon 
sequenzen des ökonomischen Tableau knüpften. Die an den 
Grundeigenthümer gezahlte Pacht ist vorzugsweise die Form, 
in welcher das Nettoproduct unmittelbar gedacht wird. Die 
Vorherrschaft des Pachtverhältnisses stellt nach Turgots An 
sicht von der geschichtlichen Entwicklung der socialen und 
rechtlichen Bewirthschaftungsarten den am höchsten ausge 
bildeten Zustand dar. Die übrigen Gestalten werden von der 
Sklaverei an durchgegangen. Es lohnt sich kaum, noch be 
sonders zu bemerken, dass der Arbeitslohn entsprechend den 
Grundanschauungen der Physiokratie als blosse Gewährung 
des nothwendigen Unterhalts gedacht wird. Alle Wertho be 
stehen ja nach diesem System wesentlich in Nahrungsmitteln, 
und die sterile Glasse producirt ja nach dieser Annahme nicht 
mehr als sie verbraucht. Dem Wertausdruck nach fehlt es 
daher auch im Hinblick auf den Arbeitslohn keineswegs an 
der Vorstellung des später als Ricardoschor Begriff so berühmt 
gewordenen Unterhaltsminimum. Doch wollen wir uns nicht 
bei Ideen auf halten, die in ihrer unkritischen Gestalt Jedem 
nahelagen, der seine Gedanken ein wenig in Bewegung setzte. 
Die einfache Meinung, dass der Arbeiter eben nur den Unter 
halt empfange, ist eine Reflexion, deren schwankender und un-
        <pb n="135" />
        bestimmter Inhalt bei einigem Nachdenken hervortritt und da 
her an sich selbst keinen Anspruch machen kann, als eine be 
sonders auszuzeichnonde wissenschaftliche Idee zu gelten. Im 
Gegentheil ist jene Meinung das Ergebniss einer oberflächlichen 
Beiirthcilung, und wir würden an dieselbe gar nicht erinnert 
haben, wenn man nicht, seit Ricardo und in der jüngsten Zeit, 
auch die Physiokraten für die Idee des geringsten Unterhalts- 
maasses angeführt hätte. 
Die Ansicht über die Nützlichkeit des geringen Zinsfusses, 
die sich bei früheren Schriftstellern häufig genug vorfand, wird 
von Turgot sehr entschieden betont. Jedoch gilt ihm diese 
Niedrigkeit nur als ein Zeichen des Ueberflusses der Gapitalien. 
Die letzteren werden von ihm als Gegenstände des Angebots 
und der Nachfrage nach der entsprechenden allgemeinen Han- 
delsregel beurtheilt. Die Waage zwischen Angebot und Nach 
frage und die Herstellung einer Art von Gleichgewicht oder, 
wie er sich ausdrückt, die Balancirung, ist eine ihn leitende 
Grundvorstellung. Mau erkennt hier den Einfluss Gournays. 
Der Zins soll mit dem Ertrage nichts zu schaffen haben. Das 
viel angeführte Bild, in welchem Turgot die Hebungen und 
Senkungen des Zinsfusses mit einer fingirten üeberfluthung 
und den Veränderungen des Wasserstandes vergleicht, welche 
nach und nach alle Theile der Landschaft von den Höhen bis 
zu den tieferen Lagen hinunter der Cultur zugänglich machen, 
— diese Vergleichung bedeutet nichts weiter, als dass bei dem 
geringeren Zinsfuss die Productivität als gesteigert vorauszu 
setzen sei. Ferner wird der Gedanke eines eigentlichen Capital- 
umlaufs als Erklärung desjenigen Hergangs gebraucht, der ge 
wöhnlich als Umsatz des Geldes angesehen werde. In Wahr 
heit handle es sich hei der ganzen Circulation, die man hier im 
Auge haben müsse, um nichts als um Vorschüsse, die sich er 
setzen. Ausserdem werden die Capitalien, wie schon oben an- 
gedcutet, als aufgehäufte Ersparungen gedacht, und Turgot hat 
hier, wie Adam Smith und alle seine sonstigen Nachfolger, in 
dieser Vorstellungsart stets die Werthsummen im Auge, über 
welche die Privaten verfügen. Der Gegensatz, der ausser Acht 
gelassen wird, aber in der neusten Zeit sehr wichtig geworden 
ist, betrifft den höheren Gesichtspunkt, aus welchem die volks- 
wirthschaftliche Capitalbildung nicht in der nebensächlichen
        <pb n="136" />
        — 120 — 
Verrichtung des privaten Sparens aufgeht und nirgend als 
etwas individuell Willkürliches erscheint. 
Obwohl Turgot die Hauptdogmen der Physiokraten an 
nimmt und sogar von einer sterilen Classe redet, der er jedoch 
an andern Stellen weniger verletzende Namen giebt, so ent 
wickelt er dennoch einige subtilere Anschauungen, weiche die 
Inconsequenz gegen die Schultradition repräsentiren. Hieher 
gehört besonders seine Darlegung der gegenseitigen Einwir 
kungen, die zwischen den verschiedenen Ertragssiltzen der 
grossen wirthschaftlichen Berufsverzweigungen angenommen 
werden. Die Ungleichheit der Ertragsarten soll ein gewisses 
Gleichgewicht zwischen ihnen keineswegs ausschliessen, sondern 
es soll z. B. die Veränderung des Zinsfusses auch den Acker 
bau beeinflussen. So zutreffend diese Gedanken nun auch im 
Allgemeinen sind, so haben sie doch bereits eine Physionomie, 
die zur reinen Physiokratie nicht mehr passen will, und es 
begreift sich, dass der Verfasser der „Reflexionen” nicht als 
orthodoxer Anhänger der Secte gelten wollte. Andererseits 
geben ihm aber diese einander innerlich widersprechenden 
Reflexionen, deren äusserliche Verständlichkeit auf dem Preis 
geben der strengeren Consequenzen beruht, keinen Anspruch 
auf jene schöpferische Originalität, die bei einem Quesnay 
wenigstens im Irrthum vorhanden gewesen war. Die Bedeu 
tung seiner Schrift beruht vielmehr vorwiegend auf der über 
sichtlichen Skizzirung eines Ideenkreises, in welchem die phy- 
siokratische [Tradition unter Abschwächung des am meisten 
Anstössigen zusammengefasst und in einigen Richtungen der 
geschichtsphilosophische Standpunkt, sowie manche gute Ana 
logie aus den Denkformen anderer Wissenschaften zur Geltung 
gebracht wurde. 
Mit Turgot war die Physiokratie in Erankreich praktisch 
und theoretisch zu ihrem Ende gelangt. Es versteht sich von 
selbst, dass sich der Einfluss der Secte, die ein paar Jahrzehnte 
hindurch so viel Bewegung erzeugt hatte, nicht auf ihr Ent 
stehungsland beschränken konnte. Das natürliche Gesetz ihrer 
Propaganda war die Uebertragung ihrer Antriebe auf die weni 
ger entwickelten Nationen, in denen Handel und Industrie noch 
nicht dieselbe Bedeutung hatten wie in England. Jenseit des 
Canals, wo man schon in anderer Weise denken gelernt hatte, 
war für die Physiokratie als solche kein günstiger Boden; aber
        <pb n="137" />
        wohl wurde sie indirect in dem feystem Adam Smiths wirk 
sam, der 1766 in Frankreich gewesen und gegen den Einfluss 
des Verkehrs mit Quesnay nicht gleichgültig geblieben war 
Auch Italien war, da es eine ältere wissenschaftliche Vergangen 
heit hinter sich hatte, trotz seiner ökonomischen Lage für eine 
reine Unterwerfung unter die physiokratischen Ideen kein geeig 
neter Schauplatz. In Deutschland hat es natürlich Schrift 
steller gegeben, welche die Physiokratie verbreiteten oder 
eklektisch benutzten. Was die sogenannten praktischen Ein 
flüsse anbelangt, so hatte die Betheiligung Ludwigs XV die 
persönliche Aufmerksamkeit mancher Fürsten erregt, und der 
Markgraf Friedrich von Baden schrieb selbst eine Kleinigkeit 
und liess einen Miniaturversuch mit der einzigen Steuer an 
stellen, der natürlich missglückte. Doch diese Nebensächelchen, 
zu denen auch die gelegentlichen Ansichten grösserer Fürsten 
gehörten, haben mit dem Gange der Theorie nichts zu thun 
und können uns daher gleichgültig bleiben. Die wichtigste 
Richtung, in welcher die Oekonomisten zunächst gewirkt haben, 
ist die schon erwähnte, vermöge deren das neue System, wel 
ches sich auf Schottischem Boden entwickelte, einige Oharakter- 
züge empfing. Wenn man neuerdings in Frankreich unter 
dem Eindruck der Ackerbauzustände die alten Oekonomisten 
literarisch wieder her versuchte, und wenn landwirthschaftliche 
Schriftsteller an ihnen Studien machen, so wird dies Alles 
nach gründlicher Untersuchung stets nur den Beweis liefern 
können, dass Quesnay zwar ein originaler Geist gewesen und 
die wissenschaftliche Speculation nach durchgreifenden Prin 
cipien gefördert, aber auch zugleich die Einleitung zu der mo 
dernen Ideologie recht typisch vertreten habe. 
Zweites Capitel. 
David Hume. 
Während in Frankreich die Secte der sogenannten Oeko 
nomisten ihre Speculationen entwickelte und aller Ideologie 
ungeachtet auf die eigentlich wissenschaftliche Constituirung 
einer Volks wirthschaftslehre hin wirkte, finden wir auf der 
andern Seite des Canals einen ernstlichen und subtilen Denker 
damit beschäftigt, die wirthschaftlichen Hauptverhältnisse in
        <pb n="138" />
        122 — 
einer Anzahl von kleinen Abhandlungen philosophisch zu be 
leuchten. In der That hat Hume mit seinen ökonomischen 
Essays seinem Freunde Adam Smith erheblich vorgearbeitet. 
Käme es nur auf die Würdigung der Feinheit des Denkens und 
der durchsichtigen Klarheit des Ausdrucks an, so würde jener 
Philosoph einen weit höheren Rang in Anspruch nehmen kön 
nen, als man in Rücksicht auf Talent und auf Weite der Bil 
dung demjenigen zugestehen kann, der als der Verfasser des 
Völkerreichthums später der Ausgangspunkt für die gesummte 
moderne Oekonomie werden sollte. Hume hat der subtileren 
Philosophie einen neuen Weg eröffnet; er ist es gewesen, durch 
dessen Schriften ein Kant noch im reiferen Alter aus seinem 
Schlummer geweckt und in die veränderte Richtung getrieben 
wurde, in welcher er nun dem tieferen Denken seine besten 
Dienste leistete. Hume steht aber auch übrigens im ganzen 
Bereich der neusten Philosophie als diejenige Persönlichkeit 
da, welche durch ihre vorstandesmässige Haltung und ihr ebenso 
vorsichtiges als charaktervolles Auftreten gegen die Vorurtheile 
einzig ausgezeichnet ist und in der praktischen Behandlung 
des Lebens in wesentlichen Richtungen vor einem Kant sehr 
viel voraus hat. Der Schottische Philosoph vertrat im Leben 
und im Sterben jene Freiheit und Vorurtheilslosigkeit der 
Gesinnung, deren Abwesenheit sogar eine sonst geniale Kraft 
verunziert und die Möglichkeit der vollen Sympathie aufhebt. 
Der Denker, der den Menschen wirklich etwas sein soll, darf 
nicht blos im Wissen, sondern muss auch im Wollen und in 
seiner Auffassung und Behandlung des Lebens dauernde Sym 
pathie erregen können. Hume gehörte nun zu dieser Art von 
Philosophen und erinnert hiedurch einigermaassen an die Un 
abhängigkeit mancher Erscheinungen des Alterthums. 
Wenn ein solcher Geist auch die wirthschaftlichen Fragen 
zum Gegenstände seiner Untersuchungen macht, so muss er 
hiedurch für die Wissenschaft mehr leisten, als ganze Literatur 
massen, die blos von der Routine und dem beengten Geschäfts 
sinn ausgegangen sind. Was ein Jahrhundert lang über Handel 
und Geld oder über besondere Themata geschrieben worden 
war, hatte sich vornehmlich in der praktischen Sphäre gehalten 
und war nirgend sonderlich über die Schranken des gewöhn 
lichen Denkens hinausgekommen. Die noch am meisten 
wissenschaftlichen Anregungen waren durch die Petty und Locke
        <pb n="139" />
        123 
VGrtrcten gewesen. Es hatte sich also, abgesehen von den 
übrigens auch nur spärlichen und schwankenden Aufschlüssen 
der statistischen Vorstellungsart, das principiell Erhebliche zu 
erst ini Rahmen der kritischeren Philosophie sichtbar gemacht, 
und wir dürfen daher nicht überrascht sein, auch ferncihin bis 
auf Adam Smith diesen Zusammenhang und diese Ursprungs 
art anzutreffen. Auch in der Person des letzteren ist es die 
allgemeinere Philosophie, aus deren Bereich die Nationalökono 
mie als eine besondere Gonsequenz hervortritt. Gedenken wir 
noch der Physiokraten und ihrer naturrechtlichen Ausgangs 
punkte, so vereinigt sich Alles zu dem Satze, dass die Vorbe 
reitung und Herstellung einer wissenschaftlichen Form der 
Volkswirthschaftslehre und mithin, von dem speciellen Material 
abgesehen, die Schöpfung dos ganzen Wissenschaftszweiges eine 
That der erleuchteteren Philosophie gewesen ist. Hume hat 
daher seine an der Spitze der wirthschaftlichen Essays stehende 
Erörterung über den Handel sehr richtig eingeleitet, indem er 
bemerklich machte, dass auf die Dauer die allgemeinen Prin 
cipien trotz aller Einwendungen immer wieder die entscheidende 
Rolle spielen würden. Er hat auf diese Weise zugleich eine 
bedeutsame Erklärung abgegeben, die man bei den ferneicn 
Schicksalen der ökonomischen und socialen Theorien nicht ver 
gessen sollte. Auch die Verachtung, in welche die Philosophie 
durch ihre entarteten Gebilde vorzugsweise in Deutschland ge- 
rathen ist, und an der es auch in andern Ländern nicht ganz 
fehlt, darf uns nicht hindern, den Blick freier zu erheben und, 
über die Miseren hinwegsehend, den Zusammenhang der grossen 
echten Leistungen mit den Fortschritten der \ olkswirthschafts- 
lehre zu erkennen. 
2. Das Bändchen, welches mit ein paar Ausnahmen nur 
ökonomische Essays enthält, trägt den Titel „Political discourses” 
und erschien zuerst 1752. Es bildete diejenige Arbeit, welche 
den Ruf des 14 Jahre lang fast gänzlich vernachlässigten Autors 
schon ein wenig vorbereitete. Die später epochemachenden 
Schriften waren längst von ihm veröffentlicht; aber noch sollte 
08 eine Reihe von Jahren dauern, bis er über den Zeitpunkt 
hinaus gelangte, in welchem er sich einmal versucht fand, sein 
Vaterland zu verlassen und in Frankreich unter andorm Namen 
fortzuleben. Heute aber, nach mehr als 120 Jahren, werden jene 
Abhandlungen und zwar nicht blos von Gelehrten, sondern von
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        124 
einem weiteren Publicum gelesen, und es erscheinen davon 
fortwährend neue Ausgaben. In England und in Nordamerika 
gehört Hume zu den Schriftstellern, aus denen man sich noch 
bildet und belehrt. Obwohl seine uns hier speciell angehenden 
ökonomischen Reflexionen zu einem grossen Theil in das um 
fassende Werk Adam Smiths übergegangen sind, übt ihre ge 
fällige Form und verhältnissmässige Kürze noch immer einen 
grossen Reiz aus, so dass sie sowohl dem volkswirthschaftlich 
höher Gebildeten als auch demjenigen, der sich in erheblichen 
Richtungen noch erst zu bilden hat, Theilnahme abzugewinnen 
vermögen. Dieser Umstand will sehr viel sagen, wenn man 
bedenkt, was seitdem in unserm Gebiet geschehen und versucht 
worden ist. Muss man auch mit dem Beiwort des Classischen 
sehr sparsam umgehen, und geben die Erscheinungen seit dem 
18. Jahrhundert vielleicht auch keinen genügenden Grund, es 
in seinem höchsten Sinne anzuwenden, so dürfte doch eine An 
näherung daran von den Hurneschen Arbeiten ohne Besorgniss 
gerühmt werden können. 
Die Ausgabe der „Politischen Abhandlungen", auf die ich 
mich hier beziehe, ist die zweite und bildet den vierten Band 
der „Essays and treatises on several subjects," 1753. Die ge- 
kanntesten unter den betreffenden Aufsätzen sind die über das 
Geld, über den Zinsfuss und über die Handelsbilanz, und sie 
sind auch in der That am besten geeignet, die Vorstellungsart 
Humes im nationalökonomischen Gebiet kennen zu lehren. 
Doch müssen wir die ganze Gruppe von Aufsätzen, welche der 
grosse Denker nicht absichtslos vereinigt hat, als den Ausdruck 
eines zusammenhängenden Gedankenkreises ansehen. Hume 
übersah die verschiedensten Richtungen der volkswirthschaft- 
lichen Vorgänge mit dem Blick eines Mannes, der gewohnt ist, 
seinen Gegenstand vollständig zu durchdenken. Es sind nicht 
blosse Aperçus, sondern es ist eine Art von ¡System, welches 
in dieser Reihe von Abhandlungen zum Ausdruck gelangt. 
Dürfen wir auch keineswegs soweit gehen, als manche Beur- 
theiler gethan haben, und den Abstand von der Form des 
Smithschen Werks verkennen, so müssen wir uns doch vor 
dem entgegengesetzten Fehler hüten, einem Hume allzu leicht 
die innere Einheitlichkeit seiner Anschauungsweise abzusprechen. 
Seine Abhandlungen sind kein System, in welchem ein ein 
ziges Princip, wie bei Adam Smith, ausdrücklich als stets maass-
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        gebend hervorträte; aber sie sind von einem Verstände durch- 
dningon, dem es nicht leicht begegnet, über der einen An 
schauung eine andere zu vergessen und so sichtbare Widersprüche 
entstehen zu lassen. Auch dem Verfasser des Völkerreichthums 
hat man den Vorwurf gemacht, sein Werk sei kein System, 
sondern nur eine Reihe von Abhandlungen. Derselbe Mangel 
an Urtheil, welcher zu solchen Ansichten führen konnte, würde 
nun freilich bei Hume gar nichts bemerken lassen, was auf 
innere Systematik deutete. Indessen haben wir es mit solchen 
schiefen Ideen, die das System im Schnörkelwerk der Rubriken 
suchen und durchaus ein scholastisches Gerippe haben wollen, 
in unserer Geschichte gar nicht zu thun. 
Schon der Umstand, dass der Aufsatz über den Handel die 
Einleitung der ganzen Reihe bildet, ist bezeichnend. Hume 
betont die wohlthätige Seite in der Rolle des Handels sehr 
stark, indem er in dem Aufsatz über den Zins die Kaufleute 
‘ die „nützlichste Menschenart“ nennt. Die Einseitigkeit dieser 
eigenthümlich Englischen oder überhaupt vom Standpunkt eines 
Handelsstaates begreiflichen Auffassung wird jedoch durch den 
hinzugefügten Grund sofort gemässigt. Jener hohe Nutzen soll 
nämlich darin bestehen, dass die sonst unmögliche Vermittlung 
zwischen denen, die etwas auszutauschen haben, hergestellt 
werde. Hierin liegt offenbar auch die Schranke angedeutet; 
denn der Handel hat nach dieser Idee nur dadurch wohlthätige 
Wirkungen, dass seine Verrichtungen den gegenseitigen Ver- 
kehrsbodürfnissen und dem natürlichen Gange der Production 
folgen. Dennoch ist aber nicht zu verkennen, dass Hume noch 
ein wenig im Sinne eines feineren Mercantilismus denkt, und 
man kann ihn daher als denjenigen bezeichnen, der in seinem 
Gedankenkreis die zum Industriesystem übergehende, aber noch 
nicht gehörig entwickelte Vorstellungsart repräsentirt. Dies 
zeigt sich sogar auch in der Art, wie er trotz seiner erheblichen 
Aufsclilüsse über die gröbere mercantile Betrachtung des Geldes, 
dennoch den Leitfaden des letzteren bei seinem Denken überall 
festhält und sich nirgend zu einer methodischen Naturalbetrach 
tung der Verhältnisse entschliesst. 
Könnten einzelne Sätze entscheiden, so würde unser Schotti 
scher Metaphysikor allerdings schon die wichtigsten Einsichten 
dos Smithschon Systems vorweggenommen haben. ,,Alles in 
der Welt”, sagt er, „wird um Arbeit gekauft, und unsere Bo-
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        12G — 
dürfûisse sind die eigentliche Ursache der Arbeit” (S. 1*2). 
Dieser Satz, der den Eckstein der späteren modernen Systeme 
bildet, steht noch dazu in der einleitenden Abhandlung. Dennoch 
hat er aber bei Hume selbst nicht die Bedeutung und Trag 
weite, die ihm sein Gebrauch als durchgreifendes Princip nach 
her in den Verzweigungen sehr verschiedener Gedankenkreise 
verschaffte. Was der Autor unmittelbar hinzufügt, greift sogar 
bis zu den leitenden Vorstellungen der jüngsten und am meisten 
fortgeschrittenen Systeme vor. Er spricht sich nämlich über 
die Beziehung der Industrie zum Ackerbau gleich im Anschluss 
an jenen Satz dahin aus: „Wenn eine Nation an Manufacturen 
und technischen Künsten reich ist, so werden sowohl die Land- 
eigenthümer als die Landwirthe den Ackerbau als eine Wissen 
schaft studiren und ihre Thätigkeit und Aufmerksamkeit ver 
doppeln.” So richtig nun diese Vorstellungen an sich sind, so 
haben wir uns dennoch zu hüten, in ihnen schon die Gonse 
quenzen vorwegzunehmeu, die sich erst später an dieselben 
knüpften. Die Pormulirung eines allgemeinen Gedankens kann 
einen sehr verschiedenen Sinn haben, jo nachdem derjenige, 
welcher ihn fasste, ihn mehr oder minder als Princip zur Gel 
tung brachte oder nur als Ergebniss der Reflexion hinstellte. 
Das Bewusstsein von einem solchen Gedanken wird in Rück 
sicht auf die Folgen und auf den Zusammenhang mit andern 
Sätzen eine mannichfaltige Gestaltung aufweisen können, und 
von dem Falle, in welchem die Vorstellung ganz wirkungslos 
auftaucht, bis zu demjenigen, in welchem sie mit dem klarsten 
Wissen zum Angelpunkt eines Systems gemacht oder wenig 
stens als mögliches Princip eines solchen erkannt wird, kann 
es viele Zwischenformen geben. Wir rechnen nun den Hume- 
schen Gebrauch jener ersteren Idee zu der angedeuteten mitt 
leren Gattung, da sich einerseits nicht bestreiten lässt, dass 
jener Satz in den Ueberlegungen des Denkers eine Rollo ge 
spielt habe, andererseits aber auch zugegeben werden muss, 
dass diese Rolle nicht von der Art gewesen sei, wie sie einem 
strengen Axiom oder Princip zukommt. Freilich haben wir 
hier nicht mehr jene früher charakterisirte Lockesclio Unbe 
stimmtheit der Fassung des betreffenden Gedankens vor uns, 
die der logischen Gonsequenz ganz sichtbar ermangelte; wohl 
aber fehlt es auch hier an dom für die Schöpfung der strengen 
wissenschaftlichen Form unentbehrlichen Entschluss, den Ge-
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        127 — 
danken ohne den geringsten Abzug und ohne irgend welche 
Einschränkung als leitendes Princip aller durch ihn denkbar 
werdenden Anschauungen zur Geltung zu bringen. 
Halten wir letzteres Yerhältniss als dasjenige fest, welches 
für die mehr oder minder zufälligen Aeusserungen fundamen 
taler Principien maassgebend ist, so werden wir uns in der 
Bedeutung der Humeschen Ideen nicht leicht irren. Wir wer 
den sie weder überschätzen noch unterschätzen. Ausserdem 
werden wir aber auch für die spätere Zeit bis zu den jüngsten 
Erscheinungen hin an den verschiedenen Gestaltungen jenes 
Verhältnisses ein Merkmal besitzen, die grössere oder geringere 
Folgerichtigkeit der Ideenkreise zu erkennen. 
3. Schon in der früheren Geschichte haben wir die Vor 
stellungen über das Geld als diejenigen erkannt, in denen der 
Mangel durchgreifender Gonsequenz alle Ideen mehr oder min 
der haltungslos werden Hess. Es sei nur an Boisguillebert und 
an Law erinnert. Grade da, wo man das Geld, ganz abgesehen 
von der Rolle der edlen Metalle begreifen wollte, machte man 
die schlimmsten Fehler. Die Meinung, dass die blosse Ueber- 
einkunft der Grund des Geldwerthes sei, — dieser Irrthum, der 
schon im classischen Alterthum classisch vertreten ist und jeden 
falls so alt sein muss, wie überhaupt das Denken der Menschen 
über den fraglichen Gegenstand, — findet sich nun allerdings auch 
bei Hume und ist diesem Denker sogar noch als ein Vorzug 
angerechnet worden, bis die neuste kritische Oekonomie die 
Hinfälligkeit solcher Ansichten blosstellte. Allein neben dem 
Ausdruck dieses Irrthums hat der Schottische Denker denn 
doch auch soviel zutreffende Anschauungen über das Geld ent 
wickelt, dass man ihm Unrecht thut, wenn man jene verfehlte 
Idee aus dem Zusammenhang entfernt, in welchem sie sich 
selbst einigermaassen einschränkt und gar nicht die gänzlich 
falsche Rolle spielt, die ihr in ihrer späteren Isolirung zuge 
fallen ist. Nicht Hume, sondern diejenigen, welche aus ihm 
nur entnahmen, was ihren Lieblingsirrthümern entsprach, tragen 
die Schuld, dass die Bilder, die man sich von der fraglichen 
Geldtheorie gemacht hat, so viele falsche Züge enthalten und 
die besten Bestandtheile gar nicht wiedergeben. 
Um jedoch mit dem Grundirrthum zu beginnen, so sagt 
Humo in der Abhandlung über den Zins, das Geld habe nur 
einen erdichteten (fictitious) Werth, der von der Uebereinkunft
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        128 
abhänge. Diese Behauptung ist grundfalsch; denn es ist die 
Natur selbst, welche die Menschen nöthigt, die Verhältnisse 
gelten zu lassen, welche nach Maassgabe der Beschaffungs 
möglichkeit der edlen Metalle und nach dem sonstigen Lauf dos 
Verkehrs platzgreifen. Diese Verhältnisse bestimmen nach 
Ort und Zeit das, was man den Goldfuss in einer Vorkohrs 
gruppe nennen könnte, und was in nichts weiter als in den 
Grössenbeziehungon zwischen Geld einerseits und Waaron an 
dererseits besteht. Die absoluten Quantitäten der edlen Metalle 
sind daher keineswegs gleichgültig, sondern bestimmen und 
verändern sich für das Bereich jeder Wirthschaftsgruppe nach 
erkennbaren Gesetzen. Doch können wir hier auf diesen Punkt 
nicht näher eingehen. Humo selbst fügt seiner ersten fohl- 
groifenden Idee eine Theorie hinzu, die nicht ohne Worth ist. 
Doch müssen wir vor der Anführung derselben noch ein Wort 
über seine von Späteren oft gerühmte Vergleichung des Geldes 
mit dem Ool der Maschine hinzufügen. Das Geld soll im 
Mechanismus des Verkehrs kein Bad, also keinen Maschinen- 
theil, sondern nur das geschmeidig machende Mittel vorstellen. 
Ein solches Gleichniss besagt nun äusserst wenig. Es drückt 
nichts weiter als die Absicht aus, einer Ueberschätzung der 
Verrichtungen des Geldes vorzubeugen. Das Mehr oder Minder 
der Bedeutung, die man dem Golde zuschreibt, entscheidet aber 
für die eigentliche Theorie noch fast gar nichts. Das Bild ist 
noch kein klarer Begriff, und die Hauptsache wird jederzeit 
in einer andern Gestalt dargelegt werden müssen, wenn man 
nicht auf einen strengeren Sinn der Vorstellungen und Theorien 
verzichten will. Sieht man daher im Besondern zu, welche 
Rolle das Gold spiele und thatsächlich spielen müsse, so wird 
man dem Irrthum nicht so leicht verfallen, als wenn man an 
bildlichen Vergleichungen haftet, die stets nur nebensächliche 
Veranschaulichungen zum Zweck haben können. In der That ist 
auch der Autor selbst nicht der Sklave, sondern der Schöpfer 
jener berühmten Vergleichung gewesen, und die eigentliche 
Wurzel seines Fehlgriffs ist in einer einseitigen Abstraction zu 
suchen. Er sah nur auf den Umstand, dass vermöge des Gel 
des eine gegenseitige Abrechnung stattfinde, und verkannte in 
dem'Geldstofi' die materielle Bedeutung. Sobald er jedoch 
näher auf die Verhältnisse einging, erfuhr seine erste An 
schauungsweise eine solche Beschränkung, dass er sogar zu dem
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        Satze gelangte, eine gute Politik müsse auf die Vermehrung 
des Geldes hinwirken. Diese Gonsequenz, die Manchen sehr 
befremden wird, beruht auf der Theorie derjenigen Veränderun 
gen, welche in Folge der Vermehrung oder Verminderung der 
Metallmasse eintreten, ehe der neue Geldstoff zur Vertheilung 
nach allen Richtungen gelangt ist. Nach der Humeschen An 
schauung soll zwar die absolute Menge gleichgültig, der Vor 
gang aber, welcher in der Hinzufügung oder Wegnahme be 
steht, sehr erheblich sein. Der zweite Theil dieser Behauptung 
ist zutreffend, und die Beschreibung von dem, was in der 
Zwischenzeit bis zur Herstellung des Gleichgewichts vorgeht, 
ist ziemlich gelungen. In jenen Zwischenzeiten, meint er, gelte 
keineswegs der Satz, dass eine Vermehrung des Geldes eine 
blosse Umänderung der Berechnungsart zur Folge habe. Hie- 
nach würde also in seinem Sinne nur dann, wenn sich die 
Geldmasse völlig gleich bliebe, jene erste Idee zur Anwendung 
kommen sollen. Eine solche Anwendung ist aber gar nicht 
möglich, indem jede praktische Frage nur die Veränderungen 
betreffen kann. Er selbst schreibt der neuen Zuführung von 
Geldstoff eine das Wachsen der Industrie befördernde Wirkung 
zu, 'und wenn er nach dieser bestimmteren Seite der Geld 
theorie einen Fehler gemacht hat, so ist derselbe darin zu 
suchen, dass er die Wirkung des Geldes als einer Werthsumme 
von den Diensten desselben als Umlaufsmittel noch nicht ge 
hörig zu trennen wusste. Seine Abhandlung über das Geld 
ist überhaupt noch ein wenig mercantilistisch ausgefallen, und 
jener so oft gerühmte Gedanke von der conventionellen Natur 
des Geldes hat die Gestaltung des Gedankengangs ebensowenig 
wie bei seinem übrigens so verschieden gesinnten Landes 
genossen Law zu hindern vermocht. Soviel wird man jedoch aus 
diesen Beziehungen der fehlgreifenden und der zutreffenden 
Ideen erkennen, dass die Irrthümer Humes meist einen ebenso 
subtilen Charakter haben, als seine Wahrheiten, und dass ein 
hoher Grad von Aufmerksamkeit erforderlich ist, um seinen 
Gedanken gerecht zu werden. 
4. Die Lehre von der Handelsbilanz wird in dem betreffen 
den Aufsatz in derjenigen Gestalt bestritten, in welcher sie 
nichts weiter als den Gewinn von edlen Metallen im Auge hat. 
Es wird ihr der an sich richtige Satz entgegengestellt, dass die 
wirthschaftliche Thätigkeit eines Landes die sicherste Bürg- 
Düliring, Qeschiclite der Nationalökonomie. 2. Auflage. 9
        <pb n="146" />
        — 130 — 
Schaft sei, an Geld keinen Mangel zu haben. Besser als diese 
sehr dehnbaren und mehrdeutigen Vorstellungen ist die Ein 
wendung, dass sich das Geldniveau unter den Provinzen des 
selben Staats in einer zuträglichen Weise gestalte, und dass 
man sich überhaupt in dem Ab- und Zufliessen der Geldmasse 
einen Vorgang denken müsse, in welchem die Verschiedenheit 
der Verhältnisse an verschiedenen Orten die Idee einer Art 
von Gleichgewicht nicht ausschliesse. Uebrigens ist aber Humes 
Erörterung der Handelsbilanz nicht sehr tief angelegt, indem 
er immer nur, ganz wie die Gegner, die er im Auge hat, da 
von ausgeht, dass die Differenz in Folge der Ausgleichung durch 
edle Metalle eine Bedeutung haben solle. Es fällt ihm dagegen 
gar nicht ein, dass Schulden, wie sie sich zwischen einem Volk 
und dem Auslande ergeben können, nicht blos dadurch zu schaden 
brauchen, dass sie unter Umständen eine Ausgleichung in Gold 
oder Silber mit sich bringen. Verbindlichkeiten können sich 
in sehr verschiedenen Formen dauernd fixiren und so den 
Schuldner gleichsam tributpflichtig machen. Ferner ist der 
Humesehe Einwand, dass sich die Handelsbilanz aus Mangel 
an zuverlässigen und hinreichenden Thatsachen nicht gehörig 
aufstellen und berechnen lasse, nur darum anzuführen, weil er 
so oft nachgesagt worden ist. Selbstverständlich würde eine 
solche Schwierigkeit die Idee der Bilanz an sich selbst, falls 
dieselbe richtig wäre, gar nicht berühren. Bei unserm Schot 
tischen Denker hatte jedoch diese Berufung insofern einen 
Sinn, als er selbst die Gedankenkraft, die sich an einer geringen 
Anzahl wirklich brauchbarer Thatsachen bethätigte, weit höher 
schätzte, als ein noch so umfangreiches, aber in den Bestand- 
theilen zweifelhaftes Material. 
Aus den Ansichten über den Zinsfuss ist hauptsächlich die 
Idee hervorzuheben, dass er das wahre Barometer der Zustände, 
und seine Niedrigkeit ein fast untrügliches Zeichen der Blüthe 
eines Volks sei. Er hänge im Allgemeinen nicht von der Geld 
menge ab. Wir entliehen in der That Arbeit und Waaren, 
wenn wir Geld um Zins aufnähmen. Obwohl sich nun in diesen 
Anschauungen, die das natürliche Denken oder die Natural 
betrachtung schon cinigerniaassen vertreten, auch schon etwas 
von jener Einseitigkeit bekundet, die später noch weiter aus 
gebildet wurde, so fehlt es dennoch nicht an erheblichen Ein 
schränkungen. So wird z. B. zugegeben, dass die Veränderung
        <pb n="147" />
        131 
der Geldmenge, ehe sich das oben erwähnte Gleichgewicht 
hergestellt hat, den Zinsluss zu beeinflussen vermöge. Man 
sieht also, dass ein Humo umsichtiger dachte, als diejenigen, 
welche sich später auf ihn beriefen, um ihre Einseitigkeiten 
oder Ideologien zu unterstützen. Ueberhaupt ist man in der 
Würdigung Humes meist sehr befangen verfahren, und hat 
ihm Ideen unterlegt, die er gar nicht hegte. So hinderten ihn 
seine allerdings nur in einer einzigen Richtung zutreflenden Vor 
stellungen von der Handelseifersucht durchaus nicht, im aus 
drücklichen Gegensatz zu den Wirkungen der letzteren, z. B. 
der Ausfuhrverbote, einen günstigen Einfluss der eigentlichen 
Schutzzölle bemerklich zu machen. „Eine Steuer auf Deutsches 
Leinen”, sagt er in der Abhandlung über die Handelsbilanz, 
„befördert die einheimischen Manufacturen und vermehrt hie 
durch unsere Bevölkerung und Industrie.” 
Es würde überflüssig sein, noch weiter auf Einzelheiten 
und namentlich auf Irrthümer einzugehen. Jedoch wollen wir 
nicht unterlassen, im Hinblick auf einige neuerdings streitig 
gewordene Theorien zu bemerken, dass Hume von dem Yor- 
urtheil frei war, als wenn mit der Fruchtbarkeit des Bodens 
auch stets die Vorbedingungen der Entwicklung des Reichthums 
gegeben wären. Er bekennt sich sogar zu der entgegengesetzten 
Ansicht, indem er sagt: „Es mag als eine befremdliche Behaup 
tung erscheinen, dass die Armuth des gemeinen Volks in Frank 
reich, Italien und Spanien einigermaasen den höheren Reich- 
thümern des Bodens und dem glücklichen Klima zuzuschreiben 
sei.” Diese Idee, für deren Urheber er sich nicht einmal aus- 
giebt, und die sich schon ziemlich früh nachweisen lässt, ist in 
jüngster Zeit von Buckle auf die gesammte Geschichte der 
Civilisation angewendet worden. Doch würde es hier zu weit 
führen, die sehr verschiedenen Verzweigungen dieses Gedankens 
nach Maassgabe der von einander abweichenden volkswirth- 
«chaftliclien Systeme zu verfolgen. 
In der Abhandlung über die antike Bevölkerung herrscht 
die ältere gesunde Ansicht von der Förderlichkeit der Volks 
vermehrung so entschieden vor, dass man diese vor den Mal- 
thusischen Einflüssen überall maassgebende Denkungsart grade 
bei dem eminenten Denker auszuzeichnen einige Veranlassung 
hat. Es zieme sich, sagt er, für einen weisen Gesetzgeber, die 
Hindernisse der Fortpflanzung sorgfältig zu beachten und zu 
9*
        <pb n="148" />
        entfernen. Ueberdies tritt Hume für diejenigen ein, welche aus 
socialen Gründen an Ehe und guter Sitte verhindert werden. 
Doch würde es ein pedantisches Mosaik ergeben, wenn wir 
einzelne Stellen anführen wollten. Für die Geschichte wie 
für den gegenwärtigen Zustand der Yolkswirthschaftslehre hat 
nur die Beibringung derjenigen Gedanlj^^en erheblicheren Werth, 
welche entweder ganz original und individuell einer wissen 
schaftlichen Persönlichkeit angehören, oder aber den allgemei 
nen Lauf der Ideen in einer hervorragenden Weise zum Aus 
druck bringen. Was nun aber seit der Malthusischcn Corrup 
tion der Denkweise ein Verdienst ist, kann zu einer Zeit, wo 
alle Welt die gesunde Auffassung vertrat, an sich nicht als 
etwas Besonderes gelten. Auch hätten wir bei Hume an diesen 
Punkt gar nicht erinnert, wenn cs nicht für die Geschichts 
schreibung wichtig wäre, zu constatiren, dass sich grosse Denker, 
die für eine edlere Menschlichkeit eintraten, von der späteren 
Verzerrung der Bevölkerungstheorie stets im weitesten Ab 
stande bewegt und das entschiedenste Gegentheil vertreten 
haben. Auch wäre es für den Mann, der in der Methaphysik 
„gewisse düstere Lehren aus ihrem letzten Schlupfwinkel ver 
treiben” wollte, eine arge Inconsequenz gewesen, wenn er den 
entsprechenden Ansichten der Bevölkerungstheorie vorge 
arbeitet hätte. 
5. Häufig findet man bei unserm Denker sehr zutreffende 
Bemerkungen über die wahren Ursächlichkeitsverhältnisse im 
Spiel der wirthschaftlichen Erscheinungen. Obwohl fast in 
jedem fraglich werdenden Fall verschiedene Ursachen in ver 
schiedenen Richtungen wirksam sind, so kommt es doch haupt 
sächlich darauf an, den vorherrschenden Wirkungsgrund zu 
bestimmen. Dies geschah z. B. in der oben angedeuteten Lehre 
von der natürlichen Vertheilung der edlen Metalle dadurch, 
dass die Industrie als die Ursache der an jedem Orte und zu 
jeder Zeit festgehaltenen Geldmasse angesehen wurde. Jedoch 
fand sich auch die entgegengesetzte Einwirkungsart, die mit 
der ersteren sehr wohl vereinbar ist, ebenfalls nicht vernach 
lässigt. Ferner wurde der Zinsfuss wesentlich als Wirkung 
des Standes der wirthschaftlichen Verhältnisse betrachtet. Die 
Unterscheidung zwischen eigentlichen Ursachen und blossen 
Nebenthätigkeiten konnte einem Autor nicht schwer fallen, der 
erfolgreicher als irgend Jemand über den ursächlichen Zusam-
        <pb n="149" />
        133 — 
mcnhang nacligedacht liatto. Er, de^ gewohnt war, in dieser 
Beziehung dio feinsten logischen Probleme in einer Weise zu 
vertiefen, die in der Geschichte des Denkens an Klarheit und 
¡Schärfe nicht Ihresgleichen hat, und die im Hauptpunkt, näm 
lich in der Behandlung des Ursächlichkeitsbegriffs, auch in den 
nächsten 100 Jahren nicht übertroffen worden ist, — ein solcher 
Denker hätte selbst auf Grund einer geringen Anzahl von That- 
sachen und Vorstellungen unvergleichlich mehr leisten müssen, 
als Jemand, der mit einem weniger feinen Organ einen reicheren 
Stoff bearbeitete. Indessen würde es voreilig sein, anzunehmen, 
dass Hume in der Berücksichtigung der Thatsachen wenig ge-, 
leistet habe. Erinnern wir uns vielmehr, dass derselbe Geist, 
welcher nachher die Geschichte von England schrieb, auch 
früher nicht ohne Sinn für die sachlichen Grundlagen des öko 
nomischen Denkens gewesen sein könne. Sein allgemeines 
philosophisches System brachte es vielmehr mit sich, überall 
den wirklichen Verhältnissen nachzuforschen, und wenn er hie 
bei die Psychologie des Verkehrs einigermaassen bevorzugte, 
so bedeutete dieses Verfahren unter seinen Händen keiseswegs 
jene Verleugnung des äusserlichen Geschehens, wie sie in 
neuster Zeit zu den ärgsten Verkehrtheiten geführt hat. 
Das Verhältniss Humes zu der Leistung Adam Smiths ist 
äusserlich sehr klar. In demselben Jahre 1776, in welchem 
Hume starb, war auch der Völkerreichthum Smiths erschienen, 
und der grosse Denker war noch grade dazu gekommen, in dem 
Buch seines Freundes zu lesen. Beide Schriftsteller hatten seit 
mehreren Jahrzehnten die ökonomischen Fragen durchdacht 
Und erwogen, so dass es selbst an der Hand aller zugänglichen 
Briefe schwer sein dürfte, die jedem zufallenden Antheile zu 
bestimmen. Auch kommt es hierauf nicht wesentlich an, da 
man aus inncrn Gründen bei gehöriger Würdigung der Sache 
nicht darüber im Unklaren bleiben kann, wer durch den höheren 
Hang und die grössere Kraft seines Denkens auf den andern 
eingewirkt habe. Von einem eigentlichen Vorbild können wir 
in dieser Hinsicht noch nicht einmal reden; denn der einDutzend 
Jahre jüngere Zeitgenosse hätte sich sonst wohl auch Einiges 
von der Kürze der Gedankenentwicklung seines Freundes un 
geeignet. 
Wir haben die Humeschen Essays im Zusammenhang dieser 
die Rangverhältnisse sehr sorgfältig beachtenden Geschichte
        <pb n="150" />
        134 
ganz besonders ausgezeichnet und müssen schliesslich zu den 
hiefür bereits beigebrachten Gründen noch zwei andere hinzu 
fügen. Erstens ist der Contrast, den die übrigens hochachtbare 
Secte der Physiokraten jeder gesetzteren Auffassung gegenüber 
bilden muss, nirgend so stark, als wenn man ihr denjenigen 
Denker gegenüberstellt, welcher ein Maass von Umsicht ver 
treten hat, wie es mit gleicher Tiefe niemals anzutrcffen ge 
wesen ist. Zweitens hat aber auch Hume vor einigen nach 
folgenden Erscheinungen eine grössere Unabhängigkeit der 
Stellung und eine Freiheit von Pedanterie voraus, die sich auch 
in seinen ökonomischen Arbeiten nicht verleugnen konnte. Er 
hatte nie dem Einfluss der Parteien, der Fürsten oder der Uni 
versitäten das geringste Zugeständniss gemacht. Acusscrlich 
und innerlich frei, war er seinem eignen Antriebe gefolgt und 
hatte durch unausgesetzte Bemühungen seine materielle Unab- 
hängigkeit gesichert. Er war durch eine gute Privatökonomie 
auf der Grundlage sehr geringer Mittel dahin gelangt, Niemand 
zu Gefallen schreiben zu müssen. Er folgte, ohne grosse 
Kämpfe nöthig zu haben, nur der wirklichen Ueberzeugung und 
bewahrte auch dem Publicum gegenüber eine selten feste Hal 
tung. Dies ist, abgesehen von seinen Fähigkeiten, der mora 
lische Grund, der seine Arbeiten so hoch erhebt und ihnen eine 
zwar langsame, aber dafür jetzt noch im Steigen begriffene 
Anerkennung gesichert hat.
        <pb n="151" />
        Dritter Abschnitt. 
Das tlieoretische Industriesystem. 
Erstes Capitel. 
Die Leistung Adam Smiths. 
Dio Tendenz der moderneren Auifassung der Oekonomie be 
wegt sich oifenbar in einer Richtung, die einigcrmaassen zu 
den Ideen derjenigen stimmt, welche die wissenschaftliche Oeko 
nomie erst mit Adam Smith beginnen lassen und auf diese 
Weise den letzteren zum Schöpfer der Sache machen. Im Gegen 
satz hiezu stehen die Meinungen, welche sich in die entlegen 
sten Alterthümer der Völker verlieren und die Sätze der Na 
tionalökonomie von ganz gewöhnlichen Begriffen des gemeinen 
Lebens nicht zu unterscheiden vermögen. Wir haben in dem 
Früheren vielleicht schon zuviel Raum verbraucht, um nachzu- 
weisen, wie man sich die Vorzeit der ernstlich theoretischen 
Oekonomie zu denken habe. Die antike Welt lieferte nur sehr 
unerhebliche Reflexionen; das Mcrcantilsystem der neuern Zeit 
war aber nur eine Gestalt der Praxis, die schriftstelleiisch 
zwar in einer umfassenden Literatur erläutert wurde, aber iliie 
Bedeutung mehr in den Trieben, Nothwendigkeiten und Vor- 
urthcilcn der thatsächlichon Positionen hatte. Die Ideen wur 
den in diesem Kreise nur wichtig, weil sie der Ausdruck von 
Verhältnissen waren, die mächtiger als Kauflcute und Staats 
männer den Gang der Dinge auch durch Vermittlung von Irr- 
thüincrn bestimmen mussten. Die Opposition, die sich gegen 
den mercantilen Anschauungskreis in Frankreich regte, fühlte 
zum Physiokratismus, während der mehr ausgewachsene Han 
del Englands schon immer entschiedener auf die moderne Me 
tamorphose dos alten Mercantilsystems deutete. Die Zuführung
        <pb n="152" />
        136 
wissenscliaftliclier Formen und Kräfte hatte für die ökonomi 
schen Ueberlegungen schon seit dem Zeitalter der Revolutionen 
das vorbereitet, was in Hume seinen bedeutendsten Ausdruck 
fand. Die Mercantilisten hatten ihrerseits mit dem äussern 
Fach werk und dem Schein der Systematik nicht gespaart, wie 
das Beispiel Steuarts, eines Professors zur Zeit Adam Smiths, 
beweist. Bei den Italienern, Franzosen und Engländern hatte 
es an Monographien aus dem Bereich der mcrcantilen Denk 
weise nicht gefehlt, und wenn man nicht grade auf das Um 
fassende und Consequente eigentlicher Systeme ausblickte, so 
konnte man sagen, dass in dieser Zerstreuung des Materials 
eine grosse Menge ökonomischer Theorien bereits existirtc. 
Dagegen war die Volkswirthschaft als ein einheitliches Bild 
grundsätzlich erst von den Physiokraten ins Auge gefasst wor 
den. Quesnay hatte wenigstens etwas geliefert, was man eine 
Dichtung in ökonomischen Begriffen nennen könnte, so dass 
Adam Smith nach allen Richtungen hin den Einwirkungen 
ideeller Ueberliefcrungen ausgesetzt war, als er sein epoche 
machendes Werk über die Ursachen des Völkerreichthums vor 
bereitete. Dennoch müssen wir aber daran fest halten, dass 
dieses Werk einen so eigenthümlichen Durchbruch der reinen 
Theorie vertritt, dass diesem entscheidenden Vorzüge gegen 
über sogar die sonst überlegenen Eigenschaften der Humeschen 
Arbeiten erst in zweiter Linie in Betracht kommen können. 
Adam Smith ist der Lehrer der Nationalökonomie für die Welt 
geworden, weil sein Werk in beharrlicher Ruhe, mit verhält- 
nissmässig grosser Klarheit und in einem für den gereifteren 
Durchschnittsleser geeigneten Gedankengang einen bessern 
Standpunkt als die Physiokraten, grade mit soviel Consequenz 
vertrat, als den sich bildenden Geschäftsleuten, Beamten und 
Staatsmännern der Regel nach Zusagen mochte. Die Gunst 
der Zeitverhältnisse und der von wissentlicher Parteinahme 
für praktische Interessen entfernte Sinn des Verfassers mögen 
ebenfalls das Ihrige zu der grossen Verbreitung beigetragen 
haben. In dem ,,Völkerreichthum” liess sich mit einem ge 
wissen ruhigen Behagen lesen, und wenn auch ein gut Theil 
Schulpedanterie darin steckte, so war das Werk doch kein für 
erfahrene und überlegende Naturen ungeniessbares und un 
fruchtbares Paragraphengerippe, wie es sich die lernende Ju 
gend oder die lehrende Verlegenheit gefallen zu lassen pflegt.
        <pb n="153" />
        — 137 — 
Wer ein wenig denken wollte, konnte dem Verfasser in den 
meisten Punkten folgen, und verstand er auch nicht immer 
Alles und den feineren Zusammenhang, so gewann er doch 
sicherlich einige gute Begriffe und lernte selbst in einer ähn 
lichen Art allerlei Ueberlegungen anstellen. Diese Umstände 
sind, abgesehen von dem materiellen Inhalt und den bleiben 
den Wahrheiten der Smithschen Leistung, sicherlich die wirk 
samsten Begünstigungen ihrer grossartigen Rolle gewesen. Sie 
sind es, die diesem Werk, oder wenigstens einer Reihe von 
Capiteln desselben, noch heute eine, nicht blos auf die Gelehrten 
beschränkte Theilnahme forterhalten und sogar die Leotüre 
der besten Partien als Mittel zur ersten, etwas selbstän 
digeren Einführung in die Nationalökonomie empfehlenswerth 
machen. 
Wer heute das Smithsche Werk nicht als Anfänger, sondern 
vom Standpunkt des in den jüngsten Theorien erreichten 
Wissens zu lesen unternimmt, wird sich allerdings von der 
Darstellungsart nicht sonderlich gereizt oder angemuthet finden. 
Es kostet sogar für Zwecke der Kritik, welche die Arbeit der 
Lectüre doch noch mit einem neuen Element von Interesse 
au statten, ein nicht geringes Maass von Ueberwindung, der 
meist unsäglich breiten Austretung der Gedanken zu folgen 
und die überflüssige Häufung der Beispiele oder unerheblichen 
Thatsachen zu ertragen. Die Engländer mögen vielleicht auch 
noch gegenwärtig in diesem Punkte mehr leisten können, als 
Franzosen und Deutsche, und man fühlt sich im Hinblick auf 
die Smithsche Vorführung so vieler unwesentlicher Einzelheiten 
versucht, zu vergessen, dass er ein Schotte und kein eigent 
licher Engländer gewesen ist. Indessen darf die Wirkung, 
welche sein Werk auf den ökonomisch entwickelten Sinn und 
gegenüber den Anforderungen einer höheren Wissenschaftlich 
keit ausübt, nicht mit der Rolle und dem Nutzen verwechselt 
werden, die ihm für die erste Einführung in das wirthschaft- 
licho Gebiet eigen sein mussten. Zur Lösung der letzteren 
Aufgabe war jene Breite, wenn auch nicht noth wendig, so doch 
dienlicher, als eine zn knappe Gedankenfassung. Für die grosse 
Mehrheit der Leser war die Art eines Hume zwar unterhalten 
der, aber nicht belehrender. Der grosse Schottische Denker 
hatte zugleich interessant und subtil, ja meist such sehr gründ 
lich und tief geschrieben; aber nicht alle, die an der Lectüre
        <pb n="154" />
        — 138 — 
seiner ökonomischen Arbeiten Geschmack fanden, folgten des 
wegen auch ernstlich seinem Gedankengang oder eigneten sich 
die tieferen Gesichtspunkte seiner Essays an. Dagegen war 
sein im Punkte des allgemeinen Denkerthums nur wenig in 
Frage kommender Freund weit besser darauf eingerichtet, filr 
langsam denkende Köpfe und überdies auch für diejenigen zu 
schreiben, denen die einfachsten Begriffe vom Yerkehrslcbon 
mangelten, und bei denen daher eine schulartig belehrende Aus 
einandersetzung weit mehr fruchten konnte. Der mittlere 
Mensch (homme moyen) im Denken und Wissen, ja selbst der 
harte Kopf, wie er sich ja auch unter den Staatsmännern, z. B. 
in der Person eines Stein, gelegentlich vorgefunden hat, musste 
bei den äusserlichen Eigenschaften des Smithschcn Werks seine 
Rechnung finden und mochte nebenbei auch etwas von dem 
bessern principiellen Inhalt in sich aufnehmen. Was aber 
den innern Zusammenhang anbetraf, so haben die ürthoile 
renommirter Namen im nächsten, ja noch in dem dann folgen 
den Menschenaltor bewiesen, dass die Fähigkeit, in das Ganze 
eines Werks einzudringen und den Leitfaden aufzufinden, an 
dem sich der Autor bewegt hat, zu den allerseltensten Erschei 
nungen gehört. Dies beweist sogar noch heute die, gelegent 
liche Fortpflanzung der Ansicht, dass die Smithsche Schrift 
kein eigentliches System repräsentire, sondern dass erst ein 
J. B. Say habe kommen müssen, um so etwas daraus zu machen. 
Diese letztere Meinung, die den Franzosen in einer ganz 
falschen Richtung schmeichelt, ist die oberflächlichste von 
allen; denn sie verwechselt das ursprüngliche Licht mit seinem 
matten Widerschein und stellt eine gewisse schreib- und lehr 
fertige Gewandtheit über das Gediegene einer selbständigen, 
an den Gedanken und Thatsachen geübten Untersuchung. Das 
An regen zum Mitdenken, welches selbst noch ein gewisses 
Maass von Trägheit in einige Bewegung zu setzen vermag, 
ist eine so auszeiclmondo Eigenschaft, dass man den Urhebern 
solcher Arbeiten, selbst wenn die Gattung ihrer Geisteshaltung 
nicht die höchsten Stufen repräsentirt, dennoch niemals die 
Unehre anthun sollte, sie mit Naturen auf eine Linie zu 
stellen, deren Virtuosität nur im Zu rieh ten fertiger 1; ei stun gen 
bestanden hat. Das Zurichten meine ich hier in der doppelten 
Bedeutung des Worts; denn cs kommt fast niemals vor, dass 
diejenigen, welche diese Arbeit übernehmen, ihre Quellen
        <pb n="155" />
        139 
vollständig und in den am meisten entscheidenden Punkten 
begreifen. Im Gcgentheil machen sie dieselben fast regel 
mässig auch zu ihren Opfern, während sie andererseits zur 
Glorification derselben halb widerwillig beitragen. Dies ist 
Fidl mit J. B. Th^^:kmt für dm nmm Ge^^^ 
der Oekonomie gewesen, und wir werden von der Holle 
dieses Französischen Lehrmeisters noch besonders zu reden 
haben. , , . 
2. Ehe wir auf den Inhalt der Smithschen Arbeit näher 
cingehen, müssen wir noch die Stellung bezeichnen, durch 
welche sie sieh im Gange der allgemeinen Geschichte aus- 
zeichnet. Sie gehört dem 18. Jahrhundert und den aufklären- 
den Bestandtheilen seines Geistes an. Ein grosser Theil ihres 
Erfolgs ist dem Umstande zu danken, dass sie zu der vorherr 
schenden Strömung der politischen Ideen passte. Sie ^ stellt 
die Formiilirung der Nationalökonomie vor, an welcher die auf- 
klärendc Philosophie der Engländer und die Physiokratie der 
Franzosen gearbeitet hatten. Sie lehnte sich an beide Ueber- 
lieferungen an; aber ihr gemässigter Charakter liess sie im 
Hinblick auf die kommende Revolution als etwas verhältniss- 
mässig Neutrales erscheinen. Es war ein ruhiger Mann der 
Wissenschaft, ohne stärkere Leidenschaft und ohne praktischen 
Enthusiasmus, der die Untersuchungen über die Ursachen des 
Völkerreichthums in stiller Zurückgezogenheit, ohne bewusste 
Parteinahme und ohne directe Verwicklung mit praktohen 
Interessen und Antrieben ausführte. So entstand ein Wer', 
welches sich, obwohl an der Schwelle der Revolution zum 
ersten Einfluss gelangt, dennoch von den im nächsten halben 
Jahrliundert an erster Stelle eingreifenden Leistungen sehr 
^osmitlich unün-schmden sMl^% Im Gange des vnHhschMt- 
lichon Wissensgebiets ist nämlich die grosse Französische Re- 
volution ein so entscheidendes Ereigniss, dass man die Kluft 
zwischen dem, was ihr voran ging, und dem, was ihr nachfolgtc, 
nicht leicht zu weit veranschlagen wird. 
Nach diesem Ereigniss von mehr als blos Europäischer 
Bedeutung vertheilt sich die Pflege der wirthschaftlichen Ideen 
an verschiedene Richtungen, bei denen der politische und ge 
sellschaftliche Parteistandpunkt ganz unverkennbar hervortritt. 
Was noch an Einheit vorhanden war, zersplittert sich, und man 
kann von nun an nicht mehr sagen, dass eine einigermaassen
        <pb n="156" />
        anerkannte nationalökonomische Theorie parteiloser Art existiré. 
Soweit Adam Smiths Werk zunächst wirksam wurde, befand man 
sich allerdings noch in einigen Grundlehren in Uehoreinstirn- 
mung; allein die neuen Elemente, die sich sofort nach der Re 
volution regten und im Falschen oder Wahren eine wissen 
schaftliche Rolle zu spielen versuchten, vertraten bereits die 
entschiedenste Zerklüftung, Die Revolution erzeugte den So 
cialismus, »dem es ganz unmöglich war, die praktischen Aus 
gangspunkte der nationalökonomischen Denkweise anzuerken 
nen, und der sich gegen die Einflüsse wehren musste, welche 
die Anschauuugsart des Bürgerthums auch in den am meisten 
unbefangenen Formulirungen der Wissenschaft geübt hatte. 
Der Gegensatz der Revolution aber, den man nicht als Restau 
ration im engem geschichtlichen Sinne dieses Worts, son 
dern als den Inbegriff aller Gegenwirkungen zu denken hat, 
förderte überall, wo er sich geltend machte Erscheinungen zu 
Tage, die sich durch die Rückläufigkeit auszeichneten und 
durch die Verbindung mit originalen Irrthümern bisweilen 
Epoche machten. Dies war besonders in England der Fall, wo 
die Reaction der Ideen und Thatsachen die Unternehmung eines 
Malthus begünstigte. Es wird daher zweckmässig sein, nicht 
zu vergessen, dass die weiteren Schicksale der ökonomischen 
Theorie theils von der Revolution genährt, theils von der 
Reaction beschattet worden sind. 
Im Srnithschen Werk ist, ebenso wie in den Humeschen 
Abhandlungen, ein hoher Grad von ünpartheilichkeit anzuer 
kennen, wie er sich in der speciflsch Englischen Oekonomie 
der späteren Zeit nicht wiederfindet. Stand auch der Verfasser 
unbewusst unter dem unwillkürlichen Einfluss der ihn umge 
henden Ansichten der aufgeklärteren Geschäftsleute, so arbeitete 
er doch fast überall da, wo sein deutliches Bewusstsein ins 
Spiel kam, im Sinne einer gewissen Gerechtigkeit gegen die 
Volksmassen. Ein Beispiel hiefür ist seine im Capitel von den 
Arbeitslöhnen dargelegte Meinung von den Ooalitionon und der 
stillschweigenden üebereinkunft der Meister und Unternehmer. 
Ein anderes in gewisser Hinsicht noch wichtigeres und für die 
meisten Leser wohl überraschendes Beispiel ist seine bei Ge 
legenheit der Besprechung des Unterrichts der Volksmasse 
geäusserte Ueberzeugung, dass in jedem höheren Civilisations- 
zustando der bei weitem grösste Theil der Bevölkerung zu
        <pb n="157" />
        141 
dürftig sei, um aus eignem Antrieb auch nur für die Elemen 
tarbildung der Jugend sorgen zu können. Die betreffenden 
Stellen besagen zusammen nichts Anderes, als dass die Lage 
der Arbeiter in der Bestimmung der Löhne und in der allge- 
meinen Gestaltung des Bildungsstandes ihrer Nachkommen 
eine ungünstige sei, und man erkennt deutlich die Regungen 
der Sympathie für den Arbeiterstand. Ueberraschon darf uns 
diese Haltung nicht; denn wir haben es mit einem Schriftsteller 
zu thun, der den allgemeinen philosophishen und politischen 
Ideen des 18. Jahrhunderts in hohem Maass huldigte, wenn er 
auch ihre strengeren, nämlich socialitären Gonsequenzen für 
das Wirthschaftssystem noch nicht vollständig abzusehen ver 
mochte. Aus diesem Grunde wird man den Ausdruck bürger 
liche oder Bourgeoisökonomie in seiner heutigen Bedeutung auf 
das Smithscho System nicht anwenden dürfen. Es war zuviel 
echte Wissenschaft in seinem Gedankenkreis, als dass es ge 
stattet sein könnte, in demselben nur eine Parteilehre zu sehen. 
Allerdings ist eine gewisse bürgerliche Färbung der An- 
schauungs- und Denkweise nicht zu verkennen, und es haben 
wichtige Lehren wie namentlich diejenige vom Capital, 
durch dieses Element ihre Gestalt erhalten. Es ist aber etwas 
Anderes, ob Jemand bei ausschliesslich wissenschaftlicher Rich 
tung und ungeachtet seines Ströhens nach wirklichen Einsich 
ten^ dennoch unwillkürlich zu einseitigen Ausgangspunkten 
verleitet ivird, oder ob er sich ziini Weidrzeugr der Ilesctn-änld;- 
heiten einer Partei oder Classe macht. Letzteres war am ent 
schiedensten mit Malthus und in einem ansehnlichen Umfang 
mit Ricardo, aber nicht mit Adam Smith der Fall; denn in 
dem Schotten überwog das wissenschaftliche Bestreben alle 
andern Einwirkungen in hinreichendem Maass, um gesunde und 
echte Einsichten auch da möglich zu machen, wo schädliche 
Gewohnheiten einer gesellschaftlichen Classenanschauung ent- 
gogenstanden. Hienach werden wir den Smithschen Gedanken 
kreis in einem weiteren, aber jedenfalls nicht in dem schlech 
ten Sinne des Worts bürgerlich nennen können. Wir werden 
uns jedoch zu hüten haben, ihm jene Advokatenschaft unterzu 
legen, die selbst noch nicht einmal das Bild der geziemenden 
Vertretung einer Sache vorstellt. Die Rohheit, mit welcher 
sich sociale Positionen und Parteianwaltschaften in die Wissen 
schaft eingedrängt haben, gehört, wie schon gesagt, erst der
        <pb n="158" />
        142 
specifisch Englischen oder, wie man sie auch nennen könnte, 
der Neubrittischen Oekonomie, und zwar ganz besonders einem 
Malthus an. 
Die Smithsche Leistung verhält sich zu ihren Englischen 
Verunstaltungen in einer Weise, für welche sich in dem Schick 
sal der Deutschen Philosophie ein Gegenstück findet. Sieht 
man nämlich davon ab, dass die Nationalökonomie eine junge, 
aufstrebende Wissensrichtung vertritt, in welcher auch die Ent 
artungen nicht ganz kläglich ausfallen konnten, so ist das Ver- 
hältniss eines Kant zu dem, was seinen Leistungen folgte, 
demjenigen eines Smith zu seinen Englischen Epigonen sehr 
ähnlich. Auch erklärt sich die Erscheinung in beiden Eällon 
aus den Einflüssen der allgemeinen Restaurationssignatur, welche 
für die Europäische Welt unmittelbar mit der Revolution als 
Reactionserscheinung eintrat. Eines darf jedoch hoi dieser 
Parallele als wesentlicher Unterschied nicht vergessen worden. 
Die Arbeiten der Englischen Oekonomen sind wenigstens les 
bar und, wie im Palle Ricardos, bisweilen auch in einer ge 
wissen Art scharfsinnig, — eine Eigenschaft, die sich bei dem 
philosophischen Gegenstück nur ein einziges Mal, nämlich im 
Palle Schopenhauers, und auch da nur mit grosser Beschrän 
kung rühmen lässt. Wir wollen also die Malthus und Ricardo 
keineswegs auf das Niveau herabziehen, auf welchem sich im 
Rahmen des Gegenstücks die Schelling, Hegel und Herhart 
befunden haben. Allein die ganz allgemeine Beziehung zu den 
beiden grossen Urhebern der Anregungen sowie die Vermischung 
der neuem und freieren Standpunkte mit den verjährten Ueber- 
lieferungen wird sich auf die Dauer nicht bestreiten lassen. 
Der Englischen Oekonomie ist aber auch im Irrthum in ihrer 
Art eine höhere Originalität eigen gewesen, als den epigonen 
haften und Tychonistischen Erscheinungen der Deutschen Phi 
losophie. Auch in der positiven Gemeinschaft der Schwächen 
zwischen den Urhebern und ihren Nachfolgern trifft die Ver 
gleichung zu. Es ist nämlich beiderseits nicht zu verkennen, 
dass eine grössere Energie und Bcstimrptheit der Ansichten 
bei den ursprünglich die Entwicklung anregenden zwei Per 
sönlichkeiten manchen Thorheiten vorgebougt haben würde, die 
man nunmehr indirect auf Rechnung von Smith und Kant 
setzen muss. Doch ist nicht zu vergessen, dass die Philosophie 
im engem Sinne auch in dieser Beziehung die ungünstigere
        <pb n="159" />
        143 
Rolle gespielt hat. In Smith war wenigstens kein Element 
geistiger Reaction, sondern die, wenn auch gemässigte, so doch 
nicht mit Aberglaiihen versetzte Aufklärung des 18. Jahihun- 
derts vertreten, während sich die Doppelnatur der Rantischen 
Kritik mit ihren mystischen Rettungsversuchen der feinem 
Superstition auch gegen den Verstand und gegen die bessern 
Consequenzen der modernen Denkweise wendete. 
3. Wem die eben vorgenommene Gegenüberstellung zu 
ungleichartig erscheinen möchte, der sei daran erinnert, dass 
die wissenschaftliche Nationalökonomie in den Personen Humes 
und Smiths von der allgemeinen Philosophie ihre Gestalt er 
halten hat, und dass man im Hinblick auf die Physiokraten 
sowie auf die früheren, theils Englischen, theils Französischen 
Antccedention unseres Wissensgebiets getrost behaupten kann, 
die ökonomische Wissenschaft als solche, d. h. in ihrer höheren, 
nicht mercantilen Form, sei wesentlich von der besseren Phi 
losophie geschaffen worden. Freilich ist es nicht die Meta 
physik und am allerwenigsten deren transcendent träumerische 
Gestalt, wohl aber die politische und Moralphilosophie gewesen, 
aus deren Bereich sich das neue Gebiet abgezweigt hat. Bei 
Adam Smith ist dieser Hergang durch eine äusserliche That- 
sache vertreten, wenn man nicht etwa seinen ganzen Lebens 
lauf mit dem ihm eigenthümlichen moralphilosophischen Ge 
präge dafür geltend machen will. Das grosse Werk, aus wel 
chem die Welt ihre moderne ökonomische Schulung empfangen, 
ist die Ausarbeitung eines Stoffes, den der Verfasser schon 
früher als besondern vierten Theil eines allgemein philosophi 
schen, vorwiegend aber politisch moralischen Cursus füi seine 
Lehrverträge entworfen hatte. Doch wir wollen die Züge aus 
dem Leben des Autors, deren wir zur Kennzeichnung dei 
Stellung und des Gepräges seiner Schöpfung bedürfen, nicht 
von einander trennen, sondern im Zusammenhang sichtbar 
machen, wie sich das äussere Dasein desselben mit seiner wis 
senschaftlichen Thätigkeit in Hobereinstimmung befunden habe. 
W^ir werden hiedurch für unsere früheren Kennzeichnungen 
auch eine individuelle Bestätigung erhalten. 
Adam Smith (1723—90) aus Kirkaldy in Schottland, ein 
ziger Sohn eines Zollbeamten, erst nach dem Tode seines Vaters 
geboren, wurde fast in seinem ganzen Leben durch das An- 
hänglichkeitsvorhältniss zu seiner Mutter geleitet, zu welcher
        <pb n="160" />
        144 
er auch später nach Zurücklegung einer schon weit durch- 
messenen Laufbahn zurückkehrte, um in der Entfernung von 
allem Verkehr seine entscheidende wissenschaftliche Arbeit aus 
zuführen. Die Anspielungen des Physiokraten Dupont, nach 
denen Smith etwas ängstlich gewesen wäre, dürften sich, so 
weit sie zutreffen, aus jenen Beziehungen und aus dem Um 
stande erklären, dass der Verfasser des Völkerreichthums nie 
Gelegenheit gefunden hatte, von den feindlichen, härteren und 
männlicheren Seiten des Lebens eine gehörige Vorstellung zu 
gewinnen. Auf der Universität Glasgow vorbereitet, kam er 
nach Oxford, wo er den bekannten dort herrschenden Geist 
würdigen lernte. Ein Exemplar von Humes „Tractat über die 
menschliche Natur (der ursprünglichen Gestalt des Ilumeschen 
Hauptwerks) wurde ihm dort weggeuommen. Er sollte sich 
der Theologie widmen, verzichtete aber auf diese Laufbahn, 
um sich allgemein philosophischen, namentlich aber moral- 
philosophischen Studien zuzuwenden. Seine Ansichten waren 
nicht sehr ausgeprägt, und er hatte noch keine Eigenschaften, 
deren Folgen ihm, wie einem Hume, den Zugang in die Kreise 
der Universitäten von vornherein verleideten. Der grosse 
Philosoph hatte bei dom ersten Bewerbungsversuch nichts er 
reicht und auf die weitere Bekanntschaft mit den Gonsequenzen 
der Bigotterie und Urtheilslosigkeit verzichtet. Adam Smith 
war, was wir nicht vergessen wollen, der Zögling einer Mutter, 
und allen Schilderungen nach eine weiche, bildsame Natur. Er 
wurde 1751, also mit 28 Jahren, Professor in Glasgow und 
zwar zunächst für Logik, unter deren Titel er jedoch nur ein 
leitungsweise das Allernöthigste vortrug, um übrigens den ganzen 
Cursus in ein ziemlich willkürliches Gemisch von Vorschriften 
für den sprachlichen und sogar für den rhetorischen Gedanken 
ausdruck zu verwandeln. Bald darauf amtlich für die Moral 
philosophie verpflichtet, verharrte er in dieser professoralen 
Thätigkeit über ein Dutzend Jahre. Dieser Zeit gehören die 
Vorlesungen an, die in seinem Entwurf einen vierthciligon 
Cursus bildeten, und von denen zwei Abtheilungen die Grund 
lagen für die beiden von ihm veröffentlichen umfangreicheren 
Werke wurden. Das eine der letzteren, die „Theorie der mora 
lischen Gefühle", erschien 1759 und fand sofort einen solchen 
Beifall, dass sich Hume in seinem betreffenden Brief an den 
langjährigen Freund zu einigen Winken über die Bedenklich-
        <pb n="161" />
        145 
keit dieser Art von Erfolg veranlasst sah. Man sieht aus 
diesem Schreiben deutlich, dass der subtile und zugleich weit 
ausschauende Denker sofort begriffen hatte, wie die Smithsche 
Arbeit hauptsächlich nur ihrer schwachen Seiten wegen etwas 
ausrichteto. Die überlegene Ironie Humes entfaltete sich ganz 
unverholen, und in diesem wie in andern Briefen bekundet sich 
die entschiedene Superiorität, mit welcher der nur ein Dutzend 
Jahre jüngere Smith von seinem grossen philosophischenLandes- 
gcnosscn und Freund geleitet wurde. Indessen hat diese zu- 
gleich off-eno und wohlwollende Art des Verkehrs dem Ver- 
hältniss keinen Eintrag gethan, und wir müssen den Grund 
der Möglichkeit solcher Beziehungen einerseits in der edlen 
Natur Humes und andererseits in dem ruhigen, duldsamen und 
ebenfalls nur auf Wahrheit gerichteten Charakter Smiths suchen. 
Die „Theorie der moralischen Gefühle", deren Prmcip man 
neuerlich mit demjenigen des ökonomischen Hauptwerks in 
Beziehung gesetzt hat, ist zwar kein werthloses Buch, aber 
ohne durchschlagende Bedeutung und mit den Leistungen Humes 
in derselben Gattung kaum zu vergleichen. Es bewegt sich 
vielmehr in einem so weiten Abstande von den letzteren, dass 
man erst eine ganze Stufenleiter einschalten muss, ehe man 
bis zum Niveau der Smithschen Arbeit hinabzusteigen vermag. 
Für die Person des Autors wurde jedoch der Englische Ruf 
des Buches die Veranlassung, die ihm eine Gelegenheit ver 
schaffte, seine professorale Thätigkeit mit der Begleiterschaft 
bei dem jungen Herzog Buccleugh zu vertauschen, mit welchem 
er ein paar Jahre in Frankreich und davon fast ein Jahr in 
Paris selbst zubrachte. An letzterem Orte verkehrte er unter 
Andern auch mit Quesnay und Turgot und muss, nach einer 
Acusserung des Physiokraten Dupont zu schliessen, dem Stifter 
der ökonomistischen Secte ein sehr williges Ohr geliehen haben. 
Der Eindruck, den Quesnay auf ihn gemacht hatte, muss gross 
gewesen sein; denn es ist durch den Bericht seines Biographen 
Stewart fcstgestellt, dass er entschieden die Absicht gehabt 
habe, sein Buch über den Völkerreichthum dem Urheber der 
Physiokratie zu widmen. Der letztere starb jedoch 2 Jahre 
vor dem Erscheinen desselben. In dem Werke selbst nannte 
er Quesnay genial und tief und erklärte das physiokratische 
System für dajsenige, welches ,,der Wahrheit am nächsten 
komme.” 
Dühríiig, Gescliiclite der Nationalökonomie. 2. Auflage. 
10
        <pb n="162" />
        146 
Nach der Rückkehr zog er sich 1766 in die Einsamkeit 
seines Geburtsortes zu seiner Mutter zurück und arbeitete dort 
im Laufe des nächsten Jahrzehnts sein epochemachendes Werk. 
Nebenbei bemerkt, schrieb er nicht selbst, sondern dictirto. 
Nicht einmal Hume wusste von dem, was in Ivirkaldy unter 
nommen wurde. Eins der leitenden Principien, auf welche 
Smith selbst grossen Werth legte, wollte er schon länger als 
zwei Jahrzehnte vor dem Erscheinen des Yölkerreichthurns auf 
gefunden haben. In einem Aufsatz von 1755 nahm er die 
Priorität für den Gedanken in Anspruch, dass man die Natur 
nicht stören dürfe, sondern sich selbst überlassen müsse, und 
dass gewisse Staatsmänner die Menschen mit Unrecht als einen 
Stoff zur Herstellung von politischen Maschinen betrachtet 
hätten. Wir brauchen hiebei nicht zu bemerken, dass der Ge 
danke der Sichselbstüberlassung der Natur ein eminent pliysio- 
kratischer war, und dass der Grundsatz des laisser aller sich 
in den verschiedensten Richtungen als Gegenwirkung gegen 
Eingriffe und Hemmungen aus den Zuständen selbst herausge 
bildet hatte und daher nicht geeignet war, von irgend welcher 
Person als auszeichnendo Entdeckung in Anspruch genommen 
zu werden. 
Das Jahrzehnt 1/66—76, in welchem die im letztgenannten 
Jahr erschienene „Untersuchung über die Natur und die Ur 
sachen des Völkerreichthums” (An inquiry into the nature and 
causes of the wealth of nations) ausgeafbeitet worden war, hatte 
für den Verfasser eine Zeit der völligsten Musse und Unab 
hängigkeit gebildet. Er war nicht mehr Professor gewesen 
und ist es auch nie wieder geworden, so dass man sagen kann, 
er habe erst angefangen, ernstlich und erfolgreich für die Welt 
zu arbeiten, seitdem er sich von den Universitätsabhängigkeiten 
befreit sah. Bald nach dem Erscheinen seines Hauptwerks er 
hielt er ein Zollamt und war fernerhin für die Wissenschaft 
nur noch in sehr unerheblicher Weise thätig. Ihm fehlte die 
Kraft, aus seinen Papieren und Heften noch etwas zu machen. 
In der vierten und letzten bei seinem Leben veranstalteten Aus 
gabe des Völkerrcichthums änderte er nichts mehr. Es war 
dies ein paar Jahre vor seinem Tode; aber er hatte schon mit 
dem 53. Jahre seine einzige und letzte That wesentlich ab- 
gethan. Seine passive Natur scheint ihn nur unter solchen 
Umständen zu etwas befähigt zu haben, unter denen er sich
        <pb n="163" />
        147 
ganz selbst überlassen war. Mit Aeng'stlicbkeit war er schon 
früh darum besorgt gewesen, seine Manuscripte für den Fall 
seines Todes vernichtet zu sehen. Kurz, vor dem Eintritt des 
letzteren Hess er Alles bis auf einen kleinen Rest verbrennen. 
Die Welt kann ihm dafür nur dankbar sein; denn sie hat an 
unnützer Literatur, die sich an untergeordnete Erzeugnisse 
grosser Namen knüpft, ohnedies schon genug. Die Collegien- 
hefte von Glasgow sind sicherlich kein Verlust, zumal im ersten 
Theil dos oben erwähnten Cursus auch die natürliche Theologie 
Und die Beweise vom Dasein Gottes zur universitätsmässigen 
Behandlung gelangt waren. Uebrigens lässt sich die Handlungs 
weise Smiths in dieser Beziehung leicht erklären. Es war ihm 
die Vorstellung unangenehm, dass nach seinem Tode Sachen 
gedruckt werden sollten, die er selbst höchstens als eignes 
Material schätzte. 
4. Es mag noch daran erinnert sein, dass der Verfasser 
des Völkerreichthums in seinen ersten Studien und auch später 
einige Neigung für Mathematisches und Naturwissenschaftliches 
bekundet hat, und dass seine Geistesart von Kindheit an eine 
oft bis zu einer gewissen Abwesenheit und Versunkenheit in 
sich selbst gesteigerte Concentrirung bemerken Hess. Wir 
haben hier wiederum eine Bestätigung, dass in der neuern Zeit 
die Hinneigung zu Mathematik und Naturstudien zu den An 
deutungen einer rationelleren Auffassung der W issenschaft und 
einer dem modernen Geiste entsprechenden Thätigkeit gehört. 
Ein gewisser Vorzug der Methode ist selbst bei der dürftigsten 
Annäherung an jene strengeren Gebiete nicht zu verkennen, 
ünd man kann behaupten, dass die Pflege der verschiedensten 
Wissenschaften um soviel verstandcsmässiger und moderner 
ausfallcn muss, als die Mathematik und die strengsten Theile 
dos Naturwissens für die Form der allgemeinen Gedanken 
haltung maassgebend werden. In diesem Sinne hat auch Adam 
^mith dom Einfluss der in eminenter Weise modern zu nen- 
o enden Bildungsmittel unterlegen, und seine'Arbeit hat einen 
grossen Theil ihrer Klarheit sowie wichtige Bestandtheile ihrer 
Methode diesen Einwirkungen zu danken. Dennoch würde 
man fehlgreifen, wenn man voraussetzte, es herrsche darin die 
Mechanik eines Princips, etwa des Erwerbsintcresso in jener 
äussersten Folgerichtigkeit, die wir in allen strengen Wissen.- 
öchaften als selbstverständlich voraussetzen. Eine solche Con 
to*
        <pb n="164" />
        148 
Sequenz war überhaupt der Geisteshaltung und Gemüthsart 
eines Smith fremd. Seine Logik entsprach ein wenig seinem 
Charakter, der sich durch Mangel an eigentlich activer oder, 
besser gesagt, actionsfähiger Energie auszciclmcto. Sic bekun 
dete sich daher mehr in dem passiven Gohenlassen nach der 
Richtung eines einmal ergrifienen Princips, als in der Ent 
wicklung gestaltender Kräfte zur Ausgleichung der Wider 
sprüche. Der redliche Sinn reranlasstc den Autor, alle Ge 
danken mitzutheilen und um die Unterdrückung derjenigen, die 
etwas Entgegenstchendes enthielten, keine Sorge zu tragen. 
Im Gegentheil machte er noch, wie z. B. bezüglich seiner Ent 
wicklungen, die an die Schwierigkeiten der Bestimmung der 
Werthursachen streiften, ausdrücklich darauf aufmerksam, dass 
es ihm nicht gelungen sei, zu einer ihn völlig befriedigenden 
Klarheit zu gelangen. Er hat die Natur seines Vorstellens in sich 
walten lassen und ist in dieser Beziehung sogar in der wissen 
schaftlichen Composition seinem sonstigen Lieblingsprincip an 
heimgefallen. Er hat die Gedanken hervortreten lassen, wie 
sie sich gaben, und ist durch seine Wahrhaftigkeit verhindert 
worden, ihnen Gewalt anzuthun, wo cs ihm nicht möglich war, 
sie logisch zu vereinbaren. Hiedurch hat sein Werk auch selbst 
nach der Seite des Mangels einen Vorzug erhalten, den man 
nicht zu gering anschlagen wird, wenn man mit dieser wissen 
schaftlichen Ehrlichkeit die berühmtesten Erscheinungen der 
nächsten Zeit vergleicht. Aus diesem Grunde besteht die 
Systematik seines Werks auch hauptsächlich darin, dass ein 
Leitfaden bemerklich ist, dem er von vornherein folgte, und den 
er auch dann nicht verlor, wenn er umfangreiche Zwischen 
untersuchungen anstellte. 
Dieser Leitfaden bestand in dem steten Hinblick auf die 
Arbeit als auf die Quelle alles Reichthums. Don Namen In- 
dustrTèsystem muss man daher so äuslegen, dass man das Wort 
Industrie in dem allgemeinen Sinne aller wirthschaftlichen 
Thätigkeit versteht. Nähme man es in der engem Bedeutung, 
die ihm heute vorzugsweise eigen ist, nämlich im Gegensatz 
zum Handel und Ackerbau, so würde man sich von den Smith- 
schen Grundanschauungen eine ganz falsche Vorstellung bilden. 
Die Anwendung der Arbeit in jeder Richtung, — nicht aber 
in einem besondern Zweige der Volkswirthschaft, — sollte die 
eigentlich productive Macht sein. Die Physiokraten hatten die
        <pb n="165" />
        149 
Natur im landwirthscliaftlichen Grund und Boden als die im 
eminenten Sinne hervorbringende Potenz angesehen, sich ausser- 
dom an den Ueherschuss über den Verbrauch des Landbebauers 
;^3halten uiid dalier nicht einmal (ngeiitlich die landwirüischalt- 
lÄ” Arbeit als solche zum Ausgangspunkte gemacht. Die 
Naturhülfe war ihnen die Hauptsache gewesen. Adam Smith 
nahm seinen Ausgangspunkt auf der entgegengesetzten Seite, 
indem er den Menschen mit seiner Kraft zur entscheidenden 
Ursache des Völkerreichthums machte. Hiemit ergriff er ein 
Princip, welches sich, wie wir früher gesehen haben, bei den 
Englisch schreibenden Autoren gelegentlich formulirt gefun^den 
hatte. Es entsprach nicht nur den Zuständen einer VMks- 
wirthschaft, in welcher die Wirkungen des energischen Segens 
besonders sichtbar waren, sondern auch überhaupt der Wahr 
heit, insofern die ökonomische Macht der modernen Civilisa 
tion auf der Entwicklung von Fähigkeiten beruht, die nicht 
durch freiwillige Gaben der Natur, sondern eher durch die 
Strenge, ja Kargheit der letzteren grossgezogen worden sind. 
Jenes Princip würde sogar zu einer noch entschiedener zu 
treffenden Anwendung gelangt sein, wenn Smith nicht unter 
dem Einfluss der Quesnayschen Ideen die Industrie im engem 
Sinne des Worts in ihrer geschichtlichen Rolle unterschätzt 
und ihr eine zu einseitige Entwicklung auf Kosten des Acker 
baus vorgeworfen hätte, , 
Hienach wird es nicht überraschen, dass die Arbeit das 
erste Wort und die Arbeitstheilung die ersten Capitel des 
Smithschen Werks für sich hat. Abgesehen von dem Ver- 
hältniss, in welchem die Menge der Arbeitenden zu den wirth- 
schaftlich Nichtarbeitenden steht, werden die Eigenschaften und 
Umstände, welche die Arbeit erfolgreicher machen, als die ent- 
Bchoidenden Ursachen der Hervorbringung des Völkerreich 
thums bezeichnet, und unter ihnen nimmt die Arbeitstheilung 
die erste Stelle ein. Während in der letzteren die ursprüng 
liche und gewöhnliche Berufstheilung weniger bedeutsam be 
schrieben wird, tritt die technische Zerlegung der Verrichtungen 
in den Vordergrund und erfährt ihre allbekannte Erläuterung 
an dem Beispiel der Stecknadelfabrication. Wie überhaupt die 
Angabe der Ursachen erst zu eigentlichen Gesetzen fühlt, so 
sind auch in der Behandlung der Arbeitstheilung, durch die 
sich Adam Smith besonders ausgezeichnet hat, nicht die Be-
        <pb n="166" />
        150 
Abreibungen, sondern die Gründe und Entwicklungsgesetze die 
Hauptsache. Es würde zu weit führen, hierauf näher cinzu- 
ge en und den besondern Inhalt eines Capiteis der National- 
hn lEnWh^ meßhmüm^m Un^nmdmng 
Gegenstandes zu erörtern. Jedoch sei bemerkt, dass derselbe 
Grund, welcher nach der Smithschen Vorstellungsart zur Ar- 
beitstheilung anregt, ihr auch eine Schranke setzt. Es ist dies 
der Austausch, und so entsteht das sehr wichtige und dieses 
Nanmns erst gehörig würdige Gesetz, dass die natürliche Grenze 
er Specialisirung der Arbeitstheilung durch die Ausdchnbar- 
keit des M^ktes gebildet werde. Die Schranke der Speciali- 
sirung der Thätigkeiten liegt hienach darin, dass die Menge der 
bnehmer eines Specialartikels hinreichend gross sein muss, um 
lür (^n letzteren eine besondere Berufsgruppe zu ernähren. 
Diese und andere hioher gehörige Aufstellungen Smiths 
vertreten zwar nicht immer die letzten Gründe und die beste 
Gestalt die man der ganzen Lehre geben kann; wohl aber sind 
sie im Wesentlichen zutreffend und haben für die Folgezeit eine 
grosse Bedeutung gewonnen. Der weitere Gang des Werks 
zeigt uns schon m den nächsten Capiteln, dass ein Leitfaden 
niemals fehlte. An die Beziehungen der Arbeitstheilung zum 
Austausch knüpft sich die Betrachtung der Geldverrichtuno-en 
und hieran in sehr natürlicher Weise die Lehre vom Preise 
und von dessen drei Bestandtheilen, Lohn, Gewinn und Rente, 
reilich wird mit den Auseinandersetzungen über den Preis in 
rbeit und den Preis in Geld sowie mit der raschen Erledi- 
png des Gegensatzes von Gebrauchswerth und Tauschwerth 
welchem die Fundamente einge- 
ständheh nicht mehr ganz sicher sind. Allein der Umstand 
dass der Verfasser des Völkerreichthums neben der Betrach- 
tung der Warthe, von der schon Quesnay irregeführt worden 
r ^ iGlfach mne Naturalbetrachtung, d. h. eine Auffassung der 
yeihäl^isse ohne Dazwischenkunft des Geldes zur Grundlage 
seines Denkens machte, hat ihm gestattet, vielerlei Einsichten 
gewinnen, die ohnedies unmöglich gewesen wären. Die 
Doppelheit der Gesichtspunkte hat ihn auf diese Weise vor 
inseitigkeiten bewahrt, denen seine Englischen Nachfolo-er 
nicht entgangen sind. Alle Gedanken, welche bei den Malthus 
und Ricardo zu Caricaturen entarteten, finden sich in einer 
haltbareren Gestalt und mit grösserer Umsicht bereits in den
        <pb n="167" />
        151 
bczoichneten Anfängen des Smithseben Werks. Es waren nur 
zerstreute Sätze und Glieder der betreffenden Capitel, die nach 
ihrer Loslösung aus dem organischen Zusammenhang des Kör 
pers, dom sie angehörton, zu den späteren ungesunden Gebilden 
und Ungeheuerlichkeiten der Malthus-Ricardoschen Oekonomie 
auswuchsen. Hiebor gehören besonders vereinzelte Aeusse- 
rpngen über Bevölkerungsvermehrung, über die Grundrente als 
Wirkung, nicht als Ursache des Preises, ferner auch die Ideen 
über das Gravitiren des Arbeitslohns um seine sogenannte 
natürliche Grösse und andere Gedanken, die man gewohnt ist, 
erst von ihrem Auftreten in einseitiger Entartung zu datiren. 
5. Der wichtigste Grundbegriff, um den sich die strengere 
wissenschaftliche Gestaltung der Wirthschaftslehre bis auf den 
heutigen Tag gedreht hat, ist der des Werths. Adam Smith 
bat sich damit begnügt, den Tauschwerth als die Menge von 
Gegenständen vorzustellen, welche für einen Artikel beim Aus 
tausch zu haben sind. Durch diese ganz äusserliche Reflexion 
hat er ihn vom Gebrauchswerth unterschieden. Uebrigens aber 
hat er den Preis auf die Arbeit zurückgeführt und die letztere 
als das eigentliche Zahlungsmittel angesehen. Sein Satz, dass 
Arbeit der ursprüngliche Preis aller Gegenstände sei, und dass 
man daher in allen Artikeln die darauf verwendete Arbeit und 
zwar wiederum mit verkörperter Arbeit bezahle, ist jedoch nur 
mit einer sehr wichtigen Einschränkung aufgestellt worden. 
Er sollte nämlich in voller Reinheit nur für die ersten Zustände 
der Volker gelten. Sobald sich das Capital entwickelte und 
die Grundrente in Frage käme, sollte die Preisabmessung oder, 
mit andern Worten, das Austauschverhältniss nicht mehr nach 
dem Princip gleicher Arbeitsmengen erfolgen. Diese Idee wird 
sofort klarer, wenn man sich der Smithschen Zerlegung des 
Freises in die oben erwähnten drei Bestandtheilc erinneit. 
Die Arbeit als Preisursache und Preismaass hat in der 
ferneren Entwicklung der ökonomischen Theorie eine princi- 
piollo Rolle gespielt und sogar die Charaktere der Systeme in 
ihren Grundformen bestimmt. Jene Idee, die schon in ihicr 
ursprünglichsten Fassung neben der "W ahrheit ein gutes Theil 
Richtung enthielt, ist eine Hinterlassenschaft geworden, durch 
deren verschiedene Consequenzen sich die irrthümlichen wie 
die richtigen Züge der modernen Systeme insoweit erklären 
lassen, als sich die letzteren an den Smithschen Gedankenkreis
        <pb n="168" />
        152 
aiischlossen. Auch die unbegründete Meinung, dass die Ver 
anschlagung der Preise in Arbeit im Gegensatz zu dem Opc- 
riren mit Geldpreisen die ökonomischen Schlussfolgerungen 
sicherer und wissenschaftlicher mache, schreibt sich in den 
neuern Systemen unmittelbar von jener Smithschen Grund 
anschauung her. Diese Illusion hat grade in den besten Ge 
staltungen der ökonomischen Theorie am meisten geschadet. 
Die Veranschlagung in Arbeit ist nicht viel weniger unbrauch 
bar, als diejenige in Nahrung, da der Werth durch die Vor 
kehrshandlungen bestimmt wird und thatsächlich nicht anders 
als in Geld gemessen werden kann. 
Es ist aber noch eine andere wichtige Folge zu erwähnen, 
welche die Doppelheit der Smithschon Preisursachen für das 
weitere Schicksal der ökonomischen Theorien gehabt hat. 
Neben der Arbeit wurde, wie schon gesagt, noch eine zweite 
Ursache als Entstehungsgrund der Grösse der Preise zur Gcl- 
tung gebracht. Besonders sichtbar war dieselbe im Gewinn, 
im Zins und in der Grundrente. Doch waren alle diese Be- 
standtheile des Preises durch die gemeinsame Eigenschaft aus 
gezeichnet, dass in ihnen etwas lag, was nimmermehr als ver 
richtete Arbeit gelten konnte. Es musste also vermöge des 
Ganges der wirthschaftlichen Verhältnisse etwas geleistet wer 
den, was sich nicht mehr nach dem Princip des gleichen Aus 
tausches von Arbeit gegen Arbeit auffassen liess. Die Andeu 
tung eines Monopols bei dem Grundeigenthum genügte nicht, 
um jene ganze Classe gehörig zu erklären. Auf diese Weise 
blieb die Smithsche Theorie dunkel, und der Dualismus, der in 
ihr herrschte, veranlasste später zu verschiedenen Versuchen, 
denselben theils auszubilden, theils zu beseitigen. Grade die 
entschiedensten Bemühungen, jene Doppelheit zu überwinden 
und an deren Stelle eine einheitliche Auffassung zu setzen, 
haben jedoch nur dazu geführt, die eine Seite der Sache auf 
Kosten der andern zur Hauptsache zu machen. Der Gedanke 
aber, dass es im Unterschied von rein wirthschaftlichen auch 
sociale Ursachen der Preisbestimmung oder, mit andern Wor 
ten, dass es eine sociale Besteuerung gebe, vermöge deren die 
Aneignung ohne Gegenleistung einen nothwendigen Bestandtheil 
der ökonomischen Hergänge bildet, ist erst in den jüngsten 
kritischen Wendungen der ökonomischen Theorie, d. h. in der 
Werthlehre meines Systems, vollkommen klar geworden. Um
        <pb n="169" />
        153 
(las Smithscho Werk mit Urtheil lesen zu können, muss man 
nicht blos hei der Behandlung der Preishestandtheilo, sondern 
überall eingedenk bleiben, dass der Verfasser durch zwei An 
triebe geleitet wurde. Der eine sucht überall die Arbeit als 
die ursprüngliche Grundlage der Wertlie auf; der andere ge it 
darauf aus, die verschiedenen Einkünftearten (Lohn, Gewinn, 
Zins und Rente) einzeln und in ihren Verhältnissen noch aus 
einem andern Gesichtspunkt zu untersuchen. Das oit 
Räthsels ist im Hinblick auf die letzteren, meist inconsequenten 
und nicht sehr tief gehenden Anschauungen einfach die natür 
liche sociale Macht, welche theils in ausserwirthschaftlichen 
Gestaltungen, theils aber in der Gunst der wirthschaitlichen 
Positionen selbst ihren Grund hat. 
6. Die Stoffe, auf die wir bis jetzt aufmerksam gemacht 
haben, nehmen das erste und wichtigste Buch des Smithscheu 
Werks ein, während sich das zweite mit der schon ungleich 
weniger gelungenen Lehre vom Capital beschäftigt. Im Wesent 
liehen waren jedoch alle Hauptgedanken über Production und 
Vertheilung im ersten Buch enthalten, dem der Verfasser auch 
selbst die Aufgabe zugetheilt hatte, jene beiden Hauptseiten des 
wirthschaftlichen Wissens sichtbar zu machen. Es ist hmbei 
zu bemerken, dass die Beschränkung auf die Gesetze der Pro 
duction und der Vertheilung, ohne Hinzufügung der Con^um 
tion als eines dritten Gegenstandes der Theorie, die ^ 
einer natürlichen und guten Anschauungsweise gewesen ist, 
für welche sofort die beiden Hauptverzweigungen der Wissen 
schaft als die entscheidenden Gesichtspunkte hervortraten. Die 
letzten drei Bücher sind solchen Ausführungen und Anwen- 
dungoii gewidmet, in denen der principiell volkswirthschaftliche 
Inhalt keine entscheidende Bereicherung erfährt, und in denen 
übrigens die Polemik gegen Thatsachen und Systeme überwiegt. 
Die Darstellung jener ungebührlichen Vorherrschaft, die nach 
der Smithschen Vorstellungsart seit dem Falle des Römischen 
Reichs dom Handel, den Manufacturen und den Städten zuge 
fallen sein soll; alsdann die Auseinandersetzung der ökonomi 
schen Systeme, d. h. des Mercantilismus und der Physiokratie; 
und endlich die Behandlung der Staatsfinanzen, — bilden die 
Hauptthemata jener späteren Abtheilungen des Smithschen 
Werks. Obwohl reich an werthvollen Untersuchungen, gehen 
sie uns doch, dem Plane unserer Geschichte gemäss, weit
        <pb n="170" />
        154 
weniger an. Dagegen haben wir unabhängig von der besondern 
Gestaltung des Werks noch verschiedene wichtige Grundzüge 
in der Gedankenhaltung seines Urhebers sichtbar zu machen. 
Zunächst sind die Vorstellungen von den Verrichtungen 
der edlen Metalle als Geld und von der Bedeutungslosigkeit 
dei absoluten Menge derselben noch einseitiger und unzutrellen- 
der als bei Hume. Die bei Gelegenheit der Bekämpfung des 
Mercantilsystems (Buch 4 Cap. 1) geäusserte Meinung, man 
würde sich bei plötzlichem Verschwinden der edlen Metalle 
durch ein Umrechnungssystem helfen können, zeugt davon, 
dass Adam Smith von der Unentbehrlichkeit derselben keine 
Ahnung hatte und sich einer Vorstellung hingab, derzufolgo 
man den Verkehr nöthigenfalls rein auf Papier und Credit 
gründen könnte. Letzteres ist allerdings missbräuchlicher weise 
in einem gewissen Maass, aber stets nur im Hinblick auf wirk 
liche oder wenigstens mögliche Beziehungen zum Metallsystem 
und nie ausser in einem geschichtlichen und geographischen 
Zusammenhang mit der weiteren Sphäre des Metallgeldes denk 
bar. Die vollständige Loslösung dos Goldes von einer realen 
Giundlage, die selbst als Zahlungsmittel fungiren und in der 
entwickelteren Civilisation nur in Silber und Gold bestehen 
kann, würde etwas Widersinniges sein, indem man nicht ein 
mal angeben könnte, was die Zettel vorstellen sollten. Wenn 
nun auch Adam Smith sonst in der theoretischen Kennzeichnung 
des Bankwesens und besonders der Banknoten nicht im Ent 
ferntesten daran denkt, das Metall für vollständig entbehrlich 
zu erklären, so hat sich doch die Unsicherheit seines Denkens 
über das Wesen oder vielmehr Unwesen des Creditgeldes in 
jener merkwürdigen Stelle verrathon. Ferner ist die Smithscho 
Ansicht, dass die motallnen Umlaufsmittel ein todtes Capital 
bilden, nur als extreme Gegenregung gegen die mercantile 
üeberschätzung begreiflich. Es ist ein starker Fehlgriff, die 
Nützlichkeit des Geldes als Mittel für die Ermöglichung 
der Austauschungen fast ganz zu verkennen und die subtilsten 
Verrichtungen im Mechanismus des Verkehrs so anzusehen, 
als wenn von ihnen so gut wie nichts geleistet würde, was 
sich nicht auch auf andere Art bewerkstelligen liesse. Dieser 
Irrthum war jedoch nicht original; denn wir haben ihn schon 
mehrfach angetroften, und auch im Griechischen Alterthum 
hatte er sich bereits in das oberffächlicho Denken eingeschlichen.
        <pb n="171" />
        155 
Angesichts solcher Vorstellungen vom Gelde wird man 
sicherlich keine haltbare Lehre vom Capital erwarten können. 
Indessen hat die Smithschc Theorie des letzteren noch einen 
ganz eigenthümlichen Grundfehler, an den sich die Englischen 
Nachfolger nebst den Französischen, Deutschen und sonstigen 
Nachahmern mit Vorliebe gehalten haben. Es ist dies die 
bekannte Vorstellung, dass die Capitalien nicht sowohl durch 
wirthschaftliche Thätigkeit als vielmehr in entscheidender Weise 
erst durch das Sparen entständen. Diese einseitige Spartheorie 
beruht auf der sehr beengten Idee, welche das Capital nur in 
der Gestalt von Werthsummen zu betrachten vermag, über 
welche die Privaten verfügen. Wir verlieren über das in dieser 
Richtung misslungene System von Anschauungen hier weiter 
kein Wort, sondern erinnern statt dessen an eine allgemeinere 
Eigenschaft des Smithschen Gedankenkreises. 
° Die Volkswirthschaft war dem Verfasser des Völkerreich 
thums nichts als eine Summe von Privatwirthschaften, in deren 
Bereich nach dem Grundsatz des laisser aller für die Ausübung 
organischer, collectiver und staatlicher Functionen keine Ver- 
aidassung vorhanden sein sollte. Die Natur besorgte nach dieser 
Vorstollimgsart durch Vermittlung ihrer Gesetze Alles, was er 
forderlich wäre. Ein „hinterhältiges und verschlagenes Thier, 
welches man einen Staatsmann nenne”, sollte sich daher nicht 
einmischen, und auch die Händler und Manufacturisten wurden 
beschuldigt, durch ihre Beutesucht die freie und gerechte Ord 
nung der Natur zu stören. Der Staat sollte keine andere Auf 
gabe haben, als den Frieden, die Sicherheit von Person und 
Eigenthum, also die gewöhnliche Justiz zu gewährleisten und 
in der Einziehung von Steuern möglichst bescheiden zu sein. 
Auf diese Weise würde ohne sonstiges Zuthun der Reichthum 
am entschiedensten wachsen und sich ebenmässig nacheinander 
über Ackerbau, Manufacturen und Handel ausdehnen. Man 
sieht, dass dieser ideelle Entwurf keineswegs ganz so einseitig 
ausgefallen ist, als die neusten Idole des laisser aller, in denen 
inan regelmässig vergisst,, dass es die politisch organisirte 
Wirthschaftsmacht ist, welche gegen die noch nicht organisirten 
Elemente das freie Spiel ihrer Kräfte und die Abstandnahme 
Von einer mehr als blos individuellen und unpolitischen Inter- 
Gssenwahrnehmung verlangt. Eine solche Ungeheuerlichkeit 
lag dem Smithschen Gerechtigkeitssinn sehr fern, so dass
        <pb n="172" />
        15G 
sein Fehlgriff als ein rein theoretischer zu betrachten ist. 
Er hatte sich die Entwicklungen nach einer Voraussetzung con- 
struirt, die sich bei näherer Betrachtung als Erdichtung er 
weist. Die vermeintliche Natur, mit der er opcrirte, war 
nichts Anderes als ein willkürlicher Auszug aus den mensch 
lichen Interessen. Die Schranke, die er diesen Interessen setzen 
wollte, war überdies eine künstliche; denn die Interessen blei 
ben niemals bei einer blos individuellen Verfolgung ihrer Zwecke 
stehen, sondern organisiren sich vermöge derselben Antriebe, 
durch welche sie auch in der Form der Vereinzelung vertreten 
werden. Wohl hätte Smith ein Recht gehabt, von Vcrkttnsto- 
lungen und Entartungen zu reden; aber die organisircndo 
Kunst selbst in ihren natürlichen Principien hätte er conse- 
quenterweise berücksichtigen müssen. Alsdann würde er die 
verfallenen körperschaftlichen Gebilde und die unhaltbaren poli 
tischen Systeme und Gestaltungen immerhin und zwar noch 
schärfer haben kritisiren können ; aber er würde zugleich ge- 
nöthigt worden sein, die allgemeine zu Grunde liegende Natur 
kraft und Naturkunst im Hinblick auf veränderte oder neue 
politische und sociale Schöpfungen zu betrachten. 
Einen zweiten, viel tiefer liegenden Fehler, der mit vollem 
theoretischen Bewusstsein und principiell allerdings noch nie 
mals vermieden worden ist, hat er in besonderm Maass da 
durch begangen, dass er die gewerbliche Eifersucht und deren 
Folgen nicht als eine natürliche und in dem wirthschaftlichen 
Haushalt ebenso wie in den allgemeineren Beziehungen des 
gesellschaftlichen Menschen erhebliche Kraft zu erkennen ver 
mochte. Doch hätte es dem Verfasser der Theorie der mora 
lischen Gefühle zuviel zumuthen heissen, von ihm in der be- 
zeichneten Richtung die Gewinnung irgend einer tieferen und 
durchgreifenden Einsicht zu erwarten. Wir wissen ja von 
Quesnay her, welcher Zug und welche Physionomie in der 
ganzen damaligen Vorstellung von Naturgesetzen des gesell 
schaftlichen Verhaltens maassgebend war. Ein Excerpt des 
Menschen trat an die Stelle seiner vollen Natur, die doch das 
Schlimme wie das Gute einschliesscn musste. Man war weiter 
als je davon entfernt, mit allen Richtungen der menschlichen 
Triebe zu rechnen, und einzusehen, dass man das von Natur 
gesetzte feindliche Verhalten ebensogut wie das freundliche in 
Anschlag bringen müsse. Die Gerechtigkeit, welche man vor-
        <pb n="173" />
        157 
rck^itGia dGr dm-ftigGn Form der gomemon 
und OriminaliLiGtiz doch wahrlich nicht ans, um diG VorbWm- 
gimgcn zu schaffen, unter denen auch der wirthschaftliche Ver 
kehr eine harmonische Gestalt annehmen möchte. 
7. ])as Interesse in der Gest^ ^desJ^werhstneW 
nicht imTtlnrecht als ^leitWe Fjincip bezcichneUypjdpn, 
àuTwéTcïïh'irïïîë'^gSsche Ai*t zu. urtheilen und zu schheßsen 
überall beruht. Doch ist es nirgend als eigentliches Axiom 
abëSI^m und zum Gegenstand einer besondern Untersuchung 
gemacht. Es spielte also nicht etwa eine Rolle wie das Arbeits- 
nrincin, welches als systematisch entscheidend an (he Spitze 
gestellt worden war. Es führte sich aber als etwas Selbstver- 
standliches überall stillschweigend ein und gab so den Leit- 
faden ab, durch welchen ein Vorgang an den andern geköpft 
wurde. Man hat neuerdings daran erinnert, dass Smith in 
seiner Moral die Sympathie, in seiner Oekonomie aber das 
Interesse zum Erklärungsgrund der Vorgänge gemacht habe. 
Namentlich hat sich Buckle in seiner Givilisationsgeschichte 
bei Gelegenheit der Erörterung Adam Smiths Mühe gegeben, 
jenen Gegensatz hervortreten zu lassen. So klar aber auch 
die betreffenden Darlegungen unter den Händen des mit Recht 
berühmten Historikers ausgefallen sind, so beruhen sie doch 
auf einer Voraussetzung, die sich bei näherer Untersuchung 
nicht bestätigt. Wie schon oben angedeutet, ist das Smithsche 
Buch über die moralischen Gefühle nichts weniger als eine 
entscheidende Arbeit, und das Princip, welches in ihm walten 
soll, ist so unbestimmt gefasst, dass es beinahe nur durch das 
Wort Sympathie vor der Verwandlung in alles Mögl^e ge 
sichert worden ist. Man würde sich also eine falsche VoraW- 
lung machen, wenn man annähme, der Verfasser des Volker- 
reichthums wäre, nachdem er 17 Jahre vorher die Sympathie 
geltend gemacht hätte, nun absichtlich mit dem System 
eines entgegengesetzten Princips hervorgetreten. Es ist keine 
blos methodische Wendung in der Gestalt des Absehens von 
einer zweiten Gattung der Bestimmungsgründe gewesen, was 
zu der Behandlungsart des ökonomischen Gebiets aus d^i 
Gesichtspunkt des materiellen Erwerbstriebes geführt hat. Es 
war vielmehr dieser Leitfaden theils mit dei nothwendigen 
Natur des Gegenstandes gegeben, theils der besondern Smith- 
schen Denkweise entsprechend. Hätte der Verfasser des
        <pb n="174" />
        158 
Nationalreiclithums den nothwendigen Mechanismus des ma 
teriellen Interesse tiefer ergründet und consequonter durch 
geführt, so würde er sicherlich nicht in den Fehler verfallen 
sein, dasselbe in den Bestrebungen der Manufacturisten und 
überhaupt in allen Gestalten, wo es sich social, körperschaft 
lich und politisch bethätigt, fast für nichts zu achten. Auch 
würde er es nicht grado da gänzlich verkannt haben, wo es 
auf Selbsterhaltung durch Ausschliessungen und Gegenwirkungen 
Bedacht genommen hat. Er würde nicht stillschweigend von 
der falschen Voraussetzung ausgogangen sein, dass zwischen 
den verschiedenen Interessen gar keine gegenseitige Schrankou- 
Ziehung stattfinden dürfe. Im Gegontheil hätte er erkennen 
müssen, dass eine solche Schrankenziehung in irgend welcher 
Form eine natürliche und unausweichliche Wirkung des Inter 
essenspiels jederzeit gewesen ist und fernerhin sein müsse. 
Der Begriff von Gerechtigkeit, den er ausserhalb der gemeinen 
Justiz noch in dem VVirthschaftsgebict selbst unvermerkt da- 
duich geltend machte, dass er fast Alles verurtheilte, was 
ihm einen Monopolcharaktor zu haben schien, — dieser dürftige 
Begriff von specihsch wirthschaftlicher Gerechtigkeit würde 
ihm wahrlich nicht als genügend erschienen sein, wenn er tiefer 
über die natürlichen Gestaltungen nachgedacht hätte, in denen 
sich die materiellen Interessen gegen einander abgrenzen, orga 
nisch verkörpern und politisch constituiren. ^ 
Indessen greifen wir mit diesen Bemerkungen bereits über 
das hinaus, was bei einem Smith für die Kritik noch in Frage 
kommen kann. Seine völlig unpolitische Denkweise muss er 
wähnt, braucht aber nicht besonders widerlegt zu werden. Um 
auf den Punkt der Schwäche hinzuweisen, genügt ein einziger 
Satz. Das „hinterhältige Thier”, welches Smith sich als Staats 
mann dachte, war in der menschlichen Natur selbst aufzusuchen, 
und es war zuzusehen, wieweit diese Eigenschaften nothwendig 
und inwieweit sie im Entwicklungsgang der Dinge zu mässigen 
und zu veredeln wären. Alsdann hätte sich gezeigt, dass, wie 
der Aberglaube die Priester, so die raubgierige List der Menschon 
natur jene Gattung von Staatsmännern geschaffen und gepflegt 
habe, und dass erst in zweiter Ordnung der umgekehrte Satz 
von der Erzeugung des Aberglaubens durch die Priester und 
von Völkerraub und Völkertrug durch die Staatsmänner eine 
Bedeutung erhalte. Statt dessen hat der Autor in dieser
        <pb n="175" />
        159 
Richtung eine einseitige Construction geliefert, wie man sie im 
Bereich der eigentlichen Philosophie weit weniger beanstanden 
würde; — wie man sie aber nicht ertragen kann, sobald für 
dieselbe die Bedeutung eines positiven Wissens in Anspruch 
genommen wird. Es wird also in dieser Hinsicht das Smithscho 
System, soweit es die Wirthschaftspolitik betriöt, etwa so zu 
veranschlagen sein, wie man irgend ein Erzeugniss fehlgreifen 
der philosophischer Speculation in der Geschichte der Philosophie 
zu betrachten hat. Sind wir uns einmal bewusst, dass wir in 
unserer nationalökonomischen Heberlieferung den theoretischen 
Systemen eine ähnliche Stellung anzuweisen haben, wie den 
verschiedenen Philosophien im Gesammtgebiet des philosophi 
schen Wissens, so ist unsere Freiheit im ökonomischen Denken 
um ein gutes Stück gefördert, und wir werden uns nicht mehr 
einfallen lassen, über einzelne Stellen und widersprechende 
Nebenansichten zu streiten, wo der Standpunkt und die Grund 
anschauung für einen Schriftsteller ausgemacht sind. 
Dieser Standpunkt war aber für Adam Smith der Verzicht 
auf Alles, was ausserhalb seines Begriffs von Natürlichkeit lag. 
Die Anomalie, vermöge deren er die Navigationsacte, weil sie 
auf Zerstörung der Holländischen Seemacht abzielte, für poli 
tisch heilsam erklärte, darf uns ebensowenig überraschen, als 
sein Geständniss, dass er die einstige volle Verwirklichung des 
Freihandels in England für eine Utopie halte. Derartige Aeusse- 
rungen verrathen nur, dass er weit davon entfernt war, seinen 
eignen Principien anders zu folgen, als man sich etwa einem 
Zuge der Vorstellungen unwillkürlich hingiebt. Es kam ihm 
nicht darauf an, das Princip des Interesse oder dasjenige der 
vermeintlich natürlichen Sichselbstüberlassung des Verkehrs 
rein und ungemischt zu den äussersten Gonsequenzen zu trei 
ben, sondern er begnügte sich damit, die vorherrschende Phy 
sionomie seiner Ideen darzulegon und nebenbei eine Menge 
von Bemerkungen einfliessen zu lassen, um deren widerspruchs 
lose Vereinigung mit dem Uebrigen er selbst am allerwenigsten 
besorgt war. Eine der entscheidendsten Proben dieser Blos 
steilung ist seine Kennzeichnung der Ohnmacht der arbeitenden 
Masse, für ihre Kinder Unterricht zu schaffen, und sein Dringen 
äuf Staatsvorkehrungen, namentlich auf allgemeine Bildungs 
prüfungen, von denen der Zugang zu Erwerbsberufen und allen 
üur irgend controlirbaren Existenzwegen abhängig gemacht
        <pb n="176" />
        160 — 
werden soll. Eine solche, in diesem Fall unwillkürlich zur 
Selbstironie des ganzen Principe ausschlagende Inconsoquenz 
würde aber nur bei einem Schriftsteller von mehr logisch 
durchgreifendem Charakter überraschen dürfen. Hicnach ist 
es also auch nicht zu rechtfertigen, wenn man bei ihm eine 
so scharf ausgeprägte Theorie des Interessen- und Concurrenz- 
spiels voraussetzt, wie wir sie heute im Auge haben müssen, 
wenn wir an die feindlichen Gegensätze der Bestrebungen 
denken. 
8. In der Bekämpfung der mercantilistischen Bilanztheorie 
erinnert Adam Smith daran, dass es im Haushalte der Völker 
auf eine ganz anderartige, dem innern Volksleben an gehörige 
Bilanz, nämlich auf diejenige zwischen Verbrauch und capital- 
erzeugender Ersparung ankäme. Besser hätte er jedenfalls 
gethan, zu dem mercautilen Gedanken eine ihm mehr in der 
llichtung auf das Wahre verwandte Idee aufzusuchen, — ich 
meine jene Art von Bilanz, die zwischen Ländern und Ländern, 
Provinzen und Provinzen, Gruppen und Gruppen, Classen und 
Classen, sowie überhaupt zwischen allerlei geographischen oder 
innern Abtheilungen der Gesellschaftselomente dadurch ent 
steht, dass sich laufende Verkehrsschulden oder andere Folgen 
ungünstiger Austauschbedingungen in dauernde ökonomische 
Abhängigkeiten und gleichsam in wirthschaftliche Tributpflich- 
tigkeiten des einen Bereichs gegen das andere verwandeln. 
Statt dessen hält er sich mit einer gewissen Selbstbefriedigung 
an seine neue Bilanz zwischen jährlicher Production und Con- 
sumtion, die zwischen dem „Tauschwerth” der hervorgebrachten 
und demjenigen der verzehrten Gegenstände platzgreifen soll. 
Die hier fragliche Differenz soll den Zuwachs oder im ungün 
stigen Falle die Abnahme dos Capitals verstellen. Fortschritt 
und Rückschritt der Volkswirthschaften sollen von dieser 
Art der Vermehrung oder des Angreifens der Capitalien ab- 
hängen. 
Ueherhaupt ist es der beengte, bürgerlich privatwirthschaft- 
lich gedachte Capitalbegriff, der sich in alle Darlegungen ver 
dunkelnd eindrängt und auch der sonst berechtigten Polemik 
gegen das Mercantil- und Schutzsystem den Charakter des 
vielfach Unzutreffenden mittheilt. Die Vorstellung von der 
Missleitung der Capitalien durch Eingreifen in den natürlichen 
Lauf der Concurrenz würde nie so engherzig haben ausfallon
        <pb n="177" />
        161 
können, als in der Smithsclien Auseinandersetzung geschehen 
ist, wenn nicht die unglückliche, recht kleinbürgerliche Idee 
von der Capitalbildung iin Wege des Sparens überall vorge 
herrscht und alles freiere ökonomische Denken in Fesseln ge 
schlagen hatte. Smith hat in der That mit seiner Darlegung 
gegen die Misslcitiingcn der Capitalicn zu viel bewiesen. Seine 
Vorstcllungsart mag gegen die Einschränkungen und Aus 
schliesslichkeiten zutreffeu; hieraus folgt aber noch nicht, dass 
jede kunstmassige, positiv organisirende und ohne Beeinträch 
tigung Anderer direct schaffende Thatigkeit, die über die indi 
viduelle Initiative hinausreicht, eine unnatürliche Missleitung 
der verfügbaren Wirthschaftsmittel enthalten müsse. 
Die Nothwendigkeit, innere Steuern und nach Aussen ge 
richtete Zölle mit einander auszugleichen, wird von unserm 
Autor zugegeben. Hiemit tritt er aber aus dem Gebiet der 
reinen Natürlichkeit in dasjenige der künstlichen Belastungen 
der Concurrenz. Sein Princip muss hier selbstverständlich 
darauf abzielen, derartige Lasten für alle Goncurrenten in jeder 
Richtung gleichzumachen. Da aber hier stets praktische 
Schwierigkeiten vorhanden sind And immer nur eine rohe 
äu SS erliche Aequilibrirung der offenbaren Consumtionsbelastun- 
gen möglich ist, so würde die volle Gonsequenz des Smithsehen 
Natürlichkeitsgrundsatzes erst mit der Wegschaffung aller in- 
directen Steuern gezogen werden können. 
9. Die Schwachen des Smithsclien Systems haben für die 
Nachfolger meist die entschiedenste Anziehungskraft gehabt, 
und oft genug sind umgekehrt die bessern Seiten am häufigsten 
ungofochten worden. Diesem letzteren Schicksal ist in meh 
reren und zwar nicht in den schlechtesten Richtungen die ver- 
haltnissmässigc Folgerichtigkeit verfallen, mit welcher der 
Schotte das materielle Gebiet als etwas Selbständiges abgrenzte 
Und hiemit die Verworrenheiten ausschloss, die durch unkritische 
Annäherungen der ökonomischen Begriffe und der geistigen 
oder sonstigen mit der materiellen Production nicht in director 
Reziehung stehenden Verrichtungen entstehen müssen. Es ge- 
iiört nur wenig Gewandtheit in der Behandlung der Begriffe 
dazu, um sich zu überzeugen, dass kein Ende abzusehen ist, 
sobald man einmal darauf verzichtet, das materielle Gebiet als 
Solches ins Auge zu fassen. Die geistigen Berufsstände sind 
z. B. nicht materiell productiv. Wollte man aber im Widor- 
Uuhring, Geschichte der Nationalökonomie. 2. AuÜago. 11
        <pb n="178" />
        Spruch mit dem im Ganzen richtigen Tact, welchen der Ver 
fasser des Yölkerreichthums in dieser Hinsicht bewiesen hat, 
die indirecten Förderungen der Production durch jene Functionen 
anführen und als Grund ihrer Aufnahme in die Wirthschafts- 
factoren geltend machen, so würde man dieser Anschauungs 
weise zufolge nichts Geringeres als die gesammten Thiltigkeitcn 
der menschlichen Natur zu berücksichtigen haben. Es muss 
also hier eine Schranke gezogen werden, und sogar die gesell 
schaftlichen Finanzen, die soweit reichen als das Geld, geben 
zu eigentlich volkswirthschaftlichcn Betrachtungen nur insofern 
Veranlassung, als man sich mit den Kosten der verschiedenen 
Einrichtungen, Berufsstände und Dienste, sowie mit deren Ab 
hängigkeit von dem materiellen Fundament zu beschäftigen 
hat. Hicnach ist also kein Grund vorhanden, einem Smith 
seinen ökonomischen sogenannten Materialismus zum Vorwuri 
zu machen. Man möge immerhin an vielen Bestandtheilen 
seiner Denkweise Anstoss nehmen; aber in Rücksicht auf jene 
Abgrenzung des Materiellen ist der Fortschritt sogar noch 
gegenwärtig da zu suchen, wo man sich um eine noch ent 
schiedenere Ausschliessung der nicht materiell wirthschaftlichen 
Elemente aus dem Gebiet unseres Wissenszweiges bemüht. 
Man leistet hiedurch auch den höheren Functionen selbst einen 
Dienst, indem man sie vor der ungehörigen Vermischung mit 
den rein materiellen Productionsinteressen schützt. 
Man wird sich nach den bisherigen Auseinandersetzungen 
die Frage beantworten können, inwieweit Adam Smith als Ver 
treter eines neuen Princips oder Satzes zu betrachten sei. Die 
Arbeit als vorwiegend entscheidende Quelle des Reichthums 
ist das Princip, welches er in der eigenthümlichsten Weise zur 
Anwendung brachte, obwohl er nicht als Auffinder desselben 
angesehen werden kann. Die Darstellung der Arbeitstheilung 
ist aber seine originalste Leistung, während er sich methodisch 
durch die zerlegende Art und Weise seiner Untersuchungen, 
sowie durch das Eindringen in das Ursächliche der Vorgänge 
auszeichnet. Wollte man aber einen einzelnen, entschieden 
neuen Satz von grosser Tragweite in einer ähnlichen Weise 
genannt wissen, wie es in den strengeren Forschungsgebieten 
üblich ist, so würde man eine Forderung stellen, der sich An 
gesichts der Beschaffenheit der Smithschen Arbeit nicht ent 
sprechen lässt. Der Verfasser des Völkerreichthums war zu
        <pb n="179" />
        163 
bedächtig verfahren und zu wenig von den Antrieben der Phan 
tasie bewegt worden, um gleich einem Quesnay die Welt mit 
einem grossen originalen Irrthum zu bereichern. Der ruhige 
Pluss seines Verstandes hatte ihm erlaubt, den Traditionen, die 
er vorfand, das Phantastische abzustreifen und übrigens durch 
Zusammenfassung eines grossen Theils der gegebenen Elemente 
ein sehr verständiges Werk zu liefern, in welchem es nicht 
einmal an einer leitenden Grundvorstellung fehlte. Dagegen 
Wäre es unpassend, in der Geschichte der Nationalökonomie, 
wie in derjenigen der strengeren Wissenschaften, schon zu 
einer Zeit von Entdeckungen reden zu wollen, in welcher die 
Bemühungen, jenem Gebiet eine wissenschaftliche Gestalt zu 
geben, noch im ersten Stadium begriffen waren und eigentlich 
üur die Aera der auscinandergehenden Meinungen und Systeme 
eröffneten. Allerdings ist man nach Verlauf fast eines Jahr 
hunderts endlich dahin gekommen, zu bemerken, dass es sich 
^üch in der Nationalökonomie um eigentliche Entdeckungen 
bandeln dürfte; für das Smithsche Werk und dessen Wir 
kungssphäre sind jedoch derartige Ansprüche nur in Rücksicht 
^üf die Irrthümer in Frage gekommen, die sich im nächsten 
kalben Jahrhundert entwickelten und im Verlauf von einigen 
Generationen bei den verschiedenen Völkern ihre sectenartige 
Bortpflanzung gefunden haben. Wir werden für die neuste 
Zeit das Princip geltend machen, dass die Bedeutung der Schrift 
steller nach den originalen und zugleich wahren Sätzen zu be- 
üiessen sei, durch welche sie das ökonomische Wissen in ent 
scheidender Weise gefördert haben. Wir werden ausserdem 
äuch für die vorangehenden Erscheinungen darauf achten, wo 
sich wenigstens im Verfehlen ein gewisses Maass von schöpfe- 
i’ischer Kraft bekundet habe. Keiner von diesen beiden Ge 
sichtspunkten ist aber auf die Smithsche Leistung in eminenter 
^eise anwendbar, und zwar stammt das Gute wie das Schlimme 
bieses Sachverhalts aus derselben Quelle. Die Eigenschaften, 
Welche die phantasiereichen Irrthümer ausschlossen und nicht 
wnon einzigen gleich originalen Begriff, wie den des Quesnay- 
schen Nettoproducts, aufkommen Hessen, haben auch die durch- 
gängige Verständigkeit, die Einschränkungen der meisten er 
beblichen Gedanken, die ängstliche Vermeidung der durch- 
(sfcifenden Consequenz, — kurz alle jene Umstände mit sich 
gebracht, durch welche das Smithsche Werk im bessern Sinne 
11*
        <pb n="180" />
        — IGl 
des Worts ein Lelirbnch und zwar ein Lelirbucli für die Welt 
werden konnte. Etwas \ ollkominneres war in dieser Gattung* 
darum nicht zu erwarten, weil nicht eine hingst constituirte, 
sondern sich erst constituirendo Wissenschaft zu lehren und 
zwar so zu lehren war, dass dom mittleren Menschen der Zu 
gang möglichst unanstössig gemacht würde. Dieser Aufgabe 
hat sich Smith unterzogen, und er ist in seiner M irkung aut 
die Welt noch besonders dadurch unterstützt worden, dass die 
Ideen, denen er sich anheim gab, auch diejenigen waren, welche 
zu seiner Zeit und später einen Tbeil der torttreibenden Strö 
mungen für sich hatten. Grade in diesem Maas» von ireiheit- 
liclicr Gesinnung, wie sie den besten Denkern des IS Jahr 
hunderts eigen war, liegt ein Vorzug, welchen keine aussor- 
socialistische Erscheinung des 19. Jahrhunderts aufzuweiseu 
hat. Das Verhängniss der romantischen Halbreaction licitóte 
sich selbst an den grössten theoretischen Aufschwung. Sogar 
der Socialismus bewegt sich stets am Rande der Gefahr, die 
Ereihcit der individuellen Natur durch eine falsche Auliassung 
der übergreifondon Rechte der Gemeinschaft aus dem Auge zu 
verlieren. Dem gegenüber kann mau die bessern Seiten der 
Denkweise eines Adam Smith nicht leicht verkennen, gar nicht 
davon zu reden, dass die heutigen Bomängeler seiner wissen 
schaftlichen Leistung hauptsächlich unter den reactionären An 
hängern des Polizeistaats gefunden werden. 
Zweites Capitel. 
Die Wirkungen des Smithschen Werks. 
Diejenigen, welche glauben, dass Bücher an sich keine 
Th aten sind, können sich aus der Rolle, welche die Schrift 
über den Völkerreichthum gespielt hat, eines Besseren belehren. 
Der wichtigste Einfluss, den das Smithschc Werk in wissen 
schaftlicher Beziehung ausgeübt hat, ist nicht derjenige, der 
sich an dessen unmittelbare Leetüre durch die grössere Zahl 
knüpfte. Auf diesem Wege mögen einige Staats- und Ge 
schäftsmänner ihre Anregungen empfangen und viele Leute 
sich ökonomisch gebildet haben; aber weder der unmittelbare 
praktische Einfluss noch die Geschichte der allgemeinen ökono 
mischen Bildung geht uns hier specieller an. Der bedeutendste
        <pb n="181" />
        165 
und uns hier intorcssircnde Erfolg- ist vielmehr in denjenigen 
Richtungen zu suchen, wo die Frucht der zehnjährigen aus 
schliesslich auf die Abfassung jenes Grundwerks gerichteten 
Arbeit der Ausgangspunkt für ein selbständiges Nachdenken 
und für neue theils irrthümliche, theils zutreifonde Wendungen 
der Theorie wurde. Ein Ricardo ist erst über dem Smithschen 
Buch zum Nationalökonomen geworden, und diejenigen, welche, 
wie Thünen, in der Erweiterung des ökonomischen Wissens 
Haltbareres leisteten, haben eingeständlich ihre erste und ent 
scheidende Belehrung aus der Schrift des Schotten erworben. 
Auch die bedeutendsten, zum Theil gegnerischen Systeme, wie 
namentlich dasjenige Careys und in einem geringeren Grade 
dasjenige Lists, haben in wesentlichen Richtungen auf einer 
positiven Berücksichtigung der Smithschen Gedanken beruht. 
Wieweit die Urheber derselben bei der ursprünglichen Bildung 
ihrer Ideenkreise durch unmittelbares Lesen des fraglichen 
Werks beeinflusst worden sind, und inwieweit sie zunächst 
einer Ueberlicferung aus zweiter Hand folgten, braucht hier 
nicht erörtert zu werden. Soviel lässt sich aber aus dem 
ganzen bisherigen Verlauf der Geschichte erkennen, dass die 
Hinschiebungen von Arbeiten zweiter Hand für die Würdigung 
des Originalwerks ebensowenig erspriesslich gewesen ist, als 
der Hemmschuh, welchen ihm die Commentatoren, nach Art 
eines Mac Culloch, mit ihren überweisen Anmerkungen und 
Abhandlungen nach einem halben Jahrhundert angelegt haben. 
Die Zurichtung, welche der Franzose J. B. Say dem Smith- 
fechen Gedankenkreis in dem zuerst 1803 erschienenen „Traité 
d’économie politique” angedeihen liess, Fat eine ausseroment-’ 
licïïe Yerbreitung gefunden, und durch die sogenannte Say- 
schule, die sich durch Uebersetzungen und Wiederbearbeitungen 
über die Welt hin verzweigte, sind spätere ökonomische Grössen 
■vorn höchsten Range zuerst von der Kenntnissnahme der eignen 
'Smithschen Schriften eine Zeit lang abgelenkt worden. Hätte 
ich hier die Geschichte der ökonomischen Bildung des allge- 
üieincu Publicums zu schreiben, so würde die Frage zu beant 
worten sein, ob die Terdünnungs- und Yerwässerungsarbeit, 
der sich der Französische Schriftsteller unterzog, für die wei 
tere Verbreitung eines Theils der Smithschen Gesichtspunkte 
Both wendig und mithin in einer gewissen Beziehung auch nütz 
lich gewesen sei. Eine solche Ueberlegung würde aber von
        <pb n="182" />
        16C 
dem Hauptziel zu weit abführen, und es können daher ein paar 
Bemerkungen genügen. Sieht man nur auf die Uebertragung 
der echten Gedanken des ursprünglichen Werks, welches als 
Vorbild dient, so kann eine grössere Deutlichkeit und leichtere 
Zugänglichkeit fast regelmässig nur durch gesteigerte Klar 
heit des Gedankens erreicht werden. Die letztere ist aber nie 
von denen zu erwarten, welche nicht bereits einen hölioren 
Standpunkt einnehmen. Dagegen kann durch den Verzicht auf 
die feineren Seiten des Gegenstandes und durch Herabziehungen 
des neuen Autors auf das Niveau früherer Anschauungsweisen 
eine Annäherung bewerkstelligt werden, durch welche denen, 
welche das mehr Hervorragende als für sie nicht gemacht an- 
sehen, der Eingang eröffnet wird. Für den denkenden Leser 
mittleren Schlages, d. h. für alle nur halbwegs guten Köpfe 
hatte Adam Smith selbst mehr als nöthig gesorgt. Dagegen 
blieb noch eine Art von Naturen übrig, die entweder der eigent 
lichen Abrichtung wirklich bedurfte oder sich hatte einroden 
lassen und gewissen Gewohnheiten gemäss glaubte, dass sie 
derselben bedürfe. Für diesen Kreis hat sich Say bemüht, und 
es ist ihm in der That nicht schwer geworden, sich seinem 
Publicum anzupassen. Er brauchte nur das wieder von sich 
zu geben, was er sich angeeignet hatte. Auf diese Weise er 
fuhr der Inhalt des Smithschen Buchs ebenso wie das, was 
jener Französische Schriftsteller sonst noch von der früheren 
Uebcrlieferung berücksichtigte, die erforderliche Sichtung und 
Mischung zugleich. Gewiss Hess sich nun dasjenige schul- 
mässig und im weiteren Publicum verstehen, was auch schon 
die Mittelsperson begriffen und sich zu eigen gemacht hatte. 
Was jedoch insbesondere Frankreich anbetrifft, so war aller 
dings noch ein anderer Grund vorhanden, aus welchem dort 
eher als irgendwo sonst eine scheinbar selbständige Arbeit 
nöthig wurde. Die Franzosen hätten sich am allerwenigsten 
darein gefügt, die neue Gestalt der Oekoiiomio als fremdes Er- 
zeugniss schmackhaft zu finden, -und sie mussten sich daher 
unter allen Umständen mindestens die Genugthuung des Scheins 
der Selbständigkeit verschaffen. So nennen denn auch heute 
noch Französische Schriftsteller einen Say unter ihren „Meistern 
der politischen Oekonomie.” 
Ausserdem hat sich in die sogenannten Geschichten un 
seres Wissensgebiets in Rücksicht auf Say auch noch die Moi-
        <pb n="183" />
        — 167 
nung eingeschlichon, jener Franzose habe sich durch eine be 
sondere „Theorie der Absatzwege” ausgezeichnet Wäre bei 
demselben wirklich irgend ein erheblicher neuer Satz oder auch 
nur eine neue Formulirung einer sonst nicht gleich klar ge 
wesenen Einsicht anzutreíFen, so würde dieser Umstand sicher 
lich ein Recht gehen, für ihn noch eine andere Rolle als die der 
schulmässigen Zustutzung und der gekennzeichneten Art von 
Popularisirung in Anspruch zu nehmen. Indessen enthält jene 
sogenannte „théorie des débouchés” wesentlich nichts weiter, 
als die einfache, schon den Physiokraten geläufige Vorstellung, 
dass Producte gegen Producte ausgetauscht werden, und dass 
man dieser Vorstellungsart zufolge nur in dem Maasse Absatz 
findet, in welchem der Käufer seinerseits mit Erzeugnissen be 
zahlen kann. Diese Idee ist noch obenein nichts weniger als 
tief; denn ungeachtet eines gewissen Kerns von Wahrheit, der 
sich in derselben ausdrücken will, wird ihre Anwendung sofort 
fehlerhaft, sobald man die socialen Gestaltungen des Verkehrs 
und die Dazwischenkunft des Geldes oder der Werth Veran 
schlagung ausser Acht lässt. 
Schon auf dem Titel der ersten Ausgabe des Saysehen 
Buchs^ïïgurHrdîe später auf den Lehranstalten üblich gewor 
dene* Drei theiluug der Oekonomie. Die Formation, Vertheilung 
und Consumtion der Reichthümer, — das war die Trias, 
deren Angabe in den Schulen sogar als Definition der politi 
schen Oekonomie gelten musste. Es ist schon früher bemerkt 
worden, dass die Doppelheit des Smithsehen Gesichtspunkts, 
welche nur zwei Hauptunterscheidungen, nämlich die der Pro 
duction und der Vertheilung als gleichbedeutend ins Auge fasst. 
Weit natürlicher und wissenschaftlicher ausgefallen war. Soll 
aber künftig einmal eine wirkliche Theorie der Consumtion 
entstehen, die mehr als blos einige Redensarten über den Luxus 
enthält, so wird sie nicht ein nebensächlicher dritter Bestand- 
theil sein dürfen, sondern an die Spitze treten und sich den 
beiden thatsächlichen Hauptabtheilungen der bisherigen Volks- 
wirthschaftslehre überordnen müssen. Doch so etwas bei Ge 
legenheit des Sayschen Buchs bemerken, heisst fast schon zu 
viel thun. Ueberdies ist ja noch anzuführen, dass der Fran 
zösische Autor nach einem Vierteljahrhundert einen „Voll 
ständigen Cursus der praktischen politischen Oekonomie” in 
einem halben Dutzend Bänden veröffentlicht und dass er, als
        <pb n="184" />
        ' VJÍ-lí 
168 
ihm dio hereinhrechende Restauration cine Mission nach Eng 
land verschafft hatte, bei dieser Gelegenheit eine Pilgerfahrt 
nach dem Lehrstuhl Adam Smiths unternommen hat. In dem 
letzteren liess er sich mit grosser Erregung nieder, wahrschein 
lich ohne zu bedenken, dass der Schotte, mit dem er sich in 
dieser etwas humorerregenden Weise in Beziehung braclitc, 
seine Hauptarbeit nicht von einem Lchrsesscl aus verrichtet 
hatte. Doch mag diese Saysche Niederlassung auf dem Sitze 
Smiths in manchen Richtungen ein gutes Bild für das Ver- 
hältniss des Franzosen zu seinem Schottischen Meister abgeben. 
Nimmt man die Smithschon Grundgedanken, namentlich 
das Arbeitsprincip und die thatsilchlichc Zurückführung der 
Tauschwerthe auf Arbeit auch nur einigermaassen ernst, so 
ist bei einem Jean Baptiste Say von einem Vorstilndniss 
und einer entsprechenden Aneignung kaum zu reden. Der 
letztere war ungefähr um die Zeit geboren, als der erstero 
seine zehnjährige Arbeit begann und war bei der Abfassung 
seines Tractats hoch in den Dreissigorn. Aber obwohl er seit 
dem noch drei Jahrzehnte lebte und noch einige Jahre vor 
seinem Tode den erwähnten umfangreichen Cursus herausgab, 
so hat er es doch niemals auch nur zu einer guten Repro 
duction der Smithschon Ideen gebracht. Was während der 
zweiten Hälfte seines Lebens in der Oekonomie durch die 
Malthus und Ricardo angeregt wurde, hat ihn noch mehr ver 
wirrt. Wenn aber Einige an ihm eine leicht fassliche Dar 
stellung rühmen, so ist zu dem oben darüber Gesagten noch 
hinzuzufügen, dass er ein Kaufmannssohn war und sich später 
auch selbst, wenn auch ohne glücklichen Erfolg, als Fabricant 
versucht hat. Durch einige auf diese Weise erworbene prak 
tische Anschauung, sowie durch die Einmischung von ausser 
ordentlich viel selbstverständlichen Vorstellungen machte er 
seine Schriften denen entsprechend, die von einem Gedanken 
zum andern ausruhen wollen und sich durch die Servirung 
von dem, was sie schon wissen, sowie durch die Bezeichnung 
dieses ihnen geläufigen Stoffs als eigentlicher Wissenschaft ge 
schmeichelt finden. 
2. Man kann unter den wissenschaftlich zu nennenden Wir 
kungen der Smithschen Arbeit zwei Richtungen unterscheiden. 
In der einen werden die Gonsequenzen ihrer leitenden Principien 
in positiver Weise gezogen, und so bildet sich unter Hinzunahmo
        <pb n="185" />
        160 
eigner im eminenten Sinne schöpferischer Ideen ein System 
aus, welches ungeachtet seines Gegensatzes in sehr erheblichen 
Punkten, dennoch dom Verfasser des Völkerreichthums die 
vollste Anerkennung zu Theil werden hisst. Ps ist dies das 
System Careys, dessen ursprüngliche Grundlagen mehr als 
60 Jahre nach dorn ersten Erscheinen des Smithschen Werks 
veröffentlicht wurden, aber dennoch als die bedeutendste posi 
tive Fortsetzung und Umgestaltung der überlieferten Antriebe 
betrachtet werden müssen. Dieses System, welches sich in 
verschiedenen Stadien ausgebildet und die Geschichte der Oeko- 
nomie, soweit sie nicht socialistisch ist, bis auf den heutigen 
Tag cingeschlossen hat, zeichnet sich vor allen andoin auch 
dadurch aus, dass es die Aufmerksamkeit wieder auf eine bes 
sere, den Noubrittischen Verunstaltungen entzogene Würdigung 
Adam Smiths gelenkt hat. 
Die zweite Richtung ist soweit entfernt, in der Haupt 
sache dem Geist der Smithschen Ideen zu entsprechen, dass 
sic eigentlich nur die Reaction dagegen und zu einem guten 
Theil das Zurückkommen auf vorsmithsche ßetrachtuugsartcn 
vertreten hat. Trotzdem ist aber durch diese Richtung wenig 
stens eine schärfere Markirung von Gegensätzen veranlasst 
worden, welche in dem Werk des Schotten ohne gegenseitige 
Behelligung Platz gefunden hatten. Der Repräsentant und 
Typus der schärferen Hervorkehrung einzelner Seiten der Ge 
dankenentwicklung ist Ricardo. Unter seinen Händen haben 
mehrere Ideen, die in dem Werke Smiths nur an zweiter Stelle 
und in bedingter Weise zur Geltung gelangten, eine Art Zu 
spitzung und isolirte Ausbildung erfahren. Hienach ist auch 
er ganz unzweifelhaft zu den Schülern Smiths, aber zu der 
jenigen Gattung zu rechnen, die durch Befassung mit veiein 
zelton Gesichtspunkten und durch einseitige Fixirung nahe 
liegender Anschauungen die frühere Uebereinstimmung gestört 
und einen Vorstcllungskreis verzeichnet hat, in welchem sich 
die Gonsequenz fast nur in Fehlgriffen bekundet. Durch die 
Gegenwirkungen gegen die Ricardoschen Einseitigkeiten ist dei 
Carcyschc Gedankenkreis, der um zwei Jahrzehnte später zur 
Veröffentlichung gelangte, nicht unerheblich bestimmt worden. 
Es kam für den Amerikaner darauf an, die Irrthümer, die auch 
schon bei Adam Smith vorhanden gewesen, von Ricardo abei
        <pb n="186" />
        170 
übertrieben worden waren, so zu entwurzeln, dass für die 
spätere Entwicklung der gesunden Gedanken kein Hinderniss 
und kein Yerleitungsgrund zu älmliclicn Abweichungen übrig 
bliebe. 
In unserer vorläufigen Angabe der Hauptrichtungen, nach 
denen die späteren Schicksale der Smithschen Leistung in 
Frage kommen, ist noch der ganz ungleichartige Bcstandtheil 
zu erwähnen, welcher sich durch die Malthussche Bevölkerungs- 
auffassung in die moderne Nationalökonomie einführte. Es ist 
dies die früheste Versetzung der Heberlieferung des Smitlischon 
Systems mit dem Widerspiel der modernen Denkweise. Durch 
den genannten Geistlichen wurde die Reaction gegen die neuern 
Gerechtigkcitsgcdankcn in einer widerwärtigen Gestalt ver 
treten, und je mehr man künftig diese Episode nach allen Rich 
tungen bin untersuchen wird, um so mehr wird man feststellen, 
wie gross die Verunstaltung und Schädigung gewesen ist, 
welche die Wissenschaft von dieser Seite her erfuhr. Man 
kann heute mit einer Sicherheit, die den mathematischen De- 
ductionen gleichkommt, nachweisen, wie die Tendenz der Mal- 
thusschen Vorstellungen einer historischen Verurtheilung so 
gewiss sein kann, wie die Verknüpfung der Wirkung mit der 
Ursache. Doch wir wollen hier nur daran erinnern, dass man 
auf die Malthusschen Ausführungen hin geglaubt hat, ein neues 
Gesetz der Volkswirthschaftslehre zu besitzen. Der einzige 
Vortheil aber, der aus den Malthusschen Doctrinen in sehr 
indirecte!* Weise hergeleitet werden mag, hat auf den Ge 
genwirkungen gegen dieselben beruht und darin bestanden, 
dass die Bevölkerungsmenge principiell als Grundlage der 
wichtigsten ökonomischen Verhältnisse in den Vordergrund 
getreten ist. 
Ausser denjenigen Bewegungen, welche man zunächst als 
innerhalb des Spielraums des Smithschen Systems vollzogen 
denken kann, sind völlig selbständige Erscheinungen hervor 
getreten, die sich grundsätzlich gegen die politisch fehlerhaften 
Theile und gegen diejenigen ökonomischen Lehren wendeten, 
welche jenen praktischen Abirrungen zur Grundlage gedient 
hatten. In dieser Hinsicht können die Deutschen, wenn auch 
ohne ihr specielles Verschulden, den ersten Platz beanspruchen. 
Friedrich List hat nach der bezeichneten Seite hin zuerst das
        <pb n="187" />
        171 
Bedeutendste geleistet, was vor dem sweiten ^^adi^ d 
Careyschen Systems in der polihsehen Oekonomie Europa 
und Amerikas Überhaupt geschehen ist Mit ihm hat d 
Deutsche Geist das Feld der Volkswirthschaitslehre erst ernst 
lich betreten, und von seinem Wirken an ist ¿er Fortschritt 
der Wissenschaft nicht mehr in erster Linie bei den « 
dem oder Franzosen zu suchen. Allerdings sind die bedeuten- 
mmwmrn 
Erscheinen seines „Nationalen Systems fo gten, in Deutsch 
gen der älteren Thünensclien Untcrsiichnngen dahin rechnen 
Mit den vorangehenden Hinweisungen haben wir haupt- 
sachlich zweLGruspm-hemchnet, deren s^hr^Am^A^« 
Verhalten die nachsmithsche Oekonomie tligtsachlichA 
Lairgfgetheiít'hat. Auf der einen Seite stehen die Malfh#- 
RicardSchen VOTstellangs^rten als^ das bÿ jetzt noch auf den 
Hmvofsitäten" am meisten fortvegetirende Element, 
dem Seite hat das DeutscfeAmerikaniscM Sjjteffl, di|_H^^^ 
List und Carey an der Spitze,, die Bahn fur A---— 
den weitgehendsten Forderungen eines radicalen Socialismu 
in Politik und Wirthschaft vereinbar wird. Die Restaurations- 
opisodo der Nationalökonomie ist hiemit zu einem üherwun- 
denen, und der Smithsche Gedankenkreis zu .einem wirWich 
überholten Standpunkt geworden. Wir haben nun zunac s 
die Anschauungsweisen der Malthus-Ricardoschen Oekonomi 
bei diesen Autoren selbst aufzusuchen, deren ennung 
Zwillingspaar eine berechtigte, aber nichtsdestoweniger wun 
derliche Alliance vorstellt.
        <pb n="188" />
        172 
Wir bemerken jedoch noch, dass wir auf die eigent 
liche Lehrbuch-, Bearbeitungs- und Schullitei’atur sowie auf 
die sonstigen schriftstellerischen Wellenspiele, die aus einer 
grossen Anregung folgen, hier nicht einzugehen, sondern nur 
an deren Existenz zu erinnern haben. Unsere Aufgabe ist 
die Verfolgung der wissenschaftlichen Ursachen und Ele 
mente, nicht aber der Wirkungen, die sich erst ganz sccundilr 
ableiten. 
Dagegen ist es nicht überflüssig, noch schliesslich daran 
zu erinnern, dass der auch als historischer Schriftsteller be 
kannte Genfer, Sismondi, grade die Smithschon Principien vom 
Standpunkt einer ziemlich ausgeprägten Sympathie für die ar 
beitenden Classen zu Folgerungen benutzt hat, welche das 
völlige Gegentheil der gewöhnlichen Auflassung repräsentirten. 
Obwohl der fragliche Autor in seinen „Neuen Principien der 
politischen Oekonomie” (zuerst 1819, 2. Aufl. 1827) dem spä 
teren Socialismus manchen Anknüpfungspunkt geliefert hat, 
so kann seine, nicht sonderlich consequente Denkweise doch 
nur als ein Beispiel gelten, wie sich auf Grundlage der Smith 
seben Ueberlioferung und unter Vermischung rückläufiger und 
modernerer Ideen auch gegen die gewöhnliche Parteirichtung 
der Oekonomie mit deren eignen Grundsätzen Einiges sagen 
Hess. Im Ganzen ist jedoch Sismondi in seinen halben und 
fast gemüthlich zu nennenden Angriffen nicht sehr glücklich 
gewesen. Sein sentimentales und schwankendes Wesen, wel 
ches ihn die social verheerenden Wirkungen der Maschinen 
einführung zu bedauern und auseinanderzusetzen antrieb, liess 
ihn zu keinem klaren Gedanken über den Unterschied der 
wirthschaftlichen Production und der Socialpolitik kommen. 
Wohl aber vcranlasste ihn seine gut gemeinte Aufrichtigkeit, 
die eigne praktische Rathlosigkeit einzugestehen. Er hatte am 
Anfang des Jahrhunderts über den Handelsreichthum fast ganz 
im Smithschen Sinne geschrieben, sich aber bis zum Ende 
seines Lebens immer mehr von den gewöhnlichen praktischen 
Consequenzen jener theoretischen Grundsätze entfernt. Er 
hatte die Uebermacht des Capitals und die Folgen der Con- 
currenz je länger je mehr in ihren schädlichen Wirkungen 
dargelegt, und dennoch die Erklärung abgegeben, dass er zwar 
sähe, wo das Princip und die Gerechtigkeit, aber nicht wo die
        <pb n="189" />
        ii! 
I 
— 173 — 
AusAlbrungsmittel lagen, und dass sich ein absoM versi^io- 
dener Eigentliumszustand nicht absehen liesse. Dieser Aus- 
o-ang bat seine Bedeutung für das, was aus den Smitbscbeu 
Ideen auch in der weiteren Geschichte werden musste, sobald 
sie in einer andern Richtung in gutgemeinter, aber sehwacher 
Weise verwendet wurden. Die reine Theorie, soweit sie richtig 
war, trug nicht die Schuld, dass es sehr lange gedauert hat, 
bis man die praktischen socialen Aufgaben einigermaassen zu 
durchschauen gelernt hat. 
!i ILI 
■l'.ta i: 
li fl"' 
mm
        <pb n="190" />
        Vierter Abschnitt. 
Die Malthus - Ricardosche Oekonomie. 
Erstes Capitel. 
Malthus und die Bevölkerungsvorstellungen. 
Es ist ein Ziigcständniss an die heutige Gestalt der sich 
selbst als rechtgläubig bezeichnenden Doctrinen, wenn wir über 
haupt noch von einer Malthus-Ricardoschen Yolkswirthschafts- 
lehre und nicht vielmehr blos von Vorstellungsarten und Mei 
nungen reden, die sich an jene Namen geknüpft haben. 
Schwerlich wird mehr als ein Menschenalter erforderlich sein, 
um die ganze fragliche Episode mit ihren berühmtesten Dogmen 
als völlig abgethan und als eine gelegentliche Seitenabschwei 
fung im Entwicklungsgänge der ökonomischen Einsichten er 
kennen zu lassen. Alsdann wird die Geschichtsschreibung das, 
was jetzt noch einen Abschnitt in Anspruch nimmt, auf einige 
Nebenbemerkungen beschränken können, die sich an die be 
deutendsten Vertreter der wichtigeren Leistungen höherer Art 
anschliessen mögen. Da aber die älteren IJeberlieferungen der 
Universitäten und gleichartigen Anstalten in England, Frank 
reich und Deutschland noch vorherrschend die Malthus-Ricardo- 
sche Gestaltung der politischen Oekonomie vertreten und da, 
was wichtiger ist, auch weit verbreitete dogmatische Gesammt- 
bearbeitungen unseres Wissensgebiets, wie namentlich diejenige 
durch Stuart Mill, auf jenem Standpunkt stehen, so ist es vor 
läufig noch nothwendig, auf die fraglichen Ideen und Personen 
ausführlicher einzugehen, als die sachliche Bedeutung des Ge 
genstandes im Verhältniss zu den erheblicheren Erscheinungen 
sonst mit sich bringen würde. 
Streng genommen haben wir es auf dem Gebiet, welches
        <pb n="191" />
        175 
wir jetzt betreten, mit einem Mittelding zwischen 8ecte und 
Partei zu thuu. Der Malthusianismus vertritt einen Typus 
der Anschauungsweise, der zwar an sich selbst nicht him eicht, 
eine Schulsecte und noch viel weniger eine Partei zu erzeugen, 
wohl aber geeignet ist, gewissen gesellschaftlichen Positionen 
und Anschauungsweisen zu schmeicheln, und hiedurch in den 
Dienst bestehender Parteien zu treten. Auf diese eise hat 
er sich auch in Rücksicht auf die Lehranstalten mit denjenigen 
Elementen am besten verstanden, welche aus dem Ideenkreis 
jener Parteien heraus ihrem Beruf oblagen. Der restaurativo 
Stempel, der Allem aufgedrückt ist, was von Malthus her- 
stammt, , hat sich selbst da nicht verleugnet, wo, wie bei 
einem Sismondi, eine wohlmeinende und völlig entgegenge 
setzte Absicht maassgebend gewesen ist, und wo von keiner 
andern Abhängigkeit als derjenigen die Rede sein konnte^, 
welche eine so zu sagen charakterschwache Logik mit sich 
brachte. • , . , . , tu 1^.1, 
Weit weniger misslungen ist im Vergleich mit dem Malthua- 
schen Dogma die einem Ricardo eigenthümliche Bearbeitungs 
art der Oekonomie. Die letztere zeichnet sich wenigstens durch 
eine o-owisse Schärfe der Darstellung aus. Allerdings ist dieser 
Vorzug nur ein verhältnissmässiger und gilt nur in der Gegen- 
überstellung des Haltloseren. In Malthus Schriften muss man 
stets erst eine gute Strecke zurücklegen, ehe man ein paar 
Gedanken beisammen hat. Bei Ricardo wird man m dieser 
Beziehung geschont; denn die Ideen folgen einander in einer 
Gestalt, die zwar ihre Ecken und Kanten hat, aber doch meis 
sofort und ohne lange Umschweife sehen lässt, was gemein 
sei. Die unabsehbaren und unerheblichen Stoganhäufungen 
der eigentlich Englischen und bei Malthus noch durch ( le 
predigerhafto Breite gesteigerten Manier, waren nicht die Sache 
eines Ricardo. Was aber den Inhalt anbetrifft, so besteht das 
etwa neu zu Nennende nur in der weiteren Durchführung von 
Gedanken, die sämmtlich schon von Andern veröffentlicht waren 
und zum Theil sogar viel früher bei den betheiligten Geschäfts 
leuten in Umlauf gewesen sein müssen. Ricardo hat daher 
mehr die Fähigkeit zur Speculation mit vorhandenen Elementen 
und zur logisch einseitigen Anordnung vereinzelter Oonse- 
(juenzen, als etwa die höhere, schaffende Art der Gestaltungs 
kraft bekundet. Sein wissenschaftliches Verhalten hat in dieser
        <pb n="192" />
        - 17G 
lîcziebung seiner praktischen Tliätigkcit in Anleihegesclulften 
entsprochen, nur mit dem Unterschiede, dass er mit Hülfe der 
letzteren seine Laufbahn zum Millionär diirchmaass, während er 
in der ersteren Beziehung nicht gleich grosse Verdienste reali- 
sirtc. Dennoch ist er aber im Hinblick auf einen Mal thus eine 
wahre Erholung zu nennen, da man bei ihm doch wenigstens 
die Virtuosität des Verstandes, wenn auch in einer verkehrten 
Richtung, antrifft. 
Der Umstand, dass Ricardo die ihm zunächst liegenden 
Ideen in seinen Vorstellungskreis aufnahm, erklärt die Verbin 
dung der beiden einander sonst so wenig entsprechenden Namen 
zur Bezeichnung eines einzigen Systems. Malthus hatte an der 
Grenzscheide des Jahrhunderts zu wirken augefangen, und Ri 
cardos sehriftstollerischo Thätigkeit fiel in das zweite Jahrzehnt. 
Der nur etwas jüngere Zeitgenosse hatte daher schon eine lite 
rarische Berühmtheit zu beachten* mit der er seit 1810 auch 
zu persönlichen Vcrkchrsbeziehungcn gelangt war. Vergegen 
wärtigt man sich, dass er von Malthus um ein Jahrzehnt über 
lebt wurde, und dass der letztere mit seinen Veröffentlichungen 
noch immer fortfuhr, so hat man ein Bild von der geschicht 
lichen Zusammengehörigkeit dieses Paares. Dennoch bietet 
seine wissenschaftliche Unzertronnlichkeit eine in manchen 
Beziehungen seltsame Annäherung dar. Der auglicanische Geist 
liche und der jüdische Bekehrte, als ein sich nach der gleichen 
Richtung bemühendes Gespann, regen unwillkürlich die Frage 
an, inwieweit ihre Grundanschauungen zusammenzutreffen ver 
mochten. In der Antipathie gegen die Armengesetze reichte 
der letztere dem ersteren die Hand, was sich nur erklärt, wenn 
man für das beiderseitige Verhalten zwei ganz verschiedene 
Beweggründe annimmt. Andernfalls würde es den Anschein 
haben, als wenn Ricardo mit seiner kirchlichen Zugehörigkeit 
auch die Traditionen seiner Race geopfert hätte. Dies ist nicht 
anzunchmen, und so erklärt sich die Unterstützung der Mal- 
thusschen Rohheit in der Auffassung der Armengesetze nur 
durch die Anschauungsweise, welche mit dem Ueberwiegen 
des Erwerbstriebes über alle höheren Rücksichten verbunden 
ist. Das Vorhandensein dieses letzteren Verhältnisses unter 
liegt aber bei einem Ricardo keinem Zweifel. In seiner Person 
haben wir es nicht mit einem genügsamen Gelehrten, wie 
Adam Smith, zu thun, dessen ganzes Streben in der Wissen-
        <pb n="193" />
        177 
Schaft aufging, sondern mit Jemand, der an der Börse seine 
Heimath hatte und in erster Linie reich werden musste, um 
nebenbei auch seinem Studientriebe zu huldigen und huldigen 
zu lassen. Hiebei stellte er sich in der bekannten Weise sehr 
bescheiden an, und es hat natiirlich nicht an Gelehrten gefehlt, die 
ihm für diese hei einem Millionär doch wohl noch ganz beson 
ders liebenswürdige Eigenschaft dankbar gewesen sind. Auf 
diese Weise erklärt sich die nächste, aber selbstverständlich 
nicht die entscheidende Wirkung. Die Thatsache, dass die 
jenige Grundrententheorie, die man Ricardo als besondere 
Eigenthümlichkeit zuschreibt, grade zu seiner Zeit Anklang 
fand, während sie circa 40 Jahre zuvor einen gleichgültigen 
Nebengedanken bildete, begreift sich nur aus der Beschaffen 
heit der Parteiverhältnisse. Der Grundadel mit seinen Eern- 
haltungen des fremden Getraides wurde durch die in einer ver 
änderten Richtung entwickelten Vorstellungen von der Bedeu 
tung der Bodenrente theoretisch einigermaassen betroffen. Das 
industrielle und kaufmännische Bürgerthum musste daher jede 
Deduction willkommen heissen, die wenigstens anscheinend in 
seinem Interesse lag. 
Die Eigenthümlichkeit von Malthus ist die Bevölkerungs- 
aufí'assung; diejenige aber, welche sich an den Namen Ricardos 
knüpft, ist die Ansicht von dem Sinn der Grundrente. Nimmt 
man diese letztere Idee nur im Allgemeinen, so war sie schon 
von liehreren andern Schriftstellern, unter denen sich auch 
Malthus befand, vertreten worden und war sogar schon speciell 
genug, ungefähr zur Zeit als das Smithsche Hauptwerk erschie 
nen war, von einem Ackerhauschriftsteller dargelegt gewesen. 
Man sieht hieraus, dass noch ein Grund mehr vorhanden ist, 
Malthus und Ricardo dem Herkommen gemäss zu -einem Paare 
zu vereinigen, und dass es mit der Originalität der Gedanken 
in Rücksicht auf die Bodenrente nicht allzu gut bestellt gewesen 
ist. Ricardo selbst sagt in dem „Essay über den Einfluss 
niedriger Kornpreiso auf den Capitalgewinn” (1815, Works, 
London 1846, W. 374) er habe in Allem, was er über den Ur 
sprung und Eortschritt der Rente gesagt, fast nur Malthus 
eben erschienene Principien über denselben Gegenstand „wie 
derholt” und erläutert. Wir werden weiterhin sehen, dass 
es sich in dieser Beziehung eigentlich nur um die Aufnahme 
einer Vorstellung gehandelt hat, die, wie schon oben erwähnt, 
Uttbring, Gesebiebto der Katioualökouomie. 2. Auflage. 12
        <pb n="194" />
        178 
den Interessenten vielfach bekannt gewesen sein muss. Wie 
aber auch die Malthussche Bevölkerungsidee streng genommen 
nicht viel mehr als die Erneuerung eines uralten Irrthums und 
die Aufnahme einer zugleich naheliegenden und beschränkten 
Reflexion gewesen sei, wird sich in Bezug auf den rein theore 
tischen Bestandtheil bald zeigen. In praktischer Beziehung 
mag aber Malthus sein volles originales Recht behalten, wegen 
der Rohheit seiner Anschauungen und der Widerwärtigkeit 
seiner Gesinnung berüchtigt zu bleiben und als Typus einer 
im schlechteren Sinne des Worts menschenfeindlichen, durch 
und durch inhumanen Geistesart zu gelten. Das Loben dieser 
Person wird uns in den wenigen Zügen, die uns hier angehen, 
schon hinreichende Fingerzeige bieten und uns individuell die 
corrumpirto Theorie erklärlich machen, welche mit ihm ver 
knüpft gewesen ist. 
2. Malthus (1766—1834) aus der Grafschaft Surrey, wid 
mete sich als jüngerer Sohn einer wohlhabenden Familie der 
Theologie und wirkte auch thatsächlich als Glied der anglicani- 
schen Kirche. Die Schriftstellerei war seine Nebenbeschäfti 
gung. Er begann dieselbe mit einigem Erfolg auf Veranlassung 
einer Godwinschen Veröffentlichung, indem er dagegen seiner 
seits 1798 und zwar anonym eine nicht umfangreiche Arbeit 
unter dem Titel „Versuch über die Principien der Bevölke 
rung etc.” erscheinen Hess. Nach 5 Jahren, in welche einige 
Reisen auf dem Festlande gefallen waren, gab er als zweite 
Auflage eine durch empirisches Material erweiterte Umarbei 
tung heraus, die als neues Buch zu gelten pflegt und in den 
folgenden Auflagen schliesslich auf drei Bände anschwoll. Bald 
nach dieser zweiten Publication wurde er Professor der Ge 
schichte und politischen Oekonomie am ostindischen Gesell 
schafts-Colleg zu Haileybury und blieb in dieser Stellung die 
drei Jahrzehnte bis zu seinem Tode. Stellt man sich vor, dass 
er daneben stets ein geistlicher Diener blieb, wie er gewesen, 
und dass er nun noch andere Schriften fertigte, die noch mehr 
nach politischer Oekonomie aussahen als sein Bovölkorungsbuch, 
so hat man ein Bild von den Hauptzügen seines Treibens. 
Doch fehlt noch ein unter andern Umständen weniger merk 
würdiger Zug, der aber für den Vertreter der Idee der Bevölke 
rungshemmung eine ganz besondere Bedeutung hat. Der Pfarrer 
Malthus heirathete nach der zweiten Ausgabe seines bevölke-
        <pb n="195" />
        179 
rurigsfeiudlichen Buchs und, wie Einige berichten, nicht ohne 
Rücksicht auf das Geld, welches er mit demselben, händlerisch 
geredet, gemacht haben soll. Wie weit er selbst die Volks- 
vermohrung in seiner Familie gefördert habe, ist streitig. Bei 
Sismondi in Genf soll er einmal mit elf Töchtern erschienen 
sein. Doch mögen Missvcrständniss und Humor hiebei die 
weibliche Gefolgschaft in lauter Töchter verwandelt haben. 
Nach ajpdern Berichten hätte er nur einen Sohn und eine 
Tochter Uiinterlassen. Dies braucht jedoch kein Widerspruch 
zu sein, da er sich durch die Malthussche Theorie selbst 
ausgleichen lässt. Es könnten ja nachträgliche Verwüstungen 
(positive checks) gewesen sein, welche die Elf reducirten. 
TJebrigens spricht in Ermangelung genauerer Thatsachen die 
Vermuthung eher für als gegen eine grössere Zahl, da die Ehen 
der Geistlichen, aus dem Gesichtspunkt einer gesunden Bevöl 
kerungstheorie betrachtet, in der Regel nichts weiter zu wün 
schen übrig lassen, als dass es eine andere Gattung werden 
möchte, durch die sie sich fruchtbar machen, damit die Zahl 
nicht in Missverhältniss zu den Bedürfnissen der Gesellschaft 
gerathe. 
Was den sonstigen Charakter des ehrwürdigen Mitglieds 
der anglicanischen Kirche betrifft, so war er von grosser Glätte, 
und die Freunde haben an ihm den Mangel jeder wahrnehm 
baren Leidenschaft gerühmt. Dem Kenner kann diese Eigen 
schaft ein vortrefflicher Fingerzeig sein. In Verbindung mit 
der sich in den Schriften bekundenden Gesinnung und Gefühls- 
physionomie lehrt sie uns, was hinter dieser glatten Oberfläche 
und sogenannten Liebenswürdigkeit waltete. In der That ist 
zwischen dem Malthusschen System und dem Malthusschen 
Charakter die Uebereinstimmung bis in die einzelnen Züge zu 
verfolgen, und wer in der Ilauptschrift aufmerksam und mit 
psychologischem ürtheil zu lesen versteht, wird fast aus ihr 
allein alles für den Charakter Erhebliche zu reconstruiren ver 
mögen. Bis in die logischen Schleichwendungen hinein kann 
man die Consequenzen dieser widerwärtig glatten Bewegungen 
verfolgen. 
Die späteren Schriften, die während des Professorats ver 
fasst wurden, machten kein besonderes Aufsehen und sind für 
die Geschichte ziemlich gleichgültig. Ausser den obligaten 
«Principien der politischen Oekonomie”, die aber noch nicht 
12*
        <pb n="196" />
        einmal ein Lehrbuch waren, ist auch noch eine scholastische 
Schrift „Definitionen in der politischen Oekonomie” zu erwäh 
nen, sowie daran zu erinnern, dass die „Untersuchung über die 
Natur der Rente” 1815, also zwei Jahre vor dem Ricardoschen 
Hauptwerk veröffentlicht und in dem letzteren in Bezug genom 
men wurde. Man wird vielleicht fragen, wie es zugegangen 
sei, dass die Bevölkerungsschrift soviel von sich reden gemacht 
habe, während durch alles üebrigo das Publicum sich nicht 
sonderlich angeregt fand. Die einzige Antwort hierauf ist die, 
dass die nächste Wirkung des Malthusschen Bevölkeruugs- oder 
vielmehr Entvölkerungshuchs auf einer Art von Kitzel beruhte 
und dem Skandal, den es repräsentirte, weit mehr als einer 
beifälligen Anhängerschaft zuzuschreiben war. Doch darf auch 
nicht vergessen werden, dass die in der Englischen Gesellschaft 
so stark vertretene Bigotterie dem geistlichen Verfasser einer 
Schrift zu statten kommen musste, in der sich die bekannte 
Mischung pricsterlichcr Empfindungen und des zugehörigen 
pikanten Gegenstandes so glatt vereinbart und mit der be 
schränkten Privatmoral als Bcschönigungsmittcl so stark ver 
setzt fand. Der Reverend konnte auf willige Aufmerksamkeit 
rechnen, wo er demjenigen Theil des Publicums nahegerückt 
wurde, der überhaupt an den Manieren seiner Denkweise Ge 
schmack fand und geneigt war, die Belehrung durch einen 
Geistlichen gelten zu lassen. 
3. Es ist ziemlich schwer, die unbestimmten, gleichsam 
charakterlosen Gedanken klar und in festen Umrissen darzu 
stellen. Man muss, um dies zu können, die genauen Ausdrücke, 
die man selbst braucht, hinterher wieder ein schränk en. Nur 
auf diese Weise wird es möglich sein, von der Malthusschcn 
Meinung über die Menschen Vermehrung, soweit dabei ein theo 
retisches Gesetz herauskommen soll, eine zutreffende Idee zu 
geben. Zunächst wird davon ausgegaugen, dass die Menschen 
das Bestreben haben, sich ins Unendliche zu vervielfältigen. 
Diese Tendenz wird durch das Bild einer geometrischen Reihe 
ausgedrückt, d. h. in gleichen Zeitabschnitten würde sich die 
Bevölkerung, wenn sie blos ihrer eignen Eruchtbarkeit folgte, 
verdoppeln, vervierfachen, verachtfachen, versechzehnfäclicn 
u. s. w. Daneben sollen nun die Nahrungsmittel im aller- 
günstigsten Fall in einer arithmetischen Reihe zunehmen, d. h. 
in jedem Zeitabschnitt einen gleichen Zuschuss erhalten oder.
        <pb n="197" />
        181 
was dasselbe sagt, sieh um ihre erste Grösse nach Maassgabe 
des Zeitverlanfs vermehren. Ijetzteres crgiebt die einfache 
Zahlenreihe, während ihr die Reihe gegonübersteht, die durch 
fortwährende Vervielfältigung mit zwei gewonnen wird. Es ist 
herkömmlich, auf diese Reihen besonderes Gewicht zu legen 
während sie in der That sehr gleichgültig sind und am aller 
wenigsten eine genaue mathematische Vorstellungsart repräsen- 
tiren. Auch für Malthus waren sie nur vage Bilder, die einen 
an sich nicht allzu klaren Gedanken um Nichts verbesserten. 
Scharf ist an demselben fast gar nichts gedacht; denn die Reihe 
der Zahlen, in welcher sich mit dem Zeitverlauf die Nahrungs - 
mittel im günstigsten Falle sollen steigern lassen , wird sofort 
zum greifbarsten Widersinn, wenn man dieselbe ins Unendliche 
gehen lässt. Die Erde würde für diese Malthussche Nahrung 
bald keinen Platz zur Aufspeicherung bieten. Soll aber die 
Reihe nicht unbeschränkt gelten, dann fragt es sich , wo man 
ihr die Grenze zu setzen habe, und Malthus in seinem verwor 
renen Vorstellen hat hiefür keine Antwort. Indessen wollen 
wir ihm, der mehr an Predigen und unstät schweifende Vor 
stellungen gewöhnt war, seine dürftigen, sogenannten mathe 
matischen Ausdrucksformen nicht zu scharf prüfen. Es wäre 
dies verlorene Mühe. Wir wollen ihm im Gegentheil nach 
helfen und seine Bilder nur als das nehmen, was sie waren 
nämlich als Versuche, ein Verhältniss anzudeuten, über das er 
sich bei seiner rohen Gedankenverfassung nicht präciser auszu - 
lassen vermochte. 
Lassen wir also die beiden Reihen und untersuchen wir 
die Begriffe. Die Bevölkerung soll sich nicht wirklich so ver 
mehren, wie es geschehen würde, wenn die Geschwindigkeit 
ihres Zuwachses der Aufhäufung von Zinseszinsen ähnlich wäre. 
Sie soll vielmehr hiezu nur das Bestreben haben, an der Ver 
wirklichung des letzteren aber durch den Mangel der Nahrungs 
mittel gehindert werden. Der einfache Sinn der Idee ist also 
nichts Anderes, als dass die Menschen von Natur getrieben wer 
den, die Grenze der jedesmal gegebenen Nahrungsmittel, ja aller 
möglichen Nahrungsbeschaffung zu überschreiten. Nach welchem 
Naturgesetz die Nahrungsmittel wachsen mögen, darum beküm 
mert sich ein Malthus nicht weiter. Das Verhältniss oder viel 
mehr Missverhältniss zwischen beiden steht ihm nicht blos als 
Thatsache, sondern als immerwährende Naturnothwendigkeit
        <pb n="198" />
        182 — 
fest, und cs giebt gegen dieselbe nur Ein Mittel, nämlich die, 
avío sich später zeigen wird, höchst geistlichen Rathschlägo des 
Reverend, welcher uns von dem Zwange der Natur buchstäblich 
durch Kanzelvermahnung erlösen will. Doch lassen wir dies 
bis nachher. Vorläufig haben wir es mit dem zu thun, was 
man das Drängen der Bevölkerung auf die Nahrungsmittel ge 
nannt hat. Wie sich auch die Production gestalten möge, stets 
soll die Volksvormehrung das schnellste Tempo halten und 
allem Vorrath voraneilen, der sich zu irgend einer Zeit bcschaif'on 
lässt. Die Bedürfnisse und die Kräfte der Menschen sind hic- 
nach einander nicht im Mindesten angepasst. Die Anzahl der 
Magen vervielfältigt sich nothwendig schneller als die Kraft 
der Hände und Köpfe. Die Einrichtung der Natur ist so be 
schaffen, dass nicht die geringste Aussicht vorhanden ist, der 
Nachfrage nach Nahrungsmitteln, wie sie durch die natürliche 
Volksvermehrung entstehen müsste, irgendwie zu entsprochen. 
Der Umstand, dass mit der Nachfrage nach Ernährungsmittcln 
auch ein Angebot von Händen und Köpfen in die Welt kommt, 
stört einen Malthus durchaus nicht ; denn er denkt nur an die 
aussermenschliche oder vielmehr seiner Vorstellung gemäss un 
menschliche Natur, die er als den Inbegriff der Oesetze ihres 
und seines „makers ansieht, und deren W^irkungen er echt 
pastoral als Züchtigungen des „Herrgotts" auslegt, der über 
haupt in seinem Buch eine grosse Rollo spielt. 
Wäre in der Malthusschen »Schrift vorwiegend eine wissen 
schaftliche, wenn auch irrthümlichc Vorstellung dargelegt wor 
den, so würde dieselbe eine entsprechende Kritik und nichts 
Aveiter erfordern. So aber haben wir es wesentlich mit einem 
moralischen Missgebildc und noch dazu mit einem von jener 
hässlichsten Art zu thun, die sich selbst in den Mantel der 
Moral hüllt. Ungefähr ein Jahrzehnt vor Malthus hatte sich 
die Anziehungskraft, welche die Bevölkerungmfrage auch für 
die katholischen Priester zu haben pflegt, an einem verschla 
genen Mönch, dem Venctiancr Ortes bewährt, dessen politisch 
ökonomische Schriften in der bändcreichon Gustodischon Samm 
lung der Italienischen Nationalökonomen den unvcrhältniss- 
mässigen Raum von 7 Bänden einnehmen. Dieser Priester 
hatte auch über die Bevölkerung in einer Weise geschrieben, 
die der Malthusschen Vorstellungsart sehr nahe stand. Doch 
ist dieser Ortes trotz aller A'olkswirthschaftlichen Domjuixoterio,
        <pb n="199" />
        dio or durch dio wunderlichston Mischungen der wüstesten 
Romantik feudaler und katholischer Art bekundete, dennoch 
wenigstens politisch kein Gesinnungsverwandter des Engländers 
gewesen. Auch im sonstigen Charakter zeigte er etwas Edleres, 
indem er seinen üeberzeugungon Opfer brachte. Wir haben 
an diese Italienische Erscheinung nur erinnert, um den Ursprung 
der Liebhaberei für die subject!v behandelten Bevölkerungs 
fragen zu bezeichnen. Das Ortessche Buch ,,Reflexionen über 
die Bevölkerung in Beziehung auf Nationalökonomie (1/90) 
machte schon von dem Bilde der geometrischen Reihe Gebrauch. 
Man würde ihm jedoch Unrecht thun, wenn man die ganze 
Malthussche Verkehrtheit darin voraussetzte. Doch ist es nicht 
immer Sache der Geschichtsschreibung, sich näher mit Ver 
öffentlichungen zu beschäftigen, die zunächst wirkungslos ge 
blieben sind. Auch ein Malthus nebst seinem Buch würde an 
sich selbst keine Berücksichtigung erheischen, und es ist nur 
die Rolle im Publicum, sowie die missleitende Wirkung auf 
spätere Gestalten der ökonomischen Theorie, was uns hier zu 
grösserer Ausführlichkeit veranlasst. 
Von der historisch bekannten Vorliebe, welche die ehelose 
Geistlichkeit vielfach für die Geschlechtsfragen bekundet hat, 
scheint sich ein Theil auch über die Grenzen ihres Reichs fort 
gepflanzt zu haben. Indessen bedürfen wir im Hinblick auf 
Malthus nur einer naheliegenden psychologischen üeberlegung, 
um ihn und jene geschichtlich anerkannten Neigungen unter 
einunddieselbe Rubrik zu bringen. Der Umstand, dass sich 
erfahrungsgemäss eine gewisse Art religiöser Aflectionen mit 
der Vorliebe für die Behandlung alles desjenigen, was mit den 
Goschlechtsfragcn zusammenhängt, in schönster Paarung bei 
sammenfindet, — dieser Umstand erklärt, warum die Weit ihre 
Einweihung in eine naturwidrige Bevölkerungstheorie einem 
unglicanischen Ehrwürden zu verdanken hat. Noch viel Mehr 
erklärt sich aber, wenn wir bei dem Folgenden stets des per 
sönlichen Charakters des Urhebers eingedenk bleiben. 
4. Malthus war im Denken zu ungeschickt, um dem, was 
bei ihm Tendenz oder Bestreben zur Menschenvermehrung 
hiess, einen genauen Sinn abzugewinnen. Eine blosse Tendenz, 
die sich ganz und gar nicht verwirklichte, war nicht gemeint, 
wie aus den Vorstellungen über die nachträglichen Verwüstungen 
zu ersehen ist, welche als Zuchtruthe über die Leute kommen
        <pb n="200" />
        — 184 — 
sollen, weil sie jener Macht des Naturgesetzes nicht widerstan 
den haben. Die Tendenz realisirt sich also stets in irgend 
welchem Maass, — ausgenommen, wenn der geistliche Beirath 
des Pastor Malthns und derjenige, den er durch seine Collegcn 
künftig ertheilen lassen will, befolgt worden ist. Es gieht 
zwar nach Malthns noch einen zweiten Wog, den Heimsuchun 
gen vorzuheugen und die Bevölkerung einzuschränken; dieser 
wird aber als derjenige des Lasters nur nebenbei in Rechnung 
gezogen. Doch ist kaum zu glauben, dass die letztere Ansicht bei 
Malthns mehr als eine traditionelle, halb unbewusste Heuchelei 
gewesen sei. Der sittliche Ernst gegenüber den Schäden der 
Prostitution war in der Person von Malthns gar nicht möglich. 
Zu einem Ressentiment gegen die wahren Gebrechen der Ge 
sellschaft fehlte es ihm an der Kraft eines natürlichen Gefühls. 
Ausserdem war er, wie sich schon durch die Parteistellung 
gegen den Philanthropen Godwin klar bezeichnet fand und auch 
durch die weitere Malthussche Haltung erwiesen wird, ein zu 
ausgesprochener Anhänger des Verkehrten in den bestehenden 
Zuständen, als dass es ihm hätte einfallen können, an irgend 
eine Reform zu denken, die nicht nach rückwärts gewiesen und 
die Einschnürung zum Zweck gehabt hätte. 
Wird die angebliche Grenze der Bevölkerung dem soge 
nannten Naturgesetz gemäss überschritten, so bestehen die zu 
rückdrängenden Mittel, die das Gleichgewicht zwischen Nahrung 
und Bevölkerung nach dem Plane des Malthusschen Herrgotts 
wieder herzustellen haben, in Krieg, Seuchen und Noth. Die 
vermeintlich zu stark aufgeschossene Bevölkerung wird durch 
diese drei grossen Mittel wieder decimirt. Offenbar ist nun 
gegen diese sogenannten „positiven Einschränkungen" kaum 
ein Wort der Kritik nöthig. Doch möchte die Erwähnung des 
Krieges als etwas bezeichnet werden können, was bei Jemand, 
der die volkswirthschaftlichen Wirkungen desselben kennt, 
einigen Humor erregen muss. Die unmittelbare Wirkung der 
Kriege besteht regelmässig darin, die Fähigkeit der Production 
ganz unverhältnissmässig stärker einzuschränken, als die An 
zahl derjenigen, welche auf Nahrung Anspruch machen. Der 
unmittelbare Menschenverlust und die Lücken in den Beschäf 
tigungen haben im Vergleich mit der Störung aller productiven 
und existenzschaffenden Thätigkeiten kaum eine Bedeutung. 
Rechnet man aber diese indirecten Verwüstungen der volks-
        <pb n="201" />
        185 
wirthschaftlichen Hervorbringiingskräfte etwa auch zu den deci- 
mirenden Ursachen, so werden die letzteren siclierlich nicht im 
Malthusschen^ Sinne wirken. Sie werden das Gleichgewicht 
nicht hcrstellcn, sondern dasselbe, wo es vorhanden war, stören; 
wo es aber ans irgend welchem Grunde fehlte, in ein noch ent 
schiedener gesteigertes Missverhältniss verwandeln. Sie werden 
grade das am meisten einschränken, was in der groben Vor 
stellungsart von Malthus als Nahrung figurirt. Wir müssen 
nämlich nebenbei daran erinnern, dass zwischen Existenzmitteln 
und blossen Nahrungsmitteln ein gewaltiger Unterschied besteht, 
auf den der Verfasser der Bevölkerungsschrift so gut wie gar 
keine Rücksicht genommen hat. 
Was die Seuchen und den Hunger anbetriift, so stören sie 
den Gang der Production allerdings nicht in einem so sicht 
baren Maass, wie es der Krieg thut. Allein es dürfte auch 
ziemlich leicht zu veranschlagen sein, dass sie den Wirthschafts- 
kräften durch Entziehung von persönlichen Fähigkeiten und 
durch die Störungen, mit denen das Elend auf die Gesellschaft 
und deren Tüchtigkeit zurückwirkt, einen bedeutenden Eintrag 
thun müssen. Die Menschenkräfte, welche auf diese Weise 
verloren gehen, hätten mehr leisten können, als sie selbst in 
Anspruch nahmen, d. h. sie hätten im Verein mit der übrigen 
Gesellschaft zu deren und ihrem eignen Nutzen mehr gewirkt, 
als es die verringerte Kräftemenge vermag. In den Augen 
unseres Entvölkerungspredigers ist aber die Volksmenge eine 
Last, von der die höheren Gesellschaftsclassen durch die von 
ihm venerirte Art von Vorsehung befreit werden sollen. 
Nach Angabe dieser überweisen Malthusschen Vorsehungs 
mittel, die das Gegentheil von dem ihnen zugedachten Zweck 
erzielen, bleiben nun noch die vermeintlichen Heilmittel gegen 
die Schäden der angeblichen Uebervölkerung anzuführen. Er 
innern wir uns, dass nach der Malthusschen Ansicht diese 
Uebervölkerung in der Bethätigung der vorher gekennzeichneten 
Tendenz besteht. Sie ist daher auch jederzeit und überall im 
Werke; sie begleitet die Völker und die Menschheit auf allen 
Stufen der Entwicklung. Da indessen Malthus nichts weniger 
als ein consequenter Logiker war, so hat er hinterher selbst 
einen Unterschied zwischen alten und neuen Ländern gemacht 
und hiemit eine Vorstellungsart angenommen, die vom Stand 
punkt eines jeden folgerichtigen Systems verworfen werden
        <pb n="202" />
        — 186 — 
muss. Jedenfalls g’iebt es nicht zweierlei Naturgesetze der 
Monscheiivermohrung, und um ein blosses Naturgesetz, welches 
in der menschlichen Gattung in rein thicrischor Weise begrün 
det wäre , hatte sich ja unser ßevölkcrungsprincipler nur be 
müht, Sein Heilmittel musste daher eine ebenso weitreichende 
Ausdehnung haben. Es sollte in dem sogenannten moralischen 
Zwange bestehen, der unter den „vorbeugenden Einschränkun 
gen”, um in der Sprache des Autors zu reden, neben dem 
Laster steht und den tugendsamen Weg bezeichnet, sich der 
früher geschilderten Zuchtruthe und gerechten, auf das sünd- 
liche Bestreben folgenden Strafe zu entziehen. Ich muss um 
Entschuldigung und Geduld bitten, dass ich im Interesse der 
Wahrheit den Geschmack des Lesers mit dem Bericht über 
solchen geistlichen Gail im atinas und solche beschränkte Vor- 
sehungsspiclerci behelligen muss. Da es indessen mit der 
Englisch redenden Welt durchschnittlich nach dieser Seite hin 
sehr schwach bestellt ist und die gegen Malthus geübte Kritik 
jene Ungeheuerlichkeiten dort nicht vom gehörigen Standpunkt 
blosgestellt hat, vielmehr zum Theil nur von einer gleichartigen, 
wenn auch entgegengesetzten Superstition ausging, so möchte 
es dem Deutschen Geschichtsschreiber wohl am ehesten ziemen, 
auf den Abgrund dieser Verkehrtheiten deutlich hinzuweisen. 
Die „moralische Einschränkung” soll nach Malthus in der 
Enthaltung von der Ehe bestehen. Dieser Verzieht hat jedes 
mal einzutreten, wo nicht vollständige Sicherheit vorhanden 
ist, eine grosse Familie ernähren zu können. Der Arbeiter, 
dessen Lohn ausreiche, allenfalls zwei Kinder zu erhalten, werde 
bei einem halben Dutzend dazu nicht mehr im Stande sein. 
Hionach soll der einzelne Privatmensch und noch obenein der 
Arbeiter, der durch jeden Wechsel der Verhältnisse, bisweilen 
aber auch durch blosse Willkür des Arbeitgebers seiner Existenz 
mittel beraubt werden kann, für einen ganzen Lebenslauf vor- 
aussohen, was sein wirthschaftliches Schicksal sein werde. Erst 
wenn er die Gewissheit hat, unter allen Umständen existiren 
zu können, ohne der Malthusschen Zuchtruthe zu verfallen oder 
gar der Armenpflege lästig zu werden, soll er nach den Grund 
sätzen unseres Entvölkerungspriesters heirathen dürfen. Der 
letztere ist jedoch in den Mitteln, die er für die Beibringung 
seines moralischen Zwanges angewendet wissen will, noch ver- 
hältnissmässig gnädig. Er verlangt nichts weiter als eine gänz-
        <pb n="203" />
        187 
liehe Aufhebung der öffentlichen Armenunterstützung. Die 
Armen sollen sich selbst und dem rein zufälligen Mitleid Ein 
zelner überlassen werden ; aber auch bei diesen zufälligen Spen 
den empfiehlt Mallhus gehörige Kargheit. Ganz besonders hat 
er es auf die armen und verlassenen Kinder gemünzt. Sein 
Vorschlag, wie er ihn in der dritten Ausgabe seines Buchs (1806), 
also in einem Alter von 40 Jahren machte, war folgender. Ein 
Gesetz hebt die Pflicht zur Armenunterstützung auf, jedoch so, 
dass noch ein Jahr lang für eheliche, zwei Jahr aber für un 
eheliche Kinder der bisherige Zustand bestehen bleibt. Von 
diesen Zeitpunkten an tritt aber das Gesetz in aller Strenge 
in Kraft. Um nun aber die „moralische Einschränkung” ins 
Spiel zu setzen, wird bei jedem Aufgebot eine Kanzelvormah- 
nung verlesen, welche die Quintessenz der Malthusschen Prin 
cipien an das Volk und an das betreffende Paar bringt. Als 
dann stehen noch die beiden Wege offen, und wer nicht noch 
bei Zeiten einlenkt und die in Aussicht gestellte Zuchtruthe 
verachtet, dessen Kinder sollen dann erbarmungslos preisgege 
ben werden und nicht die geringste Hülfe zu erwarten haben. 
Dieser Plan verdient keine Kritik; aber in Bücksicht auf seine 
Ausführbarkeit würde es nöthig gewesen sein, dass die künf 
tigen Vorsteher der Armensprengel am besten aus lauter 
¡Sprösslingen der Familie Maltlius bestanden hätten. Jedenfalls 
dürfte zu allen Zeiten die Aufbringung eines Contingents von 
Gesinnungsgenossen grade in der Praxis grosso Schwierigkeit 
haben. 
Wir kennen jetzt das Wesen des sogenannten moralischen 
Zwanges, der in Wahrheit ein sittliches Missgebilde ist. Die 
Privatmoralisten mit ihrer beschränkten, immer nur an den 
Einzelnen denkenden Auffassung, haben selbstverständlich in 
soweit Recht, als es sich nur um den dürftigen Gemeinplatz 
handelt, dass Jedermann mit Ueberlegung verfahren und im 
Allgemeinen keinen Schritt thun solle, von dem er mit über 
wiegender Wahrscheinlichkeit absehen kann, dass er nicht blos 
ihn, sondern auch eine Familie dem Existenzmangel aussetzen 
Werde. Allein es besteht ein grosser Unterschied zwischen der 
absehbaren Wahrstheinlichkeit der Noth einerseits und der 
Gewissheit der jederzeit befriedigenden Ernährung andererseits. 
5. Malthus sprach den Menschen das Recht auf Existenz 
Und sogar ausdrücklich den später so berühmt gewordenen
        <pb n="204" />
        — 188 
Anspruch ab, als Arbeiter auch wirklich von der Gesellschaft 
beschäftigt zu werden. In andere Worte gefasst und einer ge 
nauen Idee von der Gerechtigkeit entsprechend forinulirt, liiess 
dies soviel, als behaupten, dass kein Unrecht, d. h. keine Ver 
letzung darin läge, wenn die nicht selbständigen Schichten oder 
gar die eigentlich Armen ihrem zufälligen Schicksal überlassen 
würden. Die übrigen Classen hätten nicht nOthig, irgendwie 
Gewissensregungen zu empfinden, wenn viele Bestandtheile der 
Gesellschaft dem Elend hüll los preisgegebon würden. Es sei 
ja die sündliche Vermehrungstendenz an allem Uebel schuld, 
und Niemand könne sich darüber beklagen, wenn er durcii 
Uebervölkerung leide. Wollten die Arbeiter die Löhne erhöht 
haben, so bestehe das einzige sichere Mittel darin, dass sie 
selbst ihre Zahl niederhielten. Mit dieser letzteren Empfehlung 
scheint es jedoch unserrn Reverend nicht einmal sonderlich 
Ernst gewesen zu sein. Der Anwalt der behäbigen Classen 
wusste sicherlich, dass cs mit einer solchen Minderung des 
Arbeitsangebots gute Wege hätte. 
Der Ausdruck dieses widerwärtigen Egoismus war in seiner 
nacktesten Gestalt in der ersten Ausgabe unter dem Schleier 
der Anonymität am stärksten gewesen. Auch noch die folgende 
hatte allzu greifbare Sätze enthalten, welche der klüger ge 
wordene Priester nachher wegliess oder abschwächte. Indessen 
blieb die Sache dieselbe, wenn auch die angreifbarsten Wort 
formeln in Wegfall kamen. Zuerst hatte sich der liebens 
würdige Grundgedanke dahin geäussert, dass diejenigen, für 
welche die Tafel des Lebens nicht besetzt wäre, sich wegzu 
begeben hätten, und dass dieses Gesetz auch wirklich von der 
Natur vollzogen werde. Später hatte sich die Haut solcher 
Gedanken etwas mehr geglättet, ohne dass jedoch das, was 
darin steckte, seinen Charakter irgend verändert hätte. Im 
Gegentheil war der ganze Gegenstand, Inhalt und Form zu 
sammengenommen, nur noch geeigneter geworden, seine Be 
wegungen auf dem schlüpfrigen Boden gehörig auszuführen. 
Hiezu dienten ihm wässerige, aus Reise werken zusärnmenge- 
tragene Beschreibungen, die man viele Seiten lang durchlesen 
kann, ohne einen einzigen eigentlichen Gedanken anzutreffen. 
Ferner wurden allerlei Gefühle von der bekannten zweideutigen 
Mischung angeregt, und die Darstellung schlängelte sich häufig 
genug am Leitfaden solcher Mixturen von erbaulicher Moral
        <pb n="205" />
        — 180 — 
# 
und falöclicr Malerei einer gewissen Art von Empfindungen 
hin. Diese widerwärtige Virtuosität, die einem Maltlius indi 
viduell, mehr als ihm von Borufswegen zukam, eigen gewesen 
ist, fand sich selbstverständlich mit einer zur zweiten Natui; 
goLrdenon Hypokrisio vereinigt. Die Schleichwendungen, die 
noch nicht einmal den Namen von Sophismen verdienen, müssen 
dem mit schärferer Aufmerksamkeit folgenden Leser überall 
da entgegentreten, wo es sich überhaupt um eine Art Gedanken- 
veidcettungr luad iiicht Iblos iim gedanlœnleerQ IBeschrtnbungen 
handelt. ,• • 
Der Hauptgrund, den Malthus geltend macht, um die 1 reis- 
oebung der Hülfs- oder Arbeitslosen zu rechtfertigen, ist die 
Berufung auf die angebliche Unmöglichkeit, die nicht künstlich 
cingedämmtc Bevölkerung wirklich zu ernähren. Es ist dieser 
Grund das einzig Vorstandesmässige, was übrig bleibt, wenn 
man die theologischen Bestandtheile entfernt. Nun hat aber 
unser Entvölkerungslehrer ganz ausser Acht gelassen, dass, 
selbst wenn seine Idee von der Vermehrungstendenz richtig 
wäre, aus derselben noch nicht im Mindesten folgen würde, 
dass sich die Natur mit ihrem mächtigen Gesetz einer Malthus- 
schen Kanzelvermahnung und den kurzsichtigen Wünschen zu 
unterwerfen hätte, die etwa ein Theil der höheren Gesellschafts- 
ciassen in falschem Anschluss an den priesterliehen Advocaten 
hegen möchte. Von seinem ¡Standpunkt aus hätte sich Malthus, 
wenn er überhau%it eines freien Gedankens fähig gewesen wäie, 
sagen müssen, dass diejenigen, welche den todbringenden Exe- 
cutionsmitteln der Natur entgegengehen, nichts zu verlieren 
haben, wenn sie, anstatt das Schicksal duldend über sich er 
gehen zu lassen, sich eine Bahn zu brechen suchen und, wenn 
es sein muss, die Procedur durch einen activen Kampf um das 
Dasein heroisch abkürzen. Allein so etwas wäre für den klein 
lichen und beschränkten Privatmoralisirer, der von den grossen 
Zügen der Natur und des Lebens so gut wie nichts begriffen 
hatte, eine unnahbare Idee gewesen. Er hätte vor derselben 
noch mehr zusaminenschrumpfen müssen, und in der That- hat 
er sich auch stets zu absonderlichen Verschlingungen und zur 
Pormiruug eines höchst eigenthümlichen Knäuels genöthigt ge 
sehen, wenn er es auch nur mit den schwächsten Hervor brin- 
gungen der gegnerischen Denkweise und namentlich der socialen 
Vorstellungen zu thun hatte.
        <pb n="206" />
        190 
Wir dürfen uns daher nicht wundern, dass nirgend eine 
Spur von dem Gedanken anzutreffen ist, dass neben dem Ein-, 
schnürungssystem auch noch ein Ausdehnungssystom denkbar 
sei, welches, anstatt umzukehren und den Trieb der Bevölke 
rungsvermehrung niederzudrücken, vorwärts geht, um die 
nöthigen Einrichtungen zu treffen, unter denen die etwa unter 
den bestehenden Verhältnissen beeinträchtigte Existenzm&lt;)g- 
lichkeit erweitert werde. Mal thus stellte zunächst eine theore 
tische Hypothese auf, die er durch nichts als ihre eignen Wieder 
holungen und Ausmalungen unterstützte. Hierauf zog er aus 
derselben nur die eine der beiden möglichen Eolgerungon. Er 
entwickelte, wenn der Ausdruck nicht etwa schon zu hoch 
gegriffen ist, ein Ilcpressionssystem und vergase, dass aus 
seiner voreiligen Voraussetzung praktisch grade das Gegcntheil 
von dem, was er beabsichtigte, entnommen werden könnte. 
Diese Zweischneidigkeit der in der Hauptvorstellung falschen 
Hypothese hat sich später • in vielen socialen Auffassungen 
gezeigt. 
Die eben vorübergehend zugelassene Annahme, dass die 
Idee von der naturgesetzlichen Tendenz zu einer stets unver- 
hältnissmässigcn Bevölkerungsvermehrung gültig sei, ist selbst 
mit einer andern Vorstellung zu vertauschen, nämlich mit dem 
Capacitätsgesetz der Bevölkerung, welches jedoch erst bei der 
Behandlung Lists zu erwähnen sein wird. Malthus hat einer 
seits ein naheliegendes Vorurtheil, welches dem gewöhnlichen 
Menschen Angesichts gesellschaftlicher Stauungsverhältnisse 
nicht fremd bleibt, in das Gewand einer Art von Theorie ge 
hüllt, und hieran ein Recept geknüpft, für dessen Urheberschaft 
ihm die Ehre nicht verkümmert werden soll. Will nun aber 
Jemand dennoch die Vorstellungen über den Gang der Bevöl 
kerung im Malthusschen Sinn auch nur einen Augenblick als 
ein wirkliches Gesetz versuchsweise gelten lassen, so möge er 
wenigstens soviel Unterscheidungsvermögen hethätigen, alsnöthig 
ist, um eine theoretische Idee von der mit ihr nicht wesent 
lich zu verbindenden Gesinnung getrennt zu halten. Die An 
nahme eines sogenannten Malthusschen Bevölkerungsgesetzes 
würde noch keineswegs eine Gutheissung der Malthusschen Ge 
sinnung einzuschliessen brauchen, obwohl thatsächlich die An 
hänger des einen auch meist die Vertreter der andern gewesen 
sind. Wenigstens ist Letzteres insoweit der Fall, als die Kreise
        <pb n="207" />
        191 
der rechtgläubigen Fortpflanzung der Malthus - Ricardoseben 
Oekonomie in Frage kommen. Die verkehrte Gesinnung bat 
nun aber hauptsächlich in der Feindschaft gegen den Natur 
trieb und in der Zumuthung bestanden, die natürliche Sittlich 
keit durch den Verzicht auf die Ehe zu entwurzeln. Die Ehe 
ist zu einem Luxusbedürfniss gemacht worden, dem nur inso 
weit nachzugeben sei, als es für die Bequemlichkeit der be 
stehenden Zustände am besten passt. Der Proletarier, der nichts 
als seine Proles d. h. seine Kinder besitzt, soll kein Recht 
haben, als solcher zu existiren, sondern die Arbeiterschaft soll 
sich mehr und mehr selbst decimiren. Allerdings wird auch 
in dieser Richtung eine Verbesserung in Aussicht gestellt und 
die Ehe als im Wege der Reducirungen ausführbar angesehen. 
Wir haben indessen schon oben daran erinnert, dass diese Seite 
der Sache für einen Malthus die geringste Anziehungskraft 
hatte. Es bleibt also wesentlich bei der Grundvorstellung, 
dass die geordnete Art der menschlichen Existenz in der Ge 
stalt der Familie als eine Einrichtung betrachtet wird, die den 
Rücksichten auf die vermeintlich unübersteiglichen Schwierig 
keiten der vorhandenen Missverhältnisse zu opfern sei. 
Die Verherrlichung dieser Missverhältnisse als solcher 
Thatsachen, an denen der Mensch nicht rühren könne, sondern 
in die er sich ergeben müsse, — diese Glorification ist es, 
was bei näherer Betrachtung der politisch socialen Beziehungen 
die Ansichten eines Malthus noch um den letzten Rest von 
Achtung bringen muss. Den höheren Schichten der Gesell 
schaft wurde durch diese Eegitimisirung der socialen Uebel 
unter der Maske der Naturgesetze oder vielmehr Herrgottsge 
setze ein schlechter Dienst geleistet. Dennoch müssen wir, 
nachdem wir mit der individuellen Physionomie der Sache uns 
hinreichend beschäftigt haben, auch noch daran erinnern, dass 
die Zeitumstände den Malthusschen Ideen bei deren Einführung 
in das Englische Publicum äusserst günstig waren. Die Reac 
tion stand an der Wende des Jahrhunderts in voller Biüthe. 
Die Ressentiments gegen die Französische Revolution und deren 
Folgen unterstützten ein Regierungssystem, welches selbst durch 
den auswärtigen Gang der Dinge erzeugt war. Auf diesem 
Boden, auf welchem die ungefährdete Ansichtsäusserung ein 
Monopol der Anhänger des herrschenden Regime wurde, war 
natürlich die Ernte um so leichter, je mehr die Auslassungen
        <pb n="208" />
        — 192 — 
das Gepräge des Conservatismus, wenn auch nur indirect, %ur 
Schau trugen. Dies war aber mit dem Malthusschcn Buch der 
Fall, welches den gesellschaftlich herrschenden Elementen ein 
gutes Gewissen zu machen und ihnen eine Art priestcrlichcr 
Absolution zu ertheilen bestimmt war. Die Verantwortlichkeit 
der Missstände wurde auf die niedcrn Classen gewälzt, die am 
allerwenigsten im Stande waren, durch das vereinzelte Privat- 
verhalten ihrer Glieder irgend etwas zu ändern. Irn Hinter 
halte aller Beschönigungen barg sich aber eine der widerwär 
tigsten Gestaltungen der theologischen Anschauungsweise, die 
durch das jesuitische Reden von der Natur und den Natur 
gesetzen nur für den Nichtkenner der Zweideutigkeit der ratio 
nellen Aussenscite ein wenig verschleiert werden konnte. 
C. Es müsste überraschen, dass ein so dürftiger Gegen 
stand, wie die Malthusschc Bcvölkerungsidcc, das Interesse so 
stark in Anspruch genommen hat, wenn nicht die Unbestimmt 
heit des ursprünglichen Gedankens in rein theoretischer Be 
ziehung für Missverständnisse einen so grossen Spielraum ge 
lassen hätte. Das angebliche Gesetz bezog sich auf das Ver- 
hältniss der Menschenzahl und der Nahrungsmenge. Es trennte 
beide Weiten als zwei Gebiete, deren jedes seine besondern, von 
dem andern unabhängigen Eigenschaften und Entwicklungs- 
ijormon hätte. Auf der einen Seite stand die Natur oder der 
Grund und Boden mit einer isolirt gedachten productiven Kraft; 
auf der andern befand sich der Mensch mit seiner ebenfalls 
isolirt gedachten Vermehrungstendenz. Man sieht aus diesem 
Gegensatz, dass ein Malthus noch nicht einmal ernstlich von 
der Smithschen Volkswirthschaftslehre ausging, sondern in den 
gröberen Vorstellungen verblieb, welche an die Bodenfrucht 
barkeit, nicht aber an die Arbeit als die entscheidende Quelle 
der Reichthümer und der Existenzmöglichkeiten denken. In 
der That findet man auch bei näherer Prüfung der rein national 
ökonomischen Vorstellungen des Bevölkerungstheoretikers, dass 
der letztere sehr weit davon entfernt geblieben ist, die Volks- 
wirthschaftslehre Adam Smiths zu verstehen. Freilich sind 
seine rein wirthschaftlichen Ideen auch nicht zur Physiokratie 
zu rechnen; denn die blosse nichts weiter als ein populäres 
Vorurtheil vertretende Meinung, dass der Bestand an frucht 
barem Boden die in erster Linie entscheidende Thatsacho sei, 
kann noch nicht darauf Anspruch machen^l^,, physiokratischo
        <pb n="209" />
        193 
Wissenschaft zu gelten. Es bleibt uns daher nichts übrig, als 
die einfache Thatsache auszusprechen, dass Malthus von vorn 
herein nur sehr untergeordneten und rohen Anschauungen folgte 
und ofíbnbar vorsilumt hatte, sich hinlänglich mit dem Geiste 
und der Denkweise der Smithschen Ockonomie vertraut zu 
machen. Hienach kann es uns denn auch nicht Wunder neh 
men, dass gegenw^ärtig, wenn man von den verschulton Ge 
stalten der Oekonomie absieht, die lebensvollere Entwicklung 
der Volkswirthsehaftlichen Ideen und Thatsachen bereits in 
einem grossen Umfang zur Beseitigung des theoretischen Mal 
thusianismus geführt hat. Wo derselbe jedoch bei einer unbe 
fangenen, nicht blos von der Rücksicht auf die Erhaltung der 
Schulmonopolo geleiteten Auffassung einen Anschein von Wahr 
heit bieten mag, liegt regelmässig die Verwechselung des Mal- 
thusschen Princips mit solchen Einsichten zu Grunde, die mit 
dem crstcron nur eine äusserliche Aehnlichkeit gemein haben. 
Der allgemeine Satz, dass die Lebensbedingungen auch die 
Lebensentwicklung bestimmen, und dass, ausser der Hervor- 
bringung der Existenzbedingungen durch die Bevölkerung selbst, 
auch noch eine Rückwirkung der Zustände auf die Verände 
rungen der Bevölkerungszahl statthabe, ist nicht im Entfern 
testen ein Ausdruck dos Malthusschen sogenannten Gesetzes, 
sondern das Gegcntheil desselben. Ursächliche Beziehungen 
zwischen Bevölkerungsmenge und Existenzmöglichkeit ergeben 
bestimmte socialwirthschaftliche Gesetze, in denen die Zusam 
mengehörigkeit der beiden Seiten des Verhältnisses anerkannt 
wird, die aber nur dem flüchtigen Betrachter als Begriffe er 
scheinen werden, die mit dem Malthusschen vermeintlichen 
Gesetze auch nur zum Theil zusammenffelen. 
Zweites Capitel. 
Ricardo und die Vorstellungen von der Bodenrente. 
Malthus hatte die roheren Ideen über die Rolle der Boden 
fruchtbarkeit bereits in einer Weise vertreten, deren Anerken 
nung diirauf deutete, dass man in dieser Richtung der Reaction 
gegen das Ilauptprincip Adam Smiths noch mehr gewärtigen 
nuissto. Auch ist es eine der natürlichsten Erscheinungen, dass 
die älteren Vorurtheile auch nach der umfassenden Eormulirung 
Duliriiig, Ocbcliiclile der ísiUioualOkoiioiuie. Auílnge. 13
        <pb n="210" />
        194: 
einer neuen AuíFassungsart wieder auftauchen und sich mit 
einem Theil der bessern Errungenschaften, so gut es gehen 
will, auszugleichen und zu verschmelzen suchen. Auf diese 
Weise sind alle wissenschaftlichen Reactionen geartet, als deren 
Urbild das Verhalten Tychos zu dem Copernicanischen System 
betrachtet werden könnte, wenn diese Vergleichung nicht für 
manche Wissensgebiete zu hoch gegritfen wilre. In unsorm hc- 
sondern Fall konnten die Rückschritte um so weniger über 
raschen, als das Smithsche Werk selbst noch viele Bestand- 
theile barg, die mit seinem treibenden Grundgedanken unaus 
geglichen geblieben waren. Ein gewisses Maass von Scharf 
sinn konnte daher in Folge einer blossen Studie an der Arbeit 
des überaus sorgfältigen Schotten sehr wohl dahin führen, durch 
blosse Uebertreibungen vereinzelter Nebengedanken anschei 
nend erhebliche Umgestaltungen darzubicten. Uicser Schein 
ist der Ricardoschen llauptschrift zu statten gekommen, und 
man hat in Folge dessen den entscheidenden Umstand über 
sehen, dass dieselbe in der That nur eine höhere Art von Studio 
an dem Smithschen Völkerroichthum repräsentirt. Die renom- 
mirtestc Theorie, welche sie enthält, ist diejenige von einer 
auf die Fruchtbarkeitsunterschiedo zurückzuführenden Boden 
rente oder, wie man im Sinne des Urhebers hinzufügen muss, 
von einem derartig beschaffenen Bestand theil der Einkünfte 
des Grundeigenthümers. Diese Rentenlehre ist nun ganz und 
gar auf die Meinung gegründet, dass die Differenzen der Frucht 
barkeit die entscheidenden Ursachen des wichtigsten Bestand- 
theils des Einkommens vom Grund und Boden seien. Es ist 
also nicht der absolute Reichthum des Bodens an Pflanzen- 
nährstoffen, sondern nur die relative natürliche Ergiebigkeit 
zum Ausgangspunkt der Ideen gemacht worden. Dies muss 
man schon als einen günstigen Umstand ansehon, da das ge 
wöhnliche, ganz naheliegende Urtheil über die Sache von vorn 
herein die absolute Fruchtbarkeit ins Auge fasst und hieran 
unwillkürlich die falschen Schlüsse knüpft. Dennoch darf aber 
auch der Ricardoschen Ansicht gegenüber nicht vci’gosscn worden, 
dass die üeberschätzung der Folgen, welche die natürliche Frucht 
barkeit für die Gestaltung der wirthschaftliclien Verhältnisse 
habe, der eigentliche Grund zu dem Fehlgriff gewesen ist. In 
dieser Beziehung findet mithin zwischen Malthus und Ricardo 
eine Gemeinschaft statt, und der Unterschied bestellt nur darin,
        <pb n="211" />
        18* 
195 
dass (1er erstero ungleich roher verfahren war und für das 
Smithsche System weit weniger Yerständniss gezeigt hatte. 
In der Person Ricardos haben wir es wenigstens mit einem 
Verstände zu thun, der im Hinblick auf das von Adam Smith 
Geleistete zugespitzto Gonsequenzen gezogen und grade durch 
seine Irrthümer die Schwierigkeiten der Vereinigung wider- 
streitender Vorstellungen fühlbar gemacht hat. Letzteres möchte 
auch jetzt noch das Hauptergebniss sein, welches in systema 
tischer Beziehung aus einer Einlassung mit Ricardos Arbeiten 
erzielt werden kann. Ein sonderlich anderer Nutzen erheblicher 
Art ist nicht abzusehen, wenn man nicht etwa die Schulung 
durch ein gewisses Maass zergliedernden Unterscheidungsver 
mögens zu hoch veranschlagen will. 
David Ricardo (1772—1823) aus London, Sohn eines Hol 
ländischen Juden, erhielt eine blos kaufmännische Schulbildung 
und folgte dem Beruf seines Vaters an der Stockbörse. Mit 
dem letzteren zerfiel er durch seinen Uebertritt zur herrschen 
den Kirche. Schon im 14. Jahr war er zu Börsengeschäften 
gebraucht worden, und es gelang ihm nun auch, trotz des Zer 
würfnisses mit seinem reichen Vater, selbständig zu einem 
grossen Vermögen zu gelangen. Mit dem 25. Jahr war er 
mit einer christlichen Dame verheirathet und bereits im Besitz 
beträchtlicher Einkünfte. Von seiner Speculationslaufbahn zur 
Millionärschaft ist schon früher Erwähnung geschehen. Er 
soll ein Vermögen im Wertho von mehr als Millionen 
Thalern hinterlassen haben. Denen, die ihn fragten, nach 
Welchem Priucip man zu solchem Reichthum gelange, soll er 
geantwortet haben; kaufet, wenn euch angeboten wird, und ver 
kaufet, wenn nachgefragt wird. Auf wissenschaftliche National 
ökonomie gerioth er 1799, also 27 Jahr alt, durch ein rein zu 
fälliges Bekannt werden mit dem Smithschen Werk. An gelehrter 
oder gar classischer Bildung fehlte es ihm in Folge seiner 
Erzicliung gänzlich. Indessen hat er sich später durch einige 
naturwissenschaftliche Liebhabereien und, wie es nach den 
Berichten scheint, auch bisweilen durch Studien dieser Richtung 
zu fördern gesucht. Auch mag ihm der Mangel der gelehrten 
Verschulung, die immer erst überwunden sein will, mehr 
genützt haben, als ihm die gleichzeitige Abwesenheit der 
bessern Elemente des gelehrten und classischen Unterrmhts 
etwa geschadet hat.
        <pb n="212" />
        196 
Er begann seine Schriftstollerlaiif bahn erst 1810 und zwar 
mit einer Gelegenbeitsbroschüre über „den hoben Barrenpreis 
als Beweis der Entwertbung der Banknoten.” Die Erörterung 
über die Gestaltung der Kornzölle veranlasste bei mehreren 
publicistischen Schriftstellern die Hervorsuchung älterer und 
bisher weniger beachteter Anschauungen über die Grundrente. 
Nach Malthus und zwar in demselben Jahr (1815) ging auch 
Ricardo auf den Gegenstand ein. Eine uinfasseudcrc Behand 
lung der rein theoretischen Seite erfolgte jedoch erst in der 
Ricardoschen Hauptschrift „Heber die Principien der politischen 
Oekonomie und der Besteuerung”, welche 1817 und in dritter 
Auflage 1821 erschien. Mau begreift, dass unter den angege 
benen Verhältnissen, nachdem die Aufmerksamkeit einmal 
praktisch auf die Sache gelenkt war, die neue eingehende 
Erörterung ein Interesse haben musste. Hiezu kam noch, dass 
unser Autor die Rententheorie gegen die Einschränkungen und 
auch ein wenig gegen die Grundbesitzer dirigirte. Malthus 
hatte in ganz entgegengesetztem Sinne geschlossen und sich 
in diesem Punkt als specioller Anwalt dos Landadels bekundet, 
was übrigens mit seiner früher gekennzeichneten Stellung 
nahme vollkommen zusammenstimmte. Ricardo stand seiner 
allgemeinen Denkweise nach auf der Seite der herrschenden 
Classen und befand sich in dieser Beziehung mit Malthus in 
einem und demselben Lager. Allein er gehörte speciell dem 
Handel, d. h. einer besondern Abtheilung jenes Lagers an und 
hatte mithin auch den Gegensatz zu vertreten, der die bürger 
lichen Classen von dem Landadel trennte. Race und Berufs 
stand wiesen ihn auf ein gewisses Maass von Opposition hin, 
und so entledigte er sich einer theoretischen Aufgabe, indem 
er zugleich praktisch die Richtung andeutete, in welcher die 
Consequenzen der Rentenlehre den Ansprüchen des Grund 
besitzes entgegenständen. 
Bald nach dem Frieden von 1815 hatte sich Ricardo von 
seinen Berufsgeschäften zurückgezogen. Seit 1819 war er in 
das Unterhaus gelangt. Seine parlamentarische Thätigkeit ist 
jedoch für uns ohne Interesse, ausser etwa dadurch, dass er 
selbst brieflich eingestand, durch das Hören seiner eignen 
Stimme im Parlament in Verlegenheit gesetzt zu werden und 
unfähig zu sein, als Redner eine Rolle zu spielen. Seine Gclegen- 
heitsschrifteu aus der frühem und spätem Zeit sind ihrem
        <pb n="213" />
        197 
principiellen Inhalt nach in der Hauptarbeit vertreten, übrigens 
aber auch zusammen mit derselben in einem Bande „Werke 
nebst einer biographischen Notiz von Mac Culloch (London 1846) 
herausgegeben worden. Nur mag noch erwähnt werden, dass 
er die Ansicht hegte, es sei die Staatsschuld ganz und gar ab 
zutragen und überhaupt die sofortige Besteuerung, im Umfang des 
ganzen ausserordentlichen Staatsbedarfs für Kriegszwecke oder 
andere auf einmal viel erfordernde Aufgaben, an die Stelle der 
öhentlichen Schuldaiifnahme zu setzen. Die Geldleute hätten 
die erforderlichen Summen selbst zur Verfügung, und die 
Andern, wie z. B. auch die Industriellen, könnten ja einen Theil 
ihres Eigenthums veräussern oder an Stelle des vom Anleihe 
markt vertriebenen Staats als Privatleute die grossen Steuer 
summen von den Geldmännern borgen. Diese sich im Rahmen 
des herrschenden Systems ungeheuerlich ausnehmende Idee, 
welche übrigens auch dem Gedanken einer Uebertragung der 
Lasten von der Gegenwart auf die Zukunft nur eine äusserst 
beschränkte Geltung beimass, war zwar nicht neu, konnte 
aber ernstlich nur von Jemand vertreten werden, der trotz 
aller seiner den Augenblick beherrschenden Virtuosität im 
Privatgeschäft dennoch für den unvermeidlichen Gang der 
modernen Dinge und für die weitern Entwicklungsstrecken der 
Wirthschaftsgeschichte keinen Blick hatte. 
Bemerkenswerth ist, dass Ricardo selbst gelegentlich den 
Grundsatz des laisser aller durchbrach, den er von Adam Smith 
übernommen hatte und sonst nach Möglichkeit zur Geltung 
brachte. In seinem hinterlassenen „Plan zur Errichtung einer 
Nationalbank*’ will er wesentlich nichts Anderes, als dem Staate 
den Gewinn von der Ausgabe einlösbaren Zettelgeldes zuwenden 
und schlägt demgemäss vor, eine besondere, von der Ministerial- 
regierung nicht absetzbare, nur dem Parlament unmittelbar ver 
antwortliche Commission zu schaffen, durch deren ausschliess 
liches Recht zur Versorgung des Landes mit jeder Zeit einlös 
baren Noten die Functionen der Bank von England für das 
Zottelgeschäft erledigt und überhaupt alle Banken auf die 
übrigen Bankgeschäfte beschränkt werden sollten. Für den 
* Fall einer solchen Trennung der Zettelausgabo durch Ueber 
tragung derselben auf ein Staatsorgan machte er sich aber 
andererseits um die nicht sehr wahrscheinliche, jedoch von 
einigen Seiten angedrohte Selbstauflösung der Bank von
        <pb n="214" />
        198 
England keine Sorge. Die Mittel derselben würden in den 
Händen der Privatinhaber und in natürlicher Gruppirung mehr 
leisten und besser verwaltet werden als unter dem dcrmaligoii 
Centralinstitut. Hier haben wir also beide Seiten einmal ver 
einigt. Auf der einen Seite will Ricardo im Interesse der 
Gesammthcit ein Zettelmonopol des Staats errichtet wissen; 
auf der andern Seite hält er für alle übrigen Bankgeschäfte es 
für sehr gleichgültig, ob eine grosse Centralbank für das Land 
durch Staatsprivilegien existiré, oder ob sich die Capitalion der 
Privattheilhaber dieser Bank in anderer Weise den Bank 
geschäften zuwenden. Er veranschlagt hiebei das ausserordent 
liche Eebergewicht, welches die Privilegien im Lauf der Zeit 
gcschaflbn haben, so gut wie gar nicht und schätzt die ganze 
Wirkungsfähigkeit scheinbar nach den Capitalien, falls nicht 
etwa der verschwiegene Hintergedanke zu berücksichtigen ist, 
dass die durch die Privilegien erwachsene und zur Zeit so zu 
sagen Natur und Sitte gewordene Macht in anderer Form in 
der Breite der bankgeschäftlichen Welt wieder auf leben und 
nur ihre Inhaber wechseln werde. Hiezu kommt noch, dass 
in diesem Plan nur von einlösbaren Zetteln die Rede ist, 
während Ricardo sonst das Princip aufgestellt hatte, es liesse sich 
bei gehöriger Beschränkung der Menge ein unoinlösbares, also 
recht billiges Umlaufsmittel in gleicher Geltung mit dem Metall 
schaffen und erhalten, Ueberhaupt wird mau Ricardos theo- 
retisirendes Verhalten in den verschiedensten Richtungen am 
besten begreifen, wenn man die sich überall bestätigende 
Voraussetzung fcsthält, dass er vornehmlich durch die Betrach 
tung von dem geleitet wurde, was ihm in seiner Geschäfts 
erfahrung unmittelbar eingeleuchtct, und wofür er eine Ait 
Instinct oder Tact mit Glück geltend gemacht hatte. Indem 
er die von dieser Seite her zu Gebote stehenden Vorstellungen 
mit den Anregungen des Smithschen Werks combinirte und 
dem Zuge seiner eignen abstracten Ideenfassung folgte, gelangte 
er zu jenen Erörterungen und Darstellungen, in denen der 
Mangel einer weiter tragenden und wirklich vollständigen 
Consequenz das zunächst am meisten Auffallende ist. Dieser 
Contrast der verhältnissmässig scharfen Zuspitzung des Ein 
zelnen und Naheliegenden mit dem Verzicht auf die Berück 
sichtigung des umfassenderen Zusammenhangs erklärt sich aus 
dem angedeuteten Standpunkt und aus dem unwillkürlichen
        <pb n="215" />
        — 199 — 
Bestreben, die Theorie in den Rahmen der Anschauungen des 
Augenblicks %u fassen. Ein etwas erweiterter Horizont würde 
eine Menge von Behauptungen und Ideen um gestaltet und einen 
grossen Theil der Ricardosohen Schlussfolgerungen unmöglich 
gemacht haben. Jene höhere Art von Originalität, die mit 
positiver Schöpferkraft verbunden ist und nie in der blossen 
Zergliederung bestehen kann, wmr ihm jedoch nicht einmal im 
Irrthum eigen. Dagegen kann ihm die Virtuosität in einer, 
obwohl in der Richtung oft absonderlichen Analyse, nicht be 
stritten werden. 
2. Das berühmteste Beispiel der Bethätigung der eben er 
wähnten Fähigkeit ist die hauptsächlich im zweiten Capitel der 
Hauptschrift dargestcllte, übrigens aber in mannichfaltigcr Weise 
benutzte Lehre von der Ursache der Grundrente. Diese Doctrin 
bezieht sich auf einen Begriff, dessen Gegenstand unmittelbar 
durch keine Statistik und überhaupt durch keine Thatsachen 
controlirt werden kann, die sich aus dem Gebiet der unmittel 
baren ökonomischen Erfahrung vorlegen Hessen. Es ist näm 
lich die Grundrente, von der Ricardo handelt, nicht etwa wesent 
lich mit der Pacht oder mit dem einerlei, was der selbst wirth- 
schaftende Eigenthümer an Stelle der Pacht bezieht. Es wird 
vielmehr ausdrücklich erklärt, dass die Rente nur einen Theil 
der Einkünfte bedeuten solle, die man im gewöhnlichen Sprach 
gebrauch unter jenem Wort begreift. Dm* Gutsbesitzer ver- 
steht unter Ronto_A^ Einkünfte von "seihbn Grundstücken; 
Rícã^dcTâbor will unter diesem Namen nur einen Bestandtheil 
derselben und zwar denjenigen in Betracht ziehen, der meht 
auf das im Boden steckende Capital, sondern auf das zurüc - 
zuführen sei, was an dem Grund und Boden blosse Natur ist. 
Hicnach soll die Rente im engem Ricardoschon Sinne etwas 
sein, was für die „ursprünglichen und unzcrstörlichcn Kräfte 
dos Bodens” gezahlt wird. Es musste nun nachzuweisen ver 
sucht worden, dass der Vorstellung von einem solchen Renten- 
bestandtheil auch irgend etwas in der "W irklichkeit entspräche. 
Dies geschah, indem eine Ursache hingestellt wurde, vcimöge 
deren jener Bestandtheil erzeugt sein sollte. 
Die nähere Erläuterung dieser Ursache und ihrer Wirkungs 
art ist der Kern der Picaidoschen Rentenansicht. Sie erfordert 
um BO mehr eine genaue Wiedergabe, als sie bereits der blossen 
Geschichte angehört und in den gewöhnlichen Lehrbüchern nur
        <pb n="216" />
        noch mit Versetzungen und Abänderungen vorkommt, die ihren 
ursprünglichen Charakter verdecken und die so entstandenen 
Misch-und Missgebilde derselben vollends unverständlich machen. 
Diese üebergangserscheinungen sind im Hinblick auf die voll 
zogene Beseitigung der Ricardoschen Ansicht durch eine ent 
schieden überlegene Theorie sehr erklärlich. Doch geht uns 
diese blosse Schultaktik hier nicht weiter an, und wir haben 
nur dafür zu sorgen, dass die geschichtlich in Frage stehende 
Lehre auch wirklich in der vollen Eigcnthümlichkeit erscheine, 
die sie bei ihrem Urheber gehabt, und durch welche sie sich 
vor den gewöhnlichen Ideen ausgezeichnet hat. 
Man könnte die Ricardosche Rente als diejenige der Frucht- 
^ barkeitsunterschiede oder kurzweg als differentielles Fruchtbar- 
j keitseinkommen bezeichnen. Geht man nämlich von der An- 
] nähme aus, es würden gleiche Bewirthschaftungsmittel auf zwei 
reine Naturgrundstücke gewendet, und es sei bei dem einen 
die Gunst der Natur in Rücksicht auf die Unterstützung der 
naturalen Ertragsmenge grösser, so wird der Unterschied der 
Ergebnisse eine Bedeutung für die Rente der Grundeigen- 
thümer haben müssen, sobald man noch weiter voraussetzt, 
dass sie auf demselben Markte denselben Preis erzielen,^ Ge 
setzt, es würde durch diesen Preis im Falle des einen Grund 
stücks nur die Anwendung der Bewirthschaftungsmittel ermög 
licht, d. h. nur Capitalgewinn erzielt, so würde das andere 
; Grundstück ausser diesem Capitalgewinn noch eine Mehrein 
nahme liefern, und dieser Ueberschuss allein würde die eigent- 
; liehe Rente sein. 
Die eben dargelegte Gedankencombination ist der Kern 
der Ricardoschen Anschauungsweise. Sie besteht, wie man 
sieht, in einer Reihe von Voraussetzungen, von denen eine jede 
die Kritik herausfordert. Der Schluss aus dem fingirten Ge 
bilde könnte an sich selbst ebenso richtig sein, wie jede streng 
logische Verbindung von abstracten oder gar imaginären Be 
griffen. Es würde aber hieraus noch nicht im Mindesten folgen, 
dass jene Renten Vorstellung selbst eine thatsächliche Wirklich 
keit ropräsentirte. Sobald man alle Voraussetzungen zugesteht, 
wird man sich einem rein logischen Schluss aus denselben 
sicherlich nicht entziehen können. Allein die Ricardosche An 
ordnung dieser Voraussetzungen ist von solcher Art, dass ihnen
        <pb n="217" />
        — 201 
im Bereich der Tliatsachen der allgemeine Hergang nicht zu 
entsprechen vermag. 
Die nächste Idee, die in Frage kommt, ist die Annahme 
reiner Naturgrundstücke. Hm den Oonseqnenzen dieser Vor 
aussetzung für die Wirthschaftsgestaltung gehörig folgen zu 
können, musste auf die Urzustände zurückgegrilfen werden, und 
es begreift sich hienach leicht, dass Ricardo den Gang dei 
Bodenoultur ins Auge fasste. Er construirte sich denselben 
nach den gewöhnlichsten und am nächsten liegenden Vor- 
stellungsarten. Bei dem ursprünglichen Ueberfluss an Acker 
land habe man selbstverständlich den fruchtbarsten Boden in 
Anbau genommen und es sei eine Rente nicht möglich ge- 
wesen, da die Naturhülfe in Gestalt des Ackerlandes in grösser 
Fülle zur Verfügung gestanden hätte. Für die „ursprünglichen 
und unzerstörlichen Kräfte dos Bodens" konnte nichts verlangt 
werden, da sie einem Jeden zugänglich waren. Allem mit der 
wachsenden Bevölkerung sei die Nothwendigkeit ein getreten, 
auch Boden von einer geringeren Fruchtbarkeit anzubauen. 
Auch aus diesem weniger ergiebigen Boden zweiter Classe hätte 
sich die Bewirthschaftung lohnen und der Gewinn von den an- 
gewendeten Capitalien gedeckt finden müssen. Die Eigen- 
thümer seien also nun durch die erhöhten Preise, durch welche 
die Bewirthschaftung des ungünstigeren Bodens möglich ge- 
worden, zu einem Uoberschuss gelangt. Obwohl nur Au^ 
Wendung derselben Productionskosten genöthigt, seien sie durch 
die grössere natürliche Ergiebigkeit begünstigt gewesen. Die 
so erzeugte Differenz sei die eigentliche Rente geworden und 
erst mit dem gekennzeichneten Schritt im Gange der Boden- 
cultur entstanden. Diese Rente sei mithin keine Ursache, son 
dern eine Wirkung des Steigens der Getraidepreise. 
Man bemerke in dem Verlauf dieser Schlussart den Um 
stand, dass die Malthussche Anschauung vom Drängen der Be 
völkerung auf die Nahrungsmittel und von der immer grösser 
werdenden Schwierigkeit der Cerealienbeschafifung zu Grunde 
liegt. Man muss seine Zuflucht zu immer schlechterem Boden 
nehmen und die verschiedenen Classen desselben durchlaufen. 
So entstehen immer neue Diflferenzen für die Eigenthümei der 
besseren Bodensorten. Nur das zuletzt in Cultur genommene 
Ackerland ergiebt keine Rente, während das zuerst angebaute 
die grösste liefert. Dazwischen liegt eine Stufenleiter von
        <pb n="218" />
        202 
Renten, die immer grösser werden. Die Eigenthümer des 
Bodens erster Classe sehen ihre Rente ohne ihr Zuthim stets 
in dem Maasse vermehrt, in welchem sich die Bevölkerung auf 
immer ungünstigere Naturchancen der NahrungsheschalFung an 
gewiesen findet. Ebenso verhält es sich mit allen andern Grund- 
eigenthümern, nur mit dem Unterschiede, dass sie ihre Renten 
geschichtlich erst später datiren dürfen, und dass sie oder viel 
mehr ihre Vorgänger noch nicht gleichviole Zusätze der Rente 
zu registriron gehabt haben. Der letzte Mann ist in dieser 
Abfolge der am wenigsten begünstigte; denn seine Rente ist Null, 
und er befindet sich in dieser Beziehung heute in derselben 
Lage, als wie am ersten Tage dieser Rentenschöpfung der erste 
Mann, Der Ricardosche Rentenmythus ist, wie man sieht, eine 
Dichtung, die uns aus dem Paradiese der Bodenfruchtbarkeit 
nicht mit einem Male, sondern fort und fort vertreibt und ge 
treu den Iraditionen ihres Dichters die Menschheit mit einem 
ewigen, immer drückender werdenden Eluch belastet. 
3. Kehren wir jcdocJi von dem allgemeinen Charakter der 
zu Grunde liegenden Ideen zu den besondern Gestaltungen 
zurück, die in die Gegenwart gehörten, und für welche Ricardo 
einzig und allein einen gewissen Blick hatte. Auf diese Weise 
können wir jene Constructionen unbehelligt lassen, die sichtbar 
genug nur die ücbersetzung von naheliegenden Reflexionen in 
geschichtliche 1 hantasien gewesen sind. Die Existenz von 
Eruchtbarkeitsunterschieden, wie sie uns in der Gegenwart vor 
liegt und zu jederzeit vorhanden ist, muss ihre ökonomischen 
Eolgen haben. Die Erago ist nur die, worin diese Eolgen be 
stehen, und ob dieselben zu irgend etwas führen, was auch nur 
einen Theil der Ricardoschen Vorstellung von einer besondern 
Rente zu unterstützen vermag. 
Die verschiedene Ergiebigkeit, die auf der Gunst der Natur 
verhältnisse beruht, wird unter übrigens gleichen Umständen 
ehi Vortheil für alle diejenigen sein, welche ihre Kräfte in 
dieser lohnenderen Richtung anwenden können. Allein es sind 
erstens die übrigen Umstände, die als gleich vorausgesetzt wor 
den, thatsächlich so abweichend gestaltet und ausserdem so 
sein in eister Einie entscheidend, dass man sie in einem wahren 
System an die Spitze zu stellen und die von Natur vorhandene 
h 1 uchtbdikeit höchstens in zweiter Linie zu berücksichtigen 
hat. Zweitens würde aber auch ein Vortheil, der etwa aus den
        <pb n="219" />
        — 203 — 
FruchtbarkeitsdifFerenzeii hervorginge, noch nicht einmal aus 
schliesslich die Grundrente im gewöhnlichen Sinne des Worts, 
sondern auch den Arbeitslohn afficiren müssen. Bei Ricaido 
liegt jedoch immer die verfehlte Idee zu Grunde, dass der 
Arbeitslohn etwas wesentlich Constantes sein müsse. Bine ein 
seitige Ausbildung der Smithschen Idee, dass die Arbeit der 
Grund der Tauschwerthe sei, hatte den Autor der neuen Studie 
veranlasst, mit der Arbeit in ihrer natürlichen, vom Lohnsatz 
unabhängigen Gestalt, denken und gleichsam rechnen zu wollen, 
was zu den grössten Verworrenheiten und Widersprüchen füh 
ren musste. Eine weitere Einlassung auf diese besondern Grund 
lagen der Ricardoschen Vorstellungen würde jedoch vergeblich 
sein, da es unmöglich ist, einen aus lauter widersprechenden 
Bestandtheilen zusammengesetzten und meist mit Fictionen 
operirenden Gedankenkreis an irgend einem vereinzelten Punkt 
durchgreifend kritisiren zu wollen. Dies Messe eine Conso- 
quenz voraussetzen, die nicht vorhanden ist, und auch Ange 
sichts der Ricardoschen Ausgangspunkte und der zugehörigen 
Denkweise nicht vorhanden sein konnte. 
In allen Arten von Einkünften, kann sich und muss sich 
sogar unter bestimmten Umständen ein Bestandtheil finden, der 
sichtbar genug keinen andern Charakter als den einer Besteue 
rung oder vielmehr eines Tributs hat, vermöge dessen gewisse 
Gesellschaftsgruppen und Gesellschaftsglieder andern Gruppen 
und Gliedern etwas leisten müssen, wofür eine productive Ge 
genleistung nicht nachgewiesen werden kann. Eines der be 
kanntesten Beispiele dieser Gattung ist der Vortheil, der von 
den Eigenthümern solchen Grund und Bodens gezogen wird, 
der sich durch die Bevölkerungsfrequenz oder irgend eine an 
dere Verkchrsursache in theure Baustellen verwa,ndelt. Hier 
fällt dem Eigenthümer ein Vermögen in den Schooss und 
wächst ihm eine Rente zu, die er ganz und gar seiner Verbm- 
dung mit der Gesellschaft verdankt, und zu deren Hervorbrin 
gung er höchstens indirect und zufälligerweise ein klein wenig 
beigetragen haben könnte. Dies sind die Werth- und Ein- 
künfteerhöhungen aus socialen Positionsvortheilen. Sie haben 
mit den sogenannten „natürlichen und unzerstörlichen Kräften 
des Bodens” nichts ökonomisch Wesentliches zu schaffen. Ihre 
ganze Bedeutung beruht auf dem Verhältniss zu den umgeben 
den Capitalschöpfungen. Denkt man an das Ackerland und
        <pb n="220" />
        204 
dessen Werthsteigerung, so ist zwar irgend ein Grad natür 
licher Ergiebigkeit die unerlässliche Vorbedingung, aber keines 
wegs die bestimmende und maassgebende Ursache der Einkünfte 
grössen. Die Bevölkerung und der gewachsene Verkehr ent 
scheiden hier Alles, weil sie es sind, welche die gesellschaft 
lichen Tribute zahlen müssen. Es kann hienach keine Redo 
davon sein, die Ricardosche Ansicht von der Rente etwa des 
wegen zu verwerfen, weil sie einen Einkünftebcstandthoil vor 
aussetzt, der nicht durch wirthschaftlicho Tbätigkcit, sondern 
durch die Macht der Verhältnisse erzeugt wird. Im Gegcntheil 
hat diese Rentenansicht die Ursache eines zweiten Elements 
der Grundeinkünfte sowenig in den eigentlich socialen Be 
ziehungen gesucht, dass man ihr den Vorwurf machen muss, 
grade in derjenigen Richtung fehlgcgriffen zu haben, wo die 
Erklärung der Erscheinungen das gesellschaftliche Gebiet ver- 
liess und die blosse Naturbeschaifenheit zur Hauptgrundlago 
machte. Allerdings sollen es nicht die Fruchtbarkeitsgrado an 
sich selbst, sondern nur deren Differenzen sein, die entschei 
dend werden. Die grösste absolute Fruchtbarkeit soll, wenn 
sie gleichmässig vorhanden ist, zu keiner eigentlichen Rente 
führen. Indessen bleibt doch auch diese Vorstelluiigsart noch 
immer in der Meinung befangen, als wenn irgend etwas We 
sentliches in der Gestaltung der wirklichen Rente auf Rech 
nung der bunten Fruchtbarkeitsvariationen zu setzen wäre. 
Ausserdem wäre die Fassung des Gedankens, auch wenn er 
übrigens richtig sein könnte, noch immer darin verfehlt, dass 
angenommen wird, es werde etwas direct für jene unterschied 
lichen Eigenschaften des Bodens nach Maassgabe der Grösse 
derselben gezahlt. Die neuere exacte Vorstellung, wie sie in 
meinem „Cursus” ausführlich dargelegt ist, hat diese rohe Denk 
form verwerfen und sich unmittelbar an die Verwerthung der 
Macht halten müssen, welche das auf die sociale Position ge 
richtete Recht in dem gesellschaftlichen Verkehr mit sich 
bringt. Die sogenannten natürlichen und unzerstörlichen Eigen 
schaften sind bei diesen Veranschlagungen nur ein vereinzelter 
Gesichtspunkt und kommen nur als indirecte Ursachen zweiter 
oder dritter Ordnung in Frage. Die Fruchtbarkeitsunterschiede 
begründen selbstverständlich auch Verschiedenheiten in den 
Chancen der Anwendung von Arbeit und Capital. Allein diese 
Trivialität ist weit davon entfernt, die besondere Gestalt der
        <pb n="221" />
        205 
Ricardoschon Rente zu ergeben. In den Chancen bestehen bei 
ieder wirthschaftlichen Thätigkeit Differenzen, von denen sich 
ein Theil rein auf die Gunst oder Ungunst der Natur zurück 
fahren lasst. Diese vorhältnissmassige Ungunst könnte man in 
allen möglichen Fallen so behandeln, wie es Ricardo im 1 all der 
geringer werdenden Fruchtbarkeit gethan hat. Es giebt keine 
Industrie, welche nicht durch Natur Voraussetzungen, die kei 
neswegs im Boden zu liegen brauchen, mehr oder minder be- 
o-ünstigt gedacht werden muss. Der Mensch mit seinen remen 
Natureigenschaften und mit seiner relativen klimatischen h esse- 
lung ist OB durchaus nicht allein, was man hier vorzugsweise 
zu berücksichtigen haben würde. Die meteorologischen Bedin 
gungen des Erfolges wirthschaftlicher Thätigkciten haben auch 
ihre Differenzen, und wenn man einmal Gewicht auf die btufen- 
leiter der Unterschiede legen will, so wird man in keiner Richtung 
um die entsprechenden Thatsachen in Verlegenheit gerathen. 
4. In Festhaltung des wirklich Geschichtlichen haben wir 
die Rente der Fruchtbarkeitsunterschiede als die eigenthümlich 
Ricardosche gekennzeichnet. Es muss hinzugefügt werden, dass 
die Vortheile der Lage” zur gelegentlichen Erwähnung kom- 
menl aber in der Gestaltung der Theorie ganz und gar zurück- 
treten. Die Entfernungsunterschiede in Rücksicht auf irgend 
welche Knotenpunkte des Verkehrs sind allerdings von \iel 
o-rösserer Wichtigkeit, als die Fruchtbarkeitsdifíerenzen; aber 
grade bei ihnen zeigt sich die Hinfälligkeit derRicardoschen 
Rententheorie am deutlichsten. Auf demselben Centralmaikt 
wird für das nahe und ferne Getraide derselbe Preis gezahlt. 
Der entferntere Landwirth muss sich, wenn man alle übrigen 
Umstände als gleich voraussotzt, für Rechnung der Transport- 
kosten einen grossem Abzug gefallen lassen. Dieser Unistand 
kann aber nicht so ausgolegt werden, als wenn der nahe Land- 
wirth diesen Abzug ohne Gegenleistung gewönne. Der Ver- 
sorgungsrayon dehnt sich, abgesehen von Transporterleichte- 
rungen, in dem Maasse aus, als die nahe intensive Gultur be 
reits gesteigert worden ist. In diesem Falle wird aber die wirk- 
liche Rente sichtbar genug das Gepräge des Capitalgewinns 
erhalten haben, und es kann von der Ricardoschon Schluss- 
weise nicht mehr die Rede sein. Dieses unrichtige Schliossen 
besteht nämlich in der Ziehung der Differenz ohne gehörige 
Rücksicht auf den Umstand, dass in der Nähe und in der Ferne
        <pb n="222" />
        206 
ganz und gar nicht die gleichen Wirthschaftsmittel, Arheits- 
und Capitalaufwendungen, zu Grunde liegen. 
Hiemit sind wir aber bei einem Punkt angelangt, der in 
der Ricardoschen Ansicht der befremdlichste ist und am aller- 
ehesten hätte dahin führen sollen, die Irrthümer dieser Theorie 
zu erkennen. Dasselbe, was durch die Ausdehnung der Acker- 
cultur auf schlechteren Boden bewirkt werde, soll auch cin- 
treten, wenn statt dessen der ursprünglich fruchtbarste Boden 
mit Aufwendung von mehr Capital in verhältnissmässig weniger 
ergiebiger Weise ausgenutzt wird. Die Hinzufügung neuer 
Wirthschaftsmittel soll nicht soviel liefern als die alten Mittel 
von gleichem Umfang. Der neue Zusatz von Arbeit und Capital 
wird als unergiebiger vorausgesetzt, als die vorangehende Capi- 
talzuführung. Die Verlegenheit und das Drängen der Bevölke 
rung gelten auch hier als die eigentlich treibende Ursache. Im 
Sinne Ricardos würde man sicherlich kein Capital ungünstiger 
als früher an wenden, wenn nicht die Verhältnisse in diese Ver 
wendungsrichtung trieben. In diesem neuen Stadium zeigt es 
sich nun aber, wie das zuletzt angebrachte Capital dieselbe 
Rolle spielt, welche sonst dem auf dem schlechtesten Boden 
wirksamen Capital zugetheilt wurde. Fasst man beide Gesichts 
punkte zusammen, so wird aller Boden für den Anbau un 
günstiger. Der neue Boden ist der unfruchtbarste, weil es ihm 
an Pflanzennährstoffen fehlt; der alte Boden wird als mit Capital 
soweit gesättigt angesehen, dass ein neuer Zusatz von Wirth- 
schaftsmitteln nur noch eine verhältnissmässig schwächere Ver 
mehrung des Ertrages ergeben könne. In diesem letzteren Fall 
soll für den Eigenthümer ebenfalls eine Rente entstehen, die 
sonst noch gar nicht vorhanden war. Da es nach Ricardos 
Meinung nicht zweierlei Gewinnsätze vom Capital geben kann, 
so muss das zuerst aufgewendete Capital jetzt eigentliche Rente 
übrig lassen, und der Grundherr soll im Stande sein, sich diesen 
Uebcrschuss in Gestalt eines Thcils der Pacht zu sichern. Die 
Ungunst in der Verwendung der Mittel ist hier wiederum der 
Grund der Entstehung des eigenthümlichen Rentenbestandtlieils. 
Die Fruchtbarkeit in ihrem natürlichen und unzweideutigen 
Begriff tritt ein wenig zurück und macht einer solchen Vor 
stellung von der Ergiebigkeit Platz, wie sie sehr leicht zn 
Täuschungen führen kann. Ricardo selbst hat offenbar nichts 
weiter als die Annahme im Auge gehabt, dass vermöge der
        <pb n="223" />
        H 
— 207 — 
natürlichen BcschafFenheit des Grund und Bodens dem durch 
die Häufung der Wirthschaftsmittel zu erzielenden Erfolg eine 
Grenze gesetzt werde, und dass die Ergiebigkeit nicht propor 
tional mit der Zuführung von Mitteln zu wachsen vermöge. 
Aus dieser Voraussetzung hat er geschlossen, und wenn die 
blosse Gonsequenz aus beliebigen, an sich selbst denkbaren 
Vorstellungen stets entscheidende Aufschlüsse über den wirk 
lichen Gang der Dingo liefern müsste, so würden zwar noch 
viele Einwendungen gegen die Rentenvorstellung übrig bleiben; 
allein es würde sich wenigstens ein Anhaltspunkt ergeben, um 
von den Abstractionen unmittelbar zu den Thatsachen über 
zugehen. Die Vorfrage besteht hier aber grade darin, ob er- 
fahrungsmässig der Fall der Anwendung von Capital mit immer 
geringerem Erfolg wirklich vorliege oder der Regel nach ein- 
treten müsse. Man hat, und zwar namentlich Stuart Mill, diese 
Hypothese für ein Grundgesetz der Entwicklung erklärt und 
sich gerühmt, durch die entsprechende Idee die wirthschait- 
lichen Erscheinungen weit besser, als jemals zuvor, erklären 
zu können. Im Hinblick auf diese Meinung ist also die Rich 
tung der Ricardoschen Anschauungsweise von Wichtigkeit, und 
jo nachdem man den entsprechenden Gedanken beurtheilt, wird 
man der einen oder der andern Gestaltung der Systeme an- 
häugen. Für die Geschichte der wissenschaftlichen Grundvor 
stellungen ist grade in der jüngsten Zeit die Beachtung jenes 
Gesichtspunktes sehr erheblich. In dem Zusammenhänge 
aber, mit welchem wir cs augenblicklich zu thun haben, darf 
nicht vergessen werden, dass der allgemeine Gedanke von der 
Erschöpfung der guten Bewirthschaftungschancen in der Rich 
tung auf irgend eine blosse Naturhülfsquelle viel weitei reicht, 
als das Ricardoscho Rcntengcbilde. Die verfehlte Eigenthüm- 
lichkeit des letzteren würde sich auch dann noch nicht in eine 
Wahrheit verwandeln, wenn jene Abnahme der Ergiebigkeit 
zu Grunde gelegt werden könnte. 
Um jedoch nicht aus Ricardos eignem Gedankenkreis her 
auszutreten und schon ganz andere Theorien einziimischen, die 
zur Widerlegung nicht noth wendig sind, so machen wir nur 
darauf aufmerksam, dass sich das Rcntengcbilde mit der vor 
her erläuterten Wendung unter den Händen seines eignen Ur 
hebers in einen differentiellen Capitalgewinn verwandelt hat 
und auf diese Weise wenigstens eine andere Form zur behau
        <pb n="224" />
        208 
trägt. Diese letztere Gestalt, die mit der ursprtingliclien Yor- 
stellungsart in Widerspruch steht, ist die verhältnissmässig 
bessere und hätte dazu dienen können, den Grundirrthum der 
Theorie überwinden zu helfen, wenn so etwas überhaupt den 
Vertretern Ricardoscher Aiiffassungsarten in den Sinn gekom 
men wäre. Es sind stets die Mittel, die unter Voraussetzung 
gleieher Beschaffenheit und gleichen Umfangs verschiedenen 
Naturverhältnissen gegenüber auch einen verschiedenen Erfolg 
ergeben müssen, und man muss daher alle Differenzen dieses 
Erfolges, so sehr sie auch von den Naturchancen horrüliron 
mögen, auf diese Mittel selbst, d. h. auf Arbeit und Capital 
verrechnen. Dies ist die natürliche Gedankengestaltuug. Sie 
wird praktisch um so nothwendiger, als es ja auch übrigens in 
erster Linie die Oapitalgrundlagen sind, welche weit mehr, als 
die reinen Naturverhältnisse, die Gestaltung der Erträge und 
der Einkünftegrössen bestimmen. Offenbar hat die irrtbüm- 
liche Gestaltung der Smithschen Capitalthoorio das Ihrige dazu 
beigetragen, Rieardo in die ganz verkünstelten Begriffsfassungen 
zu treiben, und es ihm unmöglich zu machen, sich von den 
Widersprüchen zu befreien, die ihn auf jedem Schritt begleiten. 
Bedenkt man, dass die Vorstellungen vom Capital bei ihm den 
Stützpunkt bilden, um diejenigen der Rente abzugrenzen, so 
ist klar, dass sich jeder Fehlgriff in Rücksicht auf den ersteren 
Begriff durch die entsprechende Unbestimmtheit oder Schwie 
rigkeit der zweiten Vorstellung vermehren muss. Es bieten 
sich daher von dieser Seite für die Kritik noch mannichfaltigc 
Gesichtspunkte dar, aus denen die Unhaltbarkeit des Renten 
gebildes einleuchten kann. Wir gehen jedoch hierauf nicht ein, 
da für die Geschichte der Lehre ein anderer Umstand weit 
wichtiger ist. 
Das Unpraktische des Ricardoschen Rentengebildes zeigt 
sich bei dem Urheber selbst, sobald er mit Fragen der that- 
sächlichen Anwendung in Berührung kommt. So entwickelt 
er z. B. bei der Erörterung der Besteuerung des Grundein- 
kommons die Ansicht, dass sein Rentengebilde ein gutes Steuer 
object abgebe. Allein die wirkliche Rente bestehe ausserdem 
aus Capitalgcwinn, und aus diesem Umstande ergebe sich das 
Gcgentheil. Wenn jemals von einem Autor selbst etwas dazu 
gethan worden ist, die Kluft zwischen seinen künstlichen Bc- 
griffsgcbildcn und den natürlichen Vorstellungen der Wirklich-
        <pb n="225" />
        _ 209 — 
keit sichtbar zu machen, so ist es in diesem Fall durch Ricardo 
o-eschehen. Es ist daher auch gar nicht nöthig, eine grosse 
Zurüstung neuer Einsichten aufzuwenden, um die verkünstelten 
und durch die Erfahrung nicht unmittelbar controlirbaren Be- 
hauptungen als irrthümlioh zu erkennen. Eines Gegenbeweises 
bedarf es daher im eigentlichen Sinne dieses Worts gar nicht; 
man hat sich eben nur zu überzeugen, dass es von vornherein 
an einem hinreichenden Beweis gefehlt habe. 
iedes Glied der vermeintlichen Nachweisung mit Rück^cht 
auf die Begriffe von Capital und Rente und auf die Ein 
mischung der Malthusschen Vorstellungsart untersucht, so wird 
man oinsehen, dass auch nicht ein einziger Schritt in dem gesam^ 
ten Gange der Construction als gänzlich unanfechtbar d^teht. 
Auf die falsche Theorie der Concurrenz, derzufolge die Preise 
und Austauschverhältnisse als durch die ungünstipten Chancen 
bestimmt gedacht worden, brauchte nicht einmal eingegangen zu 
werden. Doch würde durch eine Untersuchung dieser Seite der 
Sache das ganze Gebäude vollends Zusammenstürzen. Da in- 
dessen dieser Punkt gar nicht ausschliesslich Ricardo, sondern 
die principiellen Grundlagen des grössten Theils der bisherigen 
ökonomischen Theorien angeht, so würde die Bethätigung dieser 
Art von Kritik hier zu weit vorgreifen. Es bleibt dalmr nur 
noch übrig, an einige Bestandtheile der Ricardoschen Theorie 
zu erinnern, die mit dem geschichtlich Vorausgegangenen in 
Beziehung stehen. •, 
5. Die Haupteigenthümlichkeit der Veränderung m dei^ 
Rcntenlehre ist von Manchen in der Idee gesucht worden, dass 
die Rente nicht die Ursache, sondern die Wirkung der bohei^ 
Preise sei. Sie ist hienach ein Rest, der übrig bleibt und nicht 
nothwendig vorhanden zu sein braucht. Nicht weff der Grund 
besitzer jenen Rontonbestandtheil bezieht, seien die Preise ho ei, 
sondern weil sie gestiegen seien, beziehe er den Ueberschuss 
über den noch unter den ungünstigsten Umständen g^eckt^ 
Gapitalgewinn. ln einer allgemeinen Gestalt ist die l^trach- 
tung der Rente als einer Wirkung, nicht als einer Ursache 
der Preise, auch in dem Smithschen Werk eingestreut, ohne 
dass eine Ausgleichung dieser Vorstellung mit derjenigen 
der Zerlegung des Preises in seine drei Elemente (Arbeitslohn, 
Gapitalgewinn und Rente) stattgefunden hätte. Es sei hiebei 
daran erinnert, dass die Art und Weise Adam mitis le 
Düliriiig, Oescliichte der Nationalökonomie, li. Auflage. 14
        <pb n="226" />
        210 
äusseiiiclie Vereinigung von Vielerlei möglich machte, was hoi 
tieferem Nachdenken und strengeren Schlüssen eine gegen 
seitige Einschränkung erfordert haben würde. Derartige Ein 
schränkungen liegen oft nahe genug, und man wird nicht so 
fort alles verschieden Lautende auch für einen inncrn Wider 
spruch zu erklären haben. In dem besondcrn jetzt fraglichen 
Fall ergiebt sich auch eine gewisse Berichtigung sehr leicht; 
indessen die tiefem Schwierigkeiten liegen wirklich in einer 
Richtung, für welche die Smithsche Betrachtungsart noch kein 
Verständniss hatte. Unmittelbar nach dom ersten Erscheinen 
des Völkerreichthums hatte sich Humo in einem Brief an 
Smith über das Buch ausgesprochen und auch bezüglich der 
Rente eine Bemerkung fallen lassen, die man neuerlich als 
eine Vorwognahme der wahren Rententheorio angesehen hat. 
Der grosse Schottische Denker war aber, wie aus der Haltung 
und Ausdrucksweiso des Briefs horvorgeht, nicht im Mindesten 
der Meinung, eine sehr erhebliche Einsicht mitzutheilen. Offen 
bar glaubte er nur eine selbstverständliche Gegenbemerkung 
zu machen. Ja man fühlt sogar aus diesem Schreiben heraus, 
dass er der Ansicht ist, Smith habe sich einen greifbaren 
principiellen Fehler zu Schulden kommen lassen. „Ich kann 
mir nicht denken”, schreibt er unterm 1. April 1776, „dass die 
Rente (rent of farms) einen Thoil vom Preise des Erzeugnisses 
ausmache; aber wohl, dass der Preis ganz und gar durch Menge 
und Nachfrage bestimmt werde.” (Burton, Life and correspon 
dence of David Hume, 1846, Bd. II S. 486). Man sieht, 
dass die angeführte Stelle den Ton auf das Gesetz von Angebot 
und Nachfrage legt und übrigens nichts weiter thut, als die 
Vorstellung abweist, der Preis werde durch die Rente hestimint. 
Die angegebenen wirklichen Worte bilden Alles, was Humo 
über diesen Punkt äusserto. Auch war er nicht gewohnt, 
lange Auseinandersetzungen über Dinge anzustellen, die auf der 
Hand lagen und jedem Gutsbesitzer klar werden mussten, so 
bald er in dieser Richtung ein wenig zu überlegen anfing. 
Man erhält nicht hohe Preise, weil man eine grosso Rente in 
Rechnung bringt; sondern man realisirt diese Rente, weil die 
Preise günstig sind. Dies ist der einfache Sinn der Humoschen 
Stelle und jedenfalls auch diejenige Vorstellung, die in den 
betheiligten Gesellschaftsgruppen gehegt wurde, soweit es dort 
überhaupt zu derartigen Reflexionen kam. Für einen Denker
        <pb n="227" />
        211 
aber, der das Thema von Ursache und Wirkung in logischer 
Abstraction in einer bis dahin nie erreichten Schärfe und 
Tiefe behandelt hatte, konnte es sicherlich nur eine neben 
sächliche Kleinigkeit sein, in einem speciellen nationalökono 
mischen Fall an die Verwechselung der wahren Beziehungen 
zu erinnern. 
Wenn eine Theorie einmal Berühmtheit erlangt hat, so 
werden die früheren verwandten Aufstellungen regelmässig auf 
gesucht; denn die Gelehrten wissen alsdann, wmrauf sie zu 
achten haben. Ein Jahr nach dem Erscheinen des Smithsehen 
Werks hat James Anderson in einer „Untersuchung über die 
Korngesetze” (Edinburgh 1777) kurz und bündig einer Idee 
Ausdruck gegeben, welche die Grundbesitzer vertheidigen sollte 
und mit den Ricardoschen Vorstellungen zusammenfallen würde, 
wenn sie nicht viel exacter ausgeführt wäre und weit weniger 
falsche Consequenzen enthielte. Anderson, welcher dem Acker 
bau nahe stand und als Schriftsteller in den zugehörigen An 
gelegenheiten betrachtet werden muss, ging von gleichzeitig 
bestehenden Ergiebigkeitsdifferenzen aus, classificirto dieselben 
nach Buchstaben, setzte bei der grössten Ergiebigkeit die Kosten 
am geringsten, nahm weiter an, dass sie sich bei den andern 
Classen steigerten, stellte diesen verschiedenen • Productions- 
verhältnissen einen gleichen Durchschnittspreis gegenüber und 
zog von dem Preise die verschiedenen Kosten ab. Hiedurch 
erhielt er, der verschiedenen Herstellungskosten wegen, auch 
verschieden hohe Gewinnsätze. Indem er die letzteren als 
Rente und als Wirkungen der Preise ansah, entfernte er sich 
keineswegs von der natürlichen Vorstellungsart. Er erhielt 
Differenzen, von denen er annahm, dass sie nicht dem Pächter, 
sondern dem Eigenthüiner als Rente zufielen. In dieser Rente 
unterschied er keinen Bestandtheil, sondern glaubte sie als 
Ganzes erklärt zu haben. Er unterschied nicht zwischen reiner 
Natur und dem im Boden fixirten Capital, sondern redete kurz 
wog von den Fruchtbarkeitsunterschieden, bei denen er aber 
thatsächlich nur Variationen der Ergiebigkeit im Verhältniss 
zu den Productionskosten im Auge hatte. Seine Rente war die 
ganze und volle Rente; sie war kein verkünstelter BegriflT. 
Seine Schlussart hielt sich mit Recht an die Preise. Der Preis 
wurde von ihm als das angesehen, was die Möglichkeit der 
Cultur bestimmt, und wenn sich der Beschaffungsrayon bei 
14*
        <pb n="228" />
        212 
einem bestimmten Preise nicht mehr nach Aussen ausdehnen 
liesse, dann hätte die Cultur unter den unergiebigeren Verhält 
nissen auf dem näheren, schwieriger zu bewirthschaftenden 
Lande einzutreten. Die Auseinandersetzungen waren verständ 
lich und nicht ohne Geist. Der Urheber kam wiederholt auf 
seine Theorie zurück; aber sie blieb wissenschaftlich unbeachtet. 
Erst mit Ricardo sollte etwas Aehnliches, aber weit weniger 
Einfaches eine Rolle spielen. 
6. Nach dem Vorangehenden wird es sich leicht erklären, 
dass Autoren, die indirect durch die Ricardosche Ueberlieferung 
beeinflusst waren, dazu gelangen konnten, das Rcntengebilde 
unwillkürlich aus einem blossen Bestandthcil zur ganzen und 
vollen Rente zu machen, wie dieselbe in der Gestalt der Pacht 
vom Grundeigenthümer bezogen wird. Wenn man sich erlaubt, 
an Stelle der eigenthürnlichen Theorie des Urhebers etwas 
beliebig Verändertes einzuschieben, so ist die erstere nicht 
mehr in Präge und zu einer bosondcrii Untersuchung des 
neuen mehr oder minder gestaltlosen Gebildes kein hinreichen 
der Grund vorhanden. Mit der angeblichen Autorität des 
Namens kann sich Niemand für solche Oombinationen decken, 
welche in ihrer Verflachung von der ursprünglichen Eigen- 
thümlichkeit nichts mehr aufzuweisen haben. Läge aber ein 
mal eine gänzlich neue Theorie vor, so hätte sic sich selb 
ständig zu begründen und wäre ebenfalls nicht in der Lage, 
sich auf die Autorität berufen zu können. Wollte sich aber 
Jemand schliesslich damit helfen, dass er behauptete, es sei 
nur ein Irrthum des Urhebers ausgemerzt und das Uebrige be 
lassen worden, so sehe man ja zu, was für Unterschiebungen 
bei einer solchen Wendung mitspielcn, und ob nicht vielleicht 
gar nur ein Gemeinplatz oder eine nichtssagende Vorstellung 
vertheidigt werde, die gar nicht bestritten wird. Häufiger wird 
allerdings bei der Wahrnehmung einer verlornen Sache die 
Zuflucht zu Zweideutigkeiten den Schein rotten sollen. Achtet 
man auf diese verschiedenen Möglichkeiten, so kann man sich 
das nähere Durchgehen aller Schulstrcitigkcitcn ersparen und 
vorkommenden Falls jede Wendung entkräften. Wir verzichten 
daher darauf, die mannichfaltigen Variationen darzustellen, zu 
denen die Ricardosche Rententheorio als mehr oder minder ver 
standenes, ja oft nur wenig gekanntes Urbild gedient hat. Die 
betrefl'ende Literatur hat einen sehr untergeordneten Charakter.
        <pb n="229" />
        213 
Der Haiiptg-egner clor Ricardosclien Renteiitheorie ist Carey 
lind zwar seit 1837 gewesen. Die Gründe, die er nach und 
nach geltend gemacht hat, sind jedoch wichtiger für die Unter 
stützung einer positiv richtigen Yorstellung von der Rente, als 
für die Widerlegung Ricardos, die ohne Weiteres dadurch ge 
schehen kann, dass man die Unhaltharkeit seiner Schlüsse 
nachweist. Friedrich List hat es sich daher auch nicht im 
Mindesten cinfallen lassen, die Malthus-Ricardosehen Ideen, und 
insbesondere die Rentenlehre, für etwas anzusehen, was einer 
umfangreichen Kritik bedürfte. Es ist daher nur die Sehul 
propaganda gewesen, was uns zu einer umfassenderen DaiStel 
lung genöthigt hat. An sich selbst könnte es höchstens die 
verhältnissmüssige Zergliederungsvirtuosität des Urhebers und 
die Verwandtschaft der Idee mit einigen wahren, ihr ähnlich 
sehenden Elementen sein, was zu der geschichtlichen Einlassung 
berechtigte. Die Wirkungen und Gegenwirkungen, zu denen 
die Theorie geführt hat, sind als blosse Thatsachen allerdings 
von allgemeinem geschichtlichen Interesse, würden aber nicht 
genügen, wenn nicht das Thema an sich einige Bedeutung hätte 
und auch ein originaler Irrthum über dasselbe seinen Werth 
haben könnte. 
7. Indem Ricardo seine Rentenvorstellung durchführte, 
hatte er zugleich die Vertheilung mehr als jede andere Seite 
der Wirthschaftsverhältnisse ins Auge zu fassen. In der That 
kann man sagen, dass sein Gedankenkreis seinen Schwerpunkt 
nicht in der Production, sondern in der Vertheilung habe. 
Hieraus erklärt sich auch, dass neuere Soeialisten, wie Prou 
dhon, Marx und Lassalle, ihm eine gewisse Aufmerksamkeit ge 
widmet und sich seiner Vorstellungen bedient haben, um ihrer 
seits sociale Schlüsse zu ziehen. Ausser der Rentenlehre, die 
man zu Dcductionen gegen das Grundeigenthum benutzte, ist 
neuerdings ein sogenanntes Lohngesetz als das Ricardosche 
bezeichnet worden. Man hat nicht verfehlt, die Vorstellungen 
vom Unterhaltsminimum auf die Ricardosche Schlussart da 
durch zurückzuführen, dass man die BevölkerungsVermehrung 
als den Grund geltend machte, welcher die Lohnsätze immer 
wieder auf ihren alten Standpunkt des geringsten Unterhalts- 
maasses zurückbringe. Mit demselben Recht hätte man diese Idee 
aus Adam Smith entnehmen können, der sie in kurzen Worten 
entwickelt, aber freilich durch andere Betrachtungen wieder
        <pb n="230" />
        214 —- 
gehörig einschräiikt. Auch bei Ricardo sind die Veränderungen 
und verschiedenen Gestaltungen des gewohnheitsmässigen TJn- 
terhaltsminiinum nicht ganz vergessen; aber dieselben treten 
so sehr in den Hintergrund, dass die thatsächlicho AulFassungs- 
art nicht blos einseitig, sondern fehlerhaft wird. Nach Ricardo 
kann es in den Löhnen eigentlich keine bleibende Veränderung 
geben. Für die Niveauänderungen des Lohnsatzes und der 
Lebensweise fehlt es an jeder Theorie. Es ist wiederum nur der 
Blick auf das Gegenwärtige und Naheliegende, der liier leitend 
gewesen ist. Steigen gelegentlich einmal die Löhne, so sollen 
sie durch die wachsende Bevölkerung und das vermehrte 
Arbeiterangebot wieder zum Sinken gebracht werden. Hie echt 
Maltlmsianische Consequonz hätte aber eigentlich noch weit 
mehr ergeben müssen; ihr zufolge müsste eine Tendenz vor 
handen sein, die Lebensweise des Proletariers immer mehr 
herabzudrücken. Merkwürdigerweise hat hier Ricardo die bei 
Smith erwähnte, aber auch zugleich berichtigte Voraussetzung 
gemacht, dass in dem Unterhaltsminimum nichts weiter einge 
schlossen sei, als was grade zur Fortpflanzung der Gattung 
und zwar ohne Vermehrung der Zahl ausreiche. Hienach wäre 
die Beständigkeit der Volkszahl in den Arbeiterkreisen die 
Regel. Jedes Paar würde nur dafür sorgen, dass einst ein 
neues an seine Stelle träte. In jeder Familie würden zwei 
Kinder gross werden müssen, oder es hätten sich, auch abge 
sehen von der Familienordnung und unmöglichen Gleichmässig- 
keit, die Verhältnisse so zu gestalten, dass für Jeden eine 
Ersatzperson und nicht mehr einträte. Dies wäre aber ein bei 
einem Stauungszustand angelangtes Proletariat. Nun lassen sich 
aus der falschen Smithschen Capitaltheorie allerdings Einwen 
dungen machen; indessen würden die Widersprüche hiomit 
nicht beseitigt. Man tritt ins Bodenlose, wenn man cs ver 
sucht, mit Ricardo nach strenger Logik zu rechten und ernst 
lich zwei Gedanken aneinander zu bringen, die für ihn nur in 
ihrer Vereinzelung vorhanden waren. An allen Verworrenhei 
ten dieser Art trägt, abgesehen von der falschen Tendenz der 
verherrlichten Malthusschen Grundvorstellung, grade derjenige 
Versuch einen grossen Thcil der Schuld, welcher noch die 
meiste Wissenschaftlichkeit für sich hat. Es ist dies die Un 
ternehmung, die Arbeit als Naturalleistung zum Werthmaass 
aller Erzeugnisse zu machen. Auch diese Theorie, die in
        <pb n="231" />
        Smiths Yorstollung ihre Wurzel hat, ist nicht so durchgreifend 
und folgerichtig ausgeführt worden, wie man sie bisweilen er 
scheinen lassen wollte. So ist z. B. die Seltenheit neben der 
Arbeit gleich an der Spitze der Darstellung als Ursache des 
Werths angeführt. Ausserdem ist sogleich der erste als Ueber- 
schrift eingeführte Grundsatz des Ricardoschen Hauptwerks ein 
Zeugniss für das Widersprechende und Geschraubte der von 
ihm"’versuchten Aulfassungsart. „Der Werth einer Waare”, 
sagt er, „oder die Menge irgend einer andern Waare, für 
welche sie ausgetauscht werden kann, hängt von der verhält- 
nissmässigen Menge der für ihre Production nothwendigen 
Arbeit, nicht aber von der grossem oder geringem für diese Arbeit 
bezahlten Löhnung ah.” Letzteres bedeutet noch mehr als den 
stets misslungenen Y ersuch, mit der Naturalarbeit unmittelbai 
zu rechnen. Es wird nicht bedacht, dass ein grösseres oder 
geringeres Yerhältniss, in welchem der Lohn eine Anweisung 
auf die Lebensbedürfnisse sein kann, auch eine verschieden 
artige Gestaltung der Werth Verhältnisse und sogar der Pro 
duction nach Art und Grösse mit sich bringen muss. Indessen 
hat der allgemeinere Theil der betreffenden Grundansicht eine 
Ergänzung erhalten, die besser ist. Ricardo hat nämlich in 
einem besondern Capitel den Unterschied zwischen Werth und 
Reichthum in einer Weise bcmerklich gemacht, die man als 
einen Eortschritt betrachten muss. Indem er den Werth vor 
herrschend auf die Arbeit zurückführte, musste er die Smith 
sehe Yorstellung von dem Reichthum, als einem Inbegriff von 
Bcfriedigungsmitteln der Bedürfnisse, offenbar absondern lind 
unterscheiden. Dieselbe Arbeitsmenge kann eine verschiedene 
Erzeugnissmenge liefern; die erstere ist nach Ricardo das 
Maass des Werthes, die letztere aber das Maass des Comforts. 
Obwohl auch diese Trennung der beiden Begriffe bei Ricardo 
noch nicht nach allen Richtungen wirksam wird und keines 
wegs die einfachste Gestalt erhält, die sie annehmen kann, so 
ist doch dieses Element des Ricardoschen Gedankenkreises das 
verhältnissmässig gelungenste. Wäre seine Werththeorie besser 
als sie ist, so würde auch die angeführte Unterscheidung einen 
genaueren Sinn angenommen haben. So aber ist sie nur als 
ein Ansatz in der besseren Richtung zu betrachten, die wir 
später im Careyschen System in grösster Strenge und mit 
einer vorher nie erreichten Sicherheit vertreten finden werden.
        <pb n="232" />
        — 216 — 
Es wird daher auch erst bei der Darstellung der späteren 
Systeme der Ort sein, die Bicardoschen Vorstellungen an den 
wirklichen Thatsachen und an den neuen Gesichtspunkten zu 
messen. Hier war nichts weiter nöthig, als den Bicardoschen 
Anschauungskreis vornehmlich im Lichte seiner eignen Logik 
zu zeigen, da der Urheber in der That unabsichtlich dafür ge 
sorgt hat, dass seine Ideen zu einem grossen Theil schon durch 
MU 
g# 
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die in der Nachbarschaft aufgeführten Ncbcnidccn ihre Wider 
legung fänden. Wenigstens ist es für einen ernstlicher den 
kenden Leser in den meisten Fällen nicht schwer, die An 
knüpfungspunkte zur Beseitigung der falschen Theorien aus 
Bicardos eignen Gesichtspunkten zu entnehmen. Die wider 
sprechendsten Vorstellungen finden sich oft genug gehäuft, und 
wenn man mit irgend einem Gedanken in einer solchen Gruppe 
vollkommen Ernst macht, so zeigt sich meistens, dass er eine 
andere, sorglos mit ihm verknüpfte Vorstellung auszumerzen 
nöthigt. 
Vielleicht ist es diese logische Beschaffenheit des Bicardo 
schen Verhaltens gewesen, was einen Pecchio in seiner „Ge 
schichte der politischen Ockonomie in Italien” (1829) veran 
lasst hat, im Hinblick auf den Engländer von Jargon zu reden. 
Dieser Italienische Schriftsteller hatte die logische Ver- 
künstelung der ökonomischen Begriffe im Auge, und wenn er 
auch in seiner Hinwegsetzung über die neuern Kunstausdrücke 
der Volkswirthschaftslchre die Nothwendigkeit der streng 
wissenschaftlichen Ausbildung der Begriffe übersah, so hat er 
do«h in Beziehung auf Bicardo wenigstens einem richtigen Ge 
fühl Ausdruck gegeben. Die schon in der Smithschen Dar 
stellung viel zu weit getriebene Verkünstelung einiger Begriffe 
hat in der Bicardoschen Studie eine Gestalt angenommen, die 
sich vor einer natürlichen Auffassung der Verhältnisse niemals 
rechtfertigen lassen wird. 
8. Ausser von der rein theoretischen Seite hat Bicardo 
noch eine praktische Bedeutung, die auf Keclmung des poin- 
tirten Ausdrucks seiner antisocialen Gesinnung zu setzen ist und 
den Socialisten Gelegenheit gegeben hat, die Interessengegen 
sätze und die bourgeoismässige Denkweise an den ungenirten 
Kundgebungen des gegnerischen Natioualökonomen bloszustel- 
len, ja sich auf denselben im Sinne des socialen Pessimismus 
direct zu stützen. Als charakteristisch für die Hervorhebung 
PIS 
ató
        <pb n="233" />
        217 
der Interessengegensätze und einer die Niederlialtung der Ar- 
beiterclasse als selbstverständlicli ansehenden Denkungsart sind 
daher noch einige Proben der praktischen Anschauungsweise 
Ricardos hervorzuheben. So sagt er in Uebereinstimmung mit 
seinem sonstigen Raisonnement auch noch ausdrücklich (in der 
Abhandlung über Ackerbauschutz, 4. Ausg. 1822, Werke S. 476): 
„Es giebt keinen andern Weg, die Gewinne hoch, als den, die 
Löhne nieder zu halten.” In ähnlicher M^eise ist das Verhält- 
niss zwischen Capitalgewinn und Bodenrente gedacht, indem 
recht eigentlich die unausweichliche Verkürzung des Capital- 
gewinns den Anthcil für die Rente liefern soll. Doch ist in 
socialistischer Hinsicht seine Vorstellung von dem Verhältniss 
der beiden besitzenden Classen sehr untergeordnet, und alles 
Gewicht fällt in seine Betrachtungsart der ökonomischen Rolle 
der Arbeiterclasse. Im Allgemeinen sieht er dieselbe als ein 
rein passives Werkzeug an, welches in der Veranschlagung 
des Nationalreichthums gar nicht mitzählt. Der Reichthum der 
Nation besteht nach ihm in Gewinnen und Renten der Oapi- 
talisten und der Grundbesitzer. Sehr bezeichnend für diese 
Idee, welche, genau besehen, den Nationalreichthum in der 
Summe der Privatreichthümer oder vielmehr der Privatver 
mögen sucht, ist die Meinung, es sei das sogenannte Reinein 
kommen, zu welchem die Löhne als Productionskosten nicht 
gerechnet werden und welches daher in der Summe der Ge 
winne und Renten besteht, für den Reichthum und die Lei 
stungsfähigkeit der Nation maassgebend. Ricardo sagt nämlich 
(Hauptwerk Cap. 26): „Vorausgesetzt, dass ihr wirkliches 
Reineinkommen, ihre Renten und Gewinne dieselben bleiben, 
so kommt es nicht darauf an, ob die Nation aus 10 oder 
12 Millionen Einwohnern bestehe.” Hiezu kommt jedoch, dass 
Ricardos formell wissenschaftliche Ansprüche auch gelegentlich 
zu ein wenig herablassender Gerechtigkeit führen. Von dieser 
Gattung ist z. B. sein Eingeständniss der nachtheiligen Wir 
kung, welche die neue Einführung von Maschinen auf das In 
teresse der Arbeiterclasse habe. lieber diesen hochwichtigen 
Punkt, den ein Sismondi mehr mit Gemüth als mit endgültig 
entscheidendem Verstand behandelt hat, liefert unser Autor 
eine allerdings nicht zu unterschätzende Auslassung. Er sagt 
uns (Cap. 31), dass er seine frühere aber nicht veröffentlichte 
Ansicht geändert und sich von der Schädlichkeit der Maschi-
        <pb n="234" />
        - 218 — 
neneinführimg für das Arbeiterinteresse überzeugt habe. Sein 
älterer Irrtlmm habe in der falschen Annahme seinen Grund 
gehabt, es könne das Reineinkommen, also die Summe der 
Gewinne, nicht ohne Vermehrung des Roheinkommens, also 
auch der Menge der Ausgaben für Arbeitslöhne, gesteigert wer 
den. Indessen sei bei der Ersetzung von menschlicher Arbeits 
kraft durch Maschinerie ein entgegengesetzter Hergang im 
Spiele, indem das in die Maschinen gesteckte Capital aus circu- 
lirendem zu fixem werde und eine Menge von wirklich ango- 
botener Arbeit ausser Thätigkoit setze und in einer für die 
Arbeiterclasse nachtheiligen Weise zur Disposition stelle. Aus 
drücklich fügt er dem bestimmtesten Ausspruch seiner üeber- 
zeugung und den begründenden Darlegungen auch noch den 
Satz hinzu: „Die von der Arbeiterclasse unterhaltene Ansicht, 
dass die Maschinenanwendung ihren Interessen häufig schädlich 
wird, ist nicht auf Vorurtheil und Irrthum gegründet, sondern 
entspricht richtigen Principien der politischen Oekonomie.” 
Freilich fällt heute das Hauptgewicht der Frage nicht mehr in 
die Folgen der mehr oder minder plötzlichen Einführung neuer 
Maschinen für die unmittelbar betroffenen Arbeiter, sondern in 
die Erkenntniss dos gesteigerten Hebergewichts, welches im 
Allgemeinen durch die Maschinenära für das Capital gegen die 
Arbeiterclasse geschaffen worden ist. Man könnte sogar den 
Gedanken Ricardos in dieser Hinsicht dahin zuspitzen, dass 
die Maschine als der gefügigste und in seinem Unterhalt an 
spruchsloseste Sklave bezüglich der ökonomischen Yertheilung 
mit dem lebenden Arbeitswerkzeug in eine das letztere degra- 
dirende Concurrenz getreten sei. So fest es daher auch steht, 
dass vom blossen Standpunkt der Production die Maschinen 
anwendung die ökonomische Macht der Gesammtheit des Vol 
kes über die Natur gewaltig erhöht, so ist doch vom Stand 
punkt der Yertheilung zwischen gesellschaftlichen Gruppen, 
zwischen Provinzen und sogar zwischen ganzen Völkern die 
unterjochende Wirkung nicht zu verkennen, welche dadurch 
erwächst, dass dem einen Theil die concurrirende Ausbeutung 
der Maschinerie möglich wird, während sie dem andern Theil 
vermöge des gesellschaftlichen Rechtsmissstandes oder in Folge 
natürlicher Thatsachen versagt bleibt. 
Die Gegensätze der Interessen wurden von Ricardo, wenn 
nicht mit Vorliebe, so doch ohne logische Anstandnahme in ihrer
        <pb n="235" />
        219 
äiisserlichen Nacktheit blosgestellt, und hierin liegt wiederum ein 
Grund, welcher den sonst so feindlich denkenden Bourgeoisöko 
nomen zum Anknüpfungspunkt für Socialitütsgedanken werden 
lässt. Br, der, wie man aus seinen nachgelassenen „Bemerkun 
gen über Parlamentsreform” (vom Jahre 1823) sieht, sich alle 
gegen die Besitzenden gerichteten Bestrebungen nur in der 
ganz rohen Form der Theilung der grossen Yermögcn denken 
konnte, und nur aus Furcht vor solchen grob finanziellen Thei- 
lungsgedanken unter der unwissendsten Schicht des Volkes das 
allgemeine Wahlrecht noch hinausgeschoben wissen wollte, 
er, der von andern Formen des Olassenkampies noch keine 
Ahnung hatte und die schon damals vorhandenen socialistischen 
Regungen völlig übersah, nahm nicht im Mindesten Anstoss 
daran, sich eines ironisch sein sollenden Anspruchs zu bedie 
nen, dessen Schärfe sich, genauer betrachtet, gegen den Ur 
heber selbst und die ganze Anschauungsweise seiner Gesin 
nungsgenossen kehren muss. ,,Wenn wir , sagt er (in der 
Abhandlung über Ackerbauschutz, Werke S. 467), „in einem 
von Herrn Owens Parallelogrammen lebten und alle unsere 
Hervorbringungen in Gemeinschatt genössen, dann könnte Nie 
mand in Folge von Ueberfluss leiden; aber solange die Ge 
sellschaft wie jetzt eingerichtet ist, wird der Ueberfluss oft für 
die Producenten nachtheilig und Seltenheit für sie wohlthätig 
sein.” Die überreichlichen Ernten, welche über den Durch 
schnitt stark hinausgreifen, und diejenigen, welche hinter dem 
Durchschnitt Zurückbleiben, sind zwar die besondern Fälle, die 
Ricardo hier zunächst vor Augen hat; aber seine Aeusserung 
ist zugleich ein Typus für seine durch die ganze Oekonomie 
hindurchgehenden Voraussetzungen gleicher Art. Nach ihm 
wird die erheblich über den Durchschnitt hinausgehende Ernte 
dem Producenten einen geringem Gesammtgowinn liefern, als 
wenn sie in der Nähe dqs Durchschnitts verblieben wäre. Die 
grössere Menge des Absatzes entschädigt hier nicht für das 
weit bedeutendere Verhältniss, in welchem die Preise gesunken 
sein müssen. So richtig nun auch bei gewissen Maasseii der 
Erhebung über das Durchschnittliche diese durch die Erfahrung 
und innere Gründe ausser Zweifel gestellte Wirkungsart des 
reichlichen Vorraths oder, wie wir kurz sagen, der durch Natur 
oder Concurrenz erzeugten Ueberproduction ist, so hat dennoch 
Ricardo vergessen, dass er mit seiner Hinweisung auf commu-
        <pb n="236" />
        nistische, wenn auch nur in der Form der Oaricatur vorhan 
dene Ideen eine verwundbare Stelle an dem Körper der Gesell 
schaft berührte. Er hat übersehen, dass sich die Menschen 
nicht immer in so leichter Art bei der Disharmonie be 
ruhigen werden, sobald sie irgend eine verstandcsraässigc Art 
ausfindig machen können, die TTnzuträglichkoiten solcher Con- 
currenzgesetze auszugleichen. Die Hinweisung auf die Gemein 
schaft, die ein Spott sein soll, ist unter den Händen der Socia- 
litätsanhänger zu einer sehr ernsten Frage geworden, und die 
Eingeständnisse der Missstände des gewöhnlichen Laufs der 
ökonomischen Angelegenheiten und namentlich der gesellschaft 
lichen Vertheilungsgegensätze haben dazu gedient, für den So 
cialismus die ersten, aus der Rüstkammer der Bourgcoisöko- 
nomio selbst entlehnten und allerdings noch sehr unvollkom 
menen, aber doch wenigstens brauchbaren Waffen zu liefern. 
Aus diesem Gesichtspunkt betrachtet, kann man von Ricardo 
sagen, dass er der letzte naive Bourgeoisökonom von hervor 
ragender Bedeutung gewesen sei, und dass nach ihm jede ernst 
haft zu berücksichtigende Theorie irgend ein mehr oder minder 
bewusstes Vorhältniss zu den Socialitätsgedanken und zu der 
eigentlich socialen Seite der Oekonomie im guten oder schlim 
men Sinne gehabt habe.
        <pb n="237" />
        Pünfter Abscñnitt. 
Der ältere S o c i a 1 i s m u s. 
Erstes Capitel. 
Ursprung und Artung der Socialtheorien. 
Die bis auf Ricardo fortgeführte Nationalökonomie bildet 
ein Ganzes, an welches sich sogar ein Th eil der neusten socia- 
listischen Ideen anknüpfen lässt, soweit bei denselben über 
haupt von Rücksichtnahme auf die Volkswirthschaftslehre die 
Rede sein kann. Die bedeutsamsten Entwicklungen der jün- 
gern wirthschaftlichen Theorie sind dagegen den bisherigen 
Socialisten theils äusserlich unbekannt, theils innerlich unzu 
gänglich geblieben. Es liesse sich daher der ganze Socialismus 
bis auf seine jüngsten internationalen Wendungen abhandeln, 
ohne dass man nöthig hätte, die über Ricardo hinausgegangene 
Oekonomie in Betracht zu ziehen. Da jedoch einzelne bedeu 
tende Nationalökonomen selbst, wie namentlich schon Thünen, 
zu socialistischen Aufstellungen geführt worden sind, so wer 
den wir die Zeit- und Verwandtschaftsverhältnisse gleichmässig 
zur Geltung bringen und die Darstellungen der socialistisch 
ökonomischen Theorie mit der ferneren Gestaltung der sonsti 
gen Volkswirthschaftslehre in natürlichen Gruppirungen und 
Abschnitten abwechseln lassen. Letzteres ist um so nöthigei, 
als die socialistische Kritik der politischen Oekonomie mit dem 
Fortschreiten der Zeit immer wichtiger wird, und die modern 
sten nationalökonomischen Systeme einen entschieden socialen 
Charakter auf weisen, um schliesslich einem einheitlichen socia- 
litären System Platz zu machen. 
Der ältere Socialismus bildet eine Gruppe von Ideen, in 
welcher die wissenschaftliche Nationalökonomie noch keine
        <pb n="238" />
        — 222 
Rolle spielt. Nichtsdestoweniger sind seine Aufstellungen nicht 
ohne Beziehungen zu der nebenherlaufenden Yolkswirthschafts- 
lehre. Obwohl er sich auf dieselbe nicht unmittelbar einlässt, 
ja von ihren Grundsätzen kaum etwas Ernstliches weiss, bildet 
er zu ihr wenigstens ein Gegenstück, und seine Gedanken 
schliessen eine Kritik aller andern möglichen Auifassungen 
ein. Indem er seinen Ausgangspunkt von den gesellschaft 
lichen Verhältnissen nimmt, ist er sogar der ausschliesslichen 
Wirthschaftslehre, die ohne eigentlich sociale Gesichtspunkte 
bleibt, in dieser Beziehung von vornherein überlegen. Bei 
der letzteren Behauptung habe ich Saint Simon und zwar 
dessen eigne und bessere Vorstellungen, nicht aber etwa das 
im Sinne, was später als St. Simonismus bezeichnet worden ist. 
Die Person selbst mit dem zugehörigen Ideensystem bildet den 
Schwerpunkt des älteren Socialismus, und es lässt sich zu 
dieser Vertretung kaum etwas nur einigermaassen Ebenbürtiges, 
und in Frankreich nicht einmal etwas Zurechnungsfähiges hin 
zufügen, da der unsäglich alberne Fourier kaum ein Anrecht 
hat, in einer Geschichte wissenschaftlicher Gebilde anders als 
im Sinne einer Grenzbezcichnung des Möglichen berücksichtigt 
zu werden. Was aber den Engländer Owen anbetrifft, so wird 
sich zeigen, dass seine Rolle mehr in thatsächlichen Versuchen 
als in der Geltendmachung erheblicher Ideen bestanden hat. 
Wenigstens ist seine ideelle Capacität so äusserst dürftig 
gewesen, dass man sie mit derjenigen St. Simons gar nicht 
vergleichen kann. Mit den erwähnten drei Namen ist aber 
Alles erschöpft, was selbst vom Standpunkt unkritischer Auf 
fassungen für den älteren Socialismus als Inbegriff der Haupt- 
repräsentanten gelten dürfte. 
2. Es giebt Neigungen und Ansichten, welche die Ge 
schichte des Socialismus bis in die grauen Alterthümer der 
Völker zurückdatiren und uns heute auch noch mit einer Geo 
graphie beschenken möchten, welche gegenwärtig Chinesische 
Secten von socialem Charakter und Aehnliches in Betrachtung 
zu ziehen hätte. Eine noch grössere Verkehrtheit, als wir sie 
schon bei den Vorstellungen über den Stammbaum der Volks- 
wirthschaftslehre an getroffen haben, macht sich bei der Genea 
logie des Socialismus geltend. Der letztere soll fast zu allen 
Zeiten und bei den verschiedensten Völkern existirt haben, 
und das, was man heute sociale Frage nennt, soll so alt sein.
        <pb n="239" />
        223 
wie (lie Menscliheit selbst. Diese Behauptung geht meist von 
(lenen aus, welche den rationelleren Socialismus der Gegenwart 
%u entmuthigen wünschen und nicht als theoretische Gegner 
der Irrthümor, sondern als Feinde der socialen Bestrebungen 
auftreton. Es liegt im Interesse dieses letzteren Standpunkts, 
den eigentlichen Socialismus so erscheinen zu lassen, als wenn 
er in der Geschichte schon oft und zwar stets vergebens eine 
Rolle gespielt hätte. Zu diesem Behuf muss der gewaltige 
Unterschied, welcher historisch zwischen dem eigentlichen 
Socialismus der neusten Zeit und den Regungen anderer Epochen 
besteht, zur Seite gelassen werden. Man muss auf das ganz 
Gewöhnliche und fast allen Völkerentwicklungen Gemeinsame 
ziirttckgreifen, um die Eigcnthümlichkeiten der Erscheinungen 
Unserer Zeit mit oberflächlichen Allgemeinheiten zu verdecken. 
Allerdings hat es in den verschiedensten Völkerentwicklungen 
nicht an Parteigestaltungen gefehlt, die ihren Grund zum 
Thoil in den gesellschaftlichen und wirthschaftlichen Verhält 
nissen der Stände und Classen hatten. Mehr oder minder 
unbewusst sind derartige Positionsverschiedenheiten die treiben 
den Ursachen der Innern politischen Kämpfe gewesen. Ja 
man muss behaupten, dass ein gehöriges Verständniss der 
Völkergeschichten erst dadurch vervollständigt wird, dass man 
den Gesetzen, welche die socialen Beziehungen ganz im Allge 
meinen beherrschen müssen, die erforderliche Aufmerksamkeit 
widmet. Allein dieselbe Bemerkung, die wir in Rücksicht auf 
die Vergangenheit der gewöhnlichen Volkswirthschaftslehre zu 
machen hatten, kann auch für die Theorie des Socialismus 
gelten. Diese Theorie ist noch jünger, als diejenige der 
Nationalökonomie, und will ebenfalls von den praktischen That- 
sachen unterschieden sein. Der Socialismus, ein völlig modernes 
Wort, bezeichnet vorherrschend einen Kreis^ von Ideen und 
Sätzen, und wie man zwischen Wirthschaft und Wirthschafts- 
lehro unterscheidet, so darf man auch die Geschichte der 
socialen Gestaltungen nicht mit derjenigen der Socialtheorie 
Unkritisch vermischen. 
Die Geschichte der Gesellschaftsformen ist aber überdies 
noch ein sehr weites Feld, welches in seiner ganzen Ausdeh 
nung gar nicht in Frage kommen kann, solange man die Ver 
bindung mit der Nationalökonomie und den materiellen Bezie 
hungen im Auge behält. So kann z. B. die jedesmalige Grund-
        <pb n="240" />
        , y 4^' 
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':A 
form des Zusammenlebens der Geschlechter für die materielle 
Theorie nur dann ein Gegenstand sein, wenn es sich um die 
rein wirthschaftlichen Grundlagen der Möglichkeit der Ehe oder 
um die Hervorbringungen des Gegentheils der geordneten For 
men handelt. Grade dann, wenn man erwartet, dass dio tibor 
der materiellen Sphäre gelagerten Beziehungen zu freieren 
Gestaltungen gelangen und zu dom, was man jetzt ökonomi 
schen Socialismus nennen muss, einen ernsthaft in Betracht 
zu nehmenden Kreis von Aufgaben fügen werden, — grade bei 
einer solchen Auffassung der Verhältnisse wird man die Tren 
nung des Socialökonomischen von dein in einem weiteren Sinne 
Socialitären am wenigsten vernachlässigen dürfen, üobrigens 
rechtfertigt auch der Gang der jüngsten Geschichte unser 
Urtheil; denn der Socialismus hat sich thatsächlich erst zu 
einer Lohre von der Wahrnehmung der materiellen Volksinte 
ressen entwickelt. 
3. Wäre das Wort Socialökonomio verbreiteter, als es wirk 
lich ist, so würde dasselbe am geeignetsten sein, die Theorie 
von den materiellen Grundlagen der socialen Beziehungen zu 
bezeichnen, da ja der Ausdruck Ockonomie in unserm heutigen 
Sinne und im gehörigen Zusammenhänge stets an die Rück 
sichtnahme auf die materiellen Existenzgrundlagen erinnert. 
So aber wollen wir uns nicht an Wörter binden, die nicht 
völlig gangbar sind, sondern die Unterschiede der Sache un 
mittelbar ins Auge fassen. Hiebei entgeht uns allerdings der 
Vortheil, welchen völlig ausgeprägte und mit einem unzwei 
deutigen Wortstcmpel versehene Begriffe für die Verständigung 
haben müssen. 
Das zugleich Sociale und Wirthschaftliche hat zu verschie 
denen Zeiten und im Verlauf vieler Völkergoschichten zu Er 
scheinungen geführt, die mit den Thatsacheii unserer Epoche 
in gewissen sehr allgemeinen Zügen zusammenstimmen. Die 
Menschen haben einander bekämpft, indem sie von dem Triebe 
geleitet wurden, ihre politische Stellung und mit derselben 
ihre Lebensweise oder ökonomische Macht zu ändern. Sie 
haben auch von diesen Bestrebungen vielfach ein deutlicheres 
Bewusstsein gehabt und das letztere in besondorn Formuli- 
rungen ihrer Ansprüche, in politischen oder gesellschaftlichen 
Parteiprogrammen bekundet. Mit den thatsächlichen Verhält 
nissen fanden sich auch stets irgend welche Reflexionen über
        <pb n="241" />
        225 
dieselben ein; und wie es so zu sagen nationalökonomiscbe 
Ideenansätzo zu allen Zeiten gegeben hat, so haben auch die 
socialen Beziehungen und besonders diejenigen der Vertheilung 
zu Ansichten und Maximen, zu Bestrebungen und Maassregeln, 
ja zu ganzen öffentlichen Systemen der Ausgleichung Veran 
lassung gegeben. Die socialwirthschaftlichen Verfassungen sind 
zwar vorwiegend eine Art Naturerzeugnisse gewesen, bei deren 
Hervorbringung und Grcstaltung das klarere Bewusstsein nur 
einen geringen, ja in manchen Richtungen auch nicht den ge- 
ringsten Antheil gehabt hat. Allein auf den späteren Ent 
wicklungsstufen eines Volks musste das Bewusstsein immer 
mehr eingreifen und eine wenn auch noch so rohe, bald zweck 
mässige, bald unzweckmässige Behandlung der einschlagenden 
Verhältnisse anbahnen. Es haben daher nicht blos die social- 
wirthschaftlichcu Verfassungen der Völker, sondern auch die 
individuell oder gruppenweise entstandenen Ideen ihre Ge 
schichte. Allein von Socialismus im modernen Sinn kann trotz 
alledem nicht die Rede sein. Die Socialtheorie unserer Epoche 
hat eine doppelte Eigenthümlichkeit aufzuweisen, durch die sie 
vor jeder Verwechselung geschützt wird. Sie ist nämlich ernst 
lich um eine Anknüpfung an die allgemeinen wissenschaftlichen 
Grundlagen bemüht gewesen, und hat diesen Charakter sogar 
in ihren Selbstcaricaturen nicht ganz verleugnet. Sic ist syste 
matisch zu Werke gegangen und hat sich mit einem grossen 
Thcil der Ideen erfüllt, von welchen die moderne Epoche ge 
tragen wird, und von denen im classischen Altcrthum oder in 
andern Civilisationen nur die ersten Ansätze und in mehreren 
hochwichtigen Richtungen auch nicht einmal die Anfänge an- 
zutreffen sind. 
Die zweite charakteristische Eigenthümlichkeit ist der Zu 
sammenhang des Socialismus mit der grossen Eranzösischen 
Revolution. Dieses weltgeschichtliche Ereigniss darf weder 
mit den Englischen Revolutionen des 17. Jahrhunderts, noch 
mit der vorherrschend Deutschen Kirchenreformation auf eine 
Linie gestellt werden. Es trat unter einer andern Weltlage 
und unter der Wirkung von Ideen und A' erhältnissen ein, die 
tiber die Beschränktheiten des Englischen Vorganges um ein 
gutes Stück hinaustrugen. Die Krämpfe und Zuckungen, die 
dem politischen und gesellschaftlichen Körper nicht erspart 
blieben, dürfen es nicht übersehen lassen, dass die Krisis auch 
Uahring, Geschichte der Nationalökonomie. 2. Auflage. 15
        <pb n="242" />
        226 
zugleich die gesunden Lebenskräfte zu einer freieren Betliäti- 
gung gelangen liess. Zustände und Ideen wurden gleichzeitig 
in Bewegung gebracht und im Bereich dieser doppelten Er 
schütterung, der die ideellen Vorspiele vorangegangen waren, 
ist die Geburtsstätte des modernen Socialismus zu suchen. Die 
Namen derjenigen, welche herkömmlich als Vertreter des älteren 
Socialismus genannt werden, gehören solchen Persönlichkeiten 
an, deren jüngere Jahre theils in die unmittelbaren Vorspiele, 
theils in die Zeit der wirklichen Durchführung der Eranzö- 
sischen Revolution fielen. St. Simon, der älteste, ja streng ge 
nommen der einzige bedeutende Vertreter der ersten cigentlicli 
socialistischen Ideen, hat zwar dem Ereigniss nur zugesehen 
und seinen Gedanken sofort eine nach seiner Ansicht positive 
und organisatorische, in Wahrheit freilich noch restaurativ ge 
artete Richtung gegeben. Nichtsdestoweniger muss das Beste 
in seinem Ideenkreis wenigstens als eine Rückwirkung der 
Eindrücke und als eine Frucht der vorübergehenden Freiheit 
sowie des Gedankenaufschwungs jener Epoche angesehen wer 
den. Er war unter denen, die man im engem Sinne Socialisten 
nennt und von den Communisten unterscheidet, der verhält- 
nissmässig kühnste und ideenreichste. Einige von ihm formu- 
lirte Gedanken haben in etwas veränderter Gestalt bis heute 
fortgewirkt. Besonders sind sie durch einen Mann, der ursprüng 
lich sein Schüler war, aufgenommen und weiter entwickelt 
worden. Ich meine den Philosophen August Comte, der für 
unser Jahrhundert unter den bis jetzt bekannten Erscheinungen 
als der bedeutendste Französische Vertreter der allgemein 
wissenschaftlichen Philosophie gelten muss. Nun ist aber auch 
der letztere ohne den Hintergrund jener grossen politischen 
Bewegung gar nicht zu verstehen, und so bestätigt es sieh 
durch den weiteren Verlauf der Erscheinungen, dass die 
moderne Socialtheorio ihre ersten Ansatz- und Stützpunkte in 
der Französischen Revolution zu suchen hat. Freilich darf 
man hiebei nicht übersehen, dass es an romantischen Rück 
läufigkeiten bei allen fraglichen Repräsentanten des älteren 
Socialismus und bei der die Socialökonomio mit einer flauen 
Sociologie vertauschenden Comteschen Lohre nicht gefehlt hat. 
Diese nicht blos zufälligen, sondern principiellen Züge réactiver 
Art, namentlich aber die schon von St. Simon beliebte und 
von Comte ausgeführte, äusserst gnädige Construction des
        <pb n="243" />
        — 227 — 
Mittelalters als eines menscliheitlichen Fortschritts, erklären sich 
aus dem Standpunkt, den die zuerst maassgebenden Autoren 
cinnahmen, während sie schrieben. Dieser Standpunkt war 
aut dem Sumpfboden der Restauration locirt, und die passive 
Berührung mit der Französischen Revolution hatte wohl an 
regen und nachwirken können, vermochte aber nicht den rück 
wärts ziehenden Eindrücken der schlechten Gegenwart überall 
die Waage zu halten. 
Wer geneigt sein möchte, die neuste Wirthschaftsentwick- 
lung mit ihrer veränderten Technik und ihren gewaltigen 
Mitteln zum Ausgangspunkt zu nehmen, würde hiemit zwar 
die jüngsten Erscheinungen, aber nicht völlig den älteren So 
zialismus begründen. Auch würde er sich des Fehlers schul 
dig machen, die unerlässlichen Voraussetzungen politischer 
Natur zu unterschätzen, falls er nicht etwa die Eigenthümlich- 
keiten der neuern Industrieentwicklung mit der umgestalteten 
politischen Anschauungsweise vereinigte und beide Elemente 
als die erzeugenden Ursachen des neusten Socialismus be 
trachtete. 
Erinnern wir uns zur Bestätigung des eben Gesagten des 
Ursprungs der physiokratischen Wirthschaftslehre, die der Fran 
zösischen Revolution voranging. Die Naturrechtsideen haben 
in der Physiokratie eine sehr erhebliche Rolle gespielt, und 
dies heisst mit andern W^orten nur, dass die politischen Ge- 
sichtspnnkto auch jener nationalökonomischen Bewegung nicht 
fremd geblieben sind. Sie waren ihr in der Gestalt der Ideen 
über das natürliche Recht von vornherein und zum Theil im 
M^iderspruch mit ihren sonstigen Absichten beigemischt. Wenn 
wir diesen Umstand nicht vergessen, so werden wir es um so 
eher verstehen, dass auch der Socialismus, wo er nicht etwa 
zu Albernheiten ausartete, eine politische Grundlage haben 
luusstc, und diese konnte zunächst thatsächlich keine andere 
sein, als die Anknüpfung an die Ueberlieferungen der Französi 
schen Revolution. Wir haben früher gesehen, wie sich sogar 
die Volks wirthschaftslehre nach solchen Beziehungen zu grup- 
Piren anfing, und wie ein Malthus die Reaction gegen die bes 
sern Bestrebungen vertrat, die sich in socialer Hinsicht an die 
politische Erschütterung Europas knüpften. Der Englische 
Briester hatte sich zwar nur mit persönlich nicht schwerwie 
genden Gegnern zu schaffen gemacht; aber die Ideen, die er 
15*
        <pb n="244" />
        — 228 —' 
bekämpfte, waren socialpolitiscber Natur und gehörten dem 
jenigen Gedankenkreise an, der in der Französischen Revolution 
wirksam geworden war. Hieher musste besonders die Haupt 
voraussetzung aller socialen Systeme gerechnet werden, dass die 
Formen des politisch socialen Daseins und mithin auch die Be 
schaffenheiten der verschiedenen Regierungen und Herrschaften 
für den erheblichsten Theil der wirthschaftlichen Verlegenheiten 
verantwortlich zu machen wären. Gegen diese Annahme wen 
dete sich Malthus mit seiner beschränkten, kirchlich zugo- 
stutzten Privatmoral und suchte den leitenden Classen Eng 
lands, sowie allen Regierungen das Gewissen zu erleichtern 
und für die Fortdauer der social angegriffenen Missständc Ab 
solution zu erthcilen. 
4. Mit den socialistischen Gebilden, denen Malthus seine 
Aufmerksamkeit zuwendete, werden wir uns nicht beschäftigen, 
weil dieselben zu unbedeutend sind und höchstens für die Be 
zeichnung der allgemeinen Strömung der Ideen einiges Interesse 
haben könnten. Wie schon gesagt, erkennen wir die eigen- 
thümlich socialistischen Erscheinungen erst da an, wo den bei 
den principie!! wichtigen Yoraussetzungen, nämlich einem 
höheren Maass allgemein wissenschaftlicher Gestaltung und 
ausserdem einer Beziehung zu den durch die Französische Re 
volution gestellten Aufgaben oder freier gewordenen Ideen ent 
sprochen wird. . Um jedoch den Sinn des modernen Socialismus 
und zunächst seiner ältesten Gestalt unzweideutig festzustellen, 
muss der colossale Unterschied bcmcrklich gemacht werden, 
der zwischen ihm und den Staatsdichtungen aller Zeiten und 
Völker besteht. 
Unter allen Erzeugnissen der politischen Phantasie ist 
Platons Schrift über den Staat am berühmtesten. Sie ist viel 
fach das Urbild für Staatsdichtungen der neuern Jahrhunderte 
geworden und hat wenigstens den Vortheil, durch die ästhe 
tische Form des Gedankenausdrucks in vielen Richtungen aus 
gezeichnet zu sein. Allerdings ist sie das Erzeugniss einer sehr 
willkürlichen Kunst, welche die Glieder dos Staatskörpers, den 
sie bilden wollte, in einer nicht sonderlich zusammenstimmendon 
Weise aus allzu ungleichartigen Elementen wirklicher Griechi 
scher Staatenformationen entlehnte. Dennoch hat sie durch die 
Erörterung allgemeiner Rcchtsidoen, sowie auch durch die cin- 
gestreuten allgemeinen Philosopheme, einen höheren Worth. So
        <pb n="245" />
        229 
gesetzlos sie die menscliliche Natur einzubannen und ihrer 
Btaatspoetischen Willkür zu unterwerfen versuoht, so behorrsoht 
sie ihren Stoff doch wenigstens mit einigen leitenden Ideen, 
die durch ihre blosse Form und namentlich durch die Einheit 
lichkeit, die sie der gedanklichen Staatsconstruction ertheilen, 
eine gewisse Bedeutung erhalten. Plato hat bekanntlich für 
den Kern seines Staats, nämlich für die Herrschenden und 
Krieo-cr, eine rohe Art der Gemeinschaft des Eigenthums und 
(kr Frmmn vm-zemhne^ und ^ veHe^ff dm Natm^^s^zo des 
menschlichen Verkehrs nicht etwa blos durch die Willkir, 
Verworrenheit und Unfreiheit jener Einrichtungen, sondern 
drückt ihnen durch die philosophisch priesterliche Leitung er 
betrefknden A.ngeleg(mheiten noch den l^tenipel der T^hcudkratie 
oder vielmehr eines noch viel schlimmeren Gebildes auf. übwoh 
er sicherlich die unerträgliche Gestaltung, die schon eine blosse 
Aüunäherung an sein Gebilde in der IVlrkliclikeit liätte niitsicli 
bringen müssen, im besondcrn Fall nicht beabsichtigte und au 
sein Ideal vom Philosophen zählte, so hat er sich doch später 
in einer ebenfalls politischen Schrift ganz und gar in das 
Priesterhafte verloren, so dass man hierin auch einen Finger 
zeig für die Beurtheilung seines ursprünglichen Staatsentwurts 
erblickeii mus^ ISein VTeidr und seine jirt und l^^eise sind 
ein typisches Beispiel für die Hinwegsetzung über die ersten 
Grundgesetze der menschlichen Natur und des socialen Ver 
kehrs. Mit einer Kritik seiner phantasiereichen Gonstructionen 
ist zugleich alles Aehnliche abgethan, was im Lauf der Ge 
schichte in dieser Gattung hervorgebracht worden ist und vor 
aussichtlich auch noch später hervorgebracht werden wird. 
Wenn das Spielonlassen der Imagination in Angelegenheiten 
des Eigenthums und des Geschlechterverkehrs mit Hintansetzung 
der Innern und äusserii ^Tothivemhiigkeitmi der \virklicheii l,e- 
staltungen Socialismus heissen soll, dann ist der letztere aller 
dings hei Plato und sogar schon bei früheren Schriftstellern 
aufzusucheri. Jia inan ,vird niclff in ITerlegeiiheit geratlnm, 
wenn man die Träume der menschlichen Phantasie in allen 
möglichen Beurkundungen der Völkerexistenzen nachweisen 
will. Aus diesem Grunde glauben wir aber auch in den neuern 
Jahrhunderten die politische und sociale Phantastik im Interesse 
der eigentlichen Wissenschaft ausschliessen zu müssen, wenn 
sich in ihren Erzeugnissen auch hin und wieder Ansätze zn
        <pb n="246" />
        — 230 — 
realen Ideen und manche Beiträge zur Kritik der Zustände 
vorfinden. Wäre es nicht unser ganz bestimmter Begriff vom 
Socialismus, was die ältern Erscheinungen ahzuweisen nöthigtc, 
so würde jedenfalls der Hinblick auf den Mangel an realem 
Ernst genügend sein, um die blossen Imaginationsspielo als un 
zurechnungsfähig erkennen zu lassen. Der Socialismus unserer 
Epoche ist eine viel zu ernste Angelegenheit, als dass man ihn 
mit blossen Befriedigungen der Einbildungskraft auf eine Linie 
stellen dürfte. W^as ihm selbst an solchen Decorationon zur 
Seite gegangen ist, darf keinen Grund abgeben, zu den Cari 
caturen, die sich ihm zugesellten und sein erstes Auftreten ver 
unstalteten, auch noch diejenigen Fictionen hinzuzufügen, welche 
der aufgeregte Vorstellungstrieb der frühem Jahrhunderte der 
neuern Zeit zu Tage gefördert hat. Am wenigsten können 
aber die Gährungsphänomeno des kirchlichen Reformationszcit- 
alters mit ihren unmittelbaren Voraussetzungen und Folgen 
darauf Anspruch machen, in der hier fraglichen Beziehung be 
rücksichtigt zu werden. Der ernstere Socialismus beginnt erst 
mit dem Stadium, in welchem die socialwirthschaftlichen Theo 
rien dem Bereich der religiösen Ideen den Gedanken einer 
selbständigen Ordnung entgegenstcllen. Andernfalls würden wir 
ja auch genöthigt sein, auf das entstehende Christenthum und 
dessen communistische Grundsätze und Verhaltungsarten zu 
rückzugreifen. Indessen wird es genügen, in dieser Hinsicht 
bei Gelegenheit der Erinnerung an die entsprechenden Secten 
der Gegenwart die erforderliche kritische Grenzlinie zu ziehen. 
Hienach werden wir uns also nicht im Mindesten auf die 
Utopia eines Thomas Morus oder auf die Oceana eines Har 
rington einlassen. Schon ein blosser Rückblick auf solche 
Staatsdichtungon oder romanhafte Decorationen politischer Ge 
dankenspiele würde zu unserm Thema zu ungleichartig aus- 
fallen. Wir werden im Gegenthoil sogar innerhalb der Er 
scheinungsgruppe, die wir uns nach natürlichen Grundsätzen 
und Gesichtspunkten für den eigentlichen Socialismus abgrenzen 
mussten, dahin streben, möglichst bald den festen Boden der 
unentstellten Wirklichkeit zu gewinnen und diejenigen Rich 
tungen der Theorien darzulegen, in denen sich der Fortschritt 
zu den gesunden, lebensfähigen und das gegenwärtige Dasein 
auch wirklich tief bewegenden Einsichten bekundet hat. 
5. Wer wie ich von dem Satze ausgeht, dass die politi-
        <pb n="247" />
        231 
sehen Zustände die entscheidende Ursache der Wirthschaftslage 
sind, und dass die umgekehrte Beziehung nur eine Rückwirkung 
zweiter Ordnung verstellt,kann oftenhar in der bisherigen Abfolge 
socialistischer Theorien noch keine Erreichung des völlig zu 
treffenden Standpunkts erblicken. Solange man die politische 
Gruppirung nicht um ihrer selbst willen zum Ausgangspunkt 
macht, sondern sie ausschliesslich als Mittel für Futterzwecko 
behandelt, wird man, so radical socialistisch und revolutionär 
man auch erscheinen möge, dennoch ein verstecktes Stück 
Reaction in sich bergen. Dies gilt bis zum gegenwärtigen 
Augenblick und trifft sogar, wenn auch zum kleinsten Theil, 
den internationalen Socialismus. Es ist daher von Wichtig- 
keit, sich zu erinnern, dass die Freiheits- und Gleichheitsideen, 
welche vor der Französischen Revolution ihr Bücherleben an 
traten und alsdann der Welt in anderer Form nachdrücklichere 
Lectionen ortheilten, zwar nicht den Socialismus selbst, aber 
die mächtigsten Antriebe und Ansätze zu der besten Gattung des 
selben einschlossen. Ein Feuergeist, wie Jean Jacques Rous 
seau, dem das lebenswarme Wort in treffendster Gestalt zu 
Gebote stand und der überall von naturwüchsiger Leidenschaft 
bewegt wurde, musste auch da, wo er verstandesmässig die 
nothwendigen Schritte noch nicht erkannte, mit seinem Rütteln 
an den socialen Ketten einen gewaltigen Anstoss der Gemüther 
bewirken. Seine Abhandlung über die Ursachen der Ungleich 
heit (1753) gelangte sogar gelegentlich zu einem Fluch über den 
Ersten, der das ausschliessliche Eigenthum abgepfercht habe; 
aber nicht ein solches Urtheil über die Vergangenheit, sondern 
die Bahnung eines Wegs in die Zukunft wäre besser am Platze 
gewesen. Statt dessen beschränkte sich Rousseau auf die halbe 
'politische Gonsequenz und wagte späterhin in seinen grossem 
Werken nicht nur keinen unzweideutigen Schritt gegen das 
Gowalteigcnthuin, sondern bemühte sich sogar positiv um Ab 
leitungen im Sinne Lockes. Das Glcichheitsprincip war jedoch 
unerbittlich und trieb ihn, wie seine Schüler, überall unwill 
kürlich hart an die Grenzen, wo die eigcnthümerische Denk 
weise vor der unbestechlichen Logik zu Schanden wird. Un 
wille und Empörung des edleren Sinnes Hessen auch wohl 
ausnahmsweise jene beengtere Vorstellungsart abthun, und 
grollend streben die Gefühle Rousseaus oft genug nach dem 
andern Ufer, wo die verstandesmässigen Gedanken noch kein
        <pb n="248" />
        233 
Land absehen und daher auch zu keiner Bezeichnung des so 
cialen Zieles gelangen. Ein grosses Hinderniss war der reli 
giös reactivo Zug, der zwar mit der nachhaltigen Begeisterung 
zusammenhing, aber doch eine Mitgift wurde, die der Kühnheit 
der politischen und socialen Gedanken Abbruch thun musste. 
Der Gegensatz zur gesinnuugsschwachon Leichtfertigkeit eines 
Voltaire sowie überhaupt zu der blos in aristokratischer Weise 
freigeisterischen Richtung war natürlich ein Lebenspriricip für 
jede Macht, die dem naturwüchsigen Sinn dos Volks gerecht 
werden wollte. Allein jene Begeisterung, die mit dom matten 
Wesen der übrigen Encyklopädiston contrastirt, wäre auch 
ohne deistische Superstition und ohne ünsterblichkeitsglaubeu 
möglich gewesen. Ihr tieferer Grund waren nicht diese Resto 
religiöser Beengtheit, sondern die Naturkräfte einer lebens 
vollen Individualität mit ihrer unbeugsamen grossen Leiden 
schaft für das Gerechte und Natürliche. Der Kampf gegen 
die moralische Bedeutung der Künste und Wissenschaften 
war zwar nicht nur paradox, sondern auch zum Theil rück 
läufig, schloss aber die heute noch nicht hinreichend ent 
wickelte Wahrheit ein, dass der Luxusbetrieb der Künste und 
Wissenschaften keine eigentliche Volksbildung und über 
haupt keine Verbesserung der praktischen Denkweise geschaf 
fen hat. Die Verachtung, mit der sich die Bedürfnisse des 
Volks sowie jedes unverdorbenen Verstandes und Gemüths 
von der oligarchisch corrumpirten Kunst und Wissenschaft ab 
wenden und den Bildungskrämern ihre faulen, volksverdum 
menden Früchte vor die Füsse werfen, rechfertigt noch heute 
einen Theil des Rousseauschen Strebens. 
Wie übrigens zu jener Zeit die sociale Humanität den 
Schriftstellern auch da nahetrat, wo sie mehr im Geiste der 
höhern Gesellschaftsschichten schrieben, beweist der jetzt noch 
seinen encyklopädistischen Rivalen gegenüber unverhältniss- 
mässig zurückgesetzte Helvetius. Er, der Reiche, der sich aber 
aus Ekel an der Finanzcorruption und Ausbeutung von den 
Geschäften zurückgezogen hatte, sprach es im 2. Bande seines 
nachgelassenen Werks „De Thomme” (von 1774) einfach aus, 
dass 7 oder 8 Stunden Arbeit des Tags für den Arbeiter ge 
nügen müssten, um ihn und seine Familie reichlich zu er 
nähren. 
Die Ideen der politischen Denker haben grade die kraft-
        <pb n="249" />
        233 
vollsten und kühnsten Persönlichkeiten der Französischen Re 
volution und mit ihnen die Höhenontwicklung der revolutio 
nären Action am meisten bestimmt. Unvergleichlich ragt in 
dieser Reziehung der im lAissenschattlichen und Politischen 
bedeutendste Schüler Rousseaus, der von Pseudohistorikorn der 
Europäischen Gontrorevolution einschliesslich derjenigen der 
Girondistischen Gattung, so niederträchtig entstellte Jean Paul 
Marat hervor. Er war nicht blos der würdigste Jünger, son 
dern auch in einigen Richtungen der Rächer Rousseaus. Dei 
Sturz der Gironde kann als eine Niederwerfung der hohlen 
und jesuitischen Monopolisten des den höheren Classen vorbe 
haltenen Bildungskrams und mithin als eine Vollstreckung des 
Rousseauschen Urtheils angesehen werden. Die Conflicto Ma- 
rats, des physikalischen Theoretikers, mit der Akademie kön 
nen als Vorspiel davon gelten, wie sich die Bestrebungen ficier 
und volksmässiger Geister mit den Institutionen des volks 
feindlichen Gelehrsamkeitsbetriebs verrotteter und despotisch 
privilegjrter Art abzufinden haben dürften. Mär at hatte im 
Criminalrecht seinen Ausgangspunkt von dem philanthropischen 
Beccaria genommen, der eingeständlich zwar der Menschheit 
zu nutzen, aber ein „Märtyrer” für sie zu werden keine Lust 
hatte. Diese Schwächlichkeit hatte Marat, der bekanntlich dem 
Girondistisch aufgestachelten Meuchelfanatismus zum Opfer 
fiel, durch charaktervolle Darlegungen ersetzt und war schliess 
lich zu jener eisernen und blutigen Consequenz fortgeschritten, 
welche die Logik aller Kämpfe um Sein und Nichtsein Ange 
sichts der staatlichen und geistigen Corruption der alten Gesell 
schaft mit sich bringt. Trotzdem findet man selbst auf der 
Höhe der revolutionären Entwicklung Marats in dessen be 
rühmtem Journal, dem Publicisten, in dem ersten Halbjahr 
von 1793, mit dem es selbst und sein Schöpfer dem Ende bald 
anhoimfiolen, keine Gedanken, die als ein entscheidendoi Schi itt 
zum Socialismus gelten könnten. Marat durchschaute, wie 
Keiner sonst, den brütenden Verrath, der in der Verruchtheit 
der alten Zustände seine Wurzeln hatte und eine Nothwendig- 
keit davon war, dass man in dem neuen System, namentlich 
in den militärischen Aemtern, die alten Personen duldete. Auch 
verstand er den Kampf auf Tod und Loben, der zwischen der 
Gironde und der echten Demokratie gleichsam von der Natur 
oder besser der Unnatur jenes Typus hervorgerufen wurde.
        <pb n="250" />
        234 
1 
Was er aber noch nicht hinreichend begriff, war dicNothwen- 
digkeit, den Grundsatz der politischen Gleichheit nach derje 
nigen Seite zu verfolgen, wo er sich ohne irgend welchen 
Abzug in denjenigen der Gleichheit des Wirthschaftsrechts 
verwandelt. 
6. Man kann Mably mit seinen Rathschlägen zur Gesetz 
gebung als denjenigen an führen, der es unter dem Eindruck 
und Antrieb der gleichzeitigen Rousseauschen Minirarbeiten un 
ternommen hatte, einige halbcommunistischo Consequenzon 
auszusprechen. Indessen ist seine gesammte geistige Haltung 
in allen Beziehungen sehr matt, und in der Hauptsache be 
schränkt er sich auf den Wunsch einer blossen Beschneidung 
der Auswüchse des Eigenthums, ohne das Hebel an seiner 
Wurzel zu fassen oder auch nur fassen zu wollen. Diese matt- 
herzige, mit der Leidenschaft und Schärfe eines Rousseau con- 
trastirende Art und Weise verdient in der That nicht die 
Auszeichnung, die ihr die ürtheilslosigkeit hat angedeihen 
lassen. 
Noch tiefer, als bei der Einlassung mit Mably, gerathen 
wir jedoch in die Niederungen der politischen Charakter 
schwäche, wenn wir den blassen Widerschein betrachten, in 
welchem sich die Einwirkung Rousseaus und der Französischen 
Revolution auf das Deutsche, mehr in der mystischen als in 
der politischen Welt hausende Denkerthum verrieth. Kants 
scholastische Versuche im Naturrecht waren in dem Besten, 
was sie vertraten, nur ein schwaches professorales Echo zu 
besseren und einfacher ausgedrückten Rousseauschen Concep- 
tionen. Natürlich fehlte jegliche Spur eigentlich socialer An 
sätze; ja es fehlte, was weit schlimmer war, das grosse Herz 
für die Menschheit und der bedeutende Charakter, der ohne 
praktische Leidenschaft nicht denkbar ist. Ein Gutes mag 
jedoch nicht übergangen werden; es fehlte wenigstens die Ser- 
vilität, welche die Majorität der philosophischen Epigonen in 
den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts grade auf Deut 
schem Boden recht kenntlich machte. Die einzige Ausnahme 
Fichtes, in dessen „geschlossenen Handelsstaat” man heute wohl 
gar Socialismus hineindichtet, hat darum wenig Bedeutung, 
weil die Verbindung der hohlen, nach Predigerart zugestutzten 
und recht unbeholfenen Redekünste mit breiter metaphysischer 
Saalbaderei und mit einigem Bramarbasiren doch wahrlich nicht
        <pb n="251" />
        235 
für eine würdige Yertretimg des natürlichen und einfachen 
Freiheitsstrebens gelten kann. In seiner Art hatte sich selbst 
verständlich der als Metaphysiker über dom Niveau der Ver 
gleichbarkeit mit einem Fichte stehende Kant weit besser mit 
den Schwierigkeiten abgefunden, die überhaupt einem vom 
Staate besoldeten und von der Kirche wenigstens indirect über 
wachten Lehrbeamten die Darlegung von naturrechtlichen und 
politischen Wahrheiten in einer begreiflichen, vom Jargon der 
Schulen freien Sprache unmöglich machten. Die Vorhaltungen 
und Dunkelheiten, die auf diese Weise noch über die ange 
stammte Verschulungsmanier hinaus den Ausdruck leer, ge 
schraubt, unklar, zaghaft verklausulirt und später hei den 
nächsten Epigonen recht widerwärtig verschränkt gestalteten, 
sind ein Fluch des in Deutschland blühenden und schon lange 
nicht mehr mit dem Aulklärungsschoin drapirten Despotismus 
gewesen. Man darf daher in dieser Sphäre nichts Ernstliches 
suchen. Was nachher ein Hegel an romantischem Material 
von Schölling, den Feuerbach mit Recht den philosophischen 
Cagliostro nannte, entlehnte und an seinem dialektischen Gän 
gelbande für grosse Kinder in die Welt laufen liess, das war 
freilich in Rücksicht auf die Staatsdoctrin in den weniger miss 
gestalteten Zügen für den Kenner noch immer mit entstellten 
bessern Bestandtheilen von Kantischem und hiemit Rousseau- 
schem Ursprung gemischt, aber übrigens in seiner reactionären 
und platten Haltung um so gefährlicher, als es sich hier und 
da für den Unerfahrenen einen täuschenden freiheitlichen An 
strich zu gehen suchte. Es würde nicht nöthig gewesen sein, 
die überdies noch in der Form unwissenschaftliche Manier 
eines Hegel zu erwähnen, wenn nicht die autoritäre Schulung 
in dessen Cruditäten auch den neuern Deutschen Socialismus 
doctrinär und methodisch bereits in der Keimung verdorben 
hätte. Die Marx und Lassalle haben diesem Schulmoloch an 
sehnliche Opfer bringen müssen, und ihr Götzendienst vor der 
Dialekt!kcaricatur einer popanzartigen Schulgrösse entzieht 
ihnen die umfassendere und intensivere Wirkungsmöglichkeit 
zum Theil schon für die Gegenwart, vollständig aber für die 
Zukunft, in welcher sie den Preis ihrer dialektischen Eitelkeit 
ohne Abzug zu zahlen haben werden. 
Träge Staatsconstructionen aus dem philosophastrischen 
Gebiet gehen uns hier nichts an. Dagegen ist zum Abschluss
        <pb n="252" />
        236 
dieser Yorbetrachtungen eine Bemerkung über unsern neusten 
kritischen Socialismus erforderlich. Nach Art der Maschino- 
manen ein gesellschaftliches Perpetuomobile oder überhaupt 
einen socialen Mechanismus im Widerspruch mit den Natur 
gesetzen des menschlichen Wesens und unabänderlichen Ver 
haltens construiren wollen, ist ein im schlechten Sinne uto- 
pistisches und unreifes Unterfangen. Dagegen überhaupt auf 
alle Construction verzichten, indem man dieselbe für un 
möglich erklärt, heisst die Wissenschaft selbst verschneiden 
und ihrer schöpferischen Functionen berauben. Es kommt dies 
ungefähr so heraus, wie wenn man blos eine mechanische 
Theorie, aber keine Erfindung von Maschinen und keinen Ma 
schinenbau anerkennen wollte. Die Socialismustheorie muss 
zu Schematen fortschrciten, und diese Gebilde müssen mehr 
als blosse Vorwegnahmen derjenigen Geschichte sein, die sich 
auch ohne ihre ideelle Dazwischenkunft vollziehen würde. Die 
praktische Macht der Ideen ist noch immer nicht hinreichend 
gewürdigt, weil so viele Thorheiten der socialistischen oder 
politischen Phantasie durch ihre sehr begreifliche Ohnmacht 
ein Vorurtheil gegen alle ideellen Motive begründet haben, 
oder weil man es vom Standpunkt der Brutalität gerathen 
findet, nur die letztere, die sich ja höchstens nur noch auf 
wankende Ideen stützt, in ihrer viehisch realistischen Nackt 
heit geltend zu machen und alle höheren Beweggründe des be 
wussten Verstandes und des veredelten Gefühls als angeblich 
ohnmächtig in Verachtung zu bringen. 
Zweites Capitel. 
Babeuf und Saint Simon. 
Die Scholastik der Nationalökonomie sucht ihre Befriedi 
gung nicht selten in Definitionen, welche den eigentlichen Com- 
munismus vom blossen Socialismus unterscheiden sollen. Diese 
Trennung ist für eine Geschichte, die sich mit Wirklichkeiten 
befasst, sehr gleichgültig. Wenn man unter Commimismus 
die Aufhebung des Privateigenthums und in einer andern Rich 
tung auch etwa diejenige der gesonderten, gehörig geordneten 
und auf der natürlichen Abgrenzung der Rechte beruhenden 
Ehe versteht, so wird man Mühe haben, die thatsächlichen Ge-
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        237 
Btaltungon nach solchen Gesichtspunkten zu gruppircn. Die 
wirklichen Gebilde der Theorie sowie die seetenmassigen 
Miniaturvcrsuche, um welche es sich handelt, sind sich meist 
selbst so wenig klar gewesen, dass sie jenen Punkt gar nicht 
o-chörig entschieden haben. Nur wo man überhaupt auf der- 
artio-e Thorheiten gänzlich verzichtete, entging man auch einiger- 
nm^s^d^ u^An^^ükmng imvmnm^^dmn 
Verworrenheit. Die Natur der Verhältnisse hat glUcklicher- 
weise dafür gesorgt, dass theoretische Klarheit und praktmehe 
Durchsichtigkeit der Gestaltungen in der Richtung auf die halb- 
Gommunistischen Missgebilde gar nicht möglich ist. Eiyoller 
und ganzer Communismus lässt sich nun zwar gleich einer 
Diction in ziemlich festen Umrissen vorstellen; aber hier ist 
die Verwirklichung in grösserem Maassstabe und nach dem 
Rüde der gewöhnlichen rohen Anschauungen innerhalb der 
(Zivilisation eine unbedingte Unmöglichkeit. Es bleiben daher 
für die communistischen Bestandtheile irgend welcher Theorien 
oder Associationen nur die Nebelhaftigkeiten und Verschleie- 
ruimcn übrig. In den entsprechenden Phantasiebildcrn wissen 
die ^Urheber nicht, was sie in Rücksicht auf die strengem 
Rcchtsbegriffe von Eigonthum und Ehe eigentlich verzeichnen, 
und in den Kinderspielen der zugehörigen Ausführungsversuche 
haben sie wiederum kein deutliches Bewusstsein von den Rechts 
beziehungen, nach denen die betreifenden Gemeinschaften ihre 
Verhältnisse ordnen. Eine relative Anarchie ist daher auch 
regelmässig das Schicksal dieser socialen Verbildungen gewesen. 
Von iener Einhüllung der wichtigsten Beziehungen in unklare 
Vorstellungen kann man sich einen Begriff machen, wenn man 
bedenkt, wie es den Juristen zu ergehen pffegt, wenn sie bei 
der Prüfung eines Gegenstandes nach Maassgabe ihrer schär 
feren Auffassung von ungebildeten Auslassungen abhängig 
werden WennnunschondieMenschenimgewöhnlichenLauf 
der Dinn-o die Rechtsverhältnisse, die ihnen nicht ganz geläuhg 
sind, mihr oder minder durchoinandermischon, so darf man sich 
nicht wundern, dass die phantastischen Jünger der socialen 
Alchymistcn, welche Eigenthum und Ehe zu ihrem Versuchs- 
gegenstand machen, über ihr eignes Treiben und die dabei ob- 
waltcndcn Beziehungen nicht die klarsten Begriffe a en. 
Hieraus erklärt sich zum Theil, dass die Rechenschaftsable 
gungen über die betreffenden Experimentalgemeinschaften so
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        — 238 — 
äusserst unbestimmt auszufallen pflegen. Die Urheber oder 
Mitspieler selbst sind zwar im Stande, die Yorgilngo und Ver 
hältnisse nach Maassgabo gewöhnlicher Anschauungen zu be 
schreiben, aber nicht beurtheilcnd nach den erforderlichen 
Rochtsbegriflen zu analysireii. In Wahrheit ist der Gegensatz 
gegen das Eigenthumsprincip oft gar nicht so gross, als man 
annimmt. Es darf mithin nicht sofort von eigentlichem Comniu- 
nismus geredet werden, wo die angedeuteten Gebilde von un 
bestimmtem Gepräge vorliegen. Anders verhält es sich aller 
dings mit den theilweise communistischen Einrichtungen, welche 
naturwüchsig und geschichtlich der schärferen Ausbildung des 
individuellen Eigenthums vorangingen, oder als ebenfalls histo 
rische Entartungen die bessern Formationen auf die niedere 
Stufe einer rohen Solidarität zurückwarfen. Diese Erzeugnisse 
umfassenderer Vorgänge, die mit den gelegentlichen, aus den 
socialistischen Phantasiespiolen entsprungenen Versuchen kaum 
etwas Erhebliches gemein haben, liefern eine Art Collectivi- 
täten des Zusammenlebens, die man mit dem Polypendasein 
vergleichen könnte. Sie vertreten eine Existenzart, an welcher 
die Selbständigkeit der Person noch von einer mehr oder 
minder verworrenen, äusserst unentwickelten Form der Lebens 
solidarität unterdrückt wird. Ilieher gehören alle Rechts 
gestaltungen, bei denen die Promiseuität der Verhältnisse und 
namentlich der Haftbarkeit die Regel ist. Ich habe absichtlich 
das sonst nur für den untergeordneten Geschlechterverkehr 
übliche Wort auch im Hinblick auf die Eigenthums- und Ver 
bindlichkeitsverhältnisse gebraucht, um die unbestimmte Ver 
worrenheit jener Beziehungen gehörig hervorzuheben. 
2. Ein unzweideutiger aber roher Communismus tritt uns 
in praktischer Weise als Nachspiel der Französischen Revolu 
tion entgegen, die schon mit der Herrschaft Robespierros auf 
die schiefe Ebene der religiösen und politischen Halbreaction 
gerathon war. Verglichen mit den spätem Theorien und Vor 
gängen hatte die communistischo Idee und Thatsache, die wir 
im Auge haben, etwas Charaktervolles, so dass ihre männlichen 
Züge mit der philanthropischen Physionomie und der weichen 
Sentimentalität eines St. Simon gewaltig contrastiren. Sie war 
ein Erzeugniss der activen revolutionären Leidenschaft, ruhte 
auf eigentlich politischen Grundlagen und kann daher nicht iin 
Mindesten auf das Niveau jener Kinderspiele herabgozogen
        <pb n="255" />
        239 
werden, welche die läppische Phantasie eines Fourier später 
ausführte. Auch die bonhommistischen Ucbungen, denen sich 
der Engländer Robert Owen im matten Imaginiren und im 
Experimcntircn ergab, sind kein Gegenstand, der sich mit 
jener Erscheinung als mit etwas Gleichartigem zusammenfassen 
liesse. Die Kluft zwischen dem communistischen Plan, den die 
Revolution erzeugt hatte, und den schwächlichen Versuchen der 
beiden Socialphantasten ist so gross, dass wir die Darstellung 
des ersteren absondern und dem Urheber einen getrennten Platz 
anweisen müssen. 
Der Mann, welcher 1796 eine rein communistische Unter 
nehmung auszuführen gedachte, war Babeuf, mit dem Beinamen 
Gracchus. Die auf das Altrömische gerichtete Romantik jenci 
Tage erklärt die Thatsache und auch den Sinn dieses selbst 
gewählten Vornamens des modernen Volkstribunen. Auch 
werden wir im Hinblick aut diese Umstände die theatralische 
Beimischung und einige %üge moralischer Affectation begreifen, 
die das Auftreten der in der fraglichen Angelegenheit handeln 
den Personen sogar noch im Tode nicht ganz abgelegt hat. 
Nichtsdestoweniger war Babeuf ein Mann im ernstesten Sinne 
des Worts, und es mag hieran noch besonders erinnert sein, 
da wir im Laufe unserer Wissenschaftsgeschichte nur noch 
einmal und zwar bei der Commune von 1871 Gelegenheit haben, 
mit etwas von dieser Gattung in Berührung zu kommen. Auch 
gehört die Darstellung der Verschwörung Babeufs, insoweit sie 
politisch und eine gewaltsame Action, also überhaupt eine 
äussere Thatsache der Geschichte war, gar nicht zu unserm 
Gegenstände. Nur die innere Action der Phantasie und Leiden 
schaft, welche die Gestalt eines ernstlich communistischen 
Planes annahm, geht uns hier an. Doch ist es unmöglich, 
das Wesen dieses Planes zu charakterisiren, ohne an die 
Eigenschaften des Mannes zu erinnern, der ihn mit der ganzen 
Kraft seines Willens bis zum Tode vertrat und noch zuletzt 
dafür sorgte, dass ein von den Feinden unentstelltes Andenken 
seines Versuchs an spätere Geschlechter gelangte. 
Die allgemeine Geschichte zeigt uns Babeuf als das Haupt 
einer Verschwörung gegen das Directorium, d. h. gegen eine 
der Machthaberschaften, wie sie in dem Gange der sinkenden / 
Revolution jederzeit geschaffen und wieder vernichtet werden 
konnten. Die Unternehmung, deren politische Aussichten hier
        <pb n="256" />
        240 
nicht zu erörtern sind, missglückte in Folge eines Yorraths, 
obwohl sie der gehörigen Vorbereitungen nicht ermangelte und 
über eine für den nächsten Zweck eines raschen Schlages allen 
falls ausreichende Macht verfügte. Bei dem Process bekundete 
sich ihr Führer als ein Mann von grosser Offenheit, der es 
für seine eigne Person verschmähte, die ihm über Alles gehende 
Ehre seiner Sache im Interesse eines Rettungsversuchs der 
nackten Existenz preiszugeben. Anstatt sich in einer Weise, 
die man nach den gewöhnlichen Begriffen als formgerecht zu- 
lassen würde, ab wehrend zu vertheidigen, phiidirto er für die 
Gerechtigkeit seiner Anschauungen und Bestrebungen und er 
klärte, dass er auf deren Vertretung nicht verzichte. Nach 
Buonarrotis Bericht war Babeuf in seinen Privatbezichungen 
und in seinen Familicnverhältnissen nicht etwa blos ohne Vor 
wurf, sondern im Gegenthoil ein Widerspicl der Corruption und 
blieb jederzeit arm. Selbst wenn wir den Kennzeichnungen 
des Genossen nicht ohne Weiteres glauben wollen, so treffen 
wir die Beurkundung der Anschauungsweise Babeufs doch in 
den eignen Schriftstücken desselben in einer Gestalt an, die 
nach Abzug der romantischen Elemente die honette, von einem 
wirklichen Gerechtigkeitsgefühl belebte Gesinnung unverkenn 
bar macht. Letzteres wird selbst für denjenigen klar sein, 
der gewohnt ist, an die menschlichen Charaktere mit grossem 
Misstrauen heranzutreten, die Maskenträgerei bis in den Tod 
hinein als etwas Häufiges anzusehen und auch das in Anspruch 
genommene Märtyrerthum selbst in den bedeutendsten Erschei 
nungen der Geschichte stets kritisch zu untersuchen. 
Da wir dem eigentlichen und gröberen Communismus in 
einer ähnlichen Erscheinungsart nicht wieder begegnen, sondern 
bei den communistischen Phänomenen der Gegenwart nur an den 
Haupttypus zu erinnern haben werden, so muss der Gegen 
stand sofort in seiner am meisten charakteristischen Ausprä 
gung zur Erledigung gelangen. Dies geschieht am besten, in 
dem wir die Ideen da aufsuchen, wo sie den Binn mit der 
grössten Gewalt eingenommen hatten, was grade bei Babeuf 
am unverkennbarsten ist. Sein letztes Benehmen zeigt uns, 
dass es ihm bitterer Ernst war. Nach dem Ausspruch des 
Todesurtheils wollte er sich sofort der fremden Gewalt ent 
ziehen. Er und sein Genosse Dar thé leisteten sich gegen 
seitig den letzten Dienst, aber nicht vollständig. Der Dolch
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        — 241 
war zerbroclieu unter dem Herzen stecken geblieben. Nack 
einer scblinimen Nacht, welche die Zähigkeit ihres Muths auf 
die Probe gestellt hatte, unterlagen sie mit dpr grössten Festig 
keit dem weiteren, nun nicht mehr in der Sicherheit ihrer Hand 
und der Schwäche ihrer Instrumente beruhenden Abschluss der 
Sache durch die Guillotine. 
Einer der Haupttheilnohmer, der aber nur zur Deportation 
verurthoilt wurde, nämlich der schon erwähnte Buonarroti, 
war von Babeuf verpflichtet worden, das Andenken ihres Unter 
nehmens und ihrer Ideen durch eine Darstellung vor den feind 
lichen Fälschungen sicherzustellen, und jene Persönlichkeit ist, 
wenn auch erst sehr spät, in die Lage gekommen, jenes Vei- 
sprcchcn durch die Herausgabe einer ausführlichen, mit Belag 
stücken ausgestatteten Schrift zu erfüllen. Die „Conspiration 
pour l’égalitó dite de Babeuf, par Ph. Buonarroti (2 Bde. 
Brüssel 1828) ist ein Buch, welches allen denen empfohlen 
werden kann, welche die fanatischen Gestaltungen dei commu- 
nistischen Gleichheitsidee in ihren edleren Zügen kennen lernen 
und zugleich die Logik studireu wollen, die im Grunde dieser 
Leidenschaften waltet. 
3. Wie sich die communistische Phantasie Babeufs vor sich 
selbst rechtfertigte und in ihrer erträumten Yerwirklichung 
zu benehmen gedachte, ersieht man aus folgenden Umständen. 
In einer Antwort auf einen die Möglichkeit des Communismus 
anfechtenden Brief sagt Babeuf: „Die Lehre, die wir predigen, 
hat die kalten Rechnungen der Philosophie und die Autorität 
der grossen Männer des Alterthums auf ihrer Seite . (Buonai- 
roti Bd. II S. 214). Weiterhin (S. 227) findet sich sogar eine 
Aufrufung der philosophischen Patrioten, mit ihrer Logik und 
ihren Schriften den Egoismus, die Quelle der Tyrannei und 
des Unglücks, zu entwurzeln. Der in Bezug genommene Brief 
vom 28. Germinal des Jahres lY ist ebenso kennzeichnend 
als die Einwendung, die ihn hervorgerufen hatte. Man sieht 
deutlich, dass der individuelle Reichthum von Babeuf als die 
Quelle alles Uebels betrachtet wurde; man sieht aber auch, 
dass sein Gedankengang nicht von so niedrigen Motiven ge 
leitet war, um die ganze Angelegenheit zu einer blossen I rage 
der Magcnfüllung entarten zu lassen. Die politische Beziehung 
stand als Grundlage unverrückbar fest, und die fernere Ge 
schichte des Socialismus wird uns lehren, dass es jederzeit eine 
Ouhriiig, Geschichte der &gt;'atioiialOkonomie. 2. Auflage. 16
        <pb n="258" />
        242 
■1 
Tiiorheit gewesen ist, in der praktischen Politik die Wahr“ 
nehmung der socialen Interessen von derjenigen der politischen 
zu trennen. Auf dieser Seite lag die Schwäche Babeufs sicher 
lich weit weniger als im Bereich eigentlich wirthschaftlichcr 
Vorstellungen, und hier haben wir die Nationalökonomie seiner 
Zeit mehr als ihn selbst für die Möglichkeit Jener ausschwei 
fenden Phantasieerzeugnisse zur Rechenschaft zu ziehen. Hätte 
er von derselben direct mehr gewusst, als wirklich der Pall 
war, so ist noch sehr fraglich, ob ihn die Theorien derselben 
nicht noch mehr in seiner Idccngestaltung bestärkt haben 
würden. Auf irgend einem Wege war er offenbar zu den Irr- 
thümern der damaligen Wirthschaftslehre auch seinerseits ge 
langt, und es kann uns gleichgültig sein, ob er die für ihn 
entscheidenden Vorstellungen selbst gefasst oder indirect über 
kommen hatte. Soviel steht fest, dass er die Meinung, man 
könne sich auch allenfalls ohne edle Metalle behelfen, mit den 
bedeutendsten nationalökonomischen Schriftstellern, namentlich 
aber mit Adam Smith, thcilte. Der Unterschied zwischen ihm, 
der ein Urheber neuer Zustände, und den theoretischen Autoren, 
die nur Anreger von Gedanken sein wollten, bestand allein 
darin, dass er es mit der praktischen Logik ernst nahm und 
voraussetzte, ein zutreffender Gedanke müsse sich auch in 
eine Thatsache übersetzen lassen. Er glaubte an die Möglich 
keit, dem Golde den Abschied zu geben und den Umlauf nicht 
etwa mit blossem Papier, wie es Adam Smith für thunlich 
gehalten hatte, sondern im Wege der Naturalvertheilung zu 
bewerkstelligen. Seitens der einzelnen Bezirke sollte eine Na 
turalablieferung der Ueberschüsse stattfinden. Man kann sich 
selbst ausmalen, wie nach dem Einwerfen des Eigenthums in 
die neue Gemeinschaft die Proceduren einer regierungsmässigen 
Vertheilung erdacht werden mussten. Doch sei bemerkt, dass 
Babeuf das Gold und Silber für die Beziehungen zum Auslande 
reserviren und dem letzteren sogar die Staatsschuld bezahlen 
wollte. Man wundert sich vielleicht, dass der verrufene Com 
munist dem Ausland gegenüber eine Achtung für die Erfüllung 
der Verbindlichkeiten und hiomit ein Maass von Gerechtig 
keitssinn bekundete, welches man bei hocheivilisirten Völkern 
und Regierungen nur ausnahmsweise voraussetzen kann, sobald 
man ausschliesslich den guten Willen, nicht aber die von 
Aussen zwingende Nothwendigkeit oder berechnende Rücksicht
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        243 
auf den künftigen Credit in Anschlag bringt. Die Speicherun 
gen sowie die Ausgleichungen zwischen den verschiedenen Be 
zirken, an welche der ziemlich phantasiereiche Yolkstribun in 
seinem System und Reich dachte, brauchen wohl kaum erwähnt 
zu werden. Dieses Nebenwerk tritt gegen den zweiten Grund 
irrthum zurück, der eine Rohheit der Auffassung enthielt, die 
ebenfalls der Nationalökonomie in ihrer physiokratischen Ge 
stalt, in einem gewissen Maass aber auch noch dei’jenigen Adam 
Smiths eigen war, ja sogar noch heute in verschiedenen Syste 
men eine Rollo spielt. Es ist dies die Meinung, welche mit 
der VolkswirthSchaft und mit der Versorgungsfrage fertig zu 
sein glaubt, wenn sie nichts weiter als den Ackerbau und den 
Ertrag der ländlichen Grundstücke regulirt hat. Diese Be 
schränkung der ökonomischen Gedanken auf den Ackerbau, 
wie wir dieselbe in ihren widerwärtigsten Conseíjuenzen auch 
bei einem Malthus angetroffen haben, ist einerseits als ein Volks- 
vorurtheil, andererseits in ihrer allermodernsten und gegen 
wärtigen Gestalt als eine Rückwirkung der feudalistischen 
Denkweise zu betrachten. Es darf daher nicht befremden, dass 
der Volkstribun Gracchus Babeuf mit den Gonsequenzen dieser 
so vielseitig anerkannten Idee Ernst machen wollte. Er hatte 
ebensowenig wie die ideologische Nationalökonomie seiner Zeit 
eine Ahnung davon, dass in der modernen Welt die entschei 
dende Triebkraft für die Beschaffung von Existenzmitteln an 
derswo zu suchen wäre, als im Gebiet des Grundeigenthums. 
Seine antiken Vorbilder mögen zur rohen Gestaltung seiner 
Ideen nicht wenig beigetragen haben. Allein seine Entwürfe 
Würden vielleicht noch schlimmer ausgefallen sein, r/venn er 
noch einige Trugbilder der Nationalökonomie zum Führer ge 
nommen hätte. 
4. Man sieht aus den Schriftstücken, dass er Mably 
kannte und Rousseaus Antrieben folgte; aber auch seine eignen 
Vorstellungen und deren Ausdrucksform sind offenbar kernig 
genug, um als Beurkundungen eines energischen selbständigen 
Geistes mehr Werth zu haben, als ganze Massen einer spä 
teren, dürftigen und schwächlicherr Literatur über denselben 
Gegenstand. In der bei Buonarroti (Bd. II S. 137 fg.) als Be 
lagstück abgedruckten kurzen Darstellung der Hauptprincipien 
Babeufs wird (S. 145) die Idee entwickelt, dass durch Theilung 
und Aneignung des Grundeigenthums die Ungleichheit und
        <pb n="260" />
        244 
i hicmit das Unrecht begründet worden wäre. Das Uebel babe 
sieb hauptsächlich dadurch gesteigert, dass die Anzahl der blos 
um Lohn zu arbeiten Genöthigten, verglichen mit derjenigen 
der Lohngeber, immer grösser geworden sei. Auf diese Weise 
. seien die Ersteren ganz und gar der Verfügung der Letzteren 
anheimgefallen und auf eine sehr dürftige Lebensweise be 
schränkt worden. Weiterhin wird das Eigenthum, weil cs. die 
Quelle der Ungleichheit und der Sklaverei sei, als eine Geissel 
der Gesellschaft und als ein wahres ölfentliches Verbrechen 
bezeichnet. Besonders charakteristisch ist aber folgender Satz: 
’’ „Die Revolution ist nicht beendigt, weil die Reichen alle Güter 
absorhiren und ausschliesslich herrschen, während die Armen 
als wahre Sklaven arbeiten, sich im Elend hiiischloppen und 
im Staate nichts sind.” An einer früheren Stelle waren die 
Armen in einer dreifachen Abhängigkeit als dem Zwang der 
Noth, der Erniedrigung durch die Unwissenheit und dem Be 
trug durch die Religion unterliegend gekennzeichnet worden. 
Man begreift, dass ein Mann von solchen Anschauungen ein 
furchtbarer Gegner gewesen sein würde, wenn seine Kraft nicht 
in der Richtung auf zu roh gestaltete Ziele ausgegriffen hätte, 
und wenn die Verstandesmässigkeit und Einsicht seiner Ideen 
nicht gewaltig hinter der Intensität seiner Gesinnung zurück 
geblieben wäre. Die Antriebe, von denen er geleitet wurde, 
sind ungefähr dieselben, welche wir auch heute noch in den 
verschiedensten Formen auftreten sehen. Der vorher wörtlich 
angeführte Satz könnte sehr wohl als Inschrift zum Eingang in 
die seitdem abgespielte Gcsellschaftsgeschichte dienen; denn in 
der That ist die Revolution noch nicht abgeschlossen worden, 
und auch ihr politischer Charakter hat mehr und mehr eine 
socialistische Grundlage gewonnen. Babeuf suchte aber das 
Unheil mit Rousseau in der Vergangenheit und in der ur- 
f sprünglichen Bildung des Eigenthums und wollte die Zustände 
im Sinne des Uranfänglichen gestalten. Diese rückläufige 
Eigenschaft seines Ideals contrastirt nun gewaltig mit dem 
Drang der Affecte, die nach vorwärts wiesen. Er, der sich, 
wie er in seinem letzten Brief an seine Familie schrieb, in die 
„ewige Nacht” und „in den Schlaf des Weisen” mit so festem 
Bewusstsein und befriedigtem Gewissen „einhüilto”, war von 
den im letzten Grunde aus dem Superstitionsdogma vom Sün 
denfall oder wenigstens aus der poetischen Täuschung eines
        <pb n="261" />
        uranfílnglichen goldenen Zeitalters stammenden Dlnsionen in 
direct lind unbewusst durch die rückläufigen Theile des Rous- 
seauschen Denkens irregetührt worden. 
Ich bin auf die besondern Züge des Plans, den man im 
Pall des Gdingens der Verschwörung wenigstens zum Theil 
auszuführen versucht haben würde, nicht eingegangen, weil die 
Verfolgung eines in seinem Ausgangspunkte verkehrten Phan 
tasiegebildes in die Einzelheiten kein Interesse hat. Das Ge- 
präge der rohen Gewalt und die demselben nicht blos bei Com- 
munisten entsprechenden Maassnahmen würden sicherlich auc i 
hier nicht gefehlt haben, wie man aus den Actenstücken nur 
zu deutlich erkennt. Allein soweit Babeuf persönlich in rage 
kam, würden seine eisernen Vorstellungen von Gerechti^ "cit 
in die übrigens unverkennbare Barbarei des Gleichheitsfanatis- 
mus edlere Züge gebracht und die jedenfalls rasch vorü ei- 
gehenden Convulsionen eines kurzlebigen Ausführungsveisuc s 
gemildert haben. Die Geschichte hat in andern, nicht commu 
nistischen Gebieten unvergleichlich mehr Rohheiten und Thor- 
heiten von gemeinerem Charakter und soviel blutigen Rau zu 
verzeichnen, dass sie wohl mit den Opfern einer theoretisc 
irregeleiteten, in ihrem Kerne aber nur zu erklärlichen Lei en 
Schaft nach einem andern Maass der Kritik verfahren un 
daran erinnern muss, dass für den weiteren Verlauf dei e 
gebenheiten nicht die Verkehrtheit der Theorie, sondern le 
Artung und Richtung der Gesinnung das Entscheiden G 
Den Typus, welchen wir in Babeuf vorgeführt ha en, 
fen wir in der weiteren Gestaltung der Ideen nie nui 
nicht ausser Acht lassen, sondern werden seiner um so^ 
mehr bedürfen, je mehr wir uns der Gegenwart nähern. Di 
Art und Weise, in der Babeuf dachte und handelte, ist 
von so entscheidender Eigenart gewesen, dass man sich 
hüten muss, ihn mit der Schaar, auf die er zu wirken 
hatte und namentlich mit den Robespierreschen Parteitrüm 
mern oder auch nur mit Buonarroti in Charakter und Dem 
kungsart zu identificiren. Die festen Umrisse, welche nicht 
nur sein Wollen, sondern auch die theoretisch verkehrten Ziele 
desselben zeigten, sind allermindestens geeignet, zu den gestalt 
los zerfliessenden und sentimental aufgelösten Voistellungs 
regungen der verhältnissmässig bedeutendsten Erscheinung des 
nach der Revolution zunächst auftretenden Socialismus den ge-
        <pb n="262" />
        — 246 — 
hörigen Contrast zu bilden. Sie werden bemerken lassen, durch 
welche Kluft ein 8t. Simon mit seinen Ideen von den eisernen 
Gesetzen des wirklichen Lebens getrennt wurde. 
5. Von einem Mann der That gelangen wir jetzt zu einer 
Erscheinung, die ihren Schwerpunkt in der Theorie hat und 
von der man noch nicht einmal sagen kann, dass sie die Kraft 
entfaltung des rein Verstandesmässigon an erster Stelle ver 
treten habe. In dem Namen Saint Simons kann das kleine 
Beiwort als Erinnerung daran dienen, dass sein Träger von 
vornherein und nicht etwa erst in seinen letzten Lebensjahren 
von religiösen Aifecton bewegt worden ist, die ungeachtet ihrer 
anscheinend ganz freien und fessellosen Gestaltung, ja trotz 
ihrer gelegentlichen Verwandlung in einen blossen Cultus der 
Wissenschaft, dennoch niemals das ihnen eigenthümlicho Ge 
präge des einseitigen Gefühlsstandpunkts verleugnet haben. 
Diese Regungen oder vielmehr deren leicht begreifliche Ent 
artungen sind es gewesen, die das Bindeglied zwischen St. Simon 
und den widerwärtigen Ideen und Thatsachen abgaben, die nach 
seinem Tode unter dem Namen des St. Simonismus eine Rolle 
spielten und in den Enfanterieen eines Enfantin ihren bekann 
testen Ausdruck fanden. Wäre in der Person und in den Ideen 
St. Simons nichts Anderes als der an gedeutete Zug anzutreffen, 
der, wenn auch sehr weit von den nachfolgenden Thorheiten 
entfernt, dennoch unbestimmt genug war, um für das kinder- 
hafte Unterfangen einer Secte einen ziemlich scheinbaren An 
knüpfungspunkt zu bieten, — wäre bei St. Simon selbst nichts 
Besseres vorhanden gewesen, so würden wir unsere kritische 
Geschichte mit keinem Bericht über seine Gedanken und Be 
strebungen auszustatten, sondern den Raum für andere Erschei 
nungen zu schonen haben. So aber verhält es sich nicht, son 
dern St. Simon ist in der That, aller Abwege und Beimischun 
gen ungeachtet, der rationellste Vertreter der älteren socialen 
Ideen. Ja es lässt sich sogar behaupten, dass sein Grundgedanke 
im Wesentlichen zutreffend gewesen ist und, von einigen Ein 
seitigkeiten abgesehen, noch heute den leitenden Antrieb der 
wirklichen Gestaltungen bildet. Um diesen Gedanken gehörig 
aufzufassen, muss man jedoch von vornherein die sehr gewöhn 
liche Ansicht ablegen, als wenn derselbe eine von Grund aus 
neue, in den Hauptformen des gesellschaftlichen Daseins völlig 
veränderte Ordnung ins Auge gefasst hätte. Im Gegentheil 
■Vyrvn
        <pb n="263" />
        wird man die vorlilufige Vorstellung von St, Simons Denkungs 
art weit richtiger gestalten, wenn man davon ausgeht, dass man 
es mit einer gegen den zerstörenden Charakter des Revolutio 
nären und auf den Positivismus des Schagens gerichteten 
Sinnesart zu thun hat. Es würde sogar nicht einmal emo un- 
richtio-e, wenn auch leicht missverständliche Formulirung sein, 
wenn man sagte, dass St. Simon eine Art reactiver Gegen- 
wirkung gegen die Grundsätze der Französischen Revolution 
vertreten habe. Ganz unbedenklich gestaltet sich der letztere 
Satz, sobald man hinzufügt, dass die fragliche geistige Reaction 
zu einem grossen Theil selbst von den Errungensc a ten er 
neuen Anschauungsweise getragen gewesen sei. Die haupt 
sächlichsten Veröffentlichungen specifisch socialer Art fielen 
überdies in eine Zeit, in welcher der Autor bereits dem Ein- 
druck der Rostaurationsherrschaft ausgesetzt war. Greifen wir 
jedoch der Angabe einiger Thatsacheii aus seinem Leben 
nicht vor. _ . 
Der Graf Saint Simon (1760 —1825) aus Paris, stammte 
nach seiner eignen Meinung von Karl dem Grossen ab und 
war der nächste Verwandte des durch seine Memoiren be 
kannten, der Zeit Ludwigs XIV angehörigen Herzogs Samt 
Simon. In glänzenden Verhältnissen und mit viel Aufwand 
erzogen, unter Andern auch von d’Alembert unterrichtet, trug 
er sich schon in sehr jugendlichem Alter mit Ideen von einem 
grossen persönlichen Beruf. Bezeichnend ist die neu , 
dass er sich als junger Herr mit der Anrede habe wecken 
lassen: „Stehen Sie auf, Herr Graf, denn Sie haben grosse 
Dingo zu thun.” Mit 17 Jahren in die Welt selbständig ei - 
getreten, gelangte er in verhältnissmässig kurzer ^it zu man- 
nichfaltigen Rollen jenseits und diesseits des Oemns. Er 
leistete Kriegsdienste unter Washington, bemühte sich für seinen 
Plan eines interoceanischen Canals bei der Mexikanischen Re- 
gicruno', betrieb in Holland eine Expedition gegen die Indischen 
Colonien der Engländer, ohne zur deffuitiven Ausí^rung 
gelangen, und verfolgte in Spanien ein fur die HauptsWt 
dieses Landes wichtiges Canalproject. Die Eranzösiscbe R^ 
volution, welche auch diese letzte Unternehmung abschnitt, 
brachte ihn ausserdem so ziemlich um Alles, d, h. ausser um 
seine aristokratische Stellung auch um ein sehi giosses i^r 
mögen. Um für philanthropische Zwecke wieder Mittel zu er-
        <pb n="264" />
        werben, speciilirte er von 1790—97 in Verbindung mit einem 
Preussen, dem Grafen Redern, auf dem Gebiet dos Natio- 
nalgütei Verkaufs und zog sich dann mit einer Summe von 
144,000 Fr. von allen geschäftlichen Operationen zurück. Er 
glaubte mit diesem Betrag für seine Absichten und Entwürfe 
solange ausreichen zu können, bis er zu irgend einer Stellung ge 
langt sein würde. Doch der Erbe der Tradition des Glanzes 
und der hülle hatte seinen Voranschlag mit etwas zu leicht 
fertigem Vertrauen auf die Lebensverhältnisse gemacht und 
war, wie das Weitere lehrte, offenbar nicht fähig, seinen nach 
allen Seiten hin ausgreifenden Forschungsneigungen die zum 
eigentlichen Ziel führenden Bahnen vorzuschrciben. Er ver 
stand es weder in seinen nun beginnenden wissenschaftlichen 
Studien noch in seinen vermeintlichen Lobensorprobungen die 
natürlichen Beschränkungen eintreten zu lassen, die im Inte 
resse der Freiheit und Herrschaft des Geistes noth wen di g sind. 
Es gelang ihm nie, auf das Unerhebliche zu verzichten und 
das Unnütze eines Ausgreifens und Ausschweifens nach allen 
Wissens- und Lebensrichtungen zu erkennen. Er bcsass nicht 
die hinreichende Kraft der Abstraction, um sich im Sinne philo 
sophischer Î roiheit und Ucbersicht auf das zu concentriren, 
worauf es ihm eigentlich ankam. Ein sehr unbestimmter Drang 
nach Verwerthung alles Wissens für eine neue, zur Veredlung 
der menschlichen Existenz führende Erkenntniss äusserte sich 
daher zunächst in etwas zerfahrener Weise, wobei es aller 
dings an der Einheit des Triebes und eines noch unklar ge 
dachten Phantasiebildes von einer „physiko-politischen” Theorie 
nicht fehlte. 
Der siebeuunddreissigjährige Mann begann mit einem Stu 
dium der physischen Wissenschaften und zwar mit einem beson- 
dern Interesse für deren Entdeckungsgeschichto. Er selbst be 
richtet uns in seinen Lebensfragmenten, die man unter Anderin 
auch an der Spitze der Ausgabe der Werke von 1841 abgedruckt 
findet, von den Einzelheiten und Aeusserlichkoiten seiner Be 
strebungen. Zuerst war es die polytechnische und später die 
medicinische Schule, bei welcher er seine Wohnung aufschlug. 
Seine Börse und, wie er ebenfalls selbst sagt, seine Tafel und 
sein guter Wein wären nicht geschont worden, um die Profes 
soren der beiden Anstalten ausgiebig zu machen. Doch scheint 
ihm diese vornehme Stndirweise im Verhältniss zu den ver-
        <pb n="265" />
        249 
ßchiedenen in dieser Art verwendeten Jahren nicht allzu viel 
eingetragen zu haben. Die Herren, die er in Anspruch nahm, 
haben die Sache unzweifelhaft auch ihrerseits zu cavalicrmilssig 
und zwar in einem schlechteren Sinne dieses Worts genommen, 
als es auf St. Simon selbst passen würde. Sie haben ihm für 
reines Gold und reinen Wein sicherlich nichts Entsprechendes 
gereicht; denn andernfalls hätte der gute Graf, dem es an Geist, 
Phantasie und sogar an einer gewissen Art von Genie nicht 
fehlte, nicht sein ganzes Leben hindurch ohne Kenntniss des 
Sinnes der exacten Wissenschaften und ohne Verständniss für 
deren strenge Denkweise bleiben können. Die reichste und 
überschwellendste Imagination, die von den Affecten noch so 
sehr beherrscht wird, kann, solange sie überhaupt noch zur 
Einlassung auf die strengeren Theile des Naturwissens geneigt 
ist, durch zutrehende Wendungen und Hinweisungen stets ein 
wenig disciplinirt und zur Ordnung gebracht werden. Ein der 
artiger Vorgang ist aber bei St. Simon nicht eingetreten. Die 
Physiker und Astronomen, mit denen er sich nach einer Art 
von Systematik zuerst einliess, haben daher sicherlich keinen 
Beitrag geliefert, um die ein wenig abenteuerliche Phantasie 
ihres nicht im besten Sinne des Worts originalen Zöglings auf 
den allbeherrschenden Verstand hinzu weisen. Die Wissen 
schaften des Organischen und Animalen waren aber, nament 
lich in ihrem damaligen Zustande, am allerwenigsten geeignet, 
einen sonderlich ordnenden und aufklärenden Einfluss auf einen 
Geist auszuüben, in welchem sich ohnedies schon viel unver 
arbeitete Vorstellungen und Antriebe drängten. 
Auf diese Studien folgten nun Reisen nach England und 
Deutschland und zwar mit dem Zweck, die dortigen Zustände 
des allgemeinen Wissens kennen zu lernen; von England war 
St. Simon wenig erbaut; in Deutschland flel ihm die mystische 
Philosophie auf, die ja grade an der Grenzscheide des Jahr 
hunderts zu wuchern begann, und die er ganz richtig als einen 
Kindheitsstandpunkt bezeichnete. Zwar nennt er Leute wie 
Fichte und Schelling nicht; aber der Eindruck passt wesent 
lich nur auf die Atmosphäre, in welcher diese und verwandte 
Erscheinungen auftauchten. Uebrigens fügte St. Simon seiner 
Ansicht die Bemerkung hinzu, dass die Deutschen, wenn sie 
einmal auf den rechten Weg gelangt sein würden, grade in
        <pb n="266" />
        — 250 
der Thätigkeit für die allgemeine Wissenschaft eine grosse Zu 
kunft hätten. 
Der Begriff, den St. Simon von der Erfahrung als einem 
Mittel des Wissens hegte, war höchst verworren und bekun 
dete sich auch darin, dass er selbst seine Verheirathung grund 
sätzlich als Lebensexperiment nahm und in einem Jahre 
luxuriöser und alle Praktiken des Vergnügungsdaseins ver 
suchender Existenz seine Mittel erschöpfte. Diese wahnwitzigste 
und würdeloseste Episode seines Lebens ist zugleich der mora 
lisch dunkelste Punkt seines gesummten Verhaltens. Seine 
Thorheit, die zugleich eine Rücksichtslosigkeit war, ging so 
weit, in einer an Irrsinn grenzenden Weise die unmittelbare 
subjective Erfahrung der Ausschweifungszustände grundsätzlich 
zu suchen. In diesem frivolen Spiele, in welchem er sieh und 
die Welt zu studiren vermeinte, blieb er allerdings in einem 
gewissen Sinne der Herr seiner selbst und ein sich nie ganz 
verlierender Zuschauer des eignen und fremden Verhaltens. 
Allein der Umstand, dass er beobachtete und alle seine Hand 
lungen zum Werkzeug für den fanatischen Zweck eines trüge 
rischen Wissensidols ansah und gestaltete, kann uns mit diesen 
Verkehrtheiten nicht aussöhnen. 
Eine weitere Reihe von Experimenten, die für St. Simon 
nach jener Episode begann, wurde nicht mehr von ihm, sondern 
mit ihm angestollt. Die Natur und die Macht der Verhältnisse 
übernahmen jetzt die Gestaltung seines Lebens und ergänzten 
die vielfachen Situationen, die er gesucht hatte, auch durch 
solche Lagen, die sich Niemand nach Belieben künstlich geben 
kann, ohne zugleich die Herrschaft über seine Angelegenheiten 
einzubüssen. Er gerieth in das äusserste Elend, sah sich go- 
nötliigt, bei einem Standesgenossen um einen Copistenposten 
anzuhaltcn, in welchem er für 1000 Fr. Jahreslöhnung täglich 
9 Stunden zu arbeiten hatte und seine Gesundheit in die 
grösste Gefahr brachte. Die Befreiung von diesem halbjälirigen, 
unfreiwilligen Experiment wurde ihm von einer solchen Seite 
zu Theil, dass sich schon die fernere Physionomie der St. Simon- 
schen Existenz absehen liess. Ein gewisser Diard, der früher 
in seinen Diensten gestanden hatte und ihn zufällig in der 
seltsam contrastirenden Situation wiederfand, sorgte für seine 
Existenz und trug sogar die Druckkosten einiger Schriften. 
Doch schwand mit dem nach ein paar Jahren erfolgten Tode
        <pb n="267" />
        251 — 
jenes Mannes auch diese Existenzgrundlage, die für den, welcher 
sie gewährte, ein besseres Zeugniss war, als für den, welcher 
sie angenommen hatte. Nach dem eignen Bericht St. Simons 
von 1812 sah er sich in diesem Zeitpunkt auf das Aeusserste 
gebracht. Seit 14 Tagen lebe er von Brod und Wasser und 
arbeite ohne Heizung. Doch fügt er hinzu, dass er sogar seine 
Kleider verkauft habe, um Abschriften bezahlen zu können. 
Man sieht hieraus, dass seine Einrichtung so widersinnig als 
möglich gewesen sein muss, und dass ihn das Wahngebilde der 
Ziele seiner Arbeiten bis zu dem Grade beherrschte, um die 
allereinfachste Eintheilung und Anordnung seiner Oekonomie 
unmöglich zu machen. Er hungerte, fror und bezahlte Ab 
schriften, — hierin liegt ein Zug, den Niemand anders als pa 
thologisch zu erklären vermag. Analogen Erscheinungen begegnet 
man im Leben häufig genug; allein die Th at sache, dass sich 
derjenige, welcher seinen Ausgangspunkt von den ernsteien 
Wissenschaften genommen haben wollte, in dieses passive, auf 
das Mitleid, um nicht zu sagen auf die höheren Formen des 
Bettels angewiesene Fortleben zu ergeben vermochte, bedarf 
einer Erklärung. Die letztere liegt nun nahe genug, wenn man 
sich nur entschliesst, sie in dem religiösen Affect zu suchen, 
dessen Signatur schon sehr früh und nicht etwa erst in den 
letzten Erzeugnissen zu erkennen ist. Dieser Afiect hatte die 
Gestalt einer weichen und zur Duldung geneigten Hingebung. 
Hiezu kam die dominirende und alle andern Regungen ver 
schlingende Leidenschaft für die Theorie, die der Verwirklichung 
der Ziele jenes Affects dienstbar werden sollte. 
Was Charaktere anderer Art nicht erdulden, konnte daher 
nicht die Ursache gewesen sein, die einen St. Simon 1823 dazu 
vermochte, sich durch eine unsicher dirigirte Kugel um ein | 
Auge und einen Theil seiner Kräfte zu bringen. Der ehemalige 
Oberst, der Träger eines der hocharistokratischen Namen Frank 
reichs hatte in einer verzweiflungsvollen Nacht zu allen Er 
fahrungen und Enttäuschungen auch noch diejenige eines ver 
fehlten freiwilligen Todes hinzugefügt. Dieses traurige Experi 
ment, welches allem Anschein nach die erste erhebliche Hand 
lung war, die nicht zur Bereicherung der Erfahrung unternom 
men wurde, hat trotz alledem und gegen den Willen des Ur 
hebers eine Wendung eingeleitet, durch welche sich der 
Schwächepunkt des ganzen Bestrebens deutlicher als jemals 
îiis
        <pb n="268" />
        — 252 — 
zuvor bekundete. In die zwei Jahre, welche St. Simon seitdem 
noch fortlebte, fällt sein „Neues Christenthum”, — eine Schrift, 
die als Schlüssel zu allen früheren Verirrungen dienen kann 
und in der sich die Haltungslosigkeit und nebelhafte Ver 
schwommenheit seiner Welt-und Lebensauifassung einen letzten, 
schwächlichsten, aber darum auch unverkennbarsten Ausdruck 
gegeben hat. 
6. Schon in den „Briefen eines Einwohners von Genf” 
(1802), mit denen St. Simon seine neuen Bestrebungen begann, 
zeigt sich jene TJeberspanntheit, die den universellen Affect, 
dessen bekannteste Formen man gewöhnlich als religiöse Auf 
fassung bezeichnet, in die Wissenschaft hineintrug und in dieser 
Metamorphose zu einem bizarren Cultus werden liess. Die vor 
geschlagene Subscription am Grabe Newtons musste für Jeden, 
der sich auf geistige Physionomik auch nur ein wenig verstand, 
ein sicheres Zeichen sein, dass der Verfasser jener Schrift höchst 
wahrscheinlich einem religionsartigen Affect immer mehr an 
heimfallen und in demselben schliesslich vollständig untertauchen 
und endigen w^erde. Zunächst war es noch ein phantasiemässig 
verfälschtes Bild strenger Wissenschaft, durch welches der 
autoritätsbedürftige, einigermaassen weibliche Geist zu Verherr 
lichungen getrieben wurde, die vom Standpunkt allgemeiner 
rationaler Wissenschaft ihre grossen Bedenken hatten. Später 
zeigte es sich deutlich genug, dass die Imagination und jener 
philanthropische Affect, der sich in der ganzen Geschichte als 
eine abgelenkte, so zu sagen üborströmende und auf einen 
unbestimmten Gegenstand gerichtete, in ihrer Wurzel aber auf 
der Naturgrundlage ruhende Liebe kennzeichnet, — es zeigte 
sich, dass dieser vielen Menschen so unbegreifliche und räthsel- 
hafte Trieb mit der ihm zugehörigen üeberspannung der Phan 
tasie den gesammten Ideenkreis St. Simons beherrschte. Er 
innert man sich stets dieses tiefsten Grundes aller seiner ideellen 
Vorstellungen, so wird man zum Verständniss seiner mannich- 
faltigen Schriften keines weiteren Leitfadens bedürfen. Man 
wird einsehen, dass auch die Richtung auf das Sociale und 
Oekonomische nur eine Folge jenes Standpunkts gewesen ist. 
Eine neue Wissenschaft, die von der Natur ausginge und das 
sociale Dasein zum Ziele hätte, sollte die Philanthropie zu einer 
herrschenden Thatsache und das moralische Gebot des Wohl 
wollens zu einer das Reich der Wirklichkeit durchdringenden
        <pb n="269" />
        253 
Macht iimgestalten. Die letzte und zahlreichste Schicht der 
Gesellschaft sollte besonders ins Auge gefasst und durch das 
erwähnte Priiicip in eine bessere Lage versetzt werden. 
Unser Autor hat nach den Genfer Briefen Mancherlei ver 
öffentlicht, was seinem unmittelbaren Gegenstand nach dem 
Socialismus sehr fern liegt, in der Gedankengruppe und Ge- 
sammtthätigkeit des Urhebers aber keineswegs als völlig fremd 
artig erschien. Wir verzichten jedoch darauf, uns auf diese 
Gattung von Arbeiten einzulassen. Wir können dies um so 
mehr, als die für das Socialökonomische erheblichen Ideen in 
den verschiedensten Schriften wiederkehren. Man hält sich 
daher am besten an die späteren Veröifentlichungen, wobei je 
doch die spätesten, die der oben erwähnten Katastrophe folgten, 
nur noch in sehr bedingter Weise zurechnungsfähig sind. Die 
Veröffentlichungen dieser allerletzten Phase sind hauptsächlich 
der „Politische Katechismus der Industriellen”, der aber zum 
erheblichsten Theil schon vorher erschienen war, und ausser 
dem das schon angeführte „Neue Christenthum (1825), welches 
die Anhänger dieser schwächeren beite des St. Simonschen 
Geistes als das wichtigste Vermächtniss und als ein Grundbuch 
des neuen Messianismus angesehen haben. Einen vollkommnen 
Einblick in die sociale Hauptidee gewähren die Briefe, welche 
unter dem Titel „Vom industriellen System” (1821) mit einer 
Aufrufung der Philanthropen aller Länder erschienen und durch 
zwei Theile unter gleichem Titel ergänzt wurden. Jedoch 
genügt es, bei einem Autor wie St. Simon ein paar richtig 
gewählte Schriften aufmerksam zu prüfen, um in den zerfliessen- 
den und mit Nothwendigkeit wiederkehrenden Gedanken- 
clomenten und Anschauungen eine Art von Kern herauszu- 
hndeii. Die Berichterstatter haben über St. Simon viel Tri 
vialitäten rnitgetheilt. Sie haben in der Hegel nicht vergessen, 
zu bemerken, er habe die Industrie zur Hauptmacht der Ge- 
Seilschaft erhoben wissen wollen. Das Motto einer Schiift 
von 1817 „Alles durch und für die Industrie” ist in dieser Be- 
ziehung in Erinnerung gebracht worden. Allem man weiss 
sehr wenig, wenn man von nichts als dieser Hichtung und noch 
dazu durch Vermittlung eines irreführenden, nicht einmal im 
Sinne der gewöhnlichen Sprechweise gebrauchten Wortes Kennt- 
niss hat. Die völlige Ergebnisslosigkeit derjenigen Darstellun 
gen, in denen St. Simon im Rahmen des gesummten Socialis-
        <pb n="270" />
        — 25á — 
mus und zwar zunächst Anfangs der vierziger Jahre für das 
Geld der Französischen Akademie von Herrn Reybaud gezeigt 
worden ist, müsste überraschen, wenn nicht der feindliche Gegen 
satz gegen die bessern Tendenzen und die Wahlverwandtschaft 
für die Schwächen hier Alles erklärte. Auf eben derselben 
Ursache beruht auch der überallhin fortgepftauzte Fehlgriff, das 
nach dem Tode St. Simons Vorgegangene zur Hauptsache zu 
machen, die Albernheiten und Thorheiten der Secte nicht nur 
für zurechnungsfähig zu erachten, sondern auch in den Vorder 
grund zu stellen, und ausserdem die Fourier und Owen,als be 
deutendere Erscheinungen auszugeben. Einen gewissen Antheil 
hat hieran nicht blos der Mangel an Kritik, sondern auch der 
natürliche Instinct gehabt, mit dem Schwächsten am leichtesten 
fertig werden und das eigne, nicht sehr ausgiebige Urtheil hiebei 
am erfolgreichsten verwerthen zu können. 
Die Fortpflanzung der eben angedeuteten, um die eigent 
lichen Gedanken wenig bekümmerten Auffassung hat über 
St. Simons Socialismus die wunderlichsten Vorstellungen er 
zeugt. Bei dem Namen Socialist sollte doch etwas gedacht 
werden, und von dem seltsamen Grafen transpirirte in das 
weitere Publicum nicht viel mehr als äusserliche Anekdoten 
und ein Bericht über das, was nach seinem Tode unter seinem 
Namen zum Skandal geworden war. Seine eignen Ideen wur 
den am allerwenigsten ins Auge gefasst, und erst in aller 
jüngster Zeit ist durch die Berühmtheit August Comtes, der 
sich als junger Mann, etwa 1817 an St. Simon anschloss, die 
Aufmerksamkeit auf die Gedanken desjenigen zurückgelenkt 
worden, dessen Schüler und Mitarbeiter der Verfasser des 
„Cursus der positiven Philosopliie” geworden war. 
7. Dieses Schicksal der St. Simonsehen Gedanken ist sehr 
erklärlich. Die Unbestimmtheit, in der dieselben auftraten, 
und noch weit mehr die letzte Blosstellung ihrer Schwäche ge 
stattete einem phantastischen Jüngerthum die thOrichtsten Aus 
schreitungen. Ein fester vorstandesmässiger Anhaltspunkt war 
nicht gegeben; was an Geist und guten Ideen in den Schriften 
St. Simons angetroffen wurde, hatte keine rationell zwingende 
Form und konnte daher kein Bindemittel abgeben. Im Gegen- 
theil musste Derartiges denen, die sich eigentlich nur für eine 
neue Religion interessirteu und tief unter dem Niveau der 
wichtigsten Ideen des Meisters blieben, als sehr gleichgültig
        <pb n="271" />
        255 
erscheinen. Ein einziger unter den verschiedenen sogenannten 
Schülern imd Mitarbeitern des originellen Grafen gelangte 
dazu, die Hauptidee des letzteren in einer speciellen Richtung 
aufzufassen und nach einer besondern Seite hin in einer zum 
Theil vervollkommneten Gestalt wiederzugeben. Dies wai der 
schon erwähnte August Comte, der aber auch weit mehr als 
Schüler war und sich in der eigentlichen Philosophie eine Bahn 
brach, die zwar mit der allgemeinen Richtung der Ideen des 
Lehrers zusammenstimmte, aber dennoch in einem Hauptpunkte 
zu einem selbständig festgestellten Ziele leitete. 
Für unsern Zweck ist es nun höchst wichtig, von vorn 
herein zu wissen, dass der Vertreter des philosophischen Posi 
tivismus der Franzosen grade den socialökonomischen Schwei- 
plinkt der leitenden Idee St. Simons verkannt und sich ganz 
einseitig auf die Betrachtung der Gesellschaft unter dem Ein 
fluss der religiösen und politischen Theorien beschränkt hat. 
Comte hatte nur wenig Sinn und Verständniss für die Trag 
weite des wirthschaftlich Materiellen und für die eigentlich 
socialen Probleme. In dieser Beziehung blieb er weit hinter 
St. Simon zurück, der doch selbst nur bis an die Schwelle der 
wichtigsten Trennung, nämlich derjenigen des Capitals und der 
Arbeit, gelangt war. Ein äusserliches Vorkomniniss ist für die 
Stellung Comtes zu St. Simon höchst bezeichnend. Im Jahre 
1824 kam es zwischen Beiden zum Bruch, und die äussere 
Veranlassung war ein Meinungsunterschied über die Stellung 
der Industriellen. Der Lehrer, der sein ganzes Leben die Macht 
der technischen Arbeit und den Einfluss der Geschichte der 
selben vor Augen gehabt hatte, konnte unmöglich zugeben, dass 
die Wurzel aller seiner politischen Gedanken ausgerissen und 
an ihre Stelle eine Idee gepflanzt würde, die er selbst gefasst 
hatte, der er aber nur die zweite Rolle zugestehen konnte. 
Der sechsundzwanzigjährige Mitarbeiter aber, der von den 
Ueberliefcrungen der polytechnischen Schule erfüllt wai und 
an erster Stelle die strengen Wissenschaften im Auge hatte, 
wollte im neuen Reich des socialen Systems den Gelehrten den 
ersten Platz ein geräumt wissen. 
Obwohl der Grund des Zerwürfnisses weit tiefer lag, so 
macht doch die Gelegenheitsursache unwillkürlich einen komi 
schen Eindruck. Man entzweite sich über die Bestimmung der 
Rollen in dem Reich eines Systems und über eine künstliche
        <pb n="272" />
        — 256 — 
I » 
Vertheilung der Machtverliältnisse, mit deren Regiüirung die 
Geschichte auch ohne theoretische Nachhülfe bereits beschäftigt 
war. Hätte man die Frage anders gestellt und blos die vor 
herrschenden Thatsachen erörtert, so würde es sehr leicht ge 
wesen sein, sich zu überzeugen, dass St. Simon die richtigere 
Auffassung auf seiner Seite hatte. Er wollte unter dem Namen 
der Industrie die wirthschaftliche Arbeit in der Gesammt- 
heit ihrer Verzweigungen und mit Einschluss der untersten 
Schicht ihrer Organe, also, wie er sich selbst ausdrückte, vicr- 
undzwanzig Fünfundzwanzigstel der Gesellschaft, zum Aus 
gangspunkt des politischen Regime nehmen. Die Industriellen, 
in einem hienach allerdings sehr weiten oder aber mehrdeutig 
offen gelassenen Sinne des Worts, sollten das Budget machen 
und an Stelle des Adels und der Büreaukratie die Verwaltung 
der öffentlichen und gesellschaftlichen Oekonomie beherrschen. 
In ihren Händen sollte wesentlich die Entscheidung über die 
Antheile der blossen Functionäre liegen, und auch dem massigen 
Besitz sollte in dieser Eigenschaft keine erhebliche Mitwirkung 
zufallen. Man sieht sofort, dass diese Idee nichts als das 
wesentlich richtige Gegenbild einer Bestrebung ist, die in der 
modernen Gesellschaft immer mehr Terrain erobert hat. Auch 
wurde sie von St. Simon selbst auf die Betrachtung der Ge 
schichte gegründet und als ein Geschichtsphilosophom entwickelt. 
In den betreffenden Auseinandersetzungen findet sich nichts, 
was auf den Plan einer wesentlichen Abweichung von den 
Grundformen der Gesellschaft und des Staats deutete. Die 
Vertretung der Arbeit und zunächst ihrer Leiter, also der 
Industrie einschliesslich des Ackerbaus oder, mit andern Worten, 
die entscheidende Geltendmachung der volkswirthschaftlichen 
Mächte, als solcher, in der Ordnung der öffentlichen Finanzen 
und mithin in der Oekonomie des ganzen Staatslebens, — dieses 
Verwiegen des Wirthschaftlichen im Politischen war die leitende 
Grundidee. Mit dieser Idee war jedoch keineswegs ein künst 
liches Arrangement der Volkswirthschaft gegeben. Die Prin 
cipien konnten vielmehr dieselben bleiben, und nur das, was 
sich bereits stetig angebahnt und zum Th eil durcligesetzt hatte, 
nämlich die Herrschaft des wirthschaftlichen Elements, sollte 
sich vollenden. 
Für eine solche Idee war nun A. Comte nicht empfänglich, 
da er seiner vorherrschenden Geistesrichtung nach dem wirth-
        <pb n="273" />
        257 
scliaftlich Materiellen fern stand und von der Meinung ausging, 
es müssten sich die socialen Verhältnisse nach Maassgabe der 
Verfassung der Wissenschaft und nach einer in diesem Sinne 
festzustellenden Rangordnung bestimmen. Dies war ein Stück 
Ideologie, dessen nicht einmal St. Simon fähig gewesen war, 
den die praktische Erfahrung und ein gewisser Tact vor dem 
uralten Platonischen Irrthum bewahrt hatten, dass eigentlich 
die Philosophen die Herrschaft haben müssten. Zwar hatte 
auch St. Simon für eine, wenn auch sekundäre Machtstellung 
der Akademien Fürsorge getroffen und in den einschlagenden 
überspannten Conceptionen eine Art Kirche der Wissenschaft 
aufzurichten gedacht. Allein wenn in diesem Punkt der Schüler 
in die Fusstapfen des Lehrers trat, so gestaltete er die ganze 
Imagination noch entschieden komischer, indem er die wirth- 
schaftlich politische Macht zur Seite liess und sich in ein vor 
nehmlich psychologisches Schematisiren von übrigens nebel 
haften Umrissen verlor. 
Die Gelehrten sollten der erste und politisch einflussreichste 
Stand sein. Dieser Comtescho Gesichtspunkt war nichts als 
eine ungeschickte Gonsequenz der Idee, dass die Errungen 
schaften des modernen Wissens für die politischen und gesell 
schaftlichen Gestaltungen immer mehr maassgebend werden 
müssten. Ausserdem war er die Wiederaufnahme des Leit 
fadens, mit dem St. Simon seine zweite Lebensepoche, d. h. 
seine auf die Theorie zu gründenden Bestrebungen begonnen 
hatte. Die früher erwähnte „physiko-politische” Wissenschaft 
des Lehrers erhielt in den Gpdanken des selbständig gewor 
denen Schülers ein ganz einseitiges Gepräge, indem die Natur 
wissenschaften in ihrer Stufenfolge auch den entscheidenden 
Anknüpfungspunkt für die Theorie der Gesellschaft bilden 
sollten. Merkwürdigerweise hat Comte nicht blos da an ge 
fangen, wo auch St. Simon begann, sondern auch übrigens in 
seinem Leben und in seinen verschiedenen philosophischen 
Phasen einige wichtige Grundzrtge der Laufbahn des Lehrers 
in seiner eignen Art wiederholt. 
8. Im Punkt e des religiösen A fleets ist die Uebereinstim- 
mung des schliesslichen Ausgangs für beide Persönlichkeiten 
am greifbarsten. Auch Comtes letzte, von den mehr wissen 
schaftlichen Positivisten meist verleugnete Periode ist durch 
-eine Rückkehr zu einer ganz falschen, von Gemüthsbeweguugen 
Duliriiijif Ooscliichte der JiatioDalökonomie. 2. Auflage. 17
        <pb n="274" />
        258 
■beirrten Weltauffassung bezeichnet und verlor sich in Bestre 
bungen zur Stiftung einer neuen Religion. Die letztere war 
freilich nicht das „Neue Christenthum" St. Simons; sie schloss 
eine Gottes Vorstellung, eine Wirkung von Geboten u. dgl. 
grundsätzlich aus. Sie wies nicht blos, wie es St. Simon 
gethan hatte, alle Theologie von sich, sondern verschmähte es 
auch in jeder Beziehung, auf irgend einen Standpunkt zurück- 
zukommen, der durch die rationelle positive Philosophie der 
ersten Periode des Urhebers überwunden worden wäre. Nichts 
destoweniger lief sie auf nichts als einen bizarren Ciiltus hin 
aus und war, wenn man von ihren Wunderlichkeiten absioht, 
eine Art Ausführung des St. Simonschen Programms. Im tiefem 
Grunde war sie aber dieselbe Erscheinung, die sich auch bei 
St. Simon leicht erklärt. Die Affecte der Kindheit lebten im 
Alter wieder auf; die Ermüdung des Lebens und der Verstandes- 
kräfte vorstattete den unlogischen Antrieben eine Art Nach 
sommer und führte auf diese Weise dazu, dass sich alle 
Schwächen dos ursprünglichen Standpunkts jetzt vollends offen 
barten. Wurden auch die Errungenschaften der eigentlichen 
Intelligenz bei beiden Personen nie gänzlich verdrängt, so war 
doch der universelle Affect, dem sie am Schluss ihres Lebens 
verfielen, von einer Gattung, in welcher man, aller kritischen 
Abstreifungen und Umwandlungen ungeachtet, den angestammten 
Katholicismus deutlich genug wiedererkennt. St. Simon und 
Comte gehören in dieser Beziehung zusammen, und da eine 
gewisse Spielart des Socialismus stets die Neigung gehabt hat, 
sein Gesellschaftsreich mit Hülfe eines religionsartigen Kittes 
aufzuführen, so war die Erinnerung an diese Beziehungen am 
Platze. Indem wir uns bei den bessern Erscheinungen mit 
dieser Abirrung bekannt machen, setzen wir uns in den Stand, 
die gemeineren Gestaltungen der Sache künftig mit einem 
einzigen Fingerzeig abzuthun. Bei St. Simon und August Comte 
hatten die fraglichen Bestrebungen den Charakter des Wohl 
meinenden und sogar der Aufopferung; die Schwäche, die sich 
bei ihnen bekundete, war zwar erst im späteren Alter auffallend 
hervorgetreten, aber im Keime jederzeit vorhanden. Es war 
eine Lücke in der Welt- und Lebensauffassung gewesen, die 
in beiden Fällen ihre Folgen haben und auch die ganze sociale 
Auffassung durch die Nebelhaftigkeiten und Trugbilder einer
        <pb n="275" />
        259 — 
fehlgreifenden Gcmüthslogik oder vielmehr Unlogik verfälschen 
musste. 
Nebenbei sei noch bemerkt, dass auch der Selbsttödtiings- 
versuch im Leben Comtes nicht gefehlt hat, wenn er auch 
sehr frühzeitig cintrât. Ihm war eine Wahnsinnsepisode vor 
angegangen, die allenfalls als Gegenstück des St. Simonschen 
Experimentaljahrs gelten kann. Der Gang der wissenschaft 
lichen Entwürfe und der daran geknüpften Entwicklung der 
Ideen stimmte ebenfalls ziemlich überein, nur mit dem Unter 
schiede, dass einem Comte die erste Hälfte des St. Simonschen 
Lebens, d. h. die Erfahrung in technisch industriellen Unter 
nehmungen und die Einlassung mit der ökonomischen Seite 
der Verhältnisse nicht zu statten kam. Hiefür sah er sich 
allerdings ein wenig durch die genauere Kenntniss des exacten 
Gebiets und durch eine relativ mehr vom Verstände getra 
gene Auffassungsart entschädigt. Dennoch kann man aber 
die Rollen beider Naturen sehr wohl in eine einzige zusammen 
fassen und, soweit das allgemeine System in Frage ist, gradezu 
behaupten, dass es sich auch in der positiven Philosophie 
und in alledem, was die Gesellschaftslehre betrifft, nur um 
eine Fortsetzung und Entwicklung, zum Theil aber auch 
nur um die einseitige Ausbildung eines in der ursprünglichen 
Idee des Lehrers weit umfassender angelegten Plans gehan 
delt habe. 
Die positive Philosophie A. Comtes gehört an sich selbst 
nicht zu unserm Gegenstände. Hieraus ergiebt sich der Nach 
theil, dass ihr Vertreter ungeachtet seines Anspruchs, eine 
Socialtheorie, die er Sociologie nennt, entwickelt zu haben, 
dennoch für diesen Punkt im Vergleich mit St. Simon kaum 
in Betracht kommen kann. Man prüfe beispielsweise die ziem 
lich leeren Allgemeinheiten, die als Statik und Dynamik der 
Gesellschaft im Comteschen Hauptwerk, dem „Cuisus der 
positiven Philosophie” (Band 4 erste Abth. Paris 1839) darge- 
logt worden. In den beiden betreffenden Vorlesungen musste 
es sich zeigen, ob Comte über materiell erhebliche Ideen und 
neue Einsichten verfügte. Er reproducirte indessen in der 
Hauptsache nur die Grundgedanken, die er schon als Mit 
arbeiter St. Simons circa 15 Jahre früher in der kleinen unter 
dem Namen einer positiven Politik als 3. Heft des „Katechismus 
der Industriellen” veröffentlichen Schrift, entwickelt hatte. 
17*
        <pb n="276" />
        260 
Noch mehr zeigt das seiner Verfallperiode anphörige, in 
4 Bänden 1851—54 erschienene „System der positiven Politik”, 
dass die vagen, rein religiös gewordenen Umrisse von wiikliclier 
Politik lind Socialtheorie fast gar nichts aufznweisen haben. 
Alle schwachen Punkte des Hauptwerks sind in dieser letzten, 
auf einem gemüthsartigen Zerfliessen der Intelligenz beruhen 
den Arbeit zu der ihnen eigenthümlichen Consequenz gelangt 
und werden so auch für denjenigen greifbar, der die Keime 
derselben in den frühesten Conccptionen etwa ignorirt hat. 
Bei der grössten Achtung für die Leistungen Comtes in anderer 
Richtung und für das Leben, welches für diese Leistungen 
eingesetzt wurde, kann man dennoch nicht umhin, guide 
die als social bezeichneten Untersuchungen als am wenigsten 
befriedigend und als eine Arbeit anzusehen, welche für die 
Socialthcoric nur ein Interesse zweiter Ordnung, für die 
eigentlich ökonomischen Fragen aber so gut wie gar keine 
Bedeutung hat. In dieser letzteren Beziehung bedarf St. Simons 
Ueberlegenhcit keines näheren Beweises. Der einzige Umstand, 
dass er den Schwerpunkt der politischen Gestaltungen in den 
wirthschaftlichcn Elementen der Gesellschaft suchte, ist ent 
scheidend. Uebrigens werden wir aber auch sehen, dass die 
jetzt sehr berühmten Grundgedanken, durch deren scharfe 
Ausbildung sich der Comtesche Positivismus hervorgethan hat, 
und die wir übersichtlich in der „Kritischen Geschichte der 
Philosophie” (2. Aufl. 1873) dargestellt haben, in St. Simons 
Ideenkreis tiefe Wurzeln hatten und nach ihrer politisch ökono 
mischen Seite bereits von ihm selbst ziemlich gut und in 
manchen Beziehungen sogar besser, als von seinem Schüler, 
formulirt worden waren. Der Lehrer war freilich eine mehr 
imaginatorische Natur gewesen; indessen das Verwiegen der 
Phantasie deutet auch zugleich auf eine Gattung des schöpfe 
rischen Geistesverhaltens, wie es den kühleren Persönlich 
keiten oder vielmehr dem Zustande eines geringeren Auf 
schwungs in gewissen Richtungen nicht eigen sein kann. 
Ueberdies vertrat Comte die spätere Generation und eine be 
reicherte, gleichsam mehr gesetzte wissenschaftliche Erfahrung. 
Trotzdem kann man sich durch eine vergleichende Lectüre da 
von überzeugen, dass da, wo die Gegenstände beider hchrift- 
8 teil er dieselben sind, die ausgebreiteten und oft viel zu lang- 
athmigeii Schematisirungen eines Comte die ungezwungenen
        <pb n="277" />
        261 
und aohnelleren Bewegungen St. Simons nicht autViegen. 
Der letztere entfaltete in Rücksicht auf die politisch socialen 
Thatsacben und überhaupt auch in der Darstellungsform der 
Cbescbiobtspbilosopliome weit umrorkeiinbarer die Züge des 
oigentlicbon Genies, als sein jüngerer Nachfolger, hei welchem 
sich der übrigens unbestreitbare Gedankengehalt oft zu einem 
gar zu langen und langweiligen Faden verspann. 
9. Es hat kein Interesse, die Wendungen zu untersuchen, 
welche in St. Simons Gedankenkreis nach Maassgabe der poli- 
tischen Ereignisse eintraten. I)icse i^^andhingeri betrafeii rue 
die Wurzel der Ideen selbst, sondern bezogen sich nur aut die 
I^hihinthropen, dass sie aiif den girkui VPhlhm vonllogpei^mgeu^ 
Körperschaften und überhaupt von Personen zählen, die os 
durch äussere Stellung einñussreich sind. Derselbe Mangel au 
Urtheil vermöge dessen sie die Grundgesetze der menschlichen 
}iatur {^ulcenneii, irerlcdtet sie auch, niit eiiier ivunderhclien 
Naivetat daran zu glauben, dass ihre eigne höchst einseitige 
Gesinnung auch bei Leuten Platz greifen könnte, die aus 
innern und äussern Gründen von einer wohlwollenden Menschen 
betrachtung und Menschenbehandlung am entferntesten bleiben 
müssen. St. Simon ist nun zwar in diesem Punkt noch zurüc- 
haltend gewesen. Wenigstens lasst sich sein Verhalt^ nmht 
mit demjenigen R. Owens vergleichen, der m jener Hinsich 
als ein wahres Monstrum von philanthropischer " 
keit betrachtet werden muss. Der hocharistok^tische St. Smo 
behielt in allen Lagen seines Lebens noch Stolz genug, um 
dio gemeinen Klippen der Wegwerfuug zu ^^eiden. Da- 
gegon hatte er aber eine, ihm zum Theil selbst nicht kla e 
Beziehung zur politischen Restauration, und dm Denkungsart, 
welche sich hieraus entwickelte, ist nicht nur lür ihn, sondern 
auch für A. Comte eine Hemmung gewesen. Er nahm ein 
wenig die Farbe der restaurativen Romantik an, und es ist 
bemerkenswerth, dass die Schriften, die uns in socialokono- 
mischer Beziehung angehen, vornehmlich der Zeit der Restaii- 
ration angehören. Erinnern wir uns, dass St. Simon von vorn- 
herein der Französischen Revolution gegenüber einen Wider 
willen gegen alles blos Zerstörende gefasst und seine Gedanken 
auf positive Organisation gelenkt hatte. Diese Richtung, in
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        262 
welche auch Comte gerieth, machte es beiden Persönlichkeiten 
möglich, die den Ueberlieferungen der Revolution feindlichen 
Systeme theils mit Gleichgültigkeit theils aber auch mit einiger 
Gunst zu betrachten. Dem auf die Zukunft gerichteten Positi 
vismus, welcher die Fortsetzungen der Revolution übersprang, 
schob sich als gegenwärtiger Anknüpfungspunkt komischer 
weise grade das unter, was er in seinen innersten Motiven 
am ornstlichston zu bekämpfen hatte und durch seine Theorien 
auch wirklich am entschiedensten comproinittirte. Sicherlich 
war es ein starker Contrast, wenn St. Simon den Restaura 
tionskönig mit der Mission betrauen wollte, das Regime 
der wirthschaftlichen Gesellschaftselemente durchzuführen und 
denen, welche als Industrielle im Gegensatz zu den Feudalen 
bezeichnet wurden, zum Siege zu verhelfen. Derjenige, der 
diese Idee liegtc, war derselbe, der auch gelegentlich jenen 
kleinen Aufsatz von 1810 sclireibeii konnte, in welchem mit 
ziemlich feinem Humor eine für Königthum, Adel und hohe 
Büreaukratie nicht sehr sclimeichelhafte Erörterung ihrer Ent 
behrlichkeit angostellt wurde. Diese ,,Politische Parabel”, 
die den Verfasser vor die Geschwornen brachte, verglich die 
Verluste Frankreichs in den beiden Fällen, dass die Personen 
des Hofes, der Minister, des müssigen höhern Adels oder 
aber die bedeutendsten Vertreter der wirthschaftlichen, tech 
nischen und wissenschaftlichen Thätigkeit plötzlich vom Schau 
platz abträten. Das ofíen hingestellte Ergebniss bestand näm 
lich darin, dass die Verrichtungen jener ersteren Personnagen 
nicht viel reelles Gewicht hätten und übrigens leicht ersetz 
bar wären. Zur Ausfüllung der Stelle eines lachenden Erben 
sei kein besonderes Studium nöthig; die Lücke, die das Ver 
schwinden einer Vertretung der kronprinzlichen Würde lasse, 
werde ohne Mühe von einem Andern ausgefüllt. Auch für 
die Function eines Königs finde sich allenfalls eine Ersatz 
person. In den Ministerposten würde mancher tüchtige Cnter- 
beamte ebenfalls nicht in Verlegenheit gcrathen. Der kurze 
Sinn dieser und ähnlicher Ausführungen bestand offenbar 
darin, dass diejenigen, welche St. Simon für blosse Figuranten 
nahm, als allenfalls entbehrlich, die wirthschaftlich, technisch 
und wissenschaftlich thätigen Elemente aber als die wahrhaft 
nützlichen und unentbehrlichen Glieder dos Staats erscheinen 
sollten. Der Abkömmling Karls des Grossen hatte hier
        <pb n="279" />
        2G3 
seinem eignen Stand den historischen Process gemacht, und 
ns war eine eigenthümliche Ironie der Thatsachcn, dass man 
auf der Gegenseite den gegen den ziemlich harmlosen und 
weder praktisch noch theoretisch gefährlichen Mann ange 
zettelten gerichtlichen Process verlor. In der That hatte 
St. Simon, gleichviel aus welchen Gelegenheitsmotiven, in 
jener politischen Parabel nur das tiefste Innere seiner üeber- 
zeugungen ausgedrückt. Er hatte den Inhalt seiner Geschichts 
auffassung und seinen Eundamentalsatz in etwas persönlicher 
Weise erläutert. Ausser den Personen, deren Bedeutungs 
losigkeit er bemerklich machen wollte, war auch seine eigne 
Person einigermaassen betheiligt. Er selbst wai ein leben 
diges Bild von den Schicksalen und dem Verfall der Grössen 
des alten Regime. Er hatte sich aus dem Schitíbiuch cei 
äussern Existenz und des feudalen Reichthums in das Ge 
biet der modernen Triebkräfte der Industrie und Wissenschaft 
geflüchtet. Zwar hat er auch hier die Physionomie des Ver 
falls, die das alte Regime auszeichnete, in seinem eignen Vei^ 
halten nicht ganz verleugnet; aber grade dieser Umstand gab 
ihm ein gewisses Recht, ein Urtheil auszusprechen und ein Princip 
geltend zu machen, durch welches er nicht blos über Andere, 
sondern auch über einen Theil seines eignen Selbst den Stab 
brach, ln seinem persönlichen \ erhalten war er ein leben; i._ei 
Beweis, bis zu welchen Schranken die sich anfrischende und 
den neuen Triebkräften des Lebens zu wendende Fähigkeit er 
verfallenden Gesellschaftselemente ausreichen möchte, 
er andere Traditionen hinter sich gehabt als diejenigen, an 
denen er die sichtbaren Caricaturen in der gesammten Gese - 
schuft biosstellte, so hätte sein Verhalten im Leben un 
ein sehr verändertes Gepräge erhalten müssen. Allem er ha e 
den Widerstand der angeerbten Tendenz zum Verfall zu uber- 
winden, und was er wirklich geleistet hat, ist diesem oorrup- 
tiven Element abgerungen worden. 
Aus diesem letzteren Verhältniss erklärt sich nun aber 
aucli die Doppelseitigkeit und das Schwanken in der Gestal 
tung der augenblicklichen Ziele. Der Compass war zwar immer 
derselbe; aber die Karte, nach der sich St. Simon richtete, war 
meist fehlerhaft. Er steuerte nach einem Ideal, in welchem 
der Uebergangszustaud, den er als politisches astai ge i e 
von Feudalismus und Industrialismus kennzeichnete, einer remen
        <pb n="280" />
        Æ^orm Platz machen sollte. Dennoch war er im Stande, sich 
über die wirkliche Lago der Verhältnisse bis zu dem Punkto 
zu täuschen, um ein restaurirtes Königthum für fähig zu halten, 
die Rolle eines Beschützers der Arbeit zu spielen und die un 
productiven Elemente der Gesellschaft dem Willen der pro 
ductiven Classen zu unterwerfen. Lassen wir es jedoch bei 
diesem einen Zuge der Inconsequenz und des Anlehnungsvcr- 
suchs an die völlig ungeeigneten Elemente bewenden. Wir 
haben das Stärkste angeführt, wodurch alles ücbrigo begreif 
lich wird. Der Gegner eines als Bastardgebildo angesehenen 
Zustandes suchte in dem Träger des nach seiner Ansicht aus 
zumerzenden Elements die Macht, welche sich gegen ihre eigne 
Gattung kehren sollte. Das hiezu verleitende historische Bild 
war die Zügelung der Aristokratie durch das absolute König 
thum gewesen; allein es hatte in jenem Vorgang auch ein 
Unterschied von grosser Erheblichkeit bestanden. Rcstaurirtc 
Elemente haben keine Aehnlichkeit mit Mächten, die ihren 
Einfluss und ihre Rolle den eignen Thaten verdanken. 
10. In der spätesten social theoretischen Schrift, dem poli 
tischen Katechismus der Industriellen, wird gesagt, cs sei das 
Bestreben der Gesellschaft, möglichst billig, wenig und fähig 
regiert zu w^erden. Wer erkennt nun hierin nicht den Ausdruck 
des Princips, welches von der Industriepartei heute überall 
in ziemlichem Umfang geltend gemacht wird? Dennoch dürfen 
wir uns nicht über die Unbestimmtheit der Passung desselben 
täuschen. Nur in einer einzigen Richtung erhielt es bei 
St. Simon eine festere Gestalt, während es in allen andern und 
zwar am meisten in den rein volkswirthschaftlichen Beziehun 
gen ganz und gar im Allgemeinen verblieb. Das feudale oder 
militairische Element der Gesellschaft sollte „subalternisirt’^ 
werden, und dieser Grundsatz trifft allerdings mit allen modernen 
Bestrebungen insoweit zusammen, als die Beseitigung der feu 
dalen Abhängigkeiten und eine mit der modernen Wirthschaft 
mehr vereinbare Organisation der Heeresmassen ins Auge ge 
fasst wird. Ausserdem sollte das Gewicht der sogenannten 
Zwischenclasse, die sich zwischen die feudalen und die indu 
striellen Elemente eingeschoben habe und aus den Verwaltungs 
beamten und Juristen bestehe, durch die Ueborwindung der 
politischen Uebergangsform eingeschränkt werden. In unserer 
heutigen Sprache geredet, hiess dies ungefähr soviel, als die
        <pb n="281" />
        265 
Elemente der Bttreaukratie gleichzeitig mit den Hauptbestaiid- 
ät. Simon nnd A. Comte die Verachtnng der gewolmhchen 
IHÜÜI 
liehen Thätigkeit gerathen musste. Ihatsächlich hau di 
schiedenste Kraft der festländischen Oppositionselemento darauf 
beruht, dass sie die ökonomische Macht und den sociaW Em- 
fluss der eigentlichen Industrie hinter sich hatten. Die Ju 
risten und Verwaltungsbeamten vertraten, soweit sie überhaupt 
eine Opposition formirten, regelmassig, wenn auch m einer 
eingeschränkten Form, die Forderungen der wirthschattliehen 
Gesellschaft. St Simon macht ihnen den Torwurf, die alten 
Missbrauche nicht abschaffen, sondern nur für sich ausbeuten 
und sich an die Stelle der feudalen und militairischen Ele 
mente bringen zn wollen. Zur Hälfte ist dieser Sachverhalt 
richtig; denn im Gebiet der gesellschaftlichen Machtkämpfe 
und des Ehrgeizes ist überhaupt keine Gruppe ernstlich thatig, 
die nicht für sich selbst einen Schritt vorwärts zu thun be 
strebt ware. Im fiebrigen aber konnten und können die frag 
lichen Elemente niemals umhin, mit den Einrichtungen, die 
sie ihren Interessen dienstbar machen, eine Umwandlung voi- 
znnchmen, die auf dem Wege der St. Simonsehen Zie e liegt. 
Hier zeigt sich also der in der Wurzel der Theorie selbst lie- 
geude Irrthum. 
Wir haben soeben die zwei festen Richtungen angegeben, 
in denen die socialpolitische Idee, wenn auch keine ganz zu 
treffende, so doch eine deutlich erkennbare und keineswegs 
werthlose Gestalt annahm. Wir haben nun zu zeigen, wo i r 
Mangel an Entwicklung und Sonderung die ganze Anschauungs 
weise haltungslos werden lässt. Erinnern wir uns, dass unter 
den Industriellen alle wirthschaftlich thätigen Elemente der 
Gesellschaft verstanden sein sollten, und dass nur i Procent der
        <pb n="282" />
        266 
Bevölkerung für die Rubrik des Nicbtindustriellen übrig blieben. 
Vergessen wir ausserdem nicht, dass die Sorge für die grosse 
Masse als die entscheidende Hauptrücksicht aller socialpoli- 
schen Gestaltungen bezeichnet war. Aus solchen Voraussetzun 
gen ergab sich für jedes ernstliche System, welches sich selbst 
klar werden wollte, die Nöthigung, auf die Verwicklung der 
geschichtlichen Rechtsstellungen, also z, B. der feudalen oder 
halbfeudalen Position, mit der modernen wirthschaftlichen Bc- 
rufsstellung, also etwa mit der Rolle und Vertretungsart der 
Landwirthschaft, näher einzugehen. So etwas ist in erheblicher 
Weise nicht geschehen, und die Ideen sind daher in jener Allge 
meinheit verblieben, in welcher sie sich am wenigsten eignen, 
zu der Wirklichkeit des politischen und socialen Lebens in un 
mittelbare Beziehung zu treten. In dieser Hinsicht war also 
die Socialpolitik 8t. Simons nicht positiv, und obwohl letzteres 
Wort bei ihm schon den Sinn einer cigenthümlichen An 
schauungsweise hat, so ist doch dieser Positivismus von der 
Einlassung auf die ökonomischen Gestaltungsfactoren ferner 
geblieben, als es sein eignes, besser verstandenes Princip mit 
sich brachte. Fügt man noch hinzu, dass der scharfe Gegen 
satz von Arbeit und Capital, der seit einem Menschenalter das 
Hauptthema des Socialismus ist, noch gar nicht in seinen kreu 
zenden Wirkungen erkannt wurde, so hat man die Schranken 
bezeichnet, in welchen sich die leitende Idee St. Simons be 
wegt, und in denen sie ihre allerdings originalen Schematisi- 
rungen der socialen Geschichte ausgeführt hat. 
Diese letzteren Verzeichnungen linden sich in den ersten 
Partien des erwähnten Katechismus und den früheren Arbeiten. 
Der erste Theil der Schrift „Vom industriellen System” (1821) 
enthält in einer bessern Gestalt, als die Gesprächsform des 
sogenannten Katechismus verstattet, ebenfalls die wesentlichen 
Gedanken. Ja das weitere Zurückgreifen in den Schriften 
St. Simons ist insofern nützlich, als man sich hiedurch von 
dem Punkte entfernt, bei welchem die Gefühlsscbwächen poli 
tisch und religiös ihren verderbenden Einñuss übten. Die 
Schrift von 1821 ist jedoch noch entschieden genug gehalten, 
soweit die später unter A. Comtes Händen nach der nicht- 
wirthschaftlichen Seite ausgeführte und berühmt gewordene 
Kennzeichnung der drei Entwicklungszustände in Frage kommt. 
St. Simon geht davon aus, es könne nur zwei scharf unter-
        <pb n="283" />
        267 
Gchlcdoiio Systeme geben, nümllcb das feudale oder militainscb 
einerseits und das industrielle andererseits, entsprecheuidl^den 
für das Individuum wie für die Nation allem möglichen Prin 
cipien der Eroberung und der Arbeit. Diesen beiden Systemen 
geselle sieb nach der Seite des Geistigen das tbeologisebe und 
das wissenscbaftlicbe Regime zu. _ , ^ 
Obwohl die Verkettung des Theologischen mit dem Feu 
dalen in ihrem Innern Grunde weder bei St. Simon noch bei 
Comte klar genug horvortritt, so liegt sie doch ziemmi 
nahe. Offenbar ist nichts Anderes gemeint, als dass der Ei- 
oberung und Unterwerfung etwas Aehnliches im Gebiete des 
Geisteslebens entspreche, und dass die theologische Be lerr- 
schung, die sich auf den Zwang zum Glauben und auf die ge- 
waltsame Aufnöthigung oder Einimpfung des letzteren gründet, 
die Zwillingsschwestcr der feudalen Macht sei. Die goistlic le 
Eroberung durch Mächte des Gemüths unter der Aegido er 
gewaltsamen Gesellschaftsgostaltung im feudalen Sinne steht 
der (mistigen Arbeit, die ihrerseits von der modernen Industrie 
getrlo-en wird, allerdings aus einem gewissen Gesichtspunkt 
geae^über. Auch wird ausdrücklich gesagt, dass die Beweise 
a^die Stelle des Glaubens zu treten hätten, und dm beiden 
Grundformen der Zustände tragen schon in ihrer Bezeichnungs 
weise den Gegensatz der geistigen Physionomie an der Stirn. 
Die Paarungen von Industrie und Wissenschaft, sowie von 
Theologie und Feudalismus beruhen nach dieser Au^assung au 
dem Unterschied der Methoden, vermöge deren sich Staat und 
Gesellschaft ordnen. In dem einen Fall 
der Gewalt die gestaltende Ursache, in dem andern Fall sol e 
die industrielle und die wissenschaftliche Arbeit zur entsciei- 
dendonBothätigung gelangen. 
11 Die Vorstellung von den zwei ungemischten und in 
ihrem Princip klaren Zuständen wird durch die Idee einer 
Uebergangsphase ergänzt, in welcher sich die Systeme mischen. 
St. Simon betrachtete die betreffenden Zwischengehilde mit cer 
ontschiedensten Abneigung, sah den ganzen geschichUiclmn 
Hergang, in welchem sie die Physionomie der Zustande be 
stimmen, als eine Bastardzeugung an, bezeichnet ihn auch 
wohl als Krankheit oder Krisis und trug kein Bedenken, die 
neuere historische Gestaltung der Englischen Verhältnisse als 
ein Musterbeispiel für diese Unhaltbarkeiten zu kennzeichnen.
        <pb n="284" />
        268 
Die schon erwähnte Zwischenclasse, die er gewöhnlich als die 
der Degisten bezeichnet, sollte in Verbindung mit den Meta 
physik er n die eigentliche Stütze des Uebergaugs- und Zwitter 
zustandes bilden. Hiebei denkt er sich unter der Metaphysik 
das philosophische Zubehör der Theologie oder, wie ich cs 
nennen würde, das Priesterthum zweiter Classe. Die Idee ist 
hienach wesentlich dieselbe, welche auch in der Comtcschon 
Philosophie an getroffen, dort aber mehr aus psychologischen als 
aus socialen Gesichtspunkten behandelt wird. Es ergiebt sich 
nämlich mit Leichtigkeit der Parallelismus von Fcudalität und 
Constitutionalismus einerseits mit Theologie und Metaphysik 
andererseits. Das dritte Glied der Vergleichung hat nur bei 
8t. Simon einen verständlichen Sinn; es ist, wie schon erwähnt, 
das System der Arbeit und der Industrie, neben welchem in 
geistiger Beziehung die Herrschaft der Wissenschaft in natür 
licher Zugehörigkeit einhergehen soll. Der so entstehende 
dritte Zustand gilt einem St. Simon als der positive und als der 
jenige, welcher die Zukunft beherrschen werde. Die schwächste 
Seite in der Auffassung dieses dritten Zustandes ist nicht der 
wirthschaftliche, sondern der auf die Herrschaft des Wissens 
gerichtete Gedanke, und dieser letztere ist es auch grade ge 
wesen, den A. Comte am meisten ins Auge gefasst hat. St. Si 
mon spricht cs in der Schrift „Vom industriellen System" 
(S. 295) deutlich aus, dass die Akademien mit der erforderlichen 
Ergänzung ihres Personals die neue geistige oder, man müsste 
eigentlich sagen, geistliche Gewalt bilden sollen. Diese un 
willkürlich das Lächeln regemachende Vorstellung verflüchtigte 
sich nun bei Comte zu lauter Nebelhaftigkeiten und wurde um 
so haltloser, je weniger ihr die industrielle Idee St. Simons zur 
Seite stand. Uebrigens erinnern wir noch einmal daran, dass 
sich die Täuschung, die diesem Verlangen nach einer „spiri 
tualen" Gewalt zu Grunde lag, bei beiden Personen später 
deutlich genug in den auf eine neue Religion gerichteten Ideen 
blosgestellt und hiemit in der ganzen Haltlosigkeit des den 
religiösen Organisationen entlehnten Idols bekundet hat. 
Als Innern Grund für die. Nothwendigkeit einer Herrschaft 
der Arbeit giebt St. Simon den Umstand an, dass sie die Quelle 
aller moralischen Tüchtigkeit sei. Die Art, wie er sich diese 
Herrschaft zunächst dachte, war jedoch nichts weniger als 
socialistisch. Als Verwirklichungsmittel seiner Philanthropie
        <pb n="285" />
        269 
##:# 
letztere Fehler wird in der Gesclüchtsphilosoplne des 
politischen Katechismus der Industriellen vornehmlich sichtbar. 
Dort wird die Französische Geschichte nach der socialökono- 
mh^hen Hee construct, da^ die ur^nüngKch urnU^rworAme 
„nd habo dort gelernt, für seine Frauen und Töchter schönere 
Stoffe einzukaufen und hiemit für den Luxus auf semen fruhete 
Fiuffuss zu verzichten. Als blosses Symptom der Vorgänge 
ist die Anführung von Derartigem erträglich und untei Um 
standen sogar passend; aber als ein Ersatz für die Angabe der 
wirklich bestimmenden Ursachen können solche Beschreibungen 
der Physionomie veränderter Zustände nicht gelten. Man ver 
misst daher jeden ernstlich politischen Blick, der über die rem 
wirthschaftlichen und auch in diesem Rahmen sehr unvoll 
kommenen Ideen hinausreichte. Auch lässt sich deutlich wahr-
        <pb n="286" />
        270 
nehmen, wie sich die Verkennung des Umstandes rächt, dass 
7Ai allen Zeiten die physische Gewalt und mithin irgend ein 
Maass oder irgend eine Form der militairischen Thätigkeit die 
rohe Grundlage der Gestaltungen abgegeben habe und in dieser 
Function auch niemals ganz ausgemerzt werden könne. Die 
Idee der Subaltcrnisation des militairischen Elements, welches 
noch überdies mit dom feudalen zusam menge werfen wird, ist 
bei Saint Simon äusserst unklar, wenn man ihr nicht etwa das 
unterschieben will, was bereits in der Wirklichkeit besteht. 
Der ehemalige Oberst konnte keine richtigen politischen Ver 
zeichnungen geben, weil ihm das Verständniss für diejenige 
Seite der menschlichen Natur fehlte, mit welcher die Bereit 
schaft zum Gebrauch der Waffen in einem gewissen Maass 
stets verknüpft sein wird. Nach einem festen Knochengerüst 
markirter Ideen von eigentlich politischer Natur sehen wir uns 
daher vergebens um, und an Stelle der ernsten Scheidelinien 
des Rechts im markigen Römischen Sinne des Worts treffen 
wir auf eine philanthropische, dem Christenthum nachgeahmte, 
im Princip achtengsworthe und discutirbare, sonst jedoch eben 
falls keiner unmittelbaren Anwendung fähige Moral. Das 
Motto „liebt und helft euch unter einander”, und noch dazu auf 
der Schrift „Vom industriellen System”, sagt mehr als eine 
weitläufige Erörterung. So gut der diesem Motto entsprechende 
Trieb sein möge, wo er naturwüchsig entsteht, natürlich bleibt 
und ohne nachträgliche Verwandlung in Selbstbetrug oder 
Heuchelei zu verstaudesmässigen Gonsequenzen führt, — so vor 
trefflich das Princip im innersten Grunde befunden werde, — 
Eins steht aus innern Ursachen und durch das Zeugniss der 
Geschichte fest, dass es nämlich ungeeignet ist, eine eigentliche 
Politik zu ergeben. Die letztere und das ganze Grundgerüst 
der gesellschaftlichen Ordnung müssen vielmehr durch andere 
Mächte in einem gewissen Maass verbürgt sein, ehe für den 
Einfluss jener Gesinnung auf die öffentlichen Einrichtungen 
und auf den Verkehr der Menschen ein gesicherter und gere 
gelter Spielraum zur Verfügung steht. Andernfalls gestaltet 
sich der betreffende Affect in seinen Bethätigungen verworren 
und anarchisch; ja er muss sogar die Quelle der Ungerechtig 
keit werden, wenn er glaubt, die angedeuteten Voraussetzungen 
seiner politischen und socialen Consequenzen überspringen und
        <pb n="287" />
        271 
aie Ordnung der Dinge rein aus sich selbst aufrecht halten zu 
können. 
12. Nach Allem, was wir bisher über St. Simon hoigebracht 
haben, drilngt sich die Frage auf, wo denn eigentlich der öko 
nomische Socialismus, ja überhaupt auch nur der rein gesell 
schaftliche Socialismus zu finden sei. Wir sind gewohnt, hei 
dem fraglichen Wort an irgend welche Ideen zu denken, die 
in Beziehung auf die wirthschaftlichen und gesellschaftlichen 
Einrichtungen eine veränderte Anordnung ins Auge fassen. 
St. Simon lässt aber nicht nur die Eigenthumsverhältnisse 
wesentlich unberührt, sondern geht sogar grundsätzlich vom 
persönlichen Interesse aus. Die Schwierigkeit, sagt er im 
Katechismus der Industriellen, bestehe darin, eine Combination 
zu finden, vermöge deren sich das persönliche Interesse mit 
dem öficntlichen vereinige. Er nimmt hienach entschieden an, 
dass die öffentlichen Angelegenheiten nur durch Vermittlung 
der persönlichen Antriebe wahrgenommen werden können. 
Fügt man noch hinzu, dass er selbst die gewöhnliche Grund 
form der Ehe ebensowenig als A. Comte angegriffen hat, 
so zeigt sich, dass seine Speculation nicht auf neue socia- 
listische Rechtsformen ausgegangon ist. Eine Idee der social 
politischen Geschichtsauffassung ist das Hauptergebniss des 
St. Simonschen Nachdenkens gewesen, während als allgemeine 
Triebkraft dCr Gedanke einer physiko-politischen Wissenschaft 
von vornherein zu Grunde lag. Nach mehr materiell ökono 
mischen und eigentlich volkswirthschaftlichen Aufstellungen 
würden wir uns aber, aller Schriften über Industrie ungeachtet, 
vergebens Hinsehen. IJebrigens ist dieser Sachverhalt sehr 
natürlich und erklärlich. Die philanthropische Vei wert lung 
der allgemeinen Wissenschaft war der Ausgangspunkt gewesen, 
und die bereits vorhandene Nationalökonomie hätte für Jemand, 
der einen neuen gesellschaftlichen Wissenszweig schaffen wollte, 
in ihrer damaligen Beschaffenheit kaum einen Reiz haben 
können. Sie lag zu wenig auf dem Wege der socialen Affecte, 
und übrigens konnte St. Simon seinem ursprünglichen Bil 
dungsgang gemäss zunächst von nichts Anderm als der Phy- 
siokratie berührt werden. Später war er aber zu entwickelt 
und zu selbständig, um nach dieser Seite hin für ganz entge- 
gen gesetzte, so zu sagen un gesellschaftliche Auffassungsarten 
empfânglich zu sein. Auch hat in der That dieser Gegensatz
        <pb n="288" />
        272 
noch bei A. Comte nachgewirkt. Hioiiach brauchen wir uns 
über den Mangel des materiell Ookonomischcn in der Gestal 
tung der Grundidee nicht zu wundern. 
Will man jedoch eine Vergleichung mit den nationalökono 
mischen Tendenzen anstellen, so kann man mit Fug und Rocht 
behaupten, dass die Arbeit, die in der Sniithschen Volkswirth- 
schaftslchre den Ausgangspunkt der Erklärungen bildet, bei 
St. Simon die socialgestaltende Triebkraft sei. An beide Fälle 
heftet sich die leicht missleitende Bezeichnung als Industrio 
system, während die gesammto viel verzweigte wirthschaftlicho 
Thätigkeit gemeint ist. Ich will jedoch eine Parallele nicht 
weiter ausführon, in welcher zu viel Ungleichartiges zu berühren 
sein würde, um das wirklich Gemeinsame nicht in einem fal 
schen Lichte erscheinen zu lassen. Dagegen dürfen wir scbliess- 
lich ein letztes Wort nicht vergessen, welches die Schüler von 
dem sterbenden Meister vernommen haben wollen. Es werde 
sich, soll er noch in den letzten Augenblicken des halb ver 
dunkelten Bewusstseins geäussert haben, eine Arbeiterpartei 
bilden, und mit den hinzugefügten Worten „die Zukunft ist 
unser” soll er die Hand zum Kopf geführt und geendet haben. 
In der That ist hiemit die Grenze bezeichnet gewesen, bis zu 
welcher sein in den Ilauptzügen edles und aufopferndes Streben 
gelangte. Der harte Bruch, der sich zwischen den Arbeitern 
und Industriellen vollziehen musste, war nicht für die weiche 
Auffassung gemacht, die in dem jetzt abgeschlossenen Leben 
vorgewaltet hatte. Der eiserne Geist eines Babeuf war, aller 
Spartanischen Idole ungeachtet, eher dazu angethan gewesen, 
mit seinem letzten Act den Ernst zu bezeichnen, mit welchem 
einst der Gegenstand von der keineswegs frivolen, sondern ge 
legentlich bittern und blutigen Geschichte wieder aufgenommen 
werden musste. Das St. Simonsche Leben hatte vorherrschend 
das Gepräge des Duldens an sich getragen; es war vornehm 
lich in eine Zeit gefallen, in welcher eine eigentliche Action 
eine Unmöglichkeit blieb. Mit der Wiederaufnahme einiger 
Elemente der Revolution musste aber auch eine Annäherung 
an das mehr active Verhalten Platz gieifen, und diesem Um 
stande ist es zu verdanken, dass nach einigen trägen und quie- 
tistischen Caricaturen des Socialismus und speciell dos St, Sirnon- 
schen Ideenkreises wiederum Erscheinungen zu Tage traten, 
die nicht unter das Niveau einer ernsten und positiven Ge-
        <pb n="289" />
        273 — 
scliichtsscbroibung fallen. Zunächst haben wir es aber mit 
einem Intermezzo zu thun, welches eine besondere Aufmerk 
samkeit gar nicht verdienen würde, wenn es nicht zur Be 
zeichnung der Grenzlinie zwischen Sinn und Unsinn dienen 
könnte. 
Drittes Capitel. 
Die Missgebilde der socialen Phantastik. 
(Fourier, Owen und der Bnfantinismus). 
Die Aufgabe, die wir in diesem Capitel zu lösen haben, 
ist insofern keine leichte, als sie nicht mehr der IVissenschaft, 
ja auch nicht einmal zum Theil dem Suchen nach derselben, 
sondern nur den widerwärtigsten Gestalten der gesellschaft 
lichen Pathologie und den entschiedensten Verirrungen des 
Verstandes und Charakters gelten kann. Wir werden es mit 
Fourier, mit Owen und ausserdem mit denjenigen Erscheinungen 
zu thun haben, welche ganz unzutreffend als St. Simonismus 
bezeichnet worden sind. Wir knüpfen die letzteren absichtlich 
nicht unmittelbar an die Darstellung St. Simons an, weil sich 
bei näherer Betrachtung zeigt, dass der äusserliche Zusammen 
hang und die Verbindung mit Schülern des Genannten fast 
gar nichts zu bedeuten hat. Im Gegeiitheil muss das fragliche 
Sectcngebildc als eine monströse Mischung der verschieden 
artigsten theoretischen und praktischen Thorheiten betrachtet 
werden, die zur Zeit seines Agirens zugänglich und nachahmbar 
waren. So hat namentlich Fourier mit seiner im Albernen 
und Krausen sehr üppig wuchernden Imagination den Bedürf 
nissen des Enfantinschen Hirns hier und da dienstbar werden 
müssen. Es würde ein arger Fehler sein, wenn man glaubte, 
dass die Puppen dieses Schlages alle Blüthen des von ihnen 
aufgcspicltcn Unsinns ganz und gar aus ihren eignen Köpfchen 
gezeitigt hätten. Sie haben nicht blos aus Schriften Fouriers 
ilirern Mangel nachgeholfen, sondern es ist auch, wie stets bei 
allen solchen Erscheinungen, mit Sicherheit vorauszusetzen, 
dass die Tradition und so zu sagen geistige Bundesbrüderschaft, 
die dem analogen Widersinn und den gleichartigen Missge- 
bildcri der verschiedensten Zeiten und Völker zu Hülfe kommt, 
Duliriiig, Geschieh to dor Nationalükonoinie. 2. Auflage. 18
        <pb n="290" />
        274 
bei allen Betheiligten, also bei den Nachahmern zweiter Classe, 
sowie auch bei den verhilltnissmässig Originalen, das Ihiigo 
zur Ermöglichung der theoretischen und experimentellen 1 ossen 
beigetragen habe. Durch eine gewisse Wahlverwandtschaft 
einzelner Berichterstatter, denen man fast überall nachgeschrie 
ben hat, ist die Meinung in Umlauf gekommen, dass Fourier 
unter allen älteren Socialisten der bedeutendste, ausgiebigste 
und wohl gar am meisten systematische sei. Wir haben schon 
früher bemerkt, dass diese Ansicht auch dem Interesse solchei 
Gelegenheitskritikcr entgegenkam, die da wünschten, die Bocial- 
theorien mit leichter Mühe zu widerlegen. Anstatt sich gegen 
St. Simon selbst und gegen den mehr kritischen Socialismus 
der späteren Zeit zu wenden, bethätigten sie die Stärke ihies 
Verstandes und die Tragweite ihrer kritischen bähigkeiten 
lieber an einer Erscheinung, über welche ihnen schon die ge 
ringste Dosis von Einsicht zum Siege verhelfen musste. Auf 
diese Weise haben zwei Umstände zusammengewirkt, einen 
Fourier fälschlich zum Mittelpunkt des älteren Socialismus zu 
stempeln. Bisweilen mischten sich auch beide Ursachen, indem 
auf der völlig gegnerischen Seite nichtsdestoweniger ein unbe 
wusster Verwandtschaftszug des eignen zum fremden Wider 
sinn obwaltete und die Richtung entschied, in welcher man sich 
auch feindlich am liebsten befasste. St. Simons bessere Ge 
danken waren Manchem zu rationell gewesen, und Darsteller, 
wie Herr Reybaud, sind erst spät zu Erweiterungen genöthigt 
worden, durch welche sie in den letzten Auflagen ihrer Schrif 
ten bekundeten, dass die Auffassung A. Comtes, der schon 1822 
die hieher gehörigen Gedanken veröffentlicht hatte, nicht zu 
vernachlässigen sei. Ueber solche, die in Deutschland, wiö 
z. B. Herr L. Stein, sogar einem Reybaud nachgeschrieben und 
nur ihre Caricatur von Philosophie hinzugefügt haben, wäre 
kaum ein Wort zu verlieren. Indessen mag im Allgemeinen 
bemerkt werden, wie das Hegelthum nicht blos in dem üppig 
wuchernden Widersinn seiner sogenannten Naturphilosophie, 
sondern auch in andern Richtungen mit dem Inhalt der bou- 
rierschen Phantasien sehr Vieles gemein hat und in sehr 
vielen Elementen in dieselbe Gattung einzurcchnen ist, inner 
halb welcher der Französische Phantast seine Offenbarungen 
in einer wenigstens lesbaren Sprache und mit ungenirter 
Aufrichtigkeit von sich gegeben hat. Herr L. Stein, der den
        <pb n="291" />
        Französischen Socialismus nach Reybaud und nach Maassgabe 
seiner Kenntnisse von der Hegclschen Logoslehre vor einigen 
-0 Jahren bearbeitete, würde nun zwar nicht einmal sonder 
lich bestehen, wenn man auch nur den strengeren Maass 
stab der Hegclschen sogenannten Logik an seine Darstellung 
legte. Indessen überlassen wir solche Erinnerungen denen, 
die selbst Hegelianer, dennoch mit Recht diejenigen Arbeiten 
verurtheilen, in denen die logischen Arabesken zu ganz cha 
rakterlosen Linien geworden sind. Diese Verwässerung des 
logischen Urbildes hat manchen unbefangenen Leser über die 
fälschenden Constructionen getäuscht, zumal sich die letzteren 
mit der gewöhnlichen Denkweise und einer Annäherung an 
den gemeinen Stil untermischt und hiedurch abgeschwächt 
fanden. 
Die eben gemachten Bemerkungen können auch einen andern 
Sinn erhalten, wenn man dabei von der Zufälligkeit vorüber 
gehender Bücher und von den unmittelbaren Symptomen ab 
sieht, die sich in ihrem Erscheinen bekunden. Greift man näm 
lich etwas weiter zurück und versetzt sich in die geistige Atmo 
sphäre, welche am Eingänge des Jahrhunderts in den Aus 
schweifungen der Imagination kenntlich wurde, so findet man, 
dass zwischen einem Fourier und den Deutschen Philosophirern 
der unkritischen Art, also namentlich mit dem Typus, welcher 
vornehmlich durch Schelling vertreten wurde, eine sehr nahe 
Verwandtschaft der Vorstellungsart bestand. Auf beiden Seiten 
überliess man sich den wüstesten Conceptionen über die Natur 
und deren vermeintliche Gesetze. In Deutschland erhielten die 
selben den Namen Naturphilosophie, der seitdem unschuldiger 
weise und gegen seinen bessern Sinn bei. den strengen Wissen 
schaften in Verruf gekommen ist. In Frankreich war es der 
Socialismus nach Art eines Fourier, was die gleichartigen 
naturphantastischen und philosophastrischen Speculationen 
decken musste. Fragt man nach dem Unterschiede, so lässt 
sich natürlich bei den Deutschen Grössen der metaphysischen 
Naturphantastik ein erheblicheres Maass von philosophischer 
Bildung und Schulung nicht verkennen. Dagegen war auf der 
Seite des Franzosen die grössere Unbeschränktheit in Rücksicht 
auf die leitenden oder zwingenden Religionsideen anzutreffen, 
und ihm kam die nicht hinterhältige und nicht in Zweideutig 
keiten spielende Darlegung seiner Vorstellungen zu statten. 
18*
        <pb n="292" />
        276 
Er enthüllte seine fixen Ideen und alle Elemente des Wahn 
witzes ohne sonderliche Zurückhaltung, weil einerseits sein 
mehr offener und ziemlich gutmüthiger Charakter die mystische 
Geheimnissthuerei und zugehörige Art von Eitelkeit ausschloss, 
andererseits aber auch seine rein private und philanthropische 
Stellung nicht die Verbindlichkeit ¡auflegte, seine Speculationen 
einer kirchlichen oder staatlichen Richtschnur anzupassen. Wo 
er naturphilosophischen Widersinn producirte, that er cs ohne 
andere Fesseln, als diejenigen, welche ihm seine eigne Be 
schränktheit und die Quellen auferlcgten, aus denen er ge 
schöpft hatte. Er schaltete mit dem ganzen Hausrath, den die 
Sectensuperstition seiner Zeit überliefert hatte, völlig nach 
Willkür, indem er mit demselben auch diejenigen Gebilde 
combinirte, die sich seit dem Yorhandensein der modernen 
Wissenschaft erzeugt haben. Zu den letzteren gehörte aucli 
eins, welches in seinen vielgestaltigen Wandlungen seine Rolle 
noch keineswegs ausgespielt hat. Man könnte es kurz die 
Gravitationsmanie nennen, oder als fixe Idee der Newton 
spielerei bezeichnen. Die Personen, welche diesem Wahn 
anheimfallen, behaupten in irgend einer Beziehung eine Ent 
deckung gemacht oder ein System aufgestellt zu haben, welches 
in seiner Art das Newtonsche noch überhole und für die Er 
klärung der gesammten Welt ein Zauberstäbchen biete, wie 
es noch nie dagewesen sei. In der That hat Fourier sehr stark 
an dieser Manie gelitten; denn er glaubte die ganze Welt 
ordnung einschliesslich des gesellschaftlichen Daseins auf ge 
wisse Bewegungen zurückgeführt zu haben, in denen das 
Physische und Sociale eine Einheit bildeten. In Wahrheit 
fand sich natürlich nur ein buntes und höchst verworrenes 
Gemenge vor, in welchem die gegenseitigen Beziehungen der 
einzelnen Bewegungen und Bestandtheile in dem wüstesten 
Hin und Her und in der Yernachlässigung aller verstandes- 
mässigen Ursächlichkeit verloren gingen. Hier fehlten sogar 
solche Ideen nicht, die man sonst am ehesten in Irrenhäusern 
aufsucht, und die auch übrigens meist nur bei ausgeprägten 
und gesellschaftlich anerkannten Narren vorzukommon pfiegeii. 
Doch wollen wir, ehe wir den Erzeugnissen dieser Art näher 
treten, noch erst auf die Person des Producenten einige 
Blicke werfen. 
2. Karl Fourier (1772—1837) aus Besançon, Sohn eines
        <pb n="293" />
        277 
Kaufmanns, verlor sein nicht unbeträchtliches Vermögen durch 
die Revolution und wurde hiedurch genöthigt, bis an sein Ende 
Handlungsemployö zu bleiben. Von diesem Schicksal abge 
sehen, verlief sein Dasein ziemlich ohne Wechselfälle. Er be 
sorgte pünktlich seine Geschäfte und speculirte nebenbei über 
die gesellschaftliche Beglückung der Welt. Obwohl wirklich 
ausgewachsen, blieb er doch immer ein Kind, und das Einzige, 
was zu seiner Ehre gesagt werden kann, besteht darin, dass 
er zu der aufrichtigen und gutmüthigen Art dieser Gattung ge 
hörte. Sein Sinn hatte sich gegen Lüge und Uebervortheilung 
schon früh aufgeregt gefunden, und was ihn als eigentliches 
Kind frappirt hatte, das Hess ihn auch später nicht in Ruhe. 
Das Träumen des mit einigen Kenntnissen ausgestatteten Kin 
derkopfes lehnte sich gegen das Schlimme in allen Richtungen 
auf und gedachte nicht nur die Menschen, sondern auch die 
Natur zur Raison und Harmonie zu bringen. Es sollte dem 
ganzen Kosmos, dem kleinen wie dem grossen, nachgeholfen 
und nicht blos den Lebenden, sondern auch den Todten ein 
neues Reich geschaffen werden, welches über die schlechte 
Weltepoche, die als Civilisation bezeichnet wird, zu trium- 
phiren habe. 
Sowohl die naturphantastischen oder, wie wir in Deutsch 
land noch immer sagen müssen, die naturphilosophischen, als 
auch die gesellschaftlichen Vorstellungsspiele Fouriers sind be 
reits in dessen erster Schrift von 1808 hinreichend sichtbar. 
Dieses absonderliche Werkchen betitelt sich als „Theorie des 
quatre mouvements” und findet sich, nicht erheblich verändert, 
in den Oeuvres von 1841 als erster Band. Die „Vier Bewe 
gungen”, um die es sich handelt, gehören theils der Natur 
theils der Gesellschaft an. Sie sollen alles Dasein beherrschen, 
und wurzeln in der oben angedeuteten Entdeckungsmanie, die 
auf eine Art Nachäffung der Gravitationsvorstellungen zurück 
zuführen ist. Die sehr rohe Gestalt, welche diese Newtons 
sucht bei einem Fourier hat, überhebt uns eines weiteren Ein 
gehens auf die ausschliesslich naturphantastischen Bestand- 
theile, soweit dieselben nicht etwa mit der Gesellschaft Zu 
sammenhängen sollen. Jedoch sind die „allgemeinen Geschicke” 
auf dem Titel der ersten (Lyoner) Ausgabe jener „Vier Be 
wegungen” genannt und die „Ankündigung der Entdeckung”, 
welche das Buch repräsentiren soll, hat ihre Bedeutung im
        <pb n="294" />
        278 
Hinblick auf die praktische Zukunft. Fourier erwartet nach 
Maassgabe der neu enthüllten Gesetze wirklich von der Natur 
nichts Geringeres, als eine vollständige Aenderung des mensch 
lichen Schicksals. In den einschlagenden Imaginationen findet 
sich etwas von jenem Wahnwitz, der die Natur für ein Ding 
hält, welches sich durch menschliche Magie oder wenigstens 
nach Maassgabe und Vorbild menschlicher Launen umgestalten 
lasse. Die Gesellschaft und das Subjective einerseits und die 
Natur andererseits flicssen bei Fourier in ein einziges wüstes 
Chaos zusammen und ergeben einen anarchischen Vorstellungs 
spuk, in welchem allenfalls die üeppigkeit des Einbildungs 
luxus überraschen mag. 
Von den Anhängern Fouriers ist behauptet worden, dass 
die erste Schrift in das System ihres Meisters keinen ge 
hörigen Einblick verstatte. Indessen hat man an derselben 
wirklich genug, um ihren Verfasser und dessen Zukunft be 
messen zu können. Wer sich aber für die Einzelheiten der 
gesellschaftlichen Harmonie in den Phalansteren intoressirt, 
muss sich freilich auch noch um den Associationstractat be 
kümmern, der zuerst 1822 als „Traité de l’association domesti 
que-agricole ou attraction industrielle” erschien. Der Zusatz 
„Industrielle Anziehung” verräth hier wiederum die Gravita 
tionsmanie. In den vorher erwähnten Werken wird die dort 
vom zweiten Bande an abgedruckte spätere Ausgabe als „Theorie 
der universellen Einheit” betitelt, und man sieht auch aus 
dieser abstracten Bezeichnung, welche Ansprüche das ver 
meintliche System machte, und wie es eine Art Gesammt- 
philosophie repräsentiren wollte. Uebrigens würde es einer 
kritischen Geschichte sehr schlecht an stehen, auch noch die 
übrigen späteren Arbeiten des Idioten herbeizuziehen. Zur 
Charakteristik ist der in den beiden erwähnten Schriften ent 
haltene Stoff mehr als genügend. 
3. Da auch in der Entwicklung des Widersinns ein ge 
wisses Maass von Methode möglich ist, und man der Kürze 
der Darstellung wegen die eignen Umschweife des Autors 
fallen lassen muss, so wollen wir gleich in das Heiligthum 
selbst eindringen. Für den Kenner ist das letztere auch in 
der ersten Schrift keineswegs unzugänglich, obwohl dieselbe 
ausdrücklich nur ein Prospectus der neuen Wahrheit sein 
sollte. Fourier will die allgemeine Attraction entdeckt haben.
        <pb n="295" />
        279 
welclie zwisclicn den menschlichen Neigungen und den ^ er 
schieden en ökonomischen und gesellschaftlichen Beschäftigungs 
arten existiré, Hicnach gieht es z. B. eine besondere Leiden 
schaft oder, besser gesagt, eine eigenthümliche Passion für die 
Hervorhringung von Kohl und Rüben. In der socialökono 
mischen Organisation des neuen Reichs darf keine Arbeit eine 
Last sein, sondern muss jegliche Thätigkeit auf der ihr ent 
sprechenden Neigung beruhen. Für die angenehmen wie für 
die unangenehmen Beschäftigungen sollen in der menschlichen 
Natur die entsprechenden Triebe bestehen, und die Einführung 
der nach Passionen geordneten Arbeit soll nicht nur eine un 
getrübte Herrlichkeit des Vergnügens und Genusses ergeben, 
sondern auch die grösste Rentabilität aller wirthschaftlichen 
Thätigkeiten verbürgen. Für Alles giebt es Leidenschaften, 
und auch der Schmutz hat Verehrer, die ihm um seiner selbst 
willen huldigen. Letztere Einsicht will unser grosser Autor 
an kleineren Kindern beobachtet haben, und er weist dieser 
Spielart vielerlei Aufgaben zu. Die Majorität der kleinen 
Knaben soll im neuen Reiche eine Truppe bilden, welche als 
Corps der „Mistfinken” organisirt, die betreffende Passion zum 
höchsten socialen Enthusiasmus entwickelt und dafür, dass sie 
der neuen Gesellschaft die wichtigsten Dienste leistet, mit be- 
sondern Ehrenbezeigungen bedacht wird. 
Versucht man es, sich alle erdichteten Passionen in einer, 
wenn das Wort hier erlaubt ist, zweckmässigen Reihenfolge 
vortheilt vorzustellen, so dass hieraus ein Inbegriff von äti^ 
keiton wird, die ineinander greifen und sich gegenseitig be- 
glücken, so erzielt man dieselbe unbestimmte Idee, y'^on ei 
Fourier ausging, und die er natürlicherweise nur durch kizan’e 
Phantasien zu decoriren vermochte. Eine Klärung oder Schär 
fung jener wüsten Vorstellung würde die Vernichtung der 
letzteren selbst bedeutet haben. Dennoch darf nicht uner- 
wähnt gelassen werden, dass sich der Urheber schmeichMte, 
für diese seine passioneile Attraction eine mathematische Be 
währung zu besitzen. Diese Einbildung war ein Zubehör der 
wunderlichen Gravitationsmanie, und wir brauchen uns heute 
nur in gewissen Spielarten der Psychologistik, wie z, ' 
den Herbartschen Erzeugnissen umzusehen, um etwas ge e r 
tore Scitenstücke anzutreffen. Fourier selbst verstieg sich 
zwar niemals zu jener absonderlichen Scholastik, die in dem
        <pb n="296" />
        280 
Missbrauch analytischer Formeln besteht, und seine Idee von 
mathematischer Bestätigung hatte mehr den Charakter der 
Anwendung einer Art von Buchhalter-Einmaleins. Eine deut 
liche Vorstellung von dem selbst unklaren, vagen und ver 
worrenen Gedanken lässt sich gar nicht mittheilcn. Uebrigens 
hat man auch an der Constatirung der schon von vornherein 
unzweifelhaften Resultatlosigkeit sogar für historische Zwecke 
genug. Eine sich dem kleinsten Detail anbequernende Wieder 
gabe der fraglichen Verworrenheiten würde jedenfalls nach 
dem eignen System Fouriers eine entsprechende Passion, 
d. h. mindestens eine besondere Liebhaberei für die Befassung 
mit Widorsinnigkeiten voraussetzen. In Ermangelung einer 
solchen Leidenschaft kann die Geschichtsschreibung nichts 
weiter thun, als den etwa für die besondere Physionomie 
solcher Ausgeburten interessirten Leser auf die Lectüro einer 
der erwähnten Schriften zu verweisen. Der Abdruck einzelner 
Partien würde, abgesehen von der Geschmacklosigkeit solcher 
Beigaben oder Einschaltungen in den Zusammenhang einer 
wissenschaftlichen und gesetzten Darstellung, keineswegs das 
Erwünschte leisten. Es ist nämlich durchaus nothwondig, zu 
beobachten, wie sich der Widersinn und die Thorheit inmitten 
einer übrigens ziemlich menschlichen, ja oft nicht einmal ganz 
geistlosen Auslassungsart ausnehmen. Fourier beschämt man 
chen berühmten Philosophirer durch die verhältnissmässige Ein 
fachheit seiner Ausdrucksart und durch die naive Fassung, die 
er seinen Ideen bisweilen giebt. In dieser Beziehung würde 
ihm durch eine blosse Blumenlese von ausgewählten Beurkun 
dungen der ausschweifenden Imagination einiges Unrecht ge 
schehen. Mindestens würden solche Probestücke nur negativ 
etwas entscheiden und grade das nicht wahrnehmen lassen, was 
man bei ähnlichen und weit berühmteren Erscheinungen im 
Gebiet der Philosophie meistens ausschliesslich zur Erwähnung 
gebracht hat. Um also dem Socialharmoniker im Verhältniss 
zu seinen rein philosophisch speculativen Seitenstücken nicht 
Unrecht zu thun, verbleiben wir in einer Betrachtungsart, 
welche es ermöglicht, in wenigen Zügen die allgemeine ver 
kehrte Haltung der Ideen ebenso wie die absonderlichen Aus 
wüchse sichtbar zu machen, ohne dabei die lichten Augen 
blicke mit Stillschweigen übergehen zu müssen. 
4. Die Anordnung der Neigungen und Thätigkeiten nach
        <pb n="297" />
        — 281 — 
Maassgabe ihrer sogenannten Attraction ergiebt das, ^as bei 
Fonrier unter dem Namen von Reihen eine grosse Rolle spielt 
und natürlich ebenso unklar bleiben muss als die leitende 
Grnndvorstollung selbst. An fratzenhaftem Aufputz der Be- 
schreibung der hierauf gegründeten Geschäftsarrangements mit 
der zugehörigen üniformiriing fehlt es in der späteren Schrift 
durchaus nicht. Dagegen hndet sich nicht die geringste Spur 
von einer nur einigermaassen zutreffenden Einsicht in die wirk 
lichen Triebe und Leidenschaften der menschlichen Natur. Die 
musikalischen Vergleichungen, wie z. B. die Gegenüberstellung 
einer Octave und einer Anzahl von Leidenschaften, erinnern 
nur an die dürftigen Spielereien, zu denen einige bessere Ge 
danken schon bei den Pythagoreern Veranlassung gegeben 
hatten. Dieses Durcheinanderwerfen der Beziehungen und 
scheinbaren Analogien, denen in einem letzten und äußerst 
allgemeinen Schematismus allerdings bisweilen ein paar Körn 
chen Wahrheit zu Grunde liegen können, — dieses traum- 
mässige Handhaben des Vorstellungskaleidoskops kann für 
manche träge Naturen, deren Einbildungskraft ein wenig ge 
zerrt werden muss, einen gewissen Reiz haben. Zu einem ge 
danklichen Ergebniss werden aber solche Spiele einen Geist, 
welcher derselben fähig ist, nicht leicht führen. Man hat sich 
daher zu hüten, in die zunächst unschuldig aussehenden Sätze 
einen Sinn zu legen, der ihnen bei Fourier gar nicht zukonimt. 
Bei einem richtigen Begriff von den Trieben und Leidenschaften 
ist offenbar die Aufgabe, die Gesetze dieser Mächte, sowie ihrer 
gegenseitigen Einwirkungen und Verhältnisse sowohl innerhalb 
des einzelnen Menschen als auch im Bereich des somalen Ver 
kehrs zu bestimmen, ein Gegenstand von so giossei ragwei e, 
dass die strengere Wissenschaft froh sein kann, wenn ^e ein paar 
Elemente dieses Problems zu beherrschen vermag. Wenn aber 
Jemand von vornherein von den Grundvorstellungen ebenso- 
wenig wie von der Aufgabe einen Begriff hat, so darf eine 
oberflächliche Aehnlichkeit in den Wörtern nicht zu der An 
nahme verleiten, in der entsprechenden Spielerei sei auch nur 
eine Ahnung von einem ernstlichen Problem wirksam gewesen. 
Die allbekannte Gemeinschaft, in welcher circa 1800 Per 
sonen den vollständigen Stoff zu einer Lebens- und Wirth- 
Bchaftseinrichtung nach dem System der passioneilen Attrac- 
tionen abgeben sollen, heisst Phalanstere. Natürlich brachte
        <pb n="298" />
        282 
es die Rohheit der ökonomischen Auffassung mit sich, den 
Ackerbau ungebührlich zu betonen und diese seltsame Wirth- 
schaftsmonade aus einer Caricatur der Familie und des Land 
baues zu mischen. Fourier weiss nicht genug die Ersparungen 
zu rühmen, welche durch die gemeinschaftlichen Räumlichkeiten 
und durch die Vereinigung der sonst zersplitterten Bemühungen 
entstehen sollen. Der gewöhnlichen Dorfwirthschaft stellt er ein 
Bild der geregelten Anordnung gegenüber, und man muss ihm 
selbst Angesichts aller Thorheiten zugeben, dass er nicht umhin 
gekonnt hat, hier und da einen richtigen oder wenigstens halb 
richtigen Gedanken auszusprechen. So würden z. B. vom rein 
wirthschaftlichen Standpunkte aus die gemeinschaftlichen Spei 
cherräume und die combinirten Beförderungen zum Markte 
etwas für sich haben, während rein sociale Erwägungen die 
Schwierigkeiten oder Nachtheilo einer solchen Reform der 
Baucrnwirthschaft sofort erkennen lassen. Doch wir wollen 
uns hier nicht auf die Art einlassen, wie der Erdichtcr der 
Phalanstère die wirklichen Zustände gelegentlich zu kritisiren 
versucht. Weit wichtiger ist cs, seine positiven Einbildungen 
zu kennzeichnen. 
Die ganze Welt hat sich mit Phalansteren zu bedecken. 
Diese grosse Reform soll sich in aller Gemüthlichkeit voll 
ziehen, und das Eigenthum hiebei nicht im Mindesten compro- 
mittirt werden. In einem solchen Fourierschen Kindergarten 
für Erwachsene geht Alles nach den Grundsätzen einer guten 
Buchhalterei zu, und man erkennt in allen Ideen über die finan 
ziellen Arrangements im Innern und nach Aussen den lebens 
lang getreuen Diener seines Geschäfts. Den Capitalisten werden 
gewaltige Zinsen in Aussicht gestellt; denn die Wirthschaft 
des Plialanstere vervielfacht die Erträge ins Staunenerregende. 
Ihr kann es nie an Mitteln fehlen, Jedem gerecht zu werden. 
In ihrem eignen Schooss verzichtet sie keineswegs auf eine 
strenge Anwendung des Einmaleins, um ihren Mitgliedern nach 
ihren Beiträgen und Leistungen das Entsprechende gehörig 
zukommen zu lassen. Im Allgemeinen werden die ökonomi 
schen Grundformen der übrigen Gesellschaft nicht verletzt, 
sondern nur ins Ungeheuerliche verzerrt. Von einer Anleh 
nung an die tieferen Gesetze des Verkehrs ist natürlich keine 
Rede. Die Imaginationen wohnen friedlich bei einander, wo 
die natürlichen Thatsachen sich auf den ersten Blick als un-
        <pb n="299" />
        288 
vereinbar zeigen. Eine Untersuchung des Detail kann a er 
zu nichts führen, wenn man sich nicht etwa für die affenmässi- 
gen Aufstutzungen intercssirt, welche den Künstler der Eha- 
lanstcre sehr eingehend beschäftigt haben. Phantastische Klei 
dung, Embleme aller Art, fahrende Aufzüge mit möglichst viel 
bunten Elittern, — kurz eine Parade von maskirten Gestalten, 
hinter denen der Mensch und die Natur nur wenig hervor- 
gucken, macht nicht etwa den festlichen, sondern den regel 
rechten Zustand der Fourierschen Gesellschaft aus. Es wäre 
Thorheit, da nach ernstlich systematischen Grundsätzen der 
ökonomischen Vortheilung zu suchen, wo die Früchte solcher 
Laune den Hauptstoff bilden und auch alles Uebrige in ent 
sprechender Weise ausgeführt ist. Allerdings giebt es auch in 
den wüstesten Träumen eine gewisse Abfolge der Instincte und 
Vorstellungen; aber wir haben hier nicht die Aufgabe, an einem 
Erzeugniss des Wahnwitzes die psychologische Diagnose durch- 
zuführen. . 
Wir begnügen uns daher mit dem Ergebniss, dass Fouriers 
Phalanstère eine finanzielle Abrechnung bestehen lässt und in 
dieser Beziehung die Verhältnisse der übrigen Gesellschaft zum 
Vorbilde hat. Man ist hienach nicht berechtigt, im Hinblick auf 
die Fiction der Phalanstere von Communismus oder auch nur 
rationellerem Socialismus zu reden. Es handelt sich eben nur 
um ein nach den Schablonen dos gewöhnlichen Ve^ehrs coi^ 
ponirtes Missgebilde. Anders stellt sich jedoch der Sachverhalt, 
sobald wir vom Eigenthum zur Ehe und Familie iiberphen. 
Obwohl klare Rechtsbegriffe in Rücksicht auf die ökonomischen 
Verhältnisse und deren Abgrenzung ebenfalls nicht Fouriers 
Stärke waren, so zeigt sich doch die völlige ci T 
kindischen Vorstellungsspiols erst in Rücksicht auf die Gesta - 
tung der Geschlechtsverhältnisse. Schon in der Schrift von 
den „Vier Bewegungen” wird eine Abfolge und Vereinigung 
von verschiedenartigen Beziehungen der socialen Lebensver 
bindung beider Geschlechter charaktorisirt. Dm Liebo ist hie- 
nach ein blosses Vorstadium und gleichsam eine erste Studie. 
Das ihr entsprechende Verhältniss wird von demjenigen untei 
schieden, in welchem bereits Kinder vorhanden sind, un 
Männer wie Frauen können nach diesen Gesichtspunkten so 
wohl nacheinander als gleichzeitig mehrfache Beziehungen p e 
gen. Die kindische Laune eines Fourier unterscheidet hier
        <pb n="300" />
        284 
sogar zwischen zwei Kindern und einem. Die Frauen können 
gleichzeitig Männer haben, denen sie für zwei oder für ein ein 
ziges wirklich gehornes Kind verpflichtet sind. Dies orgiobt 
Rangunterschiede und so zu sagen eine Rang- und Quartier- 
liste, welche in der Verschiedenheit der Titelerfindung mit den 
schönsten Byzantinischen Ueberlieferungen den Vergleich aus 
hält. In der Bezeichnung der ehelichen Würden ist das Hirn 
eines Fourier üppiger und leistet in dieser Gattung mehr, als 
die historische Tradition und der moderne Erfindungsgeist im 
Reiche der besten Büreaukratie vermocht haben. Geliebte, 
Erzeuger, Gatten, — das ist die Hauptskala, die aber noch 
ganz lose Liaisons in unbestimmter Menge neben sich duldet, 
ohne jedoch an die letzteren erbrechtliche Wirkungen zu 
knüpfen. 
Man erkennt in diesen Wüstheiten sofort die Beziehungen 
zu den schlechtesten Elementen in der thatsächlichen Verfas 
sung der verschiedenen Geschlechts Verhältnisse der wirklichen 
Gesellschaft. Hätte man es nicht mit einem Kinderköpfchen 
zu thun, so würde man sich darüber wundern müssen, dass 
derselbe Mensch, welcher gelegentlich die verkehrten Seiten 
und corruptiven Elemente oder Gestaltungen der bestehenden Ehe 
und Geschlechtsverhältnisse leidlich zu beschreiben wmsste, in sei 
nem eignen Vorstellungslauf grade der Nachahmung und will 
kürlichen Composition der schlimmsten Erscheinungen der 
Wirklichkeit anheimgefallen ist. Man braucht sich in der 
Französischen oder überhaupt in der modernen Gesellschaft 
nicht weit umzusehen, um ein verhältnissmässig naturwüchsiges 
System von Unterschieden anzutreffen, die einigen Hauptlinien 
der bei Fourier verschnörkelten Verzeichnungen annähernd 
entsprechen. Die Abfolge der Stadien ist ebenso wie die 
nachträgliche Vereinigung mehrfacher Verhältnisse eine ziem 
lich umfangreiche Thatsache. Man hat sich nur der mannich- 
faltigen Figurationen des geschlechtlichen Gcmeinlebeiis zu er 
innern, welche der geregelten, meist verspäteten Ehe voran 
gehen oder sich nachher neben derselben unterhalten. Man 
wird alsdann, auch ohne die letzte Schicht der Prostitution 
mit ihren Verzweigungen im Dasein des Proletariats und der 
übrigen Gesellschaft in Anschlag zu bringen, deutlich genug 
einsehen, dass die Fourierschen Extravaganzen nichts als ein 
Zerrbild von dem sind, was sich in dem gewöhnlichen Lehen
        <pb n="301" />
        aus den socialen Terliälltnisscn heraus gebildet oder Tielmehr 
verbildet hat. In I’ouriors deraugirtem Hu-n war nichts An 
deres im Spiele, als was auch den natur- oder vielmehr social- 
meinen Leben auch in der Corruption wenigstens einige Logik 
t\m‘oekononiisohen soll die erstauidiche P^ductivit« 
mMw. 
Werke) lässt er sich über die Herstellung des Gleic „ewic 
zwischen Bevölkerung und Existenzbedingungen ein wenig aus, 
indem er zugleich eine gewisse Sympathie für Malthus zu er 
kennen giebt. Was er vorbringt, ist natürlich eine G alone von 
auch diese Erbärmlichkeiten nur in der unrationelWen JV 
##### 
der Herausgabe der erwähnten Schrift hat man übrigens auch 
für einige Auslassungen gesorgt, um den Meister nicht allzu 
sein* zu compromittiren. i 
In dem neuen Fouriersehen Beich wird Constaniinopel der 
Mittelpunkt des ganzen Systems von Associationen. Hm sicli 
von dem veränderten Productionsregime einen Begriff zu ma 
chen, braucht man nur eine Kleinigkeit, nämlich das lei ej,en 
der Phalansterehennen in Betracht zu ziehen. Fouiiei la es 
genau berechnet, dass die Engländer durch diese 'un tseier
        <pb n="302" />
        286 
sofort im Stande sein würden, ihre Staatsschuld mit einem Mal 
zu tilgen. Doch wir brauchen nicht bis zu diesen Nutzanwen 
dungen auszugreifen. Man thiit einem Fourier Unrecht, wenn 
man seine Ausweichungen von der bei ihm normalen Denk 
weise auszeichnet, da schon die letztere selbst eine hinreichende 
Anomalie des Verstandes ist. 
Der Leser, welcher von den berühmten passionollen Ilci- 
hen mehr zu wissen wünscht, als wir beigebracht haben, mag 
sich selbst an den 6 Bänden der Fouriorschen Werke ver 
suchen. Er wird es dann bestätigt finden, dass der Idiot über 
diejenige fixe Idee, welche den Mittelpunkt des Widersinns 
bildete, keine nähere Rechenschaft zu geben vermochte. Auch 
seine spätesten Schriften, wie z. B, die vorher angeführte von 
der Neuen industriellen Welt, gleichen der ersten darin, dass 
sie in der Hauptsache ein „Prospect” von etwas bleiben, was 
der Ausgeber der Ankündigung selbst nie kannte. Für diese 
grosse Lücke in der Idee der passioneilen Attraction, die stets 
nur ein mit gedankenleeren Imaginationen decorirtes Wort 
blieb, werden wir aber durch eine nicht minder grosso Einbil 
dung von dem Wertho und der Stellung des neuen Princips 
entschädigt. Newton habe nur einen Fetzen (lambeau) der 
vollständigen Theorie besessen. Ja er habe nur die unnütze 
Seite derselben ausgebildet; denn es komme nichts darauf an, 
zu wissen, wie schwer jeder Planet sei. Jener Theil des At- 
tractionscalcüls habe nur der Neugier gedient, während die 
eigne Theorie Fouriers erst die wirklich interessirende Ent 
deckung vertrete. Hienach wird Newton von Fourier nur als 
ein kleiner Anfänger angesehen, der sich noch obenein in eine 
falsche Richtung verirrt habe. Wem diese Auslassungen, die sich 
auf S. 156 des fraglichen 0. Bandes der Werke (Ausgabe 1845) in 
einem zum Theil gegen Owen gerichteten Abschnitt finden, — 
wem derartige Kundgebungen, auch von allem Andern abge 
sehen, nicht genügen, um sich zu überzeugen, dass in Fouriers 
Namen und am ganzen Fourierismus nur die erste Silbe etwas 
Wahres besagt, — der dürfte selbst unter irgend eine Kategorie 
von Idioten einzureihen sein. Diejenigen, welche über Fourier 
geschrieben haben, als wenn es sich um eine zurechnungsfähige 
Theorie handelte, haben theils den Gegenstand, über den sie 
sich ausliessen, nicht gekannt, d, h. sie haben Andern nachge 
redet, oder sie haben zu wenig Urtheil und Erfahrung besessen.
        <pb n="303" />
        287 
Tim die literarische Monomanie, welche voilag, als solche zu 
erkennen. Am hauhgaten hat jedoch die schon oben angodou- 
tete Verwandtschaft der eignen idiotischen Elen^ß^ m den 
Köpfen der Darsteller die fraglichen Kritiklosigkeiten ver 
schuldet. . . . 
Nachdem wir wissen, mit wem wir es zu thun haben, wei 
den nun auch die folgenden Offenbarungen nicht mehr über 
raschen. Die Natur soll auch eine Associaüon sein, und zwai 
wird dies z. B. speciell von demPñanzenreich behauptet Hie 
sind Kohl und Rüben nebst dem Zubehör rother oder \ 
und Pflanzen umschlingt, nicht blos einseitig für le so i 
Welt, sondern auch für die Natur gelöst, und wir beflnden uns 
hiemit an jener Grenze, wo die kosmischen Verrichtungen des 
Fourierschen Hirns beginnen. Der Leser, welcher die e en 
angeführten Vorstellungen einfach als Unsinn niinmt, wir m 
dem Weiteren bestätigt finden, dass es für den kritischen ai- 
steller ganz unmöglich ist, anders als durch Annäherung a 
die ungeheuerlichen Phantasmen eine Vorstellung von 
Beschafienheit des Widersinns zu geben. Für die 
über das sohlcchto Gebilde der CiTilisaüon trmmpkren eben 
falls vervollkommnen. Am Horizonte des neuen Reiclis er 
scheint ein stark modificirter Erdball. So w.rd z. B. das Meer 
einen sc.ssen, der Limonade ähnlichen Geschmack annehmen 
nichtsdestoweniger aber die Häringe als so r re e 
zu beherbergen fortfahren. Die animalischen Exrstenzer^ dr 
nach der von Fourier aus dem Bereich des tradrtronellen Phatr- 
tasirens entlehnten Vorstellung durch eine gegerrsertrge Begat-
        <pb n="304" />
        288 
tung der Weltkörper entstehen, sind vielfach misslungen und 
werden eine den Zwecken des Menschen bessere Einrichtung 
erhalten. Zu den schädlichen oder uubrauchharen Gebilden 
werden nützliche Gegenstücke geschaffen werden, z, B. zum 
Löwen ein Antilöwe für das Reiten und Fahren, zum Wall- 
fisch ein Antiwallfisch und vielleicht — auch zum Fourier ein 
Antifouricr, mit welchem man in den Experimenten der socie- 
tären Harmonie besser fährt, als bis jetzt in Europa und Ame 
rika geschehen ist. Doch genug von dieser Gattung, die über 
dies nur in wenigen Elementen eignen, ursprünglich erfundenen 
Unsinn ropräsentirt. Es ist nämlich auch im Reich des Ver 
kehrten viel weniger wirkliche Originalität vorhanden, als mau 
oft voreilig annimmt. Grade hier besteht eine umfassende Tra 
dition, deren Benutzung meistens von der Eitelkeit des jedes 
maligen neuen Erfindungscandidaten oder Entdeckungsmania- 
kers verheimlicht wird. 
6. Es versteht sich, dass die mystischen Zahlenverwendungen, 
namentlich der Vier und der Sieben, nicht fehlen. Denn was schon 
vor Jahrtausenden in dieser Hinsicht die wüste Laune hei den 
Pythagoreern und sonst zu Tage förderte, davon hat Fourier 
in seiner Weise Gebrauch gemacht. Er lieht, wie schon der 
Titel seiner ersten Schrift von den „Vier Bewegungen” zeigt, 
das Quaternirte ganz absonderlich. Seine sieben Perioden und 
die Ehe in der siebenten Periode sind auch Sächelchen, welche 
mit den Erzeugnissen der Philosophirer unseres Jahrhunderts 
wetteifern können. Wir befinden uns also in der besten apo 
kalyptischen Gesellschaft, und werden daher nicht überrascht 
sein, die societäre Harmonie auch ins reine Geisterreich aus 
greifen zu sehen. Die Spukgestaltcu, denen wir hier begegnen, 
sind ungefähr dieselben, die auch gegenwärtig im Amerikani 
schen Spiritismus hausen. Die societäre Harmonie wird auch 
für die Todteu eingerichtet, so dass die universelle Einheit die 
sogenannten lebenden und abgeschiedenen Seelen gleicher Weise 
umfasst. Das Schlafengehen der bereits Verstorbeneu ist ein 
Geboren werden für die diesseitige Existenz in den Phalausteron; 
nur gelangen diese Schläfer erst zicralicli spät, nämlich beim 
Zahnen, zu ihrer sogenannten Seele. Wer nun hier meint, 
auch der Unsinn müsste in seiner Art einige Logik haben, wird 
sich enttäuscht finden; denn das Hin und Her dieser Zustands- 
änderung der Seelchen sollte doch wenigstens nicht die zeit-
        <pb n="305" />
        — 289 
wciligG Ablegung der Hauptsache gestatten, da ja sonst nur 
eine seelenlose Garderobe übrig bleibt. ' Der Wahnwitz dieses 
Schlages ist übrigens nichts Neues, sondern schon vielgestaltig 
bei Gelehrten und Ungelehrten gepflegt worden. Die leitende 
Idee besteht darin, dass der Uebergang in ein Jenseits als Er- 
waehen gedacht, und dieser Procedur der umgekehrte Vorgang, 
nämlich der Eintritt oder die Rückkehr in unser Leben als ein 
Anheimfallen an eine Schlaf- oder Traumexistenz gegenüber 
gestellt wird. Für Fourier besteht nun aber das Hauptinteresse 
darin, dass die societäre Harmonie und die Phalanstere aueh für 
andere Weltkörper und für die Todten die Tragweite der die 
Welt und alles Uebrige umfassenden Entdeckung bewähren. 
Auch über den Zustand von dem, was er sich als abgeschiedene 
Seele denkt, giebt er uns einige Aufschlüsse. Diesen Seelen, 
welche Gedächtniss für die diesseitige Welt haben, wird zu 
A[ lithe sein wie im Feder wagen oder beim Schlittschuhlaufen, 
und sie werden die härtesten Felsen zu durchdringen ver 
mögen. 
Diese Herrlichkeiten oder Aehnliches sammt dem blühend 
sten naturphilosophastrischen Unkraut findet sich bei Fourier 
nicht etwa ausschliesslich in einer einzigen Lebensperiode oder 
Schrift, sondern hat dem so zu sagen normalen Lauf seiner 
Vorstellungen stets mehr oder minder angehört. Alle Haupt 
schriften strotzen von diesen Verkehrtheiten, und der einzige 
Unterschied besteht darin, dass sich die spiritistischen Wahnge- 
bildo mit den Jahren immer mehr ausgeprägt haben. Was die 
kosmischen Albernheiten anbetrifft, so kostete es einem Fou 
rier nichts, sich gelegentlich wegen derselben mit den theolo 
gischen Verirrungen Newtons zu entschuldigen. Im Gegentheil 
glaubte er sich hiemit noch mehr zu glorificiren. Die Newtons 
manie, an der er litt, brachte so etwas sogar mit sich, denn 
damit die Annäherung vollständig wäre, musste derjenige, wel 
cher mindestens ein Dutzend Newtons in sich zu vereinigen 
meinte, auch zu zwölfmal soviel Abirrungen gelangen können. 
Fourier nahm es in der That dem Publicum gegenüber mit 
seinen speculativen Ansprüchen nicht allzu genau und wollte. 
Wenn man sich nur auf die societäre Harmonie und die Ver 
wirklichung der passionirten Attraction einliesse, auf das Uebrige 
als Bagatelle kein Gewicht legen. Man solle an dem Verkehr 
ten keinen Anstoss nehmen, und er habe ein Recht zu ver- 
Uühi-ing, Geschichte der Katioiialökononiie. 2. Auflage. 19
        <pb n="306" />
        290 
langen, dass man auch bei ihm thue, was überall und auch bei 
Newton geschehen müsse, nämlich dass man das Gute nicht 
des Fehlerhaften wegen verwerfe. 
Diese Pfiffigkeit der Ausflüchte wird Niemand täuschen, 
der je einen wirklichen Narren von einiger Bildung zu beob 
achten verstanden hat. Aber auch in den verschiedenartigsten 
Literaturzweigen können gute Diagnosen des blossen Wahn 
witzes, der noch keine für das gewöhnliche Leben störende 
und der Vormundschaft bedürftige Form hat, ausserordentliche 
Dienste leisten, um das Publicum vor Missgriffen zu bewahren. 
Bin Fourier versteht es z. B. seitenlang mit dom Anschein 
der überlegensten Klugheit und Kritik zu reden, und man 
muss einen sehr feinen Probirstein handhaben, wenn man an 
solchen Stellen schon nach ein paar Seiten die zuverlässigen 
Merkmale einer Monomanie oder sonstigen Störung constatircu 
will. So redet er gelegentlich davon, dass alle Wissenschaften 
zuerst mit dem Falschen beginnen, den Charakter der Oharla- 
tanerie haben und sich erst gleich der Chemie aus der Alchymie 
zu eigentlichen und zuverlässigen Wissenszweigen consolidiren. 
Auf diese Weise sei es auch mit dem Wissen von der Gesell 
schaft gegangen, bis er die passionirto Attraction entdeckt und 
hiemit den Grund zu einem gediegenen theoretischen und prak 
tischen Verhalten gelegt habe. Ein ähnlicher Ton wird auch 
in andern Fällen oft genug angeschlagen und wer sich durch 
solche Proben verleiten liesse, den Idioten zu verkennen oder 
wohl gar den Widersinn und die Ileppigkeiten einer ausschwei 
fenden Imagination für Genie zu halten, würde sich noch mehr 
täuschen, als es der Bauernverstand des Sancho Pansa that, 
indem er dem edlen Don Quixote trotz aller sich aufdrängenden 
Wahrnehmungen unverdrossen nachfolgtc. Am possierlichsten 
benimmt sich Fourier, wenn er seine Gegner und namentlich 
Owen bekämpft. Der angeführte ö. Band der Werke enthält 
einige Abschnitte dieser Art. Für Jemand, der eine theore 
tische Panacee oder die Ausgeburt einer gelehrten Monomanie 
zu verfechten hat, ist Alles feindlich, was die neue Wahrheit 
nicht anerkennt oder auch nur auf dieselbe nicht eingeht. Den 
Ovveniten gegenüber zeigte sich nun Fourier keineswegs mehr 
als das ziemlich gutartige Kind, welches noch aus den früheren 
Schriften sprach, sondern entwickelte eine ansehnliche Dosis 
von Malice und von persönlich gehässiger Aufiassungsart. Doch
        <pb n="307" />
        291 
interessirt uns liier dieser Zug, der zum Theil eine provocirte 
Gegenregung gewesen sein mag, weit weniger, als die seltsamen 
Gestaltungen und Wendungen, die sich ergeben, wenn ein Idiot 
gegen Verwandtes und gleichsam in der Behausung von Seines 
gleichen zur Kriegführung übergeht. Hier wurden die Vorwürfe 
der Narrheit, der Unmoralität und der unzulänglichen Religio 
sität nicht gespart. Owen sollte ein halber Atheist sein; er 
sollte sich gegen die Ehe und gegen die Priester versündigen; er 
sollte verkannt haben, dass der Ackerbau die Grundlage bilden 
müsse, — kurz er sollte Pfuscher, Charlatan und Geldverbringer 
sein, der von dem wahren Associationsproblem und der einzig- 
möglichen Methode der Gesellschaftseinrichtung keine Ahnung 
hätte. Diese Anklagen flössen aus derselben Peder, welche eine 
allmälige Einführung der freien Liebe skizzirt hatte, und deren 
Führer im Punkte der Religion zwar in alle Pläne seines Got 
tes eingeweiht war, aber sicherlich nicht die Absicht hatte, von 
den Priestern und den orthodoxen Ueberlieferungen irgend wel 
cher Art die Norm seiner eignen „menschlichen und göttlichen” 
Imaginationen oder Satzungen ohne eigne attractionistische Ent 
scheidung hinzunehmen. 
7. Nach dem Vorangehenden wird man wohl darauf ver 
zichten, in das Detail der Phalanstere einzudringen. Derselbe, 
ja ein noch grösserer Widersinn und eine noch viel läppischere 
Art und Weise, als in den naturphantastischen und spiritisti 
schen Delirien, bekundet sich in den Arrangements des neuen 
socialen Reichs, dessen Monaden die Phalangen sind. W er mit 
ehrsamer Miene den vermeintlichen Mechanismus derselben 
auscinandersetzen kann, muss eütweder nie eine Schrift von 
Fourier selbst angesehen haben, oder wird durch ein solches 
^erfahren unfehlbar sein eigner Richter. Wir lassen daher 
(He Kohl- und Rübeiiattraction und die darauf gegründeten Ar 
rangements auf sich beruhen, indem wir die Angelegenheit mit 
ihrer weiteren Ansteckungskraft gleich einem Stückchen reli 
gionsartiger Scctenbildung den rationelleren Psychologen und 
vorkommenden Palls in praktischer Beziehung auch den Psychia- 
trikern empfehlen. Diese beiden Competenzen werden überhaupt 
&lt;îon gesaminten Pourierschen Werken gegenüber eine reiche 
Ausbeute finden. Auch werden sie von ihrem Standpunkt aus 
Bicherlich nicht davon überrascht sein, dass manche richtige 
Bemerkung auch aus der Werkstätte des Pourierschen Gehirns 
19*
        <pb n="308" />
        licrvorgegaiigen ist. Dahin gehört z. B, die Idee vom Insel- 
monoped der Britten, die schon in der ersten Schrift vorkommt. 
Ferner ist die Bezeichnung des Handels als einer „Bande coa- 
lirter Piraten” nicht ohne huchstäblich wahren Hintergrund in 
der antiken Welt und nicht völlig ohne Sinn für das ganz mo 
derne Getriebe. Auch die Ausschliessung der eigentlichen Ma 
nufacturen von dieser Kennzeichnung und die Unterscheidung 
ihrer Natur von derjenigen des blossen Hundeis ist eine der 
gelegentlich und zufällig ziemlich zutreifenden Vorstellungen. 
Anstatt aber über die richtigen Bcstandtheilc eines gestörten 
Ideenkreises in Verwunderung zu gerathen, hat man vielmehr 
zu bedenken, dass im Gcgcntheil eine unbegreifliche Thatsacho 
vorliegen würde, wenn Alles falsch gerathen wäre. Von dem 
vielen Material, welches Fourier bei seiner Leetüre von Sinn 
und Unsinn durch seinen Kopf gehen licss, muss auch Manches 
von dem Besseren uncntstellt durchgeschlüpft sein. Ja auch 
sein eignes Hirn kann nicht in jeder Beziehung derangirt ge 
wesen sein und musste daher nach einigen Seiten hin unwill 
kürlich und unvermeidlich etwas Richtiges zu Tage fördern. 
Die V erkstätte war zwar wesentlich und für die meisten fei 
neren Hauptverrichtungen in Unordnung; aber als Ausnahme 
konnte doch hier und da irgend ein Winkel der Behausung 
noch den Ausgangs- oder Durchgangspunkt für normale oder 
bessere Erzeugnisse bilden. Zu letzteren gehört eine sich schon 
in der Schrift von 1808 findende Bemerkung über die National 
ökonomen. Die Pliilosophie, meint Fourier, komme immer erst 
nach dem Schuss; die Holländer hätten längst die Sache ge 
habt, und nun ganz spät verherrlichten die Philosophen den 
Handel. Indem er sich in dieser Art über das lustig machte, 
was er von den Oekonomisten wusste, traf er wenigstens einen 
einzelnen einseitigen Zug der neuern Wirthschaftsichre. Er 
reagirte gegen den modernen Mcrcantilismus im allgemeinen 
und noch heute anwendbaren Sinne dieses Worts. Hiezu hatte 
ihn seine eigne Lebensstellung veranlasst, in welcher er nur 
den Geschäftsbetrug als Charakterzug der Handclswclt beob 
achtete. Könnte der gute Wille die Vcrstandesschwächen und 
die Gctiojäheilcii der Phantasie entschuldigen oder ersetzen, 
bu würde mau im Stande sein, sich mit einer lirscheinimg, 
wie Courier, eiuigermaassen auszusöhnen und sich mit ihr an- 
dei'b als durch eine schlicssliche Hinweisung auf die literarische
        <pb n="309" />
        Pathologic abzufinden. So aber dürfen wir niemals aueb nur 
einen Augenblick vergessen, dass eine gewisse Gutartigkeit die 
entsobeidendo Tbatsacbe der Attractionsmonomanie nicht besei 
tigt. Ja selbst die gerechteste Eandbabung dos Grundsatzes 
die Gehirne der Menschen als Werkstätten anzuseben und 
weder nebensächliche Extravaganzen noch systematische Ver 
kehrtheiten als hinreichende Gründe für die Verwerfung alles 
TJebrigen gelten zu lassen, — selbst die umsichtigste er e 
gnng und die wohlwollendste Aussonderung dos Besseren k^n 
im Falle Fouriers nichts helfen, da es bei ihm an solchen Be- 
standtheilen und zusammenhängenden Erzeugnissen í^blt, in 
welche die theoretische und praktische Thorheit nicht sichtbar 
genug hineingespielt hätte. Ausserdem ist we er le oi 
noch der Inhalt seiner relativ besseren Auslassungen derar ig 
ausgezeichnet, dass man ein Recht hätte, an einen Ahstractions- 
odor Ausschmelzungsprocess zu appelliren. Seme Lehens- und 
Weltanschauung bewegte sich in so dürftigen, jamen as os 
kindischen Begriffen, und sein sociales Idol war so albern, 
dass er für die Geschichte nur als Beispiel der entschiedenen 
Ueberschreitung der Grenze von Sinn und Unsinn einen W erth 
haben kann. Dieser Werth, der freilich für den geschätzten 
Gegenstand nicht schmeichelhaft ist, wird noch dadurch er 
höht, dass er einen Vergleichungspunkt zur Würdigung anderer, 
minder ausgeprägter Erscheinungen liefert. Auch wir es 
nach dieser Orientirung über Fouriers eigne Rolle nicht schwer 
fallen, den Fourierismus, d. h. die Anhängerschaften und sec en- 
mässigen Gestaltungen zu begreifen, für welche der Entdecker 
der erst wahrhaft universellen und socialen Attractionsein lei 
den Ausgangs- und Mittelpunkt gebildet hat, Doc ^ 
wir diese mehr äusserliche und secundäre Gattung von jir- 
Bchoinungen erst dann nach einigen Richtungen ms Auge 
fassen, wenn wir mit den Koryphäen der socia en lan as i c 
vollständig abgerechnet haben. Hiezu ist ahei noc ^ ^ 
trachtung Owens erforderlich und erst hienach wii man im 
Stande sein, die verschiedenen Secteiibildungen und cie a 
riationen im Jüngerthum des socialen Messianismus, i^urz 
den Enfantinismus im weitesten Sinne dieses Woits ange 
messen zu würdigen. Es ist nämlich durchaus eifoi ei ic , 
dass man in diesem Gebiet das Vorurtheil ablege, als wenn
        <pb n="310" />
        294 
es sich um ernstlich zurechnungsfähige Ideen und Vorgänge 
gehandelt habe. 
8. Robert Owen (1771—1858) aus Newtown (Montgomery 
shire), Sohn eines Postmeisters und Ladenhalters, zeichnete 
sich früh durch geschäftliche Rührigkeit aus und gelangte zu 
einer ökonomisch vortheilhaften Heirath und überhaupt zu be 
deutendem Vermögen. Seine philanthropische Richtung ent 
wickelte sich sehr zeitig und führte zu humanen Einrichtungen 
für die Arbeiter des von ihm geleiteten Etablissements in New 
Lanark. Seine allgemeine philanthropische Theorie, sowie die 
Beschreibung der ausgeführten Einrichtungen findet sich in 
seinen vier Essays, die 1813 als „Neue Ansicht der GoscU- 
schait” (A new view of society or essays on the principle of 
the formation of the human character etc.) zu London er 
schienen. Der erläuternde Nebcntitel, welcher das Princip der 
Gestaltung des menschlichen Charakters als Gegenstand an- 
giebt, bezeichnet hiemit zugleich den Ausgangs- und Mittel 
punkt, auf welchen sich das Owensche Bemühen stets bezogen 
hat. Das Motto betont ausserdem, dass die Erzeugung eines 
bestimmten Charakters in der Gesellschaft wesentlich in der 
Macht der Regierenden stehe. Was die Lebensgestaltung der 
Textilarbeiter der Fabrik in New Lanark betriift, so ist ausser 
dem Vohlwollen, welches auch bei ähnlichen Bemühungen zu 
registriien ist, kein besonders charakteristischer Zug aufzufinden. 
Die Erleichterungen des Daseins durch besondere Fürsorge, 
verbunden mit der Unterwerfung von Jung und Alt unter die 
Charakterbildungstheorie und unter die zugehörigen pädagogi 
schen Beigaben, sind die Bauptumstände, die in Frage kommen. 
VV as übrigens in familienväterlicherweise von einem Fabricanten 
für seine Spinner oder Weber geschieht, gehört nicht in die 
Geschichte der Socialthcorien, sondern in diejenige der frei 
willigen und zufälligen Mischungen des Geschäftsbetriebs mit 
principieller Wohlthätigkeit. 
Ein Grundzug des Owenschen Verhaltens, der sich schon 
in dem erwähnten Motto audeutete, ist das Zählen auf die 
Fürsten und Regierungen. Der Philanthrop attakirtc mit seinen 
ünterbreitungen Europäische Fürsten und diplomatische Con- 
grosse, sowie die leitenden Körperschaften und Personen der 
Nordamerikanischen Republik, üeberall hatte er, wie er selbst 
sehr naiv enthüllt, ganze Massen verschiedener Reformpläno
        <pb n="311" />
        295 
in (1er Tasche oder sonst in Bereitschaft. Als ev seit 1824 m 
Nordamerika ein paar Jahre wirkte und seinen missglückenden 
"^oMuch mdtl^^vlHannonyinadüo, IwdW er nh^Æ ^M-s^^nt, 
ausser den activen IPersönlichkeitcn luich adle gewesenen 
sldenten der Republik, soweit er deren noch habhaft werden 
konnte, persönlich heimzusuchen. Auch hatte er es dahin ge- 
bracht, dass man ihm zu ^yFashington die Ilaumlichkeiten (1er 
Repräsentanten zu mehreren Vorträgen einraumte, die er vor 
dei IPräsidenten der Republik, vor den Alit^hedern des 
höchsten Gerichtshofes und einer Anzahl von Abgeciidneten 
des Congresses limit. I)iese Sitzungen Ixn denen (las Jln- 
sehen des Millionärs wohl den Hauptantheil hatte, sin(l his o 
risch weniger für Owen selbst als für das Rrtheil oder die 
Gefälligkeit seiner Zuhörer bezeichnend. Sie machen, ganz 
wie die Europäischen Geneigtheiten hoch placirter Persien, 
theils den Zustand der Einsichten, theils die luckläuhgen 
Sympathien kenntlich, die sich im Gebiet des Socialen Allem 
zuzuwenden pflegen, was in der Hauptsache unscWdig istund 
an Stelle der ernsteren Mittel philanthropische Recepte setzt. 
Nach dem Misslingen des Amerikanischen Experiments 
kehrte Owen (1826) wieder nach England zurück. Seine fernere 
literarische und agitatorische Thätigkeit ftigte der ersten Aus- 
lassung über seine ohnedies matten und dürftigen Ideen nmhts 
Erhebliches oder wenigstens nichts von deijenigen Art hinzu, 
wie es uns hier interessiren könnte. Seme speciell pädago 
gischen Vorstellungen können uns ebenso 
wie diejenigen Fouriers. Jeder socialreformatorische R^ant 
hat natürlich die seinem neuen socialen Leben 
l'ädagogik in Bereitschaft. Doch ist die Art von Socialisi s, 
die sich, wie im Falle Owens, ihrer Natur nach ganz vornehm- 
lich an die Kinder wenden muss, nicht diejenige, mit dei wir 
uns hier zu befassen haben. ^ 
Unter den weiteren Schriften und Schriftclicn, in dene 
Owen seine Ideen wiederholte, sei jedoch noch „Das Buc i 
von der neuen moralischen Welt" (The book of the new moral 
world containing the rational system of society etc. London 
1836 und später) hervorgehoben, auf welchem in dem Mot o 
noch die „Wahrheit ohne Mysterium" als Ziel hingestellt wird. 
Im hohen Alter wurde derjenige, welcher vielen seiner An 
hänger als ein arger Gegner des religiösen Elements galt, zum
        <pb n="312" />
        296 
entschiedensten Spiritisten und Verehrer der Klopfgeister. Je 
doch soll er sich, wie Herr W. L. Sargant in seinem biogra 
phischen Werk (R. Owen and bis social philosophy, London 1860) 
berichtet, noch ein Jahr vor seinem Tode sehr entschieden 
gegen die bestehenden Religionen ausgesprochen haben. Hierin 
liegt nicht der mindeste Widerspruch, sondern einerseits die 
Ue herein Stimmung mit dem Amerikanischen, die alten Reli 
gionen bekämpfenden Spiritismus, und andererseits die natür 
lichste Consequenz des früher von Owen eingenommenen Stand 
punkts. Er hatte Priesterschaft und Theologie stets befehdet, 
aber keineswegs seine eignen religiösen Vorstellungen sonder 
lich geklärt oder das Religionselement unabhängig von einer 
kirchlichen Organisation und ausserhalb des Kreises bestimmterer 
Dogmen zur Untersuchung gezogen. Hiezu wäre auch sein 
schon im Punkte der Moral so rohes Denken nicht im Stande 
gewesen, und so erklärt cs sich, dass er in Rücksicht auf die 
religiösen Atícete einem im Allgemeinen ähnlichen, in der bc- 
sondern Gestaltung aber noch schlimmeren Schicksal anheim- 
tiel, als andere und weit bedeutendere Persönlichkeiten vor 
ihm. Sein äusserst hohes Alter, verbunden mit der besondern 
Schwäche seiner früheren Vorstellungsarten, mag es übrigens 
vollständig erklären, dass er zu dem höchsten Gipfelnder 
Illusion gelangte und echt spiritistisch sich Geister verschie 
dener Personen kommen licss. Natürlich gab er auch hier 
seine alte Liebe zu den Personen von hohem Range nicht 
auf, und wenn auch einmal andere Grössen, wie ein Byron, 
Rede stehen mussten, so interessirten sie sich doch stets für 
die neue moralische Welt und die neue Gesellschaft. Owen 
hat übiigens selbst nicht verfehlt, die mit Hülfe seines Geister 
reichs erzielten Offenbarungen für die neue Socialtheorie mit- 
zutheilen. In diesen Publicationen lässt er die Geister selbst 
sprechen und seine eigne Autorität hinter diese Competenzen 
zuiücktreten. Auch hat er ausdrücklich erklärt, dass an dem 
Misslingen seiner socialen Versuche der Mangel des von ihm 
übersehenen spiritualistischen Elements Schuld gewesen sei. 
Nebenbei bemerkt, schrieb sein Sohn R. D. Owen, der eine 
Zeit lang Gesandter der Vereinigten Staaten in Neapel war, 
zur Vertheidigung des Spiritismus ein halbgelehrtes, sich mit 
Erkenntnissmethoden und gelegentlich mit possierlichen Wider 
legungen David Humes befassendes Buch unter dem bezeichnen-
        <pb n="313" />
        207 
den Titel „Fussfillle an der Grenze einer andern Welt” (Foot 
falls Oll the boundary of another world, Philadelphia 1860). 
In literarischer oder allgemein geistiger Beziehung macht 
schon die erste Schrift des bei ihrer Veröifentlichung grade 
in den besten Jahren stehenden Owen einen matten oder viel 
mehr gar keinen Eindruck auf denjenigen, der wenigstens in 
der Phantastik etwas Leben und mehr als einige ins Ver 
schrobene ausgeartete Gemeinplíltzo erv,'artet. Ein Stückchen 
dürftiger Psychologie und einige falsch verstandene Brocken 
vom Tische des moralischen, ganz gewöhnlichen Determinis 
mus bildeten den Angelpunkt, um den sich alles Uebrige 
drehte, ohne dass es jedoch bei all diesem Drehen zu eiheb- 
lichen Specialangabon über die socialen Einrichtungen ge 
kommen wäre. Von eigentlichen Gedanken konnte in der 
letzteren Beziehung nicht die Rede sein, und für ausgiebige 
Decorationen fehlte es an der üppigen Imagination, die einen 
Fourier in den Stand gesetzt hatte, die Leerheit seines Princips 
durch bunte Bilder auszufüllen. Der Faden, welcher von 
Owen gesponnen wurde, ist zwar in jeglichem Stück Zeug 
sichtbar, welches er in die Welt sandte, und woraus der neuen 
Gesellschaft ihr sociales Kleid zugeschnitten werden sollte. 
Indessen bestand grade dieser Faden aus einem Rohstoff, der 
an sich selbst und unmittelbar mit den socialen Problemen 
und Einrichtungen nur wenig gemein hatte. Er blieb nämlich 
stets eine halb philosophische Idee über die nothwendige Er 
zeugung des menschlichen Charakters durch die Umstände. 
9. Nicht blos die Art, wie die leitende Vorstellung ge 
dacht wurde, sondern auch die Folgerungen, die aus derselben 
hervorgehen sollten, bekundeten die Ungeschicktheit und Vei- 
kehrtlieit, in welche Owen verfiel, wenn er sich von der prak 
tischen zur theoretischen Speculation wendete, ^ach ihm hat 
sich kein Mensch die Zeit, den Ort und die Verhältnisse wählen 
können, in denen er geboren wurde. Der Charakter eines 
Jeden ist hienach ein Erzeugniss der Umstände, und es fallen 
nach dem Schluss, welchen sich Owen angeeignet hat, Ver 
antwortlichkeit und Strafe grundsätzlich fort. Bemerkens worth 
ist nun an diesem Axiom zunächst die widersinnige und rohe 
Anschauungsweise, derzufolge, wie man in allen Wendungen 
dos Autors deutlich erkennt, jeder Mensch als ein Etwas gedacht 
wird, welches hätte in den verschiedensten Ländern und unter
        <pb n="314" />
        208 
dea verschiedensten Verhältnissen zur Welt kommen können. 
In einer solchen Idee ist eine Vorstcllungsart enthalten, die 
zwar nichts Absonderliches und Ungemeines, aber doch grade 
genug enthält, um für Jeden, der ihrer fähig ist, auch den 
Geisterspuk des Spiritismus möglich zu machen. Wäre Owen 
nicht von der Superstition jenes Etwas unwillkürlich ausge 
gangen, so würde er auch im höchsten Alter nicht die Geister 
seines Vaters, seiner Mutter, des Herzogs von Kent u. s. w. 
* citirt haben. Die eine Vorstellung ist der andern würdig ge 
wesen, und mit dem Princip der allgemeinen Phantastik haben 
wir auch einen Anhaltspunkt für die Erklärung der socialen 
und utopistischen Tliorheitcn in der Hand. Die ausgeprägteste 
der letzteren besteht darin, dass die Gri minais trafen als Maass 
regeln angesehen werden, die unter der vollständigen Herr- 
schait des neuen Gesellschaftsprincips und des nach ihm ge 
stalteten oder vielmehr erst zu gestaltenden Charakters abgo- 
schatlt werden müssten. Die neue Harmonie, von welcher in 
Indiana das unvollkommene Pröbchen misslang, wird so voll 
ständig sein, dass die strafrechtlichen Einrichtungen zu ent 
behren sind. Indessen ist der Hauptgrund ihrer Abschaffung 
nicht ihre zukünftige Entbehrlichkeit, sondern die Unmöglich 
keit einer begründeten Zurechnung. Der Verbrecher thut Alles 
nur nach Umständen und würde anders handeln, wenn er unter 
andern Verhältnissen geboren und erzogen wäre, und wenn die 
èociale Umgebung ebenfalls von anderer Beschaffenheit wäre, 
als sie ist. Man kann die von Owen adoptirte Idee zuspitzen 
und in ihrer Unhaltbarkeit blosiegen, wenn man hinzufügt, 
dass der Verbrecher die That nicht begangen haben würde, 
wenn nicht er selbst, sondern an seiner Stelle irgend etwas 
Anderes vorhanden gewesen wäre, was an sich selbst und in 
Beziehung zur Umgebung entgegengesetzte und erwünschte 
Eigenschalten besessen hätte. Doch ist Owens Vorstellungs 
lauf kaum werth, dass man eine ernstere Kritik zur Geltung 
bringe. Ueberdies ist die Vorstellung von der allgemeinen 
Unzurechnungsfähigkeit in deijenigen Gestalt, in welcher sie 
sich im Leben gewöhnlich geltend macht, meist ein ganz ober 
flächliches Aperçu, oder aber sie artet, wenn sie auf einer un 
logischen Eixirung von einseitigen Ideen beruht, in eine halb- 
wissenschaftliche Manie aus, deren praktische Folgen in einer 
angeblichen Humanität und namentlich bei ärztlichen Urtheilen
        <pb n="315" />
        nicht immer eine nützliche oder unschuldige Rolle spielen. 
Owens Halbdeterminismus, der ein Ich vor der Existenz und 
ein Ich ausser den Yerbältnissen im Auge hat und diesem 
erdichteten Ich, welches in Wahrheit gleich Null ist, einerseits 
die Zurechnungsfilhigkeit ahspricht, andererseits aber ein Inte 
resse an der Abwendung der Strafe unterlegt, ist die greifbarste 
Inconscqiienz, Jenes Ich, welches durch die Philanthropie des 
Socialreformers mit einer neuen Charaktergarderobe und ausser 
dem auch noch mit einer umgeschaffenen socialen Welt ausge 
stattet werden soll, ist in der That ganz unschuldig; aber es 
wird auch von der Strafe nicht betroffen, die sich nur gegen 
die Folgen seiner schlechten Garderobe und überhaupt der 
Garderobeneinrichtung wendet. Endlich hat Owen wie alle die, 
denen er seine Gedanken entlehnte, vergessen, dass die Zu 
rechnung und criminelle Bestrafung nur ein Glied in der Kette 
und eine Ergänzung des allgemeinen deterministischen Systems 
ist, welches er zur einen Hälfte vor Augen hat. Seine eignen 
Gedanken und die Tragweite seiner Recepte hätten ebenfalls 
in Anschlag gebracht werden sollen. Doch genug hievon. Die 
willkürliche Imagination des philosophisch nicht einmal höher 
gebildeten Engländers war, aller scheinbar entgegengesetzten 
Vorstellungen ungeachtet, von einer Anerkennung der wirk 
lichen Gesetzmässigkeit der Triebe und Leidenschaften, sowie 
von einem Yerständniss der ehernen Nothwendigkeiten der 
individuellen und socialen Charaktergestaltung sehr weit ent 
fernt und stützte sich in ihren Bestrebungen auf das grade 
Gegcntheil. Ein wenig Philauthroj)ie, also doch auch ein Trieb, 
der nur unter bestimmten Voraussetzungen entsteht und einige 
Folgen hat, sollte den unbedingtesten Harmonismus zu schaffen 
vermögen, und ein entsprechendes Erziehungssystem sollte alle 
erwünschte Oharakterwaare produciren. Der Fabricant hätte 
bedenken sollen, dass der Mensch keine Baumwolle ist, und 
dass selbst dann, wenn er ihr gliche, der Rohstoff je nach der 
Faser eine verschiedene Behandlungsart erfordern würde. Es 
giobt glücklicherweise noch Leute, an denen kein Fäserchen 
jener Philanthropie anzutreffen ist, die da, wo sie nicht zum 
Lächeln veranlasst, oft genug die Empörung des gesunden und 
wahrhaft menschlichen Gefühls herausfordert. Mit dieser Gegen- 
rogung hatte Owen gleich allen oberflächlichen Philanthropen 
seine Rechnung zu machen gänzlich vergessen. Seine Eitel-
        <pb n="316" />
        keit, (lie sich in allen Berührungen mit Höfen und Regierungen 
zu spiegeln suchte, bildete sich ein, mit dem Grundsatz der 
willkürlichen Charakterformation die Dinge völlig umschaffen 
und die Welt von allem Hebel erlösen zu können. Diese 
grossen Dinge, deren Ausführung nichts weiter als der wirk 
liche und naturgemässe Charakter der Menschen entgegen 
stand, sollten sich vorläufig auch schon im Kleinen vollziehen 
lassen, und hier ist New Harmony bczoichnenderwcise das 
Symbol des Schiffbruchs geworden, den alle solche philanthro 
pischen Fahrzeuge auf einem Meer zu gewärtigen haben, wo 
nicht fade Gemüthlichkeiten, sondern strenge Abgrenzungen 
und Rechtsbegriffe den Dienst von Karte und Compass zu 
leisten haben, 
10. Die erste Schrift Owens von 1813 ist der Revision 
eines Andern unterworfen worden, oho sie erschien. Sic ist 
die verhältnissmässig am meisten geordnete. Uebrigens aber 
und im Allgemeinen hat es derjenige, welcher die socialen Be 
ziehungen arrangiren wollte, nicht sonderlich verstanden, in 
seinen literarischen Kundgebungen äusserlich und innerlich 
die greifbarste Anarchie zu vermeiden. Seine Autobiographie 
von 1857, die in einigen Partien schon früher geschrieben 
wurde, ist daher keine Anomalie dos hohen Greisenalters. Sie 
liess nur in den Achtzigern sichtbar werden, was in den Vier 
zigern bereits im Keime verbanden war. Was dazwischen lag, 
war von einer entsprechenden mittleren Beschaffenheit, und 
sogar Anhänger und Verehrer gestanden zu, dass Owen in 
seinen Schriften langweilig sei, nahmen aber für seine Gele 
genheitsreden eine höhere Werthschätzung in Anspruch. In 
der That muss man sich in solchen kürzeren Kundgebungen 
Umsehen, um ein paar Regungen und Acusserungen anzutreffen, 
die über das Gewöhnliche und Platte hinausgehen. Wer sich 
nur nach den Hauptschrifton richtete, würde nicht im Entfern 
testen auf ernstliche Angriffe gegen Eigenthum und Ehe 
schliessen. Dagegen treten in den Reden, namentlich in einer 
für New Harmony bestimmten Auslassung, Phrasen hervor, die 
kühner klangen, als sie von unserm Philanthropen gemeint 
waren, und durch deren isolirto Wiedergabe in der notizen- 
sammelnden Gattung der Literatur die verkehrtesten Auffassun 
gen verbreitet worden sind. Sowenig man für Jemand, der 
nur Tendenzen und kaum deutliche Phantasien, geschweige
        <pb n="317" />
        301 
klare Vorstellungen hatte, die Verantwortlichkeit übernehmen 
kann, dass seine Inconsequent sich nicht bisweilen anders als 
durchschnittlich habe vernehmen lassen, so scheint doch soviel 
gewiss, dass er nur die leichte Scheidungsmöglichkeit der Ehen 
im Auge gehabt und das Eigenthum höchstens mit einer rheto 
rischen Eigur und in einem nicht ernstlich gemeinten Sinne 
angefochton habe. Was das Amerikanische Experiment von 
New Harmony anbetrifft, so ist die Gestaltung der beiden Giund- 
verhältnisse in diesem kurzlebigen Versuch sehr unklar. Locker 
waren die fraglichen Beziehungen begreiflicherweise in noch 
grösserem Maasse, als Owens eigne Gedankenveriassung. Man 
lebte zunächst sehr vergnügt, gab in der alten llappistenkirche 
Dienstags Bälle und Freitags Concerte, machte in circa einem 
Jahr ein halbes Dutzend verschiedene sociale Verfassungen 
durch und gelangte mit der letzten Nummer derselben wieder 
zum socialen Dasein alten Schlages. Jene Lockerung und ziem 
lich wilde Gestaltung war aber weit weniger Princip als viel 
mehr eine blosse Wirkung der Unmöglichkeit gewesen, die 
philanthropische Erziehung von Klein und Gross an den sehr 
gemischten Elementen zu bewerkstelligen, welche sich zur Er 
probung und zum Theil zur Ausbeutung der neuen Harmonie 
und des ihr von Owen zugewendeten Capitals eingefunden 
hatten. Allerdings hatte Owen die Sklaverei des individuellen 
Eigenthums und die auf dasselbe gegründete und an die priester- 
liche Autorität angelohnte Gestaltung der Ehe als Monstrosi 
täten bezeichnet und hiegegen sowie gegen das, was er in der 
Religion für absurd hielt, jene „geistige Unabhängigkeitserklä 
rung” vom 4. Juli 1826 gerichtet. Man daif jedoch 
keinen entschiedenen Commuiiismus voraussetzen. Ein anderer 
Zug ist viel bezeichnender. Es ist dies der Gedanke, mit An 
weisungen auf Arbeitsstunden zu bezahlen. Offenbar ist ein 
Papiergeld, welches nach Arbeitsstunden rechnet, nur der sehr 
natürliche Auswuchs eines Princips, welches auch in der sub 
tileren Nationalökonomie manchen Irrthum verschuldet hat. 
Wenn man in der Theorie mit Arbeitstagen rechnet oder nach 
A. Smith oder gar im Sinne Ricardos die Arbeit zu einem un 
mittelbaren Anknüpfungspunkt der Vorstellung von den meisten 
Wertheu macht, ohne die Zwischenglieder in Anschlag zu 
bringen, so begeht man speculativ einen ähnlichen Fehlei, wie 
ihn Owen für die Praxis ins Auge fasste. Obwohl unser phi-
        <pb n="318" />
        lanthropischer Socialreíbrmer in der Erkenutniss der wissen 
schaftlichen Wirthschaftslehre unschuldig war, so verfiel er 
doch mit seinen naturwüchsigen oder von der Strömung her- 
angespülten Ideen mit dem Arbeitsstundengeld auf etwas, was 
auch den illusorischen Beimischungen der rationellen Theorien 
der Nationalökonomie entsprach. Auch der uralte Irrthum, das 
Geld ganz nach willkürlicher Convention einrichten und dabei 
von den Satzungen der Natur bezüglich der Bolle der edlen 
Metalle absehen zu können, hatte an dem angeführten Wahn 
gebilde einen erheblichen Antheil. 
Wer auf die gekennzeichnete Weise in die Luft zu bauen 
vermag, kann mit seinen sonstigen ökonomischen oder socialen 
Gelegcnheitsbestrebungen nicht viel bedeuten. Eine sehr vage 
und unausgeführte Idee von der Weltbeglückung durch univer 
selle Ausdehnung ähnlicher oder besserer Einrichtungen, wie 
in New Harmony, existirte auch in Owens Hirn. Ausserdem 
fand er sich bemüssigt, sich während seines weiteren langen 
Lebens in allerlei, vornehmlich pädagogischen, sowie associa- 
tiven und die Eabrikgesetzo betreffenden Bichtungen wichtig 
zu machen. Von dem vieldeutigen Wort der Cooperation neh 
men wir hier ganz Abstand. Owen, der die ersten Grundge 
setze jedes soeialen Zusammenwirkens confundirte, kam zwar 
wählend seines langen Lebens mit Vielerlei in Berührung, aber 
die halbwegs dauerbaren Gestaltungen der sogenannten Coope 
ration sind mehr auf die plastisch wirkenden Antriebe in den 
verschiedenen Gesellschaftselementen als auf Owens Leistungen 
zurückzuführen. Seine Theorie oder vielmehr Illusion, deren 
Schwerpunkt nicht einmal specifisch ökonomisch war, hat an 
den ConsumVoreinen und Aehnlichem keinen Antheil. 
Für die allgemeine Beurtheilung Owens ist als Curiosität 
noch zu erwähnen, dass sein Biograph Sargant in dem oben 
angeführten Werk zu einem ungünstigen Endergebniss gelangt. 
Hoch kann uns die durch den Betreffenden geübte ökonomische 
Kritik gleichgültig sein, da sie nur eine Meinungsverwandt- 
schaft zu den misslungensten Aufstellungen derNationalökonomio 
verräth und ihren Helden grade da berichtigen will, wo er noch 
das meiste Becht hatte. So wird z. B. dem Owenschen Satze, 
dass nicht die Arbeiter von den Beichen, sondern die Beichen 
von den Arbeitern leben, die nationalökonomische Plattitüde 
von der Entstehung des Capitals durch Sparen und Entbehren
        <pb n="319" />
        303 
entg’GgeDg’esctzt. Doch glaube man nicht, dass der genannte 
Biograph deswegen ganz und gar der gewöhnlichen politischen 
Oekonomio zugethan sei. An einer andern btelle plaidirt er 
jedoch gegen Mal thus grade für das, was jener gewollt hatte. 
Es ist daher bei ihm Vieles möglich, und nur der Umstand, 
dass er äusserlich sorgfältig berichtet, nicht aber sein wirth- 
schaftliches Urtheil geben ihm einen Anspruch, in Rücksicht 
auf die Schicksale Owens als brauchbare und verdienstliche 
Hülfe zu gelten. 
11. Nachdem wir die Persönlichkeiten betrachtet haben, 
welche in dem Bereich des älteren Socialismus eine Art von 
Initiative vertreten, müssen wir uns auch ein wenig nach den 
jenigen Erscheinungen umsehen, die sich an sie anschlossen, 
auf sie beriefen und zum Theil wirklich durch ihre Anregungen 
bestimmt waren. Zuerst spielte in Frankreich der sogenannte 
St. Simonismus ah, der jedoch, wie schon erwähnt, auf seinen 
Namen kein Recht hat, da er grade alledem, was hei St. Simon 
den Mittelpunkt oder die wissenschaftliche Grundlage gebildet 
hatte, nicht entsprach, sondern als eine freie oder vielmehr 
willkürliche Schaustellung zusammengeraffter Thorheiten und 
Illusionen des halbreligiösen, halbökonomischen Schlages be 
trachtet werden muss. Die in der Verkehrtheit am meisten 
ausgeprägte Gestalt ist hier Enfantin, und der Name Enfanti 
nismus ist daher vollkommen gerechtfertigt. Ausserdem at 
er den Vortheil, auch noch nebenbei daran zu erinnern, dass 
thatsächlich fast nur Kindisches zu Tage trat. Er kann aier 
auch als Gesammtbezeichnung für die übrigen Ersc emungen 
gelten, wenn man es nicht etwa für gut findet, auc i noc i ein 
Ausdruck Fourierismus einen allgemeineren Sinn unterzulegen 
und dieses Wort zur Vervollständigung dei LiiuneruUj, an 
beiden Ilauptrichtungen der fraglichen \ oigange zu ge r^c cii. 
Das Kindische und das Närrische bilden in allen jenen Schau- 
Btücken die beiden charakteristischen Züge. Obwohl das 
Owenitenthum um einige Grade nüchtcinei ausfie un in 
seiner auf die Englisch redende Welt beschränkten Verbreitung 
begreiflicherweise mit geschäftlich derberen Zügen unteimisc 
blieb, so hat doch auch Owen mit seinem Anhang einen ge- 
wissen Anspruch, neben Fourier und dem Fourierismus die 
Rubrik des in einem allgemeineren Sinne verstandenen En 
fantinismus zu vervollständigen. Ganz abgesehen von New
        <pb n="320" />
        — 304 
Harmony, giebt nämlich schon der in der Kindererzichung lie 
gende Ausgangspunkt des für die Erwachsenen zugerichteten 
Systems ein unbestreitbares Recht, einen Owen denjenigen bei 
zugesellen, welche sich einbilden, mit den Menschen aus dem 
Standpunkt der Behandlung kleiner Kinder fertig werden zu 
können. Derartige, meist auch in ihrer eigentlichen Aufgabe 
fehlgreifende pädagogische Anwandlungen werden vollkommen 
lächerlich, wenn sie ihre Panaceen auf die erwachsene Gesell 
schaft übertragen und das Bereich der dreijährigen Weltbürger 
verlassen, um sich in die keineswegs ganz harmlose Social 
politik oder gar in alle Arten von Politik zu mischen. Es 
empfiehlt sich hienach, auch überall da von socialem Enfanti 
nismus zu reden, wo der Ausgangspunkt in jener Region der 
Kindheit genommen wird. Letzteres ist nun aber bei Owen so 
entschieden der Fall gewesen, dass er für die Geschichte der 
Ideen über Kindererziehung fast eher etwas bedeuten könnte, 
als für den rationelleren Socialismus. In New Harmony hatten 
die Erwachsenen bcschlicssen müssen, sich regelmässigen Er 
ziehungsstunden zu unterwerfen, durch welche ihre verkehrte, 
aus der alten Gesellschaft stammende Natur für das neue Reich 
zugerichtet werden sollte. Dieser Typus, dessen Schicksal 
nicht weiter erzählt zu werden braucht, wird stets das sichere 
Zeichen des Enfantinismus sein, gleichviel ob sich derselbe auf 
das Princip der Selbsterziehung, auf halb oder auf ganz autori 
täre, auf freie und so zu sagen wilde oder auf gebundene und 
zahme Principien und Einrichtungen gründe. 
Was die geschichtliche Aufeinanderfolge anbetrifft, so muss 
die Französische, die Englische und die Amerikanische Gruppe 
der Erscheinungen unterschieden werden. In Frankreich trat 
der Fourierismus erst" nach der Julirevolution in den Vorder 
grund und löste hie mit Aie Enfantinschen Sccncn ab. In Eng 
land ist von den Oweniten wenig zu sagen, weil cs dort gar 
nicht zu ausgeprägten Vorgängen kam. Was in verwandten 
Richtungen geschah und auf einer Gemeinschaft vager Sym 
pathien beruhte, kann nicht hieher gerechnet werden. Owen 
war später den Arbeitseinstellungen und Gewerkvereinen gün 
stig; aber seine Erklärung, dass sich die Löhne oft nicht an 
ders gebührend bestimmen Hessen, beruhte melir auf seiner 
allgemeinen Affection für das Interesse der arbeitenden Classen, 
als auf einer nationalökonomisch klaren Einsicht dieses Sach-
        <pb n="321" />
        305 — 
Verhalts. Auch waren seine philanthropischen Principien mit 
(lenen der socialen Kriegführung nicht vereinbar. Man wird 
daher den Oweniten höchstens die Rolle zuthcilen können, dass 
sie eine dem Arhoiterstande günstige Gesinnung insoweit fort- 
pflanzten, als dies mit jener unlogischen Philanthropie vereinbar 
ist, die nebenbei alle Welt ohne Weiteres und ohne ernstere 
Zwischenfälle versöhnen zu können meint. Die entscheidende 
Epoche Owens war in die Zeit der allgemeinen Europäischen 
Restauration gefallen. Die geschichtlichen Ereignisse der spä 
teren Jahrzehnte gaben auch dem Owenitenthuni ihre Färbung. 
Indessen ist Erhebliches weder von den ziemlich gleichgültigen 
oder im Sande verlaufenden Experimenten noch von eigen- 
thümlichen Ideenströmungen zu constatiren. Die associativen 
Vorgänge sind etwas für sich, was mit dem Owenitenthuni nur 
in losen Beziehungen stand, und diese Gebilde gehören in ihrer 
besondern Gestaltung auch gar nicht in den Plan unserer Ge 
schichte. 
Aus letzterem Grunde können wir uns auch nicht specieller 
auf die etwas umfangreicheren Amerikanischen Thatsachen ein 
lassen. Dort entwickelte sich der Owenismus seit 1824. Die 
Bewegung erreichte aber, soweit es sich um Einrichtungen 
handelte, schon nach einigen Jahren ihr Ende. Dagegen wirkten 
die Ideen noch in erkennbarer Sonderung bis etwa gegen 1830 
nach. Weiterhin lassen sich die Wellenspiele natürlich kaum 
verfolgen, da von allen Richtungen her Kreuzungen stattfanden. 
Seit 1842 zeigte sich in Nordamerika der Fourierismus auf der 
Bühne, wirkte theoretisch und praktisch, um dann ebenfalls im 
Verlauf einiger Jahre sein von vornherein absehbares Schicksal 
%u erfüllen. Diese Amerikanische Episode hatte jedoch ihre 
traditionellen Voraussetzungen in der Französischen Entwick 
lung des Fouricrismus, und wir müssen daher zunächst 
Frankreich und dort zuvor den Enfantinismus par excellence 
ins Auge fassen. 
12. St. Simon hatte sich bereits für die Herausgabe eines 
Journals, des Producteur, bemüht, welches seine Doctrin ver 
treten sollte, aber erst nach seinem Tode in Gang kam. In 
dieser Richtung combinirte man die allgemeinen Ideen mit den 
Bankfragen und Bankprojecten, und diese Verbindung ist in 
der That derjenige Zug gewesen, welcher sich in dem späteren 
Leben früherer St. Siinonisten am nachdrücklichsten bethätigt 
Du bring, Geschichte der Xationalükouomie. 2. Auflage. 20
        <pb n="322" />
        306 — 
hat. Dahin hat namentlich die mit dem zweiten Kaiserreich 
entstandene berühmte Unternehmung der Pereiros gehört. 
Diese Begründer des Crédit Mobilier hatten sich ursprüng 
lich zum Kreise der St. Simonisten gehalten und haben auch 
später einem Theil der besseren Ideen St. Simons derartig 
gehuldigt, dass man sie zu denen rechnen muss, die aus den 
St. Simonistischen Anregungen die gesunderen Gresichtspunkte 
dos Urhebers bevorzugt haben. Im völligsten Gegensatz hie 
zu befindet sich nun aber die Holle Enfantins. Auch diese 
Persönlichkeit stand dem Bankwesen in verschiedenen Be 
ziehungen nahe; allein der Schwerpunkt ihrer Bemühungen lag 
im Reich des religiösen Affects. Im Verein mit Bazard, der 
aber nur eine Nebenrolle spielte, wurde die Abschaffung des 
Erbrechts, die Confusion der Verhältnisse zu den Frauen, eine 
priesterhafte sogenannte Emancipation des Fleisches und eine 
ebenfalls priesterartig zu leitende, auf einen unklaren Commu- 
nismus auslaufende Industrie als Programm hingestellt. Bazard, 
der eine etwas bessere, nämlich die polytechnische Schul 
bildung und eine revolutionäre Vergangenheit hinter sich hatte, 
wurde vor dem Aeussersten' der Tliorlieit bewahrt, und es 
blieb Enfantin für den Gipfel seiner religiös mystischen und 
geschlechtlichen Abgeschmacktheiten das Feld schliesslich völlig 
frei. Ehe es zu diesen letzten Wendungen kam, hatte man 
jedoch ebenfalls schon nachdrücklich gepredigt. In der Strasse 
Monsigny war das Haupfipiartier der Familie oder des neuen 
Haushalts aufgeschlagen worden. Affiliationen hatten auch in 
den Provinzen stattgefunden. Der „Globe” war zum Journal 
der Secte geworden. Unerfahrene junge Leute waren mehr 
fach in das Garn der Reize gerathen, welche die theoretische 
und praktische Behandlung der Geschlechtsaugelegenheiten 
entwickeln musste. Nach der Julirevolution hatte man sich 
offener geregt; aber die Herrlichkeit sollte mit der strafrecht 
lichen Verurtheilung Enfantins und einiger Genossen enden. 
Dies war wenigstens das Nachspiel, nachdem sich die Elemente, 
die noch über einen Rest von Besinnung verfügten, von En 
fantin getrennt hatten. Die üniformirten oder sonst bunten 
Ccrenionien, die der letztere zu Menilmontant mit seinen Ge 
treusten ausführte, und welche die wirthschaftliche Arbeit mit 
etwas Geklingel in Scene setzten und aus der Cultur einen 
Cultus machten, — diese noch dazu von Fourier geborgten
        <pb n="323" />
        307 
bunten Lappen der Harlequinade können auf sich beruhen bleiben. 
Sie interossirten gleich der ganzen sonstigen Aufführung das 
Volk unge führ ebenso, wie wenn irgend ein Schausteller der 
inenschenilhnlichen Bewohner einer andern Zone die Künste 
seiner geschickten Pffoglingo in buntester Drapirung glän 
zen lässt. 
Zur Gerichtsverhandlung war man in einer dem erwähnten 
Genre entsprechenden Procession gezogen. Ueberhaupt hatten 
die Gruppirungscffccte stets eine Rolle gespielt. In einer der 
grossen Sitzungen des Cirkels der neuen Heiligen hatte En 
fantin als die Mitte einer Sieben gethront, in deren einem 
Flügel auch der nachmals mit dem zweiten Kaiserreich so eng 
verwachsene Nationalökonom und Akademiker Michel Chevalier 
seinen bevorzugten Platz einnahm. Auch diese Persönlich 
keit, die zu den Oelebritäten der Französischen officiellen, d. h. 
akademischen Pfleger der Volkswirthschaftslehre und des Frei 
handels zählt, gehörte zu der kleinen Zahl von intimeren 
Genossen Enfantins, die von den Geschwornen verurtheilt 
wurden. 
Eine Erörterung des Vergehens nach juristischen Rubriken 
ist unnöthig. An einer wRklichen Verletzung der Sittlichkeits 
grundsätze wird Niemand zweifeln, der da weiss, dass Enfantin 
soweit ging, die in seinem Reich Geltung habende neue Beichte 
dem weiblichen Geschlecht gegenüber noch principiell in andere 
Beziehungen zu verwandeln. Es ist zu widerwärtig, eine solòhe, 
übrigens in unübersehbaren Gestaltungen auftretende Ver- 
schwistcrung von Lüsternheit und religiösem Mysticismus zu 
zergliedern. Jedoch sei im besondern Fall Enfantins bemerkt, 
dass sich sein emancipatorisches Treiben von dem mehr ffnstern 
und orthodox beschränkten Verfahren anderer Secten nur durch 
die Verwerfung jedes Zwanges und jeder Verbindlichkeit unter 
schied, die nicht von ihm selbst ausgingen. Er war der drei 
fache Papst und sollte als priesterliches Haupt auch Ober den 
besondern Häuptern der Gelehrten und der Industriellen stehen. 
Schon mit diesen Andeutungen sind wir jedoch in eine zu tief 
liegende geistige Region hinabgestiegen. Wären diese Possen 
nicht Nachahmungen von geschichtlich bekannten Urbildern, 
und wäre in ihnen nicht auch noch ein leiser Zug der schwäch 
sten Conceptionen besserer St. Simonisten erkennbar gewesen, 
so würden wir dieselben nicht einmal im Allgemeinen erwähnt 
20*
        <pb n="324" />
        — 808 
haben. Wir würden mit ihnen wie mit der Lehre von dem 
Paare verfahren sein, in welchem sich der Vater Enfantin erst 
durch eine entsprechende, neben ihm stehende Mutter des neuen 
religiös industriellen Reichs zur vollständigen Priester würde 
ergänzen sollte. 
Was der Enfantinismus zu bedeuten habe, wird man jetzt 
auch ohne nähere Details übersehen, zumal wenn man erwägt, 
dass schon in einem sehr frühen Stadium desselben, ehe die 
Scheidung der verschiedenen Elemente eintrat, die Frage streitig 
geworden war, ob blos die Frauen über die Vaterschaft der 
Kinder zu entscheiden hätten. Enfantin hatte das letztere 
Dogma vertreten, und man wird auch ohnedies darüber einig 
sein, dass in diesem ganzen Unterfangen einer neuen socialen 
Schöpfung die Kindheit in allen Beziehungen eine Rolle spielte. 
Nur in einer einzigen Hinsicht, nämlich im Punkte der Un 
schuld;, bleibt die Vergleichung unanwendbar. Nebenbei sei 
bemerkt, dass der religiöse Bestandtheil sich auch in den 
späteren Schicksalen namhafter Glieder der Secte als eine vor 
herrschende Macht bewährt hat. Er ist z. B. in Michel Chevaliers 
Bericht über die siebenundscchziger Industrieausstellung wieder 
zum Vorschein gekommen, — selbstverständlich jedoch in einer 
Gestalt, die man nicht als eigentlich enfantinistisch bezeichnen 
kann. Trotzdem ist sie nichts als ein Rest jener Affecte, dio 
Herrn Chevalier einst an die Seite Enfantins gekettet hatten. 
Der Berichterstatter liess in Ermangelung eines besseren Trostes 
die Arbeiter einige Blicke ins Jenseits thun und zeigte so 
deutlich genug, wie man die Versöhnung mit den socialen 
Uebelständen und mit Unzulänglichkeiten der Industrie nach 
einem alten, aus jungen Jahren stammenden, mit der Bejahrt- 
heit wieder zu neuem Reiz gelangten Rccept zu bewerkstelli 
gen habe. 
13. Der Fourierismus begann seine Laufbahn, nachdem 
1832 der Enfantinismus im engem Sinne des Worts zu seiner, 
vom Strafrecht gestörten letzten Phase gelangt war. Jedoch 
waren einzelne Bestandtheile der Fourierschen Phantasien von 
Enfantin benutzt worden, obwohl dieser Edle die Nachhülfe, 
die er seiner Imagination angedeihen liess, verheimlichte und 
bestritt. Uebrigeus hat hier ein Streit um die Autorschaft 
wenig Sinn, da schliesslich das tolle Zeug fast insgesammt auf 
Tradition oder blosser Verzerrung beruhte und die relativen
        <pb n="325" />
        300 — 
Eigcnthttmlichkciten Fouriers von einem Enfantin noch nicht 
einmal angecignet werden konnten. Im Punkte der industriellen 
Phantastik und in der Fähigkeit, dieser Phantastik ein paar 
abstráete Vorstellungen unterzulegon, stand Fourier doch noch 
verhältnissmässig hoch über Enfantin, und wenn auch die 
Kluft zwischen zwei Gattungen der Absurdität nicht sondeilich 
intcressirt, so ist man doch denen, die mehr oder mindei 
unbefangen und ohne gehörige Kenntniss der Sache in die be 
treffenden Agitationen geriethen, noch heute schuldig, den 
Abstand in den Graden der Verkehrtheit nach Möglichkeit 
hervorzuheben. Andernfalls würde man alle späteren Oon- 
sequenzen in einunddonselben Ursprung zurückverlegen und 
hiemit einige noch für die Gegenwart erhebliche Thatsacheii 
in ihrem unterschiedenen Charakter verwischen. Für eine 
spätere Geschichtsschreibung werden allerdings die älteren 
Socialisten aus der Zeit der Restauration sammt ihren An 
hängerschaften eine einzige Gruppe formiren, in welcher die 
gemeinsamen Züge, und namentlich das religiöse Element, 
entscheidend sein müssen. Man wird auch die Unterschiede 
nicht vernachlässigen, sich aber mehr an allgemeine Classifi 
cationen als an persönliche Abgrenzungen halten. Die letzteren 
sind nur da angebracht, wo die Personen wirklich original 
verfuhren und die Vertreter von nennenswerthen Gedanken 
wurden, wie dies bei St. Simon selbst der Fall war, der 
aber auch aus diesem Grunde eine ganz abgesonderte Stellung 
erhalten wird. . . 
Nach dieser Erinnerung können wir den Fourierismus 
in seiner geschäftlichen Rührigkeit betrachten. Sein i e ei 
hatte Jahre lang vergebens auf den Mann gewartet, der ihm 
die zu einem Versuch erforderliche Million eines schönen 
Tages anbieten würde. Doch kam es wenigstens zu mis» 
lingenden Vorbereitungen auf den Gütern eines Abgeordneten. 
Die Theorie blieb aber in Frankreich die Hauptsache. Am 
Anfang und gegen Endo dos viorton Jahrzehnts machten sich 
Journale unter dem Namen von Phalanstcren und Phalangen 
geltend. Nach der Mitte der dreissiger Jahre Hess ein Schüler 
Fouriers, Victor Considérant, eine Schrift „Sociale Bestimmung 
erscheinen, welche der Agitation neue Nahrung gab. Schon 
der Titel dieses Buchs entsprach der Fourierschon Vorstellung, 
derzufolge die Welt verschiedene Bestimmungen oder Schick-
        <pb n="326" />
        310 
sale habe und auf dasjenige der Civilisation nun ein anderes, 
unvergleichlich besseres, nicht mehr dem Leiden unterworfenes 
Loos folgen müsse. Der Fourierismus brachte es sogar dahin, 
iür seine Literatur ein derselben gewidmetes Yerlagegeschäft 
zur Verfügung zu haben. 
Was Victor Considnrant anbetrifft, so war er seines Meisters 
insofern ganz würdig, als er ziemlich genau in dessen Sinne 
von Vorsehung und Aehnlichem zu schwatzen liebte, und auch 
die schlechteste Consequenz, nilmlich die Feindschaft gegen die 
Politik als solche, zunächst nicht vermied, sondern im Gogeu- 
theil ausbildete. Selbstverständlich darf man bei solchen 
Naturen keine beharrliche Folgerichtigkeit erwarten; aber das 
Spätere in untergeordneten persönlichen Schicksalen geht uns 
hier nichts an. 
Zu etwas freierer Auslebung gelangte der Fourierismus in 
Nordamerika, wo er hauptsächlich durch einen Albert Brisbane 
literarisch cingeführt wurde. Seine Blüthezeit Hel in die Jahre 
nach 1842, und es fehlte weder an journalistischen Phalangen, 
noch an einem llauptorgan. Letzteres war die von Horace 
Greeley geleitete Newyorker Tribune, in welcher ein bestimmter 
Spaltenraum den Interessenten des Fourierismus zur Verfü 
gung stand, und in welchem die Brisbanescheu Artikel ein 
Jahr hindurch die Agitation unterhielten. Die Hülfe, welche 
dieses 1841 begründete, später den ersten Rang einnehmende 
Blatt eine Zeit lang leistete, ist nicht zu unterschätzen. Doch 
machten die misslingenden Experimente dem Prestige der 
nur halb gekannten und deswegen auch von verständigen 
Persönlichkeiten mit Sympathie aufgenommenen Theorien bald 
ein Endo. Greeley machte seine Tribune-Schöpfung schliess 
lich zum grössten Schutzorgan der Union und liess hierin nur 
bei seiner gegen die zweite Präsidentschaft Grants gerichteten 
eignen Candidatur einigerrnaassen nach, indem er, nach Ansicht 
der Pensylvanier ausgedrückt, die Sache der Protection so 
gut wie aufgab. In der That aber war Greeley eine ebenso 
wohlwollende als interessante Persönlichkeit. Seine Sonder 
barkeiten und seine nie ganz zur Klärung gelangte Phantasie 
machen seine Fourieristische Vergangenheit und sein bedauerns- 
werthes Ende begreiflich, welches mit dem Triumph seines 
Gegners zusammentiel. Männer von solcher Sinnesverfassuug 
waren in der That darauf angelegt gewesen, den Fourierismus,
        <pb n="327" />
        311 
(len sie in der ganzen Originalität seiner vollen Tliorlieit gar 
nicht kannten, aus zweiter Hand und in abgeschWächter Form 
eine Zeit lang annehmbar zu finden. 
Nach der Mitte der vierziger Jahre begegneten und ver- 
einio-ten sich auf Amerikanischem Boden der Fourierismus und 
der Swedenborgschc Geisterspuk. Der Spiritismus im allge- 
moineren Sinne des Worts brauchte sich kaum noch erst ein 
zufinden, da die eignen Fouriorschen Imaginationen das Ge- 
spensterreich schon so ziemlich in ihren Kreis un in le 
societäre Harmonie gezogen hatten. Jedoch ist Nordamerika 
seither der günstigste Boden für die VerschwisWrung socia er 
und spiritistischer Wahngebilde gewesen. Die Schicksale dci 
einzelnen Fourieristischen Gemeinschaften lassen sich ebenso 
wie diejenigen der Oweniten, für welche der eine Sohn Owens 
noch nachträglich thätig war, dahin zusammenfassen, dass alle 
diese Gebilde, die etwa ein halbes Hundert nachweisbarer Ge- 
mcinschaften gezählt haben mögen, sehr rasch entweder durch 
völlio’e Auflösung oder durch Verwandlung in vorherrschend 
religiöse Oonvicte geendet haben. Diese letztere Metamorplnise 
entspricht ganz den bisherigen religiösen Beschränktheiten des 
Amerikanischen Geistes, und es lässt sich übrigens auch im 
Allgemeinen die Bemerkung machen, dass die socia con use 
Gesellschaftsexistenzcn nur mit Hülfe der zum Iheil guten, in 
der Hauptsache aber nur verschleiernden Elemente religiöser 
Scctengesinnung und religiöser Sectcndogmcin ein weni„ ^ 
deihen. Durch die Verschwommenheiten der betretfen en c 
werden die festen, männlichen und klaren ^Gchtsbegrifk fui 
Gruppen entbehrlich, in denen eine religiös nioia isc e - _ 
rität das juristische Unterscheidungsvermögen entbehilich u . 
und den Gang der Dinge durch ein sentimentales Regime 
Mit der letzteren Uebcrlegung sind wir wieder zum Al »- 
gaiigspiiiikt des alterón Socialisinus gelangt, oder wenigstens 
an dessen sehwaclisto Seite erinnert worden St. Simon se bst 
war ia mit allen seinen gedanklichen BemOhiiiigen soliliesslich 
dem Aergsteu verfallen, was dem menschlichen T'erfände be- 
gegiicn kann, weil er von vornherein unter t ci eiisc la 
irroloitender religiöser Afi'ecte gestanden hatte. Das Beste, 
was ihm gelungen war, hatte er nicht vermöge, son ein ro z 
der bei ihm vorherrschenden Gemüthsbeschaffenheit erreicht.
        <pb n="328" />
        312 
Bas Gute, was in jenen Affectionen lag, war durch das Schlimme 
dieser gestaltlosen Regungen mehr als aufgewogen worden. 
Wären in St. Simon nicht noch einige rein wissenschaftliche 
und dem modernen Verstände angehörige Elemente mächtig 
gewesen, so würde er nicht einmal soviel geleistet haben, um 
von dem Kreise der Fourier und Owen ernstlich unterschieden 
werden zu können. In diesem Umstande müssen wir daher 
einen Fingerzeig dafür erblicken, wo der Fortschritt in der 
Geschichte des neuern Socialismus zu suchen sei. Bio unter 
der Restauration entstandenen Gebilde der Theorie haben 
sämmtlich eine gegen die Ucborlieferungen der Revolution ge 
kehrte Seite gehabt, und wenn sie auch trotzdem aus einem 
andern Gesichtspunkt als Erzeugnisse eben dieser Revolution 
betrachtet werden müssen, so haben sie doch die spccilisch 
politischen Gedanken derselben und die in den Rechtsbegriffen 
zu suchenden Grundlagen der gesellschaftlichen Gestaltungen 
verleugnet. Bies ist ihr eigenthümlicher Hauptfehler gewesen, 
wenn man überhaupt noch bei Erscheinungen, unter denen nur 
eine einzige dem Niveau einer höheren Kritik entsprach, auf 
diese Weise roden darf. Wir glauben indessen dafür gesorgt 
zu haben, dass über die Werthschätzung der Fourier und Owen 
und über den ganzen socialen Enfantinismus für alle diejenigen 
kein Zweifel obwalten könne, die mit uns von der modernen, 
streng wissenschaftlichen, rein verstandesmässigen und dem 
Affect seine Schranken anweisenden Geisteshaltung ausgehen.
        <pb n="329" />
        Sechster Ähschnitt. 
Die Deutsche Nationalökonomie. 
Erstes Capitel. 
Behandlungsart. — Thiinen. 
Die Pflege der volkswirthschaftlichen Wissenschaft hat bei 
don Deutschen bereits einen Namen ersten Ranges aufzuweisen, 
der zu der kleinen Anzahl der bei andern Völkern als Kory 
phäen geltenden Persönlichkeiten ebenbürtig hinzutritt. Der 
nicht weniger durch die Bedeutung seiner Gesinnung als durch 
die Tragweite seiner Theorie hervorragende Friedrich List hat 
dadurch, dass er die Deutsche Volkswirthschaftslohre von den 
Brittischen Ueberliefcrungen frei machte und ihr in schöpferi 
scher Weise neue Gesichtspunkte vorführte, einen Dienst ge 
leistet, dessen Hauptwirkungen zum Theil erst gegenwärtig 
cintreten, zum Theil aber auch noch ihre beste Zukunft vor 
sich haben. Ausserdem ist aber List ein Weltschriftsteller, 
dessen Einfluss sich über zwei Welttheile erstreckt, un essen 
Leistung grade bei denjenigen Nationen immer mächtiger ein- 
wirkt, welche mit der grössten Lebensfrische in den or er 
grund der Geschichte zu treten begonnen haben. Obwohl er 
sein Hauptwerk vor einem Menschenalter schrieb, gehört ci 
durchaus der Gegenwart an, und es ist ihm gegenüber noch 
keineswegs die Zeit abgelaufen, welche bisher gewöhnlich er- 
fordcrlich gewesen ist, um erheblich veränderten Auflassungen 
eine allseitig durchgreifende Annahme zu verschaffen. Die 
Systeme haben bisher im Verhältniss zu ihrer Wichtigkeit und 
Originalität eine entsprechende geraume Zeit gebraucht, um 
sich auch nur wissenschaftlich, geschweige praktisch, einiger-
        <pb n="330" />
        814 
maasson durchzusetzen und ihren Weitgang' von einer Nation 
zur andern wenigstens im Bereich der entwickeltsten Völker 
zu vollenden. Wahrheiten und Irrthümer von originaler Art 
theilen in diesem Punkt ein ziemlich gleiches Schicksal, und 
grade in der Geschichte der Volkswirthschaftslehro kann man 
es beobachten, wie die verschiedenen Standpunkte, die einander 
in ihrem Ursprungslande abgelöst haben, innerliulb eines an 
dern Volks etwa ein Menschcnalter später zu wirken beginnen. 
Aus letzterem Grunde hat in Deutschland die Welle der 
Malthus - Bicardoschen Oekonomie ihre secundaren Spiele erst 
ziemlich spat entwickelt, und ihre Kreise sind erst in den letz 
ten Jahrzehnten sichtbar geworden. Hiedurch ist es zu der 
interessanten Erscheinung gekommen, dass die vollständigere 
Aneignung dieser Anschauungsweisen in eine Zeit gefallen ist, 
in welcher sie auf Deutschem und auf Amerikanischem Boden 
bereits entschieden überholt waren. Wir können uns jedoch 
mit diesen Verhältnissen erst später beschäftigen und müssen 
vor der Behandlung Lists die Zeit des Schülerthums und der 
fast unbedingten Abhängigkeit der Deutschen ein wenig ins 
Auge fassen. Die vorzüglichen Grundlagen, welche die Deut 
schen in manchen Richtungen des allgemeinen Wissens aufzu 
weisen hatten, haben es verhindert, dass selbst jenes Schüler 
thum im Gebiet der Nationalökonomie nicht alle selbständigen 
Regungen unmöglich gemacht hat. In dieser Hinsicht ragt 
eine Erscheinung hervor, der es ungeachtet des Drucks der 
fremden Autorität gelungen ist, durch Solidität sogar innerhalb 
des Rahmens der durch das Smithschc Prestige beengten Denk 
weise zu einer Aufstellung zu gelangen, die dem Deutschen 
Namen unter allen Umständen zur Ehre gereichen muss. Die 
Thünensche Vorstellungsart von der Wirkung, welche die Ent- 
fej'nung des Marktes auf die Gestaltung der ländlichen Bewirth- 
schaftungssystemc habe, ist allerdings nicht blos einseitig, son 
dern auch in der Fassung unvollkommen. Sie ist sogar in der 
gesammten zu Grunde liegenden Denkweise fehlerhaft und 
auch übrigens, namentlich in ihren späteren Ergänzungen, mit 
Consequenzen falscher Ricardoschcr Gesichtspunkte stark unter 
mischt worden. Dennoch hat sie in ihrer ersten und leitenden 
Conception soviel Originalität für sich, dass sie ihrem Urheber 
den Anspruch auf den zweiten Platz in der bisherigen Deut 
schen Nationalökonomie sichert und ihn neben den Capacitäten
        <pb n="331" />
        815 — 
der übrigen Völker auch den sehr spärlich gesäten Namen zu- 
zugcsellen erlaubt, die in einer speciellen Richtung die Wissen 
schaft mit neuen Gesichtspunkten bereichert haben. Ein Thüneu 
würde die ihn auszeichnende Idee unvergleichlich fruchtbarer 
gemacht haben, wenn er im Stande gewesen wäre, ihr eine 
universellere Gestalt zu geben. Allein hieran hinderte ihn in 
erster Linie seine Abhängigkeit von Adam Smith, in welcher 
er später durch die Leetüre der Ricardoschen Studie noch be 
stärkt wurde, und alsdann in zweiter Linie die örtliche Beengt 
heit der Auffassung, durch welche er fortwährend auf das Bild 
einer sich in feudalen Verhältnissen bewegenden und wesentlich 
von einem entfernten Markte abhängigen Landwirthschaft hin- 
gewiesen wurde. Iliezu kam noch die so zu sagen mathema 
tische Illusion, dass die Zurückführung gewisser einfacher 
Beziehungen auf eine algebraische Ausdrucksweise etwas We 
sentliches sei, und dass auf diesem Wege ökonomische Gesetze 
nicht nur formulirt, sondern auch gefunden werden müssten. 
Die Liebhaberei für die zu nichts führende, sondern den ge 
wöhnlichsten, ebenso wie den mathematisch gebildetsten Leser 
nur störende Bizarrerie der algebraischen Symbolik hat nicht 
zum geringsten Theil dazu beigetragen, den sonst lehrreichen 
Thünenschen Schriften dasjenige Publicum zu entziehen, wel 
ches andernfalls an denselben das grösste Interesse nehmen 
musste. Während man sich in, der mathematischen Analysis 
in einigen besseren Richtungen bereits bemüht hat, wo es ir 
g end möglich ist, die schnelleren, last rein logischen Veimitt 
lungen an die Stelle der umständlichen Calcüle zu setzen und 
die höchsten Probleme durch eine Art des Denkens zu emei 
Stern, die über der Region steht, in welcher das Behagen an 
dem Mechanismus der Operationen und an der analytischen 
Einkleidung die Hauptsache bildet, — während diejenigen, we 
cke über alle Mittel der Rechnung verfügen, schon zum Thcil 
einen Triumph darin sehen, wenn sie einen Schluss in ganz 
abstractor Weise und ohne sofortige Hülfe der analytischen 
Auöführuug zu ziehen vermögen, giebt cs sogar unter ökono 
mischen Denkern und Capacitäten noch immer solche, wec e 
dem Irrthum der entgegengesetzten Richtung anheimfallen. 
Wir mussten diese allgemeine Bemerkung im besondern Inte 
resse Thünens machen, weil hiedurch einerseits sein Fehlgriff 
als eine natürliche Abirrung, und andererseits als eine Eigen-
        <pb n="332" />
        310 — 
Schaft erscheint, die zugleich einem methodisch guten Bestre 
ben entsprungen ist. Unser Nationalökonom hat nämlich einen 
hochwichtigen methodischen Zug des modernen wirthschaft- 
lichen Denkens vertreten, der in gleich ausgeprägter Gestalt 
sonst nirgend vorkommt und als eine der unerlässlichen Vor 
bedingungen des streng wissenschaftlichen Verhaltens betrach 
tet werden muss. Er hat die Einkleidung noth wendiger Ab- 
stractionen in das Gewand erdichteter Zustände, also eine 
schematische Constructioil der einfachen ökonomischen Ver 
hältnisse zum Princip und zur bewussten Denk- und Unter 
suchungsform gemacht. Man erkennt hierin die Aehnlichkeit 
mit dem Verhalten des Mathematikers, und cs kann überhaupt 
eine höhere, in die Gründe eindringendo Wissonsgattung gar 
nicht geben, wo auf Sonderungen dieser Art verzichtet wird. 
In dieser Hinsicht ist daher Thünen für die Methodik des 
volkswirthschaftlichen Denkens nicht gleichgültig, sondern ver 
tritt sogar typisch eine in ihrem Korne unumgängliche Ge 
staltung des untersuchenden Verhaltens. Er wird uns daher 
nicht blos des materiellen Satzes wegen, den man ihm zuschreibt, 
sondern auch im Hinblick auf die Art und Weise beschäftigen, 
wie die volkswirthschaftlichen Wahrheiten zu Tage gefördert 
und streng bewiesen worden können. Da jedoch die Physio 
nomie der Thünenschen Leistungen mehr als gewöhnlich mit 
den Lebeusverhältnissen und der Umgebung der Person gemein 
hat, so können wir einige biographische Züge nicht umgehen. 
Für den allgemeinen Gang der Geschichte unseres Wissens 
zweiges sei jedoch bemerkt, dass mit Thünen auch in Deutsch 
land die erste eigenthümlichc Wendung der Wirthschaftslehro 
diejenige gewesen ist, welcher die Betrachtung des Ackerbaus 
zum Ausgangspunkt diente. 
2. Heinrich v. Thünen (1783—1850) aus dem Jeverlande, 
Sohn eines Gutsbesitzers und später selbst Eigenthürncr der 
durch seine Arbeiten berühmt gewordenen Wirthschaft Tellow 
(im Mecklenburgischen, 5 Meilen von Rostock), wurde zuerst 
in ziemlich roher Weise praktisch für die Landwirthschaft aus 
gebildet, gelangte aber in der uns hier iutcressirenden Haupt 
sache durch Denken und Selbstbelehrung schon sehr früh zu 
seiner Grundanschaimng. Seine allgemeine wissenschaftliche 
Bildung verdankte er zum allergrössten Theil seinem spätem 
Autodidaktenthum. Ein paar Semester in Göttingen haben daran
        <pb n="333" />
        keine Scliuld getragen; wohl aber haben die Anregungen, welche 
ihm die schon vorher in Celle gehörten Torträlge des gedie 
genen Laudwirthschaftsthooretikors Timer gewährt hatten, viel 
zur Gestaltung seines Ideenkreises beigetragen. Er selbst nennt 
A.lam Smith und Timer als diejenigen, deren Ideen die Grund- 
laocu für seine eignen Theorien gebildet batten. Schon 1803 
also im Alter von 20 Jahren, hatte er seine Hauptidee gefasst 
und in einem Aufsatz niedergescliriebeu, in welchem die sich 
um einen städtischen Mittelpunkt nach der Vorausset^g bil 
denden Zonen von Bewirlhschaftungsarten m ihim- Abhängig 
keit von der Entfernung dargcstellt waren. Er hatte also 
GrundvorütelluDg ausciiiandeisetzte. Er hatte geglaubt, us 
viele Ei iiihrungcn auf seinem eignen Gut machen zu müssen, 
nm seinen Gedanken gehörig wissenschaflhch bewahrheiten 
und ausführen zu können. Die Herausgabe eines zweiten Iheüs 
oder vielmehr der ersten Abtheiluug erfolgte erst im Todegabr. 
Was wir sonst von ihm und über ihn an weiteren Verö ent 
Heilungen besitzen, ist von einem seiner Schüler, Herrn Schn i- 
mâcher, herausgegebeu worden. Auf diese 
zweite und dritte Ahtbeilung dos zweiten Bandes 1863 und d e 
Biographie (J. H. v. Thünon, ein Forscherleben, Rostock ) 
als posthumes Material zu betrachten, in welchem 
den Veröffentlichungen wiedergegebenen Briefe ei ... 
gen als ein Manu von ehrlichem und 
welches stets nach Vertiefung strebte, überall bewährt. Alle 
er ist immermehr der aussichtslosen, mathematisch beengte 
Art des üntersuchens anheimgefallen. So hat er sich nament 
lich in Spcculationen über einen „naturgemässen Arbeitslohn 
verloren, welche seiner Gesiunungsrichtung weit me i a s 
ner praktischen Einsicht zur Ehre gereichen. Man wird un 
willkürlich an Quesnays Quadratur des Cirkels erinnert, wenn 
man erfährt, dass ThUiiens Bizarrerie so weit gegangen ist, 
sich seine Quadratwurzel, durch die er den harmonischen Ar-
        <pb n="334" />
        318 
beitslobn formulirt zu Laben glaubte, auf seinen Grabstein 
setzen zu lassen. Der spätere Theil seines Lebens ist von 
dieser Idee beherrscht worden. Im Jahre 1848 hat Thünen 
auf seinem Gute eine Betheiligung seiner Arbeiter am Gewinn 
eingeführt; doch erwähnen wir diese familicnvätcrlicho' Fiir- 
sorge nur zur Kennzeichnung seines äusserst guten Willens, 
legen ihr aber nicht die mindeste theoretische oder sociale Be 
deutung bei. Die socialistischen Ideenströmungen hatten schon 
früh auf nnsern landwirthschaltlich nationalökonomischen Den 
ker und Beobachter eingewirkt, und seine gemüthlich redliclio 
Auffassung der Dinge, die durch eine iu gleichem Geiste an 
geeignete, sich noch am meisten an die schwächeren Seiten Kants 
anlehnende Philosophie gefärbt wurde, hatte ihn veranlasst, 
sich über die Zukunft der Arbeit wohlwollende und dem So 
cialismus vielfach entsprechende Vorstellungen zu bilden. Sein 
Gerechtigkeitssinn hinderte ihn, die guten Gründe der socia- 
listischen Antriebe zu verkennen, und schon in einem 1820 
geschriebenen (im erwähnten 2. Theil 1850 herausgegebenen) 
Aufsatz „über das Loos der Arbeiter, ein Traum ernsten In 
halts”, hat er sich unvcrholcn genug auf die Seite der Arbeit 
gestellt. Die Eingangsworte dieses für die Gesinnung und in 
manchen Beziehungen auch für den richtigen Blick erheblichen 
Schriftstücks könnten noch heute als Bezeichnung eines Haupt 
punktes der socialen Frage gelten. Sie lauten: „Es ist ein 
grosses Hebel, dass in allen Staaten, selbst in denen mit re 
präsentativen Verfassungen, die zahlreichste Classe der Staats 
bürger, nämlich die der gemeinen Handarbeiter, gar nicht ver 
treten ist. Unverhältnissmässig hoch ist die Belohnung jedes 
Industrieunternehmers (z. B. des Fabricanten, des Pächters und 
selbst des blossen Administrators) im Vergleich mit dem Lohn 
des Handarbeiters.” Thatsächlich ist heute Jene Vertretung 
nur erst in sehr geringen Anfängen vorhanden, und ein Thü 
nen, der in den Bemerkungen, die er 1850 jenem Aufsatz 
hinzufügte, an den Zustand nach einem abermaligen Viertel- 
Jahrhundert in richtigem Vorgefühl erinnerte, würde heute nicht 
anstehen, die Denkweise und die Forderungen unseres kriti 
schen Socialismus gelten zu lassen. 
Dennoch darf man sich nicht vorstollen, dass ein Thünen 
thatsächlich und wesentlich über den Standpunkt des wohlwol 
lenden Gefühls erheblich hinausgekommen sei. Seine Empfin-
        <pb n="335" />
        .319 
düngen rcagirten gegen die Gesinnnngen, die er bei Ricardo 
und überhaupt bei den meisten National Ökonomen seiner Zeit 
an traf. Er wurde aber nichtsdestoweniger durch die Autorität 
ihrer Theorien in den engsten Schranken befangen gehalten. 
Entstehung und Rolle des Capitals gestalteten sich in seinem 
Ideenkreisc bezüglich des Hauptpunkts um nichts besser, als 
in der Smithschen Volkswirthschaftslehre. Er hatte eben nur 
da einen freieren Blick zu thun vermocht, wo ihm, wie in der 
Tjandwirthschaft, alle Verhältnisse unmittelbar vor Augen lagen. 
Im Uebrigen sehen wir ihn stets von seiner Leetüre abhängig 
und treffen namentlich im spätem Theil seines Lebens auf die 
unzweideutigsten Beurkundungen der Unsieherheit, ja bisweilen 
der völligen Rückläufigkeit seiner volkswirthschaftlichen, so 
cialen und allgemein philosophischen Er theil e. Hiezu kam die 
Beengtheit der klein staatlichen und, ungeachtet des liberalen 
Strebens, doch noch immer feudal gefärbten Anschauungsweise. 
Während ein List seine Hauptarbeit verrichtete und rastlos 
den grossen nationalen Gedanken vertrat, vermochte Thünen 
einen Schutzzoll für Mecklenburgische Handwerker gegen Ham 
burg und Berlin als eine möglicherweise noth wendige Even 
tualität zu kennzeichnen und dennoch den Eisenzoll für einen 
Irrthum zu erklären. Diese Ideen sprach er einige Jahre vor 
seinem Tode aus, und man braucht sich daher um seine früheren 
oder sonstigen Urtheile über Handelspolitik nicht weiter zu 
bemühen. Sonst hatte er sich der Smithschen Ueberlieferung 
gemäss vorherrschend freihändlerisch ausgelassen. Uebrigens 
sind es auch nicht allein solche Ansichten, wie die in der an 
geführten Biographie (S. 2.50) in einem wohl überlegten une so 
zu sagen denkschriftlichen Briefe ausgesprochenen, son ein 
auch die späteren rein wissenschaftlichen Untersuchungen, 
welche uns das Schwankende der handelspolitischen Yoiste- 
hingen Thünens, ja streng genommen den Mangel einer ent 
schiedenen Ueberzeugung bioslegen. Unser landwüchsiger und 
grundehrlicher Denker war zu gewissenhaft, um seine Be en- 
kon zu unterdrücken, und auf diese Weise ist es geschehen, 
dass dieselbe Rathlosigkeit, welche hei andern Nationalökono- 
inen nur nach der feinsten Zergliederung sichtbar wird, bei ihm 
offen zu Tage trat. 
Da bei Jemand, der sich schon früh und auf seine Ait 
sehr eifrig mit den socialen Problemen beschäftigt und dabei
        <pb n="336" />
        320 
philosopliisclio Grundanschauungen stets herbeigozogen bat, die 
Lebens- und Weltauifassiing nicht gleichgültig ist, so haben 
wir ein Recht an einen zur Charakteristik nicht unerheblichen 
Zug derselben zu erinnern. Thünen war, wenn auch in einer 
sehr abstracten Weise, ein Anhänger der gewöhnlich als dc- 
isüscli bezcichneten Art der Gottesvorstellung und verband hie- 
init einen, wenn auch sonst unbestimmt gedachten, doch jeden 
falls nicht mit irgend einer blossen Einheitsvorstellung zusam- 
iiicnfallenden Unsterblichkeitsglauben. In keiner seiner Ideen 
trennte er die Geuiüthsgewohnheiten von denjenigen Beimi 
schungen, welche nicht dem Gefühl, sondern dem theoretischen 
^ ^"'issen angehörten und mithin irrthümlich sein konnten. Eine 
' Vorsehung, die er sich in seinem Sinne mit allzu behaglichem 
Optimismus construirte, hat in seinen socialen Speculationen 
keine Nebenrolle gespielt. Es spiegelte sich in derselben das 
gemüthlich beengte Stillleben des Tellowschcn Eamiliendaseins 
mit allen seinen Vorzügen und Schwächen. Die socialen Uebel 
wurden zwar thatsächlich anerkannt und keineswegs in der 
gemeinen Art optimistisch beschönigt. Aber wohl wurden sie 
Hl providcntieller Weise allzu geneigt im Plane der Dinge zu 
gelassen. Er konnte sich nicht in den Sinn derjenigen versetzen 
bei denen Leben und Nichtleben die harte Losung ist, und die 
sich daher in die Thüncnsche Anschauungsweise niemals schicken 
dürften. Wo die Philanthropie der älteren Socialisten ziemlich 
überflüssig war, konnte ein Thünensches Wohlwollen im Rahmen 
einer kleinstaatlich und häuslich sentimental gefärbten An 
schauungsweise ungeachtet einzelner richtiger Apereüs erst 
recht nichts Entscheidendes leisten. 
3. Glücklicherweise liegt jedoch der Schwerpunkt des 
Interesse, welches die Geschichte der Nationalökonomie an 
rhünen zu nehmen hat, in einer andern Richtung. Wie schon 
oben angedeutet, ist es erstens die Ausprägung einer eigen- 
thümlichen Gestalt des ökonomischen Denkens und zweitens 
eine bestimmtere Vorstellungsart über die nationalökonomische 
Uraache der geographischen Gruppirung der ländlichen Bewirth- 
schaftungss} Sterne, was den auszeichnenden Werth für sich hat. 
Diese zweiseitige, zugleich formale und materielle Leistung 
haftet an einer und derselben Idee, und wir müssen daher im 
Anschluss an Thünens eignen Gedankengang mit der Erklä 
rung der Bedeutung seines isolirten Staats beginnen. 
SSV
        <pb n="337" />
        321 
Der Ausdruck isolirter Staat ist ihm die Bezeichnung für 
eine ökonomische Verkehrsgruppe, die ausser allem Zusammen 
hang mit der Wirklichkeit gleich einer mathematischen Figur 
nach einer vom Denker festgesetzten einfachen Regel construirt 
wird. Sie soll aus nichts als aus einer grossen Stadt bestehen, 
um welche sich eine gleichmässig fruchtbare Ebene ins Unbe 
stimmte ausdehnt. Die Verkehrsstrassen sollen nach allen 
Richtungen ebenfalls als gleich vorausgesetzt werden. Alle 
Austauschbeziehungen beschränken sich auf den Verkehr mit 
der Stadt. Dies sind die fingirten Bestandtheile des Arrange 
ments, gegen welche sich nichts einwenden lässt, weil zunächst 
gar nicht behauptet wird, dass sie der Wirklichkeit entsprechen. 
Was an erster Stelle in Frage kommt, sind die Folgerungen, 
die sich an diese Voraussetzungen knüpfen lassen sollen, und 
in diesen Schlüssen aus der zu Grunde gelegten Combination 
besteht die Thünensche Idee. 
Der allgemeine Inhalt der letzteren, der aber ihre Eigen- 
thümlichkeit noch keineswegs enthält und durchaus nicht als 
Thünensche Errungenschaft in Anspruch genommen werden 
kann, ist das jetzt allbekannte und der Amerikanischen Oeko- 
nomie am frühesten geläufig gewordene Gesetz der Transport 
kosten. Die Production für den entfernten Markt, also in dem 
Thünenschen Gebilde für die einzige Stadt, beruht auf der 
Deckung zweier Kostenbestandtheile, nämlich der Erzeugung 
am heimischen Herstellungsort und der Führung zur Absatz 
stelle. Wie nun auch die Verhältnisse beschaffen sein mögen, 
so muss es eine Entfernung geben, bei welcher die Transport 
kosten massiger Stoffe den Preis vollständig absorbiren wür 
den. Von einem solchen Punkte ist daher unter allen Umstän 
den kein Bezug mehr möglich, und es ergiebt sich demzufolge 
im Thünenschen Schema eine Kreislinie, bei welcher die länd 
liche Cultur für den städtischen Absatz aufhört. Da aber 
ausser den Transportkosten auch noch die Productionskosten 
in Frage kommen und nicht gleich Null vorausgesetzt werden 
können, so beginnt die Wildniss schon bei einem enger gezo 
genen Kreise. Dieser Rand für die ländliche Culturwüste ist 
in der Construction das anschauliche Merkzeichen des Gedan 
kens, dass die vom entfernten Absatz abhängige Landwirth- 
schaft irgendwo gänzlich aufhören müsse. Der isolirte Staat 
oder, besser gesagt, das Schema dieser selbstgenugsamen, aus 
Uühring, Geschichte der Nationalökonomie. 2. Auflage. 21
        <pb n="338" />
        822 
nur zwei Elementen bestehenden wirthschaftlichen Combination 
begrenzt sich hienach quantitativ von selbst, sobald ein Preis, 
die ursprünglichen Productionskosten, alsdann irgend ein Hatz 
für die Transportkosten und endlich der Anspruch auf einen 
Rest von Reingewinn, ohne welchen die Production kein Inte- 
lesse haben würde, thatsüchlich gegeben sind oder in willkür 
lich angenommenen Grössen vorausgesetzt werden. Die Hinoin- 
ziehung erfahrungsmässiger Data ist für den allgemeinen Inhalt 
der Schlussfolgerungen ganz überflüssig, und Thünen hätte sich 
füi diesen Zweck seine Tellowschen Ansätze ersparen können. 
Wie auch die betreffenden Grössenelcmento beschaffen sein 
mögen, so ergiebt sich eine Schranke stets von selbst, und die 
Allgemeinheit sowie Schnelligkeit und Tragweite des Denkens 
wird durch empirische Einmischungen nur behindert und ein 
geschränkt. Die logische Eleganz bringt es hier sogar mit 
sich, dafür zu sorgen, dass jegliches Beispiel nur als Erläute 
rungsmittel und Nachhülfe des unentwickelten Denkens, nicht 
aber selbst als Beweisstück erscheine. Der Urheber des Schema 
ist in dieser Beziehung noch nicht consequent genug verfahren, 
und ihm, der sich ein wenig auf Kantische Reminiscenzen 
stützte, darf es nicht unbemerkt hingehen, dass er unerhebliche 
Thatsachen und speciellere Data schon da als wesentlich ein 
schaltete und häufte, wo er ohne Weiteres und ohne secundäre 
Berufungen seinen Schluss ziehen konnte. Es zeigte sich in 
der Vernachlässigung dieser schärferen Abstraction und dieses 
weitertragenden Denkens derselbe Zug, welcher je länger je 
^mehr die mathematischen Beengtheiten veranlasst hat. Die 
Entschuldigung, dass ohne die speciellen erfahrungsmässigen 
Thatsachen, die nach Tellowschen Ansätzen und Mecklenbur 
gischen Zuständen in den isolirten Staat hinübergenommen 
worden, die Brücke vom Schema zur Wirklichkeit nicht zu 
finden sei, ist nicht stichhaltig. Im Gegentheil hat Thünen 
den sonst guten Zug seiner Methode dadurch beeinträchtigt, 
dass er die positiven Thatsachen und absoluten Grössonbestim- 
mungen von vornherein in sein künstliches Gebilde aufnahm 
und auf diese Weise das Hypothetische oder streng Schema 
tische mit einem Material mischte, welches erst bei der An 
wendung auf die Schlüsse der Wirklichkeit hätte in Frage 
kommen sollen. 
4. Nach dem Vorangehenden erklärt sich die natürliche
        <pb n="339" />
        — 323 
Isolirung des vorausgcse tzten Wirthscliaftsgcbildes und wir 
kennen bereits die Art derselben. Jene Wildniss, die den iso- 
lirton Staat umgiebt, ist Nichts als das Auf hören der au sschliess* 
lieh von dem städtischen Mittelpunkt her bedingten Cultur. 
Der landwirthschaftliche Reingewinn ist hiebei als die ent 
scheidende Ursache dos Bodenanbau s gedacht. Er ist das be 
wegende Interesse, mit dessen Wegfall auch die Bewirthscliaf- 
tung verschwindet. Man sieht hienach, dass die Bodencultur 
gleichsam am Faden der Rente hängt und ihren Schwerpunkt 
nicht etwa in der Arbeit hat, die sich an Ort und Stelle ver 
sorgt, und vermöge deren eine örtlich beschränkte Existenz 
auch ohne eine durch den centralen Markt der grossen Stadt 
erzeugte Rente denkbar ist. Zu einer solchen Voraussetzung 
berechtigt allerdings jedes sociale Regime, in welchem die 
Production vorherrschend durch das Interesse der Rente be 
stimmt wird. Man darf aber nicht übersehen, dass diese Thü- 
nensche Annahme die ganze Einseitigkeit einer Productions- 
weise bloslegt, die nicht im Interesse des Arbeiters, sondern 
in demjenigen des Erzielers von Rente ihr Daseinsprincip 
suchen muss. 
PI In Wirklichkeit ist das Vorhandensein landwirthschaftlicher 
Production ursprünglich sowenig an das Dasein eines centralen 
städtischen Marktes gebunden, dass sich vielmehr umgekehrt 
die Mittelpunkte der Industrie erst wie eine zweite Schöpfung 
auf der Grundlage des zerstreuteren Ackerbaus ausbilden. Wer 
also die Entwicklung der gegenseitigen Beziehungen zwischen 
Stadt und Land feststellen will, muss vor allen Dingen die 
Bildung • der kleinen und grossen Knotenpunkte des Verkehrs 
und der Industrie erklären. Da jedoch die Wirkungsart in der 
ontgogongesotzton Richtung, nämlich die peripherische Beherr 
schung und Gestaltung der ländlichen Cultur von einem städti 
schen oder sonst industriellen Mittelpunkt aus, ebenfalls eine 
Wahrheit und in der spätem Entwicklung der Verhältnisse 
sogar die am meisten in die Augen springende Thatsache ist, 
so muss es erlaubt sein, diese eine Richtung der Einwirkung 
selbständig zu coustruiren, und hierin liegt die Berechtigung 
zu dem Thünenscheu Schema. Ja das letztere ist noch dadurch 
besonders zutreffend, dass es gleichsam die Zugkraft veran 
schaulicht, mit welcher die Ausdehnung und Gestaltung des 
Bodenanbaus von einem stark consumirenden Centrum bewerk- 
21*
        <pb n="340" />
        324: 
stelligt und auf diese Weise dem platten Lande ein wirth- 
schaftlich schöpferischer Antrieb ertheilt wird. 
Vor der weiteren Darlegung der Thüneuschen Hauptidee 
sei noch bemerkt, dass seine Vorstellung von der Grundrente 
nicht mit dem eigenthümlichen und unhaltbaren Ricardoschon 
Gebilde zusammenfällt. Das letztere war der von uns früher 
gekennzeichnete, auf Fruchtbarkeitsdifferonzen zurückgeführte 
Rentenbcstandtheil. Obwohl nun Thünen selbst glaubte, sich 
mit Ricardo in Uebereinstimmung zu beñnden, so hat er doch 
einen völlig abweichenden Begriff im Auge gehabt. Er zer 
legte nämlich die volle Rente im gewöhnlichen geschäftlichen 
Sinne dieses Worts zwar auch in zwei Bcstandtheile, aber der 
gestalt, dass seine Vorstellung, abgesehen von einigen gleich 
gültigen Nebengedanken, noch ganz praktisch ausfiel. Er son 
derte die Zinsen des in den Gebäuden und in andern vom 
Boden selbst unterscheidbaren Anlagen steckenden Capitals 
von dem ganzen Betrage des Reingewinns und sah nur den 
Rest als eigentliche Bodenrente an. Eine derartige Trennung 
kann nun unter Umständen ein ziemlich rationelles Ergebniss 
liefern und ist z, B. auch bei der Gestaltung der allgemeinen 
Preussischen Grundsteuer in der ersten Hälfte der sechziger 
Jahre maassgebend gewesen. Ueberhaupt kann man Thünens 
eigenste Gedanken nirgend als Bestätigungen der Ricardoschen 
Ideen ausgeben, sobald man beide Schriftsteller genau auffasst 
und zwischen ihren wahren Eigenthümlichkeiten unterscheidet. 
Der Deutsche legt den Ton auf die Entfernungsunterschiede, 
während der Englische Autor fast ausschliesslich die Erucht- 
barkeitsdifferenzen im Auge hatte. Die letzteren sind im iso- 
lirten Staat gar nicht vorhanden, und wer da glaubt, dass die 
Vortheile der Lage bei Ricardo eine dessen Specialidee unter 
stützende Rolle spielen, hat von der Theorie des Engländers 
eine fehlgreifende Vorstellung. Das Eigenthümliche dieser 
Theorie ist mit den Consequenzen der Lage der Grundstücke 
zum Absatzort sowenig verträglich, dass es z. B. nach einer 
der frühesten Ausführungen Careys grade durch diese Folge 
rungen unhaltbar wird. Doch wir müssen aut die Verfolgung 
dieser subtileren Züge verzichten, um uns von den rein kriti 
schen und negativen Gesichtspunkten wiederum dem positiven 
Ideengange unseres landwirthschaftlichen Nationalökonomen zu 
zuwenden.
        <pb n="341" />
        — 325 — 
5. ünmittclbar vor der Wildniss, durch welche der Thü- 
nensche Wirthschaftsstaat wie eine Ciilturoase isolirt ist, liegt 
als Conscqiienz der Transportrücksichten die Zone der Vieh 
zucht. Am andern Extrem, d. h. als ein die Stadt unmittelbar 
umgebender Ring hat sich der Kreis der sogenannten freien 
Wirthschaft gebildet, in welcher die intensivste Cultur mit der 
unbeschränktesten Wahl in der Abfolge der Bodenbenutzung 
verbunden ist. Der Kranz der feineren, den Gartenbau in er 
heblichem Umfange einschliessenden Cultur und Wirthschaft, 
welcher sich um die grossen Städte bildet, ist eine seit Jahr 
hunderten und z. B. auch von Boisguillebert beobachtete That- 
sache. Zwischen den erwähnten beiden Extremen schieben sich 
nun noch vier andere Kreise ein, die in der Richtung vom 
Mittelpunkt zum Umfang aufgezählt, der Forstwirthschaft, dem 
Fruchtwechsel, der Koppelwirthschaft und dem Dreifeldersystem 
entsprechen. Uns interessirt in dieser Anordnung, welche einzig 
und allein eine Folge der Transportkosten sein soll, nicht die 
besondere Gestaltung und deren Kritik, sondern der allgemeine 
in derselben ausgeprägte Gedanke, dass die Bewirthschaftungs- 
systeme in ihrer geographischen Gruppirung und mithin auch 
in ihrer zeitlichen Aufeinanderfolge relativ nothwendige Gebilde 
seien. Dieser Relativismus steht denjenigen Vorstellungen 
gegenüber, welche ein einziges, als vollkommen hingestelltes 
System für die verschiedensten Verhältnisse zur Richtschnur 
nehmen. Auch ist er insoweit berechtigt, als wirklich die Rente 
und die Abhängigkeit vom entfernten Markt die entscheidenden 
Ursachen der Wirthschaftsgestaltung zu bilden fortfahren. Unter 
andern Voraussetzungen lässt sich aber diese Betonung der blos 
relativen Vorzüglichkeit ernstlich anfechten, und sie muss sogar 
im Hinblick auf die Kreuzungen anderer Umstände auch schon 
Angesichts der bisherigen Geschichte und gegenwärtigen Geo 
graphie der Wirthschaftssysteme ernstlich eingeschränkt werden. 
Dennoch birgt diese Vorstellungsart einen Kern, der mit Hülfe 
der kritischen Oekonomie weit rationeller entwickelt werden 
kann, als es durch Thünen geschehen ist. Der Urheber der 
Idee hat nämlich die natürlichen Rückwirkungen einer hoch 
entwickelten Industrie auf den Zustand der Landwirthschaft 
vernachlässigt, um nicht zu sagen ausser Betracht gelassen. 
Sein Heimathsstaat war für nachhaltigere Wahrnehmungen 
dieser Art kein glücklich gelegener Standpunkt gewesen, und so
        <pb n="342" />
        — 826 
erklärt es sich, dass der in der feudalen Atmosphäre athmcndo 
Denker die Bahnen seines grossen Zeitgenossen nirgend be 
treten und von dem, was Friedrich List für die Gestaltung 
des Ackerbaus zur Hauptsache machte, auch nicht einmal eine 
entfernte Yorstellung gefasst hat. 
In späteren Ueberlegungen hat Thünen seine eignen sche 
matischen Annahmen verschiedentlich zu wenden gesucht. Er 
hat sich nicht nur mit derjenigen Gestaltung beschäftigt, welche 
sich ergieht, wenn man an Stelle der einen grossen Stadt eine 
Gruppe von gleichmässig vertheilten Städten setzt, sondern hat 
auch die Frage ins Auge gefasst, wie der Fall der Wirklich 
keit, nämlich die Abstufung der städtischen oder industriellen 
Mittelpunkte zu erklären oder vielmehr an einem einfachen 
Schema zu construiren sei. Hiemit ist er aber auch an die 
Grenze gelangt, hei welcher seine Vorstellungsart auf unüber 
windliche Schwierigkeiten stossen musste. Mit der älteren 
Nationalökonomie Hess sich hier überhaupt nicht weiterkommen, 
weil dieselbe mit ihrem falschen Capitalbegriff das natürliche 
Denken unmöglich machte. Trotzdem haben die Thünenschen 
Versuche, sich innerhalb der Schranken, welche ihm die Be 
griffe der ihm imponirenden Autoritäten auferlegten, in den 
selbstgestellten und immer mit einer gewissen Tiefe formulirten 
Problemen zurechtzufinden, einen erheblichen Werth für die 
Anregung zu bessern Untersuchungen. Sie bilden im Vergleich 
mit der traditionellen Grundlage, auf welcher sie sich bewegen, 
das Gründlichste, was innerhalb des Rahmens der Schottisch 
oder Englisch beeinflussten Oekonomie unternommen worden 
ist. Da sie überdies unmittelbar an den Ackerbau mit beson 
derer Sachkenntniss anknüpften, so stellten sie zugleich eine 
Brücke vor, auf welcher auch der Laudwirthschaftstheorio die 
sonst meist schlecht gekannte Region ernstlich nationalökono 
mischer Vorstellungen zugänglicher wurde. 
Die abstracten Verzeichnungen des isolirten Staats sollen 
nur eine methodische Vorbereitung sein, um die gesammto 
Wirklichkeit zu begreifen. Der zweite Hauptabschnitt der be 
treffenden Bemühungen besteht hienach in dem Versuch, die 
Verhältnisse einer wirklichen Volkswirthschaft, ja schliesslich 
der über die Staaten hinausgreifenden Weltwirthschaft durch 
die Ergebnisse des construirten Schema zu begreifen. Die 
grosse Stadt kann hier z. B. durch ein vorherrschend industrielles
        <pb n="343" />
        — 327 — 
Land ersetzt werden, welches für den Bereich des eltmaiktes 
ähnliche Einwirkungen übt, wie jener Mittelpunkt des isolirten 
Staats. Ganz im Allgemeinen sind solche Anwendungen richtig. 
Natürlich hat man hiebei nicht allein mit geographischen Ent 
fernungen zu rechnen, sondern die Grössen und Richtungen 
der Transport- und Verkehrshindernisse zu veranschlagen. 
Von eigentlichen Kreisen, ja selbst von Zonen, die sich einigei- 
maassen regelmässig gestalteten, kann zwar hier nicht die Rede 
sein. An die Stelle dieser schematischen Verzeichnungen treten 
die Regionen und zerstreuten Punkte von gleicher Erreichbar- 
keit, so dass von einem Bezugsrayon des herrschenden Cen- 
trums meist nur bildlich gesprochen werden darf. Diese Um- 
stände sind jedoch ganz gleichgültig, sobald nur sonst die wesent- 
lichen Verhältnisse des isolirten Staats in der Wirklichkeit 
überall angetroffen werden. In einem gewissen Maass verhält 
sich England auf dem Weltmärkte zu den vollständig oder 
noch überwiegend ackerbauenden Staaten und Gruppen wie 
eine grosse Stadt zu dem sie umgebenden platten Lande. Eine 
solche Idee musste dem Mecklenburgischen Nationalökonomen 
ausserordentlich einleuchten, da für seine Provinz der Englische 
Absatz nicht leicht als unerheblich erscheinen konnte. Die Deut 
schen Seeprovinzen blickten auf den Englischen Markt wie auf 
einen Herrn ihrer Geschicke. Aus diesem Gesichtspunkt konnte 
sich Thünen die Gestaltung der Ackerbausysteme auch auf dem 
Weltmarkt durch die Action des Centrums beherrscht denken. 
Das tiefere Verständniss liegt jedoch da, wo der völlig entgegen 
gesetzte Ausgangspunkt, nämlich der Beginn mit en einem 
landwirthschaftlichen Einheiten, gehörig ins Auge gefasst wird. 
Dies ist durch Thünen principiell nirgend geschehen, da er 
stets in der Idee der einseitigen Abhängigkeit vom Centrum 
befangen blieb. -rr , ^ j 
K Die Wendung, durch welche sich die Uebertrapng der 
schematischen Schlüsse auf die Wirklichkeit vollzieht, i^, wenn 
sie klar formulirt und von nebensächlichen Fehlern des Thünen- 
schen Verhaltens gesondert wird, für die wissensch^tliche Me 
thodik von grosser Bedeutung. Insoweit sich die Züge eines 
Schema in der Wirklichkeit nachweisen lassen, gelten die Be- 
ziehungen des ersteren auch für die letztere. Sie mögen sich 
immerhin mit andern Verhältnissen und Nothwendigkeiten 
combiniron; sie sind darum um nichts weniger real, als etwa
        <pb n="344" />
        328 
die gradlinige Beharrung der Geschwindigkeit einer Masse für 
den thatsächlichen Mechanismus der Natur. Man darf also 
gegen derartige Schlüsse nicht etwa ein wenden, dass ihnen die 
unmittelbare Erfahrung widerspreche. Die Curve, die von 
einem Planeten oder einem Molecül beschrieben wird, ist keine 
Instanz gegen das Galileische Trägheitsgesetz. Um jedoch den 
wahren und haltbaren Sinn der Methode zu erkennen, welche 
den Grundtrieb des Thünenschen Denkens bildete, bedürfen 
wir einer andern Vergleichung. Die Eigenschaften der Ellipse 
stehen an sich selbst in Rücksicht auf das ideelle Schema fest, 
welches nach einer Regel oder Satzung des Verstandes ge- 
schaifen ist und mit der besondern Wirklichkeit zunächst gar 
keine wesentlichen Beziehungen hat. Um aber die Sätze von 
der Ellipse in der Natur an wenden zu können, muss man erst 
nachweisen, dass im besondern Fall ein solches Gebilde ver 
möge der Naturkräfte strenge Wirklichkeit habe, wobei die 
secundaren Abweichungen selbstverständlich gar nicht zu der 
ins Auge gefassten Hauptsache gehören. Soweit nun die Natur 
in der constitutiven Bethätigung ihrer Grundkräfte, also zu 
gleich wahrnehmbar und aus innern Ursachen, ein solches Ge 
bilde als Thatsache und Nothwencligkeit uns darbietet, — inso 
weit, aber nicht weiter und auch nicht ohne diese sehr erheb 
liche Vergewisserung, sind wir im Stande, die an unsern Ge 
dankengebilden erkannte Wahrheit als object!ven Sachverhalt 
der Natur auszusprechen. Ganz analog verhält es sich nun 
auch in der Nationalökonomie mit solchen Schematen, wie sie 
durch die Thünensche Untersuchungsart eingeführt worden 
sind. Unwillkürlich hat sich bis jetzt jeder gründliche ökono 
mische Denker mehr oder minder in Vorstellungsformen be 
wegt, die in einer klar bewussten Forrnulirung die Gestalt 
solcher Schemata annehmen müssen. Alle Schlüsse am isolirten 
wirthschaftenden Subject, welches man sich der Natur gegen 
über als einzelnen Menschen denkt, haben diesen Charakter. 
Auf solchen Schlüssen hat aber ein Theil der neusten Errungen 
schaften der kritischen Oekonomie beruht. Eine ordentliche 
Beweisführung kann diejenigen Abstractionen, welche sich in 
solchen Schematen veranschaulichen, gar nicht umgehen. Es 
ist zwar meist gar nicht nöthig, in den einfacheren Fällen die 
Schemata ausdrücklich zu construiren, da sie schon in der 
logischen Form der Gedanken enthalten sind. Indessen werden
        <pb n="345" />
        329 
die weniger einfachen Beziehungen in ihrer scharfen Sonde 
rung von dem Nebensächlichen und in der Verbindung ihrer 
Bestandtheile nie der Gegenstand solider Schlüsse werden 
können, wenn sich nicht in irgend einer Gestalt mehr oder 
minder bewusst eine Verzeichnung nach Art der Thünenschen 
Zurüstung untergeschoben hat. Es wird daher ein Fortschritt 
der Wissenschaft sein, wenn man von vornherein mit dem 
klarsten Bewusstsein die jedesmal nothwendigen Schemata 
entwirft, die Eigenschaften derselben entwickelt und dann die 
wirklichen Gestaltungen ins Auge fasst. Entscheidend wird 
bei dieser Methode die ursprüngliche Wahl der Bestandtheile 
des Schema sein, und hier wird sich die wissenschaftliche Kraft 
darin zu zeigen haben, dass sie nur solche Verhältnisse unter 
sucht, mit denen sich die Wirklichkeit zu decken vermag. Auf 
diese Deckung kommt Alles an; denn andernfalls würde man 
nur unnütze und willkürliche oder gar chimärische Gebilde 
bearbeiten und hinterher finden, dass die Natur der Wirthschaft 
und des Verkehrs keine erhebliche oder wohl auch gar keine 
Seite darbietet, die dem Schema entspricht. Es ist nun der 
Vorzug des Thünenschen Verhaltens gewesen, die Hauptbe- 
standtheile der eben gekennzeichneten Methode zur Anschauung 
gebracht zu haben. Die Anwendung der Eigenschaften des 
isolirten Staats auf die Verhältnisse der Wirklichkeit bildet 
bei unserm Denker eine auch äusserlich in der Darstellung 
gesonderte zweite Hälfte des Verfahrens. Hiedurch hat er ein 
Beispiel wissenschaftlicher Untersuehungsform aufgestellt, wel 
ches auch da nützlich und verdienstlich ist, wo es in dei mate 
riellen Auffassung fehlgreift oder in seiner Form noch nicht 
als vollendet und allseitig befriedigend erscheint. In materieller 
Beziehung hat es freilich noch nicht einmal dazu geführt, dass 
man im Sinne Thünens den Satz aussprechen dürfte, die In 
tensität, d. h. die Grösse der im Verhältniss zur Fläche auf- 
go wendeten Wirthschaftsmittel, nehme für die Land wirthschaft, 
insoweit dieselbe vom Centralmarkt abhängig ist, in dem Maasse 
ab, in welchem die ökonomische Entfernung, d. h. die Tians- 
porthindernisse grösser werden. Ein solcher Satz würde für die 
Thünensche Constructionsart zu allgemein sein und z. B. die 
Stellung der Forstwirthschaft im zweiten Kreise nicht decken. 
Dennoch ist jener Satz bisher das Einzige, was sich mit Sichei-
        <pb n="346" />
        — 330 — 
heit als Consequenz der Abhängigkeit vom entfernten Markte 
behaupten lässt. Aber auch dieser Satz gilt nur insoweit, als 
ausschliesslich diejenigen Erscheinungen in Anschlag gebracht 
werden, wblche ihre Ursache wirklich in der Action des Cen 
trums haben. Hienach ist also noch keine Veranlassung vor 
handen, in der Geschichte der Nationalökonomie von einem 
Thünenschen Gesetz im strengen Sinne einer solchen Bezeich 
nung zu reden. Es genügt vielmehr vollkommen, von einer 
Thünenschen Idee, Vorstellungsart und Methode als von einer 
worth vollen wissenschaftlichen Thatsaclio zu handeln. Die be 
sondere Gestaltung der Bewirthschaftungssystemo aus Innern 
Ursachen und in der Wirklichkeit ist noch eine offene Frage, 
für deren Beantwortung Thünen ein sehr schätzbares Material, 
aber keineswegs eine der ungetheilten Anerkennung fähige 
Verzeichnung geliefert hat. Grade weil die Transportkosten 
eine so gewaltige Holle spielen und eine von der älteren Ooko- 
nomie unterschätzte Ursache der wirthschaftlichen Zustände 
bilden, müssen sie noch aus einem völlig von der Thünenschen 
Vorstellungsrichtung abweichenden Gesichtspunkt betrachtet 
werden. Doch das Nähere hierüber gehört in die Darstellung 
der weiter fortgeschrittenen Systeme. 
7. Abgesehen von Thünen und von dem, was der eigent 
liche Repräsentant einer selbständigen Deutschen National 
ökonomie, den wir nachher ausführlich zu behandeln haben 
werden, selbst geleistet oder angeregt hat, konnte bis in die 
jüngste Zeit im höheren Sinne des Worts von einer eigenthüm- 
lichen Volkswirthschaftslehro auf Deutschem Boden nirgend 
die Rede sein. Das Mercantilsystem und die Physiokratie 
hatten in älterer Zeit ihre Einflüsse geübt. Hierauf waren die 
Smithschen Einwirkungen gefolgt. Alles dies hatte sich jedes 
mal mit der Cameralistik, d. h. mit den Kenntnissen ver 
schmolzen, welche in Rücksicht auf eine stark domaniale Finanz 
verwaltung für den Hausbedarf der Regierungen erforderlich 
waren. Auf diese Weise waren auch die Lehrbücher und ge 
legentlichen Abhandlungen entstanden, die aber für die neuste 
Zeit nur als Symptome der äusserst gemischten Zustände und 
des unsäglich eklektischen Charakters des Unterrichts ganz 
nebensächlich in Frage kommen. Die universitätsmässige 
Literaturproduction muss sogar ausser Betrachtung gelassen
        <pb n="347" />
        831 
werden, da sie den Gegenstand unserer Gescliiclite auch in 
Deutschland nicht erheblich angeht. Sie ist dort um so weniger 
herbeizuziehen, als es sich um ein Land handelt, in welchem 
die theoretische Selbstilndigkeit der Volkswirthschaitslehie in 
ihren besten Theilen noch erst zur Anerkennung gebracht 
werden muss und sich von Seiten der Lehranstalten, wie wir 
im nächsten Capitel sehen werden, nur des bekannten Tiäg- 
heitswiderstandes zu erfreuen gehabt hat. Damit jedoch durch 
blosses Stillschweigen kein Missverständniss oder etwa gar die 
Vermuthung einer unüberlegten Weglassung Platz greife, und 
damit zugleich Einiges zur Orientirung in den bisher herrschen 
den Befangenheiten geschehe, mögen ein paar Erinnerungen 
nicht überflüssig sein. Allerdings sind dieselben ein Zuge- 
ständniss an das der Zeit und dem Ort nach Naheliegende und 
an die beschränkteren Interessen, — ein Zugeständniss, we c es 
die sonst hier vorgeführten Erscheinungen mit allzu ungleic - 
artigen Elementen versetzt. Dem Leser, der von vornherein 
unserer Auffassungsart gefolgt ist, und dieselbe ohne Abzug zu 
theilen vermag, können die folgenden Bemerkungen als gleich 
gültige Notizen gelten, die im Hinblick auf einen weiteren ge 
schichtlichen und geographischen Horizont hätten wegbleiben 
können. , 
Leidliche Monographien, die für einen Specialgegenstand 
das zur Zeit Bekannte ohne wesentlich neue Gesichtspunkte, 
aber in einigermaassen zuverlässiger Bearbeitung zur ® ^ 
bringen, sind in Ermangelung einer durchgreifen eren i e 
theoretischen Thätigkeit stets von ein wenig utzen. le 
gehört nun für Deutschland eine Schrift des Badischen Kegie- 
Buch war zu seiner Zeit ein nützliches Erzeugniss Gegen- 
wärtig kann man sich durch eine Ansicht desselben überzeugen, 
dass sein Verfasser, abgesehen von einigen praktischen und 
patriotischen Einschränkungen, die ihm auch in anderer Bie 
tung, namentlich in seiner Thätigkeit für le ee es o 
verzins zur Ehre gereichten, im Wesentlichen der fremden 
theoretischen Tradition gefolgt ist und nichts aufzuweisen ha , 
was in nationalökonomischer Hinsicht eine besondere Er- 
wähnungerforderlichmachte. ImGegentheilkannseineArbeit 
höchstens als ein gutes Beispiel gelten, an welchem man, ohne
        <pb n="348" />
        333 
seine Zeit zu verschwenden oder sich die Pein der Unter 
suchung ganz geschmackloser Erzeugnisse des vollendetsten 
bchulpedantismus aufzuerlegen, das damalige Schtilerthum der 
Deutschen stndiren mag. Da die fragliche Schrift durch ihren 
Specialgegenstand genöthigt wurde, sich auch über die wichti 
geren allgemeinen Begriffe der Nationalökonomie, die ausser 
halb des Credits liegen, einigermaassen zu verbreiten, so hisst 
sie in die ökonomische Gedankenverfassung einen hinreichen 
den Blick thun. Der Autor, der selbst nicht so urthcilslos 
war, um über das Verdienst hinaus, eine solide Monographie 
geliefert zu haben, noch andere Ansprüche zu machen, hat 
es also nicht verschuldet, wenn wir bemerken müssen, dass 
die Bezeichnung seines Buchs als das sis ch, wie sie von 
Lehrbuchverfassern adoptirt worden ist, nichts weiter als ein 
Zeugniss für die in der That classische Befangenheit der 
Urheber solcher Epitheta bildet. Der künftige Historiker, 
der sich eingehender aber wohlgemerkt kritisch mit der 
betreffenden Zeit und ihrer nationalökonomischen Bildung zu 
beschäftigen haben wird, dürfte daher in den fraglichen An 
sichten über das Nebeniussche Buch und in ähnlichen Ideen 
die Beengtheit der Deutschen Auffassung zu constatiren haben. 
Wii müssen jedoch noch eine Stufe tiefer hinabsteigen 
und neben der Arbeit des praktischen Regierungsbeamten auch 
an Früchte universitätsmässiger Speculation, sowie endlich 
sogar an ein Compilationslelirbuch erinnern. Die „Staats- 
wirthschaftlichen Untersuchungen” des als Münchener Pro 
fessor 1868 verstorbenen F. B. W. Hermann (zuerst 1832, 
und in zweiter aber nicht mehr vollständig bearbeiteter Auf 
lage 1870) sind Versuche, die Engländer in der rationellen 
Verbindung ökonomischer Gedanken nachzuahmen und sich, 
so gut es gehen wollte, ein wenig auf den Fuss Ricardos zu 
stellen. Doch verstehe man unsere Aeusserung nicht falsch. 
Wir meinen mit derselben nicht im Mindesten, dass, abgesehen 
von dem Aneignungsversuch der materiellen Lehren, irgend 
eine ernste Aehnlichkeit der Methode oder auch nur eine 
entfernte Annäherung an die verhältnissmässige Schärfe, ich 
will gar nicht sagen eines Ricardo selbst, sondern nur 
eines besseren Vertreters der Brittischen Epigonenökonomie 
vorhanden sei. Gedankeninhalt und Ausdrucksform sind un 
verdaulich, unklar und scholastisch. Von einem besondern
        <pb n="349" />
        Denkertlium kann der blossen Trockenheit wegen sicherlich 
nicht die Rede sein. Doch mag immerhin diejenige An 
sicht Einiges für sich haben, welche, im Hinblick auf spätere 
fast ganz zusammenhanglose, sich aber als historisch ausgehende 
Zlusammentragungen eines bunten Stoffs, die Hermannsche 
Art und Weise als eine contrast!rende Kundgebung von Be 
mühungen um ein rationelles erhalten auffasst. Im T^ergleich 
mit pseudohistorischen Compilations werken, wie sie z. B. später 
in dem Lehrbuch des Herrn W. Roscher zu Tage traten, 
ist allerdings die Hermannsche Schrift fast als die Bekundung 
eines gewissen Sinnes für verstandesmässigen Zusammenhang 
anzusehen. Allein ohne die Voraussetzung einer solchen Folie 
Würde die betreffende Physionomie mit ihren Zügen von einer 
Rationalität, die sich sehr trübe ausnimmt, kaum bemerklich 
sein. Das Hermannsche Buch ist in der 2. Auflage zum Laden 
hüter geworden, den man 1874 um kaum ein Drittel des Preises 
als „akademische Ausgabe” wieder in den Buchhandel gebracht 
und so den Studirenden preiswürdig zu machen unternommen 
hat. Dieser Zug ist charakteristisch; denn wäre der Staats 
rath und Professor Hermann noch am Leben, so würde er 
durch den künstlichen Einfluss seiner Aemter solche Manipula 
tionen ersetzen können, ganz wie dies bei dem jetzt in der 
Coucurrenz glücklicheren, aber nichts weniger als besseren 
professoralen Machwerken statthat, deren Urheber, wie Herr 
Roscher, durch Examinatur, durch Patronage der Streber nach 
Profossorsinecuren und überhaupt durch privilegirtes Scho- 
larchcnthum das mangelnde Verdienst ihrer an sich mehr als 
werthlosen, nämlich positiv verdummenden und schädlichen 
Bücher ersetzen. Diese Pfützen, an welche die unerfahrene 
studirondo Jugend ahnungslos gewiesen wird, gelten in der 
universitären Geographie eine Zeit lang für krystallklare 
Quollen, nämlich grade solange, als die fable convenue dem 
Geschäftsinteresse eines lebenden und Andere leben lassenden 
Inhabers des Pfützenthrones zu dienen hat. 
W^onn ein gewisses ehrsames und keineswegs hinteihaltiges, 
sondern simpel zuverlässiges Streben nach paragraphirten Ge- 
dankenexcerpten, die, wo sie überhaupt eine eigentlich national 
ökonomische und nicht blos cameralistische Grundlage haben, 
im Sinne Adam Smiths ausfallen sollten, — wenn eine derartige 
Bemühung um ein Fachwerk von Formulirungen und gewissen-
        <pb n="350" />
        334 
haften Anmerkungsnotizen in der Geschichte unserer Wissen 
schaft etwas bedeuten könnte, dann würde das Rausche Lehr 
buch, welches zuerst 182G—37 erschien, allerdings eine Berück 
sichtigung erheischen. So aber hat es nur zur Kennzeichnung 
des im ökonomischen Universitätsunterricht wirklich möglich 
Gewesenen einigen Werth. Da es aber einmal erwähnt ist, 
so soll auch nicht verschwiegen werden, dass es wenigstens 
den Vorzug hat, nicht gleich seinem späteren weniger verläss 
lichen Nachfolger ein Bruchstück geblieben zu sein. Der 1870 
verstorbene Rau hatte den Umfang seiner Aufgabe wenigstens 
vollständig durchmessen; er hatte die Volks wir thsc haftslehro, 
sowie in äusserlicher Trennung von derselben die Volkswirth- 
schaftspolitik und zum Schluss als dritte Ilauptabtheilung noch 
eine specielle Finanzwissenschaft redigirt, während das spätere 
Roschersche Handbuch grade die wichtigsten Partien, nämlich 
die mit den Manufacturen und dem Handel in engerer Bezie 
hung stehenden Lehrstoffe bis jetzt, wahrscheinlich als zu mo 
derne und nicht classisch behandelbare Themata, auf sich be 
ruhen Hess. Von dem Veralten solcher Erscheinungen soll 
hier nicht die Rede sein, da derartige Handbücher, zumal im 
Gebiet der noch schlecht constituirten Wissenszweige, in der 
Regel schon veraltet zur Welt kommen, indem sie in den 
entscheidenden Hauptpunkten meist ein Menschenalter hinter 
demjenigen Stande der Wissensentwicklung zurückzustehen 
pflegen, welcher, ich will gar nicht sagen Von den bahnbrechen 
den Geistern, sondern nur von den hervorragenden Capacitäten 
zweiter Ordnung bereits erreicht ist. Auch können selbst 
verständlich spätere Auflagen da nicht durch blosse Notiz- 
nahme von unverstandenen Vorgängen nachhelfen, wo schon 
die erste Geburt den Grundfehler an sich getragen hatte. Das 
Rausche Lehrbuch war von vornherein noch nicht in Ricardo 
scher W^eise gefärbt. Diese letztere W^endung erfolgte erst, 
so gut es sich machen wollte, in dem analogen Handbuch der 
zweiten Generation, von dem wir seiner historischen An 
maassungen wegen nach der Behandlung Lists noch Einiges 
bemerken werden. An dieser Stelle haben wir für den ein 
sichtigen Leser wohl genug gesagt, um anzudeuten, dass mehr 
zu sagen überflüssig sein würde. Glücklicherweise gelangen 
wir jetzt zu einem Gegenstände, der uns dafür entschädigen 
wird, dass wir in unserer letzten Nummer uns mit einem
        <pb n="351" />
        385 — 
Grenzgebiet beschäftigen mussten, welches nicht mehr in das 
Reich unserer Gedankengeschichte gehörte und dem gegen 
über es sich nur um eine Regulirung und unverkennbare Fest 
stellung der kritischen Demarcationslinie handelte. 
Zweites Capitel. 
Friedrich List. 
Die grösste Leistung, welche im Bereich Deutscher Cultiir 
für die Nationalökonomie aufzuweisen ist, hat einen zugleich 
theoretischen und praktischen Charakter gehabt. Sie ist dem 
Genie eines Mannes zu verdanken, der mit seiner glänzenden 
theoretischen Ausstattung eine Gluth des Patriotismus verband, 
welche an die Gefühle eines Macchiavelli für sein zerrissenes 
und niedergetretenes Vaterland erinnerte. Das edlere Gepräge, 
welehes den volkswirthschaftlichen Ideen auf diese Weise zu 
Theil wurde, sowie die unmittelbar praktischen Beziehungen, 
die von einer nicht ausschliesslich theoretischen Natur ins 
Auge gefasst wurden, dürfen uns nicht verleiten, dieser äusserst 
seltenen Verbindung des kühnen und sichern, für die allge 
meine Theorie bahnbrechenden Denkens mit dem patriotischen 
Handeln und mit einer grossen Energie für die nationalen An 
gelegenheiten einen falschen Sinn unterzulegen. Die Verklei 
nerungssucht hat sich allerdings bemüht, den Deutschen National 
ökonomen für einen vorherrschend agitatorischen Geist auszu 
geben, um auf diese Weise ihren Mangel an Verständniss der 
für sie zu hoch liegenden Theorien zu beschönigen und sich 
für die unwillkürliche Empfindung einer missliebigen Ueber- 
legenhoit der ihrem Niveau nicht entsprechenden Persönlich 
keit zu entschädigen. Wir haben nun im Gegentheil hier fast 
ausschliesslich die theoretisch entscheidenden Leistungen ins 
Auge zu fassen und müssen sogar behaupten, dass dieselben 
noch von ungleich grösserer Tragweite sind, als die sonstigen 
nationalen Bestrebungen, deren unmittelbare Wirksamkeit durch 
die elende und schmachvolle Beschaffenheit der politischen Zu 
stände Deutschlands verkümmert wurde. Auch ist es ein wich 
tiger Grundzug des Listschen Systems, dass es die ökonomischen 
Anschauungen, die ihm zu Grunde liegen, nicht blos im Hin 
blick auf die Entfesselung der einheimischen Zustände ausge-
        <pb n="352" />
        336 
bildet bat, sondern dass sein Schöpfer auch wider seinen Willen 
genöthigt worden ist, eine längere Reihe von Jahren hindurch 
die Yerhältnisse der Amerikanischen Union zum Schauplatz 
seiner Beobachtungen zu machen. Auf diese Weise ist er der 
erste grosse Theoretiker des Deutsch-Amerikanischen Systems 
der Yolkswirthschaftslehre geworden, und die in seinem Haupt 
werk, dem „Nationalen System der politischen Ockonomio ’, 
niedergelegten Erkenntnisse und Anschauungen werden von 
späteren Geschichtsschreibern, denen eine weitere Entwicklung 
der Volkswirthschaftlichen Wissenschaft vorliegt, als der Aus 
gangspunkt und die erste grosse Conception einer bewussten 
Yereinigung der Oekonomie zweier Culturwclten zu kenn 
zeichnen sein. Eist und Carey bilden in dieser Beziehung ein 
untrennbares Paar, von welchem das Bedeutendste herstammt, 
dessen die theoretische Kraft des 19. Jahrhunderts fähig ge 
wesen ist. Seit dem Smithschen Werk ist nichts hervorge 
bracht worden, was an eignem Gehalt und an zukünftiger 
Tragweite dem Eist-Careysehen System oder, mit andern Wor 
ten, den Deutsch-Amerikanischen Errungenschaften entspräche. 
Yon diesen grossen Eeistungen datirt eine sehr erheblich ver 
änderte Gestalt der Wissenschaft, und es wird von nun an 
nicht mehr möglich sein, den Schwerpunkt der ökonomischen 
Einsichten auf der Englischen Insel zu suchen. Zwei Yölker, 
von denen das eine den Kern der neuen Welt bildet und das 
andere gegründete Aussicht hat, seine lange Ruhe und Passi 
vität mit einer activ centralen Stellung in der alten Welt 
immer entschiedener zu vertauschen, werden auch mit ihren 
nationalökonomischen Theorien fortan eine andere Stellung 
einnehmen, als zu den Zeiten, in denen der Brittische Einfluss 
materiell und geistig eine unverkürzte Herrschaft ausübte. 
Die geistige Hegemonie wird sich noch schneller als diejenige 
der äusserlichen Macht geographisch verschieben, und wie in 
der Philosophie die Schotten von den Deutschen abgelöst 
worden sind, so wird die Deutsche Denkerkraft, verbunden 
mit dem objectiven Blick und dem nach Aussen gewende 
ten, zum Theil divinatorischen Beobachtungsgenio, wie es der 
Amerikanische Standpunkt bereits in einer grossartigen, ja 
in der an Entdeckungen reichsten Erscheinung des Jahrhunderts 
verwirklicht hat, zu Ergebnissen gelangen, weiche die zweite
        <pb n="353" />
        337 
und dauernd grundlegende Epoche der streng wissenschaftlichen 
Oekonomie bezeichnen werden. 
2. Selten ist ein äusserer Lebensgang für die Gestaltung 
der Wissenschaft so bedeutsam geworden, als derjenige unseres 
grössten Nationalökonomen. Friedrich List (1789—184G) aus 
Reutlingen, arbeitete sich in aü'tödidaktischer Weise zu einer 
Bildung empor, an deren Erlangung ihn ein regelmässiger 
Studiengang ohne Zweifel gehindert haben würde. Von blossen 
Schreiberverrichtungen ausgegangen und in der Büreaulauf- 
bahn in seinem Vaterländchen Würtemberg bis zum Ober 
revisor gelangt, hatte er Gelegenheit gehabt, die büreaukrati- 
schen Missstände gründlichst kennen zu lernen. Durch För 
derung von Seiten des Ministers Wangenheim wurde er 1817 
Tübinger Professor der Staatswissenschaften, — eine Stellung, 
aus welcher man ihn aber nach dem bald erfolgten Rücktritt 
des genannten Ministers von vornherein wieder zu vertreiben 
suchte. Die Herren vom Tübinger Universitätssenat, die dem 
neuen Mitgliede ihres Collegiums das Leben nicht sonderlich 
gönnten, machten sich mit Freuden zu Interpreten der Wünsche 
der rückläufig veränderten Regierung und waren unter Anderm 
auch der Ansicht der letzteren, dass sich eine professorale 
Thätigkeit nicht mit der Betheiligung an patriotischen Bestre 
bungen vertrage, wie sie in einer Rathertheilung an den Deut 
schen Fabricantcnverein liegen würde. List, der wünschen 
musste, ohne Chicanen für seine Idee einer Deutschen Handels 
einheit thätig sein zu können, legte daher 1819 eine Professur 
nieder, in welcher man ihn übrigens auch nicht mehr lange 
belassen haben würde. Seine politisch freiheitliche Richtung 
war der entscheidende Hauptgrund der regierungsseitigen An 
fechtungen. Sie bestand allerdings in nichts weiter, als in 
einer antibüreaukratischen und übrigens den damaligen \ er- 
fassungszuständen des Ländchens Würtemberg gar nicht wesen- 
lich zuwiderlaufenden constitutionellen Doctrin. Schon 1818 
hatte ein ministerielles Schreiben von Gefahren geredet, welche 
den „jungen Männern” gegenüber die Mittheilung „theoretischer 
Spcculationen” habe, und dem Professor List im Namen des 
Königs „die äusserste Vorsicht bei seinen Lehrvorträgen zur 
unerlässlichen Pflicht” gemacht. 
Wir übergehen die Details der Thätigkeit durch und für 
l)übring, Geschichte der Kationalükonomic. 2. Auflage. 22
        <pb n="354" />
        338 — 
den Fabricantenverein und beschränken uns darauf, dass List, 
der schon damals als der intellectuelle Repräsentant der Idee 
eines Deutschen Zollvereins betrachtet werden musste, als Con- 
sulent und geistiger Führer jenes Vereins Alles betrieb, was in 
Gestalt von vorbereitenden Combinationen das schliosslicho 
Ziel anzubahnen geeignet war. Sieht man auf die Bestimmung 
der verfolgten Zwecke und auf das Besondere der ersten ent 
scheidenden Schritte und der eigentlichen Organisation, so ist 
List sogar der Stifter jenes Vereins gewesen — eine That- 
sache, die nicht unerheblich ist, da man von jenen Vorgängen 
des Jahres 1819 die volksthümlichen Bestrebungen für ein ein 
heitliches Deutsches Zollsystem datiren muss. List zeichnete 
sich aber von vornherein noch durch die politische Uoborlegcn- 
heit der Fassung dieser Idee aus, indem er nicht blos die Weg 
räumung der innern Zollhemmungen, sondern auch die positive 
Handelspolitik an der gemeinsamen Grenze gegen das Ausland 
ins Auge fasste. Durch dieses zweite, hervorragend nationale 
Element unterschied sich sein Plan in der bewusstesten Weise 
von alledem, was später durch die blossen Finanzintoressen 
und im besten Falle durch nothgedriingene Zugeständnisse an 
die Macht der Verhältnisse zu Stande kam und sich sogar in 
der bessern Richtung oft nur durch die übrigens so schädliche 
Trägheit der Zollveroinszustände erhielt. Der Umstand, dass 
f i er ein rationelles Schutzsystem als die vorläufig unumgäng- 
' liehe Ergänzung der innern Zollfreiheit hinstellte, wird seinem 
politischen Verstand nicht minder als seinem Patriotismus 
noch dann zur Ehre gereichen, wenn die beschränkten Auf- 
! ; I fassungen verschollen sein werden, von denen die Verunglimpfung 
■ dieses Standpunkts bisher ausgegangen ist. Eine bessere 
■| Würdigung dessen, was er wollte, wird nicht von der princi- 
' piellen Anerkennung seiner Schutztheorio, sondern nur von 
der Erkenntniss abhängen, dass inmitten einer Europäischen 
Umgebung von Staaten, die ihre Märkte stark protegirton, die 
völlig freie Eröffnung des Deutschen Marktes eine politische 
Thorheit gewesen sein würde. 
Die Abgeordnetenlaufbahn, die sich sofort an die Nieder 
legung der Professur anschloss, geht uns hier nur insoweit an, 
als sie der Grund zu einer noch schärferen Verfolgung Lists 
wurde und schliesslich nach der mit Zwangsschrciberarbeit ver 
bundenen Haft auf dem Asperg zum unfreiwilligen Exil nach
        <pb n="355" />
        339 
Amerika führte. Das zu Grunde liegende vermeintliche Ver 
gehen bestand in dem Entwurf einer Petition an die Kammer. 
Der Inhalt dieses Schriftstücks enthielt eine allgemeine anti- 
büreaukratische Kennzeichnung der Zustände des Ländchens 
und formulirte einige gegen die Beamtenherrschaft gerichtete 
Forderungen. Die ganze Angelegenheit hat nur für die Ge 
schichte der constitutioneilen Misere von kleinen Dimensionen 
einiges Interesse, indem die Widerwärtigkeit des in Frage 
kommenden Treibens die Beschränktheit der Gesichtspunkte 
noch überbot. Der ursprünglichen Yerurtheilung hatte sich List 
zwar durch die Flucht entzogen, war aber theils durch die 
Sorge für seine Familie, theils durch die von der Heimath 
her veranlassten Irrungen dazu bestimmt worden, zurückzu 
kehren. Letzteres ist ein Zug, den wir im Interesse einer 
wahren und unparteiischen Darstellung des Listschen Cha 
rakters und einer auch für die Gestaltung der Theorie nicht 
gleichgültigen Denkweise nicht ohne erläuternde Bemerkung 
übergehen können. 
Die Neigung, bei Andern mehr Gutes vorauszusetzen, als 
von ihnen zu gewärtigen war, sowie überhaupt eine allzu ver 
trauensvolle Richtung der Phantasie ist der Hauptfehler ge 
wesen, der sich jedem unbefangenen Betrachter der Listsehen 
Lebensschicksale aufdrängt. Allerdings war keine gewöhnliche 
und kurzsichtige Philanthropie im Spiele, sondern] die rein theo 
retische Einsicht, die sich unser auch für die allgemeine Politik 
bedeutungsvoller Denker erworben hatte, trieb ihn im Gegen- 
theil zu entgegengesetzten, keineswegs sentimentalen An 
schauungsweisen der grossen Verhältnisse. Allein in den 
kleinen Verhältnissen sowie in den unmittelbaren Privatbezie 
hungen folgte er mehr seinem natürlichen Temperament und 
wurde hiedurch zu den entschiedensten Fehlgriffen verleitet. 
. In der Sphäre, in welcher er zu wirken hatte, wäre ein Ueber- 
maass im Misstrauen und eine geringere Geneigtheit zur 
wohlwollenden Beurtheilung der von Natur feindlichen Elemente 
weit besser am Platze gewesen, als eine Ausschreitung in der 
gegentheiligen Richtung. List hat bis in die letzten Jahre 
seines Lebens hinein grade das durch seinen Charakter ver 
leugnet, was seine allgemein theoretische Ueberzeugung von 
vornherein klar genug erfasst hatte. Er, der in einer selb 
ständigen, kritisch richtigen Auffassung Macchiavellis unter 
22*
        <pb n="356" />
        340 
allen denen hervorragt, die gegen das gemeine Vorurtlieil 
den grossen Florentiner in Schutz nahmen ; — er, der die 
Gesichtspunkte des grössten politischen Theoretikers besser 
begriff als alle sich in gleicher Richtung bemühenden Histori 
ker, hat dennoch in seinen eignen Angelegenheiten und in 
den Beziehungen, in welche er sich zu Gunsten der wirth- 
schaftlichen Einheitsidee und für die politische Grösse Deutsch 
lands einliess, vielleicht nichts in geringerem Grade beobachtet, 
als die Grundsätze, die aus dem haltbaren Bestandtheil der 
Macchiavellischen Lebens- und Staatsansichten folgen. Wir 
können uns daher eine Reihe von Einzelheiten in den Schick 
salen Lists von vornherein aus jenen Hindernissen erklären, 
die in den vertrauensvollen und weniger dem Verstände als 
dem Gemüth angehörigen Elementen seines Wesens lagen. 
Die erwähnte Rückkehr nach Würtemberg war zwar sehr 
erklärlich; aber unter Voraussetzung einer weniger gutgläubigen 
Auffassuugsweise hätte sie jedenfalls vermieden werden müssen. 
Ja man kann behaupten, dass selbst sein Deutscher Patriotis 
mus in den unmittelbar praktischen Folgen, die er ihm zu 
geben suchte, zu einem grossen Theil auf jener Gemüths- 
täuschung beruhte, welche den Umfang und Grad der Zer 
fahrenheit und Rückständigkeit der Deutschen Verhältnisse 
unterschätzte. Für theoretische Anregungen und die Fort 
pflanzung von Ideen, die allenfalls für ihr besseres Verständniss 
auf die Zukunft warten konnten, war freilich der Deutsche 
Boden nicht ganz und gar unempfänglich. Allein für das un 
mittelbare praktische Eingreifen im Sinne Lists musste jeg 
licher Versuch einige Menschenalter zu früh kommen. Die 
1832 von Amerika erfolgte und aus der patriotischen Unruhe 
für ein im „Hintergründe aller Plane” liegendes Vaterland 
hervorgegangene Rückkehr auf Deutschen Boden gehört zu den 
Handlungen, die sich nur aus dem Uebergewicht des Vertrauens 
über die wohlbegründete Bitterkeit erklären. Dieser Irrthum, 
den wir, wenn es nicht zu weichlich klingt, als den des patrio 
tischen Herzens bezeichnen möchten, hat sich durch das Endo 
thatsächlich berichtigt. Nach einer im eminenten Sinne des 
Worts rastlosen, zugleich rein theoretischen und publicistisch 
den Angelegenheiten des Zollvereins zugewendeten Thätigkeit 
musste der Deutsche Patriot schliesslich 184G ein männliches 
Endo suchen und in Kufstein von dem Pistol Gebrauch machen,
        <pb n="357" />
        — 341 — 
welches ihm, um mit den Worten eines Amerikaners zu reden, 
„das dankbare Vaterland in die Hand drückte.” 
3. Zu einer Stellung von praktisch politischer Bedeutung 
in dem Rahmen der in Deutschland möglichen Functionen war 
List nie gelangt. Er war als Amerikanischer Consul zurück 
gekehrt und zunächst in Hamburg, sowie später in Leipzig 
unter dem Schutz dieses ziemlich gleichgültigen und uneinträg 
lichen Amtes wenigstens geduldet gewesen. Später hatte er 
sich wieder in Süddeutschland, namentlich Augsburg, aufge 
halten und gelegentlich auch im Auslande umgesehen. Noch 
im letzten Jahr war er in England und liess sich von den 
dortigen Kornzolldebatten, die im Sinne seiner den Ackerbau 
schutz gänzlich verwerfenden Theorie verliefen, fast mehi als 
nöthig einnehmen. Von seinen Negociationsversuchen, in denen 
er durch Leute, wie den Preussischen Gesandten Bunsen, be 
stärkt wurde, reden wir weder bezüglich dieses Englischen 
Falles noch hinsichtlich früherer, nicht in gleicher Weise unan 
gebrachter Unternehmungen. Das höhere Alter hatte sicherlich 
einen Antheil an der Idee, den wirthschaftlichen Hauptgegnei 
lieber zum Bundesgenossen machen zu wollen. Die sehr 
natürliche Enttäuschung über diesen Fehler mag ausser den 
Privatsorgen und physisch krankhaften Erregungen wohl am 
meisten jene Stimmung hervorgerufen haben, welche die 
Glelegenheitsveranlassung zu dem letzten Lebens- und lodes- 
icte wurde. Doch ist die tiefere Ursache in dem Contrast zu 
suchen, in welchem sich die im Ganzen ebenso zutreifenden 
ils grossartigen Conceptionen der Person und der Mangel 
îines Vaterlandes befanden, dem diese Anschauungen und 
Leidenschaften galten. List ist daher ungeachtet seiner 
Schwäche, die im Gemüth wurzelte und unter weniger ver- 
lorbenen öffentlichen Verhältnissen ein Vorzug gewesen sein 
würde, als ein Märtyrer des Strebens nach Deutscher Einheit 
ind Grösse zu betrachten. Er ist von seinem Drange und 
^on der Zerfahrenheit der heimischen Deutschen Verhältnisse 
überallhin getrieben worden, wo für den Deutschen Geist 
md für Analoga der nationalen Idee Anknüpfungspunkte ver 
landen waren. Er hat in Philadelphia zuerst eine zusammen 
längende kurze Darstellung seiner principiellen Grundgedanken 
irscheinen lassen und er hat in Europa sogar in der Haupt 
stadt Ungarns persönlich anregend gewirkt. Sein Schicksal
        <pb n="358" />
        — 342 
der Heimathlosigkeit erklärt sich aus der Epoche, die für 
die kühnen Geister seiner Art keine Ruhestätte hat, oder die 
selbe nur um den Preis des Verzichts auf unmittelbar jjrak- 
tische Thätigkeit oder überhaupt auf ein Leben in der alten 
Welt ermöglicht. 
Das Hauptwerk Lists ist das „Nationale System der poli- 
tischen Oekonomie" (zuerst 1841 und nach mehreren Äuflagen 
auch als dritter Band der 1850—51 erschienenen Werke). Die 
treibenden Gedanken des Systems waren jedoch schon in Ame 
rikanischen Zeitungen längst veröffentlicht gewesen und auch 
1827 zu Philadelphia als besondere Schrift erschienen. Letztere 
,¡Umrisse eines neuen Systems der politischen Oekonomio” 
(Outlines of a new system of political economy), die unter 
etwäs variirendem Titel zur Propaganda benutzt wurden, ent 
hielten schon die theoretisch entscheidenden Punkte, unter 
denen für den allgemeinen wissenschaftlichen Gang der National 
ökonomie die Erkenntniss des gew altigen Unterschiedes zwischen 
Werthen und productiven Kräften hervorragt, welche als eine 
sehr erhebliche Vorbereitung und partielle Vor Wegnahme der 
ein Jahrzehnt später formulirten, in ihrer schliesslichen Ent 
wicklung die gesammto ökonomische Anschauungsweise um 
wälzenden Werththeorie Oareys zu betrachten ist. Für die 
Handelspolitik war der an die Spitze gestellte Gegensatz der 
kosmopolitischen und der politischen Oekonomie von der 
grössten Bedeutung. 
Der zweite Band der vorher erwähnten „Gesammelten 
Schriften” enthält eine Auswahl aus den kleineren Arbeiten, 
während der erste ein ausführliches biographisches Material 
bietet. Der Bearbeiter des letzteren, der zugleich als Heraus 
geber die Auswahl aus dem literarischen Nachlass bestimmte 
(der 1867 verstorbene Heidelberger Geschichtsprofessor Häusscr)» 
hat unglücklicherweise zu wenig nationalökonomische Fach- 
kenntniss besessen und auch übrigens zu viel collegialischc und 
andere Rücksichten genommen, um seinem Gegenstände gerecht 
zu werden. Als ein Beispiel seiner gesinnuugsschwachen Ver- 
fahrungsart mag der Umstand gelten, dass dieser volle Band 
Biographie über das Lebensende seines Helden einen solchen 
Schleier breitet, dass Niemand, der den Ausgang nicht im 
Besondern kennt, eine unzweideutige Vorstellung gewinnen 
wird. In einem ähnlichen schwächlichen Geiste sind viele
        <pb n="359" />
        — 3á3 — 
ïuidero l^uiikte, nameiitlioh die Beziehinigeiilüiets zur schola^di- 
Bcheii (Delconoinie der I)eut8chen llnivorBitäteu behaiidelL 
Von dem wisseuBchaftlich volkswirthschaftlichen TJrtheil des 
]3iograj)hon lomn inau gamz sclnveigeii. Idmi iruusa 
diese Art von Lebensbearbeitung und Recbenscbaftsablegung, die 
den Deutschen Nationalökonomon par excellence ^n Beiten 
der professoralen Charakterlosigkeit eines dürftigen Historikers 
nachträglich getroffen hat, als ein Nachspiel zu den im Leben 
selbst ^probten Schicksalen ansehen. Halbe oder sogenannte 
Freunde haben ihm vor und nach dem Tode durch i le 
Schwächlichkeit und Hrtheilslosigkeit mehr geschadet, als die 
stärksten Angriffe der Feinde in theoretischer Beziehung ver 
mochten. List steht daher auch mit seiner literanschen 
Hinterlassenschaft, die bis jetzt erst zu einer fast dürftig zu 
nennenden Ausgabe und zu äusserst unzulänglichen, vo ks- 
wirthschaftlich unkritischen Mittheilungen aus seinem vmlge- 
staltigen Leben geführt hat, noch immer als eine Erscheinung 
da, deren volle Würdigung erst mit dem Dasein eines in der 
Freiheit mächtigen Deutschland zu erwarten ist. Ausser dem 
besondern Interesse der Nationalökonomie kommt bei Allem, 
was List betrieb, die allgemeine Geschichte und Politik so 
sehr in Frage, dass man es später bedauern würde, wenn in 
dieser Richtung die wichtigen und zuverlässigen Indicien, die 
seine privaten Kundgebungen und seine zerstreuten literanschen 
Arbeiten von geringer Zugänglichkeit enthielten, unbenutzt 
bleiben müssten. . 
Dio kleineren Aufsäteo im erwähnten “ 
mmm 
welcher die schon im „Nationalen System ansgefuhrten The 
mata speeieller ins Ange fasst, bedarf keiner besondern Auf- 
zählnng. Auch auf den reichen Inhalt an politischen Gesichts- 
punkten, den man hier antiifft, können wir nicht näher em- 
gchen. Das Wesentlichste davon ist übrigens auch im Haupt-
        <pb n="360" />
        344 
werk vertreten und jedem Leser zugänglich, dessen freier Blick 
nicht etwa durch scholastische Beschränktheit getrübt wird. 
List, der auch Englisch und Französisch schrieb, von Natur 
jeder pedantischen Darstellungsart widerstrebte und in der 
freieren politischen Luft anderer Staaten und namentlich Nord- 
^erikas die ungeniessbare Auslassungsweise, mit welcher das 
Deutsche Publicum heimgesucht wird, vollends verachten o-o- 
iernt hatte, — ist durch seine Schriften auch ein Muster echt 
populärer, anschaulich lebendiger und naturwüchsig frischer 
MiWheilungsart geworden. Diese Thatsache bedeutet um so 
mehr, als es nicht breit ausgetretene Theorien, sondern zu 
emem gossen Theil neue geniale Aufstellungen waren, die in 
leser Gestalt an das weitere Publicum der Geschäftsleute «m- 
laiigten. Noch heute kann eine Vergleichung des Listschon 
Buchs mit den vertrockneten, schlecht gesammelten und noch 
schlechter geordneten Compilationsfrüchten der gebrauchtesten 
Handbücher lehren, dass es sich bei den Arbeiten unseres 
Dcu^chen Nationalökonomon um ein Werk gehandelt habe, 
welches auch schon durch seine äusserliche Physionomie auf 
ein Verwachsensein mit der Zukunft der nationalen Literatur 
deutete. Dieser Umstand wird Niemandem gleichgültig er 
lernen, der da weiss, dass selbst die Geschichte der strengsten 
issenschaften lehrt, wie die bahnbrechenden Geister auch in 
Rücksicht auf die Darstellung die Hinwendung zur allgemein 
verständlichen Ausdrucks weise, mindestens aber zur unent 
stellten Nationalsprache vertreten haben. Es ist den Heroen 
der Wissenschaftsgeschichte, soweit dieselben wirklich vom 
ersten Range waren, noch in keiner Gattung eingefallen, in 
Ihrer Auslassungsform dem literarischen Chinesenthum zu hul- 
digen. 
Das „Nationale System” ist in die verschiedensten Sprachen 
übersetzt worden. Eine Amerikanische Ausgabe mit einer Ein- 
leitung von Colwell und den Anmerkungen, welche Richelot 
1 Uebersetzung beigefügt hatte, erschien noch 
1856 in Philadelphia. Eine Ungarische Uebersetzung war schon 
früh veranstaltet worden, und überhaupt hatte sich List bei 
den Ungarn auch persönlich einer sehr günstigen Aufnahme zu er- 
freuen gehabt und Z.B. auch bei Kossuth einen grossen Eindruck 
interlassen. Dem Urheber des ökonomischen Nationalitätsprin- 
cips gegenüber war diese Sympathie vollkommen am Orte und ist
        <pb n="361" />
        3á5 
noch heute allen industriell aufstrebenden Nationen natürlich. In 
jüngster Zeit hat sich auch das Russische Interesse für die 
Listscho Hauptschrift gesteigert. Im eignen Vaterlande waren 
rasch mehrere Auflagen gefolgt, die in der Theilnahme des 
weiteren Publicums für eine in Deutschland noch ganz unbe 
kannte Darstellungsart ihren Grund hatten und von den feind 
lichen Universitiitskreisen her wohl beeinträchtigt, aber nicht 
verhindert werden konnten. Das von List 1843 begründete 
Zollvereinsblatt leistete Ausser ordentliches, aber Alles hing 
an der Kraft der einen Person, mit deren Tod für die geistige 
Führung des volkswirthschaftlichen Deutschland etwas Aehn- 
liches eintrat, wie wenn ein bedeutender praktischer Staats 
mann seine Schöpfung vorzeitig verlassen muss. Ja die Lage 
war in einer gewissen Beziehung noch schlimmer. Glosse 
praktische Organisationen und grosse persönliche Anregungen 
einer Staatskraft wirken auf die Epigonen durch die zwingen 
den Thatsachen. Wo aber vornehmlich nur der in Büchern 
niedergelegte Geist in Frage kommt und die erste Anregung 
einen Theil der erforderlichen That repräsentirt, da wirkt das 
Abtreten der Persönlichkeiten zunächst noch weit ungünstiger. 
Der Mangel des verwandten und einer ähnlichen Aufgabe ge 
wachsenen Geistes sowie der Rückfall in die frühere Trägheit 
belassen die bedeutendste Erscheinung wieder eine Zeit laug 
im Hintergründe. Dieser sehr natürliche Gang der Dinge 
wurde im Falle der Listschen Schriften noch dadurch unter 
stützt, dsss die Rückschläge gegen die Revolution von 1848 
die Aufmerksamkeit ablenkten. Hiezu kam der Umstand, dass 
die Listschen Aufstellungen, wie dies fast mit allen genialeren 
Arbeiten solcher Gattung der Fall gewesen ist, in wesentlichen 
Hauptpunkten keine völlig abgeschlossene und gleich einem 
mathematischen Satz nur fertig hinzunehmende Gestalt hatten. 
In einem Wissenszweig, welcher sich um eine stienge Grund 
legung noch erst zu bemühen hatte, kann eine solche Be- 
schaifonheit der Theorien nicht ,befremden. ^ Die letztere ist 
vielmehr ein sicheres Zeichen, dass wir es in Lists Arbeiten 
mit dem Ringen nach den bisher unzugänglichsten Einsichten 
zu thun haben. Für das volle Verständniss solcher im 
Schaffen begriffener Gedanken ist aber ein selbst schöpfe 
rischer Geist erforderlich, und wir brauchen uns nur daran 
zu erinnern, was die Geschichte über die Seltenheit dieser
        <pb n="362" />
        346 
Gattung lehrt, um sofort zu begreifen, dass ein List nicht 
allzu rasch Jemand finden würde, der seine Sache aufzunehmen 
vermöchte. 
4. Obwohl es für unsere Aufgabe nur eine Nebensache ist, 
gelegentlich einmal über die Theorien hinauszugroifen und uns 
um besondere Bestrebungen zu bekümmern, so würde doch 
Lists wissenschaftliche Rolle unverständlich bleiben, wenn wir 
nicht an ein paar Züge seiner, die Kühnheit der Epoche spie 
gelnden Thätigkeit hin weisen wollten. An der Einleitung der 
Aera der Eisenbahnen hat er einen höchst bezeichnenden An- 
theil gehabt. Er ist buchstäblich derjenige gewesen, dessen 
Name mit einer der ersten derartigen Anlagen in Nordamerika 
und ebenso mit der ersten erheblicheren Unternehmung in 
Deutschland verknüpft ist. Die Linie Leipzig-Dresden, dio 
gegen die Mitte der dreissiger Jahre betrieben wurde, war 
speciell sein Work, und schon 1827 hatte er jciiseit des Oceans 
eine Eisenbahnschöpfung (die Ausführung der Tamaquabahn) 
auf Veranlassung seiner Entdeckung eines Kohlenlagers pro- 
jectirt und in Gang gebracht. Die Geschichte der Eisen 
bahnen wird ihn daher stets unter den ersten zu nennen haben, 
die das neue System von Oommunicationsmitteln einführen 
halfen. Weit bedeutender als diese Betheiligungen an der 
Praxis war aber die Art und Weise, in welcher er die Idee 
nationaler und systematischer Bahnsysteme entwarf und auch 
mehrfach zur Geltung brachte. An allererster Stelle steht 
dagegen seine Theorie der volkswirthschaftlichen Wirkungen 
der Eisenbahnen auf die Production. Ihr Hauptgedanke, der 
durch Statistiker der Gegenwart, wie Dudley Baxter, als eine 
ganz neue Sache vertreten und bewiesen worden ist, bestand darin, 
nicht im Geiste der älteren nationalökonomischen Theorie blos 
die unmittelbaren Ersparungen an den bisherigen Transport 
kosten, sondern die durch das neue Verkehrsmittel ermöglich 
ten positiven Erweiterungen des landwirthschaftlichen und 
industriellen Productionsumfangs in Rechnung zu hringen und 
als die entscheidende Ursache der grossen Wirkungen anzu 
sehen. Eine solche Auffassung wäre im Rahmen der Ueber- 
lieferungen der Smith sehen Oekonomie eine Unmöglichkeit 
gewesen. ' 
Man wird vielleicht fragen, wie Jemand, der so Vieles 
von praktischem Erfolg anregte, selbst niemals dauernd zu
        <pb n="363" />
        8áT 
îincr völlig gesicliertcii Existenz gelangte. Statt aller Aus- 
3Ínandei'setznngen erinnern wir nur an den schon erörterten 
üharakterzug, demzufolge List durch allzu edelniüthiges Ver 
trauen auch in den fraglichen Fällen um die sonst selbstver 
ständlichen Früchte seiner Bemühungen kam. Sein eigner 
Vortheil wurde von ihm niemals in den Vordergrund gestellt, 
sondern im Gegentheil den Ideen geopfert. In Amerika war 
er durch seinen Unternehmungsgeist und die erwähnte Kohlen- 
entdeokung zu einem Vermögen gelangt, welches jedoch wieder 
verloren ging, als ihn sein Patriotismus zur Rückkehr' nach 
Deutschland vermocht und so die gehörige persönliche Wahr- 
nehmnng seiner transatlantischen Interessen unmöglich pmacht 
hatte. Ueher die Dankbarkeit des Leipziger Eisenbahndirec- 
toriums geräth sogar sein Biograph in einige Entrüstung. en 
noch wollen wir unsern Nationalökonomen nicht in jeder 
Beziehung von einiger Schuld an den Ghicanen und dein Un- 
dank freisprechen, womit ihm in vielen Fällen und überhaupt 
im Grossen und Ganzen gelohnt wurde. Von Anerkennungen 
in der Gestalt von Ehrenpokalen und ausnahmsweise auch 
einmal einer Ehrendoctorirung konnte er nicht leben, und.es 
hiess in ökonomischen Dingen doch etwas zu liberal verfahren, 
von dem Billigkeitsgefühl seiner Landsleute das zu erwarten, 
was nur durch die Logik der Interessen zuverlässig zu 
sichern ist. ^ ^ ^ 
Um in letzterer Beziehung ein für alle Mal abzuschliessen 
und zugleich anzudeuten, in welcher Richtung auch le 
rieilen oder formalen Schwächen der Theorie von em 
lakter und der zugehörigen Gestaltung beeinñusst wu^-^^en, sei 
daran erinnert, dass List ein Süddeutscher war und ' 
lieh einige gute Eigenschaften der Heimath eines Schiller m 
einer Richtung geltend machte, in welcher sie grade eines 
ilusserst vorstandesmässigen Gegengewichts bedurften Die 
schlimmste Wirkung dieser Schwäche ist jedoch nicht das 
praktische Missgeschick, sondern die Gestaltung der theore 
tischen Polemik gewesen. Hier hat List, dem die 
immer nur persönliche Motive unterschoben, stets die Sache 
mit Hintansetzung seiner Person und zwar mit einer solchen 
Vernachlässigung seiner eignen Position im Auge ge a , ass 
cr hiedurch seine besten theoretischen Bestrebungen beein 
trächtigte. Er hat den Krieg gegen die feindlichen Elemente
        <pb n="364" />
        3á8 
so leicht genommen, wie der Goethesche Egmont das Leben. 
Er verfuhr zu arglos und gab sich da, wo jede Aeusserung, 
die ein wenn auch nur scheinbares Zugeständniss enthielt, oder 
auf eine eigne ungepanzerto Stelle offenherzig hin wies, unter 
den Händen der Verleumder zum Zielpunkt vergifteter Pfeile 
werden musste, — so leichten Muthes Preis, dass sich dieses 
Verfahren nur aus dem Bewusstsein des besten Rechts und 
aus dem Vertrauen auf die Zukunft einigermaassen erklärt. 
Unter der Voraussetzung der Doppelrolle einer zugleich theo 
retischen und praktischen Aufgabe war es aber noch weit 
weniger angebracht, als wenn es sich ausschliesslich um eine 
auf die späteren Generationen zählende wissenschaftliche That 
gehandelt hätte. Die Vorrede zum „Nationalen System” ist 
ein Musterbeispiel für jene bedenkliche Auslassungsart. Sie 
verbreitete sich zwar mit Recht ein klein wenig über ein paar 
Repräsentanten des Volkswirthschaftlichen Chinesenthums auf 
Deutschen Lehranstalten, streifte aber die natürlichen Wider 
sacher nur so leicht, als wenn die Angelegenheit hätte von 
beiden Seiten ein blosses Spiel des Humors sein können. 
Ausserdem drückte sich List unter dem Eindruck des Maasses 
und dei Ideale, die er selbst bei seinen Arbeiten vor Augen 
hatte, in Rücksicht auf seine Leistungen unsicherer aus, als er 
wirklich war, sobald er die ihn bekrittelnde Misere mit seinem 
eignen Rieis von Ideen und Einsichten zu vergleichen hatte. 
Im letzteren Palle war er nun stets, wenn er sich unmittelbar 
in der Sache und in seinem Element bewegte. Hier trifft man 
nirgend auf jene zögernde Ausdrucksart, in die er so leicht ver 
fiel, sobald er glaubte, sich so ausdrücken zu müssen, als wenn 
die Kritik, an die er dachte, schon dem Augenblick oder auch 
nur seinem Zeitalter angehören könnte. Diese Täuschung hat 
ihm viel geschadet, und die nachfolgende Darstellung wird 
zeigen, dass er mit dem Instincte des Genies für grössere 
Ziele gearbeitet hat, als er selbst mit klarem Bewusstsein ins 
Auge fasste. 
5. Wollen wir in der volkswirthschaftlichen Theorie bei 
der Darstellung der entscheidenden Anschauungen dem Rang- 
verhältniss folgen, welches der Urheber selbst zur Geltung 
brachte, so müssen wir mit dem ökonomischen Nationalitäts- 
jrrincip beginnen. Während die Smithsche Volkswirthschafts- 
lehre nur Individuen und Privatwirthschaften kannte, schaltete
        <pb n="365" />
        849 
List auch in ökonomischer Beziehung' zwischen dem Einzelnen 
und der Menschheit das Mittelglied der Nation als Träger 
eines relativ selbständigen Wirthschaftslebens ein. Er glaubte 
hiemit etwas Aehnliches gethan zu haben, wie in ihrem Gebiet 
die historische Rechtsschule, indem sie dem älteren Natur 
recht gegenüber die nationalen Voraussetzungen und Daseins 
formen des Rechts zum Bewusstsein gebracht hätte. Doch 
hinkt diese Vergleichung insofern, als der Deutsche National 
ökonom nicht rückwärts sondern vorwärts strebte, und als sein 
Eifer nicht vornehmlich der Vergangenheit, sondern wesent 
lich der Gegenwart und Zukunft galt. Auch begitindete. er 
ein System, während sich die Cultur der Rechtswissenschaft 
vorherrschend gegen alles Naturrecht kehrte und sich auf die 
Feststellung einer möglichst reinen Theorie der alten Römi 
schen Rechtsquollen oder aber in der Germanistischen Neben 
richtung auf eine Deutsche Reichs- und Rechtsgeschichte be 
schränkte. Allerdings hat List sein ökonomisches Nationalitäts- 
princip auf die Geschichte begründet, wie dies auch die An 
lage seines Werks zeigt. Er hat in dieser wie in andern Be 
ziehungen eine achtungswerthe geschichtliche Methode ver 
treten und ist als derjenige anzusehen, dessen Leistungen bis 
jetzt allein dazu berechtigten, in Deutschland von einer eigen 
artig historischen Behandlungsart der Nationalökonomie zu 
reden. Richten wir jedoch unsere Aufmerksamkeit zunächst 
speciell auf das grosse Princip, dessen Tragweite noch \on 
mancher Nation in den verschiedensten Gestalten und ® 
nach den gewaltigsten Veränderungen der Gesellschaft in r 
fahrung gebracht worden dürfte. 
Eine jede Nation, die gross genug ist, um einen in den 
verschiedenen wesentlichen Beziehungen gehörig ausgerüsteten 
Staat zu bilden, und die ausserdem in ihrem Bereich die Vor- 
bedingungen einer allseitig wirthschaftlichen Entwicklung um- 
schliosst, muss auch die Grundlage einer in einem gewissen 
Maas so selbstgonugsamen Oekonomie werden. Sie muss sic 
andern Nationen gegenüber auch wirthschaftlich als eine soli 
darische Gemeinschaft betrachten, deren Interessen einen sei 
ständigen Mittelpunkt haben und von denen der andern 
nationalen Wirthschaftskörper zu unterscheiden sind. Wenn 
nach dem modernen politischen Princip irgend eine über 
wiegende Nationalität die Unterlage des Staats bilden muss, so
        <pb n="366" />
        850 
entspricht dieser Noth Wendigkeit ein analoges Verhältnis s für 
das Gesammtleben im Bereich der Volkswirthschaft. Die 
letztere ist im eminenten Sinne gar nicht möglich, solange sie 
der grossen Bindemittel entbehrt, die ihr nur im Rahmen eines 
nationalen Staatsganzen zu Theil worden. Die Woltwirthschaft 
besteht, soweit man von einer solchen bereits reden kann, nicht 
unmittelbar aus Privatökonomien, sondern zunächst aus National- 
wirthschaiten, durch deren organische Vermittlung über die 
kosmopolitischen Beziehungen der Einzelnen entschieden wird. 
In einer auch äusserlich geistvollen Wendung stellte List der 
kosmopolitischen die im engem Sinne des Worts politische 
Oekonomie entgegen. Als Merkmal der letzteren sah er die 
praktische Berücksichtigung der politischen Zusammcngohörig- 
keit und Solidarität vermöge einer entsprechenden Wirthschafts- 
gestaltung an. ^ 
Die Geschichte selbst hat durch die manuichfaltigston 
Mittel und in den verschiedensten Richtungen dafür gesorgt, 
dass dem ökonomischen Nationalitätsprincip in der Entwicklung 
des modernen Staats auch da entsprochen worden ist, wo man 
sich von dem Sinne der geschaffenen Verhältnisse zunächst 
keine theoretische Rechenschaft gegeben hat. So liegt z. B. 
in den grossen Centralbanken ein mächtiges Bindemittel, welches 
die Einheit der nationalen Wirthschaft im Credit, d. h. in der 
subtilsten Sphäre von Beziehungen veranschaulicht, ohne dass 
hiemit gesagt sein soll, es sei der absorbirende Charakter 
solcher Centralisationen etwas auf die Dauer Wesentliches oder 
auch nur Haltbares. Wohl aber wird für eine einheitliche 
Volkswirthschaft eine entsprechende natürliche Concentration, 
wie sie mit einer freien Gestaltung des Creditmechanismus ver 
träglich ist, nie fehlen können, solange überhaupt der Credit 
selbst oder etwas seinen Verrichtungen Aehnliches bestehen 
bleibt. Das Wirthschaftsleben strebt nach diesen und ähnlichen 
Einheitsgebilden, und soweit das politische Band reicht, worden 
ihm auch stets eigenthümliche ökonomische Zusammenge 
hörigkeiten entsprechen. Die Gestaltung der Eisenbahnsystomo, 
die durch List ebenfalls, ehe sie noch existirten, im nationalen 
Sinne entworfen wurde, bezeugt in ihrer wirklichen Beschaffen 
heit die Wahrheit des Princips. Sie lehrt die grosso Abhängig 
keit der Eormirung der Netze von den politischen Configura- 
tionen, so dass man aus der Bahnkarte eines Landes auf die
        <pb n="367" />
        851 
grössere oder geringere Concentration seiner politischen Ver 
fassung zu schliessen vermag. In den Verkehrssystemen hat 
sich überall die politische Anziehungskraft bethätigt. Jedoch 
würde man oberflächlich verfahren, wenn man den Sinn des 
ökonomischen Nationalitätsprincips allein in derjenigen Rich 
tung suchen wollte, in welcher die Staats- und Staatenpolitik 
als entscheidende Ursache, die entsprechende einheitliche Ge- 
staltung der Wirthschaft aber als Wirkung erscheint. Die um- 
gekehrte Richtung des Einflusses ist mindestens in glmchem 
Maass in Anschlag zu bringen und hat überdies vom Stand- 
punkt der rein ökonomischen Theorie ein weit grösseres Inte- 
resse. Es ist die sich entwickelnde und sich stufenweise con- 
centrirende Gemeinschaft des Wirthschaftslebens, welche ini 
Rahmen des politisch gesicherten Daseins selbstthatig neue, 
rein ökonomische Bindemittel schafft und so die Glieder des 
Staats immer fester aneinander kettet. Der Zollverein, für 
den in der Idee und in der Wirklichkeit List so unvergleich 
lich viel ge than, braucht nur genannt zu werden, um als ein 
Beispiel jener staatsbildenden Kraft der Wirthschaftsgemein- 
schaft jeden Zweifel zu beseitigen. 
Das ökonomische Nationalitätsprincip ist als solches von 
der besonderii Gestaltung der Mittel unabhängig, durch die es 
sich in den verschiedenen Epochen verwirklichen mag. Auch 
die Fehlgriffe, die in seiner iustinctiven oder bewussten An 
wendung hervortreten, können seinen Werth nicht wesent ic i 
und dauernd beeinträchtigen. In der Grossstaatenbildung er 
neuern Zeit hat es zuerst seine erhebliche historische Verwir - 
lichung gefunden oder, genauer geredet, diejenige Gestal an- 
genommen, in welcher man ihm gegenwärtig seine Aufmerk 
samkeit zuzuwenden hat. Es ist in dieser Beziehung namen - 
lieh mit dem Golbertismus verwachsen gewesen und hatauch 
in neuster Zeit im Schutzsystem sein hauptsächlichstes Mittel 
gesucht. In der Amerikanischen Union hat es England gegen- 
über seine am meisten energische Anwendung gefunden, deren 
Nachhaltigkeit seit dem Rebellionskriege bedeutend gestiegen 
ist. Doch wir wollen hier keineswegs der spätem Darstellung 
der Amerikanischen Theorie vorgreifen, sondern nur daran er- 
innern, welche praktische Rolle die Schutzdoctrinen bis auf 
den heutigen Tag grade da gespielt haben, wo die politische 
Freiheit und ein Stück socialer Emancipation offenbar noch
        <pb n="368" />
        852 
am nachdrücklichsten vertreten sind. List forderte ein princi- 
pielles Manufactiirschutzsystem hei vollständigster Verkehrs 
freiheit im Innern, um auf diese Weise eine Position gegen 
das Ausland zu gewinnen. Seine Bestrebungen in den vierziger 
Jahren haben das betheiligte Publicum vielfach über die han 
delspolitischen Interessen aufgeklärt und auf diese Weise in 
direct auch einen Einfluss auf die Zollvereinspolitik geübt. 
Das gegenwärtige Amerikanische System ist wesentlich 
nichts Anderes, als das, wofür List schon 1827 die theoretischen 
Formeln verzeichnet hatte. Ja selbst die Benennung als 
„Nationales System” für den fraglichen Inbegriff von Bestre 
bungen und Mitteln ist sogar in den transatlantischen Journalen 
etwas ganz liebliches. Dennoch würde man die Idee unseres 
grossen Nationalökonomen zu eng fassen, wenn man dasjenige 
Mittel, welches er zur Ausführung des Princips vom momentan 
praktischen Gesichtspunkt aus im Auge behalten wissen wollte, 
als einen unter allen Umständen wesentlichen Bestandtheil der 
Anwendungen oder gar als Element der neuen tiefem Er- 
kenntniss betrachten wollte. Es ist nänllich das allgemeine 
Princip, welches den Schutzzöllen theoretisch unterstellt wurde 
und praktisch zur Handhabung des Systems mitwirkte, an sich 
selbst ein bleibendes, von der Zeit unabhängiges und daher die 
Schutzzölle selbst überdauerndes. Es verhält sich das ökono 
mische Nationalitätsprincip zum Schutzsystem, wie das allge 
meine Associationsprincip zu dem Regime bestimmter körper 
schaftlicher Gebilde. Die Mittel der socialen Vereinigung und 
der Schöpfung von Solidaritäten können verschieden sein und 
vielen Wandlungen unterliegen, während die principiellen 
Triebkräfte als dauernde Ursachen unverändert fortwirken. 
Eine solche Bewandtniss hat es nun auch mit dem Listschon 
Princip der nationalwirthschaftlichen Solidarität, und nur die 
beengteste Auffassung kann dahin führen, diese grosse und 
wissenschaftlich fruchtbare Idee mit dem Gesichtspunkt dos 
Zollschutzes der Manufacturen für einerlei zu halten. Der Ur 
heber des Princips, der ausser der allgemeinen Theorie auch 
die von den bosoudern Verhältnissen geforderten Maximen der 
Praxis zu verzeichnen hatte, konnte allerdings den obersten 
Grundsatz in seinem Sinne nicht weiter ausführen, ohne mit 
demselben zugleich eine Schutzzolltheorio zu verbinden. Er 
that dies in einer Weise, die sicherlich einen sehr modernen
        <pb n="369" />
        353 
Geist atbmetc. Zunächst erklärte er den Ackerbauschutz prin 
cipiei! für unhaltbar und sah in den Englischen Korngesetzen, 
schon oho die Ligue deren Abschaffung durchgesetzt hatte, 
grundsätzlich eine Hemmung der Brittischen Machtentwicklung. 
Er machte wiederholt darauf aufmerksam, dass die Beseitigung 
der Zollhindernisse der Englischen Korneinfuhr die Kraft der 
Brittischen Industrie steigern müsse, und in dieser Hinsicht 
nahm er sicherlich einen Standpunkt ein, wie ihn sich die Frei 
händler nur irgend wünschen konnten. Dagegen forderte er 
den Manufacturschutz, weil es besser sei, lieber Fabiiken als 
Fabricate einzuführen. Auf die tiefem Gründe dieses ^ er- 
langens können wir jedoch erst eingehen, wenn wir das Listsohe 
Gesetz der Bevölkerungscapacität dargelegt haben werden. An 
dieser Stelle kommt es darauf an, die Unabhängigkeit des 
wirthschaftlichen Nationalitätsprincips von dem Schutzsystem 
zu erläutern. Ein entscheidendes Beispiel für diese Unabhän 
gigkeit bilden die Fragen, welche sich an die Gestaltung der 
Eisenbahntarife knüpfen. In letzterer Beziehung kann man 
das solidarische Interesse der Nation wirksam ins Auge fassen 
und durch die Regelung der Bahntarife eine Handels- und Wirth- 
schaftspolitik üben, die ohne irgend welche Ausschliessungs 
grundsätze und mithin in ganz positiv unterstützender Weise 
die Interessen der nationalpolitischen Wirthschaftsgemeinschaft 
wahrnimmt. In dem Maasse, in welchem das, was man 
früher als Mittel zum Zweck ansah, sich als hinfällig und illu 
sorisch zeigt, müssen positive und direct fördernde Zurüstungen 
•die Volksindustrie planmässig entwickeln. Das Element der 
Ausschliessung hört dann auf, die am meisten wesentliche Rolle 
zu spielen, und es tritt an dessen Stelle die positive Zusammen 
fassung der wirthschaftlichen Volkskraft durch die verschieden 
sten und schliesslich durch die socialitären Institutionen. Hi emit 
sind wir jedoch bei der Grenze angelangt, an welche die List- 
schen Ideen nicht mehr heranreichten, obwohl sie denjenigen, 
welcher dieselben heut aufnimmt, sehr leicht weiter tragen und 
ihm bei einiger Vertiefung in ihren Geist die wichtigsten Auf 
schlüsse erlheilen. 
6. Die Nothwendigkeit der Einhaltung des wirthschaftlichen 
Nationalitätsprincips wurde von unserm Autor an den Schick 
salen der einzelnen Nationen der neuern Zeit erfahrungsmässig 
entwickelt und in dieser Gestalt zum ersten Abschnitt seines 
Dttbring, Geschichte der Nationalökonomie. 2. Auflage. 23
        <pb n="370" />
        354 
Grundwerks gemacht. Diesem historischen Ausgangspunkt 
entsprachen in seiner eignen individuellen Beobachtung die Er 
eignisse nach den 1815 beendigten Kriegen. Die Schädigungen, 
welche durch das plötzliche Ein strömen der Brittischen Artikel 
für die Fabriken erwuchsen, die unter dem Schutz der natür 
lichen oder künstlichen, aus dem Kriegszustände hervorgegan 
genen Absperrung möglich geworden waren, — diese mir allzu 
sichtbaren Verletzungen der einheimischen Production sind cs 
zuerst gewesen, was den patriotischen Nationalökonomen schon 
früh bewogen hat, die herkömmlichen Schuldoctrinen aufzugehon. 
Die Kenntnissnahmo von den Nordamorikanischen Zuständen 
musste ihn in dieser Richtung bestärken, und er verdankt dem 
Umstande, dass er die Bücher der alten mit dem Buch der 
neuen Welt vertauschte, einen grossen Theil der Originalität 
seiner Anschauungen. Die Beschränktheit der Europäischen 
und namentlich der continentalen Auffassung musste weichen, 
sobald die Tiefe des Deutschen Geistes mit den transatlanti 
schen Thatsachen in Berührung kam. Dort vollzogen sich 
wirthschaftliche Hergänge, die sich in der alten Welt über 
Jahrhunderte erstreckt haben, bisweilen in Jahrzehnten. Dort 
Hess sich das Werden der ökonomischen Thatsachen und das 
Spiel der Veränderungen noch unmittelbar überschauen, und 
noch heute muss man behaupten, dass es für die Ausbildung 
ökonomischer Theorien kein geeigneteres Mittel giebt, als das 
unbefangene, von dem Schulstaub der alten Welt befreite Stu 
dium der mannichfaltigen Nordamerikanischen Verhältnisse. 
Wie schon erwähnt, ist in der That derjenige Satz, ded 
List in seiner Entwicklung an zweiter Stelle auftreten lässt, 
und welcher den Nerv der reinen, nicht historischen Theorie 
vertritt, zum Theil dieselbe Idee, welche später von Carey in 
weit vollendeterer Gestalt ausgeführt und schliesslich in einer 
dritten Entwicklungsform von mir zum Ausgangspunkt der 
kritisch socialitären Oekonomie gemacht wurde. Nicht die 
historische Wendung, welche List der Nationalökonomie gab, 
und welche nicht ohne politisch romantische, der Zeit mehr 
als der Person zuzuschreibende Beimischungen bleiben konnte, 
sondern sein Aufschluss über den Gegensatz der productiven 
Kräfte und der Werthe ist der theoretische Mittelpunkt seiner 
Leistung. Von diesem Centrum aus hat er in der That zuerst 
den erheblichsten Schritt gethan, die Smithsche Art dos ökono-
        <pb n="371" />
        — 355 
mischen Denkens mit einer weniger beengten Methode zu ver 
tauschen. ... 
El- kritisirte das Smithsche System dahin, dass es einseitig 
eine Theorie der Tauschwerthe oder, wie wir vom heutigen 
Standpunkt der Wissenschaft kurzweg sagen können, eine 
Theorie der Werthe gewesen sei. Es sei daher erforderlich, 
dass die productiven Kräfte als solche und unabhängig von 
den Werthen ins Auge gefasst würden. Die Productivität einer 
nach Werthen berechneten Aufwendung stehe zu diesen Werthen 
in keinem solchen Yerhältniss, dass man von den letzteren un 
mittelbar auf die erstere schliessen könne. Es sei vielmehr 
der Erfolg der Anlegung von Werthen je nach der Richtung 
und den Chancen ein sehr verschiedener. Nicht das Sparen, 
sondern die positive Production sei das Entscheidende. Die 
Smithsche Theorie der Oapitalentstehung sei unhaltbar, weil 
sie die Natur der productiven Wirkungen verkenne. Wo die 
vorhandenen Wirthschaftsmittel einer höheren und feineren 
Gattung von Thätigkeit zugeführt würden, da sei auch der 
grössere productive Erfolg vorhanden. Da nun die Stufe der 
Manufacturen in der nationalen Entwicklung eine höhere ist, 
als die des ihr vorangehenden und aus diesem Grunde noch 
rohen Ackerbaus, so liegt der Fortschritt der wirthschaftlichen 
Macht eines Volkes unter solchen Voraussetzungen in der Be 
förderung der eigentlichen Industrie. Das Reich von produc 
tiven Institutionen, welches in dieser Richtung geschaffen wird, 
steht in seiner wirthschaftlichen Bedeutung in keinem er 
hältniss zu der Geringfügigkeit der Werthe oder Capitalien, 
die zu seiner ursprünglichen Begründung und zur Ueberwin- 
dung der ersten Hindernisse etwa auf Kosten der Gesamnit- 
heit der Nation verwendet werden mussten. 
Akmsmhtdmi^^R^^^ B^mffmng der TTæ^m; aRem 
weit wichtiger ist derjenige Sinn, den sie auch abgesehen von 
dem Princip der öffentlichen Unterstützung der Industrien im 
blossen Hinblick auf die Erklärung der wirthschaftlichen Er 
scheinungen einschliesst. Die gesammte trübere Volkswirth- 
schaftslohre hatte sich in einer fehlgreifenden Idee von der Be- 
ziehung der Productivität oder Ergiebigkeit zum Werth oder 
Kostenaufwand bewegt. Sie hatte die eine mit dem an ern 
verwechselt und unwillkürlich beide für einerlei gehalten. Die 
Smithsche Unterscheidung von Gebrauchswerth und Tausch-
        <pb n="372" />
        356 
werth war nicht geeignet gewesen, über jenes Vorurtheil liin- 
wegzuhelfen. Allerdings hatte sich schon hei Ricardo eine 
Unterscheidung eingefunden, welche dahin zielte, die Einsicht 
in den Gegensatz von Nutzen und Kosten ernstlicher anzu 
bahnen. Allein erst bei List findet sich die fundamentale Idee, 
dass der productive Erfolg, wenn man ihn an sich selbst nach 
Maassgabe der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse veran 
schlagt, von dem Aufwande an Werthen oder überhaupt von 
dem W er the unabhängig sei, der bei der Erzielung jenes Er 
folges für Ueberwindung der Hindernisse in Rechnung kam. 
Das Listsche Beispiel von den zwei Landwirthen, die ihre Mittel 
bei der Erziehung ihrer Söhne nach ganz verschiedenen Grund 
sätzen und Richtungen anwenden, ist freilich nicht viel mehr 
als ein zur Vergleichung dienendes Bild. Der eine spart in 
kurzsichtiger Weise und vermehrt seine Werthe, indem er 
seine Söhne nach der alten Art aufwachsen lässt und auch 
übrigens bei der hergebrachten Routine in der beschränktesten 
Weise verbleiht. Der andere logt einen Theil seiner Mittel in 
der Beschaffung von Einsicht und Tüchtigkeit zur rationelleren 
Bewirthschaftung an und erhöht auf diese Weise die ökono 
mische Macht seiner Nachfolger. Seine Söhne werden nach 
der Listschen Voraussetzung zwar zunächst diejenigen Werthe 
nicht besitzen, welche für ihre Ausbildung zu rationellen Land 
wirthen aufgewendet werden mussten. Allein sie werden an 
productiver Kraft unvergleichlich mehr gewonnen haben, und 
es wird, sobald sie diese neue ökonomische Macht ins Spiel 
setzen, auch an den Werthen nicht fehlen. Nebenbei hatte 
unser Nationalökonom in diesem Falle auch noch die produc 
tiven Wirkungen vor Augen, welche die Erfindungen und 
überhaupt alle geistigen Functionen, namentlich aber der Unter 
richt, haben müssten. Indessen ist diese Seite seiner Idee die 
schwächere, indem er den Rahmen der materiellen Production 
mit Unrecht verlässt und einem A. Smith grade da einen Vor 
wurf macht, wo ein Vorzug in der gehörigen Abgrenzung vor 
liegt. Trotzdem ist aber nicht zu verkennen, dass die ökono 
mische Macht im Sinne der productiven Kraft durch die 
eigentlich wirthschaftlichen Erfindungen gewaltig gesteigert 
wird, während die aufzuwendenden Werthe im Verhältniss zum 
Erfolg sinken. Der letztere Gesichtspunkt bildet eine charak 
teristische Eigenschaft des Careyschen Systems, und wir wer-
        <pb n="373" />
        857 
den bei der Darstellung des letzteren auf jene fundamentale 
Betraclitungsart näher einzugehen haben. 
An dieser Stelle haben wir dagegen die schwierige Auf 
gabe, eine noch unvollendete Theorie in dieser Eigenschaft 
sichtbar zu machen, ohne ihr irgend etwas unteizulegen, was 
in ihr noch nicht enthalten war. Wir weisen daher ausdrück 
lich darauf hin, dass List wesentlich nur zu der allerdings 
hochwichtigen und bahnbrechenden, aber noch keineswegs die 
ganze Wahrheit enthaltenden Idee gelangt ist, dass die pro 
ductive Wirkung andere Gesetze habe, als der Werth. Indem 
er beide Betrachtungsarten, jede in ihrer Sphäre, als berechtigt 
nebeneinander stellte, Hess er die Frage ofTon, wie denn nun 
das giystem der ivirüischaftlichen ITorgänge einhcutlich aufzu- 
fassen sei, und welche theoretische und praktische Bedeutung 
den neu entstehenden Werthen zugeschrieben werden müsse. 
Die Lösung dieser Schwierigkeit ist durch Carey in der durch 
greifendsten Weise gefördert worden, und unsere kritisch so- 
cialitäre Oekonomie steht heute auf einem Standpunkt, auf 
welchem ein vollständig befriedigender Abschluss dieser wich 
tigsten aller rein theoretischen Aufgaben erreicht ist. 
7. Es braucht wohl in praktischer Hinsicht kaum bemerkt 
zu werden, dass es keine Wirthschaft geben kann, die sich in 
ihren Operationen nicht unmittelbar nach den Werthen zu 
richten hätte. Der einzelne Privatmann sowie jedes gesell 
schaftlich finanzielle Rechtssubject und mithin schliesslich die 
Finanz wirthschaft des Staates selbst müssen der Wert rec 
nung folgen. Kein einziges Interesse kann, wenn es auch aus 
andern Rücksichten fromme Wünsche von entgegengesetzter 
Richtung hegte, seine eigne natürliche Logik verleugnen und 
gegen die entscheidende Rechnung mit den erzielbaren Werthen 
gleichgültig bleiben. Die einzige Frage beruht daher, ganz 
unabhängig von dem theoretischen Sinn des Werthbegriffs, au 
der Unterscheidung des augenblicklichen und des zukünftigen 
Vortheils. Wo kein Organ und kein Interesse vorhanden ist, 
durch welches die Zukunft der Nation als solche vertreten wird, 
da ist auch niemals auf eine besondere Wahrnehmung der 
Wirthschaftssolidarität zu rechnen. Das Gesetz der Interessen 
ist für die Oekonomie das oberste von allen, und schon Adam 
Smith hat gegen die Mechanik der Interessen verstossen, in 
dem er inconsequent bei der Grenze der Einzel wirthschaft, also
        <pb n="374" />
        358 
grade da mit der Anwendung dieses Princips aufliörte, wo es 
die besten Aufschlüsse geben konnte. Die Kritik hat daher 
in dieser Beziehung nicht blos die Listsche Auffassung, son 
dern diejenige der gesummten neuern Oekonomie als für das 
Verständniss der Erscheinungen unzureichend zu kennzeichnen. 
Ein Gesammtinteresse ist noch niemals anders als durch Ver 
mittlung Ton Theilinteressen wirksam vertreten worden. Zu 
diesen vermittelnden Interessen ist natürlich auch dasjenige 
der Staatsleitung selbst zu rechnen. In den politisch freieren 
Gestaltungen sind es aber stets die im Vordergründe stehen 
den Classen, welche durch ihr Uebergewicht in der Gesetz 
gebung die ökonomische Politik bestimmen. Auf diese Weise 
erklärt sich die Geschichte der Wirthschaftspolitik und na 
mentlich der Schutzsysteme. Die letzteren wollen als Wir 
kungen der socialen und politischen Verhältnisse erklärt sein. 
Was sie ergeben, muss ebenfalls nicht blos volkswirthschaft- 
lich im gewöhnlichen engem Sinne des Worts, sondern auch 
socialökonomisch ins Auge gefasst werden. Die durch die 
jeweilige Verfassung ermöglichte Majorität der Interessen und 
Einflüsse wird hier den Gang der Dinge entscheiden, und die 
Theorien, die mit der jedesmaligen Resultante der Interessen 
streiten, werden aller abstracten Wahrheit ungeachtet zunächst 
nichts ausrichten. Die Zeit für ihre praktische Anwendung 
kommt erst in dem Maassc, als sich die ihnen entsprechenden 
Theilinteressen durch den Lauf der Dinge selbst formiren und 
eine einflussreiche Gruppe bilden, die ihr Gewicht in die 
Schaale der öffentlichen Entscheidungen wirft. Nur in den 
äusserst seltenen Fällen, in denen die Interessen ihre Rich 
tung aus blossem theoretischen Missverstand einschlugen und 
ihre Rechnung bei einem aufgeklärten Verhalten noch weit 
besser zu finden erwarten, wird die Theorie unmittelbar einige 
Früchte tragen. Unter dieser Voraussetzung lag aber der 
Fehler oder Vorzug der thatsächlich befolgten Wirthschafts 
politik auch keineswegs in der Interesscnposition an sich selbst, 
sondern in der theoretischen Vorstellung, die mit dieser Posi 
tion verknüpft gewesen war. Irrthümer, die als Wahrheiten 
gelten, können in der theoretischen Propaganda hier natürlich 
dieselbe Rolle spielen und eine vermeintlich aufklärende Wir 
kung üben, wie die Wahrheiten selbst. Eines bleibt aber in
        <pb n="375" />
        ' iWí iiilílilfPlIlffleíiiiWlir 
— 359 — 
alledem gewiss und ein sicherer Compass für die Orientirung 
in der Mischung von Irrthum und Wahrheit, — dies ist die 
ausnahmsloBO Gesetzmässigkeit des Mechanismus der Interessen, 
welcher die Triebkraft für den Einzelnen und das Ganze liefert 
und die theoretischen Vorstellungen nur insoweit in seinen 
Dienst nimmt, als sie seinen Zwecken wirklich förderlich zu 
sein scheinen. 
Wenn nun List Angesichts der Unvermeidlichkeit des 
I^m-e^^^^pmk die EnùMmngd^ Nahmen zum 
Schlagwort seiner ökonomischen Politik machte, so vergriff er 
sich nicht nur in dem Ausdruck, sondern huldigte auch einem 
Princip, welches nur bei dem Vorhandensein eines erziehenden 
Organs zur Anwendung kommen kann. Dieses Organ kann 
nun allerdings vorhanden sein, sobald eine bereits gckräftigto 
Industrie bei dieser weiteren Erziehung zugleich oder viel 
mehr zunächst ihre eignen Interessen verfolgt. Es kann auch 
ausserdem noch und zwar in höherem Maasse vorhanden sein, 
wenn eine persönliche Vertretung der Staatsmacht ihren Ideen 
über die Wohlfahrt des Ganzen Geltung zu verschaffen im 
Stande ist. Im Allgemeinen wird der letztere Fall aber nur 
noch unter halb patriarchalischen oder aber unter dictato- 
rischen Verhältnissen denkbar sein. Abgesehen hievon werden 
immer die verschiedenen interessirten Classen in Frage kom 
men, und der Erfolg ihrer mehrfachen, einander zum Theil 
aufhebenden Bestrebungen wird den Lebenslauf der Nation 
bestimmen. Alsdann ist aber ein Erziehungsinteresse im eigent 
lichen Sinne des Worts nicht aufzufinden. Wo etwa ein vormun - 
schaftlicher Zug auch in die wirthschaftlichen Angelegenhei en 
cingroift, da ist sicherlich kein hoher Erziehungszweck die 
treibende Ursache. Auch in der Oekonomie geschieht nichts 
ohne zureichenden Grund. Dieses Gesetz ist so sicher wie der 
abstracto logische Satz, dom es entspricht. Der zureichen e 
Grund ist das Interesse, und was auch sonst aus andern Ruc - 
sichten geschehen möge, so ereignet es sich nicht n^h dem 
treibenden Gesetz der Oekonomie, falls es aus dem Rahmen 
iones obersten Satzes heraustritt. Aus diesem Gesichtspunkt 
beo-reift sich die Politik der socialökonomischen Gruppen und 
Dateien ebenso wie diejenige der Regierungselemente und 
speciell der Vertreter der Staatsfinanzen. Es ist daher, abge-
        <pb n="376" />
        360 
sehen von den erwähnten Fällen besonderer politischer Ge 
staltung, eine Täuschung, einen patriotischen Erzieher zur 
grösstmöglichen wirthschaftlichen Kraft vorauszusetzen. Für 
die Existenz eines solchen ist im Allgemeinen keine Ursache 
aufzufinden, und ohne Ursache in Form dos eignen Interesse 
geschieht in wirthschaftlicher Hinsicht, genauer besehen, gar 
nichts. Philanthropie und Enthusiasmus liegen ausserhalb der 
eigentlich ökonomischen Beweggründe, und wo die rein poli 
tischen Rücksichten einen Verzicht auf das wirthschaftlich Zu 
trägliche fordern, da sind wiederum nicht speöifisch ökonomische 
Gesetze im Spiele. 
Man könnte nun noch an eine Selbsterziehung der Nation 
denken, die aber alsdann nicht mehr diesen Namen von vor 
mundschaftlichem und autoritärem Beigeschmack verdienen 
wüide. In der That strebte die Listscho Anschauung in dieser 
Richtung weiter, gelangte aber nicht bis in das Gebiet, in 
welchem allein von einer solchen eignen Wahrnehmung der 
höheren wirthschaftlichen Interessen des Ganzen die Rede sein 
kann. Letzteres ist erst da einigermaassen der Fall, wo die 
socialen Interessen von der Grundlage der letzten Volksschicht 
ausemewirksame Vertretungfinden. DieArbeitmussschliess- 
hch immer mehr darauf ausgehen, die höheren Stufen der Volks - 
wirthschaftlichen Thätigkeit zu erreichen, und sie wird in diese 
Richtung von stärkeren Kräften getrieben, als es bei der Ge- 
sammtheit ihrer Leiter nur irgend der Fall sein kann. Die 
breite Grundlage des gesammten Volks ist kein Theil, sondern 
das Ganze. Sie ist daher auch keine Partei und hat keine 
Partialinteressen. Ihr Collectivinteresse, wahrhaft und am Leit 
faden richtiger Ideen festgostellt, muss auch die günstigste 
^mmirungdergerechtenlnterosson allerEinzelneneinschliessen. 
Was sich hiebei ausscheidet, sind die ungerechten, d. h. mit der 
Verletzung Anderer verbundenen GlassenVorrechte und Be- 
günstigungen. Von diesem Standpunkt lässt sich die gleichsam 
atomistische oder individualistische Theorie mit der höheren 
Betrachtungsweise der organischen Kräfteformen vereinigen, 
und die Gestaltung, einer eigentlichen Volksökonomie ohne 
vormundschaftliches Erziehungsprincip weit besser begreifen. 
Hienach sind die Listschen Theorien in ihrer reinen, von 
besondern Anwendung getrennten Gestalt, von weit grösserer 
Tragweite als die Gesichtspunkte, durch welche die Praxis des
        <pb n="377" />
        361 
Schutzsystems gerechtfertigt werden soll. Wo diese Praxis 
vorhanden ist, da erklärt sie sich nicht aus demjenigen Grunde, 
welchen unser Nationalökonom am meisten betonte, und den 
er selbst für eine hinreichende Garantie seiner patriotischen 
Ziele hielt. Nicht irgend ein Zweck, den sich irgend eine 
Macht zum Heile des Ganzen versetzte, sondern gleichsam im 
Rücken treibende und vorherrschend individuelle Ursachen sind 
es, welche die Wirthschaftspolitik bestimmt haben. Die Staaten 
werden eher zu Staub zerrieben werden, als von den Früchten 
des industriellen Erziehungsenthusiasmus auch nur das Ge 
ringste einernten. Die Begeisterung der Einzelnen mag an 
sich selbst und in Verbindung mit wirklichen Interessen Einiges 
zu Wege bringen; — die Gesetze der allgemeinen Mechanik 
der Bestrebungen werden hiedurch auch nicht in einem ein 
zigen Fall abgeändert. Wir müssen uns daher zu denjenigen 
Anschauungen wenden, in denen unser grosser Volkswirth- 
schaftstheoretiker ganz einfach die Ursachen biosgelegt hat, 
vermöge deren die Schutzmaassregeln nach natürlichen und 
unumgänglichen Gesetzen eintreten. Wir werden aus dem Con 
trast, in welchem sich diese äusserst gelungenen Erklärungen 
zu dem eben gekennzeichneten verfehlten Theil der „patrioti 
schen Phantasien” befinden, deutlich erkennen, dass es auch 
in unserm Gebiet, ganz wie in jeder strengen Wissenschaft, 
ein methodischer Fehler ist, sich von der Betrachtung der 
eigentlichen Ursachen zu entfernen und Zwecke für wirklich 
zu halten, die nirgend objectiv vorhanden waren oder sind. 
8. Eine der genialsten Ideen, durch welche List den Grund 
zu einem Yerständniss der natürlichen Wirthschaftspolitik ge 
legt hat, ist diejenige, welche wir als Gesetz der Bevölkerungs- 
capacität entwickeln wollten. Dieser glänzende Gedanke, wel 
cher linvergleichlich weiter trägt, als alle Bemühungen Mal- 
thusianischer Art, lässt sich sehr einfach ausdrücken. Jeder 
Wirthschaftszustand hat eine bestimmte Fassungskraft für Be 
völkerung. Geht er in eine höhere Form über, so wird diese 
Fassungskraft gesteigert. Nun ist im Rahmen der Vorstellungen 
unseres Nationalökonomen der Uebergang vom Ackerbaustaat 
zum Industriestaat das am besten erläuternde Beispiel für jenen 
¡Sachverhalt. Die Bevölkerung, die sich unvermeidlich stauen 
müsste, wenn man beständig bei einer und derselben rohen 
Form des Ackerbaus bliebe, kann sich frei entwickeln und
        <pb n="378" />
        362 
wird erheblich vermehrt, indem sich die eigentliche Industrie 
ausbildet. Eine aus Ackerbau und höherer Industrie bestehende 
Volkswirthschaft entwickelt mehr Versorgungskraft und bietet 
mehr Existenzbedingungen, als der ausschliessliche und hio- 
durch stets zur Rohheit verurtheilte Ackerbaustaat. Der Ein 
tausch der Fabricate von dom fernen Ausland ist ein in doppelter 
Beziehung ungünstiges Geschäft. Der Verkauf der eignen Roh 
stoffe bringt verhältnissmässig wenig, da die Transportkosten 
sehr viel verschlingen und für den ursprünglichen Produconten 
nur einen Rest des Preises übrig lassen, der auf dom fernen 
Markt erzielt wird. Dieser geringe Preis wird nun aber noch 
ausserdem in Fabricaton bezahlt, die sich durch den weiten 
Bezug ebenfalls gewaltig vortheuern. Auf diese Weise besteht 
das Ergebniss des ganzen Handels darin, dass die Ccrcalieii- 
und Rohstofferzeugung, die ausschliesslich oder vorwiegend auf 
den entfernten ausländischen Absatz angewiesen ist, zur Be 
schaffung äusserst weniger industrieller Eobensbedürfnisso um 
den 1 reis einer grossen Menge ackerbaulicher Product© führt. 
Viel geben und Wenig erhalten — das ist hier das Grundgesetz. 
Sollen also Ersparungen ointreton, so muss die Wirthschafts- 
vorfassung geändert werden. Die Bevölkerung, für welche in 
dem bisherigen Eandbau keine höher productive Verwendung 
voihandon ist, muss in die eigentlichen Industrien geworfen 
werden. Sie muss fabrikmässig spinnen und weben; sie muss 
die Maschinen herstellen, die der Landbau bei seiner bisherigen 
Verwerthung der Producto nicht im Stande war, von dem 
fernen fremden Markt zu beziehen, weil er die gewaltigen 
Kosten der Ilerbeischaffung nicht zu tragen vermochte. Wird 
auf diese Weise eine eigne Industrie erzielt, so ist der Vor 
theil ein doppelter. Es ist der Bevölkerung ein neuer Canal 
eröffnet, und cs ist ein Weg vorhanden, auf welchem neue, 
bisher unbekannte Capitalien geschaffen werden. Die Volks 
kraft wird in einer höheren Art productiv. Sie verzehrt die 
Erzeugnisse des Landbaus in grösserer Nähe und bietet dafür 
Fabricate ebenfalls aus grösserer Nähe. Sie bildet in doppelter 
Beziehung einen Markt, nämlich als Bezugsquelle für die Be 
dürfnisse des Landwirths und als Abnehmer seiner Producto. 
Sie vertritt den Markt, wo man am theuerston verkauft und 
am billigsten einkauft; denn dieser Markt ist in seiner Tota 
lität erst neu producirt und um die geringsten Kosten zu haben
        <pb n="379" />
        363 
gewesen. Man hat ihn sich mit eigner Bevölkerung und eignen 
Nahrungsmitteln beschafft und ihn gleichsam aus diesen beiden 
Elementen construirt. Die neue Disposition, welche hiemit in 
der Volkswirthschaft eingetreten, ist weit vollkommener als 
der frühere Zustand. Sie repräsentirt eine grössere Theilung 
der Arbeit und zugleich eine innigere Vergesellschaftung. Doch 
wollen wir die Kennzeichnung dieser Verhältnisse hier nieht 
weiter ausdehnen, als für nnsern nächsten Zweck erforder- 
lich ist. 
Die Bevölkerungscapacität ist mit einer solchen Formver- 
änderung der Volkswirthschaft und Gesellschaft gestiegen. Die 
entwickeltere Industrie wirkt auf den Ackerbau zurück und 
versetzt denselben durch die Darbietung neuer Wirthschafts- 
mittel und durch die Ermöglichung einer grösseren Production 
ebenfalls in eine neue verbesserte Lage. Die so vollzogene 
Umgestaltung beweist nun, dass die Vermehrungsmöglichkeit 
nicht von der aussermenschlichon Natur, sondern von der jedes 
maligen Organisation der productiven Mittel, d. h. von der 
Art und dem Arrangement der Arbeitsleistungen abhängig ist. 
Weiterhin müssen natürlich auch noch die socialen Verfassungs 
formen in Frage kommen; doch hiemit hat sich List selbst 
nicht beschäftigt. Statt dessen hat er die Entwicklung zum 
Ilandelsstaat als die nächste weitere Stufe aufgeführt. So er 
heblich nun aber auch der Weltmarkt für die Industrie ist, so 
darf man doch nicht vergessen, dass der auswärtige Handel 
den Rahmen der Nation verlässt, und dass seine Einwirkungen 
zwar die Bevölkorungscapacität ebenfalls vermehren, aber doch 
keineswegs für die Veranschaulichung dieses Gesetzes dieselbe 
Bedeutung haben, wie die Eröffnung der höheren indus^iellen 
Arbeit. Nur soweit die letztere durch den auswärtigen Handel 
mehr ins Spiel gesetzt wird, als ohnedies oder durch intensive 
Ausbildung des innern Marktes geschehen würde, kommt ein 
solcher Handel für die Formveränderung der bisherigen Wirth- 
schaft in Frage. 
List wiir zu einer Tollständigen Ausbildung dieses Meta- 
morphosongesetzes der Wirtlischaftszustände auf Amerikam- 
scliem Boden gelangt und dort, wo die Feststellung desselben 
nur einen unbefangenen Blick erforderte, ist dasselbe auch in 
noch vollkommnercr Weise von Carey dargelegt und mit neuen 
cio-onthümlichen Gesichtspunkten bereichert worden. Eine
        <pb n="380" />
        36á 
î-f-hi 
I a. 
energische Hinwegsetzung über die Autorität der verschulten 
Oekonomie gehörte allerdings in beiden Fällen zu der Er 
reichung der bessern Einsicht. Der Schauplatz allein war nicht 
im Stande, die Theorie zu bilden; andernfalls hätten die Lehr 
linge der ökonomischen Scholastik, an denen Nordamerika bis 
auf den heutigen Tag keinen Mangel leidet, doch auch etwas 
davon bemerken müssen. Statt dessen übertrafen und über 
treten sie noch jetzt ihre Lehrherren nur dadurch, dass sie 
die Oberflächlichkeiten der letzteren noch weiter verflachen. 
Doch wir wollen hier nicht einer Kennzeichnung des Ameri 
kanischen Ablegers der specifisch Englischen und nicht einmal 
mehr als Schottisch zu^ bezeichnenden Wirthschaftslehre vor 
greifen. ' 
Nachdem wir das wirthschaftliche Gesetz der Bevölke 
rungsvermehrung als Capacitätstheorie hingestellt haben, müssen 
wir zur Vorbeugung von Verwechselungen ¡mit ¡vermeintlichen 
Bestandtheilen der Malthusschen Vorstellungen noch ausdrück 
lich bemerken, dass die beiden Factor en, welche durch das 
Listsche Gesotz mit einander verglichen werden, die mensch 
lichen Kräfte und die ihnen gegenüberstehenden Bedürfnisse 
sind. Das Gesetz ist daher ein eminent sociales und betritt 
das Verhalten des Menschen zu sich selbst. Das von Natur 
Vorhandene oder Mögliche kommt hiebei nur indirect und in 
zweiter Linie in Frage. Auch ist durchaus mit jenem Gesetz 
nicht gesagt, dass ein Gedränge der Bevölkerung als die Ur 
sache der Veränderung in der wirthschaftlichen Verfassung an 
gesehen werden müsse. Initiative und Zugkraft können in dem 
technischen Fortschritt liegen. Wo aber eine Stauung die 
entscheidende W^endung einleitet, wie wir beispielsweise vor 
ausgesetzt haben, da darf man nicht eigentlich von einem 
Drängen auf die Nahrungsmittel, sondern muss von einem 
Drängen gegen die Schranken des bisherigen Wirthschafts- 
zustandes reden. Eine solche exacte Auffassung erklärt die 
W^irkung des Gesetzes auch da, wo es sich um eine im engem 
Sinne des Worts sociale Weiterbildung der beengten Verhält 
nisse der ökonomischen Verfassung handelt. Doch ist dieser 
Anwendungsfall bei der Erörterung Lists nicht am Orte, und 
wir begnügen uns daher damit, die Idee in ihrer Allgemein 
heit und ohne weitere Verfolgung ihrer historischen Gonse 
quenzen unzweideutig verzeichnet zu haben.
        <pb n="381" />
        365 
9. Es stellt für die unbefangene Volkswirtbscbaftslehre 
gleich einem mathematischen Satze fest, dass die höheren; Ge 
bilde des volkswirthschaftlichen Lebens und auch die grössere 
Kraft in denjenigen Gestaltungen zu suchen sind, in welchen 
die feineren Formen der Thätigkeit den grössten Umfang ge 
wonnen haben. Der Streit kann sich nicht um diesen theore 
tischen Satz, sondern nur um die Mittel und Wege drehen, 
durch welche eine solche Veredlung der Volkswirthschaft that- 
sächlich bewirkt worden sei oder bewerkstelligt werden könne. 
Wir haben in Nr. 7 den Mangel eines industriell erziehenden 
Organs erörtert, und es bleibt daher, um dem Nationalökonomen 
der Deutschen auch in seiner geschichtlichen Anschauungs 
weise gerecht zu werden, nur noch die Frage übrig, ob nicht 
die Eifersucht der Völker und sogar diejenige einzelner Classen 
als eine nicht blos naturgesetzliche, sondern auch unter Vor 
aussetzung richtiger Ideen nützlich wirkende Triebkraft anzu 
sehen sei. List hält an dem Retorsionsprincip fest, und in der 
That lassen sich Repressalien sowie alle Arten von Gegen- 
maassrcgeln im Allgemeinen ganz natürlich begründen. Was 
aber die Selbsterbaltung der Völker anbetrifft, so dient ihr 
auch in wirthschaftlicher Beziehung die Eifersucht, und die 
Erkenntniss dieses naturnothwendjgen Verhältnisses führt auf 
den kritischen Standpunkt der Beurtheilung aller Abwehr- und 
Ausschliessungsmaassregeln. Eine andere Würdigung als bei 
dem Einzelnen, darf aber auch für die Völker im Hinblick auf 
die Rolle der Eifersucht nicht eintreten. Derartige Regungen 
sind naturgemäss nur die Hüter der eignen Integrität, und sie 
werden nur da wohltbätig wirken, wo sie nicht mit Verstandes- 
irrthümern gepaart sind. 
Acusserst natürlich gestaltet sich die Listsche Theorie da, 
wo sie das Schutzsystem aus den Verhältnissen hervorgehen 
lässt, welche durch die von einem Kriege unterhaltene Ab 
sperrung geschaffen wurden. In diesem Falle können Industrien 
entstanden sein, die durch den Frieden vernichtet werden 
müssten, wenn die ausländische Concurrenz sofort wieder ein- 
trätc. Die frühere Abschliessung wird daher schon nach dem 
Gesetz der Erhaltung einer gewissen Stetigkeit und im Inte 
resse der ökonomischen Positionen, die mit grossen indivi 
duellen und nationalen Opfern errungen sind, eine besondere 
öffentliche Unterstützung nöthig machen. Andernfalls würde
        <pb n="382" />
        866 — 
man grosse Eigenthums- und Capitalmassen zerstören und mit 
dem Princip der möglichsten Rücksicht auf das an Productiv 
kräften einmal Erworbene brechen. Auch würde man jene 
indirecten Opfer verlieren, die durch den Krieg seihst auferlogt 
wurden, indem sich die Nation während desselben hei Bezug 
der einheimischen Artikel ganz so besteuern musste, als wenn 
die Hinderung einer anderweitigen Beschaffung durch einen 
Zoll bewerkstelligt gewesen wäre. Ja der Verzicht, dem sich 
das Volk unterwerfen musste, konnte noch grösser sein, da die 
Artikel der neuen Industrien oft gar nicht hinreichend zu be 
schaffen sein mochten. Was auf diese Weise nicht blos durch 
höhere Preise, sondern unter Umständen durch äusserste Ent 
behrungen erkauft worden ist, darf nicht seinem Schicksal 
überlassen werden, sondern hat ein Recht zu verlangen, dass 
die zufällige Frucht des Ringens mit andern Nationen nicht 
mit der Beendigung des Waflengebrauchs in einem anderartigen 
Kampfe zerdrückt werde. Namentlich hatte List bei der er 
wähnten Theorie das Ende der Napoleonischen Kriege und die 
Wirkungen der Gontinentalsperre vor Augen. 
10. Ein Fundamentalpunkt in der Listschen Theorie ist 
die Auffassung der Entstehung des Capitals aus dem positiven 
Gesichtspunkt der Production, während die bei Adam Smith 
\'ertretene Anschauungsweise nur auf die secundäre Form des 
Sparens blickt und auf die letztere ein solches Gewicht legt, 
als wenn alles Uehrige gleichgültig wäre. Smith glaubte sogar 
eine Verbesserung einzuführen, indem er einen Ueberschuss 
der Production über die Consumtion, der nur durch das Sparen 
der Privatleute erzielt werde, an die Stelle der natürlicheren 
Vorstellungen setzte, welche die productiven Leistungen als 
das Entscheidende betrachteten. Er verfuhr allerdings hiemit 
ganz im Sinne seines gesummten Gedankenkreises; denn auch 
für die Arbeit und deren Productivität hatte er nicht etwa ein 
Gesetz der Bewaffnung der menschlichen Kräfte, sondern das 
jenige der Arbeitstheilung an die Spitze gestellt. Wer auf 
diese Weise die in erster Linie entscheidenden Steigerungs 
mittel der Ergiebigkeit menschlicher Arbeit als Nebensache be 
handeln konnte, entsprach nur seiner sonstigen Anschauung, 
indem er auch die Capitalbildung erst in der untergeordneten 
Vermittlungsform untersuchte und sich so den Gesichtskreis 
beengte. Der Begriff des Capitals ist überhaupt bei Smith
        <pb n="383" />
        367 
mehr vom privaten als vom nationalükonomischen Standpunkt 
behandelt. Es erscheint bei ihm das Capital zunächst und vor 
nehmlich als Mittel des privaten Geschäftslebens und soll durch 
blosse Summirungen zum Capital im volkswirthschaftlichen 
Sinne werden. Angesichts des Yorherrschens dieser Auifas- 
Bungsart musste grade die Capitaltheorie am meisten misslingen, 
und sie repräsentirt auch wirklich den beengtesten Theil des 
von Smith dargestellten Ideenkreises. Das wenige Richtige, 
was sie einschliesst und was sich auf vereinzelte Bestandtheilo 
der Beweggründe und allernächsten, nicht weiter ergründeten 
Ursachen des privaten Handelns beschränkt, konnte die gewal 
tigen Mängel nur in den Augen einer mit ihrem TYissen und 
Denken völlig abhängigen Schülerschaft verdecken. Ein List 
musste aber die Unhaltbarkeit jener höchst beengten Ansicht 
vom Capital und dessen Entstehung zugleich mit den prakti 
schen Täuschungen erkennen, die als Folgerungen an jene 
eingeschränkte Vorstellungsart geknüpft wurden. Er bezeich- 
nete den Inbegriff dieser Folgen als Hunger- und Sparsystem 
und deutete hiemit zugleich an, dass sich seine Kritik in einer 
ähnlichen Richtung bewege, wie die socialen Bestreitungen des 
Smithschen Gesichtspunkts. Bei dieser Gelegenheit mag auch 
bemerkt sein, dass der Nationalökonom der Deutschen den so 
cialen Regungen ausdrücklich eine Zukunft in Aussicht stellte, 
obwohl sich der Zielpunkt seiner eignen Bestrebungen auf das 
Nationale und den modernen Industrialismus einschränkte. 
Uebrigens ist es nicht zu verwundern, dass sich die richtigeren 
Theorien begegnen und in wesentlicher Uebereinstimmung be 
finden, wenn sie auch von den verschiedensten Ausgangs 
punkten entspringen. In der Capitaltheorie concentrirte sich 
bisher der gesammte ökonomische Kriticismus, und es giebt 
keinen wirthschaftlichen Begriff, der so sichtbar wie derjenige 
des Capitals und der zugehörigen Entstchungsart den Mittel 
punkt der erheblichsten zugleich theoretischen und praktischen 
Streitigkeiten rcpräsentirto. Es giebt tiefere Probleme, welche 
die Grundlagen der wissenschaftlichen Oekonomie noch näher 
berühren; aber es giebt keines, welches in gleicher Wahrnehm 
barkeit auch einen praktischen Angelpunkt bildete und sich für 
Joden, der nur ein wenig nachdenkt, in gleichem Maasse als 
ein Brennpunkt der verschiedensten Richtungen offenbarte. 
Das „falsche Spiel”, welches schon List aus der beschränkten
        <pb n="384" />
        368 
í nî 
imd selbstsüclitigcn Auffassung der Capitalbildung bervorgeben 
sab, bestand und bestellt nocb beute in der vermeintlicb wissen- 
scbaftlicben Rechtfertigung eines Maximaldruckes, der auf die 
Consumtion des Arbeiters geübt werden müsse, um die soge 
nannte Aufhäufung der Gapitalien recht ergiebig zu machen. 
Die schon erwähnte Bezeichnung dieser letzteren Tendenz als 
„Hunger- und Sparsystem” ist völlig zutreffend; denn der den 
Arbeitern auferlegte Zwang zu einem möglichst geringen 
Maasse des Verbrauchs, nicht aber die eigne Frugalität und 
Consumtionsenthaltung der Capitalistcn und Unternehmer soll 
durch die engherzige und heut nicht mehr blos trügcrisQjie, 
sondern bewusst betrügerische Theorie beschönigt werden. 
Bei Gelegenheit einer zutreffenderen Gestaltung der Vor 
stellungen von den internationalen Handelsbilanzen hat List 
die mercantile Beengtheit des Begriffs erweitert und ist zu der 
Idee gelangt, dass die Verwandlung laufender Diffcrenzschuldcn 
in dauernde Capital- und Zinsvcrbindliehkeiten ein Weg sei, 
Tributphichtigkeiten und überhaupt ökonomische Abhängig 
keiten zwischen Völkern und Völkern zu begründen. Durch 
Vermittlung von Krisen, Bankerotten, Eigenthums- und Capi 
talerwerbungen, sowie überhaupt durch die Constituirung von 
Zinsfeudalitäten kann in der That die Summe ungünstiger 
Austauschbeziehungen, die aus den verschiedensten Gründen 
platzgreifen mögen, zu einer ökonomischen Sklaverei von Län 
dern gegen Länder, von Provinzen gegen Provinzen und von 
Classen gegen Classen hinführen. Man sieht, dass der Kern 
dieses Gedankens mit der zufällig protectionistischen Schaale 
nicht untrennbar verwachsen ist. 
11. Gehen wir nach der Betrachtung der wesentlichen 
Züge des Listschen Gedankenkreises zu einer Würdigung des 
Systems als eines Ganzen über, so finden wir zunächst, dass 
es dieser frischen und einheitlichen Leistung zu besonderer 
Ehre gereicht, mit den Verschulungserzeugnisscn, die in Gestalt 
Deutscher Lehrbücher gleichzeitig oder im Laufe des nächsten 
Vierteljahrhunderts zur Welt gekommen sind, durchaus unver 
gleichbar zu sein. Es bestätigt hiedurch die allgemeine Regel, 
dass die schöpferischen Geister hoch über dem Treiben der 
Schulverkommenheiten ihren Platz haben. Da jedoch nicht 
selten der Fall eintritt, dass die beschränkte Eitelkeit eines 
Scholarchen für eine Spanne Zeit dahin gelangt, einen Theil
        <pb n="385" />
        — 369 — 
des Publicums zu täuschen und vertrocknete, geistlose After- 
gcbildo einer stumpfen Belesenheit und kritiklosen Exccrpten- 
woishcit als eine besondere Methode, als einen neuen Stand 
punkt und wohl gar als überlegene Vereinigung alles Früheren 
auszugeben, so müssen wir hier bei Gelegenheit Lists eine 
dieser Anmaassungen zurückweisen, .weil sie die Fahne der 
Geschichtlichkeit aufgesteckt, aber in der That nur ein Zerrbild 
von Pseudohistorismus zu Tage gefördert hat. Wir müssen 
dies um so mehr, als der Urheber der Manier, die sich im Be 
reich der vorherrschenden Universitätseinflüsse als „historische 
Methode” servirt, sich ursprünglich zu einem Werkzeug der 
Anfeindung und Verkleinerung Lists seitens der scholastischen 
Universitätskreise gemacht hat. Es war dies damals ein noch 
sehr jugendliches, etwa grade majorennes Herrchen, das unge 
fähr zur Zeit, als List in Tübingen Professor gewesen und 
seine politische Rolle gespielt hatte, in die W^elt gekommen 
und nun ein Privatdocent an der ehrsam bezopften Göttinger 
Universität geworden war. Die betreffende Recension in den 
„Göttinger Gelehrten Anzeigen”, welche selbstverständlich erst 
zu Tage kam, als eine in Aussicht stehende dritte Auflage des 
„Nationalen Systems” das blosse Verschweigungssystem un- 
räthlich gemacht und auch dem Urtheil über die sogenannte 
praktische Bedeutung etwas nachgeholfen hatte, — diese Re 
cension vom Juli 1842 ist für den Standpunkt, den die ver- 
schulto Volkswirthschaftslehre nicht blos dem Listschen Werk, 
sondern allen wirklich bedeutenden Erscheinungen gegenüber 
eingenommen hat, so kennzeichnend, dass sie dem künftigen 
kritischen Historiker als kurzes Orientirungsmittel die vorzüg 
lichsten Dienste leisten kann. Dies ist auch der Grund, aus 
welchem wir die sonst individuell sehr gleichgültige Kundgebung 
als Typus der ganzen Gattung besonders berücksichtigen. 
Uoberhaunt ist die Einlassung auf Leute und Machwerke, deren 
Erfolg nur von dem Einfluss der Schulpfründenvergebung und 
von den Examinatorrollen in staatlichen Prüfungscommissionen 
hcrzuleiten ist, für die Geschichte der Wissenschaft überflüssig. 
Die Compilationsschriften und die ihnen zu Grunde liegenden 
Uuiversitätsrollen haben ihre Zeit und gehen nach einer ziem 
lich kurzen Frist der völligen Vergessenheit entgegen. Von 
welchen Leuten hat nicht noch ein List in seiner Vorrede zum 
„Nationalen System” als Universitätsheroen abwehrend Notiz 
Dularing, Geschichte der Nationalökonomie. 2. Auflage. 24
        <pb n="386" />
        m 
genommen, nach denen jetzt Niemand mehr fragt! Was sind 
jetzt die Lotz und was ein Pölitz, von dem List noch als „dem 
geistlosen Inhaber von Deutschlands erstem politischen Lehr 
stuhl” reden musste, um die Leipziger professorale Grösse zu 
kennzeichnen! Höchstens in geistesverwandten Compendien^ 
welche die Erbschaft jener und ähnlicher Traditionen ange 
treten haben, findet ihre Nationalökonomik noch in irgend einem 
Citatenwinkeichen eine verschwindende Erwähnung. Um noch 
an andere Phänomene zu erinnern, so sind die umfangreichen 
Gegenschriften gegen List verschollen, während die frischen 
Athemzüge trotz dos fast erstickenden Schulstaubes die Deutsc ho 
Theorie schliesslich neu belobt und die vollständige Erhebung 
in freiere, hoch über dem Schulstaub belegeno Regionen be 
fördert haben. 
Doch um wieder auf die typische Recension des Herrn 
W. Roscher zurückzukommen, so zeichnete sich dieselbe auch 
noch dadurch aus, dass ihr Verfasser behauptete, das historisch 
politisch Wahre, was die Listscho Schrift enthielte, bereits 
selbst auf dem Katheder vorgetragen zu haben, so dass hionach 
List entschieden zu spät gekommen war. Der Nationalökonom 
der Deutschen hatte zwar schon in Philadelphia die Hauptzüge 
seines Systems zu einer Zeit veröffentlicht, als sein nunmeh 
riger Recensent etwa 10 Sommer zählte. Doch dies konnte 
selbstverständlich nichts verschlagen, da ja das strebsame junge 
Privatdocentchen im Aufträge und unter der Sanction seiner 
professoralen Gönner und künftigen Beförderer gegen den 
aussenstehenden, nicht mehr in der Professorlaufbahn befind 
lichen, nunmehrigen Laien der politischen Oekonomic zu 
schreiben hatte. Glücklicherweise befindet sich in der betreffen 
den Besprechung auch eine Auslassung über das, was an Lists 
Ideen wahr sein soll. Man kann sich hiedurch noch heute 
überzeugen, wie beschränkt und fehlgreifend diese selbstge 
fällige Anerkennung eines vermeintlichen Theils der Listschen 
Gesichtspunkte ausgefallen ist. Abgesehen von der vagen und 
nichtssagenden Zustimmung zu der Berücksichtigung des histo 
rischen und politischen Elements finden sich fast nur Zeug 
nisse für das vollständigste Missverständniss und für die Un 
fähigkeit des Recensionsschreibers, die Ideen eines List auch 
nur annähernd zu fassen. So soll der Nationalökonom der 
Deutschen z. B. Unrecht haben, wenn er die Englischen Korn-
        <pb n="387" />
        371 
Zölle verwirft; denn nach dem wahren historischen Frincip 
folge auf den Manufactnrschutz der Ackerbauschutz, um das 
durch die Entwicklung der Industrie verschobene Gleichgewicht 
wieder hcrzustellen. Ferner wird die wunderliche Wahrheit 
verkündet, dass im Greiscnalter eines Volks die fortschrittlichen 
Elemente vorherrschten. Die Verachtung des „giossen Malthus 
wird natürlich übel vermerkt, und auch der politisch freiheit- 
liche Standpunkt eines List ist dem Recensenten nicht genehm, 
welcher noch schliesslich den Regierungen einen denuncia- 
torischen Wink giebt, dass ein List für sie nicht der rechte 
Mann wäre. 
Aus dem Embryo des Recensenten von 1842 ist auch im 
Laufe eines Mcnschenalters nichts wesentlich Besseres geworden, 
und es hat der Pseudohistorismus dos Herrn W. Roscher an 
sich selbst und in seinen sämmtlichen Auslassungen über 
unsern grossen Nationalökonomen den Contrast zwischen der 
jesuitischen Vorschützung des Historischen und dem ehrlichen 
¡Streben nach geschichtlicher Ableitung nur immer mehr sicht 
bar gemacht. Wenn überhaupt von einer speciellen historischen 
Methode in der Nationalökonomie die Rede sein soll, so ist 
List nicht nur der Begründer einer solchen gewesen, sondern 
auch bis jetzt in Europa der einzige ernstliche Repräsentant 
dieser Auffassungsart geblieben. Dagegen kann ein Mosaik 
von Notizen und Citaten, deren Auswahl und Sammlung von 
nur geringem Urtheil zeugt, verbrämt mit etwas Malthusianis 
mus und halb verhehltem Pietismus, sicherlich keinen Anspruch 
darauf geben, einen besondern historischen Standpunkt zu ver 
treten. Im Gegentheil wird sogar ein Lehrbuch, welches auf 
diese Weise zusammengetragen ist, Mängel haben, die den 
weniger zwitterhaften und anspruchsvollen Gebüden nicht an 
haften. Das Verdienst, welches andernfalls in einer rationellen 
Sammlung und Ueberarbeitung fremder Ansichten liegen könnte, 
wird durch jene Beimischungen beeinträchtigt. In dieser Be 
ziehung ist das Lehrbuch des Herrn Roscher, ganz abgesehen 
von der Malthus-Ricardoschen Färbung, noch nicht einmal von 
derjenigen Solidität und Zuverlässigkeit, welche die zwar sehr 
platten, aber doch nach etwas Rationalität strebenden Rauschen 
Arbeiten in ihrer Art für sich hatten. Wenn die Auflösung 
aller logischen Zucht in der Gedankenhaltung Historismus 
heissen soll, dann haben wir es allerdings in allen Schriften des
        <pb n="388" />
        373 
Herrn Roscher mit diesem durchaus nicht neuen, sondern im 
Reiche der gelehrten Verworrenheit sehr begreiflichen Stand 
punkt zu thun. Griücklicherweise hat die XJebersetzung des 
Roscherschen Lehrbuchs durch den geistesverwandten Herrn 
Wolowski auch den Geschmack und logischen Sinn der Fran 
zosen ins Spiel gebracht und unabsichtlich dafür gesorgt, dass 
die fragliche Abfällesammlung auch einmal jenseits der Behau 
sungen unserer Universitätscoterien eine Würdigung erfuhr. 
Has Achselzucken, mit dem die Prätension einer bcsondcrn 
Geschichtlichkeit in diesem Fall aufgonornmcn wurde, war nur 
zu natürlich. Wir können uns indessen trösten, da der Tact 
unserer Nachbarn nicht danach geartet ist, unsere ökonomische 
Wissenschaft nach officiösen Verschulungsproducton der rück 
läufigsten Art zu messen. 
Wie sich der Pseudohistorismus im Allgemeinen ausnehmo, 
und wie er sich, ganz unabhängig von einer gelegentlichen in 
dividuellen Ausprägung, als wissenschaftliche Entartungser 
scheinung gestalten müsse, habe ich ohne specicllo Rücksicht 
nahme auf irgend eine Person in einem besondern Capitel 
meiner „Kritischen Grundlegung der Volkswirthschafbslehre" 
schon 1866 ausgeführt. Da diese allgemeine Haltung der Sache 
eine böswillige Auslegung erfuhr, so habe ich in meinen Briefen 
über die Krisis der Nationalökonomie 1867 auch speciell Herrn 
Roscher und zwar auch im Hinblick auf die hier in Frage 
stehende Recensirung Lists ein paar Bogen gewidmet. Die 
Ueberwindung, welche eine derartige, durch die kleinlichen 
Gesichtspunkte der übertägigen Vorkleinerer erzwungene Be 
schäftigung mit dem Vorübergehenden denjenigen kostet,] der nur 
die grossen Dimensionen der Wissenschaftsgeschichte und das 
wirklich Bedeutende im Auge hat, wird der unbefangene Leser 
unserer bisherigen Darstellung veranschlagen können. Auch 
wird er begreifen, dass nur die Beziehungen zu Friedrich List, 
dem bisher grössten Deutschen Nationalökonomen, einer An 
gelegenheit Bedeutung geben, die ohnedies mit Stillschweio-en 
zu übergehen gewesen wäre. Nur weil wir wirklich im List- 
schen Buch die Anknüpfungspunkte für eine historische Methode 
und zugleich für eine politische Behandlungsart der National 
ökonomie besitzen, und nur weil sich an Stelle dieser Grund- 
lagen ein verschultes Aftergebilde unter dem täuschenden 
Namen der Geschichtlichkeit wenigstens in den einem List
        <pb n="389" />
        373 
féindlichen Universitätskreison eine Zeit lang breit gemacht 
hat, ohne ernstlich geprüft zu werden, — nur aus diesen 
Gründen haben wir ausser der Erinnerung an jene erste Recen 
sion auch noch den weiteren Anspruch ihres Verfassers in 
Frage bringen müssen. 
Man wird schliesslich fragen, ob nicht der Pseudohistoris 
mus irgend welche eigenthümliche, wenn auch irrthümliche 
Sätze aufzuweisen habe. Allein in dem gänzlichen Mangel 
positiver Eigenthümlichkeiten liegt grade der Umstand, welcher 
das fragliche Gebilde unter das Niveau einer wirklich positiven 
Kritik sinken lässt. Selbst der beste Wille muss hier an der 
Leerheit der Vorstellungen scheitern. Gesetzt, man liesse die 
unnatürliche und unhistorische, aus einer Verzerrung besserer 
Ideen entstandene Vorstellung von einem Mittelalter und 
Greisenalter der Völker einen Augenblick gelten, so fehlte es 
dennoch, auch abgesehen von der Unhaltbarkeit dieses Schema 
tismus, an Nachweisungen von Ursachen für die verschieden 
artige Gestaltung der ökonomischen Wahrheiten in jenen Stadien 
Die Wahrheiten selbst sollen es aber sein, welche dem Pseudo 
historismus zufolge mit den Zeiten wechseln. Die blosse Ver 
änderung der Zustände und der ökonomischen Voraussetzungen 
ist noch von keinem der grossen nationalökonomischen Schrift 
steller und auch nicht von Adam Smith unberücksichtigt gelassem 
worden. Es blieb jedoch der Verkommenheit des sich historisch 
nennenden Compilationismus oder. Deutsch gesagt, der auf 
jedes verstandesmässige Urtheil verzichtenden Zusammen 
trägerei geschichtlicher Lesefrüchte Vorbehalten, die Wahr 
heiten selbst zu verflüchtigen und sogar die Elemente der 
klareren Anschauungen fremden Geistes durch die Nebel der 
eignen Verworrenheit unkenntlich zu machen. Kein Adam 
Smith und, wenn man es streng nimmt, auch kein Ricardo, 
sondern ein verwaschenes schwächliches Abbild von allem 
Schulmässigon, mit erkennbarer Färbung, aber ohne scharf 
markirende Linien, sowie ohne das geringste Verständniss für 
grosse Persönlichkeiten und wirkliche Fortschritte der Theorie, 
— das ist die Leere, die sich hinter der Schaale der falschen 
Geschichtlichkeit oflenbart, sobald die Schriften des Leipziger 
Professors unbefangen untersucht werden. 
12. Kehren wir von der widerwärtigen Uebertägigkeit 
eines falschen Professorrufs zu einer letzten unmittelbaren Be-
        <pb n="390" />
        37á 
trachtung unseres grossen Gegenstandes zurück. Friedrich 
Lists Geschichtlichkeit ist zum Thcil eine wahrhaft prophe 
tische gewesen; denn er durchschaute die sich entwickelnde 
Nothwendigkeit der Bildung grosser Nationalvereinigungen und 
er kennzeichnete am nachdrücklichsten von allen Schriftstellern 
die Ohnmacht der Deutschen Wirthschaftspolitik. Auch für 
eine freiere Metamorphose der Nation worden die Listschen 
Betrachtungen eine Bedeutung behalten. Ja sogar von einem 
höheren theoretischen Standpunkt aus wird die Erkenutniss 
Lists neue Früchte treiben können. Sein echt geschichtliclicr 
Sinn erkannte die Zusammengehörigkeit der wichtigsten Wirth- 
schaftsinstitutionen, wie beispielsweise der centralistischen Bank 
gestaltung mit der Grossstaatcnbildung der neuern Jahrhun 
derte. Wer nun die geschichtliche Kritik gegen diese Ver 
wachsungen politischer und ökonomischer Privilegien und 
Herrschaitsformen kehren will, wird hiemit freilich nicht dom 
in dieser Hinsicht noch gutgläubigen Autor selbst entsprochen, 
wohl aber von seinen Anschauungen den bestmöglichen Ge 
brauch machen. 
Wo die Theorie, wie in der Lehre vom Werthe und in 
der Unabhängigkeit von den Malthus-Ricardoschcn Fehlgriffen, 
namentlich aber in der Auffassung der Grundrente bei List 
einen freieren Charakter hatte, wird sie dem Deutschen Geiste 
je länger je mehr zur Ehre gereichen ; denn sie war die Vor 
wegnahme von dem, was sich zunächst in den Careyschen 
Schriften von andern Ausgangspunkten her vertreten fand, und 
was schliesslich in der Form meines Systems gleichsam einen 
mathematisch sichern Ausdruck gefunden hat. Eine vollere 
Einsicht in die Listschen Wahrheiten wird durch die Unter 
suchung des Careyschen Systems vermittelt. Auch die ge 
schichtliche Zusammengehörigkeit der Gedankenkreise dos 
Deutschen und dos Amerikaners in einer Deutsch-Amerikani 
schen oder, wenn man will, Amerikanisch-Deutschen Ideen 
gruppe wird durch die Vergleichung über jeden Zweifel hinaus- 
gehoben. In einer nicht unwichtigen Beziehung hat sogar List 
etwas anticipirt, was dem National Ökonomen der Amerikaner 
fern geblieben ist, — ich meine die von dem Deutschen betonte 
Wahrheit, dass die Nationalökonomie soweit heruntergekommen 
sei, sich fast ausschliesslich nur noch mit der Bodenrente zu 
beschäftigen. In der That ist es eine arg einseitige Verschrän-
        <pb n="391" />
        375 
kung der freien wissenscbaftlichen Thätigkeit gewesen, den zu 
fälligen Umstand, dass die in England mit den Napolconischen 
Kriegen neu erwachsene Frage der Korngesetzschärfung alten 
Theorien der Bodenrente durch Ricardo zu neuem Leben ver- 
half, für die Doctrin in zwei Welttheilen ein halbes Jahrhun 
dert lang maassgebend bleiben zu lassen. Erst mit der sociali- 
tären Richtung ist dieser Bann vollends gebrochen, und wir 
werden daher die erwähnte Bemerkung Lists von der Enge 
der vorherrschenden Schuldoctrin für Alles gelten lassen müs 
sen, was inzwischen ausschliesslich um die Frage der Boden 
rente bejahend oder verneinend sich bewegt hat, ohne zugleich, 
wie mit der Neubildung der Lehre vom Werth, einen überlegenen 
theoretischen Gesichtspunkt von universeller Bedeutung ins 
Auge zu fassen. Letzteres ist durch das Careysche System 
geschehen, welches schon allein aus diesem Grunde und unab 
hängig von allen seinen sonstigen Eigenthümlichkeiten die 
Stellung verdient, die wir ihm zwischen der früheren Oeko- 
nomie und unserer heutigen socialitären Fassung der Wirth- 
schaftslehre einzuräumen haben.
        <pb n="392" />
        Siebenter Absebnitt 
Die Amerikanische Nationalökonomie 
und deren Yerhältniss zu den gleichzeitigen 
Europäischen Erscheinungen. 
Erstes Capitel. 
Entwicklungsursachen. 
Man ist gewohnt, die Ideen, die man im Rahmen der Nord- 
amerikamschen Union antritft, als Gestaltungen der Ueberlie- 
ferung Europas anzusehen. Die Richtigkeit dieser Ansicht er 
leidet jedoch da eine Einschränkung, wo es die neuen und 
jugendlichen Verhältnisse selbst gewesen sind, durch welche 
die specifisch Amerikanische AufFassungsart erzeugt wurde. 
Für das Gebiet der Nationalökonomie gilt im Allgemeinen der 
Satz, dass es in Nordamerika bisher zweierlei nebeneinander- 
herlaufende Ideenkreise gegeben hat. Der eine derselben ge 
hört der Scholastik an und enthält nichts als oberflächliche 
Aneignungen der verschulten und am leichtesten erlernbaren 
Oekonomistik der alten Welt. Der andere ist naturwüchsig, 
knüpft an die praktischen Verhältnisse an und muss zu einem 
grossen Theil als das Erzeugniss des Denkens und Beobachtens 
gelten, welches seinen einflussreichsten Ausdruck in den Kund 
gebungen Amerikanischer Staatsmänner erhielt. Dieser nationale 
Typus von Anschauungen ist z. B. schon sehr früh durch 
Alexander Hamilton vertreten gewesen, dessen berühmter In 
dustriebericht von 1791 den patriotischen und um die Selb 
ständigkeit der einheimischen Oekonomie bemühten Ameri 
kanern noch heute als ein fundamentales Document gilt. Ein
        <pb n="393" />
        377 
Carey hält sogar dafür, dass die Union in Rücksicht auf die 
Erfassung des ihr angemessenen wirthschaftlichen Systems in 
A. Hamilton ihren grössten Staatsmann, also gleichsam ihren 
Colbert zu verehren habe. Man hat diesen Hamiltonschen, an 
theoretischen Erörterungen reichen und umfassenden Bericht 
noch 80 Jahre nach seiner Abfassung für geeignet gehalten, in 
vollständigem Abdruck in Amerikanischen Industriejournalen 
die Gesichtspunkte in Erinnerung zu bringen, auf denen die 
nationale Handelspolitik der Union auch neuerdings beruhe, 
und in welchen sie ihre wissenschaftliche Erklärung finde. In 
der That trifft man in der Hamiltonschen Abhandlung nicht 
nur überhaupt ein durchdachtes, mit Umsicht, Ruhe und Mässi- 
gung dargelegtes System der Wirthschaftspolitik der Union 
an, sondern wird auch durch die unverkennbarsten Keime der 
jenigen rein theoretischen Anschauungen überrascht, welche, 
wie z. B. das unumgängliche Erforderniss der Rückwirkung 
der Manufacturen zur Hervorbringung einer höheren Entwick 
lung des Ackerbaus und die hieraus folgende Interessengemein 
schaft beider Wirthschaftszweige, später das theoretisch ver 
tiefte Thema der Bemühungen der List und Carey gebildet 
haben. 
Um hier gleich einer naheliegenden Einwendung zu be 
gegnen, so sind die wirthschaftlichen Ueberlegungen und volks- 
mässigen Empfehlungen ökonomischer Privatmoral, wie sie 
sich in den Schriften eines Franklin fanden, bei aller Hoch 
achtung für die sonstigen trefflichen Eigenschaften dieses 
Mannes, doch nicht als besondere Ausgangspunkte für eine 
originäre Nationalökonomie anzusehen. Seine Bemerkungen 
über die Gruppirung der Bevölkerung, namentlich in den 
dichter gedrängten Mittelpunkten, zeugen von gesundem Ver 
stand und ziemlich unbefangener Beobachtung, aber von nichts 
weiter. Lassen wir also Benjamin Franklin als vermeintlichen 
Nationalökonomen in Frieden. Er bedarf einer solchen ver 
kehrten Zuwendung von Ruhm keineswegs. Er war wie viele 
Andere ein Beispiel, dass gesunder Sinn und einfache Wirth- 
schaftsverhältnisse in ihrer Vereinigung Manches als die aller 
trivialste Wahrheit nahelegen, worin die verschulte Auffassung 
ein höchst mühevolles Ergebniss fachmässiger Erkenntniss er 
blickt. Wem es beliebt, die wissenschaftlich ausgebildeten 
Grundsätze einer späteren Auffassung in ziemlich gleichgültigen
        <pb n="394" />
        378 
Gclegenheitsansichten aufzusuchen, die ohne ernstliche Conse- 
quenzen blieben, — der wird auch bei Franklin etwas antreffen, 
was dem ähnlich sieht, was er sucht. An dem Arboitsprincip 
in theoretischer und praktischer Bedeutung hat cs natürlich 
nicht gefehlt; doch ist es hier die Tragweite der Anwendung 
und der Umfang der Idee, was allein entscheiden kann. Die 
Zurückführung ökonomischer Thatsachen und namentlich der 
zunächst in Betracht kommenden Preise auf Arbeit kann ein 
unstät schweifender Gedanke sein, und dies ist er überall da 
gewesen, wo man ihn nicht als theoretisches Erklärungsprincip 
von fundamentaler Bedeutung ins Auge fasste. Es ist daher 
cinfürallcmal darauf zu verzichten, flüchtige und rasch ver 
lassene Ansätze zum Theoretisiren nicht hinterher mit dem 
ialschen Schein des spätem principiellen Bewusstseins zu um 
geben. 
Viel gewichtiger als solche Gclegenheitsreflexionen und 
privatwirthschafdiche, keineswegs im hohem Sinne volks- 
mässige Moralmaximcn eines B. Franklin, sind die Staats- 
schriiten, von denen man keine Systematik im schulmässigen 
Sinne des Worts, wohl aber irgend welche principielle An 
schauungen über das ökonomische System erwartet. In dieser 
Form kann sich bei den Völkern auch der Stoff zu einer theore 
tisch weitertragenden Nationalökonomie verkörpern, und wir 
haben diese Erscheinungsart von Einsichten und Grundsätzen 
etwa so anzusehen, als wenn es sich um Theorie und Praxis 
der allgemeinen Politik handelte. Wie in der letzteren, so ist 
auch in der Nationalökonomie die angedeutete Gestalt des 
Wissens und Wollens noch nicht diejenige, in welcher die 
Naturgesetze der Erscheinungen und der Actionen gesucht 
werden. Allein jener Zustand der Erkenntniss bildet die Vor 
stufe, und diese ganz allgemeine Wahrheit, auf die wir schon 
in der Entwicklung der Europäischen Volkswirthschaftslohro 
und besonders mit Rücksicht auf Colbert hingewiesen haben, 
trifft für die Amerikanische Union von Neuem zu. Hier wieder 
holt sich das alte Gesetz der Entwicklung der Theorie. Die 
I raxis und die Anschauungen des Lebens, ganz besonders 
aber der staatsmännische Ueberblick der Verhältnisse, bilden 
die Ausgangspunkte für alles Weitere. Die speciflsch Ameri 
kanischen A orstellungen heben sich auf diesem Grunde von 
der gewöhnlichen Ueberlicferung ab, und es ist nur ein ein-
        <pb n="395" />
        V 
3L» 
•tmrnersff? 
879 
zig-cr Umstand, der die Erscheinungen hier verwickelter macht. 
Er besteht in der Kreuzung der einheimischen, natur- und 
staatswüchsigen Einsichten mit einer bereits fertigen Schul- 
doctrin, die von Europa her die Consequenzen ihrer eignen 
Vergangenheit auf dem neuen Boden geltend zu machen sucht. 
Ko musste z. B. Alexander Hamilton in seinem vorher erwähn 
ten Bericht noch ausführlich die aus dem physiokratischen 
Ideenkreise erwachsene Vorstellung widerlegen, als wenn der 
Ackerbau dadurch productiver wäre, dass er ausser dem Capital- 
gewinu, wie er in den Manufacturen erzielt wird, noch eine 
besondere, ihm cigenthümliche Rente lieferte. Mit Recht wurde 
diese Rente von dem Verfasser des berühmten Berichts schon 
unter der Jahreszahl 1791 als Gewinn von demjenigen Capital 
gekennzeichnet, welches der Gutscigenthümer in Gestalt des 
bereits für die BewirthSchaffung zugerichteten Ackeis dem 
Pächter so zu sagen darleihe, so dass also nach der ausdrücklich 
formulirten Ansicht A. Hamiltons die vollständige Ackerbau- 
rento in einer ähnlichen Weise aus der Vereinigung von zwei 
Capitalgewinncn bestände, wie sich etwa der vollständige Capi- 
talgewinn, der bei einer Unternehmung gemacht wird, in den 
eigentlichen Zins, welcher für die blosse Darleihung des Capi 
tals gezahlt werden müsste, und in den übrigen, durch die 
eigentliche Unternehmung noch darüber hinaus erzielten Capital- 
gewinn zerlegt. Besondern Werth legte der Amerikanische 
iStaatsmann bezüglich der Renten frage, deren nach einem 
Menschenalter hervortretende Celebrität er noch nicht ahnte, 
auf den einfachen Umstand, dass der Eigenthümer den einen 
und der Pächter den andern Bestandtheil des für die Land- 
wirthschaft erforderlichen Capitals liefere, und dass ähnliche 
Theilungen auch in der Industrie nachzuweisen wären, ohne 
dass es Jemand einficle, darin eine besondere, für die höhere 
Productivität charakteristische Rente finden zu wollen. 
2. Von vornherein ist die Union eine Schöpfung gewesen, 
die den Gegensatz zu England zum Lebensprincip hatte. Die 
Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten ist daher vor allen 
Dingen auch von ihrer ökonomischen Politik zu verstehen, 
und diese letztere ist im Grossen und Ganzen oder wenigstens 
überall da, wo sie dem Debensprincip des transatlantischen 
Staats treu blieb, eine Fortsetzung und Verwirklichung der 
politischen Unabhängigkeitserklärung geworden. Irgend eine
        <pb n="396" />
        380 
m 
1 
Form des Widerstandes gegen die Brittisclie Oekonomie und 
deren Grundsätze musste daher der Union bis auf den heuti 
gen Tag wesentlich bleiben, wenn auch der positive Inhalt 
der transatlantischen Auffiissung keineswegs hinter diesem 
Antagonismus zurücksteht. Wäre es hier unsere Aufgabe, die 
Wirthschaftsgeschichte und nicht vielmehr die Geschichte der 
Theorie zu verzeichnen, ja könnten wir uns auch nur auf die 
bedeutendsten staatsmännischen Kundgebungen einlassen, so 
würden wir eine Reihe von hervorragenden Positionen durch- 
ziigehen haben, die in Rücksicht auf die Handelspolitik ab 
wechselnd eingenommen worden sind, jo nachdem der trans 
atlantische Staat zur Einheit und Festigung strebte oder aber 
den Elementen der Auflösung nachgab. In der neusten Zeit 
ist die mit den Brittischen Interessen verwachsene Sklaven- 
wirthschaft dos Südens, mit ihrer Vertretung des Brittischen 
Fieihandels, der Grund zu einer Regulirung geworden, durch 
welche die Union in handelspolitischer Beziehung ihrem alten 
Lebensprincip wieder nähorgetroten ist. Das seit 1861 wieder 
herrschende Schutzsystem ist als eine Wirkung der Aufraffung 
des Nordens anzusehen, zu welcher der Secessionskrieg geführt 
hat. Für das Studium der Wirthschaftspolitik ist ein ganz 
neues Feld mit durchaus cigenthümlichen Thatsachen geschaffen, 
die von den ältern Schulansichten allerdings nicht gern gesehen 
und daher meist im Hintergründe belassen werden. Man 
braucht, um den Interessenkampf und die nationalen Gesichts 
punkte zu untersuchen, jetzt nicht mehr um Jahrhunderte 
zurückzugreifen und die bestäubten Beurkundungen einer ent 
fernteren Geschichte zur Hand zu nehmen. Man hat das, was 
den freieren Kern des Colbertismus ausmacht, in einer mo 
derneren Gestalt in denjenigen Thatsachen vor sich, welche 
seit 1860 jenseit des Oceans vorliegen. Genau zwei Jahrhun 
derte trennen die beiden Zeitpunkte einer in der Geschichte 
epochemachend markirten Auffassung der Wirthschaftspolitik. 
Was Colbert 1661 in seiner Art repräsentirte, das ist für die 
moderne Epoche die neuste Inauguration der Amerikanischen 
irthschaftspolitik, die mit 1861 nach der Emancipation von 
den Einflüssen des sklavenhalterischen Südens ihren ersten 
entscheidenden Act vollzog. Gleichzeitig ist in Europa eine 
Zeit verstrichen, in welcher seit dem sogenannten Cobdenver 
trag von 1860 ein gewisses Maass festländischen Freihandels,
        <pb n="397" />
        881 
wenigstens für die Hauptculturgruppe, zur Verwirklichung ge 
langte. Dieses System der neuern Art von Handelsverträgen, 
deren Tragweite auf der Begünstigungsklausel, d. h. auf dem 
Princip der Verallgemeinerung der von den Contrahonten andern 
Staaten zugestandenen Vortheile beruht, hat seine hauptsäch 
lichste Schranke bisher an der Russischen Tarifautonomie mit 
ihrem Hochschutzregimc gefunden und ist in seinem Ursprungs 
lande Frankreich selbst einer theilweisen Auflösung anheimge 
fallen. Trotzdem bleibt aber der Gegensatz zwischen unsern und 
den transatlantischen Verfahrungsarten in der Hauptsache be 
stehen. Ausser allem Zweifel bleibt für die Amerikanische 
Republik die Nothwendigkeit, sich der Brittischen Manufactur- 
und Handelsmacht gegenüber vollständig auf eigne Füsse zu 
stellen. Ebenso gewiss ist es aber auch, dass der Weg durch 
die socialitäre Organisation zuverlässiger und mit mehr Gerechtig 
keit zum Ziel führen müsste, als die protectionistische Staats 
unterstützung in der Gestalt einer aus den Taschen der Con- 
sumenten an die Fabricanten zu entrichtenden Hülfssteuer. 
In Europa sind die Fortschritte, die der Freihandel mit und 
seit 1860 gemacht hat, in den beiden Hauptländern, nämlich in 
Frankreich und Deutschland, von Cäsaristischer Färbung nicht 
freigeblieben, indem man der Luxusconsumtion in den Tarifen 
grosse Zugeständnisse gemacht und überhaupt die auf die Volks 
masse drückende indirecte Besteuerung in der Gestalt mög 
lichst reiner Finanztarife ungenirt bevorzugt hat. Die Ameri 
kanische Doctrin, wenn auch noch keineswegs die Praxis, will 
dieses Verhältniss vollständig umgekehrt wissen, indem die 
reinen Finanzzölle möglichst verschwinden und die wesent 
lichen Schutzzölle allein nur noch Zolltarife nothwendig machen 
sollen. 
3. Noch weit entscheidender als die selbständige Wirth- 
schaftspolitik ist in den Vereinigten Staaten die Thatsache 
eines sich durch die verschiedensten Entwicklungsstufen rasch 
umwandolnden ökonomischen Lebens. Für die Theorie ist die 
unmittelbare Uebersichtlichkoit dieser Metamorphosen eine 
nicht leicht überschätzbare Hülfe. Friedrich List hat sic zuerst 
im Gegensatz zu den schwerer entwirrbaren, im Laufe der 
Jahrhunderte erwachsenen Verhältnissen der alten Welt ge 
kennzeichnet, und noch heute muss man behaupten, dass sich 
die Grundbeziehungen aller Wirthschaft am leichtesten an den
        <pb n="398" />
        382 
jungen Gebilden der neuen Welt studiren. Letzteres geschieht 
und geschah bereits praktisch oder instinctiv von allen un 
mittelbar Betheiligten, und in dieser Beziehung ist dort die 
wirthschaftliche Volksbildung weiter verbreitet und eingehender 
als in den civilisirtesten Staaten Europas, Fragt man dagegen 
nach dem theoretischen Bewusstsein über die höheren Fragen 
und nach alledem, was das nächstliegende Interesse des 
Geschäftsmannes überragt, so ist in den einflussreichsten 
Classen die ökonomische Bildung vorhältnissmässig ungrüiid- 
lich und in ihrer Art weit weniger befriedigend, als inner 
halb der entsprechenden, aber weit geschulteren Kreise 
Europas, Man kann diese Sachlage auch in der Haltung der 
Zeitungen aller politischen und ökonomischen Parteien und in 
der dort herrschenden Erörterungsart bestätigt finden. Obwohl 
Ton und Anschauungsweise durch ihre Frische mit unserer 
abstracten Art und Weise contrastiren und dies ganz besonders 
da thun, wo der Amerikanismus und nicht irgend ein Ableger 
der älteren Europäischen Schulökonomie vertreten wird, so 
zeigt sich trotzdem deutlich genug, welchen Einfluss der Mangel 
der Gewöhnung an eine schärfere Dialektik ausübt. Man 
gieift in das volle Leben, fördert die Anschauungen und Be- 
stiebungen zu Tage, die sich an die natürlichen Wirthschafts- 
positionen knüpfen. Man versteht sich vortrefflich auf die 
Gruppirung der wirthschaftlichen Parteien und ist in dieser 
Beziehung sogar den Engländern, Franzosen und Deutschen 
gegenwärtig überlegen. Allein man kennt dies Alles nur un 
mittelbar und aus der Praxis; man lernt im Kampfe den Gegner 
messen und die Situationen bestimmen; man erhebt sich aber 
im Allgemeinen nicht zu jener höheren Auffassung, in welcher 
die wissenschaftlich unparteiischen Gesichtspunkte als solche 
zur Geltung kommen. Es soll hiemit nicht gesagt sein, dass 
die Interessen auf der andern Seite des Oceans die unbefangene 
Denkweise mehr verunstalteten als bei uns. Im Gegentheil 
bringt dort der freie Ausdruck des Gegensatzes in die Einseitig 
keit ein mässigendes Element, nach welchem wir uns in den 
weniger freien Zuständen Europas vergebens um sehen. Was 
jedoch dessenungeachtet den vorherrschenden Charakter der 
transatlantischen Bildung im Sinne der Unzulänglichkeit be 
stimmt, kann nirgend anders als in der bis jetzt noch nicht über 
wundenen Gewohnheit gesucht werden, vermöge deren fort-
        <pb n="399" />
        383 
' während das allernächste Interesse und die volksmässig rasch 
einleuchtenden Wendungen in Anspruch genommen werden 
müssen. Die Anschaulichkeit der Nachweisungen spielt hiebei 
mit Recht eine grosse Rolle; aber sie verleitet auch unwill 
kürlich dazu, hinter der Fülle des aus dem Leben gegriffenen 
Materials die entscheidenden logischen Gesichtspunkte zurück 
treten zu lassen. Selbstverständlich sieht unsere Kennzeich 
nung dieser Art und Weise von jeder bewussten Fälschung 
ab und fasst nur diejenige Gestaltung ins Auge, bei welcher 
das ökonomische Denken noch in der roheren Form von Ideen 
verbleibt, die ihre Kraft in der Beschreibung, in den Beispielen 
und in dem sogenannten statistischen Material suchen, während 
das strengere Schliessen durch logische Combination der Prin 
cipien eine nur ganz secundäre Rolle spielt. Die Bildung, die 
auf dieser Grundlage und in dieser Form durch die Zeitungen 
an einen sehr weiten Kreis gelangt, mit dessen Ausdehnung 
sich der Umfang unserer ökonomisch etwas orientirten Bevöl 
kerungsschichten kaum vergleichen lässt; — diese Bildung hat 
zwar viele Vorzüge und wird einst der Ausgangspunkt für 
ausserordentliche geistige Erfolge werden können; aber sie hat 
den einen unverkennbaren Mangel, bis jetzt nicht sonderlich aus 
der Unreife des blossen Geschäftsdenkens herausgekommen zu 
sein. Sie schliesst alle Elemente in sich, die weiter entwickelt 
zu vollkommneren Einsichten führen ; aber sie vertritt selbst 
diese Einsichten noch nicht. 
Im Hinblick auf diese Beschaffenheit der allgemeineren 
volkswirthschaftlichen Bildung muss nun ein im höchsten Sinne 
wissenschaftliches System, welches rein auf Amerikanischem 
Boden und auch hauptsächlich im Anschluss an die dortige 
Ueberlieferung entstanden ist, einen um so grösseren Contrast 
ergeben. In der That beruht Careys umwälzende Volkswiitli- 
schaftslehro zu einem grossen Theil auf Anschauungen, die 
sich im Amerikanischen Leben allmälig entwickelt, bisweilen 
in Staatsschriften oder andern Gclegenheitskundgebungen einen 
Ausdruck verschafft und immer mehr zu einem eigenthüm- 
lichen Gedankenkreis verschmolzen haben. Eine erhebliche 
Gruppe dieser Anschauungen hatte eine erste systematische 
Formulirung schon durch Friedrich List erfahren und war auf 
diese Weise schon in den zwanziger Jahren mit dem Deutschen 
wissenschaftlichen Geist in Berührung gekommen. Für die
        <pb n="400" />
        384 
Gestalt, welche jener Kreis von Einsichten unter den Händen 
Careys gewinnen sollte, ist es jedoch sehr erheblich gewesen, 
dass der Amerikanische Nationalökonom zu allererst, d. h. in 
der Mitte der dreissiger Jahre, seinen Ausgangspunkt von dem 
Europäischen Gesammtzustande der Schiilökonomic genommen 
und unter Bekämpfung der letzteren ein eignes positives, keines 
wegs specifisch Amerikanisches sondern überhaupt nur wahreres 
System der politischen Oekonomie aufgcstellt hat. Erst weit 
später hat er dem Amerikanismus in seiner ausgeprägten Ge 
stalt mehr Rechnung getragen und ihm den Stempel seines 
originalen Geistes aufgedrückt. 
4. Wer die volkswirthschaftlichen Ideenströmungen in 
ihrer unmittelbaren Gestalt studiren will, wird auch in den 
Congressreden und ähnlichen Auslassungen ein leicht orienti- 
rcndcs Material antreffen. Noch heut giobt es in dieser Be 
ziehung keine wesentlich anderartigen Quellen als die Staats 
handlungen, Denkschriften, Berichte, Reden und Agitations 
pamphlets. Ereilich sind sowohl aus dem protectionistischen 
als aus dem entgegengesetzten Lager manche Bearbeitungen 
der Volkswirthschaftsiehre hervorgegangen; indessen haben sie 
sich bis auf den gegenwärtigen Augenblick auf der einen wie 
auf der andern Seite nur durch eine Oberflächlichkeit ausge 
zeichnet, die oft noch hinter der Geschäftsökonomie des Publi- 
cums ZU! ückblieb. Mit den bessern Reden und staatsmännischen 
Auslassungen können sich aber diese dürftigen, im Verhältniss 
zu der ernsteren Theorie nur als Anfängerübungen zu bezeich 
nenden Productionen nicht im Mindesten vergleichen. Es 
scheint vielmehr, als wenn der in anderer Beziehung für die 
nationalökonomischo Erkenntniss so günstige Boden Nord 
amerikas nach der streng wissenschaftlichen Seite hin vorläufig 
noch der allerungünstigste und unfruchtbarste wäre, so dass 
sogar die grösste theoretische Schöpfung, die unser Jahrhundert 
neben dem Listschen Ideenkreis als neuen Standpunkt für die 
Oekonomie aufzuweisen hat, den Charakter einer einzigen 
grossen Ausnahme erhält. Die Anomalie, die das Careysche 
System im Verhältniss zu seiner literarischen und wissenschaft- 
lichen Umgebung repräsentirt, darf uns aber nicht überraschen. 
Sie erklärt sich zu einem grossen Theil aus der Abstammung 
des Urhebers, dessen Irischer Ursprung ihn ungeachtet der 
schon durch seinen Vater fest begründeten Beziehungen zu Pen-
        <pb n="401" />
        385 
sylvanien und Philadelphia in eine andere Richtung trieb, als 
der gewöhnliche Amerikanismus mit sich brachte. Doch ver 
zichten wir darauf, die Thatsache der vereinzelten Geistesauf 
raffung als solche noch besonders erklären zu wollen, da sie 
unserer mehrfach dargelegten Anschauungsweise zufolge stets 
eine Ausnahme ist, die sich nur in dem Neben werk und den 
weniger gelungenen Bestandtheilen aus der Umgebung oder 
aus allgemeinen Regeln der geschichtlichen Möglichkeit begreift. 
Aus dem letzteren Grunde braucht es auch kaum noch beson 
ders bemerkt zu werden, dass in dem Careyschen System der 
Yolkswirthschaftslehrc zwar die staatsmännische Ueberlicfcrung 
der Nordamerikaner und alles das, was sonst die dortigen That- 
sachen dem ökonomischen Beobachter nahelegcn, einen Platz 
gefunden hat und einen grossen höchst schätzbaren Theil seiner 
Arbeit bildet; — dass aber dennoch die im streng wissenschaft 
lichen Sinne entscheidenden Bestandtheile und form gebenden 
Elemente nicht vornehmlich auf Rechnung jener Traditionen 
und Anregungen gesetzt werden können. Allerdings müssen 
wir die Careysche Oekonomie als diejenige der Amerikaner und 
überhaupt als ein System bezeichnen, in welchem die beste 
Vergangenheit und der bisherige Lebenslauf der Vereinigten 
Staaten in volkswirthschaftlicher Beziehung den wissenschaft 
lich vollkommensten Ausdruck gefunden hat. Allein weit 
wichtiger als dieses Verhältniss ist diejenige Seite des Systems, 
durch welche es den Weltstandpunkt und überhaupt die ganz 
allgemeine, von den besondern Voraussetzungen absehendo 
Umwälzung der erheblichsten Grundlagen der zuvor in Europa 
ausschliesslich maassgebenden Denkweise vertritt. Diese letzteren 
Elemente und Triebkräfte der Wissenschaft sind es, vermöge 
deren die Careysche Schöpfung weit über den Kreis des Ame 
rikanismus hinausreicht und als wirthschaftlich epochemachen 
des Werk dasteht. Einige principielle Sätze, auf denen das 
Ganze der übrigen Anschauungen ruht, müssen hier als die 
unterscheidenden Merkmale angesehen werden. Zu diesen 
Sätzen mag nun immerhin der Ursprungsort ihrer Entstehung 
]nit den naheliegenden Thatsachen die Gelegenheitsursache ge 
liefert haben; hieraus folgt noch nicht im Mindesten, dass ohne 
den tief eindringenden, mit wahrer Schöpferkraft und Origi 
nalität ausgestatteten Geist irgend welche Einsichten der frag 
lichen Art unwillkürlich, also etwa in jedem beliebigen Talent 
Dulu'ing, Geschichte der Txationalökonomie. 2. Auflage. 25
        <pb n="402" />
        38G 
hätten entstehen können. Hunderte von ökonomisch gebildeten 
Capacitäten hatten die gleiche Beobachtungsgelegenheit gehabt 
und sind dennoch nicht zu den neuen theoretischen Aufschlüssen 
gelangt. Im Gegentheil giebt es noch heute eine Anzahl von 
Persönlichkeiten, die in Nordamerika auf eine Vertretung volks- 
wirthschaftlichen Wissens Anspruch machen und die vermeint 
lich so naheliegenden Ideen noch nicht einmal jetzt aufzu 
fassen verstehen, nachdem man ihnen gezeigt hat, worauf sie 
zu achten haben. Wenn daher gesagt worden ist, das Obser 
vatorium Careys sei günstig gelegen gewesen, und es sei daher 
seine neue Theorie der Bodenrente sowie überhaupt sein 
System als eine verhältnissmässig leichte Eroberung anzu 
sehen, so beruht diese Vorstellungsart auf einer völligen Un- 
kenntniss der Gesetze wissenschaftlicher Production. Bastiat, 
der zuerst diese Wendung in Umlauf gesetzt hat, war dazu am 
allerwenigsten berechtigt gewesen, da er selbst, wie wir später 
sehen werden, erst aus den Carcyschen Schriften das Wenige 
gelernt hatte, wodurch er zu einem in höherer Weise distin- 
guirten nationalökonomischen Schriftsteller geworden ist. Wenn 
nun Amerikanische Nachahmer die Bastiatsche Verflachung 
einiger Grundlagen der Carcyschen Oekonomie von Newyork 
aus als Französisches Erzeugniss vertreiben, so ist dies die 
Wiedereinfuhr eines früher ausgeführten und noch dazu heim 
lich bezogenen Artikels, dessen vollkonimneres Muster unmittel 
barer zur Verfügung steht. Doch sollte hier nur auf diesen 
hochkomischen Hergang hingewiesen sein, weil die Verkleine 
rung der Carcyschen Verdienste und die Zurückführung der 
selben auf die günstige Lage der Sternwarte grade von dem 
jenigen ausgegangen ist, dessen transatlantische Anhänger über 
der Copie das Original vergessen und noch obenein alle Tage 
Gelegenheit hätten, sich aus ureigner Beschauung der Ameri 
kanischen Thatsachen mit jener vermeinten Leichtigkeit eigne 
Systeme zu construiren. Statt dessen lassen sie es bei den 
Bastiatitisch gemischten Leichtfertigkeiten der oben charakteri- 
sirten Art bewenden und bestätigen hiemit bis auf den gegen 
wärtigen Augenblick, dass die Nordamerikanischen Hauptplätzo 
des Europäischen Imports auch in der Wissenschaft der ein 
heimischen Production nicht günstig sind. 
Erinnern wir uns im Hinblick auf die Entwicklungsursachen 
der Amerikanischen d. h. Carcyschen Oekonomie noch einmal
        <pb n="403" />
        387 
25* 
unseres Deutschen Nationalökonomen. Auch Friedrich List hat 
einen grossen Theil seiner eigenthümlichen und ihn auszeich- 
nenden Anschauungen oben derselben Gelegenheitsursachc zu 
danken, welche von der Unkenntniss und dem üblen Willen so 
gern als ein zulilnglicher Grund von Entdeckungen und Auf 
schlüssen gekennzeichnet wird, zu denen doch in Wahl heit die 
ursprüngliche und schöpferische Geisteskraft die unumgängliche 
Vorbedingung bildet. Fassen wir die Systeme beider Männer 
als die Deutsch-Amerikanische Doctrin zusammen, so können 
wir an den Unterschieden, welche sich ergeben, deutlich genug 
erkennön, wie das Gepräge des Denkens und Beobachtons 
auch einer ganz neuen Welt von Thatsachen gegenüber den 
entscheidenden Ausschlag gegeben habe. Eine erhebliche An 
zahl von Lehren und Gesichtspunkten ist jenen beiden Schöpfun 
gen gemeinsam, und unter diesen gemeinschaftlichen Ele 
menten lässt sich wiederum das abscheiden, was auf der Be 
schaffenheit der äussern Thatsachen, und was auf einem gewissen 
Maass der Geistesverwandtschaft beruht hat. In ähnlicher Weise 
kann auch ein Theil der Unterschiede beider Erscheinungen 
gesondert worden; aber stets werden wir als Endergebniss den 
Satz bestätigt finden, dass die Form des Geistes und die Art 
zu sehen oder zu denken das eigentlich Hervorbringende ge 
wesen sei. Unter den zwei Factoren, durch deren Zusammen 
wirken die Wissenschaft entsteht, wird sich hienach auch m 
der weiteren Geschichte, d. h. zunächst im Gareyschen System, 
derjenige als der entscheidende bewähren, welchei in er e 
stalt der theoretischen Speculation und in der Methode smnen 
Ausdruck findet. Grade auf dieser Seite liegt die fernere Kraft 
der neuen, immer kritischer werdenden Oekonomie, und wenn 
man auch alle Amerikanischen Thatsachen auslOschte und ohne 
Rücksicht auf irgend welches Phänomen dieses Gebiets nur ( le 
strengen Consequonzen der in den Grundformen neuen Denkungs- 
art Zöge, so würde man auch dann keineswegs um den Fort 
schritt der neuen Wissensgattung besorgt zu sein brauchen. 
Die Darstellung, welche wir im nächsten Capitel von den 
Hauptzügon des Gareyschen Systems zu geben haben, wir 
jene allgemeinen Bemerkungen auch im Einzelnen bewair- 
h eiten.
        <pb n="404" />
        388 
Zweites Capitel. 
Das Careysche System. 
Im strengsten Sinne des Worts kann man nur da von 
einem neuen System reden, wo ein principieller Satz von 
grosser Tragweite oder auch einige axiomatisclie Crundein- 
sichten den ganzen Inhalt einer Wissenschaft umwandeln. Wo 
solche Fundamentalsätzo nicht einzeln und klar nachweisbar 
sind, da lässt sich vielleicht von Richtungen, Neigungen und 
Färbungen der Theorie, aber nicht von einem selbständig oder 
wesentlich veränderten System reden. Der einfache, in einige 
Worte zu fassende Satz des Copernicus enthielt eine Umwäl 
zung des Systems der Astronomie, und die Ziehung der Oon- 
sequenzen aus diesem Satze konnte zunächst nichts weiter als 
das untergeordnete Geschäft der Erläuterung der neuen An 
schauungsweise sein. Rubriken- und Paragraphengerüste sind 
natürlich auch nicht mit Systemen zu verwechseln, was jedoch 
nur für diejenigen gesagt zu werden braucht, denen Lehr- und 
Handbücher schon in dieser Eigenschaft als Systeme gelten, 
und die wohl gar in einem Werk wie das Adam Smithsohe 
weniger System sehen, als in dem dürftigsten, nach demselben 
material zugeschnittenen Compendium. Ja sogar das Arran 
gement einer Gruppe von Wahrheiten nach den Gesichts 
punkten der logischen Rubriken ist nicht das in erster Linie 
Wesentliche. Hat man den neuen Stoff, so lässt sich jene 
Anordnung meist ziemlich leicht treffen, und so wichtig die 
selbe für die schliessliche Constitution eines Wissenszweiges 
auch werden möge, so lehrt doch die gesammte Geschichte der 
Wissenschaften, dass die vollkommen strenge Ordnung und 
Verkettung der Bestandtheile fast immer erst als etwas Nach 
trägliches zu dem schöpferischen Material hinzukommt. Dies 
gilt in ganz entscheidender Weise von der Mathematik; — wie 
sollte es nicht in denjenigen Gebieten gelten, die rück sichtlich 
ihrer Methode und Sicherheit mit jenem Felde der verhältniss- 
mässig strengsten Anwendung der Logik kaum verglichen 
werden können? 
Die eben gemachten Bemerkungen waren erforderlich, um 
den höheren Sinn anzudeiiten, in welchem wir von einem
        <pb n="405" />
        Carey sehen System der Nationalökonomie zu handeln haben. 
Das schöpferische Material der systemschafifenden Ideen ist 
gegeben, und darüber hinaus zunächst noch mehr zu verlangen, 
würde von ^rosser Unkenntniss der Entwicklungsgesetze eines 
eben noch imernstlichsten Schagen begrigengewesenenWissens- 
zweiges zeugen. Carey hat für seinen, auch abgesehen von 
den principien umwälzenden Ideen, äusserst reichhaltigen Ge 
dankenkreis eine Darstellungsform gewählt, die der ursprüng 
lichen Natürlichkeit und Lebensfülle des neuen Inhalts ent- 
spricht. Er und List sind in dieser Beziehung Vertreter einer 
synthetischen Oekonomie, welche den Zusammenhang der Er 
scheinungen hervortreten lässt, indem nicht blos die Bestand- 
theile einzeln gezeigt, sondern auch in ihrer natürlichen Ver 
bindung, Aneinanderreihung und Abfolge vorgeführt werden. 
Diese Art des synthetischen Verfahrens, welche die Natur in 
der lebendigen und organischen Gliederung ihrer Vorgänge 
sichtbar macht und sich nicht mit den bewegungslosen Theil- 
stücken und deren isolirter Nachweisung begnügt; — diese nur 
den zugleich denkenden und mit einer regeren Phantasie aus 
gestatteten Geistern mögliche Behandlungsart hat Vortheile für 
sich, wie sie durch die einseitige Pflege der zerlegenden Unter 
suchung niemals erzielt werden können. Die Nachweisung des 
Bandes, durch welches sich die wirthschaftlichen und socialen 
Erscheinungen verknüpfen, ist in dem eben angege enen 
höheren und organischen Sinne sogar eine selbständige Wissen 
schaftsstufe, von der man zwar unbeschadet gewisser un 
taler Einsichten absehen kann, deren Betretung a er ein n 
und vollkommneres Stadium oder, einfacher gesagt, eine 
mehrung des Wissens repräsentirt. Aus diesem ^^tz ^ 
Grunde sind aber die an der Spitze stehenden »y^temschafl^ 
den Ideen und Stammeinsichten auch ohne jene synthétise e 
Form und ohne jenen Zusammenhang darstellbar. Ja indem 
sie sich aus diesem Zusammenhang lösen und als etwas von 
der eigenthümlichen Anwendungsform ganz Unabhängiges be- 
kunden, zeigen sie sich erst vollständig in ihrer Selb^enug- 
samkeit und setzen sich zu dem bisherigen Inhalt der Wissen 
schaft in das bestimmteste Verhältniss. Die Klarheit, we c e 
hiedurch für die Vergleichung mit den älteren btandpunkten 
gewonnen wird, ist nicht gering anzuschlagen, und wir sehen
        <pb n="406" />
        890 
es daher als unsere besondere Aufgabe an, hier jene Abtren 
nung vorzunehmen. 
^ Die beiden Säulen, welche an dem Bau des Carey sehen 
Systems vor allem üebrigen ins Auge gefasst werden müssen, 
bestehen in einem mehr formalen und einem mehr materiellen 
Irincip, nämlich einerseits in einer neuen, zum ersten Mal 
ernstlich durchgreifenden Werththeorie und andererseits in 
einem Gesetz vom Gange der Bodencultur, durch welches zu 
gleich die entscheidende Ursache und Richtung aller volks- 
wirthschaftlichen Culturhewegung im allgemeinsten Sinne des 
letzteren Worts mitbcstimmt wird. An diese zwei Ausgangs 
punkte reiht sich eine Anzahl anderer Vorstellungen, die, wie 
z. B. die Lehre von der Interossenharmonie und ein besonderes 
harmonisches Vertheilungsgesetz, als ganz bestimmte Forniu- 
lii ungen unter entsprechenden Namen hervorgehoben werden 
können, ja zum Theil unter den Händen nachahmender Schrift 
steller eine populäre Berühmtheit erlangt haben, dennoch aber 
nicht mit jenen beiden Hauptträgern des Systems auf eine und 
dieselbe Linie gestellt werden dürfen. Auch die verbesserte 
Capitaltheorie, die Unterscheidung von Handel und Verkehr, 
die Lehre von der ebenmässigen Zusammensetzung der Gesell 
schaft und die Idee der wirthschaftlichen Decentralisation sind 
wesentliche Aufstellungen zweiter Ordnung, die sich theils als 
Consequenzen der Grundanschauung vom Werthe, theils als 
besondere Bestandtheilo des neuen Anschauungskreises charak- 
terisiren. An die rein negativen Umstände, also namentlich an 
die entschiedene Gegnerschaft gegen die Malthusschen Bevölke 
rungsvorstellungen und gegen die Ricardosche Lehre von der 
Bodenrente, sowie überhaupt gegen das hierauf gegründete 
System, braucht erst an dritter Stelle erinnert zu werden. 
Diese Positionen verstehen sich nämlich ganz von selbst, so 
bald jene ersten Fundamentalsätze gesichert sind, und in der 
Ausführung dieser letzteren ist auch ein positives Gesetz über 
das Verhältniss der Volksvermehrung zu der Leistungsfähig 
keit der Gesellschaft und Natur cingcschlossen. Die erfahrungs- 
mässigen Nachweisungen des Careyschen Systems ergänzen im 
Punkte der Bevölkerungstheorie grade das, was schon bei der 
Behandlung des Listschen Gedankenkreises als Gesetz der Bo- 
völkerungscapacität der verschiedenen wirthschaftlichen Ver 
fassungszustände entwickelt werden musste.
        <pb n="407" />
        391 
Unsere vorläufige kurze Bezeichnung der charakteristischen 
Oerter, an denen sich die Oareyscho Oekonomic theils von 
allem Bisherigen unterscheidet, theils mit dem Listschon System 
zuMmmon^ifk, nmss n^ du^h Einsdiakun^m 
einer Aiizahd von relativ minder erlufibliolien aber, aJbsolut be- 
traclifict, (loch noch ivichtigeii C^esichtspunkten vorvolkdilndjg^ 
vrerdon, soiidern erfi)rdort amfii vor der omgffiiemleren ^Lueduli- 
rung der verschiedenen Lehren eine Erläuterung eigenthüm- 
licher Art. Das Careysche System ist nicht mit einem Schritt 
zu seiner gegenwärtigen Gestalt gelangt, sondern eine nt- 
wicklung gewesen, die sich über ein langes Leben ausgedehnt 
hat, und in welcher die entscheidenden Hauptveröffcntlichungen 
mehrere Jahrzehnte auseinanderliegen. Auch die Schritten 
zweiter Ordnung haben bis zum gegenwärtigen Augenblick 
werthvolle Spocialbereicherungen des Systems ergeben, in 
denen auch manches principiell wichtige Element über die frü 
heren Formulirungen ein helleres Licht verbreitet hat. Bei 
dieser Beschaffenheit der Careyschen Leistungen, welche die 
Oekonomie des Jahrhunderts bis auf heute begleitet haben, ist 
ein Eingehen auf das Autorleben und die Entwicklungsstadien 
noch weit mehr Erforderniss, als in andern Fällen. Wir wen 
den uns daher zu den Lebenszügen, die abgesehen von der 
rein Innern Entwicklung, nach dem Maass der Aeusserlich- 
Iceiteii ge.vüi.l^g;, gebor::,' 
^ 
mmmm 
1818 die Schutzagitation betrieben. Doch war er kein volks 
wirthschafdicher Theoretiker im eigentlichen Sinne und be-
        <pb n="408" />
        392 
1821 in der Wahrnehmung des Terlagsgeschäfts, welches zu 
den ersten des Landes gehörte, führte 1824 die neue, jetzt im 
dortigen Buchhandel allgemein geltende Praxis der Auctionen 
ein, zog sich aber 1838 ganz und gar vom Goschäftsleben zu 
rück, um in einer bis jetzt ununterbrochenen Musse seinem 
rein wissenschaftlichen Drange zu leben. Er wurde hierin 
durch die Gunst der materiellen Lage und durch den Umstand 
unterstützt, dass er sich auch von jeder öffentlichen Stellung 
fernhielt. Er hat weder Aemter bekleidet, noch ist er jemals 
eigentliche Parteiverbindungen eingegangen, sondern hat sich 
stets die vollkommenste Unabhängigkeit der Ansichtsäusserung 
gewahrt. 
Ausser einer Tour nach Europa im Herbst 1857 ist von 
äussern Ereignissen in dem ruhigen, stetigen und an Philadel 
phia fixirten Dasein unseres wissenschaftlichen Genius nichts 
anzuführen. Der Reichthum des innern Lebens ist hier der 
eigentliche Gegenstand, und neben der besondern Rechenschaft 
über die Schriften und deren Abfolge dürfte nur noch im All 
gemeinen daran zu erinnern sein, dass ihr Verfasser in Com 
position und Stil stets einen ausgeprägten Sinn für das Eben- 
mässige und Einfache in einem Grade bekundet hat, welcher 
mit der gemeinen Schreibart günstig contrastirt. Die ästhe 
tische Ordnung ist hier das Gegenbild einer Logik und Wahr 
heit des Gefühls, welches der verstandesmässigen Zerlegung 
und der rein rationellen AuAFassung zu allen Zeiten und” bei 
vielen grossen Entdeckungen die Wege gezeigt hat. 
Die erste Schrift, mit welcher Carey auch schon eine neue 
Bahn einschlug, ist sein Versuch über den Satz dpr Arbeits 
löhne (Essay on the rate of wages, Philadelphia 1835). In 
dieser Arbeit über den Lohnfuss werden im Hinblick auf die 
gesammte Welt die Ursachen erörtert, welche dio Verschieden 
heiten in der Lage der arbeitenden Classen bestimmen. Die 
Ergründung dieser Ursachen ist schon durch einen Titelzusatz 
als Zielpunkt hingestellt, und wir werden in der Folge nie zu 
vergessen haben, dass der Autor, welcher auf diese Weise 
seine volkswirthschaftlich epochemachende Laufbahn einleitete, 
gleich von vornherein die Stellung der Lohnarbeiter ins Auge 
asste. Auch that er dies schon damals in jener ihm eigcnthüm- 
ichen Richtung, welche die hohen Lohne als etwas erkennen 
lässt, was auch mit absolut hohen Gewinnen vereinbar sei. Er
        <pb n="409" />
        393 — 
war in dieser Beziehung schon damals über die gewöhnliche, 
den Augenblick fixirende Idee hinaus, dass steigende Böhne 
und absolut sinkende Gewinne zusammengehörten. Wir haben 
also hier schon die Grundlage der Kritik jenes Systems vor 
uns, für welches die billige Arbeit oder, um mit den Worten 
Lists zu reden, das Hunger- und Sparsystem das leitende 
Trugbild ist. Dom Versuch über die Löhne folgten nach eini 
gen Jahren die „Principien der politischen Oekonomie (Prin 
ciples of political economy, 3 Bde. Phil. 1837 40). Sie bilden 
das Grundwerk und haben, ungeachtet ihrer vollständigen Um 
arbeitung oder vielmehr Ersetzung durch ein zwei Jahrzehnte 
später veröffentlichtes Werk, noch heute mehr als blos histo 
rische Bedeutung. Der dritte Theil derselben, welcher zusam 
men mit dem vierten Theil den dritten, wie es scheint vielen 
Gelehrten unzugänglich gebliebenen Band bildet, enthält die 
Bevölkerungstheorie. Jedoch ist grade der erste, welcher die 
Gesetze der Production und der Vertheilung zum Gegenstände 
hat, in den das bisherige System umwälzenden Punkten ent 
scheidend. Er enthält die neue Werththeorie, die veränderte 
Lehre von der Bodenrente, das harmonische Vertheilungs 
gesetz, die verbesserte Fassung des Capitalbegriffs und in Ge 
stalt von besondern Beilagen auch noch ausführliche Kritiken 
der gegnerischen Ansichten. Unter diesen Beurtheilungen ist 
besonders diejenige Ricardos hervorzuheben, in welcher die 
Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit des Kritikers den Worten des 
Gegners den grössten Raum verstattet und alles nur 
Erhebliche zum Abdruck gebracht hat, was sich in den Schriften 
des Englischen Nationalökonomen direct über die Theorie der 
Bodenrente vorfindet. Ueberhaupt ist das ganze Buch in seinen 
kritischen Beigaben eine in den eignen Worten der egner 
wiedergegebene Uebersicht von dem, was noch heut a s rec t 
gläubige Nationalökonomie gilt. Gleichzeitig erschien auch 
eine Schrift über das „Creditsystem in Frankreich, Grossbrita- 
nien und den Vereinigten Staaten" (The credit system in 
France, Great Britain and the United States, London 1838). 
Mit der etwa fünfjährigen Periode, in welcher die bisher er 
wähnten Arbeiten veröffentlicht wurden, ist die erste Schriften 
gruppe abgeschlossen. In derselben lag der allgemeine Gedanke 
der sich von selbst ergebenden Interessenharmonie zu Grunde, 
und aller Neuheit der Position ungeachtet war der Standpunkt
        <pb n="410" />
        39á 
des laisser aller, wenn auch nicht besonders betont worden, so 
doch imangeiochten geblieben. Es war daher auch gegen den 
Freihandel nirgend verstossen. Der Autor hatte sich in diesem 
Punkte vielmehr von der Ansicht seines Vaters getrennt. Wohl 
war er sich, als er die Vorrede zum ersten Bande des Haupt 
werks von 1837 schrieb, bewusst gewesen, dass er von Ge 
sichtspunkten ausginge, welche eine Umwälzung der bisherigen 
Nationalökonomie bedeuteten. Er hatte schon in dieser Vor 
rede ausgesprochen, dass die fraglichen älteren Ansichten einst 
Plätze neben dem Ptolomäischen System erhalten würden. 
Allein er hatte sich ganz und gar auf die reine Theorie be- 
schiänkt und ausschliesslich die Erklärung der so zu sagen 
natui gesetzlichen Erscheinungen der Oekonomie im Auge be 
halten. Er hatte die fördernden und hemmenden Ursachen der 
dem Culturfortschritt günstigen und ungünstigen Phänomene, 
namentlich aber in den spätem Theilen seines Werks den Ein 
fluss der politischen Freiheit gekennzeichnet. Er hatte die 
Beziehungen der Oekonomie zu den Sitten und den civilisato- 
rischen Gestaltungen dargelegt, aber er hatte nie den Ueber- 
gang von der rein theoretischen zur praktischen und angewand 
ten Mechanik des wirthschaftlichen Kräftespiels vollzogen. 
Letzteies geschah erst mit den Schriften der zweiten Gruppe, 
als deren entscheidende, den Uebergang vermittelnde Grund 
legung das ungefähr ein Jahrzehnt später erschienene Buch 
„Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft” (The past, the pre 
sent and the future, Phil. 1848) zu betrachten ist. Wir müssen 
jedoch, ehe wir das Weitere vorführen, die Gründe angeben, 
durch welche die Veränderung in Careys praktischer Auffassung 
der Wirthschaftspolitik oder vielmehr überhaupt die Hinwen 
dung zu einer solchen bewirkt worden ist. 
3. Als das grundlegende Hauptwerk erschien, war der 
Verfasser in den Vierzigern. Auch bekundete sich in seiner 
Leistung, ganz abgesehen von den epochemachenden Aufstel 
lungen, in der Haltung und Anschauungsweise eine Reife des 
rein theoretischen Geistes, die aller Wahrscheinlichkeit nach 
im Wesentlichen nicht gesteigert werden konnte. In der reinen, 
die Erscheinungen vornehmlich passiv betrachtenden Theorie 
wird daher jederzeit auf jenes erste grundlegende Werk zurück 
zugehen sein, wenn überhaupt streng historisch verfahren 
werden soll. Dieses Werk bildet zusammen mit den erwähnten
        <pb n="411" />
        395 
V J 
Nebensehrifteii oin Ganzes, welches allein hingereiclit haben 
würde, dem Urheber in der Geschichte der Nationalökonomie 
das unmittelbar auf A. Smith folgende Hauptblatt zu sichern. 
Im Hinblick auf die Entstellungen, welche in den ausschliess 
lich theoretischen Streitigkeiten durch den in dieser Richtung 
übel angebrachten Eifer der wirthschaftlichcii Parteien, imment- 
lich aber durch den Gegensatz von Freihandel und Schutz 
system veranlasst werden, muss man sich Glück wünsc len, 
im Falle Careys die fälschenden Einflüsse der ihm feine ic en 
Parteipolemik für den Unbefangenen abstumpfen zu önnen. 
Um sich von der Verkehrtheit dieser Einflüsse zu übeizeugen, 
hat man nur noting, den wesentlichen Inhalt jener ä teren 
Schriften des Amerikanischen Nationalökonomen herbeizuzie en. 
Hier findet sich ein System umwälzender Ideen mit dem prak 
tischen oder vielmehr nicht praktischen Standpunkt der politi 
schen Nichteinmisehung vereinigt, so dass diejenigen, welche 
die geistigen Capacitäten ausschliesslich nach der Parteistellung 
schätzen, und für welche cs im Gebiet des Schutzsystems keine 
Nationalökonomie giebt, an diese ältere Gestalt des Careyschen 
Systems verwiesen werden können. 
Die innere natürliche Consequenz führt von der rem 
passiven Theorie, bei welcher von den wirthschaftlichen Func 
tionen des Staats abgesehen wird, zu solchen Anschauungen, 
in denen die Möglichkeit des politisch organisirenden Eingrei 
fens und Gestaltens ins Auge gefasst wird. Die Bestimmung 
der Gesetze, nach denen die mechanischen Kräfte, wie sie m 
der Natur vorhanden sind, ineinandergreifen, und die 
Construction von Maschinen sind zwei vcrschic ene i g 
keiten. Ja auch diejenige Theorie, welche die Gesichtspunk e 
an giebt, nach denen man die Mechanismen am zwec cm* ssigs e 
cinzurichten hat, muss streng von der allgemeineren Le re 
unterschieden werden, in welcher man sich niii urn cn un ei 
allen Umständen von Natur eintretenden Lauf des Kräftespiels 
bekümmert. Wenn daher auch niemals die allgemeinen rem 
theoretischen Gesetze, welche die passive, auf den Naturlaut 
gerichtete und um die Praxis unbekümmerte Auffassung ergiebt, 
in ihrer Wahrheit irgend einen Abbruch erleiden können, so 
ist man doch herechtigt, auf Grundlage derselben und mnor- 
halb ihrer Nchranken zu bauen und sich gleichsam um tech 
nische Regeln zu bemühen, vermöge deren sich der zweckent-
        <pb n="412" />
        sprechende Mechanismus ergiebt. Ausserdem ist nicht zu ver- 
pssen, dass die wirkliche Gesellschaft und Oekonomie nicht 
jene Natürlichkeit an sich hat, die man ihr voreilig und ideali- 
eirend unterlegt. Hienach wird nicht einmal eine vollkommene 
Erklärung der Erscheinungen, also keine völlig befriedigende 
Theorie der passiven Art möglich sein, wenn nicht das activo 
Element der politisch wirthschaftlichen Organisation und so 
cialen Verfassung mit in Anschlag gebracht wird. Carey hat 
nun diesen Schritt zur vollständigeren Auffassung der Erschei 
nungen zunächst dadurch vorbereitet, dass er die günstigen 
Wirkungen des Zollschutzes, die ihm mit dem Tarif von 1842 her 
vorzutreten schienen, zum Ausgangspunkt von Untersuchungen 
machte, die schliesslich (1847) zu einer endgültigen Entschei 
dung führten. 
Seit der Veröffentlichung des Hauptwerks waren nur ein 
paar Jahre vergangen, als die Wirkungen dos erwähnten Tarifs 
die Zweifel rege machten. Erst nach dem Verlauf von einem 
halben Dutzend Jahren entschied aber eine neue rein theore- 
üsche Entdeckung, nämlich die Auffindung des Gesetzes vom 
Ganp der Bodcncultur diejenige Wendung, vermöge deren 
der früher freihändlerische Autor 1851 mit einer Schrift auf 
trat (The harmony of interests etc.), in welcher er die beiden 
Systeme erörterte und prineipioll davon ausging, es müsse das- 
jemge das richtige sein, welches dem Arbeiter die beste Lao-e 
verschaffe. Einige Jahre zuvor (1848) hatte er das schon 
oben erwähnte Werk „The past etc.” veröffentlicht, dessen Auf 
gabe hauptsächlich darin bestand, das jetzt erst aufgefundene 
Gesetz vom Gange der Bodencultur darzustellen und in einigen 
Richtungen auf die Socialökonomie anzuwenden. Man könnte 
daher dies letztere Buch als das zweite oder Zwischengrund 
werk bezeichnen, insofern die spätere umfassende Darstellung 
des mit den unterdessen gewonnenen Ergebnissen bereicherten 
Systems in den „Principien der Socialwissenschaft” (Principles 
^ emmü ^mn^, 3 Bd^ RWh ISß^ wmdmmm mmhzMm 
Jahren gegeben wurde. 
Als viertes und abschliessendes, noch von dem Achtziger 
veiX)ff(uiUichtes TVerk ist die unifassende uiid ökonomisch ^in_ 
gehende, auch alle früheren wesentlichen Lehren dos Systems 
berülirende ¡Schrift „The unity of lav/' (INffl. 18721) anzusehen. 
Sie ist im Sinne des Careyschen Privatsystems in der That die
        <pb n="413" />
        — 397 — 
Entwicklung jener Einheit des Gesetzes, die ihm in Bezug auf 
I^^mrmdBom^elV^takdmh^h^eundakyGrmn^^^^ 
gungsilkr smu3tigon Bnn eigenBmnúicdmn AnsdmuungengpB, 
IDerGnmdged^ùœ besWht dmñn, dass dm Natm-eimacldLung 
und die Entwicklung der socialen Welt gleichsam in einer zu 
einander paMendon ILunimne heñndUch smen, =0 da^ (he 
höchste geistige Entfaltung des vervollkommneten Menschen 
ein in der physikalischen Gesammtanlage der ökonomischen 
Vorbedingungen zweckmässig vorgesehenes Erzeugniss i^re. 
Eknvmtsichin dk^erldee der Zug zur pMlo^iptmmhen Vei^ 
einigniig aUer Jlrhm von (^esetzniässigkeitimsdrücld^ entspracht 
8ie der schon so oft unternommenen bildlichen Veranschau 
lichung des logisch einheitlichen Schematismus, der duren die 
ganze Natur einschliesslich des Menschen hindurchgeht und eben 
sosehr alle Gefühle oder Gedanken, wie alle äusserlich mate 
riellen Gestaltungen beherrscht. . 
Das Jahrzehnt seit dem Ausgange des Secessionskrieges 
ist an bemerkenswerthen Broschüren, in denen Carey die 
laufenden Fragen behandelte, sehr reich gewesen. Wir heben hier 
nur seine Arbeiten über die Farmerfrage, die Eisenfrage, dieCur- 
reneyfrage sowie seine auch Deutsch unter dem Titel „Geldumlauf 
und Schutzsystem” (Pest 1870) erschienenen, an Grant und gegen 
einen Wellschen Bericht gerichteten beiden Schriften besonders 
hervor. Eine Betheiligung an Pcnsylvanischen 
arbeiten veranlasste zwei kleine Auslassungen „ 
•' S" - 
auch vereinigt in den Buchhandel gekou^en. n()c 
2. Aufl. 1868) unmittelbarer die ökonomischen Principien selbst 
behandelten. Ueberhaupt wird man sich von den manmc - 
faltigen Veröffentlichungen Caroys nur dann eine richtige Voi- 
stellung machen, wenn man stets eingedenk 6^’ »bl 
circa 15 Bände, welche die vierzigjährige schriftstellerische 
Hälfte seines Lebens Alles in Allem zu Tage ge ör ei a , 
stets die eigentliche Oekonomie zum Gegenstände haben und,
        <pb n="414" />
        398 —. 
■ 
■
        <pb n="415" />
        — 399 
Adler unter dem Titel „Lehrbuch der Socialwissenschaft , 
München 1866, 2. Aufl. Wien 1870; die andere von Stöpel als 
„Socialökonomie”, Berlin 1866), sondern voranlasste auch Ueber- 
tragungen ins Ungarische und Russische. Auch mehrere der 
kleineren Schriften wurden ins Deutsche übersetzt; es mag 
jedoch bei der Nennung der „Briefe über schriftstellerisches 
Eigenthum” (Berlin 1866) sein Bewenden haben, üebiigeus 
sind die Schriften Careys zu verschiedenen Theilen in acht 
Sprachen vorhanden. Von dem ursprünglichen Hauptwerk 
(von 1837) hat der Italienische Nationalökonom und nachmalige 
Finanzminister Ferrara in seiner Sammlung eine Italienische 
Uebersetzung gegeben. Das zweite Hauptwerk ist sogar in 
einer dem Guillauminschen Verlage angehörigen Uebersetzung 
vorhanden, d. h. selbst in der Machtsphäre der Französischen 
Schulökonomie zum Erscheinen gelangt. 
Die Anerkennung, welche Carey grade bei dem Deutschen 
Publicum so ausgiebig gefunden hat, ist in erster Linie auf 
die Verbindung der Originalität mit einer bisher unbekannten 
Anschaulichkeit zurückzuführen. Sie ist aber auch insofern 
eine vollkommen verdiente, als der Nationalökonom von Phila 
delphia schon 1848 die Rolle Deutschlands sympathisirend yor- 
aussagte und in dem Werk von 1858 auch über unsern geisti 
gen Beruf den Ausspruch that, dass die Deutschen einst 
vollständig die Beherrscher der intellectuellen Bewegungen er 
Welt werden würden. Vergleicht man hiemit die Thatsac e, 
dass die fremden volkswirthschaftlichen Grössen dieses a r 
hunderts sonst sämmtlich theoretisch von uns keine otiz 
nommen, praktisch aber unserm Wesen in ihrer Anse auungs 
weise nur egoistisch und feindlich gegenübergetreten sin , wie 
es die Haltung der Politik ihrer Länder mit sich brachte, so 
dürfte es wohl jetzt wenig am Platze sein, den bei uns äugen 
blicklich höchst gemein gewordenen Patriotismus gegen le 
Deutschen Vertheidiger von Careys wissenschaftlicher Bedeu 
tung in das Feld zu führen. Wenn den ökonomischen Nestor 
zu Philadelphia in dieser Gattung irgend ein Vorwurf troffen 
soll, so könnte es nur der sein, in einer an Tacitus Germanen 
rornantik erinnernden Art und Weise unsere Deutschen u- 
stände idealisirt zu haben und namentlich auch die neusten 
Vorgänge nationalistisch zu überschätzen. 
Was die innern Gründe anbetrifft, so ist der Standpunkt
        <pb n="416" />
        — 400 
&amp; 
einer ökonomischen Socialwissenschaft, welcher geflissentlich 
schon durch den Buchtitel von der altern Position blosser po 
litischer Oekonomie und überhaupt von aller frühem National 
ökonomie unterschieden wird, trotz der protectionistischen Ge 
staltung weit moderner, als man ihn im Rahmen der 
Bourgeoisökonomie je eingenommen hat. Allerdings werden 
die socialen Verknüpfungen nicht an sich selbst, sondern nur 
als reine Wirkungen der Productionsgesotzo betrachtet; aber 
eine derartige Einseitigkeit findet sich in aller bisherigen Na 
tionalökonomie und ausserdem auch noch da, wo man sie am 
wenigsten erwarten sollte, nämlich in Versuchen zu einer socia- 
listischen Theorie, wie z. ß. in demjenigen des Herrn Marx. 
Hienach steht die Socialwissenschaft Careys auf der Grenz 
scheide zwischen der ungemischt bürgerlichen Oekonomie und 
unserm kritischen Socialismus. Diese Grenzposition, deren 
Doppelseitigkeit oft durch eine philanthropische und messia- 
nistische Haltung überbrückt zu werden scheint, macht es auch 
begreiflich, wie an Stelle des naturgemässen Fortschritts zum 
Socialismus eine Art Rückbewegung dadurch erfolgen konnte, 
dass die Protection im Lichte einer engem Vergesellschaftung 
der Volksglieder erklärt und verklärt wurde. Auch die Inte 
ressenharmonie, die sonst gänzlich von Natur und unter Vor 
aussetzung des Ittissßv allßv vorhanden sein sollte, wurde nun 
an die Bedingung der Protection geknüpft, — ein Zugeständniss, 
dessen allgemeiner Sinn nicht den Schutzzöllen, sondern nur 
dem Socialismus zugutekommen kann. Eine Harmonie der 
Interessen kann nur auf Grundlage der ökonomischen Gerech 
tigkeit bestehen, und die vollständige Verwirklichung des 
ökonomischen Rechts ist nur im socialitären Staate denkbar, 
in welchem sich die Institutionen der Ausbeutung mit ihren 
Wurzeln vertilgt finden. Nun hindert aber die Kluft im prak 
tischen Wollen, die zwischen Careys Lebensanschauung und 
dem communitären Socialismus besteht, nicht im Entferntesten 
die Anerkennung und den Gebrauch der rein theoretischen 
Errungenschaften des Systems. Im Gegentheil kann die Festig 
keit der socialistischen Theorie mit Genugthuung und Ruhe 
auf den Umstand blicken, dass ihr die ganze Wissenschaft mit 
Einschluss derjenigen Aufschlüsse und Entdeckungen'dienstbar 
werden muss, die von vornherein auf dieses Ziel nicht angelegt, 
ja in der heimlichen literarischen Aneignung eines Bastiat in
        <pb n="417" />
        401 
ausdrücklicher Polemik auf das grade Gegentheil davon ge 
richtet worden waren. 
5. Die wissenschaftliche Axe dos Careyschen Systems ist 
von vornherein die Werththeorie gewesen und in allen ferneren 
Entwicklungen auch geblichen. In dem Grundwerk von 1837 
ist die Arbeit als einzige und überall erkennbare Ursache der 
Werthbestimmung anerkannt. Während Adam Smith und Ri 
cardo nicht nur noch andere Gesichtspunkte daneben hatten 
gelten lassen, sondern auch in der universellen Durchführung 
des Princips nicht bis an die äussersten Grenzen der auch mit 
anderartigen Kreuzungen verträglichen Anwendbarkeit vorge 
gangen waren, ist der Amerikanische Volkswirthschaftstheore- 
tiker dem natürlichen Zuge nach einheitlicher Bethätigung der 
Arbeitsidee gefolgt und hat so den Unterschied von Nutzen 
und Kosten sowie von Reichthum und Werth mit einer zuvor 
nicht vorhanden gewesenen Entschiedenheit sichtbar gemacht. 
„Nützlichkeit”, schrieb er schon damals, „ist die Vorbedingung, 
aber nicht die Ursache des Werths.” Die universelle Trag 
weite, welche diesem Satz für Alles gegeben wurde, was, be 
weglich oder unbeweglich, im Verkehr eine im Preise zum 
Ausdruck gelangende Geltung hat, machte das Charakteristische 
der neuen Theorie aus. Nutzen und Kosten Hessen sich nir 
gend mehr verwechseln; Naturstoif und Naturkräfte konnten 
an sich selbst keinen bezahlbaren Werth der fraglichen Art 
haben, und das gemeine Vorurtheil, als wenn die Naturdinge 
und unter ihnen auch Gold und Silber die Höhe ihrer Geltung 
im Verkehr etwas Anderm als der Arbeit zu verdanken hätten, 
musste vollends schwinden. Ausserdem fügte Carey zu dem 
bessern Werthbegriif aber noch ein Werthgesetz hinzu, dessen 
Neuheit und Originalität unverkennbar ist. Im Hinblick auf 
die fortschreitende Entwicklung der Volkswirthschaften hob er 
die Wahrheit hervor, dass nicht die Productionskosten, sondern 
die Reproductionskosten den Werth bestimmen. Da nun die 
letztem mit der technischen Vervollkommnung und mit der 
en gern oder sonst bessern Vereinigung der menschlichen Kräfte 
abnehmen, so ist in dieser Beziehung ein allgemeines Sinken 
der Werthe ein Grundgesetz des geschichtlichen Fortschritts 
der Völkerwirthschaft. Die steigende Civilisation und Cultur 
bringt die Minderung der für eine gleiche Erzeugnissmenge 
aufzuwendenden Arbeit mit sich. Nach Carey soll nun auch 
Dühring, Oescliichto der Nationalökonomie. 2. Auflage. 26
        <pb n="418" />
        — 402 
der arbeitende Mensch hievon den Vortheil haben, und der An- 
theil, den der Arbeiter von dem Producto erhält, soll nicht blo&amp; 
absolut, sondern auch relativ, nämlich in Vergleichung mit dom 
Antheil des Capitals steigen. 
Dem Capitalisten bleibt hienach nur derjenige Zuwachs 
übrig, der daher stammt, dass der immer kleiner werdende 
Bruch seines Antheils am Product von einer so stark steigenden 
Productenmasso bezogen wird, dass er auch so noch ein absolutes, 
wenn auch kein relatives Mehr liefert. In diesem sich natur 
gesetzlich vollziehenden Gange sah Carey ursprünglich die 
vollständigste Interessenharmonie zwischen Capital und Arbeit, 
sowie insbesondere zwischen allen Berufsverzweigungen der 
Volks- und Völkerwirthschaft. Hiemit hauptsächlich und mit 
der zu Grunde liegenden Unterscheidung von Nützlichkeit und 
Werth wurde er das Object des literarischen Diebstahls, den 
13 Jahre später der Französische Socialistenbekämpfer Bastiat 
in seinen „Oekonomischen Harmonien” (1850) begangen hat. 
Alle wahren und dauernden Interessen sollen nach einem 
wirthschaftlichen Naturgesetz im Einklang stehen. Dieses 
Gesetz ist aber in der Careyschen Rechenschaft, die Bastiat 
und Andere hiebei übersehen haben, auf die verallgemeinerte 
Zugänglichkeit der Productionswerkzeuge gebaut. Die Arbeit 
soll dadurch ihren höheren Antheil erhalten, dass sie nicht nur 
mit erfolgreicheren Mitteln thätig ist, sondern auch selbst dazu 
gelangt, immer mehr in den Besitz der stets reichlicher und 
billiger producirten Werkzeuge und Zurüstungen zu kommen. 
Für Carey heisst der Inbegriff dieser fördernden Mittel schlecht 
weg Capital, und so ist es nach jener Voraussetzung der ver 
allgemeinerte Besitz der Capitalien oder, mit andern Worten, 
eine Decentralisation des Capitals, was für die Arbeit das har 
monische Ergebniss und schliesslich das höchste Maass von wirth- 
schaftlicher Gleichheit und politischer Freiheit herbeiführen soll. 
Solange man nicht an unselbständige Lohnarbeit, sondern 
an kleine Unternehmer und deren Vervielfältigung denkt, könnte 
eine Bedingung, wie die vorausgesetzte, auch social eine thcil- 
weise Verwirklichung haben und einen auf die bisherige 
Geschichte anwendbaren Sinn erhalten. Uebrigens ist aber 
die ganze Ableitung nur zu begreifen, wenn man in ihr 
eine Abstandnahme von den besondern socialen Voraus 
setzungen des politischen Wirthschaftsrechts erkennt und in
        <pb n="419" />
        403 
der fraglichen Aufstellung nur ein rein technisches Productions- 
gesetz sieht. Das Capital im Careyschen Sinne und die Capita- 
listen der wirklichen Geschichte und Gegenwart müssen als 
dann theoretisch geschieden werden, sowie denn auch die prak 
tische Scheidung des Capitals von den Capitalisten die kriti 
sche Arbeit der Zukunft sein wird. An eine solche Entwick 
lung der Intercssenharmonie aus dem tieferen Grunde der 
Sache hat aber Carey nicht im Entferntesten gedacht. Statt 
dessen hat er nachträglich eine andere Correctur, nämlich die 
durch das Protectionssystem, eintreten lassen. 
Nach dieser zweiten Vorstellungsart sind die wahren und 
dauernden Interessen nur dann in vollem Einklang, wenn 
für eine engere Vergesellschaftung im Wege des Zollschutzes 
gesorgt wird. Diese zweite Form der Interessenharmonie be 
zieht sich auf das Verhältniss von Ackerbau, Industrie, Handel 
und Lohnarbeit. Ihr Nerv ist die auch in einer Listsehen 
Abhandlung anzutreffende Ausführung, dass der Landwirth und 
nicht blos der Industrielle bei dem Fabricatenschutz ihre Reeh- 
nung fänden. Der Landwirth soll an den grossem und nähern 
Markt denken, der ihm aus der Einführung von Fabriken er 
wächst. Er soll den steigenden Entgelt in Anschlag bringen, 
der ihm mit der Zunahme der heimischen Industrie für seine 
Erzeugnisse in Aussicht steht, und er soll die augenblicklichen 
Interessen zu einem Theil opfern, um für die dauernden eine 
ergiebige Quelle der Befriedigung zu schaffen. Dies ist die 
Theorie in der schon oben erwähnten Schrift „The harmony of 
interests etc.” (Philadelphia 1851). 
Die alto und wahre Bedingung der Association des Men 
schen mit dem Menschen, die immer der Leitstern des Carey- 
schen Denkens gewesen war, ist nun von einer negativen zu 
einer positiven Vorbedingung geworden. Der zweite Band des 
ursprünglichen Hauptwerks hatte die „Störungen der reinen 
Productionsgesetze und der zugehörigen harmonischen Ver- 
theilung, nämlich Krieg, Raub und Vergewaltigung aller Art, 
als hemmende Abnormitäten abgesondert behandelt. Die Frei 
heit und Harmonie der wirthschaftlichen Entwicklung hatte 
auf der Ausmerzung dieser den normalen Gang kreuzenden 
Störungen beiuhen sollen. Die volle Vereinigungsfreiheit der 
Menschen war als hinreichend angesehen worden, die wirth 
schaftlichen Naturgesetze zum reinsten Ausdruck kommen zu 
26*
        <pb n="420" />
        404 
lassen. Der neue Schritt gegen das laisser aller führte nun, wenn 
auch nur in Form der Protection, zu der Forderung einer 
Harmonisirung der Interessen durch politische Maassregeln. 
Hiemit erhielt das Gesetz der Interesscnharmonie eine poli 
tische Vorbedingung, und die Ergebnisse des Werthgesetzes 
erschienen ohne positive politische Intervention nicht mehr 
ausreichend, ihre harmonisirendo Tendenz zu verwirklichen. Es 
wäre principie!! für die Theorie keine grössere Kluft entstanden, 
wenn anstatt der Protection sofort der Socialismus als Vor 
aussetzung der Harmonisirbarkeit der Interessen gedient hätte. 
So aber ist das Zurückgreifen auf ältere und zweideutige Mittel 
an die Stelle der consequenten Fortentwicklung des rein 
theoretischen Gehalts gesetzt worden. 
Glücklicherweise hat dieser, vom Wege der reinen Theorie 
ablenkende und sogar zur Vertheidigung der Zinsbeschrän 
kungen führende Umstand dennoch nicht daran gehindert, dass 
die Werththeorio im Werk von 1858 eine formelle Bereiche 
rung erfuhr. Die Formel, dass der Werth das Maass des 
Widerstandes sei, der sich der Erlangung der wirthschaftlich 
begehrten Dinge von Natur und nach Productionschancen 
entgegenstellt, ist als sehr gelungen zu betrachten. Aller 
dings bedarf sie eines Zusatzes, der dem Geiste der Careyschen 
Auffassung nicht entspricht. Man darf nämlich die socialen 
Hindernisse der Beschaffung nicht als unerheblichen Beibungs- 
widerstand vernachlässigen, sondern muss zu dem Begriff des 
Productionswerthes noch den des socialen oder des Vertheilungs- 
werthes hinzufügen, wenn die wirklichen Preise erklärbar 
werden sollen. Auf die Nothwendigkeit dieser systematischen 
Erweiterung der W^iderstandsformel habe ich schon in meiner 
„Kritischen Grundlegung von 1866 nachdrücklich hingewiesen. 
Es setzt sich hienach der bezahlbare Werth aus den Wirkungen 
aller Hindernisse, einschliesslich der socialen Positionen und 
Monopole, zusammen. Dieser Standpunkt ist aber, so eng er 
theoretisch dem Careyschen Gesichtspunkt verwandt bleibt, 
doch praktisch das grade Gegentheil von dessen Absicht. 
6. Indem schon die ursprüngliche Werth Vorstellung des 
^ erkes von 1837 auf die Preise der Landgüter angewendet wurde, 
gestaltete sich die Bodenrente zu einem besondern Fall des 
Capitalgewinns, so dass es für das Careysche System eine 
eigenthümliche Grundrente nicht geben konnte. Die Landgüter
        <pb n="421" />
        405 — 
wurden als etwas Producirtes und sogar dem Gesetz der 
sinkenden Reproductionskosten Unterworfenes angesehen, und 
die Ausschliesslichkeit dieses Gesichtspunkts lieferte den 
Satz, dass in den späteren Stadien der Entwicklung der Werth 
des unbeweglichen Eigenthums unter die ursprünglichen Pro- 
ductionskosten sinke. Die Arbeit, die sich in den Urbar 
machungen und Meliorationen gleichsam verkörpert habe, ergebe 
einen bedeutenderen Werth, als der in einer späteren Epoche 
erlangbare Grundstückspreis. Stellte man heute Arbeit im 
Betrage dieses Preises zur Verfügung, so würde sich dafür ein 
solches Landgut, trotz der technischen Macht der Gegenwart, 
aus dem rohen Naturzustände nicht produciren lassen. Die 
Aufhäufungen der Vergangenheit sollen also auch in dieser 
Form im Werthe sinken und ein einziges Gesetz alle Werth- 
ontstohung begreiflich machen. In der That muss jeder wahre 
Gesichtspunkt unbeschränkt zur Anwendung kommen und so 
natürlich auch derjenige der Werthminderung durch das Sinken 
der Reproductionshindernisse. Ein gleiches Recht hat aber 
auch die Anwendung des socialen Gesichtspunkts, demzufolge 
die Existenz der Grundherrschaft und das annähernde Monopol 
die socialen Hindernisse bilden, durch welche die Position, die 
zur Aneignung befähigt, noch einen besondern Werth erhält, 
mit dessen gewaltiger Zunahme die auf das Sinken hinwirken 
den Ursachen quantitativ kaum verglichen werden können. 
Mit Recht waren die RicardoschenFruchtbarkeitsdifferenzen, 
in denen die entscheidende Ursache der Grundrente nicht liegt, 
von Carey schon damals als falsche Griinde signalisirt worden. 
Zu einem vollkommneren Antagonismus gegen die Ricardosche 
Rentenphantasie gelangte aber das System erst mit der Auf 
stellung des Gesetzes vom Gange der Bodencultur. Die gleich 
sam historische Construction Ricardos, die sich an die gewöhn 
liche Meinung von der ursprünglichen Cultur des fruchtbarsten 
Bodens anlehnte, wurde nun umkehrbar. Der Boden von 
geringerer natürlicher Fruchtbarkeit, also namentlich von ge 
ringerem Gehalt an Pflanzennährstoffeu, wurde von Carey als 
derjenige nachgewiesen, der ursprünglich die meisten Chancen 
und der Regel nach die einzige Möglichkeit des Anbaus dar 
biete. Der wirthschaftlich noch unentwickelte Mensch kann 
mit seinen schwächeren Kräften nur den leichteren Boden der 
Bergabhänge cultiviren, der sich von selbst entwässert. Er
        <pb n="422" />
        406 
ist nicht im Stande, den Hindernissen Trotz zu bieten, die auf 
dem fruchtbareren Boden von der üppigen Natur vegetation ge 
schaffen sind und häufig auch noch durch ungesunde Beschaf 
fenheit der Luft verstärkt werden. Er wird daher nicht den 
jenigen Boden in Cultur nehmen, den er sich zugänglich wün 
schen mag, sondern denjenigen, dessen er mit seinen Kräften 
Herr zu werden in der Lage ist. Hieraus folgt, dass die tech 
nische Ausrüstung und die nähere Vergesellschaftung einer 
zahlreicheren Menschengruppe die Vorbedingungen des üeber- 
' gangs der Cultur zu den fruchtbareren Acckern bilden. Ist 
dieser Uebergang einmal vollzogen, so kann ausser den frucht 
barsten Strecken entwässerten Sumpfbodens auch der aller 
schlechteste Boden, der ursprünglich unbeachtet blieb, durch 
Uebertragung^ von Kunstmittcln dem Anbau zugänglich werden. 
Die entscheidende Richtung bleibt aber für die Anbaugeschichte 
der Fortschritt von dem weniger fruchtbaren zu dem frucht 
bareren Boden, wobei, um alle gegnerischen Schleichwendungen 
auszuschlicssen, die Fruchtbarkeit im absoluten und natürlichen 
Sinne, nämlich als Grad des Reichthums an pflanzenernähren- 
den Bestandtheilen und an fördernd zusammen wirkenden Natur 
kräften oder Naturprocossen, aufzufassen ist. 
Der Urheber dieser neuen Idee hat das Hauptgewicht nicht 
auf die eben angegebene Deduction, die auf wenigen und ein 
fachen Thatsachen ruht, sondern auf das empirisch historische 
Bild und gleichsam auf die Karte des Bodenanbaus legen zu 
müssen geglaubt. Aus dem Gebiet dieser erfahrungsmässigen 
Beläge heben wir jedoch nur die allgemeine Thatsache hervor, 
dass der fruchtbarste Boden auf dem Planeten entweder gar 
nicht oder nur erst sehr unvollkommen angebaut ist, während 
sich grade die weniger von der Natur begünstigten Landstriche 
der intensivsten Bewirthschaftung erfreuen. Eine überall zu 
treffende Schablone liefert die neue Idee selbstverständlich 
nicht, aber die Beispiele Ungarns und Russlands, die uns doch 
sehr nahe liegen, namentlich aber des erstoren Landes, welches 
massenhaften Boden der fruchtbarsten Art noch unbebaut zur 
Verfügung hat, während der weniger fruchtbare längst cultivirt 
ist, sollten über die gewöhnliche Enge der Betrachtung hinweg 
heben. Der Amerikanische Nationalökonom hat sich besondere 
Mühe gegeben, für sein eignes Land und dessen Colonisation 
die thatsächliche Bewahrheitung seines Gesetzes zu liefern.
        <pb n="423" />
        407 
Allermindestens hat er auch bei seinen sonstigen Gegnern, z. B. 
bei dem Schotten Macleod, das Zugeständniss erreicht, dass 
neben der Ricardosehen Hypothese auch noch eine andere zu 
lässig sein müsse. Ja man kann jetzt ganz allgemein behaup- 
d^mau^d^ wo dm pm^^m Ane^:emnmg d^ nmmn 
Gesichtspunktes als ausschliesslich maassgebend versagt wird, 
wenigstens die Ricardosche Vorstellung neutralisirt und die 
Freiheit des Denkens in einem höhern Maass hergestellt ist, 
als sie je zuvor bezüglich dieses Gegenstandes vorhanden sein 
konnte. Hierin läge allein schon eine werthvolle Umwälzung 
der ökonomischen Anschauungen. Am meisten wird aber die 
Civilisationsgeschichte auch positiv von der neuen Idee ge- 
winimn kirnen, hnlem Wer rnicM d^ Augm^^^ rmd 
Spanne Zeit, auf die sich der sociale Classenkampf um die 
Bodenrente bezieht, sondern viel weitere Dimensionen in Frage 
^^^Es knüpft sich eine Art ökonomischer Geschichtsphilosophie 
an das Gesetz vom Gange des Bodenanbaus. Das Neue der 
Vorstellung besteht darin, dass die Cultur von den Bergab 
hängen erst später zu den Flussthälern fortschreitet, und dass 
überhaupt die Chancen der Völkerwirthschaft so beschaffen 
sind, dass erst mit der wachsenden Kraft des Menschen auch 
die ergiebigeren Naturmittel benutzbar werden. Muss es nun 
auch der Wissenschaft fernbleiben, derartige Wirkungen einer 
offen zu Tage liegenden Ursächlichkeit mit Carey aus einer Art 
Vorsehung eines „Machers der Welt herleiten oder gar au 
den Credit eines derartigen Glaubens frischweg voraussetzen 
zu wollen, so wäre es doch auch nicht am Orte, über den Wert 
einer Speculation und eines an sich richtigen Stücks von Wahr 
heit nach den individuellen Entstehungsgründen abzuurtheilen. 
Mit demselben Recht könnte man Alles verwerfen, was Kepler 
auf seine Weltharmonie hin und auf Antrieb superstitioser 
Ideen wirklich Zutreffendes aufgefunden hat. ^ 
Die Bodencultur soll nicht nur unter den günstigen nt- 
wicklungsbedingungen zum fruchtbareren Boden fortschreiten, 
sondern denselben auch wieder verlassen, wenn, wie in der 
Türkei, ein Rückgang der Kräfte platzgreift. Die sinkenden 
Volkswirthschaften würden also hienach, wie Carey in dem 
Werk von 1858 beschreibt, einen umgekehrten Process durch 
machen. Trotzdem ist der Oekonom von Philadelphia weit
        <pb n="424" />
        408 
davon entfernt, ein nothwendiges Gesetz der Wirthschaftsauf- 
lösung und der wirthschaftlichen Staatenzersetzung anzuerkennen. 
Im Gegentheil soll die günstige Entwicklung für jedes Volk 
ins Unbegrenzte gehen können, wenn sie nicht durch falsche 
Schritte freiwillig zum Abgrunde einlenkt. Hier schiebt sich 
bm ehie IDopp^kek der V^eltm^^u^ung 
ein, wonach im letzten Grunde noch etwas Anderes möglich 
sein soll, als was in der That wirklich wird. Aus diesem 
Grunde wehrt er sich auch gegen die Anerkennung des Staa 
ten- und Völkertodes als einer unausweichlichen Naturgesetz 
lichkeit. Man sieht, dass er an einer Ansicht festhält, die eine 
selir gemeiiie ist und sich iii den nietaphysisch siihUinirtoron 
Formen überall da findet, wo an der menschlichen Freiheit ein 
wenn auch noch so kleiner Rest oder ein mystisches Hinter- 
gründchen, wie bei Kant, von der allesbeherrschcnden Natur 
gesetzmässigkeit ausgenommen oder über dieselbe gestellt wer 
den soll. Man hat mithin kein Recht, an Careys aus der ratio- 
nalisirten Religion stammenden Geschichtsphilosophie zu mäkeln, 
wenn man nicht selbst auf dem völlig radicalen Grund und 
Boden des theoretischen Materialismus und der kritisch natur 
wissenschaftlichen Denkweise steht. 
7. Auch die antimalthusische Bevölkerungstheorie des Sy 
stems hat einen Zug, der sie zur völligen Umkehrung der An 
schauungsart des Anglikanischen Priesters macht. Während 
der letztere ein providentielles Naturgesetz beliebte, vermöge 
dessen die sündige Volksvermehrung dem Nahrungsvorrath 
stets voraus sein sollte, um dann den Lohn dieser Welt, näm 
lich eine Decimirung durch Kriege, Seuchen, Elend und Laster 
einzuernten, hat sich der Pensylvanische Socialphilosoph von 
vornherein auf den Standpunkt eines religiösen Optimismus 
^stellt. Nahrung und Bevölkerung können sich hienach nicht 
in Disharmonie befinden; denn sonst wären die Naturverhält- 
nisse ein Pfuscherstück ihres vorausgesetzten] Urhebers. Die 
wachsenden Kräfte des Menschen müssen daher mit der Anlage 
der äussern Natur derartig zusammenstimmen, dass die Fähig 
keit zur Erzeugung der Lebensbedingungeu den Ansprüchen 
an dieselben nicht nur gewachsen bleibt, sondern in immer 
reichlicherem Maasse entspricht. Der Nachweis durch stati 
stische Thatsachen muss hier natürlich problematisch bleiben, 
und man sollte daher die Careyschen Anführungen mit Be-
        <pb n="425" />
        409 
mängelungen verschonen, welche in dieser Richtung auch alle 
andern statistischen Versuche treffen müssten. Wirklich zu 
verlässige und brauchbare Constatirungen bleiben solange un 
möglich, als die statistischen Institute der Welt wesentlich nur 
für die Regierungen und so gut wie gar nicht für die bestimm 
teren Gesichtspunkte der Volkswirthschaftslehre arbeiten. Die 
Productionsstatistik ist anerkanntermaassen nur in vereinzelten 
und unerheblichen Anfängen vorhanden. 
Da Malthus in dieser Gattung nichts bewiesen hatte, so 
war auch im eigentlichen Sinne nichts zu widerlegen. Dagegen 
ist es ein grosses Verdienst Careys, dass er den alten Gedanken 
von der wirthschaftlichen Nützlichkeit der Volksvermehrung 
mit einer neuen Ableitung ausstattete, die von aller Statistik 
unabhängig war und bleiben wird. Durch Vereinigung einer 
grossem Zahl wachsen die W^irthschaftskräfte über die Natur 
mehr als blos im Verhältniss dieser Zahl. Zwei vereinigte 
Menschen haben höchstens die doppelten Bedürfnisse, aber ver 
möge dos planmässigen Zusammenwirkens mehr als die dop 
pelte Leistungsfähigkeit. An der Hand dieser Wahrheit und 
unter der Voraussetzung, dass die Naturhülfsquellen nicht blos 
Anfangs so gut wie unbeschränkt, sondern auch später hinrei 
chend zugänglich sind, gelangt Carey zu der Vorstellung, dass 
die Bevölkerung keine andern Schranken habe, als diejenigen, 
welche sie sich in ihrer höhern Entwicklung durch ein Zurück 
treten der Fortpflanzungstriebe von selbst setze. Da er still 
schweigend anerkennt, dass eine grenzenlose Vermehrung nicht 
stattfinden könne, so nimmt er auf den Höhen der Entwicklung 
seine Zuflucht zu dem physiologischen Antagonismus zwischen 
dem Aufwand der Gehirn- und der Geschlechtskräfte. Die Ent 
wicklung der höhern Functionen soll die Fortpflanzungsacte 
mindern. Mit Sicherheit ist nun aber nach einer exacten phy 
siologischen Denkweise nichts weiter festzustellen, als dass 
eine starke Anspannung der Gehirnthätigkeit zeitweilig alle 
andern functioncllen Thätigkeiten des Organismus und unter 
ihnen ganz vornehmlich die Vorbereitungen der geschlechtlichen 
Energie mindert. Hievon wird aber die Fortpflanzung selbst 
wenig betroffen. Eine habituelle Ausmerzung der Geschlechts 
functionen wäre aber nicht nur ein physiologisch ungeheuer 
licher, sondern auch sonst ein thörichter Gedanke. Ausnahms 
weise mögliche Impotenz oder Unfruchtbarkeit kann und soll
        <pb n="426" />
        410 
nicht in einem grossem Umfang zur organischen Regel umge 
wandelt werden. Im Gegentheil bleibt es, von einigen Abnor 
mitäten abgesehen, eine natürliche Thatsache, dass die mit den 
besten Gehirnkräften Ausgestatteten auch nicht zu den von der 
Natur Verschnittenen gehören. Uebrigens wirkt aber auch 
jede stärkere Muskelthätigkeit in Bezug auf die Geschlochts- 
erregungon ableitend, so dass überhaupt anstrengende Arbeit 
mit den sexuellen Functionen im Widerstreit steht. Hieraus 
folgt aber wiederum keine erhebliche Einschränkung der Con- 
ceptionen und Geburten, da, wie nicht blos Carey, sondern 
auch der Malthusianer Stuart Mill ausser Acht gelassen hat, 
die geringste Anzahl von Bethätigungen der Geschlechtsreize 
bei normaler Fruchtbarkeit der Frauen hinreichend ist, die 
vollen Chancen der Volksvermehrung zu ergeben. Wenn die 
träge Musse und der Mangel höherer geistiger Regsamkeit bei 
der Classe der verheiratheten Geistlichen, die bekanntlich 
sechs Tage ruhen und am siebenten auch nicht eigentlich ar 
beiten, und deren wichtigste Geschäfte in der Einziehung von 
Gebühren und in ceremoniellen Acten nebst der schwierigen 
Zugabe des Mitfeierns, Mitessens und Mittrinkens bestehen, — 
wenn diese ergiebige Entsagung von den Lasten des Erden 
daseins der Kinderzeugung besonders günstig ist, so muss man 
hiebei nicht blos an das pflanzenhafte, vornehmlich auf Ernäh 
rung und behäbige Behaglichkeit gerichtete, die reproductiven 
Functionen gleichsam mästende und hegende Verhalten denken, 
sondern auch erwägen, dass in diesem Falle die ökonomische 
Sorglosigkeit sowie die Aussicht, den Nachwuchs durch allerlei 
Subventionen und Privilegien für die höhere Erziehung begün 
stigt zu sehen, das Ihrige zu der bekannten ungenirten Fami 
lienentfaltung beitragen muss. Eine ähnliche Bewandtniss hat 
es mit den Inhabern der üniversitätssinecuren, deren schwerste 
professorale Arbeit meistens in dem Abstottern eines über 
kommenen oder einfürallemal zusammengepickten, für das ganze 
Leben ausreichenden Collegienheftes besteht. Wenn wir uns 
nun die zu einem bessern Wirthschaftsdasein entwickelte 
Menschheit auch nicht nach dem Bilde der eben erwähnten 
Monstrositäten der bevorrechteten und gutbezahlten Trägheits- 
musse vegetirend denken dürfen, so wird doch die verhältniss- 
mässige Entlastung von erdrückender Arbeit des Körpers und 
des Geistes, also mit einem Wort die Normalisirung aller
        <pb n="427" />
        411 
Functionen für die Vorbedingungen der Yolksvermebrung nur 
immer günstiger nusfallen können. Das Gareysche System hat 
nun aber diese Nothwendigkeit, die in der Gonsequenz seiner 
sonstigen materiellen Voraussetzung lag, nicht ertragen können 
und auf einen illusorischen Ausweg gerathen müssen, weil es 
in seiner Welt- und Lebensanschauung die gleichsam vormund 
schaftliche harmonische Einrichtung der Dinge adoptirt und 
vor dem kühnen Eingriff des verstandesreifen Menschen m den 
zufälligen wüsten und wilden Gang der Fortpflanzung wm vor 
einer Ungeheuerlichkeit eine Art heiliger Scheu hegt. So ist 
es denn gekommen, dass die unwillkürliche Enthaltung, we c e 
sich auf den höchsten Stufen der Givilisation von selbst durch 
den Mangel der Geschlechtsneigungen einfinden soll, auch nicht 
sonderlich etwas Anderes als ein Gegenstück zum sitt ic ver 
worfenen Malthusschen Moralitätszwang vorstellt. 
8. Die Abhängigkeit der Volks Vermehrung vom 
ist jene beengte Vorstellung, die dem Smithschen Gapitalbegritt 
ihr wissenschaftliches, bis in socialistische Systeme fortgepflanz 
tes und augenblicklich z. B. auch in dem Marxschen Vor- 
stcllungskreis vertretenes Dasein zu verdanken hat. Es war 
daher ein befreiender Schritt, wenn Garey von vornherein das 
Capital als Werkzeug der Production bestimmte und die Pro- 
duction dieses Werkzeugs zum Ausgangspunkt.der Ableitungen 
aller wirthschaftlichen Entwicklung machte. Das Gapita wir 
hicnacli producirt und seine Reproductionskosten sin 'en m 
der technischen Vervollkommnung und der bessern Verps - 
Schaffung der Menschenkraft. Die Sparthätig seit, le ei 
Adam Smith als Hauptentstehungsgrund galt, mscheint 
als eine blos vermittelnde, in untergeordneter 
Verrichtung, während die positive Ursache er api a i ung 
in der Einleitung von Menschenkraft auf die Herstellung er 
arbeitersparonden Arbeitsmittel zu suchen ist. 
Die aneignenden Functionen des Capitals, d. h. des Be- 
sitzers der Arbeitsmittel gegen den Nichtbesitzer, sollen ur 
sprünglich am stärksten sein und mit der Entwickli^ sinken, 
weil die frühere thatsächliche Ausschliesslichkeit des ^ zeug 
besitzes durch die spätere reichlichere Production und Zugäng 
lichkeit gemässigt und endlich bis zur Unerheblichkeit gemin 
dert werde. Bodenrente, Capitalgewinn und Zins sollen zuletzt 
nur noch einen relativ kleinen Spielraum ausfüllen können.
        <pb n="428" />
        412 
Di© Meng© dor A.rb6Ít86ÍnküiiftG soll so tiborwiGgcnd worden^ 
dass man jene Einnahmearten, die auf Rechnung des Capitals 
verbleiben, nur noch als eine Art Reibungswiderstand der ge 
sellschaftlichen Circulation ansehen dürfe. Diese harmonistische 
Voraussetzung, die uns im Allgemeinen schon oben beschäf 
tigte, zeigt nun recht deutlich, dass eine strenge Schlussfolge 
rung aus dem rein technischen Productionsgesetz des Capitals 
nur dann statthaben könnte, wenn die Ursachen der socialen 
Aneignung ausgetilgt wären. Das Capital selbst, wie es von 
Carey definirt wird, nämlich das technische Werkzeug der Pro 
duction, macht keinen weiteren Anspruch, als dass ihm zu seiner 
ursprünglichen Hervorbringung eine bestimmte Arbeitsmeuge 
gewidmet, und dass es nach Maassgabe der Abnutzung oder 
des vollständigen Verbrauchs durch eine meist geringer aus 
fallende Arbeitsmenge wiedorersetzt werde. Hierin liegt keine 
Spur von Aneignung, Die letztere ist eine sociale Vertheilungs- 
function und ist nicht auf Rechnung dos Capitals, sondern voll 
und ausschliesslich auf diejenige des Capitalisten d. h. des Be 
herrschers der Werkzeuge zu schreiben. Wie schon angedcu- 
tet, liegt aber grade diese hochwichtige Unterscheidung von 
eminent socialitärer Bedeutung den Carey sehen Argumentatio 
nen äusserst fern. Man würde also nur in der socialitären 
"Wirthschaft von dem Gresetz der sinkenden Reproductionskosten 
des Capitals für den Arbeiter den vollen Vortheil ziehen. 
Bodenrente, Capitalgewinn und Zins würden alsdann nicht blos 
bis zur relativen Unerheblichkeit geschmälert werden, sondern 
gar nicht mehr in Frage kommen. Die Thatsache, dass sich 
ein solcher Endzustand durch ein relatives Steigen des Ge 
wichts, welches die Arbeitermenge socialwirthschaftlich der An 
zahl der Besitzer und der Grösse der Besitzeinkünfte gegenüber in 
die Schaale wirft, nach Naturgesetzen vorbereitet, ist die halt 
bare Lehre, die man der Careyschen Anschauungsart entneh 
men und den blos mit einer pessimistischen Fäulniss und einem 
Uebermaass der Missverhältnisse rechnenden Deductionen des 
Elendssocialismus entgegensetzen kann. Die Möglichkeit und 
Noth Wendigkeit der socialitären Wirthschaft entspringt nicht 
sowohl aus dem die modernen Erscheinungen begleitenden 
Elend, als vielmehr aus dem positiven Kräftezuwachs des Pro 
letariats. 
Die Niedrigkeit des Zinsfusses ist für Carey nicht nur ein
        <pb n="429" />
        413 
Ideal, sondern auch die Wirkung der Fortschrittsentwicklung. 
Die leichtere Reproduction des Capitals macht den Entgelt 
für seine Nutzung geringer. Die Meinung, als wenn die 
geringere Ergiebigkeit zu dem hei den entwickeltsten Völkern 
thatsilchlich gesunkene n Zinsfuss geführt hätte, schliesst einen 
ähnlichen Irrthum ein, als wenn man aus billigeren Preisen 
auf geringere anstatt auf grössere Productivität schliessen 
wollte. Ausserdem übersehe man nicht, dass die Careysche 
Denkweise über die Niedrigkeit des Zinsfusses dem Stand 
punkt aller Berufsgattungen entspricht, welche mit fremdem 
Capital möglichst viele Gewinne erzielen und zu Gunsten 
dieser geschäftlichen Capitalgewinne an den eigentlichen Zinsen 
sparen wollen. Wohin dieser industriöse Standpunkt führen 
könne, zeigt das Eintreten für die Erhaltung der Amerikani 
schen Staatengesetze über Wucher, von deren monströser 
Existenz man in Europa meist keine Ahnung hat. 
Eine Lieblingstheorie des Systems besteht darin, dass 
die Beziehung zwischen der Grösse des circulirenden und der 
jenigen des fixen Capitals dadurch eine paradoxe Umkehrung 
erfährt, dass die nominellen Capitalisirungspreise der Rechte 
an Grundstücken 5“ Häusern und industriellen Etablissements 
vielfach als Repräsentanten der Massenhaftigkeit der fixirten 
Werthe erscheinen. So wird denn der Satz möglich, dass im 
Verlauf der Entwicklung das fixe Capital eine immer grössere 
Quote und eine immer gediegenere Grundlage der gesammten 
Production bilde. In Wahrheit bleibt aber an dieser Ansicht 
nur die einfachere Idee festzuhalten, dass die productiven 
Institutionen, also namentlich die Einrichtungen der Landwirth- 
schaft und der Industrie, erst nach und nach Wurzel schlagen 
und so den Contrast gegen den Zustand des ursprünglichen 
Nomadenthums mit seiner blos beweglichen Habe immer mehr 
erhöhen. 
Í). Eine blosse Folge der Auffassung des Werthes als des 
Repräsentanten und Maasses der Beschaffungshindernisse ist 
es, wenn das System den natürlichsten und kürzesten Weg 
der Vermittlung zwischen Producenten und Consumenten zu 
den überwuchernden Einschaltungen von Zwischenpersonen und 
Zwischenzurüstungen in Gegensatz stellt. Hierauf beruht nicht 
nur seine Unterscheidung zwischen Verkehr und Handel, son 
dern auch die am meisten gelungene Anschauung von der Rolle
        <pb n="430" />
        der Entfernungen und Transporthindernisse. Der Verkehr ist 
der Austausch zwischen den ursprünglichen oder eigentlichen 
Producenten und den letzten oder eigentlichen Consuraentcn. 
Der Handel, als Gruppe von Personen und Zurüstungen, ist, 
wo er seine Verrichtungen normal erfüllt, nur das dienstbare 
Werkzeug jenes Verkehrs. Wo er sich aber egoistisch zum 
Selbstzweck macht und auf Kosten des in kürzerer oder directer 
Weise möglichen Verkehrs seine thatsächlichen oder künst 
lichen Mon opole aufrecht erhält, wird er gleich einem betrüge 
rischen Arzte, der im Interesse seines Gewinns auf die Ver 
schleppung von Krankheiten hinarbeitet, zu einem Hebel, 
welches man alsdann an den betreffenden Stellen ausmerzen 
muss. Wo sich z. B. ein Theil des Handels einer Entwicklung 
widersetzt, die ihn mehr oder minder entbehrlich macht, indem 
sie die Beschaffung auf eine andere, bequemere Weise be 
werkstelligt, — da wird man zugeben müssen, dass sich Ver 
kehr und Handel in dem von Carey gekennzeichneten Antagonis 
mus befinden. Ein Hauptfall dieses Widerstreits ist das Auf 
kommen einer einheimischen oder örtlich näheren Industrie; 
denn der Bezug aus der Ferne wird hiedurch zum Theil über 
flüssig. Nun braucht es sich grade nicht um Schutzzölle zu 
handeln, damit dieser Gruppen- und Parteigegensatz sichtbar 
werde. Jedwede Form, in welcher auf natürliche Weise oder 
im Wege der Gesetzgebung die Schranken des engem Verkehrs 
der bessern Vergesellschaftung oder des directeren Bezuges 
weggeräumt werden, kann den Positionen von Staaten und 
Städten des vorherrschenden Handels eine augenblickliche 
Einbusse bringen und ihre auf die früheren Schwierigkeiten 
des Verkehrs begründeten Gewinne beschneiden. Auch sieht 
man überall, dass der Handel eifersüchtig darüber wacht, dass 
ihm aus einer unmittelbareren Beziehung der Producenten und 
Consumenten keine Concurrenz erwachse. 
Das natürliche Hauptmittel, die Producenten und Consu 
menten einander zu nähern, ist erst in zweiter Linie die bessere 
Ueberwindung der Transporthindernisse, in erster Linie aber 
die gänzliche Wegräumung der in erheblicher Weise hinder 
lichen Entfernungen. Indem sich ein örtlich naher Kreislauf 
von Production und Consumtion auf Grund der Decentralisa 
tion oder besser Localisation der Wirthschaft herstellt, indem 
also Ackerbau und Manufacturen in möglichster Nähe zusammen-
        <pb n="431" />
        — 415 
wirken, brauchen Rohstoffe, Nahrung und Fabricate keine 
weiten Wege zu machen, und es wird die nun unnütz gewordene 
Ausgabe an Transportarbeit gespart. Man kann die Kräfte 
und Mittel, die sonst dem Transport gewidmet werden müssten, 
auf eine productivere Art wirksam machen und so die Bedin 
gungen der Menschenexistenz erweitern. Nie ist in einem 
System die grundlegende und gestaltende Wichtigkeit der 
Entfernungen und Transporthindernisse so richtig hervorgehoben 
und so anschaulich gekennzeichnet worden, als in der Carey- 
schen Doctrin. 
Die Lehre von der Annäherung der Producenten und 
Consumenten stützt sich auch noch auf die unter localisirten 
Wirthschaftsverhältnissen gegebene Aussicht, die Bodener 
schöpfung zu vermeiden. Eine Entziehung der pflanzennährenden 
Bestandtheile des Ackers findet nämlich stets dadurch statt, 
dass die Erzeugnisse zu einem grossen Theil auf ferne Märkte 
geführt werden. Die Beschaffung von Düngmitteln wird durch 
die Spärlichkeit und Zerstreuung der einheimischen Bevölkerung 
erschwert, und der am meisten natürliche Zustand würde da 
gegen in einer reichlichen einheimischen Consumtion bestehen, 
welche es gestattet, dem Boden die Stoffe vollständig wieder 
zugeben, die ihm durch die Ernten entzogen sind. 
Die localisirte Arbeitstheilung oder, mit andern Worten, 
die Erzeugung der Hauptmannichfaltigkeiten der Production 
in einem örtlich kleineren Rahmen, hat den für den Fortschritt 
entscheidenden Vortheil, der Stauung und dem Brachliegen 
der Arbeitskräfte und namentlich des ländlichen Nachwuchses 
vorzubeugen. Durch die Schöpfung einer eigentlichen Industrie 
werden für die Ackerbaugruppen und durch die Einführung 
neuer Thätigkeitsarten für die gesammte Bevölkerung neue 
Canäle und gleichsam Märkte geschaffen, auf denen der Arbeiter 
seine sich sonst schon stauende Waare besser zu verwerthen ver 
mag. Carey macht dem System der Handelscentralisation und des 
Brittischen thatsächlich zum Monopol ausschlagenden Frei 
handels den Vorwurf, dass es die Arbeitskraft vergeude, indem 
es sie hindere, die am meisten productive Anwendung zu 
finden. Auch die Auswanderung aus den Ackerbaustaaten und 
Ackerbauprovinzen wird als eine Wirkung der unterhöhlten 
Existenzbedingungen aufgefasst. Ein Land, welches darauf 
verzichtet, eine Industrie zu schaffen, und welches fortfährt, die
        <pb n="432" />
        416 
Erzeugnisse seines rohen Ackerbaus auf entfernte Märkte aus- 
Zufuhren, wird schliesslich auch zu dem Export von Menschen 
gelangen müssen. 
Man könnte fast glauben, dass der bezeichnete Standpunkt 
le Industrie im engem Sinne zum Hauptzweck mache; in 
dessen hat Carey es ausdrücklich ausgesprochen, dass die 
Landwirthschaft der Zweck und die Industrie das Mittel sei. 
Mit Friedrich List hält er an der Wahrheit fest, dass die 
verbesserte Landwirthschaft erst der Industrieentwicklung folo-e 
^er nicht vorangehe. Er ist daher auch ein Gegner d^r 
cvölkerungszerstreuung im rohen und barbarischen Ackerbau, 
r will die neue Cultur entfernterer Landstrecken verschoben 
wissen, um nur erst ein kräftiges Industriesystom mit naher 
Ackercultur auszubilden, an welches sich dann die weitere 
Ausdehnung der innern Colonisation mit verbesserten Mitteln 
anschliessen mag. Jedoch ist er kein Freund der massenhaften 
Bevölkerungsanhäufungen in den nach seiner Ansicht über 
wuchernden Gressstädten. Er unterscheidet die absorbirende 
und unterdrückende Handelscentralisation von der gerecht- 
iertigten Concentration des Verkehrs und hat überall die 
wirthschafthche Decentralisation als Ziel vor Augen. In der 
Landwirthschaft sieht er diejenige Thätigkeit, die zuletzt 
rationell und hiedurch der schHesslioh wieder überwiegende 
Grund und Zweck aller Wirthschaftsbemühungen werde. Grade 
aber durch die begünstigte Entwicklung der Industrie soll sich 
die Volkswirthschaft decentralisiren und sollen die Preise der 
landwirthschaftlichen Erzeugnisse denen der Fabricate ange 
nähert werden. Der sinkende Unterschied dieser Preise o-ilt 
ihm als Zeichen der Civilisation und als der immer engere 
tepielraum, in welchem sich Bodenrente, Capitalgewinn und 
Zins bewegen. Der entscheidende Vortheil, der sich für den 
Landwirth aus der Localisation der Volks wirthschaft und 
mithin durch den nahen Markt ergiobt, ist der Wegfall der 
gesellschaftlichen Besteuerung, die ihm sonst für Transport 
und H^del in einem Maasse auferlegt wird, dass der Preis 
seiner Erzeugnisse an der Productionsstätte nur einen kleinen 
Iheil des am Bestimmungsort geltenden Preises ausmacht. 
le steigenden Preise der landwirthschaftlichen Erzeugnisse 
^d überhaupt der Rohste# sind für Carey in einer ähnlichen 
Weise, wie sie es schon für Boisguillebert waren, eine Vorbe-
        <pb n="433" />
        417 
dingimg des harmonischen Verkehrs und noch überdies ein 
Zeichen der fortgeschrittenen Entwicklung. Man sieht hieraus, 
dass man sein^System jedenfalls nicht anklagen kann, mercan- 
tilistisch gegen die Interessen der Landwirthschaft verstossen 
zu wollen. Im Gegentheil hat bisher keine der bedeutenden 
nationalökonomischen Doctrinen des 19. Jahrhunderts dem Acker 
bau eine so glänzende Zukunft in Aussicht gestellt und ihm 
in der Gegenwart so viele theoretische Zugeständnisse gemacht, 
als der Anschauungskreis des Amerikanischen Nationalökonomen. 
Die ganze Decentralisationsidee zielt schliesslich auf die Unter 
mischung der Landwirthschaft mit der Industrie ab. 
10. In der Handelspolitik beschränkt sich Carey nicht blos 
auf den Manufacturschutz, indem er keineswegs wie Friedrich 
List den Ackerbauschutz ausnimmt und die Aufhebung der 
Englischen Kornzölle durchaus nicht als eine wohlthätige 
Maassregel ansieht. Zu neuen Gründen für das Protections 
system werden unter seiner Behandlungsart des Gegenstandes 
alle ihm eigenthümlichen Ideen, von der Werththeorie an bis 
zum Gesetze des Bodenanbaus und der Bodenerschöpfung. 
Alles was nach seinen Principien darauf hinwirkt, die Wider 
stände zu brechen, die sich der leichtern Production entgegen 
stellen, gilt ihm auch als Empfehlung des Zollschutzes. Nament 
lich ist es aber die Entbehrlichkeit der weiten Transporte 
was für die exclusiv nationale und staatliche Vergesellschaftung 
der Wirthschaftskräfto sprechen muss. Friedrich List hatte 
sich mehr auf einen politischen Grund, nämlich auf den Kriegs, 
zustand der Staaten berufen. Carey stützt sich auf ein Argu 
ment, welches man auch innerhalb desselben Staates und 
allenfalls für einzelne Provinzen anwenden könnte. Dennoch 
beweist es nicht in jeder Beziehung zuviel, sondern zeigt 
nur dem Kritiker, dass die organisatorische Constitution der 
Wirth Schaft, durch welche die örtliche Lebendigkeit des 
Schaifons ermöglicht werden soll, nicht in der Ziehung von 
Zolllinicn, sondern in socialitären Einrichtungen zu suchen ist. 
Ein bei den Amerikanischen Protectionisten üblicher Grund 
für das Schutzsystem, nämlich die Erhaltung des Niveaus der 
einheimischen Arbeitslöhne gegen die Coiicurrenz der Erzeug 
nisse niedriger bezahlter Englischer und Europäischer Pauper 
arbeit, findet sich zwar nicht ausdrücklich als Bcstandtheil des 
Careyschen Systems, entspricht demselben aber weit besser 
Da bring, Geschichte der Nationalökonomie. 2. Auflage. 27
        <pb n="434" />
        418 
als den wirklichen Gedanken der Amerikanischen Fabricanten. 
In der philanthropischen Doctrin ist nämlich dio Höhe der 
Arbeitslöhne eine principielle Vorbedingung der harmonistischcn 
Schlüsse. In der IVirklichkoit der industriellen Parteiintoresson 
wird aber die billige Chinesonarbeit, sowie überhaupt alle Arbeit, 
wenn sie nur nicht in Gestalt von Erzeugnissen als Concurrent des 
Unternehmers, sondern in Gestalt von Arbeiterpersonen als 
Concurrent des einheimischen Arbeiters erscheint, nicht nur 
willkommen geheissen, sondern auch positiv hcrbcigelockt. 
Die zärtliche Sorge für die Erhaltung des höhorn Standes 
der Arbeitslöhne dürfte daher bei den Amerikanischen Unter 
nehmern mehr als blos verdächtig sein. 
Der Schutz wird auf eine verhältnissmässig kurze Frist 
und als Mittel gefordert, auf dem kürzesten Wege und am 
schnellsten zum universellen Freihandel zu gelangen. Er ist 
hienach ein System von Zwischenmaassregeln und sein Princip 
nichts Allgemeines und Dauerndes, wie ich schon 18G6 in der 
Vorrede zu meiner „Kritischen Grundlegung” ausdrücklich gegen 
List und Carey hervorgohoben und dann in den weitern Con- 
sequenzen geltend gemacht habe. Das Vergosellschaftungs- 
princip, welches dem Zollschutz als Triebkraft untergelegt wird, 
nicht aber dieser Zollschutz selbst ist etwas wissenschaftlich 
für alle Zeit Gültiges. Ja bei einer schärferen Untersuchung, 
welche sich auf die wirkenden Kräfte der Geschichte richtet 
und sich nicht durch die hinterher zu den Thatsachen auf 
gesuchten Zwecke beirren lässt, erscheint der ganze Apparat 
von Ausschliessungsmaassregeln als ein Erzeugniss des Selbst 
erhaltungstriebes von Classen und Gruppen ohne Rücksicht 
auf das Gemeinwohl. Von besonderer Erheblichkeit wird bei 
einer solchen Untersuchung- der Umstand, dass sich die Pro 
tection nie dann einführt, wenn sie als erste Schöpferin der 
Industrie zufolge der Theorie am nöthigsten wäre, sondern 
erst dann, wenn eine einflussreiche Anzahl von Industriellen 
die Macht erlangt hat, auf die Gesetze einzuwirken. In der 
Amerikanischen Union waren die Sklavenhalter die Freihändler 
und die republikanische oder nationale Staatspartei trat vor 
herrschend für die Protection ein. In Carey vereinigt sich der 
angeerbte Groll des Irischen Abkömmlings gegen England mit 
den Empfindungen, die dem Gegensätze der Nordamerikanischen 
und Englischen Interessen angehören, sowie mit den Rostre-
        <pb n="435" />
        419 
billigen, (lio Bpeciell Pcnsylvanien und seiner Eisenindustrie 
cigenthümlicli sind. Es ist indessen bereits abziisehen, dass, 
sobald die Amerikaner ihre Industrie bis zur Exportfähigkeit 
entwickelt haben werden, sie den Völkern ebenso nachdrück 
lich den Freihandel empfehlen dürften, als sie jetzt noch vor 
herrschend das Schutzsystem preisen. 
Als eine Art Ergänzung des Schutzsystems kann die Ver- 
theidigung des Amerikanischen Staatspapiergeldes, der Wider 
stand gegen eine zu frühzeitige Aufnahme der Baarzahlung, die 
Vorliebe für ein völlig freies Zettel wesen der Banken und die 
Verurtheilung der Notencontingentirung gelten, durch welche 
die Amerikanischen Nationalbanken in der ZettelausgAe auf 
ein bestimmtes Maass beschränkt werden. Es versteht sich 
hiebei von selbst, dass die Peclsche Acte in jeder Beziehung 
als ein Pfuscherstück verurtheilt wird, und dass der Grundsatz 
der vollständigsten Bankfreiheit auch auf das Geschäft der 
Notenausgabe Anwendung findet. In der Art, wie die Currency- 
frage behandelt wird, ist das Bestreben unverkennbar, die in 
dustrielle Thätigkeit aus der Abhängigkeit der Geldcapitalisten 
dadurch zu befreien, dass auf dem Papierwege ein billigerer 
Credit geschaffen werde. Wer dagegen in den massenhaften 
Papiergeldschöpfungen nur eine indirecte Expropriation sieht, 
wird sich durch den Zweck nicht über die Natur des Mittels 
täuschen lassen. Jedoch ist auch in jenen Theorien Careys die 
Consequenz des allesbeherrschenden Triebes nicht zu verkennen, 
indem die Entwicklung der Production im engem Sinne ohne 
Rücksicht auf alles Uebrige den leitenden Gesichtspunkt bildet. 
Unter den finanziellen Lehren, die dem, was in Europa 
tonangebend ist, mit Erfolg entgegentreten, ist die gelungenste 
diejenige von der fiscalischen Ergiebigkeit der Schutzzölle. Bei 
uns steht nämlich die Doctrin im Vordergründe, dass die 
Schutzzölle der Staatskasse wenig einbrächten, und dies ist 
auch wirklich der Fall, wenn die einheimische Industrie über 
wiegend oder nahezu den Markt versorgt und daher verhältniss- 
mässig Wenig importirt wird. Im Anfänge und in der Blttthe 
des Schutzsystems ist aber die Einfuhr relativ sehr bedeutend, 
und die Staatsunterstützung, welche in den höheren Preisen 
aus den Taschen des Publicums den einheimischen Fabricanten 
gezahlt wird, bezieht sich nur auf einen Bruchtheil der ge 
summten Consumtion des mit einem Schutzzoll belasteten Ar- 
27*
        <pb n="436" />
        420 
tikels. Die Mehrzahlungon für die andern Bruchtheile fliessen 
in die Staatskasse und haben daher nur den Charakter jeder 
andern indirecten Steuer und mithin jedes eigentlichen, mit 
Schutz nicht verbundenen, sogenannten Finanzzolles. 
11. Die praktische Auffassung des Systems bekundet sich 
in der Wichtigkeit, die dem staatsmilnnischen Element und na 
mentlich einem Colbert und einem Alexander Hamilton zuge- 
Bchrieben wird. Der Contrast mit der Denkweise Adam Smiths, 
der das „hinterhältige Thier”, wie er den Staatsmann nannte, 
durch das Princip des laisser aller zur Ruhe bringen wollte, ist 
im Praktischen unverkennbar. Im rein Theoretischen verdun 
kelt sich aber der Gegensatz der wissenschaftlichen Methoden 
dadurch, dass die Bedeutung des laisser aller als einer zum 
Denken noth wendigen Voraussetzung in den Hintergrund rückt 
und trotz des Anspruchs auf die Gewinnung eigentlicher Na 
turgesetze, namentlich in den spätem Schriften, zu keiner hin 
reichenden Beachtung gelangt. Dieser Mangel der Yerfahrungs- 
ai t hängt mit den Vorzügen der anschaulichen Auffassung und 
synthetisch lebensvollen Darstellung innig zusammen. Carey 
kann sich rühmen, das unmittelbar Zusammengehörige in den 
wirthschaftlichen Thatsachen derartig verknüpft und so lebendig 
gekennzeichnet zu haben, dass der Contrast mit der ganzen 
übrigen Literatur, von der nur Friedrich List auszunehmen ist, 
jedem Kenner sofort in die Augen fallen muss. Nun ist diese 
beobachtende Auffassung der Thatsachen, die gleichsam aus der 
Vogelperspective eine Art wirthschaftlicher Geographie liefert, 
der Klarstellung von Wahrheiten einer bestimmten Gattung 
sehr günstig und kann dazu dienen, das sonst übliche Raison 
nement nicht nur zu controliren, sondern auch vorzubereiten 
und so eine tiefere Erkenntniss anzubahnen. Als letzte Form 
der W^issenschaft kann aber dieses Stadium der Auffassung 
nicht gelten. Auch ist cs von Carey selbst durch eine Art 
Speculation ergänzt worden, die darin besteht, die Verhältnisse 
durch das Zurückgehen auf ein Schema, wie den einsamen Robin 
son, zu vereinfachen. Es ist von hohem Wertho, äusserlich wabr- 
zunehmen, wie die Karte der Wirthschaft die ländlichen Arbeits 
löhne niedriger und die städtischen höher zeigt, ja wie über 
haupt alle Einkünftcarten, besonders aber hervorragend die 
Bodenrente, von Ort zu Ort mit der dichteren Bevölkerung 
zunehmen, so dass man unter übrigens einigermaassen ähnlichen
        <pb n="437" />
        421 
Umständen und sogar im Rahmen ganzer Welttheile aus Menge 
und Zusammendrängung der Bevölkerung auf Besitzgewinne 
und Arbeitslöhne recht zuverlässige empirische Schlüsse machen 
kann. Es ist aber noch von höherem Werthe, die innere lo 
gische Nothwendigkeit dieser Gestaltungen einzusehen, und in 
dieser Richtung hat Carey zwar mit dem Werthgesetz und den 
Vorstellungen vom Bodenanbau grosse und sogar umwälzende 
Dienste geleistet, aber doch principiell und zwar besonders in 
den späteren Phasen die zergliedernd und dialektisch geartete 
Methode als verwerflich befehdet. Hier ist es namentlich eines 
der besten Muster der logischen Untersuchungsart, nämlich die 
denkende und nur mit wenigen, kritisch gewählten Thatsachen 
operirende Yerfahrungsart David Humes, welche die ganze 
Antipathie des Amerikanischen Nationalökonomen gegen sich 
hat. Er ist dem analysirenden Denken wenig geneigt und kann 
sich daher noch weit weniger auf eigentliche Constructionen 
einlassen, die über blos phantasiemässige Bilder hinausreichen. 
Die empirische Häufung der Thatsachen ist zwar die inductive 
Seite der Methode; aber die allgemeine Statistik, die zur Ver 
fügung steht, ist zu einem solchen Unternehmen noch nicht 
reif und wird es wahrscheinlich auch nie werden. Ueberdies 
ist die Berufung auf August Comtes objective Methode, die in 
dessen eigner Sociologie fehlt, zwar berechtigt, braucht aber 
nicht zur Ausschliessung der deductiven Forderungen zu führen. 
Die Verurtheilung von Stuart Mills ökonomischem Psycholo- 
gisiren ist völlig in der Ordnung; aber mit dem Wegfall der 
beschränkten psychologischen Manier darf nicht zugleich die 
innere rationelle Ableitung aus einfachen principiellen That 
sachen verschmäht werden. Schliesslich muss den gehäuften 
Thatsachenbildern gegenüber doch die auswählende und mit 
dem Erheblichen rechnend denkende Logik die Oberhand be 
halten und die Controle von allem Uebrigen üben. 
Allerdings ist die Volkswirthschaftslehre, wie Carey es im 
Gegensatz zu Ricardo will, ein inductiver Forschungszweig; 
denn von einer inductiven Wissenschaft als von etwas wesent 
lich Fertigem kann man in Rücksicht auf kritische Thatsachen 
eigentlich kaum reden. Die Humeschen und Smithschen Ver- 
fahrungsarten sind noch immer die wesentlich maassgebenden, 
und es ist nur durch das socialitäre System die bewusste Con 
struction der Consequenzen und Möglichkeiten als methodischer
        <pb n="438" />
        422 
Zuwachs hmzugekommen. Wenn in den spätem Phasen der 
^ntwicklung des Careyschen Systems eine Abhängigkeit von 
den jeweiligen Erfahrungseindrücken, namentlich von den auf 
le Tarifänderungen folgenden Thatsachen, maassgehend wer 
den konnte, so lag dies wesentlich in der Methode. Da o-ute 
quantitative Feststellungen, die aus richtigen Gesichtspunkten 
vorgenommen werden, so äusserst selten sind, so ist hier für 
das kritische Verhalten in der Gewinnung der Wahrheiten 
kaum ein Anknüpfungspunkt vorhanden. Auch ist die Ge 
schichte nicht so reich an zuverlässigen Thatsachen eigentlich 
volkswirthschaftlicher Art, um darauf hinlängliche Kennzeich 
nungen der Zustände im Sinne exacter Induction gründen zu 
können. Dessenungeachtet ist es ein grosser Vorzug des Oa- 
icyscheii Systementwurfs, die inductiven Elemente der Anschau 
ung nach Kräften zu einem Gosammthilde von Geschichte und 
Gegenwart componirt zu haben. Auf einem andern Gebiet 
hatte Descartes in seiner Art etwas Aohnliches gethan, indem 
er die äussern Grundzüge der Natur in den Kähmen eines 
Schematismus brachte, der die Thatsachen unmittelbar und in 
pringer Zergliederung in sich aufnahm. Wurde auch hier 
keine eigentliche Induction, sondern eher das Gegentheil ins 
Spml gebracht, so ergab sich doch ein geschichtlich lehrreiches 
Beispiel von der Wirksamkeit derjenigen aus thatsächlichen 
Anschauungen gewebten Entwürfe, die dem Bedürfhiss einer 
universellen Zusammenfassung entgegenkommen. 
Die Nothwendigkeit, die Verhältnisse der verwickelten Zu 
stände zerlegend zu trennen, hat sich auch in der Careyschen 
Speculation nicht verleugnet, wie der schon angeführte Tropus 
vom Robinson als dem Wirthschaftssubject hinreichend beweist. 
Indessen hat der praktische Zug der Entwicklungen auf eine 
andere methodische Wendung verzichten lassen, die, nebenbei 
emerkt, in ihrer vollen Reinheit der gesummten gegenwärti 
gen Oekonomistik abhanden gekommen ist. Die Ilume-Smith- 
sche Methode, von den kreuzenden Einflüssen der speciellen 
Gesetzgebung abzusehen und sich, freilich stillschweigend auf 
der Grundlap des Lohnsystems, eine universelle im freien 
Verkehr befindliche Wirthschaftsgesellschaft zu denken, war 
für die Schlussmöglichkeiten von grosser Tragweite. Sie lässt 
sich wissenschaftlich nicht entbehren, sondern muss nur noch 
ladicalcr gestaltet werden, und der Careysche Ans^iruch, un-
        <pb n="439" />
        — 423 
mittelbar aus dem Verwickelten und Vollen der Erscheinungen 
die Naturgesetze der Völkerökonomie entnehmen zu wollen, hat 
nur innerhalb bemessener Schranken seine Berechtigung. In 
einer ähnlichen Weise, wie Kepler die elliptischen Bahnen 
äusserlich constatirte, kann auch die Induction der Anschauung 
eine Anzahl von Typen der Zustände und Vorgänge kenn 
zeichnen und in diesem Sinne auch wirklich Gesetze aufiinden. 
Dagegen verbietet sich jedes strenge Raisonnement über die 
innere Logik der Vorgänge und über die partiellen Trieb 
kräfte der Gestaltungen, sobald man nicht, ähnlich wie 
in der rationellen Mechanik, die einfachen principiellen That- 
sachen als Axiome aussondert und mit ihnen in ableiten 
den Schlüssen operirt. So ist z. B. das laisser aller, welches 
praktisch mit Recht so verhasst geworden ist, als theoretische 
Voraussetzung nicht nur etwas ganz Unschuldiges, sondern in 
einer neuen, auch von den Eigenthumsverhältnissen absehenden 
Fassung, sogar ein unentbehrliches Mittel richtiger, vollkom 
men schlusskräftiger Deductionen. Nun hat Carey, der noch 
in seinem ersten Werk die Störungen von den normalen Vor 
gängen völlig trennte, späterhin eine derartige Combination 
und Mischung der verschiedensten Gesichtspunkte eintreten 
lassen, dass man hiebei die Einseitigkeiten der Unmittelbar 
keitsmethode nicht zu verkennen vermag. Hiezu kommt noch, 
dass er sein Augenmerk mehr darauf richtet, die Bedingungen 
des vollkommneren Typus der Existenz darzulegen, und dass 
er diese Bedingungen als allgemeine Gesetze alles wirthschaft- 
lichen Lebens hinstellt. Auf diese Weise erhält das System 
öfter idealisirende Züge, die nicht etwa als praktische Ideale, 
sondern an Stelle der Wirklichkeiten gleich neutralen theore 
tischen Wahrheiten geltend gemacht werden. Versteht man es 
jedoch, von dieser Seite der Charakteristik zu abstrahiren und 
die lebensvollen Triebkräfte zu ergreifen, von denen der ratio 
nelle Thcil der Auffassung bewegt wird, so wird man das emi 
nent moderne Gepräge der neuen umwälzenden Anschauungs 
weise nicht verkennen und zugleich einschen, wie nach diesen 
Motiven die Schöpfung eines Systems möglich war, welches 
durch epochemachende Entdeckungen und Theorien ebenso wie 
durch frische Regsamkeit intuitiver Darstellung in seiner Art 
einzig ausgezeichnet dasteht.
        <pb n="440" />
        424 
Drittes Capitel. 
Bastiat, Macleod und Nebenerscheinungen. 
Mit dem Careyschen System hatte die wissenschaftliche 
e onomie schon 1837 eine Umwälzung erfahren, von der man 
jedoch die entscheidenden Consequonzen erst nach beinahe SO 
Jahren zu ziehen anfing. Inzwischen war nun aber ein Theil 
der Carey sehen Ideen, wenn auch nicht sonderlich tief aufge- 
asst, so doch in einer dialektisch regsamen und ziemlich gc- 
^ mac vollen Darstellung durch einen Franzosen als eigne 
Erfindung ausgegeben worden und hatte in dieser Gestalt die 
erste vneitere A^erbroitungr gefunden. J^astiat, vrelcher sich 
dieses IPlagiats sms ISitelkeit sohiildqy maclite, ist iecioch nocli 
m demselben Jahre 1850, in welchem er die Frucht seiner 
udien an Carey, nämlich die „Harmonies économiques”, her- 
^Bgegeben hatte, durch den Tod an der Lieferung des zweiten 
Theils jenes Buchs verhindert worden. Er hatte bis dahin, 
^wohl schon ani Ende der Vierziger und ungeachtet einer in 
Kleinigkeiten umfangreichen schriftstellerischen Thätigkeit, den 
noch nichts producirt, was einen Gedanken enthalten hätte, der 
von der Geschichte der Volkswirthschaftslehre berücksichtig 
werden könn e. Erst mit dem Bruchstück der „OekonomischJn 
Harmonmn hat er etwas zu Tage gefördert, was ihn wenigstens 
für die Geschichte der oft wunderlichen Verbreitungsart neuer 
Ideen als zurechnungsfähig erscheinen lässt. Er ist während 
er nächsten 15 Jahre in Europa weit mehr gekannt gewesen, 
als sein auch von den gelehrtesten Nationalökonomen nur ober- 
tohlich und äusserlich berücksichtigtes Vorbild, und auf diese 
Weise hat mim sich daran gewöhnt, seine „Oekonomischen 
Harmonien als eine selbständige Leistung anzusehen und zu 
beurtheilen. Wm wenig indessen auch dieses Buch in seinem 
—hnenden Charakter die Kreise der trägen und verschul- 
Duteend Jahre von dem Inhalt der Bastiatschon Schrift keine 
enntniss gehabt habe. Letzteres ware ganz unmüglich ge- 
wesen, wenn nicht die Unwissenheit und der üble Wille der
        <pb n="441" />
        in Frage kommenden gelehrten Zeitschriften dafür gesorgt 
hätte, dass von den anszeichnenden Eigenschaften der Bastiat- 
schen Arbeit das wirklich Erhebliche beschattet bliebe. Aller 
dings wäre es allenfalls möglich gewesen, an der Auslassungs 
art der Gegner zu erkennen, dass die betreffende Erscheinung 
der traditionellen Oekonomie der Lehranstalten ungelegen kam. 
Allein ein Macleod hat wohl selbst erst später aus der Erfah 
rung am eignen System lernen müssen, dass die einzige Mög 
lichkeit, aus den der Routine gewidmeten Zeitschriften bis 
weilen von dem Dasein des Bedeutenderen etwas zu erfahren, 
auf der Anwendung des Grundsatzes beruht, auf die leisesten 
Zeichen des halb verhehlten Aergers zu achten und in diesem 
Falle den Tadel für einen Fingerzeig auf das Bessere zu neh 
men. Trotz alledem ist es aber doch meist unmöglich, aus der 
Masse der Erscheinungen diejenigen herauszufinden, für welche 
sich eine nähere Notiznahme empfiehlt, und selbst die umsich 
tigste Umschau wird den Mangel solcher Organe fühlen, durch 
welche sie von den Vorgängen in der Wissenschaft eine wahre 
Kenntniss erhält. In der Regel bedarf es einer längeren Reihe 
von Jahren oder gar ganzer Generationen, ehe sich eine ordent 
liche Rechenschaft über ein von dem Herkömmlichen abwei 
chendes System Bahn bricht. 
Wäre Bastiat auf die Gunst der verschütten Oekonomie 
an^wiesen geblieben, so hätte man von ihm im grösseren 
Publicum nach zehn Jahren vielleicht ebensowenig gewusst als 
von Carey. Grade der wissenschaftliche Gehalt seiner Schrift 
würde die Bekanntschaft mit seinem Buch am wenigsten ge 
fördert haben. Dieser Inhalt würde zunächst im besten Fall 
eine Angelegenheit der Schulen geworden und deren Trägheit, 
Unfähigkeit und Monopolsucht anheimgefallen sein. Bastiat 
hat dagegen in andern Kreisen um seiner praktischen Partei 
nahme Willen von vornherein ziemlich rührige Förderer ge 
funden, die sich freilich in erster Linie nur um seine Partei 
rollo und erst ganz nebensächlich auch ein wenig um seine 
wissenschaftlichen Sätze kümmerten. Dies sind die Kreise der 
sogenannten Manchesterökonomie oder, mit andern Worten, 
der Cobdenschen Richtung gewesen, in deren Diensten der 
Franzose gleich bei Beginn seiner Laufbahn als nationalöko 
nomischer Schriftsteller gearbeitet hatte. Seine Geschichte der 
Cobdenschen, gegen die Kornzölle gerichteten Ligue ist in
        <pb n="442" />
        426 
*»■ 
NaivotT ““ T “1“ or wirklich in seiner 
IrnT , f gewisses Maass wirklicher üchoraougungen 
Soci-,r ““i“* ^"*'*‘“gorn und zwar namentlich dem 
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dom Maasse befangener machen mussten, als er selbst in die 
lartei- und Cotoriethätigkcit eingrifi oder verwickelt wurde 
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Chen T) eines eigent 
lichen Denkerthums hatte ihr sehr fern gelegen. In Bastiat
        <pb n="443" />
        427 
haben die Franzosen wenigstens ein wirkliches Talent der 
politischen Oekonomie aufzuweisen, welches, wenn auch nicht 
in der höchsten und subtilsten Gattung, so doch immerhin in 
einem besseren Sinne des Worts zu denken und mit Hülfe 
eines fremden Vorgangs einen Gedankenkreis von ausgeprägter 
Physionomie und einiger Logik zu verzeichnen vermocht hat. 
Allerdings hat sich auch in dieser Erscheinung das Epigonen 
thum nicht verleugnet, dessen Stempel die neuere Französische 
Volkswirthschaftslehre, sofern man von einer solchen noch 
reden will, überall an sich trägt. Genauer ausgedrückt muss 
man jedoch sagen, dass es in diesem Jahrhundert bei den Fran 
zosen zwar eine volkswirthschaftlichc Bücherproduction, aber 
keine selbständige Vertretung eines ernsten wissenschaftlichen 
Fortschritts gegeben hat. Auch Bastiat ist nur eine scheinbare 
Ausnahme; er war nur ein bedeutenderes Talent, aber nicht 
im Mindesten ein Genie; er war kein schöpferischer Geist, son 
dern nur eine zur Gestaltung und Aneignung des Vorzüg 
licheren bis zu einem gewissen Grade ausreichende Capacität. 
Was er in der Geschichte der Volkswirthschaftslehre an wirk 
lich erheblichen Anschauungen repräsentirt, gehört nicht ihm, 
sondern dem Original an, welches er copirte. 
2. Frédéric Bastiat (1801—50) aus Bayonne, sollte sich 
zuerst dem Handel widmen, zog jedoch ein der literarischen oder 
ästhetischen Unterhaltung ergebenes Leben vor, in welchem 
man bis gegen die Mitte der vierziger Jahre keine Neigung zu 
einer entscheidenden wissenschaftlichen Production oder auch 
nur zu einer nachhaltigen schriftstellerischen Arbeit gewahr 
wird. Eine Art von Sentimentalität und Selbstbespiegelung, 
die nicht ohne einen Zug von feinerem Egoismus war, hat die 
Bastiatsche Existenz fast bis auf das letzte Zehntel ausgefüllt, 
in welchem sich die von Aussen durch die Anregungen seitens 
der Cobdenschen Ligue verursachte Abbrechung des selbst- 
genugsameu Stilllebens vollzog und den seit 1825 als Guts 
inhaber in Mugrón (am Adour) fixirten Provincialen dem haupt 
städtischen Dasein zuführte. Was Bastiat an eigner Frische 
bcsass, hat er dieser Zurückgezogenheit und verhältuissmässigen 
Isolirung gegen die nivellirenden und abstumpfenden Einflüsse 
der Hauptstadt und des ökonomischen Cliquenwesens zu dan 
ken. Es war wieder einmal ein Autodidakt, welcher die ge 
werbsmässig betriebene Volkswirthschaftslehre überholt hatte
        <pb n="444" />
        428 
und im letzten halben Dutzend seiner Lebensjahre den Parisern 
und Frankreich zeigte, dass sich in dem Stillleben eines Bür- 
gers der Provinz der geistige Fond besser conservirt und ge- 
ildet hatte, als irn Bereich der centralen Abrichtung und der 
Unterdrückung jedes echt individuellen Geprüges. Bastiat war 
ein in der Stille nach eigner Laune genährtes Talent; aber er 
war auf diesem Wege nicht zu jenem Charakter gelangt, der 
nur die Frucht irgend einer ernstlichen Einlassung mit den 
feindlichen Elementen des Lebens sein kann. Der erwähnte 
Aug von egoistischer Sentimentalität, an welchem die weibliche 
Erziehung und Leitung ihren Antheil gehabt hat, wurde ein 
wenig durch ein sympathisches Element gemildert, welches 
jedoch noch mehr dazu beitrug, die Passivität der Bastiatschon 
Natur vollständig zu machen. In der That sehen wir Bastiat 
von den Verhältnissen und Beziehungen derartig in Beweguno- 
gesetzt, dass man von ihm sagen muss, er habe nicht nur im 
gitiren, sondern auch im Denken, welches er doch sclbstän- 
c iger geübt hatte, für die entscheidenden Punkte den fremden 
hat ihn die zufällige Bekannt- 
Bohaft mit der Englischen Kornzollagitation sympathisch erregt 
ein eignes wiaecnschaftliclies System bereits im Kopfe o-ehabt 
liätte, wurde schwerlich „Cobden und die Ligue”, also einen 
reinen Agitationsact, bei dem es sich eher um alles Andere 
a s um neue wissenschaftliche Gedanken handelte, zum Thema 
gewählt haben. Man bemerke hiebei, dass Bastiat in seinen 
Privatflnamea unabhängig war, und dass cs daher als sein 
mgenster Entschluss zu betrachten ist, wenn er 1845 jenes 
Buch drucken liess. Auch sein weiteres Treiben, welches im 
fetitten von Freihandeisvereinen aufging, ist kein Zeiigniss da- 
smggs 
die sie gern importireu und im Detail vertreiben. In der That 
and es auch lauter Kleinigkeiten und oft recht obcrnächlicho 
Gelegenheitsgcdanken. Von der Spur eines neuen Ökonomi 
schen Systems ist in Bastiats Kundgebungen vor 1848 noch
        <pb n="445" />
        nichts anzutreffen. Mit der Februarrevolution waren die Fran 
zösischen Bestrebungen in Sachen der Brittischen Art von 
Freihandel sofort abgeschnitten. Unser Nationalökonom wurde 
Deputirter und durch die activo Macht der Verhältnisse, die 
ihn beherrschten, ein Advocat gegen den Socialismus. Nament 
lich gerieth er mit Proudhon zusammen, gegen den er natür 
lich in der Vertheidigung des Zinses leichten Angriffen gegen 
über auch ein leichtes Spiel hatte.. 
Der Zustand seiner Brust verhinderte ihn, eine parlamen 
tarische Rednerrollo zu spielen. Erschöpft und im Gefühl der 
sinkenden Kräfte, sowie offenbar wiederum durch eine Macht 
bestimmt, der seine passive Natur theoretisch nachgegeben 
hatte, wendete er sich schliesslich sehr spät zur Ausarbeitung 
der einzigen innerlich bedeutenderen und auch äusserlich auf 
die Darlegung einer Gesammtanschauung gerichteten Arbeit, 
die wir von ihm besitzen. Obwohl seine Werke, einschliess 
lich der Correspondenz, der nachgelassenen Aufsätze und aller 
Journalkleinigkeitcn, über ein halbes Dutzend Bändb füllen, 
so ist doch unter alledeni nur ein mässiges Bändchen von wirk 
lich hervorragendem Inhalt. Dies sind die schon mehrfach er 
wähnten, auf einen Theil beschränkt gebliebenen „Oekonomi- 
schen Harmonien”, zu deren Titel wohl am meisten derjenige 
dos Proudhonschen Hauptwerks über die „Oekonomischen 
Widersprüche” die Veranlassung gegeben haben mag. Diese 
unabgeschlossenen Harmonien erschienen zuerst im Irübjahr 
1850, während der Tod ihres Verfassers im December erfolgte. 
Man hat ihnen eine Anzahl nachgelassener Aufsätze hinzuge 
fügt, welche die Stelle eines zweiten Theils schlecht vertreten 
und sogar den Autor in Rücksicht auf den Entstehungszeit 
punkt seiner neuen Ansichten in entscheidender Weise com- 
promittiren. Der letzte Brief, welchen Bastiat von Rom aus 
an das ,, Journal des Economistes” oinigeWochen vor seinem Tode 
richtete, enthielt die Antwort auf die Oareysche Reclamation. 
Was die allgemeine Denkweise und Weltanschauung Bastiats 
anbetrifft, so war derselbe, wie man aus einzelnen Stellen seiner 
Schriften sieht, unsterblicbkeitsgläubig und soll sich nach andern 
Mittheilungen zuletzt noch positiv christlich geäussert haben. 
In seinen früheren literarischen Beschäftigungen hatte er sich 
den Einflüssen der Schriften von Leuten, wie de Maistre, zwar 
keineswegs ganz hingegeben, aber doch auch nicht vollständig
        <pb n="446" />
        430 
entzogen. Diese Einlassung mit den Advocaten der Unter 
drückung durch die Religionsautorität und dem Obscurantismus 
war jedoch, wie so häufig, auch bei unserm Verehrer dos sich 
selbst überlassenen Spiels der individuellen Wirthschaftminte- 
rossen mit einer politisch demokratischen Haltung vereinigt 
gewesen. Auch soll nicht unbemerkt bleiben, dass seine Schriften 
die specifisch religiösen Anschauungen wesentlich im Hinter 
gründe belassen. Nur der feinere und sehr geübte Sinn wird 
die Spuren einer unwissenschaftlichen Weltansicht in der Art 
und Haltung der Bastiatschen Auslassungen nicht verkennen. 
Ein besserer Zug in dieser Denkweise ist die Neigung, in einer 
freilich nur beschränkten Richtung den Gedanken der Gerech 
tigkeit zu vertreten. Diese Gerechtigkeit kommt jedoch über 
die negativen Regungen gegen den Raub, die Gewalt und das 
Monopol nicht hinaus und sieht die ökonomische Beraubung 
grade da nicht, wo sie für eine tiefere und schärfere Auffas 
sung der socialen Verhältnisse am allerwenigsten zweifelhaft 
bleiben kann. 
3. Es ist niemals ein gutes Zeichen, wenn Jemand zu er 
heblichen Gesichtspunkten nur durch die Anregung gelangt, 
welche in der Gestalt einer blossen Rückwirkung gegen eine 
fremde Anschauungsweise erfolgt. Proudhon hatte, durch eine 
später von ihm selbst als unhaltbar eingestandene Caricatur 
von Logik verleitet, überall Widersprüche gesucht und, wie 
schon gesagt, seinem Hauptwerk von 1846 den Titel „Contra 
dictions économiques” gegeben. Die Bastiatschen „Harmonies 
économiques” sollten hiezu ein Widerspiel sein und überall den 
Einklang der ökonomischen Verhältnisse nach weisen. Die 
äusserliche Wendung, mit welcher der ökonomische Harmoniker 
sich auf diese Weise einführte, kennzeichnet sich daher als 
eine secundäre Welle. Sie war ein Geschöpf des Gegensatzes, 
und man kann sicher sein, dass derartige Geistesvorgängo stets 
nur von zweiter Ordnung sein werden. Indessen wäre die 
Aufgabe, die vollkommenste Einstimmung da zu finden, wo der 
Antagonismus die Losung der Epoche ist, für einen Bastiat 
doch kaum angreifbar gewesen, wenn ihm nicht zu rechter 
Zeit die Ergebnisse einer fremden Geistesarbeit zu Hülfe ge 
kommen wären. Auf diese Weise ist es ihm möglich geworden, 
plötzlich über den Inhalt seiner früheren sich über die ge 
wöhnliche Capacität der Talente nicht erhebenden Schriften
        <pb n="447" />
        431 
hinauszugelien und Sätze hinzustellen, die den Stempel der 
Originalität und dos Ursprungs aus irgend einer schallenden 
Gedankenkraft an sich trugen. Dieser Stempel war freilich 
unter Bastiats Händen etwas verwischt worden, aber dennoch 
würde das Buch des Franzosen als ein wissenschaftliches Er 
eigniss von epochemachender Tragweite anzuerkennen sein, 
wenn man nie etwas von dem Original erfahren hätte, von 
dem cs eine Bearbeitung war. 
Bastiat hatte eingeständlich die Careyschen Schriften, wenn 
auch nur „sehr oberflächlich”, gelesen. Es hat ihm ausser dem 
älteren Werk auch die Schrift von 1848 vorgelogen, die den 
Gang der Bodencijltur behandelte. Doch hatte der Französische 
Leser noch nicht Zeit gehabt, sich mit dem erweiterten An 
schauungskreis dieser neuen Schrift gehörig vertraut zu machen. 
Dies wäre erst die Arbeit für den zweiten Theil der Harmo 
nien gewesen. Es genügt daher eine Hinweisung auf die 
Careyschen „Principien der politischen Oekonomie” von 1837 
als auf die Quelle des neuen Bastiatschen Wissens und der 
vermeintlichen neuen Rüstung gegen den Socialismus. Der 
Französische Autor hatte kaum Zeit gehabt, durch die Anre 
gungen seines Amerikanischen Helfers vom Malthusianismus 
zurückzukommen. Man sieht dies mit der grössten Bestimmt 
heit aus einer nachgelassenen Abhandlung über die Bevölke 
rung, welche den Französischen National Ökonomen noch 1846 
als Malthusianer kenntlich macht. Das Zurückkommen von 
den Malthus-Ricardoschen Vorstellungen ist daher nach Maass- 
gaho der Beschäftigung mit den Careyschen Schriften und im 
Widerspruch mit der Haltung der früheren Bastiatschen Ar 
beiten erfolgt. Der Contrast zwischen der früheren Schrift 
stellerei und den Harmonien ist so gewaltig, dass man ihn 
ohne eine äussere Ursache gar nicht würde erklären können. 
Ich will jedoch hier nicht im Einzelnen wiederholen, was ich 
in meinen „Yerkleinerern Careys” (1867) gleich an der Spitze 
kurz dargestellt und mit Nachweisungen versehen habe. Das 
Bastiatscho Plagiat steht jetzt im Allgemeinen so fest, dass es 
sich nur noch um ein Interesse an der Art und Weise handeln 
kann, wie die einzelnen Lehren bei der Aneignung mit andern 
Elementen versetzt und durch unzulängliche Auffassung ihrem 
tieferen und umfassenderen Sinn entfremdet worden sind. 
Um den Harmonismus, der unter Voraussetzung der indi-
        <pb n="448" />
        432 
viduellen Sichselbstüberlassung des Yerkebrs stattbaben soll, 
braucht nicht gestritten zu werden. Dieser Gedanke ist zu all 
gemein, zu vage, zu fictiv und viel zu alt in der Gcschicbto der 
Oekonomie, um im 19. Jahrhundert eine Eigentbümlichkeit 
der besondern, von einem bestimmten Denker in Anspruch zu 
nehmenden Auffassung ausmachen zu können. Dagegen sind 
specielle Vorstellungen und Sätze, durch welche die Harmonie 
erwiesen werden soll, allerdings in Frage zu bringen. Iliomit 
befinden wir uns aber schon auf dom Boden der Ideen von 
einer durchaus individuellen Physionomie. Es ist das harmo 
nische Vertheilungsgesetz Careys, welches sich Bastiat unge 
eignet hat, ohne jedoch hei der Verpflanzung auch die Wurzel 
desselben mitzuübernchmen. Der letztere Umstand hat es ver 
schuldet, dass dieses Gesetz, welches wir bei der Behandlung 
Careys kritisirt haben, in der Bastiatschen Schrift ohne Be 
weisversuch, ohne innern Grund und daher auch ohne die zu 
gehörigen Voraussetzungen dasteht. Auch würde dem ganzen 
Unterfangen, den Socialismus zu widerlegen, die Spitze abge 
brochen worden sein, wenn das Gesetz in seinen Gründen und 
Vorbedingungen und nicht vielmehr als ein empirisches Dogma 
hingestellt worden wäre. Die antisociale Agitation hat sich 
der dürren Formel bemächtigt, die ihr von befreundeter, d. h. 
freihändlerischer Seite in den Bastiatschen Harmonien als un 
verdächtiges Mittel zugeführt wurde. Sie hat in Deutschland 
diese vermeintliche Waffe ein Dutzend Jahre später gegen den 
dort aufkommenden Socialismus gebraucht, sich aber wohl 
nicht träumen lassen, dass sich das Instrument in meinem so- 
cialitären System schliesslich gegen diejenigen kehren würde, 
die an demselben eine ganz besondere Auskunft gegen den 
Socialismus zu besitzen meinten. 
Hat Bastiat das Careyscho Vertheilungsgesetz ohne die 
Wurzel in seinen harmonischen Garten verpflanzt oder viel 
mehr in sein Herbarium Amerikanischer Gewächse übernommen, 
so hat er die Werththeorio bei dem Auspressen und Trocknen 
so zugerichtet, dass er es allerdings mit ein wenig Schein wa 
gen konnte, in dem oben erwähnten Brief das Plagiat hier 
entschiedener zu bestreiten und sich auf ein paar formale 
Eigenthümlichkeiten von eigner Production zu berufen. Der 
nichtssagende Satz, dass der Werth ein „Verhältnias von Dien 
sten” sei, mag daher dem Französischen Autor als eigne Erfin-
        <pb n="449" />
        433 
dung belassen werden. Die allseitige Anwendung des Begriffs 
einer Leistung, die an Stelle des Dinges den eigentlichen 
Gegenstand der Schätzung bildet, ist ein formaler Vortheil, 
der manchen Irrthum beseitigen kann. Die Vorstellungsart, 
dass im gesummten ökonomischen Verkehr nicht Dinge gegen 
Dinge, sondern, genauer betrachtet, „Dienste gegen Dienste” 
ausgetauscht werden, ist nicht ohne Nutzen. Sie kann man 
cher Rohheit des Ideenganges verbeugen, indem sie z. B. so 
fort sichtbar macht, wie die Verfügung über einen Gegenstand 
nach Ort, Zeit und Recht eine sehr verschiedene ökonomische 
Macht repräsentiren und daher auch als Ziel einer Leistung 
eine entsprechend variirende Bedeutung haben müsse. Uebri- 
gens ist sie aber ganz unerheblich, und der eitle Glaube, den 
Bastiat in seiner letzten Zuschrift an das „Journal des Econo 
mistes” aussprach, auf jene beiden Sätze ein consequenteres Sy 
stem gründen zu können', als die Welt jemals gesehen habe, 
war eine Illusion und macht heute einen komischen Eindruck. 
Jene beiden Wahrheiten, dass Dienste gegen Dienste ausge 
tauscht werden, und dass der Werth ein Verhältniss von Dien 
sten sei, sind wirklich, soweit sie einen klaren Sinn haben, 
ausserordentlich leer und unschuldig. Soweit man aber noch 
etwas ganz Besonderes dabei denken soll, ist der zweite Satz 
sogar unklar. Irgend ein Dienst, d. h. irgend eine Leistung 
von gegebener Beschaffenheit und Grösse müsste als Einheit 
und Maass genommen werden, wenn die Vorstellung von einem 
Verhältniss (rapport) einen deutlichen Sinn erhalten sollte. 
Hiedurch würde man aber auf die Arbeit zurückkommen, von 
der auch Bastiat in allen seinen vorangehenden Schriften stets 
im Sinne Adam Smiths geredet hatte. 
Hienach bleibt von der Werththeorie Bastiats nur das 
übrig, was er entlehnte, nämlich die hochwichtige Trennung 
von Nützlichkeit und Werth. Hierüber verlieren wir weiter 
kein Wort, da die Sache schon bei der Darstellung der Carey- 
schen Ideen erledigt ist. Nur sei bemerkt, dass Bastiat über 
die früheren Ideen der Nationalökonomen, namentlich aber 
über diejenigen Ricardos, die er doch bekämpfte, nicht allzu 
genau orientirt war. Ein anderer Punkt in der Werththeorie 
ist die Vorstellung, dass nicht die aufgewendete Arbeit, son 
dern diejenige, welche der Käufer zur Herstellung des Gegen 
standes würde selbst aufwenden müssen oder, mit andern 
Diibring, üesebiebte der Nationalökonomie. 2. Auflage. 28
        <pb n="450" />
        Worten, die ihm ersparte Arbeit das Maass des Werthes sei. 
Dieser Satz, dass der Werth das Maass der ersparten Arbeit 
sei, ist nun, wie man aus dem eben angegebenen Sinne dieser 
Formel sieht, nichts weiter als eine veränderte Einkleidung 
der Careyschen Idee, dass der Werth nicht durch die Pro 
ductions-, sondern durch die Reproductionskosten bestimmt 
werde. Mit dem Gewände hat sich allerdings auch der 
ursprüngliche Gedanke ein wenig verändert, indem er zu einer 
ganz subjectiven und auf den Tauschact beschränkten Yorstol- 
lung geworden ist. Diese TJebersetzung ins Kleinliche herrscht 
überhaupt in der Bastiatschen Umarbeitung des älteren Carey- 
schen Werks vor. Für einen Bastiat ist das Markten von 
Person zu Person der Ausgangspunkt aller genetischen Ent 
wicklungen, während Carey von vornherein gründlicher zu 
Werke ging, sich an das isolirt wirthschaftende Subject als an 
das geeignetste Denkschema hielt und erst in zweiter Ordnung 
die Gesetze des Tausches einführte. Von der neusten Gestal 
tung der Theorie, die erst die ganze Objectivität der früheren 
Careyschen Idee sichtbar gemacht hat, und von dem Gedan 
ken, dass der Werth das Maass des Beschaffungswiderstandes 
sei, ist bei Bastiat keine Spur anzutreffen. Seine philosophi- 
rerische Dreiheit von Bedürfniss, Anstrengung und Befriedi 
gung ist sicherlich nicht falsch, aber eben auch nur eine 
unschuldige Probe von seiner Fähigkeit, einfache Vorstellungs 
zerlegungen vorzunehmen, durch welche das allertrivialste 
Wissen zur leicht anzueignenden Schablone gemacht, eine Er 
weiterung des Wissens aber nicht vollzogen wird. Ueberhaupt 
geht die Leistung des Franzosen in der dialektischen Zurich 
tung desjenigen Theils der fremden Gedanken auf, den er ver 
standen hatte oder verstanden zu haben glaubte. 
4. In der Frage der Bodenrente hat Bastiat die Werth 
theorie zur Anwendung gebracht und sich auch hier nach dem 
Werk gerichtet, welches ein Dutzend Jahre früher den Gegen 
stand weit besser behandelt hatte. Die Unentgeltlichkeit der 
Naturgaben als solcher wurde selbstverständlich auch behauptet, 
und die Annahme, dass wir in den Preisen der Erzeugnisse 
nicht den Grund und Boden, sondern nur die Dienste des 
Menschen bezahlten, gegen diejenigen gekehrt, welche nament 
lich auf Grund der Ricardoschen Theorie die Bodenrente als 
Steuer eingezogen oder durch das Staatseigonthum aus der
        <pb n="451" />
        435 
Sphäre des Privatgewinns ausgemerzt wissen wollten. Eigen- 
thümlich ist Bastiat die sehr unjuristische Vorstellung, dass 
der Grundeigenthümer nur über den Werth, nicht aber über 
die Sache verfüge, und dass dieses Eigenthum am Werthe 
durch die Concurrenz auf eine blosse Yerworthungsposition der 
in der Production der Erzeugnisse geleisteten Dienste be 
schränkt sei. 
Der Verfasser der Oekonomischen Harmonien hat die 
Stirn gehabt, in seinem Buch ausdrücklich zu behaupten, dass 
alle Nationalökonomen bis auf ihn selbst in dem Grundirrthum 
über Werth und Rente verblieben wären. Er hatte hiebei 
wahrscheinlich den Autor seiner Quelle nicht zu den National 
ökonomen gerechnet, die bereits im Französischen Gesichts 
kreise lägen. In seinem letzten Brief musste er gestehen, was 
Carey für die Theorie der Bodenrente gethan habe.* Er erklärte 
ausserdem, es sei seine Absicht gewesen, ihm im zweiten Theil 
der Harmonien die erste Rollo anzuweisen. In der That hat 
Bastiat ziemlich deutlich gewusst, was er that, und die Ver 
blendung durch die Eitelkeit, so gross man dieselbe auch an 
nehmen möge, kann sein Unterscheidungsvermögen nicht gänz 
lich verdunkelt haben. Allerdings hatte er nicht Alles ver 
standen und nicht mit Allem, was er vorfand, etwas anzufangen 
gewusst j indessen musste er bei einiger Besinnung mindestens 
fühlen, woher ihm plötzlich hoch in den vierziger Lebensjahren 
die neuen Anschauungen gekommen waren. Die beschränkte 
Verliebtheit in die untergeordnete eigne Formgebung kann 
Vieles aber nicht Alles erklären, und so glauben wir mit dem 
besten Gewissen den persönlichen Charakter zu dem endgültig 
entscheidenden Erklärungsgrund machen zu müssen. 
Wer bis zu dem Grade Sophist sein konnte, um die ober 
flächlichen „Oekonomischen Sophismen” abzufassen, ohne je eine 
Regung davon zu verspüren, dass auch die Gegner wenigstens 
einige wahre Logik für sich haben könnten, — wer so einseitig 
zu verfahren vermochte, während er sich selbst an die ärm 
lichsten Wendungen klammerte, konnte keine Idee von jener 
tieieren wissenschaftlichen Wahrhaftigkeit und Redlichkeit 
haben, der in der That aus moralischen und theoretischen 
Gründen sehr viel daran gelegen ist, den richtigen Ursprung 
der neuen Anschauungen von grosser Tragweite festzustellen 
und jedem Arbeiter die Ehre seiner Bemühungen zu lassen. 
28*
        <pb n="452" />
        486 
Was soll man davon denken, dass sich Bastiat in der Oeko- 
nomie leidenschaftlich gegen das Raubsystem erklärte und ein 
geistiges Analogon desselben in der literarischen Production 
selbst ausübte? Was soll man überhaupt von seiner Ein 
mischung des GerechtigkeitsbegriflFs in die Frage der Inte 
ressenharmonie halten, sobald man weiss, wie wenig Gerechtig 
keitssinn er selbst noch Angesichts des nahen und gewissen 
Todes bekundet hat? Hier muss also der maskirto Egoismus 
des Charakters zur Erklärung aushelfen, und wir werden einem 
Bastiat kein Unrecht thun, wenn wir auch die besondere Ge 
staltung seiner Position gegen den Bocialismus auf seine 
charakteristische, der vollen und ganzen Wahrheit unfähige 
Denk- und Gefühlsart zurückführen. Man lasse sich durch 
den Affect oder vielmehr die Affectation nicht täuschen, welche 
in den „Harmonien” eine Rolle spielt. Man denke stets daran, 
dass der Verfasser in der allgemeinen Weltanschauung auf der 
Seite des Obscurantismus und der Unwissenschaftlichkeit stand, 
und dass sich ein jesuitisches Gebilde ergeben musste, wenn 
die politisch halbdemokratischen Vorstellungen mit den Erin 
nerungen an einen de Maistre verträglich werden sollten. Man 
lasse sich auch ferner nicht durch das Maass von Ueberzeu- 
gungen täuschen, die sich einmischten. Derartige Doppel 
gebilde, bei denen man zwischen Beschränktheit und halbbe 
wusster Unredlichkeit die Wahl hat, sind nicht allzu selten. 
Mögen immerhin Züge vorhanden sein, welche den Charakter 
Bastiats über den seiner meisten Bundesgenossen erheben, so 
war doch die praktische Position, die er einnahm, eine 
schiefe und der Wahrheit von Natur nicht günstige. Wir 
werden hienach die Oberflächlichkeit der Bastiatschen Wen 
dungen, soweit sie ihm eigenthümlich angehörten, leicht be 
greifen. 
Er legt den Ton darauf, dass es nicht überhaupt die Inte 
ressen, sondern die gerechten Interessen sind, die sich in Har 
monie befinden sollen. Das Wörtchen „gerecht” schlicsst hier 
aber eine Welt ein, die einem Bastiat in der Hauptsache ver 
schlossen blieb. Seine natürliche Arbeitsorganisation, die er 
der künstlichen der Socialisten entgegensetzt, ist selbst ein er 
dichteter und nichts weniger als natürlicher oder gar histo 
rischer Begriff. Die Ausmerzung des Raubsystems und des 
Monopolrcgimes aus den Ueberlioferungen der Geschichte ergiebt
        <pb n="453" />
        437 
in-îmwiargstgjaacg 
noch keine natürliche Ordnung, Die Gesellschaftsverfassung 
mit Sklaverei oder Leibeigenschaft wäre sicherlich ein schlechtes 
Bild im nahmen der „natürlichen Organisation.” Die Rechts 
gestaltung, die doch jederzeit irgend eine Form haben muss, 
ist bei Bastiat vollständig umgangen, und unser Harmoniker 
hat sich offenbar eingebildet, dass der heutige Gang der Dinge, 
nämlich die vom Capital abhängige Lohnarbeit, eine reine 
Naturorganisation sei, die unter allen Umständen aus dem 
freien Spiel der individuellen Wirthschaftsinteressen folge. Dies 
ist aber nur unter der Voraussetzung der Fall, dass sich auch 
in socialer Beziehung geschichtlich eine Unterordnung durch 
nichtwirthschaftliche Hülfsmittel gebildet hat und fernerhin auf 
recht erhält. Bastiat hat also sein nicht nur abstractes, son 
dern auch fingirtes Gebilde von natürlicher Organisation, welches 
nie und nirgend existirt hat und auch nicht existiren kann, 
denjenigen Gestaltungen untergeschoben, die eine nothwendige 
Wirkung der rein socialen oder politischen Arrangements sind. 
Er hat zwar das Recht der Arbeiter auf freie Coalitionen an 
erkannt, aber die Ausübung desselben als wirthschaftlich gleich 
gültig angesehen. Wer nun behaupten kann, dass die socialen 
Coalitionen keinen Einfluss auf die Vertheilung und auf das 
ökonomische Verhältniss von Arbeit und Capital üben, der be 
weist, dass er von den Gesetzen der Socialökonomie noch nicht 
einmal die ersten Anfangsgründe festgestellt habe. Er ver 
bleibt in jener alten und einseitigen Auffassungsart, derzufolge 
die reinen Productionsgesetze allmächtig und die socialpoliti 
schen Bestimmungsgründe ohne Einfluss sein sollen. In der 
That verschränkte sich Bastiat noch einseitiger, als es jemals 
geschehen war, in das Vorurtheil der händlerischen Oekonomie, 
dass es sich bei der Bestimmung der Einkünftegrössen um reine 
Austauschungen und wohl gar um Austauschungen auf gleichem 
Fuss handle. Dies ist nicht vollständig aber doch beinahe ein 
ähnlicher Fehler, als wenn man den Sold der nicht frei ange- 
worbonen, sondern ihrer Bürgerpflicht nachkommenden Truppen 
für ein Kaufgeld ihrer Dienste halten wollte. Schliesslich 
könnte man am Ende gar das Futter des Sklaven und des 
Leibeignen als die Folge eines Austauschgeschäfts von Dienst 
gegen Dienst ansehen. Dadurch, dass Bastiat die politische 
Oekonomie ausdrücklich im Austausch aufgehen lässt, hat er 
sich zum Theoretiker des sogenannten Manchesterthums ge-
        <pb n="454" />
        macht, welches bekanntlich in dem Vorherrschen dieser Vor 
stellungsart seine auszeichnende Eigenthümlichkeit hat. 
Die Vorstellungen vom ökonomischen Recht sind äusserst 
dürftig, und die „unentgeltliche Nutzung”, welche sich nach dem 
Worthgesetz in immer grösserem Maass verbreiten soll, hat ihre 
gewaltigen Schranken an der Gesellschaftsverfassung. Die natür 
liche Communität, welche sich von selbst machen soll und dem 
künstlichen Communismus entgegengestellt wird, ist als ver 
meintliche Wirkung des laisser aller thcils eine sociale Unwahr 
heit, thoils rein ökonomisch nur in geringem Grade nachweis 
bar. Die Vertröstung der Socialisten auf die natürliche und 
freiwillige Entwicklung, durch welche ihre Zielpunkte ohne 
besonderes bewusstes Zuthun nach dem System des laisser aller 
erreicht werden sollen, ist eine den Humor herausfordernde Zu- 
muthiing. In dieser Idee gipfelt aber die Bastiatscho Harmo 
nik, und seine Gerechtigkeit kennt ausser dem gewöhnlichen 
juristischen Recht nur die Ausmerzung der künstlichen Mono 
pole. Wie aber der Mensch seine Person gegen die natur 
wüchsigen Ausheutungspositionen und natürlichen Monopole, ja 
wie er sie gegen die Unterdrückung durch das blosse Werk 
zeug der Production, d. h. durch das Capital, zu schützen und 
hier den Verletzungen vorzubeugen habe, davon enthält der 
Bastiatscho Begriff der sogenannten gerechten Interessen gar 
nichts. Der Französische Nationalökonom hat wohl gelegent 
lich zugestanden, dass die Oekonomie im Argen liege, weil der 
Begriff vom Capital noch nicht gehörig untersucht sei; aber er 
selbst hat nicht einmal bemerkt, dass der sogenannte freie Ar 
beiter ein Zubehör des Werkzeugs der Production, ja selbst 
ein Capital ist, welches man bewirthschaftet und für welches 
man die jeweiligen Herstellungskosten in Anschlag bringt. 
Thatsächlich ist also das vermeintlich harmonische Verhältniss 
die Herabwürdigung des Menschen zu Wirthschaftscapital in 
den Händen derjenigen, welche allein eine freie Consumtions- 
kraft repräsentiren. Alle Niveauänderungen des Lohnes oder 
der Lebensweise können hier also nur die Vorbereitung sein, 
um die menschliche Arbeit in den Stand zu setzen, ihren Trä 
ger von der Dienstbarkeit an das Werkzeug zu befreien und 
das Verhältniss der Unterordnung im rein menschlichen Sinne 
umzukehren. Bastiat hat aber das grade Gegontheil dieser
        <pb n="455" />
        439 
Perspective und die Verewigung der Capitalkneclitschaft als 
schönstes harmonisches System im Auge gehabt. 
5. Bei Gelegenheit Bastiats mag auch derjenige zur Er 
wähnung kommen, zu dessen gehorsamem Diener sich der 
Franzose gemacht hatte, und dem gegenüber er sich in der 
Correspondenz so benahm, als wenn die Wissenschaft im Ver 
gleich mit der Agitation fast gar nichts zu bedeuten hätte. 
Von Jemand, der aus ureigner Kraft zu wissenschaftlichen 
Leistungen gelangt ist, wird eine derartige Verleugnung der 
Theorie nicht leicht ausgehen; wer aber mit fremdem, nicht 
offen und ehrlich erworbenem Gut wirthschaftet, der wird jenes 
edleren Gefühls für die Würde der Theorie nicht fähig zu sein 
brauchen. Es wird wenigstens sein unterwürfiges Verhalten 
mit seinem sonstigen Verfahren zusammenstimmen. Lassen 
wir jedoch den theoretischen Trabanten des Englischen Korn 
zollagitators mit seinem Verhältniss auf sich beruhen, und 
wenden wir uns zu Cohden selbst, nicht um anzugeben, was 
er etwa für die Volkswirthschaftslehre gethan, sondern dass er 
zu derselben nichts heigetragen habe, was auch nur dann der 
Erwähnung werlh sein würde, wenn wir hier überhaupt theo 
retische Erscheinungen vierter und fünfter Ordnung zu berück 
sichtigen hätten. 
Zur Ziehung der Grenzlinie sei daher nur bemerkt, dass 
von Richard Cohden, der noch einige Jahre jünger als Bastiat 
war, das einzig Erwähnenswerthe die Kornzollagitation der 
vierziger Jahre ist, und dass selbst seine Anhänger ihn nie 
mals werden für einen selbständigen Theoretiker ausgeben 
können. Er schrieb eine Reihe kleiner Gelegenheitsschriften, 
die zum Theil an Reisen anknüpften und Reflexionen über die 
öffentlichen Zustände der zum Gegenstand gewählten Länder 
enthielten. Man hat von diesen Arbeiten eine Sammlung unter 
dem Titel; „The political writings of Richard Cohden”, 2 Bände, 
London 1867. Die an der Spitze stehende älteste Schrift ist 
„England, Ireland and America” (1835); dann ist noch „Russia” 
(1836) hervorzuheben. Die Auslassungen gegen die Brittische 
Kriegsfurcht vor Frankreich, sowie das Meiste aus ähnlichen 
rein politischen oder vielmehr unpolitischen Arbeiten geht uns 
hier gar nichts an. Die politische Principlosigkeit der Manchester 
anschauungen, welche darin besteht, kein wirklich politisches 
Motiv gelten zu lassen, sondern nur dem Handel und Erwerbe
        <pb n="456" />
        440 
nachzugehen, ist zu bekannt, als dass sie hier einer besondern 
Kennzeichnung bedürfte. Das über alle Grenzen getriebene laisser 
aller soll sogar die Politik unnöthig machen. An die Stelle 
der menschlichen Yerhältnisse treten ja die bäumwollncn Fäden 
des Fabrikherrn von Manchester. Im Wirthschaftlichen sieht 
man sich nach einer Theorie, die etwas positiv Eigenthümliches 
hätte, vergebens um. Im Freihandel geht Alles auf. Im 
weiteren Sinne dieses Begriffs, d. h. im freien Geschäft, ist die 
Panacee für die Welt enthalten. Nach einer sehr unbestimmten 
Idee Cobdens (Schriften Bd. II 8. 17) soll der Freihandel im 
weiteren Sinne des Worts nichts Anderes als die über dio 
ganze Erde ausgedehnte Arbeitstheilung bedeuten. Komme 
aber der Krieg und zwar namentlich mit seinen Blokadon da 
zwischen, so sei die Industrie ein Lottospiel. Die „universelle 
Abhängigkeit” ist also sogar nach dem Ideengang eines Cobden 
nur unter Voraussetzung des Friedens eine Wohlthat, und 
das „Zusammenwirken der productiven Kräfte der ganzen Erde” 
wird in der Gegenseitigkeit bedenklich gestört, solange zwei 
Völker die wirthschaftlichen Beziehungen ernstlich zu unter 
brechen vermögen. 
Abgesehen von der Persönlichkeit Cobdens gehört die 
nähere Kennzeichnung der Manchesterökonomie zu den grössten 
Schwierigkeiten und zwar aus dem einfachen Grunde, weil sie 
in blossen Verneinungen aufgeht und übrigens keinen nur 
irgend hervorragenden theoretischen Vertreter aufzuweisen hat 
Von Bastiat ist schon gesagt, dass er zwar die Manchester 
anschauungen gepflegt habe, seine wissenschaftliche Stellung 
aber ganz andern Thatsachen verdanke. Man darf daher be 
haupten, dass die Manchesterökonomie wesentlich nur in der 
Gestalt von Anschauungen existirt, wie sie einer agitirenden 
Truppe als solcher angehören können, ohne einer besondern 
wissenschaftlichen Formulirung fähig zu sein. So ist z. B. die 
Vorstellung, das Steuerzahlen als ein Austauschgeschäft zu be 
trachten, bei welchem man Leistung und Gegenleistung im be 
sondern Fall abwägt, nichts als die Uebertragung der händleri 
schen Denkweise in die Verhältnisse der Steuerzahler zum 
Staat oder zur Gemeinde. Ein Princip, welches nicht einmal 
im Bereich der eigentlichen Gebühren (z. B. der Gerichtskosten) 
gehörig festgehalten werden kann, soll in das Gebiet der eigent 
lichen Steuern übertragen werden, und jede Gruppe soll danach
        <pb n="457" />
        441 
fragen können, welche Menge von Diensten der öffentlichen 
Gewalt und in welcher Qualität sie sich dieselben vermöge der 
Steuerzahlung gekauft habe. Die öffentlichen Verrichtungen 
werden hiebei als Waare betrachtet, und es wird darum ge 
marktet, wie viel davon an diesen oder jenen Käufer oder an 
eine bestimmte Gruppe von Käufern für den von ihnen ge 
zahlten Preis gelange. Die Beziehung von Leistung und Gegen 
leistung soll verhältnissmässig sein, und wer Wenig von jener 
Waare verbraucht, soll auch nur Wenig davon einzukaufen 
haben, d. h. mit einer nach diesem Princip unverhältniss- 
mässigen Steuerzahlung nicht behelligt werden. Als häuslichen 
Privatstreit zwischen der Industrie und dem Grundbesitz muss 
man die Stellungnahme in der Frage der Gemeindesteuern an- 
sehen. Hier soll der Grund- und Hausbesitz das Meiste bei 
steuern, weil ihm die Vortheile der Steuerverwendung am 
reichlichsten zufielen. Sein Monopol stammt aber nicht von 
den verbesserten Strassen her, sondern stützt sich auf die durch 
die Concurrenzchancen ermöglichte Ausbeutung der Arbeiter 
und des wohnungsbedürftigen Publicums überhaupt. In Wahr 
heit richtet sich die Manchesteranschauung mehr gegen den 
ländlichen Grundbesitz, als gegen die der Manufactur- und 
Handelspartei nahestehende und mit ihr untermischte städtische 
Classe der Häuserbesitzer. Uebrigens ist ja auch die Cobden- 
sche Hauptaction, nämlich die erfolgreiche Agitation gegen die 
Kornzölle, zum grössten Theil als die Wahrnehmung eines 
Classeninteresse anzusehen, indem die Industrie zu Gunsten der 
billigeren Ernährung ihrer Arbeiter die Schutzprivilegien der 
Landaristokratie wegräumte. Die Angelegenheit war, wie man 
sieht, eine Geschäftssache gewesen, und es wurde demgemäss 
auch der Geschäftsführer, abgesehen von den nachträglich noch 
in Frage kommenden Standbildern, mit mehr als einer halben 
Million Thaler prämiirt. 
6. Zu den Nebenerscheinungen, für welche in Ermange 
lung einer ausgeprägten Physionomie eine passende Rubrik 
gar nicht anzugeben ist, gehört die Zusammenarbeitung, welche 
Stuart Mill bezüglich der politischen Oekonomie in einem Buch 
vorgenommen hat, dessen Verbreitung und Rolle einigermaassen 
an J. B. Says Bemühungen erinnert. Freilich hatte der von 
uns früher gekennzeichnete Franzose die Frische und Neuheit 
des Unternehmens voraus. Die Volkswirthschaftslehre war in
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        443 
einer Gestalt, die an Adam Smith anknüpfte, noch erst über 
die Welt zu verbreiten gewesen, und die Französische Sprache 
sowie die mit der Oberflächlichkeit verbundene Gewandtheit 
hatten ihre Hülfsdienste hiebei in gehörigem Maass geleistet. 
Ein Gegenstück hiezu konnte nicht noch einmal aufgeführt 
werden; wohl aber wurde es möglich, eine beschränktere, übrigens 
aber in vielen Beziehungen ähnliche Rollo für die Malthus- 
Ricardosche Oekonomie zu spielen. Etwas mehr Ueberlogung 
und etwas weniger Gewandtheit machten hiebei in der Haupt 
sache keinen sonderlichen Unterschied. Es kam eine Art 
Lehrbuch zu Stande, welches an Stelle der entscheidenden 
Beweise sich mit Hinweisungen auf sogenannte Autoritäten 
begnügte und namentlich nicht müde wurde, sich auf Malthus 
zu berufen. Die in demselben herrschende Anschauungsweise 
kann kurz als die des Epigonenthums der Ricardoschen Oeko 
nomie bezeichnet worden und hat demgemäss, in Folge der 
bei einem solchen Verhältniss unausbleiblich eklektischen 
Mischungen, an Stelle der scharf markirten Züge seines Vorbildes 
meist nur verwischte Umrisse aufzuweisen. Man versuche es, 
sich ein Bild davon zu machen, was entstehen müsse, wenn 
Malthussche Bevölkerungsvorstellungen, Ricardosche Oeko 
nomie, einige Manchesterreflexe und schliesslich sogar noch ein 
paar Ansätze zu socialer Philanthropie Zusammenkommen und 
ausserdem noch mit allen übrigen Satzungen der rechtgläubigen 
Volkswirthschaftslehre gereimt werden sollen. Ein überladenes 
Conglomérat von vielerlei Früchten der literarischen Umschau, 
weitschichtig und schwerfällig in der Darstellung des Ganzen 
und des Einzelnen, unter der Wucht der Autorität fremder Ge 
danken keuchend, nach Einschränkungen und Verwahrungen 
suchend, um für jede etwa noch mögliche Modification eine 
Hinterthür offen zuhalten, — das ist die vermeintliche Denker 
arbeit eines Autors, der von vornherein mit einer Unmöglich 
keitserklärung neuer Gedanken beginnt. Er ist so fest von 
dem Monopol seines Malthus-Ricardoschen Schülerthums über 
zeugt und überträgt die eigne Epigonenhaftigkeit mit so edler 
Dreistigkeit auf alles Uebrige und noch Mögliche, dass er in 
der Vorrede unverholen erklärt, es würde ein schlechtes An 
zeichen sein, wenn Jemand darauf Anspruch machte, in der 
politischen Oekonomie noch neue Gedanken haben zu wollen. 
Der Liberalismus der Mittelmässigkeit fehlt natürlich nicht,
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        443 
und so vertritt das Millsche Buch denjenigen Typus, welcher 
am meisten geeignet ist, sich ohne Anstosserregung zu ver 
breiten und alle diejenigen für sich einzunehmen, welche die 
strengere Conscquenz nicht zu vertragen vermögen. Allerdings 
ist dem Verfasser bisweilen ein schwacher Zug von Radica 
lismus untergelegt worden, der jedoch für seine nationalökono 
mischen Bestrebungen am allerwenigsten nachzuweisen ist. 
Ein Schein davon mag hier und da eine Weile täuschen. Sieht 
man aber näher zu, so findet man, dass die Kühnheit stets nur 
bedingungsweise zur Welt kommt und ihr überall, theils aus 
Unsicherheit des Denkens, theils aus Mangel an Muth, die Spitze 
abgebrochen ist. 
Stuart Mill (1806—73) aus London, und fast ausschliesslich 
von seinem Vater unterrichtet, hat zuerst mit einer Art von 
Logik (1843) angefangen und erst 5 Jahre später (1848) seine 
zweite Hauptschrift über Nationalökonomie (Principles of poli 
tical economy) folgen lassen. Seine kleineren Schriften, unter 
denen besonders die beiden über die Freiheit und über die Re 
präsentativregierung hervorzuheben sind, gehen uns hier nicht 
näher an. Die amtlichen Functionen Mills bei der Ostindi 
schen Compagnie waren nicht geeignet, praktisch politische Er 
fahrung oder ein entsprechendes Denken anzuregen, und in 
der That hat sich der Politiker Mill mit seiner besondern Art, 
das Weiberstimmrecht im Parlament wahrzunehmen und die 
Haresche Wahlutopie der Minoritätsvertretung zu vertheidigen, 
ganz einfach als unpraktischer Ideologe, aber als einer von 
derjenigen Gattung erwiesen, die man die fade nennen könnte. 
Ueberhaupt sind bei ihm die äusserlich in den Manieren des 
gemeinen Verstandes einhergehenden Auslassungen innerlich 
mit dem haltlosesten Ausgreifen der wenn auch nur matten, 
so doch zur Schablonenutopie noch immer hinreichenden Ima 
gination verbunden. Wer die Plattheit, in [die sich das sich 
auch sonst nicht hoch über dem Boden bewegende Raisonnement 
oft vollends verliert, als eine Bürgschaft gegen Ausschwei 
fungen nehmen wollte, würde sich arg getäuscht finden. So 
trocken und hausbacken das übrigens noch nicht einmal in 
einem höheren Grade subtile Denken der Millschen Art auch 
ausfällt, und so plump sich manche Züge seines Gepräges 
gestalten, so ist trotz aller dieser, eine gewisse Derbheit und 
ein wenig von der Englischen handfesten, zugreifenden Weise
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        444 
am falschen Orte hervorkehrenden Eigenschaften dennoch eine 
Ideenhaltung vorhanden, die sich nur in den Allüren und 
durch den Mangel der Leidenschaft von der Phantastik begab 
terer Naturen unterscheidet. Die dieser Physionomie ent 
sprechende Compositions- und Schreibart gilt für die ver 
schiedensten Richtungen der Millschen Autorthätigkcit. In 
dessen ist die letztere in der Logik etwas nützlicher und 
weniger unzulänglich ausgefallen, als in der Nationalökonomie 
oder gar in der Politik. Was man nämlich auch von der ersten 
Hauptschrift Mills sonst halten möge, so hat sie doch wenig 
stens eine Art Lücke ausgefüllt und in einer einigermaassen 
modernen Weise vorhandene logische Materialien, wenn auch 
nur eklektisch und ohne durchgreifende Systematik, verarbeitet. 
Ein Gleiches lässt sich aber von den „Principien der politischen 
Oekonomie” keineswegs behaupten; Ricardos eignes System 
ist unvergleichlich besser, als die zu der Gattung der verar 
beitenden Compilationen gehörende Darstellung seines Schülers. 
Der letztere hat allerdings mehr Durcharbeitungskraft ent 
wickelt, als z. B. ein anderer Schüler Ricardos, der besonders 
durch seine „Literatur der politischen Oekonomie” (1845) be 
kannte Mac Culloch. Ist nun aber das eben genannte Lite 
raturbuch auch nicht viel mehr als ein Schriftenverzeichniss 
mit erläuternden Zusätzen, und sind auch die in diesen Erläute 
rungen vorkommenden Urtheile nichts weniger als maass 
gebend, so können doch bibliographische, lexikalische und 
statistisch beschreibende Arbeiten, wie sie von einem Mac 
Culloch unternommen wurden, in ihrer Art noch immer als 
etwas Verdienstliches gelten. Bei der Vergleichung muss hie- 
nach, trotz oder vielmehr wegen jenes Millschen Vorzugs, auf 
welchem die höhere, gedanklich mehr verarbeitende Methode 
des Compilirens beruht, das Ergebniss in einer wichtigen 
Beziehung zu Ungunsten des vermeintlichen Systematikers 
ausfallen. Die Ansprüche, die auf Seiten Mills geltend gemacht 
werden, würden nur dann berechtigt sein, wenn die Loetüro 
seiner nationalökonomischen Hauptschrift wenigstens annähernd 
eine ähnliche Einsicht in das Malthus-Ricardosche System ver 
schaffte, als das Werk, welches von Ricardo selbst schon 30 Jahre 
früher veröffentlicht worden war. Dies ist aber so wenig der Fall, 
dass man zuversichtlich behaupten kann, es würde das ökono 
mische Denken der Lernenden besser angeregt worden sein,
        <pb n="461" />
        445 — 
wenn man die Aufmerksamkeit derselben statt auf die ver 
schwommenen Züge des Millschen Abbildes, gleich von vorn 
herein auf das Urbild gelenkt hätte. Der geringe Vortheil, den 
die Rücksichtnahme auf einige spätere Verhältnisse oder Fra 
gen, sowie eine gewisse Compilationsvollständigkeit der Ru 
briken haben mag, kann bei dem Millschen Buch um so we 
niger in Betracht kommen, als dasselbe schon bei seinem 
ersten Erscheinen auch in dieser Hinsicht nicht allzu neu war 
und in seinen sieben Auflagen fast stereotyp geblieben ist. 
Das Maass, welches wir an die Millsche Arbeit gelegt 
haben, ist insofern zu hoch gegriffen, als das fragliche Buch 
weit besser gleich von vornherein aus dem Gesichtspunkt einer 
secundären Reproduction und eines im Sinne einer bestimmten 
Schule hergestellten Lehrmittels gewürdigt werden kann. Bei 
dieser Schätzungsart, durch welche die Millsche Leistung in die 
passende Nachbarschaft gebracht und nur einer Vergleichung 
mit verwandten Erscheinungen ausgesetzt wird, muss sich der 
relative Werth weit günstiger gestalten. Sieht man nämlich 
auf die sonstigen lehrbuchmässigen Darstellungen der Malthus- 
Ricardosehen Oekonomie, so ist allerdings das Millsche Werk 
ihnen sämmtlich durch eine verhältnissmässige Selbständigkeit 
der Auseinandersetzungen und durch eine gewisse philosophische 
Färbung, sowie durch den Versuch einer rationellen Haltung 
vielfach überlegen. Die Englischen, Französischen und Deut 
schen Lehrbücher, welche aus Reflexen des Neubrittischen 
Systems ihr zweifelhaftes Licht erhielten und dem Malthusia 
nismus huldigen, stehen hinter den zwei Bänden Mills ent 
schieden zurück. Man konnte es für den Lernenden noch als 
ein verhältnissmässiges Glück ansehen, wenn er im Bereich 
der gewöhnlichen Schulung an die Millsche Darstellung ge 
wiesen wurde und nicht einer niederen Gattung von Compila 
tionen anheimfiel. Wenn sich nämlich auch die letzteren, etwa 
wie in Deutschland im Falle des Roscherschen unvollstän 
digen Lehrbuchs, historisch nennen, so wird dadurch der Ab 
stand, in welchem sie sich von der weit höheren Art der 
Millschen Compilation befinden, nicht verkürzt. Hätte man 
nur die Wahl zwischen derartigen Erzeugnissen einer ganz un 
rationellen sowie schielenden und schief angelegten Gelehrsam 
keit der Beschränktheit und dem Millschen Versuch, das wider- 
spänstige Material einigermaassen rational zu gestalten, so
        <pb n="462" />
        446 
würde die Entscheidung keinen Augenblick schwanken können. 
Hiezu kommt noch, dass ein Stuart Mill, wenn auch nicht eine 
durchgreifend moderne und consequente Weltanschauung, so 
doch wenigstens keine Ansichten vertritt, die dem Bigottismus 
oder auch nur Mysticismus absichtlich Vorschub leisteten. In 
dieser Hinsicht hat er sogar sein Malthussches Dogma von'allen 
Bestandtheilen gesäubert, mit denen es der anglicanischo Ver 
künder versetzt hatte. Ja sogar die zugehörige arbeiterfeind 
liche Gesinnung soll abgestreift sein; denn wie komisch es sich 
auch ausnehmen mag, so hat unser Logiker und Nationalöko 
nom den Malthusschen Glaubensartikel grade für diejenigen 
nutzbar zu machen versucht, gegen welche er eigentlich ge 
richtet ist. Er hat das Malthussche Gelegenhcits- und Ver- 
legenheitsrecept, nach welchem die Arbeiter ihre Zahl beschrän 
ken sollten, wenn sie höhere Löhne zu haben wünschten, ganz 
ehrsam in einen aufrichtigen guten Rath verwandelt. Hienach 
gipfelt Mills Socialpolitik mit ihren sympathischen Affectionen 
für die Arbeiter in der Erklärung, dass nur der eigne Ent 
schluss der Arbeiter, die Vermehrung ihres Nachwuchses durch 
Beschränkung der Ehen und der Kinderzahl einzudämmen, zu 
einer besseren Lage führen könne. Es ist also das Einschnü- 
rungssystem als ein Bedürfniss und Interesse der arbeitenden 
Classe dargestellt und auch wirklich aufgefasst, während es 
sich bei Malthus als Angelegenheit der andern Gesellschafts- 
classen charakterisirte und auf der Feindschaft gegen das Pro 
letariat beruhte. Mill muthet den proletarischen Arbeitern zu, 
ihre Proles niederzuhalten, und so wenig wir auch Ursache 
haben, die Wohlgemeintheit dieses seltsamen philosophischen 
Zuspruchs anzuzweifeln, so liegt doch klar zu Tage, dass die 
Befolgung dieser Vorschrift nicht etwa nur die natürliche Ge 
staltung guter Sitten untergraben, sondern auch die Kraft des 
Proletariats, dessen wachsende Bedeutung auf der steigenden 
Zahl seiner Köpfe beruht, an der Wurzel angreifen würde. 
Eine solche Einschnürung müsste den menschcnvertrcibcndcn 
und Schaafe an deren Stelle setzenden Consolidationen des 
Grundbesitzes, sowie den ähnlichen Vorgängen im Reich der 
Maschinen und des Capitals, ungeachtet der ein wenig steigen 
den Löhne, zunächst ganz genehm sein. Man würde die 
Menschenlast loswerden, die Bevölkerung nach der ökonomi 
schen Verfassung zustutzen und nicht in die Lago kommen,
        <pb n="463" />
        447 
die Verfassung selbst ändern und der Bevölkerungsmenge an 
passen zu müssen. Glücklicherweise kann man dem Bade der 
Natur in dieser Richtung nicht mit solchen individuellen 
Privatrecepten in die Speichen fallen. Mill ruft zwar seine 
Glientinnen zu Hülfe. Die Frauen sollen im Hinblick auf 
Geburtsschmerzen und weitere Beschwerden der Mutterschaft 
ihr Familienstimmrecht üben. Indessen dürfte es auch abgesehen 
von der Bedeutung dieser Bundesgenossenschaft einer der be 
fremdlichsten Züge des Millschen Ideenganges sein, dass bei 
bereits vorhandener Ehe die Regulirung der Kinderzahl oder 
überhaupt die Existenz von Kindern noch erst der Willkür 
anheimfallen soll. Will man. hier nicht an offenbare Corruptions- 
erscheinungen denken, so bleibt nur die Niaiserie einer Ehe 
übrig, die keine sein soll. In der That verheirathete sich Mill 
erst in den vierziger Lebensjahren mit einer Wittwe, die 
ebenfalls in den Vierzigern war, und er hat offenbar in der 
Abstandnahme von Familienentfaltung ein Gegenstück zu dem 
in dieser Beziehung luxuriirenden Priester Malthus geliefert, 
der, um mit Byron zu reden, reichlich „das that, was er in 
Büchern schlecht machte”. Wie sehr bei Mill die Hemmung 
der Bevölkerung eine ihn überallhin begleitende Vorstellung 
geworden ist, mag man daraus entnehmen, dass er eine Wahl 
rede mit der Hinweisung auf sein Princip begann, demzufolge 
nicht mehr Kinder geboren werden sollten, als für welche die 
erforderliche Nahrung bereit wäre. 
7. Die von Mill hintcrlassene Lebensbeschreibung (Auto 
biography, London 1873) hat nicht nur mein altes, viele Jahre 
vorher im Gegensatz zu den landläufigen Ansichten vertretenes 
Urtheil bestätigt, sondern auch den Stoff geliefert, zu der ge 
ringen Meinung von den Fähigkeiten des Schriftstellers be 
stimmtere Aufschlüsse über die Charakterunzulänglichkeit der 
ganzen Person hinzuzufügen. Das einzige, aber offenbar recht 
zweideutige Gute, was an dieser Autobiographie anzuerkennen 
ist, besteht darin, dass Mill es in ihr, wenn auch eben erst in 
ihr, am Orte und an der Zeit gehalten hat, einigermaassen 
ofien zu sein. Diese Eigenschaft ertheilt der durch die Sicher 
heit des Grabes gedeckten Kundgebung mehr Bedeutung und 
Interesse, als den sämmtlichen Millschen Werken zusammen 
genommen. Der Autor bekennt darin, dass er seine schrift 
stellerischen Erfolge in der Oekonomie nicht seinen, eher unter
        <pb n="464" />
        448 
als über dem Durchschnitt des Gewöhnlichen verbliebenen 
Fassungskräften und Charaktereigenschaften, sondern dem fünf 
undzwanzigjährigen Vorsprung und den Vortheilen verdanke, 
die ihm die sofortige Einführung in das kaum veröffentlichte 
Ricardosche System durch seinen mit dem Urheber befreunde 
ten und verkehrenden Vater, sowie überhaupt der väterliche 
ausschliessliche Hausunterricht im Gegensatz zu den Hemm 
nissen der gemeinen Schulerziehung verschafft habe. Auch 
giebt er seine Nationalökonomie selber Preis, indem er nur für 
sein Logikbuch auf noch einige Dauer rechnet, während er in 
dankenswerther Resignation voraussetzt, dass über die „alte 
politische Oekonomie” die socialistischen Gedanken bald völlig 
fortgeschritten sein würden. Unter der alten politischen Oeko 
nomie versteht er diejenige, welcher Eigenthum und Erbrecht 
zu Grunde lägen. Indem er hiemit seine eignen Arbeiten desa- 
vouirt und so einen Beitrag zur Selbstkritik der eklektisch 
tastenden Art von Volkswirthschaftslehro liefert, hält er auch 
mit den Nebeln seiner schwunglosen Zukunftsphantasie nicht 
zurück. In dieser unbestimmt halbsocialistischen Richtung, in 
welcher eingestandenormaassen seine Frau das Verdienst hatte, 
1 m stets voi auszusein und seiner Gedankenträgheit nachzu- 
e en, wagt er nun schliesslich gleichsam in seinem ökonomi 
schen Testament den Ausspruch, dass einst alle Rohstoffe der 
Welt für die Arbeit gemeinsam werden würden. Von den 
St. Simonisten habe er die transitorische Natur einer Volkswirth- 
schaftslehre erkennen gelernt, die in der Freiheit der Produc 
tion und des Austausches das letzte Wort der socialen Ver 
besserungen gesprochen zu haben glaube. 
Trotz der erwähnten 7 Auflagen der politischen Oekono 
mie bemerkt man doch an Mill keine eigentliche Entwicklung. 
Die letzte und entscheidende Erklärung dieses Mangels an Be 
wegung ist nicht etwa blos in der passiven und mittelmässigen 
Geistesart des Autors, sondern auch in der Thatsacho zu suchen' 
dass sich dieser Autorberuf als ein völlig künstliches Erzeug- 
mss einer verhältnissmässig guten Erziehung an einem von 
Natur trägen und unberufenen Gegenstände kennzeichnet. Mit 
dem vollendeten 12. Lebensjahre war der Knabe schon mit 
mnem väterlichen individuellen Hauscursus der Ricardoschen 
Oekonomie bedacht worden, und schon damals stand der Plan 
fest, das vermeintlich für Lernende zu schwere Ricardosche
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        449 
Werk künftig durch ein breiteres, verständlicher sein sollendes 
Lehrbuch zu ersetzen. Diese frühe Fixirung der Gedanken 
konnte nun wohl eine Mittelmässigkeit zu einer, wenn auch 
schwerfälligen, so doch immerhin nachhaltigen Autorvirtuosität 
aufstutzen, und rechnet man hiezu noch die baldige Einführung 
in das Reviewerthum und überhaupt in die Diplomatie der 
Journalistik, namentlich der Mittel und Wege der baldigen 
Erfolgmacherei, so hat man sich über das Weitere nicht im 
Mindesten zu wundern. Stuart Mill blieb, soviel auch an ihn 
kam, Zeit seines Lebens wesentlich das, wozu ihn sein Vater 
schon in den reiferen Knabenjahren geformt hatte. Seine Dar 
stellung der politischen Oekonomie wurde durch die verschleier 
ten halbsocialistischen Hindergedanken nur noch mehr ein con- 
sequenz- und charakterloses Gemisch der unwillkürlichen 
Bourgeoisdenkweise und der zum Theil abgeschwächten, zum 
Theil verhehlten Gegenregungen. Religionslos, nämlich nicht 
einmal verschwommen theistisch, sondern völlig skeptisch er 
zogen, aber zugleich von seinem Vater mit dem Recept ver 
sehen, derartige Ansichten nie einzugestehen, hat Mill sich in 
der Philosophie Redeweisen und Gedanken Wendungen gestattet, 
die mit seinen wirklichen Ansichten nicht stimmten, und auf 
dieselbe Weise erklärt sich die Kluft, die zwischen seinem Buch 
über politische Oekonomie und seinen Bekenntnissen in der 
Selbstbiographie gähnt. Die letztere ist aus diesen und andern 
Gründen einiger Lectüre werth. Sie lehrt, was ein sorgfältiger 
Unterricht beinahe aus jedem Holze für einen Autormercur zu 
schnitzen vermöge, und wie armselig im Vergleich zu solchen 
Erfolgen die gewöhnliche Unterrichtsweise der mittleren und 
höheren Lehranstalten sich ausnehme. Die beste sociale Lehre, 
die ein Mill je zu ortheilen vermochte, liegt in seinem Erzie 
hungsschicksal, und die Wohlgemeintheit, mit der er nun 
schliesslich selbst seine Lebensumstände als wichtiger und als 
das eigentliche Hauptinteresse bezeichnet hat, mag mit der 
Schwäche seiner, zur Weltcelebrität gelangten Leistungen in 
Philosophie und Oekonomie einigermaassen aussöhnen. Hiemit 
ist aber auch ein näheres Eingehen auf Einzelheiten des In 
halts seiner politischen Oekonomie, wozu ich mich in der ersten 
Auflage dieser Geschichte, wenn auch widerwillig, herbeige- 
lasson hatte, überflüssig geworden. Einen neuen, die Wissen 
schaft fördernden Gedanken wird Niemand, der schärferes 
Duliring, Geschichte der Nationalökonomie. 2. Auflage. 29
        <pb n="466" />
        450 
TJrtheil hat und einen höheren Maassstab anlegt, in der Mill- 
schen Oekonomie nachzuweisen vermögen. Die alten Gedanken 
aber finden sich in einer Weise zugestutzt, deren Untersuchung 
höchstens zur Kennzeichnung der Unsicherheit eines Autors 
dienen kann, der mit dem Besten, was er vorfand, nichts 
Sonderliches anzufangen vermocht hatte. 
8. Gleichsam eine Erinnerung an den Schottischen Ur 
sprung der ersten umfassenden Formulirung der neuern National 
ökonomie ist Macleod (geh. 1821). Mit ihm ist es wiederum 
ein Schotte, der auf der Brittischen Insel die Volkswirthschafts- 
lehre in einer einigermaassen methodischen und systematischen 
Fassung repräsentirt. In der That ist Macleod seinen Euro 
päischen Zeitgenossen vom Fach der Schulökonomio nicht nur 
durch Genauigkeit der Schematisirungen und durch den Ver 
such streng wissenschaftlicher Haltung überlegen, sondern ragt 
unter ihnen auch durch die Originalität einiger Special- 
anschauungon im Gebiet des Credits sowie durch die sich 
hieran knüpfenden Verbesserungen der formalen Gesammt- 
aufiassung der Oekonomie sehr erheblich hervor. Obwohl er 
eine vierfache Art von scholastischen Neigungen vertritt, so 
sind doch selbst die Abirrungen dieser schematistischen Art und 
Weise noch ein Zeugniss für ein selbständiges Denken und 
können daher mit dem ganz äusserlichen, bewegungslosen und 
unselbständigen Verhalten eines Stuart Mill kaum verglichen 
werden. Macleod ist wirklich in seiner Art ein volkswirth- 
schaftlicher Denker und Lehrer und macht, wenn man das 
heutige Epigonenthum in Anschlag bringt, der Schottischen 
Ueberlieferung und der von Hume und Smith her allbekannten 
Abstractionskraft vergleichungsweise noch immer einige Ehre. 
Unter den jetzt lebenden nationalökonomischon Schriftstellern 
Europas ist er derjenige, welcher noch am ehesten als ein rospec- 
tabler Vertreter der Oekonomie des freien Geschäfts genannt 
werden kann, sobald man überhaupt zugebon will, dass dio 
moderne Oekonomie in Europa augenblicklich einen ernstlichen 
und zugleich in den Hauptculturländern allgemein bekannten 
Vahrnehmer ihrer höheren, streng wissenschaftlichen Inte 
ressen aufzuweisen habe. Macleod ist mit seinen ersten ent 
scheidenden Schriften ungefähr zwei Jahrzehnte später hervor 
getreten, als Stuart Mill mit seinem Buche. Dieses Zeitverhält- 
niss und der Umstand, dass der Schottische Theoretiker mit seinen
        <pb n="467" />
        451 
Bestrebungen noch unserer Generation angehört und sich in 
derselben Bahn zu brechen sucht, mag es erklären, dass seine 
Bemühungen trotz des allgemeinen Rufs, der sich für ihn an 
dieselben geknüpft hat, dennoch bei Weitem nicht die volle 
Würdigung gefunden haben, die sie verdienen. Herr Richelot, 
der Französische Hebersetzer unseres List, hat unter dem 
Titel: „Eine Revolution in der politischen Oekonomie” (Une 
révolution en économie politique etc. Paris 1863) den Macleod- 
schen Gedankenkreis und zwar meist durch die Französische 
Uebertragung der eignen Worte des Urhebers auch für die 
jenigen zur Darstellung gebracht, welchen die bis jetzt unüber- 
setzten Schriften unzugänglich sind. Die in dieser Beziehung 
verdienstliche Arbeit nimmt für ihren Gegenstand allerdings 
Mehr in Anspruch, als unbefangenerweise und im Hinblick auf 
die gegenwärtige Verfassung der Yolkswirthschaftslehre zuge 
standen werden kann. Von einer wissenschaftlichen Revolution 
könnte allenfalls in Rücksicht auf die formale Auffassung des 
Crcditmechanismus und der principiellen Erklärung der Credit- 
erscheinungen geredet werden; aber auch unter dieser Beschrän 
kung darf man das Wort nicht in einem zu umfassenden Sinne 
nehmen. Eine erhebliche Veränderung in einer besondern Ver 
zweigung von Anschauungen und die Durchführung der sich 
daran knüpfenden Folgerungen ergiebt noch keine Umwälzung 
des allgemeinen Systems der ökonomischen Theorie. Ist auch 
im Creditmechanismus das subtilste Kräftespiel und der letzte 
Grund zu den Erscheinungen des Verkehrs zu suchen, wie sie 
auf der bis jetzt erreichten höchsten Entwicklungsstufe des 
volkswirthschaftlichen Getriebes hervortreten, — so ist doch 
die Spitze nicht das Fundament und kann noch viel weniger 
als Ersatz für das ganze Gebäude gelten. Nichtsdestoweniger 
wird aber für Macleod ein bedeutsamer und mindestens in der 
Theorie des Credits bahnbrechender Schritt in Anspruch zu 
nehmen und von den modern scholastischen Ausweichungen in 
das rein Schomatistische abzusondern sein. Nimmt man noch hin 
zu, dass sich unser Schotte auch um Klarheit des Ausdrucks und 
um einen gediegenen, einfachen, den eigentlichen Wissenschaften 
entsprechenden Stil mit Erfolg bemüht und im Punkte echt 
schulmässigcr Deutlichkeit die gleichzeitigen Europäischen 
Fachgenossen übertroffen hat, so kann man in der That unge 
achtet aller Vorbehalte über Inhalt und Methode, einen Macleod 
29*
        <pb n="468" />
        452 
getrost als denjenigen hinstellen, welcher seit Friedrich List 
und in einer praktisch entgegengesetzten, nämlich in der ein 
seitig händlerischen Richtung die Volkswirthschaftslehre in 
Europa noch am meisten charakteristisch und mit dem ver- 
hältnissmässig grössten wissenschaftlichen Erfolge hearhoitet 
hat. Hiebei ist stillschweigend alles das, was die Bedeutsam 
keit Bastiats ausmacht, nicht in Rechnung gezogen worden, 
weil es gar nicht der Europäischen Yolkswirthschaftslehro an 
gehört, Nun ist allerdings auch die Verwandtschaft nicht zu 
verkennen, in welcher manche Aufstellungen des Schotten zu 
Bastiat und mittelbar zu Amerikanischen üeberliefcrungon 
stehen; allein grade in diesen Verwandtschaftspunkton wird auch 
die Eigenthümlichkeit der neuen Erscheinung von uns nicht 
gesucht. In der Sphäre des Credits ist aber die Auffassung 
ganz original, und es darf daher Alles, was auf diesen Ausgangs 
punkt zurückgeführt werden kann, als eine im entschiedensten 
Sinne des Worts auszoichnonde Eigenthümlichkeit in Anschlag 
gebracht werden. 
Schon in seiner „Theorie und Praxis des Bankwesens” 
(The theory and practico of banking, 2 Bdo. London 1856) hatte 
Macleod seinen allgemeinen Ansichten über die Gesammtauf- 
fassung der Oekonomio einen Ausdruck gegeben. Auch ist es 
für seine Haltung und Entwicklung bezeichnend, dass sein 
Ausgangspunkt eine Einzelschrift über die wichtigsten Organe 
des industriellen Credits gewesen ist. Wer das Getriebe” der 
Volkswirthschaft vom Standpunkt des Bankwesens aus be 
trachtet, wird vorherrschend zu andern Anschauungen gelangen 
müssen, als wer in der Land wirthschaft und in den Manufec- 
turen Stellung nimmt. Er wird weit mehr die gesellschaftlich 
finanziellen Formen und die juristischen Obligations Verhältnisse 
unmittelbar ins Auge fassen, als sich mit denjenigen Nothwendig- 
keiten beschäftigen, welche im Gebiet der materiellen Pro 
duction für die Gestaltung des creditmässigen Getriebes gleich 
sam von unten her maassgobend sind oder relativ unabhängig 
von dem subtileren Ueberbau zu allen Zeiten oxistiron. Die 
„Elemente der politischen Oekonomio” (1858) bildeten daher 
auch nur den Hebergang zu der Unternehmung eines sehr um 
fassend angelegten Wörterbuchs der politischen Ookonomio, 
welches jedoch auf einen ersten Band (Dictionary of political’ 
economy, 1863) beschränkt geblieben ist. Dieser umfangreiche
        <pb n="469" />
        453 
Band enthalt jedoch grade diejenigen Artikel, in denen sich die 
Grimdanschaimngen des Verfassers am meisten zeigen mussten. 
Er schlicsst noch grade die Abhandlung über den Credit und 
den Artikel Currency ein und ist ausserdem für die Rubriken 
des Bankwesens und für den Begriff Capital nicht unwichtig. 
Die Weite der Anlage sowie der Umstand, dass die eigent 
lichen Engländer im Gegensatz der Schotten für die strengere 
Form des theoretischen Wissens jetzt noch mehr als in früheren 
Jahrhunderten unempfänglich sind, erklären schon allein das 
Abbrechen des Unternehmens. Die neuste systematische Dar 
stellung des gesammten Gedankenkreises ist die 2. Auflage der 
oben erwähnten Elemente, trägt aber bezeichnenderweise den 
Titel einer ökonomischen Philosophie (The principles of eco 
nomical philosophy, Band I London 1872). 
9. Unter den freihändlerischen Arbeiten, die seit Ricardo, 
also seit einem halben Jahrhundert in Europa erschienen sind, 
ist keine, die sich in gleichem Grade wie das Macleodsche 
schematistische System ausgezeichnet hätte. Unser Schottischer 
Denker hat wieder einmal daran erinnert, dass in der National 
ökonomie eine strengere wissenschaftliche Form der Gedanken 
haltung etwas zu bedeuten habe. Auch wer materiell mit sei 
nen Schematisirungen nicht übereinstimmt, muss doch das Be 
streben anerkennen, ein herrschendes Princip als obersten 
Erklärungsgrund der Erscheinungen zur consequenten Anwen 
dung zu bringen und überhaupt überall das logische Element 
der ökonomischen Erkenntniss hervortreten zu lassen. In letz 
terer Beziehung ist allerdings schon die erwähnte vierfache 
Scholastik nicht zu übersehen; aber selbst in den hieher ge 
hörigen Abirrungen ist noch immer einige Originalität anzu- 
treifen. Macleod wollte gelehrter Oekonom und zwar im Sinne 
derjenigen antiken und zum Theil philologischen Gelehrsamkeit 
sein, welche den Englischen Universitäten und ihren verjährten 
Gewohnheiten einige Schritte entgegenkommt. Er bekümmert 
sich daher etwas zu stark um alte Autoritäten und interpretirt 
in nichtssagende Ueberreste des Griechischen Alterthums seine 
eignen Lieblingsgedanken hinein. Jedoch verirrt er sich hiebei 
nicht bis zu dem von uns schon öfter gekennzeichneten Chine 
sen thum. In naher Verbindung mit dieser gelehrten Neigung 
steht sein Aristotelischer Logismus, der sich z. B. in einem 
Uebermaass von Sorge für vermeinte schulgerechto Definitionen
        <pb n="470" />
        454 
und in der zn breiten Erörterung formalistisch logischer Era- 
pn bekundet. Der zweite Bostandtheil der Macleodschen Scho- 
astik ist etwas moderner, indem sonderbarerweise auch noch 
Baconische Schemata nicht ohne Geschick, aber doch ohne 
sachlichen Erfolg herbeigezogen werden, um über Gestalt und 
Gültigkeit volkswirthscliaftlicher Naturgesetze zu entscheiden. 
Als drittes, wieder um einen Grad moderneres Element tritt 
der Gebrauch naturwissenschaftlicher Analogien und der An 
spruch hinzu, die mathematischen Vorstcllungsartcn für das 
ökonomische Denken zu verwerthon. Obwohl in letzterer Ilin- 
' nicht der bekannte übel angebrachte Gebrauch von ana- 
ytischen Formeln zu constatiren ist, so kann man dennoch nicht 
umhin, die fraglichen Wendungen für diejenige Art der Scho- 
astik zu erklären, in welcher die Vorstellungsarten des ma 
thematischen Gebiets ähnlich gehandhabt werden, wie die 
Aristotelische Logik von den Scholastikern des Mittelalters. 
Grade um seiner Vorzüge willen bildet hier Maclcod das ty 
pische Beispiel für eine ganze Richtung von Abirrungen des 
volkswirtlischaftlichen Raisonnements. Obwohl nämlich den 
Statistikern der falsche Gebrauch der Mathematik meist näher 
gelegen hat, wie besonders das Beispiel eines Quetelet zeigt, 
so ist doch auch die eigentliche Nationalökonomie nicht von 
den auf dem Boden der mathematischen Analysis erwachsenen 
Neigungen zu einem fehlgreifenden scholastischen Gebrauch 
verschont geblieben. Indessen sind es der Regel nach nur ' 
Persönlichkeiten unter dem Niveau der Geschichte gewesen, 
deren Musse und Unfähigkeit zur Bethätigung wirklich mathe 
matischer Leistungen sie angereizt hat, mit ihren überflüssigen 
Kenntnissen des Calcüls die Volkswirthschaftslehre heimzu 
suchen. In den letzten Jahrzehnten sind derartige Erschei 
nungen häuflger geworden, und es ist daher ein günstiger Um 
stand, dass wir in Macleods viel höher gearteter Scholastik auch 
die ganz subalternen und weit mehr fehlgreifenden Spielereien 
mitzubeurtheilen vermögen. Sein negatives und positives Eigen 
thum soll uns daher nicht im Mindesten kümmern, und seine 
bisweilen an mathematischen Mysticismus streifenden Vor 
stellungsarten, die auf Analogien der rationellen Naturphiloso- 
phm im Sinne Newtons beruhen wollen, können ebenfalls zur 
Seite gelassen werden. Dagegen ist daran zu erinnern, dass 
die Einführung der Vorstellungen vom Positiven und Nega-
        <pb n="471" />
        455 
tivcn in die Auffassung der Creditbeziehungen zwar nicht überall 
falsch oder unklar, aber jedenfalls ein überflüssiger Formalis 
mus ist. Der Satz, dass eine Verbindlichkeit durch eine For 
derung von gleicher G-rösse nicht zu Null aufgehoben werde, 
sondern dass hier zwei entgegengesetzte ? Wirklichkeiten im 
Spiele seien, ist eine Paradoxie, die sich leicht in eine Trivia 
lität verwandeln lässt. Wenn Macleod aber für diesen mehr 
schiefen als tiefen Satz einen mathematischen Schematismus 
der Naturkräfte aus dem Gebiet der höheren Naturphilosophie 
zum Erläuterungsprincip macht, so tastet er hiemit in ein Halb 
dunkel, in welchem sich Niemand überzeugt finden wird, und 
welches selbst erst durch eine strengere Logik aufzuhellen 
wäre. Er erklärt auf diese Weise das ökonomisch nicht mit 
zureichender Klarheit Gedachte durch etwas, was in seiner 
eignen ungenügenden Vorstellungsart und im Bereich des ma 
thematischen Mysticismus ebenfalls mit Unklarheit behaftet ist. 
Obwohl daher ein gewisses Streben nach der Erkenntniss tieferer 
Beziehungen und subtilerer Verhältnisse auch in den angedeu 
teten Wendungen der Macleodschen Denkmethode nicht ver 
kannt werden darf, so wird man doch stets darauf zurückkommen» 
dass derartige Untersuchungen zu einem erheblichen Theil 
scholastisch leer, zu einem andern Theil aber auf halbem Wege 
stehen geblieben sind. Ein noch tieferes Eindringen in das. 
Wesen der Sache.würde mit dem Halbdunkel, welches auch in 
den formal strengeren naturwissenschaftlichen Analogien be 
stehen bleibt, vollständig aufgeräumt und zu einer freieren und 
natürlicheren, der Sache unmittelbar angemesseneren Schematik 
geführt haben. Diese Bemerkung trifft übrigens nicht blos 
Macleod, sondern überhaupt denjenigen Charakterzug des neusten 
nationalökonomischen Denkens, welcher durch die Uebertragung 
naturwissenschaftlicher sowie anderer Vorstellungsformen ent 
standen ist, die den der Sache fremden Wissenschaften unmittel 
bar entlehnt sind, ohne zuvor die reine Form allgemein wissen 
schaftlicher und mithin logisch selbständiger Begrifl’e oder 
Methoden erhalten zu haben. 
Die vierte Form der Scholastik knüpft sich an ein un 
zweifelhaftes Verdienst, nämlich an gute juristische Kenntnisse 
der Englischen Art, vermöge deren aber die Behandlung der 
politischen Oekonomie oft genug in einen Rechtstractat aus 
artet. So exact die fragliche Gattung juristischer Denkweise
        <pb n="472" />
        456 
auch häufig ausfallen möge, so würde sie doch Angesichts der 
au Deutschem Boden bewerkstelligten Schulung in den reinen 
egriffen der classischou Römischen Juristen nicht standhalten, 
vermögen es nicht als strenge Wissenschaft und haltbare 
Denkweise anzuerkennen, wenn der Begriflf Eigenthum anders 
als unmittelbar von einem materiellen Gegenstand und daher 
in der vagen Art des Englischen property gebraucht wird. Auf 
Eintheilungen des Eigenthums in dieser fehlgreifenden Rich 
tung beruht aber ein grosser Theil der Macleodschen Ockono- 
mie und Creditlehre. 
Eine gewisse Launenhaftigkeit ist diesem scholastischen 
Standpunkt, der sich halb in der Sphäre der Universitäten be 
wegt und dennoch nicht recht mit ihrer ganzen Rückläufigkeit 
harmonirt, auch da unverkennbar eigen, wo er sich selbst histo 
risch zu construiren und seltsame Vorgänger aufzutreibon sucht. 
Höchst sonderbarerweise werden Condillac und Beccaria zu 
Grössen aufgetrieben, durch welche Adam Smith verdunkelt 
weiden soll. Ich habe die betreffenden Schriften speciell unter 
sucht und nur gefunden, dass die Hineindichtung hier ebenso 
sehr eine Bizarrerie ist, wie die naive Annahme Macleods, dass 
die in Frage kommenden Theorien wirklich als mit denen 
Adam Smiths gleichzeitig erkennbar wären. Der auch in der 
Philosophie, wo er allein erwähnt zu werden verdient, trocken 
schulmässige, langweilige und oberflächliche Condillac, der mit 
seinem bornirten und platten Sensualismus zu dem originalen 
und geistig regsamen Materialismus eines Lamettrie im be 
schämendsten Contrast steht, — dieser scholastische Verwäs- 
serer Lockes hat mit seinen Plattitüden über den Handel und 
seinen Verkehrtheiten über den Werth höchstens den Anspruch 
ads perrohologisohes Behipkd für die ITerinaingeri der gemeinen 
Reflexion über politisch ökonomische Gegenstände zu figuriren. 
Was aber den muthlosen Philanthropen Beccaria anbetrifft, so 
ist seine nachgelassene, erst 1804 veröffentlichte, so zu sagen 
volkswirthschaftliche Schrift die Frucht eines Professoramts, 
an der man nur wenig Eigenthümlichkeit oder moderne Hai- ' 
tung wahrnimmt, und um deren Willen man sicherlich nicht 
danach zu forschen braucht, ob der darin enthaltene Cursus mit 
Adam Smiths Gedanken gleichzeitig zu Stande gekommen sei 
0 er nicht. Macleods Seltsamkeit in der Hervorsuchung und 
Beleuchtung solcher Antecedentien erklärt sich zum Theil aus
        <pb n="473" />
        457 
der Neigung, um jeden Preis von der üeberlieferung abzuweichen 
und auch da den Schein einer eignen Originalität historisch zu 
stützen, wo nicht sie, sondern nur ein Rückfall in vulgäre Ansichten 
vorhanden ist. Trotz alledem kann man sich aber mit Macleods 
Schriften insofern befreunden, als sie relativ das Streben nach for 
meller Wissenschaftlichkeit, ungeachtet aller Scholastik und aller 
Bizarrerien, in einem Grade vertreten, wie er den weniger fehl 
baren, weil von vornherein todtgebornen Compilationen der Schul 
routine und des Scholarchenthums nicht eigen sein kann. 
10. Da unser Schotte vor allen Dingen Systematiker sein 
will und in der That der abstracten, uns Deutschen sicherlich 
nicht antipathischen Denkweise huldigt, die in seinem engem 
Vaterlande schon vor Hume und Smith traditionell war, so 
dürfen wir uns nicht wundern, einem einzigen Princip eine 
allesbeherrschende Rolle zugetheilt zu sehen. Es ist dies von 
dem fraglichen Standpunkt aus mit Recht das Gesetz der Con- 
currenz, aber unglücklicherweise in einer viel zu engen Fassung, 
in welcher es nur die Aussenseite und Oberfläche der Erschei 
nungen berührt. Wie bei Bastiat ist der Tausch der letzte 
Ausgangspunkt, und die händlerisch gefärbte Vorstellungsart 
prägt sich besonders darin aus, dass der tiefgreifende Grund 
trieb der Concurrenz die Gestalt eines blossen Gesetzes von 
Angebot und Nachfrage annimmt. Indessen auch in dieser 
beschränkten Gestalt wird es noch weiter dadurch reducirt, dass 
es nur das oberflächliche Spiel der Veränderungen des Marktes 
betreffen soll. Die Grössen, um deren gegenseitiges Verhältniss 
es sich bei diesem Gesetz handelt, werden mehr formal voraus 
gesetzt, als wirklich auf ihre entlegensten Productionsursachen 
zurückgeführt. Doch mag es immerhin eine erspriessliche Hebung 
sein, den Macleodschen Ableitungen und Reflexionen zu folgen 
und zu betrachten, wie sich das Gesetz von Angebot und Nachfrage 
in allen ökonomischen Fundamentalverhältnissen bethätige. 
Den Begriff des Werthes überspringt Macleod insofern, 
als ihm die Werththeorie ohne Weiteres zu einer Theorie der 
Preise wird. Diese Wendung ist allerdings besser, als die 
Einführung unnützer oder gar haltloser Schulunterscheidungen 
zwischen Werth und Preis. Allein es stimmt sehr wenig zu 
ihr, dass der Vertreter derselben ungeachtet seiner Vorliebe 
für Bastiat und dessen Begriff vom Dienste, dennoch die Brauch 
barkeit vorherrschend als Werthursache im Auge hat. Im Hin-
        <pb n="474" />
        458 
.W i 
blick auf diesen Umstand lässt sich mit unserm Schotten o-ar 
nicht mehr kritisch rechten. Nur sei bemerkt, dass seine gegen 
dm Smithsche Grund Vorstellung gerichtete Formel, wonach 
nicht die aufgewendete Aibeit den Werth, sondern der vorher 
feststehende Werth die aufzuwendende oder aufwendbare Ar 
beit bestimmt, ausserhalb des Tausches und eines fertigen Sy 
stems der Preise keinen Sinn haben würde, wenn man ihr 
nicht das Bedürfniss, d. h. die Nützlichkeit, als für die wirth- 
schafthche Kraftausgabe normgebend unterlegte. Schwerlich 
kann man sich irgendwo an einem deutlicheren Beispiel von 
der Nothwendigkeit einer kritischen Auffassung des Werthbe- 
griffs und der Werthursachen überzeugen, als an den Raisonne 
ments Macleods. Eben weil sein Denken und seine Schlussart 
einen gewissen Grad von Genauigkeit haben, treten die ün- 
veieinbarkeiten entschiedener hervor, als in den verwaschenen 
Auslassungen historistischer und descriptiver Natur, wie sie die 
Zuflucht aller derjenigen bilden, die dem Rationalen in jeg- 
licher Richtung gern aus dem Wege gehen. Der Fundamental- 
leliler ist also bei Macleod schon in seiner Fassung des Ge 
setzes von Angebot und Nachfrage zu suchen, indem die Glieder 
dieses den Angelpunkt abgobenden Verhältnisses ohne eine 
.mbmfknde VonfleHungsrnt von dem Sinn der in flmem fhm_ 
rirenden Grössen, d. h. von den Werthen, gedacht sind. Uebri- 
iT^ns 18t es c^anz rkdddg:, class die ^Triebkraft der Ooncurrenz iii 
ihrer Rolle für das ökonomische System mit der Bedeutuno 
verglichen werden kann, welche der Gravitation bisher in den 
Erklärungen des Natursystems zukam. Die wirthschaftlichen 
Phänomene sind, abgesehen von dem, was sie auch noch sonst 
sein mögen, innerhalb des lebendigen Verkehrs stets Concur- 
renzerscheinungen. Allein die Ursachen dieser Ooncurrenz sind 
hefer zu suchen, als dies von Seiten Macleods geschehen ist. 
le Bevölkerung und die Naturgrenzen dürfen auch in den 
nicht Malthusianischen Systemen nicht übersehen werden. Am 
weni^ten durfte dies aber da geschehen, wo, wie bei Macleod, 
er Malthus-Ricardoschen Anschauungsweise gegenüber eine 
gewisse Gleichgültigkeit, um nicht zu sagen Unbestimmtheit, 
vorherrscht. Unter allen Umständen muss sich aber eine 
Ibeorie der Ooncurrenz allermindestens auf die von der Natur 
vorgeschriebenen Bahnen des Ooncurrenzlaufes und auf die 
Untersuchung der Positionen oder Ohancen einlassen. Andern-
        <pb n="475" />
        459 
falls bleibt sie in dem Yorurtlieil befangen, demzufolge die 
sogenannte freie Concurrenz nach dem Bilde einer Kraft 
gedacht wird, die in einem flüssigen Element wirkt und in 
keiner Richtung auf Hindernisse oder wenigstens nicht auf 
unterschiedene Hindernisse stösst. Die Lehre von den natür 
lichen Schranken und besondern Gestaltungen der concurriren- 
den Bestrebungen enthält in einem gewissen Sinne die ganze 
Ockonomie. Diese Lehre ist es aber auch, an deren Stelle 
sich Macleod mit einer blossen Zergliederung des oberflächlichen 
Wollenspiels in den Schwankungen des Marktes begnügt hat. 
Auch wird aus seinem Verfahren ersichtlich, wie verschieden 
die Tiefe des Sinnes sein kann, in welchem man das Gesetz 
der Concurrenz behandelt. 
Weit besser als in dem blossen Versuch zur Systematik 
gestalten sich die Gedanken unseres Theoretikers, sobald er 
das Gebiet des Credits betritt. Hier entfernt er zunächst ein 
zu allererst von ihm aufgedecktes Vorurtheil, demzufolge das 
Vertrauen das entscheidende Element der Creditgestaltungen 
sein soll. Er setzt an Stelle desselben die richtigere Vorstel 
lung, dass die eigentliche Ursache der Entwicklung eines 
Systems von Creditbeziehungen die Nothwendigkeit sei, gegen 
wärtige Leistungen mit künftigen zu vermitteln oder, mit andern 
Worten, die Leistungen in der Zeit auszutauschen. Die Lei 
stung, welche Zug um Zug, d. h. gleichzeitig stattfindet, steht 
derjenigen entgegen, bei welcher irgend eine Zwischenzeit eine 
erhebliche und durch den Zins ausgeglichene Rolle spielt. Es 
ist ein gelungener Schematismus, wenn unser Schottischer 
Denker von zwei Dimensionen der Volkswirthschaft spricht, 
indem er Raum und Zeit oder das Neben- und Nacheinander 
der verschiedenen Beziehungen im Auge hat. Derartige Ge 
sichtspunkte sind keine falsche Scholastik, sondern führen, wie 
die Credittheorie zeigt, zu den fruchtbarsten Specialvorstellungen. 
Das Bankgeschäft ist nach unserm Autor wesentlich ein Han 
del mit Verbindlichkeiten. Dieser Verkehr mit Schulden, die 
gegen einander umgesetzt werden, erstreckt sich natürlich auch 
auf die Zettel, die als Geld fungiren, und kann auch mit dem 
Motallgeldsystem dadurch verbunden gedacht werden, dass man 
das letztere als die von der Natur selbst garantirte Beurkun 
dung eines Credits ansieht. Die Eigenschaften des Metallgeldes 
werden hiedurch nicht vollständig erschöpft; wohl aber wird
        <pb n="476" />
        4G0 
es klar, in welcher Richtung sie die universelle Auffassung des 
Creditsystems unterstützen. Die Intervalle, in denen Leistung 
und Gegenleistung ineinandergreifen, bestimmen die natürliclieu 
Fristen für die Oreditgeschäfte oder creditmässigen Formen 
solcher Verkehrshandlungen, die nicht ausschliesslich dem ab 
gesonderten Creditmechanismus angehören. Das Vertrauen ist 
eine Vorbedingung, aber nicht die eigentliche Ursache des 
Credits, und wir können daher zu der Macleodschen Theorie 
die Bemerkung hinzufügen, dass es mit den Vorstellungen von 
der Rolle des Vertrauens im Credit eine ähnliche Bewandtniss 
gehabt habe, wie mit den Ansichten über die Nützlichkeit rück 
sichtlich des ökonomischen Werths der Dinge. Unser Schot 
tischer Credittheoretiker hat das Verdienst, in diesem engem 
Gebiet mit einem entscheidenden Vorurtheil in einer ähnlichen 
Weise aufgeräumt zu haben, wie es in der allgemeineren Sphäre 
der ökonomischen Gesammtanschauung Carey mit dem Vorur 
theil über den Werth gethan hat. 
11. Die Macleodsche Darstellung der Oekonomic hat eine 
Seite, von welcher sie noch mehr als diejenige Bastiats für 
einen in formale W^issenschaftlichkeit gehüllten Ausdruck, des 
reinen Manchesterthums und der zugehörigen Vulgärökonomie 
gelten kann. Sie kennt nämlich den Begriff der Vertheilung, 
als einer Bestimmung der Antheile der verschiedenen Classen, 
so gut wie gar nicht. Sie behauptet im Gegentheil mit einer 
seltsamen Naivetät, dass alle Vertheilung nur in dem Austausch 
bestehe. Circulation und Vertheilung sind ihr einunddasselbe, 
womit sie denn grade von alledem, was sich besonders bei Ri 
cardo berücksichtigt fand, sowie von dem Wesen des auf die 
Kritik der Vertheilung gerichteten Socialismus nicht das Min 
deste versteht. Die Unbefangenheit, mit der sie sich in die 
eng abgesteckte Behausung der Ockonomie, als wäre dieselbe 
eine blosse Wissenschaft des Austausches, unbekümmert um die 
grossen Fragen der Socialität einpfercht und den Menschen 
nach Whatelys Ausdruck als ein austauschendes Thier deñnirt, 
ist in der That Angesichts der heutigen Geistesströmungen 
recht seltsam und ein Zeichen arger Rückständigkeit. Sie ist 
aber insofern dankenswerth, als sie ein respectables Beispiel 
für Dinge und Standpunkte liefert, an deren uneingeschränkte 
Möglichkeit im Rahmen eines wissenschaftlichen Systems man 
sonst nicht glauben würde. Für den mehr praktisch Denkenden
        <pb n="477" />
        461 
wird die Entschädigung für solche Cruditäten sowie auch für 
die nicht immer glücklich angebrachten Subtilitäten in der ge 
duldigen Belehrung zu suchen sein, die von unserm Autor 
über den Croditmechanismus und einige wichtige Creditvor- 
stellungen in gewiss zulänglicher Breite dargeboten wird. Frei 
lich muss man hievon die der Zettelausgabe allzu günstige 
Färbung der Ideen in Abzug bringen und den Werth der Er 
örterungen nie in derartigen Nutzanwendungen, sondern nur in 
der Klarstellung unbestreitbarer Thatsachen des Creditgetriebes 
suchen. In solchen rein theoretischen Kennzeichnungen prak 
tischer Verhältnisse des Geschäftslebens liegt die Hauptstärke 
der Macleodschen Lehrvirtuosität. Hier ist, ausser in den Auf 
fassungsgründen der allgemeinen, volkswirthschaftlich noth wen 
digen Creditentstehung, das entscheidende Verdienst der ganzen 
Leistung anzuerkennen. 
Dieses Verdienst erhält eine günstige Folie an der theo 
retischen Unhehülflichkeit der specialistisch verwandten Fach 
genossen, nämlich der doctrinaren Schriftsteller im Gebiet des 
Credit- und Bankwesens. Ueherhaupt steigert es sich aber 
durch die nächste völlig epigonenhafte Umgehung, in welcher 
es Leute gieht, die eine Reihe von Bänden mit sehr beschränk 
ten Materialien zur Preisgeschichte für erhebliche Bereiche 
rungen der volkswirthschaftlichen Theorie ansehen. Wer einen 
Tooke mit seiner Sammlung von Preistabellen und den zuge 
hörigen dürftigen Reflexionen für einen ernstlichen Förderer 
des Systems der Volkswirthschaftslehre anzusehen vermag, 
wird freilich Unternehmungen, wie die eines Macleod, nicht im 
Entferntesten begreifen. Die echt Englisch beschränkte so 
genannte Preisgeschichte Tookes, die mit dem Ausgange des 
vorigen Jahrhunderts ihren Stoff beginnen liess und durch die 
Fortsetzungen von Newmarch der Gegenwart nahe gerückt ist, 
mag hier und da einem einsichtigen Benutzer des vom Verfasser 
selbst nicht sonderlich beherrschten Materials zeigen, wo die 
Volkswirthschaftslehre von der voreiligen Gattung zu Phantasien 
gelangt sei, welche durch die einfachsten Thatsachen als Un 
möglichkeiten erwiesen werden; — allein der Sammler dieser 
Materialien selbst hat, auch abgesehen von seiner Polemik in 
Beziehung auf das sogenannte Currencyprincip, sich eben nicht 
als Virtuose der strengeren wissenschaftlichen Form gezeigt. 
Von den neusten Versuchen eines Oxforder Professors, des
        <pb n="478" />
        a 
— 462 — 
Herrn Rogers, die Arbeit Tookes ein halbes Jahrtausend rück 
wärts zu ergänzen und auf die mittelalterlichen Wirthschafts- 
rechnungen Englischer Corporationen ein entscheidendes Rai- 
.sonnement zu begründen, darf aber ernstlich noch weit weniger 
die Rede sein, wo es sich um mehr als vereinzelte historische 
Beiträge zur Symptomatik der materiellen Culturvorhältnisso 
handeln soll. Doch haben wir diese mehr der statistischen 
Materialienkunde als dem Gegenstand unserer Geschichte an- 
gehörigen Arbeiten nur des Contrastes wegen angeführt, in 
welchem sich die Macleodsche Geistesarbeit zu solchen angeb 
lichen Bereicherungen der volkswirthschaftlichen Theorie be 
findet. Wenn die Nationalökonomie zu einer strengeren 
Wissenschaft werden soll, so wird sie den rationalen Zusammen- 
hang über alles Andere zu stellen und bei allem Positivismus 
in der Berücksichtigung oder Beschaffung erheblicher Thatsachon 
dennoch an der Schottischen Tradition festzuhalten haben, deren 
vollkommenstes Vorbild in Rücksicht auf die Methode in Hume 
zu suchen ist. Sie wird daher nicht in die Epigonenhaftigkeit 
eines kritikarmen Materialioncultus verfallen dürfen, möge sich 
derselbe historisch oder statistisch nennen. Ihre Stärke hat 
bis zu den neusten schöpferischen Wendungen jederzeit im 
durchgreifenden Denken über wirklich erhebliche Thatsachen 
und zwar regelmässig in einem solchen Denken bestanden, wie 
es von der blossen Schulroutine niemals producirt wird. Als 
ein greifbarer Beweis hiefür sei daher noch in Erinnerung ge 
bracht, dass die ganze Geschichte der Nationalökonomie keinen 
einzigen Vertreter ersten Ranges, ja kaum einen vom zweiten 
aufzuweisen hat, der nicht ausserhalb der Ueberlieferung der 
Lehranstalten und ausser Zusammenhang mit denselben, in 
meist autodidaktischer Kraftentfaltung das geleistet hätte, wo 
durch er im Zutrefienden oder Verfehlten für den Entwick 
lungsgang der Einsichten dauernde Bedeutung und einen Platz 
in der Reihe der schöpferischen Geister erlangt hat. Man 
denke an die Petty und Locke, Boisguillebert, Vauban und 
Quesnay, dann an Hume und Smith, ja selbst an einen Ricardo; 
ferner an die Thünen, List und Carey, ja auch an Bastiat und 
an die Thatsache, dass wir sogar bei den Schriftstellern von 
einem weniger hohen Range, wie Stuart Mill, ein ähnliches 
Verhältniss beobachtet haben.
        <pb n="479" />
        Achter Ahschnitt. 
Der neuere Socialismus. 
Erstes Capitel. 
Französische Vertreter. 
Die socialistisclie Theorie, welche sich vorbereitend um die 
Ereignisse von 1848 gruppirt oder als Nachwirkung derselben 
zu betrachten ist, knüpft sich in Frankreich noch an ein paar 
hervorragende Namen, während sic übrigens vornehmlich in 
der allgemeinen Ideenhildung aufgeht. Louis Blanc und Proudhon 
sind die erheblichsten Vertreter desjenigen Socialismus, mit 
welchem sich die 1848 thätige Generation beschäftigte. Die 
Hauptschriften dieser Autoren liegen ein Menschenalter hinter 
uns. Die Blancsche Organisation der Arbeit erschien als be 
sondere Schrift zuerst 1841, und Proudhons System der ökono 
mischen Widersprüche im Jahre 1846. Der letztere hatte je 
doch auch schon seit dem Anfang der vierziger Jahre geschrie 
ben, und wenn er auch nach 1848 in der Zeit der Cäsaristischen 
Restauration Vielerlei und sogar umfassende Bücher veröffent 
lichte, so hindert dieser Umstand ebensowenig, wie im Falle 
Louis Blancs, seines ziemlich gleichaltrigen, aber früher ein 
greifenden Zeitgenossen, die betreffenden Bestrebungen als 
wesentlich derjenigen Strömung angehörig zu betrachten, welche 
der Februarrevolution voranging. Wir werden also beiden 
Persönlichkeiten mit ihren Theorien den richtigsten Platz an 
weisen, wenn wir aus der Gegenwart um eine Generation 
zurückgreifen und die spätem Publicationen nur als Früchte 
einer Thätigkeit zweiter Ordnung ansehen. 
Um die Zeit der Februarrevolution kann man, soweit es 
sich um die Aufstellung von Programmen handelt, füglich auch
        <pb n="480" />
        schon von einem Deutschen Socialismus reden. Dieser letztere 
hat zwei EigenthUmlichkeiten. Erstens gewinnt er die dialek 
tischen Formen seiner Ideen aus einer philosophastrischen 
Schulung, und zweitens wendet er sich von vornherein mit mehr 
Nachdruck, wenn auch immerhin noch in secundärer Weise, den 
politischen Gesichtspunkten zu. Die Herren Engels und Marx 
können schon in den Jahren vor der achtundvierziger Revolu 
tion als Vertreter derjenigen Ideen angesehen werden, die erst 
mit der Agitation Lassalles, also erst seit 1863 theilwcise, und 
dann weiter mit der Wirksamkeit der Marxschen Internationale 
öine nachhaltigere Verbreitung erfuhren. Vermöge der Anre 
gung durch letzteren kosmopolitischen und namentlich auch Ame 
rika socialistisch disciplinirenden Arheiterhund hat der Socia 
lismus einen Weltcharakter erhalten, der ihm bis dahin noch fehlte, 
und an dem auch unwillkürlich anders geartete Bestrebungen, 
wie diejenigen eines Bakunin, trotz aller Gegnerschaft, haben 
theilnehmen müssen. Die Dazwischenkunft einer Weltdemon 
stration, wie sie die Commune von 1871 gewesen ist, hat die 
Situation auch praktisch geklärt. Der Blutstrom, in welchen 
das Pariser Proletariat verwandelt wurde, ist grade gross genug 
gewesen, um überall bei den Völkern von dem rothen Symbol 
Kunde zu bringen und die Sache des Socialismus als einen 
Classenkampf von Weltdimensionen und zwar als einen solchen 
Classenkampf kenntlich zu machen, in welchem nur der voll 
ständigste Sieg der Arbeit das Ende und hiemit den Frieden 
in Aussicht stellt. 
Wer den Frieden in keiner andern Weise als in der eben 
angegebenen für erreichbar hält, wird in allen sentimentalen 
Färbungen des früheren Socialismus ein Element der Schwäche 
und Unklarheit sehen müssen. Auch Louis Blanc ist hievon 
durchaus nicht frei. Die ausgezeichnete Stellung, die ihm sonst 
in dem Entwurf der Ideen und in der würdigen Darstellungs 
art gebührt, ist, wie sich auch schliesslich in seinem Verhalten 
seit dem Communeereigniss vollends bekundet hat, durch eine, 
zu misslichen Halbpositionen verleitende Schwäche beeinträch 
tigt worden. Man könnte ihm daher in dem der Zeit nach 
mittleren Socialismus eine ähnliche Rolle anweisen, wie sie 
St. Simon für den älteren ausgefüllt hat. 
2. Aus sehr natürlichen Gründen gestaltet sich der neuere 
Socialismus immer politischer und es sind, ganz wie im Bereich
        <pb n="481" />
        465 
der älteren Erscheinungen, nur die weniger zurechnungsfähigen 
Bestandtheile, in denen die innige Verbindung der socialen 
Bestrebungen mit der Verfassungspolitik verkannt wird. Sogar 
Proudhon, der ursprünglich rein socialökonomisch verfahren 
wollte, ist später thatsächlich dazu gelangt, die eigentlich poli 
tischen Erörterungen zum Ausgangspunkt zu machen. Weit 
entscheidender und rationeller ist aber gleich von vornherein 
die Anschauungsweise Louis Blancs gewesen, der die politische 
Seite der socialen Organisation unter den fraglichen neuern 
Autoren noch am allermeisten in Rechnung gezogen hat. 
Hieraus erklärt es sich auch, dass sich hei ihm das allgemeine 
Muster für eine ganze Gruppe späterer Vorschläge und Pläne 
vorfindet. So waren z. B. die Lassalleschen Productivassocia 
tionen mit Staatscredit nur ein Excerpt aus dem klarer und 
natürlicher dargelegten Schema Louis Blancs. Die von letz 
terem projectirten socialen Werkstätten, die nicht mit den 
1848 gegen ihn unter dem Namen von National Werkstätten er 
richteten Almoseninstituten zu verwechseln sind, — jene eigent 
lichen Productionswerkstätten waren das vollkommnere Muster 
bild, nach welchem sich die Lassallesche Copie, die noch über 
dies ein Bruchstück blieb, in Ermangelung eines eignen Plans 
gerichtet hatte. Grade weil Louis Blanc nicht das Missgebilde 
der sogenannten Nationalwerkstätten verschuldete, sondern von 
vornherein eine ernsthafte Production der Arbeiter auf eigne 
Rechnung, aber mit dem vorläufig vom Staat gelieferten Capital 
und auf Grund öfientlicher Gesetzgebung ins Auge gefasst hatte, 
konnte seine Idee der socialen Ateliers sehr leicht zu dem 
Schema der vom Staat mit Credit unterstützten Productiv 
associationen abgeschwächt werden. Es war hiezu nur nöthig, 
aus dem organischen Ganzen des Urbildes eine bei oberfläch 
licher Betrachtung rationeller aussehende Halbheit zu machen. 
Doch wir wollen uns hier noch nicht eingehender mit Bezie 
hungen und Vergleichungen beschäftigen, die erst in die be 
sondere Darstellung der Lassallescheu Form des Projects ge 
hören. Ein Louis Blanc würde als socialistischer Theoretiker 
auch dann eine Bedeutung haben, wenn er sich mit der Kritik' 
der Concurrcnzanarchie begnügt hätte und in seinen positiven 
Ideen nicht bis zur Verzeichnung der besondern organischen 
Gemeinschaften der Arbeit fortgeschritten wäre. Wir haben 
uns daher mit ihm eingehender zu beschäftigen, um hiedurch 
Dlihring, Geschichte der Xationalökonomio. 2. Auflage. 30
        <pb n="482" />
        1 
! — 466 — 
: zugleich die Grundlagen für die Darstellung des ganzen neuern 
; Socialismus zu gewinnen. 
Louis Blanc, geboren 1813 zu Madrid, Sohn eines höheren 
Finanzbeamten, bildete sich vornehmlich im Bereich des Jour- 
? I nalismus und wirkte in dieser Richtung in Paris seit Mitte 
, der dreissiger Jahre selbständig. Eine „Revue du progrès’^ 
1 i wurde von ihm 1839 begründet und war es auch, in welcher 
i die berühmte „Organisation du travail” zuerst erschien. Diese 
I Schrift erfuhr nachher eine Reihe von Auflagen und ist als 
. j das sociale Programm des Autors zu betrachten, der darin seine 
). I theoretischen Ideen über die Wirkungen der sich selbst über 
lassenen, ungeordneten Concurrenz in zusammenhängender 
; Weise dargestellt hat. Aus dem rein theoretischen Gesichts 
punkt ist die Kritik der Concurronzanarchio sogar der Hauptinhalt, 
und die positive Organisation der Arbeit erscheint auch äusser- 
lich mehr als eine hinzutretcndo, praktisch politische Consequcnz. 
Ausser dieser Schrift, deren geringer Umfang im umgekehrten 
Yerhältniss zu ihrem Gedankcngebalt steht, hat Louis Blanc 
keine zusammenfassende systematische Darlegung seines Systems 
geliefert. W^ohl aber hat er seine Anschauungen in seine ge 
schichtlichen Arbeiten verwebt, die von jener Zeit an neben 
j tier journalistischen Thätigkeit seine schriftstellerische Rolle 
' repräsentiren. Er wurde ein eminent moderner Geschichts 
darsteller, indem er zunächst die „Geschichte der zehn Jahre 
von 1830—40” mit der Julirevolution als Ausgangspunkt, zum 
Gegenstand einer lebendigen Charakteristik machte. Nach dieser 
Arbeit aus dem Anfang der vierziger Jahre wendete er sich 
i 1847 der Yeröffentlichung einer umfassenden „Geschichte der 
Französischen Revolution” zu, womit er im Laufe der nächsten 
beiden Jahrzehnte zum Abschluss und dann zu einer zweiten 
I Auflage gelangte. Die Februarrevolution, in deren Schicksale 
i; Gr selbst verflochten wurde, ist von ihm am ausführlichsten 
1 in seiner „Histoire de la révolution do 1848” (2 Bde. Paris 1870) 
■* behandelt worden, und wir müssen in diesem Buch auch seine 
&gt; jüngste Rechenschaft über die Rolle seiner eignen Theorien 
! und über die socialen Wendungen jenes Ereignisses suchen 
, Der Yerfasser war bekanntlich Mitglied der provisorischen 
Regierung gewesen und hatte als solches eine Erklärung durch 
gesetzt, durch welche das berühmte „Recht auf Arbeit” aus- 
. drücklich anerkannt, d. h. mit andern Worten vom Staat die
        <pb n="483" />
        467 
Yerpflichtimg übernommen wurde, für ausreichende Beschäf 
tigung der Lohnarbeiter zu sorgen. Dieser ganz rationelle 
Anspruch, der für den Socialismus nur als Ausgangspunkt 
gelten kann, und der sogar von einem Stuart Mill wenigstens 
als ein Recht aller schon Lebenden, also nur mit der komischen 
Ausnahme des sich ins Leben drängenden Nachwuchses theo 
retisch vertheidigt worden ist, — dieser mässige, schon von 
der grossen Revolution herstammende Anspruch, die Ernährungs 
fähigkeit der Arbeiter nicht durch Isolirung von der Arbeits 
gelegenheit hintertrieben oder dem Zufall preisgegeben zu 
sehen, hat allerdings an unserm Socialisten einen praktischen 
Anwalt gehabt. Wäre das von ihm ins Auge gefasste „Ministe 
rium der Arbeit” verwirklicht worden, was jedoch bei dem 
Widerstande der Gegner eine neue Umwälzung und eine Aen- 
derung der provisorischen Regierung erfordert hätte, so würde 
Louis Blanc nicht in die Lago gekommen sein, im Luxem 
burgpalast eine Discussion blosser Theorien veranstalten zu 
müssen. 
Die Widersacher hatten ihm in der That einen unschul 
digen Posten angewiesen, indem sie ihn im Aufträge der pro 
visorischen Regierung eine fast rein theoretische Beschäftigung 
ausüben Hessen. Im Luxemburg constituirte sich so zu sagen 
die sociale Speculation, indem eine praktisch befugnisslose Yer- 
einigung von Yertretern der Arbeiter oder der Arbeitersacho 
die Freiheit hatte, blosse Ideen officiell niederzulegen. Die 
theoretischen Kundgebungen, die gelegentlich mit geschäftlichen 
Yermittlungen und Differenzausgleichungen zwischen Arbeitern 
und Unternehmern verbunden wurden, können als Quelle für 
das psychologische Studium des fraglichen Yorstellungslaufs 
und der damaligen Bestrebungen gelten. Allein sie bedeuteten 
weder für die Thatsacheu noch für die Gedanken irgend etwas 
Neues. Louis Blancs Theorie konnte sich von Staats wegen 
darlcgon und zur Erörterung bringen; die andern Ansichten 
konnten sich verlautbaren, und es war in der That eine ziem 
lich bunte Gesellschaft eingeladen worden. Die störenden Wir 
kungen der Concurrenz wurden hier im Namen des Staats ver- 
urthoilt, und wenn die nach dem Luxemburg relegirten Ideen 
an und für sich eine unmittelbare Macht gewesen wären, so 
würde es allerdings an reformatorischen Wirkungen nicht ge 
fehlt haben. So aber war der socialistischen Praxis mit der 
80*
        <pb n="484" />
        468 
Verweisung auf machtlose Discussionen im Luxemburg von 
vornherein die Spitze abgebrochen. 
Der Verzicht des bei der Masse hochangesehenen Socialiston 
auf die Einrichtung eines Arheitsministeriums, welches über 
bestimmte finanzielle Mittel verfügt und einen Verwaltungs 
apparat zur Unterstützung gehabt hätte, ist unzweifelhaft ein 
Rückzug gewesen, aber ein solcher, welcher sich aus den 
edleren Zügen des Blancschen Charakters erklärt. Die Schwäche, 
die man in demselben finden kann, war die Wirkung des Be 
strebens, keine rücksichtslose gewaltsame Action in einer Sache 
zu üben, in welcher die Opfer und das Ziel noch wenig über 
sehbar waren. Eine Persönlichkeit von den sympathischen 
Affectionen Louis Blancs und mit einer gewissen Beimischung 
von Zügen weicher Sentimentalität wäre für die eiserne Auf 
gabe auch dann nicht geeignet gewesen, wenn der Hinblick 
auf eine vielleicht ganz vergebliche Hinopferung der engagirten 
Massen nicht abgemahnt hätte. Das instinctive Gefühl, dass 
die Grundlagen für eine Action der fraglichen Art noch nicht 
fest genug wären, scheint in Verbindung mit der persönlichen 
Gemüthsrichtung den Ausschlag gegeben zu haben. Auch ver 
gesse man nicht, dass derjenige Socialismus, den wir in diesem 
lalle vor uns haben, von friedlich humanen Neigungen jeder 
zeit geleitet gewesen ist. In seinem Princip fehlte das letzte 
Mittel, welches er nur als Rückwirkung gegen empörende Ver 
letzungen, aber nicht in der Gestalt der freiwilligen Offensive 
zu begreifen vermochte. 
Louis Blanc ist mehrmals mörderischen Anfällen ausge 
setzt gewesen, die ihm zweimal beinahe wirklich das Leben ge 
kostet hätten. In dem einen Falle ging das Attentat von 
einem Bonapartisten aus und hatte seine Veranlassung in einem 
Journalbericht übi:r die „Napoleonischen Ideen”. Der heim 
tückische Schlag über den Hinterkopf hatte Lebensgefahr und 
ein monatlanges Krankenlager zur Folge gehabt. Nichtsdesto 
weniger regte sich in dem Betroffenen später ein Gefühl des 
hier übel angebrachten Edelmuths, als Louis Bonaparte nach 
dem Scheitern seiner Unternehmung aus seinem Gefängniss 
zu Ham den Socialisten um einen Besuch anging. In der 
oben erwähnten historischen Schrift von 1870 hat Louis Blanc 
über seine Beziehungen zu dem späteren Präsidenten der Re 
publik ausführliche,Rechenschaft abgelegt, und es ist hier auch
        <pb n="485" />
        — 469 
der mehrtägige Verkehr mit dem Gefangenen von Ham be 
sprochen. Aus Allem, was man erfährt, und namentlich aus 
der Corresponden/ ist ersichtlich, dass der sociale Schrittsteller 
gesucht wurde und selbst weit davon entfernt war, seinen Heber 
zeugungen irgend etwas zu vergeben. Im Gegentheil war er es, 
der schliesslich in seinem Englischen Exil die Zumuthungen 
des ihn persönlich aufsuchenden Staatsstreicheandidaten ge 
bührend abfertigte und hiemit die allzu ungleichen Beziehungen 
für immer abschnitt. Um mit den eignen Worten des Geschichts 
darstellers zu reden, so hatte er bezüglich der Zusammenkunft 
in Ham und der sich daran anknüpfenden weiteren Bezie 
hungen die „Naivetät” gehabt, an die Möglichkeit einer Bekeh 
rung Louis Bonapartes zum aufrichtigen Republicanismus zu 
glauben. In der That sieht man aber aus dem ganzen Bericht 
über die Wendungen des letzteren, dass eine eigenthümliche 
Illusion und ein Uebermaass von optimistischem Vertrauen da 
zu gehört haben muss, die sehr einfachen und naheliegenden 
Benutzungstendenzen zu verkennen und eine andere als persön 
lich dynastische Ambition vorauszusetzen. Eine ähnliche Täu 
schung mag es auch erklären, dass es dem vertrauensvollen 
Geist des sentimentalen Socialisten möglich wurde, nach der 
Februarrevolution die Eröffnung der Rückkehr für Louis Bona 
parte zu beantragen. 
Wir hätten diese besondern Züge nicht erwähnt, wenn 
nicht ihr sonst für unsern Zweck gleichgültiger Inhalt doch 
im Allgemeinen die Denkweise und Sinnesart unseres Socia 
listen kennzeichnete. Die andern Attentate knüpften sich an 
die Juniereignisse, und der Verfasser der Organisation der 
Arbeit musste in ihnen die Folgen der Verleumdung hinneh 
men, die ihn für die Nationalwerkstätten verantwortlich machte. 
Der Staatsanwalt schien für einen Pistolenschuss, welcher un 
mittelbar an der Schläfe des Socialisten abgefeuort und nur 
durch den raschen Stoss eines Freundes abgelenkt worden war, 
taub zu sein. Die Parteiwuth ersetzte die Gerechtigkeit, und 
die von der Reaction durch plötzliche Auflösung der National 
werkstätten in der frivolsten Weise veranlasste Juniempörung 
der brodle s gewordenen Arbeiter hatte doch am allerwenigsten 
den Neigungen Louis Blancs entsprochen. Dennoch sind die 
Verfolgungen, die ihn bald zum Exil nach England nöthigten, 
nach gemeinen Begriffen weit verständlicher als die Thatsache»
        <pb n="486" />
        470 
dass der e&amp;^ (knkende Sodaüst seine ^^d&amp;8Mmg:8a^ (kr 
Menschen nicht pessimistischer gestaltete. Wir können seine 
Beharrlichkeit in den sympathischen Affectionen nur aus den 
tief wurzelnden Elementen seines Charakters und seiner ur 
sprünglichen Gesammtanschauung erklären. Machen wir aber 
einmal eine solche Voraussetzung, so haben wir auch nicht 
mehr ein Recht, die Art seiner öffentlichen Action als gewöhn 
liche Schwäche und als Mangel an Muth anzusehen. Louis 
Blanc war kein Mann der gewaltsamen Action, sondern seine 
Leidenschaft beschränkte sich auf das Bereich der Ideen und 
der reagirenden Handlungen. Irgend eine empörende Ver 
letzung hätte ihn unter allen Verhältnissen zum Widerstande 
hingerissen; er hätte für seine Person wohl Vieles geduldig 
ertragen, wie er dies bezüglich der Attentate bewiesen hat; 
allein er würde sich im Interesse Anderer zur Abwehr der 
Niedertretungen aufgerafft und vielleicht in einer solchen Situa 
tion auch einen eigentlichen Führer abgegeben haben. In 
dessen ging ihm die freie Initiative der überlegten und an- 
greifendon That völlig ab, und hieraus begreift es sich, dass 
d(^ Ge8ohichtB8ohroiber nicht auch im heroischen Sinn Ge- 
schichte zu machen Neigung gehabt hat. Vielleicht mag auch 
die unangenehm aufregende und stets zur Erschlaffung führende 
^llnmudenn, dm den Schwädmpunkt m den sonst ^ffffbmmn 
Geschichtswerken unseres Socialisten bildet, für den psycho 
logischen Kenner bereits als hinreichender Fingerzeig dienen, 
dass es an der Energie der wirklich männlichen Gefühle bei 
dem Autor stets gefehlt haben muss. 
3. Wir können hier nicht alle kleineren historischen und 
sonstigen Schriften berühren, welche von Louis Blanc, nament 
lich während seines 22jährigen Exils, zu Tage gefördert worden 
sind. Wir bemerken jedoch, dass ihn der Aufenthalt in Eng 
land zu vergleichenden Betrachtungen veranlasst hat, durch 
welche zwar nicht die Richtung seiner Anschauungen, wohl 
aber die Art und Weise der Darlegung geändert worden ist. 
Die Gründe und Nachweisungen sind durch] die genauere Be 
kanntschaft mit den Englischen Verhältnissen oft weit positiver 
geworden, und das Bewusstsein des Gegensatzes, in welchem 
sich der conoentrirende Socialismus mit einer falschen Seite 
der Decentralisationsbestrebungen befindet, hat sich offenbar 
geschärft. In der letzteren Beziehung ist eine kleine Veröffent-
        <pb n="487" />
        471 
lichung über Staat und Gemeinde (L’état et la commune, Paris 
18G6) nicht unerheblich. Was der Verfasser den wiedergege 
benen älteren Ansichten Neues hinzugefügt hat, zeugt davon, 
wie er grade in England die concentrirende Ausdehnung der 
eigentlichen Staatsfunctionen zur Verwirklichung der ökono 
mischen Interessen und Rechte der Massen richtig aufgefasst 
habe. Völlig zutreffend beruft er sich darauf, dass der Staat 
habe Lebensversicherer für die kleineren Bedürfnisse werden 
müssen, und dass in dieser Concurrenz der staatlichen Func 
tionen mit der Privatindustrie dasselbe Princip maassgebend 
sei, welches auch er für die Organisation der Arbeit in grösse 
rem Umfang vor Augen gehabt habe. Hienach bewegten sich 
die Dinge mehrfach schon von Staats wegen wirklich in der 
jenigen Richtung, die er universell zum leitenden Princip ge 
macht wissen wolle. Er verwirft die vormundschaftliche und 
absorbirende Verwaltungscentralisation, will aber die Ansprüche 
der Einzelnen durch politische Concentrirungen und Gesammt- 
bürgschaften des allgemeinen Rechts gewahrt wissen. Obwohl 
seine Ideen über die Centralisation zu sehr im Allgemeinen 
verbleiben, so hat er doch mit der Unterscheidung von zwei 
Arten derselben, d. h. einer verwerflichen und einer nützlichen 
Gestaltung, sicherlich Recht. Die Verwirklichung oder gehörige 
Garantie von socialen Rechten ist ohne die Schöpfung von 
regulirenden Centralorganen meist gar nicht denkbar. Auch 
die Concentrirung der Englischen Armenpflege wird von un- 
serm Autor als ein Fortschritt angesehen. Ueberhaupt strebt 
England nach centralistischen Einrichtungen, während man in 
Frankreich das Uebermaass der centralistischen Verwaltungs 
besorgung bekämpft. Indem der Französische Autor seine 
Landsleute auf den Unterschied der normalen und der blos 
bevormundenden Centralisirung aufmerksam machte, hat er 
wenigstens zu einer richtigen Fragestellung beigetragen und 
die sociale Richtung daran erinnert, dass sie ihre Kraft unter 
allen Umständen in der Schaffung centralistischer Garantien 
für die individuellen Rechte, nicht aber in der Absorption der 
localen Verwaltungsthätigkeiten zu suchen habe. 
Wer sich eine Vorstellung davon verschaflen will, wie 
Louis Blanc in der ersten Hälfte der sechziger Jahre die Eng 
lischen Verhältnisse auffasste, muss seine Briefe über England 
zur Hand nehmen. So sind zunächst in den 2 Bänden „Lettres
        <pb n="488" />
        — 472 — 
sur l’Angleterre” (Paris 1866) eine Menge von Journalcorrespon 
denzen gesammelt, in denen der Verfasser für Französische 
Zeitungen seine Beobachtungen und Reflexionen formulirto. 
Bringt man die Zurückhaltung in Anschlag, welche der ur 
sprüngliche Zweck des Abdrucks in nichtsocialistischen Organen 
nothwendig gemacht hatte, so wird man nicht in Versuchung 
gerathen, an die Verleumdungen zu glauben, welche dem Ver 
fasser ein Zurückkommen von der wesentlichen Tendenz seiner 
früheren Anschauungen untergeschoben haben. Auch in den 
fraglichen Artikeln bekundet sich der Socialismus noch unvor- 
holen genug, wenn er auch darin nicht in den Vordergrund 
gestellt werden konnte. TJebrigens ist die Frage der Beharr 
lichkeit in den alten Ansichten durch die Geschichte der acht- 
undvierziger Revolution unter der Jahreszahl 1870 unzweideutig 
beantwortet. Dieses Werk ist, wenn man es mit den „Pages 
d histoire (von 1850), einer kürzeren Bearbeitung desselben 
Stoffs, vergleicht, zwar nicht von derselben Leidenschaft, wohl 
aber noch von denselben lebhaften Sympathien bewegt, aus 
denen sich das ganze socialistische Wirken des Autors erklärt. 
Die Erregtheit des unmittelbaren Ressentiment ist nach zwei 
Jahrzehnten verschwunden; aber das berechtigte Gefühl und 
die in demselben wurzelnden Ideen haben noch Lebendigkeit 
genug behalten, um jeden Unbefangenen zu überzeugen, dass 
der Socialismus in der Person Louis Blancs neben allen Illu 
sionen solide Bestandtheile und Antriebe zum Ausgangspunkt 
gehabt hat, wie sie dem Alter und der Zeit nicht zum Opfer 
fallen. 
4. Die berühmte und vielverleumdete Idee der Organi 
sation der Arbeit ist zwar in ihrer besondern Gestaltung leicht 
anfechtbar und in mehreren Richtungen eine reine Utopie, 
welche, anstatt auf die Kraft der socialen Selbsterhaltung, von 
vornherein auf die edleren Beweggründe der Sympathie, des 
Gemeinsinnes und der Ambition im Wirken für Andere zählt; 
allein sie ist auch zugleich eine Vorstellung, die in ihrer 
Allgemeinheit nur mit den socialen Bestrebungen selbst ver 
schwinden kann. Man wird die Gesetze oder natürlichen Noth- 
wendigkeiten, denen der gesellschaftliche Verkehr unterworfen 
ist, in anderer und strengerer VFeise berücksichtigen; aber man 
wird grade auf Grund dieser Gesetze eine bewusste Organisa 
tion der Arbeit um so nachdrücklicher und sicherer anstreben,
        <pb n="489" />
        473 
ie klarer man sich über die von Natur bestehenden Funda- 
mento des ganzen Baues orientirt. Was unsem Autor selbst 
anbetrifFt, so ging er schon früh davon aus, das laisser aller 21^ 
ein laisser mourir zu betrachten und in dem Recht auf Arbeit 
imr ehio vorlüuflge sebir bescheichmo ITormulirung iniel imputer 
tragender Berechtigungen zu sehen. Um die nationalokono- 
mische Scholastik kümmerte er sich wenig und berücksichtigte 
dieselbe höchstens summarisch. Hiedurch entging er vielmei 
Erörterungen, welche praktisch gleichgültig sind; aber er über 
sah auch mit der verschulten Oekonomie manches bedeutsame 
Princip. Seine Orientirung in der rein volkswirthschaftlichen 
Theorie ist niemals erheblich gewesen, und hieraus erklären 
sich die unhaltbaren Wendungen in der Organisation der Arbeit 
Soweit die allgemeine historische Betrachtung der Staats- und 
Privatfinanzen sowie des Geschäftsganges und der Classen- 
bostrebungon ausreichte, hat unser Autor meist die bessern An- 
schauungen getrogen. Seine Vorstellung von der Rolle Eng- 
lands und überhaupt von dem Verhältniss des Handels oder 
der Zwischenpersonen zu der eigentlichen Production war in 
der Tendenz keineswegs verfehlt. Er begriff die eherne Logik 
der eifersüchtigen Ooncurrenz in den verschiedensten Gestal 
tungen; er sah ein, wie das Handwerkerthum und die kleinere 
Unternehmerschaft durch die grossen Dimensionen der modernen 
Industrie aufgezehrt werden müsse. Er kennzeichnete die un 
geordnete Ooncurrenz nicht nur als eine Unterdrückung es 
Arbeiterthums, sondern auch als einen Krieg, in welcheni sic 
die Bourgeoisie selbst schädige und aufreibe. Er sah die Bour 
geoisie als eine Gestaltung an, die das Vorgefühl ihrer nahen 
Zersetzung durch Hervorkehrung ihres trügerischen Glanzes 
betäuben wolle. Sie selbst sei unbefriedigt und verfalle unter 
der Concurrenzanarchio dem glänzenden Elend einer blossen 
Lottoexistenz, mit Ueborsättigung auf der einen und jähem 
Fall auf der andern Seite. Das Princip der anarchischen Oon 
currenz, welches nur den Kriegszustand der Industrie und die 
Unterdrückung des Schwächeren durch den Stärkeren mit sich 
bringe, sei die Wurzel all jenes Uebels. 
Auf Grund dieser theoretischen Anschauungen, die zwar 
schon bei früheren Socialisten in Ansätzen vorhanden waren, 
ja auch in der gesummten Ideenströmung ihre analoge Vertre 
tung hatten, aber dennoch niemals in dieser Zuspitzung zur
        <pb n="490" />
        474 
Darstellung gelangt waren, - auf Grund dieser Ansiohton von 
der anarchischen Goncurrenz zog nun Louis Blanc den prak- 
ischen Schluss, dass dieselbe Macht, welche den unhaltbaren 
Zustand verschulde, auch zur Herstellung der Ordnun&lt;r die- 
nen könne. Das grössere Capital und die grösseren Dimen 
sionen der Industrie sind die unterdrückenden und verschlin- 
genden Mächte. Warum soll nicht das grösste Capital und der 
n ustrie etrieb in der grössten denkbaren Dimension den Con- 
curi enzkrieg absorbiren und das Princip eines geregelten Ver- 
haltens werden können? Der Staat hätte demnach die Aufgabe, 
mi seinen grossen Mitteln die Organisation der Arbeit einzu- 
ieiten. Die Arbeiter sollen sich in socialen Ateliers vereinigen 
hir eigne Rechnung, aber nach den vom Staat zu erlassenden 
Gesetzen und zunächst mit seiner finanziellen Hülfe produciren. 
IC t um innerhalb jedes Gewerks sollen die zugehörigen 
Ateliers einen solidarischen Bund bilden, sondern die gesammte 
ndustrie soll sich zu einem verbundenen Ganzen gestalten, 
m besonderer Theil des Gewinns soll zur Aushülfe für die 
bodiängten Etablissements abgezweigt worden. Indessen wird 
selbstverständlich das Risico in beträchtlichem Maass durch die 
Organisation selbst ausgeschlossen, da das Nioderconcurriren 
or ä It und nur die natürlichen Drsachen des Missglückens 
oder besonderer Ungunst der Chancen übrig bleiben 
Einer der wichtigsten Punkte für alle organischen Gesell- 
schaftsgebilde ist die Feststellung der Art und des Maasses 
in welchem die Aufnahme neuer Mitglieder oder überhaupt der 
sociale Zuwachs stattfindet. An dieser Frage müssen die un- 
haltbaron Principien nothwendig scheitern. Louis Blanc weist 
hier wiederum einen Theil des Gewinns zur Betriebsausdeh- 
nung d. h. zur Ermöglichung der Theilnahme einer grösseren 
nzahl von Personen an. Es sollen die Arbeitsmittel denen, 
die arbeiten wollen, aus jenem Fond in unbeschränkter Weise 
angeschafft werden. Das Problem besteht aber hier in der 
estimmung des Verhältnisses, in welchem das Naturalcapital 
^eitert werden soll. Mit der Blancschen Bildung von drei 
Theilen, von denen der eine als Lohnfond völlig gleich unter 
die Arbeiter vertheilt wird, der andere zur Unterstützung der 
Arbeitsunfähigen und zur Subvention der bedrängten Etablisse 
ments oder Industriezweige dient, der dritte und letzte endlich 
die erwähnte Erweiterung der Arbeitsmittel zum Zweck hat.
        <pb n="491" />
        475 
— mit dieser dreifachen Ahtheiliing ist die principielle Schwie 
rigkeit, das angemessene Yerhältniss zwischen Consumtions- 
und Productionsausdehnung zu bestimmen, keineswegs gelöst. 
Dagegen hat der Urheber des Organisationsschema ganz 
recht, indem er erklärt, dass es widersinnig sein würde, die 
Concurrenz zwischen den Einzelnen zu verurtheilen und die 
jenige zwischen körperschaftlichen Gebilden gelten zu lassen. 
Es sollen daher nicht concurrirende Associationen sein, in denen 
sich die Arbeit organisirt. In der Vorstellung einer solchen 
Gestaltung sieht unser Socialist mit Recht nur den Mangel 
jedes ernstlichen Princips. Die Gesellschaft soll vielmehr von 
Grund aus das Concurrenzmotiv überwinden und in ihren ein 
zelnen Gebilden wie in ihrer Gesammtgestaltung das Arbeiten 
für einander, nicht gegen einander, zum Zweck haben. 
5. Louis Blanc will den Staat nicht zum Verwalter oder 
gar Eigenthümer, sondern nur zum Gesetzgeber der socialen 
Werkstätten machen und fordert von ihm nichts weiter, als 
den Uebergang zu diesem System durch die Darbietung der 
ersten Mittel zu ermöglichen. Er will nicht eine Staats-, son 
dern eine Volksindustrie schaffen, welche sich nach allgemeinen 
Gesetzen selbst regiert und, sobald sie einmal in Gang gebracht 
ist, auch selbst mit den erforderlichen Mitteln ausstattet und 
erweitert. Dieses System soll sich zunächst partiell neben der 
Privatindustrie einrichten und die letztere mehr und mehr in 
sich aufgehen lassen. Da bei der literarischen Arbeit zu dem 
materiellen Druck noch die aus der ökonomischen Abhängig 
keit folgende Erniedrigung, Corruption und Sklaverei des Gei 
stes hinzukommt, so hat unser Socialist auch die Organisation 
der schriftstellerischen Thätigkeit als eine besondere Hälfte 
der Aufgabe ins Auge gefasst. Es soll ein centrales Verlags 
institut geschaffen werden, welches jedoch kein literarisches 
Eigonthum anerkennt, sondern öffentliche Belohnungen zuer 
kennt. Jedem Schriftsteller soll wenigstens die Gelegenheit 
gegeben werden, seine Arbeit zum Druck anzumelden und nach 
gehöriger Behandlung und Entscheidung veröffentlicht zu sehen, 
ohne dass ihm hieraus Kosten erwachsen. In diesem literari 
schen Gebilde zeigt sich nun die ganze Unzulänglichkeit der 
Blancschen Art von Arbeitsorganisation auf den ersten Blick. 
Es würde die unerträglichste aller Abhängigkeiten entstehen, 
w^eiin die Bücherveröffentlichung den Entscheidungen einer,
        <pb n="492" />
        476 
wenn auch noch so umsichtig eingerichteten socialen Commission 
anheimfiele. Der bestehende Zustand mit all seiner indirocten 
Erniedrigung, Corruption und Sklaverei ist in diesem Gebiet 
unvergleichlich besser, als die directe Organisation der Abhän 
gigkeit. Wenn irgendwo, so zeigt sich hier diejenige Wirkung 
der Concurrenz, durch welche trotz aller Coterien und Gefolg 
schaften, die den centralisirten und umfassenden Verlagsge- 
schäften dienstbar sind, doch noch ein Rest von Freiheit ver 
bürgt wird. Auch dieser Rest, der auf einer gewissen Decen 
tralisation der Verlagsgeschäfte beruht, würde vollends ver 
schwinden, wenn in irgend einer Form eine einzige Instanz an 
die Stelle der Vielheit träte. Auch ist die indirecte ökono 
mische Abhängigkeit bei Weitem nicht so schlimm als eine di 
recte literarische Herrschaft, wovon man sich schon zum Theil 
und in einer geringen Annäherung aus der Geschichte der 
artiger akademischer und universitärer Einwirkungen über 
zeugen kann. 
Hienach besteht das Ergebniss unserer Kritik darin, dass 
zwar der allgemeine Gedanke der Organisation der Arbeit und 
einer bewussten Regulirung der anarchischen Concurrenz als 
berechtigt bestehen bleibt, die besondere Ausführungsidee aber 
verworfen werden muss. Das Princip der Concurrenz kann an 
Bich selbst ebensowenig als irgend ein Naturgesetz ausgemerzt 
werden; wohl aber kann es zur Grundlage von Kräfteentwick 
lungen dienen, die seinen Wirkungen eine vollkommnere Ge 
stalt geben. Hier sind nun, um es kurz zu erwähnen, die 
eigentlich socialen Coalitionen, welche die Rechte ihrer Glieder 
vertheidigen und wahrnehmen, vorläufig vor allen gemeinsamen 
Productionseinrichtungen der unumgängliche Anknüpfungspunkt 
jeder socialen Action und jeder Organisation des Arbeitsrechts. 
Ein weiteres Ziel ist aber nicht mit Louis Blanc durch den 
heutigen Staat, sondern nur durch Hinwegschrcitcn über ihn 
zu besseren Rechtsgebilden zu erreichen. Die Beseitigung des 
Gewalteigenthums ist hier die unerlässliche Vorbedingung. Mit 
der fehlerhaften Gemüthlichkeit eines Louis Blanc, die ihn so 
gar bei den Versaillern aushalten und überhaupt seit 1871 so 
manche schwächliche Kundgebung vollbringen und sein früheres 
Wesen vollends sichtbar produciren liess, — mit dieser erschlaf 
fenden Misslogik schief angelegter Gefühle lässt sich natürlich 
keine ernsthafte socialistische Politik, weder im Rahmen der
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        477 
heutigen Gesellschaft noch zur Sprengung desselben, in Angriff 
nehmen. Um es mit einem Wort zu sagen, so ist in dem 
Blancschen Socialismus noch zu viel Poesie auf verschwommen 
pantheistischem Hintergründe und zu wenig rein wissenschaft 
liche Betrachtungsart enthalten. Mit den Affecten und An 
trieben kann man sympathisiren und dennoch die specielle 
Ideengestaltung, in welcher sich diese Affecte zu befriedigen 
gesucht haben, in den meisten Bostandtheilen unhaltbar finden. 
Hiebei bleibt natürlich neben der allgemeinen positiven Ver 
tretung der bessern Antriebe auch das negative Verdienst einer 
Bioslegung der Schäden und der Corruptionselemente der Zu 
stände ungeschmälert bestehen. In dieser Richtung sind die 
theoretischen Leistungen Louis Blancs weit natürlicher ausge 
fallen, als die durch eine philosophische Caricatur verunstal 
teten und eine bizarre Affectation athmenden Reflexionen eines 
Proudhon. 
6. Während Louis Blanc als eine Persönlichkeit dasteht, 
die sich positiv zu genügen suchte und bei aller Regsamkeit 
der Phantasie doch in der allgemeinen Denkungsart die natür 
liche Gemeinschaft der verstandesmässigen Mittheilungsform 
nicht aufgab, haben wir in Proudhon ein Phänomen vor uns, 
dem es viel mehr um ein absonderliches Blinken als um die 
Ausstrahlung eines ruhigen, die Gegenstände in ihren richtigen 
Verhältnissen zeigenden Lichtes zu thun war. Das chaotische 
Funkenstieben einer vom Wege abgekommenen Imagination, 
die nur zu einem Zehntel ihrer bessern Natur und ihren ge 
sunden Anschauungen, zu neun Zehnteln aber einer philoso 
phastrischen Illusion und dem leichtfertigen Hange zur unge 
diegenen, aber kinderhaft bunten Begriffsspielerei folgte, — 
dieses Reiben und Schlagen an allem Möglichen und diese 
Zerfahrenheit des Vorstellungslaufs, bei welcher keine gesunde 
Logik aufzukommen vermag, ist das Charakteristische aller 
Proudhonschen Schriften von der ersten bis zur letzten. Jedoch 
geht in moralischer Hinsicht ein besserer Zug durch dieselben 
hindurch, der uns ein wenig mit den sonstigen, keineswegs 
charaktervollen Allüren einer theoretischen Scheindialektik aus 
söhnen kann und dies noch mehr thun würde, wenn nicht auch 
er unter der halb unwillkürlichen, halb bewussten, zum Theil 
auf Selbsttäuschung beruhenden, zum Theil aber auf die Täu 
schung Anderer abzielenden Sophistik gelitten hätte. Dieser
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        Zug besteht in dem Bestreben, den Gedanken der Gerecht]o-- 
keit überall geltend zu machen. Allerdings dürfen wir uns 
unter dieser Proudhonschen Gerechtigkeit, die schon in seiner 
ersten Schrift gegen das Eigenthum eine Rollo spielt, kein 
allzu feines oder gar erhabenes Gebilde denken. Trotzdem ist 
sie aber der einzige anerkennenswertho Leitstern gewesen, der 
im Proudhonschen Vorstellungskreis bei aller sonstigen Hal 
tungslosigkeit doch noch eine gewisse Beharrlichkeit ermöglicht 
hat. Dieses bessere Element ist als eine Mitgabo des volles- 
massigen Denkens zu betrachten, in welchem Proudhon auf- 
gewachsen war, und dem er durch die Launen seines zerfah- 
renen Studirens nicht ganz entzogen werden konnte. Doch 
wir wollen der ordnungsmassigen Angabe der Hauptpunkte 
seines Schriftstellerlebens nicht vorgreifen. 
Proudhon (1809 65) aus Besançon, ursprünglich Schrift 
setzer, bildete sich durch allerlei Leetüro zu einem der bi- 
zarresten, aber durch eine gewisse Lebendigkeit und Zuversicht 
manche Leser anregenden Schriftsteller. Seine erste Arbeit 
von sehr bekannt gewordenem Inhalt war ein sogenanntes 
Memoire, welches er auf Veranlassung eines Stipendiums der 
gelehrten Gesellschaft seiner Vaterstadt verlegte. Unter dem 
Titel „Was ist Eigenthum?" behandelte diese Schrift neben 
allgemeinen, so zu sagen rechtsphilosophischen Untersuchungen 
besonders die berüchtigte, gleich an die Spitze gestellte Ant 
wort; Eigenthum ist Diebstahl (la propriété c’est le vol). Der 
Gedankengang dieses Opus von 1840 ist sehr unklar und von 
ziemlich verworrenen Ueberlieferungen Deutscher Philosophie 
durchweht. Ein oberflächliches Zerrbild Kantischer Antinomik, 
verbunden mit einer nach dem Muster des Hegelthums miss 
verstandenen logischen Antagonistik, spielt hier die Rolle eines 
Zaubermittels, durch welches über den Gegensatz des Eigen 
thums und des Communismus hinausgegangen und als höhere 
Synthese ein Drittes erreicht werden soll. Dieses Dritte ist 
jedoch weder in dieser ersten, noch in den folgenden Schriften 
verständlich bestimmt worden; wohl aber haben wir in einer 
nachgelassenen „Théorie de la propriété" (1865) dio Wieder 
holung von Proudhons anerkonnenswerthem Geständniss aus 
dem Werk über die Gerechtigkeit (Bd. I S. 353), dass er sich 
in der Annahme der Möglichkeit einer solchen dritten Gestal 
tung geirrt habe und zu jener Idee nur durch die von ihm
        <pb n="495" />
        — 479 
als trügerisch erkannte Hegelsche Dialektik verleitet wor 
den sei. So besitzen wir zu dem Anfang gleich das folge 
richtige Ende, und dies ist wichtig, da alle Hauptschriften, bis 
auf die Bücher über die Gerechtigkeit, die Hegelsche Dialektik 
ganz ohne Bedenken zu bethatigen versucht haben. Glück 
licherweise ist dies meist nicht ganz gelungen, und die Unklar 
heit, Widersinnigkeit und Plumpheit, welche dem Muster an 
haftet, nicht bis zum äussersten Maass wiedergegeben worden. 
Vergessen wir jedoch nicht, dass die erste Schrift mit einer 
Anrede an den Gegenstand der Gottes vor Stellung endigte, und 
dass in dieser Beziehung Proudhon sich bei all seiner ver 
meintlichen Philosophie erst später zu einer, wenn auch keines 
wegs genügenden, so doch leidlich kritischen und allenfalls 
für den naturwissenschaftlichen Denker noch erträglichen Vor- 
stellungsart durchgearbeitet hat. Ein grosser Theil seiner 
Schriften enthält eigentlich nichts weiter als philosophirerische 
Reflexe, und wir gehen daher auf dieselben nicht ein. Ueber- 
haupt können wir uns nicht mit der Gruppirung von mehreren 
Dutzend Bänden oder Bändchen befassen, welche man in der 
seit dem Tode des Autors erschienenen Gesammtausgabe re- 
producirt hat. Wir führen daher unmittelbar nach der durch 
die erwähnte Paradoxie mit Unrecht berüchtigt gewordenen 
ersten Schrift gleich das zweibändige social ökonomische Haupt 
werk an, dessen Unschuld schon durch die der rechtgläubigen 
Volkswirthschaftslehro dienstbare und keinem ernstlichen Socia 
lismus zugängliche Verlagsfirma Guillaumin verbürgt ist. Schon 
mit dem Diebstahl, der im Eigenthum stecken sollte, hat es 
nicht viel auf sich gehabt. Die Schaale hatte nach etwas aus 
gesehen, aber der Kern war ein Nichts gewesen, welches sich 
durch ein dialektisches Gaukelspiel zu einem Etwas aufspreizen 
zu können geglaubt hatte. Das Hauptwerk gab sich nun als 
„System der ökonomischen Widersprüche oder Philosophie des 
Elends” (Systeme des contradictions économiques ou philosophie 
do la misère, 184C). Schon der Titel soll die philosophirerische 
Grundanschauung bekunden, derzufolge alles Wirkliche als 
eine existirendo Gruppe von Widersprüchen zu denken sei. 
Das Widersprechende ist nämlich nach der Hegclschen Logik 
oder vielmehr Logoslohre nicht etwa in dem seiner Natur 
nach nicht anders als subject!v und bewusst vorzustellenden 
Denken, sondern in den Dingen und Vorgängen selbst objectiv
        <pb n="496" />
        480 
und so zu sagen leibhaft anzutreffen, so dass der Widersinn 
nicht eine unmögliche Combination des Gedankens bleibt, son 
dern eine thatsächliche Macht wird. Die Wirklichkeit des Ab 
surden ist der erste Glaubensartikel der Hegelschen höheren 
Einheit von Logik und Unlogik, und so besteht denn auch bei 
Proudhon sogar die Harmonie des ökonomischen Systems in 
dem widersprechenden Charakter der einzelnen volkswirth- 
schaftlichen Begriffe oder Sätze. Jo widersprechender, desto 
wahrer oder, mit andern Worten, jo absurder, desto glaublicher, 
— diese nicht einmal neu erfundene, sondern der Offenbarungs- 
theologie und der Mystik entlohnte Maxime ist der nackte Aus 
druck des sogenannten dialektischen Princips, dem auch Prou 
dhon in seiner eitlen Illusion anhoimfiel. Da er jedoch zu dem 
selben auf autoritäre Weise gelangte und es zum Theil in 
gutem Glauben handhabte, so dürfen wir nicht überrascht sein, 
trotz alledem noch eine gewisse Redlichkeit der Auseinander 
setzung anzutreffen. 
Die Ereignisse von 1848 voranlassten ihn, der übrigens zu 
jedem positiven und gesetzten Gedanken unfähig war, sich den 
noch mit einem Yorschlag an der sogenannten Lösung der 
socialen Frage zu bothoiligen. Eine wunderliche „Organisation 
des Credits” in einer Volksbank, die den Zins effectiv auszu- 
morzen hätte, sollte die Panacee abgeben. Ein kleiner Versuch 
scheiterte natürlich. Die einschlagenden Ideen, welche von 
Proudhon auch noch später cultivirt wmrden, liefen in den un 
klaren Gedanken eines zinslosen „Mutualismus”, d, h. einer 
Gegenseitigkeit in der sachlichen Capitalgewährung aus, durch 
welche eine Art Unentgeltlichkeit der Capitalbenutzung herge 
stellt werden sollte. Berücksichtigt man alle späteren Ideen 
Proudhons über diesen Gegenstand, so ist es schwer zu sagen, 
ob seiner Imagination die blosse Unerheblichkeit und Gering 
fügigkeit oder aber der gänzliche Wegfall des Zinses vorge 
schwebt habe. Sein „Mutualismus” ist jedoch auch dann, wenn 
man ihn als allgemeinen Gedanken der Gegenseitigkeit aufzu 
fassen und ihm eine rationelle Seite abzugewinnen sucht, etwas 
logisch Verfehltes. Verfügen nämlich beide austauschenden 
Theile über Wirthschaftsmittel von gleichem Werth, und kommt 
es nur darauf an, nicht quantitativ sondern qualitativ den Unter 
schied auszugleichen und Jedem das ihm Entsprechende zu 
verschaffen, so thut es auch nichts zur Sache, wenn beide Zins
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        481 
zahlen. Es geschieht auf diese Weise kein Unrecht, indem 
sich in diesem natürlichen Falle Leistung und Gegenleistung 
ebenso mutualistisch gestalten, als wenn beide Theilo unmittel 
bar getauscht und hiedurch scheinbar den Zins ausser Berück 
sichtigung gelassen hätten. In Wahrheit wäre er dennoch, 
aber freilich nur unter der Verhüllung der Compensation, vor 
handen gewesen. Die Deductionen, die Proudhon 1848 in seinem 
eignen Volksblatt gegen den Zins versuchte, und in denen er 
Bastiat unmittelbar zum Gegner hatte, fielen sehr schwach aus. 
Will man Proudhon angemessen beurtheilen, so darf man 
nicht nach seinen Positivitäten fragen, sondern muss in ihm 
stets nur denjenigen suchen, der vor allen Dingen widersprechen 
und Allem und Jedem in der Welt eine sogenannte dialektische 
Opposition machen wollte. Die Wahl zwischen zwei Möglich 
keiten genügte ihm nicht; er musste stets noch ein Drittes 
haben, wodurch er sich über irgend einen Gegensatz persön 
lich hinausbeförderte. Er gab sich also den Anschein, neben 
der Oekonomie auch den Socialismus zu bekämpfen, obwohl 
er selbst nichts weiter als einen gänzlich vom Wege der natür 
lichen Logik abgekommenen Inbegriff durcheinanderfahrender 
Beflexe der socialistischen Ideenströmung vertrat. Er mischte 
Alles durcheinander, so dass er selbst nicht wusste, was er 
wollte. Seine Fähigkeit, den Kennzeichnungen der Corruption 
etwas Farbe zu gehen und ein wenig Leidenschaft, nicht ohne 
Beimischung von einigem Gerechtigkeitsgefühl, in einer allen 
falls volksmässig zu nennenden Richtung aufzutragen, ist der 
Hauptgrund seiner Wirksamkeit auf das Publicum gewesen. 
Diejenigen Schriften, in denen er sich später vornehmlich 
moralistisch und halb geschichtsphilosophisch erging, und in 
denen die eigentliche Oekonomie nur einen Nebenbestandtheil 
bildete, sind die verhältnissmässig lesbarsten. Hieher gehört 
namentlich das dreibändige Werk „Von der Gerechtigkeit in 
der Revolution und in der Kirche” (De la justice dans la révo 
lution et dans l’église, 1858). Diese moralphilosophische Arbeit 
beschäftigt sich, obwohl gegnerisch, doch für den Deutschen 
Geschmack viel zu intim mit der Kirche. Die Widmung an 
einen Bischof hat, wie alle Proudhonschen Manieren, den Cha 
rakter des Gesuchten. Sie ist ähnlich zu beurtheilen, wie die 
Thatsache, dass Proudhon auch Napoleon III, gleichviel in 
welchem Sinne, etwas zu dediciren vermochte und sich üher- 
Dtthring, Geschichte der Nationalökonomie. 2. Auflage. 31
        <pb n="498" />
        482 
liaupt mit seinen Schriften nach Seiten adressirte, von wo er 
gerichtlichen Verfolgungen ausgesetzt gewesen war. Auch das 
eben angeführte Werk trug ihm eine Verurtheilung ein, deren 
Folgen er sich durch die Uehersiedlung nach Belgien entzog. 
Seine Beziehungen zu dem herrschenden Regime sind so unent 
wirrbar als seine theoretischen Ansichten. Man kann ihm 
nicht den Vorwurf machen, seine Selbständigkeit verleugnet 
zu haben; allein sonderliche Würde ist in der Art, wie ersieh 
dem Bonapartismus gegenüber in seinen späteren Schriften 
ausdrückte, auch nicht anzutreifen. Wie er Opposition gegen 
Alles machte, so war er auch im Stande, sich mit Allem ein 
wenig einzulassen. Die höhere Einheit der Gegensätze oder 
vielmehr Widersprüche erstreckte sich hei Proudhon auch auf 
die politischen Sympathien. Schliesslich kam er durch seinen 
wunderlichen Föderalismus und seine seltsam verworrenen An 
sichten gegen die Nationalitätspolitik sogar mit derjenigen 
demokratischen Idccnströmung in Conflict, der er sonst noch 
am nächsten gestanden hatte. 
7. Wer sich für Proudhon^Födcralismus interessirt, muss 
sich überwinden, in die Schrift „Du principe fédératif” (18G3) 
einige Blicke zu thun. Er wird alsdann finden, dass auch hier 
der Verfasser nicht weiss, was er will, indem zwar der Ein 
heitsstaat mit einigen Dutzend politischen Particularexistenzen 
vertauscht, dennoch aber die gemeinsamen Angelegenheiten 
einheitlich besorgt werden sollen, ohne dass mit irgend welcher 
Genauigkeit angegeben wäre, wo die Grenze zu ziehen sei. Die 
Confusion der gemischten Ideen, durch welche das Wider 
sprechende möglich werden soll, muss auch hier die eigentliche 
Rechenschaft ersetzen. Sieht man aber von dieser Verworren 
heit ab, so bleibt nur ein auszufüllendcs Blankett, d. h. ein 
unbeantwortetes Problem übrig, welches auf die bekannte Frage 
der Vertheilung der localen und der centralen Gewalt hinaus 
läuft. Unmittelbarer als die Proudhonsche Art von Födera 
lismus geht uns seine Verwerfung des literarischen Autorrechts 
an, welches er in der Schrift „Les majorats littéraires” (18G2) 
bekämpfte. Erinnern wir uns der Ansichten Louis Blancs über 
denselben Gegenstand, so treffen wir auf eine gewisse Ueber- 
einstimmung. Die aus der Käuflichkeit der schriftstellerischen 
Arbeit folgende Corruption wird als Hauptgrund geltend ge 
macht; aber es kommt bei Proudhon keineswegs zu einem vor-
        <pb n="499" />
        483 
ständliclien positiven Vorschlag, wie dies bei Louis Blanc der 
Fall war. Das Beste an der Schrift sind die einzelnen Kennzeich 
nungen literarischer Oorruptionserscheinungen nebst den zuge 
hörigen Gelegenheitsnotizen. Von logischer Oonsequenz ist 
natürlich auch hier keine Spur, sondern das Raisonnement hat 
seinen einseitig negativen, genauer betrachtet ergehnisslosen 
Lauf wie immer. Doch waren in der Schrift nachdrückliche 
Aeusscrungen genug, um einen Censurversuch von Seiten der 
Verlegerinteressen zu veranlassen. Da aber der Verfasser sich 
eine Anzahl Stellen durch diese privatpolizeiliche und von ihm 
mit Recht als weit schlimmer bezeichnete Nachahmung der 
Staatscensur nicht ausmerzen lassen wollte, so musste er seine 
Arbeit in Brüssel erscheinen lassen. Diese Thatsache ist im 
Hinblick auf den Inhalt der fraglichen Schrift bezeichnender, 
als ihre eignen besten Charakteristiken literarischer und buch- 
händlerischer Verkommenheit. Nur ist das Autorrecht selbst 
nicht als die Wurzel der verderbten Gestaltungen zu betrachten. 
Es hilft nicht das Mindeste, das Autorrecht anzuklagen; man 
sollte es vielmehr lieber im Gegensatz zum Verlagsrecht noch 
ausdehnen und dem Schriftsteller eine möglichst klare Position 
an weisen. In dieser ganz entgegengesetzten Richtung, welche 
dem Autorrecht erst seine sociale und vom Gegensatz des 
Classenbewusstseins getragene Bedeutung verschallen würde, 
liesse sich eher eine Verbesserung der Zustände gewärtigen. 
Doch ist die Aufgabe hier weit schwieriger als im Gebiet der 
Lohnarbeit, weil die natürliche Emancipation der letzteren für 
die Anwendung des allgemeinen Priucips der freien gesell 
schaftlichen Bündnisse mehr Anknüpfungspunkte und weniger 
äussere oder innere Hindernisse darbietet. 
Zur Vorbeugung von Verwechselungen sei hier noch aus 
drücklich bemerkt, dass die Carey sehe Polemik in der Autor 
rechtsfrage nur die unpolitische internationale Ausdehnung des 
Autorrechts zum Gegenstände hat und sich übrigens kaum 
ernstlich gegen allzu lange Schutzfristen richtet. Es würde also 
sehr unpassend sein, die tief eindringenden volkswirthschaft- 
lichen Untersuchungen über eine zweckmässige Begrenzung 
des Autorrechts mit den socialistischen Antipathien zu confun- 
diren, welche sich gegen die ganze Institution richten und in 
einem System von Nationalbelohnungen den Ersatz für die wirth- 
schaftliche Bestimmung der sogenannten Honorare suchen. 
31*
        <pb n="500" />
        48á 
Noch in einer posthumen Schrift hat sich Proudhon sehr 
scharf gegen die Corruption der Presse ausgesprochen. Diese 
späte Bekräftigung eines Thema, welches er auch früher viel 
fältig variirt hatte, ist höchst drastisch ausgefallen. In der 
fraglichen Schrift „Von der politischen Befähigung der arbei 
tenden Classen” (De la capacité politique des classes ouvrières, 
1865) wird der Französischen Presse gradezu gesagt, dass sie 
für ihre Perfidie und Corruption mit den Strafen, mit welchen 
sie vom herrschenden Regime bedacht worden sei, noch lange 
nicht genug gebüsst habe. In solchen Aussprüchen ist nun 
zwar ein Theil des Gedankens dem persönlichen Ressentiment 
zuzuschreiben, da unser VolksOkonomist, trotz seiner in vielen 
Beziehungen nur zu unschuldigen Haltung, dennoch nach 1848 
nicht mehr mit den Organen der Bourgeoisie in Frieden loben 
konnte. Indessen bezieht sich sein Urtheil auf die gesammto 
Presse ohne sonderlichen 'Unterschied der Parteistellung, und 
es bekundet sich in demselben ein Zug jenes Gerechtigkeits 
gefühls, an welches wir schon mehrmals erinnert haben. Prou 
dhon wusste, dass die politischen Einschnürungen der Gedanken 
freiheit nicht die allein schlimmen sind, sondern dass die so zu 
sagen wilde, ungeordnete und willkürliche Polizei, welche von 
den Gesellschaftsinteressen, Parteien und Coterien durch Unter 
drückungen, Entstellungen, Verleumdungen, kurz durch ein 
ganzes Arsenal der schlechtesten Mittel geübt wird, in vielen 
Richtungen weit unerträglicher geartet ist, als ihr, vornehmlich 
nur einen einzigen Zweck verfolgendes Gegenstück. Diese Wahr 
heit wird der künftige Historiker zu beachten haben, ^und sie 
ist vielleicht die einzige, in deren Kern sich Proudhon nicht 
vergrifien hat. Hier war sein Urtheil aus der unmittelbarsten 
Erfahrung geschöpft und blieb von der höheren Einheit des 
dialektischen Gallimathias verschont. 
Da wir einmal aus den vielen Schriften Proudhons auch 
diejenige über die politische Befähigung der arbeitenden Classen 
erwähnt haben, so sei noch bemerkt, dass man grade in dieser 
späten Arbeit einen Versuch antrifft, über ein ganzes System 
des Mutualismus Rechenschaft zu geben. So soll sich z. B. die 
Gegenseitigkeit darin verwirklichen, dass die Getraidepreise 
für eine längere Zelt öffentlich nach einem Durchschnitt fixirt 
werden. Auf diese Weise würde nach der Proudhonschen An 
sicht einem doppelten Uebel vorgebeugt, indem die schlechten
        <pb n="501" />
        485 
Ernten nicht ungoreohto Gewinne, die guten aber nicht duich 
zu billige Preise den Ruin der Producenten zur Mge hatten. 
Einer Widerlegung bedarf diese Ecgulirungsidee offeiibar nicht. 
Uebrigeus kommt aber zu den Verworrenheiten und Unmög 
lichkeiten der Mutualität noch die etwas nach dem Kleinburgcr- 
thum schmeckende Privatmoralistik hinzu, nach welcher sich 
sich die Proudhonschen Perspectiven, genauer betrachtet, in 
fromme Wünsche auf, und dieser Ausgang darf uns nach em 
imprahdáBchnn JLnfangmid jUagesichts der irtdiereu^ dialaktisoh 
BTÚedeiiden und ergebnisslosen Ilaltung luin icauht 
Mindesten befremden. Er war die natürliche Folge dei pos 
und praktisch ziellosen Tendenz, durch blosse Ideengruppirungen 
und negrative lEeiinzeiohnungmi etwas socialpoliüsches zu ^^)r- 
treten, (dine oha verständliches ïhujgramni iiöüiig zii halien. 
Zu diesem Ausgang passt auch der politische Satz, dass im 
mutualistischen Staat die einzelnen Theile desselben ein freies 
Austrittsrecht haben sollen. 
8 Dio volkswirthschaftlicho Bildung unseres Volksökono- 
misten war zwar eine recht unexaote, berührte sich aber in 
Folo-e ihrer formal scholastischen Neigungen mit eimgen bchu - 
theorien etwas näher, als dies bei L. Blanc der Fall gewesen 
Tvar. dmsem ITerhadtniss und nodi idel inelir auei deni 
Umstände, dass Proudhon einen Hegelianischen Anstrich an 
nahm und dreist den Schein der Wissonschafüichkeit als wirk- 
lieh tiefere Begründung ausgab, müssen wir es uns ei ren, 
wenn wir in der Literatur auf Ansichten treffen, die den er- 
faaser des .^^ystems (1er ölomomischeii l^Tidersprucdre urder 
deii neiiern (äocialhffeii in den l/orcbargruiKl Edçdlen. jSs istlxn 
einer solchen Auffassung ein ähnlicher Missgriff im Spiele, wie 
v,lr ihn rücksicliÜich der Brtheilo über Fourier früher grekeiin- 
zeichnet haben. Bei dem letzteren war die Newt^smanie das 
Charakteristische; bei einem Proudhon liegt die Hauptillusion 
im scholastischen und unlogischen Dialektismen und ist schein 
bar subtilerer Natur. Sieht man jedoch näher zu, so n e 
man, dass auch hier die verworrene Idee von einei rt 
tatkm im (Spiele ist, die shdi jedocli von ivornlierem auf da,8 
Logische beziehen soll. Schon in dem oben erwähnten ersten 
Memoire, welches sich mit dem Zusammenfallen des Cregen-
        <pb n="502" />
        486 
Satzes von Eigenthum und Diebstahl beschäftigt, verräth sich 
die Verworrenheit und Thorheit des Grundgedankens durch 
^Mí^gMdmmcMeEt^n^^^m^m Dm V^^^r imd 
sollen die tiefen Beziehungen entschleiern, die zwischen 
den BegriEen der Freiheit und des gegensätzlichen Anfwiegens 
vorhanden seien. Nun liegt allerdings ein Antagonismus der 
Eräfte allen Vorgängen zu Grunde; aber zwischen einer rich- 
igcn Vorstellung desselben und einer Caricatur des wahren 
Schematismus ist denn doch ein gewaltiger Unterschied. Das 
(regcun^unanderivirkeii der EiräAe lässt sich iin (Gebiet der 
rationellen Mechanik am klarsten vorstellen, und sowcnio- hier 
fäi-die Ilegelscho IDhdogrdcein I^latz ist, obonsoiveing Imnn sich 
auch in andern Gebieten irgend etwas ergeben, was mit der 
all^oinen Logik und vorstandosmässigon Vorstollungsweiso 
m^iderspruch ständo. Der BegriA dos Gegensätzlichen ist 
jedoch stets ein verführerischer Anknüpfungspunkt für die Go- 
lusto des logischen Mysticismus gewesen. Die bessern Naturen, 
zu denen in unserm Fall Proudhon zu rechnen ist, sind häufio*’ 
durch den Zauber, welchen der wahre Bestandtheil in dem Ge- 
danken der Gegensätzlichkeit der Dinge ausübt, verleitet worden, 
sich der autoritären Charlatanerio zu unterwerfen, die in dieser 
Richtung stets ihren Erfolg gewittert hat. Die echte Anzie- 
ungskraft, welche das Problem, den Gegensatz allgemein logisch 
zu denken, seit den Zeiten Eeraklits auf tiefere Geister aus- 
geübt hat, und der Reiz, den die Tragweite der Consequenzen 
einer Lösung noch heute haben muss, darf nicht mit jener 
trügerischen Stimulirung verwechselt werden, deren Speculation 
sich theoretisch und praktisch auf die in den Menschen wirk 
same Macht der logischen Superstition richtet. Naturen, die 
nicht selbst das abstráete Denken und die subtilere Philosophie 
zu durchdringen im Stande sind, verfallen auch bei sonst guten 
Anlagen den autoritären Künsten des Widersinns, und so er 
klärt sich auch der Proudhonsche Standpunkt. Es darf aber 
m Hinblick auf denselben nicht übersehen werden, dass 
roudhons Denkweise einen ehrlicheren Charakter trägt, und 
dass sogar zum Theil auch die Artung des Grundgedankens 
yon der Gegensätzlichkeit nicht ganz so verkehrt ausgefallen 
ist, als in dem ürbilde. Hiefür ist nicht nur das erwähnte 
^hliessliche Geständniss der Unhaltbarkeit, sondern auch die 
Vorliebe ein Zeugniss, mit welcher sich Proudhon an die Vor-
        <pb n="503" />
        487 
Stellung des Gravitirens hielt. Sowenig dieser Zug auch zu 
gehöriger E][acthGÍt des Denkens führte, so hat er doch mmitten 
der Verzerrungen der Widerspruchslogik das bessere Element 
IDer (}^hmkG des (}hmd^^widd:s undd^es 
liehen Krüfteantagonismus ergiebt ein natürlicheres Vorbild 
fm- hh)cngo^:ahung, als der vennehdhdi nun l^^sclm, 
aber in der That absurde Ausgangspunkt. Was also bei 
Fourier am meisten irreleitete, hat bei Proudhon im Hmblic 
auf das sonst herrschende Princip der Unlogik noch die Be- 
deuüing ehier Idilderuiig und "VeidiessGruiig. Í80 l^egpxnft sich 
denn auch die schon mehrfach berührte spätere Wendung, 
mit welcher Proudhon die Unbrauchbarkeit der Hegelschen 
IDialektik einge^:amd, aber an deni (^echmkeii des gegrensät^r 
Indien Ilalancirens festhielk Ilätte er von vurnhereunveu-suebd, 
diesem eignen besseren Antriebe zu folgen und die Rolle des 
Antagonistischen strenger zu bestimmen, so würde er den lo 
gistischen Fascinationen entgangen sein und seine Werke m 
dieser Beziehung nicht verunstaltet haben. Er hätte i^er m 
in der oben amgedeiiteteii l^^ehie g^isdhniacklos iiiit i^Tortern 
spielen mögen; -- die Cledanlien aii sich selbst v^ürden vmii^;- 
8tens haltbarer geworden sein. Auch ein wenig schematistischc 
Amhuronisniusnianie liätte rnan sicli gefallen lassen, iveuna sie 
nur naturwüchsig gerathen, dem Bilde der mechanischen rä e- 
verldRtnisse einigermaassen gefolgt und so von der Tlnlogi 
der Widersinnigkeiten, sowie von der zugehörigen plumpen 
Confusion der Begriffe frei geblieben wäre. 
I)ÍG I^eniizeicdinung der allgemeinen I)GnlcweuEK; urdl der 
leitenden Illusion erleichtert uns die Behandlung der Einzel 
heiten. Wenn es eine intime Einheit von Ja und Nein oder 
eine reale Coincidenz des Widersprechenden schon aus rem 
Ionischen Gründen und abgesehen von allen Thatsachen er 
lEfffahrung geben soll, so ist die Behauptung der Identität^vcni 
Eio-enthum und Nichteigenthum oder von Eigenthum und Dieb- 
8tahl zv,ar iioch inimcrddalekÜsch plump, aber dodi nuaht über- 
raschend. Sie ist ebenso gerechtfertigt, wie die höhere Ein 
heit von Sinn und Unsinn. Wenn aber die unschuldige Komik 
dieser selbstgefälligen Begriffsspielerei noch auf die Ursprung- 
lichkeit der Phrase, Eigenthum sei Diebstahl, eitelis^^ sollte 
man ihr nicht, wie dies Louis Blanc gethan hat, die Notiz en - 
gegensetzen, dass schon der Girondist Brissot denselben Aus-
        <pb n="504" />
        488 
sprach gethan habe. Um dagegen der ganzen Künstelei und 
Affectation ein für alle Mal die Spitze abzubrechen, bat man sich 
nur zu erinnern, dass alle Aneignung selbstverständlich einen 
doppelten Charakter haben kann und in allen Fällen zum Raube 
wu’d, in welchem sie eine Verletzung des Andern einschliesst. 
Diese Wahrheit ist schärfer und reicht weiter, als die gesuchte 
und gekünstelte Paradoxie Proudhons. Uebrigens sieht man 
aber aus seiner eignen Auslassung, dass sein Satz ausser dom 
vertrakten Sinn, den er logisch haben sollte, auch noch ganz 
F^mM da^ SWa^^ñ 
oM sei. In der letzteren liegt die Vernichtung dos Menschen 
Ms Person, und dieses Eigenthum am Menschen ist daher nach 
Proudhon nicht blos Diebstahl, sondern Meuchelmord. Boi 
Mler Sympathie für das Bestreben, das in die Formen des 
Rechts gekleidete Unrecht zu geissein, müssen wir jedoch in 
Anbetracht der Unwissenschaftlichkeit der Methode, durch welche 
die ernsteren und einschneidenderen Ueborlogungen einer mehr 
ritischen Botrachtungsart nur compromittirt werden, auf die 
Verfolgung dieser Kinderdialektik über das Diebstahlseigenthum 
verzichten. 
■ 1^' »Oekouomischen Widersprüche" 
spielen auch Reflexionen über den wirthschaftlichen Werthbe 
griff eine vom V^fasser selbst besonders markirte Rolle. Ganz 
richtig wird die Werththeorie als Eckstein des Gebäudes der 
politischen Oekonomie betrachtet; aber die Proudhonschen Ideen 
sind dialektisch zu leichtfertig und beruhen auf zu oberfläch 
lichen Kenntnissen, als dass sich mit ihnen mehr als ein blosses 
Anstreifen an bessere Gedanken hätte ergeben können. Schon 
der einzige, anscheinend nebensächliche Umstand, dass von 
einem Tauschwerth als Meinungsworth so geredet wird, als 
wenn beide Bezeichnungen mit einander verwechselt werden 
könnten, und als wenn der wahre oder eigentliche Werth im 
^brauch psucht werden müsste, deutet die durchaus falsche 
e ungnahme und das zu Grunde liegende Vorurtheil an. 
Proudhon erhebt sich daher auch da nicht über die gemeinen 
den sopnannten Gebrauchswerth mit dem eigentlichen Worth 
urcheinandermischenden Vorstellungen, wo er die Gogensätz- 
licbkeit zwischen Gebrauchswerthen und Tauschwerthen be- 
merkt und als ein Problem der politischen Oekonomio hervor- 
hebt. Er denkt hiebei vornehmlich an die bessern Ernten mit
        <pb n="505" />
        489 
den billigeren Getraidepreisen, sowie überhaupt an die erleich 
terte Production. Dieser Antagonismus von Werth und Nutz 
barkeit war schon ein Jahrzehnt vor dem Erscheinen der 
Proudhonschcn Widersprüche durch Careys Principien der po 
litischen Oekonomie im weitesten Umfang erklärt und mithin 
das vermeintliche Rathsei langst gelöst worden. Es blieb je 
doch einem Bastiat als Gegner Proudhons Vorbehalten, von 
der Ausgleichung des fraglichen Widerspruchs in Europa den 
ersten Gebrauch zu machen, und wenn auch diese schüler 
massige Lösung durch den Franzosen erhebliche Missverständ 
nisse und Verunstaltungen eingeschlossen hat, so ist sie doch 
der vorläufige Ausgangspunkt für die Bekanntschaft mit der 
neuen Werththeorie geworden. Proudhon hatte in seinem 
krausen Vorstellungsspiel überall nach Gegensätzen gehascht, 
die er sofort für Widersprüche nahm, und er war in dieser 
Widerspruchsjagd auch einmal zufällig auf die Spur eines wirk 
lichen Problems gerathen, die er jedoch nicht im Mindesten 
zu verfolgen verstanden hat. 
Am bekanntesten sind aus dem Bereich der Proudhonschen 
Imaginationen die Folgerungen geworden, welche der Volks 
ökonomist an das knüpfte, was er sich von der Grundrente 
dachte. Seine Ideen über diesen hochwichtigen Begriff lehnten 
sich scheinbar an die Schulökonomie an. Der Sagenkreis, der 
sich um die Ricardosche Rententheorie für alle diejenigen bil 
dete, die sich nicht die Mühe gaben, die eignen Auslassungen 
des Urhebers zu Rathe zü ziehen, hatte auch auf Proudhon 
seine Wirkung geübt. Ohne irgend welchen deutlichen Begriff 
von dem Sinn, in welchem Ricardo eine Fr uchtbarkeitsdifferenzen- 
rento vor Augen hatte, hielt sich der Socialist thatsächlich an 
den viel roheren Gedanken einer Naturrente. Er nahm an, 
dass alles das, was auf die Gunst der Natur zu verrechnen sei, 
eine ungerechte Einnahmequelle ausmache und daher gemeinsam 
worden müsse. Hiebei fasste er kurzweg alle Rente als unge 
rechtfertigten Monopolgewinn von Gnaden der Natur. Der 
Staat könne an die Stelle des Eigenthümers treten und die 
Rente für die Gesammtheit in Anspruch nehmen. Uns inte- 
ressirt hier jedoch weit weniger die vorübergehende Phase des 
in sich selbst haltungslosen Proudhonschen Denkens, als die 
nebelhaft unbestimmte Gestalt, welche die Rentenvorstellung 
unter den Händen eines vorgeblichen Dialektikers annahm.
        <pb n="506" />
        490 
Ziehen wir nämlich das ein Dutzend Jahre später nach 
den „Oekonomischen Widersprüchen” erschienene zweite Haupt 
werk zu Rathe, so finden wir in dieser moralphilosophischen 
Schrift „Von der Gerechtigkeit in der Revolution etc.” auch 
die ökonomische Gerechtigkeit mit Rücksicht auf die verschie 
denen Einkünftequellen behandelt. Was hiebei von der Rente 
gesagt wird, könnte überraschen, wenn es überhaupt im Be 
reich des unbeständigen dialektischen Spiels noch Uebor- 
raschungen geben dürfte. Die Rente wird nämlich ganz ehr 
sam als die Differenz zwischen dem Marktcrlös und den Pro- 
ductionskosten genommen, und diese Vorstellung, welche auch 
jeden beliebigen Capitalgewinn kennzeichnet, und dies auch 
dann noch thut, wenn man den blossen Capitalzins oder Credit- 
preis als Bestandtheil der Productionskosten cinrcchnct, — diese 
ganz gewöhnliche Idee, in welcher von der Ursache und dem 
Monopolcharakter der Ricardoschon Rente nichts enthalten ist, 
erscheint grade da, wo sich nach der Meinung der oberfläch 
lichen Berichterstatter Proudhon in eminenter Weise an eine 
vermeintliche nationalökonomische Wissenschaft angelehnt haben 
soll. In Wahrheit verstand er sich nicht einmal auf die Irr- 
thümer und Fehlgrifib, die in Frage kommen konnten, und 
bewegte sich daher mit dem Anschein von gelehrten Berufungen 
so ungenirt, als wenn es seit den Physiokraten wissenschaft 
liche Versuche über Begriff und Ursache der Grundrente gar 
nicht gegeben hätte. Ueberhaupt würde es überflüssig sein, 
in einem Hirn, welches an die Möglichkeit der Ausmerzung 
des Zinses im gegenwärtigen Gesellschaftszustande dachte, 
natürliche und zutrefiende Vorstellungen von andern Einkünfte 
arten suchen zu wollen. 
Um jedoch der Schrift über die Gerechtigkeit nicht selbst 
Unrecht zu thun, so sei bemerkt, dass sie als philosophireri- 
sches Buch und als moralische Auslassung einen relativen 
Werth hat, insofern sie in einer halb geschichtsphilosophischen 
Weise mancherlei Vorstellungen in Bewegung setzt, die bei 
vielen Naturen in überlieferter Trägheit fortvegetiren. Dieser 
Vorzug würde ein sehr geringer sein, wenn die Philosophie der 
ersten zwei Drittel des 19. Jahrhunderts nicht viel verworrener 
wäre, als diejenige der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. 
In der schlechteren Nachbarschaft, also relativ und nicht ab 
solut gewürdigt, mögen daher die Proudhonschen Auslassungen
        <pb n="507" />
        über die Gerechtigkeit in der Revolution, die er den autori 
tären Rochtsideen entgegensetzt, immerhin einiges Verdienst 
haben. Das Bestreben ist anzuerkennen, und die Ausführung 
ist nicht mehr so iingoniessbar mit der Hegelmanier und dem 
Ilegeljargon versetzt, als dies in den Deutschen Schriften der 
Fall ist, mit denen wir uns im nächsten Capitel zu beschäftigen 
haben werden. Proudhon hat sich bemüht, für ein grösseres 
Publicum zu schreiben, und wenn er auch nur die Vorstel 
lungen in dieser oder jener Richtung aufrührte und aufrüttelte 
und selbst nie zu klaren Anschauungen gelangte, so gehörte 
eine solche Rolle eben auch als Zubehör zu den tiefer bewe 
genden Kräften der Epoche. Die Rückwirkung dieser Thätig- 
keitsart auf den Gang der Ideen ist zwar nicht hoch anzuschlagen; 
aber sie ist auch nicht ganz und gar über der mächtigeren Ursache 
zu vergessen, die der literarischen und persönlichen Wirksam 
keit die Möglichkeit des Daseins verschaffte. Proudhons Ein- 
lluss ist den Bewegungen zu vergleichen, wie sie durch eine 
gelegentliche Welle veranlasst werden, deren Ursache in der 
Luftströmung zu suchen ist. Es war nicht der abgemessene 
Curs eines von Innen gelenkten Fahrzeugs, sondern das Wellen- 
spicl mit seinen bunten Kreuzungen, was in einem Proudhon 
die Gedanken bestimmte. Wer daher bei ihm nichts weiter 
sucht, als das Gegenbild von noch tastenden Antrieben und 
ungeklärten Ideen der Epoche, wird sich nicht enttäuscht finden. 
Wer die letzte Gestaltung des Proudhonschen Gedanken 
kreises in allen seinen verschiedenartigen Elementen und na 
mentlich auch in Beziehung auf die Politik kennen lernen will, 
muss das erwähnte letzte Buch zur Hand nehmen, welches von 
der politischen Befähigung der arbeitenden Classen handelt und 
so ein System des Mutualismus nach allen Richtungen hin 
entwirft. Hier treten die launenhaft willkürlichen, ja aben 
teuerlich wüsten Periodisirungen und Constructionen der öko 
nomischen Entwicklungsgeschichte nicht mehr wie in dem 
„System der ökonomischen Widersprüche” in den Vordergrund 
Es macht sich zwar noch ein Stück Antagonistik geltend, aber 
das Princip der Mutualität, d. h. der die politischen und öko 
nomischen Verhältnisse beherrschenden gleichmässigen Gegen 
seitigkeit, soll in seiner freilich unklaren Fassung die vermeint 
lichen Gegensätze ausgleichen und das sonst Unmögliche mög 
lich machen. Auch die alten Creditphantasmen von 1848 mit
        <pb n="508" />
        á92 
ihrer Unentgeltlichkeit haben hier eine Metamorphose erfahren 
und sind, wie schon oben angegeben, äusserlich etwas ratio 
neller ausgefallen. Der Credit hatte ja grade für Proudhon 
den einzigen Beziehungspunkt der Theorie zur Praxis gebildet, 
während unser Socialist übrigens dem Positivismus bestimmter 
Pläne fernstand und sich vornehmlich im Schematisircn der 
geschichtlichen oder augenblicklichen Vorgänge und der gegne 
rischen Ideen gefiel. Erinnern wir uns jedoch noch schliess 
lich zur Ziehung der Summe, dass es das Eigenthum gewesen 
ist, mit welchem er sich im ersten und noch im letzten Jahr 
seiner schriftstellerischen Laufbahn beschäftigt hat. Die Ant 
wort auf die Frage von 1840 „Was ist Eigenthum?” ist in 
einem gewissen subjectiven, für die Proudhonschen Illusionen 
vernichtenden Sinne ein Vierteljahrhundort später in einer von 
der ursprünglichen Absicht hochkomisch abweichenden Art ge 
geben worden. Die schon erwähnte „Theorie dos Eigonthums” 
von 1865 entfernt sich nicht nur, wie schon gesagt, von der Illu 
sion der absurden Zauberlogik und Zaubermethode und ver 
zichtet auf die entsprechende Art der höheren Einheit von Eigen 
thum und Communismus, sondern erklärt auch gradezu, dass 
die Existenz des Privatoigenthums eine unerlässliche Voraus 
setzung der politischen Freiheit sei. Solch ein Ende zu dem 
Anfang mit dem Diebstahlsoigenthum kann nun zwar nicht 
viel bei Jemand bedeuten, der von vornherein gelernt hatte. 
Ja und Nein in einem Athem auszusprechen und zwischen 
beiden irgend ein Ungeheuer höherer Art aufzusuchen, welches 
weder Ja noch Nein sein, aber beide in sich vereinigen sollte. 
Wohl aber ist dieses Ende charakteristisch für die ganze Gat 
tung der verstandesverachtenden Phantastik, von der wir an 
Proudhon ein erstes socialistisches Beispiel haben und in ein 
paar deutschschreibenden Autoren weitere Exomplificationen 
antrefien werden. 
Zweites Capitel. 
Gestaltungen in Deutschland. 
Erinnern wir uns, dass die Französische Revolution dem 
Socialismus zu Grunde liegt, und dass die bessern Bostand- 
theile des letzteren in ihrer modernen Gestaltung immer mehr
        <pb n="509" />
        493 — 
(lie politiBoheii Vorbedingungen der sooialen Bestrebungen ms 
Auge gefasst haben. In dieser Beziehung wird man sich nun 
über die Deutschen Erscheinungen der allgemeinen socialisti- 
schen Ideenströmung am wenigsten zu beklagen haben. Der 
Zusamnmnhang nnt &amp;)r Pohtik hathl^ hiderei^:en^mdmb. 
liehen Agitation klar zu Tage gelegen. Die LassaUesohen Be- 
mtdiungen, die smk lun das J^ir 1863 
politisch demokratische Ausgangspunkte. Ebenso ist das wei- 
tere theoretische Zubehör, welches bei Gelegenheit der La^aUe- 
schen Agitation nicht unerwähnt bleiben kann, nämlich der 
fragmentarisch doctrinäre Versuch des Herrn Karl Marx in 
den Kreis derjenigen Kundgebungen zu rechnen, welche der 
politischen Demokratie huldigen. Ja dieses Verhältniss des 
Socialen zum Politischen steht bei Herrn Marx weit unzwei 
deutiger fest, als in der spätem Wendung der Lassalleschen 
Ao-itationsideen. Die letzteren fingen an, sich mehr und mehr 
mit solchen Gesichtspunkten zu mischen, in denen man al er- 
mindestens erhebliche Zugeständnisse an das alte politische 
Regime, wo nicht gar an die religiösen Organisationen sehen 
musste. Von solchen Inconsequenzen sind die Schriften des 
Herrn Marx frei, und der Umstand, dass er der Londoner 
demokratischen Flüchtlingsemigration angehört und an den 
Bestrebungen der Internationalen Association den theoretischen 
Hauptantheil hat, bezeichnet hinlänglich seine Sympathien für 
den politischen Radicalismus. Er geht jedoch, wenn man ge 
nauer zusieht, von der Ansicht aus, dass die politischen Zu 
stände durch die ökonomischen Verhältnisse gestaltet werden, 
und es liegt ihm der Gedanke an die entscheidende Einwir 
kung in umgekehrter Richtung sehr fern. Die ökonomischen 
Kategorien sind ihm in seiner Hegelianisch dialektischen Con 
struction der Geschichte und der Verhältnisse Alles, und die 
politischen Gebilde an sich selbst fast nichts. In seinen social- 
ökonomischen Schriften treten die politischen, auf die pubh- 
eistischen Rechtsformen zu richtenden Anschauungen so gut wie 
gar nicht hervor, und diese Thatsache sollte am allerwenigsten 
da übersehen worden, wo man eine Trennung der socialen von 
den politischen Reformen mit Recht für eine Unmöglichkeit 
hält. Das vermeintliche Hinwegsein über die politischen Ver 
fassungsfragen hat zwar stets einen doppelten Sinn ^ gehabt. 
Die Einen wollten sich mit jedem Gebilde social auseinander-
        <pb n="510" />
        494 
setzen können; die Andern sahen die bisherigen Yerfassimgs- 
kämpfe im Verhältniss zu den socialistischen Zielen als Kleinig 
keiten an, um die man sich nicht zu kümmern habe, und deren 
Ausgang völlig gleichgültig sei. Die zweite Art des vermeint 
lichen Hinwegseins über die Politik ist nun die am wenigsten 
fehlgreifende. Jedoch fehlt auch hier das Fundamcntalaxiom, 
ohne welches aller fernere Socialismus haltungslos werden muss. 
Es fehlt die leitende Idee, dass die politischen Formationen 
auch ihrerseits die wirthschaftlichen Gestaltungen bestimmen, 
und dass daher diese Art von Zusammenhang mindestens ebenso 
sehr berücksichtigt werden muss, als die entgegengesetzto Rich 
tung der Abhängigkeit. Bei den eigentlichen Nationalökonomon 
erklärt sich die Vernachlässigung der Consequenzen des Poli 
tischen für das Wirthschaftlicho sehr leicht aus dem bei ihnen 
vorherrschenden Gedankengang. Grade die bedeutendsten unter 
ihnen haben diese Einseitigkeit dos Standpunkts am entschie 
densten vertreten. Dagegen ist bei den Socialisten eine ähn 
liche Erscheinung weit weniger gerechtfertigt, weil ihre Denk 
weise den Rechtsverhältnissen ohnedies mehr Aufmerksamkeit 
widmet und daher den grossen Dimensionen der Rechtsgestal 
tung, welche im Politischen ihren Grund haben, nicht in glei 
cher Weise fremd bleiben kann. 
In dem eben bezeichneten Sinn kann man nun allerdings 
auch sagen, dass den Anschauungen des Herrn Marx die Be 
tonung der specifisch politischen Seite des Socialismus abgehe. 
Die Politik erscheint in diesen Anschauungen als eine Ange 
legenheit zweiten Ranges, während sie in der That die form 
gebende Macht ist, durch welche ein Theil der socialen Ver 
hältnisse nebst den zugehörigen wirthschaftlichen Folgen von 
vornherein bestimmt wird. Die materiellen Interessen müssen 
zwar der Beziehungspunkt für alle socialökonomischen Uober- 
legungen bleiben; aber die Frage, wie diese materiellen Inte 
ressen ganzer Classen durch die politische Ordnung bestimmt 
werden, ist nicht minder wichtig, als die Rechenschaft über 
die Art und Weise, wie politische Beziehungen aus den öko 
nomischen Verhältnissen herauswachsen. Es ist eine fehlgrei 
fende Ideologie, wenn man, wie Herr Marx thut, von vorn 
herein die blos wirthschaftlichen Verhältnisse zu einem Erklä 
rungsmittel für Alles machen will, und die ökonomischen 
Kategorien gleichsam in der Luft schweben lässt. Wäre die
        <pb n="511" />
        495 
Einnahme dieses Standpunkts eine hlosse Sache der wissen 
schaftlichen Abstraction, so würde man nichts dagegen ein 
wenden können. Es bliebe alsdann andern Anschauungskreisen 
überlassen, die übrigen Gesichtspunkte zur Geltung zu bringen. 
So aber tritt die fragliche Richtung mit dem Anspruch auf, 
alles Politische vollkommen zureichend aus dem rein Wirth- 
schaftlichen zu erklären und die ganze zugehörige Gruppe von 
Erscheinungen durch volkswirthschaftliche Geschichtsconstruc- 
tionen begreiflich zu machen. Hierin liegt, trotz aller Sympa 
thien für den Radicalismus, eine Verkennung des eminent poli 
tischen Charakters der modernen Gesellschaftsbewegung. Ja 
es liegt hierin eine Beengtheit der Auffassung, die am wenig 
sten denen ansteht, welche den Anspruch auf philosophische 
Gedankenhaltung erheben. 
Die Gestaltung der socialistischen Ideen in den agitatori 
schen Kundgebungen Lassalles muss für unsere Darstellung 
das Hauptaugenmerk bilden. Um jedoch in den einzelnen 
theoretischen Ausführungen nicht durch besondere Einschal 
tungen behindert zu werden, wollen wir die Studien des Herrn 
Marx, durch die sich Lassalle beeinflussen Hess, zuerst aus 
einandersetzen. Wir müssen uns jedoch hiebei bewusst bleiben, 
dass es nur die zeitliche Nähe sowie die Beziehung zu der Ar 
beiterbewegung ist, was uns hier bestimmt, auch solchen Er 
scheinungen unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden, die an und 
für sich, d. h. rein theoretisch betrachtet, für unser Gebiet ohne 
dauernde Bedeutung sind und für die allgemeinere Geschichte 
der geistigen Strömungen höchstens als Symptome der Ein 
wirkungen eines Zweiges der neuern Sectenscholastik anzu 
führen wären. 
2. Wenn man erwägt, dass Herr Marx (geh. 1818) schon 
1842 an gefangen hat, auf Veranlassung seiner journalistischen 
Thätigkeit seine allgemeinen so zu sagen rechtsphilosophischen 
Vorstellungen durch eine socialökonomische Orientirung näher 
zu bestimmen, so sind die Ergebnisse seiner socialistischen 
Autorschaft schon in ihrer Form äusserst bezeichnend. Von 
früheren Gelegenheitsaufsätzen abgesehen, sind bis jetzt zwei 
Bruchstücke zu dem erschienen, was der Verfasser als Kritik 
der politischen Oekonomie ansieht. Das erste im Umfang von 
etwa zehn Bogen unter dem Titel „Zur Kritik der politischen 
Ockonomie”, 1. Heft Berlin 1859, gab nicht etwa eine Ueber-
        <pb n="512" />
        496 
sicht, aus welcher sich das System der Kritik hätte vorläufig 
bemessen lassen, sondern begann damit, ins Unbestimmte und 
Weite auszuholen. Der Faden der Hogeldialektik wurde an 
den Begriffen der Waare und des Geldes ausgesponnen, riss 
jedoch ab, um erst 1867 wieder angeknüpft oder vielmehr 
wieder von vorn bearbeitet zu werden. Das neue Werk, welches 
jedoch für die Hauptgesichtspunkte keine erhebliche Bereiche 
rung des ursprünglichen Anlaufes bietet, ist bis jetzt wiederum 
nur ein Bruchstück geblieben. An Stelle eines ersten Heftes 
besitzen wir nun aber wenigstens einen ersten Band, in welchem 
die Schrift von 1859 wesentlich verarbeitet ist und der Her 
gang der Erzeugung des Capitals dargestellt sein soll. Diese 
neue Arbeit nennt sich „Das Capital, Kritik der politischen 
Oekonomie” (Hamburg 1867, 2. Aufl. 1872—73). Die zwei 
noch in Aussicht genommenen Bände sollen ebenfalls das 
Capital, nämlich der zweite den Umlauf der Capitalien und 
einen sogenannten Gesammtprocess, der dritte die Geschichte 
der Capitaltheorie behandeln. Der ursprüngliche Plan von 1859 
wollte auf die Erörterung des Capitals noch die des Grund 
eigenthums, der Lohnarbeit, sowie des Staats und des aus 
wärtigen Handels folgen lassen. Es ist bei dem Mangel an 
natürlicher und verständlicher Logik, durch welchen sich die 
dialektisch krausen Verschlingungen und Yorstellungsarabesken 
auszeichnen, jedoch wirklich nicht abzusehen, was, menschlich 
und deutsch geredet, eigentlich in den zwei Bänden noch 
folgen soll. Schon auf den bereits vorhandenen Theil muss 
man das Princip an wenden, dass in einer gewissen Hinsicht 
und auch überhaupt nach einem bekannten philosophischen 
Vorurtheil Alles in Jedem und Jedes in Allem zu suchen, und 
dass dieser Misch- und Missvorstellung zufolge schliesslich 
Alles Eins sei. Nach der verhegelten Vorstellungsform aus 
gedrückt wird hienach das Capital zugleich Anfang und Ende des 
ökonomischen Philosophirens bilden, wobei wir aber das Ende 
aller Wahrscheinlichkeit nach nicht als Abschluss, sondern um 
wiederum im dialektischen Jargon zu reden, als einen in sich 
zurückkehrenden Anfang zu fassen haben. In der That ist Herr 
Marx ungefähr mit jedem Jahrzehnt immer wieder zum Anfang 
zurückgekehrt. Er selbst sagt uns in der angeführten Schrift 
von 1859, dass er seit 1850, dem Zeitpunkt, in welchem er das 
Festland mit London vertauschte, ganz von vorn angofangen
        <pb n="513" />
        — 497 
liabo. Die Erscheinungen des zweiten Anfangs (1859) und des 
dritten, etwas weiter ausholenden Ansatzes sind schon gekenn 
zeichnet. Das Endo würde nach diesen Erfahrungen eigentlich 
noch ein vierter Anfang werden müssen. Doch die gesunde 
Logik wird über ihre Oaricatur voraussichtlich triumphiron, 
und die Bruchstücke, in denen sich die Ohnmacht der concen- 
trirenden und ordnenden Fähigkeiten vorräth, worden als das 
gelten, was sie sind. Das Vornehmthun und der dialektische 
Geheimnisskram werden Niemanden, der noch ein wenig ge 
sundes Urtheil übrig hat, anreizen, sich mit den Unförmlich 
keiten der Gedanken und des Stils, den würdelosen Allüren 
der Sprache und der bis zum Englischen Maass, Gewicht und 
Geld herunter zugestutzten und auf diese Weise im engem 
Sinne englisirten Eitelkeit einzulassen. Mit dem Absterben 
der letzten Reste der dialektischen Thorheiten wird dieses 
Mittel der Düpirung auch in den speciellen Anwendungen radi- 
calcr Art seinen trügerischen Einfluss verlieren, und Niemand 
wird mehr glauben, sich abquälen zu müssen, um dort hinter 
eine tiefe Weisheit zu kommen, wo der gesäuberte Kern der 
krausen Dinge im besten Falle die Züge gewöhnlicher Theo 
rien, wo nicht gar von Gemeinplätzen zeigt. 
Ueberwinden wir uns jedoch einen Augenblick, das Knäuel, 
welches von Herrn Marx Capital genannt wird und nun wirk 
lich schon zu einem Bande aufgewickelt ist, näher zu be 
trachten. Der Verfasser nennt sein Verfahren eine Entwick 
lung; da aber bei ihm die Gegensätze zusammenfallen, so reden 
wir besser von Auf- und Verwicklung. Auch ist es ganz un 
möglich, die Verschlingungen nach Maassgabe der Logoslehre 
wiedorzugebon, ohne die gesunde Logik zu prostituiren. Wir 
bemerken daher ausdrücklich, dass die Vorstellungen, die wir 
mitzutheilen vermögen, bei dem Verfasser nicht in der gesäu 
berten und rationellen Weise anzutroifen sind, in welcher wir 
von denselben reden müssen, wenn wir nicht dialektisch mit- 
doliriren wollen. Vom Capital hegt Herr Marx zunächst nicht 
den gemeingültigen ökonomischen Begriff, demzufolge es pro- 
ducirtos Froductionsmittel ist, sondern versucht es, eine spe- 
ciellore, dialektisch historische, in das Metamorphosenspiel der 
Begriffe und der Geschichte eingehende Idee aufzutreiben. Das 
Capital soll sich aus dem Gelde erzeugen; es soll eine histo 
rische Phase bilden, die mit dem 16. Jahrhundert, nämlich mit 
Dtiliring, Gescliiclito dor Nationalökonomie. 2. Auflage. 32
        <pb n="514" />
        498 
den für diese Zeit vorausgesetzten Anfängen zu einem Welt 
markt, beginnt. Offenbar geht nun mit einer solchen Begrifts- 
fassung alle Schärfe der volkswirthschaftlichen Analyse ver 
loren. In solchen wüsten Conceptionen, die halb geschichtlich 
und halb logisch sein sollen, in der That aber nur Bastarde 
historischer und logistischer Phantastik sind, geht das XJnter- 
scheidungsvermögen des Verstandes sammt allem ehrlichen 
Begritfsgebrauch unter. Consequenz und Wissenschaft werden 
Angesichts solcher Pormulirungen unmöglich. Ganz anders 
wäre dagegen diese Hauptidee ausgefallen, wenn sich der 
Urheber, anstatt dialektische Wunder für seine Gläubigen her 
zurichten, mit der simpeln, seinem Geiste und fraglichen 
Zwecke angemessenen Bemerkung begnügt hätte, dass sich die 
socialen Wirkungen der Capitalherrschaft erst dann in vollstem 
Umfange zu entwickeln vermögen, wenn das im Anschluss an 
den erweiterten Geldumlauf gebildete Werthcapital seine Rollo 
spielen kann. Allein es hat dem Autor besser gefallen, mit 
der Schaalo und mit demjenigen Wort zu hantiren, welches 
nicht blos ein Schlagwort der socialen Agitation ist, sondern 
auch einen allgemeinen wissenschaftlichen Bcgrifí von grosser 
und anerkannter Tragweite bezeichnet. Hiedurch ist es ge 
schehen, dass seine Auslassungen allgemein aussehen, ohne 
es zu sein. Die Folge dieser trügerischen Wendung kehrt sich 
aber gegen ihn selbst, indem es für jeden aufmerksameren 
Betrachter des Gegenstandes bald feststehen muss, dass sich 
mit der Marxschen Kennzeichnung des Capitalbegriffs in der 
strengen Yolkswirthschaftslehre nur Verwirrung stiften lasse. 
Wie komisch nimmt sich nicht z. B. die Berufung auf die 
Hegelsche confuse Nebelvorstellung aus, dass die Quantität in 
die Qualität umschlage, und dass daher ein Vorschuss, wenn 
er eine gewisse Grösse erreiche, blos durch diese quantitative 
Steigerung zu Capital werde! Dennoch ist auf solche Leicht 
fertigkeiten, die für tiefe logische Wahrheiten ausgegeben worden, 
die geschichtliche Construction und die ganze vermeintliche 
Capitaleiitwicklung gebaut. Bei solcher Gebrechlichkeit der 
Fundamente kann von letzter und strengster Wissenschaftlich 
keit im Sinne der exacten Disciplinen wahrlich nicht die Rede 
sein, und die Behandlung der entscheidenden ökonomischen 
Begriffe zeigt auch die Folgen der falsch logisirenden Aus 
gangspunkte.
        <pb n="515" />
        499 
3. Die Lehre vom Werth ist der Prohirstein der Gediegen 
heit ökonomischer Systeme. Grade aber in ihr ist es Herrn 
Marx begegnet, sich in der ersten Auflage dos angeführten 
Buchs so zu verwickeln, dass er in der zweiten den Rückzug 
antreten und der bessern, ihm inzwischen nähergetretenen 
kritischen Oekonomie einige stillschweigende Zugeständnisse 
machen musste. Sogär den altfränkischen Sprachgebrauch, nach 
welchem die Paarung und Entgegensetzung von Gebrauchs 
werth und Tausch worth eine Hauptrolle spielte, hat er, soweit 
es ihm die in der Eile möglichen, nur einige Capitel betreffen 
den Umarbeitungen gestatteten, zum Theil abgelegt und ge 
legentlich in den nun das sprachlich Schiefe an der Stirn 
tragenden Antagonismus von Gebrauchswerth und Werth ver 
wandelt. Die Komik liegt hier darin, dass halb und verdeckt 
geschehen ist, was ganz und offen zu thun die persönliche 
Eitelkeit verhindert hat, nämlich von den theoretischen Gegnern 
die klare und fruchtbare Unterscheidung von Nützlichkeit und 
Werth sowohl im Wortgebrauch als auch in der ganzen begriff 
lichen Tragweite anzunehmen. Schon das 20. Capitel des 
Ricardoschen, seit länger als einem halben Jahrhundert vor 
handenen Buchs, hätte Herrn Marx den Weg der neusten 
Oekonomie'auf seine eigne Weise annehmbar machen und so 
gar als historisches Mäntelchen zur Verdeckung der Neuheit 
der darunter angelegten Garderobe dienen können. 
Entfernt man das dialektische Gestrüpp, welches Herr 
Marx in der 2. Auflage selbst schon ein wenig zu lichten ver 
sucht hat, vollständig, so zeigt sich nichts weiter, als die ge 
wöhnliche, vornehmlich in der Ricardoschen Art und Weise 
ausgeführte Lehre, dass die Arbeit Ursache aller Werthe und 
die Arbeitszeit das Maass derselben sei. In völliger Unklarheit 
verbleibt hiebei die Vorstellung von der Art, wie man den 
unterschiedlichen Werth der sogenannten qualificirten Arbeit 
denken solle. Die Hinweisung auf allgemeine durchschnittliche 
Arbeit ist nur eine Umgehung der Antwort. Allerdings kann 
auch nach uüserer Theorie nur die verwendete Arbeitszeit die 
natürlichen Selbstkosten und mithin den absoluten Werth der 
wirthschaftlichen Dinge messen; aber hiebei wird die Arbeits 
zeit eines Jeden von vornherein völlig gleich zu achten sein, 
und man wird nur zuzusehen haben, wo bei qualificirteren 
Leistungen zu der individuellen Arbeitszeit des Einzelnen noch 
32*
        <pb n="516" />
        500 
diejenige anderer Personen als unerlässliche Vorbedingung, etwa 
in dem gebrauchten Werkzeug, mitwirkt. Es ist also nicht, 
wie sich Herr Marx nebelhaft vorstellt, die Arbeitszeit irgend 
Jemandes an sich mehr werth, als die einer andern Person, 
weil darin mehr durchschnittliche Arbeitszeit gleichsam ver 
dichtet wäre, sondern alle Arbeitszeit ist ausnahmslos und 
principien, also ohne dass man erst einen Durchschnitt zu 
nehmen hätte, vollkommen gleichwerthig, und man hat nur bei 
den Leistungen einer Person ebenso wie bei jedem fertigen 
Erzeugniss zuzusollen, wie viel Arbeitszeit anderer Personen in 
der Aufwendung scheinbar blos eigner Arbeitszeit vordeckt 
sein möge. Ob es ein Productions Werkzeug der Hand oder 
die Hand, ja der Kopf selbst ist, was nicht ohne anderer Leute 
Arbeitszeit die besondere Eigenschaft und Leistungsfähigkeit 
erhalten konnte, darauf kommt für die strenge Gültigkeit der 
Theorie nicht das Mindeste an. Herr Marx wird aber in seinen 
Auslassungen über den Werth das im Hintergründe spukende 
Gespenst einer qualiñeirton Arbeitszeit nicht los. In dieser 
Richtung durchzugreifon, hat ihn die überkommene Denkweise 
der gelehrten Classen gehindert, der es als eine Ungeheuerlich 
keit erscheinen muss, die Arbeitszeit des Karrenschiebers und 
diejenige des Architekten an sich als ökonomisch völlig gleich 
werthig anzuerkennen. Uoberhaupt ist unser Kritiker der 
politischen Oekonomie von dem Classenidol der beschränkten 
und verkommenen Luxusgelehrsamkeit nichts weniger als frei. 
Er wetteifert mit dem in Citaten kramenden, besonders bei den 
Deutschen heimischen Chinesenthum, und wenn er meint, dass 
die erste Auflage seines Buchs an die Arbeiter abgesetzt worden 
sei, so nimmt sich dies hochkomisch aus. Das gelehrte Chinesen 
thum hat sich durch die mit Herrn Roscher wetteifernde An 
merkungspolyhistorie imponiren lassen und behufs Erweiterung 
des eignen Hausraths dieser Art auch die Pein nicht gescheut, 
die ihm die Berührung mit dem politischen und socialen 
Radicalismus verursacht. 
Nach der Ansicht des Herrn Marx vertritt der Arbeitslohn 
nur die Bezahlung derjenigen Arbeitszeit, welche der Arbeiter 
wirklich für die Ermöglichung der eignen Existenz thätig ist. 
Hiezu genügt nun eine kleinere Anzahl Stunden; der ganze 
übrige Theil des oft lang gedehnten Arbeitstages liefert einen 
Uebcrschnss, in welchem der von iinserm Autor sogenannte
        <pb n="517" />
        — 501 
„Mehrwertli” oder, in der gemeingültigen Sprache geredet, der 
Capitalgewinn enthalten ist. Abgesehen von der auf irgend 
einer Stufe der Production bereits in den Arbeitsmitteln und 
relativen Rohstoifen enthaltenen Arbeitszeit, ist jener Ueber- 
schuss des Arbeitstages der Antheil des capitalistischen Unter 
nehmers. Die Ausdehnung des Arbeitstages ist hienach reiner 
Auspressungsgewinn zu Gunsten des Capitalisten. Die Lohn 
sklaverei ist hienach klarer als das Sonnenlicht; denn ein 
Mensch, der höchstens sechs Stunden Arbeitszeit nöthig hätte, 
um vollständig das zu ersetzen, was zu seiner Existenz an 
Arbeitszeit von Andern aufgewendet werden muss, sieht sich 
durch das Joch, welches ihm die ausbeutende Gesellschafts 
und Productionsverfassung auferlegt, unausweichlich gezwungen, 
zwölf, vierzehn oder mehr Stunden aufreibende und abstumpfende 
Frohnarbeit zu verrichten. Er muss acht, bezüglich sechs 
Stunden für die Capitalisten arbeiten, um deren Gewinne zu 
produciren. Der giftige Hass, mit dem Herr Marx diese Yor- 
stellungsart des Auspressungsgeschäfts pflegt, ist nur zu be 
greiflich. Aber auch ein gewaltigerer Zorn und eine noch 
vollere Anerkennung des Ausbeutungscharakters der auf Lohn 
arbeit gegründeten Wirthschaftsform ist möglich, ohne dass 
jene theoretische Wendung, die sich in der Marxschen Lehre 
von einem Mehrwerth ausdrückt, angenommen wird. Es ent 
steht nämlich die Frage, wie die concurrirenden Unternehmer 
im Stande sind, das volle Erzeugniss der Arbeit und hiemit 
das Mehrproduct dauernd so hoch über den natürlichen Her 
stellungskosten zu verwerthen, als durch das berührte Yerhält- 
niss des Ueberschusses der Arbeitsstunden angezeigt wird. 
Eine Antwort hierauf ist in der Marxschen Doctrin nicht an 
zutreffen und zwar aus dem einfachen Grunde, weil in dersel 
ben nicht einmal die Aufwerfung der Frage einen Platz finden 
konnte. Der Luxuscharaktcr der auf Soldarbeit gegründeten 
Production ist gar nicht ernstlich angefasst und die sociale 
Yerfassung mit ihren aufsaugenden Positionen keineswegs als 
der letzte Grund der weissen Sklaverei erkannt worden. Im 
Gegentheil hat sich immer umgekehrt das Politischsociale aus 
dem rein Ookonomischen erklärt finden sollen. Wir sind hie 
mit wieder auf den Ursprungsfehler und die erste Täuschung 
der ganzen Anschauungsweise zurückgewiesen. Yon Werth 
darf im streng theoretischen Sinne einer Schätzung der Arbeits-
        <pb n="518" />
        502 
zeit überhaupt nur da die Rede sein, wo man wirklich dem 
Leitfaden dieser Arbeitszeit nach dem Grundsätze der völligen 
Gleichheit folgt, in den Preisen aber ausserdem auch den Aus 
druck der socialen Aneignungskraft anerkennt. 
4. Was Herr Marx „capitalistischo Productionsweise” 
nennt, hat nur ein einziges deutliches Kennzeichen an sich, 
nämlich das der Unternehmerwirthschaft auf Grund der Lohn 
arbeit. Jedoch soll diese capitalmässigo Art zu produciren 
etwas den neuern Jahrhunderten ausschliesslich Angehöriges 
sein. England gilt nicht nur in der Entwicklung dieser Wirth- 
schaftsart als Musterland, sondern wird auch übrigens als der 
typische Hauptträger derjenigen Entwickliingssteigerung an 
gesehen, die zum Socialismus d. h. zur Abschaffung der Lohn 
arbeit führe. Die hauptsächlichsten geschichtlichen Illustra 
tionen, mit denen Herr Marx seine Vorstellungsart von der 
capitalistischen Phase ausstattet, beziehen sich auf England 
und hier besonders auf die Enteignung der individuellen Eigen- 
thümer und selbständigen, mit eignen Arbeitsmitteln thätigen 
Handwerker. Die kleinen Besitzer oder überhaupt die auf dem 
Boden mit irgend einem Nutzungsrecht Ansässigen wurden im 
Lauf der neuern Jahrhunderte vertrieben und gleichsam ex- 
propriirt. Eine ähnliche Loslösung von den eignen Unterlagen 
der Arbeit vollzog sich durch die Manufacturen. Die so ihrer 
selbständigen Existenz Beraubten bildeten zusammen mit den 
Nachkommen der Leibeignen das Contingent, aus welchem 
sich der Wirthschaftsbetrieb der neuen Art, nämlich derjenige 
mit Lohnsklaverei, bequem rekrutiren konnte. Eine Art „Re 
servearmee”, welche aus den Candidaten der Armenunter 
stützung und überhaupt allen zurückgesetzten, verwahrlosten 
oder auch einfach zeitweilig unbeschäftigten Elementen bestand 
und besteht, hat die Chancen der Unternehmer in der billigen 
Rekrutirung stets erhöht und den Arbeitssold auch abgesehen 
von den künstlichen Drückungsmaassregeln der Gesetzgebung 
arg niedergehalten. 
Diese historische Skizze ist noch das verhältnissmässig 
Beste in dem Marxschen Buch und würde noch besser sein, 
wenn sie sich ausser auf der gelehrten nicht auch noch auf der 
dialektischen Krücke fortgeholfen hätte. Die Hegelsche Nega 
tion der Negation muss hier nämlich in Ermangelung besserer 
und fdarerer Mittel den Hebeammendienst leisten, durch welchen
        <pb n="519" />
        503 
dio Zukunft aus dem Schoosse der Vergangenheit entbunden 
wird. Die Aufhebung des individuellen Eigenthums, die sich 
in der angedeuteten Weise seit dem 16. Jahrhundert vollzogen 
hat, ist die erste Verneinung. Ihr wird eine zweite folgen, die 
sich als Verneinung der Verneinung und mithin als Wieder 
herstellung des „individuellen Eigenthums”, aber in einer höhern, 
auf Gemeinbesitz des Bodens und der Arbeitsmittel gegrün 
deten Form, charaktorisirt. Wenn dieses neue „individuelle 
Eigenthum” hei Herrn Marx auch zugleich „gesellschaftliches 
Eigenthum” genannt worden ist, so zeigt sich ja hierin die 
Hegelscho höhere Einheit, in welcher der Widerspruch aufge 
hoben, nämlich der Wortspielerei gemäss sowohl überwunden 
als aufbewahrt sein soll. Die Hervorbringung dieser höhern 
Einheit soll eine unvergleichlich kürzere Zeit in Anspruch 
nehmen, als die Jahrhunderte lang durchgeführte Loslösung 
des Arbeiters vom Besitz. Da sich nämlich der Boden und 
die Arbeitsmittel schliesslich in wenigen Händen vereinigt 
finden, so wird die Expropriation der so entstandenen Besitz 
oligarchie durch die Volksmasse ein rascher Act sein können, 
während die Expropriation der Volksmasse schwieriger war, 
allmälig platzgreifen und sich durch die Jahrhunderte hindurch 
schleppen musste. Die Enteignung der Enteigner ist hienach 
das gleichsam automatische Ergehniss der Entwicklung der ge 
schichtlichen Wirklichkeit in ihren materiell äusserlichen Ver 
hältnissen. Die Ideen spielen hiebei eine ganz untergeordnete 
Rolle und haben keine weitere Function, als den ohnedies an 
gelegten Hergang zu unterstützen. 
Die unbestimmte Art, in welcher in verschiedenen Bedeu 
tungen von Eigenthum und von Expropriation geredet wird, 
erinnert ein wenig an das einstige, eingestandenermaasscn ver 
nachlässigte Rcchtsstudium des Herrn Marx. Auf den Credit 
Hegelscher Flausen, wie die Negation der Negation eine ist, 
möchte sich schwerlich ein besonnener Mann von der Noth- 
wcndigkcit der Boden- und Oapitalcommunität überzeugen 
lassen. Hätte der Socialismus nicht solidere Gründe, als die 
pessimistische Elendslogik, die ausserdem zur Erläuterung jener 
dürren Schablone dient, so würde es mit seiner Sache schlecht 
bestellt sein. Die Marxistischen Programme ermangeln auch 
in der That jeder bestimmteren ZukunftsVorstellung, die mehr 
enthielte, als die alte, weit über ein Menschenalter zurück-
        <pb n="520" />
        504 
zuverfolgende Vorstellung von der Abschaffung der Lohnarbeit. 
Die Wirthschaftscommune, in welcher das Gewalteigenthum 
oder, mit andern Worten, die Grund- und Oapitalherrschaft 
mit publicistischen Collectivrechten Aller vertauscht und auch 
jede Spur körperschaftlichen Eigenthums durch eine socialisti- 
sche Freizügigkeit und Zulassung anderer Theilnehmer nach 
bestimmten persönlichen Gesetzen ausgeschlossen wird, — diese 
Wirthschaftscommune, die ich in meinem ,,Cursus” ökonomisch 
und juristisch skizzirt habe, dürfte denn doch eine exactcro 
und verständlichere Conception sein, als das zugleich indi 
viduelle und gesellschaftliche Eigenthum des Herrn Marx. 
Die nebelhafte Zwittergestalt der Marxschon Vorstellungs 
art wird übrigens den nicht befremden, der da woiss, 
was mit der Hegeldialektik als sogenannter wissenschaft 
licher Grundlage gereimt worden kann, oder vielmehr an 
Ungereimtheiten horauskommon muss. Für den Nichtkonner 
dieser Künste muss ich ausdrücklich bemerken, dass die erste 
Negation bei Hegel der Katechismusbegriff des Sündenfalls, 
und die zweite derjenige einer zur Erlösung führenden höhern 
Einheit ist. Auf diese Analogieschnurre hin, die dem Gebiet 
der Religion entlehnt ist, möchte nun wohl die wirkliche Logik 
der Thatsachen nicht zu gründen sein. Will man die thörichte 
Kopfstellung und den falschen Pessimismus des Judenmährchens 
vermeiden, so muss man nicht blos die naturwissenschaftliche, 
sondern auch die sociale Fortschrittsthoorie annehmon. Die 
eminent modernen Bildungselemente der naturwissenschaftlichen 
Denkweise fehlen aber grade da, wo, wie bei Herrn Marx und bei 
seinem Rivalen Lassalle, die Halbwissenschafton und ein wenig 
Philosophasterei das dürftige Rüstzeug zur gelehrten Auf- 
stutzung ausmachten und die Doctrin mit einem mystificatorischen 
Hintergründe effectvoll und düpirend gestalten sollten. 
5. Herr Marx sucht in dem Schlusswort der neuen Auf 
lage den Vorwurf einer Mystification zurückzu weisen, indem er 
den Inhalt der Hegelschen Philosophie und auch die ideelle 
Seite ihrer Methode selbst schon früh als eine Mystification 
erkannt haben will. Er thue ja das grade Gogontheil von 
Hegel, indem er nicht von den Ideen, sondern von der that- 
sächlichen Wirklichkeit ausgehe und so die dialektische Ent 
wicklung gewinne. Hierauf kann man nur erwidern, dass mit 
dieser Wendung das historisch dialektische Ballet der Selbst-
        <pb n="521" />
        505 
l)Gwegung der Thatsachen vollends regellos wird, und dass man 
nicht mehr woiss, wozu z. B. jene Negation der Negation noch 
ihre Zauhcrkünstc produciren soll, wenn schon die nackten 
Thatsachen ohne die Dazwischenkunft der ideell dialek 
tischen Puppenkloidchen anständig von der Stelle kommen. 
Jene Abwehr ist einerseits unwirksam und andererseits unnöthig. 
Niemand wird Herrn Marx verwerfen, das specielle Hegelsche 
Philosophiron romantisch scholastischer Art mit seinem schliess- 
lichon Obscurantismos und seiner Demagogenhetzerei oder 
auch nur die infamen Zweideutigkeiten seiner metaphysischen, 
religiösen und politischen Charlatanerie im Entferntesten adop- 
tirt°zu haben. Was die sogenannten Junghegelianer, zu denen 
Herr Marx bereits vor einem Menschenalter gehörte, unter 
nahmen, ist allgemein bekannt und war eben nichts Anderes, 
als die Gewinnung des Radicalismus in den Formen der 
Hegolschen sogenannten Dialektik. Sie hatten in ihren Schulen 
nichts Besseres gelernt, und so begreift es sich, dass unanfecht 
bare und vollkommen probehaltige Männer, wie Ludwig Feuer 
bach, diesen traurigen Superstitionstribut die entscheidenden 
Lebensjahre hindurch zu ihrem Schaden entrichtet haben. Der 
eben Genannte hat sich schliesslich aber auch von der Form 
der Hegelsuperstition emancipirt und die Hegelsche Philosophie 
für wundergläubige reactionäre Romantik, den Hauptlieferanten 
ihres phantastischen Inhalts aber, nämlich den von Lassalle so 
verehrten Schelling, wie schon früher angeführt, den Cagliostro 
der Deutschen Philosophie genannt. Proudhon, haben wir ge 
sehen, war schliesslich aufrichtig genug zu bekennen, dass es 
mit den höhern Einheiten und der ganzen Hegeldialektik nichts 
sei, und dass er sich geirrt habe, wenn er dieser dialektischen 
Illusion gefolgt und Jahrzehnte in der Meinung befangen ge 
blieben sei, zum Eigenthum und Communismus ein Drittes als 
höhere Einheit zu besitzen. Herr Marx dagegen bleibt getrost 
in der Nebelwelt seines zugleich individuellen und gesellschaft 
lichen Eigenthums und überlässt es seinen Adepten, sich das 
tiefsinnige dialektische Räthsel selber zu lösen. Anstatt auch 
wissenschaftlich in einfacher Tracht und in möglichst natüi- 
licher Weise aufzutreten, gesteht er zwar zu, mit der Hegelschen 
Ausdrucksweise „coquettirt” zu haben, behält aber die Spielerei 
der Manier als wichtige Angelegenheit bei. Auch ist überhaupt 
der Stil seiner Darstellung, bei aller Bitterkeit und hier und
        <pb n="522" />
        It rtfffl-itlgi ■! Ill 11 mH 
^ : 
506 
da auch wohl hervorbrechenden Leidenschaft, nicht von jenem 
hochernsten Charakter, mit welchem das eingestreute Geist 
reicheln, die gelegentlich burschikose Art, die Abfälle von 
. Redensarten aus allerlei Sprachen, die persönlichen Närgoleien, 
||| ■ die abrupten Citate, kurz die ganze ungleichartige und un- 
. ' , ästhetische Mischung von Kleinlichem und Erheblichem, sowie 
v Plattem und Pointirtem, irgend verträglich sein könnte. Die 
' I schnöden Manierehen, für deren vulgäre Eigenschaft oft nur 
das vulgäre Wort schnodrig ganz passend sein würde, können 
wahrlich auch da, wo sie sich gegen das wirklich Verächtliche 
kehren, nicht soviel leisten, als eine gesetztere, von einem 
höheren Ernst getragene Haltung vermögen würde. Auch 
schöngeistige Plätzchen und Mätzchen sind da nicht am Orte, 
wo die Blutfrage von Leben und Nichtleben erörtert und das 
Schicksal von Generationen in dem eisernen Gefüge der That- 
sachenlogik sichtbar werden soll. Ebenso verträgt sich mit 
letzterer Aufgabe die besonders auf absonderliche Piecen der 
Englischen ökonomischen Literatur erpichte, übrigens aber mit 
einem Bücher- und Stellenwust alter und neuer Zeit in der 
professoralen Manier auf wartende Chinesengelehrsamkeit durch 
aus nicht. Hat dieser Prunk auch nicht den Charakter so 
kindischer Flitter und so läppischer Eitelkeit, wie bei den 
Deutschen Citatenprofessoren und namentlich bei Herrn Roscher, 
so bleibt sie doch ein abgerissenes Stückwerk, dessen abrupte 
Ueberflüssigkeiten den Mangel einer Einsicht in das Ideen 
ganze der jedesmal angeführten Schriftsteller schlecht verdecken. 
Bei den Verdiensten, welche Herr Marx bezüglich der 
Internationalen Arbeiterassociation aufzuweisen hat, und von 
denen wir später berichten werden, müssen seine theoretischen 
Ansprüche als eine pure Schwäche erscheinen. Kann er sich 
auch mit Recht schmeicheln, sich mit seinem Buch in einer 
gewissen Höhe über dem Niveau der Machwerke Deutscher 
Professoren zu befinden, so darf ein solcher Vorzug doch nicht 
als der Gegenstand einer edlen Ambition gelten, wie sie einem 
Manne ziemt, der sich in Charakter und Talent von der Sphäre 
des Professorenthums und der dort herrschenden Misere dos 
Wissens und Wollens wirklich einigermaassen unterscheidet. 
Was kann es ihm verschlagen, Leute wie die Herren L. Stein 
und W. Roscher in albernen Einzelheiten bloszustellen und die 
allgemeine wissenschaftliche Impotenz dieser und ähnlicher
        <pb n="523" />
        507 
Figuren in gelegentlichen Citaten sichtbar zu machen? Kann 
einen Mann, der sich ernsthaft auf den Arbeiterstandpunkt 
stellt, die Eitelkeit kitzeln, die Producte des Faulungsprocesses 
einer theoretisch und gesellschaftlich verwesenden Gelehrsam 
keit im Einzelnen aufzurühren? Kann er es als einen Triumph 
ansehen, wenn er durch Specialeinlassung mit dem fraglichen 
Schlage in einem Schock von Einzelfällen seine geistige Ueber- 
Icgenheit in Kenntniss und Gedankenhandhabung ausser Zweifel 
stellt? Ich wenigstens könnte hierin nichts Verlockendes finden. 
Das summarische Verfahren, welches mit der Gattung und 
dem Typus abrechnet und sich gar nicht dazu herbeilässt, das, 
was ein Hume den „Gelehrtenpöbel" nannte, in mikrologischen 
Einzelheiten mit einer Biosstellung zu beehren, — dieses Ver 
fahren im höheren und edleren Stile ist allein mit den Inte 
ressen der vollen IVahrheit und mit den Pflichten gegen das 
zunftfreie Publicum verträglich. Wenn nun Herr Marx das 
Herumbalgen und Anzwacken in der halb akademischen, halb 
wildwüchsigen Manier der gelehrten Anmerkungsnärgeleien als 
seine Art der Polemik auserkoren hat, so kann ich hierin nur 
j ene philosophische und wissenschaftliche Rückständigkeit finden, 
deren falsches autoritäres Princip auch das hartnäckige Stecken 
bleiben in der Verhegelung verschuldet hat. Herr Marx steht 
zwar über der fraglichen universitären Gattung, und aus seinem 
Buch können auch die Studirenden bedeutend Mehr an eigent 
licher Nationalökonomie lernen, als von ihren heutigen kathedei- 
socialistelnden Professoren; aber er steht trotz dieser Ueber- 
legenheit den letzteren noch zu nahe, als dass sie nicht in 
einiger Entfernung trotz aller gelegentlich von ihm empfan 
genen Fusstritte mit ihm zu coquettiren vermöchten. Dieser 
Umstand ist ein bedenkliches Anzeichen, und so werthvoll 
die Entschiedenheit der Marxschen Agitation in ideeller und 
thatsächlicher Richtung auch sein möge, so würde im weiteren 
Lauf der Entwicklungen sein theoretischer Standpunkt zu der 
Wirklichkeit einer umfassenden Socialrevolution nur eine ähn 
liche reactive, um nicht zu sagen reactionäre Rolle ergeben, 
wie sie in der wesentlich nur politischen Revolution 1793 von 
den Girondisten gegen Rousseaus Schüler Marat und dessen 
Gesinnungsgenossen gespielt worden ist. Wie unmöglich es 
sei, dass ohne vollständigen Bruch mit den Ueppigkeitstraditionen 
der luxuriös verkommenen Gesellschaftselemente die volle Klar-
        <pb n="524" />
        508 
heit und gesunde Energie des unzweideutig socialitären Stand 
punktes gewonnen werde, wird uns noch weit mehr das Bei 
spiel Lassalles beweisen, der sich nicht darauf beschränkte, an 
dem sich zersetzenden und hohl autoritären Gelehrsamkoits- 
prunk theilzunehmen, sondern auch in der Eäulniss des Lehens 
arg befangen war. 
6. Lassalle, der Urheber der ersten erheblichen Arbeiter 
agitation Deutschlands, hatte als Socialthcoretiker zwar keine 
ursprüngliche Originalität aufzuweisen, wählte aber in der 
Hauptsache sein Vorbild mit ziemlich richtigem Instinct, indem 
er, ohne es einzugestehen, die socialen Ateliers Louis Blancs 
ins Auge fasste und die Marxsche Scholastik der Schrift von 
1859 nur insoweit und nur unter solchen Umgestaltungen adop- 
tirte, als sie ihm als Decorationsmittel der dialektischen Theorie 
für seine Zwecke nutzbar schien. Er suchte jedoch den Blanc- 
schen Compass sorgfältig versteckt zu halten. Zu diesem 
Zweck benutzte er die Unwissenheit seiner Gegner, welche die 
thatsächlichen Nationalwerkstätten von 1848 für die Ausführung 
der Idee der socialen Ateliers nahmen, um mit der Widerlegung 
dieses Irrthums sich zugleich den Anschein zu geben, als wenn 
er im Allgemeinen mit einer Nachahmung in dieser Richtung 
nichts zu schaflten hätte. Freilich war es ihm nicht eingefallen, 
die gegen Louis Blanc errichteten nationalen Ateliers, die auf 
blosse Unterstützung in Form von Löhnen und auf Soldzahlung 
für unnütze oder gar keine Arbeit hinausliefen, sowie eventuell 
eine Regierungsarmee für den Strassenkampf gegen die Socia- 
listen liefern sollten, zum Vorbild zu nehmen. Er konnte daher 
der allgemeinen Ignoranz gegenüber geltend machen, dass von 
einem 1848 missglückten grossen Versuch mit staatlich in 
Gang gebrachten socialen Wirthschaftsassociationen nicht im 
Entferntesten die Rede sein könne. Wohl aber hütete er sich, 
auch die andere Seite dieser Berichtigung zu zeigen. Aus dem 
Umstande, dass er keine Nationalwerkstätten, wie das antiso- 
cialistische Pariser Missgebilde von 1848, im Auge habe, ergab 
sich noch keineswegs, dass er nicht im Wesentlichen die Idee 
der Blancschen Socialwerkstätten verfolgte. Im Gegenthoil 
wurde durch seine Polemik gegen die Verwechselung .der Na 
tionalwerkstätten, elenden Ausgangs und Angedenkens, mit den 
noch unversuchten Blancschen Socialwerkstätten der Gedanke 
nahegelegt, dass er die letzteren oder vielmehr deren Idee mehr
        <pb n="525" />
        509 
oder minder gutlioisse und nachbilde. Indessen ist ibm in 
dieser Beziehung die erstaunliche Ungewandtheit seiner, auf dem 
fraglichen Gebiet in der That recht unwissenden Gegner zu 
Hülfe gekommen, so dass es ihm wirklich gelungen ist, die 
Aufmerksamkeit derselben von dieser Seite abzulenken und 
sein System von Productivassociationen, welche durch den 
Staat in Gang gebracht und mit Staatscredit unterhalten wer- 
den, als etwas gänzlich Neues und Eigenthümliches auszugeben. 
Uebrigens hatte aber in der Agitation des Augenblicks auch 
die Gegnerschaft kein sonderliches Interesse daran, die noch 
aminehitmiin^^thmhe Theorie mihn^ I^dnheit Ideht 
zu ziehen und die unverfälschten Gedanken eines Louis Blanc 
heraufzubeschwören. Die Unwissenheit ging also mit dem Inte 
resse Hand in Hand, und so wurde es Lassalle möglich, sein 
Schema von Productivassociationen als eine völlig neue Con 
ception und als das Universalmittel zur Behandlung des so 
cialen Problems darzustellen. Die in einem gewissen Sinne 
scharfe oder vielmehr zugespitzte Art und Weise, in welchei 
bekannte Wendungen der Theorie vor die Arbeiter oder deren 
Führer gebracht wurden, also gleichsam die besondere Gestalt 
der agitatorischen Formulirung, gehörte ihm unstreitig an, 
und in diesen, allerdings oft seltsamen, ja häufig pedantisch 
klaubenden Popularisirungsversuchen liegt, abgesehen von der 
Schöpfung einer socialistischen Parteiorganisation, sein Haupt 
verdienst. Aus diesem Grunde kommen für uns auch eigentlich 
nur seine kleineren Pamphlets aus der Zeit von 1863 m Be 
tracht, während schon das Büchelchen gegen Herrn Schulze, 
welches die socialökonomische Hauptschrift sein sollte, wegen 
seiner überwuchernden Scholastik und auch um seiner unästhe 
tischen, völlig ins Ordinäre gerathenden Polemik willen als ein 
Rückschritt angesehen werden muss. Wer nichts weiter von 
Lassalle als diese Schrift kennte, würde, falls er noch einiges 
Urtheil iSer theoretische Formgebung und über die Psycho 
logie der polemischen Leidenschaften übrig hat, unfehlbai zu 
der Vorstellung genöthigt werden, dass der Autor eines solchen 
ungeheuerlichen Gemisches von allgemeiner Theorie und klein 
lichstem Quark des Augenblicks nicht wirkliche Popularisirungs- 
zwecke verfolgte. Dennoch sieht man aus den früheren kleine 
ren Flugschriften, dass Lassalle bisweilen mit einem gewissen 
Maass von Ernst die Idee ergriffen habe, den Massen wirklich
        <pb n="526" />
        510 
Einiges von dem, was er aufrichtig für Wissenschaft hielt, bis 
zum vollsten Verständniss zugänglich zu machen. Dies ist, wie 
gesagt, seine beste, ja die einzige Seite, von welcher man sich 
mit seiner Denkungsart in Beziehung zu setzen und vom Stand 
punkt der Gesinnung zu dem besseren Theil seiner Bestre 
bungen eine Brücke zu finden vermag. In allen übrigen Be 
ziehungen, seien sie theoretischer oder praktischer Natur, mögen 
sie den Charakter oder die Intelligenz betreffen, — in allen 
andern Richtungen ist ein solches Verbindungsmittel nicht auf 
zufinden. Man kann der entschiedenste Socialist sein, und den 
noch unter Ausnehmung des einzigen angezeigten Punktes, die 
Möglichkeit einer Gemeinschaft der Haltung des Wissens und 
Wollens verneinen. Wie seltsam sich einem derartigen Sach 
verhalt gegenüber der Umstand ansieht, dass in Deutschland 
die erste nachdrückliche Agitation des Socialismus in den Hän 
den eines Lassallo gewesen ist, wird erst vollständig klar worden, 
wenn wir die Persönlichkeit näher untersuchen. 
7, Ferdinand Lassai (1825—64) aus Breslau, Sohn eines 
jüdischen Kaufmanns, entlief von der Handelsschule zu Leipzig 
und verfolgte wider den Willen seines Vaters die Absolvirung 
des Gymnasialcursus zu Breslau, wobei ihm die Mutter durch 
Verheimlichung behülflich war. Er studirte in Breslau und 
Berlin in der Richtung auf Philologie, kam schon an der ersteren 
Universität unter den Einfluss des Hegelthums und will sich 
schon früh mit Studien über Heraklit beschäftigt haben. Die 
nächste Lebensaufgabe, der er sich als junger Mann von 20 Jah 
ren widmete, war die Attachirung an eine emancipirte Gräfin 
und deren Processsache mit ihrem Ehemann. Hiemit führte 
er sich in die Skandalchronik ein, welche sich für ihn an den 
Namen Hatzfeld knüpfte, und in welcher schliesslich die An 
klage wegen der Veranlassung des Versuchs zum Diebstahl 
einer Cassette den Gipfelpunkt bildete, ohne dass jedoch eine 
gerichtliche Verurtheilung zu verzeichnen gewesen wäre, indem 
die damals noch mögliche sogenannte Freisprechung von der 
Instanz platzgrifi“. Auf diese halbe Freisprechung vom Jahre 
1848 folgte nun politisch radicale Propaganda, aber freilich 
erst als Widerstand gegen die bereits siegreiche Reaction. Ein 
halbes Jahr Gefängniss war das Ergebniss. Seit 1848 hatte 
sich Lassalle in Düsseldorf aufgehalten und siedelte 1857 nach 
Berlin über. Schon seit einer Reise nach Paris (1846) hatte er
        <pb n="527" />
        511 
seinen ihm missliebigen jüdischen Namen Lassai durch die An 
hängung der Silbe le französirt und war hierin von der Polizei 
unbehelligt geblieben. In Berlin veröffentlichte er 2 Bände 
über Heraklit (1858), in denen der Griechische Philosoph nach 
der Hegelschablone construirt und in demselben Sinne auch 
die erhaltenen Bruchstücke seiner Aeusserungen halb philo 
logisch ausgelegt und besprochen wurden. Die Yerrenkungen 
der natürlichen Ausdrucksweise nach dem Muster Hegels sind 
in diesem Buche noch ganz ungenirt. Schon ein wenig glatter, 
wenn auch noch sonst völlig der Hegelschematistik ent 
sprechend, fiel ein Buch aus, welches sich als „Theorie der 
erworbenen Rechte” (2 Bde. Leipzig 1861) betitelte und eine 
Durcharbeitung der Jurisprudenz verstellen wollte. Seine 
schwer zu bezeichnende Art und YV^eise erinnert an die den 
zwanziger Jahren angehörigen ersten Bände des universellen 
Erbrechts des Professor Gans, der jedoch schliesslich in einem 
späteren noch gelieferten Bande eingestehen musste, dass sich 
das Germanische Erbrecht nicht in die Hegelschen Kategorien 
fassen lasse. Es war dies der einzige bedeutendere und talent 
vollere Yersuch gewesen, das Hegelthum in die Privatrechts 
wissenschaft einzuführen. Er war circa ein Yierteljahrhundert 
vor der Lassalleschen Unternehmung, also in der eigentlichen 
Blüthezeit der Hegelschen Dialektik gescheitert, und nun kam 
in offenbar sehr verspäteter und unzeitgemässer Weise unser 
Autor, der sich auf Yeranlassung der Hatzfeldschen Process- 
sache an Streifzüge in das positiv juristische Gebiet gemacht 
hatte, mit seiner Prätension, die Rechtswissenschaft durch sinn- 
und formlose Hegelsuperstition zu reformiren und noch oben 
ein, wie der Titel besagt, „eine Yersöhnung des positiven Rechts 
und der Rechtsphilosophie” zu stiften. Der Römische rechts 
historische Stoff, der sich am leichtesten zusammenlesen liess, 
ist in dem Buch überwiegend, und es macht vom Standpunkt 
eines strengen, auf die unentstellten Thatsachen gerichteten 
Positivismus einen komischen Eindruck, die Lassalleschen Miss 
verständnisse und Yerschlingungen der Begriffe des reinen 
Römischen Privatrechts mit der Miene überlegener Kritik auf- 
treten zu sehen. Für den soliden Rechtstheoretiker hat dieses 
Werk nur den Werth eines abschreckenden Beispiels, indem 
es zeigt, zu welchen Yerunstaltungen der dem Gegenstände 
entsprechenden natürlichen Yorstellungsformeu die Heimsuchung
        <pb n="528" />
        512 
des juristischen Materials mit dem dialektischen Abergiaiiben 
auch in sonst nicht ungeschickten Händen und trotz eines ge 
wissen Maasses jüdischer Yerstandespointirung führen müsse. 
Der Verfasser war in dieser Schrift mit Hegel nicht mehr ganz 
einverstanden, sondern stellte sogar seine persönlichen Be 
mühungen zu einer Umgestaltung der Hegelschen Philosophie 
für den Fall in Aussicht, dass er hiezu die Müsse finde. Allein 
der „Versöhner”, welcher die erworbenen Rechte mit den Prin 
cipien der Revolution zu einer höheren Einheit verarbeiten zu 
müssen glaubte, fand bald eine Veranlassung, sich über den 
Sinn seines Versöhnerthums in einer praktischen Agitation 
seihst etwas klarer zu werden. Die Arheiterhewegung, welche 
mit dem weiteren Verlauf des seit 1861 inaugurirten Jahrzehnts 
in Folge der Rückwirkung des Amerikanischen Secessionskriegs 
auf die Europäischen Arbeitszuständc ein trat, reizte uusern 
politisch ziemlich radicalen Autor, sich nun auch in der ihm 
nähergetretenen socialen Strömung geltend zu machen und zu 
versuchen, sich des Steuers zu bemächtigen. In dem Jahr 
zehnt 1818—57 hatte er von Düsseldorf aus' mit den Rheini 
schen Arbeitern im Sinne der radicalen Politik verkehrt, und 
die dortigen Arbeiter sind auch später seine wärmsten An 
hänger gewesen. Hienach war es die politische Gonsequenz, 
welche ihn schliesslich zur Einlassung auf die socialistische 
Richtung bestimmte. Er begann das entscheidende agitatorische 
Eingreifen mit einem „Offenen Antwortschreiben etc.” (1863), 
in welchem er einem Leipziger Comité seine Theorie und sein 
Programm darlegte. Vorher hatte er in Berlin einen Vortrag- 
gehalten, der unter dem Titel „Arbeiterprogramm” gedruckt 
wurde und den Arbeiterstaat als das sich ergebende Ziel der 
gegenwärtigen Geschichtsepoche hinstellte. In diesem Vortrag, 
dessen Abhaltung zu einer criminellen Verfolgung wegen Auf 
reizung der Arbeiter gegen die Besitzenden die Veranlassung 
gab, findet man eigentlich nur eine philosophische Geschichts- 
construction, die äusserlich ziemlich verständlich gestaltet und 
innerlich wenigstens im Hauptpunkt nicht unzutreffend ist. 
Die übrigen Pamphlets, welche hauptsächlich in das Jahr 1863 
fallen, sind zu zahlreich und ungleichartig, als dass sic einzeln 
angeführt werden könnten. Sie theilen sich in Versammlungs- 
reden, Gcrichtsreden und überhaupt Schriften zu den verschie 
denen Criminalafiairen, mit denen man den Agitator heim suchte.
        <pb n="529" />
        513 
Doch sei zur Vermeidung von Missverständnissen bemerkt, 
dass unter dem Titel „Arbciterlesebucli” nur zwei Frankfurter 
Versammlungsreden zusammengefasst sind. Als bezeichnendes 
Curiosum mag auch erwähnt werden, dass die mehr als acht 
Bogen umfassende Erörterung über „Die indirecte Steuer und 
die Lage der arbeitenden Classen” (1803) eine gerichtliche Ver- 
theidigungsrede gewesen ist, wie denn überhaupt die Lassalle 
schen Plaidoyers in juristisch technischer Beziehung stets 
höchst ergötzlich ausfielen und auch wohl aus diesem Grunde, 
sowie der pikanten Züge und der etwas theatralischen Schau 
stellungen wegen, eine Reihe von Stunden hindurch angehürt 
wurden. Die Juristen, denen die amoenitates juris in der neusten 
Zeit sehr zusammengeschrumpft sind, Hessen gelegentlich ein 
mal die Eintönigkeit ihrer Geschäfte durch eine moderne 
Amönität wie Lassalle, geduldig unterbrechen. Die gesammten 
Flugschriften aus den beiden letzten Lebensjahren unseres so 
cialen Agitationsunternehmers umfassen einschliesslich der ge 
gen das Bastiatitenthum des Herrn Schulze gerichteten Schrift 
einen starken Band, sind jedoch bis jetzt in ihrer Vereinzelung 
verblieben. Der Verfasser hat trotz seines Reichthums nicht 
einmal wirksam dafür gesorgt, dass nach seinem Tode seine 
Arbeiten zusammenhängend zugänglich würden. Das buch 
händlerische Interesse hat sich aber von einer solchen Ausgabe 
noch nicht hinreichend angezogen gefunden, und so werden 
denn die betreffenden zersplitterten Piecen nur durch die buch- 
hinderische Sorgsamkeit der bcsondern Interessenten in voll 
ständigen Sammlungen bei einander gehalten. Dieselbe Unge- 
bundouheit, welche in dem Lebensgefüge des Autors in Rück 
sicht auf gute Sitte und natürlichen Anstand vorwaltete, hat 
sich auch auf sein literarisches Agitationsdasein übertragen. 
Schwerlich wird man in der Mehrzahl dieser Piecen später 
etwas Anderes als eben auch Stoff zur Zeitcharakteristik sehen. 
Das Kleinliche, welches in der ganz unnützen Einlassung mit 
völlig eintägigen Parteivarianten lag, hat für den Autor eine 
besondere Anziehungskraft gehabt. Er war trotz seines Radi 
calismus in der Superstition an untergeordnete Personnagen 
befangen und machte cs hier noch ärger, als in der reinen 
Theorie, wo er auch autoritätskrämerisch genug und zwar nicht 
etwa hlos zur Düpirung seiner Gegner oder Anhänger, son 
dern aus eigner Beschränktheit verfuhr. In der Politik griff 
Daliring, Goscliichte der Nationalokocomic. 2. Auflage. ù3
        <pb n="530" />
        — 514 — 
er aber Jeden auf, der ihm über den Weg lief, als wenn es 
sich um eine geschichtlich bedeutsame Erscheinung handelte. 
Aus blossen Figuranten einer ganz gleichgültigen Phase des 
volksvertreterischen Daseins schnitzte er sich eine Gegnerschaft, 
die nach etwas aussehen sollte, damit seine Einlassung mit 
solcher Misere einen grossen Anstrich erhielte. Eine derartige 
Wichtigthuerei mit dem für die wirkliche Geschichte und eine 
Agitation im grossen Stile gleichgültigsten Kleinkram ist ein 
Grundzug der Lassalleschen Manier gewesen und hat sich bei 
ihm weder im Wissen noch im Wollen irgendwo verleugnet. 
Der philosophirerische Hintergrund darf hier nicht täuschen. Für 
den unbefangenen Bourtheiler wird er vielmehr die fragliche 
Thatsache noch deutlicher machen, indem sich diesen riosen- 
mässigen Prätensionen universeller Auffassung gegenüber das 
wirkliche Verfallen in die Zwergpolcmik der niedrigsten Art 
nur um so entschiedener markirt. 
Von einem Tragödionversuch, dessen Lassallo noch 1859 
fähig gewesen ist, sowie von seiner Polemik gegen einen Dar 
steller der neusten Deutschen Literaturgeschichte habe ich hier 
nicht besonders zu reden. Nur sei summarisch bemerkt, dass 
sich das Herausgeben von Schriften aller Art in das letzte 
halbe Dutzend Lebensjahre zusammen gedrängt hat. Mit der 
Unreife des Alters kann daher keine einzige Eigenschaft und 
kein Bcstandthcil dieser Veröffentlichungen entschuldigt werden. 
Wer im 83. Jahre noch gewisser Dinge fähig ist, zeigt hiemit, 
dass sein ganzes Wesen die entsprechende Richtung habe und 
die Elemente derselben beibehaltcn werde. Die Mischung der 
Ideologie mit sehr ausgeprägten Gewöhnlichkeiten und mit 
Zügen einer unedlen Denkweise ist hier die am meisten kenn 
zeichnende Qualität. Doch wir wollen lieber gleich nach den 
Thatsaclicn und dem Ende fragen, welches für manchen Beur- 
theilcr deutlicher spricht, als die übrigens auch untrügliche 
Physionomie der Schriften. Lassallo hatte einen „Allgemeinen 
Deutschen Arbeiterverein” 1863 in Gang gebracht. Im folgenden 
Jahr, dem vierzigsten seines Lebens, betrieb er eine Iloiraths- 
angelogenheit mit einem reichen Fräulein, der Tochter eines 
Bairischen Beamten vom auswärtigen Departement. Dieses Ge 
schäft, welches er in der Schweiz und namentlich in Genf ver 
folgte, verwickelte ihn zunächst in einen Conflict mit der Fa 
milie, und da er der Dame gegenüber, die ihn im entscheidenden
        <pb n="531" />
        515 
Augenblick zu der bei der Sachlage durchaus nothwendigen 
Flucht mit ihr aufgefordert und sich seinem Schutz rückhaltlos 
an vertraut hatte, die ärgste Betise beging, die sich denken 
lässt, so verlor er von nun an deren Affection. Nicht ganz un 
erfahren, scheint sie den richtigen Schluss gezogen zu haben, 
dass ihr Bewerber nicht aus nachhaltiger und naturwüchsiger 
Leidenschaft agirte. Sie war in Genf aus der Wohnung ihrer 
Eltern, an deren Einwilligung sie verzweifeln musste, zu ihrem 
Heros geflohen, hatte ihr Schicksal ihm völlig anvertraut, — 
und siehe da, der grosse Mann, der starke Geist mit dem los- 
gebundenen Leben hinter sich, der Held der Arbeiterbewegung, 
der eigenhändige Träger des Stocks von Robespierre, der neue 
.Tacobiner, der gewaltige Politiker und zugleich feine Diplomat 
legte hier ein grosses Hauptzeugniss aller seiner grossen Eigen 
schaften ab, indem er die Dame wieder fein säuberlich zu ihrer 
Mutter in die Gefangenschaft und Lage zurückführte, der sie 
sich im richtigen Vorgefühl der sonst unabwendbaren Eindrücke 
und Folgen entzogen hatte. Die Verschmähung eines solchen 
Vertrauens, verbunden mit der beschämenden Lection, die in 
der Verwerfung ihres Schrittes lag, verträgt kein Weib; aber 
der grosso Psychologe und Rechtsphilosoph hatte beschlossen, 
seine Ehe auf einem andern Wege durchzusetzen und im eigent 
lichen Sinne des Worts die diplomatische Vermittlung des aus 
wärtigen Ministeriums in München, sowie den katholisch socialen 
Beistand des Mainzer Bischofsamts zur ordentlichen Erwerbung 
seines Bewerbungsgegenstandes in Anspruch zu nehmen. Von 
diesen beiden Grossmächten sollte auf den Vater in beiderlei 
Gestalt, mit der Macht von Staat und Kirche eingewirkt und 
Alles ordentlich nach den Grundsätzen der Beamtendisciplin 
und des kanonischen Schutzes erledigt werden. Auch liess 
unser jüdischer Held dem Mainzer Bischof seinen Uebertritt 
zum Katholicismus in Aussicht stellen. Auch abgesehen von 
dem kleinen Rechenfehler, dass er die Confession seiner Dame 
niclit gekannt haben soll, ist dieses pedantische, philisterhafte 
und nach dom Geschäft schmeckende Verfahren charakteristisch 
genug, um zu der Erinnerung zu berechtigen, dass ihm auch 
die schriftstellerische Physionomie des Theoretikers Lassalle 
ähnlich sieht. Dieselbe Einmischung von Pedantismus und die 
selbe Verkehrung der natürlichsten Situationen in verzwickte 
Umstäudlichkeiten drängt sich uns auch in der literarisch bcur- 
83*
        <pb n="532" />
        — 516 — 
kündeten Sphäre des Gedankenlebens unseres Autors auf. Eilen 
wir jedoch zum Ende. In derWuth, sich verschmäht und in 
seinem vermeintlich sehr klug betriebenen Unternehmen schliess 
lich überholt zu sehen, wollte er sich im Wege des Duells 
rächen, welches er sonst principiell abgewiesen hatte. In einem 
Berliner Falle war die Folge einer solchen philosophischen 
Frincipienconsequenz einmal eine Frügelaifaire gewesen. In 
Genf aber sollte der Bruch mit dem Princip noch schlimmere 
Folgen haben. Die Kugel des geforderten Gegners wurde in 
eine Partie des Unterleibs dirigirt, welche die Schrift des 
Herrn Bernhard Becker (Enthüllungen über das tragische Le 
bensende F. Lassalles, Schleiz 1868) nicht näher bezeichnet. 
Man sieht, dass der Ausgang weit davon entfernt war, tragiscli 
zu sein. Ueber die letzten Tage fehlt es bis jetzt an verläss 
lichen Nachrichten, und werden dieselben auch schwerlich je 
mals zu haben sein. Eine letzte Willens Verfügung gab noch 
nach dem Ableben Stoff zu Streitigkeiten, deren Natur ganz 
dem Geiste entsprach, in welchem der Testirer seine und fremde 
Angelegenheiten geführt hatte. Wer sich für die Verwicklungen 
interessirt, die das klägliche Ende vorbereiteten, findet in dem 
offenbar ehrlich gemeinten und gutgläubigen, auch keineswegs 
schmeichelnden Schriftchen des genannten, von Lassalle selbst 
zum Nachfolger in der Leitung des Arbeitervereins designirten 
Mannes eine ansehnliche Anzahl von Thatsachen und viel brief 
liches Material aus dem Kreise der verschiedensten betheiligten 
Personen. 
Wir würden auf eine scheinbar blos private Angelegenheit 
nicht näher hingewiesen, sondern einfach das Ende angegeben 
haben, wenn nicht grade hier die sprechendsten Züge für die 
Eigenart und Unzulänglichkeit des Acteurs zu finden wären, 
den Manche für eine besonders männliche Natur oder gar für 
den Träger einer eisernen Willenskraft gehalten haben. Seine 
Sucht, sich nach seiner Art elegant, dabei aber trotz der von 
Paris bezogenen Wäsche doch etwas orientalisch plump mit einci- 
reichen Toilette auszustaffiren, ist nur ein vereinzeltes Symptom 
seiner gesammten Haltung gewesen. Wie mit seinem Namen, 
so glaubte er auch mit seiner Person verfahren zu müssen. 
Er hätte gern mit dem ersteren auch seine Race gemodelt. 
Aber alle salonmässigen äussern Yerzierungsversuche, denen 
er in seinem üppigen Leben huldigte, konnten das Innere nicht
        <pb n="533" />
        517 
Yei-deoken. In seinen Schriften ist es fllr den aufmerkaamen 
Zergliederer ganz unverkennbar, und doch hat grade hier le 
Französirung noch die besten Früchte getragen. Sie hat ihn 
nämlich in den Schriften der beiden letzten Jahre, also in den 
socialen Agitationsstilcken, zu einer weniger ungeniesabaren 
Ausdruckswoise, zu einer etwas glatteren Foraigebung und zu 
schärferen Fointirungen gelangen lassen. Der Einfluss der 
Eoetüre Französischer Werke ist hier unverkennbar und, we t 
entfernt, diesen guten Erfolg zu bemängeln, sehen wir viel 
mehr in diesem Sachverhalt eine der Hauptursachen, dass diese 
Pamphlets grade noch hinreichend verstandesmassig ausgefallen 
sind, um nicht auf einer Linie mit den grössern ^eriren als 
ausserhalb der rationellen Gedankengemeinschaft stehend fl u- 
riren und ganz den todtgebornen Erzeugnissen einer 
reichen, halb blasirten, aber doch nach etwas autorschaftim 
Decoration haschenden Eitelkeit zugewiesen werden zu mussem 
Wie schon gesagt, ist das Maass von Popularisirung, w 
Dasein einer tieferen, auf echtes Wissen gerichteten Leiden 
schaft, aller gegentheiligen Versicherungen und Berrfuu e 
unbeachtet, verneinen müssen. Das Paradiren mit der Wissen 
schaft, auf welches wir bei Lassalle fortwährend treffen, wir 
liüüli 
(ligung omsclilagt, wird zwar das vorhandone Maass von Fähig 
koiton, die gleich schärferen Sinneswerkzengen mit jedem 
CWnakWr^Fims vmoinb:^ smd, nhdit vmdœnnen nnd he^d^ 
setzen, wohl aber überall bemerken, wie die Haltnng^osigkei 
in der einen, auch die Unhaltbarkeit in der andern Ilichtun« 
nach sich gezogen nnd das Wissen dem Charakter gemäss^gc- 
staltet hat. Der in mehreren Richtungen corrumpirende .kin- 
rtuss, der sich an die Pamphlets Lassalles knüpft, cai nie 
im Schatten verbleiben, wenn überhaupt von ihnen gesproc en 
werden soll. Diese Schriften möchten immerhin m socialer 
und politischer Beziehung zehnmal radicaloren Inhalts smn, a s 
sie wirklich sind; — dies würde ihren Werth für den Stan -
        <pb n="534" />
        518 
punkt unserer Geschichte nur erhöhen und uns sicherlich an 
einem beifälligen Urtheil nach keiner Seite hindern. Was uns 
aber wirklich hindert, ist die Thatsache jener sittlichen Ohn 
macht, welche die wohl gelegentlich von Andern beliebte Er 
innerung an den Namen Babeuf zu einem unabsichtlichen Spott 
werden lässt. Die bessern unter den eignen Anhängern und 
unter ihnen Herr B. Becker, der designirtc Nachfolger in der 
Präsidentschaft des Vereins, haben sich über einen g’rosscn 
rheil der auch von uns hervorgehohenen Charaktcrsciten nicht 
getäuscht. Der Mann, den Lassallo selbst des Vertrauens der 
Nachfolge würdig hielt, hat sich in der vorher angeführten 
Schrift stark genug geäussert. „Lassalle”, sagt er, „hatte grosso 
Schwächen und tiefgehende Leidenschaften. Seine mädchen 
hafte Eitelkeit, verknüpft mit dem Umstande, dass er der fade 
sten Schmeichelei zugänglich war; sein bis zum unbeugsamen 
Eigensinn gesteigertes herrisches Wesen, welches sich mitunter 
dem klar vorliegenden Besseren verschloss; seine Genusssucht 
in Beziehung auf Frauen, die ihn Alles vergessen und ihm 
seine Jahresrento von mehr als 5000 Thlr. nicht hinreichend 
erscheinen Hess; endlich sein Haschen nach der Beistimmung 
von Autoritäten, welches sich oft vergriff,” u. s. w. — in der 
That haben wir an diesen Worten irn Zusammenhang einer 
ochrift, die eigentlich zur Verherrlichung dienen sollte, hin 
reichende Fingerzeige für das, was die schärfere Kritik, die 
nicht dem persönlich befreundeten Kreise angehört, zu sagen 
haben würde, wenn cs ihre Aufgabe wäre, in die Falten des 
Lassalleschen Charakters einzudringen. Auch hat eben dieses 
Urtheil in einer anderweitigen, erst 1874 herausgegebenen und 
mit interessanten Mittheilungen aus dem Lassalloschen Agita- 
tionsarchiv ausgestatteton Schrift Bernhard Beckors „Goschiohto 
der Arbeiteragitation F. Lassalles” neue thatsächlicho Erläute- 
1 ungen erfahren, welche überdies die Motive des Agitators noch 
schlimmer zeichnen, als wir es auf Grund der für uns verläss 
lichsten Schlüsse aus seinen Schriften und den allgemein zugäng 
lichen, unbestreitbaren Thatsachon seines Lebens gethan haben. 
Wenden wir uns jedoch jetzt zu seinen theoretischen und socialen 
Anschauungen, die ihres Tages eine Rollo gespielt haben und 
noch erheblich fortwirken. 
8. Lassalle berief sich selbst gern darauf, dass er schon 
in seinem Buch über die erworbenen Rechte (in der langen
        <pb n="535" />
        619 
Anmerkung Bd. I S. 259-66) sein socialökonomisches Pnncip 
und Ziel angegeben habe. Was er dort sagt entbalt die Vor 
stellung, dass sich die Sphäre der privatrechtlichen Verfügung 
im Lauf der Goscliiclito verenge, indem über immer mehr 
Gegenstände nicht mehr nach Art des Privatrechts disponir 
werden dürfe. Dieser Gedanke ist nun allerdings insoweit wahr, 
als es sich um patriarchalische Pamilienrechto und um eine 
ähnliche oder feudale Herrschaftsübung handelt. Die Botrach- 
tiino- publicistischer Hechte aus dem Gesichtspunkt von Privat 
befugnissen verschwindet allerdings; aber dieser keineswegs die 
ganze Gescbichto als Schema beherrschende Vorgang hat mit 
dem Schicksal des ökonomisch erheblichen Eigenthums un 
der Vermögensrechte wenig zu schaffen. Die besondere An 
wendung, die Lassalle auf die Arbeit macht, indem er sich 
deren Ausbeutung in der Gestalt eines ferner nicht mehr 
trädichen Privatrechts an der fremden Arbeitskraft zu den e 
sucht, ist äusserst gezwungen. Selbstverständlicn ist aber seine 
Behauptung, dass die gegenwärtige Epoclie vor der ® ® 
ob cs weiterhin eine solche mittelbare Befugmss oder Macht 
zur Ausbeutung oder, wie wir lieber sagen würden, zpr Be- 
wirthschaftung der fremden Arbeit gleich einem Stuck E g 
thum geben solle, vollkommen zutreffend. Nur hätte er diese 
Frao-estellung nicht sich, sqndern schon der ersten Französischen 
Revolution zuschreiben sollen. Uebrigens läuft seine Auslassung 
am angezeigten Ort auf eine unbestimmte Vorstellung von einer 
lasser die eigentlich ökonomischen Studien erst noch zu machen 
hatte Auch hat er es später ausdrüeklich ausgesprochen, dass 
er zu dem rechtsphilosophischen noch ein nationalökonomisches 
Werk zu schreiben gedenke, welches denn freilich unter dem 
Einfluss der Agitation nur in der Gestalt des Pasquills „Herr 
Rastiat-Schulze von Dolitzsch, der ökonomische Julian, Wer 
Capital und Arbeit "(Berlin 1864) zu Tage gekommen ist. Der 
manchem Leser vielleicht befremdliche Titelzusatz „der ökono 
mische Julian” soll bedeuten, dass Herr Schulze in seiner Art 
einen ähnlichen Typus zeige, wie der Literaturgeschichtsdar- 
stollor Herr Julian Schmidt in der seinigen. Hio Titelwah 
ist also für den Pamphletschreiber schon kennzeichnend genug, 
zumal wenn man bedenkt, dass schon die sprachliche V endung,
        <pb n="536" />
        520 
die m dem Ausdruck Bastiat-Schulze liegt, eine ordinäre Philo- 
ogio andeutot. Es wäre nicht schwor gewesen, dem Lassai 
in mehr als einer entsprechenden Gegenwendung zu antworten, 
indessen bei den Gegnern der socialistischen Richtung fehlte 
OS zu einer angemessenen Erwiderung an zwei Dingen, näm- 
bch an moralischer Kraft, die nur eine Folge des guten Glau 
bens an die eigne Sache Sein kann, und an. dem mit den hin- 
rei^enden Kenntnissen ausgestatteten Talent. Lassalle hatte 
mcht viel Zeit gebraucht, um sich mit volkswirthschaftlichon 
Kenntnissen grade genug auszurüsten, um seinen Widersachern 
vnn der Manchesterfarbo oder denjenigen von der Richtung dos 
Herrn Schulze auf jedem Punkte überlegen zu sein. Es ist 
höchst bezeichnend für die Führung der Sache im andern Txi- 
ger, dass Herr Schulze mit einer kleinen Widorlegungsbroschüro 
^10 Abschaffung dos geschäftlichen Risico durch Herrn Lassalle, 
Berlin 186G) noch anderthalb Jahr nach dom Tode seines Go'mors 
hervortrat und sich, wie schon der Titel bemerken lässt, so 
benahm, als wenn er einem Lebenden gegenüberstände. Ueber- 
haupt schien noch der Schatten des Todton gleich einem Leben- 
( igen zu wirken, und der widerwärtige Ausdruck der Freude 
mit welchem in dem antisocialon Lager die Todesnachricht 
beg eitet worden war, hatte nur dieselbe Schwäche gekenn- 
zeichnet, die ^ch später noch vor dem Schatten fürchtete. 
Auch wer das Lassalloscho Wissen und Wollen nicht sonder 
lich zu achten und mit keiner positiven Ahfection zu begleiten 
im Stande ist, wird dennoch den weiten Abstand einräumen 
müssen, in welchem die Rollo des socialen Agitators die 
schwächlichen Verhaltungsmanieren seiner nächsten Wider 
sacher überragte. 
Die Consum- und Vorschuss vereine, die in Deutschland 
von Herrn Schulze in Gang gebracht worden waren, repräson- 
tirten das, was ihr Förderer die sociale Selbsthülfe nannte und 
womit er sich rühmte, die sociale Frage gelöst und den Socia- 
lismus überwunden zu haben. In dieser Art hat er sich weni^- 
stens in früheren Kammerreden ausgelassen, wenn er auch nun 
durch die ihm über den Kopf wachsende eigentliche Arbeitor- 
bewegung zu einer herabgestimmten Sprache gonöthigt wurde. 
Auch die Productivassociationen standen auf dem Papier sci- 
gi'osBG Schlussziel der socialen Selbst- 
ülfe sollte dann bestehen, durch Ersparungen des Arbeiters von
        <pb n="537" />
        521 
seinem Lohn zu derartigen Etablissements zu gelangen. Dies 
war offenbar unter den vorausgesetzten Umständen die Idee 
einer Schöpfung aus Nichts; denn das Nichtige oder völlig 
Unerhebliche solcher Ersparungen fällt in die Augen, zumal 
wenn die letzteren, wie angenommen, ganz freiwillig sein und 
nur in den Oonsumvereinen oder dem Bedürfniss der Yor- 
schussvereine einen kleinen Anreiz erhalten sollen. Die Er 
ziehung zum Sparen in den Consumvereinen mag als ein 
Stückchen ökonomischer Volkspädagogik hier und da einige 
Früchte tragen; mit dem erwachsenen, ja riesenhaft erwach 
senen Problem des Socialismus hat diese Disciplin der Spar 
kasse, um nicht zu sagen der Sparbüchse, nichts zu schaffen. 
Auf diese Kluft machte Lassalle mit dem vollsten Recht auf 
merksam; aber er stützte sich in der Bekämpfung der von 
Herrn Schulze auf Deutschen Boden verpflanzten Mittel auf 
das zweideutige Gesetz der Beschränkung des Arbeitslohns auf 
das geringste Unterhaltsmaass. Die Vorschuss-, Rohstoff- und 
Magazinvereine kämen nur für den Handwerker und das kleine 
Capital in Betracht, welches unausweichlich den Formen der 
Grossindustrie erliegen müsse, seien also gar nicht für den 
Arbeiter berechnet und führten auch übrigens nur einen reac 
tion är en Kampf gegen die Nothwendigkeiten der ökonomisphen 
Capitalconcentration. Die Consumvereine würden aber nur so 
lange etwas nützen, als sie nicht allgemein geworden wären. 
Im letzteren Falle würde nach dem Gesetz des geringsten 
Unterhaltsmaasses auch der geringe Vortheil, den sie gewähr 
ten, nicht bei dem Arbeitslohn verbleiben, sondern den Arbeit 
gebern anheimfallen. Productivassociationen seien dagegen nur 
unter finanzieller Hülfe des Staats im Wege des öffentlichen 
Credits durchzuführen. Nach demselben Princip, aus welchem 
die staatlichen Zinsgarantien für die Privateisenbahnen hervor 
gingen, rechtfertige sich auch die Förderung der grossen Cultur- 
aufgabo, den Arbeiter selbständig zu machen. Im herrschenden 
Productionsregimo seien nur wenige Procent der Bevölkerung 
in guter Lage; für die Preussischen Zustände in der Mitte des 
Jahrhunderts bezeuge die amtliche Statistik, dass 96 Procent 
so situirt seien, dass die Bestgestellten an der äussersten Grenze 
ein Einkommen von lOOThlr. erreichten, während über / 2 Procent 
unter 100 Thlr. verblieben. Eine solche Taxirung des Familien 
oinkommens nach Maassgabe der Steuer erinnert uns an ein
        <pb n="538" />
        522 
altes gediegenes Bild ähnlicher Natur, an die von uns ange 
führte summarische Schilderung Vauhans. Mit den erforder 
lichen Modificationen wird sich das darin ausgodrückte Stufen 
system in den verschiedensten Zeiten und für die mannich- 
faltigsten Länder antroifen lassen. Lassalle wies jedoch auf 
dieses Verhältniss nur hin, um das herrschende Ablohnungs- 
sy Stern als mit dem Massen Wohlstand unverträglich und das 
Gesetz des geringsten Unterhaltsmaasses als die Wurzel des 
Lehels zu charakterisiren. 
Ricardo hatte schon der Race wegen für Lassallc, von dom 
er wirklich über Adam Smith gestellt wurde, eine besondere 
Bedeutung. Das Ricardosche Lohngesetz wurde daher die Parole 
für die negative Seite der Agitationstheorio. Aus diesem stets 
unbestimmt gefassten Gesetz sollte sich die Unmöglichkeit er 
geben, mit der blossen Lohnarbeit zum Massenwohlstand zu 
gelangen. Wir haben meinfach von diesem vermeintlichen 
Gesetz gehandelt. Hier ist nur zu bemerken, dass sich Lassallc 
in einem Hauptpunkt sogar über die Ricardosche Vorstellungs 
art selbst irrte. Bei Ricardo ist das den Lohn regulirendo 
Unterhaltsminimum als Wirkung des Malthusschen Bevölke- 
rungsprincips gedacht und kann hievon nicht getrennt werden. 
Der Nachwuchs ergiebt die drückende Concurrenz, welche die 
Arbeiterexistenz am Rande der äussersten Lebensnothwendig- 
keit niederhält. Nun war aber Lassalle kein Malthusianer, 
sondern ging sogar entschieden von der Idee aus, dass die Ver 
mehrung der Arbeiteranzahl eine Steigerung des ökonomischen 
Wohlstandes mit sich bringen müsse, und dass der thatsäch- 
liche Widerspruch hiegegen seine Ursache nur in dem socialen 
System und speciell in dem seiner Natur nach minimalen Lohne 
haben könne. Das Gesetz schwebte also, genauer besehen, in 
der Luft und schränkte sich zugleich auf den noch sehr unbe 
stimmten Sinn ein, in welchem man es schon bei Adam Smith 
gelegentlich ausgesprochen findet. In dieser anscheinend kleinen 
Differenz steckte aber nichts Geringeres als eine totale System 
verschiedenheit in der Auffassung der politischen Oekonomie. 
Mit den falsch gedachten Bevölkerungsconsequenzen fällt auch, 
von allen übrigen Seiten der Sache abgesehen, die falsche 
Ricardosche Vorstellungsart von dem Lohngesetz zusammen. 
Die tiefer gehende Frage trifft nun die Wirkungen einer Con 
currenz, die nicht nothwendig als äusserstos Drängen auf die
        <pb n="539" />
        Existenzmittel liervorzutrctcn braucht. Ucbcr diese tiefeien 
AVirkungen ist sich ein Lassalle natürlich nicht klai geworden 
und hat den Einwendungen über die Nivoauverschiedonheiten 
dos Arbeitslohns nie etwas Anderes entgogenzusotzen gewusst, 
als die Meinung, dass diese Niveauverschiedenheiten der Grösse 
nach nicht viel zu bedeuten hätten. Dennoch sind aber oben 
sie diejenige Thatsache, durch welche der Socialismus erst 
möglich wird. Diese Thatsache ist es auch, die das vorberei 
tet, was man im Sinne Lassalles allenfalls den Arbeiterstaat 
nennen könnte. 
Der Gedanke dieses Arbeiterstaats war die erste speciellere 
Verzeichnung gewesen, zu welcher unser Agitator gelangte. 
Er hatte, wie schon früher angedeutet, eine Geschichtscon- 
Btruction entwickelt, derzufolge nach der mit der ersten Fran 
zösischen Revolution in den Vordergrund getretenen Bourgeoisie 
nun der politisch und wirthschaftlich durchgreifende und maass- 
gebendo Einfluss des Arbeiterstandes an die Reihe kommen 
und so erst die wahre Cultur herbeiführen müsse. Vi ie Louis 
Blanc im Eingang seiner Organisation der Arbeit das Benehmen 
der Bourgeoisie mit demjenigen Ludwigs XI verglichen hatte, 
der in seinen letzten Tagen den herannahenden Tod durch die 
Affectation von Gesundheit und Leben wegzulügen und sich und 
Andern Lebensfrische einzureden suchte, — ebenso, und wohl 
schwerlich ohne wirkliche Reminisconz aus dem Französischen 
Autor, sprach Lassalle davon, dass die Bourgeoisie „Frühlings- 
wehen in sich zu verspüren” und am Anfang zu sein vermeine, 
während sie im „Verfaulungsproccss” begriffen und mit ihrem 
Reich dem Ende nahe sei. Der Weg zu der Herrschaft des 
Arbeitorstandes in ökonomischer Beziehung sollte nun durch 
das politische Mittel des allgemeinen Wahlrechts gebahnt und 
auf diese Weise derjenige Staatswille geschaffen werden, der 
sich alsdann auf die Durchführung des Systems der Productiv- 
associationen zu richten hätte. Diese Brücke des allgemeinen 
Wahlrechts ist dadurch, dass sie stillschweigend anerkennt, 
dass aller Socialismus politische Vorbedingungen habe, eines 
der gelungeneren Elemente des Lassalleschen Programms. Die 
Productivassociationen selbst sind aber unklar gedacht. Sie 
sollen in grossen Dimensionen die ganze Gesellschaft umfassen 
und an jedem Ort eingeführt werden. Sie sind offenbar eine 
Copie der Blancschen socialen Ateliers; denn auch die letzteren
        <pb n="540" />
        5 24: — 
sollten nicht für Staatsrechniing, sondern für eigne Rechnung 
arbeiten. Auch sollten die Einrichtungen, die Lassalle im 
Auge hatte, ebenfalls ein Ganzes formiren, in welchem die 
gegenseitige Concurrenz und der von derselben herrühronde 
Theil des Risico wegfiele. Die vorgeschlagenen Creditmanipu- 
lationen sind ein nicht principiell wichtiges Detail und sollten 
nur dazu dienen, dem gegnerischen Einwand der Nothwendig- 
keiti colossaler Summen die Spitze abzubrechen. Dem Man 
chesterthum und der Maxime der Beschränkung auf bourgcois- 
mässigc Sclbsthülfe trat hiemit das Princip der Dazwisclien- 
kunft des Staats in der nachdrücklichsten Weise gegenüber, 
und dieser allgemeine Gegensatz hat seitdem in den Deutschen 
Arbeiterkreisen feste Wurzeln getrieben. 
Vergleicht man das Lassallesche Abbild, d. h. seine Vor 
stellung von den mit Staatscredit in Gang zu bringenden Pro 
ductivassociationen, mit dem Urbilde, also mit den socialen 
Ateliers, die Louis Blanc in seiner Organisation der Arbeit vor 
Augen hatte, und die mit den National Werkstätten nichts als 
ein gleichgültiges Wort gemein hatten, so findet man, dass die 
Copie in erheblichen Beziehungen dem Original nach steht. So 
sehr sich Lassallo auch bestrebte, über die geschäftliche Denk 
weise der gemeinen Concurrenz hinauszukommon und das Gegen- 
thcil derselben zum Princip zu machen, so hielt ihn doch an 
dererseits wieder die angestammte Anschauungsweise in einer 
widersprechenden Richtung fest, und was unter andern Um 
ständen ein Vorzug und ein Zeichen von Verstandesmässigkeit 
gewesen sein würde, führte in diesem Falle zu einer nur noch 
unhaltbareren Mischung. Der Französische Socialist hatte auf 
andere Beweggründe, als das gewöhnliche Interesse, gezählt, 
und er hatte ausserdem für die Erweiterung der Einrichtungen 
und den Nachwuchs einen besondern Fond ausgeworfen. Er 
hatte eine vollständige Gesellschaft verzeichnet und sich nicht 
auf die Production beschränkt, sondern die neuen Normen der 
Consumtion ins Auge gefasst. Bei Lassalle aber bleibt, aller 
entgegenstehenden Versicherungen ungeachtet, der Mechanismus 
der alten Form der Productionsantriebe thatsächlich bestehen, 
und es ist nur die vereinzelte Concurrenz des Individuums, 
welche in den Associationen aufgeht. Diese Associationen sollen 
sich zwar auch keine bourgeoismässige Concurrenz machen; — 
wie dies aber nach den Lassallcschen Dispositionen, nach denen
        <pb n="541" />
        525 
sogar dio Preiisaisclio Bank znr Discontirnng der Woobeel der 
IProdnotivgoBolkcliafton aiigovFioson v^ird, igoßclndien ecdlo, ist 
im eigontliokon Sinne des Worts nnerñndlicli. ^^lyeden hier 
natürlich nicht von der ahsolnten Unmögliohkoit, die iiir das 
Urbild ebenfalls gilt, sondern nur von der relativen Consequent 
und bedingungsweisen Möglichkeit, die auch für ein Gehil^der 
Ima(Tinationgofordertwerdenkann. Vondieserrelativen Wahr 
heit ist nun in dem Blancschen Schema ungleich mehr anzn- 
tregen als in der Lassalleschen Verzeichnung. Dies rührt 
daher dass der Französische Socialist in der fraglichen Bezie 
hung nicht auf halbem Wege stehen geblieben, sondern sich 
bewusst gewesen ist, das Socialitätsprincip und wirthschaft- 
licho Existenzrecht an die Stelle der Raisons des Productions- 
orfolc^s und der Verhültnisso desselben setzen zu müssen. 
Dieser letztere Gesichtspunkt war, an sich betrachtet, ieliler- 
haft, aber in dem Zusammenhang der fraglichen Art von bocia- 
lisinus ein Vorzug, der von weit mehr innerer Consequent und 
Fähio-keit zum Positiven der lebendigen schöpferischen Con 
ception zeugt, als die in sich ungleichartige Combination 
9. Erinnern wir unS, dass die Vorstellung vom Unterhalts 
minimum den Stützpunkt für die Nachweisung bildete, dass 
die Ahlohnungswirthschaft mit der Entwicklung des Arbeiter- 
wohlstandes unverträglich sei, und dass sich die Kluft zwischen^ 
Arbeit undCapitalimmermehr erweiternmüsse. DasRicar^sche 
Lohngesetz wurde jedoch von Lassalle nicht als dauerndes Natur- 
gesetz, sondern nur solange als eine eherne Nothwendigkeit he- 
trachtet, als das Lohnsystem selbst fortbestehe. Nach dem 
Malthus-Ricardoschen System ist dieses Gesetz aber ganz allge 
mein und ohne Einschränkung gedacht, und giebt man einmal 
seine Begründung zu, so muss man es auch im Hinblick auf 
einen andern Productionszustand gelten lassen. Nach einem 
solchen, allerdings falschen Raisonnement, welches aber von 
denen, die sich auf Ricardo und die Neubrittische Oekonomie 
stützen, nicht abgewiesen werden kann, bleibt das geringste 
Unterhaltsmaass um der zuwachsenden Bevölkerung un cei 
landwirthschaftlich begrenzten Production willen unter allen 
Formen und Verfassungen der Wirtlischaft, also auch nach der 
vorausgesetzten Abschaffung des Ablohnungssystems die norm- 
gehende Regel. Die Ursachen dieses Minimum sind nicht als
        <pb n="542" />
        ’iVi *" ^ 
526 
gesellscliaftliclie Yerfassungselemente, sondern als Naturver 
hältnisse gedacht, indem die angeblich wachsende Ernährungs 
schwierigkeit, verbunden mit der Tendenz der Bevölkerungs 
vermehrung, jenes berüchtigte Dasein an der Grenze des Hun 
gers erzeugen soll. Wenn nun aber Lassalle, ähnlich wie Herr 
Marx, geglaubt hat, sich auf Ricardo berufen und die Malthus- 
schen Yoraussetzungen des letzteren weglassen zu können, so 
hiess dies soviel, als die Folge annehmen und den einzigen 
Grund, aus dem diese Folge abgeleitet war, als unwahr be 
streiten. Wir sind auf diesen Fundamontalpunkt noch einmal 
zurückgekommen, weil ohne ihn die weiteren Lassallcschen 
Yorstellungcn von der Theorie nicht verständlich sind. 
Die nächste leitende Grundvorstollung ist die Idee, nach 
welcher das Capital nur eine vorübergehende ,,historische Kate 
gorie” sein soll. Lassalle hat sich in seinem grössern Pamphlet 
(Bastiat-Schulze) viel Mühe gegeben, den Sinn jener Formel 
populär zu veranschaulichen. Wir brauchen jedoch hier nur an 
das zu erinnern, was wir bei Gelegenheit der entsprechenden 
Yorstellungsart dos Herrn Marx gesagt haben. 
In einer Schrift, die den Namen Bastiat wenigstens indi 
rect zum Gegenstände macht, hätte man eine ernstliche Ein 
lassung mit Bastiats Formulirungon erwarten sollen. Herr 
Schulze mit seinem Arbeiterkatechismus war sicherlich kein 
geeigneter und greifbarer Gegenstand für eine wirklich theore 
tische Polemik. Für die Agitation wäre es aber genug ge 
wesen, ihm vorzuhalten, dass er durchgängig Bastiatitisch redete, 
ohne seinen dem Arbeitervorstand vorenthaltenen Gewährs 
mann anders als mit den ergötzlichsten Missverständnissen und 
Oberflächlichkeiten zweiter Potenz zu reproduciren. Lassalle, 
dem auch hier das Augenblickliche und Nächste über die dauern 
den Gedanken ging, und dom sich unwillkürlich immer der un 
mittelbare Agitationserfolg auch dann unterschob, wenn er recht 
wissenschaftlich zu verfahren vermeinte, hat gegen Bastiat 
selbst nur einen einzigen erheblichen Punkt vorgebraclit, mit 
welchem er ein Stück Wahrheit allerdings enthüllte, oder viel 
mehr ein Stück Unwahrheit demaskirte. Der Begriff des 
Dienstes, mit welchem der Franzose seine Werththeorio con 
struirte, sei keine wirthschaftliche Yorstellung, sondern schiele 
noch immer nach der Arbeit als dem Worthprincip, während 
er auf der andern Seite etwas befassen und rechtfertigen solle.
        <pb n="543" />
        527 
was als wirthschaftliche Leistung auszugeben unthunlicb sei. 
Das Beiwort „verlogen”, welches einem Lassalle (und zwar 
aus der eignen Behausung) in seiner Stilart geläufig war, 
wurde hier einmal mit Recht angewendet. Natürlich kann es 
nicht bedeuten, dass Bastiat in der Grundform seiner Auf- 
fassungsart sich deutlich einer Unwahrheit bewusst gewesen 
wäre, sondern es kann nur heissen sollen, dass der Standpunkt 
dieser Vorstellungsart der Verhältnisse ein von Natur trüge 
rischer sei, an welchen sich die mehr oder minder bewusste 
Lüge bei jeder weiteren Bethätigung und bei jeder unterdrückten 
Regung des sich anmeldenden Gefühls des innern Widerspruchs 
unvermeidlich knüpfen müsse. Letzteres ist denn auch im 
Bastiatitenthum fast regelmässig der Fall. Die bonhommistische 
Spielart desselben, mit welcher es Lassalle zunächst zu thun 
hatte, licss den Constrast der guten Absicht und der mit dem 
zweideutigen und zweiseitigen Standpunkt unausweichlich ver 
bundenen Täuschung noch mehr horvortreton. Dieser schielende 
Trug und die zugehörige Corruption mit ihrem Beschönigungs 
und Aussöhnungsschein fanden in Lassalle einen Widersachei, 
der um so rücksichtsloser verfuhr, als er selbst mit den Schleich 
wendungen vertraut und die menschliche Natur aus unmittel 
barster Anschauung auch von den schlechteren Seiten sach 
kundig zu würdigen wusste. Es konnte ihm eher alles Andeie 
begegnen, als dass er sich hätte durch den mit gut scheinen 
den Gemüthlichkciten gemischten Charakter der gegnerischen 
Propaganda über die innerlichen Unwahrheiten der doppe - 
seitigen Tendenz in seinen drastischen Blosstollungen beirren 
lassen. Mit dem Schielenden des Dienstes hatte es seine Rich 
tigkeit, und nur die Meinung, dass man diesen Begriff nicht 
wirklich auf eigentlich wirthschaftliche Leistungen beschränkt 
denken könne, ist unzutreffend. Was aber Bastiats thatsäch- 
licho Wendungen hinbelangt, so wissen wir ja, woher jenes 
Schielen und jener unwahre Begriffsbcstandthcil rührte; — 
beide waren die einfache Folge der Ungeschicklichkeit und 
Verlegenheit, in welche Bastiat, der bisher nur das Arbeits 
prill ei p gekannt hatte, durch sein Plagiat aus Carey, mit dem 
er nicht genug anzufangen verstand, gerechter und koniiscler 
Weise gerathen war. 
In allem Uobrigen ist es Lassallo nicht gelungen, den In 
halt des Bastiatschen Buchs irgendwo ernstlich in einem wich-
        <pb n="544" />
        528 
tigen Punkte zu widerlegen oder auch nur unbefangen zu ver 
stehen. Der Formel von der ersparten Arbeit schiebt er 
schliesslich das grade Gegentheil von dem unter, was sie be 
deuten soll, und behauptet selbst das, was diese Formel, richtig 
verstanden, in sich schliesst. Die schlechte Auslassung Bastiats, 
welcher das Careysche Gesetz der Rcproductionskosten un 
passend ein kleidete und dabei noch ins Händlerische verdarb, 
mag hier zu einer Entschuldigung der misslungenen Erörte 
rungen Lassalles dienen. Der Letztere redete übrigens von 
Tauschwerthen und Gebrauchsworthon in Uoberoiustimmung 
mit Herrn Marx und der rückständigen Ookoiiomio der scho 
lastischen Art in einer Weise, als wenn in den Bastiatschen 
Harmonien oder auch schon bei Ricardo nichts Erhebliches 
über die Kluft zwischen Nutzen und Werth zu finden gewesen 
wäre. Doch zeigte sich Lassallc in dieser Beziehung bereits 
nicht mehr ganz so beengt als damals noch Herr Marx. 
Im Allgemeinen ist über die theoretische Haltung Lassallos 
noch anzuführen, dass er sich durch das Bestreben auszeich- 
iiete, statistische Thatsachen und finanzielle Verhältnisse rech 
nend und schlicssend zu verwerthen, nicht aber als decorative 
üeberflüssigkeit, sondern als wirkliches und populäres Auf 
klärungsmittel zu gebrauchen. In diesem, die Vorstellungen 
schärfenden Sinne benutzte er das oben angeführte Bild von 
den Vermögensverhältnissen und befasste er sich mit der 
Kennzeichnung der indirecten Besteuerung als des Mittels, 
durch welches die Bourgeoisie den grössten Theil der Steuer 
lasten auf die Massen abwälze. Bei dieser Gelegenheit be 
gegnete es ihm allerdings auch, die der Form nach directe 
Grundsteuer kurzweg als eine Consumtionssteuer anzusehen, 
die in den landwirthschaftlichen Erzeugnissen bezahlt und von 
den Verbrauchern dieser Artikel getragen werde. Er hatte 
hiebei speciell die ältere Gestalt der Proussischon Grundbestcue- 
rung vor Augen, würde aber mit seiner Naivotät unter allen 
Voraussetzungen fehlgegriffon haben. Es ist im Hinblick auf 
diese Vorstellung auch charakteristisch, dass die Bodenrente 
bei Lassalle überhaupt fast gar nicht berührt worden ist. Die 
Unvollständigkeit seines ökonomischen Vorstellungskreises wäre 
aus dieser Vernachlässigung deutlich genug zu ersehen, wenn 
sie nicht schon aus der übrigen Art und Weise bemessen wer 
den könnte.
        <pb n="545" />
        529 
10. Ablohnung mit dem geringsten Unterhaltsmaass und 
Capitalherrschaft gehörten nach Lassalle zusammen. Beide Er 
scheinungen sollten durch das Reich der Productivassociationen 
verschwinden, und die letzteren sollten durch denjenigen Staats- 
willcn entstehen, welcher mit Hülfe des allgemeinen Wahlrechts 
zu erzeugen wäre. So richtig nun auch der politische Weg 
überhaupt ist, so wird man doch bei dem Vertrauen auf die 
baldigen Leistungen des allgemeinen Wahlrechts lebhaft an die 
Art erinnert, wie Las salle seine Heirath mit Hülfe des Bairi 
schen Ministeriums und des Mainzer Bischofsamts zu forciren 
gedacht hatte. Heberhaupt trug seine Agitation einen sehr 
gemischten Charakter zur Schau und zeigte, um einen der 
Lassalleschen Redeweise angemessenen Ausdruck zu gebrauchen, 
bei allem Radicalismus noch genug philiströse Eigenschaften. 
Sein Voreinsgebilde, welches schon der Preussischen Gesetz 
gebung wegen centralistisch ausfallen musste, theilte sich in 
^Gemeinden,” — ein Wort, welches weniger politisch als viel 
mehr thatsächlich im Sinne eines Fanatismus zu nehmen war, 
welcher diese sociale Gruppirung zu einer Art Religion machte. 
Natürlich hat cs denn auch nicht an solchen Anhängern ge 
fehlt, die den Stifter des Vereins wirklich als den Messias im 
Sinne einer neuen socialen Religion betrachteten und mit dem 
Urheber dos Christenthums verglichen. Auch ist anzunehmen, 
dass Lassalle, trotz seines zur Schau getragenen Hinwegseins 
über alle religiösen Beengtheiten, dennoch die angestammten 
Gewohnheiten und Neigungen seiner Race nach dieser Seite 
hin keineswegs überwunden hatte. Zunächst hatte er die Lücke, 
ähnlich wie sein Stammesgenosse Herr Marx, durch eine ab 
surde philosophirerischo Superstition ausgefüllt. Sein letztes 
Coquettiron mit Berufungen auf katholische Beistände in der 
socialen Frage hat den Schwächepunkt seines Denkens in 
dieser Richtung deutlich genug verrathen. Auch erklärt die 
innere Haltungslosigkeit der Lebens- und W^eltanschauung das 
halb dem äussern politischen Zweck, halb dem innern ange 
stammten Hange entsprechende Spielen in der angezeigten 
Richtung nur zu gut. Doch hat man sich nicht etwa vorzu- 
stellon, dass es zu ernstlichen praktischen Beziehungen dieser 
Art gekommen sei, oder auch nur hätte kommen können. 
Etwas näher lagen dagegen die Cooperationen mit der Partei 
und den Regierungselementen, die sich auf feudale Ueberliefe- 
Dahring, Geschichte der Nationalökonomie. 2. Auflage. 34
        <pb n="546" />
        580 
rimgen stützten. Lassalle hat nicht nur zu feudalen Zeitungen 
seine Zuflucht genommen, um dort das zu sagen, was von der 
hourgeoismässigen Presse unterdrückt wurde, sondern er hat 
auch einige, freilich ziemlich entfernte Beziehungen zu dem 
ministeriellen Leiter der Preussischen Regierung gehabt. Diese 
Verhältnisse sind bis jetzt noch nicht völlig aufgeklärt; aber 
im Grossen und Ganzen wird man schwerlich etwas Erheb 
liches constatiren, was mehr enthielte, als das, was schon aus 
den verschiedenen politischen Pamphlets unseres Acteurs zu 
entnehmen ist. An Berührungen analoger Art hatte es ja 
auch bei Louis Blanc und bei Proudhon nicht gefehlt. Der 
grössere Anstand, ja man kann sagen eigentliche Würde war 
zwar nur bei Louis Blanc anzutreflen gewesen, der mit Louis Bo 
naparte, aber nicht mehr mit dem Vollbringer des Staatsstreiches 
oder gar mit dem zweiten Kaiserreich Beziehungen gehabt 
hatte. Proudhon war aber in seiner Art und Weise und in 
seinen Schriftenwidmungen zu bizarr und hielt viel zu ent 
schieden an der Revolutionsgerechtigkeit fest, als dass man die 
gelegentlichen Kreuzungen und Berührungen mit den Feinden 
seiner Gegner, sei es in der Anschauungsweise, sei es in uner 
heblichen äusserlichen Beziehungen, zu hoch anschlagen könnte. 
Bei einem Lassalle kam freilich ausser der gewöhnlichen Eitel 
keit auch noch diejenige hinzu, welche gern den Juden ausge 
zogen oder wenigstens durch das Eintreten in eine vornehmere 
Atmosphäre ein wenig verhüllt hätte. Nach Bernhard Beckers 
Agitationsgeschichto (S. 25) hat er sich sogar selbst in dieser 
Richtung vertraulich ausgesprochen: „Es giebt vorzüglich zwei 
Classen von Menschen, die ich nicht leiden kann, die Literaten 
und die Juden — und leider gehöre ich zu beiden.” Wie er 
den ihm zu jüdisch klingenden Namen französirt hatte, so 
haschte er auch offenbar danach, demselben durch die Be 
rührung mit aristokratischen und bisweilen nicht einmal so 
überaus ungleichartigen Existenzen eine Folie und zugleich 
seiner Agitation einen politischen Rückhalt zu geben. Die 
Verfolgungen durch Criminalproccsso thaten bei ihm nichts zur 
Sache, indem er sich die Würdelosigkeit von Beziehungen, die 
mit solchen Gestaltungen vereinbar waren, gefallen Hess. Doch 
ich kann hier nicht in eine Zergliederung von Verhältnissen 
eingehen, die in ihrer allgemeinen Gestaltung jedem politisch 
Erfahrenen bekannt sind, und bei denen die ihren Lauf
        <pb n="547" />
        531 
nehmende Verfolgung ganz ungezwungen als Zeugniss für die 
Unabhängigkeit benutzt werden kann. Jedoch behaupte ich 
nicht, dass Lassallo selbst in dem Falle gewesen ist, eine 
solche Nutzanwendung nöthig zu haben, sondern nehme an, 
dass er sich in die widerspruchsvollen Beziehungen auf eigne 
Kosten ohne sonderlichen Gewinn ergeben hat. Mit dom letzten 
Jahr unterlag er mehr und mehr den herrschend werdenden 
Anschauungen und, weit entfernt, dieselben seiner Sache dienst 
bar zu machen, diente er vielmehr unwillkürlich dem Gegen- 
thoil. Er wollte Realpolitik treiben, erklärte Macht und Recht 
so ziemlich für einerlei, sah die thatsächlichen Verfassungen 
sehr einseitig als einen blossen Ausdruck der Machtverhält- 
nissc an und glaubte, indem er sich die Anschauungen der 
modernisirten politischen Reaction aneignete, in seiner bekann 
ten wunderlichen Arroganz, dass diese Gegner von ihm ge 
lernt hätten. Lassen wir jedoch diese Komik des Verhält 
nisses, auf die wir in den verschiedensten Pamphlets in ganz 
ungenirter Selbstpreisgebung treffen. Die Ideologie, verbun 
den mit der naturwüchsigen Rudität und dem Mangel an 
Veredlung der gemeinen Antriebe, erklärt sehr Vieles von der 
seltsamen Wahlverwandtschaft. Die Ideologie der Corruption 
kann sich mit der Romantik derselben in manchen Bezie 
hungen berühren. Doch wir dürfen über der halb feudalen 
Romantik und deren Beziehungen zu der Arbeiterfrage nicht 
den Kern der Lassalleschen Art und Weise selbst vernach 
lässigen. 
Dieser Korn bestand in der Anstachelung des Neides der 
Nichtbesitzenden gegen die in guter Lage Befindlichen, bpielt 
nun auch, unbefangen und philosophisch betrachtet, der Neid 
im Haushalt der Natur seine unentbehrliche Rollo, so war der 
Ausgangspunkt dennoch ein falscher. Der Agitator hatte den 
Arbeitern gesagt, dass sie ihre Lago nicht absolut, sondern in 
Vergleichung mit derjenigen der Bourgeoisie betrachten soll 
ten. Dies wenigstens war der Trumpf, den er ausspielte, wenn 
er bei einer andern Haltung theoretisch in Verlegenheit gekom 
men wäre. Man kann es sich gefallen lassen, ja man muss es 
positiv gutheisson, wenn die gewissenlose Ueppigkeit des Da 
seins donuncirt wird, die in ihrem Uebermuth und in ihrei 
Blasirtheit keinen Gedanken für den Mangel und die Entbeh- 
übrig hat. Allein es hiess denn doch etwas zu tief in 
34* 
rungen
        <pb n="548" />
        532 
den Schmutz greifen, wenn die blinden Ressentiments im Sinne 
einer blossen „Magenfrage” herauf beschworen wurden. Es war 
in der Ordnung, das Classenhewusstsein anzuregen und die 
zwitterhaften Dienste zu entlarven, auf welche die Yertrotcr 
einer vormundschaftlichen Patronisirung der Arheiterinterossen 
pochten. Allein es hiess die bessere Natur verleugnen, die 
Selbständigkeit und die Motive des Kampfes nur in den ungeklär 
ten Regungen des Neides suchen zu wollen. In dieser Region 
fühlten sich daher auch grade die corruptesten Parasiten des 
Feudalismus und der Superstition am meisten an gezogen. Sic 
fanden in den Lassalleschen Pamphlets auch das Gemeine, für 
das sie am ehesten Verständniss hatten. Auf diese Weise 
geschah es, dass nicht die bessere, sondern die schlechtere 
Seite der Agitation und der Theorie seltsame Freunde fand. 
Die volkswirthschaftlicho Unwissenheit klammerte sich viel 
fach an Lassalles Auseinandersetzungen, weil aus den letzteren 
eher etwas zu entnehmen war, als aus den gemeinen Lehrbüchern. 
Wie sehr sich Lassalle in der Theorie vergriff', und wie 
er die feindlichen Leidenschaften überall ins Auge fasste, zeigt 
seine Beurtheilung der Arbcitercoalitioncn, die zum Zweck der 
Lohnerhöhung oder der Verkürzung der Stundenzahl mit dem 
letzten Mittel der Arbeitseinstellungen agiren. J5r sah in diesen 
Coalitionskämpfen nur den einzigen Nutzen, die Ressentiments 
wach zu halten, und hatte keine Ahnung davon, welche Kraft 
sich in dieser Richtung entwickeln lasse, und wie der ganze 
Socialismus an diese naturwüchsigen Erscheinungen anzu 
knüpfen habe. Statt dessen baute er auf wirthschaftliche Asso 
ciationen, die nach seiner eignen Annahme einen überwiegend 
politischen Einfluss der Arbeiter voraussetzen, um überhaupt 
möglich zu werden. 
Einzelne Freunde Lassalles sagen von ihm, dass er zuletzt 
selbst nicht mehr an die Durchführbarkeit seines Programms 
geglaubt habe. Welche Bewandtniss es hiemit nun auch haben 
möge, so ist doch nicht anzunohmen, dass er im Allgemeinen 
an den Grundzügen seiner Zukunftsvorstellungen verzweifelt 
haben sollte. Wohl aber ist es nur zu denkbar, dass er für 
sein specielles Programm den Glauben verloren hatte. Seine 
schliesslichen Neigungen, die Gesammtheit der innern und 
äussern Politik in Rechnung zu bringen, und seine Hinwendung 
zur nationalen Frage zeugen dafür. Die mit der Reformations-
        <pb n="549" />
        533 
zeit coquettirenäe Romantik war ihm schon früher ein wenig 
in das Blut gedrungen, und die mit der Schleswig-Holsteinschen 
Frage sich ankttndigendo Preussische Kriegsära scheint seinen 
Sinn vollends gefangen genommen zu haben. Das Auitieten 
des Preussischen Ministerpräsidenten in der Innern Gon- , 
flictspolitik und die bereits absehbaren grösseren Actionen 
nach Aussen haben ihm um so mehr imponirt, als diese That- 
sachen und Aussichten ja auch der Niederwerfung seiner spe- 
ciellen politischen Gegner, nämlich der sogenannten Fortschritts 
partei, galten. Theils sein eignes Eingehen in die Richtung 
der nationalen Einheitspolitik, die eine aus halb feudaler 
Romantik und modern militairischem Imperialismus gezeugte 
Zwitterlösung finden sollte, theils die späteren Thatsachen 
selbst haben es mit sich gebracht, dass der Allgemeine Deutsche 
Arbeiterverein Lassalles in die Phase einer Art Nationalsocia- 
lismus eintretcn konnte. Hiedurch ist der Gegensatz gegen den 
Internationalismus ziemlich scharf ausgeprägt worden, und man 
kann Lassalle von der intellectuellen Urheberschaft dieser auf 
die Dauer für allen echten Socialismus unhaltbaren Position 
nicht freisprechen. 
11. Obwohl es streng genommen gegen das Princip einer 
Geschichtsschreibung der reinen Wissenschaft verstösst, die, 
wenn auch nur in einem sehr allgemeinen Sinne sich christ 
lich nennenden und in dieser Beziehung autoritären Ausgangs 
punkte socialistischer Theorien zu berücksichtigen, so spielen 
doch die Mischungen der verschiedenartigsten Elemente oft so 
wunderlich, dass man nicht umhin kann, zur Vorbeugung von 
Missverständnissen eine Ausnahme zu machen. Wir haben bis 
her den Centaur einer sogenannten christlichen Yolkswirth- 
schaftslehre mit gutem wissenschaftlichem Gewissen auf sich 
beruhen lassen können, obwohl er in den verschiedensten Län 
dern literarisch erschienen ist und schwächliche Abbilder von 
ihm auch noch heute bei uns in Deutschland existiren. Nicht 
ganz so widerwärtig, wie die Mischungen der eigentlichen 
Nationalökonomie mit einem angeblichen Christenthum, sind 
die weit natürlicheren Berührungen eines wirklichen und auf 
richtigen Socialismus mit religiösen Gesichtspunkten. Dies 
haben wir im Verlauf unserer Geschichte grade an den bedeu 
tendsten Erscheinungen, wie namentlich an St. Simon, festge 
stellt, und der einzige Unterschied, der bei allen Arten reli-
        <pb n="550" />
        53á 
giöser Färbung’ des Socialistiscben von Erheblichkeit wird, be 
steht in der autoritären oder nichtautoritäron Einführung der 
fraglichen Ideen. So wenig uns der praktische Socialismus als 
Zubehör oder Folge religiöser Sectirung etwas angeht, so kön 
nen wir doch eigentliche Socialtheorien, bei denen die Mischung 
mit dem Christlichen einen mehr moralischen Charakter hat, 
und die sich vornehmlich auf letzte sittliche Principien, wenn 
auch in einer ungeeigneten Form, berufen, nicht als völlig gleich 
gültig verurtheilen. Solche Erscheinungen sind wenigstens 
kennzeichnend für gewisse, nicht unwichtige Abwege der Ideen 
gestaltung, und so mögen denn hier noch einige Worte über einen 
bisher sehr wenig bekannt gewordenen Deutschen Socialiston 
(Winkelblech) Platz finden, der unter dem Namen Karl Mario 
im Verlauf des Jahrzehnts seit 1848 ein umfangreich angeleg 
tes Werk „Untersuchungen über die Organisation der Arbeit 
oder System der Weltökonomie” zu etwa zwei Dritteln veröffent 
licht hat. Die Abschneidung dieser Publication durch den Tod 
hat den dritten Band betroffen, der die praktischen Verzeich 
nungen geben sollte und von welchem nur vier Hefte (1857—59) 
erschienen sind. Die zwei vorangegangenen Bände (als solche 
d. h. nicht nach der Zeit des heftweisen Erscheinens unter den 
Jahreszahlen 1850—57) enthalten eine darstellende Beurtheilung 
der geschichtlichen Erscheinungen in volkswirthschaftlicher 
und socialistischer Theorie sowie in der Classen- und Staaten 
politik und ausserdem eine Art reiner wirthschaftlicher Doctrin. 
Die letztere, welcher der zweite Band gewidmet ist, macht sich 
meist sehr pedantisch und platt. Sie strotzt von Gemeinplätzen 
und dilettantisch angeeignoten Schulbegriffen. Dagegen ist 
der erste historische Band in seinen zwei Abtheilungen nicht 
ganz ohne Eigenthümlichkeiten, und die bisweilen geschichtlich 
zutreffende Anschauungsart zeigt, dass der Verfasser nicht ohne 
Anlage zu echt politischen Beobachtungen gewesen sei. Dies 
verdient um so mehr hervorgehoben zu werden, als die ver 
ständliche, von den gewöhnlichen Philosophastpreien der be 
treffenden Generation freie Redeweise von Mario mit dem 
sonst üblichen Hegelianischen Jargon der Zeit vortheilhaft 
contrastirt. Auch ein nicht sonderlich häufiges Maass von 
gutem, nicht durch Eitelkeit interessirten Willen, ohne die 
sonst nur allzu greifbaren Beimischungen von bewusster So- 
phistik und trügerischer Absicht, zeichnet allem Anschein nach
        <pb n="551" />
        — 585 
(len Charakter des Verfassers aus. Da seine Arbeit hei ihrer 
bisherigen, sehr erklärlichen Obscurität wenig zugänglich sein 
und da sie auch wohl späterhin nur von einem kleinen Theil 
des Publicums zur Hand genommen worden möchte, so müssen 
wir unsere Mittheilungen ausnahmsweise mit speciellon Anfüh 
rungen belegen. 
Das Buch unseres Autors hat schon in den Jahren nach 
1848 den Namen des Socialismus direct auf seine Fahne ge 
schrieben und auch in der Beurtheilung der geschichtlichen Er 
scheinungen in Gredanken und Thaten seinen Sympathien Aus 
druck gegeben. Am Ende der ersten Abtheilung des ersten 
Bandes wird die Geschichte von Frankreich, England, Nord 
amerika und Deutschland aus dem socialen Gesichtspunkt, abei 
mit berechtigter Hineinziehung der grossen Politik besprochen. 
Von unserm Lande wird (S. 456) gesagt, dass es nicht tiefer 
sinken könne, und dass in den geschichtlichen Hebungen und 
Senkungen der Volkorpplitik nun Deutschland an die Reihe 
kommen müsse und nach dem höchsten Grad der Erniedrigung 
nun zuversichtlich ein Aufsteigen zu gewärtigen habe. Dieser 
patriotische Ausdruck wäre im Munde eines Weltökonomisten 
und eines Autors, welcher dem Monopolismus oder ungerechten 
Ausschliessungsprincip ein von ihm in seiner neologistischen 
Art als Pampolismus bezeichnetes allseitiges Recht entgegen 
stellt, fast überraschend zu nennen, wenn nicht auch sonst, wie 
schon angedeutet, der Blick und Tact für die innern und aus 
wärtigen politischen Verhältnisse bei ihm in einer Weise 's oi- 
herrschte, wie es im Bereich ähnlicher Gedankenkreise nicht 
der Fall zu sein pflegt. Die Aufmerksamkeit auf eine nicht 
zwangsweise construirte, aber dennoch socialökonomisch durch 
dachte Geschichte mag hier die Erklärung geben. Auch be 
greift es sich hienach, dass unser Autor Louis Blanc für den 
Historiker erklärt, der sich das Verdienst erworben habe, die 
neuste Geschichte von der bourgeoismässigen Auffassung zu 
befreien. Wie Mario über die entscheidende Mehrheit der 
publicistischen, Politik treibenden Gelehrten der Deutschen 
Universitäten dachte, ersieht man einige Seiten weiter (468), 
wo es heisst: ,,Die traurigste Rolle bei der Deutschen Bewe 
gung haben die Gelehrten und namentlich die Lehrer an unsern 
Hochschulen gespielt. Diese kleinlichen, in halbliberalen Grund 
sätzen erzogenen, von dem sie weit übersehenden Geldadel als
        <pb n="552" />
        536 
unbewusste Werkzeuge gebrauchten Pedanten vermochten weder 
ihren beschränkten Gesichtskreis zur Idee der demokratischen 
Staatsform noch zu der einer socialen Reform zu erweitorn" . . 
Sie . . , „lieferten den Beweis, dass unsere Hochschulen nicht 
die Brennpunkte des geistigen Lebens der Nation, sondern Sitze 
der Kleingeisterei und Beschränktheit sind.” Man vergesse bei 
diesem ürtheil nicht, dass nicht die strengeren Wissenschaften 
und auch nicht einmal die rein positive, mehr civilistische 
Jurisprudenz, sondern nur die Publicistik und Nationalökonomie 
in Frage sind, und dass für andere Länder sich das betreffondo 
Verhältniss in manchen Beziehungen noch schlimmer gestaltet. 
Adam Smith hatte von der Leistungsfähigkeit der Universi 
täten überhaupt auch in seinem Vaterlande keine grosso Moi- 
nung, und bei dem engen Zusammenhang von Theorie und 
Praxis ist es nur ein entsprechendes Soitenstück, wenn ein Humo 
die theoretische Capacität der betreifenden Sphäre völlig ver 
achtete. Dio Marloscho Auslassung ist nur eine gelegentliche 
Nebenregung, die mit dem bekannten Urtheil über die Frank 
furter Nationalversammlung als über ein sogenanntes Profes 
sorenparlament zusammentraf, zugleich aber die theoretische 
Wuizel der praktisch traurigen Gestalten andeutete. Von 
der hohen Bourgeoisie wird es einige Seiten weiter ausge 
sprochen, dass sie „mit der einen Hand nach der Krone 
der Fürsten und mit der andern nach dem Eigenthum des 
Volkes greift.” 
Das Beste an der Marloschen Arbeit ist der erste Band, 
weil derselbe sich mit den fremden Ideen und geschichtlichen 
Erscheinungen beschäftigt, und auch schon die erste Abtheilung 
mit ihrem Schluss über die Rolle der verschiedenen Staaten 
genügt vollkommen, um den Verfasser kennen zu lernen. Wir 
können daher seinen Standpunkt als einen solchen betrachten, 
wie er den Jahren 1848—50 entsprach, und können uns auf 
diese Weise auch die freilich nebensächliche Färbung der An 
schauungsart erklären. In der Vorrede zur zweiten Abtheilung 
sagt uns der Verfasser, dass er gegen die Mitte der vierziger 
Jahre bei einer technischen Reise in Norwegen auf Veranlas 
sung der begründeten Elendsschilderungen eines dortigen Deut 
schen Fabrikarbeiters den Gedanken gefasst habe, sich nicht 
mehr blos um Maschinen und Technik, sondern um den Menschen 
und sein wirthschaftliches Schicksal zu kümmern. Die Schwierig-
        <pb n="553" />
        537 
keiten der Existenz bilden in Marios Anscbauungskreis den Aus 
gangspunkt, und es wird von ihm ausgesprochen, dass alle fer 
neren Fortschritte der Cultur im laufenden Jahrhundert bereits 
in erster Linie und entscheidender Weise von denjenigen der 
Wirthschaft abhilngen. Uebrigens betrachtet unser Autor auch 
jede politische Partei- und Standesposition als etwas, was nur 
durch Rechte von materiell wirthschaftlicher Bedeutung lebens 
fähig erhalten und zu dem werde, was es vorstellt. In der 
Geschichtsauffassung prägt sich diese Idee nach allen Rich 
tungen aus. Ist nun auch hiebei das Vorbild Französischer 
Socialisten vielfach maassgebend gewesen, so muss man doch 
einräumen, dass die Anwendungen des betreffenden Gedankens 
in keinem Deutschen Werk in gleichem Grade und mit glei 
cher geschichtlicher Positivität aufgetreten waren. Die Kritik 
der Liberalistik und ihrer socialen Geschichtsansichten ist in 
vielen Richtungen zutreffend; aber freilich ruht sie auch zu 
gleich auf einem Grunde, welcher es unserm Socialisten un 
möglich macht, den Standpunkt des natürlichen Fortschritts 
einzunehmen. Obwohl er das monopolistische Princip und mit 
ihm die Ausschliessungen aller Art als ungerecht bekämpft, so 
geräth er doch seltsamerweise auf dem Wege seiner Kritik der 
materiellen Liberalistik zu einer Stellungnahme, in welcher 
er die Gewerbefreiheit als eine zu überwindende Phase an 
sieht und auf Gebilde ausblickt, die zwar nicht in einer fal 
schen Romantik die Zünfte wiederbeleben und ausschliessend 
sein, aber dennoch ähnlich geregelte Gruppirungsformen wer 
den sollen. 
12. Der Ausdruck „societäre Geschäftsform” bleibt bei Mario 
ein Wort, über dessen Begriff kein irgend genügender Auf 
schluss ertheilt wird. Nur soviel sei bemerkt, dass auch die 
Landwirthschaft in diese undefinirbare gesellschaftliche Betriebs 
form hineingezogen werden soll. Wüsste man nicht, dass der 
Verfasser jener weiterstrebenden Minderheit angehörte, welche 
nach 1848 im Bereich der sich gegen die Gewerbefreiheit keh 
renden Handwerkerregungen ein socialistisches Ziel ins Auge 
fasste, so würde man keinen einzigen Anhaltspunkt haben, um 
den Sinn der vorgeschlagenen Grundgestalt der ökonomischen 
Existenzgarantirung näher zu bestimmen. Auf S. 186 der 
ersten Abtheilung giebt er uns jedoch selbst die Petitions 
schriftstücke jener rückläufigen Bewegung und identificirt sich
        <pb n="554" />
        — 538 — 
mit ihrem Inhalt, dessen Abfassung auch sogar seinen eignen 
Stil zur Schau trägt. Das Reden von der Erstrebung einer 
„wahrhaft christlich germanischen Zunftvcrfassiing’^ (S. 181), 
verbunden mit der Berufung auf den politisch und religiös 
retrograden, durch die Ermahnung der Wissenschaft zur Um 
kehr berüchtigten Rechtsphilosophirer Stahl,| ist ein Zeugniss, 
welches keiner Erläuterung bedarf. Nur glaube man nicht, 
dass die Marloschen Ausführungen nicht wesentlich rationell 
und trotz des seltsamen Standpunkts auch für den Anders 
denkenden nicht völlig lesbar gehalten wären. Würden sie der 
Manier eines Stahl gleichen, so würde in unserer Geschichts 
darstellung von ihnen keine Notiz genommen sein. Man hat 
sich bei der Beurtheilung einer Erscheinung, wie das Marlo- 
schc Buch, eben an den seltsamen Widerspruch zu gewöhnen, 
der zwischen dem praktisch beengten Ausgangspunkt eines be 
stimmten, sich in besondorn socialen Verhältnissen bewegenden 
Menschenlebens einerseits und dem freieren socialistischen 
Drange andererseits bestanden hat. Das Aeusscrste der Ver 
kehrtheit ist sogar noch zu erwähnen übrigj denn wir haben 
in unserm Autor einen Mann vor uns, der in allen Punkten, 
mit Ausnahme eines einzigen, allerdings moralisch sehr wich 
tigen, das Muster eines Malthusianers abgiebt. Die Ausnahme 
ist die den Massen sympathische und überhaupt viel gerechter 
und edler gestaltete, nicht der Bourgeoisie schmeichelnde Ge 
sinnung. Dagegen sind die theoretischen Vorstellungen und 
praktischen Gonsequenzen ein classisches Ebenbild der Mal- 
thusschen Corruptivitäten. Zunächst wird mit dankenswerther 
Offenheit an die Spitze gestellt, dass ohne künstliche Reguli 
rung der Bevölkerungsmenge von keiner socialen Form, wie 
sie auch beschaffen sein möge, die Beseitigung des Massen 
elends ermöglicht werden könne. Im Reich des neuen Marlo 
schen Socialismus wird daher neben dem Schlagwort der socic- 
tären Geschäftsform die Eindämmung der Bevölkerung in den 
Staaten alter Cultur die entscheidende Hauptangolegonhoit. 
Jedermann hat nach Mario ein Recht auf Existenz und Arbeit, 
aber nicht auf üebervölkerung. An die Stolle der früher er 
wähnten Malthusschen Kanzelvermahnung tritt bei Mario (Bd. III 
S. 109) die amtliche Einhändigung einer Abhandlung über die 
Pflichten eines Familienvaters, nicht um die betreffende Ehe 
im Sinne von Malthus noch an der Schwelle zu hindern, son-
        <pb n="555" />
        539 — 
dem um in der Ehe für die Verhütung einer zu grossen Kinder 
zahl Wissen und Gewissen des neuen Ehebürgers gleich beim 
Eintritt in Anspruch zu nehmen. Da jedoch bei dem Prole 
tariat die Einhändigung einer solchen Abhandlung keine Aus 
sicht auf Erfolg biete, so müsse Rechtszwang in Gestalt der 
Nachweisung von „Kindergut” und bei einem etwaigen vierten 
Kinde nachträglich Nachweisung von noch V3, widrigenfalls 
aber Strafarbeit bei nur nothdürftigem Unterhalt eintreten. 
Diese Proben aus dem praktischen Theil unserer christlich 
moralisch auftretenden Socialphilosophie werden (Bd. III S. 92) 
fast noch durch die Empfehlung überboten, religiöse Orden um 
der Beförderung der Ehelosigkeit willen zu begünstigen und 
Schwesterhäuser mit dem gleichen Zweck zu stiften, um dem 
Trieb zur Beschäftigung mit Kindern und deren Erziehung eine 
künstliche Nahrung zu geben. Aus der letzteren Idee leuchtet 
jene Unnatur hervor, deren Wurzel in falschen Vorstellungen 
von dem überschwenglich überwiegenden Interesse einer Seele 
an Verhältnissen zu suchen ist, bei denen die Natur auch in 
den hochsittlichen Beziehungen nicht fehlen darf, wenn sie nicht 
zur Oorruptionsgestalt oder Caricatur des edleren Typus wer 
den sollen. 
Die ganze Gestalt Marios erinnert in den wichtigsten Haupt 
beziehungen an jenen Venetianer Ortes, den wir bei der Dar 
stellung von Malthus berührt haben, und welcher vor dem 
Engländer die rückläufigen Bevölkerungsanschauungen^ culti- 
virte. Auch er verband mit der religiösen Rückständigkeit und 
der Vertheidigung des Oölibats einen gewissen politischen Radi 
calismus, und diese Mischung, die gleich allen Oombinations- 
producten der Geschichte erklärt werden muss, ist es ja auch, 
die dem Marloschen Werk sein absonderliches Aussehen gegeben 
hat. Die Ausrottung des Proletariats auf dem Wege der Straf 
arbeit für zuviel erzeugte Kinder ist nur der nackte Ausdruck 
einer Idee, deren Wurzel bei den Malthusianern der heutigen 
Generation ebenfalls vorhanden ist und nur in versteckterer 
oder in verschämter Weise Nahrung zieht und spendet. 
Der Socialismus auf Grundlage Malthusisch gearteter Be 
völkerungsvorstellungen und entsprechender Bevölkerungspolitik 
ist eine vereinzelte Abnormität, und wir machen noch schliess 
lich darauf aufmerksam, dass die socialistischen Antriebe und 
Theorien der Regel nach entschieden antimalthusisch ausge-
        <pb n="556" />
        540 
fallen sind. Die beiden Erscheinungen, die wir in diesem 
Capitel in den Vordergrund stellten, haben sich, wenn auch 
nur inconsequent, vor dem Malthusianismus gehütet. Lassalle 
tritt niemals mit einer Malthusschen Voraussetzung hervor und 
hegte in der That, wie ich aus eigenhändigen Privatbriefon 
desselben entnommen habe, solche Ansichten, die theoretisch 
und praktisch in der ganz entgegengesetzten Richtung lagen. 
Er that sich sogar darauf etwas zu gut, eine neue Wendung 
gegen das Malthussche Recept aufgefunden zu haben, die frei 
lich nur bedingungsweise gelten sollte, da er auch in der reinen 
Theorie ein Naturgesetz der Uebervölkerung leugnete und alle 
Hemmungen nur auf die rein socialen Formen, nicht aber auf 
eine Leistungsunfähigkeit der Natur zurückführte. Jene Wen 
dung bestand in der Hinweisung auf den Gesichtspunkt der 
Concurrenz. Gesetzt, ein Arbeiter wolle sich in der Kinder 
erzeugung beschränken und im Glauben an die vermeintliche 
Noth Wendigkeit so den Markt des Arbeitsangebots von seinem 
Vermehrungsbeitrag etwas erleichtern, so habe er doch niemals 
eine Bürgschaft, dass die Andern ein Gleiches thun. Zu Gunsten 
der Möglichkeit fremder Kindererzeugung werde er aber nicht 
zurücktreten ; er würde aut diese Weise nur das Feld räumen, 
um es von Andern besetzen zu lassen. W^ir können hinzu 
fügen, dass cs sogar unter Voraussetzung der Richtigkeit * des 
falschen Naturgesetzes der Uebervölkerung eine unterdrücke 
rische Zumuthung sein würde, den Leuten zu sagen, dass sie 
auf die Fortexistenz in Kindern und auf den Kampf um die 
Fortpflanzung ihrer Familie und Art verzichten sollen, damit 
bei jedem Zurückweichen die klügeren Bestandtheile der Ge 
sellschaft oder ihre Nachbarn um so bequemere Eroberungen 
für ihre eignen Sprösslinge machen können. Hienach würde 
also auch unter Annahme der meist poetisch fehlgreifenden 
Darwinistischen Vorstellungen von dem allgemeinen Kampf 
aller lebenden Wesen um Dasein und Daseinsart die praktische 
Gonsequenz immer dahin ausfallen, dass kein Einzelner, keine 
sociale Gruppe, keine Nation und keine Race bei klarem un- 
düpirtem Bewusstsein freiwillig zu einem Verhalten überginge, 
welches keine andere Wirkung haben könnte, als die fremde 
Volksvcrmehrung auf Kosten des eignen Verzichts zu begün 
stigen und mithin den Goncurrenten in dem unstreitigen Haupt 
punkt, d. h. in der Anzahl der ernährbaren Existenzen, zu
        <pb n="557" />
        541 
stärken. Wir haben jedoch an die natürlich antimalthusiache 
Tendenz des Socialismus nur erinnert, um die geschichtliche 
Position des letzteren nach dieser Seite hin noch einmal scharf 
zu markiren. Die ersten socialistischen Regungen aus der Zeit 
der grossen Französischen Revolution fanden sich auf der einen 
und Malthus social conservative Feindseligkeit auf der andern 
Seite. An diesem ursprünglichen Verhältniss hat die thatsäch- 
liche Geschichte des Socialismus nichts geändert, sondern den 
Gegensatz nur noch schärfer ausgebildet, so dass man behaup 
ten kann, alle Vorstellungen und Bestrebungen, die seit Babeuf 
ernstlich socialistisch und volksmässig, ohne Fouriersche Narr- 
heiten oder rückständige Donquixoterien hervortraten, seien 
antimalthusisch und weit davon entfernt gewesen, ein eigent 
liches Naturgesetz der liebervölkerung zuzugeben. In der neu 
sten Zeit ist dies an dem Beispiel Proudhons am deutlichsten 
geworden, indem sich hier trotz der Ricardoschen Einflüsse die 
den socialistischen Fortschritt beherrschende Tendenz gegen 
die Uebervölkerungsideen einen positiven unzweideutigen Aus 
druck gegeben hat.
        <pb n="558" />
        Neunter Absohnitt. 
Die Gegenwart. 
Erstes Capitel. 
Die alten Parteien und die rückläufigen Elemente. 
Je lebensvoller eine Generation in die alte üeberlieferimg 
eingreift, um so mehr muss sie sich im Denken und im Handeln 
auf das Gute und Schlimme cinlasscn, welches die abgclaufenc 
Geschichte an Gedanken und Einrichtungen mit sich gebracht 
hat. In dem Maasse als dies geschieht, wird auch die Aus 
sicht auf eine lebensfrische Zukunft vorhanden sein. Wo aber 
in Gedanken nicht einmal immer der bessere Antrieb der Ver 
gangenheit zur Fortsetzung gelangt, da wird ein wesentlicher 
Mangel zu ergänzen sein. Dieser Fall trilFt nun für die ersten 
drei Viertel des 19. Jahrhunderts zu, indem sich in ihnen die 
freiheitliche Denkweise der zweiten Hälfte des 18. Jahrhun 
derts durch ein in der Literatur und Presse vorherrschende 
Anbequemung an das priesterliche, politische und sociale Be- 
vormundungsprincip ersetzt findet. Der thatsächliche Einfluss 
der triumphirenden Besitzclasscn hat eine in jeder Richtung 
heuchlerische Halbheit der wirklichen oder vorgegebenen An 
sichten begünstigt. Die geistige Zwitterhaftigkeit und Corrup 
tion ist durch die Bestrebungen, die weiteren Folgen der Re 
volution aufzuhalten, in einem Grade tonangebend geworden, 
dass sich die gediegenen und gesetzten Antriebe von bedeu 
tender Tragweite in der äussersten Minorität, um nicht zu 
sagen in der Vereinzelung befinden. Nicht blos die Presse, 
sondern auch überhaupt die Literatur hat in allen Richtungen,
        <pb n="559" />
        5á3 
unci selbst da, wo die Wissenschaften und sogar die dem Poli 
tischen an sich selbst fremden Wissenschaften in Frage kom 
men, in Mittheilungsart und Inhalt überwiegend den Bourgeois- 
charaktor angenommen. Selbst die naturwissenschaftliche Denk 
weise und der theoretische Materialismus sind durch die Ein 
mischung der gegen die Volksmasse gerichteten Unterdrückungs 
interessen gefälscht und an ihrer propagandistischen Wirkung 
durch die Zurichtung für die sogenannten Gebildeten arg be 
einträchtigt worden. Zu den Beschränktheiten und dem Egois 
mus des die Volksmenge bewirthschaftenden Besitzbürgerthums 
hat sich von Zeit zu Zeit auch noch die priesterlieh feudal Be 
gehrlichkeit mit der zugehörigen Romantik und Bornirtheit 
wieder in den Vordergrund gedrängt, und neben dem thatsäch- 
lichen Unheil, welches ihr die Umstände in äussern und innern 
Kriegen anzurichten -^erstatteten, hat sie auch die geistige und 
moralische Atmosphäre zeitweilig so ungesund machen können, 
dass die gelegentlich hervortretende Ansicht, man sei um 
mehrere Jahrhunderte zurückgekommen, nicht befremden darf. 
Dieser reactionäre Charakter, den die Oberfläche des 
19. Jahrhunderts trägt, darf jedoch nicht über die bessere 
Unterströmung täuschen, die in den auf ernsthafte Umgestal 
tung gerichteten Ansätzen und in einer die letzten Schichten 
vertretenden Minderheit von entschlossenen Charakteren gele 
gentlich auch einen oben sichtbaren Ausdruck gefunden hat. 
Angesichts dieser Unterströmung, welche im Bereich der mit 
dem Arheitssold Abgelohnten aller Gattungen ihre Tiiebkräfte 
hat, steht die Geschichte vor der Frage, ob die heutigen Cultur- 
völker an ihrer socialen Verfassung immer mehr erkranken 
und schliesslich im Sinne des Römischen Kaiserreichs verwe 
sen sollen, oder ob sie die Aussicht haben, ohne einen solchen 
Vorwesungshcrgang in einer unmittelbareren Weise zu den 
neuen, von der philosophischen, politischen und socialistischen 
Aufklärung geforderten Zuständen zu gelangen. An der Ein 
sicht und an frischen geistigen Triebkräften fehlt es der kei 
menden neuen Welt durchaus nicht, und grade in der Existenz 
von Ideen, die in allen bisher wirksamen Motiven der Ge 
schichte noch nicht entwickelt waren, besteht die neue Situa 
tion. Nicht irgend eine materielle oder technische Entwick 
lung an sich selbst, sondern das bestimmtere Wissen und 
Wollen des Menschenrechts ist der entscheidende Ausgangs-
        <pb n="560" />
        punkt. Die vorher angeführte Frage bezieht sich daher auch 
nur auf die Ungewissheit, — nicht ob sich die Ideen durch 
setzen, sondern ob sie sich ohne die Dazwischenkunft eines 
lange andauernden Verfaulungsprocesses der alten Zustände ihr 
neues Reich begründen werden. Der Raub von der einen, kann 
den Raub von der andern Seite erzeugen, und dies war die 
Art, wie sich das Alterthum mit einigen Missständen der wirth- 
schaftlichen Ungleichheit gelegentlich und sehr unvollkommen 
auseinandergesetzt hat. Ein Rousseau fürchtete auch in der 
neuen Zeit die allgemeine Brigandage, und so etwas würde 
allerdings das Schicksal der modernen Civilisation in Europa 
und Amerika sein, wenn der Hass das herrschende Princip 
bliebe und die Programme des Socialismus auf der Gegenseite 
zu keiner moralischen Anerkennung gelangten. Indem der 
Reactions widerstand jede moralische V erständigung ablehnte 
und die Waffen als ausschliessliche Entscheidungsmittel hervor 
kehrte, würde er selbst die Schuld tragen, dass die sittliche 
Gemeinschaft vollends zerstört und die Gesellschaft auf der 
schiefen Ebene der Brutalität immer weiter hinabgerollt würde. 
Wenn die blos mechanischen Kräfte entscheiden sollen, so ist 
auf einen vollständigen Sieg in der einen Richtung niemals, 
auf der andern Seite aber nicht allzu rasch zu rechnen. Es 
würde sich also die Geschichtsentwicklung unter dieser Voraus 
setzung in räuberische Thcilkämpfe auflösen, mit denen zu 
nächst keine befriedigende Ausgleichung, sondern im besten 
Falle nur eine gelegentliche Bethätigung der über allen positiven 
Einrichtungen thronenden Rache und Gerechtigkeit verbunden 
sein könnte. Indessen ist nicht von vornherein anzunehmen, dass 
die Entäusserung von allen die Menschheit verbindenden Ideen 
bei den herrschenden Classen soweit gehen sollte, um jede 
Möglichkeit der Zustimmung eines Theils ihrer Elemente zu 
den socialistischen Noth Wendigkeiten auszuschliessen. In diesem 
günstigeren Falle würde nicht die zersetzende Fäulniss, son 
dern die verbindende Belebung der Gemeinschaftsbande den 
nächsten Menschenaltern ihr Gepräge aufdrücken, und man 
könnte verhältnissmässig rasch zu den besseren Einrichtungen 
gelangen. 
2. Nach der Hinweisung auf den reactionären Knoten und 
die ernste Situation, welche sich zunächst für den Rest des 
Jahrhunderts ankündigt, haben wir die erregenden Gedanken
        <pb n="561" />
        545 
und Thatsachén specieller zu gruppiren. Zunächst sind es die 
überlieferten wirthschaftlichen und politischen Parteien älteren 
Ursprungs und überlebter Art, die wir sammt dem geistigen 
oder geistlosen Zubehör an überwundenen Theorien oder ge 
lehrten Volleitäten zu skizziren haben. Alsdann müssen uns 
in Rücksicht auf die allgemeine Ideenrichtung die socialdemo 
kratischen Organisationen und Programme beschäftigen, inso 
weit sich dieselben mit dem Lassalleschen Arbeiterverein, mit 
der Internationalen und mit der Bakuninschen Alliance verbreitet 
haben. Eine dritte Gruppe von Thatsachen und Ideen wird 
um das Weltereigniss der Pariser Commune zu gruppiren sein. 
An letzter Stelle bleiben dann nur noch einige Anführungen 
übrig, durch welche die Unterschiede des socialitären Systems, 
wie wir es verstehen, in Vergleichung mit den früheren auf 
eine gesellschaftliche Umgestaltung abzielenden Gesichtspunkten 
unzweideutig erkennbar werden. 
Die alten wirthschaftlichen Parteien sind zunächst auf den 
häuslichen Streit von Schutzzoll und Freihandel angewiesen. 
Dieser Streit ist auch nach der entschiedensten Protections 
theorie ein sehr übertägiger und vergänglicher, da ja von den 
hervorragendsten Vertretern dieser Theorie nur eine kurze Frist, 
etwa ein Jahrzehnt, gefordert wird, um in den Hafen des uni 
versellen Freihandels einzulaufen. Anders verhält es sich frei 
lich mit den Schutzpraktikern. Diese stützen sich aber auf 
keine Theorie, sondern hier ist es einfach die Kraft, einen 
Monopolvortheil zu erhalten oder neu einzuführen, was über die 
Politik der industriellen Unternehmer entscheidet. In Nord 
amerika hat die Zweideutigkeit, mit welcher Greeley zu Gunsten 
der Möglichkeit seiner Präsidentschaftscandidatur (1872) seinen 
Schutzzollstandpunkt so ziemlich preisgab, einigermaassen über 
die Nachhaltigkeit der theoretischen Ueberzeugungen aufgeklärt, 
zumal der Betreffende sich in seinem kleinen Buch (Essays . . . 
political economy, Boston 1870), welches zur Vertheidigung der 
Schutzlehre bestimmt war, in der Vorrede nicht in einer Art 
ausgesprochen hatte, wie es die volle Ueberzeugungskraft mit 
sich bringt. Auf Amerikanischem Boden ist das Schutzsystem 
aber noch des Lebens grüner Baum zu nennen, wenn man es 
mit der Dürre vergleicht, welcher es in Europa anheimgefallen 
ist. Hier fehlte nur noch, dass es durch Thiers Anwaltschaft 
seit 1871 vertreten wurde, um in socialer Beziehung gründlich 
Dühring, Geschichte der Nationalökonomie. 2. Auflage. 35
        <pb n="562" />
        546 
und für immer cornpromittirt und des Heiligenscheins entkleidet 
zu werden, mit dem es theils durch eine romantische Theorie, 
theils durch die zeitweilige Dienstbarkeit an wirklich nationale 
Interessen zuerst in Deutschland und später für Nordamerika 
umgeben worden war. In letzterem Lande hatte nicht nur der 
berechtigte wirthschaftliche Kampf gegen die Brittischo Macht, 
sondern auch der Gegensatz des mehr manufacturistischen 
Nordens gegen die Sklavenfeudalität der freihändlerischon und 
von den ausbeutenden Classen Englands patronisirten südlichen 
Baumwollenjunker dem Protectivsystern politische Anknüpfungs 
punkte verschafft. In Deutschland war es aber die nationale 
Consolidation gewesen, die Anfangs einige Lebensfrischo in den 
protectionistischen Widerstand gegen Brittische und andere 
Gefährdungen gebracht hatte. Seit den neusten Wendungen 
der socialen Verhältnisse kann auf Europäischem Boden, etwa 
mit Ausnahme Russlands, wo die Ideen und Thatsachen noch 
sehr rückständig sind, der Antagonismus von Schutzzoll und 
Freihandel nur noch die Bedeutung eines untergeordneten und 
überlebten Gegensatzes beanspruchen. An allgemeine Inte 
ressenwahrnehmung glaubt bei diesem Gegensatz Niemand mehr, 
der die alten Parteien etwas intimer kennen gelernt hat. Beute 
machen wollen sie beide auf Kosten der grossen Volksmasse; die 
eine Partei will es im Wege des künstlichen Cla^senmonopols, 
die andere im Wege des losgebundenen Freibeuterthums. Die 
Freihändler oder Freibeuter, wie ich sie schon 1866 in meiner 
„Kritischen Grundlegung” genannt habe, machen mit jeder Auf 
hebung von Schutzzöllen ein gutes Geschäft, indem diese Auf 
hebung zunächst ihre Taschen füllt und für die Volksmasse 
vorläufig gar nichts einträgt. Es geht mit diesen Maassregeln 
wie mit der Aufhebung solcher indirecter Steuern rein finan 
zieller Art, deren Beseitigung zunächst nur den Händlern oder 
Producenten zu statten kommt, wie z. B. die Entfernung der 
Preussischen in der Form der Mahl- und Schlachtsteuer er 
hobenen Staats- und Gemeindeauflagen auf Mehl und Fleisch. 
Auch sonst hat das Freihändlerthum das geringe Maass 
guten Rufs und verhältnissmässigen Werths, welches ihm der 
theilweise Anschluss an die parteilose Wissenschaft Adam 
Smiths und an deren auch politisch freiheitliche Denkweise 
verschafft hatte, bereits eingebüsst. Es hat sich namentlich auf 
Deutschem Boden mit den Feudalen, also in einer gleichsam
        <pb n="563" />
        547 
sklavenhalterischeii Richtung verbündet und ist überhaupt, seit 
der Socialismus entschiedener auftrat, um die Consequenz seiner 
politischen Principien gekommen. Es hat sich mit dem Bona 
partismus und dessen Nachahmungen verständigt, und die Zer 
setzung innerhalb der Kreise seiner Wortführer ist soweit ge 
diehen, dass nicht einmal mehr das wirthschaftliche Princip des 
unbedingt freien Geschäfts gegen die Monopole aufrechterhalten 
wird. Ein Beispiel hiefür ist die Bankfrage, in welcher die 
Privilegien der überlieferten grossen Landesinstitute genug frei 
händlerische Anwälte gefunden haben. Die Wendung gegen 
die Socialdemokratie hat es vollends zu den ärgsten Rückläufig 
keiten getrieben, indem das Princip der freien Yerwerthung 
der Arbeitskraft durch das Hinarbeiten auf sogar civilrechtliche 
Ungleichheiten und auf indirecte Rückgängigmachung der Coa- 
litionsfreiheit in der offenbarsten Weise preisgegeben worden 
ist. Auf diese Art hat die sogenannte Manchesterpartei, Cobden- 
scher Herkunft und Englischer Gattung, aber Deutscher Spiel 
art, ihre beste und noch einigermaassen versöhnende Ausstat 
tung mit wirklich wissenschaftlichen Triebkräften zum grössten 
Theil verschleudert und ist so gänzlich der ideellen Principíen 
lo sigkeit anheimgefallen. Der einzige Grundsatz, der noch bei 
ihr anzutreffen ist, besteht in der wissenschaftlichen Grundsatz 
losigkeit, d. h. in der Unterordnung aller Maassregeln unter 
das Classeninteresse der Besitzenden ohne Rücksicht auf das 
wirthschaftliche Gemeinwohl, auf die Rechtsgleichheit oder auf 
die universellen Normen der unbefangeneren volkswirthschaft- 
lichen Einsichten des 18. Jahrhunderts. Diese Manchesterpartei 
ist in Deutschland mit den siebziger Jahren schliesslich so tief 
gesunken, dass nicht nur einzelne Elemente, sondern auch Per 
sonen, die fortfuhren ihre Repräsentanten und Wortführer zu 
bleiben, sich bis an die Seite der sogenannten Kathedersocia- 
listen zum gemeinschaftlichen Coquettiren mit den Ueberliefe- 
rungon des alten Polizeistaats verlieren konnten. Der volks- 
wirthliche Josuitismus hat auf diese Weise seine Schattirungen 
immer mehr abgoschwächt und ineinanderlaufen lassen, so dass 
den streng wissenschaftlichen und]^ socialistischen Systemen 
gegenüber nur noch ein einziges fahles Grau die gesummte 
feindliche Masse kenntlich macht. 
3. Im Gebiet der politischen Parteien sind die alten Ge 
bilde ebenfalls in der Zersetzung begriffen. Zum Theil sind 
35*
        <pb n="564" />
        548 
sie sogar durch die feindliche Berührung mit dem politisch ge 
stalteten Socialismus bereits aufgelöst. Namentlich hat der un- 
socialistische Radicalismus der ältern Art immer mehr die Un- 
haltharkeit seiner Halhstellung erproben müssen und ist ent 
weder zum offenen Anschluss an die Bourgeoispolitik oder zum 
Uebergange in das socialistische Lager gedrängt worden. Auf 
Deutschem Boden hat der Hauptführer der rein politisch Radi- 
calen, Johann Jacohy, durch seinen Anschluss an das jüngste 
socialdemokratische Parteigebilde, nämlich an das im Sinne der 
Internationalen gehaltene Eisenacher Programm, ein hervor 
ragendes Beispiel für die unvermeidliche socialistische Oonso- 
qucnz der blos politisch demokratischen Ausgangspunkte ge 
liefert. Ein Theil seiner früheren Gesinnungsgenossen ist da 
gegen durch die Besitzinteressen und die Beengtheiten der 
bisherigen Ueberlieferung in einer Art Schwebe zurückgehalten 
worden und hat durch die Unsicherheit dieser Lage nur noch 
mehr den Satz bestätigt, dass sociale Parteilosigkeit in den 
politischen Gegensätzen heute eine Unmöglichkeit geworden ist. 
In einem ähnlichen Sinne vollzieht sich überall in den Haupt- 
culturstaatcn die sociale Scheidung der politischen Parteien, 
und auch in Nordamerika hat das socialistische Scheidemittel 
bereits angefangen, eine veränderte Gruppirung einzuleiten. 
Grade dort wird der entschiedenste Beweis geliefert, dass die 
grösste Summe politischer Freiheiten alten Stils, namentlich 
aber die republikanisch parlamentarische Regierung mit voller 
Vereins- und Pressfreiheit keine Bürgschaften für das sociali- 
täre Recht und gegen die wirthschaftliche Unterdrückung bietet. 
So ist denn überall die Nothwendigkeit vorhanden, die alten 
politischen, ganz wie die alten wirthschaftlichen Parteien in 
einen einzigen Gegensatz von zwei Lagern, nämlich der Social 
demokratie und der Besitzoligarchie zu verwandeln. 
Auch die alten religionspolitischen Parteien fallen einem 
ähnlichen Schicksal anheim, wie die übrigen politischen Grup- 
pirungen. Auch sie werden zu einer neuen Stellungnahme ge 
drängt, wobei der reactionäre Charakter der sämmtlichen die 
Religion vertretenden und als politisches Mittel bethätigenden 
Elemente immer weniger zu maskiren ist. Wo die Prioster- 
schaft der verschiedenen Culte sich in die sociale Frage ein 
mischt, wie dies im grössten Umfang von katholischer Seite 
in ultramontaner oder nichtultramontaner Weise, mit mehr an-
        <pb n="565" />
        549 
gestammter Schwächliohkoit und Staatsiintertbänigkeit aber 
von den Geistlichen der abgefallenen und säcularisirten Con- 
fessionen* und zwar in Norddeutscbland von den sogenannten 
evangelischen Pietisten geschieht, — da ist die Falschheit des 
Standpunkts unverkennbar und eine neue Spielart des allge 
meinen, allen Priestergattungen eigenthümlichen Jesuitismus 
leicht zu constatiren. Die sinkende Macht der Religionsorga 
nisationen klammert sich an die sociale Frage, um die Volks 
massen, soweit dieselben noch den Priestern folgen, mit dem 
Schein eines wohlwollenden Eintretens zu ködern. In Wahr 
heit ist ihre natürliche Stellung aber auf Seite der Privilcgir- 
ten, zu denen sie selbst mit ihren Pfründen- und Sportel 
interessen augenscheinlich gehören. Ihre socialen Programme 
sind die ärmlichsten von allen ; denn, genauer besehen, erheben 
sie sich niemals über die pharisäische Empfehlung einiger 
Milderungen der Fabriksklaverei und hüten sich, die Preise 
der priesterlichen Manipulationen und den wirthschaftlichen 
Druck zu erörtern, welcher in der Gestalt der von den Geist 
lichen erhobenen Tauf-, Trau-, Grab- und Messensteuern auf 
den Volksmassen lastet. Ihre eigne kostbare Existenz, die doch 
ihre einzige sociale Frage bildet, an die sich glauben lässt, 
wird gar nicht erwähnt, lauert aber dafür im Hinterhalte, um 
sich alle in der Politik möglichen Schleich Wendungen dienstbar 
zu machen. Der wahre Charakter dieser Gattung wird aber 
mit seiner ganzen traditionellen Mitgift auch unter der sorg 
samsten Verkleidung sichtbar, sobald er sich den Mächten und 
Gruppen gegenübersieht, welche die Triebkräfte des modernen 
Lebens bisher vertreten haben. So ist ihm die neuere Tech 
nik sanimt der zugehörigen industriösen Unabhängigkeit und 
Aufklärung ein Dorn in dem nach der mittelalterlichen Ohn 
macht und Unwissenheit schielenden Auge, und die Denkweise 
eines Adam Smith gilt diesen Monopolisten magisch spiritisti 
scher Hantirungen natürlich als eine verworfene Auflehnung 
des ökonomischen Verstandes gegen die heiligen Zwangs- und 
Bannrechte des geistlichen Gewerbes. 
Bei vereinzelten Secten erscheint ein religiöser Soeialis- 
mus gelegentlich in aufrichtigen Zwergversuchen; aber diese 
kaum zurechnungsfähigen und oft völlig närrischen Gebilde 
bestätigen nur den Satz, dass die religiöse Verworrenheit kei 
nen Ersatz für fest geordnete und klar durchsichtige Rechts-
        <pb n="566" />
        550 
Verhältnisse zu bieten vermag. Auf Deutschem Boden von 
pietistischen Pflanzungen communistischer Farbe, wie z. B. der 
Wernerschen in Würtemberg, auch nur summarisch zu reden, 
würde solchen bigotten Winkelexistenzen zuviel Ehre anthun 
heissen. Wo dagegen, wie in Nordamerika, die religiös com- 
munistische Phantastik gelegentlich freier und stets ökonomisch 
umsichtiger auftritt und sich bisweilen Gebilde ergeben, die 
den düstern und finstern Ansichten das grade Gegentheil, näm 
lich den vollsten Lebensgenuss als Princip entgegensetzen, da 
kann die Notiznahme auch einmal lehrreich ausfallen. Sie kann 
nämlich zeigen, dass jegliche Gestaltung der Religion als so 
ciales Bindemittel auch im besten Falle nur zu unklaren Zu 
ständen führt und daher nur ein Hinderniss für die natürlichen 
und scharfen Abgrenzungen der socialistischen Verhältnisse 
bildet. So lebt z. B. das nur nach Hunderten zählende Völk 
chen der Oneidacommimisten unter seinem Papst Herrn Noyes 
offenbar in irgend einer Art Weibergemeinschaft, Wie sich 
aber diese Gemeinschaft praktisch gestalte, lässt sich weder 
aus den Berichten der Besucher noch aus den eignen litera 
rischen Productionen dieser Gruppe entnehmen. Es ist diese 
Nebelhaftigkeit, die sich nur unter dem Regime verworrener 
religiöser Gefühle und durch die Unterordnung unter, eine Art 
kleinen Papstes erklärt, um so interessanter, als sonst die 
Oekonomie, welche hauptsächlich auf der Fabrication stähler 
ner Thierfallen beruht, gut geordnet ist und nur eine äusserst 
geringe Arbeitszeit erforderlich macht. Aus der eignen Drucke 
rei dieser Secte und bearbeitet von ihrem Oberhaupt ist 
sogar eine „ Geschichte des Amerikanischen Socialismus” 
(J. H. Noyes, History of American socialism, Philadelphia 1870) 
hervorgegangen. Sie behandelt das Owenitenthum und den 
Fourierismus nicht ohne Geschick und Witz, hält sich aber 
übrigens ausschliesslich an den religiösen Gesichtspunkt. Der 
Oneidaglaube an eine einstige irdische Abschaffung des phy 
sischen Todes ist um nichts verkehrter, als der bei uns grassi- 
rende philosophastrische Skandal einer einstigen Weltabschaf 
fung durch Menschenbeschluss. Nur hat die Amerikanische 
Secte mehr Logik, Eleganz und gutartigen Sinn voraus. Sie 
ist anscheinend mehr Selbsttäuschung und kann daher mit un- 
serm mystischen Humbug sogenannter Philosophen eigentlich 
nicht ohne Unrecht, wenigstens nicht moralisch verglichen
        <pb n="567" />
        551 
werden. Uns kann hier auch ihre Thorheit und Superstition 
genügen; denn nur durch diese Mächte wird die Verschleierung 
der sonst haltungslosen Beziehungen des Gemeinlebens möglich. 
Wenn nun die Gefühls- und Gedankenverworrenheit in solchen 
kleinen selbständigen Secten, die übrigens nichts mit dem 
Eigennutz der grossen wohldotirtcn Kirchen zu schaffen haben, 
unter besseren menschlichen Bedingungen nichts Befriedigendes 
zu leisten vermag, wie sollte die Religion in ihrer vollständigen 
Corruption und in der Untermischung mit der gemeinsten 
Politik etwas social Förderndes bieten können? Eine derartige 
Illusion muss schwinden, indem das Wesen oder vielmehr 
Nichtwesen der Religion immer mehr biosgelegt und dem Volks- 
verständniss nähergebracht wird. 
Mit diesem letzteren Verständniss müssen denn auch die 
älteren liberalistischen oder radicalen Programme religions 
politischer Art als unzureichend in den Hintergrund treten. 
Es ist nicht genug, die Kirche vom Staat und von der Schule ge 
trennt wissen zu wollen; man muss überhaupt die Abschaffung 
aller ihrer politischen Privilegien, namentlich die Beseitigung 
der begünstigten Corporationsform und die Gleichstellung kirch 
licher Vereine mit allen andern politischen oder socialen Ver 
einen zum nächsten Princip machen. Solche Vorstellungen 
von den Nothwendigkeiten des religionspolitischen Verhaltens 
können nun nicht in die Ueberzeugungen eindringen, ohne zu 
gleich alle früheren Stellungnahmen zu verdrängen und die 
gesellschaftlichen Elemente, die sich der modernen Weltan 
schauung und dem Socialismus zugewendet haben, ernsthaft zu 
nöthigen, sich auch praktisch mit bestimmteren Ideen über 
einen"’Schluss der Aera der Religionen und über den dahin 
führenden Stufengang vertraut zu machen. Hiemit sinken aber 
die Mannichfaltigkeiten der alten Parteiungen zu unterge 
ordneten Spielarten eines grossen Gegensatzes herab, der alle 
Interessenten der Superstition auf der einen, die Vertreter der 
Denkfreiheit und ihrer praktischen Gonsequenzen aber auf der 
andern Seite versammelt. Der echte Socialismus ist in ^m 
Rahmen dessen, was bisher Religion geheissen hat, eine Un 
möglichkeit, und hieraus erklären sich die entschiedenen Posi 
tionen der Socialistik, die immer bewusster von dem theoreti 
schen sogenannten Materialismus und dessen praktisch idealer 
Richtung ausgeht. Ebenso erklären sich aber hieraus auch die
        <pb n="568" />
        552 
zähen Verwachsungen mit dem Aberglauben, die wir bei dem 
rückständigsten Tbeil der Vertreter der alten Oekonomie und 
zwar namentlich unter den üniversitätsprofessoren antrofFcn. 
4. Es giebt auf Deutschem Boden seit einigen Jahrzehnten 
einen Typus universitärer Behandlungsart der Nationalökono 
mie, den man als deh des religiösen Coquettirens bezeichnen 
könnte. In der That ist, um den hier äusserst passenden Volks 
ausdruck nicht zu verschmähen, die Muckerökonomie in unsern 
Landen ausgeprägter und ansehnlicher als irgendwo sonst ver 
treten. Herrn Roschers Manier kennen wir bereits in dieser 
Richtung. Es giebt aber auch andere, jüngere oder ganz junge 
Exemplare von diesem oder einem ähnlichen Typus. Man 
braucht nur die Namen der Herren Schäffle, Nasse, Schmoller, 
Wagner, Held und ähnlicher Figuren zu nennen, um den in 
timeren Kenner unserer ökonomischen Univorsitätsmisere an 
die verschiedenen pietistischen Oopulationen und religiösen 
Verbrämungen von mehr oder minder gelehrten oder auch nur 
professoral agitatorischen Kundgebungen zu erinnern. Herr 
Schäffle hatte sich bereits lange hinter dem Ausdruck Moralisch 
verstockt, um seine religiöse Contrebande, die im Reich der 
Wissenschaft und besseren Bildung bei wahrer Declaration 
keinen rechten Eingang gefunden hätte, ohne Anstoss einzu 
schmuggeln; aber es sollte erst später das sogenannte Ethische 
eine Rubrik liefern, um darunter alle erdenklichen Zerfahren 
heiten zu maskiren, die sich mit einer Dosis director oder ab 
geleiteter Religions- und Kircheneinmischung versetzt finden. 
Die Jesuiten aller Gattungen kehren stets das Weltliche an 
den geeigneten Stellen weltmännisch heraus, um das Haupt- 
mittelchen in der verdeckten Schachtel um so wirksamer appli- 
ciren zu können. Die volkswirthschaftlichen Jesuiten finden 
sich durch ihr Handwerk noch mehr auf jene Manierchen und 
Künste hingewiesen; denn sie haben sich ja von Amts wegen 
mit der weltlichsten aller Wissenschaften, nämlich mit der 
jenigen des Futtersuchens und der Gewinn- und Plusmacherei 
zu befassen. Hieraus erklärt sich, dass die Gewitzteren unter 
ihnen sich nicht leicht vor aller Augen ein überall verständ 
liches Zeugniss für ihre praktischen Liaisons mit der kirch 
lichen Reaction entschlüpfen lassen. Indessen schützt auch 
selbst die ererbte und gewohnheitsmässig gesteigerte Vir 
tuosität in der Intreigue&gt; wie sie dem profssoralen Element
        <pb n="569" />
        — 553 — 
dieser Gattung im Bereich der Universitätszünfte zur zweiten. 
Natur geworden ist, nicht immer vor jenen ergötzlichen Plump 
heiten oder, wie sie der wohlwollende Euphemismus der eignen 
Species nennt, vor jenen Tactlosigkeiten, durch welche sich der 
ganze Schlag compromittirt findet. Der Kitzel, den irgend ein 
vorlautes enfant terrible der fraglichen Gattung verspürt, sich 
um jeden Preis zu produciren, kann hier zu ebenso komischen 
als greifbaren Blossteilungen führen. Ein derartiges Missge 
schick ist der Clique nun mit einem Berliner Oekonomiepro- 
fessor, Herrn Adolph Wagner, begegnet, der sich 1871 auf die 
Kanzel der Berliner Garnisonkirche stellte, um als Correferent 
eines Matadors der innern pietistischen Mission vor der ortho 
doxesten staatskirchlichen Priesterversammlung des Landes die 
sociale Frage mit seinen sogenannten ethischen Glossen im 
eigentlichen Sinne des Worts abzukanzeln. Man kann diese 
theoretisch nichtssagende und praktisch auf nichts hinauslaufende, 
nur als Curiosum altfränkischer Oekonomie anführbare und 
z. B. den Beistand der geistlichen Herren zur ethischen Be 
schränkung der Kinderzahl in den Ehen mit Ueberbietung der 
Malthusschen Receptchen in Anspruch nehmende Kanzelrede 
in den „Verhandlungen der kirchlichen Octoberversammlung" 
(herausgegeben Berlin 1872) sammt erläuternder Umgebung 
antreflTen. Unglücklicherweise musste nun dieser Herr Adolph 
Wagner (nicht zu verwechseln mit dem auch feudalsocialen 
früheren Staatsministerialrath Hermann Wagener) noch oben 
ein der Sohn jenes Göttinger Physiologieprofessors Rudolph 
W^agner sein, der seit den fünfziger Jahren durch den 
Versuch berüchtigt wurde, den „Köhlerglauben” mit der Natur 
wissenschaft durch eine Art doppelter Buchführung vereinbar 
zu machen. Auf diese Weise war die neue doppelte Buch 
führung, die sich diesmal auf die Vereinbarung der Volkswirth- 
Bchaftslehro mit der „ethischen” Pietistensocialität verlegt hatte, 
für alle Welt durchschaubar geworden, und die Vertuschungs- 
bemühungen oder lahmen Beschönigungsversuche ehrenwerther 
Collogen haben daran nichts geändert. 
Ungefähr dieselbe universitäre Gruppe, von der bisher ge 
sprochen wurde, hat auch die Veranlassung zum Aufkommen 
des Spottnamens des Kathedersocialismus und der hinterher 
erfolgten Eisenacher Spottgeburt desselben gegeben. Die 
Deutsche Manchesterrichtung, die ausserhalb der Lehranstalten
        <pb n="570" />
        gross geworden war, hatte yon Anfang an auf die universitären 
Oekonomieprofessoren als auf wissenschaftlich rückständige 
Elemente verächtlich herabgesehen. Die verhältnissmässige 
Frische, durch welche das manchesterliche Verhalten auch 
theoretisch mit der trägen, oft noch philologisch verkommenen 
Chinesengelehrsamkeit und scholastisch beschränkten Art einer 
veralteten Cameralistik contrastirte, gab den Vertretern der 
Manchesterdoctrin wirklich ein Recht, Adam Smiths ürtheil 
über die Universitäten, demzufolge diese Anstalten vorherr 
schend die Conservirer der überlebten und überall sonst 
ausser Curs gesetzten Systeme und Vorurtheilo sind, in diesem 
speciellen Falle auch in Deutschland bestätigt zu finden. Als 
nun einerseits der Gedanke an den alten Polizeistaat durch 
einige Mischungen der praktischen Politik wieder ein wenig 
auferweckt wurde und andererseits der sociale Kampf der 
grossen Parteien auch die beschränkteste Trägheit und Stumpf 
heit auf kitzelte, und als mit einem öffentlichen Auftreten in 
der socialen Frage sogar ministerieller Beifall und Beförderungen 
einzuernten waren, copulirten sich einige jüngere Professoren 
oder solche, die es ohne Verdienste und ohne sonderliche Fähig 
keiten werden wollten, um sich in Eisenach (1872) demonstrativ 
aufzuspielen. Wie die weitere Entwicklung der Schaustellungen 
auch dem oberflächlichsten Beobachter thatsächlich bewiesen 
hat, haben sie sich trotz vielen Lärmens in der Tagespresse 
schon im nächsten Jahr als völlig abgethan ansehen lassen 
müssen. Für den Kenner musste von vornherein feststehen, 
dass die wissenschaftliche Unfruchtbarkeit dieser Faiseurs auch 
durch ein Zusammenlaufen nicht in Leistungsfähigkeit ver 
wandelt werden konnte. In Wirklichkeit war es auch darauf 
nicht abgesehen. Der Mangel an wissenschaftlichem Ruf sollte 
durch ein öffentliches socialpolitisches Schaustückchen ersetzt 
und zugleich eine regelmässige Verbindung zur gegenseitigen 
Glorification, zur universitären Patronage und zur Professuren 
vergebung begründet werden. Dieser wichtigste Zweck ist 
erreicht und hiemit die eigenthümliche sociale Frage dieser 
Herren, nämlich die Beförderungsfrage, auch in ihrem Sinne 
gelöst worden. Um das sonstige vollständige Fiasko in allen 
andern Punkten werden sie sich nach ihrer Sinnesart nicht 
grämen. Hat auch die gemeine Eitelkeit schliesslich einen 
argen Stoss erhalten, so ist doch keine reine wissenschaftliche
        <pb n="571" />
        555 
Ambition verletzt worden und konnte es nicht werden, weil 
sie — nicht vorhanden war. Einen geistig hervorragenden 
oder auch nur einigermaassen talentvollen Führer in ihrer 
Mitte zu besitzen, haben diese Herren nicht die Ehre. Im 
besten Falle haben es Einzelne unter ihnen zu compilatorischen 
Monographien gebracht; übrigens zehren sie von Abfällen aus 
Marx’, Lassalles und meinen Schriften, wobei sie das Auf 
gegriffene nicht blos in bunter Mischung mit anderer, oft recht 
unsauberer Waare verhökern, sondern auch wirklich in ihren 
Hökerstil übersetzen. Ihre schaalen Erzeugnisse finden wenig 
Leser, trotz der Eisenacher Yersicherungsanstalt auf gegenseitige 
Glorification und trotz der universitären und andern Zeit 
schriften, in denen sie nicht nur sich gegenseitig mit sehr un- 
genirter Lobertheilung bedienen, sondern auch durch Ver 
schweigung oder Entstellung alles Gegnerischen ihre Reclame 
für sich verstärken. Oder was hätten die Herren Schmoller, 
Scheel, Wagner, Brentano, Schönberg, Held und Aehnliche 
denn noch Anderes aufzuweisen als jene nicht beneidenswerthe 
literarische Erfolglosigkeit, die um so beschämender ist, als 
der Aufwand an raffinirten Kunstmitteln der Reclame und der 
universitären Coteriepropaganda wahrlich nicht gering ausge 
fallen ist und stets hülfreich fortdauert! Der Glaube, der ja 
auch sonst häufig das Wissen ersetzt, muss auch hier gelegent 
lich und zwar unter dem Namen Ethik den mangelnden Credit bei 
dem Publicum ergänzen helfen. So hat z. B. der oben genannte 
sehr ethische Herr Adolph Wagner seine schwerfällige, eine 
Art literarischen Rattenkönig bildende Zettelbankcompilation, 
die zum buchhändlerischen Ladenhüter geworden war, dem 
Publicum nach einigen Jahren als „zweite theilweise umge 
arbeitete und vervollständigte Ausgabe” aufethisirt. Das Hoch- 
ethische bestand hier eben darin, dass die Käufer, die kaum auf 
den buchhändlerischen Unterschied von Auflage und Ausgabe 
achten, geschweige den ethischen Bastard einer zweiten ver 
besserten Ausgabe wittern können, falls sie nicht etwa in die 
Pseudoethik dos Herrn Wagner praktisch und intim eingeweiht 
sind, nothwendig zu dem Irrthum verleitet werden mussten, es 
liege eine wirkliche zweite Auflage, d. h, ein abgesetztes und nun 
neu gedrucktes Buch vor, während in der That nur das alte 
liegengebliebene Stückwerk mit dem ebenfalls recht ethisch 
mehrere Jahre vorenthaltenen Schlussstück und einigem nach-
        <pb n="572" />
        556 
träglich zugelegten Flickwerk geliefert wurde. So musste diese 
herrliche Ethik die Oekonomie des buchhändlerischen Absatzes 
ein wenig zu corri giren suchen; aber das corriger la fortune 
kann aus einer principlosen, alles consequenten Denkens baaron, 
ja obenein noch chaotisch dargestellten Zusammentragung nichts 
machen, was für den Theoretiker oder Praktiker zu brauchen 
wäre. 
5, Ich bin gegen das Maass und die Gewohnheit meiner 
Geschichtszeichnung grossen Stils mit der Berührung der 
kathedersocialistelnden Komödie schon im Allgemeinen, aber 
noch mehr durch die Nennung von Namen, die vor der Wissen 
schaft namenlos sind, widerwillig in Niederungen gerathen, 
deren Betreten ich mir erlassen haben würde, wenn nicht einer 
seits das Publicum einen Anspruch auf dieses Opfer hätte und 
andererseits der Umstand, dass ich in der Presse missverständ 
lich als „Yorläufer” der sogenannten Kathedersocialisten be 
zeichnet worden bin, meinen Sinn für Sauberkeit zur Abwehr 
rege machte. Vor dom grössern, in die Universitätszustände 
nicht intimer eingeweihten Publicum wird im engem Deutsch 
land mit den Titeln von Professoren der Nationalökonomie eine 
Art Aufspiehmg in Scene gesetzt, als wenn jeder in eine Pro 
fessur Gesteckte nun auch wirklich nennenswerthe Zuhörer 
und einen Einfluss auf Kreise von Studirenden haben müsste. 
Dies ist so wenig der Fall, dass sogar das Gegentheil davon 
die Regel bildet und die paar Ausnahmen durch ganz beson 
dere und am allerwenigsten durch wissenschaftliche Ursachen 
bestimmt sind. Beispielsweise sind in Marburg die zwei be 
soldeten ordentlichen Professoren des Faches so zuhörerlos, 
dass sie sich, wie man mit Recht von ihnen sagt, um Einen 
Zuhörer streiten müssten, wenn nicht der eine Inhaber der 
Sinecure den Absentismus in Berlin oder sonstwo vorzöge. 
Auch auf den frequentirteren Universitäten steht es in den 
meisten Fällen annähernd ähnlich. Grade die sogenannten 
Kathedersocialisten liefern in dieser Beziehung die schwäch 
lichsten Proben. In Bonn fand ein mir befreundeter Lehrer, 
als er auf der Durchreise bei den Herren Nasse und Held 
hospitirte, 8 resp. 6 Zuhörer vor, und diese Herren sind ordent 
liche, mit dem Prägestock der Zunft gemünzte Professoren. 
Die gedruckten Antrittsvorlesungen, die dem Publicum bis 
weilen von reinen Winkeluniversitäten her imponiren sollten,
        <pb n="573" />
        557 
versetzten den Kenner in Humor, wenn er daran dachte, ob 
wohl bei ihnen die Bedingung erfüllt sein möchte, dass, wie 
das Sprüchwort sagt. Drei ein Collegium machen. Die einzige, 
bezüglich der Frequenz vorhandene Ausnahme, nämlich die von 
Herrn Roscher in Leipzig, beruht nicht im Entferntesten auf 
den persönlichen oder wissenschaftlichen Qualitäten desselben, 
sondern auf einem durch die Examinaturprivilegien gepflegten 
Herkommen. Dies zu wissen, ist der Betreffende auch pfiffig 
genug; denn nach Berlin wollte er 1870 nur kommen, wenn 
auch hier eine Staatsprüfung in der Nationalökonomie bei den 
Juristen speciell für ihn eingeführt würde. Er witterte näm 
lich nicht unrichtig, dass ohne dies in Berlin, wo sich die Na 
tionalökonomie der ordentlichen Professoren schon immer im 
Argen befand, sein künstlicher Professorruf einen Stoss erhal 
ten könnte. Vor 1860 fand man nämlich in Berlin die Ordent 
lichen des Faches in den angekündigten Lehrstunden entweder 
gar nicht vor, oder aber für zwei oder drei Zuhörer ein lang 
weiliges Heft trocken abnäselnd. Daneben musste ein ausser 
ordentlicher, also ausserhalb der Zunft belassener Professor 
(der verstorbene Riedel), der zwar keine Bedeutung für die 
Wissenschaft, aber doch einen freien und leidlich lebendigen 
Vortrag für sich hatte, fast für alle Zuhörer sorgen. Bei der 
Erledigung einer Professur wurde 1860 Herr Haussen von Göt 
tingen, wo derselbe dem Hannoverschen Examinaturzwang der 
Juristen eine- grössere Frequenz zu danken gehabt hatte, nicht 
nur berufen, sondern auch mit der bekannten, sich bisweilen 
an Neuberufungen recht grundlos knüpfenden universitären 
Empfehlungspropaganda der berufenden Kreise derartig unter 
stützt, dass ihm die Mehrzahl der verfügbaren Zuhörer, unge 
achtet seines trocknen stotternden Vortrags und seiner alt 
fränkischen Oameralistik, zufiel. Er kam aber der angeführten 
Eigenschaften wegen mit der Zuhörerzahl allmälig herunter, 
dio schliesslich gegen das Ende der sechziger Jahre oft unter 
ein Dutzend wirklich Anwesender und auch übrigens nominell 
so entschieden sank, dass er sich nicht mehr heimisch fühlte 
und sich 1869 nach Göttingen zurückversetzen liess, wo er je 
doch die den alten nunmehr beseitigten Verhältnissen ent 
sprechenden Früchte ganz und gar nicht mehr zu pflücken 
vorfand. 
Von dem Stande der durch die Schuld der Professoren
        <pb n="574" />
        — 558 
und weniger durch die der Regierungen noch über die sonsti 
gen mitwirkenden Ursachen hinaus verdorbenen und so über 
aus schlecht bestellten Volkswirthschaftslehre der Universi 
täten, ja sogar speciell von Berlin reden- und meine eigne 
Stellung bei Seite lassen, würde arg missdeutet werden können. 
Es sei daher bemerkt, dass die der ganzen Anlage des Ver 
hältnisses und allen wirklichen Thatsachen nach völlig bedeu- 
tungs- und einflusslose, ja für den gewöhnlichen Gang der 
Dinge unausweichlich auf Ohnmacht und Nebensächlichkeit an 
gelegte Position oder vielmehr Positionslosigkeit eines unbesol 
deten Privatdocenten von mir ausnahmsweise durch aufreibcndo 
Anstrengung und Geduld 12 Jahre in einer Art ausgefüllt und 
gehoben worden ist, für die sich in der jüngsten Geschichte 
der Universitäten kein Beispiel vorflndet. Es gilt dies nicht 
blos für die unentgeltlichen Vorträge, in denen ich seit einer 
Reihe von Jahren eine Bosuchsfrequenz erreicht habe, die hin 
ter den zwei oder drei frequentirtesten Vorlesungen der ganzen 
Universität nicht zurücksteht. Auch die privaten oder, mit 
andern Worten, von den Studirenden bezahlten Vorträge, bei 
deren F.requentirung weniger die wissenschaftliche Person und 
Darstellungsfähigkeit des Vortragenden, als das Professoramt 
und die äusserlichen Rücksichten oder Vorurtheile nach Maass 
gabe der universitären Rangliste von unmittelbarem Einfluss 
sind, und welche daher für Privatdocenten der Regel nach 
kaum existiré n, — diese Privatvorträge haben sich bei mir in der 
Frequenz noch günstig genug gestaltet. Was ich als Schrift 
steller bin, weiss • das Publicum und zwar nicht blos das 
Deutsche; sogar die Professoren wissen es in ihrer Art zu 
würdigen; denn in ihren Kreisen wird nicht wenig von meinen 
Schriften verkauft und — nicht verrathen, da sie sich hüten, 
von der fleissigen Leetüre, mit der sie ihrer Gedankenträg 
heit nachzuhelfen suchen, durch Citate irgend welche Kunde 
zu geben. 
Wie sich die echte und ehrliche Wissenschaft und der 
wirkliche Socialismus auf dem Katheder steht, ist in dem eben 
gekennzeichneten, in Deutschland einzigen Fall so kurz an 
gegeben, als es der persönliche Charakter der Angelegenheit 
mit sich brachte. Den gleichen Fall eines Andern würde ich 
in einer andern, etwas drastischeren Sprache beleuchtet, und 
auch der colossalen Kluft, die zwischen einem wirklichen So-
        <pb n="575" />
        559 
cialisten auf dem Katheder und den von der Manchesterpartei 
spottweise so getauften Kathedersocialisten gähnt, eine aus 
führlichere Charakteristik gewidmet haben. So aber bedarf es 
nur noch der Abweisung jener oben erwähnten „Yorläufer- 
schaft”, die in der Presse im Hinblick auf meine kurz vor dem 
Kriege von 1866 für das Preussische Staatsministerium gear 
beitete Denkschrift angenommen worden ist. In einem ge 
wissen Sinne ist es allerdings wahr, dass sich die sogenannten 
Kathedersocialisten meinen abgelegten Hock von damals nach 
einem halben Dutzend Jahren angezogen haben. Er war aber, 
als ich ihn und wie ich ihn trug, ein anständiger, welcher einem 
aufrichtigen Yertreter der Arbeitersache den Yerhältnissen 
nach angemessen war. Ihn nach 6 Jahren schäbig und in 
Eumpen aufzunehmen und dabei in die Köcher statt in die 
Aermel zu fahren, — das ist der glänzende Beruf der Katheder 
socialisten gewesen, denen er trotzdem noch einige Blössen ge 
deckt hat. Ich hatte in meiner Denkschrift ein deutliches und 
praktisches Princip, nämlich die staatliche Organisation der 
Arbeitercoalitionen ; die Kathedersocialisten haben keines und 
leben eklektisch von Abfällen aller Art, in denen der alte 
Polizeistaat und auch meist ein verschämtes religiöses Mucker 
thum eine Hauptrolle spielen. Brosamen von den Tischen 
aller Theorien und aller Parteien sind, soweit diese Herren 
glauben, sie neben ihrer Amtsbesoldung verzehren zu dürfen, 
die Elemente zu dem Brei, den sie mit ihrer oben gekenn 
zeichneten sogenannten Ethik einrühren. Mit diesem, dem Hu 
mor der verschiedensten Standpunkte anheimgefallenen Brei 
haben sie ihren Mangel an Beruf, in die grosse sociale Frage 
hincinzurcden, genugsam bekundet, und wenn sie fortan durch 
aus sociale Fragen heimsuchen wollen, so mögen sie sich an 
ihrer eignen universitären versuchen. Da haben sie die schönste 
Gelegenheit, statistisch oder unstatistisch zu erforschen, wozu 
Gehälter von durchschnittlich 2000 Thaler und mehr für natio 
nalökonomische oder andere Professursinecuren grösstentheil» 
aus den Yolkssteuern gezahlt werden müssen. Auch mögen 
sie sich berechnen, dass jede Stunde kathedersocialistischer 
Professorwcishoit dem Yolke mindestens 10 bis 20 Thaler kostet. 
Statt dessen beklagen aber die Herren einen vermeintlichen 
Mangel an Professuren. Bei jeder Gelegenheit wollen sie neue 
geschaffen und höhere Besoldungen ein geführt wissen, während
        <pb n="576" />
        560 
der alten für den wirklichen Bedarf schon zu viele sind und 
die Gehälter denn doch auch nicht noch auf mehr Luxus an 
gelegt zu werden brauchen. Von solchem Luxus und dem 
Maass des Zehrens aus öffentlichen Mitteln und Volkssteuern 
hängt weder für die Wissenschaft noch für die Ausübung der 
Lehrthätigkeit die Leistungsfähigkeit ab. Wie man auch allen 
falls ohne jegliches Gehalt und dabei ohne irgend welches Ver 
mögen, blos auf die eigne Arbeit und deren Ertrag unter un 
günstigen Chancen angewiesen, ja trotz körperlicher Invalidi 
tät, nämlich ohne Augen, dennoch in der doppelten Richtung 
der literarischen und lehrenden Thätigkeit und zwar in mehr 
als einer Wissenschaft einen Platz in nicht gemeiner Weise 
ausfüllen könne, dafür habe ich den Universitätsprofessoreu ein 
ihnen nicht unbekanntes Beispiel geliefert. lieber den üniver- 
sitätsnepotismus aber, d. h. über die vetterschaftliche Verge 
bung der Sprösslings- und Schwicgerprofessuron, müssen sie 
sich selbst gegenseitige sociale Lectionen ertheilen und können 
dabei Vergleichungen über die alten Handwerkerzünfte nebst 
dem Institut des Einhcirathens in den monopolisirten Gewerbe 
betrieb zu Nutz und Frommen der als Reste der Zunft Verfas 
sung stehen gebliebenen Universitätsfacultäten anstellen. Auch 
haben sie, wenn sie durchaus Malthussche Recepte anbringen 
wollen, eine gute Gelegenheit, wenigstens eine Analogie davon 
auf ihren eignen Stand anzuwenden. Die Ungenirtheit geht 
hier in den verschiedensten Fächern oft sehr weit, indem ein 
zelne in der Intrigue besonders gewitzte Professoren die Uni 
versitätsstellen mit ihren Söhnen und Schwiegersöhnen förm 
lich besäen. Angesichts solcher Zustände wurde es in dieser 
Species auch möglich, dass jugendliche und unreife Anfänger, 
die kaum im Anfang der Zwanziger standen, ohne Verdienste 
und Talente, ja selbst ohne die Fähigkeit zu einem leidlichen 
Vortrag, sofort in Professuren gesteckt werden konnten. In der 
jetzt kathedersocialistischen Sphäre sind, ohne hier noch von 
andern Zweigen reden zu müssen, allein schon Beispiele genug 
vorhanden; es sei nur an die Herren Held in Bonn und Adolph 
Wagner in Berlin erinnert, die beide unter die Rubrik der früh 
untergebrachten Professorsöhne gehören. 
Aus dieser übel angebrachten und den Beruf schon durch 
die Verschlechterung der Race verderbenden physischen oder 
geistigen Inzucht erklärt sich auch der elende Zustand jener
        <pb n="577" />
        561 
sogenannten Wissenschaft, die von den Herren nicht in einem 
wirklichen auf sich beruhenden Wissen, sondern in der jedes 
maligen Summe der Meinungen ihrer Clique gefunden wird. 
Diese halbgelehrte Verbrämung der übrigens überall sichtbar 
werdenden Unwissenheit in den entscheidenden Hauptpunk 
ten gründlicher Theorie hat nun schon soweit geführt, dass 
hier und da eigentliche Arbeiter die professorale Weisheit mit 
Erfolg abgeführt haben. Reden und schreiben kann man bereits 
im eigentlichen Arbeiterstande über Themata aus dem Gebiet 
der socialen Frage weit logischer, klarer und bestimmter, als 
in der fraglichen Professorengruppe, und die hohlen Gelehrsam- 
keitsflitter, mit denen der Schein einer professoralen üeberle- 
genheit erhalten werden soll, werden auch nur solange ver 
halten, bis die aus sich selbst durch die Anschauung des Lebens 
und durch die Werke wirklich bedeutender, stets nichtuniver 
sitärer Autoren gebildeten Arbeiterredner, Arbeiterschriftsteller 
und Arbeiterdenker auch diese Seite der Sache genau und 
gründlich genug kennen, um sich nicht durch die halbe Gelehr 
samkeit und den verworrenen Geschichts- und Autoritätenkram 
einer verfallenden Professorenschaft beirren zu lassen. In Frank 
reich, welches uns in dieser Beziehung mindestens ein Men 
schenalter voraus ist, würde man mit einer solchen Verglei 
chung den Arbeitern bereits Unrecht thun; aber auch bei uns 
brauchen wir kaum noch erst die nächste Zukunft abzuwarten; 
denn auch schon jetzt giebt es eigentliche Arbeiter, welche, wie 
der Buchbindergehülfe Most und viele Andere, in literarischer 
Thätigkeit die kathedersocialistelnden Professoren durch klare 
Anordnung und wissenschaftliche Folgerichtigkeit arg be 
schämen. Die Volkswirthschaftslehre hat überhaupt, wie auch 
am Ende unseres siebenten Abschnitts hervorgehoben wurde, ihre 
Förderer ersten Ranges, ja selbst die der zweiten Ordnung in 
der ganzen bisherigen Geschichte nicht unter den Professoren 
gefunden. Adam Smith hatte erst seine Professur der Moral 
philosophie niedcrlegen müssen, um die Geistesfreiheit und 
Unabhängigkeit für die Unternehmung seines ökonomischen 
Works zu sichern, und grade er setzte ja auch in diesem Buch 
auseinander, dass die Universitäten weit corrumpirter und ver 
rotteter seien, als die sonstigen Schulen. So ist er denn auch 
billig eine Zielscheibe für die rückläufigen kathedersocialisti- 
echen Ansichten geworden und wird von Professoren angegrif- 
Duhring, Geschichte der Nationalökonomie. 2, Auflage. 36
        <pb n="578" />
        562 
fen, die noch erst bei ihm in die Schule zu gehen hätten. Wie 
sollte man auch andere Früchte von einem Professorengeschlecht 
gewärtigen können, welches bei Leuten, wie Hermann und 
Rau oder Herrn Roscher die Autorität und Quelle seiner trü 
ben und verworrenen Schulung gesucht, dort seine Protection 
und Direction gefunden und die echten Grössen der Wissen 
schaft nie von den unbeholfenen Lehrhuchzimmerern, Pedanten, 
Scholarchen und Compilationisten unterscheiden gelernt hat! 
Von dem Socialismus versteht es sich von selbst, dass die 
Professorweisheit an seiner Conception und Ausbildung un 
schuldig bleiben musste. Sie hat sich aber unter dem Antrieb 
des Kitzels, sich durch ein Benagen der verbotenen Frucht 
eine wichtige Miene zu geben, mit ihm jetzt nachträglich ein 
lassen wollen und dabei einen aus alten Lappen zusammenge 
flickten Wechselbalg producirt. Die Universitäten sind in der 
That ein Spiegel der umgebenden Gesammtzustände, aber frei 
lich vorzugsweise der rückläufigen Elemente dieser Zustände, 
und so zeigt sich unsere Hinweisung auf das Schicksal und die 
Beschaffenheit dieser Lehranstalten als eine Ergänzung der 
Kennzeichnung der rückläufigen Parteien und Gesellschafts- 
bestandtheile. Vielleicht giebt es kein entscheidenderes Merk 
mal der geistigen Abgelebtheit, als den Umstand, dass die 
kathedersocialistelnden Professoren ihre Zuflucht zur Betheili 
gung an socialpolitischen Agitationen genommen und einen 
Verein für Socialpolitik gebildet haben. Jene Species der 
Gewerkveroine, die sich noch von den herrschenden Classen 
bevormunden lassen, ist hiebei ihre einzige praktische Bundes 
genossenschaft oder vielmehr ihr Anlehnungspunkt geworden. 
Durch die dieser Richtung dienstbaren Bourgeoiszeitungen 
lassen sie sich glorificiren, um so auf Grund ihrer praktischen 
Betheiligung an Parteimanövern den Ruf zu ersetzen, den ihnen 
die reine Wissenschaft versagt. Es ziemt sich nicht für wirk 
liche und echte Wissenschaft, durch agitatorische Theilnahme 
an praktischen Parteihandlungen ihre theoretische Unbefangen 
heit zu gefährden. Die ernsten und grossen Theoretiker wer 
den auch niemals dazu Neigung haben, durch solche Verbin 
dungen und Betheiligungen ihrer Kritik Fesseln anzulegcn und 
die reine, weit ausschauende und über die Einseitigkeiten des 
Parteitreibens erhabene Wahrheitsforschung in die Kämpfe 
blosser Theilinteressen zu verwickeln.
        <pb n="579" />
        563 
Zweites Capitel. 
Ideenrichtung der socialdemokratischen Agitationen. 
Die Art, wie die Ideen sich in Organisationen und Agita 
tionen verbreiten, ist für die Schicksale der Theorie an sich 
selbst keineswegs gleichgültig. Hier sieht man, wie die rein 
speculativen Doctrinen genöthigt werden, von ihren Einseitig 
keiten oder Irrthümern wenigstens zum Theil zurückzukommen. 
Ueherdies bewährt sich hiebei aber auch der Grundsatz, dass 
die blosse Bücherexistenz der grossen Gedanken eine in meh 
reren Beziehungen unzulängliche sei. Erstens wird sie auch 
bei der besten Fassung mit einer wissenschaftlichen’ und ge 
lehrten Zurüstung ausgestattet sein, die bei dem Flugblatt und 
dem Zeitungsartikel fehlen kann und muss. Zweitens wird es 
den Büchern leichter, ihre praktische Rathlosigkeit zu ver 
decken, als den Agitationsschriften, die mit irgend welchen 
kurz und bestimmt formulirten Programmen auftreten müssen, 
wenn sie eine Wirkung haben wollen. Mit Gedanken, die blos 
die vorhandenen Thatsachen erklären und nach irgend einer 
Voraussetzung, etwa gar nur geschichtlich begreiflich machen 
sollen, ist hier nichts gethan. Es bedarf ernsthafter Construc- 
tionen der Zukunftsziele und zwar nicht blos im Allgemeinen, 
sondern mit specieller Angabe der nächsten Uebergänge, auf 
welche das unmittelbare Handeln zu richten ist. Auch vei^ 
schlägt es hier wenig, den doctrinären Propheten zu spielen 
und etwa im Voraus anzugeben, was sich ganz von selbst ver 
möge einer mechanischen Nothwendigkeit für den passiven Zu 
schauer entwickeln möchte. Nicht das Wissen um seiner selbst 
willen, sondern das Wollen, welches durch das Wissen seine 
bestimmteren Ziele erhält, wird hier der entscheidende Gegen 
stand. Die Nothwendigkeit der Wirkung auf grosse Massen 
begrenzt die Brauchbarkeit der Gedanken auf das allgemein 
Verständliche und zum Theil auch auf das Naheliegende oder 
mit Sicherheit Absehbare. Aller unnütze Luxus muss hier den 
Theorien abgestreift und jedesmal der natürliche Anknüpfungs 
punkt gefunden werden, durch welchen sie mit den Triebkräf 
ten des vollen Lebens zusammenstimmen. Die natürlichen und 
berechtigten Leidenschaften sind hier diejenigen Bestandtheile 
86*
        <pb n="580" />
        des Wolleiîs, denen eben nur der theoretische Compass vorzu 
halten, übrigens aber eine maassvolle Anregung zu ertheilen 
ist, Grade Letzteres ist für die Bildung der edleren Gesinnung 
unentbehrlich, und es heisst die Wurzeln der besseren Mensch 
lichkeit ausreissen wollen, wenn man sich unterfängt, die Affecte 
als solche und deren natur- und wahrheitsgemässen Ausdruck 
zu ächten oder auch nur in zu enge, weniger auf Gerechtig 
keit als auf Verfolgung angelegte strafrechtliche Schranken zu 
zwängen. 
Ein üeberschreiten des Maasses ist das sehr begreifliche 
Schicksal aller stark gespannten Bestrebungen, die nicht nur 
mit einem Uebermaass der Ungerechtigkeit auf der andern 
Seite zu kämpfen, sondern auch noch selbst das theoretische 
und praktische Maass ihrer Ziele exacter aufzufinden haben. 
Der allgemeine Charakter der über Europa und Amerika verbrei 
teten socialdemokratischen Agitationen ist daher ein verhält- 
nissmässig noch ungesotzter. Dies zeigt sich nicht nur im 
Kampfe mit dem gemeinsamen Gegner, sondern auch und fast 
noch mehr im eignen Streit der einzelnen Gruppen unter sich. 
Wir haben, wenn wir zunächst von den besondern Modifica- 
tionen des in dieser Beziehung stets originalen Frankreich 
absehen, drei grössere Abtheilungon der agitatorischen Organi 
sation zu berücksichtigen. Die eine derselben, der von Lassalle 
1863 begründete Allgemeine Deutsche Arbeiterverein, ist, wie 
schon die Benennung besagt, auf Deutsche Gebiete beschränkt. 
Die zweite, am weitesten verbreitete und in der umfassendsten 
Weise thätige Schöpfung ist die seit 1864 bestehende Inter 
nationale Arbeiterassociation, deren Sitz bis zum Haager Con 
gress von 1872 London war und damals nach Newyork ver 
legt wurde. Seit eben diesem Zeitpunkt und Congress ist 
noch eine dritte Gruppe, nämlich die Bakuninsche Alliance, 
selbständig in den Vordergrund getreten, indem durch dieselbe 
auch eine Internationale und zwar besonders in den Romanischen 
Ländern als rivalisirende Verbindung ähnlicher Art, jedoch 
mit vorwiegend geheimer und an Russische Zustände erinnernder 
Organisation, vorgestellt wird. 
2. Der Lassallesche Verein sowie die im nächsten Jahre 
gegründete Internationale sind nicht zufällig ungefähr um die 
selbe Zeit entstanden. Jene sechziger Jahre zeigten als Rück 
wirkung des Amerikanischen Bürgerkrieges eine doppelte Er-
        <pb n="581" />
        565 
reguiig und Bewegung in der Europäischen Arbeiterwelt. Zu 
der materiellen Noth, welche der Mangel der Baumwolle und 
die Arbeitslosigkeit in den einschlagendcn Industrien mit sich 
brachte, gesellte sich die geistige Anregung, welche von der 
Bekämpfung und dem Fall der Sklaverei ausging und durch 
eine vielfache Parteinahme der höheren Classen für diese 
Sklaverei, namentlich in England, verstärkt wurde. In Deutsch 
land und speciell in Preussen begünstigte ein parlamentarischer 
Conflict das Lassallesche Unternehmen. Die Consum- und 
Torschuss vereine des Herrn Schulze mit ihrer vermeintlichen 
Selhsthülfe und ihrer thatsächlichen Gleichgültigkeit für die 
eigentliche sociale Frage waren zugleich Mittel, durch welche 
die mit dem Feudalismus kämpfende und damals wegen der 
Militairreorganisation mit der Regierung veruneinigte Bourgeoisie 
einige Bestandtheile des Yolks, nämlich einen Theil der Klein 
bürger und Arbeiter, ihren politischen Zwecken dienstbar zu 
erhalten suchte. Diese Patronage hatte gelegentlich auch in 
der Dotation des Herrn Schulze, der sich mit seiner den 
Arbeitern empfohlenen Sparselbsthülfe selbst nicht helfen konnte, 
ihren Ausdruck gefunden, indem ihm die Bourgeoisie circa 
45,000 Thlr. zur Fristung seiner persönlichen Existenz zum 
Geschenk machte. Yorher hatte jedoch die Meinung vorge 
waltet und sich noch Jahre lang in den meisten Kreisen fort 
erhalten, als wenn Herr Schulze der echte Anwalt der Arbeit 
und Jeder, der ihm, entgegenträte, ein Yerführer zu Thorheit 
und Bosheit wäre. Lassalle sah sich überdies bei seinen Ein 
mischungsversuchen in die eigentliche Politik unwillkürlich 
dazu getrieben, grade gegen die sogenannte Fortschrittspartei, 
ein Bourgeoisgebilde vom reinsten Wasser, im Sinne seines 
Radicalismus Front zu machen und so am andern Extrem den 
selben Gegner zu bekämpfen, gegen den sich auch die Spitze 
der Regierungspolitik am entschiedensten wenden musste. Dies 
ergab jene Situation, welche den später aus dem Marxschen 
Lager gekommenen Ausspruch erklärt, dass Lassalle hätte er 
funden worden müssen, wenn er sich nicht gefunden hätte. 
In der That war eine Art Zusammenwirken Angesichts eines 
gemeinschaftlichen Gegners nicht nur natürlich, sondern wurde 
trotz der Oriminalprocesse, mit denen sich Lassalle heimgesucht 
fand, auch hier und da in speciellerer Weise, namentlich aber 
in der Begünstigung von den regierungsseitigen Parteien her
        <pb n="582" />
        566 
ziemlich sichtbar. Das Schlagwort der Staatshülfe, welches 
von Lassallescher Seite gegen die vorher erwähnte Schulzesche 
Sparselhsthülfe ausgespiolt wurde und noch mehrere Jahre das 
Schiboleth bildete, jetzt aber, nachdem die Berufung auf jene 
Selbsthülfe verschollen ist, nicht mehr den alten Sinn hat, — 
diese Staatshülfe, die damals wirklich zum Theil auf den un 
mittelbaren Beistand des vorhandenen Staats berechnet war, 
konnte eine Auslegung erfahren, die in einigen Richtungen 
dem überlieferten Staatswesen schmeicheln und zu manchen 
Zweideutigkeiten oder gar Zweiseitigkeiten führen musste. 
Aus dieser Ueberlieferung erklärt sich auch nach dem 
Tode Lassalles die eigenthümliche, nicht nur mit der besondern 
Art der herrschenden Nationalpolitik vereinbarte, sondern auch 
gewisser Beziehungen zu den Polizeibehörden beschuldigte Hal 
tung späterer Leiter des Vereins, unter denen einer der 
rührigsten und befähigtsten, Herr v. Schweizer, sogar formell 
aus solchen Gründen beseitigt werden musste, damit der vor 
dem eignen Publicum bereits zu gross gewordene Anstoss 
einigermaassen gemildert würde. Die Lehre selbst wurde im 
Wesentlichen nicht weiter entwickelt, sondern höchstens ver 
allgemeinert, indem der besondere Gesichtspunkt der praktisch 
immer mehr in die Perne rückenden Productivassociationen hinter 
die universelle Idee zurücktrat, dass dem Arbeiter der volle 
und ganze Ertrag seiner Arbeit gebühre und das Capital als 
rein sachliches Mittel nichts zu beanspruchen habe. Die Aus 
sicht auf einen Zustand, in welchem dies Recht der Arbeit auf 
ihren unverkürzten Ertrag verwirklicht sein würde, stellte den 
Zukunftshorizont vor, der die Hofíhungen gleich einer neuen 
Religion beleben sollte. Inzwischen warf man sich, durch die 
Verhältnisse gedrängt und seit 1869 durch die Aufhebung der 
Coalitionsverbote in eine neue Lage gekommen, auf praktische 
Mittel und ging den andern Richtungen mit der Initiative zur 
Organisation der Gewerkvereine voran. Auch die Gesetz 
gebung bot hin und wieder Gelegenheit, in den die Arbeiter 
unmittelbar berührenden Maassregeln agitatorisch einzugreifen. 
Uebrigens blieb aber die Regehaltung und Verbreitung der 
socialistischen Idee und die Erweckung des Olassenbewusst- 
seins in immer weiteren Kreisen des Arbeiterthums das natür 
liche nächste Hauptziel. Die Vereinsdisciplin wurde zu rascher 
Handlungsfähigkeit ausgebildet, und die schon indirect durch
        <pb n="583" />
        567 
das Preussische Vereinsgesetz nothwendig gemachte Einheit 
lichkeit und Centralisation gereichte wenigstens in diesem 
Punkto zu sichtbarem Vortheil. Mit militairischer Precision 
erschienen die Mitglieder des Vereins, wo es Erklärungen, de 
monstrative Beschlüsse oder politische Wahlhandlungen zu be 
werkstelligen galt, üeberall waren sie auf dem Platze, wo 
das Volk ohne Unterschied zu Versammlungen eingeladen war, 
und sie betrachteten sich den Einborufern anderer Richtungen 
gegenüber alsdann nicht als Gäste, sondern als Volk über 
haupt, welches nach Maassgabe der Stimmenmehrheit über das 
Schicksal der Versammlungen zu entscheiden hätte. Der cen 
trale Hauptort der Thätigkeit war später vornehmlich Berlin. 
Ausserdem ragte besonders Schleswig-Holstein in jüngster Zeit 
hervor, und in den Preussischen Rheinlanden hatte schon 
Lassalle einen festeren Grund gelegt. 
3. Der Hauptunterschied des internationalen Socialismus 
von demjenigen der Lassallianer besteht in einer stärkeren 
Betonung des politischen Radicalismus und in der nicht blos 
grundsätzlichen, sondern auch für jede momentane Lage geltend 
gemachten Verwerfung aller Nationalkämpfe. Der vollständigste 
politische Bruch mit den gegenwärtigen Staatsgebilden, mögen 
dieselben Monarchien oder Republiken sein, ist der auszeich 
nende Charakterzug der Internationalen Arbeiterassociation, die 
sich seit 1864 über alle Culturstaaten Germanischer oder 
Romanischer Race ausgebreitet und schliesslich in Nordamerika 
hinreichenden Boden gewonnen hat, um, wie schon erwähnt, den 
Sitz ihres Generalraths dorthin verlegen zu können. Politisch 
Geflüchtete spielten bei ihrer Gründung in London eine Haupt 
rolle; zwar wurde Mazzinis Plan, der eine geheime Verbindung 
beabsichtigte und dem eigentlichen Socialismus bis zu seinem 
Ende fremd blieb, verworfen und statt dessen der Entwurf des 
Herrn Marx angenommen; aber nicht nur die ganze Lage der 
Expatriirten, sondern auch das Wesen der universellen Arbeiter- 
emancipation brachte es mit sich, dass die Interessen der Natio 
nalitäten nur in ihrer Vereinigung, aber nicht in ihren feind 
lichen Gegensätzen zur Berücksichtigung gelangen konnten. 
Auch war es sehr natürlich, dass die Abschaflung der Völker 
kämpfe als eine zu dem allgemeinen Arbeiter bund gehörende 
Noth Wendigkeit betrachtet wurde. Sollte dieser Bund kein 
schlechter Scherz sein, so durfte er sich nicht grundsätzlich
        <pb n="584" />
        568 — 
darein ergeben, dass sich die Bundesgenossen selbst bekriegten, ' 
Wenn hienach schon jeder Nationalkrieg an sich selbst ver- 
urtheilt wurde, so musste dies noch mehr der Fall sein, insofern 
er sich als dynastische Action oder als Classenunternehmung 
einzelner Stände ansehen Hess. Die Eindrücke, welche der 
Krieg von 1870 hinterliess, haben nun zwar zunächst dem 
Internationalismus, namentlich in Deutschland, entgegengewirkt, 
scheinen aber schliesslich einer umgekehrten Anschauungsweise 
nur noch mehr Vorschub zu leisten. Nirgend haben sich in 
Deutschland die anscheinenden Errungenschaften des Krieges 
den Erwartungen gemäss bewährt. Die Chancen des Friedens 
sind nicht vermehrt, sondern vermindert, indem der Deutsche 
Besitz von Eisass und Lothringen eine neue, stets offene Frage 
der auswärtigen Politik geschaffen hat, die nicht gleich der 
Orientalischen, sondern bedenklicher als diese, die Ruhe im 
Herzen von Europa ganz preeär macht und jeden Augenblick 
zu neuen Conjuncturen und Bündnissen sowie zu den zugehörigen 
militairischen Actionen führen kann. Die Aufstachelung des 
Racen- und Nationalgefühls nach Maassgabe alter Ueberliefe- 
rungen unter gelegentlicher Auffrischung abgestorbener Reli 
gionsgegensätze, der letzteren namentlich für Deutschland und 
Frankreich, sowie die principielle Hinwegsetzung über die 
früheren Humanitätslehren hat auch hier die Scheidung in 
zwei grosse Lager nahegelegt, deren eines unter der Fahne 
des specifischen und ausschliesslichen Nationalismus alle rück 
läufigen oder noch rückständigen Elemente vereinigt, während 
das andere sich bewusst ist, in der Austilgung der feindlichen 
Gesinnungen durch die gemeinsamen Interessen des Proleta 
riats aller Länder eine wirkliche Aera des Friedens vorzu 
bereiten. Man darf nun nicht überrascht sein, dass dieser 
letztere Standpunkt mit einer oft höchst einseitigen Anschau 
ungsweise die nationalen Consolidationen im Ganzen unge- 
würdigt lässt, weil sie sich zum Theil durch Mittel vollzogen 
haben, die dem alten Regime entsprachen. In der richtig 
verstandenen Internationalität kann auch die Nationalität erst 
zu voller Freiheit und Gemeinschaft gelangen. Es ist daher 
in dem praktischen Verhalten der Internationalen ein Fehler, 
wenn sie, wie z. B. bei ihrer Bekämpfung der Deutschen Forma 
tionen, nicht zugleich die natürliche Nothwendigkeit der Ver 
schmelzungen von dem besondern politischen Gepräge unter-
        <pb n="585" />
        569 
scheidet, welches der Deutschen Staatengruppe vorläufig als 
Gesammtform aufgedrückt ist. Wenn sie dagegen die ungün 
stigen ^iVirkuDgen, welche die Milliarden der von Frankreich 
gezahlten Kriegsentschädigung auf Deutschlands gesellschaftliche 
Finanzen gehabt haben, auch gegen sogenannte glückliche Kriege 
ins Gewicht fallen lässt, so giebt sie hiemit nur einer Ueber- 
zeugung Ausdruck, die sogar in officiösen Kreisen von volks- 
wirthschaftlichen Schriftstellern vertreten worden ist. Die 
universelle Geschäftskrisis, welche im Winter 1873—74 auch 
den Amerikanischen Arbeitern eine Lection in der Richtung 
auf den Socialismus ertheilte und welche in den vom Kriege und 
seinen Folgen unmittelbar oder mittelbar am meisten betroffenen 
Ländern durch die vorgängigen finanziellen Verschiebungen 
umfassender Mittel eigenthümlich modificirt und verschärft 
wurde, hat von Neuem und recht lebhaft an die Gebrechlich 
keit des politischen und ökonomischen Regime alter Art erinnert. 
Hiemit ist der Internationalismus wenigstens in seinem Princip 
gestärkt worden, wenn auch seine speciclle Organisation mit 
äussern Verfolgungen auf dem Europäischen Festlande, nament 
lich seit der Zeit der Pariser Commune, und ausserdem mit 
Innern Spaltungen entscheidender als jemals zu schaffen ge 
habt hat. 
4. Das volkswirthschaftliche Programm der Internationalen 
ist nur in einem einzigen Punkte vollkommen bestimmt, näm 
lich in der Abschaffung des Ablohnungssystems der Arbeit. 
Dieser alte, im ursprünglichen Französischen Communismus 
und Socialismus wurzelnde Gedanke ist von den Herrn Engels 
und Marx schon in ihren frühesten literarischen Kundgebungen 
aus dem Anfang der vierziger Jahre und namentlich auch schon 
in dem Buch von Engels „Die Lage der arbeitenden Classen 
Englands” (Leipzig 1845) grundsätzlich vertreten gewesen. 
Auch das von eben diesen Personen ausgegangene „Commu- 
nistische Manifest”, welches kurz vor der Februarrevolution 
von 1848 erschien, hat nur im Gröberen einige Modalitäten der 
Ausführung, nämlich die Beseitigung des Privateigenthums und 
Erbrechts, ohne positive Rechenschaft über die neuen Rechts 
verhältnisse kurz bezeichnet. Aehnliche Beschlüsse sind zwei 
Jahrzehnte später auf Congressen der Internationalen gefasst 
worden. Höchst bezeichnend für den Mangel an ideellem Fort 
schritt ist aber die Thatsache, dass jenes Manifest nach beinahe
        <pb n="586" />
        570 
einem Vierteljahrhundert, nämlich 1872 mit einer hinzugefügten 
Vorbemerkung der Herren Engels und Marx wiedererschei 
nen konnte, derzufolge im Wesentlichen alles darin Gesagte 
auch heut noch zuträfe. Wenn durch irgend etwas in den 
Marxschen Gesichtspunkten, ungeachtet des durch die früher 
gekennzeichnete Gelehrsamkeit angeschwellten Bandes über das 
Capital, die schliessliche Rathlosigkeit in der bestimmteren 
Vorstellung der Grundzüge des künftigen Wirthschaftssystems 
für Jedermann greifbar gemacht werden kann, so muss es 
durch die Rolle dieses alten, und durch die Hinweisung auf den 
Mangel eines neuen Manifestes möglich sein. Eine kurze und 
bündige Formulirung des internationalen Socialismus, d, h. ein 
bestimmtes Programm, welches die neuen Eigenthumszustände 
kennzeichnete, fehlt gänzlich, wenn wir nicht jene alten rohen 
Schlagwürtor des Manifestes, nämlich Aufhebung des Privat 
eigenthums und Erbrechts, als genügend gelten lassen wollen. 
Auch ist es in der That keine augenblickliche Eile unter dem 
Drängen des Neudrucks gewesen, was bei der neusten Auflage 
des Manifestes eine Umarbeitung verhindert hat. Das Gefühl 
der Unmöglichkeit, von dem Standpunkt der Marxschon, nur 
theoretisch zuschonden, aber nicht praktisch construirenden 
Lehre ein befriedigendes Programm zu liefern, hat jene unfrei 
willige Zurückhaltung mit sich gebracht. Auch da, wo man 
den Inhalt des gelehrten Marxschen Buchs über das Capital, 
wie in einem von dem im vorigen Capitel erwähnten Arbeiter 
Most 1874 veranstalteten kleinen und geschickten Auszuge für 
die Arbeiterkreise zugänglich gemacht hat, ist mit dem sehr 
vortheilhaften Wegfall des gelehrten Ballastes und der schlimm 
sten Hegelschen Cruditäten der schliessliche Mangel eines be 
stimmteren Programms nur noch sichtbarer geworden. Das 
Schelten auf den Phantasiesocialismus bedeutet bei Herrn Marx 
zugleich die Verrufung aller bestimmteren Schemata, und doch 
ist selbst die Mathematik nicht ohne einige Phantasie zu för 
dern. Hiezu kommt die Abwesenheit aller Rechtsideen in der 
Gestalt der Verachtung der ernsten naturrechtlichen Ablei 
tungen und hindert auch nach dieser Richtung die Entwick 
lung einer hinreichend verzweigten und wohlbegrenzten Vor 
stellung von der Form der künftigen Volkswirthschaft. 
Man könnte glauben, dass vielleicht die Programme ein 
zelner, den Antrieben der Internationalen folgender Partei-
        <pb n="587" />
        571 
gcbilde, wie z. B. das Eisenacher der „socialdemokratischen 
jlrbedterirarter', jenen lÆsingel hinreichend ersetzteii. Ohvrohl 
indessen in dem eben angeführten Beispiel die politischen und 
die auf den unentgeltlichen Unterricht bezüglichen Forderungen 
bestimmter formulirt sind, so halten sich doch die Aussprüche 
bezüo'lich der künftigen Wirthschaftsform in einer wohl die 
Richtung auf die Sache, aber nicht die Sache selbst erkennbar 
machenden Allgemeinheit. Es soll dies kein Vorwurf für die 
Farteithatigkeit sein, die auch an blossen Richtungen sehr 
Tvolil einen (Doiniiass baiben kann, solangre sie ndclitinclielüagre 
Irommt, (üe (losellscluiA wirlWholi iinibihlen 2:11 niüssen; -- es 
soll vielmehr die Einweisung auf den Mangel eines bestimm 
teren Programms nur eine Kritik der Unzulänglichkeit von 
Doctrinen sein, die sich, ungeachtet der agitatorischen Einlas- 
suno- ihrer persönlichen Träger, wie im Falle der Marxschen 
Gesichtspunkte, mit der vermeintlichen Erhabenheit über eigent 
liche Schematisirungen zugleich die Anmaassung zu Schulden 
kommen lassen, die ihnen unerreichbaren Trauben sauer zu 
hndon. _ 
lOhe InterruLticmale ist seit der ZeR der (krmniune diesseits 
und jenseits des Oceans in verstärktem Maass eine Deutsche 
geworden. Sieht man nämlich von der formellen Angehörig 
keit ab, die in Deutschland durch die staatlichen mit auslän 
dischen Verbindungen unvereinbaren Vereinsgesetze unntóglich 
gemacht ist, so hat die erwähnte socialdemokratische Partei, 
vom Eisenacher Programm und mit dem zu Leipzig ersc ei 
nenden „Volksstaat” als Organ, ofíenbar ein Recht, als die haupt 
sächlichste praktische Vertretung der Ziele der Internationalen 
Jlrbeiterassochatioii 2:11 gelten. In Ifordaanerilia stützte snih 
die Internationale mit der Newyorker „Arbeiterzeitung als Or 
nan der dortigen Föderation bisher hauptsächlich auf das 
Deutsche Element. In Europa haben aber die Romanischen 
Länder die Hauptanknüpfungspunkte für die Sonderalliance 
Bakunins gebildet, der auf dem Haager Congress 1872 vender 
Thoilnahme an der Internationalen ausgeschlossen wur^. Die 
Selbständigkeit der Französischen Bewegung und der Franzö 
sischen Socialisten, mochten sie nun der Internationalen ange 
hören oder nicht, hat ebenfalls nicht dahin wirken können, die 
Strenge und Einheit in dem Zusammenhalten des von einem 
andern Lande ausgehenden Weltvereins zu fördern. Die Fran-
        <pb n="588" />
        572 
zogen würden unter allen Umständen ihren eignen Kopf und 
ihre eigne Ambition nicht allzu leicht preisgeben; aber im Falle 
des Socialismus haben sie ein wohlbegründetes Anrecht, ihr 
Land und ihre Revolution als die Geburtsstätte der neuen 
Ideen und nicht blos der Ideen, sondern auch der Thaton und 
welterschütternden Schicksale anzuschen. Ihnen ist es am 
wenigsten zuzumuthen, auf die Marxsche Ansicht oinzugehen, 
dass England als das wirthschaftlich am meisten zur Indusb io 
entwickelte Land hiemit auch am leichtesten zum Socialis 
mus gelangen müsse. Die Franzosen besitzen im Bereich ihrer 
Ueberlieferungen zu viel wahre und praktische Idealität und 
hochherzige Leidenschaft, als dass sie der bewusstlosen, rein 
realistischen Entwicklung der Zustände Alles cinräumen und 
die Initiative der grossen Gedanken sowie deren Anwendbar 
keit auf die verschiedensten volkswirthschaftlichen Zustände 
mit dem ökonomisch Englisirten Socialismus des Herrn Marx 
verkennen sollten. Die Trägheit und der pointirtc Egoismus 
des Englischen Volks bilden ein grosses Hinderniss für die 
Anwendung universeller und logisch durchgreifender Ideen, 
und einen starken Contrast zu der ideellen Beweglichkeit und 
Hingebung der Französischen Volkselomente. 
5. Wie der Racengegonsatz in der Internationalen selbst 
eine Rolle gespielt hat, beweist am entschiedensten das Ver 
halten des Russen Michael Bakunin, der sich mit den von ihm 
geleiteten Gruppen hatte aufnehmen lassen, aber im Laufe 
einiger Jahre schon zum völligen Bruch und zur Sonderalliance 
getrieben wurde. Herr Marx wollte den neuen Einfluss be 
greiflicherweise nicht aufkommen lassen, und überdies waren 
auch die Principien und Anschauungsweisen zu ungleichartig, 
um mit einander verträglich zu bleiben. Auch Herr Marx trat 
seit dem Haager Congress in einem gewissen Sinne von der 
Internationalen zurück, indem die Verlegung des Generalraths 
auch seine Sekretärschaft für Deutschland afficirtc. Indessen 
ist seit jenem Zeitpunkt der Kampf mit der Bakuiiinschen 
Sonderallianco und mit deren Einfluss in beiden Weltthcilen 
ziemlich lebhaft gewesen. Eine auch von Herrn Marx Unter 
zeichnete Anklagebroschüre, um nicht zu sagen Denunciations- 
schrift, ist zuerst Französisch unter dem Titel „L’allianco de la 
démocratie socialiste etc.” (London 1873) und Deutsch unter 
der bezeichnenden Aufschrift „Ein Complot gegen die Inter-
        <pb n="589" />
        573 
nationale Arbeiterassociation” (Braunschweig; 1874) erschienen. 
Obwohl die darin vorgebrachten, zum Theil auch besser als aus 
dem Material Russischer Gerichte beglaubigten Thatsachen die 
thoilweise geheimen und in einigen Richtungen moralisch ver 
werflichen Organisationen Bakunins, wie namentlich durch die 
Angelegeaiheit Ifetschajef^ arg bloBzmd:edlen 8(dieinen, so hhist 
sich doch andererseits die einseitige Gehässigkeit der ganzen 
Manschen Composition nicht verkennen. Bakunin, dessen 
Thätigkeit vornehmlich in der Schweiz, in Spanien und Süd 
frankreich sichtbar wurde, hat offenbar mit Grundsätzen un 
Vorhaltungsarten operirt, die auf dem Russischen Boden nicht 
überraschen können. Dort sind die geheimen Verbindungen 
ein Erzeugniss der Unterdrückung des Öffentlichen politischen 
Verkehrs, und die Barbarei, mit welcher die alten Institutionen 
dort auf allen aufstrebenden Elementen lasten, kann einen 
Thoil der Wüstheit und Unreife erklären, mit welcher der 
revolutionäre Fanatismus in Idee und Organisation auftritt. 
Hiezu kommt die slavistisch gefärbte Richtung Bakunins, der 
in Herrn Marx übrigens auch das jüdische Blut und den Deut 
schen Gelehrsamkeitsballast mit sehr begreiflichem Widerwillen 
betrachtet. Dafür wird ihm von der Marxistischen Seite vor 
geworfen, dass er die Wissenschaft hasse, während er doch die 
Mathematik und die Naturwissenschaften sowie die Studien der 
socialen Verhältnisse seinen Anhängern ausdrücklich empfiehlt. 
¿Tener vermeintliche IBhiss der Wissenschaft ist, laahea- betraclr- 
tet, nur eine Verachtung der Halb Wissenschaften alter Tradi 
tion und der staatlichen oder gesellschaftlichen Formen, in 
denen auch die eigentlichen Wissenschaften verhältnissmässig 
mehr vernachlässigt als ernstlich und lebensvoll gepflegt und 
gefördert werden. Die höhnische Frage der Marxistischen An 
klageschrift, ob denn auch die Mathematik staatlich und officiell 
wäre, hat von der Hohlheit ihres Spottes und ihrer Voraus 
setzungen selbst keine Ahnung. Sie weiss nichts von dem 
inncrri Zusammenhang der Institutionen, durch welchen auch 
solche Wissenschaften wie die mathematischen unter das Joch 
alter Traditionen gebeugt und in den Sumpf des Mysticismus 
gezerrt worden können, gar nicht zu reden von den Folgen, 
welche die Auswahl der trägen, unterthänigen und sich in 
niedrige Bewerbungsränke ergebenden, kurz der unter schlech 
ten politischen Institutionen am meisten ämterfähigen Charak-
        <pb n="590" />
        574 
tere auch für den Betrieb der wohlbegrttndetsten und politisch 
oder religiös an sich indifferentesten Wissenschaften haben muss. 
Das 19. Jahrhundert ist grade in diesem Punkte eine grosse 
Lehre; denn die Fortschritte sind nicht durch diese Verhält 
nisse, sondern trotz derselben gemacht worden, und daneben 
haben sich namentlich in der Mathematik sehr viele Rück 
läufigkeiten, wüste speculative Luxusverirrungen und arge 
Stauungen sowie Verluste früherer besserer Anschauungswei 
sen produciren können. Letztere Erscheinung ist nun rein 
social und politisch zu erklären, und so dürfte die Bakunin- 
sche Denkrichtung nicht ganz im Unrecht sein, wenn sie die 
fast leblosen Körpertheile der Wissenschaft eben auch als der 
Ausmerzung anheimfallend betrachtet. Herr Marx steht nicht 
blos in der Oekonomie mit seinem Ricardo, den er formell nur 
verhegelt und materiell nur nach der Seite des Socialismus 
umgebogen hat, auf einem altfränkischen, sondern auch mit sei 
ner ganzen allgemeinen Bildung auf einem überlebten philoso 
phastrischen Standpunkt, der zwar der gewöhnlichen Schulung 
der dreissiger Jahre in Deutschland entsprach, aber von einem 
wirklich entwicklungsfähigen Manne hätte überwunden werden 
müssen. Ihm geht die naturwissenschaftliche Denkweise völlig 
ab und auch sein Gegensatz gegen das Pricsterthum ist nicht 
systematisch und entschieden genug, um den Verdacht auszu- 
schliessen, dass der zähe Judaismus in ihm, trotz seiner eignen 
Spöttereien gegen einzelne jüdische Autoren, nicht noch einige 
Rückständigkeiten conservirt haben sollte. In der antitheolo 
gischen Hinsicht spricht sich Bakunin nicht nur durchgreifen 
der aus, sondern lässt seine Gedanken auch in das Programm 
der Alliance übergehen. Zwar gilt auch die Internationale mit 
Recht als Gegnerin aller Religionen; aber ihr Programm ent 
hält nichts von diesen geistigen Elementen, und das ist ein 
colossaler Fehler, — ein Fehler freilich, der danach aussioht, 
als hätte man mit den Bekennern aller Religionen und Con- 
fessionen vor allen Dingen ein blos materielles Associatioris- 
geschäft einleiten wollen. Eine solche Materialität dürfte sich 
aber an der Association rächen; unter allen Umständen wird 
sie, um sich auf der Höhe der Zeit zu halten, der Durch 
dringung mit entschiedeneren Geistesrichtungen bedürfen. Die 
Bakuninsche Mesalliance mit ihr und die darauf folgende 
Sonderalliance des fanatischen Russen, der mit den Antrieben
        <pb n="591" />
        575 
der urwüchsigen Volkskraft über die Westeuropäischen Doc 
trinen hinwegschreiten will und welcher mit seiner Verherr 
lichung eines den alten Russischen Aufständen entsprossenen 
Räuberthums lebhaft an Schillers wilde aber dafür auch volks- 
kräftigo Phantasien erinnert, — diese, auf beiden Seiten ver 
unglückte Alliance sollte doch eine Lehre sein, dass sich die 
Emancipation der Arbeit nicht nach Art einer Alliance Israelite 
bewerkstelligen lässt. Auch die Staatsspielerei der Internatio 
nalen, die sich mit ihrer Nachahmung officieller Formen und 
ihren amtlichen Auslassungen bisweilen recht sonderbar aus 
nimmt und, ich will noch nicht einmal sagen gegen das Wesen 
der Demokratie, sondern schon gegen das der Natürlichkeit 
und Einfachheit verstösst, hat durch den Bakunin sehen Gegen 
satz eine grelle Beleuchtung erfahren. 
Bakunin verhält sich zu den Halbwissenschaften der Ueppig- 
keit nicht weniger verwerfend, als es ein Rousseau in seiner 
freilich ganz andern Art und mit gelegentlich noch schlimmeren 
Verirrungen der paradoxen Phantasie gethan hatte. Einen theo 
retischen Nihilismus in Rücksicht auf die eigentliche Wissen 
schaft kann man ihm aber nicht vorwerfen, da er die exacten 
Thoile anerkennt und der nachrevolutionären Zukunft die neuen 
Geistesschöpfungen anderer Richtung zuweist. Was aber seine 
Verneinung alles Staatswesens oder, mit andern Worten, die 
Herbeiführung der Herrschaftslosigkeit betrifft, so erinnern 
diese Gedanken einerseits an das Paradoxon der Proudhon- 
schen Anarchie oder Nichtherrschaft und schliessen andererseits 
bei aller verwerflichen W üstheit und W ildheit ihrer Russisch 
barbarischen Einkleidung zugleich einen verständlichen Sinn 
nicht aus. Die slavistische Zerstörungsleidenschaft sammt ihren 
principie!! verwerflichen Mitteln jeglicher Art von Gewalt und 
List ist im Rahmen der Russischen üeberlieferungen und 
gegenüber dem ähnlich gearteten Druck der Institutionen nur 
zu begreiflich. Bakunin will mit dem Staat als solchen auf 
räum en, weil er in ihm nichts als eine falsche unterdrückeri 
sche Form der Gesellschaft sieht. Er wendet sich mit seiner 
ganzen Leidenschaft gegen die alte Welt des Staats und ver 
steht diese alte Welt so, wie etwa ein Religionsgegner die 
Kirche auflasst und behandelt wissen will. Auch wer feiner 
unterscheidet, wird wenigstens den Gewaltstaat, d. h. den Staat, 
insofern er durch Vergewaltigung entstanden ist und fortbesteht.
        <pb n="592" />
        576 
nicht als eine ewige Form des Menschheitslehens betrachten 
können. Schon in dem Worte Herrschaft liegt das Verhältniss 
von Herr und Knecht, wenn auch nicht immer so schroff wie 
im Judenthum, angedeutet. Die Beseitigung eines solchen Yer- 
hältnisses ist aber die Vorbedingung der wirklich freien, auf 
gleicher Gegenseitigkeit beruhenden Vergesellschaftung der 
Menschen. Unterdrückung und Association sind auch im Po 
litischen einander antagonistisch ; wo die willige Vereinigung 
unter dem Gesetz natürlicher Verbindlichkeiten platzgreifon 
soll, muss das politische Herrenthum und zwar nicht blos das 
der Einzelnen oder einer Mehrheit, sondern auch das der Go- 
sammtheit und mithin das ganze Verhältniss an sich selbst 
vorher ausgeschlossen sein. Die beiden Systeme können sich 
zwar mischen, aber nie einen innern Frieden schaffen, und nur 
die reine und vollständige Ausbildung des Freiheitsprincips 
kann der Menschheit die Grundlage zu ungestörten positiven 
Schöpfungen gewähren. Bakunin bekümmert sich um diese 
positiven Zukunftsschöpfungen wenig und zählt dabei auf die 
naturwüchsigen Antriebe der Volksgercchtigkeit und so zu sagen 
auf die Initiative der Volksinstincte, von der er mehr erwartet, 
als von allen bisherigen doctrinären Entwürfen. In diesem 
einzigen Punkte liegt nun allerdings ein schlimmes Stück Nihi 
lismus, und man kann hier aus den Bakuninschen Ideen einen 
Rückschluss auf die Schicksale machen, die der Europäischen 
Civilisation bevorständen, wenn die reactionäre Kehrseite zu 
dem Bakuninschen Fanatismus, nämlich das wirkliche Russland 
sich nach dem Westen hin siegreich ausbreitete. Trotz alledem 
bleiben aber die volkswüchsigen Conceptionen Bakunins eine 
interessante und in manchen Beziehungen sogar bedeutsame 
Erscheinung, der auch bei der ungünstigsten, wenn nur einiger- 
maassen unbefangenen Auffassung allermindestens als einem 
Gegengift gegen verdumpfte üeberlieferungen und Umgebungen 
geistiger und thatsächlicher Art ein gewisser Werth nicht ab 
zusprechen ist, und hieraus erklärt sich auch der umfassende 
Einfluss, den die fragliche Persönlichkeit in verschiedenen 
Culturländern auszuüben vermocht hat.
        <pb n="593" />
        577 
Drittes Capitel. 
Die Commune und der neuste Standpunkt der Theorie. 
In einer Gcscliiclite der Gedanken können die Thatsachen 
nur nebenbei und ausnahmsweise Erwähnung finden. Sogar 
die Organisationen und Agitationen, welche sich unmittelbar 
auf die Fortpflanzung bestimmter Lehren richteten, konnten 
an sich selbst für den Zusammenhang unserer Arbeit kein 
Interesse haben, und es war daher auch nur die Rücksicht auf 
die dabei hervortretenden Ideen gewesen, was uns für die 
Gegenwart zu Kennzeichnungen in dieser Richtung veranlasst 
hatte. Sowenig es angemessen gewesen wäre, auf das ausser- 
lich Thatsächliche der grossen Französischen Revolution, die 
1793 ihren Höhepunkt erreichte, mehr als blos hinzuweisen, 
ebenso unpassend würde für den Zweck einer Geschieht der 
socialitären Volkswirthschaftslehre, die weder eine Geseich e 
fier thatsäcblichen Yolkswirthschaft, noch der factischen ' 
uind aiüdi nicht einmal der einzelnen sociahm "Vfirsmdisgebilde 
sein soll, das Eingehen auf die besondern Eigenschaften und 
die eigenthümliche Gestaltung eines noch so grossen Ereig 
nisses der Gegenwart ausfallen. Nur in der Berührung mit 
dem Gedankengehalt oder in der symbolischen Vertretung der 
Ideen ergiebt sich Angesichts der grössten Action, welche das 
19 Jahrhundert für die Culturinteressen aufzuweisen hat, auch 
für uns eine Aufgabe. Von jenen Frühjahrsmonaten 1871, 
während deren das Proletariat innerhalb Paris zum ersten Mal 
in der Welt wirkliche Regierungsfunctionen ausgeübt hat, da- 
tirt eine neue Aera des politischen und socialen Bewusstseins. 
Weit bezeichnender als die Pariser Bluthochzeit für das Wesen 
der Religionspolitik, ist die Pariser Maiblutwoche mit ihijn 
vielen Zehntausenden von systematisch Massakrirten für die 
Bourgeoispolitik geworden, wie sie sich in Frankreich unter 
der civilen Führerschaft des schutzzöllnerisehen Erzbourgeois 
Thiers und mit dem Zögling der Afrikanischen Civilisation Mac 
Mahon als militai rischer Handhabe typisch ausgeprägt hat. Hie 
Ausrottung des Proletariats in allen seinen bewussten und ent 
wickelten Elementen ist auf dem Pariser Schauplatz derartig 
inscenirt worden, dass selbst dem Kenner aller Gräuel der 
Dühriiig, Gescliichte der Nationalökonomie. 2. Auflage. 37
        <pb n="594" />
        578 
antiken und modernen Geschichte die Yergleichungspunkte für 
die Artung, den Umfang und die Massenhaftigkeit dieser in 
ihrer Weise einzig dastehenden Blutorgio entschwinden. Kein 
Sulla und keine Metzeleien der Römischen Bürgerkriege, ja 
nicht einmal die unterdrückten Sklavenaufstände, kurz nicht 
eine einzige der Culturwürgereien und umfassenden Schläch 
tereien, die ausserhalb des eigentlichen Kampfes und nachträg 
lich an wehrlosen Menschenmassen verübt worden sind, reichen 
aus, um dem Verständniss des wahren Charakters und Um 
fangs sowie der Einsicht in die besondere Niedertracht nach 
zuhelfen, mit welcher die Pariser Scenen ausgeführt und durch 
welche sie ein Alarmsignal für die Arbeiterwelt aller Cultur- 
länder geworden sind. Die antike Aera der Proscriptioncn ist 
ebenfalls eine Kleinigkeit in Vergleichung mit den nachträg 
lichen Monstreverfolgungen gewesen, welche sich nach den 
Blutscenen gegen die Bevölkerung des berühmtesten Cultur- 
sitzes der Welt richteten, und bei denen man ebenfalls mit 
einem halben Hunderttausend unmittelbar Betroffener zu rech 
nen hatte, von den mittelbar durch die Familienbande Mitaffi- 
cirten gar nicht zu reden. Die Frauen und Kinder hatten auch 
schon zu den Blutopfern und zwar ausserhalb eines Kampfes 
ihr Contingent zu vielen Tausenden stellen müssen. Yésinier, 
der sonst keineswegs drastische oder gar eiserne Kritik übt, 
berichtet in seiner „Histoire de la Commune de Paris” (London 
1871, auch Englisch daselbst 1872) sogar von einem ganzen 
Zehntausend Frauen und Kinder, welches allein schon mit dem 
Abschluss der Maiwoche massakrirt gewesen wäre, und von 
einem andern Zehntausend eben dieser Kategorie, welches man 
eingekerkert hätte. Die Zahlen werden wohl vorläufig nicht 
genau festgestcllt werden; aber ein rundes Hunderttausend 
theils Massakrirter theils Eingekerkerter wäre an sich schon 
eine genügende Erläuterung, wenn nicht die Art und Welse 
des Verfahrens noch mehr als die Massenhaftigkeit spräche. 
Die Verwandlungen von hiezu besonders zusammengepferchten 
Menschenknäueln durch die Mitrailleusen in zerfetzte Stücke 
Menschenfleisch, unter denen der Zufall aber einige noch zu 
lebendiger Verscharrung conservirte, — diese Art sogenannter 
Hinrichtungen, welche die Regel bildete, da man mit der Ab- 
thuung des lebendigen Menschenfleisches sonst nicht hätte fer 
tig werden können, — diese Cultur- und Humanitätsfrüchte
        <pb n="595" />
        579 
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lümn^m^dlGr'nmtsa^ien zu 
Elemente waren gemischt; aber das proletarische erw « 
gewaltig und hatte so entschieden die Initiative, dass es de 
ganzen Acte sein Gepräge aufdrückte. Der grösste Theil der 
%ur Gonmiune Gev^äldten bestand aus jirbeiternoder^^Lrheiter-
        <pb n="596" />
        580 
führera, und die Massengräuel seitens der Versailler haben es 
auch vor der Welt klar genug bestätigt, dass es in erster Linie 
das Glasseninteresse der Französischen Bourgeoisie und die 
Niedertretung des Proletariats war, was man bei der Austilgung 
der Commune im Auge hatte. Die Feinde haben also durch 
das Zougniss ihrer eignen Verhaltungsart die sooialistischo 
Natur des Ereignisses bescheinigt. Nun ist es freilich zu 
socialistischen Maassregeln nur in kleinen Ansätzen gekommen; 
aber aus dem einfachen Grunde, weil man vor allen Dingen 
zu kämpfen hatte. Zuerst hatte man die Innern Rcactionen 
des Börsenviertels zu überwinden und später der Belagerung 
die Stirn zu bieten. Man war in die Lage, in der man sich 
befand, mit der logischen Macht der rollenden Thatsachon 
hineingeworfen worden. Das wirkliche Volk hatte unter der 
ersten (Deutschen) Belagerung Waffen erhalten und sic hand 
haben gelernt. Es war nichts weiter als die Erfüllung einer solchen 
Vorbedingung nüthig, um unter allen, also auch unter den 
ungünstigsten Umständen einen proletarischen Widerstand gegen 
die Einführung einer Regierung der Privilegirten zu vcranlLren. 
So verzweifelt die Situation, in welcher die ganze Action vor 
sich ging, dom entfernteren und kälter rechnenden Betrachter 
erscheinen mochte, so war sie dennoch keineswegs ein Wahn 
sinn der Leidenschaft, wenn man den Standpunkt und die 
nothwendige Denkweise des Arbeiters in Anschlag bringt. 
Das Würfelspiel mit dem raschen Tode ist für diejenigen nicht 
so schwer, die auf ihrem gewöhnlichen Wege zum Grabe eine 
tödtlich drückende Last hinschloppon. In der einen oder der 
andern Form musste der Kampf um Loben und Nichtloben ja 
doch geführt werden, und die leiseste Aussicht, die- Knecht- 
sehaft abzüschütteln und die socialen Kotten zu sprengen, 
musste die edleren, den Opfertod nicht blos der eignen Person 
sondern auch der Angehörigen nicht scheuenden Gefühle wach 
rufen. Mit diesem grossen Sinne hielt das Pariser Arboitor- 
volk fast krampfhaft die Waffen fest, die es einmal in Ilândon 
hatte. Nicht die Internationale, die sich nachträglich von 
London aus einen viel zu grossen Antheil und Einfluss bei 
den Vorbereitungen zuschrieb, wie namentlich ihr Pamphlet 
.Der Bürgerkrieg in Frankreich" (Leipzig 1872) beweist, — nicht 
die Internationale, deren Namen und Vertretung in Paris auch 
eine sehr selbständige, oigonthümlich Französische Bedeutung
        <pb n="597" />
        581 
hatte, sondern die zwingende Lage hat den 18. März und die 
Commune goschaíFen. Ihr Ausgangs- und Stützpunkt war be 
deutsamer Weise eine zugleich militairische und dabei vor 
wiegend proletarische Macht, nämlich die überwiegende Mehr 
zahl der Bataillone der Nationalgarde, von denen das ursprüng 
lich agirendo Centralcomite gewählt war. 
3. In Rücksicht auf die politischen Formen ist allerdings 
schon der Name der Commune den neuern Grossstaaten gegen 
über eine Anomalie. Ein Bündniss der grossen Städte Frank 
reichs sollte die Grundgestalt des politischen Daseins bilden, 
um so die Unterdrückung der städtischen Elemente durch das 
Werkzeug des platten Landes unmöglich zu machen. Man 
berief sich nicht nur auf die Rolle der Pariser Commune von 
1793, sondern verstieg sich in einigen Schriftstücken zur Er 
innerung an die uralte Herkunft communaler Selbständigkeits 
bestrebungen aus dem 12. Jahrhundert. Paris wollte sich so 
ziemlich als selbständiger Staat constituiren und nur in den 
unumgänglich gemeinsamen Angelegenheiten föderative Ver 
bindlichkeiten eingehen. Ihm sollte eine eigne Militair-, Ge 
richts- und Finanzhoheit zukommen. An die Stelle des stehen 
den Heeres sollte die Bewaffnung der ganzen Bürgerschaft 
treten, und überhaupt sollten alle Attribute des Staats, soweit 
sie bestehen blieben oder nach der socialistischen Seite auszu 
dehnen wären, für Paris eben auch der Pariser Regierung 
angehören. Selbstverständlich hätte sich aus den grössern 
städtischen Einheiten alsdann föderalistisch ein planmässig 
handelndes Ganze gebildet, dem sich das platte Land natur- 
gemäss einfügen musste. Wenigstens waren dies die unter 
solchen Voraussetzungen naheliegenden Gesichtspunkte, und 
wenn auch die Formen des Gewaltstaats der neuern Jahr 
hunderte nicht auf dem Wege, an den die Commune dachte, 
verschwinden werden, so ist doch schon überhaupt der Gedanke, 
dass dieser Staat nicht die letzte geschichtliche Form, ja über 
haupt kein Gebilde von grosser historischer Stabilität sei, von 
bedeutender Tragweite. Ein Föderalismus irgend welcher 
Art ist freilich unter lauter Gewaltverhältnissen ein unzuläng 
licher und nicht zum Ziele führender Anknüpfungspunkt; aber 
ausser der individuellen Freiheit muss auch die Freiheit der 
Gruppen und namentlich der grössern Städte den Angelpunkt
        <pb n="598" />
        582 
künftiger Gestaltungen bilden. Der weltgescbichtliche Fort 
schritt pulsirt da, wo die grossen Menschonmassen zu engem Ver 
kehr vereinigt sind. Es ist reactionär, auf die Anhäufungen des 
Proletariats und auf das Riesenwachsthum der Gressstädte im 
Interesse einer vorläufig noch übel angebrachten und falschen 
Decentralisationsidee wirthschaftlicher oder politischer Art in der 
bekannten Manier zu schelten. Die Zeit der Ausgleichungen wird 
kommen; aber zunächst führt der Weg der omancipatorischen 
Politik durch die Verstärkung dos thatsächlichen Einfiusscs der 
Gressstädte auf die Geschicke der Länder. 
Die angedeuteto communalistische Politik ist ebenfalls ein 
Grund gewesen, den vorherrschend proletarisch socialistischen 
Charakter der Communekundgebung zu verkennen. Dies rührt 
aber daher, dass man dem bisherigen Socialismus gegenüber 
nicht daran gewöhnt ist, auf ein eigenthürnliches, von dem 
Gewaltstaat abweichendes System rein politischer Formen zu 
treffen. Dennoch ist die Ausbildung eines solchen Systems 
unumgänglich, und die herkömmliche Vorstellung, dass die 
Functionen des Staats blos socialistisch auszudohnen wären, 
muss unter Anwendung auf überlieferte Gewaltstaatsformen 
zu den wunderlichsten, zum Theil reactionären Ergebnissen 
und zu den auch an sich unhaltbarsten Folgerungen führen. 
An die Commune knüpft sich daher die Lehre, dass der 
politisch formale Theil des Socialismus noch stark im Rück 
stände ist. Alle Formen und Theile des öffentlichen Daseins 
sind an der socialitären Idee zu messen und in Um- oder 
Neubildungen in einem den Gesetzen der menschlichen Natur 
entsprechenden Entwurf sichtbar zu machen. Ohne eine be 
stimmte Vorstellung von den künftigen Formen des politischen 
Gemeinlebens kann es keinen nach allen Richtungen anwend 
baren Socialismus geben. 
Die handelnden Personen der Commune sind sich in einer 
wichtigen politischen Beziehung, nämlich in dem Charakter der 
Maassregeln, welcher der eisernen und drohenden Lage ent 
sprochen hätte, nicht hinreichend klar gewesen. Auch könnte 
man sogar einen Mangel an moralischem Muth zu energisch durch 
greifenden Verhaltungsarten finden wollen, wenn nicht einerseits 
die humanitäre Milde und andererseits die precäro nicht selbst 
geschaffene Lage die Erklärungsgründe der Unsicherheiten des
        <pb n="599" />
        583 
Verfahrens lieferten. Man hatte auf Veranlassung der Er- 
schiessungen und noch schlimmeren Gräuel, deren sich die 
Versailler gegen die Gefangenen schuldig machten, ein Decret 
erlassen, demzufolge die gefangenen Spione, die man nach dem 
gemeinen Völkerrecht einfach tödten konnte, sowie die mit den 
Versaillern conspirirenden Personen nach einem sorgfältigen, 
mit allen Bürgschaften freier Vertheidigung umgebenen gericht 
lichen Verfahren dazu verurtheilt werden konnten, als Geiseln 
detinirt zu bleiben. Man hatte den Versailler Verfalirungsarten 
und Gräueln gegenüber gedroht, auf jede Erschiessung mit der 
dreifachen Anzahl zu antworten, die jedesmal aus den erwähn 
ten Geiseln auszuloosen wäre. Man hatte aber diese Repres 
salien nicht ausgeführt, und als den Versaillern von Neuem 
der Kamm zu besondern Unthaten in Folge der menschlichen 
Milde ihrer Feinde geschwollen war, das Decret nach mehreren 
Wochen formell in Erinnerung gebracht, aber dann wiederum 
ohne Ausführung gelassen. Eine wirkliche Erschiessung von 
Geiseln hat erst stattgefunden, als keine Communeregierung 
mehr existirte und die furchtbar blutige Maiwochc einige 
Nationalgarden antrieb, auf eigne Hand ihre ermordeten Frauen, 
Kinder und Väter durch Execution von 64 Detinirten zu 
rächen. Ein solcher Act war allerdings keine Gerechtigkeit; 
die Commune hätte ihn nicht vornehmen können, theils weil 
er ihrer bisher geübten Humanität nicht entsprach, theils weil 
er auch in gar keinem Verhältniss zu dem Umfang und der 
Artung der Versailler Metzeleien und raffinirten Gräuel ge 
standen haben würde. Die Commune hatte nichts gethan, als 
man formell die Nothzüchtigungen von weiblichem Personal der 
Ambulanzen durch die Versailler mit den darauf folgenden 
sofortigen Füsilirungen dieser Frauen, als dem würdigen Nach 
spiel der gewaltsamen Geschlechtsacte, festgestellt hatte. Sie 
hatte nichts gethan, als gleiche Thaten und Massakrirungen in 
friedlichen Wohnungen, wo sich zufällig verpflegte Verwundete 
gefunden hatten, vor den Augen geknebelter und im Todes 
kampf ringender Eltern an ihren Töchtern verübt wurden und 
mit der Metzelei der Reste und ganzen Familien abschlossen. 
Sie war mit einem das verruchteste Räuberthum in mehreren 
Richtungen überbietenden Feinde nach Grundsätzen einer mil 
den Humanität verfahren, wie sie fast nur in der Gegenseitig 
keit idealer Zustände und eines selbst im Streite nicht auf-
        <pb n="600" />
        684 
hörenden Wohlwollens denkbar sein würde. Wie hätte man 
von ihr die naturwüchsige Rache und ein eigentliches Volks 
gericht zu gewärtigen gehabt? 
Selbst der letzte Verzweiflungskampf, der zum grossen 
heil nicht mehr als einheitlich von der Commune geleitet an 
gesehen werden kann, bekundete noch erstaunliche Rücksich 
ten. Die Versailler hatten ihrerseits bedeutende Brände ver 
ursacht; sie, die schon früher die Pariser Ambulanzeinrich 
tungen der ihnen befreundeten Gesellschaft des rothen Kreuzes 
beschossen hatten, waren nicht die Leute, irgend etwas zu 
schonen. Die auf das Aeusserste gebrachten Communards ha 
ben aber Angesichts des sichern Todes nur einige strategisch 
durchaus noth wendige Wegräumungen veranlasst. Auch das 
Petroleum ist von den Versaillern noch in schlimmerer Weise 
gebraucht worden, als zur Füllung von Bomben, von denen 
man immer nur zur Belastung der Gegenseite spricht, — näm 
lich zur Verbrennung von Tausenden eben Niedergemetzelter, 
was nicht einmal eine eigentliche Leichenverbrennung ergab, 
da die uninässig aufgehäuften blutenden Massen Menschenüei- 
sches sofort auf frischer That vertilgt werden sollten, um nicht 
in zu dichten Stapelungen als lästige Zeugen der concentrir- 
testen Massacres übrig zu bleiben. Was sind gegenüber sol- 
chen öcenen einige brennende Gebäude? 
4. Zwischen dem 18. März und der Katastrophe der letz 
ten Maitage liegen einige politische und socialitäre Ansätze 
oder Kundgebungen, die für uns als Kennzeichen des proleta 
rischen und socialistischen Charakters der Commune einigen 
Werth haben, obwohl sie eigentlich nur gelegentliche Symptome 
des tiefer wurzelnden Gesammtgeistes waren. Vor den Wahlen 
und nach ihnen hatte sich bei den leitenden Instanzen auch 
schon das Schlagwort der Beseitigung der Ablohnungsarbeit 
oder eine andere ähnliche Ausdrucksweisc, wie z. B. „Ausglei 
chung der Arbeit und des Lohnes” oder „Verallgemeinerung 
des Eigenthums” geltend gemacht. Die von einer Pariser Inter 
nationalen Unterzeichneten Schriftstücke waren aber im Pro 
gramm nicht sehr bestimmt und mischten noch allerlei, wie 
z. B. die Organisation des Credits ein, die offenbar nach einer 
Abschabung der Lohnarbeit den geringen Sinn, den sie sonst 
allenfalls haben könnte, vollends verliert. Das Gesetz über 
die Miethen war eine Gelegenheits- und Ausnahmomaassrogol;
        <pb n="601" />
        585 
es entband von den Rückständigkeiten und Zahlungen für die 
Quartale der Belagerung und der noch bestehenden anomalen 
Zustände. Auch blos moratorische Hinausschiebungen anderer 
Art wären zu erwähnen, wenn diese nicht ein altes Auskunfts 
mittel bildeten, welches den specifischen Socialismus nichts an- 
geht. Verlassene oder ausser Thätigkeit gesetzte industrielle 
Etablissements mussten den Arbeitern wieder eröffnet werden. 
In finanzieller Beziehung setzte man das höchste Maass der 
Beamtengehälter auf die bescheidene Summe von 6000 Fr. 
herab. Die höchsten Functionäre der Commune und unter 
ihnen ihr Finanzminister waren aber thatsächlich für Tagelöhne 
thätig, wie sie auch von blossen Arbeitern bezogen werden. 
Die finanzielle Zurückhaltung der Commune hat selbst die 
Feinde überrascht, und die musterhaft sparsame Finanzverwal 
tung bildet einen Glanzpunkt inmitten jener gährenden und 
rasch wechselnden Verhältnisse. 
In ihrer Erklärung an das Französische Volk, abgedruckt 
in ihrem „Journal officiel” vom 20. April, hat die Commune in 
sehr gemässigter Weise die Gründe der heutigen Knechtschaft 
des Proletariats in den verschiedenen Richtungen der privile- 
girten Institutionen des alten Staats und der alten Gesellschaft 
mit Rücksicht auf Priesterthum, Beamtenthum und wirthschaft- 
liche Ausbeutung und Corruption wenigstens im Allgemeinen 
bezeichnet. Was sie in vereinzelten Richtungen zu thun oder 
wenigstens zu unternehmen vermochte, kann als Erläuterung 
ihrer auf das sittlich Wahre und auf das natürlich Gerechte 
abzielenden Bestrebungen dienen. Sie emancipirte den Unter 
richt völlig von der Priesterleitung und wies das Priesterthum 
in seine privaten Schranken. Sie verurtheilte den Geist des 
Raubes und der Eroberung, indem sie symbolisch mit dem 
Umstürzen der Napoleonssäule, des Denkmals der kriegerischen 
Unterwerfungen, die unnützen Völkerkämpfe, durch welche 
grosse Volkszwecke nicht gefördert werden, als in ihren Augen 
verworfen signalisirte. Dem eigentlichen Volk und seiner na 
turwüchsigen Moral entsprach sic aber in der eminent socialen 
Maassregel, durch welche die natürlichen Familienbande gegen 
das Privilegium der bevorzugten Vereinigungen gewahrt wer 
den sollten. Sie stellte nämlich die unehelichen Kinder den 
ehelichen gleich, wodurch sie allerdings zunächst schroffe Con- 
soquenzen, abpr auf die Dauer ein besseres Recht und bessere
        <pb n="602" />
        586 
Pflichten geschaffen haben würde. Sie versuchte sich an der 
Beseitigung der Prostitution. Sie verbot die Hazardspiele und 
handelte in allen Richtungen im Sinne einer natürlichen und 
veredelten Moral, die scharf mit der Laxheit und Corruption 
der vorherrschenden Gesellschaftsethik contrastirt. Bereits in 
den politischen Verhandlungen hatten die Begründer der Com 
mune in ihren Wahlmanifesten eine so edle und einfache 
Sprache geführt, wie sie sonst bei Wahlacten in der herrschen 
den Gesellschaft unerhört ist. Sie hatten aufgofordert, diejeni 
gen Manner zu wählen, welche sich nicht verdrängen ; denn es 
zieme sich nicht, dass sich die Candidaton werbend präsentiren, 
sondern dass sie vom Volke gesucht und hervorgezogon wer 
den. Man vergleiche nun hiemit die üblichen Verfahrungsarten, 
an deren üngohörigkeiten kein Anstoss genommen wird, und 
bei denen der natürliche Anstand, wo er sich überhaupt je 
schüchtern geregt haben mag, längst verschollen ist. Man fühlt 
sich wie in einer andern politischen Welt, wenn man die Kund 
gebungen liest, in welchen die einfachen und damals namen 
losen Männer des Contralcomite endlich einmal wieder Einiges 
aus der unbekannt gewordenen Sprache der Natur und des 
schlichten Sinnes vornehmen Hessen. Verglichen mit der die 
sen Volksregungen feindlichen Welt der intriguanton und 
hinterhältigen Drechselkünstler, die am historisch faulen Holz 
herumschnörkeln, nimmt sich der moralische Geist eines grossen 
Theils jener Männer, durch welche die proletarische Be 
wegung inaugurirt wurde, als ein erfrischender Luftzug inmitten 
einer Sumpfatmosphäro aus. 
5. Die Blutströme, um deren Preis der Gewaltstaat und 
das Gewalteigenthum in Frankreich aufrecht erhalten worden 
sind, haben mehr als alle bisherigen theoretischen Systemver 
suche des Socialismus dazu beigetragen, die Gedanken der 
besser Gesinnten aufzurütteln und aus dem voreiligen Huma 
nitätstraum zu reissen. Die Aera thatsächlichor Brutalität in 
mitten ideeller Humanität, deren Anhänger das Opfer ihrer 
wohlwollenderen Behandlungsart der Dinge und Menschen 
wurden, — diese factische Herrschaft frivoler Brutalität, welche 
für das letzte Drittel des laufenden Jahrhunderts mit beson- 
derm Nachdruck eingeleitet und bei dem Pariser Kampfe in 
einer Riesenprobe von Scheusslichkeit der Welt allseitig sicht 
bar vorgeführt worden ist, hat nicht blos das Wissen sondern
        <pb n="603" />
        587 
auch das Wollen der denkenden und im wahren Sinne des 
Worts menschenfreundlichen Naturen sehr entschieden afficiren 
müssen. Die Lage ist seitdem viel klarer geworden. Man 
täuscht sich nicht mehr über die gewaltigen Schwierigkeiten, 
die sich einer bessern Art der Entwicklung entgegenstellen. Die 
kurzsichtige Verranntheit und der frivole TJebermuth sind auf 
der einen Seite so gross, dass die Chancen einer von der an 
dern Seite her zu bewerkstelligenden Verständigung äusserst 
gering erscheinen müssen. Welche Gestalt aber auch immer 
hin die Schicksale der modernen Gewaltgesellschaften anneh 
men mögen, so bleiben die leitenden Ideen der Um- und Neu 
bildung doch an sich selbst unbetroffen. Die Formen der Aus 
führung und die Zwischenschicksale, die sich bis zu einem 
Hauptstadium einschieben mögen, sind Fragen zweiter Ordnung. 
Wenn sich zwei Personen mit einander in irgend einer Bezie 
hung zu arr an giren haben, so hängt die besondere Gestalt, in wel 
cher die Auseinandersetzung stattfinden mag, von dem Wissen 
und Wollen der Betheiligten ab. Der Mangel an Einsicht und 
gutem Willen oder auch blos an dem letzteren braucht nur bei 
der einen Partei vorhanden zu sein, um jede gemeinschaftliche 
Lösung auszuschliossen und den Weg des Hasses allein noch 
ofifenzulassen. Diese traurige Nothwendigkeit, vermöge deren 
der Mensch für den Menschen immer mehr ein Unheil und 
eine drohende Gefahr wird, kann zwar auch dann, wenn sie 
auf keiner Seite zu einem dauernden Siege führt, schon an 
sich selbst durch das Uebermaass der Uebel eine Besinnung 
der Gemüther auf das Bessere mit sich bringen, bleibt aber 
zunächst immer und unter allen Umständen eine schlimme In 
stanz, welche auch die Muthigsten und Abgehärtetsten sich und 
Andern gern ersparen würden. 
Schon wir jedoch von den Unterschieden der einen oder 
andern Art und Weise ab, in welcher sich die socialitären 
Noth Wendigkeiten vollziehen müssen, und richten wir unser 
Augenmerk ausschliesslich auf die Gestalt der für den neusten 
Standpunkt gewonnenen oder in bestimmterer Gestalt noch 
gewinnbaren Ideen. Vor Allem ist es nicht der am falschen 
Orte, nämlich bezüglich der Kräfte und Eigenschaften des Ar- 
beitorstandes bothätigte Pessimismus, sondern dessen Gegen- 
theil, womit wir zu rechnen haben. In ihren normalen Ein 
richtungen vereinigt die Natur zwei Bestandtheile, um den
        <pb n="604" />
        588 
vollkommensten Antrieb zu einer Handlung hervorzubringen 
und hiemit diese Handlung selbst allgemein nothweiidig zu 
machen. Sie erzeugt eine Empfindung des Mangels und zu 
gleich das Vorgefühl der Befriedigung. Sie begleitet aber beide 
Empfindungen mit dem Bewusstsein der eignen Fähigkeit und 
Kraft, so dass neben dem Guten der Situation das Peinliche 
nur unter besondern Umständen ein schmerzhafter Stachel 
wird, übrigens aber nur ein gelinder Anreiz bleibt. Man wende 
nun das Gesetz der physiologischen Oekonomio der Natur auf 
die socialen Verhältnisse an, in denen sich der Arboiterstand 
befindet, und man wird richtiger urtheilen, als wenn man den Un 
wahrheiten eines beschönigenden und ruhesüchtigen Optimismus 
oder aber eines mit unterschiedsloser Schwärze färbenden Pes 
simismus folgt. Das völlige Elend ist zu schwach, um actions 
fähig zu sein; auch entspringt aus dem Uebermaass der Fort 
schritte des Heruntorkommens, ja überhaupt aus einer fort 
dauernd abwärts gehenden Bewegung keine Aussicht darauf, 
durch eigne Kraft eine durchgreifende Veränderung bewirken 
zu können. Die Lage des Arbeiterthums muss sich trotz aller 
Klemmen und Peinlichkeiten, ja ungeachtet wirklicher Rück 
schritte oder Verkommenheiten einzelner Gruppen, im Allge*- 
meinen verbessern. Nicht nur die Gesammtkraft muss durch 
die Zahl und die Vereinigung steigen, sondern auch der Ein 
zelne muss etwas von der ökonomischen und sonstigen Kraft 
für die Sache der Emancipation einsetzen können, wenn die 
Selbstbefreiung nicht ein leeres Wort bleiben soll. Hätten die 
von der Neubrittischen Oekonomie borgenden Socialismustheo 
rien, also beispielsweise die von Marx und Lassalle, wesentlich 
Recht, und wäre die Umwälzung der Auffassungsart, die von 
jüngerem Datum ist, als jene in Rücksicht auf eigentliche 
Volkswirthschaftslehre noch altfränkischen Doctrinen, eine 
blosse Illusion, so würde allerdings an dem socialitären Heil 
zu verzweifeln und die allseitige Corruption der Verhältnisse 
die einzige Aussicht sein. Die Erhebung der Bourgeoisie über 
den Feudalismus musste durch das Wachsen ihrer Kräfte und 
Fähigkeiten vorbereitet werden. Wie sollte es mit dem Ar 
beiterthum anders gehen können? Man hüte sich daher zu glauben, 
dass die Elendslogik die einzige oder auch nur eine sichere 
Stütze der Ableitung socialistischer Nothwendigkoiten sei. 
Nicht ein Gesetz des geringsten Unterhaltsmaasses macht die
        <pb n="605" />
        589 — 
Lage des Arbeiterstandes unhaltbar, sondern es ist die Lohn 
abhängigkeit und die damit verbundene Demüthigung und 
Unsicherheit an sich selbst, was auch Angesichts besserer Löhne 
das ganze Vorhältniss auf die Dauer als ein sittlich unzulässiges 
und zu beseitigendes kenntlich machen müsste. Die wirthschaft- 
licho Unmündigkeit, die in der Unselbständigkeit liegt, wird in 
den Krisen sowie in den sich chronisch fortschleppendcn 
Existenzschwierigkeiten besonders sichtbar; aber sie würde 
auch ohne so nachdrückliche Wirkungen eine arge Unvoll 
kommenheit sein, über welche die Entwicklungsgeschichte unter 
allen Umständen hinausgelangen müsste. Die peinlichen Ver 
schärfungen der Lage können als Aufrüttlung aus der Trägheit 
und den auferlegten, fast zur zweiten Natur umgeschaffenen 
Unterwürfigkeitsgewohnheiten gelten. Es ist aber ein Glück, 
dass im Allgemeinen stets Gruppen existiren, deren Lebens 
niveau steigt, und dass nicht die begleitenden Uebel, sondern 
nur das Bewusstsein solcher Uebel an Umfang zunimmt. 
Ebenso ist es nicht die Aneignung von der andern Seite, 
sondern das, was der Arbeiter trotz dieser Aneignung unter 
den Gesetzen der modernen Volkswirthschaft festzuhalten ver 
mag, wodurch seine Chancen auf Emancipation steigen. Nicht 
eine Ausräubung, welche einst durch einen entgegengesetzten 
Raub auszugleichcn wäre, bahnt etwa pessimistisch den Weg 
zu bessern Zuständen, sondern die stetige Lockerung und Unter 
grabung der gegnerischen Ausbeutungsmacht, verbunden mit 
dem Gewinn von Kraft zu eigner Initiative, liefert das sichere 
und nachhaltige Mittel der Umschaffung des gesellschaftlichen 
Verfassungszustandes. Der Pessimismus ist höchstens der 
Bourgeoisie und ihrem Verfall gegenüber am Platze; soll er aber 
durchaus doppelseitig sein und beide Schichten, also neben dem 
Ueberbau auch die breite Grundlage der Gesellschaft betreffen, 
so würde die Gewaltgesellschaft nicht in eine neue bessere 
Form, sondern zunächst in eine blosse Zerrüttung durch gegen 
seitige Olassenbrigandage in jenem von Rousseau gefürchteten 
Sinne auslaiifen. 
(5. Die Gewaltgesellschaft hat neben der militairischen 
und materiellen auch eine geistliche Stütze, durch welche 
ihre Einrichtungen getragen werden. Dieser letzteren gegen 
über ist der Pessimismus am Platze, indem er mit der 
Zersetzung und dem Verfall der das menschliche Gemttth in
        <pb n="606" />
        590 
Untertliäiiigkeit niederhaltenden Systeme rechnet. Er muss 
sich aber durch eine positive und auf das Gute ausschauende 
Macht ergänzen, vermöge deren die frühere geistige Sklaverei 
durch ein freies, in keiner Beziehung autoritäres, aber mit 
directer Erkenntniss erfülltes Welt- und Lobensbewusstscin 
höherer Art zu ersetzen ist. Ein solches Bewusstsein schliesst 
alle Arten der Zauberei und Magie sowie hiemit auch zugleich 
jeden Quitus und jede Rechnung mit phantastischen, ausserhalb 
der materiellen und ideellen Ursächlichkeit liegenden Gebilden 
aus. Es liefert mithin den höchsten geistigen Ausgangspunkt 
für die universelle und völlig rationelle Socialisirung der mensch 
lichen Verhältnisse. 
Demnächst kommt für den allgemeineren Socialismus die mili- 
tairische Gestaltung in Frage, indem hier über die erste und 
gröbste Abhängigkeit des Menschen vom Menschen entschieden 
wird. Die Thoilung der Gesellschaft und der Staatsangehörigen 
in solche, welche ausschliessliche Verfügungskraft über dio 
Waffen haben, und in solche, welche wehrlos erhalten werden, 
ist mit dem Ideal socialitärer Freiheit und Gerechtigkeitsver 
bürgung unverträglich. Schon Adam Smith verglich den Waffen 
losen mit einem Verstümmelten. Die Vergesellschaftung zur 
Ausübung jener gröberen, aber als letztes Mittel nicht auszu 
merzenden Actionsart muss an die Stelle der einseitigen Auf 
erlegung treten. Zunächst würde beispielsweise der Grundsatz 
der Wahl militairischer Functionäre aller Stufen von unten 
her, verbunden mit der thatsächlichen allgemeinen Zugänglich 
keit der technischen Vorbildung, ein kleiner Anfang der Reor 
ganisation sein. Auf eine Herabminderung der militairisch ver 
fügbaren Kräfte würde Angesichts der barbarisch drohenden 
Staatsgebilde des unentwickelteren Auslandes für das erste 
socialistische Gemeinwesen so wenig zu rechnen sein, dass im 
Gegentheil, ähnlich wie bei der ersten Französischen Revolution, 
ein viel grösseres Aufgebot und die höchste Anspannung der 
Wirkungsfähigkeit die Folge sein müsste. Die socialitäre 
Gesellschaft würde, wo sie auch zuerst entstünde, eine Coalition 
von anderartigen Gemeinwesen gegen sich in Waffen sehen 
und sich mithin das Recht auf Existenz in der umgebenden 
Welt erst kämpfend sicherzustellen haben. Das System des 
Socialismus muss seine auswärtige Politik haben, so gut wie 
die bisher von der Geschichte entwickelten Gebilde die ihrige
        <pb n="607" />
        591 
international ausûben, indem sie sich auch im Wege auswär 
tiger Action bemühen, die ihrer innern Herrschaft widerstre 
benden Elemente oder Formen aller Orten am Aufkommen zu 
hindern. Der Weg des internationalen Zusammenwirkens ver- 
hältnissmässig nur lose verbundener Gruppen kann aber für 
den Socialismus nur als provisorische Hülfe gelten. 
An die militairsocialistische Organisation schliesst sich die 
politische Functionentheilung als nächste Aufgabe einer voll 
ständigen Theorie des socialitären Systems. Die Richterfunction 
ist hier der erste Gegenstand ; sie darf gleich allen öffent 
lich organischen Thätigkeiten nicht im Namen einer einseitigen 
autoritären Macht, sondern nur als eine nach dem Princip der 
Gleichheit organisirte und wahrhafte, das Wort zu Ehren 
bringende Volksjustiz ausgeübt werden. Obwohl hier nicht 
näher auf die Möglichkeit einer solchen Einrichtung einge 
gangen werden kann, so ist doch klar, dass eine entscheidende 
Veränderung im Princip der Constituirung militairischer Organe 
auch verstauet, die Bürgschaften der Gerechtigkeit auf andere 
als die bisherigen Grundlagen zu stellen. Für die sonstigen 
Aemter würde sich eine ähnliche Consequenz ergeben. Mit 
der Gewaltabhängigkeit des Menschen vom Menschen würde 
auch das weitere Zubehör in den bisherigen Rechts- und Wirth- 
schaftsVerhältnissen fortfallen und der Gewaltstaat oder die 
Gewaltgesellschaft durch ein freieres, auf einer höheren Gerech 
tigkeit ruhendes Gebilde ersetzt werden. 
Heberhaupt würde für das Politische der Grundsatz des 
laisser faire, der sonst nur für das Individuum und die Wirth- 
schaft gelten sollte, dadurch wieder zu Ehren zu bringen sein, 
dass man ihn zunächst auf das Gebiet des sogenannten Vereins- 
rochts an wendete und für die Individuen eine collective politische 
Associationsfreiheit durchsetzte. Auf diese Weise würde ein 
wahrhaftes Vereinigungsrecht, d. h, die Abwesenheit des Un 
rechts, welches in der Verhinderung der Vereinigungen liegt, 
der Ausgangspunkt für einen Neubau werden, der sich inmitten 
des Verfalls der alten Bindemittel der Gewalt aufführte. 
Zwischen die ruinenartigen Staatsreste würde sich eine neue 
politische Welt einschieben und den positiven Halt der ferneren 
Geschlechter bilden, während die alten Institutionen mit der 
Gewalt als entscheidender Grundlage dem Absterben anheim 
fielen. Wenigstens kann der Gewaltstaat ein ähnliches Schicksal
        <pb n="608" />
        592 
wie die Kirche haben, indem mächtigere Collectivkräfte zuerst 
neben ihm und schliesslich über ihm zum Selbstbewusstsein 
und zur Organisation gelangen. 
Aehnlich wie die politischen Gruppirungen würden auch 
die rein socialen eine durchgreifende Aenderung zu erfahren 
haben; namentlich würde der brutale Zwang, der die Geschlechts- 
verhältnisse prostituir!, freieren und edleren, mit mehr Moralität 
vereinbaren. Formen des Zusammenlebens und der Verpflich 
tung zur individuellen Sorge für den Nachwuchs weichen müssen. 
Die Bevölkerungsfrage würde vorläufig die Anzahl noch gar 
nicht, um so mehr aber die Beschaffenheit des Nachwuchses be 
rühren. Die Rechte der beiden Geschlechter würden auf Grund 
lage der, unabhängig von einer Ehe, an sich selbst gesicherten 
ökonomischen Existenz, weit leichter im Sinne einer gleichen 
Selbständigkeit und einer Fähigkeit zu den öffentlichen Rechten 
geordnet werden können, als dies von unserm heutigen Stand 
punkt aus vorstellbar erscheint. Die heerdenartige Existenz 
im Sinne des Polypendaseins und eine falsche sogenannte 
Nationalerziehung, ja überhaupt jedes kasernenartige Unter 
richtssystem, wären hiemit ausgeschlossen. 
7. Im rein wirthschaftlichen Gebiet wird die Ordnung der 
Privatrechtsverhältnisse, welche das Recht an der Arbeitskraft 
beeinträchtigen, zunächst durch Beseitigung des Gewalteigen 
thums vorzubereiten sein. In dieser Beziehung verweise ich 
auf die Besprechung der socialitären Schemata in meinem Cursus 
der National- und Socialökonomie. Die auf den Verbrauch 
und Genuss bezüglichen Sitten müssen sich von selbst ver 
bessern, sobald der Grundsatz der Gleichberechtigung in der 
Menge, wenn auch nicht in der Art des Verzehrs auch nur 
zu annähernder Verwirklichung gelangt. Das Geldsystem wird 
fortbestehen müssen, weil es keine andere gediegene Grundlage 
des Austausches nach dem durch die Arbeitsmenge bestimmten 
Werthe geben kann, und weil sonst die frcigelassene Auswahl 
der Art der zu verbrauchenden Gegenstände nicht leicht und 
mannichfaltig genug bestimmt werden könnte. An eine Aus 
merzung des Metallgeldes ist daher nicht im Entferntesten zu 
denken; dagegen wird das Papier in einem nicht auf Ausbeu 
tung und Schein begründeten Verkehr nur die Function haben 
können, als Rechtstitel auf niodergelegte und jederzeit verfüg 
bare Metallmassen umzulaufen. In der socialitären Gesellschaft
        <pb n="609" />
        — 593 
ist die Naturgarantie, welche im Metallgelde liegt, um so nö- 
thiger, je freier und selbständiger sich die einzelnen Collectiv- 
gruppen und AVirthschaltscommunen constituiren. Hier kann 
man nicht auf jenen künstlichen Zwang und jenes künstlich 
gemachte sogenannte Recht zählen, welches im Gewaltstaat 
so Vielem Werth verschafft, was keinen hat. 
Hie einzige wirkliche Emancipation der leiblichen und 
geistigen Lohnarbeit besteht in der Abschaffung dieses Ver 
hältnisses, nämlich in der Ersetzung desselben durch die Selbst- 
wirthschaft. Nicht irgend ein besonderes Entwicklungsstadium, 
nicht also etwa erst dasjenige der modernen Industrieausbil 
dung, berechtigt zu jener Forderung; vielmehr findet die socia- 
litäre Nothwendigkeit ihre Anwendung auch auf Gesellschaften 
vom Typus des weitaus vorherrschenden oder gar reinen 
Ackerbaustaats. Es ist weit mehr das gehobene Gerechtig 
keitsbewusstsein sowie die Macht der streng wissenschaft 
lichen Welt- und Lebensanschauung als die besondere mecha 
nische Verfassung der Gesellschaft, wodurch die allgemeine 
Socialität ermöglicht wird. Sogar das erste Hervortreten der 
Gedanken ist, wie wir an Frankreich sehen, nicht an die 
höchste Stufe der Industrieentwicklung gebunden gewesen. 
Die innerhalb des heutigen Rahmens von Staat und Ge 
sellschaft unmittelbar und fast unwillkürlich aus der Lage der 
Massen und aus den dieser Lage entsprechenden Trieben ent 
sprungenen Bestrebungen stufen sich in ihrer Tragweite sehr 
erheblich ab. An der Spitze stehen die in ihren Wirkungen 
für die Lohnänderung von der ältern Oekonomie und auch 
von Socialisten wie Marx und Lassalle nicht begrifienen Coa- 
litionen, auf die sich jedoch die Internationalen und die Las- 
sallianer schliesslich auch noch mit einem andern Gedanken 
als dom der blossen Wachhaltung des Classenbewusstseins 
haben ernsthaft einlasscn müssen. Die Arheitercoalitionen, mit 
den Strikes als Mittel, werden zur Gestaltung der Arbeitsbe 
dingungen eine um so grössere Macht, je weniger es gelingt, 
ihnen gesetzliche Hindernisse director oder indirector Art in 
den Weg zu legen. Wenden wir uns dagegen zur staatlichen 
Gesetzgebung, so ist in dieser Richtung die vorläufige Haupt 
forderung die Vorschrift eines Maximums der Arbeitszeit, etwa 
von acht Stunden, wie in den Nordamerikanischen Staatseta- 
Dühring, Geschichte der Nationalökonomie. 2. AuÜage. 38
        <pb n="610" />
        59á 
blissements. Dieser sogenannte Normalarbeitstag, zu dem man 
sich in Europa in einem allzu bescheidenen Stufengange, etwa 
von der Englischen Zehnstundenarbeit ausgehend, erheben will, 
hat einen ähnlichen Sinn, wie wenn man in einem eigentlichen 
Sklavereisystem die souveräne Machtübung der Herren durch 
allgemeine Staatsgesetzgobung einschränkt. Von zweiter und 
dritter Ordnung und blosse Milderungen der Eabrikskla- 
verei sind die Beschränkungen und Regelungen der Kinder- 
und Frauenarbeit. Diese polizeilichen Kleinigkeiten haben mit 
dem eigentlichen Socialismus sowenig zu schafien, dass von 
diesen Abfällen der Englischen Fabrikgesetzgebung auch alle 
rückläufigen, nur nicht grade aus betheiligten Fabricanten be 
stehenden Elemente, Parteien und doctrinaron Gruppen zu 
zehren pflegen. Auch die socialdemokratischo Steuerpolitiic, 
die sich auf möglichste Entfernung der indirecten und über 
haupt der gewöhnlichsten Consumtionssteuern sowie auf die 
Durchsetzung entschieden progi-essiver Einkommensteuern rich 
tet, kann nur als untergeordnetes Mittel gelten, von den Ab 
schwächungen derselben in den Händen anderer Richtungen 
und Doctrinen gar nicht zu reden. 
Man wird je länger je mehr auf das grosse Princip zu 
bauen haben, dass die Personen und nicht die Sachen die Ge 
sellschaft und den politischen Verband bilden sollen. Hiebei 
wird auch die individuelle Eigenthümlichkeit vollkommener als 
jemals zu ihrem Recht gelangen. Die Socialität wird die Indi 
vidualität, nämlich die Freiheit und Macht des Einzelnen, erst 
ernsthafter ausprägen. Sogar die. individuelle Pflicht und Ver 
antwortlichkeit wird sich steigern, wie es denn schon heute 
nur aus einer moralischen Schlaflheit erklärt werden kann, 
wenn einzelne socialistische Richtungen nur mit der Gattung 
und Art, aber nicht mit dem Einzelnen rechten wollen. Wo 
übermächtige Nothwendigkeiten das Individuum nur als willen 
loses Werkzeug gleichsam stossen und eine falsche Handlungs 
weise zur unumgänglichen Lebensbedingung machen, da möge 
immerhin für den Menschen in Durchschnittsvorhältnissen, dem 
kein Opfer seiner selbst zugemuthet werden kann, die indivi 
duelle Unzurechnungsfähigkeit als Regel gelten. Uobrigens ist 
es aber grade der Einzelne mit seinem Wissen und Wollen, 
an den man sich zu halten und von dem man zu fordern hat.
        <pb n="611" />
        595 
3% 
dass er sich entweder von dem seiner Lage anhaftenden Un 
recht persönlich soweit freimache, als dies in seiner Macht 
steht, oder aber ohne besondere Klage über ein vermeintliches 
Unrecht das gemeinsame Schicksal theile, welches mit dem 
Typus der Ungerechtigkeit auch die ihm blind dienstbaren oder 
sich leichtfertig über die allgemeine Schuld hinwegsetzenden 
Individuen ereilt. 
Druck der Franz KrUger’schen Buckdruekerei in Berlin.
        <pb n="612" />
        Schriften desselben Verfassers seit 1865: 
Natürliche Dialektik, neue logische Grundlegungen der Wissen 
schaft und Philosophie. Berlin. ... 1 Thlr. 10 Sgr. 
Der Werth des Lehens, eine philosophische Betrachtung. Breslau. 
2 Thlr. 
Carey’s Umwälzung der Volkswirthschaftslehre und Social 
wissenschaft, zwölf Briefe. München 25 Sgr. 
Capital und Arbeit, neue Antworten auf alte Fragen. Berlin. 
1 Thlr. 5 Sgr. 
Kritische Grundlegung der Volkswirthschaftslehre. Berlin. 
2'ndn2áS^n 
Die Verkleinerer Carey’s und die Krisis der Nationalökonomie, 
sechzehn Briefe. Breslau 1 Thlr. 
Die Schicksale meiner socialen Denkschrift für das Preussische 
Staatsministerium, zugleich ein Beitrag zur Geschichte 
des Autorrechts und der Gesetzesanwendung. Berlin. 
10 Sgr. 
Kritische Geschichte der Philosophie von ihren Anfängen bis 
zur Gegenwart. 2. Auflage. Berlin. . . 2 Thlr. 20 Sgr. 
Cursus der National- und Socialökonomie. Berlin. . 3 Thlr. 
Kritische Geschichte der allgemeinen Principien der Mechanik. 
Von der philosophischen Facultät der Universität Göttingen 
mit dem ersten Preise der Beneke-Stiftung gekrönte Schrift. 
Berlin 3 Thlr. 
In dem Urtheil der Facultftt heisst es: „Mit vollständigster und freiester Beherrschung 
der Sache und erstaunlicher Ausdehnung genauester literarischer Kenntniss sind nicht nur alle 
wesentlichen Punkte erörtert, sondern eine grosse Anzahl kleinerer Discussionen, welche die 
Facultät nicht far unerlässig gehalten hätte, aber mit Dank anerkennt, da sie oherall dem 
volleren Verständniss des Gegenstandes dienen, bezeugen zugleich die grosse Liebe und die 
Umsicht, mit welcher der Verfasser sich in seine Aufgabe vertieft hat. Dom ausserordentlichen 
so aufgehäuften Stoffe entspricht die Fähigkeit zu seiner Bewältigung. Durch feines Gefühl für 
klare Vertheilung der Massen ist es dem Verfasser gelungen, zugleich auf die ganze geistige 
Signatur der Zeitalter, auf den wissenschaftlichen Charakter der leitenden Persönlichkeiten und 
auf die fortschreitende Entwicklung der einzelnen Principien und Lehrsätze ganz das belehrende 
geschichtliche Licht fallen zu lassen, welches die Facultät vor allem gewünscht hatte. Die ur 
sprünglichen Aufgaben, an deren Beliandlung jedes neue Princip oder Thoorom entstand, sind 
überall mit vollendeter Anschaulichkeit reproducitt und die allmähliche Umformung, die jedes 
erfahren hat, durch alle Zwischenglieder sorgfältig verfolgt. Die Berührungen der mechanischen 
Gedanken mit der philosophischen Speculation sind nirgends vormiodon; sie sind nicht nur in 
eignen Abschnitten entwickelt, sondern der feine philosophische Instinct, der den Verfasser auch 
auf diesem Boden leitet, ist ebenso deutlich in einer grossen Anzahl aufklärendor allgoraoinor 
Bemerkungen sichtbar, welche an schicklichen Stollen in die Darstellung der mechanischen 
Untersuchungen verflochten sind. Den angenehmen Eindruck des Ganzen vollendet eine sehr 
einfache, aber an glücklichen Wendungen reiche Schreibart. Voll Befriedigung, sich als die 
Veranlasserin dieser schönen Leistung zu wissen, durch welche ihre Aufgabe vollständig gelöst 
und viele ifehenorwartungen übertroffen sind, zögert sie nicht, dom Verfasser den ersten Preis 
hierdurch öffentlich zuzuerkennen.“
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