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        <title>Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus</title>
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            <forname>Eugen</forname>
            <surname>Dühring</surname>
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        </author>
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            <idno>83457490X</idno>
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        Antiquariat  J.  Kitzinger
München  13
Schellingstraße  25
Lager.Nr.%g^gA

EIÔENTÜM
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INSTITUTS
FÜR
WELTWIRTSCHAFT
KIEL

BIBLIOTHEK

Nr.  1118231
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        Kritisclie  Geschichte

der
Nationalökonomie
und  des
Soeialismns

von

Dr.  EijDühring,
Docenten  der  Staatswissenschaften  und  der  Philosophie  an  der  berliner  Uniyersitât,

Zweite,  thoilwoise  umgearbeitete  Auflage.  ",  »  '  '

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Berlin.
Verlag  von  Theobald  Grieben.
1875.
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        Inhalt.

Einleitung.  1.  Bedeutung  einer  Geschichte  dem  Unfertigen  der
bisherigen  Systeme  gegenüber  und  zur  Erläuterung  des  eignen  Systems.
2.  Persönlichkeiten  und  Systeme.  3.  Richtungen  der  Kritik.  Bestrebungen ­
  und  rein  theoretische  Vorstellungen.  4.  Verbindung  der  Nationalökonomie ­
  mit  dem  Socialismus,  aber  nur  im  Gebiet  der  materiellen
Interessen  1

Erster  Abschnitt.
Die  Zeit  vor  den  wissenscbaftlielien  Versuchen.
Erstes  Capitel.  Ursprung  und  Anfänge  wirthschaft-“®ber
  Vorstellungen.  1.  Vorgeschichtlicher  Hintergrund.  2.  Die
Geschichte  der  Oekonomie  als  Wissenschaft  noch  sehr  jung.  Gewöhnliche ­
  Vorstellungen  und  wissenschaftliche  Sätze.  Fehler  der  bisherigen
Geschichtsbeiträge.  Echte  Geschichten  der  Theorie.  3.  Falsche  Ideen
über  die  Vergangenheit  der  theoretischen  Geschichte,  Kein  Behältniss
für  zusammengewürfelte  Abfälle  aller  Zeiten.  Alterthum  und  Mittelalter.
  4.  Hineindichtungen  von  nationalökonomischen  Begriffen  und
Sätzen  in  die  Gemeinplätze  der  Griechischen  Schriftsteller.  Aristoteles.
Sogenannter  Tauschwerth.  5.  Angebliche  Arbeitstheilung  bei  Platon.
Sehr  gewöhnliche  und  leere  Vorstellungen  über  die  Rolle  des  Geldes
bei  Aristoteles.  Antipathie  gegen  den  Zins.  6.  Römer.  Ihre  Landbauschriftsteller ­
  und  Rechtsquellen  wirthschaftlich  noch  weniger  erheblich.
Gewöhnliche  Gedanken  in  allen  Völkerbeurkundungen.  Heimsuchung
des  Mittelalters.  Der  Bischof  Oresme.  Copernicus  10
Zweites  Capitel.  Der  Merca  nt  ilismus  und  die  Colbertscho
  Praxis.  1.  Entwicklungsart  der  Wissenschaft.  2.  Der  Mercantilismus
  als  ein  System  der  Praxis.  Ungleichartigkeit  desselben  mit
den  späteren  theoretischen  Systemen.  3.  Wahrer  Sinn  des  Mercantileystoms.
  Handel,  Geld  und  Bilanz.  4,  Erklärung  des  mercantilistischen
Irrthums  aus  Innern  Gründen.  Leitfaden  des  Geldes.  Naturalbetrachtung, ­
  6.  A.  Serra  an  der  Spitze  der  Geschichte  als  Beispiel  und  Typus.
Die  Rollo  der  Italiener  bis  auf  die  neuste  Zeit,  Ihr  Mercantilismus  und
ihre  theoretischen  Ansprüche.  6.  Colbert.  Praktisches  und  theoretisches ­
  Industriesystem.  Persönliches  Element.  Handelsfeindschaft.
7.  Rationelles  Element  im  Colbertismus.  8.  Neuere  Anfeindungen  der
Colbertschen  Praxis.  Gewerberegulirung.  Grundsatz  der  staatlichen
Fürsorge.  Voraussichtliche  spätere  Feststellung  des  Urtheils  über  den
Colbortismus  und  das  Mercantilsystem  .  .  25
Drittes  Capitel.  Vorgänger  und  Anzeichen  einer  rationelleren ­
  Volkswirthschaftslehre,  1.  Unterbrechung  der  Stetigkeit ­
  in  der  Schöpfung  einer  Wissenschaft,  unbeschadet  früherer  vager
Gedankeuregungen  und  einer  Menge  von  überlieferten  Ideen.  2,  Abweisung ­
  der  Hereinziehung  der  für  die  Volkswirthschaftslehre  unerheblichen
        <pb n="8" />
        VI

Seita
Namen,  3.  Widersprechende  Mischungen  im  Rahmen  des  Mercantilismns.
Petty  und  Locke  in  England,  Boisguillebert  und  Vauban  in  Frankreich.
Falsche  Hineiudichtungen.  Kennzeichnung  der  Pettyschen  Art  und  Weise.
4.  Lebenszüge  zur  Beurtheilung  Pettys  als  Schriftsteller.  5.  Umwälzung.
Naturwissenschaft,  Zwei  Schriften  Pettys.  Gold  mit  dem  Fett  verglichen, ­
  Bevölkerungscapitalisirung.  6.  Pettys  Vorstellungen  vom  Gelde,
von  der  Bevölkerung  und  deren  Dichtigkeit,  Sein  Mercantilismns,
7.  Pettys  Versuche  über  ein  Werthmaass.  Tagosnahrung  als  Grundfehler.
Inconsequenz.  Schlnssergebniss.  8.  Locke.  Beziehung  von  Arbeit  und
Werth,  Erinnerung  an  North.  9.  Keine  besondere  Auszeichnung  einer
Englischen  Entwicklung  wie  in  der  Philosophie.  Lockes  Mercantilismus.
10.  Eigonthümlichkeit  der  Franzosen.  Boisguillebert  und  Vauban  in
ihrem  Charakter.  Züge  aus  dem  Leben  Boisguilleberts.  Sinnesart.  Phantasie. ­
  11.  Ursprung  und  Richtung  seiner  Ideen.  Schriften.  12.  Schädlichkeit ­
  niedriger  Getraidepreise.  Gegenseitigkeit  in  den  Vortheilen  angemessen ­
  hoher  Preise  für  beide  Theilo.  Kein  Grund  zur  Hineindichtung ­
  der  Interessenharraonio  des  laisser  aller.  Eine  Stelle  der  unwillkürlichen ­
  Selbstkritik.  Gerechter  und  billiger  Verkehr  oder  wahrer
Werth  als  unbestimmt  gelassene  Vorstellung.  Musterfehler  in  der  stillschweigenden ­
  Voraussetzung  wirthschaftlicher  Gerechtigkeit.  Erinnerung
an  Späteres.  13.  Boisguilleberts  Vorstellungen  über  das  Geld.  Er  bekämpft ­
  einen  Irrthum  durch  einen  entgegengesetzten.  Wendung  in  der
Richtung  auf  Law.  14.  Boisguilleberts  Ansicht  über  die  Finanzkünstler.
Vauban.  Charakter  und  Leistungen.  Der  allgemeine  Zehnt.  Volkswirthschaftliche
  Vorstellungen.  15.  John  Law.  Neue  Form  des  Mercantilismus ­
  und  zugleich  Gegensatz  gegen  die  ältere  Gestalt.  Unabhängigkeit ­
  von  den  edlen  Metallen  als  Ziel,  aber  das  Geld  noch  immer  mit
der  Werthsumme  verwechselt.  16.  Beziehungen  der  Ideen  zur  Lebensart
der  Person.  17,  Schriften  und  Hauptgedanken  48

Zweiter  Abschnitt.
Die  Pbysiokraten  und  die  gleiohzeitigen  Scbottisclien  Anfänge,
Erstes  Capitel.  Quesnay  und  Turgot.  1.  Speculative  Loslösung ­
  von  der  Praxis.  Gemeinschaftliches  in  der  Art  und  Weise  der
physiokratischen  Secte  und  der  Socialisten,  2.  Leben,  Schriften  und
Charakter  Quesnays.  3.  Ursprung  und  Sinn  des  Namens  Physiokratie,
Charakteristik  durch  einige  Anhänger.  Mirabeau.  Schicksal  des  Tableau
économique.  4.  Nettoproduct  in  Geldwerth  gedacht.  Innerer  Grund  der
Vorstellungsart.  Erinnerung  an  Malthus.  5.  Verwirrung,  die  dadurch
entsteht,  dass  das  Nettoproduct  verschiedene  Rollen  spielt.  Mathematisches ­
  Phantasiren.  Grundsteuer  als  einzige  Steuer,  6.  Gournay,  Laisser
aller.  Quesnay  über  Handelsbilanz.  7.  Beziehungen  der  Physiokraten
zur  Revolution.  Turgots  Charakter.  Ministerrolle.  Die  Widersacher  der
Physiokraten  im  Kornhandel  97
Zweites  Capitel.  David  Hume,  1,  Humes  Bedeutung.  Verhältniss
  der  Philosophie  zur  Nationalökonomie,  2,  Zusammenhang  der
Abhandlungen.  Kaufen  um  Arbeit.  3.  Ansichten  über  das  Geld.  Einseitige ­
  Auffassung  desselben  durch  Spätere.  4.  Handelsbilanz.  Zins  als
Barometer.  Schutzzölle.  Bodenreichthum.  Bevölkerung.  5.  Verhältniss
zu  A,  Smith.  Gründe  für  die  nationalökonomischo  Auszeichnung  Humes.  121

Dritter  Abschnitt.
Das  theoretische  Industriesystem.
Erstes  Capitel.  Die  Leistung  Adam  Smiths.  1.  Verhältniss
zur  Vergangenheit.  Aeusserlicho  Eigenschaften  des  Smithschen  Völkerreichthums. ­
  Charakteristik  im  Hinblick  auf  J.  B.  Say.  2.  Stellung  zur
        <pb n="9" />
        VII

Seite
kommenden  Revolution  und  dem  was  ihr  folgte.  Parallele  mit  dem
Schicksal  der  Deutschen  Philosophie.  3.  Lebenszüge.  4.  Allgemeine
wissenschaftliche  Methode.  Arbeitsprincip  und  Sinn  des  Ausdrucks  Industriesystem. ­
  Behandlung  der  Arbeitstheiluug.  Gang  und  Gegenstand
der  ersten  Ilauptlehron.  5.  Werth.  Arbeit  als  Preisursache,  Einschränkung ­
  dieser  Idee.  Doppelheit  der  Gesichtspunkte.  Unklarheit.  Hinweisung ­
  auf  Späteres.  6.  Wichtigster  Inhalt  des  Werks.  Fehlerhafte
Anschauungen  vom  Geld  und  Capital.  Spartheorie.  Summe  von  Privatwirthschaften,
  Künstlichkeit  des  vermeinten  Naturprincips.  Excerpt
aus  dem  Menschen.  7.  Interesse  als  Princip.  Fälschliche  Gegenüberstellung ­
  der  Sympathie.  Vernachlässigung  aller  organisirten  Interessenwirkungen. ­
  Unpolitischer  Charakter  der  Auffassung.  Widersprüche,
Blosse  theoretische  Speculation.  8.  Handelsbilanz.  Missleitung  der  Capitalien. ­
  Steuerausgleichung  durch  Zölle.  9.  Wesentlich  richtige  Abgrenzung ­
  des  Materiellen.  Schlussergebniss  135
Zweites  Capitel.  Die  Wirkungen  des  Smithschen  Werks,
1.  Hindeutung  auf  die  verschiedenen  Einflüsse.  J.  B.  Say  als  Vertreter
einer  gewissen  Art  von  Popularisirung.  Sogenannte  Theorie  der  Absatzwege. ­
  Producto  gegen  Producto.  Charakteristik  des  Sayschen  Verhaltens. ­
  2.  Zwei  Hauptrichtungen.  Positive  Entwicklung  einerseits  und
Zuspitzung  isolirter  Bestandtheilo  andererseits.  Hinweisungen  auf  die
Gruppirung  von  Malthus,  Ricardo,  Thüuen,  List  und  Carey.  Anlehnung
des  socialisireuden  Sismondi  an  Smith  104
Vierter  Abschnitt.
Die  Malthms-Ricardosclie  Oekonomie.
Erstes  Capitel.  Malthus  und  die  Bevölkerungsvorstellungen. ­
  1.  Allgemeine  Charakteristik.  Das  Paar,  Verhältnissmässiger
Vorzug  Ricardos.  Verstandesvirtuosität,  Die  zwei  Eigenthümlichkeiten,
Früheres.  2.  Lebenszüge  von  Malthus.  Charakter.  Schriften.  Beziehung ­
  von  Leben  und  Charakter.  3.  Geometrische  und  arithmetische  Reihe
als  blosse  Bilder.  Rohheit  der  Malthusschen  Gedankenverfassung  in  Beziehung ­
  auf  das  sogenannte  Gesetz.  Moralisches  Missgebilde.  Der  Priester
Ortes  als  Vorgänger.  Vorliebe  der  Geistlichkeit  für  Geschlechtsfragen.
4.  Ungeschickte  Vorstellung  von  einer  blossen  Tendenz.  Zurückdrängende ­
  Mittel.  Krieg,  Seuchen,  Hunger.  Vorbeugungsmittel.  Sogenannte
moralische  Einschränkung.  Enthaltung  von  der  Ehe.  Aufhebung  der
Armenunterstützung.  Kanzelvcrmahnung.  Hülfloslassung  der  Kinder.
6.  Kein  Recht  auf  Existenz.  Roher  Ausdruck  und  spätere  Abschwächungen ­
  des  Gedankens.  Voraussetzung  und  Folgerung.  Eiuschnürungssystem.
  Zweischueidigkeit  der  Hypothese.  Malthus  Gesinnung  im  Unterschied ­
  von  einem  etwaigen  theoretischen  Gesetz.  Legitimität  der  socialen
Uebel.  6.  Verwechselungen  der  Malthusschen  Vorstellung  mit  äusserlich
ähnlichen  Anschauungen  174
Zweites  Capitel.  Ricardo  und  die  Vorstellungen  von  der
Bodenrente.  1.  Unterschied  der  Bodenfruchtbarkeit  als  Ausgangspunkt. ­
  Erinnerung  an  das  entsprechende  Vorurtheil  und  an  das  Vernältniss
  zum  Smithschen  Werk.  Leben  und  Schriften.  Besteuerung  statt
Anleihen.  Ausgabe  oinlösbaren  Zottelgeldes  durch  den  Staat  unter  Ausschliessung ­
  der  Banken.  2.  Lehre  von  einem  eigenthümlichen  Bestandtheil
  der  Grundrente.  Geschichtliche  Construction  desselben.  Als  Wirkung, ­
  nicht  als  Ursache  der  Getraidepreise  betrachtet.  Rentenmythus.
3,  Kritische  Stellung  der  Frage.  Etwaige  Wirkungen  der  Fruchtbarkeits-Unterschiede.
  Kritik  der  Betonung  von  Naturdifferenzen.  Gesellschaftliche ­
  Positionsvortheile  als  eigentliche  Ursache.  4.  Vortheile  der  Lage
in  nebensächlicher  Rolle.  Capitalzuführung  auf  den  bereits  angebauten
Boden,  aber  mit  sinkendem  Ertrag.  Unwillkürliche  Vei’wandlnng  des
Rentengebildes  in  eine  vorlengnete  Differenz  des  Capitalgewinns.  Un-  ,
        <pb n="10" />
        VIII

Seite
praktische  Natur  des  Rentengebildes  von  Ricardo  selbst  bei  der  Besteuerung ­
  blosgestellt.  5.  Frühere  Auffassungen  der  Rente.  Humes
Brief  an  Smith,  Andersons  Theorie  40  Jahre  früher,  mit  der  Ricardoschen
  verwandt,  aber  natürlicher  als  diese.  Neuere  Variationen  oder  angebliche ­
  Ebenbilder  der  Ricardoschen  Rententheorie.  6.  Verwandlung
des  Bestandtheils  in  eine  volle  Rente  und  Variationen  der  Theorie.
Hauptgegner.  Stellung  von  List  und  Carey  in  dieser  Beziehung.  7.  Vertheilung
  als  Schwerpunkt  des  Ideenkreises,  eine  Folge  der  Rentenbetrachtung.
  Anziehungskraft  dieser  VertheilungsVorstellungen  für  neuere
Socialisten.  Sogenanntes  Lohngesetz,  Geringstes  Maass  des  Unterhalts.
Die  Arbeit  in  ihrer  Naturalbesehaffenheit  als  vornehmliche  Ursache  des
Werthes  der  Erzeugnisse,  Unterscheidung  von  Werth  und  Reichthum;
jedoch  noch  mangelhaft,  Pecchio  redet  nicht  ganz  ohne  Recht  von
einem  Jargon  Ricardos.  8.  Praktische  Denkungsart  Ricardos.  Ansicht
über  die  sociale  Wirkung  der  Maschinen.  Die  Consequenzen  seiner  Gesinnung ­
  als  Anknüpfungspunkte  für  sociale  Kritik  193

Fünfter  Abschnitt.
Der  ältere  Socialismos,
Erstes  Capitel.  Ursprung  und  Artung  der  Socialtheorien.
1.  Beziehungen  zur  Nationalökonomie.  Schwerpunkt  des  älteren  Socialismus ­
  in  St.  Simon.  2.  Falsche  Vorgeschichte  und  falsche  Geographie
des  Socialismus.  Thatsächliche  Gestaltungen  und  Theorie,  Schwerpunkt
im  Materiellen.  3.  Socialokonomio,  Die  zwei  charakteristischen  Eigenthümlichkeiten
  des  Socialismus  als  einer  modernen  Erscheinung.  Wissenschaftliche ­
  Anknüpfung.  Französische  Revolution  als  Geburtsstätte  des
Socialismus.  Zeit  der  Hauptpcrsönliohkeiten.  Erinnerung  an  die  Gruppirungen
  der  Volkswirthschaftslehre.  Naturrechtliche  Elemente  der  Physiokratie
  einerseits  und  andererseits  Mal  thus  als  Vertreter  einer  Reaction ­
  gegen  socialpolitische  Ideen.  4.  Abweisung  der  socialen  Phantasievorspiele ­
  der  Französischen  Revolution.  Unterschied  des  Socialismus
von  den  Staatsdichtungen  aller  Zeiten.  Erinnerung  au  Platons  Staat
als  Urbild.  Grenzlinie  gegen  die  religiös  communistischen  Verworrenheiten. ­
  5.  Rousseaus  Stellung  an  der  Grenze  des  Socialismus.  Sein
Schüler  Marat.  6.  Schwaches  Echo  Rousseauscher  Ideen,  namentlich  in
der  Deutschen  Philosophie.  Missgestaltete  Entwicklung  der  letzteren  und
schlechter  Einfluss  auf  den  jüngsten  Deutschen  Socialismus.  Kritischer
Socialismus  221
Zweites  Capitel,  Babeuf  und  Saint  Simon.  1.  Communismus
  und  communistische  Bestandtheile  der  theoretischen  und  der  praktischen ­
  Gebilde,  2.  Bin  von  der  Revolution  erzeugter  communistischer
Plan.  Contrast  mit  den  Socialcaricaturen.  Babeuf.  Charakter.  Gefühl  für
Gerechtigkeit.  Männliche  Züge.  Buonarrotis  Bericht.  3.  Babeufs  Beweggründe ­
  und  Ideen.  Politische  Grundlage.  Rohheiten  der  Auffassung
mit  der  Nationalökonomie  gemeinsam.  Entbehrlichkeit  der  edlen  Métallo
und  ausschliessliche  Richtung  der  Gedanken  auf  Grundeigenthum  und
Ackerbau.  4.  Das  Eigeuthum  als  Quelle  alles  Uebels  und  als  öffentliches
Verbrechen  betrachtet.  Edlere  Züge  in  den  Antrieben  der  Persönlichkeit. ­
  5.  Kluft  zwischen  St.  Simon  ui;d  dem  St.  Simonismus.  Lebensbild ­
  St.  Simons.  Physiko-politische  Richtung.  Studirweise.  Urtheil
über  die  mystische  Philosophie  Deutschlands.  Lebensexperimente  durch
ihn  und  mit  ihm.  Elend.  Copistenrolle.  Zeitweilige  Aushülfe.  Aeusserstes
  Darben.  Religiöser  A  fleet  als  Erklärungsgrund  des  Verhaltens,
Verfehlte  Selbsttödtung.  6.  Schriften  und  Ideen.  Ueberspannthoit  der
Genfer  Briefe,  Art  der  gewöhnlichen  Berichterstattung  über  St.  Simon.
7.  Erläuterung  seiner  Grundansicht  aus  dem  Verhältniss  A.  Comtes  zu
derselben.  Politische  Stellung  der  wirthschaftlichen  Elemente  der  Gesellschaft. ­
  Die  sogenannten  Industriellen,  der  Gesellschaft,  sollen
        <pb n="11" />
        IX

Seite
das  Budget  machen.  Der  Comtesche  Gesichtspunkt  hatte  nur  die  Gelehrten ­
  im  Auge  und  ist  ideologischer.  8.  Uebereinstimmuug  in  den
Phasen  der  Oomteschen  Philosophie  und  des  zugehörigen  Lebens  mit
den  St.  Simonschen  theoretischen  und  praktischen  Schicksalen.  Vergleichung ­
  der  wissenschaftlichen  Seite  der  beiden  Persönlichkeiten.  Verhältnissmässige
  Unerheblichkeit  dessen,  was  Oomte  Sociologie  nennt.
Punkt  der  Ueberlegenheit  St.  Simons.  9.  Verhältniss  zur  Restauration.
Politische  Parabel.  Pehlgreifender  Positivismus.  10.  Zwei  feste  Punkte
in  der  übrigens  unentwickelten  Idee.  Zwischenclasse.  Subalternisirung
des  feudalen  und  militairischen  Elements.  Stellung  zur  parlamentarischen
Opposition  und  ihrem  socialpolitischen  Charakter.  Widerspruch.  Mangel
an  volkswirthschaftlicher  Rechenschaft  über  die  Verwicklung  der  Rechtsstellung ­
  mit  der  Rolle  der  zugehörigen  ökonomischen  Thätigkeit.  Die
drei,  später  durch  Oomte  weiter  ausgeführten  Entwicklungszustände  der
Gesellschaft.  Die  zwei  selbständigen  Formen.  Verkettung  des  Theologischen ­
  mit  dem  Feudalen.  11.  Das  Uebergangsstadium  als  fortdauernde
Krisis.  Gestaltung  des  dritten  Gliedes  in  der  Parallele  der  politischsocialen ­
  Zustände  und  der  zugehörigen  geistigen  Physionomie  und  Grundlage. ­
  Auffassungsart  der  Französischen  Geschichte.  Mangel  jeder  eigentlich ­
  politischen  Anschauung.  Die  vage  Moral  kein  Ersatz.  12.  BndergebnisB.
  Frage  nach  dem  materiell  ökonomischen  Socialismus.  Das
doppelte  Industriesystem.  Letzte  Worte.  Zukunft  236
Drittes  Capitel.  Die  Missgebildo  der  socialen  Phantastik. ­
  (Fourier,  Owen  und  der  Enfautinismus).  1.  Physionomie.
Falsche  Auffassungen  B’ouriers.  Unkritische  Berichterstatter.  Ufbereinstimmendes
  bei  Fourier  und  den  gleichzeitigen  unkritischen  Philosophirern
  in  Deutschland.  Vergleichung  mit  Schelling.  Gravitationsmanie.
2.  Lebenszüge.  Leitendes  Idol.  Umschaffung  der  Natur.  Hauptschriften. ­
  3.  Theoretische  Haupthallucination.  Passionelle  Attraction.  Mathematische ­
  Einbildung.  Erinnerung  an  philosophische  Seitenstücke.  Lichte
Augenblicke  von  etwas  Geist.  Verhältnissmässige  Ungerechtigkeit  und
Geschmacklosigkeit  in  der  einseitigen  Hervorhebung  von  Fourierschen
Ausschweifungsproben.  4.  Die  sogenannten  Reihen.  Mangel  eines  jeden
klaren  Begriffs  von  den  wirklichen  Leidenschaften  und  den  Gesetzen  ihres
Spiels.  Phalanstero.  Kein  Oommunismus  und  auch  kein  Element  des
rationelleren  Socialismus  anzutreffen.  Verzerrungen  der  Ehe.  Erklärung
dieser  Schnörkel  aus  einer  Anlehnung  an  die  Thatsachen  der  Wirklichkeit. ­
  5.  Oomfortrninimura  für  die  Arbeit.  Capital  und  Talent.  Regulirung ­
  der  Bevölkeruugsverraehrung  in  den  Phalansteren.  Productivität.
Die  Hennen  der  Phalanstere  und  die  Brittische  Staatsschuld.  Newton
von  Fourier  als  kleiner  Anfänger  angesehen.  Einheitsspuk  in  Rücksicht
auf  die  Natur  und  die  Beziehungen  der  pflanzlichen  zur  menschlichen
Association  nach  passionirten  Reihen.  Kosmischer  und  spiritistischer
Gipfel  des  Unsinns,  jedoch  auch  darin  wenig  Originalität.  6.  Spiritistischer ­
  Kram  in  Beziehung  zur  societären  Harmonie.  Pfiffigkeit  der  Ausflüchte. ­
  Possierlichkeit  der  Fourierschen  Polemik  gegen  Owen.  7.  Gesammturtheil
  über  Fourier.  8.  Owen.  Lebenszüge  und  Schriften.  Anhäkelung
  an  regierende  oder  sonst  als  einflussreich  angesehene  Existenzen.
Schliesslicher  Spiritismus  mit  Geisteroffenbarungeu  über  das  neue  sociale
Reich.  9.  Princip  der  Oharaktergestaltuug  aus  den  Umständen.  Rohheit ­
  der  Vorstellungsart.  10.  Auslassung  in  Reden.  Geistige  Unabhängigkeitserklärung.
  Gestaltungen  von  New  Harmony.  Eigenthum  und
Ehe.  Arbeitsgeld.  Associatives.  Owens  Biograph.  11.  Gruppirung  des
Owenitenthums,  des  Enfantinismus  und  Fourierismus  im  Hinblick  auf
Frankreich,  England  und  Nordamerika.  12.  Enfantin  und  Genossen.
Religiös  mystische  und  geschlechtliche  Harlequinade.  Michel  Chevalier
an  der  Seite  Enfantins.  Criminelle  Verurtheilung.  13.  Fourierismus.
Journale.  Verlagsgeschäft.  Victor  Considérant.  Der  Fourierismus  in
Nordamerika.  Schluss  273
        <pb n="12" />
        X

Seite

Sechster  Abschnitt,
Die  Deutsche  Nationalökonomie.
Erstes  Capitel.  Behandlungsart.  —  Thünen.  1.  Fr.  List
als  Vertreter  der  Deutschen  Nationalökonomie  und  als  Oapacität  von
Weltruf.  Im  Gegensatz  hiezu  das  sonstige  Schülerthum  der  Deutschen.
Innerhalb  der  Sphäre  des  letzteren  jedoch  Thünen  als  originale  Erscheinung. ­
  Bedeutung  desselben  durch  eine  einzelne  Idee  und  durch  die
Untersuchungsart.  2.  Lebenszüge  und  Schriften  Thünens.  Socialistischo
Sympathien.  Unsicherheit  seiner  Ansichten  über  Handelspolitik.  Schwächere ­
  Seiten  seiner  allgemeinen  und  socialen  Lebensauifassung.  3.  Hauptidee. ­
  Sinn  des  isolirten  Staats.  Transportkosten.  4.  Relative  Berechtigung ­
  des  Thünenschen  Schema.  Die  Vorstellung  von  der  Rente  ist
nicht  die  Ricardoscho,  5.  Geographischer  und  geschichtlicher  Relativismus ­
  in  der  Gruppiruug  der  ländlichen  Wirthschaftssystemo.  Kritik.
Spätere  Wendungen  des  ursprünglichen  Schema.  Schranken  der  Thünenscheu
  Denkweise.  Anregendes  in  seinem  gründlich  gemeinten  Streben. ­
  Anwendungsart  des  Schema  des  isolirteu  Staats  auf  die  Wirklichkeit. ­
  6.  Sinn  der  methodischen  Wendung  zur  Erklärung  der  Thatsachen.
Ergebniss.  7.  Abweisung  falscher  Ansprüche  auf  eine  Deutsche  erhebliche ­
  Forderung  der  Nationalökonomie  ausserhalb  ihrer  Vertretung  durch
Thünen  und  List  313
Zweitem  Capitel.  Fr.  List.  1.  Allgemeine  Stellung.  Deutsch-Amerikanische
  Oekonomio.  2.  Leben  und  Charakter.  Politische  Richtung. ­
  Unfreiwilliges  Exil  nach  Amerika.  Hauptfehler.  3.  Schriften.
4.  Verknüpfung  des  Listschen  Namens  mit  der  praktischen  Geschichte
der  Eisenbahnen  und  ihrer  volkswirthschafdichen  Theorie.  Missgeschick
ungeachtet  aller  praktischen  Fähigkeiten.  Ursache.  Einfluss  auf  die
Wahrnehmung  der  Theorie.  5.  Oekonomisches  National!tätsprincip.  Unabhängigkeit ­
  desselben  von  den  besondern  Mitteln  seiner  Verwirklichung.
6.  Erkenntniss  des  Gegensatzes  der  Productivität  und  des  Werths.  Unvollendete ­
  Gestalt  dieser  für  die  reine  Theorie  wichtigsten  Idee.  7.  Kritik
der  praktischen  Seite  der  Listschen  Theorie  im  Hinblick  auf  das  Interessenspiel, ­
  welches  sich  unmittelbar  an  die  Werthe  knüpft.  Beschränkte
Anwendbarkeit  des  Gesichtspunkts  der  industriellen  Erziehung  der  Nationen. ­
  8.  Gesetz  der  Bevölkerungscapacität  verschiedener  wirthschaftlicher
  Verfassungszustände.  9.  Natürliche  Wirkungen  der  Völkerfeindschaft ­
  und  der  Kriege  auf  die  Handelspolitik.  10.  Gegensatz  zu  Smith
in  der  Theorie  der  Oapitalbildung.  Hunger-  und  Sparsystem.  Bessere
Beleuchtung  des  Sinnes  von  Bilanzstörungen  im  Verkehr  der  Völker  und
Gruppen.  11.  Bessere  Geschichtlichkeit  im  Gegensatz  zum  Pseudohistorismus. ­
  12.  Schluss  335

Siebenter  Abschnitt.
Die  Amerikanische  Nationalökonomie  and  deren  Verhältniss
zu  den  gleichzeitigen  Europäischen  Erscheinungen.
Erstes  Capitel.  Entwicklungsursachen.  1.  Amerikanischer
Ideenkreis.  Ausdruck  in  den  Staatsschriften.  A.  Hamilton.  Seine  Ansicht ­
  von  der  Bodenrente.  2.  Wirthschaftliches  Lebensprincip  der  Union.
Neuste  Thatsachen  in  Vergleichung  mit  Europa.  3.  Rasche  Umwandlungen. ­
  Charakter  der  wirthschaftlichen  Volksbildung.  4.  Verhältniss
des  Careyschen  Systems  zu  den  Amerikanischen  Thatsachen  und  zu  dom
Ursprung  der  Doctrinen.  Ueborwiogen  des  schöpferischen  und  methodischen ­
  Elements  über  die  blossen  Gelcgenheitsursachen.  Erinnerung
an  List
Zweites  Capitel.  Das  Careysche  System.  1.  Sinn  des  neuen

376
        <pb n="13" />
        XI

Seite

Systems.  Angabe  der  Hauptpunkte.  2.  Lebenszüge.  Schriften  der  ersten
Gruppe.  3.  Uebergang  von  der  reinen  Theorie  zur  Wirthschaftspohtik.
Spätere  Schriftengruppe  und  Charakter  der  schriftstellerischen  Thätigkeit.
Abweisung  der  Vergleichung  mit  Humboldt.  4.  Theilnahme  Deutschlands.
Oekonomische  Social  Wissenschaft.  Verhältuiss  zur  früheren  politischen
Oekonomie  und  zuni  communitären  Socialismus.  5.  Nützlichkeit  und
Worth.  Werthgesetz.  Reproductionskosten.  Vorstellung  von  einer  harmonischen ­
  Verthei  lung.  Doppelte  Gestaltung  der  Ansicht  von  einer  Interessenharmonie. ­
  Letzte  Gestalt  des  Werthbegriffs.  6.  Bodenrente.  Gesetz ­
  vom  Gange  der  Bodencultur.  Geschichtsphilosophische  Anschauung
seiner  Wirkungen.  7.  Antimalthusisch  angelegte  Bevölkerungstheorie.
8.  Auffassung  des  Capitals.  9.  Unterscheidung  des  Verkehrs  vom  Handel. ­
  Entfernung  und  Transport.  Annäherung  der  Prodneenten  und  Consumenten
  durch  Localisation  der  Wirthschaft.  Vermeidung  der  Bodenerschöpfung ­
  und  Arbeitsvergeudung.  Stellung  der  Landwirthschaft.
Decentralisation.  10.  Vertheidigungsart  des  Schutzsystems.  Currrencyfrage.
  Fiscalische  Ergiebigkeit  der  Schutzzölle.  11.  Wissenschaftliche
Gestalt  der  Methode  •  •  •  :  ;  •  •
Drittes  Capitel.  Bastiat,  Maoleod  und  Nebenerscheinungen. ­
  1.  Stellung  Bastiats.  2.  Charakteristik  seiner  Rolle.  3.  Plagiat.
Harmonisches  Vertheilungsgesetz  ohne  die  zugehörigen  Voraussetzungen.
Werth.  4.  Bodenrente.  Eigenthum.  Enger  Begriff  von  den  gerechten
Interessen.  Eigne  literarische  Gerechtigkeit.  Zumnthung  einer  falschen
Harmonik.  5.  Oobden.  Manchesteranschauungen.  6.  Stuart  Mill.  Höhere
Compilation.  Malthusianismus.  7.  Mangel  an  Entwicklung.  8.  Macleods
Stellung  und  Schriften.  Vorzüge.  9.  Methode.  Vierfache  Scholastik.
Bizarre  Vorstellung  von  den  geschichtlichen  Vorgängern.  10.  Systematik.
Werth.  Neue  Credittheorie.  11.  Macleods  Denkweise  im  Sinne  des
Manchesterthums.  Contrast  der  wissenschaftlichen  Methode  im  Vergleich
mit  andern  Brittischen  Erscheinungen

Achter  Abschnitt.
Der  neuere  Socialismus.
Erstes  Capitel.  Französische  Vertreter.  1.  Allgemeiner
Typus.  2.  Louis  Blanc.  Vorbildlichkeit  für  Späteres.  Leben  und
Schriften.  Attentate.  Charakterzüge.  3.  Englisches  Exil,  Ansichten
über  die  Centralisation.  Beharrlichkeit.  4.  Organisation  der  Arbeit.
Anarchische  Concurrenz.  5.  Literarische  Arbeit.  Kritisches  Ergebniss.
6.  Proudhon.  Lebenszüge,  Schriften  und  philosophirerische  Haltung.
7*  Nebenideen.  Autorrecht,  ürtheil  über  die  Presse.  8.  Sogenannte
Methode.  Eigenthum  als  Diebstahl.  9.  Werth.  Rente.  Charakteristik
dos  Einflusses.  Endergebniss  .  .  ,  .  .  .  •  ■  •  •  •  '  '  /  '  "
Zweites  Capitel.  Gestaltungen  in  Deutschland.  1.  Verhältniss
  des  Politischen  zum  Wirthschaftlichen.  2.  Karl  Marx.  Der
Capitalbegriff.  3.  Werth.  Sogenannter  Mehrwerth.  4.  Sinn  der  capitalistischen
  Productionsweise.  Historisch  dialektischer  Hergang  Entoignung
  der  Enteigner.  6.  Vorhegelte  Manier.  Stellung  zum  ^fhnemäntihirprofessoralenChinosengelebi-samkeit.
  6.  Banal  e.  V^^haltniss
zum  Früheren.  7.  Lebensphysionomie.  Schriften  Ende.  Charakter.

463
        <pb n="14" />
        thusianismus.  Erinnerung  an  Ortes.  Bemerkung  über  das  contrastirondo
Verhältniss  Lassalles  zum  Malthusianismus  und  über  die  vorherrschende
Tendenz  alles  Socialismus  gegen  die  Annahme  von  einem  Naturgesetz
der  üebervölkerung  492

Neunter  Abschnitt.
Die  Gegenwart.
Erstes  Capitel.  Die  alten  Partei  en  nnd  die  rückläufigen
Elemente.  1.  Reaotionáre  Oberfläche  des  Jahrhunderts.  Unterströmung.
  Einschaltung  eines  langen  Verfaulungsprocesses  oder  positiver
Uebergang  zu  den  socialitären  Nothwendigkeiten.  2.  Der  blos  häusliche
Bourgeoisstreit  zwischen  Schutzzöllnern  und  Freihändlern.  Mauchesterpartei. ­
  3.  Zersetzung  der  alten  politischen  Parteien  durch  den  Gegensatz
von  Socialdemokratie  und  Besitzoligarchie.  Aehnliches  Schicksal  der
religionspolitischen  Parteien.  4.  Pietistelnde  Oekonomie  auf  Deutschen
Universitäten.  Sogenannte  Kathedersocialiston.  5.  Universitäre  Zustände
in  Rücksicht  auf  Nationalökonomie  und  Socialismus  542
Zweites  Capitel.  Ideenrichtung  der  socialdemokratischon
Agitationen.  1.  Uebersicht.  2.  Lassallescher  Arbeiterverein.  3.  Die
Internationale  und  der  Nationalismus.  4.  Unzulänglichkeit  des  Programms ­
  der  Internationalen.  5.  Bakunin  und  die  Internationale  in  ihrem
gegenseitigen  Verhältniss  563
Drittes  Capitel.  Die  Commune  und  der  neuste  Standpunkt ­
  der  Theorie.  1.  Ausrottungen  im  Pariser  Proletariat.  2,  Proletarischer
  Charakter  der  Commune.  3.  Politischer  Communalismus.  Humanitäre ­
  Milde  in  dem  Verhalten  der  Commune.  4.  Socialitäre  Symptome  in
den  einzelnen  Verwaltungsmaassregeln  der  Commune.  Moralischer  Geist
in  den  Ansätzen  und  Kundgebungen.  5.  Theoretische  Anregungen  von
dem  Communeschicksal  her.  Der  neuste  Standpunkt  in  Rücksicht  auf
socialistischen  Optimismus  oder  Pessimismus.  6.  Socialisirung  der  an
sich  nichtwirthsohaftlichen  Verhältnisse.  7.  Absolute  Zielpunkte  im
Wirthschaftlichen.  Vorläufigkeiten  im  alten  Rahmen.  Individuelle  Verantwortlichkeit ­
  577

Schriften  desselben  Verfassers

596
        <pb n="15" />
        T  o  r  r  e  d  e.

Äus  dem  unmittelbaren  Studium  der  eignen  Schriften  der  Tertreter
  der  nationalökonomischen  und  socialistischen  Ideenkreise
eine  untersuchende  Gedankengeschichte  hervorgehen  zu  lassen,
in  welcher  keine  einzige  Angabe  und  kein  einziges  ürtheil  auf
Unterlagen  aus  zweiter  Hand  beruhte,  ist  bei  der  ursprünglichen
Vorbereitung  und  der  schliesslichen  Abfassung  dieses  Buchs
mein  Hauptbestreben  gewesen.  Zugleich  habe  ich  mich  aber
auch  bemüht,  mit  der  tiefer  eindringenden  Forschung  und  Prüfung ­
  eine  für  jeden  höher  Gebildeten  verständliche  Darstellung
zu  verbinden.  Der  Standpunkt,  von  dem  ich  ausgegangen  bin,
ist  nicht  der  irgend  einer  vorhandenen  Partei  mit  ihren  blos
partiellen  Interessen,  sondern  derjenige  eines  eignen  rein
wissenschaftlichen  Systems,  an  dessen  Grundlegung  ich  schon
in  meinen  früheren  Schriften  gearbeitet  habe.
An  Vorarbeiten  in  der  Geschichtsschreibung  der  Volkswirthschaftslehre
  und  des  Socialismus  ist  ausser  einigem^  vornehmlich ­
  bibliographischen  und  oberflächlich  literaturhistorischen, ­
  nicht  einmal  in  dem  eignen  engen  Bereich  zuverlässigen
Material  Nichts  auch  nur  als  äusserliches  Hülfsmittel  zu  benutzen ­
  gewesen,  wie  ich  dies  in  der  vorliegenden  Schrift  selbst
dargcthan  habe.  Die  tiefere  Geschichtsschreibung  des  ganzen
Gebiets,  ja  überhaupt  die  Darstellung  der  neuern  Theile  desselben ­
  war  erst  zu  schaffen  und  eine  grosse  Lücke  in  der
Wissenschaft  und  Literatur  durch  die  vorliegende  Unternehmung ­
  auszufüllen.  Die  erste  Auflage  erschien  im  Februar  1871.
In  der  gegenwärtigen  habe  ich  durch  die  erforderlichen  Umarbeitungen ­
  und  Ergänzungen  dafür  gesorgt,  dass  mein  systematischer ­
  Cursus  und  diese  geschichtliche  Schrift  sich  gegenseitig ­
  in  strengster  Einheitlichkeit  ohne  Wiederholungen  erläutern. ­
        <pb n="16" />
        Ungeachtet  der  ausführlichen  Darstellung  der  neusten  sonst
noch  nirgend  im  Zusammenhang  bearbeiteten  Erscheinungen
und  trotz  einer  eingehenderen  Einlassung  auf  die  älteren  Ansätze ­
  zur  wissenschaftlichen  Ookonomie  ist  es  mir  dennoch
möglich  gewesen,  auf  einem  verhältnissmässig  engen  Raum
alle  erheblichen  Gestaltungen  zusammenzufassen.  Diese  Aufgabe ­
  wäre  für  das  Doppelgebiet  von  Nationalökonomie  und
Sociahsmus  unlösbar  gewesen,  wenn  sie  nicht  in  dem  Vorwalton
der  sichtenden,  das  Untergeordnete  und  Nebensächliche  beseitigenden ­
  Thätigkeit,  sowie  in  dem  jugendlichen  Alter  der
Wissenschaft  und  der  massigen  Anzahl  wirklich  bedeutender
Vertreter  eine  natürliche  Unterstützung  gefunden  hätte.  Da
wo  mein  Urtheil  weniger  die  lebendige  Geschichte  bedeutender
Anschauungen  als  die  nebensächlichen  Schulabfällo  betraf,  für
welche  sich  das  Publicum  auf  die  Dauer  nicht  intoressiren
kann,  habe  ich  es  in  dieser  unfruchtbaren  Richtung  bei  blossen
Signalisirungen  der  Abwege  bewenden  lassen.  Ueberdies
habe  ich  in  allen  Beziehungen  dahin  gestrebt,  aus  der  Geschichtsdarstellung ­
  selbst  eine  Wissenschaft  zu  machen,  in
welcher  das  zu  Grunde  liegende  System  derjenigen  kritischen
Anschauungsweise,  die  auch  in  der  gegenwärtigen  Gesammtauffassung
  der  Socialökonomie  allein  noch  Chancen  hat,  einen
dem  historischen  Stoff  angemessenen  Ausdruck  fände.  Die
Thatsache,  dass  sich  ein  Buch,  welches  von  den  universitären  Coterien
  systematisch  mit  eben  solchem  Stillschweigen  als  stiller
Ausnutzung  beehrt  und  dessen  Existenz  oder  Bedeutung  dem
Publicum  auf  alle  mögliche  Weise  auch  von  den  Parteien  verheimlicht ­
  worden  ist,  so  rasch  und  entschieden  Bahn  gebrochen
hat  und  in  einer  ansehnlichen  Auflage  so  bald  vergriffen  gewesen ­
  ist,  dürfte  wohl  ausschliesslich  auf  Rechnung  seiner
innern  Beschaffenheit  zu  setzen  sein.
Berlin,  im  September  1874.

Düliriiig^.
        <pb n="17" />
        Eiiileitnng.

Die  wesentlich  modernen  Versuche,  dem  Gebiet  der  materiellen ­
  Interessen  eigentliche  Gesetze  abzugewinnen  und  hiemit
  eine  strenge  Wissenschaft  aufzurichten,  haben  sich  einerseits ­
  in  dem,  was  man  kurzweg  Volkswirthschaftslehre,  und
andererseits  in  dem,  was  man  socialistische  Theorie  nennt
einen  in  einer  Anzahl  von  Hauptsystemen  verzweigten  und
sich  dabei  vielfach  widerspi-echenden  Ausdruck  gegeben.  Wer,
wie  auch  ich  es  zuerst  in  meiner  „Kritischen  Grundlegung“
und  dann  in  meinem  „Cursus“  gethan  habe,  es  unternimmt,
den  bisherigen  Systemen  der  Oekonomie  ein  neues  anzureihen,
wird  natürlich  die  älteren  Conceptionen  vielfach  nur  als  Ansätze ­
  und  die  mehr  oder  minder  gelungenen  Ergebnisse  nur
als  Materialien  betrachten  können.  Die  verhältnissmässigo
Unfertigkeit  alles  Bisherigen,  wenigstens  wenn  es  als  ein  Ganzes ­
  gelten  soll,  wird  hier  die  Voraussetzung  sein.  Selbst  über
den  Kreis  der  beengteren  Nationalökonomie  hinaus  wird  die
eigentlich  socialistische  Theorie  oder  Kritik  nicht  genügt  haben
können;  denn  sonst  hätte  es  an  einem  Recht  gefehlt,  mit  dem
Anspruch  auf  ein  neues,  nicht  etwa  blos  der  Epoche  genügendes, ­
  sondern  für  die  Epoche  maassgebendes  System  aufzutreten.
Die  Vorführung  einer  Gedankengeschichte,  in  welcher  sich
das  Gelungene  und  das  Misslungene  gekennzeichnet  und  unterschieden ­
  linden,  dient  nicht  blos  zur  Erläuterung  des  gegenwärtig ­
  am  meisten  entwickelten  Systems,  sondern  liefert  auch
den  eingehenderen  Nachweis  der  Berechtigung  eines  solchen
Dühriug,  Geschichte  der  Nationalökonomie.  2.  Auflage.  ^
        <pb n="18" />
        2

fundamentalen  Neubaus.  Indessen  werden  auch  diejenigen,  dio
allen  Systemen  zweiflerisch  gegenübertreten,  aus  der  kritischen
Darstellung  der  grossen  Typen  volkswirthschaftlicher  Denkweise ­
  lernen  können,  wo  ihre  Zurückhaltung  und  ihr  wissenschaftlicher ­
  Eieinmuth  am  Orte  sein  mögen  und  wo  nicht.
Für  jene  andere  Gattung  aber,  denen  der  beengte  Rahmen
irgend  eines  rückständigen  Systems  ein  genügender  Horizont
ist,  mag  freilich  die  universelle  Weite  des  geschichtlichen  ümblicks
  eine  unbequeme  Mahnung  an  das  Halbdunkel  werden,
mit  welchem  sic  in  ihren  abgelegenen  Systembehausungen  das
helle  Licht  verwechseln.  Schlimmer  als  für  diese  Gewöhnung
an  unzulängliche  Beleuchtung  wirkt  aber  die  Fackel  der  Ge-'
dankengeschichte  da,  wo  auch  nicht  einmal  irgend  ein,  wenn
auch  beschränktes  System,  sondern  nur  ein  sich  historisch
nennendes  Mosaik  von  Ansichts-  und  Meinungsabfällen  das
Surrogat  eigentlicher  Wissenschaft  bildet.  Den  Vertretern
dieser  falschen  Geschichtlichkeit  ist  die  wahre  Geschichte  der
Theorie  am  gefährlichsten.  Die  auch  anderswo  nicht  fehlende
Species  der  fraglichen  Art,  die  in  Deutschland  in  nicht  beneidenswerthor
  Weise  durch  Herrn  Roschers  Pseudohistorismus  als
vertreten  gilt,  scheut  sich  in  Thatsachen  und  Theorien  vor  nichts
mehr,  als  vor  wirklicher  und  wahrer  Geschichtsschreibung.
Meine  ernsthafte  Geschichte  der  ökonomischen  Theorien  ist
daher  auch  mit  dem  Treiben  dieser  Üuiversitätscoterie  unverträglich. ­
  Was  die  letztere  für  Wahrheit  ausgiebt,  ist  mir
meistens  nicht  etwa  Irrthum,  sondern  mehr  als  das,  nämlich
Unwahrheit,  die  aus  der  Unredlichkeit  der  selbstgewählten
Parteiposition  und  mithin  aus  einer  verwerflichen  Gesinnung
hervorgeht.  Historische  Richtung  heisst  in  der  fraglichen  Sphäre
nichts  Anderes  als  Feindschaft  gegen  die  Freiheitstriebo  dea
18.  Jahrhunderts,  und  unter  historischer  Behandlung  der  Politik ­
  und  Oekonomie  wird  eine  rückläufige  Officiosität  zu  Gunsten ­
  der  restaurativen  Staats-  und  Gesellschaftsansichten  verstanden. ­
  Obwohl  nun  meine  Arbeit,  in  der  mit  grösseren  Angelegenheiten ­
  abgerechnet  wird,  es  durchaus  nicht  auf  die
Widerlegung  solcher  Kleinigkeiten  abgesehen  und  dafür  keinen
besoudern  Raum  übrig  hat,  so  wird  sie  doch  unwillkürlich  und
mittelbar  auch  auf  die  Würdigung  der  angedeuteten  Zerrbilder
ihres  eignen  Wesens  hin  wirken  müssen.
2.  Da  der  bisherige  Bestand  des  ökonomischen  Wissens
        <pb n="19" />
        3

und  Wollene  sich  aus  individuellen  Systemen  zusammensetzt,
80  haben  die  Persönlichkeiten,  welche  Träger  dieser  Systeme
sind,  auch  in  ihrer  besondern  Physionomie  eine  Bedeutung.
Man  darf  daher  ihre  Biographie  nicht  als  eine  äusserliche  Beigabe ­
  betrachten,  die  auch  unbeschadet  des  Verständnisses  der
Systemeigcnthümlichkeiten  fehlen  könnte.  Man  wird  vielmehr
wohl  daran  thun,  in  den  Lebenszügen  der  im  Verfehlten  oder
Gelungenen  originalen  und  auf  die  Menschheit  einflussreichen
Bearbeiter  der  Oekonomie  einen  ähnlichen  Standpunkt  einzunehmen, ­
  als  wenn  es  sich  um  eigentliche  Philosophie  handelte.
Die  Denkweise,  wie  sie  sich  in  den  Thaten  des  Einzellebens
ausdrückt,  wird  daher  keineswegs  gleichgültig  bleiben  können.
Alles  Aufkeimen  von  Gedanken  und  sogar  alle  neuen  wissenschaftlichen ­
  Auffindungen  gehören  einer  einzigen  umfassen-^
  den  Gesetzmässigkeit  an,  und  nichts,  was  in  eines  Menschen
'  Kopfe  zu  Stande  kommt,  darf  in  Rücksicht  auf  gesetzmässige
Noth  Wendigkeit  so  angesehen  werden,  als  wenn  es  wenio-er
bedingt,  bestimmt  und  der  Wissenschaft  unterworfen  wäre,  als
irgend  ein  anderer  Natur  Vorgang.  Auch  die  genialsten  Productionen
  können  von  dieser  alles  beherrschenden  Gesetzmässig-^it
  keine  Ausnahme  machen,  und  es  hiesse  zum  Zauber-  und
Wunderglauben  zurückkehren,  wenn  man  einem  wissenschaftlichen ­
  Heroencultus  und  der  zugehörigen  Romantik  im  Widerspruch ­
  mit  der  allgemeinen  Bedingtheit  aller  Gedankenregungen ­
  und  Gedankenergebnisse  auch  nur  das  geringste  Zugeständiiiss
  machen  wollte.  Der  Protest  gegen  den  falschen,
mystisch  romantischen  oder  wenigstens  ungehörig  autoritären
Cultus  des  Genies  ist  aber  sehr  wohl  mit  der  Anerkennung
der  Wahrheit  verträglich,  dass  es  weit  mehr  die  von  Innen
bedingte  Gesetzmässigkeit  glücklich  beanlagter  Köpfe,  als  die
äusseren  Umstände  gewesen  sind  und  sein  werden,  wodurch
Bich  die  grossen  Fortschritte  der  Wissenschaft  vollzogen  finden. ­
  Es  kommt  daher  in  der  Wissenschaft  weniger  auf  diejenigen ­
  an,  welche  von  der  Epoche  gemacht  werden,  als  auf
die,  welche  die  Epoche  machen.  Die  Productivität  hört  in  diesem ­
  eminent  persönlichen  Sinne  da  auf,  wo  das  Product  beginnt. ­
  Für  die  Wirthschaftslehre  liefert  dieses  Rangverhältmss,
  durch  welches  die  Naturen  erster  Ordnung  von  den  Pflegern ­
  gewöhnlicher  und  naheliegender  Vorstellungen  deutlich
gesondert  werden,  einen  noch  wenig  gebrauchten  Maassstab  der
!•
        <pb n="20" />
        4

Kritik.  Was  allein  und  zureichend  aus  den  allgemeinen  Verhältnissen ­
  des  umgebenden  gesellschaftlichen  Mediums  erklärbar ­
  und  daher  für  Mehrere  ohne  Weiteres  Zugänglich  und  erfassbar ­
  ist,  kann  in  den  Gruppenbewegungen  der  Gedanken
und  in  dem  Mechanismus  der  Zustände  von  grosser  collectivcr
Bedeutung  sein.  Die  Breite  dieser  Einflüsse  wird  aber  erst
vollendeter  von  jenen  Höhen  aus  gestaltet,  auf  denen  die  stets
einzeln  handelnden  Denker-  und  Eorschernaturen  ihre  weiteren,
meist  über  die  Jahrhunderte  erstreckten  Bahnen  und  Ziele  bemessen. ­

Der  Verkehr  zwischen  den  Geistern  ersten  Ranges  ist  stets
direct  und  kann  gar  nicht  durch  jenen  Kleinhandel  bewerkstelligt ­
  werden,  der  in  der  Sphäre  gemeiner  und  oberflächlich
aufgelescner  Vorstellungen  den  leider  herkömmlichen  und,  wie
es  scheint,  unverbesserlichen  Nahrungszweig  der  Schulen  und
der  schulmässigen  Literatur  bildet.  Man  kann  daher,  ohne  den
Zusammenhang  zu  stören,  über  die  tertiären  oder  noch  tiefer
stehenden  Erscheinungen,  die  blos  dem  Gewühl  des  literarischen
Marktes  angehören  und  zum  Theil  auch  wohl  für  eine  Spanne
Zeit  das  jederzeit  laute  Geschrei  desselben  verstärken,  getrost ­
  zur  Tagesordnung  der  Geschichte,  nämlich  zu  dem  übergehen, ­
  was,  um  von  dem  grossen  Maassstab  ganzer  Jahrhunderte ­
  noch  gar  nicht  zu  reden,  auch  nur  einzelne  Menschenalter
ernstlich  angeht.  Die  thätigen  Erzeuger,  nicht  die  mechanischen ­
  und  handwerksrnässigen  Erzeugnisse  oder  untergeordneten ­
  Creaturen  sind  es,  die  für  den  universellen  Zusammenhang ­
  einer  Geschichte  grossen  und  edlen  Stiles  in  Frage  kommen. ­
  Mit  der  letzteren  ist  es  weit  eher  verträglich,  neben
den  grossen  positiven  Errungenschaften  auch  originale  Irrthümer
  eingehender  zu  kennzeichnen,  als  sicli  mit  platten,  gegen
erhebliche  Wahrheit  und  erheblichen  Irrthum  gleichgültigen
Ansichten  abzugeben.  Ja  eine  solche  genauere  Einlassung  mit
dem  original  und  kraftvoll  Verfehlten  wird  häufig  zu  einer
äusserlich  unbedingt  zwingenden  Nothwendigkeit;  denn  im  Bereich ­
  unfertiger  Gebilde  wiegen  die  Grössen  des  Irithums  eine
Zeit  lang  oft  schwerer  als  die  Grössen  der  Wahrheit.
3.  Das  Kritische  in  der  Behandlungsart  der  Geschichte
der  Wirthschaftslehro  wird  auf  mehreren  Hauptrücksicliten
beruhen,  von  denen  sich  zunächst  nur  eine  unvollkommene  Andeutung ­
  geben  lässt.  An  erster  Stelle  ist  das  eigne  System
        <pb n="21" />
        inaassgobend.  Alsdann  wird  die  nngehörige  Mischung  der  Geschichte ­
  der  Wirthschaffcslehren  mit  der  Geschichte  der  thatßächlichen
  Volkswirthscliaften  ausgeschlossen.  Ferner  wird
streng  zwischen  dem  Wissen  und  dem  Wollen,  den  Einsichten
imd  den  Bestrebungen  unterschieden.  Endlich  wird  nur  nach
wissenschaftlichen  Sätzen,  aber  nicht  nach  Vorstellungen  geiragt ­
  werden,  die  sich  unter  bestimmten  Voraussetzungen  fast
in  jedem  Gehirn  bilden  mussten,  sobald  sich  nur  die  allerdürftigste
  Ueberlegung  den  vor  Augen  liegenden  Thatsachen
zugesellte.  Auch  die  privatmoralistischen  Gemeinplätze  werden
den  Raum  der  Darstellung  nicht  verkürzen,  sondern  ernsteren
Angelegenheiten  Platz  machen.  Die  Trivialitäten  der  Pedanterie, ­
  welche  sich  in  Deutschland  mehr  als  irgendwo  breit  gemacht ­
  haben,  fallen  bereits  unter  das  Niveau  der  Kritik  grossen
Stils  und  sie  werden  daher  nur  gelegentlich  gestreift  werden,
um  die  Grenze  zu  kennzeichnen,  jenseits  welcher  die  Wissenschaft
  im  strengeren  Sinne  dieses  Worts  nichts  mehr  zu  bemerken
  hat.

Die  Sonderung  des  Wissens  und  des  Wollens  in  der  Hervoi^ringung
  der  verschiedenen  Systeme  und  Standpunkte  hat
nicht  den  Sinn  einer  Verurtheilung  aller  Gedanken  und  Sätze,
welche  auf  bestimmte  Antriebe  zurück  weisen,  sondern  ist  grade
in  entgegengesetzter  Richtung  vom  grössten  Werth.  Sie  soll
(as  gesetzmässige  Spiel  der  Interessen  auch  in  der  Gestaltung
der  Wissenschaft  sichtbarer  machen  und  zugleich  bemerken
lassen,  wie  es  zwei  sehr  wesentlich  verschiedene  Gebiete  von
Untersuchungsgegenständen  gebe.  Entweder  hat  eine  wirthßchaftliche
  Erkenntniss  solche  Verhältnisse  zum  Gegenstände,
die  ausserhalb  des  Kreises  menschlicher  Antriebe  liegen;  oder
es  sind  diese  Antriebe  selbst,  über  deren  thatsächliche  Beschaifenüeit
  und  Vorhaltungsart  etwas  festgestellt  wird.  Im  letzteren
-t^all,  der  in  der  Ookonomie  die  vorherrschende  Regel  bildet,
sind  ebenfalls  unverbrüchliche  Gesetze  das  Hauptziel  des  Nachn
  xns  und  der  Forschung;  aber  diese  Gesetze  beziehen  sich
au  das  Reich  der  mehr  oder  minder  bewussten  Antriebe.  Sie
nnen  i  aber  nur  dann  richtig  gefasst  und  gewürdigt  werden,
wenn  man  die  richtende  Kraft  in  Anschlag  bringt,  die  von  dem
^  ewusstsein  und  dem  Verstände  ausgeht.  Auch  diese  Einwirngen
  haben  ihre  strepgen  Gesetze;  aber  sie  sind  von  der
^atur  mit  einer  Macht  ausgestattet,  die  weit  über  das  unwill-
        <pb n="22" />
        6

kürliclie  Spiel  der  unmittelbaren  Antriebe  und  nächsten  Interessen ­
  hinausgreift.  Hienach  ist  dasjenige  li^issen,  welches
sich  auf  das  Gebiet  der  Bestrebungen  bezieht,  genau  ebenso
sicher,  als  wenn  es  sich  um  Thatsachen  handelte,  die  ganz
ausserhalb  des  Kreises  menschlicher  Macht  liegen.  Das  Einzige, ­
  was  mit  jener  Unterscheidung  der  beiden  Sphären  bezweckt
wird,  ist  sachlich  die  Hinweisung  auf  die  doppelte  Verzweigung
und  Bedeutung  der  übrigens  einheitlichen  Wissenschaft,  und
ist  in  Rücksicht  auf  die  Behandlung  der  Systeme  die  nothwendige ­
  Bloslegung  der  Motive  einseitiger  Standpunkte  und  gefälschter ­
  oder  wenigstens  falsch  fixirtcr  Ideen.
4.  Im  Hinblick  auf  die  Bedeutung  des  Wollens,  der  Bestrebungen ­
  oder,  mit  andern  Worten,  der  Antriebe  in  der  Gestaltung ­
  der  materiellen  Verhältnisse  und  ihrer  Wissenschaft  liegt
es  nahe,  die  Verbindung  der  Nationalökonomie  mit  dem  Socialismus ­
  auch  von  dem  Standpunkt  der  ideellen  Bedürfnisse  und
Ziele  ins  Auge  zu  fassen.  Die  socialreformatorischen  Mächte
haben  zwar  zunächst  die  materiellen  Interessen  zum  Angelpunkt; ­
  aber  sie  sind  weit  davon  entfernt,  sich  allein  auf  diese
Seite  der  Verhältnisse  zu  beschränken.  Die  socialitären  Theorien ­
  haben  ja  grade  darin  ihren  auszeichnenden  Charakter,
dass  sie  dem  Menschen  nach  allen  Richtungen  seines  gesellschaftlichen ­
  Daseins  gerecht  zu  werden  versuchen.  Dennoch
würde  es  aber  unpassend  sein  und  die  innere  Gleichartigkeit
einer  wohlabgegrenzten  Wissenschaft  verleugnen  heissen,  wenn
man  alle  jene  Fragen,  mit  denen  sich  der  Socialismus  im  weiteren ­
  Sinne  beschäftigt,  ohne  Sichtung  und  besondere  Einschränkung ­
  in  den  Kreis  der  Betrachtung  ziehen  wollte.  Der
materielle  Mittelpunkt  darf  bei  der  Vereinigung  der  Wirthschaftslehre
  mit  den  Socialtheorien  nie  aus  dem  Auge  verloren
werden,  und  es  wird  stets  nur  die  Beziehung  zu  der  materiellen
Seite  der  Verhältnisse  sein,  was  die  Berücksichtigung  der
übrigens  fremdartigen  Gegenstände  rechtfertigt.  Hierüber  sind
sich  die  socialreformatorischen  Ideenkreiso  selbst  nicht  hinreichend ­
  klar  geworden,  und  es  wird  daher  im  Interesse  der
scharfen  Sonderung  des  Verschiedenartigen  nur  um  so  mehr
am  Orte  sein,  die  Gebietsgrenzen  der  socialökonomischen  Beziehungen ­
  nicht  mit  denjenigen  der  menschheitlichen  Ziele  rein
ideeller  Art  verworren  zusammenlaufen  zu  lassen.  Wie  die
edlere  Gestalt  menschlichen  Fühlens  und  Anschauens  ausge-
        <pb n="23" />
        i

bildet  werde,  und  wie  sich  der  Mensch  in  den  verschiedenen
gesellschaftlichen  Verbindungen  am  besten  genüge  und  eine
Bürgschaft  für  die  höheren,  ja  für  die  erhabenen  Bestandtheile
und  Beziehungen  seiner  Natur  gewinne  ;  —  das  sind  Fragen,
niit  denen  sich  der  in  einem  weiteren  Sinn  verstandene  Socialismus ­
  bereits  ein  wenig  beschäftigt  hat  und  ferner  noch
mehr  beschäftigen  wird.  Aber  es  sind  zugleich  auch  Fragen,
die  zum  grössten  Theil  von  der  Oekonomie  und  dem  Materiellen
soweit  abschweifen,  dass  sie  an  sich  selbst  eine  besondere  Behandlung ­
  erfordern.  Ihre  indirecte  Erheblichkeit  für  die  Gestaltung ­
  der  socialökonomischen  Grundlagen  der  Existenz  nöthigt
allerdings  zur  Beachtung  ihrer  materiellen  Vorbedingungen  und
Rückwirkungen.  Sie  berechtigt  aber  keineswegs  zur  Verleuo--nung
  jener  vollständigen  Gleichartigkeit,  welche  in  dem  wirthschaftlichen
  Gebiet  überall  herrschen  muss,  wenn  nicht  jeglicher
Eeitfaden  und  jede  Abgrenzung  des  Zusammengehörigen  preisgegeben ­
  werden  soll.  Die  materielle  Versorgung  ist  ein  verhältnissmässig
  selbständiger  Kreis  von  Aufgaben,  und  die
Meinung,  es  lasse  sich  die  Behandlung  dieses  Gebiets  durch
Hineintragungen  rein  ideeller  und  so  zu  sagen  ästhetischer
Bestrebungen  veredeln,  zeigt  sich  als  unhaltbar.  Im  G  egentheil
  widersprechen  solche  Auswege  dem  Grundzug  der  modernen ­
  Denkungsart,  welche  in  der  materiellen  Wirthschaft  die
Grundlagen  für  die  Verwirklichung  einer  höheren  Geistescultur
  sucht  und  dem  umgekehrten  Wirkungsverhältniss  zwar
seine  Bedeutung  nicht  gänzlich  abspricht,  aber  von  ihm  auch
nicht  allzu  viel  erwartet.  Die  rationellere  Socialtheorie  würde
sofort  ihren  Boden  verlieren,  wenn  sie  sich  über  jenes  Verhältniss
  täuschte.  Sie  würde  einem  Rückschritt  von  Jahrtausenden ­
  verfallen  und  uralte  Wahngebildo  erneuern,  wenn
sie  das  eiserne  Piédestal  der  materiell  wirthschaftlichen  Ordnung ­
  mit  den  für  sich  allein  haltungslosen  Spitzen  der  idealen
Hervorbringungen  vertauschen  und  so  die  natürlichen  Lageruni?en
  umkehren  wollte.
Es  betrifft  die  eben  erwähnte  Trennung  des  gänzlich  Verschiedenartigen ­
  nicht  blos  die  im  System  und  in  der  geschichtlichen ­
  Darstellung  einzuhaltende  Kritik,  sondern  auch  die  lebens-^
  ollen  Verhältnisse  der  Wirklichkeit.  Es  würde  ein  falsches
Licht  auf  den  Gang  der  Dinge  selbst  werfen,  wenn  man  die
inheit  von  Nationalökonomie  und  Socialismus  so  auffasste.
        <pb n="24" />
        8

als  wenn  sie  auch  abgesehen  von  der  Betonung  des  Materiellen
bestehen  könnte.  Thatsächlich  ist  die  gemeinsame  Wurzel  und
das  verbindende  Element  beider  Richtungen  nur  in  der  materiellen ­
  Interessensphäre  anzutreffen.  Dort  bilden  sie  im  Leben
und  im  Denken  eine  Doppelgestalt,  deren  Theile  sich  weder  im
Guten  noch  im  Schlimmen  von  einander  trennen  lassen.  Die
Krisis  des  Lebens  und  die  Kritik  des  Gedankens  sorgen  beide
gleichzeitig  dafür,  dass  sich  jene  beiden  Mächte  wohl  oder  übel
zusammenfinden.  Wie  es  für  eine  tiefer  eindringende  Geschichtsdarstellung ­
  ihrer  Lehren  unmöglich  sei,  die  Verwandtschaft  und
wechselseitige  Ergänzung  derselben  zu  verkennen,  zeigen  die
Ausführungen  dieser  Schrift  im  Einzelnen.  Wie  jedoch  schon
die  allereinfachstc  Ucbcrlegung  ganz  im  Allgemeinen  auf  diese
Wahrheit  hinlcite,  ergiebt  sich,  sobald  man  sich  erinnert,  dass
die  nichtwirthschaftlichcn  Machtuntcrschiedc  zwischen  Mensch
und  Mensch  die  allercrhcblichste  Wirkung  auf  die  Gestaltung
der  rein  ökonomischen  Beziehungen  haben,  und  dass  die  obersten
Principien  der  Nationalökonomie,  wie  namentlich  das  Gesetz
von  Angebot  und  Nachfrage,  nur  einen  sehr  oberflächlichen  Sinn
erhalten,  wenn  man  sie  von  den  sehr  verschiedenen  socialen
Voraussetzungen  ihrer  Anwendung  isolirt.  Ja  die  Vernachlässigung ­
  dieser  unentbehrlichen  socialen  Grundlagen  einer
jeden  tieferen  Einsicht  in  die  Gesetze  des  wirthschaftlichen
Verkehrs  ist  bisher  der  Hauptgrund  gewesen,  welcher  die
ki’itische  Vereinigung  der  entgegenstehenden  Theorien  am
meisten  gehindert  hat.
Mit  dieser  letzteren  Bemerkung  ist  nun  aber  auch  schon
das  Verhältniss  angegeben,  in  welchem  die  socialitäre  Richtung
zu  der  einseitig  nationalökonomischen  Cultur  der  Wissenschaft
nothwendig  stehen  muss.  Die  politischen  und  socialen  Verknüpfungen ­
  sind  an  sich  selbst  und  ursprünglich  weit  mehr
eine  Ursache  als  eine  Wirkung  der  wirthschaftlichen  Aneignungen, ­
  Hiemit  fällt  denn  aber  auch  die  gemeine  Voraussetzung ­
  aller  bisherigen,  sei  es  beschränkt  ökonomistischen  oder
auch  socialistischen  Volkswirthschaftslehron  zusammen,  als
wenn  die  rein  ökonomischen  Verhältnisse  die  Wurzel  aller
übrigen  gesellschaftlichen  und  politischen  Beziehungen,  also
auch  aller  Unterdrückungsformen  wären.  Dom  Socialismus,
der  im  universellen  Sinne  seiner  Idee  weit  über  den  wirthschaftlichen ­
  Communismus  hinausstrebt,  widerfährt  auf  diese
        <pb n="25" />
        9

Weise  Gerechtigkeit.  Er  bleibt  von  der  Einzwängung'  in  den
für  seine  grossen  Ziele  zu  engen  Rabin  en  einer  wenn  auch
socialistiscben,  so  doch  immer  blos  materiellen  Volkswirthschaftslebro
  verschont.  Er  mag  das  ganze  Gebiet  des  bisherigen ­
  Rechts  und  Staats,  sowie  der  mannicbfaltigen  Gesellschaftszwecke ­
  mit  seiner  umsebafFenden  Kraft  in  jeder  Richtung
des  Gemeinlebeus  durebdringen,  ohne  danach  zu  fragen,  ob
auch  nur  in  zweiter  Ordnung  eigentlich  materielle  Interessen
für  die  Einrichtungen  maassgehend  werden.  Auf  diese  Weise
wird  er  der  engen  ücberlieferung  seiner  bisherigen  Geschichte
entwachsen,  und  es  wird  alsdann  um  so  weniger  verkennbar
sein,  wie  er  nur  in  seiner  materiellen  Verzweigung  mit  der
kritisch  umgestalteten  Nationalökonomie  ein  vereinbares  Ganze
bilde.  Vom  Standpunkt  dieses  Ganzen  empfangen  aber  auch
die  früheren  Systeme  eine  neue  Beleuchtung,  und  da  die  Geschichte ­
  noch  nichts  Erhebliches  an  nicht  materiell  wirthschaftlichem
  Socialismus,  namentlich  noch  keine  besondern  Socialitätslehren
  im  Gebiet  des  Criminalrechts,  der  MilitilrVerhältnisse,
der  Unterrichtsgegenstände,  der  Sitten  u.  s.  w.  aufzuweisen
hat,  so  konnte  auf  dem  Titel  unserer  Arbeit  das  Wort  Socialismus ­
  noch  in  seiner  engeren,  wirthschaftlich  begrenzten  Bedeutung ­
  gebraucht  und  so  der  Nationalökonomie  als  gleichartig
zugesellt  werden.  Die  eingehende  verbundene  Behandlung  beider ­
  Stoffmassen  ist  neu,  wie  überhaupt  die  Unternehmung
einer  kritischen  Geschichte  der  Theorie.  Wenn  aber  schon
dieses  Unternehmen  in  seinen  äusserlich  wahrnehmbaren  Eigenthümlichkeiten
  und  in  der  neuern  Hälfte  seines  Inhalts  ganz
ohne  Vorgänger  ist,  so  gehört  es  mir  noch  viel  mehr  seinen
innern  kritischen  Gesichtspunkten  und  seinem  allgemeinen
Standpunkt  nach  eigenthümlich  an.  Es  war  auch  in  der  That
die  freiere  geschichtliche  Kritik  nur  von  der  Höhe  eines  eigenerzeugten ­
  Systems  möglich,  welches  einen  sichern  Ausblick  in
die  socialitäre  Zukunft  gestattet  und  hiemit  auch  ein  Maass
für  die  Lebensfähigkeit  von  Ideen  und  Thatsachen  der  Vergangenheit
  darbietet.
        <pb n="26" />
        Erster  Abschnitt.
Die  Zeit  vor  den  wisseiiscliaftliehen  Versuchen.

Erstes  Capitel.
Ursprung  und  Anfänge  wirthschaftlicher  Vorstellungen.
Mit  den  Thatsachen  entwickeln  sich  auch  Gedanken  über
dieselben.  Die  letzteren  können  äusserst  dürftig  sein,  aber  sie
werden  niemals  gänzlich  fehlen.  Neben  den  instinctiven  Antrieben ­
  findet  sich  bei  dem  Menschen  stets  irgend  eine,  wenn
auch  noch  so  unbedeutende  Spur  von  Uebcrlegung.  Man  kann
daher  zuversichtlich  behaupten,  dass  die  wirthschaftlichen  Handlungen ­
  auch  im  rohesten  Zustande  von  einem  Bewusstsein  über
irgend  einen  Sinn  derselben  begleitet  gewesen  sind.  Auf  das
Maass  von  Wahrheit  oder  Irrthum,  welches  sich  in  den  so
entstehenden  Vorstellungen  bekundete,  kommt  es  wenig  an.
Es  ist  für  den  geschichtlichen  und  den  vorgeschichtlichen  Hintergrund ­
  nur  zu  wissen  nöthig,  dass  ein  ganz  natürliches  Gesetz ­
  der  Erkenntnissbildung  zu  allen  Zeiten  und  bei  allen
Völkern  zu  wirthschaftlichen  Ideen  führen  musste,  vorausgesetzt,
dass  man  diesen  Begriff  hinreichend  allgemein  nimmt.
In  seinem  Ursprung  grenzt  der  Mensch  an  die  Thierheit
einer  niederen  Stufe.  Indessen  fehlen  auch  bei  gewissen  Thierarten ­
  weder  die  Antriebe  noch  die  Vorstellungen,  welche  sich
in  Beziehung  auf  eine  so  zu  sagen  wirthschaftliche  Thätigkoit
mit  dem  Verhalten  und  der  Gedanken  Verfassung  des  unentwickelten ­
  Menschen  vergleichen  Hessen.  Eine  Art  Wirthschaft
muss  aber  von  dem  Augenblick  an  bestanden  haben,  in  welchem
der  fast  nur  leidende  und  auf  die  Zufälle  angewiesene  Zustand
in  der  Befriedigung  der  materiellen  Bedürfnisse  mit  irgend
        <pb n="27" />
        11

welchen  Regungen  bewusster  Fürsorge  vertauscht  wurde.  Jedoch
ist  die  Grenzlinie,  welche  das  vorherrschend  instinctive  Verhalten ­
  von  einem  merklichen  Hervortreten  des  regelnden  Bewusstseins ­
  trennt,  ohne  Rücksicht  auf  Grössenbestimmungen
gar  nicht  zu  ziehen,  weil  es  überhaupt  keine  Triebe  und  Instincte
  giebt,  die  nicht  von  Vorstellungen  begleitet  wären.  Bei
den  höheren  Thieren  liegt  es  sichtbar  genug  vor  Augen,  wie
sie  für  ihre  Existenz  soi-gen  und  hiebei  innerhalb  eines  freilich ­
  sehr  engen  Rahmens  nicht  ohne  Heberlegung  thätig  sind.
Etwas  sonderlich  Anderes  ist  bei  dem  nur  wenig  entwickelten
Menschen  auch  nicht  vorauszusetzen.  Um  also  den  Horizont
der  Vergangenheit  nicht  gänzlich  gestaltlos  werden  zu  lassen,
mag  man  sich  die  vorgeschichtliche  Zeit  nach  Maassgabe  der
neusten  Vorstellungen  über  das  Alter  und  den  thierischen
Ausgangspunkt  der  Menschengattung  wenigstens  in  einigen
Zügen  auch  wirthschaftlich  zu  reconstruiren  versuchen.  Man
mag  es  immerhin  unternehmen,  das  Gepräge  von  Zuständen
zu  kennzeichnen,  in  denen  die  Werkzeuge  von  Stein  waren,
oder  in  denen  die  Menschen  buchstäblich  und  nicht  blos  metaphorisch ­
  wie  später,  von  dem  Fleisch  und  Blut  ihrer  eignen
Species  lebten.  Hiedurch  wird  man  die  Stetigkeit  und  Vollständigkeit ­
  des  gesummten  Entwicklungsganges  fördern.  Allein
für  den  Zweck  einer  Geschichte  der  Wissenschaft  sind  die  Andeutungen ­
  jener  Möglichkeit  vollkommen  hinreichend.
Ja  diese  Hinweisungen  auf  die  Urzustände  haben  sogar  einen
entgegengesetzten  Vortheil.  Sie  zeigen,  wieweit  man  sich  verirren ­
  würde,  wenn  man  jede,  auf  wirthschaftliche  Gegenstände
bezügliche  Vorstellung  als  einen  wissenschaftlichen  Bestandtheil
der  Oekonomie  betrachten  wollte.  Dieser  Fehler  wird  nicht
leicht  in  Beziehung  auf  die  vorgeschichtliche  Urvergangenheit
gemacht  werden;  denn  dort  verbietet  er  sich  fast  von  selbst.
Jedoch  versucht  er  sich  sofort  geltend  zu  machen,  sobald  entwickeltere ­
  Verhältnisse  geschichtlich  vorliegen.  In  diesem  Fall
wird  das  Vorhandensein  einer  mehr  oder  minder  verzweigten
Wirthschaft  und  der  sich  unmittelbar  an  dieselbe  knüpfenden,
ganz  gewöhnlichen  Vorstellungen  mit  der  Existenz  einer  wissenschaftlichen ­
  Erkenntniss  verwechselt.  Aus  diesem  Mangel  an
Unterscheidung  gehen  dann  jene  Behauptungen  hervor,  dass
^ie  Nationalökonomie  viel  älter  sei,  als  man  gewöhnlich  anüehme.
  Solche  Ansichten  sind  in  verschiedenen  Ländern  auf-
        <pb n="28" />
        12

gestellt  und  bethätigt  worden,  als  die  wissenscbaftlichc  Nationalökonomie ­
  ihren  Lebenslauf  eben  erst  begonnen  hatte.  Der
Grund  dieses  Missgriffs  liegt  nahe  genug.  Man  wusste  noch
nicht,  was  wissenschaftliche  Wirthschaftslohrc  zu  bedeuten  habe,
und  hielt  daher  in  der  verworrensten  Weise  alle  Uebcrlieferungen
  für  zurechnungsfähig,  die  nur  irgend  wirthschaftliche
Angelegenheiten  zum  Gegenstände  ihrer  Vorstellungen  gehabt
hatten.
Je  dürftiger  die  Vorstellungen  sind,  die  Jemand  von  den
wissenschaftlichen  Elementen  der  Wirthschaftslehre  hat,  um
so  mehr  wird  er  geneigt  sein,  den  Ursprung  dieser  Lehre  in
die  fernsten  Zeiten  zu  verlegen.  In  den  allergewöhnlichsten
Ideen,  die  sich  den  Menschen  am  ehesten  und  unmittelbarsten
aufdrängen,  stimmen  selbstverständlich  die  gedanklichen  Regungen ­
  aller  Zeiten  und  Völker  überein.  Es  ist  aber  nicht
diese  oberflächliche  Gemeinschaft,  was  den  wesentlichen  Inhalt
der  Wissenschaft  berührt,  sondern  cs  muss  im  Gegcnthcil  nach
solchen  Ideen  gesucht  werden,  welche  bereits  erhebliche  und
sich  von  dem  gemeinen  Lauf  der  Vorstellungen  unterscheidende
Sätze  enthalten.  Verfährt  man  nach  diesem  Grundsatz,  so  wird
man  finden,  dass  die  Wirthschaftslehre  eine  eminent  moderne
Erscheinung  ist  und  noch  dazu  eine  solche,  deren  wissenschaftliche ­
  Existenzweise  kaum  ein  Jahrhundert  hinter  sich  hat.  Verflacht ­
  man  aber  den  Begriff  der  wirthschaftlichen  Wissenschaft,
so  kann  man  allerdings  soweit  zurückgreifen  als  man  will,
und  es  wird  an  gelehrt  aussehendem  Stoff  niemals  fehlen.  Man
wird  alsdann  zu  dem  wunderlichen  Satze  gelangen,  dass  Wirthschaftslehre ­
  und  Socialtheorio  so  alt  seien,  wie  das  gedankenbildende ­
  Menschengeschlecht.
2.  Schon  Blanqui  in  seiner  geschichtlichen  Gesammtdarstellung,
  die  zum  ersten  Mal  1837  erschien,  glaubte  die
Entdeckung  gemacht  zu  haben,  dass  die  Wirthschafts-Ichre
  älter  sei,  als  man  gewöhnlich  an  nehme.  Auch  beschäftigte ­
  er  sich  in  seinem  Buch  ganz  unverhältnissmässig  mit
älteren  Erscheinungen,  und  dieses  Missverhältniss  würde  noch
mehr  hervorgetreten  sein,  wenn  er  überhaupt  zwischen  Wirthschaftstheorie
  und  Wirthschaft  unterschieden  hätte.  Letzteres
ist  aber  so  wenig  geschehen,  dass  im  Gegontheil  die  Theorien ­
  selbst  und  deren  Zusammenhang  fast  zur  Nebensache
gemacht  worden  sind.  Nun  konnte  ein  solches  Verfahren
        <pb n="29" />
        offenbar  nur  möglich  werden,  indem  sich  die  strengeren  wissenscliaftlichcn
  Yorstellimgen  von  ausgeprägter  Eigenthümlichkeit
  zu  ganz  allgemeinen  und  überdies  oberflächlichen  Ideen
verflüchtigten.
Ueberhaupt  ist  in  Bezug  auf  das  Wenige,  was  für  die  Geschichtsschreibung
  der  Wirthschaftslehre  bisher  geschah,  die
Bemerkung  gerechtfertigt,  dass  man  die  Geschichte  einer  eigentlichen ­
  Wissenschaft  nur  schreiben  kann,  wenn  man  diese  Wissenschaft ­
  selbst  versteht.  Aeusserliche  Bücherkenntnisse  genügen
hiezu  am  allerwenigsten.  Ein  Geschichtsschreiber  der  Physik,
welcher  die  Vorstellungen  über  Schwere  und  Leichtigkeit,  wie
sie  im  unwissenschaftlichen  Zustande  der  betreffenden  Sphäre
ganz  unwillkürlich  gebildet  werden,  als  Theorien  und  als  Beweise ­
  für  das  Dasein  einer  wissenschaftlichen  Erkenntniss  aufführen ­
  und  einreihon  wollte,  würde  sich  lächerlich  machen.
Das  Einzige,  was  ihm  erlaübt  wäre,  würde  eine  Einweisung
auf  derartige  Ideen  als  auf  die  sichern  Merkmale  des  Mangels
einer  wissenschaftlichen  Erkenntniss  sein.  Aehnlich  verhält
es  sich  nun  auch  in  unserm  Gebiet.  Ja  man  muss  hier  sogar
noch  strengere  Anforderungen  machen,  weil  der  bisherigen
Unfertigkeit  wegen  die  Abschweifung  in  das  Unbestimmte  und
Bedeutungslose  hier  noch  weit  näher  liegt.  Die  Kenntniss  der
ganz  gewöhnlichen  Vorstellungen  von  den  wirthschaftlicheii
Dingen  ist  also  keine  Ausstattung,  mit  welcher  sich  Jemand  an
die  Behandlung  der  Geschichte  unseres  Wissensgebiets  machen
dürfte.  Dennoch  haben  die  meisten  geschichtlichen  Beiträge
in  dieser  Bich  tun  g  auf  wenig  mehr,  als  auf  jenem  Verständniss
für  die  gleichgültigeren  und  gemeineren  Gedanken  beruht.  Man
hat  die  gesammte  Politik  in  die  Kennzeichnungen  des  Inhalts
der  schriftstellerischen  Erzeugnisse  hineingezogen  und  die  allernnerhcblichsten,
  gelegentlichen  Bemerkungen  so  behandelt,  als
wenn  cs  Bostandtbeile  der  Wirthschaftslehre  wären.  Man  hat
die  ärmlichsten  Reflexionen  moralisirender  Natur  weitläufig  besprochen ­
  und  die  unvermeidlichen  Verrichtungen,  die  bei  einem
gesunden  Gehirn  Angesichts  bestimmter  äusserer  Thatsachen
dos  wirthschaftlichou  Zustandes  eintreten  müssen,  als  Zeugnisse
fill'  das  Dasein  einer  wissenschaftlichen  Einsicht  ausgegeben.
Man  hat  in  die  unerheblichsten  Aeusserungen  der  älteren  und
alten  Schriftsteller  moderne  Erkenntnisse  hineingedichtet,  die
ihnen  völlig  fern  lagen.  Auf  diese  Weise  ist  es  geschehen,
        <pb n="30" />
        14

dass  man  bis  jetzt  eine  gründliche  Kenntniss  gar  nicht  aus
solchen  Geschichtsherichten  gewinnen  konnte  und  keinen  andern
Ausweg  hatte,  als  die  Quellen,  d.  h.  die  grossen  Schriftsteller
selbst  zu  lesen.  Diese  Nothwendigkeit  ist  aber  vollends  unumgänglich ­
  geworden,  seit  die  neusten  Wendungen  der  Volkswirthschaftslehre
  die  Betrachtungsart  erweitert  und  geschärft
haben  und  die  älteren  Leistungen  in  einem  neuen  Licht  erscheinen ­
  lassen.
In  dem  Maasse,  in  welchem  sich  das  wirthschaftlicho
Wissensgebiet  selbständig  macht  und  sich  mit  bestimmteren,
dem  Missverständniss  und  der  Verwechselung  weniger  ausgesetzten ­
  Einsichten  bereichert,  wird  auch  die  strengere  Art  der
Geschichtsdarstellung  an  Boden  gewinnen,  weil  ohne  sie  auch
nicht  einmal  ein  Eindringen  in  die  älteren  Zustände  der  thatsächlichen
  Wirthschaften  selbst  möglich  ist.  Dagegen  wird  jene
oberflächliche  Befassung  mit  einem  Gegenstände  verschwinden,
der  nicht  dazu  gemacht  ist,  vom  Standpunkt  eines  mittleren
Maasses  allgemeiner  historischer  Bildung  behandelt  zu  werden.
Man  wird  mehr  und  mehr  nach  Thatsachen  der  Wirthschaftstheorie
  fragen  und  sich  nicht  dabei  beruhigen,  wenn  an  Stelle
derselben  eine  gleichgültige  Notizensammlung  zum  Vorschein
kommt.  Ebenso  werden  auch  diejenigen  Schriften,  welche  nicht
viel  mehr  als  Bücherverzeichnisse  mit  einigen  aus  dritter  und
vierter  Hand  bezogenen,  meist  schiefen  und  unzuverlässigen
Erläuterungen  sind,  den  Werth,  den  sie  etwa  noch  in  mancher
Leute  Augen  haben  mögen,  gänzlich  verlieren.  Zu  dieser  Gattung ­
  gehörte  das  wässerige  Erzeugniss  eines  Pester  Professors,
des  Herrn  Kautz,  vom  Jahre  1860,  welches  sich  zwar  nur  als
„Literaturgeschichte“  der  Ockonomie  gab,  aber  durch  seine
Plattheit  und  seinen  Urtheilsmangel  sogar  jede  Vergleichbarkeit ­
  mit  dem  doch  wahrlich  auch  nicht  allzu  eindringend  abgefassten ­
  Blanquischen  Buch  bei  Jedermann  ausschliessen  musste,
der  sich  einigen  Sinn  für  die  verhältnissmässige  Gewandtheit
der  Französischen  Erscheinung  erhalten  hatte.  Nebenbei  hat
Herr  Kautz,  der  hauptsächlich  Brocken  von  Herrn  Boschors
Tisch  zu  einer  breiten  Bettelsuppe  verdünnte,  auch  schon  einen
Vorgeschmack  geliefert,  wie  das  Hauptgericht  seines  Tischherrn ­
  selbst  beschaiffen  sein  werde.  An  Stelle  solcher  Zwittererscheinungen ­
  werden  einerseits  rein  bibliographische  und  rein
technische  literarische  Hülfsmittel,  andererseits  aber  echte
        <pb n="31" />
        Geschichten  der  Theorie  treten.  Dies  alles  wird  um  so  eher
und  um  so  mehr  geschehen,  je  entschiedener  die  Täuschung
beseitigt  wird,  als  wenn  gemeine  Vorstellungen  über  wirthschaftliche
  Thatsachen  und  Vorgänge  schon  wissenschaftliche
Theorien  wären.
3.  Soll  durchaus  ein  Satz  über  das  Alter  unseres  Wissensgebiets ­
  in  einer  Weise  ausgesprochen  werden,  die  von  der  am
Anfang  unseres  Jahrhunderts  herrschenden  Vorstellung  abweicht, ­
  so  kann  man  getrost  sagen,  dass  die  Nationalökonomie
als  Wissenschaft  jünger  sei,  als  man  gewöhnlich  annimmt.  Es
ist  also  nicht  die  oben  berichtete  Bemerkung,  sondern  eher
deren  Umkehrung  am  Platze.  Diejenigen,  welche  das  Schema
von  den  drei  Systemen  (Mercantilismos,  Physiokratie  und  Industriesystem) ­
  zum  Ausgangspunkt  nahmen,  hatten  bezüglich
der  eigentlichen  Theorie  bereits  zu  viel  gethan.  Das  physiokratische
  System  ist  allenfalls  als  ein  phantasiemässiger  Versuch ­
  zu  betrachten;  aber  schliesslich  werden  Diejenigen  Recht
behalten,  welche  die  ernstlichere  Constituirung  der  Wissenschaft ­
  von  Hume  und  Adam  Smith  datiren.  Doch  wir  wollen
hier  der  besondern  Darstellung  noch  nicht  vorgreifen.  Der
Gedanke,  auf  den  es  an  dieser  Stelle  ankommt,  bezieht  sich
nicht  auf  die  Stufenleiter  der  verschiedenen  Anschauungsweisen,
sondern  richtet  sich  ganz  allgemein  auf  den  Gegensatz  des  Wissenschaftlichen ­
  und  des  fast  zu  jeder  Zeit  allgemein  Zugänglichen. ­

Gesetzt  nun,  es  stände  Jemand  noch  heute  ausschliesslich
äuf  dem  Standpunkt  der  Smithschen  Oekonomie,  so  würde
selbst  dieser  noch  unentwickelte  Kreis  von  Einsichten  die  Vermengung ­
  und  Verwechselung  mit  jeder  beliebigen  Reflexion
verbieten.  Wer  sich  also  auch  nur  die  Hauptsätze  dieses  wirthschaftlichen
  Gedankenkreises  gehörig  zu  eigen  gemacht  hätte,
würde  darauf  verzichten  müssen,  die  Geschichte  der  Wirthschaftslehro
  im  Alterthum  suchen  oder  gar  durch  mittelalterliche ­
  Früchte  der  theologischen  Scholastik  decoriren  zu  wollen.
Nehmen  wir  dagegen  an,  dass  Jemand  für  strengere  wissenschaftliche ­
  Begriffe  und  für  einen  rationellen  Zusammenhang
derselben  so  wenig  Sinn  hätte,  dass  ihm  nicht  einmal  die  Lehren ­
  Adam  Smiths  verständlich  wären,  so  würde  eine  solche
Capacität  allerdings  dazu  angethau  sein,  das  Behältniss  für  die
zusammengewürfelten  Abfälle  aller  Zeiten  abzugeben.  In  einem
        <pb n="32" />
        16

solchen  Behältniss,  wie  es  z.  B.  in  Deutschland  noch  jetzt
durch  eines  der  auf  den  Universitäten  am  meisten  empfohlenen
sogenannten  Lehrbücher,  nämlich  durch  das  lioschersche,  repräsentirt
  wird,  kann  man  selbstverständlich  keine  rationelle
Kritik  erwarten.  Bei  Behandlung  des  Listschen  Systems  wird
jedoch  erst  der  Ort  sein,  über  diese  Spielart  einer  falschen
oder  vielmehr  nur  angeblichen  Geschichtlichkeit  Einiges  zu
bemerken  und  die  Verkommenheit  dieser  Erscheinung  im  Contrast ­
  mit  der  unvergleichlich  hervorragenden  Grösse  der  eben  genannten ­
  nationalökonomischen  Vertretung  des  Deutschen  Namens ­
  zu  charakterisiren.
Nicht  einmal  für  die  Erforschung  der  Alterthümer  und
der  Geschichten  der  verschiedenen  Völker  ist  die  eben  bezcichnete
  unkritische  Art  irgend  zu  gebrauchen.  Will  der  allgemeine ­
  Historiker,  der  sich  die  Darstellung  einer  Volksgeschichto,
z.  B.  des  alten  Griechenland,  zur  Aufgabe  macht,  in  die  Zustände ­
  und  Entwicklungsstufen  der  in  Frage  kommenden
Wirthschaitsverhältnissc  tiefer  eindringen,  so  bedarf  er  vor
allen  Dingen  einer  festen  Theorie  über  diejenigen  Beziehungen
und  Gesetze,  welche  sich  zu  keiner  Zeit  verleugnen.  Mit  diesen
Gesetzen  kann  er  die  verschiedensten  Fälle  und  Gestaltungen
beherrschen,  sobald  er  überhaupt  gelernt  hat,  die  veränderten
Ergebnisse  zu  beurtheilen,  welche  ein  und  derselbe  wirthschaftliche
  Satz  bei  seiner  Anwendung  auf  verschiedene  thatsächliche
Voraussetzungen  liefert.  Zu  jenen  Gesetzen  gehören  selbstverständlich ­
  auch  die  Regeln  der  Entwicklung,  nach  welchen
sich  die  Aufeinanderfolge,  der  Grad  von  Beharrlichkeit  und  die
Veränderungen  der  ökonomischen  Zustände  bestimmen.  Aussei  -
dem  wird  es  für  die  Kennzeichnung  des  wirthschaftlichen  Bildungszustandes ­
  eines  solchen  Volks  in  einer  gegebenen  Zeit
von  grossem  W  er  the  sein,  die  Auslassungen  der  verschiedensten
Gattungen  seiner  Schriftsteller  zu  untersuchen.  Die  Thatsachen
selbst  werden  sich  auf  diese  W  eise  aus  den  ungleich  artigsten
Gebieten  der  Literatur  erläutern  und  näher  bestimmen  lassen.
Namentlich  wird  man  oft  icstzustellen  vermögen,  wieweit  das
ökonomische  Bewusstsein  reichte  und  welche  Verhältnisse  ini
wirthschaitlichen  Leben  gleichsam  unbewusste  Natui-thatsacheii
blieben.  Grade  aber  für  die  Zwecke  einer  solchen  Sonderung
und  namentlich  für  die  richtige  Bestimmung  der  Grenzen,  in
denen  sich  die  wirthschaftlichen  Vorstellungen  bewegten,  ist
        <pb n="33" />
        17

die  moderno  Theorie  mib  ihrer  ausgeprägten  Eigenthümlichkeit
und  hchilrfo  am  allerwenigsten  %n  cnthehren.  Wer  dagegen
&amp;lt;  le  oistclluiigcn  des  Alterthums  so  bctraclitot,  als  wären  sie
schon  \  orwegnahmen  des  wesentlichen  und  wissenschaftlichen
Inhalts  der  modernen  Nationalökonomie,  bekundet  hiemit,  dass
er  weder  Jene  noch  diese  gehörig  versteht.  Es  liegt  daher
auch  ira  Interesse  der  allgemeinen  Geschichtsschreibung,  dass
die  Vermischungen  und  Verwechselungen  gewöhnlicher  oder  in
Ihrem  Zusammenhang  bedeutungsloser  Vorstellungen  mit  der
bewussten  Aufstellung  wissenschaftlicher  Sätze  ausgeschlossen
werden.  Wie  man  in  dieser  Richtung  nicht  zu  verfahren  habe
dafür  lieferte  der  Augenblick  ein  neues  Beispiel  in  dem  ephemeren
  Buch  von  Du  Mosnil-Marigny:  Histoire  de  l'économie
zolle  b.3  an  das  classische  Athen  reconstruirt,  und  die  indns.nello
  Donkwc'so  ergel.t  sich  da,  «  o  sonst  nur  das  gelehrte
TÎ  leitender,  strenger  wissenschaftlicher
Iheoricri  nicht  aussöhnen.
w  I^iGnach  hätten  wir  in  Bezug  auf  wissenschaftliche
irthschaftstheorio  vom  Alterthum  eigentlich  gar  nichts  Po-1
  belichten,  und  das  gänzlich  unwissenschaftliche
1  e  a  tei  bietet  dazu  noch  weit  weniger  Veranlassung.  Da
jedoch  die  den  Schein  der  Gelehrsamkeit  eitel  zur  Schau  tragende ­
  Manier  schon  mehrfach  und  nicht  etwa  hlos  in  Deutschand
  in  unser  Gebiet  eingedrungen  ist  und  den  reinen  Charakter
er  modernen  Wissenschaft  verunziert  hat,  so  müssen  zur  Notiznahrae ­
  wenigstens  einige  Beispiele  beigebracht  werden.
ganzen  Griechischen  Alterthum  waren  eigentlich  nalonalökoiiomischc
  Sätze  von  wissenschaftlicher  Bedeutung
imbekannt.  Die  Vorstellungen,  die  man  in  Rücksicht  auf  ökoomisc
  IC  Angelegenheiten  hegte,  betrafen  entweder  nur  die
Einrichtungen  des  Hauswesens,  oder  waren,  wo  sie  sich  zufällig
aut  den  Veikehr  ausdehnten,  von  keinem  Bewusstsein
Tragweite  begleitet.  Gebildete  und
mg,  Geschichte  der  5ationalükonomio.  2.  Auflage.  2
        <pb n="34" />
        —  18

staatsmännisch  denkende  Beobachter  und  Darsteller  der  allgemeinen ­
  Thatsachen  haben  natürlich  gewisse  wirthschaftliche
Züge,  die  bei  dem  üeberblick  unmittelbar  in  die  Augen  fielen,
nicht  leicht  zu  übersehen  vermocht.  Die  öffentlichen  Finanzen
mussten  auch  den  Praktikern  jenerZeiten  und  Zustünde  manches
eigentlich  volkswirthschaftliche  Verhältniss  nahebringon.  Allein
von  der  bewussten  Aufstellung  auch  nur  eines  einzig'en  Princips
der  Volkswirthschaftslehre,  an  welches  man  rationelle  Folgerungen ­
  geknüpft  und  welches  man  als  wissenschaftlichen  Satz
in  irgend  einem  Zusammenhang  gleichartiger  Wahrheiten  geltend ­
  zu  machen  versucht  hätte,  ist  keine  Spur  anzutreffeu.  Man
wird  thatsächlich  freilich  mehr  gewusst  haben,  als  man  bei
Xenophon  oder  bei  Platon  und  Aristoteles  an  allgemeinen  Vorstellungen ­
  antrifft.  Dennoch  ist  auch  unter  Berücksichtigung ­
  dieses  Umstandes  kein  thatsächlicher  Anhaltspunkt  für
die  Rechtfertigung  der  Voraussetzung  vorhanden,  dass  man  zu
irgend  erheblichen  Elementen  einer  nationalökonomischen
Wissenschaft  gelangt  wäre.  Die  Geschäftsleute  jener  Zeit
werden  zwar  sicherlich  von  manchen  wirthschaftlichen  Vorgängen, ­
  die  ihr  Interesse  unmittelbar  berührten,  praktisch
brauchbarere  Vorstellungen  gehabt  haben,  als  mancher  heutige
Professor  der  Nationalökonomie,  der  durch  Citate  aus  Aristoteles ­
  den  Mangel  seiner  Urthcilskraft  zu  ersetzen  sucht.  Allein
von  dem  Wissen  oder  vielmehr  dem  Instinct  der  Routine  bis
zu  einer,  auf  mehr  als  die  nächsten  Zwecke  ausblickenden
Beurtheilung  und  Einsicht  ist  noch  ein  sehr  weiter  Schritt,
wie  wir  dies  heute  jeden  Tag  an  unsern  eignen  Zuständen
beobachten  können.  Ganz  ohne  Zweifel  wusste  der  Händler
zu  allen  Zeiten  und  unter  allen  Verhältnissen,  dass  die  grössere
Menge  des  Angebots  der  Waaren,  mit  denen  er  sich  befasste,
unter  übrigens  gleichen  Umständen  und  namentlich  bei  gleichgebliebenem ­
  Bedürfniss  die  Aussichten  auf  die  Erzielung  der
bisherigen  Gegenleistung  ungünstiger  gestaltete.  Ebenso  musste
er  auch  wissen,  dass  man  eine  Sache  unmittelbar  gebrauchen
oder  sie  für  andere  Gegenstände  Umtauschen  kann.  Indessen
wird  ein  antiker  Kaufmann  schwerlich  diese  letztere  Vorstellung ­
  für  so  erheblich  gehalten  haben,  um  sie  für  eine  besondere ­
  Weisheit  auszugeben.  Da  sie  sich  aber  gelegentlich  im
ersten  Buch  von  Aristoteles  Schrift  über  den  Staat  in  recht
trivialer  und  verschulter  Art  ausgesprochen  findet,  so  machen
        <pb n="35" />
        —  19

einige  Neuere,  welche  die  echte  Philologie  und  wahre  Alterthumsforschung ­
  nur  carikiren,  aus  jenen  Vorstellungen  sofort
die  moderne  Unterscheidung  von  Gebrauchswerth  und  Tauschwerth. ­
  Uebrigens  besteht  der  Humor  der  Nachweisung  dieses
Unterschieds  als  einer  hesondern  Erkenntniss  der  antiken  Welt
noch  obendrein  darin,  dass  der  moderne  Sprachgebrauch  und
die  Gewohnheit,  von  Gebrauchswerth  und  Tauschwerth  zu
reden,  grade  ein  Ausdruck  für  die  erheblichsten  Irrthümer  gewesen ­
  ist,  in  welche  die  Volkswirthschaftlehre  in  ihren  ersten
modernen  Formulirungen  verfallen  ist  und  von  denen  sie  sich
erst  in  allerjüngster  Zeit  und  auch  dies  nur  im  Rahmen  der
am  meisten  fortgeschrittenen  Systeme  befreit  hat.  Man  legt
also  den  antiken  Schriftstellern  auf  diese  Weise  moderne  Irrthümer ­
  unter,  von  denen  die  volkswirthschaftliche  Gleichgültigkeit ­
  und  Unschuld  ihrer  Vorstellungen  weder  im  Rechten  noch
im  Schlechten  etwas  wissen  konnte.  Wenn  sich  daher  hei
ihnen  einmal  ein  Satz  findet,  in  den  sich  eine  moderne  Theorie
hineindichten  lässt,  so  ist  dies  noch  kein  Zeichen  einer  wirklichen ­
  Kenntniss.  Man  muss  vielmehr  stets  danach  fragen,
was  sie  wirklich  meinten,  und  ob  sie,  wenn  sie  zufällig  eine
anscheinende  Wahrheit  aussprachen,  sich  auch  des  Gegensatzes
gegen  den  zugehörigen  Irrthum  bewusst  waren.  Ohne  diese
Vorsicht  wird  man  in  ihre  aus  dem  Zusammenhang  gerissenen
Sätze  allzu  leicht  Vorstellungen  hineinlegen,  die  jene  Schriftsteller ­
  selbst  gar  nicht  hatten  und  auch  nicht  einmal  suchten.
Die  Moral,  die  Privatwirthschaft  und  die  technischen  Ackerbaurathschläge, ­
  mit  denen  sie  sich  beschäftigten,  gehören  in
der  Weise,  in  welcher  sie  diese  Dinge  zusammenmischten,  gar
nicht  in  die  Nationalökonomie.
Auch  die  moralische  Empfehlung  von  Sparsamkeit  ist  kein
wissenschaftlicher  Satz  der  Wirthschaftslehre  oder  Socialtheorie
und  wird  sicherlich  nicht  gefehlt  haben,  wo  es  überhaupt  bei
den  Völkern  Moralisirer,  Propheten  oder  sonst  etwas  Aehnliches
gegeben  hat.  Lassen  wir  uns  also  in  das  Reich  solcher  Ge*-wöhnlichkeiten
  hinabziehen,  so  geben  wir  hiemit  die  Würde
der  Wissenschaft  und  des  verstandesmässigen  Verhaltens  Preis.
Bei  solchen  Abwegen  ist  es  aber  nicht  einmal  ausschliesslich
geblieben.  Die  Niaiserie  ist  so  weit  gegangen,  in  dem  Eifern
der  Propheten  und  Moralisten  grade  die  Herrschaft  der  Grundsätze ­
  zu  erblicken,  deren  Mangel  jene  mahnenden  Persönlich-2*
        <pb n="36" />
        20

keiten  beklagten.  Anstatt,  wie  es  sich  gehörte,  auf  den  entgegengesetzten ­
  Zustand  als  Gepräge  des  wirklichen  Lebens  zu
schlicssen,  hat  man  die  Meinungen  und  Satzungen  der  gegen  die
Thatsachen  reagirenden  Schriftsteller  als  Ansichten  genommen,
die  im  Verkehr  Geltung  gehabt  hätten.  Durch  solche  Wendungen
könnte  man  von  der  heutigen  Welt  Alles  beweisen,  was  mau  nur
irgend  wünschte,  und  die  früheren  Völkere-xistenzen  sollten  in  dieser ­
  Beziehung  denn  doch  auch  nicht  so  betrachtet  werden,  als  wenn
bei  ihnen  die  Beschränktheit  der  vorherrschende  Zug  des  geschäftlichen ­
  Verkehrs  und  der  staatsinännischen  Praxis  gewesen  wäre.
5.  In  Platons  Schrift  über  den  Staat  hat  man  unter  vielem
Andern  auch  das  moderne  Capitel  von  der  volkswirthschaftlichen
  Arbeitstheilung  finden  wollen.  Freilich  hat  Plato  nicht
übersehen,  dass  es  verschiedene  Beschäftigungen  gab  und  geben
musste.  Auch  hat  er  die  verschiedenen  Geschicklichkeiten  und
Anlagen  dabei  nicht  vergossen.  Wenn  indessen  so  etwas
nationalökonomische  Weisheit  sein  soll,  so  hat  sie  der  Urheber
der  philosophischen  Idcenlehre  mit  jeder  Person  gcthcilt,  die
überhaupt  zu  einem  Gedanken  über  das  auf  der  Hand  Liegende
Veranlassung  erhielt.  Man  ehrt  jene  Grössen  wenig,  wenn
man  bei  ihnen  das  sucht,  was  sie  selbst  nicht  suchten  und  wovon ­
  sie  gar  keine  Rechenschaft  geben  wollten.  Die  Platonische
Staatsdichtung  musste  selbstverständlich  alle  möglichen  Verhältnisse ­
  berühren  und  kann  allenfalls  in  ihrer  ganz  entfernten
Aehnlichkeit  mit  Utopien  der  neuern  Zeit,  aber  nicht  mehr
mit  dom  ‘modernen  Socialismus  verglichen  werden.  Dagegen
ist  es  schlecht  angebracht,  in  ihr  nationalökonomische  Theorien
suchen  zu  wollen.  Das  Gesetz  der  Arbeitstheilung,  wie  cs  die
Volkswirthschaftslchrc  von  vornherein  verstanden  hat,  ist  denn
doch  etwas  mehr,  als  die  höchst  unerhebliche  Vorstellung,  dass
mannichfaltige  Berufszweigo  mit  entsprechenden  verschiedenen
Geschicklichkeiten  existiren,  und  dass  Jemand  nicht  Alles  in
Allem  sein  kann.  Die  Grenze,  welche  der  jeweilige  Umfang
des  Marktes  für  die  weitere  Verzweigung  der  Berufsarten  und
die  technische  Zerlegung  der  Arbeit  in  einzelne  8])Ccialoperationen
  setzt,  —  die  Vorstellung  von  dieser  Grenze  ist  erst  diejenige ­
  Erkenntniss,  mit  welcher  die  sonst  kaum  wissenschaftlich ­
  zu  nennende  Idee  von  der  thatsächlichen  Arbeitstheilung
zu  einer  ökonomisch  erheblichen  Wahrheit  wird.  Bei  ciuer
solchen  Auffassung  muss  natürlich  der  Gedanke  der  ausser-
        <pb n="37" />
        21

ordentlichen  Prodnctionssíeig-ening  als  Wirkung  der  Tbeiliin  ^
Ol  Veiiichtiingen  zu  Grunde  liegen  mul  eingeschlossen  sein
Nun  snoho  man  aber  eine  derartig  bestimmte  und  bewusste
-hinsicht  bei  Platon  oder  überhaupt  bei  den  antiken  Schrift-Btellorn;
  man  wird,  wenn  man  zu  unterscheiden  weiss,  auch
nicht  einmal  eine  Annäherung  daran  ausfindig  machen,
I)ie  Rolle  des  Geldes  ist  zu  allen  Zeiten  die  erste  Hauptanregnng
  zu  wirthschaftlichen  Gedanken  gewesen.  Was  wusste
aber  ein  Aristoteles  von  jener  Rolle?  Ofienbar  nichts  weiter,
als  was  in  der  Vorstellung  liegt,  dass  der  Austausch  durch
Vermittlung  des  Geldes  dem  ursprünglichen  Naturaltausch  gefolgt ­
  sei.  Pie  Aotiz,  dass  Bezeichnung  der  Gewichtsmenge  und
Prägung  erst  eingeführt  werden  mussten,  ehe  sie  vorhanden
sein  konnten,  wird  man  auch  wohl  nicht  als  einen  besondern
Aufschluss  ausgeben  können.  Wenn  aber  der  Stamrit  in  dem
schon  erwähnten  ersten  Buch  seiner  Schrift  über  den  Staat  zu
den  a^  das  Geld  bezüglichen  paar  Bemerkungen  noch  hinzufü,yt,
dass  der  durch  das  Geld  möglich  gewordene,  ins  Unbestimmte
gehende  Erwerb  sammt  dem  Zinsnehmen  wider  die  Natur  sei,
^  druckt  er  hiemit  nur  eine  moralische  Antipathie  aus,  deren
Erklärung  ziemlich  nahe  liegt.  Sie  findet  sich  bei  den  Griechischen ­
  und  bei  den  Römischen  Schriftstellern  sehr  häufig,  und
wenn  auch  aus  derselben  nicht  im  Mindesten  geschlossen
werden  kann,  dass  der  wirkliche  Verkehr  unter  dem  Einfluss
solcher  Ansichten  eine  andere  Richtung  erhalten  habe,  so  steht
es  doch  umgekehrt  frei,  den  Ursprung  jenes  Widerwillens  in
den  thatsächlichen  Verhältnissen  zu  suchen.  Da  Grundbesitz
und  Landbau  die  maassgebende  Grundlage  der  antiken  Wirth-Bchaftsverhältuissc
  waren,  so  mussten  die  durch  den  Handel
oder  andere  Geschäfte  aufkommenden  Geldmächte  als  Vertreter
einer  Erwerbsgattung  erscheinen,  die  einerseits  mit  den  alten
Ueberlicferungen  nicht  übereinstirnmto  und  andererseits  als
unbequemer  Nebenbuhler  oder  missliebiger  Helfer  die  Regungen
&amp;lt;  er  Eifersucht  und  des  Ressentiment  verdiente.  In  einer  ähnichcn
  Weise  haben  sich  zu  den  verschiedensten  Zeiten  die
Oí  action  im  engem  Sinne  und  das  blosse  Gewinnmachen
gegenübergestanden.  Man  braucht  daher  in  der  Entstehung
yeses  allgemeinen  Gegensatzes  keine  specifische  Eigenthümlichkeit
  der  antiken  Welt  zu  suchen.  Wohl  aber  ist  jener  Mangel
n  Einsicht,  welcher  sich  in  der  Verwerfung  des  Zinses  Angesichts
        <pb n="38" />
        von  gebilligten  Voraussetzungen  des  Eigenthums  und  der
Sklaverei  ausspricht,  den  fraglichen  Schriftstellern  eigenthümlich,
und  hiebei  hat  Aristoteles  sogar  noch  Einiges  voraus,  indem
er  meint,  der  blosse  Umtausch  sei  darum  so  naturgemäss,  weil
er  in  sich  selbst  sein  Ziel  finde  und  nicht,  wie  der  Gelderwerb,
ins  Schrankenlose  treibe.
üebrigens  müssen  auch  in  Rücksicht  auf  die  Rollo  des
Geldes  thatsächlicli  Ansichten  vorhanden  gewesen  sein,  denen
zufolge  die  Bedeutung  desselben  auf  blosse  Uebereinkunft  oder
aber  auf  eine  entgegengesetzte  und  jedenfalls  bessere  Idee  zurückgeführt ­
  wurde.  Der  Umstand,  dass  sich  dieser  Sachverhalt
sogar  aus  den  eignen  Auslassungen  des  Aristoteles  entnehmen
lässt,  ist  noch  die  beste  Frucht  seiner  Bemerkungen.  Man
muss  indessen,  um  zu  diesem  Ergebniss  zu  gelangen,  schon
Schlüsse  machen  und  die  andern  Schriftsteller,  namentlich
Xenophon,  gehörig  berücksichtigen.  Alsdann  kann  man  allenfalls ­
  behaupten,  es  sei  in  der  Betrachtung  des  Geldes  schon
eine  entfernt  ähnliche  Auffassung  versucht  worden,  wie  sie
durch  das  neuere  Mercantilsystem  ausgebildet  worden  ist.  Alle
solche  Vorstellungen,  wie  man  sie  theils  in  zweideutigen  Spuren
auffindet,  theils  voraussetzon  kann,  konnten  jedoch  nur  Einkleidungen ­
  der  ersten  ganz  unvollkommenen  Gedankenbildung
sein,  der  wir  nicht  die  scharfe  Bestimmtheit  des  wissenschaftlichen ­
  Bewusstseins  unterschieben  dürfen.
G.  Die  Griechen  hatten  wissenschaftliche  Anlagen  und
konnten  hiedurch  auch  da,  wo  sie  thatsächlich  nicht  viel  wussten, ­
  wenigstens  die  Formen  des  Denkens  mit  einer  gewissen
Virtuosität  geltend  machen.  Hiedurch  gelangten  ihre  philosophischen ­
  Schriftsteller  auch  in  Rücksicht  auf  ein  paar  volkswirthschaftliche
  Punkte  zu  Auslassungen,  welche  den  ganz  gewöhnlichen ­
  Ideen  einen  zur  Mittheilung  geeigneten  Ausdruck
verliehen.  Was  die  Geschäftsleute  sicherlich  im  einzelnen  Fall
weit  besser  übersahen,  wurde  auf  diese  Weise,  wenn  auch  unvollkommen, ­
  so  doch  abstract  und  allgemein  formulirt.  Ganz
anders  verhält  es  sich  dagegen  mit  den  Römern,  deren  allgomeinwissenscliaftliche
  Ungeschicklichkeit  und  Unfruchtbarkeit
eine  anerkannte  Thatsache  der  Geschichte  ist.  Man  hat  ihre
Landbauschriftsteller  aus  den  verschiedenen  Jahrhunderten  herbeigezogen, ­
  um  Spuren  nationalökonomischer  Theorie  nachzuweisen. ­
  Indessen  wird  die  Bemerkung  genügen,  dass  derartige
        <pb n="39" />
        23  —

eisuche  noch  kläglicher  ausgefallen  sind  und  ausfallen  mussten, ­
  als  die  entsprechenden  Bemühungen  um  eine  Volkswirthschaftslehro
  der  Griechen.  Die  Justinianische  Sammlung  von
Bruchstücken  juristischer  Schriftsteller  sowie  überhaupt  die
Römischen  Rechtsquellen  enthalten  allerdings  einiges  Material
zur  Charakteristik  der  wirthschaftlichen  Zustände;  aber  sie  sind
fast  völlig  leer  an  dem,  was  man  etwa  wirthschaftliche  Theorie
zu  nennen  belieben  möchte.  Die  Stelle  des  Juristen  Paulus,
in  welcher  derselbe  in  wenigen  Zeilen  sagt,  dass  der  Kauf
durch  Einführung  des  Geldes  aus  dem  Tausch  entstanden  sei,
wird  wahrlich  nicht  als  besondere  Errungenschaft  gelten  können,
da  solche  Ideen  so  nahe  lagen,  wie  die  entsprechenden  Verhältnisse ­
  selbst.  TJeberhaupt  haben  die  Römer,  abgesehen  von
der  Rechtstheorie,  nie  etwas  Anderes  gethan,  als  sich  zum
Echo  der  meist  noch  nicht  einmal  gehörig  verstandenen  Aussprüche ­
  der  Griechen  gemacht.
Es  versteht  sich  von  selbst,  dass,  wenn  man  in  den  Urkunden ­
  der  übrigen  Völker  des  Alterthums  nur  suchen  will,  auch
gewisse  ganz  gewöhnliche  Gedanken  nicht  fehlen  werden,  welche
die  Aussenseite  der  wirthschaftlichen  Erscheinungen  aufgefasst
haben.  Sobald  Geld  im  Gebrauch  war,  hatte  man  nothwendig
auch  irgend  eine  Vorstellung’  von  dessen  Verrichtungen,  und
ähnlich  muss  es  sich  mit  jeder  andern  in  die  Augen  springenden ­
  Ihatsache  verhalten  haben.  Eine  blosse  Beschreibung  und
Kundgebung  der  sich  unwillkürlich  bildenden  Vorstellungen
ist  aber  noch  keine  nennenswcrthe  Einsicht,  und  über  eine
solche  Beschreibung  waren  ja  nicht  einmal  die  geistig  regsamen
Griechen  sonderlich  hinausgekommen.  Eine  Untersuchung  der
Gründe  und  Ursachen  der  wirthschaftlichen  Vorgänge  war  daher ­
  etwas  geblieben,  woran  nicht  einmal  gedacht  wurde,  ehe
die  neuste  Zeit  das  selbständige  Gebiet  einer  eigentlichen  Nationalökonomie ­
  abgrenzte.

Das  Mittelalter  ist  fast  in  allen  wissenschaftlichen  Beziehungen ­
  nur  eine  einzige  grosse  Wüste  gewesen.  Dennoch  ist
es  ebenfalls  heimgesucht  worden,  und  die  Verkommenheit  einzelner ­
  Behandlungsarten  der  Nationalökonomie  hat  auch  hier
ihren  Mangel  an  Unterscheidungsvermögen  zur  Geltung  gebracht.
)ie  mittelalterlichen  Theologen  haben  sich  gefallen  lassen
müssen,  unter  die  Reihe  der  Nationalökonomen  einregistrirt  zu
werden.  Ein  Thomas  von  Aquino  spielt  als  Depositar  volks-
        <pb n="40" />
        •24

•wirtbschaftliclier  Wissenschaft  sicherlich  eine  recht  komische
Rolle;  aber  selbst  da,  wo  bei  andern  Erscheiunng’cn  diese  Komik
wegfilllt,  bleiben  noch  immer  ziemlich  wunderliche  Figuren
übrig.  Die  Scholastiker  des  Mittelalters  sind  nicht  die  Leute,
bei  denen  man  volkswirthschaftliche  Theorien  zu  suchen  hatte.
Wenn  es  hoch  kam,  gelang  es  hier  und  da  einmal  einem  Schriftsteller, ­
  das  ziemlich  rein  wiederzugebon,  was  er  etwa  aus  Aristoteles ­
  oder  aus  den  sich  auf  den  letzteren  stützenden  Schriften
gelernt  hatte.  Im  besten  Falle  waren  also  diese  sogenannten
volkswirthschaftlichen  Vorstellungen  ein  Nachhall  der  schiffbrüchigen ­
  und  verdunkelten  Hinterlassenschaften  des  Alterthuins.
  Auch  an  die  Hebräischen  Urkunden  knüpfte  man  hüuhg
an,  und  so  entstand  ein  geschmackloses  Gemisch  von  Vorstellungen, ­
  die  stets  irgend  welche  autoritäre  Redensarten  und  Anführungen ­
  zum  Geleit  ihres  auch  ohnedies  meist  versclmürkeltcn
Ausdrucks  haben  mussten.  Nur  in  sehr  günstigen  Ausnuhmsfälleu
  war  diese  Bagage  etwas  leichter  und  weniger  unbeholfen
gestaltet.  Indessen  auch  in  diesem  Fall  darf  man  nicht  voreilig ­
  nationalökonomische  Theorien  herausklaubcn  wollen.  8o
ist  z.  B.  die  Abhandlung  des  dem  vierzehnten  Jahrhundert  angehörenden
  Bischofs  Oresmc,  deren  Französischen  Text  man
1864  herausgegeben  hat,  und  welche  den  Ursprung  des  Geldes,
vornehmlich  aber  die  Münz  Verschlechterung  behandelt,  durchaus ­
  keine  Erweiterung  der  wirthschaftlich  erheblichen  Ansichten.
Abgesehen  von  der  Einlassung  auf  die  Herstellung  der  Münzen
bietet  sie  sogar  noch  weniger,  als  bei  Aristoteles  bereits  vorhanden ­
  war.  Was  ihr  Verfasser  über  den  Ursprung  des  Geldes
sagt,  hat  er  eingcständlich  auf  Aristoteles  Autorität  angenommen.
Die  flüchtige  Aeusserung,  das  Gold  habe  mehr  Werth,  weil  es
schöner  und  schwerer  zu  haben  sei  als  das  Silber,  kann  noch
nicht  für  eine  richtige  Theorie  gelten,  da  man  derartige  Wortwend ­
  un  gen  ,  die  sich  zur  Hineindichtung  eines  dem  Autor  gar
nicht  bewussten  Sinnes  missbrauchen  lassen,  wohl  noch  mehr
und  namentlich  auch  bei  den  Dichtern  und  den  übrigen,  auf
gar  keine  Wissenschaft  ausgehenden  Schriftstellern  antreffen
dürfte.  Da  jedoch  die  Schrift  von  Oresmc  in  ihrer  Französischen
Gestalt  in  der  Gesellschaft  eines  wirklich  grossen  wissenschaftlichen ­
  Namens,  nämlich  zusammen  mit  einer  Arbeit  des  Copernicus ­
  über  die  Münzfabrication  (Traité  de  la  première  invention
des  monnaies  de  Nicole  Oresme  et  traité  de  la  monnaie  do
        <pb n="41" />
        Copernic,  annotes  par  Wolowski,  Paris  18G4)  erschienen  ist,  so
kann  es  einigermaassen  die  Mühe  lohnen,  sich  selbst  zu  überzeugen. ­
  Man  wird  bei  näherem  Zusehen  und  unter  Voraussetzung ­
  einer  genauen  Kenntniss  des  in  unserer  modernen
Geldtheorie  Erheblichen  sich  sehr  bald  überzeugen,  dass  weder
in  der  einen  noch  in  der  andern  Schrift  in  Rücksicht  auf  die
volkswirthschaftlicho  Theorie  der  Functionen  des  Geldes  etwas
Wichtiges  enthalten  sei.  Der  Unterschied  in  dem  Interesse  an
beiden  Arbeiten  besteht  nur  darin,  dass  wir  es  in  dem  einen
Falle  mit  den  Gedanken  des  Begründers  der  modernen  Astronomie, ­
  in  dem  andern  Falle  aber  nicht  einmal  mit  einer  Person
aus  dem  Kreise  der  eigentlichen  Wissenschaften  zu  thun  haben.
Abgesehen  von  der  lebhaften  Theilnahme,  mit  welcher  Copernicus ­
  für  die  Herstellung  soliden  Geldes  und  gegen  die  Müuzverschlechterung
  eintrat,  hat  es  immerhin  einigen  Reiz,  zuzusehen, ­
  ob  nicht  die  ganz  gewöhnlichen  Irrtliümcr  solchen
Geistern  ersten  Ranges  selbst  in  einer  Nebenarbeit  fremd  geblieben ­
  sind.  In  der  That  kann  man  wahrnehmen,  wie  hier
die  Kraft  der  rein  wissenschaftlichen  Auffassung  die  Widei--sprüche
  ferngehalten  und  der  Auseinandersetzung  eine  reine
und  klare  Gestalt  gegeben  hat.  Nichtsdestoweniger  wird  man
aber  auch  bei  dieser  Gelegenheit  einsehen  müssen,  dass  es  vergebens ­
  sein  würde,  über  Rolle  und  Verrichtungen  des  Geldes
Vorstellungen  zu  suchen,  die  mehr  enthielten,  als  die  ganz  gewöhnlichen ­
  Ideen  des  Griechischen  Alterthums.  Das  schliessliche
  Ergebniss  bleibt  also  immer  das  Nichtvorhandensein  eigentlicher ­
  und  erheblicher  volkswirthschaftlicher  Sätze  vor  Beginn
der  neuern  Zeit.  Vorher  hat  man  zwar  überall  wirthschaftliche
Vorstellungen  unwillkürlich  bilden  müssen;  aber  man  hat  sich
nie  zu  wirthschaftlichen  Sätzen  und  rationellen  Verbindungen
solcher  Sätze  erhoben.

Zweites  Capitel.
Der  Mercantilismus  und  die  Colbertsche  Praxis.
Der  natürliche  und  noth  wen  di  ge  Entwicklungsgang  wirthschaftlicher
  Einsichten  hat  seinen  Ausgangspunkt  in  der  Praxis
der  Geschäftsleute  und  Staatsmänner.  Um  aber  schliesslich  zu
einer  eigentlichen  Wissenschaft  zu  führen,  muss  er  zuerst  irgend
einmal  zu  einer  entschiedenen  Loslösung  von  dem  unmittel-
        <pb n="42" />
        26

baren  Einfluss  der  vielgestaltigten  und  sehr  gemischten  Antriebe
des  unmittelbaren  Thuns  gelangen.  Diese  Abzweigung  einer
rein  'öder  vorherrschend  theoretischen  Thätigkeit  ist  nun  sowohl ­
  erfahrungsmässig  als  auch  aus  Innern  Gründen  in  ihren
ersten  Versuchen  weit  grossem  Abirrungen  ausgesetzt,  als  sie
in  der  thatsächlichen  Befassung  mit  den  Wirthschafts-  und
Staatsgeschäften  vorzukommen  pflegen.  Sobald  sich  die  theoretische ­
  Speculation  selbständig  machen  will,  wird  sie  das  Gewicht ­
  auf  die  Gonsequenz  leitender  Vorstellungen  legen  müssen
und  wird  ausserdem  nicht  umhin  können,  die  Schlusskraft  allgemeiner ­
  principieller  Anschauungen  zu  erproben.  Hiebei  wird
nun  fast  unvermeidlich  die  auf  das  neue  Gebiet  gerichtete  und
in  dieser  Beziehung  gleichsam  erst  erweckte  Phantasie  eine
Rolle  spielen  und  Mischungen  zu  Tage  fördern,  in  denen  sich
der  verstandesmässigo  Gehalt  noch  keineswegs  abgeklärt  hat.
Dieser  sehr  begreifliche  Hergang  ist  auch  das  Schicksal
des  volkswirthschaftlichen,  in  den  Jahrhunderten  der  neuern
Zeit  vorbereiteten  und  erst  in  der  neusten  Epoche  eiuigermaassen
  constituirton  IVissensgebiets  gewesen.  Der  gesamuite
Mercantilismos  und  dessen  besondere  Ausprägung  in  den  leitenden ­
  Ideen  der  Oolbertschen  Staatspraxis  vertreten  nebst  allen
Schriftstellern,  die  im  Sinne  dieser  Thatsachen  oder  auch  wohl
gelegentlich  und  inconsequent  im  entgegengesetzten  Sinne
arbeiteten,  noch  keine  selbständige  Volkswirthschaftslehre.  Der
erste  Versuch  aber,  der  in  der  Richtung  auf  eigentlich  nationalökonomische ­
  Theorie  seit  der  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  von
Quesnay  gemacht  wird,  bleibt,  wie  die  ganze  Physiokratie,  in
einer  höchst  phantasiemässigen  und  den  Charakter  der  Wissenschaftsdichtung ­
  an  der  Stirn  tragenden  Anschauungs-  und
Schlussweise  befangen.  Erst  mit  Adam  Smith,  den  man  zugleich ­
  als  Vertreter  der  Humeschen  Bemühungen  betrachten
kann,  führt  sich  die  Wissenschaft  als  solche  mit  einem  entscheidenden ­
  und  zugleich  umfassenden  Versuch  ein  und  gewinnt
einige  feste  Anhaltspunkte,  die  trotz  aller  Mischung  mit  den
erheblichsten  Irrthümern  und  trotz  der  einseitigen,  oft  verfehlten
I  assungen  der  zugehörigen  Nebengedanken  dennoch  bleibenden
Werth  beanspruchen  können.  Mit  dem  Werke  Adam  Smiths
sind  mindestens  einige  rein  wissenschaftliche  Elemente  des
Inhalts  unseres  Gebiets  und  daneben  auch  einige  Grundzügo
für  die  Methode  gesichert.  Dennoch  ist  aber  auch  in  der
        <pb n="43" />
        27

epochemaclieiiden  Arbeit  des  genannten  Schotten  die  Wirkung
nicht  zu  verkennen,  welche  die  theoretisirende  Loslösung  von
den  Maximen  der  Staatspraxis  und  des  Geschäftslehens  zunächst
im  Gefolge  haben  muss.  Diese  Trennung  hat  überhaupt  bis
auf  den  heutigen  Tag  noch  gar  nicht  aufgehört,  die  wissenschaftliche ­
  Thätigkeit  und  die  späteren  Systemversuche  zu  Abwegen ­
  zu  veranlassen,  und  sie  dürfte  erst  dann  nicht  mehr
schaden,  wenn  sich  die  strenge  Theorie  vollständig  festgestellt
haben  wird.  Ja  man  kann  behaupten,  dass  die  ganze  neuste
Geschichte  unseres  Gebiets-  von  Systemen  zu  reden  hat,  die
grade  in  dem  grössten  Theil  ihrer  principiellen  Behauptungen
nichts  weiter  als  Wirkungen  jener  Loslösung  und  hiemit  die
zugehörigen  ideologischen  Einseitigkeiten  producirt  haben.
2.  Obwohl  es  eine  umfassende  Literatur  des  Mercantilismus
giebt,  so  ist  der  Schwerpunkt  dieses  Systems  doch  in  der
Praxis  zu  suchen.  Aus  diesem  und  keinem  andern  Grunde
ist  die  früher  gewöhnliche  und  noch  jetzt  häufige  Aufführung
desselben  in  der  bekannten  Trias  von  Systemen  zu  verwerfen.
Man  stellt  etwas  zu  Ungleichartiges  zusammen,  wenn  man  Mercan ­
  tilsy  stem,  Physiokratie  und  Industriesystem  als  drei  theoretische ­
  Standpunkte  unter  dem  allgemeineren  Gesichtspunkt
wissenschaftlicher  Gedankenkreise  vereinigt.  Der  Mercantilismus ­
  wird  mit  seiner  Literatur  hiedurch  einerseits  zu  hoch,
andererseits  aber  wieder  zu  tief  gestellt.  Seine  Stärke  und
Bedeutung  liegt  in  der  Anlehnung  an  die  Praxis  und  in  dem
Dienst  für  deren  Bedürfnisse,  und  in  dieser  Bichtung  sind  die
Schriftsteller  desselben  den  späteren  eigentlich  wissenschaftsbildenden ­
  Systemen  vielfach  überlegen.  Seine  Schwäche  wurzelt ­
  aber  in  der  Unfähigkeit,  aus  dem  Rahmen  der  von  der
Routine  gebildeten  Hauptgrundsätze  herauszutreten  und  die  gelegentlichen, ­
  allgemeineren  und  universelleren  Ansichten,  die;
auch  seinen  literarischen  Vertretern  nicht  ganz  gefehlt  haben,  ;
consequent  geltend  zu  machen.  Ein  Mercantilsystem  als  Wissen-  i
Schaft  giebt  es  daher  streng  genommen  gar  nicht,  und  man
kann  sich  diesen  auf  den  ersten  Blick  und  manchen  Gewohnheiten ­
  gegenüber  paradoxen  Satz  durch  das  Beispiel  der  allgemeinen ­
  Politik  erläutern.  Wer  die  den  politisehen  Thatsachen,
Maassnahmen  und  Staatsmaximen  gewidmete  und  auf  diese
Weise  an  die  Praxis  anknüpfende  Literatur  sofort  für  ein
Zeichen  des  Vorhandenseins  einer  entsprechenden  eigentlichen
        <pb n="44" />
        28

Wissenschaft  nehmen  wollte,  würde  gewaltig  irreal.  Die  blosse
Aufprilgiing  einer  verschulten  Ansdrucksweiso  macht  sicherlich
auch  keine  Wissenschaft,  sondern  wird  das  etwa  davon  Vorhandene ­
  nur  entstellen  und  verderben.  Sic  wird  die  Ansichten
der  Geschilftsleuto  und  Staatsmänner  im  besten  Falle  nur  geschmacklos ­
  und  ungeniessbar  machen,  gewöhnlich  aber  selbst
nicht  einmal  gehörig  zu  copiren  verstehen.  Wo  aber  das  Gerüst ­
  schulmässiger  Darstellung  nicht  ausartet,  sondern  einfach
seinem  Zweck  entspricht,  da  wird  ebenfalls  sein  blosses  Dasein
noch  weit  davon  entfernt  bleiben,  einem  an  sich  unvollkommen
verarbeiteten  Stoff  den  Charakter  einer  folgerichtigen  Wissenschaft ­
  zu  verleihen.  Dieser  Umstände  muss  man  eingedenk
bleiben,  wenn  man  sich  den  Versuchen  gegenüber  sieht,  den
erst  seit  dem  letzten  Jahrhundert  zur  Geltung  gelangten  Begriff ­
  einer  nationalökonomischen  Wissenschaft  in  die  Acusserungen
  derjenigen  Schriftsteller  hincinzutragen,  welche  unter
dem  Einfluss  des  Mercantilismus  schrieben.  Sehr  oft  haben
diese  Autoren  Auffassungen  entwickelt,  die  aus  dem  Zusammenhang ­
  ihrer  übrigen  Darlegungen  herausgehoben,  den  Schein
viel  tieferer  Einsichten  und  offenbarer  Vorwegnahmen  der
Hauptpunkte  neuerer  Systeme  erzeugen.  Sicht  man  aber  näher
zu  und  berücksichtigt  das  Ganze  ihrer  Darstellung  und  Denkweise, ­
  so  findet  sich  regelmässig,  dass  sie  nebenbei  und  in  einem
ihnen  selbst  unbewussten  Widersprach  auch  diejenigen  Hauptvorstellungen ­
  des  Mercantilismus  cultivirten,  welche  von  einem
ernstlich  veränderten  Standpunkt  aus  verworfen  oder  wenigstens ­
  eingeschränkt  und  berichtigt  werden  mussten.  Grade  die
Thatsacbe,  dass  diese  zerstreuten  Glieder  des  Richtigen  und
Falschen  neben  einander  liegen  konnten,  ohne  dass  ein  einheitlicher ­
  Körper  der  Wahrheit  an  zu  treffen  gewesen  wäre,  beweist
uns  deutlich  genug,  wie  die  Berufung  auf  gelegentliche  Vorstellungen ­
  und  Ausführungen  oder  gar  auf  einzelne  Stellen  nur
in  den  seltensten  Fällen  etwas  zu  entscheiden  vermöge.  Wo
es  nämlich  auf  die  Grundansichten  und  eigentlichen  Principien
ankommt,  wird  man  danach  zu  fragen  haben,  von  welchen  Vorstellungen ­
  sich  die  Schriftsteller  wirklich  leiten  Hessen,  und
man  wird  sich  nicht  dadurch  täuschen  lassen  dürfen,  dass  sie
bei  gewissen  Gelegenheiten,  wo  cs  die  grade  naheliegenden
Thatsachen  mit  sich  brachten,  fast  unwillkürlich  zu  andern  Aussprüchen ­
  und  Gesichtspunkten  gelangten.
        <pb n="45" />
        lïiciiacli  iát  dor  Grimd,  aus  welchem  mandas  Schema  von
den  drei  Systemen  nicht  in  der  gewöhnlichen  Bedeutung  annohmen
  kann,  ein  ganz  anderer,  als  derjenige,  welcher  gegenwärtig ­
  nicht  selten  zur  Verwischung  aller  ausgeprägten  Unterschiede ­
  veranlasst.  Es  giebt  nämlich  Ansichten,  denen  zufolge
die  Vorstellung  von  markirten  Systomrichtuugon  überhaupt  aufzugeben ­
  wäre.  Indessen  liegt  in  einer  solchen  Zumuthung
nichts  weiter  als  die  Verleugnung  besserer  früherer  Beobachtungen, ­
  indem  die  eigenthümlicli  ausgeprägten  Erscheinungen
mit  gestaltlosen  Nebeln  vertauscht  und  die  charakteristischen
Begriife  zu  leicht  verwechselbaren  Unbestimmtheiten  verflacht
werden.  Die  Systeme  sind  also  wirklich  vorhanden,  und  es  ist
nichts  weiter  zu  verhüten,  als  dass  die  Virtuositäten  in  der  Erläuterung ­
  und  Formulirung  der  praktischen  Maximen,  wie  sie
das  Mcrcantilsystcm  lieferte,  mit  den  selbständigen  theoretischen
Aufstellungen,  die  bei  den  Physiokraten  ihre  erste  geschichtlich ­
  wichtige  und  wirksame  Rollo  spielten,  in  eine  einzige
gleichartige  Einheit  zusammengeworfen  werden.  Wie  aber  der
Mercantilismus  eine  vornehmlich  praktische  Erscheinung  gewesen ­
  ist  und  dies  auch  hat  nothwendig  werden  und  bleiben
müssen,  wird  sich  aus  der  Untersuchung  seiner  Natur  sofort
zeigen.
fl.  In  einem  sehr  allgemeinen  Sinne  des  Worts  redet  man
noch  heute  von  Mercantilismus,  wenn  man  eine  Richtung  bezeichnet, ­
  die  ihren  Ausgangspunkt  ausschliesslich  im  Gebiet
dos  Handels  hat  und  dessen  Interessen  einseitig  ohne  die  gebührende ­
  Rücksicht  auf  die  übrigen  Berufszweige  geltend  gemacht ­
  wissen  will.  Obwohl  nun  in  diesem  Sinne  grade  der
gegenwärtige  Zustand  der  Volkswirthschaften  die  Idee  eines
ganz  modernen  Mercantilismus  sehr  nahe  legt,  und  obwohl
dieses  jüngste  Gebilde  keineswegs  dem  völlig  fremd  ist,  was
man  in  der  Geschichte  mit  jenem  Namen  bezeichnet,  so  kommt
es  doch  vor  allen  Dingen  darauf  an,  die  historische  Erscheinung ­
  zunächst  als  solche  in  ihrer  vollen  Eigenthümlichkeit  mit
allen  sie  wesentlich  unterscheidenden  Zügen  zu  ergreifen  und
sich  noch  nicht  durch  allgemeinere  Aehnlichkeiten  ablenken
zu  lassen.
Man  sagt  sehr  wenig,  wenn  man  dem  Mercantilsystem,  wie
cs  piaktisch  und  literarisch  in  den  Jahrhunderten  der  neuern
Zeit  zur  Herrschaft  gelangte,  die  Maxime  zuschreibt,  dass  der
        <pb n="46" />
        30

i

Handel  die  entscheidende  Macht  zur  Bereicherung  der  Völker
sei.  Allerdings  ist  diese  Vorstellung  sein  Ausgangspunkt  und
sie  wurzelte  in  einem  Antriebe  der  Thatsachen,  welcher  nichts
Zufälliges  an  sich  hatte.  Allein  es  müssen  noch  andere  Zielpunkte ­
  hinzutreten,  und  in  dieser  Hinsicht  sind  sogar  die  gewöhnlichen ­
  Erinnerungen  an  die  edlen  Metalle  und  an  die
Bilanzrücksichten  im  Allgemeinen  zutreffend.  Doch  pflegt  man
die  Bedeutung,  welche  der  Mercantilismus  den  edlen  Metallen
beilegte,  ebenso  wie  die  Art,  in  welcher  er  die  Wirksamkeit
der  Handelsbilanz  betrachtete,  meist  bis  zur  Caricatur  zu  verzerren; ­
  —  gar  nicht  davon  zu  reden,  dass  man  den  natürlichen
Zusammenhang,  in  welchem  die  Bestrebungen  in  Rücksicht  auf
den  Handel,  das  Held  und  die  Bilanz  standen,  gemeiniglich
übersieht.
Die  bekannte  Midasfabel  wurde  schon  im  Altorthum  und
speciell  auch  von  Aristoteles  gebraucht,  um  zu  beweisen,  dass
man  Gold  nicht  essen  könne.  Die  neuern  und  neusten  Carikirer
  des  Mercantilismus  haben  diese  uralte  und  sicherlich  nicht
nach  allzu  viel  Geist  aussehende  Wendung  nachgeahmt  und
den  mercantilen  Anschauungen  die  thörichtsten  Ansichten  und
Absichten  untergeschoben.  Sie  haben  oft  genug  so  geredet,  als
wenn  die  Geschäftsleute  und  Staatsmänner  beinahe  geglaubt
hätten,  dass  sich  die  edlen  Metalle  zur  Nahrung  des  menschlichen ­
  Körpers  gebrauchen  Hessen.  Zu  diesen  Ausschweifungen
hat  ausserordentlich  viel  die  Feindschaft  beigetragen,  mit  welcher
die  neuaufkommenden  Schulen  und  die  veränderten  Interessen
Alles  befehdeten,  was  mit  dem  Mercantilismus  in  irgend  welcher
Beziehung  stand.  Noch  heute  ist  man  durchschnittlich  von
einer  unbefangenen  und  geschichtlich  zutreffenden  Würdigung
der  mercantilen  Praxis  und  der  ihr  anhängeuden  Ideen  ziemlich
weit  entfernt.  Die  Hinweisung  auf  die  Ueberschätzung  der
edlen  Metalle  durch  die  Mercantilisten  ist  zwar  im  Allgemeinen
berechtigt,  genügt  aber  nicht,  indem  man  wissen  muss,  in  welcher ­
  Art  die  Vorstellung  über  die  Rolle  des  Silbers  und  Goldes
fehlgegriffen  habe.
In  dieser  Beziehung  giebt  es  nun  keinen  andern  Ausweg,
als  die  innern  und  äussern  Gründe  zu  untersuchen,  aus  welchen
eine  bestimmte  Idee  über  die  Bedeutung  der  edlen  Me  talle  hervorgehen ­
  konnte.  Zunächst  war  der  Handel  und  zwar  vornehmlich ­
  der  auswärtige  Handel  im  Beginn  der  neuern  Ge-
        <pb n="47" />
        31

schichte  die  wirthschaftlich  vorwiegende  Macht.  Die  höhere
Civilisation  und  Bildung  hatte  sich  zuerst  in  den  Italienischen
Handelsrepubliken  entwickelt,  und  ihnen  folgten  in  der  Bedeutung ­
  für  die  Welt  und  im  Kampfe  um  Handelseinfluss  später
hauptsächlich  die  Holländer,  Franzosen  und  Engländer.  Spanien
hatte  dagegen  mehr  die  Rolle  übernommen,  eine  Zeit  lang  durch
Ausbeutung  des  neuerschlossenen  Welttheils  die  Jagd  auf  die
edlen  Metalle  typisch  zu  vertreten  und  auf  diese  Weise  zu
glänzen.  In  dieser  allgemeinen  Lage  der  Dinge  war  es  sehr
natürlich,  dass  überhaupt  der  gesammte  Handel  in  der  Aneignung ­
  von  Silber  und  Gold  eine  Steigerung  seiner  eignen
Kräfte  erblickte,  und  so  befestigte  sich  die  in  ihrem  sonstigen
allgemeinen  Ursprung  sehr  begreifliche  Neigung,  den  Reichthum
überall  da  anzunehmen,  wo  die  edlen  Metalle  in  reichlicher
Menge  angezogen  und  erworben  werden  konnten.  Der  Besitz
der  letzteren  wurde  als  eine  Errungenschaft  des  Handels  angesehen, ­
  die  zugleich  wiederum  den  Handel  zu  neuen  Erfolgen
befähigte.  Mindestens  galten  Silber  und  Gold  als  Zeichen  des
Reichthums,  wenn  auch  der  heute  oft  gebrauchte  Satz,  dass
Ulan  amals  den  Reichthum  habe  in  Gold  und  Silber  bestehen
assen,  keineswegs  zutreflend  ist.  Niemals  war  man  so  thöricht,
(  le  verschiedenen  Quellen  des  Wohlstandes  und  die  wirthschaft-^hen
  Lebensbedingungen  eines  Volkes  gänzlich  zu  verkennen.
Höchstens  haben  hie  und  da  einmal  unkundige  und  beschränkte
Schriftsteller,  die  noch  nicht  einmal  immer  die  Oekonomie  im
Auge  hatten,  die  Grenzen  des  gesunden  Verstandes  überschritten
Und  widersinnige  Aussprüche  gethan,  die  aus  ihrem  erklärenden ­
  Zusammenhang  entfernt  und  als  Belägstellen  angeführt,
noch  erst  vollends  zu  literarischem  Unfug  werden.
Was  man  aber  wirklich  that  und  was  das  auszeichnende
Merkmal  jenes  Mercantilismus  bildete,  war  die  Unterwerfung
jeder  sonstigen  natürlichen  Betrachtungsweise  der  Reichthumsquellen ­
  unter  den  leitenden  Gedanken  der  wohlthätigen  Wirkung ­
  des  Besitzes  edler  Metalle.  Man  sah  die  Manufacturen
und  den  Ackerbau  vornehmlich  darauf  an,  in  welcher  Weise
«e  zur  Erzielung  eines  günstigen,  mit  dem  Erwerb  von  edlen
Metallen  verbundenen  Handels  führen  könnten.  Man  suchte
also  auch  die  Industrie  nach  ihrer  goldbeschaffenden  Kraft  zu
messen.  Man  wollte  die  Manufacturen  gefördert  wissen,  weil
nian  in  ihnen  das  Mittel  sah,  den  angedeuteten  günstigen  Handel
        <pb n="48" />
        auszudehnen.  In  diesem  Ideengange  lag  die  bekannte  Ansicht
eingeschlossen,  dass  ein  Volk  ini  auswärtigen  Verkehr  eine
günstige  Bilanz  in  der  Gestalt  eines  in  edlen  Metallen  von  dem
Ausland  zu  zahlenden  Ucberschusses  erzielen  müsse.  So  wurde
die  Maxime  der  Politik,  die  Gunst  oder  Ungunst  der  Handelsbilanz ­
  als  ein  Zeichen  des  Erfolges  oder  der  Schädigung  anzusehen, ­
  ein  ganz  natürlicher  und  sehr  begreiflicher  Bcstandthcil
der  mercan  tilistischen  Vors  teil  ungsart.  Hiezu  kamen  die  Portschlitte
  in  der  einheitlichen  Gestaltung  von  Grossstaaten,  und
cs  wurde  der  IVcttkampf  um  den  Handel,  der  durch  seine  neuen
oder  näher  gerückten  Verbindungen  einen  weiteren  Schauplatz
und  durch  die  Metallzufuhren  aus  dem  erschlossenen  Welttheil
in  der  That  ein  verbessertes  Werkzeug  erhalten  hatte,  das  vorherrschende ­
  Gepräge  der  weiteren  Geschichte.  Die  Vereinigung
von  nur  erst  lose  zusammenhängenden  Nationalmasscn  zu
Nationalstaaten  trug  nicht  wenig  dazu  bei,  den  Begriff  einer
eigentlichen  Volkswirthschaft  im  Gegensatz  zu  andern  Volkswirt!] ­
  schatten  herauszubilden.  Jedoch  blieb  diese  hochwichtige
Vorstellung  bis  auf  die  neuste  Zeit  mehr  oder  minder  beengt,
weil  sic  ihren  Schwerpunkt  fast  ausschliesslich  in  der  Einheit
der  Staatsfinanzen  hatte  und  begreiflicherweise  haben  musste.
Hiemit  hing  es  denn  auch  zusammen,  dass  man  alle  Maassregelu
  in  erster  Linie  und  meist  sogar  einzig  und  allein  in
ihren  Beziehungen  zu  den  Bedürfnissen  der  Regierungen  erörterte. ­
  Diese  Geldbedürfnisse  und  ganz  besonders  diejenigen
für  die  mit  jener  Staatenentwicklung  und  Staateneifersucht  sehr
natürlich  verbundenen  Kriege  trugen  dazu  bei,  die  Glieder  in
der  Ideenkette  des  Mercantilismus  zu  vervollständigen  und  den
Ring  dieses  Systems  gleichsam  zu  schliesseii.  Ueberall  war  es
dm  auf  das  Geld  gerichtete  Zugkraft  der  Vorstellungen,  welche
nicht  nur  in  den  praktischen  Maassnahmen,  sondern  auch  in
allen  Erörterungen  und  Betrachtungen  die  Herrschaft  führte.
Der  Besitz  der  edlen  Metalle  als  Wirkung  und  als  Ursache,
als  Erfolg  und  als  Anregung  der  wirthschaftlichen  Thätigkeiten
unter  der  Leitung  des  Handels;  —  dies  ist,  soweit  überhaupt
ein  paar  Worte  zur  Kennzeichnung  genügen  können,  die  leitende
Idee  des  Mercantilismus  gewesen.
4.  Die  genaue  Bestimmung  des  mercantilistischen  Irrthums
kann  nur  erfolgen,  wenn  man  erwägt,  dass  der  Fehlgriff  auf
der  blossen  Abwesenheit  einer  freieren  und  mehr  unmittelbaren
        <pb n="49" />
        33

^otraclitiing  der  TV  olilstandsqiiellcn  beruhte.  Man  bewegte  seint
Vxedauken  am  Leitfaden  des  Geldes  und  befand  sich  hiemit  ursprünglich ­
  im  Stadium  einer  üneutwickeltheit,  ja  man  möchte
Sitg-en  Rohheit  des  Denkens,  wie  sie  am  einzelnen  Menschen
individuell  sehr  erklärlich  ist  und  noch  heute  nicht  blos  unter
cn  wirthschaftlich  Unkundigen  nachgewiosen  werden  kann.
Der  Gegensatz  dieser  beschränkten  Auifassiingsart  der  ökonomisohen
  Vorgänge  besteht  in  demjenigen  Verhalten,  welches
man  die  Naturalbetrachtung  nennen  könnte.  Der  letzteren  zufolge ­
  erwägt  man  die  wichtigsten  Beziehungen,  bei  denen  dies
überhaupt  möglich  ist,  grade  so,  als  wenn  die  Vermittlung  des
Verkehrs  durch  das  Geld  gar  nicht  vorhanden  wäre.  Für  einen
grossen  Kreis  von  Wahrheiten  kommt  das  Dazwischentreten
des  Geldes  in  der  That  gar  nicht  in  Betracht,  und  die  starken
Seiten  in  dem  wirthschaftlichen  Denken  Adam  Smiths  beruhten
auf  dem  Absehen  von  dieser  Dazwischenkunft.  Erst  durch
diesen  Contrast  erklärt  und  bestimmt  sich  das  unwissenschaft-,che
  Element  vollständig,  welches  die  ältere  Vorstellungsart
theoretischunfruchtbarbleibenliess.  Ebensobegreiftsichlber
auch,  wie  in  der  entgegengesetzten  Richtung  eine  grosse  Unvo
  Ikommenheit  und  Unzulänglichkeit  der  Ideen  und  Sätze  nicht
Überwunden  werden  konnte,  solange  man  die  Naturalbetrachtung
  nicht  wieder  hinterher  durch  eine  verbesserte  Rücksichtnahme ­
  auf  die  eigenthümlichen  Einwirkungen  des  Geldes  ergänzte ­
  und  verfeinerte.  Hiemit  ist  denn  auch  zugleich  erklärt,
warum  die  neusten  und  vollkommensten  Systeme  von  einigen
Seiten  mercantilistischer  Irrthüiner  beschuldigt  werden,  während ­
  die  jüngsten  Wendungen  in  der  That  nichts  Anderes  bezwecken, ­
  als  die  feineren  Verhältnisse  der  durch  das  Geld  hervorgobrachten
  eigen  thümlichen  Gestaltungen  aufzudecken  und
cs  nicht  mehr  bei  der  ganz  im  Groben  verbleibenden  ersten
Stufe  der  Naturalbetrachtung  bewenden  zu  lassen.
Wenn  Jemand  bei  seiner  wirthschaftlichen  Thätigkeit  auf
nichts  weiter  achtet  als  auf  den  Umstand,  dass  er  Geld'erwerbe,
nnd  wenn  er  hiebei  auch  gar  nicht  weiter  zu  der  Einsicht  geäugt, ­
  dass  der  Besitz  des  Geldes  nicht  an  sich  selbst  sondern
r  vciinöge  der  mit  ihm  jedesmal  übertragenen  ökonomischen
lacht  Bedeutung  habe;  —  so  wird  er  als  Privatmann  genau
icjcmge  Idee  vertreten,  welche  durch  den  Mercantilismus  auch
Betrachtung  der  Volks  wir  thschaft  zur  Geltung  kam.
ölinng,  Oeschiclite  der  Nationalökonomie.  2.  Auflage.  3  ^
        <pb n="50" />
        Die  ungenügende  Ansicht  von  der  Stellung  des  einzelnen  Kaufmanns ­
  übertrug  sich  so  auf  das  Yolksganze,  und  derselbe  Mangel
an  Unterscheidung,  welcher  nur  nach  dem  Geldstoff  fragen
liess,  führte  sich  auf  diese  Weise  in  das  Gesammturthoil  über
die  allgemeinen  wirthschaftlichen  Zustande  ein.  Man  muss  sich
künstlich  auf  diesen  Standpunkt  der  noch  sehr  rohen  Beurtheilung
  und  Handhabung  der  Geschäfte  zu  versetzen  suchen,
um  überhaupt  an  ihn  glauben  zu  können.  Man  muss  die  schriftstellerischen ­
  oder  sonstigen  in  nicht  eigentlich  theoretischen
Schriftstücken  enthaltenen  Zeugnisse  unter  Vermeidung  jeder
unwillkürlichen  Voraussetzung  und  Unterlegung  unserer  heutigen
Denkungsart  würdigen,  wenn  man  überhaupt  zu  einem  Vorständniss
  jener  geschichtlichen  Unentwickelthoiten  des  wirthschaftlichen ­
  Denkens  gelangen  will.
5.  Die  Italiener  pflegen  Antonio  Serra  von  Neapel  als  denjenigen ­
  Mann  zu  betrachten,  der  ihre  umfassende,  in  einem
weiteren  Sinne  des  Worts  ökonomische  Literatur  oingeleitet
habe.  Nehmen  wir  diese  Auffassungsart  an  und  lassen  wir
zugleich  die  Idee  gelten,  dass  sich  die  ersten  ernstlicheren
Versuche  wirthschaftlicher  Orientirung  da  vollzogen  haben  und
vollziehen  mussten,  wo  Vorkehr  und  Wissenschaft  zu  allererst
wieder  angeregt  wurden,  so  können  wir  Serras  Buch  mit  seinem
höchst  charakteristischen  Titel  als  eine  Art  Inschrift  am  Eingänge ­
  der  neuern  Vorgeschichte  der  Oekonomie  betrachten.
Es  ist  dies  ein  „Kurzer  Tractat  von  den  Ursachen,  welche,  wo
Bergwerke  nicht  vorhanden  sind,  dön  Ländern  eine  reichliche
Versorgung  mit  Gold  und  Silber  ermöglichen”  (far  ahondare
d’oro  o  d’argento).  Diese  merkwürdige  Schrift  ist  1613  aus  dem
Gefängniss  datirt  und  rührt  übrigens  von  einem  Manne  her,
der  schon  durch  seinen  Charakter  und  seine  Schicksale  eine
besondere  Aufmerksamkeit  verdient.  Zwar  ist  der  Ausgang
seines  Lebens  in  Dunkel  gehüllt,  und  auch  seine  Schrift  hat
später  erst  wieder  aufgosucht  werden  müssen;  doch  woiss
man,  dass  er  10  Jahre  dem  Kerker  anhoimfiol  und  dass  er  sich
die  Namen  der  Genossen  des  republikanischen,  gegen  die  Eromdherrschaft
  gerichteten  Unternehmens,  in  welchem  er  agirt  hatte,
auch  nicht  durch  die  Folter  entreissen  liess.  Es  ist  bei  ihm
also  doch  wenigstens  vorauszusetzen,  dass  er  die  Feder  nicht
zu  eitlem  Geschwätz  und  nicht  dazu  angesetzt  habe,  um  etwas
zu  schreiben,  wovon  er  nicht  überzeugt  gewesen  wäre.  Auch
        <pb n="51" />
        35

entspricht  der  Inhalt  seiner  Abhandlung  ernstlich  der  Aufschrift
derselben  und  befindet  sich  nicht,  wie  neuerdings  behauptet
worden  ist,  im  Widerspruch  mit  der  mercantilen  Gedankennchtung.
  Im  Gegentheil  kann  man  grade  an  dieser  kleinen
öchrift  studiren,  wie  alle  Hauptzweige  der  wirthschaftlichen
ihätigkeit  dem  dominirenden  Gedanken  der  Metallbeschaffung
unterworfen  und  nur  in  ihren  Beziehungen  zu  diesem  Gegenstände ­
  betrachtet  wurden.  Freilich  kann  man  aber  auch  ebenso
ersehen,  dass  die  ganz  groben  Unterschiebungen,  welche  in
neuster  Zeit  den  Autoren  der  mercantilen  Richtung  einen  fast
für  Kinder  greifbaren  Widersinn  angedichtet  und  sich  hiemi;
selbst  das  Urtheil  gesprochen  haben,  nie  und  nirgend  auch  nur
annähernd  zutreffen,  wo  höhere  Bildung  und  gesundes  Urtheil
vorhanden  waren.  Eine  gänzliche  Verkennung  der  allgemeinen
auf  der  Hand  liegenden  Ursachen  des  Wohlstandes  hat  stets
nur  da  Platz  gegriffen,  wo  überhaupt  jedes  selbständige  Urtheil
Völlig  mangelte.  Abgesehen  von  dem  letzteren  Fall,  der  fast
nur  auf  dem  Gebiet  der  Verschulung  und  der  den  scholastischen
Ueberheferungen  specifisch  anhaftenden  Beschränktheit  rorkommt,
  haben  es  die  Vertreter  der  mercantilen  Richtung  nicht
an  einom  gewissen  Verständniss  der  Thatsachen  und  oft  genug
auc  1  nicht  an  einem  solchen  Maass  von  Geist  fehlen  lassen,
wie  man  es  in  der  Sphäre  der  wissenschaftlich  constituirten
Nationalökonomie  der  neusten  Zeit  in  mehrfachen  Richtungen
nur  zu  häufig  nicht  aufzufinden  vermag.
Die  wirthschaftlichen  Schriftsteller  der  Italiener  aus  der
jüngsten  Zeit  nehmen  im  Hinblick  auf  die  lange  Reihe  von
Werken,  welche  sie  unter  die  Rubrik  der  Volkswirthschaftslehre
  bringen,  für  ihre  Nation  eine  ganz  besondere  Stellung  in
Anspruch.  Sie  gehen  nicht  selten  gradezu  von  der  Idee  aus,
«ass  sicli  die  Nationalökonomie  in  Italien  selbständig  oder
wenigstens  in  fester  Haltung  gegen  theoretische  Ausschweifungen ­
  anderer  Nationen  entwickelt  habe.  Der  Streit  über  diese
Ansprüche  wird  nun  aber  sofort  in  die  richtigen  Bahnen  geeitet,
  wenn  man  sich  erinnert,  dass  es  sich  in  letzter  Instanz
doch  immer  um  die  wissenschaftlich  gestaltete  Oekonomio  han-(
  e  n  weide,  die  nicht  viel  über  ein  Jahrhundert  alt  ist.  Im
mblick  auf  diese  viel  bestimmter  gestellte  Frage  wird  man
ün  allerdings  zugeben  können,  dass  die  Italiener  vor  der  Pflege
einiger  Abirrungen  dadurch  bewahrt  geblieben  sind,  dass  bei
        <pb n="52" />
        36

ihnen  in  Verbindung  mit  den  wirthschaftliclien  Reflexionen  stets
eine  theoretisch  politische  Ueberlieferung  mächtig  gewesen  ist.
Man  braucht  nur  an  Macchiavelli  zu  erinnern,  und  man  wird,
ohne  diesem  noch  heute  nicht  hinreichend  gewürdigten  Mann
etwa  durch  Einreihung  in  die  Geschichte  der  Ockonomio  eine
ganz  unpassende  und  ihm  selbst  gar  nicht  entsprechende  Scheinehre ­
  scholastischer  Art  zu  erweisen,  begreiflich  zu  machen  vermögen, ­
  dass  die  Italienischen  Autoren  nicht  so  leicht,  wie  diejenigen ­
  anderer  Völker,  den  Leitfaden  der  politischen  Betrachtungsweise ­
  verlioren  konnten.  Ausserdem  hat  der  Gedanke  an
die  antike  Vergangenheit  und  mitunter  auch  wohl  der  Hinblick
auf  die  Organisation  der  priestcrlichen  Beherrschungsformen
das  Gefühl  für  die  Wichtigkeit  der  politischen  Betrachtungsart
lebendig  erhalten.  Hiezu  kam  der  Stachel,  welcher  in  dom
Mangel  eines  Nationalstaats  und  in  der  Erprobung  der  wirthschaftlichen
  Wirkungen  der  Zersplitterung  lag.  Die  Italienischen
Schriftsteller  hatten  daher  keine  Veranlassung,  ihre  wirthschaftlichen
  Erörterungen  aus  dem  Zusammenhang  der  politischen
Ueherlegungcn  zu  lösen.  In  der  That  beweist  ihre  Thätigkeit
in  allen  Jahrhunderten  der  neuern  Zeit  bis  auf  die  jüngsten
Erscheinungen  hin,  dass  sie  mit  Vorliebe  an  dem  festgehalten
haben,  was  die  Oekonomio  mit  der  Politik  oder  auch  mit  den
Sitten  verbindet.  So  geneigt  man  aber  auch  sein  möge,  alle
Vorzüge  dieser  einheitlichen  Behandlung  der  Oekonomie  und
aller  öffentlichen  Angelegenheiten  anzuerkennen,  so  kann  doch
die  tiefere  Erkenntniss  der  Beziehungen  zwischen  Oekonomic,
Politik  und  Moral  erst  dadurch  gewonnen  werden,  dass  man
diese  Gebiete  zuvor  wissenschaftlich  trennt  und  erst  hinterher
die  Bindeglieder  nachweist,  welche  die  Grundsätze  der  einen
Sphäre  mit  denen  der  andern  in  Beziehung  bringen.  Die  fragliche ­
  Eigenschaftder  bei  den  Italienern  vorherrschenden  Behandlungsart ­
  volkswirthschaftlicher  Gegenstände  ist  daher  schliess
lieh  als  ein  Zeichen  der  mangelnden  Entwicklung  nothwendiger
Zergliederungen  und  Trennungen  zu  betrachten,  und  selbst
die  relativen  Vortheilo,  die  mit  dieser  Verhaltungsart  vcrhundcu
waren,  sind  als  Wirkungen  dieses  Mangels,  nicht  aber  als  Consequenzen
  eines  höheren  wissenschaftlichen  Bewusstseins  anzusehen. ­

Geht  man  die  bändereiche  Custodische  Sammlung  der  ökonomischen ­
  Autoren  der  Italiener  durch  und  sieht  von  den  Er-
        <pb n="53" />
        —  3  í

scheinungen  ab,  welche  der  Zeit  der  bereits  constituirten  wissenschaftlichen ­
  Oekonomio  angehören,  so  findet  man  das  Thema
von  Geld  und  Handel  überall  vorherrschend.  Wenn  überhaupt
irgendwo,  so  drückt  sich  in  den  einschlagenden  Schriften  der
Mercantilismus  deutlich  genug  aus,  und  es  dürfte  ein  vergebliches ­
  Unternehmen  bleiben,  auf  diesem  Felde  etwas  Anderes
nach  weisen  zu  wollen.  Allerdings  wird  die  Neugestaltung  Italiens ­
  die  bereits  hervortretende  und  den  alten  Traditionen  an
Eifer  ebenbürtige  Regsamkeit  mit  der  Zeit  noch  steigern.  Aber
die  auch  neuerdings  von  mehreren  Schriftstellern  festgehaltene
Vermischung  der  Oekonomie  mit  der  Politik  und  namentlich
mit  der  Moral  ist  nicht  jene  verstandesmassige  Verbindung,
welche  diese  Elemente  nach  ihrer  gehörigen  wissenschaftlichen
Trennung  in  geordneter  Weise  wieder  vereinigt.  Es  bekundet
sich  in  manchen  neuern  Werken  dieser  Art  vielmehr  noch
jener  Mischcharakter,  aus  welchem  die  scharfen  Gestalten  erst
abgeschieden  werden  sollen.  Nichtsdestoweniger  eröffnet  die
Stellung  Italiens  zu  den  übrigen  Völkern  jetzt  die  Aussicht,
dass  dies  Land  dazu  beitragen  werde,  die  Nationalökonomie  in
einem  den  Brittischen  Einflüssen  später  weniger  zugänglichen
Sinne  auszubilden,  und  hiebei  mag  es  sich  am  natürlichsten  an
den  politischen  Geist  halten,  dessen  Geltendmachung  nach  allen
Richtungen  ihm  Bedürfniss  sein  und  immer  mehr  werden  muss.
In  diesem  Bestreben  werden  die  Italienischen  Volkswirthschaftstheoretiker
  der  nächsten  Zeit  selbstverständlich  weit  mehr,  als
bis  jetzt  geschehen  ist,  dafür  zu  sorgen  haben,  dass  die  Vergangenheit ­
  ihrer  ökonomischen  Literatur  in  das  rechte  Licht
trete.  Was  sie  aber  auch  thun,  und  welche  Vorzüge  sie  noch
einmal  nachweisen  mögen,  die  Behauptung,  dass  sie  die  Nationalökonomie ­
  geschaffen  oder  gar,  dass  sie  das  Mercantilsystem
nicht  wesentlich  wie  andere  Völker  gepflegt  hätten,  wird  bei
einer  nur  irgend  kritischen  d.  h.  auf  den  erheblichen  Inhalt  der
eigentlich  wissenschaftlichen  Oekonomie  aufmerksamen  Untersuchung ­
  stets  hinfällig  werden  müssen.  Wenigstens  könnten
wir  uns  in  Deutschland  beinahe  mit  ähnlichem  Recht  eine  ältere
theoretisch  nationalökonomischc  Vergangenheit  zuschreiben,  weil
wir  seit  den  entsprechenden  Jahrhunderten  sogenannte  cameralistischo
  Schriftsteller  in  Fülle  aufzuweisen  hätten.  Indessen
dürfte  ein  derartiger  Anspruch  demjenigen,  der  weiss,  was  die
wissenschaftliche  Oekonomie  des  letzten  Jahrhunderts  zu  be-
        <pb n="54" />
        88

deuten  hat,  einigermaassen  bizarr,  um  nicht  zu  sagen  lächerlich ­
  erscheinen.  Wie  grosse  Ursache  also  auch  die  erst  neu  an
die  selbständige  Pflege  einer  wissenschaftlichcnNationalökonomie
höherer  Art  herantretenden  Völker  haben  mögen,  die  historischen ­
  Elemente  ihrer  Vergangenheit  gegen  die  Anmaassungen
der  Neubrittischen  Theorie  als  des  ausschliesslichen  Trägers
wirthschafthcher  Wahrheit  zu  schützen,  so  worden  sich  die  berechtigten ­
  Geltendmachungen  eigner  Ansprüche  doch  meistens
auf  die  letzten  paar  Monschenaltor  einzuschränken  haben.  Vor
der  wissenschaftlichen  Oekonomie,  die  mit  der  zweiten  Hälfte
des  18.  Jahrhunderts  erstand,  hat  es  überall  wesentlich  nur
eine  Praxis  gegeben,  und  die  verschiedenen  Völker  haben
sich  nur  dadurch  unterschieden,  dass  sie  die  Reflexionen  über
oder  gegen  diese  Praxis  in  mehr  oder  minder  entwickelten
Formen  aussprachen.  In  dieser  Beziehung  kann  kein  Zweifel
bestehen,  dass  die  Italiener  den  Vortritt  hatten  und  von  den
Wirkungen  desselben  sich  auch  unter  dem  schlimmsten  Geistesdruck ­
  noch  immer  Einiges  erhielten.  Für  den  Punkt,  auf  den
es  uns  aber  an  dieser  Stelle  ankommt,  stellt  sich  die  Antwort
am  allerbestimmtcsten,  indem  grade  der  Mercantilismus  bei  den
Italienern  so  gepflegt  worden  ist,  wie  es  dem  Sinne  der  Serraschen
  Abhandlung  entspricht.
6.  Sucht  man  für  die  in  allen  Ländern  geübte  Praxis  des
Mercantilsystems  einen  schon  hoch  entwickelten  und  typischen
Ausdruck,  so  bietet  sich  in  unvergleichbar  hervorragender  Weise
die  Handels-  und  Industriepolitik  Colberts  dar.  Dieser  auch  für
die  allgemeine  Geschichte  so  grosses  Interesse  bietende  Minister
Ludwigs  XIV.  bevorzugte  jedoch  innerhalb  des  Rahmens  der
gewöhnlichen  Mercantilpolitik  das  eigentlich  industrielle  Element
so  entschieden,  dass  diese  Thatsache  unsern  grossen  Nationalökonomen ­
  Friedrich  List  veranlasst  hat,  für  den  Colbertismus
die  Bezeichnung  als  Industriesystem  für  gerechtfertigt  zu  erachten. ­
  Jedoch  empfiehlt  es  sich  nicht,  die  Einsicht  in  die  betreffende ­
  Eigenschaft  des  Colbertismus  durch  den  Gebrauch
von  Namen  fördern  zu  wollen,  die  in  der  theoretischen  Oekonomie ­
  ihren  bestimmten  und  schwerlich  jemals  veränderlichen
Sinn  bereits  erhalten  haben.  Die  Oekonomie  Adam  Smiths
heisst  Industriesystem,  weil  sie  die  Quelle  des  Völkerreichthums
in  der  Arbeit  findet.  Ein  praktisches  Industriesystem  irn  engem
Sinne  und  im  Gegensatz  zu  jener  theoretischen  Vorstellung
        <pb n="55" />
        89

wird  nun  aber  überall  da  zu  suchen  sein,  wo  die  Wirthschaftspolitik
  einer  Nation  auf  die  Schöpfung,  Erhaltung  oder  Steigerung ­
  der  Manufacturen  als  auf  die  Grundlagen  der  ökonomischen ­
  Kraft  vorzugsweise  gerichtet  ist.  Naturgemäss  wird  ein
solches  System  auch  einen  wissenschaftlichen  Gedankenkreis
zum  Gegenstück  haben;  aber  es  ist  nicht  durchaus  nothwendig,
dass  eine  Lehre,  welche  sich  vornehmlich  an  die  Arbeit  als
Princip  hält,  auch  mit  einer  speciellen  Industriepolitik  zusammentretfo.
  Es  sind  im  Gegentheil  in  der  reinen  Theorie  die
verschiedensten  Mischungen  denkbar.  Sie  kann  in  Rücksicht
auf  das,  was  sie  zur  blossen  Erklärung  eines  beschränkteren
Kreises  von  Erscheinungen  leistet,  vollkommen  wahr  ausfallen
und  dennoch  in  dem,  was  sie  will  und  als  Ziel  der  Praxis  hinstellt, ­
  gewaltig  irren.  Diese  beiden  Bestandtheile  einer  Theorie
muss  man  auseinanderhalten,  wenn  man  gegen  die  letztere
nicht  ungerecht  werden  will.  Die  rein  theoretischen  Systeme,
welche  eine  volkswirthschaftliche  Praxis  zunächst  ganz  verworfen ­
  und  sich  auf  die  Empfehlung  der  blossen  Wegräumung
von  Hindernissen  beschränkt  haben,  sollten  überhaupt  eingehender ­
  nur  auf  das  geprüft  werden,  was  sie  zur  Erklärung  der
allgemeinsten  Erscheinungen  leisteten.  Im  Uebrigen  muthet
man  ihnen  zu  viel  zu,  wenn  man  sie  im  Einzelnen  für  den
Gegensatz  zu  irgend  einem  praktischen  System  verantwortlich
macht.  Ein  solches  lag  ja  gar  nicht  in  ihrer  Absicht,  und  man
thut  am  besten,  wenn  man  in  dieser  Richtung  ihnen  gegenüber
die  Zurechnung  ganz  ausschliesst,  indem  man  sich  mit  der
Peststellung  der  Unmöglichkeit  der  letzteren  begnügt.  Auf
diese  Weise  wird  der  Streit  zwischen  allzu  ungleichartigen
Mächten  ganz  vermieden  oder  doch  abgekürzt.  Wir  lassen
also  den  Namen  Industriesystem  auf  sich  beruhen  und  halten
uns  an  die  Thatsachen.
Die  Ideen,  denen  Colbert  in  seinen  Denkschriften  und  ähnlichen ­
  Arbeiten  einen  ganz  unverkennbaren  Ausdruck  gegeben
hat,  lassen  keinen  Zweifel  darüber,  dass  er  die  mercantile  Anschauungsweise ­
  der  oben  gekennzeichneten  Art  auch  da  an
erster  Stelle  vertrat,  wo  er  dieselbe  mit  der  Richtung  auf  die
unmittelbare  Beförderung  der  eigentlichen  Industrie  mischte.
Das  unbefangene  Urtheil  wird  daher  auch  hier  anerkennen
müssen,  dass  sich  der  Grundzug  der  herrschenden  Auffassungsart ­
  und  namentlich  die  Rücksichtnahme  auf  die
        <pb n="56" />
        40

int^nabona^  Handelsgestaltung  nicht  wesentlich  verändert
land.  Die  Person  des  Mannes  ging  freilich  nicht  in  der  vorlierrschenden
  Bjchtnng:  gänzlich  auf.  8io  irertrat  noch  etivas
molir,  und  nicht  ganz  unpassend  haben  socialistische  Geschichtsbearbeiter, ­
  wie  Lonis  Blanc,  den  Kaiifmannsabköminling  und
ehemaligen  Handlungsgehülfen  als  denjenigen  bezeichnet,  der
zur  Machtentfaltung  der  Bourgeoisie  den  Grund  gelegt  habe.
Ausserdem  ist  die  Rolle  Colberts  gar  nicht  gehörig  zu  würdin-on
wenn  man  den  Schwerpunkt  derselben,  der  in  den  oigentliWieu
htaatshnanzen  lag,  nicht  zum  unmittelbaren  Gegenstand  der
rorterung  zu  machen  hat.  Der  Finanzminister  und  der  Ilan-(
  elspohtiker  nach  Maassgabe  der  damaligen  Bedürfnisse  fanden
sich  so  eng  verbunden,  dass  man  auch  die  Innern  wirthschaftlichen
  Vornahmen  nur  als  Zubehör  jener  Positionen  ansehen
darf  Ueberhaupt  erklären  sich  alle  wirthscliaftlichen  Acte  der
fraglichen  /eiten,  ja  überhaupt  der  früheren  Jahrhunderte  am
natürlichsten,  wenn  man  stets  eingedenk  bleibt,  dass  die  unmittclbare
  und  selbständige  Vorstellung  von  einer  Volkswirth-^haf
  die  in  sich  selbst  und  im  Wdhlstand  der  gesammten
Bevölkerung  ihr  Ziel  habe,  noch  gar  nicht  existirte.  Imlnteresso
  der  ^aatshnanzen  und  zur  Steigerung  der  Eriegsfähigkeit
wurde  selbstverständlich  auch  das  wirthschaftliche  Schicksal  der
ürger  und  überhaupt  der  als  ökonomisch  wichtig  betrachteten
Gesellsohaftselomento  einigermaassen  berücksichtigt.  Ja  es
konnte  d^selbe  niemals  ganz  ausser  Acht  gelassen  werden
insoweit  Classen  vorhanden  waren,  die  sich  selbst  geltend
machten  und  mit  ihrem  Einfluss  aueh  der  absolutesten  und  persönlichsten
  Gewalt  gegenüber  keine  gleichgültigen  Widerstands-Kräfte
  bildeten.
Niemand  wird  dio  Thatkraft  und  unermttdliche  Arbeitsamkeit ­
  leugnen  können,  mit  welcher  ein  Colbert  die  Geschäfte
irto  und  nach  allen  Richtungen  überwachte.  Auch  die  Unbestechlichkeit ­
  des  Mannes,  die  damals  inmitten  der  Corruption
me  r  als  gewöhnlich  zu  bedeuten  hatte,  findet  sich  sogar  bei
oisguillebert,  dem  eifrigen  Gegner,  ausdrücklich  hervorgohoben.
Was  ein  zäher  Wille  und  eine  ausnahmsweise  solide  Wahrnehmung ­
  der  finanziellen  und  wirthscliaftlichen  Angelegenheiten
des  Landes  unter  Anbequemung  an  die  sonstige  Politik  Ludwigs
  Xiy.  vermochte,  davon  haben  die  zwei  Jahrzehnte  der
olbertschen  Wirksamkeit  Zeugniss  abgelegt.  Es  war  ein
        <pb n="57" />
        grosser  Theil  von  dem,  was  geschah,  weit  weniger  dem  System
äls  der  Person  zu  danken,  welche  dieses  System  ausführte  und
zweckmässig  modificirtc.  Hieher  gehörten  besonders  die  direclcn
Bemühungen  um  die  Herstellung  einer  selbständigen  und  verzweigten ­
  Industriethätigkoit.  Diese  erfolgreichen  Bestrebungen
waren  etwas  entschieden  Positives,  während  dasMercantilsystem
und  die  Führung  des  Kampfes  um  die  Handclsstellung  mit  den
zugehörigen  Tarifconsequenzen  nur  die  negativen  Vorbedingungen
lieferten.  Colbert  selbst  war,  wie  man  nicht  blos  aus  dem  Geist,
sondern  auch  aus  den  Worten  seiner  Schriftstücke  unzweifelhaft ­
  sieht,  von  dem  Gedanken  des  Handelskampfes  zwischen  den
Nationen  völlig  durchdrungen.  Er  hegte  die  üeberzeugung,
dass  es  sich  in  diesen  Conflicten  um  Sein  und  Nichtsein  handle,
und  man  wird  diese  bei  ihm,  wie  überhaupt  zu  seiner  Zeit,
sehr  scharf  zugespitzte  Aufhissungsart  nur  durch  die  Vergleichung ­
  derselben  mit  dem  Kriege  gehörig  begreifen.  In  der
That  hatte  man  damals  bei  allen  auf  der  Bühne  agirenden
Völkern  nur  die  Niederwerfung  des  Handelsconcurrenten  und
eventuell  auch  die  eigentliche  Einverleibung  seiner  mercantilen
Macht  im  Auge.  Die  völlige  Ruinirung  der  Handelshauptstadt
eines  besiegten  Staats  durch  gewaltsame  Uebertragung  ihrer
bisherigen  Thätigkeit  auf  das  eigne  Land  und  die  eignen  Bürger ­
  lag  nicht  ausserhalb  der  bisweilen  in  Betracht  gezogenen
Chancen.  Eine  solche  Denkweise  war  nichts,  was  man  auf
Rechnung  der  besondern  Persönlichkeit  Colberts  setzen  könnte.
Sie  war  nur  ein  Zug  der  Zeit  und  der  Verhältnisse,  den  auch
er  theilte.  Seine  wirkliche  Politik  gegen  die  Holländer  war
sogar  nur  ein  Theil  von  dem,  was  unter  einer  andern  Gestaltung ­
  der  Machtverhältnisse  in  weiterem  Umfang  geschehen
sein  würde.
7.  Die  Ausdrücke  Mercantilsystem,  Colbertisraus  und  Schutzsystem ­
  sind  oft  fast  als  gleichbedeutend  gebraucht  und  mit  einander ­
  vertauscht  worden.  Auch  ist  dies,  so  lange  man  ganz
im  Allgemeinen  blieb,  noch  durchaus  kein  Fehler  gewesen.
Handel,  Geldbeschaffung,  günstige  Bilanz  und  Schutzzölle,  —
das  sind  Begriffe,  deren  einheitliche  Verbindung  zu  einem
praktischen  System  jene  verschiedenen  Namen  führen,  die  entsprechenden ­
  sachlichen  Seiten  aufweisen  und  doch  ein  in  sich
gleichartiges  Gebilde  vertreten  kann.  Indessen  ist  der  Charakter
eines  solchen  Systems  einer  sehr  verschiedenen  Ausprägung
        <pb n="58" />
        je  nachdem  die  ganze  Zurüsfcung  der  staatlichen  Regelung ­
  der  Wirthschaftsbeziehungen  zur  Anwendung  gelangt,  oder
aber  vorwiegend  die  reinen  Schutzzollmaassregeln  das  Hauptaugenmerk
  bilden.  Insofern  es  sich  nun  hiebei  nicht  um  die
innern  ganz  positiven  Unterstützungen  der  Industrie  handelte,
lässt  sich  die  Richtung  der  Colbertschcn  Maassregeln  im  üebrigen
keineswegs  als  eine  Uebung  des  gesammten  mcrcantilen  Apparats
ansehen.  Wo  er  nach  Aussen  agirte,  suchte  er  vielmehr  das
System  rationeller  zu  gestalten,  indem  er  die  Schutzidco  zur
Hauptsache  machte.  Allerdings  hatte  er  die  spätere  völlige
Ungemischtheit  dieses  Systems  noch  nicht  vor  Augen.  Seine
Zurückhaltung  des  Gctraides  im  Innern  des  Landes  gehört  zu
den  auch  von  den  neusten  und  entschiedensten  Anhängern  jener
Politik  verurtheilten  Maassregeln.  Auch  kann  man  nicht  behaupten, ­
  dass  Colbert  oder  irgend  einer  seiner  Zeitgenossen  die
befolgten  Maximen  mit  den  auch  nur  von  diesem  Standpunkt
aus  zureichenden  tlieoretischen  Gründen  ausgestattet  habe.
Der  Zug  des  Noth  wendigen  und  die  mehr  instinctiven  als  deutlich ­
  bewussten  Regungen  hätten  in  der  wirthschaftlichen  Völkerpolitik ­
  das  Entscheidende  thun  müssen,  und  erst  hinterher
konnten  dio  tiefem  Ursachen  der  Zweckmässigkeit  des  Verhaltens ­
  eine  Sache  der  Kritik  werden.  Erst  die  allez  jüngsten
Gestaltungen  unserer  Wissenschaft  haben  einen  Standpunkt
möglich  gemacht,  aus  welchem  sich  das  damalige  Verfahren
wenigstens  in  gewissen  Grundzügen  erklärt.  Von  diesem  Standpunkt ­
  werden  aber  weit  weniger  die  Verstandesgründe,  die
man  zu  jener  Zeit  geltend  machte,  als  vielmehr  die  so  zu  sagen
unwillkürlichen  Thatsachen  der  staatlichen  Selbsterhaltung  zum
Gegenstand  der  Untersuchung.  Nicht  dio  beigefügte  Rechenschaftsablcgung,
  sondern  die  Sache  selbst  in  ihrer  theils  natürlichen, ­
  theils  aus  der  Thorheit  entspringenden  Nothwendigkeit
  wird  bei  dieser  kritischen  Erläuterung  und  Sichtung  im
Auge  behalten.  Jedoch  kann  man  auch  in  Colberts  eignen
Worten  solche  Fassungen  seiner  Grundsätze  nach  weisen,  dio
den  Gesichtspunkten  der  neusten  Schutztheoretikor  entsprechen.
Hieher  gehört  besonders  eine  Stelle,  welche  auch  in  Joubleaus
Etudes  sur  Colbert  (Bd.  I  Paris  1866,  S.  378)  abgedruckt  ist
und  die  leitenden  Gesichtspunkte  in  folgende  Worte  zusammendrängt: ­
  „Herabsetzung  der  Ausfuhrzölle  auf  die  Lebensmittel ­
  und  Manufacturen  des  Reichs;  Verringerung  der  Ein-
        <pb n="59" />
        43

fuhrzölle  auf  Alles,  was  den  Fabriken  dient;  Fernhaltung  der
ï^rxeugnisso  der  fremden  Manufacturen  durch  Zollerhöhungen.’
Mit  andern  Worten  heisst  dies  soviel  als  Beförderung  der  Einfuhr ­
  der  Rohstoffe  und  Entwicklung  einer  eignen,  exportfähigen
Manufacturindustrie.  Dennoch  würde  man  irren,  wenn  man
die  völlig  allgemeine  Maxime  der  Erleichterung  des  Bezugs
der  Rohstoffe  und  der  Förderung  der  Fabricatenausfuhr  in
ihrer  ganzen  Tragweite  und  in  ihrem  modernen  Sinn  als  deutlich ­
  bewussten  Antrieb  voraussetzen  wollte.
Was  vom  Standpunkt  der  heutigen  Wissenschaft  his  zur
grössten  Klarheit  und  zur  gewissesten  Einsicht  entwickelt  werden ­
  kann,  ist  der  Satz,  dass  die  Steigerung  der  den  höheren
Beschäftigungsarten,  also  der  eigentlichen  Industrie  zugeführten
Kräfte  eine  Veredlung  der  gosammten  Volkswirthschaft  mit
sich  führt,  welche  die  Nation  zu  einer  höheren  Rangstufe  aufsteigen ­
  und  ihre  absolute  wie  relative  Macht  wachsen  lässt.
Die  Idee  dieser  Veredlung  des  wirthschaftlichen  Könnens  im
Gegensatz  zu  dem  Beharren  auf  der  niederen  Stufe  eines  unentwickelten ­
  und  ohne  eigne  Industrie  auch  nicht  gehörig  entwickelbaren ­
  Ackerbaues,  —  diese  eminent  moderne  Idee  der  am
meisten  fortgeschrittenen  Theorien  konnte  in  ihrer  strengen
Allgemeinheit  früher  schon  darum  nicht  vorhanden  sein,  weil
sie  in  dieser  reinen  Fassung  noch  gar  nicht  die  nähere  Beschaffenheit ­
  der  Mittel  einschliesst,  durch  welche  die  Erhebung
aus  den  roheren  Zuständen  zu  bewerkstelligen  ist.  Das  Schutzsystem ­
  ist  nur  eine  vereinzelte  Gestaltung,  in  welcher  man
glauben  konnte  jenes  Ziel  verfolgen  zu  müssen.  Colbert  hatte
nun  ausser  dem  Zollschutz,  den  er  Holland  gegenüber  so  nachdrücklich ­
  zur  Anwendung  brachte,  noch  ein  Gebiet  innerer
Mittel  im  Auge,  die  zum  Theil  director  und  positiv  fördernder
Art  waren.  Man  kann  über  die  Einzelheiten  dieser  Seite  seiner
Praxis  streiten  und  die  Reglementirungsgrundsätze  in  ihrer  belästigenden ­
  Gestaltung  verwerfen,  aber  dennoch  zugleich  anerkennen, ­
  dass  dieser  Positivismus  der  staatsmännischen  Thätigkeit
  innerhalb  gewisser  Grenzen  auch  für  andere  Zeitalter,
als  dasjenige  Ludwigs  XIV.,  alsdann  aber  selbstverständlich  in
freieren  nichtpolizeilichen  Formen,  eine  Bedeutung  zu  erhalten
vermöge.  Die  Fürsorge  für  die  Heranziehung  geschickter  Kräfte
vom  Auslande  und  die  Beschämung  der  Mittel  und  Vorbedingungen ­
  zur  Steigerung  der  einheimischen  Fertigkeiten  ist  eine
        <pb n="60" />
        Angelegenheit,  die  unter  gewissen  Verhältnissen  nur  im  Grossen
und  oft  nur  durch  die  Initiative  oder  wenigstens  Mitwirkung
öffentlicher  Organe  betrieben  werden  kann.  Wo  nun  hiezu  die
geeigneten  Voraussetzungen  in  irgend  einer  Gestalt  cintro  ten
da  braucht  zwar  nicht  der  Colbcrtismus  mit  seinen  bosondern,
zum  Theil  geschichtlich  durch  die  despotischen  Verhältnisse,
zum  Theil  aber  auch  durch  den  Stand  des  wirthschaftlichen
Wissens  bestimmt  und  beschränkt  gewesenen  Mitteln  maassgebend ­
  zu  werden;  wohl  aber  wird  das  allgcmeinoro  Princip,
welches  er  vertrat,  in  einer  freieren  Form  ähnliche  Ziele  verfolgen ­
  und  bessere  Ergebnisse  liefern  können.
8.  Die  Einseitigkeiten  derjenigen  neuern  Theorien,  welche
die  Rolle  der  öffentlichen  Organe  in  wirthschaftlichon  Angelegenheiten ­
  auf  gar  nichts  zurückgoführt  wissen  wollen,  haben
natürlich  die  Colbertschon  Grundsätze  sowie  die  Person  selbst
nach  Kräften  angofeindet.  Dies  zeigt  sich  unter  Andcrm  auch
in  neuern  Specialschriften,  z.  B.  bei  Clement  (in  seiner  Histoire
de  la  vio  et  do  l’administration  de  Colbert,  Paris  1846)  und
sogar  die  erwähnten  Joubloauschen  Studien,  deren  bestes  Verdienst ­
  nicht  in  ihnen  selbst,  sondern  in  den  am  Ende  ihres
zweiten  Bandes  veröffentlichten  Denkschriften  und  sonstigen
Actcnstückon  bestand,  bieten  eine  Mischung  der  Auffassung
dar,  die  nur  im  Hinblick  auf  den  Französischen  Standpunkt
und  untergeordnete  Umstände  begreiflich  ist.  Das  Bestreben,
einen  bedeutenden  Mann  als  Franzosen  unter  allen  Umständen
und  selbst  im  Widerspruch  mit  der  völlig  entgegenstehenden
und  bis  zur  Caricatur  ausartenden  ökonomischen  Anschauungsweise ­
  gehörig  zu  loben,  macht  einen  komischen  Eindruck.
Dieser  letztere  muss  sich  noch  steigern,  wenn  man  die  zwar
übrigens  kaum  erwähnenswerthe,  aber  doch  hier  recht  charakteristische ­
  Zufälligkeit  erwägt,  dass  es  das  Geld  der  Französischen ­
  Akademie  und  die  hinter  diesem  Golde  stehenden  Persönlichkeiten ­
  gewesen  sind,  welche  als  die  eigentlichen  Producenten ­
  jener  vermeintlichen  Rehabilitation  Colberts  betrachtet
werden  müssen.  Die  unbefangene  Würdigung  in  volleswirthschaftlicher
  Beziehung  wird  also  der  grossen  Persönlichkeit  wohl
erst  später  und  zwar  nur  in  dem  Maas  so  zu  Theil  werden,  in
welchem  die  neusten  Wendungen  der  Nationalökonomie  mit
dem  rein  negativen  Standpunkt  der  Wirthschaftspolitik  aufräumen.
  Man  wird  alsdann  manches  an  Colberts  Maassregeln
        <pb n="61" />
        selir  bcg-reiflicli  und  natürlich  finden,  was  der  ersten  Entwicklungsstufe ­
  der  wissenschaftlichen  Oekonoinie  unverständlich
hlieh  und  ihr  demgemäss  als  Thorheit  galt.  Ein  sehr  willkommenes ­
  Ilülfsmittel  für  die  qucllenmässige  Beurtheilung  von
Colberts  Denk-  und  Handlungsweise  bietet  die  neue,  bisher
Ungedrucktes  und  Zerstreutes  vereinigende  Herausgabe  seiner
„Briefe,  Instructionen  und  Denkschriften”  (Lettres,  instructions
et  mémoires,  0  Bände.  Paris  1861—69).
Obwohl  die  besondern  Gestaltungen  der  von  Colbert  bethätigten
  Gewerbepolizei  für  unsern  Zweck  nicht  erheblich
sind,  so  mag  doch  eine  Erinnerung  an  einen  vornehmlich  angefeindeten ­
  Grundzug  derselben  am  Orte  sein,  da  er  der  socialen
Denkweise,  die  in  den  Beformbestrebungen  und  in  der  Gesellschaftskritik ­
  der  heutigen  Zeit  eine  Rolle  spielt,  durchaus  nicht
fremd  ist.  Mit  einem  unbeugsamen  Willen  hielt  nämlich  jener
für  geschäftliche  Tüchtigkeit  und  Ordnung  ernstlich  eingenommene ­
  Mann  an  dem  Gedanken  fest,  dass  die  Solidität  und
Güte  der  Industrieerzeugnisse  keine  gleichgültige  Angelegenheit
sei,  die  man  dem  hergebrachten  Schlendrian,  den  eingewurzelten
üblen  Gewohnheiten,  den  zufälligen  Folgen  der  Unwissenheit
und  den  beliebigen  Einflüssen  der  regellosen  Beziehungen  zu
überlassen  habe.  Seine  Vorschriften,  die  sich  auf  die  Qualität
und  eine  systematische  Gleichförmigkeit  der  Erzeugnisse  im
Interesse  der  Consumenten  richteten,  sind  zwar  Allen,  die  über
die  Schablone  des  laisser  aller  hinaus  nichts  weiter  wahrzunehmen ­
  vermögen,  eine  ausgemachte  Verkehrtheit,  liegen  aber
grade  von  alledem,  was  von  socialer  Seite  auch  heute  ins  Auge
gefasst  wird,  wenigstens  im  Princip  nicht  allzuweit  ab.  Die
corrumpirten  Praktiken,  welche  die  Erzeugnisse  in  allen  Richtungen ­
  verfälschen  oder  die  Production  in  verschiedenen  Beziehungen ­
  unsolide  machen,  sind  denn  doch  keineswegs  eine
Erscheinung,  in  die  man  sich  künftig  unbedingt  ergeben  wird.
So  sehr  also  auch  die  einzelnen  Mittel  Colberts  zu  einem  grossen
Thcil  der  Kritik  anheimfallen  mögen,  so  wird  doch  das  Princip
selbst,  von  welchem  er  ausging,  die  Anwendungsformen  überdauern, ­
  die  dem  Zeitalter  Ludwigs  XIV.  angehörten.
Das  bei  Joubleau  zum  ersten  Mal  vollständig  veröffentlichte ­
  und  auch  in  der  angeführten  Sammlung  der  Briefe  etc.
Bd.  II,  S.  17  fg,  wieder  abgedruckte  Mémoire  über  die  Einanzangelegenheiten ­
  Frankreichs  (1663)  enthält  in  einem  kleinen
        <pb n="62" />
        46

Artikel  über  die  Pariser  Polizei  einen  energischen  Ausdruck
der  Anschauungsweise,  welche  den  Staatsmann  im  Hinblick
auf  die  wirthschaftlicho  Noth  des  Volkes  leiten  müsse.  Es
gebe,  meint  Oolbert,  in  einer  Zeit  des  Mangels  nichts  so
Nöthiges  als  „zu  verhindern,  dass  Getraidohändler,  Bäcker  und
andere  Geschäftstreibende  von  dom  Elend  des  Volks  ungebührlich ­
  profitiren.”  Dieser  Grundsatz,  über  den  sich  die  Beschränktheit ­
  einer  einseitigen  Ideologie  völlig  erhaben  dünkt,  birgt
einen  Kern  in  sich,  den  die  socialen  Ansichten  ernstlich  ins
Auge  fassen,  wenn  sie  auch  nicht  daran  denken,  die  Regulirungon
für  annehmbar  zu  halten,  welche  vor  mehr  als  zwei  Jahrhunderten ­
  in  einer  Musterdespotie  eine  Rollo  spielen  konnten.
Auch  in  der  Gegenwart  haben  wenigstens  die  eigentlichen
Nothstände  schon  so  viel  gelehrt,  dass  die  reine  Sichselbstüberlassung
  der  wirthschaftlichen  Angelegenheiten  häufig  genug
zur  thatsächlichen  Unmöglichkeit  wird.  Will  man  jedoch  in
der  Kritik  des  Colbortschen  Verhaltens  nach  dieser  und  andern
Seiten  hin  sehr  weit  gehen,  so  mag  man  immerhin  Zusehen,
inwieweit  er  das  zuträgliche  Maass  überschritten  und  die
Industrie,  die  er  zu  einem  grossen  Theil  erst  selbst  schaden
musste,  mit  Normen  versehen  habe,  die  zu  viele  Belästigungen
im  Gefolge  hatten.  Man  wird  alsdann  nur  finden,  dass  er  besonders ­
  nachdrücklich  in  derjenigen  Richtung  vorgegangen
ist,  in  welcher  man  es  vorher  hatte  fehlen  lassen.  Wenn  nun
ein  sich  mit  neuer  Energie  geltend  machendes  Princip  zu  viel
thut,  was  vorher  zu  wenig  geschehen  war,  so  ist  dies  eine  nur
zu  natürliche  und  begreifliche  Erscheinung.
Die  Thatsachen  können  in  der  Würdigung  der  Folgen,
welche  die  Colbertscho  Verwaltung  begleiteten,  nur  dann  entscheiden, ­
  wenn  man  die  ungünstigen  Gegenwirkungen  in
Rechnung  zieht.  Die  gewaltigen  Ausgaben  Ludwigs  XIV.  und
die  scbliessliche  Vertreibung  fieissigor  und  geschickter  Bcstandtheilo
  der  Bevölkerung  aus  religiösen  Gründen  waren  ebensowenig ­
  als  die  Verheerungen  des  Krieges  dazu  an  ge  than,  die
wirthschaftlichen  Schöpfungen,  welche  der  Energie  eines  einzigen ­
  Mannes  ihr  Dasein  verdankten,  später  zur  unverkürzten
Entwicklung  aller  ihrer  Vorthcilc  gelangen  zu  lassen.  Wenn  nun
dennoch  Colbert  von  Französischen  Beurtheilcrn  vielfach  als
der  Begründer  der  wesentlichsten  Richtungen  der  Industrie
Frankreichs  anerkannt  wird,  so  dürfte  diese  Thatsacho  doch
        <pb n="63" />
        47

wohl  hinreichend  sein,  die  doctrinaren  Anfeindungen  seiner
Maximen  aufzuwiegen.  Er,  der  es  verstanden  hatte,  in  der
kürzesten  Frist  eine  Flotte  zu  schaffen  und  die  verwirrten
Finanzen  in  Ordnung  zu  bringen,  sollte  auch  in  Rücksicht  auf
seine  eigentliche  Wirthschaftspolitik  nicht  so  angesehen  werden, ­
  als  w  enn  nur  etwas  schulknabenmässigo  Oekonomie  dazu
gehörte,  um  ihn  angemessen  zu  beurtheilen.  Zwar  würde  er  aus
dem  Gesichtspunkt  seiner  Behandlung  der  Staatsfinanzen,  die
den  Mittelpunkt  seiner  Thätigkeit  bildete,  auch  dann  eine
bedeutende  Persönlichkeit  bleiben,  wenn  sein  sonstiges  wirthschaftliohes
  System  ganz  ausser  Betracht  gelassen  werden  sollte  ;
indessen  ist  die  Trennung  in  dieser  Art  kaum  ausführbar;  denn
man  kann  wohl  die  volkswirthschaftliche  Praxis  ohne  die
Staatsfinanzen,  die  letzteren  aber  nicht  ohne  die  erstere  gehandhabt
  denken.
Die  schliessliche  Entscheidung  über  die  Verdienste  und  den
rationellen  Sinn  des  Colbertschen  Systems,  insofern  es  mehr
als  blos  finanziell  war  und  sich  unmittelbarer  auf  die  Entwicklung
und  Vertheidig'ung  der  Industrie  des  Landes  richtete,  wird
offenbar  nicht  von  denjenigen  Doctrinen  ausgehen  können,
welche  die  erste  Stufe  der  wissenschaftlichen  Oekonomie  und
die  mit  dieser  Stufe  verbundene  Einseitigkeit  und  Ideologie
vertreten.  Erst  indem  die  Wissenschaft  immer  mehr  dazu  gelangt,
  die  Kluft,  welche  zwischen  ihr  und  der  Praxis  zunächst
in  der  grössten  Ausdehnung  entstanden  ist,  durch  höhere  Entwicklung ­
  wieder  auszugleichen,  wird  sie  auch  dem  Oolbertismus
gerecht  zu  worden  vermögen.  Sie  wird  alsdann  einsehen  und
im  Einzelnen  nachweisen,  dass  die  Instincte  der  nationalen
Selbsterhaltung  inmitten  eines  vorherrschend  feindlichen  Völkeivorkchrs
  die  wesentlichen  Züge  jenes  Systems  mit  sich  brachten, ­
  und  dass  die  Gegenseitigkeiten  und  die  Rechtsgemeinschaften ­
  im  internationalen  Handel  von  einer  auch  in  allen
andern  Beziehungen  vorhandenen  Möglichkeit  des  friedlichen
Verhaltens  abhängig  sind.  Die  Völkerverhältnisse  wollen  zu
einem  wirtlischaft  1  ichen  Recht  im  Laufe  der  Zeit  erst  entwickelt ­
  sein  und  bieten  von  vornherein  und  als  natürlichen
Ausgangspunkt  nur  das  Bild  eines  Zustandes  der  Abschliessuug
sowie  der  gegenseitigen  Eifersucht  dar.  Wenn  nun  ein  praktisches ­
  System  der  Wirthschaftspolitik  alle  ausserwirthschaftlichen
  Relationen  der  Völker  ganz  übersehen  und  sich  nicht
        <pb n="64" />
        48

einigcrmaassen  nach  den  Verhältnissen  richten  wollte,  welche
für  die  sonstigen  Beziehungen  maassgehend  sind,  so  würde  es
etwas  ganz  Naturwidriges  unternehmen  und  seine  Maximen  mit
dem  übrigen  Lauf  der  Dinge  in  Widerspruch  setzen.  Die  Natur
selbst  hat  dafür  gesorgt,  dass  die  Interessen  und  Instincte  der
Selbsterhaltung  und  Machtsteigerung  solche  Ungleichartigkcitcn
der  wirthschaiclichen  und  der  allgemeinen  Politik  vorurthcilcu,
und  die  gründlichste  Theorie  kann  nichts  weiter  thun,  als  die
Gesetze  dieser  Gestaltungen  nachweisen.  Vom  Standpunkt
einer  solchen  Theorie  wird  aber  der  Colbertismus  wenigstens
in  seinen  principiellen  Antrieben  Recht  behalten  müssen,  wenn
auch  über  die  besondere  Gestaltung  der  Mittel,  deren  er  sich
bediente,  und  über  die  specifisch  mercantilen  Elemente,  die  er
einschloss,  eine  andere  Entscheidung  zu  treifen  ist.

Drittes  Capitel.
Vorgänger  und  Anzeichen  einer  rationelleren  Volkswirthschaftslehre.
Eine  Wissenschaft  ist  mit  ihrem  gesammten  Inhalt  niemals ­
  das  plötzlich  hervorspringende  Erzeugniss  einer  einzelnen
Gedankenhandlung.  Auch  wird  es  nie  eine  einzige  Person  sein,
auf  deren  Rechnung  man  den  vollständigen  Inhalt  eines  ganzen
Wissenszweiges  setzen  dürite.  Es  herrscht  für  die  erste  Bildung ­
  einer  Wissenschaft  ebensogut  ein  Gesetz  der  Stetigkeit,
wie  dies  anerkanntermaassen  für  die  Weiterentwicklung  der
Fall  ist.  Wo  man  grundlegende  und  epochemachende  Werke
als  Ausgangspunkte  von  neuen  Wissensgebieten  bezeichnet,
kann  dies  für  die  tiefere  Untersuchung  nie  den  Sinn  haben,
dass  die  Gesammtheit  der  einschlagenden  Ideen  und  Einsichten
mit  einem  Mal  aus  dem  Kopf  eines  einzelnen  Mannes  hervorgegangen
  sei.  Man  wird  also  überall,  wo  man  nur  nachforschen
will,  die  Ansätze  zu  wichtigen  Ideen  auch  bei  früheren  Schriftstellern ­
  und  überhaupt  in  den  verschiedensten  älteren  Gedankenkundgebungen ­
  anzutreffen  vermögen.  Diese  Nothwondigkeit
ist  aus  innern  Gründen  von  vornherein  abzusehen,  und  wer
sich  einmal  die  Einsicht  in  dieses  Verhältniss  im  Allgemeinen
zu  eigen  gemacht  hat,  wird  an  den  besondern  Nachweisungeu  del-Spuren
  und  Keime  späterer  wissenschaftlicher  Aufstellungen
nicht  mehr  ein  allzu  intensives  Interesse  nehmen  können.  Er
        <pb n="65" />
        49

W0Í8S  ja  schon  im  Yoraiis,  dass  die  Ansätze  zu  den  mehr  entwickelten ­
  Ideen  vorhanden  gctwesen  sein  müssen,  wo  die  Yorhedingnngen
  zu  der  betreffenden  Gedankenthätigkeit,  also  die
äussern  Anregungen  und  die  innern  Fähigkeiten  vorhanden
waren.  Er  weiss  ferner  auch,  dass  sich  an  Spuren  solcher  Art
noch  weit  mehr  feststellen  lassen  würde,  wenn  der  Kreis  der
erhaltenen  Literatur  umfangreicher  wäre.
Aus  dem  eben  gekennzeichneten  Sachverhalt  folgt  aber
noch  keineswegs,  dass  irgend  eine  Art  von  Ueherlieferung  der
Grund  gewesen  sein  müsse,  aus  welchem  es  den  Späteren  gelungen ­
  sei,  etwas  Aehnliches,  aber  Yollkommneres  hervorzuhringen.
  Die  Reproduction  ist  im  Gegentheil  nur  selten  die
Sache  derjenigen,  welche  die  Fundamente  neuer  Wissenschaften
aufführen.  Eine  grosse  Anzahl  von  Ideen  wird  von  ihnen  lieber
in  ganz  ursprünglicher  Weise  durch  Nachdenken  über  die  gegebenen ­
  Yerhältnisse  erzeugt,  anstatt  wie  von  Seiten  der  weniger
denkfähigen  oder  ganz  passiven  und  nachahmenden  Naturen
geschieht,  bei  Andern  aufgesucht  zu  werden.  Ausserdem  giebt
es  Bestandtheile  des  Wissens,  die  in  einer  entwickelteren
Periode  so  gleichgültig  und  unerheblich  erscheinen,  dass  sie
unwillkürlich  gleichsam  aus  der  Umgebung  aufgenommen  und
fast  unbewusst  angeeignet  werden.  Derartige  Elemente  werden
nun  nicht  einmal  vorzugsweise  aus  der  Literatur  stammen,
sondern  dem  Leben  und  Yerkehr  angehören.  Sieht  man  nun
aber  von  alledem,  was  sich  auf  die  eben  angegebene  Weise  erklärt, ­
  gänzlich  ab,  so  muss  man  für  das  Uebrige  neben  der
Anregung  durch  Früheres  und  der  liiemit  gegebenen  Stetigkeit
auch  die  Unterbrechung  der  letzteren  durch  irgend  einen  entscheidenden ­
  Schritt  anerkennen.  Hienach  hat  also  das  Frühere
seinen  bestimmten  und  meist  nicht  geringfügigen  Antheil,  während ­
  die  erhebliche  Wendung,  durch  welche  die  Erscheinung
Upoche  macht,  die  neue  Errungenschaft  vertritt.  Bei  einer
richtigen  Würdigung  wird  man  offenbar  keinen  Anstand  zu
nehmen  haben,  den  deutlich  unterscheidbaren  Fortschritt  von
grosser  Tragweite,  der  mit  einer  wesentlichen  Gestaltveränderung ­
  verbunden  ist,  als  Wirkung  eines  Yerbal  tens  anzusehen,
'Welches  zwar  durch  die  Stetigkeit  des  früheren  Gedankcnlaufs
vorbereitet  sein  mag,  keineswegs  aber  durch  dieselbe  eigentlich
erzeugt  worden  ist.  Nur  wenn  man  diese  Unterscheidung  im
Auge  behält,  wird  man  den  grossen  Leistungen  gerecht  werden.
Dühring,  Gcscliichte  der  Nationalökonomie.  2.  Auflage.  4
        <pb n="66" />
        50

Nur  unter  dieser  Voraussetzung  wird  man  sich  davor  hüten,
die  gelegentlichen,  meist  halbbewussten  und  ohne  Consoqucnzon
gelassenen  Ansätze  zu  späteren  Gedanken  für  etwas  sonderlich
Werthvolles  zu  halten.  Auch  wird  man  einsehen,  dass  cs  für
weniger  scharf  denkende  Naturen  sehr  naheliegt,  aus  einer
üebereinstimmung  des  wörtlichen,  aus  dem  Zusammenhang  gerissenen ­
  Ausdrucks  auf  das  frühere  Vorhandensein  der  späteren
Idee  zu  schliessen,  während  doch  in  der  That  meist  nur  eine
Zufälligkeit  vorliegt,  hinter  welcher  kein  besonders  markirtor
Gedanke  des  älteren  Schriftstellers  zu  suchen  ist.  Bei  denselben
Sätzen  kann  man  mehr  oder  minder  Bestimmtes  denken,  und
dei  Zusammenhang  zeigt  meist,  dass  die  Gedanken  derjenigen,
die  man  bisweilen  als  Vorläufer  der  wissenschaftlichen  Ockonomie
  bezeichnet,  ausserordentlich  vage,  unsicher,  flüchtig  und
mit  entgegengesetzten  Aeusserungen  verbunden  gewesen  sind.
Dennoch  dichten  diejenigen,  welche  einer  unkritischen  Geschichtlichkeit ­
  anhcimfallen,  oder  die  Neigung  haben,  die  der  Gegenwart ­
  nahestehenden  Leistungen  durch  vermeintliche  Aufweisung
ihres  früheren  Vorhandenseins  zu  verkleinern,  in  die  unerheblichsten ­
  Aeusserungen  ganze  ¡Systeme  hinein  und  entstellen
hiedurch  das  richtige  Bild  und  die  wirklichen  Verdienste  beider
Theile.  Weder  der  alte  noch  der  neue  Schriftsteller  kommt
zu  seinem  Recht;  dem  Einen  wird  untergeschoben,  woran  er
nie  gedacht  hat,  und  dem  Andern  wird  oft  genug  auch  noch
der  Vorwurf  gemacht,  seine  Quelle  nicht  genannt  zu  haben.
Allermindestens  aber  wird  durch  ein  solches  Verfahren  die
Idee  des  späteren  Autors,  welche  den  Zeitgenossen  als  bahnbrechend ­
  erschien,  in  ihrer  Bedeutung  und  Wirksamkeit,  sowie, ­
  was  am  schlimmsten  ist,  in  ihrer  auszeichnenden  Eigeiithümlichkeit
  verkannt.
2.  Die  vorangehenden  Hinweisungen  sind  geeignet,  die
Ansichten  zu  berichtigen,  welche  in  Beziehung  auf  Brittische
Autoren  aus  der  Zeit  der  Englischen  Revolutionen  und  für  ein
paar  an  der  Grenzscheide  und  im  üebergang  vom  17.  zum
18.  Jahrhundert  wirksame  Einanzschriftsteller  der  Franzosen
mit  einigem  Schein  geltend  gemacht  werden.  Allerdings  begnügt ­
  man  sich  nicht  einmal  mit  Petty  und  Locke  einerseits
sowie  Boisguillebert  und  Vauban  andererseits.  Indessen  sind
diese  Persönlichkeiten  doch  die  einzigen,  bei  denen  die  Vorgängerschaft ­
  in  eigentlich  nationalökonomischen  Ideen  noch
        <pb n="67" />
        —  51

allenfalls  ein  Gegenstand  der  Erörterung  und  Kritik  werden
kann,  während  in  andern  Fällen  auch  nicht  einmal  hiezu  hinreichende ­
  Veranlassung  vorhanden  ist.  Besonders  kann  man
bei  Boisguillebert  schon  die  Kundgebung  einer  gewissen  Gesammtanschauung
  und  eine  Art  von  Ueberblick  über  den  Zusammenhang ­
  volkswirthschaftlicher  Erscheinungen  einigerniaassen
  anerkennen.  Wenn  man  aber  zu  jenen  vier  Namen
noch  andere  hinzufügen  will,  indem  man  in  England  und  Frankreich ­
  noch  weiter  zurückgreift  oder  untergeordnete  Erscheinungen ­
  dieser  oder  einer  etwas  späteren  Zeit  herbeizieht,  so  befindet ­
  man  sich  auf  jenem  Abwege,  der  dazu  führt,  die  gleichgültigsten ­
  und  folgenlosesten  Gedanken  zu  Antecedentien  der
wissenschaftlichen  Oekonomie  zu  stempeln.  Die  Philosophen
Werden  sicherlich  nicht  dadurch  gehoben,  wenn  man  sie  mit
Unterschiebungen  auf  Veranlassung  von  solchen  Aeusserungen
bedenkt,  die  von  ihnen  gar  nicht  in  der  Absicht  gemacht  wurden, ­
  besondere  wirthschaftliche  Wahrheiten  auszusprechen.  Man
lasse  also,  wenn  es  sich  um  Volkswirthschaftslehre  handelt,
einen  Hobbes  lieber  zur  Seite,  als  dass  man  seinen  ganz  gewöhnlichen ­
  und  noch  dazu  nur  gelegentlich  ausgesprochenen  Gedanken, ­
  dass  der  Staat  ernährt  werden  müsse,  dass  Land  und
Meer  Nahrungsstofie  liefern  und  dass  zur  Versorgung  mit  den
Gaben  der  Natur  auch  Arbeit  nöthig  sei,  die  Bedeutung  von
volkswirthschaftlichen  Einsichten  vindicirt.  Ja  mit  noch  mehr
Grund  könnte  man  auch  schon  in  dem  Mythos  von  der  Austreibung ­
  der  ersten  Menschen  aus  dem  Paradiese  und  dem  bekannten, ­
  bei  dieser  Gelegenheit  verhängten  Arbeitsgesetz:  „Im
Schweisse  deines  Angesichts  sollst  du  dein  Brod  essen”  —  eine
üationalökonomische  Maxime  und  noch  dazu  eine  solche  finden
Wollen,  deren  alte  und  gute  Autorität  man  wissenschaftlich  gar
ïücht  zu  vcrtlieidigen  brauchte.
Will  man  aber  einen  Hobbes  durchaus  mit  der  Volks-Wirthschaftslehre
  in  Verbindung  setzen,  dann  mag  man  seine
Vorstellung  von  dem  Krieg  Aller  gegen  Alle  in  das  ökonomische ­
  und  sociale  Gebiet  übertragen.  Man  wird  ihn  hiedurch
zwar  nicht  zu  einem  Vorläufer  der  neuern  Socialtheorie  machen;
aber  man  wird  einem  durch  ihn  vorbildlich  gewordenen  Gedanken, ­
  der  zunächst  für  ein  anderes  Gebiet  geltend  gemacht
"^ürde,  eine  dem  Geiste  jenes  Denkers  entsprechende  Anwendung
  geben.  Doch  es  handelt  sich  hier  nicht  um  die  weiteren
4*
        <pb n="68" />
        Conseqiienzen  allgemeiner  Naturreclitsidcen,  sondern  imi  die
thatsäclilicli  vorhanden  gewesenen  Gedanken,  und  in  dieser
Beziehung  ist  Hobbes  ebenso,  wie  vor  ihm  Bacon  von  Verni  am
mit  den  Gesichtspunkten  der  Nationalökonomie  zu  verschonen.
Auch  würden  die  eben  gemachten  Bemerkungen  hier  gar  nicht
eingeschaltet  worden  sein,  wenn  man  nicht  auch  ausserhalb
Deutschlands  und  zwar  schon  früher,  als  es  bei  uns  im  Gefolge
der  Entartungen  der  bessern  Geschichtlichkeit  geschah,  in  der
Sphäre  der  untergeordneteren  Behandlung  der  Oekonomio  allerlei
unkritischen  historischen  Aufputz  zugclasscn  hätte.
Noch  bei  Weitem  unhaltbarer  werden  aber  die  Berufungen
und  Hereinziehungen,  wenn  man  beliebige  Staatsmänner,  wie
z.  B.  für  Frankreich  Sully  einführt,  weil  sie  diesen  oder  jenen,
wahrlich  nicht  sonderlich  theoretischen,  sondern  im  Gegentheil
eher  einem  Bauernsprüchwort  gleichenden  Gedanken  bevorzugt,
also  etwa,  wie  der  Genannte,  Ackerbau  und  Viehzucht  für  die
Brüste  des  Staats  erklärt  haben.  Solche  Anschauungen  mögen
immerhin  für  die  Geschichte  der  Wirthschaft  einige  Bedeutung
haben;  —  für  die  Geschichte  der  Wirthschaftslehre  im  Sinne
der  wissenschaftlichen  Nationalökonomie  sind  sie  völlio-  unerheblich. ­
  *
Nach  den  eben  angedeuteten  Grundsätzen  wird  man  es
begreifen,  wenn  hier  auf  Darstellungen  verzichtet  werden  muss,
die  man  bei  denen  antrifft,  welche  die  ungesichtete  Mischnatur
des  bunten  Durcheinanders  ihrer  Notizen  nicht  gewahr  geworden ­
  sind,  oder  den  Sinn  einer  Geschichte  der  Volkswirthschaftslehre
  nicht  begriffen  haben.
3.  Das  MercantilsyStern  war  bis  zu  den  bewussten  wissenschaftlichen ­
  Versuchen,  die  man  von  Quesnay  datiren  muss,
in  allen  theoretischen  Reflexionen  mehr  oder  minder  vorherrschend. ­
  Dieser  Satz  wird  auch  nicht  entkräftet,  wenn  man
die  Petty  und  Locke  in  Erwägung  zieht;  ja  er  bleibt  selbst
einem  Boisguillebert  und  Vauban  gegenüber  noch  wesentlich
bestehen.  Indessen  haben  diejenigen  nicht  völlig  unrecht,
welche  bei  den  vier  fraglichen  Autoren  auf  die  Regungen
und  Kundgebungen  einer  entgegengesetzten  Gedankenbewegung
aufmerksam  machen.  Namentlich  haben  die  beiden  Franzosen
in  dieser  Beziehung  etwas  voraus,  während  die  Engländer  ungeachtet ­
  ihrer  thatsächlich  höheren  Entwicklung  nicht  den
gleichen  Grad  von  Allgemeinheit  und  innerer  Oonsequenz  der
        <pb n="69" />
        53

AuíFassung  erreiclien.  Selbstverständlich  gilt  diese  Bemerkung
nur,  wenn  man  Boisguillebert  und  Vauban  als  ein  einigcrmaassen
zusammengehöriges  Paar  betrachtet  und  die  Art  und  Weise  des
ersteren  als  entscheidend  ansieht.  Yauban  war  mehr  ein  Mann
der  That  und  seine  Arbeit  vornehmlich  ein  Pinanzplan,  während ­
  bei  dem  Andern  die  Doctrin  einen  weniger  eingeschränkten
Antheil  hat.
Yergleichen  wir  hiemit  die  beiden  Engländer,  von  denen
der  eine,  Petty,  eine  Art  Statistiker  und  politischer  Rechner,
der  andere,  Locke,  der  berühmte  Begründer  der  philosophischen
BegrifFskritik  war,  so  finden  wir,  dass  die  gewissermaassen
nationalökonomischen  Gedankenansätze  derselben  noch  äusserst
unzusammenhängend  und  in  den  Hauptpunkten  ohne  bewusste
Gonsequenz,  ja  ohne  eine  Vorstellung  von  einer  eigentlich
Volkswirthschaftlichen  Rolle  derselben  dastehen.  Man  findet
ferner,  dass  sich  der  mercantile  Ideengang,  aller  scheinbar  entgegenstehenden ­
  Ausführungen  ungeachtet,  keineswegs  verleugnet, ­
  so  dass  sich  die  richtigen  aber  isolirten  und  mit  der  übrigen ­
  Gedankenhaltung  nicht  vereinbaren  Anschauungen  oder
Aperçüs  gar  nicht  als  Einsichten  ansehon  lassen,  die  den  ähnlichen, ­
  modernen  Begrifien  entsprächen.  Das  Aeusserste,  was
sich  hienach  zugestehen  lässt,  ist  daher  die  Thatsacho  einer
Mischung  ungleichartiger,  zum  Theil  ganz  vereinzelter  oder  gar
nur  gelegentlich  und  nebensächlich  hervortretender  Gedanken,
Unter  denen  Unbestimmtheiten  und  Widersprüche  leicht  genug
uiöglich  waren,  weil  die  betreifenden  Vorstellungen  durch  keinen
  volkswirthschaftlich  theoretischen  und  in  diesem  Sinne
fiominirenden  Gesichtspunkt  aneinandergebracht,  zusammengehalten ­
  und  ausgeglichen  werden  konnten.  Letzteres  lag  gar
uicht  im  Bestreben  dieser  Schriftsteller,  da  sie  unmittelbar  fast
immer  Ziele  vor  Augen  hatten,  die  von  der  Idee  einer  eigentliclien
  Wirthschaftslehro  sehr  entfernt  waren.  Petty  hatte  noch
iho  meiste  Veranlassung,  in  seinen  Inventarisirungen  der  Laniloszuständo
  und  namentlich  der  grünen  Insel,  an  tiefere  volkswirthschaftliche
  Einsichten  zu  streifen,  und  seinem  fortwährend
i’echnenden  Kopf  musste  vermöge  der  Grössenbeziehungen  der
ursächliche  Zusammenhang  der  Thatsachen  oft  weit  näher  treten?
dies  bei  dem  gewöhnlichen  Denken  in  quantitativ  unbestimmten ­
  und  daher  unsicher  schweifenden  Vorstellungen  möghch
  ist.  Dennoch  macht  seine  Art  und  Weise,  wenn  sie  vom
        <pb n="70" />
        —  54

Standpunkt  der  besten  und  schärfsten  Erkenntnisse  der  Gegenwart ­
  aufmerksam  betrachtet  wird,  einen  auffallenden  Eindruck.
Man  wird  nämlich  nur  zu  deutlich  gewahr,  wie  leicht  ihm  die
später  schwer  wiegenden  Gedanken  entschlüpften  oder  sich,
kaum  halb  erfasst,  gleich  wieder  in  etwas  Bedeutungsloses  verwandelten. ­
  Was  er  mit  einer  nicht  geringen  Naturanlage  für
freie,  oft  kühne  Combinationen  als  ein  Geistesspicl  hin  warf,
welches  er  ebenso  leicht  ergriff,  als  wieder  verlicss  und  ohne
ernstere  Consequenzen  preisgab,  —  das  darf  heute  nicht  als
Beurkundung  eines  selbständigen  Wissens  in  Anspruch  genommen ­
  werden,  zumal  wenn  das  Ganze  der  Abhandlungen  oder
auch  nur  das  der  gesammten  Schriften  damit  nicht  übereinstimmt,

4.  William  Petty  (1G23—87),  Engländer  im  engem  Sinne
des  Worts,  Sohn  eines  Tuchmachers,  hatte  sich  in  allen  Hauptpunkten ­
  zuerst  autodidaktisch  entwickelt  und  war  auf  diese
Weise  zu  einer  Bildung  gelangt,  die  neben  vieler  Selbständigkeit ­
  auch  ein  grosses  Maass  Rohheit  enthielt  und  die  Wirkungen ­
  eines  niedrigen,  dem  gewöhnlichsten  Leben  angehörigen
Ausgangspunkts  nicht  abzulegen  vermochte.  Die  Mischungen
derselben  mit  späterer  Schulung  und  mit  mehrfacher  praktischer ­
  Thätigkeit  als  Mediciner,  Landvermesser  und  in  öffentlichen ­
  Stellungen,  welche  bei  mehr  Erwerbstrieb  als  Gewissen,
zur  Aneignung  colossaler  Summen  Gelegenheit  gaben,  erzeugten
in  dem  leichtlebigen  Charakter  ein  Geistesgepräge,  welches  ein
ziemliches  Maass  leichtfertiger  Denkungsart  einschloss  und  an
eigentlichem  Ernst  vorzugsweise  nur  die  geschäftsmännische
Art  desselben  kannte.  In  rein  wissenschaftlicher  Beziehung
kam  daher  zu  dem  Mangel  an  logischer  Durcharbeitung,  welcher
dem  speciffschen  Engländer  im  Gegensatz  zum  Schotten  eigen
st,  und  welcher  sich  in  der  Vorliebe  für  Aufzählungen  nach
der  Art  des  zweiten  Bacon  auch  bei  den  ökonomischen  Schriftstellern ­
  recht  sichtbar  bekundet  hat,  noch  eine  cigenthümliche
Spielart  so  zu  sagen  statistischer  Phantasie,  die  einen  gewissen
Reiz  ausüben  mag,  aber  im  Grunde  doch  des  Leitfadens  fester
Begriffe  und  schärferer  Unterscheidungen  entbehrt.  Zwar  wird,
wie  schon  vorher  bemerkt,  diese  Art  und  Weise  durch  das
Gebiet,  in  welchem  sic  sich  bewegt,  einigermaassen  gezügelt.
Sie  wmd  nämlich  soweit  eingeschränkt,  als  Schätzungen,  Zahlen
und  ein  rechnender  Sinn,  welchem  die  Satzungen  des  gesunden
        <pb n="71" />
        55

Verstandes  keineswegs  gleichgültig  bleiben,  die  Ausschweifungen
ausschliessen  oder  mildern.  Wer  jedoch  weiss,  dass  grade  im
Gebiet  des  gewöhnlichen  Oalculirens  über  öffentliche  Yerhilltnisso
  die  ärgste  Phantastik  vorzugsweise  mit  den  Zahlen  und
Veranschlagungen  getrieben  werden  kann,  wird  sich  nicht  wundern, ­
  wenn  wir  die  Thatsache  des  rechnenden  Vorstellens  noch
nicht  sofort  als  die  Bürgschaft  für  einen  strengen  Zusammenhang ­
  und  für  gründlichere  Unterscheidungen  gelten  lassen.  In
der  Abwesenheit  des  Sinnes  für  die  innern  und  feinem  Unterscheidungen ­
  der  Begriffe,  ja  nicht  selten  in  der  Zusammenwerfung
  der  schon  im  gewöhnlichen  Leben  keineswegs  ungetrennt ­
  gebliebenen  Ideen,  bekundet  sich  die  schwächste  Seite
der  Pettyschen  Auffassungsart.  Hiedurch  wird  es  auch  erklärlich, ­
  dass  er  eine  Menge  Begriffe  und  Sätze  berühren  und  aussprechen ­
  konnte,  die  trotz  ihrer  gegenseitigen  Unvereinbarkeit
friedlich  ncbeneinanderstchen,  so  dass  man  von  ihnen  sagen
kann,  die  eine  Idee  habe  sich  nicht  viel  um  die  andere  gekümmert, ­
  und  die  verschiedenen  Gedanken  seien  wie  Blasen  aufg’estiegen.

Es  wird  Leute  geben,  die  vor  Petty  Respect  haben,  veil
m*  seine  eignen  Geschäfte  so  betrieben  hat,  dass  er  schliesslich
über  ein  jährliches  Einkommen  von  15,000  Pf.  St.  verfügte.
Indessen  rechten  wir  hierüber  nicht.  Der  Umstand,  dass  dei
Verfasser  der  Anatomie  von  Irland  auch  in  die  Geschichte  der
Millionäre  gehört,  beweist  nur  soviel,  dass  er  neben  einem
höheren  Maass  von  Geschäftsvorstand  auch  gehörigen  Aneigimngssinn
  besessen  und  ausserdem  Gelegenheit  und  Gluck  auf
seiner  Seite  gehabt  hat.  Uebrigens  weiss  man  ja  auch,  dass  er
sich  zur  Revolution  wie  zu  Karl  II  glcichermaasscn  sympathisch
%n  verhalten  und  die  Gunst  des  letzteren  bis  zu  dem  Punkte  sich
zu  Biohorn  verstanden  hat,  dass  die  gegen  ihn  erhobenen  Beschuldigimgen
  finanziellen  Betruges  ohne  Folgen  blichen.  Ein  anderer
%ug  seinoa  Wesens,  der  auch  für  die  Beurthoilung  seiner  schriítstellerischen
  Thätigkeit  nicht  gleichgültig  ist,  bestand  m  der
Garnie,  die  er  gesellschaftlich  spielen  liess  und  auch  auf  damals
gmfährlichero  Gegenstände  richtete,  wenn  er  Vertrauten  gegenhber
  sicher  zu  sein  glaubte.  So  soll  er  es  vortrefflich  verstanden
kaben,  die  verschiedenen  Spielarten  der  Englischen  PriesterschaR
«mschliesslich  der  Secten  vollkommen  zutreffend  zu  copiren  und
eigenthümlichen  Arten  ihres  Predigens  so  täuschend  her-
        <pb n="72" />
        —  56

vorzubnngen,  dass  Niemand  das  willkürlich  Gemachte  erkannt
haben  würde,  wenn  ihm  der  Bachverhalt  unbekannt  gewesen
ware  Diese  Virtuosität  geht  uns  hier  an  sich  selbst  %war  nichts
an.  Auch  würde  sie  sicherlich  nicht  unmittelbar  gegen  Petty
sprecheru  wenn  sie  nicht  durch  sein  übriges  Verhalten  eine
andere  Bedeutung  gewönne.  Din  Enthusiasmus  ist  in  dem
Maasso  leichter  zu  reproduciron,  als  es  dem  Urbild  selbst  an
rnst  und  Aufrichtigkeit  fehlt.  Jener  Zug  würde  mithin  sehr
erklärlich  sein,  wenn  er  Jemand  angehört  hätte,  bei  dem  ein
anderer  Fond  anzutreß-en  gewesen  wäre.  Bo  aber  bestätio-t  or
nur  das,  was  man  auch  aus  den  Bchriften  und  dom  sonstio-on
joben  jenes  rührigen  Geistes  entnehmen  kann,  nämlich  'die
ersatilität,  die  Vieles  kennt,  aber  von  dom  Einen  zum  Andern
leicMen  Fusses  übergeht,  ohne  in  irgend  einem  Gedanken  tieferer
  Natur  Wurzel  zu  schlagen.
Für  die  eigentlichen  Zwecke  Pettys,  nämlich  für  die  Inimntarisirungon
  und  daran  geknüpften  Beßoxionen,  reichte  die
charaktorisirte  Geistosart  allerdings  aus,  und  man  würde  ungerec
  it  gegen  ihn  sein,  wenn  man  seinen  Arbeiten  aus  diesem
Gesichtspunkt  eineVerfehlung  dos  Ziels  verwerfen  wollte.  Im
cgentheil  sind  dieselben,  auch  ganz  abgesehen  von  ihrem  Gebrauch
  durch  die  Historiker  und  Statistiker,  noch  heute  lesensworth
  und  haben  in  manchen  Partien  sogar  für  das  nationalolœnomische
  Denken  etwas  Anregendes.  Diese  gute  Eio-onschaft
  he^  aber  weit  weniger  in  den  Gedanken,  die  man  ydrkich
  antriflt  als  in  ebenen,  die  man  zu  vermissen  nicht  umhin
kann.  Grade  weil  Petty  in  volkswirthschaftlicher  Beziehung
noch  sehr  roh  verfahrt  und  sich  noch  durch  keine  Schule  genii
  n  e  ,  ge  äugt  ei  zu  Naivetäten,  deren  Contrast  oft  nützhch
  wirken  und  den  ernsteren  Denker  auch  wohl  einmal  unterhalten, ­
  jedenialls  aber  mit  der  Wichtigkeit  vertraut  machen
kann,  welche  es  hat,  die  auch  noch  heute  fortbestohonden  Unsicherheiten ­
  ähnlicher  Art  nirgend  zu  verkennen.
5.  Wie  überhaupt  die  grossen  politischen  Ereignisse  und
ganz  besonders  die  in  der  Richtung  auf  freiere  Gestaltungen
ointretenden  Umwälzungen  auch  diejenigen  Zeiten  bezeichnen,
in  denen  frischere  geistige  Leistungen  zum  Vorschein  kommen
so  Enden  wir  auch,  dass  die  Epoche  der  Englischen  Révolu:
üonen  die  in  unsorm  Gebiet  sich  überhaupt  auszoichnonden
Regungen  aufzuweisen  hat.  Hiezu  kommt  aber  noch  ein  zweiter
        <pb n="73" />
        57

Umstand,  der  zwar  auch  für  Locke,  aber  in  noch  höherem
Grrade  für  Petty  gilt,  und  dies  ist  derjenige,  der  noch  am  ehesten,
lüit  der  übrigen  Beschaffenheit  seiner  Rolle  und  Schriftstellerei
‘lüszusöhnen  vermag.  Es  hat  nämlich  eine  Art  von  naturwissenschaftlicher ­
  Denkweise  einen  grossen  Antheil  an  mehreren
brauchbareren  Ideen.  So  ist  z.  B.  schon  der  Titel  seiner  Hauptschrift, ­
  der  Anatomie  von  Irland  (Political  survey  [or  anatomy]
of  Ireland  etc.,  zuerst  1691),  eine  Andeutung  davon.  Er  selbst
erklärt  in  der  Vorrede,  dass  es  auf  das  Knochengerüst  eines
Landes  ankomme,  und  dass  man  sich  vor  allen  Dingen  solche
Kenntnisse  aneignen  müsse,  die  mit  denjenigen,  welche  vermöge ­
  der  Anatomie  für  den  Körper  gewonnen  werden,  eine
Aehnlichkeit  haben.  Gänzlich  neu  waren  nun  freilich  derartige
Gesichtspunkte  nicht.  Bekanntlich  legte  grade  Hobbes,  zu  dem
Petty  Beziehungen  batte,  grosses  Gewicht  auf  eine  Betrachfüngsart,
  welche  sich  schon  in  dem  Ausdruck  politischer  Körper
zur  Bezeichnung  des  Staats  ankündigte.  Auch  hatte  jener
Philosoph  nach  der  strengeren  Seite  hin  unter  besserem  naturwissenschaftlichen ­
  Einfluss  gestanden,  als  der  ihm  im  Denken
gänzlich  ungleiche  Petty.  Ausserdem  darf  man  von  Gleichnissen, ­
  auch  wenn  sie  auf  naturwissenschaftlichen  Anschauungen
beruhen,  für  den  weiteren  Eortschritt  nicht  zuviel  erwarten,
sie  nur  zum  Ausdruck  noch  unentwickelter  Gedanken  dienen
nnd  später  den  ohne  Umschweif  auf  die  Sache  gehenden  Begriffen ­
  oder  reineren  logischen  Vorstellungen  Platz  machen
nrüsseu.  Dennoch  ist  aber  bei  Petty  der  fragliche  Sachverhalt
nicht  allzu  gering  anzuschlagen,  weil  der  Autor  seine  Anie
gvingen  aus  seiner  eignen  medicinischen  Bildung  erhielt  und
daher  in  seinem  naturwüchsigen  Vorstellungsspiel  ein  gewisses
Maass  von  Originalität  nicht  verleugncte.  Zwar  ist  sein  Vergleich ­
  der  Rolle  des  Geldes  mit  derjenigen  des  Fettes  im  Körper
nicht  allzu  gelungen,  aber  doch  im  Hinblick  auf  die  giöbeicn
Ausartungen  der  mercantilen  Vorstcllungsart  immerhin  als  die
Kidäuterung  einer  besseren  Einsicht  anzuerkennen.  In  einer
^bnlichen  Weise  sind  andere  Consequenzen  des  Analogisirens
und  noch  dazu  in  einer,  wie  man  einräumen  muss,  nicht  grade
Überladenen  Fassung  der  Bilder  ausgeführt  und  häufig  genug
unch  unabhängig  durch  directe  Vorstellungen  deutlicher  geniacht
  worden.  Wir  können  hienach  getrost  annehmen,  dass
äuch  schon  zu  jener  Zeit  sogar  das  rohere  naturwissenschaft-
        <pb n="74" />
        58  —

liehe  Denken  seine  Früchte  trug  und  zur  bessern  Untersuchung
der  Thatsachen  des  staatlichen  Daseins  entschieden  mitwirktc.
Auch  haben  wir  auf  diese  Beziehung  nur  darum  etwas  eingehender ­
  aufmerksam  gemacht,  weil  sie  uns  immer  wieder  von
Neuem  begegnen  wird  und  in  der  ganzen  Geschichte  der  Wirthschaftslehre
  einen  erheblichen  Antrieb  bildet.
Als  das  zweite  wichtigere  Buch  Pettys  sind  seine  Essays
im  Gebiet  der  politischen  Arithmetik  (Several  essays  etc.,  zuerst
1682,  posthum  vermehrt  1691)  zu  erwähnen,  und  zwar  um  so
mehr,  als  ein  Theil  schon  bei  seinen  Eebzeiten  erschienen  war.
Für  den  ökonomischen  Gesichtspunkt  enthalten  sie  überdies
noch  mehr  Andeutungen,  als  die  Darstellung  des  Zustandes  von
Irland.  Jedoch  darf  der  Ausdruck  politische  Arithmetik  nicht
täuschen.  In  den  nachgelassenen  Abhandlungen  wird  er  durch
die  Hinweisung  auf  den  Bodenwerth,  die  Bevölkerung,  die  Gebäude, ­
  die  Manufacturen  u.  s.  w.  schon  in  der  Ucherschrift
ciuigermaassen  erläutert,  und  man  würde  irren,  wenn  man  die
Bezeichnung  im  heutigen  Sinne  nehmen  wollte,  in  welchem  sie
bekanntlich  die  Darstellung  der  Rechnungsarten,  die  bei  öffentlichen ­
  Anleihen  und  ähnlichen  puhlicistischen  Verhältnissen
Vorkommen,  zu  vertreten  pflegt.  Um  die  Hülfsmittel  der  Rechnung ­
  handelt  es  sich  nun  aber  bei  Petty  am  allerwenigsten,  sondern ­
  es  ist  der  statistische  Stoff  selbst,  der  in  sehr  einfachen
Operationen  bearbeitet  wird.  Ein  gelungenes  Beispiel  dieser
Verfahrungsart  (in  den  erwähnten  Essays,  4.  Ausg.  1755,  S.  123)
ist  die  ganz  naive  Gapitalisirung  der  Bevölkerung.  Da  man
heute  in  den  Ländern,  die  der  Sklaverei  ferner  stehen,  an  eine
solche  Veranschlagung  nicht  zu  denken  püegt,  und  da  dieselbe
für  jede  Vergleichung  mit  den  gesammten  Capitalstücken  des
Landes  volleswirthschaftlich  unumgänglich  ist,  so  mag  die  nähere
Erinnerung  an  Pettys  Wendung  am  Orte  sein.  Im  Hinblick
auf  die  Veranschlagung  der  Verluste  durch  Seuchen  und  Kriege
geht  er,  um  den  Werth  des  Bevölkerungskopfes  zu  berechnen,
von  den  Ausgaben  pro  Kopf  aus,  ermittelt  so  eine  Jahressumme ­
  für  die  Gesammtheit,  zieht  von  derselben  alle  Renten
und  Gewinne  ab,  capitalisirt  alsdann  durch  Verzwanzigfachung
und  dividirt  durch  die  Bevölkerungszahl.  Eine  Prüfung  dieser
Procedur  hat  hier  für  uns  keinen  Zweck;  wohl  aber  ist  die
Erwähnung  nicht  überflüssig,  dass  sich  Petty  für  seine  Verzwanzigfachung ­
  darauf  beruft,  dass  ebenso  wie  für  Grundstücke
        <pb n="75" />
        —  59

der  Werth  einer  gewissen  Anzahl  Jahre  maassgehend  sein
müsse.  Die  Oapitalisirung  des  ganzen  Yolks  bleibt,  von  allen
Ncbenumstilnden'  und  möglichen  Einwendungen  der  besondern
Ausführung  abgesehen,  eine  nicht  zu  verachtende  Idee,  auf  die
überdies  jeder  selbständig  gelangen  muss,  der  über  die  Vergleichungen ­
  der  Capitalwerthe  mit  den  übrigen,  thatsächlich
uncapitalisirten  Elementen  die  letzten  Aufschlüsse  zu  suchen
vermag.
6.  Wer  die  Thatsachen  nach  ihrer  Grösse  und  ihrem  Umfang ­
  in  Betracht  zieht,  kann  in  Rücksicht  auf  das  Geld  nicht
leicht  in  jenen  ganz  nebelhaften  und  grobirrthümlichen  ^  orstcllungen
  verbleiben,  denen  zufolge  der  vorhandene  Metallvorrath
  mit  dem  Reichthum  selbst  verwechselt  wird.  So  etwas
ist  nur  auf  dem  Kinderstandpunkt  der  fast  völligen  Gedankenlosigkeit ­
  und  etwa  auch  bei  solchen  Schriftstellern  möglich  gewesen, ­
  die  sich  aus  einem  andern  Bereich  des  Denkens  und
Wissens  in  ein  Gebiet  verirrten,  in  welchem  ihre  Vorstellungen
unentwickelter  waren,  als  die  derjenigen  Wilden,  welche  über
die  einfach  übersehbaren  Verhältnisse  ihres  beschränkten  Daseins
wenigstens  instinctive  und  halb  bewusste  Anschauungen  haben.
Petty  wusáte  sehr  gut,  wie  das  Geld  zu  der  Menge  er  m
satzo,  die  es  bewirkt,  je  nach  den  kürzeren  oder  länpren
Perioden  seines  Umlaufs,  in  einem  Verhältniss  stehe,  und  wie
daher  die  Werthe  der  übrigen  Besitzartikel  ein  bedeutendes
Vielfache  der  vorhandenen  Geldmasse  bilden.  Auch  sprac  er
B.  in  der  Stelle,  welche  den  oben  erwähnten  Vergleich  mit
dem  Fett  enthält  (in  der  Abhandlung  Verbum  sapienti,  Cap.  V)
die  Ansicht  aus,  dass  von  dem  Gelde  ebensowohl  zu  vml  als
%ü  wenig  vorhanden  sein  könne.  Wer  aber  hieraus  sowie  aus
«einen  Vorstellungen  über  den  Werth  und  die  Kosten  der  edlen
Metalle  (in  dem  besondern  Tractat  über  die  Steuern)  darauf
«chliossen  wollte,  dass  er  nicht  auch  dem  Gedankengang  des
Mercantilismus  wesentlich  gefolgt  wäre,  würde  zu  voreilig  urtheilcn.
  Für  die  Nützlichkeit  der  Verwendungen  giebt  er  nämlich ­
  eine  Stufenleiter  an  und  hält  die  verfügbaren  Mittel  für  um
«0  besser  benutzt,  jo  nachdem  sie  zur  Beschaffung  von
Häusern  und  Ländereien  dienen  und  sich  schliesslich  im  erto  groichsten
  Fall  auf  die  Hereinbriugung  von  Gold  und  Silber
richten.  Der  Vortheil,  sagt  er  wörtlich  (S.  126  der  Essays),
ist  hier  „am  grössten,  indem  Gold  und  Silbei  in  tas  an
        <pb n="76" />
        60

kommt,  weil  diese  Dinge  nicht  mir  unzerstörbar  sind,  sondern  zu
allen  Zeiten  und  überall  als  Reichtlium  geschützt  werden.“  Der
Zusammenhang,  in  welchem  er  zur  Kundgebung  dieser  Idee
gelangte,  ist  nicht  unerheblich.  Er  handelte  davon,  dass  manclie
Steuern  den  Reichthum  vermehrten,  anstatt  ihn  zu  vermindern.
Hiebei  hatte  er  die  Classen  im  Auge,  welche  das  ihnen  als
Steuer  abgenommeno  Geld  doch  nur  ganz  unnütz  verwenden
würden,  also  die  Leute,  welche  nur  ilssen,  tränken,  spielten  und
tanzten,  sowie  die  Metaphysiker  und  überhaupt  Alle,  die  nichts
Reelles  hervorbrächten.  In  einem  solchen  Gegensatz  nimmt
sich  das  herein  gebrachte  Geld  gewiss  recht  mercantilistisch  gediegen ­
  aus,  und  wenn  man  einem  Petty  auch  seine  Verurtheilung
  des  blossen  Vergnügungsdaseins  und  einer  crgobnissloseii
Metaphysik  als  eine  gelungene  Zusammenstellung  anrechnen
muss,  so  ist  doch  das  Geld  grade  in  der  Auflassung  dieser  Stelle
kein  besonders  erspriesslicher  Hintergrund.  Man  wird  unwillkürlich ­
  denjenigen  gewähr,  der  seine  Bestrebungen  auf  die
Millionärwürde  gerichtet  hatte  und  auch  das  Geschäft  des  Landes
oder,  wenn  man  es  schon  so  nennen  will,  die  Volkswirthschaft
nach  dem  Bilde  seiner  Person  aufzufassen  suchte.  Wirklich
wagt  er  auch  im  Schlusscapitel  des  V  erb  um  sapienti  ein  wenig
Phantasie  und  Philosophie  dieser  Art,  indem  er  den  Fall  vorwegnimmt, ­
  dass  die  Nation  überhaupt  genug,  und  zwar  auch
an  Geld,  an  sich  gebracht  habe,  um  nicht  mehr  zu  wissen,  was
zu  thun  sei.  Alsdann  seien  die  Erregungen  des  Geistes  in
ihrer  ganzen  Mannichfaltigkeit  zu  pflegen  und  hier  das  Feld
der  Befriedigung  zu  suchen.  Obwohl  nun  in  der  Idee  über
diesen  Ausweg  ein  leidlicher  Bestandtheil  von  halber  Wahrheit
enthalten  ist,  so  ist  doch  die  erötfnete  Aussicht  selbst  wunderlich ­
  genug.  Man  wird  bei  dieser  Gelegenheit  daran  erinnert,
dass  Petty  seine  Art  von  Bevölkerungsstatistik  mit  der  Sündfluth
  und  8  Personen  beginnen,  nach  10  Jahren  bereits  10,
nach  20  Jahren  32  vorhanden  sein  lässt  und  nach  den  willkürlichsten, ­
  wenn  auch  unregelmässiger  werdenden  Aufstellungen, ­
  endlich  auch  in  die  Zukunft  mit  ganz  monströsen  Anschlägen ­
  hinausgreift,  wie  man  sich  in  der  Nachbarschaft  der
Tabelle  auf  S.  21  der  Essays  überzeugen  kann.
Weit  besser  als  solche  Perspectiven  sind  seine  Ideen  über
die  Vortheile  einer  Verdichtung  oder  Zusammenrückung  der
Bevölkerung.  Die  Anhäufung  in  grossen  Städten  wird  von
        <pb n="77" />
        Cl

ihm  vorzugsweise  in  ihren  günstigen  Umständen  hetiachtet.
Doch  sind  seine  Gründe  kaum  eigentlich  nationalökonomisch
geartet.  Er  sieht  eben  nur  darauf,  dass  die  enger  verbundene
Menschenzahl  im  Allgemeinen  eine  grössere  Macht  und  zui
Befriedigung  von  mancherlei  Bedürfnissen  eine  bessere  Gelegenheit ­
  hat,  als  eine  zerstreute.  Eine  der  neusten  Iheorien,
welche  ein  nicht  in  Isolirung  ausartendes  ebenmässiges  Yertheilungssystcm
  verlangt  und  hiebei  die  grossen  Städte  nicht
über-,  sondern  unterschätzt,  wird  sich  in  die  angedeuteten  Anschauungen ­
  nicht  hineindichten  lassen,  und  die  einzige  Gemeinsamkeit ­
  dieser  und  anderer  Auffassungsarten  besteht  dann,  die
Trennung  der  Bevölkerung  für  ein  Hinderniss  der  Vereinigung
und  Ivraftentfaltung  anzusehen.  In  diesem  Punkte  sind  die
Schriftsteller  dos  Mercantilsystems  überhaupt  nicht  so  beschränkt, ­
  als  die  Malthiisisch  gestörten  und  verkehrten  Anwandlungen ­
  der  letzten  Me  ns  dien  alter.  Doch  lassen  wir  es  ei
dieser  einfachen  Bemerkung  bewenden,  da  die  Illusion  einer
Malthiisisch  haltbaren  Bevölkerungstheorie  schon  im  Yerschwin
den  begriffen  ist.  Wie  sehr  Petty  selbst  von  der  Machtsteigerung
  durch  das  nähere  Zusammenwohnen  überzeugt  gewesen
sei,  beweist  seine  unter  der  Gestalt  einer  Traumfiction  ein^e
führte  und  erörterte  V  oraussetzung,  dass  sich  die  ganze  ri^
Bevölkerung  auf  Englischen  Boden  verpflanzt  finde.  Man
merkt,  dass  ihm  diese  Vorstellung  mehr  als  ein  blosses  bpiei
war,  und  seine  Erinnerung  an  Descartes  und  dessen
rischen  Traumstandpunkt  soll  nur  eine  Rechtfertigung  r  le
Kühnheit  seiner  Conception  sein.
Dio  Bevölkerung  erlaubt,  wie  die  kntischo  Oekonom
beute  sowohl  aus  innern  Gründen  als  auch  durch  äussere  Thatsachen
  ausser  Zweifel  setzt,  jo  nach  der  dichteren  oder  dünneren
Gestaltung  allgemeine  Schlüsse  auf  eine  grössere  oder  gering
Hölle  der  verschiedenen  Einkünftearten  und  zwar  ganz  besonders ­
  der  Grundrente.  Nun  hat  Petty  emo  unvollkon^ene  Anüäliorung
  an  derartige  Gedanken;  doch  zeigt  seine  c
tmd  seine  Torstclliing  von  einer  hier  in  Frage  kommenden
Honte,  dass  sich  ihm  die  Begriffe,  hei  solchen  ,
das  critwiokeliide  Denken,  denn  doch  cimgermaassen
ünd  verwirrten.  Allerdings  macht  es  sich  ganz  anne  ,
wenn  er  sich  das  Land  erst  mit  einem  Menschen,  d™n
zwei,  drei  u.  s.  w.  in  Verbindung  denkt.  Diese  werden  ernahit,
        <pb n="78" />
        62

und  hiemit  vervielfacht  sich  nach  seiner  Vorstellungsart  auch
das,  was  er  in  diesem  Zusammenhang  (Essays  8.  148)  auch
schon  bei  einem  einzigen  vorhandenen  Menschen  Rente  nennt.
Allein  die  Schlussfolge  von  historischen  Berichterstattern,  dass
Petty  hier  kurzweg  die  Rente,  wie  wir  dieselbe  verstehen,  mit
der  Bevölkerungsdichtigkeit  steigen  lasse,  beruht  auf  einem
Mangel  an  Unterscheidungsvermögen  und  erzeugt  eine  geschichtlich ­
  ganz  falsche  Voraussetzung.  Die  von  dem  Boden  ausgehende ­
  Ernährung  einer  Menschenmasso  oder,  mit  andern
Worten,  dessen  Nahrungsleistung  drückt  sich  zwar  bei  grösseren
Bezirken  einigermaassen  in  der  Volkszahl  aus,  ist  aber  nicht
im  Mindesten  mit  der  Rente,  d.  h.  mit  den  Einkünften  des
Eigenthümers  zusammenfallend,  welcher  im  Gegensatz  zum
Pächter  oder  zu  den  Arbeitern  einen  eigenthümlichen  socialen
Gewinn  erzielt.  Wer  aber  auch  noch  nicht  bis  zu  diesem
Punkto  unterscheiden  wollte,  müsste  denn  doch,  wenn  er  nur
etwas  subtiler  dächte,  gewahr  werden,  dass  die  Rente  unter
allen  Umständen  mindestens  soweit  abgegrenzt  und  unterschieden ­
  werden  müsse,  als  es  schon  der  Geschäftsverkehr  selbst
fast  jederzeit  bei  einiger  Entwicklung  der  Verhältnisse  gethan
hat.  Uebrigens  ist  es  aber  auch  bei  Petty  ein  Grundfehler,
einseitig  von  der  Ernährung  auszugehen  und  die  Rücksicht  auf
die  Arbeit  und  sogar  auf  die  Arbeitszeit  als  Werthmaass,  wovon ­
  sich  bei  ihm  an  andern  Orten  unvollkommene  Spuren
vorfinden,  hier  auf  sich  beruhen  zu  lassen  und  für  beide  Gesichtspunkte ­
  nicht  einmal  an  einen  möglichen  Widerspruch
oder  eine  Ausgleichung  zu  denken.
7.  Die  Vorstellungen  von  der  Arbeitstheilung  sind  das,
wonach  man  in  neuster  Zeit  sich  regelmässig  umzusehen  pfiegto,'
wenn  man  ältere  Schriftsteller  vor  sich  hatte.  Nun  ist  schon
früher  bemerkt  worden,  dass  die  ganz  gewöhnlichen  Gedanken
hierüber  in  den  verschiedensten  Zeitaltern  und  an  den  verschiedensten ­
  Orten  entstehen  mussten,  und  dass  man,  um  einen
Fortschritt  in  dieser  Beziehuug  festzustellen,  weit  mehr  antroffon
  muss  als  Anschauungen,  die  nicht  viel  über  die  auf  der
Hand  liegende  Thatsacho  der  Verzweigung  der  Borufsarten  und
der  Theilung  der  Verrichtungen  hinausreichen.  Bei  Petty  ist
nun  (im  Hinblick  auf  die  Stelle  S.  113  der  Essays)  keine  Veranlassung ­
  vorhanden,  ihm  eine  besondere  Erkonntniss  der  fraglichen ­
  Wirkungen  zuzuschreiben.  Seine  Auslassungen  besagen
        <pb n="79" />
        G3

genau  betrachtet  nichts  weiter,  als  dass  eine  Theilung  bestehe
und  dass  sie  förderlich  sei.  Auch  seine  sonstigen  Beispiele
sind  nichts  als  erläuternde  Bilder  der  thatsächlichen  Functionentheilung.
  Die  Hauptsache,  welche  in  der  zergliedernden  Untersuchung ­
  der  Ursachen  der  Förderlichkeit  und  in  der  Bestininaung
  der  Grenzen  besteht,  kommt  nicht  einmal  in  Frage.
Wenn  irgendwo,  so  zeigt  es  sich  hier,  dass  Jemand  über  die
Fortschritte  eines  Wissenszweiges  keinen  Bericht  geben  kann,
wenn  ihm  die  leitenden  Gesichtspunkte  des  gegenwärtigen  Inhalts ­
  und  Bestandes  der  Wissenschaft  fehlen.  Im  letzteren

Falle  werden  die  entferntesten  Aehnlichkeiten  mit  den  erst
später  vorhandenen  Einsichten  für  diese  Einsichten  selbst  angesehen, ­
  und  von  einer  eigentlichen  Wissensgeschichte  kann  bei
einem  solchen  Verfahren  gar  nichts  zum  Vorschein  kommen.
Dieses  Sachverhalts  muss  man  noch  besonders  eingedenk
hleibcn,  wenn  man  sich  denjenigen  Ideen  Pettys  gegenübersieht, ­
  welche  in  einer  ganz  andern  Richtung  den  meisten  Schein
öiner  bewussten  gründlicheren  Vorstellungsart  für  sich  haben.
Fs  sind  dies  seine  gelegentlichen  Bemerkungen  über  die  Herstellung ­
  einer  Werthbeziehung  zwischen  Land  und  Arbeit.  Er
nennt  diese  Aufgabe  (S.  G3  der  Anatomie  von  Irland,  2.  Ausg.
17I9)  die  wichtigste  in  der  politischen  Oekonomie,  aber  er  ver
fällt  mit  seinen  Anschauungen  sofort  in  den  Fundamentalfehler,
den  wir  schon  oben  bei  seinem  Begriff  einer  mit  dem  Ertrage
fast  gleichbedeutenden  Rente  kennen  gelernt  haben.  Die  Eruährungscapacität
  des  Bodens  ist  wiederum  sein  Ausgangspunkt,
lind  dio  durchschnittliche  Tagesnahrung  eines  Menschen  wird
von  ihm  ausdrücklich  als  ein  Werthmaass  hingestellt,  welches
gloicherweise  für  Land  und  Arbeit  entscheiden  musse.  Ja  ei
WilioBBt  sogar  die  Arbeit  selbst  zu  Gunsten  seiner  Schätzungsart
  aus  und  glaubt,  indem  er  thatsächlich  auf  den  denkbar
weitesten  Abweg  geräth,  noch  obenoin,  dass  er  Jer  Ab-Weisung
  der  Arbeit  als  eines  Ausgangspunktes  der  Werthbe-^timmung
  einen  Irrthum  berichtige.
Uebrigens  darf  man  sich  durch  die  eben  erwä  nten  o
Btollungcn  Pettys  nicht  zu  der  Annahme  verleiten  lassen,  dass
î&amp;gt;ci  ihm  selbst  die  Begriffe  so  ungemischt  hervortreten,  wie  sie
in  der  abgekürzten  Wiedergabe  erscheinen.  ätte  er
schärfer  gedacht,  so  würde  es  gar  nicht  möglich  sein,
an  andern  Orten  Spuren  einer  entgegengesetzten  Auffassung
        <pb n="80" />
        G4

vorfändon,  an  welche  schon  vorher  erinnert  worden  ist.  Das
Schlusserg-ebniss  unseres  Eingehens  auf  die  Einzelheiten  ist
also  die  Bestärkung  der  Thatsache,  dass  Petty  zwar  vermöge
seiner  quantitativ  bestimmter  gestalteten  Anschauungen  sehr
vielen  Erkenntnissen  näher  kommen  musste  als  diejenigen,
welchen  dieser  natürliche  Zwang  zur  bessern  Orientirung  fern
blieb;  —  dass  er  aber  dessenungeachtet  in  der  Richtung  auf
Volkswirthschaftliche  Theorie  nur  halbe  und  flüchtige  Gedanken
aufzuweisen  hat,  die  grade  nach  der  feineren  Seite  einander
widersprechen  und  mithin  kaum  als  Versuche  gelten  können.
Was  dagegen  den  eigentlichen  Gegenstand  seiner  Arbeiten,
nämlich  eine  Art  statistischer  Inventarisirung  betrifft,  so  ist
die  Bcurtheilung  des  materiellen  Werthes  dieser  Hauptseito
seiner  Leistungen  eine  Sache,  die  nicht  in  den  Zusammenhang
unserer  Geschichte  gehört.
8.  tJeber  Locke  braucht  im  Allgemeinen  hier  nicht  viel
gesagt  zu  werden,  da  sein  Bild  wesentlich  der  Geschichte  der
Philosophie  angchört.  Eür  die  Volkswirthschaftslehre  kommt
er  nur  mit  Nebenbeschäftigungen  in  Frage.  Die  wichtigste  Idee
oder  vielmehr  die  erheblichste  Annäherung  an  einen  später  in
anderer  Gestalt  sehr  einflussreich  gewordenen  Gedanken  findet
sich  in  seiner  Schrift  über  bürgerliche  Regierung  unter  dem
Capitel  vom  Eigenthum  eingestreut.  Was  er  sonst  in  Abhandlungen ­
  über  Zins  und  Münze  schrieb,  tritt  nicht  aus  dem
Rahmen  der  Reflexionen  heraus,  wie  sie  unter  der  Herrschaft
des  Mercantilismus  in  Anlehnung  an  die  Vorkommnisse  des
Staatslebens  üblich  waren.  TJeber  die  Freiheit  des  Zinsfusses
hatte  mancher  Geschäftsmann  ähnlich  gedacht,  und  auch  die
Entwicklung  der  Verhältnisse  brachte  die  Neigung  mit  sich,
die  Zinshemmungen  als  unwirksam  zu  betrachten.  In  einer
Zeit,  wo  ein  Dudley  North  seine  Discourses  upon  trade  (1691)
in  dor  Richtung  auf  Freihandel  schreiben  konnte,  musste  bereits ­
  Vieles  gleichsam  in  der  Luit  liegen,  was  die  theoretische
Opposition  gegen  Zinsheschränkungen  nicht  als  etwas  Unerhörtes ­
  erscheinen  liess.  Zwar  hatte  der  eben  genannte  Händler,
ein  niedriges  Werkzeug  der  richterlichen  Reactionsvcrfolgungen,
für  seine  aus  den  Geschäften  von  Oonstantinopel  und  Smyrna
her  erworbenen  Grundsätze  keinen  Beifall  zu  finden  vermocht, ­
  und  es  fiel  in  unserm  Jahrhundert  dem  Neubrittischen
Freihandel  anheim,  jene  verschollene,  ja  fast  verlorne  Schrift
        <pb n="81" />
        65

^ißder  zugänglich  zu  machen.  Indessen  darf  man  sich,  ungeachtet ­
  des  grade  mit  der  ßevolution  entwickelten  Schutzpiin-Gips,
  die  Zustände  doch  nicht  so  denken,  als  wenn  sie  den  auf
Freimachung  anderer  wirthschaftlicher  Verhältnisse  gerichteten
Herstellungsarten  nicht  schon  günstig  gewesen  wären.  Die
Darlegung  der  Gründe  für  die  (nicht  einmal  ausnahmslos  geforderte) ­
  Zinsfreiheit  ist  daher  bei  Locke  nichts  Ueberraschendes,
  worauf  die  Geschichte  ganz  besondern  Werth  zu  legen
hätte.  Auch  eine  blosse  wenn  auch  rationellere  Befassung  mit
Münzfragen  ist  noch  kein  Umstand,  der  an  sich  und  abgesehen
von  den  wichtigeren  Hülfsvorstellungen  zu  eigentlich  volkswirthschaftlichen
  Ideen  zu  führen  pflegt.  Dennoch  müssen  wir
grade  bei  Locke  ein  paar  Einzelheiten  aus  seinen  kleinen
Schriften  über  Zins  und  Münze  berühren,  um  zu  zeigen,  dass
auch  er  sich  der  mercantilen  Anschauungsweise  keineswegs
entzog,  wie  man  dies  allzu  voreilig  und  ohne  Verstäiidniss  fur
den  Geist  seiner  Arbeiten  behauptet  hat.
Zunächst  wollen  wir  jedoch  jene  Idee  betrachten,  auf  le
schon  oben  hingewiesen  wurde,  und  die  sich  mit  ziemlic  ei
Klarheit,  wenn  auch  mit  wenig  Gonsequenz,  in  einem  natuirechtlichen
  Zusammenhang  (im  Essay  on  civil  goveinmcnt,
1689,  Werke  Bd.  V  1812,  S.  361)  vorfindet  und  dort  die  Rolle
eines  sich  aufdrängenden,  aber  kaum  halb  gewürdigten  Gedankens ­
  spielt.  Wenn  wir  den  Begründer  des  psychologischen
Ideenkriticismus  hier  auf  einem  andern  Gebiet  nicht  ungeschickt ­
  und  nicht  ohne  einigen  Erfolg  vergehen  sehen,  so  ist
dieses  Ergebniss  zu  einem,  grossen  Theil  auf  da^  Maass
Denkvirtuosität  zurüokzuführen,  welches  bei  dem  VerWser  des
.Versuchs  überden  menschlichen  Verstand"  in  keiner  Richung
gdnzlicli  ohne  Wirkungen  bleiben  konnte.  Von  besondeim
Interesse  ist  die  Entwicklung  der  wirthschaftlichen  Vorstellung,
mn  die  es  sich  handelt,  aus  demBedürfniss  einer  naturrechtlichen
Kogründung  des  Eigenthums.  Es  ist  die  Arbeit,  die  auch  schon
von  Locke  als  Rechtfertigungsgrund  des  Eigcnthums  in  .  nrrr.fr
  ä
''wauf  anzusehen,  inwiefern  die  Arbeit  an  ihnen  theilhabo  In
Interesse  seines  Arbeitsprincips,  als  des  vorausgesc  z  on
ÄTcr:  £  =r.:r.;.::r=Otihring,
  Geschichte  der  Nationalökonomie.  2.  Auflage.
        <pb n="82" />
        66  —

darunter  auch  derjenige  der  Ländereien  fast  vollständig  auf  Arbeit
zurückführen  lasse.  Es  seien  des  Werths  der  Bodenerzeugnisse ­
  auf  die  Arbeit  zu  verrechnen;  nehme  man  aber  die  Dinge,
wie  man  sie  schliesslich  verbrauche,  so  seien  auf  die  Arbeit ­
  und  nicht  auf  die  Natur  zurückzuführen.  Weiterhin
(S.  363)  heisst  es  sogar  „die  Natur  und  Erde  lieferten  nur  die
fast  werthlosen  Materialien”.  Wer  mit  der  kritischen  Oekonomie
  bekannt  ist,  weiss,  dass  es  jene  fehlenden  Zehntel
und  Hundertel  und  die  unentschiedenen  sich  durch  das  Wörtchen ­
  „fast”  verrathenden  Yorstellungsartoii  sind,  in  welchen  die
Unsicherheit  und  Inconsequenz  der  Auffassung  gegenwärtig
klar  genug  erkennbar  dasteht.  Offenbar  streifte  das  Vorstellungsspiel ­
  in  diesem  Fall  nahe  genug  an  den  neuerdings  aufgestellten ­
  und  so  berühmt  gewordenen  Careyschen  Satz,  dass
die  Natur  überhaupt  und  im  strengsten  Sinn  an  der  Wertherzeugung ­
  gar  keinen  Theil  habe,  sondern  als  unentgeltliche  Productionsvoraussetzung
  betrachtet  werden  müsse.  An  welche
Auskunft  man  aber  auch  "denken  möge,  so  musste  doch  unter
allen  Umständen  jene  Lockesehe  Gestalt  der  Vorstellung  einem
Jeden  als  unbefriedigend  erscheinen,  der  überhaupt  sein  vernehmliches ­
  Augenmerk  auf  den  Ursprung  des  Werthes  der
Dinge  unmittelbar  und  ernstlich  richtete.  Locke  selbst  aber
war  offenbar  nur  gelegentlich  auf  Vorstellungen  gekommen,
die  in  dieser  nachlässigen  Form  noch  kaum  als  Theorien  bezeichnet ­
  werden  können.  Wenn  daher  diese  Gedanken  mit
alledem,  was  später  den  Schwerpunkt  der  weiteren  Ideenentwicklung ­
  bildete,  äusserlich  Zusammentreffen,  so  liegt  hierin
nur  ein  Zeugniss  dafür,  dass  die  Regungen  in  dom  Anschauungskreis ­
  des  Philosophen  eine  Tendenz  zum  Richtigen  fast  unwillkürlich ­
  einschlugen.  Es  ist  aber  hiemit  durchaus  nicht  bewiesen, ­
  dass  jene  halbfertigen  Gebilde,  die  selbst  noch  nicht
wussten,  was  sie  eigentlich  genau  sein  sollten,  als  Resultate
und  Theorien  eine  erhebliche  Bedeutung  in  Anspruch  nehmen
könnten.  Auch  sieht  man  sich  nach  ernstlichen  Gonsequenzen
an  andern  Orten  vergebens  um.  Streng  genommen  ist  es  mithin
nur  die  neuere  Volkswirthschaftslehre  gewesen,  die  dazu  veranlasst ­
  hat,  bei  Locke  nach  einem  Spiegelbild  ihrer  eignen
leitenden  Vorstellung  zu  suchen.
9.  Ueber  Lockes  Mercantilismus  kann  nicht  der  mindeste
Zweifel  bestehen  bleiben,  sobald  man  sich  nicht  durch  gänzlich
        <pb n="83" />
        67

ÍAolirte  Redewendungen  muschen  lässt.  Einige  entscheidende
Stellen  genügen  vollkommen,  um  eine  ganz  unzweideutige
llechonscliaft  zu  geben.  Der  Sachverhalt  ist  in  dieser  Richtung ­
  um  so  wichtiger,  als  man  sonst  geneigt  sein  könnte,  die
Kultur  der  volkswirthscbaftliclien  Ideen  in  England  ebenso  von
derjenigen  des  Festlandes  sondern  zu  wollen,  wie  dies  für  die
tjcschichte  der  Philosophie  nothwendig  ist.  Alsdann  würde
man  die  geistig'en  Vorgänge  auf  der  Insel  in  Rücksicht  auf  die
Ausbildung  einer  Volkswirthschaftslehre  als  eine  verhältnissmässig
  isolirte  Gruppe  von  Thatsachen  und  Gedanken  anzusehen ­
  und  den  dortigen  Theorien  eine  von  vornherein  überiegene
  Rolle  zuzuschreiben  haben.  Hiezu  ist  indessen  keineswegs ­
  dasselbe  Maass  von  Gründen  vorhanden,  wie  im  Gebiet
der  Philosophie.  Es  giebt  hier  keinen  wirthschaftlichen  Begriffskriticismus,
  der  dom  philosophischen  Vorgehen  eines  Locke
entsprochen  und  hinterher,  nach  einer  Schottischen  Verfeineimng,
  in  Deutschland  seine  tiefer  denkenden  Fortsetzer  gefunden
hätte.  Nur  soviel  ist  allerdings  als  gemeinsam  anzuerkennen,
dass  die  Ausbildung  einer  Volks  wirthschaftslehre  in  England
nachher  da  am  besten  gelungen  ist,  wo  sich  die  Philosophie
‘tm  entschiedensten  gefördert  fand.  Wir  werden  später  sehen,
wie  in  Hume  beide  Gebiete  ihre  tiefsten  Wurzeln  geschlagen
haben,  und  wie  innerhalb  des  gleichartigen  und  zum  Theil  gemeinsamen ­
  Gedankenkreises  Adam  Smith  die  Kraft  schöpfte,
sein  epochemachendes  Werk  abzufassen.
Hätte  Locke  etwa  ebenso  dem  Ursprung  wirthschaftlicher
ßegrilfo  nachgeforscht,  wie  er  dies  bezüglich  der  metaphysischen
^üd  philosophischen  Vorstellungen  gethan  hatte,  so  winden
wir  schwerlich  in  der  Nothwendigkeit  sein,  die  mercantile  Richtung ­
  seines  Gedankenlaufs  festzustellen.  In  dieser  Beziehung
erhob  er  sich  nämlich  sowenig  über  die  vorherrschenden  Ideen,
(lass  er  sogar  bessere  Einwendungen  nicht  zu  würdigen  wusste.
Letzteres  zeigt  sich  z.  B.  in  einer  Stolle  über  die  Handelshilauz
  (Betrachtungen  über  Zinserniedrigung  etc.,  im  angeführten ­
  Bd.  V  S.  17)i  Dort  enthält  der  von  ihm  abgedruckte
Gegenein  wand,  es  werde  schliesslich  meist  in  Gütern  gezahlt,
und  das  Gold  werde  dann  im  Lande  nicht  verringert,  bereits
eine  Andeutung  der  späteren  Theorie,  und  wenn  man  auch  vom
ueusten  Standpunkt  aus  sogar  die  schliessliche  Smithsche  Fassung ­
  selbst  für  einseitig  erachten  muss,  so  war  doch  Alles,  was  auf
5»
        <pb n="84" />
        '—  68

dieselbe  hinarbeitete,  als  Fortschritt  zu  betrachten.  Nun  verkannte ­
  aber  Locke  den  bessern  Bestandthcil  der  gegnerischen
Anführung  bis  zu  dem  Punkte,  dass  er  sich  sogar  zu  einer
höchst  zuversichtlichen  und  verächtlichen  Ausdrucks  weise  bewogen ­
  fand.  Hiebei  tritt  es  in  seinem  Gedanken  mit  mehr  als
hinreichender  Deutlichkeit  hervor,  dass  er  in  der  gröbsten  Weise
dem  Leitfaden  der  edlen  Metalle  folgt  und  sich  gar  nicht  vorzustellen ­
  vermag,  wie  zwischenWerthsummo  und  Geld  cinUntcrschied
  bestehen  könne.  Seine  Idee  von  der  Bilanz  ist  nämlich
die  ganz  gewöhnlich  mercantilistische,  derzufolgo  zwischen  den
Ländern  alle  Ausgleichungen  des  Werthuntersehiedos  zwischen
Einfuhr  und  Ausfuhr  unbedingt  und  ausschliesslich  in  edlen
Metallen  erfolgen  müssen.  Wie  er  sich  aber  auch  den  lleichthum
  noch  ernstlich  mercantilistisch  vorstellt,  zeigt  folgender
Satz  derselben  Abhandlung  (S.  13);  „Reichthümer  bestehen
nicht  darin,  mehr  Gold  und  Silber  zu  haben,  sondern  darin,
davon  im  Verhältniss  zu  der  übrigen  Welt  oder  unsern  Nachbarn ­
  mehr  zu  haben.”  Die  Aufspeicherung  der  edlen  Metalle
soll,  wie  der  weitere  Zusammenhang  noch  ausdrücklich  bestätigt,
ein  Volk  in  den  Stand  setzen,  sein  Hebergewicht  über  die  andern ­
  weniger  versehenen  Nationen  geltend  zu  machen  und  sich
ein  grösseres  Maass  von  Bequemlichkeiten  zu  verschaffen.  Heberhaupt ­
  kennt  Locke  nur  zwei  Wege  der  Bereicherung  vermittelst ­
  der  edlen  Metalle,  nämlich  Eroberung  und  Tribut  einerseits ­
  und  Handel  andererseits.  Indem  er  den  ersteren  von
seinem  philosophischen  Standpunkt  aus  verwirft,  bleibt  ihm  nur
eine  ziemlich  grobe  Gestalt  der  mercantilistischen  Anschauungsweise ­
  übrig.  Der  wörtliche  Ausdruck  jenes  Gedankens  (auf
der  zuletzt  angeführten  Seite)  ist  entscheidend  :  „In  einem
Lande  ohne  Bergwerke  giebt  es  zum  Rciehthum  nur  zwei  Wege,
Eroberung  oder  Handel”.  Wer  hienach  noch  daran  zweifeln
sollte,  dass  Lockes  wirthschaftlicho  Erörterungen  in  den  maassgebenden ­
  Hauptpunkten  den  vorwiegenden  Meinungen  folgten
und  in  dieser  Beziehung  keine  Originalität  in  Anspruch  zu
nehmen  haben,  wird  wohlthun,  sich  mit  dem  Wesen  des  Morcantilismus
  strenger  vertraut  zu  machen  und  dann  zu  unterscheiden, ­
  wo  die  gröberen  und  die  feineren  Artungen  dieses
Vorstellungskreises  zu  suchen  sind.  Unseres  Erachtens  hat
zwar  Locke  den  Vortheil  einer  ziemlich  klaren  Ausdrucksweiso
und  eines  meist  gesunden  Verständnisses  der  Verhältnisse  für
        <pb n="85" />
        69  —

í^ich,  so  lange  os  sich  um  nicht  viel  mehr  als  um  die  Anwendung
der  im  Verkehr  bereits  herrschenden  oder  nahegelegten  Ideen
handelt.  Uebrigens  bleibt  er  aber  sachlich  meist  weit  mehr
befangen,  als  seine  Kenntniss  der  Thatsachen  rechtfertigt,  und
wo  er  einmal  einen  glücklicheren  Streifzug  des  Gedankens  unternimmt, ­
  da  ist  es,  wie  wir  gesehen  haben,  das  Naturrecht
oder  die  allgemeine  politische  Erörterung  gewesen,  was  ihn
auf  die  Spur,  aber  auch  nur  auf  die  Spur  einer  erheblicheren
ökonomischen  Einsicht  geleitet  hat.
10.  Indem  wir  von  den  Engländern  zu  den  Franzosen  übergehen, ­
  deren  zwei  Hauptschriftsteller  sich  auch  der  Zeit  nach
eng  anschliessen,  betreten  wir  ein  Gebiet,  in  welchem  die  Verallgemeinerungen ­
  der  Ideen  eine  weit  erheblichere  Rolle  spielen.
Es  scheint  fast,  als  wenn  der  Boden  Frankreichs  den  mehr
schematischen  und  systematischen  Vorstellungsarten  ungleich
günstiger  wäre,  als  das  Gestrüpp  der  specifisch  Englischen,
von  der  Schottischen  unterschiedenen  Art  und  Weise.  Die
bewegliche  Abstraction  sowie  ein  gewisses  Maass  von  leichtem
Ueberblick  lassen  sich  bei  den  Französischen  Erzeugnissen  nie
verkennen,  und  Boisguillebert  ist  hiefür  ein  derartig  hervorragendes ­
  Beispiel,  dass  man  von  ihm  behaupten  kann,  er  vertrete ­
  unter  den  sämmtlichen  zu  jener  Zeit  in  Frage  kommenden
Autoren  die  Idee  von  einer  Art  universellem  Zusammenhang
der  wirthschaftlichen  Erscheinungen,  Hierauf  haben  seine
Landsleute  neuerdings  mitunter  soviel  Werth  gelegt,  dass  sie
versucht  worden  sind,  die  Hauptsätze  der  neuern  Oekonomie
bei  ihm  wenigstens  im  Keime  nachzuweisen.  Wie  günstig  man
ihn  aber  auch  beurtheilen  möge,  so  ist  es  bei  unbefangener
Prüfung  ganz  unmöglich,  mehr  als  eine  einzige  wesentliche
Idee  von  einiger  Tragweite  zu  constatiren.  Diese  Idee  liegt
aber  noch  nicht  einmal  auf  dem  Wege,  den  die  Französischen
Anhänger  der  Neubrittischen  Richtung  zu  wandeln  %)üegen.  Sie
erhobt  sich  vielmehr,  wenn  auch  in  einer  noch  unentwickelten
Gestalt,  bedeutend  über  jenes  Niveau  und  kann  ihre  volle  Würdigung ­
  nur  vom  neusten  Standpunkt  der  Volkswirthschaftslehre
erwarten.  Ehe  wir  jedoch  auf  diesen  treibenden  Grundgedanken ­
  eingehen,  müssen  wir  ein  wenig  nach  dem  Manne  fragen,
von  dom  diese  Idee  so  lebhaft  erfasst  wurde.
Boisguillebert  und  Vauban  sind  zwei  Persönlichkeiten,  die
darauf  Anspruch  haben,  dass  man  bei  der  Kennzeichnung  ihrer
        <pb n="86" />
        70

Leistungen  ihre  Charakterhaltung  und  Lebensstellung  nicht  :
übergehe.  Beide  waren  Männer  von  grossem  persönlichen  \
Freimuth  und  Unabhängigkeitssinn,  Beide  waren  Männer  der  1
Praxis  und  schrieben  nicht  berufsmässig,  sondern  cin/dg  und  j
allein  in  Folge  der  Anregung,  die  sie  in  der  von  ihnen  he-  ]
dauerten  Lage  des  Landes  gefunden  hatten.  Der  eine  von
ihnen,  der  ehrliche  Vauban,  wurde  ganz  offenbar  von  seiner
A/aterlandsliebe  und  seinem  Gerechtigkeitssinn  geleitet.  Der  ’
andere,  von  dem  wir  zunächst  eingehender  zu  sprechen  haben,
hatte  zwar  schon  früh  ein  paar  schriftstellerische  Versuche  in  ;
einer  leichteren  Gattung  gemacht,  kann  aber  dennoch  nicht  als
Jemand  betrachtet  werden,  den  bei  seinen  ernstlichen  finanziellen ­
  Arbeiten  die  Eitelkeit  der  Schaustellung  schriftstcllo-  •
rischer  Vorzüge  geleitet  hätte.  Sein  Ziel  war  die  ¡iraktischc
Einwirkung  auf  das  Schicksal  des  Landes  durch  unmittelbare
Umgestaltung  der  finanziellen  Begierungsgrundsätzo.  Er  glaubte
trotz  der  vier  Auflagen  seiner  ersten  Hauptschrift  und  ungeachtet ­
  des  Beifalls,  den  seine  weiteren  Arbeiten  bei  dem  ;
Publicum  fanden,  dennoch  nichts  ge  than  zu  haben,  weil  seine  ;
Ideen  nicht  zur  unmittelbaren  Verwirklichung  gelangten.  Er  ■
setzte  sich  in  der  Führung  seiner  Sache  erheblichen  Vexationen
und  Verfolgungen  aus,  die  ihn  um  so  leichter  erreichten,  als  i
seine  amtliche  Stellung  in  Rouen  durch  mannichfaltige  Chicanen  ¡
dazu  benutzt  werden  konnte,  ihn  von  der  ökonomischen  Seite
zu  treffen.  Die  mehrmalige  Wiedorerkaufung  des  Rechts  zu  dieser
Stelle  wurde  ihm  durch  die  allgemeinen  fiscalischen  Maass-  '
regeln,  jedoch  seiner  Person  gegenüber  noch  unter  maliciöser
Hinweisung  auf  seine  finanziellen  Reformpläne  aufgenöthigt,
und  dem  Schlimmem  entging  er  schliesslich  auch  nicht.  Soviel ­
  man  von  seinem  zum  Theil  ziemlich  unbekannt  gebliebenen
Leben  (1646—1714)  weiss,  so  hat  er  seinen  Posten,  dessen
Functionen  in  der  leitenden  Ausübung  eines  Gemisches  von
Justiz  und  Polizei  bestanden,  und  auf  diese  Weise  einen  entscheidenden ­
  Einfluss  auf  das  Schicksal  der  Stadt  übten,  mit
der  grössten  Gewissenhaftigkeit  und  Geschäftstüchtigkeit  ausgefüllt.
  Es  ist  daher  bei  der  Leetüre  seiner  lebendig  und  gewandt ­
  geschriebenen  Arbeiten  nicht  zu  vergessen,  dass  der  Verfasser ­
  derselben  vom  Standpunkt  einer  praktischen  Stellung
und  überdies  im  Hinblick  auf  Erfahrungen  schrieb,  die  er  sich
auch  in  der  eignen,  nach  der  Seite  des  Ackerbaus  und  Handels  ^
I
;
        <pb n="87" />
        —  7l  —
dirigirten  Privatwirthschaft  erworben  hatte.  Die  ökonomischen
Pbicanen  und  der  Umstand,  dass  er  überhaupt  von  verfehlten
Maassregeln  der  Regierung  ernstlich  zu  leiden  gehabt  hatte,
lüögen  seiner  Sprache  hier  und  da  eine  besondere  Erregtheit
ürtheilt  haben.  Indessen  sieht  man  dennoch  deutlich  genug,
dass  die  Ideen  selbst,  die  er  vor  Augen  hat,  das  eigentliche
Lebenselement  seiner  Wärme  und  Leidenschaft  bilden.  Man
bat  in  ihm  einen  Schriftsteller  vor  sich,  der  mit  einem  praktischen ­
  Ausgangspunkt  und  vielen  verhältnissmässig  klaren
Anschauungen  eine  edle  Begeisterung  für  gerechte  Rücksichtnahme ­
  des  Menschen  auf  den  Menschen  und  sogar  für  Ideen
verbindet,  bei  deren  Ausdruck  die  Kühnheiten  der  Paradoxie
und  die  Mächte  des  Affects  eine  Rolle  spielen.
Seine  Schwächen  sind  die  ziemlich  natürlichen  Begleiter
der  letzterwähnten  Vorzüge.  Er  dachte  zu  sanguinisch  an  die
Möglichkeit,  seinen  Gesichtspunkten  bei  Ministern  Eingang  zu
verschaffen.  Die,  wenn  nicht  wahre,  so  doch  nicht  schlecht
eifundene  Anekdote,  welche  der  Herzog  von  St.  Simon  über
die  Audienz  oder  vielmehr  Nichtaudienz  unseres  Finanzreformers ­
  bei  Pontchartrain  erzählt,  ist  ein  Zeugniss  für  jene  Sinnesart. ­
  Boisguillebert  begann  nämlich  mit  der  dem  fraglichen
Herrn  gegenüber  allzu  naiven  Erklärung,  derselbe  würde  ihn
zuerst  für  einen  Narren  nehmen,  dann  sehen,  dass  er  Aufmerksamkeit ­
  verdiente,  und  schliesslich  mit  seinem  System  zufrieden
sein,  Pontchartrain  erwiderte  lachend,  er  halte  sich  an  den
ersten,  und  kehrte  ihm  den  Rücken.
Selbst  die  günstigste  Beurtheilung  kann  nicht  umhin,  bei
dieser  Gelegenheit  darauf  hinzu  weisen,  dass  Boisguilleberts
Phantasie  allerdings  die  Neigung  hatte,  die  Grenzen  des  Möglichen ­
  einigermaassen  kühn  hinauszuschieben.  Man  hat  ihm
namentlich  seine  allzu  viel  versprechenden  Büchertitel  zum
Vorwurf  gemacht,  und  man  kann  nicht  leugnen,  dass  dieselben
in  ihren  Erläuterungen  ein  wenig  an  die  Kunst  erinnern,  in
24  Stunden  Dinge  zu  leisten,  zu  denen  ein  Jahr  selbst  unter
den  günstigsten  Umständen  noch  eine  kurz  bemessene  Frist
wäre.  Dennoch  darf  man  nicht  voraussetzen,  dass  er  etwa  bei
seinen  Ankündigungen  nicht  mit  der  vollsten  Ueberzeugung
verfahren  sei.  Wenn  er  auf  dem  Titel  seiner  ersten  Hauptschrift, ­
  des  Détail  de  la  France  (zuerst  unter  Chiffre  1695,  dann
mit  dem  langen  Titelprogramm  1697)  und  zwar  in  einem  Alter
        <pb n="88" />
        72

von  ungefähr  50  Jahren  in  einem  Monat  alles  für  die  Finanzen
nöthige  Geld  und  die  Bereicherung  von  Jedermann  in  Aussicht
stellte,  so  war  dies  eben  nichts  als  eine  sehr  begreifliche  Illusion. ­
  Er  urtheilte  über  die  Möglichkeiten  nach  dem  innern
und  allgemeinen  Wesen  der  Sache,  wie  er  sich  dieselbe  unabhängig ­
  von  der  bcsondern  Beschaffenheit  der  Regierungsporsonen,
  der  Zustände  und  der  Menschen  seinen  Voraussetzungen
entsprechend  vorstellte.  Eine  derartige  Auffassung  ist  in  ariuern
  Gebieten  des  Wissens  und  Könnens  bei  den  berühmtesten
Persönlichkeiten  häutig  genug  vorgekommen,  und  wenn  sich
z.  B.  ein  Roger  Bacon  anheischig  machte,  die  ganze  zu  seiner
Zeit  bekannte  Mathematik  in  8  Tagen  beizubringen,  so  hat
man  sich  zu  hüten,  sofort  eine  gewöhnliche  Grosssprecherei
anzunehmen.  Auch  in  der  allerneusten  Zeit  haben  sich  sehr  berühmte ­
  Nationalökonomen  zur  Aeusserung  von  Vorstellungen  bewogen ­
  gefunden,  die  den  Perspectiven  Boisguilleberts  mindestens
gleichkamen.  Wir  dürfen  also  seine  Arbeiten  um  jener  Illusion
willen  nicht  in  den  übrigen  Beziehungen  herabsetzen.  Das
Einzige,  wozu  wir  gegründete  Veranlassung  haben,  ist  Vorsicht
gegen  die  anderweit  naheliegenden  Abirrungen  seiner  Imagination ­
  und  Leidenschaft,  und  hier  dürfte  besonders  die  in  den
Zahlenbestimmungen  unterlaufende  Poesie  nicht  zu  vergessen
sein.  Man  darf  ihm  dieselbe  jedoch  in  der  damaligen  Zeit  bei
dem  Mangel  einer  eigentlichen  Statistik  nicht  zu  hoch  anrechnen, ­
  zumal  ja  auch  der  in  dieser  Beziehung  nach  Zuverlässigkeit ­
  strebende  und  überhaupt  gediegen  und  gesetzt  verfahrende ­
  Vauban  mehrfach  zu  Angaben  gelangt  ist,  welche
heute  als  vollständige  Unmöglichkeiten  erkannt  werden.  Wenn
ausschweifende  Schätzungsangaben  dem  mit  unverkennbarer
Ruhe,  Festigkeit  und  Klarheit  denkenden  Ingenieur  und  zugleich ­
  dem  Manne  begegnen  konnten,  den  die  Franzosen  an  die
Spitze  der  Entstehungsgeschichte  der  Statistik  stellen,  so  wird
man  es  bei  dem  Lieutenant-General  von  Rouen  nicht  überraschend ­
  finden  dürfen,  dass  er  seine  von  bedeutenden  praktischen
Zielen  eingenommene  Phantasie  oft  genug  nicht  im  gehörigen
Gleichgewicht  erhalten  hat.  Die  Unbestimmtheit  der  Thatsachen,
aus  denen  er  seine  Schlüsse  zu  ziehen  hatte  und  für  welche  er  sich
allzu  sehr  auf  die  eignen  praktischen  Anschauungen  angewiesen
sah,  macht  das  Schweifen  der  Ideen  nur  zu  erklärlich.  Ja  die
eigne  Erfahrung  musste  hier  oft  irreleiten,  da  sie  sich  unmit-
        <pb n="89" />
        73

telbar  nur  auf  einen  kleineren  Kreis  bezog  und  leicht  die  Vorgänge ­
  in  einer  Provinz  zum  Maass  der  Schicksale  des  ganzen
Landes  machte.
11.  Die  eben  angedeutete,  sehr  natürliche  Einseitigkeit,
die  eine  Folge  des  provinziellen  Standpunkts  ist,  hat  jedoch
bei  Boisguillebert  nicht  blos  die  Irrthümer,  sondern  auch  die
besten  Früchte  erzeugt.  Seine  Ideen  über  die  Wohlthätigkeit
angemessen  hoher  Gretraidepreise  und  über  die  zerstörenden
Wirkungen  ihres  zu  grossen  Sinkens  sind  der  Stärke  der  Eindrücke ­
  zu  verdanken,  mit  welcher  sich  ihm  die  Folgen  der
Ausfuhrverbote  grade  in  seiner  Provinz  aufdrängten.  Aus  dei  -
selben  Quelle,  aus  welcher  jene  sich  zu  einer  Theorie  erweiternden ­
  Gedanken  flössen,  schreibt  sich  aber  auch  seine  leidenschaftliche ­
  Eingenommenheit  gegen  den  Colbertismus  her,  den
er  in  der  Hauptsache  nicht  verstand.  Er  musste  der  Gediegenheit ­
  der  Person  und  ihrem  unbestechlichen  Eifer  Gerechtigkeit
widerfahren  lassen;  aber  er  wird  nicht  müde,  das  Jahr  1660,
d.  h.  die  Einleitung  der  Colbertschen  Verwaltung,  als  den
Wendepunkt  zu  allem  Unglück  des  Landes  zu  bezeichnen.
Freilich  hat  er  nicht  blos  Colbert,  sondern  auch  das  vor
Augen,  was  dessen  Wirksamkeit  folgte.  Ja  überhaupt  war  das
System  des  eifrigen  Ministers  nur  insoweit  zur  Verwirklichung
gelangt,  als  es  sich  mit  der  sonstigen  Politik  Ludwigs  XIV
vereinigen  liess  und  durch  die  letztere  nicht  gekreuzt  oder  beschränkt ­
  wurde.  In  der  zunächst  interessirenden  îrago  hatte
allerdings  Boisguillebert  eine  von  Colbert  gutgeheissene  Maassregel ­
  im  Auge,  die  gegenwärtig  sogar  von  den  entschiedensten
Vertheidigern  der  sonstigen  Grundsätze  jenes  Ministers  als
Fehler  betrachtet  wird.  Die  Verhinderungen  der  Getraideausfuhr
  sollten  die  Nothstände  mildern,  welche  sich  an  die  schlechten ­
  Ernten  und  an  den  Mangel  von  Nahrungsmitteln  knüpften
und  häufig  genug  in  Zwischenräumen  von  wenigen  Jahren
wiederholten.  Das  Princip,  die  Nahrungsmittel  durch  Zurückhaltung ­
  ihrer  Ausfuhr  billiger  zu  machen,  musste  aber  zu  einem
ganz  anders  gearteten  Nothstand  führen,  der  die  Landwirthschaft
  und  die  ländliche  Bevölkerung  in  Folge  von  Absatzmangel ­
  heimsuchte.  In  der  Charakteristik  dieser  letzteren  Erscheinung ­
  hat  nun  unser  Autor  seine  Stärke.  Hier  zeigt  er
das  Unheil  der  Stauungen  des  Verkehrs  und  das  Elend,  von
welchem  die  Ackerbaubevölkerung  betroffen  wird,  wenn  die
        <pb n="90" />
        74

Preise  der  Bodcncrzeugnisse  die  Kosten  ihrer  Herstellung  nicht
mehr  decken.  An  die  Erkenntniss  dieser  Missverhältnisse
knüpft  sich  hei  ihm  aber  auch  jene  allgemeinere  Idee,  die
den  Schwerpunkt  seiner  theoretischen  Kräfte  bildet,  und  die,
wenn  man  nur  auf  das  ganz  Allgemeine  sieht,  allerdings  schon
eine  gewisse  Vorstellung  von  dem  vertritt,  was  man  in  neuster
Zeit  mit  den  Schlagworten  der  Harmonie  oder  Solidarität  der
Interessen  zu  bezeichnen  pflegt.  Indessen  sind  die  Mannichfaltigkeitcn
  im  Gebiet  dieser  Begriflb  so  gross,  dass  man  wohltlmt,
  wenn  man  sich  von  derartigen  Ausdrücken  unabhängig
macht  und  einfach  zusicht,  was  der  Schriftsteller  thatsächlich
gemeint  habe.  Die  Hineindichtungen  sind  in  diesem  Eelde  bedenklicher ­
  als  irgendwo,  und  man  leistet  weder  der  Vergangenheit ­
  noch  der  Gegenwart  einen  Dienst,  wenn  man  Ideen  für
einerlei  erklärt,  welche  zwar  Berührungspunkte  gemein  haben,
aber  in  ihrer  weiteren  Entwicklung  gewaltig  von  einander  abweichen. ­
  Weit  gefehlt,  dass  sich  derartige  Gedanken  irgend
einer  vagen  Allgemeinheit  wegen,  in  der  sie  sich  begegnen,
schon  decken  müssten,  befinden  sie  sich  vielmehr  oft  genug
mit  einander  in  Widerstreit,  und  die  erzwungene  Harmonisirung
  ist  am  wenigsten  bei  den  vielgestaltigen  Meinungen  angebracht, ­
  die  man  mit  dem  losen  Gewand  der  Interessenharmonie ­
  umhüllen  kann.
Die  Schriften  Boisguillcberts  haben  eine  Darlegung  des
Zustandes  Frankreichs  unter  dem  Einfluss  der  dem  Ackerbau
ungünstigen  Stcuerverhältnisse  und  Maassregeln  zum  Zweck.
Sie  sind  wesentlich  finanzieller  Natur,  und  die  eigentlich  volkswirthschaftlichen
  Gedanken  spielen  in  ihnen  nur  eine  Nebenrolle. ­
  Aus  diesem  Grunde  kann  ihnen  nur  die  eigentliche
b  inanzgeschichte  gehörig  gerecht  werden,  und  diesem  besondern
Zweige  müssen  wir  auch  die  Entscheidung  überlassen,  in  welchem ­
  Maass  die  Boisguillebertsche  Finanzkritik  und  Finanz-Opposition
  begrfSndet  gewesen  und  nach  welcher  Seite  sie  über
das  Ziel  hinausgegangen  sei.  Nur  eine  einzige  kleine  Schrift,
die  Abhandlung  über  die  Eeichthümer  (Dissertation  sur  les
richesses  etc.)  ist  abstracter  gehalten  und  sieht  ein  wenig  nach
allgemeinerer  Theorie  aus.  Doch  ist  es  fast  vollkommen  gleichgültig, ­
  wo  man  die  volkswirthschaftlichen  Hauptgedanken  unseres ­
  Autors  aufsucht;  denn  er  wiederholt  sie  in  allen  seinen
grösseren  und  kleineren  Arbeiten.  TJebrigens  ist  die  Abhand-
        <pb n="91" />
        hing  über  das  Getraido  (Traité  dos  gmins)  für  nnsern  Zweck
insofern  ausKuzeichnen,  als  vorzugsweise  in  ihr  das  Hauptniotn
der  wirthschaftlich  erheblichen  Ideen  hervortritt.  Ausser  dem
vorher  erwähnten  Détail  de  la  France  ist  etwa  10  Jahre  später
(jedenfalls  vor  1706)  noch  ein  anderes  Zustandsbild  als  ,,Factum
de  la  France"  erschienen,  welches  die  Veranlassung  wurde,  dass
der  Verfasser  harten  Verfolgungen  anheimfiel.  Die  Schreibart
ist  überall  von  Pedanterie  frei;  nur  wird  die  sonst  recht  gefällige ­
  und  noch  heute  einen  gewissen  Beiz  bietende  Lecture
dadurch  mehrfach  unmodern,  dass  biblische  Anfänge  nicht  selten
die  allgemeinen  Erörterungen  einleiten  und  dass  auch  die
moralischen  Gedanken  sich  nicht  vollständig  von  diesem  Hintergrund ­
  getrennt  finden.  Vom  Standpunkt  einer  höheien  Bildung, ­
  wie  sie  schon  in  der  Cartesischen  Philosophie  nahelag,
hätte  sich  auch  über  Finanzen  und  wirthschaftliche  Ideen  mit
weniger  mittelalterlichen  Anklängen  schreiben  lassen.  Indessen
hatten  ja  in  England  ein  Petty  und  ein  Locke  etwas  Achnliches
gethan,  und  der  letztere  hatte  sich  in  seiner  Staatstheorie  auf
Adam  und  alles  Mögliche  dieser  Art  eingelassen,  wie  es  hei
seinen  .Gegnern  Sitte  war.  Die  Zeit  hatte  also  einen  grossen
Antheil  an  dieser,  unserm  Geschmack  widersprechenden  Manier,
und  sie  hat  dafür  gesorgt,  dass  die  wissenschaftliche  Ileinheit
und  Classicität  ausser  im  Gebiet  der  am  meisten  fortgeschrittenen ­
  Darstellungsformcn  der  höheren  Naturwissenschaft  eine
Unmöglichkeit  blieb.  Diese  Bemerkung  war  nöthig,  um  den
übermässigen  Lobpreisungen  entgegenzutreten,  welche  in  Bois
guilleberts  Arbeiten  für  den  Inhalt  wie  für  die  Foim  einen
Grad  von  Wissenschaftlichkeit  in  Anspruch  nehmen,  der  weder
in  dem  thatsächlichen  Wissen  noch  in  der  bewussten  logischen
Verknüpfung  der  Gedanken  vorhanden  gewesen  ist.
12.  Nach  dieser  Kennzeichnung  werden  wir  die  Haltung,
in  welcher  die  einzelnen  Ideen  mehr  oder  minder  fest  auftreten,
zu  heurtheilen  vermögen.  Der  erste  Ausgangspunkt,  aus  welchem ­
  man  zu  allem  Uebrigen  gelangt,  ist,  wie  schon  erwähnt,
die  Einsicht,  dass  die  zu  niedrigen  Getraidepreise  den  Rum
des  Ackerbaus  mit  sich  bringen,  und  dass  ein  gewisser  Höhestand ­
  derselben  nicht  blos  im  Interesse  der  Landwirthe  und
Landarbeiter,  sondern  auch  in  demjenigen  der  übrigen  Beiufszweige
  liege.  Die  übermässige  Theuerung  und  der  Mangel
tödten,  meint  unser  Autor,  durch  Inanition,  d.  h.  auf  dem  Wege
        <pb n="92" />
        76

(1er  Stoffentziehung  und  des  Verhungerns;  der  zu  billige  Preis
bringe  aber"eine  Art  Indigestion  oder  staatliche  Verdauungsstörung ­
  durch  zu  grossen  Ueboriluss  mit  sich.  Das  Bild  ist,
wie  man  sieht,  in  der  Hauptsache  treffend.  Nur  darf  man  nicht
übersehen,  dass  die  für  den  Ackerbau  entstehenden  Calamitäten
auf  der  gesellschaftlichen  Unmöglichkeit  beruhen,  die  Production
hei  zu  niedrigen  Preisen  gehörig  im  Gange  zu  erhalten.  Die
Schilderungen  Boisgiiilleberts  sind  einschneidend.  Er  erinnert
an  die  Decirnirung  der  ländlichen  Bevölkerung  und  beschreibt,
wie  die  durch  zu  billige  Absatzpreise  erzeugte  Noth  zuerst  die
Kinder  hinwegrafft,  die  den  Entbehrungen  und  namentlich  dom
Mangel  an  Fürsorge  am  ehesten  erliegen.  Die  Stadien,  in
denen  er  sich  den  Hergang  der  Vernichtung  vollziehen  lässt,
sind  keine  Erdichtung  und  haben  eine  allgemeinere  Bedeutung.
Er  kennt  bereits  cinigermaassen,  was  uns  heute  auf  der  Grundlage ­
  der  Statistik  so  klar  vor  Augen  liegt,  —  den  durch  ökonomische ­
  Gesammtursachon  vermittelten  Uobergatig  vom  Loben
zum  Tode.  Er  spricht  sich  bei  solchen  Gelegenheiten  sehr
bitter  aus,  und  bisweilen  greift  die  Gluth  seiner  Leidenschaft
zu  den  stärksten  Ausdrücken.  Die  durch  Erntoausfälle  erzeugte
Noth  wiegt  in  seinen  Augen  leicht,  sobald  er  ihr  das  Elend  im
Gefolge  der  ruinirend  billigen  Preise  gogenüberstellt.  Hiebei
muss  man  eingedenk  bleiben,  dass  er  es  mit  den  durch  Ausfuhrverbote ­
  künstlich  gedrückten  Preisen  und  beschränkten
Absatzverhältnissen  zu  thun  hatte.  Im  Hinblick  auf  solche
Zustände  wurde  er  durch  seine  Idee  zum  Anwalt  der  Landwirthschaft,
  und  noch  heute,  wo  es  sich  nicht  mehr  um  landwirthschaftliche
  Ausfuhrbeschränkungen  handelt,  haben  dennoch
die  Erörterungen  über  die  Wirkungen  der  Preishöhe  eine  entscheidende ­
  Bedeutung.  Alles  was  in  der  Wirthscliaftspolitik
indirect  blos  auf  Niederhaltung  der  landwirthschaftlichen  Preise
hinwirkt,  ohne  an  einer  entgegengesetzten  Tendenz  eine  heilsame ­
  Schranke  zu  finden,  muss  schliesslich  zum  Ruin  aller
Classen  hintreiben.  Diese  Wahrheit  liegt  allen  Erörterungen
und  sogar  den  gewagtesten  Paradoxien  unseres  Autors  zu
Grunde.  Allerdings  erfasst  er  diesen  Satz  nicht  in  seiner  heutigen ­
  Allgemeinheit;  aber  er  weist  doch  im  Einzelnen  nach,
wie  die  Unfähigkeit  der  Ackerbauer,  die  Erzeugnisse  der  Gewerbetreibenden ­
  in  gehörigem  Maass  zu  kaufen,  auch  die  letzteren ­
  in  den  Verfall  hineinziehe.  Die  Darlegung  dieser  Be-
        <pb n="93" />
        Ziehungen  des  Verkehrs  ist  das  Bedeutendste,  wozu  Boißguiliebort
  in  seinem  volkswirthschaftlichen  Denken  jemals  gelangt
ist.  Die  weiteren  Gedanken,  welche  die  gegenseitige  Abhängigkeit ­
  der  Wohlstandsvcrhältnisse  der  verschiedenen  Stände
hetreflen,  sind  nur  mannichfaltigo  Einkleidungen  oder  moralische
Begründungsversuche  jener  Grnndvorstellung.
Die  heute  am  meisten  fortgeschrittene  Gestalt  der  Nationalökonomio
  geht  davon  aus,  dass  in  der  geographischen  Vergleichung
  der  Zustände  die  höheren  Preise  der  Bodenerzeugnisse
ein  Anzeichen  des  grösseren  Wohlstandes  sind.  Sie  verwiift
also  das  Princip,  welches  einseitig  nur  die  Tendenz  zur  Drückung
jener  Preise  im  Auge  hat.  Sic  weiss,  dass  sich  die  Interessen
beider  Theilo,  d.  h.  der  Verbraucher  und  der  Erzeuger  von
Nahrungsmitteln  dann  am  besten  befriedigen,  wenn  sie  einander
im  Gleichgewicht  halten  und  hiedurch  verhindern,  dass  nur  das
eine  von  ihnen  vornehmlich  maassgebend  werde.  Aus  dem
Widerstreit,  aus  der  doppelseitigen  Sclbsterhaltung  und  aus  der
Wahrnehmung  der  Selbständigkeit  und  Freiheit  in  beiden
Lagern  gehen  erst  diejenigen  Thatsachen  hervor,  welche  von
wirklich  allgemeinem  Nutzen  sind.  Nur  diejenigen  Preise,
welche  einer  derartigen  beiderseitigen  freien  Entfaltung  der  unmittelbar ­
  gegen  einander  gerichteten  Interessen  ihr  Dasein  verdanken, ­
  werden  auch  dem  höheren  gemeinsamen  Nutzen  dienen.
Besteht  aber  auf  einer  der  Seiten  ein  starkes  Uebergewicht,
so  wird  dasselbe,  gleichviel  ob  es  sich  auch  in  staatlichen  oder
nichtstaatlichen  Maassregeln  und  Verfahrungsarten  geltend
mache,  zu  einer  Gestaltung  der  Verhältnisse  führen,  die  schliesslich ­
  auch  den  begünstigten  Theil  in  das  Verderben  des  geschädigten ­
  hineinreisst.  Hienach  giebt  es  also  für  die  gegenscitigen
  Austauschungen  solche  Preissätze,  welche  weder  zu
niedrig  noch  zu  hoch,  sondern  der  grössten  Summe  von  Vort
  heilen,  die  für  alle  Betheiligten  auf  die  Dauer  erzielt  werden
kann,  am  angemessensten  sind.  Von  dieser  Wahrheit  hatte  nun
Boisguillcbcrt  im  Hinblick  auf  den  landwirthschaftlichen  Absatz
einen  ziemlich  genügenden  Begriff.  ISur  trübt  sich  bei  ihm  die
Verallgemeinerung  dieser  Idee  durch  die  Hineinziehung  eines
moralischen  Gesichtspunkts,  dessen  Absicht  zwar  die  höchste
Achtung  verdient,  der  aber  doch  thatsächlich  nur  in  einer
Gestalt  erscheint,  wie  sic  den  edelsten  Zielen  der  Menschheit
bis  jetzt  mehr  geschadet  als  genützt  hat.  Die  Ansicht  Bois-
        <pb n="94" />
        78

g-uillcberts  ist  nämlich  die,  dass,  wenn  Alle  hillig  und  gerecht
mit  einander  verkehren,  also  den  wahren  Wcrtli  geben,  dann
die  sämmtlichen  Berufszweige  einander  fördern,  im  umgekehrten
Falle  aber  schaden.  Hiebei  hat  er  %ie  Rücksicht  auf  Andere
als  moralisch  wirksames  Princip  im  Sinne,  und  seine  Erörterung ­
  weist  deutlich  genug  auf  einen  Religionsantrieb  zurück.
Sieht  man  nun  aber  auch  ganz  von  der  Beschaffenheit  solcher
Grundlagen  ab  und  betrachtet  nur  die  Voraussetzung  eines
billigen  und  gerechten  Verkehrs  an  sich  selbst,  so  steht  sie
zunächst  als  eine  blosse  Erdichtung  da.  Auch  fühlte  dies  unser
Autor  selbst;  denn  er  ermangelte  nicht,  eine  Schilderung  der
wirklichen  Gestaltung  der  Verhältnisse  hinzuzufügen.  Thatsächlich
  seien  die  Menschen  vom  Morgen  bis  zum  Abend  bemüht, ­
  einander  zu  chicaniren  und  zu  betrügen;  es  sei  aus  diesem ­
  Grunde  überall  Polizei  nöthig  und  man  beklage  sich  über
deren  regelnde  Thätigkeit  auch  oft  mit  Unrecht.  Besonders
lehrreich  ist  aber  für  Boisguilleberts  Auffassungsart  eine  Stelle
im  Cap.  4  des  „Factum”.  Es  werde,  sagt  er,  die  Gerechtigkeit
in  dem  Verkehr  nur  mit  der  Degenspitze  aufrecht  erhalten.
Wie  die  Natur  den  schwachen  Tiñeren  Zufluchtsörter  und  Mittel
gegeben  habe,  um  nicht  sämmtlich  die  Beute  der  starken,  gewissermaassen
  bewaffnet  gebornen  und  vom  Raube  existirenden
zu  werden,  so  habe  sie  auch  in  den  Verkehr  des  Lebens  solche
Ordnung  gebracht,  dass,  wenn  man  sie  nur  walten  lasse,  der
Mächtige  im  Kauf  der  Waare  eines  Armen  keine  Macht  habe,
zu  verhindern,  dass  dem  letzteren  dieser  Verkauf  den  Unterhalt ­
  verschaffe.
Diese  Worte  sollten  überall  da  als  Aufschrift  oder  Inschrift
stehen,  wo  man  sich  versucht  findet,  einem  Boisguillebert  die
bedenkliche  Ehre  anzudichten,  die  Theorie  des  laisser  aller  und
die  entsprechende  Interessenharmonie  zuerst  wirthschaftlich
formulirt  zu  haben.  Wenn  irgendwo  ein  Gedanke  in  zwei  einander ­
  widersprechenden  Hälften  zur  Welt  kam,  so  ist  dies  in
den  angeführten  Sätzen  geschehen.  Auch  dürfte  es  kaum  jemals ­
  ein  Gleichniss  gegeben  haben,  welches  sich  so  unglücklich
gegen  sich  selbst  gekehrt  hätte,  als  dasjenige  der  boigebrachten
Stelle.  Die  Schranken,  welche  die  Natur  dem  Raubthier  dadurch ­
  setzt,  dass  seine  Beute  ihm  vielfach  entgehen  und  die
bedrohte  Species  durch  Fortpflanzung  erhalten  kann,  wird  mit
denjenigen  Hindernissen  verglichen,  welche  der  mächtige  Er-
        <pb n="95" />
        79  —

presser  im  wirthachaftliclien  Verkehr  auch  den  Dürftigsten  uud
Schwächsten  gegenüber  an  deren  zahmer  Selbsterhaltung  findet.
Die  eine  Seite  dieser  Anschauung  ist  nun  zwar  richtig,  sobald
man  sie  streng  nimmt;  denn  nicht  der  Einzelne,  sondern  nur
die  Species,  der  er  zunächst  in  wirthschaftlicher  Hinsicht,  also
etwa  als  Arbeiter  dieser  oder  jener  Gattung  angehört,  ist  vor
der  Zerstörung  schon  durch  den  natürlichen  Verlauf  der  Verhältnisse ­
  im  Allgemeinen  gesichert.  Wenn  aber  im  Hinblick
auf  diesen  dürftigsten  Schutz  das  Waltenlassen  der  Natur  von
Boisguillebert  noch  als  eine  Handlung  hingestellt  wird,  die  eine
Vorbedingung  der  Erzielung  jenes  grossen  Schutzresultates  sei,
so  begreift  man  kaum,  wie  die  Logik  in  dem  Affect  dieser
Gleichnisspoesie  bis  zu  einem  solchen  Punkt  untergehen  konnte.
Ja  selbst  wenn  man  jene  Stelle  als  den  bittern  Ausdruck  eines
leidenschaftlichen  Hohnes  über  die  Thatsachen  nehmen  wollte,
würde  doch  die  Einstreuung  des  Gedankens  an  das  Waltenlassen ­
  der  Natur  und  dessen  günstige  Folgen  wieder  die  völligste
Selbstironie  bezeichnen.  Es  bleibt  also  nichts  übrig,  als  anzunehmen, ­
  dass  der  Autor  in  diesem  Falle  besser  gefühlt  als
gedacht  habe,  so  dass  es  ihm  unwillkürlich  begegnet  ist,  den
einen  Gedanken  durch  den  andern  zu  comprornittiren.  Wer
das  laisser  aller  zu  verherrlichen  wünscht,  wird  sicherlich  nicht
erbaut  sein,  wenn  er  die  Naturgeheimnisse  desselben  in  jener
kühnen  Vergleichung  bis  in  das  innerste  Heiligthum  hinein
blosgestellt  und  davon  noch  weit  mehr  enthüllt  sieht,  als  was
die  späteren  Ideen  über  das  Untcrhaltsminimum  unabsichtlich ­
  vertreten  haben.  Wer  dagegen  von  dem  völlig  entgegengesetzten ­
  Standpunkt  ausgeht,  wird  zwar  jenes  Grundgerüst
in  der  Ordnung  der  Natur  als  eine  äusserste  Schranke  gelten
lassen  und  von  dieser  Basis  aus  die  Grenzen  begreifen,  innerhalb ­
  deren  sich  die  Erscheinungen  des  wirtUschaftlichen  Seins
Und  Nichtseins  unter  allen  Umständen  halten  müssen,  aber
er  wird  jeden  Versuch,  diesen  rohen  Mechanismus  einer  Art
von  Naturzustand  zu  einem  Oulturideal  zu  machen,  als  einen
Hohn  auf  die  Hülfsmittel  der  bewussten  Thätigkeit  und  Leitung ­
  ansehen  müssen.
Erinnern  wir  uns  nach  Betrachtung  jener  bedeutsamen
Stolle  an  den  gerechten  und  billigen  Verkehr,  durch  welchen
der  wahre  Werth  als  Preis  zur  Geltung  kommen  soll.  Diese
Idee  ist  offenbar  eine  täuschende,  weil  sie  eine  Anweisung  auf
        <pb n="96" />
        etwas  Unerkanntes  enthält,  das  von  Boisguillebort  nicht  näher
hestimmt  wird.  Die  Frage  nach  dem  gerechten  Grössenverhältniss
  der  Aiistauschungen  wird  uns  in  der  Geschichte  der
Nationalökonomie  noch  mehrfach  begegnen  und  besonders  in
den  neusten  Wendungen  derselben  eine  immer  ernstere  Gestalt
annohmen.  Hier  an  der  Grenzscheide  des  1/.  und  18.  Jahrhunderts ­
  giebt  sich  der  entsprechende  Gedanke,  nämlich  die
Idee  einer  wirthschaftlichen  Gerechtigkeit  und  Billigkeit  in  den
gegenseitigen  Preisansprüchen  und  Preiszugeständnissen,  als  eine
leicht  erfüllbare  Yoraussetzung,  die  man  stillschweigend  machen
könne,  sobald  die  Menschen  nur  ein  Einsehen  haben  und  eine
bessere  Gesinnung  bekunden  wollten.  Boisguillebert  spricht  es
deutlich  genug  aus,  dass  die  Corruption  der  edleren  Gefühle  in
seinen  Augen  die  Ursache  des  Unheils  sei.  Drückt  man  seine
Idee  etwas  schärfer  aus,  als  er  sie  selbst  gefasst  hat,  so  meint  er
im  letzten  Grunde,  dass  die  sehönste  Harmonie  herrschen  würde,
wenn  die  Menschen  nur  freundschaftlich,  voll  Vortrauen  und
guter  Absichten  mit  einander  verkehrten,  dagegen  die  Neigungen ­
  zu  schaden,  sowie  sich  durch  Verletzung  des  Andern  zu
bereichern,  und  hiemit  das  Misstrauen  und  die  Eifersucht  ab-Icgten.
  Im  Reiche  dieser  Abstraction  oder  Erdichtung  ist  nun
freilich  jedes  störende  und  vernichtende  Element  als  ausgeschlossen ­
  angenommen,  und  hier  hat  die  von  selbst  vorhandene
Interessenharmonio  ihre  richtige  Stelle.  Der  Musterfehler  Boisguilleberts,
  der  von  so  manchem  gutartigen,  aber  die  zweite
Seite  der  Dingo  vergessenden  Gemüth  immer  wieder  von  Neuem
wiederholt  wird,  besteht  darin,  anzunehmen,  dass  es  für  die
Menschen  nur  eines  moralischen  Entschlusses  bedürfe,  um  sich
im  Verkehr  auf  jenem  Fuss  der  freundschaftlichen  Förderung
und  der  wohlwollenden  Gegenseitigkeit  zu  bewegen.  In  dieser
Richtung  liegt  aber  die  Schwierigkeit,  an  welcher  die  Culturgeschichto
  und  die  Gestaltung  der  volkswirthschaftlichen  Beziehungen ­
  arbeiten.  Schon  die  Bürgschaften  des  ganz  gewöhnlichen ­
  Rechtsschutzes,  der  mit  den  Preisen  unmittelbar  noch
gar  nichts  zu  schaffen  hat,  werden  nur  sehr  unvollkommen  und
langsam  ausgebildet.  Um  wie  viel  schwieriger  muss  nun  nicht
die  Aufgabe  sein,  die  Ideen  der  Gercebtigkoit,  d.  h.  der  gegenseitigen ­
  Nichtverletzung  oder  gar  die  der  positiven  Förderung
in  das  Wirthschaftslebon  hineinzuarbeiten!  Der  Zweifel  an  der
Möglichkeit,  überhaupt  von  gerechten  Preisen,  Löhnen  ii.  dgl.
        <pb n="97" />
        81

in  einem  klaren  und  bestimmten  Sinn  zu  sprechen,  ist  in  dei
neuern  Oekonomio  nach  mehreren  Richtungen  hin  so  eingewurzelt, ­
  dass  diejenigen,  welche  die  gänzliche  Ausschliessung
solcher  Gesichtspunkte  verlangen,  selbst  die  besser  gesinnten
Naturen  nur  allzu  leicht  für  ihre  Meinung  einnehmen.  Die
socialen  Theorien  sind  es  fast  allein,  denen  die  Rolle  zufällt,
jenen  Gedanken  den  volkswirthschaftlichen  Leugnungen  gegenüber ­
  zu  vertreten.  Aus  diesem  Grunde  und  ausserdem  des
Zusammenhanges  wegen,  in  welchem  die  Frage  mit  allen  neuern
Vorstellungen  von  der  Interessenharmonie  steht,  musste  grade
Boisguilleberts  Gedankenlauf  schärfer  geprüft  werden.  In  der
That  haben  wir  aus  ihm  ersehen,  dass  er  einerseits  nur  die
grobe  NaturnothWendigkeit  vor  Augen  hat,  die  dem  Beutemachen ­
  eine  letzte  Schranke  setzt,  andererseits  aber  scheinbar
eine  Kleinigkeit,  in  Wahrheit  jedoch  die  Lösung  des  Hauptproblems ­
  selbst,  nämlich  die  Verbürgung  der  wirthschaftlichen
Gerechtigkeit  und  Billigkeit  zur  stillschweigenden  Voraussetzung
seiner  harmonischen  Schlüsse  macht.  Er  hat  noch  keine  Ahnung
von  den  Naturgesetzen,  welche  die  Sitten  und  den  moralischen
Verkehr  beherrschen,  und  denen  gegenüber  man  nicht  blos  mit
den  Neigungen  der  einen,  sondern  auch  mit  denen  der  andern
Art  zu  rechnen  hat.  Schliesslich  sei  jedoch  bemerkt,  dass  die
Kritik,  welche  die  Verallgemeinerungsversuche  bei  Boisguillcbert
  treffen  muss,  auf  seinen  besondern  Hauptgedanken  über
einen  Austauschfuss,  der  beiden  Theilen  günstig  ist,  keine  Anwendung ­
  findet.  Diese  specielle  Idee  ist  nicht  blos  für  den
Getraideverkehr,  sondern  für  alle  Austauschbeziehungen  gültig,
und  die  Frage  bleibt  stets  nur  die,  ob  eine  gegenseitige  Messung
der  Kräfte  der  entgegenstehenden  wirthschaftlichen  Parteien  in
jeglicher  Form  dazu  führe,  jenen  wohlthätigen  Preis  zu  bestimmen. ­
  Dies  ist  zu  verneinen;  jedoch  gehört  die  Beibringung
der  einschlagenden  Gedanken  erst  der  neusten  Entwicklungsgeschichte ­
  an.
13.  Viel  unbedeutender  als  die  erörterten  Grundanschauungen ­
  sind  Boisguilleberts  Ansichten  über  Reichthum  und  Geld.
In  jenen  ersteren  Ideen  bekundete  sich  überall  der  Sinn  für  die
Erfagsung  des  Zusammenhangs  der  wirthschaftlichen  Erschmnungen.
  Die  Phänomene  blieben  nicht  isolirt;  die  Schicksale
der  verschiedenen  Berufsclassen  wurden  als  von  einander  abhängig
  vorgestellt.  In  alledem  war  kein  anderer  Irrthum,  als
Dühring,  Geschichte  der  Nationalökonomie.  2.  AuHage.  6
        <pb n="98" />
        82

derjenige,  welcher  von  der  Yerallgemeinerung,  von  der  unklar
gelassenen  Rolle  der  Moral  und  von  der  Vermischung  des
Harmoniegedankens  mit  demjenigen  der  blossen  Wechselwirkung
herrührte.  Jetzt  aber  kommen  wir  zu  Ideen,  die  thoils  trivial,
theils  offenbare  Irrthümer  sind,  und  die  nur  den  einzigen  Vortheil
  haben,  einen  entgegengesetzten  Irrthum  zu  bekämpfen.
Wir  wollen  uns  daher  nicht  bei  dom  Umstande  auf  halten,  dass
Boisguillebert  die  Rcichthümer  in  dem  Besitz  überhaupt,  nicht
aber  speciell  in  demjenigen  von  Gold  und  Silber  suchte;  denn
hiemit  that  er  nichts,  was  nicht  auch  die  Morcantilisten  gern
zugestanden.  Die  letzteren  waren,  wie  wir  schon  mehrfach
gesehen  haben,  auch  nicht  der  Meinung,  dass  Gold  und  Silber
Nahrungsmittel  seien.  Welche  Vorstellungen  sie  auch  hegten,
so  sahen  sie  in  den  edlen  Metallen  die  Werkzeuge  des  Handels
und  der  Wirthschaft  oder  doch  wenigstens  die  Ursachen,  durch
welche  die  wirthschaftlichc  Macht  geübt  werde.  Die  verhältnissmässige
  Unentwickeltheit  dieser  Vorstellungen  und  die
Nichtunterscheidung  des  Goldstoffos  von  den  Werthsummen,
über  die  man  durch  ihn  wiederholt  verfügte;  —  kurz  der  theils
wirklich  unklare,  theils  blos  nachlässige  Sprach-  und  Begriffsgebrauch ­
  des  Wortes  Geld  und  der  leitenden  Idee  des  Geldmaterials ­
  waren  in  der  liier  fraglichen  Richtung  die  charakteristischen ­
  Züge  der  morcantilen  Anschauung.  Boisguillebert
fand  sich  nun  durch  diese  Irrthümer,  deren  praktische  Folgen
für  den  Ackerbau  er  bekämpfte,  zur  Kundgebung  einer  oppositionellen ­
  Vorstellung  getrieben,  die  nichts  weiter  als  ein  entgegengesetzter, ­
  auf  der  andern  Seite  belogener  Irrthum  war.
Während  er  sich  über  die  edlen  Metalle  fast  wie  antike  Dichter
äussertc,  die  das  Gold  als  die  Quelle  aller  Leiden  und  aller
Laster  verwünschten,  hielt  er  sich  andererseits  an  das  „einfache ­
  Stück  Papier”  (simple  morceau  de  papier),  welches  die
edlen  Metalle  „zur  Vernunft  bringen”  werde.  Die  uralte  Illusion, ­
  dass  die  Menschen  „dem  Metallgeld,  wenn  sie  sich  nur
verständigten,  den  Abschied  geben  könnten”,  kehrte  in  den  oben
angeführten  Worten  auch  bei  ihm  wieder.  Er  hatte  hiebei  den
Handel  vor  Augen,  der  im  Wege  des  Credits  eine  Menge  von
Geschäften  vermittelt,  ohne  dass  die  Metalle  eine  Rolle  spielen.
Wenn  er  aber  voreilig  den  Schluss  zog,  dass  für  die  Nation
„das  einfache  Papierstückcheu”  die  edlen  Metalle  überflüssig
machen  könnte,  so  befand  er  sich  hiemit  nur  auf  der  Bahn
        <pb n="99" />
        83

eines  Irrthums,  den  bald  darauf  John  Law  im  grossen  Sti  e
^usbilden  und  durch  seine  Experimente  unabsichtlich  widerlegen
sollte.  Ueberdies  war  es  aber  sicherlich  eine  befremdliche  Art,
die  mercantilen  Vorstellungen  vom  Gelde  durch  eine  Wendung
kritisiren  zu  wollen,  die  schon  eine  neue  Gestalt  des  Mercantilismus
  in  sich  barg.  Es  kam  nur  darauf  an,  dem  „einfachen
Papierstückchen”  dieselbe  Rolle  zuzuweisen,  welche  bisher  die
edlen  Metalle  hatten  spielen  sollen,  und  es  war  hiemit  sofort
die  Metamorphose  des  Mercantilismus  vollzogen.  Allerdings
hatte  Boisguillebert  nicht  eine  solche  Absicht;  ja  es  fehlte  ihm
sogar  das  deutlichere  Bewusstsein  über  die  Grenze  seiner  eignen
Idee.  Während  er  in  dem  einen  Satze  den  edlen  Metallen  den
Abschied  geben  wollte,  bemerkte  er  dann  wieder  in  dem  andern,
dass  sie  zu  Zahlungen  für  die  Consumtion  nöthig  wären,  und
gesteht  ihnen  so  einen  Spielraum  zu,  dessen  Bedeutung  im
Verhältniss  zum  Gebrauch  von  papiernen  Ausgleichungen  eine
strenge  Erörterung  erfordert  hätte.  Doch  mag  immerhin  zugestanden ­
  werden,  dass  unserm  Autor  hier  und  da  eine  wirklich
treffende  Bemerkung  gelungen  ist,  wie  z.  B.  in  dem  Fall,  wo
er  den  vermeintlichen  Mangel  des  Geldes  als  blosse  Zurückhaltung ­
  desselben  erklärt.  Eben  dahin  gehört  auch  seine  Vorstellungsart, ­
  derzufolge  das  Geld  nur  die  Garantie  der  künftigen
Uebergabe  eines  Gegenstandes  (gage  de  la  tradition  future)  sein
soll.  Obwohl  nämlich  dieser  Gedanke  an  sich  weder  ganz
genau,  noch  ausreichend  ist,  und  übrigens  ohne  erhebliche  Oon
Sequenzen  gelassen  wird,  so  dient  er  doch  ein  wenig  dazu,  le
Beschränktheiten  in  den  gröberen  Gestaltungen  des  mercanti-8tischen

  Denkens  sichtbar  zu  machen.
14.  Rufen  wir  uns  nun  nach  diesen  Anführungen  den  wirth-3haftlich
  leitenden  Gedanken,  nämlich  die  Nothwendigkeit  anomessen
  hoher  Getraidepreiso  zurück,  so  können  wir  jetzt  über-3hen,
  wie  mit  dieser  Idee  die  übrige  Richtung  der  Vorstellungen
asammenhing.  Das  mercantile  Streben  nach  den  edlen  Metallen
urde  von  Boisguillebert  bekämpft,  weil  die  zugehörige  Poliük
ach  die  Verhinderung  der  Getraideausfuhr  eingeschlossen  hatte,
ene  Tendenz  und  diejenige  des  Golbertismus  wurde  aber  auch
:rner  angegriffen,  weil  sie  oder  vielmehr  das  mit  ihr  verbunene
  Finanzsystem  die  gedrückte  Lage  des  Ackerbaus  verse  u
en  sollte.  In  der  Kritik  der  Steuerwirkunpn  lag  daher  der
Schwerpunkt  der  Boisguillebertschen  Bestrebungen,  und  grade
        <pb n="100" />
        84

die  Ideen,  welche  die  Geschichte  der  Nationalökonomie  angehen,
bildeten  nur  ein  Zubehör,  welches  selbstverständlich  dem  Hauptziel ­
  untergeordnet  blieb.  Obwohl  wir  nun  hier,  wie  schon  oben
gesagt,  die  besondere  Geschichte  der  Finanzkritik  und  der
Finanzpläne  nicht  zum  Gegenstand  haben,  so  kann  doch  die
Erinnerung  an  eine  allgemeinere  Anschauungsweise  Boisguilleberts
  zur  Abschliessung  der  Charakteristik  sehr  dienlich  sein.
Herr  J.  E.  Horn  hat  in  seiner  Preisschrift  über  unsern  Autor
(herausgegeben  unter  dem  Titel:  L’économie  politique  avant  les
physiocrates,  Paris  1867)  eine  bisher  ungedruckte  Abhandlung
desselben  über  das  Verdienst  und  die  Manieren  der  Finanzleute
veröffentlicht.  In  diesem  Aufsatz  wird  bemerklich  gemacht,
dass  eine  einfache  Sache  in  eine  raffinirte  Wissenschaft  verkehrt ­
  worden  sei.  Der  Zustand,  aus  welchem  Sully  durch
seine  „Ignoranz”  in  dieser  Kunst  herausgeholfen  habe,  sei  nachher ­
  durch  die  Chicanen  und  Raffinirtheiten  der  späteren  Finanzkünstler ­
  wieder  über  das  Land  gekommen,  und  die  von  den
Italienern  der  Marie  von  Medieis  importirten  Praktiken  hätten
die  Verschnörkelung  und  völlige  Verworrenheit  der  fiscalischen
Beziehungen  zur  Folge  gehabt.  Wenn  nun  gleich  diese  mit
Geist  geschriebenen  Angriffe  einigermaassen  über  das  Ziel  hinaustrugen, ­
  so  bekundete  sich  in  ihnen  doch  ein  allgemeiner
Gedanke,  der  bis  jetzt  noch  fast  nirgend  des  Anwendungsstoffs
ermangelte.  Er  besteht  nämlich  in  der  Einsicht,  dass  in  der
Ordnung  der  Finanzen  bis  jetzt  der  Sinn  für  Einfachheit  und
das  finanziell  gar  nicht  besonders  geschulte  Organisationstalent
durch  kräftiges  Eingreifen  und  Anwendung  sehr  naheliegender
aber  solider  Grundsätze  meist  mehr  geleistet  haben,  als  die
Verzwicktheiten  und  verworrenen  Gesichtspunkte  einer  sich
selbst  unklaren  Finanzhalb  Wissenschaft  oder  einer  entarteten
und  corrumpirten  Finanzkunst.  Grosse  Staatsmänner,  die  sich
in  den  Finanzangelegenheiten  wie  in  einer  Hauswirthschaft  sehr
rasch  zurechtfanden  und  ohne  Finanz  Wissenschaft  den  Staatshaushalt ­
  in  Ordnung  brachten,  sind  auch  später  entscheidende
Zeugnisse  für  die  Richtigkeit  jener  Ansicht  geworden.  Nur
hätte  Boisguillebert  nicht  verkennen  sollen,  dass  ihm  ein  bedeutendes ­
  Beispiel  dieser  Art  in  Colbert  sehr  nahelag.  Indessen
hat  ihn  hier  der  Oppositionsstandpunkt  verleitet,  Alles  nur  von
der  einen  Seite  anzusehen  und  überall  nur  die  schlechten
Ueberlieferungen  entarteter  Finanzeinrichtungen  zu  erblicken.
        <pb n="101" />
        85

Die  Steuerkritik  ist  es  auch  gewesen,  welche  einen  Yauban
  %u  ökonomischen  Beobachtungen  und  Untersuchungen  veranlasst ­
  hat.  Dieser  etwas  ältere  Zeitgenosse  Boisguilleberts
hatte  die  entscheidenden  Schriften  des  letzteren  bereits  vor  sich
liegen,  als  er  sein  Buch  über  den  allgemeinen  Zehnten  (Dîme
royale)  abfasste.  Dies  geschah  1698,  während  die  Veröffentlichung ­
  erst  1707  erfolgte.  Der  loyale  Mann,  der  Ludwig  XIV
einen  grossen  Dienst  zu  leisten  glaubte,  sah  sich  in  Folge  dieser ­
  Schrift  alle  Anerkennung  entzogen,  die  ihm  ein  Leben
voll  Hingebung  und  geschichtlich  bedeutender  Thätigkeit  in
einer  andern  Richtung  erworben  hatte.  Er,  dessen  Verdienste
um  das  Festungswesen  und  die  Kriegs  Wissenschaft  so  gross,
waren,  dass  man  ihm  im  Hinblick  auf  dieselben  sogar  seine
Ehrlichkeit,  Freimüthigkeit  und  Humanität  verzieh,  musste  nun
erfahren,  dass  ein  redlich  gemeintes  Wort  über  die  Zustände
nicht  zu  seinem  Amt  gehörte.  Tief  gekränkt  starb  er  nach
kurzer  Frist,  Seine  Arbeit  aber  wird  ungeachtet  ihrer  Fehler
ein  wichtiges  Denkmal  bleiben,  aus  welchem  sich  zuverlässiger
als  aus  Boisguilleberts  Schriften  einige  Züge  der  thatsächlichen
Zustände  entnehmen  lassen.  Er  hatte  die  Dinge  mit  den  Augen
eines  ruhigen  und  fest  einherschreitenden  Mannes  gesehen.
Die  Gereiztheit  und  sanguinische  Beweglichkeit  Boisguilleberts
war  ihm  fremd.  Der  Erfinder  so  mancher  Mittel  der  Ingenieurkunst, ­
  der  seine  Fähigkeiten  vor  so  vielen  Festungen  erprobt
hatte,  sah  auch  auf  das  ökonomische  Schlachtfeld  seiner  Zeit
mit  dem  entschlossenen  Blick  eines  Mannes,  der  den  im
testen  Umfang  und  nach  allen  Richtungen  festgestellten  Beschaffenheiten ­
  des  Terrains  gerecht  werden  will.  Ist  nun  auch
sein  Mittel  nur  unvollkommen  ausgefallen,  so  haben  doch  seine
Beobachtungen  einen  bedeutenden  Werth.  Sein  Vorschlag,  das
Steuersystem  durch  eine  Zehntabgabe  beinahe  zu  erschöpfen
und  zu  ersetzen,  ist  freilich  von  wenig  Erheblichkeit.  Jedoch
war  in  diesen  nach  allen  Richtungen  verallgemeinerten,  zum
Thoil  in  Natura,  zum  Theil  in  Geld  zu  erhebenden  5  bis  10
Procent  des  Ertrages  auch  eine  eigentliche  Einkommensteuer
mit  eingesohlossen.  Die  Naivetät,  mit  der  er  die  Steuerbefreiungen
  durchgängig  beseitigt  und  „die  grossen  un
liehen  Perrücken”  nicht  vergessen  wissen  wollte,  war  nicht  diejenige ­
  der  Unschuld  im  finanziellen  Wissen,  sondern  eine  solche,
wie  sie  oft  der  tiefsten  Brkenntniss  der  Corruption  und  dem
        <pb n="102" />
        86

unbeugsamsten  Ernst  der  Erfahrung  eigen  ist.  Doch  wir  haben
hier  nicht  auf  den  Finanzplan  einzugehen,  sondern  die  volkswirthschaftlichen
  Vorstellungen  zu  berühren,  die  theils  als  eine
Ergänzung  und  übrigens  als  eine  Bekräftigung  des  Boisguillebertschen
  Gedankenkreises  betrachtet  werden  können.  Der
Name  Vauban  hatte  einen  so  bedeutenden  Klang,  dass  er  für
eine  buchhändlerische  Speculationsausgabe  der  Boisguillebertschen
  Werke,  bei  welcher  der  letztere  wohl  schwerlich  betheiligt
  war,  als  Flagge  benutzt  wurde.  Die  Schriften  des  überlebenden ­
  Vorgängers  erschienen  so  als  „Politisches  Testament
Vaubans”.  Diese  zufällige  Aeusserlichkeit  vom  Jahre  1707
kann  als  Andeutung  für  die  nahe  Beziehung  dienen,  in  welcher
auch  der  Inhalt  und  die  Bestrebungen  der  beiden  Männer  im
Allgemeinen  standen.
Vauban  hat  wie  Boisguillebert  die  Volkszustände  in  ihren
verschiedenen  Schichten  gekennzeichnet;  nur  hat  der  grosse
Militair  fast  noch  mehr  auf  die  unterste  Schicht  gesehen  und
dieselbe  Humanität,  die  ihn  im  Kriege  zu  jeder  möglichen,  mit
dem  Zwecke  vereinbaren  Schonung  und  Rücksichtnahme  bewog, ­
  auch  in  der  Gesinnung  bekundet,  mit  welcher  er  das  Elend
biosstellte.  Berühmt  ist  die  Stelle  seiner  Vorrede,  nach  welcher ­
  streng  genommen  nur  ein  Procent  der  Bevölkerung  in
vollkommenem  W^ohlstande  leben,  kaum  sich  einigermaassen
einrichten  kann,  7,0  von  Schulden  arg  bedrückt  werden  und
Vio  nicht  in  der  Lage  sind,  dem  letzten  aus  Bettlern  bestehenden ­
  Zehntel  Almosen  zu  geben.  Eine  volle  Hälfte  der  Bevölkerung ­
  stand  hienach  dem  Bettlerthum  nahe.  Dieses  uns  heut
nicht  einmal  sonderlich  überraschende  Bild  wurde  als  das  Ergebniss
  einer  Anzahl  an  verschiedenen  Orten  des  Landes  und
lange  fortgesetzter  Beobachtungen  verzeichnet.  Die  Versuche
zu  einer  dem  Steuerplan  dienstbaren  Statistik,  die  zugleich  eine
Ausführung  der  verwandten  Zustandsschilderungen  einschliessen,
gehen  uns  hier  nicht  näher  an.  Auch  der  Umstand,  dass  Vauban
sich  den  Reichthum  nicht  in  mercan  tiler  Weise,  sondern  durch
unmittelbare  Vorstellung  seiner  natürlichen  Gegenstände  zu
denken  suchte,  bedarf  nur  der  Erwähnung.  Es  sind  die  nothwendigsten
  Lebensmittel,  die  er  hiebei  als  Repräsentanten  ansieht. ­
  Im  Uebrigen  sind  seine  wirthschaftlichen  Darlegungen,
ungeachtet  ihrer  grösseren  Einschränkung  im  Verhältniss  zu
den  reinen  Steuerfragen,  als  umsichtige  Beurkundungen  solcher
        <pb n="103" />
        87

allgemeiner  Anschauungen  %u  betrachten,  wie  wir  sie  au
schon  hei  Boisguillebert,  aber  in  einer  weniger  gesetzten  h  orm,
angetroifen  haben.  Die  auszeichnenden  Eigonthümlichkeiten,
die  wir  hei  dem  letzteren  weitläufiger  zu  besprechen  atten,
kcnmnen  freUieh  iiioht  in  ITrage;  dafür  ist  aber  der  allgonieme
Gegensatz  zu  der  mercantilen  Denkweise  schon  in  der  blossen
Natürlichkeit  der  Auffassung  enthalten.  Aus  diesem  Grunde
Würde  es  auch  kaum  einen  Vortheil  haben,  die  Beispiele  der
schon  früher  cdiarakterisirteri  IRhgpingeii  (gegen  inancdie  ]Elemente
  des  ^[ercantifismus  zu  vriederholen.  ])ag6(gen  nmss
hervorgehoben  werden,  dass  Vauban  die  Wichtigkeit  emer
ungehinderten  Oonsumtion  und  die  Unentbehrlichkeit  eines
leichteren  einheimischen  Verkehrs  zwischen  den  Provinzen  einsah.
  Bei  der  Mannichfaltigkeit  der  Verhältnisse  innerhalb  dos
Gesammtgcbiets  sei  Frankreich  so  günstig  gestellt,  dass  keine
Provinz  vorhanden  sei,  welche  nicht  mit  einer  andern  Beziehungen ­
  haben  müsse.  Trotzdem  komme  es  vor,  dass  bei
einer  Entfernung  von  20—30  Lieues  die  Erzeugnisse  an  dem
einen  Orte  verderben,  während  man  an  dem  andern  daran
Mangel  leidet.  Hieran  seien  die  innern  Zollschranken  Schuld,
indem  die  Chicanen  derselben  oft  so  gross  wären,  dass  auf
den  Verkauf  und  oft  auf  die  Hervorbringung  selbst  von  vornhei

ein  verzichtet  würde.
Aus  diesen  Anführungen  sieht  man,  dass  der  erü  m
Marschall  auch  volkswirthschaftlich  oft  sehr  richtig  zu  se
vermochte.  Wir  würden  aber  dennoch  fehlgreifen,
derartigen  Aperçus  eine  zu  grosse  Tragweite  W  egen  wo
Sie  ergaben  sich  vermöge  des  unbefangenen  Blicks;  aber  sie
bildeten  keine  eigentliche  Theorie,  sondern  spielten  nur  die
Kollo  von  Vorstellungen,  bei  denen  an  umfassende  Consequen
und  Beziehungen  zu  andern  Ideen  nicht  gedacht  vnrde.  Beberhaupt
  war  Alles,  was  mit  mercantilen  Irrthüinern  m  W^-sprnch
  stand,  mehr  die  Folge  eines  naturwüchsigen  Denkens
als  eines  kritischen  Eingehens  auf  die  vorherrschende  Vorstellungsart. ­
  In  einer  solchen  Gestalt,  wie  es  bei  ^^iban  .ewurden.
  Ein  derartiger  Standpunkt,  der  sic
        <pb n="104" />
        Opposition  gegen  die  äusserlichen  Merkmale  und  Formeln  des
entgegenstehcndcn  Systems  vertrug,  kann  nun  aber  nicht  als
eine  ernstliche  Ueberwindung  des  letzteren  gelten.  Wir  müssen
daher  darauf  zurückkommen,  dass  es  sich  auch  bei  den  beiden
Franzosen  nur  um  Gegenregungen  gehandelt  hat,  die  den
gröbsten  Formen  der  mercantilen  Yorstellungsart  widersprachen,
aber  selbst  keineswegs  zu  einer  genügenden  Ansohauung  von
den  Schwierigkeiten  gelangten,  die  dem  tieferen  Vcrstündniss
der  Verrichtungen  des  Geldes  und  der  Rollo  dos  Handels  entgegenstehen.

15.  Wie  die  blosse  Neigung,  das  edle  Metall  durch  Papier
zu  ersetzen,  noch  keine  Beseitigung  der  Mangel  des  mercantilen ­
  Denkens  zu  enthalten  brauche,  hat  der  Schotte  John
Law,  der  seine  Experimente  an  Frankreich  und  zwar  bald  nach
dem  1/14  erfolgten  Tode  Boisguillcberts  machte,  durch  den
unglücklichen  Ausgang  seines  Bank-  und  Papiersystems  hinreiohend
  bewiesen.  Seine  Credit-  und  Finanzoperationen  haben
der  Welt  ein  Beispiel  gegeben,  wohin  man  gelangen  kann,
wenn  man  Geldstoif  und  Werthsummen  mit  einander  verwechselt ­
  und  sich  cinbildet,  durch  den  papiernen  Ersatz  des
ersteren  auch  die  letzteren  her  vorzubringen  und  gleichsam  aus
dem  Nichts  entstehen  zu  lassen.  Die  Lawschen  Ideen  sind
hienach  zunächst  eine  Verwandlung  des  mercantilen  Gedankens
von  der  Rolle  des  Geldes,  und  sie  befinden  sich  nur  insofern
zu  demselben  in  einem  Gegensatz,  als  die  Wirkung  der  edlen
Metalle  nicht  mehr  als  wesentlich  anerkannt,  sondern  mit  derjenigen ­
  des  Creditgeldes  vertauscht  wird.  In  beiden  Fällen  ist
es  aber  das  Geld,  welchem  die  Hauptfunction  in  der  ergiebigen
Gestaltung  der  WirthschaftsVerhältnisse  zugeschrieben  wird.
Die  Beschaffung  desselben  soll  der  Weg  zum  nationalen  Reichthum ­
  sein,  und  die  Schicksale,  die  dasselbe  betroffen,  sollen
den  entscheidenden  Ausgangs-  und  Mittelpunkt  bilden,  auf  den
sich  die  gesammte  Productionsmöglichkeit  beziehen  müsse.
Der  Gedanke  dieses  Abhängigkeitsvorhältuisses  ist  aber  grade
derjenige  Charakterzug  der  mercantilen  Anschauungsweise,
welcher  weit  tiefer  wurzelt,  als  das  Haften  an  den  edlen  Metallen. ­
  Er  ist  es,  der  noch  heute  eine  gewisse  Rolle  spielt.
Es  lässt  sich  nämlich  Angesichts  des  neusten  Standpunkts  der
Wissenschaft  nicht  mehr  leugnen,  dass  in  den  Beziehungen
von  Geld  und  Production  eine  doppelte  Wirkungsrichtung  in
        <pb n="105" />
        89

Frage  kommen  muss.  Erstens  ist  es  die  Production,  welche
verursacht,  dass  ein  Goldsystom  in  einem  bestimmten  Umfang
ein  nothwendiges  Erforderniss  wird;  zweitens  ist  aber  die  Be-Bchaffungsmöglichkoit
  in  Beziehung  auf  Geldstoff  [und  zugehörige ­
  Creditrnittel  wiederum  selbst  eine  Ursache,  welche  auf
die  Schicksale  der  Production  einwdrkt  oder,  wenn  man  lieber
will,  zurück  wirkt.  Behält  man  beide  Verhältnisse  im  Auge,  so
wird  man  sich  vor  einer  einseitigen  Beiirtheilung  der  Credithülfen
  hüten;  aber  man  wird  dennoch  die  Lawschen  Ideen  in
den  Hauptpunkten  als  Irrthümer  erkennen.  Man  wird  in  ihnen
grade  diejenigen  Fehlgriffe  des  Denkens  hervortreten  sehen,
in  denen  der  Mercantilismus  eine  thatsächliche  Kritik  an  sich
selbst  vollzog,  während  er  in  der  einen  seiner  Gestalten  aulgegeben
  und  in  einer  zweiten  feineren  Form  zur  Krisis  getrieben ­
  wurde.  In  dieser  neuen  Wendung  bekämpfte  er  seine
alte  Form,  die  Uebcrschätzung  der  edlen  Metalle,  indem  er  zu
einer  fast  vollständigen  Verleugnung  ihrer  Bedeutung  überging.
Fr  behielt  aber  die  Vorstellungen  von  der  Macht  des  Geldes
hei  und  übertrug  dieselben  nur  auf  die  Zettel  und  Creditzeichen
als  auf  den  vermeintlichen  Ersatz,  der  jene  schliesslich  ganz
entbehrlich  machen  solle.
Durch  das  Gesagte  rechtfertigt  es  sich  zugleich,  dass  wir
die  Lawschen  Vorstellungen  und  Operationen  zu  denjenigen
ffhatsachen  rechnen,  w  eiche  als  V  orbereitungen  der  sich  gänzlich ­
  vom  Mercantilismos  entfernenden  Gedanken  dastehen.  Auch
thut  es  nichts  zur  Sache,  dass  es  Irrthümer  und  Fehlgriffe  auf
dem  Boden  der  mercantilen  Denkungsart  selbst  gewesen  sind,
die  zu  den  entgegengesetzten  Vorstellungsarten  überleiteten,
oder  mindestens  einen  Schritt  in  der  Entwicklung  einer  neuen
Auffassungsart  repräsentirten.  So  ungleichartig  die  Anknüpfung
an  Boisguillebcrts  „einfaches  Papicrsttickchen  hier  auch  in  den
übrigen  Beziehungen  erscheinen  möge,  so  ist  es  doch  wichtig,
für  die  weitere  Geschichte  nicht  zu  vergessen,  dass  der  im
Wesentlichen  mercantilistisch  denkende  Law  jene  Idee  theilte.
Welche  den  edlen  Metallen  den  Abschied  geben  wollte.  Vorelellungen
  von  einer  solchen  Möglichkeit  werden  wir  später
iü  der  ersten  entscheidenden  Bearbeitung  der  wissenschaftlichen
Oekonomie  bei  Adam  Smith  antreffen,  und  wir  werden  weiterhin ­
  sehen,  dass  in  den  allerjüngsten  Wendungen  der  Nationalökonomie ­
  die  Frage  wieder  neu  aufgenommen  und  im  Sinne
        <pb n="106" />
        90

der  Unentbehrlichkeit,  ja  Unersetzbarkeit  des  Metallgeldes  entschieden ­
  wird.
16.  Ueber  die  Rolle,  welche  Law  mit  seiner  Bank  und  als
Beherrscher  der  Französischen  Finanzen  gespielt  hat,  können
wir  kurz  sein,  da  die  einschlagenden  Thatsachen  als  solche  noch
keine  Theorie  sind,  und  da  sich  die  erheblichen  Ideen  unmittelbar
in  seinen  Schriften  nachweisen  lassen.  Doch  sei  daran  erinnert,
was  der  Urheber  aller  jener  Experimente  für  eine  Person  gewesen ­
  und  wie  sein  Leben  seinen  öffentlichen  Handlungen
entsprochen  habe.  Unser  Schotte,  der  Sohn  eines  Goldschmieds
zu  Edinburg,  der  mit  seinem  Gewerbe,  der  Uebung  gemäss,
auch  Discontogeschäftc  verband,  zeichnete  sich  schon  früh  in
Dingen  aus,  für  welche  ein  gewisses  Talent  im  Rechnen  erforderlich ­
  ist.  Die  Richtung  dieser  Eigenschaft  bethätigto  sich
jedoch  später  vornehmlich  im  Spiel,  durch  welches  er  sich,
noch  ziemlich  jung,  in  London  ruinirto.  Das  Zubehör  dieser
Daseinsart,  nämlich  das  Spiel  im  Reiche  der  weiblichen  Welt,
zog  ihm  eine  Affaire  zu,  in  der  er  seinen  Widerpart  für  immer
ausstach  und  in  Folge  davon  zum  Tode  verurtheilt  wurde.  Aus
dem  Gefängniss  entkommen,  hielt  er  sich  an  verschiedenen
Orten  des  Festlandes,  namentlich  in  Holland  und  Venedig  auf
und  brachte  sich  wieder  empor,  während  er  zugleich  seine  Aufmerksamkeit ­
  für  die  mannichfaltigen  Verhältnisse  des  Handels
schärfte.  Hiebei  scheint  er  zuerst  die  Idee  gefasst  zu  haben,
die  ökonomische  Welt  durch  Creditoperationen  zu  reformiren.
Das  Spiel  und  die  Speculation  machten  ihn  zum  Millionär,  und
die  Bereisung  der  Hauptstädte,  verbunden  mit  einem  glänzenden ­
  Auftreten  unter  Uebung  jenes  vornehmen  Zeitvertreibs,
brachte  ihn  mit  den  Diplomaten  und  Hofleuten  in  nahe  Berührung. ­
  So  hatte  er  Gelegenheit,  seine  Projecte  bei  verschiedenen ­
  Regierungen  anzubieten.  Die  Erzählung,  wie  er  in
Frankreich  unter  dem  Regenten  zuerst  die  Erlaubniss  zur  Errichtung ­
  einer  Privatbank  erhielt,  bei  welcher  er  seine  eignen
Millionen  einsetzte,  und  wie  er  dann  seine  umfassende  Staatsrolle ­
  mit  seinen  staatlichen  Creditoperationen  und  Handelscompagnien ­
  abspielte,  überlassen  wir  theils  der  allgemeinen,
theils  der  im  engeren  Sinne  finanziellen  Geschichte.  Unsere
Aufgabe  ist  nur  die  Andeutung  von  alledem,  wodurch  die
Theorie  charakterisirt  wird.  Die  Art  aber,  wie  dieser  Schotte
das  Leben  behandelte,  ist  auch  die  Weise  gewesen,  in  welcher
        <pb n="107" />
        91  —

er  Bich  mit  dem  Denken  abfand.  Die  eine  Speculation  war
ein  Bild  der  andern;  seine  speculativen  Papiergedanken  waren
nicht  besser  und  nicht  schlechter,  als  seine  Spiel-  und  Staatsspeculationen,
  wie  sich  dieselben  als  Thatsacheu  geltend  mac  ten.
In  der  Theorie  und  in  der  Praxis,  in  der  Behandlung  der
eignen  und  der  fremden  Angelegenheiten  waltete  derselbe  Geist.
Der  Spieler  verfuhr  mit  den  öffentlichen  Interessen  wie  mit
sich  selbst,  und  er  ist  frei  von  dem  Vorwurf,  dass  er  seme
Person  mehr  geschont  und  sein  Schicksal  mehr  bedac  t  a  e,
als  dasjenige  der  Gesammtheit.  So  bedenklich  es  auc
mag,  auf  Grundlage  der  Schriften  und  dei  geschic  t  ic  eu
Zeugnisse  ein  völlig  bestimmtes  Urtheil  abzugeben,  so  tir
doch  diejenigen  einigermaassen  Recht  behalten,  welche  ^ei  aw
den  wirklichen  Glauben  an  eine  Reformatorrolle  zu  Guns^n
einer  universellen  und  fast  demokratisch  gedachten  Wohlfahrt
voraussetzen.  Hiezu  sind  besonders  einige  Socialisten  geneigt
gewesen,  denen  der  Credit  als  das  grosse  Mittel  galt,  sich  von
^un  zu  bdrmen,  was  ^e  dm  Tyrannei  der  GeldhernmhaR
nannten.  Von  dieser  und  auch  von  andern  Seiten  ist  jenem
Schotten  ebensowohl  grosse  Gesinnung  als  grosses  Genie  zu
geschrieben  worden.  Wir  müssen  jedoch  vorsichtig  sein  und
immer  eingedenk  bleiben,  dass  soweit  überhaupt  von  ^
und  Enthusiasmus  hier  die  Rede  sein  kann,  diese  Eigensc  a  en
jedenfalls  so  geartet  waren,  wie  sie  es  bei  einena  eic  e  i
kühnen  Spieler  eben  sein  konnten.  Die  Einheitlichkei  u
innere  Uebereinstimmung  aller  Züge  des  Ohara  teis  ^
privaten  wie  der  öffentlichen  Handlungen  bürgt  für  die
koit  unserer  Auffassung.  Law  ruinirte  einen  ei  ei
Wsischen  Gesellschaft;  aber  auch  er  selbst  bereitete  s
mais  die  jähesten  Schicksalswechsel.  Br  kannte  ikn  He
gang  von  der  völligen  Entblössung  ruin  glänzenden  Beichthu
und  wiederum  von  der  Millionärschaft  zur  knappen  Existenz.
Als  er,  selbst  ruinirt,  den  Schauplatz  seiner  schliesslich  schiffbrüchigen ­
  Reformatorstelle  verliess  und  nun  in  engen  Terhä  tmm##:
        <pb n="108" />
        —  92  —

"V  orstellung  von  dem  Beruf  zur  Lösung  einer  reformatoriscben
Aufgabe.  Immerbin  mag  der  Glaube  an  die  letztere  nichts
als  der  secundare  Ausdruck  eines  mächtigen  Antriebs  in  Form
irgend  einer  Leidenschaft  sein;  —  dieser  Ursprung  erklärt
die  wahre  Tbatsaebe  nur  um  so  besser.  Die  Leidenschaft  ist
alsdann  die  eigentliche  Schöpferin  der  Bestrebungen  und  Ideen,
und  nicht  ein  äussorlichcr  Zweck,  sondern  das  treibende  Bedürfniss
  ist  die  lebendige  Macht,  welche  die  Bothätigung  in
grossen  Dimensionen  zu  suchen  antreibt.  In  diesem  und  nicht
in  einem  ganz  niedrigen  Sinne  können  wir  in  Law  überall
den  Spieler  sehen,  welcher  seiner  Leidenschaft  ein  höheres
Ziel  zu  stecken  und  sie  sogar  in  einer  gewissen  Weise,  nämlich ­
  durch  universelle  Erweiterung  und  ücbertragung  auf  die
allgemeinen  Interessen,  ein  wenig  zu  veredeln  verstanden  hat.
Dies  ist  aber  auch  das  Acusserste,  was  sich  einräumen  lässt.
Sehen  wir  nun  zu,  wie  die  leitenden  Ideen  selbst  gestaltet
waren.
17.  Die  erste  und  erheblichste  Darlegung  der  Lawschen
Vorstellungen  findet  sich  in  seiner  Denkschrift  über  Geld  und
Handel  (Money  and  trade  etc.,  1705),  welche  in  Schottland
ohne  Erfolg  blieb.  Ausserdem  kommen  hauptsächlich  seine
verschiedenen  Briefe  in  Betracht,  in  denen  man  bisweilen  eine
Leichtfertigkeit  des  Gedankengangs  antrifft,  die  sich  nur  zum
Th  eil  aus  der  Rücksicht  auf  die  Beschaffenheit  derjenigen  erklärt, ­
  an  welche  diese  Schreiben  gerichtet  waren.  Wo  Law
mit  dem  Regenten  verhandelt,  begreift  sich  die  Inhaltlosigkeit
einer  Menge  von  Wendungen  und  Phrasen.  Allein  auch  sonst
ist  die  Schreibart  eine  Bestätigung  der  übrigen  Weise  des
Mannes.  Sie  gleitet  mit  einer  gewissen  äusserlichen  Geschliffenheit ­
  über  alle  Schwierigkeiten  hin,  ohne  sich  durch  die  eigentlichen ­
  Wurzeln  der  Gedanken  und  Verhältnisse  behindert  zu
fühlen.  Sie  ist  ein  Bild  der  ganzen  Behandlungsart  der  Dinge
und  Ideen,  wie  sie  einer  Person  von  Laws  Charakter  und
Lebensweise  eigen  war.  Aus  diesem  Grunde  kann  man  auch
leicht  fehlgreifen,  indem  man  den  Sinn  tiefer  zu  nehmen  und
einen  Zusammenhang  vorauszusetzen  veranlasst  wird,  der  gar
nicht  vorhanden  ist.  In  das  Bereich  dieser  naheliegenden  Hineindichtungen ­
  gehört  auch  die  Vorstellung,  als  wenn  Law  die
Entwicklung  des  Zettelcredits  als  eine  Wirkung  der  gesellschaftlichen ­
  Association  angesehen  hätte,  vermöge  deren  die
        <pb n="109" />
        93

Unabhängigkeit  von  dem  Eiofluss  der  Geldbesitzer  errungen
werde.  In  diesem  rein  socialen  Sinne  dachte  unser  Financiei
noch  keineswegs;  wohl  aber  hatte  er  die  Befreiung  von  der
Gebundenheit  an  den  Gebrauch  der  edlen  Metalle  stets  im,
Auge.  Der  erste  Ausgangspunkt  seiner  Ideen  war  die  Uebeilegung,
  dass  ein  Kaufmann,  namentlich  aber  ein  Banquier,  thatsächlich
  einen  Credit  geniesse,  von  dessen  Betrag  seine  wirklichen ­
  Mittel  nur  einen  Bruchtheil  und  zwar  oft  nur  '/,y  repräsentirten.
  Der  Staat,  schloss  er  nun,  müsse  in  dieser  Beziehung ­
  noch  mehr  vermögen,  und  ihm  könne  es  gelingen,  auf
der  Grundlage  der  ihm  zur  Verfügung  stehenden  Mittel,  weit
mehr  als  das  Zehnfache  an  Credit  zu  verwirklichen.  Diese
Vergleichung  des  einzelnen  Unternehmers  mit  dem  Staat  ist
an  sich  selbst  sicherlich  nicht  der  Fehler,  wie  man  dies  von
dem  bekannten  Standpunkt  aus  behauptet  hat,  für  welchen  der
Staat  nicht  einmal  zur  Privatwirthschaft,  geschweige  zu  bedeutenderen ­
  Erfolgen  gehörig  geeignet  sein  soll.  Hätte  Law
nichts  weiter  gethan,  als  auf  die  überlegene  Kraft  der  durch
öffentliche  Organe  zusammengefassten  Wirthschaftsgesarnmtheit
gerechnet,  so  würde  er  hiemit  nur,  und  zwar  ganz  unabhängig
von  Erfolg  oder  Misserfolg,  die  Bahn  eines  an  sich  richtigen
ï*rincips  eingeschlagen  haben.  Sein  Fehlgriff  lag  nicht  im
Gebiet  des  Credits  überhaupt,  sondern  in  demjenigen  des  Creditgeldes.
  Er  wusste  recht  gut,  dass  sich  zwischen  den  haaren
Mitteln  und  den  einlösbaren  Zetteln  die  Einhaltung  eines  Verhältnisses ­
  thatsächlich  überall  von  selbst  geboten  ha  o,
seine  Phantasie  wollte  schliesslich  diese  Schranke  überspringen,
h  Cap.  5  der  angeführten  Hauptsohrift  wird  ausdrücklich  gesagt, ­
  der  auf  Einlösung  gegründete  Credit  könne  ein  gewisses
Vorhaltniss  sum  Metall  nicht  überschreiten;  aber  man  müsse
aus  diesem  Grunde  Zusehen,  ob  sich  nicht  etwas  n  eres  a
«über  zum  Golde  eigne.  In  der  That  heniühte  sich  Law  auch
überall  nachzuweisen,  .dass  die  edlen  Metalle  keineswegs  da
beste  Geld  constituirten.  Es  hätten  dieselben  vielmehr  sehr
erhebliche  Fehler,  und  es  Hesse  sich  sogar  die  Gleichmässi  -
beit  irn  Worth  bei  einem  andern  Golde  weit  besser  garan  ire  .
Hiezu  kam  dann  der  positive  Hinblick  auf  den  Gru“d  und
Boden,  der  die  Basis  für  umlaufende  Marthe  ahgehen  s&amp;lt;ü  te.
Dieser  letztere  Gesichtspunkt  ist  an  sich  noch  kein  Fehlen
wird  es  aber  in  dem  Augenblick,  wo  ein  eigentliches  Geld  den
        <pb n="110" />
        94  —

Zielpunkt  zu  bilden  beginnt.  Im  Allgemeinen  kann  man  nämlich ­
  die  Lawschen,  in  dieser  Beziehung  einigermaassen  verworren ­
  auftretenden  Vorstellungen  auch  blos  darauf  anseben,
wie  weit  sie  den  Verkehr  mit  dem  Grund  und  Boden  und  mit
Grundschulden  berühren.  Im  Besondern  hat  es  sich  aber
praktisch  stets  um  ein  eigentliches  Creditgeld  gehandelt,  und
in  dieser  Richtung  ist  der  Gedanke,  den  Grund  und  Boden
oder  auch  andere  Stammwertho  in  eigentliches  Geld  zu  verwandeln ­
  und  gleichsam  darin  auszumünzen,  pin  ziemlich  grober
Irrthum,  den  die  kritische  Oekonomic  in  einer  einzigen  kurzen
Wendung  zu  widerlegen  vermag.  Die  Basis  für  ein  Goldsystem
könnte  nämlich,  von  allem  Uebrigen  abgesehen,  doch  niemals
in  Stammworthon  bestehen,  die  nur  darum  eine  grosso  Summe
ropräsontiren,  weil  sie  weit  in  die  Zukunft  hinausgreifen  und
sachlich  für  die  Gegenwart  nur  mit  einem  geringen  Bruchthoil
von  natürlichen  Leistungen  ointreten.  In  dem  Getriebe  der
in  einander  eingreifenden  wirthschaftlichen  Leistungen  spielen
die  Zeit  und  so  zu  sagen  das  Tempo  die  Hauptrolle.  Das
eigentliche  Geld  ist  aber  stets  etwas,  was  dem  augenblicklichen
Umlauf  und  der  Ausgleichung  der  unmittelbar  gegebenen  Beziehungen ­
  zu  dienen  hat.  Die  Ordnung  muss  mithin  gestört
worden,  sobald  eine  Garantie  des  Geldsystems  nicht  auch  wirklich ­
  etwas  für  den  Augenblick  zu  leisten  vermag.  Die  Anweisungen ­
  auf  eine  fernere  Zukunft  können  nichts  helfen,
wo  sich  grade  das  stetige  Getriebe  der  Gegenwart  in  ungehemmter ­
  Bewegung  zu  erhalten  hat.  In  diesen  einfachen,
wenn  auch  nicht  an  der  Oberfläche  belegenen  Gedanken  ist
die  Kritik  eines  jeden  Versuchs  enthalten,  das  Goldsystem  von
der  Basis  der  edlen  Metalle  abzulösen.  Auch  Law  hat  die
letztere  Grundlage  begreiflicherweise  nie  ganz  und  gar  ausmerzen ­
  können;  aber  er  hat  die  Zettelausgabo  bis  auf  das
Aeusserste,  d.  h.  bis  zu  dem  Zusammenbruch  des  Gebäudes
getrieben.
Es  versteht  sich  von  selbst,  dass  in  den  Lawschen  Ideen
eine  Erläuterung  des  herrschenden  Creditgoldsystoms  nicht  verkannt ­
  werden  könne,  sobald  man  die  abnormsten  Fehler  und
namentlich  die  Ueberspringung  der  Metallschranko  als  bereits
in  Abzug  gebracht  ansieht.  Auf  diese  Weise  könnte  man  indessen ­
  alles  Mögliche  rechtfertigen,  und  es  ist  daher  weit
        <pb n="111" />
        95

heaser,  ganz  einfach  zu  sagen,  dass  sich  der  Schotte  gewaltig
geirrt,  und  dass  er  nicht  einmal  von  den  damals  schon  bestehenden
  Einrichtungen  eine  zutreffende  Theorie  abstrahirt
habe.  Ein  Stück  Phantastik  über  die  Vorrichtung  und  Bedeutung^ ­
  des  Geldes,  —  das  ist  der  Kern  der  Sache  gewesen,  und
wenn  hiebei  auch  die  theoretische  Speculation  in  Bewegung
gesetzt  wurde,  so  mag  man  bedenken,  dass  die  anregende  Kra  t
der  Irrthümer  in  Ermangelung  von  Wahrheiten  nichts  Ueberraschendes
  hat.  Eine  solche  Wirkung  ist  vielmehr  sehr  gewöhnlich, ­
  da  der  soliden  Feststellung  von  Theorien  meist
phantasiereiche  Versuche  und  oft  glänzende  Irrthümer  von
grosser  Anziehungskraft  voraufgehen,  und  da  eine  gewisse
Art  des  Reizes  am  grössten  ist,  solange  die  Ideen  sich  noch
Unentschieden  im  schöpferischen  Stadium  ihrei  eisten  es
tung  befinden.  Letztere  Wahrheit  wird  uns  auch  bei  den  umfassenderen ­
  Volkswirthschaftlichen  Versuchen,  die  wir  jetzt
darzustellen  haben,  leiten  können  und  uns  begreiflich  machen,
wie  in  manchen  Beziehungen  auch  ein  Rückschritt  mög  ic

urde.  .  .  1,^«
Was  wir  bis  jetzt  von  Vorbereitungen  einer  eigentlichen
olkswirthschaftslehre  und  von  Regungen  gegen  einze  ne  'e
Haltungen  der  rnercantilen  Denkweise  vorgeführt  ha  en,
rade  da,  wo  es  noch  die  meiste  unabhängige  un  zu^  eic  i  n
estaltete  Theorie  enthielt,  nämlich  bei  Boisguillebert,  en
Iharakter  einer  noch  tastenden  und  unerfahrenen  Speculaüo  ,
.  h.  einer  Bewegung  der  Phantasie,  welche  m
'rgehen  die  einzuhalteuden  Schranken  noc  nie  ^
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tedroeken.  Wer  eine  Gegend  überhaupt  nicht  betritt  kann
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90

in  grösserem  Stile  überhaupt  versucht  wird.  Wir  dürfen  uns
daher  nicht  wundern,  dass  auch  fernerhin  die  speculative  Loslösung ­
  von  den  unmittelbar  an  der  Hand  der  Praxis  gewonnenen ­
  Maximen  zunächst  in  Ideologie  verfällt.  Mag  ein  solcher
Gang  der  Sache  auch  nicht  unter  allen  Umständen  eine  irtnere
Noth  Wendigkeit  sein,  so  ist  er  doch  als  Thatsache  unseres
Wissensgebiets  nicht  zu  verkenüen.

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        Zweiter  Abschnitt.
Die  Physiokraten  und  die  gleichzeitigen
Schottischen  Anfänge.

Erstes  Capitel.
Cluesnay  und  Turgot.
Die  Physiokraten  sind  die  ersten  Vertreter  einer  rein  theoretisohen
  Speculation  von  grossem  Einfluss.  Der  Begründer
ihrer  Richtung  oder,  besser  gesagt,  der  Schöpfer  der  eigenthümlichen
  Hauptideen  dieser  Gruppe  ist  Quesnay.  Dagegen
hat  Turgot  mehr  die  Rolle  eines  verständigen  Denkers  gespielt,
der  vom  Standpunkt  seiner  verhältnissmässig  tiefen  und  umfassenden ­
  Bildung  das  System  des  originellen  Meisters  von  den
greifbarsten  Auswüchsen  säuberte  und  mit  einigen  nahestehenden ­
  Elementen  andern  Ursprungs  verschmolz.  Die  übrigen
Glieder  der  Schule  oder,  wie  man  mit  mehr  Recht  sagte,  dei
Akonomistischen  Secte,  treten  in  ziemlicher  Unbedeutendheit  zurück ­
  und  werden  uns  nur  nebensächlich  beschäftigen.  Ehe
wir  jedoch  den  Urheber  der  ganzen  Bewegung  und  dessen
Ideenkrois  kennzeichnen,  müssen  wir  an  das  am  Ende  des
vorigen  Capiteis  Gesagte  noch  einige  Bemerkungen  anknüpfen.
Wir  hatten  darauf  hingewiesen,  dass  die  Loslösung  der
theoretischen  Speculation  von  der  Praxis  sehr  begreiflicherweise ­
  zur  Ideologie  führen  könne.  In  der  That  ist  nun  die
pliysiokratische  Einleitung  zu  einem  volkswirthschaftlichen
System  ein  unhaltbarer  Gedanken  bau  gewesen.  Was  man  in
der  Philosophie  als  willkürliche  Construction  bezeichnet,  das
ist  GS  auch,  was  wir  im  ökonomischen  Gebiet  bei  Quesnay  an
troffen.  Die  um  die  Erfahrung  und  die  gewöhnlichen  Ansichten
ünbekümmerten  Aufstellungen  griffen  in  diesem  Fall  so  stark
Dûhriiïg,  Geschiclite  der  ÜMatioiialökonomie.  2.  Auflage.  7
        <pb n="114" />
        98  —

aus,  dass  sie  als  ein  Muster  gelten  dürfen,  an  welchem  man
die  Wirkungen  einseitig  fixirter  Anschauungen  studiren  kann.
Das  Element  von  Wahrheit,  welches  sie  einschlossen,  ertheilte
ihnen  den  Reiz,  der  die  Zähigkeit  erklärt,  mit  welcher  der
Urheber  und  seine  Gefolgschaft  an  ihnen  festhielten.  Die
indirecten  Beziehungen  aber,  welche  jene  Ideen  mit  der  Strömung ­
  des  politischen  Lebens  und  der  wirthschaftlichen  Bedürfnisse ­
  von  Zeit  und  Land  gemein  hatten,  machen  den  Enthusiasmus ­
  begreiflich,  mit  welchem  selbst  ihre  verkehrtesten  Gestaltungen ­
  von  vielen  Seiten  aufgenommen  wurden.
Hienach  haben  die  Vorspiele  einer  wissenschaftlicheren
Oekonomie  einen  ähnlichen  Charakter  gehabt,  wie  die  socialistischen
  Imaginationen,  die  dem  kritischen  Socialismus  vorangegangen ­
  sind.  Die  Nationalökonomie  kann  sich,  sobald  sie
Quesnay  und  die  übrigen  Physiokraten  als  die  Vertreter  ihrer
ersten  selbständigen  Form  anerkennt,  keineswegs  rühmen,  auf
einem  andern  Boden  gewachsen  und  in  einer  wesentlich  andern
Weise  behandelt  worden  zu  sein,  als  die  Gesellschaftstheorie  durch
den  älteren  Socialismus.  Der  Inhalt  der  beiden  Arten  von  Bestrebungen ­
  war  allerdings  ein  sehr  verschiedener;  aber  die  ideologische ­
  Form  der  Behandlung  ist  beiden  gemeinsam.  Die  Verkehrtheiten ­
  des  Raisonnements  und  die  Thorheiten  der  verfolgten ­
  Idole  sind  auf  beiden  Seiten  in  ziemlich  gleichem  Grade
gepflegt  worden,  und  der  Unterschied  hat  nur  darin  bestanden,
dass  die  Socialisten,  die  ein  weniger  beschränktes  Feld  cultivirten,
  für  Ausschweifungen  des  Denkens  und  Wollens  eine
vielgestaltigere  Veranlassung  und  einen  grösseren  Spielraum
zur  Verfügung  hatten.  Uebrigens  ist  aber  die  ökonomische
Secte  ganz  unzweifelhaft  zu  denjenigen  Erscheinungen  zu  rechnen, ­
  in  welchen  eine  Art  Messianismus  eine  nicht  zu  verkennende ­
  Rolle  gespielt  hat.  Die  Wüstheiten  der  theoretischen
Speculation  sind  nicht  ganz  so  oflen  zu  Tage  getreten,  wie  im
Reich  der  socialistischen  Constructionen  aus  dem  Zeitalter  der
Restauration.  Indessen  spricht  diese  Thatsache  keineswegs
unbedingt  zu  Gunsten  Quesnays  und  seiner  enthusiastischen
Verehrer.  Ein  gewisses  Maass  von  trüber  Unklarheit  ist  in
der  Secte  nirgend  zu  verkennen.  Ja  in  der  Gestaltung  der  Raisonnements ­
  macht  sich  sogar  eine  Spielart  von  Mysticismus
geltend,  wie  sie  auf  den  die  wissenschaftlichen  Vorstollungsformen
  betreffenden  Gebieten  in  den  rnannichfaltigsten  Varia-
        <pb n="115" />
        99

tionen  vorgekommen  ist  und  oft  zu  Mystificationen  in  grossem
Maassstabe  geführt  hat.  Ganze  Generationen  sind  auf  diese
Weise  durch  den  Schein  der  mit  wissenschaftlichen  Bestandtheilen
  versetzten  Wunderlichkeiten  getäuscht  worden,  und
man  kann  Angesichts  solcher  Vorkommnisse  noch  nicht  einmal
behaupten,  dass  die  Urheber  derselben  mit  deutlichem  Bewusstsein ­
  verfahren  wären.  Im  Gegentheil  sind  es  häufig  genug
Naturen  von  verhältnissmässig  grosser  Naivetät  und  Aufrichtigkeit ­
  gewesen,  welche  fast  unwillkürlich  die  fragliche  Rolle
gespielt  haben.  Auch  soll  am  allerwenigsten  in  dem  uns  hier
beschäftigenden  Fall  das  Vorhandensein  einer  absichtlichen
Täuschung  angedeutet  werden.  Es  ist  uns  vielmehr  nur  darum
zu  thun,  bemerklieh  zu  machen,  wie  auf  der  Grundlage  eines
gut  gearteten  und  edel  denkenden  Charakters  dennoch  das  angedeutete ­
  Halbdunkel  bestehen  könne.
Was  wir  soeben  gesagt  haben,  soll  nicht  blos  für  die  Secte
der  Physiokraten,  sondern  auch  für  manche  Gestaltung  in  der
späteren  Entwicklung  der  Oekonomie  und  des  Socialismus
gelten.  Die  Mischung  der  wissenschaftlichen  Formen  mit  dem
Widerspiel  aller  Wissenschaft,  nämlich  mit  der  Berufung  auf
etwas,  was  sich  nicht  vollständig  in  Gründe  und  Thatsachen
auf  lösen  will,  darf  uns  nicht  überraschen.  Sie  ist  vielmehr
überall  ein  sehr  natürlicher  Charakterzug,  wo  die  Autorität  in
ihrer  unentwickeltsten  Form  in  den  Vordergrund  tritt.  In
diesem  Fall  wird  die  Person,  die  neben  dem  blossen  Wissen
auch  ein  Wollen  und  eine  Gestaltung  der  Dinge  vertritt,  da
wo  sie  sich  selbst  nicht  klar  ist,  gar  zu  leicht  veranlasst,  den
Einfluss  ihres  Ansehens  ganz  im  Allgemeinen  zum  Beweismitte
zu  machen,  und  so  erklärt  es  sich,  dass  die  Anhängeischäften
und  die  verschiedenen  Gruppen  des  Publicums  in  Vorstellungs
kreise  hineingezogen  werden,  in  denen  wichtige  Bestandtheile
dom  Urheber  selbst  nicht  klar  waren.  Ferner  begreift  sich
hieraus  auch,  dass  die  Adepten  der  Secte  oft  eine  stärkere
Ueberzeugungskraft  als  der  Stifter  entwickeln  können,  da  sie
Vieles  oben  nur  auf  die  Autorität  hin  angenommen  haben  und
die  BeschaflFenheit  des  Ueberlieferten  in  seinem  Ursprung  zu
Würdigen  nicht  im  Stande  sind,
2.  Nach  diesen  Kennzeichnungen  können  wir  der  Personlichkeit,
  der  die  Physiokratie  ihren  Ursprung  verdankt^ähertreton,
  ohne  uns  der  Gefahr  auszusetzen,  durch  die^  Hervor-
        <pb n="116" />
        100

hebung  ihrer  in  Richtung  auf  die  Wissenschaft  wirksamen  Yorzüge
  ein  Missverständniss  oder  auch  nur  eine  einseitige  Auffassung ­
  zu  erzeugen,  François  Quesnay  (1694—1774)  auf  dem
Lande  in  der  Nähe  von  Versailles  geboren,  Sohn  eines,  wie
man  berichtet,  gutartigen  Advocaten,  der  die  Processe  gern
ausglich  und  hiebei  natürlich  nicht  viel  gewann,  wurde  von  der
Mutter  ziemlich  lange  ohne  Unterricht  gelassen.  Diesem  Umstande ­
  hat  er  jedoch  seine  spätere  Originalität  zu  einem  guten
Theil  zu  verdanken  gehabt.  Elf  Jahre  alt,  konnte  er  noch  nicht
lesen.  Als  er  es  aber  nun  aus  Bedürfniss,  d.  h.  als  Mittel  zum
Zweck  erlernt  hatte,  wurde  er  Autodidakt  in  allen  Richtungen.
Er  las,  was  er  sich  nur  verschafíen  konnte,  und  scheute  zur
Beschallung  von  Lectüre  die  Fussreisen  nach  Paris  keineswegs.
Bei  dieser  Art,  sich  zu  unterrichten,  herrschte  jedoch  die  Neigung ­
  für  Naturwissenschaftliches,  Medicinisches  und  Mathematisches ­
  sichtbar  vor.  Auch  wurde  seine  Laufbahn,  die  wir
hier  als  für  die  Sache  unerheblich  nicht  weiter  verfolgen,  eine
medicinisch  chirurgische.  Schliesslich  Arzt  Ludwigs  XY,  trat
er  in  schon  stark  vorgerücktem  Alter  mit  ökonomischen  Ideen
und  zwar  zuerst  in  der  Encyklopädie  mit  den  Artikeln  Fermier ­
  und  Grains  hervor.  Seine  originalsten  Veröffentlichungen
erfolgten  kurz  darauf  (1758).  Sie  bestanden  in  dem  berühmten
„Tableau  économique”  und  den  „Maximen  der  ökonomischen
Regierung  eines  Ackerbaureichs.”  Seine  sonstigen,  auf  die
Wirthschaft  bezüglichen  Schriften,  die  zum  Theil  in  Gesprächsform ­
  und  als  Artikel  in  Zeitschriften  erschienen,  fügten  zu  den
Grundgedanken  nichts  Erhebliches  hinzu.  Doch  mögen  die
„Oekonomischen  Probleme”  und  die  „Dialoge  über  den  Handel”
wenigstens  genannt  sein.  Es  begreift  sich,  dass  der  Verfasser,
der  bei  der  Veröffentlichung  jener  ökonomischen  Tafel  schon
Anfangs  der  Sechziger  war,  mit  seinen  leitenden  Ideen  fertig
sein  musste,  und  dass  er  fernerhin  wesentlich  nur  Erläuterungen
und  Vertheidigungen  producirte.  Auch  galt  jene  ökonomische
Tafel  nebst  der  hinzugefügten  Erklärung  unter  den  Anhängern
als  der  Schlüssel  zur  tiefsten  Weisheit.  Der  König  hatte  sich
mit  eigner  Hand  bei  der  Besorgung  des  Drucks  dieser  Schrift
betheiligt.  Sie  ist  aber  dennoch  in  ihrer  ursprünglichen  Gestalt ­
  nachher  fast  verschwunden.  In  der  1768  von  Dupont,
einem  Schüler  Quesnays,  unter  dem  Titel  „Physiokratie”  in
6  Bändchen  veröffentlichten  Sammlung  der  Arbeiten  des  Meisters
        <pb n="117" />
        101

findet  sich  das  Tableau  nebst  den  Maximen  im  ersten  Bändchen.
Es  gehen  jedoch,  was  sehr  bezeichnend  ist,  die  naturrechtlichen
Erörterungen  Quesnays  voran.  Nebenbei  sei  bemerkt,  dass  der
Stifter  der  Secte  seinen  Namen  nicht  genannt  wissen  wollte,
und  dass  man  ihn  daher  in  solchen  Büchern,  wie  die  erwähnte
Sammlung,  nur  als  den  Autor  bezeichnet  findet,  was  bei  aller
Verschiedenheit  doch  einigermaassen  an  die  Redeweise  der
Pythagoreer  —  Er  selbst  hat  es  gesagt  —  erinnern  kann.
Ludwig  XV  nannte  Quesnay  seinen  Denker.  Die  Möglichkeit ­
  einer  gewissen  Vertrautheit  der  beiden  Personen  müsste
in  der  That  überraschen,  wenn  nicht  die  Naivetät  und  Philanthropie ­
  des  ökonomisirenden  Arztes  Alles  hinreichend  erklärte.
Es  giebt  Naturen,  die  in  den  corrumpirtesten  Beziehungen  ihre
bessere  Eigenart  bewahren,  und  es  ist  noch  nicht  einmal  die
Gemüthsart  eines  Quesnay  noth  wendig,  um  dieses  Ergebniss
zu  liefern.  Auch  männlichere  Gestalten,  wie  Vauban,  hatten
sich  in  ihren  Verhältnissen  zum  Hofe  eine  ehrliche  Stellung
zu  bewahren  gewusst.  Man  hat  es  oft  wiederholt,  dass  Quesnay
im  Schlosse  zu  Versailles  seine  ökonomischen  Anschläge  und
Rechnungen  betrieben  habe,  während  sich  in  den  Zimmern
über  seiner  Wohnung  jene  Affairen  abspielten,  die  im  wunderlichsten ­
  Gegensatz  zu  den  harmlosen  Beschäftigungen  des  Autors
des  ökonomischen  Tableau  standen.  Hieran  ist  aber,  sobald
man  den  Charakter  der  Person  in  Betracht  zieht,  nichts  mehr
überraschend.  Wer  allen  Dingen  eine  Gesinnung  entgegenträgt, ­
  die  das  Schlechte  nur  in  irrthümlichen  Abweichungen
von  der  Natur  sieht  und  übrigens  glaubt,  die  ganze  Welt  durch
ein  einziges  Mittel  in  Ordnung  bringen,  mit  ihren  verschiedensten
  Elementen  aussöhnen  und  in  der  Hauptsache  befriedigen ­
  zu  können,  wird  auch  mit  den  verschiedensten  Naturen
so  zu  sagen  gut  Freund  sein  wollen  und  in  einem  gewissen
Sinn  es  auch  zu  sein  vermögen.  Freilich  beruht  diese  Art  von
Freundschaft  vornehmlich  auf  der  Verkennung  der  wirklichen
Differenzen,  welche  in  der  menschlichen  Natur  unvermeidlich
zum  Ausdruck  kommen  müssen.  Der  Philanthrop,  der  mit
seinem  weiten  Herzen  die  ganze  Menschheit  umfassen  will,
wird  in  bestimmten  Richtungen  seine  Person  zurücktreten  und
die  gewöhnlichen  Regeln  des  Verkehrs  häufig  zur  Seite  lassen.
Auf  diese  Weise  wird  er  über  manches  Ressentiment  hinwegkommen, ­
  welches  bei  weniger  bonhommistischen  Naturen  sofort
        <pb n="118" />
        103

den  Kriegszustand  herbeiführen  müsste.  Vergessen  wir  jedoch
nicht,  dass  bei  der  angedeuteten  Charakterart  fast  regelmässig
das  fehlen  wird,  was  man  die  Logik  des  Lebens  nennen  könnte.
Ausser  dieser  Logik  fehlt  es  natürlich  auch  noch  an  einer
andern,  womit  jedoch  nicht  gesagt  sein  soll,  dass  auf  einem
solchen  Grund  und  Boden  nicht  bedeutende,  ja  bisweilen
geniale  Gedanken  wachsen  und  in  einzelnen  Richtungen  auch
Bethätigungen  einer  partiellen  Verstandesschärfe  hervortreten
könnten.
3.  Es  ist  nicht  ohne  Bedeutung,  dass  man  Quesnay  und
seine  Anhänger  ursprünglich  Oekonomiston  oder  ökonomistischo
Philosophen  nannte.  An  die  Stelle  dieser  Bezeichnung  trat
später  vorherrschend  die  Benennung  Physiokraton.  Dupont
de  Nemours  hatte  hiezu  mit  dem  Titel  seiner  vorher  erwähnten
Sammlung  die  Veranlassung  gegeben.  Die  Physiokratio,  Naturherrschaft ­
  oder  Naturverfassung,  sollte  eine  Gesellschafts-  und
Regierungsform  sein,  in  welcher  allein  die  Natur  mit  ihren  auf
das  menschliche  Verhalten  bezüglichen  Gesetzen  maassgebend
wäre.  Schon  die  Naturrechtsideen  Quesnays  hatten  diesen
Charakter,  und  die  natürliche  Oekonomie,  die  ihm  vor  Augen
schwebte,  war  das  aus  seinen  ärztlichen  Vorstellungen  von  der
Gesundheit  und  den  Verrichtungen  des  Leibes  entstandene  und
auf  die  Gesellschaft  übertragene  Idol  einer  unfehlbar  heilsamen
und  harmonischen  Naturgesetzmässigkeit.  Die  Idee  von  natürlichen ­
  Gesetzen  der  ökonomischen  Vorgänge  war  zwar  schon  bei
Boisguillebert  mehrfach  hervorgetreten,  und  die  blossen  Vergleichungen ­
  dieser  Art  hatten  auch  früher,  wie  z.  B.  bei  Petty,
durchaus  nicht  gefehlt.  Allein  eine  grundsätzliche  Betonung
von  dem,  was  man  auch  in  neuster  Zeit  ohne  erhebliche  Veränderung ­
  des  Begriffs  die  Naturgesetze  der  Volkswirthschaft
genannt  hat,  ist  recht  eigentlich  erst  durch  den  Schöpfer  des
physiokratischen  Vorstellungskreises  eingeführt  worden.  Das
Natürliche  wurde  hiebei  im  Gegensatz  zu  Alledem  gedacht,
was  sich  aus  den  gutgeheissenen  Eigenschaften  des  Menschen
nicht  wollte  ableiten  lassen.  Ein  Arzt,  der  seine  Stärke  darin
sucht,  die  Natur  walten  zu  lassen,  und  sich  äussersten  Falls
nur  mit  der  Beseitigung  der  Hindernisse  abgiebt,  die  nach  seiner
Meinung  einem  solchen  freien  Walten  entgegenstehen,  ist  in
der  That  das  Bild  eines  physiokratischen  Oekonomisten.  Obwohl
in  der  Unterscheidung  der  Unnatur,  Abirrung  und  Entartung
        <pb n="119" />
        103

von  einem  normalen  Typus  eine  wichtige  Wahrheit  zu  Grunde
liegt,  80  ist  die  Vorstellungsart  Quesnays  doch  etwas  ganz
Anderes.  Er  machte  sich  von  der  menschlichen  Natur  gleichsam
  einen  JLuszug,  indeni  er  die  ihin  gpit  scheimmden  Eigcnischaften
  als  Ausgangspunkt  der  Naturgesetze  der  Gesellschaft
gelten  Hess,  alles  Uehrige  aber  auf  Rechnung  der  Missstande
und  künstlichen  Verkehrtheiten  setzte.  Er  hatte  keine  Ahnung
davon,  dass  er  auf  diese  Weise  die  Natur  halbirte  und  mit  der
einen  Hälfte  in  der  Hand  ganz  willkürliche  Voraussetzungen
machte.  Trotz  alledem  hat  aber  seine  Art,  das  Spiel  der  ökonomisclmn
  ITorgaaige  sils  eine  TfaturluindlurMg  auikuhu386]i,  deri
Vortheil  gehabt,  wenn  auch  in  verbaltnissmässig  roher  und
schiefer  Form,  für  eine  Anschauungsweise  zu  arbeiten,  deren
feinere  und  vollkommen  zutreffende  Gestaltung  uns  noch  gegenwärtig ­

  beschäftigt.  -
Um  die  Caricatur,  die  bei  einer  Einseitigkeit  niemals
zu  fehlen  pflegt,  nicht  zu  vergessen,  sei  an  ein  Wort  erinnert,
welches  Catharina  II  in  Folge  einer  Unterredung  mit  dem  Physiokraten
  Mercier  de  La  Rivière  an  Voltaire  richtete.  Jener

Jünger  Quesnays  war  ausdrücklich  nach  Russland  berufen
worden,  um  bei  der  Gesetzgebung  Dienste  zu  leisten.  In  Folge
einer  Zufälligkeit  kam  es  jedoch  nur  zu  kurzen  Erklärungen
gegenüber  der  Kaiserin,  deren  Fragen  mit  der  Hinweisung  au
die  Naturgesetze  beantwortet  wurden.  Der  naive  Verzicht  aut
Alles,  was  sich  nicht  schon  von  Natur  mache,  veranlasste  sie,
sich  über  den  Genannten  in  einem  Brief  dahin  zu  äussern,  derselbe ­
  habe  geglaubt,  man  ginge  bei  ihr  auf  allen
er  habe  sich  sehr  höflich  hinbemüht,  ihnen  dort  au  le  in
füsse  zu  helfen.  ^
In  einer  andern  Biohtung  liessen  es  die  Anhänger  Quesnays
  an  Selbrtcaricaturen  in  Form  wunderlicher  Schriften  nicht
fohlen,  ohne  dasa  man  jedoch  darauf  scbliessen  dürfte,  derartige
Bücher  waren  ohne  grosseres  Publicum  geblieben  Im  Gegentheil
  erlreute  sich  grade  einer  der  vertraktesten  Schreiber  dieser
Gattung  eines  nicht  geringen  Beifalls.  Es  ist  dies  der  Marquis
Mirabeau,  der  Vater  des  in  der  allgemeinen  Geschichte  bekannten ­
  bestechlichen  Redevirtuosen.  Von  allen  seinen  -"mtschic  -
tigon  Werken  ist  der  Curiosität  wegen  nur  die  zweite  Ballte
des  6.  Bandes  seines  „Amides  hommes"  zu  erwähnen,  in  w^
Cher  er  17(10  eine  eigne  Darstellung  und  Erklärung  des  Tableau
        <pb n="120" />
        104

économique  lieferte.  Er  sah  dasselbe  als  die  dritte  grosse  Erfindung ­
  zu  denjenigen  der  Schrift  und  des  Geldes  an.  Voltaire
sagte  von  ihm,  er  sei  ein  Narr,  der  viel  gute  Augenblicke  habe.
Die  Bezeichnung  Menschenfreund,  die  von  Mirabeaus  Veröffentlichungen ­
  als  Beiname  auf  ihn  selbst  überging,  ist  jedoch
noch  nicht  so  charakteristisch,  als  der  Titel  eines  „ältesten
Sohns  der  Doctrin,”  den  er  für  sich  in  Anspruch  nahm.  Eine
seiner  Schriften  soll  18  Auflagen  erlebt  haben.  Ehe  er  sich,
zu  Qiiesnay  bekehrte,  hatte  er  öffentlich  schon  andere,  wenn
auch  philanthropische  Ansichten  verfochten.  Das  Wichtigste
aber  bleibt,  dass  grade  er  es  gewesen,  der  sich  mit  dem  Tableau ­
  économique  sofort  und  am  meisten  abgegeben  hat.
Er  versichert  in  der  fraglichen  Erklärungsschrift,  man  müsse
nicht  glauben,  mit  leichter  Mühe  in  den  wahren  Sinn  desselben
eindringen  zu  können;  aber  seine  sogenannte  Explication  beweist ­
  nur,  dass  sich  das  Unklare,  was  die  eigne  unvergleichlich ­
  bessere  Fassung  bei  Quesnay  einschloss,  noch  viel  unverständlicher ­
  hatte  ausspinnen  lassen.  *
Alles  Enthusiasmus  ungeachtet,  mit  welchem  das  ökonomische ­
  Tableau  Quesnays  die  Jünger  und  einen  Theil  des
Publicums  erfüllte,  ist  es  dennoch  am  allerfrühesten  der  Vernachlässigung ­
  anheimgefallen.  Dieser  Gang  der  Sache  erklärt
sich  aber  weit  mehr  aus  der  Oberflächlichkeit  derjenigen,  welche
der  Physiokratie  ihre  Aufmerksamkeit  widmeten,  als  aus  einem
richtigen  Urtheil  über  das  Verfehlte  jenes  speculativen  Entwurfs.
Dupont  hatte  in  einer  Vorbemerkung  zu  seinem  oben  angeführten ­
  Abdruck  dieser  Quesnayschen  Arbeit  gar  keine  an  sich
falsche  Idee  befürwortet,  indem  er  daran  erinnerte,  dass  mit
ein  paar  Begriffen  ohne  Rechnung  sich  ebensowenig  eine  gehörige ­
  Einsicht  in  die  IHervorbringung  und  Vertheilung  gewinnen, ­
  als  etwa  die  Höhe  der  Berge  ohne  Kunstmittel  feststellen ­
  lasse.  Freilich  war  diese  Andeutung  einer  erst  gegenwärtig ­
  in  strengerer  Gestaltung  hervorgetretenen  Wahrheit  sehr
weit  von  einer  klaren  Einsicht  entfernt,  und  sie  schloss  zugleich ­
  den  Irrthum  ein,  dass  die  in  Begriffen  und  Grössenbostimmungen ­
  ganz  willkürliche  Ausführung  Quesnays  ein  zutreffendes ­
  Bild  der  Vorgänge  verzeichnet  habe.  Nichtsdestoweniger ­
  dürfen  wir  nicht  darauf  verzichten,  bcmerklich  zu
machen,  dass  der  wunderlich  calculirende  Denker  doch  in  einem
Punkt  Recht  gehabt  habe.  Die  allgemeine  Idee  eines  ökono-
        <pb n="121" />
        105

miseheD  Tableau  war  nämlich  völlig  berechtigt  und  ist  noch
heut  eine  unerfüllte  Forderung  der  Wissenschaft.
4.  Was  das  ökonomische  Abbild  der  Verhältnisse  der  Production ­
  und  Vertheilung  bei  Quesnay  selbst  zu  bedeuten  habe»
lässt  sich  nur  angeben,  wenn  man  zuvor  die  ihm  eigenthümlichen
  leitenden  Begriffe  von  der  Erzeugung  der  Reichthümer
genau  untersucht.  Dies  ist  um  so  nöthiger,  als  die  einschlagenden ­
  Vorstellungen  bisher  in  einer  so  schwankenden  Unbestimmtheit ­
  wiedergegeben  worden  sind,  dass  man  selbst  aus
besseren  Berichten,  wie  z.  B.  demjenigen  Adam  Smiths,  ihre
wesentlichen  Züge  nicht  gehörig  zu  erkennen  vermochte.  Ueberdies
  machen  diese  Begriffe  die  ganze  Originalität  Quesnays
und  zugleich  der  gesammten  Physiokratie  aus,  und  man  würde
daher  der  Sache  einen  schlechten  Dienst  leisten,  wenn  man
für  diese  Grundanschauungen  die  herkömmliche  leichtfertige
Berichterstattung  gelten  Hesse.  Das  Nettoproduct  (produit  net)
ist  bei  dem  Urheber  des  physiokratischen  Systems  ein  so
wichtiges  Begriffsgebilde,  dass  man  behaupten  kann,  dasselbe
sei  der  Angelpunkt  der  ganzen  Anschauungsweise.
Zunächst  erscheint  diese  Vorstellung  in  Gestalt  der  Voraussetzung ­
  einer  einzigen  productiven  Classe,  nämlich  derjenigen,
Welche  die  Ackerbauarbeit  verrichtet.  Zu  derselben  werden  die
Eigenthümer  als  solche  nicht  gerechnet,  da  dieselben  wesentlich ­
  nur  als  Einstreicher  der  Pacht  in  Frage  kommen.  Pächter,
eigentliche  Arbeiter  und  überhaupt  Alle,  welche  thatsächlich
an  der  Landwirthschaft  mit  der  Einsetzung  ihrer  Arbeit  thei
nehmen,  gehören  hienach  zur  productiven  Classe.  Sie  sind  a  er
nur  darum  productiv,  weil  sie  mehr  hervorbringen,  als  sie
Während  ihrer  Thätigkeit  verzehren.  Nur  die  Bodenbearbeitung
soll  nach  Quesnay  die  Eigenschaft  haben,  ein  Ergebniss  zu
liefern,  welches  mehr  enthält,  als  die  blosse  Wiedererzeugung
des  inzwischen  Verbrauchten.  Dieses  Mehr  oder  dieser  Ueberschuss
  ist  das  Nettoproduct  oder  der  Reinertrag  im  physiokratisch
  technischen  Sinne  dieses  Worts.  Man  würde  nun  aber
irren,  wenn  man  bei  dieser  Vorstellung  eine  Naturalbetrachtung ­
  des  Verhältnisses  voraussetzte  und  sich  den  Gedanken  in
seiner  natürlichen  Einfachheit  construirte,  ohne  sich  an  dem
Leitfaden  der  Geldwerthe  zu  bewegen.  Eine  solche  Idee  lag
der  Denkweise  Quesnays  noch  fern.  Ihm  erschien  es  als  selbstverständlich, ­
  dass  man  den  Ertrag  von  vornherein  als  einen
        <pb n="122" />
        106

Geldwertli  auffassen  und  behandeln  müsse.  Er  dachte  sich
nicht  etwa  den  Nahrungsverbrauch  während  der  Arbeit  und
dann  die  gewonnene  Nahrungsmenge  mit  ihrem  Ueberschuss
als  die  beispielsweise  zu  vergleichenden  Grössen,  sondern  er
knüpfte  seine  Ueberlegungen  sofort  an  die  Gcldwerthc  an,  die
er  als  Verkaufsergebniss  aller  landwirthschaftlichoii  Erzeugnisse
bei  dem  Uebergang  aus  der  ersten  Hand  voraussetzte.  Auf
diese  Weise  operirt  er  in  den  Colonnen  seines  Tableau  mit
einigen  Milliarden.  Die  Leichtigkeit,  mit  welcher  er  über  diesen
Cardinalpunkt  der  Werthbestimmung  hin  weggleitet,  ist  für  seine
Methode  kennzeichnend.  Doch  wollen  wir  nicht  vergessen,
dass  bis  zu  seiner  Zeit  alle  Vorstellungen  über  den  Begriff  des
Werthes  nicht  nur  höchst  unentwickelt  waren,  sondern  auch
verworren  durcheinanderliefen.  Sie  waren  nichts  weiter  als
oberflächliche  Reflexionen,  wie  man  sie  zu  einem  grossen  Theil
auch  schon  im  Alterthum  aufweisen  kann.
Hätte  Quesnay  den  Weg  einer  wirklich  natürlichen  Betrachtung ­
  eingcschlagen,  und  hätte  er  sich  nicht  blos  von  der
Rücksicht  auf  die  edlen  Metalle  und  die  Geldmenge,  sondern
auch  von  derjenigen  auf  die  Geldwerthe  frei  gemacht,  so  würde
er  die  colossalen  Irrthümer,  zu  denen  sein  Productivitätsbegriff
führte,  sicherlich  vermieden  haben.  So  aber  rechnete  er  mit
lauter  Werthsummen  und  dachte  sich  das  Nettoproduct  ebenfalls ­
  von  vornherein  als  einen  Geldworth.  Er  gewann  dasselbe
indem  er  die  Auslagen  in  Abzug  brachte  und  hauptsächlich  an
denjenigen  Werth  dachte,  der  dem  Grundeigenthümer  als  Rente
zufiele.  Andererseits  geht  nun  aber  auch  das  Nettoproduct  als
Naturalgegenstand  in  die  Circulation  und  wird  auf  diese  Weise
ein  Element,  durch  welches  die  als  steril  bezeichnete  Classe,
d.  h.  die  technisch  industrielle  und  die  blos  consumirende  Bevölkerung, ­
  zu  unterhalten  und  zu  ihren  Leistungen  in  den
Stand  zu  setzen  ist.  Hier  kann  man  sofort  die  Verwirrung
bemerken,  welche  dadurch  entsteht,  dass  in  dem  einen  Fall  der
Geldwerth,  in  dem  andern  die  Sache  selbst  den  Gedankengang
bestimmt.  Quesnay  will  eine  doppelte  Ansetzung  des  volkswirthschaftlichen
  Ertrags  vermeiden,  und  da  er  sich  denselben
als  den  Gesammtwerth  aller  Bodenerzeugnisse  gedacht  hat,  so
kann  er  eine  Vermehrung  desselben  nirgend  zulassen.  Der
Gewerbetreibende  ertheilt  daher  nach  dieser  Ansicht  seinen  Erzeugnissen ­
  nur  soviel  Werth,  als  er  von  jenem  Nettoproduct
        <pb n="123" />
        107  —

während  der  Arbeit  verzehrt.  Hiedurch  wird  das,  was  er  verbraucht, ­
  an  Werth  dem  gleich,  was  er  schafft,  und  er  soll  daher ­
  ungeachtet  des  Nutzens,  den  seine  Bemühungen  für  die
wirthschaftlicho  Gesellschaft  haben,  nicht  eigentlich  productiv
sein  können.  Mit  andern  Worten  heisst  dies  nichts  weiter,
als  dass  es  ihm  unmöglich  sei,  einen  ähnlichen  Heberschuss  zu
erzielen,  wie  es  der  Handwirth  mit  Hülfe  der  Natur  vermag.
Die  leitende  Idee  besteht  also  darin,  dass  die  Productivität  von
der  Natur  herrühre  und  einzig  und  allein  dem  Umstande  zu
verdanken  sei,  dass  sie  hei  der  Bodenbenutzung  die  Arbeit  des
Menschen  mit  mehr  als  seinem,  zu  dieser  Arbeit  erfordeiliehen
Verbrauch  belohne.  Der  Name  Physiokratie  bewährt  sich,
wie  man  sieht,  hier  wiederum  und  zwar  in  einem  specielleren
Sinn,  indem  die  Natur  in  der  Gestalt  des  Ackerbodens  als  die
eminent  productive  Macht  erscheint.  Erinnern  wir  uns  hiebei,
dass  Quesnay  auf  dem  Lande  erzogen  war  und  für  das  Landleben ­
  stets  eine  besondere  Vorliebe  bewahrt  hatte.  Lassen  wir
aber  auch  übrigens  nicht  ausser  Acht,  wie  naturwüchsig  sich
noch  heute  immer  von  Neuem  die  Vorstellung  bildet  und  geltend ­
  macht,  dass  in  der  Ausnutzung  des  Bodens,  namentlich
aber  in  der  rechtlichen  Herrschaft  über  denselben,  d.  h.  im
Grundeigenthum  vornehmlich  die  Naturgaben  angeeignet  worden.
Das  Paradoxon,  dass  die  Industrie  steril  sei,  und  besonders ­
  die  Bezeichnung  der  ihr  angehörigen  Elemente  als  einer
sterilen  Classe,  hat  sowohl  bei  Anhängern  als  Gegnern  der
Physiokratie  die  Aufmerksamkeit  am  meisten  gereizt.  Die
Spätere  Gegenkritik  hat  sich  aber  die  Sache  ziemlich  leicht
gemacht,  indem  sie,  statt  in  den  Beweggrund  und  das  etwa  zu
Grunde  liegende  wahre  Element  der  befremdlichen  Anschauungsweise ­
  einzudringen,  die  Vorstellungsart  entweder  kurzweg  als
eine  greifbare  Thorheit  behandelte  oder  aber,  wie  Adam  Smith,
nur  äusserlich  widerlegte.  Ein  gründlicheres  Verfahren  hat  den
Sinn  und  hiemit  auch  die  Schranken  und  das  Irrthümliche  des
Gedankens  zu  zeigen.  Letzteres  geschieht,  indem  man  Quesnays
ursprüngliche  Idee  in  ihrem  natürlichen  Kern  bemerklich  macht,
der  dem  Urheber  selbst  in  keiner  deutlichen  Sonderung  vorliegen ­
  konnte.  .  i  i-  xr  i.
Nimmt  man  an,  es  gehe  Jemand  davon  aus,  dass  die  Nahrungsmittel ­
  die  Grundlage  aller  Production  bilden,  so  wird  er
sich  alle  sonstigen  Erzeugnisse  der  wirthschaftlichen  Thätig-
        <pb n="124" />
        108

keit  als  die  Ergebnisse  eines  zu  ihrer  Herstellung  erforderlichen ­
  Nahrungsaufwandes  zu  denken  haben.  Dieser  Aufwand
an  Nahrung  wird  in  jedem  Fall  die  natürlichen  Kosten  der
Production  repräsentiren.  Alles  was  nicht  Nahrung,  aber
von  Menschen  hergestellt  ist,  wird  so  zu  sagen  als  eine  Verwandlung ­
  der  verbrauchten  Nahrung  erscheinen.  Weiss  nun
derjenige,  der  auf  diese  Weise  denkt,  nicht  zwischen  dem  zu
unterscheiden,  was  in  der  Nahrung  selbst  auf  Rechnung  der
productiven  Thätigkeit  zu  setzen  sei,  und  dem,  was  an  ihr
eine  andere  Bedeutung  hat,  so  wird  die  Vorstellung  von  der
Productivité  unvermeidlich  eine  höchst  verworrene  werden
müssen.  Alles  wird  dann  in  Nahrung  geschützt,  und  das
Resultat  ist  ein  Vorstellungskreis,  der  von  der  Wahrheit  soweit ­
  als  nur  irgend  möglich  abweicht.  Die  Natur  ist  dann  der
einzige  Producent,  und  zwar  ist  sie  dies  nur  insofern,  als  sie
über  den  Unterhalt  der  arbeitenden  Menschen  hinaus  ihre  überschicssenden
  Gaben  spendet.
Im  natürlichen  Aufbau  der  grossen  Wirthschaftszweige  ist
die  Nahrungsgewinnung  offenbar  das  Fundament,  ohne  welches
von  dem  Uebrigen  auch  nicht  das  Mindeste  bestehen  kann.
In  dieser  Hinsicht  ist  ein  verfügbarer  Nahrungsüberschuss,
mag  er  nun  der  Arbeit  zu  verdanken  sein  oder  nicht,  unter
allen  Umständen  und  selbst  in  rein  fingirten  Verhältnissen  die
unerlässliche  Vorbedingung  einer  industriellen  Entwicklung.
Hieraus  folgt  aber  nicht,  dass  er  auch  als  der  hervorbringende
Grund  der  Gewerbe  und  als  der  Repräsentant  der  productiven
Kraft  betrachtet  werden  dürfe.  Im  Gegentheil  ist  das  Ursächlichkeitsverhältniss
  das  grade  umgekehrte,  und  es  muss  in
völlig  entgegengesetzter  Richtung  gedacht  werden.  Der  Zug
der  höheren  Bedürfnisse  und  die  Kraft  der  technischen  Fähigkeiten ­
  ist  es,  was  auch  den  Ackerbau  im  Verhältniss  zu  den  aufgewendeten ­
  Mitteln  ergiebiger  macht,  und  über  den  Unterhalt  der
landwirthschaftlichen  Bevölkerung  hinaus  eine  immer  grössere
Erzeugnissmenge  verfügbar  werden  lässt.  Doch  wir  wollen  hier
nicht  den  neusten  kritischen  Vorstellungen  vergreifen,  sondern
uns  ausschliesslich  mit  dem  Standpunkt  der  Quesnayschen,  dem
Naturmenschen  und  der  noch  nicht  oriontirten  Phantasie  sehr
naheliegenden  Vorstellungsart  beschäftigen.
Alle  diejenigen,  welche  im  ökonomischen  Denken  erste
Versuche  machten,  sind  der  Abirrung  ausgesetzt  gewesen,  die
        <pb n="125" />
        109  —

Nahrungsproduction  als  entscheidende  Ursache  für  alle  übrigen
Gestaltungen  anzusehen.  Indessen  sind  nicht  Alle  wirklich
in  diesem  Fehler  verblieben.  Nach  Qiiesnay  war  derjenige,
welcher  sich  in  dieser  Beziehung  am  gründlichsten  irrte,
kein  Anderer  als  Malthus,  und  dieselbe  ünentwickeltheit
des  Denkens,  welche  die  treibenden  und  begrenzenden  Kräfte
der  Production  in  der  Gunst  der  Natur  und  des  Grund  und
Bodens  sucht,  Hess  auch  die  berüchtigte  Bevölkerungstheorie
wirthschaftliche  Scheinbarkeit  gewinnen.  Noch  heute  findet
man  die  Spuren  dieser  naturwüchsigen  Irrthümer  in  den  gangbarsten ­
  Lehrbuchcompilationen,  und  es  ist  mit  Sicherheit  vorauszusehen, ­
  dass  sich  diese  Vorstellungsart  auch  dann  noch
wiedererzeugen  und  hier  und  da  plausibel  machen  werde,  wenn
die  strengere  Wissenschaft  das  Gegentheil  mit  der  grössten
Deutlichkeit  in  allen  Richtungen  bewiesen  haben  wird.
5.  Die  richtige  Seite,  die  zwar  in  der  Quesnayschen  Idee
nicht  fertig  anzutreffen  ist,  derselben  aber  doch  abgewonnen
werden  kann,  ist  der  Gedanke  an  den  Unterschied  zwischen
Aufwendung  und  Erfolg.  Beide  werden  einerseits  in  Geldwerth
gedacht  und  sollen  sich  andererseits  wie  Unterhalt  und  Ueberschuss
  über  denselben  aufiassen  lassen.  In  der  That  besteht
nun  die  Productivität  oder  Ergiebigkeit  bei  jeder  ökonomischen
und  nicht  blos  bei  der  landwirthschaftlichen  Thätigkeit  in  dem
Verhältniss,  welches  zwischen  der  Erzeugnissmenge  und  dem
hiezu  erforderlich  gewesenen  Aufwand  statthat.  Die  Erzeugnisse ­
  veranschlagen  sich  nach  den  bedürfnissbefriedigenden
Eigenschaften,  während  der  Aufwand  in  dem  besteht,  was  zur
Ueberwindung  der  Productionshindernisse  nöthig  ist.  Die  nach
den  höheren  Verrichtungen  hin  verfügbar  gemachte  Erzeugnissmenge ­
  ist  daher  ein  Zeichen  des  Fortschritts  und  der  vollständigeren ­
  Entwicklung.  In  einem  solchen  Sinn  ist  der  Gedanke
einer  Grössendifferenz  zwischen  dem,  was  die  unterste  Stufe
der  Existenz  in  irgend  welchen  gegebenen  Verhältnissen  erfordern ­
  würde,  und  dem,  was  zu  dieser  Stufe  noch  durch  Erzielung ­
  eines  Ueberschusses  hinzukommt,  ein  berechtigter  Begriff.
Jener  Ueberschuss  verwandelt  sich  durch  Ueberlassung  an
Andere  in  eine  Summe  von  Gegenleistungen,  die  das  Leben
veredeln,  insofern  der  Austausch  gegen  die  Erzeugnisse  höherer
Verrichtungen  geschieht.  Aus  letzterer  Wendung  sieht  man
aber  auch  zugleich,  dass  die  Berichtigung  der  Quesnayschen
        <pb n="126" />
        lio

Differenzidee  schliesslich  zum  Gegentheil  seiner  Anschauungsweise ­
  führt.  Es  ist  nämlich  das  Dasein  der  höheren  und
höchsten  Thätigkeiten  der  Volkswirthschaft,  was  die  Erzielung
der  TJeberschüsse  auf  den  untersten  und  Zwischenstufen  möglich  '
macht  und  wirksam  anregt.
Erinnern  wir  uns  nun  nach  Erklärung  und  Kritik  des
Nettoproducts  der  verschiedenen  Gesellschaftsclassen,  so  haben
wir  die  productive,  die  sterile  und  diejenige  der  Gutseigenthürner
zu  unterscheiden.  Die  Holle  der  letzteren  Gattung  ist  von
Quesnay  als  eine  neutrale  gedacht  worden,  hei  welcher  der
Gegensatz  von  Productivität  und  Unproductivität  in  seinem
Sinne  nicht  in  Frage  kommen  kann,  da  es  sich  hier  um  gar
kein  eignes  Wirthschaftsergebniss,  geschweige  um  den  üeherschuss
  eines  solchen  handelt.  Doch  wird  die  inconsequonz
sofort  klar,  sobald  man  danach  fragt,  was  denn  aus  dem  als
Rente  angeeignoten  Nettoproduct  im  volkswirthschaftlichen
Kreislauf  werde.  Hier  ist  für  die  Vorstcllungsart  der  Physiokraten
  und  für  das  ökonomische  Tableau  nur  eine  sich  bis  zum
Mysticismus  steigernde  Verworrenheit  und  Willkür  möglich
gewesen.  Die  Linien,  welche  Quesnay  in  seinen  'übrigens
ziemlich  einfachen  Tafeln  hin  und  her  zieht  und  welche  die
Circulation  des  Ncttoproducts  darstellen  sollen,  erinnern  lebhaft ­
  daran,  dass  ihr  Urheber  von  der  Mathematik  und  überhaupt ­
  dem  rechnenden  Denken  grade  genug  verstand,  um  nach
dieser  Richtung  hin  ein  wenig  phantasiren  zu  können.  Schon
die  Erwähnung  des  Namens  Mathematik  würde  bei  diesen
wunderlichen  Oolonnenverknüpfungen  und  bis  zum  Centime
hinuntergehenden  Halbirungen  der  Summen  nicht  am  Orte
sein,  wenn  sich  Quesnay  in  Rücksicht  auf  dieselbe  nicht  durch
die  bekannte  Thorheit  der  Quadratur  des  Cirkols  in  die  Monomanen ­
  dieser  Gattung  eingereiht  hätte.  Er  hatte  sich  um  die
Ermöglichung  jener  Unmöglichkeit  nicht  nur  bemüht,  sondern
glaubte  zuletzt  auch,  die  Quadratur  gefunden  zu  haben,  und  es
soll  nur  der  Tod  gewesen  sein,  der  ihn  an  der  von  seinen
Freunden  widerrathonen  Veröffentlichung  verhindert  hat.  Man
muss  die  Psychologistik  des  Deutschen  Philosophirers  Herhart
kennen,  um  ein  Gegenstück  zu  diesen  Wunderlichkeiten  zu
haben.  Die  Spielereien  aber,  die  im  letzten  Monschonaltcr  im
Gebiet  der  Nationalökonomie  und  Statistik  von  verschiedenen,
in  einigen  Fällen  sogar  bedeutenderen  Personen  getrieben  worden
        <pb n="127" />
        Ill

sind,  gehören  schon  in  eine  andere  Species  und  können  daher
mit  Quesnays  Verfahren  nur  ganz  im  Allgemeinen  verglichen
werden.  Es  ist  nämlich  etwas  Anderes,  ob  man  die  BegrifiPe
des  Rechnens  und  der  Mathematik  so  anwendet,  wie  die  Scholastiker ­
  die  Logik,  oder  ob  man  jene  Vorstellungsarten  nur
als  Zerrbilder  producirt.  In  dem  einen  Fall  ist  das  Verfahren
bl  OS  leer  und  unfruchtbar;  es  können  aber  die  sachlichen
Grundlagen  und  die  leitenden  Rechnungsformen  an  sich  selbst
vollkommen  richtig  sein.  In  dem  andern  Fall  ist  das  Gebühren
selbst  mehr  oder  weniger  widersinnig,  und  die  Voraussetzungen
sind  ebenso  willkürlich  und  unverständlich,  als  der  Zusammenhang, ­
  in  welchem  sie  sich  vermöge  der  Zahlenangaben  und  der
Annahme  von  Zahlenverhältnissen  befinden  sollen.
Indem  wir  das  Ncttoproduct  von  dieser  bedenklichsten
Seite  betrachtet  haben,  sind  wir  für  ein  in  das  Gebiet  der
Praxis  gehöriges  Idol,  nämlich  für  die  einzige  Steuer  vorbereitet, ­
  welche  ebenfalls  aus  jenem  Urfond  und  zwar  gleich  an
der  Quelle  geschöpft  werden  soll.  Die  verschiedenen  Steuererhebungen ­
  würden  nach  der  Ansicht  Quesnays  doch  schliesslich ­
  immer  das  Ncttoproduct  treffen,  und  es  sei  daher  besser,
die  kostspieligen  Umwege  zu  vermeiden.  Auf  diese  Weise  ergiebt
  sich  die  allgemeine  Grundsteuer,  welche  hienach  aus  der
Grundrente  zu  zahlen  ist.  Wenn  irgendwo,  so  machte  sich  in
diesem  Punkt  die  thörichtste  Gonsequenz  der  Grundanschauung
mit  Händen  greifbar,  und  der  Sarkasmus  eines  Voltaire  hatte
die  schönste  Gelegenheit,  sich  mit  leichter  Mühe  zu  bethätigen.
„Der  Mann  mit  40  Thalern”,  welcher  die  Hälfte  dieses  Grundeinkommens ­
  an  physiokratischer  Grundsteuer  bezahlen  muss
und  die  reichen  Geschäftsleute  oder  sonst  bereicherten  Existenzen
steuerfrei  ausgehen  sieht,  während  er  selbst  verhungert,  —
dies  war  das  kleine  Bildchen,  mit  welchem  der  Französische
Satiriker  die  Oekonomisten  beschenkte.
Man  würde  jedoch  irren,  wenn  man  glaubte,  die  fraglichen
Ideen  hätten  zu  der  Praxis  niemals  Beziehungen  erhalten.  Auch
ohne  die  Physiokratie  sind  ähnliche,  wenn  auch  nicht  bis  zum
Acussersten  getriebene  Irrthümer  grade  in  der  Steuergesetzgebung ­
  wirksam  geworden,  und  die  Quesnayschen  Vorstellungen
haben  daher,  wo  sie  nicht  etwas  ganz  Neues  anregten,  wenigstens ­
  mehrfach  als  Bestärkungsmittel  gedient.  Die  falsche
Auffassung  von  der  Bedeutung  einer  Grundsteuer,  wie  sie  sich
        <pb n="128" />
        112

in  den  Gesetzgebungen  zum  Theil  noch  heute  vertreten  findet,
ist  durch  die  physiokratischen  Ideen  in  mehreren  Fällen  gesteigert ­
  und  unterstützt  worden.
6.  Die  wenn  auch  verfehlten,  so  doch  wenigstens  im  Irrthum ­
  originalen  Gedanken  ergänzen  sich  hei  Quosnay  und  den
übrigen  Physiokraten  durch  sehr  gewöhnliche  und  untergeordnete ­
  Grundsätze,  die  man  zum  Theil  nur  als  Echos  der  von
Englischen  Kaufleuten  und  Handelsschriftstellern  vertreten  gewesenen ­
  Maximen  ansehen  kann.  Hieher  gehört  besonders
das,  was  mehr  von  Gournay  als  von  Quesnay  herrührte.  Der
erstere,  ein  vielgereister  und  in  den  Englischen  Handelsschriftstellern ­
  heimischer  sowie  überhaupt  sehr  belesener  Kaufmann,
der,  nachdem  er  seine  Geschäfte  aufgegeben,  gleichzeitig  mit
dem  Stifter  der  Physiokratie  und  zum  Theil  in  amtlichen
Functionen  für  den  Grundsatz  des  laisser  aller  wirkte,  ist  von
Turgot  in  einer  besondern  „Lobschrift”  geschildert  worden.
Man  ersieht  aus  derselben,  dass  er  eigentlich  nichts  weiter  that,
als  in  Frankreich  für  Anschauungsweisen  eintreten,  wie  er  sie
sich  aus  Englischen  Schriftstellern,  wie  Child,  herausgelesen
hatte.  Der  Widerwille  gegen  das  in  Frankreich  traditionelle
Uebermaass  des  Reglementirens  und  gegen  die  Verkehrtheiten,
zu  denen  ein  solches  System  unter  schlechten  Regierungen  geführt ­
  hatte,  kam  dem  Gedanken  der  Sichselbstüberlassung  des
Verkehrs  zu  Hülfe.  Ausserdem  hatte  ja  auch  Quesnay  selbst
in  seiner  Vorstellung  von  Natürlichkeit  und  Naturgesetzen  die
entschiedenste  Veranlassung,  dieselbe  Richtung  einzuschlagen,
und  so  geschah  es,  dass  sich  die  Grundsätze  des  Kaufmanns
mit  denen  des  Stifters  der  Physiokratie  verschmolzen.  Der
letztere  hatte  die  Freiheit  des  Kornhandels  ohnedies  schon  von
seinem  eignen  Standpunkt  aus  zum  Axiom  gemacht,  und  seine
Natürlichkeitsvorstellungen  schlugen  ihm  die  Brücke,  auf  welcher
er  vollständig  in  das  Gebiet  des  laisser  aller  gelangte.  Heber
die  Verträglichkeit  des  Widerspruchs,  der  zwischen  der  kaufmännischen ­
  und  der  landwirthschaftlichen  Denkungsart  gegenseitig ­
  beinahe  ausgeglichen  schien,  dürfen  wir  uns  nicht  wundern.
Im  Reich  eines  Vorstellungskreises,  wie  der  Quesnay  sehe,
konnten  sich  die  verschiedensten  Elemente  vereinbaren,  wenn
sie  nur  in  der  philanthropischen  Gesinnung  einigermaassen  zusammenstimmten. ­
  Einschneidende  Logik  war  überhaupt  auf
diesem  Felde  und  namentlich  in  Rücksicht  auf  die  praktischen
        <pb n="129" />
        113

Gegensätze  kaum  anzutreifen.  Ein  Streit  über  etwaige  Ein-Iheilung
  in  Schulen  ist  daher  ganz  überflüssig.  Gournays  Bedeutung ­
  besteht  in  der  Einwirkung  auf  Quesnay  und  auf  Turgot.
Der  letztere  ist  aber  wiederum  nur  als  ein  sichtender  Darsteller ­
  der  Hauptlehren  Quesnays  anzusehen,  die  er  in  seiner
Weise  mit  einigen,  dem  gesunden  Verstände  zu  verdankenden
Berichtigungen  wiedergab.
Wenn  also  Einige  von  drei  besondern  Schulen  oder  Richtungen ­
  reden  wollen,  die  den  Namen  Quesnay,  Gournay  und  Turgot
entsprächen,  so  ergiebt  dies  ein  ganz  falsches  Bild.  Gournay,
der  nichts  Eignes  veröffentlichte,  sondern  seine  Manuscripte
unbekümmert  seinen  Freunden  zur  Verfügung  stellte  und  bei
der  Abfassung  der  späteren  so  verfuhr,  als  wenn  die  früheren
noch  gar  nicht  dagewesen  wären,  muss  vorwiegend  als  eine  blos
anregende  Persönlichkeit  betrachtet  werden,  Turgot  aber  war
ungeachtet  seiner  universellen  Richtung  und  seiner  vielseitigen
Talente  doch  kein  Schöpfer  eines  ökonomischen  Gedankens  von
solcher  Erheblichkeit,  dass  sich  daran  eine  besondere  Systemgestaltung ­
  hätte  knüpfen  lassen.  Das  Vorherrschen  der  einen
oder  andern  Denkphysionomie  in  der  Anhängerschaft  giebt  noch
nicht  das  Recht,  von  ernstlichen  Schul-  und  Systemverzweigungen ­
  zu  reden.  Wohl  aber  hat  der  zuletzt  Genannte  durch
sein  Ministerium  eine  praktische  Bedeutung  gehabt,  die  für  die
Physiokratie  nicht  gleichgültig  blieb.  Ehe  wir  jedoch  hievon
reden,  müssen  wir  noch  der  Art  und  Weise  gedenken,  wie
Quesnay  die  Handelsbilanz  auffasste.  In  einer  der  „Maximen”,
von  denen  er  zuerst  ein  paar  Dutzend  und  schliesslich  noch  ein
halbes  Dutzend  aufstellte,  behauptete  er,  dass  die  günstige
Bilanz  sogar  schädlich  sein  könne.  Einen  klaren  Einblick  in
den  Sinn  und  die  Schranken  seines  Gedankens  verstattet  jedoch
besonders  eine  Aeusserung  in  dem  ersten  Dialog  vom  Handel,
wo  zur  Widerlegung  der  Bilanz  Vorstellungen  die  Meinung  geltend
gemacht  wird,  dass  sich  auf  Kosten  der  andern  Nationen  kein
Gewinn  machen  lasse.  „Ein  gerechter  und  guter  Gott”,  sagt
er  (Physiokratie  II  S.  135),  „habe  gewollt,  dass  dies  unmöglich
sei,  und  dass  der  Handel,  wie  er  auch  ausgeführt  würde,  immer
nur  die  Frucht  eines  offenbar  gegenseitigen  Vortheils  wäre.”
Hier  haben  wir  die  ganze  Einseitigkeit  der  so  oft  wiederholten
Antibilanztheorie  in  ihrer  optimistischen  Verkennung  der  menschlichen ­
  Beziehungen  und  mit  ihrer  billigen  Hypothese  eines
Dühring,  Goschichte  dor  Nationalökonomie.  2.  Auflage.  8
        <pb n="130" />
        114

willkürlich  erdichteten  Harmonismus  vor  uns.  Der  wahre  Bestandtheil,
  der  auch  in  dieser  thörichten  Vorstellungsart  nicht
fehlt,  ist  die  Hinweisung  auf  die  Gegenseitigkeit  dos  Nutzens.
Allein  man  muss  zu  unterscheiden  wissen,  was  diese  Gegenseitigkeit ­
  unter  den  verschiedenen  Verhältnissen  leistet  und
wo  sie  ihre  Grenzen  hat.  Doch  wir  wollen  uns  bei  dem  allgemeinen ­
  Gedanken  von  der  Gemeinsamkeit  des  Vortheils  der
handeltreibenden  Theile  nicht  aufhalten,  da  wir  eine  noch
universellere  Idee  schon  bei  Boisguillebert  zu  berühren  gehabt
haben.  Es  wird  jedoch  gut  sein,  dass  man  sich  für  die  Folgezeit ­
  merke,  welche  nebelhafte  Gestalt  die  Anfechtungen  der
ßilanztheorie  bei  Quesnay  gehabt  haben.  Nach  Hume  finden
wir  dieses  Thema  bei  den  verschiedensten  Schriftstellern  im
negativen  Sinn  behandelt;  aber  nirgend  werden  wir  auf  Gründe
treffen,  die  mehr  repräsentirten,  als  eine  Beseitigung  der  Ansicht, ­
  dass  grade  die  Gewinnung  der  Differenz  in  edlen  Metallen ­
  das  Mittel  zur  Vermehrung  des  Reichthums  sei.
7.  Wäre  es  hier  unsere  Aufgabe,  die  Vorgänge  in  der
Volkswirthschaft  und  nicht  vielmehr  diejenigen  im  Bereich  der
wissenschaftlichen  Sätze  darzustellen,  so  würden  wir  dem  Menschenalter, ­
  welches  der  grossen  Französischen  Revolution  voranging, ­
  eine  ganz  besondere  Aufmerksamkeit  widmen  müssen.
Die  ökonomischen  Reformen,  die  man  versuchte  oder  wirklich
ausführte,  standen  in  engerer  Beziehung  zu  den  Ideen  der
Physiokraten.  Die  Opposition  gegen  die  Hemmungen  des  Verkehrs
  und  gegen  die  Monopole  und  Zünfte  war  sehr  begreiflich.
Das  Naturrecht,  wie  es  in  einer  eigenthümlichen  Gestalt  auch
der  Physiokratie  zu  Grunde  lag,  hatte  selbst  da,  wo  die  politischen ­
  Grundsätze  ganz  anderer  Art  zu  sein  schienen,  eine
unwillkürliche  Tendenz  zur  Revolution.  In  den  Maximen  Quesnays
  wird  freilich  die  ungetheilte  Gewalt  für  nothwendig  erklärt, ­
  und  auch  sonst  kommt  innerhalb  der  Secte  eine  gewisse
an  das  Despotische  streifende  Neigung  zum  Ausdruck.  Indessen
alles  dies  hindert  keineswegs,  anzuerkennen,  dass  die  Einführung ­
  eines  verhältnissmässig  freien  Denkens  über  natürliche
Wirthschaftsgestaltung  und  der  Kampf  gegen  die  missliebigen
Zustände,  der  sich  hieran  anknüpfte,  nicht  blos  zu  den  Symptomen ­
  und  Wirkungen,  sondern  auch  zu  den  sccundirenden
Vorbereitungen  eines  Vorabends  der  Revolution  gehörten.  Zieht
man  aber  Turgots  Ministerium  etwa  als  eine  officielle  Bethä-
        <pb n="131" />
        115

tilling  physiokratisclier  Grundsätze  in  Betracht,  so  liegt  sogar
ein  unmittelbarer  Zusammenhang  deutlich  genug  vor.  Dennoch
hat  man  sich  zu  hüten,  die  Oekonomisten  als  solche  und  um
ihrer  eigenthümlichen  Theorien  willen  unbedingt  zu  Yorläufern
jener  grossen  Umwälzung  zu  machen.  Sie  dachten  und  handelten ­
  vielmehr  unter  dem  Einfluss  von  Antrieben,  die  mächtiger ­
  waren,  als  der  philanthropische  Geist  eines  Quesnay.  Das
Nettoproduct  mit  der  einzigen  Grundsteuer  und  all  seinem  sonstigen ­
  Zubehör  sowie  die  Sterilität  der  gewerbetreibenden  Classe
waren  keine  Begriffe,  die  auch  nur  ein  Stückchen  revolutionärer
Anregung  repräsentirten.  Die  negativen  und  auflösenden  Ideen
aber,  unter  denen  das  laisser  aller  und  die  Durchbrechung  der
bisherigen  Concurrenzschranken  die  Angelpunkte  bildeten,  waren
nicht  ausschliesslich  und  speciflsch  physiokratisch,  sondern  ergaben ­
  sich  auch  ohnedies  aus  der  unerträglich  gewordenen  Verwicklung ­
  der  Verhältnisse.  Das  Bestreben,  den  Ackerbau  von
seinen  Fesseln  zu  befreien  und  den  Verkehr  durch  Wegräumung
der  Hindernisse  zu  befördern,  war  seit  Boisguillebert  und  Vauban
hei  allen  denen  traditionell,  welche  die  Schäden  der  Zustände
empfanden  und  ihre  Kritik  gegen  die  Missstände  richteten.  Das
Wort  laissez  nous  faire  war  ja  schon  einem  Colbert  gegenüber
gebraucht  worden,  und  grade  diejenigen  Classen,  welche,  wie
die  durch  Colberts  eigne  Maassregeln  emporgekommenen  bürgerlichen ­
  Berufszweige,  über  die  grösste  ökonomische  Macht
verfügten,  hatten  ein  natürliches  Interesse,  die  wirthschaftlichen
Freiheitsideen  in  jeder  Richtung  zu  begünstigen,  wo  ihnen  dieselben ­
  eine  Erweiterung  ihres  Einflusses  versprachen.  Es  vereinigten ­
  sich  also  verschiedene  Umstände,  uni  die  Thatsachen
in  ähnliche  Richtungen  zu  treiben,  in  denen  sich  die  Ideen  und
nebenbei  auch  ein  Theil  des  physiokratischen  Naturcodex  bewegte. ­

Der  einzige  einigermaassen  politische  Charakter,  der  seiner
ökonomischen  Ansichten  wegen  zu  den  Physiokraten  zählen
muss,  war  jener  Minister,  der  einem  Ludwig  XVI  sein  Schicksal
vorhersagte.  Es  war  ein  Mann  von  seltenem  Geist  und  noch
viel  seltener  anzutreffender  Gesinnung.  Seine  Fähigkeiten  bekundeten ­
  sich  literarisch  nicht  blos  in  dem  Umspannen  vieler
Gebiete  und  Anschauungen,  sondern  auch  in  einem  hohen  Grad
philosophischer  Durcharbeitung  und  in  geistvollen  Combinationen
  der  verschiedenartigsten  Stoffe.  Seine  Abhandlungen
8*
        <pb n="132" />
        IIG

zu  der  Philosophie  der  Geschichte  sind  berühmt  und  bekunden
in  der  That  in  mehreren  Richtungen  eine  AufFassungsart,  die
um  so  mehr  bedeutet,  als  sie  schon  bei  dem  jugendlichen  Schriftsteller ­
  anzutreffen  war.  Was  Turgot  1750  als  junger  Mann
von  23  Jahren  „TJeherdie  Fortschritte  dos  menschlichen  Geistes”
geschrieben  hatte,  enthielt  höchst  bedeutsame  Gesichtspunkte
und  sehr  richtige  Urtheile,  die,  wie  die  Hinweisung  auf  die
Nothwendigkeit  einer  zukünftigen  Loslösung  Nordamerikas  vom
Mutterlando,  durch  die  Ereignisse  bestätigt  wurden.  Was  jedoch ­
  mehr  sagen  wollte,  ist  die  psychologische  Klarheit,  mit
welcher  derjenige  schrieb,  welcher  den  Eindrücken  des  theologischen ­
  Studiums  ausgesetzt  gewesen  war.  Freilich  war  es
eine  Natur,  die  erklärte,  auf  eine  priosterliche  Laufbahn  verzichten ­
  zu  müssen,  weil  es  ihr  „unmöglich  wäre,  sich  darein
zu  ergeben,  zeitlebens  eine  Maske  zu  tragen.”
Bei  aller  Würdigung  dieser  vorzüglichen  Eigenschaften
darf  man  sich  jedoch  nicht  darüber  täuschen,  dass  man  es  in
Turgot  sowohl  in  Rücksicht  auf  die  Wissenschaft  als  im  Hinblick ­
  auf  sein  Ministerium  mit  keiner  im  höheren  Sinne  dos
Worts  genialen  und  actionsfähigen  Kraft  zu  thun  hat.  Eine
Summe  von  Talenten  und  ein  entsprechendes  Maass  von  ideologischer ­
  Hartnäckigkeit,  die  über  den  Principien  die  Rücksichten ­
  auf  das  volle  Leben  vergass,  sowie  der  Mangel  eines
Verständnisses  für  die  politischen  Bewegungsgesetze  der  Massen
und  der  Interesseneinflüsso,  —  das  waren  die  Elemente,  die  in
Turgots  Person  die  Physiokratie  äusserlich  erhoben  und  nach
kurzer  Frist  stürzten.  Die  berühmte  Ministerrolle  spielte  sich
zufällig  innerhalb  der  paar  Jahre  ab,  welche  einerseits  durch
den  Tod  Quesnays  und  andererseits  durch  das  Erscheinen  des
Smithschen  Werks  markirt  werden  können.  Was  1774  70
geschah,  ist  ein  geschichtliches  Zeuguiss  für  die  Unzulänglichkeit ­
  einer  Politik  geworden,  die  eigentlich  nichts  weiter  als  ein
paar  abstracto  Regeln  zum  Compass  hatte.  Selbst  eine  gewisse
Energie  musste  unter  dieser  Voraussetzung  mehr  schaden  als
helfen,  und  was  auch  immer  nach  einigen  Richtungen  an  heilsamen ­
  Maassregeln  durchgeführt  wurde,  —  die  übergangslose
Zusammenwürfelung  der  bisherigen  Zustände  des  Kornhandels
nach  dem  ausschliesslich  negativen  Grundsatz  des  laisser  aller  und
ohne  positive  Hülfe  gegen  die  augenblicklich  erwachsenden
Verlegenheiten,  war  mindestens  unpolitisch.  Auch  hat  sie  in
        <pb n="133" />
        117

Vorbiuduüg  mit  dem  Verfahren  hei  der  Kornern  ente  die  Stellung ­
  dos  physiokratischen  Finanzministers  am  meisten  compromittirt
  und  schliesslich  unhaltbar  gemacht.  Hiemit  soll  nicht
gesagt  sein,  dass  der  versatile  Italiener  Galiani  mit  seinen
Dialogen  über  den  Kornhandel  gegen  die  Physiokraten,  und
ein  Kecker  mit  seiner  über  denselben  Gegenstand  speciell  gegen
Turgot  gerichteten  Schrift  theoretisch  Recht  gehabt  hätten.
Im  Gegentheil  war  der  Standpunkt  dieser  so  viel  Aufsehen  erregenden ­
  Bücher  in  der  Hauptsache  principios.  Ganz  besonders ­
  gilt  dies  von  Galiani,  bei  welchem  das  Funkenstieben  des
Geistes  den  Mangel  eines  ruhigen  Lichts  und  ernster  Grundsätze ­
  nicht  aufwiegen  kann.  Allein  in  der  Blosstellung  der
Thorheit  einer  rücksichtslosen  Schablonenpolitik  hatten  diese
Autoren  wirklich  Recht,  wenn  es  auch  keine  sonderlich  schwierige ­
  Sache  war,  die  Blossen  des  physiokratischen  Enthusiasmus ­
  und  der  Dogmen  dieser  Secte  sichtbar  zu  machen.
Galiani  suchte  das  System  ausdrücklich  darin,  keines  zu
haben,  und  dieser  windige  Standpunkt,  der  zu  allen  Zeiten
seine  Anhänger  zählt,  kann  in  der  Erprobung  des  wirklichen
Lebens  auch  nur  die  Bedeutung  einer  Wetterfahne  beanspruchen.
Wir  haben  also  keinen  Grund,  jenen  Italienischen  Gegner  der
Dhysiokraten  zu  bewundern,  sondern  müssen  sogar  an  den
Gegensatz  erinnern,  der  zwischen  der  Frivolität  und  Unwissenschaftlichkeit ­
  des  sogenannten  geistreichen  Verhaltens  und  dem
redlichen,  wenn  auch  durch  Irrthümer  und  falschen  Enthusiasmus ­
  verunstalteten  Ernst  der  bessern  Physiokraten  bestand.
Doch  lassen  wir  die  auf  die  damalige  Polemik  bezüglichen
Kundgebungen  ebenso  wie  die  streitigen  Maassregeln  und  die
Wirthschaftsgeschichte  zur  Seite,  um  uns  der  Hauptsache,  nämlich ­
  den  Theorien  Turgots  zuzuwenden.
8.  Im  Hinblick  auf  den  sichtenden  und  in  einem  bessern
Sinn,  als  das  Wort  gewöhnlich  hat,  eklektisch  zu  nennenden
Autor  der  „Reflexions  sur  la  formation  et  la  distribution  des
richesses”  (I76G)  würde  man  kaum  behaupten  können,  dass  er
ein  entschiedener  Anhänger  der  Physiokratie  gewesen  sei,  wenn
ihn  nicht  die  Annahme  der  entseheidenden  Haupt  Vorstellungen
dazu  gestempelt  hätte.  Die  Art  und  Weise  des  Denkens  und
der  Darstellung  weicht  von  der  sonst  bei  den  Physiokraten
üblichen  Physionomie  zu  Gunsten  der  Klarheit  und  Verstandesmässigkeit
  erheblich  ab.  Jene  kleine  Schrift  liest  sich  noch
        <pb n="134" />
        118  —.

heute  mit  einigem  Interesse  und  kann  durch  ihre  Uehersichtlichkeit,
  durch  ihre  Kürze  und  durch  Hervorhebung  des  Zusammenhangs ­
  der  einzelnen  Gedanken  sehr  viel  zur  Erläuterung ­
  der  physiokratischen  Ansichten  beitragen.  Auch  enthält
sie  einige  eigenthümlicbe  Bestandtheile,  die  wie  die  Vorstellung,
dass  die  Capitalion  durch  Ersparung  entstehen,  nachher  in  dem
Smithschen  Gedankenkreis  eine  Rolle  gespielt  haben.  Dennoch
dürfen  wir  aber  nicht  verkennen,  dass  wir  es  in  dieser  Turgotschen
  Skizze  mehr  mit  einem  kühlen  verständigen  Niederschlag
als  mit  der  ursprünglichen  Lebendigkeit,  originalen  Haltung
und  Gonsequenz  der  Quesnaysclien  Ideen  zu  thun  haben.  Heb  eigens ­
  findet  sich  auch  ein  Stück  ökonomischer  Geschichtsphilosophie ­
  in  die  Darstellung  verwebt,  so  dass  man  überall  den
Versuch  zu  einer  tieferen  Ergründung  der  Aufeinanderfolge  der
Zustände  wahrnimmt.
In  den  einzelnen  Lehren  sind  die  Dogmen  der  Physiokratie
von  den  mehr  unabhängigen  und  selbständigen  Ideen  zu  unterscheiden. ­
  In  erstcrer  Beziehung  wird  der  Begrifi"  des  Nettoproducts
  wiedergegeben,  jedoch  ohne  dass  sich  daran  die  Gonsequenzen ­
  des  ökonomischen  Tableau  knüpften.  Die  an  den
Grundeigenthümer  gezahlte  Pacht  ist  vorzugsweise  die  Form,
in  welcher  das  Nettoproduct  unmittelbar  gedacht  wird.  Die
Vorherrschaft  des  Pachtverhältnisses  stellt  nach  Turgots  Ansicht ­
  von  der  geschichtlichen  Entwicklung  der  socialen  und
rechtlichen  Bewirthschaftungsarten  den  am  höchsten  ausgebildeten ­
  Zustand  dar.  Die  übrigen  Gestalten  werden  von  der
Sklaverei  an  durchgegangen.  Es  lohnt  sich  kaum,  noch  besonders ­
  zu  bemerken,  dass  der  Arbeitslohn  entsprechend  den
Grundanschauungen  der  Physiokratie  als  blosse  Gewährung
des  nothwendigen  Unterhalts  gedacht  wird.  Alle  Wertho  bestehen ­
  ja  nach  diesem  System  wesentlich  in  Nahrungsmitteln,
und  die  sterile  Glasse  producirt  ja  nach  dieser  Annahme  nicht
mehr  als  sie  verbraucht.  Dem  Wertausdruck  nach  fehlt  es
daher  auch  im  Hinblick  auf  den  Arbeitslohn  keineswegs  an
der  Vorstellung  des  später  als  Ricardoschor  Begriff  so  berühmt
gewordenen  Unterhaltsminimum.  Doch  wollen  wir  uns  nicht
bei  Ideen  auf  halten,  die  in  ihrer  unkritischen  Gestalt  Jedem
nahelagen,  der  seine  Gedanken  ein  wenig  in  Bewegung  setzte.
Die  einfache  Meinung,  dass  der  Arbeiter  eben  nur  den  Unterhalt ­
  empfange,  ist  eine  Reflexion,  deren  schwankender  und  un-
        <pb n="135" />
        bestimmter  Inhalt  bei  einigem  Nachdenken  hervortritt  und  daher ­
  an  sich  selbst  keinen  Anspruch  machen  kann,  als  eine  besonders ­
  auszuzeichnonde  wissenschaftliche  Idee  zu  gelten.  Im
Gegentheil  ist  jene  Meinung  das  Ergebniss  einer  oberflächlichen
Beiirthcilung,  und  wir  würden  an  dieselbe  gar  nicht  erinnert
haben,  wenn  man  nicht,  seit  Ricardo  und  in  der  jüngsten  Zeit,
auch  die  Physiokraten  für  die  Idee  des  geringsten  Unterhaltsmaasses
  angeführt  hätte.
Die  Ansicht  über  die  Nützlichkeit  des  geringen  Zinsfusses,
die  sich  bei  früheren  Schriftstellern  häufig  genug  vorfand,  wird
von  Turgot  sehr  entschieden  betont.  Jedoch  gilt  ihm  diese
Niedrigkeit  nur  als  ein  Zeichen  des  Ueberflusses  der  Gapitalien.
Die  letzteren  werden  von  ihm  als  Gegenstände  des  Angebots
und  der  Nachfrage  nach  der  entsprechenden  allgemeinen  Handelsregel
  beurtheilt.  Die  Waage  zwischen  Angebot  und  Nachfrage ­
  und  die  Herstellung  einer  Art  von  Gleichgewicht  oder,
wie  er  sich  ausdrückt,  die  Balancirung,  ist  eine  ihn  leitende
Grundvorstellung.  Mau  erkennt  hier  den  Einfluss  Gournays.
Der  Zins  soll  mit  dem  Ertrage  nichts  zu  schaffen  haben.  Das
viel  angeführte  Bild,  in  welchem  Turgot  die  Hebungen  und
Senkungen  des  Zinsfusses  mit  einer  fingirten  üeberfluthung
und  den  Veränderungen  des  Wasserstandes  vergleicht,  welche
nach  und  nach  alle  Theile  der  Landschaft  von  den  Höhen  bis
zu  den  tieferen  Lagen  hinunter  der  Cultur  zugänglich  machen,
—  diese  Vergleichung  bedeutet  nichts  weiter,  als  dass  bei  dem
geringeren  Zinsfuss  die  Productivität  als  gesteigert  vorauszusetzen ­
  sei.  Ferner  wird  der  Gedanke  eines  eigentlichen  Capitalumlaufs
  als  Erklärung  desjenigen  Hergangs  gebraucht,  der  gewöhnlich ­
  als  Umsatz  des  Geldes  angesehen  werde.  In  Wahrheit ­
  handle  es  sich  hei  der  ganzen  Circulation,  die  man  hier  im
Auge  haben  müsse,  um  nichts  als  um  Vorschüsse,  die  sich  ersetzen. ­
  Ausserdem  werden  die  Capitalien,  wie  schon  oben  angedcutet,
  als  aufgehäufte  Ersparungen  gedacht,  und  Turgot  hat
hier,  wie  Adam  Smith  und  alle  seine  sonstigen  Nachfolger,  in
dieser  Vorstellungsart  stets  die  Werthsummen  im  Auge,  über
welche  die  Privaten  verfügen.  Der  Gegensatz,  der  ausser  Acht
gelassen  wird,  aber  in  der  neusten  Zeit  sehr  wichtig  geworden
ist,  betrifft  den  höheren  Gesichtspunkt,  aus  welchem  die  volkswirthschaftliche
  Capitalbildung  nicht  in  der  nebensächlichen
        <pb n="136" />
        —  120  —

Verrichtung  des  privaten  Sparens  aufgeht  und  nirgend  als
etwas  individuell  Willkürliches  erscheint.
Obwohl  Turgot  die  Hauptdogmen  der  Physiokraten  annimmt ­
  und  sogar  von  einer  sterilen  Classe  redet,  der  er  jedoch
an  andern  Stellen  weniger  verletzende  Namen  giebt,  so  entwickelt ­
  er  dennoch  einige  subtilere  Anschauungen,  weiche  die
Inconsequenz  gegen  die  Schultradition  repräsentiren.  Hieher
gehört  besonders  seine  Darlegung  der  gegenseitigen  Einwirkungen, ­
  die  zwischen  den  verschiedenen  Ertragssiltzen  der
grossen  wirthschaftlichen  Berufsverzweigungen  angenommen
werden.  Die  Ungleichheit  der  Ertragsarten  soll  ein  gewisses
Gleichgewicht  zwischen  ihnen  keineswegs  ausschliessen,  sondern
es  soll  z.  B.  die  Veränderung  des  Zinsfusses  auch  den  Ackerbau ­
  beeinflussen.  So  zutreffend  diese  Gedanken  nun  auch  im
Allgemeinen  sind,  so  haben  sie  doch  bereits  eine  Physionomie,
die  zur  reinen  Physiokratie  nicht  mehr  passen  will,  und  es
begreift  sich,  dass  der  Verfasser  der  „Reflexionen”  nicht  als
orthodoxer  Anhänger  der  Secte  gelten  wollte.  Andererseits
geben  ihm  aber  diese  einander  innerlich  widersprechenden
Reflexionen,  deren  äusserliche  Verständlichkeit  auf  dem  Preisgeben ­
  der  strengeren  Consequenzen  beruht,  keinen  Anspruch
auf  jene  schöpferische  Originalität,  die  bei  einem  Quesnay
wenigstens  im  Irrthum  vorhanden  gewesen  war.  Die  Bedeutung ­
  seiner  Schrift  beruht  vielmehr  vorwiegend  auf  der  übersichtlichen ­
  Skizzirung  eines  Ideenkreises,  in  welchem  die  physiokratische
  [Tradition  unter  Abschwächung  des  am  meisten
Anstössigen  zusammengefasst  und  in  einigen  Richtungen  der
geschichtsphilosophische  Standpunkt,  sowie  manche  gute  Analogie ­
  aus  den  Denkformen  anderer  Wissenschaften  zur  Geltung
gebracht  wurde.
Mit  Turgot  war  die  Physiokratie  in  Erankreich  praktisch
und  theoretisch  zu  ihrem  Ende  gelangt.  Es  versteht  sich  von
selbst,  dass  sich  der  Einfluss  der  Secte,  die  ein  paar  Jahrzehnte
hindurch  so  viel  Bewegung  erzeugt  hatte,  nicht  auf  ihr  Entstehungsland ­
  beschränken  konnte.  Das  natürliche  Gesetz  ihrer
Propaganda  war  die  Uebertragung  ihrer  Antriebe  auf  die  weniger ­
  entwickelten  Nationen,  in  denen  Handel  und  Industrie  noch
nicht  dieselbe  Bedeutung  hatten  wie  in  England.  Jenseit  des
Canals,  wo  man  schon  in  anderer  Weise  denken  gelernt  hatte,
war  für  die  Physiokratie  als  solche  kein  günstiger  Boden;  aber
        <pb n="137" />
        wohl  wurde  sie  indirect  in  dem  feystem  Adam  Smiths  wirksam, ­
  der  1766  in  Frankreich  gewesen  und  gegen  den  Einfluss
des  Verkehrs  mit  Quesnay  nicht  gleichgültig  geblieben  war
Auch  Italien  war,  da  es  eine  ältere  wissenschaftliche  Vergangenheit ­
  hinter  sich  hatte,  trotz  seiner  ökonomischen  Lage  für  eine
reine  Unterwerfung  unter  die  physiokratischen  Ideen  kein  geeigneter ­
  Schauplatz.  In  Deutschland  hat  es  natürlich  Schriftsteller ­
  gegeben,  welche  die  Physiokratie  verbreiteten  oder
eklektisch  benutzten.  Was  die  sogenannten  praktischen  Einflüsse ­
  anbelangt,  so  hatte  die  Betheiligung  Ludwigs  XV  die
persönliche  Aufmerksamkeit  mancher  Fürsten  erregt,  und  der
Markgraf  Friedrich  von  Baden  schrieb  selbst  eine  Kleinigkeit
und  liess  einen  Miniaturversuch  mit  der  einzigen  Steuer  anstellen, ­
  der  natürlich  missglückte.  Doch  diese  Nebensächelchen,
zu  denen  auch  die  gelegentlichen  Ansichten  grösserer  Fürsten
gehörten,  haben  mit  dem  Gange  der  Theorie  nichts  zu  thun
und  können  uns  daher  gleichgültig  bleiben.  Die  wichtigste
Richtung,  in  welcher  die  Oekonomisten  zunächst  gewirkt  haben,
ist  die  schon  erwähnte,  vermöge  deren  das  neue  System,  welches ­
  sich  auf  Schottischem  Boden  entwickelte,  einige  Oharakterzüge
  empfing.  Wenn  man  neuerdings  in  Frankreich  unter
dem  Eindruck  der  Ackerbauzustände  die  alten  Oekonomisten
literarisch  wieder  her  versuchte,  und  wenn  landwirthschaftliche
Schriftsteller  an  ihnen  Studien  machen,  so  wird  dies  Alles
nach  gründlicher  Untersuchung  stets  nur  den  Beweis  liefern
können,  dass  Quesnay  zwar  ein  originaler  Geist  gewesen  und
die  wissenschaftliche  Speculation  nach  durchgreifenden  Principien ­
  gefördert,  aber  auch  zugleich  die  Einleitung  zu  der  modernen ­
  Ideologie  recht  typisch  vertreten  habe.

Zweites  Capitel.
David  Hume.
Während  in  Frankreich  die  Secte  der  sogenannten  Oekonomisten ­
  ihre  Speculationen  entwickelte  und  aller  Ideologie
ungeachtet  auf  die  eigentlich  wissenschaftliche  Constituirung
einer  Volks  wirthschaftslehre  hin  wirkte,  finden  wir  auf  der
andern  Seite  des  Canals  einen  ernstlichen  und  subtilen  Denker
damit  beschäftigt,  die  wirthschaftlichen  Hauptverhältnisse  in
        <pb n="138" />
        122  —

einer  Anzahl  von  kleinen  Abhandlungen  philosophisch  zu  beleuchten. ­
  In  der  That  hat  Hume  mit  seinen  ökonomischen
Essays  seinem  Freunde  Adam  Smith  erheblich  vorgearbeitet.
Käme  es  nur  auf  die  Würdigung  der  Feinheit  des  Denkens  und
der  durchsichtigen  Klarheit  des  Ausdrucks  an,  so  würde  jener
Philosoph  einen  weit  höheren  Rang  in  Anspruch  nehmen  können, ­
  als  man  in  Rücksicht  auf  Talent  und  auf  Weite  der  Bildung ­
  demjenigen  zugestehen  kann,  der  als  der  Verfasser  des
Völkerreichthums  später  der  Ausgangspunkt  für  die  gesummte
moderne  Oekonomie  werden  sollte.  Hume  hat  der  subtileren
Philosophie  einen  neuen  Weg  eröffnet;  er  ist  es  gewesen,  durch
dessen  Schriften  ein  Kant  noch  im  reiferen  Alter  aus  seinem
Schlummer  geweckt  und  in  die  veränderte  Richtung  getrieben
wurde,  in  welcher  er  nun  dem  tieferen  Denken  seine  besten
Dienste  leistete.  Hume  steht  aber  auch  übrigens  im  ganzen
Bereich  der  neusten  Philosophie  als  diejenige  Persönlichkeit
da,  welche  durch  ihre  vorstandesmässige  Haltung  und  ihr  ebenso
vorsichtiges  als  charaktervolles  Auftreten  gegen  die  Vorurtheile
einzig  ausgezeichnet  ist  und  in  der  praktischen  Behandlung
des  Lebens  in  wesentlichen  Richtungen  vor  einem  Kant  sehr
viel  voraus  hat.  Der  Schottische  Philosoph  vertrat  im  Leben
und  im  Sterben  jene  Freiheit  und  Vorurtheilslosigkeit  der
Gesinnung,  deren  Abwesenheit  sogar  eine  sonst  geniale  Kraft
verunziert  und  die  Möglichkeit  der  vollen  Sympathie  aufhebt.
Der  Denker,  der  den  Menschen  wirklich  etwas  sein  soll,  darf
nicht  blos  im  Wissen,  sondern  muss  auch  im  Wollen  und  in
seiner  Auffassung  und  Behandlung  des  Lebens  dauernde  Sympathie ­
  erregen  können.  Hume  gehörte  nun  zu  dieser  Art  von
Philosophen  und  erinnert  hiedurch  einigermaassen  an  die  Unabhängigkeit ­
  mancher  Erscheinungen  des  Alterthums.
Wenn  ein  solcher  Geist  auch  die  wirthschaftlichen  Fragen
zum  Gegenstände  seiner  Untersuchungen  macht,  so  muss  er
hiedurch  für  die  Wissenschaft  mehr  leisten,  als  ganze  Literaturmassen, ­
  die  blos  von  der  Routine  und  dem  beengten  Geschäftssinn ­
  ausgegangen  sind.  Was  ein  Jahrhundert  lang  über  Handel
und  Geld  oder  über  besondere  Themata  geschrieben  worden
war,  hatte  sich  vornehmlich  in  der  praktischen  Sphäre  gehalten
und  war  nirgend  sonderlich  über  die  Schranken  des  gewöhnlichen ­
  Denkens  hinausgekommen.  Die  noch  am  meisten
wissenschaftlichen  Anregungen  waren  durch  die  Petty  und  Locke
        <pb n="139" />
        123

VGrtrcten  gewesen.  Es  hatte  sich  also,  abgesehen  von  den
übrigens  auch  nur  spärlichen  und  schwankenden  Aufschlüssen
der  statistischen  Vorstellungsart,  das  principiell  Erhebliche  zuerst ­
  ini  Rahmen  der  kritischeren  Philosophie  sichtbar  gemacht,
und  wir  dürfen  daher  nicht  überrascht  sein,  auch  ferncihin  bis
auf  Adam  Smith  diesen  Zusammenhang  und  diese  Ursprungsart ­
  anzutreffen.  Auch  in  der  Person  des  letzteren  ist  es  die
allgemeinere  Philosophie,  aus  deren  Bereich  die  Nationalökonomie ­
  als  eine  besondere  Gonsequenz  hervortritt.  Gedenken  wir
noch  der  Physiokraten  und  ihrer  naturrechtlichen  Ausgangspunkte, ­
  so  vereinigt  sich  Alles  zu  dem  Satze,  dass  die  Vorbereitung ­
  und  Herstellung  einer  wissenschaftlichen  Form  der
Volkswirthschaftslehre  und  mithin,  von  dem  speciellen  Material
abgesehen,  die  Schöpfung  dos  ganzen  Wissenschaftszweiges  eine
That  der  erleuchteteren  Philosophie  gewesen  ist.  Hume  hat
daher  seine  an  der  Spitze  der  wirthschaftlichen  Essays  stehende
Erörterung  über  den  Handel  sehr  richtig  eingeleitet,  indem  er
bemerklich  machte,  dass  auf  die  Dauer  die  allgemeinen  Principien ­
  trotz  aller  Einwendungen  immer  wieder  die  entscheidende
Rolle  spielen  würden.  Er  hat  auf  diese  Weise  zugleich  eine
bedeutsame  Erklärung  abgegeben,  die  man  bei  den  ferneicn
Schicksalen  der  ökonomischen  und  socialen  Theorien  nicht  vergessen ­
  sollte.  Auch  die  Verachtung,  in  welche  die  Philosophie
durch  ihre  entarteten  Gebilde  vorzugsweise  in  Deutschland  gerathen
  ist,  und  an  der  es  auch  in  andern  Ländern  nicht  ganz
fehlt,  darf  uns  nicht  hindern,  den  Blick  freier  zu  erheben  und,
über  die  Miseren  hinwegsehend,  den  Zusammenhang  der  grossen
echten  Leistungen  mit  den  Fortschritten  der  \  olkswirthschaftslehre
  zu  erkennen.
2.  Das  Bändchen,  welches  mit  ein  paar  Ausnahmen  nur
ökonomische  Essays  enthält,  trägt  den  Titel  „Political  discourses”
und  erschien  zuerst  1752.  Es  bildete  diejenige  Arbeit,  welche
den  Ruf  des  14  Jahre  lang  fast  gänzlich  vernachlässigten  Autors
schon  ein  wenig  vorbereitete.  Die  später  epochemachenden
Schriften  waren  längst  von  ihm  veröffentlicht;  aber  noch  sollte
08  eine  Reihe  von  Jahren  dauern,  bis  er  über  den  Zeitpunkt
hinaus  gelangte,  in  welchem  er  sich  einmal  versucht  fand,  sein
Vaterland  zu  verlassen  und  in  Frankreich  unter  andorm  Namen
fortzuleben.  Heute  aber,  nach  mehr  als  120  Jahren,  werden  jene
Abhandlungen  und  zwar  nicht  blos  von  Gelehrten,  sondern  von
        <pb n="140" />
        124

einem  weiteren  Publicum  gelesen,  und  es  erscheinen  davon
fortwährend  neue  Ausgaben.  In  England  und  in  Nordamerika
gehört  Hume  zu  den  Schriftstellern,  aus  denen  man  sich  noch
bildet  und  belehrt.  Obwohl  seine  uns  hier  speciell  angehenden
ökonomischen  Reflexionen  zu  einem  grossen  Theil  in  das  umfassende ­
  Werk  Adam  Smiths  übergegangen  sind,  übt  ihre  gefällige ­
  Form  und  verhältnissmässige  Kürze  noch  immer  einen
grossen  Reiz  aus,  so  dass  sie  sowohl  dem  volkswirthschaftlich
höher  Gebildeten  als  auch  demjenigen,  der  sich  in  erheblichen
Richtungen  noch  erst  zu  bilden  hat,  Theilnahme  abzugewinnen
vermögen.  Dieser  Umstand  will  sehr  viel  sagen,  wenn  man
bedenkt,  was  seitdem  in  unserm  Gebiet  geschehen  und  versucht
worden  ist.  Muss  man  auch  mit  dem  Beiwort  des  Classischen
sehr  sparsam  umgehen,  und  geben  die  Erscheinungen  seit  dem
18.  Jahrhundert  vielleicht  auch  keinen  genügenden  Grund,  es
in  seinem  höchsten  Sinne  anzuwenden,  so  dürfte  doch  eine  Annäherung ­
  daran  von  den  Hurneschen  Arbeiten  ohne  Besorgniss
gerühmt  werden  können.
Die  Ausgabe  der  „Politischen  Abhandlungen",  auf  die  ich
mich  hier  beziehe,  ist  die  zweite  und  bildet  den  vierten  Band
der  „Essays  and  treatises  on  several  subjects,"  1753.  Die  gekanntesten
  unter  den  betreffenden  Aufsätzen  sind  die  über  das
Geld,  über  den  Zinsfuss  und  über  die  Handelsbilanz,  und  sie
sind  auch  in  der  That  am  besten  geeignet,  die  Vorstellungsart
Humes  im  nationalökonomischen  Gebiet  kennen  zu  lehren.
Doch  müssen  wir  die  ganze  Gruppe  von  Aufsätzen,  welche  der
grosse  Denker  nicht  absichtslos  vereinigt  hat,  als  den  Ausdruck
eines  zusammenhängenden  Gedankenkreises  ansehen.  Hume
übersah  die  verschiedensten  Richtungen  der  volkswirthschaftlichen
  Vorgänge  mit  dem  Blick  eines  Mannes,  der  gewohnt  ist,
seinen  Gegenstand  vollständig  zu  durchdenken.  Es  sind  nicht
blosse  Aperçus,  sondern  es  ist  eine  Art  von  ¡System,  welches
in  dieser  Reihe  von  Abhandlungen  zum  Ausdruck  gelangt.
Dürfen  wir  auch  keineswegs  soweit  gehen,  als  manche  Beurtheiler
  gethan  haben,  und  den  Abstand  von  der  Form  des
Smithschen  Werks  verkennen,  so  müssen  wir  uns  doch  vor
dem  entgegengesetzten  Fehler  hüten,  einem  Hume  allzu  leicht
die  innere  Einheitlichkeit  seiner  Anschauungsweise  abzusprechen.
Seine  Abhandlungen  sind  kein  System,  in  welchem  ein  einziges ­
  Princip,  wie  bei  Adam  Smith,  ausdrücklich  als  stets  maass-
        <pb n="141" />
        gebend  hervorträte;  aber  sie  sind  von  einem  Verstände  durchdningon,
  dem  es  nicht  leicht  begegnet,  über  der  einen  Anschauung ­
  eine  andere  zu  vergessen  und  so  sichtbare  Widersprüche
entstehen  zu  lassen.  Auch  dem  Verfasser  des  Völkerreichthums
hat  man  den  Vorwurf  gemacht,  sein  Werk  sei  kein  System,
sondern  nur  eine  Reihe  von  Abhandlungen.  Derselbe  Mangel
an  Urtheil,  welcher  zu  solchen  Ansichten  führen  konnte,  würde
nun  freilich  bei  Hume  gar  nichts  bemerken  lassen,  was  auf
innere  Systematik  deutete.  Indessen  haben  wir  es  mit  solchen
schiefen  Ideen,  die  das  System  im  Schnörkelwerk  der  Rubriken
suchen  und  durchaus  ein  scholastisches  Gerippe  haben  wollen,
in  unserer  Geschichte  gar  nicht  zu  thun.
Schon  der  Umstand,  dass  der  Aufsatz  über  den  Handel  die
Einleitung  der  ganzen  Reihe  bildet,  ist  bezeichnend.  Hume
betont  die  wohlthätige  Seite  in  der  Rolle  des  Handels  sehr
stark,  indem  er  in  dem  Aufsatz  über  den  Zins  die  Kaufleute
‘  die  „nützlichste  Menschenart“  nennt.  Die  Einseitigkeit  dieser
eigenthümlich  Englischen  oder  überhaupt  vom  Standpunkt  eines
Handelsstaates  begreiflichen  Auffassung  wird  jedoch  durch  den
hinzugefügten  Grund  sofort  gemässigt.  Jener  hohe  Nutzen  soll
nämlich  darin  bestehen,  dass  die  sonst  unmögliche  Vermittlung
zwischen  denen,  die  etwas  auszutauschen  haben,  hergestellt
werde.  Hierin  liegt  offenbar  auch  die  Schranke  angedeutet;
denn  der  Handel  hat  nach  dieser  Idee  nur  dadurch  wohlthätige
Wirkungen,  dass  seine  Verrichtungen  den  gegenseitigen  Verkehrsbodürfnissen
  und  dem  natürlichen  Gange  der  Production
folgen.  Dennoch  ist  aber  nicht  zu  verkennen,  dass  Hume  noch
ein  wenig  im  Sinne  eines  feineren  Mercantilismus  denkt,  und
man  kann  ihn  daher  als  denjenigen  bezeichnen,  der  in  seinem
Gedankenkreis  die  zum  Industriesystem  übergehende,  aber  noch
nicht  gehörig  entwickelte  Vorstellungsart  repräsentirt.  Dies
zeigt  sich  sogar  auch  in  der  Art,  wie  er  trotz  seiner  erheblichen
Aufsclilüsse  über  die  gröbere  mercantile  Betrachtung  des  Geldes,
dennoch  den  Leitfaden  des  letzteren  bei  seinem  Denken  überall
festhält  und  sich  nirgend  zu  einer  methodischen  Naturalbetrachtung ­
  der  Verhältnisse  entschliesst.
Könnten  einzelne  Sätze  entscheiden,  so  würde  unser  Schottischer ­
  Metaphysikor  allerdings  schon  die  wichtigsten  Einsichten
dos  Smithschon  Systems  vorweggenommen  haben.  ,,Alles  in
der  Welt”,  sagt  er,  „wird  um  Arbeit  gekauft,  und  unsere  Bo-
        <pb n="142" />
        12G  —

dürfûisse  sind  die  eigentliche  Ursache  der  Arbeit”  (S.  1*2).
Dieser  Satz,  der  den  Eckstein  der  späteren  modernen  Systeme
bildet,  steht  noch  dazu  in  der  einleitenden  Abhandlung.  Dennoch
hat  er  aber  bei  Hume  selbst  nicht  die  Bedeutung  und  Tragweite, ­
  die  ihm  sein  Gebrauch  als  durchgreifendes  Princip  nachher ­
  in  den  Verzweigungen  sehr  verschiedener  Gedankenkreise
verschaffte.  Was  der  Autor  unmittelbar  hinzufügt,  greift  sogar
bis  zu  den  leitenden  Vorstellungen  der  jüngsten  und  am  meisten
fortgeschrittenen  Systeme  vor.  Er  spricht  sich  nämlich  über
die  Beziehung  der  Industrie  zum  Ackerbau  gleich  im  Anschluss
an  jenen  Satz  dahin  aus:  „Wenn  eine  Nation  an  Manufacturen
und  technischen  Künsten  reich  ist,  so  werden  sowohl  die  Landeigenthümer
  als  die  Landwirthe  den  Ackerbau  als  eine  Wissenschaft ­
  studiren  und  ihre  Thätigkeit  und  Aufmerksamkeit  verdoppeln.” ­
  So  richtig  nun  diese  Vorstellungen  an  sich  sind,  so
haben  wir  uns  dennoch  zu  hüten,  in  ihnen  schon  die  Gonsequenzen ­
  vorwegzunehmeu,  die  sich  erst  später  an  dieselben
knüpften.  Die  Pormulirung  eines  allgemeinen  Gedankens  kann
einen  sehr  verschiedenen  Sinn  haben,  jo  nachdem  derjenige,
welcher  ihn  fasste,  ihn  mehr  oder  minder  als  Princip  zur  Geltung ­
  brachte  oder  nur  als  Ergebniss  der  Reflexion  hinstellte.
Das  Bewusstsein  von  einem  solchen  Gedanken  wird  in  Rücksicht ­
  auf  die  Folgen  und  auf  den  Zusammenhang  mit  andern
Sätzen  eine  mannichfaltige  Gestaltung  aufweisen  können,  und
von  dem  Falle,  in  welchem  die  Vorstellung  ganz  wirkungslos
auftaucht,  bis  zu  demjenigen,  in  welchem  sie  mit  dem  klarsten
Wissen  zum  Angelpunkt  eines  Systems  gemacht  oder  wenigstens ­
  als  mögliches  Princip  eines  solchen  erkannt  wird,  kann
es  viele  Zwischenformen  geben.  Wir  rechnen  nun  den  Humeschen
  Gebrauch  jener  ersteren  Idee  zu  der  angedeuteten  mittleren ­
  Gattung,  da  sich  einerseits  nicht  bestreiten  lässt,  dass
jener  Satz  in  den  Ueberlegungen  des  Denkers  eine  Rollo  gespielt ­
  habe,  andererseits  aber  auch  zugegeben  werden  muss,
dass  diese  Rolle  nicht  von  der  Art  gewesen  sei,  wie  sie  einem
strengen  Axiom  oder  Princip  zukommt.  Freilich  haben  wir
hier  nicht  mehr  jene  früher  charakterisirte  Lockesclio  Unbestimmtheit ­
  der  Fassung  des  betreffenden  Gedankens  vor  uns,
die  der  logischen  Gonsequenz  ganz  sichtbar  ermangelte;  wohl
aber  fehlt  es  auch  hier  an  dom  für  die  Schöpfung  der  strengen
wissenschaftlichen  Form  unentbehrlichen  Entschluss,  den  Ge-
        <pb n="143" />
        127  —

danken  ohne  den  geringsten  Abzug  und  ohne  irgend  welche
Einschränkung  als  leitendes  Princip  aller  durch  ihn  denkbar
werdenden  Anschauungen  zur  Geltung  zu  bringen.
Halten  wir  letzteres  Yerhältniss  als  dasjenige  fest,  welches
für  die  mehr  oder  minder  zufälligen  Aeusserungen  fundamentaler ­
  Principien  maassgebend  ist,  so  werden  wir  uns  in  der
Bedeutung  der  Humeschen  Ideen  nicht  leicht  irren.  Wir  werden ­
  sie  weder  überschätzen  noch  unterschätzen.  Ausserdem
werden  wir  aber  auch  für  die  spätere  Zeit  bis  zu  den  jüngsten
Erscheinungen  hin  an  den  verschiedenen  Gestaltungen  jenes
Verhältnisses  ein  Merkmal  besitzen,  die  grössere  oder  geringere
Folgerichtigkeit  der  Ideenkreise  zu  erkennen.
3.  Schon  in  der  früheren  Geschichte  haben  wir  die  Vorstellungen ­
  über  das  Geld  als  diejenigen  erkannt,  in  denen  der
Mangel  durchgreifender  Gonsequenz  alle  Ideen  mehr  oder  minder ­
  haltungslos  werden  Hess.  Es  sei  nur  an  Boisguillebert  und
an  Law  erinnert.  Grade  da,  wo  man  das  Geld,  ganz  abgesehen
von  der  Rolle  der  edlen  Metalle  begreifen  wollte,  machte  man
die  schlimmsten  Fehler.  Die  Meinung,  dass  die  blosse  Uebereinkunft
  der  Grund  des  Geldwerthes  sei,  —  dieser  Irrthum,  der
schon  im  classischen  Alterthum  classisch  vertreten  ist  und  jedenfalls ­
  so  alt  sein  muss,  wie  überhaupt  das  Denken  der  Menschen
über  den  fraglichen  Gegenstand,  —  findet  sich  nun  allerdings  auch
bei  Hume  und  ist  diesem  Denker  sogar  noch  als  ein  Vorzug
angerechnet  worden,  bis  die  neuste  kritische  Oekonomie  die
Hinfälligkeit  solcher  Ansichten  blosstellte.  Allein  neben  dem
Ausdruck  dieses  Irrthums  hat  der  Schottische  Denker  denn
doch  auch  soviel  zutreffende  Anschauungen  über  das  Geld  entwickelt, ­
  dass  man  ihm  Unrecht  thut,  wenn  man  jene  verfehlte
Idee  aus  dem  Zusammenhang  entfernt,  in  welchem  sie  sich
selbst  einigermaassen  einschränkt  und  gar  nicht  die  gänzlich
falsche  Rolle  spielt,  die  ihr  in  ihrer  späteren  Isolirung  zugefallen ­
  ist.  Nicht  Hume,  sondern  diejenigen,  welche  aus  ihm
nur  entnahmen,  was  ihren  Lieblingsirrthümern  entsprach,  tragen
die  Schuld,  dass  die  Bilder,  die  man  sich  von  der  fraglichen
Geldtheorie  gemacht  hat,  so  viele  falsche  Züge  enthalten  und
die  besten  Bestandtheile  gar  nicht  wiedergeben.
Um  jedoch  mit  dem  Grundirrthum  zu  beginnen,  so  sagt
Humo  in  der  Abhandlung  über  den  Zins,  das  Geld  habe  nur
einen  erdichteten  (fictitious)  Werth,  der  von  der  Uebereinkunft
        <pb n="144" />
        128

abhänge.  Diese  Behauptung  ist  grundfalsch;  denn  es  ist  die
Natur  selbst,  welche  die  Menschen  nöthigt,  die  Verhältnisse
gelten  zu  lassen,  welche  nach  Maassgabe  der  Beschaffungsmöglichkeit ­
  der  edlen  Metalle  und  nach  dem  sonstigen  Lauf  dos
Verkehrs  platzgreifen.  Diese  Verhältnisse  bestimmen  nach
Ort  und  Zeit  das,  was  man  den  Goldfuss  in  einer  Vorkohrsgruppe ­
  nennen  könnte,  und  was  in  nichts  weiter  als  in  den
Grössenbeziehungon  zwischen  Geld  einerseits  und  Waaron  andererseits ­
  besteht.  Die  absoluten  Quantitäten  der  edlen  Metalle
sind  daher  keineswegs  gleichgültig,  sondern  bestimmen  und
verändern  sich  für  das  Bereich  jeder  Wirthschaftsgruppe  nach
erkennbaren  Gesetzen.  Doch  können  wir  hier  auf  diesen  Punkt
nicht  näher  eingehen.  Humo  selbst  fügt  seiner  ersten  fohlgroifenden
  Idee  eine  Theorie  hinzu,  die  nicht  ohne  Worth  ist.
Doch  müssen  wir  vor  der  Anführung  derselben  noch  ein  Wort
über  seine  von  Späteren  oft  gerühmte  Vergleichung  des  Geldes
mit  dem  Ool  der  Maschine  hinzufügen.  Das  Geld  soll  im
Mechanismus  des  Verkehrs  kein  Bad,  also  keinen  Maschinentheil,
  sondern  nur  das  geschmeidig  machende  Mittel  vorstellen.
Ein  solches  Gleichniss  besagt  nun  äusserst  wenig.  Es  drückt
nichts  weiter  als  die  Absicht  aus,  einer  Ueberschätzung  der
Verrichtungen  des  Geldes  vorzubeugen.  Das  Mehr  oder  Minder
der  Bedeutung,  die  man  dem  Golde  zuschreibt,  entscheidet  aber
für  die  eigentliche  Theorie  noch  fast  gar  nichts.  Das  Bild  ist
noch  kein  klarer  Begriff,  und  die  Hauptsache  wird  jederzeit
in  einer  andern  Gestalt  dargelegt  werden  müssen,  wenn  man
nicht  auf  einen  strengeren  Sinn  der  Vorstellungen  und  Theorien
verzichten  will.  Sieht  man  daher  im  Besondern  zu,  welche
Rolle  das  Gold  spiele  und  thatsächlich  spielen  müsse,  so  wird
man  dem  Irrthum  nicht  so  leicht  verfallen,  als  wenn  man  an
bildlichen  Vergleichungen  haftet,  die  stets  nur  nebensächliche
Veranschaulichungen  zum  Zweck  haben  können.  In  der  That  ist
auch  der  Autor  selbst  nicht  der  Sklave,  sondern  der  Schöpfer
jener  berühmten  Vergleichung  gewesen,  und  die  eigentliche
Wurzel  seines  Fehlgriffs  ist  in  einer  einseitigen  Abstraction  zu
suchen.  Er  sah  nur  auf  den  Umstand,  dass  vermöge  des  Geldes ­
  eine  gegenseitige  Abrechnung  stattfinde,  und  verkannte  in
dem'Geldstofi'  die  materielle  Bedeutung.  Sobald  er  jedoch
näher  auf  die  Verhältnisse  einging,  erfuhr  seine  erste  Anschauungsweise ­
  eine  solche  Beschränkung,  dass  er  sogar  zu  dem
        <pb n="145" />
        Satze  gelangte,  eine  gute  Politik  müsse  auf  die  Vermehrung
des  Geldes  hinwirken.  Diese  Gonsequenz,  die  Manchen  sehr
befremden  wird,  beruht  auf  der  Theorie  derjenigen  Veränderungen, ­
  welche  in  Folge  der  Vermehrung  oder  Verminderung  der
Metallmasse  eintreten,  ehe  der  neue  Geldstoff  zur  Vertheilung
nach  allen  Richtungen  gelangt  ist.  Nach  der  Humeschen  Anschauung ­
  soll  zwar  die  absolute  Menge  gleichgültig,  der  Vorgang ­
  aber,  welcher  in  der  Hinzufügung  oder  Wegnahme  besteht, ­
  sehr  erheblich  sein.  Der  zweite  Theil  dieser  Behauptung
ist  zutreffend,  und  die  Beschreibung  von  dem,  was  in  der
Zwischenzeit  bis  zur  Herstellung  des  Gleichgewichts  vorgeht,
ist  ziemlich  gelungen.  In  jenen  Zwischenzeiten,  meint  er,  gelte
keineswegs  der  Satz,  dass  eine  Vermehrung  des  Geldes  eine
blosse  Umänderung  der  Berechnungsart  zur  Folge  habe.  Hienach
  würde  also  in  seinem  Sinne  nur  dann,  wenn  sich  die
Geldmasse  völlig  gleich  bliebe,  jene  erste  Idee  zur  Anwendung
kommen  sollen.  Eine  solche  Anwendung  ist  aber  gar  nicht
möglich,  indem  jede  praktische  Frage  nur  die  Veränderungen
betreffen  kann.  Er  selbst  schreibt  der  neuen  Zuführung  von
Geldstoff  eine  das  Wachsen  der  Industrie  befördernde  Wirkung
zu,  'und  wenn  er  nach  dieser  bestimmteren  Seite  der  Geldtheorie ­
  einen  Fehler  gemacht  hat,  so  ist  derselbe  darin  zu
suchen,  dass  er  die  Wirkung  des  Geldes  als  einer  Werthsumme
von  den  Diensten  desselben  als  Umlaufsmittel  noch  nicht  gehörig ­
  zu  trennen  wusste.  Seine  Abhandlung  über  das  Geld
ist  überhaupt  noch  ein  wenig  mercantilistisch  ausgefallen,  und
jener  so  oft  gerühmte  Gedanke  von  der  conventionellen  Natur
des  Geldes  hat  die  Gestaltung  des  Gedankengangs  ebensowenig
wie  bei  seinem  übrigens  so  verschieden  gesinnten  Landesgenossen ­
  Law  zu  hindern  vermocht.  Soviel  wird  man  jedoch  aus
diesen  Beziehungen  der  fehlgreifenden  und  der  zutreffenden
Ideen  erkennen,  dass  die  Irrthümer  Humes  meist  einen  ebenso
subtilen  Charakter  haben,  als  seine  Wahrheiten,  und  dass  ein
hoher  Grad  von  Aufmerksamkeit  erforderlich  ist,  um  seinen
Gedanken  gerecht  zu  werden.
4.  Die  Lehre  von  der  Handelsbilanz  wird  in  dem  betreffenden ­
  Aufsatz  in  derjenigen  Gestalt  bestritten,  in  welcher  sie
nichts  weiter  als  den  Gewinn  von  edlen  Metallen  im  Auge  hat.
Es  wird  ihr  der  an  sich  richtige  Satz  entgegengestellt,  dass  die
wirthschaftliche  Thätigkeit  eines  Landes  die  sicherste  Bürg-Düliring,
  Qeschiclite  der  Nationalökonomie.  2.  Auflage.  9
        <pb n="146" />
        —  130  —

Schaft  sei,  an  Geld  keinen  Mangel  zu  haben.  Besser  als  diese
sehr  dehnbaren  und  mehrdeutigen  Vorstellungen  ist  die  Einwendung, ­
  dass  sich  das  Geldniveau  unter  den  Provinzen  desselben ­
  Staats  in  einer  zuträglichen  Weise  gestalte,  und  dass
man  sich  überhaupt  in  dem  Ab-  und  Zufliessen  der  Geldmasse
einen  Vorgang  denken  müsse,  in  welchem  die  Verschiedenheit
der  Verhältnisse  an  verschiedenen  Orten  die  Idee  einer  Art
von  Gleichgewicht  nicht  ausschliesse.  Uebrigens  ist  aber  Humes
Erörterung  der  Handelsbilanz  nicht  sehr  tief  angelegt,  indem
er  immer  nur,  ganz  wie  die  Gegner,  die  er  im  Auge  hat,  davon ­
  ausgeht,  dass  die  Differenz  in  Folge  der  Ausgleichung  durch
edle  Metalle  eine  Bedeutung  haben  solle.  Es  fällt  ihm  dagegen
gar  nicht  ein,  dass  Schulden,  wie  sie  sich  zwischen  einem  Volk
und  dem  Auslande  ergeben  können,  nicht  blos  dadurch  zu  schaden
brauchen,  dass  sie  unter  Umständen  eine  Ausgleichung  in  Gold
oder  Silber  mit  sich  bringen.  Verbindlichkeiten  können  sich
in  sehr  verschiedenen  Formen  dauernd  fixiren  und  so  den
Schuldner  gleichsam  tributpflichtig  machen.  Ferner  ist  der
Humesehe  Einwand,  dass  sich  die  Handelsbilanz  aus  Mangel
an  zuverlässigen  und  hinreichenden  Thatsachen  nicht  gehörig
aufstellen  und  berechnen  lasse,  nur  darum  anzuführen,  weil  er
so  oft  nachgesagt  worden  ist.  Selbstverständlich  würde  eine
solche  Schwierigkeit  die  Idee  der  Bilanz  an  sich  selbst,  falls
dieselbe  richtig  wäre,  gar  nicht  berühren.  Bei  unserm  Schottischen ­
  Denker  hatte  jedoch  diese  Berufung  insofern  einen
Sinn,  als  er  selbst  die  Gedankenkraft,  die  sich  an  einer  geringen
Anzahl  wirklich  brauchbarer  Thatsachen  bethätigte,  weit  höher
schätzte,  als  ein  noch  so  umfangreiches,  aber  in  den  Bestandtheilen
  zweifelhaftes  Material.
Aus  den  Ansichten  über  den  Zinsfuss  ist  hauptsächlich  die
Idee  hervorzuheben,  dass  er  das  wahre  Barometer  der  Zustände,
und  seine  Niedrigkeit  ein  fast  untrügliches  Zeichen  der  Blüthe
eines  Volks  sei.  Er  hänge  im  Allgemeinen  nicht  von  der  Geldmenge ­
  ab.  Wir  entliehen  in  der  That  Arbeit  und  Waaren,
wenn  wir  Geld  um  Zins  aufnähmen.  Obwohl  sich  nun  in  diesen
Anschauungen,  die  das  natürliche  Denken  oder  die  Naturalbetrachtung ­
  schon  cinigerniaassen  vertreten,  auch  schon  etwas
von  jener  Einseitigkeit  bekundet,  die  später  noch  weiter  ausgebildet ­
  wurde,  so  fehlt  es  dennoch  nicht  an  erheblichen  Einschränkungen. ­
  So  wird  z.  B.  zugegeben,  dass  die  Veränderung
        <pb n="147" />
        131

der  Geldmenge,  ehe  sich  das  oben  erwähnte  Gleichgewicht
hergestellt  hat,  den  Zinsluss  zu  beeinflussen  vermöge.  Man
sieht  also,  dass  ein  Humo  umsichtiger  dachte,  als  diejenigen,
welche  sich  später  auf  ihn  beriefen,  um  ihre  Einseitigkeiten
oder  Ideologien  zu  unterstützen.  Ueberhaupt  ist  man  in  der
Würdigung  Humes  meist  sehr  befangen  verfahren,  und  hat
ihm  Ideen  unterlegt,  die  er  gar  nicht  hegte.  So  hinderten  ihn
seine  allerdings  nur  in  einer  einzigen  Richtung  zutreflenden  Vorstellungen ­
  von  der  Handelseifersucht  durchaus  nicht,  im  ausdrücklichen ­
  Gegensatz  zu  den  Wirkungen  der  letzteren,  z.  B.
der  Ausfuhrverbote,  einen  günstigen  Einfluss  der  eigentlichen
Schutzzölle  bemerklich  zu  machen.  „Eine  Steuer  auf  Deutsches
Leinen”,  sagt  er  in  der  Abhandlung  über  die  Handelsbilanz,
„befördert  die  einheimischen  Manufacturen  und  vermehrt  hiedurch ­
  unsere  Bevölkerung  und  Industrie.”
Es  würde  überflüssig  sein,  noch  weiter  auf  Einzelheiten
und  namentlich  auf  Irrthümer  einzugehen.  Jedoch  wollen  wir
nicht  unterlassen,  im  Hinblick  auf  einige  neuerdings  streitig
gewordene  Theorien  zu  bemerken,  dass  Hume  von  dem  Yorurtheil
  frei  war,  als  wenn  mit  der  Fruchtbarkeit  des  Bodens
auch  stets  die  Vorbedingungen  der  Entwicklung  des  Reichthums
gegeben  wären.  Er  bekennt  sich  sogar  zu  der  entgegengesetzten
Ansicht,  indem  er  sagt:  „Es  mag  als  eine  befremdliche  Behauptung ­
  erscheinen,  dass  die  Armuth  des  gemeinen  Volks  in  Frankreich, ­
  Italien  und  Spanien  einigermaasen  den  höheren  Reichthümern
  des  Bodens  und  dem  glücklichen  Klima  zuzuschreiben
sei.”  Diese  Idee,  für  deren  Urheber  er  sich  nicht  einmal  ausgiebt,
  und  die  sich  schon  ziemlich  früh  nachweisen  lässt,  ist  in
jüngster  Zeit  von  Buckle  auf  die  gesammte  Geschichte  der
Civilisation  angewendet  worden.  Doch  würde  es  hier  zu  weit
führen,  die  sehr  verschiedenen  Verzweigungen  dieses  Gedankens
nach  Maassgabe  der  von  einander  abweichenden  volkswirth-«chaftliclien
  Systeme  zu  verfolgen.
In  der  Abhandlung  über  die  antike  Bevölkerung  herrscht
die  ältere  gesunde  Ansicht  von  der  Förderlichkeit  der  Volksvermehrung ­
  so  entschieden  vor,  dass  man  diese  vor  den  Malthusischen
  Einflüssen  überall  maassgebende  Denkungsart  grade
bei  dem  eminenten  Denker  auszuzeichnen  einige  Veranlassung
hat.  Es  zieme  sich,  sagt  er,  für  einen  weisen  Gesetzgeber,  die
Hindernisse  der  Fortpflanzung  sorgfältig  zu  beachten  und  zu
9*
        <pb n="148" />
        entfernen.  Ueberdies  tritt  Hume  für  diejenigen  ein,  welche  aus
socialen  Gründen  an  Ehe  und  guter  Sitte  verhindert  werden.
Doch  würde  es  ein  pedantisches  Mosaik  ergeben,  wenn  wir
einzelne  Stellen  anführen  wollten.  Für  die  Geschichte  wie
für  den  gegenwärtigen  Zustand  der  Yolkswirthschaftslehre  hat
nur  die  Beibringung  derjenigen  Gedanlj^^en  erheblicheren  Werth,
welche  entweder  ganz  original  und  individuell  einer  wissenschaftlichen ­
  Persönlichkeit  angehören,  oder  aber  den  allgemeinen ­
  Lauf  der  Ideen  in  einer  hervorragenden  Weise  zum  Ausdruck ­
  bringen.  Was  nun  aber  seit  der  Malthusischcn  Corruption ­
  der  Denkweise  ein  Verdienst  ist,  kann  zu  einer  Zeit,  wo
alle  Welt  die  gesunde  Auffassung  vertrat,  an  sich  nicht  als
etwas  Besonderes  gelten.  Auch  hätten  wir  bei  Hume  an  diesen
Punkt  gar  nicht  erinnert,  wenn  cs  nicht  für  die  Geschichtsschreibung ­
  wichtig  wäre,  zu  constatiren,  dass  sich  grosse  Denker,
die  für  eine  edlere  Menschlichkeit  eintraten,  von  der  späteren
Verzerrung  der  Bevölkerungstheorie  stets  im  weitesten  Abstande ­
  bewegt  und  das  entschiedenste  Gegentheil  vertreten
haben.  Auch  wäre  es  für  den  Mann,  der  in  der  Methaphysik
„gewisse  düstere  Lehren  aus  ihrem  letzten  Schlupfwinkel  vertreiben” ­
  wollte,  eine  arge  Inconsequenz  gewesen,  wenn  er  den
entsprechenden  Ansichten  der  Bevölkerungstheorie  vorgearbeitet ­
  hätte.
5.  Häufig  findet  man  bei  unserm  Denker  sehr  zutreffende
Bemerkungen  über  die  wahren  Ursächlichkeitsverhältnisse  im
Spiel  der  wirthschaftlichen  Erscheinungen.  Obwohl  fast  in
jedem  fraglich  werdenden  Fall  verschiedene  Ursachen  in  verschiedenen ­
  Richtungen  wirksam  sind,  so  kommt  es  doch  hauptsächlich ­
  darauf  an,  den  vorherrschenden  Wirkungsgrund  zu
bestimmen.  Dies  geschah  z.  B.  in  der  oben  angedeuteten  Lehre
von  der  natürlichen  Vertheilung  der  edlen  Metalle  dadurch,
dass  die  Industrie  als  die  Ursache  der  an  jedem  Orte  und  zu
jeder  Zeit  festgehaltenen  Geldmasse  angesehen  wurde.  Jedoch
fand  sich  auch  die  entgegengesetzte  Einwirkungsart,  die  mit
der  ersteren  sehr  wohl  vereinbar  ist,  ebenfalls  nicht  vernachlässigt. ­
  Ferner  wurde  der  Zinsfuss  wesentlich  als  Wirkung
des  Standes  der  wirthschaftlichen  Verhältnisse  betrachtet.  Die
Unterscheidung  zwischen  eigentlichen  Ursachen  und  blossen
Nebenthätigkeiten  konnte  einem  Autor  nicht  schwer  fallen,  der
erfolgreicher  als  irgend  Jemand  über  den  ursächlichen  Zusam-
        <pb n="149" />
        133  —

mcnhang  nacligedacht  liatto.  Er,  de^  gewohnt  war,  in  dieser
Beziehung  dio  feinsten  logischen  Probleme  in  einer  Weise  zu
vertiefen,  die  in  der  Geschichte  des  Denkens  an  Klarheit  und
¡Schärfe  nicht  Ihresgleichen  hat,  und  die  im  Hauptpunkt,  nämlich ­
  in  der  Behandlung  des  Ursächlichkeitsbegriffs,  auch  in  den
nächsten  100  Jahren  nicht  übertroffen  worden  ist,  —  ein  solcher
Denker  hätte  selbst  auf  Grund  einer  geringen  Anzahl  von  Thatsachen
  und  Vorstellungen  unvergleichlich  mehr  leisten  müssen,
als  Jemand,  der  mit  einem  weniger  feinen  Organ  einen  reicheren
Stoff  bearbeitete.  Indessen  würde  es  voreilig  sein,  anzunehmen,
dass  Hume  in  der  Berücksichtigung  der  Thatsachen  wenig  ge-,
leistet  habe.  Erinnern  wir  uns  vielmehr,  dass  derselbe  Geist,
welcher  nachher  die  Geschichte  von  England  schrieb,  auch
früher  nicht  ohne  Sinn  für  die  sachlichen  Grundlagen  des  ökonomischen ­
  Denkens  gewesen  sein  könne.  Sein  allgemeines
philosophisches  System  brachte  es  vielmehr  mit  sich,  überall
den  wirklichen  Verhältnissen  nachzuforschen,  und  wenn  er  hiebei ­
  die  Psychologie  des  Verkehrs  einigermaassen  bevorzugte,
so  bedeutete  dieses  Verfahren  unter  seinen  Händen  keiseswegs
jene  Verleugnung  des  äusserlichen  Geschehens,  wie  sie  in
neuster  Zeit  zu  den  ärgsten  Verkehrtheiten  geführt  hat.
Das  Verhältniss  Humes  zu  der  Leistung  Adam  Smiths  ist
äusserlich  sehr  klar.  In  demselben  Jahre  1776,  in  welchem
Hume  starb,  war  auch  der  Völkerreichthum  Smiths  erschienen,
und  der  grosse  Denker  war  noch  grade  dazu  gekommen,  in  dem
Buch  seines  Freundes  zu  lesen.  Beide  Schriftsteller  hatten  seit
mehreren  Jahrzehnten  die  ökonomischen  Fragen  durchdacht
Und  erwogen,  so  dass  es  selbst  an  der  Hand  aller  zugänglichen
Briefe  schwer  sein  dürfte,  die  jedem  zufallenden  Antheile  zu
bestimmen.  Auch  kommt  es  hierauf  nicht  wesentlich  an,  da
man  aus  inncrn  Gründen  bei  gehöriger  Würdigung  der  Sache
nicht  darüber  im  Unklaren  bleiben  kann,  wer  durch  den  höheren
Hang  und  die  grössere  Kraft  seines  Denkens  auf  den  andern
eingewirkt  habe.  Von  einem  eigentlichen  Vorbild  können  wir
in  dieser  Hinsicht  noch  nicht  einmal  reden;  denn  der  einDutzend
Jahre  jüngere  Zeitgenosse  hätte  sich  sonst  wohl  auch  Einiges
von  der  Kürze  der  Gedankenentwicklung  seines  Freundes  ungeeignet. ­

Wir  haben  die  Humeschen  Essays  im  Zusammenhang  dieser
die  Rangverhältnisse  sehr  sorgfältig  beachtenden  Geschichte
        <pb n="150" />
        134

ganz  besonders  ausgezeichnet  und  müssen  schliesslich  zu  den
hiefür  bereits  beigebrachten  Gründen  noch  zwei  andere  hinzufügen. ­
  Erstens  ist  der  Contrast,  den  die  übrigens  hochachtbare
Secte  der  Physiokraten  jeder  gesetzteren  Auffassung  gegenüber
bilden  muss,  nirgend  so  stark,  als  wenn  man  ihr  denjenigen
Denker  gegenüberstellt,  welcher  ein  Maass  von  Umsicht  vertreten ­
  hat,  wie  es  mit  gleicher  Tiefe  niemals  anzutrcffen  gewesen ­
  ist.  Zweitens  hat  aber  auch  Hume  vor  einigen  nachfolgenden ­
  Erscheinungen  eine  grössere  Unabhängigkeit  der
Stellung  und  eine  Freiheit  von  Pedanterie  voraus,  die  sich  auch
in  seinen  ökonomischen  Arbeiten  nicht  verleugnen  konnte.  Er
hatte  nie  dem  Einfluss  der  Parteien,  der  Fürsten  oder  der  Universitäten ­
  das  geringste  Zugeständniss  gemacht.  Acusscrlich
und  innerlich  frei,  war  er  seinem  eignen  Antriebe  gefolgt  und
hatte  durch  unausgesetzte  Bemühungen  seine  materielle  Unabhängigkeit
  gesichert.  Er  war  durch  eine  gute  Privatökonomie
auf  der  Grundlage  sehr  geringer  Mittel  dahin  gelangt,  Niemand
zu  Gefallen  schreiben  zu  müssen.  Er  folgte,  ohne  grosse
Kämpfe  nöthig  zu  haben,  nur  der  wirklichen  Ueberzeugung  und
bewahrte  auch  dem  Publicum  gegenüber  eine  selten  feste  Haltung. ­
  Dies  ist,  abgesehen  von  seinen  Fähigkeiten,  der  moralische ­
  Grund,  der  seine  Arbeiten  so  hoch  erhebt  und  ihnen  eine
zwar  langsame,  aber  dafür  jetzt  noch  im  Steigen  begriffene
Anerkennung  gesichert  hat.
        <pb n="151" />
        Dritter  Abschnitt.
Das  tlieoretische  Industriesystem.

Erstes  Capitel.
Die  Leistung  Adam  Smiths.
Dio  Tendenz  der  moderneren  Auifassung  der  Oekonomie  bewegt ­
  sich  oifenbar  in  einer  Richtung,  die  einigcrmaassen  zu
den  Ideen  derjenigen  stimmt,  welche  die  wissenschaftliche  Oekonomie ­
  erst  mit  Adam  Smith  beginnen  lassen  und  auf  diese
Weise  den  letzteren  zum  Schöpfer  der  Sache  machen.  Im  Gegensatz ­
  hiezu  stehen  die  Meinungen,  welche  sich  in  die  entlegensten ­
  Alterthümer  der  Völker  verlieren  und  die  Sätze  der  Nationalökonomie ­
  von  ganz  gewöhnlichen  Begriffen  des  gemeinen
Lebens  nicht  zu  unterscheiden  vermögen.  Wir  haben  in  dem
Früheren  vielleicht  schon  zuviel  Raum  verbraucht,  um  nachzuweisen,
  wie  man  sich  die  Vorzeit  der  ernstlich  theoretischen
Oekonomie  zu  denken  habe.  Die  antike  Welt  lieferte  nur  sehr
unerhebliche  Reflexionen;  das  Mcrcantilsystem  der  neuern  Zeit
war  aber  nur  eine  Gestalt  der  Praxis,  die  schriftstelleiisch
zwar  in  einer  umfassenden  Literatur  erläutert  wurde,  aber  iliie
Bedeutung  mehr  in  den  Trieben,  Nothwendigkeiten  und  Vorurthcilcn
  der  thatsächlichon  Positionen  hatte.  Die  Ideen  wurden ­
  in  diesem  Kreise  nur  wichtig,  weil  sie  der  Ausdruck  von
Verhältnissen  waren,  die  mächtiger  als  Kauflcute  und  Staatsmänner ­
  den  Gang  der  Dinge  auch  durch  Vermittlung  von  Irrthüincrn
  bestimmen  mussten.  Die  Opposition,  die  sich  gegen
den  mercantilen  Anschauungskreis  in  Frankreich  regte,  fühlte
zum  Physiokratismus,  während  der  mehr  ausgewachsene  Handel ­
  Englands  schon  immer  entschiedener  auf  die  moderne  Metamorphose ­
  dos  alten  Mercantilsystems  deutete.  Die  Zuführung
        <pb n="152" />
        136

wissenscliaftliclier  Formen  und  Kräfte  hatte  für  die  ökonomischen ­
  Ueberlegungen  schon  seit  dem  Zeitalter  der  Revolutionen
das  vorbereitet,  was  in  Hume  seinen  bedeutendsten  Ausdruck
fand.  Die  Mercantilisten  hatten  ihrerseits  mit  dem  äussern
Fach  werk  und  dem  Schein  der  Systematik  nicht  gespaart,  wie
das  Beispiel  Steuarts,  eines  Professors  zur  Zeit  Adam  Smiths,
beweist.  Bei  den  Italienern,  Franzosen  und  Engländern  hatte
es  an  Monographien  aus  dem  Bereich  der  mcrcantilen  Denkweise ­
  nicht  gefehlt,  und  wenn  man  nicht  grade  auf  das  Umfassende ­
  und  Consequente  eigentlicher  Systeme  ausblickte,  so
konnte  man  sagen,  dass  in  dieser  Zerstreuung  des  Materials
eine  grosse  Menge  ökonomischer  Theorien  bereits  existirtc.
Dagegen  war  die  Volkswirthschaft  als  ein  einheitliches  Bild
grundsätzlich  erst  von  den  Physiokraten  ins  Auge  gefasst  worden. ­
  Quesnay  hatte  wenigstens  etwas  geliefert,  was  man  eine
Dichtung  in  ökonomischen  Begriffen  nennen  könnte,  so  dass
Adam  Smith  nach  allen  Richtungen  hin  den  Einwirkungen
ideeller  Ueberliefcrungen  ausgesetzt  war,  als  er  sein  epochemachendes ­
  Werk  über  die  Ursachen  des  Völkerreichthums  vorbereitete. ­
  Dennoch  müssen  wir  aber  daran  fest  halten,  dass
dieses  Werk  einen  so  eigenthümlichen  Durchbruch  der  reinen
Theorie  vertritt,  dass  diesem  entscheidenden  Vorzüge  gegenüber ­
  sogar  die  sonst  überlegenen  Eigenschaften  der  Humeschen
Arbeiten  erst  in  zweiter  Linie  in  Betracht  kommen  können.
Adam  Smith  ist  der  Lehrer  der  Nationalökonomie  für  die  Welt
geworden,  weil  sein  Werk  in  beharrlicher  Ruhe,  mit  verhältnissmässig
  grosser  Klarheit  und  in  einem  für  den  gereifteren
Durchschnittsleser  geeigneten  Gedankengang  einen  bessern
Standpunkt  als  die  Physiokraten,  grade  mit  soviel  Consequenz
vertrat,  als  den  sich  bildenden  Geschäftsleuten,  Beamten  und
Staatsmännern  der  Regel  nach  Zusagen  mochte.  Die  Gunst
der  Zeitverhältnisse  und  der  von  wissentlicher  Parteinahme
für  praktische  Interessen  entfernte  Sinn  des  Verfassers  mögen
ebenfalls  das  Ihrige  zu  der  grossen  Verbreitung  beigetragen
haben.  In  dem  ,,Völkerreichthum”  liess  sich  mit  einem  gewissen ­
  ruhigen  Behagen  lesen,  und  wenn  auch  ein  gut  Theil
Schulpedanterie  darin  steckte,  so  war  das  Werk  doch  kein  für
erfahrene  und  überlegende  Naturen  ungeniessbares  und  unfruchtbares ­
  Paragraphengerippe,  wie  es  sich  die  lernende  Jugend ­
  oder  die  lehrende  Verlegenheit  gefallen  zu  lassen  pflegt.
        <pb n="153" />
        —  137  —
Wer  ein  wenig  denken  wollte,  konnte  dem  Verfasser  in  den
meisten  Punkten  folgen,  und  verstand  er  auch  nicht  immer
Alles  und  den  feineren  Zusammenhang,  so  gewann  er  doch
sicherlich  einige  gute  Begriffe  und  lernte  selbst  in  einer  ähnlichen ­
  Art  allerlei  Ueberlegungen  anstellen.  Diese  Umstände
sind,  abgesehen  von  dem  materiellen  Inhalt  und  den  bleibenden ­
  Wahrheiten  der  Smithschen  Leistung,  sicherlich  die  wirksamsten ­
  Begünstigungen  ihrer  grossartigen  Rolle  gewesen.  Sie
sind  es,  die  diesem  Werk,  oder  wenigstens  einer  Reihe  von
Capiteln  desselben,  noch  heute  eine,  nicht  blos  auf  die  Gelehrten
beschränkte  Theilnahme  forterhalten  und  sogar  die  Leotüre
der  besten  Partien  als  Mittel  zur  ersten,  etwas  selbständigeren ­
  Einführung  in  die  Nationalökonomie  empfehlenswerth
machen.
Wer  heute  das  Smithsche  Werk  nicht  als  Anfänger,  sondern
vom  Standpunkt  des  in  den  jüngsten  Theorien  erreichten
Wissens  zu  lesen  unternimmt,  wird  sich  allerdings  von  der
Darstellungsart  nicht  sonderlich  gereizt  oder  angemuthet  finden.
Es  kostet  sogar  für  Zwecke  der  Kritik,  welche  die  Arbeit  der
Lectüre  doch  noch  mit  einem  neuen  Element  von  Interesse
au  statten,  ein  nicht  geringes  Maass  von  Ueberwindung,  der
meist  unsäglich  breiten  Austretung  der  Gedanken  zu  folgen
und  die  überflüssige  Häufung  der  Beispiele  oder  unerheblichen
Thatsachen  zu  ertragen.  Die  Engländer  mögen  vielleicht  auch
noch  gegenwärtig  in  diesem  Punkte  mehr  leisten  können,  als
Franzosen  und  Deutsche,  und  man  fühlt  sich  im  Hinblick  auf
die  Smithsche  Vorführung  so  vieler  unwesentlicher  Einzelheiten
versucht,  zu  vergessen,  dass  er  ein  Schotte  und  kein  eigent
licher  Engländer  gewesen  ist.  Indessen  darf  die  Wirkung,
welche  sein  Werk  auf  den  ökonomisch  entwickelten  Sinn  und
gegenüber  den  Anforderungen  einer  höheren  Wissenschaftlichkeit ­
  ausübt,  nicht  mit  der  Rolle  und  dem  Nutzen  verwechselt
werden,  die  ihm  für  die  erste  Einführung  in  das  wirthschaftlicho
  Gebiet  eigen  sein  mussten.  Zur  Lösung  der  letzteren
Aufgabe  war  jene  Breite,  wenn  auch  nicht  noth  wendig,  so  doch
dienlicher,  als  eine  zn  knappe  Gedankenfassung.  Für  die  grosse
Mehrheit  der  Leser  war  die  Art  eines  Hume  zwar  unterhaltender, ­
  aber  nicht  belehrender.  Der  grosse  Schottische  Denker
hatte  zugleich  interessant  und  subtil,  ja  meist  such  sehr  gründlich ­
  und  tief  geschrieben;  aber  nicht  alle,  die  an  der  Lectüre
        <pb n="154" />
        —  138  —
seiner  ökonomischen  Arbeiten  Geschmack  fanden,  folgten  deswegen ­
  auch  ernstlich  seinem  Gedankengang  oder  eigneten  sich
die  tieferen  Gesichtspunkte  seiner  Essays  an.  Dagegen  war
sein  im  Punkte  des  allgemeinen  Denkerthums  nur  wenig  in
Frage  kommender  Freund  weit  besser  darauf  eingerichtet,  filr
langsam  denkende  Köpfe  und  überdies  auch  für  diejenigen  zu
schreiben,  denen  die  einfachsten  Begriffe  vom  Yerkehrslcbon
mangelten,  und  bei  denen  daher  eine  schulartig  belehrende  Auseinandersetzung ­
  weit  mehr  fruchten  konnte.  Der  mittlere
Mensch  (homme  moyen)  im  Denken  und  Wissen,  ja  selbst  der
harte  Kopf,  wie  er  sich  ja  auch  unter  den  Staatsmännern,  z.  B.
in  der  Person  eines  Stein,  gelegentlich  vorgefunden  hat,  musste
bei  den  äusserlichen  Eigenschaften  des  Smithschcn  Werks  seine
Rechnung  finden  und  mochte  nebenbei  auch  etwas  von  dem
bessern  principiellen  Inhalt  in  sich  aufnehmen.  Was  aber
den  innern  Zusammenhang  anbetraf,  so  haben  die  ürthoile
renommirter  Namen  im  nächsten,  ja  noch  in  dem  dann  folgenden ­
  Menschenaltor  bewiesen,  dass  die  Fähigkeit,  in  das  Ganze
eines  Werks  einzudringen  und  den  Leitfaden  aufzufinden,  an
dem  sich  der  Autor  bewegt  hat,  zu  den  allerseltensten  Erscheinungen ­
  gehört.  Dies  beweist  sogar  noch  heute  die,  gelegentliche ­
  Fortpflanzung  der  Ansicht,  dass  die  Smithsche  Schrift
kein  eigentliches  System  repräsentire,  sondern  dass  erst  ein
J.  B.  Say  habe  kommen  müssen,  um  so  etwas  daraus  zu  machen.
Diese  letztere  Meinung,  die  den  Franzosen  in  einer  ganz
falschen  Richtung  schmeichelt,  ist  die  oberflächlichste  von
allen;  denn  sie  verwechselt  das  ursprüngliche  Licht  mit  seinem
matten  Widerschein  und  stellt  eine  gewisse  schreib-  und  lehrfertige ­
  Gewandtheit  über  das  Gediegene  einer  selbständigen,
an  den  Gedanken  und  Thatsachen  geübten  Untersuchung.  Das
An  regen  zum  Mitdenken,  welches  selbst  noch  ein  gewisses
Maass  von  Trägheit  in  einige  Bewegung  zu  setzen  vermag,
ist  eine  so  auszeiclmondo  Eigenschaft,  dass  man  den  Urhebern
solcher  Arbeiten,  selbst  wenn  die  Gattung  ihrer  Geisteshaltung
nicht  die  höchsten  Stufen  repräsentirt,  dennoch  niemals  die
Unehre  anthun  sollte,  sie  mit  Naturen  auf  eine  Linie  zu
stellen,  deren  Virtuosität  nur  im  Zu  rieh  ten  fertiger  1;  ei  stun  gen
bestanden  hat.  Das  Zurichten  meine  ich  hier  in  der  doppelten
Bedeutung  des  Worts;  denn  cs  kommt  fast  niemals  vor,  dass
diejenigen,  welche  diese  Arbeit  übernehmen,  ihre  Quellen
        <pb n="155" />
        139

vollständig  und  in  den  am  meisten  entscheidenden  Punkten
begreifen.  Im  Gcgentheil  machen  sie  dieselben  fast  regelmässig ­
  auch  zu  ihren  Opfern,  während  sie  andererseits  zur
Glorification  derselben  halb  widerwillig  beitragen.  Dies  ist
Fidl  mit  J.  B.  Th^^:kmt  für  dm  nmm  Ge^^^
der  Oekonomie  gewesen,  und  wir  werden  von  der  Holle
dieses  Französischen  Lehrmeisters  noch  besonders  zu  reden
haben.  ,  ,  .
2.  Ehe  wir  auf  den  Inhalt  der  Smithschen  Arbeit  näher
cingehen,  müssen  wir  noch  die  Stellung  bezeichnen,  durch
welche  sie  sieh  im  Gange  der  allgemeinen  Geschichte  auszeichnet.
  Sie  gehört  dem  18.  Jahrhundert  und  den  aufklärenden
  Bestandtheilen  seines  Geistes  an.  Ein  grosser  Theil  ihres
Erfolgs  ist  dem  Umstande  zu  danken,  dass  sie  zu  der  vorherrschenden ­
  Strömung  der  politischen  Ideen  passte.  Sie  ^  stellt
die  Formiilirung  der  Nationalökonomie  vor,  an  welcher  die  aufklärendc
  Philosophie  der  Engländer  und  die  Physiokratie  der
Franzosen  gearbeitet  hatten.  Sie  lehnte  sich  an  beide  Ueberlieferungen
  an;  aber  ihr  gemässigter  Charakter  liess  sie  im
Hinblick  auf  die  kommende  Revolution  als  etwas  verhältnissmässig
  Neutrales  erscheinen.  Es  war  ein  ruhiger  Mann  der
Wissenschaft,  ohne  stärkere  Leidenschaft  und  ohne  praktischen
Enthusiasmus,  der  die  Untersuchungen  über  die  Ursachen  des
Völkerreichthums  in  stiller  Zurückgezogenheit,  ohne  bewusste
Parteinahme  und  ohne  directe  Verwicklung  mit  praktohen
Interessen  und  Antrieben  ausführte.  So  entstand  ein  Wer',
welches  sich,  obwohl  an  der  Schwelle  der  Revolution  zum
ersten  Einfluss  gelangt,  dennoch  von  den  im  nächsten  halben
Jahrliundert  an  erster  Stelle  eingreifenden  Leistungen  sehr
^osmitlich  unün-schmden  sMl^%  Im  Gange  des  vnHhschMtlichon
  Wissensgebiets  ist  nämlich  die  grosse  Französische  Revolution
  ein  so  entscheidendes  Ereigniss,  dass  man  die  Kluft
zwischen  dem,  was  ihr  voran  ging,  und  dem,  was  ihr  nachfolgtc,
nicht  leicht  zu  weit  veranschlagen  wird.
Nach  diesem  Ereigniss  von  mehr  als  blos  Europäischer
Bedeutung  vertheilt  sich  die  Pflege  der  wirthschaftlichen  Ideen
an  verschiedene  Richtungen,  bei  denen  der  politische  und  gesellschaftliche ­
  Parteistandpunkt  ganz  unverkennbar  hervortritt.
Was  noch  an  Einheit  vorhanden  war,  zersplittert  sich,  und  man
kann  von  nun  an  nicht  mehr  sagen,  dass  eine  einigermaassen
        <pb n="156" />
        anerkannte  nationalökonomische  Theorie  parteiloser  Art  existiré.
Soweit  Adam  Smiths  Werk  zunächst  wirksam  wurde,  befand  man
sich  allerdings  noch  in  einigen  Grundlehren  in  Uehoreinstirnmung;
  allein  die  neuen  Elemente,  die  sich  sofort  nach  der  Revolution ­
  regten  und  im  Falschen  oder  Wahren  eine  wissenschaftliche ­
  Rolle  zu  spielen  versuchten,  vertraten  bereits  die
entschiedenste  Zerklüftung,  Die  Revolution  erzeugte  den  Socialismus, ­
  »dem  es  ganz  unmöglich  war,  die  praktischen  Ausgangspunkte ­
  der  nationalökonomischen  Denkweise  anzuerkennen, ­
  und  der  sich  gegen  die  Einflüsse  wehren  musste,  welche
die  Anschauuugsart  des  Bürgerthums  auch  in  den  am  meisten
unbefangenen  Formulirungen  der  Wissenschaft  geübt  hatte.
Der  Gegensatz  der  Revolution  aber,  den  man  nicht  als  Restauration ­
  im  engem  geschichtlichen  Sinne  dieses  Worts,  sondern ­
  als  den  Inbegriff  aller  Gegenwirkungen  zu  denken  hat,
förderte  überall,  wo  er  sich  geltend  machte  Erscheinungen  zu
Tage,  die  sich  durch  die  Rückläufigkeit  auszeichneten  und
durch  die  Verbindung  mit  originalen  Irrthümern  bisweilen
Epoche  machten.  Dies  war  besonders  in  England  der  Fall,  wo
die  Reaction  der  Ideen  und  Thatsachen  die  Unternehmung  eines
Malthus  begünstigte.  Es  wird  daher  zweckmässig  sein,  nicht
zu  vergessen,  dass  die  weiteren  Schicksale  der  ökonomischen
Theorie  theils  von  der  Revolution  genährt,  theils  von  der
Reaction  beschattet  worden  sind.
Im  Srnithschen  Werk  ist,  ebenso  wie  in  den  Humeschen
Abhandlungen,  ein  hoher  Grad  von  ünpartheilichkeit  anzuerkennen, ­
  wie  er  sich  in  der  speciflsch  Englischen  Oekonomie
der  späteren  Zeit  nicht  wiederfindet.  Stand  auch  der  Verfasser
unbewusst  unter  dem  unwillkürlichen  Einfluss  der  ihn  umgehenden ­
  Ansichten  der  aufgeklärteren  Geschäftsleute,  so  arbeitete
er  doch  fast  überall  da,  wo  sein  deutliches  Bewusstsein  ins
Spiel  kam,  im  Sinne  einer  gewissen  Gerechtigkeit  gegen  die
Volksmassen.  Ein  Beispiel  hiefür  ist  seine  im  Capitel  von  den
Arbeitslöhnen  dargelegte  Meinung  von  den  Ooalitionon  und  der
stillschweigenden  üebereinkunft  der  Meister  und  Unternehmer.
Ein  anderes  in  gewisser  Hinsicht  noch  wichtigeres  und  für  die
meisten  Leser  wohl  überraschendes  Beispiel  ist  seine  bei  Gelegenheit ­
  der  Besprechung  des  Unterrichts  der  Volksmasse
geäusserte  Ueberzeugung,  dass  in  jedem  höheren  Civilisationszustando
  der  bei  weitem  grösste  Theil  der  Bevölkerung  zu
        <pb n="157" />
        141

dürftig  sei,  um  aus  eignem  Antrieb  auch  nur  für  die  Elementarbildung ­
  der  Jugend  sorgen  zu  können.  Die  betreffenden
Stellen  besagen  zusammen  nichts  Anderes,  als  dass  die  Lage
der  Arbeiter  in  der  Bestimmung  der  Löhne  und  in  der  allgemeinen
  Gestaltung  des  Bildungsstandes  ihrer  Nachkommen
eine  ungünstige  sei,  und  man  erkennt  deutlich  die  Regungen
der  Sympathie  für  den  Arbeiterstand.  Ueberraschon  darf  uns
diese  Haltung  nicht;  denn  wir  haben  es  mit  einem  Schriftsteller
zu  thun,  der  den  allgemeinen  philosophishen  und  politischen
Ideen  des  18.  Jahrhunderts  in  hohem  Maass  huldigte,  wenn  er
auch  ihre  strengeren,  nämlich  socialitären  Gonsequenzen  für
das  Wirthschaftssystem  noch  nicht  vollständig  abzusehen  vermochte. ­
  Aus  diesem  Grunde  wird  man  den  Ausdruck  bürgerliche ­
  oder  Bourgeoisökonomie  in  seiner  heutigen  Bedeutung  auf
das  Smithscho  System  nicht  anwenden  dürfen.  Es  war  zuviel
echte  Wissenschaft  in  seinem  Gedankenkreis,  als  dass  es  gestattet ­
  sein  könnte,  in  demselben  nur  eine  Parteilehre  zu  sehen.
Allerdings  ist  eine  gewisse  bürgerliche  Färbung  der  Anschauungs-
  und  Denkweise  nicht  zu  verkennen,  und  es  haben
wichtige  Lehren  wie  namentlich  diejenige  vom  Capital,
durch  dieses  Element  ihre  Gestalt  erhalten.  Es  ist  aber  etwas
Anderes,  ob  Jemand  bei  ausschliesslich  wissenschaftlicher  Richtung ­
  und  ungeachtet  seines  Ströhens  nach  wirklichen  Einsichten^ ­
  dennoch  unwillkürlich  zu  einseitigen  Ausgangspunkten
verleitet  ivird,  oder  ob  er  sich  ziini  Weidrzeugr  der  Ilesctn-änld;-heiten
  einer  Partei  oder  Classe  macht.  Letzteres  war  am  entschiedensten ­
  mit  Malthus  und  in  einem  ansehnlichen  Umfang
mit  Ricardo,  aber  nicht  mit  Adam  Smith  der  Fall;  denn  in
dem  Schotten  überwog  das  wissenschaftliche  Bestreben  alle
andern  Einwirkungen  in  hinreichendem  Maass,  um  gesunde  und
echte  Einsichten  auch  da  möglich  zu  machen,  wo  schädliche
Gewohnheiten  einer  gesellschaftlichen  Classenanschauung  entgogenstanden.
  Hienach  werden  wir  den  Smithschen  Gedankenkreis ­
  in  einem  weiteren,  aber  jedenfalls  nicht  in  dem  schlechten ­
  Sinne  des  Worts  bürgerlich  nennen  können.  Wir  werden
uns  jedoch  zu  hüten  haben,  ihm  jene  Advokatenschaft  unterzulegen, ­
  die  selbst  noch  nicht  einmal  das  Bild  der  geziemenden
Vertretung  einer  Sache  vorstellt.  Die  Rohheit,  mit  welcher
sich  sociale  Positionen  und  Parteianwaltschaften  in  die  Wissenschaft ­
  eingedrängt  haben,  gehört,  wie  schon  gesagt,  erst  der
        <pb n="158" />
        142

specifisch  Englischen  oder,  wie  man  sie  auch  nennen  könnte,
der  Neubrittischen  Oekonomie,  und  zwar  ganz  besonders  einem
Malthus  an.
Die  Smithsche  Leistung  verhält  sich  zu  ihren  Englischen
Verunstaltungen  in  einer  Weise,  für  welche  sich  in  dem  Schicksal ­
  der  Deutschen  Philosophie  ein  Gegenstück  findet.  Sieht
man  nämlich  davon  ab,  dass  die  Nationalökonomie  eine  junge,
aufstrebende  Wissensrichtung  vertritt,  in  welcher  auch  die  Entartungen ­
  nicht  ganz  kläglich  ausfallen  konnten,  so  ist  das  Verhältniss
  eines  Kant  zu  dem,  was  seinen  Leistungen  folgte,
demjenigen  eines  Smith  zu  seinen  Englischen  Epigonen  sehr
ähnlich.  Auch  erklärt  sich  die  Erscheinung  in  beiden  Eällon
aus  den  Einflüssen  der  allgemeinen  Restaurationssignatur,  welche
für  die  Europäische  Welt  unmittelbar  mit  der  Revolution  als
Reactionserscheinung  eintrat.  Eines  darf  jedoch  hoi  dieser
Parallele  als  wesentlicher  Unterschied  nicht  vergessen  worden.
Die  Arbeiten  der  Englischen  Oekonomen  sind  wenigstens  lesbar ­
  und,  wie  im  Palle  Ricardos,  bisweilen  auch  in  einer  gewissen ­
  Art  scharfsinnig,  —  eine  Eigenschaft,  die  sich  bei  dem
philosophischen  Gegenstück  nur  ein  einziges  Mal,  nämlich  im
Palle  Schopenhauers,  und  auch  da  nur  mit  grosser  Beschränkung ­
  rühmen  lässt.  Wir  wollen  also  die  Malthus  und  Ricardo
keineswegs  auf  das  Niveau  herabziehen,  auf  welchem  sich  im
Rahmen  des  Gegenstücks  die  Schelling,  Hegel  und  Herhart
befunden  haben.  Allein  die  ganz  allgemeine  Beziehung  zu  den
beiden  grossen  Urhebern  der  Anregungen  sowie  die  Vermischung
der  neuem  und  freieren  Standpunkte  mit  den  verjährten  Ueberlieferungen
  wird  sich  auf  die  Dauer  nicht  bestreiten  lassen.
Der  Englischen  Oekonomie  ist  aber  auch  im  Irrthum  in  ihrer
Art  eine  höhere  Originalität  eigen  gewesen,  als  den  epigonenhaften ­
  und  Tychonistischen  Erscheinungen  der  Deutschen  Philosophie. ­
  Auch  in  der  positiven  Gemeinschaft  der  Schwächen
zwischen  den  Urhebern  und  ihren  Nachfolgern  trifft  die  Vergleichung ­
  zu.  Es  ist  nämlich  beiderseits  nicht  zu  verkennen,
dass  eine  grössere  Energie  und  Bcstimrptheit  der  Ansichten
bei  den  ursprünglich  die  Entwicklung  anregenden  zwei  Persönlichkeiten ­
  manchen  Thorheiten  vorgebougt  haben  würde,  die
man  nunmehr  indirect  auf  Rechnung  von  Smith  und  Kant
setzen  muss.  Doch  ist  nicht  zu  vergessen,  dass  die  Philosophie
im  engem  Sinne  auch  in  dieser  Beziehung  die  ungünstigere
        <pb n="159" />
        143

Rolle  gespielt  hat.  In  Smith  war  wenigstens  kein  Element
geistiger  Reaction,  sondern  die,  wenn  auch  gemässigte,  so  doch
nicht  mit  Aberglaiihen  versetzte  Aufklärung  des  18.  Jahihunderts
  vertreten,  während  sich  die  Doppelnatur  der  Rantischen
Kritik  mit  ihren  mystischen  Rettungsversuchen  der  feinem
Superstition  auch  gegen  den  Verstand  und  gegen  die  bessern
Consequenzen  der  modernen  Denkweise  wendete.
3.  Wem  die  eben  vorgenommene  Gegenüberstellung  zu
ungleichartig  erscheinen  möchte,  der  sei  daran  erinnert,  dass
die  wissenschaftliche  Nationalökonomie  in  den  Personen  Humes
und  Smiths  von  der  allgemeinen  Philosophie  ihre  Gestalt  erhalten ­
  hat,  und  dass  man  im  Hinblick  auf  die  Physiokraten
sowie  auf  die  früheren,  theils  Englischen,  theils  Französischen
Antccedention  unseres  Wissensgebiets  getrost  behaupten  kann,
die  ökonomische  Wissenschaft  als  solche,  d.  h.  in  ihrer  höheren,
nicht  mercantilen  Form,  sei  wesentlich  von  der  besseren  Philosophie ­
  geschaffen  worden.  Freilich  ist  es  nicht  die  Metaphysik ­
  und  am  allerwenigsten  deren  transcendent  träumerische
Gestalt,  wohl  aber  die  politische  und  Moralphilosophie  gewesen,
aus  deren  Bereich  sich  das  neue  Gebiet  abgezweigt  hat.  Bei
Adam  Smith  ist  dieser  Hergang  durch  eine  äusserliche  Thatsache
  vertreten,  wenn  man  nicht  etwa  seinen  ganzen  Lebenslauf ­
  mit  dem  ihm  eigenthümlichen  moralphilosophischen  Gepräge ­
  dafür  geltend  machen  will.  Das  grosse  Werk,  aus  welchem ­
  die  Welt  ihre  moderne  ökonomische  Schulung  empfangen,
ist  die  Ausarbeitung  eines  Stoffes,  den  der  Verfasser  schon
früher  als  besondern  vierten  Theil  eines  allgemein  philosophischen, ­
  vorwiegend  aber  politisch  moralischen  Cursus  füi  seine
Lehrverträge  entworfen  hatte.  Doch  wir  wollen  die  Züge  aus
dem  Leben  des  Autors,  deren  wir  zur  Kennzeichnung  dei
Stellung  und  des  Gepräges  seiner  Schöpfung  bedürfen,  nicht
von  einander  trennen,  sondern  im  Zusammenhang  sichtbar
machen,  wie  sich  das  äussere  Dasein  desselben  mit  seiner  wissenschaftlichen ­
  Thätigkeit  in  Hobereinstimmung  befunden  habe.
W^ir  werden  hiedurch  für  unsere  früheren  Kennzeichnungen
auch  eine  individuelle  Bestätigung  erhalten.
Adam  Smith  (1723—90)  aus  Kirkaldy  in  Schottland,  einziger ­
  Sohn  eines  Zollbeamten,  erst  nach  dem  Tode  seines  Vaters
geboren,  wurde  fast  in  seinem  ganzen  Leben  durch  das  Anhänglichkeitsvorhältniss
  zu  seiner  Mutter  geleitet,  zu  welcher
        <pb n="160" />
        144

er  auch  später  nach  Zurücklegung  einer  schon  weit  durchmessenen
  Laufbahn  zurückkehrte,  um  in  der  Entfernung  von
allem  Verkehr  seine  entscheidende  wissenschaftliche  Arbeit  auszuführen. ­
  Die  Anspielungen  des  Physiokraten  Dupont,  nach
denen  Smith  etwas  ängstlich  gewesen  wäre,  dürften  sich,  soweit ­
  sie  zutreffen,  aus  jenen  Beziehungen  und  aus  dem  Umstande ­
  erklären,  dass  der  Verfasser  des  Völkerreichthums  nie
Gelegenheit  gefunden  hatte,  von  den  feindlichen,  härteren  und
männlicheren  Seiten  des  Lebens  eine  gehörige  Vorstellung  zu
gewinnen.  Auf  der  Universität  Glasgow  vorbereitet,  kam  er
nach  Oxford,  wo  er  den  bekannten  dort  herrschenden  Geist
würdigen  lernte.  Ein  Exemplar  von  Humes  „Tractat  über  die
menschliche  Natur  (der  ursprünglichen  Gestalt  des  Ilumeschen
Hauptwerks)  wurde  ihm  dort  weggeuommen.  Er  sollte  sich
der  Theologie  widmen,  verzichtete  aber  auf  diese  Laufbahn,
um  sich  allgemein  philosophischen,  namentlich  aber  moralphilosophischen
  Studien  zuzuwenden.  Seine  Ansichten  waren
nicht  sehr  ausgeprägt,  und  er  hatte  noch  keine  Eigenschaften,
deren  Folgen  ihm,  wie  einem  Hume,  den  Zugang  in  die  Kreise
der  Universitäten  von  vornherein  verleideten.  Der  grosse
Philosoph  hatte  bei  dom  ersten  Bewerbungsversuch  nichts  erreicht ­
  und  auf  die  weitere  Bekanntschaft  mit  den  Gonsequenzen
der  Bigotterie  und  Urtheilslosigkeit  verzichtet.  Adam  Smith
war,  was  wir  nicht  vergessen  wollen,  der  Zögling  einer  Mutter,
und  allen  Schilderungen  nach  eine  weiche,  bildsame  Natur.  Er
wurde  1751,  also  mit  28  Jahren,  Professor  in  Glasgow  und
zwar  zunächst  für  Logik,  unter  deren  Titel  er  jedoch  nur  einleitungsweise ­
  das  Allernöthigste  vortrug,  um  übrigens  den  ganzen
Cursus  in  ein  ziemlich  willkürliches  Gemisch  von  Vorschriften
für  den  sprachlichen  und  sogar  für  den  rhetorischen  Gedankenausdruck ­
  zu  verwandeln.  Bald  darauf  amtlich  für  die  Moralphilosophie ­
  verpflichtet,  verharrte  er  in  dieser  professoralen
Thätigkeit  über  ein  Dutzend  Jahre.  Dieser  Zeit  gehören  die
Vorlesungen  an,  die  in  seinem  Entwurf  einen  vierthciligon
Cursus  bildeten,  und  von  denen  zwei  Abtheilungen  die  Grundlagen ­
  für  die  beiden  von  ihm  veröffentlichen  umfangreicheren
Werke  wurden.  Das  eine  der  letzteren,  die  „Theorie  der  moralischen ­
  Gefühle",  erschien  1759  und  fand  sofort  einen  solchen
Beifall,  dass  sich  Hume  in  seinem  betreffenden  Brief  an  den
langjährigen  Freund  zu  einigen  Winken  über  die  Bedenklich-
        <pb n="161" />
        145

keit  dieser  Art  von  Erfolg  veranlasst  sah.  Man  sieht  aus
diesem  Schreiben  deutlich,  dass  der  subtile  und  zugleich  weit
ausschauende  Denker  sofort  begriffen  hatte,  wie  die  Smithsche
Arbeit  hauptsächlich  nur  ihrer  schwachen  Seiten  wegen  etwas
ausrichteto.  Die  überlegene  Ironie  Humes  entfaltete  sich  ganz
unverholen,  und  in  diesem  wie  in  andern  Briefen  bekundet  sich
die  entschiedene  Superiorität,  mit  welcher  der  nur  ein  Dutzend
Jahre  jüngere  Smith  von  seinem  grossen  philosophischenLandesgcnosscn
  und  Freund  geleitet  wurde.  Indessen  hat  diese  zugleich
  off-eno  und  wohlwollende  Art  des  Verkehrs  dem  Verhältniss
  keinen  Eintrag  gethan,  und  wir  müssen  den  Grund
der  Möglichkeit  solcher  Beziehungen  einerseits  in  der  edlen
Natur  Humes  und  andererseits  in  dem  ruhigen,  duldsamen  und
ebenfalls  nur  auf  Wahrheit  gerichteten  Charakter  Smiths  suchen.
Die  „Theorie  der  moralischen  Gefühle",  deren  Prmcip  man
neuerlich  mit  demjenigen  des  ökonomischen  Hauptwerks  in
Beziehung  gesetzt  hat,  ist  zwar  kein  werthloses  Buch,  aber
ohne  durchschlagende  Bedeutung  und  mit  den  Leistungen  Humes
in  derselben  Gattung  kaum  zu  vergleichen.  Es  bewegt  sich
vielmehr  in  einem  so  weiten  Abstande  von  den  letzteren,  dass
man  erst  eine  ganze  Stufenleiter  einschalten  muss,  ehe  man
bis  zum  Niveau  der  Smithschen  Arbeit  hinabzusteigen  vermag.
Für  die  Person  des  Autors  wurde  jedoch  der  Englische  Ruf
des  Buches  die  Veranlassung,  die  ihm  eine  Gelegenheit  verschaffte, ­
  seine  professorale  Thätigkeit  mit  der  Begleiterschaft
bei  dem  jungen  Herzog  Buccleugh  zu  vertauschen,  mit  welchem
er  ein  paar  Jahre  in  Frankreich  und  davon  fast  ein  Jahr  in
Paris  selbst  zubrachte.  An  letzterem  Orte  verkehrte  er  unter
Andern  auch  mit  Quesnay  und  Turgot  und  muss,  nach  einer
Acusserung  des  Physiokraten  Dupont  zu  schliessen,  dem  Stifter
der  ökonomistischen  Secte  ein  sehr  williges  Ohr  geliehen  haben.
Der  Eindruck,  den  Quesnay  auf  ihn  gemacht  hatte,  muss  gross
gewesen  sein;  denn  es  ist  durch  den  Bericht  seines  Biographen
Stewart  fcstgestellt,  dass  er  entschieden  die  Absicht  gehabt
habe,  sein  Buch  über  den  Völkerreichthum  dem  Urheber  der
Physiokratie  zu  widmen.  Der  letztere  starb  jedoch  2  Jahre
vor  dem  Erscheinen  desselben.  In  dem  Werke  selbst  nannte
er  Quesnay  genial  und  tief  und  erklärte  das  physiokratische
System  für  dajsenige,  welches  ,,der  Wahrheit  am  nächsten
komme.”
Dühríiig,  Gescliiclite  der  Nationalökonomie.  2.  Auflage.

10
        <pb n="162" />
        146

Nach  der  Rückkehr  zog  er  sich  1766  in  die  Einsamkeit
seines  Geburtsortes  zu  seiner  Mutter  zurück  und  arbeitete  dort
im  Laufe  des  nächsten  Jahrzehnts  sein  epochemachendes  Werk.
Nebenbei  bemerkt,  schrieb  er  nicht  selbst,  sondern  dictirto.
Nicht  einmal  Hume  wusste  von  dem,  was  in  Ivirkaldy  unternommen ­
  wurde.  Eins  der  leitenden  Principien,  auf  welche
Smith  selbst  grossen  Werth  legte,  wollte  er  schon  länger  als
zwei  Jahrzehnte  vor  dem  Erscheinen  des  Yölkerreichthurns  aufgefunden ­
  haben.  In  einem  Aufsatz  von  1755  nahm  er  die
Priorität  für  den  Gedanken  in  Anspruch,  dass  man  die  Natur
nicht  stören  dürfe,  sondern  sich  selbst  überlassen  müsse,  und
dass  gewisse  Staatsmänner  die  Menschen  mit  Unrecht  als  einen
Stoff  zur  Herstellung  von  politischen  Maschinen  betrachtet
hätten.  Wir  brauchen  hiebei  nicht  zu  bemerken,  dass  der  Gedanke ­
  der  Sichselbstüberlassung  der  Natur  ein  eminent  pliysiokratischer
  war,  und  dass  der  Grundsatz  des  laisser  aller  sich
in  den  verschiedensten  Richtungen  als  Gegenwirkung  gegen
Eingriffe  und  Hemmungen  aus  den  Zuständen  selbst  herausgebildet ­
  hatte  und  daher  nicht  geeignet  war,  von  irgend  welcher
Person  als  auszeichnendo  Entdeckung  in  Anspruch  genommen
zu  werden.
Das  Jahrzehnt  1/66—76,  in  welchem  die  im  letztgenannten
Jahr  erschienene  „Untersuchung  über  die  Natur  und  die  Ursachen ­
  des  Völkerreichthums”  (An  inquiry  into  the  nature  and
causes  of  the  wealth  of  nations)  ausgeafbeitet  worden  war,  hatte
für  den  Verfasser  eine  Zeit  der  völligsten  Musse  und  Unabhängigkeit ­
  gebildet.  Er  war  nicht  mehr  Professor  gewesen
und  ist  es  auch  nie  wieder  geworden,  so  dass  man  sagen  kann,
er  habe  erst  angefangen,  ernstlich  und  erfolgreich  für  die  Welt
zu  arbeiten,  seitdem  er  sich  von  den  Universitätsabhängigkeiten
befreit  sah.  Bald  nach  dem  Erscheinen  seines  Hauptwerks  erhielt ­
  er  ein  Zollamt  und  war  fernerhin  für  die  Wissenschaft
nur  noch  in  sehr  unerheblicher  Weise  thätig.  Ihm  fehlte  die
Kraft,  aus  seinen  Papieren  und  Heften  noch  etwas  zu  machen.
In  der  vierten  und  letzten  bei  seinem  Leben  veranstalteten  Ausgabe ­
  des  Völkerrcichthums  änderte  er  nichts  mehr.  Es  war
dies  ein  paar  Jahre  vor  seinem  Tode;  aber  er  hatte  schon  mit
dem  53.  Jahre  seine  einzige  und  letzte  That  wesentlich  abgethan.
  Seine  passive  Natur  scheint  ihn  nur  unter  solchen
Umständen  zu  etwas  befähigt  zu  haben,  unter  denen  er  sich
        <pb n="163" />
        147

ganz  selbst  überlassen  war.  Mit  Aeng'stlicbkeit  war  er  schon
früh  darum  besorgt  gewesen,  seine  Manuscripte  für  den  Fall
seines  Todes  vernichtet  zu  sehen.  Kurz,  vor  dem  Eintritt  des
letzteren  Hess  er  Alles  bis  auf  einen  kleinen  Rest  verbrennen.
Die  Welt  kann  ihm  dafür  nur  dankbar  sein;  denn  sie  hat  an
unnützer  Literatur,  die  sich  an  untergeordnete  Erzeugnisse
grosser  Namen  knüpft,  ohnedies  schon  genug.  Die  Collegienhefte
  von  Glasgow  sind  sicherlich  kein  Verlust,  zumal  im  ersten
Theil  dos  oben  erwähnten  Cursus  auch  die  natürliche  Theologie
Und  die  Beweise  vom  Dasein  Gottes  zur  universitätsmässigen
Behandlung  gelangt  waren.  Uebrigens  lässt  sich  die  Handlungsweise ­
  Smiths  in  dieser  Beziehung  leicht  erklären.  Es  war  ihm
die  Vorstellung  unangenehm,  dass  nach  seinem  Tode  Sachen
gedruckt  werden  sollten,  die  er  selbst  höchstens  als  eignes
Material  schätzte.
4.  Es  mag  noch  daran  erinnert  sein,  dass  der  Verfasser
des  Völkerreichthums  in  seinen  ersten  Studien  und  auch  später
einige  Neigung  für  Mathematisches  und  Naturwissenschaftliches
bekundet  hat,  und  dass  seine  Geistesart  von  Kindheit  an  eine
oft  bis  zu  einer  gewissen  Abwesenheit  und  Versunkenheit  in
sich  selbst  gesteigerte  Concentrirung  bemerken  Hess.  Wir
haben  hier  wiederum  eine  Bestätigung,  dass  in  der  neuern  Zeit
die  Hinneigung  zu  Mathematik  und  Naturstudien  zu  den  Andeutungen ­
  einer  rationelleren  Auffassung  der  W  issenschaft  und
einer  dem  modernen  Geiste  entsprechenden  Thätigkeit  gehört.
Ein  gewisser  Vorzug  der  Methode  ist  selbst  bei  der  dürftigsten
Annäherung  an  jene  strengeren  Gebiete  nicht  zu  verkennen,
ünd  man  kann  behaupten,  dass  die  Pflege  der  verschiedensten
Wissenschaften  um  soviel  verstandcsmässiger  und  moderner
ausfallcn  muss,  als  die  Mathematik  und  die  strengsten  Theile
dos  Naturwissens  für  die  Form  der  allgemeinen  Gedankenhaltung ­
  maassgebend  werden.  In  diesem  Sinne  hat  auch  Adam
^mith  dom  Einfluss  der  in  eminenter  Weise  modern  zu  neno
  enden  Bildungsmittel  unterlegen,  und  seine'Arbeit  hat  einen
grossen  Theil  ihrer  Klarheit  sowie  wichtige  Bestandtheile  ihrer
Methode  diesen  Einwirkungen  zu  danken.  Dennoch  würde
man  fehlgreifen,  wenn  man  voraussetzte,  es  herrsche  darin  die
Mechanik  eines  Princips,  etwa  des  Erwerbsintcresso  in  jener
äussersten  Folgerichtigkeit,  die  wir  in  allen  strengen  Wissen.-öchaften
  als  selbstverständlich  voraussetzen.  Eine  solche  Conto* ­
        <pb n="164" />
        148

Sequenz  war  überhaupt  der  Geisteshaltung  und  Gemüthsart
eines  Smith  fremd.  Seine  Logik  entsprach  ein  wenig  seinem
Charakter,  der  sich  durch  Mangel  an  eigentlich  activer  oder,
besser  gesagt,  actionsfähiger  Energie  auszciclmcto.  Sic  bekundete ­
  sich  daher  mehr  in  dem  passiven  Gohenlassen  nach  der
Richtung  eines  einmal  ergrifienen  Princips,  als  in  der  Entwicklung ­
  gestaltender  Kräfte  zur  Ausgleichung  der  Widersprüche. ­
  Der  redliche  Sinn  reranlasstc  den  Autor,  alle  Gedanken ­
  mitzutheilen  und  um  die  Unterdrückung  derjenigen,  die
etwas  Entgegenstchendes  enthielten,  keine  Sorge  zu  tragen.
Im  Gegentheil  machte  er  noch,  wie  z.  B.  bezüglich  seiner  Entwicklungen, ­
  die  an  die  Schwierigkeiten  der  Bestimmung  der
Werthursachen  streiften,  ausdrücklich  darauf  aufmerksam,  dass
es  ihm  nicht  gelungen  sei,  zu  einer  ihn  völlig  befriedigenden
Klarheit  zu  gelangen.  Er  hat  die  Natur  seines  Vorstellens  in  sich
walten  lassen  und  ist  in  dieser  Beziehung  sogar  in  der  wissenschaftlichen ­
  Composition  seinem  sonstigen  Lieblingsprincip  anheimgefallen. ­
  Er  hat  die  Gedanken  hervortreten  lassen,  wie
sie  sich  gaben,  und  ist  durch  seine  Wahrhaftigkeit  verhindert
worden,  ihnen  Gewalt  anzuthun,  wo  cs  ihm  nicht  möglich  war,
sie  logisch  zu  vereinbaren.  Hiedurch  hat  sein  Werk  auch  selbst
nach  der  Seite  des  Mangels  einen  Vorzug  erhalten,  den  man
nicht  zu  gering  anschlagen  wird,  wenn  man  mit  dieser  wissenschaftlichen ­
  Ehrlichkeit  die  berühmtesten  Erscheinungen  der
nächsten  Zeit  vergleicht.  Aus  diesem  Grunde  besteht  die
Systematik  seines  Werks  auch  hauptsächlich  darin,  dass  ein
Leitfaden  bemerklich  ist,  dem  er  von  vornherein  folgte,  und  den
er  auch  dann  nicht  verlor,  wenn  er  umfangreiche  Zwischenuntersuchungen ­
  anstellte.
Dieser  Leitfaden  bestand  in  dem  steten  Hinblick  auf  die
Arbeit  als  auf  die  Quelle  alles  Reichthums.  Don  Namen  IndustrTèsystem
  muss  man  daher  so  äuslegen,  dass  man  das  Wort
Industrie  in  dem  allgemeinen  Sinne  aller  wirthschaftlichen
Thätigkeit  versteht.  Nähme  man  es  in  der  engem  Bedeutung,
die  ihm  heute  vorzugsweise  eigen  ist,  nämlich  im  Gegensatz
zum  Handel  und  Ackerbau,  so  würde  man  sich  von  den  Smithschen
  Grundanschauungen  eine  ganz  falsche  Vorstellung  bilden.
Die  Anwendung  der  Arbeit  in  jeder  Richtung,  —  nicht  aber
in  einem  besondern  Zweige  der  Volkswirthschaft,  —  sollte  die
eigentlich  productive  Macht  sein.  Die  Physiokraten  hatten  die
        <pb n="165" />
        149

Natur  im  landwirthscliaftlichen  Grund  und  Boden  als  die  im
eminenten  Sinne  hervorbringende  Potenz  angesehen,  sich  ausserdom
  an  den  Ueherschuss  über  den  Verbrauch  des  Landbebauers
;^3halten  uiid  dalier  nicht  einmal  (ngeiitlich  die  landwirüischaltlÄ”
  Arbeit  als  solche  zum  Ausgangspunkte  gemacht.  Die
Naturhülfe  war  ihnen  die  Hauptsache  gewesen.  Adam  Smith
nahm  seinen  Ausgangspunkt  auf  der  entgegengesetzten  Seite,
indem  er  den  Menschen  mit  seiner  Kraft  zur  entscheidenden
Ursache  des  Völkerreichthums  machte.  Hiemit  ergriff  er  ein
Princip,  welches  sich,  wie  wir  früher  gesehen  haben,  bei  den
Englisch  schreibenden  Autoren  gelegentlich  formulirt  gefun^den
hatte.  Es  entsprach  nicht  nur  den  Zuständen  einer  VMkswirthschaft,
  in  welcher  die  Wirkungen  des  energischen  Segens
besonders  sichtbar  waren,  sondern  auch  überhaupt  der  Wahrheit, ­
  insofern  die  ökonomische  Macht  der  modernen  Civilisation ­
  auf  der  Entwicklung  von  Fähigkeiten  beruht,  die  nicht
durch  freiwillige  Gaben  der  Natur,  sondern  eher  durch  die
Strenge,  ja  Kargheit  der  letzteren  grossgezogen  worden  sind.
Jenes  Princip  würde  sogar  zu  einer  noch  entschiedener  zutreffenden ­
  Anwendung  gelangt  sein,  wenn  Smith  nicht  unter
dem  Einfluss  der  Quesnayschen  Ideen  die  Industrie  im  engem
Sinne  des  Worts  in  ihrer  geschichtlichen  Rolle  unterschätzt
und  ihr  eine  zu  einseitige  Entwicklung  auf  Kosten  des  Ackerbaus ­
  vorgeworfen  hätte,  ,
Hienach  wird  es  nicht  überraschen,  dass  die  Arbeit  das
erste  Wort  und  die  Arbeitstheilung  die  ersten  Capitel  des
Smithschen  Werks  für  sich  hat.  Abgesehen  von  dem  Verhältniss,
  in  welchem  die  Menge  der  Arbeitenden  zu  den  wirthschaftlich
  Nichtarbeitenden  steht,  werden  die  Eigenschaften  und
Umstände,  welche  die  Arbeit  erfolgreicher  machen,  als  die  ent-Bchoidenden
  Ursachen  der  Hervorbringung  des  Völkerreichthums ­
  bezeichnet,  und  unter  ihnen  nimmt  die  Arbeitstheilung
die  erste  Stelle  ein.  Während  in  der  letzteren  die  ursprüngliche ­
  und  gewöhnliche  Berufstheilung  weniger  bedeutsam  beschrieben ­
  wird,  tritt  die  technische  Zerlegung  der  Verrichtungen
in  den  Vordergrund  und  erfährt  ihre  allbekannte  Erläuterung
an  dem  Beispiel  der  Stecknadelfabrication.  Wie  überhaupt  die
Angabe  der  Ursachen  erst  zu  eigentlichen  Gesetzen  fühlt,  so
sind  auch  in  der  Behandlung  der  Arbeitstheilung,  durch  die
sich  Adam  Smith  besonders  ausgezeichnet  hat,  nicht  die  Be-
        <pb n="166" />
        150

Abreibungen,  sondern  die  Gründe  und  Entwicklungsgesetze  die
Hauptsache.  Es  würde  zu  weit  führen,  hierauf  näher  cinzuge
  en  und  den  besondern  Inhalt  eines  Capiteis  der  Nationalhn
  lEnWh^  meßhmüm^m  Un^nmdmng
Gegenstandes  zu  erörtern.  Jedoch  sei  bemerkt,  dass  derselbe
Grund,  welcher  nach  der  Smithschen  Vorstellungsart  zur  Arbeitstheilung
  anregt,  ihr  auch  eine  Schranke  setzt.  Es  ist  dies
der  Austausch,  und  so  entsteht  das  sehr  wichtige  und  dieses
Nanmns  erst  gehörig  würdige  Gesetz,  dass  die  natürliche  Grenze
er  Specialisirung  der  Arbeitstheilung  durch  die  Ausdchnbarkeit
  des  M^ktes  gebildet  werde.  Die  Schranke  der  Specialisirung
  der  Thätigkeiten  liegt  hienach  darin,  dass  die  Menge  der
bnehmer  eines  Specialartikels  hinreichend  gross  sein  muss,  um
lür  (^n  letzteren  eine  besondere  Berufsgruppe  zu  ernähren.
Diese  und  andere  hioher  gehörige  Aufstellungen  Smiths
vertreten  zwar  nicht  immer  die  letzten  Gründe  und  die  beste
Gestalt  die  man  der  ganzen  Lehre  geben  kann;  wohl  aber  sind
sie  im  Wesentlichen  zutreffend  und  haben  für  die  Folgezeit  eine
grosse  Bedeutung  gewonnen.  Der  weitere  Gang  des  Werks
zeigt  uns  schon  m  den  nächsten  Capiteln,  dass  ein  Leitfaden
niemals  fehlte.  An  die  Beziehungen  der  Arbeitstheilung  zum
Austausch  knüpft  sich  die  Betrachtung  der  Geldverrichtuno-en
und  hieran  in  sehr  natürlicher  Weise  die  Lehre  vom  Preise
und  von  dessen  drei  Bestandtheilen,  Lohn,  Gewinn  und  Rente,
reilich  wird  mit  den  Auseinandersetzungen  über  den  Preis  in
rbeit  und  den  Preis  in  Geld  sowie  mit  der  raschen  Erledipng
  des  Gegensatzes  von  Gebrauchswerth  und  Tauschwerth
welchem  die  Fundamente  eingeständheh
  nicht  mehr  ganz  sicher  sind.  Allein  der  Umstand
dass  der  Verfasser  des  Völkerreichthums  neben  der  Betrachtung
  der  Warthe,  von  der  schon  Quesnay  irregeführt  worden
r  ^  iGlfach  mne  Naturalbetrachtung,  d.  h.  eine  Auffassung  der
yeihäl^isse  ohne  Dazwischenkunft  des  Geldes  zur  Grundlage
seines  Denkens  machte,  hat  ihm  gestattet,  vielerlei  Einsichten
gewinnen,  die  ohnedies  unmöglich  gewesen  wären.  Die
Doppelheit  der  Gesichtspunkte  hat  ihn  auf  diese  Weise  vor
inseitigkeiten  bewahrt,  denen  seine  Englischen  Nachfolo-er
nicht  entgangen  sind.  Alle  Gedanken,  welche  bei  den  Malthus
und  Ricardo  zu  Caricaturen  entarteten,  finden  sich  in  einer
haltbareren  Gestalt  und  mit  grösserer  Umsicht  bereits  in  den
        <pb n="167" />
        151

bczoichneten  Anfängen  des  Smithseben  Werks.  Es  waren  nur
zerstreute  Sätze  und  Glieder  der  betreffenden  Capitel,  die  nach
ihrer  Loslösung  aus  dem  organischen  Zusammenhang  des  Körpers, ­
  dom  sie  angehörton,  zu  den  späteren  ungesunden  Gebilden
und  Ungeheuerlichkeiten  der  Malthus-Ricardoschen  Oekonomie
auswuchsen.  Hiebor  gehören  besonders  vereinzelte  Aeusserpngen
  über  Bevölkerungsvermehrung,  über  die  Grundrente  als
Wirkung,  nicht  als  Ursache  des  Preises,  ferner  auch  die  Ideen
über  das  Gravitiren  des  Arbeitslohns  um  seine  sogenannte
natürliche  Grösse  und  andere  Gedanken,  die  man  gewohnt  ist,
erst  von  ihrem  Auftreten  in  einseitiger  Entartung  zu  datiren.
5.  Der  wichtigste  Grundbegriff,  um  den  sich  die  strengere
wissenschaftliche  Gestaltung  der  Wirthschaftslehre  bis  auf  den
heutigen  Tag  gedreht  hat,  ist  der  des  Werths.  Adam  Smith
bat  sich  damit  begnügt,  den  Tauschwerth  als  die  Menge  von
Gegenständen  vorzustellen,  welche  für  einen  Artikel  beim  Austausch ­
  zu  haben  sind.  Durch  diese  ganz  äusserliche  Reflexion
hat  er  ihn  vom  Gebrauchswerth  unterschieden.  Uebrigens  aber
hat  er  den  Preis  auf  die  Arbeit  zurückgeführt  und  die  letztere
als  das  eigentliche  Zahlungsmittel  angesehen.  Sein  Satz,  dass
Arbeit  der  ursprüngliche  Preis  aller  Gegenstände  sei,  und  dass
man  daher  in  allen  Artikeln  die  darauf  verwendete  Arbeit  und
zwar  wiederum  mit  verkörperter  Arbeit  bezahle,  ist  jedoch  nur
mit  einer  sehr  wichtigen  Einschränkung  aufgestellt  worden.
Er  sollte  nämlich  in  voller  Reinheit  nur  für  die  ersten  Zustände
der  Volker  gelten.  Sobald  sich  das  Capital  entwickelte  und
die  Grundrente  in  Frage  käme,  sollte  die  Preisabmessung  oder,
mit  andern  Worten,  das  Austauschverhältniss  nicht  mehr  nach
dem  Princip  gleicher  Arbeitsmengen  erfolgen.  Diese  Idee  wird
sofort  klarer,  wenn  man  sich  der  Smithschen  Zerlegung  des
Freises  in  die  oben  erwähnten  drei  Bestandtheilc  erinneit.
Die  Arbeit  als  Preisursache  und  Preismaass  hat  in  der
ferneren  Entwicklung  der  ökonomischen  Theorie  eine  principiollo
  Rolle  gespielt  und  sogar  die  Charaktere  der  Systeme  in
ihren  Grundformen  bestimmt.  Jene  Idee,  die  schon  in  ihicr
ursprünglichsten  Fassung  neben  der  "W  ahrheit  ein  gutes  Theil
Richtung  enthielt,  ist  eine  Hinterlassenschaft  geworden,  durch
deren  verschiedene  Consequenzen  sich  die  irrthümlichen  wie
die  richtigen  Züge  der  modernen  Systeme  insoweit  erklären
lassen,  als  sich  die  letzteren  an  den  Smithschen  Gedankenkreis
        <pb n="168" />
        152

aiischlossen.  Auch  die  unbegründete  Meinung,  dass  die  Veranschlagung ­
  der  Preise  in  Arbeit  im  Gegensatz  zu  dem  Opcriren
  mit  Geldpreisen  die  ökonomischen  Schlussfolgerungen
sicherer  und  wissenschaftlicher  mache,  schreibt  sich  in  den
neuern  Systemen  unmittelbar  von  jener  Smithschen  Grundanschauung ­
  her.  Diese  Illusion  hat  grade  in  den  besten  Gestaltungen ­
  der  ökonomischen  Theorie  am  meisten  geschadet.
Die  Veranschlagung  in  Arbeit  ist  nicht  viel  weniger  unbrauchbar, ­
  als  diejenige  in  Nahrung,  da  der  Werth  durch  die  Vorkehrshandlungen ­
  bestimmt  wird  und  thatsächlich  nicht  anders
als  in  Geld  gemessen  werden  kann.
Es  ist  aber  noch  eine  andere  wichtige  Folge  zu  erwähnen,
welche  die  Doppelheit  der  Smithschon  Preisursachen  für  das
weitere  Schicksal  der  ökonomischen  Theorien  gehabt  hat.
Neben  der  Arbeit  wurde,  wie  schon  gesagt,  noch  eine  zweite
Ursache  als  Entstehungsgrund  der  Grösse  der  Preise  zur  Gcltung
  gebracht.  Besonders  sichtbar  war  dieselbe  im  Gewinn,
im  Zins  und  in  der  Grundrente.  Doch  waren  alle  diese  Bestandtheile
  des  Preises  durch  die  gemeinsame  Eigenschaft  ausgezeichnet, ­
  dass  in  ihnen  etwas  lag,  was  nimmermehr  als  verrichtete ­
  Arbeit  gelten  konnte.  Es  musste  also  vermöge  des
Ganges  der  wirthschaftlichen  Verhältnisse  etwas  geleistet  werden, ­
  was  sich  nicht  mehr  nach  dem  Princip  des  gleichen  Austausches ­
  von  Arbeit  gegen  Arbeit  auffassen  liess.  Die  Andeutung ­
  eines  Monopols  bei  dem  Grundeigenthum  genügte  nicht,
um  jene  ganze  Classe  gehörig  zu  erklären.  Auf  diese  Weise
blieb  die  Smithsche  Theorie  dunkel,  und  der  Dualismus,  der  in
ihr  herrschte,  veranlasste  später  zu  verschiedenen  Versuchen,
denselben  theils  auszubilden,  theils  zu  beseitigen.  Grade  die
entschiedensten  Bemühungen,  jene  Doppelheit  zu  überwinden
und  an  deren  Stelle  eine  einheitliche  Auffassung  zu  setzen,
haben  jedoch  nur  dazu  geführt,  die  eine  Seite  der  Sache  auf
Kosten  der  andern  zur  Hauptsache  zu  machen.  Der  Gedanke
aber,  dass  es  im  Unterschied  von  rein  wirthschaftlichen  auch
sociale  Ursachen  der  Preisbestimmung  oder,  mit  andern  Worten, ­
  dass  es  eine  sociale  Besteuerung  gebe,  vermöge  deren  die
Aneignung  ohne  Gegenleistung  einen  nothwendigen  Bestandtheil
der  ökonomischen  Hergänge  bildet,  ist  erst  in  den  jüngsten
kritischen  Wendungen  der  ökonomischen  Theorie,  d.  h.  in  der
Werthlehre  meines  Systems,  vollkommen  klar  geworden.  Um
        <pb n="169" />
        153

(las  Smithscho  Werk  mit  Urtheil  lesen  zu  können,  muss  man
nicht  blos  hei  der  Behandlung  der  Preishestandtheilo,  sondern
überall  eingedenk  bleiben,  dass  der  Verfasser  durch  zwei  Antriebe ­
  geleitet  wurde.  Der  eine  sucht  überall  die  Arbeit  als
die  ursprüngliche  Grundlage  der  Wertlie  auf;  der  andere  ge  it
darauf  aus,  die  verschiedenen  Einkünftearten  (Lohn,  Gewinn,
Zins  und  Rente)  einzeln  und  in  ihren  Verhältnissen  noch  aus
einem  andern  Gesichtspunkt  zu  untersuchen.  Das  oit
Räthsels  ist  im  Hinblick  auf  die  letzteren,  meist  inconsequenten
und  nicht  sehr  tief  gehenden  Anschauungen  einfach  die  natürliche ­
  sociale  Macht,  welche  theils  in  ausserwirthschaftlichen
Gestaltungen,  theils  aber  in  der  Gunst  der  wirthschaitlichen
Positionen  selbst  ihren  Grund  hat.
6.  Die  Stoffe,  auf  die  wir  bis  jetzt  aufmerksam  gemacht
haben,  nehmen  das  erste  und  wichtigste  Buch  des  Smithscheu
Werks  ein,  während  sich  das  zweite  mit  der  schon  ungleich
weniger  gelungenen  Lehre  vom  Capital  beschäftigt.  Im  Wesent
liehen  waren  jedoch  alle  Hauptgedanken  über  Production  und
Vertheilung  im  ersten  Buch  enthalten,  dem  der  Verfasser  auch
selbst  die  Aufgabe  zugetheilt  hatte,  jene  beiden  Hauptseiten  des
wirthschaftlichen  Wissens  sichtbar  zu  machen.  Es  ist  hmbei
zu  bemerken,  dass  die  Beschränkung  auf  die  Gesetze  der  Production ­
  und  der  Vertheilung,  ohne  Hinzufügung  der  Con^um
tion  als  eines  dritten  Gegenstandes  der  Theorie,  die  ^
einer  natürlichen  und  guten  Anschauungsweise  gewesen  ist,
für  welche  sofort  die  beiden  Hauptverzweigungen  der  Wissenschaft ­
  als  die  entscheidenden  Gesichtspunkte  hervortraten.  Die
letzten  drei  Bücher  sind  solchen  Ausführungen  und  Anwendungoii
  gewidmet,  in  denen  der  principiell  volkswirthschaftliche
Inhalt  keine  entscheidende  Bereicherung  erfährt,  und  in  denen
übrigens  die  Polemik  gegen  Thatsachen  und  Systeme  überwiegt.
Die  Darstellung  jener  ungebührlichen  Vorherrschaft,  die  nach
der  Smithschen  Vorstellungsart  seit  dem  Falle  des  Römischen
Reichs  dom  Handel,  den  Manufacturen  und  den  Städten  zugefallen ­
  sein  soll;  alsdann  die  Auseinandersetzung  der  ökonomischen ­
  Systeme,  d.  h.  des  Mercantilismus  und  der  Physiokratie;
und  endlich  die  Behandlung  der  Staatsfinanzen,  —  bilden  die
Hauptthemata  jener  späteren  Abtheilungen  des  Smithschen
Werks.  Obwohl  reich  an  werthvollen  Untersuchungen,  gehen
sie  uns  doch,  dem  Plane  unserer  Geschichte  gemäss,  weit
        <pb n="170" />
        154

weniger  an.  Dagegen  haben  wir  unabhängig  von  der  besondern
Gestaltung  des  Werks  noch  verschiedene  wichtige  Grundzüge
in  der  Gedankenhaltung  seines  Urhebers  sichtbar  zu  machen.
Zunächst  sind  die  Vorstellungen  von  den  Verrichtungen
der  edlen  Metalle  als  Geld  und  von  der  Bedeutungslosigkeit
dei  absoluten  Menge  derselben  noch  einseitiger  und  unzutrellender
  als  bei  Hume.  Die  bei  Gelegenheit  der  Bekämpfung  des
Mercantilsystems  (Buch  4  Cap.  1)  geäusserte  Meinung,  man
würde  sich  bei  plötzlichem  Verschwinden  der  edlen  Metalle
durch  ein  Umrechnungssystem  helfen  können,  zeugt  davon,
dass  Adam  Smith  von  der  Unentbehrlichkeit  derselben  keine
Ahnung  hatte  und  sich  einer  Vorstellung  hingab,  derzufolgo
man  den  Verkehr  nöthigenfalls  rein  auf  Papier  und  Credit
gründen  könnte.  Letzteres  ist  allerdings  missbräuchlicher  weise
in  einem  gewissen  Maass,  aber  stets  nur  im  Hinblick  auf  wirkliche ­
  oder  wenigstens  mögliche  Beziehungen  zum  Metallsystem
und  nie  ausser  in  einem  geschichtlichen  und  geographischen
Zusammenhang  mit  der  weiteren  Sphäre  des  Metallgeldes  denkbar. ­
  Die  vollständige  Loslösung  dos  Goldes  von  einer  realen
Giundlage,  die  selbst  als  Zahlungsmittel  fungiren  und  in  der
entwickelteren  Civilisation  nur  in  Silber  und  Gold  bestehen
kann,  würde  etwas  Widersinniges  sein,  indem  man  nicht  einmal ­
  angeben  könnte,  was  die  Zettel  vorstellen  sollten.  Wenn
nun  auch  Adam  Smith  sonst  in  der  theoretischen  Kennzeichnung
des  Bankwesens  und  besonders  der  Banknoten  nicht  im  Entferntesten ­
  daran  denkt,  das  Metall  für  vollständig  entbehrlich
zu  erklären,  so  hat  sich  doch  die  Unsicherheit  seines  Denkens
über  das  Wesen  oder  vielmehr  Unwesen  des  Creditgeldes  in
jener  merkwürdigen  Stelle  verrathon.  Ferner  ist  die  Smithscho
Ansicht,  dass  die  motallnen  Umlaufsmittel  ein  todtes  Capital
bilden,  nur  als  extreme  Gegenregung  gegen  die  mercantile
üeberschätzung  begreiflich.  Es  ist  ein  starker  Fehlgriff,  die
Nützlichkeit  des  Geldes  als  Mittel  für  die  Ermöglichung
der  Austauschungen  fast  ganz  zu  verkennen  und  die  subtilsten
Verrichtungen  im  Mechanismus  des  Verkehrs  so  anzusehen,
als  wenn  von  ihnen  so  gut  wie  nichts  geleistet  würde,  was
sich  nicht  auch  auf  andere  Art  bewerkstelligen  liesse.  Dieser
Irrthum  war  jedoch  nicht  original;  denn  wir  haben  ihn  schon
mehrfach  angetroften,  und  auch  im  Griechischen  Alterthum
hatte  er  sich  bereits  in  das  oberffächlicho  Denken  eingeschlichen.
        <pb n="171" />
        155

Angesichts  solcher  Vorstellungen  vom  Gelde  wird  man
sicherlich  keine  haltbare  Lehre  vom  Capital  erwarten  können.
Indessen  hat  die  Smithschc  Theorie  des  letzteren  noch  einen
ganz  eigenthümlichen  Grundfehler,  an  den  sich  die  Englischen
Nachfolger  nebst  den  Französischen,  Deutschen  und  sonstigen
Nachahmern  mit  Vorliebe  gehalten  haben.  Es  ist  dies  die
bekannte  Vorstellung,  dass  die  Capitalien  nicht  sowohl  durch
wirthschaftliche  Thätigkeit  als  vielmehr  in  entscheidender  Weise
erst  durch  das  Sparen  entständen.  Diese  einseitige  Spartheorie
beruht  auf  der  sehr  beengten  Idee,  welche  das  Capital  nur  in
der  Gestalt  von  Werthsummen  zu  betrachten  vermag,  über
welche  die  Privaten  verfügen.  Wir  verlieren  über  das  in  dieser
Richtung  misslungene  System  von  Anschauungen  hier  weiter
kein  Wort,  sondern  erinnern  statt  dessen  an  eine  allgemeinere
Eigenschaft  des  Smithschen  Gedankenkreises.
°  Die  Volkswirthschaft  war  dem  Verfasser  des  Völkerreichthums ­
  nichts  als  eine  Summe  von  Privatwirthschaften,  in  deren
Bereich  nach  dem  Grundsatz  des  laisser  aller  für  die  Ausübung
organischer,  collectiver  und  staatlicher  Functionen  keine  Veraidassung
  vorhanden  sein  sollte.  Die  Natur  besorgte  nach  dieser
Vorstollimgsart  durch  Vermittlung  ihrer  Gesetze  Alles,  was  erforderlich ­
  wäre.  Ein  „hinterhältiges  und  verschlagenes  Thier,
welches  man  einen  Staatsmann  nenne”,  sollte  sich  daher  nicht
einmischen,  und  auch  die  Händler  und  Manufacturisten  wurden
beschuldigt,  durch  ihre  Beutesucht  die  freie  und  gerechte  Ordnung ­
  der  Natur  zu  stören.  Der  Staat  sollte  keine  andere  Aufgabe ­
  haben,  als  den  Frieden,  die  Sicherheit  von  Person  und
Eigenthum,  also  die  gewöhnliche  Justiz  zu  gewährleisten  und
in  der  Einziehung  von  Steuern  möglichst  bescheiden  zu  sein.
Auf  diese  Weise  würde  ohne  sonstiges  Zuthun  der  Reichthum
am  entschiedensten  wachsen  und  sich  ebenmässig  nacheinander
über  Ackerbau,  Manufacturen  und  Handel  ausdehnen.  Man
sieht,  dass  dieser  ideelle  Entwurf  keineswegs  ganz  so  einseitig
ausgefallen  ist,  als  die  neusten  Idole  des  laisser  aller,  in  denen
inan  regelmässig  vergisst,,  dass  es  die  politisch  organisirte
Wirthschaftsmacht  ist,  welche  gegen  die  noch  nicht  organisirten
Elemente  das  freie  Spiel  ihrer  Kräfte  und  die  Abstandnahme
Von  einer  mehr  als  blos  individuellen  und  unpolitischen  Inter-Gssenwahrnehmung
  verlangt.  Eine  solche  Ungeheuerlichkeit
lag  dem  Smithschen  Gerechtigkeitssinn  sehr  fern,  so  dass
        <pb n="172" />
        15G

sein  Fehlgriff  als  ein  rein  theoretischer  zu  betrachten  ist.
Er  hatte  sich  die  Entwicklungen  nach  einer  Voraussetzung  construirt,
  die  sich  bei  näherer  Betrachtung  als  Erdichtung  erweist. ­
  Die  vermeintliche  Natur,  mit  der  er  opcrirte,  war
nichts  Anderes  als  ein  willkürlicher  Auszug  aus  den  menschlichen ­
  Interessen.  Die  Schranke,  die  er  diesen  Interessen  setzen
wollte,  war  überdies  eine  künstliche;  denn  die  Interessen  bleiben ­
  niemals  bei  einer  blos  individuellen  Verfolgung  ihrer  Zwecke
stehen,  sondern  organisiren  sich  vermöge  derselben  Antriebe,
durch  welche  sie  auch  in  der  Form  der  Vereinzelung  vertreten
werden.  Wohl  hätte  Smith  ein  Recht  gehabt,  von  Vcrkttnstolungen
  und  Entartungen  zu  reden;  aber  die  organisircndo
Kunst  selbst  in  ihren  natürlichen  Principien  hätte  er  consequenterweise
  berücksichtigen  müssen.  Alsdann  würde  er  die
verfallenen  körperschaftlichen  Gebilde  und  die  unhaltbaren  politischen ­
  Systeme  und  Gestaltungen  immerhin  und  zwar  noch
schärfer  haben  kritisiren  können  ;  aber  er  würde  zugleich  genöthigt
  worden  sein,  die  allgemeine  zu  Grunde  liegende  Naturkraft ­
  und  Naturkunst  im  Hinblick  auf  veränderte  oder  neue
politische  und  sociale  Schöpfungen  zu  betrachten.
Einen  zweiten,  viel  tiefer  liegenden  Fehler,  der  mit  vollem
theoretischen  Bewusstsein  und  principiell  allerdings  noch  niemals ­
  vermieden  worden  ist,  hat  er  in  besonderm  Maass  dadurch ­
  begangen,  dass  er  die  gewerbliche  Eifersucht  und  deren
Folgen  nicht  als  eine  natürliche  und  in  dem  wirthschaftlichen
Haushalt  ebenso  wie  in  den  allgemeineren  Beziehungen  des
gesellschaftlichen  Menschen  erhebliche  Kraft  zu  erkennen  vermochte. ­
  Doch  hätte  es  dem  Verfasser  der  Theorie  der  moralischen ­
  Gefühle  zuviel  zumuthen  heissen,  von  ihm  in  der  bezeichneten
  Richtung  die  Gewinnung  irgend  einer  tieferen  und
durchgreifenden  Einsicht  zu  erwarten.  Wir  wissen  ja  von
Quesnay  her,  welcher  Zug  und  welche  Physionomie  in  der
ganzen  damaligen  Vorstellung  von  Naturgesetzen  des  gesellschaftlichen ­
  Verhaltens  maassgebend  war.  Ein  Excerpt  des
Menschen  trat  an  die  Stelle  seiner  vollen  Natur,  die  doch  das
Schlimme  wie  das  Gute  einschliesscn  musste.  Man  war  weiter
als  je  davon  entfernt,  mit  allen  Richtungen  der  menschlichen
Triebe  zu  rechnen,  und  einzusehen,  dass  man  das  von  Natur
gesetzte  feindliche  Verhalten  ebensogut  wie  das  freundliche  in
Anschlag  bringen  müsse.  Die  Gerechtigkeit,  welche  man  vor-
        <pb n="173" />
        157

rck^itGia  dGr  dm-ftigGn  Form  der  gomemon
und  OriminaliLiGtiz  doch  wahrlich  nicht  ans,  um  diG  VorbWmgimgcn
  zu  schaffen,  unter  denen  auch  der  wirthschaftliche  Verkehr ­
  eine  harmonische  Gestalt  annehmen  möchte.
7.  ])as  Interesse  in  der  Gest^  ^desJ^werhstneW
nicht  imTtlnrecht  als  ^leitWe  Fjincip  bezcichneUypjdpn,
àuTwéTcïïh'irïïîë'^gSsche  Ai*t  zu.  urtheilen  und  zu  schheßsen
überall  beruht.  Doch  ist  es  nirgend  als  eigentliches  Axiom
abëSI^m  und  zum  Gegenstand  einer  besondern  Untersuchung
gemacht.  Es  spielte  also  nicht  etwa  eine  Rolle  wie  das  Arbeitsnrincin,
  welches  als  systematisch  entscheidend  an  (he  Spitze
gestellt  worden  war.  Es  führte  sich  aber  als  etwas  Selbstverstandliches
  überall  stillschweigend  ein  und  gab  so  den  Leitfaden
  ab,  durch  welchen  ein  Vorgang  an  den  andern  geköpft
wurde.  Man  hat  neuerdings  daran  erinnert,  dass  Smith  in
seiner  Moral  die  Sympathie,  in  seiner  Oekonomie  aber  das
Interesse  zum  Erklärungsgrund  der  Vorgänge  gemacht  habe.
Namentlich  hat  sich  Buckle  in  seiner  Givilisationsgeschichte
bei  Gelegenheit  der  Erörterung  Adam  Smiths  Mühe  gegeben,
jenen  Gegensatz  hervortreten  zu  lassen.  So  klar  aber  auch
die  betreffenden  Darlegungen  unter  den  Händen  des  mit  Recht
berühmten  Historikers  ausgefallen  sind,  so  beruhen  sie  doch
auf  einer  Voraussetzung,  die  sich  bei  näherer  Untersuchung
nicht  bestätigt.  Wie  schon  oben  angedeutet,  ist  das  Smithsche
Buch  über  die  moralischen  Gefühle  nichts  weniger  als  eine
entscheidende  Arbeit,  und  das  Princip,  welches  in  ihm  walten
soll,  ist  so  unbestimmt  gefasst,  dass  es  beinahe  nur  durch  das
Wort  Sympathie  vor  der  Verwandlung  in  alles  Mögl^e  gesichert ­
  worden  ist.  Man  würde  sich  also  eine  falsche  VoraWlung
  machen,  wenn  man  annähme,  der  Verfasser  des  Volkerreichthums
  wäre,  nachdem  er  17  Jahre  vorher  die  Sympathie
geltend  gemacht  hätte,  nun  absichtlich  mit  dem  System
eines  entgegengesetzten  Princips  hervorgetreten.  Es  ist  keine
blos  methodische  Wendung  in  der  Gestalt  des  Absehens  von
einer  zweiten  Gattung  der  Bestimmungsgründe  gewesen,  was
zu  der  Behandlungsart  des  ökonomischen  Gebiets  aus  d^i
Gesichtspunkt  des  materiellen  Erwerbstriebes  geführt  hat.  Es
war  vielmehr  dieser  Leitfaden  theils  mit  dei  nothwendigen
Natur  des  Gegenstandes  gegeben,  theils  der  besondern  Smithschen
  Denkweise  entsprechend.  Hätte  der  Verfasser  des
        <pb n="174" />
        158

Nationalreiclithums  den  nothwendigen  Mechanismus  des  materiellen ­
  Interesse  tiefer  ergründet  und  consequonter  durchgeführt, ­
  so  würde  er  sicherlich  nicht  in  den  Fehler  verfallen
sein,  dasselbe  in  den  Bestrebungen  der  Manufacturisten  und
überhaupt  in  allen  Gestalten,  wo  es  sich  social,  körperschaftlich ­
  und  politisch  bethätigt,  fast  für  nichts  zu  achten.  Auch
würde  er  es  nicht  grado  da  gänzlich  verkannt  haben,  wo  es
auf  Selbsterhaltung  durch  Ausschliessungen  und  Gegenwirkungen
Bedacht  genommen  hat.  Er  würde  nicht  stillschweigend  von
der  falschen  Voraussetzung  ausgogangen  sein,  dass  zwischen
den  verschiedenen  Interessen  gar  keine  gegenseitige  Schrankou-Ziehung
  stattfinden  dürfe.  Im  Gegontheil  hätte  er  erkennen
müssen,  dass  eine  solche  Schrankenziehung  in  irgend  welcher
Form  eine  natürliche  und  unausweichliche  Wirkung  des  Interessenspiels ­
  jederzeit  gewesen  ist  und  fernerhin  sein  müsse.
Der  Begriff  von  Gerechtigkeit,  den  er  ausserhalb  der  gemeinen
Justiz  noch  in  dem  VVirthschaftsgebict  selbst  unvermerkt  daduich
  geltend  machte,  dass  er  fast  Alles  verurtheilte,  was
ihm  einen  Monopolcharaktor  zu  haben  schien,  —  dieser  dürftige
Begriff  von  specihsch  wirthschaftlicher  Gerechtigkeit  würde
ihm  wahrlich  nicht  als  genügend  erschienen  sein,  wenn  er  tiefer
über  die  natürlichen  Gestaltungen  nachgedacht  hätte,  in  denen
sich  die  materiellen  Interessen  gegen  einander  abgrenzen,  organisch ­
  verkörpern  und  politisch  constituiren.  ^
Indessen  greifen  wir  mit  diesen  Bemerkungen  bereits  über
das  hinaus,  was  bei  einem  Smith  für  die  Kritik  noch  in  Frage
kommen  kann.  Seine  völlig  unpolitische  Denkweise  muss  erwähnt, ­
  braucht  aber  nicht  besonders  widerlegt  zu  werden.  Um
auf  den  Punkt  der  Schwäche  hinzuweisen,  genügt  ein  einziger
Satz.  Das  „hinterhältige  Thier”,  welches  Smith  sich  als  Staatsmann ­
  dachte,  war  in  der  menschlichen  Natur  selbst  aufzusuchen,
und  es  war  zuzusehen,  wieweit  diese  Eigenschaften  nothwendig
und  inwieweit  sie  im  Entwicklungsgang  der  Dinge  zu  mässigen
und  zu  veredeln  wären.  Alsdann  hätte  sich  gezeigt,  dass,  wie
der  Aberglaube  die  Priester,  so  die  raubgierige  List  der  Menschonnatur ­
  jene  Gattung  von  Staatsmännern  geschaffen  und  gepflegt
habe,  und  dass  erst  in  zweiter  Ordnung  der  umgekehrte  Satz
von  der  Erzeugung  des  Aberglaubens  durch  die  Priester  und
von  Völkerraub  und  Völkertrug  durch  die  Staatsmänner  eine
Bedeutung  erhalte.  Statt  dessen  hat  der  Autor  in  dieser
        <pb n="175" />
        159

Richtung  eine  einseitige  Construction  geliefert,  wie  man  sie  im
Bereich  der  eigentlichen  Philosophie  weit  weniger  beanstanden
würde;  —  wie  man  sie  aber  nicht  ertragen  kann,  sobald  für
dieselbe  die  Bedeutung  eines  positiven  Wissens  in  Anspruch
genommen  wird.  Es  wird  also  in  dieser  Hinsicht  das  Smithscho
System,  soweit  es  die  Wirthschaftspolitik  betriöt,  etwa  so  zu
veranschlagen  sein,  wie  man  irgend  ein  Erzeugniss  fehlgreifender ­
  philosophischer  Speculation  in  der  Geschichte  der  Philosophie
zu  betrachten  hat.  Sind  wir  uns  einmal  bewusst,  dass  wir  in
unserer  nationalökonomischen  Heberlieferung  den  theoretischen
Systemen  eine  ähnliche  Stellung  anzuweisen  haben,  wie  den
verschiedenen  Philosophien  im  Gesammtgebiet  des  philosophischen ­
  Wissens,  so  ist  unsere  Freiheit  im  ökonomischen  Denken
um  ein  gutes  Stück  gefördert,  und  wir  werden  uns  nicht  mehr
einfallen  lassen,  über  einzelne  Stellen  und  widersprechende
Nebenansichten  zu  streiten,  wo  der  Standpunkt  und  die  Grundanschauung ­
  für  einen  Schriftsteller  ausgemacht  sind.
Dieser  Standpunkt  war  aber  für  Adam  Smith  der  Verzicht
auf  Alles,  was  ausserhalb  seines  Begriffs  von  Natürlichkeit  lag.
Die  Anomalie,  vermöge  deren  er  die  Navigationsacte,  weil  sie
auf  Zerstörung  der  Holländischen  Seemacht  abzielte,  für  politisch ­
  heilsam  erklärte,  darf  uns  ebensowenig  überraschen,  als
sein  Geständniss,  dass  er  die  einstige  volle  Verwirklichung  des
Freihandels  in  England  für  eine  Utopie  halte.  Derartige  Aeusserungen
  verrathen  nur,  dass  er  weit  davon  entfernt  war,  seinen
eignen  Principien  anders  zu  folgen,  als  man  sich  etwa  einem
Zuge  der  Vorstellungen  unwillkürlich  hingiebt.  Es  kam  ihm
nicht  darauf  an,  das  Princip  des  Interesse  oder  dasjenige  der
vermeintlich  natürlichen  Sichselbstüberlassung  des  Verkehrs
rein  und  ungemischt  zu  den  äussersten  Gonsequenzen  zu  treiben, ­
  sondern  er  begnügte  sich  damit,  die  vorherrschende  Physionomie ­
  seiner  Ideen  darzulegon  und  nebenbei  eine  Menge
von  Bemerkungen  einfliessen  zu  lassen,  um  deren  widerspruchslose ­
  Vereinigung  mit  dem  Uebrigen  er  selbst  am  allerwenigsten
besorgt  war.  Eine  der  entscheidendsten  Proben  dieser  Blossteilung ­
  ist  seine  Kennzeichnung  der  Ohnmacht  der  arbeitenden
Masse,  für  ihre  Kinder  Unterricht  zu  schaffen,  und  sein  Dringen
äuf  Staatsvorkehrungen,  namentlich  auf  allgemeine  Bildungsprüfungen, ­
  von  denen  der  Zugang  zu  Erwerbsberufen  und  allen
üur  irgend  controlirbaren  Existenzwegen  abhängig  gemacht
        <pb n="176" />
        160  —

werden  soll.  Eine  solche,  in  diesem  Fall  unwillkürlich  zur
Selbstironie  des  ganzen  Principe  ausschlagende  Inconsoquenz
würde  aber  nur  bei  einem  Schriftsteller  von  mehr  logisch
durchgreifendem  Charakter  überraschen  dürfen.  Hicnach  ist
es  also  auch  nicht  zu  rechtfertigen,  wenn  man  bei  ihm  eine
so  scharf  ausgeprägte  Theorie  des  Interessen-  und  Concurrenzspiels
  voraussetzt,  wie  wir  sie  heute  im  Auge  haben  müssen,
wenn  wir  an  die  feindlichen  Gegensätze  der  Bestrebungen
denken.
8.  In  der  Bekämpfung  der  mercantilistischen  Bilanztheorie
erinnert  Adam  Smith  daran,  dass  es  im  Haushalte  der  Völker
auf  eine  ganz  anderartige,  dem  innern  Volksleben  an  gehörige
Bilanz,  nämlich  auf  diejenige  zwischen  Verbrauch  und  capitalerzeugender
  Ersparung  ankäme.  Besser  hätte  er  jedenfalls
gethan,  zu  dem  mercautilen  Gedanken  eine  ihm  mehr  in  der
llichtung  auf  das  Wahre  verwandte  Idee  aufzusuchen,  —  ich
meine  jene  Art  von  Bilanz,  die  zwischen  Ländern  und  Ländern,
Provinzen  und  Provinzen,  Gruppen  und  Gruppen,  Classen  und
Classen,  sowie  überhaupt  zwischen  allerlei  geographischen  oder
innern  Abtheilungen  der  Gesellschaftselomente  dadurch  entsteht, ­
  dass  sich  laufende  Verkehrsschulden  oder  andere  Folgen
ungünstiger  Austauschbedingungen  in  dauernde  ökonomische
Abhängigkeiten  und  gleichsam  in  wirthschaftliche  Tributpflichtigkeiten
  des  einen  Bereichs  gegen  das  andere  verwandeln.
Statt  dessen  hält  er  sich  mit  einer  gewissen  Selbstbefriedigung
an  seine  neue  Bilanz  zwischen  jährlicher  Production  und  Consumtion,
  die  zwischen  dem  „Tauschwerth”  der  hervorgebrachten
und  demjenigen  der  verzehrten  Gegenstände  platzgreifen  soll.
Die  hier  fragliche  Differenz  soll  den  Zuwachs  oder  im  ungünstigen ­
  Falle  die  Abnahme  dos  Capitals  verstellen.  Fortschritt
und  Rückschritt  der  Volkswirthschaften  sollen  von  dieser
Art  der  Vermehrung  oder  des  Angreifens  der  Capitalien  abhängen.

Ueherhaupt  ist  es  der  beengte,  bürgerlich  privatwirthschaftlich
  gedachte  Capitalbegriff,  der  sich  in  alle  Darlegungen  verdunkelnd ­
  eindrängt  und  auch  der  sonst  berechtigten  Polemik
gegen  das  Mercantil-  und  Schutzsystem  den  Charakter  des
vielfach  Unzutreffenden  mittheilt.  Die  Vorstellung  von  der
Missleitung  der  Capitalien  durch  Eingreifen  in  den  natürlichen
Lauf  der  Concurrenz  würde  nie  so  engherzig  haben  ausfallon
        <pb n="177" />
        161

können,  als  in  der  Smithsclien  Auseinandersetzung  geschehen
ist,  wenn  nicht  die  unglückliche,  recht  kleinbürgerliche  Idee
von  der  Capitalbildung  iin  Wege  des  Sparens  überall  vorgeherrscht ­
  und  alles  freiere  ökonomische  Denken  in  Fesseln  geschlagen ­
  hatte.  Smith  hat  in  der  That  mit  seiner  Darlegung
gegen  die  Misslcitiingcn  der  Capitalicn  zu  viel  bewiesen.  Seine
Vorstcllungsart  mag  gegen  die  Einschränkungen  und  Ausschliesslichkeiten ­
  zutreffeu;  hieraus  folgt  aber  noch  nicht,  dass
jede  kunstmassige,  positiv  organisirende  und  ohne  Beeinträchtigung ­
  Anderer  direct  schaffende  Thatigkeit,  die  über  die  individuelle ­
  Initiative  hinausreicht,  eine  unnatürliche  Missleitung
der  verfügbaren  Wirthschaftsmittel  enthalten  müsse.
Die  Nothwendigkeit,  innere  Steuern  und  nach  Aussen  gerichtete ­
  Zölle  mit  einander  auszugleichen,  wird  von  unserm
Autor  zugegeben.  Hiemit  tritt  er  aber  aus  dem  Gebiet  der
reinen  Natürlichkeit  in  dasjenige  der  künstlichen  Belastungen
der  Concurrenz.  Sein  Princip  muss  hier  selbstverständlich
darauf  abzielen,  derartige  Lasten  für  alle  Goncurrenten  in  jeder
Richtung  gleichzumachen.  Da  aber  hier  stets  praktische
Schwierigkeiten  vorhanden  sind  And  immer  nur  eine  rohe
äu  SS  erliche  Aequilibrirung  der  offenbaren  Consumtionsbelastungen
  möglich  ist,  so  würde  die  volle  Gonsequenz  des  Smithsehen
Natürlichkeitsgrundsatzes  erst  mit  der  Wegschaffung  aller  indirecten
  Steuern  gezogen  werden  können.
9.  Die  Schwachen  des  Smithsclien  Systems  haben  für  die
Nachfolger  meist  die  entschiedenste  Anziehungskraft  gehabt,
und  oft  genug  sind  umgekehrt  die  bessern  Seiten  am  häufigsten
ungofochten  worden.  Diesem  letzteren  Schicksal  ist  in  mehreren ­
  und  zwar  nicht  in  den  schlechtesten  Richtungen  die  verhaltnissmässigc
  Folgerichtigkeit  verfallen,  mit  welcher  der
Schotte  das  materielle  Gebiet  als  etwas  Selbständiges  abgrenzte
Und  hiemit  die  Verworrenheiten  ausschloss,  die  durch  unkritische
Annäherungen  der  ökonomischen  Begriffe  und  der  geistigen
oder  sonstigen  mit  der  materiellen  Production  nicht  in  director
Reziehung  stehenden  Verrichtungen  entstehen  müssen.  Es  geiiört
  nur  wenig  Gewandtheit  in  der  Behandlung  der  Begriffe
dazu,  um  sich  zu  überzeugen,  dass  kein  Ende  abzusehen  ist,
sobald  man  einmal  darauf  verzichtet,  das  materielle  Gebiet  als
Solches  ins  Auge  zu  fassen.  Die  geistigen  Berufsstände  sind
z.  B.  nicht  materiell  productiv.  Wollte  man  aber  im  Widor-Uuhring,
  Geschichte  der  Nationalökonomie.  2.  AuÜago.  11
        <pb n="178" />
        Spruch  mit  dem  im  Ganzen  richtigen  Tact,  welchen  der  Verfasser ­
  des  Yölkerreichthums  in  dieser  Hinsicht  bewiesen  hat,
die  indirecten  Förderungen  der  Production  durch  jene  Functionen
anführen  und  als  Grund  ihrer  Aufnahme  in  die  Wirthschaftsfactoren
  geltend  machen,  so  würde  man  dieser  Anschauungsweise ­
  zufolge  nichts  Geringeres  als  die  gesammten  Thiltigkeitcn
der  menschlichen  Natur  zu  berücksichtigen  haben.  Es  muss
also  hier  eine  Schranke  gezogen  werden,  und  sogar  die  gesellschaftlichen ­
  Finanzen,  die  soweit  reichen  als  das  Geld,  geben
zu  eigentlich  volkswirthschaftlichcn  Betrachtungen  nur  insofern
Veranlassung,  als  man  sich  mit  den  Kosten  der  verschiedenen
Einrichtungen,  Berufsstände  und  Dienste,  sowie  mit  deren  Abhängigkeit ­
  von  dem  materiellen  Fundament  zu  beschäftigen
hat.  Hicnach  ist  also  kein  Grund  vorhanden,  einem  Smith
seinen  ökonomischen  sogenannten  Materialismus  zum  Vorwuri
zu  machen.  Man  möge  immerhin  an  vielen  Bestandtheilen
seiner  Denkweise  Anstoss  nehmen;  aber  in  Rücksicht  auf  jene
Abgrenzung  des  Materiellen  ist  der  Fortschritt  sogar  noch
gegenwärtig  da  zu  suchen,  wo  man  sich  um  eine  noch  entschiedenere ­
  Ausschliessung  der  nicht  materiell  wirthschaftlichen
Elemente  aus  dem  Gebiet  unseres  Wissenszweiges  bemüht.
Man  leistet  hiedurch  auch  den  höheren  Functionen  selbst  einen
Dienst,  indem  man  sie  vor  der  ungehörigen  Vermischung  mit
den  rein  materiellen  Productionsinteressen  schützt.
Man  wird  sich  nach  den  bisherigen  Auseinandersetzungen
die  Frage  beantworten  können,  inwieweit  Adam  Smith  als  Vertreter ­
  eines  neuen  Princips  oder  Satzes  zu  betrachten  sei.  Die
Arbeit  als  vorwiegend  entscheidende  Quelle  des  Reichthums
ist  das  Princip,  welches  er  in  der  eigenthümlichsten  Weise  zur
Anwendung  brachte,  obwohl  er  nicht  als  Auffinder  desselben
angesehen  werden  kann.  Die  Darstellung  der  Arbeitstheilung
ist  aber  seine  originalste  Leistung,  während  er  sich  methodisch
durch  die  zerlegende  Art  und  Weise  seiner  Untersuchungen,
sowie  durch  das  Eindringen  in  das  Ursächliche  der  Vorgänge
auszeichnet.  Wollte  man  aber  einen  einzelnen,  entschieden
neuen  Satz  von  grosser  Tragweite  in  einer  ähnlichen  Weise
genannt  wissen,  wie  es  in  den  strengeren  Forschungsgebieten
üblich  ist,  so  würde  man  eine  Forderung  stellen,  der  sich  Angesichts ­
  der  Beschaffenheit  der  Smithschen  Arbeit  nicht  entsprechen ­
  lässt.  Der  Verfasser  des  Völkerreichthums  war  zu
        <pb n="179" />
        163

bedächtig  verfahren  und  zu  wenig  von  den  Antrieben  der  Phantasie ­
  bewegt  worden,  um  gleich  einem  Quesnay  die  Welt  mit
einem  grossen  originalen  Irrthum  zu  bereichern.  Der  ruhige
Pluss  seines  Verstandes  hatte  ihm  erlaubt,  den  Traditionen,  die
er  vorfand,  das  Phantastische  abzustreifen  und  übrigens  durch
Zusammenfassung  eines  grossen  Theils  der  gegebenen  Elemente
ein  sehr  verständiges  Werk  zu  liefern,  in  welchem  es  nicht
einmal  an  einer  leitenden  Grundvorstellung  fehlte.  Dagegen
Wäre  es  unpassend,  in  der  Geschichte  der  Nationalökonomie,
wie  in  derjenigen  der  strengeren  Wissenschaften,  schon  zu
einer  Zeit  von  Entdeckungen  reden  zu  wollen,  in  welcher  die
Bemühungen,  jenem  Gebiet  eine  wissenschaftliche  Gestalt  zu
geben,  noch  im  ersten  Stadium  begriffen  waren  und  eigentlich
üur  die  Aera  der  auscinandergehenden  Meinungen  und  Systeme
eröffneten.  Allerdings  ist  man  nach  Verlauf  fast  eines  Jahrhunderts ­
  endlich  dahin  gekommen,  zu  bemerken,  dass  es  sich
^üch  in  der  Nationalökonomie  um  eigentliche  Entdeckungen
bandeln  dürfte;  für  das  Smithsche  Werk  und  dessen  Wirkungssphäre ­
  sind  jedoch  derartige  Ansprüche  nur  in  Rücksicht
^üf  die  Irrthümer  in  Frage  gekommen,  die  sich  im  nächsten
kalben  Jahrhundert  entwickelten  und  im  Verlauf  von  einigen
Generationen  bei  den  verschiedenen  Völkern  ihre  sectenartige
Bortpflanzung  gefunden  haben.  Wir  werden  für  die  neuste
Zeit  das  Princip  geltend  machen,  dass  die  Bedeutung  der  Schriftsteller ­
  nach  den  originalen  und  zugleich  wahren  Sätzen  zu  beüiessen
  sei,  durch  welche  sie  das  ökonomische  Wissen  in  entscheidender ­
  Weise  gefördert  haben.  Wir  werden  ausserdem
äuch  für  die  vorangehenden  Erscheinungen  darauf  achten,  wo
sich  wenigstens  im  Verfehlen  ein  gewisses  Maass  von  schöpfei’ischer
  Kraft  bekundet  habe.  Keiner  von  diesen  beiden  Gesichtspunkten ­
  ist  aber  auf  die  Smithsche  Leistung  in  eminenter
^eise  anwendbar,  und  zwar  stammt  das  Gute  wie  das  Schlimme
bieses  Sachverhalts  aus  derselben  Quelle.  Die  Eigenschaften,
Welche  die  phantasiereichen  Irrthümer  ausschlossen  und  nicht
wnon  einzigen  gleich  originalen  Begriff,  wie  den  des  Quesnayschen
  Nettoproducts,  aufkommen  Hessen,  haben  auch  die  durchgängige
  Verständigkeit,  die  Einschränkungen  der  meisten  erbeblichen ­
  Gedanken,  die  ängstliche  Vermeidung  der  durch-(sfcifenden
  Consequenz,  —  kurz  alle  jene  Umstände  mit  sich
gebracht,  durch  welche  das  Smithsche  Werk  im  bessern  Sinne
11*
        <pb n="180" />
        —  IGl

des  Worts  ein  Lelirbnch  und  zwar  ein  Lelirbucli  für  die  Welt
werden  konnte.  Etwas  \  ollkominneres  war  in  dieser  Gattung*
darum  nicht  zu  erwarten,  weil  nicht  eine  hingst  constituirte,
sondern  sich  erst  constituirendo  Wissenschaft  zu  lehren  und
zwar  so  zu  lehren  war,  dass  dom  mittleren  Menschen  der  Zugang ­
  möglichst  unanstössig  gemacht  würde.  Dieser  Aufgabe
hat  sich  Smith  unterzogen,  und  er  ist  in  seiner  M  irkung  aut
die  Welt  noch  besonders  dadurch  unterstützt  worden,  dass  die
Ideen,  denen  er  sich  anheim  gab,  auch  diejenigen  waren,  welche
zu  seiner  Zeit  und  später  einen  Tbeil  der  torttreibenden  Strömungen ­
  für  sich  hatten.  Grade  in  diesem  Maas»  von  ireiheitliclicr
  Gesinnung,  wie  sie  den  besten  Denkern  des  IS  Jahrhunderts ­
  eigen  war,  liegt  ein  Vorzug,  welchen  keine  aussorsocialistische
  Erscheinung  des  19.  Jahrhunderts  aufzuweiseu
hat.  Das  Verhängniss  der  romantischen  Halbreaction  licitóte
sich  selbst  an  den  grössten  theoretischen  Aufschwung.  Sogar
der  Socialismus  bewegt  sich  stets  am  Rande  der  Gefahr,  die
Ereihcit  der  individuellen  Natur  durch  eine  falsche  Auliassung
der  übergreifondon  Rechte  der  Gemeinschaft  aus  dem  Auge  zu
verlieren.  Dem  gegenüber  kann  mau  die  bessern  Seiten  der
Denkweise  eines  Adam  Smith  nicht  leicht  verkennen,  gar  nicht
davon  zu  reden,  dass  die  heutigen  Bomängeler  seiner  wissenschaftlichen ­
  Leistung  hauptsächlich  unter  den  reactionären  Anhängern ­
  des  Polizeistaats  gefunden  werden.

Zweites  Capitel.
Die  Wirkungen  des  Smithschen  Werks.
Diejenigen,  welche  glauben,  dass  Bücher  an  sich  keine
Th  aten  sind,  können  sich  aus  der  Rolle,  welche  die  Schrift
über  den  Völkerreichthum  gespielt  hat,  eines  Besseren  belehren.
Der  wichtigste  Einfluss,  den  das  Smithschc  Werk  in  wissenschaftlicher ­
  Beziehung  ausgeübt  hat,  ist  nicht  derjenige,  der
sich  an  dessen  unmittelbare  Leetüre  durch  die  grössere  Zahl
knüpfte.  Auf  diesem  Wege  mögen  einige  Staats-  und  Geschäftsmänner ­
  ihre  Anregungen  empfangen  und  viele  Leute
sich  ökonomisch  gebildet  haben;  aber  weder  der  unmittelbare
praktische  Einfluss  noch  die  Geschichte  der  allgemeinen  ökonomischen ­
  Bildung  geht  uns  hier  specieller  an.  Der  bedeutendste
        <pb n="181" />
        165

und  uns  hier  intorcssircnde  Erfolg-  ist  vielmehr  in  denjenigen
Richtungen  zu  suchen,  wo  die  Frucht  der  zehnjährigen  ausschliesslich ­
  auf  die  Abfassung  jenes  Grundwerks  gerichteten
Arbeit  der  Ausgangspunkt  für  ein  selbständiges  Nachdenken
und  für  neue  theils  irrthümliche,  theils  zutreifonde  Wendungen
der  Theorie  wurde.  Ein  Ricardo  ist  erst  über  dem  Smithschen
Buch  zum  Nationalökonomen  geworden,  und  diejenigen,  welche,
wie  Thünen,  in  der  Erweiterung  des  ökonomischen  Wissens
Haltbareres  leisteten,  haben  eingeständlich  ihre  erste  und  entscheidende ­
  Belehrung  aus  der  Schrift  des  Schotten  erworben.
Auch  die  bedeutendsten,  zum  Theil  gegnerischen  Systeme,  wie
namentlich  dasjenige  Careys  und  in  einem  geringeren  Grade
dasjenige  Lists,  haben  in  wesentlichen  Richtungen  auf  einer
positiven  Berücksichtigung  der  Smithschen  Gedanken  beruht.
Wieweit  die  Urheber  derselben  bei  der  ursprünglichen  Bildung
ihrer  Ideenkreise  durch  unmittelbares  Lesen  des  fraglichen
Werks  beeinflusst  worden  sind,  und  inwieweit  sie  zunächst
einer  Ueberlicferung  aus  zweiter  Hand  folgten,  braucht  hier
nicht  erörtert  zu  werden.  Soviel  lässt  sich  aber  aus  dem
ganzen  bisherigen  Verlauf  der  Geschichte  erkennen,  dass  die
Hinschiebungen  von  Arbeiten  zweiter  Hand  für  die  Würdigung
des  Originalwerks  ebensowenig  erspriesslich  gewesen  ist,  als
der  Hemmschuh,  welchen  ihm  die  Commentatoren,  nach  Art
eines  Mac  Culloch,  mit  ihren  überweisen  Anmerkungen  und
Abhandlungen  nach  einem  halben  Jahrhundert  angelegt  haben.
Die  Zurichtung,  welche  der  Franzose  J.  B.  Say  dem  Smithfechen
  Gedankenkreis  in  dem  zuerst  1803  erschienenen  „Traité
d’économie  politique”  angedeihen  liess,  Fat  eine  ausseroment-’
licïïe  Yerbreitung  gefunden,  und  durch  die  sogenannte  Sayschule,
  die  sich  durch  Uebersetzungen  und  Wiederbearbeitungen
über  die  Welt  hin  verzweigte,  sind  spätere  ökonomische  Grössen
■vorn  höchsten  Range  zuerst  von  der  Kenntnissnahme  der  eignen
'Smithschen  Schriften  eine  Zeit  lang  abgelenkt  worden.  Hätte
ich  hier  die  Geschichte  der  ökonomischen  Bildung  des  allgeüieincu
  Publicums  zu  schreiben,  so  würde  die  Frage  zu  beantworten ­
  sein,  ob  die  Terdünnungs-  und  Yerwässerungsarbeit,
der  sich  der  Französische  Schriftsteller  unterzog,  für  die  weitere ­
  Verbreitung  eines  Theils  der  Smithschen  Gesichtspunkte
Both  wendig  und  mithin  in  einer  gewissen  Beziehung  auch  nützlich ­
  gewesen  sei.  Eine  solche  Ueberlegung  würde  aber  von
        <pb n="182" />
        16C

dem  Hauptziel  zu  weit  abführen,  und  es  können  daher  ein  paar
Bemerkungen  genügen.  Sieht  man  nur  auf  die  Uebertragung
der  echten  Gedanken  des  ursprünglichen  Werks,  welches  als
Vorbild  dient,  so  kann  eine  grössere  Deutlichkeit  und  leichtere
Zugänglichkeit  fast  regelmässig  nur  durch  gesteigerte  Klarheit ­
  des  Gedankens  erreicht  werden.  Die  letztere  ist  aber  nie
von  denen  zu  erwarten,  welche  nicht  bereits  einen  hölioren
Standpunkt  einnehmen.  Dagegen  kann  durch  den  Verzicht  auf
die  feineren  Seiten  des  Gegenstandes  und  durch  Herabziehungen
des  neuen  Autors  auf  das  Niveau  früherer  Anschauungsweisen
eine  Annäherung  bewerkstelligt  werden,  durch  welche  denen,
welche  das  mehr  Hervorragende  als  für  sie  nicht  gemacht  ansehen,
  der  Eingang  eröffnet  wird.  Für  den  denkenden  Leser
mittleren  Schlages,  d.  h.  für  alle  nur  halbwegs  guten  Köpfe
hatte  Adam  Smith  selbst  mehr  als  nöthig  gesorgt.  Dagegen
blieb  noch  eine  Art  von  Naturen  übrig,  die  entweder  der  eigentlichen ­
  Abrichtung  wirklich  bedurfte  oder  sich  hatte  einroden
lassen  und  gewissen  Gewohnheiten  gemäss  glaubte,  dass  sie
derselben  bedürfe.  Für  diesen  Kreis  hat  sich  Say  bemüht,  und
es  ist  ihm  in  der  That  nicht  schwer  geworden,  sich  seinem
Publicum  anzupassen.  Er  brauchte  nur  das  wieder  von  sich
zu  geben,  was  er  sich  angeeignet  hatte.  Auf  diese  Weise  erfuhr ­
  der  Inhalt  des  Smithschen  Buchs  ebenso  wie  das,  was
jener  Französische  Schriftsteller  sonst  noch  von  der  früheren
Uebcrlieferung  berücksichtigte,  die  erforderliche  Sichtung  und
Mischung  zugleich.  Gewiss  Hess  sich  nun  dasjenige  schulmässig
  und  im  weiteren  Publicum  verstehen,  was  auch  schon
die  Mittelsperson  begriffen  und  sich  zu  eigen  gemacht  hatte.
Was  jedoch  insbesondere  Frankreich  anbetrifft,  so  war  allerdings ­
  noch  ein  anderer  Grund  vorhanden,  aus  welchem  dort
eher  als  irgendwo  sonst  eine  scheinbar  selbständige  Arbeit
nöthig  wurde.  Die  Franzosen  hätten  sich  am  allerwenigsten
darein  gefügt,  die  neue  Gestalt  der  Oekoiiomio  als  fremdes  Erzeugniss
  schmackhaft  zu  finden,  -und  sie  mussten  sich  daher
unter  allen  Umständen  mindestens  die  Genugthuung  des  Scheins
der  Selbständigkeit  verschaffen.  So  nennen  denn  auch  heute
noch  Französische  Schriftsteller  einen  Say  unter  ihren  „Meistern
der  politischen  Oekonomie.”
Ausserdem  hat  sich  in  die  sogenannten  Geschichten  unseres ­
  Wissensgebiets  in  Rücksicht  auf  Say  auch  noch  die  Moi-
        <pb n="183" />
        —  167

nung  eingeschlichon,  jener  Franzose  habe  sich  durch  eine  besondere ­
  „Theorie  der  Absatzwege”  ausgezeichnet  Wäre  bei
demselben  wirklich  irgend  ein  erheblicher  neuer  Satz  oder  auch
nur  eine  neue  Formulirung  einer  sonst  nicht  gleich  klar  gewesenen ­
  Einsicht  anzutreíFen,  so  würde  dieser  Umstand  sicherlich ­
  ein  Recht  gehen,  für  ihn  noch  eine  andere  Rolle  als  die  der
schulmässigen  Zustutzung  und  der  gekennzeichneten  Art  von
Popularisirung  in  Anspruch  zu  nehmen.  Indessen  enthält  jene
sogenannte  „théorie  des  débouchés”  wesentlich  nichts  weiter,
als  die  einfache,  schon  den  Physiokraten  geläufige  Vorstellung,
dass  Producte  gegen  Producte  ausgetauscht  werden,  und  dass
man  dieser  Vorstellungsart  zufolge  nur  in  dem  Maasse  Absatz
findet,  in  welchem  der  Käufer  seinerseits  mit  Erzeugnissen  bezahlen ­
  kann.  Diese  Idee  ist  noch  obenein  nichts  weniger  als
tief;  denn  ungeachtet  eines  gewissen  Kerns  von  Wahrheit,  der
sich  in  derselben  ausdrücken  will,  wird  ihre  Anwendung  sofort
fehlerhaft,  sobald  man  die  socialen  Gestaltungen  des  Verkehrs
und  die  Dazwischenkunft  des  Geldes  oder  der  Werth  Veranschlagung ­
  ausser  Acht  lässt.
Schon  auf  dem  Titel  der  ersten  Ausgabe  des  Saysehen
Buchs^ïïgurHrdîe  später  auf  den  Lehranstalten  üblich  gewordene* ­
  Drei  theiluug  der  Oekonomie.  Die  Formation,  Vertheilung
und  Consumtion  der  Reichthümer,  —  das  war  die  Trias,
deren  Angabe  in  den  Schulen  sogar  als  Definition  der  politischen ­
  Oekonomie  gelten  musste.  Es  ist  schon  früher  bemerkt
worden,  dass  die  Doppelheit  des  Smithsehen  Gesichtspunkts,
welche  nur  zwei  Hauptunterscheidungen,  nämlich  die  der  Production ­
  und  der  Vertheilung  als  gleichbedeutend  ins  Auge  fasst.
Weit  natürlicher  und  wissenschaftlicher  ausgefallen  war.  Soll
aber  künftig  einmal  eine  wirkliche  Theorie  der  Consumtion
entstehen,  die  mehr  als  blos  einige  Redensarten  über  den  Luxus
enthält,  so  wird  sie  nicht  ein  nebensächlicher  dritter  Bestandtheil
  sein  dürfen,  sondern  an  die  Spitze  treten  und  sich  den
beiden  thatsächlichen  Hauptabtheilungen  der  bisherigen  Volkswirthschaftslehre
  überordnen  müssen.  Doch  so  etwas  bei  Gelegenheit ­
  des  Sayschen  Buchs  bemerken,  heisst  fast  schon  zu
viel  thun.  Ueberdies  ist  ja  noch  anzuführen,  dass  der  Französische ­
  Autor  nach  einem  Vierteljahrhundert  einen  „Vollständigen ­
  Cursus  der  praktischen  politischen  Oekonomie”  in
einem  halben  Dutzend  Bänden  veröffentlicht  und  dass  er,  als
        <pb n="184" />
        '  VJÍ-lí

168

ihm  dio  hereinhrechende  Restauration  cine  Mission  nach  England ­
  verschafft  hatte,  bei  dieser  Gelegenheit  eine  Pilgerfahrt
nach  dem  Lehrstuhl  Adam  Smiths  unternommen  hat.  In  dem
letzteren  liess  er  sich  mit  grosser  Erregung  nieder,  wahrscheinlich ­
  ohne  zu  bedenken,  dass  der  Schotte,  mit  dem  er  sich  in
dieser  etwas  humorerregenden  Weise  in  Beziehung  braclitc,
seine  Hauptarbeit  nicht  von  einem  Lchrsesscl  aus  verrichtet
hatte.  Doch  mag  diese  Saysche  Niederlassung  auf  dem  Sitze
Smiths  in  manchen  Richtungen  ein  gutes  Bild  für  das  Verhältniss
  des  Franzosen  zu  seinem  Schottischen  Meister  abgeben.
Nimmt  man  die  Smithschon  Grundgedanken,  namentlich
das  Arbeitsprincip  und  die  thatsilchlichc  Zurückführung  der
Tauschwerthe  auf  Arbeit  auch  nur  einigermaassen  ernst,  so
ist  bei  einem  Jean  Baptiste  Say  von  einem  Vorstilndniss
und  einer  entsprechenden  Aneignung  kaum  zu  reden.  Der
letztere  war  ungefähr  um  die  Zeit  geboren,  als  der  erstero
seine  zehnjährige  Arbeit  begann  und  war  bei  der  Abfassung
seines  Tractats  hoch  in  den  Dreissigorn.  Aber  obwohl  er  seitdem ­
  noch  drei  Jahrzehnte  lebte  und  noch  einige  Jahre  vor
seinem  Tode  den  erwähnten  umfangreichen  Cursus  herausgab,
so  hat  er  es  doch  niemals  auch  nur  zu  einer  guten  Reproduction ­
  der  Smithschon  Ideen  gebracht.  Was  während  der
zweiten  Hälfte  seines  Lebens  in  der  Oekonomie  durch  die
Malthus  und  Ricardo  angeregt  wurde,  hat  ihn  noch  mehr  verwirrt. ­
  Wenn  aber  Einige  an  ihm  eine  leicht  fassliche  Darstellung ­
  rühmen,  so  ist  zu  dem  oben  darüber  Gesagten  noch
hinzuzufügen,  dass  er  ein  Kaufmannssohn  war  und  sich  später
auch  selbst,  wenn  auch  ohne  glücklichen  Erfolg,  als  Fabricant
versucht  hat.  Durch  einige  auf  diese  Weise  erworbene  praktische ­
  Anschauung,  sowie  durch  die  Einmischung  von  ausserordentlich ­
  viel  selbstverständlichen  Vorstellungen  machte  er
seine  Schriften  denen  entsprechend,  die  von  einem  Gedanken
zum  andern  ausruhen  wollen  und  sich  durch  die  Servirung
von  dem,  was  sie  schon  wissen,  sowie  durch  die  Bezeichnung
dieses  ihnen  geläufigen  Stoffs  als  eigentlicher  Wissenschaft  geschmeichelt ­
  finden.
2.  Man  kann  unter  den  wissenschaftlich  zu  nennenden  Wirkungen ­
  der  Smithschen  Arbeit  zwei  Richtungen  unterscheiden.
In  der  einen  werden  die  Gonsequenzen  ihrer  leitenden  Principien
in  positiver  Weise  gezogen,  und  so  bildet  sich  unter  Hinzunahmo
        <pb n="185" />
        160

eigner  im  eminenten  Sinne  schöpferischer  Ideen  ein  System
aus,  welches  ungeachtet  seines  Gegensatzes  in  sehr  erheblichen
Punkten,  dennoch  dom  Verfasser  des  Völkerreichthums  die
vollste  Anerkennung  zu  Theil  werden  hisst.  Ps  ist  dies  das
System  Careys,  dessen  ursprüngliche  Grundlagen  mehr  als
60  Jahre  nach  dorn  ersten  Erscheinen  des  Smithschen  Werks
veröffentlicht  wurden,  aber  dennoch  als  die  bedeutendste  positive ­
  Fortsetzung  und  Umgestaltung  der  überlieferten  Antriebe
betrachtet  werden  müssen.  Dieses  System,  welches  sich  in
verschiedenen  Stadien  ausgebildet  und  die  Geschichte  der  Oekonomie,
  soweit  sie  nicht  socialistisch  ist,  bis  auf  den  heutigen
Tag  cingeschlossen  hat,  zeichnet  sich  vor  allen  andoin  auch
dadurch  aus,  dass  es  die  Aufmerksamkeit  wieder  auf  eine  bessere, ­
  den  Noubrittischen  Verunstaltungen  entzogene  Würdigung
Adam  Smiths  gelenkt  hat.
Die  zweite  Richtung  ist  soweit  entfernt,  in  der  Hauptsache ­
  dem  Geist  der  Smithschen  Ideen  zu  entsprechen,  dass
sic  eigentlich  nur  die  Reaction  dagegen  und  zu  einem  guten
Theil  das  Zurückkommen  auf  vorsmithsche  ßetrachtuugsartcn
vertreten  hat.  Trotzdem  ist  aber  durch  diese  Richtung  wenigstens ­
  eine  schärfere  Markirung  von  Gegensätzen  veranlasst
worden,  welche  in  dem  Werk  des  Schotten  ohne  gegenseitige
Behelligung  Platz  gefunden  hatten.  Der  Repräsentant  und
Typus  der  schärferen  Hervorkehrung  einzelner  Seiten  der  Gedankenentwicklung ­
  ist  Ricardo.  Unter  seinen  Händen  haben
mehrere  Ideen,  die  in  dem  Werke  Smiths  nur  an  zweiter  Stelle
und  in  bedingter  Weise  zur  Geltung  gelangten,  eine  Art  Zuspitzung ­
  und  isolirte  Ausbildung  erfahren.  Hienach  ist  auch
er  ganz  unzweifelhaft  zu  den  Schülern  Smiths,  aber  zu  derjenigen ­
  Gattung  zu  rechnen,  die  durch  Befassung  mit  veieinzelton ­
  Gesichtspunkten  und  durch  einseitige  Fixirung  naheliegender ­
  Anschauungen  die  frühere  Uebereinstimmung  gestört
und  einen  Vorstcllungskreis  verzeichnet  hat,  in  welchem  sich
die  Gonsequenz  fast  nur  in  Fehlgriffen  bekundet.  Durch  die
Gegenwirkungen  gegen  die  Ricardoschen  Einseitigkeiten  ist  dei
Carcyschc  Gedankenkreis,  der  um  zwei  Jahrzehnte  später  zur
Veröffentlichung  gelangte,  nicht  unerheblich  bestimmt  worden.
Es  kam  für  den  Amerikaner  darauf  an,  die  Irrthümer,  die  auch
schon  bei  Adam  Smith  vorhanden  gewesen,  von  Ricardo  abei
        <pb n="186" />
        170

übertrieben  worden  waren,  so  zu  entwurzeln,  dass  für  die
spätere  Entwicklung  der  gesunden  Gedanken  kein  Hinderniss
und  kein  Yerleitungsgrund  zu  älmliclicn  Abweichungen  übrig
bliebe.
In  unserer  vorläufigen  Angabe  der  Hauptrichtungen,  nach
denen  die  späteren  Schicksale  der  Smithschen  Leistung  in
Frage  kommen,  ist  noch  der  ganz  ungleichartige  Bcstandtheil
zu  erwähnen,  welcher  sich  durch  die  Malthussche  Bevölkerungsauffassung
  in  die  moderne  Nationalökonomie  einführte.  Es  ist
dies  die  früheste  Versetzung  der  Heberlieferung  des  Smitlischon
Systems  mit  dem  Widerspiel  der  modernen  Denkweise.  Durch
den  genannten  Geistlichen  wurde  die  Reaction  gegen  die  neuern
Gerechtigkcitsgcdankcn  in  einer  widerwärtigen  Gestalt  vertreten, ­
  und  je  mehr  man  künftig  diese  Episode  nach  allen  Richtungen ­
  bin  untersuchen  wird,  um  so  mehr  wird  man  feststellen,
wie  gross  die  Verunstaltung  und  Schädigung  gewesen  ist,
welche  die  Wissenschaft  von  dieser  Seite  her  erfuhr.  Man
kann  heute  mit  einer  Sicherheit,  die  den  mathematischen  Deductionen
  gleichkommt,  nachweisen,  wie  die  Tendenz  der  Malthusschen
  Vorstellungen  einer  historischen  Verurtheilung  so
gewiss  sein  kann,  wie  die  Verknüpfung  der  Wirkung  mit  der
Ursache.  Doch  wir  wollen  hier  nur  daran  erinnern,  dass  man
auf  die  Malthusschen  Ausführungen  hin  geglaubt  hat,  ein  neues
Gesetz  der  Volkswirthschaftslehre  zu  besitzen.  Der  einzige
Vortheil  aber,  der  aus  den  Malthusschen  Doctrinen  in  sehr
indirecte!*  Weise  hergeleitet  werden  mag,  hat  auf  den  Gegenwirkungen ­
  gegen  dieselben  beruht  und  darin  bestanden,
dass  die  Bevölkerungsmenge  principiell  als  Grundlage  der
wichtigsten  ökonomischen  Verhältnisse  in  den  Vordergrund
getreten  ist.
Ausser  denjenigen  Bewegungen,  welche  man  zunächst  als
innerhalb  des  Spielraums  des  Smithschen  Systems  vollzogen
denken  kann,  sind  völlig  selbständige  Erscheinungen  hervorgetreten, ­
  die  sich  grundsätzlich  gegen  die  politisch  fehlerhaften
Theile  und  gegen  diejenigen  ökonomischen  Lehren  wendeten,
welche  jenen  praktischen  Abirrungen  zur  Grundlage  gedient
hatten.  In  dieser  Hinsicht  können  die  Deutschen,  wenn  auch
ohne  ihr  specielles  Verschulden,  den  ersten  Platz  beanspruchen.
Friedrich  List  hat  nach  der  bezeichneten  Seite  hin  zuerst  das
        <pb n="187" />
        171

Bedeutendste  geleistet,  was  vor  dem  sweiten  ^^adi^  d
Careyschen  Systems  in  der  polihsehen  Oekonomie  Europa
und  Amerikas  Überhaupt  geschehen  ist  Mit  ihm  hat  d
Deutsche  Geist  das  Feld  der  Volkswirthschaitslehre  erst  ernstlich ­
  betreten,  und  von  seinem  Wirken  an  ist  ¿er  Fortschritt
der  Wissenschaft  nicht  mehr  in  erster  Linie  bei  den  «
dem  oder  Franzosen  zu  suchen.  Allerdings  sind  die  bedeutenmmwmrn

Erscheinen  seines  „Nationalen  Systems  fo  gten,  in  Deutsch
gen  der  älteren  Thünensclien  Untcrsiichnngen  dahin  rechnen
Mit  den  vorangehenden  Hinweisungen  haben  wir  hauptsachlich
  zweLGruspm-hemchnet,  deren  s^hr^Am^A^«
Verhalten  die  nachsmithsche  Oekonomie  tligtsachlichA
Lairgfgetheiít'hat.  Auf  der  einen  Seite  stehen  die  Malfh#-RicardSchen
  VOTstellangs^rten  als^  das  bÿ  jetzt  noch  auf  den
Hmvofsitäten"  am  meisten  fortvegetirende  Element,
dem  Seite  hat  das  DeutscfeAmerikaniscM  Sjjteffl,  di|_H^^^
List  und  Carey  an  der  Spitze,,  die  Bahn  fur  A---—
den  weitgehendsten  Forderungen  eines  radicalen  Socialismu
in  Politik  und  Wirthschaft  vereinbar  wird.  Die  Restaurationsopisodo
  der  Nationalökonomie  ist  hiemit  zu  einem  üherwundenen,
  und  der  Smithsche  Gedankenkreis  zu  .einem  wirWich
überholten  Standpunkt  geworden.  Wir  haben  nun  zunac  s
die  Anschauungsweisen  der  Malthus-Ricardoschen  Oekonomi
bei  diesen  Autoren  selbst  aufzusuchen,  deren  ennung
Zwillingspaar  eine  berechtigte,  aber  nichtsdestoweniger  wun
derliche  Alliance  vorstellt.
        <pb n="188" />
        172

Wir  bemerken  jedoch  noch,  dass  wir  auf  die  eigentliche ­
  Lehrbuch-,  Bearbeitungs-  und  Schullitei’atur  sowie  auf
die  sonstigen  schriftstellerischen  Wellenspiele,  die  aus  einer
grossen  Anregung  folgen,  hier  nicht  einzugehen,  sondern  nur
an  deren  Existenz  zu  erinnern  haben.  Unsere  Aufgabe  ist
die  Verfolgung  der  wissenschaftlichen  Ursachen  und  Elemente, ­
  nicht  aber  der  Wirkungen,  die  sich  erst  ganz  sccundilr
ableiten.
Dagegen  ist  es  nicht  überflüssig,  noch  schliesslich  daran
zu  erinnern,  dass  der  auch  als  historischer  Schriftsteller  bekannte ­
  Genfer,  Sismondi,  grade  die  Smithschon  Principien  vom
Standpunkt  einer  ziemlich  ausgeprägten  Sympathie  für  die  arbeitenden ­
  Classen  zu  Folgerungen  benutzt  hat,  welche  das
völlige  Gegentheil  der  gewöhnlichen  Auflassung  repräsentirten.
Obwohl  der  fragliche  Autor  in  seinen  „Neuen  Principien  der
politischen  Oekonomie”  (zuerst  1819,  2.  Aufl.  1827)  dem  späteren ­
  Socialismus  manchen  Anknüpfungspunkt  geliefert  hat,
so  kann  seine,  nicht  sonderlich  consequente  Denkweise  doch
nur  als  ein  Beispiel  gelten,  wie  sich  auf  Grundlage  der  Smithseben ­
  Ueberlioferung  und  unter  Vermischung  rückläufiger  und
modernerer  Ideen  auch  gegen  die  gewöhnliche  Parteirichtung
der  Oekonomie  mit  deren  eignen  Grundsätzen  Einiges  sagen
Hess.  Im  Ganzen  ist  jedoch  Sismondi  in  seinen  halben  und
fast  gemüthlich  zu  nennenden  Angriffen  nicht  sehr  glücklich
gewesen.  Sein  sentimentales  und  schwankendes  Wesen,  welches ­
  ihn  die  social  verheerenden  Wirkungen  der  Maschineneinführung ­
  zu  bedauern  und  auseinanderzusetzen  antrieb,  liess
ihn  zu  keinem  klaren  Gedanken  über  den  Unterschied  der
wirthschaftlichen  Production  und  der  Socialpolitik  kommen.
Wohl  aber  vcranlasste  ihn  seine  gut  gemeinte  Aufrichtigkeit,
die  eigne  praktische  Rathlosigkeit  einzugestehen.  Er  hatte  am
Anfang  des  Jahrhunderts  über  den  Handelsreichthum  fast  ganz
im  Smithschen  Sinne  geschrieben,  sich  aber  bis  zum  Ende
seines  Lebens  immer  mehr  von  den  gewöhnlichen  praktischen
Consequenzen  jener  theoretischen  Grundsätze  entfernt.  Er
hatte  die  Uebermacht  des  Capitals  und  die  Folgen  der  Concurrenz
  je  länger  je  mehr  in  ihren  schädlichen  Wirkungen
dargelegt,  und  dennoch  die  Erklärung  abgegeben,  dass  er  zwar
sähe,  wo  das  Princip  und  die  Gerechtigkeit,  aber  nicht  wo  die
        <pb n="189" />
        ii!

I

—  173  —
AusAlbrungsmittel  lagen,  und  dass  sich  ein  absoM  versi^iodener
  Eigentliumszustand  nicht  absehen  liesse.  Dieser  Auso-ang
  bat  seine  Bedeutung  für  das,  was  aus  den  Smitbscbeu
Ideen  auch  in  der  weiteren  Geschichte  werden  musste,  sobald
sie  in  einer  andern  Richtung  in  gutgemeinter,  aber  sehwacher
Weise  verwendet  wurden.  Die  reine  Theorie,  soweit  sie  richtig
war,  trug  nicht  die  Schuld,  dass  es  sehr  lange  gedauert  hat,
bis  man  die  praktischen  socialen  Aufgaben  einigermaassen  zu
durchschauen  gelernt  hat.

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        <pb n="190" />
        Vierter  Abschnitt.
Die  Malthus  -  Ricardosche  Oekonomie.

Erstes  Capitel.
Malthus  und  die  Bevölkerungsvorstellungen.
Es  ist  ein  Ziigcständniss  an  die  heutige  Gestalt  der  sich
selbst  als  rechtgläubig  bezeichnenden  Doctrinen,  wenn  wir  überhaupt ­
  noch  von  einer  Malthus-Ricardoschen  Yolkswirthschaftslehre
  und  nicht  vielmehr  blos  von  Vorstellungsarten  und  Meinungen ­
  reden,  die  sich  an  jene  Namen  geknüpft  haben.
Schwerlich  wird  mehr  als  ein  Menschenalter  erforderlich  sein,
um  die  ganze  fragliche  Episode  mit  ihren  berühmtesten  Dogmen
als  völlig  abgethan  und  als  eine  gelegentliche  Seitenabschweifung ­
  im  Entwicklungsgänge  der  ökonomischen  Einsichten  erkennen ­
  zu  lassen.  Alsdann  wird  die  Geschichtsschreibung  das,
was  jetzt  noch  einen  Abschnitt  in  Anspruch  nimmt,  auf  einige
Nebenbemerkungen  beschränken  können,  die  sich  an  die  bedeutendsten ­
  Vertreter  der  wichtigeren  Leistungen  höherer  Art
anschliessen  mögen.  Da  aber  die  älteren  IJeberlieferungen  der
Universitäten  und  gleichartigen  Anstalten  in  England,  Frankreich ­
  und  Deutschland  noch  vorherrschend  die  Malthus-Ricardosche
  Gestaltung  der  politischen  Oekonomie  vertreten  und  da,
was  wichtiger  ist,  auch  weit  verbreitete  dogmatische  Gesammtbearbeitungen
  unseres  Wissensgebiets,  wie  namentlich  diejenige
durch  Stuart  Mill,  auf  jenem  Standpunkt  stehen,  so  ist  es  vorläufig ­
  noch  nothwendig,  auf  die  fraglichen  Ideen  und  Personen
ausführlicher  einzugehen,  als  die  sachliche  Bedeutung  des  Gegenstandes ­
  im  Verhältniss  zu  den  erheblicheren  Erscheinungen
sonst  mit  sich  bringen  würde.
Streng  genommen  haben  wir  es  auf  dem  Gebiet,  welches
        <pb n="191" />
        175

wir  jetzt  betreten,  mit  einem  Mittelding  zwischen  8ecte  und
Partei  zu  thuu.  Der  Malthusianismus  vertritt  einen  Typus
der  Anschauungsweise,  der  zwar  an  sich  selbst  nicht  him  eicht,
eine  Schulsecte  und  noch  viel  weniger  eine  Partei  zu  erzeugen,
wohl  aber  geeignet  ist,  gewissen  gesellschaftlichen  Positionen
und  Anschauungsweisen  zu  schmeicheln,  und  hiedurch  in  den
Dienst  bestehender  Parteien  zu  treten.  Auf  diese  eise  hat
er  sich  auch  in  Rücksicht  auf  die  Lehranstalten  mit  denjenigen
Elementen  am  besten  verstanden,  welche  aus  dem  Ideenkreis
jener  Parteien  heraus  ihrem  Beruf  oblagen.  Der  restaurativo
Stempel,  der  Allem  aufgedrückt  ist,  was  von  Malthus  herstammt,
  ,  hat  sich  selbst  da  nicht  verleugnet,  wo,  wie  bei
einem  Sismondi,  eine  wohlmeinende  und  völlig  entgegengesetzte ­
  Absicht  maassgebend  gewesen  ist,  und  wo  von  keiner
andern  Abhängigkeit  als  derjenigen  die  Rede  sein  konnte^,
welche  eine  so  zu  sagen  charakterschwache  Logik  mit  sich

brachte.  •  ,  .  ,  .  ,  tu  1^.1,
Weit  weniger  misslungen  ist  im  Vergleich  mit  dem  Malthuaschen
  Dogma  die  einem  Ricardo  eigenthümliche  Bearbeitungsart ­
  der  Oekonomie.  Die  letztere  zeichnet  sich  wenigstens  durch
eine  o-owisse  Schärfe  der  Darstellung  aus.  Allerdings  ist  dieser
Vorzug  nur  ein  verhältnissmässiger  und  gilt  nur  in  der  Gegenüberstellung
  des  Haltloseren.  In  Malthus  Schriften  muss  man
stets  erst  eine  gute  Strecke  zurücklegen,  ehe  man  ein  paar
Gedanken  beisammen  hat.  Bei  Ricardo  wird  man  m  dieser
Beziehung  geschont;  denn  die  Ideen  folgen  einander  in  einer
Gestalt,  die  zwar  ihre  Ecken  und  Kanten  hat,  aber  doch  meis
sofort  und  ohne  lange  Umschweife  sehen  lässt,  was  gemein
sei.  Die  unabsehbaren  und  unerheblichen  Stoganhäufungen
der  eigentlich  Englischen  und  bei  Malthus  noch  durch  (  le
predigerhafto  Breite  gesteigerten  Manier,  waren  nicht  die  Sache
eines  Ricardo.  Was  aber  den  Inhalt  anbetrifft,  so  besteht  das
etwa  neu  zu  Nennende  nur  in  der  weiteren  Durchführung  von
Gedanken,  die  sämmtlich  schon  von  Andern  veröffentlicht  waren
und  zum  Theil  sogar  viel  früher  bei  den  betheiligten  Geschäftsleuten ­
  in  Umlauf  gewesen  sein  müssen.  Ricardo  hat  daher
mehr  die  Fähigkeit  zur  Speculation  mit  vorhandenen  Elementen
und  zur  logisch  einseitigen  Anordnung  vereinzelter  Oonse-(juenzen,
  als  etwa  die  höhere,  schaffende  Art  der  Gestaltungs
kraft  bekundet.  Sein  wissenschaftliches  Verhalten  hat  in  dieser
        <pb n="192" />
        -  17G

lîcziebung  seiner  praktischen  Tliätigkcit  in  Anleihegesclulften
entsprochen,  nur  mit  dem  Unterschiede,  dass  er  mit  Hülfe  der
letzteren  seine  Laufbahn  zum  Millionär  diirchmaass,  während  er
in  der  ersteren  Beziehung  nicht  gleich  grosse  Verdienste  realisirtc.
  Dennoch  ist  er  aber  im  Hinblick  auf  einen  Mal  thus  eine
wahre  Erholung  zu  nennen,  da  man  bei  ihm  doch  wenigstens
die  Virtuosität  des  Verstandes,  wenn  auch  in  einer  verkehrten
Richtung,  antrifft.
Der  Umstand,  dass  Ricardo  die  ihm  zunächst  liegenden
Ideen  in  seinen  Vorstellungskreis  aufnahm,  erklärt  die  Verbindung ­
  der  beiden  einander  sonst  so  wenig  entsprechenden  Namen
zur  Bezeichnung  eines  einzigen  Systems.  Malthus  hatte  an  der
Grenzscheide  des  Jahrhunderts  zu  wirken  augefangen,  und  Ricardos ­
  sehriftstollerischo  Thätigkeit  fiel  in  das  zweite  Jahrzehnt.
Der  nur  etwas  jüngere  Zeitgenosse  hatte  daher  schon  eine  literarische ­
  Berühmtheit  zu  beachten*  mit  der  er  seit  1810  auch
zu  persönlichen  Vcrkchrsbeziehungcn  gelangt  war.  Vergegenwärtigt ­
  man  sich,  dass  er  von  Malthus  um  ein  Jahrzehnt  überlebt ­
  wurde,  und  dass  der  letztere  mit  seinen  Veröffentlichungen
noch  immer  fortfuhr,  so  hat  man  ein  Bild  von  der  geschichtlichen ­
  Zusammengehörigkeit  dieses  Paares.  Dennoch  bietet
seine  wissenschaftliche  Unzertronnlichkeit  eine  in  manchen
Beziehungen  seltsame  Annäherung  dar.  Der  auglicanische  Geistliche ­
  und  der  jüdische  Bekehrte,  als  ein  sich  nach  der  gleichen
Richtung  bemühendes  Gespann,  regen  unwillkürlich  die  Frage
an,  inwieweit  ihre  Grundanschauungen  zusammenzutreffen  vermochten. ­
  In  der  Antipathie  gegen  die  Armengesetze  reichte
der  letztere  dem  ersteren  die  Hand,  was  sich  nur  erklärt,  wenn
man  für  das  beiderseitige  Verhalten  zwei  ganz  verschiedene
Beweggründe  annimmt.  Andernfalls  würde  es  den  Anschein
haben,  als  wenn  Ricardo  mit  seiner  kirchlichen  Zugehörigkeit
auch  die  Traditionen  seiner  Race  geopfert  hätte.  Dies  ist  nicht
anzunchmen,  und  so  erklärt  sich  die  Unterstützung  der  Malthusschen
  Rohheit  in  der  Auffassung  der  Armengesetze  nur
durch  die  Anschauungsweise,  welche  mit  dem  Ueberwiegen
des  Erwerbstriebes  über  alle  höheren  Rücksichten  verbunden
ist.  Das  Vorhandensein  dieses  letzteren  Verhältnisses  unterliegt ­
  aber  bei  einem  Ricardo  keinem  Zweifel.  In  seiner  Person
haben  wir  es  nicht  mit  einem  genügsamen  Gelehrten,  wie
Adam  Smith,  zu  thun,  dessen  ganzes  Streben  in  der  Wissen-
        <pb n="193" />
        177

Schaft  aufging,  sondern  mit  Jemand,  der  an  der  Börse  seine
Heimath  hatte  und  in  erster  Linie  reich  werden  musste,  um
nebenbei  auch  seinem  Studientriebe  zu  huldigen  und  huldigen
zu  lassen.  Hiebei  stellte  er  sich  in  der  bekannten  Weise  sehr
bescheiden  an,  und  es  hat  natiirlich  nicht  an  Gelehrten  gefehlt,  die
ihm  für  diese  hei  einem  Millionär  doch  wohl  noch  ganz  besonders ­
  liebenswürdige  Eigenschaft  dankbar  gewesen  sind.  Auf
diese  Weise  erklärt  sich  die  nächste,  aber  selbstverständlich
nicht  die  entscheidende  Wirkung.  Die  Thatsache,  dass  diejenige ­
  Grundrententheorie,  die  man  Ricardo  als  besondere
Eigenthümlichkeit  zuschreibt,  grade  zu  seiner  Zeit  Anklang
fand,  während  sie  circa  40  Jahre  zuvor  einen  gleichgültigen
Nebengedanken  bildete,  begreift  sich  nur  aus  der  Beschaffenheit ­
  der  Parteiverhältnisse.  Der  Grundadel  mit  seinen  Eernhaltungen
  des  fremden  Getraides  wurde  durch  die  in  einer  veränderten ­
  Richtung  entwickelten  Vorstellungen  von  der  Bedeutung ­
  der  Bodenrente  theoretisch  einigermaassen  betroffen.  Das
industrielle  und  kaufmännische  Bürgerthum  musste  daher  jede
Deduction  willkommen  heissen,  die  wenigstens  anscheinend  in
seinem  Interesse  lag.
Die  Eigenthümlichkeit  von  Malthus  ist  die  Bevölkerungsaufí'assung;
  diejenige  aber,  welche  sich  an  den  Namen  Ricardos
knüpft,  ist  die  Ansicht  von  dem  Sinn  der  Grundrente.  Nimmt
man  diese  letztere  Idee  nur  im  Allgemeinen,  so  war  sie  schon
von  liehreren  andern  Schriftstellern,  unter  denen  sich  auch
Malthus  befand,  vertreten  worden  und  war  sogar  schon  speciell
genug,  ungefähr  zur  Zeit  als  das  Smithsche  Hauptwerk  erschienen ­
  war,  von  einem  Ackerhauschriftsteller  dargelegt  gewesen.
Man  sieht  hieraus,  dass  noch  ein  Grund  mehr  vorhanden  ist,
Malthus  und  Ricardo  dem  Herkommen  gemäss  zu  -einem  Paare
zu  vereinigen,  und  dass  es  mit  der  Originalität  der  Gedanken
in  Rücksicht  auf  die  Bodenrente  nicht  allzu  gut  bestellt  gewesen
ist.  Ricardo  selbst  sagt  in  dem  „Essay  über  den  Einfluss
niedriger  Kornpreiso  auf  den  Capitalgewinn”  (1815,  Works,
London  1846,  W.  374)  er  habe  in  Allem,  was  er  über  den  Ursprung ­
  und  Eortschritt  der  Rente  gesagt,  fast  nur  Malthus
eben  erschienene  Principien  über  denselben  Gegenstand  „wiederholt” ­
  und  erläutert.  Wir  werden  weiterhin  sehen,  dass
es  sich  in  dieser  Beziehung  eigentlich  nur  um  die  Aufnahme
einer  Vorstellung  gehandelt  hat,  die,  wie  schon  oben  erwähnt,
Uttbring,  Gesebiebto  der  Katioualökouomie.  2.  Auflage.  12
        <pb n="194" />
        178

den  Interessenten  vielfach  bekannt  gewesen  sein  muss.  Wie
aber  auch  die  Malthussche  Bevölkerungsidee  streng  genommen
nicht  viel  mehr  als  die  Erneuerung  eines  uralten  Irrthums  und
die  Aufnahme  einer  zugleich  naheliegenden  und  beschränkten
Reflexion  gewesen  sei,  wird  sich  in  Bezug  auf  den  rein  theoretischen ­
  Bestandtheil  bald  zeigen.  In  praktischer  Beziehung
mag  aber  Malthus  sein  volles  originales  Recht  behalten,  wegen
der  Rohheit  seiner  Anschauungen  und  der  Widerwärtigkeit
seiner  Gesinnung  berüchtigt  zu  bleiben  und  als  Typus  einer
im  schlechteren  Sinne  des  Worts  menschenfeindlichen,  durch
und  durch  inhumanen  Geistesart  zu  gelten.  Das  Loben  dieser
Person  wird  uns  in  den  wenigen  Zügen,  die  uns  hier  angehen,
schon  hinreichende  Fingerzeige  bieten  und  uns  individuell  die
corrumpirto  Theorie  erklärlich  machen,  welche  mit  ihm  verknüpft ­
  gewesen  ist.
2.  Malthus  (1766—1834)  aus  der  Grafschaft  Surrey,  widmete ­
  sich  als  jüngerer  Sohn  einer  wohlhabenden  Familie  der
Theologie  und  wirkte  auch  thatsächlich  als  Glied  der  anglicanischen
  Kirche.  Die  Schriftstellerei  war  seine  Nebenbeschäftigung. ­
  Er  begann  dieselbe  mit  einigem  Erfolg  auf  Veranlassung
einer  Godwinschen  Veröffentlichung,  indem  er  dagegen  seinerseits ­
  1798  und  zwar  anonym  eine  nicht  umfangreiche  Arbeit
unter  dem  Titel  „Versuch  über  die  Principien  der  Bevölkerung ­
  etc.”  erscheinen  Hess.  Nach  5  Jahren,  in  welche  einige
Reisen  auf  dem  Festlande  gefallen  waren,  gab  er  als  zweite
Auflage  eine  durch  empirisches  Material  erweiterte  Umarbeitung ­
  heraus,  die  als  neues  Buch  zu  gelten  pflegt  und  in  den
folgenden  Auflagen  schliesslich  auf  drei  Bände  anschwoll.  Bald
nach  dieser  zweiten  Publication  wurde  er  Professor  der  Geschichte ­
  und  politischen  Oekonomie  am  ostindischen  Gesellschafts-Colleg ­
  zu  Haileybury  und  blieb  in  dieser  Stellung  die
drei  Jahrzehnte  bis  zu  seinem  Tode.  Stellt  man  sich  vor,  dass
er  daneben  stets  ein  geistlicher  Diener  blieb,  wie  er  gewesen,
und  dass  er  nun  noch  andere  Schriften  fertigte,  die  noch  mehr
nach  politischer  Oekonomie  aussahen  als  sein  Bovölkorungsbuch,
so  hat  man  ein  Bild  von  den  Hauptzügen  seines  Treibens.
Doch  fehlt  noch  ein  unter  andern  Umständen  weniger  merkwürdiger ­
  Zug,  der  aber  für  den  Vertreter  der  Idee  der  Bevölkerungshemmung ­
  eine  ganz  besondere  Bedeutung  hat.  Der  Pfarrer
Malthus  heirathete  nach  der  zweiten  Ausgabe  seines  bevölke-
        <pb n="195" />
        179

rurigsfeiudlichen  Buchs  und,  wie  Einige  berichten,  nicht  ohne
Rücksicht  auf  das  Geld,  welches  er  mit  demselben,  händlerisch
geredet,  gemacht  haben  soll.  Wie  weit  er  selbst  die  Volksvermohrung
  in  seiner  Familie  gefördert  habe,  ist  streitig.  Bei
Sismondi  in  Genf  soll  er  einmal  mit  elf  Töchtern  erschienen
sein.  Doch  mögen  Missvcrständniss  und  Humor  hiebei  die
weibliche  Gefolgschaft  in  lauter  Töchter  verwandelt  haben.
Nach  ajpdern  Berichten  hätte  er  nur  einen  Sohn  und  eine
Tochter  Uiinterlassen.  Dies  braucht  jedoch  kein  Widerspruch
zu  sein,  da  er  sich  durch  die  Malthussche  Theorie  selbst
ausgleichen  lässt.  Es  könnten  ja  nachträgliche  Verwüstungen
(positive  checks)  gewesen  sein,  welche  die  Elf  reducirten.
TJebrigens  spricht  in  Ermangelung  genauerer  Thatsachen  die
Vermuthung  eher  für  als  gegen  eine  grössere  Zahl,  da  die  Ehen
der  Geistlichen,  aus  dem  Gesichtspunkt  einer  gesunden  Bevölkerungstheorie ­
  betrachtet,  in  der  Regel  nichts  weiter  zu  wünschen ­
  übrig  lassen,  als  dass  es  eine  andere  Gattung  werden
möchte,  durch  die  sie  sich  fruchtbar  machen,  damit  die  Zahl
nicht  in  Missverhältniss  zu  den  Bedürfnissen  der  Gesellschaft
gerathe.
Was  den  sonstigen  Charakter  des  ehrwürdigen  Mitglieds
der  anglicanischen  Kirche  betrifft,  so  war  er  von  grosser  Glätte,
und  die  Freunde  haben  an  ihm  den  Mangel  jeder  wahrnehmbaren ­
  Leidenschaft  gerühmt.  Dem  Kenner  kann  diese  Eigenschaft ­
  ein  vortrefflicher  Fingerzeig  sein.  In  Verbindung  mit
der  sich  in  den  Schriften  bekundenden  Gesinnung  und  Gefühlsphysionomie
  lehrt  sie  uns,  was  hinter  dieser  glatten  Oberfläche
und  sogenannten  Liebenswürdigkeit  waltete.  In  der  That  ist
zwischen  dem  Malthusschen  System  und  dem  Malthusschen
Charakter  die  Uebereinstimmung  bis  in  die  einzelnen  Züge  zu
verfolgen,  und  wer  in  der  Ilauptschrift  aufmerksam  und  mit
psychologischem  ürtheil  zu  lesen  versteht,  wird  fast  aus  ihr
allein  alles  für  den  Charakter  Erhebliche  zu  reconstruiren  vermögen. ­
  Bis  in  die  logischen  Schleichwendungen  hinein  kann
man  die  Consequenzen  dieser  widerwärtig  glatten  Bewegungen
verfolgen.
Die  späteren  Schriften,  die  während  des  Professorats  verfasst ­
  wurden,  machten  kein  besonderes  Aufsehen  und  sind  für
die  Geschichte  ziemlich  gleichgültig.  Ausser  den  obligaten
«Principien  der  politischen  Oekonomie”,  die  aber  noch  nicht
12*
        <pb n="196" />
        einmal  ein  Lehrbuch  waren,  ist  auch  noch  eine  scholastische
Schrift  „Definitionen  in  der  politischen  Oekonomie”  zu  erwähnen, ­
  sowie  daran  zu  erinnern,  dass  die  „Untersuchung  über  die
Natur  der  Rente”  1815,  also  zwei  Jahre  vor  dem  Ricardoschen
Hauptwerk  veröffentlicht  und  in  dem  letzteren  in  Bezug  genommen ­
  wurde.  Man  wird  vielleicht  fragen,  wie  es  zugegangen
sei,  dass  die  Bevölkerungsschrift  soviel  von  sich  reden  gemacht
habe,  während  durch  alles  üebrigo  das  Publicum  sich  nicht
sonderlich  angeregt  fand.  Die  einzige  Antwort  hierauf  ist  die,
dass  die  nächste  Wirkung  des  Malthusschen  Bevölkeruugs-  oder
vielmehr  Entvölkerungshuchs  auf  einer  Art  von  Kitzel  beruhte
und  dem  Skandal,  den  es  repräsentirte,  weit  mehr  als  einer
beifälligen  Anhängerschaft  zuzuschreiben  war.  Doch  darf  auch
nicht  vergessen  werden,  dass  die  in  der  Englischen  Gesellschaft
so  stark  vertretene  Bigotterie  dem  geistlichen  Verfasser  einer
Schrift  zu  statten  kommen  musste,  in  der  sich  die  bekannte
Mischung  pricsterlichcr  Empfindungen  und  des  zugehörigen
pikanten  Gegenstandes  so  glatt  vereinbart  und  mit  der  beschränkten ­
  Privatmoral  als  Bcschönigungsmittcl  so  stark  versetzt ­
  fand.  Der  Reverend  konnte  auf  willige  Aufmerksamkeit
rechnen,  wo  er  demjenigen  Theil  des  Publicums  nahegerückt
wurde,  der  überhaupt  an  den  Manieren  seiner  Denkweise  Geschmack ­
  fand  und  geneigt  war,  die  Belehrung  durch  einen
Geistlichen  gelten  zu  lassen.
3.  Es  ist  ziemlich  schwer,  die  unbestimmten,  gleichsam
charakterlosen  Gedanken  klar  und  in  festen  Umrissen  darzustellen. ­
  Man  muss,  um  dies  zu  können,  die  genauen  Ausdrücke,
die  man  selbst  braucht,  hinterher  wieder  ein  schränk  en.  Nur
auf  diese  Weise  wird  es  möglich  sein,  von  der  Malthusschcn
Meinung  über  die  Menschen  Vermehrung,  soweit  dabei  ein  theoretisches ­
  Gesetz  herauskommen  soll,  eine  zutreffende  Idee  zu
geben.  Zunächst  wird  davon  ausgegaugen,  dass  die  Menschen
das  Bestreben  haben,  sich  ins  Unendliche  zu  vervielfältigen.
Diese  Tendenz  wird  durch  das  Bild  einer  geometrischen  Reihe
ausgedrückt,  d.  h.  in  gleichen  Zeitabschnitten  würde  sich  die
Bevölkerung,  wenn  sie  blos  ihrer  eignen  Eruchtbarkeit  folgte,
verdoppeln,  vervierfachen,  verachtfachen,  versechzehnfäclicn
u.  s.  w.  Daneben  sollen  nun  die  Nahrungsmittel  im  allergünstigsten
  Fall  in  einer  arithmetischen  Reihe  zunehmen,  d.  h.
in  jedem  Zeitabschnitt  einen  gleichen  Zuschuss  erhalten  oder.
        <pb n="197" />
        181

was  dasselbe  sagt,  sieh  um  ihre  erste  Grösse  nach  Maassgabe
des  Zeitverlanfs  vermehren.  Ijetzteres  crgiebt  die  einfache
Zahlenreihe,  während  ihr  die  Reihe  gegonübersteht,  die  durch
fortwährende  Vervielfältigung  mit  zwei  gewonnen  wird.  Es  ist
herkömmlich,  auf  diese  Reihen  besonderes  Gewicht  zu  legen
während  sie  in  der  That  sehr  gleichgültig  sind  und  am  allerwenigsten ­
  eine  genaue  mathematische  Vorstellungsart  repräsentiren.
  Auch  für  Malthus  waren  sie  nur  vage  Bilder,  die  einen
an  sich  nicht  allzu  klaren  Gedanken  um  Nichts  verbesserten.
Scharf  ist  an  demselben  fast  gar  nichts  gedacht;  denn  die  Reihe
der  Zahlen,  in  welcher  sich  mit  dem  Zeitverlauf  die  Nahrungs  -
mittel  im  günstigsten  Falle  sollen  steigern  lassen  ,  wird  sofort
zum  greifbarsten  Widersinn,  wenn  man  dieselbe  ins  Unendliche
gehen  lässt.  Die  Erde  würde  für  diese  Malthussche  Nahrung
bald  keinen  Platz  zur  Aufspeicherung  bieten.  Soll  aber  die
Reihe  nicht  unbeschränkt  gelten,  dann  fragt  es  sich  ,  wo  man
ihr  die  Grenze  zu  setzen  habe,  und  Malthus  in  seinem  verworrenen ­
  Vorstellen  hat  hiefür  keine  Antwort.  Indessen  wollen
wir  ihm,  der  mehr  an  Predigen  und  unstät  schweifende  Vorstellungen ­
  gewöhnt  war,  seine  dürftigen,  sogenannten  mathematischen ­
  Ausdrucksformen  nicht  zu  scharf  prüfen.  Es  wäre
dies  verlorene  Mühe.  Wir  wollen  ihm  im  Gegentheil  nachhelfen ­
  und  seine  Bilder  nur  als  das  nehmen,  was  sie  waren
nämlich  als  Versuche,  ein  Verhältniss  anzudeuten,  über  das  er
sich  bei  seiner  rohen  Gedankenverfassung  nicht  präciser  auszu  -
lassen  vermochte.
Lassen  wir  also  die  beiden  Reihen  und  untersuchen  wir
die  Begriffe.  Die  Bevölkerung  soll  sich  nicht  wirklich  so  vermehren, ­
  wie  es  geschehen  würde,  wenn  die  Geschwindigkeit
ihres  Zuwachses  der  Aufhäufung  von  Zinseszinsen  ähnlich  wäre.
Sie  soll  vielmehr  hiezu  nur  das  Bestreben  haben,  an  der  Verwirklichung ­
  des  letzteren  aber  durch  den  Mangel  der  Nahrungsmittel ­
  gehindert  werden.  Der  einfache  Sinn  der  Idee  ist  also
nichts  Anderes,  als  dass  die  Menschen  von  Natur  getrieben  werden, ­
  die  Grenze  der  jedesmal  gegebenen  Nahrungsmittel,  ja  aller
möglichen  Nahrungsbeschaffung  zu  überschreiten.  Nach  welchem
Naturgesetz  die  Nahrungsmittel  wachsen  mögen,  darum  bekümmert ­
  sich  ein  Malthus  nicht  weiter.  Das  Verhältniss  oder  vielmehr ­
  Missverhältniss  zwischen  beiden  steht  ihm  nicht  blos  als
Thatsache,  sondern  als  immerwährende  Naturnothwendigkeit
        <pb n="198" />
        182  —

fest,  und  cs  giebt  gegen  dieselbe  nur  Ein  Mittel,  nämlich  die,
avío  sich  später  zeigen  wird,  höchst  geistlichen  Rathschlägo  des
Reverend,  welcher  uns  von  dem  Zwange  der  Natur  buchstäblich
durch  Kanzelvermahnung  erlösen  will.  Doch  lassen  wir  dies
bis  nachher.  Vorläufig  haben  wir  es  mit  dem  zu  thun,  was
man  das  Drängen  der  Bevölkerung  auf  die  Nahrungsmittel  genannt ­
  hat.  Wie  sich  auch  die  Production  gestalten  möge,  stets
soll  die  Volksvormehrung  das  schnellste  Tempo  halten  und
allem  Vorrath  voraneilen,  der  sich  zu  irgend  einer  Zeit  bcschaif'on
lässt.  Die  Bedürfnisse  und  die  Kräfte  der  Menschen  sind  hicnach
  einander  nicht  im  Mindesten  angepasst.  Die  Anzahl  der
Magen  vervielfältigt  sich  nothwendig  schneller  als  die  Kraft
der  Hände  und  Köpfe.  Die  Einrichtung  der  Natur  ist  so  beschaffen, ­
  dass  nicht  die  geringste  Aussicht  vorhanden  ist,  der
Nachfrage  nach  Nahrungsmitteln,  wie  sie  durch  die  natürliche
Volksvermehrung  entstehen  müsste,  irgendwie  zu  entsprochen.
Der  Umstand,  dass  mit  der  Nachfrage  nach  Ernährungsmittcln
auch  ein  Angebot  von  Händen  und  Köpfen  in  die  Welt  kommt,
stört  einen  Malthus  durchaus  nicht  ;  denn  er  denkt  nur  an  die
aussermenschliche  oder  vielmehr  seiner  Vorstellung  gemäss  unmenschliche ­
  Natur,  die  er  als  den  Inbegriff  der  Oesetze  ihres
und  seines  „makers  ansieht,  und  deren  W^irkungen  er  echt
pastoral  als  Züchtigungen  des  „Herrgotts"  auslegt,  der  überhaupt ­
  in  seinem  Buch  eine  grosse  Rollo  spielt.
Wäre  in  der  Malthusschen  »Schrift  vorwiegend  eine  wissenschaftliche, ­
  wenn  auch  irrthümlichc  Vorstellung  dargelegt  worden, ­
  so  würde  dieselbe  eine  entsprechende  Kritik  und  nichts
Aveiter  erfordern.  So  aber  haben  wir  es  wesentlich  mit  einem
moralischen  Missgebildc  und  noch  dazu  mit  einem  von  jener
hässlichsten  Art  zu  thun,  die  sich  selbst  in  den  Mantel  der
Moral  hüllt.  Ungefähr  ein  Jahrzehnt  vor  Malthus  hatte  sich
die  Anziehungskraft,  welche  die  Bevölkerungmfrage  auch  für
die  katholischen  Priester  zu  haben  pflegt,  an  einem  verschlagenen ­
  Mönch,  dem  Venctiancr  Ortes  bewährt,  dessen  politischökonomische ­
  Schriften  in  der  bändcreichon  Gustodischon  Sammlung ­
  der  Italienischen  Nationalökonomen  den  unvcrhältnissmässigen
  Raum  von  7  Bänden  einnehmen.  Dieser  Priester
hatte  auch  über  die  Bevölkerung  in  einer  Weise  geschrieben,
die  der  Malthusschen  Vorstellungsart  sehr  nahe  stand.  Doch
ist  dieser  Ortes  trotz  aller  A'olkswirthschaftlichen  Domjuixoterio,
        <pb n="199" />
        dio  or  durch  dio  wunderlichston  Mischungen  der  wüstesten
Romantik  feudaler  und  katholischer  Art  bekundete,  dennoch
wenigstens  politisch  kein  Gesinnungsverwandter  des  Engländers
gewesen.  Auch  im  sonstigen  Charakter  zeigte  er  etwas  Edleres,
indem  er  seinen  üeberzeugungon  Opfer  brachte.  Wir  haben
an  diese  Italienische  Erscheinung  nur  erinnert,  um  den  Ursprung
der  Liebhaberei  für  die  subject!v  behandelten  Bevölkerungsfragen ­
  zu  bezeichnen.  Das  Ortessche  Buch  ,,Reflexionen  über
die  Bevölkerung  in  Beziehung  auf  Nationalökonomie  (1/90)
machte  schon  von  dem  Bilde  der  geometrischen  Reihe  Gebrauch.
Man  würde  ihm  jedoch  Unrecht  thun,  wenn  man  die  ganze
Malthussche  Verkehrtheit  darin  voraussetzte.  Doch  ist  es  nicht
immer  Sache  der  Geschichtsschreibung,  sich  näher  mit  Veröffentlichungen ­
  zu  beschäftigen,  die  zunächst  wirkungslos  geblieben ­
  sind.  Auch  ein  Malthus  nebst  seinem  Buch  würde  an
sich  selbst  keine  Berücksichtigung  erheischen,  und  es  ist  nur
die  Rolle  im  Publicum,  sowie  die  missleitende  Wirkung  auf
spätere  Gestalten  der  ökonomischen  Theorie,  was  uns  hier  zu
grösserer  Ausführlichkeit  veranlasst.
Von  der  historisch  bekannten  Vorliebe,  welche  die  ehelose
Geistlichkeit  vielfach  für  die  Geschlechtsfragen  bekundet  hat,
scheint  sich  ein  Theil  auch  über  die  Grenzen  ihres  Reichs  fortgepflanzt ­
  zu  haben.  Indessen  bedürfen  wir  im  Hinblick  auf
Malthus  nur  einer  naheliegenden  psychologischen  üeberlegung,
um  ihn  und  jene  geschichtlich  anerkannten  Neigungen  unter
einunddieselbe  Rubrik  zu  bringen.  Der  Umstand,  dass  sich
erfahrungsgemäss  eine  gewisse  Art  religiöser  Aflectionen  mit
der  Vorliebe  für  die  Behandlung  alles  desjenigen,  was  mit  den
Goschlechtsfragcn  zusammenhängt,  in  schönster  Paarung  beisammenfindet, ­
  —  dieser  Umstand  erklärt,  warum  die  Weit  ihre
Einweihung  in  eine  naturwidrige  Bevölkerungstheorie  einem
unglicanischen  Ehrwürden  zu  verdanken  hat.  Noch  viel  Mehr
erklärt  sich  aber,  wenn  wir  bei  dem  Folgenden  stets  des  persönlichen ­
  Charakters  des  Urhebers  eingedenk  bleiben.
4.  Malthus  war  im  Denken  zu  ungeschickt,  um  dem,  was
bei  ihm  Tendenz  oder  Bestreben  zur  Menschenvermehrung
hiess,  einen  genauen  Sinn  abzugewinnen.  Eine  blosse  Tendenz,
die  sich  ganz  und  gar  nicht  verwirklichte,  war  nicht  gemeint,
wie  aus  den  Vorstellungen  über  die  nachträglichen  Verwüstungen
zu  ersehen  ist,  welche  als  Zuchtruthe  über  die  Leute  kommen
        <pb n="200" />
        —  184  —

sollen,  weil  sie  jener  Macht  des  Naturgesetzes  nicht  widerstanden ­
  haben.  Die  Tendenz  realisirt  sich  also  stets  in  irgend
welchem  Maass,  —  ausgenommen,  wenn  der  geistliche  Beirath
des  Pastor  Malthns  und  derjenige,  den  er  durch  seine  Collegcn
künftig  ertheilen  lassen  will,  befolgt  worden  ist.  Es  gieht
zwar  nach  Malthns  noch  einen  zweiten  Wog,  den  Heimsuchungen ­
  vorzuheugen  und  die  Bevölkerung  einzuschränken;  dieser
wird  aber  als  derjenige  des  Lasters  nur  nebenbei  in  Rechnung
gezogen.  Doch  ist  kaum  zu  glauben,  dass  die  letztere  Ansicht  bei
Malthns  mehr  als  eine  traditionelle,  halb  unbewusste  Heuchelei
gewesen  sei.  Der  sittliche  Ernst  gegenüber  den  Schäden  der
Prostitution  war  in  der  Person  von  Malthns  gar  nicht  möglich.
Zu  einem  Ressentiment  gegen  die  wahren  Gebrechen  der  Gesellschaft ­
  fehlte  es  ihm  an  der  Kraft  eines  natürlichen  Gefühls.
Ausserdem  war  er,  wie  sich  schon  durch  die  Parteistellung
gegen  den  Philanthropen  Godwin  klar  bezeichnet  fand  und  auch
durch  die  weitere  Malthussche  Haltung  erwiesen  wird,  ein  zu
ausgesprochener  Anhänger  des  Verkehrten  in  den  bestehenden
Zuständen,  als  dass  es  ihm  hätte  einfallen  können,  an  irgend
eine  Reform  zu  denken,  die  nicht  nach  rückwärts  gewiesen  und
die  Einschnürung  zum  Zweck  gehabt  hätte.
Wird  die  angebliche  Grenze  der  Bevölkerung  dem  sogenannten ­
  Naturgesetz  gemäss  überschritten,  so  bestehen  die  zurückdrängenden ­
  Mittel,  die  das  Gleichgewicht  zwischen  Nahrung
und  Bevölkerung  nach  dem  Plane  des  Malthusschen  Herrgotts
wieder  herzustellen  haben,  in  Krieg,  Seuchen  und  Noth.  Die
vermeintlich  zu  stark  aufgeschossene  Bevölkerung  wird  durch
diese  drei  grossen  Mittel  wieder  decimirt.  Offenbar  ist  nun
gegen  diese  sogenannten  „positiven  Einschränkungen"  kaum
ein  Wort  der  Kritik  nöthig.  Doch  möchte  die  Erwähnung  des
Krieges  als  etwas  bezeichnet  werden  können,  was  bei  Jemand,
der  die  volkswirthschaftlichen  Wirkungen  desselben  kennt,
einigen  Humor  erregen  muss.  Die  unmittelbare  Wirkung  der
Kriege  besteht  regelmässig  darin,  die  Fähigkeit  der  Production
ganz  unverhältnissmässig  stärker  einzuschränken,  als  die  Anzahl ­
  derjenigen,  welche  auf  Nahrung  Anspruch  machen.  Der
unmittelbare  Menschenverlust  und  die  Lücken  in  den  Beschäftigungen ­
  haben  im  Vergleich  mit  der  Störung  aller  productiven
und  existenzschaffenden  Thätigkeiten  kaum  eine  Bedeutung.
Rechnet  man  aber  diese  indirecten  Verwüstungen  der  volks-
        <pb n="201" />
        185

wirthschaftlichen  Hervorbringiingskräfte  etwa  auch  zu  den  decimirenden
  Ursachen,  so  werden  die  letzteren  siclierlich  nicht  im
Malthusschen^  Sinne  wirken.  Sie  werden  das  Gleichgewicht
nicht  hcrstellcn,  sondern  dasselbe,  wo  es  vorhanden  war,  stören;
wo  es  aber  ans  irgend  welchem  Grunde  fehlte,  in  ein  noch  entschiedener ­
  gesteigertes  Missverhältniss  verwandeln.  Sie  werden
grade  das  am  meisten  einschränken,  was  in  der  groben  Vorstellungsart ­
  von  Malthus  als  Nahrung  figurirt.  Wir  müssen
nämlich  nebenbei  daran  erinnern,  dass  zwischen  Existenzmitteln
und  blossen  Nahrungsmitteln  ein  gewaltiger  Unterschied  besteht,
auf  den  der  Verfasser  der  Bevölkerungsschrift  so  gut  wie  gar
keine  Rücksicht  genommen  hat.
Was  die  Seuchen  und  den  Hunger  anbetriift,  so  stören  sie
den  Gang  der  Production  allerdings  nicht  in  einem  so  sichtbaren ­
  Maass,  wie  es  der  Krieg  thut.  Allein  es  dürfte  auch
ziemlich  leicht  zu  veranschlagen  sein,  dass  sie  den  Wirthschaftskräften
  durch  Entziehung  von  persönlichen  Fähigkeiten  und
durch  die  Störungen,  mit  denen  das  Elend  auf  die  Gesellschaft
und  deren  Tüchtigkeit  zurückwirkt,  einen  bedeutenden  Eintrag
thun  müssen.  Die  Menschenkräfte,  welche  auf  diese  Weise
verloren  gehen,  hätten  mehr  leisten  können,  als  sie  selbst  in
Anspruch  nahmen,  d.  h.  sie  hätten  im  Verein  mit  der  übrigen
Gesellschaft  zu  deren  und  ihrem  eignen  Nutzen  mehr  gewirkt,
als  es  die  verringerte  Kräftemenge  vermag.  In  den  Augen
unseres  Entvölkerungspredigers  ist  aber  die  Volksmenge  eine
Last,  von  der  die  höheren  Gesellschaftsclassen  durch  die  von
ihm  venerirte  Art  von  Vorsehung  befreit  werden  sollen.
Nach  Angabe  dieser  überweisen  Malthusschen  Vorsehungsmittel, ­
  die  das  Gegentheil  von  dem  ihnen  zugedachten  Zweck
erzielen,  bleiben  nun  noch  die  vermeintlichen  Heilmittel  gegen
die  Schäden  der  angeblichen  Uebervölkerung  anzuführen.  Erinnern ­
  wir  uns,  dass  nach  der  Malthusschen  Ansicht  diese
Uebervölkerung  in  der  Bethätigung  der  vorher  gekennzeichneten
Tendenz  besteht.  Sie  ist  daher  auch  jederzeit  und  überall  im
Werke;  sie  begleitet  die  Völker  und  die  Menschheit  auf  allen
Stufen  der  Entwicklung.  Da  indessen  Malthus  nichts  weniger
als  ein  consequenter  Logiker  war,  so  hat  er  hinterher  selbst
einen  Unterschied  zwischen  alten  und  neuen  Ländern  gemacht
und  hiemit  eine  Vorstellungsart  angenommen,  die  vom  Standpunkt ­
  eines  jeden  folgerichtigen  Systems  verworfen  werden
        <pb n="202" />
        —  186  —

muss.  Jedenfalls  g’iebt  es  nicht  zweierlei  Naturgesetze  der
Monscheiivermohrung,  und  um  ein  blosses  Naturgesetz,  welches
in  der  menschlichen  Gattung  in  rein  thicrischor  Weise  begründet ­
  wäre  ,  hatte  sich  ja  unser  ßevölkcrungsprincipler  nur  bemüht, ­
  Sein  Heilmittel  musste  daher  eine  ebenso  weitreichende
Ausdehnung  haben.  Es  sollte  in  dem  sogenannten  moralischen
Zwange  bestehen,  der  unter  den  „vorbeugenden  Einschränkungen”, ­
  um  in  der  Sprache  des  Autors  zu  reden,  neben  dem
Laster  steht  und  den  tugendsamen  Weg  bezeichnet,  sich  der
früher  geschilderten  Zuchtruthe  und  gerechten,  auf  das  sündliche
  Bestreben  folgenden  Strafe  zu  entziehen.  Ich  muss  um
Entschuldigung  und  Geduld  bitten,  dass  ich  im  Interesse  der
Wahrheit  den  Geschmack  des  Lesers  mit  dem  Bericht  über
solchen  geistlichen  Gail  im  atinas  und  solche  beschränkte  Vorsehungsspiclerci
  behelligen  muss.  Da  es  indessen  mit  der
Englisch  redenden  Welt  durchschnittlich  nach  dieser  Seite  hin
sehr  schwach  bestellt  ist  und  die  gegen  Malthus  geübte  Kritik
jene  Ungeheuerlichkeiten  dort  nicht  vom  gehörigen  Standpunkt
blosgestellt  hat,  vielmehr  zum  Theil  nur  von  einer  gleichartigen,
wenn  auch  entgegengesetzten  Superstition  ausging,  so  möchte
es  dem  Deutschen  Geschichtsschreiber  wohl  am  ehesten  ziemen,
auf  den  Abgrund  dieser  Verkehrtheiten  deutlich  hinzuweisen.
Die  „moralische  Einschränkung”  soll  nach  Malthus  in  der
Enthaltung  von  der  Ehe  bestehen.  Dieser  Verzieht  hat  jedesmal ­
  einzutreten,  wo  nicht  vollständige  Sicherheit  vorhanden
ist,  eine  grosse  Familie  ernähren  zu  können.  Der  Arbeiter,
dessen  Lohn  ausreiche,  allenfalls  zwei  Kinder  zu  erhalten,  werde
bei  einem  halben  Dutzend  dazu  nicht  mehr  im  Stande  sein.
Hionach  soll  der  einzelne  Privatmensch  und  noch  obenein  der
Arbeiter,  der  durch  jeden  Wechsel  der  Verhältnisse,  bisweilen
aber  auch  durch  blosse  Willkür  des  Arbeitgebers  seiner  Existenzmittel ­
  beraubt  werden  kann,  für  einen  ganzen  Lebenslauf  voraussohen,
  was  sein  wirthschaftliches  Schicksal  sein  werde.  Erst
wenn  er  die  Gewissheit  hat,  unter  allen  Umständen  existiren
zu  können,  ohne  der  Malthusschen  Zuchtruthe  zu  verfallen  oder
gar  der  Armenpflege  lästig  zu  werden,  soll  er  nach  den  Grundsätzen ­
  unseres  Entvölkerungspriesters  heirathen  dürfen.  Der
letztere  ist  jedoch  in  den  Mitteln,  die  er  für  die  Beibringung
seines  moralischen  Zwanges  angewendet  wissen  will,  noch  verhältnissmässig
  gnädig.  Er  verlangt  nichts  weiter  als  eine  gänz-
        <pb n="203" />
        187

liehe  Aufhebung  der  öffentlichen  Armenunterstützung.  Die
Armen  sollen  sich  selbst  und  dem  rein  zufälligen  Mitleid  Einzelner ­
  überlassen  werden  ;  aber  auch  bei  diesen  zufälligen  Spenden ­
  empfiehlt  Mallhus  gehörige  Kargheit.  Ganz  besonders  hat
er  es  auf  die  armen  und  verlassenen  Kinder  gemünzt.  Sein
Vorschlag,  wie  er  ihn  in  der  dritten  Ausgabe  seines  Buchs  (1806),
also  in  einem  Alter  von  40  Jahren  machte,  war  folgender.  Ein
Gesetz  hebt  die  Pflicht  zur  Armenunterstützung  auf,  jedoch  so,
dass  noch  ein  Jahr  lang  für  eheliche,  zwei  Jahr  aber  für  uneheliche ­
  Kinder  der  bisherige  Zustand  bestehen  bleibt.  Von
diesen  Zeitpunkten  an  tritt  aber  das  Gesetz  in  aller  Strenge
in  Kraft.  Um  nun  aber  die  „moralische  Einschränkung”  ins
Spiel  zu  setzen,  wird  bei  jedem  Aufgebot  eine  Kanzelvormahnung
  verlesen,  welche  die  Quintessenz  der  Malthusschen  Principien ­
  an  das  Volk  und  an  das  betreffende  Paar  bringt.  Alsdann ­
  stehen  noch  die  beiden  Wege  offen,  und  wer  nicht  noch
bei  Zeiten  einlenkt  und  die  in  Aussicht  gestellte  Zuchtruthe
verachtet,  dessen  Kinder  sollen  dann  erbarmungslos  preisgegeben ­
  werden  und  nicht  die  geringste  Hülfe  zu  erwarten  haben.
Dieser  Plan  verdient  keine  Kritik;  aber  in  Bücksicht  auf  seine
Ausführbarkeit  würde  es  nöthig  gewesen  sein,  dass  die  künftigen ­
  Vorsteher  der  Armensprengel  am  besten  aus  lauter
¡Sprösslingen  der  Familie  Maltlius  bestanden  hätten.  Jedenfalls
dürfte  zu  allen  Zeiten  die  Aufbringung  eines  Contingents  von
Gesinnungsgenossen  grade  in  der  Praxis  grosso  Schwierigkeit
haben.
Wir  kennen  jetzt  das  Wesen  des  sogenannten  moralischen
Zwanges,  der  in  Wahrheit  ein  sittliches  Missgebilde  ist.  Die
Privatmoralisten  mit  ihrer  beschränkten,  immer  nur  an  den
Einzelnen  denkenden  Auffassung,  haben  selbstverständlich  insoweit ­
  Recht,  als  es  sich  nur  um  den  dürftigen  Gemeinplatz
handelt,  dass  Jedermann  mit  Ueberlegung  verfahren  und  im
Allgemeinen  keinen  Schritt  thun  solle,  von  dem  er  mit  überwiegender ­
  Wahrscheinlichkeit  absehen  kann,  dass  er  nicht  blos
ihn,  sondern  auch  eine  Familie  dem  Existenzmangel  aussetzen
Werde.  Allein  es  besteht  ein  grosser  Unterschied  zwischen  der
absehbaren  Wahrstheinlichkeit  der  Noth  einerseits  und  der
Gewissheit  der  jederzeit  befriedigenden  Ernährung  andererseits.
5.  Malthus  sprach  den  Menschen  das  Recht  auf  Existenz
Und  sogar  ausdrücklich  den  später  so  berühmt  gewordenen
        <pb n="204" />
        —  188

Anspruch  ab,  als  Arbeiter  auch  wirklich  von  der  Gesellschaft
beschäftigt  zu  werden.  In  andere  Worte  gefasst  und  einer  ge  ­
nauen  Idee  von  der  Gerechtigkeit  entsprechend  forinulirt,  liiess
dies  soviel,  als  behaupten,  dass  kein  Unrecht,  d.  h.  keine  Verletzung ­
  darin  läge,  wenn  die  nicht  selbständigen  Schichten  oder
gar  die  eigentlich  Armen  ihrem  zufälligen  Schicksal  überlassen
würden.  Die  übrigen  Classen  hätten  nicht  nOthig,  irgendwie
Gewissensregungen  zu  empfinden,  wenn  viele  Bestandtheile  der
Gesellschaft  dem  Elend  hüll  los  preisgegebon  würden.  Es  sei
ja  die  sündliche  Vermehrungstendenz  an  allem  Uebel  schuld,
und  Niemand  könne  sich  darüber  beklagen,  wenn  er  durcii
Uebervölkerung  leide.  Wollten  die  Arbeiter  die  Löhne  erhöht
haben,  so  bestehe  das  einzige  sichere  Mittel  darin,  dass  sie
selbst  ihre  Zahl  niederhielten.  Mit  dieser  letzteren  Empfehlung
scheint  es  jedoch  unserrn  Reverend  nicht  einmal  sonderlich
Ernst  gewesen  zu  sein.  Der  Anwalt  der  behäbigen  Classen
wusste  sicherlich,  dass  cs  mit  einer  solchen  Minderung  des
Arbeitsangebots  gute  Wege  hätte.
Der  Ausdruck  dieses  widerwärtigen  Egoismus  war  in  seiner
nacktesten  Gestalt  in  der  ersten  Ausgabe  unter  dem  Schleier
der  Anonymität  am  stärksten  gewesen.  Auch  noch  die  folgende
hatte  allzu  greifbare  Sätze  enthalten,  welche  der  klüger  gewordene ­
  Priester  nachher  wegliess  oder  abschwächte.  Indessen
blieb  die  Sache  dieselbe,  wenn  auch  die  angreifbarsten  Wortformeln ­
  in  Wegfall  kamen.  Zuerst  hatte  sich  der  liebenswürdige ­
  Grundgedanke  dahin  geäussert,  dass  diejenigen,  für
welche  die  Tafel  des  Lebens  nicht  besetzt  wäre,  sich  wegzubegeben ­
  hätten,  und  dass  dieses  Gesetz  auch  wirklich  von  der
Natur  vollzogen  werde.  Später  hatte  sich  die  Haut  solcher
Gedanken  etwas  mehr  geglättet,  ohne  dass  jedoch  das,  was
darin  steckte,  seinen  Charakter  irgend  verändert  hätte.  Im
Gegentheil  war  der  ganze  Gegenstand,  Inhalt  und  Form  zusammengenommen, ­
  nur  noch  geeigneter  geworden,  seine  Bewegungen ­
  auf  dem  schlüpfrigen  Boden  gehörig  auszuführen.
Hiezu  dienten  ihm  wässerige,  aus  Reise  werken  zusärnmengetragene
  Beschreibungen,  die  man  viele  Seiten  lang  durchlesen
kann,  ohne  einen  einzigen  eigentlichen  Gedanken  anzutreffen.
Ferner  wurden  allerlei  Gefühle  von  der  bekannten  zweideutigen
Mischung  angeregt,  und  die  Darstellung  schlängelte  sich  häufig
genug  am  Leitfaden  solcher  Mixturen  von  erbaulicher  Moral
        <pb n="205" />
        —  180  —

#

und  falöclicr  Malerei  einer  gewissen  Art  von  Empfindungen
hin.  Diese  widerwärtige  Virtuosität,  die  einem  Maltlius  individuell, ­
  mehr  als  ihm  von  Borufswegen  zukam,  eigen  gewesen
ist,  fand  sich  selbstverständlich  mit  einer  zur  zweiten  Natui;
goLrdenon  Hypokrisio  vereinigt.  Die  Schleichwendungen,  die
noch  nicht  einmal  den  Namen  von  Sophismen  verdienen,  müssen
dem  mit  schärferer  Aufmerksamkeit  folgenden  Leser  überall
da  entgegentreten,  wo  es  sich  überhaupt  um  eine  Art  Gedankenveidcettungr
  luad  iiicht  Iblos  iim  gedanlœnleerQ  IBeschrtnbungen
handelt.  ,•  •
Der  Hauptgrund,  den  Malthus  geltend  macht,  um  die  1  reisoebung
  der  Hülfs-  oder  Arbeitslosen  zu  rechtfertigen,  ist  die
Berufung  auf  die  angebliche  Unmöglichkeit,  die  nicht  künstlich
cingedämmtc  Bevölkerung  wirklich  zu  ernähren.  Es  ist  dieser
Grund  das  einzig  Vorstandesmässige,  was  übrig  bleibt,  wenn
man  die  theologischen  Bestandtheile  entfernt.  Nun  hat  aber
unser  Entvölkerungslehrer  ganz  ausser  Acht  gelassen,  dass,
selbst  wenn  seine  Idee  von  der  Vermehrungstendenz  richtig
wäre,  aus  derselben  noch  nicht  im  Mindesten  folgen  würde,
dass  sich  die  Natur  mit  ihrem  mächtigen  Gesetz  einer  Malthusschen
  Kanzelvermahnung  und  den  kurzsichtigen  Wünschen  zu
unterwerfen  hätte,  die  etwa  ein  Theil  der  höheren  Gesellschaftsciassen
  in  falschem  Anschluss  an  den  priesterliehen  Advocaten
hegen  möchte.  Von  seinem  ¡Standpunkt  aus  hätte  sich  Malthus,
wenn  er  überhau%it  eines  freien  Gedankens  fähig  gewesen  wäie,
sagen  müssen,  dass  diejenigen,  welche  den  todbringenden  Executionsmitteln
  der  Natur  entgegengehen,  nichts  zu  verlieren
haben,  wenn  sie,  anstatt  das  Schicksal  duldend  über  sich  ergehen ­
  zu  lassen,  sich  eine  Bahn  zu  brechen  suchen  und,  wenn
es  sein  muss,  die  Procedur  durch  einen  activen  Kampf  um  das
Dasein  heroisch  abkürzen.  Allein  so  etwas  wäre  für  den  kleinlichen ­
  und  beschränkten  Privatmoralisirer,  der  von  den  grossen
Zügen  der  Natur  und  des  Lebens  so  gut  wie  nichts  begriffen
hatte,  eine  unnahbare  Idee  gewesen.  Er  hätte  vor  derselben
noch  mehr  zusaminenschrumpfen  müssen,  und  in  der  That-  hat
er  sich  auch  stets  zu  absonderlichen  Verschlingungen  und  zur
Pormiruug  eines  höchst  eigenthümlichen  Knäuels  genöthigt  gesehen, ­
  wenn  er  es  auch  nur  mit  den  schwächsten  Hervor  bringungen
  der  gegnerischen  Denkweise  und  namentlich  der  socialen
Vorstellungen  zu  thun  hatte.
        <pb n="206" />
        190

Wir  dürfen  uns  daher  nicht  wundern,  dass  nirgend  eine
Spur  von  dem  Gedanken  anzutreffen  ist,  dass  neben  dem  Ein-,
schnürungssystem  auch  noch  ein  Ausdehnungssystom  denkbar
sei,  welches,  anstatt  umzukehren  und  den  Trieb  der  Bevölkerungsvermehrung ­
  niederzudrücken,  vorwärts  geht,  um  die
nöthigen  Einrichtungen  zu  treffen,  unter  denen  die  etwa  unter
den  bestehenden  Verhältnissen  beeinträchtigte  Existenzm&amp;lt;)glichkeit
  erweitert  werde.  Mal  thus  stellte  zunächst  eine  theoretische ­
  Hypothese  auf,  die  er  durch  nichts  als  ihre  eignen  Wiederholungen ­
  und  Ausmalungen  unterstützte.  Hierauf  zog  er  aus
derselben  nur  die  eine  der  beiden  möglichen  Eolgerungon.  Er
entwickelte,  wenn  der  Ausdruck  nicht  etwa  schon  zu  hoch
gegriffen  ist,  ein  Ilcpressionssystem  und  vergase,  dass  aus
seiner  voreiligen  Voraussetzung  praktisch  grade  das  Gegcntheil
von  dem,  was  er  beabsichtigte,  entnommen  werden  könnte.
Diese  Zweischneidigkeit  der  in  der  Hauptvorstellung  falschen
Hypothese  hat  sich  später  •  in  vielen  socialen  Auffassungen
gezeigt.
Die  eben  vorübergehend  zugelassene  Annahme,  dass  die
Idee  von  der  naturgesetzlichen  Tendenz  zu  einer  stets  unverhältnissmässigcn
  Bevölkerungsvermehrung  gültig  sei,  ist  selbst
mit  einer  andern  Vorstellung  zu  vertauschen,  nämlich  mit  dem
Capacitätsgesetz  der  Bevölkerung,  welches  jedoch  erst  bei  der
Behandlung  Lists  zu  erwähnen  sein  wird.  Malthus  hat  einerseits ­
  ein  naheliegendes  Vorurtheil,  welches  dem  gewöhnlichen
Menschen  Angesichts  gesellschaftlicher  Stauungsverhältnisse
nicht  fremd  bleibt,  in  das  Gewand  einer  Art  von  Theorie  gehüllt, ­
  und  hieran  ein  Recept  geknüpft,  für  dessen  Urheberschaft
ihm  die  Ehre  nicht  verkümmert  werden  soll.  Will  nun  aber
Jemand  dennoch  die  Vorstellungen  über  den  Gang  der  Bevölkerung ­
  im  Malthusschen  Sinn  auch  nur  einen  Augenblick  als
ein  wirkliches  Gesetz  versuchsweise  gelten  lassen,  so  möge  er
wenigstens  soviel  Unterscheidungsvermögen  hethätigen,  alsnöthig
ist,  um  eine  theoretische  Idee  von  der  mit  ihr  nicht  wesentlich ­
  zu  verbindenden  Gesinnung  getrennt  zu  halten.  Die  Annahme ­
  eines  sogenannten  Malthusschen  Bevölkerungsgesetzes
würde  noch  keineswegs  eine  Gutheissung  der  Malthusschen  Gesinnung ­
  einzuschliessen  brauchen,  obwohl  thatsächlich  die  Anhänger ­
  des  einen  auch  meist  die  Vertreter  der  andern  gewesen
sind.  Wenigstens  ist  Letzteres  insoweit  der  Fall,  als  die  Kreise
        <pb n="207" />
        191

der  rechtgläubigen  Fortpflanzung  der  Malthus  -  Ricardoseben
Oekonomie  in  Frage  kommen.  Die  verkehrte  Gesinnung  bat
nun  aber  hauptsächlich  in  der  Feindschaft  gegen  den  Naturtrieb ­
  und  in  der  Zumuthung  bestanden,  die  natürliche  Sittlichkeit ­
  durch  den  Verzicht  auf  die  Ehe  zu  entwurzeln.  Die  Ehe
ist  zu  einem  Luxusbedürfniss  gemacht  worden,  dem  nur  insoweit ­
  nachzugeben  sei,  als  es  für  die  Bequemlichkeit  der  bestehenden ­
  Zustände  am  besten  passt.  Der  Proletarier,  der  nichts
als  seine  Proles  d.  h.  seine  Kinder  besitzt,  soll  kein  Recht
haben,  als  solcher  zu  existiren,  sondern  die  Arbeiterschaft  soll
sich  mehr  und  mehr  selbst  decimiren.  Allerdings  wird  auch
in  dieser  Richtung  eine  Verbesserung  in  Aussicht  gestellt  und
die  Ehe  als  im  Wege  der  Reducirungen  ausführbar  angesehen.
Wir  haben  indessen  schon  oben  daran  erinnert,  dass  diese  Seite
der  Sache  für  einen  Malthus  die  geringste  Anziehungskraft
hatte.  Es  bleibt  also  wesentlich  bei  der  Grundvorstellung,
dass  die  geordnete  Art  der  menschlichen  Existenz  in  der  Gestalt ­
  der  Familie  als  eine  Einrichtung  betrachtet  wird,  die  den
Rücksichten  auf  die  vermeintlich  unübersteiglichen  Schwierigkeiten ­
  der  vorhandenen  Missverhältnisse  zu  opfern  sei.
Die  Verherrlichung  dieser  Missverhältnisse  als  solcher
Thatsachen,  an  denen  der  Mensch  nicht  rühren  könne,  sondern
in  die  er  sich  ergeben  müsse,  —  diese  Glorification  ist  es,
was  bei  näherer  Betrachtung  der  politisch  socialen  Beziehungen
die  Ansichten  eines  Malthus  noch  um  den  letzten  Rest  von
Achtung  bringen  muss.  Den  höheren  Schichten  der  Gesellschaft ­
  wurde  durch  diese  Eegitimisirung  der  socialen  Uebel
unter  der  Maske  der  Naturgesetze  oder  vielmehr  Herrgottsgesetze ­
  ein  schlechter  Dienst  geleistet.  Dennoch  müssen  wir,
nachdem  wir  mit  der  individuellen  Physionomie  der  Sache  uns
hinreichend  beschäftigt  haben,  auch  noch  daran  erinnern,  dass
die  Zeitumstände  den  Malthusschen  Ideen  bei  deren  Einführung
in  das  Englische  Publicum  äusserst  günstig  waren.  Die  Reaction ­
  stand  an  der  Wende  des  Jahrhunderts  in  voller  Biüthe.
Die  Ressentiments  gegen  die  Französische  Revolution  und  deren
Folgen  unterstützten  ein  Regierungssystem,  welches  selbst  durch
den  auswärtigen  Gang  der  Dinge  erzeugt  war.  Auf  diesem
Boden,  auf  welchem  die  ungefährdete  Ansichtsäusserung  ein
Monopol  der  Anhänger  des  herrschenden  Regime  wurde,  war
natürlich  die  Ernte  um  so  leichter,  je  mehr  die  Auslassungen
        <pb n="208" />
        —  192  —

das  Gepräge  des  Conservatismus,  wenn  auch  nur  indirect,  %ur
Schau  trugen.  Dies  war  aber  mit  dem  Malthusschcn  Buch  der
Fall,  welches  den  gesellschaftlich  herrschenden  Elementen  ein
gutes  Gewissen  zu  machen  und  ihnen  eine  Art  priestcrlichcr
Absolution  zu  ertheilen  bestimmt  war.  Die  Verantwortlichkeit
der  Missstände  wurde  auf  die  niedcrn  Classen  gewälzt,  die  am
allerwenigsten  im  Stande  waren,  durch  das  vereinzelte  Privatverhalten
  ihrer  Glieder  irgend  etwas  zu  ändern.  Irn  Hinterhalte ­
  aller  Beschönigungen  barg  sich  aber  eine  der  widerwärtigsten ­
  Gestaltungen  der  theologischen  Anschauungsweise,  die
durch  das  jesuitische  Reden  von  der  Natur  und  den  Naturgesetzen ­
  nur  für  den  Nichtkenner  der  Zweideutigkeit  der  rationellen ­
  Aussenscite  ein  wenig  verschleiert  werden  konnte.
C.  Es  müsste  überraschen,  dass  ein  so  dürftiger  Gegenstand, ­
  wie  die  Malthusschc  Bcvölkerungsidcc,  das  Interesse  so
stark  in  Anspruch  genommen  hat,  wenn  nicht  die  Unbestimmtheit ­
  des  ursprünglichen  Gedankens  in  rein  theoretischer  Beziehung ­
  für  Missverständnisse  einen  so  grossen  Spielraum  gelassen ­
  hätte.  Das  angebliche  Gesetz  bezog  sich  auf  das  Verhältniss
  der  Menschenzahl  und  der  Nahrungsmenge.  Es  trennte
beide  Weiten  als  zwei  Gebiete,  deren  jedes  seine  besondern,  von
dem  andern  unabhängigen  Eigenschaften  und  Entwicklungsijormon
  hätte.  Auf  der  einen  Seite  stand  die  Natur  oder  der
Grund  und  Boden  mit  einer  isolirt  gedachten  productiven  Kraft;
auf  der  andern  befand  sich  der  Mensch  mit  seiner  ebenfalls

isolirt  gedachten  Vermehrungstendenz.  Man  sieht  aus  diesem
Gegensatz,  dass  ein  Malthus  noch  nicht  einmal  ernstlich  von
der  Smithschen  Volkswirthschaftslehre  ausging,  sondern  in  den
gröberen  Vorstellungen  verblieb,  welche  an  die  Bodenfruchtbarkeit, ­
  nicht  aber  an  die  Arbeit  als  die  entscheidende  Quelle
der  Reichthümer  und  der  Existenzmöglichkeiten  denken.  In
der  That  findet  man  auch  bei  näherer  Prüfung  der  rein  nationalökonomischen ­
  Vorstellungen  des  Bevölkerungstheoretikers,  dass
der  letztere  sehr  weit  davon  entfernt  geblieben  ist,  die  Volkswirthschaftslehre
  Adam  Smiths  zu  verstehen.  Freilich  sind
seine  rein  wirthschaftlichen  Ideen  auch  nicht  zur  Physiokratie
zu  rechnen;  denn  die  blosse  nichts  weiter  als  ein  populäres
Vorurtheil  vertretende  Meinung,  dass  der  Bestand  an  fruchtbarem ­
  Boden  die  in  erster  Linie  entscheidende  Thatsacho  sei,
kann  noch  nicht  darauf  Anspruch  machen^l^,,  physiokratischo
        <pb n="209" />
        193

Wissenschaft  zu  gelten.  Es  bleibt  uns  daher  nichts  übrig,  als
die  einfache  Thatsache  auszusprechen,  dass  Malthus  von  vornherein ­
  nur  sehr  untergeordneten  und  rohen  Anschauungen  folgte
und  ofíbnbar  vorsilumt  hatte,  sich  hinlänglich  mit  dem  Geiste
und  der  Denkweise  der  Smithschen  Ockonomie  vertraut  zu
machen.  Hienach  kann  es  uns  denn  auch  nicht  Wunder  nehmen, ­
  dass  gegenw^ärtig,  wenn  man  von  den  verschulton  Gestalten ­
  der  Oekonomie  absieht,  die  lebensvollere  Entwicklung
der  Volkswirthsehaftlichen  Ideen  und  Thatsachen  bereits  in
einem  grossen  Umfang  zur  Beseitigung  des  theoretischen  Malthusianismus ­
  geführt  hat.  Wo  derselbe  jedoch  bei  einer  unbefangenen, ­
  nicht  blos  von  der  Rücksicht  auf  die  Erhaltung  der
Schulmonopolo  geleiteten  Auffassung  einen  Anschein  von  Wahrheit ­
  bieten  mag,  liegt  regelmässig  die  Verwechselung  des  Malthusschen
  Princips  mit  solchen  Einsichten  zu  Grunde,  die  mit
dem  crstcron  nur  eine  äusserliche  Aehnlichkeit  gemein  haben.
Der  allgemeine  Satz,  dass  die  Lebensbedingungen  auch  die
Lebensentwicklung  bestimmen,  und  dass,  ausser  der  Hervorbringung
  der  Existenzbedingungen  durch  die  Bevölkerung  selbst,
auch  noch  eine  Rückwirkung  der  Zustände  auf  die  Veränderungen ­
  der  Bevölkerungszahl  statthabe,  ist  nicht  im  Entferntesten ­
  ein  Ausdruck  dos  Malthusschen  sogenannten  Gesetzes,
sondern  das  Gegcntheil  desselben.  Ursächliche  Beziehungen
zwischen  Bevölkerungsmenge  und  Existenzmöglichkeit  ergeben
bestimmte  socialwirthschaftliche  Gesetze,  in  denen  die  Zusammengehörigkeit ­
  der  beiden  Seiten  des  Verhältnisses  anerkannt
wird,  die  aber  nur  dem  flüchtigen  Betrachter  als  Begriffe  erscheinen ­
  werden,  die  mit  dem  Malthusschen  vermeintlichen
Gesetze  auch  nur  zum  Theil  zusammenffelen.

Zweites  Capitel.
Ricardo  und  die  Vorstellungen  von  der  Bodenrente.
Malthus  hatte  die  roheren  Ideen  über  die  Rolle  der  Bodenfruchtbarkeit ­
  bereits  in  einer  Weise  vertreten,  deren  Anerkennung ­
  diirauf  deutete,  dass  man  in  dieser  Richtung  der  Reaction
gegen  das  Ilauptprincip  Adam  Smiths  noch  mehr  gewärtigen
nuissto.  Auch  ist  es  eine  der  natürlichsten  Erscheinungen,  dass
die  älteren  Vorurtheile  auch  nach  der  umfassenden  Eormulirung
Duliriiig,  Ocbcliiclile  der  ísiUioualOkoiioiuie.  Auílnge.  13
        <pb n="210" />
        194:

einer  neuen  AuíFassungsart  wieder  auftauchen  und  sich  mit
einem  Theil  der  bessern  Errungenschaften,  so  gut  es  gehen
will,  auszugleichen  und  zu  verschmelzen  suchen.  Auf  diese
Weise  sind  alle  wissenschaftlichen  Reactionen  geartet,  als  deren
Urbild  das  Verhalten  Tychos  zu  dem  Copernicanischen  System
betrachtet  werden  könnte,  wenn  diese  Vergleichung  nicht  für
manche  Wissensgebiete  zu  hoch  gegritfen  wilre.  In  unsorm  hcsondern
  Fall  konnten  die  Rückschritte  um  so  weniger  überraschen, ­
  als  das  Smithsche  Werk  selbst  noch  viele  Bestandtheile
  barg,  die  mit  seinem  treibenden  Grundgedanken  unausgeglichen ­
  geblieben  waren.  Ein  gewisses  Maass  von  Scharfsinn ­
  konnte  daher  in  Folge  einer  blossen  Studie  an  der  Arbeit
des  überaus  sorgfältigen  Schotten  sehr  wohl  dahin  führen,  durch
blosse  Uebertreibungen  vereinzelter  Nebengedanken  anscheinend ­
  erhebliche  Umgestaltungen  darzubicten.  Uicser  Schein
ist  der  Ricardoschen  llauptschrift  zu  statten  gekommen,  und
man  hat  in  Folge  dessen  den  entscheidenden  Umstand  übersehen, ­
  dass  dieselbe  in  der  That  nur  eine  höhere  Art  von  Studio
an  dem  Smithschen  Völkerroichthum  repräsentirt.  Die  renommirtestc
  Theorie,  welche  sie  enthält,  ist  diejenige  von  einer
auf  die  Fruchtbarkeitsunterschiedo  zurückzuführenden  Bodenrente ­
  oder,  wie  man  im  Sinne  des  Urhebers  hinzufügen  muss,
von  einem  derartig  beschaffenen  Bestand  theil  der  Einkünfte
des  Grundeigenthümers.  Diese  Rentenlehre  ist  nun  ganz  und
gar  auf  die  Meinung  gegründet,  dass  die  Differenzen  der  Fruchtbarkeit ­
  die  entscheidenden  Ursachen  des  wichtigsten  Bestandtheils
  des  Einkommens  vom  Grund  und  Boden  seien.  Es  ist
also  nicht  der  absolute  Reichthum  des  Bodens  an  Pflanzennährstoffen,
  sondern  nur  die  relative  natürliche  Ergiebigkeit
zum  Ausgangspunkt  der  Ideen  gemacht  worden.  Dies  muss
man  schon  als  einen  günstigen  Umstand  ansehon,  da  das  gewöhnliche, ­
  ganz  naheliegende  Urtheil  über  die  Sache  von  vornherein ­
  die  absolute  Fruchtbarkeit  ins  Auge  fasst  und  hieran
unwillkürlich  die  falschen  Schlüsse  knüpft.  Dennoch  darf  aber
auch  der  Ricardoschen  Ansicht  gegenüber  nicht  vci’gosscn  worden,
dass  die  üeberschätzung  der  Folgen,  welche  die  natürliche  Fruchtbarkeit ­
  für  die  Gestaltung  der  wirthschaftliclien  Verhältnisse
habe,  der  eigentliche  Grund  zu  dem  Fehlgriff  gewesen  ist.  In
dieser  Beziehung  findet  mithin  zwischen  Malthus  und  Ricardo
eine  Gemeinschaft  statt,  und  der  Unterschied  bestellt  nur  darin,
        <pb n="211" />
        18*

195

dass  (1er  erstero  ungleich  roher  verfahren  war  und  für  das
Smithsche  System  weit  weniger  Yerständniss  gezeigt  hatte.
In  der  Person  Ricardos  haben  wir  es  wenigstens  mit  einem
Verstände  zu  thun,  der  im  Hinblick  auf  das  von  Adam  Smith
Geleistete  zugespitzto  Gonsequenzen  gezogen  und  grade  durch
seine  Irrthümer  die  Schwierigkeiten  der  Vereinigung  widerstreitender
  Vorstellungen  fühlbar  gemacht  hat.  Letzteres  möchte
auch  jetzt  noch  das  Hauptergebniss  sein,  welches  in  systematischer ­
  Beziehung  aus  einer  Einlassung  mit  Ricardos  Arbeiten
erzielt  werden  kann.  Ein  sonderlich  anderer  Nutzen  erheblicher
Art  ist  nicht  abzusehen,  wenn  man  nicht  etwa  die  Schulung
durch  ein  gewisses  Maass  zergliedernden  Unterscheidungsvermögens ­
  zu  hoch  veranschlagen  will.
David  Ricardo  (1772—1823)  aus  London,  Sohn  eines  Holländischen ­
  Juden,  erhielt  eine  blos  kaufmännische  Schulbildung
und  folgte  dem  Beruf  seines  Vaters  an  der  Stockbörse.  Mit
dem  letzteren  zerfiel  er  durch  seinen  Uebertritt  zur  herrschenden ­
  Kirche.  Schon  im  14.  Jahr  war  er  zu  Börsengeschäften
gebraucht  worden,  und  es  gelang  ihm  nun  auch,  trotz  des  Zerwürfnisses ­
  mit  seinem  reichen  Vater,  selbständig  zu  einem
grossen  Vermögen  zu  gelangen.  Mit  dem  25.  Jahr  war  er
mit  einer  christlichen  Dame  verheirathet  und  bereits  im  Besitz
beträchtlicher  Einkünfte.  Von  seiner  Speculationslaufbahn  zur
Millionärschaft  ist  schon  früher  Erwähnung  geschehen.  Er
soll  ein  Vermögen  im  Wertho  von  mehr  als  Millionen
Thalern  hinterlassen  haben.  Denen,  die  ihn  fragten,  nach
Welchem  Priucip  man  zu  solchem  Reichthum  gelange,  soll  er
geantwortet  haben;  kaufet,  wenn  euch  angeboten  wird,  und  verkaufet, ­
  wenn  nachgefragt  wird.  Auf  wissenschaftliche  Nationalökonomie ­
  gerioth  er  1799,  also  27  Jahr  alt,  durch  ein  rein  zufälliges ­
  Bekannt  werden  mit  dem  Smithschen  Werk.  An  gelehrter
oder  gar  classischer  Bildung  fehlte  es  ihm  in  Folge  seiner
Erzicliung  gänzlich.  Indessen  hat  er  sich  später  durch  einige
naturwissenschaftliche  Liebhabereien  und,  wie  es  nach  den
Berichten  scheint,  auch  bisweilen  durch  Studien  dieser  Richtung
zu  fördern  gesucht.  Auch  mag  ihm  der  Mangel  der  gelehrten
Verschulung,  die  immer  erst  überwunden  sein  will,  mehr
genützt  haben,  als  ihm  die  gleichzeitige  Abwesenheit  der
bessern  Elemente  des  gelehrten  und  classischen  Unterrmhts
etwa  geschadet  hat.
        <pb n="212" />
        196

Er  begann  seine  Schriftstollerlaiif  bahn  erst  1810  und  zwar
mit  einer  Gelegenbeitsbroschüre  über  „den  hoben  Barrenpreis
als  Beweis  der  Entwertbung  der  Banknoten.”  Die  Erörterung
über  die  Gestaltung  der  Kornzölle  veranlasste  bei  mehreren
publicistischen  Schriftstellern  die  Hervorsuchung  älterer  und
bisher  weniger  beachteter  Anschauungen  über  die  Grundrente.
Nach  Malthus  und  zwar  in  demselben  Jahr  (1815)  ging  auch
Ricardo  auf  den  Gegenstand  ein.  Eine  uinfasseudcrc  Behandlung ­
  der  rein  theoretischen  Seite  erfolgte  jedoch  erst  in  der
Ricardoschen  Hauptschrift  „Heber  die  Principien  der  politischen
Oekonomie  und  der  Besteuerung”,  welche  1817  und  in  dritter
Auflage  1821  erschien.  Mau  begreift,  dass  unter  den  angegebenen ­
  Verhältnissen,  nachdem  die  Aufmerksamkeit  einmal
praktisch  auf  die  Sache  gelenkt  war,  die  neue  eingehende
Erörterung  ein  Interesse  haben  musste.  Hiezu  kam  noch,  dass
unser  Autor  die  Rententheorie  gegen  die  Einschränkungen  und
auch  ein  wenig  gegen  die  Grundbesitzer  dirigirte.  Malthus
hatte  in  ganz  entgegengesetztem  Sinne  geschlossen  und  sich
in  diesem  Punkt  als  specioller  Anwalt  dos  Landadels  bekundet,
was  übrigens  mit  seiner  früher  gekennzeichneten  Stellungnahme ­
  vollkommen  zusammenstimmte.  Ricardo  stand  seiner
allgemeinen  Denkweise  nach  auf  der  Seite  der  herrschenden
Classen  und  befand  sich  in  dieser  Beziehung  mit  Malthus  in
einem  und  demselben  Lager.  Allein  er  gehörte  speciell  dem
Handel,  d.  h.  einer  besondern  Abtheilung  jenes  Lagers  an  und
hatte  mithin  auch  den  Gegensatz  zu  vertreten,  der  die  bürgerlichen ­
  Classen  von  dem  Landadel  trennte.  Race  und  Berufsstand ­
  wiesen  ihn  auf  ein  gewisses  Maass  von  Opposition  hin,
und  so  entledigte  er  sich  einer  theoretischen  Aufgabe,  indem
er  zugleich  praktisch  die  Richtung  andeutete,  in  welcher  die
Consequenzen  der  Rentenlehre  den  Ansprüchen  des  Grundbesitzes ­
  entgegenständen.
Bald  nach  dem  Frieden  von  1815  hatte  sich  Ricardo  von
seinen  Berufsgeschäften  zurückgezogen.  Seit  1819  war  er  in
das  Unterhaus  gelangt.  Seine  parlamentarische  Thätigkeit  ist
jedoch  für  uns  ohne  Interesse,  ausser  etwa  dadurch,  dass  er
selbst  brieflich  eingestand,  durch  das  Hören  seiner  eignen
Stimme  im  Parlament  in  Verlegenheit  gesetzt  zu  werden  und
unfähig  zu  sein,  als  Redner  eine  Rolle  zu  spielen.  Seine  Gclegenheitsschrifteu
  aus  der  frühem  und  spätem  Zeit  sind  ihrem
        <pb n="213" />
        197

principiellen  Inhalt  nach  in  der  Hauptarbeit  vertreten,  übrigens
aber  auch  zusammen  mit  derselben  in  einem  Bande  „Werke
nebst  einer  biographischen  Notiz  von  Mac  Culloch  (London  1846)
herausgegeben  worden.  Nur  mag  noch  erwähnt  werden,  dass
er  die  Ansicht  hegte,  es  sei  die  Staatsschuld  ganz  und  gar  abzutragen ­
  und  überhaupt  die  sofortige  Besteuerung,  im  Umfang  des
ganzen  ausserordentlichen  Staatsbedarfs  für  Kriegszwecke  oder
andere  auf  einmal  viel  erfordernde  Aufgaben,  an  die  Stelle  der
öhentlichen  Schuldaiifnahme  zu  setzen.  Die  Geldleute  hätten
die  erforderlichen  Summen  selbst  zur  Verfügung,  und  die
Andern,  wie  z.  B.  auch  die  Industriellen,  könnten  ja  einen  Theil
ihres  Eigenthums  veräussern  oder  an  Stelle  des  vom  Anleihemarkt ­
  vertriebenen  Staats  als  Privatleute  die  grossen  Steuersummen ­
  von  den  Geldmännern  borgen.  Diese  sich  im  Rahmen
des  herrschenden  Systems  ungeheuerlich  ausnehmende  Idee,
welche  übrigens  auch  dem  Gedanken  einer  Uebertragung  der
Lasten  von  der  Gegenwart  auf  die  Zukunft  nur  eine  äusserst
beschränkte  Geltung  beimass,  war  zwar  nicht  neu,  konnte
aber  ernstlich  nur  von  Jemand  vertreten  werden,  der  trotz
aller  seiner  den  Augenblick  beherrschenden  Virtuosität  im
Privatgeschäft  dennoch  für  den  unvermeidlichen  Gang  der
modernen  Dinge  und  für  die  weitern  Entwicklungsstrecken  der
Wirthschaftsgeschichte  keinen  Blick  hatte.
Bemerkenswerth  ist,  dass  Ricardo  selbst  gelegentlich  den
Grundsatz  des  laisser  aller  durchbrach,  den  er  von  Adam  Smith
übernommen  hatte  und  sonst  nach  Möglichkeit  zur  Geltung
brachte.  In  seinem  hinterlassenen  „Plan  zur  Errichtung  einer
Nationalbank*’  will  er  wesentlich  nichts  Anderes,  als  dem  Staate
den  Gewinn  von  der  Ausgabe  einlösbaren  Zettelgeldes  zuwenden
und  schlägt  demgemäss  vor,  eine  besondere,  von  der  Ministerialregierung
  nicht  absetzbare,  nur  dem  Parlament  unmittelbar  verantwortliche ­
  Commission  zu  schaffen,  durch  deren  ausschliessliches ­
  Recht  zur  Versorgung  des  Landes  mit  jeder  Zeit  einlösbaren ­
  Noten  die  Functionen  der  Bank  von  England  für  das
Zottelgeschäft  erledigt  und  überhaupt  alle  Banken  auf  die
übrigen  Bankgeschäfte  beschränkt  werden  sollten.  Für  den
*  Fall  einer  solchen  Trennung  der  Zettelausgabo  durch  Uebertragung ­
  derselben  auf  ein  Staatsorgan  machte  er  sich  aber
andererseits  um  die  nicht  sehr  wahrscheinliche,  jedoch  von
einigen  Seiten  angedrohte  Selbstauflösung  der  Bank  von
        <pb n="214" />
        198

England  keine  Sorge.  Die  Mittel  derselben  würden  in  den
Händen  der  Privatinhaber  und  in  natürlicher  Gruppirung  mehr
leisten  und  besser  verwaltet  werden  als  unter  dem  dcrmaligoii
Centralinstitut.  Hier  haben  wir  also  beide  Seiten  einmal  vereinigt. ­
  Auf  der  einen  Seite  will  Ricardo  im  Interesse  der
Gesammthcit  ein  Zettelmonopol  des  Staats  errichtet  wissen;
auf  der  andern  Seite  hält  er  für  alle  übrigen  Bankgeschäfte  es
für  sehr  gleichgültig,  ob  eine  grosse  Centralbank  für  das  Land
durch  Staatsprivilegien  existiré,  oder  ob  sich  die  Capitalion  der
Privattheilhaber  dieser  Bank  in  anderer  Weise  den  Bankgeschäften ­
  zuwenden.  Er  veranschlagt  hiebei  das  ausserordentliche ­
  Eebergewicht,  welches  die  Privilegien  im  Lauf  der  Zeit
gcschaflbn  haben,  so  gut  wie  gar  nicht  und  schätzt  die  ganze
Wirkungsfähigkeit  scheinbar  nach  den  Capitalien,  falls  nicht
etwa  der  verschwiegene  Hintergedanke  zu  berücksichtigen  ist,
dass  die  durch  die  Privilegien  erwachsene  und  zur  Zeit  so  zu
sagen  Natur  und  Sitte  gewordene  Macht  in  anderer  Form  in
der  Breite  der  bankgeschäftlichen  Welt  wieder  auf  leben  und
nur  ihre  Inhaber  wechseln  werde.  Hiezu  kommt  noch,  dass
in  diesem  Plan  nur  von  einlösbaren  Zetteln  die  Rede  ist,
während  Ricardo  sonst  das  Princip  aufgestellt  hatte,  es  liesse  sich
bei  gehöriger  Beschränkung  der  Menge  ein  unoinlösbares,  also
recht  billiges  Umlaufsmittel  in  gleicher  Geltung  mit  dem  Metall
schaffen  und  erhalten,  Ueberhaupt  wird  mau  Ricardos  theoretisirendes
  Verhalten  in  den  verschiedensten  Richtungen  am
besten  begreifen,  wenn  man  die  sich  überall  bestätigende
Voraussetzung  fcsthält,  dass  er  vornehmlich  durch  die  Betrachtung ­
  von  dem  geleitet  wurde,  was  ihm  in  seiner  Geschäftserfahrung ­
  unmittelbar  eingeleuchtct,  und  wofür  er  eine  Ait
Instinct  oder  Tact  mit  Glück  geltend  gemacht  hatte.  Indem
er  die  von  dieser  Seite  her  zu  Gebote  stehenden  Vorstellungen
mit  den  Anregungen  des  Smithschen  Werks  combinirte  und
dem  Zuge  seiner  eignen  abstracten  Ideenfassung  folgte,  gelangte
er  zu  jenen  Erörterungen  und  Darstellungen,  in  denen  der
Mangel  einer  weiter  tragenden  und  wirklich  vollständigen
Consequenz  das  zunächst  am  meisten  Auffallende  ist.  Dieser
Contrast  der  verhältnissmässig  scharfen  Zuspitzung  des  Einzelnen ­
  und  Naheliegenden  mit  dem  Verzicht  auf  die  Berücksichtigung ­
  des  umfassenderen  Zusammenhangs  erklärt  sich  aus
dem  angedeuteten  Standpunkt  und  aus  dem  unwillkürlichen
        <pb n="215" />
        —  199  —
Bestreben,  die  Theorie  in  den  Rahmen  der  Anschauungen  des
Augenblicks  %u  fassen.  Ein  etwas  erweiterter  Horizont  würde
eine  Menge  von  Behauptungen  und  Ideen  um  gestaltet  und  einen
grossen  Theil  der  Ricardosohen  Schlussfolgerungen  unmöglich
gemacht  haben.  Jene  höhere  Art  von  Originalität,  die  mit
positiver  Schöpferkraft  verbunden  ist  und  nie  in  der  blossen
Zergliederung  bestehen  kann,  wmr  ihm  jedoch  nicht  einmal  im
Irrthum  eigen.  Dagegen  kann  ihm  die  Virtuosität  in  einer,
obwohl  in  der  Richtung  oft  absonderlichen  Analyse,  nicht  bestritten ­
  werden.
2.  Das  berühmteste  Beispiel  der  Bethätigung  der  eben  erwähnten ­
  Fähigkeit  ist  die  hauptsächlich  im  zweiten  Capitel  der
Hauptschrift  dargestcllte,  übrigens  aber  in  mannichfaltigcr  Weise
benutzte  Lehre  von  der  Ursache  der  Grundrente.  Diese  Doctrin
bezieht  sich  auf  einen  Begriff,  dessen  Gegenstand  unmittelbar
durch  keine  Statistik  und  überhaupt  durch  keine  Thatsachen
controlirt  werden  kann,  die  sich  aus  dem  Gebiet  der  unmittelbaren ­
  ökonomischen  Erfahrung  vorlegen  Hessen.  Es  ist  nämlich ­
  die  Grundrente,  von  der  Ricardo  handelt,  nicht  etwa  wesentlich ­
  mit  der  Pacht  oder  mit  dem  einerlei,  was  der  selbst  wirthschaftende
  Eigenthümer  an  Stelle  der  Pacht  bezieht.  Es  wird
vielmehr  ausdrücklich  erklärt,  dass  die  Rente  nur  einen  Theil
der  Einkünfte  bedeuten  solle,  die  man  im  gewöhnlichen  Sprachgebrauch ­
  unter  jenem  Wort  begreift.  Dm*  Gutsbesitzer  versteht
  unter  Ronto_A^  Einkünfte  von  "seihbn  Grundstücken;
Rícã^dcTâbor  will  unter  diesem  Namen  nur  einen  Bestandtheil
derselben  und  zwar  denjenigen  in  Betracht  ziehen,  der  meht
auf  das  im  Boden  steckende  Capital,  sondern  auf  das  zurüc  -
zuführen  sei,  was  an  dem  Grund  und  Boden  blosse  Natur  ist.
Hicnach  soll  die  Rente  im  engem  Ricardoschon  Sinne  etwas
sein,  was  für  die  „ursprünglichen  und  unzcrstörlichcn  Kräfte
dos  Bodens”  gezahlt  wird.  Es  musste  nun  nachzuweisen  versucht ­
  worden,  dass  der  Vorstellung  von  einem  solchen  Rentenbestandtheil
  auch  irgend  etwas  in  der  "W  irklichkeit  entspräche.
Dies  geschah,  indem  eine  Ursache  hingestellt  wurde,  vcimöge
deren  jener  Bestandtheil  erzeugt  sein  sollte.
Die  nähere  Erläuterung  dieser  Ursache  und  ihrer  Wirkungsart ­
  ist  der  Kern  der  Picaidoschen  Rentenansicht.  Sie  erfordert
um  BO  mehr  eine  genaue  Wiedergabe,  als  sie  bereits  der  blossen
Geschichte  angehört  und  in  den  gewöhnlichen  Lehrbüchern  nur
        <pb n="216" />
        noch  mit  Versetzungen  und  Abänderungen  vorkommt,  die  ihren
ursprünglichen  Charakter  verdecken  und  die  so  entstandenen
Misch-und  Missgebilde  derselben  vollends  unverständlich  machen.
Diese  üebergangserscheinungen  sind  im  Hinblick  auf  die  vollzogene ­
  Beseitigung  der  Ricardoschen  Ansicht  durch  eine  entschieden ­
  überlegene  Theorie  sehr  erklärlich.  Doch  geht  uns
diese  blosse  Schultaktik  hier  nicht  weiter  an,  und  wir  haben
nur  dafür  zu  sorgen,  dass  die  geschichtlich  in  Frage  stehende
Lehre  auch  wirklich  in  der  vollen  Eigcnthümlichkeit  erscheine,
die  sie  bei  ihrem  Urheber  gehabt,  und  durch  welche  sie  sich
vor  den  gewöhnlichen  Ideen  ausgezeichnet  hat.
Man  könnte  die  Ricardosche  Rente  als  diejenige  der  Frucht-^
  barkeitsunterschiede  oder  kurzweg  als  differentielles  Fruchtbarj
  keitseinkommen  bezeichnen.  Geht  man  nämlich  von  der  An-]
  nähme  aus,  es  würden  gleiche  Bewirthschaftungsmittel  auf  zwei
reine  Naturgrundstücke  gewendet,  und  es  sei  bei  dem  einen
die  Gunst  der  Natur  in  Rücksicht  auf  die  Unterstützung  der
naturalen  Ertragsmenge  grösser,  so  wird  der  Unterschied  der
Ergebnisse  eine  Bedeutung  für  die  Rente  der  Grundeigenthümer
  haben  müssen,  sobald  man  noch  weiter  voraussetzt,
dass  sie  auf  demselben  Markte  denselben  Preis  erzielen,^  Gesetzt, ­
  es  würde  durch  diesen  Preis  im  Falle  des  einen  Grundstücks ­
  nur  die  Anwendung  der  Bewirthschaftungsmittel  ermöglicht, ­
  d.  h.  nur  Capitalgewinn  erzielt,  so  würde  das  andere
;  Grundstück  ausser  diesem  Capitalgewinn  noch  eine  Mehreinnahme ­
  liefern,  und  dieser  Ueberschuss  allein  würde  die  eigent-;
  liehe  Rente  sein.
Die  eben  dargelegte  Gedankencombination  ist  der  Kern
der  Ricardoschen  Anschauungsweise.  Sie  besteht,  wie  man
sieht,  in  einer  Reihe  von  Voraussetzungen,  von  denen  eine  jede
die  Kritik  herausfordert.  Der  Schluss  aus  dem  fingirten  Gebilde ­
  könnte  an  sich  selbst  ebenso  richtig  sein,  wie  jede  streng
logische  Verbindung  von  abstracten  oder  gar  imaginären  Begriffen. ­
  Es  würde  aber  hieraus  noch  nicht  im  Mindesten  folgen,
dass  jene  Renten  Vorstellung  selbst  eine  thatsächliche  Wirklichkeit ­
  ropräsentirte.  Sobald  man  alle  Voraussetzungen  zugesteht,
wird  man  sich  einem  rein  logischen  Schluss  aus  denselben
sicherlich  nicht  entziehen  können.  Allein  die  Ricardosche  Anordnung ­
  dieser  Voraussetzungen  ist  von  solcher  Art,  dass  ihnen
        <pb n="217" />
        —  201

im  Bereich  der  Tliatsachen  der  allgemeine  Hergang  nicht  zu
entsprechen  vermag.
Die  nächste  Idee,  die  in  Frage  kommt,  ist  die  Annahme
reiner  Naturgrundstücke.  Hm  den  Oonseqnenzen  dieser  Voraussetzung ­
  für  die  Wirthschaftsgestaltung  gehörig  folgen  zu
können,  musste  auf  die  Urzustände  zurückgegrilfen  werden,  und
es  begreift  sich  hienach  leicht,  dass  Ricardo  den  Gang  dei
Bodenoultur  ins  Auge  fasste.  Er  construirte  sich  denselben
nach  den  gewöhnlichsten  und  am  nächsten  liegenden  Vorstellungsarten.
  Bei  dem  ursprünglichen  Ueberfluss  an  Ackerland ­
  habe  man  selbstverständlich  den  fruchtbarsten  Boden  in
Anbau  genommen  und  es  sei  eine  Rente  nicht  möglich  gewesen,
  da  die  Naturhülfe  in  Gestalt  des  Ackerlandes  in  grösser
Fülle  zur  Verfügung  gestanden  hätte.  Für  die  „ursprünglichen
und  unzerstörlichen  Kräfte  dos  Bodens"  konnte  nichts  verlangt
werden,  da  sie  einem  Jeden  zugänglich  waren.  Allem  mit  der
wachsenden  Bevölkerung  sei  die  Nothwendigkeit  ein  getreten,
auch  Boden  von  einer  geringeren  Fruchtbarkeit  anzubauen.
Auch  aus  diesem  weniger  ergiebigen  Boden  zweiter  Classe  hätte
sich  die  Bewirthschaftung  lohnen  und  der  Gewinn  von  den  angewendeten
  Capitalien  gedeckt  finden  müssen.  Die  Eigenthümer
  seien  also  nun  durch  die  erhöhten  Preise,  durch  welche
die  Bewirthschaftung  des  ungünstigeren  Bodens  möglich  geworden,
  zu  einem  Uoberschuss  gelangt.  Obwohl  nur  Au^
Wendung  derselben  Productionskosten  genöthigt,  seien  sie  durch
die  grössere  natürliche  Ergiebigkeit  begünstigt  gewesen.  Die
so  erzeugte  Differenz  sei  die  eigentliche  Rente  geworden  und
erst  mit  dem  gekennzeichneten  Schritt  im  Gange  der  Bodencultur
  entstanden.  Diese  Rente  sei  mithin  keine  Ursache,  sondern ­
  eine  Wirkung  des  Steigens  der  Getraidepreise.
Man  bemerke  in  dem  Verlauf  dieser  Schlussart  den  Umstand, ­
  dass  die  Malthussche  Anschauung  vom  Drängen  der  Bevölkerung ­
  auf  die  Nahrungsmittel  und  von  der  immer  grösser
werdenden  Schwierigkeit  der  Cerealienbeschafifung  zu  Grunde
liegt.  Man  muss  seine  Zuflucht  zu  immer  schlechterem  Boden
nehmen  und  die  verschiedenen  Classen  desselben  durchlaufen.
So  entstehen  immer  neue  Diflferenzen  für  die  Eigenthümei  der
besseren  Bodensorten.  Nur  das  zuletzt  in  Cultur  genommene
Ackerland  ergiebt  keine  Rente,  während  das  zuerst  angebaute
die  grösste  liefert.  Dazwischen  liegt  eine  Stufenleiter  von
        <pb n="218" />
        202

Renten,  die  immer  grösser  werden.  Die  Eigenthümer  des
Bodens  erster  Classe  sehen  ihre  Rente  ohne  ihr  Zuthim  stets
in  dem  Maasse  vermehrt,  in  welchem  sich  die  Bevölkerung  auf
immer  ungünstigere  Naturchancen  der  NahrungsheschalFung  angewiesen ­
  findet.  Ebenso  verhält  es  sich  mit  allen  andern  Grundeigenthümern,
  nur  mit  dem  Unterschiede,  dass  sie  ihre  Renten
geschichtlich  erst  später  datiren  dürfen,  und  dass  sie  oder  vielmehr ­
  ihre  Vorgänger  noch  nicht  gleichviole  Zusätze  der  Rente
zu  registriron  gehabt  haben.  Der  letzte  Mann  ist  in  dieser
Abfolge  der  am  wenigsten  begünstigte;  denn  seine  Rente  ist  Null,
und  er  befindet  sich  in  dieser  Beziehung  heute  in  derselben
Lage,  als  wie  am  ersten  Tage  dieser  Rentenschöpfung  der  erste
Mann,  Der  Ricardosche  Rentenmythus  ist,  wie  man  sieht,  eine
Dichtung,  die  uns  aus  dem  Paradiese  der  Bodenfruchtbarkeit
nicht  mit  einem  Male,  sondern  fort  und  fort  vertreibt  und  getreu ­
  den  Iraditionen  ihres  Dichters  die  Menschheit  mit  einem
ewigen,  immer  drückender  werdenden  Eluch  belastet.
3.  Kehren  wir  jcdocJi  von  dem  allgemeinen  Charakter  der
zu  Grunde  liegenden  Ideen  zu  den  besondern  Gestaltungen
zurück,  die  in  die  Gegenwart  gehörten,  und  für  welche  Ricardo
einzig  und  allein  einen  gewissen  Blick  hatte.  Auf  diese  Weise
können  wir  jene  Constructionen  unbehelligt  lassen,  die  sichtbar
genug  nur  die  ücbersetzung  von  naheliegenden  Reflexionen  in
geschichtliche  1  hantasien  gewesen  sind.  Die  Existenz  von
Eruchtbarkeitsunterschieden,  wie  sie  uns  in  der  Gegenwart  vorliegt ­
  und  zu  jederzeit  vorhanden  ist,  muss  ihre  ökonomischen
Eolgen  haben.  Die  Erago  ist  nur  die,  worin  diese  Eolgen  bestehen, ­
  und  ob  dieselben  zu  irgend  etwas  führen,  was  auch  nur
einen  Theil  der  Ricardoschen  Vorstellung  von  einer  besondern
Rente  zu  unterstützen  vermag.
Die  verschiedene  Ergiebigkeit,  die  auf  der  Gunst  der  Naturverhältnisse ­
  beruht,  wird  unter  übrigens  gleichen  Umständen
ehi  Vortheil  für  alle  diejenigen  sein,  welche  ihre  Kräfte  in
dieser  lohnenderen  Richtung  anwenden  können.  Allein  es  sind
erstens  die  übrigen  Umstände,  die  als  gleich  vorausgesetzt  worden, ­
  thatsächlich  so  abweichend  gestaltet  und  ausserdem  so
sein  in  eister  Einie  entscheidend,  dass  man  sie  in  einem  wahren
System  an  die  Spitze  zu  stellen  und  die  von  Natur  vorhandene
h  1  uchtbdikeit  höchstens  in  zweiter  Linie  zu  berücksichtigen
hat.  Zweitens  würde  aber  auch  ein  Vortheil,  der  etwa  aus  den
        <pb n="219" />
        —  203  —

FruchtbarkeitsdifFerenzeii  hervorginge,  noch  nicht  einmal  ausschliesslich ­
  die  Grundrente  im  gewöhnlichen  Sinne  des  Worts,
sondern  auch  den  Arbeitslohn  afficiren  müssen.  Bei  Ricaido
liegt  jedoch  immer  die  verfehlte  Idee  zu  Grunde,  dass  der
Arbeitslohn  etwas  wesentlich  Constantes  sein  müsse.  Bine  einseitige ­
  Ausbildung  der  Smithschen  Idee,  dass  die  Arbeit  der
Grund  der  Tauschwerthe  sei,  hatte  den  Autor  der  neuen  Studie
veranlasst,  mit  der  Arbeit  in  ihrer  natürlichen,  vom  Lohnsatz
unabhängigen  Gestalt,  denken  und  gleichsam  rechnen  zu  wollen,
was  zu  den  grössten  Verworrenheiten  und  Widersprüchen  führen ­
  musste.  Eine  weitere  Einlassung  auf  diese  besondern  Grundlagen ­
  der  Ricardoschen  Vorstellungen  würde  jedoch  vergeblich
sein,  da  es  unmöglich  ist,  einen  aus  lauter  widersprechenden
Bestandtheilen  zusammengesetzten  und  meist  mit  Fictionen
operirenden  Gedankenkreis  an  irgend  einem  vereinzelten  Punkt
durchgreifend  kritisiren  zu  wollen.  Dies  Messe  eine  Consoquenz
  voraussetzen,  die  nicht  vorhanden  ist,  und  auch  Angesichts ­
  der  Ricardoschen  Ausgangspunkte  und  der  zugehörigen
Denkweise  nicht  vorhanden  sein  konnte.
In  allen  Arten  von  Einkünften,  kann  sich  und  muss  sich
sogar  unter  bestimmten  Umständen  ein  Bestandtheil  finden,  der
sichtbar  genug  keinen  andern  Charakter  als  den  einer  Besteuerung ­
  oder  vielmehr  eines  Tributs  hat,  vermöge  dessen  gewisse
Gesellschaftsgruppen  und  Gesellschaftsglieder  andern  Gruppen
und  Gliedern  etwas  leisten  müssen,  wofür  eine  productive  Gegenleistung ­
  nicht  nachgewiesen  werden  kann.  Eines  der  bekanntesten ­
  Beispiele  dieser  Gattung  ist  der  Vortheil,  der  von
den  Eigenthümern  solchen  Grund  und  Bodens  gezogen  wird,
der  sich  durch  die  Bevölkerungsfrequenz  oder  irgend  eine  andere ­
  Verkchrsursache  in  theure  Baustellen  verwa,ndelt.  Hier
fällt  dem  Eigenthümer  ein  Vermögen  in  den  Schooss  und
wächst  ihm  eine  Rente  zu,  die  er  ganz  und  gar  seiner  Verbmdung
  mit  der  Gesellschaft  verdankt,  und  zu  deren  Hervorbringung ­
  er  höchstens  indirect  und  zufälligerweise  ein  klein  wenig
beigetragen  haben  könnte.  Dies  sind  die  Werth-  und  Einkünfteerhöhungen
  aus  socialen  Positionsvortheilen.  Sie  haben
mit  den  sogenannten  „natürlichen  und  unzerstörlichen  Kräften
des  Bodens”  nichts  ökonomisch  Wesentliches  zu  schaffen.  Ihre
ganze  Bedeutung  beruht  auf  dem  Verhältniss  zu  den  umgebenden ­
  Capitalschöpfungen.  Denkt  man  an  das  Ackerland  und
        <pb n="220" />
        204

dessen  Werthsteigerung,  so  ist  zwar  irgend  ein  Grad  natürlicher ­
  Ergiebigkeit  die  unerlässliche  Vorbedingung,  aber  keineswegs ­
  die  bestimmende  und  maassgebende  Ursache  der  Einkünftegrössen. ­
  Die  Bevölkerung  und  der  gewachsene  Verkehr  entscheiden ­
  hier  Alles,  weil  sie  es  sind,  welche  die  gesellschaftlichen ­
  Tribute  zahlen  müssen.  Es  kann  hienach  keine  Redo
davon  sein,  die  Ricardosche  Ansicht  von  der  Rente  etwa  deswegen ­
  zu  verwerfen,  weil  sie  einen  Einkünftebcstandthoil  voraussetzt, ­
  der  nicht  durch  wirthschaftlicho  Tbätigkcit,  sondern
durch  die  Macht  der  Verhältnisse  erzeugt  wird.  Im  Gegcntheil
hat  diese  Rentenansicht  die  Ursache  eines  zweiten  Elements
der  Grundeinkünfte  sowenig  in  den  eigentlich  socialen  Beziehungen ­
  gesucht,  dass  man  ihr  den  Vorwurf  machen  muss,
grade  in  derjenigen  Richtung  fehlgcgriffen  zu  haben,  wo  die
Erklärung  der  Erscheinungen  das  gesellschaftliche  Gebiet  verliess
  und  die  blosse  Naturbeschaifenheit  zur  Hauptgrundlago
machte.  Allerdings  sollen  es  nicht  die  Fruchtbarkeitsgrado  an
sich  selbst,  sondern  nur  deren  Differenzen  sein,  die  entscheidend ­
  werden.  Die  grösste  absolute  Fruchtbarkeit  soll,  wenn
sie  gleichmässig  vorhanden  ist,  zu  keiner  eigentlichen  Rente
führen.  Indessen  bleibt  doch  auch  diese  Vorstelluiigsart  noch
immer  in  der  Meinung  befangen,  als  wenn  irgend  etwas  Wesentliches ­
  in  der  Gestaltung  der  wirklichen  Rente  auf  Rechnung ­
  der  bunten  Fruchtbarkeitsvariationen  zu  setzen  wäre.
Ausserdem  wäre  die  Fassung  des  Gedankens,  auch  wenn  er
übrigens  richtig  sein  könnte,  noch  immer  darin  verfehlt,  dass
angenommen  wird,  es  werde  etwas  direct  für  jene  unterschiedlichen ­
  Eigenschaften  des  Bodens  nach  Maassgabe  der  Grösse
derselben  gezahlt.  Die  neuere  exacte  Vorstellung,  wie  sie  in
meinem  „Cursus”  ausführlich  dargelegt  ist,  hat  diese  rohe  Denkform ­
  verwerfen  und  sich  unmittelbar  an  die  Verwerthung  der
Macht  halten  müssen,  welche  das  auf  die  sociale  Position  gerichtete ­
  Recht  in  dem  gesellschaftlichen  Verkehr  mit  sich
bringt.  Die  sogenannten  natürlichen  und  unzerstörlichen  Eigenschaften ­
  sind  bei  diesen  Veranschlagungen  nur  ein  vereinzelter
Gesichtspunkt  und  kommen  nur  als  indirecte  Ursachen  zweiter
oder  dritter  Ordnung  in  Frage.  Die  Fruchtbarkeitsunterschiede
begründen  selbstverständlich  auch  Verschiedenheiten  in  den
Chancen  der  Anwendung  von  Arbeit  und  Capital.  Allein  diese
Trivialität  ist  weit  davon  entfernt,  die  besondere  Gestalt  der
        <pb n="221" />
        205

Ricardoschon  Rente  zu  ergeben.  In  den  Chancen  bestehen  bei
ieder  wirthschaftlichen  Thätigkeit  Differenzen,  von  denen  sich
ein  Theil  rein  auf  die  Gunst  oder  Ungunst  der  Natur  zurückfahren ­
  lasst.  Diese  vorhältnissmassige  Ungunst  könnte  man  in
allen  möglichen  Fallen  so  behandeln,  wie  es  Ricardo  im  1  all  der
geringer  werdenden  Fruchtbarkeit  gethan  hat.  Es  giebt  keine
Industrie,  welche  nicht  durch  Natur  Voraussetzungen,  die  keineswegs ­
  im  Boden  zu  liegen  brauchen,  mehr  oder  minder  beo-ünstigt
  gedacht  werden  muss.  Der  Mensch  mit  seinen  remen
Natureigenschaften  und  mit  seiner  relativen  klimatischen  h  esselung
  ist  OB  durchaus  nicht  allein,  was  man  hier  vorzugsweise
zu  berücksichtigen  haben  würde.  Die  meteorologischen  Bedingungen ­
  des  Erfolges  wirthschaftlicher  Thätigkciten  haben  auch
ihre  Differenzen,  und  wenn  man  einmal  Gewicht  auf  die  btufenleiter
  der  Unterschiede  legen  will,  so  wird  man  in  keiner  Richtung
um  die  entsprechenden  Thatsachen  in  Verlegenheit  gerathen.
4.  In  Festhaltung  des  wirklich  Geschichtlichen  haben  wir
die  Rente  der  Fruchtbarkeitsunterschiede  als  die  eigenthümlich
Ricardosche  gekennzeichnet.  Es  muss  hinzugefügt  werden,  dass
die  Vortheile  der  Lage”  zur  gelegentlichen  Erwähnung  kommenl
  aber  in  der  Gestaltung  der  Theorie  ganz  und  gar  zurücktreten.
  Die  Entfernungsunterschiede  in  Rücksicht  auf  irgend
welche  Knotenpunkte  des  Verkehrs  sind  allerdings  von  \iel
o-rösserer  Wichtigkeit,  als  die  Fruchtbarkeitsdifíerenzen;  aber
grade  bei  ihnen  zeigt  sich  die  Hinfälligkeit  derRicardoschen
Rententheorie  am  deutlichsten.  Auf  demselben  Centralmaikt
wird  für  das  nahe  und  ferne  Getraide  derselbe  Preis  gezahlt.
Der  entferntere  Landwirth  muss  sich,  wenn  man  alle  übrigen
Umstände  als  gleich  voraussotzt,  für  Rechnung  der  Transportkosten
  einen  grossem  Abzug  gefallen  lassen.  Dieser  Unistand
kann  aber  nicht  so  ausgolegt  werden,  als  wenn  der  nahe  Landwirth
  diesen  Abzug  ohne  Gegenleistung  gewönne.  Der  Versorgungsrayon
  dehnt  sich,  abgesehen  von  Transporterleichterungen,
  in  dem  Maasse  aus,  als  die  nahe  intensive  Gultur  bereits ­
  gesteigert  worden  ist.  In  diesem  Falle  wird  aber  die  wirkliche
  Rente  sichtbar  genug  das  Gepräge  des  Capitalgewinns
erhalten  haben,  und  es  kann  von  der  Ricardoschon  Schlussweise
  nicht  mehr  die  Rede  sein.  Dieses  unrichtige  Schliossen
besteht  nämlich  in  der  Ziehung  der  Differenz  ohne  gehörige
Rücksicht  auf  den  Umstand,  dass  in  der  Nähe  und  in  der  Ferne
        <pb n="222" />
        206

ganz  und  gar  nicht  die  gleichen  Wirthschaftsmittel,  Arheitsund
  Capitalaufwendungen,  zu  Grunde  liegen.
Hiemit  sind  wir  aber  bei  einem  Punkt  angelangt,  der  in
der  Ricardoschen  Ansicht  der  befremdlichste  ist  und  am  allerehesten
  hätte  dahin  führen  sollen,  die  Irrthümer  dieser  Theorie
zu  erkennen.  Dasselbe,  was  durch  die  Ausdehnung  der  Ackercultur
  auf  schlechteren  Boden  bewirkt  werde,  soll  auch  cintreten,
  wenn  statt  dessen  der  ursprünglich  fruchtbarste  Boden
mit  Aufwendung  von  mehr  Capital  in  verhältnissmässig  weniger
ergiebiger  Weise  ausgenutzt  wird.  Die  Hinzufügung  neuer
Wirthschaftsmittel  soll  nicht  soviel  liefern  als  die  alten  Mittel
von  gleichem  Umfang.  Der  neue  Zusatz  von  Arbeit  und  Capital
wird  als  unergiebiger  vorausgesetzt,  als  die  vorangehende  Capitalzuführung.
  Die  Verlegenheit  und  das  Drängen  der  Bevölkerung ­
  gelten  auch  hier  als  die  eigentlich  treibende  Ursache.  Im
Sinne  Ricardos  würde  man  sicherlich  kein  Capital  ungünstiger
als  früher  an  wenden,  wenn  nicht  die  Verhältnisse  in  diese  Verwendungsrichtung ­
  trieben.  In  diesem  neuen  Stadium  zeigt  es
sich  nun  aber,  wie  das  zuletzt  angebrachte  Capital  dieselbe
Rolle  spielt,  welche  sonst  dem  auf  dem  schlechtesten  Boden
wirksamen  Capital  zugetheilt  wurde.  Fasst  man  beide  Gesichtspunkte ­
  zusammen,  so  wird  aller  Boden  für  den  Anbau  ungünstiger. ­
  Der  neue  Boden  ist  der  unfruchtbarste,  weil  es  ihm
an  Pflanzennährstoffen  fehlt;  der  alte  Boden  wird  als  mit  Capital
soweit  gesättigt  angesehen,  dass  ein  neuer  Zusatz  von  Wirthschaftsmitteln
  nur  noch  eine  verhältnissmässig  schwächere  Vermehrung ­
  des  Ertrages  ergeben  könne.  In  diesem  letzteren  Fall
soll  für  den  Eigenthümer  ebenfalls  eine  Rente  entstehen,  die
sonst  noch  gar  nicht  vorhanden  war.  Da  es  nach  Ricardos
Meinung  nicht  zweierlei  Gewinnsätze  vom  Capital  geben  kann,
so  muss  das  zuerst  aufgewendete  Capital  jetzt  eigentliche  Rente
übrig  lassen,  und  der  Grundherr  soll  im  Stande  sein,  sich  diesen
Uebcrschuss  in  Gestalt  eines  Thcils  der  Pacht  zu  sichern.  Die
Ungunst  in  der  Verwendung  der  Mittel  ist  hier  wiederum  der
Grund  der  Entstehung  des  eigenthümlichen  Rentenbestandtlieils.
Die  Fruchtbarkeit  in  ihrem  natürlichen  und  unzweideutigen
Begriff  tritt  ein  wenig  zurück  und  macht  einer  solchen  Vorstellung ­
  von  der  Ergiebigkeit  Platz,  wie  sie  sehr  leicht  zn
Täuschungen  führen  kann.  Ricardo  selbst  hat  offenbar  nichts
weiter  als  die  Annahme  im  Auge  gehabt,  dass  vermöge  der
        <pb n="223" />
        H

—  207  —

natürlichen  BcschafFenheit  des  Grund  und  Bodens  dem  durch
die  Häufung  der  Wirthschaftsmittel  zu  erzielenden  Erfolg  eine
Grenze  gesetzt  werde,  und  dass  die  Ergiebigkeit  nicht  proportional ­
  mit  der  Zuführung  von  Mitteln  zu  wachsen  vermöge.
Aus  dieser  Voraussetzung  hat  er  geschlossen,  und  wenn  die
blosse  Gonsequenz  aus  beliebigen,  an  sich  selbst  denkbaren
Vorstellungen  stets  entscheidende  Aufschlüsse  über  den  wirklichen ­
  Gang  der  Dingo  liefern  müsste,  so  würden  zwar  noch
viele  Einwendungen  gegen  die  Rentenvorstellung  übrig  bleiben;
allein  es  würde  sich  wenigstens  ein  Anhaltspunkt  ergeben,  um
von  den  Abstractionen  unmittelbar  zu  den  Thatsachen  überzugehen. ­
  Die  Vorfrage  besteht  hier  aber  grade  darin,  ob  erfahrungsmässig
  der  Fall  der  Anwendung  von  Capital  mit  immer
geringerem  Erfolg  wirklich  vorliege  oder  der  Regel  nach  eintreten
  müsse.  Man  hat,  und  zwar  namentlich  Stuart  Mill,  diese
Hypothese  für  ein  Grundgesetz  der  Entwicklung  erklärt  und
sich  gerühmt,  durch  die  entsprechende  Idee  die  wirthschaitlichen
  Erscheinungen  weit  besser,  als  jemals  zuvor,  erklären
zu  können.  Im  Hinblick  auf  diese  Meinung  ist  also  die  Richtung ­
  der  Ricardoschen  Anschauungsweise  von  Wichtigkeit,  und
jo  nachdem  man  den  entsprechenden  Gedanken  beurtheilt,  wird
man  der  einen  oder  der  andern  Gestaltung  der  Systeme  anhäugen.
  Für  die  Geschichte  der  wissenschaftlichen  Grundvorstellungen ­
  ist  grade  in  der  jüngsten  Zeit  die  Beachtung  jenes
Gesichtspunktes  sehr  erheblich.  In  dem  Zusammenhänge
aber,  mit  welchem  wir  cs  augenblicklich  zu  thun  haben,  darf
nicht  vergessen  werden,  dass  der  allgemeine  Gedanke  von  der
Erschöpfung  der  guten  Bewirthschaftungschancen  in  der  Richtung ­
  auf  irgend  eine  blosse  Naturhülfsquelle  viel  weitei  reicht,
als  das  Ricardoscho  Rcntengcbilde.  Die  verfehlte  Eigenthümlichkeit
  des  letzteren  würde  sich  auch  dann  noch  nicht  in  eine
Wahrheit  verwandeln,  wenn  jene  Abnahme  der  Ergiebigkeit
zu  Grunde  gelegt  werden  könnte.
Um  jedoch  nicht  aus  Ricardos  eignem  Gedankenkreis  herauszutreten ­
  und  schon  ganz  andere  Theorien  einziimischen,  die
zur  Widerlegung  nicht  noth  wendig  sind,  so  machen  wir  nur
darauf  aufmerksam,  dass  sich  das  Rcntengcbilde  mit  der  vorher ­
  erläuterten  Wendung  unter  den  Händen  seines  eignen  Urhebers ­
  in  einen  differentiellen  Capitalgewinn  verwandelt  hat
und  auf  diese  Weise  wenigstens  eine  andere  Form  zur  behau
        <pb n="224" />
        208

trägt.  Diese  letztere  Gestalt,  die  mit  der  ursprtingliclien  Yorstellungsart
  in  Widerspruch  steht,  ist  die  verhältnissmässig
bessere  und  hätte  dazu  dienen  können,  den  Grundirrthum  der
Theorie  überwinden  zu  helfen,  wenn  so  etwas  überhaupt  den
Vertretern  Ricardoscher  Aiiffassungsarten  in  den  Sinn  gekommen ­
  wäre.  Es  sind  stets  die  Mittel,  die  unter  Voraussetzung
gleieher  Beschaffenheit  und  gleichen  Umfangs  verschiedenen
Naturverhältnissen  gegenüber  auch  einen  verschiedenen  Erfolg
ergeben  müssen,  und  man  muss  daher  alle  Differenzen  dieses
Erfolges,  so  sehr  sie  auch  von  den  Naturchancen  horrüliron
mögen,  auf  diese  Mittel  selbst,  d.  h.  auf  Arbeit  und  Capital
verrechnen.  Dies  ist  die  natürliche  Gedankengestaltuug.  Sie
wird  praktisch  um  so  nothwendiger,  als  es  ja  auch  übrigens  in
erster  Linie  die  Oapitalgrundlagen  sind,  welche  weit  mehr,  als
die  reinen  Naturverhältnisse,  die  Gestaltung  der  Erträge  und
der  Einkünftegrössen  bestimmen.  Offenbar  hat  die  irrtbümliche
  Gestaltung  der  Smithschen  Capitalthoorio  das  Ihrige  dazu
beigetragen,  Rieardo  in  die  ganz  verkünstelten  Begriffsfassungen
zu  treiben,  und  es  ihm  unmöglich  zu  machen,  sich  von  den
Widersprüchen  zu  befreien,  die  ihn  auf  jedem  Schritt  begleiten.
Bedenkt  man,  dass  die  Vorstellungen  vom  Capital  bei  ihm  den
Stützpunkt  bilden,  um  diejenigen  der  Rente  abzugrenzen,  so
ist  klar,  dass  sich  jeder  Fehlgriff  in  Rücksicht  auf  den  ersteren
Begriff  durch  die  entsprechende  Unbestimmtheit  oder  Schwierigkeit ­
  der  zweiten  Vorstellung  vermehren  muss.  Es  bieten
sich  daher  von  dieser  Seite  für  die  Kritik  noch  mannichfaltigc
Gesichtspunkte  dar,  aus  denen  die  Unhaltbarkeit  des  Rentengebildes ­
  einleuchten  kann.  Wir  gehen  jedoch  hierauf  nicht  ein,
da  für  die  Geschichte  der  Lehre  ein  anderer  Umstand  weit
wichtiger  ist.
Das  Unpraktische  des  Ricardoschen  Rentengebildes  zeigt
sich  bei  dem  Urheber  selbst,  sobald  er  mit  Fragen  der  thatsächlichen
  Anwendung  in  Berührung  kommt.  So  entwickelt
er  z.  B.  bei  der  Erörterung  der  Besteuerung  des  Grundeinkommons
  die  Ansicht,  dass  sein  Rentengebilde  ein  gutes  Steuerobject ­
  abgebe.  Allein  die  wirkliche  Rente  bestehe  ausserdem
aus  Capitalgcwinn,  und  aus  diesem  Umstande  ergebe  sich  das
Gcgentheil.  Wenn  jemals  von  einem  Autor  selbst  etwas  dazu
gethan  worden  ist,  die  Kluft  zwischen  seinen  künstlichen  Bcgriffsgcbildcn
  und  den  natürlichen  Vorstellungen  der  Wirklich-
        <pb n="225" />
        _  209  —
keit  sichtbar  zu  machen,  so  ist  es  in  diesem  Fall  durch  Ricardo
o-eschehen.  Es  ist  daher  auch  gar  nicht  nöthig,  eine  grosse
Zurüstung  neuer  Einsichten  aufzuwenden,  um  die  verkünstelten
und  durch  die  Erfahrung  nicht  unmittelbar  controlirbaren  Behauptungen
  als  irrthümlioh  zu  erkennen.  Eines  Gegenbeweises
bedarf  es  daher  im  eigentlichen  Sinne  dieses  Worts  gar  nicht;
man  hat  sich  eben  nur  zu  überzeugen,  dass  es  von  vornherein
an  einem  hinreichenden  Beweis  gefehlt  habe.
iedes  Glied  der  vermeintlichen  Nachweisung  mit  Rück^cht
auf  die  Begriffe  von  Capital  und  Rente  und  auf  die  Einmischung ­
  der  Malthusschen  Vorstellungsart  untersucht,  so  wird
man  oinsehen,  dass  auch  nicht  ein  einziger  Schritt  in  dem  gesam^
ten  Gange  der  Construction  als  gänzlich  unanfechtbar  d^teht.
Auf  die  falsche  Theorie  der  Concurrenz,  derzufolge  die  Preise
und  Austauschverhältnisse  als  durch  die  ungünstipten  Chancen
bestimmt  gedacht  worden,  brauchte  nicht  einmal  eingegangen  zu
werden.  Doch  würde  durch  eine  Untersuchung  dieser  Seite  der
Sache  das  ganze  Gebäude  vollends  Zusammenstürzen.  Da  indessen
  dieser  Punkt  gar  nicht  ausschliesslich  Ricardo,  sondern
die  principiellen  Grundlagen  des  grössten  Theils  der  bisherigen
ökonomischen  Theorien  angeht,  so  würde  die  Bethätigung  dieser
Art  von  Kritik  hier  zu  weit  vorgreifen.  Es  bleibt  dalmr  nur
noch  übrig,  an  einige  Bestandtheile  der  Ricardoschen  Theorie
zu  erinnern,  die  mit  dem  geschichtlich  Vorausgegangenen  in
Beziehung  stehen.  •,
5.  Die  Haupteigenthümlichkeit  der  Veränderung  m  dei^
Rcntenlehre  ist  von  Manchen  in  der  Idee  gesucht  worden,  dass
die  Rente  nicht  die  Ursache,  sondern  die  Wirkung  der  bohei^
Preise  sei.  Sie  ist  hienach  ein  Rest,  der  übrig  bleibt  und  nicht
nothwendig  vorhanden  zu  sein  braucht.  Nicht  weff  der  Grundbesitzer ­
  jenen  Rontonbestandtheil  bezieht,  seien  die  Preise  ho  ei,
sondern  weil  sie  gestiegen  seien,  beziehe  er  den  Ueberschuss
über  den  noch  unter  den  ungünstigsten  Umständen  g^eckt^
Gapitalgewinn.  ln  einer  allgemeinen  Gestalt  ist  die  l^trachtung
  der  Rente  als  einer  Wirkung,  nicht  als  einer  Ursache
der  Preise,  auch  in  dem  Smithschen  Werk  eingestreut,  ohne
dass  eine  Ausgleichung  dieser  Vorstellung  mit  derjenigen
der  Zerlegung  des  Preises  in  seine  drei  Elemente  (Arbeitslohn,
Gapitalgewinn  und  Rente)  stattgefunden  hätte.  Es  sei  hiebei
daran  erinnert,  dass  die  Art  und  Weise  Adam  mitis  le
Düliriiig,  Oescliichte  der  Nationalökonomie,  li.  Auflage.  14
        <pb n="226" />
        210

äusseiiiclie  Vereinigung  von  Vielerlei  möglich  machte,  was  hoi
tieferem  Nachdenken  und  strengeren  Schlüssen  eine  gegenseitige ­
  Einschränkung  erfordert  haben  würde.  Derartige  Einschränkungen ­
  liegen  oft  nahe  genug,  und  man  wird  nicht  sofort ­
  alles  verschieden  Lautende  auch  für  einen  inncrn  Widerspruch ­
  zu  erklären  haben.  In  dem  besondcrn  jetzt  fraglichen
Fall  ergiebt  sich  auch  eine  gewisse  Berichtigung  sehr  leicht;
indessen  die  tiefem  Schwierigkeiten  liegen  wirklich  in  einer
Richtung,  für  welche  die  Smithsche  Betrachtungsart  noch  kein
Verständniss  hatte.  Unmittelbar  nach  dom  ersten  Erscheinen
des  Völkerreichthums  hatte  sich  Humo  in  einem  Brief  an
Smith  über  das  Buch  ausgesprochen  und  auch  bezüglich  der
Rente  eine  Bemerkung  fallen  lassen,  die  man  neuerlich  als
eine  Vorwognahme  der  wahren  Rententheorio  angesehen  hat.
Der  grosse  Schottische  Denker  war  aber,  wie  aus  der  Haltung
und  Ausdrucksweiso  des  Briefs  horvorgeht,  nicht  im  Mindesten
der  Meinung,  eine  sehr  erhebliche  Einsicht  mitzutheilen.  Offenbar ­
  glaubte  er  nur  eine  selbstverständliche  Gegenbemerkung
zu  machen.  Ja  man  fühlt  sogar  aus  diesem  Schreiben  heraus,
dass  er  der  Ansicht  ist,  Smith  habe  sich  einen  greifbaren
principiellen  Fehler  zu  Schulden  kommen  lassen.  „Ich  kann
mir  nicht  denken”,  schreibt  er  unterm  1.  April  1776,  „dass  die
Rente  (rent  of  farms)  einen  Thoil  vom  Preise  des  Erzeugnisses
ausmache;  aber  wohl,  dass  der  Preis  ganz  und  gar  durch  Menge
und  Nachfrage  bestimmt  werde.”  (Burton,  Life  and  correspondence ­
  of  David  Hume,  1846,  Bd.  II  S.  486).  Man  sieht,
dass  die  angeführte  Stelle  den  Ton  auf  das  Gesetz  von  Angebot
und  Nachfrage  legt  und  übrigens  nichts  weiter  thut,  als  die
Vorstellung  abweist,  der  Preis  werde  durch  die  Rente  hestimint.
Die  angegebenen  wirklichen  Worte  bilden  Alles,  was  Humo
über  diesen  Punkt  äusserto.  Auch  war  er  nicht  gewohnt,
lange  Auseinandersetzungen  über  Dinge  anzustellen,  die  auf  der
Hand  lagen  und  jedem  Gutsbesitzer  klar  werden  mussten,  sobald ­
  er  in  dieser  Richtung  ein  wenig  zu  überlegen  anfing.
Man  erhält  nicht  hohe  Preise,  weil  man  eine  grosso  Rente  in
Rechnung  bringt;  sondern  man  realisirt  diese  Rente,  weil  die
Preise  günstig  sind.  Dies  ist  der  einfache  Sinn  der  Humoschen
Stelle  und  jedenfalls  auch  diejenige  Vorstellung,  die  in  den
betheiligten  Gesellschaftsgruppen  gehegt  wurde,  soweit  es  dort
überhaupt  zu  derartigen  Reflexionen  kam.  Für  einen  Denker
        <pb n="227" />
        211

aber,  der  das  Thema  von  Ursache  und  Wirkung  in  logischer
Abstraction  in  einer  bis  dahin  nie  erreichten  Schärfe  und
Tiefe  behandelt  hatte,  konnte  es  sicherlich  nur  eine  nebensächliche ­
  Kleinigkeit  sein,  in  einem  speciellen  nationalökonomischen ­
  Fall  an  die  Verwechselung  der  wahren  Beziehungen
zu  erinnern.
Wenn  eine  Theorie  einmal  Berühmtheit  erlangt  hat,  so
werden  die  früheren  verwandten  Aufstellungen  regelmässig  aufgesucht; ­
  denn  die  Gelehrten  wissen  alsdann,  wmrauf  sie  zu
achten  haben.  Ein  Jahr  nach  dem  Erscheinen  des  Smithsehen
Werks  hat  James  Anderson  in  einer  „Untersuchung  über  die
Korngesetze”  (Edinburgh  1777)  kurz  und  bündig  einer  Idee
Ausdruck  gegeben,  welche  die  Grundbesitzer  vertheidigen  sollte
und  mit  den  Ricardoschen  Vorstellungen  zusammenfallen  würde,
wenn  sie  nicht  viel  exacter  ausgeführt  wäre  und  weit  weniger
falsche  Consequenzen  enthielte.  Anderson,  welcher  dem  Ackerbau ­
  nahe  stand  und  als  Schriftsteller  in  den  zugehörigen  Angelegenheiten ­
  betrachtet  werden  muss,  ging  von  gleichzeitig
bestehenden  Ergiebigkeitsdifferenzen  aus,  classificirto  dieselben
nach  Buchstaben,  setzte  bei  der  grössten  Ergiebigkeit  die  Kosten
am  geringsten,  nahm  weiter  an,  dass  sie  sich  bei  den  andern
Classen  steigerten,  stellte  diesen  verschiedenen  •  Productionsverhältnissen
  einen  gleichen  Durchschnittspreis  gegenüber  und
zog  von  dem  Preise  die  verschiedenen  Kosten  ab.  Hiedurch
erhielt  er,  der  verschiedenen  Herstellungskosten  wegen,  auch
verschieden  hohe  Gewinnsätze.  Indem  er  die  letzteren  als
Rente  und  als  Wirkungen  der  Preise  ansah,  entfernte  er  sich
keineswegs  von  der  natürlichen  Vorstellungsart.  Er  erhielt
Differenzen,  von  denen  er  annahm,  dass  sie  nicht  dem  Pächter,
sondern  dem  Eigenthüiner  als  Rente  zufielen.  In  dieser  Rente
unterschied  er  keinen  Bestandtheil,  sondern  glaubte  sie  als
Ganzes  erklärt  zu  haben.  Er  unterschied  nicht  zwischen  reiner
Natur  und  dem  im  Boden  fixirten  Capital,  sondern  redete  kurzwog ­
  von  den  Fruchtbarkeitsunterschieden,  bei  denen  er  aber
thatsächlich  nur  Variationen  der  Ergiebigkeit  im  Verhältniss
zu  den  Productionskosten  im  Auge  hatte.  Seine  Rente  war  die
ganze  und  volle  Rente;  sie  war  kein  verkünstelter  BegriflT.
Seine  Schlussart  hielt  sich  mit  Recht  an  die  Preise.  Der  Preis
wurde  von  ihm  als  das  angesehen,  was  die  Möglichkeit  der
Cultur  bestimmt,  und  wenn  sich  der  Beschaffungsrayon  bei
14*
        <pb n="228" />
        212

einem  bestimmten  Preise  nicht  mehr  nach  Aussen  ausdehnen
liesse,  dann  hätte  die  Cultur  unter  den  unergiebigeren  Verhältnissen ­
  auf  dem  näheren,  schwieriger  zu  bewirthschaftenden
Lande  einzutreten.  Die  Auseinandersetzungen  waren  verständlich ­
  und  nicht  ohne  Geist.  Der  Urheber  kam  wiederholt  auf
seine  Theorie  zurück;  aber  sie  blieb  wissenschaftlich  unbeachtet.
Erst  mit  Ricardo  sollte  etwas  Aehnliches,  aber  weit  weniger
Einfaches  eine  Rolle  spielen.
6.  Nach  dem  Vorangehenden  wird  es  sich  leicht  erklären,
dass  Autoren,  die  indirect  durch  die  Ricardosche  Ueberlieferung
beeinflusst  waren,  dazu  gelangen  konnten,  das  Rcntengebilde
unwillkürlich  aus  einem  blossen  Bestandthcil  zur  ganzen  und
vollen  Rente  zu  machen,  wie  dieselbe  in  der  Gestalt  der  Pacht
vom  Grundeigenthümer  bezogen  wird.  Wenn  man  sich  erlaubt,
an  Stelle  der  eigenthürnlichen  Theorie  des  Urhebers  etwas
beliebig  Verändertes  einzuschieben,  so  ist  die  erstere  nicht
mehr  in  Präge  und  zu  einer  bosondcrii  Untersuchung  des
neuen  mehr  oder  minder  gestaltlosen  Gebildes  kein  hinreichender ­
  Grund  vorhanden.  Mit  der  angeblichen  Autorität  des
Namens  kann  sich  Niemand  für  solche  Oombinationen  decken,
welche  in  ihrer  Verflachung  von  der  ursprünglichen  Eigenthümlichkeit
  nichts  mehr  aufzuweisen  haben.  Läge  aber  einmal ­
  eine  gänzlich  neue  Theorie  vor,  so  hätte  sic  sich  selbständig ­
  zu  begründen  und  wäre  ebenfalls  nicht  in  der  Lage,
sich  auf  die  Autorität  berufen  zu  können.  Wollte  sich  aber
Jemand  schliesslich  damit  helfen,  dass  er  behauptete,  es  sei
nur  ein  Irrthum  des  Urhebers  ausgemerzt  und  das  Uebrige  belassen ­
  worden,  so  sehe  man  ja  zu,  was  für  Unterschiebungen
bei  einer  solchen  Wendung  mitspielcn,  und  ob  nicht  vielleicht
gar  nur  ein  Gemeinplatz  oder  eine  nichtssagende  Vorstellung
vertheidigt  werde,  die  gar  nicht  bestritten  wird.  Häufiger  wird
allerdings  bei  der  Wahrnehmung  einer  verlornen  Sache  die
Zuflucht  zu  Zweideutigkeiten  den  Schein  rotten  sollen.  Achtet
man  auf  diese  verschiedenen  Möglichkeiten,  so  kann  man  sich
das  nähere  Durchgehen  aller  Schulstrcitigkcitcn  ersparen  und
vorkommenden  Falls  jede  Wendung  entkräften.  Wir  verzichten
daher  darauf,  die  mannichfaltigen  Variationen  darzustellen,  zu
denen  die  Ricardosche  Rententheorio  als  mehr  oder  minder  verstandenes, ­
  ja  oft  nur  wenig  gekanntes  Urbild  gedient  hat.  Die
betrefl'ende  Literatur  hat  einen  sehr  untergeordneten  Charakter.
        <pb n="229" />
        213

Der  Haiiptg-egner  clor  Ricardosclien  Renteiitheorie  ist  Carey
lind  zwar  seit  1837  gewesen.  Die  Gründe,  die  er  nach  und
nach  geltend  gemacht  hat,  sind  jedoch  wichtiger  für  die  Unterstützung ­
  einer  positiv  richtigen  Yorstellung  von  der  Rente,  als
für  die  Widerlegung  Ricardos,  die  ohne  Weiteres  dadurch  geschehen ­
  kann,  dass  man  die  Unhaltharkeit  seiner  Schlüsse
nachweist.  Friedrich  List  hat  es  sich  daher  auch  nicht  im
Mindesten  cinfallen  lassen,  die  Malthus-Ricardosehen  Ideen,  und
insbesondere  die  Rentenlehre,  für  etwas  anzusehen,  was  einer
umfangreichen  Kritik  bedürfte.  Es  ist  daher  nur  die  Sehulpropaganda ­
  gewesen,  was  uns  zu  einer  umfassenderen  DaiStellung ­
  genöthigt  hat.  An  sich  selbst  könnte  es  höchstens  die
verhältnissmüssige  Zergliederungsvirtuosität  des  Urhebers  und
die  Verwandtschaft  der  Idee  mit  einigen  wahren,  ihr  ähnlich
sehenden  Elementen  sein,  was  zu  der  geschichtlichen  Einlassung
berechtigte.  Die  Wirkungen  und  Gegenwirkungen,  zu  denen
die  Theorie  geführt  hat,  sind  als  blosse  Thatsachen  allerdings
von  allgemeinem  geschichtlichen  Interesse,  würden  aber  nicht
genügen,  wenn  nicht  das  Thema  an  sich  einige  Bedeutung  hätte
und  auch  ein  originaler  Irrthum  über  dasselbe  seinen  Werth
haben  könnte.
7.  Indem  Ricardo  seine  Rentenvorstellung  durchführte,
hatte  er  zugleich  die  Vertheilung  mehr  als  jede  andere  Seite
der  Wirthschaftsverhältnisse  ins  Auge  zu  fassen.  In  der  That
kann  man  sagen,  dass  sein  Gedankenkreis  seinen  Schwerpunkt
nicht  in  der  Production,  sondern  in  der  Vertheilung  habe.
Hieraus  erklärt  sich  auch,  dass  neuere  Soeialisten,  wie  Proudhon, ­
  Marx  und  Lassalle,  ihm  eine  gewisse  Aufmerksamkeit  gewidmet ­
  und  sich  seiner  Vorstellungen  bedient  haben,  um  ihrerseits ­
  sociale  Schlüsse  zu  ziehen.  Ausser  der  Rentenlehre,  die
man  zu  Dcductionen  gegen  das  Grundeigenthum  benutzte,  ist
neuerdings  ein  sogenanntes  Lohngesetz  als  das  Ricardosche
bezeichnet  worden.  Man  hat  nicht  verfehlt,  die  Vorstellungen
vom  Unterhaltsminimum  auf  die  Ricardosche  Schlussart  dadurch ­
  zurückzuführen,  dass  man  die  BevölkerungsVermehrung
als  den  Grund  geltend  machte,  welcher  die  Lohnsätze  immer
wieder  auf  ihren  alten  Standpunkt  des  geringsten  Unterhaltsmaasses
  zurückbringe.  Mit  demselben  Recht  hätte  man  diese  Idee
aus  Adam  Smith  entnehmen  können,  der  sie  in  kurzen  Worten
entwickelt,  aber  freilich  durch  andere  Betrachtungen  wieder
        <pb n="230" />
        214  —-

gehörig  einschräiikt.  Auch  bei  Ricardo  sind  die  Veränderungen
und  verschiedenen  Gestaltungen  des  gewohnheitsmässigen  TJnterhaltsminiinum
  nicht  ganz  vergessen;  aber  dieselben  treten
so  sehr  in  den  Hintergrund,  dass  die  thatsächlicho  AulFassungsart
  nicht  blos  einseitig,  sondern  fehlerhaft  wird.  Nach  Ricardo
kann  es  in  den  Löhnen  eigentlich  keine  bleibende  Veränderung
geben.  Für  die  Niveauänderungen  des  Lohnsatzes  und  der
Lebensweise  fehlt  es  an  jeder  Theorie.  Es  ist  wiederum  nur  der
Blick  auf  das  Gegenwärtige  und  Naheliegende,  der  liier  leitend
gewesen  ist.  Steigen  gelegentlich  einmal  die  Löhne,  so  sollen
sie  durch  die  wachsende  Bevölkerung  und  das  vermehrte
Arbeiterangebot  wieder  zum  Sinken  gebracht  werden.  Hie  echt
Maltlmsianische  Consequonz  hätte  aber  eigentlich  noch  weit
mehr  ergeben  müssen;  ihr  zufolge  müsste  eine  Tendenz  vorhanden ­
  sein,  die  Lebensweise  des  Proletariers  immer  mehr
herabzudrücken.  Merkwürdigerweise  hat  hier  Ricardo  die  bei
Smith  erwähnte,  aber  auch  zugleich  berichtigte  Voraussetzung
gemacht,  dass  in  dem  Unterhaltsminimum  nichts  weiter  eingeschlossen ­
  sei,  als  was  grade  zur  Fortpflanzung  der  Gattung
und  zwar  ohne  Vermehrung  der  Zahl  ausreiche.  Hienach  wäre
die  Beständigkeit  der  Volkszahl  in  den  Arbeiterkreisen  die
Regel.  Jedes  Paar  würde  nur  dafür  sorgen,  dass  einst  ein
neues  an  seine  Stelle  träte.  In  jeder  Familie  würden  zwei
Kinder  gross  werden  müssen,  oder  es  hätten  sich,  auch  abgesehen ­
  von  der  Familienordnung  und  unmöglichen  Gleichmässigkeit,
  die  Verhältnisse  so  zu  gestalten,  dass  für  Jeden  eine
Ersatzperson  und  nicht  mehr  einträte.  Dies  wäre  aber  ein  bei
einem  Stauungszustand  angelangtes  Proletariat.  Nun  lassen  sich
aus  der  falschen  Smithschen  Capitaltheorie  allerdings  Einwendungen ­
  machen;  indessen  würden  die  Widersprüche  hiomit
nicht  beseitigt.  Man  tritt  ins  Bodenlose,  wenn  man  cs  versucht, ­
  mit  Ricardo  nach  strenger  Logik  zu  rechten  und  ernstlich ­
  zwei  Gedanken  aneinander  zu  bringen,  die  für  ihn  nur  in
ihrer  Vereinzelung  vorhanden  waren.  An  allen  Verworrenheiten ­
  dieser  Art  trägt,  abgesehen  von  der  falschen  Tendenz  der
verherrlichten  Malthusschen  Grundvorstellung,  grade  derjenige
Versuch  einen  grossen  Thcil  der  Schuld,  welcher  noch  die
meiste  Wissenschaftlichkeit  für  sich  hat.  Es  ist  dies  die  Unternehmung, ­
  die  Arbeit  als  Naturalleistung  zum  Werthmaass
aller  Erzeugnisse  zu  machen.  Auch  diese  Theorie,  die  in
        <pb n="231" />
        Smiths  Yorstollung  ihre  Wurzel  hat,  ist  nicht  so  durchgreifend
und  folgerichtig  ausgeführt  worden,  wie  man  sie  bisweilen  erscheinen ­
  lassen  wollte.  So  ist  z.  B.  die  Seltenheit  neben  der
Arbeit  gleich  an  der  Spitze  der  Darstellung  als  Ursache  des
Werths  angeführt.  Ausserdem  ist  sogleich  der  erste  als  Ueberschrift
  eingeführte  Grundsatz  des  Ricardoschen  Hauptwerks  ein
Zeugniss  für  das  Widersprechende  und  Geschraubte  der  von
ihm"’versuchten  Aulfassungsart.  „Der  Werth  einer  Waare”,
sagt  er,  „oder  die  Menge  irgend  einer  andern  Waare,  für
welche  sie  ausgetauscht  werden  kann,  hängt  von  der  verhältnissmässigen
  Menge  der  für  ihre  Production  nothwendigen
Arbeit,  nicht  aber  von  der  grossem  oder  geringem  für  diese  Arbeit
bezahlten  Löhnung  ah.”  Letzteres  bedeutet  noch  mehr  als  den
stets  misslungenen  Y  ersuch,  mit  der  Naturalarbeit  unmittelbai
zu  rechnen.  Es  wird  nicht  bedacht,  dass  ein  grösseres  oder
geringeres  Yerhältniss,  in  welchem  der  Lohn  eine  Anweisung
auf  die  Lebensbedürfnisse  sein  kann,  auch  eine  verschiedenartige ­
  Gestaltung  der  Werth  Verhältnisse  und  sogar  der  Production ­
  nach  Art  und  Grösse  mit  sich  bringen  muss.  Indessen
hat  der  allgemeinere  Theil  der  betreffenden  Grundansicht  eine
Ergänzung  erhalten,  die  besser  ist.  Ricardo  hat  nämlich  in
einem  besondern  Capitel  den  Unterschied  zwischen  Werth  und
Reichthum  in  einer  Weise  bcmerklich  gemacht,  die  man  als
einen  Eortschritt  betrachten  muss.  Indem  er  den  Werth  vorherrschend ­
  auf  die  Arbeit  zurückführte,  musste  er  die  Smithsehe ­
  Yorstellung  von  dem  Reichthum,  als  einem  Inbegriff  von
Bcfriedigungsmitteln  der  Bedürfnisse,  offenbar  absondern  lind
unterscheiden.  Dieselbe  Arbeitsmenge  kann  eine  verschiedene
Erzeugnissmenge  liefern;  die  erstere  ist  nach  Ricardo  das
Maass  des  Werthes,  die  letztere  aber  das  Maass  des  Comforts.
Obwohl  auch  diese  Trennung  der  beiden  Begriffe  bei  Ricardo
noch  nicht  nach  allen  Richtungen  wirksam  wird  und  keineswegs ­
  die  einfachste  Gestalt  erhält,  die  sie  annehmen  kann,  so
ist  doch  dieses  Element  des  Ricardoschen  Gedankenkreises  das
verhältnissmässig  gelungenste.  Wäre  seine  Werththeorie  besser
als  sie  ist,  so  würde  auch  die  angeführte  Unterscheidung  einen
genaueren  Sinn  angenommen  haben.  So  aber  ist  sie  nur  als
ein  Ansatz  in  der  besseren  Richtung  zu  betrachten,  die  wir
später  im  Careyschen  System  in  grösster  Strenge  und  mit
einer  vorher  nie  erreichten  Sicherheit  vertreten  finden  werden.
        <pb n="232" />
        —  216  —

Es  wird  daher  auch  erst  bei  der  Darstellung  der  späteren
Systeme  der  Ort  sein,  die  Bicardoschen  Vorstellungen  an  den
wirklichen  Thatsachen  und  an  den  neuen  Gesichtspunkten  zu

messen.  Hier  war  nichts  weiter  nöthig,  als  den  Bicardoschen

Anschauungskreis  vornehmlich  im  Lichte  seiner  eignen  Logik
zu  zeigen,  da  der  Urheber  in  der  That  unabsichtlich  dafür  gesorgt ­

  hat,  dass  seine  Ideen  zu  einem  grossen  Theil  schon  durch

MU

g#

#

die  in  der  Nachbarschaft  aufgeführten  Ncbcnidccn  ihre  Widerlegung ­
  fänden.  Wenigstens  ist  es  für  einen  ernstlicher  denkenden ­
  Leser  in  den  meisten  Fällen  nicht  schwer,  die  Anknüpfungspunkte ­
  zur  Beseitigung  der  falschen  Theorien  aus
Bicardos  eignen  Gesichtspunkten  zu  entnehmen.  Die  widersprechendsten ­
  Vorstellungen  finden  sich  oft  genug  gehäuft,  und
wenn  man  mit  irgend  einem  Gedanken  in  einer  solchen  Gruppe
vollkommen  Ernst  macht,  so  zeigt  sich  meistens,  dass  er  eine
andere,  sorglos  mit  ihm  verknüpfte  Vorstellung  auszumerzen
nöthigt.
Vielleicht  ist  es  diese  logische  Beschaffenheit  des  Bicardoschen ­
  Verhaltens  gewesen,  was  einen  Pecchio  in  seiner  „Geschichte ­
  der  politischen  Ockonomie  in  Italien”  (1829)  veranlasst ­
  hat,  im  Hinblick  auf  den  Engländer  von  Jargon  zu  reden.
Dieser  Italienische  Schriftsteller  hatte  die  logische  Verkünstelung
  der  ökonomischen  Begriffe  im  Auge,  und  wenn  er
auch  in  seiner  Hinwegsetzung  über  die  neuern  Kunstausdrücke
der  Volkswirthschaftslchre  die  Nothwendigkeit  der  streng
wissenschaftlichen  Ausbildung  der  Begriffe  übersah,  so  hat  er
do«h  in  Beziehung  auf  Bicardo  wenigstens  einem  richtigen  Gefühl ­
  Ausdruck  gegeben.  Die  schon  in  der  Smithschen  Darstellung ­
  viel  zu  weit  getriebene  Verkünstelung  einiger  Begriffe
hat  in  der  Bicardoschen  Studie  eine  Gestalt  angenommen,  die
sich  vor  einer  natürlichen  Auffassung  der  Verhältnisse  niemals
rechtfertigen  lassen  wird.
8.  Ausser  von  der  rein  theoretischen  Seite  hat  Bicardo
noch  eine  praktische  Bedeutung,  die  auf  Keclmung  des  pointirten
  Ausdrucks  seiner  antisocialen  Gesinnung  zu  setzen  ist  und
den  Socialisten  Gelegenheit  gegeben  hat,  die  Interessengegensätze ­
  und  die  bourgeoismässige  Denkweise  an  den  ungenirten
Kundgebungen  des  gegnerischen  Natioualökonomen  bloszustellen,
  ja  sich  auf  denselben  im  Sinne  des  socialen  Pessimismus
direct  zu  stützen.  Als  charakteristisch  für  die  Hervorhebung

PIS

ató
        <pb n="233" />
        217

der  Interessengegensätze  und  einer  die  Niederlialtung  der  Arbeiterclasse
  als  selbstverständlicli  ansehenden  Denkungsart  sind
daher  noch  einige  Proben  der  praktischen  Anschauungsweise
Ricardos  hervorzuheben.  So  sagt  er  in  Uebereinstimmung  mit
seinem  sonstigen  Raisonnement  auch  noch  ausdrücklich  (in  der
Abhandlung  über  Ackerbauschutz,  4.  Ausg.  1822,  Werke  S.  476):
„Es  giebt  keinen  andern  Weg,  die  Gewinne  hoch,  als  den,  die
Löhne  nieder  zu  halten.”  In  ähnlicher  M^eise  ist  das  Verhältniss
  zwischen  Capitalgewinn  und  Bodenrente  gedacht,  indem
recht  eigentlich  die  unausweichliche  Verkürzung  des  Capitalgewinns
  den  Anthcil  für  die  Rente  liefern  soll.  Doch  ist  in
socialistischer  Hinsicht  seine  Vorstellung  von  dem  Verhältniss
der  beiden  besitzenden  Classen  sehr  untergeordnet,  und  alles
Gewicht  fällt  in  seine  Betrachtungsart  der  ökonomischen  Rolle
der  Arbeiterclasse.  Im  Allgemeinen  sieht  er  dieselbe  als  ein
rein  passives  Werkzeug  an,  welches  in  der  Veranschlagung
des  Nationalreichthums  gar  nicht  mitzählt.  Der  Reichthum  der
Nation  besteht  nach  ihm  in  Gewinnen  und  Renten  der  Oapitalisten
  und  der  Grundbesitzer.  Sehr  bezeichnend  für  diese
Idee,  welche,  genau  besehen,  den  Nationalreichthum  in  der
Summe  der  Privatreichthümer  oder  vielmehr  der  Privatvermögen ­
  sucht,  ist  die  Meinung,  es  sei  das  sogenannte  Reineinkommen, ­
  zu  welchem  die  Löhne  als  Productionskosten  nicht
gerechnet  werden  und  welches  daher  in  der  Summe  der  Gewinne ­
  und  Renten  besteht,  für  den  Reichthum  und  die  Leistungsfähigkeit ­
  der  Nation  maassgebend.  Ricardo  sagt  nämlich
(Hauptwerk  Cap.  26):  „Vorausgesetzt,  dass  ihr  wirkliches
Reineinkommen,  ihre  Renten  und  Gewinne  dieselben  bleiben,
so  kommt  es  nicht  darauf  an,  ob  die  Nation  aus  10  oder
12  Millionen  Einwohnern  bestehe.”  Hiezu  kommt  jedoch,  dass
Ricardos  formell  wissenschaftliche  Ansprüche  auch  gelegentlich
zu  ein  wenig  herablassender  Gerechtigkeit  führen.  Von  dieser
Gattung  ist  z.  B.  sein  Eingeständniss  der  nachtheiligen  Wirkung, ­
  welche  die  neue  Einführung  von  Maschinen  auf  das  Interesse ­
  der  Arbeiterclasse  habe.  lieber  diesen  hochwichtigen
Punkt,  den  ein  Sismondi  mehr  mit  Gemüth  als  mit  endgültig
entscheidendem  Verstand  behandelt  hat,  liefert  unser  Autor
eine  allerdings  nicht  zu  unterschätzende  Auslassung.  Er  sagt
uns  (Cap.  31),  dass  er  seine  frühere  aber  nicht  veröffentlichte
Ansicht  geändert  und  sich  von  der  Schädlichkeit  der  Maschi-
        <pb n="234" />
        -  218  —

neneinführimg  für  das  Arbeiterinteresse  überzeugt  habe.  Sein
älterer  Irrtlmm  habe  in  der  falschen  Annahme  seinen  Grund
gehabt,  es  könne  das  Reineinkommen,  also  die  Summe  der
Gewinne,  nicht  ohne  Vermehrung  des  Roheinkommens,  also
auch  der  Menge  der  Ausgaben  für  Arbeitslöhne,  gesteigert  werden. ­
  Indessen  sei  bei  der  Ersetzung  von  menschlicher  Arbeitskraft ­
  durch  Maschinerie  ein  entgegengesetzter  Hergang  im
Spiele,  indem  das  in  die  Maschinen  gesteckte  Capital  aus  circulirendem
  zu  fixem  werde  und  eine  Menge  von  wirklich  angobotener
  Arbeit  ausser  Thätigkoit  setze  und  in  einer  für  die
Arbeiterclasse  nachtheiligen  Weise  zur  Disposition  stelle.  Ausdrücklich ­
  fügt  er  dem  bestimmtesten  Ausspruch  seiner  üeberzeugung
  und  den  begründenden  Darlegungen  auch  noch  den
Satz  hinzu:  „Die  von  der  Arbeiterclasse  unterhaltene  Ansicht,
dass  die  Maschinenanwendung  ihren  Interessen  häufig  schädlich
wird,  ist  nicht  auf  Vorurtheil  und  Irrthum  gegründet,  sondern
entspricht  richtigen  Principien  der  politischen  Oekonomie.”
Freilich  fällt  heute  das  Hauptgewicht  der  Frage  nicht  mehr  in
die  Folgen  der  mehr  oder  minder  plötzlichen  Einführung  neuer
Maschinen  für  die  unmittelbar  betroffenen  Arbeiter,  sondern  in
die  Erkenntniss  dos  gesteigerten  Hebergewichts,  welches  im
Allgemeinen  durch  die  Maschinenära  für  das  Capital  gegen  die
Arbeiterclasse  geschaffen  worden  ist.  Man  könnte  sogar  den
Gedanken  Ricardos  in  dieser  Hinsicht  dahin  zuspitzen,  dass
die  Maschine  als  der  gefügigste  und  in  seinem  Unterhalt  anspruchsloseste ­
  Sklave  bezüglich  der  ökonomischen  Yertheilung
mit  dem  lebenden  Arbeitswerkzeug  in  eine  das  letztere  degradirende
  Concurrenz  getreten  sei.  So  fest  es  daher  auch  steht,
dass  vom  blossen  Standpunkt  der  Production  die  Maschinenanwendung ­
  die  ökonomische  Macht  der  Gesammtheit  des  Volkes ­
  über  die  Natur  gewaltig  erhöht,  so  ist  doch  vom  Standpunkt ­
  der  Yertheilung  zwischen  gesellschaftlichen  Gruppen,
zwischen  Provinzen  und  sogar  zwischen  ganzen  Völkern  die
unterjochende  Wirkung  nicht  zu  verkennen,  welche  dadurch
erwächst,  dass  dem  einen  Theil  die  concurrirende  Ausbeutung
der  Maschinerie  möglich  wird,  während  sie  dem  andern  Theil
vermöge  des  gesellschaftlichen  Rechtsmissstandes  oder  in  Folge
natürlicher  Thatsachen  versagt  bleibt.
Die  Gegensätze  der  Interessen  wurden  von  Ricardo,  wenn
nicht  mit  Vorliebe,  so  doch  ohne  logische  Anstandnahme  in  ihrer
        <pb n="235" />
        219

äiisserlichen  Nacktheit  blosgestellt,  und  hierin  liegt  wiederum  ein
Grund,  welcher  den  sonst  so  feindlich  denkenden  Bourgeoisökonomen ­
  zum  Anknüpfungspunkt  für  Socialitütsgedanken  werden
lässt.  Br,  der,  wie  man  aus  seinen  nachgelassenen  „Bemerkungen ­
  über  Parlamentsreform”  (vom  Jahre  1823)  sieht,  sich  alle
gegen  die  Besitzenden  gerichteten  Bestrebungen  nur  in  der
ganz  rohen  Form  der  Theilung  der  grossen  Yermögcn  denken
konnte,  und  nur  aus  Furcht  vor  solchen  grob  finanziellen  Theilungsgedanken
  unter  der  unwissendsten  Schicht  des  Volkes  das
allgemeine  Wahlrecht  noch  hinausgeschoben  wissen  wollte,
er,  der  von  andern  Formen  des  Olassenkampies  noch  keine
Ahnung  hatte  und  die  schon  damals  vorhandenen  socialistischen
Regungen  völlig  übersah,  nahm  nicht  im  Mindesten  Anstoss
daran,  sich  eines  ironisch  sein  sollenden  Anspruchs  zu  bedienen, ­
  dessen  Schärfe  sich,  genauer  betrachtet,  gegen  den  Urheber ­
  selbst  und  die  ganze  Anschauungsweise  seiner  Gesinnungsgenossen ­
  kehren  muss.  ,,Wenn  wir  ,  sagt  er  (in  der
Abhandlung  über  Ackerbauschutz,  Werke  S.  467),  „in  einem
von  Herrn  Owens  Parallelogrammen  lebten  und  alle  unsere
Hervorbringungen  in  Gemeinschatt  genössen,  dann  könnte  Niemand ­
  in  Folge  von  Ueberfluss  leiden;  aber  solange  die  Gesellschaft ­
  wie  jetzt  eingerichtet  ist,  wird  der  Ueberfluss  oft  für
die  Producenten  nachtheilig  und  Seltenheit  für  sie  wohlthätig
sein.”  Die  überreichlichen  Ernten,  welche  über  den  Durchschnitt ­
  stark  hinausgreifen,  und  diejenigen,  welche  hinter  dem
Durchschnitt  Zurückbleiben,  sind  zwar  die  besondern  Fälle,  die
Ricardo  hier  zunächst  vor  Augen  hat;  aber  seine  Aeusserung
ist  zugleich  ein  Typus  für  seine  durch  die  ganze  Oekonomie
hindurchgehenden  Voraussetzungen  gleicher  Art.  Nach  ihm
wird  die  erheblich  über  den  Durchschnitt  hinausgehende  Ernte
dem  Producenten  einen  geringem  Gesammtgowinn  liefern,  als
wenn  sie  in  der  Nähe  dqs  Durchschnitts  verblieben  wäre.  Die
grössere  Menge  des  Absatzes  entschädigt  hier  nicht  für  das
weit  bedeutendere  Verhältniss,  in  welchem  die  Preise  gesunken
sein  müssen.  So  richtig  nun  auch  bei  gewissen  Maasseii  der
Erhebung  über  das  Durchschnittliche  diese  durch  die  Erfahrung
und  innere  Gründe  ausser  Zweifel  gestellte  Wirkungsart  des
reichlichen  Vorraths  oder,  wie  wir  kurz  sagen,  der  durch  Natur
oder  Concurrenz  erzeugten  Ueberproduction  ist,  so  hat  dennoch
Ricardo  vergessen,  dass  er  mit  seiner  Hinweisung  auf  commu-
        <pb n="236" />
        nistische,  wenn  auch  nur  in  der  Form  der  Oaricatur  vorhandene ­
  Ideen  eine  verwundbare  Stelle  an  dem  Körper  der  Gesellschaft ­
  berührte.  Er  hat  übersehen,  dass  sich  die  Menschen
nicht  immer  in  so  leichter  Art  bei  der  Disharmonie  beruhigen ­
  werden,  sobald  sie  irgend  eine  verstandcsraässigc  Art
ausfindig  machen  können,  die  TTnzuträglichkoiten  solcher  Concurrenzgesetze
  auszugleichen.  Die  Hinweisung  auf  die  Gemeinschaft, ­
  die  ein  Spott  sein  soll,  ist  unter  den  Händen  der  Socialitätsanhänger
  zu  einer  sehr  ernsten  Frage  geworden,  und  die
Eingeständnisse  der  Missstände  des  gewöhnlichen  Laufs  der
ökonomischen  Angelegenheiten  und  namentlich  der  gesellschaftlichen ­
  Vertheilungsgegensätze  haben  dazu  gedient,  für  den  Socialismus ­
  die  ersten,  aus  der  Rüstkammer  der  Bourgcoisökonomio
  selbst  entlehnten  und  allerdings  noch  sehr  unvollkommenen, ­
  aber  doch  wenigstens  brauchbaren  Waffen  zu  liefern.
Aus  diesem  Gesichtspunkt  betrachtet,  kann  man  von  Ricardo
sagen,  dass  er  der  letzte  naive  Bourgeoisökonom  von  hervorragender ­
  Bedeutung  gewesen  sei,  und  dass  nach  ihm  jede  ernsthaft ­
  zu  berücksichtigende  Theorie  irgend  ein  mehr  oder  minder
bewusstes  Vorhältniss  zu  den  Socialitätsgedanken  und  zu  der
eigentlich  socialen  Seite  der  Oekonomie  im  guten  oder  schlimmen ­
  Sinne  gehabt  habe.
        <pb n="237" />
        Pünfter  Abscñnitt.
Der  ältere  S  o  c  i  a  1  i  s  m  u  s.

Erstes  Capitel.
Ursprung  und  Artung  der  Socialtheorien.
Die  bis  auf  Ricardo  fortgeführte  Nationalökonomie  bildet
ein  Ganzes,  an  welches  sich  sogar  ein  Th  eil  der  neusten  socialistischen
  Ideen  anknüpfen  lässt,  soweit  bei  denselben  überhaupt ­
  von  Rücksichtnahme  auf  die  Volkswirthschaftslehre  die
Rede  sein  kann.  Die  bedeutsamsten  Entwicklungen  der  jüngern
  wirthschaftlichen  Theorie  sind  dagegen  den  bisherigen
Socialisten  theils  äusserlich  unbekannt,  theils  innerlich  unzugänglich ­
  geblieben.  Es  liesse  sich  daher  der  ganze  Socialismus
bis  auf  seine  jüngsten  internationalen  Wendungen  abhandeln,
ohne  dass  man  nöthig  hätte,  die  über  Ricardo  hinausgegangene
Oekonomie  in  Betracht  zu  ziehen.  Da  jedoch  einzelne  bedeutende ­
  Nationalökonomen  selbst,  wie  namentlich  schon  Thünen,
zu  socialistischen  Aufstellungen  geführt  worden  sind,  so  werden ­
  wir  die  Zeit-  und  Verwandtschaftsverhältnisse  gleichmässig
zur  Geltung  bringen  und  die  Darstellungen  der  socialistisch
ökonomischen  Theorie  mit  der  ferneren  Gestaltung  der  sonstigen ­
  Volkswirthschaftslehre  in  natürlichen  Gruppirungen  und
Abschnitten  abwechseln  lassen.  Letzteres  ist  um  so  nöthigei,
als  die  socialistische  Kritik  der  politischen  Oekonomie  mit  dem
Fortschreiten  der  Zeit  immer  wichtiger  wird,  und  die  modernsten ­
  nationalökonomischen  Systeme  einen  entschieden  socialen
Charakter  auf  weisen,  um  schliesslich  einem  einheitlichen  socialitären
  System  Platz  zu  machen.
Der  ältere  Socialismus  bildet  eine  Gruppe  von  Ideen,  in
welcher  die  wissenschaftliche  Nationalökonomie  noch  keine
        <pb n="238" />
        —  222

Rolle  spielt.  Nichtsdestoweniger  sind  seine  Aufstellungen  nicht
ohne  Beziehungen  zu  der  nebenherlaufenden  Yolkswirthschaftslehre.
  Obwohl  er  sich  auf  dieselbe  nicht  unmittelbar  einlässt,
ja  von  ihren  Grundsätzen  kaum  etwas  Ernstliches  weiss,  bildet
er  zu  ihr  wenigstens  ein  Gegenstück,  und  seine  Gedanken
schliessen  eine  Kritik  aller  andern  möglichen  Auifassungen
ein.  Indem  er  seinen  Ausgangspunkt  von  den  gesellschaftlichen ­
  Verhältnissen  nimmt,  ist  er  sogar  der  ausschliesslichen
Wirthschaftslehre,  die  ohne  eigentlich  sociale  Gesichtspunkte
bleibt,  in  dieser  Beziehung  von  vornherein  überlegen.  Bei
der  letzteren  Behauptung  habe  ich  Saint  Simon  und  zwar
dessen  eigne  und  bessere  Vorstellungen,  nicht  aber  etwa  das
im  Sinne,  was  später  als  St.  Simonismus  bezeichnet  worden  ist.
Die  Person  selbst  mit  dem  zugehörigen  Ideensystem  bildet  den
Schwerpunkt  des  älteren  Socialismus,  und  es  lässt  sich  zu
dieser  Vertretung  kaum  etwas  nur  einigermaassen  Ebenbürtiges,
und  in  Frankreich  nicht  einmal  etwas  Zurechnungsfähiges  hinzufügen, ­
  da  der  unsäglich  alberne  Fourier  kaum  ein  Anrecht
hat,  in  einer  Geschichte  wissenschaftlicher  Gebilde  anders  als
im  Sinne  einer  Grenzbezcichnung  des  Möglichen  berücksichtigt
zu  werden.  Was  aber  den  Engländer  Owen  anbetrifft,  so  wird
sich  zeigen,  dass  seine  Rolle  mehr  in  thatsächlichen  Versuchen
als  in  der  Geltendmachung  erheblicher  Ideen  bestanden  hat.
Wenigstens  ist  seine  ideelle  Capacität  so  äusserst  dürftig
gewesen,  dass  man  sie  mit  derjenigen  St.  Simons  gar  nicht
vergleichen  kann.  Mit  den  erwähnten  drei  Namen  ist  aber
Alles  erschöpft,  was  selbst  vom  Standpunkt  unkritischer  Auffassungen ­
  für  den  älteren  Socialismus  als  Inbegriff  der  Hauptrepräsentanten
  gelten  dürfte.
2.  Es  giebt  Neigungen  und  Ansichten,  welche  die  Geschichte ­
  des  Socialismus  bis  in  die  grauen  Alterthümer  der
Völker  zurückdatiren  und  uns  heute  auch  noch  mit  einer  Geographie ­
  beschenken  möchten,  welche  gegenwärtig  Chinesische
Secten  von  socialem  Charakter  und  Aehnliches  in  Betrachtung
zu  ziehen  hätte.  Eine  noch  grössere  Verkehrtheit,  als  wir  sie
schon  bei  den  Vorstellungen  über  den  Stammbaum  der  Volkswirthschaftslehre
  an  getroffen  haben,  macht  sich  bei  der  Genealogie ­
  des  Socialismus  geltend.  Der  letztere  soll  fast  zu  allen
Zeiten  und  bei  den  verschiedensten  Völkern  existirt  haben,
und  das,  was  man  heute  sociale  Frage  nennt,  soll  so  alt  sein.
        <pb n="239" />
        223

wie  (lie  Menscliheit  selbst.  Diese  Behauptung  geht  meist  von
(lenen  aus,  welche  den  rationelleren  Socialismus  der  Gegenwart
%u  entmuthigen  wünschen  und  nicht  als  theoretische  Gegner
der  Irrthümor,  sondern  als  Feinde  der  socialen  Bestrebungen
auftreton.  Es  liegt  im  Interesse  dieses  letzteren  Standpunkts,
den  eigentlichen  Socialismus  so  erscheinen  zu  lassen,  als  wenn
er  in  der  Geschichte  schon  oft  und  zwar  stets  vergebens  eine
Rolle  gespielt  hätte.  Zu  diesem  Behuf  muss  der  gewaltige
Unterschied,  welcher  historisch  zwischen  dem  eigentlichen
Socialismus  der  neusten  Zeit  und  den  Regungen  anderer  Epochen
besteht,  zur  Seite  gelassen  werden.  Man  muss  auf  das  ganz
Gewöhnliche  und  fast  allen  Völkerentwicklungen  Gemeinsame
ziirttckgreifen,  um  die  Eigcnthümlichkeiten  der  Erscheinungen
Unserer  Zeit  mit  oberflächlichen  Allgemeinheiten  zu  verdecken.
Allerdings  hat  es  in  den  verschiedensten  Völkerentwicklungen
nicht  an  Parteigestaltungen  gefehlt,  die  ihren  Grund  zum
Thoil  in  den  gesellschaftlichen  und  wirthschaftlichen  Verhältnissen ­
  der  Stände  und  Classen  hatten.  Mehr  oder  minder
unbewusst  sind  derartige  Positionsverschiedenheiten  die  treibenden ­
  Ursachen  der  Innern  politischen  Kämpfe  gewesen.  Ja
man  muss  behaupten,  dass  ein  gehöriges  Verständniss  der
Völkergeschichten  erst  dadurch  vervollständigt  wird,  dass  man
den  Gesetzen,  welche  die  socialen  Beziehungen  ganz  im  Allgemeinen ­
  beherrschen  müssen,  die  erforderliche  Aufmerksamkeit
widmet.  Allein  dieselbe  Bemerkung,  die  wir  in  Rücksicht  auf
die  Vergangenheit  der  gewöhnlichen  Volkswirthschaftslehre  zu
machen  hatten,  kann  auch  für  die  Theorie  des  Socialismus
gelten.  Diese  Theorie  ist  noch  jünger,  als  diejenige  der
Nationalökonomie,  und  will  ebenfalls  von  den  praktischen  Thatsachen
  unterschieden  sein.  Der  Socialismus,  ein  völlig  modernes
Wort,  bezeichnet  vorherrschend  einen  Kreis^  von  Ideen  und
Sätzen,  und  wie  man  zwischen  Wirthschaft  und  Wirthschaftslehro
  unterscheidet,  so  darf  man  auch  die  Geschichte  der
socialen  Gestaltungen  nicht  mit  derjenigen  der  Socialtheorie
Unkritisch  vermischen.
Die  Geschichte  der  Gesellschaftsformen  ist  aber  überdies
noch  ein  sehr  weites  Feld,  welches  in  seiner  ganzen  Ausdehnung ­
  gar  nicht  in  Frage  kommen  kann,  solange  man  die  Verbindung ­
  mit  der  Nationalökonomie  und  den  materiellen  Beziehungen ­
  im  Auge  behält.  So  kann  z.  B.  die  jedesmalige  Grund-
        <pb n="240" />
        ,  y  4^'
/%

':A

form  des  Zusammenlebens  der  Geschlechter  für  die  materielle
Theorie  nur  dann  ein  Gegenstand  sein,  wenn  es  sich  um  die
rein  wirthschaftlichen  Grundlagen  der  Möglichkeit  der  Ehe  oder
um  die  Hervorbringungen  des  Gegentheils  der  geordneten  Formen ­
  handelt.  Grade  dann,  wenn  man  erwartet,  dass  dio  tibor
der  materiellen  Sphäre  gelagerten  Beziehungen  zu  freieren
Gestaltungen  gelangen  und  zu  dom,  was  man  jetzt  ökonomischen ­
  Socialismus  nennen  muss,  einen  ernsthaft  in  Betracht
zu  nehmenden  Kreis  von  Aufgaben  fügen  werden,  —  grade  bei
einer  solchen  Auffassung  der  Verhältnisse  wird  man  die  Trennung ­
  des  Socialökonomischen  von  dein  in  einem  weiteren  Sinne
Socialitären  am  wenigsten  vernachlässigen  dürfen,  üobrigens
rechtfertigt  auch  der  Gang  der  jüngsten  Geschichte  unser
Urtheil;  denn  der  Socialismus  hat  sich  thatsächlich  erst  zu
einer  Lohre  von  der  Wahrnehmung  der  materiellen  Volksinteressen ­
  entwickelt.
3.  Wäre  das  Wort  Socialökonomio  verbreiteter,  als  es  wirklich ­
  ist,  so  würde  dasselbe  am  geeignetsten  sein,  die  Theorie
von  den  materiellen  Grundlagen  der  socialen  Beziehungen  zu
bezeichnen,  da  ja  der  Ausdruck  Ockonomie  in  unserm  heutigen
Sinne  und  im  gehörigen  Zusammenhänge  stets  an  die  Rücksichtnahme ­
  auf  die  materiellen  Existenzgrundlagen  erinnert.
So  aber  wollen  wir  uns  nicht  an  Wörter  binden,  die  nicht
völlig  gangbar  sind,  sondern  die  Unterschiede  der  Sache  unmittelbar ­
  ins  Auge  fassen.  Hiebei  entgeht  uns  allerdings  der
Vortheil,  welchen  völlig  ausgeprägte  und  mit  einem  unzweideutigen ­
  Wortstcmpel  versehene  Begriffe  für  die  Verständigung
haben  müssen.
Das  zugleich  Sociale  und  Wirthschaftliche  hat  zu  verschiedenen ­
  Zeiten  und  im  Verlauf  vieler  Völkergoschichten  zu  Erscheinungen ­
  geführt,  die  mit  den  Thatsacheii  unserer  Epoche
in  gewissen  sehr  allgemeinen  Zügen  zusammenstimmen.  Die
Menschen  haben  einander  bekämpft,  indem  sie  von  dem  Triebe
geleitet  wurden,  ihre  politische  Stellung  und  mit  derselben
ihre  Lebensweise  oder  ökonomische  Macht  zu  ändern.  Sie
haben  auch  von  diesen  Bestrebungen  vielfach  ein  deutlicheres
Bewusstsein  gehabt  und  das  letztere  in  besondorn  Formulirungen
  ihrer  Ansprüche,  in  politischen  oder  gesellschaftlichen
Parteiprogrammen  bekundet.  Mit  den  thatsächlichen  Verhältnissen ­
  fanden  sich  auch  stets  irgend  welche  Reflexionen  über
        <pb n="241" />
        225

dieselben  ein;  und  wie  es  so  zu  sagen  nationalökonomiscbe
Ideenansätzo  zu  allen  Zeiten  gegeben  hat,  so  haben  auch  die
socialen  Beziehungen  und  besonders  diejenigen  der  Vertheilung
zu  Ansichten  und  Maximen,  zu  Bestrebungen  und  Maassregeln,
ja  zu  ganzen  öffentlichen  Systemen  der  Ausgleichung  Veranlassung ­
  gegeben.  Die  socialwirthschaftlichen  Verfassungen  sind
zwar  vorwiegend  eine  Art  Naturerzeugnisse  gewesen,  bei  deren
Hervorbringung  und  Grcstaltung  das  klarere  Bewusstsein  nur
einen  geringen,  ja  in  manchen  Richtungen  auch  nicht  den  geringsten
  Antheil  gehabt  hat.  Allein  auf  den  späteren  Entwicklungsstufen ­
  eines  Volks  musste  das  Bewusstsein  immer
mehr  eingreifen  und  eine  wenn  auch  noch  so  rohe,  bald  zweckmässige, ­
  bald  unzweckmässige  Behandlung  der  einschlagenden
Verhältnisse  anbahnen.  Es  haben  daher  nicht  blos  die  socialwirthschaftlichcu
  Verfassungen  der  Völker,  sondern  auch  die
individuell  oder  gruppenweise  entstandenen  Ideen  ihre  Geschichte. ­
  Allein  von  Socialismus  im  modernen  Sinn  kann  trotz
alledem  nicht  die  Rede  sein.  Die  Socialtheorie  unserer  Epoche
hat  eine  doppelte  Eigenthümlichkeit  aufzuweisen,  durch  die  sie
vor  jeder  Verwechselung  geschützt  wird.  Sie  ist  nämlich  ernstlich ­
  um  eine  Anknüpfung  an  die  allgemeinen  wissenschaftlichen
Grundlagen  bemüht  gewesen,  und  hat  diesen  Charakter  sogar
in  ihren  Selbstcaricaturen  nicht  ganz  verleugnet.  Sic  ist  systematisch ­
  zu  Werke  gegangen  und  hat  sich  mit  einem  grossen
Thcil  der  Ideen  erfüllt,  von  welchen  die  moderne  Epoche  getragen ­
  wird,  und  von  denen  im  classischen  Altcrthum  oder  in
andern  Civilisationen  nur  die  ersten  Ansätze  und  in  mehreren
hochwichtigen  Richtungen  auch  nicht  einmal  die  Anfänge  anzutreffen
  sind.
Die  zweite  charakteristische  Eigenthümlichkeit  ist  der  Zusammenhang ­
  des  Socialismus  mit  der  grossen  Eranzösischen
Revolution.  Dieses  weltgeschichtliche  Ereigniss  darf  weder
mit  den  Englischen  Revolutionen  des  17.  Jahrhunderts,  noch
mit  der  vorherrschend  Deutschen  Kirchenreformation  auf  eine
Linie  gestellt  werden.  Es  trat  unter  einer  andern  Weltlage
und  unter  der  Wirkung  von  Ideen  und  A'  erhältnissen  ein,  die
tiber  die  Beschränktheiten  des  Englischen  Vorganges  um  ein
gutes  Stück  hinaustrugen.  Die  Krämpfe  und  Zuckungen,  die
dem  politischen  und  gesellschaftlichen  Körper  nicht  erspart
blieben,  dürfen  es  nicht  übersehen  lassen,  dass  die  Krisis  auch
Uahring,  Geschichte  der  Nationalökonomie.  2.  Auflage.  15
        <pb n="242" />
        226

zugleich  die  gesunden  Lebenskräfte  zu  einer  freieren  Betliätigung
  gelangen  liess.  Zustände  und  Ideen  wurden  gleichzeitig
in  Bewegung  gebracht  und  im  Bereich  dieser  doppelten  Erschütterung, ­
  der  die  ideellen  Vorspiele  vorangegangen  waren,
ist  die  Geburtsstätte  des  modernen  Socialismus  zu  suchen.  Die
Namen  derjenigen,  welche  herkömmlich  als  Vertreter  des  älteren
Socialismus  genannt  werden,  gehören  solchen  Persönlichkeiten
an,  deren  jüngere  Jahre  theils  in  die  unmittelbaren  Vorspiele,
theils  in  die  Zeit  der  wirklichen  Durchführung  der  Eranzösischen
  Revolution  fielen.  St.  Simon,  der  älteste,  ja  streng  genommen ­
  der  einzige  bedeutende  Vertreter  der  ersten  cigentlicli
socialistischen  Ideen,  hat  zwar  dem  Ereigniss  nur  zugesehen
und  seinen  Gedanken  sofort  eine  nach  seiner  Ansicht  positive
und  organisatorische,  in  Wahrheit  freilich  noch  restaurativ  geartete ­
  Richtung  gegeben.  Nichtsdestoweniger  muss  das  Beste
in  seinem  Ideenkreis  wenigstens  als  eine  Rückwirkung  der
Eindrücke  und  als  eine  Frucht  der  vorübergehenden  Freiheit
sowie  des  Gedankenaufschwungs  jener  Epoche  angesehen  werden. ­
  Er  war  unter  denen,  die  man  im  engem  Sinne  Socialisten
nennt  und  von  den  Communisten  unterscheidet,  der  verhältnissmässig
  kühnste  und  ideenreichste.  Einige  von  ihm  formulirte
  Gedanken  haben  in  etwas  veränderter  Gestalt  bis  heute
fortgewirkt.  Besonders  sind  sie  durch  einen  Mann,  der  ursprünglich ­
  sein  Schüler  war,  aufgenommen  und  weiter  entwickelt
worden.  Ich  meine  den  Philosophen  August  Comte,  der  für
unser  Jahrhundert  unter  den  bis  jetzt  bekannten  Erscheinungen
als  der  bedeutendste  Französische  Vertreter  der  allgemein
wissenschaftlichen  Philosophie  gelten  muss.  Nun  ist  aber  auch
der  letztere  ohne  den  Hintergrund  jener  grossen  politischen
Bewegung  gar  nicht  zu  verstehen,  und  so  bestätigt  es  sieh
durch  den  weiteren  Verlauf  der  Erscheinungen,  dass  die
moderne  Socialtheorio  ihre  ersten  Ansatz-  und  Stützpunkte  in
der  Französischen  Revolution  zu  suchen  hat.  Freilich  darf
man  hiebei  nicht  übersehen,  dass  es  an  romantischen  Rückläufigkeiten ­
  bei  allen  fraglichen  Repräsentanten  des  älteren
Socialismus  und  bei  der  die  Socialökonomio  mit  einer  flauen
Sociologie  vertauschenden  Comteschen  Lohre  nicht  gefehlt  hat.
Diese  nicht  blos  zufälligen,  sondern  principiellen  Züge  réactiver
Art,  namentlich  aber  die  schon  von  St.  Simon  beliebte  und
von  Comte  ausgeführte,  äusserst  gnädige  Construction  des
        <pb n="243" />
        —  227  —

Mittelalters  als  eines  menscliheitlichen  Fortschritts,  erklären  sich
aus  dem  Standpunkt,  den  die  zuerst  maassgebenden  Autoren
cinnahmen,  während  sie  schrieben.  Dieser  Standpunkt  war
aut  dem  Sumpfboden  der  Restauration  locirt,  und  die  passive
Berührung  mit  der  Französischen  Revolution  hatte  wohl  anregen ­
  und  nachwirken  können,  vermochte  aber  nicht  den  rückwärts ­
  ziehenden  Eindrücken  der  schlechten  Gegenwart  überall
die  Waage  zu  halten.
Wer  geneigt  sein  möchte,  die  neuste  Wirthschaftsentwicklung
  mit  ihrer  veränderten  Technik  und  ihren  gewaltigen
Mitteln  zum  Ausgangspunkt  zu  nehmen,  würde  hiemit  zwar
die  jüngsten  Erscheinungen,  aber  nicht  völlig  den  älteren  Sozialismus ­
  begründen.  Auch  würde  er  sich  des  Fehlers  schuldig ­
  machen,  die  unerlässlichen  Voraussetzungen  politischer
Natur  zu  unterschätzen,  falls  er  nicht  etwa  die  Eigenthümlichkeiten
  der  neuern  Industrieentwicklung  mit  der  umgestalteten
politischen  Anschauungsweise  vereinigte  und  beide  Elemente
als  die  erzeugenden  Ursachen  des  neusten  Socialismus  betrachtete. ­

Erinnern  wir  uns  zur  Bestätigung  des  eben  Gesagten  des
Ursprungs  der  physiokratischen  Wirthschaftslehre,  die  der  Französischen ­
  Revolution  voranging.  Die  Naturrechtsideen  haben
in  der  Physiokratie  eine  sehr  erhebliche  Rolle  gespielt,  und
dies  heisst  mit  andern  W^orten  nur,  dass  die  politischen  Gesichtspnnkto
  auch  jener  nationalökonomischen  Bewegung  nicht
fremd  geblieben  sind.  Sie  waren  ihr  in  der  Gestalt  der  Ideen
über  das  natürliche  Recht  von  vornherein  und  zum  Theil  im
M^iderspruch  mit  ihren  sonstigen  Absichten  beigemischt.  Wenn
wir  diesen  Umstand  nicht  vergessen,  so  werden  wir  es  um  so
eher  verstehen,  dass  auch  der  Socialismus,  wo  er  nicht  etwa
zu  Albernheiten  ausartete,  eine  politische  Grundlage  haben
luusstc,  und  diese  konnte  zunächst  thatsächlich  keine  andere
sein,  als  die  Anknüpfung  an  die  Ueberlieferungen  der  Französischen ­
  Revolution.  Wir  haben  früher  gesehen,  wie  sich  sogar
die  Volks  wirthschaftslehre  nach  solchen  Beziehungen  zu  grup-Piren
  anfing,  und  wie  ein  Malthus  die  Reaction  gegen  die  bessern ­
  Bestrebungen  vertrat,  die  sich  in  socialer  Hinsicht  an  die
politische  Erschütterung  Europas  knüpften.  Der  Englische
Briester  hatte  sich  zwar  nur  mit  persönlich  nicht  schwerwiegenden ­
  Gegnern  zu  schaffen  gemacht;  aber  die  Ideen,  die  er
15*
        <pb n="244" />
        —  228  —'

bekämpfte,  waren  socialpolitiscber  Natur  und  gehörten  demjenigen ­
  Gedankenkreise  an,  der  in  der  Französischen  Revolution
wirksam  geworden  war.  Hieher  musste  besonders  die  Hauptvoraussetzung ­
  aller  socialen  Systeme  gerechnet  werden,  dass  die
Formen  des  politisch  socialen  Daseins  und  mithin  auch  die  Beschaffenheiten ­
  der  verschiedenen  Regierungen  und  Herrschaften
für  den  erheblichsten  Theil  der  wirthschaftlichen  Verlegenheiten
verantwortlich  zu  machen  wären.  Gegen  diese  Annahme  wendete ­
  sich  Malthus  mit  seiner  beschränkten,  kirchlich  zugostutzten
  Privatmoral  und  suchte  den  leitenden  Classen  Englands, ­
  sowie  allen  Regierungen  das  Gewissen  zu  erleichtern
und  für  die  Fortdauer  der  social  angegriffenen  Missständc  Absolution ­
  zu  erthcilen.
4.  Mit  den  socialistischen  Gebilden,  denen  Malthus  seine
Aufmerksamkeit  zuwendete,  werden  wir  uns  nicht  beschäftigen,
weil  dieselben  zu  unbedeutend  sind  und  höchstens  für  die  Bezeichnung ­
  der  allgemeinen  Strömung  der  Ideen  einiges  Interesse
haben  könnten.  Wie  schon  gesagt,  erkennen  wir  die  eigenthümlich
  socialistischen  Erscheinungen  erst  da  an,  wo  den  beiden ­
  principie!!  wichtigen  Yoraussetzungen,  nämlich  einem
höheren  Maass  allgemein  wissenschaftlicher  Gestaltung  und
ausserdem  einer  Beziehung  zu  den  durch  die  Französische  Revolution ­
  gestellten  Aufgaben  oder  freier  gewordenen  Ideen  entsprochen ­
  wird.  .  Um  jedoch  den  Sinn  des  modernen  Socialismus
und  zunächst  seiner  ältesten  Gestalt  unzweideutig  festzustellen,
muss  der  colossale  Unterschied  bcmcrklich  gemacht  werden,
der  zwischen  ihm  und  den  Staatsdichtungen  aller  Zeiten  und
Völker  besteht.
Unter  allen  Erzeugnissen  der  politischen  Phantasie  ist
Platons  Schrift  über  den  Staat  am  berühmtesten.  Sie  ist  vielfach ­
  das  Urbild  für  Staatsdichtungen  der  neuern  Jahrhunderte
geworden  und  hat  wenigstens  den  Vortheil,  durch  die  ästhetische ­
  Form  des  Gedankenausdrucks  in  vielen  Richtungen  ausgezeichnet ­
  zu  sein.  Allerdings  ist  sie  das  Erzeugniss  einer  sehr
willkürlichen  Kunst,  welche  die  Glieder  dos  Staatskörpers,  den
sie  bilden  wollte,  in  einer  nicht  sonderlich  zusammenstimmendon
Weise  aus  allzu  ungleichartigen  Elementen  wirklicher  Griechischer ­
  Staatenformationen  entlehnte.  Dennoch  hat  sie  durch  die
Erörterung  allgemeiner  Rcchtsidoen,  sowie  auch  durch  die  cingestreuten
  allgemeinen  Philosopheme,  einen  höheren  Worth.  So
        <pb n="245" />
        229

gesetzlos  sie  die  menscliliche  Natur  einzubannen  und  ihrer
Btaatspoetischen  Willkür  zu  unterwerfen  versuoht,  so  behorrsoht
sie  ihren  Stoff  doch  wenigstens  mit  einigen  leitenden  Ideen,
die  durch  ihre  blosse  Form  und  namentlich  durch  die  Einheitlichkeit, ­
  die  sie  der  gedanklichen  Staatsconstruction  ertheilen,
eine  gewisse  Bedeutung  erhalten.  Plato  hat  bekanntlich  für
den  Kern  seines  Staats,  nämlich  für  die  Herrschenden  und
Krieo-cr,  eine  rohe  Art  der  Gemeinschaft  des  Eigenthums  und
(kr  Frmmn  vm-zemhne^  und  ^  veHe^ff  dm  Natm^^s^zo  des
menschlichen  Verkehrs  nicht  etwa  blos  durch  die  Willkir,
Verworrenheit  und  Unfreiheit  jener  Einrichtungen,  sondern
drückt  ihnen  durch  die  philosophisch  priesterliche  Leitung  er
betrefknden  A.ngeleg(mheiten  noch  den  l^tenipel  der  T^hcudkratie
oder  vielmehr  eines  noch  viel  schlimmeren  Gebildes  auf.  übwoh
er  sicherlich  die  unerträgliche  Gestaltung,  die  schon  eine  blosse
Aüunäherung  an  sein  Gebilde  in  der  IVlrkliclikeit  liätte  niitsicli
bringen  müssen,  im  besondcrn  Fall  nicht  beabsichtigte  und  au
sein  Ideal  vom  Philosophen  zählte,  so  hat  er  sich  doch  später
in  einer  ebenfalls  politischen  Schrift  ganz  und  gar  in  das
Priesterhafte  verloren,  so  dass  man  hierin  auch  einen  Fingerzeig ­
  für  die  Beurtheilung  seines  ursprünglichen  Staatsentwurts
erblickeii  mus^  ISein  VTeidr  und  seine  jirt  und  l^^eise  sind
ein  typisches  Beispiel  für  die  Hinwegsetzung  über  die  ersten
Grundgesetze  der  menschlichen  Natur  und  des  socialen  Verkehrs. ­
  Mit  einer  Kritik  seiner  phantasiereichen  Gonstructionen
ist  zugleich  alles  Aehnliche  abgethan,  was  im  Lauf  der  Geschichte ­
  in  dieser  Gattung  hervorgebracht  worden  ist  und  voraussichtlich ­
  auch  noch  später  hervorgebracht  werden  wird.
Wenn  das  Spielonlassen  der  Imagination  in  Angelegenheiten
des  Eigenthums  und  des  Geschlechterverkehrs  mit  Hintansetzung
der  Innern  und  äusserii  ^Tothivemhiigkeitmi  der  \virklicheii  l,estaltungen
  Socialismus  heissen  soll,  dann  ist  der  letztere  allerdings ­
  hei  Plato  und  sogar  schon  bei  früheren  Schriftstellern
aufzusucheri.  Jia  inan  ,vird  niclff  in  ITerlegeiiheit  geratlnm,
wenn  man  die  Träume  der  menschlichen  Phantasie  in  allen
möglichen  Beurkundungen  der  Völkerexistenzen  nachweisen
will.  Aus  diesem  Grunde  glauben  wir  aber  auch  in  den  neuern
Jahrhunderten  die  politische  und  sociale  Phantastik  im  Interesse
der  eigentlichen  Wissenschaft  ausschliessen  zu  müssen,  wenn
sich  in  ihren  Erzeugnissen  auch  hin  und  wieder  Ansätze  zn
        <pb n="246" />
        —  230  —
realen  Ideen  und  manche  Beiträge  zur  Kritik  der  Zustände
vorfinden.  Wäre  es  nicht  unser  ganz  bestimmter  Begriff  vom
Socialismus,  was  die  ältern  Erscheinungen  ahzuweisen  nöthigtc,
so  würde  jedenfalls  der  Hinblick  auf  den  Mangel  an  realem
Ernst  genügend  sein,  um  die  blossen  Imaginationsspielo  als  unzurechnungsfähig ­
  erkennen  zu  lassen.  Der  Socialismus  unserer
Epoche  ist  eine  viel  zu  ernste  Angelegenheit,  als  dass  man  ihn
mit  blossen  Befriedigungen  der  Einbildungskraft  auf  eine  Linie
stellen  dürfte.  W^as  ihm  selbst  an  solchen  Decorationon  zur
Seite  gegangen  ist,  darf  keinen  Grund  abgeben,  zu  den  Caricaturen, ­
  die  sich  ihm  zugesellten  und  sein  erstes  Auftreten  verunstalteten, ­
  auch  noch  diejenigen  Fictionen  hinzuzufügen,  welche
der  aufgeregte  Vorstellungstrieb  der  frühem  Jahrhunderte  der
neuern  Zeit  zu  Tage  gefördert  hat.  Am  wenigsten  können
aber  die  Gährungsphänomeno  des  kirchlichen  Reformationszcitalters
  mit  ihren  unmittelbaren  Voraussetzungen  und  Folgen
darauf  Anspruch  machen,  in  der  hier  fraglichen  Beziehung  berücksichtigt ­
  zu  werden.  Der  ernstere  Socialismus  beginnt  erst
mit  dem  Stadium,  in  welchem  die  socialwirthschaftlichen  Theorien ­
  dem  Bereich  der  religiösen  Ideen  den  Gedanken  einer
selbständigen  Ordnung  entgegenstcllen.  Andernfalls  würden  wir
ja  auch  genöthigt  sein,  auf  das  entstehende  Christenthum  und
dessen  communistische  Grundsätze  und  Verhaltungsarten  zurückzugreifen. ­
  Indessen  wird  es  genügen,  in  dieser  Hinsicht
bei  Gelegenheit  der  Erinnerung  an  die  entsprechenden  Secten
der  Gegenwart  die  erforderliche  kritische  Grenzlinie  zu  ziehen.
Hienach  werden  wir  uns  also  nicht  im  Mindesten  auf  die
Utopia  eines  Thomas  Morus  oder  auf  die  Oceana  eines  Harrington ­
  einlassen.  Schon  ein  blosser  Rückblick  auf  solche
Staatsdichtungon  oder  romanhafte  Decorationen  politischer  Gedankenspiele ­
  würde  zu  unserm  Thema  zu  ungleichartig  ausfallen.
  Wir  werden  im  Gegenthoil  sogar  innerhalb  der  Erscheinungsgruppe, ­
  die  wir  uns  nach  natürlichen  Grundsätzen
und  Gesichtspunkten  für  den  eigentlichen  Socialismus  abgrenzen
mussten,  dahin  streben,  möglichst  bald  den  festen  Boden  der
unentstellten  Wirklichkeit  zu  gewinnen  und  diejenigen  Richtungen ­
  der  Theorien  darzulegen,  in  denen  sich  der  Fortschritt
zu  den  gesunden,  lebensfähigen  und  das  gegenwärtige  Dasein
auch  wirklich  tief  bewegenden  Einsichten  bekundet  hat.
5.  Wer  wie  ich  von  dem  Satze  ausgeht,  dass  die  politi-
        <pb n="247" />
        231

sehen  Zustände  die  entscheidende  Ursache  der  Wirthschaftslage
sind,  und  dass  die  umgekehrte  Beziehung  nur  eine  Rückwirkung
zweiter  Ordnung  verstellt,kann  oftenhar  in  der  bisherigen  Abfolge
socialistischer  Theorien  noch  keine  Erreichung  des  völlig  zutreffenden ­
  Standpunkts  erblicken.  Solange  man  die  politische
Gruppirung  nicht  um  ihrer  selbst  willen  zum  Ausgangspunkt
macht,  sondern  sie  ausschliesslich  als  Mittel  für  Futterzwecko
behandelt,  wird  man,  so  radical  socialistisch  und  revolutionär
man  auch  erscheinen  möge,  dennoch  ein  verstecktes  Stück
Reaction  in  sich  bergen.  Dies  gilt  bis  zum  gegenwärtigen
Augenblick  und  trifft  sogar,  wenn  auch  zum  kleinsten  Theil,
den  internationalen  Socialismus.  Es  ist  daher  von  Wichtigkeit,
  sich  zu  erinnern,  dass  die  Freiheits-  und  Gleichheitsideen,
welche  vor  der  Französischen  Revolution  ihr  Bücherleben  antraten ­
  und  alsdann  der  Welt  in  anderer  Form  nachdrücklichere
Lectionen  ortheilten,  zwar  nicht  den  Socialismus  selbst,  aber
die  mächtigsten  Antriebe  und  Ansätze  zu  der  besten  Gattung  desselben ­
  einschlossen.  Ein  Feuergeist,  wie  Jean  Jacques  Rousseau, ­
  dem  das  lebenswarme  Wort  in  treffendster  Gestalt  zu
Gebote  stand  und  der  überall  von  naturwüchsiger  Leidenschaft
bewegt  wurde,  musste  auch  da,  wo  er  verstandesmässig  die
nothwendigen  Schritte  noch  nicht  erkannte,  mit  seinem  Rütteln
an  den  socialen  Ketten  einen  gewaltigen  Anstoss  der  Gemüther
bewirken.  Seine  Abhandlung  über  die  Ursachen  der  Ungleichheit ­
  (1753)  gelangte  sogar  gelegentlich  zu  einem  Fluch  über  den
Ersten,  der  das  ausschliessliche  Eigenthum  abgepfercht  habe;
aber  nicht  ein  solches  Urtheil  über  die  Vergangenheit,  sondern
die  Bahnung  eines  Wegs  in  die  Zukunft  wäre  besser  am  Platze
gewesen.  Statt  dessen  beschränkte  sich  Rousseau  auf  die  halbe
'politische  Gonsequenz  und  wagte  späterhin  in  seinen  grossem
Werken  nicht  nur  keinen  unzweideutigen  Schritt  gegen  das
Gowalteigcnthuin,  sondern  bemühte  sich  sogar  positiv  um  Ableitungen ­
  im  Sinne  Lockes.  Das  Glcichheitsprincip  war  jedoch
unerbittlich  und  trieb  ihn,  wie  seine  Schüler,  überall  unwillkürlich ­
  hart  an  die  Grenzen,  wo  die  eigcnthümerische  Denkweise ­
  vor  der  unbestechlichen  Logik  zu  Schanden  wird.  Unwille ­
  und  Empörung  des  edleren  Sinnes  Hessen  auch  wohl
ausnahmsweise  jene  beengtere  Vorstellungsart  abthun,  und
grollend  streben  die  Gefühle  Rousseaus  oft  genug  nach  dem
andern  Ufer,  wo  die  verstandesmässigen  Gedanken  noch  kein
        <pb n="248" />
        233

Land  absehen  und  daher  auch  zu  keiner  Bezeichnung  des  socialen ­
  Zieles  gelangen.  Ein  grosses  Hinderniss  war  der  religiös ­
  reactivo  Zug,  der  zwar  mit  der  nachhaltigen  Begeisterung
zusammenhing,  aber  doch  eine  Mitgift  wurde,  die  der  Kühnheit
der  politischen  und  socialen  Gedanken  Abbruch  thun  musste.
Der  Gegensatz  zur  gesinnuugsschwachon  Leichtfertigkeit  eines
Voltaire  sowie  überhaupt  zu  der  blos  in  aristokratischer  Weise
freigeisterischen  Richtung  war  natürlich  ein  Lebenspriricip  für
jede  Macht,  die  dem  naturwüchsigen  Sinn  dos  Volks  gerecht
werden  wollte.  Allein  jene  Begeisterung,  die  mit  dom  matten
Wesen  der  übrigen  Encyklopädiston  contrastirt,  wäre  auch
ohne  deistische  Superstition  und  ohne  ünsterblichkeitsglaubeu
möglich  gewesen.  Ihr  tieferer  Grund  waren  nicht  diese  Resto
religiöser  Beengtheit,  sondern  die  Naturkräfte  einer  lebensvollen ­
  Individualität  mit  ihrer  unbeugsamen  grossen  Leidenschaft ­
  für  das  Gerechte  und  Natürliche.  Der  Kampf  gegen
die  moralische  Bedeutung  der  Künste  und  Wissenschaften
war  zwar  nicht  nur  paradox,  sondern  auch  zum  Theil  rückläufig, ­
  schloss  aber  die  heute  noch  nicht  hinreichend  entwickelte ­
  Wahrheit  ein,  dass  der  Luxusbetrieb  der  Künste  und
Wissenschaften  keine  eigentliche  Volksbildung  und  überhaupt ­
  keine  Verbesserung  der  praktischen  Denkweise  geschaffen ­
  hat.  Die  Verachtung,  mit  der  sich  die  Bedürfnisse  des
Volks  sowie  jedes  unverdorbenen  Verstandes  und  Gemüths
von  der  oligarchisch  corrumpirten  Kunst  und  Wissenschaft  abwenden ­
  und  den  Bildungskrämern  ihre  faulen,  volksverdummenden ­
  Früchte  vor  die  Füsse  werfen,  rechfertigt  noch  heute
einen  Theil  des  Rousseauschen  Strebens.
Wie  übrigens  zu  jener  Zeit  die  sociale  Humanität  den
Schriftstellern  auch  da  nahetrat,  wo  sie  mehr  im  Geiste  der
höhern  Gesellschaftsschichten  schrieben,  beweist  der  jetzt  noch
seinen  encyklopädistischen  Rivalen  gegenüber  unverhältnissmässig
  zurückgesetzte  Helvetius.  Er,  der  Reiche,  der  sich  aber
aus  Ekel  an  der  Finanzcorruption  und  Ausbeutung  von  den
Geschäften  zurückgezogen  hatte,  sprach  es  im  2.  Bande  seines
nachgelassenen  Werks  „De  Thomme”  (von  1774)  einfach  aus,
dass  7  oder  8  Stunden  Arbeit  des  Tags  für  den  Arbeiter  genügen ­
  müssten,  um  ihn  und  seine  Familie  reichlich  zu  ernähren. ­

Die  Ideen  der  politischen  Denker  haben  grade  die  kraft-
        <pb n="249" />
        233

vollsten  und  kühnsten  Persönlichkeiten  der  Französischen  Revolution ­
  und  mit  ihnen  die  Höhenontwicklung  der  revolutionären ­
  Action  am  meisten  bestimmt.  Unvergleichlich  ragt  in
dieser  Reziehung  der  im  lAissenschattlichen  und  Politischen
bedeutendste  Schüler  Rousseaus,  der  von  Pseudohistorikorn  der
Europäischen  Gontrorevolution  einschliesslich  derjenigen  der
Girondistischen  Gattung,  so  niederträchtig  entstellte  Jean  Paul
Marat  hervor.  Er  war  nicht  blos  der  würdigste  Jünger,  sondern ­
  auch  in  einigen  Richtungen  der  Rächer  Rousseaus.  Dei
Sturz  der  Gironde  kann  als  eine  Niederwerfung  der  hohlen
und  jesuitischen  Monopolisten  des  den  höheren  Classen  vorbehaltenen ­
  Bildungskrams  und  mithin  als  eine  Vollstreckung  des
Rousseauschen  Urtheils  angesehen  werden.  Die  Conflicto  Marats,
  des  physikalischen  Theoretikers,  mit  der  Akademie  können ­
  als  Vorspiel  davon  gelten,  wie  sich  die  Bestrebungen  ficier
und  volksmässiger  Geister  mit  den  Institutionen  des  volksfeindlichen ­
  Gelehrsamkeitsbetriebs  verrotteter  und  despotisch
privilegjrter  Art  abzufinden  haben  dürften.  Mär  at  hatte  im
Criminalrecht  seinen  Ausgangspunkt  von  dem  philanthropischen
Beccaria  genommen,  der  eingeständlich  zwar  der  Menschheit
zu  nutzen,  aber  ein  „Märtyrer”  für  sie  zu  werden  keine  Lust
hatte.  Diese  Schwächlichkeit  hatte  Marat,  der  bekanntlich  dem
Girondistisch  aufgestachelten  Meuchelfanatismus  zum  Opfer
fiel,  durch  charaktervolle  Darlegungen  ersetzt  und  war  schliesslich ­
  zu  jener  eisernen  und  blutigen  Consequenz  fortgeschritten,
welche  die  Logik  aller  Kämpfe  um  Sein  und  Nichtsein  Angesichts ­
  der  staatlichen  und  geistigen  Corruption  der  alten  Gesellschaft ­
  mit  sich  bringt.  Trotzdem  findet  man  selbst  auf  der
Höhe  der  revolutionären  Entwicklung  Marats  in  dessen  berühmtem ­
  Journal,  dem  Publicisten,  in  dem  ersten  Halbjahr
von  1793,  mit  dem  es  selbst  und  sein  Schöpfer  dem  Ende  bald
anhoimfiolen,  keine  Gedanken,  die  als  ein  entscheidendoi  Schi  itt
zum  Socialismus  gelten  könnten.  Marat  durchschaute,  wie
Keiner  sonst,  den  brütenden  Verrath,  der  in  der  Verruchtheit
der  alten  Zustände  seine  Wurzeln  hatte  und  eine  Nothwendigkeit
  davon  war,  dass  man  in  dem  neuen  System,  namentlich
in  den  militärischen  Aemtern,  die  alten  Personen  duldete.  Auch
verstand  er  den  Kampf  auf  Tod  und  Loben,  der  zwischen  der
Gironde  und  der  echten  Demokratie  gleichsam  von  der  Natur
oder  besser  der  Unnatur  jenes  Typus  hervorgerufen  wurde.
        <pb n="250" />
        234

1

Was  er  aber  noch  nicht  hinreichend  begriff,  war  dicNothwendigkeit,
  den  Grundsatz  der  politischen  Gleichheit  nach  derjenigen ­
  Seite  zu  verfolgen,  wo  er  sich  ohne  irgend  welchen
Abzug  in  denjenigen  der  Gleichheit  des  Wirthschaftsrechts
verwandelt.
6.  Man  kann  Mably  mit  seinen  Rathschlägen  zur  Gesetzgebung ­
  als  denjenigen  an  führen,  der  es  unter  dem  Eindruck
und  Antrieb  der  gleichzeitigen  Rousseauschen  Minirarbeiten  unternommen ­
  hatte,  einige  halbcommunistischo  Consequenzon
auszusprechen.  Indessen  ist  seine  gesammte  geistige  Haltung
in  allen  Beziehungen  sehr  matt,  und  in  der  Hauptsache  beschränkt ­
  er  sich  auf  den  Wunsch  einer  blossen  Beschneidung
der  Auswüchse  des  Eigenthums,  ohne  das  Hebel  an  seiner
Wurzel  zu  fassen  oder  auch  nur  fassen  zu  wollen.  Diese  mattherzige,
  mit  der  Leidenschaft  und  Schärfe  eines  Rousseau  contrastirende
  Art  und  Weise  verdient  in  der  That  nicht  die
Auszeichnung,  die  ihr  die  ürtheilslosigkeit  hat  angedeihen
lassen.
Noch  tiefer,  als  bei  der  Einlassung  mit  Mably,  gerathen
wir  jedoch  in  die  Niederungen  der  politischen  Charakterschwäche, ­
  wenn  wir  den  blassen  Widerschein  betrachten,  in
welchem  sich  die  Einwirkung  Rousseaus  und  der  Französischen
Revolution  auf  das  Deutsche,  mehr  in  der  mystischen  als  in
der  politischen  Welt  hausende  Denkerthum  verrieth.  Kants
scholastische  Versuche  im  Naturrecht  waren  in  dem  Besten,
was  sie  vertraten,  nur  ein  schwaches  professorales  Echo  zu
besseren  und  einfacher  ausgedrückten  Rousseauschen  Conceptionen.
  Natürlich  fehlte  jegliche  Spur  eigentlich  socialer  Ansätze; ­
  ja  es  fehlte,  was  weit  schlimmer  war,  das  grosse  Herz
für  die  Menschheit  und  der  bedeutende  Charakter,  der  ohne
praktische  Leidenschaft  nicht  denkbar  ist.  Ein  Gutes  mag
jedoch  nicht  übergangen  werden;  es  fehlte  wenigstens  die  Servilität,
  welche  die  Majorität  der  philosophischen  Epigonen  in
den  ersten  Jahrzehnten  des  19.  Jahrhunderts  grade  auf  Deutschem ­
  Boden  recht  kenntlich  machte.  Die  einzige  Ausnahme
Fichtes,  in  dessen  „geschlossenen  Handelsstaat”  man  heute  wohl
gar  Socialismus  hineindichtet,  hat  darum  wenig  Bedeutung,
weil  die  Verbindung  der  hohlen,  nach  Predigerart  zugestutzten
und  recht  unbeholfenen  Redekünste  mit  breiter  metaphysischer
Saalbaderei  und  mit  einigem  Bramarbasiren  doch  wahrlich  nicht
        <pb n="251" />
        235

für  eine  würdige  Yertretimg  des  natürlichen  und  einfachen
Freiheitsstrebens  gelten  kann.  In  seiner  Art  hatte  sich  selbstverständlich ­
  der  als  Metaphysiker  über  dom  Niveau  der  Vergleichbarkeit ­
  mit  einem  Fichte  stehende  Kant  weit  besser  mit
den  Schwierigkeiten  abgefunden,  die  überhaupt  einem  vom
Staate  besoldeten  und  von  der  Kirche  wenigstens  indirect  überwachten ­
  Lehrbeamten  die  Darlegung  von  naturrechtlichen  und
politischen  Wahrheiten  in  einer  begreiflichen,  vom  Jargon  der
Schulen  freien  Sprache  unmöglich  machten.  Die  Vorhaltungen
und  Dunkelheiten,  die  auf  diese  Weise  noch  über  die  angestammte ­
  Verschulungsmanier  hinaus  den  Ausdruck  leer,  geschraubt, ­
  unklar,  zaghaft  verklausulirt  und  später  hei  den
nächsten  Epigonen  recht  widerwärtig  verschränkt  gestalteten,
sind  ein  Fluch  des  in  Deutschland  blühenden  und  schon  lange
nicht  mehr  mit  dem  Aulklärungsschoin  drapirten  Despotismus
gewesen.  Man  darf  daher  in  dieser  Sphäre  nichts  Ernstliches
suchen.  Was  nachher  ein  Hegel  an  romantischem  Material
von  Schölling,  den  Feuerbach  mit  Recht  den  philosophischen
Cagliostro  nannte,  entlehnte  und  an  seinem  dialektischen  Gängelbande ­
  für  grosse  Kinder  in  die  Welt  laufen  liess,  das  war
freilich  in  Rücksicht  auf  die  Staatsdoctrin  in  den  weniger  missgestalteten ­
  Zügen  für  den  Kenner  noch  immer  mit  entstellten
bessern  Bestandtheilen  von  Kantischem  und  hiemit  Rousseauschem
  Ursprung  gemischt,  aber  übrigens  in  seiner  reactionären
und  platten  Haltung  um  so  gefährlicher,  als  es  sich  hier  und
da  für  den  Unerfahrenen  einen  täuschenden  freiheitlichen  Anstrich ­
  zu  gehen  suchte.  Es  würde  nicht  nöthig  gewesen  sein,
die  überdies  noch  in  der  Form  unwissenschaftliche  Manier
eines  Hegel  zu  erwähnen,  wenn  nicht  die  autoritäre  Schulung
in  dessen  Cruditäten  auch  den  neuern  Deutschen  Socialismus
doctrinär  und  methodisch  bereits  in  der  Keimung  verdorben
hätte.  Die  Marx  und  Lassalle  haben  diesem  Schulmoloch  ansehnliche ­
  Opfer  bringen  müssen,  und  ihr  Götzendienst  vor  der
Dialekt!kcaricatur  einer  popanzartigen  Schulgrösse  entzieht
ihnen  die  umfassendere  und  intensivere  Wirkungsmöglichkeit
zum  Theil  schon  für  die  Gegenwart,  vollständig  aber  für  die
Zukunft,  in  welcher  sie  den  Preis  ihrer  dialektischen  Eitelkeit
ohne  Abzug  zu  zahlen  haben  werden.
Träge  Staatsconstructionen  aus  dem  philosophastrischen
Gebiet  gehen  uns  hier  nichts  an.  Dagegen  ist  zum  Abschluss
        <pb n="252" />
        236

dieser  Yorbetrachtungen  eine  Bemerkung  über  unsern  neusten
kritischen  Socialismus  erforderlich.  Nach  Art  der  Maschinomanen
  ein  gesellschaftliches  Perpetuomobile  oder  überhaupt
einen  socialen  Mechanismus  im  Widerspruch  mit  den  Naturgesetzen ­
  des  menschlichen  Wesens  und  unabänderlichen  Verhaltens ­
  construiren  wollen,  ist  ein  im  schlechten  Sinne  utopistisches
  und  unreifes  Unterfangen.  Dagegen  überhaupt  auf
alle  Construction  verzichten,  indem  man  dieselbe  für  unmöglich ­
  erklärt,  heisst  die  Wissenschaft  selbst  verschneiden
und  ihrer  schöpferischen  Functionen  berauben.  Es  kommt  dies
ungefähr  so  heraus,  wie  wenn  man  blos  eine  mechanische
Theorie,  aber  keine  Erfindung  von  Maschinen  und  keinen  Maschinenbau ­
  anerkennen  wollte.  Die  Socialismustheorie  muss
zu  Schematen  fortschrciten,  und  diese  Gebilde  müssen  mehr
als  blosse  Vorwegnahmen  derjenigen  Geschichte  sein,  die  sich
auch  ohne  ihre  ideelle  Dazwischenkunft  vollziehen  würde.  Die
praktische  Macht  der  Ideen  ist  noch  immer  nicht  hinreichend
gewürdigt,  weil  so  viele  Thorheiten  der  socialistischen  oder
politischen  Phantasie  durch  ihre  sehr  begreifliche  Ohnmacht
ein  Vorurtheil  gegen  alle  ideellen  Motive  begründet  haben,
oder  weil  man  es  vom  Standpunkt  der  Brutalität  gerathen
findet,  nur  die  letztere,  die  sich  ja  höchstens  nur  noch  auf
wankende  Ideen  stützt,  in  ihrer  viehisch  realistischen  Nacktheit ­
  geltend  zu  machen  und  alle  höheren  Beweggründe  des  bewussten ­
  Verstandes  und  des  veredelten  Gefühls  als  angeblich
ohnmächtig  in  Verachtung  zu  bringen.

Zweites  Capitel.
Babeuf  und  Saint  Simon.
Die  Scholastik  der  Nationalökonomie  sucht  ihre  Befriedigung ­
  nicht  selten  in  Definitionen,  welche  den  eigentlichen  Communismus
  vom  blossen  Socialismus  unterscheiden  sollen.  Diese
Trennung  ist  für  eine  Geschichte,  die  sich  mit  Wirklichkeiten
befasst,  sehr  gleichgültig.  Wenn  man  unter  Commimismus
die  Aufhebung  des  Privateigenthums  und  in  einer  andern  Richtung ­
  auch  etwa  diejenige  der  gesonderten,  gehörig  geordneten
und  auf  der  natürlichen  Abgrenzung  der  Rechte  beruhenden
Ehe  versteht,  so  wird  man  Mühe  haben,  die  thatsächlichen  Ge-
        <pb n="253" />
        237

Btaltungon  nach  solchen  Gesichtspunkten  zu  gruppircn.  Die
wirklichen  Gebilde  der  Theorie  sowie  die  seetenmassigen
Miniaturvcrsuche,  um  welche  es  sich  handelt,  sind  sich  meist
selbst  so  wenig  klar  gewesen,  dass  sie  jenen  Punkt  gar  nicht
o-chörig  entschieden  haben.  Nur  wo  man  überhaupt  auf  derartio-e
  Thorheiten  gänzlich  verzichtete,  entging  man  auch  einigernm^s^d^
  u^An^^ükmng  imvmnm^^dmn
Verworrenheit.  Die  Natur  der  Verhältnisse  hat  glUcklicherweise
  dafür  gesorgt,  dass  theoretische  Klarheit  und  praktmehe
Durchsichtigkeit  der  Gestaltungen  in  der  Richtung  auf  die  halb-Gommunistischen
  Missgebilde  gar  nicht  möglich  ist.  Eiyoller
und  ganzer  Communismus  lässt  sich  nun  zwar  gleich  einer
Diction  in  ziemlich  festen  Umrissen  vorstellen;  aber  hier  ist
die  Verwirklichung  in  grösserem  Maassstabe  und  nach  dem
Rüde  der  gewöhnlichen  rohen  Anschauungen  innerhalb  der
(Zivilisation  eine  unbedingte  Unmöglichkeit.  Es  bleiben  daher
für  die  communistischen  Bestandtheile  irgend  welcher  Theorien
oder  Associationen  nur  die  Nebelhaftigkeiten  und  Verschleieruimcn
  übrig.  In  den  entsprechenden  Phantasiebildcrn  wissen
die  ^Urheber  nicht,  was  sie  in  Rücksicht  auf  die  strengem
Rcchtsbegriffe  von  Eigonthum  und  Ehe  eigentlich  verzeichnen,
und  in  den  Kinderspielen  der  zugehörigen  Ausführungsversuche
haben  sie  wiederum  kein  deutliches  Bewusstsein  von  den  Rechtsbeziehungen, ­
  nach  denen  die  betreifenden  Gemeinschaften  ihre
Verhältnisse  ordnen.  Eine  relative  Anarchie  ist  daher  auch
regelmässig  das  Schicksal  dieser  socialen  Verbildungen  gewesen.
Von  iener  Einhüllung  der  wichtigsten  Beziehungen  in  unklare
Vorstellungen  kann  man  sich  einen  Begriff  machen,  wenn  man
bedenkt,  wie  es  den  Juristen  zu  ergehen  pffegt,  wenn  sie  bei
der  Prüfung  eines  Gegenstandes  nach  Maassgabe  ihrer  schärferen ­
  Auffassung  von  ungebildeten  Auslassungen  abhängig
werden  WennnunschondieMenschenimgewöhnlichenLauf
der  Dinn-o  die  Rechtsverhältnisse,  die  ihnen  nicht  ganz  geläuhg
sind,  mihr  oder  minder  durchoinandermischon,  so  darf  man  sich
nicht  wundern,  dass  die  phantastischen  Jünger  der  socialen
Alchymistcn,  welche  Eigenthum  und  Ehe  zu  ihrem  Versuchsgegenstand
  machen,  über  ihr  eignes  Treiben  und  die  dabei  obwaltcndcn
  Beziehungen  nicht  die  klarsten  Begriffe  a  en.
Hieraus  erklärt  sich  zum  Theil,  dass  die  Rechenschaftsablegungen ­
  über  die  betreffenden  Experimentalgemeinschaften  so
        <pb n="254" />
        —  238  —

äusserst  unbestimmt  auszufallen  pflegen.  Die  Urheber  oder
Mitspieler  selbst  sind  zwar  im  Stande,  die  Yorgilngo  und  Verhältnisse ­
  nach  Maassgabo  gewöhnlicher  Anschauungen  zu  beschreiben, ­
  aber  nicht  beurtheilcnd  nach  den  erforderlichen
Rochtsbegriflen  zu  analysireii.  In  Wahrheit  ist  der  Gegensatz
gegen  das  Eigenthumsprincip  oft  gar  nicht  so  gross,  als  man
annimmt.  Es  darf  mithin  nicht  sofort  von  eigentlichem  Comniunismus
  geredet  werden,  wo  die  angedeuteten  Gebilde  von  unbestimmtem ­
  Gepräge  vorliegen.  Anders  verhält  es  sich  allerdings ­
  mit  den  theilweise  communistischen  Einrichtungen,  welche
naturwüchsig  und  geschichtlich  der  schärferen  Ausbildung  des
individuellen  Eigenthums  vorangingen,  oder  als  ebenfalls  historische ­
  Entartungen  die  bessern  Formationen  auf  die  niedere
Stufe  einer  rohen  Solidarität  zurückwarfen.  Diese  Erzeugnisse
umfassenderer  Vorgänge,  die  mit  den  gelegentlichen,  aus  den
socialistischen  Phantasiespiolen  entsprungenen  Versuchen  kaum
etwas  Erhebliches  gemein  haben,  liefern  eine  Art  Collectivitäten
  des  Zusammenlebens,  die  man  mit  dem  Polypendasein
vergleichen  könnte.  Sie  vertreten  eine  Existenzart,  an  welcher
die  Selbständigkeit  der  Person  noch  von  einer  mehr  oder
minder  verworrenen,  äusserst  unentwickelten  Form  der  Lebenssolidarität ­
  unterdrückt  wird.  Ilieher  gehören  alle  Rechtsgestaltungen, ­
  bei  denen  die  Promiseuität  der  Verhältnisse  und
namentlich  der  Haftbarkeit  die  Regel  ist.  Ich  habe  absichtlich
das  sonst  nur  für  den  untergeordneten  Geschlechterverkehr
übliche  Wort  auch  im  Hinblick  auf  die  Eigenthums-  und  Verbindlichkeitsverhältnisse ­
  gebraucht,  um  die  unbestimmte  Verworrenheit ­
  jener  Beziehungen  gehörig  hervorzuheben.
2.  Ein  unzweideutiger  aber  roher  Communismus  tritt  uns
in  praktischer  Weise  als  Nachspiel  der  Französischen  Revolution ­
  entgegen,  die  schon  mit  der  Herrschaft  Robespierros  auf
die  schiefe  Ebene  der  religiösen  und  politischen  Halbreaction
gerathon  war.  Verglichen  mit  den  spätem  Theorien  und  Vorgängen ­
  hatte  die  communistischo  Idee  und  Thatsache,  die  wir
im  Auge  haben,  etwas  Charaktervolles,  so  dass  ihre  männlichen
Züge  mit  der  philanthropischen  Physionomie  und  der  weichen
Sentimentalität  eines  St.  Simon  gewaltig  contrastiren.  Sie  war
ein  Erzeugniss  der  activen  revolutionären  Leidenschaft,  ruhte
auf  eigentlich  politischen  Grundlagen  und  kann  daher  nicht  iin
Mindesten  auf  das  Niveau  jener  Kinderspiele  herabgozogen
        <pb n="255" />
        239

werden,  welche  die  läppische  Phantasie  eines  Fourier  später
ausführte.  Auch  die  bonhommistischen  Ucbungen,  denen  sich
der  Engländer  Robert  Owen  im  matten  Imaginiren  und  im
Experimcntircn  ergab,  sind  kein  Gegenstand,  der  sich  mit
jener  Erscheinung  als  mit  etwas  Gleichartigem  zusammenfassen
liesse.  Die  Kluft  zwischen  dem  communistischen  Plan,  den  die
Revolution  erzeugt  hatte,  und  den  schwächlichen  Versuchen  der
beiden  Socialphantasten  ist  so  gross,  dass  wir  die  Darstellung
des  ersteren  absondern  und  dem  Urheber  einen  getrennten  Platz
anweisen  müssen.
Der  Mann,  welcher  1796  eine  rein  communistische  Unternehmung ­
  auszuführen  gedachte,  war  Babeuf,  mit  dem  Beinamen
Gracchus.  Die  auf  das  Altrömische  gerichtete  Romantik  jenci
Tage  erklärt  die  Thatsache  und  auch  den  Sinn  dieses  selbstgewählten ­
  Vornamens  des  modernen  Volkstribunen.  Auch
werden  wir  im  Hinblick  aut  diese  Umstände  die  theatralische
Beimischung  und  einige  %üge  moralischer  Affectation  begreifen,
die  das  Auftreten  der  in  der  fraglichen  Angelegenheit  handelnden ­
  Personen  sogar  noch  im  Tode  nicht  ganz  abgelegt  hat.
Nichtsdestoweniger  war  Babeuf  ein  Mann  im  ernstesten  Sinne
des  Worts,  und  es  mag  hieran  noch  besonders  erinnert  sein,
da  wir  im  Laufe  unserer  Wissenschaftsgeschichte  nur  noch
einmal  und  zwar  bei  der  Commune  von  1871  Gelegenheit  haben,
mit  etwas  von  dieser  Gattung  in  Berührung  zu  kommen.  Auch
gehört  die  Darstellung  der  Verschwörung  Babeufs,  insoweit  sie
politisch  und  eine  gewaltsame  Action,  also  überhaupt  eine
äussere  Thatsache  der  Geschichte  war,  gar  nicht  zu  unserm
Gegenstände.  Nur  die  innere  Action  der  Phantasie  und  Leidenschaft, ­
  welche  die  Gestalt  eines  ernstlich  communistischen
Planes  annahm,  geht  uns  hier  an.  Doch  ist  es  unmöglich,
das  Wesen  dieses  Planes  zu  charakterisiren,  ohne  an  die
Eigenschaften  des  Mannes  zu  erinnern,  der  ihn  mit  der  ganzen
Kraft  seines  Willens  bis  zum  Tode  vertrat  und  noch  zuletzt
dafür  sorgte,  dass  ein  von  den  Feinden  unentstelltes  Andenken
seines  Versuchs  an  spätere  Geschlechter  gelangte.
Die  allgemeine  Geschichte  zeigt  uns  Babeuf  als  das  Haupt
einer  Verschwörung  gegen  das  Directorium,  d.  h.  gegen  eine
der  Machthaberschaften,  wie  sie  in  dem  Gange  der  sinkenden  /
Revolution  jederzeit  geschaffen  und  wieder  vernichtet  werden
konnten.  Die  Unternehmung,  deren  politische  Aussichten  hier
        <pb n="256" />
        240

nicht  zu  erörtern  sind,  missglückte  in  Folge  eines  Yorraths,
obwohl  sie  der  gehörigen  Vorbereitungen  nicht  ermangelte  und
über  eine  für  den  nächsten  Zweck  eines  raschen  Schlages  allenfalls ­
  ausreichende  Macht  verfügte.  Bei  dem  Process  bekundete
sich  ihr  Führer  als  ein  Mann  von  grosser  Offenheit,  der  es
für  seine  eigne  Person  verschmähte,  die  ihm  über  Alles  gehende
Ehre  seiner  Sache  im  Interesse  eines  Rettungsversuchs  der
nackten  Existenz  preiszugeben.  Anstatt  sich  in  einer  Weise,
die  man  nach  den  gewöhnlichen  Begriffen  als  formgerecht  zulassen
  würde,  ab  wehrend  zu  vertheidigen,  phiidirto  er  für  die
Gerechtigkeit  seiner  Anschauungen  und  Bestrebungen  und  erklärte, ­
  dass  er  auf  deren  Vertretung  nicht  verzichte.  Nach
Buonarrotis  Bericht  war  Babeuf  in  seinen  Privatbezichungen
und  in  seinen  Familicnverhältnissen  nicht  etwa  blos  ohne  Vorwurf, ­
  sondern  im  Gegenthoil  ein  Widerspicl  der  Corruption  und
blieb  jederzeit  arm.  Selbst  wenn  wir  den  Kennzeichnungen
des  Genossen  nicht  ohne  Weiteres  glauben  wollen,  so  treffen
wir  die  Beurkundung  der  Anschauungsweise  Babeufs  doch  in
den  eignen  Schriftstücken  desselben  in  einer  Gestalt  an,  die
nach  Abzug  der  romantischen  Elemente  die  honette,  von  einem
wirklichen  Gerechtigkeitsgefühl  belebte  Gesinnung  unverkennbar ­
  macht.  Letzteres  wird  selbst  für  denjenigen  klar  sein,
der  gewohnt  ist,  an  die  menschlichen  Charaktere  mit  grossem
Misstrauen  heranzutreten,  die  Maskenträgerei  bis  in  den  Tod
hinein  als  etwas  Häufiges  anzusehen  und  auch  das  in  Anspruch
genommene  Märtyrerthum  selbst  in  den  bedeutendsten  Erscheinungen ­
  der  Geschichte  stets  kritisch  zu  untersuchen.
Da  wir  dem  eigentlichen  und  gröberen  Communismus  in
einer  ähnlichen  Erscheinungsart  nicht  wieder  begegnen,  sondern
bei  den  communistischen  Phänomenen  der  Gegenwart  nur  an  den
Haupttypus  zu  erinnern  haben  werden,  so  muss  der  Gegenstand ­
  sofort  in  seiner  am  meisten  charakteristischen  Ausprägung ­
  zur  Erledigung  gelangen.  Dies  geschieht  am  besten,  indem ­
  wir  die  Ideen  da  aufsuchen,  wo  sie  den  Binn  mit  der
grössten  Gewalt  eingenommen  hatten,  was  grade  bei  Babeuf
am  unverkennbarsten  ist.  Sein  letztes  Benehmen  zeigt  uns,
dass  es  ihm  bitterer  Ernst  war.  Nach  dem  Ausspruch  des
Todesurtheils  wollte  er  sich  sofort  der  fremden  Gewalt  entziehen. ­
  Er  und  sein  Genosse  Dar  thé  leisteten  sich  gegenseitig ­
  den  letzten  Dienst,  aber  nicht  vollständig.  Der  Dolch
        <pb n="257" />
        —  241

war  zerbroclieu  unter  dem  Herzen  stecken  geblieben.  Nack
einer  scblinimen  Nacht,  welche  die  Zähigkeit  ihres  Muths  auf
die  Probe  gestellt  hatte,  unterlagen  sie  mit  dpr  grössten  Festigkeit ­
  dem  weiteren,  nun  nicht  mehr  in  der  Sicherheit  ihrer  Hand
und  der  Schwäche  ihrer  Instrumente  beruhenden  Abschluss  der
Sache  durch  die  Guillotine.
Einer  der  Haupttheilnohmer,  der  aber  nur  zur  Deportation
verurthoilt  wurde,  nämlich  der  schon  erwähnte  Buonarroti,
war  von  Babeuf  verpflichtet  worden,  das  Andenken  ihres  Unternehmens ­
  und  ihrer  Ideen  durch  eine  Darstellung  vor  den  feindlichen ­
  Fälschungen  sicherzustellen,  und  jene  Persönlichkeit  ist,
wenn  auch  erst  sehr  spät,  in  die  Lage  gekommen,  jenes  Veisprcchcn
  durch  die  Herausgabe  einer  ausführlichen,  mit  Belagstücken ­
  ausgestatteten  Schrift  zu  erfüllen.  Die  „Conspiration
pour  l’égalitó  dite  de  Babeuf,  par  Ph.  Buonarroti  (2  Bde.
Brüssel  1828)  ist  ein  Buch,  welches  allen  denen  empfohlen
werden  kann,  welche  die  fanatischen  Gestaltungen  dei  communistischen
  Gleichheitsidee  in  ihren  edleren  Zügen  kennen  lernen
und  zugleich  die  Logik  studireu  wollen,  die  im  Grunde  dieser
Leidenschaften  waltet.
3.  Wie  sich  die  communistische  Phantasie  Babeufs  vor  sich
selbst  rechtfertigte  und  in  ihrer  erträumten  Yerwirklichung
zu  benehmen  gedachte,  ersieht  man  aus  folgenden  Umständen.
In  einer  Antwort  auf  einen  die  Möglichkeit  des  Communismus
anfechtenden  Brief  sagt  Babeuf:  „Die  Lehre,  die  wir  predigen,
hat  die  kalten  Rechnungen  der  Philosophie  und  die  Autorität
der  grossen  Männer  des  Alterthums  auf  ihrer  Seite  .  (Buonairoti
  Bd.  II  S.  214).  Weiterhin  (S.  227)  findet  sich  sogar  eine
Aufrufung  der  philosophischen  Patrioten,  mit  ihrer  Logik  und
ihren  Schriften  den  Egoismus,  die  Quelle  der  Tyrannei  und
des  Unglücks,  zu  entwurzeln.  Der  in  Bezug  genommene  Brief
vom  28.  Germinal  des  Jahres  lY  ist  ebenso  kennzeichnend
als  die  Einwendung,  die  ihn  hervorgerufen  hatte.  Man  sieht
deutlich,  dass  der  individuelle  Reichthum  von  Babeuf  als  die
Quelle  alles  Uebels  betrachtet  wurde;  man  sieht  aber  auch,
dass  sein  Gedankengang  nicht  von  so  niedrigen  Motiven  geleitet ­
  war,  um  die  ganze  Angelegenheit  zu  einer  blossen  I  rage
der  Magcnfüllung  entarten  zu  lassen.  Die  politische  Beziehung
stand  als  Grundlage  unverrückbar  fest,  und  die  fernere  Geschichte ­
  des  Socialismus  wird  uns  lehren,  dass  es  jederzeit  eine
Ouhriiig,  Geschichte  der  &amp;gt;'atioiialOkonomie.  2.  Auflage.  16
        <pb n="258" />
        242

■1

Tiiorheit  gewesen  ist,  in  der  praktischen  Politik  die  Wahr“
nehmung  der  socialen  Interessen  von  derjenigen  der  politischen
zu  trennen.  Auf  dieser  Seite  lag  die  Schwäche  Babeufs  sicherlich ­
  weit  weniger  als  im  Bereich  eigentlich  wirthschaftlichcr
Vorstellungen,  und  hier  haben  wir  die  Nationalökonomie  seiner
Zeit  mehr  als  ihn  selbst  für  die  Möglichkeit  Jener  ausschweifenden ­
  Phantasieerzeugnisse  zur  Rechenschaft  zu  ziehen.  Hätte
er  von  derselben  direct  mehr  gewusst,  als  wirklich  der  Pall
war,  so  ist  noch  sehr  fraglich,  ob  ihn  die  Theorien  derselben
nicht  noch  mehr  in  seiner  Idccngestaltung  bestärkt  haben
würden.  Auf  irgend  einem  Wege  war  er  offenbar  zu  den  Irrthümern
  der  damaligen  Wirthschaftslehre  auch  seinerseits  gelangt, ­
  und  es  kann  uns  gleichgültig  sein,  ob  er  die  für  ihn
entscheidenden  Vorstellungen  selbst  gefasst  oder  indirect  überkommen ­
  hatte.  Soviel  steht  fest,  dass  er  die  Meinung,  man
könne  sich  auch  allenfalls  ohne  edle  Metalle  behelfen,  mit  den
bedeutendsten  nationalökonomischen  Schriftstellern,  namentlich
aber  mit  Adam  Smith,  thcilte.  Der  Unterschied  zwischen  ihm,
der  ein  Urheber  neuer  Zustände,  und  den  theoretischen  Autoren,
die  nur  Anreger  von  Gedanken  sein  wollten,  bestand  allein
darin,  dass  er  es  mit  der  praktischen  Logik  ernst  nahm  und
voraussetzte,  ein  zutreffender  Gedanke  müsse  sich  auch  in
eine  Thatsache  übersetzen  lassen.  Er  glaubte  an  die  Möglichkeit, ­
  dem  Golde  den  Abschied  zu  geben  und  den  Umlauf  nicht
etwa  mit  blossem  Papier,  wie  es  Adam  Smith  für  thunlich
gehalten  hatte,  sondern  im  Wege  der  Naturalvertheilung  zu
bewerkstelligen.  Seitens  der  einzelnen  Bezirke  sollte  eine  Naturalablieferung ­
  der  Ueberschüsse  stattfinden.  Man  kann  sich
selbst  ausmalen,  wie  nach  dem  Einwerfen  des  Eigenthums  in
die  neue  Gemeinschaft  die  Proceduren  einer  regierungsmässigen
Vertheilung  erdacht  werden  mussten.  Doch  sei  bemerkt,  dass
Babeuf  das  Gold  und  Silber  für  die  Beziehungen  zum  Auslande
reserviren  und  dem  letzteren  sogar  die  Staatsschuld  bezahlen
wollte.  Man  wundert  sich  vielleicht,  dass  der  verrufene  Communist ­
  dem  Ausland  gegenüber  eine  Achtung  für  die  Erfüllung
der  Verbindlichkeiten  und  hiomit  ein  Maass  von  Gerechtigkeitssinn ­
  bekundete,  welches  man  bei  hocheivilisirten  Völkern
und  Regierungen  nur  ausnahmsweise  voraussetzen  kann,  sobald
man  ausschliesslich  den  guten  Willen,  nicht  aber  die  von
Aussen  zwingende  Nothwendigkeit  oder  berechnende  Rücksicht
        <pb n="259" />
        243

auf  den  künftigen  Credit  in  Anschlag  bringt.  Die  Speicherungen ­
  sowie  die  Ausgleichungen  zwischen  den  verschiedenen  Bezirken, ­
  an  welche  der  ziemlich  phantasiereiche  Yolkstribun  in
seinem  System  und  Reich  dachte,  brauchen  wohl  kaum  erwähnt
zu  werden.  Dieses  Nebenwerk  tritt  gegen  den  zweiten  Grundirrthum ­
  zurück,  der  eine  Rohheit  der  Auffassung  enthielt,  die
ebenfalls  der  Nationalökonomie  in  ihrer  physiokratischen  Gestalt, ­
  in  einem  gewissen  Maass  aber  auch  noch  dei’jenigen  Adam
Smiths  eigen  war,  ja  sogar  noch  heute  in  verschiedenen  Systemen ­
  eine  Rollo  spielt.  Es  ist  dies  die  Meinung,  welche  mit
der  VolkswirthSchaft  und  mit  der  Versorgungsfrage  fertig  zu
sein  glaubt,  wenn  sie  nichts  weiter  als  den  Ackerbau  und  den
Ertrag  der  ländlichen  Grundstücke  regulirt  hat.  Diese  Beschränkung ­
  der  ökonomischen  Gedanken  auf  den  Ackerbau,
wie  wir  dieselbe  in  ihren  widerwärtigsten  Conseíjuenzen  auch
bei  einem  Malthus  angetroffen  haben,  ist  einerseits  als  ein  Volksvorurtheil,
  andererseits  in  ihrer  allermodernsten  und  gegenwärtigen ­
  Gestalt  als  eine  Rückwirkung  der  feudalistischen
Denkweise  zu  betrachten.  Es  darf  daher  nicht  befremden,  dass
der  Volkstribun  Gracchus  Babeuf  mit  den  Gonsequenzen  dieser
so  vielseitig  anerkannten  Idee  Ernst  machen  wollte.  Er  hatte
ebensowenig  wie  die  ideologische  Nationalökonomie  seiner  Zeit
eine  Ahnung  davon,  dass  in  der  modernen  Welt  die  entscheidende ­
  Triebkraft  für  die  Beschaffung  von  Existenzmitteln  anderswo ­
  zu  suchen  wäre,  als  im  Gebiet  des  Grundeigenthums.
Seine  antiken  Vorbilder  mögen  zur  rohen  Gestaltung  seiner
Ideen  nicht  wenig  beigetragen  haben.  Allein  seine  Entwürfe
Würden  vielleicht  noch  schlimmer  ausgefallen  sein,  r/venn  er
noch  einige  Trugbilder  der  Nationalökonomie  zum  Führer  genommen ­
  hätte.
4.  Man  sieht  aus  den  Schriftstücken,  dass  er  Mably
kannte  und  Rousseaus  Antrieben  folgte;  aber  auch  seine  eignen
Vorstellungen  und  deren  Ausdrucksform  sind  offenbar  kernig
genug,  um  als  Beurkundungen  eines  energischen  selbständigen
Geistes  mehr  Werth  zu  haben,  als  ganze  Massen  einer  späteren, ­
  dürftigen  und  schwächlicherr  Literatur  über  denselben
Gegenstand.  In  der  bei  Buonarroti  (Bd.  II  S.  137  fg.)  als  Belagstück ­
  abgedruckten  kurzen  Darstellung  der  Hauptprincipien
Babeufs  wird  (S.  145)  die  Idee  entwickelt,  dass  durch  Theilung
und  Aneignung  des  Grundeigenthums  die  Ungleichheit  und
        <pb n="260" />
        244

i  hicmit  das  Unrecht  begründet  worden  wäre.  Das  Uebel  babe
sieb  hauptsächlich  dadurch  gesteigert,  dass  die  Anzahl  der  blos
um  Lohn  zu  arbeiten  Genöthigten,  verglichen  mit  derjenigen
der  Lohngeber,  immer  grösser  geworden  sei.  Auf  diese  Weise
.  seien  die  Ersteren  ganz  und  gar  der  Verfügung  der  Letzteren
anheimgefallen  und  auf  eine  sehr  dürftige  Lebensweise  beschränkt ­
  worden.  Weiterhin  wird  das  Eigenthum,  weil  cs.  die
Quelle  der  Ungleichheit  und  der  Sklaverei  sei,  als  eine  Geissel
der  Gesellschaft  und  als  ein  wahres  ölfentliches  Verbrechen
bezeichnet.  Besonders  charakteristisch  ist  aber  folgender  Satz:
’’  „Die  Revolution  ist  nicht  beendigt,  weil  die  Reichen  alle  Güter
absorhiren  und  ausschliesslich  herrschen,  während  die  Armen
als  wahre  Sklaven  arbeiten,  sich  im  Elend  hiiischloppen  und
im  Staate  nichts  sind.”  An  einer  früheren  Stelle  waren  die
Armen  in  einer  dreifachen  Abhängigkeit  als  dem  Zwang  der
Noth,  der  Erniedrigung  durch  die  Unwissenheit  und  dem  Betrug ­
  durch  die  Religion  unterliegend  gekennzeichnet  worden.
Man  begreift,  dass  ein  Mann  von  solchen  Anschauungen  ein
furchtbarer  Gegner  gewesen  sein  würde,  wenn  seine  Kraft  nicht
in  der  Richtung  auf  zu  roh  gestaltete  Ziele  ausgegriffen  hätte,
und  wenn  die  Verstandesmässigkeit  und  Einsicht  seiner  Ideen
nicht  gewaltig  hinter  der  Intensität  seiner  Gesinnung  zurückgeblieben ­
  wäre.  Die  Antriebe,  von  denen  er  geleitet  wurde,
sind  ungefähr  dieselben,  welche  wir  auch  heute  noch  in  den
verschiedensten  Formen  auftreten  sehen.  Der  vorher  wörtlich
angeführte  Satz  könnte  sehr  wohl  als  Inschrift  zum  Eingang  in
die  seitdem  abgespielte  Gcsellschaftsgeschichte  dienen;  denn  in
der  That  ist  die  Revolution  noch  nicht  abgeschlossen  worden,
und  auch  ihr  politischer  Charakter  hat  mehr  und  mehr  eine
socialistische  Grundlage  gewonnen.  Babeuf  suchte  aber  das
Unheil  mit  Rousseau  in  der  Vergangenheit  und  in  der  urf
  sprünglichen  Bildung  des  Eigenthums  und  wollte  die  Zustände
im  Sinne  des  Uranfänglichen  gestalten.  Diese  rückläufige
Eigenschaft  seines  Ideals  contrastirt  nun  gewaltig  mit  dem
Drang  der  Affecte,  die  nach  vorwärts  wiesen.  Er,  der  sich,
wie  er  in  seinem  letzten  Brief  an  seine  Familie  schrieb,  in  die
„ewige  Nacht”  und  „in  den  Schlaf  des  Weisen”  mit  so  festem
Bewusstsein  und  befriedigtem  Gewissen  „einhüilto”,  war  von
den  im  letzten  Grunde  aus  dem  Superstitionsdogma  vom  Sündenfall ­
  oder  wenigstens  aus  der  poetischen  Täuschung  eines
        <pb n="261" />
        uranfílnglichen  goldenen  Zeitalters  stammenden  Dlnsionen  indirect ­
  lind  unbewusst  durch  die  rückläufigen  Theile  des  Rousseauschen
  Denkens  irregetührt  worden.
Ich  bin  auf  die  besondern  Züge  des  Plans,  den  man  im
Pall  des  Gdingens  der  Verschwörung  wenigstens  zum  Theil
auszuführen  versucht  haben  würde,  nicht  eingegangen,  weil  die
Verfolgung  eines  in  seinem  Ausgangspunkte  verkehrten  Phantasiegebildes ­
  in  die  Einzelheiten  kein  Interesse  hat.  Das  Gepräge
  der  rohen  Gewalt  und  die  demselben  nicht  blos  bei  Communisten
  entsprechenden  Maassnahmen  würden  sicherlich  auc  i
hier  nicht  gefehlt  haben,  wie  man  aus  den  Actenstücken  nur
zu  deutlich  erkennt.  Allein  soweit  Babeuf  persönlich  in  rage
kam,  würden  seine  eisernen  Vorstellungen  von  Gerechti^  "cit
in  die  übrigens  unverkennbare  Barbarei  des  Gleichheitsfanatismus
  edlere  Züge  gebracht  und  die  jedenfalls  rasch  vorü  eigehenden
  Convulsionen  eines  kurzlebigen  Ausführungsveisuc  s
gemildert  haben.  Die  Geschichte  hat  in  andern,  nicht  commu
nistischen  Gebieten  unvergleichlich  mehr  Rohheiten  und  Thorheiten
  von  gemeinerem  Charakter  und  soviel  blutigen  Rau  zu
verzeichnen,  dass  sie  wohl  mit  den  Opfern  einer  theoretisc
irregeleiteten,  in  ihrem  Kerne  aber  nur  zu  erklärlichen  Lei  en
Schaft  nach  einem  andern  Maass  der  Kritik  verfahren  un
daran  erinnern  muss,  dass  für  den  weiteren  Verlauf  dei  e
gebenheiten  nicht  die  Verkehrtheit  der  Theorie,  sondern  le
Artung  und  Richtung  der  Gesinnung  das  Entscheiden  G
Den  Typus,  welchen  wir  in  Babeuf  vorgeführt  ha  en,
fen  wir  in  der  weiteren  Gestaltung  der  Ideen  nie  nui
nicht  ausser  Acht  lassen,  sondern  werden  seiner  um  so^
mehr  bedürfen,  je  mehr  wir  uns  der  Gegenwart  nähern.  Di
Art  und  Weise,  in  der  Babeuf  dachte  und  handelte,  ist
von  so  entscheidender  Eigenart  gewesen,  dass  man  sich
hüten  muss,  ihn  mit  der  Schaar,  auf  die  er  zu  wirken
hatte  und  namentlich  mit  den  Robespierreschen  Parteitrümmern ­
  oder  auch  nur  mit  Buonarroti  in  Charakter  und  Dem
kungsart  zu  identificiren.  Die  festen  Umrisse,  welche  nicht
nur  sein  Wollen,  sondern  auch  die  theoretisch  verkehrten  Ziele
desselben  zeigten,  sind  allermindestens  geeignet,  zu  den  gestalt
los  zerfliessenden  und  sentimental  aufgelösten  Voistellungs
regungen  der  verhältnissmässig  bedeutendsten  Erscheinung  des
nach  der  Revolution  zunächst  auftretenden  Socialismus  den  ge-
        <pb n="262" />
        —  246  —

hörigen  Contrast  zu  bilden.  Sie  werden  bemerken  lassen,  durch
welche  Kluft  ein  8t.  Simon  mit  seinen  Ideen  von  den  eisernen
Gesetzen  des  wirklichen  Lebens  getrennt  wurde.
5.  Von  einem  Mann  der  That  gelangen  wir  jetzt  zu  einer
Erscheinung,  die  ihren  Schwerpunkt  in  der  Theorie  hat  und
von  der  man  noch  nicht  einmal  sagen  kann,  dass  sie  die  Kraftentfaltung ­
  des  rein  Verstandesmässigon  an  erster  Stelle  vertreten ­
  habe.  In  dem  Namen  Saint  Simons  kann  das  kleine
Beiwort  als  Erinnerung  daran  dienen,  dass  sein  Träger  von
vornherein  und  nicht  etwa  erst  in  seinen  letzten  Lebensjahren
von  religiösen  Aifecton  bewegt  worden  ist,  die  ungeachtet  ihrer
anscheinend  ganz  freien  und  fessellosen  Gestaltung,  ja  trotz
ihrer  gelegentlichen  Verwandlung  in  einen  blossen  Cultus  der
Wissenschaft,  dennoch  niemals  das  ihnen  eigenthümlicho  Gepräge ­
  des  einseitigen  Gefühlsstandpunkts  verleugnet  haben.
Diese  Regungen  oder  vielmehr  deren  leicht  begreifliche  Entartungen ­
  sind  es  gewesen,  die  das  Bindeglied  zwischen  St.  Simon
und  den  widerwärtigen  Ideen  und  Thatsachen  abgaben,  die  nach
seinem  Tode  unter  dem  Namen  des  St.  Simonismus  eine  Rolle
spielten  und  in  den  Enfanterieen  eines  Enfantin  ihren  bekanntesten ­
  Ausdruck  fanden.  Wäre  in  der  Person  und  in  den  Ideen
St.  Simons  nichts  Anderes  als  der  an  gedeutete  Zug  anzutreffen,
der,  wenn  auch  sehr  weit  von  den  nachfolgenden  Thorheiten
entfernt,  dennoch  unbestimmt  genug  war,  um  für  das  kinderhafte
  Unterfangen  einer  Secte  einen  ziemlich  scheinbaren  Anknüpfungspunkt ­
  zu  bieten,  —  wäre  bei  St.  Simon  selbst  nichts
Besseres  vorhanden  gewesen,  so  würden  wir  unsere  kritische
Geschichte  mit  keinem  Bericht  über  seine  Gedanken  und  Bestrebungen ­
  auszustatten,  sondern  den  Raum  für  andere  Erscheinungen ­
  zu  schonen  haben.  So  aber  verhält  es  sich  nicht,  sondern ­
  St.  Simon  ist  in  der  That,  aller  Abwege  und  Beimischungen ­
  ungeachtet,  der  rationellste  Vertreter  der  älteren  socialen
Ideen.  Ja  es  lässt  sich  sogar  behaupten,  dass  sein  Grundgedanke
im  Wesentlichen  zutreffend  gewesen  ist  und,  von  einigen  Einseitigkeiten ­
  abgesehen,  noch  heute  den  leitenden  Antrieb  der
wirklichen  Gestaltungen  bildet.  Um  diesen  Gedanken  gehörig
aufzufassen,  muss  man  jedoch  von  vornherein  die  sehr  gewöhnliche ­
  Ansicht  ablegen,  als  wenn  derselbe  eine  von  Grund  aus
neue,  in  den  Hauptformen  des  gesellschaftlichen  Daseins  völlig
veränderte  Ordnung  ins  Auge  gefasst  hätte.  Im  Gegentheil

■Vyrvn
        <pb n="263" />
        wird  man  die  vorlilufige  Vorstellung  von  St,  Simons  Denkungs
art  weit  richtiger  gestalten,  wenn  man  davon  ausgeht,  dass  man
es  mit  einer  gegen  den  zerstörenden  Charakter  des  Revolutionären ­
  und  auf  den  Positivismus  des  Schagens  gerichteten
Sinnesart  zu  thun  hat.  Es  würde  sogar  nicht  einmal  emo  unrichtio-e,
  wenn  auch  leicht  missverständliche  Formulirung  sein,
wenn  man  sagte,  dass  St.  Simon  eine  Art  reactiver  Gegenwirkung
  gegen  die  Grundsätze  der  Französischen  Revolution
vertreten  habe.  Ganz  unbedenklich  gestaltet  sich  der  letztere
Satz,  sobald  man  hinzufügt,  dass  die  fragliche  geistige  Reaction
zu  einem  grossen  Theil  selbst  von  den  Errungensc  a  ten  er
neuen  Anschauungsweise  getragen  gewesen  sei.  Die  hauptsächlichsten ­
  Veröffentlichungen  specifisch  socialer  Art  fielen
überdies  in  eine  Zeit,  in  welcher  der  Autor  bereits  dem  Eindruck
  der  Rostaurationsherrschaft  ausgesetzt  war.  Greifen  wir
jedoch  der  Angabe  einiger  Thatsacheii  aus  seinem  Leben

nicht  vor.  _  .
Der  Graf  Saint  Simon  (1760  —1825)  aus  Paris,  stammte
nach  seiner  eignen  Meinung  von  Karl  dem  Grossen  ab  und
war  der  nächste  Verwandte  des  durch  seine  Memoiren  bekannten, ­
  der  Zeit  Ludwigs  XIV  angehörigen  Herzogs  Samt
Simon.  In  glänzenden  Verhältnissen  und  mit  viel  Aufwand
erzogen,  unter  Andern  auch  von  d’Alembert  unterrichtet,  trug
er  sich  schon  in  sehr  jugendlichem  Alter  mit  Ideen  von  einem
grossen  persönlichen  Beruf.  Bezeichnend  ist  die  neu  ,
dass  er  sich  als  junger  Herr  mit  der  Anrede  habe  wecken
lassen:  „Stehen  Sie  auf,  Herr  Graf,  denn  Sie  haben  grosse
Dingo  zu  thun.”  Mit  17  Jahren  in  die  Welt  selbständig  ei  -
getreten,  gelangte  er  in  verhältnissmässig  kurzer  ^it  zu  mannichfaltigen
  Rollen  jenseits  und  diesseits  des  Oemns.  Er
leistete  Kriegsdienste  unter  Washington,  bemühte  sich  für  seinen
Plan  eines  interoceanischen  Canals  bei  der  Mexikanischen  Regicruno',
  betrieb  in  Holland  eine  Expedition  gegen  die  Indischen
Colonien  der  Engländer,  ohne  zur  deffuitiven  Ausí^rung
gelangen,  und  verfolgte  in  Spanien  ein  fur  die  HauptsWt
dieses  Landes  wichtiges  Canalproject.  Die  Eranzösiscbe  R^
volution,  welche  auch  diese  letzte  Unternehmung  abschnitt,
brachte  ihn  ausserdem  so  ziemlich  um  Alles,  d,  h.  ausser  um
seine  aristokratische  Stellung  auch  um  ein  sehi  giosses  i^r
mögen.  Um  für  philanthropische  Zwecke  wieder  Mittel  zu  er-
        <pb n="264" />
        werben,  speciilirte  er  von  1790—97  in  Verbindung  mit  einem
Preussen,  dem  Grafen  Redern,  auf  dem  Gebiet  dos  Nationalgütei
  Verkaufs  und  zog  sich  dann  mit  einer  Summe  von
144,000  Fr.  von  allen  geschäftlichen  Operationen  zurück.  Er
glaubte  mit  diesem  Betrag  für  seine  Absichten  und  Entwürfe
solange  ausreichen  zu  können,  bis  er  zu  irgend  einer  Stellung  gelangt ­
  sein  würde.  Doch  der  Erbe  der  Tradition  des  Glanzes
und  der  hülle  hatte  seinen  Voranschlag  mit  etwas  zu  leichtfertigem ­
  Vertrauen  auf  die  Lebensverhältnisse  gemacht  und
war,  wie  das  Weitere  lehrte,  offenbar  nicht  fähig,  seinen  nach
allen  Seiten  hin  ausgreifenden  Forschungsneigungen  die  zum
eigentlichen  Ziel  führenden  Bahnen  vorzuschrciben.  Er  verstand ­
  es  weder  in  seinen  nun  beginnenden  wissenschaftlichen
Studien  noch  in  seinen  vermeintlichen  Lobensorprobungen  die
natürlichen  Beschränkungen  eintreten  zu  lassen,  die  im  Interesse ­
  der  Freiheit  und  Herrschaft  des  Geistes  noth  wen  di  g  sind.
Es  gelang  ihm  nie,  auf  das  Unerhebliche  zu  verzichten  und
das  Unnütze  eines  Ausgreifens  und  Ausschweifens  nach  allen
Wissens-  und  Lebensrichtungen  zu  erkennen.  Er  bcsass  nicht
die  hinreichende  Kraft  der  Abstraction,  um  sich  im  Sinne  philosophischer ­
  Î  roiheit  und  Ucbersicht  auf  das  zu  concentriren,
worauf  es  ihm  eigentlich  ankam.  Ein  sehr  unbestimmter  Drang
nach  Verwerthung  alles  Wissens  für  eine  neue,  zur  Veredlung
der  menschlichen  Existenz  führende  Erkenntniss  äusserte  sich
daher  zunächst  in  etwas  zerfahrener  Weise,  wobei  es  allerdings ­
  an  der  Einheit  des  Triebes  und  eines  noch  unklar  gedachten ­
  Phantasiebildes  von  einer  „physiko-politischen”  Theorie
nicht  fehlte.
Der  siebeuunddreissigjährige  Mann  begann  mit  einem  Studium ­
  der  physischen  Wissenschaften  und  zwar  mit  einem  besondern
  Interesse  für  deren  Entdeckungsgeschichto.  Er  selbst  berichtet ­
  uns  in  seinen  Lebensfragmenten,  die  man  unter  Anderin
auch  an  der  Spitze  der  Ausgabe  der  Werke  von  1841  abgedruckt
findet,  von  den  Einzelheiten  und  Aeusserlichkoiten  seiner  Bestrebungen. ­
  Zuerst  war  es  die  polytechnische  und  später  die
medicinische  Schule,  bei  welcher  er  seine  Wohnung  aufschlug.
Seine  Börse  und,  wie  er  ebenfalls  selbst  sagt,  seine  Tafel  und
sein  guter  Wein  wären  nicht  geschont  worden,  um  die  Professoren ­
  der  beiden  Anstalten  ausgiebig  zu  machen.  Doch  scheint
ihm  diese  vornehme  Stndirweise  im  Verhältniss  zu  den  ver-
        <pb n="265" />
        249

ßchiedenen  in  dieser  Art  verwendeten  Jahren  nicht  allzu  viel
eingetragen  zu  haben.  Die  Herren,  die  er  in  Anspruch  nahm,
haben  die  Sache  unzweifelhaft  auch  ihrerseits  zu  cavalicrmilssig
und  zwar  in  einem  schlechteren  Sinne  dieses  Worts  genommen,
als  es  auf  St.  Simon  selbst  passen  würde.  Sie  haben  ihm  für
reines  Gold  und  reinen  Wein  sicherlich  nichts  Entsprechendes
gereicht;  denn  andernfalls  hätte  der  gute  Graf,  dem  es  an  Geist,
Phantasie  und  sogar  an  einer  gewissen  Art  von  Genie  nicht
fehlte,  nicht  sein  ganzes  Leben  hindurch  ohne  Kenntniss  des
Sinnes  der  exacten  Wissenschaften  und  ohne  Verständniss  für
deren  strenge  Denkweise  bleiben  können.  Die  reichste  und
überschwellendste  Imagination,  die  von  den  Affecten  noch  so
sehr  beherrscht  wird,  kann,  solange  sie  überhaupt  noch  zur
Einlassung  auf  die  strengeren  Theile  des  Naturwissens  geneigt
ist,  durch  zutrehende  Wendungen  und  Hinweisungen  stets  ein
wenig  disciplinirt  und  zur  Ordnung  gebracht  werden.  Ein  derartiger ­
  Vorgang  ist  aber  bei  St.  Simon  nicht  eingetreten.  Die
Physiker  und  Astronomen,  mit  denen  er  sich  nach  einer  Art
von  Systematik  zuerst  einliess,  haben  daher  sicherlich  keinen
Beitrag  geliefert,  um  die  ein  wenig  abenteuerliche  Phantasie
ihres  nicht  im  besten  Sinne  des  Worts  originalen  Zöglings  auf
den  allbeherrschenden  Verstand  hinzu  weisen.  Die  Wissenschaften ­
  des  Organischen  und  Animalen  waren  aber,  namentlich ­
  in  ihrem  damaligen  Zustande,  am  allerwenigsten  geeignet,
einen  sonderlich  ordnenden  und  aufklärenden  Einfluss  auf  einen
Geist  auszuüben,  in  welchem  sich  ohnedies  schon  viel  unverarbeitete ­
  Vorstellungen  und  Antriebe  drängten.
Auf  diese  Studien  folgten  nun  Reisen  nach  England  und
Deutschland  und  zwar  mit  dem  Zweck,  die  dortigen  Zustände
des  allgemeinen  Wissens  kennen  zu  lernen;  von  England  war
St.  Simon  wenig  erbaut;  in  Deutschland  flel  ihm  die  mystische
Philosophie  auf,  die  ja  grade  an  der  Grenzscheide  des  Jahrhunderts ­
  zu  wuchern  begann,  und  die  er  ganz  richtig  als  einen
Kindheitsstandpunkt  bezeichnete.  Zwar  nennt  er  Leute  wie
Fichte  und  Schelling  nicht;  aber  der  Eindruck  passt  wesentlich ­
  nur  auf  die  Atmosphäre,  in  welcher  diese  und  verwandte
Erscheinungen  auftauchten.  Uebrigens  fügte  St.  Simon  seiner
Ansicht  die  Bemerkung  hinzu,  dass  die  Deutschen,  wenn  sie
einmal  auf  den  rechten  Weg  gelangt  sein  würden,  grade  in
        <pb n="266" />
        —  250

der  Thätigkeit  für  die  allgemeine  Wissenschaft  eine  grosse  Zukunft ­
  hätten.
Der  Begriff,  den  St.  Simon  von  der  Erfahrung  als  einem
Mittel  des  Wissens  hegte,  war  höchst  verworren  und  bekundete ­
  sich  auch  darin,  dass  er  selbst  seine  Verheirathung  grundsätzlich ­
  als  Lebensexperiment  nahm  und  in  einem  Jahre
luxuriöser  und  alle  Praktiken  des  Vergnügungsdaseins  versuchender ­
  Existenz  seine  Mittel  erschöpfte.  Diese  wahnwitzigste
und  würdeloseste  Episode  seines  Lebens  ist  zugleich  der  moralisch ­
  dunkelste  Punkt  seines  gesummten  Verhaltens.  Seine
Thorheit,  die  zugleich  eine  Rücksichtslosigkeit  war,  ging  soweit, ­
  in  einer  an  Irrsinn  grenzenden  Weise  die  unmittelbare
subjective  Erfahrung  der  Ausschweifungszustände  grundsätzlich
zu  suchen.  In  diesem  frivolen  Spiele,  in  welchem  er  sieh  und
die  Welt  zu  studiren  vermeinte,  blieb  er  allerdings  in  einem
gewissen  Sinne  der  Herr  seiner  selbst  und  ein  sich  nie  ganz
verlierender  Zuschauer  des  eignen  und  fremden  Verhaltens.
Allein  der  Umstand,  dass  er  beobachtete  und  alle  seine  Handlungen ­
  zum  Werkzeug  für  den  fanatischen  Zweck  eines  trügerischen ­
  Wissensidols  ansah  und  gestaltete,  kann  uns  mit  diesen
Verkehrtheiten  nicht  aussöhnen.
Eine  weitere  Reihe  von  Experimenten,  die  für  St.  Simon
nach  jener  Episode  begann,  wurde  nicht  mehr  von  ihm,  sondern
mit  ihm  angestollt.  Die  Natur  und  die  Macht  der  Verhältnisse
übernahmen  jetzt  die  Gestaltung  seines  Lebens  und  ergänzten
die  vielfachen  Situationen,  die  er  gesucht  hatte,  auch  durch
solche  Lagen,  die  sich  Niemand  nach  Belieben  künstlich  geben
kann,  ohne  zugleich  die  Herrschaft  über  seine  Angelegenheiten
einzubüssen.  Er  gerieth  in  das  äusserste  Elend,  sah  sich  gonötliigt,
  bei  einem  Standesgenossen  um  einen  Copistenposten
anzuhaltcn,  in  welchem  er  für  1000  Fr.  Jahreslöhnung  täglich
9  Stunden  zu  arbeiten  hatte  und  seine  Gesundheit  in  die
grösste  Gefahr  brachte.  Die  Befreiung  von  diesem  halbjälirigen,
unfreiwilligen  Experiment  wurde  ihm  von  einer  solchen  Seite
zu  Theil,  dass  sich  schon  die  fernere  Physionomie  der  St.  Simonschen
  Existenz  absehen  liess.  Ein  gewisser  Diard,  der  früher
in  seinen  Diensten  gestanden  hatte  und  ihn  zufällig  in  der
seltsam  contrastirenden  Situation  wiederfand,  sorgte  für  seine
Existenz  und  trug  sogar  die  Druckkosten  einiger  Schriften.
Doch  schwand  mit  dem  nach  ein  paar  Jahren  erfolgten  Tode
        <pb n="267" />
        251  —

jenes  Mannes  auch  diese  Existenzgrundlage,  die  für  den,  welcher
sie  gewährte,  ein  besseres  Zeugniss  war,  als  für  den,  welcher
sie  angenommen  hatte.  Nach  dem  eignen  Bericht  St.  Simons
von  1812  sah  er  sich  in  diesem  Zeitpunkt  auf  das  Aeusserste
gebracht.  Seit  14  Tagen  lebe  er  von  Brod  und  Wasser  und
arbeite  ohne  Heizung.  Doch  fügt  er  hinzu,  dass  er  sogar  seine
Kleider  verkauft  habe,  um  Abschriften  bezahlen  zu  können.
Man  sieht  hieraus,  dass  seine  Einrichtung  so  widersinnig  als
möglich  gewesen  sein  muss,  und  dass  ihn  das  Wahngebilde  der
Ziele  seiner  Arbeiten  bis  zu  dem  Grade  beherrschte,  um  die
allereinfachste  Eintheilung  und  Anordnung  seiner  Oekonomie
unmöglich  zu  machen.  Er  hungerte,  fror  und  bezahlte  Abschriften, ­
  —  hierin  liegt  ein  Zug,  den  Niemand  anders  als  pathologisch ­
  zu  erklären  vermag.  Analogen  Erscheinungen  begegnet
man  im  Leben  häufig  genug;  allein  die  Th  at  sache,  dass  sich
derjenige,  welcher  seinen  Ausgangspunkt  von  den  ernsteien
Wissenschaften  genommen  haben  wollte,  in  dieses  passive,  auf
das  Mitleid,  um  nicht  zu  sagen  auf  die  höheren  Formen  des
Bettels  angewiesene  Fortleben  zu  ergeben  vermochte,  bedarf
einer  Erklärung.  Die  letztere  liegt  nun  nahe  genug,  wenn  man
sich  nur  entschliesst,  sie  in  dem  religiösen  Affect  zu  suchen,
dessen  Signatur  schon  sehr  früh  und  nicht  etwa  erst  in  den
letzten  Erzeugnissen  zu  erkennen  ist.  Dieser  Afiect  hatte  die
Gestalt  einer  weichen  und  zur  Duldung  geneigten  Hingebung.
Hiezu  kam  die  dominirende  und  alle  andern  Regungen  verschlingende ­
  Leidenschaft  für  die  Theorie,  die  der  Verwirklichung
der  Ziele  jenes  Affects  dienstbar  werden  sollte.
Was  Charaktere  anderer  Art  nicht  erdulden,  konnte  daher
nicht  die  Ursache  gewesen  sein,  die  einen  St.  Simon  1823  dazu
vermochte,  sich  durch  eine  unsicher  dirigirte  Kugel  um  ein  |
Auge  und  einen  Theil  seiner  Kräfte  zu  bringen.  Der  ehemalige
Oberst,  der  Träger  eines  der  hocharistokratischen  Namen  Frankreichs ­
  hatte  in  einer  verzweiflungsvollen  Nacht  zu  allen  Erfahrungen ­
  und  Enttäuschungen  auch  noch  diejenige  eines  verfehlten ­
  freiwilligen  Todes  hinzugefügt.  Dieses  traurige  Experiment, ­
  welches  allem  Anschein  nach  die  erste  erhebliche  Handlung ­
  war,  die  nicht  zur  Bereicherung  der  Erfahrung  unternommen ­
  wurde,  hat  trotz  alledem  und  gegen  den  Willen  des  Urhebers ­
  eine  Wendung  eingeleitet,  durch  welche  sich  der
Schwächepunkt  des  ganzen  Bestrebens  deutlicher  als  jemals

îiis
        <pb n="268" />
        —  252  —

zuvor  bekundete.  In  die  zwei  Jahre,  welche  St.  Simon  seitdem
noch  fortlebte,  fällt  sein  „Neues  Christenthum”,  —  eine  Schrift,
die  als  Schlüssel  zu  allen  früheren  Verirrungen  dienen  kann
und  in  der  sich  die  Haltungslosigkeit  und  nebelhafte  Verschwommenheit ­
  seiner  Welt-und  Lebensauifassung  einen  letzten,
schwächlichsten,  aber  darum  auch  unverkennbarsten  Ausdruck
gegeben  hat.
6.  Schon  in  den  „Briefen  eines  Einwohners  von  Genf”
(1802),  mit  denen  St.  Simon  seine  neuen  Bestrebungen  begann,
zeigt  sich  jene  TJeberspanntheit,  die  den  universellen  Affect,
dessen  bekannteste  Formen  man  gewöhnlich  als  religiöse  Auffassung ­
  bezeichnet,  in  die  Wissenschaft  hineintrug  und  in  dieser
Metamorphose  zu  einem  bizarren  Cultus  werden  liess.  Die  vorgeschlagene ­
  Subscription  am  Grabe  Newtons  musste  für  Jeden,
der  sich  auf  geistige  Physionomik  auch  nur  ein  wenig  verstand,
ein  sicheres  Zeichen  sein,  dass  der  Verfasser  jener  Schrift  höchst
wahrscheinlich  einem  religionsartigen  Affect  immer  mehr  anheimfallen ­
  und  in  demselben  schliesslich  vollständig  untertauchen
und  endigen  w^erde.  Zunächst  war  es  noch  ein  phantasiemässig
verfälschtes  Bild  strenger  Wissenschaft,  durch  welches  der
autoritätsbedürftige,  einigermaassen  weibliche  Geist  zu  Verherrlichungen ­
  getrieben  wurde,  die  vom  Standpunkt  allgemeiner
rationaler  Wissenschaft  ihre  grossen  Bedenken  hatten.  Später
zeigte  es  sich  deutlich  genug,  dass  die  Imagination  und  jener
philanthropische  Affect,  der  sich  in  der  ganzen  Geschichte  als
eine  abgelenkte,  so  zu  sagen  üborströmende  und  auf  einen
unbestimmten  Gegenstand  gerichtete,  in  ihrer  Wurzel  aber  auf
der  Naturgrundlage  ruhende  Liebe  kennzeichnet,  —  es  zeigte
sich,  dass  dieser  vielen  Menschen  so  unbegreifliche  und  räthselhafte
  Trieb  mit  der  ihm  zugehörigen  üeberspannung  der  Phantasie ­
  den  gesammten  Ideenkreis  St.  Simons  beherrschte.  Erinnert ­
  man  sich  stets  dieses  tiefsten  Grundes  aller  seiner  ideellen
Vorstellungen,  so  wird  man  zum  Verständniss  seiner  mannichfaltigen
  Schriften  keines  weiteren  Leitfadens  bedürfen.  Man
wird  einsehen,  dass  auch  die  Richtung  auf  das  Sociale  und
Oekonomische  nur  eine  Folge  jenes  Standpunkts  gewesen  ist.
Eine  neue  Wissenschaft,  die  von  der  Natur  ausginge  und  das
sociale  Dasein  zum  Ziele  hätte,  sollte  die  Philanthropie  zu  einer
herrschenden  Thatsache  und  das  moralische  Gebot  des  Wohlwollens ­
  zu  einer  das  Reich  der  Wirklichkeit  durchdringenden
        <pb n="269" />
        253

Macht  iimgestalten.  Die  letzte  und  zahlreichste  Schicht  der
Gesellschaft  sollte  besonders  ins  Auge  gefasst  und  durch  das
erwähnte  Priiicip  in  eine  bessere  Lage  versetzt  werden.
Unser  Autor  hat  nach  den  Genfer  Briefen  Mancherlei  veröffentlicht, ­
  was  seinem  unmittelbaren  Gegenstand  nach  dem
Socialismus  sehr  fern  liegt,  in  der  Gedankengruppe  und  Gesammtthätigkeit
  des  Urhebers  aber  keineswegs  als  völlig  fremdartig ­
  erschien.  Wir  verzichten  jedoch  darauf,  uns  auf  diese
Gattung  von  Arbeiten  einzulassen.  Wir  können  dies  um  so
mehr,  als  die  für  das  Socialökonomische  erheblichen  Ideen  in
den  verschiedensten  Schriften  wiederkehren.  Man  hält  sich
daher  am  besten  an  die  späteren  Veröifentlichungen,  wobei  jedoch ­
  die  spätesten,  die  der  oben  erwähnten  Katastrophe  folgten,
nur  noch  in  sehr  bedingter  Weise  zurechnungsfähig  sind.  Die
Veröffentlichungen  dieser  allerletzten  Phase  sind  hauptsächlich
der  „Politische  Katechismus  der  Industriellen”,  der  aber  zum
erheblichsten  Theil  schon  vorher  erschienen  war,  und  ausserdem ­
  das  schon  angeführte  „Neue  Christenthum  (1825),  welches
die  Anhänger  dieser  schwächeren  beite  des  St.  Simonschen
Geistes  als  das  wichtigste  Vermächtniss  und  als  ein  Grundbuch
des  neuen  Messianismus  angesehen  haben.  Einen  vollkommnen
Einblick  in  die  sociale  Hauptidee  gewähren  die  Briefe,  welche
unter  dem  Titel  „Vom  industriellen  System”  (1821)  mit  einer
Aufrufung  der  Philanthropen  aller  Länder  erschienen  und  durch
zwei  Theile  unter  gleichem  Titel  ergänzt  wurden.  Jedoch
genügt  es,  bei  einem  Autor  wie  St.  Simon  ein  paar  richtig
gewählte  Schriften  aufmerksam  zu  prüfen,  um  in  den  zerfliessenden
  und  mit  Nothwendigkeit  wiederkehrenden  Gedankenclomenten
  und  Anschauungen  eine  Art  von  Kern  herauszuhndeii.
  Die  Berichterstatter  haben  über  St.  Simon  viel  Trivialitäten ­
  rnitgetheilt.  Sie  haben  in  der  Hegel  nicht  vergessen,
zu  bemerken,  er  habe  die  Industrie  zur  Hauptmacht  der  Ge-Seilschaft
  erhoben  wissen  wollen.  Das  Motto  einer  Schiift
von  1817  „Alles  durch  und  für  die  Industrie”  ist  in  dieser  Beziehung
  in  Erinnerung  gebracht  worden.  Allem  man  weiss
sehr  wenig,  wenn  man  von  nichts  als  dieser  Hichtung  und  noch
dazu  durch  Vermittlung  eines  irreführenden,  nicht  einmal  im
Sinne  der  gewöhnlichen  Sprechweise  gebrauchten  Wortes  Kenntniss
  hat.  Die  völlige  Ergebnisslosigkeit  derjenigen  Darstellungen, ­
  in  denen  St.  Simon  im  Rahmen  des  gesummten  Socialis-
        <pb n="270" />
        —  25á  —
mus  und  zwar  zunächst  Anfangs  der  vierziger  Jahre  für  das
Geld  der  Französischen  Akademie  von  Herrn  Reybaud  gezeigt
worden  ist,  müsste  überraschen,  wenn  nicht  der  feindliche  Gegensatz ­
  gegen  die  bessern  Tendenzen  und  die  Wahlverwandtschaft
für  die  Schwächen  hier  Alles  erklärte.  Auf  eben  derselben
Ursache  beruht  auch  der  überallhin  fortgepftauzte  Fehlgriff,  das
nach  dem  Tode  St.  Simons  Vorgegangene  zur  Hauptsache  zu
machen,  die  Albernheiten  und  Thorheiten  der  Secte  nicht  nur
für  zurechnungsfähig  zu  erachten,  sondern  auch  in  den  Vordergrund ­
  zu  stellen,  und  ausserdem  die  Fourier  und  Owen,als  bedeutendere ­
  Erscheinungen  auszugeben.  Einen  gewissen  Antheil
hat  hieran  nicht  blos  der  Mangel  an  Kritik,  sondern  auch  der
natürliche  Instinct  gehabt,  mit  dem  Schwächsten  am  leichtesten
fertig  werden  und  das  eigne,  nicht  sehr  ausgiebige  Urtheil  hiebei
am  erfolgreichsten  verwerthen  zu  können.
Die  Fortpflanzung  der  eben  angedeuteten,  um  die  eigentlichen ­
  Gedanken  wenig  bekümmerten  Auffassung  hat  über
St.  Simons  Socialismus  die  wunderlichsten  Vorstellungen  erzeugt. ­
  Bei  dem  Namen  Socialist  sollte  doch  etwas  gedacht
werden,  und  von  dem  seltsamen  Grafen  transpirirte  in  das
weitere  Publicum  nicht  viel  mehr  als  äusserliche  Anekdoten
und  ein  Bericht  über  das,  was  nach  seinem  Tode  unter  seinem
Namen  zum  Skandal  geworden  war.  Seine  eignen  Ideen  wurden ­
  am  allerwenigsten  ins  Auge  gefasst,  und  erst  in  allerjüngster ­
  Zeit  ist  durch  die  Berühmtheit  August  Comtes,  der
sich  als  junger  Mann,  etwa  1817  an  St.  Simon  anschloss,  die
Aufmerksamkeit  auf  die  Gedanken  desjenigen  zurückgelenkt
worden,  dessen  Schüler  und  Mitarbeiter  der  Verfasser  des
„Cursus  der  positiven  Philosopliie”  geworden  war.
7.  Dieses  Schicksal  der  St.  Simonsehen  Gedanken  ist  sehr
erklärlich.  Die  Unbestimmtheit,  in  der  dieselben  auftraten,
und  noch  weit  mehr  die  letzte  Blosstellung  ihrer  Schwäche  gestattete ­
  einem  phantastischen  Jüngerthum  die  thOrichtsten  Ausschreitungen. ­
  Ein  fester  vorstandesmässiger  Anhaltspunkt  war
nicht  gegeben;  was  an  Geist  und  guten  Ideen  in  den  Schriften
St.  Simons  angetroffen  wurde,  hatte  keine  rationell  zwingende
Form  und  konnte  daher  kein  Bindemittel  abgeben.  Im  Gegentheil
  musste  Derartiges  denen,  die  sich  eigentlich  nur  für  eine
neue  Religion  interessirteu  und  tief  unter  dem  Niveau  der
wichtigsten  Ideen  des  Meisters  blieben,  als  sehr  gleichgültig
        <pb n="271" />
        255

erscheinen.  Ein  einziger  unter  den  verschiedenen  sogenannten
Schülern  imd  Mitarbeitern  des  originellen  Grafen  gelangte
dazu,  die  Hauptidee  des  letzteren  in  einer  speciellen  Richtung
aufzufassen  und  nach  einer  besondern  Seite  hin  in  einer  zum
Theil  vervollkommneten  Gestalt  wiederzugeben.  Dies  wai  der
schon  erwähnte  August  Comte,  der  aber  auch  weit  mehr  als
Schüler  war  und  sich  in  der  eigentlichen  Philosophie  eine  Bahn
brach,  die  zwar  mit  der  allgemeinen  Richtung  der  Ideen  des
Lehrers  zusammenstimmte,  aber  dennoch  in  einem  Hauptpunkte
zu  einem  selbständig  festgestellten  Ziele  leitete.
Für  unsern  Zweck  ist  es  nun  höchst  wichtig,  von  vornherein ­
  zu  wissen,  dass  der  Vertreter  des  philosophischen  Positivismus ­
  der  Franzosen  grade  den  socialökonomischen  Schweiplinkt
  der  leitenden  Idee  St.  Simons  verkannt  und  sich  ganz
einseitig  auf  die  Betrachtung  der  Gesellschaft  unter  dem  Einfluss ­
  der  religiösen  und  politischen  Theorien  beschränkt  hat.
Comte  hatte  nur  wenig  Sinn  und  Verständniss  für  die  Tragweite ­
  des  wirthschaftlich  Materiellen  und  für  die  eigentlich
socialen  Probleme.  In  dieser  Beziehung  blieb  er  weit  hinter
St.  Simon  zurück,  der  doch  selbst  nur  bis  an  die  Schwelle  der
wichtigsten  Trennung,  nämlich  derjenigen  des  Capitals  und  der
Arbeit,  gelangt  war.  Ein  äusserliches  Vorkomniniss  ist  für  die
Stellung  Comtes  zu  St.  Simon  höchst  bezeichnend.  Im  Jahre
1824  kam  es  zwischen  Beiden  zum  Bruch,  und  die  äussere
Veranlassung  war  ein  Meinungsunterschied  über  die  Stellung
der  Industriellen.  Der  Lehrer,  der  sein  ganzes  Leben  die  Macht
der  technischen  Arbeit  und  den  Einfluss  der  Geschichte  derselben ­
  vor  Augen  gehabt  hatte,  konnte  unmöglich  zugeben,  dass
die  Wurzel  aller  seiner  politischen  Gedanken  ausgerissen  und
an  ihre  Stelle  eine  Idee  gepflanzt  würde,  die  er  selbst  gefasst
hatte,  der  er  aber  nur  die  zweite  Rolle  zugestehen  konnte.
Der  sechsundzwanzigjährige  Mitarbeiter  aber,  der  von  den
Ueberliefcrungen  der  polytechnischen  Schule  erfüllt  wai  und
an  erster  Stelle  die  strengen  Wissenschaften  im  Auge  hatte,
wollte  im  neuen  Reich  des  socialen  Systems  den  Gelehrten  den
ersten  Platz  ein  geräumt  wissen.
Obwohl  der  Grund  des  Zerwürfnisses  weit  tiefer  lag,  so
macht  doch  die  Gelegenheitsursache  unwillkürlich  einen  komischen ­
  Eindruck.  Man  entzweite  sich  über  die  Bestimmung  der
Rollen  in  dem  Reich  eines  Systems  und  über  eine  künstliche
        <pb n="272" />
        —  256  —

I  »

Vertheilung  der  Machtverliältnisse,  mit  deren  Regiüirung  die
Geschichte  auch  ohne  theoretische  Nachhülfe  bereits  beschäftigt
war.  Hätte  man  die  Frage  anders  gestellt  und  blos  die  vorherrschenden ­
  Thatsachen  erörtert,  so  würde  es  sehr  leicht  gewesen ­
  sein,  sich  zu  überzeugen,  dass  St.  Simon  die  richtigere
Auffassung  auf  seiner  Seite  hatte.  Er  wollte  unter  dem  Namen
der  Industrie  die  wirthschaftliche  Arbeit  in  der  Gesammtheit
  ihrer  Verzweigungen  und  mit  Einschluss  der  untersten
Schicht  ihrer  Organe,  also,  wie  er  sich  selbst  ausdrückte,  vicrundzwanzig
  Fünfundzwanzigstel  der  Gesellschaft,  zum  Ausgangspunkt ­
  des  politischen  Regime  nehmen.  Die  Industriellen,
in  einem  hienach  allerdings  sehr  weiten  oder  aber  mehrdeutig
offen  gelassenen  Sinne  des  Worts,  sollten  das  Budget  machen
und  an  Stelle  des  Adels  und  der  Büreaukratie  die  Verwaltung
der  öffentlichen  und  gesellschaftlichen  Oekonomie  beherrschen.
In  ihren  Händen  sollte  wesentlich  die  Entscheidung  über  die
Antheile  der  blossen  Functionäre  liegen,  und  auch  dem  massigen
Besitz  sollte  in  dieser  Eigenschaft  keine  erhebliche  Mitwirkung
zufallen.  Man  sieht  sofort,  dass  diese  Idee  nichts  als  das
wesentlich  richtige  Gegenbild  einer  Bestrebung  ist,  die  in  der
modernen  Gesellschaft  immer  mehr  Terrain  erobert  hat.  Auch
wurde  sie  von  St.  Simon  selbst  auf  die  Betrachtung  der  Geschichte ­
  gegründet  und  als  ein  Geschichtsphilosophom  entwickelt.
In  den  betreffenden  Auseinandersetzungen  findet  sich  nichts,
was  auf  den  Plan  einer  wesentlichen  Abweichung  von  den
Grundformen  der  Gesellschaft  und  des  Staats  deutete.  Die
Vertretung  der  Arbeit  und  zunächst  ihrer  Leiter,  also  der
Industrie  einschliesslich  des  Ackerbaus  oder,  mit  andern  Worten,
die  entscheidende  Geltendmachung  der  volkswirthschaftlichen
Mächte,  als  solcher,  in  der  Ordnung  der  öffentlichen  Finanzen
und  mithin  in  der  Oekonomie  des  ganzen  Staatslebens,  —  dieses
Verwiegen  des  Wirthschaftlichen  im  Politischen  war  die  leitende
Grundidee.  Mit  dieser  Idee  war  jedoch  keineswegs  ein  künstliches ­
  Arrangement  der  Volkswirthschaft  gegeben.  Die  Principien ­
  konnten  vielmehr  dieselben  bleiben,  und  nur  das,  was
sich  bereits  stetig  angebahnt  und  zum  Th  eil  durcligesetzt  hatte,
nämlich  die  Herrschaft  des  wirthschaftlichen  Elements,  sollte
sich  vollenden.
Für  eine  solche  Idee  war  nun  A.  Comte  nicht  empfänglich,
da  er  seiner  vorherrschenden  Geistesrichtung  nach  dem  wirth-
        <pb n="273" />
        257

scliaftlich  Materiellen  fern  stand  und  von  der  Meinung  ausging,
es  müssten  sich  die  socialen  Verhältnisse  nach  Maassgabe  der
Verfassung  der  Wissenschaft  und  nach  einer  in  diesem  Sinne
festzustellenden  Rangordnung  bestimmen.  Dies  war  ein  Stück
Ideologie,  dessen  nicht  einmal  St.  Simon  fähig  gewesen  war,
den  die  praktische  Erfahrung  und  ein  gewisser  Tact  vor  dem
uralten  Platonischen  Irrthum  bewahrt  hatten,  dass  eigentlich
die  Philosophen  die  Herrschaft  haben  müssten.  Zwar  hatte
auch  St.  Simon  für  eine,  wenn  auch  sekundäre  Machtstellung
der  Akademien  Fürsorge  getroffen  und  in  den  einschlagenden
überspannten  Conceptionen  eine  Art  Kirche  der  Wissenschaft
aufzurichten  gedacht.  Allein  wenn  in  diesem  Punkt  der  Schüler
in  die  Fusstapfen  des  Lehrers  trat,  so  gestaltete  er  die  ganze
Imagination  noch  entschieden  komischer,  indem  er  die  wirthschaftlich
  politische  Macht  zur  Seite  liess  und  sich  in  ein  vornehmlich ­
  psychologisches  Schematisiren  von  übrigens  nebelhaften ­
  Umrissen  verlor.
Die  Gelehrten  sollten  der  erste  und  politisch  einflussreichste
Stand  sein.  Dieser  Comtescho  Gesichtspunkt  war  nichts  als
eine  ungeschickte  Gonsequenz  der  Idee,  dass  die  Errungenschaften ­
  des  modernen  Wissens  für  die  politischen  und  gesellschaftlichen ­
  Gestaltungen  immer  mehr  maassgebend  werden
müssten.  Ausserdem  war  er  die  Wiederaufnahme  des  Leitfadens, ­
  mit  dem  St.  Simon  seine  zweite  Lebensepoche,  d.  h.
seine  auf  die  Theorie  zu  gründenden  Bestrebungen  begonnen
hatte.  Die  früher  erwähnte  „physiko-politische”  Wissenschaft
des  Lehrers  erhielt  in  den  Gpdanken  des  selbständig  gewordenen ­
  Schülers  ein  ganz  einseitiges  Gepräge,  indem  die  Naturwissenschaften ­
  in  ihrer  Stufenfolge  auch  den  entscheidenden
Anknüpfungspunkt  für  die  Theorie  der  Gesellschaft  bilden
sollten.  Merkwürdigerweise  hat  Comte  nicht  blos  da  an  gefangen, ­
  wo  auch  St.  Simon  begann,  sondern  auch  übrigens  in
seinem  Leben  und  in  seinen  verschiedenen  philosophischen
Phasen  einige  wichtige  Grundzrtge  der  Laufbahn  des  Lehrers
in  seiner  eignen  Art  wiederholt.
8.  Im  Punkt  e  des  religiösen  A  fleets  ist  die  Uebereinstimmung
  des  schliesslichen  Ausgangs  für  beide  Persönlichkeiten
am  greifbarsten.  Auch  Comtes  letzte,  von  den  mehr  wissenschaftlichen ­
  Positivisten  meist  verleugnete  Periode  ist  durch
-eine  Rückkehr  zu  einer  ganz  falschen,  von  Gemüthsbeweguugen
Duliriiijif  Ooscliichte  der  JiatioDalökonomie.  2.  Auflage.  17
        <pb n="274" />
        258

■beirrten  Weltauffassung  bezeichnet  und  verlor  sich  in  Bestrebungen ­
  zur  Stiftung  einer  neuen  Religion.  Die  letztere  war
freilich  nicht  das  „Neue  Christenthum"  St.  Simons;  sie  schloss
eine  Gottes  Vorstellung,  eine  Wirkung  von  Geboten  u.  dgl.
grundsätzlich  aus.  Sie  wies  nicht  blos,  wie  es  St.  Simon
gethan  hatte,  alle  Theologie  von  sich,  sondern  verschmähte  es
auch  in  jeder  Beziehung,  auf  irgend  einen  Standpunkt  zurückzukommen,
  der  durch  die  rationelle  positive  Philosophie  der
ersten  Periode  des  Urhebers  überwunden  worden  wäre.  Nichtsdestoweniger ­
  lief  sie  auf  nichts  als  einen  bizarren  Ciiltus  hinaus ­
  und  war,  wenn  man  von  ihren  Wunderlichkeiten  absioht,
eine  Art  Ausführung  des  St.  Simonschen  Programms.  Im  tiefem
Grunde  war  sie  aber  dieselbe  Erscheinung,  die  sich  auch  bei
St.  Simon  leicht  erklärt.  Die  Affecte  der  Kindheit  lebten  im
Alter  wieder  auf;  die  Ermüdung  des  Lebens  und  der  Verstandeskräfte
  vorstattete  den  unlogischen  Antrieben  eine  Art  Nachsommer ­
  und  führte  auf  diese  Weise  dazu,  dass  sich  alle
Schwächen  dos  ursprünglichen  Standpunkts  jetzt  vollends  offenbarten. ­
  Wurden  auch  die  Errungenschaften  der  eigentlichen
Intelligenz  bei  beiden  Personen  nie  gänzlich  verdrängt,  so  war
doch  der  universelle  Affect,  dem  sie  am  Schluss  ihres  Lebens
verfielen,  von  einer  Gattung,  in  welcher  man,  aller  kritischen
Abstreifungen  und  Umwandlungen  ungeachtet,  den  angestammten
Katholicismus  deutlich  genug  wiedererkennt.  St.  Simon  und
Comte  gehören  in  dieser  Beziehung  zusammen,  und  da  eine
gewisse  Spielart  des  Socialismus  stets  die  Neigung  gehabt  hat,
sein  Gesellschaftsreich  mit  Hülfe  eines  religionsartigen  Kittes
aufzuführen,  so  war  die  Erinnerung  an  diese  Beziehungen  am
Platze.  Indem  wir  uns  bei  den  bessern  Erscheinungen  mit
dieser  Abirrung  bekannt  machen,  setzen  wir  uns  in  den  Stand,
die  gemeineren  Gestaltungen  der  Sache  künftig  mit  einem
einzigen  Fingerzeig  abzuthun.  Bei  St.  Simon  und  August  Comte
hatten  die  fraglichen  Bestrebungen  den  Charakter  des  Wohlmeinenden ­
  und  sogar  der  Aufopferung;  die  Schwäche,  die  sich
bei  ihnen  bekundete,  war  zwar  erst  im  späteren  Alter  auffallend
hervorgetreten,  aber  im  Keime  jederzeit  vorhanden.  Es  war
eine  Lücke  in  der  Welt-  und  Lebensauffassung  gewesen,  die
in  beiden  Fällen  ihre  Folgen  haben  und  auch  die  ganze  sociale
Auffassung  durch  die  Nebelhaftigkeiten  und  Trugbilder  einer
        <pb n="275" />
        259  —

fehlgreifenden  Gcmüthslogik  oder  vielmehr  Unlogik  verfälschen
musste.
Nebenbei  sei  noch  bemerkt,  dass  auch  der  Selbsttödtiingsversuch
  im  Leben  Comtes  nicht  gefehlt  hat,  wenn  er  auch
sehr  frühzeitig  cintrât.  Ihm  war  eine  Wahnsinnsepisode  vorangegangen, ­
  die  allenfalls  als  Gegenstück  des  St.  Simonschen
Experimentaljahrs  gelten  kann.  Der  Gang  der  wissenschaftlichen ­
  Entwürfe  und  der  daran  geknüpften  Entwicklung  der
Ideen  stimmte  ebenfalls  ziemlich  überein,  nur  mit  dem  Unterschiede, ­
  dass  einem  Comte  die  erste  Hälfte  des  St.  Simonschen
Lebens,  d.  h.  die  Erfahrung  in  technisch  industriellen  Unternehmungen ­
  und  die  Einlassung  mit  der  ökonomischen  Seite
der  Verhältnisse  nicht  zu  statten  kam.  Hiefür  sah  er  sich
allerdings  ein  wenig  durch  die  genauere  Kenntniss  des  exacten
Gebiets  und  durch  eine  relativ  mehr  vom  Verstände  getragene ­
  Auffassungsart  entschädigt.  Dennoch  kann  man  aber
die  Rollen  beider  Naturen  sehr  wohl  in  eine  einzige  zusammenfassen ­
  und,  soweit  das  allgemeine  System  in  Frage  ist,  gradezu
behaupten,  dass  es  sich  auch  in  der  positiven  Philosophie
und  in  alledem,  was  die  Gesellschaftslehre  betrifft,  nur  um
eine  Fortsetzung  und  Entwicklung,  zum  Theil  aber  auch
nur  um  die  einseitige  Ausbildung  eines  in  der  ursprünglichen
Idee  des  Lehrers  weit  umfassender  angelegten  Plans  gehandelt ­
  habe.
Die  positive  Philosophie  A.  Comtes  gehört  an  sich  selbst
nicht  zu  unserm  Gegenstände.  Hieraus  ergiebt  sich  der  Nachtheil, ­
  dass  ihr  Vertreter  ungeachtet  seines  Anspruchs,  eine
Socialtheorie,  die  er  Sociologie  nennt,  entwickelt  zu  haben,
dennoch  für  diesen  Punkt  im  Vergleich  mit  St.  Simon  kaum
in  Betracht  kommen  kann.  Man  prüfe  beispielsweise  die  ziemlich ­
  leeren  Allgemeinheiten,  die  als  Statik  und  Dynamik  der
Gesellschaft  im  Comteschen  Hauptwerk,  dem  „Cuisus  der
positiven  Philosophie”  (Band  4  erste  Abth.  Paris  1839)  dargelogt
  worden.  In  den  beiden  betreffenden  Vorlesungen  musste
es  sich  zeigen,  ob  Comte  über  materiell  erhebliche  Ideen  und
neue  Einsichten  verfügte.  Er  reproducirte  indessen  in  der
Hauptsache  nur  die  Grundgedanken,  die  er  schon  als  Mitarbeiter ­
  St.  Simons  circa  15  Jahre  früher  in  der  kleinen  unter
dem  Namen  einer  positiven  Politik  als  3.  Heft  des  „Katechismus
der  Industriellen”  veröffentlichen  Schrift,  entwickelt  hatte.
17*
        <pb n="276" />
        260

Noch  mehr  zeigt  das  seiner  Verfallperiode  anphörige,  in
4  Bänden  1851—54  erschienene  „System  der  positiven  Politik”,
dass  die  vagen,  rein  religiös  gewordenen  Umrisse  von  wiikliclier
Politik  lind  Socialtheorie  fast  gar  nichts  aufznweisen  haben.
Alle  schwachen  Punkte  des  Hauptwerks  sind  in  dieser  letzten,
auf  einem  gemüthsartigen  Zerfliessen  der  Intelligenz  beruhenden ­
  Arbeit  zu  der  ihnen  eigenthümlichen  Consequenz  gelangt
und  werden  so  auch  für  denjenigen  greifbar,  der  die  Keime
derselben  in  den  frühesten  Conccptionen  etwa  ignorirt  hat.
Bei  der  grössten  Achtung  für  die  Leistungen  Comtes  in  anderer
Richtung  und  für  das  Leben,  welches  für  diese  Leistungen
eingesetzt  wurde,  kann  man  dennoch  nicht  umhin,  guide
die  als  social  bezeichneten  Untersuchungen  als  am  wenigsten
befriedigend  und  als  eine  Arbeit  anzusehen,  welche  für  die
Socialthcoric  nur  ein  Interesse  zweiter  Ordnung,  für  die
eigentlich  ökonomischen  Fragen  aber  so  gut  wie  gar  keine
Bedeutung  hat.  In  dieser  letzteren  Beziehung  bedarf  St.  Simons
Ueberlegenhcit  keines  näheren  Beweises.  Der  einzige  Umstand,
dass  er  den  Schwerpunkt  der  politischen  Gestaltungen  in  den
wirthschaftlichcn  Elementen  der  Gesellschaft  suchte,  ist  entscheidend. ­
  Uebrigens  werden  wir  aber  auch  sehen,  dass  die
jetzt  sehr  berühmten  Grundgedanken,  durch  deren  scharfe
Ausbildung  sich  der  Comtesche  Positivismus  hervorgethan  hat,
und  die  wir  übersichtlich  in  der  „Kritischen  Geschichte  der
Philosophie”  (2.  Aufl.  1873)  dargestellt  haben,  in  St.  Simons
Ideenkreis  tiefe  Wurzeln  hatten  und  nach  ihrer  politisch  ökonomischen ­
  Seite  bereits  von  ihm  selbst  ziemlich  gut  und  in
manchen  Beziehungen  sogar  besser,  als  von  seinem  Schüler,
formulirt  worden  waren.  Der  Lehrer  war  freilich  eine  mehr
imaginatorische  Natur  gewesen;  indessen  das  Verwiegen  der
Phantasie  deutet  auch  zugleich  auf  eine  Gattung  des  schöpferischen ­
  Geistesverhaltens,  wie  es  den  kühleren  Persönlichkeiten ­
  oder  vielmehr  dem  Zustande  eines  geringeren  Aufschwungs ­
  in  gewissen  Richtungen  nicht  eigen  sein  kann.
Ueberdies  vertrat  Comte  die  spätere  Generation  und  eine  bereicherte, ­
  gleichsam  mehr  gesetzte  wissenschaftliche  Erfahrung.
Trotzdem  kann  man  sich  durch  eine  vergleichende  Lectüre  davon ­
  überzeugen,  dass  da,  wo  die  Gegenstände  beider  hchrift-8
  teil  er  dieselben  sind,  die  ausgebreiteten  und  oft  viel  zu  langathmigeii
  Schematisirungen  eines  Comte  die  ungezwungenen
        <pb n="277" />
        261

und  aohnelleren  Bewegungen  St.  Simons  nicht  autViegen.
Der  letztere  entfaltete  in  Rücksicht  auf  die  politisch  socialen
Thatsacben  und  überhaupt  auch  in  der  Darstellungsform  der
Cbescbiobtspbilosopliome  weit  umrorkeiinbarer  die  Züge  des
oigentlicbon  Genies,  als  sein  jüngerer  Nachfolger,  hei  welchem
sich  der  übrigens  unbestreitbare  Gedankengehalt  oft  zu  einem
gar  zu  langen  und  langweiligen  Faden  verspann.
9.  Es  hat  kein  Interesse,  die  Wendungen  zu  untersuchen,
welche  in  St.  Simons  Gedankenkreis  nach  Maassgabe  der  politischen
  Ereignisse  eintraten.  I)icse  i^^andhingeri  betrafeii  rue
die  Wurzel  der  Ideen  selbst,  sondern  bezogen  sich  nur  aut  die
I^hihinthropen,  dass  sie  aiif  den  girkui  VPhlhm  vonllogpei^mgeu^
Körperschaften  und  überhaupt  von  Personen  zählen,  die  os
durch  äussere  Stellung  einñussreich  sind.  Derselbe  Mangel  au
Urtheil  vermöge  dessen  sie  die  Grundgesetze  der  menschlichen
}iatur  {^ulcenneii,  irerlcdtet  sie  auch,  niit  eiiier  ivunderhclien
Naivetat  daran  zu  glauben,  dass  ihre  eigne  höchst  einseitige
Gesinnung  auch  bei  Leuten  Platz  greifen  könnte,  die  aus
innern  und  äussern  Gründen  von  einer  wohlwollenden  Menschenbetrachtung ­
  und  Menschenbehandlung  am  entferntesten  bleiben
müssen.  St.  Simon  ist  nun  zwar  in  diesem  Punkt  noch  zurüchaltend
  gewesen.  Wenigstens  lasst  sich  sein  Verhalt^  nmht
mit  demjenigen  R.  Owens  vergleichen,  der  m  jener  Hinsich
als  ein  wahres  Monstrum  von  philanthropischer  "
keit  betrachtet  werden  muss.  Der  hocharistok^tische  St.  Smo
behielt  in  allen  Lagen  seines  Lebens  noch  Stolz  genug,  um
dio  gemeinen  Klippen  der  Wegwerfuug  zu  ^^eiden.  Dagegon
  hatte  er  aber  eine,  ihm  zum  Theil  selbst  nicht  kla  e
Beziehung  zur  politischen  Restauration,  und  dm  Denkungsart,
welche  sich  hieraus  entwickelte,  ist  nicht  nur  lür  ihn,  sondern
auch  für  A.  Comte  eine  Hemmung  gewesen.  Er  nahm  ein
wenig  die  Farbe  der  restaurativen  Romantik  an,  und  es  ist
bemerkenswerth,  dass  die  Schriften,  die  uns  in  socialokonomischer
  Beziehung  angehen,  vornehmlich  der  Zeit  der  Restaiiration
  angehören.  Erinnern  wir  uns,  dass  St.  Simon  von  vornherein
  der  Französischen  Revolution  gegenüber  einen  Widerwillen ­
  gegen  alles  blos  Zerstörende  gefasst  und  seine  Gedanken
auf  positive  Organisation  gelenkt  hatte.  Diese  Richtung,  in
        <pb n="278" />
        262

welche  auch  Comte  gerieth,  machte  es  beiden  Persönlichkeiten
möglich,  die  den  Ueberlieferungen  der  Revolution  feindlichen
Systeme  theils  mit  Gleichgültigkeit  theils  aber  auch  mit  einiger
Gunst  zu  betrachten.  Dem  auf  die  Zukunft  gerichteten  Positivismus, ­
  welcher  die  Fortsetzungen  der  Revolution  übersprang,
schob  sich  als  gegenwärtiger  Anknüpfungspunkt  komischerweise ­
  grade  das  unter,  was  er  in  seinen  innersten  Motiven
am  ornstlichston  zu  bekämpfen  hatte  und  durch  seine  Theorien
auch  wirklich  am  entschiedensten  comproinittirte.  Sicherlich
war  es  ein  starker  Contrast,  wenn  St.  Simon  den  Restaurationskönig ­
  mit  der  Mission  betrauen  wollte,  das  Regime
der  wirthschaftlichen  Gesellschaftselemente  durchzuführen  und
denen,  welche  als  Industrielle  im  Gegensatz  zu  den  Feudalen
bezeichnet  wurden,  zum  Siege  zu  verhelfen.  Derjenige,  der
diese  Idee  liegtc,  war  derselbe,  der  auch  gelegentlich  jenen
kleinen  Aufsatz  von  1810  sclireibeii  konnte,  in  welchem  mit
ziemlich  feinem  Humor  eine  für  Königthum,  Adel  und  hohe
Büreaukratie  nicht  sehr  sclimeichelhafte  Erörterung  ihrer  Entbehrlichkeit ­
  angostellt  wurde.  Diese  ,,Politische  Parabel”,
die  den  Verfasser  vor  die  Geschwornen  brachte,  verglich  die
Verluste  Frankreichs  in  den  beiden  Fällen,  dass  die  Personen
des  Hofes,  der  Minister,  des  müssigen  höhern  Adels  oder
aber  die  bedeutendsten  Vertreter  der  wirthschaftlichen,  technischen ­
  und  wissenschaftlichen  Thätigkeit  plötzlich  vom  Schauplatz ­
  abträten.  Das  ofíen  hingestellte  Ergebniss  bestand  nämlich ­
  darin,  dass  die  Verrichtungen  jener  ersteren  Personnagen
nicht  viel  reelles  Gewicht  hätten  und  übrigens  leicht  ersetzbar ­
  wären.  Zur  Ausfüllung  der  Stelle  eines  lachenden  Erben
sei  kein  besonderes  Studium  nöthig;  die  Lücke,  die  das  Verschwinden ­
  einer  Vertretung  der  kronprinzlichen  Würde  lasse,
werde  ohne  Mühe  von  einem  Andern  ausgefüllt.  Auch  für
die  Function  eines  Königs  finde  sich  allenfalls  eine  Ersatzperson. ­
  In  den  Ministerposten  würde  mancher  tüchtige  Cnterbeamte
  ebenfalls  nicht  in  Verlegenheit  gcrathen.  Der  kurze
Sinn  dieser  und  ähnlicher  Ausführungen  bestand  offenbar
darin,  dass  diejenigen,  welche  St.  Simon  für  blosse  Figuranten
nahm,  als  allenfalls  entbehrlich,  die  wirthschaftlich,  technisch
und  wissenschaftlich  thätigen  Elemente  aber  als  die  wahrhaft
nützlichen  und  unentbehrlichen  Glieder  dos  Staats  erscheinen
sollten.  Der  Abkömmling  Karls  des  Grossen  hatte  hier
        <pb n="279" />
        2G3

seinem  eignen  Stand  den  historischen  Process  gemacht,  und
ns  war  eine  eigenthümliche  Ironie  der  Thatsachcn,  dass  man
auf  der  Gegenseite  den  gegen  den  ziemlich  harmlosen  und
weder  praktisch  noch  theoretisch  gefährlichen  Mann  angezettelten ­
  gerichtlichen  Process  verlor.  In  der  That  hatte
St.  Simon,  gleichviel  aus  welchen  Gelegenheitsmotiven,  in
jener  politischen  Parabel  nur  das  tiefste  Innere  seiner  üeberzeugungen
  ausgedrückt.  Er  hatte  den  Inhalt  seiner  Geschichtsauffassung ­
  und  seinen  Eundamentalsatz  in  etwas  persönlicher
Weise  erläutert.  Ausser  den  Personen,  deren  Bedeutungslosigkeit ­
  er  bemerklich  machen  wollte,  war  auch  seine  eigne
Person  einigermaassen  betheiligt.  Er  selbst  wai  ein  leben
diges  Bild  von  den  Schicksalen  und  dem  Verfall  der  Grössen
des  alten  Regime.  Er  hatte  sich  aus  dem  Schitíbiuch  cei
äussern  Existenz  und  des  feudalen  Reichthums  in  das  Gebiet ­
  der  modernen  Triebkräfte  der  Industrie  und  Wissenschaft
geflüchtet.  Zwar  hat  er  auch  hier  die  Physionomie  des  Verfalls, ­
  die  das  alte  Regime  auszeichnete,  in  seinem  eignen  Vei^
halten  nicht  ganz  verleugnet;  aber  grade  dieser  Umstand  gab
ihm  ein  gewisses  Recht,  ein  Urtheil  auszusprechen  und  ein  Princip
geltend  zu  machen,  durch  welches  er  nicht  blos  über  Andere,
sondern  auch  über  einen  Theil  seines  eignen  Selbst  den  Stab
brach,  ln  seinem  persönlichen  \  erhalten  war  er  ein  leben;  i._ei
Beweis,  bis  zu  welchen  Schranken  die  sich  anfrischende  und
den  neuen  Triebkräften  des  Lebens  zu  wendende  Fähigkeit  er
verfallenden  Gesellschaftselemente  ausreichen  möchte,
er  andere  Traditionen  hinter  sich  gehabt  als  diejenigen,  an
denen  er  die  sichtbaren  Caricaturen  in  der  gesammten  Gese  -
schuft  biosstellte,  so  hätte  sein  Verhalten  im  Leben  un
ein  sehr  verändertes  Gepräge  erhalten  müssen.  Allem  er  ha  e
den  Widerstand  der  angeerbten  Tendenz  zum  Verfall  zu  uberwinden,
  und  was  er  wirklich  geleistet  hat,  ist  diesem  oorruptiven
  Element  abgerungen  worden.
Aus  diesem  letzteren  Verhältniss  erklärt  sich  nun  aber
aucli  die  Doppelseitigkeit  und  das  Schwanken  in  der  Gestaltung ­
  der  augenblicklichen  Ziele.  Der  Compass  war  zwar  immer
derselbe;  aber  die  Karte,  nach  der  sich  St.  Simon  richtete,  war
meist  fehlerhaft.  Er  steuerte  nach  einem  Ideal,  in  welchem
der  Uebergangszustaud,  den  er  als  politisches  astai  ge  i  e
von  Feudalismus  und  Industrialismus  kennzeichnete,  einer  remen
        <pb n="280" />
        Æ^orm  Platz  machen  sollte.  Dennoch  war  er  im  Stande,  sich
über  die  wirkliche  Lago  der  Verhältnisse  bis  zu  dem  Punkto
zu  täuschen,  um  ein  restaurirtes  Königthum  für  fähig  zu  halten,
die  Rolle  eines  Beschützers  der  Arbeit  zu  spielen  und  die  unproductiven ­
  Elemente  der  Gesellschaft  dem  Willen  der  productiven ­
  Classen  zu  unterwerfen.  Lassen  wir  es  jedoch  bei
diesem  einen  Zuge  der  Inconsequenz  und  des  Anlehnungsvcrsuchs
  an  die  völlig  ungeeigneten  Elemente  bewenden.  Wir
haben  das  Stärkste  angeführt,  wodurch  alles  ücbrigo  begreiflich ­
  wird.  Der  Gegner  eines  als  Bastardgebildo  angesehenen
Zustandes  suchte  in  dem  Träger  des  nach  seiner  Ansicht  auszumerzenden ­
  Elements  die  Macht,  welche  sich  gegen  ihre  eigne
Gattung  kehren  sollte.  Das  hiezu  verleitende  historische  Bild
war  die  Zügelung  der  Aristokratie  durch  das  absolute  Königthum ­
  gewesen;  allein  es  hatte  in  jenem  Vorgang  auch  ein
Unterschied  von  grosser  Erheblichkeit  bestanden.  Rcstaurirtc
Elemente  haben  keine  Aehnlichkeit  mit  Mächten,  die  ihren
Einfluss  und  ihre  Rolle  den  eignen  Thaten  verdanken.
10.  In  der  spätesten  social  theoretischen  Schrift,  dem  politischen ­
  Katechismus  der  Industriellen,  wird  gesagt,  cs  sei  das
Bestreben  der  Gesellschaft,  möglichst  billig,  wenig  und  fähig
regiert  zu  w^erden.  Wer  erkennt  nun  hierin  nicht  den  Ausdruck
des  Princips,  welches  von  der  Industriepartei  heute  überall
in  ziemlichem  Umfang  geltend  gemacht  wird?  Dennoch  dürfen
wir  uns  nicht  über  die  Unbestimmtheit  der  Passung  desselben
täuschen.  Nur  in  einer  einzigen  Richtung  erhielt  es  bei
St.  Simon  eine  festere  Gestalt,  während  es  in  allen  andern  und
zwar  am  meisten  in  den  rein  volkswirthschaftlichen  Beziehungen ­
  ganz  und  gar  im  Allgemeinen  verblieb.  Das  feudale  oder
militairische  Element  der  Gesellschaft  sollte  „subalternisirt’^
werden,  und  dieser  Grundsatz  trifft  allerdings  mit  allen  modernen
Bestrebungen  insoweit  zusammen,  als  die  Beseitigung  der  feudalen ­
  Abhängigkeiten  und  eine  mit  der  modernen  Wirthschaft
mehr  vereinbare  Organisation  der  Heeresmassen  ins  Auge  gefasst ­
  wird.  Ausserdem  sollte  das  Gewicht  der  sogenannten
Zwischenclasse,  die  sich  zwischen  die  feudalen  und  die  industriellen ­
  Elemente  eingeschoben  habe  und  aus  den  Verwaltungsbeamten ­
  und  Juristen  bestehe,  durch  die  Ueborwindung  der
politischen  Uebergangsform  eingeschränkt  werden.  In  unserer
heutigen  Sprache  geredet,  hiess  dies  ungefähr  soviel,  als  die
        <pb n="281" />
        265

Elemente  der  Bttreaukratie  gleichzeitig  mit  den  Hauptbestaiidät.
  Simon  nnd  A.  Comte  die  Verachtnng  der  gewolmhchen
IHÜÜI
liehen  Thätigkeit  gerathen  musste.  Ihatsächlich  hau  di
schiedenste  Kraft  der  festländischen  Oppositionselemento  darauf
beruht,  dass  sie  die  ökonomische  Macht  und  den  sociaW  Emfluss
  der  eigentlichen  Industrie  hinter  sich  hatten.  Die  Juristen ­
  und  Verwaltungsbeamten  vertraten,  soweit  sie  überhaupt
eine  Opposition  formirten,  regelmassig,  wenn  auch  m  einer
eingeschränkten  Form,  die  Forderungen  der  wirthschattliehen
Gesellschaft.  St  Simon  macht  ihnen  den  Torwurf,  die  alten
Missbrauche  nicht  abschaffen,  sondern  nur  für  sich  ausbeuten
und  sich  an  die  Stelle  der  feudalen  und  militairischen  Elemente ­
  bringen  zn  wollen.  Zur  Hälfte  ist  dieser  Sachverhalt
richtig;  denn  im  Gebiet  der  gesellschaftlichen  Machtkämpfe
und  des  Ehrgeizes  ist  überhaupt  keine  Gruppe  ernstlich  thatig,
die  nicht  für  sich  selbst  einen  Schritt  vorwärts  zu  thun  bestrebt ­
  ware.  Im  fiebrigen  aber  konnten  und  können  die  fraglichen ­
  Elemente  niemals  umhin,  mit  den  Einrichtungen,  die
sie  ihren  Interessen  dienstbar  machen,  eine  Umwandlung  voiznnchmen,
  die  auf  dem  Wege  der  St.  Simonsehen  Zie  e  liegt.
Hier  zeigt  sich  also  der  in  der  Wurzel  der  Theorie  selbst  liegeude
  Irrthum.
Wir  haben  soeben  die  zwei  festen  Richtungen  angegeben,
in  denen  die  socialpolitische  Idee,  wenn  auch  keine  ganz  zutreffende, ­
  so  doch  eine  deutlich  erkennbare  und  keineswegs
werthlose  Gestalt  annahm.  Wir  haben  nun  zu  zeigen,  wo  i  r
Mangel  an  Entwicklung  und  Sonderung  die  ganze  Anschauungsweise ­
  haltungslos  werden  lässt.  Erinnern  wir  uns,  dass  unter
den  Industriellen  alle  wirthschaftlich  thätigen  Elemente  der
Gesellschaft  verstanden  sein  sollten,  und  dass  nur  i  Procent  der
        <pb n="282" />
        266

Bevölkerung  für  die  Rubrik  des  Nicbtindustriellen  übrig  blieben.
Vergessen  wir  ausserdem  nicht,  dass  die  Sorge  für  die  grosse
Masse  als  die  entscheidende  Hauptrücksicht  aller  socialpolischen
  Gestaltungen  bezeichnet  war.  Aus  solchen  Voraussetzungen ­
  ergab  sich  für  jedes  ernstliche  System,  welches  sich  selbst
klar  werden  wollte,  die  Nöthigung,  auf  die  Verwicklung  der
geschichtlichen  Rechtsstellungen,  also  z,  B.  der  feudalen  oder
halbfeudalen  Position,  mit  der  modernen  wirthschaftlichen  Bcrufsstellung,
  also  etwa  mit  der  Rolle  und  Vertretungsart  der
Landwirthschaft,  näher  einzugehen.  So  etwas  ist  in  erheblicher
Weise  nicht  geschehen,  und  die  Ideen  sind  daher  in  jener  Allgemeinheit ­
  verblieben,  in  welcher  sie  sich  am  wenigsten  eignen,
zu  der  Wirklichkeit  des  politischen  und  socialen  Lebens  in  unmittelbare ­
  Beziehung  zu  treten.  In  dieser  Hinsicht  war  also
die  Socialpolitik  8t.  Simons  nicht  positiv,  und  obwohl  letzteres
Wort  bei  ihm  schon  den  Sinn  einer  cigenthümlichen  Anschauungsweise ­
  hat,  so  ist  doch  dieser  Positivismus  von  der
Einlassung  auf  die  ökonomischen  Gestaltungsfactoren  ferner
geblieben,  als  es  sein  eignes,  besser  verstandenes  Princip  mit
sich  brachte.  Fügt  man  noch  hinzu,  dass  der  scharfe  Gegensatz ­
  von  Arbeit  und  Capital,  der  seit  einem  Menschenalter  das
Hauptthema  des  Socialismus  ist,  noch  gar  nicht  in  seinen  kreuzenden ­
  Wirkungen  erkannt  wurde,  so  hat  man  die  Schranken
bezeichnet,  in  welchen  sich  die  leitende  Idee  St.  Simons  bewegt, ­
  und  in  denen  sie  ihre  allerdings  originalen  Schematisirungen
  der  socialen  Geschichte  ausgeführt  hat.
Diese  letzteren  Verzeichnungen  linden  sich  in  den  ersten
Partien  des  erwähnten  Katechismus  und  den  früheren  Arbeiten.
Der  erste  Theil  der  Schrift  „Vom  industriellen  System”  (1821)
enthält  in  einer  bessern  Gestalt,  als  die  Gesprächsform  des
sogenannten  Katechismus  verstattet,  ebenfalls  die  wesentlichen
Gedanken.  Ja  das  weitere  Zurückgreifen  in  den  Schriften
St.  Simons  ist  insofern  nützlich,  als  man  sich  hiedurch  von
dem  Punkte  entfernt,  bei  welchem  die  Gefühlsscbwächen  politisch ­
  und  religiös  ihren  verderbenden  Einñuss  übten.  Die
Schrift  von  1821  ist  jedoch  noch  entschieden  genug  gehalten,
soweit  die  später  unter  A.  Comtes  Händen  nach  der  nichtwirthschaftlichen
  Seite  ausgeführte  und  berühmt  gewordene
Kennzeichnung  der  drei  Entwicklungszustände  in  Frage  kommt.
St.  Simon  geht  davon  aus,  es  könne  nur  zwei  scharf  unter-
        <pb n="283" />
        267

Gchlcdoiio  Systeme  geben,  nümllcb  das  feudale  oder  militainscb
einerseits  und  das  industrielle  andererseits,  entsprecheuidl^den
für  das  Individuum  wie  für  die  Nation  allem  möglichen  Principien ­
  der  Eroberung  und  der  Arbeit.  Diesen  beiden  Systemen
geselle  sieb  nach  der  Seite  des  Geistigen  das  tbeologisebe  und
das  wissenscbaftlicbe  Regime  zu.  _  ,  ^
Obwohl  die  Verkettung  des  Theologischen  mit  dem  Feudalen ­
  in  ihrem  Innern  Grunde  weder  bei  St.  Simon  noch  bei
Comte  klar  genug  horvortritt,  so  liegt  sie  doch  ziemmi
nahe.  Offenbar  ist  nichts  Anderes  gemeint,  als  dass  der  Eioberung
  und  Unterwerfung  etwas  Aehnliches  im  Gebiete  des
Geisteslebens  entspreche,  und  dass  die  theologische  Be  lerrschung,
  die  sich  auf  den  Zwang  zum  Glauben  und  auf  die  gewaltsame
  Aufnöthigung  oder  Einimpfung  des  letzteren  gründet,
die  Zwillingsschwestcr  der  feudalen  Macht  sei.  Die  goistlic  le
Eroberung  durch  Mächte  des  Gemüths  unter  der  Aegido  er
gewaltsamen  Gesellschaftsgostaltung  im  feudalen  Sinne  steht
der  (mistigen  Arbeit,  die  ihrerseits  von  der  modernen  Industrie
getrlo-en  wird,  allerdings  aus  einem  gewissen  Gesichtspunkt
geae^über.  Auch  wird  ausdrücklich  gesagt,  dass  die  Beweise
a^die  Stelle  des  Glaubens  zu  treten  hätten,  und  dm  beiden
Grundformen  der  Zustände  tragen  schon  in  ihrer  Bezeichnungsweise ­
  den  Gegensatz  der  geistigen  Physionomie  an  der  Stirn.
Die  Paarungen  von  Industrie  und  Wissenschaft,  sowie  von
Theologie  und  Feudalismus  beruhen  nach  dieser  Au^assung  au
dem  Unterschied  der  Methoden,  vermöge  deren  sich  Staat  und
Gesellschaft  ordnen.  In  dem  einen  Fall
der  Gewalt  die  gestaltende  Ursache,  in  dem  andern  Fall  sol  e
die  industrielle  und  die  wissenschaftliche  Arbeit  zur  entscieidendonBothätigung
  gelangen.
11  Die  Vorstellung  von  den  zwei  ungemischten  und  in
ihrem  Princip  klaren  Zuständen  wird  durch  die  Idee  einer
Uebergangsphase  ergänzt,  in  welcher  sich  die  Systeme  mischen.
St.  Simon  betrachtete  die  betreffenden  Zwischengehilde  mit  cer
ontschiedensten  Abneigung,  sah  den  ganzen  geschichUiclmn
Hergang,  in  welchem  sie  die  Physionomie  der  Zustande  bestimmen, ­
  als  eine  Bastardzeugung  an,  bezeichnet  ihn  auch
wohl  als  Krankheit  oder  Krisis  und  trug  kein  Bedenken,  die
neuere  historische  Gestaltung  der  Englischen  Verhältnisse  als
ein  Musterbeispiel  für  diese  Unhaltbarkeiten  zu  kennzeichnen.
        <pb n="284" />
        268

Die  schon  erwähnte  Zwischenclasse,  die  er  gewöhnlich  als  die
der  Degisten  bezeichnet,  sollte  in  Verbindung  mit  den  Metaphysik ­
  er  n  die  eigentliche  Stütze  des  Uebergaugs-  und  Zwitterzustandes ­
  bilden.  Hiebei  denkt  er  sich  unter  der  Metaphysik
das  philosophische  Zubehör  der  Theologie  oder,  wie  ich  cs
nennen  würde,  das  Priesterthum  zweiter  Classe.  Die  Idee  ist
hienach  wesentlich  dieselbe,  welche  auch  in  der  Comtcschon
Philosophie  an  getroffen,  dort  aber  mehr  aus  psychologischen  als
aus  socialen  Gesichtspunkten  behandelt  wird.  Es  ergiebt  sich
nämlich  mit  Leichtigkeit  der  Parallelismus  von  Fcudalität  und
Constitutionalismus  einerseits  mit  Theologie  und  Metaphysik
andererseits.  Das  dritte  Glied  der  Vergleichung  hat  nur  bei
8t.  Simon  einen  verständlichen  Sinn;  es  ist,  wie  schon  erwähnt,
das  System  der  Arbeit  und  der  Industrie,  neben  welchem  in
geistiger  Beziehung  die  Herrschaft  der  Wissenschaft  in  natürlicher ­
  Zugehörigkeit  einhergehen  soll.  Der  so  entstehende
dritte  Zustand  gilt  einem  St.  Simon  als  der  positive  und  als  derjenige, ­
  welcher  die  Zukunft  beherrschen  werde.  Die  schwächste
Seite  in  der  Auffassung  dieses  dritten  Zustandes  ist  nicht  der
wirthschaftliche,  sondern  der  auf  die  Herrschaft  des  Wissens
gerichtete  Gedanke,  und  dieser  letztere  ist  es  auch  grade  gewesen, ­
  den  A.  Comte  am  meisten  ins  Auge  gefasst  hat.  St.  Simon ­
  spricht  cs  in  der  Schrift  „Vom  industriellen  System"
(S.  295)  deutlich  aus,  dass  die  Akademien  mit  der  erforderlichen
Ergänzung  ihres  Personals  die  neue  geistige  oder,  man  müsste
eigentlich  sagen,  geistliche  Gewalt  bilden  sollen.  Diese  unwillkürlich ­
  das  Lächeln  regemachende  Vorstellung  verflüchtigte
sich  nun  bei  Comte  zu  lauter  Nebelhaftigkeiten  und  wurde  um
so  haltloser,  je  weniger  ihr  die  industrielle  Idee  St.  Simons  zur
Seite  stand.  Uebrigens  erinnern  wir  noch  einmal  daran,  dass
sich  die  Täuschung,  die  diesem  Verlangen  nach  einer  „spiritualen" ­
  Gewalt  zu  Grunde  lag,  bei  beiden  Personen  später
deutlich  genug  in  den  auf  eine  neue  Religion  gerichteten  Ideen
blosgestellt  und  hiemit  in  der  ganzen  Haltlosigkeit  des  den
religiösen  Organisationen  entlehnten  Idols  bekundet  hat.
Als  Innern  Grund  für  die.  Nothwendigkeit  einer  Herrschaft
der  Arbeit  giebt  St.  Simon  den  Umstand  an,  dass  sie  die  Quelle
aller  moralischen  Tüchtigkeit  sei.  Die  Art,  wie  er  sich  diese
Herrschaft  zunächst  dachte,  war  jedoch  nichts  weniger  als
socialistisch.  Als  Verwirklichungsmittel  seiner  Philanthropie
        <pb n="285" />
        269

##:#
letztere  Fehler  wird  in  der  Gesclüchtsphilosoplne  des
politischen  Katechismus  der  Industriellen  vornehmlich  sichtbar.
Dort  wird  die  Französische  Geschichte  nach  der  socialökonomh^hen
  Hee  construct,  da^  die  ur^nüngKch  urnU^rworAme
„nd  habo  dort  gelernt,  für  seine  Frauen  und  Töchter  schönere
Stoffe  einzukaufen  und  hiemit  für  den  Luxus  auf  semen  fruhete
Fiuffuss  zu  verzichten.  Als  blosses  Symptom  der  Vorgänge
ist  die  Anführung  von  Derartigem  erträglich  und  untei  Umstanden ­
  sogar  passend;  aber  als  ein  Ersatz  für  die  Angabe  der
wirklich  bestimmenden  Ursachen  können  solche  Beschreibungen
der  Physionomie  veränderter  Zustände  nicht  gelten.  Man  vermisst ­
  daher  jeden  ernstlich  politischen  Blick,  der  über  die  rem
wirthschaftlichen  und  auch  in  diesem  Rahmen  sehr  unvollkommenen ­
  Ideen  hinausreichte.  Auch  lässt  sich  deutlich  wahr-
        <pb n="286" />
        270

nehmen,  wie  sich  die  Verkennung  des  Umstandes  rächt,  dass
7Ai  allen  Zeiten  die  physische  Gewalt  und  mithin  irgend  ein
Maass  oder  irgend  eine  Form  der  militairischen  Thätigkeit  die
rohe  Grundlage  der  Gestaltungen  abgegeben  habe  und  in  dieser
Function  auch  niemals  ganz  ausgemerzt  werden  könne.  Die
Idee  der  Subaltcrnisation  des  militairischen  Elements,  welches
noch  überdies  mit  dom  feudalen  zusam  menge  werfen  wird,  ist
bei  Saint  Simon  äusserst  unklar,  wenn  man  ihr  nicht  etwa  das
unterschieben  will,  was  bereits  in  der  Wirklichkeit  besteht.
Der  ehemalige  Oberst  konnte  keine  richtigen  politischen  Verzeichnungen ­
  geben,  weil  ihm  das  Verständniss  für  diejenige
Seite  der  menschlichen  Natur  fehlte,  mit  welcher  die  Bereitschaft ­
  zum  Gebrauch  der  Waffen  in  einem  gewissen  Maass
stets  verknüpft  sein  wird.  Nach  einem  festen  Knochengerüst
markirter  Ideen  von  eigentlich  politischer  Natur  sehen  wir  uns
daher  vergebens  um,  und  an  Stelle  der  ernsten  Scheidelinien
des  Rechts  im  markigen  Römischen  Sinne  des  Worts  treffen
wir  auf  eine  philanthropische,  dem  Christenthum  nachgeahmte,
im  Princip  achtengsworthe  und  discutirbare,  sonst  jedoch  ebenfalls ­
  keiner  unmittelbaren  Anwendung  fähige  Moral.  Das
Motto  „liebt  und  helft  euch  unter  einander”,  und  noch  dazu  auf
der  Schrift  „Vom  industriellen  System”,  sagt  mehr  als  eine
weitläufige  Erörterung.  So  gut  der  diesem  Motto  entsprechende
Trieb  sein  möge,  wo  er  naturwüchsig  entsteht,  natürlich  bleibt
und  ohne  nachträgliche  Verwandlung  in  Selbstbetrug  oder
Heuchelei  zu  verstaudesmässigen  Gonsequenzen  führt,  —  so  vortrefflich ­
  das  Princip  im  innersten  Grunde  befunden  werde,  —
Eins  steht  aus  innern  Ursachen  und  durch  das  Zeugniss  der
Geschichte  fest,  dass  es  nämlich  ungeeignet  ist,  eine  eigentliche
Politik  zu  ergeben.  Die  letztere  und  das  ganze  Grundgerüst
der  gesellschaftlichen  Ordnung  müssen  vielmehr  durch  andere
Mächte  in  einem  gewissen  Maass  verbürgt  sein,  ehe  für  den
Einfluss  jener  Gesinnung  auf  die  öffentlichen  Einrichtungen
und  auf  den  Verkehr  der  Menschen  ein  gesicherter  und  geregelter ­
  Spielraum  zur  Verfügung  steht.  Andernfalls  gestaltet
sich  der  betreffende  Affect  in  seinen  Bethätigungen  verworren
und  anarchisch;  ja  er  muss  sogar  die  Quelle  der  Ungerechtigkeit ­
  werden,  wenn  er  glaubt,  die  angedeuteten  Voraussetzungen
seiner  politischen  und  socialen  Consequenzen  überspringen  und
        <pb n="287" />
        271

aie  Ordnung  der  Dinge  rein  aus  sich  selbst  aufrecht  halten  zu
können.
12.  Nach  Allem,  was  wir  bisher  über  St.  Simon  hoigebracht
haben,  drilngt  sich  die  Frage  auf,  wo  denn  eigentlich  der  ökonomische ­
  Socialismus,  ja  überhaupt  auch  nur  der  rein  gesellschaftliche ­
  Socialismus  zu  finden  sei.  Wir  sind  gewohnt,  hei
dem  fraglichen  Wort  an  irgend  welche  Ideen  zu  denken,  die
in  Beziehung  auf  die  wirthschaftlichen  und  gesellschaftlichen
Einrichtungen  eine  veränderte  Anordnung  ins  Auge  fassen.
St.  Simon  lässt  aber  nicht  nur  die  Eigenthumsverhältnisse
wesentlich  unberührt,  sondern  geht  sogar  grundsätzlich  vom
persönlichen  Interesse  aus.  Die  Schwierigkeit,  sagt  er  im
Katechismus  der  Industriellen,  bestehe  darin,  eine  Combination
zu  finden,  vermöge  deren  sich  das  persönliche  Interesse  mit
dem  öficntlichen  vereinige.  Er  nimmt  hienach  entschieden  an,
dass  die  öffentlichen  Angelegenheiten  nur  durch  Vermittlung
der  persönlichen  Antriebe  wahrgenommen  werden  können.
Fügt  man  noch  hinzu,  dass  er  selbst  die  gewöhnliche  Grundform ­
  der  Ehe  ebensowenig  als  A.  Comte  angegriffen  hat,
so  zeigt  sich,  dass  seine  Speculation  nicht  auf  neue  socialistische
  Rechtsformen  ausgegangon  ist.  Eine  Idee  der  socialpolitischen ­
  Geschichtsauffassung  ist  das  Hauptergebniss  des
St.  Simonschen  Nachdenkens  gewesen,  während  als  allgemeine
Triebkraft  dCr  Gedanke  einer  physiko-politischen  Wissenschaft
von  vornherein  zu  Grunde  lag.  Nach  mehr  materiell  ökonomischen ­
  und  eigentlich  volkswirthschaftlichen  Aufstellungen
würden  wir  uns  aber,  aller  Schriften  über  Industrie  ungeachtet,
vergebens  Hinsehen.  IJebrigens  ist  dieser  Sachverhalt  sehr
natürlich  und  erklärlich.  Die  philanthropische  Vei  wert  lung
der  allgemeinen  Wissenschaft  war  der  Ausgangspunkt  gewesen,
und  die  bereits  vorhandene  Nationalökonomie  hätte  für  Jemand,
der  einen  neuen  gesellschaftlichen  Wissenszweig  schaffen  wollte,
in  ihrer  damaligen  Beschaffenheit  kaum  einen  Reiz  haben
können.  Sie  lag  zu  wenig  auf  dem  Wege  der  socialen  Affecte,
und  übrigens  konnte  St.  Simon  seinem  ursprünglichen  Bildungsgang ­
  gemäss  zunächst  von  nichts  Anderm  als  der  Physiokratie
  berührt  werden.  Später  war  er  aber  zu  entwickelt
und  zu  selbständig,  um  nach  dieser  Seite  hin  für  ganz  entgegen
  gesetzte,  so  zu  sagen  un  gesellschaftliche  Auffassungsarten
empfânglich  zu  sein.  Auch  hat  in  der  That  dieser  Gegensatz
        <pb n="288" />
        272

noch  bei  A.  Comte  nachgewirkt.  Hioiiach  brauchen  wir  uns
über  den  Mangel  des  materiell  Ookonomischcn  in  der  Gestaltung ­
  der  Grundidee  nicht  zu  wundern.
Will  man  jedoch  eine  Vergleichung  mit  den  nationalökonomischen ­
  Tendenzen  anstellen,  so  kann  man  mit  Fug  und  Rocht
behaupten,  dass  die  Arbeit,  die  in  der  Sniithschen  Volkswirthschaftslchre
  den  Ausgangspunkt  der  Erklärungen  bildet,  bei
St.  Simon  die  socialgestaltende  Triebkraft  sei.  An  beide  Fälle
heftet  sich  die  leicht  missleitende  Bezeichnung  als  Industriosystem, ­
  während  die  gesammto  viel  verzweigte  wirthschaftlicho
Thätigkeit  gemeint  ist.  Ich  will  jedoch  eine  Parallele  nicht
weiter  ausführon,  in  welcher  zu  viel  Ungleichartiges  zu  berühren
sein  würde,  um  das  wirklich  Gemeinsame  nicht  in  einem  falschen ­
  Lichte  erscheinen  zu  lassen.  Dagegen  dürfen  wir  scbliesslich
  ein  letztes  Wort  nicht  vergessen,  welches  die  Schüler  von
dem  sterbenden  Meister  vernommen  haben  wollen.  Es  werde
sich,  soll  er  noch  in  den  letzten  Augenblicken  des  halb  verdunkelten ­
  Bewusstseins  geäussert  haben,  eine  Arbeiterpartei
bilden,  und  mit  den  hinzugefügten  Worten  „die  Zukunft  ist
unser”  soll  er  die  Hand  zum  Kopf  geführt  und  geendet  haben.
In  der  That  ist  hiemit  die  Grenze  bezeichnet  gewesen,  bis  zu
welcher  sein  in  den  Ilauptzügen  edles  und  aufopferndes  Streben
gelangte.  Der  harte  Bruch,  der  sich  zwischen  den  Arbeitern
und  Industriellen  vollziehen  musste,  war  nicht  für  die  weiche
Auffassung  gemacht,  die  in  dem  jetzt  abgeschlossenen  Leben
vorgewaltet  hatte.  Der  eiserne  Geist  eines  Babeuf  war,  aller
Spartanischen  Idole  ungeachtet,  eher  dazu  angethan  gewesen,
mit  seinem  letzten  Act  den  Ernst  zu  bezeichnen,  mit  welchem
einst  der  Gegenstand  von  der  keineswegs  frivolen,  sondern  gelegentlich ­
  bittern  und  blutigen  Geschichte  wieder  aufgenommen
werden  musste.  Das  St.  Simonsche  Leben  hatte  vorherrschend
das  Gepräge  des  Duldens  an  sich  getragen;  es  war  vornehmlich ­
  in  eine  Zeit  gefallen,  in  welcher  eine  eigentliche  Action
eine  Unmöglichkeit  blieb.  Mit  der  Wiederaufnahme  einiger
Elemente  der  Revolution  musste  aber  auch  eine  Annäherung
an  das  mehr  active  Verhalten  Platz  gieifen,  und  diesem  Umstande ­
  ist  es  zu  verdanken,  dass  nach  einigen  trägen  und  quietistischen
  Caricaturen  des  Socialismus  und  speciell  dos  St,  Sirnonschen
  Ideenkreises  wiederum  Erscheinungen  zu  Tage  traten,
die  nicht  unter  das  Niveau  einer  ernsten  und  positiven  Ge-
        <pb n="289" />
        273  —

scliichtsscbroibung  fallen.  Zunächst  haben  wir  es  aber  mit
einem  Intermezzo  zu  thun,  welches  eine  besondere  Aufmerksamkeit ­
  gar  nicht  verdienen  würde,  wenn  es  nicht  zur  Bezeichnung ­
  der  Grenzlinie  zwischen  Sinn  und  Unsinn  dienen
könnte.

Drittes  Capitel.
Die  Missgebilde  der  socialen  Phantastik.
(Fourier,  Owen  und  der  Bnfantinismus).
Die  Aufgabe,  die  wir  in  diesem  Capitel  zu  lösen  haben,
ist  insofern  keine  leichte,  als  sie  nicht  mehr  der  IVissenschaft,
ja  auch  nicht  einmal  zum  Theil  dem  Suchen  nach  derselben,
sondern  nur  den  widerwärtigsten  Gestalten  der  gesellschaftlichen ­
  Pathologie  und  den  entschiedensten  Verirrungen  des
Verstandes  und  Charakters  gelten  kann.  Wir  werden  es  mit
Fourier,  mit  Owen  und  ausserdem  mit  denjenigen  Erscheinungen
zu  thun  haben,  welche  ganz  unzutreffend  als  St.  Simonismus
bezeichnet  worden  sind.  Wir  knüpfen  die  letzteren  absichtlich
nicht  unmittelbar  an  die  Darstellung  St.  Simons  an,  weil  sich
bei  näherer  Betrachtung  zeigt,  dass  der  äusserliche  Zusammenhang ­
  und  die  Verbindung  mit  Schülern  des  Genannten  fast
gar  nichts  zu  bedeuten  hat.  Im  Gegeiitheil  muss  das  fragliche
Sectcngebildc  als  eine  monströse  Mischung  der  verschiedenartigsten ­
  theoretischen  und  praktischen  Thorheiten  betrachtet
werden,  die  zur  Zeit  seines  Agirens  zugänglich  und  nachahmbar
waren.  So  hat  namentlich  Fourier  mit  seiner  im  Albernen
und  Krausen  sehr  üppig  wuchernden  Imagination  den  Bedürfnissen ­
  des  Enfantinschen  Hirns  hier  und  da  dienstbar  werden
müssen.  Es  würde  ein  arger  Fehler  sein,  wenn  man  glaubte,
dass  die  Puppen  dieses  Schlages  alle  Blüthen  des  von  ihnen
aufgcspicltcn  Unsinns  ganz  und  gar  aus  ihren  eignen  Köpfchen
gezeitigt  hätten.  Sie  haben  nicht  blos  aus  Schriften  Fouriers
ilirern  Mangel  nachgeholfen,  sondern  es  ist  auch,  wie  stets  bei
allen  solchen  Erscheinungen,  mit  Sicherheit  vorauszusetzen,
dass  die  Tradition  und  so  zu  sagen  geistige  Bundesbrüderschaft,
die  dem  analogen  Widersinn  und  den  gleichartigen  Missgebildcri
  der  verschiedensten  Zeiten  und  Völker  zu  Hülfe  kommt,
Duliriiig,  Geschieh  to  dor  Nationalükonoinie.  2.  Auflage.  18
        <pb n="290" />
        274

bei  allen  Betheiligten,  also  bei  den  Nachahmern  zweiter  Classe,
sowie  auch  bei  den  verhilltnissmässig  Originalen,  das  Ihiigo
zur  Ermöglichung  der  theoretischen  und  experimentellen  1  ossen
beigetragen  habe.  Durch  eine  gewisse  Wahlverwandtschaft
einzelner  Berichterstatter,  denen  man  fast  überall  nachgeschrieben ­
  hat,  ist  die  Meinung  in  Umlauf  gekommen,  dass  Fourier
unter  allen  älteren  Socialisten  der  bedeutendste,  ausgiebigste
und  wohl  gar  am  meisten  systematische  sei.  Wir  haben  schon
früher  bemerkt,  dass  diese  Ansicht  auch  dem  Interesse  solchei
Gelegenheitskritikcr  entgegenkam,  die  da  wünschten,  die  Bocialtheorien
  mit  leichter  Mühe  zu  widerlegen.  Anstatt  sich  gegen
St.  Simon  selbst  und  gegen  den  mehr  kritischen  Socialismus
der  späteren  Zeit  zu  wenden,  bethätigten  sie  die  Stärke  ihies
Verstandes  und  die  Tragweite  ihrer  kritischen  bähigkeiten
lieber  an  einer  Erscheinung,  über  welche  ihnen  schon  die  geringste ­
  Dosis  von  Einsicht  zum  Siege  verhelfen  musste.  Auf
diese  Weise  haben  zwei  Umstände  zusammengewirkt,  einen
Fourier  fälschlich  zum  Mittelpunkt  des  älteren  Socialismus  zu
stempeln.  Bisweilen  mischten  sich  auch  beide  Ursachen,  indem
auf  der  völlig  gegnerischen  Seite  nichtsdestoweniger  ein  unbewusster ­
  Verwandtschaftszug  des  eignen  zum  fremden  Widersinn ­
  obwaltete  und  die  Richtung  entschied,  in  welcher  man  sich
auch  feindlich  am  liebsten  befasste.  St.  Simons  bessere  Gedanken ­
  waren  Manchem  zu  rationell  gewesen,  und  Darsteller,
wie  Herr  Reybaud,  sind  erst  spät  zu  Erweiterungen  genöthigt
worden,  durch  welche  sie  in  den  letzten  Auflagen  ihrer  Schriften ­
  bekundeten,  dass  die  Auffassung  A.  Comtes,  der  schon  1822
die  hieher  gehörigen  Gedanken  veröffentlicht  hatte,  nicht  zu
vernachlässigen  sei.  Ueber  solche,  die  in  Deutschland,  wiö
z.  B.  Herr  L.  Stein,  sogar  einem  Reybaud  nachgeschrieben  und
nur  ihre  Caricatur  von  Philosophie  hinzugefügt  haben,  wäre
kaum  ein  Wort  zu  verlieren.  Indessen  mag  im  Allgemeinen
bemerkt  werden,  wie  das  Hegelthum  nicht  blos  in  dem  üppig
wuchernden  Widersinn  seiner  sogenannten  Naturphilosophie,
sondern  auch  in  andern  Richtungen  mit  dem  Inhalt  der  bourierschen
  Phantasien  sehr  Vieles  gemein  hat  und  in  sehr
vielen  Elementen  in  dieselbe  Gattung  einzurcchnen  ist,  innerhalb ­
  welcher  der  Französische  Phantast  seine  Offenbarungen
in  einer  wenigstens  lesbaren  Sprache  und  mit  ungenirter
Aufrichtigkeit  von  sich  gegeben  hat.  Herr  L.  Stein,  der  den
        <pb n="291" />
        Französischen  Socialismus  nach  Reybaud  und  nach  Maassgabe
seiner  Kenntnisse  von  der  Hegclschen  Logoslehre  vor  einigen
-0  Jahren  bearbeitete,  würde  nun  zwar  nicht  einmal  sonderlich ­
  bestehen,  wenn  man  auch  nur  den  strengeren  Maassstab ­
  der  Hegclschen  sogenannten  Logik  an  seine  Darstellung
legte.  Indessen  überlassen  wir  solche  Erinnerungen  denen,
die  selbst  Hegelianer,  dennoch  mit  Recht  diejenigen  Arbeiten
verurtheilen,  in  denen  die  logischen  Arabesken  zu  ganz  charakterlosen ­
  Linien  geworden  sind.  Diese  Verwässerung  des
logischen  Urbildes  hat  manchen  unbefangenen  Leser  über  die
fälschenden  Constructionen  getäuscht,  zumal  sich  die  letzteren
mit  der  gewöhnlichen  Denkweise  und  einer  Annäherung  an
den  gemeinen  Stil  untermischt  und  hiedurch  abgeschwächt
fanden.
Die  eben  gemachten  Bemerkungen  können  auch  einen  andern
Sinn  erhalten,  wenn  man  dabei  von  der  Zufälligkeit  vorübergehender ­
  Bücher  und  von  den  unmittelbaren  Symptomen  absieht, ­
  die  sich  in  ihrem  Erscheinen  bekunden.  Greift  man  nämlich ­
  etwas  weiter  zurück  und  versetzt  sich  in  die  geistige  Atmosphäre, ­
  welche  am  Eingänge  des  Jahrhunderts  in  den  Ausschweifungen ­
  der  Imagination  kenntlich  wurde,  so  findet  man,
dass  zwischen  einem  Fourier  und  den  Deutschen  Philosophirern
der  unkritischen  Art,  also  namentlich  mit  dem  Typus,  welcher
vornehmlich  durch  Schelling  vertreten  wurde,  eine  sehr  nahe
Verwandtschaft  der  Vorstellungsart  bestand.  Auf  beiden  Seiten
überliess  man  sich  den  wüstesten  Conceptionen  über  die  Natur
und  deren  vermeintliche  Gesetze.  In  Deutschland  erhielten  dieselben ­
  den  Namen  Naturphilosophie,  der  seitdem  unschuldigerweise ­
  und  gegen  seinen  bessern  Sinn  bei.  den  strengen  Wissenschaften ­
  in  Verruf  gekommen  ist.  In  Frankreich  war  es  der
Socialismus  nach  Art  eines  Fourier,  was  die  gleichartigen
naturphantastischen  und  philosophastrischen  Speculationen
decken  musste.  Fragt  man  nach  dem  Unterschiede,  so  lässt
sich  natürlich  bei  den  Deutschen  Grössen  der  metaphysischen
Naturphantastik  ein  erheblicheres  Maass  von  philosophischer
Bildung  und  Schulung  nicht  verkennen.  Dagegen  war  auf  der
Seite  des  Franzosen  die  grössere  Unbeschränktheit  in  Rücksicht
auf  die  leitenden  oder  zwingenden  Religionsideen  anzutreffen,
und  ihm  kam  die  nicht  hinterhältige  und  nicht  in  Zweideutigkeiten ­
  spielende  Darlegung  seiner  Vorstellungen  zu  statten.
18*
        <pb n="292" />
        276

Er  enthüllte  seine  fixen  Ideen  und  alle  Elemente  des  Wahnwitzes ­
  ohne  sonderliche  Zurückhaltung,  weil  einerseits  sein
mehr  offener  und  ziemlich  gutmüthiger  Charakter  die  mystische
Geheimnissthuerei  und  zugehörige  Art  von  Eitelkeit  ausschloss,
andererseits  aber  auch  seine  rein  private  und  philanthropische
Stellung  nicht  die  Verbindlichkeit  ¡auflegte,  seine  Speculationen
einer  kirchlichen  oder  staatlichen  Richtschnur  anzupassen.  Wo
er  naturphilosophischen  Widersinn  producirte,  that  er  cs  ohne
andere  Fesseln,  als  diejenigen,  welche  ihm  seine  eigne  Beschränktheit ­
  und  die  Quellen  auferlcgten,  aus  denen  er  geschöpft ­
  hatte.  Er  schaltete  mit  dem  ganzen  Hausrath,  den  die
Sectensuperstition  seiner  Zeit  überliefert  hatte,  völlig  nach
Willkür,  indem  er  mit  demselben  auch  diejenigen  Gebilde
combinirte,  die  sich  seit  dem  Yorhandensein  der  modernen
Wissenschaft  erzeugt  haben.  Zu  den  letzteren  gehörte  aucli
eins,  welches  in  seinen  vielgestaltigen  Wandlungen  seine  Rolle
noch  keineswegs  ausgespielt  hat.  Man  könnte  es  kurz  die
Gravitationsmanie  nennen,  oder  als  fixe  Idee  der  Newtonspielerei ­
  bezeichnen.  Die  Personen,  welche  diesem  Wahn
anheimfallen,  behaupten  in  irgend  einer  Beziehung  eine  Entdeckung ­
  gemacht  oder  ein  System  aufgestellt  zu  haben,  welches
in  seiner  Art  das  Newtonsche  noch  überhole  und  für  die  Erklärung ­
  der  gesammten  Welt  ein  Zauberstäbchen  biete,  wie
es  noch  nie  dagewesen  sei.  In  der  That  hat  Fourier  sehr  stark
an  dieser  Manie  gelitten;  denn  er  glaubte  die  ganze  Weltordnung ­
  einschliesslich  des  gesellschaftlichen  Daseins  auf  gewisse ­
  Bewegungen  zurückgeführt  zu  haben,  in  denen  das
Physische  und  Sociale  eine  Einheit  bildeten.  In  Wahrheit
fand  sich  natürlich  nur  ein  buntes  und  höchst  verworrenes
Gemenge  vor,  in  welchem  die  gegenseitigen  Beziehungen  der
einzelnen  Bewegungen  und  Bestandtheile  in  dem  wüstesten
Hin  und  Her  und  in  der  Yernachlässigung  aller  verstandesmässigen
  Ursächlichkeit  verloren  gingen.  Hier  fehlten  sogar
solche  Ideen  nicht,  die  man  sonst  am  ehesten  in  Irrenhäusern
aufsucht,  und  die  auch  übrigens  meist  nur  bei  ausgeprägten
und  gesellschaftlich  anerkannten  Narren  vorzukommon  pfiegeii.
Doch  wollen  wir,  ehe  wir  den  Erzeugnissen  dieser  Art  näher
treten,  noch  erst  auf  die  Person  des  Producenten  einige
Blicke  werfen.
2.  Karl  Fourier  (1772—1837)  aus  Besançon,  Sohn  eines
        <pb n="293" />
        277

Kaufmanns,  verlor  sein  nicht  unbeträchtliches  Vermögen  durch
die  Revolution  und  wurde  hiedurch  genöthigt,  bis  an  sein  Ende
Handlungsemployö  zu  bleiben.  Von  diesem  Schicksal  abgesehen, ­
  verlief  sein  Dasein  ziemlich  ohne  Wechselfälle.  Er  besorgte ­
  pünktlich  seine  Geschäfte  und  speculirte  nebenbei  über
die  gesellschaftliche  Beglückung  der  Welt.  Obwohl  wirklich
ausgewachsen,  blieb  er  doch  immer  ein  Kind,  und  das  Einzige,
was  zu  seiner  Ehre  gesagt  werden  kann,  besteht  darin,  dass
er  zu  der  aufrichtigen  und  gutmüthigen  Art  dieser  Gattung  gehörte. ­
  Sein  Sinn  hatte  sich  gegen  Lüge  und  Uebervortheilung
schon  früh  aufgeregt  gefunden,  und  was  ihn  als  eigentliches
Kind  frappirt  hatte,  das  Hess  ihn  auch  später  nicht  in  Ruhe.
Das  Träumen  des  mit  einigen  Kenntnissen  ausgestatteten  Kinderkopfes ­
  lehnte  sich  gegen  das  Schlimme  in  allen  Richtungen
auf  und  gedachte  nicht  nur  die  Menschen,  sondern  auch  die
Natur  zur  Raison  und  Harmonie  zu  bringen.  Es  sollte  dem
ganzen  Kosmos,  dem  kleinen  wie  dem  grossen,  nachgeholfen
und  nicht  blos  den  Lebenden,  sondern  auch  den  Todten  ein
neues  Reich  geschaffen  werden,  welches  über  die  schlechte
Weltepoche,  die  als  Civilisation  bezeichnet  wird,  zu  triumphiren
  habe.
Sowohl  die  naturphantastischen  oder,  wie  wir  in  Deutschland ­
  noch  immer  sagen  müssen,  die  naturphilosophischen,  als
auch  die  gesellschaftlichen  Vorstellungsspiele  Fouriers  sind  bereits ­
  in  dessen  erster  Schrift  von  1808  hinreichend  sichtbar.
Dieses  absonderliche  Werkchen  betitelt  sich  als  „Theorie  des
quatre  mouvements”  und  findet  sich,  nicht  erheblich  verändert,
in  den  Oeuvres  von  1841  als  erster  Band.  Die  „Vier  Bewegungen”, ­
  um  die  es  sich  handelt,  gehören  theils  der  Natur
theils  der  Gesellschaft  an.  Sie  sollen  alles  Dasein  beherrschen,
und  wurzeln  in  der  oben  angedeuteten  Entdeckungsmanie,  die
auf  eine  Art  Nachäffung  der  Gravitationsvorstellungen  zurückzuführen ­
  ist.  Die  sehr  rohe  Gestalt,  welche  diese  Newtonssucht ­
  bei  einem  Fourier  hat,  überhebt  uns  eines  weiteren  Eingehens ­
  auf  die  ausschliesslich  naturphantastischen  Bestandtheile,
  soweit  dieselben  nicht  etwa  mit  der  Gesellschaft  Zusammenhängen ­
  sollen.  Jedoch  sind  die  „allgemeinen  Geschicke”
auf  dem  Titel  der  ersten  (Lyoner)  Ausgabe  jener  „Vier  Bewegungen” ­
  genannt  und  die  „Ankündigung  der  Entdeckung”,
welche  das  Buch  repräsentiren  soll,  hat  ihre  Bedeutung  im
        <pb n="294" />
        278

Hinblick  auf  die  praktische  Zukunft.  Fourier  erwartet  nach
Maassgabe  der  neu  enthüllten  Gesetze  wirklich  von  der  Natur
nichts  Geringeres,  als  eine  vollständige  Aenderung  des  menschlichen ­
  Schicksals.  In  den  einschlagenden  Imaginationen  findet
sich  etwas  von  jenem  Wahnwitz,  der  die  Natur  für  ein  Ding
hält,  welches  sich  durch  menschliche  Magie  oder  wenigstens
nach  Maassgabe  und  Vorbild  menschlicher  Launen  umgestalten
lasse.  Die  Gesellschaft  und  das  Subjective  einerseits  und  die
Natur  andererseits  flicssen  bei  Fourier  in  ein  einziges  wüstes
Chaos  zusammen  und  ergeben  einen  anarchischen  Vorstellungsspuk, ­
  in  welchem  allenfalls  die  üeppigkeit  des  Einbildungsluxus ­
  überraschen  mag.
Von  den  Anhängern  Fouriers  ist  behauptet  worden,  dass
die  erste  Schrift  in  das  System  ihres  Meisters  keinen  gehörigen ­
  Einblick  verstatte.  Indessen  hat  man  an  derselben
wirklich  genug,  um  ihren  Verfasser  und  dessen  Zukunft  bemessen ­
  zu  können.  Wer  sich  aber  für  die  Einzelheiten  der
gesellschaftlichen  Harmonie  in  den  Phalansteren  intoressirt,
muss  sich  freilich  auch  noch  um  den  Associationstractat  bekümmern, ­
  der  zuerst  1822  als  „Traité  de  l’association  domestique-agricole ­
  ou  attraction  industrielle”  erschien.  Der  Zusatz
„Industrielle  Anziehung”  verräth  hier  wiederum  die  Gravitationsmanie. ­
  In  den  vorher  erwähnten  Werken  wird  die  dort
vom  zweiten  Bande  an  abgedruckte  spätere  Ausgabe  als  „Theorie
der  universellen  Einheit”  betitelt,  und  man  sieht  auch  aus
dieser  abstracten  Bezeichnung,  welche  Ansprüche  das  vermeintliche ­
  System  machte,  und  wie  es  eine  Art  Gesammtphilosophie
  repräsentiren  wollte.  Uebrigens  würde  es  einer
kritischen  Geschichte  sehr  schlecht  an  stehen,  auch  noch  die
übrigen  späteren  Arbeiten  des  Idioten  herbeizuziehen.  Zur
Charakteristik  ist  der  in  den  beiden  erwähnten  Schriften  enthaltene ­
  Stoff  mehr  als  genügend.
3.  Da  auch  in  der  Entwicklung  des  Widersinns  ein  gewisses ­
  Maass  von  Methode  möglich  ist,  und  man  der  Kürze
der  Darstellung  wegen  die  eignen  Umschweife  des  Autors
fallen  lassen  muss,  so  wollen  wir  gleich  in  das  Heiligthum
selbst  eindringen.  Für  den  Kenner  ist  das  letztere  auch  in
der  ersten  Schrift  keineswegs  unzugänglich,  obwohl  dieselbe
ausdrücklich  nur  ein  Prospectus  der  neuen  Wahrheit  sein
sollte.  Fourier  will  die  allgemeine  Attraction  entdeckt  haben.
        <pb n="295" />
        279

welclie  zwisclicn  den  menschlichen  Neigungen  und  den  ^  er
schieden  en  ökonomischen  und  gesellschaftlichen  Beschäftigungsarten ­
  existiré,  Hicnach  gieht  es  z.  B.  eine  besondere  Leidenschaft ­
  oder,  besser  gesagt,  eine  eigenthümliche  Passion  für  die
Hervorhringung  von  Kohl  und  Rüben.  In  der  socialökonomischen ­
  Organisation  des  neuen  Reichs  darf  keine  Arbeit  eine
Last  sein,  sondern  muss  jegliche  Thätigkeit  auf  der  ihr  entsprechenden ­
  Neigung  beruhen.  Für  die  angenehmen  wie  für
die  unangenehmen  Beschäftigungen  sollen  in  der  menschlichen
Natur  die  entsprechenden  Triebe  bestehen,  und  die  Einführung
der  nach  Passionen  geordneten  Arbeit  soll  nicht  nur  eine  ungetrübte ­
  Herrlichkeit  des  Vergnügens  und  Genusses  ergeben,
sondern  auch  die  grösste  Rentabilität  aller  wirthschaftlichen
Thätigkeiten  verbürgen.  Für  Alles  giebt  es  Leidenschaften,
und  auch  der  Schmutz  hat  Verehrer,  die  ihm  um  seiner  selbst
willen  huldigen.  Letztere  Einsicht  will  unser  grosser  Autor
an  kleineren  Kindern  beobachtet  haben,  und  er  weist  dieser
Spielart  vielerlei  Aufgaben  zu.  Die  Majorität  der  kleinen
Knaben  soll  im  neuen  Reiche  eine  Truppe  bilden,  welche  als
Corps  der  „Mistfinken”  organisirt,  die  betreffende  Passion  zum
höchsten  socialen  Enthusiasmus  entwickelt  und  dafür,  dass  sie
der  neuen  Gesellschaft  die  wichtigsten  Dienste  leistet,  mit  besondern
  Ehrenbezeigungen  bedacht  wird.
Versucht  man  es,  sich  alle  erdichteten  Passionen  in  einer,
wenn  das  Wort  hier  erlaubt  ist,  zweckmässigen  Reihenfolge
vortheilt  vorzustellen,  so  dass  hieraus  ein  Inbegriff  von  äti^
keiton  wird,  die  ineinander  greifen  und  sich  gegenseitig  beglücken,
  so  erzielt  man  dieselbe  unbestimmte  Idee,  y'^on  ei
Fourier  ausging,  und  die  er  natürlicherweise  nur  durch  kizan’e
Phantasien  zu  decoriren  vermochte.  Eine  Klärung  oder  Schärfung ­
  jener  wüsten  Vorstellung  würde  die  Vernichtung  der
letzteren  selbst  bedeutet  haben.  Dennoch  darf  nicht  unerwähnt
  gelassen  werden,  dass  sich  der  Urheber  schmeichMte,
für  diese  seine  passioneile  Attraction  eine  mathematische  Bewährung ­
  zu  besitzen.  Diese  Einbildung  war  ein  Zubehör  der
wunderlichen  Gravitationsmanie,  und  wir  brauchen  uns  heute
nur  in  gewissen  Spielarten  der  Psychologistik,  wie  z,  '
den  Herbartschen  Erzeugnissen  umzusehen,  um  etwas  ge  e  r
tore  Scitenstücke  anzutreffen.  Fourier  selbst  verstieg  sich
zwar  niemals  zu  jener  absonderlichen  Scholastik,  die  in  dem
        <pb n="296" />
        280

Missbrauch  analytischer  Formeln  besteht,  und  seine  Idee  von
mathematischer  Bestätigung  hatte  mehr  den  Charakter  der
Anwendung  einer  Art  von  Buchhalter-Einmaleins.  Eine  deutliche ­
  Vorstellung  von  dem  selbst  unklaren,  vagen  und  verworrenen ­
  Gedanken  lässt  sich  gar  nicht  mittheilcn.  Uebrigens
hat  man  auch  an  der  Constatirung  der  schon  von  vornherein
unzweifelhaften  Resultatlosigkeit  sogar  für  historische  Zwecke
genug.  Eine  sich  dem  kleinsten  Detail  anbequernende  Wiedergabe ­
  der  fraglichen  Verworrenheiten  würde  jedenfalls  nach
dem  eignen  System  Fouriers  eine  entsprechende  Passion,
d.  h.  mindestens  eine  besondere  Liebhaberei  für  die  Befassung
mit  Widorsinnigkeiten  voraussetzen.  In  Ermangelung  einer
solchen  Leidenschaft  kann  die  Geschichtsschreibung  nichts
weiter  thun,  als  den  etwa  für  die  besondere  Physionomie
solcher  Ausgeburten  interessirten  Leser  auf  die  Lectüro  einer
der  erwähnten  Schriften  zu  verweisen.  Der  Abdruck  einzelner
Partien  würde,  abgesehen  von  der  Geschmacklosigkeit  solcher
Beigaben  oder  Einschaltungen  in  den  Zusammenhang  einer
wissenschaftlichen  und  gesetzten  Darstellung,  keineswegs  das
Erwünschte  leisten.  Es  ist  nämlich  durchaus  nothwondig,  zu
beobachten,  wie  sich  der  Widersinn  und  die  Thorheit  inmitten
einer  übrigens  ziemlich  menschlichen,  ja  oft  nicht  einmal  ganz
geistlosen  Auslassungsart  ausnehmen.  Fourier  beschämt  manchen ­
  berühmten  Philosophirer  durch  die  verhältnissmässige  Einfachheit ­
  seiner  Ausdrucksart  und  durch  die  naive  Fassung,  die
er  seinen  Ideen  bisweilen  giebt.  In  dieser  Beziehung  würde
ihm  durch  eine  blosse  Blumenlese  von  ausgewählten  Beurkundungen ­
  der  ausschweifenden  Imagination  einiges  Unrecht  geschehen. ­
  Mindestens  würden  solche  Probestücke  nur  negativ
etwas  entscheiden  und  grade  das  nicht  wahrnehmen  lassen,  was
man  bei  ähnlichen  und  weit  berühmteren  Erscheinungen  im
Gebiet  der  Philosophie  meistens  ausschliesslich  zur  Erwähnung
gebracht  hat.  Um  also  dem  Socialharmoniker  im  Verhältniss
zu  seinen  rein  philosophisch  speculativen  Seitenstücken  nicht
Unrecht  zu  thun,  verbleiben  wir  in  einer  Betrachtungsart,
welche  es  ermöglicht,  in  wenigen  Zügen  die  allgemeine  verkehrte ­
  Haltung  der  Ideen  ebenso  wie  die  absonderlichen  Auswüchse ­
  sichtbar  zu  machen,  ohne  dabei  die  lichten  Augenblicke ­
  mit  Stillschweigen  übergehen  zu  müssen.
4.  Die  Anordnung  der  Neigungen  und  Thätigkeiten  nach
        <pb n="297" />
        —  281  —

Maassgabe  ihrer  sogenannten  Attraction  ergiebt  das,  ^as  bei
Fonrier  unter  dem  Namen  von  Reihen  eine  grosse  Rolle  spielt
und  natürlich  ebenso  unklar  bleiben  muss  als  die  leitende
Grnndvorstollung  selbst.  An  fratzenhaftem  Aufputz  der  Beschreibung
  der  hierauf  gegründeten  Geschäftsarrangements  mit
der  zugehörigen  üniformiriing  fehlt  es  in  der  späteren  Schrift
durchaus  nicht.  Dagegen  hndet  sich  nicht  die  geringste  Spur
von  einer  nur  einigermaassen  zutreffenden  Einsicht  in  die  wirklichen ­
  Triebe  und  Leidenschaften  der  menschlichen  Natur.  Die
musikalischen  Vergleichungen,  wie  z.  B.  die  Gegenüberstellung
einer  Octave  und  einer  Anzahl  von  Leidenschaften,  erinnern
nur  an  die  dürftigen  Spielereien,  zu  denen  einige  bessere  Gedanken ­
  schon  bei  den  Pythagoreern  Veranlassung  gegeben
hatten.  Dieses  Durcheinanderwerfen  der  Beziehungen  und
scheinbaren  Analogien,  denen  in  einem  letzten  und  äußerst
allgemeinen  Schematismus  allerdings  bisweilen  ein  paar  Körnchen ­
  Wahrheit  zu  Grunde  liegen  können,  —  dieses  traummässige
  Handhaben  des  Vorstellungskaleidoskops  kann  für
manche  träge  Naturen,  deren  Einbildungskraft  ein  wenig  gezerrt ­
  werden  muss,  einen  gewissen  Reiz  haben.  Zu  einem  gedanklichen ­
  Ergebniss  werden  aber  solche  Spiele  einen  Geist,
welcher  derselben  fähig  ist,  nicht  leicht  führen.  Man  hat  sich
daher  zu  hüten,  in  die  zunächst  unschuldig  aussehenden  Sätze
einen  Sinn  zu  legen,  der  ihnen  bei  Fourier  gar  nicht  zukonimt.
Bei  einem  richtigen  Begriff  von  den  Trieben  und  Leidenschaften
ist  offenbar  die  Aufgabe,  die  Gesetze  dieser  Mächte,  sowie  ihrer
gegenseitigen  Einwirkungen  und  Verhältnisse  sowohl  innerhalb
des  einzelnen  Menschen  als  auch  im  Bereich  des  somalen  Verkehrs ­
  zu  bestimmen,  ein  Gegenstand  von  so  giossei  ragwei  e,
dass  die  strengere  Wissenschaft  froh  sein  kann,  wenn  ^e  ein  paar
Elemente  dieses  Problems  zu  beherrschen  vermag.  Wenn  aber
Jemand  von  vornherein  von  den  Grundvorstellungen  ebensowenig
  wie  von  der  Aufgabe  einen  Begriff  hat,  so  darf  eine
oberflächliche  Aehnlichkeit  in  den  Wörtern  nicht  zu  der  Annahme ­
  verleiten,  in  der  entsprechenden  Spielerei  sei  auch  nur
eine  Ahnung  von  einem  ernstlichen  Problem  wirksam  gewesen.
Die  allbekannte  Gemeinschaft,  in  welcher  circa  1800  Personen ­
  den  vollständigen  Stoff  zu  einer  Lebens-  und  Wirth-Bchaftseinrichtung
  nach  dem  System  der  passioneilen  Attractionen
  abgeben  sollen,  heisst  Phalanstere.  Natürlich  brachte
        <pb n="298" />
        282

es  die  Rohheit  der  ökonomischen  Auffassung  mit  sich,  den
Ackerbau  ungebührlich  zu  betonen  und  diese  seltsame  Wirthschaftsmonade
  aus  einer  Caricatur  der  Familie  und  des  Landbaues ­
  zu  mischen.  Fourier  weiss  nicht  genug  die  Ersparungen
zu  rühmen,  welche  durch  die  gemeinschaftlichen  Räumlichkeiten
und  durch  die  Vereinigung  der  sonst  zersplitterten  Bemühungen
entstehen  sollen.  Der  gewöhnlichen  Dorfwirthschaft  stellt  er  ein
Bild  der  geregelten  Anordnung  gegenüber,  und  man  muss  ihm
selbst  Angesichts  aller  Thorheiten  zugeben,  dass  er  nicht  umhin
gekonnt  hat,  hier  und  da  einen  richtigen  oder  wenigstens  halbrichtigen ­
  Gedanken  auszusprechen.  So  würden  z.  B.  vom  rein
wirthschaftlichen  Standpunkte  aus  die  gemeinschaftlichen  Speicherräume ­
  und  die  combinirten  Beförderungen  zum  Markte
etwas  für  sich  haben,  während  rein  sociale  Erwägungen  die
Schwierigkeiten  oder  Nachtheilo  einer  solchen  Reform  der
Baucrnwirthschaft  sofort  erkennen  lassen.  Doch  wir  wollen
uns  hier  nicht  auf  die  Art  einlassen,  wie  der  Erdichtcr  der
Phalanstère  die  wirklichen  Zustände  gelegentlich  zu  kritisiren
versucht.  Weit  wichtiger  ist  cs,  seine  positiven  Einbildungen
zu  kennzeichnen.
Die  ganze  Welt  hat  sich  mit  Phalansteren  zu  bedecken.
Diese  grosse  Reform  soll  sich  in  aller  Gemüthlichkeit  vollziehen, ­
  und  das  Eigenthum  hiebei  nicht  im  Mindesten  compromittirt
  werden.  In  einem  solchen  Fourierschen  Kindergarten
für  Erwachsene  geht  Alles  nach  den  Grundsätzen  einer  guten
Buchhalterei  zu,  und  man  erkennt  in  allen  Ideen  über  die  finanziellen ­
  Arrangements  im  Innern  und  nach  Aussen  den  lebenslang ­
  getreuen  Diener  seines  Geschäfts.  Den  Capitalisten  werden
gewaltige  Zinsen  in  Aussicht  gestellt;  denn  die  Wirthschaft
des  Plialanstere  vervielfacht  die  Erträge  ins  Staunenerregende.
Ihr  kann  es  nie  an  Mitteln  fehlen,  Jedem  gerecht  zu  werden.
In  ihrem  eignen  Schooss  verzichtet  sie  keineswegs  auf  eine
strenge  Anwendung  des  Einmaleins,  um  ihren  Mitgliedern  nach
ihren  Beiträgen  und  Leistungen  das  Entsprechende  gehörig
zukommen  zu  lassen.  Im  Allgemeinen  werden  die  ökonomischen ­
  Grundformen  der  übrigen  Gesellschaft  nicht  verletzt,
sondern  nur  ins  Ungeheuerliche  verzerrt.  Von  einer  Anlehnung ­
  an  die  tieferen  Gesetze  des  Verkehrs  ist  natürlich  keine
Rede.  Die  Imaginationen  wohnen  friedlich  bei  einander,  wo
die  natürlichen  Thatsachen  sich  auf  den  ersten  Blick  als  un-
        <pb n="299" />
        288

vereinbar  zeigen.  Eine  Untersuchung  des  Detail  kann  a  er
zu  nichts  führen,  wenn  man  sich  nicht  etwa  für  die  affenmässigen
  Aufstutzungen  intercssirt,  welche  den  Künstler  der  Ehalanstcre
  sehr  eingehend  beschäftigt  haben.  Phantastische  Kleidung, ­
  Embleme  aller  Art,  fahrende  Aufzüge  mit  möglichst  viel
bunten  Elittern,  —  kurz  eine  Parade  von  maskirten  Gestalten,
hinter  denen  der  Mensch  und  die  Natur  nur  wenig  hervorgucken,
  macht  nicht  etwa  den  festlichen,  sondern  den  regelrechten ­
  Zustand  der  Fourierschen  Gesellschaft  aus.  Es  wäre
Thorheit,  da  nach  ernstlich  systematischen  Grundsätzen  der
ökonomischen  Vortheilung  zu  suchen,  wo  die  Früchte  solcher
Laune  den  Hauptstoff  bilden  und  auch  alles  Uebrige  in  entsprechender ­
  Weise  ausgeführt  ist.  Allerdings  giebt  es  auch  in
den  wüstesten  Träumen  eine  gewisse  Abfolge  der  Instincte  und
Vorstellungen;  aber  wir  haben  hier  nicht  die  Aufgabe,  an  einem
Erzeugniss  des  Wahnwitzes  die  psychologische  Diagnose  durchzuführen.
  .
Wir  begnügen  uns  daher  mit  dem  Ergebniss,  dass  Fouriers
Phalanstère  eine  finanzielle  Abrechnung  bestehen  lässt  und  in
dieser  Beziehung  die  Verhältnisse  der  übrigen  Gesellschaft  zum
Vorbilde  hat.  Man  ist  hienach  nicht  berechtigt,  im  Hinblick  auf
die  Fiction  der  Phalanstere  von  Communismus  oder  auch  nur
rationellerem  Socialismus  zu  reden.  Es  handelt  sich  eben  nur
um  ein  nach  den  Schablonen  dos  gewöhnlichen  Ve^ehrs  coi^
ponirtes  Missgebilde.  Anders  stellt  sich  jedoch  der  Sachverhalt,
sobald  wir  vom  Eigenthum  zur  Ehe  und  Familie  iiberphen.
Obwohl  klare  Rechtsbegriffe  in  Rücksicht  auf  die  ökonomischen
Verhältnisse  und  deren  Abgrenzung  ebenfalls  nicht  Fouriers
Stärke  waren,  so  zeigt  sich  doch  die  völlige  ci  T
kindischen  Vorstellungsspiols  erst  in  Rücksicht  auf  die  Gesta  -
tung  der  Geschlechtsverhältnisse.  Schon  in  der  Schrift  von
den  „Vier  Bewegungen”  wird  eine  Abfolge  und  Vereinigung
von  verschiedenartigen  Beziehungen  der  socialen  Lebensverbindung ­
  beider  Geschlechter  charaktorisirt.  Dm  Liebo  ist  hienach
  ein  blosses  Vorstadium  und  gleichsam  eine  erste  Studie.
Das  ihr  entsprechende  Verhältniss  wird  von  demjenigen  untei
schieden,  in  welchem  bereits  Kinder  vorhanden  sind,  un
Männer  wie  Frauen  können  nach  diesen  Gesichtspunkten  sowohl ­
  nacheinander  als  gleichzeitig  mehrfache  Beziehungen  p  e
gen.  Die  kindische  Laune  eines  Fourier  unterscheidet  hier
        <pb n="300" />
        284

sogar  zwischen  zwei  Kindern  und  einem.  Die  Frauen  können
gleichzeitig  Männer  haben,  denen  sie  für  zwei  oder  für  ein  einziges ­
  wirklich  gehornes  Kind  verpflichtet  sind.  Dies  orgiobt
Rangunterschiede  und  so  zu  sagen  eine  Rang-  und  Quartierliste,
  welche  in  der  Verschiedenheit  der  Titelerfindung  mit  den
schönsten  Byzantinischen  Ueberlieferungen  den  Vergleich  aushält. ­
  In  der  Bezeichnung  der  ehelichen  Würden  ist  das  Hirn
eines  Fourier  üppiger  und  leistet  in  dieser  Gattung  mehr,  als
die  historische  Tradition  und  der  moderne  Erfindungsgeist  im
Reiche  der  besten  Büreaukratie  vermocht  haben.  Geliebte,
Erzeuger,  Gatten,  —  das  ist  die  Hauptskala,  die  aber  noch
ganz  lose  Liaisons  in  unbestimmter  Menge  neben  sich  duldet,
ohne  jedoch  an  die  letzteren  erbrechtliche  Wirkungen  zu
knüpfen.
Man  erkennt  in  diesen  Wüstheiten  sofort  die  Beziehungen
zu  den  schlechtesten  Elementen  in  der  thatsächlichen  Verfassung ­
  der  verschiedenen  Geschlechts  Verhältnisse  der  wirklichen
Gesellschaft.  Hätte  man  es  nicht  mit  einem  Kinderköpfchen
zu  thun,  so  würde  man  sich  darüber  wundern  müssen,  dass
derselbe  Mensch,  welcher  gelegentlich  die  verkehrten  Seiten
und  corruptiven  Elemente  oder  Gestaltungen  der  bestehenden  Ehe
und  Geschlechtsverhältnisse  leidlich  zu  beschreiben  wmsste,  in  seinem ­
  eignen  Vorstellungslauf  grade  der  Nachahmung  und  willkürlichen ­
  Composition  der  schlimmsten  Erscheinungen  der
Wirklichkeit  anheimgefallen  ist.  Man  braucht  sich  in  der
Französischen  oder  überhaupt  in  der  modernen  Gesellschaft
nicht  weit  umzusehen,  um  ein  verhältnissmässig  naturwüchsiges
System  von  Unterschieden  anzutreffen,  die  einigen  Hauptlinien
der  bei  Fourier  verschnörkelten  Verzeichnungen  annähernd
entsprechen.  Die  Abfolge  der  Stadien  ist  ebenso  wie  die
nachträgliche  Vereinigung  mehrfacher  Verhältnisse  eine  ziemlich ­
  umfangreiche  Thatsache.  Man  hat  sich  nur  der  mannichfaltigen
  Figurationen  des  geschlechtlichen  Gcmeinlebeiis  zu  erinnern, ­
  welche  der  geregelten,  meist  verspäteten  Ehe  vorangehen ­
  oder  sich  nachher  neben  derselben  unterhalten.  Man
wird  alsdann,  auch  ohne  die  letzte  Schicht  der  Prostitution
mit  ihren  Verzweigungen  im  Dasein  des  Proletariats  und  der
übrigen  Gesellschaft  in  Anschlag  zu  bringen,  deutlich  genug
einsehen,  dass  die  Fourierschen  Extravaganzen  nichts  als  ein
Zerrbild  von  dem  sind,  was  sich  in  dem  gewöhnlichen  Lehen
        <pb n="301" />
        aus  den  socialen  Terliälltnisscn  heraus  gebildet  oder  Tielmehr
verbildet  hat.  In  I’ouriors  deraugirtem  Hu-n  war  nichts  Anderes ­
  im  Spiele,  als  was  auch  den  natur-  oder  vielmehr  socialmeinen
  Leben  auch  in  der  Corruption  wenigstens  einige  Logik
t\m‘oekononiisohen  soll  die  erstauidiche  P^ductivit«
mMw.
Werke)  lässt  er  sich  über  die  Herstellung  des  Gleic  „ewic
zwischen  Bevölkerung  und  Existenzbedingungen  ein  wenig  aus,
indem  er  zugleich  eine  gewisse  Sympathie  für  Malthus  zu  erkennen ­
  giebt.  Was  er  vorbringt,  ist  natürlich  eine  G  alone  von
auch  diese  Erbärmlichkeiten  nur  in  der  unrationelWen  JV
#####
der  Herausgabe  der  erwähnten  Schrift  hat  man  übrigens  auch
für  einige  Auslassungen  gesorgt,  um  den  Meister  nicht  allzu
sein*  zu  compromittiren.  i
In  dem  neuen  Fouriersehen  Beich  wird  Constaniinopel  der
Mittelpunkt  des  ganzen  Systems  von  Associationen.  Hm  sicli
von  dem  veränderten  Productionsregime  einen  Begriff  zu  machen, ­
  braucht  man  nur  eine  Kleinigkeit,  nämlich  das  lei  ej,en
der  Phalansterehennen  in  Betracht  zu  ziehen.  Fouiiei  la  es
genau  berechnet,  dass  die  Engländer  durch  diese  'un  tseier
        <pb n="302" />
        286

sofort  im  Stande  sein  würden,  ihre  Staatsschuld  mit  einem  Mal
zu  tilgen.  Doch  wir  brauchen  nicht  bis  zu  diesen  Nutzanwendungen ­
  auszugreifen.  Man  thiit  einem  Fourier  Unrecht,  wenn
man  seine  Ausweichungen  von  der  bei  ihm  normalen  Denkweise ­
  auszeichnet,  da  schon  die  letztere  selbst  eine  hinreichende
Anomalie  des  Verstandes  ist.
Der  Leser,  welcher  von  den  berühmten  passionollen  Ilcihen
  mehr  zu  wissen  wünscht,  als  wir  beigebracht  haben,  mag
sich  selbst  an  den  6  Bänden  der  Fouriorschen  Werke  versuchen. ­
  Er  wird  es  dann  bestätigt  finden,  dass  der  Idiot  über
diejenige  fixe  Idee,  welche  den  Mittelpunkt  des  Widersinns
bildete,  keine  nähere  Rechenschaft  zu  geben  vermochte.  Auch
seine  spätesten  Schriften,  wie  z.  B,  die  vorher  angeführte  von
der  Neuen  industriellen  Welt,  gleichen  der  ersten  darin,  dass
sie  in  der  Hauptsache  ein  „Prospect”  von  etwas  bleiben,  was
der  Ausgeber  der  Ankündigung  selbst  nie  kannte.  Für  diese
grosse  Lücke  in  der  Idee  der  passioneilen  Attraction,  die  stets
nur  ein  mit  gedankenleeren  Imaginationen  decorirtes  Wort
blieb,  werden  wir  aber  durch  eine  nicht  minder  grosso  Einbildung ­
  von  dem  Wertho  und  der  Stellung  des  neuen  Princips
entschädigt.  Newton  habe  nur  einen  Fetzen  (lambeau)  der
vollständigen  Theorie  besessen.  Ja  er  habe  nur  die  unnütze
Seite  derselben  ausgebildet;  denn  es  komme  nichts  darauf  an,
zu  wissen,  wie  schwer  jeder  Planet  sei.  Jener  Theil  des  Attractionscalcüls
  habe  nur  der  Neugier  gedient,  während  die
eigne  Theorie  Fouriers  erst  die  wirklich  interessirende  Entdeckung ­
  vertrete.  Hienach  wird  Newton  von  Fourier  nur  als
ein  kleiner  Anfänger  angesehen,  der  sich  noch  obenein  in  eine
falsche  Richtung  verirrt  habe.  Wem  diese  Auslassungen,  die  sich
auf  S.  156  des  fraglichen  0.  Bandes  der  Werke  (Ausgabe  1845)  in
einem  zum  Theil  gegen  Owen  gerichteten  Abschnitt  finden,  —
wem  derartige  Kundgebungen,  auch  von  allem  Andern  abgesehen, ­
  nicht  genügen,  um  sich  zu  überzeugen,  dass  in  Fouriers
Namen  und  am  ganzen  Fourierismus  nur  die  erste  Silbe  etwas
Wahres  besagt,  —  der  dürfte  selbst  unter  irgend  eine  Kategorie
von  Idioten  einzureihen  sein.  Diejenigen,  welche  über  Fourier
geschrieben  haben,  als  wenn  es  sich  um  eine  zurechnungsfähige
Theorie  handelte,  haben  theils  den  Gegenstand,  über  den  sie
sich  ausliessen,  nicht  gekannt,  d,  h.  sie  haben  Andern  nachgeredet, ­
  oder  sie  haben  zu  wenig  Urtheil  und  Erfahrung  besessen.
        <pb n="303" />
        287

Tim  die  literarische  Monomanie,  welche  voilag,  als  solche  zu
erkennen.  Am  hauhgaten  hat  jedoch  die  schon  oben  angodoutete
  Verwandtschaft  der  eignen  idiotischen  Elen^ß^  m  den
Köpfen  der  Darsteller  die  fraglichen  Kritiklosigkeiten  verschuldet. ­
  .  .  .
Nachdem  wir  wissen,  mit  wem  wir  es  zu  thun  haben,  weiden ­
  nun  auch  die  folgenden  Offenbarungen  nicht  mehr  überraschen. ­
  Die  Natur  soll  auch  eine  Associaüon  sein,  und  zwai
wird  dies  z.  B.  speciell  von  demPñanzenreich  behauptet  Hie
sind  Kohl  und  Rüben  nebst  dem  Zubehör  rother  oder  \
und  Pflanzen  umschlingt,  nicht  blos  einseitig  für  le  so  i
Welt,  sondern  auch  für  die  Natur  gelöst,  und  wir  beflnden  uns
hiemit  an  jener  Grenze,  wo  die  kosmischen  Verrichtungen  des
Fourierschen  Hirns  beginnen.  Der  Leser,  welcher  die  e  en
angeführten  Vorstellungen  einfach  als  Unsinn  niinmt,  wir  m
dem  Weiteren  bestätigt  finden,  dass  es  für  den  kritischen  aisteller
  ganz  unmöglich  ist,  anders  als  durch  Annäherung  a
die  ungeheuerlichen  Phantasmen  eine  Vorstellung  von
Beschafienheit  des  Widersinns  zu  geben.  Für  die
über  das  sohlcchto  Gebilde  der  CiTilisaüon  trmmpkren  ebenfalls ­
  vervollkommnen.  Am  Horizonte  des  neuen  Reiclis  erscheint ­
  ein  stark  modificirter  Erdball.  So  w.rd  z.  B.  das  Meer
einen  sc.ssen,  der  Limonade  ähnlichen  Geschmack  annehmen
nichtsdestoweniger  aber  die  Häringe  als  so  r  re  e
zu  beherbergen  fortfahren.  Die  animalischen  Exrstenzer^  dr
nach  der  von  Fourier  aus  dem  Bereich  des  tradrtronellen  Phatrtasirens
  entlehnten  Vorstellung  durch  eine  gegerrsertrge  Begat-
        <pb n="304" />
        288

tung  der  Weltkörper  entstehen,  sind  vielfach  misslungen  und
werden  eine  den  Zwecken  des  Menschen  bessere  Einrichtung
erhalten.  Zu  den  schädlichen  oder  uubrauchharen  Gebilden
werden  nützliche  Gegenstücke  geschaffen  werden,  z,  B.  zum
Löwen  ein  Antilöwe  für  das  Reiten  und  Fahren,  zum  Wallfisch
  ein  Antiwallfisch  und  vielleicht  —  auch  zum  Fourier  ein
Antifouricr,  mit  welchem  man  in  den  Experimenten  der  societären
  Harmonie  besser  fährt,  als  bis  jetzt  in  Europa  und  Amerika ­
  geschehen  ist.  Doch  genug  von  dieser  Gattung,  die  überdies ­
  nur  in  wenigen  Elementen  eignen,  ursprünglich  erfundenen
Unsinn  ropräsentirt.  Es  ist  nämlich  auch  im  Reich  des  Verkehrten ­
  viel  weniger  wirkliche  Originalität  vorhanden,  als  mau
oft  voreilig  annimmt.  Grade  hier  besteht  eine  umfassende  Tradition, ­
  deren  Benutzung  meistens  von  der  Eitelkeit  des  jedesmaligen ­
  neuen  Erfindungscandidaten  oder  Entdeckungsmaniakers
  verheimlicht  wird.
6.  Es  versteht  sich,  dass  die  mystischen  Zahlenverwendungen,
namentlich  der  Vier  und  der  Sieben,  nicht  fehlen.  Denn  was  schon
vor  Jahrtausenden  in  dieser  Hinsicht  die  wüste  Laune  hei  den
Pythagoreern  und  sonst  zu  Tage  förderte,  davon  hat  Fourier
in  seiner  Weise  Gebrauch  gemacht.  Er  lieht,  wie  schon  der
Titel  seiner  ersten  Schrift  von  den  „Vier  Bewegungen”  zeigt,
das  Quaternirte  ganz  absonderlich.  Seine  sieben  Perioden  und
die  Ehe  in  der  siebenten  Periode  sind  auch  Sächelchen,  welche
mit  den  Erzeugnissen  der  Philosophirer  unseres  Jahrhunderts
wetteifern  können.  Wir  befinden  uns  also  in  der  besten  apokalyptischen ­
  Gesellschaft,  und  werden  daher  nicht  überrascht
sein,  die  societäre  Harmonie  auch  ins  reine  Geisterreich  ausgreifen ­
  zu  sehen.  Die  Spukgestaltcu,  denen  wir  hier  begegnen,
sind  ungefähr  dieselben,  die  auch  gegenwärtig  im  Amerikanischen ­
  Spiritismus  hausen.  Die  societäre  Harmonie  wird  auch
für  die  Todteu  eingerichtet,  so  dass  die  universelle  Einheit  die
sogenannten  lebenden  und  abgeschiedenen  Seelen  gleicher  Weise
umfasst.  Das  Schlafengehen  der  bereits  Verstorbeneu  ist  ein
Geboren  werden  für  die  diesseitige  Existenz  in  den  Phalausteron;
nur  gelangen  diese  Schläfer  erst  zicralicli  spät,  nämlich  beim
Zahnen,  zu  ihrer  sogenannten  Seele.  Wer  nun  hier  meint,
auch  der  Unsinn  müsste  in  seiner  Art  einige  Logik  haben,  wird
sich  enttäuscht  finden;  denn  das  Hin  und  Her  dieser  Zustandsänderung
  der  Seelchen  sollte  doch  wenigstens  nicht  die  zeit-
        <pb n="305" />
        —  289

wciligG  Ablegung  der  Hauptsache  gestatten,  da  ja  sonst  nur
eine  seelenlose  Garderobe  übrig  bleibt.  '  Der  Wahnwitz  dieses
Schlages  ist  übrigens  nichts  Neues,  sondern  schon  vielgestaltig
bei  Gelehrten  und  Ungelehrten  gepflegt  worden.  Die  leitende
Idee  besteht  darin,  dass  der  Uebergang  in  ein  Jenseits  als  Erwaehen
  gedacht,  und  dieser  Procedur  der  umgekehrte  Vorgang,
nämlich  der  Eintritt  oder  die  Rückkehr  in  unser  Leben  als  ein
Anheimfallen  an  eine  Schlaf-  oder  Traumexistenz  gegenübergestellt ­
  wird.  Für  Fourier  besteht  nun  aber  das  Hauptinteresse
darin,  dass  die  societäre  Harmonie  und  die  Phalanstere  aueh  für
andere  Weltkörper  und  für  die  Todten  die  Tragweite  der  die
Welt  und  alles  Uebrige  umfassenden  Entdeckung  bewähren.
Auch  über  den  Zustand  von  dem,  was  er  sich  als  abgeschiedene
Seele  denkt,  giebt  er  uns  einige  Aufschlüsse.  Diesen  Seelen,
welche  Gedächtniss  für  die  diesseitige  Welt  haben,  wird  zu
A[  lithe  sein  wie  im  Feder  wagen  oder  beim  Schlittschuhlaufen,
und  sie  werden  die  härtesten  Felsen  zu  durchdringen  vermögen. ­

Diese  Herrlichkeiten  oder  Aehnliches  sammt  dem  blühendsten ­
  naturphilosophastrischen  Unkraut  findet  sich  bei  Fourier
nicht  etwa  ausschliesslich  in  einer  einzigen  Lebensperiode  oder
Schrift,  sondern  hat  dem  so  zu  sagen  normalen  Lauf  seiner
Vorstellungen  stets  mehr  oder  minder  angehört.  Alle  Hauptschriften ­
  strotzen  von  diesen  Verkehrtheiten,  und  der  einzige
Unterschied  besteht  darin,  dass  sich  die  spiritistischen  Wahngebildo
  mit  den  Jahren  immer  mehr  ausgeprägt  haben.  Was  die
kosmischen  Albernheiten  anbetrifft,  so  kostete  es  einem  Fourier ­
  nichts,  sich  gelegentlich  wegen  derselben  mit  den  theologischen ­
  Verirrungen  Newtons  zu  entschuldigen.  Im  Gegentheil
glaubte  er  sich  hiemit  noch  mehr  zu  glorificiren.  Die  Newtonsmanie, ­
  an  der  er  litt,  brachte  so  etwas  sogar  mit  sich,  denn
damit  die  Annäherung  vollständig  wäre,  musste  derjenige,  welcher ­
  mindestens  ein  Dutzend  Newtons  in  sich  zu  vereinigen
meinte,  auch  zu  zwölfmal  soviel  Abirrungen  gelangen  können.
Fourier  nahm  es  in  der  That  dem  Publicum  gegenüber  mit
seinen  speculativen  Ansprüchen  nicht  allzu  genau  und  wollte.
Wenn  man  sich  nur  auf  die  societäre  Harmonie  und  die  Verwirklichung ­
  der  passionirten  Attraction  einliesse,  auf  das  Uebrige
als  Bagatelle  kein  Gewicht  legen.  Man  solle  an  dem  Verkehrten ­
  keinen  Anstoss  nehmen,  und  er  habe  ein  Recht  zu  ver-Uühi-ing,
  Geschichte  der  Katioiialökononiie.  2.  Auflage.  19
        <pb n="306" />
        290

langen,  dass  man  auch  bei  ihm  thue,  was  überall  und  auch  bei
Newton  geschehen  müsse,  nämlich  dass  man  das  Gute  nicht
des  Fehlerhaften  wegen  verwerfe.
Diese  Pfiffigkeit  der  Ausflüchte  wird  Niemand  täuschen,
der  je  einen  wirklichen  Narren  von  einiger  Bildung  zu  beobachten ­
  verstanden  hat.  Aber  auch  in  den  verschiedenartigsten
Literaturzweigen  können  gute  Diagnosen  des  blossen  Wahnwitzes, ­
  der  noch  keine  für  das  gewöhnliche  Leben  störende
und  der  Vormundschaft  bedürftige  Form  hat,  ausserordentliche
Dienste  leisten,  um  das  Publicum  vor  Missgriffen  zu  bewahren.
Bin  Fourier  versteht  es  z.  B.  seitenlang  mit  dom  Anschein
der  überlegensten  Klugheit  und  Kritik  zu  reden,  und  man
muss  einen  sehr  feinen  Probirstein  handhaben,  wenn  man  an
solchen  Stellen  schon  nach  ein  paar  Seiten  die  zuverlässigen
Merkmale  einer  Monomanie  oder  sonstigen  Störung  constatircu
will.  So  redet  er  gelegentlich  davon,  dass  alle  Wissenschaften
zuerst  mit  dem  Falschen  beginnen,  den  Charakter  der  Oharlatanerie
  haben  und  sich  erst  gleich  der  Chemie  aus  der  Alchymie
zu  eigentlichen  und  zuverlässigen  Wissenszweigen  consolidiren.
Auf  diese  Weise  sei  es  auch  mit  dem  Wissen  von  der  Gesellschaft ­
  gegangen,  bis  er  die  passionirto  Attraction  entdeckt  und
hiemit  den  Grund  zu  einem  gediegenen  theoretischen  und  praktischen ­
  Verhalten  gelegt  habe.  Ein  ähnlicher  Ton  wird  auch
in  andern  Fällen  oft  genug  angeschlagen  und  wer  sich  durch
solche  Proben  verleiten  liesse,  den  Idioten  zu  verkennen  oder
wohl  gar  den  Widersinn  und  die  Ileppigkeiten  einer  ausschweifenden ­
  Imagination  für  Genie  zu  halten,  würde  sich  noch  mehr
täuschen,  als  es  der  Bauernverstand  des  Sancho  Pansa  that,
indem  er  dem  edlen  Don  Quixote  trotz  aller  sich  aufdrängenden
Wahrnehmungen  unverdrossen  nachfolgtc.  Am  possierlichsten
benimmt  sich  Fourier,  wenn  er  seine  Gegner  und  namentlich
Owen  bekämpft.  Der  angeführte  ö.  Band  der  Werke  enthält
einige  Abschnitte  dieser  Art.  Für  Jemand,  der  eine  theoretische ­
  Panacee  oder  die  Ausgeburt  einer  gelehrten  Monomanie
zu  verfechten  hat,  ist  Alles  feindlich,  was  die  neue  Wahrheit
nicht  anerkennt  oder  auch  nur  auf  dieselbe  nicht  eingeht.  Den
Ovveniten  gegenüber  zeigte  sich  nun  Fourier  keineswegs  mehr
als  das  ziemlich  gutartige  Kind,  welches  noch  aus  den  früheren
Schriften  sprach,  sondern  entwickelte  eine  ansehnliche  Dosis
von  Malice  und  von  persönlich  gehässiger  Aufiassungsart.  Doch
        <pb n="307" />
        291

interessirt  uns  liier  dieser  Zug,  der  zum  Theil  eine  provocirte
Gegenregung  gewesen  sein  mag,  weit  weniger,  als  die  seltsamen
Gestaltungen  und  Wendungen,  die  sich  ergeben,  wenn  ein  Idiot
gegen  Verwandtes  und  gleichsam  in  der  Behausung  von  Seinesgleichen ­
  zur  Kriegführung  übergeht.  Hier  wurden  die  Vorwürfe
der  Narrheit,  der  Unmoralität  und  der  unzulänglichen  Religiosität ­
  nicht  gespart.  Owen  sollte  ein  halber  Atheist  sein;  er
sollte  sich  gegen  die  Ehe  und  gegen  die  Priester  versündigen;  er
sollte  verkannt  haben,  dass  der  Ackerbau  die  Grundlage  bilden
müsse,  —  kurz  er  sollte  Pfuscher,  Charlatan  und  Geldverbringer
sein,  der  von  dem  wahren  Associationsproblem  und  der  einzigmöglichen
  Methode  der  Gesellschaftseinrichtung  keine  Ahnung
hätte.  Diese  Anklagen  flössen  aus  derselben  Peder,  welche  eine
allmälige  Einführung  der  freien  Liebe  skizzirt  hatte,  und  deren
Führer  im  Punkte  der  Religion  zwar  in  alle  Pläne  seines  Gottes ­
  eingeweiht  war,  aber  sicherlich  nicht  die  Absicht  hatte,  von
den  Priestern  und  den  orthodoxen  Ueberlieferungen  irgend  welcher ­
  Art  die  Norm  seiner  eignen  „menschlichen  und  göttlichen”
Imaginationen  oder  Satzungen  ohne  eigne  attractionistische  Entscheidung ­
  hinzunehmen.
7.  Nach  dem  Vorangehenden  wird  man  wohl  darauf  verzichten, ­
  in  das  Detail  der  Phalanstere  einzudringen.  Derselbe,
ja  ein  noch  grösserer  Widersinn  und  eine  noch  viel  läppischere
Art  und  Weise,  als  in  den  naturphantastischen  und  spiritistischen ­
  Delirien,  bekundet  sich  in  den  Arrangements  des  neuen
socialen  Reichs,  dessen  Monaden  die  Phalangen  sind.  W  er  mit
ehrsamer  Miene  den  vermeintlichen  Mechanismus  derselben
auscinandersetzen  kann,  muss  eütweder  nie  eine  Schrift  von
Fourier  selbst  angesehen  haben,  oder  wird  durch  ein  solches
^erfahren  unfehlbar  sein  eigner  Richter.  Wir  lassen  daher
(He  Kohl-  und  Rübeiiattraction  und  die  darauf  gegründeten  Arrangements ­
  auf  sich  beruhen,  indem  wir  die  Angelegenheit  mit
ihrer  weiteren  Ansteckungskraft  gleich  einem  Stückchen  religionsartiger ­
  Scctenbildung  den  rationelleren  Psychologen  und
vorkommenden  Palls  in  praktischer  Beziehung  auch  den  Psychiatrikern
  empfehlen.  Diese  beiden  Competenzen  werden  überhaupt
&amp;lt;îon  gesaminten  Pourierschen  Werken  gegenüber  eine  reiche
Ausbeute  finden.  Auch  werden  sie  von  ihrem  Standpunkt  aus
Bicherlich  nicht  davon  überrascht  sein,  dass  manche  richtige
Bemerkung  auch  aus  der  Werkstätte  des  Pourierschen  Gehirns
19*
        <pb n="308" />
        licrvorgegaiigen  ist.  Dahin  gehört  z.  B,  die  Idee  vom  Inselmonoped
  der  Britten,  die  schon  in  der  ersten  Schrift  vorkommt.
Ferner  ist  die  Bezeichnung  des  Handels  als  einer  „Bande  coalirter
  Piraten”  nicht  ohne  huchstäblich  wahren  Hintergrund  in
der  antiken  Welt  und  nicht  völlig  ohne  Sinn  für  das  ganz  moderne ­
  Getriebe.  Auch  die  Ausschliessung  der  eigentlichen  Manufacturen ­
  von  dieser  Kennzeichnung  und  die  Unterscheidung
ihrer  Natur  von  derjenigen  des  blossen  Hundeis  ist  eine  der
gelegentlich  und  zufällig  ziemlich  zutreifenden  Vorstellungen.
Anstatt  aber  über  die  richtigen  Bcstandtheilc  eines  gestörten
Ideenkreises  in  Verwunderung  zu  gerathen,  hat  man  vielmehr
zu  bedenken,  dass  im  Gcgcntheil  eine  unbegreifliche  Thatsacho
vorliegen  würde,  wenn  Alles  falsch  gerathen  wäre.  Von  dem
vielen  Material,  welches  Fourier  bei  seiner  Leetüre  von  Sinn
und  Unsinn  durch  seinen  Kopf  gehen  licss,  muss  auch  Manches
von  dem  Besseren  uncntstellt  durchgeschlüpft  sein.  Ja  auch
sein  eignes  Hirn  kann  nicht  in  jeder  Beziehung  derangirt  gewesen ­
  sein  und  musste  daher  nach  einigen  Seiten  hin  unwillkürlich ­
  und  unvermeidlich  etwas  Richtiges  zu  Tage  fördern.
Die  V  erkstätte  war  zwar  wesentlich  und  für  die  meisten  feineren ­
  Hauptverrichtungen  in  Unordnung;  aber  als  Ausnahme
konnte  doch  hier  und  da  irgend  ein  Winkel  der  Behausung
noch  den  Ausgangs-  oder  Durchgangspunkt  für  normale  oder
bessere  Erzeugnisse  bilden.  Zu  letzteren  gehört  eine  sich  schon
in  der  Schrift  von  1808  findende  Bemerkung  über  die  Nationalökonomen. ­
  Die  Pliilosophie,  meint  Fourier,  komme  immer  erst
nach  dem  Schuss;  die  Holländer  hätten  längst  die  Sache  gehabt, ­
  und  nun  ganz  spät  verherrlichten  die  Philosophen  den
Handel.  Indem  er  sich  in  dieser  Art  über  das  lustig  machte,
was  er  von  den  Oekonomisten  wusste,  traf  er  wenigstens  einen
einzelnen  einseitigen  Zug  der  neuern  Wirthschaftsichre.  Er
reagirte  gegen  den  modernen  Mcrcantilismus  im  allgemeinen
und  noch  heute  anwendbaren  Sinne  dieses  Worts.  Hiezu  hatte
ihn  seine  eigne  Lebensstellung  veranlasst,  in  welcher  er  nur
den  Geschäftsbetrug  als  Charakterzug  der  Handclswclt  beobachtete. ­
  Könnte  der  gute  Wille  die  Vcrstandesschwächen  und
die  Gctiojäheilcii  der  Phantasie  entschuldigen  oder  ersetzen,
bu  würde  mau  im  Stande  sein,  sich  mit  einer  lirscheinimg,
wie  Courier,  eiuigermaassen  auszusöhnen  und  sich  mit  ihr  andei'b
  als  durch  eine  schlicssliche  Hinweisung  auf  die  literarische
        <pb n="309" />
        Pathologic  abzufinden.  So  aber  dürfen  wir  niemals  aueb  nur
einen  Augenblick  vergessen,  dass  eine  gewisse  Gutartigkeit  die
entsobeidendo  Tbatsacbe  der  Attractionsmonomanie  nicht  beseitigt. ­
  Ja  selbst  die  gerechteste  Eandbabung  dos  Grundsatzes
die  Gehirne  der  Menschen  als  Werkstätten  anzuseben  und
weder  nebensächliche  Extravaganzen  noch  systematische  Verkehrtheiten ­
  als  hinreichende  Gründe  für  die  Verwerfung  alles
TJebrigen  gelten  zu  lassen,  —  selbst  die  umsichtigste  er  e
gnng  und  die  wohlwollendste  Aussonderung  dos  Besseren  k^n
im  Falle  Fouriers  nichts  helfen,  da  es  bei  ihm  an  solchen  Bestandtheilen
  und  zusammenhängenden  Erzeugnissen  í^blt,  in
welche  die  theoretische  und  praktische  Thorheit  nicht  sichtbar
genug  hineingespielt  hätte.  Ausserdem  ist  we  er  le  oi
noch  der  Inhalt  seiner  relativ  besseren  Auslassungen  derar  ig
ausgezeichnet,  dass  man  ein  Recht  hätte,  an  einen  Ahstractionsodor
  Ausschmelzungsprocess  zu  appelliren.  Seme  Lehens-  und
Weltanschauung  bewegte  sich  in  so  dürftigen,  jamen  as  os
kindischen  Begriffen,  und  sein  sociales  Idol  war  so  albern,
dass  er  für  die  Geschichte  nur  als  Beispiel  der  entschiedenen
Ueberschreitung  der  Grenze  von  Sinn  und  Unsinn  einen  W  erth
haben  kann.  Dieser  Werth,  der  freilich  für  den  geschätzten
Gegenstand  nicht  schmeichelhaft  ist,  wird  noch  dadurch  erhöht, ­
  dass  er  einen  Vergleichungspunkt  zur  Würdigung  anderer,
minder  ausgeprägter  Erscheinungen  liefert.  Auch  wir  es
nach  dieser  Orientirung  über  Fouriers  eigne  Rolle  nicht  schwer
fallen,  den  Fourierismus,  d.  h.  die  Anhängerschaften  und  sec  enmässigen
  Gestaltungen  zu  begreifen,  für  welche  der  Entdecker
der  erst  wahrhaft  universellen  und  socialen  Attractionsein  lei
den  Ausgangs-  und  Mittelpunkt  gebildet  hat,  Doc  ^
wir  diese  mehr  äusserliche  und  secundäre  Gattung  von  jir-Bchoinungen
  erst  dann  nach  einigen  Richtungen  ms  Auge
fassen,  wenn  wir  mit  den  Koryphäen  der  socia  en  lan  as  i  c
vollständig  abgerechnet  haben.  Hiezu  ist  ahei  noc  ^  ^
trachtung  Owens  erforderlich  und  erst  hienach  wii  man  im
Stande  sein,  die  verschiedenen  Secteiibildungen  und  cie  a
riationen  im  Jüngerthum  des  socialen  Messianismus,  i^urz
den  Enfantinismus  im  weitesten  Sinne  dieses  Woits  ange
messen  zu  würdigen.  Es  ist  nämlich  durchaus  eifoi  ei  ic  ,
dass  man  in  diesem  Gebiet  das  Vorurtheil  ablege,  als  wenn
        <pb n="310" />
        294

es  sich  um  ernstlich  zurechnungsfähige  Ideen  und  Vorgänge
gehandelt  habe.
8.  Robert  Owen  (1771—1858)  aus  Newtown  (Montgomeryshire), ­
  Sohn  eines  Postmeisters  und  Ladenhalters,  zeichnete
sich  früh  durch  geschäftliche  Rührigkeit  aus  und  gelangte  zu
einer  ökonomisch  vortheilhaften  Heirath  und  überhaupt  zu  bedeutendem ­
  Vermögen.  Seine  philanthropische  Richtung  entwickelte ­
  sich  sehr  zeitig  und  führte  zu  humanen  Einrichtungen
für  die  Arbeiter  des  von  ihm  geleiteten  Etablissements  in  New
Lanark.  Seine  allgemeine  philanthropische  Theorie,  sowie  die
Beschreibung  der  ausgeführten  Einrichtungen  findet  sich  in
seinen  vier  Essays,  die  1813  als  „Neue  Ansicht  der  GoscUschait”
  (A  new  view  of  society  or  essays  on  the  principle  of
the  formation  of  the  human  character  etc.)  zu  London  erschienen. ­
  Der  erläuternde  Nebcntitel,  welcher  das  Princip  der
Gestaltung  des  menschlichen  Charakters  als  Gegenstand  angiebt,
  bezeichnet  hiemit  zugleich  den  Ausgangs-  und  Mittelpunkt, ­
  auf  welchen  sich  das  Owensche  Bemühen  stets  bezogen
hat.  Das  Motto  betont  ausserdem,  dass  die  Erzeugung  eines
bestimmten  Charakters  in  der  Gesellschaft  wesentlich  in  der
Macht  der  Regierenden  stehe.  Was  die  Lebensgestaltung  der
Textilarbeiter  der  Fabrik  in  New  Lanark  betriift,  so  ist  ausser
dem  Vohlwollen,  welches  auch  bei  ähnlichen  Bemühungen  zu
registriien  ist,  kein  besonders  charakteristischer  Zug  aufzufinden.
Die  Erleichterungen  des  Daseins  durch  besondere  Fürsorge,
verbunden  mit  der  Unterwerfung  von  Jung  und  Alt  unter  die
Charakterbildungstheorie  und  unter  die  zugehörigen  pädagogischen ­
  Beigaben,  sind  die  Bauptumstände,  die  in  Frage  kommen.
VV  as  übrigens  in  familienväterlicherweise  von  einem  Fabricanten
für  seine  Spinner  oder  Weber  geschieht,  gehört  nicht  in  die
Geschichte  der  Socialthcorien,  sondern  in  diejenige  der  freiwilligen ­
  und  zufälligen  Mischungen  des  Geschäftsbetriebs  mit
principieller  Wohlthätigkeit.
Ein  Grundzug  des  Owenschen  Verhaltens,  der  sich  schon
in  dem  erwähnten  Motto  audeutete,  ist  das  Zählen  auf  die
Fürsten  und  Regierungen.  Der  Philanthrop  attakirtc  mit  seinen
ünterbreitungen  Europäische  Fürsten  und  diplomatische  Congrosse,
  sowie  die  leitenden  Körperschaften  und  Personen  der
Nordamerikanischen  Republik,  üeberall  hatte  er,  wie  er  selbst
sehr  naiv  enthüllt,  ganze  Massen  verschiedener  Reformpläno
        <pb n="311" />
        295

in  (1er  Tasche  oder  sonst  in  Bereitschaft.  Als  ev  seit  1824  m
Nordamerika  ein  paar  Jahre  wirkte  und  seinen  missglückenden
"^oMuch  mdtl^^vlHannonyinadüo,  IwdW  er  nh^Æ  ^M-s^^nt,
ausser  den  activen  IPersönlichkeitcn  luich  adle  gewesenen
sldenten  der  Republik,  soweit  er  deren  noch  habhaft  werden
konnte,  persönlich  heimzusuchen.  Auch  hatte  er  es  dahin  gebracht,
  dass  man  ihm  zu  ^yFashington  die  Ilaumlichkeiten  (1er
Repräsentanten  zu  mehreren  Vorträgen  einraumte,  die  er  vor
dei  IPräsidenten  der  Republik,  vor  den  Alit^hedern  des
höchsten  Gerichtshofes  und  einer  Anzahl  von  Abgeciidneten
des  Congresses  limit.  I)iese  Sitzungen  Ixn  denen  (las  Jlnsehen
  des  Millionärs  wohl  den  Hauptantheil  hatte,  sin(l  his  o
risch  weniger  für  Owen  selbst  als  für  das  Rrtheil  oder  die
Gefälligkeit  seiner  Zuhörer  bezeichnend.  Sie  machen,  ganz
wie  die  Europäischen  Geneigtheiten  hoch  placirter  Persien,
theils  den  Zustand  der  Einsichten,  theils  die  luckläuhgen
Sympathien  kenntlich,  die  sich  im  Gebiet  des  Socialen  Allem
zuzuwenden  pflegen,  was  in  der  Hauptsache  unscWdig  istund
an  Stelle  der  ernsteren  Mittel  philanthropische  Recepte  setzt.
Nach  dem  Misslingen  des  Amerikanischen  Experiments
kehrte  Owen  (1826)  wieder  nach  England  zurück.  Seine  fernere
literarische  und  agitatorische  Thätigkeit  ftigte  der  ersten  Auslassung
  über  seine  ohnedies  matten  und  dürftigen  Ideen  nmhts
Erhebliches  oder  wenigstens  nichts  von  deijenigen  Art  hinzu,
wie  es  uns  hier  interessiren  könnte.  Seme  speciell  pädagogischen ­
  Vorstellungen  können  uns  ebenso
wie  diejenigen  Fouriers.  Jeder  socialreformatorische  R^ant
hat  natürlich  die  seinem  neuen  socialen  Leben
l'ädagogik  in  Bereitschaft.  Doch  ist  die  Art  von  Socialisi  s,
die  sich,  wie  im  Falle  Owens,  ihrer  Natur  nach  ganz  vornehmlich
  an  die  Kinder  wenden  muss,  nicht  diejenige,  mit  dei  wir
uns  hier  zu  befassen  haben.  ^
Unter  den  weiteren  Schriften  und  Schriftclicn,  in  dene
Owen  seine  Ideen  wiederholte,  sei  jedoch  noch  „Das  Buc  i
von  der  neuen  moralischen  Welt"  (The  book  of  the  new  moral
world  containing  the  rational  system  of  society  etc.  London
1836  und  später)  hervorgehoben,  auf  welchem  in  dem  Mot  o
noch  die  „Wahrheit  ohne  Mysterium"  als  Ziel  hingestellt  wird.
Im  hohen  Alter  wurde  derjenige,  welcher  vielen  seiner  Anhänger ­
  als  ein  arger  Gegner  des  religiösen  Elements  galt,  zum
        <pb n="312" />
        296

entschiedensten  Spiritisten  und  Verehrer  der  Klopfgeister.  Jedoch ­
  soll  er  sich,  wie  Herr  W.  L.  Sargant  in  seinem  biographischen ­
  Werk  (R.  Owen  and  bis  social  philosophy,  London  1860)
berichtet,  noch  ein  Jahr  vor  seinem  Tode  sehr  entschieden
gegen  die  bestehenden  Religionen  ausgesprochen  haben.  Hierin
liegt  nicht  der  mindeste  Widerspruch,  sondern  einerseits  die
Ue  herein  Stimmung  mit  dem  Amerikanischen,  die  alten  Religionen ­
  bekämpfenden  Spiritismus,  und  andererseits  die  natürlichste ­
  Consequenz  des  früher  von  Owen  eingenommenen  Standpunkts. ­
  Er  hatte  Priesterschaft  und  Theologie  stets  befehdet,
aber  keineswegs  seine  eignen  religiösen  Vorstellungen  sonderlich ­
  geklärt  oder  das  Religionselement  unabhängig  von  einer
kirchlichen  Organisation  und  ausserhalb  des  Kreises  bestimmterer
Dogmen  zur  Untersuchung  gezogen.  Hiezu  wäre  auch  sein
schon  im  Punkte  der  Moral  so  rohes  Denken  nicht  im  Stande
gewesen,  und  so  erklärt  cs  sich,  dass  er  in  Rücksicht  auf  die
religiösen  Atícete  einem  im  Allgemeinen  ähnlichen,  in  der  bcsondern
  Gestaltung  aber  noch  schlimmeren  Schicksal  anheimtiel,
  als  andere  und  weit  bedeutendere  Persönlichkeiten  vor
ihm.  Sein  äusserst  hohes  Alter,  verbunden  mit  der  besondern
Schwäche  seiner  früheren  Vorstellungsarten,  mag  es  übrigens
vollständig  erklären,  dass  er  zu  dem  höchsten  Gipfelnder
Illusion  gelangte  und  echt  spiritistisch  sich  Geister  verschiedener ­
  Personen  kommen  licss.  Natürlich  gab  er  auch  hier
seine  alte  Liebe  zu  den  Personen  von  hohem  Range  nicht
auf,  und  wenn  auch  einmal  andere  Grössen,  wie  ein  Byron,
Rede  stehen  mussten,  so  interessirten  sie  sich  doch  stets  für
die  neue  moralische  Welt  und  die  neue  Gesellschaft.  Owen
hat  übiigens  selbst  nicht  verfehlt,  die  mit  Hülfe  seines  Geisterreichs ­
  erzielten  Offenbarungen  für  die  neue  Socialtheorie  mitzutheilen.
  In  diesen  Publicationen  lässt  er  die  Geister  selbst
sprechen  und  seine  eigne  Autorität  hinter  diese  Competenzen
zuiücktreten.  Auch  hat  er  ausdrücklich  erklärt,  dass  an  dem
Misslingen  seiner  socialen  Versuche  der  Mangel  des  von  ihm
übersehenen  spiritualistischen  Elements  Schuld  gewesen  sei.
Nebenbei  bemerkt,  schrieb  sein  Sohn  R.  D.  Owen,  der  eine
Zeit  lang  Gesandter  der  Vereinigten  Staaten  in  Neapel  war,
zur  Vertheidigung  des  Spiritismus  ein  halbgelehrtes,  sich  mit
Erkenntnissmethoden  und  gelegentlich  mit  possierlichen  Widerlegungen ­
  David  Humes  befassendes  Buch  unter  dem  bezeichnen-
        <pb n="313" />
        207

den  Titel  „Fussfillle  an  der  Grenze  einer  andern  Welt”  (Footfalls ­
  Oll  the  boundary  of  another  world,  Philadelphia  1860).
In  literarischer  oder  allgemein  geistiger  Beziehung  macht
schon  die  erste  Schrift  des  bei  ihrer  Veröifentlichung  grade
in  den  besten  Jahren  stehenden  Owen  einen  matten  oder  vielmehr ­
  gar  keinen  Eindruck  auf  denjenigen,  der  wenigstens  in
der  Phantastik  etwas  Leben  und  mehr  als  einige  ins  Verschrobene ­
  ausgeartete  Gemeinplíltzo  erv,'artet.  Ein  Stückchen
dürftiger  Psychologie  und  einige  falsch  verstandene  Brocken
vom  Tische  des  moralischen,  ganz  gewöhnlichen  Determinismus ­
  bildeten  den  Angelpunkt,  um  den  sich  alles  Uebrige
drehte,  ohne  dass  es  jedoch  bei  all  diesem  Drehen  zu  eiheblichen
  Specialangabon  über  die  socialen  Einrichtungen  gekommen ­
  wäre.  Von  eigentlichen  Gedanken  konnte  in  der
letzteren  Beziehung  nicht  die  Rede  sein,  und  für  ausgiebige
Decorationen  fehlte  es  an  der  üppigen  Imagination,  die  einen
Fourier  in  den  Stand  gesetzt  hatte,  die  Leerheit  seines  Princips
durch  bunte  Bilder  auszufüllen.  Der  Faden,  welcher  von
Owen  gesponnen  wurde,  ist  zwar  in  jeglichem  Stück  Zeug
sichtbar,  welches  er  in  die  Welt  sandte,  und  woraus  der  neuen
Gesellschaft  ihr  sociales  Kleid  zugeschnitten  werden  sollte.
Indessen  bestand  grade  dieser  Faden  aus  einem  Rohstoff,  der
an  sich  selbst  und  unmittelbar  mit  den  socialen  Problemen
und  Einrichtungen  nur  wenig  gemein  hatte.  Er  blieb  nämlich
stets  eine  halb  philosophische  Idee  über  die  nothwendige  Erzeugung ­
  des  menschlichen  Charakters  durch  die  Umstände.
9.  Nicht  blos  die  Art,  wie  die  leitende  Vorstellung  gedacht ­
  wurde,  sondern  auch  die  Folgerungen,  die  aus  derselben
hervorgehen  sollten,  bekundeten  die  Ungeschicktheit  und  Veikehrtlieit,
  in  welche  Owen  verfiel,  wenn  er  sich  von  der  praktischen ­
  zur  theoretischen  Speculation  wendete,  ^ach  ihm  hat
sich  kein  Mensch  die  Zeit,  den  Ort  und  die  Verhältnisse  wählen
können,  in  denen  er  geboren  wurde.  Der  Charakter  eines
Jeden  ist  hienach  ein  Erzeugniss  der  Umstände,  und  es  fallen
nach  dem  Schluss,  welchen  sich  Owen  angeeignet  hat,  Verantwortlichkeit ­
  und  Strafe  grundsätzlich  fort.  Bemerkens  worth
ist  nun  an  diesem  Axiom  zunächst  die  widersinnige  und  rohe
Anschauungsweise,  derzufolge,  wie  man  in  allen  Wendungen
dos  Autors  deutlich  erkennt,  jeder  Mensch  als  ein  Etwas  gedacht
wird,  welches  hätte  in  den  verschiedensten  Ländern  und  unter
        <pb n="314" />
        208

dea  verschiedensten  Verhältnissen  zur  Welt  kommen  können.
In  einer  solchen  Idee  ist  eine  Vorstcllungsart  enthalten,  die
zwar  nichts  Absonderliches  und  Ungemeines,  aber  doch  grade
genug  enthält,  um  für  Jeden,  der  ihrer  fähig  ist,  auch  den
Geisterspuk  des  Spiritismus  möglich  zu  machen.  Wäre  Owen
nicht  von  der  Superstition  jenes  Etwas  unwillkürlich  ausgegangen, ­
  so  würde  er  auch  im  höchsten  Alter  nicht  die  Geister
seines  Vaters,  seiner  Mutter,  des  Herzogs  von  Kent  u.  s.  w.
*  citirt  haben.  Die  eine  Vorstellung  ist  der  andern  würdig  gewesen, ­
  und  mit  dem  Princip  der  allgemeinen  Phantastik  haben
wir  auch  einen  Anhaltspunkt  für  die  Erklärung  der  socialen
und  utopistischen  Tliorheitcn  in  der  Hand.  Die  ausgeprägteste
der  letzteren  besteht  darin,  dass  die  Gri  minais  trafen  als  Maassregeln ­
  angesehen  werden,  die  unter  der  vollständigen  Herrschait
  des  neuen  Gesellschaftsprincips  und  des  nach  ihm  gestalteten ­
  oder  vielmehr  erst  zu  gestaltenden  Charakters  abgoschatlt
  werden  müssten.  Die  neue  Harmonie,  von  welcher  in
Indiana  das  unvollkommene  Pröbchen  misslang,  wird  so  vollständig ­
  sein,  dass  die  strafrechtlichen  Einrichtungen  zu  entbehren ­
  sind.  Indessen  ist  der  Hauptgrund  ihrer  Abschaffung
nicht  ihre  zukünftige  Entbehrlichkeit,  sondern  die  Unmöglichkeit ­
  einer  begründeten  Zurechnung.  Der  Verbrecher  thut  Alles
nur  nach  Umständen  und  würde  anders  handeln,  wenn  er  unter
andern  Verhältnissen  geboren  und  erzogen  wäre,  und  wenn  die
èociale  Umgebung  ebenfalls  von  anderer  Beschaffenheit  wäre,
als  sie  ist.  Man  kann  die  von  Owen  adoptirte  Idee  zuspitzen
und  in  ihrer  Unhaltbarkeit  blosiegen,  wenn  man  hinzufügt,
dass  der  Verbrecher  die  That  nicht  begangen  haben  würde,
wenn  nicht  er  selbst,  sondern  an  seiner  Stelle  irgend  etwas
Anderes  vorhanden  gewesen  wäre,  was  an  sich  selbst  und  in
Beziehung  zur  Umgebung  entgegengesetzte  und  erwünschte
Eigenschalten  besessen  hätte.  Doch  ist  Owens  Vorstellungslauf ­
  kaum  werth,  dass  man  eine  ernstere  Kritik  zur  Geltung
bringe.  Ueberdies  ist  die  Vorstellung  von  der  allgemeinen
Unzurechnungsfähigkeit  in  deijenigen  Gestalt,  in  welcher  sie
sich  im  Leben  gewöhnlich  geltend  macht,  meist  ein  ganz  oberflächliches ­
  Aperçu,  oder  aber  sie  artet,  wenn  sie  auf  einer  unlogischen ­
  Eixirung  von  einseitigen  Ideen  beruht,  in  eine  halbwissenschaftliche
  Manie  aus,  deren  praktische  Folgen  in  einer
angeblichen  Humanität  und  namentlich  bei  ärztlichen  Urtheilen
        <pb n="315" />
        nicht  immer  eine  nützliche  oder  unschuldige  Rolle  spielen.
Owens  Halbdeterminismus,  der  ein  Ich  vor  der  Existenz  und
ein  Ich  ausser  den  Yerbältnissen  im  Auge  hat  und  diesem
erdichteten  Ich,  welches  in  Wahrheit  gleich  Null  ist,  einerseits
die  Zurechnungsfilhigkeit  ahspricht,  andererseits  aber  ein  Interesse ­
  an  der  Abwendung  der  Strafe  unterlegt,  ist  die  greifbarste
Inconscqiienz,  Jenes  Ich,  welches  durch  die  Philanthropie  des
Socialreformers  mit  einer  neuen  Charaktergarderobe  und  ausserdem ­
  auch  noch  mit  einer  umgeschaffenen  socialen  Welt  ausgestattet ­
  werden  soll,  ist  in  der  That  ganz  unschuldig;  aber  es
wird  auch  von  der  Strafe  nicht  betroffen,  die  sich  nur  gegen
die  Folgen  seiner  schlechten  Garderobe  und  überhaupt  der
Garderobeneinrichtung  wendet.  Endlich  hat  Owen  wie  alle  die,
denen  er  seine  Gedanken  entlehnte,  vergessen,  dass  die  Zurechnung ­
  und  criminelle  Bestrafung  nur  ein  Glied  in  der  Kette
und  eine  Ergänzung  des  allgemeinen  deterministischen  Systems
ist,  welches  er  zur  einen  Hälfte  vor  Augen  hat.  Seine  eignen
Gedanken  und  die  Tragweite  seiner  Recepte  hätten  ebenfalls
in  Anschlag  gebracht  werden  sollen.  Doch  genug  hievon.  Die
willkürliche  Imagination  des  philosophisch  nicht  einmal  höher
gebildeten  Engländers  war,  aller  scheinbar  entgegengesetzten
Vorstellungen  ungeachtet,  von  einer  Anerkennung  der  wirklichen ­
  Gesetzmässigkeit  der  Triebe  und  Leidenschaften,  sowie
von  einem  Yerständniss  der  ehernen  Nothwendigkeiten  der
individuellen  und  socialen  Charaktergestaltung  sehr  weit  entfernt ­
  und  stützte  sich  in  ihren  Bestrebungen  auf  das  grade
Gegcntheil.  Ein  wenig  Philauthroj)ie,  also  doch  auch  ein  Trieb,
der  nur  unter  bestimmten  Voraussetzungen  entsteht  und  einige
Folgen  hat,  sollte  den  unbedingtesten  Harmonismus  zu  schaffen
vermögen,  und  ein  entsprechendes  Erziehungssystem  sollte  alle
erwünschte  Oharakterwaare  produciren.  Der  Fabricant  hätte
bedenken  sollen,  dass  der  Mensch  keine  Baumwolle  ist,  und
dass  selbst  dann,  wenn  er  ihr  gliche,  der  Rohstoff  je  nach  der
Faser  eine  verschiedene  Behandlungsart  erfordern  würde.  Es
giobt  glücklicherweise  noch  Leute,  an  denen  kein  Fäserchen
jener  Philanthropie  anzutreffen  ist,  die  da,  wo  sie  nicht  zum
Lächeln  veranlasst,  oft  genug  die  Empörung  des  gesunden  und
wahrhaft  menschlichen  Gefühls  herausfordert.  Mit  dieser  Gegenrogung
  hatte  Owen  gleich  allen  oberflächlichen  Philanthropen
seine  Rechnung  zu  machen  gänzlich  vergessen.  Seine  Eitel-
        <pb n="316" />
        keit,  (lie  sich  in  allen  Berührungen  mit  Höfen  und  Regierungen
zu  spiegeln  suchte,  bildete  sich  ein,  mit  dem  Grundsatz  der
willkürlichen  Charakterformation  die  Dinge  völlig  umschaffen
und  die  Welt  von  allem  Hebel  erlösen  zu  können.  Diese
grossen  Dinge,  deren  Ausführung  nichts  weiter  als  der  wirkliche ­
  und  naturgemässe  Charakter  der  Menschen  entgegenstand, ­
  sollten  sich  vorläufig  auch  schon  im  Kleinen  vollziehen
lassen,  und  hier  ist  New  Harmony  bczoichnenderwcise  das
Symbol  des  Schiffbruchs  geworden,  den  alle  solche  philanthropischen ­
  Fahrzeuge  auf  einem  Meer  zu  gewärtigen  haben,  wo
nicht  fade  Gemüthlichkeiten,  sondern  strenge  Abgrenzungen
und  Rechtsbegriffe  den  Dienst  von  Karte  und  Compass  zu
leisten  haben,
10.  Die  erste  Schrift  Owens  von  1813  ist  der  Revision
eines  Andern  unterworfen  worden,  oho  sie  erschien.  Sic  ist
die  verhältnissmässig  am  meisten  geordnete.  Uebrigens  aber
und  im  Allgemeinen  hat  es  derjenige,  welcher  die  socialen  Beziehungen ­
  arrangiren  wollte,  nicht  sonderlich  verstanden,  in
seinen  literarischen  Kundgebungen  äusserlich  und  innerlich
die  greifbarste  Anarchie  zu  vermeiden.  Seine  Autobiographie
von  1857,  die  in  einigen  Partien  schon  früher  geschrieben
wurde,  ist  daher  keine  Anomalie  dos  hohen  Greisenalters.  Sie
liess  nur  in  den  Achtzigern  sichtbar  werden,  was  in  den  Vierzigern ­
  bereits  im  Keime  verbanden  war.  Was  dazwischen  lag,
war  von  einer  entsprechenden  mittleren  Beschaffenheit,  und
sogar  Anhänger  und  Verehrer  gestanden  zu,  dass  Owen  in
seinen  Schriften  langweilig  sei,  nahmen  aber  für  seine  Gelegenheitsreden ­
  eine  höhere  Werthschätzung  in  Anspruch.  In
der  That  muss  man  sich  in  solchen  kürzeren  Kundgebungen
Umsehen,  um  ein  paar  Regungen  und  Acusserungen  anzutreffen,
die  über  das  Gewöhnliche  und  Platte  hinausgehen.  Wer  sich
nur  nach  den  Hauptschrifton  richtete,  würde  nicht  im  Entferntesten ­
  auf  ernstliche  Angriffe  gegen  Eigenthum  und  Ehe
schliessen.  Dagegen  treten  in  den  Reden,  namentlich  in  einer
für  New  Harmony  bestimmten  Auslassung,  Phrasen  hervor,  die
kühner  klangen,  als  sie  von  unserm  Philanthropen  gemeint
waren,  und  durch  deren  isolirto  Wiedergabe  in  der  notizensammelnden
  Gattung  der  Literatur  die  verkehrtesten  Auffassungen ­
  verbreitet  worden  sind.  Sowenig  man  für  Jemand,  der
nur  Tendenzen  und  kaum  deutliche  Phantasien,  geschweige
        <pb n="317" />
        301

klare  Vorstellungen  hatte,  die  Verantwortlichkeit  übernehmen
kann,  dass  seine  Inconsequent  sich  nicht  bisweilen  anders  als
durchschnittlich  habe  vernehmen  lassen,  so  scheint  doch  soviel
gewiss,  dass  er  nur  die  leichte  Scheidungsmöglichkeit  der  Ehen
im  Auge  gehabt  und  das  Eigenthum  höchstens  mit  einer  rhetorischen ­
  Eigur  und  in  einem  nicht  ernstlich  gemeinten  Sinne
angefochton  habe.  Was  das  Amerikanische  Experiment  von
New  Harmony  anbetrifft,  so  ist  die  Gestaltung  der  beiden  Giundverhältnisse
  in  diesem  kurzlebigen  Versuch  sehr  unklar.  Locker
waren  die  fraglichen  Beziehungen  begreiflicherweise  in  noch
grösserem  Maasse,  als  Owens  eigne  Gedankenveriassung.  Man
lebte  zunächst  sehr  vergnügt,  gab  in  der  alten  llappistenkirche
Dienstags  Bälle  und  Freitags  Concerte,  machte  in  circa  einem
Jahr  ein  halbes  Dutzend  verschiedene  sociale  Verfassungen
durch  und  gelangte  mit  der  letzten  Nummer  derselben  wieder
zum  socialen  Dasein  alten  Schlages.  Jene  Lockerung  und  ziemlich ­
  wilde  Gestaltung  war  aber  weit  weniger  Princip  als  vielmehr ­
  eine  blosse  Wirkung  der  Unmöglichkeit  gewesen,  die
philanthropische  Erziehung  von  Klein  und  Gross  an  den  sehr
gemischten  Elementen  zu  bewerkstelligen,  welche  sich  zur  Erprobung ­
  und  zum  Theil  zur  Ausbeutung  der  neuen  Harmonie
und  des  ihr  von  Owen  zugewendeten  Capitals  eingefunden
hatten.  Allerdings  hatte  Owen  die  Sklaverei  des  individuellen
Eigenthums  und  die  auf  dasselbe  gegründete  und  an  die  priesterliche
  Autorität  angelohnte  Gestaltung  der  Ehe  als  Monstrositäten ­
  bezeichnet  und  hiegegen  sowie  gegen  das,  was  er  in  der
Religion  für  absurd  hielt,  jene  „geistige  Unabhängigkeitserklärung” ­
  vom  4.  Juli  1826  gerichtet.  Man  daif  jedoch
keinen  entschiedenen  Commuiiismus  voraussetzen.  Ein  anderer
Zug  ist  viel  bezeichnender.  Es  ist  dies  der  Gedanke,  mit  Anweisungen ­
  auf  Arbeitsstunden  zu  bezahlen.  Offenbar  ist  ein
Papiergeld,  welches  nach  Arbeitsstunden  rechnet,  nur  der  sehr
natürliche  Auswuchs  eines  Princips,  welches  auch  in  der  subtileren ­
  Nationalökonomie  manchen  Irrthum  verschuldet  hat.
Wenn  man  in  der  Theorie  mit  Arbeitstagen  rechnet  oder  nach
A.  Smith  oder  gar  im  Sinne  Ricardos  die  Arbeit  zu  einem  unmittelbaren ­
  Anknüpfungspunkt  der  Vorstellung  von  den  meisten
Wertheu  macht,  ohne  die  Zwischenglieder  in  Anschlag  zu
bringen,  so  begeht  man  speculativ  einen  ähnlichen  Fehlei,  wie
ihn  Owen  für  die  Praxis  ins  Auge  fasste.  Obwohl  unser  phi-
        <pb n="318" />
        lanthropischer  Socialreíbrmer  in  der  Erkenutniss  der  wissenschaftlichen ­
  Wirthschaftslehre  unschuldig  war,  so  verfiel  er
doch  mit  seinen  naturwüchsigen  oder  von  der  Strömung  herangespülten
  Ideen  mit  dem  Arbeitsstundengeld  auf  etwas,  was
auch  den  illusorischen  Beimischungen  der  rationellen  Theorien
der  Nationalökonomie  entsprach.  Auch  der  uralte  Irrthum,  das
Geld  ganz  nach  willkürlicher  Convention  einrichten  und  dabei
von  den  Satzungen  der  Natur  bezüglich  der  Bolle  der  edlen
Metalle  absehen  zu  können,  hatte  an  dem  angeführten  Wahngebilde ­
  einen  erheblichen  Antheil.
Wer  auf  die  gekennzeichnete  Weise  in  die  Luft  zu  bauen
vermag,  kann  mit  seinen  sonstigen  ökonomischen  oder  socialen
Gelegcnheitsbestrebungen  nicht  viel  bedeuten.  Eine  sehr  vage
und  unausgeführte  Idee  von  der  Weltbeglückung  durch  universelle ­
  Ausdehnung  ähnlicher  oder  besserer  Einrichtungen,  wie
in  New  Harmony,  existirte  auch  in  Owens  Hirn.  Ausserdem
fand  er  sich  bemüssigt,  sich  während  seines  weiteren  langen
Lebens  in  allerlei,  vornehmlich  pädagogischen,  sowie  associativen
  und  die  Eabrikgesetzo  betreffenden  Bichtungen  wichtig
zu  machen.  Von  dem  vieldeutigen  Wort  der  Cooperation  nehmen ­
  wir  hier  ganz  Abstand.  Owen,  der  die  ersten  Grundgesetze ­
  jedes  soeialen  Zusammenwirkens  confundirte,  kam  zwar
wählend  seines  langen  Lebens  mit  Vielerlei  in  Berührung,  aber
die  halbwegs  dauerbaren  Gestaltungen  der  sogenannten  Cooperation ­
  sind  mehr  auf  die  plastisch  wirkenden  Antriebe  in  den
verschiedenen  Gesellschaftselementen  als  auf  Owens  Leistungen
zurückzuführen.  Seine  Theorie  oder  vielmehr  Illusion,  deren
Schwerpunkt  nicht  einmal  specifisch  ökonomisch  war,  hat  an
den  ConsumVoreinen  und  Aehnlichem  keinen  Antheil.
Für  die  allgemeine  Beurtheilung  Owens  ist  als  Curiosität
noch  zu  erwähnen,  dass  sein  Biograph  Sargant  in  dem  oben
angeführten  Werk  zu  einem  ungünstigen  Endergebniss  gelangt.
Hoch  kann  uns  die  durch  den  Betreffenden  geübte  ökonomische
Kritik  gleichgültig  sein,  da  sie  nur  eine  Meinungsverwandtschaft
  zu  den  misslungensten  Aufstellungen  derNationalökonomio
verräth  und  ihren  Helden  grade  da  berichtigen  will,  wo  er  noch
das  meiste  Becht  hatte.  So  wird  z.  B.  dem  Owenschen  Satze,
dass  nicht  die  Arbeiter  von  den  Beichen,  sondern  die  Beichen
von  den  Arbeitern  leben,  die  nationalökonomische  Plattitüde
von  der  Entstehung  des  Capitals  durch  Sparen  und  Entbehren
        <pb n="319" />
        303

entg’GgeDg’esctzt.  Doch  glaube  man  nicht,  dass  der  genannte
Biograph  deswegen  ganz  und  gar  der  gewöhnlichen  politischen
Oekonomio  zugethan  sei.  An  einer  andern  btelle  plaidirt  er
jedoch  gegen  Mal  thus  grade  für  das,  was  jener  gewollt  hatte.
Es  ist  daher  bei  ihm  Vieles  möglich,  und  nur  der  Umstand,
dass  er  äusserlich  sorgfältig  berichtet,  nicht  aber  sein  wirthschaftliches
  Urtheil  geben  ihm  einen  Anspruch,  in  Rücksicht
auf  die  Schicksale  Owens  als  brauchbare  und  verdienstliche
Hülfe  zu  gelten.
11.  Nachdem  wir  die  Persönlichkeiten  betrachtet  haben,
welche  in  dem  Bereich  des  älteren  Socialismus  eine  Art  von
Initiative  vertreten,  müssen  wir  uns  auch  ein  wenig  nach  denjenigen ­
  Erscheinungen  umsehen,  die  sich  an  sie  anschlossen,
auf  sie  beriefen  und  zum  Theil  wirklich  durch  ihre  Anregungen
bestimmt  waren.  Zuerst  spielte  in  Frankreich  der  sogenannte
St.  Simonismus  ah,  der  jedoch,  wie  schon  erwähnt,  auf  seinen
Namen  kein  Recht  hat,  da  er  grade  alledem,  was  hei  St.  Simon
den  Mittelpunkt  oder  die  wissenschaftliche  Grundlage  gebildet
hatte,  nicht  entsprach,  sondern  als  eine  freie  oder  vielmehr
willkürliche  Schaustellung  zusammengeraffter  Thorheiten  und
Illusionen  des  halbreligiösen,  halbökonomischen  Schlages  betrachtet ­
  werden  muss.  Die  in  der  Verkehrtheit  am  meisten
ausgeprägte  Gestalt  ist  hier  Enfantin,  und  der  Name  Enfantinismus ­
  ist  daher  vollkommen  gerechtfertigt.  Ausserdem  at
er  den  Vortheil,  auch  noch  nebenbei  daran  zu  erinnern,  dass
thatsächlich  fast  nur  Kindisches  zu  Tage  trat.  Er  kann  aier
auch  als  Gesammtbezeichnung  für  die  übrigen  Ersc  emungen
gelten,  wenn  man  es  nicht  etwa  für  gut  findet,  auc  i  noc  i  ein
Ausdruck  Fourierismus  einen  allgemeineren  Sinn  unterzulegen
und  dieses  Wort  zur  Vervollständigung  dei  LiiuneruUj,  an
beiden  Ilauptrichtungen  der  fraglichen  \  oigange  zu  ge  r^c  cii.
Das  Kindische  und  das  Närrische  bilden  in  allen  jenen  Schau-Btücken
  die  beiden  charakteristischen  Züge.  Obwohl  das
Owenitenthum  um  einige  Grade  nüchtcinei  ausfie  un  in
seiner  auf  die  Englisch  redende  Welt  beschränkten  Verbreitung
begreiflicherweise  mit  geschäftlich  derberen  Zügen  unteimisc
blieb,  so  hat  doch  auch  Owen  mit  seinem  Anhang  einen  gewissen
  Anspruch,  neben  Fourier  und  dem  Fourierismus  die
Rubrik  des  in  einem  allgemeineren  Sinne  verstandenen  Enfantinismus ­
  zu  vervollständigen.  Ganz  abgesehen  von  New
        <pb n="320" />
        —  304

Harmony,  giebt  nämlich  schon  der  in  der  Kindererzichung  liegende ­
  Ausgangspunkt  des  für  die  Erwachsenen  zugerichteten
Systems  ein  unbestreitbares  Recht,  einen  Owen  denjenigen  beizugesellen, ­
  welche  sich  einbilden,  mit  den  Menschen  aus  dem
Standpunkt  der  Behandlung  kleiner  Kinder  fertig  werden  zu
können.  Derartige,  meist  auch  in  ihrer  eigentlichen  Aufgabe
fehlgreifende  pädagogische  Anwandlungen  werden  vollkommen
lächerlich,  wenn  sie  ihre  Panaceen  auf  die  erwachsene  Gesellschaft ­
  übertragen  und  das  Bereich  der  dreijährigen  Weltbürger
verlassen,  um  sich  in  die  keineswegs  ganz  harmlose  Socialpolitik ­
  oder  gar  in  alle  Arten  von  Politik  zu  mischen.  Es
empfiehlt  sich  hienach,  auch  überall  da  von  socialem  Enfantinismus ­
  zu  reden,  wo  der  Ausgangspunkt  in  jener  Region  der
Kindheit  genommen  wird.  Letzteres  ist  nun  aber  bei  Owen  so
entschieden  der  Fall  gewesen,  dass  er  für  die  Geschichte  der
Ideen  über  Kindererziehung  fast  eher  etwas  bedeuten  könnte,
als  für  den  rationelleren  Socialismus.  In  New  Harmony  hatten
die  Erwachsenen  bcschlicssen  müssen,  sich  regelmässigen  Erziehungsstunden ­
  zu  unterwerfen,  durch  welche  ihre  verkehrte,
aus  der  alten  Gesellschaft  stammende  Natur  für  das  neue  Reich
zugerichtet  werden  sollte.  Dieser  Typus,  dessen  Schicksal
nicht  weiter  erzählt  zu  werden  braucht,  wird  stets  das  sichere
Zeichen  des  Enfantinismus  sein,  gleichviel  ob  sich  derselbe  auf
das  Princip  der  Selbsterziehung,  auf  halb  oder  auf  ganz  autoritäre, ­
  auf  freie  und  so  zu  sagen  wilde  oder  auf  gebundene  und
zahme  Principien  und  Einrichtungen  gründe.
Was  die  geschichtliche  Aufeinanderfolge  anbetrifft,  so  muss
die  Französische,  die  Englische  und  die  Amerikanische  Gruppe
der  Erscheinungen  unterschieden  werden.  In  Frankreich  trat
der  Fourierismus  erst"  nach  der  Julirevolution  in  den  Vordergrund ­
  und  löste  hie  mit  Aie  Enfantinschen  Sccncn  ab.  In  England ­
  ist  von  den  Oweniten  wenig  zu  sagen,  weil  cs  dort  gar
nicht  zu  ausgeprägten  Vorgängen  kam.  Was  in  verwandten
Richtungen  geschah  und  auf  einer  Gemeinschaft  vager  Sympathien ­
  beruhte,  kann  nicht  hieher  gerechnet  werden.  Owen
war  später  den  Arbeitseinstellungen  und  Gewerkvereinen  günstig; ­
  aber  seine  Erklärung,  dass  sich  die  Löhne  oft  nicht  anders ­
  gebührend  bestimmen  Hessen,  beruhte  melir  auf  seiner
allgemeinen  Affection  für  das  Interesse  der  arbeitenden  Classen,
als  auf  einer  nationalökonomisch  klaren  Einsicht  dieses  Sach-
        <pb n="321" />
        305  —

Verhalts.  Auch  waren  seine  philanthropischen  Principien  mit
(lenen  der  socialen  Kriegführung  nicht  vereinbar.  Man  wird
daher  den  Oweniten  höchstens  die  Rolle  zuthcilen  können,  dass
sie  eine  dem  Arhoiterstande  günstige  Gesinnung  insoweit  fortpflanzten,
  als  dies  mit  jener  unlogischen  Philanthropie  vereinbar
ist,  die  nebenbei  alle  Welt  ohne  Weiteres  und  ohne  ernstere
Zwischenfälle  versöhnen  zu  können  meint.  Die  entscheidende
Epoche  Owens  war  in  die  Zeit  der  allgemeinen  Europäischen
Restauration  gefallen.  Die  geschichtlichen  Ereignisse  der  späteren ­
  Jahrzehnte  gaben  auch  dem  Owenitenthuni  ihre  Färbung.
Indessen  ist  Erhebliches  weder  von  den  ziemlich  gleichgültigen
oder  im  Sande  verlaufenden  Experimenten  noch  von  eigenthümlichen
  Ideenströmungen  zu  constatiren.  Die  associativen
Vorgänge  sind  etwas  für  sich,  was  mit  dem  Owenitenthuni  nur
in  losen  Beziehungen  stand,  und  diese  Gebilde  gehören  in  ihrer
besondern  Gestaltung  auch  gar  nicht  in  den  Plan  unserer  Geschichte. ­

Aus  letzterem  Grunde  können  wir  uns  auch  nicht  specieller
auf  die  etwas  umfangreicheren  Amerikanischen  Thatsachen  einlassen. ­
  Dort  entwickelte  sich  der  Owenismus  seit  1824.  Die
Bewegung  erreichte  aber,  soweit  es  sich  um  Einrichtungen
handelte,  schon  nach  einigen  Jahren  ihr  Ende.  Dagegen  wirkten
die  Ideen  noch  in  erkennbarer  Sonderung  bis  etwa  gegen  1830
nach.  Weiterhin  lassen  sich  die  Wellenspiele  natürlich  kaum
verfolgen,  da  von  allen  Richtungen  her  Kreuzungen  stattfanden.
Seit  1842  zeigte  sich  in  Nordamerika  der  Fourierismus  auf  der
Bühne,  wirkte  theoretisch  und  praktisch,  um  dann  ebenfalls  im
Verlauf  einiger  Jahre  sein  von  vornherein  absehbares  Schicksal
%u  erfüllen.  Diese  Amerikanische  Episode  hatte  jedoch  ihre
traditionellen  Voraussetzungen  in  der  Französischen  Entwicklung ­
  des  Fouricrismus,  und  wir  müssen  daher  zunächst
Frankreich  und  dort  zuvor  den  Enfantinismus  par  excellence
ins  Auge  fassen.
12.  St.  Simon  hatte  sich  bereits  für  die  Herausgabe  eines
Journals,  des  Producteur,  bemüht,  welches  seine  Doctrin  vertreten ­
  sollte,  aber  erst  nach  seinem  Tode  in  Gang  kam.  In
dieser  Richtung  combinirte  man  die  allgemeinen  Ideen  mit  den
Bankfragen  und  Bankprojecten,  und  diese  Verbindung  ist  in
der  That  derjenige  Zug  gewesen,  welcher  sich  in  dem  späteren
Leben  früherer  St.  Siinonisten  am  nachdrücklichsten  bethätigt
Du  bring,  Geschichte  der  Xationalükouomie.  2.  Auflage.  20
        <pb n="322" />
        306  —

hat.  Dahin  hat  namentlich  die  mit  dem  zweiten  Kaiserreich
entstandene  berühmte  Unternehmung  der  Pereiros  gehört.
Diese  Begründer  des  Crédit  Mobilier  hatten  sich  ursprünglich ­
  zum  Kreise  der  St.  Simonisten  gehalten  und  haben  auch
später  einem  Theil  der  besseren  Ideen  St.  Simons  derartig
gehuldigt,  dass  man  sie  zu  denen  rechnen  muss,  die  aus  den
St.  Simonistischen  Anregungen  die  gesunderen  Gresichtspunkte
dos  Urhebers  bevorzugt  haben.  Im  völligsten  Gegensatz  hiezu ­
  befindet  sich  nun  aber  die  Holle  Enfantins.  Auch  diese
Persönlichkeit  stand  dem  Bankwesen  in  verschiedenen  Beziehungen ­
  nahe;  allein  der  Schwerpunkt  ihrer  Bemühungen  lag
im  Reich  des  religiösen  Affects.  Im  Verein  mit  Bazard,  der
aber  nur  eine  Nebenrolle  spielte,  wurde  die  Abschaffung  des
Erbrechts,  die  Confusion  der  Verhältnisse  zu  den  Frauen,  eine
priesterhafte  sogenannte  Emancipation  des  Fleisches  und  eine
ebenfalls  priesterartig  zu  leitende,  auf  einen  unklaren  Communismus
  auslaufende  Industrie  als  Programm  hingestellt.  Bazard,
der  eine  etwas  bessere,  nämlich  die  polytechnische  Schulbildung ­
  und  eine  revolutionäre  Vergangenheit  hinter  sich  hatte,
wurde  vor  dem  Aeussersten'  der  Tliorlieit  bewahrt,  und  es
blieb  Enfantin  für  den  Gipfel  seiner  religiös  mystischen  und
geschlechtlichen  Abgeschmacktheiten  das  Feld  schliesslich  völlig
frei.  Ehe  es  zu  diesen  letzten  Wendungen  kam,  hatte  man
jedoch  ebenfalls  schon  nachdrücklich  gepredigt.  In  der  Strasse
Monsigny  war  das  Haupfipiartier  der  Familie  oder  des  neuen
Haushalts  aufgeschlagen  worden.  Affiliationen  hatten  auch  in
den  Provinzen  stattgefunden.  Der  „Globe”  war  zum  Journal
der  Secte  geworden.  Unerfahrene  junge  Leute  waren  mehrfach ­
  in  das  Garn  der  Reize  gerathen,  welche  die  theoretische
und  praktische  Behandlung  der  Geschlechtsaugelegenheiten
entwickeln  musste.  Nach  der  Julirevolution  hatte  man  sich
offener  geregt;  aber  die  Herrlichkeit  sollte  mit  der  strafrechtlichen ­
  Verurtheilung  Enfantins  und  einiger  Genossen  enden.
Dies  war  wenigstens  das  Nachspiel,  nachdem  sich  die  Elemente,
die  noch  über  einen  Rest  von  Besinnung  verfügten,  von  Enfantin ­
  getrennt  hatten.  Die  üniformirten  oder  sonst  bunten
Ccrenionien,  die  der  letztere  zu  Menilmontant  mit  seinen  Getreusten ­
  ausführte,  und  welche  die  wirthschaftliche  Arbeit  mit
etwas  Geklingel  in  Scene  setzten  und  aus  der  Cultur  einen
Cultus  machten,  —  diese  noch  dazu  von  Fourier  geborgten
        <pb n="323" />
        307

bunten  Lappen  der  Harlequinade  können  auf  sich  beruhen  bleiben.
Sie  interossirten  gleich  der  ganzen  sonstigen  Aufführung  das
Volk  unge  führ  ebenso,  wie  wenn  irgend  ein  Schausteller  der
inenschenilhnlichen  Bewohner  einer  andern  Zone  die  Künste
seiner  geschickten  Pffoglingo  in  buntester  Drapirung  glänzen ­
  lässt.
Zur  Gerichtsverhandlung  war  man  in  einer  dem  erwähnten
Genre  entsprechenden  Procession  gezogen.  Ueberhaupt  hatten
die  Gruppirungscffccte  stets  eine  Rolle  gespielt.  In  einer  der
grossen  Sitzungen  des  Cirkels  der  neuen  Heiligen  hatte  Enfantin ­
  als  die  Mitte  einer  Sieben  gethront,  in  deren  einem
Flügel  auch  der  nachmals  mit  dem  zweiten  Kaiserreich  so  eng
verwachsene  Nationalökonom  und  Akademiker  Michel  Chevalier
seinen  bevorzugten  Platz  einnahm.  Auch  diese  Persönlichkeit, ­
  die  zu  den  Oelebritäten  der  Französischen  officiellen,  d.  h.
akademischen  Pfleger  der  Volkswirthschaftslehre  und  des  Freihandels ­
  zählt,  gehörte  zu  der  kleinen  Zahl  von  intimeren
Genossen  Enfantins,  die  von  den  Geschwornen  verurtheilt
wurden.
Eine  Erörterung  des  Vergehens  nach  juristischen  Rubriken
ist  unnöthig.  An  einer  wRklichen  Verletzung  der  Sittlichkeitsgrundsätze ­
  wird  Niemand  zweifeln,  der  da  weiss,  dass  Enfantin
soweit  ging,  die  in  seinem  Reich  Geltung  habende  neue  Beichte
dem  weiblichen  Geschlecht  gegenüber  noch  principiell  in  andere
Beziehungen  zu  verwandeln.  Es  ist  zu  widerwärtig,  eine  solòhe,
übrigens  in  unübersehbaren  Gestaltungen  auftretende  Verschwistcrung
  von  Lüsternheit  und  religiösem  Mysticismus  zu
zergliedern.  Jedoch  sei  im  besondern  Fall  Enfantins  bemerkt,
dass  sich  sein  emancipatorisches  Treiben  von  dem  mehr  ffnstern
und  orthodox  beschränkten  Verfahren  anderer  Secten  nur  durch
die  Verwerfung  jedes  Zwanges  und  jeder  Verbindlichkeit  unterschied, ­
  die  nicht  von  ihm  selbst  ausgingen.  Er  war  der  dreifache ­
  Papst  und  sollte  als  priesterliches  Haupt  auch  Ober  den
besondern  Häuptern  der  Gelehrten  und  der  Industriellen  stehen.
Schon  mit  diesen  Andeutungen  sind  wir  jedoch  in  eine  zu  tief
liegende  geistige  Region  hinabgestiegen.  Wären  diese  Possen
nicht  Nachahmungen  von  geschichtlich  bekannten  Urbildern,
und  wäre  in  ihnen  nicht  auch  noch  ein  leiser  Zug  der  schwächsten ­
  Conceptionen  besserer  St.  Simonisten  erkennbar  gewesen,
so  würden  wir  dieselben  nicht  einmal  im  Allgemeinen  erwähnt
20*
        <pb n="324" />
        —  808

haben.  Wir  würden  mit  ihnen  wie  mit  der  Lehre  von  dem
Paare  verfahren  sein,  in  welchem  sich  der  Vater  Enfantin  erst
durch  eine  entsprechende,  neben  ihm  stehende  Mutter  des  neuen
religiös  industriellen  Reichs  zur  vollständigen  Priester  würde
ergänzen  sollte.
Was  der  Enfantinismus  zu  bedeuten  habe,  wird  man  jetzt
auch  ohne  nähere  Details  übersehen,  zumal  wenn  man  erwägt,
dass  schon  in  einem  sehr  frühen  Stadium  desselben,  ehe  die
Scheidung  der  verschiedenen  Elemente  eintrat,  die  Frage  streitig
geworden  war,  ob  blos  die  Frauen  über  die  Vaterschaft  der
Kinder  zu  entscheiden  hätten.  Enfantin  hatte  das  letztere
Dogma  vertreten,  und  man  wird  auch  ohnedies  darüber  einig
sein,  dass  in  diesem  ganzen  Unterfangen  einer  neuen  socialen
Schöpfung  die  Kindheit  in  allen  Beziehungen  eine  Rolle  spielte.
Nur  in  einer  einzigen  Hinsicht,  nämlich  im  Punkte  der  Unschuld;, ­
  bleibt  die  Vergleichung  unanwendbar.  Nebenbei  sei
bemerkt,  dass  der  religiöse  Bestandtheil  sich  auch  in  den
späteren  Schicksalen  namhafter  Glieder  der  Secte  als  eine  vorherrschende ­
  Macht  bewährt  hat.  Er  ist  z.  B.  in  Michel  Chevaliers
Bericht  über  die  siebenundscchziger  Industrieausstellung  wieder
zum  Vorschein  gekommen,  —  selbstverständlich  jedoch  in  einer
Gestalt,  die  man  nicht  als  eigentlich  enfantinistisch  bezeichnen
kann.  Trotzdem  ist  sie  nichts  als  ein  Rest  jener  Affecte,  dio
Herrn  Chevalier  einst  an  die  Seite  Enfantins  gekettet  hatten.
Der  Berichterstatter  liess  in  Ermangelung  eines  besseren  Trostes
die  Arbeiter  einige  Blicke  ins  Jenseits  thun  und  zeigte  so
deutlich  genug,  wie  man  die  Versöhnung  mit  den  socialen
Uebelständen  und  mit  Unzulänglichkeiten  der  Industrie  nach
einem  alten,  aus  jungen  Jahren  stammenden,  mit  der  Bejahrtheit
  wieder  zu  neuem  Reiz  gelangten  Rccept  zu  bewerkstelligen ­
  habe.
13.  Der  Fourierismus  begann  seine  Laufbahn,  nachdem
1832  der  Enfantinismus  im  engem  Sinne  des  Worts  zu  seiner,
vom  Strafrecht  gestörten  letzten  Phase  gelangt  war.  Jedoch
waren  einzelne  Bestandtheile  der  Fourierschen  Phantasien  von
Enfantin  benutzt  worden,  obwohl  dieser  Edle  die  Nachhülfe,
die  er  seiner  Imagination  angedeihen  liess,  verheimlichte  und
bestritt.  Uebrigeus  hat  hier  ein  Streit  um  die  Autorschaft
wenig  Sinn,  da  schliesslich  das  tolle  Zeug  fast  insgesammt  auf
Tradition  oder  blosser  Verzerrung  beruhte  und  die  relativen
        <pb n="325" />
        300  —

Eigcnthttmlichkciten  Fouriers  von  einem  Enfantin  noch  nicht
einmal  angecignet  werden  konnten.  Im  Punkte  der  industriellen
Phantastik  und  in  der  Fähigkeit,  dieser  Phantastik  ein  paar
abstráete  Vorstellungen  unterzulegon,  stand  Fourier  doch  noch
verhältnissmässig  hoch  über  Enfantin,  und  wenn  auch  die
Kluft  zwischen  zwei  Gattungen  der  Absurdität  nicht  sondeilich
intcressirt,  so  ist  man  doch  denen,  die  mehr  oder  mindei
unbefangen  und  ohne  gehörige  Kenntniss  der  Sache  in  die  betreffenden ­
  Agitationen  geriethen,  noch  heute  schuldig,  den
Abstand  in  den  Graden  der  Verkehrtheit  nach  Möglichkeit
hervorzuheben.  Andernfalls  würde  man  alle  späteren  Oonsequenzen
  in  einunddonselben  Ursprung  zurückverlegen  und
hiemit  einige  noch  für  die  Gegenwart  erhebliche  Thatsacheii
in  ihrem  unterschiedenen  Charakter  verwischen.  Für  eine
spätere  Geschichtsschreibung  werden  allerdings  die  älteren
Socialisten  aus  der  Zeit  der  Restauration  sammt  ihren  Anhängerschaften ­
  eine  einzige  Gruppe  formiren,  in  welcher  die
gemeinsamen  Züge,  und  namentlich  das  religiöse  Element,
entscheidend  sein  müssen.  Man  wird  auch  die  Unterschiede
nicht  vernachlässigen,  sich  aber  mehr  an  allgemeine  Classificationen ­
  als  an  persönliche  Abgrenzungen  halten.  Die  letzteren
sind  nur  da  angebracht,  wo  die  Personen  wirklich  original
verfuhren  und  die  Vertreter  von  nennenswerthen  Gedanken
wurden,  wie  dies  bei  St.  Simon  selbst  der  Fall  war,  der
aber  auch  aus  diesem  Grunde  eine  ganz  abgesonderte  Stellung
erhalten  wird.  .  .
Nach  dieser  Erinnerung  können  wir  den  Fourierismus
in  seiner  geschäftlichen  Rührigkeit  betrachten.  Sein  i  e  ei
hatte  Jahre  lang  vergebens  auf  den  Mann  gewartet,  der  ihm
die  zu  einem  Versuch  erforderliche  Million  eines  schönen
Tages  anbieten  würde.  Doch  kam  es  wenigstens  zu  mis»
lingenden  Vorbereitungen  auf  den  Gütern  eines  Abgeordneten.
Die  Theorie  blieb  aber  in  Frankreich  die  Hauptsache.  Am
Anfang  und  gegen  Endo  dos  viorton  Jahrzehnts  machten  sich
Journale  unter  dem  Namen  von  Phalanstcren  und  Phalangen
geltend.  Nach  der  Mitte  der  dreissiger  Jahre  Hess  ein  Schüler
Fouriers,  Victor  Considérant,  eine  Schrift  „Sociale  Bestimmung
erscheinen,  welche  der  Agitation  neue  Nahrung  gab.  Schon
der  Titel  dieses  Buchs  entsprach  der  Fourierschon  Vorstellung,
derzufolge  die  Welt  verschiedene  Bestimmungen  oder  Schick-
        <pb n="326" />
        310

sale  habe  und  auf  dasjenige  der  Civilisation  nun  ein  anderes,
unvergleichlich  besseres,  nicht  mehr  dem  Leiden  unterworfenes
Loos  folgen  müsse.  Der  Fourierismus  brachte  es  sogar  dahin,
iür  seine  Literatur  ein  derselben  gewidmetes  Yerlagegeschäft
zur  Verfügung  zu  haben.
Was  Victor  Considnrant  anbetrifft,  so  war  er  seines  Meisters
insofern  ganz  würdig,  als  er  ziemlich  genau  in  dessen  Sinne
von  Vorsehung  und  Aehnlichem  zu  schwatzen  liebte,  und  auch
die  schlechteste  Consequenz,  nilmlich  die  Feindschaft  gegen  die
Politik  als  solche,  zunächst  nicht  vermied,  sondern  im  Gogeutheil
  ausbildete.  Selbstverständlich  darf  man  bei  solchen
Naturen  keine  beharrliche  Folgerichtigkeit  erwarten;  aber  das
Spätere  in  untergeordneten  persönlichen  Schicksalen  geht  uns
hier  nichts  an.
Zu  etwas  freierer  Auslebung  gelangte  der  Fourierismus  in
Nordamerika,  wo  er  hauptsächlich  durch  einen  Albert  Brisbane
literarisch  cingeführt  wurde.  Seine  Blüthezeit  Hel  in  die  Jahre
nach  1842,  und  es  fehlte  weder  an  journalistischen  Phalangen,
noch  an  einem  llauptorgan.  Letzteres  war  die  von  Horace
Greeley  geleitete  Newyorker  Tribune,  in  welcher  ein  bestimmter
Spaltenraum  den  Interessenten  des  Fourierismus  zur  Verfügung ­
  stand,  und  in  welchem  die  Brisbanescheu  Artikel  ein
Jahr  hindurch  die  Agitation  unterhielten.  Die  Hülfe,  welche
dieses  1841  begründete,  später  den  ersten  Rang  einnehmende
Blatt  eine  Zeit  lang  leistete,  ist  nicht  zu  unterschätzen.  Doch
machten  die  misslingenden  Experimente  dem  Prestige  der
nur  halb  gekannten  und  deswegen  auch  von  verständigen
Persönlichkeiten  mit  Sympathie  aufgenommenen  Theorien  bald
ein  Endo.  Greeley  machte  seine  Tribune-Schöpfung  schliesslich ­
  zum  grössten  Schutzorgan  der  Union  und  liess  hierin  nur
bei  seiner  gegen  die  zweite  Präsidentschaft  Grants  gerichteten
eignen  Candidatur  einigerrnaassen  nach,  indem  er,  nach  Ansicht
der  Pensylvanier  ausgedrückt,  die  Sache  der  Protection  so
gut  wie  aufgab.  In  der  That  aber  war  Greeley  eine  ebenso
wohlwollende  als  interessante  Persönlichkeit.  Seine  Sonderbarkeiten ­
  und  seine  nie  ganz  zur  Klärung  gelangte  Phantasie
machen  seine  Fourieristische  Vergangenheit  und  sein  bedauernswerthes
  Ende  begreiflich,  welches  mit  dem  Triumph  seines
Gegners  zusammentiel.  Männer  von  solcher  Sinnesverfassuug
waren  in  der  That  darauf  angelegt  gewesen,  den  Fourierismus,
        <pb n="327" />
        311

(len  sie  in  der  ganzen  Originalität  seiner  vollen  Tliorlieit  gar
nicht  kannten,  aus  zweiter  Hand  und  in  abgeschWächter  Form
eine  Zeit  lang  annehmbar  zu  finden.
Nach  der  Mitte  der  vierziger  Jahre  begegneten  und  vereinio-ten
  sich  auf  Amerikanischem  Boden  der  Fourierismus  und
der  Swedenborgschc  Geisterspuk.  Der  Spiritismus  im  allgemoineren
  Sinne  des  Worts  brauchte  sich  kaum  noch  erst  einzufinden, ­
  da  die  eignen  Fouriorschen  Imaginationen  das  Gespensterreich
  schon  so  ziemlich  in  ihren  Kreis  un  in  le
societäre  Harmonie  gezogen  hatten.  Jedoch  ist  Nordamerika
seither  der  günstigste  Boden  für  die  VerschwisWrung  socia  er
und  spiritistischer  Wahngebilde  gewesen.  Die  Schicksale  dci
einzelnen  Fourieristischen  Gemeinschaften  lassen  sich  ebenso
wie  diejenigen  der  Oweniten,  für  welche  der  eine  Sohn  Owens
noch  nachträglich  thätig  war,  dahin  zusammenfassen,  dass  alle
diese  Gebilde,  die  etwa  ein  halbes  Hundert  nachweisbarer  Gemcinschaften
  gezählt  haben  mögen,  sehr  rasch  entweder  durch
völlio’e  Auflösung  oder  durch  Verwandlung  in  vorherrschend
religiöse  Oonvicte  geendet  haben.  Diese  letztere  Metamorplnise
entspricht  ganz  den  bisherigen  religiösen  Beschränktheiten  des
Amerikanischen  Geistes,  und  es  lässt  sich  übrigens  auch  im
Allgemeinen  die  Bemerkung  machen,  dass  die  socia  con  use
Gesellschaftsexistenzcn  nur  mit  Hülfe  der  zum  Iheil  guten,  in
der  Hauptsache  aber  nur  verschleiernden  Elemente  religiöser
Scctengesinnung  und  religiöser  Sectcndogmcin  ein  weni„  ^
deihen.  Durch  die  Verschwommenheiten  der  betretfen  en  c
werden  die  festen,  männlichen  und  klaren  ^Gchtsbegrifk  fui
Gruppen  entbehrlich,  in  denen  eine  religiös  nioia  isc  e  -  _
rität  das  juristische  Unterscheidungsvermögen  entbehilich  u  .
und  den  Gang  der  Dinge  durch  ein  sentimentales  Regime
Mit  der  letzteren  Uebcrlegung  sind  wir  wieder  zum  Al  »-gaiigspiiiikt
  des  alterón  Socialisinus  gelangt,  oder  wenigstens
an  dessen  sehwaclisto  Seite  erinnert  worden  St.  Simon  se  bst
war  ia  mit  allen  seinen  gedanklichen  BemOhiiiigen  soliliesslich
dem  Aergsteu  verfallen,  was  dem  menschlichen  T'erfände  begegiicn
  kann,  weil  er  von  vornherein  unter  t  ci  eiisc  la
irroloitender  religiöser  Afi'ecte  gestanden  hatte.  Das  Beste,
was  ihm  gelungen  war,  hatte  er  nicht  vermöge,  son  ein  ro  z
der  bei  ihm  vorherrschenden  Gemüthsbeschaffenheit  erreicht.
        <pb n="328" />
        312

Bas  Gute,  was  in  jenen  Affectionen  lag,  war  durch  das  Schlimme
dieser  gestaltlosen  Regungen  mehr  als  aufgewogen  worden.
Wären  in  St.  Simon  nicht  noch  einige  rein  wissenschaftliche
und  dem  modernen  Verstände  angehörige  Elemente  mächtig
gewesen,  so  würde  er  nicht  einmal  soviel  geleistet  haben,  um
von  dem  Kreise  der  Fourier  und  Owen  ernstlich  unterschieden
werden  zu  können.  In  diesem  Umstande  müssen  wir  daher
einen  Fingerzeig  dafür  erblicken,  wo  der  Fortschritt  in  der
Geschichte  des  neuern  Socialismus  zu  suchen  sei.  Bio  unter
der  Restauration  entstandenen  Gebilde  der  Theorie  haben
sämmtlich  eine  gegen  die  Ucborlieferungen  der  Revolution  gekehrte ­
  Seite  gehabt,  und  wenn  sie  auch  trotzdem  aus  einem
andern  Gesichtspunkt  als  Erzeugnisse  eben  dieser  Revolution
betrachtet  werden  müssen,  so  haben  sie  doch  die  spccilisch
politischen  Gedanken  derselben  und  die  in  den  Rechtsbegriffen
zu  suchenden  Grundlagen  der  gesellschaftlichen  Gestaltungen
verleugnet.  Bies  ist  ihr  eigenthümlicher  Hauptfehler  gewesen,
wenn  man  überhaupt  noch  bei  Erscheinungen,  unter  denen  nur
eine  einzige  dem  Niveau  einer  höheren  Kritik  entsprach,  auf
diese  Weise  roden  darf.  Wir  glauben  indessen  dafür  gesorgt
zu  haben,  dass  über  die  Werthschätzung  der  Fourier  und  Owen
und  über  den  ganzen  socialen  Enfantinismus  für  alle  diejenigen
kein  Zweifel  obwalten  könne,  die  mit  uns  von  der  modernen,
streng  wissenschaftlichen,  rein  verstandesmässigen  und  dem
Affect  seine  Schranken  anweisenden  Geisteshaltung  ausgehen.
        <pb n="329" />
        Sechster  Ähschnitt.
Die  Deutsche  Nationalökonomie.

Erstes  Capitel.
Behandlungsart.  —  Thiinen.
Die  Pflege  der  volkswirthschaftlichen  Wissenschaft  hat  bei
don  Deutschen  bereits  einen  Namen  ersten  Ranges  aufzuweisen,
der  zu  der  kleinen  Anzahl  der  bei  andern  Völkern  als  Koryphäen ­
  geltenden  Persönlichkeiten  ebenbürtig  hinzutritt.  Der
nicht  weniger  durch  die  Bedeutung  seiner  Gesinnung  als  durch
die  Tragweite  seiner  Theorie  hervorragende  Friedrich  List  hat
dadurch,  dass  er  die  Deutsche  Volkswirthschaftslohre  von  den
Brittischen  Ueberliefcrungen  frei  machte  und  ihr  in  schöpferischer ­
  Weise  neue  Gesichtspunkte  vorführte,  einen  Dienst  geleistet, ­
  dessen  Hauptwirkungen  zum  Theil  erst  gegenwärtig
cintreten,  zum  Theil  aber  auch  noch  ihre  beste  Zukunft  vor
sich  haben.  Ausserdem  ist  aber  List  ein  Weltschriftsteller,
dessen  Einfluss  sich  über  zwei  Welttheile  erstreckt,  un  essen
Leistung  grade  bei  denjenigen  Nationen  immer  mächtiger  einwirkt,
  welche  mit  der  grössten  Lebensfrische  in  den  or  er
grund  der  Geschichte  zu  treten  begonnen  haben.  Obwohl  er
sein  Hauptwerk  vor  einem  Menschenalter  schrieb,  gehört  ci
durchaus  der  Gegenwart  an,  und  es  ist  ihm  gegenüber  noch
keineswegs  die  Zeit  abgelaufen,  welche  bisher  gewöhnlich  erfordcrlich
  gewesen  ist,  um  erheblich  veränderten  Auflassungen
eine  allseitig  durchgreifende  Annahme  zu  verschaffen.  Die
Systeme  haben  bisher  im  Verhältniss  zu  ihrer  Wichtigkeit  und
Originalität  eine  entsprechende  geraume  Zeit  gebraucht,  um
sich  auch  nur  wissenschaftlich,  geschweige  praktisch,  einiger-
        <pb n="330" />
        814

maasson  durchzusetzen  und  ihren  Weitgang'  von  einer  Nation
zur  andern  wenigstens  im  Bereich  der  entwickeltsten  Völker
zu  vollenden.  Wahrheiten  und  Irrthümer  von  originaler  Art
theilen  in  diesem  Punkt  ein  ziemlich  gleiches  Schicksal,  und
grade  in  der  Geschichte  der  Volkswirthschaftslehro  kann  man
es  beobachten,  wie  die  verschiedenen  Standpunkte,  die  einander
in  ihrem  Ursprungslande  abgelöst  haben,  innerliulb  eines  andern ­
  Volks  etwa  ein  Menschcnalter  später  zu  wirken  beginnen.
Aus  letzterem  Grunde  hat  in  Deutschland  die  Welle  der
Malthus  -  Bicardoschen  Oekonomie  ihre  secundaren  Spiele  erst
ziemlich  spat  entwickelt,  und  ihre  Kreise  sind  erst  in  den  letzten ­
  Jahrzehnten  sichtbar  geworden.  Hiedurch  ist  es  zu  der
interessanten  Erscheinung  gekommen,  dass  die  vollständigere
Aneignung  dieser  Anschauungsweisen  in  eine  Zeit  gefallen  ist,
in  welcher  sie  auf  Deutschem  und  auf  Amerikanischem  Boden
bereits  entschieden  überholt  waren.  Wir  können  uns  jedoch
mit  diesen  Verhältnissen  erst  später  beschäftigen  und  müssen
vor  der  Behandlung  Lists  die  Zeit  des  Schülerthums  und  der
fast  unbedingten  Abhängigkeit  der  Deutschen  ein  wenig  ins
Auge  fassen.  Die  vorzüglichen  Grundlagen,  welche  die  Deutschen ­
  in  manchen  Richtungen  des  allgemeinen  Wissens  aufzuweisen ­
  hatten,  haben  es  verhindert,  dass  selbst  jenes  Schülerthum ­
  im  Gebiet  der  Nationalökonomie  nicht  alle  selbständigen
Regungen  unmöglich  gemacht  hat.  In  dieser  Hinsicht  ragt
eine  Erscheinung  hervor,  der  es  ungeachtet  des  Drucks  der
fremden  Autorität  gelungen  ist,  durch  Solidität  sogar  innerhalb
des  Rahmens  der  durch  das  Smithschc  Prestige  beengten  Denkweise ­
  zu  einer  Aufstellung  zu  gelangen,  die  dem  Deutschen
Namen  unter  allen  Umständen  zur  Ehre  gereichen  muss.  Die
Thünensche  Vorstellungsart  von  der  Wirkung,  welche  die  Entfej'nung
  des  Marktes  auf  die  Gestaltung  der  ländlichen  Bewirthschaftungssystemc
  habe,  ist  allerdings  nicht  blos  einseitig,  sondern ­
  auch  in  der  Fassung  unvollkommen.  Sie  ist  sogar  in  der
gesammten  zu  Grunde  liegenden  Denkweise  fehlerhaft  und
auch  übrigens,  namentlich  in  ihren  späteren  Ergänzungen,  mit
Consequenzen  falscher  Ricardoschcr  Gesichtspunkte  stark  untermischt ­
  worden.  Dennoch  hat  sie  in  ihrer  ersten  und  leitenden
Conception  soviel  Originalität  für  sich,  dass  sie  ihrem  Urheber
den  Anspruch  auf  den  zweiten  Platz  in  der  bisherigen  Deutschen ­
  Nationalökonomie  sichert  und  ihn  neben  den  Capacitäten
        <pb n="331" />
        815  —

der  übrigen  Völker  auch  den  sehr  spärlich  gesäten  Namen  zuzugcsellen
  erlaubt,  die  in  einer  speciellen  Richtung  die  Wissenschaft ­
  mit  neuen  Gesichtspunkten  bereichert  haben.  Ein  Thüneu
würde  die  ihn  auszeichnende  Idee  unvergleichlich  fruchtbarer
gemacht  haben,  wenn  er  im  Stande  gewesen  wäre,  ihr  eine
universellere  Gestalt  zu  geben.  Allein  hieran  hinderte  ihn  in
erster  Linie  seine  Abhängigkeit  von  Adam  Smith,  in  welcher
er  später  durch  die  Leetüre  der  Ricardoschen  Studie  noch  bestärkt ­
  wurde,  und  alsdann  in  zweiter  Linie  die  örtliche  Beengtheit ­
  der  Auffassung,  durch  welche  er  fortwährend  auf  das  Bild
einer  sich  in  feudalen  Verhältnissen  bewegenden  und  wesentlich
von  einem  entfernten  Markte  abhängigen  Landwirthschaft  hingewiesen
  wurde.  Iliezu  kam  noch  die  so  zu  sagen  mathematische ­
  Illusion,  dass  die  Zurückführung  gewisser  einfacher
Beziehungen  auf  eine  algebraische  Ausdrucksweise  etwas  Wesentliches ­
  sei,  und  dass  auf  diesem  Wege  ökonomische  Gesetze
nicht  nur  formulirt,  sondern  auch  gefunden  werden  müssten.
Die  Liebhaberei  für  die  zu  nichts  führende,  sondern  den  gewöhnlichsten, ­
  ebenso  wie  den  mathematisch  gebildetsten  Leser
nur  störende  Bizarrerie  der  algebraischen  Symbolik  hat  nicht
zum  geringsten  Theil  dazu  beigetragen,  den  sonst  lehrreichen
Thünenschen  Schriften  dasjenige  Publicum  zu  entziehen,  welches ­
  andernfalls  an  denselben  das  grösste  Interesse  nehmen
musste.  Während  man  sich  in,  der  mathematischen  Analysis
in  einigen  besseren  Richtungen  bereits  bemüht  hat,  wo  es  ir
g  end  möglich  ist,  die  schnelleren,  last  rein  logischen  Veimitt
lungen  an  die  Stelle  der  umständlichen  Calcüle  zu  setzen  und
die  höchsten  Probleme  durch  eine  Art  des  Denkens  zu  emei
Stern,  die  über  der  Region  steht,  in  welcher  das  Behagen  an
dem  Mechanismus  der  Operationen  und  an  der  analytischen
Einkleidung  die  Hauptsache  bildet,  —  während  diejenigen,  we  ­
cke  über  alle  Mittel  der  Rechnung  verfügen,  schon  zum  Thcil
einen  Triumph  darin  sehen,  wenn  sie  einen  Schluss  in  ganz
abstractor  Weise  und  ohne  sofortige  Hülfe  der  analytischen
Auöführuug  zu  ziehen  vermögen,  giebt  cs  sogar  unter  ökonomischen ­
  Denkern  und  Capacitäten  noch  immer  solche,  wec  e
dem  Irrthum  der  entgegengesetzten  Richtung  anheimfallen.
Wir  mussten  diese  allgemeine  Bemerkung  im  besondern  Interesse ­
  Thünens  machen,  weil  hiedurch  einerseits  sein  Fehlgriff
als  eine  natürliche  Abirrung,  und  andererseits  als  eine  Eigen-
        <pb n="332" />
        310  —

Schaft  erscheint,  die  zugleich  einem  methodisch  guten  Bestreben ­
  entsprungen  ist.  Unser  Nationalökonom  hat  nämlich  einen
hochwichtigen  methodischen  Zug  des  modernen  wirthschaftlichen
  Denkens  vertreten,  der  in  gleich  ausgeprägter  Gestalt
sonst  nirgend  vorkommt  und  als  eine  der  unerlässlichen  Vorbedingungen ­
  des  streng  wissenschaftlichen  Verhaltens  betrachtet ­
  werden  muss.  Er  hat  die  Einkleidung  noth  wendiger  Abstractionen
  in  das  Gewand  erdichteter  Zustände,  also  eine
schematische  Constructioil  der  einfachen  ökonomischen  Verhältnisse ­
  zum  Princip  und  zur  bewussten  Denk-  und  Untersuchungsform ­
  gemacht.  Man  erkennt  hierin  die  Aehnlichkeit
mit  dem  Verhalten  des  Mathematikers,  und  cs  kann  überhaupt
eine  höhere,  in  die  Gründe  eindringendo  Wissonsgattung  gar
nicht  geben,  wo  auf  Sonderungen  dieser  Art  verzichtet  wird.
In  dieser  Hinsicht  ist  daher  Thünen  für  die  Methodik  des
volkswirthschaftlichen  Denkens  nicht  gleichgültig,  sondern  vertritt ­
  sogar  typisch  eine  in  ihrem  Korne  unumgängliche  Gestaltung ­
  des  untersuchenden  Verhaltens.  Er  wird  uns  daher
nicht  blos  des  materiellen  Satzes  wegen,  den  man  ihm  zuschreibt,
sondern  auch  im  Hinblick  auf  die  Art  und  Weise  beschäftigen,
wie  die  volkswirthschaftlichen  Wahrheiten  zu  Tage  gefördert
und  streng  bewiesen  worden  können.  Da  jedoch  die  Physionomie ­
  der  Thünenschen  Leistungen  mehr  als  gewöhnlich  mit
den  Lebeusverhältnissen  und  der  Umgebung  der  Person  gemein
hat,  so  können  wir  einige  biographische  Züge  nicht  umgehen.
Für  den  allgemeinen  Gang  der  Geschichte  unseres  Wissenszweiges ­
  sei  jedoch  bemerkt,  dass  mit  Thünen  auch  in  Deutschland ­
  die  erste  eigenthümlichc  Wendung  der  Wirthschaftslehro
diejenige  gewesen  ist,  welcher  die  Betrachtung  des  Ackerbaus
zum  Ausgangspunkt  diente.
2.  Heinrich  v.  Thünen  (1783—1850)  aus  dem  Jeverlande,
Sohn  eines  Gutsbesitzers  und  später  selbst  Eigenthürncr  der
durch  seine  Arbeiten  berühmt  gewordenen  Wirthschaft  Tellow
(im  Mecklenburgischen,  5  Meilen  von  Rostock),  wurde  zuerst
in  ziemlich  roher  Weise  praktisch  für  die  Landwirthschaft  ausgebildet, ­
  gelangte  aber  in  der  uns  hier  iutcressirenden  Hauptsache ­
  durch  Denken  und  Selbstbelehrung  schon  sehr  früh  zu
seiner  Grundanschaimng.  Seine  allgemeine  wissenschaftliche
Bildung  verdankte  er  zum  allergrössten  Theil  seinem  spätem
Autodidaktenthum.  Ein  paar  Semester  in  Göttingen  haben  daran
        <pb n="333" />
        keine  Scliuld  getragen;  wohl  aber  haben  die  Anregungen,  welche
ihm  die  schon  vorher  in  Celle  gehörten  Torträlge  des  gediegenen ­
  Laudwirthschaftsthooretikors  Timer  gewährt  hatten,  viel
zur  Gestaltung  seines  Ideenkreises  beigetragen.  Er  selbst  nennt
A.lam  Smith  und  Timer  als  diejenigen,  deren  Ideen  die  Grundlaocu
  für  seine  eignen  Theorien  gebildet  batten.  Schon  1803
also  im  Alter  von  20  Jahren,  hatte  er  seine  Hauptidee  gefasst
und  in  einem  Aufsatz  niedergescliriebeu,  in  welchem  die  sich
um  einen  städtischen  Mittelpunkt  nach  der  Vorausset^g  bildenden ­
  Zonen  von  Bewirlhschaftungsarten  m  ihim-  Abhängigkeit ­
  von  der  Entfernung  dargcstellt  waren.  Er  hatte  also
GrundvorütelluDg  ausciiiandeisetzte.  Er  hatte  geglaubt,  us
viele  Ei  iiihrungcn  auf  seinem  eignen  Gut  machen  zu  müssen,
nm  seinen  Gedanken  gehörig  wissenschaflhch  bewahrheiten
und  ausführen  zu  können.  Die  Herausgabe  eines  zweiten  Iheüs
oder  vielmehr  der  ersten  Abtheiluug  erfolgte  erst  im  Todegabr.
Was  wir  sonst  von  ihm  und  über  ihn  an  weiteren  Verö  ent
Heilungen  besitzen,  ist  von  einem  seiner  Schüler,  Herrn  Schn  imâcher,
  herausgegebeu  worden.  Auf  diese
zweite  und  dritte  Ahtbeilung  dos  zweiten  Bandes  1863  und  d  e
Biographie  (J.  H.  v.  Thünon,  ein  Forscherleben,  Rostock  )
als  posthumes  Material  zu  betrachten,  in  welchem
den  Veröffentlichungen  wiedergegebenen  Briefe  ei  ...
gen  als  ein  Manu  von  ehrlichem  und
welches  stets  nach  Vertiefung  strebte,  überall  bewährt.  Alle
er  ist  immermehr  der  aussichtslosen,  mathematisch  beengte
Art  des  üntersuchens  anheimgefallen.  So  hat  er  sich  namentlich ­
  in  Spcculationen  über  einen  „naturgemässen  Arbeitslohn
verloren,  welche  seiner  Gesiunungsrichtung  weit  me  i  a  s
ner  praktischen  Einsicht  zur  Ehre  gereichen.  Man  wird  unwillkürlich ­
  an  Quesnays  Quadratur  des  Cirkels  erinnert,  wenn
man  erfährt,  dass  ThUiiens  Bizarrerie  so  weit  gegangen  ist,
sich  seine  Quadratwurzel,  durch  die  er  den  harmonischen  Ar-
        <pb n="334" />
        318

beitslobn  formulirt  zu  Laben  glaubte,  auf  seinen  Grabstein
setzen  zu  lassen.  Der  spätere  Theil  seines  Lebens  ist  von
dieser  Idee  beherrscht  worden.  Im  Jahre  1848  hat  Thünen
auf  seinem  Gute  eine  Betheiligung  seiner  Arbeiter  am  Gewinn
eingeführt;  doch  erwähnen  wir  diese  familicnvätcrlicho'  Fiirsorge
  nur  zur  Kennzeichnung  seines  äusserst  guten  Willens,
legen  ihr  aber  nicht  die  mindeste  theoretische  oder  sociale  Bedeutung ­
  bei.  Die  socialistischen  Ideenströmungen  hatten  schon
früh  auf  nnsern  landwirthschaltlich  nationalökonomischen  Denker ­
  und  Beobachter  eingewirkt,  und  seine  gemüthlich  redliclio
Auffassung  der  Dinge,  die  durch  eine  iu  gleichem  Geiste  angeeignete, ­
  sich  noch  am  meisten  an  die  schwächeren  Seiten  Kants
anlehnende  Philosophie  gefärbt  wurde,  hatte  ihn  veranlasst,
sich  über  die  Zukunft  der  Arbeit  wohlwollende  und  dem  Socialismus ­
  vielfach  entsprechende  Vorstellungen  zu  bilden.  Sein
Gerechtigkeitssinn  hinderte  ihn,  die  guten  Gründe  der  socialistischen
  Antriebe  zu  verkennen,  und  schon  in  einem  1820
geschriebenen  (im  erwähnten  2.  Theil  1850  herausgegebenen)
Aufsatz  „über  das  Loos  der  Arbeiter,  ein  Traum  ernsten  Inhalts”, ­
  hat  er  sich  unvcrholcn  genug  auf  die  Seite  der  Arbeit
gestellt.  Die  Eingangsworte  dieses  für  die  Gesinnung  und  in
manchen  Beziehungen  auch  für  den  richtigen  Blick  erheblichen
Schriftstücks  könnten  noch  heute  als  Bezeichnung  eines  Hauptpunktes ­
  der  socialen  Frage  gelten.  Sie  lauten:  „Es  ist  ein
grosses  Hebel,  dass  in  allen  Staaten,  selbst  in  denen  mit  repräsentativen ­
  Verfassungen,  die  zahlreichste  Classe  der  Staatsbürger, ­
  nämlich  die  der  gemeinen  Handarbeiter,  gar  nicht  vertreten ­
  ist.  Unverhältnissmässig  hoch  ist  die  Belohnung  jedes
Industrieunternehmers  (z.  B.  des  Fabricanten,  des  Pächters  und
selbst  des  blossen  Administrators)  im  Vergleich  mit  dem  Lohn
des  Handarbeiters.”  Thatsächlich  ist  heute  Jene  Vertretung
nur  erst  in  sehr  geringen  Anfängen  vorhanden,  und  ein  Thünen, ­
  der  in  den  Bemerkungen,  die  er  1850  jenem  Aufsatz
hinzufügte,  an  den  Zustand  nach  einem  abermaligen  Viertel-Jahrhundert
  in  richtigem  Vorgefühl  erinnerte,  würde  heute  nicht
anstehen,  die  Denkweise  und  die  Forderungen  unseres  kritischen ­
  Socialismus  gelten  zu  lassen.
Dennoch  darf  man  sich  nicht  vorstollen,  dass  ein  Thünen
thatsächlich  und  wesentlich  über  den  Standpunkt  des  wohlwollenden ­
  Gefühls  erheblich  hinausgekommen  sei.  Seine  Empfin-
        <pb n="335" />
        .319

düngen  rcagirten  gegen  die  Gesinnnngen,  die  er  bei  Ricardo
und  überhaupt  bei  den  meisten  National  Ökonomen  seiner  Zeit
an  traf.  Er  wurde  aber  nichtsdestoweniger  durch  die  Autorität
ihrer  Theorien  in  den  engsten  Schranken  befangen  gehalten.
Entstehung  und  Rolle  des  Capitals  gestalteten  sich  in  seinem
Ideenkreisc  bezüglich  des  Hauptpunkts  um  nichts  besser,  als
in  der  Smithschen  Volkswirthschaftslehre.  Er  hatte  eben  nur
da  einen  freieren  Blick  zu  thun  vermocht,  wo  ihm,  wie  in  der
Tjandwirthschaft,  alle  Verhältnisse  unmittelbar  vor  Augen  lagen.
Im  Uebrigen  sehen  wir  ihn  stets  von  seiner  Leetüre  abhängig
und  treffen  namentlich  im  spätem  Theil  seines  Lebens  auf  die
unzweideutigsten  Beurkundungen  der  Unsieherheit,  ja  bisweilen
der  völligen  Rückläufigkeit  seiner  volkswirthschaftlichen,  socialen ­
  und  allgemein  philosophischen  Er  theil  e.  Hiezu  kam  die
Beengtheit  der  klein  staatlichen  und,  ungeachtet  des  liberalen
Strebens,  doch  noch  immer  feudal  gefärbten  Anschauungsweise.
Während  ein  List  seine  Hauptarbeit  verrichtete  und  rastlos
den  grossen  nationalen  Gedanken  vertrat,  vermochte  Thünen
einen  Schutzzoll  für  Mecklenburgische  Handwerker  gegen  Hamburg ­
  und  Berlin  als  eine  möglicherweise  noth  wendige  Eventualität ­
  zu  kennzeichnen  und  dennoch  den  Eisenzoll  für  einen
Irrthum  zu  erklären.  Diese  Ideen  sprach  er  einige  Jahre  vor
seinem  Tode  aus,  und  man  braucht  sich  daher  um  seine  früheren
oder  sonstigen  Urtheile  über  Handelspolitik  nicht  weiter  zu
bemühen.  Sonst  hatte  er  sich  der  Smithschen  Ueberlieferung
gemäss  vorherrschend  freihändlerisch  ausgelassen.  Uebrigens
sind  es  auch  nicht  allein  solche  Ansichten,  wie  die  in  der  an
geführten  Biographie  (S.  2.50)  in  einem  wohl  überlegten  une  so
zu  sagen  denkschriftlichen  Briefe  ausgesprochenen,  son  ein
auch  die  späteren  rein  wissenschaftlichen  Untersuchungen,
welche  uns  das  Schwankende  der  handelspolitischen  Yoistehingen
  Thünens,  ja  streng  genommen  den  Mangel  einer  entschiedenen ­
  Ueberzeugung  bioslegen.  Unser  landwüchsiger  und
grundehrlicher  Denker  war  zu  gewissenhaft,  um  seine  Be  enkon
  zu  unterdrücken,  und  auf  diese  Weise  ist  es  geschehen,
dass  dieselbe  Rathlosigkeit,  welche  hei  andern  Nationalökonoinen
  nur  nach  der  feinsten  Zergliederung  sichtbar  wird,  bei  ihm
offen  zu  Tage  trat.
Da  bei  Jemand,  der  sich  schon  früh  und  auf  seine  Ait
sehr  eifrig  mit  den  socialen  Problemen  beschäftigt  und  dabei
        <pb n="336" />
        320

philosopliisclio  Grundanschauungen  stets  herbeigozogen  bat,  die
Lebens-  und  Weltauifassiing  nicht  gleichgültig  ist,  so  haben
wir  ein  Recht  an  einen  zur  Charakteristik  nicht  unerheblichen
Zug  derselben  zu  erinnern.  Thünen  war,  wenn  auch  in  einer
sehr  abstracten  Weise,  ein  Anhänger  der  gewöhnlich  als  dcisüscli
  bezcichneten  Art  der  Gottesvorstellung  und  verband  hieinit
  einen,  wenn  auch  sonst  unbestimmt  gedachten,  doch  jedenfalls ­
  nicht  mit  irgend  einer  blossen  Einheitsvorstellung  zusamiiicnfallenden
  Unsterblichkeitsglauben.  In  keiner  seiner  Ideen
trennte  er  die  Geuiüthsgewohnheiten  von  denjenigen  Beimischungen, ­
  welche  nicht  dem  Gefühl,  sondern  dem  theoretischen
^  ^"'issen  angehörten  und  mithin  irrthümlich  sein  konnten.  Eine
'  Vorsehung,  die  er  sich  in  seinem  Sinne  mit  allzu  behaglichem
Optimismus  construirte,  hat  in  seinen  socialen  Speculationen
keine  Nebenrolle  gespielt.  Es  spiegelte  sich  in  derselben  das
gemüthlich  beengte  Stillleben  des  Tellowschcn  Eamiliendaseins
mit  allen  seinen  Vorzügen  und  Schwächen.  Die  socialen  Uebel
wurden  zwar  thatsächlich  anerkannt  und  keineswegs  in  der
gemeinen  Art  optimistisch  beschönigt.  Aber  wohl  wurden  sie
Hl  providcntieller  Weise  allzu  geneigt  im  Plane  der  Dinge  zugelassen. ­
  Er  konnte  sich  nicht  in  den  Sinn  derjenigen  versetzen
bei  denen  Leben  und  Nichtleben  die  harte  Losung  ist,  und  die
sich  daher  in  die  Thüncnsche  Anschauungsweise  niemals  schicken
dürften.  Wo  die  Philanthropie  der  älteren  Socialisten  ziemlich
überflüssig  war,  konnte  ein  Thünensches  Wohlwollen  im  Rahmen
einer  kleinstaatlich  und  häuslich  sentimental  gefärbten  Anschauungsweise ­
  ungeachtet  einzelner  richtiger  Apereüs  erst
recht  nichts  Entscheidendes  leisten.
3.  Glücklicherweise  liegt  jedoch  der  Schwerpunkt  des
Interesse,  welches  die  Geschichte  der  Nationalökonomie  an
rhünen  zu  nehmen  hat,  in  einer  andern  Richtung.  Wie  schon
oben  angedeutet,  ist  es  erstens  die  Ausprägung  einer  eigenthümlichen
  Gestalt  des  ökonomischen  Denkens  und  zweitens
eine  bestimmtere  Vorstellungsart  über  die  nationalökonomische
Uraache  der  geographischen  Gruppirung  der  ländlichen  Bewirthschaftungss}
  Sterne,  was  den  auszeichnenden  Werth  für  sich  hat.
Diese  zweiseitige,  zugleich  formale  und  materielle  Leistung
haftet  an  einer  und  derselben  Idee,  und  wir  müssen  daher  im
Anschluss  an  Thünens  eignen  Gedankengang  mit  der  Erklärung ­
  der  Bedeutung  seines  isolirten  Staats  beginnen.

SSV
        <pb n="337" />
        321

Der  Ausdruck  isolirter  Staat  ist  ihm  die  Bezeichnung  für
eine  ökonomische  Verkehrsgruppe,  die  ausser  allem  Zusammenhang ­
  mit  der  Wirklichkeit  gleich  einer  mathematischen  Figur
nach  einer  vom  Denker  festgesetzten  einfachen  Regel  construirt
wird.  Sie  soll  aus  nichts  als  aus  einer  grossen  Stadt  bestehen,
um  welche  sich  eine  gleichmässig  fruchtbare  Ebene  ins  Unbestimmte ­
  ausdehnt.  Die  Verkehrsstrassen  sollen  nach  allen
Richtungen  ebenfalls  als  gleich  vorausgesetzt  werden.  Alle
Austauschbeziehungen  beschränken  sich  auf  den  Verkehr  mit
der  Stadt.  Dies  sind  die  fingirten  Bestandtheile  des  Arrangements, ­
  gegen  welche  sich  nichts  einwenden  lässt,  weil  zunächst
gar  nicht  behauptet  wird,  dass  sie  der  Wirklichkeit  entsprechen.
Was  an  erster  Stelle  in  Frage  kommt,  sind  die  Folgerungen,
die  sich  an  diese  Voraussetzungen  knüpfen  lassen  sollen,  und
in  diesen  Schlüssen  aus  der  zu  Grunde  gelegten  Combination
besteht  die  Thünensche  Idee.
Der  allgemeine  Inhalt  der  letzteren,  der  aber  ihre  Eigenthümlichkeit
  noch  keineswegs  enthält  und  durchaus  nicht  als
Thünensche  Errungenschaft  in  Anspruch  genommen  werden
kann,  ist  das  jetzt  allbekannte  und  der  Amerikanischen  Oekonomie
  am  frühesten  geläufig  gewordene  Gesetz  der  Transportkosten. ­
  Die  Production  für  den  entfernten  Markt,  also  in  dem
Thünenschen  Gebilde  für  die  einzige  Stadt,  beruht  auf  der
Deckung  zweier  Kostenbestandtheile,  nämlich  der  Erzeugung
am  heimischen  Herstellungsort  und  der  Führung  zur  Absatzstelle. ­
  Wie  nun  auch  die  Verhältnisse  beschaffen  sein  mögen,
so  muss  es  eine  Entfernung  geben,  bei  welcher  die  Transportkosten ­
  massiger  Stoffe  den  Preis  vollständig  absorbiren  würden. ­
  Von  einem  solchen  Punkte  ist  daher  unter  allen  Umständen ­
  kein  Bezug  mehr  möglich,  und  es  ergiebt  sich  demzufolge
im  Thünenschen  Schema  eine  Kreislinie,  bei  welcher  die  ländliche ­
  Cultur  für  den  städtischen  Absatz  aufhört.  Da  aber
ausser  den  Transportkosten  auch  noch  die  Productionskosten
in  Frage  kommen  und  nicht  gleich  Null  vorausgesetzt  werden
können,  so  beginnt  die  Wildniss  schon  bei  einem  enger  gezogenen ­
  Kreise.  Dieser  Rand  für  die  ländliche  Culturwüste  ist
in  der  Construction  das  anschauliche  Merkzeichen  des  Gedankens, ­
  dass  die  vom  entfernten  Absatz  abhängige  Landwirthschaft
  irgendwo  gänzlich  aufhören  müsse.  Der  isolirte  Staat
oder,  besser  gesagt,  das  Schema  dieser  selbstgenugsamen,  aus
Uühring,  Geschichte  der  Nationalökonomie.  2.  Auflage.  21
        <pb n="338" />
        822

nur  zwei  Elementen  bestehenden  wirthschaftlichen  Combination
begrenzt  sich  hienach  quantitativ  von  selbst,  sobald  ein  Preis,
die  ursprünglichen  Productionskosten,  alsdann  irgend  ein  Hatz
für  die  Transportkosten  und  endlich  der  Anspruch  auf  einen
Rest  von  Reingewinn,  ohne  welchen  die  Production  kein  Intelesse
  haben  würde,  thatsüchlich  gegeben  sind  oder  in  willkürlich ­
  angenommenen  Grössen  vorausgesetzt  werden.  Die  Hinoinziehung
  erfahrungsmässiger  Data  ist  für  den  allgemeinen  Inhalt
der  Schlussfolgerungen  ganz  überflüssig,  und  Thünen  hätte  sich
füi  diesen  Zweck  seine  Tellowschen  Ansätze  ersparen  können.
Wie  auch  die  betreffenden  Grössenelcmento  beschaffen  sein
mögen,  so  ergiebt  sich  eine  Schranke  stets  von  selbst,  und  die
Allgemeinheit  sowie  Schnelligkeit  und  Tragweite  des  Denkens
wird  durch  empirische  Einmischungen  nur  behindert  und  eingeschränkt. ­
  Die  logische  Eleganz  bringt  es  hier  sogar  mit
sich,  dafür  zu  sorgen,  dass  jegliches  Beispiel  nur  als  Erläuterungsmittel ­
  und  Nachhülfe  des  unentwickelten  Denkens,  nicht
aber  selbst  als  Beweisstück  erscheine.  Der  Urheber  des  Schema
ist  in  dieser  Beziehung  noch  nicht  consequent  genug  verfahren,
und  ihm,  der  sich  ein  wenig  auf  Kantische  Reminiscenzen
stützte,  darf  es  nicht  unbemerkt  hingehen,  dass  er  unerhebliche
Thatsachen  und  speciellere  Data  schon  da  als  wesentlich  einschaltete ­
  und  häufte,  wo  er  ohne  Weiteres  und  ohne  secundäre
Berufungen  seinen  Schluss  ziehen  konnte.  Es  zeigte  sich  in
der  Vernachlässigung  dieser  schärferen  Abstraction  und  dieses
weitertragenden  Denkens  derselbe  Zug,  welcher  je  länger  je
^mehr  die  mathematischen  Beengtheiten  veranlasst  hat.  Die
Entschuldigung,  dass  ohne  die  speciellen  erfahrungsmässigen
Thatsachen,  die  nach  Tellowschen  Ansätzen  und  Mecklenburgischen ­
  Zuständen  in  den  isolirten  Staat  hinübergenommen
worden,  die  Brücke  vom  Schema  zur  Wirklichkeit  nicht  zu
finden  sei,  ist  nicht  stichhaltig.  Im  Gegentheil  hat  Thünen
den  sonst  guten  Zug  seiner  Methode  dadurch  beeinträchtigt,
dass  er  die  positiven  Thatsachen  und  absoluten  Grössonbestimmungen
  von  vornherein  in  sein  künstliches  Gebilde  aufnahm
und  auf  diese  Weise  das  Hypothetische  oder  streng  Schematische ­
  mit  einem  Material  mischte,  welches  erst  bei  der  Anwendung ­
  auf  die  Schlüsse  der  Wirklichkeit  hätte  in  Frage
kommen  sollen.
4.  Nach  dem  Vorangehenden  erklärt  sich  die  natürliche
        <pb n="339" />
        —  323

Isolirung  des  vorausgcse  tzten  Wirthscliaftsgcbildes  und  wir
kennen  bereits  die  Art  derselben.  Jene  Wildniss,  die  den  isolirton
  Staat  umgiebt,  ist  Nichts  als  das  Auf  hören  der  au  sschliess*
lieh  von  dem  städtischen  Mittelpunkt  her  bedingten  Cultur.
Der  landwirthschaftliche  Reingewinn  ist  hiebei  als  die  entscheidende ­
  Ursache  dos  Bodenanbau  s  gedacht.  Er  ist  das  bewegende ­
  Interesse,  mit  dessen  Wegfall  auch  die  Bewirthscliaftung
  verschwindet.  Man  sieht  hienach,  dass  die  Bodencultur
gleichsam  am  Faden  der  Rente  hängt  und  ihren  Schwerpunkt
nicht  etwa  in  der  Arbeit  hat,  die  sich  an  Ort  und  Stelle  versorgt, ­
  und  vermöge  deren  eine  örtlich  beschränkte  Existenz
auch  ohne  eine  durch  den  centralen  Markt  der  grossen  Stadt
erzeugte  Rente  denkbar  ist.  Zu  einer  solchen  Voraussetzung
berechtigt  allerdings  jedes  sociale  Regime,  in  welchem  die
Production  vorherrschend  durch  das  Interesse  der  Rente  bestimmt ­
  wird.  Man  darf  aber  nicht  übersehen,  dass  diese  Thünensche
  Annahme  die  ganze  Einseitigkeit  einer  Productionsweise
  bloslegt,  die  nicht  im  Interesse  des  Arbeiters,  sondern
in  demjenigen  des  Erzielers  von  Rente  ihr  Daseinsprincip
suchen  muss.
PI  In  Wirklichkeit  ist  das  Vorhandensein  landwirthschaftlicher
Production  ursprünglich  sowenig  an  das  Dasein  eines  centralen
städtischen  Marktes  gebunden,  dass  sich  vielmehr  umgekehrt
die  Mittelpunkte  der  Industrie  erst  wie  eine  zweite  Schöpfung
auf  der  Grundlage  des  zerstreuteren  Ackerbaus  ausbilden.  Wer
also  die  Entwicklung  der  gegenseitigen  Beziehungen  zwischen
Stadt  und  Land  feststellen  will,  muss  vor  allen  Dingen  die
Bildung  •  der  kleinen  und  grossen  Knotenpunkte  des  Verkehrs
und  der  Industrie  erklären.  Da  jedoch  die  Wirkungsart  in  der
ontgogongesotzton  Richtung,  nämlich  die  peripherische  Beherrschung ­
  und  Gestaltung  der  ländlichen  Cultur  von  einem  städtischen ­
  oder  sonst  industriellen  Mittelpunkt  aus,  ebenfalls  eine
Wahrheit  und  in  der  spätem  Entwicklung  der  Verhältnisse
sogar  die  am  meisten  in  die  Augen  springende  Thatsache  ist,
so  muss  es  erlaubt  sein,  diese  eine  Richtung  der  Einwirkung
selbständig  zu  coustruiren,  und  hierin  liegt  die  Berechtigung
zu  dem  Thünenscheu  Schema.  Ja  das  letztere  ist  noch  dadurch
besonders  zutreffend,  dass  es  gleichsam  die  Zugkraft  veranschaulicht, ­
  mit  welcher  die  Ausdehnung  und  Gestaltung  des
Bodenanbaus  von  einem  stark  consumirenden  Centrum  bewerk-21*
        <pb n="340" />
        324:

stelligt  und  auf  diese  Weise  dem  platten  Lande  ein  wirthschaftlich
  schöpferischer  Antrieb  ertheilt  wird.
Vor  der  weiteren  Darlegung  der  Thüneuschen  Hauptidee
sei  noch  bemerkt,  dass  seine  Vorstellung  von  der  Grundrente
nicht  mit  dem  eigenthümlichen  und  unhaltbaren  Ricardoschon
Gebilde  zusammenfällt.  Das  letztere  war  der  von  uns  früher
gekennzeichnete,  auf  Fruchtbarkeitsdifferonzen  zurückgeführte
Rentenbcstandtheil.  Obwohl  nun  Thünen  selbst  glaubte,  sich
mit  Ricardo  in  Uebereinstimmung  zu  beñnden,  so  hat  er  doch
einen  völlig  abweichenden  Begriff  im  Auge  gehabt.  Er  zerlegte ­
  nämlich  die  volle  Rente  im  gewöhnlichen  geschäftlichen
Sinne  dieses  Worts  zwar  auch  in  zwei  Bcstandtheile,  aber  dergestalt, ­
  dass  seine  Vorstellung,  abgesehen  von  einigen  gleichgültigen ­
  Nebengedanken,  noch  ganz  praktisch  ausfiel.  Er  sonderte ­
  die  Zinsen  des  in  den  Gebäuden  und  in  andern  vom
Boden  selbst  unterscheidbaren  Anlagen  steckenden  Capitals
von  dem  ganzen  Betrage  des  Reingewinns  und  sah  nur  den
Rest  als  eigentliche  Bodenrente  an.  Eine  derartige  Trennung
kann  nun  unter  Umständen  ein  ziemlich  rationelles  Ergebniss
liefern  und  ist  z,  B.  auch  bei  der  Gestaltung  der  allgemeinen
Preussischen  Grundsteuer  in  der  ersten  Hälfte  der  sechziger
Jahre  maassgebend  gewesen.  Ueberhaupt  kann  man  Thünens
eigenste  Gedanken  nirgend  als  Bestätigungen  der  Ricardoschen
Ideen  ausgeben,  sobald  man  beide  Schriftsteller  genau  auffasst
und  zwischen  ihren  wahren  Eigenthümlichkeiten  unterscheidet.
Der  Deutsche  legt  den  Ton  auf  die  Entfernungsunterschiede,
während  der  Englische  Autor  fast  ausschliesslich  die  Eruchtbarkeitsdifferenzen
  im  Auge  hatte.  Die  letzteren  sind  im  isolirten
  Staat  gar  nicht  vorhanden,  und  wer  da  glaubt,  dass  die
Vortheile  der  Lage  bei  Ricardo  eine  dessen  Specialidee  unterstützende ­
  Rolle  spielen,  hat  von  der  Theorie  des  Engländers
eine  fehlgreifende  Vorstellung.  Das  Eigenthümliche  dieser
Theorie  ist  mit  den  Consequenzen  der  Lage  der  Grundstücke
zum  Absatzort  sowenig  verträglich,  dass  es  z.  B.  nach  einer
der  frühesten  Ausführungen  Careys  grade  durch  diese  Folgerungen ­
  unhaltbar  wird.  Doch  wir  müssen  aut  die  Verfolgung
dieser  subtileren  Züge  verzichten,  um  uns  von  den  rein  kritischen ­
  und  negativen  Gesichtspunkten  wiederum  dem  positiven
Ideengange  unseres  landwirthschaftlichen  Nationalökonomen  zuzuwenden. ­
        <pb n="341" />
        —  325  —

5.  ünmittclbar  vor  der  Wildniss,  durch  welche  der  Thünensche
  Wirthschaftsstaat  wie  eine  Ciilturoase  isolirt  ist,  liegt
als  Conscqiienz  der  Transportrücksichten  die  Zone  der  Viehzucht. ­
  Am  andern  Extrem,  d.  h.  als  ein  die  Stadt  unmittelbar
umgebender  Ring  hat  sich  der  Kreis  der  sogenannten  freien
Wirthschaft  gebildet,  in  welcher  die  intensivste  Cultur  mit  der
unbeschränktesten  Wahl  in  der  Abfolge  der  Bodenbenutzung
verbunden  ist.  Der  Kranz  der  feineren,  den  Gartenbau  in  erheblichem ­
  Umfange  einschliessenden  Cultur  und  Wirthschaft,
welcher  sich  um  die  grossen  Städte  bildet,  ist  eine  seit  Jahrhunderten ­
  und  z.  B.  auch  von  Boisguillebert  beobachtete  Thatsache.
  Zwischen  den  erwähnten  beiden  Extremen  schieben  sich
nun  noch  vier  andere  Kreise  ein,  die  in  der  Richtung  vom
Mittelpunkt  zum  Umfang  aufgezählt,  der  Forstwirthschaft,  dem
Fruchtwechsel,  der  Koppelwirthschaft  und  dem  Dreifeldersystem
entsprechen.  Uns  interessirt  in  dieser  Anordnung,  welche  einzig
und  allein  eine  Folge  der  Transportkosten  sein  soll,  nicht  die
besondere  Gestaltung  und  deren  Kritik,  sondern  der  allgemeine
in  derselben  ausgeprägte  Gedanke,  dass  die  Bewirthschaftungssysteme
  in  ihrer  geographischen  Gruppirung  und  mithin  auch
in  ihrer  zeitlichen  Aufeinanderfolge  relativ  nothwendige  Gebilde
seien.  Dieser  Relativismus  steht  denjenigen  Vorstellungen
gegenüber,  welche  ein  einziges,  als  vollkommen  hingestelltes
System  für  die  verschiedensten  Verhältnisse  zur  Richtschnur
nehmen.  Auch  ist  er  insoweit  berechtigt,  als  wirklich  die  Rente
und  die  Abhängigkeit  vom  entfernten  Markt  die  entscheidenden
Ursachen  der  Wirthschaftsgestaltung  zu  bilden  fortfahren.  Unter
andern  Voraussetzungen  lässt  sich  aber  diese  Betonung  der  blos
relativen  Vorzüglichkeit  ernstlich  anfechten,  und  sie  muss  sogar
im  Hinblick  auf  die  Kreuzungen  anderer  Umstände  auch  schon
Angesichts  der  bisherigen  Geschichte  und  gegenwärtigen  Geographie ­
  der  Wirthschaftssysteme  ernstlich  eingeschränkt  werden.
Dennoch  birgt  diese  Vorstellungsart  einen  Kern,  der  mit  Hülfe
der  kritischen  Oekonomie  weit  rationeller  entwickelt  werden
kann,  als  es  durch  Thünen  geschehen  ist.  Der  Urheber  der
Idee  hat  nämlich  die  natürlichen  Rückwirkungen  einer  hochentwickelten ­
  Industrie  auf  den  Zustand  der  Landwirthschaft
vernachlässigt,  um  nicht  zu  sagen  ausser  Betracht  gelassen.
Sein  Heimathsstaat  war  für  nachhaltigere  Wahrnehmungen
dieser  Art  kein  glücklich  gelegener  Standpunkt  gewesen,  und  so
        <pb n="342" />
        —  826

erklärt  es  sich,  dass  der  in  der  feudalen  Atmosphäre  athmcndo
Denker  die  Bahnen  seines  grossen  Zeitgenossen  nirgend  betreten ­
  und  von  dem,  was  Friedrich  List  für  die  Gestaltung
des  Ackerbaus  zur  Hauptsache  machte,  auch  nicht  einmal  eine
entfernte  Yorstellung  gefasst  hat.
In  späteren  Ueberlegungen  hat  Thünen  seine  eignen  schematischen ­
  Annahmen  verschiedentlich  zu  wenden  gesucht.  Er
hat  sich  nicht  nur  mit  derjenigen  Gestaltung  beschäftigt,  welche
sich  ergieht,  wenn  man  an  Stelle  der  einen  grossen  Stadt  eine
Gruppe  von  gleichmässig  vertheilten  Städten  setzt,  sondern  hat
auch  die  Frage  ins  Auge  gefasst,  wie  der  Fall  der  Wirklichkeit, ­
  nämlich  die  Abstufung  der  städtischen  oder  industriellen
Mittelpunkte  zu  erklären  oder  vielmehr  an  einem  einfachen
Schema  zu  construiren  sei.  Hiemit  ist  er  aber  auch  an  die
Grenze  gelangt,  hei  welcher  seine  Vorstellungsart  auf  unüberwindliche ­
  Schwierigkeiten  stossen  musste.  Mit  der  älteren
Nationalökonomie  Hess  sich  hier  überhaupt  nicht  weiterkommen,
weil  dieselbe  mit  ihrem  falschen  Capitalbegriff  das  natürliche
Denken  unmöglich  machte.  Trotzdem  haben  die  Thünenschen
Versuche,  sich  innerhalb  der  Schranken,  welche  ihm  die  Begriffe ­
  der  ihm  imponirenden  Autoritäten  auferlegten,  in  den
selbstgestellten  und  immer  mit  einer  gewissen  Tiefe  formulirten
Problemen  zurechtzufinden,  einen  erheblichen  Werth  für  die
Anregung  zu  bessern  Untersuchungen.  Sie  bilden  im  Vergleich
mit  der  traditionellen  Grundlage,  auf  welcher  sie  sich  bewegen,
das  Gründlichste,  was  innerhalb  des  Rahmens  der  Schottisch
oder  Englisch  beeinflussten  Oekonomie  unternommen  worden
ist.  Da  sie  überdies  unmittelbar  an  den  Ackerbau  mit  besonderer ­
  Sachkenntniss  anknüpften,  so  stellten  sie  zugleich  eine
Brücke  vor,  auf  welcher  auch  der  Laudwirthschaftstheorio  die
sonst  meist  schlecht  gekannte  Region  ernstlich  nationalökonomischer ­
  Vorstellungen  zugänglicher  wurde.
Die  abstracten  Verzeichnungen  des  isolirten  Staats  sollen
nur  eine  methodische  Vorbereitung  sein,  um  die  gesammto
Wirklichkeit  zu  begreifen.  Der  zweite  Hauptabschnitt  der  betreffenden ­
  Bemühungen  besteht  hienach  in  dem  Versuch,  die
Verhältnisse  einer  wirklichen  Volkswirthschaft,  ja  schliesslich
der  über  die  Staaten  hinausgreifenden  Weltwirthschaft  durch
die  Ergebnisse  des  construirten  Schema  zu  begreifen.  Die
grosse  Stadt  kann  hier  z.  B.  durch  ein  vorherrschend  industrielles
        <pb n="343" />
        —  327  —

Land  ersetzt  werden,  welches  für  den  Bereich  des  eltmaiktes
ähnliche  Einwirkungen  übt,  wie  jener  Mittelpunkt  des  isolirten
Staats.  Ganz  im  Allgemeinen  sind  solche  Anwendungen  richtig.
Natürlich  hat  man  hiebei  nicht  allein  mit  geographischen  Entfernungen ­
  zu  rechnen,  sondern  die  Grössen  und  Richtungen
der  Transport-  und  Verkehrshindernisse  zu  veranschlagen.
Von  eigentlichen  Kreisen,  ja  selbst  von  Zonen,  die  sich  einigeimaassen
  regelmässig  gestalteten,  kann  zwar  hier  nicht  die  Rede
sein.  An  die  Stelle  dieser  schematischen  Verzeichnungen  treten
die  Regionen  und  zerstreuten  Punkte  von  gleicher  Erreichbarkeit,
  so  dass  von  einem  Bezugsrayon  des  herrschenden  Centrums
  meist  nur  bildlich  gesprochen  werden  darf.  Diese  Umstände
  sind  jedoch  ganz  gleichgültig,  sobald  nur  sonst  die  wesentlichen
  Verhältnisse  des  isolirten  Staats  in  der  Wirklichkeit
überall  angetroffen  werden.  In  einem  gewissen  Maass  verhält
sich  England  auf  dem  Weltmärkte  zu  den  vollständig  oder
noch  überwiegend  ackerbauenden  Staaten  und  Gruppen  wie
eine  grosse  Stadt  zu  dem  sie  umgebenden  platten  Lande.  Eine
solche  Idee  musste  dem  Mecklenburgischen  Nationalökonomen
ausserordentlich  einleuchten,  da  für  seine  Provinz  der  Englische
Absatz  nicht  leicht  als  unerheblich  erscheinen  konnte.  Die  Deutschen ­
  Seeprovinzen  blickten  auf  den  Englischen  Markt  wie  auf
einen  Herrn  ihrer  Geschicke.  Aus  diesem  Gesichtspunkt  konnte
sich  Thünen  die  Gestaltung  der  Ackerbausysteme  auch  auf  dem
Weltmarkt  durch  die  Action  des  Centrums  beherrscht  denken.
Das  tiefere  Verständniss  liegt  jedoch  da,  wo  der  völlig  entgegengesetzte ­
  Ausgangspunkt,  nämlich  der  Beginn  mit  en  einem
landwirthschaftlichen  Einheiten,  gehörig  ins  Auge  gefasst  wird.
Dies  ist  durch  Thünen  principiell  nirgend  geschehen,  da  er
stets  in  der  Idee  der  einseitigen  Abhängigkeit  vom  Centrum
befangen  blieb.  -rr  ,  ^  j
K  Die  Wendung,  durch  welche  sich  die  Uebertrapng  der
schematischen  Schlüsse  auf  die  Wirklichkeit  vollzieht,  i^,  wenn
sie  klar  formulirt  und  von  nebensächlichen  Fehlern  des  Thünenschen
  Verhaltens  gesondert  wird,  für  die  wissensch^tliche  Methodik ­
  von  grosser  Bedeutung.  Insoweit  sich  die  Züge  eines
Schema  in  der  Wirklichkeit  nachweisen  lassen,  gelten  die  Beziehungen
  des  ersteren  auch  für  die  letztere.  Sie  mögen  sich
immerhin  mit  andern  Verhältnissen  und  Nothwendigkeiten
combiniron;  sie  sind  darum  um  nichts  weniger  real,  als  etwa
        <pb n="344" />
        328

die  gradlinige  Beharrung  der  Geschwindigkeit  einer  Masse  für
den  thatsächlichen  Mechanismus  der  Natur.  Man  darf  also
gegen  derartige  Schlüsse  nicht  etwa  ein  wenden,  dass  ihnen  die
unmittelbare  Erfahrung  widerspreche.  Die  Curve,  die  von
einem  Planeten  oder  einem  Molecül  beschrieben  wird,  ist  keine
Instanz  gegen  das  Galileische  Trägheitsgesetz.  Um  jedoch  den
wahren  und  haltbaren  Sinn  der  Methode  zu  erkennen,  welche
den  Grundtrieb  des  Thünenschen  Denkens  bildete,  bedürfen
wir  einer  andern  Vergleichung.  Die  Eigenschaften  der  Ellipse
stehen  an  sich  selbst  in  Rücksicht  auf  das  ideelle  Schema  fest,
welches  nach  einer  Regel  oder  Satzung  des  Verstandes  geschaifen
  ist  und  mit  der  besondern  Wirklichkeit  zunächst  gar
keine  wesentlichen  Beziehungen  hat.  Um  aber  die  Sätze  von
der  Ellipse  in  der  Natur  an  wenden  zu  können,  muss  man  erst
nachweisen,  dass  im  besondern  Fall  ein  solches  Gebilde  vermöge ­
  der  Naturkräfte  strenge  Wirklichkeit  habe,  wobei  die
secundaren  Abweichungen  selbstverständlich  gar  nicht  zu  der
ins  Auge  gefassten  Hauptsache  gehören.  Soweit  nun  die  Natur
in  der  constitutiven  Bethätigung  ihrer  Grundkräfte,  also  zugleich ­
  wahrnehmbar  und  aus  innern  Ursachen,  ein  solches  Gebilde ­
  als  Thatsache  und  Nothwencligkeit  uns  darbietet,  —  insoweit, ­
  aber  nicht  weiter  und  auch  nicht  ohne  diese  sehr  erhebliche ­
  Vergewisserung,  sind  wir  im  Stande,  die  an  unsern  Gedankengebilden ­
  erkannte  Wahrheit  als  object!ven  Sachverhalt
der  Natur  auszusprechen.  Ganz  analog  verhält  es  sich  nun
auch  in  der  Nationalökonomie  mit  solchen  Schematen,  wie  sie
durch  die  Thünensche  Untersuchungsart  eingeführt  worden
sind.  Unwillkürlich  hat  sich  bis  jetzt  jeder  gründliche  ökonomische ­
  Denker  mehr  oder  minder  in  Vorstellungsformen  bewegt, ­
  die  in  einer  klar  bewussten  Forrnulirung  die  Gestalt
solcher  Schemata  annehmen  müssen.  Alle  Schlüsse  am  isolirten
wirthschaftenden  Subject,  welches  man  sich  der  Natur  gegenüber ­
  als  einzelnen  Menschen  denkt,  haben  diesen  Charakter.
Auf  solchen  Schlüssen  hat  aber  ein  Theil  der  neusten  Errungenschaften ­
  der  kritischen  Oekonomie  beruht.  Eine  ordentliche
Beweisführung  kann  diejenigen  Abstractionen,  welche  sich  in
solchen  Schematen  veranschaulichen,  gar  nicht  umgehen.  Es
ist  zwar  meist  gar  nicht  nöthig,  in  den  einfacheren  Fällen  die
Schemata  ausdrücklich  zu  construiren,  da  sie  schon  in  der
logischen  Form  der  Gedanken  enthalten  sind.  Indessen  werden
        <pb n="345" />
        329

die  weniger  einfachen  Beziehungen  in  ihrer  scharfen  Sonderung ­
  von  dem  Nebensächlichen  und  in  der  Verbindung  ihrer
Bestandtheile  nie  der  Gegenstand  solider  Schlüsse  werden
können,  wenn  sich  nicht  in  irgend  einer  Gestalt  mehr  oder
minder  bewusst  eine  Verzeichnung  nach  Art  der  Thünenschen
Zurüstung  untergeschoben  hat.  Es  wird  daher  ein  Fortschritt
der  Wissenschaft  sein,  wenn  man  von  vornherein  mit  dem
klarsten  Bewusstsein  die  jedesmal  nothwendigen  Schemata
entwirft,  die  Eigenschaften  derselben  entwickelt  und  dann  die
wirklichen  Gestaltungen  ins  Auge  fasst.  Entscheidend  wird
bei  dieser  Methode  die  ursprüngliche  Wahl  der  Bestandtheile
des  Schema  sein,  und  hier  wird  sich  die  wissenschaftliche  Kraft
darin  zu  zeigen  haben,  dass  sie  nur  solche  Verhältnisse  untersucht, ­
  mit  denen  sich  die  Wirklichkeit  zu  decken  vermag.  Auf
diese  Deckung  kommt  Alles  an;  denn  andernfalls  würde  man
nur  unnütze  und  willkürliche  oder  gar  chimärische  Gebilde
bearbeiten  und  hinterher  finden,  dass  die  Natur  der  Wirthschaft
und  des  Verkehrs  keine  erhebliche  oder  wohl  auch  gar  keine
Seite  darbietet,  die  dem  Schema  entspricht.  Es  ist  nun  der
Vorzug  des  Thünenschen  Verhaltens  gewesen,  die  Hauptbestandtheile
  der  eben  gekennzeichneten  Methode  zur  Anschauung
gebracht  zu  haben.  Die  Anwendung  der  Eigenschaften  des
isolirten  Staats  auf  die  Verhältnisse  der  Wirklichkeit  bildet
bei  unserm  Denker  eine  auch  äusserlich  in  der  Darstellung
gesonderte  zweite  Hälfte  des  Verfahrens.  Hiedurch  hat  er  ein
Beispiel  wissenschaftlicher  Untersuehungsform  aufgestellt,  welches ­
  auch  da  nützlich  und  verdienstlich  ist,  wo  es  in  dei  materiellen ­
  Auffassung  fehlgreift  oder  in  seiner  Form  noch  nicht
als  vollendet  und  allseitig  befriedigend  erscheint.  In  materieller
Beziehung  hat  es  freilich  noch  nicht  einmal  dazu  geführt,  dass
man  im  Sinne  Thünens  den  Satz  aussprechen  dürfte,  die  Intensität, ­
  d.  h.  die  Grösse  der  im  Verhältniss  zur  Fläche  aufgo
  wendeten  Wirthschaftsmittel,  nehme  für  die  Land  wirthschaft,
insoweit  dieselbe  vom  Centralmarkt  abhängig  ist,  in  dem  Maasse
ab,  in  welchem  die  ökonomische  Entfernung,  d.  h.  die  Tiansporthindernisse
  grösser  werden.  Ein  solcher  Satz  würde  für  die
Thünensche  Constructionsart  zu  allgemein  sein  und  z.  B.  die
Stellung  der  Forstwirthschaft  im  zweiten  Kreise  nicht  decken.
Dennoch  ist  jener  Satz  bisher  das  Einzige,  was  sich  mit  Sichei-
        <pb n="346" />
        —  330  —

heit  als  Consequenz  der  Abhängigkeit  vom  entfernten  Markte
behaupten  lässt.  Aber  auch  dieser  Satz  gilt  nur  insoweit,  als
ausschliesslich  diejenigen  Erscheinungen  in  Anschlag  gebracht
werden,  wblche  ihre  Ursache  wirklich  in  der  Action  des  Centrums ­
  haben.  Hienach  ist  also  noch  keine  Veranlassung  vorhanden, ­
  in  der  Geschichte  der  Nationalökonomie  von  einem
Thünenschen  Gesetz  im  strengen  Sinne  einer  solchen  Bezeichnung ­
  zu  reden.  Es  genügt  vielmehr  vollkommen,  von  einer
Thünenschen  Idee,  Vorstellungsart  und  Methode  als  von  einer
worth  vollen  wissenschaftlichen  Thatsaclio  zu  handeln.  Die  besondere ­
  Gestaltung  der  Bewirthschaftungssystemo  aus  Innern
Ursachen  und  in  der  Wirklichkeit  ist  noch  eine  offene  Frage,
für  deren  Beantwortung  Thünen  ein  sehr  schätzbares  Material,
aber  keineswegs  eine  der  ungetheilten  Anerkennung  fähige
Verzeichnung  geliefert  hat.  Grade  weil  die  Transportkosten
eine  so  gewaltige  Holle  spielen  und  eine  von  der  älteren  Ookonomie
  unterschätzte  Ursache  der  wirthschaftlichen  Zustände
bilden,  müssen  sie  noch  aus  einem  völlig  von  der  Thünenschen
Vorstellungsrichtung  abweichenden  Gesichtspunkt  betrachtet
werden.  Doch  das  Nähere  hierüber  gehört  in  die  Darstellung
der  weiter  fortgeschrittenen  Systeme.
7.  Abgesehen  von  Thünen  und  von  dem,  was  der  eigentliche ­
  Repräsentant  einer  selbständigen  Deutschen  Nationalökonomie, ­
  den  wir  nachher  ausführlich  zu  behandeln  haben
werden,  selbst  geleistet  oder  angeregt  hat,  konnte  bis  in  die
jüngste  Zeit  im  höheren  Sinne  des  Worts  von  einer  eigenthümlichen
  Volkswirthschaftslehro  auf  Deutschem  Boden  nirgend
die  Rede  sein.  Das  Mercantilsystem  und  die  Physiokratie
hatten  in  älterer  Zeit  ihre  Einflüsse  geübt.  Hierauf  waren  die
Smithschen  Einwirkungen  gefolgt.  Alles  dies  hatte  sich  jedesmal ­
  mit  der  Cameralistik,  d.  h.  mit  den  Kenntnissen  verschmolzen, ­
  welche  in  Rücksicht  auf  eine  stark  domaniale  Finanzverwaltung ­
  für  den  Hausbedarf  der  Regierungen  erforderlich
waren.  Auf  diese  Weise  waren  auch  die  Lehrbücher  und  gelegentlichen ­
  Abhandlungen  entstanden,  die  aber  für  die  neuste
Zeit  nur  als  Symptome  der  äusserst  gemischten  Zustände  und
des  unsäglich  eklektischen  Charakters  des  Unterrichts  ganz
nebensächlich  in  Frage  kommen.  Die  universitätsmässige
Literaturproduction  muss  sogar  ausser  Betrachtung  gelassen
        <pb n="347" />
        831

werden,  da  sie  den  Gegenstand  unserer  Gescliiclite  auch  in
Deutschland  nicht  erheblich  angeht.  Sie  ist  dort  um  so  weniger
herbeizuziehen,  als  es  sich  um  ein  Land  handelt,  in  welchem
die  theoretische  Selbstilndigkeit  der  Volkswirthschaitslehie  in
ihren  besten  Theilen  noch  erst  zur  Anerkennung  gebracht
werden  muss  und  sich  von  Seiten  der  Lehranstalten,  wie  wir
im  nächsten  Capitel  sehen  werden,  nur  des  bekannten  Tiägheitswiderstandes
  zu  erfreuen  gehabt  hat.  Damit  jedoch  durch
blosses  Stillschweigen  kein  Missverständniss  oder  etwa  gar  die
Vermuthung  einer  unüberlegten  Weglassung  Platz  greife,  und
damit  zugleich  Einiges  zur  Orientirung  in  den  bisher  herrschenden ­
  Befangenheiten  geschehe,  mögen  ein  paar  Erinnerungen
nicht  überflüssig  sein.  Allerdings  sind  dieselben  ein  Zugeständniss
  an  das  der  Zeit  und  dem  Ort  nach  Naheliegende  und
an  die  beschränkteren  Interessen,  —  ein  Zugeständniss,  we  c  es
die  sonst  hier  vorgeführten  Erscheinungen  mit  allzu  ungleic  -
artigen  Elementen  versetzt.  Dem  Leser,  der  von  vornherein
unserer  Auffassungsart  gefolgt  ist,  und  dieselbe  ohne  Abzug  zu
theilen  vermag,  können  die  folgenden  Bemerkungen  als  gleichgültige ­
  Notizen  gelten,  die  im  Hinblick  auf  einen  weiteren  geschichtlichen ­
  und  geographischen  Horizont  hätten  wegbleiben

können.  ,
Leidliche  Monographien,  die  für  einen  Specialgegenstand
das  zur  Zeit  Bekannte  ohne  wesentlich  neue  Gesichtspunkte,
aber  in  einigermaassen  zuverlässiger  Bearbeitung  zur  ®  ^
bringen,  sind  in  Ermangelung  einer  durchgreifen  eren  i  e
theoretischen  Thätigkeit  stets  von  ein  wenig  utzen.  le
gehört  nun  für  Deutschland  eine  Schrift  des  Badischen  Kegie-Buch
  war  zu  seiner  Zeit  ein  nützliches  Erzeugniss  Gegenwärtig
  kann  man  sich  durch  eine  Ansicht  desselben  überzeugen,
dass  sein  Verfasser,  abgesehen  von  einigen  praktischen  und
patriotischen  Einschränkungen,  die  ihm  auch  in  anderer  Bie  ­
tung,  namentlich  in  seiner  Thätigkeit  für  le  ee  es  o
verzins  zur  Ehre  gereichten,  im  Wesentlichen  der  fremden
theoretischen  Tradition  gefolgt  ist  und  nichts  aufzuweisen  ha  ,
was  in  nationalökonomischer  Hinsicht  eine  besondere  Erwähnungerforderlichmachte.
  ImGegentheilkannseineArbeit
höchstens  als  ein  gutes  Beispiel  gelten,  an  welchem  man,  ohne
        <pb n="348" />
        333

seine  Zeit  zu  verschwenden  oder  sich  die  Pein  der  Untersuchung ­
  ganz  geschmackloser  Erzeugnisse  des  vollendetsten
bchulpedantismus  aufzuerlegen,  das  damalige  Schtilerthum  der
Deutschen  stndiren  mag.  Da  die  fragliche  Schrift  durch  ihren
Specialgegenstand  genöthigt  wurde,  sich  auch  über  die  wichtigeren ­
  allgemeinen  Begriffe  der  Nationalökonomie,  die  ausserhalb ­
  des  Credits  liegen,  einigermaassen  zu  verbreiten,  so  hisst
sie  in  die  ökonomische  Gedankenverfassung  einen  hinreichenden ­
  Blick  thun.  Der  Autor,  der  selbst  nicht  so  urthcilslos
war,  um  über  das  Verdienst  hinaus,  eine  solide  Monographie
geliefert  zu  haben,  noch  andere  Ansprüche  zu  machen,  hat
es  also  nicht  verschuldet,  wenn  wir  bemerken  müssen,  dass
die  Bezeichnung  seines  Buchs  als  das  sis  ch,  wie  sie  von
Lehrbuchverfassern  adoptirt  worden  ist,  nichts  weiter  als  ein
Zeugniss  für  die  in  der  That  classische  Befangenheit  der
Urheber  solcher  Epitheta  bildet.  Der  künftige  Historiker,
der  sich  eingehender  aber  wohlgemerkt  kritisch  mit  der
betreffenden  Zeit  und  ihrer  nationalökonomischen  Bildung  zu
beschäftigen  haben  wird,  dürfte  daher  in  den  fraglichen  Ansichten ­
  über  das  Nebeniussche  Buch  und  in  ähnlichen  Ideen
die  Beengtheit  der  Deutschen  Auffassung  zu  constatiren  haben.
Wii  müssen  jedoch  noch  eine  Stufe  tiefer  hinabsteigen
und  neben  der  Arbeit  des  praktischen  Regierungsbeamten  auch
an  Früchte  universitätsmässiger  Speculation,  sowie  endlich
sogar  an  ein  Compilationslelirbuch  erinnern.  Die  „Staatswirthschaftlichen
  Untersuchungen”  des  als  Münchener  Professor ­
  1868  verstorbenen  F.  B.  W.  Hermann  (zuerst  1832,
und  in  zweiter  aber  nicht  mehr  vollständig  bearbeiteter  Auflage ­
  1870)  sind  Versuche,  die  Engländer  in  der  rationellen
Verbindung  ökonomischer  Gedanken  nachzuahmen  und  sich,
so  gut  es  gehen  wollte,  ein  wenig  auf  den  Fuss  Ricardos  zu
stellen.  Doch  verstehe  man  unsere  Aeusserung  nicht  falsch.
Wir  meinen  mit  derselben  nicht  im  Mindesten,  dass,  abgesehen
von  dem  Aneignungsversuch  der  materiellen  Lehren,  irgend
eine  ernste  Aehnlichkeit  der  Methode  oder  auch  nur  eine
entfernte  Annäherung  an  die  verhältnissmässige  Schärfe,  ich
will  gar  nicht  sagen  eines  Ricardo  selbst,  sondern  nur
eines  besseren  Vertreters  der  Brittischen  Epigonenökonomie
vorhanden  sei.  Gedankeninhalt  und  Ausdrucksform  sind  unverdaulich, ­
  unklar  und  scholastisch.  Von  einem  besondern
        <pb n="349" />
        Denkertlium  kann  der  blossen  Trockenheit  wegen  sicherlich
nicht  die  Rede  sein.  Doch  mag  immerhin  diejenige  Ansicht ­
  Einiges  für  sich  haben,  welche,  im  Hinblick  auf  spätere
fast  ganz  zusammenhanglose,  sich  aber  als  historisch  ausgehende
Zlusammentragungen  eines  bunten  Stoffs,  die  Hermannsche
Art  und  Weise  als  eine  contrast!rende  Kundgebung  von  Bemühungen ­
  um  ein  rationelles  erhalten  auffasst.  Im  T^ergleich
mit  pseudohistorischen  Compilations  werken,  wie  sie  z.  B.  später
in  dem  Lehrbuch  des  Herrn  W.  Roscher  zu  Tage  traten,
ist  allerdings  die  Hermannsche  Schrift  fast  als  die  Bekundung
eines  gewissen  Sinnes  für  verstandesmässigen  Zusammenhang
anzusehen.  Allein  ohne  die  Voraussetzung  einer  solchen  Folie
Würde  die  betreffende  Physionomie  mit  ihren  Zügen  von  einer
Rationalität,  die  sich  sehr  trübe  ausnimmt,  kaum  bemerklich
sein.  Das  Hermannsche  Buch  ist  in  der  2.  Auflage  zum  Ladenhüter ­
  geworden,  den  man  1874  um  kaum  ein  Drittel  des  Preises
als  „akademische  Ausgabe”  wieder  in  den  Buchhandel  gebracht
und  so  den  Studirenden  preiswürdig  zu  machen  unternommen
hat.  Dieser  Zug  ist  charakteristisch;  denn  wäre  der  Staatsrath ­
  und  Professor  Hermann  noch  am  Leben,  so  würde  er
durch  den  künstlichen  Einfluss  seiner  Aemter  solche  Manipulationen ­
  ersetzen  können,  ganz  wie  dies  bei  dem  jetzt  in  der
Coucurrenz  glücklicheren,  aber  nichts  weniger  als  besseren
professoralen  Machwerken  statthat,  deren  Urheber,  wie  Herr
Roscher,  durch  Examinatur,  durch  Patronage  der  Streber  nach
Profossorsinecuren  und  überhaupt  durch  privilegirtes  Scholarchcnthum
  das  mangelnde  Verdienst  ihrer  an  sich  mehr  als
werthlosen,  nämlich  positiv  verdummenden  und  schädlichen
Bücher  ersetzen.  Diese  Pfützen,  an  welche  die  unerfahrene
studirondo  Jugend  ahnungslos  gewiesen  wird,  gelten  in  der
universitären  Geographie  eine  Zeit  lang  für  krystallklare
Quollen,  nämlich  grade  solange,  als  die  fable  convenue  dem
Geschäftsinteresse  eines  lebenden  und  Andere  leben  lassenden
Inhabers  des  Pfützenthrones  zu  dienen  hat.
W^onn  ein  gewisses  ehrsames  und  keineswegs  hinteihaltiges,
sondern  simpel  zuverlässiges  Streben  nach  paragraphirten  Gedankenexcerpten,
  die,  wo  sie  überhaupt  eine  eigentlich  nationalökonomische ­
  und  nicht  blos  cameralistische  Grundlage  haben,
im  Sinne  Adam  Smiths  ausfallen  sollten,  —  wenn  eine  derartige
Bemühung  um  ein  Fachwerk  von  Formulirungen  und  gewissen-
        <pb n="350" />
        334

haften  Anmerkungsnotizen  in  der  Geschichte  unserer  Wissenschaft ­
  etwas  bedeuten  könnte,  dann  würde  das  Rausche  Lehrbuch, ­
  welches  zuerst  182G—37  erschien,  allerdings  eine  Berücksichtigung ­
  erheischen.  So  aber  hat  es  nur  zur  Kennzeichnung
des  im  ökonomischen  Universitätsunterricht  wirklich  möglich
Gewesenen  einigen  Werth.  Da  es  aber  einmal  erwähnt  ist,
so  soll  auch  nicht  verschwiegen  werden,  dass  es  wenigstens
den  Vorzug  hat,  nicht  gleich  seinem  späteren  weniger  verlässlichen ­
  Nachfolger  ein  Bruchstück  geblieben  zu  sein.  Der  1870
verstorbene  Rau  hatte  den  Umfang  seiner  Aufgabe  wenigstens
vollständig  durchmessen;  er  hatte  die  Volks  wir  thsc  haftslehro,
sowie  in  äusserlicher  Trennung  von  derselben  die  Volkswirthschaftspolitik
  und  zum  Schluss  als  dritte  Ilauptabtheilung  noch
eine  specielle  Finanzwissenschaft  redigirt,  während  das  spätere
Roschersche  Handbuch  grade  die  wichtigsten  Partien,  nämlich
die  mit  den  Manufacturen  und  dem  Handel  in  engerer  Beziehung ­
  stehenden  Lehrstoffe  bis  jetzt,  wahrscheinlich  als  zu  moderne ­
  und  nicht  classisch  behandelbare  Themata,  auf  sich  beruhen ­
  Hess.  Von  dem  Veralten  solcher  Erscheinungen  soll
hier  nicht  die  Rede  sein,  da  derartige  Handbücher,  zumal  im
Gebiet  der  noch  schlecht  constituirten  Wissenszweige,  in  der
Regel  schon  veraltet  zur  Welt  kommen,  indem  sie  in  den
entscheidenden  Hauptpunkten  meist  ein  Menschenalter  hinter
demjenigen  Stande  der  Wissensentwicklung  zurückzustehen
pflegen,  welcher,  ich  will  gar  nicht  sagen  Von  den  bahnbrechenden ­
  Geistern,  sondern  nur  von  den  hervorragenden  Capacitäten
zweiter  Ordnung  bereits  erreicht  ist.  Auch  können  selbstverständlich ­
  spätere  Auflagen  da  nicht  durch  blosse  Notiznahme
  von  unverstandenen  Vorgängen  nachhelfen,  wo  schon
die  erste  Geburt  den  Grundfehler  an  sich  getragen  hatte.  Das
Rausche  Lehrbuch  war  von  vornherein  noch  nicht  in  Ricardoscher ­
  W^eise  gefärbt.  Diese  letztere  W^endung  erfolgte  erst,
so  gut  es  sich  machen  wollte,  in  dem  analogen  Handbuch  der
zweiten  Generation,  von  dem  wir  seiner  historischen  Anmaassungen ­
  wegen  nach  der  Behandlung  Lists  noch  Einiges
bemerken  werden.  An  dieser  Stelle  haben  wir  für  den  einsichtigen ­
  Leser  wohl  genug  gesagt,  um  anzudeuten,  dass  mehr
zu  sagen  überflüssig  sein  würde.  Glücklicherweise  gelangen
wir  jetzt  zu  einem  Gegenstände,  der  uns  dafür  entschädigen
wird,  dass  wir  in  unserer  letzten  Nummer  uns  mit  einem
        <pb n="351" />
        385  —

Grenzgebiet  beschäftigen  mussten,  welches  nicht  mehr  in  das
Reich  unserer  Gedankengeschichte  gehörte  und  dem  gegenüber ­
  es  sich  nur  um  eine  Regulirung  und  unverkennbare  Feststellung ­
  der  kritischen  Demarcationslinie  handelte.
Zweites  Capitel.
Friedrich  List.
Die  grösste  Leistung,  welche  im  Bereich  Deutscher  Cultiir
für  die  Nationalökonomie  aufzuweisen  ist,  hat  einen  zugleich
theoretischen  und  praktischen  Charakter  gehabt.  Sie  ist  dem
Genie  eines  Mannes  zu  verdanken,  der  mit  seiner  glänzenden
theoretischen  Ausstattung  eine  Gluth  des  Patriotismus  verband,
welche  an  die  Gefühle  eines  Macchiavelli  für  sein  zerrissenes
und  niedergetretenes  Vaterland  erinnerte.  Das  edlere  Gepräge,
welehes  den  volkswirthschaftlichen  Ideen  auf  diese  Weise  zu
Theil  wurde,  sowie  die  unmittelbar  praktischen  Beziehungen,
die  von  einer  nicht  ausschliesslich  theoretischen  Natur  ins
Auge  gefasst  wurden,  dürfen  uns  nicht  verleiten,  dieser  äusserst
seltenen  Verbindung  des  kühnen  und  sichern,  für  die  allgemeine ­
  Theorie  bahnbrechenden  Denkens  mit  dem  patriotischen
Handeln  und  mit  einer  grossen  Energie  für  die  nationalen  Angelegenheiten ­
  einen  falschen  Sinn  unterzulegen.  Die  Verkleinerungssucht ­
  hat  sich  allerdings  bemüht,  den  Deutschen  Nationalökonomen ­
  für  einen  vorherrschend  agitatorischen  Geist  auszugeben, ­
  um  auf  diese  Weise  ihren  Mangel  an  Verständniss  der
für  sie  zu  hoch  liegenden  Theorien  zu  beschönigen  und  sich
für  die  unwillkürliche  Empfindung  einer  missliebigen  Ueberlegenhoit
  der  ihrem  Niveau  nicht  entsprechenden  Persönlichkeit ­
  zu  entschädigen.  Wir  haben  nun  im  Gegentheil  hier  fast
ausschliesslich  die  theoretisch  entscheidenden  Leistungen  ins
Auge  zu  fassen  und  müssen  sogar  behaupten,  dass  dieselben
noch  von  ungleich  grösserer  Tragweite  sind,  als  die  sonstigen
nationalen  Bestrebungen,  deren  unmittelbare  Wirksamkeit  durch
die  elende  und  schmachvolle  Beschaffenheit  der  politischen  Zustände ­
  Deutschlands  verkümmert  wurde.  Auch  ist  es  ein  wichtiger ­
  Grundzug  des  Listschen  Systems,  dass  es  die  ökonomischen
Anschauungen,  die  ihm  zu  Grunde  liegen,  nicht  blos  im  Hinblick ­
  auf  die  Entfesselung  der  einheimischen  Zustände  ausge-
        <pb n="352" />
        336

bildet  bat,  sondern  dass  sein  Schöpfer  auch  wider  seinen  Willen
genöthigt  worden  ist,  eine  längere  Reihe  von  Jahren  hindurch
die  Yerhältnisse  der  Amerikanischen  Union  zum  Schauplatz
seiner  Beobachtungen  zu  machen.  Auf  diese  Weise  ist  er  der
erste  grosse  Theoretiker  des  Deutsch-Amerikanischen  Systems
der  Yolkswirthschaftslehre  geworden,  und  die  in  seinem  Hauptwerk, ­
  dem  „Nationalen  System  der  politischen  Ockonomio  ’,
niedergelegten  Erkenntnisse  und  Anschauungen  werden  von
späteren  Geschichtsschreibern,  denen  eine  weitere  Entwicklung
der  Volkswirthschaftlichen  Wissenschaft  vorliegt,  als  der  Ausgangspunkt ­
  und  die  erste  grosse  Conception  einer  bewussten
Yereinigung  der  Oekonomie  zweier  Culturwclten  zu  kennzeichnen ­
  sein.  Eist  und  Carey  bilden  in  dieser  Beziehung  ein
untrennbares  Paar,  von  welchem  das  Bedeutendste  herstammt,
dessen  die  theoretische  Kraft  des  19.  Jahrhunderts  fähig  gewesen ­
  ist.  Seit  dem  Smithschen  Werk  ist  nichts  hervorgebracht ­
  worden,  was  an  eignem  Gehalt  und  an  zukünftiger
Tragweite  dem  Eist-Careysehen  System  oder,  mit  andern  Worten, ­
  den  Deutsch-Amerikanischen  Errungenschaften  entspräche.
Yon  diesen  grossen  Eeistungen  datirt  eine  sehr  erheblich  veränderte ­
  Gestalt  der  Wissenschaft,  und  es  wird  von  nun  an
nicht  mehr  möglich  sein,  den  Schwerpunkt  der  ökonomischen
Einsichten  auf  der  Englischen  Insel  zu  suchen.  Zwei  Yölker,
von  denen  das  eine  den  Kern  der  neuen  Welt  bildet  und  das
andere  gegründete  Aussicht  hat,  seine  lange  Ruhe  und  Passivität ­
  mit  einer  activ  centralen  Stellung  in  der  alten  Welt
immer  entschiedener  zu  vertauschen,  werden  auch  mit  ihren
nationalökonomischen  Theorien  fortan  eine  andere  Stellung
einnehmen,  als  zu  den  Zeiten,  in  denen  der  Brittische  Einfluss
materiell  und  geistig  eine  unverkürzte  Herrschaft  ausübte.
Die  geistige  Hegemonie  wird  sich  noch  schneller  als  diejenige
der  äusserlichen  Macht  geographisch  verschieben,  und  wie  in
der  Philosophie  die  Schotten  von  den  Deutschen  abgelöst
worden  sind,  so  wird  die  Deutsche  Denkerkraft,  verbunden
mit  dem  objectiven  Blick  und  dem  nach  Aussen  gewendeten, ­
  zum  Theil  divinatorischen  Beobachtungsgenio,  wie  es  der
Amerikanische  Standpunkt  bereits  in  einer  grossartigen,  ja
in  der  an  Entdeckungen  reichsten  Erscheinung  des  Jahrhunderts
verwirklicht  hat,  zu  Ergebnissen  gelangen,  weiche  die  zweite
        <pb n="353" />
        337

und  dauernd  grundlegende  Epoche  der  streng  wissenschaftlichen
Oekonomie  bezeichnen  werden.
2.  Selten  ist  ein  äusserer  Lebensgang  für  die  Gestaltung
der  Wissenschaft  so  bedeutsam  geworden,  als  derjenige  unseres
grössten  Nationalökonomen.  Friedrich  List  (1789—184G)  aus
Reutlingen,  arbeitete  sich  in  aü'tödidaktischer  Weise  zu  einer
Bildung  empor,  an  deren  Erlangung  ihn  ein  regelmässiger
Studiengang  ohne  Zweifel  gehindert  haben  würde.  Von  blossen
Schreiberverrichtungen  ausgegangen  und  in  der  Büreaulaufbahn
  in  seinem  Vaterländchen  Würtemberg  bis  zum  Oberrevisor ­
  gelangt,  hatte  er  Gelegenheit  gehabt,  die  büreaukratischen
  Missstände  gründlichst  kennen  zu  lernen.  Durch  Förderung ­
  von  Seiten  des  Ministers  Wangenheim  wurde  er  1817
Tübinger  Professor  der  Staatswissenschaften,  —  eine  Stellung,
aus  welcher  man  ihn  aber  nach  dem  bald  erfolgten  Rücktritt
des  genannten  Ministers  von  vornherein  wieder  zu  vertreiben
suchte.  Die  Herren  vom  Tübinger  Universitätssenat,  die  dem
neuen  Mitgliede  ihres  Collegiums  das  Leben  nicht  sonderlich
gönnten,  machten  sich  mit  Freuden  zu  Interpreten  der  Wünsche
der  rückläufig  veränderten  Regierung  und  waren  unter  Anderm
auch  der  Ansicht  der  letzteren,  dass  sich  eine  professorale
Thätigkeit  nicht  mit  der  Betheiligung  an  patriotischen  Bestrebungen ­
  vertrage,  wie  sie  in  einer  Rathertheilung  an  den  Deutschen ­
  Fabricantcnverein  liegen  würde.  List,  der  wünschen
musste,  ohne  Chicanen  für  seine  Idee  einer  Deutschen  Handelseinheit ­
  thätig  sein  zu  können,  legte  daher  1819  eine  Professur
nieder,  in  welcher  man  ihn  übrigens  auch  nicht  mehr  lange
belassen  haben  würde.  Seine  politisch  freiheitliche  Richtung
war  der  entscheidende  Hauptgrund  der  regierungsseitigen  Anfechtungen. ­
  Sie  bestand  allerdings  in  nichts  weiter,  als  in
einer  antibüreaukratischen  und  übrigens  den  damaligen  \  erfassungszuständen
  des  Ländchens  Würtemberg  gar  nicht  wesenlich
  zuwiderlaufenden  constitutionellen  Doctrin.  Schon  1818
hatte  ein  ministerielles  Schreiben  von  Gefahren  geredet,  welche
den  „jungen  Männern”  gegenüber  die  Mittheilung  „theoretischer
Spcculationen”  habe,  und  dem  Professor  List  im  Namen  des
Königs  „die  äusserste  Vorsicht  bei  seinen  Lehrvorträgen  zur
unerlässlichen  Pflicht”  gemacht.
Wir  übergehen  die  Details  der  Thätigkeit  durch  und  für
l)übring,  Geschichte  der  Kationalükonomic.  2.  Auflage.  22
        <pb n="354" />
        338  —

den  Fabricantenverein  und  beschränken  uns  darauf,  dass  List,
der  schon  damals  als  der  intellectuelle  Repräsentant  der  Idee
eines  Deutschen  Zollvereins  betrachtet  werden  musste,  als  Consulent
  und  geistiger  Führer  jenes  Vereins  Alles  betrieb,  was  in
Gestalt  von  vorbereitenden  Combinationen  das  schliosslicho
Ziel  anzubahnen  geeignet  war.  Sieht  man  auf  die  Bestimmung
der  verfolgten  Zwecke  und  auf  das  Besondere  der  ersten  entscheidenden ­
  Schritte  und  der  eigentlichen  Organisation,  so  ist
List  sogar  der  Stifter  jenes  Vereins  gewesen  —  eine  Thatsache,
  die  nicht  unerheblich  ist,  da  man  von  jenen  Vorgängen
des  Jahres  1819  die  volksthümlichen  Bestrebungen  für  ein  einheitliches ­
  Deutsches  Zollsystem  datiren  muss.  List  zeichnete
sich  aber  von  vornherein  noch  durch  die  politische  Uoborlegcnheit
  der  Fassung  dieser  Idee  aus,  indem  er  nicht  blos  die  Wegräumung ­
  der  innern  Zollhemmungen,  sondern  auch  die  positive
Handelspolitik  an  der  gemeinsamen  Grenze  gegen  das  Ausland
ins  Auge  fasste.  Durch  dieses  zweite,  hervorragend  nationale
Element  unterschied  sich  sein  Plan  in  der  bewusstesten  Weise
von  alledem,  was  später  durch  die  blossen  Finanzintoressen
und  im  besten  Falle  durch  nothgedriingene  Zugeständnisse  an
die  Macht  der  Verhältnisse  zu  Stande  kam  und  sich  sogar  in
der  bessern  Richtung  oft  nur  durch  die  übrigens  so  schädliche
Trägheit  der  Zollveroinszustände  erhielt.  Der  Umstand,  dass
f  i  er  ein  rationelles  Schutzsystem  als  die  vorläufig  unumgäng-'
  liehe  Ergänzung  der  innern  Zollfreiheit  hinstellte,  wird  seinem
politischen  Verstand  nicht  minder  als  seinem  Patriotismus
noch  dann  zur  Ehre  gereichen,  wenn  die  beschränkten  Auf-!
 ;  I  fassungen  verschollen  sein  werden,  von  denen  die  Verunglimpfung
■  dieses  Standpunkts  bisher  ausgegangen  ist.  Eine  bessere
■|  Würdigung  dessen,  was  er  wollte,  wird  nicht  von  der  princi-'
  piellen  Anerkennung  seiner  Schutztheorio,  sondern  nur  von
der  Erkenntniss  abhängen,  dass  inmitten  einer  Europäischen
Umgebung  von  Staaten,  die  ihre  Märkte  stark  protegirton,  die
völlig  freie  Eröffnung  des  Deutschen  Marktes  eine  politische
Thorheit  gewesen  sein  würde.
Die  Abgeordnetenlaufbahn,  die  sich  sofort  an  die  Niederlegung ­
  der  Professur  anschloss,  geht  uns  hier  nur  insoweit  an,
als  sie  der  Grund  zu  einer  noch  schärferen  Verfolgung  Lists
wurde  und  schliesslich  nach  der  mit  Zwangsschrciberarbeit  verbundenen ­
  Haft  auf  dem  Asperg  zum  unfreiwilligen  Exil  nach
        <pb n="355" />
        339

Amerika  führte.  Das  zu  Grunde  liegende  vermeintliche  Vergehen ­
  bestand  in  dem  Entwurf  einer  Petition  an  die  Kammer.
Der  Inhalt  dieses  Schriftstücks  enthielt  eine  allgemeine  antibüreaukratische
  Kennzeichnung  der  Zustände  des  Ländchens
und  formulirte  einige  gegen  die  Beamtenherrschaft  gerichtete
Forderungen.  Die  ganze  Angelegenheit  hat  nur  für  die  Geschichte ­
  der  constitutioneilen  Misere  von  kleinen  Dimensionen
einiges  Interesse,  indem  die  Widerwärtigkeit  des  in  Frage
kommenden  Treibens  die  Beschränktheit  der  Gesichtspunkte
noch  überbot.  Der  ursprünglichen  Yerurtheilung  hatte  sich  List
zwar  durch  die  Flucht  entzogen,  war  aber  theils  durch  die
Sorge  für  seine  Familie,  theils  durch  die  von  der  Heimath
her  veranlassten  Irrungen  dazu  bestimmt  worden,  zurückzukehren. ­
  Letzteres  ist  ein  Zug,  den  wir  im  Interesse  einer
wahren  und  unparteiischen  Darstellung  des  Listschen  Charakters ­
  und  einer  auch  für  die  Gestaltung  der  Theorie  nicht
gleichgültigen  Denkweise  nicht  ohne  erläuternde  Bemerkung
übergehen  können.
Die  Neigung,  bei  Andern  mehr  Gutes  vorauszusetzen,  als
von  ihnen  zu  gewärtigen  war,  sowie  überhaupt  eine  allzu  vertrauensvolle ­
  Richtung  der  Phantasie  ist  der  Hauptfehler  gewesen, ­
  der  sich  jedem  unbefangenen  Betrachter  der  Listsehen
Lebensschicksale  aufdrängt.  Allerdings  war  keine  gewöhnliche
und  kurzsichtige  Philanthropie  im  Spiele,  sondern]  die  rein  theoretische ­
  Einsicht,  die  sich  unser  auch  für  die  allgemeine  Politik
bedeutungsvoller  Denker  erworben  hatte,  trieb  ihn  im  Gegentheil
  zu  entgegengesetzten,  keineswegs  sentimentalen  Anschauungsweisen ­
  der  grossen  Verhältnisse.  Allein  in  den
kleinen  Verhältnissen  sowie  in  den  unmittelbaren  Privatbeziehungen ­
  folgte  er  mehr  seinem  natürlichen  Temperament  und
wurde  hiedurch  zu  den  entschiedensten  Fehlgriffen  verleitet.
.  In  der  Sphäre,  in  welcher  er  zu  wirken  hatte,  wäre  ein  Uebermaass
  im  Misstrauen  und  eine  geringere  Geneigtheit  zur
wohlwollenden  Beurtheilung  der  von  Natur  feindlichen  Elemente
weit  besser  am  Platze  gewesen,  als  eine  Ausschreitung  in  der
gegentheiligen  Richtung.  List  hat  bis  in  die  letzten  Jahre
seines  Lebens  hinein  grade  das  durch  seinen  Charakter  verleugnet, ­
  was  seine  allgemein  theoretische  Ueberzeugung  von
vornherein  klar  genug  erfasst  hatte.  Er,  der  in  einer  selbständigen, ­
  kritisch  richtigen  Auffassung  Macchiavellis  unter
22*
        <pb n="356" />
        340

allen  denen  hervorragt,  die  gegen  das  gemeine  Vorurtlieil
den  grossen  Florentiner  in  Schutz  nahmen  ;  —  er,  der  die
Gesichtspunkte  des  grössten  politischen  Theoretikers  besser
begriff  als  alle  sich  in  gleicher  Richtung  bemühenden  Historiker, ­
  hat  dennoch  in  seinen  eignen  Angelegenheiten  und  in
den  Beziehungen,  in  welche  er  sich  zu  Gunsten  der  wirthschaftlichen
  Einheitsidee  und  für  die  politische  Grösse  Deutschlands ­
  einliess,  vielleicht  nichts  in  geringerem  Grade  beobachtet,
als  die  Grundsätze,  die  aus  dem  haltbaren  Bestandtheil  der
Macchiavellischen  Lebens-  und  Staatsansichten  folgen.  Wir
können  uns  daher  eine  Reihe  von  Einzelheiten  in  den  Schicksalen ­
  Lists  von  vornherein  aus  jenen  Hindernissen  erklären,
die  in  den  vertrauensvollen  und  weniger  dem  Verstände  als
dem  Gemüth  angehörigen  Elementen  seines  Wesens  lagen.
Die  erwähnte  Rückkehr  nach  Würtemberg  war  zwar  sehr
erklärlich;  aber  unter  Voraussetzung  einer  weniger  gutgläubigen
Auffassuugsweise  hätte  sie  jedenfalls  vermieden  werden  müssen.
Ja  man  kann  behaupten,  dass  selbst  sein  Deutscher  Patriotismus ­
  in  den  unmittelbar  praktischen  Folgen,  die  er  ihm  zu
geben  suchte,  zu  einem  grossen  Theil  auf  jener  Gemüthstäuschung
  beruhte,  welche  den  Umfang  und  Grad  der  Zerfahrenheit ­
  und  Rückständigkeit  der  Deutschen  Verhältnisse
unterschätzte.  Für  theoretische  Anregungen  und  die  Fortpflanzung ­
  von  Ideen,  die  allenfalls  für  ihr  besseres  Verständniss
auf  die  Zukunft  warten  konnten,  war  freilich  der  Deutsche
Boden  nicht  ganz  und  gar  unempfänglich.  Allein  für  das  unmittelbare ­
  praktische  Eingreifen  im  Sinne  Lists  musste  jeglicher ­
  Versuch  einige  Menschenalter  zu  früh  kommen.  Die
1832  von  Amerika  erfolgte  und  aus  der  patriotischen  Unruhe
für  ein  im  „Hintergründe  aller  Plane”  liegendes  Vaterland
hervorgegangene  Rückkehr  auf  Deutschen  Boden  gehört  zu  den
Handlungen,  die  sich  nur  aus  dem  Uebergewicht  des  Vertrauens
über  die  wohlbegründete  Bitterkeit  erklären.  Dieser  Irrthum,
den  wir,  wenn  es  nicht  zu  weichlich  klingt,  als  den  des  patriotischen ­
  Herzens  bezeichnen  möchten,  hat  sich  durch  das  Endo
thatsächlich  berichtigt.  Nach  einer  im  eminenten  Sinne  des
Worts  rastlosen,  zugleich  rein  theoretischen  und  publicistisch
den  Angelegenheiten  des  Zollvereins  zugewendeten  Thätigkeit
musste  der  Deutsche  Patriot  schliesslich  184G  ein  männliches
Endo  suchen  und  in  Kufstein  von  dem  Pistol  Gebrauch  machen,
        <pb n="357" />
        —  341  —

welches  ihm,  um  mit  den  Worten  eines  Amerikaners  zu  reden,
„das  dankbare  Vaterland  in  die  Hand  drückte.”
3.  Zu  einer  Stellung  von  praktisch  politischer  Bedeutung
in  dem  Rahmen  der  in  Deutschland  möglichen  Functionen  war
List  nie  gelangt.  Er  war  als  Amerikanischer  Consul  zurückgekehrt ­
  und  zunächst  in  Hamburg,  sowie  später  in  Leipzig
unter  dem  Schutz  dieses  ziemlich  gleichgültigen  und  uneinträglichen ­
  Amtes  wenigstens  geduldet  gewesen.  Später  hatte  er
sich  wieder  in  Süddeutschland,  namentlich  Augsburg,  aufgehalten ­
  und  gelegentlich  auch  im  Auslande  umgesehen.  Noch
im  letzten  Jahr  war  er  in  England  und  liess  sich  von  den
dortigen  Kornzolldebatten,  die  im  Sinne  seiner  den  Ackerbauschutz ­
  gänzlich  verwerfenden  Theorie  verliefen,  fast  mehi  als
nöthig  einnehmen.  Von  seinen  Negociationsversuchen,  in  denen
er  durch  Leute,  wie  den  Preussischen  Gesandten  Bunsen,  bestärkt ­
  wurde,  reden  wir  weder  bezüglich  dieses  Englischen
Falles  noch  hinsichtlich  früherer,  nicht  in  gleicher  Weise  unangebrachter ­
  Unternehmungen.  Das  höhere  Alter  hatte  sicherlich
einen  Antheil  an  der  Idee,  den  wirthschaftlichen  Hauptgegnei

lieber  zum  Bundesgenossen  machen  zu  wollen.  Die  sehr
natürliche  Enttäuschung  über  diesen  Fehler  mag  ausser  den
Privatsorgen  und  physisch  krankhaften  Erregungen  wohl  am
meisten  jene  Stimmung  hervorgerufen  haben,  welche  die
Glelegenheitsveranlassung  zu  dem  letzten  Lebens-  und  lodesicte
  wurde.  Doch  ist  die  tiefere  Ursache  in  dem  Contrast  zu
suchen,  in  welchem  sich  die  im  Ganzen  ebenso  zutreifenden
ils  grossartigen  Conceptionen  der  Person  und  der  Mangel
îines  Vaterlandes  befanden,  dem  diese  Anschauungen  und
Leidenschaften  galten.  List  ist  daher  ungeachtet  seiner
Schwäche,  die  im  Gemüth  wurzelte  und  unter  weniger  verlorbenen
  öffentlichen  Verhältnissen  ein  Vorzug  gewesen  sein
würde,  als  ein  Märtyrer  des  Strebens  nach  Deutscher  Einheit
ind  Grösse  zu  betrachten.  Er  ist  von  seinem  Drange  und
^on  der  Zerfahrenheit  der  heimischen  Deutschen  Verhältnisse
überallhin  getrieben  worden,  wo  für  den  Deutschen  Geist
md  für  Analoga  der  nationalen  Idee  Anknüpfungspunkte  verlanden ­
  waren.  Er  hat  in  Philadelphia  zuerst  eine  zusammenlängende ­
  kurze  Darstellung  seiner  principiellen  Grundgedanken
irscheinen  lassen  und  er  hat  in  Europa  sogar  in  der  Hauptstadt ­
  Ungarns  persönlich  anregend  gewirkt.  Sein  Schicksal
        <pb n="358" />
        —  342

der  Heimathlosigkeit  erklärt  sich  aus  der  Epoche,  die  für
die  kühnen  Geister  seiner  Art  keine  Ruhestätte  hat,  oder  dieselbe ­
  nur  um  den  Preis  des  Verzichts  auf  unmittelbar  jjraktische
  Thätigkeit  oder  überhaupt  auf  ein  Leben  in  der  alten
Welt  ermöglicht.
Das  Hauptwerk  Lists  ist  das  „Nationale  System  der  politischen
  Oekonomie"  (zuerst  1841  und  nach  mehreren  Äuflagen
auch  als  dritter  Band  der  1850—51  erschienenen  Werke).  Die
treibenden  Gedanken  des  Systems  waren  jedoch  schon  in  Amerikanischen ­
  Zeitungen  längst  veröffentlicht  gewesen  und  auch
1827  zu  Philadelphia  als  besondere  Schrift  erschienen.  Letztere
,¡Umrisse  eines  neuen  Systems  der  politischen  Oekonomio”
(Outlines  of  a  new  system  of  political  economy),  die  unter
etwäs  variirendem  Titel  zur  Propaganda  benutzt  wurden,  enthielten ­
  schon  die  theoretisch  entscheidenden  Punkte,  unter
denen  für  den  allgemeinen  wissenschaftlichen  Gang  der  Nationalökonomie ­
  die  Erkenntniss  des  gew  altigen  Unterschiedes  zwischen
Werthen  und  productiven  Kräften  hervorragt,  welche  als  eine
sehr  erhebliche  Vorbereitung  und  partielle  Vor  Wegnahme  der
ein  Jahrzehnt  später  formulirten,  in  ihrer  schliesslichen  Entwicklung ­
  die  gesammto  ökonomische  Anschauungsweise  umwälzenden ­
  Werththeorie  Oareys  zu  betrachten  ist.  Für  die
Handelspolitik  war  der  an  die  Spitze  gestellte  Gegensatz  der
kosmopolitischen  und  der  politischen  Oekonomie  von  der
grössten  Bedeutung.
Der  zweite  Band  der  vorher  erwähnten  „Gesammelten
Schriften”  enthält  eine  Auswahl  aus  den  kleineren  Arbeiten,
während  der  erste  ein  ausführliches  biographisches  Material
bietet.  Der  Bearbeiter  des  letzteren,  der  zugleich  als  Herausgeber ­
  die  Auswahl  aus  dem  literarischen  Nachlass  bestimmte
(der  1867  verstorbene  Heidelberger  Geschichtsprofessor  Häusscr)»
hat  unglücklicherweise  zu  wenig  nationalökonomische  Fachkenntniss
  besessen  und  auch  übrigens  zu  viel  collegialischc  und
andere  Rücksichten  genommen,  um  seinem  Gegenstände  gerecht
zu  werden.  Als  ein  Beispiel  seiner  gesinnuugsschwachen  Verfahrungsart
  mag  der  Umstand  gelten,  dass  dieser  volle  Band
Biographie  über  das  Lebensende  seines  Helden  einen  solchen
Schleier  breitet,  dass  Niemand,  der  den  Ausgang  nicht  im
Besondern  kennt,  eine  unzweideutige  Vorstellung  gewinnen
wird.  In  einem  ähnlichen  schwächlichen  Geiste  sind  viele
        <pb n="359" />
        —  3á3  —
ïuidero  l^uiikte,  nameiitlioh  die  Beziehinigeiilüiets  zur  schola^di-Bcheii
  (Delconoinie  der  I)eut8chen  llnivorBitäteu  behaiidelL
Von  dem  wisseuBchaftlich  volkswirthschaftlichen  TJrtheil  des
]3iograj)hon  lomn  inau  gamz  sclnveigeii.  Idmi  iruusa
diese  Art  von  Lebensbearbeitung  und  Recbenscbaftsablegung,  die
den  Deutschen  Nationalökonomon  par  excellence  ^n  Beiten
der  professoralen  Charakterlosigkeit  eines  dürftigen  Historikers
nachträglich  getroffen  hat,  als  ein  Nachspiel  zu  den  im  Leben
selbst  ^probten  Schicksalen  ansehen.  Halbe  oder  sogenannte
Freunde  haben  ihm  vor  und  nach  dem  Tode  durch  i  le
Schwächlichkeit  und  Hrtheilslosigkeit  mehr  geschadet,  als  die
stärksten  Angriffe  der  Feinde  in  theoretischer  Beziehung  vermochten. ­
  List  steht  daher  auch  mit  seiner  literanschen
Hinterlassenschaft,  die  bis  jetzt  erst  zu  einer  fast  dürftig  zu
nennenden  Ausgabe  und  zu  äusserst  unzulänglichen,  vo  kswirthschaftlich
  unkritischen  Mittheilungen  aus  seinem  vmlgestaltigen
  Leben  geführt  hat,  noch  immer  als  eine  Erscheinung
da,  deren  volle  Würdigung  erst  mit  dem  Dasein  eines  in  der
Freiheit  mächtigen  Deutschland  zu  erwarten  ist.  Ausser  dem
besondern  Interesse  der  Nationalökonomie  kommt  bei  Allem,
was  List  betrieb,  die  allgemeine  Geschichte  und  Politik  so
sehr  in  Frage,  dass  man  es  später  bedauern  würde,  wenn  in
dieser  Richtung  die  wichtigen  und  zuverlässigen  Indicien,  die
seine  privaten  Kundgebungen  und  seine  zerstreuten  literanschen
Arbeiten  von  geringer  Zugänglichkeit  enthielten,  unbenutzt
bleiben  müssten.  .
Dio  kleineren  Aufsäteo  im  erwähnten  “
mmm
welcher  die  schon  im  „Nationalen  System  ansgefuhrten  Themata ­
  speeieller  ins  Ange  fasst,  bedarf  keiner  besondern  Aufzählnng.
  Auch  auf  den  reichen  Inhalt  an  politischen  Gesichtspunkten,
  den  man  hier  antiifft,  können  wir  nicht  näher  emgchen.
  Das  Wesentlichste  davon  ist  übrigens  auch  im  Haupt-
        <pb n="360" />
        344

werk  vertreten  und  jedem  Leser  zugänglich,  dessen  freier  Blick
nicht  etwa  durch  scholastische  Beschränktheit  getrübt  wird.
List,  der  auch  Englisch  und  Französisch  schrieb,  von  Natur
jeder  pedantischen  Darstellungsart  widerstrebte  und  in  der
freieren  politischen  Luft  anderer  Staaten  und  namentlich  Nord-^erikas
  die  ungeniessbare  Auslassungsweise,  mit  welcher  das
Deutsche  Publicum  heimgesucht  wird,  vollends  verachten  o-oiernt
  hatte,  —  ist  durch  seine  Schriften  auch  ein  Muster  echt
populärer,  anschaulich  lebendiger  und  naturwüchsig  frischer
MiWheilungsart  geworden.  Diese  Thatsache  bedeutet  um  so
mehr,  als  es  nicht  breit  ausgetretene  Theorien,  sondern  zu
emem  gossen  Theil  neue  geniale  Aufstellungen  waren,  die  in
leser  Gestalt  an  das  weitere  Publicum  der  Geschäftsleute  «mlaiigten.
  Noch  heute  kann  eine  Vergleichung  des  Listschon
Buchs  mit  den  vertrockneten,  schlecht  gesammelten  und  noch
schlechter  geordneten  Compilationsfrüchten  der  gebrauchtesten
Handbücher  lehren,  dass  es  sich  bei  den  Arbeiten  unseres
Dcu^chen  Nationalökonomon  um  ein  Werk  gehandelt  habe,
welches  auch  schon  durch  seine  äusserliche  Physionomie  auf
ein  Verwachsensein  mit  der  Zukunft  der  nationalen  Literatur
deutete.  Dieser  Umstand  wird  Niemandem  gleichgültig  erlernen, ­
  der  da  weiss,  dass  selbst  die  Geschichte  der  strengsten
issenschaften  lehrt,  wie  die  bahnbrechenden  Geister  auch  in
Rücksicht  auf  die  Darstellung  die  Hinwendung  zur  allgemein
verständlichen  Ausdrucks  weise,  mindestens  aber  zur  unentstellten ­
  Nationalsprache  vertreten  haben.  Es  ist  den  Heroen
der  Wissenschaftsgeschichte,  soweit  dieselben  wirklich  vom
ersten  Range  waren,  noch  in  keiner  Gattung  eingefallen,  in
Ihrer  Auslassungsform  dem  literarischen  Chinesenthum  zu  huldigen.

Das  „Nationale  System”  ist  in  die  verschiedensten  Sprachen
übersetzt  worden.  Eine  Amerikanische  Ausgabe  mit  einer  Einleitung
  von  Colwell  und  den  Anmerkungen,  welche  Richelot
1  Uebersetzung  beigefügt  hatte,  erschien  noch
1856  in  Philadelphia.  Eine  Ungarische  Uebersetzung  war  schon
früh  veranstaltet  worden,  und  überhaupt  hatte  sich  List  bei
den  Ungarn  auch  persönlich  einer  sehr  günstigen  Aufnahme  zu  erfreuen
  gehabt  und  Z.B.  auch  bei  Kossuth  einen  grossen  Eindruck
interlassen.  Dem  Urheber  des  ökonomischen  Nationalitätsprincips
  gegenüber  war  diese  Sympathie  vollkommen  am  Orte  und  ist
        <pb n="361" />
        3á5

noch  heute  allen  industriell  aufstrebenden  Nationen  natürlich.  In
jüngster  Zeit  hat  sich  auch  das  Russische  Interesse  für  die
Listscho  Hauptschrift  gesteigert.  Im  eignen  Vaterlande  waren
rasch  mehrere  Auflagen  gefolgt,  die  in  der  Theilnahme  des
weiteren  Publicums  für  eine  in  Deutschland  noch  ganz  unbekannte ­
  Darstellungsart  ihren  Grund  hatten  und  von  den  feindlichen ­
  Universitiitskreisen  her  wohl  beeinträchtigt,  aber  nicht
verhindert  werden  konnten.  Das  von  List  1843  begründete
Zollvereinsblatt  leistete  Ausser  ordentliches,  aber  Alles  hing
an  der  Kraft  der  einen  Person,  mit  deren  Tod  für  die  geistige
Führung  des  volkswirthschaftlichen  Deutschland  etwas  Aehnliches
  eintrat,  wie  wenn  ein  bedeutender  praktischer  Staatsmann ­
  seine  Schöpfung  vorzeitig  verlassen  muss.  Ja  die  Lage
war  in  einer  gewissen  Beziehung  noch  schlimmer.  Glosse
praktische  Organisationen  und  grosse  persönliche  Anregungen
einer  Staatskraft  wirken  auf  die  Epigonen  durch  die  zwingenden ­
  Thatsachen.  Wo  aber  vornehmlich  nur  der  in  Büchern
niedergelegte  Geist  in  Frage  kommt  und  die  erste  Anregung
einen  Theil  der  erforderlichen  That  repräsentirt,  da  wirkt  das
Abtreten  der  Persönlichkeiten  zunächst  noch  weit  ungünstiger.
Der  Mangel  des  verwandten  und  einer  ähnlichen  Aufgabe  gewachsenen ­
  Geistes  sowie  der  Rückfall  in  die  frühere  Trägheit
belassen  die  bedeutendste  Erscheinung  wieder  eine  Zeit  laug
im  Hintergründe.  Dieser  sehr  natürliche  Gang  der  Dinge
wurde  im  Falle  der  Listschen  Schriften  noch  dadurch  unterstützt, ­
  dsss  die  Rückschläge  gegen  die  Revolution  von  1848
die  Aufmerksamkeit  ablenkten.  Hiezu  kam  der  Umstand,  dass
die  Listschen  Aufstellungen,  wie  dies  fast  mit  allen  genialeren
Arbeiten  solcher  Gattung  der  Fall  gewesen  ist,  in  wesentlichen
Hauptpunkten  keine  völlig  abgeschlossene  und  gleich  einem
mathematischen  Satz  nur  fertig  hinzunehmende  Gestalt  hatten.
In  einem  Wissenszweig,  welcher  sich  um  eine  stienge  Grundlegung ­
  noch  erst  zu  bemühen  hatte,  kann  eine  solche  Beschaifonheit
  der  Theorien  nicht  ,befremden.  ^  Die  letztere  ist
vielmehr  ein  sicheres  Zeichen,  dass  wir  es  in  Lists  Arbeiten
mit  dem  Ringen  nach  den  bisher  unzugänglichsten  Einsichten
zu  thun  haben.  Für  das  volle  Verständniss  solcher  im
Schaffen  begriffener  Gedanken  ist  aber  ein  selbst  schöpferischer ­
  Geist  erforderlich,  und  wir  brauchen  uns  nur  daran
zu  erinnern,  was  die  Geschichte  über  die  Seltenheit  dieser
        <pb n="362" />
        346

Gattung  lehrt,  um  sofort  zu  begreifen,  dass  ein  List  nicht
allzu  rasch  Jemand  finden  würde,  der  seine  Sache  aufzunehmen
vermöchte.
4.  Obwohl  es  für  unsere  Aufgabe  nur  eine  Nebensache  ist,
gelegentlich  einmal  über  die  Theorien  hinauszugroifen  und  uns
um  besondere  Bestrebungen  zu  bekümmern,  so  würde  doch
Lists  wissenschaftliche  Rolle  unverständlich  bleiben,  wenn  wir
nicht  an  ein  paar  Züge  seiner,  die  Kühnheit  der  Epoche  spiegelnden ­
  Thätigkeit  hin  weisen  wollten.  An  der  Einleitung  der
Aera  der  Eisenbahnen  hat  er  einen  höchst  bezeichnenden  Antheil
  gehabt.  Er  ist  buchstäblich  derjenige  gewesen,  dessen
Name  mit  einer  der  ersten  derartigen  Anlagen  in  Nordamerika
und  ebenso  mit  der  ersten  erheblicheren  Unternehmung  in
Deutschland  verknüpft  ist.  Die  Linie  Leipzig-Dresden,  dio
gegen  die  Mitte  der  dreissiger  Jahre  betrieben  wurde,  war
speciell  sein  Work,  und  schon  1827  hatte  er  jciiseit  des  Oceans
eine  Eisenbahnschöpfung  (die  Ausführung  der  Tamaquabahn)
auf  Veranlassung  seiner  Entdeckung  eines  Kohlenlagers  projectirt
  und  in  Gang  gebracht.  Die  Geschichte  der  Eisenbahnen ­
  wird  ihn  daher  stets  unter  den  ersten  zu  nennen  haben,
die  das  neue  System  von  Oommunicationsmitteln  einführen
halfen.  Weit  bedeutender  als  diese  Betheiligungen  an  der
Praxis  war  aber  die  Art  und  Weise,  in  welcher  er  die  Idee
nationaler  und  systematischer  Bahnsysteme  entwarf  und  auch
mehrfach  zur  Geltung  brachte.  An  allererster  Stelle  steht
dagegen  seine  Theorie  der  volkswirthschaftlichen  Wirkungen
der  Eisenbahnen  auf  die  Production.  Ihr  Hauptgedanke,  der
durch  Statistiker  der  Gegenwart,  wie  Dudley  Baxter,  als  eine
ganz  neue  Sache  vertreten  und  bewiesen  worden  ist,  bestand  darin,
nicht  im  Geiste  der  älteren  nationalökonomischen  Theorie  blos
die  unmittelbaren  Ersparungen  an  den  bisherigen  Transportkosten, ­
  sondern  die  durch  das  neue  Verkehrsmittel  ermöglichten ­
  positiven  Erweiterungen  des  landwirthschaftlichen  und
industriellen  Productionsumfangs  in  Rechnung  zu  hringen  und
als  die  entscheidende  Ursache  der  grossen  Wirkungen  anzusehen. ­
  Eine  solche  Auffassung  wäre  im  Rahmen  der  Ueberlieferungen
  der  Smith  sehen  Oekonomie  eine  Unmöglichkeit
gewesen.  '
Man  wird  vielleicht  fragen,  wie  Jemand,  der  so  Vieles
von  praktischem  Erfolg  anregte,  selbst  niemals  dauernd  zu
        <pb n="363" />
        8áT

îincr  völlig  gesicliertcii  Existenz  gelangte.  Statt  aller  Aus-3Ínandei'setznngen
  erinnern  wir  nur  an  den  schon  erörterten
üharakterzug,  demzufolge  List  durch  allzu  edelniüthiges  Vertrauen ­
  auch  in  den  fraglichen  Fällen  um  die  sonst  selbstverständlichen ­
  Früchte  seiner  Bemühungen  kam.  Sein  eigner
Vortheil  wurde  von  ihm  niemals  in  den  Vordergrund  gestellt,
sondern  im  Gegentheil  den  Ideen  geopfert.  In  Amerika  war
er  durch  seinen  Unternehmungsgeist  und  die  erwähnte  Kohlenentdeokung
  zu  einem  Vermögen  gelangt,  welches  jedoch  wieder
verloren  ging,  als  ihn  sein  Patriotismus  zur  Rückkehr'  nach
Deutschland  vermocht  und  so  die  gehörige  persönliche  Wahrnehmnng
  seiner  transatlantischen  Interessen  unmöglich  pmacht
hatte.  Ueher  die  Dankbarkeit  des  Leipziger  Eisenbahndirectoriums
  geräth  sogar  sein  Biograph  in  einige  Entrüstung.  en
noch  wollen  wir  unsern  Nationalökonomen  nicht  in  jeder
Beziehung  von  einiger  Schuld  an  den  Ghicanen  und  dein  Undank
  freisprechen,  womit  ihm  in  vielen  Fällen  und  überhaupt
im  Grossen  und  Ganzen  gelohnt  wurde.  Von  Anerkennungen
in  der  Gestalt  von  Ehrenpokalen  und  ausnahmsweise  auch
einmal  einer  Ehrendoctorirung  konnte  er  nicht  leben,  und.es
hiess  in  ökonomischen  Dingen  doch  etwas  zu  liberal  verfahren,
von  dem  Billigkeitsgefühl  seiner  Landsleute  das  zu  erwarten,
was  nur  durch  die  Logik  der  Interessen  zuverlässig  zu
sichern  ist.  ^  ^  ^
Um  in  letzterer  Beziehung  ein  für  alle  Mal  abzuschliessen
und  zugleich  anzudeuten,  in  welcher  Richtung  auch  le
rieilen  oder  formalen  Schwächen  der  Theorie  von  em
lakter  und  der  zugehörigen  Gestaltung  beeinñusst  wu^-^^en,  sei
daran  erinnert,  dass  List  ein  Süddeutscher  war  und  '
lieh  einige  gute  Eigenschaften  der  Heimath  eines  Schiller  m
einer  Richtung  geltend  machte,  in  welcher  sie  grade  eines
ilusserst  vorstandesmässigen  Gegengewichts  bedurften  Die
schlimmste  Wirkung  dieser  Schwäche  ist  jedoch  nicht  das
praktische  Missgeschick,  sondern  die  Gestaltung  der  theoretischen ­
  Polemik  gewesen.  Hier  hat  List,  dem  die
immer  nur  persönliche  Motive  unterschoben,  stets  die  Sache
mit  Hintansetzung  seiner  Person  und  zwar  mit  einer  solchen
Vernachlässigung  seiner  eignen  Position  im  Auge  ge  a  ,  ass
cr  hiedurch  seine  besten  theoretischen  Bestrebungen  beeinträchtigte. ­
  Er  hat  den  Krieg  gegen  die  feindlichen  Elemente
        <pb n="364" />
        3á8

so  leicht  genommen,  wie  der  Goethesche  Egmont  das  Leben.
Er  verfuhr  zu  arglos  und  gab  sich  da,  wo  jede  Aeusserung,
die  ein  wenn  auch  nur  scheinbares  Zugeständniss  enthielt,  oder
auf  eine  eigne  ungepanzerto  Stelle  offenherzig  hin  wies,  unter
den  Händen  der  Verleumder  zum  Zielpunkt  vergifteter  Pfeile
werden  musste,  —  so  leichten  Muthes  Preis,  dass  sich  dieses
Verfahren  nur  aus  dem  Bewusstsein  des  besten  Rechts  und
aus  dem  Vertrauen  auf  die  Zukunft  einigermaassen  erklärt.
Unter  der  Voraussetzung  der  Doppelrolle  einer  zugleich  theoretischen ­
  und  praktischen  Aufgabe  war  es  aber  noch  weit
weniger  angebracht,  als  wenn  es  sich  ausschliesslich  um  eine
auf  die  späteren  Generationen  zählende  wissenschaftliche  That
gehandelt  hätte.  Die  Vorrede  zum  „Nationalen  System”  ist
ein  Musterbeispiel  für  jene  bedenkliche  Auslassungsart.  Sie
verbreitete  sich  zwar  mit  Recht  ein  klein  wenig  über  ein  paar
Repräsentanten  des  Volkswirthschaftlichen  Chinesenthums  auf
Deutschen  Lehranstalten,  streifte  aber  die  natürlichen  Widersacher ­
  nur  so  leicht,  als  wenn  die  Angelegenheit  hätte  von
beiden  Seiten  ein  blosses  Spiel  des  Humors  sein  können.
Ausserdem  drückte  sich  List  unter  dem  Eindruck  des  Maasses
und  dei  Ideale,  die  er  selbst  bei  seinen  Arbeiten  vor  Augen
hatte,  in  Rücksicht  auf  seine  Leistungen  unsicherer  aus,  als  er
wirklich  war,  sobald  er  die  ihn  bekrittelnde  Misere  mit  seinem
eignen  Rieis  von  Ideen  und  Einsichten  zu  vergleichen  hatte.
Im  letzteren  Palle  war  er  nun  stets,  wenn  er  sich  unmittelbar
in  der  Sache  und  in  seinem  Element  bewegte.  Hier  trifft  man
nirgend  auf  jene  zögernde  Ausdrucksart,  in  die  er  so  leicht  verfiel, ­
  sobald  er  glaubte,  sich  so  ausdrücken  zu  müssen,  als  wenn
die  Kritik,  an  die  er  dachte,  schon  dem  Augenblick  oder  auch
nur  seinem  Zeitalter  angehören  könnte.  Diese  Täuschung  hat
ihm  viel  geschadet,  und  die  nachfolgende  Darstellung  wird
zeigen,  dass  er  mit  dem  Instincte  des  Genies  für  grössere
Ziele  gearbeitet  hat,  als  er  selbst  mit  klarem  Bewusstsein  ins
Auge  fasste.
5.  Wollen  wir  in  der  volkswirthschaftlichen  Theorie  bei
der  Darstellung  der  entscheidenden  Anschauungen  dem  Rangverhältniss
  folgen,  welches  der  Urheber  selbst  zur  Geltung
brachte,  so  müssen  wir  mit  dem  ökonomischen  Nationalitätsjrrincip
  beginnen.  Während  die  Smithsche  Volkswirthschaftslehre
  nur  Individuen  und  Privatwirthschaften  kannte,  schaltete
        <pb n="365" />
        849

List  auch  in  ökonomischer  Beziehung'  zwischen  dem  Einzelnen
und  der  Menschheit  das  Mittelglied  der  Nation  als  Träger
eines  relativ  selbständigen  Wirthschaftslebens  ein.  Er  glaubte
hiemit  etwas  Aehnliches  gethan  zu  haben,  wie  in  ihrem  Gebiet
die  historische  Rechtsschule,  indem  sie  dem  älteren  Naturrecht ­
  gegenüber  die  nationalen  Voraussetzungen  und  Daseinsformen ­
  des  Rechts  zum  Bewusstsein  gebracht  hätte.  Doch
hinkt  diese  Vergleichung  insofern,  als  der  Deutsche  Nationalökonom ­
  nicht  rückwärts  sondern  vorwärts  strebte,  und  als  sein
Eifer  nicht  vornehmlich  der  Vergangenheit,  sondern  wesentlich ­
  der  Gegenwart  und  Zukunft  galt.  Auch  begitindete.  er
ein  System,  während  sich  die  Cultur  der  Rechtswissenschaft
vorherrschend  gegen  alles  Naturrecht  kehrte  und  sich  auf  die
Feststellung  einer  möglichst  reinen  Theorie  der  alten  Römischen ­
  Rechtsquollen  oder  aber  in  der  Germanistischen  Nebenrichtung ­
  auf  eine  Deutsche  Reichs-  und  Rechtsgeschichte  beschränkte. ­
  Allerdings  hat  List  sein  ökonomisches  Nationalitätsprincip
  auf  die  Geschichte  begründet,  wie  dies  auch  die  Anlage ­
  seines  Werks  zeigt.  Er  hat  in  dieser  wie  in  andern  Beziehungen ­
  eine  achtungswerthe  geschichtliche  Methode  vertreten ­
  und  ist  als  derjenige  anzusehen,  dessen  Leistungen  bis
jetzt  allein  dazu  berechtigten,  in  Deutschland  von  einer  eigenartig ­
  historischen  Behandlungsart  der  Nationalökonomie  zu
reden.  Richten  wir  jedoch  unsere  Aufmerksamkeit  zunächst
speciell  auf  das  grosse  Princip,  dessen  Tragweite  noch  \on
mancher  Nation  in  den  verschiedensten  Gestalten  und  ®
nach  den  gewaltigsten  Veränderungen  der  Gesellschaft  in  r
fahrung  gebracht  worden  dürfte.
Eine  jede  Nation,  die  gross  genug  ist,  um  einen  in  den
verschiedenen  wesentlichen  Beziehungen  gehörig  ausgerüsteten
Staat  zu  bilden,  und  die  ausserdem  in  ihrem  Bereich  die  Vorbedingungen
  einer  allseitig  wirthschaftlichen  Entwicklung  umschliosst,
  muss  auch  die  Grundlage  einer  in  einem  gewissen
Maas  so  selbstgonugsamen  Oekonomie  werden.  Sie  muss  sic
andern  Nationen  gegenüber  auch  wirthschaftlich  als  eine  solidarische ­
  Gemeinschaft  betrachten,  deren  Interessen  einen  sei
ständigen  Mittelpunkt  haben  und  von  denen  der  andern
nationalen  Wirthschaftskörper  zu  unterscheiden  sind.  Wenn
nach  dem  modernen  politischen  Princip  irgend  eine  überwiegende ­
  Nationalität  die  Unterlage  des  Staats  bilden  muss,  so
        <pb n="366" />
        850

entspricht  dieser  Noth  Wendigkeit  ein  analoges  Verhältnis  s  für
das  Gesammtleben  im  Bereich  der  Volkswirthschaft.  Die
letztere  ist  im  eminenten  Sinne  gar  nicht  möglich,  solange  sie
der  grossen  Bindemittel  entbehrt,  die  ihr  nur  im  Rahmen  eines
nationalen  Staatsganzen  zu  Theil  worden.  Die  Woltwirthschaft
besteht,  soweit  man  von  einer  solchen  bereits  reden  kann,  nicht
unmittelbar  aus  Privatökonomien,  sondern  zunächst  aus  Nationalwirthschaiten,
  durch  deren  organische  Vermittlung  über  die
kosmopolitischen  Beziehungen  der  Einzelnen  entschieden  wird.
In  einer  auch  äusserlich  geistvollen  Wendung  stellte  List  der
kosmopolitischen  die  im  engem  Sinne  des  Worts  politische
Oekonomie  entgegen.  Als  Merkmal  der  letzteren  sah  er  die
praktische  Berücksichtigung  der  politischen  Zusammcngohörigkeit
  und  Solidarität  vermöge  einer  entsprechenden  Wirthschaftsgestaltung
  an.  ^
Die  Geschichte  selbst  hat  durch  die  manuichfaltigston
Mittel  und  in  den  verschiedensten  Richtungen  dafür  gesorgt,
dass  dem  ökonomischen  Nationalitätsprincip  in  der  Entwicklung
des  modernen  Staats  auch  da  entsprochen  worden  ist,  wo  man
sich  von  dem  Sinne  der  geschaffenen  Verhältnisse  zunächst
keine  theoretische  Rechenschaft  gegeben  hat.  So  liegt  z.  B.
in  den  grossen  Centralbanken  ein  mächtiges  Bindemittel,  welches
die  Einheit  der  nationalen  Wirthschaft  im  Credit,  d.  h.  in  der
subtilsten  Sphäre  von  Beziehungen  veranschaulicht,  ohne  dass
hiemit  gesagt  sein  soll,  es  sei  der  absorbirende  Charakter
solcher  Centralisationen  etwas  auf  die  Dauer  Wesentliches  oder
auch  nur  Haltbares.  Wohl  aber  wird  für  eine  einheitliche
Volkswirthschaft  eine  entsprechende  natürliche  Concentration,
wie  sie  mit  einer  freien  Gestaltung  des  Creditmechanismus  verträglich ­
  ist,  nie  fehlen  können,  solange  überhaupt  der  Credit
selbst  oder  etwas  seinen  Verrichtungen  Aehnliches  bestehen
bleibt.  Das  Wirthschaftsleben  strebt  nach  diesen  und  ähnlichen
Einheitsgebilden,  und  soweit  das  politische  Band  reicht,  worden
ihm  auch  stets  eigenthümliche  ökonomische  Zusammengehörigkeiten ­
  entsprechen.  Die  Gestaltung  der  Eisenbahnsystomo,
die  durch  List  ebenfalls,  ehe  sie  noch  existirten,  im  nationalen
Sinne  entworfen  wurde,  bezeugt  in  ihrer  wirklichen  Beschaffenheit ­
  die  Wahrheit  des  Princips.  Sie  lehrt  die  grosso  Abhängigkeit ­
  der  Eormirung  der  Netze  von  den  politischen  Configurationen,
  so  dass  man  aus  der  Bahnkarte  eines  Landes  auf  die
        <pb n="367" />
        851

grössere  oder  geringere  Concentration  seiner  politischen  Ver
fassung  zu  schliessen  vermag.  In  den  Verkehrssystemen  hat
sich  überall  die  politische  Anziehungskraft  bethätigt.  Jedoch
würde  man  oberflächlich  verfahren,  wenn  man  den  Sinn  des
ökonomischen  Nationalitätsprincips  allein  in  derjenigen  Richtung ­
  suchen  wollte,  in  welcher  die  Staats-  und  Staatenpolitik
als  entscheidende  Ursache,  die  entsprechende  einheitliche  Gestaltung
  der  Wirthschaft  aber  als  Wirkung  erscheint.  Die  umgekehrte
  Richtung  des  Einflusses  ist  mindestens  in  glmchem
Maass  in  Anschlag  zu  bringen  und  hat  überdies  vom  Standpunkt
  der  rein  ökonomischen  Theorie  ein  weit  grösseres  Interesse.
  Es  ist  die  sich  entwickelnde  und  sich  stufenweise  concentrirende
  Gemeinschaft  des  Wirthschaftslebens,  welche  ini
Rahmen  des  politisch  gesicherten  Daseins  selbstthatig  neue,
rein  ökonomische  Bindemittel  schafft  und  so  die  Glieder  des
Staats  immer  fester  aneinander  kettet.  Der  Zollverein,  für
den  in  der  Idee  und  in  der  Wirklichkeit  List  so  unvergleichlich ­
  viel  ge  than,  braucht  nur  genannt  zu  werden,  um  als  ein
Beispiel  jener  staatsbildenden  Kraft  der  Wirthschaftsgemeinschaft
  jeden  Zweifel  zu  beseitigen.
Das  ökonomische  Nationalitätsprincip  ist  als  solches  von
der  besonderii  Gestaltung  der  Mittel  unabhängig,  durch  die  es
sich  in  den  verschiedenen  Epochen  verwirklichen  mag.  Auch
die  Fehlgriffe,  die  in  seiner  iustinctiven  oder  bewussten  Anwendung ­
  hervortreten,  können  seinen  Werth  nicht  wesent  ic  i
und  dauernd  beeinträchtigen.  In  der  Grossstaatenbildung  er
neuern  Zeit  hat  es  zuerst  seine  erhebliche  historische  Verwir  -
lichung  gefunden  oder,  genauer  geredet,  diejenige  Gestal  angenommen,
  in  welcher  man  ihm  gegenwärtig  seine  Aufmerksamkeit ­
  zuzuwenden  hat.  Es  ist  in  dieser  Beziehung  namen  -
lieh  mit  dem  Golbertismus  verwachsen  gewesen  und  hatauch
in  neuster  Zeit  im  Schutzsystem  sein  hauptsächlichstes  Mittel
gesucht.  In  der  Amerikanischen  Union  hat  es  England  gegenüber
  seine  am  meisten  energische  Anwendung  gefunden,  deren
Nachhaltigkeit  seit  dem  Rebellionskriege  bedeutend  gestiegen
ist.  Doch  wir  wollen  hier  keineswegs  der  spätem  Darstellung
der  Amerikanischen  Theorie  vorgreifen,  sondern  nur  daran  erinnern,
  welche  praktische  Rolle  die  Schutzdoctrinen  bis  auf
den  heutigen  Tag  grade  da  gespielt  haben,  wo  die  politische
Freiheit  und  ein  Stück  socialer  Emancipation  offenbar  noch
        <pb n="368" />
        852

am  nachdrücklichsten  vertreten  sind.  List  forderte  ein  principielles
  Manufactiirschutzsystem  hei  vollständigster  Verkehrsfreiheit ­
  im  Innern,  um  auf  diese  Weise  eine  Position  gegen
das  Ausland  zu  gewinnen.  Seine  Bestrebungen  in  den  vierziger
Jahren  haben  das  betheiligte  Publicum  vielfach  über  die  handelspolitischen ­
  Interessen  aufgeklärt  und  auf  diese  Weise  indirect ­
  auch  einen  Einfluss  auf  die  Zollvereinspolitik  geübt.
Das  gegenwärtige  Amerikanische  System  ist  wesentlich
nichts  Anderes,  als  das,  wofür  List  schon  1827  die  theoretischen
Formeln  verzeichnet  hatte.  Ja  selbst  die  Benennung  als
„Nationales  System”  für  den  fraglichen  Inbegriff  von  Bestrebungen ­
  und  Mitteln  ist  sogar  in  den  transatlantischen  Journalen
etwas  ganz  liebliches.  Dennoch  würde  man  die  Idee  unseres
grossen  Nationalökonomen  zu  eng  fassen,  wenn  man  dasjenige
Mittel,  welches  er  zur  Ausführung  des  Princips  vom  momentan
praktischen  Gesichtspunkt  aus  im  Auge  behalten  wissen  wollte,
als  einen  unter  allen  Umständen  wesentlichen  Bestandtheil  der
Anwendungen  oder  gar  als  Element  der  neuen  tiefem  Erkenntniss
  betrachten  wollte.  Es  ist  nänllich  das  allgemeine
Princip,  welches  den  Schutzzöllen  theoretisch  unterstellt  wurde
und  praktisch  zur  Handhabung  des  Systems  mitwirkte,  an  sich
selbst  ein  bleibendes,  von  der  Zeit  unabhängiges  und  daher  die
Schutzzölle  selbst  überdauerndes.  Es  verhält  sich  das  ökonomische ­
  Nationalitätsprincip  zum  Schutzsystem,  wie  das  allgemeine ­
  Associationsprincip  zu  dem  Regime  bestimmter  körperschaftlicher ­
  Gebilde.  Die  Mittel  der  socialen  Vereinigung  und
der  Schöpfung  von  Solidaritäten  können  verschieden  sein  und
vielen  Wandlungen  unterliegen,  während  die  principiellen
Triebkräfte  als  dauernde  Ursachen  unverändert  fortwirken.
Eine  solche  Bewandtniss  hat  es  nun  auch  mit  dem  Listschon
Princip  der  nationalwirthschaftlichen  Solidarität,  und  nur  die
beengteste  Auffassung  kann  dahin  führen,  diese  grosse  und
wissenschaftlich  fruchtbare  Idee  mit  dem  Gesichtspunkt  dos
Zollschutzes  der  Manufacturen  für  einerlei  zu  halten.  Der  Urheber ­
  des  Princips,  der  ausser  der  allgemeinen  Theorie  auch
die  von  den  bosoudern  Verhältnissen  geforderten  Maximen  der
Praxis  zu  verzeichnen  hatte,  konnte  allerdings  den  obersten
Grundsatz  in  seinem  Sinne  nicht  weiter  ausführen,  ohne  mit
demselben  zugleich  eine  Schutzzolltheorio  zu  verbinden.  Er
that  dies  in  einer  Weise,  die  sicherlich  einen  sehr  modernen
        <pb n="369" />
        353

Geist  atbmetc.  Zunächst  erklärte  er  den  Ackerbauschutz  principiei! ­
  für  unhaltbar  und  sah  in  den  Englischen  Korngesetzen,
schon  oho  die  Ligue  deren  Abschaffung  durchgesetzt  hatte,
grundsätzlich  eine  Hemmung  der  Brittischen  Machtentwicklung.
Er  machte  wiederholt  darauf  aufmerksam,  dass  die  Beseitigung
der  Zollhindernisse  der  Englischen  Korneinfuhr  die  Kraft  der
Brittischen  Industrie  steigern  müsse,  und  in  dieser  Hinsicht
nahm  er  sicherlich  einen  Standpunkt  ein,  wie  ihn  sich  die  Freihändler ­
  nur  irgend  wünschen  konnten.  Dagegen  forderte  er
den  Manufacturschutz,  weil  es  besser  sei,  lieber  Fabiiken  als
Fabricate  einzuführen.  Auf  die  tiefem  Gründe  dieses  ^  erlangens
  können  wir  jedoch  erst  eingehen,  wenn  wir  das  Listsohe
Gesetz  der  Bevölkerungscapacität  dargelegt  haben  werden.  An
dieser  Stelle  kommt  es  darauf  an,  die  Unabhängigkeit  des
wirthschaftlichen  Nationalitätsprincips  von  dem  Schutzsystem
zu  erläutern.  Ein  entscheidendes  Beispiel  für  diese  Unabhängigkeit ­
  bilden  die  Fragen,  welche  sich  an  die  Gestaltung  der
Eisenbahntarife  knüpfen.  In  letzterer  Beziehung  kann  man
das  solidarische  Interesse  der  Nation  wirksam  ins  Auge  fassen
und  durch  die  Regelung  der  Bahntarife  eine  Handels-  und  Wirthschaftspolitik
  üben,  die  ohne  irgend  welche  Ausschliessungsgrundsätze ­
  und  mithin  in  ganz  positiv  unterstützender  Weise
die  Interessen  der  nationalpolitischen  Wirthschaftsgemeinschaft
wahrnimmt.  In  dem  Maasse,  in  welchem  das,  was  man
früher  als  Mittel  zum  Zweck  ansah,  sich  als  hinfällig  und  illusorisch ­
  zeigt,  müssen  positive  und  direct  fördernde  Zurüstungen
•die  Volksindustrie  planmässig  entwickeln.  Das  Element  der
Ausschliessung  hört  dann  auf,  die  am  meisten  wesentliche  Rolle
zu  spielen,  und  es  tritt  an  dessen  Stelle  die  positive  Zusammenfassung ­
  der  wirthschaftlichen  Volkskraft  durch  die  verschiedensten ­
  und  schliesslich  durch  die  socialitären  Institutionen.  Hi  emit
sind  wir  jedoch  bei  der  Grenze  angelangt,  an  welche  die  Listschen
  Ideen  nicht  mehr  heranreichten,  obwohl  sie  denjenigen,
welcher  dieselben  heut  aufnimmt,  sehr  leicht  weiter  tragen  und
ihm  bei  einiger  Vertiefung  in  ihren  Geist  die  wichtigsten  Aufschlüsse ­
  erlheilen.
6.  Die  Nothwendigkeit  der  Einhaltung  des  wirthschaftlichen
Nationalitätsprincips  wurde  von  unserm  Autor  an  den  Schicksalen ­
  der  einzelnen  Nationen  der  neuern  Zeit  erfahrungsmässig
entwickelt  und  in  dieser  Gestalt  zum  ersten  Abschnitt  seines
Dttbring,  Geschichte  der  Nationalökonomie.  2.  Auflage.  23
        <pb n="370" />
        354

Grundwerks  gemacht.  Diesem  historischen  Ausgangspunkt
entsprachen  in  seiner  eignen  individuellen  Beobachtung  die  Ereignisse ­
  nach  den  1815  beendigten  Kriegen.  Die  Schädigungen,
welche  durch  das  plötzliche  Ein  strömen  der  Brittischen  Artikel
für  die  Fabriken  erwuchsen,  die  unter  dem  Schutz  der  natürlichen ­
  oder  künstlichen,  aus  dem  Kriegszustände  hervorgegangenen ­
  Absperrung  möglich  geworden  waren,  —  diese  mir  allzu
sichtbaren  Verletzungen  der  einheimischen  Production  sind  cs
zuerst  gewesen,  was  den  patriotischen  Nationalökonomen  schon
früh  bewogen  hat,  die  herkömmlichen  Schuldoctrinen  aufzugehon.
Die  Kenntnissnahmo  von  den  Nordamorikanischen  Zuständen
musste  ihn  in  dieser  Richtung  bestärken,  und  er  verdankt  dem
Umstande,  dass  er  die  Bücher  der  alten  mit  dem  Buch  der
neuen  Welt  vertauschte,  einen  grossen  Theil  der  Originalität
seiner  Anschauungen.  Die  Beschränktheit  der  Europäischen
und  namentlich  der  continentalen  Auffassung  musste  weichen,
sobald  die  Tiefe  des  Deutschen  Geistes  mit  den  transatlantischen ­
  Thatsachen  in  Berührung  kam.  Dort  vollzogen  sich
wirthschaftliche  Hergänge,  die  sich  in  der  alten  Welt  über
Jahrhunderte  erstreckt  haben,  bisweilen  in  Jahrzehnten.  Dort
Hess  sich  das  Werden  der  ökonomischen  Thatsachen  und  das
Spiel  der  Veränderungen  noch  unmittelbar  überschauen,  und
noch  heute  muss  man  behaupten,  dass  es  für  die  Ausbildung
ökonomischer  Theorien  kein  geeigneteres  Mittel  giebt,  als  das
unbefangene,  von  dem  Schulstaub  der  alten  Welt  befreite  Studium ­
  der  mannichfaltigen  Nordamerikanischen  Verhältnisse.
Wie  schon  erwähnt,  ist  in  der  That  derjenige  Satz,  ded
List  in  seiner  Entwicklung  an  zweiter  Stelle  auftreten  lässt,
und  welcher  den  Nerv  der  reinen,  nicht  historischen  Theorie
vertritt,  zum  Theil  dieselbe  Idee,  welche  später  von  Carey  in
weit  vollendeterer  Gestalt  ausgeführt  und  schliesslich  in  einer
dritten  Entwicklungsform  von  mir  zum  Ausgangspunkt  der
kritisch  socialitären  Oekonomie  gemacht  wurde.  Nicht  die
historische  Wendung,  welche  List  der  Nationalökonomie  gab,
und  welche  nicht  ohne  politisch  romantische,  der  Zeit  mehr
als  der  Person  zuzuschreibende  Beimischungen  bleiben  konnte,
sondern  sein  Aufschluss  über  den  Gegensatz  der  productiven
Kräfte  und  der  Werthe  ist  der  theoretische  Mittelpunkt  seiner
Leistung.  Von  diesem  Centrum  aus  hat  er  in  der  That  zuerst
den  erheblichsten  Schritt  gethan,  die  Smithsche  Art  dos  ökono-
        <pb n="371" />
        —  355

mischen  Denkens  mit  einer  weniger  beengten  Methode  zu  vertauschen. ­
  ...
El-  kritisirte  das  Smithsche  System  dahin,  dass  es  einseitig
eine  Theorie  der  Tauschwerthe  oder,  wie  wir  vom  heutigen
Standpunkt  der  Wissenschaft  kurzweg  sagen  können,  eine
Theorie  der  Werthe  gewesen  sei.  Es  sei  daher  erforderlich,
dass  die  productiven  Kräfte  als  solche  und  unabhängig  von
den  Werthen  ins  Auge  gefasst  würden.  Die  Productivität  einer
nach  Werthen  berechneten  Aufwendung  stehe  zu  diesen  Werthen
in  keinem  solchen  Yerhältniss,  dass  man  von  den  letzteren  unmittelbar ­
  auf  die  erstere  schliessen  könne.  Es  sei  vielmehr
der  Erfolg  der  Anlegung  von  Werthen  je  nach  der  Richtung
und  den  Chancen  ein  sehr  verschiedener.  Nicht  das  Sparen,
sondern  die  positive  Production  sei  das  Entscheidende.  Die
Smithsche  Theorie  der  Oapitalentstehung  sei  unhaltbar,  weil
sie  die  Natur  der  productiven  Wirkungen  verkenne.  Wo  die
vorhandenen  Wirthschaftsmittel  einer  höheren  und  feineren
Gattung  von  Thätigkeit  zugeführt  würden,  da  sei  auch  der
grössere  productive  Erfolg  vorhanden.  Da  nun  die  Stufe  der
Manufacturen  in  der  nationalen  Entwicklung  eine  höhere  ist,
als  die  des  ihr  vorangehenden  und  aus  diesem  Grunde  noch
rohen  Ackerbaus,  so  liegt  der  Fortschritt  der  wirthschaftlichen
Macht  eines  Volkes  unter  solchen  Voraussetzungen  in  der  Beförderung ­
  der  eigentlichen  Industrie.  Das  Reich  von  productiven ­
  Institutionen,  welches  in  dieser  Richtung  geschaffen  wird,
steht  in  seiner  wirthschaftlichen  Bedeutung  in  keinem  er
hältniss  zu  der  Geringfügigkeit  der  Werthe  oder  Capitalien,
die  zu  seiner  ursprünglichen  Begründung  und  zur  Ueberwindung
  der  ersten  Hindernisse  etwa  auf  Kosten  der  Gesamnitheit
  der  Nation  verwendet  werden  mussten.
Akmsmhtdmi^^R^^^  B^mffmng  der  TTæ^m;  aRem
weit  wichtiger  ist  derjenige  Sinn,  den  sie  auch  abgesehen  von
dem  Princip  der  öffentlichen  Unterstützung  der  Industrien  im
blossen  Hinblick  auf  die  Erklärung  der  wirthschaftlichen  Erscheinungen ­
  einschliesst.  Die  gesammte  trübere  Volkswirthschaftslohre
  hatte  sich  in  einer  fehlgreifenden  Idee  von  der  Beziehung
  der  Productivität  oder  Ergiebigkeit  zum  Werth  oder
Kostenaufwand  bewegt.  Sie  hatte  die  eine  mit  dem  an  ern
verwechselt  und  unwillkürlich  beide  für  einerlei  gehalten.  Die
Smithsche  Unterscheidung  von  Gebrauchswerth  und  Tausch-
        <pb n="372" />
        356

werth  war  nicht  geeignet  gewesen,  über  jenes  Vorurtheil  liinwegzuhelfen.
  Allerdings  hatte  sich  schon  hei  Ricardo  eine
Unterscheidung  eingefunden,  welche  dahin  zielte,  die  Einsicht
in  den  Gegensatz  von  Nutzen  und  Kosten  ernstlicher  anzubahnen. ­
  Allein  erst  bei  List  findet  sich  die  fundamentale  Idee,
dass  der  productive  Erfolg,  wenn  man  ihn  an  sich  selbst  nach
Maassgabe  der  Befriedigung  menschlicher  Bedürfnisse  veranschlagt, ­
  von  dem  Aufwande  an  Werthen  oder  überhaupt  von
dem  W  er  the  unabhängig  sei,  der  bei  der  Erzielung  jenes  Erfolges ­
  für  Ueberwindung  der  Hindernisse  in  Rechnung  kam.
Das  Listsche  Beispiel  von  den  zwei  Landwirthen,  die  ihre  Mittel
bei  der  Erziehung  ihrer  Söhne  nach  ganz  verschiedenen  Grundsätzen ­
  und  Richtungen  anwenden,  ist  freilich  nicht  viel  mehr
als  ein  zur  Vergleichung  dienendes  Bild.  Der  eine  spart  in
kurzsichtiger  Weise  und  vermehrt  seine  Werthe,  indem  er
seine  Söhne  nach  der  alten  Art  aufwachsen  lässt  und  auch
übrigens  bei  der  hergebrachten  Routine  in  der  beschränktesten
Weise  verbleiht.  Der  andere  logt  einen  Theil  seiner  Mittel  in
der  Beschaffung  von  Einsicht  und  Tüchtigkeit  zur  rationelleren
Bewirthschaftung  an  und  erhöht  auf  diese  Weise  die  ökonomische ­
  Macht  seiner  Nachfolger.  Seine  Söhne  werden  nach
der  Listschen  Voraussetzung  zwar  zunächst  diejenigen  Werthe
nicht  besitzen,  welche  für  ihre  Ausbildung  zu  rationellen  Landwirthen ­
  aufgewendet  werden  mussten.  Allein  sie  werden  an
productiver  Kraft  unvergleichlich  mehr  gewonnen  haben,  und
es  wird,  sobald  sie  diese  neue  ökonomische  Macht  ins  Spiel
setzen,  auch  an  den  Werthen  nicht  fehlen.  Nebenbei  hatte
unser  Nationalökonom  in  diesem  Falle  auch  noch  die  productiven ­
  Wirkungen  vor  Augen,  welche  die  Erfindungen  und
überhaupt  alle  geistigen  Functionen,  namentlich  aber  der  Unterricht, ­
  haben  müssten.  Indessen  ist  diese  Seite  seiner  Idee  die
schwächere,  indem  er  den  Rahmen  der  materiellen  Production
mit  Unrecht  verlässt  und  einem  A.  Smith  grade  da  einen  Vorwurf ­
  macht,  wo  ein  Vorzug  in  der  gehörigen  Abgrenzung  vorliegt. ­
  Trotzdem  ist  aber  nicht  zu  verkennen,  dass  die  ökonomische ­
  Macht  im  Sinne  der  productiven  Kraft  durch  die
eigentlich  wirthschaftlichen  Erfindungen  gewaltig  gesteigert
wird,  während  die  aufzuwendenden  Werthe  im  Verhältniss  zum
Erfolg  sinken.  Der  letztere  Gesichtspunkt  bildet  eine  charakteristische ­
  Eigenschaft  des  Careyschen  Systems,  und  wir  wer-
        <pb n="373" />
        857

den  bei  der  Darstellung  des  letzteren  auf  jene  fundamentale
Betraclitungsart  näher  einzugehen  haben.
An  dieser  Stelle  haben  wir  dagegen  die  schwierige  Aufgabe, ­
  eine  noch  unvollendete  Theorie  in  dieser  Eigenschaft
sichtbar  zu  machen,  ohne  ihr  irgend  etwas  unteizulegen,  was
in  ihr  noch  nicht  enthalten  war.  Wir  weisen  daher  ausdrücklich ­
  darauf  hin,  dass  List  wesentlich  nur  zu  der  allerdings
hochwichtigen  und  bahnbrechenden,  aber  noch  keineswegs  die
ganze  Wahrheit  enthaltenden  Idee  gelangt  ist,  dass  die  productive ­
  Wirkung  andere  Gesetze  habe,  als  der  Werth.  Indem
er  beide  Betrachtungsarten,  jede  in  ihrer  Sphäre,  als  berechtigt
nebeneinander  stellte,  Hess  er  die  Frage  ofTon,  wie  denn  nun
das  giystem  der  ivirüischaftlichen  ITorgänge  einhcutlich  aufzufassen
  sei,  und  welche  theoretische  und  praktische  Bedeutung
den  neu  entstehenden  Werthen  zugeschrieben  werden  müsse.
Die  Lösung  dieser  Schwierigkeit  ist  durch  Carey  in  der  durchgreifendsten ­
  Weise  gefördert  worden,  und  unsere  kritisch  socialitäre
  Oekonomie  steht  heute  auf  einem  Standpunkt,  auf
welchem  ein  vollständig  befriedigender  Abschluss  dieser  wichtigsten ­
  aller  rein  theoretischen  Aufgaben  erreicht  ist.
7.  Es  braucht  wohl  in  praktischer  Hinsicht  kaum  bemerkt
zu  werden,  dass  es  keine  Wirthschaft  geben  kann,  die  sich  in
ihren  Operationen  nicht  unmittelbar  nach  den  Werthen  zu
richten  hätte.  Der  einzelne  Privatmann  sowie  jedes  gesellschaftlich ­
  finanzielle  Rechtssubject  und  mithin  schliesslich  die
Finanz  wirthschaft  des  Staates  selbst  müssen  der  Wert  rec
nung  folgen.  Kein  einziges  Interesse  kann,  wenn  es  auch  aus
andern  Rücksichten  fromme  Wünsche  von  entgegengesetzter
Richtung  hegte,  seine  eigne  natürliche  Logik  verleugnen  und
gegen  die  entscheidende  Rechnung  mit  den  erzielbaren  Werthen
gleichgültig  bleiben.  Die  einzige  Frage  beruht  daher,  ganz
unabhängig  von  dem  theoretischen  Sinn  des  Werthbegriffs,  au
der  Unterscheidung  des  augenblicklichen  und  des  zukünftigen
Vortheils.  Wo  kein  Organ  und  kein  Interesse  vorhanden  ist,
durch  welches  die  Zukunft  der  Nation  als  solche  vertreten  wird,
da  ist  auch  niemals  auf  eine  besondere  Wahrnehmung  der
Wirthschaftssolidarität  zu  rechnen.  Das  Gesetz  der  Interessen
ist  für  die  Oekonomie  das  oberste  von  allen,  und  schon  Adam
Smith  hat  gegen  die  Mechanik  der  Interessen  verstossen,  indem ­
  er  inconsequent  bei  der  Grenze  der  Einzel  wirthschaft,  also
        <pb n="374" />
        358

grade  da  mit  der  Anwendung  dieses  Princips  aufliörte,  wo  es
die  besten  Aufschlüsse  geben  konnte.  Die  Kritik  hat  daher
in  dieser  Beziehung  nicht  blos  die  Listsche  Auffassung,  sondern ­
  diejenige  der  gesummten  neuern  Oekonomie  als  für  das
Verständniss  der  Erscheinungen  unzureichend  zu  kennzeichnen.
Ein  Gesammtinteresse  ist  noch  niemals  anders  als  durch  Vermittlung ­
  Ton  Theilinteressen  wirksam  vertreten  worden.  Zu
diesen  vermittelnden  Interessen  ist  natürlich  auch  dasjenige
der  Staatsleitung  selbst  zu  rechnen.  In  den  politisch  freieren
Gestaltungen  sind  es  aber  stets  die  im  Vordergründe  stehenden ­
  Classen,  welche  durch  ihr  Uebergewicht  in  der  Gesetzgebung ­
  die  ökonomische  Politik  bestimmen.  Auf  diese  Weise
erklärt  sich  die  Geschichte  der  Wirthschaftspolitik  und  namentlich ­
  der  Schutzsysteme.  Die  letzteren  wollen  als  Wirkungen ­
  der  socialen  und  politischen  Verhältnisse  erklärt  sein.
Was  sie  ergeben,  muss  ebenfalls  nicht  blos  volkswirthschaftlich
  im  gewöhnlichen  engem  Sinne  des  Worts,  sondern  auch
socialökonomisch  ins  Auge  gefasst  werden.  Die  durch  die
jeweilige  Verfassung  ermöglichte  Majorität  der  Interessen  und
Einflüsse  wird  hier  den  Gang  der  Dinge  entscheiden,  und  die
Theorien,  die  mit  der  jedesmaligen  Resultante  der  Interessen
streiten,  werden  aller  abstracten  Wahrheit  ungeachtet  zunächst
nichts  ausrichten.  Die  Zeit  für  ihre  praktische  Anwendung
kommt  erst  in  dem  Maassc,  als  sich  die  ihnen  entsprechenden
Theilinteressen  durch  den  Lauf  der  Dinge  selbst  formiren  und
eine  einflussreiche  Gruppe  bilden,  die  ihr  Gewicht  in  die
Schaale  der  öffentlichen  Entscheidungen  wirft.  Nur  in  den
äusserst  seltenen  Fällen,  in  denen  die  Interessen  ihre  Richtung ­
  aus  blossem  theoretischen  Missverstand  einschlugen  und
ihre  Rechnung  bei  einem  aufgeklärten  Verhalten  noch  weit
besser  zu  finden  erwarten,  wird  die  Theorie  unmittelbar  einige
Früchte  tragen.  Unter  dieser  Voraussetzung  lag  aber  der
Fehler  oder  Vorzug  der  thatsächlich  befolgten  Wirthschaftspolitik ­
  auch  keineswegs  in  der  Interesscnposition  an  sich  selbst,
sondern  in  der  theoretischen  Vorstellung,  die  mit  dieser  Position ­
  verknüpft  gewesen  war.  Irrthümer,  die  als  Wahrheiten
gelten,  können  in  der  theoretischen  Propaganda  hier  natürlich
dieselbe  Rolle  spielen  und  eine  vermeintlich  aufklärende  Wirkung ­
  üben,  wie  die  Wahrheiten  selbst.  Eines  bleibt  aber  in
        <pb n="375" />
        '  iWí  iiilílilfPlIlffleíiiiWlir

—  359  —
alledem  gewiss  und  ein  sicherer  Compass  für  die  Orientirung
in  der  Mischung  von  Irrthum  und  Wahrheit,  —  dies  ist  die
ausnahmsloBO  Gesetzmässigkeit  des  Mechanismus  der  Interessen,
welcher  die  Triebkraft  für  den  Einzelnen  und  das  Ganze  liefert
und  die  theoretischen  Vorstellungen  nur  insoweit  in  seinen
Dienst  nimmt,  als  sie  seinen  Zwecken  wirklich  förderlich  zu
sein  scheinen.
Wenn  nun  List  Angesichts  der  Unvermeidlichkeit  des
I^m-e^^^^pmk  die  EnùMmngd^  Nahmen  zum
Schlagwort  seiner  ökonomischen  Politik  machte,  so  vergriff  er
sich  nicht  nur  in  dem  Ausdruck,  sondern  huldigte  auch  einem
Princip,  welches  nur  bei  dem  Vorhandensein  eines  erziehenden
Organs  zur  Anwendung  kommen  kann.  Dieses  Organ  kann
nun  allerdings  vorhanden  sein,  sobald  eine  bereits  gckräftigto
Industrie  bei  dieser  weiteren  Erziehung  zugleich  oder  vielmehr ­
  zunächst  ihre  eignen  Interessen  verfolgt.  Es  kann  auch
ausserdem  noch  und  zwar  in  höherem  Maasse  vorhanden  sein,
wenn  eine  persönliche  Vertretung  der  Staatsmacht  ihren  Ideen
über  die  Wohlfahrt  des  Ganzen  Geltung  zu  verschaffen  im
Stande  ist.  Im  Allgemeinen  wird  der  letztere  Fall  aber  nur
noch  unter  halb  patriarchalischen  oder  aber  unter  dictatorischen
  Verhältnissen  denkbar  sein.  Abgesehen  hievon  werden
immer  die  verschiedenen  interessirten  Classen  in  Frage  kommen, ­
  und  der  Erfolg  ihrer  mehrfachen,  einander  zum  Theil
aufhebenden  Bestrebungen  wird  den  Lebenslauf  der  Nation
bestimmen.  Alsdann  ist  aber  ein  Erziehungsinteresse  im  eigentlichen ­
  Sinne  des  Worts  nicht  aufzufinden.  Wo  etwa  ein  vormun  -
schaftlicher  Zug  auch  in  die  wirthschaftlichen  Angelegenhei  en
cingroift,  da  ist  sicherlich  kein  hoher  Erziehungszweck  die
treibende  Ursache.  Auch  in  der  Oekonomie  geschieht  nichts
ohne  zureichenden  Grund.  Dieses  Gesetz  ist  so  sicher  wie  der
abstracto  logische  Satz,  dom  es  entspricht.  Der  zureichen  e
Grund  ist  das  Interesse,  und  was  auch  sonst  aus  andern  Ruc  -
sichten  geschehen  möge,  so  ereignet  es  sich  nicht  n^h  dem
treibenden  Gesetz  der  Oekonomie,  falls  es  aus  dem  Rahmen
iones  obersten  Satzes  heraustritt.  Aus  diesem  Gesichtspunkt
beo-reift  sich  die  Politik  der  socialökonomischen  Gruppen  und
Dateien  ebenso  wie  diejenige  der  Regierungselemente  und
speciell  der  Vertreter  der  Staatsfinanzen.  Es  ist  daher,  abge-
        <pb n="376" />
        360

sehen  von  den  erwähnten  Fällen  besonderer  politischer  Gestaltung, ­
  eine  Täuschung,  einen  patriotischen  Erzieher  zur
grösstmöglichen  wirthschaftlichen  Kraft  vorauszusetzen.  Für
die  Existenz  eines  solchen  ist  im  Allgemeinen  keine  Ursache
aufzufinden,  und  ohne  Ursache  in  Form  dos  eignen  Interesse
geschieht  in  wirthschaftlicher  Hinsicht,  genauer  besehen,  gar
nichts.  Philanthropie  und  Enthusiasmus  liegen  ausserhalb  der
eigentlich  ökonomischen  Beweggründe,  und  wo  die  rein  politischen ­
  Rücksichten  einen  Verzicht  auf  das  wirthschaftlich  Zuträgliche ­
  fordern,  da  sind  wiederum  nicht  speöifisch  ökonomische
Gesetze  im  Spiele.
Man  könnte  nun  noch  an  eine  Selbsterziehung  der  Nation
denken,  die  aber  alsdann  nicht  mehr  diesen  Namen  von  vormundschaftlichem ­
  und  autoritärem  Beigeschmack  verdienen
wüide.  In  der  That  strebte  die  Listscho  Anschauung  in  dieser
Richtung  weiter,  gelangte  aber  nicht  bis  in  das  Gebiet,  in
welchem  allein  von  einer  solchen  eignen  Wahrnehmung  der
höheren  wirthschaftlichen  Interessen  des  Ganzen  die  Rede  sein
kann.  Letzteres  ist  erst  da  einigermaassen  der  Fall,  wo  die
socialen  Interessen  von  der  Grundlage  der  letzten  Volksschicht
ausemewirksame  Vertretungfinden.  DieArbeitmussschliesshch
  immer  mehr  darauf  ausgehen,  die  höheren  Stufen  der  Volks  -
wirthschaftlichen  Thätigkeit  zu  erreichen,  und  sie  wird  in  diese
Richtung  von  stärkeren  Kräften  getrieben,  als  es  bei  der  Gesammtheit
  ihrer  Leiter  nur  irgend  der  Fall  sein  kann.  Die
breite  Grundlage  des  gesammten  Volks  ist  kein  Theil,  sondern
das  Ganze.  Sie  ist  daher  auch  keine  Partei  und  hat  keine
Partialinteressen.  Ihr  Collectivinteresse,  wahrhaft  und  am  Leitfaden ­
  richtiger  Ideen  festgostellt,  muss  auch  die  günstigste
^mmirungdergerechtenlnterosson  allerEinzelneneinschliessen.
Was  sich  hiebei  ausscheidet,  sind  die  ungerechten,  d.  h.  mit  der
Verletzung  Anderer  verbundenen  GlassenVorrechte  und  Begünstigungen.
  Von  diesem  Standpunkt  lässt  sich  die  gleichsam
atomistische  oder  individualistische  Theorie  mit  der  höheren
Betrachtungsweise  der  organischen  Kräfteformen  vereinigen,
und  die  Gestaltung,  einer  eigentlichen  Volksökonomie  ohne
vormundschaftliches  Erziehungsprincip  weit  besser  begreifen.
Hienach  sind  die  Listschen  Theorien  in  ihrer  reinen,  von
besondern  Anwendung  getrennten  Gestalt,  von  weit  grösserer
Tragweite  als  die  Gesichtspunkte,  durch  welche  die  Praxis  des
        <pb n="377" />
        361

Schutzsystems  gerechtfertigt  werden  soll.  Wo  diese  Praxis
vorhanden  ist,  da  erklärt  sie  sich  nicht  aus  demjenigen  Grunde,
welchen  unser  Nationalökonom  am  meisten  betonte,  und  den
er  selbst  für  eine  hinreichende  Garantie  seiner  patriotischen
Ziele  hielt.  Nicht  irgend  ein  Zweck,  den  sich  irgend  eine
Macht  zum  Heile  des  Ganzen  versetzte,  sondern  gleichsam  im
Rücken  treibende  und  vorherrschend  individuelle  Ursachen  sind
es,  welche  die  Wirthschaftspolitik  bestimmt  haben.  Die  Staaten
werden  eher  zu  Staub  zerrieben  werden,  als  von  den  Früchten
des  industriellen  Erziehungsenthusiasmus  auch  nur  das  Geringste ­
  einernten.  Die  Begeisterung  der  Einzelnen  mag  an
sich  selbst  und  in  Verbindung  mit  wirklichen  Interessen  Einiges
zu  Wege  bringen;  —  die  Gesetze  der  allgemeinen  Mechanik
der  Bestrebungen  werden  hiedurch  auch  nicht  in  einem  einzigen ­
  Fall  abgeändert.  Wir  müssen  uns  daher  zu  denjenigen
Anschauungen  wenden,  in  denen  unser  grosser  Volkswirthschaftstheoretiker
  ganz  einfach  die  Ursachen  biosgelegt  hat,
vermöge  deren  die  Schutzmaassregeln  nach  natürlichen  und
unumgänglichen  Gesetzen  eintreten.  Wir  werden  aus  dem  Contrast, ­
  in  welchem  sich  diese  äusserst  gelungenen  Erklärungen
zu  dem  eben  gekennzeichneten  verfehlten  Theil  der  „patriotischen ­
  Phantasien”  befinden,  deutlich  erkennen,  dass  es  auch
in  unserm  Gebiet,  ganz  wie  in  jeder  strengen  Wissenschaft,
ein  methodischer  Fehler  ist,  sich  von  der  Betrachtung  der
eigentlichen  Ursachen  zu  entfernen  und  Zwecke  für  wirklich
zu  halten,  die  nirgend  objectiv  vorhanden  waren  oder  sind.
8.  Eine  der  genialsten  Ideen,  durch  welche  List  den  Grund
zu  einem  Yerständniss  der  natürlichen  Wirthschaftspolitik  gelegt ­
  hat,  ist  diejenige,  welche  wir  als  Gesetz  der  Bevölkerungscapacität
  entwickeln  wollten.  Dieser  glänzende  Gedanke,  welcher ­
  linvergleichlich  weiter  trägt,  als  alle  Bemühungen  Malthusianischer
  Art,  lässt  sich  sehr  einfach  ausdrücken.  Jeder
Wirthschaftszustand  hat  eine  bestimmte  Fassungskraft  für  Bevölkerung. ­
  Geht  er  in  eine  höhere  Form  über,  so  wird  diese
Fassungskraft  gesteigert.  Nun  ist  im  Rahmen  der  Vorstellungen
unseres  Nationalökonomen  der  Uebergang  vom  Ackerbaustaat
zum  Industriestaat  das  am  besten  erläuternde  Beispiel  für  jenen
¡Sachverhalt.  Die  Bevölkerung,  die  sich  unvermeidlich  stauen
müsste,  wenn  man  beständig  bei  einer  und  derselben  rohen
Form  des  Ackerbaus  bliebe,  kann  sich  frei  entwickeln  und
        <pb n="378" />
        362

wird  erheblich  vermehrt,  indem  sich  die  eigentliche  Industrie
ausbildet.  Eine  aus  Ackerbau  und  höherer  Industrie  bestehende
Volkswirthschaft  entwickelt  mehr  Versorgungskraft  und  bietet
mehr  Existenzbedingungen,  als  der  ausschliessliche  und  hiodurch
  stets  zur  Rohheit  verurtheilte  Ackerbaustaat.  Der  Eintausch ­
  der  Fabricate  von  dom  fernen  Ausland  ist  ein  in  doppelter
Beziehung  ungünstiges  Geschäft.  Der  Verkauf  der  eignen  Rohstoffe ­
  bringt  verhältnissmässig  wenig,  da  die  Transportkosten
sehr  viel  verschlingen  und  für  den  ursprünglichen  Produconten
nur  einen  Rest  des  Preises  übrig  lassen,  der  auf  dom  fernen
Markt  erzielt  wird.  Dieser  geringe  Preis  wird  nun  aber  noch
ausserdem  in  Fabricaton  bezahlt,  die  sich  durch  den  weiten
Bezug  ebenfalls  gewaltig  vortheuern.  Auf  diese  Weise  besteht
das  Ergebniss  des  ganzen  Handels  darin,  dass  die  Ccrcalieiiund
  Rohstofferzeugung,  die  ausschliesslich  oder  vorwiegend  auf
den  entfernten  ausländischen  Absatz  angewiesen  ist,  zur  Beschaffung ­
  äusserst  weniger  industrieller  Eobensbedürfnisso  um
den  1  reis  einer  grossen  Menge  ackerbaulicher  Product©  führt.
Viel  geben  und  Wenig  erhalten  —  das  ist  hier  das  Grundgesetz.
Sollen  also  Ersparungen  ointreton,  so  muss  die  Wirthschaftsvorfassung
  geändert  werden.  Die  Bevölkerung,  für  welche  in
dem  bisherigen  Eandbau  keine  höher  productive  Verwendung
voihandon  ist,  muss  in  die  eigentlichen  Industrien  geworfen
werden.  Sie  muss  fabrikmässig  spinnen  und  weben;  sie  muss
die  Maschinen  herstellen,  die  der  Landbau  bei  seiner  bisherigen
Verwerthung  der  Producto  nicht  im  Stande  war,  von  dem
fernen  fremden  Markt  zu  beziehen,  weil  er  die  gewaltigen
Kosten  der  Ilerbeischaffung  nicht  zu  tragen  vermochte.  Wird
auf  diese  Weise  eine  eigne  Industrie  erzielt,  so  ist  der  Vortheil ­
  ein  doppelter.  Es  ist  der  Bevölkerung  ein  neuer  Canal
eröffnet,  und  cs  ist  ein  Weg  vorhanden,  auf  welchem  neue,
bisher  unbekannte  Capitalien  geschaffen  werden.  Die  Volkskraft ­
  wird  in  einer  höheren  Art  productiv.  Sie  verzehrt  die
Erzeugnisse  des  Landbaus  in  grösserer  Nähe  und  bietet  dafür
Fabricate  ebenfalls  aus  grösserer  Nähe.  Sie  bildet  in  doppelter
Beziehung  einen  Markt,  nämlich  als  Bezugsquelle  für  die  Bedürfnisse ­
  des  Landwirths  und  als  Abnehmer  seiner  Producto.
Sie  vertritt  den  Markt,  wo  man  am  theuerston  verkauft  und
am  billigsten  einkauft;  denn  dieser  Markt  ist  in  seiner  Totalität ­
  erst  neu  producirt  und  um  die  geringsten  Kosten  zu  haben
        <pb n="379" />
        363

gewesen.  Man  hat  ihn  sich  mit  eigner  Bevölkerung  und  eignen
Nahrungsmitteln  beschafft  und  ihn  gleichsam  aus  diesen  beiden
Elementen  construirt.  Die  neue  Disposition,  welche  hiemit  in
der  Volkswirthschaft  eingetreten,  ist  weit  vollkommener  als
der  frühere  Zustand.  Sie  repräsentirt  eine  grössere  Theilung
der  Arbeit  und  zugleich  eine  innigere  Vergesellschaftung.  Doch
wollen  wir  die  Kennzeichnung  dieser  Verhältnisse  hier  nieht
weiter  ausdehnen,  als  für  nnsern  nächsten  Zweck  erforderlich
  ist.
Die  Bevölkerungscapacität  ist  mit  einer  solchen  Formveränderung
  der  Volkswirthschaft  und  Gesellschaft  gestiegen.  Die
entwickeltere  Industrie  wirkt  auf  den  Ackerbau  zurück  und
versetzt  denselben  durch  die  Darbietung  neuer  Wirthschaftsmittel
  und  durch  die  Ermöglichung  einer  grösseren  Production
ebenfalls  in  eine  neue  verbesserte  Lage.  Die  so  vollzogene
Umgestaltung  beweist  nun,  dass  die  Vermehrungsmöglichkeit
nicht  von  der  aussermenschlichon  Natur,  sondern  von  der  jedesmaligen ­
  Organisation  der  productiven  Mittel,  d.  h.  von  der
Art  und  dem  Arrangement  der  Arbeitsleistungen  abhängig  ist.
Weiterhin  müssen  natürlich  auch  noch  die  socialen  Verfassungsformen ­
  in  Frage  kommen;  doch  hiemit  hat  sich  List  selbst
nicht  beschäftigt.  Statt  dessen  hat  er  die  Entwicklung  zum
Ilandelsstaat  als  die  nächste  weitere  Stufe  aufgeführt.  So  erheblich ­
  nun  aber  auch  der  Weltmarkt  für  die  Industrie  ist,  so
darf  man  doch  nicht  vergessen,  dass  der  auswärtige  Handel
den  Rahmen  der  Nation  verlässt,  und  dass  seine  Einwirkungen
zwar  die  Bevölkorungscapacität  ebenfalls  vermehren,  aber  doch
keineswegs  für  die  Veranschaulichung  dieses  Gesetzes  dieselbe
Bedeutung  haben,  wie  die  Eröffnung  der  höheren  indus^iellen
Arbeit.  Nur  soweit  die  letztere  durch  den  auswärtigen  Handel
mehr  ins  Spiel  gesetzt  wird,  als  ohnedies  oder  durch  intensive
Ausbildung  des  innern  Marktes  geschehen  würde,  kommt  ein
solcher  Handel  für  die  Formveränderung  der  bisherigen  Wirthschaft
  in  Frage.
List  wiir  zu  einer  Tollständigen  Ausbildung  dieses  Metamorphosongesetzes
  der  Wirtlischaftszustände  auf  Amerikamscliem
  Boden  gelangt  und  dort,  wo  die  Feststellung  desselben
nur  einen  unbefangenen  Blick  erforderte,  ist  dasselbe  auch  in
noch  vollkommnercr  Weise  von  Carey  dargelegt  und  mit  neuen
cio-onthümlichen  Gesichtspunkten  bereichert  worden.  Eine
        <pb n="380" />
        36á

î-f-hi

I  a.

energische  Hinwegsetzung  über  die  Autorität  der  verschulten
Oekonomie  gehörte  allerdings  in  beiden  Fällen  zu  der  Erreichung ­
  der  bessern  Einsicht.  Der  Schauplatz  allein  war  nicht
im  Stande,  die  Theorie  zu  bilden;  andernfalls  hätten  die  Lehrlinge ­
  der  ökonomischen  Scholastik,  an  denen  Nordamerika  bis
auf  den  heutigen  Tag  keinen  Mangel  leidet,  doch  auch  etwas
davon  bemerken  müssen.  Statt  dessen  übertrafen  und  übertreten ­
  sie  noch  jetzt  ihre  Lehrherren  nur  dadurch,  dass  sie
die  Oberflächlichkeiten  der  letzteren  noch  weiter  verflachen.
Doch  wir  wollen  hier  nicht  einer  Kennzeichnung  des  Amerikanischen ­
  Ablegers  der  specifisch  Englischen  und  nicht  einmal
mehr  als  Schottisch  zu^  bezeichnenden  Wirthschaftslehre  vorgreifen. ­
  '
Nachdem  wir  das  wirthschaftliche  Gesetz  der  Bevölkerungsvermehrung ­
  als  Capacitätstheorie  hingestellt  haben,  müssen
wir  zur  Vorbeugung  von  Verwechselungen  ¡mit  ¡vermeintlichen
Bestandtheilen  der  Malthusschen  Vorstellungen  noch  ausdrücklich ­
  bemerken,  dass  die  beiden  Factor  en,  welche  durch  das
Listsche  Gesotz  mit  einander  verglichen  werden,  die  menschlichen ­
  Kräfte  und  die  ihnen  gegenüberstehenden  Bedürfnisse
sind.  Das  Gesetz  ist  daher  ein  eminent  sociales  und  betritt
das  Verhalten  des  Menschen  zu  sich  selbst.  Das  von  Natur
Vorhandene  oder  Mögliche  kommt  hiebei  nur  indirect  und  in
zweiter  Linie  in  Frage.  Auch  ist  durchaus  mit  jenem  Gesetz
nicht  gesagt,  dass  ein  Gedränge  der  Bevölkerung  als  die  Ursache ­
  der  Veränderung  in  der  wirthschaftlichen  Verfassung  angesehen ­
  werden  müsse.  Initiative  und  Zugkraft  können  in  dem
technischen  Fortschritt  liegen.  Wo  aber  eine  Stauung  die
entscheidende  W^endung  einleitet,  wie  wir  beispielsweise  vorausgesetzt ­
  haben,  da  darf  man  nicht  eigentlich  von  einem
Drängen  auf  die  Nahrungsmittel,  sondern  muss  von  einem
Drängen  gegen  die  Schranken  des  bisherigen  Wirthschaftszustandes
  reden.  Eine  solche  exacte  Auffassung  erklärt  die
W^irkung  des  Gesetzes  auch  da,  wo  es  sich  um  eine  im  engem
Sinne  des  Worts  sociale  Weiterbildung  der  beengten  Verhältnisse ­
  der  ökonomischen  Verfassung  handelt.  Doch  ist  dieser
Anwendungsfall  bei  der  Erörterung  Lists  nicht  am  Orte,  und
wir  begnügen  uns  daher  damit,  die  Idee  in  ihrer  Allgemeinheit ­
  und  ohne  weitere  Verfolgung  ihrer  historischen  Gonsequenzen ­
  unzweideutig  verzeichnet  zu  haben.
        <pb n="381" />
        365

9.  Es  stellt  für  die  unbefangene  Volkswirtbscbaftslehre
gleich  einem  mathematischen  Satze  fest,  dass  die  höheren;  Gebilde ­
  des  volkswirthschaftlichen  Lebens  und  auch  die  grössere
Kraft  in  denjenigen  Gestaltungen  zu  suchen  sind,  in  welchen
die  feineren  Formen  der  Thätigkeit  den  grössten  Umfang  gewonnen ­
  haben.  Der  Streit  kann  sich  nicht  um  diesen  theoretischen ­
  Satz,  sondern  nur  um  die  Mittel  und  Wege  drehen,
durch  welche  eine  solche  Veredlung  der  Volkswirthschaft  thatsächlich
  bewirkt  worden  sei  oder  bewerkstelligt  werden  könne.
Wir  haben  in  Nr.  7  den  Mangel  eines  industriell  erziehenden
Organs  erörtert,  und  es  bleibt  daher,  um  dem  Nationalökonomen
der  Deutschen  auch  in  seiner  geschichtlichen  Anschauungsweise ­
  gerecht  zu  werden,  nur  noch  die  Frage  übrig,  ob  nicht
die  Eifersucht  der  Völker  und  sogar  diejenige  einzelner  Classen
als  eine  nicht  blos  naturgesetzliche,  sondern  auch  unter  Voraussetzung ­
  richtiger  Ideen  nützlich  wirkende  Triebkraft  anzusehen ­
  sei.  List  hält  an  dem  Retorsionsprincip  fest,  und  in  der
That  lassen  sich  Repressalien  sowie  alle  Arten  von  Gegenmaassrcgeln
  im  Allgemeinen  ganz  natürlich  begründen.  Was
aber  die  Selbsterbaltung  der  Völker  anbetrifft,  so  dient  ihr
auch  in  wirthschaftlicher  Beziehung  die  Eifersucht,  und  die
Erkenntniss  dieses  naturnothwendjgen  Verhältnisses  führt  auf
den  kritischen  Standpunkt  der  Beurtheilung  aller  Abwehr-  und
Ausschliessungsmaassregeln.  Eine  andere  Würdigung  als  bei
dem  Einzelnen,  darf  aber  auch  für  die  Völker  im  Hinblick  auf
die  Rolle  der  Eifersucht  nicht  eintreten.  Derartige  Regungen
sind  naturgemäss  nur  die  Hüter  der  eignen  Integrität,  und  sie
werden  nur  da  wohltbätig  wirken,  wo  sie  nicht  mit  Verstandesirrthümern
  gepaart  sind.
Acusserst  natürlich  gestaltet  sich  die  Listsche  Theorie  da,
wo  sie  das  Schutzsystem  aus  den  Verhältnissen  hervorgehen
lässt,  welche  durch  die  von  einem  Kriege  unterhaltene  Absperrung ­
  geschaffen  wurden.  In  diesem  Falle  können  Industrien
entstanden  sein,  die  durch  den  Frieden  vernichtet  werden
müssten,  wenn  die  ausländische  Concurrenz  sofort  wieder  einträtc.
  Die  frühere  Abschliessung  wird  daher  schon  nach  dem
Gesetz  der  Erhaltung  einer  gewissen  Stetigkeit  und  im  Interesse ­
  der  ökonomischen  Positionen,  die  mit  grossen  individuellen ­
  und  nationalen  Opfern  errungen  sind,  eine  besondere
öffentliche  Unterstützung  nöthig  machen.  Andernfalls  würde
        <pb n="382" />
        866  —

man  grosse  Eigenthums-  und  Capitalmassen  zerstören  und  mit
dem  Princip  der  möglichsten  Rücksicht  auf  das  an  Productivkräften ­
  einmal  Erworbene  brechen.  Auch  würde  man  jene
indirecten  Opfer  verlieren,  die  durch  den  Krieg  seihst  auferlogt
wurden,  indem  sich  die  Nation  während  desselben  hei  Bezug
der  einheimischen  Artikel  ganz  so  besteuern  musste,  als  wenn
die  Hinderung  einer  anderweitigen  Beschaffung  durch  einen
Zoll  bewerkstelligt  gewesen  wäre.  Ja  der  Verzicht,  dem  sich
das  Volk  unterwerfen  musste,  konnte  noch  grösser  sein,  da  die
Artikel  der  neuen  Industrien  oft  gar  nicht  hinreichend  zu  beschaffen ­
  sein  mochten.  Was  auf  diese  Weise  nicht  blos  durch
höhere  Preise,  sondern  unter  Umständen  durch  äusserste  Entbehrungen ­
  erkauft  worden  ist,  darf  nicht  seinem  Schicksal
überlassen  werden,  sondern  hat  ein  Recht  zu  verlangen,  dass
die  zufällige  Frucht  des  Ringens  mit  andern  Nationen  nicht
mit  der  Beendigung  des  Waflengebrauchs  in  einem  anderartigen
Kampfe  zerdrückt  werde.  Namentlich  hatte  List  bei  der  erwähnten ­
  Theorie  das  Ende  der  Napoleonischen  Kriege  und  die
Wirkungen  der  Gontinentalsperre  vor  Augen.
10.  Ein  Fundamentalpunkt  in  der  Listschen  Theorie  ist
die  Auffassung  der  Entstehung  des  Capitals  aus  dem  positiven
Gesichtspunkt  der  Production,  während  die  bei  Adam  Smith
\'ertretene  Anschauungsweise  nur  auf  die  secundäre  Form  des
Sparens  blickt  und  auf  die  letztere  ein  solches  Gewicht  legt,
als  wenn  alles  Uehrige  gleichgültig  wäre.  Smith  glaubte  sogar
eine  Verbesserung  einzuführen,  indem  er  einen  Ueberschuss
der  Production  über  die  Consumtion,  der  nur  durch  das  Sparen
der  Privatleute  erzielt  werde,  an  die  Stelle  der  natürlicheren
Vorstellungen  setzte,  welche  die  productiven  Leistungen  als
das  Entscheidende  betrachteten.  Er  verfuhr  allerdings  hiemit
ganz  im  Sinne  seines  gesummten  Gedankenkreises;  denn  auch
für  die  Arbeit  und  deren  Productivität  hatte  er  nicht  etwa  ein
Gesetz  der  Bewaffnung  der  menschlichen  Kräfte,  sondern  dasjenige ­
  der  Arbeitstheilung  an  die  Spitze  gestellt.  Wer  auf
diese  Weise  die  in  erster  Linie  entscheidenden  Steigerungsmittel ­
  der  Ergiebigkeit  menschlicher  Arbeit  als  Nebensache  behandeln ­
  konnte,  entsprach  nur  seiner  sonstigen  Anschauung,
indem  er  auch  die  Capitalbildung  erst  in  der  untergeordneten
Vermittlungsform  untersuchte  und  sich  so  den  Gesichtskreis
beengte.  Der  Begriff  des  Capitals  ist  überhaupt  bei  Smith
        <pb n="383" />
        367

mehr  vom  privaten  als  vom  nationalükonomischen  Standpunkt
behandelt.  Es  erscheint  bei  ihm  das  Capital  zunächst  und  vornehmlich ­
  als  Mittel  des  privaten  Geschäftslebens  und  soll  durch
blosse  Summirungen  zum  Capital  im  volkswirthschaftlichen
Sinne  werden.  Angesichts  des  Yorherrschens  dieser  Auifas-Bungsart
  musste  grade  die  Capitaltheorie  am  meisten  misslingen,
und  sie  repräsentirt  auch  wirklich  den  beengtesten  Theil  des
von  Smith  dargestellten  Ideenkreises.  Das  wenige  Richtige,
was  sie  einschliesst  und  was  sich  auf  vereinzelte  Bestandtheilo
der  Beweggründe  und  allernächsten,  nicht  weiter  ergründeten
Ursachen  des  privaten  Handelns  beschränkt,  konnte  die  gewaltigen ­
  Mängel  nur  in  den  Augen  einer  mit  ihrem  TYissen  und
Denken  völlig  abhängigen  Schülerschaft  verdecken.  Ein  List
musste  aber  die  Unhaltbarkeit  jener  höchst  beengten  Ansicht
vom  Capital  und  dessen  Entstehung  zugleich  mit  den  praktischen ­
  Täuschungen  erkennen,  die  als  Folgerungen  an  jene
eingeschränkte  Vorstellungsart  geknüpft  wurden.  Er  bezeichnete
  den  Inbegriff  dieser  Folgen  als  Hunger-  und  Sparsystem
und  deutete  hiemit  zugleich  an,  dass  sich  seine  Kritik  in  einer
ähnlichen  Richtung  bewege,  wie  die  socialen  Bestreitungen  des
Smithschen  Gesichtspunkts.  Bei  dieser  Gelegenheit  mag  auch
bemerkt  sein,  dass  der  Nationalökonom  der  Deutschen  den  socialen ­
  Regungen  ausdrücklich  eine  Zukunft  in  Aussicht  stellte,
obwohl  sich  der  Zielpunkt  seiner  eignen  Bestrebungen  auf  das
Nationale  und  den  modernen  Industrialismus  einschränkte.
Uebrigens  ist  es  nicht  zu  verwundern,  dass  sich  die  richtigeren
Theorien  begegnen  und  in  wesentlicher  Uebereinstimmung  befinden, ­
  wenn  sie  auch  von  den  verschiedensten  Ausgangspunkten ­
  entspringen.  In  der  Capitaltheorie  concentrirte  sich
bisher  der  gesammte  ökonomische  Kriticismus,  und  es  giebt
keinen  wirthschaftlichen  Begriff,  der  so  sichtbar  wie  derjenige
des  Capitals  und  der  zugehörigen  Entstchungsart  den  Mittelpunkt ­
  der  erheblichsten  zugleich  theoretischen  und  praktischen
Streitigkeiten  rcpräsentirto.  Es  giebt  tiefere  Probleme,  welche
die  Grundlagen  der  wissenschaftlichen  Oekonomie  noch  näher
berühren;  aber  es  giebt  keines,  welches  in  gleicher  Wahrnehmbarkeit ­
  auch  einen  praktischen  Angelpunkt  bildete  und  sich  für
Joden,  der  nur  ein  wenig  nachdenkt,  in  gleichem  Maasse  als
ein  Brennpunkt  der  verschiedensten  Richtungen  offenbarte.
Das  „falsche  Spiel”,  welches  schon  List  aus  der  beschränkten
        <pb n="384" />
        368

í  nî

imd  selbstsüclitigcn  Auffassung  der  Capitalbildung  bervorgeben
sab,  bestand  und  bestellt  nocb  beute  in  der  vermeintlicb  wissenscbaftlicben
  Rechtfertigung  eines  Maximaldruckes,  der  auf  die
Consumtion  des  Arbeiters  geübt  werden  müsse,  um  die  sogenannte ­
  Aufhäufung  der  Gapitalien  recht  ergiebig  zu  machen.
Die  schon  erwähnte  Bezeichnung  dieser  letzteren  Tendenz  als
„Hunger-  und  Sparsystem”  ist  völlig  zutreffend;  denn  der  den
Arbeitern  auferlegte  Zwang  zu  einem  möglichst  geringen
Maasse  des  Verbrauchs,  nicht  aber  die  eigne  Frugalität  und
Consumtionsenthaltung  der  Capitalistcn  und  Unternehmer  soll
durch  die  engherzige  und  heut  nicht  mehr  blos  trügcrisQjie,
sondern  bewusst  betrügerische  Theorie  beschönigt  werden.
Bei  Gelegenheit  einer  zutreffenderen  Gestaltung  der  Vorstellungen ­
  von  den  internationalen  Handelsbilanzen  hat  List
die  mercantile  Beengtheit  des  Begriffs  erweitert  und  ist  zu  der
Idee  gelangt,  dass  die  Verwandlung  laufender  Diffcrenzschuldcn
in  dauernde  Capital-  und  Zinsvcrbindliehkeiten  ein  Weg  sei,
Tributphichtigkeiten  und  überhaupt  ökonomische  Abhängigkeiten ­
  zwischen  Völkern  und  Völkern  zu  begründen.  Durch
Vermittlung  von  Krisen,  Bankerotten,  Eigenthums-  und  Capitalerwerbungen, ­
  sowie  überhaupt  durch  die  Constituirung  von
Zinsfeudalitäten  kann  in  der  That  die  Summe  ungünstiger
Austauschbeziehungen,  die  aus  den  verschiedensten  Gründen
platzgreifen  mögen,  zu  einer  ökonomischen  Sklaverei  von  Ländern ­
  gegen  Länder,  von  Provinzen  gegen  Provinzen  und  von
Classen  gegen  Classen  hinführen.  Man  sieht,  dass  der  Kern
dieses  Gedankens  mit  der  zufällig  protectionistischen  Schaale
nicht  untrennbar  verwachsen  ist.
11.  Gehen  wir  nach  der  Betrachtung  der  wesentlichen
Züge  des  Listschen  Gedankenkreises  zu  einer  Würdigung  des
Systems  als  eines  Ganzen  über,  so  finden  wir  zunächst,  dass
es  dieser  frischen  und  einheitlichen  Leistung  zu  besonderer
Ehre  gereicht,  mit  den  Verschulungserzeugnisscn,  die  in  Gestalt
Deutscher  Lehrbücher  gleichzeitig  oder  im  Laufe  des  nächsten
Vierteljahrhunderts  zur  Welt  gekommen  sind,  durchaus  unvergleichbar ­
  zu  sein.  Es  bestätigt  hiedurch  die  allgemeine  Regel,
dass  die  schöpferischen  Geister  hoch  über  dem  Treiben  der
Schulverkommenheiten  ihren  Platz  haben.  Da  jedoch  nicht
selten  der  Fall  eintritt,  dass  die  beschränkte  Eitelkeit  eines
Scholarchen  für  eine  Spanne  Zeit  dahin  gelangt,  einen  Theil
        <pb n="385" />
        —  369  —

des  Publicums  zu  täuschen  und  vertrocknete,  geistlose  Aftergcbildo
  einer  stumpfen  Belesenheit  und  kritiklosen  Exccrptenwoishcit
  als  eine  besondere  Methode,  als  einen  neuen  Standpunkt ­
  und  wohl  gar  als  überlegene  Vereinigung  alles  Früheren
auszugeben,  so  müssen  wir  hier  bei  Gelegenheit  Lists  eine
dieser  Anmaassungen  zurückweisen,  .weil  sie  die  Fahne  der
Geschichtlichkeit  aufgesteckt,  aber  in  der  That  nur  ein  Zerrbild
von  Pseudohistorismus  zu  Tage  gefördert  hat.  Wir  müssen
dies  um  so  mehr,  als  der  Urheber  der  Manier,  die  sich  im  Bereich ­
  der  vorherrschenden  Universitätseinflüsse  als  „historische
Methode”  servirt,  sich  ursprünglich  zu  einem  Werkzeug  der
Anfeindung  und  Verkleinerung  Lists  seitens  der  scholastischen
Universitätskreise  gemacht  hat.  Es  war  dies  damals  ein  noch
sehr  jugendliches,  etwa  grade  majorennes  Herrchen,  das  ungefähr ­
  zur  Zeit,  als  List  in  Tübingen  Professor  gewesen  und
seine  politische  Rolle  gespielt  hatte,  in  die  W^elt  gekommen
und  nun  ein  Privatdocent  an  der  ehrsam  bezopften  Göttinger
Universität  geworden  war.  Die  betreffende  Recension  in  den
„Göttinger  Gelehrten  Anzeigen”,  welche  selbstverständlich  erst
zu  Tage  kam,  als  eine  in  Aussicht  stehende  dritte  Auflage  des
„Nationalen  Systems”  das  blosse  Verschweigungssystem  unräthlich
  gemacht  und  auch  dem  Urtheil  über  die  sogenannte
praktische  Bedeutung  etwas  nachgeholfen  hatte,  —  diese  Recension ­
  vom  Juli  1842  ist  für  den  Standpunkt,  den  die  verschulto
  Volkswirthschaftslehre  nicht  blos  dem  Listschen  Werk,
sondern  allen  wirklich  bedeutenden  Erscheinungen  gegenüber
eingenommen  hat,  so  kennzeichnend,  dass  sie  dem  künftigen
kritischen  Historiker  als  kurzes  Orientirungsmittel  die  vorzüglichsten ­
  Dienste  leisten  kann.  Dies  ist  auch  der  Grund,  aus
welchem  wir  die  sonst  individuell  sehr  gleichgültige  Kundgebung
als  Typus  der  ganzen  Gattung  besonders  berücksichtigen.
Uoberhaunt  ist  die  Einlassung  auf  Leute  und  Machwerke,  deren
Erfolg  nur  von  dem  Einfluss  der  Schulpfründenvergebung  und
von  den  Examinatorrollen  in  staatlichen  Prüfungscommissionen
hcrzuleiten  ist,  für  die  Geschichte  der  Wissenschaft  überflüssig.
Die  Compilationsschriften  und  die  ihnen  zu  Grunde  liegenden
Uuiversitätsrollen  haben  ihre  Zeit  und  gehen  nach  einer  ziemlich ­
  kurzen  Frist  der  völligen  Vergessenheit  entgegen.  Von
welchen  Leuten  hat  nicht  noch  ein  List  in  seiner  Vorrede  zum
„Nationalen  System”  als  Universitätsheroen  abwehrend  Notiz
Dularing,  Geschichte  der  Nationalökonomie.  2.  Auflage.  24
        <pb n="386" />
        m

genommen,  nach  denen  jetzt  Niemand  mehr  fragt!  Was  sind
jetzt  die  Lotz  und  was  ein  Pölitz,  von  dem  List  noch  als  „dem
geistlosen  Inhaber  von  Deutschlands  erstem  politischen  Lehrstuhl” ­
  reden  musste,  um  die  Leipziger  professorale  Grösse  zu
kennzeichnen!  Höchstens  in  geistesverwandten  Compendien^
welche  die  Erbschaft  jener  und  ähnlicher  Traditionen  angetreten ­
  haben,  findet  ihre  Nationalökonomik  noch  in  irgend  einem
Citatenwinkeichen  eine  verschwindende  Erwähnung.  Um  noch
an  andere  Phänomene  zu  erinnern,  so  sind  die  umfangreichen
Gegenschriften  gegen  List  verschollen,  während  die  frischen
Athemzüge  trotz  dos  fast  erstickenden  Schulstaubes  die  Deutsc  ho
Theorie  schliesslich  neu  belobt  und  die  vollständige  Erhebung
in  freiere,  hoch  über  dem  Schulstaub  belegeno  Regionen  befördert ­
  haben.
Doch  um  wieder  auf  die  typische  Recension  des  Herrn
W.  Roscher  zurückzukommen,  so  zeichnete  sich  dieselbe  auch
noch  dadurch  aus,  dass  ihr  Verfasser  behauptete,  das  historischpolitisch ­
  Wahre,  was  die  Listscho  Schrift  enthielte,  bereits
selbst  auf  dem  Katheder  vorgetragen  zu  haben,  so  dass  hionach
List  entschieden  zu  spät  gekommen  war.  Der  Nationalökonom
der  Deutschen  hatte  zwar  schon  in  Philadelphia  die  Hauptzüge
seines  Systems  zu  einer  Zeit  veröffentlicht,  als  sein  nunmehriger ­
  Recensent  etwa  10  Sommer  zählte.  Doch  dies  konnte
selbstverständlich  nichts  verschlagen,  da  ja  das  strebsame  junge
Privatdocentchen  im  Aufträge  und  unter  der  Sanction  seiner
professoralen  Gönner  und  künftigen  Beförderer  gegen  den
aussenstehenden,  nicht  mehr  in  der  Professorlaufbahn  befindlichen, ­
  nunmehrigen  Laien  der  politischen  Oekonomic  zu
schreiben  hatte.  Glücklicherweise  befindet  sich  in  der  betreffenden ­
  Besprechung  auch  eine  Auslassung  über  das,  was  an  Lists
Ideen  wahr  sein  soll.  Man  kann  sich  hiedurch  noch  heute
überzeugen,  wie  beschränkt  und  fehlgreifend  diese  selbstgefällige ­
  Anerkennung  eines  vermeintlichen  Theils  der  Listschen
Gesichtspunkte  ausgefallen  ist.  Abgesehen  von  der  vagen  und
nichtssagenden  Zustimmung  zu  der  Berücksichtigung  des  historischen ­
  und  politischen  Elements  finden  sich  fast  nur  Zeugnisse ­
  für  das  vollständigste  Missverständniss  und  für  die  Unfähigkeit ­
  des  Recensionsschreibers,  die  Ideen  eines  List  auch
nur  annähernd  zu  fassen.  So  soll  der  Nationalökonom  der
Deutschen  z.  B.  Unrecht  haben,  wenn  er  die  Englischen  Korn-
        <pb n="387" />
        371

Zölle  verwirft;  denn  nach  dem  wahren  historischen  Frincip
folge  auf  den  Manufactnrschutz  der  Ackerbauschutz,  um  das
durch  die  Entwicklung  der  Industrie  verschobene  Gleichgewicht
wieder  hcrzustellen.  Ferner  wird  die  wunderliche  Wahrheit
verkündet,  dass  im  Greiscnalter  eines  Volks  die  fortschrittlichen
Elemente  vorherrschten.  Die  Verachtung  des  „giossen  Malthus
wird  natürlich  übel  vermerkt,  und  auch  der  politisch  freiheitliche
  Standpunkt  eines  List  ist  dem  Recensenten  nicht  genehm,
welcher  noch  schliesslich  den  Regierungen  einen  denunciatorischen
  Wink  giebt,  dass  ein  List  für  sie  nicht  der  rechte
Mann  wäre.
Aus  dem  Embryo  des  Recensenten  von  1842  ist  auch  im
Laufe  eines  Mcnschenalters  nichts  wesentlich  Besseres  geworden,
und  es  hat  der  Pseudohistorismus  dos  Herrn  W.  Roscher  an
sich  selbst  und  in  seinen  sämmtlichen  Auslassungen  über
unsern  grossen  Nationalökonomen  den  Contrast  zwischen  der
jesuitischen  Vorschützung  des  Historischen  und  dem  ehrlichen
¡Streben  nach  geschichtlicher  Ableitung  nur  immer  mehr  sichtbar ­
  gemacht.  Wenn  überhaupt  von  einer  speciellen  historischen
Methode  in  der  Nationalökonomie  die  Rede  sein  soll,  so  ist
List  nicht  nur  der  Begründer  einer  solchen  gewesen,  sondern
auch  bis  jetzt  in  Europa  der  einzige  ernstliche  Repräsentant
dieser  Auffassungsart  geblieben.  Dagegen  kann  ein  Mosaik
von  Notizen  und  Citaten,  deren  Auswahl  und  Sammlung  von
nur  geringem  Urtheil  zeugt,  verbrämt  mit  etwas  Malthusianismus ­
  und  halb  verhehltem  Pietismus,  sicherlich  keinen  Anspruch
darauf  geben,  einen  besondern  historischen  Standpunkt  zu  vertreten. ­
  Im  Gegentheil  wird  sogar  ein  Lehrbuch,  welches  auf
diese  Weise  zusammengetragen  ist,  Mängel  haben,  die  den
weniger  zwitterhaften  und  anspruchsvollen  Gebüden  nicht  anhaften. ­
  Das  Verdienst,  welches  andernfalls  in  einer  rationellen
Sammlung  und  Ueberarbeitung  fremder  Ansichten  liegen  könnte,
wird  durch  jene  Beimischungen  beeinträchtigt.  In  dieser  Beziehung ­
  ist  das  Lehrbuch  des  Herrn  Roscher,  ganz  abgesehen
von  der  Malthus-Ricardoschen  Färbung,  noch  nicht  einmal  von
derjenigen  Solidität  und  Zuverlässigkeit,  welche  die  zwar  sehr
platten,  aber  doch  nach  etwas  Rationalität  strebenden  Rauschen
Arbeiten  in  ihrer  Art  für  sich  hatten.  Wenn  die  Auflösung
aller  logischen  Zucht  in  der  Gedankenhaltung  Historismus
heissen  soll,  dann  haben  wir  es  allerdings  in  allen  Schriften  des
        <pb n="388" />
        373

Herrn  Roscher  mit  diesem  durchaus  nicht  neuen,  sondern  im
Reiche  der  gelehrten  Verworrenheit  sehr  begreiflichen  Standpunkt ­
  zu  thun.  Griücklicherweise  hat  die  XJebersetzung  des
Roscherschen  Lehrbuchs  durch  den  geistesverwandten  Herrn
Wolowski  auch  den  Geschmack  und  logischen  Sinn  der  Franzosen ­
  ins  Spiel  gebracht  und  unabsichtlich  dafür  gesorgt,  dass
die  fragliche  Abfällesammlung  auch  einmal  jenseits  der  Behausungen ­
  unserer  Universitätscoterien  eine  Würdigung  erfuhr.
Has  Achselzucken,  mit  dem  die  Prätension  einer  bcsondcrn
Geschichtlichkeit  in  diesem  Fall  aufgonornmcn  wurde,  war  nur
zu  natürlich.  Wir  können  uns  indessen  trösten,  da  der  Tact
unserer  Nachbarn  nicht  danach  geartet  ist,  unsere  ökonomische
Wissenschaft  nach  officiösen  Verschulungsproducton  der  rückläufigsten ­
  Art  zu  messen.

Wie  sich  der  Pseudohistorismus  im  Allgemeinen  ausnehmo,
und  wie  er  sich,  ganz  unabhängig  von  einer  gelegentlichen  individuellen ­
  Ausprägung,  als  wissenschaftliche  Entartungserscheinung ­
  gestalten  müsse,  habe  ich  ohne  specicllo  Rücksichtnahme ­
  auf  irgend  eine  Person  in  einem  besondern  Capitel
meiner  „Kritischen  Grundlegung  der  Volkswirthschafbslehre"
schon  1866  ausgeführt.  Da  diese  allgemeine  Haltung  der  Sache
eine  böswillige  Auslegung  erfuhr,  so  habe  ich  in  meinen  Briefen
über  die  Krisis  der  Nationalökonomie  1867  auch  speciell  Herrn
Roscher  und  zwar  auch  im  Hinblick  auf  die  hier  in  Frage
stehende  Recensirung  Lists  ein  paar  Bogen  gewidmet.  Die
Ueberwindung,  welche  eine  derartige,  durch  die  kleinlichen
Gesichtspunkte  der  übertägigen  Vorkleinerer  erzwungene  Beschäftigung ­
  mit  dem  Vorübergehenden  denjenigen  kostet,]  der  nur
die  grossen  Dimensionen  der  Wissenschaftsgeschichte  und  das
wirklich  Bedeutende  im  Auge  hat,  wird  der  unbefangene  Leser
unserer  bisherigen  Darstellung  veranschlagen  können.  Auch
wird  er  begreifen,  dass  nur  die  Beziehungen  zu  Friedrich  List,
dem  bisher  grössten  Deutschen  Nationalökonomen,  einer  Angelegenheit ­
  Bedeutung  geben,  die  ohnedies  mit  Stillschweio-en
zu  übergehen  gewesen  wäre.  Nur  weil  wir  wirklich  im  Listschen
  Buch  die  Anknüpfungspunkte  für  eine  historische  Methode
und  zugleich  für  eine  politische  Behandlungsart  der  Nationalökonomie ­
  besitzen,  und  nur  weil  sich  an  Stelle  dieser  Grundlagen
  ein  verschultes  Aftergebilde  unter  dem  täuschenden
Namen  der  Geschichtlichkeit  wenigstens  in  den  einem  List
        <pb n="389" />
        373

féindlichen  Universitätskreison  eine  Zeit  lang  breit  gemacht
hat,  ohne  ernstlich  geprüft  zu  werden,  —  nur  aus  diesen
Gründen  haben  wir  ausser  der  Erinnerung  an  jene  erste  Recension ­
  auch  noch  den  weiteren  Anspruch  ihres  Verfassers  in
Frage  bringen  müssen.
Man  wird  schliesslich  fragen,  ob  nicht  der  Pseudohistorismus ­
  irgend  welche  eigenthümliche,  wenn  auch  irrthümliche
Sätze  aufzuweisen  habe.  Allein  in  dem  gänzlichen  Mangel
positiver  Eigenthümlichkeiten  liegt  grade  der  Umstand,  welcher
das  fragliche  Gebilde  unter  das  Niveau  einer  wirklich  positiven
Kritik  sinken  lässt.  Selbst  der  beste  Wille  muss  hier  an  der
Leerheit  der  Vorstellungen  scheitern.  Gesetzt,  man  liesse  die
unnatürliche  und  unhistorische,  aus  einer  Verzerrung  besserer
Ideen  entstandene  Vorstellung  von  einem  Mittelalter  und
Greisenalter  der  Völker  einen  Augenblick  gelten,  so  fehlte  es
dennoch,  auch  abgesehen  von  der  Unhaltbarkeit  dieses  Schematismus, ­
  an  Nachweisungen  von  Ursachen  für  die  verschiedenartige ­
  Gestaltung  der  ökonomischen  Wahrheiten  in  jenen  Stadien
Die  Wahrheiten  selbst  sollen  es  aber  sein,  welche  dem  Pseudohistorismus ­
  zufolge  mit  den  Zeiten  wechseln.  Die  blosse  Veränderung ­
  der  Zustände  und  der  ökonomischen  Voraussetzungen
ist  noch  von  keinem  der  grossen  nationalökonomischen  Schriftsteller ­
  und  auch  nicht  von  Adam  Smith  unberücksichtigt  gelassem
worden.  Es  blieb  jedoch  der  Verkommenheit  des  sich  historisch
nennenden  Compilationismus  oder.  Deutsch  gesagt,  der  auf
jedes  verstandesmässige  Urtheil  verzichtenden  Zusammenträgerei ­
  geschichtlicher  Lesefrüchte  Vorbehalten,  die  Wahrheiten ­
  selbst  zu  verflüchtigen  und  sogar  die  Elemente  der
klareren  Anschauungen  fremden  Geistes  durch  die  Nebel  der
eignen  Verworrenheit  unkenntlich  zu  machen.  Kein  Adam
Smith  und,  wenn  man  es  streng  nimmt,  auch  kein  Ricardo,
sondern  ein  verwaschenes  schwächliches  Abbild  von  allem
Schulmässigon,  mit  erkennbarer  Färbung,  aber  ohne  scharf
markirende  Linien,  sowie  ohne  das  geringste  Verständniss  für
grosse  Persönlichkeiten  und  wirkliche  Fortschritte  der  Theorie,
—  das  ist  die  Leere,  die  sich  hinter  der  Schaale  der  falschen
Geschichtlichkeit  oflenbart,  sobald  die  Schriften  des  Leipziger
Professors  unbefangen  untersucht  werden.
12.  Kehren  wir  von  der  widerwärtigen  Uebertägigkeit
eines  falschen  Professorrufs  zu  einer  letzten  unmittelbaren  Be-
        <pb n="390" />
        37á

trachtung  unseres  grossen  Gegenstandes  zurück.  Friedrich
Lists  Geschichtlichkeit  ist  zum  Thcil  eine  wahrhaft  prophetische ­
  gewesen;  denn  er  durchschaute  die  sich  entwickelnde
Nothwendigkeit  der  Bildung  grosser  Nationalvereinigungen  und
er  kennzeichnete  am  nachdrücklichsten  von  allen  Schriftstellern
die  Ohnmacht  der  Deutschen  Wirthschaftspolitik.  Auch  für
eine  freiere  Metamorphose  der  Nation  worden  die  Listschen
Betrachtungen  eine  Bedeutung  behalten.  Ja  sogar  von  einem
höheren  theoretischen  Standpunkt  aus  wird  die  Erkenutniss
Lists  neue  Früchte  treiben  können.  Sein  echt  geschichtliclicr
Sinn  erkannte  die  Zusammengehörigkeit  der  wichtigsten  Wirthschaftsinstitutionen,
  wie  beispielsweise  der  centralistischen  Bankgestaltung ­
  mit  der  Grossstaatcnbildung  der  neuern  Jahrhunderte. ­
  Wer  nun  die  geschichtliche  Kritik  gegen  diese  Verwachsungen ­
  politischer  und  ökonomischer  Privilegien  und
Herrschaitsformen  kehren  will,  wird  hiemit  freilich  nicht  dom
in  dieser  Hinsicht  noch  gutgläubigen  Autor  selbst  entsprochen,
wohl  aber  von  seinen  Anschauungen  den  bestmöglichen  Gebrauch ­
  machen.
Wo  die  Theorie,  wie  in  der  Lehre  vom  Werthe  und  in
der  Unabhängigkeit  von  den  Malthus-Ricardoschcn  Fehlgriffen,
namentlich  aber  in  der  Auffassung  der  Grundrente  bei  List
einen  freieren  Charakter  hatte,  wird  sie  dem  Deutschen  Geiste
je  länger  je  mehr  zur  Ehre  gereichen  ;  denn  sie  war  die  Vorwegnahme ­
  von  dem,  was  sich  zunächst  in  den  Careyschen
Schriften  von  andern  Ausgangspunkten  her  vertreten  fand,  und
was  schliesslich  in  der  Form  meines  Systems  gleichsam  einen
mathematisch  sichern  Ausdruck  gefunden  hat.  Eine  vollere
Einsicht  in  die  Listschen  Wahrheiten  wird  durch  die  Untersuchung ­
  des  Careyschen  Systems  vermittelt.  Auch  die  geschichtliche ­
  Zusammengehörigkeit  der  Gedankenkreise  dos
Deutschen  und  dos  Amerikaners  in  einer  Deutsch-Amerikanischen ­
  oder,  wenn  man  will,  Amerikanisch-Deutschen  Ideengruppe ­
  wird  durch  die  Vergleichung  über  jeden  Zweifel  hinausgehoben.
  In  einer  nicht  unwichtigen  Beziehung  hat  sogar  List
etwas  anticipirt,  was  dem  National  Ökonomen  der  Amerikaner
fern  geblieben  ist,  —  ich  meine  die  von  dem  Deutschen  betonte
Wahrheit,  dass  die  Nationalökonomie  soweit  heruntergekommen
sei,  sich  fast  ausschliesslich  nur  noch  mit  der  Bodenrente  zu
beschäftigen.  In  der  That  ist  es  eine  arg  einseitige  Verschrän-
        <pb n="391" />
        375

kung  der  freien  wissenscbaftlichen  Thätigkeit  gewesen,  den  zufälligen ­
  Umstand,  dass  die  in  England  mit  den  Napolconischen
Kriegen  neu  erwachsene  Frage  der  Korngesetzschärfung  alten
Theorien  der  Bodenrente  durch  Ricardo  zu  neuem  Leben  verhalf,
  für  die  Doctrin  in  zwei  Welttheilen  ein  halbes  Jahrhundert ­
  lang  maassgebend  bleiben  zu  lassen.  Erst  mit  der  socialitären
  Richtung  ist  dieser  Bann  vollends  gebrochen,  und  wir
werden  daher  die  erwähnte  Bemerkung  Lists  von  der  Enge
der  vorherrschenden  Schuldoctrin  für  Alles  gelten  lassen  müssen, ­
  was  inzwischen  ausschliesslich  um  die  Frage  der  Bodenrente ­
  bejahend  oder  verneinend  sich  bewegt  hat,  ohne  zugleich,
wie  mit  der  Neubildung  der  Lehre  vom  Werth,  einen  überlegenen
theoretischen  Gesichtspunkt  von  universeller  Bedeutung  ins
Auge  zu  fassen.  Letzteres  ist  durch  das  Careysche  System
geschehen,  welches  schon  allein  aus  diesem  Grunde  und  unabhängig ­
  von  allen  seinen  sonstigen  Eigenthümlichkeiten  die
Stellung  verdient,  die  wir  ihm  zwischen  der  früheren  Oekonomie
  und  unserer  heutigen  socialitären  Fassung  der  Wirthschaftslehre
  einzuräumen  haben.
        <pb n="392" />
        Siebenter  Absebnitt
Die  Amerikanische  Nationalökonomie
und  deren  Yerhältniss  zu  den  gleichzeitigen
Europäischen  Erscheinungen.

Erstes  Capitel.
Entwicklungsursachen.
Man  ist  gewohnt,  die  Ideen,  die  man  im  Rahmen  der  Nordamerikamschen
  Union  antritft,  als  Gestaltungen  der  Ueberlieferung
  Europas  anzusehen.  Die  Richtigkeit  dieser  Ansicht  erleidet ­
  jedoch  da  eine  Einschränkung,  wo  es  die  neuen  und
jugendlichen  Verhältnisse  selbst  gewesen  sind,  durch  welche
die  specifisch  Amerikanische  AufFassungsart  erzeugt  wurde.
Für  das  Gebiet  der  Nationalökonomie  gilt  im  Allgemeinen  der
Satz,  dass  es  in  Nordamerika  bisher  zweierlei  nebeneinanderherlaufende
  Ideenkreise  gegeben  hat.  Der  eine  derselben  gehört ­
  der  Scholastik  an  und  enthält  nichts  als  oberflächliche
Aneignungen  der  verschulten  und  am  leichtesten  erlernbaren
Oekonomistik  der  alten  Welt.  Der  andere  ist  naturwüchsig,
knüpft  an  die  praktischen  Verhältnisse  an  und  muss  zu  einem
grossen  Theil  als  das  Erzeugniss  des  Denkens  und  Beobachtens
gelten,  welches  seinen  einflussreichsten  Ausdruck  in  den  Kundgebungen ­
  Amerikanischer  Staatsmänner  erhielt.  Dieser  nationale
Typus  von  Anschauungen  ist  z.  B.  schon  sehr  früh  durch
Alexander  Hamilton  vertreten  gewesen,  dessen  berühmter  Industriebericht ­
  von  1791  den  patriotischen  und  um  die  Selbständigkeit ­
  der  einheimischen  Oekonomie  bemühten  Amerikanern ­
  noch  heute  als  ein  fundamentales  Document  gilt.  Ein
        <pb n="393" />
        377

Carey  hält  sogar  dafür,  dass  die  Union  in  Rücksicht  auf  die
Erfassung  des  ihr  angemessenen  wirthschaftlichen  Systems  in
A.  Hamilton  ihren  grössten  Staatsmann,  also  gleichsam  ihren
Colbert  zu  verehren  habe.  Man  hat  diesen  Hamiltonschen,  an
theoretischen  Erörterungen  reichen  und  umfassenden  Bericht
noch  80  Jahre  nach  seiner  Abfassung  für  geeignet  gehalten,  in
vollständigem  Abdruck  in  Amerikanischen  Industriejournalen
die  Gesichtspunkte  in  Erinnerung  zu  bringen,  auf  denen  die
nationale  Handelspolitik  der  Union  auch  neuerdings  beruhe,
und  in  welchen  sie  ihre  wissenschaftliche  Erklärung  finde.  In
der  That  trifft  man  in  der  Hamiltonschen  Abhandlung  nicht
nur  überhaupt  ein  durchdachtes,  mit  Umsicht,  Ruhe  und  Mässigung
  dargelegtes  System  der  Wirthschaftspolitik  der  Union
an,  sondern  wird  auch  durch  die  unverkennbarsten  Keime  derjenigen ­
  rein  theoretischen  Anschauungen  überrascht,  welche,
wie  z.  B.  das  unumgängliche  Erforderniss  der  Rückwirkung
der  Manufacturen  zur  Hervorbringung  einer  höheren  Entwicklung ­
  des  Ackerbaus  und  die  hieraus  folgende  Interessengemeinschaft ­
  beider  Wirthschaftszweige,  später  das  theoretisch  vertiefte ­
  Thema  der  Bemühungen  der  List  und  Carey  gebildet
haben.
Um  hier  gleich  einer  naheliegenden  Einwendung  zu  begegnen, ­
  so  sind  die  wirthschaftlichen  Ueberlegungen  und  volksmässigen
  Empfehlungen  ökonomischer  Privatmoral,  wie  sie
sich  in  den  Schriften  eines  Franklin  fanden,  bei  aller  Hochachtung ­
  für  die  sonstigen  trefflichen  Eigenschaften  dieses
Mannes,  doch  nicht  als  besondere  Ausgangspunkte  für  eine
originäre  Nationalökonomie  anzusehen.  Seine  Bemerkungen
über  die  Gruppirung  der  Bevölkerung,  namentlich  in  den
dichter  gedrängten  Mittelpunkten,  zeugen  von  gesundem  Verstand ­
  und  ziemlich  unbefangener  Beobachtung,  aber  von  nichts
weiter.  Lassen  wir  also  Benjamin  Franklin  als  vermeintlichen
Nationalökonomen  in  Frieden.  Er  bedarf  einer  solchen  verkehrten ­
  Zuwendung  von  Ruhm  keineswegs.  Er  war  wie  viele
Andere  ein  Beispiel,  dass  gesunder  Sinn  und  einfache  Wirthschaftsverhältnisse
  in  ihrer  Vereinigung  Manches  als  die  allertrivialste ­
  Wahrheit  nahelegen,  worin  die  verschulte  Auffassung
ein  höchst  mühevolles  Ergebniss  fachmässiger  Erkenntniss  erblickt. ­
  Wem  es  beliebt,  die  wissenschaftlich  ausgebildeten
Grundsätze  einer  späteren  Auffassung  in  ziemlich  gleichgültigen
        <pb n="394" />
        378

Gclegenheitsansichten  aufzusuchen,  die  ohne  ernstliche  Consequenzen
  blieben,  —  der  wird  auch  bei  Franklin  etwas  antreffen,
was  dem  ähnlich  sieht,  was  er  sucht.  An  dem  Arboitsprincip
in  theoretischer  und  praktischer  Bedeutung  hat  cs  natürlich
nicht  gefehlt;  doch  ist  es  hier  die  Tragweite  der  Anwendung
und  der  Umfang  der  Idee,  was  allein  entscheiden  kann.  Die
Zurückführung  ökonomischer  Thatsachen  und  namentlich  der
zunächst  in  Betracht  kommenden  Preise  auf  Arbeit  kann  ein
unstät  schweifender  Gedanke  sein,  und  dies  ist  er  überall  da
gewesen,  wo  man  ihn  nicht  als  theoretisches  Erklärungsprincip
von  fundamentaler  Bedeutung  ins  Auge  fasste.  Es  ist  daher
cinfürallcmal  darauf  zu  verzichten,  flüchtige  und  rasch  verlassene ­
  Ansätze  zum  Theoretisiren  nicht  hinterher  mit  dem
ialschen  Schein  des  spätem  principiellen  Bewusstseins  zu  umgeben. ­

Viel  gewichtiger  als  solche  Gclegenheitsreflexionen  und
privatwirthschafdiche,  keineswegs  im  hohem  Sinne  volksmässige
  Moralmaximcn  eines  B.  Franklin,  sind  die  Staatsschriiten,
  von  denen  man  keine  Systematik  im  schulmässigen
Sinne  des  Worts,  wohl  aber  irgend  welche  principielle  Anschauungen ­
  über  das  ökonomische  System  erwartet.  In  dieser
Form  kann  sich  bei  den  Völkern  auch  der  Stoff  zu  einer  theoretisch ­
  weitertragenden  Nationalökonomie  verkörpern,  und  wir
haben  diese  Erscheinungsart  von  Einsichten  und  Grundsätzen
etwa  so  anzusehen,  als  wenn  es  sich  um  Theorie  und  Praxis
der  allgemeinen  Politik  handelte.  Wie  in  der  letzteren,  so  ist
auch  in  der  Nationalökonomie  die  angedeutete  Gestalt  des
Wissens  und  Wollens  noch  nicht  diejenige,  in  welcher  die
Naturgesetze  der  Erscheinungen  und  der  Actionen  gesucht
werden.  Allein  jener  Zustand  der  Erkenntniss  bildet  die  Vorstufe, ­
  und  diese  ganz  allgemeine  Wahrheit,  auf  die  wir  schon
in  der  Entwicklung  der  Europäischen  Volkswirthschaftslohro
und  besonders  mit  Rücksicht  auf  Colbert  hingewiesen  haben,
trifft  für  die  Amerikanische  Union  von  Neuem  zu.  Hier  wiederholt ­
  sich  das  alte  Gesetz  der  Entwicklung  der  Theorie.  Die
I  raxis  und  die  Anschauungen  des  Lebens,  ganz  besonders
aber  der  staatsmännische  Ueberblick  der  Verhältnisse,  bilden
die  Ausgangspunkte  für  alles  Weitere.  Die  speciflsch  Amerikanischen ­
  A  orstellungen  heben  sich  auf  diesem  Grunde  von
der  gewöhnlichen  Ueberlicferung  ab,  und  es  ist  nur  ein  ein-
        <pb n="395" />
        V

3L»

•tmrnersff?

879

zig-cr  Umstand,  der  die  Erscheinungen  hier  verwickelter  macht.
Er  besteht  in  der  Kreuzung  der  einheimischen,  natur-  und
staatswüchsigen  Einsichten  mit  einer  bereits  fertigen  Schuldoctrin,
  die  von  Europa  her  die  Consequenzen  ihrer  eignen
Vergangenheit  auf  dem  neuen  Boden  geltend  zu  machen  sucht.
Ko  musste  z.  B.  Alexander  Hamilton  in  seinem  vorher  erwähnten ­
  Bericht  noch  ausführlich  die  aus  dem  physiokratischen
Ideenkreise  erwachsene  Vorstellung  widerlegen,  als  wenn  der
Ackerbau  dadurch  productiver  wäre,  dass  er  ausser  dem  Capitalgewinu,
  wie  er  in  den  Manufacturen  erzielt  wird,  noch  eine
besondere,  ihm  cigenthümliche  Rente  lieferte.  Mit  Recht  wurde
diese  Rente  von  dem  Verfasser  des  berühmten  Berichts  schon
unter  der  Jahreszahl  1791  als  Gewinn  von  demjenigen  Capital
gekennzeichnet,  welches  der  Gutscigenthümer  in  Gestalt  des
bereits  für  die  BewirthSchaffung  zugerichteten  Ackeis  dem
Pächter  so  zu  sagen  darleihe,  so  dass  also  nach  der  ausdrücklich
formulirten  Ansicht  A.  Hamiltons  die  vollständige  Ackerbaurento
  in  einer  ähnlichen  Weise  aus  der  Vereinigung  von  zwei
Capitalgewinncn  bestände,  wie  sich  etwa  der  vollständige  Capitalgewinn,
  der  bei  einer  Unternehmung  gemacht  wird,  in  den
eigentlichen  Zins,  welcher  für  die  blosse  Darleihung  des  Capitals ­
  gezahlt  werden  müsste,  und  in  den  übrigen,  durch  die
eigentliche  Unternehmung  noch  darüber  hinaus  erzielten  Capitalgewinn
  zerlegt.  Besondern  Werth  legte  der  Amerikanische
iStaatsmann  bezüglich  der  Renten  frage,  deren  nach  einem
Menschenalter  hervortretende  Celebrität  er  noch  nicht  ahnte,
auf  den  einfachen  Umstand,  dass  der  Eigenthümer  den  einen
und  der  Pächter  den  andern  Bestandtheil  des  für  die  Landwirthschaft
  erforderlichen  Capitals  liefere,  und  dass  ähnliche
Theilungen  auch  in  der  Industrie  nachzuweisen  wären,  ohne
dass  es  Jemand  einficle,  darin  eine  besondere,  für  die  höhere
Productivität  charakteristische  Rente  finden  zu  wollen.
2.  Von  vornherein  ist  die  Union  eine  Schöpfung  gewesen,
die  den  Gegensatz  zu  England  zum  Lebensprincip  hatte.  Die
Unabhängigkeit  der  Vereinigten  Staaten  ist  daher  vor  allen
Dingen  auch  von  ihrer  ökonomischen  Politik  zu  verstehen,
und  diese  letztere  ist  im  Grossen  und  Ganzen  oder  wenigstens
überall  da,  wo  sie  dem  Debensprincip  des  transatlantischen
Staats  treu  blieb,  eine  Fortsetzung  und  Verwirklichung  der
politischen  Unabhängigkeitserklärung  geworden.  Irgend  eine
        <pb n="396" />
        380

m

1

Form  des  Widerstandes  gegen  die  Brittisclie  Oekonomie  und
deren  Grundsätze  musste  daher  der  Union  bis  auf  den  heutigen ­
  Tag  wesentlich  bleiben,  wenn  auch  der  positive  Inhalt
der  transatlantischen  Auffiissung  keineswegs  hinter  diesem
Antagonismus  zurücksteht.  Wäre  es  hier  unsere  Aufgabe,  die
Wirthschaftsgeschichte  und  nicht  vielmehr  die  Geschichte  der
Theorie  zu  verzeichnen,  ja  könnten  wir  uns  auch  nur  auf  die
bedeutendsten  staatsmännischen  Kundgebungen  einlassen,  so
würden  wir  eine  Reihe  von  hervorragenden  Positionen  durchziigehen
  haben,  die  in  Rücksicht  auf  die  Handelspolitik  abwechselnd ­
  eingenommen  worden  sind,  jo  nachdem  der  transatlantische ­
  Staat  zur  Einheit  und  Festigung  strebte  oder  aber
den  Elementen  der  Auflösung  nachgab.  In  der  neusten  Zeit
ist  die  mit  den  Brittischen  Interessen  verwachsene  Sklavenwirthschaft
  dos  Südens,  mit  ihrer  Vertretung  des  Brittischen
Fieihandels,  der  Grund  zu  einer  Regulirung  geworden,  durch
welche  die  Union  in  handelspolitischer  Beziehung  ihrem  alten
Lebensprincip  wieder  nähorgetroten  ist.  Das  seit  1861  wieder
herrschende  Schutzsystem  ist  als  eine  Wirkung  der  Aufraffung
des  Nordens  anzusehen,  zu  welcher  der  Secessionskrieg  geführt
hat.  Für  das  Studium  der  Wirthschaftspolitik  ist  ein  ganz
neues  Feld  mit  durchaus  cigenthümlichen  Thatsachen  geschaffen,
die  von  den  ältern  Schulansichten  allerdings  nicht  gern  gesehen
und  daher  meist  im  Hintergründe  belassen  werden.  Man
braucht,  um  den  Interessenkampf  und  die  nationalen  Gesichtspunkte ­
  zu  untersuchen,  jetzt  nicht  mehr  um  Jahrhunderte
zurückzugreifen  und  die  bestäubten  Beurkundungen  einer  entfernteren ­
  Geschichte  zur  Hand  zu  nehmen.  Man  hat  das,  was
den  freieren  Kern  des  Colbertismus  ausmacht,  in  einer  moderneren ­
  Gestalt  in  denjenigen  Thatsachen  vor  sich,  welche
seit  1860  jenseit  des  Oceans  vorliegen.  Genau  zwei  Jahrhunderte ­
  trennen  die  beiden  Zeitpunkte  einer  in  der  Geschichte
epochemachend  markirten  Auffassung  der  Wirthschaftspolitik.
Was  Colbert  1661  in  seiner  Art  repräsentirte,  das  ist  für  die
moderne  Epoche  die  neuste  Inauguration  der  Amerikanischen
irthschaftspolitik,  die  mit  1861  nach  der  Emancipation  von
den  Einflüssen  des  sklavenhalterischen  Südens  ihren  ersten
entscheidenden  Act  vollzog.  Gleichzeitig  ist  in  Europa  eine
Zeit  verstrichen,  in  welcher  seit  dem  sogenannten  Cobdenvertrag ­
  von  1860  ein  gewisses  Maass  festländischen  Freihandels,
        <pb n="397" />
        881

wenigstens  für  die  Hauptculturgruppe,  zur  Verwirklichung  gelangte. ­
  Dieses  System  der  neuern  Art  von  Handelsverträgen,
deren  Tragweite  auf  der  Begünstigungsklausel,  d.  h.  auf  dem
Princip  der  Verallgemeinerung  der  von  den  Contrahonten  andern
Staaten  zugestandenen  Vortheile  beruht,  hat  seine  hauptsächlichste ­
  Schranke  bisher  an  der  Russischen  Tarifautonomie  mit
ihrem  Hochschutzregimc  gefunden  und  ist  in  seinem  Ursprungslande ­
  Frankreich  selbst  einer  theilweisen  Auflösung  anheimgefallen. ­
  Trotzdem  bleibt  aber  der  Gegensatz  zwischen  unsern  und
den  transatlantischen  Verfahrungsarten  in  der  Hauptsache  bestehen. ­
  Ausser  allem  Zweifel  bleibt  für  die  Amerikanische
Republik  die  Nothwendigkeit,  sich  der  Brittischen  Manufacturund
  Handelsmacht  gegenüber  vollständig  auf  eigne  Füsse  zu
stellen.  Ebenso  gewiss  ist  es  aber  auch,  dass  der  Weg  durch
die  socialitäre  Organisation  zuverlässiger  und  mit  mehr  Gerechtigkeit ­
  zum  Ziel  führen  müsste,  als  die  protectionistische  Staatsunterstützung ­
  in  der  Gestalt  einer  aus  den  Taschen  der  Consumenten
  an  die  Fabricanten  zu  entrichtenden  Hülfssteuer.
In  Europa  sind  die  Fortschritte,  die  der  Freihandel  mit  und
seit  1860  gemacht  hat,  in  den  beiden  Hauptländern,  nämlich  in
Frankreich  und  Deutschland,  von  Cäsaristischer  Färbung  nicht
freigeblieben,  indem  man  der  Luxusconsumtion  in  den  Tarifen
grosse  Zugeständnisse  gemacht  und  überhaupt  die  auf  die  Volksmasse ­
  drückende  indirecte  Besteuerung  in  der  Gestalt  möglichst ­
  reiner  Finanztarife  ungenirt  bevorzugt  hat.  Die  Amerikanische ­
  Doctrin,  wenn  auch  noch  keineswegs  die  Praxis,  will
dieses  Verhältniss  vollständig  umgekehrt  wissen,  indem  die
reinen  Finanzzölle  möglichst  verschwinden  und  die  wesentlichen ­
  Schutzzölle  allein  nur  noch  Zolltarife  nothwendig  machen
sollen.
3.  Noch  weit  entscheidender  als  die  selbständige  Wirthschaftspolitik
  ist  in  den  Vereinigten  Staaten  die  Thatsache
eines  sich  durch  die  verschiedensten  Entwicklungsstufen  rasch
umwandolnden  ökonomischen  Lebens.  Für  die  Theorie  ist  die
unmittelbare  Uebersichtlichkoit  dieser  Metamorphosen  eine
nicht  leicht  überschätzbare  Hülfe.  Friedrich  List  hat  sic  zuerst
im  Gegensatz  zu  den  schwerer  entwirrbaren,  im  Laufe  der
Jahrhunderte  erwachsenen  Verhältnissen  der  alten  Welt  gekennzeichnet, ­
  und  noch  heute  muss  man  behaupten,  dass  sich
die  Grundbeziehungen  aller  Wirthschaft  am  leichtesten  an  den
        <pb n="398" />
        382

jungen  Gebilden  der  neuen  Welt  studiren.  Letzteres  geschieht
und  geschah  bereits  praktisch  oder  instinctiv  von  allen  unmittelbar ­
  Betheiligten,  und  in  dieser  Beziehung  ist  dort  die
wirthschaftliche  Volksbildung  weiter  verbreitet  und  eingehender
als  in  den  civilisirtesten  Staaten  Europas,  Fragt  man  dagegen
nach  dem  theoretischen  Bewusstsein  über  die  höheren  Fragen
und  nach  alledem,  was  das  nächstliegende  Interesse  des
Geschäftsmannes  überragt,  so  ist  in  den  einflussreichsten
Classen  die  ökonomische  Bildung  vorhältnissmässig  ungrüiidlich
  und  in  ihrer  Art  weit  weniger  befriedigend,  als  innerhalb ­
  der  entsprechenden,  aber  weit  geschulteren  Kreise
Europas,  Man  kann  diese  Sachlage  auch  in  der  Haltung  der
Zeitungen  aller  politischen  und  ökonomischen  Parteien  und  in
der  dort  herrschenden  Erörterungsart  bestätigt  finden.  Obwohl
Ton  und  Anschauungsweise  durch  ihre  Frische  mit  unserer
abstracten  Art  und  Weise  contrastiren  und  dies  ganz  besonders
da  thun,  wo  der  Amerikanismus  und  nicht  irgend  ein  Ableger
der  älteren  Europäischen  Schulökonomie  vertreten  wird,  so
zeigt  sich  trotzdem  deutlich  genug,  welchen  Einfluss  der  Mangel
der  Gewöhnung  an  eine  schärfere  Dialektik  ausübt.  Man
gieift  in  das  volle  Leben,  fördert  die  Anschauungen  und  Bestiebungen
  zu  Tage,  die  sich  an  die  natürlichen  Wirthschaftspositionen
  knüpfen.  Man  versteht  sich  vortrefflich  auf  die
Gruppirung  der  wirthschaftlichen  Parteien  und  ist  in  dieser
Beziehung  sogar  den  Engländern,  Franzosen  und  Deutschen
gegenwärtig  überlegen.  Allein  man  kennt  dies  Alles  nur  unmittelbar ­
  und  aus  der  Praxis;  man  lernt  im  Kampfe  den  Gegner
messen  und  die  Situationen  bestimmen;  man  erhebt  sich  aber
im  Allgemeinen  nicht  zu  jener  höheren  Auffassung,  in  welcher
die  wissenschaftlich  unparteiischen  Gesichtspunkte  als  solche
zur  Geltung  kommen.  Es  soll  hiemit  nicht  gesagt  sein,  dass
die  Interessen  auf  der  andern  Seite  des  Oceans  die  unbefangene
Denkweise  mehr  verunstalteten  als  bei  uns.  Im  Gegentheil
bringt  dort  der  freie  Ausdruck  des  Gegensatzes  in  die  Einseitigkeit ­
  ein  mässigendes  Element,  nach  welchem  wir  uns  in  den
weniger  freien  Zuständen  Europas  vergebens  um  sehen.  Was
jedoch  dessenungeachtet  den  vorherrschenden  Charakter  der
transatlantischen  Bildung  im  Sinne  der  Unzulänglichkeit  bestimmt, ­
  kann  nirgend  anders  als  in  der  bis  jetzt  noch  nicht  überwundenen ­
  Gewohnheit  gesucht  werden,  vermöge  deren  fort-
        <pb n="399" />
        383

'  während  das  allernächste  Interesse  und  die  volksmässig  rasch
einleuchtenden  Wendungen  in  Anspruch  genommen  werden
müssen.  Die  Anschaulichkeit  der  Nachweisungen  spielt  hiebei
mit  Recht  eine  grosse  Rolle;  aber  sie  verleitet  auch  unwillkürlich ­
  dazu,  hinter  der  Fülle  des  aus  dem  Leben  gegriffenen
Materials  die  entscheidenden  logischen  Gesichtspunkte  zurücktreten ­
  zu  lassen.  Selbstverständlich  sieht  unsere  Kennzeichnung ­
  dieser  Art  und  Weise  von  jeder  bewussten  Fälschung
ab  und  fasst  nur  diejenige  Gestaltung  ins  Auge,  bei  welcher
das  ökonomische  Denken  noch  in  der  roheren  Form  von  Ideen
verbleibt,  die  ihre  Kraft  in  der  Beschreibung,  in  den  Beispielen
und  in  dem  sogenannten  statistischen  Material  suchen,  während
das  strengere  Schliessen  durch  logische  Combination  der  Principien ­
  eine  nur  ganz  secundäre  Rolle  spielt.  Die  Bildung,  die
auf  dieser  Grundlage  und  in  dieser  Form  durch  die  Zeitungen
an  einen  sehr  weiten  Kreis  gelangt,  mit  dessen  Ausdehnung
sich  der  Umfang  unserer  ökonomisch  etwas  orientirten  Bevölkerungsschichten ­
  kaum  vergleichen  lässt;  —  diese  Bildung  hat
zwar  viele  Vorzüge  und  wird  einst  der  Ausgangspunkt  für
ausserordentliche  geistige  Erfolge  werden  können;  aber  sie  hat
den  einen  unverkennbaren  Mangel,  bis  jetzt  nicht  sonderlich  aus
der  Unreife  des  blossen  Geschäftsdenkens  herausgekommen  zu
sein.  Sie  schliesst  alle  Elemente  in  sich,  die  weiter  entwickelt
zu  vollkommneren  Einsichten  führen  ;  aber  sie  vertritt  selbst
diese  Einsichten  noch  nicht.
Im  Hinblick  auf  diese  Beschaffenheit  der  allgemeineren
volkswirthschaftlichen  Bildung  muss  nun  ein  im  höchsten  Sinne
wissenschaftliches  System,  welches  rein  auf  Amerikanischem
Boden  und  auch  hauptsächlich  im  Anschluss  an  die  dortige
Ueberlieferung  entstanden  ist,  einen  um  so  grösseren  Contrast
ergeben.  In  der  That  beruht  Careys  umwälzende  Volkswiitlischaftslehro
  zu  einem  grossen  Theil  auf  Anschauungen,  die
sich  im  Amerikanischen  Leben  allmälig  entwickelt,  bisweilen
in  Staatsschriften  oder  andern  Gclegenheitskundgebungen  einen
Ausdruck  verschafft  und  immer  mehr  zu  einem  eigenthümlichen
  Gedankenkreis  verschmolzen  haben.  Eine  erhebliche
Gruppe  dieser  Anschauungen  hatte  eine  erste  systematische
Formulirung  schon  durch  Friedrich  List  erfahren  und  war  auf
diese  Weise  schon  in  den  zwanziger  Jahren  mit  dem  Deutschen
wissenschaftlichen  Geist  in  Berührung  gekommen.  Für  die
        <pb n="400" />
        384

Gestalt,  welche  jener  Kreis  von  Einsichten  unter  den  Händen
Careys  gewinnen  sollte,  ist  es  jedoch  sehr  erheblich  gewesen,
dass  der  Amerikanische  Nationalökonom  zu  allererst,  d.  h.  in
der  Mitte  der  dreissiger  Jahre,  seinen  Ausgangspunkt  von  dem
Europäischen  Gesammtzustande  der  Schiilökonomic  genommen
und  unter  Bekämpfung  der  letzteren  ein  eignes  positives,  keineswegs ­
  specifisch  Amerikanisches  sondern  überhaupt  nur  wahreres
System  der  politischen  Oekonomie  aufgcstellt  hat.  Erst  weit
später  hat  er  dem  Amerikanismus  in  seiner  ausgeprägten  Gestalt ­
  mehr  Rechnung  getragen  und  ihm  den  Stempel  seines
originalen  Geistes  aufgedrückt.
4.  Wer  die  volkswirthschaftlichen  Ideenströmungen  in
ihrer  unmittelbaren  Gestalt  studiren  will,  wird  auch  in  den
Congressreden  und  ähnlichen  Auslassungen  ein  leicht  orientircndcs
  Material  antreffen.  Noch  heut  giobt  es  in  dieser  Beziehung ­
  keine  wesentlich  anderartigen  Quellen  als  die  Staatshandlungen, ­
  Denkschriften,  Berichte,  Reden  und  Agitationspamphlets. ­
  Ereilich  sind  sowohl  aus  dem  protectionistischen
als  aus  dem  entgegengesetzten  Lager  manche  Bearbeitungen
der  Volkswirthschaftsiehre  hervorgegangen;  indessen  haben  sie
sich  bis  auf  den  gegenwärtigen  Augenblick  auf  der  einen  wie
auf  der  andern  Seite  nur  durch  eine  Oberflächlichkeit  ausgezeichnet, ­
  die  oft  noch  hinter  der  Geschäftsökonomie  des  Publicums
  ZU!  ückblieb.  Mit  den  bessern  Reden  und  staatsmännischen
Auslassungen  können  sich  aber  diese  dürftigen,  im  Verhältniss
zu  der  ernsteren  Theorie  nur  als  Anfängerübungen  zu  bezeichnenden ­
  Productionen  nicht  im  Mindesten  vergleichen.  Es
scheint  vielmehr,  als  wenn  der  in  anderer  Beziehung  für  die
nationalökonomischo  Erkenntniss  so  günstige  Boden  Nordamerikas ­
  nach  der  streng  wissenschaftlichen  Seite  hin  vorläufig
noch  der  allerungünstigste  und  unfruchtbarste  wäre,  so  dass
sogar  die  grösste  theoretische  Schöpfung,  die  unser  Jahrhundert
neben  dem  Listschen  Ideenkreis  als  neuen  Standpunkt  für  die
Oekonomie  aufzuweisen  hat,  den  Charakter  einer  einzigen
grossen  Ausnahme  erhält.  Die  Anomalie,  die  das  Careysche
System  im  Verhältniss  zu  seiner  literarischen  und  wissenschaftlichen
  Umgebung  repräsentirt,  darf  uns  aber  nicht  überraschen.
Sie  erklärt  sich  zu  einem  grossen  Theil  aus  der  Abstammung
des  Urhebers,  dessen  Irischer  Ursprung  ihn  ungeachtet  der
schon  durch  seinen  Vater  fest  begründeten  Beziehungen  zu  Pen-
        <pb n="401" />
        385

sylvanien  und  Philadelphia  in  eine  andere  Richtung  trieb,  als
der  gewöhnliche  Amerikanismus  mit  sich  brachte.  Doch  verzichten ­
  wir  darauf,  die  Thatsache  der  vereinzelten  Geistesaufraffung ­
  als  solche  noch  besonders  erklären  zu  wollen,  da  sie
unserer  mehrfach  dargelegten  Anschauungsweise  zufolge  stets
eine  Ausnahme  ist,  die  sich  nur  in  dem  Neben  werk  und  den
weniger  gelungenen  Bestandtheilen  aus  der  Umgebung  oder
aus  allgemeinen  Regeln  der  geschichtlichen  Möglichkeit  begreift.
Aus  dem  letzteren  Grunde  braucht  es  auch  kaum  noch  besonders ­
  bemerkt  zu  werden,  dass  in  dem  Careyschen  System  der
Yolkswirthschaftslehrc  zwar  die  staatsmännische  Ueberlicfcrung
der  Nordamerikaner  und  alles  das,  was  sonst  die  dortigen  Thatsachen
  dem  ökonomischen  Beobachter  nahelegcn,  einen  Platz
gefunden  hat  und  einen  grossen  höchst  schätzbaren  Theil  seiner
Arbeit  bildet;  —  dass  aber  dennoch  die  im  streng  wissenschaftlichen ­
  Sinne  entscheidenden  Bestandtheile  und  form  gebenden
Elemente  nicht  vornehmlich  auf  Rechnung  jener  Traditionen
und  Anregungen  gesetzt  werden  können.  Allerdings  müssen
wir  die  Careysche  Oekonomie  als  diejenige  der  Amerikaner  und
überhaupt  als  ein  System  bezeichnen,  in  welchem  die  beste
Vergangenheit  und  der  bisherige  Lebenslauf  der  Vereinigten
Staaten  in  volkswirthschaftlicher  Beziehung  den  wissenschaftlich ­
  vollkommensten  Ausdruck  gefunden  hat.  Allein  weit
wichtiger  als  dieses  Verhältniss  ist  diejenige  Seite  des  Systems,
durch  welche  es  den  Weltstandpunkt  und  überhaupt  die  ganz
allgemeine,  von  den  besondern  Voraussetzungen  absehendo
Umwälzung  der  erheblichsten  Grundlagen  der  zuvor  in  Europa
ausschliesslich  maassgebenden  Denkweise  vertritt.  Diese  letzteren
Elemente  und  Triebkräfte  der  Wissenschaft  sind  es,  vermöge
deren  die  Careysche  Schöpfung  weit  über  den  Kreis  des  Amerikanismus ­
  hinausreicht  und  als  wirthschaftlich  epochemachendes ­
  Werk  dasteht.  Einige  principielle  Sätze,  auf  denen  das
Ganze  der  übrigen  Anschauungen  ruht,  müssen  hier  als  die
unterscheidenden  Merkmale  angesehen  werden.  Zu  diesen
Sätzen  mag  nun  immerhin  der  Ursprungsort  ihrer  Entstehung
]nit  den  naheliegenden  Thatsachen  die  Gelegenheitsursache  geliefert ­
  haben;  hieraus  folgt  noch  nicht  im  Mindesten,  dass  ohne
den  tief  eindringenden,  mit  wahrer  Schöpferkraft  und  Originalität ­
  ausgestatteten  Geist  irgend  welche  Einsichten  der  fraglichen ­
  Art  unwillkürlich,  also  etwa  in  jedem  beliebigen  Talent
Dulu'ing,  Geschichte  der  Txationalökonomie.  2.  Auflage.  25
        <pb n="402" />
        38G

hätten  entstehen  können.  Hunderte  von  ökonomisch  gebildeten
Capacitäten  hatten  die  gleiche  Beobachtungsgelegenheit  gehabt
und  sind  dennoch  nicht  zu  den  neuen  theoretischen  Aufschlüssen
gelangt.  Im  Gegentheil  giebt  es  noch  heute  eine  Anzahl  von
Persönlichkeiten,  die  in  Nordamerika  auf  eine  Vertretung  volkswirthschaftlichen
  Wissens  Anspruch  machen  und  die  vermeintlich ­
  so  naheliegenden  Ideen  noch  nicht  einmal  jetzt  aufzufassen ­
  verstehen,  nachdem  man  ihnen  gezeigt  hat,  worauf  sie
zu  achten  haben.  Wenn  daher  gesagt  worden  ist,  das  Observatorium ­
  Careys  sei  günstig  gelegen  gewesen,  und  es  sei  daher
seine  neue  Theorie  der  Bodenrente  sowie  überhaupt  sein
System  als  eine  verhältnissmässig  leichte  Eroberung  anzusehen, ­
  so  beruht  diese  Vorstellungsart  auf  einer  völligen  Unkenntniss
  der  Gesetze  wissenschaftlicher  Production.  Bastiat,
der  zuerst  diese  Wendung  in  Umlauf  gesetzt  hat,  war  dazu  am
allerwenigsten  berechtigt  gewesen,  da  er  selbst,  wie  wir  später
sehen  werden,  erst  aus  den  Carcyschen  Schriften  das  Wenige
gelernt  hatte,  wodurch  er  zu  einem  in  höherer  Weise  distinguirten
  nationalökonomischen  Schriftsteller  geworden  ist.  Wenn
nun  Amerikanische  Nachahmer  die  Bastiatsche  Verflachung
einiger  Grundlagen  der  Carcyschen  Oekonomie  von  Newyork
aus  als  Französisches  Erzeugniss  vertreiben,  so  ist  dies  die
Wiedereinfuhr  eines  früher  ausgeführten  und  noch  dazu  heimlich ­
  bezogenen  Artikels,  dessen  vollkonimneres  Muster  unmittelbarer ­
  zur  Verfügung  steht.  Doch  sollte  hier  nur  auf  diesen
hochkomischen  Hergang  hingewiesen  sein,  weil  die  Verkleinerung ­
  der  Carcyschen  Verdienste  und  die  Zurückführung  derselben ­
  auf  die  günstige  Lage  der  Sternwarte  grade  von  demjenigen ­
  ausgegangen  ist,  dessen  transatlantische  Anhänger  über
der  Copie  das  Original  vergessen  und  noch  obenein  alle  Tage
Gelegenheit  hätten,  sich  aus  ureigner  Beschauung  der  Amerikanischen ­
  Thatsachen  mit  jener  vermeinten  Leichtigkeit  eigne
Systeme  zu  construiren.  Statt  dessen  lassen  sie  es  bei  den
Bastiatitisch  gemischten  Leichtfertigkeiten  der  oben  charakterisirten
  Art  bewenden  und  bestätigen  hiemit  bis  auf  den  gegenwärtigen ­
  Augenblick,  dass  die  Nordamerikanischen  Hauptplätzo
des  Europäischen  Imports  auch  in  der  Wissenschaft  der  einheimischen ­
  Production  nicht  günstig  sind.
Erinnern  wir  uns  im  Hinblick  auf  die  Entwicklungsursachen
der  Amerikanischen  d.  h.  Carcyschen  Oekonomie  noch  einmal
        <pb n="403" />
        387

25*

unseres  Deutschen  Nationalökonomen.  Auch  Friedrich  List  hat
einen  grossen  Theil  seiner  eigenthümlichen  und  ihn  auszeichnenden
  Anschauungen  oben  derselben  Gelegenheitsursachc  zu
danken,  welche  von  der  Unkenntniss  und  dem  üblen  Willen  so
gern  als  ein  zulilnglicher  Grund  von  Entdeckungen  und  Aufschlüssen ­
  gekennzeichnet  wird,  zu  denen  doch  in  Wahl  heit  die
ursprüngliche  und  schöpferische  Geisteskraft  die  unumgängliche
Vorbedingung  bildet.  Fassen  wir  die  Systeme  beider  Männer
als  die  Deutsch-Amerikanische  Doctrin  zusammen,  so  können
wir  an  den  Unterschieden,  welche  sich  ergeben,  deutlich  genug
erkennön,  wie  das  Gepräge  des  Denkens  und  Beobachtons
auch  einer  ganz  neuen  Welt  von  Thatsachen  gegenüber  den
entscheidenden  Ausschlag  gegeben  habe.  Eine  erhebliche  Anzahl ­
  von  Lehren  und  Gesichtspunkten  ist  jenen  beiden  Schöpfungen ­
  gemeinsam,  und  unter  diesen  gemeinschaftlichen  Elementen ­
  lässt  sich  wiederum  das  abscheiden,  was  auf  der  Beschaffenheit ­
  der  äussern  Thatsachen,  und  was  auf  einem  gewissen
Maass  der  Geistesverwandtschaft  beruht  hat.  In  ähnlicher  Weise
kann  auch  ein  Theil  der  Unterschiede  beider  Erscheinungen
gesondert  worden;  aber  stets  werden  wir  als  Endergebniss  den
Satz  bestätigt  finden,  dass  die  Form  des  Geistes  und  die  Art
zu  sehen  oder  zu  denken  das  eigentlich  Hervorbringende  gewesen ­
  sei.  Unter  den  zwei  Factoren,  durch  deren  Zusammenwirken ­
  die  Wissenschaft  entsteht,  wird  sich  hienach  auch  m
der  weiteren  Geschichte,  d.  h.  zunächst  im  Gareyschen  System,
derjenige  als  der  entscheidende  bewähren,  welchei  in  er  e
stalt  der  theoretischen  Speculation  und  in  der  Methode  smnen
Ausdruck  findet.  Grade  auf  dieser  Seite  liegt  die  fernere  Kraft
der  neuen,  immer  kritischer  werdenden  Oekonomie,  und  wenn
man  auch  alle  Amerikanischen  Thatsachen  auslOschte  und  ohne
Rücksicht  auf  irgend  welches  Phänomen  dieses  Gebiets  nur  (  le
strengen  Consequonzen  der  in  den  Grundformen  neuen  Denkungsart
  Zöge,  so  würde  man  auch  dann  keineswegs  um  den  Fortschritt ­
  der  neuen  Wissensgattung  besorgt  zu  sein  brauchen.
Die  Darstellung,  welche  wir  im  nächsten  Capitel  von  den
Hauptzügon  des  Gareyschen  Systems  zu  geben  haben,  wir
jene  allgemeinen  Bemerkungen  auch  im  Einzelnen  bewairh
  eiten.
        <pb n="404" />
        388

Zweites  Capitel.
Das  Careysche  System.
Im  strengsten  Sinne  des  Worts  kann  man  nur  da  von
einem  neuen  System  reden,  wo  ein  principieller  Satz  von
grosser  Tragweite  oder  auch  einige  axiomatisclie  Crundeinsichten
  den  ganzen  Inhalt  einer  Wissenschaft  umwandeln.  Wo
solche  Fundamentalsätzo  nicht  einzeln  und  klar  nachweisbar
sind,  da  lässt  sich  vielleicht  von  Richtungen,  Neigungen  und
Färbungen  der  Theorie,  aber  nicht  von  einem  selbständig  oder
wesentlich  veränderten  System  reden.  Der  einfache,  in  einige
Worte  zu  fassende  Satz  des  Copernicus  enthielt  eine  Umwälzung ­
  des  Systems  der  Astronomie,  und  die  Ziehung  der  Oonsequenzen
  aus  diesem  Satze  konnte  zunächst  nichts  weiter  als
das  untergeordnete  Geschäft  der  Erläuterung  der  neuen  Anschauungsweise ­
  sein.  Rubriken-  und  Paragraphengerüste  sind
natürlich  auch  nicht  mit  Systemen  zu  verwechseln,  was  jedoch
nur  für  diejenigen  gesagt  zu  werden  braucht,  denen  Lehr-  und
Handbücher  schon  in  dieser  Eigenschaft  als  Systeme  gelten,
und  die  wohl  gar  in  einem  Werk  wie  das  Adam  Smithsohe
weniger  System  sehen,  als  in  dem  dürftigsten,  nach  demselben
material  zugeschnittenen  Compendium.  Ja  sogar  das  Arrangement ­
  einer  Gruppe  von  Wahrheiten  nach  den  Gesichtspunkten ­
  der  logischen  Rubriken  ist  nicht  das  in  erster  Linie
Wesentliche.  Hat  man  den  neuen  Stoff,  so  lässt  sich  jene
Anordnung  meist  ziemlich  leicht  treffen,  und  so  wichtig  dieselbe ­
  für  die  schliessliche  Constitution  eines  Wissenszweiges
auch  werden  möge,  so  lehrt  doch  die  gesammte  Geschichte  der
Wissenschaften,  dass  die  vollkommen  strenge  Ordnung  und
Verkettung  der  Bestandtheile  fast  immer  erst  als  etwas  Nachträgliches ­
  zu  dem  schöpferischen  Material  hinzukommt.  Dies
gilt  in  ganz  entscheidender  Weise  von  der  Mathematik;  —  wie
sollte  es  nicht  in  denjenigen  Gebieten  gelten,  die  rück  sichtlich
ihrer  Methode  und  Sicherheit  mit  jenem  Felde  der  verhältnissmässig
  strengsten  Anwendung  der  Logik  kaum  verglichen
werden  können?
Die  eben  gemachten  Bemerkungen  waren  erforderlich,  um
den  höheren  Sinn  anzudeiiten,  in  welchem  wir  von  einem
        <pb n="405" />
        Carey  sehen  System  der  Nationalökonomie  zu  handeln  haben.
Das  schöpferische  Material  der  systemschafifenden  Ideen  ist
gegeben,  und  darüber  hinaus  zunächst  noch  mehr  zu  verlangen,
würde  von  ^rosser  Unkenntniss  der  Entwicklungsgesetze  eines
eben  noch  imernstlichsten  Schagen  begrigengewesenenWissenszweiges
  zeugen.  Carey  hat  für  seinen,  auch  abgesehen  von
den  principien  umwälzenden  Ideen,  äusserst  reichhaltigen  Gedankenkreis ­
  eine  Darstellungsform  gewählt,  die  der  ursprünglichen ­
  Natürlichkeit  und  Lebensfülle  des  neuen  Inhalts  entspricht.
  Er  und  List  sind  in  dieser  Beziehung  Vertreter  einer
synthetischen  Oekonomie,  welche  den  Zusammenhang  der  Erscheinungen ­
  hervortreten  lässt,  indem  nicht  blos  die  Bestandtheile
  einzeln  gezeigt,  sondern  auch  in  ihrer  natürlichen  Verbindung, ­
  Aneinanderreihung  und  Abfolge  vorgeführt  werden.
Diese  Art  des  synthetischen  Verfahrens,  welche  die  Natur  in
der  lebendigen  und  organischen  Gliederung  ihrer  Vorgänge
sichtbar  macht  und  sich  nicht  mit  den  bewegungslosen  Theilstücken
  und  deren  isolirter  Nachweisung  begnügt;  —  diese  nur
den  zugleich  denkenden  und  mit  einer  regeren  Phantasie  ausgestatteten ­
  Geistern  mögliche  Behandlungsart  hat  Vortheile  für
sich,  wie  sie  durch  die  einseitige  Pflege  der  zerlegenden  Untersuchung ­
  niemals  erzielt  werden  können.  Die  Nachweisung  des
Bandes,  durch  welches  sich  die  wirthschaftlichen  und  socialen
Erscheinungen  verknüpfen,  ist  in  dem  eben  angege  enen
höheren  und  organischen  Sinne  sogar  eine  selbständige  Wissenschaftsstufe, ­
  von  der  man  zwar  unbeschadet  gewisser  un
taler  Einsichten  absehen  kann,  deren  Betretung  a  er  ein  n
und  vollkommneres  Stadium  oder,  einfacher  gesagt,  eine
mehrung  des  Wissens  repräsentirt.  Aus  diesem  ^^tz  ^
Grunde  sind  aber  die  an  der  Spitze  stehenden  »y^temschafl^
den  Ideen  und  Stammeinsichten  auch  ohne  jene  synthétise  e
Form  und  ohne  jenen  Zusammenhang  darstellbar.  Ja  indem
sie  sich  aus  diesem  Zusammenhang  lösen  und  als  etwas  von
der  eigenthümlichen  Anwendungsform  ganz  Unabhängiges  bekunden,
  zeigen  sie  sich  erst  vollständig  in  ihrer  Selb^enugsamkeit
  und  setzen  sich  zu  dem  bisherigen  Inhalt  der  Wissenschaft ­
  in  das  bestimmteste  Verhältniss.  Die  Klarheit,  we  c  e
hiedurch  für  die  Vergleichung  mit  den  älteren  btandpunkten
gewonnen  wird,  ist  nicht  gering  anzuschlagen,  und  wir  sehen
        <pb n="406" />
        890

es  daher  als  unsere  besondere  Aufgabe  an,  hier  jene  Abtrennung ­
  vorzunehmen.
^  Die  beiden  Säulen,  welche  an  dem  Bau  des  Carey  sehen
Systems  vor  allem  üebrigen  ins  Auge  gefasst  werden  müssen,
bestehen  in  einem  mehr  formalen  und  einem  mehr  materiellen
Irincip,  nämlich  einerseits  in  einer  neuen,  zum  ersten  Mal
ernstlich  durchgreifenden  Werththeorie  und  andererseits  in
einem  Gesetz  vom  Gange  der  Bodencultur,  durch  welches  zugleich ­
  die  entscheidende  Ursache  und  Richtung  aller  volkswirthschaftlichen
  Culturhewegung  im  allgemeinsten  Sinne  des
letzteren  Worts  mitbcstimmt  wird.  An  diese  zwei  Ausgangspunkte ­
  reiht  sich  eine  Anzahl  anderer  Vorstellungen,  die,  wie
z.  B.  die  Lehre  von  der  Interossenharmonie  und  ein  besonderes
harmonisches  Vertheilungsgesetz,  als  ganz  bestimmte  Forniulii
  ungen  unter  entsprechenden  Namen  hervorgehoben  werden
können,  ja  zum  Theil  unter  den  Händen  nachahmender  Schriftsteller ­
  eine  populäre  Berühmtheit  erlangt  haben,  dennoch  aber
nicht  mit  jenen  beiden  Hauptträgern  des  Systems  auf  eine  und
dieselbe  Linie  gestellt  werden  dürfen.  Auch  die  verbesserte
Capitaltheorie,  die  Unterscheidung  von  Handel  und  Verkehr,
die  Lehre  von  der  ebenmässigen  Zusammensetzung  der  Gesellschaft ­
  und  die  Idee  der  wirthschaftlichen  Decentralisation  sind
wesentliche  Aufstellungen  zweiter  Ordnung,  die  sich  theils  als
Consequenzen  der  Grundanschauung  vom  Werthe,  theils  als
besondere  Bestandtheilo  des  neuen  Anschauungskreises  charakterisiren.
  An  die  rein  negativen  Umstände,  also  namentlich  an
die  entschiedene  Gegnerschaft  gegen  die  Malthusschen  Bevölkerungsvorstellungen ­
  und  gegen  die  Ricardosche  Lehre  von  der
Bodenrente,  sowie  überhaupt  gegen  das  hierauf  gegründete
System,  braucht  erst  an  dritter  Stelle  erinnert  zu  werden.
Diese  Positionen  verstehen  sich  nämlich  ganz  von  selbst,  sobald ­
  jene  ersten  Fundamentalsätze  gesichert  sind,  und  in  der
Ausführung  dieser  letzteren  ist  auch  ein  positives  Gesetz  über
das  Verhältniss  der  Volksvermehrung  zu  der  Leistungsfähigkeit ­
  der  Gesellschaft  und  Natur  cingcschlossen.  Die  erfahrungsmässigen
  Nachweisungen  des  Careyschen  Systems  ergänzen  im
Punkte  der  Bevölkerungstheorie  grade  das,  was  schon  bei  der
Behandlung  des  Listschen  Gedankenkreises  als  Gesetz  der  Bovölkerungscapacität
  der  verschiedenen  wirthschaftlichen  Verfassungszustände ­
  entwickelt  werden  musste.
        <pb n="407" />
        391

Unsere  vorläufige  kurze  Bezeichnung  der  charakteristischen
Oerter,  an  denen  sich  die  Oareyscho  Oekonomic  theils  von
allem  Bisherigen  unterscheidet,  theils  mit  dem  Listschon  System
zuMmmon^ifk,  nmss  n^  du^h  Einsdiakun^m
einer  Aiizahd  von  relativ  minder  erlufibliolien  aber,  aJbsolut  betraclifict,
  (loch  noch  ivichtigeii  C^esichtspunkten  vorvolkdilndjg^
vrerdon,  soiidern  erfi)rdort  amfii  vor  der  omgffiiemleren  ^Luedulirung
  der  verschiedenen  Lehren  eine  Erläuterung  eigenthümlicher
  Art.  Das  Careysche  System  ist  nicht  mit  einem  Schritt
zu  seiner  gegenwärtigen  Gestalt  gelangt,  sondern  eine  ntwicklung
  gewesen,  die  sich  über  ein  langes  Leben  ausgedehnt
hat,  und  in  welcher  die  entscheidenden  Hauptveröffcntlichungen
mehrere  Jahrzehnte  auseinanderliegen.  Auch  die  Schritten
zweiter  Ordnung  haben  bis  zum  gegenwärtigen  Augenblick
werthvolle  Spocialbereicherungen  des  Systems  ergeben,  in
denen  auch  manches  principiell  wichtige  Element  über  die  früheren ­
  Formulirungen  ein  helleres  Licht  verbreitet  hat.  Bei
dieser  Beschaffenheit  der  Careyschen  Leistungen,  welche  die
Oekonomie  des  Jahrhunderts  bis  auf  heute  begleitet  haben,  ist
ein  Eingehen  auf  das  Autorleben  und  die  Entwicklungsstadien
noch  weit  mehr  Erforderniss,  als  in  andern  Fällen.  Wir  wenden ­
  uns  daher  zu  den  Lebenszügen,  die  abgesehen  von  der
rein  Innern  Entwicklung,  nach  dem  Maass  der  Aeusserlich-Iceiteii
  ge.vüi.l^g;,  gebor::,'
^
mmmm
1818  die  Schutzagitation  betrieben.  Doch  war  er  kein  volks
wirthschafdicher  Theoretiker  im  eigentlichen  Sinne  und  be-
        <pb n="408" />
        392

1821  in  der  Wahrnehmung  des  Terlagsgeschäfts,  welches  zu
den  ersten  des  Landes  gehörte,  führte  1824  die  neue,  jetzt  im
dortigen  Buchhandel  allgemein  geltende  Praxis  der  Auctionen
ein,  zog  sich  aber  1838  ganz  und  gar  vom  Goschäftsleben  zurück, ­
  um  in  einer  bis  jetzt  ununterbrochenen  Musse  seinem
rein  wissenschaftlichen  Drange  zu  leben.  Er  wurde  hierin
durch  die  Gunst  der  materiellen  Lage  und  durch  den  Umstand
unterstützt,  dass  er  sich  auch  von  jeder  öffentlichen  Stellung
fernhielt.  Er  hat  weder  Aemter  bekleidet,  noch  ist  er  jemals
eigentliche  Parteiverbindungen  eingegangen,  sondern  hat  sich
stets  die  vollkommenste  Unabhängigkeit  der  Ansichtsäusserung
gewahrt.
Ausser  einer  Tour  nach  Europa  im  Herbst  1857  ist  von
äussern  Ereignissen  in  dem  ruhigen,  stetigen  und  an  Philadelphia ­
  fixirten  Dasein  unseres  wissenschaftlichen  Genius  nichts
anzuführen.  Der  Reichthum  des  innern  Lebens  ist  hier  der
eigentliche  Gegenstand,  und  neben  der  besondern  Rechenschaft
über  die  Schriften  und  deren  Abfolge  dürfte  nur  noch  im  Allgemeinen ­
  daran  zu  erinnern  sein,  dass  ihr  Verfasser  in  Composition ­
  und  Stil  stets  einen  ausgeprägten  Sinn  für  das  Ebenmässige
  und  Einfache  in  einem  Grade  bekundet  hat,  welcher
mit  der  gemeinen  Schreibart  günstig  contrastirt.  Die  ästhetische ­
  Ordnung  ist  hier  das  Gegenbild  einer  Logik  und  Wahrheit ­
  des  Gefühls,  welches  der  verstandesmässigen  Zerlegung
und  der  rein  rationellen  AuAFassung  zu  allen  Zeiten  und”  bei
vielen  grossen  Entdeckungen  die  Wege  gezeigt  hat.
Die  erste  Schrift,  mit  welcher  Carey  auch  schon  eine  neue
Bahn  einschlug,  ist  sein  Versuch  über  den  Satz  dpr  Arbeitslöhne ­
  (Essay  on  the  rate  of  wages,  Philadelphia  1835).  In
dieser  Arbeit  über  den  Lohnfuss  werden  im  Hinblick  auf  die
gesammte  Welt  die  Ursachen  erörtert,  welche  dio  Verschiedenheiten ­
  in  der  Lage  der  arbeitenden  Classen  bestimmen.  Die
Ergründung  dieser  Ursachen  ist  schon  durch  einen  Titelzusatz
als  Zielpunkt  hingestellt,  und  wir  werden  in  der  Folge  nie  zu
vergessen  haben,  dass  der  Autor,  welcher  auf  diese  Weise
seine  volkswirthschaftlich  epochemachende  Laufbahn  einleitete,
gleich  von  vornherein  die  Stellung  der  Lohnarbeiter  ins  Auge
asste.  Auch  that  er  dies  schon  damals  in  jener  ihm  eigcnthümichen
  Richtung,  welche  die  hohen  Lohne  als  etwas  erkennen
lässt,  was  auch  mit  absolut  hohen  Gewinnen  vereinbar  sei.  Er
        <pb n="409" />
        393  —

war  in  dieser  Beziehung  schon  damals  über  die  gewöhnliche,
den  Augenblick  fixirende  Idee  hinaus,  dass  steigende  Böhne
und  absolut  sinkende  Gewinne  zusammengehörten.  Wir  haben
also  hier  schon  die  Grundlage  der  Kritik  jenes  Systems  vor
uns,  für  welches  die  billige  Arbeit  oder,  um  mit  den  Worten
Lists  zu  reden,  das  Hunger-  und  Sparsystem  das  leitende
Trugbild  ist.  Dom  Versuch  über  die  Löhne  folgten  nach  einigen ­
  Jahren  die  „Principien  der  politischen  Oekonomie  (Principles ­
  of  political  economy,  3  Bde.  Phil.  1837  40).  Sie  bilden
das  Grundwerk  und  haben,  ungeachtet  ihrer  vollständigen  Umarbeitung ­
  oder  vielmehr  Ersetzung  durch  ein  zwei  Jahrzehnte
später  veröffentlichtes  Werk,  noch  heute  mehr  als  blos  historische ­
  Bedeutung.  Der  dritte  Theil  derselben,  welcher  zusammen ­
  mit  dem  vierten  Theil  den  dritten,  wie  es  scheint  vielen
Gelehrten  unzugänglich  gebliebenen  Band  bildet,  enthält  die
Bevölkerungstheorie.  Jedoch  ist  grade  der  erste,  welcher  die
Gesetze  der  Production  und  der  Vertheilung  zum  Gegenstände
hat,  in  den  das  bisherige  System  umwälzenden  Punkten  entscheidend. ­
  Er  enthält  die  neue  Werththeorie,  die  veränderte
Lehre  von  der  Bodenrente,  das  harmonische  Vertheilungsgesetz, ­
  die  verbesserte  Fassung  des  Capitalbegriffs  und  in  Gestalt ­
  von  besondern  Beilagen  auch  noch  ausführliche  Kritiken
der  gegnerischen  Ansichten.  Unter  diesen  Beurtheilungen  ist
besonders  diejenige  Ricardos  hervorzuheben,  in  welcher  die
Sorgfalt  und  Gewissenhaftigkeit  des  Kritikers  den  Worten  des
Gegners  den  grössten  Raum  verstattet  und  alles  nur
Erhebliche  zum  Abdruck  gebracht  hat,  was  sich  in  den  Schriften
des  Englischen  Nationalökonomen  direct  über  die  Theorie  der
Bodenrente  vorfindet.  Ueberhaupt  ist  das  ganze  Buch  in  seinen
kritischen  Beigaben  eine  in  den  eignen  Worten  der  egner
wiedergegebene  Uebersicht  von  dem,  was  noch  heut  a  s  rec  t
gläubige  Nationalökonomie  gilt.  Gleichzeitig  erschien  auch
eine  Schrift  über  das  „Creditsystem  in  Frankreich,  Grossbritanien
  und  den  Vereinigten  Staaten"  (The  credit  system  in
France,  Great  Britain  and  the  United  States,  London  1838).
Mit  der  etwa  fünfjährigen  Periode,  in  welcher  die  bisher  erwähnten ­
  Arbeiten  veröffentlicht  wurden,  ist  die  erste  Schriftengruppe ­
  abgeschlossen.  In  derselben  lag  der  allgemeine  Gedanke
der  sich  von  selbst  ergebenden  Interessenharmonie  zu  Grunde,
und  aller  Neuheit  der  Position  ungeachtet  war  der  Standpunkt
        <pb n="410" />
        39á

des  laisser  aller,  wenn  auch  nicht  besonders  betont  worden,  so
doch  imangeiochten  geblieben.  Es  war  daher  auch  gegen  den
Freihandel  nirgend  verstossen.  Der  Autor  hatte  sich  in  diesem
Punkte  vielmehr  von  der  Ansicht  seines  Vaters  getrennt.  Wohl
war  er  sich,  als  er  die  Vorrede  zum  ersten  Bande  des  Hauptwerks ­
  von  1837  schrieb,  bewusst  gewesen,  dass  er  von  Gesichtspunkten ­
  ausginge,  welche  eine  Umwälzung  der  bisherigen
Nationalökonomie  bedeuteten.  Er  hatte  schon  in  dieser  Vorrede ­
  ausgesprochen,  dass  die  fraglichen  älteren  Ansichten  einst
Plätze  neben  dem  Ptolomäischen  System  erhalten  würden.
Allein  er  hatte  sich  ganz  und  gar  auf  die  reine  Theorie  beschiänkt
  und  ausschliesslich  die  Erklärung  der  so  zu  sagen
natui  gesetzlichen  Erscheinungen  der  Oekonomie  im  Auge  behalten. ­
  Er  hatte  die  fördernden  und  hemmenden  Ursachen  der
dem  Culturfortschritt  günstigen  und  ungünstigen  Phänomene,
namentlich  aber  in  den  spätem  Theilen  seines  Werks  den  Einfluss ­
  der  politischen  Freiheit  gekennzeichnet.  Er  hatte  die
Beziehungen  der  Oekonomie  zu  den  Sitten  und  den  civilisatorischen
  Gestaltungen  dargelegt,  aber  er  hatte  nie  den  Uebergang
  von  der  rein  theoretischen  zur  praktischen  und  angewandten ­
  Mechanik  des  wirthschaftlichen  Kräftespiels  vollzogen.
Letzteies  geschah  erst  mit  den  Schriften  der  zweiten  Gruppe,
als  deren  entscheidende,  den  Uebergang  vermittelnde  Grundlegung ­
  das  ungefähr  ein  Jahrzehnt  später  erschienene  Buch
„Vergangenheit,  Gegenwart  und  Zukunft”  (The  past,  the  present ­
  and  the  future,  Phil.  1848)  zu  betrachten  ist.  Wir  müssen
jedoch,  ehe  wir  das  Weitere  vorführen,  die  Gründe  angeben,
durch  welche  die  Veränderung  in  Careys  praktischer  Auffassung
der  Wirthschaftspolitik  oder  vielmehr  überhaupt  die  Hinwendung ­
  zu  einer  solchen  bewirkt  worden  ist.
3.  Als  das  grundlegende  Hauptwerk  erschien,  war  der
Verfasser  in  den  Vierzigern.  Auch  bekundete  sich  in  seiner
Leistung,  ganz  abgesehen  von  den  epochemachenden  Aufstellungen, ­
  in  der  Haltung  und  Anschauungsweise  eine  Reife  des
rein  theoretischen  Geistes,  die  aller  Wahrscheinlichkeit  nach
im  Wesentlichen  nicht  gesteigert  werden  konnte.  In  der  reinen,
die  Erscheinungen  vornehmlich  passiv  betrachtenden  Theorie
wird  daher  jederzeit  auf  jenes  erste  grundlegende  Werk  zurückzugehen ­
  sein,  wenn  überhaupt  streng  historisch  verfahren
werden  soll.  Dieses  Werk  bildet  zusammen  mit  den  erwähnten
        <pb n="411" />
        395

V  J

Nebensehrifteii  oin  Ganzes,  welches  allein  hingereiclit  haben
würde,  dem  Urheber  in  der  Geschichte  der  Nationalökonomie
das  unmittelbar  auf  A.  Smith  folgende  Hauptblatt  zu  sichern.
Im  Hinblick  auf  die  Entstellungen,  welche  in  den  ausschliesslich ­
  theoretischen  Streitigkeiten  durch  den  in  dieser  Richtung
übel  angebrachten  Eifer  der  wirthschaftlichcii  Parteien,  immentlich
  aber  durch  den  Gegensatz  von  Freihandel  und  Schutzsystem ­
  veranlasst  werden,  muss  man  sich  Glück  wünsc  len,
im  Falle  Careys  die  fälschenden  Einflüsse  der  ihm  feine  ic  en
Parteipolemik  für  den  Unbefangenen  abstumpfen  zu  önnen.
Um  sich  von  der  Verkehrtheit  dieser  Einflüsse  zu  übeizeugen,
hat  man  nur  noting,  den  wesentlichen  Inhalt  jener  ä  teren
Schriften  des  Amerikanischen  Nationalökonomen  herbeizuzie  en.
Hier  findet  sich  ein  System  umwälzender  Ideen  mit  dem  praktischen ­
  oder  vielmehr  nicht  praktischen  Standpunkt  der  politischen ­
  Nichteinmisehung  vereinigt,  so  dass  diejenigen,  welche
die  geistigen  Capacitäten  ausschliesslich  nach  der  Parteistellung
schätzen,  und  für  welche  cs  im  Gebiet  des  Schutzsystems  keine
Nationalökonomie  giebt,  an  diese  ältere  Gestalt  des  Careyschen
Systems  verwiesen  werden  können.
Die  innere  natürliche  Consequenz  führt  von  der  rem
passiven  Theorie,  bei  welcher  von  den  wirthschaftlichen  Functionen ­
  des  Staats  abgesehen  wird,  zu  solchen  Anschauungen,
in  denen  die  Möglichkeit  des  politisch  organisirenden  Eingreifens ­
  und  Gestaltens  ins  Auge  gefasst  wird.  Die  Bestimmung
der  Gesetze,  nach  denen  die  mechanischen  Kräfte,  wie  sie  m
der  Natur  vorhanden  sind,  ineinandergreifen,  und  die
Construction  von  Maschinen  sind  zwei  vcrschic  ene  i  g
keiten.  Ja  auch  diejenige  Theorie,  welche  die  Gesichtspunk  e
an  giebt,  nach  denen  man  die  Mechanismen  am  zwec  cm*  ssigs  e
cinzurichten  hat,  muss  streng  von  der  allgemeineren  Le  re
unterschieden  werden,  in  welcher  man  sich  niii  urn  cn  un  ei
allen  Umständen  von  Natur  eintretenden  Lauf  des  Kräftespiels
bekümmert.  Wenn  daher  auch  niemals  die  allgemeinen  rem
theoretischen  Gesetze,  welche  die  passive,  auf  den  Naturlaut
gerichtete  und  um  die  Praxis  unbekümmerte  Auffassung  ergiebt,
in  ihrer  Wahrheit  irgend  einen  Abbruch  erleiden  können,  so
ist  man  doch  herechtigt,  auf  Grundlage  derselben  und  mnorhalb
  ihrer  Nchranken  zu  bauen  und  sich  gleichsam  um  technische ­
  Regeln  zu  bemühen,  vermöge  deren  sich  der  zweckent-
        <pb n="412" />
        sprechende  Mechanismus  ergiebt.  Ausserdem  ist  nicht  zu  verpssen,
  dass  die  wirkliche  Gesellschaft  und  Oekonomie  nicht
jene  Natürlichkeit  an  sich  hat,  die  man  ihr  voreilig  und  idealieirend
  unterlegt.  Hienach  wird  nicht  einmal  eine  vollkommene
Erklärung  der  Erscheinungen,  also  keine  völlig  befriedigende
Theorie  der  passiven  Art  möglich  sein,  wenn  nicht  das  activo
Element  der  politisch  wirthschaftlichen  Organisation  und  socialen ­
  Verfassung  mit  in  Anschlag  gebracht  wird.  Carey  hat
nun  diesen  Schritt  zur  vollständigeren  Auffassung  der  Erscheinungen ­
  zunächst  dadurch  vorbereitet,  dass  er  die  günstigen
Wirkungen  des  Zollschutzes,  die  ihm  mit  dem  Tarif  von  1842  hervorzutreten ­
  schienen,  zum  Ausgangspunkt  von  Untersuchungen
machte,  die  schliesslich  (1847)  zu  einer  endgültigen  Entscheidung ­
  führten.
Seit  der  Veröffentlichung  des  Hauptwerks  waren  nur  ein
paar  Jahre  vergangen,  als  die  Wirkungen  dos  erwähnten  Tarifs
die  Zweifel  rege  machten.  Erst  nach  dem  Verlauf  von  einem
halben  Dutzend  Jahren  entschied  aber  eine  neue  rein  theoreüsche
  Entdeckung,  nämlich  die  Auffindung  des  Gesetzes  vom
Ganp  der  Bodcncultur  diejenige  Wendung,  vermöge  deren
der  früher  freihändlerische  Autor  1851  mit  einer  Schrift  auftrat ­
  (The  harmony  of  interests  etc.),  in  welcher  er  die  beiden
Systeme  erörterte  und  prineipioll  davon  ausging,  es  müsse  dasjemge
  das  richtige  sein,  welches  dem  Arbeiter  die  beste  Lao-e
verschaffe.  Einige  Jahre  zuvor  (1848)  hatte  er  das  schon
oben  erwähnte  Werk  „The  past  etc.”  veröffentlicht,  dessen  Aufgabe ­
  hauptsächlich  darin  bestand,  das  jetzt  erst  aufgefundene
Gesetz  vom  Gange  der  Bodencultur  darzustellen  und  in  einigen
Richtungen  auf  die  Socialökonomie  anzuwenden.  Man  könnte
daher  dies  letztere  Buch  als  das  zweite  oder  Zwischengrundwerk ­
  bezeichnen,  insofern  die  spätere  umfassende  Darstellung
des  mit  den  unterdessen  gewonnenen  Ergebnissen  bereicherten
Systems  in  den  „Principien  der  Socialwissenschaft”  (Principles
^  emmü  ^mn^,  3  Bd^  RWh  ISß^  wmdmmm  mmhzMm
Jahren  gegeben  wurde.
Als  viertes  und  abschliessendes,  noch  von  dem  Achtziger
veiX)ff(uiUichtes  TVerk  ist  die  unifassende  uiid  ökonomisch  ^in_
gehende,  auch  alle  früheren  wesentlichen  Lehren  dos  Systems
berülirende  ¡Schrift  „The  unity  of  lav/'  (INffl.  18721)  anzusehen.
Sie  ist  im  Sinne  des  Careyschen  Privatsystems  in  der  That  die
        <pb n="413" />
        —  397  —

Entwicklung  jener  Einheit  des  Gesetzes,  die  ihm  in  Bezug  auf
I^^mrmdBom^elV^takdmh^h^eundakyGrmn^^^^
gungsilkr  smu3tigon  Bnn  eigenBmnúicdmn  AnsdmuungengpB,
IDerGnmdged^ùœ  besWht  dmñn,  dass  dm  Natm-eimacldLung
und  die  Entwicklung  der  socialen  Welt  gleichsam  in  einer  zu
einander  paMendon  ILunimne  heñndUch  smen,  =0  da^  (he
höchste  geistige  Entfaltung  des  vervollkommneten  Menschen
ein  in  der  physikalischen  Gesammtanlage  der  ökonomischen
Vorbedingungen  zweckmässig  vorgesehenes  Erzeugniss  i^re.
Eknvmtsichin  dk^erldee  der  Zug  zur  pMlo^iptmmhen  Vei^
einigniig  aUer  Jlrhm  von  (^esetzniässigkeitimsdrücld^  entspracht
8ie  der  schon  so  oft  unternommenen  bildlichen  Veranschaulichung ­
  des  logisch  einheitlichen  Schematismus,  der  duren  die
ganze  Natur  einschliesslich  des  Menschen  hindurchgeht  und  ebensosehr ­
  alle  Gefühle  oder  Gedanken,  wie  alle  äusserlich  materiellen ­
  Gestaltungen  beherrscht.  .
Das  Jahrzehnt  seit  dem  Ausgange  des  Secessionskrieges
ist  an  bemerkenswerthen  Broschüren,  in  denen  Carey  die
laufenden  Fragen  behandelte,  sehr  reich  gewesen.  Wir  heben  hier
nur  seine  Arbeiten  über  die  Farmerfrage,  die  Eisenfrage,  dieCurreneyfrage
  sowie  seine  auch  Deutsch  unter  dem  Titel  „Geldumlauf
und  Schutzsystem”  (Pest  1870)  erschienenen,  an  Grant  und  gegen
einen  Wellschen  Bericht  gerichteten  beiden  Schriften  besonders
hervor.  Eine  Betheiligung  an  Pcnsylvanischen
arbeiten  veranlasste  zwei  kleine  Auslassungen  „
•'  S"  -
auch  vereinigt  in  den  Buchhandel  gekou^en.  n()c
2.  Aufl.  1868)  unmittelbarer  die  ökonomischen  Principien  selbst
behandelten.  Ueberhaupt  wird  man  sich  von  den  manmc  -
faltigen  Veröffentlichungen  Caroys  nur  dann  eine  richtige  Voistellung
  machen,  wenn  man  stets  eingedenk  6^’  »bl
circa  15  Bände,  welche  die  vierzigjährige  schriftstellerische
Hälfte  seines  Lebens  Alles  in  Allem  zu  Tage  ge  ör  ei  a  ,
stets  die  eigentliche  Oekonomie  zum  Gegenstände  haben  und,
        <pb n="414" />
        —  399

Adler  unter  dem  Titel  „Lehrbuch  der  Socialwissenschaft  ,
München  1866,  2.  Aufl.  Wien  1870;  die  andere  von  Stöpel  als
„Socialökonomie”,  Berlin  1866),  sondern  voranlasste  auch  Uebertragungen
  ins  Ungarische  und  Russische.  Auch  mehrere  der
kleineren  Schriften  wurden  ins  Deutsche  übersetzt;  es  mag
jedoch  bei  der  Nennung  der  „Briefe  über  schriftstellerisches
Eigenthum”  (Berlin  1866)  sein  Bewenden  haben,  üebiigeus
sind  die  Schriften  Careys  zu  verschiedenen  Theilen  in  acht
Sprachen  vorhanden.  Von  dem  ursprünglichen  Hauptwerk
(von  1837)  hat  der  Italienische  Nationalökonom  und  nachmalige
Finanzminister  Ferrara  in  seiner  Sammlung  eine  Italienische
Uebersetzung  gegeben.  Das  zweite  Hauptwerk  ist  sogar  in
einer  dem  Guillauminschen  Verlage  angehörigen  Uebersetzung
vorhanden,  d.  h.  selbst  in  der  Machtsphäre  der  Französischen
Schulökonomie  zum  Erscheinen  gelangt.
Die  Anerkennung,  welche  Carey  grade  bei  dem  Deutschen
Publicum  so  ausgiebig  gefunden  hat,  ist  in  erster  Linie  auf
die  Verbindung  der  Originalität  mit  einer  bisher  unbekannten
Anschaulichkeit  zurückzuführen.  Sie  ist  aber  auch  insofern
eine  vollkommen  verdiente,  als  der  Nationalökonom  von  Philadelphia ­
  schon  1848  die  Rolle  Deutschlands  sympathisirend  yoraussagte
  und  in  dem  Werk  von  1858  auch  über  unsern  geistigen ­
  Beruf  den  Ausspruch  that,  dass  die  Deutschen  einst
vollständig  die  Beherrscher  der  intellectuellen  Bewegungen  er
Welt  werden  würden.  Vergleicht  man  hiemit  die  Thatsac  e,
dass  die  fremden  volkswirthschaftlichen  Grössen  dieses  a  r
hunderts  sonst  sämmtlich  theoretisch  von  uns  keine  otiz
nommen,  praktisch  aber  unserm  Wesen  in  ihrer  Anse  auungs
weise  nur  egoistisch  und  feindlich  gegenübergetreten  sin  ,  wie
es  die  Haltung  der  Politik  ihrer  Länder  mit  sich  brachte,  so
dürfte  es  wohl  jetzt  wenig  am  Platze  sein,  den  bei  uns  äugen
blicklich  höchst  gemein  gewordenen  Patriotismus  gegen  le
Deutschen  Vertheidiger  von  Careys  wissenschaftlicher  Bedeutung ­
  in  das  Feld  zu  führen.  Wenn  den  ökonomischen  Nestor
zu  Philadelphia  in  dieser  Gattung  irgend  ein  Vorwurf  troffen
soll,  so  könnte  es  nur  der  sein,  in  einer  an  Tacitus  Germanen
rornantik  erinnernden  Art  und  Weise  unsere  Deutschen  ustände
  idealisirt  zu  haben  und  namentlich  auch  die  neusten
Vorgänge  nationalistisch  zu  überschätzen.
Was  die  innern  Gründe  anbetrifft,  so  ist  der  Standpunkt
        <pb n="415" />
        —  400

&amp;amp;

einer  ökonomischen  Socialwissenschaft,  welcher  geflissentlich
schon  durch  den  Buchtitel  von  der  altern  Position  blosser  politischer ­
  Oekonomie  und  überhaupt  von  aller  frühem  Nationalökonomie ­
  unterschieden  wird,  trotz  der  protectionistischen  Gestaltung ­
  weit  moderner,  als  man  ihn  im  Rahmen  der
Bourgeoisökonomie  je  eingenommen  hat.  Allerdings  werden
die  socialen  Verknüpfungen  nicht  an  sich  selbst,  sondern  nur
als  reine  Wirkungen  der  Productionsgesotzo  betrachtet;  aber
eine  derartige  Einseitigkeit  findet  sich  in  aller  bisherigen  Nationalökonomie ­
  und  ausserdem  auch  noch  da,  wo  man  sie  am
wenigsten  erwarten  sollte,  nämlich  in  Versuchen  zu  einer  socialistischen
  Theorie,  wie  z.  ß.  in  demjenigen  des  Herrn  Marx.
Hienach  steht  die  Socialwissenschaft  Careys  auf  der  Grenzscheide ­
  zwischen  der  ungemischt  bürgerlichen  Oekonomie  und
unserm  kritischen  Socialismus.  Diese  Grenzposition,  deren
Doppelseitigkeit  oft  durch  eine  philanthropische  und  messianistische
  Haltung  überbrückt  zu  werden  scheint,  macht  es  auch
begreiflich,  wie  an  Stelle  des  naturgemässen  Fortschritts  zum
Socialismus  eine  Art  Rückbewegung  dadurch  erfolgen  konnte,
dass  die  Protection  im  Lichte  einer  engem  Vergesellschaftung
der  Volksglieder  erklärt  und  verklärt  wurde.  Auch  die  Interessenharmonie, ­
  die  sonst  gänzlich  von  Natur  und  unter  Voraussetzung ­
  des  Ittissßv  allßv  vorhanden  sein  sollte,  wurde  nun
an  die  Bedingung  der  Protection  geknüpft,  —  ein  Zugeständniss,
dessen  allgemeiner  Sinn  nicht  den  Schutzzöllen,  sondern  nur
dem  Socialismus  zugutekommen  kann.  Eine  Harmonie  der
Interessen  kann  nur  auf  Grundlage  der  ökonomischen  Gerechtigkeit ­
  bestehen,  und  die  vollständige  Verwirklichung  des
ökonomischen  Rechts  ist  nur  im  socialitären  Staate  denkbar,
in  welchem  sich  die  Institutionen  der  Ausbeutung  mit  ihren
Wurzeln  vertilgt  finden.  Nun  hindert  aber  die  Kluft  im  praktischen ­
  Wollen,  die  zwischen  Careys  Lebensanschauung  und
dem  communitären  Socialismus  besteht,  nicht  im  Entferntesten
die  Anerkennung  und  den  Gebrauch  der  rein  theoretischen
Errungenschaften  des  Systems.  Im  Gegentheil  kann  die  Festigkeit ­
  der  socialistischen  Theorie  mit  Genugthuung  und  Ruhe
auf  den  Umstand  blicken,  dass  ihr  die  ganze  Wissenschaft  mit
Einschluss  derjenigen  Aufschlüsse  und  Entdeckungen'dienstbar
werden  muss,  die  von  vornherein  auf  dieses  Ziel  nicht  angelegt,
ja  in  der  heimlichen  literarischen  Aneignung  eines  Bastiat  in
        <pb n="416" />
        401

ausdrücklicher  Polemik  auf  das  grade  Gegentheil  davon  gerichtet ­
  worden  waren.
5.  Die  wissenschaftliche  Axe  dos  Careyschen  Systems  ist
von  vornherein  die  Werththeorie  gewesen  und  in  allen  ferneren
Entwicklungen  auch  geblichen.  In  dem  Grundwerk  von  1837
ist  die  Arbeit  als  einzige  und  überall  erkennbare  Ursache  der
Werthbestimmung  anerkannt.  Während  Adam  Smith  und  Ricardo ­
  nicht  nur  noch  andere  Gesichtspunkte  daneben  hatten
gelten  lassen,  sondern  auch  in  der  universellen  Durchführung
des  Princips  nicht  bis  an  die  äussersten  Grenzen  der  auch  mit
anderartigen  Kreuzungen  verträglichen  Anwendbarkeit  vorgegangen ­
  waren,  ist  der  Amerikanische  Volkswirthschaftstheoretiker
  dem  natürlichen  Zuge  nach  einheitlicher  Bethätigung  der
Arbeitsidee  gefolgt  und  hat  so  den  Unterschied  von  Nutzen
und  Kosten  sowie  von  Reichthum  und  Werth  mit  einer  zuvor
nicht  vorhanden  gewesenen  Entschiedenheit  sichtbar  gemacht.
„Nützlichkeit”,  schrieb  er  schon  damals,  „ist  die  Vorbedingung,
aber  nicht  die  Ursache  des  Werths.”  Die  universelle  Tragweite, ­
  welche  diesem  Satz  für  Alles  gegeben  wurde,  was,  beweglich ­
  oder  unbeweglich,  im  Verkehr  eine  im  Preise  zum
Ausdruck  gelangende  Geltung  hat,  machte  das  Charakteristische
der  neuen  Theorie  aus.  Nutzen  und  Kosten  Hessen  sich  nirgend ­
  mehr  verwechseln;  Naturstoif  und  Naturkräfte  konnten
an  sich  selbst  keinen  bezahlbaren  Werth  der  fraglichen  Art
haben,  und  das  gemeine  Vorurtheil,  als  wenn  die  Naturdinge
und  unter  ihnen  auch  Gold  und  Silber  die  Höhe  ihrer  Geltung
im  Verkehr  etwas  Anderm  als  der  Arbeit  zu  verdanken  hätten,
musste  vollends  schwinden.  Ausserdem  fügte  Carey  zu  dem
bessern  Werthbegriif  aber  noch  ein  Werthgesetz  hinzu,  dessen
Neuheit  und  Originalität  unverkennbar  ist.  Im  Hinblick  auf
die  fortschreitende  Entwicklung  der  Volkswirthschaften  hob  er
die  Wahrheit  hervor,  dass  nicht  die  Productionskosten,  sondern
die  Reproductionskosten  den  Werth  bestimmen.  Da  nun  die
letztem  mit  der  technischen  Vervollkommnung  und  mit  der
en  gern  oder  sonst  bessern  Vereinigung  der  menschlichen  Kräfte
abnehmen,  so  ist  in  dieser  Beziehung  ein  allgemeines  Sinken
der  Werthe  ein  Grundgesetz  des  geschichtlichen  Fortschritts
der  Völkerwirthschaft.  Die  steigende  Civilisation  und  Cultur
bringt  die  Minderung  der  für  eine  gleiche  Erzeugnissmenge
aufzuwendenden  Arbeit  mit  sich.  Nach  Carey  soll  nun  auch
Dühring,  Oescliichto  der  Nationalökonomie.  2.  Auflage.  26
        <pb n="417" />
        —  402

der  arbeitende  Mensch  hievon  den  Vortheil  haben,  und  der  Antheil,
  den  der  Arbeiter  von  dem  Producto  erhält,  soll  nicht  blo&amp;amp;
absolut,  sondern  auch  relativ,  nämlich  in  Vergleichung  mit  dom
Antheil  des  Capitals  steigen.
Dem  Capitalisten  bleibt  hienach  nur  derjenige  Zuwachs
übrig,  der  daher  stammt,  dass  der  immer  kleiner  werdende
Bruch  seines  Antheils  am  Product  von  einer  so  stark  steigenden
Productenmasso  bezogen  wird,  dass  er  auch  so  noch  ein  absolutes,
wenn  auch  kein  relatives  Mehr  liefert.  In  diesem  sich  naturgesetzlich ­
  vollziehenden  Gange  sah  Carey  ursprünglich  die
vollständigste  Interessenharmonie  zwischen  Capital  und  Arbeit,
sowie  insbesondere  zwischen  allen  Berufsverzweigungen  der
Volks-  und  Völkerwirthschaft.  Hiemit  hauptsächlich  und  mit
der  zu  Grunde  liegenden  Unterscheidung  von  Nützlichkeit  und
Werth  wurde  er  das  Object  des  literarischen  Diebstahls,  den
13  Jahre  später  der  Französische  Socialistenbekämpfer  Bastiat
in  seinen  „Oekonomischen  Harmonien”  (1850)  begangen  hat.
Alle  wahren  und  dauernden  Interessen  sollen  nach  einem
wirthschaftlichen  Naturgesetz  im  Einklang  stehen.  Dieses
Gesetz  ist  aber  in  der  Careyschen  Rechenschaft,  die  Bastiat
und  Andere  hiebei  übersehen  haben,  auf  die  verallgemeinerte
Zugänglichkeit  der  Productionswerkzeuge  gebaut.  Die  Arbeit
soll  dadurch  ihren  höheren  Antheil  erhalten,  dass  sie  nicht  nur
mit  erfolgreicheren  Mitteln  thätig  ist,  sondern  auch  selbst  dazu
gelangt,  immer  mehr  in  den  Besitz  der  stets  reichlicher  und
billiger  producirten  Werkzeuge  und  Zurüstungen  zu  kommen.
Für  Carey  heisst  der  Inbegriff  dieser  fördernden  Mittel  schlechtweg ­
  Capital,  und  so  ist  es  nach  jener  Voraussetzung  der  verallgemeinerte ­
  Besitz  der  Capitalien  oder,  mit  andern  Worten,
eine  Decentralisation  des  Capitals,  was  für  die  Arbeit  das  harmonische ­
  Ergebniss  und  schliesslich  das  höchste  Maass  von  wirthschaftlicher
  Gleichheit  und  politischer  Freiheit  herbeiführen  soll.
Solange  man  nicht  an  unselbständige  Lohnarbeit,  sondern
an  kleine  Unternehmer  und  deren  Vervielfältigung  denkt,  könnte
eine  Bedingung,  wie  die  vorausgesetzte,  auch  social  eine  thcilweise
  Verwirklichung  haben  und  einen  auf  die  bisherige
Geschichte  anwendbaren  Sinn  erhalten.  Uebrigens  ist  aber
die  ganze  Ableitung  nur  zu  begreifen,  wenn  man  in  ihr
eine  Abstandnahme  von  den  besondern  socialen  Voraussetzungen ­
  des  politischen  Wirthschaftsrechts  erkennt  und  in
        <pb n="418" />
        403

der  fraglichen  Aufstellung  nur  ein  rein  technisches  Productionsgesetz
  sieht.  Das  Capital  im  Careyschen  Sinne  und  die  Capitalisten
  der  wirklichen  Geschichte  und  Gegenwart  müssen  alsdann ­
  theoretisch  geschieden  werden,  sowie  denn  auch  die  praktische ­
  Scheidung  des  Capitals  von  den  Capitalisten  die  kritische ­
  Arbeit  der  Zukunft  sein  wird.  An  eine  solche  Entwicklung ­
  der  Intercssenharmonie  aus  dem  tieferen  Grunde  der
Sache  hat  aber  Carey  nicht  im  Entferntesten  gedacht.  Statt
dessen  hat  er  nachträglich  eine  andere  Correctur,  nämlich  die
durch  das  Protectionssystem,  eintreten  lassen.
Nach  dieser  zweiten  Vorstellungsart  sind  die  wahren  und
dauernden  Interessen  nur  dann  in  vollem  Einklang,  wenn
für  eine  engere  Vergesellschaftung  im  Wege  des  Zollschutzes
gesorgt  wird.  Diese  zweite  Form  der  Interessenharmonie  bezieht ­
  sich  auf  das  Verhältniss  von  Ackerbau,  Industrie,  Handel
und  Lohnarbeit.  Ihr  Nerv  ist  die  auch  in  einer  Listsehen
Abhandlung  anzutreffende  Ausführung,  dass  der  Landwirth  und
nicht  blos  der  Industrielle  bei  dem  Fabricatenschutz  ihre  Reehnung
  fänden.  Der  Landwirth  soll  an  den  grossem  und  nähern
Markt  denken,  der  ihm  aus  der  Einführung  von  Fabriken  erwächst. ­
  Er  soll  den  steigenden  Entgelt  in  Anschlag  bringen,
der  ihm  mit  der  Zunahme  der  heimischen  Industrie  für  seine
Erzeugnisse  in  Aussicht  steht,  und  er  soll  die  augenblicklichen
Interessen  zu  einem  Theil  opfern,  um  für  die  dauernden  eine
ergiebige  Quelle  der  Befriedigung  zu  schaffen.  Dies  ist  die
Theorie  in  der  schon  oben  erwähnten  Schrift  „The  harmony  of
interests  etc.”  (Philadelphia  1851).
Die  alto  und  wahre  Bedingung  der  Association  des  Menschen ­
  mit  dem  Menschen,  die  immer  der  Leitstern  des  Careyschen
  Denkens  gewesen  war,  ist  nun  von  einer  negativen  zu
einer  positiven  Vorbedingung  geworden.  Der  zweite  Band  des
ursprünglichen  Hauptwerks  hatte  die  „Störungen  der  reinen
Productionsgesetze  und  der  zugehörigen  harmonischen  Vertheilung,
  nämlich  Krieg,  Raub  und  Vergewaltigung  aller  Art,
als  hemmende  Abnormitäten  abgesondert  behandelt.  Die  Freiheit ­
  und  Harmonie  der  wirthschaftlichen  Entwicklung  hatte
auf  der  Ausmerzung  dieser  den  normalen  Gang  kreuzenden
Störungen  beiuhen  sollen.  Die  volle  Vereinigungsfreiheit  der
Menschen  war  als  hinreichend  angesehen  worden,  die  wirthschaftlichen ­
  Naturgesetze  zum  reinsten  Ausdruck  kommen  zu
26*
        <pb n="419" />
        404

lassen.  Der  neue  Schritt  gegen  das  laisser  aller  führte  nun,  wenn
auch  nur  in  Form  der  Protection,  zu  der  Forderung  einer
Harmonisirung  der  Interessen  durch  politische  Maassregeln.
Hiemit  erhielt  das  Gesetz  der  Interesscnharmonie  eine  politische ­
  Vorbedingung,  und  die  Ergebnisse  des  Werthgesetzes
erschienen  ohne  positive  politische  Intervention  nicht  mehr
ausreichend,  ihre  harmonisirendo  Tendenz  zu  verwirklichen.  Es
wäre  principie!!  für  die  Theorie  keine  grössere  Kluft  entstanden,
wenn  anstatt  der  Protection  sofort  der  Socialismus  als  Voraussetzung ­
  der  Harmonisirbarkeit  der  Interessen  gedient  hätte.
So  aber  ist  das  Zurückgreifen  auf  ältere  und  zweideutige  Mittel
an  die  Stelle  der  consequenten  Fortentwicklung  des  rein
theoretischen  Gehalts  gesetzt  worden.
Glücklicherweise  hat  dieser,  vom  Wege  der  reinen  Theorie
ablenkende  und  sogar  zur  Vertheidigung  der  Zinsbeschränkungen ­
  führende  Umstand  dennoch  nicht  daran  gehindert,  dass
die  Werththeorio  im  Werk  von  1858  eine  formelle  Bereicherung ­
  erfuhr.  Die  Formel,  dass  der  Werth  das  Maass  des
Widerstandes  sei,  der  sich  der  Erlangung  der  wirthschaftlich
begehrten  Dinge  von  Natur  und  nach  Productionschancen
entgegenstellt,  ist  als  sehr  gelungen  zu  betrachten.  Allerdings ­
  bedarf  sie  eines  Zusatzes,  der  dem  Geiste  der  Careyschen
Auffassung  nicht  entspricht.  Man  darf  nämlich  die  socialen
Hindernisse  der  Beschaffung  nicht  als  unerheblichen  Beibungswiderstand
  vernachlässigen,  sondern  muss  zu  dem  Begriff  des
Productionswerthes  noch  den  des  socialen  oder  des  Vertheilungswerthes
  hinzufügen,  wenn  die  wirklichen  Preise  erklärbar
werden  sollen.  Auf  die  Nothwendigkeit  dieser  systematischen
Erweiterung  der  W^iderstandsformel  habe  ich  schon  in  meiner
„Kritischen  Grundlegung  von  1866  nachdrücklich  hingewiesen.
Es  setzt  sich  hienach  der  bezahlbare  Werth  aus  den  Wirkungen
aller  Hindernisse,  einschliesslich  der  socialen  Positionen  und
Monopole,  zusammen.  Dieser  Standpunkt  ist  aber,  so  eng  er
theoretisch  dem  Careyschen  Gesichtspunkt  verwandt  bleibt,
doch  praktisch  das  grade  Gegentheil  von  dessen  Absicht.
6.  Indem  schon  die  ursprüngliche  Werth  Vorstellung  des
^  erkes  von  1837  auf  die  Preise  der  Landgüter  angewendet  wurde,
gestaltete  sich  die  Bodenrente  zu  einem  besondern  Fall  des
Capitalgewinns,  so  dass  es  für  das  Careysche  System  eine
eigenthümliche  Grundrente  nicht  geben  konnte.  Die  Landgüter
        <pb n="420" />
        405  —

wurden  als  etwas  Producirtes  und  sogar  dem  Gesetz  der
sinkenden  Reproductionskosten  Unterworfenes  angesehen,  und
die  Ausschliesslichkeit  dieses  Gesichtspunkts  lieferte  den
Satz,  dass  in  den  späteren  Stadien  der  Entwicklung  der  Werth
des  unbeweglichen  Eigenthums  unter  die  ursprünglichen  Productionskosten
  sinke.  Die  Arbeit,  die  sich  in  den  Urbarmachungen ­
  und  Meliorationen  gleichsam  verkörpert  habe,  ergebe
einen  bedeutenderen  Werth,  als  der  in  einer  späteren  Epoche
erlangbare  Grundstückspreis.  Stellte  man  heute  Arbeit  im
Betrage  dieses  Preises  zur  Verfügung,  so  würde  sich  dafür  ein
solches  Landgut,  trotz  der  technischen  Macht  der  Gegenwart,
aus  dem  rohen  Naturzustände  nicht  produciren  lassen.  Die
Aufhäufungen  der  Vergangenheit  sollen  also  auch  in  dieser
Form  im  Werthe  sinken  und  ein  einziges  Gesetz  alle  Werthontstohung
  begreiflich  machen.  In  der  That  muss  jeder  wahre
Gesichtspunkt  unbeschränkt  zur  Anwendung  kommen  und  so
natürlich  auch  derjenige  der  Werthminderung  durch  das  Sinken
der  Reproductionshindernisse.  Ein  gleiches  Recht  hat  aber
auch  die  Anwendung  des  socialen  Gesichtspunkts,  demzufolge
die  Existenz  der  Grundherrschaft  und  das  annähernde  Monopol
die  socialen  Hindernisse  bilden,  durch  welche  die  Position,  die
zur  Aneignung  befähigt,  noch  einen  besondern  Werth  erhält,
mit  dessen  gewaltiger  Zunahme  die  auf  das  Sinken  hinwirkenden ­
  Ursachen  quantitativ  kaum  verglichen  werden  können.
Mit  Recht  waren  die  RicardoschenFruchtbarkeitsdifferenzen,
in  denen  die  entscheidende  Ursache  der  Grundrente  nicht  liegt,
von  Carey  schon  damals  als  falsche  Griinde  signalisirt  worden.
Zu  einem  vollkommneren  Antagonismus  gegen  die  Ricardosche
Rentenphantasie  gelangte  aber  das  System  erst  mit  der  Aufstellung ­
  des  Gesetzes  vom  Gange  der  Bodencultur.  Die  gleichsam ­
  historische  Construction  Ricardos,  die  sich  an  die  gewöhnliche ­
  Meinung  von  der  ursprünglichen  Cultur  des  fruchtbarsten
Bodens  anlehnte,  wurde  nun  umkehrbar.  Der  Boden  von
geringerer  natürlicher  Fruchtbarkeit,  also  namentlich  von  geringerem ­
  Gehalt  an  Pflanzennährstoffeu,  wurde  von  Carey  als
derjenige  nachgewiesen,  der  ursprünglich  die  meisten  Chancen
und  der  Regel  nach  die  einzige  Möglichkeit  des  Anbaus  darbiete. ­
  Der  wirthschaftlich  noch  unentwickelte  Mensch  kann
mit  seinen  schwächeren  Kräften  nur  den  leichteren  Boden  der
Bergabhänge  cultiviren,  der  sich  von  selbst  entwässert.  Er
        <pb n="421" />
        406

ist  nicht  im  Stande,  den  Hindernissen  Trotz  zu  bieten,  die  auf
dem  fruchtbareren  Boden  von  der  üppigen  Natur  vegetation  geschaffen ­
  sind  und  häufig  auch  noch  durch  ungesunde  Beschaffenheit ­
  der  Luft  verstärkt  werden.  Er  wird  daher  nicht  denjenigen ­
  Boden  in  Cultur  nehmen,  den  er  sich  zugänglich  wünschen ­
  mag,  sondern  denjenigen,  dessen  er  mit  seinen  Kräften
Herr  zu  werden  in  der  Lage  ist.  Hieraus  folgt,  dass  die  technische ­
  Ausrüstung  und  die  nähere  Vergesellschaftung  einer
zahlreicheren  Menschengruppe  die  Vorbedingungen  des  üeber-'
  gangs  der  Cultur  zu  den  fruchtbareren  Acckern  bilden.  Ist
dieser  Uebergang  einmal  vollzogen,  so  kann  ausser  den  fruchtbarsten ­
  Strecken  entwässerten  Sumpfbodens  auch  der  allerschlechteste ­
  Boden,  der  ursprünglich  unbeachtet  blieb,  durch
Uebertragung^  von  Kunstmittcln  dem  Anbau  zugänglich  werden.
Die  entscheidende  Richtung  bleibt  aber  für  die  Anbaugeschichte
der  Fortschritt  von  dem  weniger  fruchtbaren  zu  dem  fruchtbareren ­
  Boden,  wobei,  um  alle  gegnerischen  Schleichwendungen
auszuschlicssen,  die  Fruchtbarkeit  im  absoluten  und  natürlichen
Sinne,  nämlich  als  Grad  des  Reichthums  an  pflanzenernährenden
  Bestandtheilen  und  an  fördernd  zusammen  wirkenden  Naturkräften ­
  oder  Naturprocossen,  aufzufassen  ist.
Der  Urheber  dieser  neuen  Idee  hat  das  Hauptgewicht  nicht
auf  die  eben  angegebene  Deduction,  die  auf  wenigen  und  einfachen ­
  Thatsachen  ruht,  sondern  auf  das  empirisch  historische
Bild  und  gleichsam  auf  die  Karte  des  Bodenanbaus  legen  zu
müssen  geglaubt.  Aus  dem  Gebiet  dieser  erfahrungsmässigen
Beläge  heben  wir  jedoch  nur  die  allgemeine  Thatsache  hervor,
dass  der  fruchtbarste  Boden  auf  dem  Planeten  entweder  gar
nicht  oder  nur  erst  sehr  unvollkommen  angebaut  ist,  während
sich  grade  die  weniger  von  der  Natur  begünstigten  Landstriche
der  intensivsten  Bewirthschaftung  erfreuen.  Eine  überall  zutreffende ­
  Schablone  liefert  die  neue  Idee  selbstverständlich
nicht,  aber  die  Beispiele  Ungarns  und  Russlands,  die  uns  doch
sehr  nahe  liegen,  namentlich  aber  des  erstoren  Landes,  welches
massenhaften  Boden  der  fruchtbarsten  Art  noch  unbebaut  zur
Verfügung  hat,  während  der  weniger  fruchtbare  längst  cultivirt
ist,  sollten  über  die  gewöhnliche  Enge  der  Betrachtung  hinwegheben. ­
  Der  Amerikanische  Nationalökonom  hat  sich  besondere
Mühe  gegeben,  für  sein  eignes  Land  und  dessen  Colonisation
die  thatsächliche  Bewahrheitung  seines  Gesetzes  zu  liefern.
        <pb n="422" />
        407

Allermindestens  hat  er  auch  bei  seinen  sonstigen  Gegnern,  z.  B.
bei  dem  Schotten  Macleod,  das  Zugeständniss  erreicht,  dass
neben  der  Ricardosehen  Hypothese  auch  noch  eine  andere  zulässig ­
  sein  müsse.  Ja  man  kann  jetzt  ganz  allgemein  behaupd^mau^d^
  wo  dm  pm^^m  Ane^:emnmg  d^  nmmn
Gesichtspunktes  als  ausschliesslich  maassgebend  versagt  wird,
wenigstens  die  Ricardosche  Vorstellung  neutralisirt  und  die
Freiheit  des  Denkens  in  einem  höhern  Maass  hergestellt  ist,
als  sie  je  zuvor  bezüglich  dieses  Gegenstandes  vorhanden  sein
konnte.  Hierin  läge  allein  schon  eine  werthvolle  Umwälzung
der  ökonomischen  Anschauungen.  Am  meisten  wird  aber  die
Civilisationsgeschichte  auch  positiv  von  der  neuen  Idee  gewinimn
  kirnen,  hnlem  Wer  rnicM  d^  Augm^^^  rmd
Spanne  Zeit,  auf  die  sich  der  sociale  Classenkampf  um  die
Bodenrente  bezieht,  sondern  viel  weitere  Dimensionen  in  Frage
^^^Es  knüpft  sich  eine  Art  ökonomischer  Geschichtsphilosophie
an  das  Gesetz  vom  Gange  des  Bodenanbaus.  Das  Neue  der
Vorstellung  besteht  darin,  dass  die  Cultur  von  den  Bergabhängen ­
  erst  später  zu  den  Flussthälern  fortschreitet,  und  dass
überhaupt  die  Chancen  der  Völkerwirthschaft  so  beschaffen
sind,  dass  erst  mit  der  wachsenden  Kraft  des  Menschen  auch
die  ergiebigeren  Naturmittel  benutzbar  werden.  Muss  es  nun
auch  der  Wissenschaft  fernbleiben,  derartige  Wirkungen  einer
offen  zu  Tage  liegenden  Ursächlichkeit  mit  Carey  aus  einer  Art
Vorsehung  eines  „Machers  der  Welt  herleiten  oder  gar  au
den  Credit  eines  derartigen  Glaubens  frischweg  voraussetzen
zu  wollen,  so  wäre  es  doch  auch  nicht  am  Orte,  über  den  Wert
einer  Speculation  und  eines  an  sich  richtigen  Stücks  von  Wahrheit ­
  nach  den  individuellen  Entstehungsgründen  abzuurtheilen.
Mit  demselben  Recht  könnte  man  Alles  verwerfen,  was  Kepler
auf  seine  Weltharmonie  hin  und  auf  Antrieb  superstitioser
Ideen  wirklich  Zutreffendes  aufgefunden  hat.  ^
Die  Bodencultur  soll  nicht  nur  unter  den  günstigen  ntwicklungsbedingungen
  zum  fruchtbareren  Boden  fortschreiten,
sondern  denselben  auch  wieder  verlassen,  wenn,  wie  in  der
Türkei,  ein  Rückgang  der  Kräfte  platzgreift.  Die  sinkenden
Volkswirthschaften  würden  also  hienach,  wie  Carey  in  dem
Werk  von  1858  beschreibt,  einen  umgekehrten  Process  durchmachen. ­
  Trotzdem  ist  der  Oekonom  von  Philadelphia  weit
        <pb n="423" />
        408

davon  entfernt,  ein  nothwendiges  Gesetz  der  Wirthschaftsauflösung
  und  der  wirthschaftlichen  Staatenzersetzung  anzuerkennen.
Im  Gegentheil  soll  die  günstige  Entwicklung  für  jedes  Volk
ins  Unbegrenzte  gehen  können,  wenn  sie  nicht  durch  falsche
Schritte  freiwillig  zum  Abgrunde  einlenkt.  Hier  schiebt  sich
bm  ehie  IDopp^kek  der  V^eltm^^u^ung
ein,  wonach  im  letzten  Grunde  noch  etwas  Anderes  möglich
sein  soll,  als  was  in  der  That  wirklich  wird.  Aus  diesem
Grunde  wehrt  er  sich  auch  gegen  die  Anerkennung  des  Staaten- ­
  und  Völkertodes  als  einer  unausweichlichen  Naturgesetzlichkeit. ­
  Man  sieht,  dass  er  an  einer  Ansicht  festhält,  die  eine
selir  gemeiiie  ist  und  sich  iii  den  nietaphysisch  siihUinirtoron
Formen  überall  da  findet,  wo  an  der  menschlichen  Freiheit  ein
wenn  auch  noch  so  kleiner  Rest  oder  ein  mystisches  Hintergründchen,
  wie  bei  Kant,  von  der  allesbeherrschcnden  Naturgesetzmässigkeit ­
  ausgenommen  oder  über  dieselbe  gestellt  werden ­
  soll.  Man  hat  mithin  kein  Recht,  an  Careys  aus  der  rationalisirten
  Religion  stammenden  Geschichtsphilosophie  zu  mäkeln,
wenn  man  nicht  selbst  auf  dem  völlig  radicalen  Grund  und
Boden  des  theoretischen  Materialismus  und  der  kritisch  naturwissenschaftlichen ­
  Denkweise  steht.
7.  Auch  die  antimalthusische  Bevölkerungstheorie  des  Systems ­
  hat  einen  Zug,  der  sie  zur  völligen  Umkehrung  der  Anschauungsart ­
  des  Anglikanischen  Priesters  macht.  Während
der  letztere  ein  providentielles  Naturgesetz  beliebte,  vermöge
dessen  die  sündige  Volksvermehrung  dem  Nahrungsvorrath
stets  voraus  sein  sollte,  um  dann  den  Lohn  dieser  Welt,  nämlich ­
  eine  Decimirung  durch  Kriege,  Seuchen,  Elend  und  Laster
einzuernten,  hat  sich  der  Pensylvanische  Socialphilosoph  von
vornherein  auf  den  Standpunkt  eines  religiösen  Optimismus
^stellt.  Nahrung  und  Bevölkerung  können  sich  hienach  nicht
in  Disharmonie  befinden;  denn  sonst  wären  die  Naturverhältnisse
  ein  Pfuscherstück  ihres  vorausgesetzten]  Urhebers.  Die
wachsenden  Kräfte  des  Menschen  müssen  daher  mit  der  Anlage
der  äussern  Natur  derartig  zusammenstimmen,  dass  die  Fähigkeit ­
  zur  Erzeugung  der  Lebensbedingungeu  den  Ansprüchen
an  dieselben  nicht  nur  gewachsen  bleibt,  sondern  in  immer
reichlicherem  Maasse  entspricht.  Der  Nachweis  durch  statistische ­
  Thatsachen  muss  hier  natürlich  problematisch  bleiben,
und  man  sollte  daher  die  Careyschen  Anführungen  mit  Be-
        <pb n="424" />
        409

mängelungen  verschonen,  welche  in  dieser  Richtung  auch  alle
andern  statistischen  Versuche  treffen  müssten.  Wirklich  zuverlässige ­
  und  brauchbare  Constatirungen  bleiben  solange  unmöglich, ­
  als  die  statistischen  Institute  der  Welt  wesentlich  nur
für  die  Regierungen  und  so  gut  wie  gar  nicht  für  die  bestimmteren ­
  Gesichtspunkte  der  Volkswirthschaftslehre  arbeiten.  Die
Productionsstatistik  ist  anerkanntermaassen  nur  in  vereinzelten
und  unerheblichen  Anfängen  vorhanden.
Da  Malthus  in  dieser  Gattung  nichts  bewiesen  hatte,  so
war  auch  im  eigentlichen  Sinne  nichts  zu  widerlegen.  Dagegen
ist  es  ein  grosses  Verdienst  Careys,  dass  er  den  alten  Gedanken
von  der  wirthschaftlichen  Nützlichkeit  der  Volksvermehrung
mit  einer  neuen  Ableitung  ausstattete,  die  von  aller  Statistik
unabhängig  war  und  bleiben  wird.  Durch  Vereinigung  einer
grossem  Zahl  wachsen  die  W^irthschaftskräfte  über  die  Natur
mehr  als  blos  im  Verhältniss  dieser  Zahl.  Zwei  vereinigte
Menschen  haben  höchstens  die  doppelten  Bedürfnisse,  aber  vermöge ­
  dos  planmässigen  Zusammenwirkens  mehr  als  die  doppelte ­
  Leistungsfähigkeit.  An  der  Hand  dieser  Wahrheit  und
unter  der  Voraussetzung,  dass  die  Naturhülfsquellen  nicht  blos
Anfangs  so  gut  wie  unbeschränkt,  sondern  auch  später  hinreichend ­
  zugänglich  sind,  gelangt  Carey  zu  der  Vorstellung,  dass
die  Bevölkerung  keine  andern  Schranken  habe,  als  diejenigen,
welche  sie  sich  in  ihrer  höhern  Entwicklung  durch  ein  Zurücktreten ­
  der  Fortpflanzungstriebe  von  selbst  setze.  Da  er  stillschweigend ­
  anerkennt,  dass  eine  grenzenlose  Vermehrung  nicht
stattfinden  könne,  so  nimmt  er  auf  den  Höhen  der  Entwicklung
seine  Zuflucht  zu  dem  physiologischen  Antagonismus  zwischen
dem  Aufwand  der  Gehirn-  und  der  Geschlechtskräfte.  Die  Entwicklung ­
  der  höhern  Functionen  soll  die  Fortpflanzungsacte
mindern.  Mit  Sicherheit  ist  nun  aber  nach  einer  exacten  physiologischen ­
  Denkweise  nichts  weiter  festzustellen,  als  dass
eine  starke  Anspannung  der  Gehirnthätigkeit  zeitweilig  alle
andern  functioncllen  Thätigkeiten  des  Organismus  und  unter
ihnen  ganz  vornehmlich  die  Vorbereitungen  der  geschlechtlichen
Energie  mindert.  Hievon  wird  aber  die  Fortpflanzung  selbst
wenig  betroffen.  Eine  habituelle  Ausmerzung  der  Geschlechtsfunctionen ­
  wäre  aber  nicht  nur  ein  physiologisch  ungeheuerlicher, ­
  sondern  auch  sonst  ein  thörichter  Gedanke.  Ausnahmsweise ­
  mögliche  Impotenz  oder  Unfruchtbarkeit  kann  und  soll
        <pb n="425" />
        410

nicht  in  einem  grossem  Umfang  zur  organischen  Regel  umgewandelt ­
  werden.  Im  Gegentheil  bleibt  es,  von  einigen  Abnormitäten ­
  abgesehen,  eine  natürliche  Thatsache,  dass  die  mit  den
besten  Gehirnkräften  Ausgestatteten  auch  nicht  zu  den  von  der
Natur  Verschnittenen  gehören.  Uebrigens  wirkt  aber  auch
jede  stärkere  Muskelthätigkeit  in  Bezug  auf  die  Geschlochtserregungon
  ableitend,  so  dass  überhaupt  anstrengende  Arbeit
mit  den  sexuellen  Functionen  im  Widerstreit  steht.  Hieraus
folgt  aber  wiederum  keine  erhebliche  Einschränkung  der  Conceptionen
  und  Geburten,  da,  wie  nicht  blos  Carey,  sondern
auch  der  Malthusianer  Stuart  Mill  ausser  Acht  gelassen  hat,
die  geringste  Anzahl  von  Bethätigungen  der  Geschlechtsreize
bei  normaler  Fruchtbarkeit  der  Frauen  hinreichend  ist,  die
vollen  Chancen  der  Volksvermehrung  zu  ergeben.  Wenn  die
träge  Musse  und  der  Mangel  höherer  geistiger  Regsamkeit  bei
der  Classe  der  verheiratheten  Geistlichen,  die  bekanntlich
sechs  Tage  ruhen  und  am  siebenten  auch  nicht  eigentlich  arbeiten, ­
  und  deren  wichtigste  Geschäfte  in  der  Einziehung  von
Gebühren  und  in  ceremoniellen  Acten  nebst  der  schwierigen
Zugabe  des  Mitfeierns,  Mitessens  und  Mittrinkens  bestehen,  —
wenn  diese  ergiebige  Entsagung  von  den  Lasten  des  Erdendaseins ­
  der  Kinderzeugung  besonders  günstig  ist,  so  muss  man
hiebei  nicht  blos  an  das  pflanzenhafte,  vornehmlich  auf  Ernährung ­
  und  behäbige  Behaglichkeit  gerichtete,  die  reproductiven
Functionen  gleichsam  mästende  und  hegende  Verhalten  denken,
sondern  auch  erwägen,  dass  in  diesem  Falle  die  ökonomische
Sorglosigkeit  sowie  die  Aussicht,  den  Nachwuchs  durch  allerlei
Subventionen  und  Privilegien  für  die  höhere  Erziehung  begünstigt ­
  zu  sehen,  das  Ihrige  zu  der  bekannten  ungenirten  Familienentfaltung ­
  beitragen  muss.  Eine  ähnliche  Bewandtniss  hat
es  mit  den  Inhabern  der  üniversitätssinecuren,  deren  schwerste
professorale  Arbeit  meistens  in  dem  Abstottern  eines  überkommenen ­
  oder  einfürallemal  zusammengepickten,  für  das  ganze
Leben  ausreichenden  Collegienheftes  besteht.  Wenn  wir  uns
nun  die  zu  einem  bessern  Wirthschaftsdasein  entwickelte
Menschheit  auch  nicht  nach  dem  Bilde  der  eben  erwähnten
Monstrositäten  der  bevorrechteten  und  gutbezahlten  Trägheitsmusse
  vegetirend  denken  dürfen,  so  wird  doch  die  verhältnissmässige
  Entlastung  von  erdrückender  Arbeit  des  Körpers  und
des  Geistes,  also  mit  einem  Wort  die  Normalisirung  aller
        <pb n="426" />
        411

Functionen  für  die  Vorbedingungen  der  Yolksvermebrung  nur
immer  günstiger  nusfallen  können.  Das  Gareysche  System  hat
nun  aber  diese  Nothwendigkeit,  die  in  der  Gonsequenz  seiner
sonstigen  materiellen  Voraussetzung  lag,  nicht  ertragen  können
und  auf  einen  illusorischen  Ausweg  gerathen  müssen,  weil  es
in  seiner  Welt-  und  Lebensanschauung  die  gleichsam  vormundschaftliche ­
  harmonische  Einrichtung  der  Dinge  adoptirt  und
vor  dem  kühnen  Eingriff  des  verstandesreifen  Menschen  m  den
zufälligen  wüsten  und  wilden  Gang  der  Fortpflanzung  wm  vor
einer  Ungeheuerlichkeit  eine  Art  heiliger  Scheu  hegt.  So  ist
es  denn  gekommen,  dass  die  unwillkürliche  Enthaltung,  we  c  e
sich  auf  den  höchsten  Stufen  der  Givilisation  von  selbst  durch
den  Mangel  der  Geschlechtsneigungen  einfinden  soll,  auch  nicht
sonderlich  etwas  Anderes  als  ein  Gegenstück  zum  sitt  ic  ver
worfenen  Malthusschen  Moralitätszwang  vorstellt.
8.  Die  Abhängigkeit  der  Volks  Vermehrung  vom
ist  jene  beengte  Vorstellung,  die  dem  Smithschen  Gapitalbegritt
ihr  wissenschaftliches,  bis  in  socialistische  Systeme  fortgepflanztes ­
  und  augenblicklich  z.  B.  auch  in  dem  Marxschen  Vorstcllungskreis
  vertretenes  Dasein  zu  verdanken  hat.  Es  war
daher  ein  befreiender  Schritt,  wenn  Garey  von  vornherein  das
Capital  als  Werkzeug  der  Production  bestimmte  und  die  Production
  dieses  Werkzeugs  zum  Ausgangspunkt.der  Ableitungen
aller  wirthschaftlichen  Entwicklung  machte.  Das  Gapita  wir
hicnacli  producirt  und  seine  Reproductionskosten  sin  'en  m
der  technischen  Vervollkommnung  und  der  bessern  Verps  -
Schaffung  der  Menschenkraft.  Die  Sparthätig  seit,  le  ei
Adam  Smith  als  Hauptentstehungsgrund  galt,  mscheint
als  eine  blos  vermittelnde,  in  untergeordneter
Verrichtung,  während  die  positive  Ursache  er  api  a  i  ung
in  der  Einleitung  von  Menschenkraft  auf  die  Herstellung  er
arbeitersparonden  Arbeitsmittel  zu  suchen  ist.
Die  aneignenden  Functionen  des  Capitals,  d.  h.  des  Besitzers
  der  Arbeitsmittel  gegen  den  Nichtbesitzer,  sollen  ursprünglich ­
  am  stärksten  sein  und  mit  der  Entwickli^  sinken,
weil  die  frühere  thatsächliche  Ausschliesslichkeit  des  ^  zeug
besitzes  durch  die  spätere  reichlichere  Production  und  Zugänglichkeit ­
  gemässigt  und  endlich  bis  zur  Unerheblichkeit  gemindert ­
  werde.  Bodenrente,  Capitalgewinn  und  Zins  sollen  zuletzt
nur  noch  einen  relativ  kleinen  Spielraum  ausfüllen  können.
        <pb n="427" />
        412

Di©  Meng©  dor  A.rb6Ít86ÍnküiiftG  soll  so  tiborwiGgcnd  worden^
dass  man  jene  Einnahmearten,  die  auf  Rechnung  des  Capitals
verbleiben,  nur  noch  als  eine  Art  Reibungswiderstand  der  gesellschaftlichen ­
  Circulation  ansehen  dürfe.  Diese  harmonistische
Voraussetzung,  die  uns  im  Allgemeinen  schon  oben  beschäftigte, ­
  zeigt  nun  recht  deutlich,  dass  eine  strenge  Schlussfolgerung ­
  aus  dem  rein  technischen  Productionsgesetz  des  Capitals
nur  dann  statthaben  könnte,  wenn  die  Ursachen  der  socialen
Aneignung  ausgetilgt  wären.  Das  Capital  selbst,  wie  es  von
Carey  definirt  wird,  nämlich  das  technische  Werkzeug  der  Production, ­
  macht  keinen  weiteren  Anspruch,  als  dass  ihm  zu  seiner
ursprünglichen  Hervorbringung  eine  bestimmte  Arbeitsmeuge
gewidmet,  und  dass  es  nach  Maassgabe  der  Abnutzung  oder
des  vollständigen  Verbrauchs  durch  eine  meist  geringer  ausfallende ­
  Arbeitsmenge  wiedorersetzt  werde.  Hierin  liegt  keine
Spur  von  Aneignung,  Die  letztere  ist  eine  sociale  Vertheilungsfunction
  und  ist  nicht  auf  Rechnung  dos  Capitals,  sondern  voll
und  ausschliesslich  auf  diejenige  des  Capitalisten  d.  h.  des  Beherrschers ­
  der  Werkzeuge  zu  schreiben.  Wie  schon  angedcutet,
  liegt  aber  grade  diese  hochwichtige  Unterscheidung  von
eminent  socialitärer  Bedeutung  den  Carey  sehen  Argumentationen ­
  äusserst  fern.  Man  würde  also  nur  in  der  socialitären
"Wirthschaft  von  dem  Gresetz  der  sinkenden  Reproductionskosten
des  Capitals  für  den  Arbeiter  den  vollen  Vortheil  ziehen.
Bodenrente,  Capitalgewinn  und  Zins  würden  alsdann  nicht  blos
bis  zur  relativen  Unerheblichkeit  geschmälert  werden,  sondern
gar  nicht  mehr  in  Frage  kommen.  Die  Thatsache,  dass  sich
ein  solcher  Endzustand  durch  ein  relatives  Steigen  des  Gewichts, ­
  welches  die  Arbeitermenge  socialwirthschaftlich  der  Anzahl ­
  der  Besitzer  und  der  Grösse  der  Besitzeinkünfte  gegenüber  in
die  Schaale  wirft,  nach  Naturgesetzen  vorbereitet,  ist  die  haltbare ­
  Lehre,  die  man  der  Careyschen  Anschauungsart  entnehmen ­
  und  den  blos  mit  einer  pessimistischen  Fäulniss  und  einem
Uebermaass  der  Missverhältnisse  rechnenden  Deductionen  des
Elendssocialismus  entgegensetzen  kann.  Die  Möglichkeit  und
Noth  Wendigkeit  der  socialitären  Wirthschaft  entspringt  nicht
sowohl  aus  dem  die  modernen  Erscheinungen  begleitenden
Elend,  als  vielmehr  aus  dem  positiven  Kräftezuwachs  des  Proletariats. ­

Die  Niedrigkeit  des  Zinsfusses  ist  für  Carey  nicht  nur  ein
        <pb n="428" />
        413

Ideal,  sondern  auch  die  Wirkung  der  Fortschrittsentwicklung.
Die  leichtere  Reproduction  des  Capitals  macht  den  Entgelt
für  seine  Nutzung  geringer.  Die  Meinung,  als  wenn  die
geringere  Ergiebigkeit  zu  dem  hei  den  entwickeltsten  Völkern
thatsilchlich  gesunkene  n  Zinsfuss  geführt  hätte,  schliesst  einen
ähnlichen  Irrthum  ein,  als  wenn  man  aus  billigeren  Preisen
auf  geringere  anstatt  auf  grössere  Productivität  schliessen
wollte.  Ausserdem  übersehe  man  nicht,  dass  die  Careysche
Denkweise  über  die  Niedrigkeit  des  Zinsfusses  dem  Standpunkt ­
  aller  Berufsgattungen  entspricht,  welche  mit  fremdem
Capital  möglichst  viele  Gewinne  erzielen  und  zu  Gunsten
dieser  geschäftlichen  Capitalgewinne  an  den  eigentlichen  Zinsen
sparen  wollen.  Wohin  dieser  industriöse  Standpunkt  führen
könne,  zeigt  das  Eintreten  für  die  Erhaltung  der  Amerikanischen ­
  Staatengesetze  über  Wucher,  von  deren  monströser
Existenz  man  in  Europa  meist  keine  Ahnung  hat.
Eine  Lieblingstheorie  des  Systems  besteht  darin,  dass
die  Beziehung  zwischen  der  Grösse  des  circulirenden  und  derjenigen ­
  des  fixen  Capitals  dadurch  eine  paradoxe  Umkehrung
erfährt,  dass  die  nominellen  Capitalisirungspreise  der  Rechte
an  Grundstücken  5“  Häusern  und  industriellen  Etablissements
vielfach  als  Repräsentanten  der  Massenhaftigkeit  der  fixirten
Werthe  erscheinen.  So  wird  denn  der  Satz  möglich,  dass  im
Verlauf  der  Entwicklung  das  fixe  Capital  eine  immer  grössere
Quote  und  eine  immer  gediegenere  Grundlage  der  gesammten
Production  bilde.  In  Wahrheit  bleibt  aber  an  dieser  Ansicht
nur  die  einfachere  Idee  festzuhalten,  dass  die  productiven
Institutionen,  also  namentlich  die  Einrichtungen  der  Landwirthschaft
  und  der  Industrie,  erst  nach  und  nach  Wurzel  schlagen
und  so  den  Contrast  gegen  den  Zustand  des  ursprünglichen
Nomadenthums  mit  seiner  blos  beweglichen  Habe  immer  mehr
erhöhen.
Í).  Eine  blosse  Folge  der  Auffassung  des  Werthes  als  des
Repräsentanten  und  Maasses  der  Beschaffungshindernisse  ist
es,  wenn  das  System  den  natürlichsten  und  kürzesten  Weg
der  Vermittlung  zwischen  Producenten  und  Consumenten  zu
den  überwuchernden  Einschaltungen  von  Zwischenpersonen  und
Zwischenzurüstungen  in  Gegensatz  stellt.  Hierauf  beruht  nicht
nur  seine  Unterscheidung  zwischen  Verkehr  und  Handel,  sondern ­
  auch  die  am  meisten  gelungene  Anschauung  von  der  Rolle
        <pb n="429" />
        der  Entfernungen  und  Transporthindernisse.  Der  Verkehr  ist
der  Austausch  zwischen  den  ursprünglichen  oder  eigentlichen
Producenten  und  den  letzten  oder  eigentlichen  Consuraentcn.
Der  Handel,  als  Gruppe  von  Personen  und  Zurüstungen,  ist,
wo  er  seine  Verrichtungen  normal  erfüllt,  nur  das  dienstbare
Werkzeug  jenes  Verkehrs.  Wo  er  sich  aber  egoistisch  zum
Selbstzweck  macht  und  auf  Kosten  des  in  kürzerer  oder  directer
Weise  möglichen  Verkehrs  seine  thatsächlichen  oder  künstlichen ­
  Mon  opole  aufrecht  erhält,  wird  er  gleich  einem  betrügerischen ­
  Arzte,  der  im  Interesse  seines  Gewinns  auf  die  Verschleppung ­
  von  Krankheiten  hinarbeitet,  zu  einem  Hebel,
welches  man  alsdann  an  den  betreffenden  Stellen  ausmerzen
muss.  Wo  sich  z.  B.  ein  Theil  des  Handels  einer  Entwicklung
widersetzt,  die  ihn  mehr  oder  minder  entbehrlich  macht,  indem
sie  die  Beschaffung  auf  eine  andere,  bequemere  Weise  bewerkstelligt, ­
  —  da  wird  man  zugeben  müssen,  dass  sich  Verkehr ­
  und  Handel  in  dem  von  Carey  gekennzeichneten  Antagonismus ­
  befinden.  Ein  Hauptfall  dieses  Widerstreits  ist  das  Aufkommen ­
  einer  einheimischen  oder  örtlich  näheren  Industrie;
denn  der  Bezug  aus  der  Ferne  wird  hiedurch  zum  Theil  überflüssig. ­
  Nun  braucht  es  sich  grade  nicht  um  Schutzzölle  zu
handeln,  damit  dieser  Gruppen-  und  Parteigegensatz  sichtbar
werde.  Jedwede  Form,  in  welcher  auf  natürliche  Weise  oder
im  Wege  der  Gesetzgebung  die  Schranken  des  engem  Verkehrs
der  bessern  Vergesellschaftung  oder  des  directeren  Bezuges
weggeräumt  werden,  kann  den  Positionen  von  Staaten  und
Städten  des  vorherrschenden  Handels  eine  augenblickliche
Einbusse  bringen  und  ihre  auf  die  früheren  Schwierigkeiten
des  Verkehrs  begründeten  Gewinne  beschneiden.  Auch  sieht
man  überall,  dass  der  Handel  eifersüchtig  darüber  wacht,  dass
ihm  aus  einer  unmittelbareren  Beziehung  der  Producenten  und
Consumenten  keine  Concurrenz  erwachse.
Das  natürliche  Hauptmittel,  die  Producenten  und  Consumenten ­
  einander  zu  nähern,  ist  erst  in  zweiter  Linie  die  bessere
Ueberwindung  der  Transporthindernisse,  in  erster  Linie  aber
die  gänzliche  Wegräumung  der  in  erheblicher  Weise  hinderlichen ­
  Entfernungen.  Indem  sich  ein  örtlich  naher  Kreislauf
von  Production  und  Consumtion  auf  Grund  der  Decentralisation ­
  oder  besser  Localisation  der  Wirthschaft  herstellt,  indem
also  Ackerbau  und  Manufacturen  in  möglichster  Nähe  zusammen-
        <pb n="430" />
        —  415

wirken,  brauchen  Rohstoffe,  Nahrung  und  Fabricate  keine
weiten  Wege  zu  machen,  und  es  wird  die  nun  unnütz  gewordene
Ausgabe  an  Transportarbeit  gespart.  Man  kann  die  Kräfte
und  Mittel,  die  sonst  dem  Transport  gewidmet  werden  müssten,
auf  eine  productivere  Art  wirksam  machen  und  so  die  Bedingungen ­
  der  Menschenexistenz  erweitern.  Nie  ist  in  einem
System  die  grundlegende  und  gestaltende  Wichtigkeit  der
Entfernungen  und  Transporthindernisse  so  richtig  hervorgehoben
und  so  anschaulich  gekennzeichnet  worden,  als  in  der  Careyschen
  Doctrin.
Die  Lehre  von  der  Annäherung  der  Producenten  und
Consumenten  stützt  sich  auch  noch  auf  die  unter  localisirten
Wirthschaftsverhältnissen  gegebene  Aussicht,  die  Bodenerschöpfung ­
  zu  vermeiden.  Eine  Entziehung  der  pflanzennährenden
Bestandtheile  des  Ackers  findet  nämlich  stets  dadurch  statt,
dass  die  Erzeugnisse  zu  einem  grossen  Theil  auf  ferne  Märkte
geführt  werden.  Die  Beschaffung  von  Düngmitteln  wird  durch
die  Spärlichkeit  und  Zerstreuung  der  einheimischen  Bevölkerung
erschwert,  und  der  am  meisten  natürliche  Zustand  würde  dagegen ­
  in  einer  reichlichen  einheimischen  Consumtion  bestehen,
welche  es  gestattet,  dem  Boden  die  Stoffe  vollständig  wiederzugeben, ­
  die  ihm  durch  die  Ernten  entzogen  sind.
Die  localisirte  Arbeitstheilung  oder,  mit  andern  Worten,
die  Erzeugung  der  Hauptmannichfaltigkeiten  der  Production
in  einem  örtlich  kleineren  Rahmen,  hat  den  für  den  Fortschritt
entscheidenden  Vortheil,  der  Stauung  und  dem  Brachliegen
der  Arbeitskräfte  und  namentlich  des  ländlichen  Nachwuchses
vorzubeugen.  Durch  die  Schöpfung  einer  eigentlichen  Industrie
werden  für  die  Ackerbaugruppen  und  durch  die  Einführung
neuer  Thätigkeitsarten  für  die  gesammte  Bevölkerung  neue
Canäle  und  gleichsam  Märkte  geschaffen,  auf  denen  der  Arbeiter
seine  sich  sonst  schon  stauende  Waare  besser  zu  verwerthen  vermag. ­
  Carey  macht  dem  System  der  Handelscentralisation  und  des
Brittischen  thatsächlich  zum  Monopol  ausschlagenden  Freihandels ­
  den  Vorwurf,  dass  es  die  Arbeitskraft  vergeude,  indem
es  sie  hindere,  die  am  meisten  productive  Anwendung  zu
finden.  Auch  die  Auswanderung  aus  den  Ackerbaustaaten  und
Ackerbauprovinzen  wird  als  eine  Wirkung  der  unterhöhlten
Existenzbedingungen  aufgefasst.  Ein  Land,  welches  darauf
verzichtet,  eine  Industrie  zu  schaffen,  und  welches  fortfährt,  die
        <pb n="431" />
        416

Erzeugnisse  seines  rohen  Ackerbaus  auf  entfernte  Märkte  aus-Zufuhren,
  wird  schliesslich  auch  zu  dem  Export  von  Menschen
gelangen  müssen.
Man  könnte  fast  glauben,  dass  der  bezeichnete  Standpunkt
le  Industrie  im  engem  Sinne  zum  Hauptzweck  mache;  indessen ­
  hat  Carey  es  ausdrücklich  ausgesprochen,  dass  die
Landwirthschaft  der  Zweck  und  die  Industrie  das  Mittel  sei.
Mit  Friedrich  List  hält  er  an  der  Wahrheit  fest,  dass  die
verbesserte  Landwirthschaft  erst  der  Industrieentwicklung  folo-e
^er  nicht  vorangehe.  Er  ist  daher  auch  ein  Gegner  d^r
cvölkerungszerstreuung  im  rohen  und  barbarischen  Ackerbau,
r  will  die  neue  Cultur  entfernterer  Landstrecken  verschoben
wissen,  um  nur  erst  ein  kräftiges  Industriesystom  mit  naher
Ackercultur  auszubilden,  an  welches  sich  dann  die  weitere
Ausdehnung  der  innern  Colonisation  mit  verbesserten  Mitteln
anschliessen  mag.  Jedoch  ist  er  kein  Freund  der  massenhaften
Bevölkerungsanhäufungen  in  den  nach  seiner  Ansicht  überwuchernden ­
  Gressstädten.  Er  unterscheidet  die  absorbirende
und  unterdrückende  Handelscentralisation  von  der  gerechtiertigten
  Concentration  des  Verkehrs  und  hat  überall  die
wirthschafthche  Decentralisation  als  Ziel  vor  Augen.  In  der
Landwirthschaft  sieht  er  diejenige  Thätigkeit,  die  zuletzt
rationell  und  hiedurch  der  schHesslioh  wieder  überwiegende
Grund  und  Zweck  aller  Wirthschaftsbemühungen  werde.  Grade
aber  durch  die  begünstigte  Entwicklung  der  Industrie  soll  sich
die  Volkswirthschaft  decentralisiren  und  sollen  die  Preise  der
landwirthschaftlichen  Erzeugnisse  denen  der  Fabricate  angenähert ­
  werden.  Der  sinkende  Unterschied  dieser  Preise  o-ilt
ihm  als  Zeichen  der  Civilisation  und  als  der  immer  engere
tepielraum,  in  welchem  sich  Bodenrente,  Capitalgewinn  und
Zins  bewegen.  Der  entscheidende  Vortheil,  der  sich  für  den
Landwirth  aus  der  Localisation  der  Volks  wirthschaft  und
mithin  durch  den  nahen  Markt  ergiobt,  ist  der  Wegfall  der
gesellschaftlichen  Besteuerung,  die  ihm  sonst  für  Transport
und  H^del  in  einem  Maasse  auferlegt  wird,  dass  der  Preis
seiner  Erzeugnisse  an  der  Productionsstätte  nur  einen  kleinen
Iheil  des  am  Bestimmungsort  geltenden  Preises  ausmacht.
le  steigenden  Preise  der  landwirthschaftlichen  Erzeugnisse
^d  überhaupt  der  Rohste#  sind  für  Carey  in  einer  ähnlichen
Weise,  wie  sie  es  schon  für  Boisguillebert  waren,  eine  Vorbe-
        <pb n="432" />
        417

dingimg  des  harmonischen  Verkehrs  und  noch  überdies  ein
Zeichen  der  fortgeschrittenen  Entwicklung.  Man  sieht  hieraus,
dass  man  sein^System  jedenfalls  nicht  anklagen  kann,  mercantilistisch
  gegen  die  Interessen  der  Landwirthschaft  verstossen
zu  wollen.  Im  Gegentheil  hat  bisher  keine  der  bedeutenden
nationalökonomischen  Doctrinen  des  19.  Jahrhunderts  dem  Ackerbau ­
  eine  so  glänzende  Zukunft  in  Aussicht  gestellt  und  ihm
in  der  Gegenwart  so  viele  theoretische  Zugeständnisse  gemacht,
als  der  Anschauungskreis  des  Amerikanischen  Nationalökonomen.
Die  ganze  Decentralisationsidee  zielt  schliesslich  auf  die  Untermischung ­
  der  Landwirthschaft  mit  der  Industrie  ab.
10.  In  der  Handelspolitik  beschränkt  sich  Carey  nicht  blos
auf  den  Manufacturschutz,  indem  er  keineswegs  wie  Friedrich
List  den  Ackerbauschutz  ausnimmt  und  die  Aufhebung  der
Englischen  Kornzölle  durchaus  nicht  als  eine  wohlthätige
Maassregel  ansieht.  Zu  neuen  Gründen  für  das  Protectionssystem ­
  werden  unter  seiner  Behandlungsart  des  Gegenstandes
alle  ihm  eigenthümlichen  Ideen,  von  der  Werththeorie  an  bis
zum  Gesetze  des  Bodenanbaus  und  der  Bodenerschöpfung.
Alles  was  nach  seinen  Principien  darauf  hinwirkt,  die  Widerstände ­
  zu  brechen,  die  sich  der  leichtern  Production  entgegenstellen, ­
  gilt  ihm  auch  als  Empfehlung  des  Zollschutzes.  Namentlich ­
  ist  es  aber  die  Entbehrlichkeit  der  weiten  Transporte
was  für  die  exclusiv  nationale  und  staatliche  Vergesellschaftung
der  Wirthschaftskräfto  sprechen  muss.  Friedrich  List  hatte
sich  mehr  auf  einen  politischen  Grund,  nämlich  auf  den  Kriegs,
zustand  der  Staaten  berufen.  Carey  stützt  sich  auf  ein  Argument, ­
  welches  man  auch  innerhalb  desselben  Staates  und
allenfalls  für  einzelne  Provinzen  anwenden  könnte.  Dennoch
beweist  es  nicht  in  jeder  Beziehung  zuviel,  sondern  zeigt
nur  dem  Kritiker,  dass  die  organisatorische  Constitution  der
Wirth  Schaft,  durch  welche  die  örtliche  Lebendigkeit  des
Schaifons  ermöglicht  werden  soll,  nicht  in  der  Ziehung  von
Zolllinicn,  sondern  in  socialitären  Einrichtungen  zu  suchen  ist.
Ein  bei  den  Amerikanischen  Protectionisten  üblicher  Grund
für  das  Schutzsystem,  nämlich  die  Erhaltung  des  Niveaus  der
einheimischen  Arbeitslöhne  gegen  die  Coiicurrenz  der  Erzeugnisse ­
  niedriger  bezahlter  Englischer  und  Europäischer  Pauperarbeit, ­
  findet  sich  zwar  nicht  ausdrücklich  als  Bcstandtheil  des
Careyschen  Systems,  entspricht  demselben  aber  weit  besser
Da  bring,  Geschichte  der  Nationalökonomie.  2.  Auflage.  27
        <pb n="433" />
        418

als  den  wirklichen  Gedanken  der  Amerikanischen  Fabricanten.
In  der  philanthropischen  Doctrin  ist  nämlich  dio  Höhe  der
Arbeitslöhne  eine  principielle  Vorbedingung  der  harmonistischcn
Schlüsse.  In  der  IVirklichkoit  der  industriellen  Parteiintoresson
wird  aber  die  billige  Chinesonarbeit,  sowie  überhaupt  alle  Arbeit,
wenn  sie  nur  nicht  in  Gestalt  von  Erzeugnissen  als  Concurrent  des
Unternehmers,  sondern  in  Gestalt  von  Arbeiterpersonen  als
Concurrent  des  einheimischen  Arbeiters  erscheint,  nicht  nur
willkommen  geheissen,  sondern  auch  positiv  hcrbcigelockt.
Die  zärtliche  Sorge  für  die  Erhaltung  des  höhorn  Standes
der  Arbeitslöhne  dürfte  daher  bei  den  Amerikanischen  Unternehmern ­
  mehr  als  blos  verdächtig  sein.
Der  Schutz  wird  auf  eine  verhältnissmässig  kurze  Frist
und  als  Mittel  gefordert,  auf  dem  kürzesten  Wege  und  am
schnellsten  zum  universellen  Freihandel  zu  gelangen.  Er  ist
hienach  ein  System  von  Zwischenmaassregeln  und  sein  Princip
nichts  Allgemeines  und  Dauerndes,  wie  ich  schon  18G6  in  der
Vorrede  zu  meiner  „Kritischen  Grundlegung”  ausdrücklich  gegen
List  und  Carey  hervorgohoben  und  dann  in  den  weitern  Consequenzen
  geltend  gemacht  habe.  Das  Vergosellschaftungsprincip,
  welches  dem  Zollschutz  als  Triebkraft  untergelegt  wird,
nicht  aber  dieser  Zollschutz  selbst  ist  etwas  wissenschaftlich
für  alle  Zeit  Gültiges.  Ja  bei  einer  schärferen  Untersuchung,
welche  sich  auf  die  wirkenden  Kräfte  der  Geschichte  richtet
und  sich  nicht  durch  die  hinterher  zu  den  Thatsachen  aufgesuchten ­
  Zwecke  beirren  lässt,  erscheint  der  ganze  Apparat
von  Ausschliessungsmaassregeln  als  ein  Erzeugniss  des  Selbsterhaltungstriebes ­
  von  Classen  und  Gruppen  ohne  Rücksicht
auf  das  Gemeinwohl.  Von  besonderer  Erheblichkeit  wird  bei
einer  solchen  Untersuchung-  der  Umstand,  dass  sich  die  Protection ­
  nie  dann  einführt,  wenn  sie  als  erste  Schöpferin  der
Industrie  zufolge  der  Theorie  am  nöthigsten  wäre,  sondern
erst  dann,  wenn  eine  einflussreiche  Anzahl  von  Industriellen
die  Macht  erlangt  hat,  auf  die  Gesetze  einzuwirken.  In  der
Amerikanischen  Union  waren  die  Sklavenhalter  die  Freihändler
und  die  republikanische  oder  nationale  Staatspartei  trat  vorherrschend ­
  für  die  Protection  ein.  In  Carey  vereinigt  sich  der
angeerbte  Groll  des  Irischen  Abkömmlings  gegen  England  mit
den  Empfindungen,  die  dem  Gegensätze  der  Nordamerikanischen
und  Englischen  Interessen  angehören,  sowie  mit  den  Rostre-
        <pb n="434" />
        419

billigen,  (lio  Bpeciell  Pcnsylvanien  und  seiner  Eisenindustrie
cigenthümlicli  sind.  Es  ist  indessen  bereits  abziisehen,  dass,
sobald  die  Amerikaner  ihre  Industrie  bis  zur  Exportfähigkeit
entwickelt  haben  werden,  sie  den  Völkern  ebenso  nachdrücklich ­
  den  Freihandel  empfehlen  dürften,  als  sie  jetzt  noch  vorherrschend ­
  das  Schutzsystem  preisen.
Als  eine  Art  Ergänzung  des  Schutzsystems  kann  die  Vertheidigung
  des  Amerikanischen  Staatspapiergeldes,  der  Widerstand ­
  gegen  eine  zu  frühzeitige  Aufnahme  der  Baarzahlung,  die
Vorliebe  für  ein  völlig  freies  Zettel  wesen  der  Banken  und  die
Verurtheilung  der  Notencontingentirung  gelten,  durch  welche
die  Amerikanischen  Nationalbanken  in  der  ZettelausgAe  auf
ein  bestimmtes  Maass  beschränkt  werden.  Es  versteht  sich
hiebei  von  selbst,  dass  die  Peclsche  Acte  in  jeder  Beziehung
als  ein  Pfuscherstück  verurtheilt  wird,  und  dass  der  Grundsatz
der  vollständigsten  Bankfreiheit  auch  auf  das  Geschäft  der
Notenausgabe  Anwendung  findet.  In  der  Art,  wie  die  Currencyfrage
  behandelt  wird,  ist  das  Bestreben  unverkennbar,  die  industrielle ­
  Thätigkeit  aus  der  Abhängigkeit  der  Geldcapitalisten
dadurch  zu  befreien,  dass  auf  dem  Papierwege  ein  billigerer
Credit  geschaffen  werde.  Wer  dagegen  in  den  massenhaften
Papiergeldschöpfungen  nur  eine  indirecte  Expropriation  sieht,
wird  sich  durch  den  Zweck  nicht  über  die  Natur  des  Mittels
täuschen  lassen.  Jedoch  ist  auch  in  jenen  Theorien  Careys  die
Consequenz  des  allesbeherrschenden  Triebes  nicht  zu  verkennen,
indem  die  Entwicklung  der  Production  im  engem  Sinne  ohne
Rücksicht  auf  alles  Uebrige  den  leitenden  Gesichtspunkt  bildet.
Unter  den  finanziellen  Lehren,  die  dem,  was  in  Europa
tonangebend  ist,  mit  Erfolg  entgegentreten,  ist  die  gelungenste
diejenige  von  der  fiscalischen  Ergiebigkeit  der  Schutzzölle.  Bei
uns  steht  nämlich  die  Doctrin  im  Vordergründe,  dass  die
Schutzzölle  der  Staatskasse  wenig  einbrächten,  und  dies  ist
auch  wirklich  der  Fall,  wenn  die  einheimische  Industrie  überwiegend ­
  oder  nahezu  den  Markt  versorgt  und  daher  verhältnissmässig
  Wenig  importirt  wird.  Im  Anfänge  und  in  der  Blttthe
des  Schutzsystems  ist  aber  die  Einfuhr  relativ  sehr  bedeutend,
und  die  Staatsunterstützung,  welche  in  den  höheren  Preisen
aus  den  Taschen  des  Publicums  den  einheimischen  Fabricanten
gezahlt  wird,  bezieht  sich  nur  auf  einen  Bruchtheil  der  gesummten ­
  Consumtion  des  mit  einem  Schutzzoll  belasteten  Ar-27*
        <pb n="435" />
        420

tikels.  Die  Mehrzahlungon  für  die  andern  Bruchtheile  fliessen
in  die  Staatskasse  und  haben  daher  nur  den  Charakter  jeder
andern  indirecten  Steuer  und  mithin  jedes  eigentlichen,  mit
Schutz  nicht  verbundenen,  sogenannten  Finanzzolles.
11.  Die  praktische  Auffassung  des  Systems  bekundet  sich
in  der  Wichtigkeit,  die  dem  staatsmilnnischen  Element  und  namentlich ­
  einem  Colbert  und  einem  Alexander  Hamilton  zuge-Bchrieben
  wird.  Der  Contrast  mit  der  Denkweise  Adam  Smiths,
der  das  „hinterhältige  Thier”,  wie  er  den  Staatsmann  nannte,
durch  das  Princip  des  laisser  aller  zur  Ruhe  bringen  wollte,  ist
im  Praktischen  unverkennbar.  Im  rein  Theoretischen  verdunkelt ­
  sich  aber  der  Gegensatz  der  wissenschaftlichen  Methoden
dadurch,  dass  die  Bedeutung  des  laisser  aller  als  einer  zum
Denken  noth  wendigen  Voraussetzung  in  den  Hintergrund  rückt
und  trotz  des  Anspruchs  auf  die  Gewinnung  eigentlicher  Naturgesetze, ­
  namentlich  in  den  spätem  Schriften,  zu  keiner  hinreichenden ­
  Beachtung  gelangt.  Dieser  Mangel  der  Yerfahrungsai
  t  hängt  mit  den  Vorzügen  der  anschaulichen  Auffassung  und
synthetisch  lebensvollen  Darstellung  innig  zusammen.  Carey
kann  sich  rühmen,  das  unmittelbar  Zusammengehörige  in  den
wirthschaftlichen  Thatsachen  derartig  verknüpft  und  so  lebendig
gekennzeichnet  zu  haben,  dass  der  Contrast  mit  der  ganzen
übrigen  Literatur,  von  der  nur  Friedrich  List  auszunehmen  ist,
jedem  Kenner  sofort  in  die  Augen  fallen  muss.  Nun  ist  diese
beobachtende  Auffassung  der  Thatsachen,  die  gleichsam  aus  der
Vogelperspective  eine  Art  wirthschaftlicher  Geographie  liefert,
der  Klarstellung  von  Wahrheiten  einer  bestimmten  Gattung
sehr  günstig  und  kann  dazu  dienen,  das  sonst  übliche  Raisonnement ­
  nicht  nur  zu  controliren,  sondern  auch  vorzubereiten
und  so  eine  tiefere  Erkenntniss  anzubahnen.  Als  letzte  Form
der  W^issenschaft  kann  aber  dieses  Stadium  der  Auffassung
nicht  gelten.  Auch  ist  cs  von  Carey  selbst  durch  eine  Art
Speculation  ergänzt  worden,  die  darin  besteht,  die  Verhältnisse
durch  das  Zurückgehen  auf  ein  Schema,  wie  den  einsamen  Robinson, ­
  zu  vereinfachen.  Es  ist  von  hohem  Wertho,  äusserlich  wabrzunehmen,
  wie  die  Karte  der  Wirthschaft  die  ländlichen  Arbeitslöhne ­
  niedriger  und  die  städtischen  höher  zeigt,  ja  wie  überhaupt ­
  alle  Einkünftcarten,  besonders  aber  hervorragend  die
Bodenrente,  von  Ort  zu  Ort  mit  der  dichteren  Bevölkerung
zunehmen,  so  dass  man  unter  übrigens  einigermaassen  ähnlichen
        <pb n="436" />
        421

Umständen  und  sogar  im  Rahmen  ganzer  Welttheile  aus  Menge
und  Zusammendrängung  der  Bevölkerung  auf  Besitzgewinne
und  Arbeitslöhne  recht  zuverlässige  empirische  Schlüsse  machen
kann.  Es  ist  aber  noch  von  höherem  Werthe,  die  innere  logische ­
  Nothwendigkeit  dieser  Gestaltungen  einzusehen,  und  in
dieser  Richtung  hat  Carey  zwar  mit  dem  Werthgesetz  und  den
Vorstellungen  vom  Bodenanbau  grosse  und  sogar  umwälzende
Dienste  geleistet,  aber  doch  principiell  und  zwar  besonders  in
den  späteren  Phasen  die  zergliedernd  und  dialektisch  geartete
Methode  als  verwerflich  befehdet.  Hier  ist  es  namentlich  eines
der  besten  Muster  der  logischen  Untersuchungsart,  nämlich  die
denkende  und  nur  mit  wenigen,  kritisch  gewählten  Thatsachen
operirende  Yerfahrungsart  David  Humes,  welche  die  ganze
Antipathie  des  Amerikanischen  Nationalökonomen  gegen  sich
hat.  Er  ist  dem  analysirenden  Denken  wenig  geneigt  und  kann
sich  daher  noch  weit  weniger  auf  eigentliche  Constructionen
einlassen,  die  über  blos  phantasiemässige  Bilder  hinausreichen.
Die  empirische  Häufung  der  Thatsachen  ist  zwar  die  inductive
Seite  der  Methode;  aber  die  allgemeine  Statistik,  die  zur  Verfügung ­
  steht,  ist  zu  einem  solchen  Unternehmen  noch  nicht
reif  und  wird  es  wahrscheinlich  auch  nie  werden.  Ueberdies
ist  die  Berufung  auf  August  Comtes  objective  Methode,  die  in
dessen  eigner  Sociologie  fehlt,  zwar  berechtigt,  braucht  aber
nicht  zur  Ausschliessung  der  deductiven  Forderungen  zu  führen.
Die  Verurtheilung  von  Stuart  Mills  ökonomischem  Psychologisiren
  ist  völlig  in  der  Ordnung;  aber  mit  dem  Wegfall  der
beschränkten  psychologischen  Manier  darf  nicht  zugleich  die
innere  rationelle  Ableitung  aus  einfachen  principiellen  Thatsachen ­
  verschmäht  werden.  Schliesslich  muss  den  gehäuften
Thatsachenbildern  gegenüber  doch  die  auswählende  und  mit
dem  Erheblichen  rechnend  denkende  Logik  die  Oberhand  behalten ­
  und  die  Controle  von  allem  Uebrigen  üben.
Allerdings  ist  die  Volkswirthschaftslehre,  wie  Carey  es  im
Gegensatz  zu  Ricardo  will,  ein  inductiver  Forschungszweig;
denn  von  einer  inductiven  Wissenschaft  als  von  etwas  wesentlich ­
  Fertigem  kann  man  in  Rücksicht  auf  kritische  Thatsachen
eigentlich  kaum  reden.  Die  Humeschen  und  Smithschen  Verfahrungsarten
  sind  noch  immer  die  wesentlich  maassgebenden,
und  es  ist  nur  durch  das  socialitäre  System  die  bewusste  Construction ­
  der  Consequenzen  und  Möglichkeiten  als  methodischer
        <pb n="437" />
        422

Zuwachs  hmzugekommen.  Wenn  in  den  spätem  Phasen  der
^ntwicklung  des  Careyschen  Systems  eine  Abhängigkeit  von
den  jeweiligen  Erfahrungseindrücken,  namentlich  von  den  auf
le  Tarifänderungen  folgenden  Thatsachen,  maassgehend  werden ­
  konnte,  so  lag  dies  wesentlich  in  der  Methode.  Da  o-ute
quantitative  Feststellungen,  die  aus  richtigen  Gesichtspunkten
vorgenommen  werden,  so  äusserst  selten  sind,  so  ist  hier  für
das  kritische  Verhalten  in  der  Gewinnung  der  Wahrheiten
kaum  ein  Anknüpfungspunkt  vorhanden.  Auch  ist  die  Geschichte ­
  nicht  so  reich  an  zuverlässigen  Thatsachen  eigentlich
volkswirthschaftlicher  Art,  um  darauf  hinlängliche  Kennzeichnungen ­
  der  Zustände  im  Sinne  exacter  Induction  gründen  zu
können.  Dessenungeachtet  ist  es  ein  grosser  Vorzug  des  Oaicyscheii
  Systementwurfs,  die  inductiven  Elemente  der  Anschauung ­
  nach  Kräften  zu  einem  Gosammthilde  von  Geschichte  und
Gegenwart  componirt  zu  haben.  Auf  einem  andern  Gebiet
hatte  Descartes  in  seiner  Art  etwas  Aohnliches  gethan,  indem
er  die  äussern  Grundzüge  der  Natur  in  den  Kähmen  eines
Schematismus  brachte,  der  die  Thatsachen  unmittelbar  und  in
pringer  Zergliederung  in  sich  aufnahm.  Wurde  auch  hier
keine  eigentliche  Induction,  sondern  eher  das  Gegentheil  ins
Spml  gebracht,  so  ergab  sich  doch  ein  geschichtlich  lehrreiches
Beispiel  von  der  Wirksamkeit  derjenigen  aus  thatsächlichen
Anschauungen  gewebten  Entwürfe,  die  dem  Bedürfhiss  einer
universellen  Zusammenfassung  entgegenkommen.
Die  Nothwendigkeit,  die  Verhältnisse  der  verwickelten  Zustände ­
  zerlegend  zu  trennen,  hat  sich  auch  in  der  Careyschen
Speculation  nicht  verleugnet,  wie  der  schon  angeführte  Tropus
vom  Robinson  als  dem  Wirthschaftssubject  hinreichend  beweist.
Indessen  hat  der  praktische  Zug  der  Entwicklungen  auf  eine
andere  methodische  Wendung  verzichten  lassen,  die,  nebenbei
emerkt,  in  ihrer  vollen  Reinheit  der  gesummten  gegenwärtigen ­
  Oekonomistik  abhanden  gekommen  ist.  Die  Ilume-Smithsche
  Methode,  von  den  kreuzenden  Einflüssen  der  speciellen
Gesetzgebung  abzusehen  und  sich,  freilich  stillschweigend  auf
der  Grundlap  des  Lohnsystems,  eine  universelle  im  freien
Verkehr  befindliche  Wirthschaftsgesellschaft  zu  denken,  war
für  die  Schlussmöglichkeiten  von  grosser  Tragweite.  Sie  lässt
sich  wissenschaftlich  nicht  entbehren,  sondern  muss  nur  noch
ladicalcr  gestaltet  werden,  und  der  Careysche  Ans^iruch,  un-
        <pb n="438" />
        —  423

mittelbar  aus  dem  Verwickelten  und  Vollen  der  Erscheinungen
die  Naturgesetze  der  Völkerökonomie  entnehmen  zu  wollen,  hat
nur  innerhalb  bemessener  Schranken  seine  Berechtigung.  In
einer  ähnlichen  Weise,  wie  Kepler  die  elliptischen  Bahnen
äusserlich  constatirte,  kann  auch  die  Induction  der  Anschauung
eine  Anzahl  von  Typen  der  Zustände  und  Vorgänge  kennzeichnen ­
  und  in  diesem  Sinne  auch  wirklich  Gesetze  aufiinden.
Dagegen  verbietet  sich  jedes  strenge  Raisonnement  über  die
innere  Logik  der  Vorgänge  und  über  die  partiellen  Triebkräfte ­
  der  Gestaltungen,  sobald  man  nicht,  ähnlich  wie
in  der  rationellen  Mechanik,  die  einfachen  principiellen  Thatsachen
  als  Axiome  aussondert  und  mit  ihnen  in  ableitenden ­
  Schlüssen  operirt.  So  ist  z.  B.  das  laisser  aller,  welches
praktisch  mit  Recht  so  verhasst  geworden  ist,  als  theoretische
Voraussetzung  nicht  nur  etwas  ganz  Unschuldiges,  sondern  in
einer  neuen,  auch  von  den  Eigenthumsverhältnissen  absehenden
Fassung,  sogar  ein  unentbehrliches  Mittel  richtiger,  vollkommen ­
  schlusskräftiger  Deductionen.  Nun  hat  Carey,  der  noch
in  seinem  ersten  Werk  die  Störungen  von  den  normalen  Vorgängen ­
  völlig  trennte,  späterhin  eine  derartige  Combination
und  Mischung  der  verschiedensten  Gesichtspunkte  eintreten
lassen,  dass  man  hiebei  die  Einseitigkeiten  der  Unmittelbarkeitsmethode ­
  nicht  zu  verkennen  vermag.  Hiezu  kommt  noch,
dass  er  sein  Augenmerk  mehr  darauf  richtet,  die  Bedingungen
des  vollkommneren  Typus  der  Existenz  darzulegen,  und  dass
er  diese  Bedingungen  als  allgemeine  Gesetze  alles  wirthschaftlichen
  Lebens  hinstellt.  Auf  diese  Weise  erhält  das  System
öfter  idealisirende  Züge,  die  nicht  etwa  als  praktische  Ideale,
sondern  an  Stelle  der  Wirklichkeiten  gleich  neutralen  theoretischen ­
  Wahrheiten  geltend  gemacht  werden.  Versteht  man  es
jedoch,  von  dieser  Seite  der  Charakteristik  zu  abstrahiren  und
die  lebensvollen  Triebkräfte  zu  ergreifen,  von  denen  der  rationelle ­
  Thcil  der  Auffassung  bewegt  wird,  so  wird  man  das  eminent ­
  moderne  Gepräge  der  neuen  umwälzenden  Anschauungsweise ­
  nicht  verkennen  und  zugleich  einschen,  wie  nach  diesen
Motiven  die  Schöpfung  eines  Systems  möglich  war,  welches
durch  epochemachende  Entdeckungen  und  Theorien  ebenso  wie
durch  frische  Regsamkeit  intuitiver  Darstellung  in  seiner  Art
einzig  ausgezeichnet  dasteht.
        <pb n="439" />
        424

Drittes  Capitel.
Bastiat,  Macleod  und  Nebenerscheinungen.
Mit  dem  Careyschen  System  hatte  die  wissenschaftliche
e  onomie  schon  1837  eine  Umwälzung  erfahren,  von  der  man
jedoch  die  entscheidenden  Consequonzen  erst  nach  beinahe  SO
Jahren  zu  ziehen  anfing.  Inzwischen  war  nun  aber  ein  Theil
der  Carey  sehen  Ideen,  wenn  auch  nicht  sonderlich  tief  aufgeasst,
  so  doch  in  einer  dialektisch  regsamen  und  ziemlich  gc-^
  mac  vollen  Darstellung  durch  einen  Franzosen  als  eigne
Erfindung  ausgegeben  worden  und  hatte  in  dieser  Gestalt  die
erste  vneitere  A^erbroitungr  gefunden.  J^astiat,  vrelcher  sich
dieses  IPlagiats  sms  ISitelkeit  sohiildqy  maclite,  ist  iecioch  nocli
m  demselben  Jahre  1850,  in  welchem  er  die  Frucht  seiner
udien  an  Carey,  nämlich  die  „Harmonies  économiques”,  her-^Bgegeben
  hatte,  durch  den  Tod  an  der  Lieferung  des  zweiten
Theils  jenes  Buchs  verhindert  worden.  Er  hatte  bis  dahin,
^wohl  schon  ani  Ende  der  Vierziger  und  ungeachtet  einer  in
Kleinigkeiten  umfangreichen  schriftstellerischen  Thätigkeit,  dennoch ­
  nichts  producirt,  was  einen  Gedanken  enthalten  hätte,  der
von  der  Geschichte  der  Volkswirthschaftslehre  berücksichtig
werden  könn  e.  Erst  mit  dem  Bruchstück  der  „OekonomischJn
Harmonmn  hat  er  etwas  zu  Tage  gefördert,  was  ihn  wenigstens
für  die  Geschichte  der  oft  wunderlichen  Verbreitungsart  neuer
Ideen  als  zurechnungsfähig  erscheinen  lässt.  Er  ist  während
er  nächsten  15  Jahre  in  Europa  weit  mehr  gekannt  gewesen,
als  sein  auch  von  den  gelehrtesten  Nationalökonomen  nur  obertohlich
  und  äusserlich  berücksichtigtes  Vorbild,  und  auf  diese
Weise  hat  mim  sich  daran  gewöhnt,  seine  „Oekonomischen
Harmonien  als  eine  selbständige  Leistung  anzusehen  und  zu
beurtheilen.  Wm  wenig  indessen  auch  dieses  Buch  in  seinem
—hnenden  Charakter  die  Kreise  der  trägen  und  verschul-Duteend
  Jahre  von  dem  Inhalt  der  Bastiatschon  Schrift  keine
enntniss  gehabt  habe.  Letzteres  ware  ganz  unmüglich  gewesen,
  wenn  nicht  die  Unwissenheit  und  der  üble  Wille  der
        <pb n="440" />
        in  Frage  kommenden  gelehrten  Zeitschriften  dafür  gesorgt
hätte,  dass  von  den  anszeichnenden  Eigenschaften  der  Bastiatschen
  Arbeit  das  wirklich  Erhebliche  beschattet  bliebe.  Allerdings ­
  wäre  es  allenfalls  möglich  gewesen,  an  der  Auslassungsart ­
  der  Gegner  zu  erkennen,  dass  die  betreffende  Erscheinung
der  traditionellen  Oekonomie  der  Lehranstalten  ungelegen  kam.
Allein  ein  Macleod  hat  wohl  selbst  erst  später  aus  der  Erfahrung ­
  am  eignen  System  lernen  müssen,  dass  die  einzige  Möglichkeit, ­
  aus  den  der  Routine  gewidmeten  Zeitschriften  bisweilen ­
  von  dem  Dasein  des  Bedeutenderen  etwas  zu  erfahren,
auf  der  Anwendung  des  Grundsatzes  beruht,  auf  die  leisesten
Zeichen  des  halb  verhehlten  Aergers  zu  achten  und  in  diesem
Falle  den  Tadel  für  einen  Fingerzeig  auf  das  Bessere  zu  nehmen. ­
  Trotz  alledem  ist  es  aber  doch  meist  unmöglich,  aus  der
Masse  der  Erscheinungen  diejenigen  herauszufinden,  für  welche
sich  eine  nähere  Notiznahme  empfiehlt,  und  selbst  die  umsichtigste ­
  Umschau  wird  den  Mangel  solcher  Organe  fühlen,  durch
welche  sie  von  den  Vorgängen  in  der  Wissenschaft  eine  wahre
Kenntniss  erhält.  In  der  Regel  bedarf  es  einer  längeren  Reihe
von  Jahren  oder  gar  ganzer  Generationen,  ehe  sich  eine  ordentliche ­
  Rechenschaft  über  ein  von  dem  Herkömmlichen  abweichendes ­
  System  Bahn  bricht.
Wäre  Bastiat  auf  die  Gunst  der  verschütten  Oekonomie
an^wiesen  geblieben,  so  hätte  man  von  ihm  im  grösseren
Publicum  nach  zehn  Jahren  vielleicht  ebensowenig  gewusst  als
von  Carey.  Grade  der  wissenschaftliche  Gehalt  seiner  Schrift
würde  die  Bekanntschaft  mit  seinem  Buch  am  wenigsten  gefördert ­
  haben.  Dieser  Inhalt  würde  zunächst  im  besten  Fall
eine  Angelegenheit  der  Schulen  geworden  und  deren  Trägheit,
Unfähigkeit  und  Monopolsucht  anheimgefallen  sein.  Bastiat
hat  dagegen  in  andern  Kreisen  um  seiner  praktischen  Parteinahme ­
  Willen  von  vornherein  ziemlich  rührige  Förderer  gefunden, ­
  die  sich  freilich  in  erster  Linie  nur  um  seine  Parteirollo ­
  und  erst  ganz  nebensächlich  auch  ein  wenig  um  seine
wissenschaftlichen  Sätze  kümmerten.  Dies  sind  die  Kreise  der
sogenannten  Manchesterökonomie  oder,  mit  andern  Worten,
der  Cobdenschen  Richtung  gewesen,  in  deren  Diensten  der
Franzose  gleich  bei  Beginn  seiner  Laufbahn  als  nationalökonomischer ­
  Schriftsteller  gearbeitet  hatte.  Seine  Geschichte  der
Cobdenschen,  gegen  die  Kornzölle  gerichteten  Ligue  ist  in
        <pb n="441" />
        426

*»■
NaivotT  ““  T  “1“  or  wirklich  in  seiner
IrnT  ,  f  gewisses  Maass  wirklicher  üchoraougungen
Soci-,r  ““i“*  ^"*'*‘“gorn  und  zwar  namentlich  dem
waren  “iT  und  weit  schwacher
!#E=:B:S=I=#=%:%:###

dom  Maasse  befangener  machen  mussten,  als  er  selbst  in  die
lartei-  und  Cotoriethätigkcit  eingrifi  oder  verwickelt  wurde
slTlTT  «"Ob  volkswirth  ■
hWMãÉÊS
Chen  T)  eines  eigentlichen ­
  Denkerthums  hatte  ihr  sehr  fern  gelegen.  In  Bastiat
        <pb n="442" />
        427

haben  die  Franzosen  wenigstens  ein  wirkliches  Talent  der
politischen  Oekonomie  aufzuweisen,  welches,  wenn  auch  nicht
in  der  höchsten  und  subtilsten  Gattung,  so  doch  immerhin  in
einem  besseren  Sinne  des  Worts  zu  denken  und  mit  Hülfe
eines  fremden  Vorgangs  einen  Gedankenkreis  von  ausgeprägter
Physionomie  und  einiger  Logik  zu  verzeichnen  vermocht  hat.
Allerdings  hat  sich  auch  in  dieser  Erscheinung  das  Epigonenthum ­
  nicht  verleugnet,  dessen  Stempel  die  neuere  Französische
Volkswirthschaftslehre,  sofern  man  von  einer  solchen  noch
reden  will,  überall  an  sich  trägt.  Genauer  ausgedrückt  muss
man  jedoch  sagen,  dass  es  in  diesem  Jahrhundert  bei  den  Franzosen ­
  zwar  eine  volkswirthschaftlichc  Bücherproduction,  aber
keine  selbständige  Vertretung  eines  ernsten  wissenschaftlichen
Fortschritts  gegeben  hat.  Auch  Bastiat  ist  nur  eine  scheinbare
Ausnahme;  er  war  nur  ein  bedeutenderes  Talent,  aber  nicht
im  Mindesten  ein  Genie;  er  war  kein  schöpferischer  Geist,  sondern ­
  nur  eine  zur  Gestaltung  und  Aneignung  des  Vorzüglicheren ­
  bis  zu  einem  gewissen  Grade  ausreichende  Capacität.
Was  er  in  der  Geschichte  der  Volkswirthschaftslehre  an  wirklich ­
  erheblichen  Anschauungen  repräsentirt,  gehört  nicht  ihm,
sondern  dem  Original  an,  welches  er  copirte.
2.  Frédéric  Bastiat  (1801—50)  aus  Bayonne,  sollte  sich
zuerst  dem  Handel  widmen,  zog  jedoch  ein  der  literarischen  oder
ästhetischen  Unterhaltung  ergebenes  Leben  vor,  in  welchem
man  bis  gegen  die  Mitte  der  vierziger  Jahre  keine  Neigung  zu
einer  entscheidenden  wissenschaftlichen  Production  oder  auch
nur  zu  einer  nachhaltigen  schriftstellerischen  Arbeit  gewahr
wird.  Eine  Art  von  Sentimentalität  und  Selbstbespiegelung,
die  nicht  ohne  einen  Zug  von  feinerem  Egoismus  war,  hat  die
Bastiatsche  Existenz  fast  bis  auf  das  letzte  Zehntel  ausgefüllt,
in  welchem  sich  die  von  Aussen  durch  die  Anregungen  seitens
der  Cobdenschen  Ligue  verursachte  Abbrechung  des  selbstgenugsameu
  Stilllebens  vollzog  und  den  seit  1825  als  Gutsinhaber ­
  in  Mugrón  (am  Adour)  fixirten  Provincialen  dem  hauptstädtischen ­
  Dasein  zuführte.  Was  Bastiat  an  eigner  Frische
bcsass,  hat  er  dieser  Zurückgezogenheit  und  verhältuissmässigen
Isolirung  gegen  die  nivellirenden  und  abstumpfenden  Einflüsse
der  Hauptstadt  und  des  ökonomischen  Cliquenwesens  zu  danken. ­
  Es  war  wieder  einmal  ein  Autodidakt,  welcher  die  gewerbsmässig ­
  betriebene  Volkswirthschaftslehre  überholt  hatte
        <pb n="443" />
        428

und  im  letzten  halben  Dutzend  seiner  Lebensjahre  den  Parisern
und  Frankreich  zeigte,  dass  sich  in  dem  Stillleben  eines  Bürgers
  der  Provinz  der  geistige  Fond  besser  conservirt  und  geildet
  hatte,  als  irn  Bereich  der  centralen  Abrichtung  und  der
Unterdrückung  jedes  echt  individuellen  Geprüges.  Bastiat  war
ein  in  der  Stille  nach  eigner  Laune  genährtes  Talent;  aber  er
war  auf  diesem  Wege  nicht  zu  jenem  Charakter  gelangt,  der
nur  die  Frucht  irgend  einer  ernstlichen  Einlassung  mit  den
feindlichen  Elementen  des  Lebens  sein  kann.  Der  erwähnte
Aug  von  egoistischer  Sentimentalität,  an  welchem  die  weibliche
Erziehung  und  Leitung  ihren  Antheil  gehabt  hat,  wurde  ein
wenig  durch  ein  sympathisches  Element  gemildert,  welches
jedoch  noch  mehr  dazu  beitrug,  die  Passivität  der  Bastiatschon
Natur  vollständig  zu  machen.  In  der  That  sehen  wir  Bastiat
von  den  Verhältnissen  und  Beziehungen  derartig  in  Bewegunogesetzt,
  dass  man  von  ihm  sagen  muss,  er  habe  nicht  nur  im
gitiren,  sondern  auch  im  Denken,  welches  er  doch  sclbstänc
  iger  geübt  hatte,  für  die  entscheidenden  Punkte  den  fremden
hat  ihn  die  zufällige  Bekannt-Bohaft
  mit  der  Englischen  Kornzollagitation  sympathisch  erregt
ein  eignes  wiaecnschaftliclies  System  bereits  im  Kopfe  o-ehabt
liätte,  wurde  schwerlich  „Cobden  und  die  Ligue”,  also  einen
reinen  Agitationsact,  bei  dem  es  sich  eher  um  alles  Andere
a  s  um  neue  wissenschaftliche  Gedanken  handelte,  zum  Thema
gewählt  haben.  Man  bemerke  hiebei,  dass  Bastiat  in  seinen
Privatflnamea  unabhängig  war,  und  dass  cs  daher  als  sein
mgenster  Entschluss  zu  betrachten  ist,  wenn  er  1845  jenes
Buch  drucken  liess.  Auch  sein  weiteres  Treiben,  welches  im
fetitten  von  Freihandeisvereinen  aufging,  ist  kein  Zeiigniss  dasmggs

die  sie  gern  importireu  und  im  Detail  vertreiben.  In  der  That
and  es  auch  lauter  Kleinigkeiten  und  oft  recht  obcrnächlicho
Gelegenheitsgcdanken.  Von  der  Spur  eines  neuen  Ökonomischen ­
  Systems  ist  in  Bastiats  Kundgebungen  vor  1848  noch
        <pb n="444" />
        nichts  anzutreffen.  Mit  der  Februarrevolution  waren  die  Französischen ­
  Bestrebungen  in  Sachen  der  Brittischen  Art  von
Freihandel  sofort  abgeschnitten.  Unser  Nationalökonom  wurde
Deputirter  und  durch  die  activo  Macht  der  Verhältnisse,  die
ihn  beherrschten,  ein  Advocat  gegen  den  Socialismus.  Namentlich ­
  gerieth  er  mit  Proudhon  zusammen,  gegen  den  er  natürlich ­
  in  der  Vertheidigung  des  Zinses  leichten  Angriffen  gegenüber ­
  auch  ein  leichtes  Spiel  hatte..
Der  Zustand  seiner  Brust  verhinderte  ihn,  eine  parlamentarische ­
  Rednerrollo  zu  spielen.  Erschöpft  und  im  Gefühl  der
sinkenden  Kräfte,  sowie  offenbar  wiederum  durch  eine  Macht
bestimmt,  der  seine  passive  Natur  theoretisch  nachgegeben
hatte,  wendete  er  sich  schliesslich  sehr  spät  zur  Ausarbeitung
der  einzigen  innerlich  bedeutenderen  und  auch  äusserlich  auf
die  Darlegung  einer  Gesammtanschauung  gerichteten  Arbeit,
die  wir  von  ihm  besitzen.  Obwohl  seine  Werke,  einschliesslich ­
  der  Correspondenz,  der  nachgelassenen  Aufsätze  und  aller
Journalkleinigkeitcn,  über  ein  halbes  Dutzend  Bändb  füllen,
so  ist  doch  unter  alledeni  nur  ein  mässiges  Bändchen  von  wirklich ­
  hervorragendem  Inhalt.  Dies  sind  die  schon  mehrfach  erwähnten, ­
  auf  einen  Theil  beschränkt  gebliebenen  „Oekonomischen
  Harmonien”,  zu  deren  Titel  wohl  am  meisten  derjenige
dos  Proudhonschen  Hauptwerks  über  die  „Oekonomischen
Widersprüche”  die  Veranlassung  gegeben  haben  mag.  Diese
unabgeschlossenen  Harmonien  erschienen  zuerst  im  Irübjahr
1850,  während  der  Tod  ihres  Verfassers  im  December  erfolgte.
Man  hat  ihnen  eine  Anzahl  nachgelassener  Aufsätze  hinzugefügt, ­
  welche  die  Stelle  eines  zweiten  Theils  schlecht  vertreten
und  sogar  den  Autor  in  Rücksicht  auf  den  Entstehungszeitpunkt ­
  seiner  neuen  Ansichten  in  entscheidender  Weise  compromittiren.
  Der  letzte  Brief,  welchen  Bastiat  von  Rom  aus
an  das  ,,  Journal  des  Economistes”  oinigeWochen  vor  seinem  Tode
richtete,  enthielt  die  Antwort  auf  die  Oareysche  Reclamation.
Was  die  allgemeine  Denkweise  und  Weltanschauung  Bastiats
anbetrifft,  so  war  derselbe,  wie  man  aus  einzelnen  Stellen  seiner
Schriften  sieht,  unsterblicbkeitsgläubig  und  soll  sich  nach  andern
Mittheilungen  zuletzt  noch  positiv  christlich  geäussert  haben.
In  seinen  früheren  literarischen  Beschäftigungen  hatte  er  sich
den  Einflüssen  der  Schriften  von  Leuten,  wie  de  Maistre,  zwar
keineswegs  ganz  hingegeben,  aber  doch  auch  nicht  vollständig
        <pb n="445" />
        430

entzogen.  Diese  Einlassung  mit  den  Advocaten  der  Unterdrückung ­
  durch  die  Religionsautorität  und  dem  Obscurantismus
war  jedoch,  wie  so  häufig,  auch  bei  unserm  Verehrer  dos  sich
selbst  überlassenen  Spiels  der  individuellen  Wirthschaftminterossen
  mit  einer  politisch  demokratischen  Haltung  vereinigt
gewesen.  Auch  soll  nicht  unbemerkt  bleiben,  dass  seine  Schriften
die  specifisch  religiösen  Anschauungen  wesentlich  im  Hintergründe ­
  belassen.  Nur  der  feinere  und  sehr  geübte  Sinn  wird
die  Spuren  einer  unwissenschaftlichen  Weltansicht  in  der  Art
und  Haltung  der  Bastiatschen  Auslassungen  nicht  verkennen.
Ein  besserer  Zug  in  dieser  Denkweise  ist  die  Neigung,  in  einer
freilich  nur  beschränkten  Richtung  den  Gedanken  der  Gerechtigkeit ­
  zu  vertreten.  Diese  Gerechtigkeit  kommt  jedoch  über
die  negativen  Regungen  gegen  den  Raub,  die  Gewalt  und  das
Monopol  nicht  hinaus  und  sieht  die  ökonomische  Beraubung
grade  da  nicht,  wo  sie  für  eine  tiefere  und  schärfere  Auffassung ­
  der  socialen  Verhältnisse  am  allerwenigsten  zweifelhaft
bleiben  kann.
3.  Es  ist  niemals  ein  gutes  Zeichen,  wenn  Jemand  zu  erheblichen ­
  Gesichtspunkten  nur  durch  die  Anregung  gelangt,
welche  in  der  Gestalt  einer  blossen  Rückwirkung  gegen  eine
fremde  Anschauungsweise  erfolgt.  Proudhon  hatte,  durch  eine
später  von  ihm  selbst  als  unhaltbar  eingestandene  Caricatur
von  Logik  verleitet,  überall  Widersprüche  gesucht  und,  wie
schon  gesagt,  seinem  Hauptwerk  von  1846  den  Titel  „Contradictions ­
  économiques”  gegeben.  Die  Bastiatschen  „Harmonies
économiques”  sollten  hiezu  ein  Widerspiel  sein  und  überall  den
Einklang  der  ökonomischen  Verhältnisse  nach  weisen.  Die
äusserliche  Wendung,  mit  welcher  der  ökonomische  Harmoniker
sich  auf  diese  Weise  einführte,  kennzeichnet  sich  daher  als
eine  secundäre  Welle.  Sie  war  ein  Geschöpf  des  Gegensatzes,
und  man  kann  sicher  sein,  dass  derartige  Geistesvorgängo  stets
nur  von  zweiter  Ordnung  sein  werden.  Indessen  wäre  die
Aufgabe,  die  vollkommenste  Einstimmung  da  zu  finden,  wo  der
Antagonismus  die  Losung  der  Epoche  ist,  für  einen  Bastiat
doch  kaum  angreifbar  gewesen,  wenn  ihm  nicht  zu  rechter
Zeit  die  Ergebnisse  einer  fremden  Geistesarbeit  zu  Hülfe  gekommen ­
  wären.  Auf  diese  Weise  ist  es  ihm  möglich  geworden,
plötzlich  über  den  Inhalt  seiner  früheren  sich  über  die  gewöhnliche ­
  Capacität  der  Talente  nicht  erhebenden  Schriften
        <pb n="446" />
        431

hinauszugelien  und  Sätze  hinzustellen,  die  den  Stempel  der
Originalität  und  dos  Ursprungs  aus  irgend  einer  schallenden
Gedankenkraft  an  sich  trugen.  Dieser  Stempel  war  freilich
unter  Bastiats  Händen  etwas  verwischt  worden,  aber  dennoch
würde  das  Buch  des  Franzosen  als  ein  wissenschaftliches  Ereigniss ­
  von  epochemachender  Tragweite  anzuerkennen  sein,
wenn  man  nie  etwas  von  dem  Original  erfahren  hätte,  von
dem  cs  eine  Bearbeitung  war.
Bastiat  hatte  eingeständlich  die  Careyschen  Schriften,  wenn
auch  nur  „sehr  oberflächlich”,  gelesen.  Es  hat  ihm  ausser  dem
älteren  Werk  auch  die  Schrift  von  1848  vorgelogen,  die  den
Gang  der  Bodencijltur  behandelte.  Doch  hatte  der  Französische
Leser  noch  nicht  Zeit  gehabt,  sich  mit  dem  erweiterten  Anschauungskreis ­
  dieser  neuen  Schrift  gehörig  vertraut  zu  machen.
Dies  wäre  erst  die  Arbeit  für  den  zweiten  Theil  der  Harmonien ­
  gewesen.  Es  genügt  daher  eine  Hinweisung  auf  die
Careyschen  „Principien  der  politischen  Oekonomie”  von  1837
als  auf  die  Quelle  des  neuen  Bastiatschen  Wissens  und  der
vermeintlichen  neuen  Rüstung  gegen  den  Socialismus.  Der
Französische  Autor  hatte  kaum  Zeit  gehabt,  durch  die  Anregungen ­
  seines  Amerikanischen  Helfers  vom  Malthusianismus
zurückzukommen.  Man  sieht  dies  mit  der  grössten  Bestimmtheit ­
  aus  einer  nachgelassenen  Abhandlung  über  die  Bevölkerung, ­
  welche  den  Französischen  National  Ökonomen  noch  1846
als  Malthusianer  kenntlich  macht.  Das  Zurückkommen  von
den  Malthus-Ricardoschen  Vorstellungen  ist  daher  nach  Maassgaho
  der  Beschäftigung  mit  den  Careyschen  Schriften  und  im
Widerspruch  mit  der  Haltung  der  früheren  Bastiatschen  Arbeiten ­
  erfolgt.  Der  Contrast  zwischen  der  früheren  Schriftstellerei ­
  und  den  Harmonien  ist  so  gewaltig,  dass  man  ihn
ohne  eine  äussere  Ursache  gar  nicht  würde  erklären  können.
Ich  will  jedoch  hier  nicht  im  Einzelnen  wiederholen,  was  ich
in  meinen  „Yerkleinerern  Careys”  (1867)  gleich  an  der  Spitze
kurz  dargestellt  und  mit  Nachweisungen  versehen  habe.  Das
Bastiatscho  Plagiat  steht  jetzt  im  Allgemeinen  so  fest,  dass  es
sich  nur  noch  um  ein  Interesse  an  der  Art  und  Weise  handeln
kann,  wie  die  einzelnen  Lehren  bei  der  Aneignung  mit  andern
Elementen  versetzt  und  durch  unzulängliche  Auffassung  ihrem
tieferen  und  umfassenderen  Sinn  entfremdet  worden  sind.
Um  den  Harmonismus,  der  unter  Voraussetzung  der  indi-
        <pb n="447" />
        432

viduellen  Sichselbstüberlassung  des  Yerkebrs  stattbaben  soll,
braucht  nicht  gestritten  zu  werden.  Dieser  Gedanke  ist  zu  allgemein, ­
  zu  vage,  zu  fictiv  und  viel  zu  alt  in  der  Gcschicbto  der
Oekonomie,  um  im  19.  Jahrhundert  eine  Eigentbümlichkeit
der  besondern,  von  einem  bestimmten  Denker  in  Anspruch  zu
nehmenden  Auffassung  ausmachen  zu  können.  Dagegen  sind
specielle  Vorstellungen  und  Sätze,  durch  welche  die  Harmonie
erwiesen  werden  soll,  allerdings  in  Frage  zu  bringen.  Iliomit
befinden  wir  uns  aber  schon  auf  dom  Boden  der  Ideen  von
einer  durchaus  individuellen  Physionomie.  Es  ist  das  harmonische ­
  Vertheilungsgesetz  Careys,  welches  sich  Bastiat  ungeeignet ­
  hat,  ohne  jedoch  hei  der  Verpflanzung  auch  die  Wurzel
desselben  mitzuübernchmen.  Der  letztere  Umstand  hat  es  verschuldet, ­
  dass  dieses  Gesetz,  welches  wir  bei  der  Behandlung
Careys  kritisirt  haben,  in  der  Bastiatschen  Schrift  ohne  Beweisversuch, ­
  ohne  innern  Grund  und  daher  auch  ohne  die  zugehörigen ­
  Voraussetzungen  dasteht.  Auch  würde  dem  ganzen
Unterfangen,  den  Socialismus  zu  widerlegen,  die  Spitze  abgebrochen ­
  worden  sein,  wenn  das  Gesetz  in  seinen  Gründen  und
Vorbedingungen  und  nicht  vielmehr  als  ein  empirisches  Dogma
hingestellt  worden  wäre.  Die  antisociale  Agitation  hat  sich
der  dürren  Formel  bemächtigt,  die  ihr  von  befreundeter,  d.  h.
freihändlerischer  Seite  in  den  Bastiatschen  Harmonien  als  unverdächtiges ­
  Mittel  zugeführt  wurde.  Sie  hat  in  Deutschland
diese  vermeintliche  Waffe  ein  Dutzend  Jahre  später  gegen  den
dort  aufkommenden  Socialismus  gebraucht,  sich  aber  wohl
nicht  träumen  lassen,  dass  sich  das  Instrument  in  meinem  socialitären
  System  schliesslich  gegen  diejenigen  kehren  würde,
die  an  demselben  eine  ganz  besondere  Auskunft  gegen  den
Socialismus  zu  besitzen  meinten.
Hat  Bastiat  das  Careyscho  Vertheilungsgesetz  ohne  die
Wurzel  in  seinen  harmonischen  Garten  verpflanzt  oder  vielmehr ­
  in  sein  Herbarium  Amerikanischer  Gewächse  übernommen,
so  hat  er  die  Werththeorio  bei  dem  Auspressen  und  Trocknen
so  zugerichtet,  dass  er  es  allerdings  mit  ein  wenig  Schein  wagen ­
  konnte,  in  dem  oben  erwähnten  Brief  das  Plagiat  hier
entschiedener  zu  bestreiten  und  sich  auf  ein  paar  formale
Eigenthümlichkeiten  von  eigner  Production  zu  berufen.  Der
nichtssagende  Satz,  dass  der  Werth  ein  „Verhältnias  von  Diensten” ­
  sei,  mag  daher  dem  Französischen  Autor  als  eigne  Erfin-
        <pb n="448" />
        433

dung  belassen  werden.  Die  allseitige  Anwendung  des  Begriffs
einer  Leistung,  die  an  Stelle  des  Dinges  den  eigentlichen
Gegenstand  der  Schätzung  bildet,  ist  ein  formaler  Vortheil,
der  manchen  Irrthum  beseitigen  kann.  Die  Vorstellungsart,
dass  im  gesummten  ökonomischen  Verkehr  nicht  Dinge  gegen
Dinge,  sondern,  genauer  betrachtet,  „Dienste  gegen  Dienste”
ausgetauscht  werden,  ist  nicht  ohne  Nutzen.  Sie  kann  mancher ­
  Rohheit  des  Ideenganges  verbeugen,  indem  sie  z.  B.  sofort ­
  sichtbar  macht,  wie  die  Verfügung  über  einen  Gegenstand
nach  Ort,  Zeit  und  Recht  eine  sehr  verschiedene  ökonomische
Macht  repräsentiren  und  daher  auch  als  Ziel  einer  Leistung
eine  entsprechend  variirende  Bedeutung  haben  müsse.  Uebrigens
  ist  sie  aber  ganz  unerheblich,  und  der  eitle  Glaube,  den
Bastiat  in  seiner  letzten  Zuschrift  an  das  „Journal  des  Economistes” ­
  aussprach,  auf  jene  beiden  Sätze  ein  consequenteres  System ­
  gründen  zu  können',  als  die  Welt  jemals  gesehen  habe,
war  eine  Illusion  und  macht  heute  einen  komischen  Eindruck.
Jene  beiden  Wahrheiten,  dass  Dienste  gegen  Dienste  ausgetauscht ­
  werden,  und  dass  der  Werth  ein  Verhältniss  von  Diensten ­
  sei,  sind  wirklich,  soweit  sie  einen  klaren  Sinn  haben,
ausserordentlich  leer  und  unschuldig.  Soweit  man  aber  noch
etwas  ganz  Besonderes  dabei  denken  soll,  ist  der  zweite  Satz
sogar  unklar.  Irgend  ein  Dienst,  d.  h.  irgend  eine  Leistung
von  gegebener  Beschaffenheit  und  Grösse  müsste  als  Einheit
und  Maass  genommen  werden,  wenn  die  Vorstellung  von  einem
Verhältniss  (rapport)  einen  deutlichen  Sinn  erhalten  sollte.
Hiedurch  würde  man  aber  auf  die  Arbeit  zurückkommen,  von
der  auch  Bastiat  in  allen  seinen  vorangehenden  Schriften  stets
im  Sinne  Adam  Smiths  geredet  hatte.
Hienach  bleibt  von  der  Werththeorie  Bastiats  nur  das
übrig,  was  er  entlehnte,  nämlich  die  hochwichtige  Trennung
von  Nützlichkeit  und  Werth.  Hierüber  verlieren  wir  weiter
kein  Wort,  da  die  Sache  schon  bei  der  Darstellung  der  Careyschen
  Ideen  erledigt  ist.  Nur  sei  bemerkt,  dass  Bastiat  über
die  früheren  Ideen  der  Nationalökonomen,  namentlich  aber
über  diejenigen  Ricardos,  die  er  doch  bekämpfte,  nicht  allzu
genau  orientirt  war.  Ein  anderer  Punkt  in  der  Werththeorie
ist  die  Vorstellung,  dass  nicht  die  aufgewendete  Arbeit,  sondern ­
  diejenige,  welche  der  Käufer  zur  Herstellung  des  Gegenstandes ­
  würde  selbst  aufwenden  müssen  oder,  mit  andern
Diibring,  üesebiebte  der  Nationalökonomie.  2.  Auflage.  28
        <pb n="449" />
        Worten,  die  ihm  ersparte  Arbeit  das  Maass  des  Werthes  sei.
Dieser  Satz,  dass  der  Werth  das  Maass  der  ersparten  Arbeit
sei,  ist  nun,  wie  man  aus  dem  eben  angegebenen  Sinne  dieser
Formel  sieht,  nichts  weiter  als  eine  veränderte  Einkleidung
der  Careyschen  Idee,  dass  der  Werth  nicht  durch  die  Productions-, ­
  sondern  durch  die  Reproductionskosten  bestimmt
werde.  Mit  dem  Gewände  hat  sich  allerdings  auch  der
ursprüngliche  Gedanke  ein  wenig  verändert,  indem  er  zu  einer
ganz  subjectiven  und  auf  den  Tauschact  beschränkten  Yorstollung
  geworden  ist.  Diese  TJebersetzung  ins  Kleinliche  herrscht
überhaupt  in  der  Bastiatschen  Umarbeitung  des  älteren  Careyschen
  Werks  vor.  Für  einen  Bastiat  ist  das  Markten  von
Person  zu  Person  der  Ausgangspunkt  aller  genetischen  Entwicklungen, ­
  während  Carey  von  vornherein  gründlicher  zu
Werke  ging,  sich  an  das  isolirt  wirthschaftende  Subject  als  an
das  geeignetste  Denkschema  hielt  und  erst  in  zweiter  Ordnung
die  Gesetze  des  Tausches  einführte.  Von  der  neusten  Gestaltung ­
  der  Theorie,  die  erst  die  ganze  Objectivität  der  früheren
Careyschen  Idee  sichtbar  gemacht  hat,  und  von  dem  Gedanken, ­
  dass  der  Werth  das  Maass  des  Beschaffungswiderstandes
sei,  ist  bei  Bastiat  keine  Spur  anzutreffen.  Seine  philosophirerische
  Dreiheit  von  Bedürfniss,  Anstrengung  und  Befriedigung ­
  ist  sicherlich  nicht  falsch,  aber  eben  auch  nur  eine
unschuldige  Probe  von  seiner  Fähigkeit,  einfache  Vorstellungszerlegungen ­
  vorzunehmen,  durch  welche  das  allertrivialste
Wissen  zur  leicht  anzueignenden  Schablone  gemacht,  eine  Erweiterung ­
  des  Wissens  aber  nicht  vollzogen  wird.  Ueberhaupt
geht  die  Leistung  des  Franzosen  in  der  dialektischen  Zurichtung ­
  desjenigen  Theils  der  fremden  Gedanken  auf,  den  er  verstanden ­
  hatte  oder  verstanden  zu  haben  glaubte.
4.  In  der  Frage  der  Bodenrente  hat  Bastiat  die  Werththeorie ­
  zur  Anwendung  gebracht  und  sich  auch  hier  nach  dem
Werk  gerichtet,  welches  ein  Dutzend  Jahre  früher  den  Gegenstand ­
  weit  besser  behandelt  hatte.  Die  Unentgeltlichkeit  der
Naturgaben  als  solcher  wurde  selbstverständlich  auch  behauptet,
und  die  Annahme,  dass  wir  in  den  Preisen  der  Erzeugnisse
nicht  den  Grund  und  Boden,  sondern  nur  die  Dienste  des
Menschen  bezahlten,  gegen  diejenigen  gekehrt,  welche  namentlich ­
  auf  Grund  der  Ricardoschen  Theorie  die  Bodenrente  als
Steuer  eingezogen  oder  durch  das  Staatseigonthum  aus  der
        <pb n="450" />
        435

Sphäre  des  Privatgewinns  ausgemerzt  wissen  wollten.  Eigenthümlich
  ist  Bastiat  die  sehr  unjuristische  Vorstellung,  dass
der  Grundeigenthümer  nur  über  den  Werth,  nicht  aber  über
die  Sache  verfüge,  und  dass  dieses  Eigenthum  am  Werthe
durch  die  Concurrenz  auf  eine  blosse  Yerworthungsposition  der
in  der  Production  der  Erzeugnisse  geleisteten  Dienste  beschränkt ­
  sei.
Der  Verfasser  der  Oekonomischen  Harmonien  hat  die
Stirn  gehabt,  in  seinem  Buch  ausdrücklich  zu  behaupten,  dass
alle  Nationalökonomen  bis  auf  ihn  selbst  in  dem  Grundirrthum
über  Werth  und  Rente  verblieben  wären.  Er  hatte  hiebei
wahrscheinlich  den  Autor  seiner  Quelle  nicht  zu  den  Nationalökonomen ­
  gerechnet,  die  bereits  im  Französischen  Gesichtskreise ­
  lägen.  In  seinem  letzten  Brief  musste  er  gestehen,  was
Carey  für  die  Theorie  der  Bodenrente  gethan  habe.*  Er  erklärte
ausserdem,  es  sei  seine  Absicht  gewesen,  ihm  im  zweiten  Theil
der  Harmonien  die  erste  Rollo  anzuweisen.  In  der  That  hat
Bastiat  ziemlich  deutlich  gewusst,  was  er  that,  und  die  Verblendung ­
  durch  die  Eitelkeit,  so  gross  man  dieselbe  auch  annehmen ­
  möge,  kann  sein  Unterscheidungsvermögen  nicht  gänzlich ­
  verdunkelt  haben.  Allerdings  hatte  er  nicht  Alles  verstanden ­
  und  nicht  mit  Allem,  was  er  vorfand,  etwas  anzufangen
gewusst  j  indessen  musste  er  bei  einiger  Besinnung  mindestens
fühlen,  woher  ihm  plötzlich  hoch  in  den  vierziger  Lebensjahren
die  neuen  Anschauungen  gekommen  waren.  Die  beschränkte
Verliebtheit  in  die  untergeordnete  eigne  Formgebung  kann
Vieles  aber  nicht  Alles  erklären,  und  so  glauben  wir  mit  dem
besten  Gewissen  den  persönlichen  Charakter  zu  dem  endgültig
entscheidenden  Erklärungsgrund  machen  zu  müssen.
Wer  bis  zu  dem  Grade  Sophist  sein  konnte,  um  die  oberflächlichen ­
  „Oekonomischen  Sophismen”  abzufassen,  ohne  je  eine
Regung  davon  zu  verspüren,  dass  auch  die  Gegner  wenigstens
einige  wahre  Logik  für  sich  haben  könnten,  —  wer  so  einseitig
zu  verfahren  vermochte,  während  er  sich  selbst  an  die  ärmlichsten ­
  Wendungen  klammerte,  konnte  keine  Idee  von  jener
tieieren  wissenschaftlichen  Wahrhaftigkeit  und  Redlichkeit
haben,  der  in  der  That  aus  moralischen  und  theoretischen
Gründen  sehr  viel  daran  gelegen  ist,  den  richtigen  Ursprung
der  neuen  Anschauungen  von  grosser  Tragweite  festzustellen
und  jedem  Arbeiter  die  Ehre  seiner  Bemühungen  zu  lassen.
28*
        <pb n="451" />
        486

Was  soll  man  davon  denken,  dass  sich  Bastiat  in  der  Oekonomie
  leidenschaftlich  gegen  das  Raubsystem  erklärte  und  ein
geistiges  Analogon  desselben  in  der  literarischen  Production
selbst  ausübte?  Was  soll  man  überhaupt  von  seiner  Einmischung ­
  des  GerechtigkeitsbegriflFs  in  die  Frage  der  Interessenharmonie ­
  halten,  sobald  man  weiss,  wie  wenig  Gerechtigkeitssinn ­
  er  selbst  noch  Angesichts  des  nahen  und  gewissen
Todes  bekundet  hat?  Hier  muss  also  der  maskirto  Egoismus
des  Charakters  zur  Erklärung  aushelfen,  und  wir  werden  einem
Bastiat  kein  Unrecht  thun,  wenn  wir  auch  die  besondere  Gestaltung ­
  seiner  Position  gegen  den  Bocialismus  auf  seine
charakteristische,  der  vollen  und  ganzen  Wahrheit  unfähige
Denk-  und  Gefühlsart  zurückführen.  Man  lasse  sich  durch
den  Affect  oder  vielmehr  die  Affectation  nicht  täuschen,  welche
in  den  „Harmonien”  eine  Rolle  spielt.  Man  denke  stets  daran,
dass  der  Verfasser  in  der  allgemeinen  Weltanschauung  auf  der
Seite  des  Obscurantismus  und  der  Unwissenschaftlichkeit  stand,
und  dass  sich  ein  jesuitisches  Gebilde  ergeben  musste,  wenn
die  politisch  halbdemokratischen  Vorstellungen  mit  den  Erinnerungen ­
  an  einen  de  Maistre  verträglich  werden  sollten.  Man
lasse  sich  auch  ferner  nicht  durch  das  Maass  von  Ueberzeugungen
  täuschen,  die  sich  einmischten.  Derartige  Doppelgebilde, ­
  bei  denen  man  zwischen  Beschränktheit  und  halbbewusster ­
  Unredlichkeit  die  Wahl  hat,  sind  nicht  allzu  selten.
Mögen  immerhin  Züge  vorhanden  sein,  welche  den  Charakter
Bastiats  über  den  seiner  meisten  Bundesgenossen  erheben,  so
war  doch  die  praktische  Position,  die  er  einnahm,  eine
schiefe  und  der  Wahrheit  von  Natur  nicht  günstige.  Wir
werden  hienach  die  Oberflächlichkeit  der  Bastiatschen  Wendungen, ­
  soweit  sie  ihm  eigenthümlich  angehörten,  leicht  begreifen. ­

Er  legt  den  Ton  darauf,  dass  es  nicht  überhaupt  die  Interessen, ­
  sondern  die  gerechten  Interessen  sind,  die  sich  in  Harmonie ­
  befinden  sollen.  Das  Wörtchen  „gerecht”  schlicsst  hier
aber  eine  Welt  ein,  die  einem  Bastiat  in  der  Hauptsache  verschlossen ­
  blieb.  Seine  natürliche  Arbeitsorganisation,  die  er
der  künstlichen  der  Socialisten  entgegensetzt,  ist  selbst  ein  erdichteter ­
  und  nichts  weniger  als  natürlicher  oder  gar  historischer ­
  Begriff.  Die  Ausmerzung  des  Raubsystems  und  des
Monopolrcgimes  aus  den  Ueberlioferungen  der  Geschichte  ergiebt
        <pb n="452" />
        437

in-îmwiargstgjaacg

noch  keine  natürliche  Ordnung,  Die  Gesellschaftsverfassung
mit  Sklaverei  oder  Leibeigenschaft  wäre  sicherlich  ein  schlechtes
Bild  im  nahmen  der  „natürlichen  Organisation.”  Die  Rechtsgestaltung, ­
  die  doch  jederzeit  irgend  eine  Form  haben  muss,
ist  bei  Bastiat  vollständig  umgangen,  und  unser  Harmoniker
hat  sich  offenbar  eingebildet,  dass  der  heutige  Gang  der  Dinge,
nämlich  die  vom  Capital  abhängige  Lohnarbeit,  eine  reine
Naturorganisation  sei,  die  unter  allen  Umständen  aus  dem
freien  Spiel  der  individuellen  Wirthschaftsinteressen  folge.  Dies
ist  aber  nur  unter  der  Voraussetzung  der  Fall,  dass  sich  auch
in  socialer  Beziehung  geschichtlich  eine  Unterordnung  durch
nichtwirthschaftliche  Hülfsmittel  gebildet  hat  und  fernerhin  aufrecht ­
  erhält.  Bastiat  hat  also  sein  nicht  nur  abstractes,  sondern ­
  auch  fingirtes  Gebilde  von  natürlicher  Organisation,  welches
nie  und  nirgend  existirt  hat  und  auch  nicht  existiren  kann,
denjenigen  Gestaltungen  untergeschoben,  die  eine  nothwendige
Wirkung  der  rein  socialen  oder  politischen  Arrangements  sind.
Er  hat  zwar  das  Recht  der  Arbeiter  auf  freie  Coalitionen  anerkannt, ­
  aber  die  Ausübung  desselben  als  wirthschaftlich  gleichgültig ­
  angesehen.  Wer  nun  behaupten  kann,  dass  die  socialen
Coalitionen  keinen  Einfluss  auf  die  Vertheilung  und  auf  das
ökonomische  Verhältniss  von  Arbeit  und  Capital  üben,  der  beweist, ­
  dass  er  von  den  Gesetzen  der  Socialökonomie  noch  nicht
einmal  die  ersten  Anfangsgründe  festgestellt  habe.  Er  verbleibt ­
  in  jener  alten  und  einseitigen  Auffassungsart,  derzufolge
die  reinen  Productionsgesetze  allmächtig  und  die  socialpolitischen ­
  Bestimmungsgründe  ohne  Einfluss  sein  sollen.  In  der
That  verschränkte  sich  Bastiat  noch  einseitiger,  als  es  jemals
geschehen  war,  in  das  Vorurtheil  der  händlerischen  Oekonomie,
dass  es  sich  bei  der  Bestimmung  der  Einkünftegrössen  um  reine
Austauschungen  und  wohl  gar  um  Austauschungen  auf  gleichem
Fuss  handle.  Dies  ist  nicht  vollständig  aber  doch  beinahe  ein
ähnlicher  Fehler,  als  wenn  man  den  Sold  der  nicht  frei  angeworbonen,
  sondern  ihrer  Bürgerpflicht  nachkommenden  Truppen
für  ein  Kaufgeld  ihrer  Dienste  halten  wollte.  Schliesslich
könnte  man  am  Ende  gar  das  Futter  des  Sklaven  und  des
Leibeignen  als  die  Folge  eines  Austauschgeschäfts  von  Dienst
gegen  Dienst  ansehen.  Dadurch,  dass  Bastiat  die  politische
Oekonomie  ausdrücklich  im  Austausch  aufgehen  lässt,  hat  er
sich  zum  Theoretiker  des  sogenannten  Manchesterthums  ge-
        <pb n="453" />
        macht,  welches  bekanntlich  in  dem  Vorherrschen  dieser  Vorstellungsart ­
  seine  auszeichnende  Eigenthümlichkeit  hat.
Die  Vorstellungen  vom  ökonomischen  Recht  sind  äusserst
dürftig,  und  die  „unentgeltliche  Nutzung”,  welche  sich  nach  dem
Worthgesetz  in  immer  grösserem  Maass  verbreiten  soll,  hat  ihre
gewaltigen  Schranken  an  der  Gesellschaftsverfassung.  Die  natürliche ­
  Communität,  welche  sich  von  selbst  machen  soll  und  dem
künstlichen  Communismus  entgegengestellt  wird,  ist  als  vermeintliche ­
  Wirkung  des  laisser  aller  thcils  eine  sociale  Unwahrheit, ­
  thoils  rein  ökonomisch  nur  in  geringem  Grade  nachweisbar. ­
  Die  Vertröstung  der  Socialisten  auf  die  natürliche  und
freiwillige  Entwicklung,  durch  welche  ihre  Zielpunkte  ohne
besonderes  bewusstes  Zuthun  nach  dem  System  des  laisser  aller
erreicht  werden  sollen,  ist  eine  den  Humor  herausfordernde  Zumuthiing.
  In  dieser  Idee  gipfelt  aber  die  Bastiatscho  Harmonik, ­
  und  seine  Gerechtigkeit  kennt  ausser  dem  gewöhnlichen
juristischen  Recht  nur  die  Ausmerzung  der  künstlichen  Monopole. ­
  Wie  aber  der  Mensch  seine  Person  gegen  die  naturwüchsigen ­
  Ausheutungspositionen  und  natürlichen  Monopole,  ja
wie  er  sie  gegen  die  Unterdrückung  durch  das  blosse  Werkzeug ­
  der  Production,  d.  h.  durch  das  Capital,  zu  schützen  und
hier  den  Verletzungen  vorzubeugen  habe,  davon  enthält  der
Bastiatscho  Begriff  der  sogenannten  gerechten  Interessen  gar
nichts.  Der  Französische  Nationalökonom  hat  wohl  gelegentlich ­
  zugestanden,  dass  die  Oekonomie  im  Argen  liege,  weil  der
Begriff  vom  Capital  noch  nicht  gehörig  untersucht  sei;  aber  er
selbst  hat  nicht  einmal  bemerkt,  dass  der  sogenannte  freie  Arbeiter ­
  ein  Zubehör  des  Werkzeugs  der  Production,  ja  selbst
ein  Capital  ist,  welches  man  bewirthschaftet  und  für  welches
man  die  jeweiligen  Herstellungskosten  in  Anschlag  bringt.
Thatsächlich  ist  also  das  vermeintlich  harmonische  Verhältniss
die  Herabwürdigung  des  Menschen  zu  Wirthschaftscapital  in
den  Händen  derjenigen,  welche  allein  eine  freie  Consumtionskraft
  repräsentiren.  Alle  Niveauänderungen  des  Lohnes  oder
der  Lebensweise  können  hier  also  nur  die  Vorbereitung  sein,
um  die  menschliche  Arbeit  in  den  Stand  zu  setzen,  ihren  Träger ­
  von  der  Dienstbarkeit  an  das  Werkzeug  zu  befreien  und
das  Verhältniss  der  Unterordnung  im  rein  menschlichen  Sinne
umzukehren.  Bastiat  hat  aber  das  grade  Gegontheil  dieser
        <pb n="454" />
        439

Perspective  und  die  Verewigung  der  Capitalkneclitschaft  als
schönstes  harmonisches  System  im  Auge  gehabt.
5.  Bei  Gelegenheit  Bastiats  mag  auch  derjenige  zur  Erwähnung ­
  kommen,  zu  dessen  gehorsamem  Diener  sich  der
Franzose  gemacht  hatte,  und  dem  gegenüber  er  sich  in  der
Correspondenz  so  benahm,  als  wenn  die  Wissenschaft  im  Vergleich ­
  mit  der  Agitation  fast  gar  nichts  zu  bedeuten  hätte.
Von  Jemand,  der  aus  ureigner  Kraft  zu  wissenschaftlichen
Leistungen  gelangt  ist,  wird  eine  derartige  Verleugnung  der
Theorie  nicht  leicht  ausgehen;  wer  aber  mit  fremdem,  nicht
offen  und  ehrlich  erworbenem  Gut  wirthschaftet,  der  wird  jenes
edleren  Gefühls  für  die  Würde  der  Theorie  nicht  fähig  zu  sein
brauchen.  Es  wird  wenigstens  sein  unterwürfiges  Verhalten
mit  seinem  sonstigen  Verfahren  zusammenstimmen.  Lassen
wir  jedoch  den  theoretischen  Trabanten  des  Englischen  Kornzollagitators ­
  mit  seinem  Verhältniss  auf  sich  beruhen,  und
wenden  wir  uns  zu  Cohden  selbst,  nicht  um  anzugeben,  was
er  etwa  für  die  Volkswirthschaftslehre  gethan,  sondern  dass  er
zu  derselben  nichts  heigetragen  habe,  was  auch  nur  dann  der
Erwähnung  werlh  sein  würde,  wenn  wir  hier  überhaupt  theoretische ­
  Erscheinungen  vierter  und  fünfter  Ordnung  zu  berücksichtigen ­
  hätten.
Zur  Ziehung  der  Grenzlinie  sei  daher  nur  bemerkt,  dass
von  Richard  Cohden,  der  noch  einige  Jahre  jünger  als  Bastiat
war,  das  einzig  Erwähnenswerthe  die  Kornzollagitation  der
vierziger  Jahre  ist,  und  dass  selbst  seine  Anhänger  ihn  niemals ­
  werden  für  einen  selbständigen  Theoretiker  ausgeben
können.  Er  schrieb  eine  Reihe  kleiner  Gelegenheitsschriften,
die  zum  Theil  an  Reisen  anknüpften  und  Reflexionen  über  die
öffentlichen  Zustände  der  zum  Gegenstand  gewählten  Länder
enthielten.  Man  hat  von  diesen  Arbeiten  eine  Sammlung  unter
dem  Titel;  „The  political  writings  of  Richard  Cohden”,  2  Bände,
London  1867.  Die  an  der  Spitze  stehende  älteste  Schrift  ist
„England,  Ireland  and  America”  (1835);  dann  ist  noch  „Russia”
(1836)  hervorzuheben.  Die  Auslassungen  gegen  die  Brittische
Kriegsfurcht  vor  Frankreich,  sowie  das  Meiste  aus  ähnlichen
rein  politischen  oder  vielmehr  unpolitischen  Arbeiten  geht  uns
hier  gar  nichts  an.  Die  politische  Principlosigkeit  der  Manchesteranschauungen, ­
  welche  darin  besteht,  kein  wirklich  politisches
Motiv  gelten  zu  lassen,  sondern  nur  dem  Handel  und  Erwerbe
        <pb n="455" />
        440

nachzugehen,  ist  zu  bekannt,  als  dass  sie  hier  einer  besondern
Kennzeichnung  bedürfte.  Das  über  alle  Grenzen  getriebene  laisser
aller  soll  sogar  die  Politik  unnöthig  machen.  An  die  Stelle
der  menschlichen  Yerhältnisse  treten  ja  die  bäumwollncn  Fäden
des  Fabrikherrn  von  Manchester.  Im  Wirthschaftlichen  sieht
man  sich  nach  einer  Theorie,  die  etwas  positiv  Eigenthümliches
hätte,  vergebens  um.  Im  Freihandel  geht  Alles  auf.  Im
weiteren  Sinne  dieses  Begriffs,  d.  h.  im  freien  Geschäft,  ist  die
Panacee  für  die  Welt  enthalten.  Nach  einer  sehr  unbestimmten
Idee  Cobdens  (Schriften  Bd.  II  8.  17)  soll  der  Freihandel  im
weiteren  Sinne  des  Worts  nichts  Anderes  als  die  über  dio
ganze  Erde  ausgedehnte  Arbeitstheilung  bedeuten.  Komme
aber  der  Krieg  und  zwar  namentlich  mit  seinen  Blokadon  dazwischen, ­
  so  sei  die  Industrie  ein  Lottospiel.  Die  „universelle
Abhängigkeit”  ist  also  sogar  nach  dem  Ideengang  eines  Cobden
nur  unter  Voraussetzung  des  Friedens  eine  Wohlthat,  und
das  „Zusammenwirken  der  productiven  Kräfte  der  ganzen  Erde”
wird  in  der  Gegenseitigkeit  bedenklich  gestört,  solange  zwei
Völker  die  wirthschaftlichen  Beziehungen  ernstlich  zu  unterbrechen ­
  vermögen.
Abgesehen  von  der  Persönlichkeit  Cobdens  gehört  die
nähere  Kennzeichnung  der  Manchesterökonomie  zu  den  grössten
Schwierigkeiten  und  zwar  aus  dem  einfachen  Grunde,  weil  sie
in  blossen  Verneinungen  aufgeht  und  übrigens  keinen  nur
irgend  hervorragenden  theoretischen  Vertreter  aufzuweisen  hat
Von  Bastiat  ist  schon  gesagt,  dass  er  zwar  die  Manchesteranschauungen ­
  gepflegt  habe,  seine  wissenschaftliche  Stellung
aber  ganz  andern  Thatsachen  verdanke.  Man  darf  daher  behaupten, ­
  dass  die  Manchesterökonomie  wesentlich  nur  in  der
Gestalt  von  Anschauungen  existirt,  wie  sie  einer  agitirenden
Truppe  als  solcher  angehören  können,  ohne  einer  besondern
wissenschaftlichen  Formulirung  fähig  zu  sein.  So  ist  z.  B.  die
Vorstellung,  das  Steuerzahlen  als  ein  Austauschgeschäft  zu  betrachten, ­
  bei  welchem  man  Leistung  und  Gegenleistung  im  besondern ­
  Fall  abwägt,  nichts  als  die  Uebertragung  der  händlerischen ­
  Denkweise  in  die  Verhältnisse  der  Steuerzahler  zum
Staat  oder  zur  Gemeinde.  Ein  Princip,  welches  nicht  einmal
im  Bereich  der  eigentlichen  Gebühren  (z.  B.  der  Gerichtskosten)
gehörig  festgehalten  werden  kann,  soll  in  das  Gebiet  der  eigentlichen ­
  Steuern  übertragen  werden,  und  jede  Gruppe  soll  danach
        <pb n="456" />
        441

fragen  können,  welche  Menge  von  Diensten  der  öffentlichen
Gewalt  und  in  welcher  Qualität  sie  sich  dieselben  vermöge  der
Steuerzahlung  gekauft  habe.  Die  öffentlichen  Verrichtungen
werden  hiebei  als  Waare  betrachtet,  und  es  wird  darum  gemarktet, ­
  wie  viel  davon  an  diesen  oder  jenen  Käufer  oder  an
eine  bestimmte  Gruppe  von  Käufern  für  den  von  ihnen  gezahlten ­
  Preis  gelange.  Die  Beziehung  von  Leistung  und  Gegenleistung ­
  soll  verhältnissmässig  sein,  und  wer  Wenig  von  jener
Waare  verbraucht,  soll  auch  nur  Wenig  davon  einzukaufen
haben,  d.  h.  mit  einer  nach  diesem  Princip  unverhältnissmässigen
  Steuerzahlung  nicht  behelligt  werden.  Als  häuslichen
Privatstreit  zwischen  der  Industrie  und  dem  Grundbesitz  muss
man  die  Stellungnahme  in  der  Frage  der  Gemeindesteuern  ansehen.
  Hier  soll  der  Grund-  und  Hausbesitz  das  Meiste  beisteuern, ­
  weil  ihm  die  Vortheile  der  Steuerverwendung  am
reichlichsten  zufielen.  Sein  Monopol  stammt  aber  nicht  von
den  verbesserten  Strassen  her,  sondern  stützt  sich  auf  die  durch
die  Concurrenzchancen  ermöglichte  Ausbeutung  der  Arbeiter
und  des  wohnungsbedürftigen  Publicums  überhaupt.  In  Wahrheit ­
  richtet  sich  die  Manchesteranschauung  mehr  gegen  den
ländlichen  Grundbesitz,  als  gegen  die  der  Manufactur-  und
Handelspartei  nahestehende  und  mit  ihr  untermischte  städtische
Classe  der  Häuserbesitzer.  Uebrigens  ist  ja  auch  die  Cobdensche
  Hauptaction,  nämlich  die  erfolgreiche  Agitation  gegen  die
Kornzölle,  zum  grössten  Theil  als  die  Wahrnehmung  eines
Classeninteresse  anzusehen,  indem  die  Industrie  zu  Gunsten  der
billigeren  Ernährung  ihrer  Arbeiter  die  Schutzprivilegien  der
Landaristokratie  wegräumte.  Die  Angelegenheit  war,  wie  man
sieht,  eine  Geschäftssache  gewesen,  und  es  wurde  demgemäss
auch  der  Geschäftsführer,  abgesehen  von  den  nachträglich  noch
in  Frage  kommenden  Standbildern,  mit  mehr  als  einer  halben
Million  Thaler  prämiirt.
6.  Zu  den  Nebenerscheinungen,  für  welche  in  Ermangelung ­
  einer  ausgeprägten  Physionomie  eine  passende  Rubrik
gar  nicht  anzugeben  ist,  gehört  die  Zusammenarbeitung,  welche
Stuart  Mill  bezüglich  der  politischen  Oekonomie  in  einem  Buch
vorgenommen  hat,  dessen  Verbreitung  und  Rolle  einigermaassen
an  J.  B.  Says  Bemühungen  erinnert.  Freilich  hatte  der  von
uns  früher  gekennzeichnete  Franzose  die  Frische  und  Neuheit
des  Unternehmens  voraus.  Die  Volkswirthschaftslehre  war  in
        <pb n="457" />
        443

einer  Gestalt,  die  an  Adam  Smith  anknüpfte,  noch  erst  über
die  Welt  zu  verbreiten  gewesen,  und  die  Französische  Sprache
sowie  die  mit  der  Oberflächlichkeit  verbundene  Gewandtheit
hatten  ihre  Hülfsdienste  hiebei  in  gehörigem  Maass  geleistet.
Ein  Gegenstück  hiezu  konnte  nicht  noch  einmal  aufgeführt
werden;  wohl  aber  wurde  es  möglich,  eine  beschränktere,  übrigens
aber  in  vielen  Beziehungen  ähnliche  Rollo  für  die  Malthus-Ricardosche
  Oekonomie  zu  spielen.  Etwas  mehr  Ueberlogung
und  etwas  weniger  Gewandtheit  machten  hiebei  in  der  Hauptsache ­
  keinen  sonderlichen  Unterschied.  Es  kam  eine  Art
Lehrbuch  zu  Stande,  welches  an  Stelle  der  entscheidenden
Beweise  sich  mit  Hinweisungen  auf  sogenannte  Autoritäten
begnügte  und  namentlich  nicht  müde  wurde,  sich  auf  Malthus
zu  berufen.  Die  in  demselben  herrschende  Anschauungsweise
kann  kurz  als  die  des  Epigonenthums  der  Ricardoschen  Oekonomie ­
  bezeichnet  worden  und  hat  demgemäss,  in  Folge  der
bei  einem  solchen  Verhältniss  unausbleiblich  eklektischen
Mischungen,  an  Stelle  der  scharf  markirten  Züge  seines  Vorbildes
meist  nur  verwischte  Umrisse  aufzuweisen.  Man  versuche  es,
sich  ein  Bild  davon  zu  machen,  was  entstehen  müsse,  wenn
Malthussche  Bevölkerungsvorstellungen,  Ricardosche  Oekonomie, ­
  einige  Manchesterreflexe  und  schliesslich  sogar  noch  ein
paar  Ansätze  zu  socialer  Philanthropie  Zusammenkommen  und
ausserdem  noch  mit  allen  übrigen  Satzungen  der  rechtgläubigen
Volkswirthschaftslehre  gereimt  werden  sollen.  Ein  überladenes
Conglomérat  von  vielerlei  Früchten  der  literarischen  Umschau,
weitschichtig  und  schwerfällig  in  der  Darstellung  des  Ganzen
und  des  Einzelnen,  unter  der  Wucht  der  Autorität  fremder  Gedanken ­
  keuchend,  nach  Einschränkungen  und  Verwahrungen
suchend,  um  für  jede  etwa  noch  mögliche  Modification  eine
Hinterthür  offen  zuhalten,  —  das  ist  die  vermeintliche  Denkerarbeit ­
  eines  Autors,  der  von  vornherein  mit  einer  Unmöglichkeitserklärung ­
  neuer  Gedanken  beginnt.  Er  ist  so  fest  von
dem  Monopol  seines  Malthus-Ricardoschen  Schülerthums  überzeugt ­
  und  überträgt  die  eigne  Epigonenhaftigkeit  mit  so  edler
Dreistigkeit  auf  alles  Uebrige  und  noch  Mögliche,  dass  er  in
der  Vorrede  unverholen  erklärt,  es  würde  ein  schlechtes  Anzeichen ­
  sein,  wenn  Jemand  darauf  Anspruch  machte,  in  der
politischen  Oekonomie  noch  neue  Gedanken  haben  zu  wollen.
Der  Liberalismus  der  Mittelmässigkeit  fehlt  natürlich  nicht,
        <pb n="458" />
        443

und  so  vertritt  das  Millsche  Buch  denjenigen  Typus,  welcher
am  meisten  geeignet  ist,  sich  ohne  Anstosserregung  zu  verbreiten ­
  und  alle  diejenigen  für  sich  einzunehmen,  welche  die
strengere  Conscquenz  nicht  zu  vertragen  vermögen.  Allerdings
ist  dem  Verfasser  bisweilen  ein  schwacher  Zug  von  Radicalismus ­
  untergelegt  worden,  der  jedoch  für  seine  nationalökonomischen ­
  Bestrebungen  am  allerwenigsten  nachzuweisen  ist.
Ein  Schein  davon  mag  hier  und  da  eine  Weile  täuschen.  Sieht
man  aber  näher  zu,  so  findet  man,  dass  die  Kühnheit  stets  nur
bedingungsweise  zur  Welt  kommt  und  ihr  überall,  theils  aus
Unsicherheit  des  Denkens,  theils  aus  Mangel  an  Muth,  die  Spitze
abgebrochen  ist.
Stuart  Mill  (1806—73)  aus  London,  und  fast  ausschliesslich
von  seinem  Vater  unterrichtet,  hat  zuerst  mit  einer  Art  von
Logik  (1843)  angefangen  und  erst  5  Jahre  später  (1848)  seine
zweite  Hauptschrift  über  Nationalökonomie  (Principles  of  political ­
  economy)  folgen  lassen.  Seine  kleineren  Schriften,  unter
denen  besonders  die  beiden  über  die  Freiheit  und  über  die  Repräsentativregierung ­
  hervorzuheben  sind,  gehen  uns  hier  nicht
näher  an.  Die  amtlichen  Functionen  Mills  bei  der  Ostindischen ­
  Compagnie  waren  nicht  geeignet,  praktisch  politische  Erfahrung ­
  oder  ein  entsprechendes  Denken  anzuregen,  und  in
der  That  hat  sich  der  Politiker  Mill  mit  seiner  besondern  Art,
das  Weiberstimmrecht  im  Parlament  wahrzunehmen  und  die
Haresche  Wahlutopie  der  Minoritätsvertretung  zu  vertheidigen,
ganz  einfach  als  unpraktischer  Ideologe,  aber  als  einer  von
derjenigen  Gattung  erwiesen,  die  man  die  fade  nennen  könnte.
Ueberhaupt  sind  bei  ihm  die  äusserlich  in  den  Manieren  des
gemeinen  Verstandes  einhergehenden  Auslassungen  innerlich
mit  dem  haltlosesten  Ausgreifen  der  wenn  auch  nur  matten,
so  doch  zur  Schablonenutopie  noch  immer  hinreichenden  Imagination ­
  verbunden.  Wer  die  Plattheit,  in  [die  sich  das  sich
auch  sonst  nicht  hoch  über  dem  Boden  bewegende  Raisonnement
oft  vollends  verliert,  als  eine  Bürgschaft  gegen  Ausschweifungen ­
  nehmen  wollte,  würde  sich  arg  getäuscht  finden.  So
trocken  und  hausbacken  das  übrigens  noch  nicht  einmal  in
einem  höheren  Grade  subtile  Denken  der  Millschen  Art  auch
ausfällt,  und  so  plump  sich  manche  Züge  seines  Gepräges
gestalten,  so  ist  trotz  aller  dieser,  eine  gewisse  Derbheit  und
ein  wenig  von  der  Englischen  handfesten,  zugreifenden  Weise
        <pb n="459" />
        444

am  falschen  Orte  hervorkehrenden  Eigenschaften  dennoch  eine
Ideenhaltung  vorhanden,  die  sich  nur  in  den  Allüren  und
durch  den  Mangel  der  Leidenschaft  von  der  Phantastik  begabterer ­
  Naturen  unterscheidet.  Die  dieser  Physionomie  entsprechende ­
  Compositions-  und  Schreibart  gilt  für  die  verschiedensten ­
  Richtungen  der  Millschen  Autorthätigkcit.  Indessen ­
  ist  die  letztere  in  der  Logik  etwas  nützlicher  und
weniger  unzulänglich  ausgefallen,  als  in  der  Nationalökonomie
oder  gar  in  der  Politik.  Was  man  nämlich  auch  von  der  ersten
Hauptschrift  Mills  sonst  halten  möge,  so  hat  sie  doch  wenigstens ­
  eine  Art  Lücke  ausgefüllt  und  in  einer  einigermaassen
modernen  Weise  vorhandene  logische  Materialien,  wenn  auch
nur  eklektisch  und  ohne  durchgreifende  Systematik,  verarbeitet.
Ein  Gleiches  lässt  sich  aber  von  den  „Principien  der  politischen
Oekonomie”  keineswegs  behaupten;  Ricardos  eignes  System
ist  unvergleichlich  besser,  als  die  zu  der  Gattung  der  verarbeitenden ­
  Compilationen  gehörende  Darstellung  seines  Schülers.
Der  letztere  hat  allerdings  mehr  Durcharbeitungskraft  entwickelt, ­
  als  z.  B.  ein  anderer  Schüler  Ricardos,  der  besonders
durch  seine  „Literatur  der  politischen  Oekonomie”  (1845)  bekannte ­
  Mac  Culloch.  Ist  nun  aber  das  eben  genannte  Literaturbuch ­
  auch  nicht  viel  mehr  als  ein  Schriftenverzeichniss
mit  erläuternden  Zusätzen,  und  sind  auch  die  in  diesen  Erläuterungen ­
  vorkommenden  Urtheile  nichts  weniger  als  maassgebend, ­
  so  können  doch  bibliographische,  lexikalische  und
statistisch  beschreibende  Arbeiten,  wie  sie  von  einem  Mac
Culloch  unternommen  wurden,  in  ihrer  Art  noch  immer  als
etwas  Verdienstliches  gelten.  Bei  der  Vergleichung  muss  hienach,
  trotz  oder  vielmehr  wegen  jenes  Millschen  Vorzugs,  auf
welchem  die  höhere,  gedanklich  mehr  verarbeitende  Methode
des  Compilirens  beruht,  das  Ergebniss  in  einer  wichtigen
Beziehung  zu  Ungunsten  des  vermeintlichen  Systematikers
ausfallen.  Die  Ansprüche,  die  auf  Seiten  Mills  geltend  gemacht
werden,  würden  nur  dann  berechtigt  sein,  wenn  die  Loetüro
seiner  nationalökonomischen  Hauptschrift  wenigstens  annähernd
eine  ähnliche  Einsicht  in  das  Malthus-Ricardosche  System  verschaffte, ­
  als  das  Werk,  welches  von  Ricardo  selbst  schon  30  Jahre
früher  veröffentlicht  worden  war.  Dies  ist  aber  so  wenig  der  Fall,
dass  man  zuversichtlich  behaupten  kann,  es  würde  das  ökonomische ­
  Denken  der  Lernenden  besser  angeregt  worden  sein,
        <pb n="460" />
        445  —

wenn  man  die  Aufmerksamkeit  derselben  statt  auf  die  verschwommenen ­
  Züge  des  Millschen  Abbildes,  gleich  von  vornherein ­
  auf  das  Urbild  gelenkt  hätte.  Der  geringe  Vortheil,  den
die  Rücksichtnahme  auf  einige  spätere  Verhältnisse  oder  Fragen, ­
  sowie  eine  gewisse  Compilationsvollständigkeit  der  Rubriken ­
  haben  mag,  kann  bei  dem  Millschen  Buch  um  so  weniger ­
  in  Betracht  kommen,  als  dasselbe  schon  bei  seinem
ersten  Erscheinen  auch  in  dieser  Hinsicht  nicht  allzu  neu  war
und  in  seinen  sieben  Auflagen  fast  stereotyp  geblieben  ist.
Das  Maass,  welches  wir  an  die  Millsche  Arbeit  gelegt
haben,  ist  insofern  zu  hoch  gegriffen,  als  das  fragliche  Buch
weit  besser  gleich  von  vornherein  aus  dem  Gesichtspunkt  einer
secundären  Reproduction  und  eines  im  Sinne  einer  bestimmten
Schule  hergestellten  Lehrmittels  gewürdigt  werden  kann.  Bei
dieser  Schätzungsart,  durch  welche  die  Millsche  Leistung  in  die
passende  Nachbarschaft  gebracht  und  nur  einer  Vergleichung
mit  verwandten  Erscheinungen  ausgesetzt  wird,  muss  sich  der
relative  Werth  weit  günstiger  gestalten.  Sieht  man  nämlich
auf  die  sonstigen  lehrbuchmässigen  Darstellungen  der  Malthus-Ricardosehen
  Oekonomie,  so  ist  allerdings  das  Millsche  Werk
ihnen  sämmtlich  durch  eine  verhältnissmässige  Selbständigkeit
der  Auseinandersetzungen  und  durch  eine  gewisse  philosophische
Färbung,  sowie  durch  den  Versuch  einer  rationellen  Haltung
vielfach  überlegen.  Die  Englischen,  Französischen  und  Deutschen ­
  Lehrbücher,  welche  aus  Reflexen  des  Neubrittischen
Systems  ihr  zweifelhaftes  Licht  erhielten  und  dem  Malthusianismus ­
  huldigen,  stehen  hinter  den  zwei  Bänden  Mills  entschieden ­
  zurück.  Man  konnte  es  für  den  Lernenden  noch  als
ein  verhältnissmässiges  Glück  ansehen,  wenn  er  im  Bereich
der  gewöhnlichen  Schulung  an  die  Millsche  Darstellung  gewiesen ­
  wurde  und  nicht  einer  niederen  Gattung  von  Compilationen ­
  anheimfiel.  Wenn  sich  nämlich  auch  die  letzteren,  etwa
wie  in  Deutschland  im  Falle  des  Roscherschen  unvollständigen ­
  Lehrbuchs,  historisch  nennen,  so  wird  dadurch  der  Abstand, ­
  in  welchem  sie  sich  von  der  weit  höheren  Art  der
Millschen  Compilation  befinden,  nicht  verkürzt.  Hätte  man
nur  die  Wahl  zwischen  derartigen  Erzeugnissen  einer  ganz  unrationellen ­
  sowie  schielenden  und  schief  angelegten  Gelehrsamkeit ­
  der  Beschränktheit  und  dem  Millschen  Versuch,  das  widerspänstige
  Material  einigermaassen  rational  zu  gestalten,  so
        <pb n="461" />
        446

würde  die  Entscheidung  keinen  Augenblick  schwanken  können.
Hiezu  kommt  noch,  dass  ein  Stuart  Mill,  wenn  auch  nicht  eine
durchgreifend  moderne  und  consequente  Weltanschauung,  so
doch  wenigstens  keine  Ansichten  vertritt,  die  dem  Bigottismus
oder  auch  nur  Mysticismus  absichtlich  Vorschub  leisteten.  In
dieser  Hinsicht  hat  er  sogar  sein  Malthussches  Dogma  von'allen
Bestandtheilen  gesäubert,  mit  denen  es  der  anglicanischo  Verkünder ­
  versetzt  hatte.  Ja  sogar  die  zugehörige  arbeiterfeindliche ­
  Gesinnung  soll  abgestreift  sein;  denn  wie  komisch  es  sich
auch  ausnehmen  mag,  so  hat  unser  Logiker  und  Nationalökonom ­
  den  Malthusschen  Glaubensartikel  grade  für  diejenigen
nutzbar  zu  machen  versucht,  gegen  welche  er  eigentlich  gerichtet ­
  ist.  Er  hat  das  Malthussche  Gelegenhcits-  und  Verlegenheitsrecept,
  nach  welchem  die  Arbeiter  ihre  Zahl  beschränken ­
  sollten,  wenn  sie  höhere  Löhne  zu  haben  wünschten,  ganz
ehrsam  in  einen  aufrichtigen  guten  Rath  verwandelt.  Hienach
gipfelt  Mills  Socialpolitik  mit  ihren  sympathischen  Affectionen
für  die  Arbeiter  in  der  Erklärung,  dass  nur  der  eigne  Entschluss ­
  der  Arbeiter,  die  Vermehrung  ihres  Nachwuchses  durch
Beschränkung  der  Ehen  und  der  Kinderzahl  einzudämmen,  zu
einer  besseren  Lage  führen  könne.  Es  ist  also  das  Einschnürungssystem
  als  ein  Bedürfniss  und  Interesse  der  arbeitenden
Classe  dargestellt  und  auch  wirklich  aufgefasst,  während  es
sich  bei  Malthus  als  Angelegenheit  der  andern  Gesellschaftsclassen
  charakterisirte  und  auf  der  Feindschaft  gegen  das  Proletariat ­
  beruhte.  Mill  muthet  den  proletarischen  Arbeitern  zu,
ihre  Proles  niederzuhalten,  und  so  wenig  wir  auch  Ursache
haben,  die  Wohlgemeintheit  dieses  seltsamen  philosophischen
Zuspruchs  anzuzweifeln,  so  liegt  doch  klar  zu  Tage,  dass  die
Befolgung  dieser  Vorschrift  nicht  etwa  nur  die  natürliche  Gestaltung ­
  guter  Sitten  untergraben,  sondern  auch  die  Kraft  des
Proletariats,  dessen  wachsende  Bedeutung  auf  der  steigenden
Zahl  seiner  Köpfe  beruht,  an  der  Wurzel  angreifen  würde.
Eine  solche  Einschnürung  müsste  den  menschcnvertrcibcndcn
und  Schaafe  an  deren  Stelle  setzenden  Consolidationen  des
Grundbesitzes,  sowie  den  ähnlichen  Vorgängen  im  Reich  der
Maschinen  und  des  Capitals,  ungeachtet  der  ein  wenig  steigenden ­
  Löhne,  zunächst  ganz  genehm  sein.  Man  würde  die
Menschenlast  loswerden,  die  Bevölkerung  nach  der  ökonomischen ­
  Verfassung  zustutzen  und  nicht  in  die  Lago  kommen,
        <pb n="462" />
        447

die  Verfassung  selbst  ändern  und  der  Bevölkerungsmenge  anpassen ­
  zu  müssen.  Glücklicherweise  kann  man  dem  Bade  der
Natur  in  dieser  Richtung  nicht  mit  solchen  individuellen
Privatrecepten  in  die  Speichen  fallen.  Mill  ruft  zwar  seine
Glientinnen  zu  Hülfe.  Die  Frauen  sollen  im  Hinblick  auf
Geburtsschmerzen  und  weitere  Beschwerden  der  Mutterschaft
ihr  Familienstimmrecht  üben.  Indessen  dürfte  es  auch  abgesehen
von  der  Bedeutung  dieser  Bundesgenossenschaft  einer  der  befremdlichsten ­
  Züge  des  Millschen  Ideenganges  sein,  dass  bei
bereits  vorhandener  Ehe  die  Regulirung  der  Kinderzahl  oder
überhaupt  die  Existenz  von  Kindern  noch  erst  der  Willkür
anheimfallen  soll.  Will  man.  hier  nicht  an  offenbare  Corruptionserscheinungen
  denken,  so  bleibt  nur  die  Niaiserie  einer  Ehe
übrig,  die  keine  sein  soll.  In  der  That  verheirathete  sich  Mill
erst  in  den  vierziger  Lebensjahren  mit  einer  Wittwe,  die
ebenfalls  in  den  Vierzigern  war,  und  er  hat  offenbar  in  der
Abstandnahme  von  Familienentfaltung  ein  Gegenstück  zu  dem
in  dieser  Beziehung  luxuriirenden  Priester  Malthus  geliefert,
der,  um  mit  Byron  zu  reden,  reichlich  „das  that,  was  er  in
Büchern  schlecht  machte”.  Wie  sehr  bei  Mill  die  Hemmung
der  Bevölkerung  eine  ihn  überallhin  begleitende  Vorstellung
geworden  ist,  mag  man  daraus  entnehmen,  dass  er  eine  Wahlrede ­
  mit  der  Hinweisung  auf  sein  Princip  begann,  demzufolge
nicht  mehr  Kinder  geboren  werden  sollten,  als  für  welche  die
erforderliche  Nahrung  bereit  wäre.
7.  Die  von  Mill  hintcrlassene  Lebensbeschreibung  (Autobiography, ­
  London  1873)  hat  nicht  nur  mein  altes,  viele  Jahre
vorher  im  Gegensatz  zu  den  landläufigen  Ansichten  vertretenes
Urtheil  bestätigt,  sondern  auch  den  Stoff  geliefert,  zu  der  geringen ­
  Meinung  von  den  Fähigkeiten  des  Schriftstellers  bestimmtere ­
  Aufschlüsse  über  die  Charakterunzulänglichkeit  der
ganzen  Person  hinzuzufügen.  Das  einzige,  aber  offenbar  recht
zweideutige  Gute,  was  an  dieser  Autobiographie  anzuerkennen
ist,  besteht  darin,  dass  Mill  es  in  ihr,  wenn  auch  eben  erst  in
ihr,  am  Orte  und  an  der  Zeit  gehalten  hat,  einigermaassen
ofien  zu  sein.  Diese  Eigenschaft  ertheilt  der  durch  die  Sicherheit ­
  des  Grabes  gedeckten  Kundgebung  mehr  Bedeutung  und
Interesse,  als  den  sämmtlichen  Millschen  Werken  zusammengenommen. ­
  Der  Autor  bekennt  darin,  dass  er  seine  schriftstellerischen ­
  Erfolge  in  der  Oekonomie  nicht  seinen,  eher  unter
        <pb n="463" />
        448

als  über  dem  Durchschnitt  des  Gewöhnlichen  verbliebenen
Fassungskräften  und  Charaktereigenschaften,  sondern  dem  fünfundzwanzigjährigen ­
  Vorsprung  und  den  Vortheilen  verdanke,
die  ihm  die  sofortige  Einführung  in  das  kaum  veröffentlichte
Ricardosche  System  durch  seinen  mit  dem  Urheber  befreundeten ­
  und  verkehrenden  Vater,  sowie  überhaupt  der  väterliche
ausschliessliche  Hausunterricht  im  Gegensatz  zu  den  Hemmnissen ­
  der  gemeinen  Schulerziehung  verschafft  habe.  Auch
giebt  er  seine  Nationalökonomie  selber  Preis,  indem  er  nur  für
sein  Logikbuch  auf  noch  einige  Dauer  rechnet,  während  er  in
dankenswerther  Resignation  voraussetzt,  dass  über  die  „alte
politische  Oekonomie”  die  socialistischen  Gedanken  bald  völlig
fortgeschritten  sein  würden.  Unter  der  alten  politischen  Oekonomie ­
  versteht  er  diejenige,  welcher  Eigenthum  und  Erbrecht
zu  Grunde  lägen.  Indem  er  hiemit  seine  eignen  Arbeiten  desavouirt
  und  so  einen  Beitrag  zur  Selbstkritik  der  eklektisch
tastenden  Art  von  Volkswirthschaftslehro  liefert,  hält  er  auch
mit  den  Nebeln  seiner  schwunglosen  Zukunftsphantasie  nicht
zurück.  In  dieser  unbestimmt  halbsocialistischen  Richtung,  in
welcher  eingestandenormaassen  seine  Frau  das  Verdienst  hatte,
1  m  stets  voi  auszusein  und  seiner  Gedankenträgheit  nachzue
  en,  wagt  er  nun  schliesslich  gleichsam  in  seinem  ökonomischen ­
  Testament  den  Ausspruch,  dass  einst  alle  Rohstoffe  der
Welt  für  die  Arbeit  gemeinsam  werden  würden.  Von  den
St.  Simonisten  habe  er  die  transitorische  Natur  einer  Volkswirthschaftslehre
  erkennen  gelernt,  die  in  der  Freiheit  der  Production ­
  und  des  Austausches  das  letzte  Wort  der  socialen  Verbesserungen ­
  gesprochen  zu  haben  glaube.
Trotz  der  erwähnten  7  Auflagen  der  politischen  Oekonomie ­
  bemerkt  man  doch  an  Mill  keine  eigentliche  Entwicklung.
Die  letzte  und  entscheidende  Erklärung  dieses  Mangels  an  Bewegung ­
  ist  nicht  etwa  blos  in  der  passiven  und  mittelmässigen
Geistesart  des  Autors,  sondern  auch  in  der  Thatsacho  zu  suchen'
dass  sich  dieser  Autorberuf  als  ein  völlig  künstliches  Erzeugmss
  einer  verhältnissmässig  guten  Erziehung  an  einem  von
Natur  trägen  und  unberufenen  Gegenstände  kennzeichnet.  Mit
dem  vollendeten  12.  Lebensjahre  war  der  Knabe  schon  mit
mnem  väterlichen  individuellen  Hauscursus  der  Ricardoschen
Oekonomie  bedacht  worden,  und  schon  damals  stand  der  Plan
fest,  das  vermeintlich  für  Lernende  zu  schwere  Ricardosche
        <pb n="464" />
        449

Werk  künftig  durch  ein  breiteres,  verständlicher  sein  sollendes
Lehrbuch  zu  ersetzen.  Diese  frühe  Fixirung  der  Gedanken
konnte  nun  wohl  eine  Mittelmässigkeit  zu  einer,  wenn  auch
schwerfälligen,  so  doch  immerhin  nachhaltigen  Autorvirtuosität
aufstutzen,  und  rechnet  man  hiezu  noch  die  baldige  Einführung
in  das  Reviewerthum  und  überhaupt  in  die  Diplomatie  der
Journalistik,  namentlich  der  Mittel  und  Wege  der  baldigen
Erfolgmacherei,  so  hat  man  sich  über  das  Weitere  nicht  im
Mindesten  zu  wundern.  Stuart  Mill  blieb,  soviel  auch  an  ihn
kam,  Zeit  seines  Lebens  wesentlich  das,  wozu  ihn  sein  Vater
schon  in  den  reiferen  Knabenjahren  geformt  hatte.  Seine  Darstellung ­
  der  politischen  Oekonomie  wurde  durch  die  verschleierten ­
  halbsocialistischen  Hindergedanken  nur  noch  mehr  ein  consequenz-
  und  charakterloses  Gemisch  der  unwillkürlichen
Bourgeoisdenkweise  und  der  zum  Theil  abgeschwächten,  zum
Theil  verhehlten  Gegenregungen.  Religionslos,  nämlich  nicht
einmal  verschwommen  theistisch,  sondern  völlig  skeptisch  erzogen, ­
  aber  zugleich  von  seinem  Vater  mit  dem  Recept  versehen, ­
  derartige  Ansichten  nie  einzugestehen,  hat  Mill  sich  in
der  Philosophie  Redeweisen  und  Gedanken  Wendungen  gestattet,
die  mit  seinen  wirklichen  Ansichten  nicht  stimmten,  und  auf
dieselbe  Weise  erklärt  sich  die  Kluft,  die  zwischen  seinem  Buch
über  politische  Oekonomie  und  seinen  Bekenntnissen  in  der
Selbstbiographie  gähnt.  Die  letztere  ist  aus  diesen  und  andern
Gründen  einiger  Lectüre  werth.  Sie  lehrt,  was  ein  sorgfältiger
Unterricht  beinahe  aus  jedem  Holze  für  einen  Autormercur  zu
schnitzen  vermöge,  und  wie  armselig  im  Vergleich  zu  solchen
Erfolgen  die  gewöhnliche  Unterrichtsweise  der  mittleren  und
höheren  Lehranstalten  sich  ausnehme.  Die  beste  sociale  Lehre,
die  ein  Mill  je  zu  ortheilen  vermochte,  liegt  in  seinem  Erziehungsschicksal, ­
  und  die  Wohlgemeintheit,  mit  der  er  nun
schliesslich  selbst  seine  Lebensumstände  als  wichtiger  und  als
das  eigentliche  Hauptinteresse  bezeichnet  hat,  mag  mit  der
Schwäche  seiner,  zur  Weltcelebrität  gelangten  Leistungen  in
Philosophie  und  Oekonomie  einigermaassen  aussöhnen.  Hiemit
ist  aber  auch  ein  näheres  Eingehen  auf  Einzelheiten  des  Inhalts ­
  seiner  politischen  Oekonomie,  wozu  ich  mich  in  der  ersten
Auflage  dieser  Geschichte,  wenn  auch  widerwillig,  herbeigelasson
  hatte,  überflüssig  geworden.  Einen  neuen,  die  Wissenschaft ­
  fördernden  Gedanken  wird  Niemand,  der  schärferes
Duliring,  Geschichte  der  Nationalökonomie.  2.  Auflage.  29
        <pb n="465" />
        450

TJrtheil  hat  und  einen  höheren  Maassstab  anlegt,  in  der  Millschen
  Oekonomie  nachzuweisen  vermögen.  Die  alten  Gedanken
aber  finden  sich  in  einer  Weise  zugestutzt,  deren  Untersuchung
höchstens  zur  Kennzeichnung  der  Unsicherheit  eines  Autors
dienen  kann,  der  mit  dem  Besten,  was  er  vorfand,  nichts
Sonderliches  anzufangen  vermocht  hatte.
8.  Gleichsam  eine  Erinnerung  an  den  Schottischen  Ursprung ­
  der  ersten  umfassenden  Formulirung  der  neuern  Nationalökonomie ­
  ist  Macleod  (geh.  1821).  Mit  ihm  ist  es  wiederum
ein  Schotte,  der  auf  der  Brittischen  Insel  die  Volkswirthschaftslehre
  in  einer  einigermaassen  methodischen  und  systematischen
Fassung  repräsentirt.  In  der  That  ist  Macleod  seinen  Europäischen ­
  Zeitgenossen  vom  Fach  der  Schulökonomio  nicht  nur
durch  Genauigkeit  der  Schematisirungen  und  durch  den  Versuch ­
  streng  wissenschaftlicher  Haltung  überlegen,  sondern  ragt
unter  ihnen  auch  durch  die  Originalität  einiger  Specialanschauungon
  im  Gebiet  des  Credits  sowie  durch  die  sich
hieran  knüpfenden  Verbesserungen  der  formalen  Gesammtaufiassung
  der  Oekonomie  sehr  erheblich  hervor.  Obwohl  er
eine  vierfache  Art  von  scholastischen  Neigungen  vertritt,  so
sind  doch  selbst  die  Abirrungen  dieser  schematistischen  Art  und
Weise  noch  ein  Zeugniss  für  ein  selbständiges  Denken  und
können  daher  mit  dem  ganz  äusserlichen,  bewegungslosen  und
unselbständigen  Verhalten  eines  Stuart  Mill  kaum  verglichen
werden.  Macleod  ist  wirklich  in  seiner  Art  ein  volkswirthschaftlicher
  Denker  und  Lehrer  und  macht,  wenn  man  das
heutige  Epigonenthum  in  Anschlag  bringt,  der  Schottischen
Ueberlieferung  und  der  von  Hume  und  Smith  her  allbekannten
Abstractionskraft  vergleichungsweise  noch  immer  einige  Ehre.
Unter  den  jetzt  lebenden  nationalökonomischon  Schriftstellern
Europas  ist  er  derjenige,  welcher  noch  am  ehesten  als  ein  rospectabler
  Vertreter  der  Oekonomie  des  freien  Geschäfts  genannt
werden  kann,  sobald  man  überhaupt  zugebon  will,  dass  dio
moderne  Oekonomie  in  Europa  augenblicklich  einen  ernstlichen
und  zugleich  in  den  Hauptculturländern  allgemein  bekannten
Vahrnehmer  ihrer  höheren,  streng  wissenschaftlichen  Interessen ­
  aufzuweisen  habe.  Macleod  ist  mit  seinen  ersten  entscheidenden ­
  Schriften  ungefähr  zwei  Jahrzehnte  später  hervorgetreten, ­
  als  Stuart  Mill  mit  seinem  Buche.  Dieses  Zeitverhältniss
  und  der  Umstand,  dass  der  Schottische  Theoretiker  mit  seinen
        <pb n="466" />
        451

Bestrebungen  noch  unserer  Generation  angehört  und  sich  in
derselben  Bahn  zu  brechen  sucht,  mag  es  erklären,  dass  seine
Bemühungen  trotz  des  allgemeinen  Rufs,  der  sich  für  ihn  an
dieselben  geknüpft  hat,  dennoch  bei  Weitem  nicht  die  volle
Würdigung  gefunden  haben,  die  sie  verdienen.  Herr  Richelot,
der  Französische  Hebersetzer  unseres  List,  hat  unter  dem
Titel:  „Eine  Revolution  in  der  politischen  Oekonomie”  (Une
révolution  en  économie  politique  etc.  Paris  1863)  den  Macleodschen
  Gedankenkreis  und  zwar  meist  durch  die  Französische
Uebertragung  der  eignen  Worte  des  Urhebers  auch  für  diejenigen ­
  zur  Darstellung  gebracht,  welchen  die  bis  jetzt  unübersetzten
  Schriften  unzugänglich  sind.  Die  in  dieser  Beziehung
verdienstliche  Arbeit  nimmt  für  ihren  Gegenstand  allerdings
Mehr  in  Anspruch,  als  unbefangenerweise  und  im  Hinblick  auf
die  gegenwärtige  Verfassung  der  Yolkswirthschaftslehre  zugestanden ­
  werden  kann.  Von  einer  wissenschaftlichen  Revolution
könnte  allenfalls  in  Rücksicht  auf  die  formale  Auffassung  des
Crcditmechanismus  und  der  principiellen  Erklärung  der  Crediterscheinungen
  geredet  werden;  aber  auch  unter  dieser  Beschränkung ­
  darf  man  das  Wort  nicht  in  einem  zu  umfassenden  Sinne
nehmen.  Eine  erhebliche  Veränderung  in  einer  besondern  Verzweigung ­
  von  Anschauungen  und  die  Durchführung  der  sich
daran  knüpfenden  Folgerungen  ergiebt  noch  keine  Umwälzung
des  allgemeinen  Systems  der  ökonomischen  Theorie.  Ist  auch
im  Creditmechanismus  das  subtilste  Kräftespiel  und  der  letzte
Grund  zu  den  Erscheinungen  des  Verkehrs  zu  suchen,  wie  sie
auf  der  bis  jetzt  erreichten  höchsten  Entwicklungsstufe  des
volkswirthschaftlichen  Getriebes  hervortreten,  —  so  ist  doch
die  Spitze  nicht  das  Fundament  und  kann  noch  viel  weniger
als  Ersatz  für  das  ganze  Gebäude  gelten.  Nichtsdestoweniger
wird  aber  für  Macleod  ein  bedeutsamer  und  mindestens  in  der
Theorie  des  Credits  bahnbrechender  Schritt  in  Anspruch  zu
nehmen  und  von  den  modern  scholastischen  Ausweichungen  in
das  rein  Schomatistische  abzusondern  sein.  Nimmt  man  noch  hinzu, ­
  dass  sich  unser  Schotte  auch  um  Klarheit  des  Ausdrucks  und
um  einen  gediegenen,  einfachen,  den  eigentlichen  Wissenschaften
entsprechenden  Stil  mit  Erfolg  bemüht  und  im  Punkte  echt
schulmässigcr  Deutlichkeit  die  gleichzeitigen  Europäischen
Fachgenossen  übertroffen  hat,  so  kann  man  in  der  That  ungeachtet ­
  aller  Vorbehalte  über  Inhalt  und  Methode,  einen  Macleod
29*
        <pb n="467" />
        452

getrost  als  denjenigen  hinstellen,  welcher  seit  Friedrich  List
und  in  einer  praktisch  entgegengesetzten,  nämlich  in  der  einseitig ­
  händlerischen  Richtung  die  Volkswirthschaftslehre  in
Europa  noch  am  meisten  charakteristisch  und  mit  dem  verhältnissmässig
  grössten  wissenschaftlichen  Erfolge  hearhoitet
hat.  Hiebei  ist  stillschweigend  alles  das,  was  die  Bedeutsamkeit ­
  Bastiats  ausmacht,  nicht  in  Rechnung  gezogen  worden,
weil  es  gar  nicht  der  Europäischen  Yolkswirthschaftslehro  angehört, ­
  Nun  ist  allerdings  auch  die  Verwandtschaft  nicht  zu
verkennen,  in  welcher  manche  Aufstellungen  des  Schotten  zu
Bastiat  und  mittelbar  zu  Amerikanischen  üeberliefcrungon
stehen;  allein  grade  in  diesen  Verwandtschaftspunkton  wird  auch
die  Eigenthümlichkeit  der  neuen  Erscheinung  von  uns  nicht
gesucht.  In  der  Sphäre  des  Credits  ist  aber  die  Auffassung
ganz  original,  und  es  darf  daher  Alles,  was  auf  diesen  Ausgangspunkt ­
  zurückgeführt  werden  kann,  als  eine  im  entschiedensten
Sinne  des  Worts  auszoichnonde  Eigenthümlichkeit  in  Anschlag
gebracht  werden.
Schon  in  seiner  „Theorie  und  Praxis  des  Bankwesens”
(The  theory  and  practico  of  banking,  2  Bdo.  London  1856)  hatte
Macleod  seinen  allgemeinen  Ansichten  über  die  Gesammtauffassung
  der  Oekonomio  einen  Ausdruck  gegeben.  Auch  ist  es
für  seine  Haltung  und  Entwicklung  bezeichnend,  dass  sein
Ausgangspunkt  eine  Einzelschrift  über  die  wichtigsten  Organe
des  industriellen  Credits  gewesen  ist.  Wer  das  Getriebe”  der
Volkswirthschaft  vom  Standpunkt  des  Bankwesens  aus  betrachtet, ­
  wird  vorherrschend  zu  andern  Anschauungen  gelangen
müssen,  als  wer  in  der  Land  wirthschaft  und  in  den  Manufecturen
  Stellung  nimmt.  Er  wird  weit  mehr  die  gesellschaftlich
finanziellen  Formen  und  die  juristischen  Obligations  Verhältnisse
unmittelbar  ins  Auge  fassen,  als  sich  mit  denjenigen  Nothwendigkeiten
  beschäftigen,  welche  im  Gebiet  der  materiellen  Production ­
  für  die  Gestaltung  des  creditmässigen  Getriebes  gleichsam ­
  von  unten  her  maassgobend  sind  oder  relativ  unabhängig
von  dem  subtileren  Ueberbau  zu  allen  Zeiten  oxistiron.  Die
„Elemente  der  politischen  Oekonomio”  (1858)  bildeten  daher
auch  nur  den  Hebergang  zu  der  Unternehmung  eines  sehr  umfassend ­
  angelegten  Wörterbuchs  der  politischen  Ookonomio,
welches  jedoch  auf  einen  ersten  Band  (Dictionary  of  political’
economy,  1863)  beschränkt  geblieben  ist.  Dieser  umfangreiche
        <pb n="468" />
        453

Band  enthalt  jedoch  grade  diejenigen  Artikel,  in  denen  sich  die
Grimdanschaimngen  des  Verfassers  am  meisten  zeigen  mussten.
Er  schlicsst  noch  grade  die  Abhandlung  über  den  Credit  und
den  Artikel  Currency  ein  und  ist  ausserdem  für  die  Rubriken
des  Bankwesens  und  für  den  Begriff  Capital  nicht  unwichtig.
Die  Weite  der  Anlage  sowie  der  Umstand,  dass  die  eigentlichen ­
  Engländer  im  Gegensatz  der  Schotten  für  die  strengere
Form  des  theoretischen  Wissens  jetzt  noch  mehr  als  in  früheren
Jahrhunderten  unempfänglich  sind,  erklären  schon  allein  das
Abbrechen  des  Unternehmens.  Die  neuste  systematische  Darstellung ­
  des  gesammten  Gedankenkreises  ist  die  2.  Auflage  der
oben  erwähnten  Elemente,  trägt  aber  bezeichnenderweise  den
Titel  einer  ökonomischen  Philosophie  (The  principles  of  economical ­
  philosophy,  Band  I  London  1872).
9.  Unter  den  freihändlerischen  Arbeiten,  die  seit  Ricardo,
also  seit  einem  halben  Jahrhundert  in  Europa  erschienen  sind,
ist  keine,  die  sich  in  gleichem  Grade  wie  das  Macleodsche
schematistische  System  ausgezeichnet  hätte.  Unser  Schottischer
Denker  hat  wieder  einmal  daran  erinnert,  dass  in  der  Nationalökonomie ­
  eine  strengere  wissenschaftliche  Form  der  Gedankenhaltung ­
  etwas  zu  bedeuten  habe.  Auch  wer  materiell  mit  seinen ­
  Schematisirungen  nicht  übereinstimmt,  muss  doch  das  Bestreben ­
  anerkennen,  ein  herrschendes  Princip  als  obersten
Erklärungsgrund  der  Erscheinungen  zur  consequenten  Anwendung ­
  zu  bringen  und  überhaupt  überall  das  logische  Element
der  ökonomischen  Erkenntniss  hervortreten  zu  lassen.  In  letzterer ­
  Beziehung  ist  allerdings  schon  die  erwähnte  vierfache
Scholastik  nicht  zu  übersehen;  aber  selbst  in  den  hieher  gehörigen ­
  Abirrungen  ist  noch  immer  einige  Originalität  anzutreifen.
  Macleod  wollte  gelehrter  Oekonom  und  zwar  im  Sinne
derjenigen  antiken  und  zum  Theil  philologischen  Gelehrsamkeit
sein,  welche  den  Englischen  Universitäten  und  ihren  verjährten
Gewohnheiten  einige  Schritte  entgegenkommt.  Er  bekümmert
sich  daher  etwas  zu  stark  um  alte  Autoritäten  und  interpretirt
in  nichtssagende  Ueberreste  des  Griechischen  Alterthums  seine
eignen  Lieblingsgedanken  hinein.  Jedoch  verirrt  er  sich  hiebei
nicht  bis  zu  dem  von  uns  schon  öfter  gekennzeichneten  Chinesen ­
  thum.  In  naher  Verbindung  mit  dieser  gelehrten  Neigung
steht  sein  Aristotelischer  Logismus,  der  sich  z.  B.  in  einem
Uebermaass  von  Sorge  für  vermeinte  schulgerechto  Definitionen
        <pb n="469" />
        454

und  in  der  zn  breiten  Erörterung  formalistisch  logischer  Erapn
  bekundet.  Der  zweite  Bostandtheil  der  Macleodschen  Schoastik
  ist  etwas  moderner,  indem  sonderbarerweise  auch  noch
Baconische  Schemata  nicht  ohne  Geschick,  aber  doch  ohne
sachlichen  Erfolg  herbeigezogen  werden,  um  über  Gestalt  und
Gültigkeit  volkswirthscliaftlicher  Naturgesetze  zu  entscheiden.
Als  drittes,  wieder  um  einen  Grad  moderneres  Element  tritt
der  Gebrauch  naturwissenschaftlicher  Analogien  und  der  Anspruch ­
  hinzu,  die  mathematischen  Vorstcllungsartcn  für  das
ökonomische  Denken  zu  verwerthon.  Obwohl  in  letzterer  Ilin-'
  nicht  der  bekannte  übel  angebrachte  Gebrauch  von  anaytischen
  Formeln  zu  constatiren  ist,  so  kann  man  dennoch  nicht
umhin,  die  fraglichen  Wendungen  für  diejenige  Art  der  Schoastik
  zu  erklären,  in  welcher  die  Vorstellungsarten  des  mathematischen ­
  Gebiets  ähnlich  gehandhabt  werden,  wie  die
Aristotelische  Logik  von  den  Scholastikern  des  Mittelalters.
Grade  um  seiner  Vorzüge  willen  bildet  hier  Maclcod  das  typische ­
  Beispiel  für  eine  ganze  Richtung  von  Abirrungen  des
volkswirtlischaftlichen  Raisonnements.  Obwohl  nämlich  den
Statistikern  der  falsche  Gebrauch  der  Mathematik  meist  näher
gelegen  hat,  wie  besonders  das  Beispiel  eines  Quetelet  zeigt,
so  ist  doch  auch  die  eigentliche  Nationalökonomie  nicht  von
den  auf  dem  Boden  der  mathematischen  Analysis  erwachsenen
Neigungen  zu  einem  fehlgreifenden  scholastischen  Gebrauch
verschont  geblieben.  Indessen  sind  es  der  Regel  nach  nur  '
Persönlichkeiten  unter  dem  Niveau  der  Geschichte  gewesen,
deren  Musse  und  Unfähigkeit  zur  Bethätigung  wirklich  mathematischer ­
  Leistungen  sie  angereizt  hat,  mit  ihren  überflüssigen
Kenntnissen  des  Calcüls  die  Volkswirthschaftslehre  heimzusuchen. ­
  In  den  letzten  Jahrzehnten  sind  derartige  Erscheinungen ­
  häuflger  geworden,  und  es  ist  daher  ein  günstiger  Umstand, ­
  dass  wir  in  Macleods  viel  höher  gearteter  Scholastik  auch
die  ganz  subalternen  und  weit  mehr  fehlgreifenden  Spielereien
mitzubeurtheilen  vermögen.  Sein  negatives  und  positives  Eigenthum ­
  soll  uns  daher  nicht  im  Mindesten  kümmern,  und  seine
bisweilen  an  mathematischen  Mysticismus  streifenden  Vorstellungsarten, ­
  die  auf  Analogien  der  rationellen  Naturphilosophm
  im  Sinne  Newtons  beruhen  wollen,  können  ebenfalls  zur
Seite  gelassen  werden.  Dagegen  ist  daran  zu  erinnern,  dass
die  Einführung  der  Vorstellungen  vom  Positiven  und  Nega-
        <pb n="470" />
        455

tivcn  in  die  Auffassung  der  Creditbeziehungen  zwar  nicht  überall
falsch  oder  unklar,  aber  jedenfalls  ein  überflüssiger  Formalismus ­
  ist.  Der  Satz,  dass  eine  Verbindlichkeit  durch  eine  Forderung ­
  von  gleicher  G-rösse  nicht  zu  Null  aufgehoben  werde,
sondern  dass  hier  zwei  entgegengesetzte  ?  Wirklichkeiten  im
Spiele  seien,  ist  eine  Paradoxie,  die  sich  leicht  in  eine  Trivialität ­
  verwandeln  lässt.  Wenn  Macleod  aber  für  diesen  mehr
schiefen  als  tiefen  Satz  einen  mathematischen  Schematismus
der  Naturkräfte  aus  dem  Gebiet  der  höheren  Naturphilosophie
zum  Erläuterungsprincip  macht,  so  tastet  er  hiemit  in  ein  Halbdunkel, ­
  in  welchem  sich  Niemand  überzeugt  finden  wird,  und
welches  selbst  erst  durch  eine  strengere  Logik  aufzuhellen
wäre.  Er  erklärt  auf  diese  Weise  das  ökonomisch  nicht  mit
zureichender  Klarheit  Gedachte  durch  etwas,  was  in  seiner
eignen  ungenügenden  Vorstellungsart  und  im  Bereich  des  mathematischen ­
  Mysticismus  ebenfalls  mit  Unklarheit  behaftet  ist.
Obwohl  daher  ein  gewisses  Streben  nach  der  Erkenntniss  tieferer
Beziehungen  und  subtilerer  Verhältnisse  auch  in  den  angedeuteten ­
  Wendungen  der  Macleodschen  Denkmethode  nicht  verkannt ­
  werden  darf,  so  wird  man  doch  stets  darauf  zurückkommen»
dass  derartige  Untersuchungen  zu  einem  erheblichen  Theil
scholastisch  leer,  zu  einem  andern  Theil  aber  auf  halbem  Wege
stehen  geblieben  sind.  Ein  noch  tieferes  Eindringen  in  das.
Wesen  der  Sache.würde  mit  dem  Halbdunkel,  welches  auch  in
den  formal  strengeren  naturwissenschaftlichen  Analogien  bestehen ­
  bleibt,  vollständig  aufgeräumt  und  zu  einer  freieren  und
natürlicheren,  der  Sache  unmittelbar  angemesseneren  Schematik
geführt  haben.  Diese  Bemerkung  trifft  übrigens  nicht  blos
Macleod,  sondern  überhaupt  denjenigen  Charakterzug  des  neusten
nationalökonomischen  Denkens,  welcher  durch  die  Uebertragung
naturwissenschaftlicher  sowie  anderer  Vorstellungsformen  entstanden ­
  ist,  die  den  der  Sache  fremden  Wissenschaften  unmittelbar ­
  entlehnt  sind,  ohne  zuvor  die  reine  Form  allgemein  wissenschaftlicher ­
  und  mithin  logisch  selbständiger  Begrifl’e  oder
Methoden  erhalten  zu  haben.
Die  vierte  Form  der  Scholastik  knüpft  sich  an  ein  unzweifelhaftes ­
  Verdienst,  nämlich  an  gute  juristische  Kenntnisse
der  Englischen  Art,  vermöge  deren  aber  die  Behandlung  der
politischen  Oekonomie  oft  genug  in  einen  Rechtstractat  ausartet. ­
  So  exact  die  fragliche  Gattung  juristischer  Denkweise
        <pb n="471" />
        456

auch  häufig  ausfallen  möge,  so  würde  sie  doch  Angesichts  der
au  Deutschem  Boden  bewerkstelligten  Schulung  in  den  reinen
egriffen  der  classischou  Römischen  Juristen  nicht  standhalten,
vermögen  es  nicht  als  strenge  Wissenschaft  und  haltbare
Denkweise  anzuerkennen,  wenn  der  Begriflf  Eigenthum  anders
als  unmittelbar  von  einem  materiellen  Gegenstand  und  daher
in  der  vagen  Art  des  Englischen  property  gebraucht  wird.  Auf
Eintheilungen  des  Eigenthums  in  dieser  fehlgreifenden  Richtung ­
  beruht  aber  ein  grosser  Theil  der  Macleodschen  Ockonomie
  und  Creditlehre.
Eine  gewisse  Launenhaftigkeit  ist  diesem  scholastischen
Standpunkt,  der  sich  halb  in  der  Sphäre  der  Universitäten  bewegt ­
  und  dennoch  nicht  recht  mit  ihrer  ganzen  Rückläufigkeit
harmonirt,  auch  da  unverkennbar  eigen,  wo  er  sich  selbst  historisch ­
  zu  construiren  und  seltsame  Vorgänger  aufzutreibon  sucht.
Höchst  sonderbarerweise  werden  Condillac  und  Beccaria  zu
Grössen  aufgetrieben,  durch  welche  Adam  Smith  verdunkelt
weiden  soll.  Ich  habe  die  betreffenden  Schriften  speciell  untersucht ­
  und  nur  gefunden,  dass  die  Hineindichtung  hier  ebensosehr ­
  eine  Bizarrerie  ist,  wie  die  naive  Annahme  Macleods,  dass
die  in  Frage  kommenden  Theorien  wirklich  als  mit  denen
Adam  Smiths  gleichzeitig  erkennbar  wären.  Der  auch  in  der
Philosophie,  wo  er  allein  erwähnt  zu  werden  verdient,  trocken
schulmässige,  langweilige  und  oberflächliche  Condillac,  der  mit
seinem  bornirten  und  platten  Sensualismus  zu  dem  originalen
und  geistig  regsamen  Materialismus  eines  Lamettrie  im  beschämendsten ­
  Contrast  steht,  —  dieser  scholastische  Verwässerer
  Lockes  hat  mit  seinen  Plattitüden  über  den  Handel  und
seinen  Verkehrtheiten  über  den  Werth  höchstens  den  Anspruch
ads  perrohologisohes  Behipkd  für  die  ITerinaingeri  der  gemeinen
Reflexion  über  politisch  ökonomische  Gegenstände  zu  figuriren.
Was  aber  den  muthlosen  Philanthropen  Beccaria  anbetrifft,  so
ist  seine  nachgelassene,  erst  1804  veröffentlichte,  so  zu  sagen
volkswirthschaftliche  Schrift  die  Frucht  eines  Professoramts,
an  der  man  nur  wenig  Eigenthümlichkeit  oder  moderne  Hai-  '
tung  wahrnimmt,  und  um  deren  Willen  man  sicherlich  nicht
danach  zu  forschen  braucht,  ob  der  darin  enthaltene  Cursus  mit
Adam  Smiths  Gedanken  gleichzeitig  zu  Stande  gekommen  sei
0  er  nicht.  Macleods  Seltsamkeit  in  der  Hervorsuchung  und
Beleuchtung  solcher  Antecedentien  erklärt  sich  zum  Theil  aus
        <pb n="472" />
        457

der  Neigung,  um  jeden  Preis  von  der  üeberlieferung  abzuweichen
und  auch  da  den  Schein  einer  eignen  Originalität  historisch  zu
stützen,  wo  nicht  sie,  sondern  nur  ein  Rückfall  in  vulgäre  Ansichten
vorhanden  ist.  Trotz  alledem  kann  man  sich  aber  mit  Macleods
Schriften  insofern  befreunden,  als  sie  relativ  das  Streben  nach  formeller ­
  Wissenschaftlichkeit,  ungeachtet  aller  Scholastik  und  aller
Bizarrerien,  in  einem  Grade  vertreten,  wie  er  den  weniger  fehlbaren, ­
  weil  von  vornherein  todtgebornen  Compilationen  der  Schulroutine ­
  und  des  Scholarchenthums  nicht  eigen  sein  kann.
10.  Da  unser  Schotte  vor  allen  Dingen  Systematiker  sein
will  und  in  der  That  der  abstracten,  uns  Deutschen  sicherlich
nicht  antipathischen  Denkweise  huldigt,  die  in  seinem  engem
Vaterlande  schon  vor  Hume  und  Smith  traditionell  war,  so
dürfen  wir  uns  nicht  wundern,  einem  einzigen  Princip  eine
allesbeherrschende  Rolle  zugetheilt  zu  sehen.  Es  ist  dies  von
dem  fraglichen  Standpunkt  aus  mit  Recht  das  Gesetz  der  Concurrenz,
  aber  unglücklicherweise  in  einer  viel  zu  engen  Fassung,
in  welcher  es  nur  die  Aussenseite  und  Oberfläche  der  Erscheinungen ­
  berührt.  Wie  bei  Bastiat  ist  der  Tausch  der  letzte
Ausgangspunkt,  und  die  händlerisch  gefärbte  Vorstellungsart
prägt  sich  besonders  darin  aus,  dass  der  tiefgreifende  Grundtrieb ­
  der  Concurrenz  die  Gestalt  eines  blossen  Gesetzes  von
Angebot  und  Nachfrage  annimmt.  Indessen  auch  in  dieser
beschränkten  Gestalt  wird  es  noch  weiter  dadurch  reducirt,  dass
es  nur  das  oberflächliche  Spiel  der  Veränderungen  des  Marktes
betreffen  soll.  Die  Grössen,  um  deren  gegenseitiges  Verhältniss
es  sich  bei  diesem  Gesetz  handelt,  werden  mehr  formal  vorausgesetzt, ­
  als  wirklich  auf  ihre  entlegensten  Productionsursachen
zurückgeführt.  Doch  mag  es  immerhin  eine  erspriessliche  Hebung
sein,  den  Macleodschen  Ableitungen  und  Reflexionen  zu  folgen
und  zu  betrachten,  wie  sich  das  Gesetz  von  Angebot  und  Nachfrage
in  allen  ökonomischen  Fundamentalverhältnissen  bethätige.
Den  Begriff  des  Werthes  überspringt  Macleod  insofern,
als  ihm  die  Werththeorie  ohne  Weiteres  zu  einer  Theorie  der
Preise  wird.  Diese  Wendung  ist  allerdings  besser,  als  die
Einführung  unnützer  oder  gar  haltloser  Schulunterscheidungen
zwischen  Werth  und  Preis.  Allein  es  stimmt  sehr  wenig  zu
ihr,  dass  der  Vertreter  derselben  ungeachtet  seiner  Vorliebe
für  Bastiat  und  dessen  Begriff  vom  Dienste,  dennoch  die  Brauchbarkeit ­
  vorherrschend  als  Werthursache  im  Auge  hat.  Im  Hin-
        <pb n="473" />
        458

.W  i

blick  auf  diesen  Umstand  lässt  sich  mit  unserm  Schotten  o-ar
nicht  mehr  kritisch  rechten.  Nur  sei  bemerkt,  dass  seine  gegen
dm  Smithsche  Grund  Vorstellung  gerichtete  Formel,  wonach
nicht  die  aufgewendete  Aibeit  den  Werth,  sondern  der  vorher
feststehende  Werth  die  aufzuwendende  oder  aufwendbare  Arbeit ­
  bestimmt,  ausserhalb  des  Tausches  und  eines  fertigen  Systems ­
  der  Preise  keinen  Sinn  haben  würde,  wenn  man  ihr
nicht  das  Bedürfniss,  d.  h.  die  Nützlichkeit,  als  für  die  wirthschafthche
  Kraftausgabe  normgebend  unterlegte.  Schwerlich
kann  man  sich  irgendwo  an  einem  deutlicheren  Beispiel  von
der  Nothwendigkeit  einer  kritischen  Auffassung  des  Werthbegriffs
  und  der  Werthursachen  überzeugen,  als  an  den  Raisonnements ­
  Macleods.  Eben  weil  sein  Denken  und  seine  Schlussart
einen  gewissen  Grad  von  Genauigkeit  haben,  treten  die  ünveieinbarkeiten
  entschiedener  hervor,  als  in  den  verwaschenen
Auslassungen  historistischer  und  descriptiver  Natur,  wie  sie  die
Zuflucht  aller  derjenigen  bilden,  die  dem  Rationalen  in  jeglicher
  Richtung  gern  aus  dem  Wege  gehen.  Der  Fundamentalleliler
  ist  also  bei  Macleod  schon  in  seiner  Fassung  des  Gesetzes ­
  von  Angebot  und  Nachfrage  zu  suchen,  indem  die  Glieder
dieses  den  Angelpunkt  abgobenden  Verhältnisses  ohne  eine
.mbmfknde  VonfleHungsrnt  von  dem  Sinn  der  in  flmem  fhm_
rirenden  Grössen,  d.  h.  von  den  Werthen,  gedacht  sind.  UebriiT^ns
  18t  es  c^anz  rkdddg:,  class  die  ^Triebkraft  der  Ooncurrenz  iii
ihrer  Rolle  für  das  ökonomische  System  mit  der  Bedeutunoverglichen ­
  werden  kann,  welche  der  Gravitation  bisher  in  den
Erklärungen  des  Natursystems  zukam.  Die  wirthschaftlichen
Phänomene  sind,  abgesehen  von  dem,  was  sie  auch  noch  sonst
sein  mögen,  innerhalb  des  lebendigen  Verkehrs  stets  Concurrenzerscheinungen.
  Allein  die  Ursachen  dieser  Ooncurrenz  sind
hefer  zu  suchen,  als  dies  von  Seiten  Macleods  geschehen  ist.
le  Bevölkerung  und  die  Naturgrenzen  dürfen  auch  in  den
nicht  Malthusianischen  Systemen  nicht  übersehen  werden.  Am
weni^ten  durfte  dies  aber  da  geschehen,  wo,  wie  bei  Macleod,
er  Malthus-Ricardoschen  Anschauungsweise  gegenüber  eine
gewisse  Gleichgültigkeit,  um  nicht  zu  sagen  Unbestimmtheit,
vorherrscht.  Unter  allen  Umständen  muss  sich  aber  eine
Ibeorie  der  Ooncurrenz  allermindestens  auf  die  von  der  Natur
vorgeschriebenen  Bahnen  des  Ooncurrenzlaufes  und  auf  die
Untersuchung  der  Positionen  oder  Ohancen  einlassen.  Andern-
        <pb n="474" />
        459

falls  bleibt  sie  in  dem  Yorurtlieil  befangen,  demzufolge  die
sogenannte  freie  Concurrenz  nach  dem  Bilde  einer  Kraft
gedacht  wird,  die  in  einem  flüssigen  Element  wirkt  und  in
keiner  Richtung  auf  Hindernisse  oder  wenigstens  nicht  auf
unterschiedene  Hindernisse  stösst.  Die  Lehre  von  den  natürlichen ­
  Schranken  und  besondern  Gestaltungen  der  concurrirenden
  Bestrebungen  enthält  in  einem  gewissen  Sinne  die  ganze
Ockonomie.  Diese  Lehre  ist  es  aber  auch,  an  deren  Stelle
sich  Macleod  mit  einer  blossen  Zergliederung  des  oberflächlichen
Wollenspiels  in  den  Schwankungen  des  Marktes  begnügt  hat.
Auch  wird  aus  seinem  Verfahren  ersichtlich,  wie  verschieden
die  Tiefe  des  Sinnes  sein  kann,  in  welchem  man  das  Gesetz
der  Concurrenz  behandelt.
Weit  besser  als  in  dem  blossen  Versuch  zur  Systematik
gestalten  sich  die  Gedanken  unseres  Theoretikers,  sobald  er
das  Gebiet  des  Credits  betritt.  Hier  entfernt  er  zunächst  ein
zu  allererst  von  ihm  aufgedecktes  Vorurtheil,  demzufolge  das
Vertrauen  das  entscheidende  Element  der  Creditgestaltungen
sein  soll.  Er  setzt  an  Stelle  desselben  die  richtigere  Vorstellung, ­
  dass  die  eigentliche  Ursache  der  Entwicklung  eines
Systems  von  Creditbeziehungen  die  Nothwendigkeit  sei,  gegenwärtige ­
  Leistungen  mit  künftigen  zu  vermitteln  oder,  mit  andern
Worten,  die  Leistungen  in  der  Zeit  auszutauschen.  Die  Leistung, ­
  welche  Zug  um  Zug,  d.  h.  gleichzeitig  stattfindet,  steht
derjenigen  entgegen,  bei  welcher  irgend  eine  Zwischenzeit  eine
erhebliche  und  durch  den  Zins  ausgeglichene  Rolle  spielt.  Es
ist  ein  gelungener  Schematismus,  wenn  unser  Schottischer
Denker  von  zwei  Dimensionen  der  Volkswirthschaft  spricht,
indem  er  Raum  und  Zeit  oder  das  Neben-  und  Nacheinander
der  verschiedenen  Beziehungen  im  Auge  hat.  Derartige  Gesichtspunkte ­
  sind  keine  falsche  Scholastik,  sondern  führen,  wie
die  Credittheorie  zeigt,  zu  den  fruchtbarsten  Specialvorstellungen.
Das  Bankgeschäft  ist  nach  unserm  Autor  wesentlich  ein  Handel ­
  mit  Verbindlichkeiten.  Dieser  Verkehr  mit  Schulden,  die
gegen  einander  umgesetzt  werden,  erstreckt  sich  natürlich  auch
auf  die  Zettel,  die  als  Geld  fungiren,  und  kann  auch  mit  dem
Motallgeldsystem  dadurch  verbunden  gedacht  werden,  dass  man
das  letztere  als  die  von  der  Natur  selbst  garantirte  Beurkundung ­
  eines  Credits  ansieht.  Die  Eigenschaften  des  Metallgeldes
werden  hiedurch  nicht  vollständig  erschöpft;  wohl  aber  wird
        <pb n="475" />
        4G0

es  klar,  in  welcher  Richtung  sie  die  universelle  Auffassung  des
Creditsystems  unterstützen.  Die  Intervalle,  in  denen  Leistung
und  Gegenleistung  ineinandergreifen,  bestimmen  die  natürliclieu
Fristen  für  die  Oreditgeschäfte  oder  creditmässigen  Formen
solcher  Verkehrshandlungen,  die  nicht  ausschliesslich  dem  abgesonderten ­
  Creditmechanismus  angehören.  Das  Vertrauen  ist
eine  Vorbedingung,  aber  nicht  die  eigentliche  Ursache  des
Credits,  und  wir  können  daher  zu  der  Macleodschen  Theorie
die  Bemerkung  hinzufügen,  dass  es  mit  den  Vorstellungen  von
der  Rolle  des  Vertrauens  im  Credit  eine  ähnliche  Bewandtniss
gehabt  habe,  wie  mit  den  Ansichten  über  die  Nützlichkeit  rücksichtlich ­
  des  ökonomischen  Werths  der  Dinge.  Unser  Schottischer ­
  Credittheoretiker  hat  das  Verdienst,  in  diesem  engem
Gebiet  mit  einem  entscheidenden  Vorurtheil  in  einer  ähnlichen
Weise  aufgeräumt  zu  haben,  wie  es  in  der  allgemeineren  Sphäre
der  ökonomischen  Gesammtanschauung  Carey  mit  dem  Vorurtheil ­
  über  den  Werth  gethan  hat.
11.  Die  Macleodsche  Darstellung  der  Oekonomic  hat  eine
Seite,  von  welcher  sie  noch  mehr  als  diejenige  Bastiats  für
einen  in  formale  W^issenschaftlichkeit  gehüllten  Ausdruck,  des
reinen  Manchesterthums  und  der  zugehörigen  Vulgärökonomie
gelten  kann.  Sie  kennt  nämlich  den  Begriff  der  Vertheilung,
als  einer  Bestimmung  der  Antheile  der  verschiedenen  Classen,
so  gut  wie  gar  nicht.  Sie  behauptet  im  Gegentheil  mit  einer
seltsamen  Naivetät,  dass  alle  Vertheilung  nur  in  dem  Austausch
bestehe.  Circulation  und  Vertheilung  sind  ihr  einunddasselbe,
womit  sie  denn  grade  von  alledem,  was  sich  besonders  bei  Ricardo ­
  berücksichtigt  fand,  sowie  von  dem  Wesen  des  auf  die
Kritik  der  Vertheilung  gerichteten  Socialismus  nicht  das  Mindeste ­
  versteht.  Die  Unbefangenheit,  mit  der  sie  sich  in  die
eng  abgesteckte  Behausung  der  Ockonomie,  als  wäre  dieselbe
eine  blosse  Wissenschaft  des  Austausches,  unbekümmert  um  die
grossen  Fragen  der  Socialität  einpfercht  und  den  Menschen
nach  Whatelys  Ausdruck  als  ein  austauschendes  Thier  deñnirt,
ist  in  der  That  Angesichts  der  heutigen  Geistesströmungen
recht  seltsam  und  ein  Zeichen  arger  Rückständigkeit.  Sie  ist
aber  insofern  dankenswerth,  als  sie  ein  respectables  Beispiel
für  Dinge  und  Standpunkte  liefert,  an  deren  uneingeschränkte
Möglichkeit  im  Rahmen  eines  wissenschaftlichen  Systems  man
sonst  nicht  glauben  würde.  Für  den  mehr  praktisch  Denkenden
        <pb n="476" />
        461

wird  die  Entschädigung  für  solche  Cruditäten  sowie  auch  für
die  nicht  immer  glücklich  angebrachten  Subtilitäten  in  der  geduldigen ­
  Belehrung  zu  suchen  sein,  die  von  unserm  Autor
über  den  Croditmechanismus  und  einige  wichtige  Creditvorstellungen
  in  gewiss  zulänglicher  Breite  dargeboten  wird.  Freilich ­
  muss  man  hievon  die  der  Zettelausgabe  allzu  günstige
Färbung  der  Ideen  in  Abzug  bringen  und  den  Werth  der  Erörterungen ­
  nie  in  derartigen  Nutzanwendungen,  sondern  nur  in
der  Klarstellung  unbestreitbarer  Thatsachen  des  Creditgetriebes
suchen.  In  solchen  rein  theoretischen  Kennzeichnungen  praktischer ­
  Verhältnisse  des  Geschäftslebens  liegt  die  Hauptstärke
der  Macleodschen  Lehrvirtuosität.  Hier  ist,  ausser  in  den  Auffassungsgründen ­
  der  allgemeinen,  volkswirthschaftlich  noth  wendigen ­
  Creditentstehung,  das  entscheidende  Verdienst  der  ganzen
Leistung  anzuerkennen.
Dieses  Verdienst  erhält  eine  günstige  Folie  an  der  theoretischen ­
  Unhehülflichkeit  der  specialistisch  verwandten  Fachgenossen, ­
  nämlich  der  doctrinaren  Schriftsteller  im  Gebiet  des
Credit-  und  Bankwesens.  Ueherhaupt  steigert  es  sich  aber
durch  die  nächste  völlig  epigonenhafte  Umgehung,  in  welcher
es  Leute  gieht,  die  eine  Reihe  von  Bänden  mit  sehr  beschränkten ­
  Materialien  zur  Preisgeschichte  für  erhebliche  Bereicherungen ­
  der  volkswirthschaftlichen  Theorie  ansehen.  Wer  einen
Tooke  mit  seiner  Sammlung  von  Preistabellen  und  den  zugehörigen ­
  dürftigen  Reflexionen  für  einen  ernstlichen  Förderer
des  Systems  der  Volkswirthschaftslehre  anzusehen  vermag,
wird  freilich  Unternehmungen,  wie  die  eines  Macleod,  nicht  im
Entferntesten  begreifen.  Die  echt  Englisch  beschränkte  sogenannte ­
  Preisgeschichte  Tookes,  die  mit  dem  Ausgange  des
vorigen  Jahrhunderts  ihren  Stoff  beginnen  liess  und  durch  die
Fortsetzungen  von  Newmarch  der  Gegenwart  nahe  gerückt  ist,
mag  hier  und  da  einem  einsichtigen  Benutzer  des  vom  Verfasser
selbst  nicht  sonderlich  beherrschten  Materials  zeigen,  wo  die
Volkswirthschaftslehre  von  der  voreiligen  Gattung  zu  Phantasien
gelangt  sei,  welche  durch  die  einfachsten  Thatsachen  als  Unmöglichkeiten ­
  erwiesen  werden;  —  allein  der  Sammler  dieser
Materialien  selbst  hat,  auch  abgesehen  von  seiner  Polemik  in
Beziehung  auf  das  sogenannte  Currencyprincip,  sich  eben  nicht
als  Virtuose  der  strengeren  wissenschaftlichen  Form  gezeigt.
Von  den  neusten  Versuchen  eines  Oxforder  Professors,  des
        <pb n="477" />
        a

—  462  —

Herrn  Rogers,  die  Arbeit  Tookes  ein  halbes  Jahrtausend  rückwärts ­
  zu  ergänzen  und  auf  die  mittelalterlichen  Wirthschaftsrechnungen
  Englischer  Corporationen  ein  entscheidendes  Rai-.sonnement
  zu  begründen,  darf  aber  ernstlich  noch  weit  weniger
die  Rede  sein,  wo  es  sich  um  mehr  als  vereinzelte  historische
Beiträge  zur  Symptomatik  der  materiellen  Culturvorhältnisso
handeln  soll.  Doch  haben  wir  diese  mehr  der  statistischen
Materialienkunde  als  dem  Gegenstand  unserer  Geschichte  angehörigen
  Arbeiten  nur  des  Contrastes  wegen  angeführt,  in
welchem  sich  die  Macleodsche  Geistesarbeit  zu  solchen  angeblichen ­
  Bereicherungen  der  volkswirthschaftlichen  Theorie  befindet. ­
  Wenn  die  Nationalökonomie  zu  einer  strengeren
Wissenschaft  werden  soll,  so  wird  sie  den  rationalen  Zusammenhang
  über  alles  Andere  zu  stellen  und  bei  allem  Positivismus
in  der  Berücksichtigung  oder  Beschaffung  erheblicher  Thatsachon
dennoch  an  der  Schottischen  Tradition  festzuhalten  haben,  deren
vollkommenstes  Vorbild  in  Rücksicht  auf  die  Methode  in  Hume
zu  suchen  ist.  Sie  wird  daher  nicht  in  die  Epigonenhaftigkeit
eines  kritikarmen  Materialioncultus  verfallen  dürfen,  möge  sich
derselbe  historisch  oder  statistisch  nennen.  Ihre  Stärke  hat
bis  zu  den  neusten  schöpferischen  Wendungen  jederzeit  im
durchgreifenden  Denken  über  wirklich  erhebliche  Thatsachen
und  zwar  regelmässig  in  einem  solchen  Denken  bestanden,  wie
es  von  der  blossen  Schulroutine  niemals  producirt  wird.  Als
ein  greifbarer  Beweis  hiefür  sei  daher  noch  in  Erinnerung  gebracht, ­
  dass  die  ganze  Geschichte  der  Nationalökonomie  keinen
einzigen  Vertreter  ersten  Ranges,  ja  kaum  einen  vom  zweiten
aufzuweisen  hat,  der  nicht  ausserhalb  der  Ueberlieferung  der
Lehranstalten  und  ausser  Zusammenhang  mit  denselben,  in
meist  autodidaktischer  Kraftentfaltung  das  geleistet  hätte,  wodurch ­
  er  im  Zutrefienden  oder  Verfehlten  für  den  Entwicklungsgang ­
  der  Einsichten  dauernde  Bedeutung  und  einen  Platz
in  der  Reihe  der  schöpferischen  Geister  erlangt  hat.  Man
denke  an  die  Petty  und  Locke,  Boisguillebert,  Vauban  und
Quesnay,  dann  an  Hume  und  Smith,  ja  selbst  an  einen  Ricardo;
ferner  an  die  Thünen,  List  und  Carey,  ja  auch  an  Bastiat  und
an  die  Thatsache,  dass  wir  sogar  bei  den  Schriftstellern  von
einem  weniger  hohen  Range,  wie  Stuart  Mill,  ein  ähnliches
Verhältniss  beobachtet  haben.
        <pb n="478" />
        Achter  Ahschnitt.
Der  neuere  Socialismus.

Erstes  Capitel.
Französische  Vertreter.
Die  socialistisclie  Theorie,  welche  sich  vorbereitend  um  die
Ereignisse  von  1848  gruppirt  oder  als  Nachwirkung  derselben
zu  betrachten  ist,  knüpft  sich  in  Frankreich  noch  an  ein  paar
hervorragende  Namen,  während  sic  übrigens  vornehmlich  in
der  allgemeinen  Ideenhildung  aufgeht.  Louis  Blanc  und  Proudhon
sind  die  erheblichsten  Vertreter  desjenigen  Socialismus,  mit
welchem  sich  die  1848  thätige  Generation  beschäftigte.  Die
Hauptschriften  dieser  Autoren  liegen  ein  Menschenalter  hinter
uns.  Die  Blancsche  Organisation  der  Arbeit  erschien  als  besondere ­
  Schrift  zuerst  1841,  und  Proudhons  System  der  ökonomischen ­
  Widersprüche  im  Jahre  1846.  Der  letztere  hatte  jedoch ­
  auch  schon  seit  dem  Anfang  der  vierziger  Jahre  geschrieben, ­
  und  wenn  er  auch  nach  1848  in  der  Zeit  der  Cäsaristischen
Restauration  Vielerlei  und  sogar  umfassende  Bücher  veröffentlichte, ­
  so  hindert  dieser  Umstand  ebensowenig,  wie  im  Falle
Louis  Blancs,  seines  ziemlich  gleichaltrigen,  aber  früher  eingreifenden ­
  Zeitgenossen,  die  betreffenden  Bestrebungen  als
wesentlich  derjenigen  Strömung  angehörig  zu  betrachten,  welche
der  Februarrevolution  voranging.  Wir  werden  also  beiden
Persönlichkeiten  mit  ihren  Theorien  den  richtigsten  Platz  anweisen, ­
  wenn  wir  aus  der  Gegenwart  um  eine  Generation
zurückgreifen  und  die  spätem  Publicationen  nur  als  Früchte
einer  Thätigkeit  zweiter  Ordnung  ansehen.
Um  die  Zeit  der  Februarrevolution  kann  man,  soweit  es
sich  um  die  Aufstellung  von  Programmen  handelt,  füglich  auch
        <pb n="479" />
        schon  von  einem  Deutschen  Socialismus  reden.  Dieser  letztere
hat  zwei  EigenthUmlichkeiten.  Erstens  gewinnt  er  die  dialektischen ­
  Formen  seiner  Ideen  aus  einer  philosophastrischen
Schulung,  und  zweitens  wendet  er  sich  von  vornherein  mit  mehr
Nachdruck,  wenn  auch  immerhin  noch  in  secundärer  Weise,  den
politischen  Gesichtspunkten  zu.  Die  Herren  Engels  und  Marx
können  schon  in  den  Jahren  vor  der  achtundvierziger  Revolution ­
  als  Vertreter  derjenigen  Ideen  angesehen  werden,  die  erst
mit  der  Agitation  Lassalles,  also  erst  seit  1863  theilwcise,  und
dann  weiter  mit  der  Wirksamkeit  der  Marxschen  Internationale
öine  nachhaltigere  Verbreitung  erfuhren.  Vermöge  der  Anregung ­
  durch  letzteren  kosmopolitischen  und  namentlich  auch  Amerika ­
  socialistisch  disciplinirenden  Arheiterhund  hat  der  Socialismus ­
  einen  Weltcharakter  erhalten,  der  ihm  bis  dahin  noch  fehlte,
und  an  dem  auch  unwillkürlich  anders  geartete  Bestrebungen,
wie  diejenigen  eines  Bakunin,  trotz  aller  Gegnerschaft,  haben
theilnehmen  müssen.  Die  Dazwischenkunft  einer  Weltdemonstration, ­
  wie  sie  die  Commune  von  1871  gewesen  ist,  hat  die
Situation  auch  praktisch  geklärt.  Der  Blutstrom,  in  welchen
das  Pariser  Proletariat  verwandelt  wurde,  ist  grade  gross  genug
gewesen,  um  überall  bei  den  Völkern  von  dem  rothen  Symbol
Kunde  zu  bringen  und  die  Sache  des  Socialismus  als  einen
Classenkampf  von  Weltdimensionen  und  zwar  als  einen  solchen
Classenkampf  kenntlich  zu  machen,  in  welchem  nur  der  vollständigste ­
  Sieg  der  Arbeit  das  Ende  und  hiemit  den  Frieden
in  Aussicht  stellt.
Wer  den  Frieden  in  keiner  andern  Weise  als  in  der  eben
angegebenen  für  erreichbar  hält,  wird  in  allen  sentimentalen
Färbungen  des  früheren  Socialismus  ein  Element  der  Schwäche
und  Unklarheit  sehen  müssen.  Auch  Louis  Blanc  ist  hievon
durchaus  nicht  frei.  Die  ausgezeichnete  Stellung,  die  ihm  sonst
in  dem  Entwurf  der  Ideen  und  in  der  würdigen  Darstellungsart ­
  gebührt,  ist,  wie  sich  auch  schliesslich  in  seinem  Verhalten
seit  dem  Communeereigniss  vollends  bekundet  hat,  durch  eine,
zu  misslichen  Halbpositionen  verleitende  Schwäche  beeinträchtigt ­
  worden.  Man  könnte  ihm  daher  in  dem  der  Zeit  nach
mittleren  Socialismus  eine  ähnliche  Rolle  anweisen,  wie  sie
St.  Simon  für  den  älteren  ausgefüllt  hat.
2.  Aus  sehr  natürlichen  Gründen  gestaltet  sich  der  neuere
Socialismus  immer  politischer  und  es  sind,  ganz  wie  im  Bereich
        <pb n="480" />
        465

der  älteren  Erscheinungen,  nur  die  weniger  zurechnungsfähigen
Bestandtheile,  in  denen  die  innige  Verbindung  der  socialen
Bestrebungen  mit  der  Verfassungspolitik  verkannt  wird.  Sogar
Proudhon,  der  ursprünglich  rein  socialökonomisch  verfahren
wollte,  ist  später  thatsächlich  dazu  gelangt,  die  eigentlich  politischen ­
  Erörterungen  zum  Ausgangspunkt  zu  machen.  Weit
entscheidender  und  rationeller  ist  aber  gleich  von  vornherein
die  Anschauungsweise  Louis  Blancs  gewesen,  der  die  politische
Seite  der  socialen  Organisation  unter  den  fraglichen  neuern
Autoren  noch  am  allermeisten  in  Rechnung  gezogen  hat.
Hieraus  erklärt  es  sich  auch,  dass  sich  hei  ihm  das  allgemeine
Muster  für  eine  ganze  Gruppe  späterer  Vorschläge  und  Pläne
vorfindet.  So  waren  z.  B.  die  Lassalleschen  Productivassociationen ­
  mit  Staatscredit  nur  ein  Excerpt  aus  dem  klarer  und
natürlicher  dargelegten  Schema  Louis  Blancs.  Die  von  letzterem ­
  projectirten  socialen  Werkstätten,  die  nicht  mit  den
1848  gegen  ihn  unter  dem  Namen  von  National  Werkstätten  errichteten ­
  Almoseninstituten  zu  verwechseln  sind,  —  jene  eigentlichen ­
  Productionswerkstätten  waren  das  vollkommnere  Musterbild, ­
  nach  welchem  sich  die  Lassallesche  Copie,  die  noch  überdies ­
  ein  Bruchstück  blieb,  in  Ermangelung  eines  eignen  Plans
gerichtet  hatte.  Grade  weil  Louis  Blanc  nicht  das  Missgebilde
der  sogenannten  Nationalwerkstätten  verschuldete,  sondern  von
vornherein  eine  ernsthafte  Production  der  Arbeiter  auf  eigne
Rechnung,  aber  mit  dem  vorläufig  vom  Staat  gelieferten  Capital
und  auf  Grund  öfientlicher  Gesetzgebung  ins  Auge  gefasst  hatte,
konnte  seine  Idee  der  socialen  Ateliers  sehr  leicht  zu  dem
Schema  der  vom  Staat  mit  Credit  unterstützten  Productivassociationen ­
  abgeschwächt  werden.  Es  war  hiezu  nur  nöthig,
aus  dem  organischen  Ganzen  des  Urbildes  eine  bei  oberflächlicher ­
  Betrachtung  rationeller  aussehende  Halbheit  zu  machen.
Doch  wir  wollen  uns  hier  noch  nicht  eingehender  mit  Beziehungen ­
  und  Vergleichungen  beschäftigen,  die  erst  in  die  besondere ­
  Darstellung  der  Lassallescheu  Form  des  Projects  gehören. ­
  Ein  Louis  Blanc  würde  als  socialistischer  Theoretiker
auch  dann  eine  Bedeutung  haben,  wenn  er  sich  mit  der  Kritik'
der  Concurrcnzanarchie  begnügt  hätte  und  in  seinen  positiven
Ideen  nicht  bis  zur  Verzeichnung  der  besondern  organischen
Gemeinschaften  der  Arbeit  fortgeschritten  wäre.  Wir  haben
uns  daher  mit  ihm  eingehender  zu  beschäftigen,  um  hiedurch
Dlihring,  Geschichte  der  Xationalökonomio.  2.  Auflage.  30
        <pb n="481" />
        1

!  —  466  —

:  zugleich  die  Grundlagen  für  die  Darstellung  des  ganzen  neuern
;  Socialismus  zu  gewinnen.
Louis  Blanc,  geboren  1813  zu  Madrid,  Sohn  eines  höheren
Finanzbeamten,  bildete  sich  vornehmlich  im  Bereich  des  Jour-?
  I  nalismus  und  wirkte  in  dieser  Richtung  in  Paris  seit  Mitte
,  der  dreissiger  Jahre  selbständig.  Eine  „Revue  du  progrès’^
1  i  wurde  von  ihm  1839  begründet  und  war  es  auch,  in  welcher
i  die  berühmte  „Organisation  du  travail”  zuerst  erschien.  Diese
I  Schrift  erfuhr  nachher  eine  Reihe  von  Auflagen  und  ist  als
.  j  das  sociale  Programm  des  Autors  zu  betrachten,  der  darin  seine
).  I  theoretischen  Ideen  über  die  Wirkungen  der  sich  selbst  überlassenen, ­
  ungeordneten  Concurrenz  in  zusammenhängender
;  Weise  dargestellt  hat.  Aus  dem  rein  theoretischen  Gesichtspunkt ­
  ist  die  Kritik  der  Concurronzanarchio  sogar  der  Hauptinhalt,
und  die  positive  Organisation  der  Arbeit  erscheint  auch  äusserlich
  mehr  als  eine  hinzutretcndo,  praktisch  politische  Consequcnz.
Ausser  dieser  Schrift,  deren  geringer  Umfang  im  umgekehrten
Yerhältniss  zu  ihrem  Gedankcngebalt  steht,  hat  Louis  Blanc
keine  zusammenfassende  systematische  Darlegung  seines  Systems
geliefert.  W^ohl  aber  hat  er  seine  Anschauungen  in  seine  geschichtlichen ­
  Arbeiten  verwebt,  die  von  jener  Zeit  an  neben
j  tier  journalistischen  Thätigkeit  seine  schriftstellerische  Rolle
'  repräsentiren.  Er  wurde  ein  eminent  moderner  Geschichtsdarsteller, ­
  indem  er  zunächst  die  „Geschichte  der  zehn  Jahre
von  1830—40”  mit  der  Julirevolution  als  Ausgangspunkt,  zum
Gegenstand  einer  lebendigen  Charakteristik  machte.  Nach  dieser
Arbeit  aus  dem  Anfang  der  vierziger  Jahre  wendete  er  sich
i  1847  der  Yeröffentlichung  einer  umfassenden  „Geschichte  der
Französischen  Revolution”  zu,  womit  er  im  Laufe  der  nächsten
beiden  Jahrzehnte  zum  Abschluss  und  dann  zu  einer  zweiten
I  Auflage  gelangte.  Die  Februarrevolution,  in  deren  Schicksale
i;  Gr  selbst  verflochten  wurde,  ist  von  ihm  am  ausführlichsten
1  in  seiner  „Histoire  de  la  révolution  do  1848”  (2  Bde.  Paris  1870)
■*  behandelt  worden,  und  wir  müssen  in  diesem  Buch  auch  seine
&amp;gt;  jüngste  Rechenschaft  über  die  Rolle  seiner  eignen  Theorien
!  und  über  die  socialen  Wendungen  jenes  Ereignisses  suchen
,  Der  Yerfasser  war  bekanntlich  Mitglied  der  provisorischen
Regierung  gewesen  und  hatte  als  solches  eine  Erklärung  durchgesetzt, ­
  durch  welche  das  berühmte  „Recht  auf  Arbeit”  aus-.
  drücklich  anerkannt,  d.  h.  mit  andern  Worten  vom  Staat  die
        <pb n="482" />
        467

Yerpflichtimg  übernommen  wurde,  für  ausreichende  Beschäftigung ­
  der  Lohnarbeiter  zu  sorgen.  Dieser  ganz  rationelle
Anspruch,  der  für  den  Socialismus  nur  als  Ausgangspunkt
gelten  kann,  und  der  sogar  von  einem  Stuart  Mill  wenigstens
als  ein  Recht  aller  schon  Lebenden,  also  nur  mit  der  komischen
Ausnahme  des  sich  ins  Leben  drängenden  Nachwuchses  theoretisch ­
  vertheidigt  worden  ist,  —  dieser  mässige,  schon  von
der  grossen  Revolution  herstammende  Anspruch,  die  Ernährungsfähigkeit ­
  der  Arbeiter  nicht  durch  Isolirung  von  der  Arbeitsgelegenheit ­
  hintertrieben  oder  dem  Zufall  preisgegeben  zu
sehen,  hat  allerdings  an  unserm  Socialisten  einen  praktischen
Anwalt  gehabt.  Wäre  das  von  ihm  ins  Auge  gefasste  „Ministerium ­
  der  Arbeit”  verwirklicht  worden,  was  jedoch  bei  dem
Widerstande  der  Gegner  eine  neue  Umwälzung  und  eine  Aenderung
  der  provisorischen  Regierung  erfordert  hätte,  so  würde
Louis  Blanc  nicht  in  die  Lago  gekommen  sein,  im  Luxemburgpalast ­
  eine  Discussion  blosser  Theorien  veranstalten  zu
müssen.
Die  Widersacher  hatten  ihm  in  der  That  einen  unschuldigen ­
  Posten  angewiesen,  indem  sie  ihn  im  Aufträge  der  provisorischen ­
  Regierung  eine  fast  rein  theoretische  Beschäftigung
ausüben  Hessen.  Im  Luxemburg  constituirte  sich  so  zu  sagen
die  sociale  Speculation,  indem  eine  praktisch  befugnisslose  Yereinigung
  von  Yertretern  der  Arbeiter  oder  der  Arbeitersacho
die  Freiheit  hatte,  blosse  Ideen  officiell  niederzulegen.  Die
theoretischen  Kundgebungen,  die  gelegentlich  mit  geschäftlichen
Yermittlungen  und  Differenzausgleichungen  zwischen  Arbeitern
und  Unternehmern  verbunden  wurden,  können  als  Quelle  für
das  psychologische  Studium  des  fraglichen  Yorstellungslaufs
und  der  damaligen  Bestrebungen  gelten.  Allein  sie  bedeuteten
weder  für  die  Thatsacheu  noch  für  die  Gedanken  irgend  etwas
Neues.  Louis  Blancs  Theorie  konnte  sich  von  Staats  wegen
darlcgon  und  zur  Erörterung  bringen;  die  andern  Ansichten
konnten  sich  verlautbaren,  und  es  war  in  der  That  eine  ziemlich ­
  bunte  Gesellschaft  eingeladen  worden.  Die  störenden  Wirkungen ­
  der  Concurrenz  wurden  hier  im  Namen  des  Staats  verurthoilt,
  und  wenn  die  nach  dem  Luxemburg  relegirten  Ideen
an  und  für  sich  eine  unmittelbare  Macht  gewesen  wären,  so
würde  es  allerdings  an  reformatorischen  Wirkungen  nicht  gefehlt ­
  haben.  So  aber  war  der  socialistischen  Praxis  mit  der
80*
        <pb n="483" />
        468

Verweisung  auf  machtlose  Discussionen  im  Luxemburg  von
vornherein  die  Spitze  abgebrochen.
Der  Verzicht  des  bei  der  Masse  hochangesehenen  Socialiston
auf  die  Einrichtung  eines  Arheitsministeriums,  welches  über
bestimmte  finanzielle  Mittel  verfügt  und  einen  Verwaltungsapparat ­
  zur  Unterstützung  gehabt  hätte,  ist  unzweifelhaft  ein
Rückzug  gewesen,  aber  ein  solcher,  welcher  sich  aus  den
edleren  Zügen  des  Blancschen  Charakters  erklärt.  Die  Schwäche,
die  man  in  demselben  finden  kann,  war  die  Wirkung  des  Bestrebens, ­
  keine  rücksichtslose  gewaltsame  Action  in  einer  Sache
zu  üben,  in  welcher  die  Opfer  und  das  Ziel  noch  wenig  übersehbar ­
  waren.  Eine  Persönlichkeit  von  den  sympathischen
Affectionen  Louis  Blancs  und  mit  einer  gewissen  Beimischung
von  Zügen  weicher  Sentimentalität  wäre  für  die  eiserne  Aufgabe ­
  auch  dann  nicht  geeignet  gewesen,  wenn  der  Hinblick
auf  eine  vielleicht  ganz  vergebliche  Hinopferung  der  engagirten
Massen  nicht  abgemahnt  hätte.  Das  instinctive  Gefühl,  dass
die  Grundlagen  für  eine  Action  der  fraglichen  Art  noch  nicht
fest  genug  wären,  scheint  in  Verbindung  mit  der  persönlichen
Gemüthsrichtung  den  Ausschlag  gegeben  zu  haben.  Auch  vergesse ­
  man  nicht,  dass  derjenige  Socialismus,  den  wir  in  diesem
lalle  vor  uns  haben,  von  friedlich  humanen  Neigungen  jederzeit ­
  geleitet  gewesen  ist.  In  seinem  Princip  fehlte  das  letzte
Mittel,  welches  er  nur  als  Rückwirkung  gegen  empörende  Verletzungen, ­
  aber  nicht  in  der  Gestalt  der  freiwilligen  Offensive
zu  begreifen  vermochte.
Louis  Blanc  ist  mehrmals  mörderischen  Anfällen  ausgesetzt ­
  gewesen,  die  ihm  zweimal  beinahe  wirklich  das  Leben  gekostet ­
  hätten.  In  dem  einen  Falle  ging  das  Attentat  von
einem  Bonapartisten  aus  und  hatte  seine  Veranlassung  in  einem
Journalbericht  übi:r  die  „Napoleonischen  Ideen”.  Der  heimtückische ­
  Schlag  über  den  Hinterkopf  hatte  Lebensgefahr  und
ein  monatlanges  Krankenlager  zur  Folge  gehabt.  Nichtsdestoweniger ­
  regte  sich  in  dem  Betroffenen  später  ein  Gefühl  des
hier  übel  angebrachten  Edelmuths,  als  Louis  Bonaparte  nach
dem  Scheitern  seiner  Unternehmung  aus  seinem  Gefängniss
zu  Ham  den  Socialisten  um  einen  Besuch  anging.  In  der
oben  erwähnten  historischen  Schrift  von  1870  hat  Louis  Blanc
über  seine  Beziehungen  zu  dem  späteren  Präsidenten  der  Republik ­
  ausführliche,Rechenschaft  abgelegt,  und  es  ist  hier  auch
        <pb n="484" />
        —  469

der  mehrtägige  Verkehr  mit  dem  Gefangenen  von  Ham  besprochen. ­
  Aus  Allem,  was  man  erfährt,  und  namentlich  aus
der  Corresponden/  ist  ersichtlich,  dass  der  sociale  Schrittsteller
gesucht  wurde  und  selbst  weit  davon  entfernt  war,  seinen  Heberzeugungen ­
  irgend  etwas  zu  vergeben.  Im  Gegentheil  war  er  es,
der  schliesslich  in  seinem  Englischen  Exil  die  Zumuthungen
des  ihn  persönlich  aufsuchenden  Staatsstreicheandidaten  gebührend ­
  abfertigte  und  hiemit  die  allzu  ungleichen  Beziehungen
für  immer  abschnitt.  Um  mit  den  eignen  Worten  des  Geschichtsdarstellers ­
  zu  reden,  so  hatte  er  bezüglich  der  Zusammenkunft
in  Ham  und  der  sich  daran  anknüpfenden  weiteren  Beziehungen ­
  die  „Naivetät”  gehabt,  an  die  Möglichkeit  einer  Bekehrung ­
  Louis  Bonapartes  zum  aufrichtigen  Republicanismus  zu
glauben.  In  der  That  sieht  man  aber  aus  dem  ganzen  Bericht
über  die  Wendungen  des  letzteren,  dass  eine  eigenthümliche
Illusion  und  ein  Uebermaass  von  optimistischem  Vertrauen  dazu ­
  gehört  haben  muss,  die  sehr  einfachen  und  naheliegenden
Benutzungstendenzen  zu  verkennen  und  eine  andere  als  persönlich ­
  dynastische  Ambition  vorauszusetzen.  Eine  ähnliche  Täuschung ­
  mag  es  auch  erklären,  dass  es  dem  vertrauensvollen
Geist  des  sentimentalen  Socialisten  möglich  wurde,  nach  der
Februarrevolution  die  Eröffnung  der  Rückkehr  für  Louis  Bonaparte ­
  zu  beantragen.
Wir  hätten  diese  besondern  Züge  nicht  erwähnt,  wenn
nicht  ihr  sonst  für  unsern  Zweck  gleichgültiger  Inhalt  doch
im  Allgemeinen  die  Denkweise  und  Sinnesart  unseres  Socialisten ­
  kennzeichnete.  Die  andern  Attentate  knüpften  sich  an
die  Juniereignisse,  und  der  Verfasser  der  Organisation  der
Arbeit  musste  in  ihnen  die  Folgen  der  Verleumdung  hinnehmen, ­
  die  ihn  für  die  Nationalwerkstätten  verantwortlich  machte.
Der  Staatsanwalt  schien  für  einen  Pistolenschuss,  welcher  unmittelbar ­
  an  der  Schläfe  des  Socialisten  abgefeuort  und  nur
durch  den  raschen  Stoss  eines  Freundes  abgelenkt  worden  war,
taub  zu  sein.  Die  Parteiwuth  ersetzte  die  Gerechtigkeit,  und
die  von  der  Reaction  durch  plötzliche  Auflösung  der  Nationalwerkstätten ­
  in  der  frivolsten  Weise  veranlasste  Juniempörung
der  brodle  s  gewordenen  Arbeiter  hatte  doch  am  allerwenigsten
den  Neigungen  Louis  Blancs  entsprochen.  Dennoch  sind  die
Verfolgungen,  die  ihn  bald  zum  Exil  nach  England  nöthigten,
nach  gemeinen  Begriffen  weit  verständlicher  als  die  Thatsache»
        <pb n="485" />
        470

dass  der  e&amp;amp;^  (knkende  Sodaüst  seine  ^^d&amp;amp;8Mmg:8a^  (kr
Menschen  nicht  pessimistischer  gestaltete.  Wir  können  seine
Beharrlichkeit  in  den  sympathischen  Affectionen  nur  aus  den
tief  wurzelnden  Elementen  seines  Charakters  und  seiner  ursprünglichen ­
  Gesammtanschauung  erklären.  Machen  wir  aber
einmal  eine  solche  Voraussetzung,  so  haben  wir  auch  nicht
mehr  ein  Recht,  die  Art  seiner  öffentlichen  Action  als  gewöhnliche ­
  Schwäche  und  als  Mangel  an  Muth  anzusehen.  Louis
Blanc  war  kein  Mann  der  gewaltsamen  Action,  sondern  seine
Leidenschaft  beschränkte  sich  auf  das  Bereich  der  Ideen  und
der  reagirenden  Handlungen.  Irgend  eine  empörende  Verletzung ­
  hätte  ihn  unter  allen  Verhältnissen  zum  Widerstande
hingerissen;  er  hätte  für  seine  Person  wohl  Vieles  geduldig
ertragen,  wie  er  dies  bezüglich  der  Attentate  bewiesen  hat;
allein  er  würde  sich  im  Interesse  Anderer  zur  Abwehr  der
Niedertretungen  aufgerafft  und  vielleicht  in  einer  solchen  Situation ­
  auch  einen  eigentlichen  Führer  abgegeben  haben.  Indessen ­
  ging  ihm  die  freie  Initiative  der  überlegten  und  angreifendon
  That  völlig  ab,  und  hieraus  begreift  es  sich,  dass
d(^  Ge8ohichtB8ohroiber  nicht  auch  im  heroischen  Sinn  Geschichte
  zu  machen  Neigung  gehabt  hat.  Vielleicht  mag  auch
die  unangenehm  aufregende  und  stets  zur  Erschlaffung  führende
^llnmudenn,  dm  den  Schwädmpunkt  m  den  sonst  ^ffffbmmn
Geschichtswerken  unseres  Socialisten  bildet,  für  den  psychologischen ­
  Kenner  bereits  als  hinreichender  Fingerzeig  dienen,
dass  es  an  der  Energie  der  wirklich  männlichen  Gefühle  bei
dem  Autor  stets  gefehlt  haben  muss.
3.  Wir  können  hier  nicht  alle  kleineren  historischen  und
sonstigen  Schriften  berühren,  welche  von  Louis  Blanc,  namentlich ­
  während  seines  22jährigen  Exils,  zu  Tage  gefördert  worden
sind.  Wir  bemerken  jedoch,  dass  ihn  der  Aufenthalt  in  England ­
  zu  vergleichenden  Betrachtungen  veranlasst  hat,  durch
welche  zwar  nicht  die  Richtung  seiner  Anschauungen,  wohl
aber  die  Art  und  Weise  der  Darlegung  geändert  worden  ist.
Die  Gründe  und  Nachweisungen  sind  durch]  die  genauere  Bekanntschaft ­
  mit  den  Englischen  Verhältnissen  oft  weit  positiver
geworden,  und  das  Bewusstsein  des  Gegensatzes,  in  welchem
sich  der  conoentrirende  Socialismus  mit  einer  falschen  Seite
der  Decentralisationsbestrebungen  befindet,  hat  sich  offenbar
geschärft.  In  der  letzteren  Beziehung  ist  eine  kleine  Veröffent-
        <pb n="486" />
        471

lichung  über  Staat  und  Gemeinde  (L’état  et  la  commune,  Paris
18G6)  nicht  unerheblich.  Was  der  Verfasser  den  wiedergegebenen ­
  älteren  Ansichten  Neues  hinzugefügt  hat,  zeugt  davon,
wie  er  grade  in  England  die  concentrirende  Ausdehnung  der
eigentlichen  Staatsfunctionen  zur  Verwirklichung  der  ökonomischen ­
  Interessen  und  Rechte  der  Massen  richtig  aufgefasst
habe.  Völlig  zutreffend  beruft  er  sich  darauf,  dass  der  Staat
habe  Lebensversicherer  für  die  kleineren  Bedürfnisse  werden
müssen,  und  dass  in  dieser  Concurrenz  der  staatlichen  Functionen ­
  mit  der  Privatindustrie  dasselbe  Princip  maassgebend
sei,  welches  auch  er  für  die  Organisation  der  Arbeit  in  grösserem ­
  Umfang  vor  Augen  gehabt  habe.  Hienach  bewegten  sich
die  Dinge  mehrfach  schon  von  Staats  wegen  wirklich  in  derjenigen ­
  Richtung,  die  er  universell  zum  leitenden  Princip  gemacht ­
  wissen  wolle.  Er  verwirft  die  vormundschaftliche  und
absorbirende  Verwaltungscentralisation,  will  aber  die  Ansprüche
der  Einzelnen  durch  politische  Concentrirungen  und  Gesammtbürgschaften
  des  allgemeinen  Rechts  gewahrt  wissen.  Obwohl
seine  Ideen  über  die  Centralisation  zu  sehr  im  Allgemeinen
verbleiben,  so  hat  er  doch  mit  der  Unterscheidung  von  zwei
Arten  derselben,  d.  h.  einer  verwerflichen  und  einer  nützlichen
Gestaltung,  sicherlich  Recht.  Die  Verwirklichung  oder  gehörige
Garantie  von  socialen  Rechten  ist  ohne  die  Schöpfung  von
regulirenden  Centralorganen  meist  gar  nicht  denkbar.  Auch
die  Concentrirung  der  Englischen  Armenpflege  wird  von  unserm
  Autor  als  ein  Fortschritt  angesehen.  Ueberhaupt  strebt
England  nach  centralistischen  Einrichtungen,  während  man  in
Frankreich  das  Uebermaass  der  centralistischen  Verwaltungsbesorgung ­
  bekämpft.  Indem  der  Französische  Autor  seine
Landsleute  auf  den  Unterschied  der  normalen  und  der  blos
bevormundenden  Centralisirung  aufmerksam  machte,  hat  er
wenigstens  zu  einer  richtigen  Fragestellung  beigetragen  und
die  sociale  Richtung  daran  erinnert,  dass  sie  ihre  Kraft  unter
allen  Umständen  in  der  Schaffung  centralistischer  Garantien
für  die  individuellen  Rechte,  nicht  aber  in  der  Absorption  der
localen  Verwaltungsthätigkeiten  zu  suchen  habe.
Wer  sich  eine  Vorstellung  davon  verschaflen  will,  wie
Louis  Blanc  in  der  ersten  Hälfte  der  sechziger  Jahre  die  Englischen ­
  Verhältnisse  auffasste,  muss  seine  Briefe  über  England
zur  Hand  nehmen.  So  sind  zunächst  in  den  2  Bänden  „Lettres
        <pb n="487" />
        —  472  —

sur  l’Angleterre”  (Paris  1866)  eine  Menge  von  Journalcorrespondenzen ­
  gesammelt,  in  denen  der  Verfasser  für  Französische
Zeitungen  seine  Beobachtungen  und  Reflexionen  formulirto.
Bringt  man  die  Zurückhaltung  in  Anschlag,  welche  der  ursprüngliche ­
  Zweck  des  Abdrucks  in  nichtsocialistischen  Organen
nothwendig  gemacht  hatte,  so  wird  man  nicht  in  Versuchung
gerathen,  an  die  Verleumdungen  zu  glauben,  welche  dem  Verfasser ­
  ein  Zurückkommen  von  der  wesentlichen  Tendenz  seiner
früheren  Anschauungen  untergeschoben  haben.  Auch  in  den
fraglichen  Artikeln  bekundet  sich  der  Socialismus  noch  unvorholen
  genug,  wenn  er  auch  darin  nicht  in  den  Vordergrund
gestellt  werden  konnte.  TJebrigens  ist  die  Frage  der  Beharrlichkeit ­
  in  den  alten  Ansichten  durch  die  Geschichte  der  achtundvierziger
  Revolution  unter  der  Jahreszahl  1870  unzweideutig
beantwortet.  Dieses  Werk  ist,  wenn  man  es  mit  den  „Pages
d  histoire  (von  1850),  einer  kürzeren  Bearbeitung  desselben
Stoffs,  vergleicht,  zwar  nicht  von  derselben  Leidenschaft,  wohl
aber  noch  von  denselben  lebhaften  Sympathien  bewegt,  aus
denen  sich  das  ganze  socialistische  Wirken  des  Autors  erklärt.
Die  Erregtheit  des  unmittelbaren  Ressentiment  ist  nach  zwei
Jahrzehnten  verschwunden;  aber  das  berechtigte  Gefühl  und
die  in  demselben  wurzelnden  Ideen  haben  noch  Lebendigkeit
genug  behalten,  um  jeden  Unbefangenen  zu  überzeugen,  dass
der  Socialismus  in  der  Person  Louis  Blancs  neben  allen  Illusionen ­
  solide  Bestandtheile  und  Antriebe  zum  Ausgangspunkt
gehabt  hat,  wie  sie  dem  Alter  und  der  Zeit  nicht  zum  Opfer
fallen.
4.  Die  berühmte  und  vielverleumdete  Idee  der  Organisation ­
  der  Arbeit  ist  zwar  in  ihrer  besondern  Gestaltung  leicht
anfechtbar  und  in  mehreren  Richtungen  eine  reine  Utopie,
welche,  anstatt  auf  die  Kraft  der  socialen  Selbsterhaltung,  von
vornherein  auf  die  edleren  Beweggründe  der  Sympathie,  des
Gemeinsinnes  und  der  Ambition  im  Wirken  für  Andere  zählt;
allein  sie  ist  auch  zugleich  eine  Vorstellung,  die  in  ihrer
Allgemeinheit  nur  mit  den  socialen  Bestrebungen  selbst  verschwinden ­
  kann.  Man  wird  die  Gesetze  oder  natürlichen  Nothwendigkeiten,
  denen  der  gesellschaftliche  Verkehr  unterworfen
ist,  in  anderer  und  strengerer  VFeise  berücksichtigen;  aber  man
wird  grade  auf  Grund  dieser  Gesetze  eine  bewusste  Organisation ­
  der  Arbeit  um  so  nachdrücklicher  und  sicherer  anstreben,
        <pb n="488" />
        473

ie  klarer  man  sich  über  die  von  Natur  bestehenden  Fundamento
  des  ganzen  Baues  orientirt.  Was  unsem  Autor  selbst
anbetrifFt,  so  ging  er  schon  früh  davon  aus,  das  laisser  aller  21^
ein  laisser  mourir  zu  betrachten  und  in  dem  Recht  auf  Arbeit
imr  ehio  vorlüuflge  sebir  bescheichmo  ITormulirung  iniel  imputer
tragender  Berechtigungen  zu  sehen.  Um  die  nationalokonomische
  Scholastik  kümmerte  er  sich  wenig  und  berücksichtigte
dieselbe  höchstens  summarisch.  Hiedurch  entging  er  vielmei
Erörterungen,  welche  praktisch  gleichgültig  sind;  aber  er  übersah ­
  auch  mit  der  verschulten  Oekonomie  manches  bedeutsame
Princip.  Seine  Orientirung  in  der  rein  volkswirthschaftlichen
Theorie  ist  niemals  erheblich  gewesen,  und  hieraus  erklären
sich  die  unhaltbaren  Wendungen  in  der  Organisation  der  Arbeit
Soweit  die  allgemeine  historische  Betrachtung  der  Staats-  und
Privatfinanzen  sowie  des  Geschäftsganges  und  der  Classenbostrebungon
  ausreichte,  hat  unser  Autor  meist  die  bessern  Anschauungen
  getrogen.  Seine  Vorstellung  von  der  Rolle  Englands
  und  überhaupt  von  dem  Verhältniss  des  Handels  oder
der  Zwischenpersonen  zu  der  eigentlichen  Production  war  in
der  Tendenz  keineswegs  verfehlt.  Er  begriff  die  eherne  Logik
der  eifersüchtigen  Ooncurrenz  in  den  verschiedensten  Gestaltungen; ­
  er  sah  ein,  wie  das  Handwerkerthum  und  die  kleinere
Unternehmerschaft  durch  die  grossen  Dimensionen  der  modernen
Industrie  aufgezehrt  werden  müsse.  Er  kennzeichnete  die  ungeordnete ­
  Ooncurrenz  nicht  nur  als  eine  Unterdrückung  es
Arbeiterthums,  sondern  auch  als  einen  Krieg,  in  welcheni  sic
die  Bourgeoisie  selbst  schädige  und  aufreibe.  Er  sah  die  Bourgeoisie ­
  als  eine  Gestaltung  an,  die  das  Vorgefühl  ihrer  nahen
Zersetzung  durch  Hervorkehrung  ihres  trügerischen  Glanzes
betäuben  wolle.  Sie  selbst  sei  unbefriedigt  und  verfalle  unter
der  Concurrenzanarchio  dem  glänzenden  Elend  einer  blossen
Lottoexistenz,  mit  Ueborsättigung  auf  der  einen  und  jähem
Fall  auf  der  andern  Seite.  Das  Princip  der  anarchischen  Ooncurrenz, ­
  welches  nur  den  Kriegszustand  der  Industrie  und  die
Unterdrückung  des  Schwächeren  durch  den  Stärkeren  mit  sich
bringe,  sei  die  Wurzel  all  jenes  Uebels.
Auf  Grund  dieser  theoretischen  Anschauungen,  die  zwar
schon  bei  früheren  Socialisten  in  Ansätzen  vorhanden  waren,
ja  auch  in  der  gesummten  Ideenströmung  ihre  analoge  Vertretung ­
  hatten,  aber  dennoch  niemals  in  dieser  Zuspitzung  zur
        <pb n="489" />
        474

Darstellung  gelangt  waren,  -  auf  Grund  dieser  Ansiohton  von
der  anarchischen  Goncurrenz  zog  nun  Louis  Blanc  den  prakischen
  Schluss,  dass  dieselbe  Macht,  welche  den  unhaltbaren
Zustand  verschulde,  auch  zur  Herstellung  der  Ordnun&amp;lt;r  dienen
  könne.  Das  grössere  Capital  und  die  grösseren  Dimensionen ­
  der  Industrie  sind  die  unterdrückenden  und  verschlingenden
  Mächte.  Warum  soll  nicht  das  grösste  Capital  und  der
n  ustrie  etrieb  in  der  grössten  denkbaren  Dimension  den  Concuri
  enzkrieg  absorbiren  und  das  Princip  eines  geregelten  Verhaltens
  werden  können?  Der  Staat  hätte  demnach  die  Aufgabe,
mi  seinen  grossen  Mitteln  die  Organisation  der  Arbeit  einzuieiten.
  Die  Arbeiter  sollen  sich  in  socialen  Ateliers  vereinigen
hir  eigne  Rechnung,  aber  nach  den  vom  Staat  zu  erlassenden
Gesetzen  und  zunächst  mit  seiner  finanziellen  Hülfe  produciren.
IC  t  um  innerhalb  jedes  Gewerks  sollen  die  zugehörigen
Ateliers  einen  solidarischen  Bund  bilden,  sondern  die  gesammte
ndustrie  soll  sich  zu  einem  verbundenen  Ganzen  gestalten,
m  besonderer  Theil  des  Gewinns  soll  zur  Aushülfe  für  die
bodiängten  Etablissements  abgezweigt  worden.  Indessen  wird
selbstverständlich  das  Risico  in  beträchtlichem  Maass  durch  die
Organisation  selbst  ausgeschlossen,  da  das  Nioderconcurriren
or  ä  It  und  nur  die  natürlichen  Drsachen  des  Missglückens
oder  besonderer  Ungunst  der  Chancen  übrig  bleiben
Einer  der  wichtigsten  Punkte  für  alle  organischen  Gesellschaftsgebilde
  ist  die  Feststellung  der  Art  und  des  Maasses
in  welchem  die  Aufnahme  neuer  Mitglieder  oder  überhaupt  der
sociale  Zuwachs  stattfindet.  An  dieser  Frage  müssen  die  unhaltbaron
  Principien  nothwendig  scheitern.  Louis  Blanc  weist
hier  wiederum  einen  Theil  des  Gewinns  zur  Betriebsausdehnung
  d.  h.  zur  Ermöglichung  der  Theilnahme  einer  grösseren
nzahl  von  Personen  an.  Es  sollen  die  Arbeitsmittel  denen,
die  arbeiten  wollen,  aus  jenem  Fond  in  unbeschränkter  Weise
angeschafft  werden.  Das  Problem  besteht  aber  hier  in  der
estimmung  des  Verhältnisses,  in  welchem  das  Naturalcapital
^eitert  werden  soll.  Mit  der  Blancschen  Bildung  von  drei
Theilen,  von  denen  der  eine  als  Lohnfond  völlig  gleich  unter
die  Arbeiter  vertheilt  wird,  der  andere  zur  Unterstützung  der
Arbeitsunfähigen  und  zur  Subvention  der  bedrängten  Etablissements ­
  oder  Industriezweige  dient,  der  dritte  und  letzte  endlich
die  erwähnte  Erweiterung  der  Arbeitsmittel  zum  Zweck  hat.
        <pb n="490" />
        475

—  mit  dieser  dreifachen  Ahtheiliing  ist  die  principielle  Schwierigkeit, ­
  das  angemessene  Yerhältniss  zwischen  Consumtionsund
  Productionsausdehnung  zu  bestimmen,  keineswegs  gelöst.
Dagegen  hat  der  Urheber  des  Organisationsschema  ganz
recht,  indem  er  erklärt,  dass  es  widersinnig  sein  würde,  die
Concurrenz  zwischen  den  Einzelnen  zu  verurtheilen  und  diejenige ­
  zwischen  körperschaftlichen  Gebilden  gelten  zu  lassen.
Es  sollen  daher  nicht  concurrirende  Associationen  sein,  in  denen
sich  die  Arbeit  organisirt.  In  der  Vorstellung  einer  solchen
Gestaltung  sieht  unser  Socialist  mit  Recht  nur  den  Mangel
jedes  ernstlichen  Princips.  Die  Gesellschaft  soll  vielmehr  von
Grund  aus  das  Concurrenzmotiv  überwinden  und  in  ihren  einzelnen ­
  Gebilden  wie  in  ihrer  Gesammtgestaltung  das  Arbeiten
für  einander,  nicht  gegen  einander,  zum  Zweck  haben.
5.  Louis  Blanc  will  den  Staat  nicht  zum  Verwalter  oder
gar  Eigenthümer,  sondern  nur  zum  Gesetzgeber  der  socialen
Werkstätten  machen  und  fordert  von  ihm  nichts  weiter,  als
den  Uebergang  zu  diesem  System  durch  die  Darbietung  der
ersten  Mittel  zu  ermöglichen.  Er  will  nicht  eine  Staats-,  sondern ­
  eine  Volksindustrie  schaffen,  welche  sich  nach  allgemeinen
Gesetzen  selbst  regiert  und,  sobald  sie  einmal  in  Gang  gebracht
ist,  auch  selbst  mit  den  erforderlichen  Mitteln  ausstattet  und
erweitert.  Dieses  System  soll  sich  zunächst  partiell  neben  der
Privatindustrie  einrichten  und  die  letztere  mehr  und  mehr  in
sich  aufgehen  lassen.  Da  bei  der  literarischen  Arbeit  zu  dem
materiellen  Druck  noch  die  aus  der  ökonomischen  Abhängigkeit ­
  folgende  Erniedrigung,  Corruption  und  Sklaverei  des  Geistes ­
  hinzukommt,  so  hat  unser  Socialist  auch  die  Organisation
der  schriftstellerischen  Thätigkeit  als  eine  besondere  Hälfte
der  Aufgabe  ins  Auge  gefasst.  Es  soll  ein  centrales  Verlagsinstitut ­
  geschaffen  werden,  welches  jedoch  kein  literarisches
Eigonthum  anerkennt,  sondern  öffentliche  Belohnungen  zuerkennt. ­
  Jedem  Schriftsteller  soll  wenigstens  die  Gelegenheit
gegeben  werden,  seine  Arbeit  zum  Druck  anzumelden  und  nach
gehöriger  Behandlung  und  Entscheidung  veröffentlicht  zu  sehen,
ohne  dass  ihm  hieraus  Kosten  erwachsen.  In  diesem  literarischen ­
  Gebilde  zeigt  sich  nun  die  ganze  Unzulänglichkeit  der
Blancschen  Art  von  Arbeitsorganisation  auf  den  ersten  Blick.
Es  würde  die  unerträglichste  aller  Abhängigkeiten  entstehen,
w^eiin  die  Bücherveröffentlichung  den  Entscheidungen  einer,
        <pb n="491" />
        476

wenn  auch  noch  so  umsichtig  eingerichteten  socialen  Commission
anheimfiele.  Der  bestehende  Zustand  mit  all  seiner  indirocten
Erniedrigung,  Corruption  und  Sklaverei  ist  in  diesem  Gebiet
unvergleichlich  besser,  als  die  directe  Organisation  der  Abhängigkeit. ­
  Wenn  irgendwo,  so  zeigt  sich  hier  diejenige  Wirkung
der  Concurrenz,  durch  welche  trotz  aller  Coterien  und  Gefolgschaften, ­
  die  den  centralisirten  und  umfassenden  Verlagsgeschäften
  dienstbar  sind,  doch  noch  ein  Rest  von  Freiheit  verbürgt ­
  wird.  Auch  dieser  Rest,  der  auf  einer  gewissen  Decentralisation ­
  der  Verlagsgeschäfte  beruht,  würde  vollends  verschwinden, ­
  wenn  in  irgend  einer  Form  eine  einzige  Instanz  an
die  Stelle  der  Vielheit  träte.  Auch  ist  die  indirecte  ökonomische ­
  Abhängigkeit  bei  Weitem  nicht  so  schlimm  als  eine  directe ­
  literarische  Herrschaft,  wovon  man  sich  schon  zum  Theil
und  in  einer  geringen  Annäherung  aus  der  Geschichte  derartiger ­
  akademischer  und  universitärer  Einwirkungen  überzeugen ­
  kann.
Hienach  besteht  das  Ergebniss  unserer  Kritik  darin,  dass
zwar  der  allgemeine  Gedanke  der  Organisation  der  Arbeit  und
einer  bewussten  Regulirung  der  anarchischen  Concurrenz  als
berechtigt  bestehen  bleibt,  die  besondere  Ausführungsidee  aber
verworfen  werden  muss.  Das  Princip  der  Concurrenz  kann  an
Bich  selbst  ebensowenig  als  irgend  ein  Naturgesetz  ausgemerzt
werden;  wohl  aber  kann  es  zur  Grundlage  von  Kräfteentwicklungen ­
  dienen,  die  seinen  Wirkungen  eine  vollkommnere  Gestalt ­
  geben.  Hier  sind  nun,  um  es  kurz  zu  erwähnen,  die
eigentlich  socialen  Coalitionen,  welche  die  Rechte  ihrer  Glieder
vertheidigen  und  wahrnehmen,  vorläufig  vor  allen  gemeinsamen
Productionseinrichtungen  der  unumgängliche  Anknüpfungspunkt
jeder  socialen  Action  und  jeder  Organisation  des  Arbeitsrechts.
Ein  weiteres  Ziel  ist  aber  nicht  mit  Louis  Blanc  durch  den
heutigen  Staat,  sondern  nur  durch  Hinwegschrcitcn  über  ihn
zu  besseren  Rechtsgebilden  zu  erreichen.  Die  Beseitigung  des
Gewalteigenthums  ist  hier  die  unerlässliche  Vorbedingung.  Mit
der  fehlerhaften  Gemüthlichkeit  eines  Louis  Blanc,  die  ihn  sogar ­
  bei  den  Versaillern  aushalten  und  überhaupt  seit  1871  so
manche  schwächliche  Kundgebung  vollbringen  und  sein  früheres
Wesen  vollends  sichtbar  produciren  liess,  —  mit  dieser  erschlaffenden ­
  Misslogik  schief  angelegter  Gefühle  lässt  sich  natürlich
keine  ernsthafte  socialistische  Politik,  weder  im  Rahmen  der
        <pb n="492" />
        477

heutigen  Gesellschaft  noch  zur  Sprengung  desselben,  in  Angriff
nehmen.  Um  es  mit  einem  Wort  zu  sagen,  so  ist  in  dem
Blancschen  Socialismus  noch  zu  viel  Poesie  auf  verschwommen
pantheistischem  Hintergründe  und  zu  wenig  rein  wissenschaftliche ­
  Betrachtungsart  enthalten.  Mit  den  Affecten  und  Antrieben ­
  kann  man  sympathisiren  und  dennoch  die  specielle
Ideengestaltung,  in  welcher  sich  diese  Affecte  zu  befriedigen
gesucht  haben,  in  den  meisten  Bostandtheilen  unhaltbar  finden.
Hiebei  bleibt  natürlich  neben  der  allgemeinen  positiven  Vertretung ­
  der  bessern  Antriebe  auch  das  negative  Verdienst  einer
Bioslegung  der  Schäden  und  der  Corruptionselemente  der  Zustände ­
  ungeschmälert  bestehen.  In  dieser  Richtung  sind  die
theoretischen  Leistungen  Louis  Blancs  weit  natürlicher  ausgefallen, ­
  als  die  durch  eine  philosophische  Caricatur  verunstalteten ­
  und  eine  bizarre  Affectation  athmenden  Reflexionen  eines
Proudhon.
6.  Während  Louis  Blanc  als  eine  Persönlichkeit  dasteht,
die  sich  positiv  zu  genügen  suchte  und  bei  aller  Regsamkeit
der  Phantasie  doch  in  der  allgemeinen  Denkungsart  die  natürliche ­
  Gemeinschaft  der  verstandesmässigen  Mittheilungsform
nicht  aufgab,  haben  wir  in  Proudhon  ein  Phänomen  vor  uns,
dem  es  viel  mehr  um  ein  absonderliches  Blinken  als  um  die
Ausstrahlung  eines  ruhigen,  die  Gegenstände  in  ihren  richtigen
Verhältnissen  zeigenden  Lichtes  zu  thun  war.  Das  chaotische
Funkenstieben  einer  vom  Wege  abgekommenen  Imagination,
die  nur  zu  einem  Zehntel  ihrer  bessern  Natur  und  ihren  gesunden ­
  Anschauungen,  zu  neun  Zehnteln  aber  einer  philosophastrischen ­
  Illusion  und  dem  leichtfertigen  Hange  zur  ungediegenen, ­
  aber  kinderhaft  bunten  Begriffsspielerei  folgte,  —
dieses  Reiben  und  Schlagen  an  allem  Möglichen  und  diese
Zerfahrenheit  des  Vorstellungslaufs,  bei  welcher  keine  gesunde
Logik  aufzukommen  vermag,  ist  das  Charakteristische  aller
Proudhonschen  Schriften  von  der  ersten  bis  zur  letzten.  Jedoch
geht  in  moralischer  Hinsicht  ein  besserer  Zug  durch  dieselben
hindurch,  der  uns  ein  wenig  mit  den  sonstigen,  keineswegs
charaktervollen  Allüren  einer  theoretischen  Scheindialektik  aussöhnen ­
  kann  und  dies  noch  mehr  thun  würde,  wenn  nicht  auch
er  unter  der  halb  unwillkürlichen,  halb  bewussten,  zum  Theil
auf  Selbsttäuschung  beruhenden,  zum  Theil  aber  auf  die  Täuschung ­
  Anderer  abzielenden  Sophistik  gelitten  hätte.  Dieser
        <pb n="493" />
        Zug  besteht  in  dem  Bestreben,  den  Gedanken  der  Gerecht]o--keit
  überall  geltend  zu  machen.  Allerdings  dürfen  wir  uns
unter  dieser  Proudhonschen  Gerechtigkeit,  die  schon  in  seiner
ersten  Schrift  gegen  das  Eigenthum  eine  Rollo  spielt,  kein
allzu  feines  oder  gar  erhabenes  Gebilde  denken.  Trotzdem  ist
sie  aber  der  einzige  anerkennenswertho  Leitstern  gewesen,  der
im  Proudhonschen  Vorstellungskreis  bei  aller  sonstigen  Haltungslosigkeit ­
  doch  noch  eine  gewisse  Beharrlichkeit  ermöglicht
hat.  Dieses  bessere  Element  ist  als  eine  Mitgabo  des  vollesmassigen
  Denkens  zu  betrachten,  in  welchem  Proudhon  aufgewachsen
  war,  und  dem  er  durch  die  Launen  seines  zerfahrenen
  Studirens  nicht  ganz  entzogen  werden  konnte.  Doch
wir  wollen  der  ordnungsmassigen  Angabe  der  Hauptpunkte
seines  Schriftstellerlebens  nicht  vorgreifen.
Proudhon  (1809  65)  aus  Besançon,  ursprünglich  Schriftsetzer, ­
  bildete  sich  durch  allerlei  Leetüro  zu  einem  der  bizarresten,
  aber  durch  eine  gewisse  Lebendigkeit  und  Zuversicht
manche  Leser  anregenden  Schriftsteller.  Seine  erste  Arbeit
von  sehr  bekannt  gewordenem  Inhalt  war  ein  sogenanntes
Memoire,  welches  er  auf  Veranlassung  eines  Stipendiums  der
gelehrten  Gesellschaft  seiner  Vaterstadt  verlegte.  Unter  dem
Titel  „Was  ist  Eigenthum?"  behandelte  diese  Schrift  neben
allgemeinen,  so  zu  sagen  rechtsphilosophischen  Untersuchungen
besonders  die  berüchtigte,  gleich  an  die  Spitze  gestellte  Antwort; ­
  Eigenthum  ist  Diebstahl  (la  propriété  c’est  le  vol).  Der
Gedankengang  dieses  Opus  von  1840  ist  sehr  unklar  und  von
ziemlich  verworrenen  Ueberlieferungen  Deutscher  Philosophie
durchweht.  Ein  oberflächliches  Zerrbild  Kantischer  Antinomik,
verbunden  mit  einer  nach  dem  Muster  des  Hegelthums  missverstandenen ­
  logischen  Antagonistik,  spielt  hier  die  Rolle  eines
Zaubermittels,  durch  welches  über  den  Gegensatz  des  Eigenthums ­
  und  des  Communismus  hinausgegangen  und  als  höhere
Synthese  ein  Drittes  erreicht  werden  soll.  Dieses  Dritte  ist
jedoch  weder  in  dieser  ersten,  noch  in  den  folgenden  Schriften
verständlich  bestimmt  worden;  wohl  aber  haben  wir  in  einer
nachgelassenen  „Théorie  de  la  propriété"  (1865)  dio  Wiederholung ­
  von  Proudhons  anerkonnenswerthem  Geständniss  aus
dem  Werk  über  die  Gerechtigkeit  (Bd.  I  S.  353),  dass  er  sich
in  der  Annahme  der  Möglichkeit  einer  solchen  dritten  Gestaltung ­
  geirrt  habe  und  zu  jener  Idee  nur  durch  die  von  ihm
        <pb n="494" />
        —  479

als  trügerisch  erkannte  Hegelsche  Dialektik  verleitet  worden ­
  sei.  So  besitzen  wir  zu  dem  Anfang  gleich  das  folgerichtige ­
  Ende,  und  dies  ist  wichtig,  da  alle  Hauptschriften,  bis
auf  die  Bücher  über  die  Gerechtigkeit,  die  Hegelsche  Dialektik
ganz  ohne  Bedenken  zu  bethatigen  versucht  haben.  Glücklicherweise ­
  ist  dies  meist  nicht  ganz  gelungen,  und  die  Unklarheit, ­
  Widersinnigkeit  und  Plumpheit,  welche  dem  Muster  anhaftet, ­
  nicht  bis  zum  äussersten  Maass  wiedergegeben  worden.
Vergessen  wir  jedoch  nicht,  dass  die  erste  Schrift  mit  einer
Anrede  an  den  Gegenstand  der  Gottes  vor  Stellung  endigte,  und
dass  in  dieser  Beziehung  Proudhon  sich  bei  all  seiner  vermeintlichen ­
  Philosophie  erst  später  zu  einer,  wenn  auch  keineswegs ­
  genügenden,  so  doch  leidlich  kritischen  und  allenfalls
für  den  naturwissenschaftlichen  Denker  noch  erträglichen  Vorstellungsart
  durchgearbeitet  hat.  Ein  grosser  Theil  seiner
Schriften  enthält  eigentlich  nichts  weiter  als  philosophirerische
Reflexe,  und  wir  gehen  daher  auf  dieselben  nicht  ein.  Ueberhaupt
  können  wir  uns  nicht  mit  der  Gruppirung  von  mehreren
Dutzend  Bänden  oder  Bändchen  befassen,  welche  man  in  der
seit  dem  Tode  des  Autors  erschienenen  Gesammtausgabe  reproducirt
  hat.  Wir  führen  daher  unmittelbar  nach  der  durch
die  erwähnte  Paradoxie  mit  Unrecht  berüchtigt  gewordenen
ersten  Schrift  gleich  das  zweibändige  social  ökonomische  Hauptwerk ­
  an,  dessen  Unschuld  schon  durch  die  der  rechtgläubigen
Volkswirthschaftslehro  dienstbare  und  keinem  ernstlichen  Socialismus ­
  zugängliche  Verlagsfirma  Guillaumin  verbürgt  ist.  Schon
mit  dem  Diebstahl,  der  im  Eigenthum  stecken  sollte,  hat  es
nicht  viel  auf  sich  gehabt.  Die  Schaale  hatte  nach  etwas  ausgesehen, ­
  aber  der  Kern  war  ein  Nichts  gewesen,  welches  sich
durch  ein  dialektisches  Gaukelspiel  zu  einem  Etwas  aufspreizen
zu  können  geglaubt  hatte.  Das  Hauptwerk  gab  sich  nun  als
„System  der  ökonomischen  Widersprüche  oder  Philosophie  des
Elends”  (Systeme  des  contradictions  économiques  ou  philosophie
do  la  misère,  184C).  Schon  der  Titel  soll  die  philosophirerische
Grundanschauung  bekunden,  derzufolge  alles  Wirkliche  als
eine  existirendo  Gruppe  von  Widersprüchen  zu  denken  sei.
Das  Widersprechende  ist  nämlich  nach  der  Hegclschen  Logik
oder  vielmehr  Logoslohre  nicht  etwa  in  dem  seiner  Natur
nach  nicht  anders  als  subject!v  und  bewusst  vorzustellenden
Denken,  sondern  in  den  Dingen  und  Vorgängen  selbst  objectiv
        <pb n="495" />
        480

und  so  zu  sagen  leibhaft  anzutreffen,  so  dass  der  Widersinn
nicht  eine  unmögliche  Combination  des  Gedankens  bleibt,  sondern ­
  eine  thatsächliche  Macht  wird.  Die  Wirklichkeit  des  Absurden ­
  ist  der  erste  Glaubensartikel  der  Hegelschen  höheren
Einheit  von  Logik  und  Unlogik,  und  so  besteht  denn  auch  bei
Proudhon  sogar  die  Harmonie  des  ökonomischen  Systems  in
dem  widersprechenden  Charakter  der  einzelnen  volkswirthschaftlichen
  Begriffe  oder  Sätze.  Jo  widersprechender,  desto
wahrer  oder,  mit  andern  Worten,  jo  absurder,  desto  glaublicher,
—  diese  nicht  einmal  neu  erfundene,  sondern  der  Offenbarungstheologie
  und  der  Mystik  entlohnte  Maxime  ist  der  nackte  Ausdruck ­
  des  sogenannten  dialektischen  Princips,  dem  auch  Proudhon ­
  in  seiner  eitlen  Illusion  anhoimfiel.  Da  er  jedoch  zu  demselben ­
  auf  autoritäre  Weise  gelangte  und  es  zum  Theil  in
gutem  Glauben  handhabte,  so  dürfen  wir  nicht  überrascht  sein,
trotz  alledem  noch  eine  gewisse  Redlichkeit  der  Auseinandersetzung ­
  anzutreffen.
Die  Ereignisse  von  1848  voranlassten  ihn,  der  übrigens  zu
jedem  positiven  und  gesetzten  Gedanken  unfähig  war,  sich  dennoch ­
  mit  einem  Yorschlag  an  der  sogenannten  Lösung  der
socialen  Frage  zu  bothoiligen.  Eine  wunderliche  „Organisation
des  Credits”  in  einer  Volksbank,  die  den  Zins  effectiv  auszumorzen
  hätte,  sollte  die  Panacee  abgeben.  Ein  kleiner  Versuch
scheiterte  natürlich.  Die  einschlagenden  Ideen,  welche  von
Proudhon  auch  noch  später  cultivirt  wmrden,  liefen  in  den  unklaren ­
  Gedanken  eines  zinslosen  „Mutualismus”,  d,  h.  einer
Gegenseitigkeit  in  der  sachlichen  Capitalgewährung  aus,  durch
welche  eine  Art  Unentgeltlichkeit  der  Capitalbenutzung  hergestellt ­
  werden  sollte.  Berücksichtigt  man  alle  späteren  Ideen
Proudhons  über  diesen  Gegenstand,  so  ist  es  schwer  zu  sagen,
ob  seiner  Imagination  die  blosse  Unerheblichkeit  und  Geringfügigkeit ­
  oder  aber  der  gänzliche  Wegfall  des  Zinses  vorgeschwebt ­
  habe.  Sein  „Mutualismus”  ist  jedoch  auch  dann,  wenn
man  ihn  als  allgemeinen  Gedanken  der  Gegenseitigkeit  aufzufassen ­
  und  ihm  eine  rationelle  Seite  abzugewinnen  sucht,  etwas
logisch  Verfehltes.  Verfügen  nämlich  beide  austauschenden
Theile  über  Wirthschaftsmittel  von  gleichem  Werth,  und  kommt
es  nur  darauf  an,  nicht  quantitativ  sondern  qualitativ  den  Unterschied ­
  auszugleichen  und  Jedem  das  ihm  Entsprechende  zu
verschaffen,  so  thut  es  auch  nichts  zur  Sache,  wenn  beide  Zins
        <pb n="496" />
        481

zahlen.  Es  geschieht  auf  diese  Weise  kein  Unrecht,  indem
sich  in  diesem  natürlichen  Falle  Leistung  und  Gegenleistung
ebenso  mutualistisch  gestalten,  als  wenn  beide  Theilo  unmittelbar ­
  getauscht  und  hiedurch  scheinbar  den  Zins  ausser  Berücksichtigung ­
  gelassen  hätten.  In  Wahrheit  wäre  er  dennoch,
aber  freilich  nur  unter  der  Verhüllung  der  Compensation,  vorhanden ­
  gewesen.  Die  Deductionen,  die  Proudhon  1848  in  seinem
eignen  Volksblatt  gegen  den  Zins  versuchte,  und  in  denen  er
Bastiat  unmittelbar  zum  Gegner  hatte,  fielen  sehr  schwach  aus.
Will  man  Proudhon  angemessen  beurtheilen,  so  darf  man
nicht  nach  seinen  Positivitäten  fragen,  sondern  muss  in  ihm
stets  nur  denjenigen  suchen,  der  vor  allen  Dingen  widersprechen
und  Allem  und  Jedem  in  der  Welt  eine  sogenannte  dialektische
Opposition  machen  wollte.  Die  Wahl  zwischen  zwei  Möglichkeiten ­
  genügte  ihm  nicht;  er  musste  stets  noch  ein  Drittes
haben,  wodurch  er  sich  über  irgend  einen  Gegensatz  persönlich ­
  hinausbeförderte.  Er  gab  sich  also  den  Anschein,  neben
der  Oekonomie  auch  den  Socialismus  zu  bekämpfen,  obwohl
er  selbst  nichts  weiter  als  einen  gänzlich  vom  Wege  der  natürlichen ­
  Logik  abgekommenen  Inbegriff  durcheinanderfahrender
Beflexe  der  socialistischen  Ideenströmung  vertrat.  Er  mischte
Alles  durcheinander,  so  dass  er  selbst  nicht  wusste,  was  er
wollte.  Seine  Fähigkeit,  den  Kennzeichnungen  der  Corruption
etwas  Farbe  zu  gehen  und  ein  wenig  Leidenschaft,  nicht  ohne
Beimischung  von  einigem  Gerechtigkeitsgefühl,  in  einer  allenfalls ­
  volksmässig  zu  nennenden  Richtung  aufzutragen,  ist  der
Hauptgrund  seiner  Wirksamkeit  auf  das  Publicum  gewesen.
Diejenigen  Schriften,  in  denen  er  sich  später  vornehmlich
moralistisch  und  halb  geschichtsphilosophisch  erging,  und  in
denen  die  eigentliche  Oekonomie  nur  einen  Nebenbestandtheil
bildete,  sind  die  verhältnissmässig  lesbarsten.  Hieher  gehört
namentlich  das  dreibändige  Werk  „Von  der  Gerechtigkeit  in
der  Revolution  und  in  der  Kirche”  (De  la  justice  dans  la  révolution ­
  et  dans  l’église,  1858).  Diese  moralphilosophische  Arbeit
beschäftigt  sich,  obwohl  gegnerisch,  doch  für  den  Deutschen
Geschmack  viel  zu  intim  mit  der  Kirche.  Die  Widmung  an
einen  Bischof  hat,  wie  alle  Proudhonschen  Manieren,  den  Charakter ­
  des  Gesuchten.  Sie  ist  ähnlich  zu  beurtheilen,  wie  die
Thatsache,  dass  Proudhon  auch  Napoleon  III,  gleichviel  in
welchem  Sinne,  etwas  zu  dediciren  vermochte  und  sich  üher-Dtthring,
  Geschichte  der  Nationalökonomie.  2.  Auflage.  31
        <pb n="497" />
        482

liaupt  mit  seinen  Schriften  nach  Seiten  adressirte,  von  wo  er
gerichtlichen  Verfolgungen  ausgesetzt  gewesen  war.  Auch  das
eben  angeführte  Werk  trug  ihm  eine  Verurtheilung  ein,  deren
Folgen  er  sich  durch  die  Uehersiedlung  nach  Belgien  entzog.
Seine  Beziehungen  zu  dem  herrschenden  Regime  sind  so  unentwirrbar ­
  als  seine  theoretischen  Ansichten.  Man  kann  ihm
nicht  den  Vorwurf  machen,  seine  Selbständigkeit  verleugnet
zu  haben;  allein  sonderliche  Würde  ist  in  der  Art,  wie  ersieh
dem  Bonapartismus  gegenüber  in  seinen  späteren  Schriften
ausdrückte,  auch  nicht  anzutreifen.  Wie  er  Opposition  gegen
Alles  machte,  so  war  er  auch  im  Stande,  sich  mit  Allem  ein
wenig  einzulassen.  Die  höhere  Einheit  der  Gegensätze  oder
vielmehr  Widersprüche  erstreckte  sich  hei  Proudhon  auch  auf
die  politischen  Sympathien.  Schliesslich  kam  er  durch  seinen
wunderlichen  Föderalismus  und  seine  seltsam  verworrenen  Ansichten ­
  gegen  die  Nationalitätspolitik  sogar  mit  derjenigen
demokratischen  Idccnströmung  in  Conflict,  der  er  sonst  noch
am  nächsten  gestanden  hatte.
7.  Wer  sich  für  Proudhon^Födcralismus  interessirt,  muss
sich  überwinden,  in  die  Schrift  „Du  principe  fédératif”  (18G3)
einige  Blicke  zu  thun.  Er  wird  alsdann  finden,  dass  auch  hier
der  Verfasser  nicht  weiss,  was  er  will,  indem  zwar  der  Einheitsstaat ­
  mit  einigen  Dutzend  politischen  Particularexistenzen
vertauscht,  dennoch  aber  die  gemeinsamen  Angelegenheiten
einheitlich  besorgt  werden  sollen,  ohne  dass  mit  irgend  welcher
Genauigkeit  angegeben  wäre,  wo  die  Grenze  zu  ziehen  sei.  Die
Confusion  der  gemischten  Ideen,  durch  welche  das  Widersprechende ­
  möglich  werden  soll,  muss  auch  hier  die  eigentliche
Rechenschaft  ersetzen.  Sieht  man  aber  von  dieser  Verworrenheit ­
  ab,  so  bleibt  nur  ein  auszufüllendcs  Blankett,  d.  h.  ein
unbeantwortetes  Problem  übrig,  welches  auf  die  bekannte  Frage
der  Vertheilung  der  localen  und  der  centralen  Gewalt  hinausläuft. ­
  Unmittelbarer  als  die  Proudhonsche  Art  von  Föderalismus ­
  geht  uns  seine  Verwerfung  des  literarischen  Autorrechts
an,  welches  er  in  der  Schrift  „Les  majorats  littéraires”  (18G2)
bekämpfte.  Erinnern  wir  uns  der  Ansichten  Louis  Blancs  über
denselben  Gegenstand,  so  treffen  wir  auf  eine  gewisse  Uebereinstimmung.
  Die  aus  der  Käuflichkeit  der  schriftstellerischen
Arbeit  folgende  Corruption  wird  als  Hauptgrund  geltend  gemacht; ­
  aber  es  kommt  bei  Proudhon  keineswegs  zu  einem  vor-
        <pb n="498" />
        483

ständliclien  positiven  Vorschlag,  wie  dies  bei  Louis  Blanc  der
Fall  war.  Das  Beste  an  der  Schrift  sind  die  einzelnen  Kennzeichnungen ­
  literarischer  Oorruptionserscheinungen  nebst  den  zugehörigen ­
  Gelegenheitsnotizen.  Von  logischer  Oonsequenz  ist
natürlich  auch  hier  keine  Spur,  sondern  das  Raisonnement  hat
seinen  einseitig  negativen,  genauer  betrachtet  ergehnisslosen
Lauf  wie  immer.  Doch  waren  in  der  Schrift  nachdrückliche
Aeusscrungen  genug,  um  einen  Censurversuch  von  Seiten  der
Verlegerinteressen  zu  veranlassen.  Da  aber  der  Verfasser  sich
eine  Anzahl  Stellen  durch  diese  privatpolizeiliche  und  von  ihm
mit  Recht  als  weit  schlimmer  bezeichnete  Nachahmung  der
Staatscensur  nicht  ausmerzen  lassen  wollte,  so  musste  er  seine
Arbeit  in  Brüssel  erscheinen  lassen.  Diese  Thatsache  ist  im
Hinblick  auf  den  Inhalt  der  fraglichen  Schrift  bezeichnender,
als  ihre  eignen  besten  Charakteristiken  literarischer  und  buchhändlerischer
  Verkommenheit.  Nur  ist  das  Autorrecht  selbst
nicht  als  die  Wurzel  der  verderbten  Gestaltungen  zu  betrachten.
Es  hilft  nicht  das  Mindeste,  das  Autorrecht  anzuklagen;  man
sollte  es  vielmehr  lieber  im  Gegensatz  zum  Verlagsrecht  noch
ausdehnen  und  dem  Schriftsteller  eine  möglichst  klare  Position
an  weisen.  In  dieser  ganz  entgegengesetzten  Richtung,  welche
dem  Autorrecht  erst  seine  sociale  und  vom  Gegensatz  des
Classenbewusstseins  getragene  Bedeutung  verschallen  würde,
liesse  sich  eher  eine  Verbesserung  der  Zustände  gewärtigen.
Doch  ist  die  Aufgabe  hier  weit  schwieriger  als  im  Gebiet  der
Lohnarbeit,  weil  die  natürliche  Emancipation  der  letzteren  für
die  Anwendung  des  allgemeinen  Priucips  der  freien  gesellschaftlichen ­
  Bündnisse  mehr  Anknüpfungspunkte  und  weniger
äussere  oder  innere  Hindernisse  darbietet.
Zur  Vorbeugung  von  Verwechselungen  sei  hier  noch  ausdrücklich ­
  bemerkt,  dass  die  Carey  sehe  Polemik  in  der  Autorrechtsfrage ­
  nur  die  unpolitische  internationale  Ausdehnung  des
Autorrechts  zum  Gegenstände  hat  und  sich  übrigens  kaum
ernstlich  gegen  allzu  lange  Schutzfristen  richtet.  Es  würde  also
sehr  unpassend  sein,  die  tief  eindringenden  volkswirthschaftlichen
  Untersuchungen  über  eine  zweckmässige  Begrenzung
des  Autorrechts  mit  den  socialistischen  Antipathien  zu  confundiren,
  welche  sich  gegen  die  ganze  Institution  richten  und  in
einem  System  von  Nationalbelohnungen  den  Ersatz  für  die  wirthschaftliche
  Bestimmung  der  sogenannten  Honorare  suchen.
31*
        <pb n="499" />
        48á

Noch  in  einer  posthumen  Schrift  hat  sich  Proudhon  sehr
scharf  gegen  die  Corruption  der  Presse  ausgesprochen.  Diese
späte  Bekräftigung  eines  Thema,  welches  er  auch  früher  vielfältig ­
  variirt  hatte,  ist  höchst  drastisch  ausgefallen.  In  der
fraglichen  Schrift  „Von  der  politischen  Befähigung  der  arbeitenden ­
  Classen”  (De  la  capacité  politique  des  classes  ouvrières,
1865)  wird  der  Französischen  Presse  gradezu  gesagt,  dass  sie
für  ihre  Perfidie  und  Corruption  mit  den  Strafen,  mit  welchen
sie  vom  herrschenden  Regime  bedacht  worden  sei,  noch  lange
nicht  genug  gebüsst  habe.  In  solchen  Aussprüchen  ist  nun
zwar  ein  Theil  des  Gedankens  dem  persönlichen  Ressentiment
zuzuschreiben,  da  unser  VolksOkonomist,  trotz  seiner  in  vielen
Beziehungen  nur  zu  unschuldigen  Haltung,  dennoch  nach  1848
nicht  mehr  mit  den  Organen  der  Bourgeoisie  in  Frieden  loben
konnte.  Indessen  bezieht  sich  sein  Urtheil  auf  die  gesammto
Presse  ohne  sonderlichen  'Unterschied  der  Parteistellung,  und
es  bekundet  sich  in  demselben  ein  Zug  jenes  Gerechtigkeitsgefühls, ­
  an  welches  wir  schon  mehrmals  erinnert  haben.  Proudhon ­
  wusste,  dass  die  politischen  Einschnürungen  der  Gedankenfreiheit ­
  nicht  die  allein  schlimmen  sind,  sondern  dass  die  so  zu
sagen  wilde,  ungeordnete  und  willkürliche  Polizei,  welche  von
den  Gesellschaftsinteressen,  Parteien  und  Coterien  durch  Unterdrückungen, ­
  Entstellungen,  Verleumdungen,  kurz  durch  ein
ganzes  Arsenal  der  schlechtesten  Mittel  geübt  wird,  in  vielen
Richtungen  weit  unerträglicher  geartet  ist,  als  ihr,  vornehmlich
nur  einen  einzigen  Zweck  verfolgendes  Gegenstück.  Diese  Wahrheit ­
  wird  der  künftige  Historiker  zu  beachten  haben,  ^und  sie
ist  vielleicht  die  einzige,  in  deren  Kern  sich  Proudhon  nicht
vergrifien  hat.  Hier  war  sein  Urtheil  aus  der  unmittelbarsten
Erfahrung  geschöpft  und  blieb  von  der  höheren  Einheit  des
dialektischen  Gallimathias  verschont.
Da  wir  einmal  aus  den  vielen  Schriften  Proudhons  auch
diejenige  über  die  politische  Befähigung  der  arbeitenden  Classen
erwähnt  haben,  so  sei  noch  bemerkt,  dass  man  grade  in  dieser
späten  Arbeit  einen  Versuch  antrifft,  über  ein  ganzes  System
des  Mutualismus  Rechenschaft  zu  geben.  So  soll  sich  z.  B.  die
Gegenseitigkeit  darin  verwirklichen,  dass  die  Getraidepreise
für  eine  längere  Zelt  öffentlich  nach  einem  Durchschnitt  fixirt
werden.  Auf  diese  Weise  würde  nach  der  Proudhonschen  Ansicht ­
  einem  doppelten  Uebel  vorgebeugt,  indem  die  schlechten
        <pb n="500" />
        485

Ernten  nicht  ungoreohto  Gewinne,  die  guten  aber  nicht  duich
zu  billige  Preise  den  Ruin  der  Producenten  zur  Mge  hatten.
Einer  Widerlegung  bedarf  diese  Ecgulirungsidee  offeiibar  nicht.
Uebrigeus  kommt  aber  zu  den  Verworrenheiten  und  Unmöglichkeiten ­
  der  Mutualität  noch  die  etwas  nach  dem  Kleinburgcrthum
  schmeckende  Privatmoralistik  hinzu,  nach  welcher  sich
sich  die  Proudhonschen  Perspectiven,  genauer  betrachtet,  in
fromme  Wünsche  auf,  und  dieser  Ausgang  darf  uns  nach  em
imprahdáBchnn  JLnfangmid  jUagesichts  der  irtdiereu^  dialaktisoh
BTÚedeiiden  und  ergebnisslosen  Ilaltung  luin  icauht
Mindesten  befremden.  Er  war  die  natürliche  Folge  dei  pos
und  praktisch  ziellosen  Tendenz,  durch  blosse  Ideengruppirungen
und  negrative  lEeiinzeiohnungmi  etwas  socialpoliüsches  zu  ^^)rtreten,
  (dine  oha  verständliches  ïhujgramni  iiöüiig  zii  halien.
Zu  diesem  Ausgang  passt  auch  der  politische  Satz,  dass  im
mutualistischen  Staat  die  einzelnen  Theile  desselben  ein  freies
Austrittsrecht  haben  sollen.
8  Dio  volkswirthschaftlicho  Bildung  unseres  Volksökonomisten
  war  zwar  eine  recht  unexaote,  berührte  sich  aber  in
Folo-e  ihrer  formal  scholastischen  Neigungen  mit  eimgen  bchu  -
theorien  etwas  näher,  als  dies  bei  L.  Blanc  der  Fall  gewesen
Tvar.  dmsem  ITerhadtniss  und  nodi  idel  inelir  auei  deni
Umstände,  dass  Proudhon  einen  Hegelianischen  Anstrich  annahm ­
  und  dreist  den  Schein  der  Wissonschafüichkeit  als  wirklieh
  tiefere  Begründung  ausgab,  müssen  wir  es  uns  ei  ren,
wenn  wir  in  der  Literatur  auf  Ansichten  treffen,  die  den  erfaaser
  des  .^^ystems  (1er  ölomomischeii  l^Tidersprucdre  urder
deii  neiiern  (äocialhffeii  in  den  l/orcbargruiKl  Edçdlen.  jSs  istlxn
einer  solchen  Auffassung  ein  ähnlicher  Missgriff  im  Spiele,  wie
v,lr  ihn  rücksicliÜich  der  Brtheilo  über  Fourier  früher  grekeiinzeichnet
  haben.  Bei  dem  letzteren  war  die  Newt^smanie  das
Charakteristische;  bei  einem  Proudhon  liegt  die  Hauptillusion
im  scholastischen  und  unlogischen  Dialektismen  und  ist  scheinbar ­
  subtilerer  Natur.  Sieht  man  jedoch  näher  zu,  so  n  e
man,  dass  auch  hier  die  verworrene  Idee  von  einei  rt
tatkm  im  (Spiele  ist,  die  shdi  jedocli  von  ivornlierem  auf  da,8
Logische  beziehen  soll.  Schon  in  dem  oben  erwähnten  ersten
Memoire,  welches  sich  mit  dem  Zusammenfallen  des  Cregen-
        <pb n="501" />
        486

Satzes  von  Eigenthum  und  Diebstahl  beschäftigt,  verräth  sich
die  Verworrenheit  und  Thorheit  des  Grundgedankens  durch
^Mí^gMdmmcMeEt^n^^^m^m  Dm  V^^^r  imd
sollen  die  tiefen  Beziehungen  entschleiern,  die  zwischen
den  BegriEen  der  Freiheit  und  des  gegensätzlichen  Anfwiegens
vorhanden  seien.  Nun  liegt  allerdings  ein  Antagonismus  der
Eräfte  allen  Vorgängen  zu  Grunde;  aber  zwischen  einer  richigcn
  Vorstellung  desselben  und  einer  Caricatur  des  wahren
Schematismus  ist  denn  doch  ein  gewaltiger  Unterschied.  Das
(regcun^unanderivirkeii  der  EiräAe  lässt  sich  iin  (Gebiet  der
rationellen  Mechanik  am  klarsten  vorstellen,  und  sowcnio-  hier
fäi-die  Ilegelscho  IDhdogrdcein  I^latz  ist,  obonsoiveing  Imnn  sich
auch  in  andern  Gebieten  irgend  etwas  ergeben,  was  mit  der
all^oinen  Logik  und  vorstandosmässigon  Vorstollungsweiso
m^iderspruch  ständo.  Der  BegriA  dos  Gegensätzlichen  ist
jedoch  stets  ein  verführerischer  Anknüpfungspunkt  für  die  Golusto
  des  logischen  Mysticismus  gewesen.  Die  bessern  Naturen,
zu  denen  in  unserm  Fall  Proudhon  zu  rechnen  ist,  sind  häufio*’
durch  den  Zauber,  welchen  der  wahre  Bestandtheil  in  dem  Gedanken
  der  Gegensätzlichkeit  der  Dinge  ausübt,  verleitet  worden,
sich  der  autoritären  Charlatanerio  zu  unterwerfen,  die  in  dieser
Richtung  stets  ihren  Erfolg  gewittert  hat.  Die  echte  Anzieungskraft,
  welche  das  Problem,  den  Gegensatz  allgemein  logisch
zu  denken,  seit  den  Zeiten  Eeraklits  auf  tiefere  Geister  ausgeübt
  hat,  und  der  Reiz,  den  die  Tragweite  der  Consequenzen
einer  Lösung  noch  heute  haben  muss,  darf  nicht  mit  jener
trügerischen  Stimulirung  verwechselt  werden,  deren  Speculation
sich  theoretisch  und  praktisch  auf  die  in  den  Menschen  wirksame ­
  Macht  der  logischen  Superstition  richtet.  Naturen,  die
nicht  selbst  das  abstráete  Denken  und  die  subtilere  Philosophie
zu  durchdringen  im  Stande  sind,  verfallen  auch  bei  sonst  guten
Anlagen  den  autoritären  Künsten  des  Widersinns,  und  so  erklärt ­
  sich  auch  der  Proudhonsche  Standpunkt.  Es  darf  aber
m  Hinblick  auf  denselben  nicht  übersehen  werden,  dass
roudhons  Denkweise  einen  ehrlicheren  Charakter  trägt,  und
dass  sogar  zum  Theil  auch  die  Artung  des  Grundgedankens
yon  der  Gegensätzlichkeit  nicht  ganz  so  verkehrt  ausgefallen
ist,  als  in  dem  ürbilde.  Hiefür  ist  nicht  nur  das  erwähnte
^hliessliche  Geständniss  der  Unhaltbarkeit,  sondern  auch  die
Vorliebe  ein  Zeugniss,  mit  welcher  sich  Proudhon  an  die  Vor-
        <pb n="502" />
        487

Stellung  des  Gravitirens  hielt.  Sowenig  dieser  Zug  auch  zu
gehöriger  E][acthGÍt  des  Denkens  führte,  so  hat  er  doch  mmitten
der  Verzerrungen  der  Widerspruchslogik  das  bessere  Element
IDer  (}^hmkG  des  (}hmd^^widd:s  undd^es
liehen  Krüfteantagonismus  ergiebt  ein  natürlicheres  Vorbild
fm-  hh)cngo^:ahung,  als  der  vennehdhdi  nun  l^^sclm,
aber  in  der  That  absurde  Ausgangspunkt.  Was  also  bei
Fourier  am  meisten  irreleitete,  hat  bei  Proudhon  im  Hmblic
auf  das  sonst  herrschende  Princip  der  Unlogik  noch  die  Bedeuüing
  ehier  Idilderuiig  und  "VeidiessGruiig.  Í80  l^egpxnft  sich
denn  auch  die  schon  mehrfach  berührte  spätere  Wendung,
mit  welcher  Proudhon  die  Unbrauchbarkeit  der  Hegelschen
IDialektik  einge^:amd,  aber  an  deni  (^echmkeii  des  gegrensät^r
Indien  Ilalancirens  festhielk  Ilätte  er  von  vurnhereunveu-suebd,
diesem  eignen  besseren  Antriebe  zu  folgen  und  die  Rolle  des
Antagonistischen  strenger  zu  bestimmen,  so  würde  er  den  logistischen ­
  Fascinationen  entgangen  sein  und  seine  Werke  m
dieser  Beziehung  nicht  verunstaltet  haben.  Er  hätte  i^er  m
in  der  oben  amgedeiiteteii  l^^ehie  g^isdhniacklos  iiiit  i^Tortern
spielen  mögen;  --  die  Cledanlien  aii  sich  selbst  v^ürden  vmii^;-8tens
  haltbarer  geworden  sein.  Auch  ein  wenig  schematistischc
Amhuronisniusnianie  liätte  rnan  sicli  gefallen  lassen,  iveuna  sie
nur  naturwüchsig  gerathen,  dem  Bilde  der  mechanischen  rä  everldRtnisse
  einigermaassen  gefolgt  und  so  von  der  Tlnlogi
der  Widersinnigkeiten,  sowie  von  der  zugehörigen  plumpen
Confusion  der  Begriffe  frei  geblieben  wäre.
I)ÍG  I^eniizeicdinung  der  allgemeinen  I)GnlcweuEK;  urdl  der
leitenden  Illusion  erleichtert  uns  die  Behandlung  der  Einzelheiten. ­
  Wenn  es  eine  intime  Einheit  von  Ja  und  Nein  oder
eine  reale  Coincidenz  des  Widersprechenden  schon  aus  rem
Ionischen  Gründen  und  abgesehen  von  allen  Thatsachen  er
lEfffahrung  geben  soll,  so  ist  die  Behauptung  der  Identität^vcni
Eio-enthum  und  Nichteigenthum  oder  von  Eigenthum  und  Dieb-8tahl
  zv,ar  iioch  inimcrddalekÜsch  plump,  aber  dodi  nuaht  überraschend.
  Sie  ist  ebenso  gerechtfertigt,  wie  die  höhere  Einheit ­
  von  Sinn  und  Unsinn.  Wenn  aber  die  unschuldige  Komik
dieser  selbstgefälligen  Begriffsspielerei  noch  auf  die  Ursprunglichkeit
  der  Phrase,  Eigenthum  sei  Diebstahl,  eitelis^^  sollte
man  ihr  nicht,  wie  dies  Louis  Blanc  gethan  hat,  die  Notiz  en  -
gegensetzen,  dass  schon  der  Girondist  Brissot  denselben  Aus-
        <pb n="503" />
        488

sprach  gethan  habe.  Um  dagegen  der  ganzen  Künstelei  und
Affectation  ein  für  alle  Mal  die  Spitze  abzubrechen,  bat  man  sich
nur  zu  erinnern,  dass  alle  Aneignung  selbstverständlich  einen
doppelten  Charakter  haben  kann  und  in  allen  Fällen  zum  Raube
wu’d,  in  welchem  sie  eine  Verletzung  des  Andern  einschliesst.
Diese  Wahrheit  ist  schärfer  und  reicht  weiter,  als  die  gesuchte
und  gekünstelte  Paradoxie  Proudhons.  Uebrigens  sieht  man
aber  aus  seiner  eignen  Auslassung,  dass  sein  Satz  ausser  dom
vertrakten  Sinn,  den  er  logisch  haben  sollte,  auch  noch  ganz
F^mM  da^  SWa^^ñ
oM  sei.  In  der  letzteren  liegt  die  Vernichtung  dos  Menschen
Ms  Person,  und  dieses  Eigenthum  am  Menschen  ist  daher  nach
Proudhon  nicht  blos  Diebstahl,  sondern  Meuchelmord.  Boi
Mler  Sympathie  für  das  Bestreben,  das  in  die  Formen  des
Rechts  gekleidete  Unrecht  zu  geissein,  müssen  wir  jedoch  in
Anbetracht  der  Unwissenschaftlichkeit  der  Methode,  durch  welche
die  ernsteren  und  einschneidenderen  Ueborlogungen  einer  mehr
ritischen  Botrachtungsart  nur  compromittirt  werden,  auf  die
Verfolgung  dieser  Kinderdialektik  über  das  Diebstahlseigenthum
verzichten.
■  1^'  »Oekouomischen  Widersprüche"
spielen  auch  Reflexionen  über  den  wirthschaftlichen  Werthbegriff ­
  eine  vom  V^fasser  selbst  besonders  markirte  Rolle.  Ganz
richtig  wird  die  Werththeorie  als  Eckstein  des  Gebäudes  der
politischen  Oekonomie  betrachtet;  aber  die  Proudhonschen  Ideen
sind  dialektisch  zu  leichtfertig  und  beruhen  auf  zu  oberflächlichen ­
  Kenntnissen,  als  dass  sich  mit  ihnen  mehr  als  ein  blosses
Anstreifen  an  bessere  Gedanken  hätte  ergeben  können.  Schon
der  einzige,  anscheinend  nebensächliche  Umstand,  dass  von
einem  Tauschwerth  als  Meinungsworth  so  geredet  wird,  als
wenn  beide  Bezeichnungen  mit  einander  verwechselt  werden
könnten,  und  als  wenn  der  wahre  oder  eigentliche  Werth  im
^brauch  psucht  werden  müsste,  deutet  die  durchaus  falsche
e  ungnahme  und  das  zu  Grunde  liegende  Vorurtheil  an.
Proudhon  erhebt  sich  daher  auch  da  nicht  über  die  gemeinen
den  sopnannten  Gebrauchswerth  mit  dem  eigentlichen  Worth
urcheinandermischenden  Vorstellungen,  wo  er  die  Gogensätzlicbkeit
  zwischen  Gebrauchswerthen  und  Tauschwerthen  bemerkt
  und  als  ein  Problem  der  politischen  Oekonomio  hervorhebt.
  Er  denkt  hiebei  vornehmlich  an  die  bessern  Ernten  mit
        <pb n="504" />
        489

den  billigeren  Getraidepreisen,  sowie  überhaupt  an  die  erleichterte ­
  Production.  Dieser  Antagonismus  von  Werth  und  Nutzbarkeit ­
  war  schon  ein  Jahrzehnt  vor  dem  Erscheinen  der
Proudhonschcn  Widersprüche  durch  Careys  Principien  der  politischen ­
  Oekonomie  im  weitesten  Umfang  erklärt  und  mithin
das  vermeintliche  Rathsei  langst  gelöst  worden.  Es  blieb  jedoch ­
  einem  Bastiat  als  Gegner  Proudhons  Vorbehalten,  von
der  Ausgleichung  des  fraglichen  Widerspruchs  in  Europa  den
ersten  Gebrauch  zu  machen,  und  wenn  auch  diese  schülermassige ­
  Lösung  durch  den  Franzosen  erhebliche  Missverständnisse ­
  und  Verunstaltungen  eingeschlossen  hat,  so  ist  sie  doch
der  vorläufige  Ausgangspunkt  für  die  Bekanntschaft  mit  der
neuen  Werththeorie  geworden.  Proudhon  hatte  in  seinem
krausen  Vorstellungsspiel  überall  nach  Gegensätzen  gehascht,
die  er  sofort  für  Widersprüche  nahm,  und  er  war  in  dieser
Widerspruchsjagd  auch  einmal  zufällig  auf  die  Spur  eines  wirklichen ­
  Problems  gerathen,  die  er  jedoch  nicht  im  Mindesten
zu  verfolgen  verstanden  hat.
Am  bekanntesten  sind  aus  dem  Bereich  der  Proudhonschen
Imaginationen  die  Folgerungen  geworden,  welche  der  Volksökonomist ­
  an  das  knüpfte,  was  er  sich  von  der  Grundrente
dachte.  Seine  Ideen  über  diesen  hochwichtigen  Begriff  lehnten
sich  scheinbar  an  die  Schulökonomie  an.  Der  Sagenkreis,  der
sich  um  die  Ricardosche  Rententheorie  für  alle  diejenigen  bildete, ­
  die  sich  nicht  die  Mühe  gaben,  die  eignen  Auslassungen
des  Urhebers  zu  Rathe  zü  ziehen,  hatte  auch  auf  Proudhon
seine  Wirkung  geübt.  Ohne  irgend  welchen  deutlichen  Begriff
von  dem  Sinn,  in  welchem  Ricardo  eine  Fr  uchtbarkeitsdifferenzenrento
  vor  Augen  hatte,  hielt  sich  der  Socialist  thatsächlich  an
den  viel  roheren  Gedanken  einer  Naturrente.  Er  nahm  an,
dass  alles  das,  was  auf  die  Gunst  der  Natur  zu  verrechnen  sei,
eine  ungerechte  Einnahmequelle  ausmache  und  daher  gemeinsam
worden  müsse.  Hiebei  fasste  er  kurzweg  alle  Rente  als  ungerechtfertigten ­
  Monopolgewinn  von  Gnaden  der  Natur.  Der
Staat  könne  an  die  Stelle  des  Eigenthümers  treten  und  die
Rente  für  die  Gesammtheit  in  Anspruch  nehmen.  Uns  interessirt
  hier  jedoch  weit  weniger  die  vorübergehende  Phase  des
in  sich  selbst  haltungslosen  Proudhonschen  Denkens,  als  die
nebelhaft  unbestimmte  Gestalt,  welche  die  Rentenvorstellung
unter  den  Händen  eines  vorgeblichen  Dialektikers  annahm.
        <pb n="505" />
        490

Ziehen  wir  nämlich  das  ein  Dutzend  Jahre  später  nach
den  „Oekonomischen  Widersprüchen”  erschienene  zweite  Hauptwerk ­
  zu  Rathe,  so  finden  wir  in  dieser  moralphilosophischen
Schrift  „Von  der  Gerechtigkeit  in  der  Revolution  etc.”  auch
die  ökonomische  Gerechtigkeit  mit  Rücksicht  auf  die  verschiedenen ­
  Einkünftequellen  behandelt.  Was  hiebei  von  der  Rente
gesagt  wird,  könnte  überraschen,  wenn  es  überhaupt  im  Bereich ­
  des  unbeständigen  dialektischen  Spiels  noch  Ueborraschungen
  geben  dürfte.  Die  Rente  wird  nämlich  ganz  ehrsam ­
  als  die  Differenz  zwischen  dem  Marktcrlös  und  den  Productionskosten
  genommen,  und  diese  Vorstellung,  welche  auch
jeden  beliebigen  Capitalgewinn  kennzeichnet,  und  dies  auch
dann  noch  thut,  wenn  man  den  blossen  Capitalzins  oder  Creditpreis
  als  Bestandtheil  der  Productionskosten  cinrcchnct,  —  diese
ganz  gewöhnliche  Idee,  in  welcher  von  der  Ursache  und  dem
Monopolcharakter  der  Ricardoschon  Rente  nichts  enthalten  ist,
erscheint  grade  da,  wo  sich  nach  der  Meinung  der  oberflächlichen ­
  Berichterstatter  Proudhon  in  eminenter  Weise  an  eine
vermeintliche  nationalökonomische  Wissenschaft  angelehnt  haben
soll.  In  Wahrheit  verstand  er  sich  nicht  einmal  auf  die  Irrthümer
  und  Fehlgrifib,  die  in  Frage  kommen  konnten,  und
bewegte  sich  daher  mit  dem  Anschein  von  gelehrten  Berufungen
so  ungenirt,  als  wenn  es  seit  den  Physiokraten  wissenschaftliche ­
  Versuche  über  Begriff  und  Ursache  der  Grundrente  gar
nicht  gegeben  hätte.  Ueberhaupt  würde  es  überflüssig  sein,
in  einem  Hirn,  welches  an  die  Möglichkeit  der  Ausmerzung
des  Zinses  im  gegenwärtigen  Gesellschaftszustande  dachte,
natürliche  und  zutrefiende  Vorstellungen  von  andern  Einkünftearten ­
  suchen  zu  wollen.
Um  jedoch  der  Schrift  über  die  Gerechtigkeit  nicht  selbst
Unrecht  zu  thun,  so  sei  bemerkt,  dass  sie  als  philosophirerisches
  Buch  und  als  moralische  Auslassung  einen  relativen
Werth  hat,  insofern  sie  in  einer  halb  geschichtsphilosophischen
Weise  mancherlei  Vorstellungen  in  Bewegung  setzt,  die  bei
vielen  Naturen  in  überlieferter  Trägheit  fortvegetiren.  Dieser
Vorzug  würde  ein  sehr  geringer  sein,  wenn  die  Philosophie  der
ersten  zwei  Drittel  des  19.  Jahrhunderts  nicht  viel  verworrener
wäre,  als  diejenige  der  zweiten  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts.
In  der  schlechteren  Nachbarschaft,  also  relativ  und  nicht  absolut ­
  gewürdigt,  mögen  daher  die  Proudhonschen  Auslassungen
        <pb n="506" />
        über  die  Gerechtigkeit  in  der  Revolution,  die  er  den  autoritären ­
  Rochtsideen  entgegensetzt,  immerhin  einiges  Verdienst
haben.  Das  Bestreben  ist  anzuerkennen,  und  die  Ausführung
ist  nicht  mehr  so  iingoniessbar  mit  der  Hegelmanier  und  dem
Ilegeljargon  versetzt,  als  dies  in  den  Deutschen  Schriften  der
Fall  ist,  mit  denen  wir  uns  im  nächsten  Capitel  zu  beschäftigen
haben  werden.  Proudhon  hat  sich  bemüht,  für  ein  grösseres
Publicum  zu  schreiben,  und  wenn  er  auch  nur  die  Vorstellungen ­
  in  dieser  oder  jener  Richtung  aufrührte  und  aufrüttelte
und  selbst  nie  zu  klaren  Anschauungen  gelangte,  so  gehörte
eine  solche  Rolle  eben  auch  als  Zubehör  zu  den  tiefer  bewegenden ­
  Kräften  der  Epoche.  Die  Rückwirkung  dieser  Thätigkeitsart
  auf  den  Gang  der  Ideen  ist  zwar  nicht  hoch  anzuschlagen;
aber  sie  ist  auch  nicht  ganz  und  gar  über  der  mächtigeren  Ursache
zu  vergessen,  die  der  literarischen  und  persönlichen  Wirksamkeit ­
  die  Möglichkeit  des  Daseins  verschaffte.  Proudhons  Einlluss
  ist  den  Bewegungen  zu  vergleichen,  wie  sie  durch  eine
gelegentliche  Welle  veranlasst  werden,  deren  Ursache  in  der
Luftströmung  zu  suchen  ist.  Es  war  nicht  der  abgemessene
Curs  eines  von  Innen  gelenkten  Fahrzeugs,  sondern  das  Wellenspicl
  mit  seinen  bunten  Kreuzungen,  was  in  einem  Proudhon
die  Gedanken  bestimmte.  Wer  daher  bei  ihm  nichts  weiter
sucht,  als  das  Gegenbild  von  noch  tastenden  Antrieben  und
ungeklärten  Ideen  der  Epoche,  wird  sich  nicht  enttäuscht  finden.
Wer  die  letzte  Gestaltung  des  Proudhonschen  Gedankenkreises ­
  in  allen  seinen  verschiedenartigen  Elementen  und  namentlich ­
  auch  in  Beziehung  auf  die  Politik  kennen  lernen  will,
muss  das  erwähnte  letzte  Buch  zur  Hand  nehmen,  welches  von
der  politischen  Befähigung  der  arbeitenden  Classen  handelt  und
so  ein  System  des  Mutualismus  nach  allen  Richtungen  hin
entwirft.  Hier  treten  die  launenhaft  willkürlichen,  ja  abenteuerlich ­
  wüsten  Periodisirungen  und  Constructionen  der  ökonomischen ­
  Entwicklungsgeschichte  nicht  mehr  wie  in  dem
„System  der  ökonomischen  Widersprüche”  in  den  Vordergrund
Es  macht  sich  zwar  noch  ein  Stück  Antagonistik  geltend,  aber
das  Princip  der  Mutualität,  d.  h.  der  die  politischen  und  ökonomischen ­
  Verhältnisse  beherrschenden  gleichmässigen  Gegenseitigkeit, ­
  soll  in  seiner  freilich  unklaren  Fassung  die  vermeintlichen ­
  Gegensätze  ausgleichen  und  das  sonst  Unmögliche  möglich ­
  machen.  Auch  die  alten  Creditphantasmen  von  1848  mit
        <pb n="507" />
        á92

ihrer  Unentgeltlichkeit  haben  hier  eine  Metamorphose  erfahren
und  sind,  wie  schon  oben  angegeben,  äusserlich  etwas  rationeller ­
  ausgefallen.  Der  Credit  hatte  ja  grade  für  Proudhon
den  einzigen  Beziehungspunkt  der  Theorie  zur  Praxis  gebildet,
während  unser  Socialist  übrigens  dem  Positivismus  bestimmter
Pläne  fernstand  und  sich  vornehmlich  im  Schematisircn  der
geschichtlichen  oder  augenblicklichen  Vorgänge  und  der  gegnerischen ­
  Ideen  gefiel.  Erinnern  wir  uns  jedoch  noch  schliesslich ­
  zur  Ziehung  der  Summe,  dass  es  das  Eigenthum  gewesen
ist,  mit  welchem  er  sich  im  ersten  und  noch  im  letzten  Jahr
seiner  schriftstellerischen  Laufbahn  beschäftigt  hat.  Die  Antwort ­
  auf  die  Frage  von  1840  „Was  ist  Eigenthum?”  ist  in
einem  gewissen  subjectiven,  für  die  Proudhonschen  Illusionen
vernichtenden  Sinne  ein  Vierteljahrhundort  später  in  einer  von
der  ursprünglichen  Absicht  hochkomisch  abweichenden  Art  gegeben ­
  worden.  Die  schon  erwähnte  „Theorie  dos  Eigonthums”
von  1865  entfernt  sich  nicht  nur,  wie  schon  gesagt,  von  der  Illusion ­
  der  absurden  Zauberlogik  und  Zaubermethode  und  verzichtet ­
  auf  die  entsprechende  Art  der  höheren  Einheit  von  Eigenthum ­
  und  Communismus,  sondern  erklärt  auch  gradezu,  dass
die  Existenz  des  Privatoigenthums  eine  unerlässliche  Voraussetzung ­
  der  politischen  Freiheit  sei.  Solch  ein  Ende  zu  dem
Anfang  mit  dem  Diebstahlsoigenthum  kann  nun  zwar  nicht
viel  bei  Jemand  bedeuten,  der  von  vornherein  gelernt  hatte.
Ja  und  Nein  in  einem  Athem  auszusprechen  und  zwischen
beiden  irgend  ein  Ungeheuer  höherer  Art  aufzusuchen,  welches
weder  Ja  noch  Nein  sein,  aber  beide  in  sich  vereinigen  sollte.
Wohl  aber  ist  dieses  Ende  charakteristisch  für  die  ganze  Gattung ­
  der  verstandesverachtenden  Phantastik,  von  der  wir  an
Proudhon  ein  erstes  socialistisches  Beispiel  haben  und  in  ein
paar  deutschschreibenden  Autoren  weitere  Exomplificationen
antrefien  werden.

Zweites  Capitel.
Gestaltungen  in  Deutschland.
Erinnern  wir  uns,  dass  die  Französische  Revolution  dem
Socialismus  zu  Grunde  liegt,  und  dass  die  bessern  Bostandtheile
  des  letzteren  in  ihrer  modernen  Gestaltung  immer  mehr
        <pb n="508" />
        493  —

(lie  politiBoheii  Vorbedingungen  der  sooialen  Bestrebungen  ms
Auge  gefasst  haben.  In  dieser  Beziehung  wird  man  sich  nun
über  die  Deutschen  Erscheinungen  der  allgemeinen  socialistischen
  Ideenströmung  am  wenigsten  zu  beklagen  haben.  Der
Zusamnmnhang  nnt  &amp;amp;)r  Pohtik  hathl^  hiderei^:en^mdmb.
liehen  Agitation  klar  zu  Tage  gelegen.  Die  LassaUesohen  Bemtdiungen,
  die  smk  lun  das  J^ir  1863
politisch  demokratische  Ausgangspunkte.  Ebenso  ist  das  weitere
  theoretische  Zubehör,  welches  bei  Gelegenheit  der  La^aUeschen
  Agitation  nicht  unerwähnt  bleiben  kann,  nämlich  der
fragmentarisch  doctrinäre  Versuch  des  Herrn  Karl  Marx  in
den  Kreis  derjenigen  Kundgebungen  zu  rechnen,  welche  der
politischen  Demokratie  huldigen.  Ja  dieses  Verhältniss  des
Socialen  zum  Politischen  steht  bei  Herrn  Marx  weit  unzweideutiger ­
  fest,  als  in  der  spätem  Wendung  der  Lassalleschen
Ao-itationsideen.  Die  letzteren  fingen  an,  sich  mehr  und  mehr
mit  solchen  Gesichtspunkten  zu  mischen,  in  denen  man  al  ermindestens
  erhebliche  Zugeständnisse  an  das  alte  politische
Regime,  wo  nicht  gar  an  die  religiösen  Organisationen  sehen
musste.  Von  solchen  Inconsequenzen  sind  die  Schriften  des
Herrn  Marx  frei,  und  der  Umstand,  dass  er  der  Londoner
demokratischen  Flüchtlingsemigration  angehört  und  an  den
Bestrebungen  der  Internationalen  Association  den  theoretischen
Hauptantheil  hat,  bezeichnet  hinlänglich  seine  Sympathien  für
den  politischen  Radicalismus.  Er  geht  jedoch,  wenn  man  genauer ­
  zusieht,  von  der  Ansicht  aus,  dass  die  politischen  Zustände ­
  durch  die  ökonomischen  Verhältnisse  gestaltet  werden,
und  es  liegt  ihm  der  Gedanke  an  die  entscheidende  Einwirkung ­
  in  umgekehrter  Richtung  sehr  fern.  Die  ökonomischen
Kategorien  sind  ihm  in  seiner  Hegelianisch  dialektischen  Construction ­
  der  Geschichte  und  der  Verhältnisse  Alles,  und  die
politischen  Gebilde  an  sich  selbst  fast  nichts.  In  seinen  socialökonomischen
  Schriften  treten  die  politischen,  auf  die  pubheistischen
  Rechtsformen  zu  richtenden  Anschauungen  so  gut  wie
gar  nicht  hervor,  und  diese  Thatsache  sollte  am  allerwenigsten
da  übersehen  worden,  wo  man  eine  Trennung  der  socialen  von
den  politischen  Reformen  mit  Recht  für  eine  Unmöglichkeit
hält.  Das  vermeintliche  Hinwegsein  über  die  politischen  Verfassungsfragen ­
  hat  zwar  stets  einen  doppelten  Sinn  ^  gehabt.
Die  Einen  wollten  sich  mit  jedem  Gebilde  social  auseinander-
        <pb n="509" />
        494

setzen  können;  die  Andern  sahen  die  bisherigen  Yerfassimgskämpfe
  im  Verhältniss  zu  den  socialistischen  Zielen  als  Kleinigkeiten ­
  an,  um  die  man  sich  nicht  zu  kümmern  habe,  und  deren
Ausgang  völlig  gleichgültig  sei.  Die  zweite  Art  des  vermeintlichen ­
  Hinwegseins  über  die  Politik  ist  nun  die  am  wenigsten
fehlgreifende.  Jedoch  fehlt  auch  hier  das  Fundamcntalaxiom,
ohne  welches  aller  fernere  Socialismus  haltungslos  werden  muss.
Es  fehlt  die  leitende  Idee,  dass  die  politischen  Formationen
auch  ihrerseits  die  wirthschaftlichen  Gestaltungen  bestimmen,
und  dass  daher  diese  Art  von  Zusammenhang  mindestens  ebenso
sehr  berücksichtigt  werden  muss,  als  die  entgegengesetzto  Richtung ­
  der  Abhängigkeit.  Bei  den  eigentlichen  Nationalökonomon
erklärt  sich  die  Vernachlässigung  der  Consequenzen  des  Politischen ­
  für  das  Wirthschaftlicho  sehr  leicht  aus  dem  bei  ihnen
vorherrschenden  Gedankengang.  Grade  die  bedeutendsten  unter
ihnen  haben  diese  Einseitigkeit  dos  Standpunkts  am  entschiedensten ­
  vertreten.  Dagegen  ist  bei  den  Socialisten  eine  ähnliche ­
  Erscheinung  weit  weniger  gerechtfertigt,  weil  ihre  Denkweise ­
  den  Rechtsverhältnissen  ohnedies  mehr  Aufmerksamkeit
widmet  und  daher  den  grossen  Dimensionen  der  Rechtsgestaltung, ­
  welche  im  Politischen  ihren  Grund  haben,  nicht  in  gleicher ­
  Weise  fremd  bleiben  kann.
In  dem  eben  bezeichneten  Sinn  kann  man  nun  allerdings
auch  sagen,  dass  den  Anschauungen  des  Herrn  Marx  die  Betonung ­
  der  specifisch  politischen  Seite  des  Socialismus  abgehe.
Die  Politik  erscheint  in  diesen  Anschauungen  als  eine  Angelegenheit ­
  zweiten  Ranges,  während  sie  in  der  That  die  formgebende ­
  Macht  ist,  durch  welche  ein  Theil  der  socialen  Verhältnisse ­
  nebst  den  zugehörigen  wirthschaftlichen  Folgen  von
vornherein  bestimmt  wird.  Die  materiellen  Interessen  müssen
zwar  der  Beziehungspunkt  für  alle  socialökonomischen  Uoberlegungen
  bleiben;  aber  die  Frage,  wie  diese  materiellen  Interessen ­
  ganzer  Classen  durch  die  politische  Ordnung  bestimmt
werden,  ist  nicht  minder  wichtig,  als  die  Rechenschaft  über
die  Art  und  Weise,  wie  politische  Beziehungen  aus  den  ökonomischen ­
  Verhältnissen  herauswachsen.  Es  ist  eine  fehlgreifende ­
  Ideologie,  wenn  man,  wie  Herr  Marx  thut,  von  vornherein ­
  die  blos  wirthschaftlichen  Verhältnisse  zu  einem  Erklärungsmittel ­
  für  Alles  machen  will,  und  die  ökonomischen
Kategorien  gleichsam  in  der  Luft  schweben  lässt.  Wäre  die
        <pb n="510" />
        495

Einnahme  dieses  Standpunkts  eine  hlosse  Sache  der  wissenschaftlichen ­
  Abstraction,  so  würde  man  nichts  dagegen  einwenden ­
  können.  Es  bliebe  alsdann  andern  Anschauungskreisen
überlassen,  die  übrigen  Gesichtspunkte  zur  Geltung  zu  bringen.
So  aber  tritt  die  fragliche  Richtung  mit  dem  Anspruch  auf,
alles  Politische  vollkommen  zureichend  aus  dem  rein  Wirthschaftlichen
  zu  erklären  und  die  ganze  zugehörige  Gruppe  von
Erscheinungen  durch  volkswirthschaftliche  Geschichtsconstructionen
  begreiflich  zu  machen.  Hierin  liegt,  trotz  aller  Sympathien ­
  für  den  Radicalismus,  eine  Verkennung  des  eminent  politischen ­
  Charakters  der  modernen  Gesellschaftsbewegung.  Ja
es  liegt  hierin  eine  Beengtheit  der  Auffassung,  die  am  wenigsten ­
  denen  ansteht,  welche  den  Anspruch  auf  philosophische
Gedankenhaltung  erheben.
Die  Gestaltung  der  socialistischen  Ideen  in  den  agitatorischen ­
  Kundgebungen  Lassalles  muss  für  unsere  Darstellung
das  Hauptaugenmerk  bilden.  Um  jedoch  in  den  einzelnen
theoretischen  Ausführungen  nicht  durch  besondere  Einschaltungen ­
  behindert  zu  werden,  wollen  wir  die  Studien  des  Herrn
Marx,  durch  die  sich  Lassalle  beeinflussen  Hess,  zuerst  auseinandersetzen. ­
  Wir  müssen  uns  jedoch  hiebei  bewusst  bleiben,
dass  es  nur  die  zeitliche  Nähe  sowie  die  Beziehung  zu  der  Arbeiterbewegung ­
  ist,  was  uns  hier  bestimmt,  auch  solchen  Erscheinungen ­
  unsere  Aufmerksamkeit  zuzuwenden,  die  an  und
für  sich,  d.  h.  rein  theoretisch  betrachtet,  für  unser  Gebiet  ohne
dauernde  Bedeutung  sind  und  für  die  allgemeinere  Geschichte
der  geistigen  Strömungen  höchstens  als  Symptome  der  Einwirkungen ­
  eines  Zweiges  der  neuern  Sectenscholastik  anzuführen ­
  wären.
2.  Wenn  man  erwägt,  dass  Herr  Marx  (geh.  1818)  schon
1842  an  gefangen  hat,  auf  Veranlassung  seiner  journalistischen
Thätigkeit  seine  allgemeinen  so  zu  sagen  rechtsphilosophischen
Vorstellungen  durch  eine  socialökonomische  Orientirung  näher
zu  bestimmen,  so  sind  die  Ergebnisse  seiner  socialistischen
Autorschaft  schon  in  ihrer  Form  äusserst  bezeichnend.  Von
früheren  Gelegenheitsaufsätzen  abgesehen,  sind  bis  jetzt  zwei
Bruchstücke  zu  dem  erschienen,  was  der  Verfasser  als  Kritik
der  politischen  Oekonomie  ansieht.  Das  erste  im  Umfang  von
etwa  zehn  Bogen  unter  dem  Titel  „Zur  Kritik  der  politischen
Ockonomie”,  1.  Heft  Berlin  1859,  gab  nicht  etwa  eine  Ueber-
        <pb n="511" />
        496

sicht,  aus  welcher  sich  das  System  der  Kritik  hätte  vorläufig
bemessen  lassen,  sondern  begann  damit,  ins  Unbestimmte  und
Weite  auszuholen.  Der  Faden  der  Hogeldialektik  wurde  an
den  Begriffen  der  Waare  und  des  Geldes  ausgesponnen,  riss
jedoch  ab,  um  erst  1867  wieder  angeknüpft  oder  vielmehr
wieder  von  vorn  bearbeitet  zu  werden.  Das  neue  Werk,  welches
jedoch  für  die  Hauptgesichtspunkte  keine  erhebliche  Bereicherung ­
  des  ursprünglichen  Anlaufes  bietet,  ist  bis  jetzt  wiederum
nur  ein  Bruchstück  geblieben.  An  Stelle  eines  ersten  Heftes
besitzen  wir  nun  aber  wenigstens  einen  ersten  Band,  in  welchem
die  Schrift  von  1859  wesentlich  verarbeitet  ist  und  der  Hergang ­
  der  Erzeugung  des  Capitals  dargestellt  sein  soll.  Diese
neue  Arbeit  nennt  sich  „Das  Capital,  Kritik  der  politischen
Oekonomie”  (Hamburg  1867,  2.  Aufl.  1872—73).  Die  zwei
noch  in  Aussicht  genommenen  Bände  sollen  ebenfalls  das
Capital,  nämlich  der  zweite  den  Umlauf  der  Capitalien  und
einen  sogenannten  Gesammtprocess,  der  dritte  die  Geschichte
der  Capitaltheorie  behandeln.  Der  ursprüngliche  Plan  von  1859
wollte  auf  die  Erörterung  des  Capitals  noch  die  des  Grundeigenthums, ­
  der  Lohnarbeit,  sowie  des  Staats  und  des  auswärtigen ­
  Handels  folgen  lassen.  Es  ist  bei  dem  Mangel  an
natürlicher  und  verständlicher  Logik,  durch  welchen  sich  die
dialektisch  krausen  Verschlingungen  und  Yorstellungsarabesken
auszeichnen,  jedoch  wirklich  nicht  abzusehen,  was,  menschlich
und  deutsch  geredet,  eigentlich  in  den  zwei  Bänden  noch
folgen  soll.  Schon  auf  den  bereits  vorhandenen  Theil  muss
man  das  Princip  an  wenden,  dass  in  einer  gewissen  Hinsicht
und  auch  überhaupt  nach  einem  bekannten  philosophischen
Vorurtheil  Alles  in  Jedem  und  Jedes  in  Allem  zu  suchen,  und
dass  dieser  Misch-  und  Missvorstellung  zufolge  schliesslich
Alles  Eins  sei.  Nach  der  verhegelten  Vorstellungsform  ausgedrückt ­
  wird  hienach  das  Capital  zugleich  Anfang  und  Ende  des
ökonomischen  Philosophirens  bilden,  wobei  wir  aber  das  Ende
aller  Wahrscheinlichkeit  nach  nicht  als  Abschluss,  sondern  um
wiederum  im  dialektischen  Jargon  zu  reden,  als  einen  in  sich
zurückkehrenden  Anfang  zu  fassen  haben.  In  der  That  ist  Herr
Marx  ungefähr  mit  jedem  Jahrzehnt  immer  wieder  zum  Anfang
zurückgekehrt.  Er  selbst  sagt  uns  in  der  angeführten  Schrift
von  1859,  dass  er  seit  1850,  dem  Zeitpunkt,  in  welchem  er  das
Festland  mit  London  vertauschte,  ganz  von  vorn  angofangen
        <pb n="512" />
        —  497

liabo.  Die  Erscheinungen  des  zweiten  Anfangs  (1859)  und  des
dritten,  etwas  weiter  ausholenden  Ansatzes  sind  schon  gekennzeichnet. ­
  Das  Endo  würde  nach  diesen  Erfahrungen  eigentlich
noch  ein  vierter  Anfang  werden  müssen.  Doch  die  gesunde
Logik  wird  über  ihre  Oaricatur  voraussichtlich  triumphiron,
und  die  Bruchstücke,  in  denen  sich  die  Ohnmacht  der  concentrirenden
  und  ordnenden  Fähigkeiten  vorräth,  worden  als  das
gelten,  was  sie  sind.  Das  Vornehmthun  und  der  dialektische
Geheimnisskram  werden  Niemanden,  der  noch  ein  wenig  gesundes ­
  Urtheil  übrig  hat,  anreizen,  sich  mit  den  Unförmlichkeiten ­
  der  Gedanken  und  des  Stils,  den  würdelosen  Allüren
der  Sprache  und  der  bis  zum  Englischen  Maass,  Gewicht  und
Geld  herunter  zugestutzten  und  auf  diese  Weise  im  engem
Sinne  englisirten  Eitelkeit  einzulassen.  Mit  dem  Absterben
der  letzten  Reste  der  dialektischen  Thorheiten  wird  dieses
Mittel  der  Düpirung  auch  in  den  speciellen  Anwendungen  radicalcr
  Art  seinen  trügerischen  Einfluss  verlieren,  und  Niemand
wird  mehr  glauben,  sich  abquälen  zu  müssen,  um  dort  hinter
eine  tiefe  Weisheit  zu  kommen,  wo  der  gesäuberte  Kern  der
krausen  Dinge  im  besten  Falle  die  Züge  gewöhnlicher  Theorien, ­
  wo  nicht  gar  von  Gemeinplätzen  zeigt.
Ueberwinden  wir  uns  jedoch  einen  Augenblick,  das  Knäuel,
welches  von  Herrn  Marx  Capital  genannt  wird  und  nun  wirklich ­
  schon  zu  einem  Bande  aufgewickelt  ist,  näher  zu  betrachten. ­
  Der  Verfasser  nennt  sein  Verfahren  eine  Entwicklung; ­
  da  aber  bei  ihm  die  Gegensätze  zusammenfallen,  so  reden
wir  besser  von  Auf-  und  Verwicklung.  Auch  ist  es  ganz  unmöglich, ­
  die  Verschlingungen  nach  Maassgabe  der  Logoslehre
wiedorzugebon,  ohne  die  gesunde  Logik  zu  prostituiren.  Wir
bemerken  daher  ausdrücklich,  dass  die  Vorstellungen,  die  wir
mitzutheilen  vermögen,  bei  dem  Verfasser  nicht  in  der  gesäuberten ­
  und  rationellen  Weise  anzutroifen  sind,  in  welcher  wir
von  denselben  reden  müssen,  wenn  wir  nicht  dialektisch  mitdoliriren
  wollen.  Vom  Capital  hegt  Herr  Marx  zunächst  nicht
den  gemeingültigen  ökonomischen  Begriff,  demzufolge  es  producirtos
  Froductionsmittel  ist,  sondern  versucht  es,  eine  speciellore,
  dialektisch  historische,  in  das  Metamorphosenspiel  der
Begriffe  und  der  Geschichte  eingehende  Idee  aufzutreiben.  Das
Capital  soll  sich  aus  dem  Gelde  erzeugen;  es  soll  eine  historische ­
  Phase  bilden,  die  mit  dem  16.  Jahrhundert,  nämlich  mit
Dtiliring,  Gescliiclito  dor  Nationalökonomie.  2.  Auflage.  32
        <pb n="513" />
        498

den  für  diese  Zeit  vorausgesetzten  Anfängen  zu  einem  Weltmarkt, ­
  beginnt.  Offenbar  geht  nun  mit  einer  solchen  Begriftsfassung
  alle  Schärfe  der  volkswirthschaftlichen  Analyse  verloren. ­
  In  solchen  wüsten  Conceptionen,  die  halb  geschichtlich
und  halb  logisch  sein  sollen,  in  der  That  aber  nur  Bastarde
historischer  und  logistischer  Phantastik  sind,  geht  das  XJnterscheidungsvermögen
  des  Verstandes  sammt  allem  ehrlichen
Begritfsgebrauch  unter.  Consequenz  und  Wissenschaft  werden
Angesichts  solcher  Pormulirungen  unmöglich.  Ganz  anders
wäre  dagegen  diese  Hauptidee  ausgefallen,  wenn  sich  der
Urheber,  anstatt  dialektische  Wunder  für  seine  Gläubigen  herzurichten, ­
  mit  der  simpeln,  seinem  Geiste  und  fraglichen
Zwecke  angemessenen  Bemerkung  begnügt  hätte,  dass  sich  die
socialen  Wirkungen  der  Capitalherrschaft  erst  dann  in  vollstem
Umfange  zu  entwickeln  vermögen,  wenn  das  im  Anschluss  an
den  erweiterten  Geldumlauf  gebildete  Werthcapital  seine  Rollo
spielen  kann.  Allein  es  hat  dem  Autor  besser  gefallen,  mit
der  Schaalo  und  mit  demjenigen  Wort  zu  hantiren,  welches
nicht  blos  ein  Schlagwort  der  socialen  Agitation  ist,  sondern
auch  einen  allgemeinen  wissenschaftlichen  Bcgrifí  von  grosser
und  anerkannter  Tragweite  bezeichnet.  Hiedurch  ist  es  geschehen, ­
  dass  seine  Auslassungen  allgemein  aussehen,  ohne
es  zu  sein.  Die  Folge  dieser  trügerischen  Wendung  kehrt  sich
aber  gegen  ihn  selbst,  indem  es  für  jeden  aufmerksameren
Betrachter  des  Gegenstandes  bald  feststehen  muss,  dass  sich
mit  der  Marxschen  Kennzeichnung  des  Capitalbegriffs  in  der
strengen  Yolkswirthschaftslehre  nur  Verwirrung  stiften  lasse.
Wie  komisch  nimmt  sich  nicht  z.  B.  die  Berufung  auf  die
Hegelsche  confuse  Nebelvorstellung  aus,  dass  die  Quantität  in
die  Qualität  umschlage,  und  dass  daher  ein  Vorschuss,  wenn
er  eine  gewisse  Grösse  erreiche,  blos  durch  diese  quantitative
Steigerung  zu  Capital  werde!  Dennoch  ist  auf  solche  Leichtfertigkeiten, ­
  die  für  tiefe  logische  Wahrheiten  ausgegeben  worden,
die  geschichtliche  Construction  und  die  ganze  vermeintliche
Capitaleiitwicklung  gebaut.  Bei  solcher  Gebrechlichkeit  der
Fundamente  kann  von  letzter  und  strengster  Wissenschaftlichkeit ­
  im  Sinne  der  exacten  Disciplinen  wahrlich  nicht  die  Rede
sein,  und  die  Behandlung  der  entscheidenden  ökonomischen
Begriffe  zeigt  auch  die  Folgen  der  falsch  logisirenden  Ausgangspunkte. ­
        <pb n="514" />
        499

3.  Die  Lehre  vom  Werth  ist  der  Prohirstein  der  Gediegenheit ­
  ökonomischer  Systeme.  Grade  aber  in  ihr  ist  es  Herrn
Marx  begegnet,  sich  in  der  ersten  Auflage  dos  angeführten
Buchs  so  zu  verwickeln,  dass  er  in  der  zweiten  den  Rückzug
antreten  und  der  bessern,  ihm  inzwischen  nähergetretenen
kritischen  Oekonomie  einige  stillschweigende  Zugeständnisse
machen  musste.  Sogär  den  altfränkischen  Sprachgebrauch,  nach
welchem  die  Paarung  und  Entgegensetzung  von  Gebrauchswerth ­
  und  Tausch  worth  eine  Hauptrolle  spielte,  hat  er,  soweit
es  ihm  die  in  der  Eile  möglichen,  nur  einige  Capitel  betreffenden ­
  Umarbeitungen  gestatteten,  zum  Theil  abgelegt  und  gelegentlich ­
  in  den  nun  das  sprachlich  Schiefe  an  der  Stirn
tragenden  Antagonismus  von  Gebrauchswerth  und  Werth  verwandelt. ­
  Die  Komik  liegt  hier  darin,  dass  halb  und  verdeckt
geschehen  ist,  was  ganz  und  offen  zu  thun  die  persönliche
Eitelkeit  verhindert  hat,  nämlich  von  den  theoretischen  Gegnern
die  klare  und  fruchtbare  Unterscheidung  von  Nützlichkeit  und
Werth  sowohl  im  Wortgebrauch  als  auch  in  der  ganzen  begrifflichen ­
  Tragweite  anzunehmen.  Schon  das  20.  Capitel  des
Ricardoschen,  seit  länger  als  einem  halben  Jahrhundert  vorhandenen ­
  Buchs,  hätte  Herrn  Marx  den  Weg  der  neusten
Oekonomie'auf  seine  eigne  Weise  annehmbar  machen  und  sogar ­
  als  historisches  Mäntelchen  zur  Verdeckung  der  Neuheit
der  darunter  angelegten  Garderobe  dienen  können.
Entfernt  man  das  dialektische  Gestrüpp,  welches  Herr
Marx  in  der  2.  Auflage  selbst  schon  ein  wenig  zu  lichten  versucht ­
  hat,  vollständig,  so  zeigt  sich  nichts  weiter,  als  die  gewöhnliche, ­
  vornehmlich  in  der  Ricardoschen  Art  und  Weise
ausgeführte  Lehre,  dass  die  Arbeit  Ursache  aller  Werthe  und
die  Arbeitszeit  das  Maass  derselben  sei.  In  völliger  Unklarheit
verbleibt  hiebei  die  Vorstellung  von  der  Art,  wie  man  den
unterschiedlichen  Werth  der  sogenannten  qualificirten  Arbeit
denken  solle.  Die  Hinweisung  auf  allgemeine  durchschnittliche
Arbeit  ist  nur  eine  Umgehung  der  Antwort.  Allerdings  kann
auch  nach  uüserer  Theorie  nur  die  verwendete  Arbeitszeit  die
natürlichen  Selbstkosten  und  mithin  den  absoluten  Werth  der
wirthschaftlichen  Dinge  messen;  aber  hiebei  wird  die  Arbeitszeit ­
  eines  Jeden  von  vornherein  völlig  gleich  zu  achten  sein,
und  man  wird  nur  zuzusehen  haben,  wo  bei  qualificirteren
Leistungen  zu  der  individuellen  Arbeitszeit  des  Einzelnen  noch
32*
        <pb n="515" />
        500

diejenige  anderer  Personen  als  unerlässliche  Vorbedingung,  etwa
in  dem  gebrauchten  Werkzeug,  mitwirkt.  Es  ist  also  nicht,
wie  sich  Herr  Marx  nebelhaft  vorstellt,  die  Arbeitszeit  irgend
Jemandes  an  sich  mehr  werth,  als  die  einer  andern  Person,
weil  darin  mehr  durchschnittliche  Arbeitszeit  gleichsam  verdichtet ­
  wäre,  sondern  alle  Arbeitszeit  ist  ausnahmslos  und
principien,  also  ohne  dass  man  erst  einen  Durchschnitt  zu
nehmen  hätte,  vollkommen  gleichwerthig,  und  man  hat  nur  bei
den  Leistungen  einer  Person  ebenso  wie  bei  jedem  fertigen
Erzeugniss  zuzusollen,  wie  viel  Arbeitszeit  anderer  Personen  in
der  Aufwendung  scheinbar  blos  eigner  Arbeitszeit  vordeckt
sein  möge.  Ob  es  ein  Productions  Werkzeug  der  Hand  oder
die  Hand,  ja  der  Kopf  selbst  ist,  was  nicht  ohne  anderer  Leute
Arbeitszeit  die  besondere  Eigenschaft  und  Leistungsfähigkeit
erhalten  konnte,  darauf  kommt  für  die  strenge  Gültigkeit  der
Theorie  nicht  das  Mindeste  an.  Herr  Marx  wird  aber  in  seinen
Auslassungen  über  den  Werth  das  im  Hintergründe  spukende
Gespenst  einer  qualiñeirton  Arbeitszeit  nicht  los.  In  dieser
Richtung  durchzugreifon,  hat  ihn  die  überkommene  Denkweise
der  gelehrten  Classen  gehindert,  der  es  als  eine  Ungeheuerlichkeit ­
  erscheinen  muss,  die  Arbeitszeit  des  Karrenschiebers  und
diejenige  des  Architekten  an  sich  als  ökonomisch  völlig  gleichwerthig ­
  anzuerkennen.  Uoberhaupt  ist  unser  Kritiker  der
politischen  Oekonomie  von  dem  Classenidol  der  beschränkten
und  verkommenen  Luxusgelehrsamkeit  nichts  weniger  als  frei.
Er  wetteifert  mit  dem  in  Citaten  kramenden,  besonders  bei  den
Deutschen  heimischen  Chinesenthum,  und  wenn  er  meint,  dass
die  erste  Auflage  seines  Buchs  an  die  Arbeiter  abgesetzt  worden
sei,  so  nimmt  sich  dies  hochkomisch  aus.  Das  gelehrte  Chinesenthum ­
  hat  sich  durch  die  mit  Herrn  Roscher  wetteifernde  Anmerkungspolyhistorie ­
  imponiren  lassen  und  behufs  Erweiterung
des  eignen  Hausraths  dieser  Art  auch  die  Pein  nicht  gescheut,
die  ihm  die  Berührung  mit  dem  politischen  und  socialen
Radicalismus  verursacht.
Nach  der  Ansicht  des  Herrn  Marx  vertritt  der  Arbeitslohn
nur  die  Bezahlung  derjenigen  Arbeitszeit,  welche  der  Arbeiter
wirklich  für  die  Ermöglichung  der  eignen  Existenz  thätig  ist.
Hiezu  genügt  nun  eine  kleinere  Anzahl  Stunden;  der  ganze
übrige  Theil  des  oft  lang  gedehnten  Arbeitstages  liefert  einen
Uebcrschnss,  in  welchem  der  von  iinserm  Autor  sogenannte
        <pb n="516" />
        —  501

„Mehrwertli”  oder,  in  der  gemeingültigen  Sprache  geredet,  der
Capitalgewinn  enthalten  ist.  Abgesehen  von  der  auf  irgend
einer  Stufe  der  Production  bereits  in  den  Arbeitsmitteln  und
relativen  Rohstoifen  enthaltenen  Arbeitszeit,  ist  jener  Ueberschuss
  des  Arbeitstages  der  Antheil  des  capitalistischen  Unternehmers. ­
  Die  Ausdehnung  des  Arbeitstages  ist  hienach  reiner
Auspressungsgewinn  zu  Gunsten  des  Capitalisten.  Die  Lohnsklaverei ­
  ist  hienach  klarer  als  das  Sonnenlicht;  denn  ein
Mensch,  der  höchstens  sechs  Stunden  Arbeitszeit  nöthig  hätte,
um  vollständig  das  zu  ersetzen,  was  zu  seiner  Existenz  an
Arbeitszeit  von  Andern  aufgewendet  werden  muss,  sieht  sich
durch  das  Joch,  welches  ihm  die  ausbeutende  Gesellschaftsund ­
  Productionsverfassung  auferlegt,  unausweichlich  gezwungen,
zwölf,  vierzehn  oder  mehr  Stunden  aufreibende  und  abstumpfende
Frohnarbeit  zu  verrichten.  Er  muss  acht,  bezüglich  sechs
Stunden  für  die  Capitalisten  arbeiten,  um  deren  Gewinne  zu
produciren.  Der  giftige  Hass,  mit  dem  Herr  Marx  diese  Yorstellungsart
  des  Auspressungsgeschäfts  pflegt,  ist  nur  zu  begreiflich. ­
  Aber  auch  ein  gewaltigerer  Zorn  und  eine  noch
vollere  Anerkennung  des  Ausbeutungscharakters  der  auf  Lohnarbeit ­
  gegründeten  Wirthschaftsform  ist  möglich,  ohne  dass
jene  theoretische  Wendung,  die  sich  in  der  Marxschen  Lehre
von  einem  Mehrwerth  ausdrückt,  angenommen  wird.  Es  entsteht ­
  nämlich  die  Frage,  wie  die  concurrirenden  Unternehmer
im  Stande  sind,  das  volle  Erzeugniss  der  Arbeit  und  hiemit
das  Mehrproduct  dauernd  so  hoch  über  den  natürlichen  Herstellungskosten ­
  zu  verwerthen,  als  durch  das  berührte  Yerhältniss
  des  Ueberschusses  der  Arbeitsstunden  angezeigt  wird.
Eine  Antwort  hierauf  ist  in  der  Marxschen  Doctrin  nicht  anzutreffen ­
  und  zwar  aus  dem  einfachen  Grunde,  weil  in  derselben ­
  nicht  einmal  die  Aufwerfung  der  Frage  einen  Platz  finden
konnte.  Der  Luxuscharaktcr  der  auf  Soldarbeit  gegründeten
Production  ist  gar  nicht  ernstlich  angefasst  und  die  sociale
Yerfassung  mit  ihren  aufsaugenden  Positionen  keineswegs  als
der  letzte  Grund  der  weissen  Sklaverei  erkannt  worden.  Im
Gegentheil  hat  sich  immer  umgekehrt  das  Politischsociale  aus
dem  rein  Ookonomischen  erklärt  finden  sollen.  Wir  sind  hiemit ­
  wieder  auf  den  Ursprungsfehler  und  die  erste  Täuschung
der  ganzen  Anschauungsweise  zurückgewiesen.  Yon  Werth
darf  im  streng  theoretischen  Sinne  einer  Schätzung  der  Arbeits-
        <pb n="517" />
        502

zeit  überhaupt  nur  da  die  Rede  sein,  wo  man  wirklich  dem
Leitfaden  dieser  Arbeitszeit  nach  dem  Grundsätze  der  völligen
Gleichheit  folgt,  in  den  Preisen  aber  ausserdem  auch  den  Ausdruck ­
  der  socialen  Aneignungskraft  anerkennt.
4.  Was  Herr  Marx  „capitalistischo  Productionsweise”
nennt,  hat  nur  ein  einziges  deutliches  Kennzeichen  an  sich,
nämlich  das  der  Unternehmerwirthschaft  auf  Grund  der  Lohnarbeit. ­
  Jedoch  soll  diese  capitalmässigo  Art  zu  produciren
etwas  den  neuern  Jahrhunderten  ausschliesslich  Angehöriges
sein.  England  gilt  nicht  nur  in  der  Entwicklung  dieser  Wirthschaftsart
  als  Musterland,  sondern  wird  auch  übrigens  als  der
typische  Hauptträger  derjenigen  Entwickliingssteigerung  angesehen, ­
  die  zum  Socialismus  d.  h.  zur  Abschaffung  der  Lohnarbeit ­
  führe.  Die  hauptsächlichsten  geschichtlichen  Illustrationen, ­
  mit  denen  Herr  Marx  seine  Vorstellungsart  von  der
capitalistischen  Phase  ausstattet,  beziehen  sich  auf  England
und  hier  besonders  auf  die  Enteignung  der  individuellen  Eigenthümer
  und  selbständigen,  mit  eignen  Arbeitsmitteln  thätigen
Handwerker.  Die  kleinen  Besitzer  oder  überhaupt  die  auf  dem
Boden  mit  irgend  einem  Nutzungsrecht  Ansässigen  wurden  im
Lauf  der  neuern  Jahrhunderte  vertrieben  und  gleichsam  expropriirt.
  Eine  ähnliche  Loslösung  von  den  eignen  Unterlagen
der  Arbeit  vollzog  sich  durch  die  Manufacturen.  Die  so  ihrer
selbständigen  Existenz  Beraubten  bildeten  zusammen  mit  den
Nachkommen  der  Leibeignen  das  Contingent,  aus  welchem
sich  der  Wirthschaftsbetrieb  der  neuen  Art,  nämlich  derjenige
mit  Lohnsklaverei,  bequem  rekrutiren  konnte.  Eine  Art  „Reservearmee”, ­
  welche  aus  den  Candidaten  der  Armenunterstützung ­
  und  überhaupt  allen  zurückgesetzten,  verwahrlosten
oder  auch  einfach  zeitweilig  unbeschäftigten  Elementen  bestand
und  besteht,  hat  die  Chancen  der  Unternehmer  in  der  billigen
Rekrutirung  stets  erhöht  und  den  Arbeitssold  auch  abgesehen
von  den  künstlichen  Drückungsmaassregeln  der  Gesetzgebung
arg  niedergehalten.
Diese  historische  Skizze  ist  noch  das  verhältnissmässig
Beste  in  dem  Marxschen  Buch  und  würde  noch  besser  sein,
wenn  sie  sich  ausser  auf  der  gelehrten  nicht  auch  noch  auf  der
dialektischen  Krücke  fortgeholfen  hätte.  Die  Hegelsche  Negation ­
  der  Negation  muss  hier  nämlich  in  Ermangelung  besserer
und  fdarerer  Mittel  den  Hebeammendienst  leisten,  durch  welchen
        <pb n="518" />
        503

dio  Zukunft  aus  dem  Schoosse  der  Vergangenheit  entbunden
wird.  Die  Aufhebung  des  individuellen  Eigenthums,  die  sich
in  der  angedeuteten  Weise  seit  dem  16.  Jahrhundert  vollzogen
hat,  ist  die  erste  Verneinung.  Ihr  wird  eine  zweite  folgen,  die
sich  als  Verneinung  der  Verneinung  und  mithin  als  Wiederherstellung ­
  des  „individuellen  Eigenthums”,  aber  in  einer  höhern,
auf  Gemeinbesitz  des  Bodens  und  der  Arbeitsmittel  gegründeten ­
  Form,  charaktorisirt.  Wenn  dieses  neue  „individuelle
Eigenthum”  hei  Herrn  Marx  auch  zugleich  „gesellschaftliches
Eigenthum”  genannt  worden  ist,  so  zeigt  sich  ja  hierin  die
Hegelscho  höhere  Einheit,  in  welcher  der  Widerspruch  aufgehoben, ­
  nämlich  der  Wortspielerei  gemäss  sowohl  überwunden
als  aufbewahrt  sein  soll.  Die  Hervorbringung  dieser  höhern
Einheit  soll  eine  unvergleichlich  kürzere  Zeit  in  Anspruch
nehmen,  als  die  Jahrhunderte  lang  durchgeführte  Loslösung
des  Arbeiters  vom  Besitz.  Da  sich  nämlich  der  Boden  und
die  Arbeitsmittel  schliesslich  in  wenigen  Händen  vereinigt
finden,  so  wird  die  Expropriation  der  so  entstandenen  Besitzoligarchie ­
  durch  die  Volksmasse  ein  rascher  Act  sein  können,
während  die  Expropriation  der  Volksmasse  schwieriger  war,
allmälig  platzgreifen  und  sich  durch  die  Jahrhunderte  hindurchschleppen ­
  musste.  Die  Enteignung  der  Enteigner  ist  hienach
das  gleichsam  automatische  Ergehniss  der  Entwicklung  der  geschichtlichen ­
  Wirklichkeit  in  ihren  materiell  äusserlichen  Verhältnissen. ­
  Die  Ideen  spielen  hiebei  eine  ganz  untergeordnete
Rolle  und  haben  keine  weitere  Function,  als  den  ohnedies  angelegten ­
  Hergang  zu  unterstützen.
Die  unbestimmte  Art,  in  welcher  in  verschiedenen  Bedeutungen ­
  von  Eigenthum  und  von  Expropriation  geredet  wird,
erinnert  ein  wenig  an  das  einstige,  eingestandenermaasscn  vernachlässigte ­
  Rcchtsstudium  des  Herrn  Marx.  Auf  den  Credit
Hegelscher  Flausen,  wie  die  Negation  der  Negation  eine  ist,
möchte  sich  schwerlich  ein  besonnener  Mann  von  der  Nothwcndigkcit
  der  Boden-  und  Oapitalcommunität  überzeugen
lassen.  Hätte  der  Socialismus  nicht  solidere  Gründe,  als  die
pessimistische  Elendslogik,  die  ausserdem  zur  Erläuterung  jener
dürren  Schablone  dient,  so  würde  es  mit  seiner  Sache  schlecht
bestellt  sein.  Die  Marxistischen  Programme  ermangeln  auch
in  der  That  jeder  bestimmteren  ZukunftsVorstellung,  die  mehr
enthielte,  als  die  alte,  weit  über  ein  Menschenalter  zurück-
        <pb n="519" />
        504

zuverfolgende  Vorstellung  von  der  Abschaffung  der  Lohnarbeit.
Die  Wirthschaftscommune,  in  welcher  das  Gewalteigenthum
oder,  mit  andern  Worten,  die  Grund-  und  Oapitalherrschaft
mit  publicistischen  Collectivrechten  Aller  vertauscht  und  auch
jede  Spur  körperschaftlichen  Eigenthums  durch  eine  socialistische
  Freizügigkeit  und  Zulassung  anderer  Theilnehmer  nach
bestimmten  persönlichen  Gesetzen  ausgeschlossen  wird,  —  diese
Wirthschaftscommune,  die  ich  in  meinem  ,,Cursus”  ökonomisch
und  juristisch  skizzirt  habe,  dürfte  denn  doch  eine  exactcro
und  verständlichere  Conception  sein,  als  das  zugleich  individuelle ­
  und  gesellschaftliche  Eigenthum  des  Herrn  Marx.
Die  nebelhafte  Zwittergestalt  der  Marxschon  Vorstellungsart ­
  wird  übrigens  den  nicht  befremden,  der  da  woiss,
was  mit  der  Hegeldialektik  als  sogenannter  wissenschaftlicher ­
  Grundlage  gereimt  worden  kann,  oder  vielmehr  an
Ungereimtheiten  horauskommon  muss.  Für  den  Nichtkonner
dieser  Künste  muss  ich  ausdrücklich  bemerken,  dass  die  erste
Negation  bei  Hegel  der  Katechismusbegriff  des  Sündenfalls,
und  die  zweite  derjenige  einer  zur  Erlösung  führenden  höhern
Einheit  ist.  Auf  diese  Analogieschnurre  hin,  die  dem  Gebiet
der  Religion  entlehnt  ist,  möchte  nun  wohl  die  wirkliche  Logik
der  Thatsachen  nicht  zu  gründen  sein.  Will  man  die  thörichte
Kopfstellung  und  den  falschen  Pessimismus  des  Judenmährchens
vermeiden,  so  muss  man  nicht  blos  die  naturwissenschaftliche,
sondern  auch  die  sociale  Fortschrittsthoorie  annehmon.  Die
eminent  modernen  Bildungselemente  der  naturwissenschaftlichen
Denkweise  fehlen  aber  grade  da,  wo,  wie  bei  Herrn  Marx  und  bei
seinem  Rivalen  Lassalle,  die  Halbwissenschafton  und  ein  wenig
Philosophasterei  das  dürftige  Rüstzeug  zur  gelehrten  Aufstutzung
  ausmachten  und  die  Doctrin  mit  einem  mystificatorischen
Hintergründe  effectvoll  und  düpirend  gestalten  sollten.
5.  Herr  Marx  sucht  in  dem  Schlusswort  der  neuen  Auflage ­
  den  Vorwurf  einer  Mystification  zurückzu  weisen,  indem  er
den  Inhalt  der  Hegelschen  Philosophie  und  auch  die  ideelle
Seite  ihrer  Methode  selbst  schon  früh  als  eine  Mystification
erkannt  haben  will.  Er  thue  ja  das  grade  Gogontheil  von
Hegel,  indem  er  nicht  von  den  Ideen,  sondern  von  der  thatsächlichen
  Wirklichkeit  ausgehe  und  so  die  dialektische  Entwicklung ­
  gewinne.  Hierauf  kann  man  nur  erwidern,  dass  mit
dieser  Wendung  das  historisch  dialektische  Ballet  der  Selbst-
        <pb n="520" />
        505

l)Gwegung  der  Thatsachen  vollends  regellos  wird,  und  dass  man
nicht  mehr  woiss,  wozu  z.  B.  jene  Negation  der  Negation  noch
ihre  Zauhcrkünstc  produciren  soll,  wenn  schon  die  nackten
Thatsachen  ohne  die  Dazwischenkunft  der  ideell  dialektischen ­
  Puppenkloidchen  anständig  von  der  Stelle  kommen.
Jene  Abwehr  ist  einerseits  unwirksam  und  andererseits  unnöthig.
Niemand  wird  Herrn  Marx  verwerfen,  das  specielle  Hegelsche
Philosophiron  romantisch  scholastischer  Art  mit  seinem  schliesslichon
  Obscurantismos  und  seiner  Demagogenhetzerei  oder
auch  nur  die  infamen  Zweideutigkeiten  seiner  metaphysischen,
religiösen  und  politischen  Charlatanerie  im  Entferntesten  adoptirt°zu
  haben.  Was  die  sogenannten  Junghegelianer,  zu  denen
Herr  Marx  bereits  vor  einem  Menschenalter  gehörte,  unternahmen, ­
  ist  allgemein  bekannt  und  war  eben  nichts  Anderes,
als  die  Gewinnung  des  Radicalismus  in  den  Formen  der
Hegolschen  sogenannten  Dialektik.  Sie  hatten  in  ihren  Schulen
nichts  Besseres  gelernt,  und  so  begreift  es  sich,  dass  unanfechtbare ­
  und  vollkommen  probehaltige  Männer,  wie  Ludwig  Feuerbach, ­
  diesen  traurigen  Superstitionstribut  die  entscheidenden
Lebensjahre  hindurch  zu  ihrem  Schaden  entrichtet  haben.  Der
eben  Genannte  hat  sich  schliesslich  aber  auch  von  der  Form
der  Hegelsuperstition  emancipirt  und  die  Hegelsche  Philosophie
für  wundergläubige  reactionäre  Romantik,  den  Hauptlieferanten
ihres  phantastischen  Inhalts  aber,  nämlich  den  von  Lassalle  so
verehrten  Schelling,  wie  schon  früher  angeführt,  den  Cagliostro
der  Deutschen  Philosophie  genannt.  Proudhon,  haben  wir  gesehen, ­
  war  schliesslich  aufrichtig  genug  zu  bekennen,  dass  es
mit  den  höhern  Einheiten  und  der  ganzen  Hegeldialektik  nichts
sei,  und  dass  er  sich  geirrt  habe,  wenn  er  dieser  dialektischen
Illusion  gefolgt  und  Jahrzehnte  in  der  Meinung  befangen  geblieben ­
  sei,  zum  Eigenthum  und  Communismus  ein  Drittes  als
höhere  Einheit  zu  besitzen.  Herr  Marx  dagegen  bleibt  getrost
in  der  Nebelwelt  seines  zugleich  individuellen  und  gesellschaftlichen ­
  Eigenthums  und  überlässt  es  seinen  Adepten,  sich  das
tiefsinnige  dialektische  Räthsel  selber  zu  lösen.  Anstatt  auch
wissenschaftlich  in  einfacher  Tracht  und  in  möglichst  natüilicher
  Weise  aufzutreten,  gesteht  er  zwar  zu,  mit  der  Hegelschen
Ausdrucksweise  „coquettirt”  zu  haben,  behält  aber  die  Spielerei
der  Manier  als  wichtige  Angelegenheit  bei.  Auch  ist  überhaupt
der  Stil  seiner  Darstellung,  bei  aller  Bitterkeit  und  hier  und
        <pb n="521" />
        It  rtfffl-itlgi  ■!  Ill  11  mH

^  :

506

da  auch  wohl  hervorbrechenden  Leidenschaft,  nicht  von  jenem
hochernsten  Charakter,  mit  welchem  das  eingestreute  Geistreicheln, ­
  die  gelegentlich  burschikose  Art,  die  Abfälle  von
.  Redensarten  aus  allerlei  Sprachen,  die  persönlichen  Närgoleien,
|||  ■  die  abrupten  Citate,  kurz  die  ganze  ungleichartige  und  un-.
  '  ,  ästhetische  Mischung  von  Kleinlichem  und  Erheblichem,  sowie
v  Plattem  und  Pointirtem,  irgend  verträglich  sein  könnte.  Die
'  I  schnöden  Manierehen,  für  deren  vulgäre  Eigenschaft  oft  nur
das  vulgäre  Wort  schnodrig  ganz  passend  sein  würde,  können
wahrlich  auch  da,  wo  sie  sich  gegen  das  wirklich  Verächtliche
kehren,  nicht  soviel  leisten,  als  eine  gesetztere,  von  einem
höheren  Ernst  getragene  Haltung  vermögen  würde.  Auch
schöngeistige  Plätzchen  und  Mätzchen  sind  da  nicht  am  Orte,
wo  die  Blutfrage  von  Leben  und  Nichtleben  erörtert  und  das
Schicksal  von  Generationen  in  dem  eisernen  Gefüge  der  Thatsachenlogik
  sichtbar  werden  soll.  Ebenso  verträgt  sich  mit
letzterer  Aufgabe  die  besonders  auf  absonderliche  Piecen  der
Englischen  ökonomischen  Literatur  erpichte,  übrigens  aber  mit
einem  Bücher-  und  Stellenwust  alter  und  neuer  Zeit  in  der
professoralen  Manier  auf  wartende  Chinesengelehrsamkeit  durchaus ­
  nicht.  Hat  dieser  Prunk  auch  nicht  den  Charakter  so
kindischer  Flitter  und  so  läppischer  Eitelkeit,  wie  bei  den
Deutschen  Citatenprofessoren  und  namentlich  bei  Herrn  Roscher,
so  bleibt  sie  doch  ein  abgerissenes  Stückwerk,  dessen  abrupte
Ueberflüssigkeiten  den  Mangel  einer  Einsicht  in  das  Ideenganze ­
  der  jedesmal  angeführten  Schriftsteller  schlecht  verdecken.
Bei  den  Verdiensten,  welche  Herr  Marx  bezüglich  der
Internationalen  Arbeiterassociation  aufzuweisen  hat,  und  von
denen  wir  später  berichten  werden,  müssen  seine  theoretischen
Ansprüche  als  eine  pure  Schwäche  erscheinen.  Kann  er  sich
auch  mit  Recht  schmeicheln,  sich  mit  seinem  Buch  in  einer
gewissen  Höhe  über  dem  Niveau  der  Machwerke  Deutscher
Professoren  zu  befinden,  so  darf  ein  solcher  Vorzug  doch  nicht
als  der  Gegenstand  einer  edlen  Ambition  gelten,  wie  sie  einem
Manne  ziemt,  der  sich  in  Charakter  und  Talent  von  der  Sphäre
des  Professorenthums  und  der  dort  herrschenden  Misere  dos
Wissens  und  Wollens  wirklich  einigermaassen  unterscheidet.
Was  kann  es  ihm  verschlagen,  Leute  wie  die  Herren  L.  Stein
und  W.  Roscher  in  albernen  Einzelheiten  bloszustellen  und  die
allgemeine  wissenschaftliche  Impotenz  dieser  und  ähnlicher
        <pb n="522" />
        507

Figuren  in  gelegentlichen  Citaten  sichtbar  zu  machen?  Kann
einen  Mann,  der  sich  ernsthaft  auf  den  Arbeiterstandpunkt
stellt,  die  Eitelkeit  kitzeln,  die  Producte  des  Faulungsprocesses
einer  theoretisch  und  gesellschaftlich  verwesenden  Gelehrsamkeit ­
  im  Einzelnen  aufzurühren?  Kann  er  es  als  einen  Triumph
ansehen,  wenn  er  durch  Specialeinlassung  mit  dem  fraglichen
Schlage  in  einem  Schock  von  Einzelfällen  seine  geistige  Ueber-Icgenheit
  in  Kenntniss  und  Gedankenhandhabung  ausser  Zweifel
stellt?  Ich  wenigstens  könnte  hierin  nichts  Verlockendes  finden.
Das  summarische  Verfahren,  welches  mit  der  Gattung  und
dem  Typus  abrechnet  und  sich  gar  nicht  dazu  herbeilässt,  das,
was  ein  Hume  den  „Gelehrtenpöbel"  nannte,  in  mikrologischen
Einzelheiten  mit  einer  Biosstellung  zu  beehren,  —  dieses  Verfahren ­
  im  höheren  und  edleren  Stile  ist  allein  mit  den  Interessen ­
  der  vollen  IVahrheit  und  mit  den  Pflichten  gegen  das
zunftfreie  Publicum  verträglich.  Wenn  nun  Herr  Marx  das
Herumbalgen  und  Anzwacken  in  der  halb  akademischen,  halb
wildwüchsigen  Manier  der  gelehrten  Anmerkungsnärgeleien  als
seine  Art  der  Polemik  auserkoren  hat,  so  kann  ich  hierin  nur
j  ene  philosophische  und  wissenschaftliche  Rückständigkeit  finden,
deren  falsches  autoritäres  Princip  auch  das  hartnäckige  Steckenbleiben ­
  in  der  Verhegelung  verschuldet  hat.  Herr  Marx  steht
zwar  über  der  fraglichen  universitären  Gattung,  und  aus  seinem
Buch  können  auch  die  Studirenden  bedeutend  Mehr  an  eigentlicher ­
  Nationalökonomie  lernen,  als  von  ihren  heutigen  kathedeisocialistelnden
  Professoren;  aber  er  steht  trotz  dieser  Ueberlegenheit
  den  letzteren  noch  zu  nahe,  als  dass  sie  nicht  in
einiger  Entfernung  trotz  aller  gelegentlich  von  ihm  empfangenen ­
  Fusstritte  mit  ihm  zu  coquettiren  vermöchten.  Dieser
Umstand  ist  ein  bedenkliches  Anzeichen,  und  so  werthvoll
die  Entschiedenheit  der  Marxschen  Agitation  in  ideeller  und
thatsächlicher  Richtung  auch  sein  möge,  so  würde  im  weiteren
Lauf  der  Entwicklungen  sein  theoretischer  Standpunkt  zu  der
Wirklichkeit  einer  umfassenden  Socialrevolution  nur  eine  ähnliche ­
  reactive,  um  nicht  zu  sagen  reactionäre  Rolle  ergeben,
wie  sie  in  der  wesentlich  nur  politischen  Revolution  1793  von
den  Girondisten  gegen  Rousseaus  Schüler  Marat  und  dessen
Gesinnungsgenossen  gespielt  worden  ist.  Wie  unmöglich  es
sei,  dass  ohne  vollständigen  Bruch  mit  den  Ueppigkeitstraditionen
der  luxuriös  verkommenen  Gesellschaftselemente  die  volle  Klar-
        <pb n="523" />
        508

heit  und  gesunde  Energie  des  unzweideutig  socialitären  Standpunktes ­
  gewonnen  werde,  wird  uns  noch  weit  mehr  das  Beispiel ­
  Lassalles  beweisen,  der  sich  nicht  darauf  beschränkte,  an
dem  sich  zersetzenden  und  hohl  autoritären  Gelehrsamkoitsprunk
  theilzunehmen,  sondern  auch  in  der  Eäulniss  des  Lehens
arg  befangen  war.
6.  Lassalle,  der  Urheber  der  ersten  erheblichen  Arbeiteragitation ­
  Deutschlands,  hatte  als  Socialthcoretiker  zwar  keine
ursprüngliche  Originalität  aufzuweisen,  wählte  aber  in  der
Hauptsache  sein  Vorbild  mit  ziemlich  richtigem  Instinct,  indem
er,  ohne  es  einzugestehen,  die  socialen  Ateliers  Louis  Blancs
ins  Auge  fasste  und  die  Marxsche  Scholastik  der  Schrift  von
1859  nur  insoweit  und  nur  unter  solchen  Umgestaltungen  adoptirte,
  als  sie  ihm  als  Decorationsmittel  der  dialektischen  Theorie
für  seine  Zwecke  nutzbar  schien.  Er  suchte  jedoch  den  Blancschen
  Compass  sorgfältig  versteckt  zu  halten.  Zu  diesem
Zweck  benutzte  er  die  Unwissenheit  seiner  Gegner,  welche  die
thatsächlichen  Nationalwerkstätten  von  1848  für  die  Ausführung
der  Idee  der  socialen  Ateliers  nahmen,  um  mit  der  Widerlegung
dieses  Irrthums  sich  zugleich  den  Anschein  zu  geben,  als  wenn
er  im  Allgemeinen  mit  einer  Nachahmung  in  dieser  Richtung
nichts  zu  schaflten  hätte.  Freilich  war  es  ihm  nicht  eingefallen,
die  gegen  Louis  Blanc  errichteten  nationalen  Ateliers,  die  auf
blosse  Unterstützung  in  Form  von  Löhnen  und  auf  Soldzahlung
für  unnütze  oder  gar  keine  Arbeit  hinausliefen,  sowie  eventuell
eine  Regierungsarmee  für  den  Strassenkampf  gegen  die  Socialisten
  liefern  sollten,  zum  Vorbild  zu  nehmen.  Er  konnte  daher
der  allgemeinen  Ignoranz  gegenüber  geltend  machen,  dass  von
einem  1848  missglückten  grossen  Versuch  mit  staatlich  in
Gang  gebrachten  socialen  Wirthschaftsassociationen  nicht  im
Entferntesten  die  Rede  sein  könne.  Wohl  aber  hütete  er  sich,
auch  die  andere  Seite  dieser  Berichtigung  zu  zeigen.  Aus  dem
Umstande,  dass  er  keine  Nationalwerkstätten,  wie  das  antisocialistische
  Pariser  Missgebilde  von  1848,  im  Auge  habe,  ergab
sich  noch  keineswegs,  dass  er  nicht  im  Wesentlichen  die  Idee
der  Blancschen  Socialwerkstätten  verfolgte.  Im  Gegenthoil
wurde  durch  seine  Polemik  gegen  die  Verwechselung  .der  Nationalwerkstätten, ­
  elenden  Ausgangs  und  Angedenkens,  mit  den
noch  unversuchten  Blancschen  Socialwerkstätten  der  Gedanke
nahegelegt,  dass  er  die  letzteren  oder  vielmehr  deren  Idee  mehr
        <pb n="524" />
        509

oder  minder  gutlioisse  und  nachbilde.  Indessen  ist  ibm  in
dieser  Beziehung  die  erstaunliche  Ungewandtheit  seiner,  auf  dem
fraglichen  Gebiet  in  der  That  recht  unwissenden  Gegner  zu
Hülfe  gekommen,  so  dass  es  ihm  wirklich  gelungen  ist,  die
Aufmerksamkeit  derselben  von  dieser  Seite  abzulenken  und
sein  System  von  Productivassociationen,  welche  durch  den
Staat  in  Gang  gebracht  und  mit  Staatscredit  unterhalten  werden,
  als  etwas  gänzlich  Neues  und  Eigenthümliches  auszugeben.
Uebrigens  hatte  aber  in  der  Agitation  des  Augenblicks  auch
die  Gegnerschaft  kein  sonderliches  Interesse  daran,  die  noch
aminehitmiin^^thmhe  Theorie  mihn^  I^dnheit  Ideht
zu  ziehen  und  die  unverfälschten  Gedanken  eines  Louis  Blanc
heraufzubeschwören.  Die  Unwissenheit  ging  also  mit  dem  Interesse ­
  Hand  in  Hand,  und  so  wurde  es  Lassalle  möglich,  sein
Schema  von  Productivassociationen  als  eine  völlig  neue  Conception ­
  und  als  das  Universalmittel  zur  Behandlung  des  socialen ­
  Problems  darzustellen.  Die  in  einem  gewissen  Sinne
scharfe  oder  vielmehr  zugespitzte  Art  und  Weise,  in  welchei
bekannte  Wendungen  der  Theorie  vor  die  Arbeiter  oder  deren
Führer  gebracht  wurden,  also  gleichsam  die  besondere  Gestalt
der  agitatorischen  Formulirung,  gehörte  ihm  unstreitig  an,
und  in  diesen,  allerdings  oft  seltsamen,  ja  häufig  pedantisch
klaubenden  Popularisirungsversuchen  liegt,  abgesehen  von  der
Schöpfung  einer  socialistischen  Parteiorganisation,  sein  Hauptverdienst. ­
  Aus  diesem  Grunde  kommen  für  uns  auch  eigentlich
nur  seine  kleineren  Pamphlets  aus  der  Zeit  von  1863  m  Betracht, ­
  während  schon  das  Büchelchen  gegen  Herrn  Schulze,
welches  die  socialökonomische  Hauptschrift  sein  sollte,  wegen
seiner  überwuchernden  Scholastik  und  auch  um  seiner  unästhetischen, ­
  völlig  ins  Ordinäre  gerathenden  Polemik  willen  als  ein
Rückschritt  angesehen  werden  muss.  Wer  nichts  weiter  von
Lassalle  als  diese  Schrift  kennte,  würde,  falls  er  noch  einiges
Urtheil  iSer  theoretische  Formgebung  und  über  die  Psychologie ­
  der  polemischen  Leidenschaften  übrig  hat,  unfehlbai  zu
der  Vorstellung  genöthigt  werden,  dass  der  Autor  eines  solchen
ungeheuerlichen  Gemisches  von  allgemeiner  Theorie  und  kleinlichstem ­
  Quark  des  Augenblicks  nicht  wirkliche  Popularisirungszwecke
  verfolgte.  Dennoch  sieht  man  aus  den  früheren  kleineren ­
  Flugschriften,  dass  Lassalle  bisweilen  mit  einem  gewissen
Maass  von  Ernst  die  Idee  ergriffen  habe,  den  Massen  wirklich
        <pb n="525" />
        510

Einiges  von  dem,  was  er  aufrichtig  für  Wissenschaft  hielt,  bis
zum  vollsten  Verständniss  zugänglich  zu  machen.  Dies  ist,  wie
gesagt,  seine  beste,  ja  die  einzige  Seite,  von  welcher  man  sich
mit  seiner  Denkungsart  in  Beziehung  zu  setzen  und  vom  Standpunkt ­
  der  Gesinnung  zu  dem  besseren  Theil  seiner  Bestrebungen ­
  eine  Brücke  zu  finden  vermag.  In  allen  übrigen  Beziehungen, ­
  seien  sie  theoretischer  oder  praktischer  Natur,  mögen
sie  den  Charakter  oder  die  Intelligenz  betreffen,  —  in  allen
andern  Richtungen  ist  ein  solches  Verbindungsmittel  nicht  aufzufinden. ­
  Man  kann  der  entschiedenste  Socialist  sein,  und  dennoch ­
  unter  Ausnehmung  des  einzigen  angezeigten  Punktes,  die
Möglichkeit  einer  Gemeinschaft  der  Haltung  des  Wissens  und
Wollens  verneinen.  Wie  seltsam  sich  einem  derartigen  Sachverhalt ­
  gegenüber  der  Umstand  ansieht,  dass  in  Deutschland
die  erste  nachdrückliche  Agitation  des  Socialismus  in  den  Händen ­
  eines  Lassallo  gewesen  ist,  wird  erst  vollständig  klar  worden,
wenn  wir  die  Persönlichkeit  näher  untersuchen.
7,  Ferdinand  Lassai  (1825—64)  aus  Breslau,  Sohn  eines
jüdischen  Kaufmanns,  entlief  von  der  Handelsschule  zu  Leipzig
und  verfolgte  wider  den  Willen  seines  Vaters  die  Absolvirung
des  Gymnasialcursus  zu  Breslau,  wobei  ihm  die  Mutter  durch
Verheimlichung  behülflich  war.  Er  studirte  in  Breslau  und
Berlin  in  der  Richtung  auf  Philologie,  kam  schon  an  der  ersteren
Universität  unter  den  Einfluss  des  Hegelthums  und  will  sich
schon  früh  mit  Studien  über  Heraklit  beschäftigt  haben.  Die
nächste  Lebensaufgabe,  der  er  sich  als  junger  Mann  von  20  Jahren ­
  widmete,  war  die  Attachirung  an  eine  emancipirte  Gräfin
und  deren  Processsache  mit  ihrem  Ehemann.  Hiemit  führte
er  sich  in  die  Skandalchronik  ein,  welche  sich  für  ihn  an  den
Namen  Hatzfeld  knüpfte,  und  in  welcher  schliesslich  die  Anklage ­
  wegen  der  Veranlassung  des  Versuchs  zum  Diebstahl
einer  Cassette  den  Gipfelpunkt  bildete,  ohne  dass  jedoch  eine
gerichtliche  Verurtheilung  zu  verzeichnen  gewesen  wäre,  indem
die  damals  noch  mögliche  sogenannte  Freisprechung  von  der
Instanz  platzgrifi“.  Auf  diese  halbe  Freisprechung  vom  Jahre
1848  folgte  nun  politisch  radicale  Propaganda,  aber  freilich
erst  als  Widerstand  gegen  die  bereits  siegreiche  Reaction.  Ein
halbes  Jahr  Gefängniss  war  das  Ergebniss.  Seit  1848  hatte
sich  Lassalle  in  Düsseldorf  aufgehalten  und  siedelte  1857  nach
Berlin  über.  Schon  seit  einer  Reise  nach  Paris  (1846)  hatte  er
        <pb n="526" />
        511

seinen  ihm  missliebigen  jüdischen  Namen  Lassai  durch  die  Anhängung ­
  der  Silbe  le  französirt  und  war  hierin  von  der  Polizei
unbehelligt  geblieben.  In  Berlin  veröffentlichte  er  2  Bände
über  Heraklit  (1858),  in  denen  der  Griechische  Philosoph  nach
der  Hegelschablone  construirt  und  in  demselben  Sinne  auch
die  erhaltenen  Bruchstücke  seiner  Aeusserungen  halb  philologisch ­
  ausgelegt  und  besprochen  wurden.  Die  Yerrenkungen
der  natürlichen  Ausdrucksweise  nach  dem  Muster  Hegels  sind
in  diesem  Buche  noch  ganz  ungenirt.  Schon  ein  wenig  glatter,
wenn  auch  noch  sonst  völlig  der  Hegelschematistik  entsprechend, ­
  fiel  ein  Buch  aus,  welches  sich  als  „Theorie  der
erworbenen  Rechte”  (2  Bde.  Leipzig  1861)  betitelte  und  eine
Durcharbeitung  der  Jurisprudenz  verstellen  wollte.  Seine
schwer  zu  bezeichnende  Art  und  YV^eise  erinnert  an  die  den
zwanziger  Jahren  angehörigen  ersten  Bände  des  universellen
Erbrechts  des  Professor  Gans,  der  jedoch  schliesslich  in  einem
späteren  noch  gelieferten  Bande  eingestehen  musste,  dass  sich
das  Germanische  Erbrecht  nicht  in  die  Hegelschen  Kategorien
fassen  lasse.  Es  war  dies  der  einzige  bedeutendere  und  talentvollere ­
  Yersuch  gewesen,  das  Hegelthum  in  die  Privatrechtswissenschaft ­
  einzuführen.  Er  war  circa  ein  Yierteljahrhundert
vor  der  Lassalleschen  Unternehmung,  also  in  der  eigentlichen
Blüthezeit  der  Hegelschen  Dialektik  gescheitert,  und  nun  kam
in  offenbar  sehr  verspäteter  und  unzeitgemässer  Weise  unser
Autor,  der  sich  auf  Yeranlassung  der  Hatzfeldschen  Processsache
  an  Streifzüge  in  das  positiv  juristische  Gebiet  gemacht
hatte,  mit  seiner  Prätension,  die  Rechtswissenschaft  durch  sinnund
  formlose  Hegelsuperstition  zu  reformiren  und  noch  obenein, ­
  wie  der  Titel  besagt,  „eine  Yersöhnung  des  positiven  Rechts
und  der  Rechtsphilosophie”  zu  stiften.  Der  Römische  rechtshistorische ­
  Stoff,  der  sich  am  leichtesten  zusammenlesen  liess,
ist  in  dem  Buch  überwiegend,  und  es  macht  vom  Standpunkt
eines  strengen,  auf  die  unentstellten  Thatsachen  gerichteten
Positivismus  einen  komischen  Eindruck,  die  Lassalleschen  Missverständnisse ­
  und  Yerschlingungen  der  Begriffe  des  reinen
Römischen  Privatrechts  mit  der  Miene  überlegener  Kritik  auftreten
  zu  sehen.  Für  den  soliden  Rechtstheoretiker  hat  dieses
Werk  nur  den  Werth  eines  abschreckenden  Beispiels,  indem
es  zeigt,  zu  welchen  Yerunstaltungen  der  dem  Gegenstände
entsprechenden  natürlichen  Yorstellungsformeu  die  Heimsuchung
        <pb n="527" />
        512

des  juristischen  Materials  mit  dem  dialektischen  Abergiaiiben
auch  in  sonst  nicht  ungeschickten  Händen  und  trotz  eines  gewissen ­
  Maasses  jüdischer  Yerstandespointirung  führen  müsse.
Der  Verfasser  war  in  dieser  Schrift  mit  Hegel  nicht  mehr  ganz
einverstanden,  sondern  stellte  sogar  seine  persönlichen  Bemühungen ­
  zu  einer  Umgestaltung  der  Hegelschen  Philosophie
für  den  Fall  in  Aussicht,  dass  er  hiezu  die  Müsse  finde.  Allein
der  „Versöhner”,  welcher  die  erworbenen  Rechte  mit  den  Principien ­
  der  Revolution  zu  einer  höheren  Einheit  verarbeiten  zu
müssen  glaubte,  fand  bald  eine  Veranlassung,  sich  über  den
Sinn  seines  Versöhnerthums  in  einer  praktischen  Agitation
seihst  etwas  klarer  zu  werden.  Die  Arheiterhewegung,  welche
mit  dem  weiteren  Verlauf  des  seit  1861  inaugurirten  Jahrzehnts
in  Folge  der  Rückwirkung  des  Amerikanischen  Secessionskriegs
auf  die  Europäischen  Arbeitszuständc  ein  trat,  reizte  uusern
politisch  ziemlich  radicalen  Autor,  sich  nun  auch  in  der  ihm
nähergetretenen  socialen  Strömung  geltend  zu  machen  und  zu
versuchen,  sich  des  Steuers  zu  bemächtigen.  In  dem  Jahrzehnt ­
  1818—57  hatte  er  von  Düsseldorf  aus'  mit  den  Rheinischen ­
  Arbeitern  im  Sinne  der  radicalen  Politik  verkehrt,  und
die  dortigen  Arbeiter  sind  auch  später  seine  wärmsten  Anhänger ­
  gewesen.  Hienach  war  es  die  politische  Gonsequenz,
welche  ihn  schliesslich  zur  Einlassung  auf  die  socialistische
Richtung  bestimmte.  Er  begann  das  entscheidende  agitatorische
Eingreifen  mit  einem  „Offenen  Antwortschreiben  etc.”  (1863),
in  welchem  er  einem  Leipziger  Comité  seine  Theorie  und  sein
Programm  darlegte.  Vorher  hatte  er  in  Berlin  einen  Vortraggehalten,
  der  unter  dem  Titel  „Arbeiterprogramm”  gedruckt
wurde  und  den  Arbeiterstaat  als  das  sich  ergebende  Ziel  der
gegenwärtigen  Geschichtsepoche  hinstellte.  In  diesem  Vortrag,
dessen  Abhaltung  zu  einer  criminellen  Verfolgung  wegen  Aufreizung ­
  der  Arbeiter  gegen  die  Besitzenden  die  Veranlassung
gab,  findet  man  eigentlich  nur  eine  philosophische  Geschichtsconstruction,
  die  äusserlich  ziemlich  verständlich  gestaltet  und
innerlich  wenigstens  im  Hauptpunkt  nicht  unzutreffend  ist.
Die  übrigen  Pamphlets,  welche  hauptsächlich  in  das  Jahr  1863
fallen,  sind  zu  zahlreich  und  ungleichartig,  als  dass  sic  einzeln
angeführt  werden  könnten.  Sie  theilen  sich  in  Versammlungsreden,
  Gcrichtsreden  und  überhaupt  Schriften  zu  den  verschiedenen ­
  Criminalafiairen,  mit  denen  man  den  Agitator  heim  suchte.
        <pb n="528" />
        513

Doch  sei  zur  Vermeidung  von  Missverständnissen  bemerkt,
dass  unter  dem  Titel  „Arbciterlesebucli”  nur  zwei  Frankfurter
Versammlungsreden  zusammengefasst  sind.  Als  bezeichnendes
Curiosum  mag  auch  erwähnt  werden,  dass  die  mehr  als  acht
Bogen  umfassende  Erörterung  über  „Die  indirecte  Steuer  und
die  Lage  der  arbeitenden  Classen”  (1803)  eine  gerichtliche  Vertheidigungsrede
  gewesen  ist,  wie  denn  überhaupt  die  Lassalleschen ­
  Plaidoyers  in  juristisch  technischer  Beziehung  stets
höchst  ergötzlich  ausfielen  und  auch  wohl  aus  diesem  Grunde,
sowie  der  pikanten  Züge  und  der  etwas  theatralischen  Schaustellungen ­
  wegen,  eine  Reihe  von  Stunden  hindurch  angehürt
wurden.  Die  Juristen,  denen  die  amoenitates  juris  in  der  neusten
Zeit  sehr  zusammengeschrumpft  sind,  Hessen  gelegentlich  einmal ­
  die  Eintönigkeit  ihrer  Geschäfte  durch  eine  moderne
Amönität  wie  Lassalle,  geduldig  unterbrechen.  Die  gesammten
Flugschriften  aus  den  beiden  letzten  Lebensjahren  unseres  socialen ­
  Agitationsunternehmers  umfassen  einschliesslich  der  gegen ­
  das  Bastiatitenthum  des  Herrn  Schulze  gerichteten  Schrift
einen  starken  Band,  sind  jedoch  bis  jetzt  in  ihrer  Vereinzelung
verblieben.  Der  Verfasser  hat  trotz  seines  Reichthums  nicht
einmal  wirksam  dafür  gesorgt,  dass  nach  seinem  Tode  seine
Arbeiten  zusammenhängend  zugänglich  würden.  Das  buchhändlerische ­
  Interesse  hat  sich  aber  von  einer  solchen  Ausgabe
noch  nicht  hinreichend  angezogen  gefunden,  und  so  werden
denn  die  betreffenden  zersplitterten  Piecen  nur  durch  die  buchhinderische
  Sorgsamkeit  der  bcsondern  Interessenten  in  vollständigen ­
  Sammlungen  bei  einander  gehalten.  Dieselbe  Ungebundouheit,
  welche  in  dem  Lebensgefüge  des  Autors  in  Rücksicht ­
  auf  gute  Sitte  und  natürlichen  Anstand  vorwaltete,  hat
sich  auch  auf  sein  literarisches  Agitationsdasein  übertragen.
Schwerlich  wird  man  in  der  Mehrzahl  dieser  Piecen  später
etwas  Anderes  als  eben  auch  Stoff  zur  Zeitcharakteristik  sehen.
Das  Kleinliche,  welches  in  der  ganz  unnützen  Einlassung  mit
völlig  eintägigen  Parteivarianten  lag,  hat  für  den  Autor  eine
besondere  Anziehungskraft  gehabt.  Er  war  trotz  seines  Radicalismus ­
  in  der  Superstition  an  untergeordnete  Personnagen
befangen  und  machte  cs  hier  noch  ärger,  als  in  der  reinen
Theorie,  wo  er  auch  autoritätskrämerisch  genug  und  zwar  nicht
etwa  hlos  zur  Düpirung  seiner  Gegner  oder  Anhänger,  sondern ­
  aus  eigner  Beschränktheit  verfuhr.  In  der  Politik  griff
Daliring,  Goscliichte  der  Nationalokocomic.  2.  Auflage.  ù3
        <pb n="529" />
        —  514  —

er  aber  Jeden  auf,  der  ihm  über  den  Weg  lief,  als  wenn  es
sich  um  eine  geschichtlich  bedeutsame  Erscheinung  handelte.
Aus  blossen  Figuranten  einer  ganz  gleichgültigen  Phase  des
volksvertreterischen  Daseins  schnitzte  er  sich  eine  Gegnerschaft,
die  nach  etwas  aussehen  sollte,  damit  seine  Einlassung  mit
solcher  Misere  einen  grossen  Anstrich  erhielte.  Eine  derartige
Wichtigthuerei  mit  dem  für  die  wirkliche  Geschichte  und  eine
Agitation  im  grossen  Stile  gleichgültigsten  Kleinkram  ist  ein
Grundzug  der  Lassalleschen  Manier  gewesen  und  hat  sich  bei
ihm  weder  im  Wissen  noch  im  Wollen  irgendwo  verleugnet.
Der  philosophirerische  Hintergrund  darf  hier  nicht  täuschen.  Für
den  unbefangenen  Bourtheiler  wird  er  vielmehr  die  fragliche
Thatsache  noch  deutlicher  machen,  indem  sich  diesen  riosenmässigen
  Prätensionen  universeller  Auffassung  gegenüber  das
wirkliche  Verfallen  in  die  Zwergpolcmik  der  niedrigsten  Art
nur  um  so  entschiedener  markirt.
Von  einem  Tragödionversuch,  dessen  Lassallo  noch  1859
fähig  gewesen  ist,  sowie  von  seiner  Polemik  gegen  einen  Darsteller ­
  der  neusten  Deutschen  Literaturgeschichte  habe  ich  hier
nicht  besonders  zu  reden.  Nur  sei  summarisch  bemerkt,  dass
sich  das  Herausgeben  von  Schriften  aller  Art  in  das  letzte
halbe  Dutzend  Lebensjahre  zusammen  gedrängt  hat.  Mit  der
Unreife  des  Alters  kann  daher  keine  einzige  Eigenschaft  und
kein  Bcstandthcil  dieser  Veröffentlichungen  entschuldigt  werden.
Wer  im  83.  Jahre  noch  gewisser  Dinge  fähig  ist,  zeigt  hiemit,
dass  sein  ganzes  Wesen  die  entsprechende  Richtung  habe  und
die  Elemente  derselben  beibehaltcn  werde.  Die  Mischung  der
Ideologie  mit  sehr  ausgeprägten  Gewöhnlichkeiten  und  mit
Zügen  einer  unedlen  Denkweise  ist  hier  die  am  meisten  kennzeichnende ­
  Qualität.  Doch  wir  wollen  lieber  gleich  nach  den
Thatsaclicn  und  dem  Ende  fragen,  welches  für  manchen  Beurtheilcr
  deutlicher  spricht,  als  die  übrigens  auch  untrügliche
Physionomie  der  Schriften.  Lassallo  hatte  einen  „Allgemeinen
Deutschen  Arbeiterverein”  1863  in  Gang  gebracht.  Im  folgenden
Jahr,  dem  vierzigsten  seines  Lebens,  betrieb  er  eine  Iloirathsangelogenheit
  mit  einem  reichen  Fräulein,  der  Tochter  eines
Bairischen  Beamten  vom  auswärtigen  Departement.  Dieses  Geschäft, ­
  welches  er  in  der  Schweiz  und  namentlich  in  Genf  verfolgte, ­
  verwickelte  ihn  zunächst  in  einen  Conflict  mit  der  Familie, ­
  und  da  er  der  Dame  gegenüber,  die  ihn  im  entscheidenden
        <pb n="530" />
        515

Augenblick  zu  der  bei  der  Sachlage  durchaus  nothwendigen
Flucht  mit  ihr  aufgefordert  und  sich  seinem  Schutz  rückhaltlos
an  vertraut  hatte,  die  ärgste  Betise  beging,  die  sich  denken
lässt,  so  verlor  er  von  nun  an  deren  Affection.  Nicht  ganz  unerfahren, ­
  scheint  sie  den  richtigen  Schluss  gezogen  zu  haben,
dass  ihr  Bewerber  nicht  aus  nachhaltiger  und  naturwüchsiger
Leidenschaft  agirte.  Sie  war  in  Genf  aus  der  Wohnung  ihrer
Eltern,  an  deren  Einwilligung  sie  verzweifeln  musste,  zu  ihrem
Heros  geflohen,  hatte  ihr  Schicksal  ihm  völlig  anvertraut,  —
und  siehe  da,  der  grosse  Mann,  der  starke  Geist  mit  dem  losgebundenen
  Leben  hinter  sich,  der  Held  der  Arbeiterbewegung,
der  eigenhändige  Träger  des  Stocks  von  Robespierre,  der  neue
.Tacobiner,  der  gewaltige  Politiker  und  zugleich  feine  Diplomat
legte  hier  ein  grosses  Hauptzeugniss  aller  seiner  grossen  Eigenschaften ­
  ab,  indem  er  die  Dame  wieder  fein  säuberlich  zu  ihrer
Mutter  in  die  Gefangenschaft  und  Lage  zurückführte,  der  sie
sich  im  richtigen  Vorgefühl  der  sonst  unabwendbaren  Eindrücke
und  Folgen  entzogen  hatte.  Die  Verschmähung  eines  solchen
Vertrauens,  verbunden  mit  der  beschämenden  Lection,  die  in
der  Verwerfung  ihres  Schrittes  lag,  verträgt  kein  Weib;  aber
der  grosso  Psychologe  und  Rechtsphilosoph  hatte  beschlossen,
seine  Ehe  auf  einem  andern  Wege  durchzusetzen  und  im  eigentlichen ­
  Sinne  des  Worts  die  diplomatische  Vermittlung  des  auswärtigen ­
  Ministeriums  in  München,  sowie  den  katholisch  socialen
Beistand  des  Mainzer  Bischofsamts  zur  ordentlichen  Erwerbung
seines  Bewerbungsgegenstandes  in  Anspruch  zu  nehmen.  Von
diesen  beiden  Grossmächten  sollte  auf  den  Vater  in  beiderlei
Gestalt,  mit  der  Macht  von  Staat  und  Kirche  eingewirkt  und
Alles  ordentlich  nach  den  Grundsätzen  der  Beamtendisciplin
und  des  kanonischen  Schutzes  erledigt  werden.  Auch  liess
unser  jüdischer  Held  dem  Mainzer  Bischof  seinen  Uebertritt
zum  Katholicismus  in  Aussicht  stellen.  Auch  abgesehen  von
dem  kleinen  Rechenfehler,  dass  er  die  Confession  seiner  Dame
niclit  gekannt  haben  soll,  ist  dieses  pedantische,  philisterhafte
und  nach  dom  Geschäft  schmeckende  Verfahren  charakteristisch
genug,  um  zu  der  Erinnerung  zu  berechtigen,  dass  ihm  auch
die  schriftstellerische  Physionomie  des  Theoretikers  Lassalle
ähnlich  sieht.  Dieselbe  Einmischung  von  Pedantismus  und  dieselbe ­
  Verkehrung  der  natürlichsten  Situationen  in  verzwickte
Umstäudlichkeiten  drängt  sich  uns  auch  in  der  literarisch  bcur-83*
        <pb n="531" />
        —  516  —

kündeten  Sphäre  des  Gedankenlebens  unseres  Autors  auf.  Eilen
wir  jedoch  zum  Ende.  In  derWuth,  sich  verschmäht  und  in
seinem  vermeintlich  sehr  klug  betriebenen  Unternehmen  schliesslich ­
  überholt  zu  sehen,  wollte  er  sich  im  Wege  des  Duells
rächen,  welches  er  sonst  principiell  abgewiesen  hatte.  In  einem
Berliner  Falle  war  die  Folge  einer  solchen  philosophischen
Frincipienconsequenz  einmal  eine  Frügelaifaire  gewesen.  In
Genf  aber  sollte  der  Bruch  mit  dem  Princip  noch  schlimmere
Folgen  haben.  Die  Kugel  des  geforderten  Gegners  wurde  in
eine  Partie  des  Unterleibs  dirigirt,  welche  die  Schrift  des
Herrn  Bernhard  Becker  (Enthüllungen  über  das  tragische  Lebensende ­
  F.  Lassalles,  Schleiz  1868)  nicht  näher  bezeichnet.
Man  sieht,  dass  der  Ausgang  weit  davon  entfernt  war,  tragiscli
zu  sein.  Ueber  die  letzten  Tage  fehlt  es  bis  jetzt  an  verlässlichen ­
  Nachrichten,  und  werden  dieselben  auch  schwerlich  jemals ­
  zu  haben  sein.  Eine  letzte  Willens  Verfügung  gab  noch
nach  dem  Ableben  Stoff  zu  Streitigkeiten,  deren  Natur  ganz
dem  Geiste  entsprach,  in  welchem  der  Testirer  seine  und  fremde
Angelegenheiten  geführt  hatte.  Wer  sich  für  die  Verwicklungen
interessirt,  die  das  klägliche  Ende  vorbereiteten,  findet  in  dem
offenbar  ehrlich  gemeinten  und  gutgläubigen,  auch  keineswegs
schmeichelnden  Schriftchen  des  genannten,  von  Lassalle  selbst
zum  Nachfolger  in  der  Leitung  des  Arbeitervereins  designirten
Mannes  eine  ansehnliche  Anzahl  von  Thatsachen  und  viel  briefliches ­
  Material  aus  dem  Kreise  der  verschiedensten  betheiligten
Personen.
Wir  würden  auf  eine  scheinbar  blos  private  Angelegenheit
nicht  näher  hingewiesen,  sondern  einfach  das  Ende  angegeben
haben,  wenn  nicht  grade  hier  die  sprechendsten  Züge  für  die
Eigenart  und  Unzulänglichkeit  des  Acteurs  zu  finden  wären,
den  Manche  für  eine  besonders  männliche  Natur  oder  gar  für
den  Träger  einer  eisernen  Willenskraft  gehalten  haben.  Seine
Sucht,  sich  nach  seiner  Art  elegant,  dabei  aber  trotz  der  von
Paris  bezogenen  Wäsche  doch  etwas  orientalisch  plump  mit  eincireichen
  Toilette  auszustaffiren,  ist  nur  ein  vereinzeltes  Symptom
seiner  gesammten  Haltung  gewesen.  Wie  mit  seinem  Namen,
so  glaubte  er  auch  mit  seiner  Person  verfahren  zu  müssen.
Er  hätte  gern  mit  dem  ersteren  auch  seine  Race  gemodelt.
Aber  alle  salonmässigen  äussern  Yerzierungsversuche,  denen
er  in  seinem  üppigen  Leben  huldigte,  konnten  das  Innere  nicht
        <pb n="532" />
        517

Yei-deoken.  In  seinen  Schriften  ist  es  fllr  den  aufmerkaamen
Zergliederer  ganz  unverkennbar,  und  doch  hat  grade  hier  le
Französirung  noch  die  besten  Früchte  getragen.  Sie  hat  ihn
nämlich  in  den  Schriften  der  beiden  letzten  Jahre,  also  in  den
socialen  Agitationsstilcken,  zu  einer  weniger  ungeniesabaren
Ausdruckswoise,  zu  einer  etwas  glatteren  Foraigebung  und  zu
schärferen  Fointirungen  gelangen  lassen.  Der  Einfluss  der
Eoetüre  Französischer  Werke  ist  hier  unverkennbar  und,  we  t
entfernt,  diesen  guten  Erfolg  zu  bemängeln,  sehen  wir  vielmehr ­
  in  diesem  Sachverhalt  eine  der  Hauptursachen,  dass  diese
Pamphlets  grade  noch  hinreichend  verstandesmassig  ausgefallen
sind,  um  nicht  auf  einer  Linie  mit  den  grössern  ^eriren  als
ausserhalb  der  rationellen  Gedankengemeinschaft  stehend  fl  uriren
  und  ganz  den  todtgebornen  Erzeugnissen  einer
reichen,  halb  blasirten,  aber  doch  nach  etwas  autorschaftim
Decoration  haschenden  Eitelkeit  zugewiesen  werden  zu  mussem
Wie  schon  gesagt,  ist  das  Maass  von  Popularisirung,  w
Dasein  einer  tieferen,  auf  echtes  Wissen  gerichteten  Leidenschaft, ­
  aller  gegentheiligen  Versicherungen  und  Berrfuu  e
unbeachtet,  verneinen  müssen.  Das  Paradiren  mit  der  Wissenschaft, ­
  auf  welches  wir  bei  Lassalle  fortwährend  treffen,  wir
liüüli
(ligung  omsclilagt,  wird  zwar  das  vorhandone  Maass  von  Fähig
koiton,  die  gleich  schärferen  Sinneswerkzengen  mit  jedem
CWnakWr^Fims  vmoinb:^  smd,  nhdit  vmdœnnen  nnd  he^d^
setzen,  wohl  aber  überall  bemerken,  wie  die  Haltnng^osigkei
in  der  einen,  auch  die  Unhaltbarkeit  in  der  andern  Ilichtun«
nach  sich  gezogen  nnd  das  Wissen  dem  Charakter  gemäss^gcstaltet
  hat.  Der  in  mehreren  Richtungen  corrumpirende  .kinrtuss,
  der  sich  an  die  Pamphlets  Lassalles  knüpft,  cai  nie
im  Schatten  verbleiben,  wenn  überhaupt  von  ihnen  gesproc  en
werden  soll.  Diese  Schriften  möchten  immerhin  m  socialer
und  politischer  Beziehung  zehnmal  radicaloren  Inhalts  smn,  a  s
sie  wirklich  sind;  —  dies  würde  ihren  Werth  für  den  Stan  -
        <pb n="533" />
        518

punkt  unserer  Geschichte  nur  erhöhen  und  uns  sicherlich  an
einem  beifälligen  Urtheil  nach  keiner  Seite  hindern.  Was  uns
aber  wirklich  hindert,  ist  die  Thatsache  jener  sittlichen  Ohnmacht, ­
  welche  die  wohl  gelegentlich  von  Andern  beliebte  Erinnerung ­
  an  den  Namen  Babeuf  zu  einem  unabsichtlichen  Spott
werden  lässt.  Die  bessern  unter  den  eignen  Anhängern  und
unter  ihnen  Herr  B.  Becker,  der  designirtc  Nachfolger  in  der
Präsidentschaft  des  Vereins,  haben  sich  über  einen  g’rosscn
rheil  der  auch  von  uns  hervorgehohenen  Charaktcrsciten  nicht
getäuscht.  Der  Mann,  den  Lassallo  selbst  des  Vertrauens  der
Nachfolge  würdig  hielt,  hat  sich  in  der  vorher  angeführten
Schrift  stark  genug  geäussert.  „Lassalle”,  sagt  er,  „hatte  grosso
Schwächen  und  tiefgehende  Leidenschaften.  Seine  mädchenhafte ­
  Eitelkeit,  verknüpft  mit  dem  Umstande,  dass  er  der  fadesten ­
  Schmeichelei  zugänglich  war;  sein  bis  zum  unbeugsamen
Eigensinn  gesteigertes  herrisches  Wesen,  welches  sich  mitunter
dem  klar  vorliegenden  Besseren  verschloss;  seine  Genusssucht
in  Beziehung  auf  Frauen,  die  ihn  Alles  vergessen  und  ihm
seine  Jahresrento  von  mehr  als  5000  Thlr.  nicht  hinreichend
erscheinen  Hess;  endlich  sein  Haschen  nach  der  Beistimmung
von  Autoritäten,  welches  sich  oft  vergriff,”  u.  s.  w.  —  in  der
That  haben  wir  an  diesen  Worten  irn  Zusammenhang  einer
ochrift,  die  eigentlich  zur  Verherrlichung  dienen  sollte,  hinreichende ­
  Fingerzeige  für  das,  was  die  schärfere  Kritik,  die
nicht  dem  persönlich  befreundeten  Kreise  angehört,  zu  sagen
haben  würde,  wenn  cs  ihre  Aufgabe  wäre,  in  die  Falten  des
Lassalleschen  Charakters  einzudringen.  Auch  hat  eben  dieses
Urtheil  in  einer  anderweitigen,  erst  1874  herausgegebenen  und
mit  interessanten  Mittheilungen  aus  dem  Lassalloschen  Agitationsarchiv
  ausgestatteton  Schrift  Bernhard  Beckors  „Goschiohto
der  Arbeiteragitation  F.  Lassalles”  neue  thatsächlicho  Erläute-1
  ungen  erfahren,  welche  überdies  die  Motive  des  Agitators  noch
schlimmer  zeichnen,  als  wir  es  auf  Grund  der  für  uns  verlässlichsten ­
  Schlüsse  aus  seinen  Schriften  und  den  allgemein  zugänglichen, ­
  unbestreitbaren  Thatsachon  seines  Lebens  gethan  haben.
Wenden  wir  uns  jedoch  jetzt  zu  seinen  theoretischen  und  socialen
Anschauungen,  die  ihres  Tages  eine  Rollo  gespielt  haben  und
noch  erheblich  fortwirken.
8.  Lassalle  berief  sich  selbst  gern  darauf,  dass  er  schon
in  seinem  Buch  über  die  erworbenen  Rechte  (in  der  langen
        <pb n="534" />
        619

Anmerkung  Bd.  I  S.  259-66)  sein  socialökonomisches  Pnncip
und  Ziel  angegeben  habe.  Was  er  dort  sagt  entbalt  die  Vorstellung, ­
  dass  sich  die  Sphäre  der  privatrechtlichen  Verfügung
im  Lauf  der  Goscliiclito  verenge,  indem  über  immer  mehr
Gegenstände  nicht  mehr  nach  Art  des  Privatrechts  disponir
werden  dürfe.  Dieser  Gedanke  ist  nun  allerdings  insoweit  wahr,
als  es  sich  um  patriarchalische  Pamilienrechto  und  um  eine
ähnliche  oder  feudale  Herrschaftsübung  handelt.  Die  Botrachtiino-
  publicistischer  Hechte  aus  dem  Gesichtspunkt  von  Privatbefugnissen ­
  verschwindet  allerdings;  aber  dieser  keineswegs  die
ganze  Gescbichto  als  Schema  beherrschende  Vorgang  hat  mit
dem  Schicksal  des  ökonomisch  erheblichen  Eigenthums  un
der  Vermögensrechte  wenig  zu  schaffen.  Die  besondere  Anwendung, ­
  die  Lassalle  auf  die  Arbeit  macht,  indem  er  sich
deren  Ausbeutung  in  der  Gestalt  eines  ferner  nicht  mehr
trädichen  Privatrechts  an  der  fremden  Arbeitskraft  zu  den  e
sucht,  ist  äusserst  gezwungen.  Selbstverständlicn  ist  aber  seine
Behauptung,  dass  die  gegenwärtige  Epoclie  vor  der  ®  ®
ob  cs  weiterhin  eine  solche  mittelbare  Befugmss  oder  Macht
zur  Ausbeutung  oder,  wie  wir  lieber  sagen  würden,  zpr  Bewirthschaftung
  der  fremden  Arbeit  gleich  einem  Stuck  E  g
thum  geben  solle,  vollkommen  zutreffend.  Nur  hätte  er  diese
Frao-estellung  nicht  sich,  sqndern  schon  der  ersten  Französischen
Revolution  zuschreiben  sollen.  Uebrigens  läuft  seine  Auslassung
am  angezeigten  Ort  auf  eine  unbestimmte  Vorstellung  von  einer
lasser  die  eigentlich  ökonomischen  Studien  erst  noch  zu  machen
hatte  Auch  hat  er  es  später  ausdrüeklich  ausgesprochen,  dass
er  zu  dem  rechtsphilosophischen  noch  ein  nationalökonomisches
Werk  zu  schreiben  gedenke,  welches  denn  freilich  unter  dem
Einfluss  der  Agitation  nur  in  der  Gestalt  des  Pasquills  „Herr
Rastiat-Schulze  von  Dolitzsch,  der  ökonomische  Julian,  Wer
Capital  und  Arbeit  "(Berlin  1864)  zu  Tage  gekommen  ist.  Der
manchem  Leser  vielleicht  befremdliche  Titelzusatz  „der  ökonomische ­
  Julian”  soll  bedeuten,  dass  Herr  Schulze  in  seiner  Art
einen  ähnlichen  Typus  zeige,  wie  der  Literaturgeschichtsdarstollor
  Herr  Julian  Schmidt  in  der  seinigen.  Hio  Titelwah
ist  also  für  den  Pamphletschreiber  schon  kennzeichnend  genug,
zumal  wenn  man  bedenkt,  dass  schon  die  sprachliche  V  endung,
        <pb n="535" />
        520

die  m  dem  Ausdruck  Bastiat-Schulze  liegt,  eine  ordinäre  Philoogio
  andeutot.  Es  wäre  nicht  schwor  gewesen,  dem  Lassai
in  mehr  als  einer  entsprechenden  Gegenwendung  zu  antworten,
indessen  bei  den  Gegnern  der  socialistischen  Richtung  fehlte
OS  zu  einer  angemessenen  Erwiderung  an  zwei  Dingen,  nämbch
  an  moralischer  Kraft,  die  nur  eine  Folge  des  guten  Glaubens ­
  an  die  eigne  Sache  Sein  kann,  und  an.  dem  mit  den  hinrei^enden
  Kenntnissen  ausgestatteten  Talent.  Lassalle  hatte
mcht  viel  Zeit  gebraucht,  um  sich  mit  volkswirthschaftlichon
Kenntnissen  grade  genug  auszurüsten,  um  seinen  Widersachern
vnn  der  Manchesterfarbo  oder  denjenigen  von  der  Richtung  dos
Herrn  Schulze  auf  jedem  Punkte  überlegen  zu  sein.  Es  ist
höchst  bezeichnend  für  die  Führung  der  Sache  im  andern  Txiger,
  dass  Herr  Schulze  mit  einer  kleinen  Widorlegungsbroschüro
^10  Abschaffung  dos  geschäftlichen  Risico  durch  Herrn  Lassalle,
Berlin  186G)  noch  anderthalb  Jahr  nach  dom  Tode  seines  Go'mors
hervortrat  und  sich,  wie  schon  der  Titel  bemerken  lässt,  so
benahm,  als  wenn  er  einem  Lebenden  gegenüberstände.  Ueberhaupt
  schien  noch  der  Schatten  des  Todton  gleich  einem  Leben-(
  igen  zu  wirken,  und  der  widerwärtige  Ausdruck  der  Freude
mit  welchem  in  dem  antisocialon  Lager  die  Todesnachricht
beg  eitet  worden  war,  hatte  nur  dieselbe  Schwäche  gekennzeichnet,
  die  ^ch  später  noch  vor  dem  Schatten  fürchtete.
Auch  wer  das  Lassalloscho  Wissen  und  Wollen  nicht  sonderlich ­
  zu  achten  und  mit  keiner  positiven  Ahfection  zu  begleiten
im  Stande  ist,  wird  dennoch  den  weiten  Abstand  einräumen
müssen,  in  welchem  die  Rollo  des  socialen  Agitators  die
schwächlichen  Verhaltungsmanieren  seiner  nächsten  Widersacher ­
  überragte.
Die  Consum-  und  Vorschuss  vereine,  die  in  Deutschland
von  Herrn  Schulze  in  Gang  gebracht  worden  waren,  repräsontirten
  das,  was  ihr  Förderer  die  sociale  Selbsthülfe  nannte  und
womit  er  sich  rühmte,  die  sociale  Frage  gelöst  und  den  Socialismus
  überwunden  zu  haben.  In  dieser  Art  hat  er  sich  weni^-stens
  in  früheren  Kammerreden  ausgelassen,  wenn  er  auch  nun
durch  die  ihm  über  den  Kopf  wachsende  eigentliche  Arbeitorbewegung
  zu  einer  herabgestimmten  Sprache  gonöthigt  wurde.
Auch  die  Productivassociationen  standen  auf  dem  Papier  scigi'osBG
  Schlussziel  der  socialen  Selbstülfe
  sollte  dann  bestehen,  durch  Ersparungen  des  Arbeiters  von
        <pb n="536" />
        521

seinem  Lohn  zu  derartigen  Etablissements  zu  gelangen.  Dies
war  offenbar  unter  den  vorausgesetzten  Umständen  die  Idee
einer  Schöpfung  aus  Nichts;  denn  das  Nichtige  oder  völlig
Unerhebliche  solcher  Ersparungen  fällt  in  die  Augen,  zumal
wenn  die  letzteren,  wie  angenommen,  ganz  freiwillig  sein  und
nur  in  den  Oonsumvereinen  oder  dem  Bedürfniss  der  Yorschussvereine
  einen  kleinen  Anreiz  erhalten  sollen.  Die  Erziehung ­
  zum  Sparen  in  den  Consumvereinen  mag  als  ein
Stückchen  ökonomischer  Volkspädagogik  hier  und  da  einige
Früchte  tragen;  mit  dem  erwachsenen,  ja  riesenhaft  erwachsenen ­
  Problem  des  Socialismus  hat  diese  Disciplin  der  Sparkasse, ­
  um  nicht  zu  sagen  der  Sparbüchse,  nichts  zu  schaffen.
Auf  diese  Kluft  machte  Lassalle  mit  dem  vollsten  Recht  aufmerksam; ­
  aber  er  stützte  sich  in  der  Bekämpfung  der  von
Herrn  Schulze  auf  Deutschen  Boden  verpflanzten  Mittel  auf
das  zweideutige  Gesetz  der  Beschränkung  des  Arbeitslohns  auf
das  geringste  Unterhaltsmaass.  Die  Vorschuss-,  Rohstoff-  und
Magazinvereine  kämen  nur  für  den  Handwerker  und  das  kleine
Capital  in  Betracht,  welches  unausweichlich  den  Formen  der
Grossindustrie  erliegen  müsse,  seien  also  gar  nicht  für  den
Arbeiter  berechnet  und  führten  auch  übrigens  nur  einen  reaction ­
  är  en  Kampf  gegen  die  Nothwendigkeiten  der  ökonomisphen
Capitalconcentration.  Die  Consumvereine  würden  aber  nur  solange ­
  etwas  nützen,  als  sie  nicht  allgemein  geworden  wären.
Im  letzteren  Falle  würde  nach  dem  Gesetz  des  geringsten
Unterhaltsmaasses  auch  der  geringe  Vortheil,  den  sie  gewährten, ­
  nicht  bei  dem  Arbeitslohn  verbleiben,  sondern  den  Arbeitgebern ­
  anheimfallen.  Productivassociationen  seien  dagegen  nur
unter  finanzieller  Hülfe  des  Staats  im  Wege  des  öffentlichen
Credits  durchzuführen.  Nach  demselben  Princip,  aus  welchem
die  staatlichen  Zinsgarantien  für  die  Privateisenbahnen  hervorgingen, ­
  rechtfertige  sich  auch  die  Förderung  der  grossen  Culturaufgabo,
  den  Arbeiter  selbständig  zu  machen.  Im  herrschenden
Productionsregimo  seien  nur  wenige  Procent  der  Bevölkerung
in  guter  Lage;  für  die  Preussischen  Zustände  in  der  Mitte  des
Jahrhunderts  bezeuge  die  amtliche  Statistik,  dass  96  Procent
so  situirt  seien,  dass  die  Bestgestellten  an  der  äussersten  Grenze
ein  Einkommen  von  lOOThlr.  erreichten,  während  über  /  2  Procent
unter  100  Thlr.  verblieben.  Eine  solche  Taxirung  des  Familienoinkommens ­
  nach  Maassgabe  der  Steuer  erinnert  uns  an  ein
        <pb n="537" />
        522

altes  gediegenes  Bild  ähnlicher  Natur,  an  die  von  uns  angeführte ­
  summarische  Schilderung  Vauhans.  Mit  den  erforderlichen ­
  Modificationen  wird  sich  das  darin  ausgodrückte  Stufensystem ­
  in  den  verschiedensten  Zeiten  und  für  die  mannichfaltigsten
  Länder  antroifen  lassen.  Lassalle  wies  jedoch  auf
dieses  Verhältniss  nur  hin,  um  das  herrschende  Ablohnungssy
  Stern  als  mit  dem  Massen  Wohlstand  unverträglich  und  das
Gesetz  des  geringsten  Unterhaltsmaasses  als  die  Wurzel  des
Lehels  zu  charakterisiren.
Ricardo  hatte  schon  der  Race  wegen  für  Lassallc,  von  dom
er  wirklich  über  Adam  Smith  gestellt  wurde,  eine  besondere
Bedeutung.  Das  Ricardosche  Lohngesetz  wurde  daher  die  Parole
für  die  negative  Seite  der  Agitationstheorio.  Aus  diesem  stets
unbestimmt  gefassten  Gesetz  sollte  sich  die  Unmöglichkeit  ergeben, ­
  mit  der  blossen  Lohnarbeit  zum  Massenwohlstand  zu
gelangen.  Wir  haben  meinfach  von  diesem  vermeintlichen
Gesetz  gehandelt.  Hier  ist  nur  zu  bemerken,  dass  sich  Lassallc
in  einem  Hauptpunkt  sogar  über  die  Ricardosche  Vorstellungsart ­
  selbst  irrte.  Bei  Ricardo  ist  das  den  Lohn  regulirendo
Unterhaltsminimum  als  Wirkung  des  Malthusschen  Bevölkerungsprincips
  gedacht  und  kann  hievon  nicht  getrennt  werden.
Der  Nachwuchs  ergiebt  die  drückende  Concurrenz,  welche  die
Arbeiterexistenz  am  Rande  der  äussersten  Lebensnothwendigkeit
  niederhält.  Nun  war  aber  Lassalle  kein  Malthusianer,
sondern  ging  sogar  entschieden  von  der  Idee  aus,  dass  die  Vermehrung ­
  der  Arbeiteranzahl  eine  Steigerung  des  ökonomischen
Wohlstandes  mit  sich  bringen  müsse,  und  dass  der  thatsächliche
  Widerspruch  hiegegen  seine  Ursache  nur  in  dem  socialen
System  und  speciell  in  dem  seiner  Natur  nach  minimalen  Lohne
haben  könne.  Das  Gesetz  schwebte  also,  genauer  besehen,  in
der  Luft  und  schränkte  sich  zugleich  auf  den  noch  sehr  unbestimmten ­
  Sinn  ein,  in  welchem  man  es  schon  bei  Adam  Smith
gelegentlich  ausgesprochen  findet.  In  dieser  anscheinend  kleinen
Differenz  steckte  aber  nichts  Geringeres  als  eine  totale  Systemverschiedenheit ­
  in  der  Auffassung  der  politischen  Oekonomie.
Mit  den  falsch  gedachten  Bevölkerungsconsequenzen  fällt  auch,
von  allen  übrigen  Seiten  der  Sache  abgesehen,  die  falsche
Ricardosche  Vorstellungsart  von  dem  Lohngesetz  zusammen.
Die  tiefer  gehende  Frage  trifft  nun  die  Wirkungen  einer  Concurrenz, ­
  die  nicht  nothwendig  als  äusserstos  Drängen  auf  die
        <pb n="538" />
        Existenzmittel  liervorzutrctcn  braucht.  Ucbcr  diese  tiefeien
AVirkungen  ist  sich  ein  Lassalle  natürlich  nicht  klai  geworden
und  hat  den  Einwendungen  über  die  Nivoauverschiedonheiten
dos  Arbeitslohns  nie  etwas  Anderes  entgogenzusotzen  gewusst,
als  die  Meinung,  dass  diese  Niveauverschiedenheiten  der  Grösse
nach  nicht  viel  zu  bedeuten  hätten.  Dennoch  sind  aber  oben
sie  diejenige  Thatsache,  durch  welche  der  Socialismus  erst
möglich  wird.  Diese  Thatsache  ist  es  auch,  die  das  vorbereitet, ­
  was  man  im  Sinne  Lassalles  allenfalls  den  Arbeiterstaat
nennen  könnte.
Der  Gedanke  dieses  Arbeiterstaats  war  die  erste  speciellere
Verzeichnung  gewesen,  zu  welcher  unser  Agitator  gelangte.
Er  hatte,  wie  schon  früher  angedeutet,  eine  Geschichtscon-Btruction
  entwickelt,  derzufolge  nach  der  mit  der  ersten  Französischen ­
  Revolution  in  den  Vordergrund  getretenen  Bourgeoisie
nun  der  politisch  und  wirthschaftlich  durchgreifende  und  maassgebendo
  Einfluss  des  Arbeiterstandes  an  die  Reihe  kommen
und  so  erst  die  wahre  Cultur  herbeiführen  müsse.  Vi  ie  Louis
Blanc  im  Eingang  seiner  Organisation  der  Arbeit  das  Benehmen
der  Bourgeoisie  mit  demjenigen  Ludwigs  XI  verglichen  hatte,
der  in  seinen  letzten  Tagen  den  herannahenden  Tod  durch  die
Affectation  von  Gesundheit  und  Leben  wegzulügen  und  sich  und
Andern  Lebensfrische  einzureden  suchte,  —  ebenso,  und  wohl
schwerlich  ohne  wirkliche  Reminisconz  aus  dem  Französischen
Autor,  sprach  Lassalle  davon,  dass  die  Bourgeoisie  „Frühlingswehen
  in  sich  zu  verspüren”  und  am  Anfang  zu  sein  vermeine,
während  sie  im  „Verfaulungsproccss”  begriffen  und  mit  ihrem
Reich  dem  Ende  nahe  sei.  Der  Weg  zu  der  Herrschaft  des
Arbeitorstandes  in  ökonomischer  Beziehung  sollte  nun  durch
das  politische  Mittel  des  allgemeinen  Wahlrechts  gebahnt  und
auf  diese  Weise  derjenige  Staatswille  geschaffen  werden,  der
sich  alsdann  auf  die  Durchführung  des  Systems  der  Productivassociationen
  zu  richten  hätte.  Diese  Brücke  des  allgemeinen
Wahlrechts  ist  dadurch,  dass  sie  stillschweigend  anerkennt,
dass  aller  Socialismus  politische  Vorbedingungen  habe,  eines
der  gelungeneren  Elemente  des  Lassalleschen  Programms.  Die
Productivassociationen  selbst  sind  aber  unklar  gedacht.  Sie
sollen  in  grossen  Dimensionen  die  ganze  Gesellschaft  umfassen
und  an  jedem  Ort  eingeführt  werden.  Sie  sind  offenbar  eine
Copie  der  Blancschen  socialen  Ateliers;  denn  auch  die  letzteren
        <pb n="539" />
        5  24:  —

sollten  nicht  für  Staatsrechniing,  sondern  für  eigne  Rechnung
arbeiten.  Auch  sollten  die  Einrichtungen,  die  Lassalle  im
Auge  hatte,  ebenfalls  ein  Ganzes  formiren,  in  welchem  die
gegenseitige  Concurrenz  und  der  von  derselben  herrühronde
Theil  des  Risico  wegfiele.  Die  vorgeschlagenen  Creditmanipulationen
  sind  ein  nicht  principiell  wichtiges  Detail  und  sollten
nur  dazu  dienen,  dem  gegnerischen  Einwand  der  Nothwendigkeiti
  colossaler  Summen  die  Spitze  abzubrechen.  Dem  Manchesterthum ­
  und  der  Maxime  der  Beschränkung  auf  bourgcoismässigc
  Sclbsthülfe  trat  hiemit  das  Princip  der  Dazwisclienkunft
  des  Staats  in  der  nachdrücklichsten  Weise  gegenüber,
und  dieser  allgemeine  Gegensatz  hat  seitdem  in  den  Deutschen
Arbeiterkreisen  feste  Wurzeln  getrieben.
Vergleicht  man  das  Lassallesche  Abbild,  d.  h.  seine  Vorstellung ­
  von  den  mit  Staatscredit  in  Gang  zu  bringenden  Productivassociationen, ­
  mit  dem  Urbilde,  also  mit  den  socialen
Ateliers,  die  Louis  Blanc  in  seiner  Organisation  der  Arbeit  vor
Augen  hatte,  und  die  mit  den  National  Werkstätten  nichts  als
ein  gleichgültiges  Wort  gemein  hatten,  so  findet  man,  dass  die
Copie  in  erheblichen  Beziehungen  dem  Original  nach  steht.  So
sehr  sich  Lassallo  auch  bestrebte,  über  die  geschäftliche  Denkweise ­
  der  gemeinen  Concurrenz  hinauszukommon  und  das  Gegenthcil
  derselben  zum  Princip  zu  machen,  so  hielt  ihn  doch  andererseits ­
  wieder  die  angestammte  Anschauungsweise  in  einer
widersprechenden  Richtung  fest,  und  was  unter  andern  Umständen ­
  ein  Vorzug  und  ein  Zeichen  von  Verstandesmässigkeit
gewesen  sein  würde,  führte  in  diesem  Falle  zu  einer  nur  noch
unhaltbareren  Mischung.  Der  Französische  Socialist  hatte  auf
andere  Beweggründe,  als  das  gewöhnliche  Interesse,  gezählt,
und  er  hatte  ausserdem  für  die  Erweiterung  der  Einrichtungen
und  den  Nachwuchs  einen  besondern  Fond  ausgeworfen.  Er
hatte  eine  vollständige  Gesellschaft  verzeichnet  und  sich  nicht
auf  die  Production  beschränkt,  sondern  die  neuen  Normen  der
Consumtion  ins  Auge  gefasst.  Bei  Lassalle  aber  bleibt,  aller
entgegenstehenden  Versicherungen  ungeachtet,  der  Mechanismus
der  alten  Form  der  Productionsantriebe  thatsächlich  bestehen,
und  es  ist  nur  die  vereinzelte  Concurrenz  des  Individuums,
welche  in  den  Associationen  aufgeht.  Diese  Associationen  sollen
sich  zwar  auch  keine  bourgeoismässige  Concurrenz  machen;  —
wie  dies  aber  nach  den  Lassallcschen  Dispositionen,  nach  denen
        <pb n="540" />
        525

sogar  dio  Preiisaisclio  Bank  znr  Discontirnng  der  Woobeel  der
IProdnotivgoBolkcliafton  aiigovFioson  v^ird,  igoßclndien  ecdlo,  ist
im  eigontliokon  Sinne  des  Worts  nnerñndlicli.  ^^lyeden  hier
natürlich  nicht  von  der  ahsolnten  Unmögliohkoit,  die  iiir  das
Urbild  ebenfalls  gilt,  sondern  nur  von  der  relativen  Consequent
und  bedingungsweisen  Möglichkeit,  die  auch  für  ein  Gehil^der
Ima(Tinationgofordertwerdenkann.  Vondieserrelativen  Wahrheit ­
  ist  nun  in  dem  Blancschen  Schema  ungleich  mehr  anzntregen
  als  in  der  Lassalleschen  Verzeichnung.  Dies  rührt
daher  dass  der  Französische  Socialist  in  der  fraglichen  Beziehung ­
  nicht  auf  halbem  Wege  stehen  geblieben,  sondern  sich
bewusst  gewesen  ist,  das  Socialitätsprincip  und  wirthschaftlicho
  Existenzrecht  an  die  Stelle  der  Raisons  des  Productionsorfolc^s
  und  der  Verhültnisso  desselben  setzen  zu  müssen.
Dieser  letztere  Gesichtspunkt  war,  an  sich  betrachtet,  ielilerhaft,
  aber  in  dem  Zusammenhang  der  fraglichen  Art  von  bocialisinus
  ein  Vorzug,  der  von  weit  mehr  innerer  Consequent  und
Fähio-keit  zum  Positiven  der  lebendigen  schöpferischen  Conception ­
  zeugt,  als  die  in  sich  ungleichartige  Combination
9.  Erinnern  wir  unS,  dass  die  Vorstellung  vom  Unterhaltsminimum ­
  den  Stützpunkt  für  die  Nachweisung  bildete,  dass
die  Ahlohnungswirthschaft  mit  der  Entwicklung  des  Arbeiterwohlstandes
  unverträglich  sei,  und  dass  sich  die  Kluft  zwischen^
Arbeit  undCapitalimmermehr  erweiternmüsse.  DasRicar^sche
Lohngesetz  wurde  jedoch  von  Lassalle  nicht  als  dauerndes  Naturgesetz,
  sondern  nur  solange  als  eine  eherne  Nothwendigkeit  hetrachtet,
  als  das  Lohnsystem  selbst  fortbestehe.  Nach  dem
Malthus-Ricardoschen  System  ist  dieses  Gesetz  aber  ganz  allgemein ­
  und  ohne  Einschränkung  gedacht,  und  giebt  man  einmal
seine  Begründung  zu,  so  muss  man  es  auch  im  Hinblick  auf
einen  andern  Productionszustand  gelten  lassen.  Nach  einem
solchen,  allerdings  falschen  Raisonnement,  welches  aber  von
denen,  die  sich  auf  Ricardo  und  die  Neubrittische  Oekonomie
stützen,  nicht  abgewiesen  werden  kann,  bleibt  das  geringste
Unterhaltsmaass  um  der  zuwachsenden  Bevölkerung  un  cei
landwirthschaftlich  begrenzten  Production  willen  unter  allen
Formen  und  Verfassungen  der  Wirtlischaft,  also  auch  nach  der
vorausgesetzten  Abschaffung  des  Ablohnungssystems  die  normgehende
  Regel.  Die  Ursachen  dieses  Minimum  sind  nicht  als
        <pb n="541" />
        ’iVi  *"  ^

526

gesellscliaftliclie  Yerfassungselemente,  sondern  als  Naturverhältnisse ­
  gedacht,  indem  die  angeblich  wachsende  Ernährungsschwierigkeit, ­
  verbunden  mit  der  Tendenz  der  Bevölkerungsvermehrung, ­
  jenes  berüchtigte  Dasein  an  der  Grenze  des  Hungers ­
  erzeugen  soll.  Wenn  nun  aber  Lassalle,  ähnlich  wie  Herr
Marx,  geglaubt  hat,  sich  auf  Ricardo  berufen  und  die  Malthusschen
  Yoraussetzungen  des  letzteren  weglassen  zu  können,  so
hiess  dies  soviel,  als  die  Folge  annehmen  und  den  einzigen
Grund,  aus  dem  diese  Folge  abgeleitet  war,  als  unwahr  bestreiten. ­
  Wir  sind  auf  diesen  Fundamontalpunkt  noch  einmal
zurückgekommen,  weil  ohne  ihn  die  weiteren  Lassallcschen
Yorstellungcn  von  der  Theorie  nicht  verständlich  sind.
Die  nächste  leitende  Grundvorstollung  ist  die  Idee,  nach
welcher  das  Capital  nur  eine  vorübergehende  ,,historische  Kategorie” ­
  sein  soll.  Lassalle  hat  sich  in  seinem  grössern  Pamphlet
(Bastiat-Schulze)  viel  Mühe  gegeben,  den  Sinn  jener  Formel
populär  zu  veranschaulichen.  Wir  brauchen  jedoch  hier  nur  an
das  zu  erinnern,  was  wir  bei  Gelegenheit  der  entsprechenden
Yorstellungsart  dos  Herrn  Marx  gesagt  haben.
In  einer  Schrift,  die  den  Namen  Bastiat  wenigstens  indirect ­
  zum  Gegenstände  macht,  hätte  man  eine  ernstliche  Einlassung ­
  mit  Bastiats  Formulirungon  erwarten  sollen.  Herr
Schulze  mit  seinem  Arbeiterkatechismus  war  sicherlich  kein
geeigneter  und  greifbarer  Gegenstand  für  eine  wirklich  theoretische ­
  Polemik.  Für  die  Agitation  wäre  es  aber  genug  gewesen, ­
  ihm  vorzuhalten,  dass  er  durchgängig  Bastiatitisch  redete,
ohne  seinen  dem  Arbeitervorstand  vorenthaltenen  Gewährsmann ­
  anders  als  mit  den  ergötzlichsten  Missverständnissen  und
Oberflächlichkeiten  zweiter  Potenz  zu  reproduciren.  Lassalle,
dem  auch  hier  das  Augenblickliche  und  Nächste  über  die  dauernden ­
  Gedanken  ging,  und  dom  sich  unwillkürlich  immer  der  unmittelbare ­
  Agitationserfolg  auch  dann  unterschob,  wenn  er  recht
wissenschaftlich  zu  verfahren  vermeinte,  hat  gegen  Bastiat
selbst  nur  einen  einzigen  erheblichen  Punkt  vorgebraclit,  mit
welchem  er  ein  Stück  Wahrheit  allerdings  enthüllte,  oder  vielmehr ­
  ein  Stück  Unwahrheit  demaskirte.  Der  Begriff  des
Dienstes,  mit  welchem  der  Franzose  seine  Werththeorio  construirte, ­
  sei  keine  wirthschaftliche  Yorstellung,  sondern  schiele
noch  immer  nach  der  Arbeit  als  dem  Worthprincip,  während
er  auf  der  andern  Seite  etwas  befassen  und  rechtfertigen  solle.
        <pb n="542" />
        527

was  als  wirthschaftliche  Leistung  auszugeben  unthunlicb  sei.
Das  Beiwort  „verlogen”,  welches  einem  Lassalle  (und  zwar
aus  der  eignen  Behausung)  in  seiner  Stilart  geläufig  war,
wurde  hier  einmal  mit  Recht  angewendet.  Natürlich  kann  es
nicht  bedeuten,  dass  Bastiat  in  der  Grundform  seiner  Auffassungsart
  sich  deutlich  einer  Unwahrheit  bewusst  gewesen
wäre,  sondern  es  kann  nur  heissen  sollen,  dass  der  Standpunkt
dieser  Vorstellungsart  der  Verhältnisse  ein  von  Natur  trügerischer ­
  sei,  an  welchen  sich  die  mehr  oder  minder  bewusste
Lüge  bei  jeder  weiteren  Bethätigung  und  bei  jeder  unterdrückten
Regung  des  sich  anmeldenden  Gefühls  des  innern  Widerspruchs
unvermeidlich  knüpfen  müsse.  Letzteres  ist  denn  auch  im
Bastiatitenthum  fast  regelmässig  der  Fall.  Die  bonhommistische
Spielart  desselben,  mit  welcher  es  Lassalle  zunächst  zu  thun
hatte,  licss  den  Constrast  der  guten  Absicht  und  der  mit  dem
zweideutigen  und  zweiseitigen  Standpunkt  unausweichlich  verbundenen ­
  Täuschung  noch  mehr  horvortreton.  Dieser  schielende
Trug  und  die  zugehörige  Corruption  mit  ihrem  Beschönigungsund ­
  Aussöhnungsschein  fanden  in  Lassalle  einen  Widersachei,
der  um  so  rücksichtsloser  verfuhr,  als  er  selbst  mit  den  Schleichwendungen ­
  vertraut  und  die  menschliche  Natur  aus  unmittelbarster ­
  Anschauung  auch  von  den  schlechteren  Seiten  sachkundig ­
  zu  würdigen  wusste.  Es  konnte  ihm  eher  alles  Andeie
begegnen,  als  dass  er  sich  hätte  durch  den  mit  gut  scheinenden ­
  Gemüthlichkciten  gemischten  Charakter  der  gegnerischen
Propaganda  über  die  innerlichen  Unwahrheiten  der  doppe  -
seitigen  Tendenz  in  seinen  drastischen  Blosstollungen  beirren
lassen.  Mit  dem  Schielenden  des  Dienstes  hatte  es  seine  Richtigkeit, ­
  und  nur  die  Meinung,  dass  man  diesen  Begriff  nicht
wirklich  auf  eigentlich  wirthschaftliche  Leistungen  beschränkt
denken  könne,  ist  unzutreffend.  Was  aber  Bastiats  thatsächlicho
  Wendungen  hinbelangt,  so  wissen  wir  ja,  woher  jenes
Schielen  und  jener  unwahre  Begriffsbcstandthcil  rührte;  —
beide  waren  die  einfache  Folge  der  Ungeschicklichkeit  und
Verlegenheit,  in  welche  Bastiat,  der  bisher  nur  das  Arbeits
prill  ei  p  gekannt  hatte,  durch  sein  Plagiat  aus  Carey,  mit  dem
er  nicht  genug  anzufangen  verstand,  gerechter  und  koniiscler
Weise  gerathen  war.
In  allem  Uobrigen  ist  es  Lassallo  nicht  gelungen,  den  Inhalt ­
  des  Bastiatschen  Buchs  irgendwo  ernstlich  in  einem  wich-
        <pb n="543" />
        528

tigen  Punkte  zu  widerlegen  oder  auch  nur  unbefangen  zu  verstehen. ­
  Der  Formel  von  der  ersparten  Arbeit  schiebt  er
schliesslich  das  grade  Gegentheil  von  dem  unter,  was  sie  bedeuten ­
  soll,  und  behauptet  selbst  das,  was  diese  Formel,  richtig
verstanden,  in  sich  schliesst.  Die  schlechte  Auslassung  Bastiats,
welcher  das  Careysche  Gesetz  der  Rcproductionskosten  unpassend ­
  ein  kleidete  und  dabei  noch  ins  Händlerische  verdarb,
mag  hier  zu  einer  Entschuldigung  der  misslungenen  Erörterungen ­
  Lassalles  dienen.  Der  Letztere  redete  übrigens  von
Tauschwerthen  und  Gebrauchsworthon  in  Uoberoiustimmung
mit  Herrn  Marx  und  der  rückständigen  Ookoiiomio  der  scholastischen ­
  Art  in  einer  Weise,  als  wenn  in  den  Bastiatschen
Harmonien  oder  auch  schon  bei  Ricardo  nichts  Erhebliches
über  die  Kluft  zwischen  Nutzen  und  Werth  zu  finden  gewesen
wäre.  Doch  zeigte  sich  Lassallc  in  dieser  Beziehung  bereits
nicht  mehr  ganz  so  beengt  als  damals  noch  Herr  Marx.
Im  Allgemeinen  ist  über  die  theoretische  Haltung  Lassallos
noch  anzuführen,  dass  er  sich  durch  das  Bestreben  auszeichiiete,
  statistische  Thatsachen  und  finanzielle  Verhältnisse  rechnend ­
  und  schlicssend  zu  verwerthen,  nicht  aber  als  decorative
üeberflüssigkeit,  sondern  als  wirkliches  und  populäres  Aufklärungsmittel ­
  zu  gebrauchen.  In  diesem,  die  Vorstellungen
schärfenden  Sinne  benutzte  er  das  oben  angeführte  Bild  von
den  Vermögensverhältnissen  und  befasste  er  sich  mit  der
Kennzeichnung  der  indirecten  Besteuerung  als  des  Mittels,
durch  welches  die  Bourgeoisie  den  grössten  Theil  der  Steuerlasten ­
  auf  die  Massen  abwälze.  Bei  dieser  Gelegenheit  begegnete ­
  es  ihm  allerdings  auch,  die  der  Form  nach  directe
Grundsteuer  kurzweg  als  eine  Consumtionssteuer  anzusehen,
die  in  den  landwirthschaftlichen  Erzeugnissen  bezahlt  und  von
den  Verbrauchern  dieser  Artikel  getragen  werde.  Er  hatte
hiebei  speciell  die  ältere  Gestalt  der  Proussischon  Grundbestcuerung
  vor  Augen,  würde  aber  mit  seiner  Naivotät  unter  allen
Voraussetzungen  fehlgegriffon  haben.  Es  ist  im  Hinblick  auf
diese  Vorstellung  auch  charakteristisch,  dass  die  Bodenrente
bei  Lassalle  überhaupt  fast  gar  nicht  berührt  worden  ist.  Die
Unvollständigkeit  seines  ökonomischen  Vorstellungskreises  wäre
aus  dieser  Vernachlässigung  deutlich  genug  zu  ersehen,  wenn
sie  nicht  schon  aus  der  übrigen  Art  und  Weise  bemessen  werden ­
  könnte.
        <pb n="544" />
        529

10.  Ablohnung  mit  dem  geringsten  Unterhaltsmaass  und
Capitalherrschaft  gehörten  nach  Lassalle  zusammen.  Beide  Erscheinungen ­
  sollten  durch  das  Reich  der  Productivassociationen
verschwinden,  und  die  letzteren  sollten  durch  denjenigen  Staatswillcn
  entstehen,  welcher  mit  Hülfe  des  allgemeinen  Wahlrechts
zu  erzeugen  wäre.  So  richtig  nun  auch  der  politische  Weg
überhaupt  ist,  so  wird  man  doch  bei  dem  Vertrauen  auf  die
baldigen  Leistungen  des  allgemeinen  Wahlrechts  lebhaft  an  die
Art  erinnert,  wie  Las  salle  seine  Heirath  mit  Hülfe  des  Bairischen ­
  Ministeriums  und  des  Mainzer  Bischofsamts  zu  forciren
gedacht  hatte.  Heberhaupt  trug  seine  Agitation  einen  sehr
gemischten  Charakter  zur  Schau  und  zeigte,  um  einen  der
Lassalleschen  Redeweise  angemessenen  Ausdruck  zu  gebrauchen,
bei  allem  Radicalismus  noch  genug  philiströse  Eigenschaften.
Sein  Voreinsgebilde,  welches  schon  der  Preussischen  Gesetzgebung ­
  wegen  centralistisch  ausfallen  musste,  theilte  sich  in
^Gemeinden,”  —  ein  Wort,  welches  weniger  politisch  als  vielmehr ­
  thatsächlich  im  Sinne  eines  Fanatismus  zu  nehmen  war,
welcher  diese  sociale  Gruppirung  zu  einer  Art  Religion  machte.
Natürlich  hat  cs  denn  auch  nicht  an  solchen  Anhängern  gefehlt, ­
  die  den  Stifter  des  Vereins  wirklich  als  den  Messias  im
Sinne  einer  neuen  socialen  Religion  betrachteten  und  mit  dem
Urheber  dos  Christenthums  verglichen.  Auch  ist  anzunehmen,
dass  Lassalle,  trotz  seines  zur  Schau  getragenen  Hinwegseins
über  alle  religiösen  Beengtheiten,  dennoch  die  angestammten
Gewohnheiten  und  Neigungen  seiner  Race  nach  dieser  Seite
hin  keineswegs  überwunden  hatte.  Zunächst  hatte  er  die  Lücke,
ähnlich  wie  sein  Stammesgenosse  Herr  Marx,  durch  eine  absurde ­
  philosophirerischo  Superstition  ausgefüllt.  Sein  letztes
Coquettiron  mit  Berufungen  auf  katholische  Beistände  in  der
socialen  Frage  hat  den  Schwächepunkt  seines  Denkens  in
dieser  Richtung  deutlich  genug  verrathen.  Auch  erklärt  die
innere  Haltungslosigkeit  der  Lebens-  und  W^eltanschauung  das
halb  dem  äussern  politischen  Zweck,  halb  dem  innern  angestammten ­
  Hange  entsprechende  Spielen  in  der  angezeigten
Richtung  nur  zu  gut.  Doch  hat  man  sich  nicht  etwa  vorzustellon,
  dass  es  zu  ernstlichen  praktischen  Beziehungen  dieser
Art  gekommen  sei,  oder  auch  nur  hätte  kommen  können.
Etwas  näher  lagen  dagegen  die  Cooperationen  mit  der  Partei
und  den  Regierungselementen,  die  sich  auf  feudale  Ueberliefe-Dahring,
  Geschichte  der  Nationalökonomie.  2.  Auflage.  34
        <pb n="545" />
        580

rimgen  stützten.  Lassalle  hat  nicht  nur  zu  feudalen  Zeitungen
seine  Zuflucht  genommen,  um  dort  das  zu  sagen,  was  von  der
hourgeoismässigen  Presse  unterdrückt  wurde,  sondern  er  hat
auch  einige,  freilich  ziemlich  entfernte  Beziehungen  zu  dem
ministeriellen  Leiter  der  Preussischen  Regierung  gehabt.  Diese
Verhältnisse  sind  bis  jetzt  noch  nicht  völlig  aufgeklärt;  aber
im  Grossen  und  Ganzen  wird  man  schwerlich  etwas  Erhebliches ­
  constatiren,  was  mehr  enthielte,  als  das,  was  schon  aus
den  verschiedenen  politischen  Pamphlets  unseres  Acteurs  zu
entnehmen  ist.  An  Berührungen  analoger  Art  hatte  es  ja
auch  bei  Louis  Blanc  und  bei  Proudhon  nicht  gefehlt.  Der
grössere  Anstand,  ja  man  kann  sagen  eigentliche  Würde  war
zwar  nur  bei  Louis  Blanc  anzutreflen  gewesen,  der  mit  Louis  Bonaparte, ­
  aber  nicht  mehr  mit  dem  Vollbringer  des  Staatsstreiches
oder  gar  mit  dem  zweiten  Kaiserreich  Beziehungen  gehabt
hatte.  Proudhon  war  aber  in  seiner  Art  und  Weise  und  in
seinen  Schriftenwidmungen  zu  bizarr  und  hielt  viel  zu  entschieden ­
  an  der  Revolutionsgerechtigkeit  fest,  als  dass  man  die
gelegentlichen  Kreuzungen  und  Berührungen  mit  den  Feinden
seiner  Gegner,  sei  es  in  der  Anschauungsweise,  sei  es  in  unerheblichen ­
  äusserlichen  Beziehungen,  zu  hoch  anschlagen  könnte.
Bei  einem  Lassalle  kam  freilich  ausser  der  gewöhnlichen  Eitelkeit ­
  auch  noch  diejenige  hinzu,  welche  gern  den  Juden  ausgezogen ­
  oder  wenigstens  durch  das  Eintreten  in  eine  vornehmere
Atmosphäre  ein  wenig  verhüllt  hätte.  Nach  Bernhard  Beckers
Agitationsgeschichto  (S.  25)  hat  er  sich  sogar  selbst  in  dieser
Richtung  vertraulich  ausgesprochen:  „Es  giebt  vorzüglich  zwei
Classen  von  Menschen,  die  ich  nicht  leiden  kann,  die  Literaten
und  die  Juden  —  und  leider  gehöre  ich  zu  beiden.”  Wie  er
den  ihm  zu  jüdisch  klingenden  Namen  französirt  hatte,  so
haschte  er  auch  offenbar  danach,  demselben  durch  die  Berührung ­
  mit  aristokratischen  und  bisweilen  nicht  einmal  so
überaus  ungleichartigen  Existenzen  eine  Folie  und  zugleich
seiner  Agitation  einen  politischen  Rückhalt  zu  geben.  Die
Verfolgungen  durch  Criminalproccsso  thaten  bei  ihm  nichts  zur
Sache,  indem  er  sich  die  Würdelosigkeit  von  Beziehungen,  die
mit  solchen  Gestaltungen  vereinbar  waren,  gefallen  Hess.  Doch
ich  kann  hier  nicht  in  eine  Zergliederung  von  Verhältnissen
eingehen,  die  in  ihrer  allgemeinen  Gestaltung  jedem  politisch
Erfahrenen  bekannt  sind,  und  bei  denen  die  ihren  Lauf
        <pb n="546" />
        531

nehmende  Verfolgung  ganz  ungezwungen  als  Zeugniss  für  die
Unabhängigkeit  benutzt  werden  kann.  Jedoch  behaupte  ich
nicht,  dass  Lassallo  selbst  in  dem  Falle  gewesen  ist,  eine
solche  Nutzanwendung  nöthig  zu  haben,  sondern  nehme  an,
dass  er  sich  in  die  widerspruchsvollen  Beziehungen  auf  eigne
Kosten  ohne  sonderlichen  Gewinn  ergeben  hat.  Mit  dom  letzten
Jahr  unterlag  er  mehr  und  mehr  den  herrschend  werdenden
Anschauungen  und,  weit  entfernt,  dieselben  seiner  Sache  dienstbar ­
  zu  machen,  diente  er  vielmehr  unwillkürlich  dem  Gegenthoil.
  Er  wollte  Realpolitik  treiben,  erklärte  Macht  und  Recht
so  ziemlich  für  einerlei,  sah  die  thatsächlichen  Verfassungen
sehr  einseitig  als  einen  blossen  Ausdruck  der  Machtverhältnissc
  an  und  glaubte,  indem  er  sich  die  Anschauungen  der
modernisirten  politischen  Reaction  aneignete,  in  seiner  bekannten ­
  wunderlichen  Arroganz,  dass  diese  Gegner  von  ihm  gelernt ­
  hätten.  Lassen  wir  jedoch  diese  Komik  des  Verhältnisses, ­
  auf  die  wir  in  den  verschiedensten  Pamphlets  in  ganz
ungenirter  Selbstpreisgebung  treffen.  Die  Ideologie,  verbunden ­
  mit  der  naturwüchsigen  Rudität  und  dem  Mangel  an
Veredlung  der  gemeinen  Antriebe,  erklärt  sehr  Vieles  von  der
seltsamen  Wahlverwandtschaft.  Die  Ideologie  der  Corruption
kann  sich  mit  der  Romantik  derselben  in  manchen  Beziehungen ­
  berühren.  Doch  wir  dürfen  über  der  halb  feudalen
Romantik  und  deren  Beziehungen  zu  der  Arbeiterfrage  nicht
den  Kern  der  Lassalleschen  Art  und  Weise  selbst  vernachlässigen. ­

Dieser  Korn  bestand  in  der  Anstachelung  des  Neides  der
Nichtbesitzenden  gegen  die  in  guter  Lage  Befindlichen,  bpielt
nun  auch,  unbefangen  und  philosophisch  betrachtet,  der  Neid
im  Haushalt  der  Natur  seine  unentbehrliche  Rollo,  so  war  der
Ausgangspunkt  dennoch  ein  falscher.  Der  Agitator  hatte  den
Arbeitern  gesagt,  dass  sie  ihre  Lago  nicht  absolut,  sondern  in
Vergleichung  mit  derjenigen  der  Bourgeoisie  betrachten  sollten. ­
  Dies  wenigstens  war  der  Trumpf,  den  er  ausspielte,  wenn
er  bei  einer  andern  Haltung  theoretisch  in  Verlegenheit  gekommen ­
  wäre.  Man  kann  es  sich  gefallen  lassen,  ja  man  muss  es
positiv  gutheisson,  wenn  die  gewissenlose  Ueppigkeit  des  Daseins ­
  donuncirt  wird,  die  in  ihrem  Uebermuth  und  in  ihrei
Blasirtheit  keinen  Gedanken  für  den  Mangel  und  die  Entbehübrig
  hat.  Allein  es  hiess  denn  doch  etwas  zu  tief  in
34*

rungen
        <pb n="547" />
        532

den  Schmutz  greifen,  wenn  die  blinden  Ressentiments  im  Sinne
einer  blossen  „Magenfrage”  herauf  beschworen  wurden.  Es  war
in  der  Ordnung,  das  Classenhewusstsein  anzuregen  und  die
zwitterhaften  Dienste  zu  entlarven,  auf  welche  die  Yertrotcr
einer  vormundschaftlichen  Patronisirung  der  Arheiterinterossen
pochten.  Allein  es  hiess  die  bessere  Natur  verleugnen,  die
Selbständigkeit  und  die  Motive  des  Kampfes  nur  in  den  ungeklärten ­
  Regungen  des  Neides  suchen  zu  wollen.  In  dieser  Region
fühlten  sich  daher  auch  grade  die  corruptesten  Parasiten  des
Feudalismus  und  der  Superstition  am  meisten  an  gezogen.  Sic
fanden  in  den  Lassalleschen  Pamphlets  auch  das  Gemeine,  für
das  sie  am  ehesten  Verständniss  hatten.  Auf  diese  Weise
geschah  es,  dass  nicht  die  bessere,  sondern  die  schlechtere
Seite  der  Agitation  und  der  Theorie  seltsame  Freunde  fand.
Die  volkswirthschaftlicho  Unwissenheit  klammerte  sich  vielfach ­
  an  Lassalles  Auseinandersetzungen,  weil  aus  den  letzteren
eher  etwas  zu  entnehmen  war,  als  aus  den  gemeinen  Lehrbüchern.
Wie  sehr  sich  Lassalle  in  der  Theorie  vergriff',  und  wie
er  die  feindlichen  Leidenschaften  überall  ins  Auge  fasste,  zeigt
seine  Beurtheilung  der  Arbcitercoalitioncn,  die  zum  Zweck  der
Lohnerhöhung  oder  der  Verkürzung  der  Stundenzahl  mit  dem
letzten  Mittel  der  Arbeitseinstellungen  agiren.  J5r  sah  in  diesen
Coalitionskämpfen  nur  den  einzigen  Nutzen,  die  Ressentiments
wach  zu  halten,  und  hatte  keine  Ahnung  davon,  welche  Kraft
sich  in  dieser  Richtung  entwickeln  lasse,  und  wie  der  ganze
Socialismus  an  diese  naturwüchsigen  Erscheinungen  anzuknüpfen ­
  habe.  Statt  dessen  baute  er  auf  wirthschaftliche  Associationen, ­
  die  nach  seiner  eignen  Annahme  einen  überwiegend
politischen  Einfluss  der  Arbeiter  voraussetzen,  um  überhaupt
möglich  zu  werden.
Einzelne  Freunde  Lassalles  sagen  von  ihm,  dass  er  zuletzt
selbst  nicht  mehr  an  die  Durchführbarkeit  seines  Programms
geglaubt  habe.  Welche  Bewandtniss  es  hiemit  nun  auch  haben
möge,  so  ist  doch  nicht  anzunohmen,  dass  er  im  Allgemeinen
an  den  Grundzügen  seiner  Zukunftsvorstellungen  verzweifelt
haben  sollte.  Wohl  aber  ist  es  nur  zu  denkbar,  dass  er  für
sein  specielles  Programm  den  Glauben  verloren  hatte.  Seine
schliesslichen  Neigungen,  die  Gesammtheit  der  innern  und
äussern  Politik  in  Rechnung  zu  bringen,  und  seine  Hinwendung
zur  nationalen  Frage  zeugen  dafür.  Die  mit  der  Reformations-
        <pb n="548" />
        533

zeit  coquettirenäe  Romantik  war  ihm  schon  früher  ein  wenig
in  das  Blut  gedrungen,  und  die  mit  der  Schleswig-Holsteinschen
Frage  sich  ankttndigendo  Preussische  Kriegsära  scheint  seinen
Sinn  vollends  gefangen  genommen  zu  haben.  Das  Auitieten
des  Preussischen  Ministerpräsidenten  in  der  Innern  Gon-  ,
flictspolitik  und  die  bereits  absehbaren  grösseren  Actionen
nach  Aussen  haben  ihm  um  so  mehr  imponirt,  als  diese  Thatsachen
  und  Aussichten  ja  auch  der  Niederwerfung  seiner  speciellen
  politischen  Gegner,  nämlich  der  sogenannten  Fortschrittspartei, ­
  galten.  Theils  sein  eignes  Eingehen  in  die  Richtung
der  nationalen  Einheitspolitik,  die  eine  aus  halb  feudaler
Romantik  und  modern  militairischem  Imperialismus  gezeugte
Zwitterlösung  finden  sollte,  theils  die  späteren  Thatsachen
selbst  haben  es  mit  sich  gebracht,  dass  der  Allgemeine  Deutsche
Arbeiterverein  Lassalles  in  die  Phase  einer  Art  Nationalsocialismus
  eintretcn  konnte.  Hiedurch  ist  der  Gegensatz  gegen  den
Internationalismus  ziemlich  scharf  ausgeprägt  worden,  und  man
kann  Lassalle  von  der  intellectuellen  Urheberschaft  dieser  auf
die  Dauer  für  allen  echten  Socialismus  unhaltbaren  Position
nicht  freisprechen.
11.  Obwohl  es  streng  genommen  gegen  das  Princip  einer
Geschichtsschreibung  der  reinen  Wissenschaft  verstösst,  die,
wenn  auch  nur  in  einem  sehr  allgemeinen  Sinne  sich  christlich ­
  nennenden  und  in  dieser  Beziehung  autoritären  Ausgangspunkte ­
  socialistischer  Theorien  zu  berücksichtigen,  so  spielen
doch  die  Mischungen  der  verschiedenartigsten  Elemente  oft  so
wunderlich,  dass  man  nicht  umhin  kann,  zur  Vorbeugung  von
Missverständnissen  eine  Ausnahme  zu  machen.  Wir  haben  bisher ­
  den  Centaur  einer  sogenannten  christlichen  Yolkswirthschaftslehre
  mit  gutem  wissenschaftlichem  Gewissen  auf  sich
beruhen  lassen  können,  obwohl  er  in  den  verschiedensten  Ländern ­
  literarisch  erschienen  ist  und  schwächliche  Abbilder  von
ihm  auch  noch  heute  bei  uns  in  Deutschland  existiren.  Nicht
ganz  so  widerwärtig,  wie  die  Mischungen  der  eigentlichen
Nationalökonomie  mit  einem  angeblichen  Christenthum,  sind
die  weit  natürlicheren  Berührungen  eines  wirklichen  und  aufrichtigen ­
  Socialismus  mit  religiösen  Gesichtspunkten.  Dies
haben  wir  im  Verlauf  unserer  Geschichte  grade  an  den  bedeutendsten ­
  Erscheinungen,  wie  namentlich  an  St.  Simon,  festgestellt, ­
  und  der  einzige  Unterschied,  der  bei  allen  Arten  reli-
        <pb n="549" />
        53á

giöser  Färbung’  des  Socialistiscben  von  Erheblichkeit  wird,  besteht ­
  in  der  autoritären  oder  nichtautoritäron  Einführung  der
fraglichen  Ideen.  So  wenig  uns  der  praktische  Socialismus  als
Zubehör  oder  Folge  religiöser  Sectirung  etwas  angeht,  so  können ­
  wir  doch  eigentliche  Socialtheorien,  bei  denen  die  Mischung
mit  dem  Christlichen  einen  mehr  moralischen  Charakter  hat,
und  die  sich  vornehmlich  auf  letzte  sittliche  Principien,  wenn
auch  in  einer  ungeeigneten  Form,  berufen,  nicht  als  völlig  gleichgültig ­
  verurtheilen.  Solche  Erscheinungen  sind  wenigstens
kennzeichnend  für  gewisse,  nicht  unwichtige  Abwege  der  Ideengestaltung, ­
  und  so  mögen  denn  hier  noch  einige  Worte  über  einen
bisher  sehr  wenig  bekannt  gewordenen  Deutschen  Socialiston
(Winkelblech)  Platz  finden,  der  unter  dem  Namen  Karl  Mario
im  Verlauf  des  Jahrzehnts  seit  1848  ein  umfangreich  angelegtes ­
  Werk  „Untersuchungen  über  die  Organisation  der  Arbeit
oder  System  der  Weltökonomie”  zu  etwa  zwei  Dritteln  veröffentlicht ­
  hat.  Die  Abschneidung  dieser  Publication  durch  den  Tod
hat  den  dritten  Band  betroffen,  der  die  praktischen  Verzeichnungen ­
  geben  sollte  und  von  welchem  nur  vier  Hefte  (1857—59)
erschienen  sind.  Die  zwei  vorangegangenen  Bände  (als  solche
d.  h.  nicht  nach  der  Zeit  des  heftweisen  Erscheinens  unter  den
Jahreszahlen  1850—57)  enthalten  eine  darstellende  Beurtheilung
der  geschichtlichen  Erscheinungen  in  volkswirthschaftlicher
und  socialistischer  Theorie  sowie  in  der  Classen-  und  Staatenpolitik ­
  und  ausserdem  eine  Art  reiner  wirthschaftlicher  Doctrin.
Die  letztere,  welcher  der  zweite  Band  gewidmet  ist,  macht  sich
meist  sehr  pedantisch  und  platt.  Sie  strotzt  von  Gemeinplätzen
und  dilettantisch  angeeignoten  Schulbegriffen.  Dagegen  ist
der  erste  historische  Band  in  seinen  zwei  Abtheilungen  nicht
ganz  ohne  Eigenthümlichkeiten,  und  die  bisweilen  geschichtlich
zutreffende  Anschauungsart  zeigt,  dass  der  Verfasser  nicht  ohne
Anlage  zu  echt  politischen  Beobachtungen  gewesen  sei.  Dies
verdient  um  so  mehr  hervorgehoben  zu  werden,  als  die  verständliche, ­
  von  den  gewöhnlichen  Philosophastpreien  der  betreffenden ­
  Generation  freie  Redeweise  von  Mario  mit  dem
sonst  üblichen  Hegelianischen  Jargon  der  Zeit  vortheilhaft
contrastirt.  Auch  ein  nicht  sonderlich  häufiges  Maass  von
gutem,  nicht  durch  Eitelkeit  interessirten  Willen,  ohne  die
sonst  nur  allzu  greifbaren  Beimischungen  von  bewusster  Sophistik
  und  trügerischer  Absicht,  zeichnet  allem  Anschein  nach
        <pb n="550" />
        —  585

(len  Charakter  des  Verfassers  aus.  Da  seine  Arbeit  hei  ihrer
bisherigen,  sehr  erklärlichen  Obscurität  wenig  zugänglich  sein
und  da  sie  auch  wohl  späterhin  nur  von  einem  kleinen  Theil
des  Publicums  zur  Hand  genommen  worden  möchte,  so  müssen
wir  unsere  Mittheilungen  ausnahmsweise  mit  speciellon  Anführungen ­
  belegen.
Das  Buch  unseres  Autors  hat  schon  in  den  Jahren  nach
1848  den  Namen  des  Socialismus  direct  auf  seine  Fahne  geschrieben ­
  und  auch  in  der  Beurtheilung  der  geschichtlichen  Erscheinungen ­
  in  Gredanken  und  Thaten  seinen  Sympathien  Ausdruck ­
  gegeben.  Am  Ende  der  ersten  Abtheilung  des  ersten
Bandes  wird  die  Geschichte  von  Frankreich,  England,  Nordamerika ­
  und  Deutschland  aus  dem  socialen  Gesichtspunkt,  abei
mit  berechtigter  Hineinziehung  der  grossen  Politik  besprochen.
Von  unserm  Lande  wird  (S.  456)  gesagt,  dass  es  nicht  tiefer
sinken  könne,  und  dass  in  den  geschichtlichen  Hebungen  und
Senkungen  der  Volkorpplitik  nun  Deutschland  an  die  Reihe
kommen  müsse  und  nach  dem  höchsten  Grad  der  Erniedrigung
nun  zuversichtlich  ein  Aufsteigen  zu  gewärtigen  habe.  Dieser
patriotische  Ausdruck  wäre  im  Munde  eines  Weltökonomisten
und  eines  Autors,  welcher  dem  Monopolismus  oder  ungerechten
Ausschliessungsprincip  ein  von  ihm  in  seiner  neologistischen
Art  als  Pampolismus  bezeichnetes  allseitiges  Recht  entgegenstellt, ­
  fast  überraschend  zu  nennen,  wenn  nicht  auch  sonst,  wie
schon  angedeutet,  der  Blick  und  Tact  für  die  innern  und  auswärtigen ­
  politischen  Verhältnisse  bei  ihm  in  einer  Weise  's  oiherrschte,
  wie  es  im  Bereich  ähnlicher  Gedankenkreise  nicht
der  Fall  zu  sein  pflegt.  Die  Aufmerksamkeit  auf  eine  nicht
zwangsweise  construirte,  aber  dennoch  socialökonomisch  durchdachte ­
  Geschichte  mag  hier  die  Erklärung  geben.  Auch  begreift ­
  es  sich  hienach,  dass  unser  Autor  Louis  Blanc  für  den
Historiker  erklärt,  der  sich  das  Verdienst  erworben  habe,  die
neuste  Geschichte  von  der  bourgeoismässigen  Auffassung  zu
befreien.  Wie  Mario  über  die  entscheidende  Mehrheit  der
publicistischen,  Politik  treibenden  Gelehrten  der  Deutschen
Universitäten  dachte,  ersieht  man  einige  Seiten  weiter  (468),
wo  es  heisst:  ,,Die  traurigste  Rolle  bei  der  Deutschen  Bewegung ­
  haben  die  Gelehrten  und  namentlich  die  Lehrer  an  unsern
Hochschulen  gespielt.  Diese  kleinlichen,  in  halbliberalen  Grundsätzen ­
  erzogenen,  von  dem  sie  weit  übersehenden  Geldadel  als
        <pb n="551" />
        536

unbewusste  Werkzeuge  gebrauchten  Pedanten  vermochten  weder
ihren  beschränkten  Gesichtskreis  zur  Idee  der  demokratischen
Staatsform  noch  zu  der  einer  socialen  Reform  zu  erweitorn"  .  .
Sie  .  .  ,  „lieferten  den  Beweis,  dass  unsere  Hochschulen  nicht
die  Brennpunkte  des  geistigen  Lebens  der  Nation,  sondern  Sitze
der  Kleingeisterei  und  Beschränktheit  sind.”  Man  vergesse  bei
diesem  ürtheil  nicht,  dass  nicht  die  strengeren  Wissenschaften
und  auch  nicht  einmal  die  rein  positive,  mehr  civilistische
Jurisprudenz,  sondern  nur  die  Publicistik  und  Nationalökonomie
in  Frage  sind,  und  dass  für  andere  Länder  sich  das  betreffondo
Verhältniss  in  manchen  Beziehungen  noch  schlimmer  gestaltet.
Adam  Smith  hatte  von  der  Leistungsfähigkeit  der  Universitäten ­
  überhaupt  auch  in  seinem  Vaterlande  keine  grosso  Moinung,
  und  bei  dem  engen  Zusammenhang  von  Theorie  und
Praxis  ist  es  nur  ein  entsprechendes  Soitenstück,  wenn  ein  Humo
die  theoretische  Capacität  der  betreifenden  Sphäre  völlig  verachtete. ­
  Dio  Marloscho  Auslassung  ist  nur  eine  gelegentliche
Nebenregung,  die  mit  dem  bekannten  Urtheil  über  die  Frankfurter ­
  Nationalversammlung  als  über  ein  sogenanntes  Professorenparlament ­
  zusammentraf,  zugleich  aber  die  theoretische
Wuizel  der  praktisch  traurigen  Gestalten  andeutete.  Von
der  hohen  Bourgeoisie  wird  es  einige  Seiten  weiter  ausgesprochen, ­
  dass  sie  „mit  der  einen  Hand  nach  der  Krone
der  Fürsten  und  mit  der  andern  nach  dem  Eigenthum  des
Volkes  greift.”
Das  Beste  an  der  Marloschen  Arbeit  ist  der  erste  Band,
weil  derselbe  sich  mit  den  fremden  Ideen  und  geschichtlichen
Erscheinungen  beschäftigt,  und  auch  schon  die  erste  Abtheilung
mit  ihrem  Schluss  über  die  Rolle  der  verschiedenen  Staaten
genügt  vollkommen,  um  den  Verfasser  kennen  zu  lernen.  Wir
können  daher  seinen  Standpunkt  als  einen  solchen  betrachten,
wie  er  den  Jahren  1848—50  entsprach,  und  können  uns  auf
diese  Weise  auch  die  freilich  nebensächliche  Färbung  der  Anschauungsart ­
  erklären.  In  der  Vorrede  zur  zweiten  Abtheilung
sagt  uns  der  Verfasser,  dass  er  gegen  die  Mitte  der  vierziger
Jahre  bei  einer  technischen  Reise  in  Norwegen  auf  Veranlassung ­
  der  begründeten  Elendsschilderungen  eines  dortigen  Deutschen ­
  Fabrikarbeiters  den  Gedanken  gefasst  habe,  sich  nicht
mehr  blos  um  Maschinen  und  Technik,  sondern  um  den  Menschen
und  sein  wirthschaftliches  Schicksal  zu  kümmern.  Die  Schwierig-
        <pb n="552" />
        537

keiten  der  Existenz  bilden  in  Marios  Anscbauungskreis  den  Ausgangspunkt, ­
  und  es  wird  von  ihm  ausgesprochen,  dass  alle  ferneren ­
  Fortschritte  der  Cultur  im  laufenden  Jahrhundert  bereits
in  erster  Linie  und  entscheidender  Weise  von  denjenigen  der
Wirthschaft  abhilngen.  Uebrigens  betrachtet  unser  Autor  auch
jede  politische  Partei-  und  Standesposition  als  etwas,  was  nur
durch  Rechte  von  materiell  wirthschaftlicher  Bedeutung  lebensfähig ­
  erhalten  und  zu  dem  werde,  was  es  vorstellt.  In  der
Geschichtsauffassung  prägt  sich  diese  Idee  nach  allen  Richtungen ­
  aus.  Ist  nun  auch  hiebei  das  Vorbild  Französischer
Socialisten  vielfach  maassgebend  gewesen,  so  muss  man  doch
einräumen,  dass  die  Anwendungen  des  betreffenden  Gedankens
in  keinem  Deutschen  Werk  in  gleichem  Grade  und  mit  gleicher ­
  geschichtlicher  Positivität  aufgetreten  waren.  Die  Kritik
der  Liberalistik  und  ihrer  socialen  Geschichtsansichten  ist  in
vielen  Richtungen  zutreffend;  aber  freilich  ruht  sie  auch  zugleich ­
  auf  einem  Grunde,  welcher  es  unserm  Socialisten  unmöglich ­
  macht,  den  Standpunkt  des  natürlichen  Fortschritts
einzunehmen.  Obwohl  er  das  monopolistische  Princip  und  mit
ihm  die  Ausschliessungen  aller  Art  als  ungerecht  bekämpft,  so
geräth  er  doch  seltsamerweise  auf  dem  Wege  seiner  Kritik  der
materiellen  Liberalistik  zu  einer  Stellungnahme,  in  welcher
er  die  Gewerbefreiheit  als  eine  zu  überwindende  Phase  ansieht ­
  und  auf  Gebilde  ausblickt,  die  zwar  nicht  in  einer  falschen ­
  Romantik  die  Zünfte  wiederbeleben  und  ausschliessend
sein,  aber  dennoch  ähnlich  geregelte  Gruppirungsformen  werden ­
  sollen.
12.  Der  Ausdruck  „societäre  Geschäftsform”  bleibt  bei  Mario
ein  Wort,  über  dessen  Begriff  kein  irgend  genügender  Aufschluss ­
  ertheilt  wird.  Nur  soviel  sei  bemerkt,  dass  auch  die
Landwirthschaft  in  diese  undefinirbare  gesellschaftliche  Betriebsform ­
  hineingezogen  werden  soll.  Wüsste  man  nicht,  dass  der
Verfasser  jener  weiterstrebenden  Minderheit  angehörte,  welche
nach  1848  im  Bereich  der  sich  gegen  die  Gewerbefreiheit  kehrenden ­
  Handwerkerregungen  ein  socialistisches  Ziel  ins  Auge
fasste,  so  würde  man  keinen  einzigen  Anhaltspunkt  haben,  um
den  Sinn  der  vorgeschlagenen  Grundgestalt  der  ökonomischen
Existenzgarantirung  näher  zu  bestimmen.  Auf  S.  186  der
ersten  Abtheilung  giebt  er  uns  jedoch  selbst  die  Petitionsschriftstücke ­
  jener  rückläufigen  Bewegung  und  identificirt  sich
        <pb n="553" />
        —  538  —

mit  ihrem  Inhalt,  dessen  Abfassung  auch  sogar  seinen  eignen
Stil  zur  Schau  trägt.  Das  Reden  von  der  Erstrebung  einer
„wahrhaft  christlich  germanischen  Zunftvcrfassiing’^  (S.  181),
verbunden  mit  der  Berufung  auf  den  politisch  und  religiös
retrograden,  durch  die  Ermahnung  der  Wissenschaft  zur  Umkehr ­
  berüchtigten  Rechtsphilosophirer  Stahl,|  ist  ein  Zeugniss,
welches  keiner  Erläuterung  bedarf.  Nur  glaube  man  nicht,
dass  die  Marloschen  Ausführungen  nicht  wesentlich  rationell
und  trotz  des  seltsamen  Standpunkts  auch  für  den  Andersdenkenden ­
  nicht  völlig  lesbar  gehalten  wären.  Würden  sie  der
Manier  eines  Stahl  gleichen,  so  würde  in  unserer  Geschichtsdarstellung ­
  von  ihnen  keine  Notiz  genommen  sein.  Man  hat
sich  bei  der  Beurtheilung  einer  Erscheinung,  wie  das  Marloschc
  Buch,  eben  an  den  seltsamen  Widerspruch  zu  gewöhnen,
der  zwischen  dem  praktisch  beengten  Ausgangspunkt  eines  bestimmten, ­
  sich  in  besondorn  socialen  Verhältnissen  bewegenden
Menschenlebens  einerseits  und  dem  freieren  socialistischen
Drange  andererseits  bestanden  hat.  Das  Aeusscrste  der  Verkehrtheit ­
  ist  sogar  noch  zu  erwähnen  übrigj  denn  wir  haben
in  unserm  Autor  einen  Mann  vor  uns,  der  in  allen  Punkten,
mit  Ausnahme  eines  einzigen,  allerdings  moralisch  sehr  wichtigen, ­
  das  Muster  eines  Malthusianers  abgiebt.  Die  Ausnahme
ist  die  den  Massen  sympathische  und  überhaupt  viel  gerechter
und  edler  gestaltete,  nicht  der  Bourgeoisie  schmeichelnde  Gesinnung. ­
  Dagegen  sind  die  theoretischen  Vorstellungen  und
praktischen  Gonsequenzen  ein  classisches  Ebenbild  der  Malthusschen
  Corruptivitäten.  Zunächst  wird  mit  dankenswerther
Offenheit  an  die  Spitze  gestellt,  dass  ohne  künstliche  Regulirung ­
  der  Bevölkerungsmenge  von  keiner  socialen  Form,  wie
sie  auch  beschaffen  sein  möge,  die  Beseitigung  des  Massenelends ­
  ermöglicht  werden  könne.  Im  Reich  des  neuen  Marloschen ­
  Socialismus  wird  daher  neben  dem  Schlagwort  der  socictären
  Geschäftsform  die  Eindämmung  der  Bevölkerung  in  den
Staaten  alter  Cultur  die  entscheidende  Hauptangolegonhoit.
Jedermann  hat  nach  Mario  ein  Recht  auf  Existenz  und  Arbeit,
aber  nicht  auf  üebervölkerung.  An  die  Stolle  der  früher  erwähnten ­
  Malthusschen  Kanzelvermahnung  tritt  bei  Mario  (Bd.  III
S.  109)  die  amtliche  Einhändigung  einer  Abhandlung  über  die
Pflichten  eines  Familienvaters,  nicht  um  die  betreffende  Ehe
im  Sinne  von  Malthus  noch  an  der  Schwelle  zu  hindern,  son-
        <pb n="554" />
        539  —

dem  um  in  der  Ehe  für  die  Verhütung  einer  zu  grossen  Kinderzahl ­
  Wissen  und  Gewissen  des  neuen  Ehebürgers  gleich  beim
Eintritt  in  Anspruch  zu  nehmen.  Da  jedoch  bei  dem  Proletariat ­
  die  Einhändigung  einer  solchen  Abhandlung  keine  Aussicht ­
  auf  Erfolg  biete,  so  müsse  Rechtszwang  in  Gestalt  der
Nachweisung  von  „Kindergut”  und  bei  einem  etwaigen  vierten
Kinde  nachträglich  Nachweisung  von  noch  V3,  widrigenfalls
aber  Strafarbeit  bei  nur  nothdürftigem  Unterhalt  eintreten.
Diese  Proben  aus  dem  praktischen  Theil  unserer  christlich
moralisch  auftretenden  Socialphilosophie  werden  (Bd.  III  S.  92)
fast  noch  durch  die  Empfehlung  überboten,  religiöse  Orden  um
der  Beförderung  der  Ehelosigkeit  willen  zu  begünstigen  und
Schwesterhäuser  mit  dem  gleichen  Zweck  zu  stiften,  um  dem
Trieb  zur  Beschäftigung  mit  Kindern  und  deren  Erziehung  eine
künstliche  Nahrung  zu  geben.  Aus  der  letzteren  Idee  leuchtet
jene  Unnatur  hervor,  deren  Wurzel  in  falschen  Vorstellungen
von  dem  überschwenglich  überwiegenden  Interesse  einer  Seele
an  Verhältnissen  zu  suchen  ist,  bei  denen  die  Natur  auch  in
den  hochsittlichen  Beziehungen  nicht  fehlen  darf,  wenn  sie  nicht
zur  Oorruptionsgestalt  oder  Caricatur  des  edleren  Typus  werden ­
  sollen.
Die  ganze  Gestalt  Marios  erinnert  in  den  wichtigsten  Hauptbeziehungen ­
  an  jenen  Venetianer  Ortes,  den  wir  bei  der  Darstellung ­
  von  Malthus  berührt  haben,  und  welcher  vor  dem
Engländer  die  rückläufigen  Bevölkerungsanschauungen^  cultivirte.
  Auch  er  verband  mit  der  religiösen  Rückständigkeit  und
der  Vertheidigung  des  Oölibats  einen  gewissen  politischen  Radicalismus, ­
  und  diese  Mischung,  die  gleich  allen  Oombinationsproducten
  der  Geschichte  erklärt  werden  muss,  ist  es  ja  auch,
die  dem  Marloschen  Werk  sein  absonderliches  Aussehen  gegeben
hat.  Die  Ausrottung  des  Proletariats  auf  dem  Wege  der  Strafarbeit ­
  für  zuviel  erzeugte  Kinder  ist  nur  der  nackte  Ausdruck
einer  Idee,  deren  Wurzel  bei  den  Malthusianern  der  heutigen
Generation  ebenfalls  vorhanden  ist  und  nur  in  versteckterer
oder  in  verschämter  Weise  Nahrung  zieht  und  spendet.
Der  Socialismus  auf  Grundlage  Malthusisch  gearteter  Bevölkerungsvorstellungen ­
  und  entsprechender  Bevölkerungspolitik
ist  eine  vereinzelte  Abnormität,  und  wir  machen  noch  schliesslich ­
  darauf  aufmerksam,  dass  die  socialistischen  Antriebe  und
Theorien  der  Regel  nach  entschieden  antimalthusisch  ausge-
        <pb n="555" />
        540

fallen  sind.  Die  beiden  Erscheinungen,  die  wir  in  diesem
Capitel  in  den  Vordergrund  stellten,  haben  sich,  wenn  auch
nur  inconsequent,  vor  dem  Malthusianismus  gehütet.  Lassalle
tritt  niemals  mit  einer  Malthusschen  Voraussetzung  hervor  und
hegte  in  der  That,  wie  ich  aus  eigenhändigen  Privatbriefon
desselben  entnommen  habe,  solche  Ansichten,  die  theoretisch
und  praktisch  in  der  ganz  entgegengesetzten  Richtung  lagen.
Er  that  sich  sogar  darauf  etwas  zu  gut,  eine  neue  Wendung
gegen  das  Malthussche  Recept  aufgefunden  zu  haben,  die  freilich ­
  nur  bedingungsweise  gelten  sollte,  da  er  auch  in  der  reinen
Theorie  ein  Naturgesetz  der  Uebervölkerung  leugnete  und  alle
Hemmungen  nur  auf  die  rein  socialen  Formen,  nicht  aber  auf
eine  Leistungsunfähigkeit  der  Natur  zurückführte.  Jene  Wendung ­
  bestand  in  der  Hinweisung  auf  den  Gesichtspunkt  der
Concurrenz.  Gesetzt,  ein  Arbeiter  wolle  sich  in  der  Kindererzeugung ­
  beschränken  und  im  Glauben  an  die  vermeintliche
Noth  Wendigkeit  so  den  Markt  des  Arbeitsangebots  von  seinem
Vermehrungsbeitrag  etwas  erleichtern,  so  habe  er  doch  niemals
eine  Bürgschaft,  dass  die  Andern  ein  Gleiches  thun.  Zu  Gunsten
der  Möglichkeit  fremder  Kindererzeugung  werde  er  aber  nicht
zurücktreten  ;  er  würde  aut  diese  Weise  nur  das  Feld  räumen,
um  es  von  Andern  besetzen  zu  lassen.  W^ir  können  hinzufügen, ­
  dass  cs  sogar  unter  Voraussetzung  der  Richtigkeit  *  des
falschen  Naturgesetzes  der  Uebervölkerung  eine  unterdrückerische ­
  Zumuthung  sein  würde,  den  Leuten  zu  sagen,  dass  sie
auf  die  Fortexistenz  in  Kindern  und  auf  den  Kampf  um  die
Fortpflanzung  ihrer  Familie  und  Art  verzichten  sollen,  damit
bei  jedem  Zurückweichen  die  klügeren  Bestandtheile  der  Gesellschaft ­
  oder  ihre  Nachbarn  um  so  bequemere  Eroberungen
für  ihre  eignen  Sprösslinge  machen  können.  Hienach  würde
also  auch  unter  Annahme  der  meist  poetisch  fehlgreifenden
Darwinistischen  Vorstellungen  von  dem  allgemeinen  Kampf
aller  lebenden  Wesen  um  Dasein  und  Daseinsart  die  praktische
Gonsequenz  immer  dahin  ausfallen,  dass  kein  Einzelner,  keine
sociale  Gruppe,  keine  Nation  und  keine  Race  bei  klarem  undüpirtem
  Bewusstsein  freiwillig  zu  einem  Verhalten  überginge,
welches  keine  andere  Wirkung  haben  könnte,  als  die  fremde
Volksvcrmehrung  auf  Kosten  des  eignen  Verzichts  zu  begünstigen ­
  und  mithin  den  Goncurrenten  in  dem  unstreitigen  Hauptpunkt, ­
  d.  h.  in  der  Anzahl  der  ernährbaren  Existenzen,  zu
        <pb n="556" />
        541

stärken.  Wir  haben  jedoch  an  die  natürlich  antimalthusiache
Tendenz  des  Socialismus  nur  erinnert,  um  die  geschichtliche
Position  des  letzteren  nach  dieser  Seite  hin  noch  einmal  scharf
zu  markiren.  Die  ersten  socialistischen  Regungen  aus  der  Zeit
der  grossen  Französischen  Revolution  fanden  sich  auf  der  einen
und  Malthus  social  conservative  Feindseligkeit  auf  der  andern
Seite.  An  diesem  ursprünglichen  Verhältniss  hat  die  thatsächliche
  Geschichte  des  Socialismus  nichts  geändert,  sondern  den
Gegensatz  nur  noch  schärfer  ausgebildet,  so  dass  man  behaupten ­
  kann,  alle  Vorstellungen  und  Bestrebungen,  die  seit  Babeuf
ernstlich  socialistisch  und  volksmässig,  ohne  Fouriersche  Narrheiten
  oder  rückständige  Donquixoterien  hervortraten,  seien
antimalthusisch  und  weit  davon  entfernt  gewesen,  ein  eigentliches ­
  Naturgesetz  der  liebervölkerung  zuzugeben.  In  der  neusten ­
  Zeit  ist  dies  an  dem  Beispiel  Proudhons  am  deutlichsten
geworden,  indem  sich  hier  trotz  der  Ricardoschen  Einflüsse  die
den  socialistischen  Fortschritt  beherrschende  Tendenz  gegen
die  Uebervölkerungsideen  einen  positiven  unzweideutigen  Ausdruck ­
  gegeben  hat.
        <pb n="557" />
        Neunter  Absohnitt.
Die  Gegenwart.

Erstes  Capitel.
Die  alten  Parteien  und  die  rückläufigen  Elemente.
Je  lebensvoller  eine  Generation  in  die  alte  üeberlieferimg
eingreift,  um  so  mehr  muss  sie  sich  im  Denken  und  im  Handeln
auf  das  Gute  und  Schlimme  cinlasscn,  welches  die  abgclaufenc
Geschichte  an  Gedanken  und  Einrichtungen  mit  sich  gebracht
hat.  In  dem  Maasse  als  dies  geschieht,  wird  auch  die  Aussicht ­
  auf  eine  lebensfrische  Zukunft  vorhanden  sein.  Wo  aber
in  Gedanken  nicht  einmal  immer  der  bessere  Antrieb  der  Vergangenheit ­
  zur  Fortsetzung  gelangt,  da  wird  ein  wesentlicher
Mangel  zu  ergänzen  sein.  Dieser  Fall  trilFt  nun  für  die  ersten
drei  Viertel  des  19.  Jahrhunderts  zu,  indem  sich  in  ihnen  die
freiheitliche  Denkweise  der  zweiten  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts ­
  durch  ein  in  der  Literatur  und  Presse  vorherrschende
Anbequemung  an  das  priesterliche,  politische  und  sociale  Bevormundungsprincip
  ersetzt  findet.  Der  thatsächliche  Einfluss
der  triumphirenden  Besitzclasscn  hat  eine  in  jeder  Richtung
heuchlerische  Halbheit  der  wirklichen  oder  vorgegebenen  Ansichten ­
  begünstigt.  Die  geistige  Zwitterhaftigkeit  und  Corruption ­
  ist  durch  die  Bestrebungen,  die  weiteren  Folgen  der  Revolution ­
  aufzuhalten,  in  einem  Grade  tonangebend  geworden,
dass  sich  die  gediegenen  und  gesetzten  Antriebe  von  bedeutender ­
  Tragweite  in  der  äussersten  Minorität,  um  nicht  zu
sagen  in  der  Vereinzelung  befinden.  Nicht  blos  die  Presse,
sondern  auch  überhaupt  die  Literatur  hat  in  allen  Richtungen,
        <pb n="558" />
        5á3

unci  selbst  da,  wo  die  Wissenschaften  und  sogar  die  dem  Politischen ­
  an  sich  selbst  fremden  Wissenschaften  in  Frage  kommen, ­
  in  Mittheilungsart  und  Inhalt  überwiegend  den  Bourgeoischaraktor
  angenommen.  Selbst  die  naturwissenschaftliche  Denkweise ­
  und  der  theoretische  Materialismus  sind  durch  die  Einmischung ­
  der  gegen  die  Volksmasse  gerichteten  Unterdrückungsinteressen ­
  gefälscht  und  an  ihrer  propagandistischen  Wirkung
durch  die  Zurichtung  für  die  sogenannten  Gebildeten  arg  beeinträchtigt ­
  worden.  Zu  den  Beschränktheiten  und  dem  Egoismus ­
  des  die  Volksmenge  bewirthschaftenden  Besitzbürgerthums
hat  sich  von  Zeit  zu  Zeit  auch  noch  die  priesterlieh  feudal  Begehrlichkeit ­
  mit  der  zugehörigen  Romantik  und  Bornirtheit
wieder  in  den  Vordergrund  gedrängt,  und  neben  dem  thatsächlichen
  Unheil,  welches  ihr  die  Umstände  in  äussern  und  innern
Kriegen  anzurichten  -^erstatteten,  hat  sie  auch  die  geistige  und
moralische  Atmosphäre  zeitweilig  so  ungesund  machen  können,
dass  die  gelegentlich  hervortretende  Ansicht,  man  sei  um
mehrere  Jahrhunderte  zurückgekommen,  nicht  befremden  darf.
Dieser  reactionäre  Charakter,  den  die  Oberfläche  des
19.  Jahrhunderts  trägt,  darf  jedoch  nicht  über  die  bessere
Unterströmung  täuschen,  die  in  den  auf  ernsthafte  Umgestaltung ­
  gerichteten  Ansätzen  und  in  einer  die  letzten  Schichten
vertretenden  Minderheit  von  entschlossenen  Charakteren  gelegentlich ­
  auch  einen  oben  sichtbaren  Ausdruck  gefunden  hat.
Angesichts  dieser  Unterströmung,  welche  im  Bereich  der  mit
dem  Arheitssold  Abgelohnten  aller  Gattungen  ihre  Tiiebkräfte
hat,  steht  die  Geschichte  vor  der  Frage,  ob  die  heutigen  Culturvölker
  an  ihrer  socialen  Verfassung  immer  mehr  erkranken
und  schliesslich  im  Sinne  des  Römischen  Kaiserreichs  verwesen ­
  sollen,  oder  ob  sie  die  Aussicht  haben,  ohne  einen  solchen
Vorwesungshcrgang  in  einer  unmittelbareren  Weise  zu  den
neuen,  von  der  philosophischen,  politischen  und  socialistischen
Aufklärung  geforderten  Zuständen  zu  gelangen.  An  der  Einsicht ­
  und  an  frischen  geistigen  Triebkräften  fehlt  es  der  keimenden ­
  neuen  Welt  durchaus  nicht,  und  grade  in  der  Existenz
von  Ideen,  die  in  allen  bisher  wirksamen  Motiven  der  Geschichte ­
  noch  nicht  entwickelt  waren,  besteht  die  neue  Situation. ­
  Nicht  irgend  eine  materielle  oder  technische  Entwicklung ­
  an  sich  selbst,  sondern  das  bestimmtere  Wissen  und
Wollen  des  Menschenrechts  ist  der  entscheidende  Ausgangs-
        <pb n="559" />
        punkt.  Die  vorher  angeführte  Frage  bezieht  sich  daher  auch
nur  auf  die  Ungewissheit,  —  nicht  ob  sich  die  Ideen  durchsetzen, ­
  sondern  ob  sie  sich  ohne  die  Dazwischenkunft  eines
lange  andauernden  Verfaulungsprocesses  der  alten  Zustände  ihr
neues  Reich  begründen  werden.  Der  Raub  von  der  einen,  kann
den  Raub  von  der  andern  Seite  erzeugen,  und  dies  war  die
Art,  wie  sich  das  Alterthum  mit  einigen  Missständen  der  wirthschaftlichen
  Ungleichheit  gelegentlich  und  sehr  unvollkommen
auseinandergesetzt  hat.  Ein  Rousseau  fürchtete  auch  in  der
neuen  Zeit  die  allgemeine  Brigandage,  und  so  etwas  würde
allerdings  das  Schicksal  der  modernen  Civilisation  in  Europa
und  Amerika  sein,  wenn  der  Hass  das  herrschende  Princip
bliebe  und  die  Programme  des  Socialismus  auf  der  Gegenseite
zu  keiner  moralischen  Anerkennung  gelangten.  Indem  der
Reactions  widerstand  jede  moralische  V  erständigung  ablehnte
und  die  Waffen  als  ausschliessliche  Entscheidungsmittel  hervorkehrte, ­
  würde  er  selbst  die  Schuld  tragen,  dass  die  sittliche
Gemeinschaft  vollends  zerstört  und  die  Gesellschaft  auf  der
schiefen  Ebene  der  Brutalität  immer  weiter  hinabgerollt  würde.
Wenn  die  blos  mechanischen  Kräfte  entscheiden  sollen,  so  ist
auf  einen  vollständigen  Sieg  in  der  einen  Richtung  niemals,
auf  der  andern  Seite  aber  nicht  allzu  rasch  zu  rechnen.  Es
würde  sich  also  die  Geschichtsentwicklung  unter  dieser  Voraussetzung ­
  in  räuberische  Thcilkämpfe  auflösen,  mit  denen  zunächst ­
  keine  befriedigende  Ausgleichung,  sondern  im  besten
Falle  nur  eine  gelegentliche  Bethätigung  der  über  allen  positiven
Einrichtungen  thronenden  Rache  und  Gerechtigkeit  verbunden
sein  könnte.  Indessen  ist  nicht  von  vornherein  anzunehmen,  dass
die  Entäusserung  von  allen  die  Menschheit  verbindenden  Ideen
bei  den  herrschenden  Classen  soweit  gehen  sollte,  um  jede
Möglichkeit  der  Zustimmung  eines  Theils  ihrer  Elemente  zu
den  socialistischen  Noth  Wendigkeiten  auszuschliessen.  In  diesem
günstigeren  Falle  würde  nicht  die  zersetzende  Fäulniss,  sondern ­
  die  verbindende  Belebung  der  Gemeinschaftsbande  den
nächsten  Menschenaltern  ihr  Gepräge  aufdrücken,  und  man
könnte  verhältnissmässig  rasch  zu  den  besseren  Einrichtungen
gelangen.
2.  Nach  der  Hinweisung  auf  den  reactionären  Knoten  und
die  ernste  Situation,  welche  sich  zunächst  für  den  Rest  des
Jahrhunderts  ankündigt,  haben  wir  die  erregenden  Gedanken
        <pb n="560" />
        545

und  Thatsachén  specieller  zu  gruppiren.  Zunächst  sind  es  die
überlieferten  wirthschaftlichen  und  politischen  Parteien  älteren
Ursprungs  und  überlebter  Art,  die  wir  sammt  dem  geistigen
oder  geistlosen  Zubehör  an  überwundenen  Theorien  oder  gelehrten ­
  Volleitäten  zu  skizziren  haben.  Alsdann  müssen  uns
in  Rücksicht  auf  die  allgemeine  Ideenrichtung  die  socialdemokratischen ­
  Organisationen  und  Programme  beschäftigen,  insoweit ­
  sich  dieselben  mit  dem  Lassalleschen  Arbeiterverein,  mit
der  Internationalen  und  mit  der  Bakuninschen  Alliance  verbreitet
haben.  Eine  dritte  Gruppe  von  Thatsachen  und  Ideen  wird
um  das  Weltereigniss  der  Pariser  Commune  zu  gruppiren  sein.
An  letzter  Stelle  bleiben  dann  nur  noch  einige  Anführungen
übrig,  durch  welche  die  Unterschiede  des  socialitären  Systems,
wie  wir  es  verstehen,  in  Vergleichung  mit  den  früheren  auf
eine  gesellschaftliche  Umgestaltung  abzielenden  Gesichtspunkten
unzweideutig  erkennbar  werden.
Die  alten  wirthschaftlichen  Parteien  sind  zunächst  auf  den
häuslichen  Streit  von  Schutzzoll  und  Freihandel  angewiesen.
Dieser  Streit  ist  auch  nach  der  entschiedensten  Protectionstheorie ­
  ein  sehr  übertägiger  und  vergänglicher,  da  ja  von  den
hervorragendsten  Vertretern  dieser  Theorie  nur  eine  kurze  Frist,
etwa  ein  Jahrzehnt,  gefordert  wird,  um  in  den  Hafen  des  universellen ­
  Freihandels  einzulaufen.  Anders  verhält  es  sich  freilich ­
  mit  den  Schutzpraktikern.  Diese  stützen  sich  aber  auf
keine  Theorie,  sondern  hier  ist  es  einfach  die  Kraft,  einen
Monopolvortheil  zu  erhalten  oder  neu  einzuführen,  was  über  die
Politik  der  industriellen  Unternehmer  entscheidet.  In  Nordamerika ­
  hat  die  Zweideutigkeit,  mit  welcher  Greeley  zu  Gunsten
der  Möglichkeit  seiner  Präsidentschaftscandidatur  (1872)  seinen
Schutzzollstandpunkt  so  ziemlich  preisgab,  einigermaassen  über
die  Nachhaltigkeit  der  theoretischen  Ueberzeugungen  aufgeklärt,
zumal  der  Betreffende  sich  in  seinem  kleinen  Buch  (Essays  .  .  .
political  economy,  Boston  1870),  welches  zur  Vertheidigung  der
Schutzlehre  bestimmt  war,  in  der  Vorrede  nicht  in  einer  Art
ausgesprochen  hatte,  wie  es  die  volle  Ueberzeugungskraft  mit
sich  bringt.  Auf  Amerikanischem  Boden  ist  das  Schutzsystem
aber  noch  des  Lebens  grüner  Baum  zu  nennen,  wenn  man  es
mit  der  Dürre  vergleicht,  welcher  es  in  Europa  anheimgefallen
ist.  Hier  fehlte  nur  noch,  dass  es  durch  Thiers  Anwaltschaft
seit  1871  vertreten  wurde,  um  in  socialer  Beziehung  gründlich
Dühring,  Geschichte  der  Nationalökonomie.  2.  Auflage.  35
        <pb n="561" />
        546

und  für  immer  cornpromittirt  und  des  Heiligenscheins  entkleidet
zu  werden,  mit  dem  es  theils  durch  eine  romantische  Theorie,
theils  durch  die  zeitweilige  Dienstbarkeit  an  wirklich  nationale
Interessen  zuerst  in  Deutschland  und  später  für  Nordamerika
umgeben  worden  war.  In  letzterem  Lande  hatte  nicht  nur  der
berechtigte  wirthschaftliche  Kampf  gegen  die  Brittischo  Macht,
sondern  auch  der  Gegensatz  des  mehr  manufacturistischen
Nordens  gegen  die  Sklavenfeudalität  der  freihändlerischon  und
von  den  ausbeutenden  Classen  Englands  patronisirten  südlichen
Baumwollenjunker  dem  Protectivsystern  politische  Anknüpfungspunkte ­
  verschafft.  In  Deutschland  war  es  aber  die  nationale
Consolidation  gewesen,  die  Anfangs  einige  Lebensfrischo  in  den
protectionistischen  Widerstand  gegen  Brittische  und  andere
Gefährdungen  gebracht  hatte.  Seit  den  neusten  Wendungen
der  socialen  Verhältnisse  kann  auf  Europäischem  Boden,  etwa
mit  Ausnahme  Russlands,  wo  die  Ideen  und  Thatsachen  noch
sehr  rückständig  sind,  der  Antagonismus  von  Schutzzoll  und
Freihandel  nur  noch  die  Bedeutung  eines  untergeordneten  und
überlebten  Gegensatzes  beanspruchen.  An  allgemeine  Interessenwahrnehmung ­
  glaubt  bei  diesem  Gegensatz  Niemand  mehr,
der  die  alten  Parteien  etwas  intimer  kennen  gelernt  hat.  Beute
machen  wollen  sie  beide  auf  Kosten  der  grossen  Volksmasse;  die
eine  Partei  will  es  im  Wege  des  künstlichen  Cla^senmonopols,
die  andere  im  Wege  des  losgebundenen  Freibeuterthums.  Die
Freihändler  oder  Freibeuter,  wie  ich  sie  schon  1866  in  meiner
„Kritischen  Grundlegung”  genannt  habe,  machen  mit  jeder  Aufhebung ­
  von  Schutzzöllen  ein  gutes  Geschäft,  indem  diese  Aufhebung ­
  zunächst  ihre  Taschen  füllt  und  für  die  Volksmasse
vorläufig  gar  nichts  einträgt.  Es  geht  mit  diesen  Maassregeln
wie  mit  der  Aufhebung  solcher  indirecter  Steuern  rein  finanzieller ­
  Art,  deren  Beseitigung  zunächst  nur  den  Händlern  oder
Producenten  zu  statten  kommt,  wie  z.  B.  die  Entfernung  der
Preussischen  in  der  Form  der  Mahl-  und  Schlachtsteuer  erhobenen ­
  Staats-  und  Gemeindeauflagen  auf  Mehl  und  Fleisch.
Auch  sonst  hat  das  Freihändlerthum  das  geringe  Maass
guten  Rufs  und  verhältnissmässigen  Werths,  welches  ihm  der
theilweise  Anschluss  an  die  parteilose  Wissenschaft  Adam
Smiths  und  an  deren  auch  politisch  freiheitliche  Denkweise
verschafft  hatte,  bereits  eingebüsst.  Es  hat  sich  namentlich  auf
Deutschem  Boden  mit  den  Feudalen,  also  in  einer  gleichsam
        <pb n="562" />
        547

sklavenhalterischeii  Richtung  verbündet  und  ist  überhaupt,  seit
der  Socialismus  entschiedener  auftrat,  um  die  Consequenz  seiner
politischen  Principien  gekommen.  Es  hat  sich  mit  dem  Bonapartismus ­
  und  dessen  Nachahmungen  verständigt,  und  die  Zersetzung ­
  innerhalb  der  Kreise  seiner  Wortführer  ist  soweit  gediehen, ­
  dass  nicht  einmal  mehr  das  wirthschaftliche  Princip  des
unbedingt  freien  Geschäfts  gegen  die  Monopole  aufrechterhalten
wird.  Ein  Beispiel  hiefür  ist  die  Bankfrage,  in  welcher  die
Privilegien  der  überlieferten  grossen  Landesinstitute  genug  freihändlerische ­
  Anwälte  gefunden  haben.  Die  Wendung  gegen
die  Socialdemokratie  hat  es  vollends  zu  den  ärgsten  Rückläufigkeiten ­
  getrieben,  indem  das  Princip  der  freien  Yerwerthung
der  Arbeitskraft  durch  das  Hinarbeiten  auf  sogar  civilrechtliche
Ungleichheiten  und  auf  indirecte  Rückgängigmachung  der  Coalitionsfreiheit
  in  der  offenbarsten  Weise  preisgegeben  worden
ist.  Auf  diese  Art  hat  die  sogenannte  Manchesterpartei,  Cobdenscher
  Herkunft  und  Englischer  Gattung,  aber  Deutscher  Spielart, ­
  ihre  beste  und  noch  einigermaassen  versöhnende  Ausstattung ­
  mit  wirklich  wissenschaftlichen  Triebkräften  zum  grössten
Theil  verschleudert  und  ist  so  gänzlich  der  ideellen  Principíenlo ­
  sigkeit  anheimgefallen.  Der  einzige  Grundsatz,  der  noch  bei
ihr  anzutreffen  ist,  besteht  in  der  wissenschaftlichen  Grundsatzlosigkeit, ­
  d.  h.  in  der  Unterordnung  aller  Maassregeln  unter
das  Classeninteresse  der  Besitzenden  ohne  Rücksicht  auf  das
wirthschaftliche  Gemeinwohl,  auf  die  Rechtsgleichheit  oder  auf
die  universellen  Normen  der  unbefangeneren  volkswirthschaftlichen
  Einsichten  des  18.  Jahrhunderts.  Diese  Manchesterpartei
ist  in  Deutschland  mit  den  siebziger  Jahren  schliesslich  so  tief
gesunken,  dass  nicht  nur  einzelne  Elemente,  sondern  auch  Personen, ­
  die  fortfuhren  ihre  Repräsentanten  und  Wortführer  zu
bleiben,  sich  bis  an  die  Seite  der  sogenannten  Kathedersocialisten
  zum  gemeinschaftlichen  Coquettiren  mit  den  Ueberlieferungon
  des  alten  Polizeistaats  verlieren  konnten.  Der  volkswirthliche
  Josuitismus  hat  auf  diese  Weise  seine  Schattirungen
immer  mehr  abgoschwächt  und  ineinanderlaufen  lassen,  so  dass
den  streng  wissenschaftlichen  und]^  socialistischen  Systemen
gegenüber  nur  noch  ein  einziges  fahles  Grau  die  gesummte
feindliche  Masse  kenntlich  macht.
3.  Im  Gebiet  der  politischen  Parteien  sind  die  alten  Gebilde ­
  ebenfalls  in  der  Zersetzung  begriffen.  Zum  Theil  sind
35*
        <pb n="563" />
        548

sie  sogar  durch  die  feindliche  Berührung  mit  dem  politisch  gestalteten ­
  Socialismus  bereits  aufgelöst.  Namentlich  hat  der  unsocialistische
  Radicalismus  der  ältern  Art  immer  mehr  die  Unhaltharkeit
  seiner  Halhstellung  erproben  müssen  und  ist  entweder ­
  zum  offenen  Anschluss  an  die  Bourgeoispolitik  oder  zum
Uebergange  in  das  socialistische  Lager  gedrängt  worden.  Auf
Deutschem  Boden  hat  der  Hauptführer  der  rein  politisch  Radicalen,
  Johann  Jacohy,  durch  seinen  Anschluss  an  das  jüngste
socialdemokratische  Parteigebilde,  nämlich  an  das  im  Sinne  der
Internationalen  gehaltene  Eisenacher  Programm,  ein  hervorragendes ­
  Beispiel  für  die  unvermeidliche  socialistische  Oonsoqucnz
  der  blos  politisch  demokratischen  Ausgangspunkte  geliefert. ­
  Ein  Theil  seiner  früheren  Gesinnungsgenossen  ist  dagegen ­
  durch  die  Besitzinteressen  und  die  Beengtheiten  der
bisherigen  Ueberlieferung  in  einer  Art  Schwebe  zurückgehalten
worden  und  hat  durch  die  Unsicherheit  dieser  Lage  nur  noch
mehr  den  Satz  bestätigt,  dass  sociale  Parteilosigkeit  in  den
politischen  Gegensätzen  heute  eine  Unmöglichkeit  geworden  ist.
In  einem  ähnlichen  Sinne  vollzieht  sich  überall  in  den  Hauptculturstaatcn
  die  sociale  Scheidung  der  politischen  Parteien,
und  auch  in  Nordamerika  hat  das  socialistische  Scheidemittel
bereits  angefangen,  eine  veränderte  Gruppirung  einzuleiten.
Grade  dort  wird  der  entschiedenste  Beweis  geliefert,  dass  die
grösste  Summe  politischer  Freiheiten  alten  Stils,  namentlich
aber  die  republikanisch  parlamentarische  Regierung  mit  voller
Vereins-  und  Pressfreiheit  keine  Bürgschaften  für  das  socialitäre
  Recht  und  gegen  die  wirthschaftliche  Unterdrückung  bietet.
So  ist  denn  überall  die  Nothwendigkeit  vorhanden,  die  alten
politischen,  ganz  wie  die  alten  wirthschaftlichen  Parteien  in
einen  einzigen  Gegensatz  von  zwei  Lagern,  nämlich  der  Socialdemokratie ­
  und  der  Besitzoligarchie  zu  verwandeln.
Auch  die  alten  religionspolitischen  Parteien  fallen  einem
ähnlichen  Schicksal  anheim,  wie  die  übrigen  politischen  Gruppirungen.
  Auch  sie  werden  zu  einer  neuen  Stellungnahme  gedrängt, ­
  wobei  der  reactionäre  Charakter  der  sämmtlichen  die
Religion  vertretenden  und  als  politisches  Mittel  bethätigenden
Elemente  immer  weniger  zu  maskiren  ist.  Wo  die  Priosterschaft
  der  verschiedenen  Culte  sich  in  die  sociale  Frage  einmischt, ­
  wie  dies  im  grössten  Umfang  von  katholischer  Seite
in  ultramontaner  oder  nichtultramontaner  Weise,  mit  mehr  an-
        <pb n="564" />
        549

gestammter  Schwächliohkoit  und  Staatsiintertbänigkeit  aber
von  den  Geistlichen  der  abgefallenen  und  säcularisirten  Confessionen*
  und  zwar  in  Norddeutscbland  von  den  sogenannten
evangelischen  Pietisten  geschieht,  —  da  ist  die  Falschheit  des
Standpunkts  unverkennbar  und  eine  neue  Spielart  des  allgemeinen, ­
  allen  Priestergattungen  eigenthümlichen  Jesuitismus
leicht  zu  constatiren.  Die  sinkende  Macht  der  Religionsorganisationen ­
  klammert  sich  an  die  sociale  Frage,  um  die  Volksmassen, ­
  soweit  dieselben  noch  den  Priestern  folgen,  mit  dem
Schein  eines  wohlwollenden  Eintretens  zu  ködern.  In  Wahrheit ­
  ist  ihre  natürliche  Stellung  aber  auf  Seite  der  Privilcgirten,
  zu  denen  sie  selbst  mit  ihren  Pfründen-  und  Sportelinteressen ­
  augenscheinlich  gehören.  Ihre  socialen  Programme
sind  die  ärmlichsten  von  allen  ;  denn,  genauer  besehen,  erheben
sie  sich  niemals  über  die  pharisäische  Empfehlung  einiger
Milderungen  der  Fabriksklaverei  und  hüten  sich,  die  Preise
der  priesterlichen  Manipulationen  und  den  wirthschaftlichen
Druck  zu  erörtern,  welcher  in  der  Gestalt  der  von  den  Geistlichen ­
  erhobenen  Tauf-,  Trau-,  Grab-  und  Messensteuern  auf
den  Volksmassen  lastet.  Ihre  eigne  kostbare  Existenz,  die  doch
ihre  einzige  sociale  Frage  bildet,  an  die  sich  glauben  lässt,
wird  gar  nicht  erwähnt,  lauert  aber  dafür  im  Hinterhalte,  um
sich  alle  in  der  Politik  möglichen  Schleich  Wendungen  dienstbar
zu  machen.  Der  wahre  Charakter  dieser  Gattung  wird  aber
mit  seiner  ganzen  traditionellen  Mitgift  auch  unter  der  sorgsamsten ­
  Verkleidung  sichtbar,  sobald  er  sich  den  Mächten  und
Gruppen  gegenübersieht,  welche  die  Triebkräfte  des  modernen
Lebens  bisher  vertreten  haben.  So  ist  ihm  die  neuere  Technik ­
  sanimt  der  zugehörigen  industriösen  Unabhängigkeit  und
Aufklärung  ein  Dorn  in  dem  nach  der  mittelalterlichen  Ohnmacht ­
  und  Unwissenheit  schielenden  Auge,  und  die  Denkweise
eines  Adam  Smith  gilt  diesen  Monopolisten  magisch  spiritistischer ­
  Hantirungen  natürlich  als  eine  verworfene  Auflehnung
des  ökonomischen  Verstandes  gegen  die  heiligen  Zwangs-  und
Bannrechte  des  geistlichen  Gewerbes.
Bei  vereinzelten  Secten  erscheint  ein  religiöser  Soeialismus
  gelegentlich  in  aufrichtigen  Zwergversuchen;  aber  diese
kaum  zurechnungsfähigen  und  oft  völlig  närrischen  Gebilde
bestätigen  nur  den  Satz,  dass  die  religiöse  Verworrenheit  keinen ­
  Ersatz  für  fest  geordnete  und  klar  durchsichtige  Rechts-
        <pb n="565" />
        550

Verhältnisse  zu  bieten  vermag.  Auf  Deutschem  Boden  von
pietistischen  Pflanzungen  communistischer  Farbe,  wie  z.  B.  der
Wernerschen  in  Würtemberg,  auch  nur  summarisch  zu  reden,
würde  solchen  bigotten  Winkelexistenzen  zuviel  Ehre  anthun
heissen.  Wo  dagegen,  wie  in  Nordamerika,  die  religiös  communistische
  Phantastik  gelegentlich  freier  und  stets  ökonomisch
umsichtiger  auftritt  und  sich  bisweilen  Gebilde  ergeben,  die
den  düstern  und  finstern  Ansichten  das  grade  Gegentheil,  nämlich ­
  den  vollsten  Lebensgenuss  als  Princip  entgegensetzen,  da
kann  die  Notiznahme  auch  einmal  lehrreich  ausfallen.  Sie  kann
nämlich  zeigen,  dass  jegliche  Gestaltung  der  Religion  als  sociales ­
  Bindemittel  auch  im  besten  Falle  nur  zu  unklaren  Zuständen ­
  führt  und  daher  nur  ein  Hinderniss  für  die  natürlichen
und  scharfen  Abgrenzungen  der  socialistischen  Verhältnisse
bildet.  So  lebt  z.  B.  das  nur  nach  Hunderten  zählende  Völkchen ­
  der  Oneidacommimisten  unter  seinem  Papst  Herrn  Noyes
offenbar  in  irgend  einer  Art  Weibergemeinschaft,  Wie  sich
aber  diese  Gemeinschaft  praktisch  gestalte,  lässt  sich  weder
aus  den  Berichten  der  Besucher  noch  aus  den  eignen  literarischen ­
  Productionen  dieser  Gruppe  entnehmen.  Es  ist  diese
Nebelhaftigkeit,  die  sich  nur  unter  dem  Regime  verworrener
religiöser  Gefühle  und  durch  die  Unterordnung  unter,  eine  Art
kleinen  Papstes  erklärt,  um  so  interessanter,  als  sonst  die
Oekonomie,  welche  hauptsächlich  auf  der  Fabrication  stählerner ­
  Thierfallen  beruht,  gut  geordnet  ist  und  nur  eine  äusserst
geringe  Arbeitszeit  erforderlich  macht.  Aus  der  eignen  Druckerei ­
  dieser  Secte  und  bearbeitet  von  ihrem  Oberhaupt  ist
sogar  eine  „  Geschichte  des  Amerikanischen  Socialismus”
(J.  H.  Noyes,  History  of  American  socialism,  Philadelphia  1870)
hervorgegangen.  Sie  behandelt  das  Owenitenthum  und  den
Fourierismus  nicht  ohne  Geschick  und  Witz,  hält  sich  aber
übrigens  ausschliesslich  an  den  religiösen  Gesichtspunkt.  Der
Oneidaglaube  an  eine  einstige  irdische  Abschaffung  des  physischen ­
  Todes  ist  um  nichts  verkehrter,  als  der  bei  uns  grassirende
  philosophastrische  Skandal  einer  einstigen  Weltabschaffung ­
  durch  Menschenbeschluss.  Nur  hat  die  Amerikanische
Secte  mehr  Logik,  Eleganz  und  gutartigen  Sinn  voraus.  Sie
ist  anscheinend  mehr  Selbsttäuschung  und  kann  daher  mit  unserm
  mystischen  Humbug  sogenannter  Philosophen  eigentlich
nicht  ohne  Unrecht,  wenigstens  nicht  moralisch  verglichen
        <pb n="566" />
        551

werden.  Uns  kann  hier  auch  ihre  Thorheit  und  Superstition
genügen;  denn  nur  durch  diese  Mächte  wird  die  Verschleierung
der  sonst  haltungslosen  Beziehungen  des  Gemeinlebens  möglich.
Wenn  nun  die  Gefühls-  und  Gedankenverworrenheit  in  solchen
kleinen  selbständigen  Secten,  die  übrigens  nichts  mit  dem
Eigennutz  der  grossen  wohldotirtcn  Kirchen  zu  schaffen  haben,
unter  besseren  menschlichen  Bedingungen  nichts  Befriedigendes
zu  leisten  vermag,  wie  sollte  die  Religion  in  ihrer  vollständigen
Corruption  und  in  der  Untermischung  mit  der  gemeinsten
Politik  etwas  social  Förderndes  bieten  können?  Eine  derartige
Illusion  muss  schwinden,  indem  das  Wesen  oder  vielmehr
Nichtwesen  der  Religion  immer  mehr  biosgelegt  und  dem  Volksverständniss
  nähergebracht  wird.
Mit  diesem  letzteren  Verständniss  müssen  denn  auch  die
älteren  liberalistischen  oder  radicalen  Programme  religionspolitischer ­
  Art  als  unzureichend  in  den  Hintergrund  treten.
Es  ist  nicht  genug,  die  Kirche  vom  Staat  und  von  der  Schule  getrennt ­
  wissen  zu  wollen;  man  muss  überhaupt  die  Abschaffung
aller  ihrer  politischen  Privilegien,  namentlich  die  Beseitigung
der  begünstigten  Corporationsform  und  die  Gleichstellung  kirchlicher ­
  Vereine  mit  allen  andern  politischen  oder  socialen  Vereinen ­
  zum  nächsten  Princip  machen.  Solche  Vorstellungen
von  den  Nothwendigkeiten  des  religionspolitischen  Verhaltens
können  nun  nicht  in  die  Ueberzeugungen  eindringen,  ohne  zugleich ­
  alle  früheren  Stellungnahmen  zu  verdrängen  und  die
gesellschaftlichen  Elemente,  die  sich  der  modernen  Weltanschauung ­
  und  dem  Socialismus  zugewendet  haben,  ernsthaft  zu
nöthigen,  sich  auch  praktisch  mit  bestimmteren  Ideen  über
einen"’Schluss  der  Aera  der  Religionen  und  über  den  dahin
führenden  Stufengang  vertraut  zu  machen.  Hiemit  sinken  aber
die  Mannichfaltigkeiten  der  alten  Parteiungen  zu  untergeordneten ­
  Spielarten  eines  grossen  Gegensatzes  herab,  der  alle
Interessenten  der  Superstition  auf  der  einen,  die  Vertreter  der
Denkfreiheit  und  ihrer  praktischen  Gonsequenzen  aber  auf  der
andern  Seite  versammelt.  Der  echte  Socialismus  ist  in  ^m
Rahmen  dessen,  was  bisher  Religion  geheissen  hat,  eine  Unmöglichkeit, ­
  und  hieraus  erklären  sich  die  entschiedenen  Positionen ­
  der  Socialistik,  die  immer  bewusster  von  dem  theoretischen ­
  sogenannten  Materialismus  und  dessen  praktisch  idealer
Richtung  ausgeht.  Ebenso  erklären  sich  aber  hieraus  auch  die
        <pb n="567" />
        552

zähen  Verwachsungen  mit  dem  Aberglauben,  die  wir  bei  dem
rückständigsten  Tbeil  der  Vertreter  der  alten  Oekonomie  und
zwar  namentlich  unter  den  üniversitätsprofessoren  antrofFcn.
4.  Es  giebt  auf  Deutschem  Boden  seit  einigen  Jahrzehnten
einen  Typus  universitärer  Behandlungsart  der  Nationalökonomie, ­
  den  man  als  deh  des  religiösen  Coquettirens  bezeichnen
könnte.  In  der  That  ist,  um  den  hier  äusserst  passenden  Volksausdruck ­
  nicht  zu  verschmähen,  die  Muckerökonomie  in  unsern
Landen  ausgeprägter  und  ansehnlicher  als  irgendwo  sonst  vertreten. ­
  Herrn  Roschers  Manier  kennen  wir  bereits  in  dieser
Richtung.  Es  giebt  aber  auch  andere,  jüngere  oder  ganz  junge
Exemplare  von  diesem  oder  einem  ähnlichen  Typus.  Man
braucht  nur  die  Namen  der  Herren  Schäffle,  Nasse,  Schmoller,
Wagner,  Held  und  ähnlicher  Figuren  zu  nennen,  um  den  intimeren ­
  Kenner  unserer  ökonomischen  Univorsitätsmisere  an
die  verschiedenen  pietistischen  Oopulationen  und  religiösen
Verbrämungen  von  mehr  oder  minder  gelehrten  oder  auch  nur
professoral  agitatorischen  Kundgebungen  zu  erinnern.  Herr
Schäffle  hatte  sich  bereits  lange  hinter  dem  Ausdruck  Moralisch
verstockt,  um  seine  religiöse  Contrebande,  die  im  Reich  der
Wissenschaft  und  besseren  Bildung  bei  wahrer  Declaration
keinen  rechten  Eingang  gefunden  hätte,  ohne  Anstoss  einzuschmuggeln; ­
  aber  es  sollte  erst  später  das  sogenannte  Ethische
eine  Rubrik  liefern,  um  darunter  alle  erdenklichen  Zerfahrenheiten ­
  zu  maskiren,  die  sich  mit  einer  Dosis  director  oder  abgeleiteter ­
  Religions-  und  Kircheneinmischung  versetzt  finden.
Die  Jesuiten  aller  Gattungen  kehren  stets  das  Weltliche  an
den  geeigneten  Stellen  weltmännisch  heraus,  um  das  Hauptmittelchen
  in  der  verdeckten  Schachtel  um  so  wirksamer  appliciren
  zu  können.  Die  volkswirthschaftlichen  Jesuiten  finden
sich  durch  ihr  Handwerk  noch  mehr  auf  jene  Manierchen  und
Künste  hingewiesen;  denn  sie  haben  sich  ja  von  Amts  wegen
mit  der  weltlichsten  aller  Wissenschaften,  nämlich  mit  derjenigen ­
  des  Futtersuchens  und  der  Gewinn-  und  Plusmacherei
zu  befassen.  Hieraus  erklärt  sich,  dass  die  Gewitzteren  unter
ihnen  sich  nicht  leicht  vor  aller  Augen  ein  überall  verständliches ­
  Zeugniss  für  ihre  praktischen  Liaisons  mit  der  kirchlichen ­
  Reaction  entschlüpfen  lassen.  Indessen  schützt  auch
selbst  die  ererbte  und  gewohnheitsmässig  gesteigerte  Virtuosität ­
  in  der  Intreigue&amp;gt;  wie  sie  dem  profssoralen  Element
        <pb n="568" />
        —  553  —
dieser  Gattung  im  Bereich  der  Universitätszünfte  zur  zweiten.
Natur  geworden  ist,  nicht  immer  vor  jenen  ergötzlichen  Plumpheiten ­
  oder,  wie  sie  der  wohlwollende  Euphemismus  der  eignen
Species  nennt,  vor  jenen  Tactlosigkeiten,  durch  welche  sich  der
ganze  Schlag  compromittirt  findet.  Der  Kitzel,  den  irgend  ein
vorlautes  enfant  terrible  der  fraglichen  Gattung  verspürt,  sich
um  jeden  Preis  zu  produciren,  kann  hier  zu  ebenso  komischen
als  greifbaren  Blossteilungen  führen.  Ein  derartiges  Missgeschick ­
  ist  der  Clique  nun  mit  einem  Berliner  Oekonomieprofessor,
  Herrn  Adolph  Wagner,  begegnet,  der  sich  1871  auf  die
Kanzel  der  Berliner  Garnisonkirche  stellte,  um  als  Correferent
eines  Matadors  der  innern  pietistischen  Mission  vor  der  orthodoxesten ­
  staatskirchlichen  Priesterversammlung  des  Landes  die
sociale  Frage  mit  seinen  sogenannten  ethischen  Glossen  im
eigentlichen  Sinne  des  Worts  abzukanzeln.  Man  kann  diese
theoretisch  nichtssagende  und  praktisch  auf  nichts  hinauslaufende,
nur  als  Curiosum  altfränkischer  Oekonomie  anführbare  und
z.  B.  den  Beistand  der  geistlichen  Herren  zur  ethischen  Beschränkung ­
  der  Kinderzahl  in  den  Ehen  mit  Ueberbietung  der
Malthusschen  Receptchen  in  Anspruch  nehmende  Kanzelrede
in  den  „Verhandlungen  der  kirchlichen  Octoberversammlung"
(herausgegeben  Berlin  1872)  sammt  erläuternder  Umgebung
antreflTen.  Unglücklicherweise  musste  nun  dieser  Herr  Adolph
Wagner  (nicht  zu  verwechseln  mit  dem  auch  feudalsocialen
früheren  Staatsministerialrath  Hermann  Wagener)  noch  obenein ­
  der  Sohn  jenes  Göttinger  Physiologieprofessors  Rudolph
W^agner  sein,  der  seit  den  fünfziger  Jahren  durch  den
Versuch  berüchtigt  wurde,  den  „Köhlerglauben”  mit  der  Naturwissenschaft ­
  durch  eine  Art  doppelter  Buchführung  vereinbar
zu  machen.  Auf  diese  Weise  war  die  neue  doppelte  Buchführung, ­
  die  sich  diesmal  auf  die  Vereinbarung  der  Volkswirth-Bchaftslehro
  mit  der  „ethischen”  Pietistensocialität  verlegt  hatte,
für  alle  Welt  durchschaubar  geworden,  und  die  Vertuschungsbemühungen
  oder  lahmen  Beschönigungsversuche  ehrenwerther
Collogen  haben  daran  nichts  geändert.
Ungefähr  dieselbe  universitäre  Gruppe,  von  der  bisher  gesprochen ­
  wurde,  hat  auch  die  Veranlassung  zum  Aufkommen
des  Spottnamens  des  Kathedersocialismus  und  der  hinterher
erfolgten  Eisenacher  Spottgeburt  desselben  gegeben.  Die
Deutsche  Manchesterrichtung,  die  ausserhalb  der  Lehranstalten
        <pb n="569" />
        gross  geworden  war,  hatte  yon  Anfang  an  auf  die  universitären
Oekonomieprofessoren  als  auf  wissenschaftlich  rückständige
Elemente  verächtlich  herabgesehen.  Die  verhältnissmässige
Frische,  durch  welche  das  manchesterliche  Verhalten  auch
theoretisch  mit  der  trägen,  oft  noch  philologisch  verkommenen
Chinesengelehrsamkeit  und  scholastisch  beschränkten  Art  einer
veralteten  Cameralistik  contrastirte,  gab  den  Vertretern  der
Manchesterdoctrin  wirklich  ein  Recht,  Adam  Smiths  ürtheil
über  die  Universitäten,  demzufolge  diese  Anstalten  vorherrschend ­
  die  Conservirer  der  überlebten  und  überall  sonst
ausser  Curs  gesetzten  Systeme  und  Vorurtheilo  sind,  in  diesem
speciellen  Falle  auch  in  Deutschland  bestätigt  zu  finden.  Als
nun  einerseits  der  Gedanke  an  den  alten  Polizeistaat  durch
einige  Mischungen  der  praktischen  Politik  wieder  ein  wenig
auferweckt  wurde  und  andererseits  der  sociale  Kampf  der
grossen  Parteien  auch  die  beschränkteste  Trägheit  und  Stumpfheit ­
  auf  kitzelte,  und  als  mit  einem  öffentlichen  Auftreten  in
der  socialen  Frage  sogar  ministerieller  Beifall  und  Beförderungen
einzuernten  waren,  copulirten  sich  einige  jüngere  Professoren
oder  solche,  die  es  ohne  Verdienste  und  ohne  sonderliche  Fähigkeiten ­
  werden  wollten,  um  sich  in  Eisenach  (1872)  demonstrativ
aufzuspielen.  Wie  die  weitere  Entwicklung  der  Schaustellungen
auch  dem  oberflächlichsten  Beobachter  thatsächlich  bewiesen
hat,  haben  sie  sich  trotz  vielen  Lärmens  in  der  Tagespresse
schon  im  nächsten  Jahr  als  völlig  abgethan  ansehen  lassen
müssen.  Für  den  Kenner  musste  von  vornherein  feststehen,
dass  die  wissenschaftliche  Unfruchtbarkeit  dieser  Faiseurs  auch
durch  ein  Zusammenlaufen  nicht  in  Leistungsfähigkeit  verwandelt ­
  werden  konnte.  In  Wirklichkeit  war  es  auch  darauf
nicht  abgesehen.  Der  Mangel  an  wissenschaftlichem  Ruf  sollte
durch  ein  öffentliches  socialpolitisches  Schaustückchen  ersetzt
und  zugleich  eine  regelmässige  Verbindung  zur  gegenseitigen
Glorification,  zur  universitären  Patronage  und  zur  Professurenvergebung ­
  begründet  werden.  Dieser  wichtigste  Zweck  ist
erreicht  und  hiemit  die  eigenthümliche  sociale  Frage  dieser
Herren,  nämlich  die  Beförderungsfrage,  auch  in  ihrem  Sinne
gelöst  worden.  Um  das  sonstige  vollständige  Fiasko  in  allen
andern  Punkten  werden  sie  sich  nach  ihrer  Sinnesart  nicht
grämen.  Hat  auch  die  gemeine  Eitelkeit  schliesslich  einen
argen  Stoss  erhalten,  so  ist  doch  keine  reine  wissenschaftliche
        <pb n="570" />
        555

Ambition  verletzt  worden  und  konnte  es  nicht  werden,  weil
sie  —  nicht  vorhanden  war.  Einen  geistig  hervorragenden
oder  auch  nur  einigermaassen  talentvollen  Führer  in  ihrer
Mitte  zu  besitzen,  haben  diese  Herren  nicht  die  Ehre.  Im
besten  Falle  haben  es  Einzelne  unter  ihnen  zu  compilatorischen
Monographien  gebracht;  übrigens  zehren  sie  von  Abfällen  aus
Marx’,  Lassalles  und  meinen  Schriften,  wobei  sie  das  Aufgegriffene ­
  nicht  blos  in  bunter  Mischung  mit  anderer,  oft  recht
unsauberer  Waare  verhökern,  sondern  auch  wirklich  in  ihren
Hökerstil  übersetzen.  Ihre  schaalen  Erzeugnisse  finden  wenig
Leser,  trotz  der  Eisenacher  Yersicherungsanstalt  auf  gegenseitige
Glorification  und  trotz  der  universitären  und  andern  Zeitschriften, ­
  in  denen  sie  nicht  nur  sich  gegenseitig  mit  sehr  ungenirter
  Lobertheilung  bedienen,  sondern  auch  durch  Verschweigung ­
  oder  Entstellung  alles  Gegnerischen  ihre  Reclame
für  sich  verstärken.  Oder  was  hätten  die  Herren  Schmoller,
Scheel,  Wagner,  Brentano,  Schönberg,  Held  und  Aehnliche
denn  noch  Anderes  aufzuweisen  als  jene  nicht  beneidenswerthe
literarische  Erfolglosigkeit,  die  um  so  beschämender  ist,  als
der  Aufwand  an  raffinirten  Kunstmitteln  der  Reclame  und  der
universitären  Coteriepropaganda  wahrlich  nicht  gering  ausgefallen ­
  ist  und  stets  hülfreich  fortdauert!  Der  Glaube,  der  ja
auch  sonst  häufig  das  Wissen  ersetzt,  muss  auch  hier  gelegentlich ­
  und  zwar  unter  dem  Namen  Ethik  den  mangelnden  Credit  bei
dem  Publicum  ergänzen  helfen.  So  hat  z.  B.  der  oben  genannte
sehr  ethische  Herr  Adolph  Wagner  seine  schwerfällige,  eine
Art  literarischen  Rattenkönig  bildende  Zettelbankcompilation,
die  zum  buchhändlerischen  Ladenhüter  geworden  war,  dem
Publicum  nach  einigen  Jahren  als  „zweite  theilweise  umgearbeitete ­
  und  vervollständigte  Ausgabe”  aufethisirt.  Das  Hochethische
  bestand  hier  eben  darin,  dass  die  Käufer,  die  kaum  auf
den  buchhändlerischen  Unterschied  von  Auflage  und  Ausgabe
achten,  geschweige  den  ethischen  Bastard  einer  zweiten  verbesserten ­
  Ausgabe  wittern  können,  falls  sie  nicht  etwa  in  die
Pseudoethik  dos  Herrn  Wagner  praktisch  und  intim  eingeweiht
sind,  nothwendig  zu  dem  Irrthum  verleitet  werden  mussten,  es
liege  eine  wirkliche  zweite  Auflage,  d.  h,  ein  abgesetztes  und  nun
neu  gedrucktes  Buch  vor,  während  in  der  That  nur  das  alte
liegengebliebene  Stückwerk  mit  dem  ebenfalls  recht  ethisch
mehrere  Jahre  vorenthaltenen  Schlussstück  und  einigem  nach-
        <pb n="571" />
        556

träglich  zugelegten  Flickwerk  geliefert  wurde.  So  musste  diese
herrliche  Ethik  die  Oekonomie  des  buchhändlerischen  Absatzes
ein  wenig  zu  corri  giren  suchen;  aber  das  corriger  la  fortune
kann  aus  einer  principlosen,  alles  consequenten  Denkens  baaron,
ja  obenein  noch  chaotisch  dargestellten  Zusammentragung  nichts
machen,  was  für  den  Theoretiker  oder  Praktiker  zu  brauchen
wäre.
5,  Ich  bin  gegen  das  Maass  und  die  Gewohnheit  meiner
Geschichtszeichnung  grossen  Stils  mit  der  Berührung  der
kathedersocialistelnden  Komödie  schon  im  Allgemeinen,  aber
noch  mehr  durch  die  Nennung  von  Namen,  die  vor  der  Wissenschaft ­
  namenlos  sind,  widerwillig  in  Niederungen  gerathen,
deren  Betreten  ich  mir  erlassen  haben  würde,  wenn  nicht  einerseits ­
  das  Publicum  einen  Anspruch  auf  dieses  Opfer  hätte  und
andererseits  der  Umstand,  dass  ich  in  der  Presse  missverständlich ­
  als  „Yorläufer”  der  sogenannten  Kathedersocialisten  bezeichnet ­
  worden  bin,  meinen  Sinn  für  Sauberkeit  zur  Abwehr
rege  machte.  Vor  dom  grössern,  in  die  Universitätszustände
nicht  intimer  eingeweihten  Publicum  wird  im  engem  Deutschland ­
  mit  den  Titeln  von  Professoren  der  Nationalökonomie  eine
Art  Aufspiehmg  in  Scene  gesetzt,  als  wenn  jeder  in  eine  Professur ­
  Gesteckte  nun  auch  wirklich  nennenswerthe  Zuhörer
und  einen  Einfluss  auf  Kreise  von  Studirenden  haben  müsste.
Dies  ist  so  wenig  der  Fall,  dass  sogar  das  Gegentheil  davon
die  Regel  bildet  und  die  paar  Ausnahmen  durch  ganz  besondere ­
  und  am  allerwenigsten  durch  wissenschaftliche  Ursachen
bestimmt  sind.  Beispielsweise  sind  in  Marburg  die  zwei  besoldeten ­
  ordentlichen  Professoren  des  Faches  so  zuhörerlos,
dass  sie  sich,  wie  man  mit  Recht  von  ihnen  sagt,  um  Einen
Zuhörer  streiten  müssten,  wenn  nicht  der  eine  Inhaber  der
Sinecure  den  Absentismus  in  Berlin  oder  sonstwo  vorzöge.
Auch  auf  den  frequentirteren  Universitäten  steht  es  in  den
meisten  Fällen  annähernd  ähnlich.  Grade  die  sogenannten
Kathedersocialisten  liefern  in  dieser  Beziehung  die  schwächlichsten ­
  Proben.  In  Bonn  fand  ein  mir  befreundeter  Lehrer,
als  er  auf  der  Durchreise  bei  den  Herren  Nasse  und  Held
hospitirte,  8  resp.  6  Zuhörer  vor,  und  diese  Herren  sind  ordentliche, ­
  mit  dem  Prägestock  der  Zunft  gemünzte  Professoren.
Die  gedruckten  Antrittsvorlesungen,  die  dem  Publicum  bisweilen ­
  von  reinen  Winkeluniversitäten  her  imponiren  sollten,
        <pb n="572" />
        557

versetzten  den  Kenner  in  Humor,  wenn  er  daran  dachte,  ob
wohl  bei  ihnen  die  Bedingung  erfüllt  sein  möchte,  dass,  wie
das  Sprüchwort  sagt.  Drei  ein  Collegium  machen.  Die  einzige,
bezüglich  der  Frequenz  vorhandene  Ausnahme,  nämlich  die  von
Herrn  Roscher  in  Leipzig,  beruht  nicht  im  Entferntesten  auf
den  persönlichen  oder  wissenschaftlichen  Qualitäten  desselben,
sondern  auf  einem  durch  die  Examinaturprivilegien  gepflegten
Herkommen.  Dies  zu  wissen,  ist  der  Betreffende  auch  pfiffig
genug;  denn  nach  Berlin  wollte  er  1870  nur  kommen,  wenn
auch  hier  eine  Staatsprüfung  in  der  Nationalökonomie  bei  den
Juristen  speciell  für  ihn  eingeführt  würde.  Er  witterte  nämlich ­
  nicht  unrichtig,  dass  ohne  dies  in  Berlin,  wo  sich  die  Nationalökonomie ­
  der  ordentlichen  Professoren  schon  immer  im
Argen  befand,  sein  künstlicher  Professorruf  einen  Stoss  erhalten ­
  könnte.  Vor  1860  fand  man  nämlich  in  Berlin  die  Ordentlichen ­
  des  Faches  in  den  angekündigten  Lehrstunden  entweder
gar  nicht  vor,  oder  aber  für  zwei  oder  drei  Zuhörer  ein  langweiliges ­
  Heft  trocken  abnäselnd.  Daneben  musste  ein  ausserordentlicher, ­
  also  ausserhalb  der  Zunft  belassener  Professor
(der  verstorbene  Riedel),  der  zwar  keine  Bedeutung  für  die
Wissenschaft,  aber  doch  einen  freien  und  leidlich  lebendigen
Vortrag  für  sich  hatte,  fast  für  alle  Zuhörer  sorgen.  Bei  der
Erledigung  einer  Professur  wurde  1860  Herr  Haussen  von  Göttingen, ­
  wo  derselbe  dem  Hannoverschen  Examinaturzwang  der
Juristen  eine-  grössere  Frequenz  zu  danken  gehabt  hatte,  nicht
nur  berufen,  sondern  auch  mit  der  bekannten,  sich  bisweilen
an  Neuberufungen  recht  grundlos  knüpfenden  universitären
Empfehlungspropaganda  der  berufenden  Kreise  derartig  unterstützt, ­
  dass  ihm  die  Mehrzahl  der  verfügbaren  Zuhörer,  ungeachtet ­
  seines  trocknen  stotternden  Vortrags  und  seiner  altfränkischen ­
  Oameralistik,  zufiel.  Er  kam  aber  der  angeführten
Eigenschaften  wegen  mit  der  Zuhörerzahl  allmälig  herunter,
dio  schliesslich  gegen  das  Ende  der  sechziger  Jahre  oft  unter
ein  Dutzend  wirklich  Anwesender  und  auch  übrigens  nominell
so  entschieden  sank,  dass  er  sich  nicht  mehr  heimisch  fühlte
und  sich  1869  nach  Göttingen  zurückversetzen  liess,  wo  er  jedoch ­
  die  den  alten  nunmehr  beseitigten  Verhältnissen  entsprechenden ­
  Früchte  ganz  und  gar  nicht  mehr  zu  pflücken
vorfand.
Von  dem  Stande  der  durch  die  Schuld  der  Professoren
        <pb n="573" />
        —  558

und  weniger  durch  die  der  Regierungen  noch  über  die  sonstigen ­
  mitwirkenden  Ursachen  hinaus  verdorbenen  und  so  überaus ­
  schlecht  bestellten  Volkswirthschaftslehre  der  Universitäten, ­
  ja  sogar  speciell  von  Berlin  reden-  und  meine  eigne
Stellung  bei  Seite  lassen,  würde  arg  missdeutet  werden  können.
Es  sei  daher  bemerkt,  dass  die  der  ganzen  Anlage  des  Verhältnisses ­
  und  allen  wirklichen  Thatsachen  nach  völlig  bedeutungs-
  und  einflusslose,  ja  für  den  gewöhnlichen  Gang  der
Dinge  unausweichlich  auf  Ohnmacht  und  Nebensächlichkeit  angelegte ­
  Position  oder  vielmehr  Positionslosigkeit  eines  unbesoldeten ­
  Privatdocenten  von  mir  ausnahmsweise  durch  aufreibcndo
Anstrengung  und  Geduld  12  Jahre  in  einer  Art  ausgefüllt  und
gehoben  worden  ist,  für  die  sich  in  der  jüngsten  Geschichte
der  Universitäten  kein  Beispiel  vorflndet.  Es  gilt  dies  nicht
blos  für  die  unentgeltlichen  Vorträge,  in  denen  ich  seit  einer
Reihe  von  Jahren  eine  Bosuchsfrequenz  erreicht  habe,  die  hinter ­
  den  zwei  oder  drei  frequentirtesten  Vorlesungen  der  ganzen
Universität  nicht  zurücksteht.  Auch  die  privaten  oder,  mit
andern  Worten,  von  den  Studirenden  bezahlten  Vorträge,  bei
deren  F.requentirung  weniger  die  wissenschaftliche  Person  und
Darstellungsfähigkeit  des  Vortragenden,  als  das  Professoramt
und  die  äusserlichen  Rücksichten  oder  Vorurtheile  nach  Maassgabe ­
  der  universitären  Rangliste  von  unmittelbarem  Einfluss
sind,  und  welche  daher  für  Privatdocenten  der  Regel  nach
kaum  existiré  n,  —  diese  Privatvorträge  haben  sich  bei  mir  in  der
Frequenz  noch  günstig  genug  gestaltet.  Was  ich  als  Schriftsteller ­
  bin,  weiss  •  das  Publicum  und  zwar  nicht  blos  das
Deutsche;  sogar  die  Professoren  wissen  es  in  ihrer  Art  zu
würdigen;  denn  in  ihren  Kreisen  wird  nicht  wenig  von  meinen
Schriften  verkauft  und  —  nicht  verrathen,  da  sie  sich  hüten,
von  der  fleissigen  Leetüre,  mit  der  sie  ihrer  Gedankenträgheit ­
  nachzuhelfen  suchen,  durch  Citate  irgend  welche  Kunde
zu  geben.
Wie  sich  die  echte  und  ehrliche  Wissenschaft  und  der
wirkliche  Socialismus  auf  dem  Katheder  steht,  ist  in  dem  eben
gekennzeichneten,  in  Deutschland  einzigen  Fall  so  kurz  angegeben, ­
  als  es  der  persönliche  Charakter  der  Angelegenheit
mit  sich  brachte.  Den  gleichen  Fall  eines  Andern  würde  ich
in  einer  andern,  etwas  drastischeren  Sprache  beleuchtet,  und
auch  der  colossalen  Kluft,  die  zwischen  einem  wirklichen  So-
        <pb n="574" />
        559

cialisten  auf  dem  Katheder  und  den  von  der  Manchesterpartei
spottweise  so  getauften  Kathedersocialisten  gähnt,  eine  ausführlichere ­
  Charakteristik  gewidmet  haben.  So  aber  bedarf  es
nur  noch  der  Abweisung  jener  oben  erwähnten  „Yorläuferschaft”,
  die  in  der  Presse  im  Hinblick  auf  meine  kurz  vor  dem
Kriege  von  1866  für  das  Preussische  Staatsministerium  gearbeitete ­
  Denkschrift  angenommen  worden  ist.  In  einem  gewissen ­
  Sinne  ist  es  allerdings  wahr,  dass  sich  die  sogenannten
Kathedersocialisten  meinen  abgelegten  Hock  von  damals  nach
einem  halben  Dutzend  Jahren  angezogen  haben.  Er  war  aber,
als  ich  ihn  und  wie  ich  ihn  trug,  ein  anständiger,  welcher  einem
aufrichtigen  Yertreter  der  Arbeitersache  den  Yerhältnissen
nach  angemessen  war.  Ihn  nach  6  Jahren  schäbig  und  in
Eumpen  aufzunehmen  und  dabei  in  die  Köcher  statt  in  die
Aermel  zu  fahren,  —  das  ist  der  glänzende  Beruf  der  Kathedersocialisten ­
  gewesen,  denen  er  trotzdem  noch  einige  Blössen  gedeckt ­
  hat.  Ich  hatte  in  meiner  Denkschrift  ein  deutliches  und
praktisches  Princip,  nämlich  die  staatliche  Organisation  der
Arbeitercoalitionen  ;  die  Kathedersocialisten  haben  keines  und
leben  eklektisch  von  Abfällen  aller  Art,  in  denen  der  alte
Polizeistaat  und  auch  meist  ein  verschämtes  religiöses  Muckerthum ­
  eine  Hauptrolle  spielen.  Brosamen  von  den  Tischen
aller  Theorien  und  aller  Parteien  sind,  soweit  diese  Herren
glauben,  sie  neben  ihrer  Amtsbesoldung  verzehren  zu  dürfen,
die  Elemente  zu  dem  Brei,  den  sie  mit  ihrer  oben  gekennzeichneten ­
  sogenannten  Ethik  einrühren.  Mit  diesem,  dem  Humor ­
  der  verschiedensten  Standpunkte  anheimgefallenen  Brei
haben  sie  ihren  Mangel  an  Beruf,  in  die  grosse  sociale  Frage
hincinzurcden,  genugsam  bekundet,  und  wenn  sie  fortan  durchaus ­
  sociale  Fragen  heimsuchen  wollen,  so  mögen  sie  sich  an
ihrer  eignen  universitären  versuchen.  Da  haben  sie  die  schönste
Gelegenheit,  statistisch  oder  unstatistisch  zu  erforschen,  wozu
Gehälter  von  durchschnittlich  2000  Thaler  und  mehr  für  nationalökonomische ­
  oder  andere  Professursinecuren  grösstentheil»
aus  den  Yolkssteuern  gezahlt  werden  müssen.  Auch  mögen
sie  sich  berechnen,  dass  jede  Stunde  kathedersocialistischer
Professorwcishoit  dem  Yolke  mindestens  10  bis  20  Thaler  kostet.
Statt  dessen  beklagen  aber  die  Herren  einen  vermeintlichen
Mangel  an  Professuren.  Bei  jeder  Gelegenheit  wollen  sie  neue
geschaffen  und  höhere  Besoldungen  ein  geführt  wissen,  während
        <pb n="575" />
        560

der  alten  für  den  wirklichen  Bedarf  schon  zu  viele  sind  und
die  Gehälter  denn  doch  auch  nicht  noch  auf  mehr  Luxus  angelegt ­
  zu  werden  brauchen.  Von  solchem  Luxus  und  dem
Maass  des  Zehrens  aus  öffentlichen  Mitteln  und  Volkssteuern
hängt  weder  für  die  Wissenschaft  noch  für  die  Ausübung  der
Lehrthätigkeit  die  Leistungsfähigkeit  ab.  Wie  man  auch  allenfalls ­
  ohne  jegliches  Gehalt  und  dabei  ohne  irgend  welches  Vermögen, ­
  blos  auf  die  eigne  Arbeit  und  deren  Ertrag  unter  ungünstigen ­
  Chancen  angewiesen,  ja  trotz  körperlicher  Invalidität, ­
  nämlich  ohne  Augen,  dennoch  in  der  doppelten  Richtung
der  literarischen  und  lehrenden  Thätigkeit  und  zwar  in  mehr
als  einer  Wissenschaft  einen  Platz  in  nicht  gemeiner  Weise
ausfüllen  könne,  dafür  habe  ich  den  Universitätsprofessoreu  ein
ihnen  nicht  unbekanntes  Beispiel  geliefert.  lieber  den  üniversitätsnepotismus
  aber,  d.  h.  über  die  vetterschaftliche  Vergebung ­
  der  Sprösslings-  und  Schwicgerprofessuron,  müssen  sie
sich  selbst  gegenseitige  sociale  Lectionen  ertheilen  und  können
dabei  Vergleichungen  über  die  alten  Handwerkerzünfte  nebst
dem  Institut  des  Einhcirathens  in  den  monopolisirten  Gewerbebetrieb ­
  zu  Nutz  und  Frommen  der  als  Reste  der  Zunft  Verfassung ­
  stehen  gebliebenen  Universitätsfacultäten  anstellen.  Auch
haben  sie,  wenn  sie  durchaus  Malthussche  Recepte  anbringen
wollen,  eine  gute  Gelegenheit,  wenigstens  eine  Analogie  davon
auf  ihren  eignen  Stand  anzuwenden.  Die  Ungenirtheit  geht
hier  in  den  verschiedensten  Fächern  oft  sehr  weit,  indem  einzelne ­
  in  der  Intrigue  besonders  gewitzte  Professoren  die  Universitätsstellen ­
  mit  ihren  Söhnen  und  Schwiegersöhnen  förmlich ­
  besäen.  Angesichts  solcher  Zustände  wurde  es  in  dieser
Species  auch  möglich,  dass  jugendliche  und  unreife  Anfänger,
die  kaum  im  Anfang  der  Zwanziger  standen,  ohne  Verdienste
und  Talente,  ja  selbst  ohne  die  Fähigkeit  zu  einem  leidlichen
Vortrag,  sofort  in  Professuren  gesteckt  werden  konnten.  In  der
jetzt  kathedersocialistischen  Sphäre  sind,  ohne  hier  noch  von
andern  Zweigen  reden  zu  müssen,  allein  schon  Beispiele  genug
vorhanden;  es  sei  nur  an  die  Herren  Held  in  Bonn  und  Adolph
Wagner  in  Berlin  erinnert,  die  beide  unter  die  Rubrik  der  früh
untergebrachten  Professorsöhne  gehören.
Aus  dieser  übel  angebrachten  und  den  Beruf  schon  durch
die  Verschlechterung  der  Race  verderbenden  physischen  oder
geistigen  Inzucht  erklärt  sich  auch  der  elende  Zustand  jener
        <pb n="576" />
        561

sogenannten  Wissenschaft,  die  von  den  Herren  nicht  in  einem
wirklichen  auf  sich  beruhenden  Wissen,  sondern  in  der  jedesmaligen ­
  Summe  der  Meinungen  ihrer  Clique  gefunden  wird.
Diese  halbgelehrte  Verbrämung  der  übrigens  überall  sichtbar
werdenden  Unwissenheit  in  den  entscheidenden  Hauptpunkten ­
  gründlicher  Theorie  hat  nun  schon  soweit  geführt,  dass
hier  und  da  eigentliche  Arbeiter  die  professorale  Weisheit  mit
Erfolg  abgeführt  haben.  Reden  und  schreiben  kann  man  bereits
im  eigentlichen  Arbeiterstande  über  Themata  aus  dem  Gebiet
der  socialen  Frage  weit  logischer,  klarer  und  bestimmter,  als
in  der  fraglichen  Professorengruppe,  und  die  hohlen  Gelehrsamkeitsflitter,
  mit  denen  der  Schein  einer  professoralen  üeberlegenheit
  erhalten  werden  soll,  werden  auch  nur  solange  verhalten, ­
  bis  die  aus  sich  selbst  durch  die  Anschauung  des  Lebens
und  durch  die  Werke  wirklich  bedeutender,  stets  nichtuniversitärer ­
  Autoren  gebildeten  Arbeiterredner,  Arbeiterschriftsteller
und  Arbeiterdenker  auch  diese  Seite  der  Sache  genau  und
gründlich  genug  kennen,  um  sich  nicht  durch  die  halbe  Gelehrsamkeit ­
  und  den  verworrenen  Geschichts-  und  Autoritätenkram
einer  verfallenden  Professorenschaft  beirren  zu  lassen.  In  Frankreich, ­
  welches  uns  in  dieser  Beziehung  mindestens  ein  Menschenalter ­
  voraus  ist,  würde  man  mit  einer  solchen  Vergleichung ­
  den  Arbeitern  bereits  Unrecht  thun;  aber  auch  bei  uns
brauchen  wir  kaum  noch  erst  die  nächste  Zukunft  abzuwarten;
denn  auch  schon  jetzt  giebt  es  eigentliche  Arbeiter,  welche,  wie
der  Buchbindergehülfe  Most  und  viele  Andere,  in  literarischer
Thätigkeit  die  kathedersocialistelnden  Professoren  durch  klare
Anordnung  und  wissenschaftliche  Folgerichtigkeit  arg  beschämen. ­
  Die  Volkswirthschaftslehre  hat  überhaupt,  wie  auch
am  Ende  unseres  siebenten  Abschnitts  hervorgehoben  wurde,  ihre
Förderer  ersten  Ranges,  ja  selbst  die  der  zweiten  Ordnung  in
der  ganzen  bisherigen  Geschichte  nicht  unter  den  Professoren
gefunden.  Adam  Smith  hatte  erst  seine  Professur  der  Moralphilosophie ­
  niedcrlegen  müssen,  um  die  Geistesfreiheit  und
Unabhängigkeit  für  die  Unternehmung  seines  ökonomischen
Works  zu  sichern,  und  grade  er  setzte  ja  auch  in  diesem  Buch
auseinander,  dass  die  Universitäten  weit  corrumpirter  und  verrotteter ­
  seien,  als  die  sonstigen  Schulen.  So  ist  er  denn  auch
billig  eine  Zielscheibe  für  die  rückläufigen  kathedersocialistiechen
  Ansichten  geworden  und  wird  von  Professoren  angegrif-Duhring,
  Geschichte  der  Nationalökonomie.  2,  Auflage.  36
        <pb n="577" />
        562

fen,  die  noch  erst  bei  ihm  in  die  Schule  zu  gehen  hätten.  Wie
sollte  man  auch  andere  Früchte  von  einem  Professorengeschlecht
gewärtigen  können,  welches  bei  Leuten,  wie  Hermann  und
Rau  oder  Herrn  Roscher  die  Autorität  und  Quelle  seiner  trüben ­
  und  verworrenen  Schulung  gesucht,  dort  seine  Protection
und  Direction  gefunden  und  die  echten  Grössen  der  Wissenschaft ­
  nie  von  den  unbeholfenen  Lehrhuchzimmerern,  Pedanten,
Scholarchen  und  Compilationisten  unterscheiden  gelernt  hat!
Von  dem  Socialismus  versteht  es  sich  von  selbst,  dass  die
Professorweisheit  an  seiner  Conception  und  Ausbildung  unschuldig ­
  bleiben  musste.  Sie  hat  sich  aber  unter  dem  Antrieb
des  Kitzels,  sich  durch  ein  Benagen  der  verbotenen  Frucht
eine  wichtige  Miene  zu  geben,  mit  ihm  jetzt  nachträglich  einlassen ­
  wollen  und  dabei  einen  aus  alten  Lappen  zusammengeflickten ­
  Wechselbalg  producirt.  Die  Universitäten  sind  in  der
That  ein  Spiegel  der  umgebenden  Gesammtzustände,  aber  freilich ­
  vorzugsweise  der  rückläufigen  Elemente  dieser  Zustände,
und  so  zeigt  sich  unsere  Hinweisung  auf  das  Schicksal  und  die
Beschaffenheit  dieser  Lehranstalten  als  eine  Ergänzung  der
Kennzeichnung  der  rückläufigen  Parteien  und  Gesellschaftsbestandtheile.
  Vielleicht  giebt  es  kein  entscheidenderes  Merkmal ­
  der  geistigen  Abgelebtheit,  als  den  Umstand,  dass  die
kathedersocialistelnden  Professoren  ihre  Zuflucht  zur  Betheiligung ­
  an  socialpolitischen  Agitationen  genommen  und  einen
Verein  für  Socialpolitik  gebildet  haben.  Jene  Species  der
Gewerkveroine,  die  sich  noch  von  den  herrschenden  Classen
bevormunden  lassen,  ist  hiebei  ihre  einzige  praktische  Bundesgenossenschaft ­
  oder  vielmehr  ihr  Anlehnungspunkt  geworden.
Durch  die  dieser  Richtung  dienstbaren  Bourgeoiszeitungen
lassen  sie  sich  glorificiren,  um  so  auf  Grund  ihrer  praktischen
Betheiligung  an  Parteimanövern  den  Ruf  zu  ersetzen,  den  ihnen
die  reine  Wissenschaft  versagt.  Es  ziemt  sich  nicht  für  wirkliche ­
  und  echte  Wissenschaft,  durch  agitatorische  Theilnahme
an  praktischen  Parteihandlungen  ihre  theoretische  Unbefangenheit ­
  zu  gefährden.  Die  ernsten  und  grossen  Theoretiker  werden ­
  auch  niemals  dazu  Neigung  haben,  durch  solche  Verbindungen ­
  und  Betheiligungen  ihrer  Kritik  Fesseln  anzulegcn  und
die  reine,  weit  ausschauende  und  über  die  Einseitigkeiten  des
Parteitreibens  erhabene  Wahrheitsforschung  in  die  Kämpfe
blosser  Theilinteressen  zu  verwickeln.
        <pb n="578" />
        563

Zweites  Capitel.
Ideenrichtung  der  socialdemokratischen  Agitationen.
Die  Art,  wie  die  Ideen  sich  in  Organisationen  und  Agitationen ­
  verbreiten,  ist  für  die  Schicksale  der  Theorie  an  sich
selbst  keineswegs  gleichgültig.  Hier  sieht  man,  wie  die  rein
speculativen  Doctrinen  genöthigt  werden,  von  ihren  Einseitigkeiten ­
  oder  Irrthümern  wenigstens  zum  Theil  zurückzukommen.
Ueherdies  bewährt  sich  hiebei  aber  auch  der  Grundsatz,  dass
die  blosse  Bücherexistenz  der  grossen  Gedanken  eine  in  mehreren ­
  Beziehungen  unzulängliche  sei.  Erstens  wird  sie  auch
bei  der  besten  Fassung  mit  einer  wissenschaftlichen’  und  gelehrten ­
  Zurüstung  ausgestattet  sein,  die  bei  dem  Flugblatt  und
dem  Zeitungsartikel  fehlen  kann  und  muss.  Zweitens  wird  es
den  Büchern  leichter,  ihre  praktische  Rathlosigkeit  zu  verdecken, ­
  als  den  Agitationsschriften,  die  mit  irgend  welchen
kurz  und  bestimmt  formulirten  Programmen  auftreten  müssen,
wenn  sie  eine  Wirkung  haben  wollen.  Mit  Gedanken,  die  blos
die  vorhandenen  Thatsachen  erklären  und  nach  irgend  einer
Voraussetzung,  etwa  gar  nur  geschichtlich  begreiflich  machen
sollen,  ist  hier  nichts  gethan.  Es  bedarf  ernsthafter  Constructionen
  der  Zukunftsziele  und  zwar  nicht  blos  im  Allgemeinen,
sondern  mit  specieller  Angabe  der  nächsten  Uebergänge,  auf
welche  das  unmittelbare  Handeln  zu  richten  ist.  Auch  vei^
schlägt  es  hier  wenig,  den  doctrinären  Propheten  zu  spielen
und  etwa  im  Voraus  anzugeben,  was  sich  ganz  von  selbst  vermöge ­
  einer  mechanischen  Nothwendigkeit  für  den  passiven  Zuschauer ­
  entwickeln  möchte.  Nicht  das  Wissen  um  seiner  selbst
willen,  sondern  das  Wollen,  welches  durch  das  Wissen  seine
bestimmteren  Ziele  erhält,  wird  hier  der  entscheidende  Gegenstand. ­
  Die  Nothwendigkeit  der  Wirkung  auf  grosse  Massen
begrenzt  die  Brauchbarkeit  der  Gedanken  auf  das  allgemein
Verständliche  und  zum  Theil  auch  auf  das  Naheliegende  oder
mit  Sicherheit  Absehbare.  Aller  unnütze  Luxus  muss  hier  den
Theorien  abgestreift  und  jedesmal  der  natürliche  Anknüpfungspunkt ­
  gefunden  werden,  durch  welchen  sie  mit  den  Triebkräften ­
  des  vollen  Lebens  zusammenstimmen.  Die  natürlichen  und
berechtigten  Leidenschaften  sind  hier  diejenigen  Bestandtheile
86*
        <pb n="579" />
        des  Wolleiîs,  denen  eben  nur  der  theoretische  Compass  vorzuhalten, ­
  übrigens  aber  eine  maassvolle  Anregung  zu  ertheilen
ist,  Grade  Letzteres  ist  für  die  Bildung  der  edleren  Gesinnung
unentbehrlich,  und  es  heisst  die  Wurzeln  der  besseren  Menschlichkeit ­
  ausreissen  wollen,  wenn  man  sich  unterfängt,  die  Affecte
als  solche  und  deren  natur-  und  wahrheitsgemässen  Ausdruck
zu  ächten  oder  auch  nur  in  zu  enge,  weniger  auf  Gerechtigkeit ­
  als  auf  Verfolgung  angelegte  strafrechtliche  Schranken  zu
zwängen.
Ein  üeberschreiten  des  Maasses  ist  das  sehr  begreifliche
Schicksal  aller  stark  gespannten  Bestrebungen,  die  nicht  nur
mit  einem  Uebermaass  der  Ungerechtigkeit  auf  der  andern
Seite  zu  kämpfen,  sondern  auch  noch  selbst  das  theoretische
und  praktische  Maass  ihrer  Ziele  exacter  aufzufinden  haben.
Der  allgemeine  Charakter  der  über  Europa  und  Amerika  verbreiteten ­
  socialdemokratischen  Agitationen  ist  daher  ein  verhältnissmässig
  noch  ungesotzter.  Dies  zeigt  sich  nicht  nur  im
Kampfe  mit  dem  gemeinsamen  Gegner,  sondern  auch  und  fast
noch  mehr  im  eignen  Streit  der  einzelnen  Gruppen  unter  sich.
Wir  haben,  wenn  wir  zunächst  von  den  besondern  Modificationen
  des  in  dieser  Beziehung  stets  originalen  Frankreich
absehen,  drei  grössere  Abtheilungon  der  agitatorischen  Organisation ­
  zu  berücksichtigen.  Die  eine  derselben,  der  von  Lassalle
1863  begründete  Allgemeine  Deutsche  Arbeiterverein,  ist,  wie
schon  die  Benennung  besagt,  auf  Deutsche  Gebiete  beschränkt.
Die  zweite,  am  weitesten  verbreitete  und  in  der  umfassendsten
Weise  thätige  Schöpfung  ist  die  seit  1864  bestehende  Internationale ­
  Arbeiterassociation,  deren  Sitz  bis  zum  Haager  Congress ­
  von  1872  London  war  und  damals  nach  Newyork  verlegt ­
  wurde.  Seit  eben  diesem  Zeitpunkt  und  Congress  ist
noch  eine  dritte  Gruppe,  nämlich  die  Bakuninsche  Alliance,
selbständig  in  den  Vordergrund  getreten,  indem  durch  dieselbe
auch  eine  Internationale  und  zwar  besonders  in  den  Romanischen
Ländern  als  rivalisirende  Verbindung  ähnlicher  Art,  jedoch
mit  vorwiegend  geheimer  und  an  Russische  Zustände  erinnernder
Organisation,  vorgestellt  wird.
2.  Der  Lassallesche  Verein  sowie  die  im  nächsten  Jahre
gegründete  Internationale  sind  nicht  zufällig  ungefähr  um  dieselbe ­
  Zeit  entstanden.  Jene  sechziger  Jahre  zeigten  als  Rückwirkung ­
  des  Amerikanischen  Bürgerkrieges  eine  doppelte  Er-
        <pb n="580" />
        565

reguiig  und  Bewegung  in  der  Europäischen  Arbeiterwelt.  Zu
der  materiellen  Noth,  welche  der  Mangel  der  Baumwolle  und
die  Arbeitslosigkeit  in  den  einschlagendcn  Industrien  mit  sich
brachte,  gesellte  sich  die  geistige  Anregung,  welche  von  der
Bekämpfung  und  dem  Fall  der  Sklaverei  ausging  und  durch
eine  vielfache  Parteinahme  der  höheren  Classen  für  diese
Sklaverei,  namentlich  in  England,  verstärkt  wurde.  In  Deutschland ­
  und  speciell  in  Preussen  begünstigte  ein  parlamentarischer
Conflict  das  Lassallesche  Unternehmen.  Die  Consum-  und
Torschuss  vereine  des  Herrn  Schulze  mit  ihrer  vermeintlichen
Selhsthülfe  und  ihrer  thatsächlichen  Gleichgültigkeit  für  die
eigentliche  sociale  Frage  waren  zugleich  Mittel,  durch  welche
die  mit  dem  Feudalismus  kämpfende  und  damals  wegen  der
Militairreorganisation  mit  der  Regierung  veruneinigte  Bourgeoisie
einige  Bestandtheile  des  Yolks,  nämlich  einen  Theil  der  Kleinbürger ­
  und  Arbeiter,  ihren  politischen  Zwecken  dienstbar  zu
erhalten  suchte.  Diese  Patronage  hatte  gelegentlich  auch  in
der  Dotation  des  Herrn  Schulze,  der  sich  mit  seiner  den
Arbeitern  empfohlenen  Sparselbsthülfe  selbst  nicht  helfen  konnte,
ihren  Ausdruck  gefunden,  indem  ihm  die  Bourgeoisie  circa
45,000  Thlr.  zur  Fristung  seiner  persönlichen  Existenz  zum
Geschenk  machte.  Yorher  hatte  jedoch  die  Meinung  vorgewaltet ­
  und  sich  noch  Jahre  lang  in  den  meisten  Kreisen  forterhalten, ­
  als  wenn  Herr  Schulze  der  echte  Anwalt  der  Arbeit
und  Jeder,  der  ihm,  entgegenträte,  ein  Yerführer  zu  Thorheit
und  Bosheit  wäre.  Lassalle  sah  sich  überdies  bei  seinen  Einmischungsversuchen ­
  in  die  eigentliche  Politik  unwillkürlich
dazu  getrieben,  grade  gegen  die  sogenannte  Fortschrittspartei,
ein  Bourgeoisgebilde  vom  reinsten  Wasser,  im  Sinne  seines
Radicalismus  Front  zu  machen  und  so  am  andern  Extrem  denselben ­
  Gegner  zu  bekämpfen,  gegen  den  sich  auch  die  Spitze
der  Regierungspolitik  am  entschiedensten  wenden  musste.  Dies
ergab  jene  Situation,  welche  den  später  aus  dem  Marxschen
Lager  gekommenen  Ausspruch  erklärt,  dass  Lassalle  hätte  erfunden ­
  worden  müssen,  wenn  er  sich  nicht  gefunden  hätte.
In  der  That  war  eine  Art  Zusammenwirken  Angesichts  eines
gemeinschaftlichen  Gegners  nicht  nur  natürlich,  sondern  wurde
trotz  der  Oriminalprocesse,  mit  denen  sich  Lassalle  heimgesucht
fand,  auch  hier  und  da  in  speciellerer  Weise,  namentlich  aber
in  der  Begünstigung  von  den  regierungsseitigen  Parteien  her
        <pb n="581" />
        566

ziemlich  sichtbar.  Das  Schlagwort  der  Staatshülfe,  welches
von  Lassallescher  Seite  gegen  die  vorher  erwähnte  Schulzesche
Sparselhsthülfe  ausgespiolt  wurde  und  noch  mehrere  Jahre  das
Schiboleth  bildete,  jetzt  aber,  nachdem  die  Berufung  auf  jene
Selbsthülfe  verschollen  ist,  nicht  mehr  den  alten  Sinn  hat,  —
diese  Staatshülfe,  die  damals  wirklich  zum  Theil  auf  den  unmittelbaren ­
  Beistand  des  vorhandenen  Staats  berechnet  war,
konnte  eine  Auslegung  erfahren,  die  in  einigen  Richtungen
dem  überlieferten  Staatswesen  schmeicheln  und  zu  manchen
Zweideutigkeiten  oder  gar  Zweiseitigkeiten  führen  musste.
Aus  dieser  Ueberlieferung  erklärt  sich  auch  nach  dem
Tode  Lassalles  die  eigenthümliche,  nicht  nur  mit  der  besondern
Art  der  herrschenden  Nationalpolitik  vereinbarte,  sondern  auch
gewisser  Beziehungen  zu  den  Polizeibehörden  beschuldigte  Haltung ­
  späterer  Leiter  des  Vereins,  unter  denen  einer  der
rührigsten  und  befähigtsten,  Herr  v.  Schweizer,  sogar  formell
aus  solchen  Gründen  beseitigt  werden  musste,  damit  der  vor
dem  eignen  Publicum  bereits  zu  gross  gewordene  Anstoss
einigermaassen  gemildert  würde.  Die  Lehre  selbst  wurde  im
Wesentlichen  nicht  weiter  entwickelt,  sondern  höchstens  verallgemeinert, ­
  indem  der  besondere  Gesichtspunkt  der  praktisch
immer  mehr  in  die  Perne  rückenden  Productivassociationen  hinter
die  universelle  Idee  zurücktrat,  dass  dem  Arbeiter  der  volle
und  ganze  Ertrag  seiner  Arbeit  gebühre  und  das  Capital  als
rein  sachliches  Mittel  nichts  zu  beanspruchen  habe.  Die  Aussicht ­
  auf  einen  Zustand,  in  welchem  dies  Recht  der  Arbeit  auf
ihren  unverkürzten  Ertrag  verwirklicht  sein  würde,  stellte  den
Zukunftshorizont  vor,  der  die  Hofíhungen  gleich  einer  neuen
Religion  beleben  sollte.  Inzwischen  warf  man  sich,  durch  die
Verhältnisse  gedrängt  und  seit  1869  durch  die  Aufhebung  der
Coalitionsverbote  in  eine  neue  Lage  gekommen,  auf  praktische
Mittel  und  ging  den  andern  Richtungen  mit  der  Initiative  zur
Organisation  der  Gewerkvereine  voran.  Auch  die  Gesetzgebung ­
  bot  hin  und  wieder  Gelegenheit,  in  den  die  Arbeiter
unmittelbar  berührenden  Maassregeln  agitatorisch  einzugreifen.
Uebrigens  blieb  aber  die  Regehaltung  und  Verbreitung  der
socialistischen  Idee  und  die  Erweckung  des  Olassenbewusstseins
  in  immer  weiteren  Kreisen  des  Arbeiterthums  das  natürliche ­
  nächste  Hauptziel.  Die  Vereinsdisciplin  wurde  zu  rascher
Handlungsfähigkeit  ausgebildet,  und  die  schon  indirect  durch
        <pb n="582" />
        567

das  Preussische  Vereinsgesetz  nothwendig  gemachte  Einheitlichkeit ­
  und  Centralisation  gereichte  wenigstens  in  diesem
Punkto  zu  sichtbarem  Vortheil.  Mit  militairischer  Precision
erschienen  die  Mitglieder  des  Vereins,  wo  es  Erklärungen,  demonstrative ­
  Beschlüsse  oder  politische  Wahlhandlungen  zu  bewerkstelligen ­
  galt,  üeberall  waren  sie  auf  dem  Platze,  wo
das  Volk  ohne  Unterschied  zu  Versammlungen  eingeladen  war,
und  sie  betrachteten  sich  den  Einborufern  anderer  Richtungen
gegenüber  alsdann  nicht  als  Gäste,  sondern  als  Volk  überhaupt, ­
  welches  nach  Maassgabe  der  Stimmenmehrheit  über  das
Schicksal  der  Versammlungen  zu  entscheiden  hätte.  Der  centrale ­
  Hauptort  der  Thätigkeit  war  später  vornehmlich  Berlin.
Ausserdem  ragte  besonders  Schleswig-Holstein  in  jüngster  Zeit
hervor,  und  in  den  Preussischen  Rheinlanden  hatte  schon
Lassalle  einen  festeren  Grund  gelegt.
3.  Der  Hauptunterschied  des  internationalen  Socialismus
von  demjenigen  der  Lassallianer  besteht  in  einer  stärkeren
Betonung  des  politischen  Radicalismus  und  in  der  nicht  blos
grundsätzlichen,  sondern  auch  für  jede  momentane  Lage  geltend
gemachten  Verwerfung  aller  Nationalkämpfe.  Der  vollständigste
politische  Bruch  mit  den  gegenwärtigen  Staatsgebilden,  mögen
dieselben  Monarchien  oder  Republiken  sein,  ist  der  auszeichnende ­
  Charakterzug  der  Internationalen  Arbeiterassociation,  die
sich  seit  1864  über  alle  Culturstaaten  Germanischer  oder
Romanischer  Race  ausgebreitet  und  schliesslich  in  Nordamerika
hinreichenden  Boden  gewonnen  hat,  um,  wie  schon  erwähnt,  den
Sitz  ihres  Generalraths  dorthin  verlegen  zu  können.  Politisch
Geflüchtete  spielten  bei  ihrer  Gründung  in  London  eine  Hauptrolle; ­
  zwar  wurde  Mazzinis  Plan,  der  eine  geheime  Verbindung
beabsichtigte  und  dem  eigentlichen  Socialismus  bis  zu  seinem
Ende  fremd  blieb,  verworfen  und  statt  dessen  der  Entwurf  des
Herrn  Marx  angenommen;  aber  nicht  nur  die  ganze  Lage  der
Expatriirten,  sondern  auch  das  Wesen  der  universellen  Arbeiteremancipation
  brachte  es  mit  sich,  dass  die  Interessen  der  Nationalitäten ­
  nur  in  ihrer  Vereinigung,  aber  nicht  in  ihren  feindlichen ­
  Gegensätzen  zur  Berücksichtigung  gelangen  konnten.
Auch  war  es  sehr  natürlich,  dass  die  Abschaflung  der  Völkerkämpfe ­
  als  eine  zu  dem  allgemeinen  Arbeiter  bund  gehörende
Noth  Wendigkeit  betrachtet  wurde.  Sollte  dieser  Bund  kein
schlechter  Scherz  sein,  so  durfte  er  sich  nicht  grundsätzlich
        <pb n="583" />
        568  —

darein  ergeben,  dass  sich  die  Bundesgenossen  selbst  bekriegten,  '
Wenn  hienach  schon  jeder  Nationalkrieg  an  sich  selbst  verurtheilt
  wurde,  so  musste  dies  noch  mehr  der  Fall  sein,  insofern
er  sich  als  dynastische  Action  oder  als  Classenunternehmung
einzelner  Stände  ansehen  Hess.  Die  Eindrücke,  welche  der
Krieg  von  1870  hinterliess,  haben  nun  zwar  zunächst  dem
Internationalismus,  namentlich  in  Deutschland,  entgegengewirkt,
scheinen  aber  schliesslich  einer  umgekehrten  Anschauungsweise
nur  noch  mehr  Vorschub  zu  leisten.  Nirgend  haben  sich  in
Deutschland  die  anscheinenden  Errungenschaften  des  Krieges
den  Erwartungen  gemäss  bewährt.  Die  Chancen  des  Friedens
sind  nicht  vermehrt,  sondern  vermindert,  indem  der  Deutsche
Besitz  von  Eisass  und  Lothringen  eine  neue,  stets  offene  Frage
der  auswärtigen  Politik  geschaffen  hat,  die  nicht  gleich  der
Orientalischen,  sondern  bedenklicher  als  diese,  die  Ruhe  im
Herzen  von  Europa  ganz  preeär  macht  und  jeden  Augenblick
zu  neuen  Conjuncturen  und  Bündnissen  sowie  zu  den  zugehörigen
militairischen  Actionen  führen  kann.  Die  Aufstachelung  des
Racen-  und  Nationalgefühls  nach  Maassgabe  alter  Ueberlieferungen
  unter  gelegentlicher  Auffrischung  abgestorbener  Religionsgegensätze, ­
  der  letzteren  namentlich  für  Deutschland  und
Frankreich,  sowie  die  principielle  Hinwegsetzung  über  die
früheren  Humanitätslehren  hat  auch  hier  die  Scheidung  in
zwei  grosse  Lager  nahegelegt,  deren  eines  unter  der  Fahne
des  specifischen  und  ausschliesslichen  Nationalismus  alle  rückläufigen ­
  oder  noch  rückständigen  Elemente  vereinigt,  während
das  andere  sich  bewusst  ist,  in  der  Austilgung  der  feindlichen
Gesinnungen  durch  die  gemeinsamen  Interessen  des  Proletariats ­
  aller  Länder  eine  wirkliche  Aera  des  Friedens  vorzubereiten. ­
  Man  darf  nun  nicht  überrascht  sein,  dass  dieser
letztere  Standpunkt  mit  einer  oft  höchst  einseitigen  Anschauungsweise ­
  die  nationalen  Consolidationen  im  Ganzen  ungewürdigt
  lässt,  weil  sie  sich  zum  Theil  durch  Mittel  vollzogen
haben,  die  dem  alten  Regime  entsprachen.  In  der  richtig
verstandenen  Internationalität  kann  auch  die  Nationalität  erst
zu  voller  Freiheit  und  Gemeinschaft  gelangen.  Es  ist  daher
in  dem  praktischen  Verhalten  der  Internationalen  ein  Fehler,
wenn  sie,  wie  z.  B.  bei  ihrer  Bekämpfung  der  Deutschen  Formationen, ­
  nicht  zugleich  die  natürliche  Nothwendigkeit  der  Verschmelzungen ­
  von  dem  besondern  politischen  Gepräge  unter-
        <pb n="584" />
        569

scheidet,  welches  der  Deutschen  Staatengruppe  vorläufig  als
Gesammtform  aufgedrückt  ist.  Wenn  sie  dagegen  die  ungünstigen ­
  ^iVirkuDgen,  welche  die  Milliarden  der  von  Frankreich
gezahlten  Kriegsentschädigung  auf  Deutschlands  gesellschaftliche
Finanzen  gehabt  haben,  auch  gegen  sogenannte  glückliche  Kriege
ins  Gewicht  fallen  lässt,  so  giebt  sie  hiemit  nur  einer  Ueberzeugung
  Ausdruck,  die  sogar  in  officiösen  Kreisen  von  volkswirthschaftlichen
  Schriftstellern  vertreten  worden  ist.  Die
universelle  Geschäftskrisis,  welche  im  Winter  1873—74  auch
den  Amerikanischen  Arbeitern  eine  Lection  in  der  Richtung
auf  den  Socialismus  ertheilte  und  welche  in  den  vom  Kriege  und
seinen  Folgen  unmittelbar  oder  mittelbar  am  meisten  betroffenen
Ländern  durch  die  vorgängigen  finanziellen  Verschiebungen
umfassender  Mittel  eigenthümlich  modificirt  und  verschärft
wurde,  hat  von  Neuem  und  recht  lebhaft  an  die  Gebrechlichkeit ­
  des  politischen  und  ökonomischen  Regime  alter  Art  erinnert.
Hiemit  ist  der  Internationalismus  wenigstens  in  seinem  Princip
gestärkt  worden,  wenn  auch  seine  speciclle  Organisation  mit
äussern  Verfolgungen  auf  dem  Europäischen  Festlande,  namentlich ­
  seit  der  Zeit  der  Pariser  Commune,  und  ausserdem  mit
Innern  Spaltungen  entscheidender  als  jemals  zu  schaffen  gehabt ­
  hat.
4.  Das  volkswirthschaftliche  Programm  der  Internationalen
ist  nur  in  einem  einzigen  Punkte  vollkommen  bestimmt,  nämlich ­
  in  der  Abschaffung  des  Ablohnungssystems  der  Arbeit.
Dieser  alte,  im  ursprünglichen  Französischen  Communismus
und  Socialismus  wurzelnde  Gedanke  ist  von  den  Herrn  Engels
und  Marx  schon  in  ihren  frühesten  literarischen  Kundgebungen
aus  dem  Anfang  der  vierziger  Jahre  und  namentlich  auch  schon
in  dem  Buch  von  Engels  „Die  Lage  der  arbeitenden  Classen
Englands”  (Leipzig  1845)  grundsätzlich  vertreten  gewesen.
Auch  das  von  eben  diesen  Personen  ausgegangene  „Communistische
  Manifest”,  welches  kurz  vor  der  Februarrevolution
von  1848  erschien,  hat  nur  im  Gröberen  einige  Modalitäten  der
Ausführung,  nämlich  die  Beseitigung  des  Privateigenthums  und
Erbrechts,  ohne  positive  Rechenschaft  über  die  neuen  Rechtsverhältnisse ­
  kurz  bezeichnet.  Aehnliche  Beschlüsse  sind  zwei
Jahrzehnte  später  auf  Congressen  der  Internationalen  gefasst
worden.  Höchst  bezeichnend  für  den  Mangel  an  ideellem  Fortschritt ­
  ist  aber  die  Thatsache,  dass  jenes  Manifest  nach  beinahe
        <pb n="585" />
        570

einem  Vierteljahrhundert,  nämlich  1872  mit  einer  hinzugefügten
Vorbemerkung  der  Herren  Engels  und  Marx  wiedererscheinen ­
  konnte,  derzufolge  im  Wesentlichen  alles  darin  Gesagte
auch  heut  noch  zuträfe.  Wenn  durch  irgend  etwas  in  den
Marxschen  Gesichtspunkten,  ungeachtet  des  durch  die  früher
gekennzeichnete  Gelehrsamkeit  angeschwellten  Bandes  über  das
Capital,  die  schliessliche  Rathlosigkeit  in  der  bestimmteren
Vorstellung  der  Grundzüge  des  künftigen  Wirthschaftssystems
für  Jedermann  greifbar  gemacht  werden  kann,  so  muss  es
durch  die  Rolle  dieses  alten,  und  durch  die  Hinweisung  auf  den
Mangel  eines  neuen  Manifestes  möglich  sein.  Eine  kurze  und
bündige  Formulirung  des  internationalen  Socialismus,  d,  h.  ein
bestimmtes  Programm,  welches  die  neuen  Eigenthumszustände
kennzeichnete,  fehlt  gänzlich,  wenn  wir  nicht  jene  alten  rohen
Schlagwürtor  des  Manifestes,  nämlich  Aufhebung  des  Privateigenthums ­
  und  Erbrechts,  als  genügend  gelten  lassen  wollen.
Auch  ist  es  in  der  That  keine  augenblickliche  Eile  unter  dem
Drängen  des  Neudrucks  gewesen,  was  bei  der  neusten  Auflage
des  Manifestes  eine  Umarbeitung  verhindert  hat.  Das  Gefühl
der  Unmöglichkeit,  von  dem  Standpunkt  der  Marxschon,  nur
theoretisch  zuschonden,  aber  nicht  praktisch  construirenden
Lehre  ein  befriedigendes  Programm  zu  liefern,  hat  jene  unfreiwillige ­
  Zurückhaltung  mit  sich  gebracht.  Auch  da,  wo  man
den  Inhalt  des  gelehrten  Marxschen  Buchs  über  das  Capital,
wie  in  einem  von  dem  im  vorigen  Capitel  erwähnten  Arbeiter
Most  1874  veranstalteten  kleinen  und  geschickten  Auszuge  für
die  Arbeiterkreise  zugänglich  gemacht  hat,  ist  mit  dem  sehr
vortheilhaften  Wegfall  des  gelehrten  Ballastes  und  der  schlimmsten ­
  Hegelschen  Cruditäten  der  schliessliche  Mangel  eines  bestimmteren ­
  Programms  nur  noch  sichtbarer  geworden.  Das
Schelten  auf  den  Phantasiesocialismus  bedeutet  bei  Herrn  Marx
zugleich  die  Verrufung  aller  bestimmteren  Schemata,  und  doch
ist  selbst  die  Mathematik  nicht  ohne  einige  Phantasie  zu  fördern. ­
  Hiezu  kommt  die  Abwesenheit  aller  Rechtsideen  in  der
Gestalt  der  Verachtung  der  ernsten  naturrechtlichen  Ableitungen ­
  und  hindert  auch  nach  dieser  Richtung  die  Entwicklung ­
  einer  hinreichend  verzweigten  und  wohlbegrenzten  Vorstellung ­
  von  der  Form  der  künftigen  Volkswirthschaft.
Man  könnte  glauben,  dass  vielleicht  die  Programme  einzelner, ­
  den  Antrieben  der  Internationalen  folgender  Partei-
        <pb n="586" />
        571

gcbilde,  wie  z.  B.  das  Eisenacher  der  „socialdemokratischen
jlrbedterirarter',  jenen  lÆsingel  hinreichend  ersetzteii.  Ohvrohl
indessen  in  dem  eben  angeführten  Beispiel  die  politischen  und
die  auf  den  unentgeltlichen  Unterricht  bezüglichen  Forderungen
bestimmter  formulirt  sind,  so  halten  sich  doch  die  Aussprüche
bezüo'lich  der  künftigen  Wirthschaftsform  in  einer  wohl  die
Richtung  auf  die  Sache,  aber  nicht  die  Sache  selbst  erkennbarmachenden ­
  Allgemeinheit.  Es  soll  dies  kein  Vorwurf  für  die
Farteithatigkeit  sein,  die  auch  an  blossen  Richtungen  sehr
Tvolil  einen  (Doiniiass  baiben  kann,  solangre  sie  ndclitinclielüagre
Irommt,  (üe  (losellscluiA  wirlWholi  iinibihlen  2:11  niüssen;  --  es
soll  vielmehr  die  Einweisung  auf  den  Mangel  eines  bestimmteren ­
  Programms  nur  eine  Kritik  der  Unzulänglichkeit  von
Doctrinen  sein,  die  sich,  ungeachtet  der  agitatorischen  Einlassuno-
  ihrer  persönlichen  Träger,  wie  im  Falle  der  Marxschen
Gesichtspunkte,  mit  der  vermeintlichen  Erhabenheit  über  eigentliche ­
  Schematisirungen  zugleich  die  Anmaassung  zu  Schulden
kommen  lassen,  die  ihnen  unerreichbaren  Trauben  sauer  zu
hndon.  _
lOhe  InterruLticmale  ist  seit  der  ZeR  der  (krmniune  diesseits
und  jenseits  des  Oceans  in  verstärktem  Maass  eine  Deutsche
geworden.  Sieht  man  nämlich  von  der  formellen  Angehörigkeit ­
  ab,  die  in  Deutschland  durch  die  staatlichen  mit  ausländischen ­
  Verbindungen  unvereinbaren  Vereinsgesetze  unntóglich
gemacht  ist,  so  hat  die  erwähnte  socialdemokratische  Partei,
vom  Eisenacher  Programm  und  mit  dem  zu  Leipzig  ersc  einenden ­
  „Volksstaat”  als  Organ,  ofíenbar  ein  Recht,  als  die  hauptsächlichste ­
  praktische  Vertretung  der  Ziele  der  Internationalen
Jlrbeiterassochatioii  2:11  gelten.  In  Ifordaanerilia  stützte  snih
die  Internationale  mit  der  Newyorker  „Arbeiterzeitung  als  Ornan ­
  der  dortigen  Föderation  bisher  hauptsächlich  auf  das
Deutsche  Element.  In  Europa  haben  aber  die  Romanischen
Länder  die  Hauptanknüpfungspunkte  für  die  Sonderalliance
Bakunins  gebildet,  der  auf  dem  Haager  Congress  1872  vender
Thoilnahme  an  der  Internationalen  ausgeschlossen  wur^.  Die
Selbständigkeit  der  Französischen  Bewegung  und  der  Französischen ­
  Socialisten,  mochten  sie  nun  der  Internationalen  angehören ­
  oder  nicht,  hat  ebenfalls  nicht  dahin  wirken  können,  die
Strenge  und  Einheit  in  dem  Zusammenhalten  des  von  einem
andern  Lande  ausgehenden  Weltvereins  zu  fördern.  Die  Fran-
        <pb n="587" />
        572

zogen  würden  unter  allen  Umständen  ihren  eignen  Kopf  und
ihre  eigne  Ambition  nicht  allzu  leicht  preisgeben;  aber  im  Falle
des  Socialismus  haben  sie  ein  wohlbegründetes  Anrecht,  ihr
Land  und  ihre  Revolution  als  die  Geburtsstätte  der  neuen
Ideen  und  nicht  blos  der  Ideen,  sondern  auch  der  Thaton  und
welterschütternden  Schicksale  anzuschen.  Ihnen  ist  es  am
wenigsten  zuzumuthen,  auf  die  Marxsche  Ansicht  oinzugehen,
dass  England  als  das  wirthschaftlich  am  meisten  zur  Indusb  io
entwickelte  Land  hiemit  auch  am  leichtesten  zum  Socialismus ­
  gelangen  müsse.  Die  Franzosen  besitzen  im  Bereich  ihrer
Ueberlieferungen  zu  viel  wahre  und  praktische  Idealität  und
hochherzige  Leidenschaft,  als  dass  sie  der  bewusstlosen,  rein
realistischen  Entwicklung  der  Zustände  Alles  cinräumen  und
die  Initiative  der  grossen  Gedanken  sowie  deren  Anwendbarkeit ­
  auf  die  verschiedensten  volkswirthschaftlichen  Zustände
mit  dem  ökonomisch  Englisirten  Socialismus  des  Herrn  Marx
verkennen  sollten.  Die  Trägheit  und  der  pointirtc  Egoismus
des  Englischen  Volks  bilden  ein  grosses  Hinderniss  für  die
Anwendung  universeller  und  logisch  durchgreifender  Ideen,
und  einen  starken  Contrast  zu  der  ideellen  Beweglichkeit  und
Hingebung  der  Französischen  Volkselomente.
5.  Wie  der  Racengegonsatz  in  der  Internationalen  selbst
eine  Rolle  gespielt  hat,  beweist  am  entschiedensten  das  Verhalten ­
  des  Russen  Michael  Bakunin,  der  sich  mit  den  von  ihm
geleiteten  Gruppen  hatte  aufnehmen  lassen,  aber  im  Laufe
einiger  Jahre  schon  zum  völligen  Bruch  und  zur  Sonderalliance
getrieben  wurde.  Herr  Marx  wollte  den  neuen  Einfluss  begreiflicherweise ­
  nicht  aufkommen  lassen,  und  überdies  waren
auch  die  Principien  und  Anschauungsweisen  zu  ungleichartig,
um  mit  einander  verträglich  zu  bleiben.  Auch  Herr  Marx  trat
seit  dem  Haager  Congress  in  einem  gewissen  Sinne  von  der
Internationalen  zurück,  indem  die  Verlegung  des  Generalraths
auch  seine  Sekretärschaft  für  Deutschland  afficirtc.  Indessen
ist  seit  jenem  Zeitpunkt  der  Kampf  mit  der  Bakuiiinschen
Sonderallianco  und  mit  deren  Einfluss  in  beiden  Weltthcilen
ziemlich  lebhaft  gewesen.  Eine  auch  von  Herrn  Marx  Unterzeichnete ­
  Anklagebroschüre,  um  nicht  zu  sagen  Denunciationsschrift,
  ist  zuerst  Französisch  unter  dem  Titel  „L’allianco  de  la
démocratie  socialiste  etc.”  (London  1873)  und  Deutsch  unter
der  bezeichnenden  Aufschrift  „Ein  Complot  gegen  die  Inter-
        <pb n="588" />
        573

nationale  Arbeiterassociation”  (Braunschweig;  1874)  erschienen.
Obwohl  die  darin  vorgebrachten,  zum  Theil  auch  besser  als  aus
dem  Material  Russischer  Gerichte  beglaubigten  Thatsachen  die
thoilweise  geheimen  und  in  einigen  Richtungen  moralisch  verwerflichen ­
  Organisationen  Bakunins,  wie  namentlich  durch  die
Angelegeaiheit  Ifetschajef^  arg  bloBzmd:edlen  8(dieinen,  so  hhist
sich  doch  andererseits  die  einseitige  Gehässigkeit  der  ganzen
Manschen  Composition  nicht  verkennen.  Bakunin,  dessen
Thätigkeit  vornehmlich  in  der  Schweiz,  in  Spanien  und  Südfrankreich ­
  sichtbar  wurde,  hat  offenbar  mit  Grundsätzen  un
Vorhaltungsarten  operirt,  die  auf  dem  Russischen  Boden  nicht
überraschen  können.  Dort  sind  die  geheimen  Verbindungen
ein  Erzeugniss  der  Unterdrückung  des  Öffentlichen  politischen
Verkehrs,  und  die  Barbarei,  mit  welcher  die  alten  Institutionen
dort  auf  allen  aufstrebenden  Elementen  lasten,  kann  einen
Thoil  der  Wüstheit  und  Unreife  erklären,  mit  welcher  der
revolutionäre  Fanatismus  in  Idee  und  Organisation  auftritt.
Hiezu  kommt  die  slavistisch  gefärbte  Richtung  Bakunins,  der
in  Herrn  Marx  übrigens  auch  das  jüdische  Blut  und  den  Deutschen ­
  Gelehrsamkeitsballast  mit  sehr  begreiflichem  Widerwillen
betrachtet.  Dafür  wird  ihm  von  der  Marxistischen  Seite  vorgeworfen, ­
  dass  er  die  Wissenschaft  hasse,  während  er  doch  die
Mathematik  und  die  Naturwissenschaften  sowie  die  Studien  der
socialen  Verhältnisse  seinen  Anhängern  ausdrücklich  empfiehlt.
¿Tener  vermeintliche  IBhiss  der  Wissenschaft  ist,  laahea-  betraclrtet,
  nur  eine  Verachtung  der  Halb  Wissenschaften  alter  Tradition ­
  und  der  staatlichen  oder  gesellschaftlichen  Formen,  in
denen  auch  die  eigentlichen  Wissenschaften  verhältnissmässig
mehr  vernachlässigt  als  ernstlich  und  lebensvoll  gepflegt  und
gefördert  werden.  Die  höhnische  Frage  der  Marxistischen  Anklageschrift, ­
  ob  denn  auch  die  Mathematik  staatlich  und  officiell
wäre,  hat  von  der  Hohlheit  ihres  Spottes  und  ihrer  Voraussetzungen ­
  selbst  keine  Ahnung.  Sie  weiss  nichts  von  dem
inncrri  Zusammenhang  der  Institutionen,  durch  welchen  auch
solche  Wissenschaften  wie  die  mathematischen  unter  das  Joch
alter  Traditionen  gebeugt  und  in  den  Sumpf  des  Mysticismus
gezerrt  worden  können,  gar  nicht  zu  reden  von  den  Folgen,
welche  die  Auswahl  der  trägen,  unterthänigen  und  sich  in
niedrige  Bewerbungsränke  ergebenden,  kurz  der  unter  schlechten ­
  politischen  Institutionen  am  meisten  ämterfähigen  Charak-
        <pb n="589" />
        574

tere  auch  für  den  Betrieb  der  wohlbegrttndetsten  und  politisch
oder  religiös  an  sich  indifferentesten  Wissenschaften  haben  muss.
Das  19.  Jahrhundert  ist  grade  in  diesem  Punkte  eine  grosse
Lehre;  denn  die  Fortschritte  sind  nicht  durch  diese  Verhältnisse, ­
  sondern  trotz  derselben  gemacht  worden,  und  daneben
haben  sich  namentlich  in  der  Mathematik  sehr  viele  Rückläufigkeiten, ­
  wüste  speculative  Luxusverirrungen  und  arge
Stauungen  sowie  Verluste  früherer  besserer  Anschauungsweisen ­
  produciren  können.  Letztere  Erscheinung  ist  nun  rein
social  und  politisch  zu  erklären,  und  so  dürfte  die  Bakuninsche
  Denkrichtung  nicht  ganz  im  Unrecht  sein,  wenn  sie  die
fast  leblosen  Körpertheile  der  Wissenschaft  eben  auch  als  der
Ausmerzung  anheimfallend  betrachtet.  Herr  Marx  steht  nicht
blos  in  der  Oekonomie  mit  seinem  Ricardo,  den  er  formell  nur
verhegelt  und  materiell  nur  nach  der  Seite  des  Socialismus
umgebogen  hat,  auf  einem  altfränkischen,  sondern  auch  mit  seiner ­
  ganzen  allgemeinen  Bildung  auf  einem  überlebten  philosophastrischen ­
  Standpunkt,  der  zwar  der  gewöhnlichen  Schulung
der  dreissiger  Jahre  in  Deutschland  entsprach,  aber  von  einem
wirklich  entwicklungsfähigen  Manne  hätte  überwunden  werden
müssen.  Ihm  geht  die  naturwissenschaftliche  Denkweise  völlig
ab  und  auch  sein  Gegensatz  gegen  das  Pricsterthum  ist  nicht
systematisch  und  entschieden  genug,  um  den  Verdacht  auszuschliessen,
  dass  der  zähe  Judaismus  in  ihm,  trotz  seiner  eignen
Spöttereien  gegen  einzelne  jüdische  Autoren,  nicht  noch  einige
Rückständigkeiten  conservirt  haben  sollte.  In  der  antitheologischen ­
  Hinsicht  spricht  sich  Bakunin  nicht  nur  durchgreifender ­
  aus,  sondern  lässt  seine  Gedanken  auch  in  das  Programm
der  Alliance  übergehen.  Zwar  gilt  auch  die  Internationale  mit
Recht  als  Gegnerin  aller  Religionen;  aber  ihr  Programm  enthält ­
  nichts  von  diesen  geistigen  Elementen,  und  das  ist  ein
colossaler  Fehler,  —  ein  Fehler  freilich,  der  danach  aussioht,
als  hätte  man  mit  den  Bekennern  aller  Religionen  und  Confessionen
  vor  allen  Dingen  ein  blos  materielles  Associatiorisgeschäft
  einleiten  wollen.  Eine  solche  Materialität  dürfte  sich
aber  an  der  Association  rächen;  unter  allen  Umständen  wird
sie,  um  sich  auf  der  Höhe  der  Zeit  zu  halten,  der  Durchdringung ­
  mit  entschiedeneren  Geistesrichtungen  bedürfen.  Die
Bakuninsche  Mesalliance  mit  ihr  und  die  darauf  folgende
Sonderalliance  des  fanatischen  Russen,  der  mit  den  Antrieben
        <pb n="590" />
        575

der  urwüchsigen  Volkskraft  über  die  Westeuropäischen  Doctrinen ­
  hinwegschreiten  will  und  welcher  mit  seiner  Verherrlichung ­
  eines  den  alten  Russischen  Aufständen  entsprossenen
Räuberthums  lebhaft  an  Schillers  wilde  aber  dafür  auch  volkskräftigo
  Phantasien  erinnert,  —  diese,  auf  beiden  Seiten  verunglückte ­
  Alliance  sollte  doch  eine  Lehre  sein,  dass  sich  die
Emancipation  der  Arbeit  nicht  nach  Art  einer  Alliance  Israelite
bewerkstelligen  lässt.  Auch  die  Staatsspielerei  der  Internationalen, ­
  die  sich  mit  ihrer  Nachahmung  officieller  Formen  und
ihren  amtlichen  Auslassungen  bisweilen  recht  sonderbar  ausnimmt ­
  und,  ich  will  noch  nicht  einmal  sagen  gegen  das  Wesen
der  Demokratie,  sondern  schon  gegen  das  der  Natürlichkeit
und  Einfachheit  verstösst,  hat  durch  den  Bakunin  sehen  Gegensatz ­
  eine  grelle  Beleuchtung  erfahren.
Bakunin  verhält  sich  zu  den  Halbwissenschaften  der  Ueppigkeit
  nicht  weniger  verwerfend,  als  es  ein  Rousseau  in  seiner
freilich  ganz  andern  Art  und  mit  gelegentlich  noch  schlimmeren
Verirrungen  der  paradoxen  Phantasie  gethan  hatte.  Einen  theoretischen ­
  Nihilismus  in  Rücksicht  auf  die  eigentliche  Wissenschaft ­
  kann  man  ihm  aber  nicht  vorwerfen,  da  er  die  exacten
Thoile  anerkennt  und  der  nachrevolutionären  Zukunft  die  neuen
Geistesschöpfungen  anderer  Richtung  zuweist.  Was  aber  seine
Verneinung  alles  Staatswesens  oder,  mit  andern  Worten,  die
Herbeiführung  der  Herrschaftslosigkeit  betrifft,  so  erinnern
diese  Gedanken  einerseits  an  das  Paradoxon  der  Proudhonschen
  Anarchie  oder  Nichtherrschaft  und  schliessen  andererseits
bei  aller  verwerflichen  W  üstheit  und  W  ildheit  ihrer  Russisch
barbarischen  Einkleidung  zugleich  einen  verständlichen  Sinn
nicht  aus.  Die  slavistische  Zerstörungsleidenschaft  sammt  ihren
principie!!  verwerflichen  Mitteln  jeglicher  Art  von  Gewalt  und
List  ist  im  Rahmen  der  Russischen  üeberlieferungen  und
gegenüber  dem  ähnlich  gearteten  Druck  der  Institutionen  nur
zu  begreiflich.  Bakunin  will  mit  dem  Staat  als  solchen  aufräum ­
  en,  weil  er  in  ihm  nichts  als  eine  falsche  unterdrückerische ­
  Form  der  Gesellschaft  sieht.  Er  wendet  sich  mit  seiner
ganzen  Leidenschaft  gegen  die  alte  Welt  des  Staats  und  versteht ­
  diese  alte  Welt  so,  wie  etwa  ein  Religionsgegner  die
Kirche  auflasst  und  behandelt  wissen  will.  Auch  wer  feiner
unterscheidet,  wird  wenigstens  den  Gewaltstaat,  d.  h.  den  Staat,
insofern  er  durch  Vergewaltigung  entstanden  ist  und  fortbesteht.
        <pb n="591" />
        576

nicht  als  eine  ewige  Form  des  Menschheitslehens  betrachten
können.  Schon  in  dem  Worte  Herrschaft  liegt  das  Verhältniss
von  Herr  und  Knecht,  wenn  auch  nicht  immer  so  schroff  wie
im  Judenthum,  angedeutet.  Die  Beseitigung  eines  solchen  Yerhältnisses
  ist  aber  die  Vorbedingung  der  wirklich  freien,  auf
gleicher  Gegenseitigkeit  beruhenden  Vergesellschaftung  der
Menschen.  Unterdrückung  und  Association  sind  auch  im  Politischen ­
  einander  antagonistisch  ;  wo  die  willige  Vereinigung
unter  dem  Gesetz  natürlicher  Verbindlichkeiten  platzgreifon
soll,  muss  das  politische  Herrenthum  und  zwar  nicht  blos  das
der  Einzelnen  oder  einer  Mehrheit,  sondern  auch  das  der  Gosammtheit
  und  mithin  das  ganze  Verhältniss  an  sich  selbst
vorher  ausgeschlossen  sein.  Die  beiden  Systeme  können  sich
zwar  mischen,  aber  nie  einen  innern  Frieden  schaffen,  und  nur
die  reine  und  vollständige  Ausbildung  des  Freiheitsprincips
kann  der  Menschheit  die  Grundlage  zu  ungestörten  positiven
Schöpfungen  gewähren.  Bakunin  bekümmert  sich  um  diese
positiven  Zukunftsschöpfungen  wenig  und  zählt  dabei  auf  die
naturwüchsigen  Antriebe  der  Volksgercchtigkeit  und  so  zu  sagen
auf  die  Initiative  der  Volksinstincte,  von  der  er  mehr  erwartet,
als  von  allen  bisherigen  doctrinären  Entwürfen.  In  diesem
einzigen  Punkte  liegt  nun  allerdings  ein  schlimmes  Stück  Nihilismus, ­
  und  man  kann  hier  aus  den  Bakuninschen  Ideen  einen
Rückschluss  auf  die  Schicksale  machen,  die  der  Europäischen
Civilisation  bevorständen,  wenn  die  reactionäre  Kehrseite  zu
dem  Bakuninschen  Fanatismus,  nämlich  das  wirkliche  Russland
sich  nach  dem  Westen  hin  siegreich  ausbreitete.  Trotz  alledem
bleiben  aber  die  volkswüchsigen  Conceptionen  Bakunins  eine
interessante  und  in  manchen  Beziehungen  sogar  bedeutsame
Erscheinung,  der  auch  bei  der  ungünstigsten,  wenn  nur  einigermaassen
  unbefangenen  Auffassung  allermindestens  als  einem
Gegengift  gegen  verdumpfte  üeberlieferungen  und  Umgebungen
geistiger  und  thatsächlicher  Art  ein  gewisser  Werth  nicht  abzusprechen ­
  ist,  und  hieraus  erklärt  sich  auch  der  umfassende
Einfluss,  den  die  fragliche  Persönlichkeit  in  verschiedenen
Culturländern  auszuüben  vermocht  hat.
        <pb n="592" />
        577

Drittes  Capitel.
Die  Commune  und  der  neuste  Standpunkt  der  Theorie.
In  einer  Gcscliiclite  der  Gedanken  können  die  Thatsachen
nur  nebenbei  und  ausnahmsweise  Erwähnung  finden.  Sogar
die  Organisationen  und  Agitationen,  welche  sich  unmittelbar
auf  die  Fortpflanzung  bestimmter  Lehren  richteten,  konnten
an  sich  selbst  für  den  Zusammenhang  unserer  Arbeit  kein
Interesse  haben,  und  es  war  daher  auch  nur  die  Rücksicht  auf
die  dabei  hervortretenden  Ideen  gewesen,  was  uns  für  die
Gegenwart  zu  Kennzeichnungen  in  dieser  Richtung  veranlasst
hatte.  Sowenig  es  angemessen  gewesen  wäre,  auf  das  ausserlich
  Thatsächliche  der  grossen  Französischen  Revolution,  die
1793  ihren  Höhepunkt  erreichte,  mehr  als  blos  hinzuweisen,
ebenso  unpassend  würde  für  den  Zweck  einer  Geschieht  der
socialitären  Volkswirthschaftslehre,  die  weder  eine  Geseich  e
fier  thatsäcblichen  Yolkswirthschaft,  noch  der  factischen  '
uind  aiüdi  nicht  einmal  der  einzelnen  sociahm  "Vfirsmdisgebilde
sein  soll,  das  Eingehen  auf  die  besondern  Eigenschaften  und
die  eigenthümliche  Gestaltung  eines  noch  so  grossen  Ereignisses ­
  der  Gegenwart  ausfallen.  Nur  in  der  Berührung  mit
dem  Gedankengehalt  oder  in  der  symbolischen  Vertretung  der
Ideen  ergiebt  sich  Angesichts  der  grössten  Action,  welche  das
19  Jahrhundert  für  die  Culturinteressen  aufzuweisen  hat,  auch
für  uns  eine  Aufgabe.  Von  jenen  Frühjahrsmonaten  1871,
während  deren  das  Proletariat  innerhalb  Paris  zum  ersten  Mal
in  der  Welt  wirkliche  Regierungsfunctionen  ausgeübt  hat,  datirt
  eine  neue  Aera  des  politischen  und  socialen  Bewusstseins.
Weit  bezeichnender  als  die  Pariser  Bluthochzeit  für  das  Wesen
der  Religionspolitik,  ist  die  Pariser  Maiblutwoche  mit  ihijn
vielen  Zehntausenden  von  systematisch  Massakrirten  für  die
Bourgeoispolitik  geworden,  wie  sie  sich  in  Frankreich  unter
der  civilen  Führerschaft  des  schutzzöllnerisehen  Erzbourgeois
Thiers  und  mit  dem  Zögling  der  Afrikanischen  Civilisation  Mac
Mahon  als  militai  rischer  Handhabe  typisch  ausgeprägt  hat.  Hie
Ausrottung  des  Proletariats  in  allen  seinen  bewussten  und  entwickelten ­
  Elementen  ist  auf  dem  Pariser  Schauplatz  derartig
inscenirt  worden,  dass  selbst  dem  Kenner  aller  Gräuel  der
Dühriiig,  Gescliichte  der  Nationalökonomie.  2.  Auflage.  37
        <pb n="593" />
        578

antiken  und  modernen  Geschichte  die  Yergleichungspunkte  für
die  Artung,  den  Umfang  und  die  Massenhaftigkeit  dieser  in
ihrer  Weise  einzig  dastehenden  Blutorgio  entschwinden.  Kein
Sulla  und  keine  Metzeleien  der  Römischen  Bürgerkriege,  ja
nicht  einmal  die  unterdrückten  Sklavenaufstände,  kurz  nicht
eine  einzige  der  Culturwürgereien  und  umfassenden  Schlächtereien, ­
  die  ausserhalb  des  eigentlichen  Kampfes  und  nachträglich ­
  an  wehrlosen  Menschenmassen  verübt  worden  sind,  reichen
aus,  um  dem  Verständniss  des  wahren  Charakters  und  Umfangs ­
  sowie  der  Einsicht  in  die  besondere  Niedertracht  nachzuhelfen, ­
  mit  welcher  die  Pariser  Scenen  ausgeführt  und  durch
welche  sie  ein  Alarmsignal  für  die  Arbeiterwelt  aller  Culturländer
  geworden  sind.  Die  antike  Aera  der  Proscriptioncn  ist
ebenfalls  eine  Kleinigkeit  in  Vergleichung  mit  den  nachträglichen ­
  Monstreverfolgungen  gewesen,  welche  sich  nach  den
Blutscenen  gegen  die  Bevölkerung  des  berühmtesten  Cultursitzes
  der  Welt  richteten,  und  bei  denen  man  ebenfalls  mit
einem  halben  Hunderttausend  unmittelbar  Betroffener  zu  rechnen ­
  hatte,  von  den  mittelbar  durch  die  Familienbande  Mitafficirten
  gar  nicht  zu  reden.  Die  Frauen  und  Kinder  hatten  auch
schon  zu  den  Blutopfern  und  zwar  ausserhalb  eines  Kampfes
ihr  Contingent  zu  vielen  Tausenden  stellen  müssen.  Yésinier,
der  sonst  keineswegs  drastische  oder  gar  eiserne  Kritik  übt,
berichtet  in  seiner  „Histoire  de  la  Commune  de  Paris”  (London
1871,  auch  Englisch  daselbst  1872)  sogar  von  einem  ganzen
Zehntausend  Frauen  und  Kinder,  welches  allein  schon  mit  dem
Abschluss  der  Maiwoche  massakrirt  gewesen  wäre,  und  von
einem  andern  Zehntausend  eben  dieser  Kategorie,  welches  man
eingekerkert  hätte.  Die  Zahlen  werden  wohl  vorläufig  nicht
genau  festgestcllt  werden;  aber  ein  rundes  Hunderttausend
theils  Massakrirter  theils  Eingekerkerter  wäre  an  sich  schon
eine  genügende  Erläuterung,  wenn  nicht  die  Art  und  Welsedes ­
  Verfahrens  noch  mehr  als  die  Massenhaftigkeit  spräche.
Die  Verwandlungen  von  hiezu  besonders  zusammengepferchten
Menschenknäueln  durch  die  Mitrailleusen  in  zerfetzte  Stücke
Menschenfleisch,  unter  denen  der  Zufall  aber  einige  noch  zu
lebendiger  Verscharrung  conservirte,  —  diese  Art  sogenannter
Hinrichtungen,  welche  die  Regel  bildete,  da  man  mit  der  Abthuung
  des  lebendigen  Menschenfleisches  sonst  nicht  hätte  fertig ­
  werden  können,  —  diese  Cultur-  und  Humanitätsfrüchte
        <pb n="594" />
        579

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  rzÆ—:  p™.
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*
##
lümn^m^dlGr'nmtsa^ien  zu
Elemente  waren  gemischt;  aber  das  proletarische  erw  «
gewaltig  und  hatte  so  entschieden  die  Initiative,  dass  es  de
ganzen  Acte  sein  Gepräge  aufdrückte.  Der  grösste  Theil  der
%ur  Gonmiune  Gev^äldten  bestand  aus  jirbeiternoder^^Lrheiter-
        <pb n="595" />
        580

führera,  und  die  Massengräuel  seitens  der  Versailler  haben  es
auch  vor  der  Welt  klar  genug  bestätigt,  dass  es  in  erster  Linie
das  Glasseninteresse  der  Französischen  Bourgeoisie  und  die
Niedertretung  des  Proletariats  war,  was  man  bei  der  Austilgung
der  Commune  im  Auge  hatte.  Die  Feinde  haben  also  durch
das  Zougniss  ihrer  eignen  Verhaltungsart  die  sooialistischo
Natur  des  Ereignisses  bescheinigt.  Nun  ist  es  freilich  zu
socialistischen  Maassregeln  nur  in  kleinen  Ansätzen  gekommen;
aber  aus  dem  einfachen  Grunde,  weil  man  vor  allen  Dingen
zu  kämpfen  hatte.  Zuerst  hatte  man  die  Innern  Rcactionen
des  Börsenviertels  zu  überwinden  und  später  der  Belagerung
die  Stirn  zu  bieten.  Man  war  in  die  Lage,  in  der  man  sich
befand,  mit  der  logischen  Macht  der  rollenden  Thatsachon
hineingeworfen  worden.  Das  wirkliche  Volk  hatte  unter  der
ersten  (Deutschen)  Belagerung  Waffen  erhalten  und  sic  handhaben ­
  gelernt.  Es  war  nichts  weiter  als  die  Erfüllung  einer  solchen
Vorbedingung  nüthig,  um  unter  allen,  also  auch  unter  den
ungünstigsten  Umständen  einen  proletarischen  Widerstand  gegen
die  Einführung  einer  Regierung  der  Privilegirten  zu  vcranlLren.
So  verzweifelt  die  Situation,  in  welcher  die  ganze  Action  vor
sich  ging,  dom  entfernteren  und  kälter  rechnenden  Betrachter
erscheinen  mochte,  so  war  sie  dennoch  keineswegs  ein  Wahnsinn ­
  der  Leidenschaft,  wenn  man  den  Standpunkt  und  die
nothwendige  Denkweise  des  Arbeiters  in  Anschlag  bringt.
Das  Würfelspiel  mit  dem  raschen  Tode  ist  für  diejenigen  nicht
so  schwer,  die  auf  ihrem  gewöhnlichen  Wege  zum  Grabe  eine
tödtlich  drückende  Last  hinschloppon.  In  der  einen  oder  der
andern  Form  musste  der  Kampf  um  Loben  und  Nichtloben  ja
doch  geführt  werden,  und  die  leiseste  Aussicht,  die-  Knechtsehaft
  abzüschütteln  und  die  socialen  Kotten  zu  sprengen,
musste  die  edleren,  den  Opfertod  nicht  blos  der  eignen  Person
sondern  auch  der  Angehörigen  nicht  scheuenden  Gefühle  wachrufen. ­
  Mit  diesem  grossen  Sinne  hielt  das  Pariser  Arboitorvolk
  fast  krampfhaft  die  Waffen  fest,  die  es  einmal  in  Ilândon
hatte.  Nicht  die  Internationale,  die  sich  nachträglich  von
London  aus  einen  viel  zu  grossen  Antheil  und  Einfluss  bei
den  Vorbereitungen  zuschrieb,  wie  namentlich  ihr  Pamphlet
.Der  Bürgerkrieg  in  Frankreich"  (Leipzig  1872)  beweist,  —  nicht
die  Internationale,  deren  Namen  und  Vertretung  in  Paris  auch
eine  sehr  selbständige,  oigonthümlich  Französische  Bedeutung
        <pb n="596" />
        581

hatte,  sondern  die  zwingende  Lage  hat  den  18.  März  und  die
Commune  goschaíFen.  Ihr  Ausgangs-  und  Stützpunkt  war  bedeutsamer ­
  Weise  eine  zugleich  militairische  und  dabei  vorwiegend ­
  proletarische  Macht,  nämlich  die  überwiegende  Mehrzahl ­
  der  Bataillone  der  Nationalgarde,  von  denen  das  ursprünglich ­
  agirendo  Centralcomite  gewählt  war.
3.  In  Rücksicht  auf  die  politischen  Formen  ist  allerdings
schon  der  Name  der  Commune  den  neuern  Grossstaaten  gegenüber ­
  eine  Anomalie.  Ein  Bündniss  der  grossen  Städte  Frankreichs ­
  sollte  die  Grundgestalt  des  politischen  Daseins  bilden,
um  so  die  Unterdrückung  der  städtischen  Elemente  durch  das
Werkzeug  des  platten  Landes  unmöglich  zu  machen.  Man
berief  sich  nicht  nur  auf  die  Rolle  der  Pariser  Commune  von
1793,  sondern  verstieg  sich  in  einigen  Schriftstücken  zur  Erinnerung ­
  an  die  uralte  Herkunft  communaler  Selbständigkeitsbestrebungen ­
  aus  dem  12.  Jahrhundert.  Paris  wollte  sich  so
ziemlich  als  selbständiger  Staat  constituiren  und  nur  in  den
unumgänglich  gemeinsamen  Angelegenheiten  föderative  Verbindlichkeiten ­
  eingehen.  Ihm  sollte  eine  eigne  Militair-,  Gerichts- ­
  und  Finanzhoheit  zukommen.  An  die  Stelle  des  stehenden ­
  Heeres  sollte  die  Bewaffnung  der  ganzen  Bürgerschaft
treten,  und  überhaupt  sollten  alle  Attribute  des  Staats,  soweit
sie  bestehen  blieben  oder  nach  der  socialistischen  Seite  auszudehnen ­
  wären,  für  Paris  eben  auch  der  Pariser  Regierung
angehören.  Selbstverständlich  hätte  sich  aus  den  grössern
städtischen  Einheiten  alsdann  föderalistisch  ein  planmässig
handelndes  Ganze  gebildet,  dem  sich  das  platte  Land  naturgemäss
  einfügen  musste.  Wenigstens  waren  dies  die  unter
solchen  Voraussetzungen  naheliegenden  Gesichtspunkte,  und
wenn  auch  die  Formen  des  Gewaltstaats  der  neuern  Jahrhunderte ­
  nicht  auf  dem  Wege,  an  den  die  Commune  dachte,
verschwinden  werden,  so  ist  doch  schon  überhaupt  der  Gedanke,
dass  dieser  Staat  nicht  die  letzte  geschichtliche  Form,  ja  überhaupt ­
  kein  Gebilde  von  grosser  historischer  Stabilität  sei,  von
bedeutender  Tragweite.  Ein  Föderalismus  irgend  welcher
Art  ist  freilich  unter  lauter  Gewaltverhältnissen  ein  unzulänglicher ­
  und  nicht  zum  Ziele  führender  Anknüpfungspunkt;  aber
ausser  der  individuellen  Freiheit  muss  auch  die  Freiheit  der
Gruppen  und  namentlich  der  grössern  Städte  den  Angelpunkt
        <pb n="597" />
        582

künftiger  Gestaltungen  bilden.  Der  weltgescbichtliche  Fortschritt ­
  pulsirt  da,  wo  die  grossen  Menschonmassen  zu  engem  Verkehr ­
  vereinigt  sind.  Es  ist  reactionär,  auf  die  Anhäufungen  des
Proletariats  und  auf  das  Riesenwachsthum  der  Gressstädte  im
Interesse  einer  vorläufig  noch  übel  angebrachten  und  falschen
Decentralisationsidee  wirthschaftlicher  oder  politischer  Art  in  der
bekannten  Manier  zu  schelten.  Die  Zeit  der  Ausgleichungen  wird
kommen;  aber  zunächst  führt  der  Weg  der  omancipatorischen
Politik  durch  die  Verstärkung  dos  thatsächlichen  Einfiusscs  der
Gressstädte  auf  die  Geschicke  der  Länder.
Die  angedeuteto  communalistische  Politik  ist  ebenfalls  ein
Grund  gewesen,  den  vorherrschend  proletarisch  socialistischen
Charakter  der  Communekundgebung  zu  verkennen.  Dies  rührt
aber  daher,  dass  man  dem  bisherigen  Socialismus  gegenüber
nicht  daran  gewöhnt  ist,  auf  ein  eigenthürnliches,  von  dem
Gewaltstaat  abweichendes  System  rein  politischer  Formen  zu
treffen.  Dennoch  ist  die  Ausbildung  eines  solchen  Systems
unumgänglich,  und  die  herkömmliche  Vorstellung,  dass  die
Functionen  des  Staats  blos  socialistisch  auszudohnen  wären,
muss  unter  Anwendung  auf  überlieferte  Gewaltstaatsformen
zu  den  wunderlichsten,  zum  Theil  reactionären  Ergebnissen
und  zu  den  auch  an  sich  unhaltbarsten  Folgerungen  führen.
An  die  Commune  knüpft  sich  daher  die  Lehre,  dass  der
politisch  formale  Theil  des  Socialismus  noch  stark  im  Rückstände ­
  ist.  Alle  Formen  und  Theile  des  öffentlichen  Daseins
sind  an  der  socialitären  Idee  zu  messen  und  in  Um-  oder
Neubildungen  in  einem  den  Gesetzen  der  menschlichen  Natur
entsprechenden  Entwurf  sichtbar  zu  machen.  Ohne  eine  bestimmte ­
  Vorstellung  von  den  künftigen  Formen  des  politischen
Gemeinlebens  kann  es  keinen  nach  allen  Richtungen  anwendbaren ­
  Socialismus  geben.
Die  handelnden  Personen  der  Commune  sind  sich  in  einer
wichtigen  politischen  Beziehung,  nämlich  in  dem  Charakter  der
Maassregeln,  welcher  der  eisernen  und  drohenden  Lage  entsprochen ­
  hätte,  nicht  hinreichend  klar  gewesen.  Auch  könnte
man  sogar  einen  Mangel  an  moralischem  Muth  zu  energisch  durchgreifenden ­
  Verhaltungsarten  finden  wollen,  wenn  nicht  einerseits
die  humanitäre  Milde  und  andererseits  die  precäro  nicht  selbst
geschaffene  Lage  die  Erklärungsgründe  der  Unsicherheiten  des
        <pb n="598" />
        583

Verfahrens  lieferten.  Man  hatte  auf  Veranlassung  der  Erschiessungen
  und  noch  schlimmeren  Gräuel,  deren  sich  die
Versailler  gegen  die  Gefangenen  schuldig  machten,  ein  Decret
erlassen,  demzufolge  die  gefangenen  Spione,  die  man  nach  dem
gemeinen  Völkerrecht  einfach  tödten  konnte,  sowie  die  mit  den
Versaillern  conspirirenden  Personen  nach  einem  sorgfältigen,
mit  allen  Bürgschaften  freier  Vertheidigung  umgebenen  gerichtlichen ­
  Verfahren  dazu  verurtheilt  werden  konnten,  als  Geiseln
detinirt  zu  bleiben.  Man  hatte  den  Versailler  Verfalirungsarten
und  Gräueln  gegenüber  gedroht,  auf  jede  Erschiessung  mit  der
dreifachen  Anzahl  zu  antworten,  die  jedesmal  aus  den  erwähnten ­
  Geiseln  auszuloosen  wäre.  Man  hatte  aber  diese  Repressalien ­
  nicht  ausgeführt,  und  als  den  Versaillern  von  Neuem
der  Kamm  zu  besondern  Unthaten  in  Folge  der  menschlichen
Milde  ihrer  Feinde  geschwollen  war,  das  Decret  nach  mehreren
Wochen  formell  in  Erinnerung  gebracht,  aber  dann  wiederum
ohne  Ausführung  gelassen.  Eine  wirkliche  Erschiessung  von
Geiseln  hat  erst  stattgefunden,  als  keine  Communeregierung
mehr  existirte  und  die  furchtbar  blutige  Maiwochc  einige
Nationalgarden  antrieb,  auf  eigne  Hand  ihre  ermordeten  Frauen,
Kinder  und  Väter  durch  Execution  von  64  Detinirten  zu
rächen.  Ein  solcher  Act  war  allerdings  keine  Gerechtigkeit;
die  Commune  hätte  ihn  nicht  vornehmen  können,  theils  weil
er  ihrer  bisher  geübten  Humanität  nicht  entsprach,  theils  weil
er  auch  in  gar  keinem  Verhältniss  zu  dem  Umfang  und  der
Artung  der  Versailler  Metzeleien  und  raffinirten  Gräuel  gestanden ­
  haben  würde.  Die  Commune  hatte  nichts  gethan,  als
man  formell  die  Nothzüchtigungen  von  weiblichem  Personal  der
Ambulanzen  durch  die  Versailler  mit  den  darauf  folgenden
sofortigen  Füsilirungen  dieser  Frauen,  als  dem  würdigen  Nachspiel ­
  der  gewaltsamen  Geschlechtsacte,  festgestellt  hatte.  Sie
hatte  nichts  gethan,  als  gleiche  Thaten  und  Massakrirungen  in
friedlichen  Wohnungen,  wo  sich  zufällig  verpflegte  Verwundete
gefunden  hatten,  vor  den  Augen  geknebelter  und  im  Todeskampf ­
  ringender  Eltern  an  ihren  Töchtern  verübt  wurden  und
mit  der  Metzelei  der  Reste  und  ganzen  Familien  abschlossen.
Sie  war  mit  einem  das  verruchteste  Räuberthum  in  mehreren
Richtungen  überbietenden  Feinde  nach  Grundsätzen  einer  milden ­
  Humanität  verfahren,  wie  sie  fast  nur  in  der  Gegenseitigkeit ­
  idealer  Zustände  und  eines  selbst  im  Streite  nicht  auf-
        <pb n="599" />
        684

hörenden  Wohlwollens  denkbar  sein  würde.  Wie  hätte  man
von  ihr  die  naturwüchsige  Rache  und  ein  eigentliches  Volksgericht ­
  zu  gewärtigen  gehabt?
Selbst  der  letzte  Verzweiflungskampf,  der  zum  grossen
heil  nicht  mehr  als  einheitlich  von  der  Commune  geleitet  angesehen ­
  werden  kann,  bekundete  noch  erstaunliche  Rücksichten. ­
  Die  Versailler  hatten  ihrerseits  bedeutende  Brände  verursacht; ­
  sie,  die  schon  früher  die  Pariser  Ambulanzeinrichtungen ­
  der  ihnen  befreundeten  Gesellschaft  des  rothen  Kreuzes
beschossen  hatten,  waren  nicht  die  Leute,  irgend  etwas  zu
schonen.  Die  auf  das  Aeusserste  gebrachten  Communards  haben ­
  aber  Angesichts  des  sichern  Todes  nur  einige  strategisch
durchaus  noth  wendige  Wegräumungen  veranlasst.  Auch  das
Petroleum  ist  von  den  Versaillern  noch  in  schlimmerer  Weise
gebraucht  worden,  als  zur  Füllung  von  Bomben,  von  denen
man  immer  nur  zur  Belastung  der  Gegenseite  spricht,  —  nämlich ­
  zur  Verbrennung  von  Tausenden  eben  Niedergemetzelter,
was  nicht  einmal  eine  eigentliche  Leichenverbrennung  ergab,
da  die  uninässig  aufgehäuften  blutenden  Massen  Menschenüeisches
  sofort  auf  frischer  That  vertilgt  werden  sollten,  um  nicht
in  zu  dichten  Stapelungen  als  lästige  Zeugen  der  concentrirtesten
  Massacres  übrig  zu  bleiben.  Was  sind  gegenüber  solchen
  öcenen  einige  brennende  Gebäude?
4.  Zwischen  dem  18.  März  und  der  Katastrophe  der  letzten ­
  Maitage  liegen  einige  politische  und  socialitäre  Ansätze
oder  Kundgebungen,  die  für  uns  als  Kennzeichen  des  proletarischen ­
  und  socialistischen  Charakters  der  Commune  einigen
Werth  haben,  obwohl  sie  eigentlich  nur  gelegentliche  Symptome
des  tiefer  wurzelnden  Gesammtgeistes  waren.  Vor  den  Wahlen
und  nach  ihnen  hatte  sich  bei  den  leitenden  Instanzen  auch
schon  das  Schlagwort  der  Beseitigung  der  Ablohnungsarbeit
oder  eine  andere  ähnliche  Ausdrucksweisc,  wie  z.  B.  „Ausgleichung ­
  der  Arbeit  und  des  Lohnes”  oder  „Verallgemeinerung
des  Eigenthums”  geltend  gemacht.  Die  von  einer  Pariser  Internationalen ­
  Unterzeichneten  Schriftstücke  waren  aber  im  Programm ­
  nicht  sehr  bestimmt  und  mischten  noch  allerlei,  wie
z.  B.  die  Organisation  des  Credits  ein,  die  offenbar  nach  einer
Abschabung  der  Lohnarbeit  den  geringen  Sinn,  den  sie  sonst
allenfalls  haben  könnte,  vollends  verliert.  Das  Gesetz  über
die  Miethen  war  eine  Gelegenheits-  und  Ausnahmomaassrogol;
        <pb n="600" />
        585

es  entband  von  den  Rückständigkeiten  und  Zahlungen  für  die
Quartale  der  Belagerung  und  der  noch  bestehenden  anomalen
Zustände.  Auch  blos  moratorische  Hinausschiebungen  anderer
Art  wären  zu  erwähnen,  wenn  diese  nicht  ein  altes  Auskunftsmittel ­
  bildeten,  welches  den  specifischen  Socialismus  nichts  angeht.
  Verlassene  oder  ausser  Thätigkeit  gesetzte  industrielle
Etablissements  mussten  den  Arbeitern  wieder  eröffnet  werden.
In  finanzieller  Beziehung  setzte  man  das  höchste  Maass  der
Beamtengehälter  auf  die  bescheidene  Summe  von  6000  Fr.
herab.  Die  höchsten  Functionäre  der  Commune  und  unter
ihnen  ihr  Finanzminister  waren  aber  thatsächlich  für  Tagelöhne
thätig,  wie  sie  auch  von  blossen  Arbeitern  bezogen  werden.
Die  finanzielle  Zurückhaltung  der  Commune  hat  selbst  die
Feinde  überrascht,  und  die  musterhaft  sparsame  Finanzverwaltung ­
  bildet  einen  Glanzpunkt  inmitten  jener  gährenden  und
rasch  wechselnden  Verhältnisse.
In  ihrer  Erklärung  an  das  Französische  Volk,  abgedruckt
in  ihrem  „Journal  officiel”  vom  20.  April,  hat  die  Commune  in
sehr  gemässigter  Weise  die  Gründe  der  heutigen  Knechtschaft
des  Proletariats  in  den  verschiedenen  Richtungen  der  privilegirten
  Institutionen  des  alten  Staats  und  der  alten  Gesellschaft
mit  Rücksicht  auf  Priesterthum,  Beamtenthum  und  wirthschaftliche
  Ausbeutung  und  Corruption  wenigstens  im  Allgemeinen
bezeichnet.  Was  sie  in  vereinzelten  Richtungen  zu  thun  oder
wenigstens  zu  unternehmen  vermochte,  kann  als  Erläuterung
ihrer  auf  das  sittlich  Wahre  und  auf  das  natürlich  Gerechte
abzielenden  Bestrebungen  dienen.  Sie  emancipirte  den  Unterricht ­
  völlig  von  der  Priesterleitung  und  wies  das  Priesterthum
in  seine  privaten  Schranken.  Sie  verurtheilte  den  Geist  des
Raubes  und  der  Eroberung,  indem  sie  symbolisch  mit  dem
Umstürzen  der  Napoleonssäule,  des  Denkmals  der  kriegerischen
Unterwerfungen,  die  unnützen  Völkerkämpfe,  durch  welche
grosse  Volkszwecke  nicht  gefördert  werden,  als  in  ihren  Augen
verworfen  signalisirte.  Dem  eigentlichen  Volk  und  seiner  naturwüchsigen ­
  Moral  entsprach  sic  aber  in  der  eminent  socialen
Maassregel,  durch  welche  die  natürlichen  Familienbande  gegen
das  Privilegium  der  bevorzugten  Vereinigungen  gewahrt  werden ­
  sollten.  Sie  stellte  nämlich  die  unehelichen  Kinder  den
ehelichen  gleich,  wodurch  sie  allerdings  zunächst  schroffe  Consoquenzen,
  abpr  auf  die  Dauer  ein  besseres  Recht  und  bessere
        <pb n="601" />
        586

Pflichten  geschaffen  haben  würde.  Sie  versuchte  sich  an  der
Beseitigung  der  Prostitution.  Sie  verbot  die  Hazardspiele  und
handelte  in  allen  Richtungen  im  Sinne  einer  natürlichen  und
veredelten  Moral,  die  scharf  mit  der  Laxheit  und  Corruption
der  vorherrschenden  Gesellschaftsethik  contrastirt.  Bereits  in
den  politischen  Verhandlungen  hatten  die  Begründer  der  Commune ­
  in  ihren  Wahlmanifesten  eine  so  edle  und  einfache
Sprache  geführt,  wie  sie  sonst  bei  Wahlacten  in  der  herrschenden ­
  Gesellschaft  unerhört  ist.  Sie  hatten  aufgofordert,  diejenigen ­
  Manner  zu  wählen,  welche  sich  nicht  verdrängen  ;  denn  es
zieme  sich  nicht,  dass  sich  die  Candidaton  werbend  präsentiren,
sondern  dass  sie  vom  Volke  gesucht  und  hervorgezogon  werden. ­
  Man  vergleiche  nun  hiemit  die  üblichen  Verfahrungsarten,
an  deren  üngohörigkeiten  kein  Anstoss  genommen  wird,  und
bei  denen  der  natürliche  Anstand,  wo  er  sich  überhaupt  je
schüchtern  geregt  haben  mag,  längst  verschollen  ist.  Man  fühlt
sich  wie  in  einer  andern  politischen  Welt,  wenn  man  die  Kundgebungen ­
  liest,  in  welchen  die  einfachen  und  damals  namenlosen ­
  Männer  des  Contralcomite  endlich  einmal  wieder  Einiges
aus  der  unbekannt  gewordenen  Sprache  der  Natur  und  des
schlichten  Sinnes  vornehmen  Hessen.  Verglichen  mit  der  diesen ­
  Volksregungen  feindlichen  Welt  der  intriguanton  und
hinterhältigen  Drechselkünstler,  die  am  historisch  faulen  Holz
herumschnörkeln,  nimmt  sich  der  moralische  Geist  eines  grossen
Theils  jener  Männer,  durch  welche  die  proletarische  Bewegung ­
  inaugurirt  wurde,  als  ein  erfrischender  Luftzug  inmitten
einer  Sumpfatmosphäro  aus.
5.  Die  Blutströme,  um  deren  Preis  der  Gewaltstaat  und
das  Gewalteigenthum  in  Frankreich  aufrecht  erhalten  worden
sind,  haben  mehr  als  alle  bisherigen  theoretischen  Systemversuche ­
  des  Socialismus  dazu  beigetragen,  die  Gedanken  der
besser  Gesinnten  aufzurütteln  und  aus  dem  voreiligen  Humanitätstraum ­
  zu  reissen.  Die  Aera  thatsächlichor  Brutalität  inmitten ­
  ideeller  Humanität,  deren  Anhänger  das  Opfer  ihrer
wohlwollenderen  Behandlungsart  der  Dinge  und  Menschen
wurden,  —  diese  factische  Herrschaft  frivoler  Brutalität,  welche
für  das  letzte  Drittel  des  laufenden  Jahrhunderts  mit  besonderm
  Nachdruck  eingeleitet  und  bei  dem  Pariser  Kampfe  in
einer  Riesenprobe  von  Scheusslichkeit  der  Welt  allseitig  sichtbar ­
  vorgeführt  worden  ist,  hat  nicht  blos  das  Wissen  sondern
        <pb n="602" />
        587

auch  das  Wollen  der  denkenden  und  im  wahren  Sinne  des
Worts  menschenfreundlichen  Naturen  sehr  entschieden  afficiren
müssen.  Die  Lage  ist  seitdem  viel  klarer  geworden.  Man
täuscht  sich  nicht  mehr  über  die  gewaltigen  Schwierigkeiten,
die  sich  einer  bessern  Art  der  Entwicklung  entgegenstellen.  Die
kurzsichtige  Verranntheit  und  der  frivole  TJebermuth  sind  auf
der  einen  Seite  so  gross,  dass  die  Chancen  einer  von  der  andern ­
  Seite  her  zu  bewerkstelligenden  Verständigung  äusserst
gering  erscheinen  müssen.  Welche  Gestalt  aber  auch  immerhin ­
  die  Schicksale  der  modernen  Gewaltgesellschaften  annehmen ­
  mögen,  so  bleiben  die  leitenden  Ideen  der  Um-  und  Neubildung ­
  doch  an  sich  selbst  unbetroffen.  Die  Formen  der  Ausführung ­
  und  die  Zwischenschicksale,  die  sich  bis  zu  einem
Hauptstadium  einschieben  mögen,  sind  Fragen  zweiter  Ordnung.
Wenn  sich  zwei  Personen  mit  einander  in  irgend  einer  Beziehung ­
  zu  arr  an  giren  haben,  so  hängt  die  besondere  Gestalt,  in  welcher ­
  die  Auseinandersetzung  stattfinden  mag,  von  dem  Wissen
und  Wollen  der  Betheiligten  ab.  Der  Mangel  an  Einsicht  und
gutem  Willen  oder  auch  blos  an  dem  letzteren  braucht  nur  bei
der  einen  Partei  vorhanden  zu  sein,  um  jede  gemeinschaftliche
Lösung  auszuschliossen  und  den  Weg  des  Hasses  allein  noch
ofifenzulassen.  Diese  traurige  Nothwendigkeit,  vermöge  deren
der  Mensch  für  den  Menschen  immer  mehr  ein  Unheil  und
eine  drohende  Gefahr  wird,  kann  zwar  auch  dann,  wenn  sie
auf  keiner  Seite  zu  einem  dauernden  Siege  führt,  schon  an
sich  selbst  durch  das  Uebermaass  der  Uebel  eine  Besinnung
der  Gemüther  auf  das  Bessere  mit  sich  bringen,  bleibt  aber
zunächst  immer  und  unter  allen  Umständen  eine  schlimme  Instanz, ­
  welche  auch  die  Muthigsten  und  Abgehärtetsten  sich  und
Andern  gern  ersparen  würden.
Schon  wir  jedoch  von  den  Unterschieden  der  einen  oder
andern  Art  und  Weise  ab,  in  welcher  sich  die  socialitären
Noth  Wendigkeiten  vollziehen  müssen,  und  richten  wir  unser
Augenmerk  ausschliesslich  auf  die  Gestalt  der  für  den  neusten
Standpunkt  gewonnenen  oder  in  bestimmterer  Gestalt  noch
gewinnbaren  Ideen.  Vor  Allem  ist  es  nicht  der  am  falschen
Orte,  nämlich  bezüglich  der  Kräfte  und  Eigenschaften  des  Arbeitorstandes
  bothätigte  Pessimismus,  sondern  dessen  Gegentheil,
  womit  wir  zu  rechnen  haben.  In  ihren  normalen  Einrichtungen ­
  vereinigt  die  Natur  zwei  Bestandtheile,  um  den
        <pb n="603" />
        588

vollkommensten  Antrieb  zu  einer  Handlung  hervorzubringen
und  hiemit  diese  Handlung  selbst  allgemein  nothweiidig  zu
machen.  Sie  erzeugt  eine  Empfindung  des  Mangels  und  zugleich ­
  das  Vorgefühl  der  Befriedigung.  Sie  begleitet  aber  beide
Empfindungen  mit  dem  Bewusstsein  der  eignen  Fähigkeit  und
Kraft,  so  dass  neben  dem  Guten  der  Situation  das  Peinliche
nur  unter  besondern  Umständen  ein  schmerzhafter  Stachel
wird,  übrigens  aber  nur  ein  gelinder  Anreiz  bleibt.  Man  wende
nun  das  Gesetz  der  physiologischen  Oekonomio  der  Natur  auf
die  socialen  Verhältnisse  an,  in  denen  sich  der  Arboiterstand
befindet,  und  man  wird  richtiger  urtheilen,  als  wenn  man  den  Unwahrheiten ­
  eines  beschönigenden  und  ruhesüchtigen  Optimismus
oder  aber  eines  mit  unterschiedsloser  Schwärze  färbenden  Pessimismus ­
  folgt.  Das  völlige  Elend  ist  zu  schwach,  um  actionsfähig ­
  zu  sein;  auch  entspringt  aus  dem  Uebermaass  der  Fortschritte ­
  des  Heruntorkommens,  ja  überhaupt  aus  einer  fortdauernd ­
  abwärts  gehenden  Bewegung  keine  Aussicht  darauf,
durch  eigne  Kraft  eine  durchgreifende  Veränderung  bewirken
zu  können.  Die  Lage  des  Arbeiterthums  muss  sich  trotz  aller
Klemmen  und  Peinlichkeiten,  ja  ungeachtet  wirklicher  Rückschritte ­
  oder  Verkommenheiten  einzelner  Gruppen,  im  Allge*-meinen
  verbessern.  Nicht  nur  die  Gesammtkraft  muss  durch
die  Zahl  und  die  Vereinigung  steigen,  sondern  auch  der  Einzelne ­
  muss  etwas  von  der  ökonomischen  und  sonstigen  Kraft
für  die  Sache  der  Emancipation  einsetzen  können,  wenn  die
Selbstbefreiung  nicht  ein  leeres  Wort  bleiben  soll.  Hätten  die
von  der  Neubrittischen  Oekonomie  borgenden  Socialismustheorien, ­
  also  beispielsweise  die  von  Marx  und  Lassalle,  wesentlich
Recht,  und  wäre  die  Umwälzung  der  Auffassungsart,  die  von
jüngerem  Datum  ist,  als  jene  in  Rücksicht  auf  eigentliche
Volkswirthschaftslehre  noch  altfränkischen  Doctrinen,  eine
blosse  Illusion,  so  würde  allerdings  an  dem  socialitären  Heil
zu  verzweifeln  und  die  allseitige  Corruption  der  Verhältnisse
die  einzige  Aussicht  sein.  Die  Erhebung  der  Bourgeoisie  über
den  Feudalismus  musste  durch  das  Wachsen  ihrer  Kräfte  und
Fähigkeiten  vorbereitet  werden.  Wie  sollte  es  mit  dem  Arbeiterthum ­
  anders  gehen  können?  Man  hüte  sich  daher  zu  glauben,
dass  die  Elendslogik  die  einzige  oder  auch  nur  eine  sichere
Stütze  der  Ableitung  socialistischer  Nothwendigkoiten  sei.
Nicht  ein  Gesetz  des  geringsten  Unterhaltsmaasses  macht  die
        <pb n="604" />
        589  —

Lage  des  Arbeiterstandes  unhaltbar,  sondern  es  ist  die  Lohnabhängigkeit ­
  und  die  damit  verbundene  Demüthigung  und
Unsicherheit  an  sich  selbst,  was  auch  Angesichts  besserer  Löhne
das  ganze  Vorhältniss  auf  die  Dauer  als  ein  sittlich  unzulässiges
und  zu  beseitigendes  kenntlich  machen  müsste.  Die  wirthschaftlicho
  Unmündigkeit,  die  in  der  Unselbständigkeit  liegt,  wird  in
den  Krisen  sowie  in  den  sich  chronisch  fortschleppendcn
Existenzschwierigkeiten  besonders  sichtbar;  aber  sie  würde
auch  ohne  so  nachdrückliche  Wirkungen  eine  arge  Unvollkommenheit ­
  sein,  über  welche  die  Entwicklungsgeschichte  unter
allen  Umständen  hinausgelangen  müsste.  Die  peinlichen  Verschärfungen ­
  der  Lage  können  als  Aufrüttlung  aus  der  Trägheit
und  den  auferlegten,  fast  zur  zweiten  Natur  umgeschaffenen
Unterwürfigkeitsgewohnheiten  gelten.  Es  ist  aber  ein  Glück,
dass  im  Allgemeinen  stets  Gruppen  existiren,  deren  Lebensniveau ­
  steigt,  und  dass  nicht  die  begleitenden  Uebel,  sondern
nur  das  Bewusstsein  solcher  Uebel  an  Umfang  zunimmt.
Ebenso  ist  es  nicht  die  Aneignung  von  der  andern  Seite,
sondern  das,  was  der  Arbeiter  trotz  dieser  Aneignung  unter
den  Gesetzen  der  modernen  Volkswirthschaft  festzuhalten  vermag, ­
  wodurch  seine  Chancen  auf  Emancipation  steigen.  Nicht
eine  Ausräubung,  welche  einst  durch  einen  entgegengesetzten
Raub  auszugleichcn  wäre,  bahnt  etwa  pessimistisch  den  Weg
zu  bessern  Zuständen,  sondern  die  stetige  Lockerung  und  Untergrabung ­
  der  gegnerischen  Ausbeutungsmacht,  verbunden  mit
dem  Gewinn  von  Kraft  zu  eigner  Initiative,  liefert  das  sichere
und  nachhaltige  Mittel  der  Umschaffung  des  gesellschaftlichen
Verfassungszustandes.  Der  Pessimismus  ist  höchstens  der
Bourgeoisie  und  ihrem  Verfall  gegenüber  am  Platze;  soll  er  aber
durchaus  doppelseitig  sein  und  beide  Schichten,  also  neben  dem
Ueberbau  auch  die  breite  Grundlage  der  Gesellschaft  betreffen,
so  würde  die  Gewaltgesellschaft  nicht  in  eine  neue  bessere
Form,  sondern  zunächst  in  eine  blosse  Zerrüttung  durch  gegenseitige ­
  Olassenbrigandage  in  jenem  von  Rousseau  gefürchteten
Sinne  auslaiifen.
(5.  Die  Gewaltgesellschaft  hat  neben  der  militairischen
und  materiellen  auch  eine  geistliche  Stütze,  durch  welche
ihre  Einrichtungen  getragen  werden.  Dieser  letzteren  gegenüber ­
  ist  der  Pessimismus  am  Platze,  indem  er  mit  der
Zersetzung  und  dem  Verfall  der  das  menschliche  Gemttth  in
        <pb n="605" />
        590

Untertliäiiigkeit  niederhaltenden  Systeme  rechnet.  Er  muss
sich  aber  durch  eine  positive  und  auf  das  Gute  ausschauende
Macht  ergänzen,  vermöge  deren  die  frühere  geistige  Sklaverei
durch  ein  freies,  in  keiner  Beziehung  autoritäres,  aber  mit
directer  Erkenntniss  erfülltes  Welt-  und  Lobensbewusstscin
höherer  Art  zu  ersetzen  ist.  Ein  solches  Bewusstsein  schliesst
alle  Arten  der  Zauberei  und  Magie  sowie  hiemit  auch  zugleich
jeden  Quitus  und  jede  Rechnung  mit  phantastischen,  ausserhalb
der  materiellen  und  ideellen  Ursächlichkeit  liegenden  Gebilden
aus.  Es  liefert  mithin  den  höchsten  geistigen  Ausgangspunkt
für  die  universelle  und  völlig  rationelle  Socialisirung  der  menschlichen ­
  Verhältnisse.
Demnächst  kommt  für  den  allgemeineren  Socialismus  die  militairische
  Gestaltung  in  Frage,  indem  hier  über  die  erste  und
gröbste  Abhängigkeit  des  Menschen  vom  Menschen  entschieden
wird.  Die  Thoilung  der  Gesellschaft  und  der  Staatsangehörigen
in  solche,  welche  ausschliessliche  Verfügungskraft  über  dio
Waffen  haben,  und  in  solche,  welche  wehrlos  erhalten  werden,
ist  mit  dem  Ideal  socialitärer  Freiheit  und  Gerechtigkeitsverbürgung ­
  unverträglich.  Schon  Adam  Smith  verglich  den  Waffenlosen ­
  mit  einem  Verstümmelten.  Die  Vergesellschaftung  zur
Ausübung  jener  gröberen,  aber  als  letztes  Mittel  nicht  auszumerzenden ­
  Actionsart  muss  an  die  Stelle  der  einseitigen  Auferlegung ­
  treten.  Zunächst  würde  beispielsweise  der  Grundsatz
der  Wahl  militairischer  Functionäre  aller  Stufen  von  unten
her,  verbunden  mit  der  thatsächlichen  allgemeinen  Zugänglichkeit ­
  der  technischen  Vorbildung,  ein  kleiner  Anfang  der  Reorganisation ­
  sein.  Auf  eine  Herabminderung  der  militairisch  verfügbaren ­
  Kräfte  würde  Angesichts  der  barbarisch  drohenden
Staatsgebilde  des  unentwickelteren  Auslandes  für  das  erste
socialistische  Gemeinwesen  so  wenig  zu  rechnen  sein,  dass  im
Gegentheil,  ähnlich  wie  bei  der  ersten  Französischen  Revolution,
ein  viel  grösseres  Aufgebot  und  die  höchste  Anspannung  der
Wirkungsfähigkeit  die  Folge  sein  müsste.  Die  socialitäre
Gesellschaft  würde,  wo  sie  auch  zuerst  entstünde,  eine  Coalition
von  anderartigen  Gemeinwesen  gegen  sich  in  Waffen  sehen
und  sich  mithin  das  Recht  auf  Existenz  in  der  umgebenden
Welt  erst  kämpfend  sicherzustellen  haben.  Das  System  des
Socialismus  muss  seine  auswärtige  Politik  haben,  so  gut  wie
die  bisher  von  der  Geschichte  entwickelten  Gebilde  die  ihrige
        <pb n="606" />
        591

international  ausûben,  indem  sie  sich  auch  im  Wege  auswärtiger ­
  Action  bemühen,  die  ihrer  innern  Herrschaft  widerstrebenden ­
  Elemente  oder  Formen  aller  Orten  am  Aufkommen  zu
hindern.  Der  Weg  des  internationalen  Zusammenwirkens  verhältnissmässig
  nur  lose  verbundener  Gruppen  kann  aber  für
den  Socialismus  nur  als  provisorische  Hülfe  gelten.
An  die  militairsocialistische  Organisation  schliesst  sich  die
politische  Functionentheilung  als  nächste  Aufgabe  einer  vollständigen ­
  Theorie  des  socialitären  Systems.  Die  Richterfunction
ist  hier  der  erste  Gegenstand  ;  sie  darf  gleich  allen  öffentlich ­
  organischen  Thätigkeiten  nicht  im  Namen  einer  einseitigen
autoritären  Macht,  sondern  nur  als  eine  nach  dem  Princip  der
Gleichheit  organisirte  und  wahrhafte,  das  Wort  zu  Ehren
bringende  Volksjustiz  ausgeübt  werden.  Obwohl  hier  nicht
näher  auf  die  Möglichkeit  einer  solchen  Einrichtung  eingegangen ­
  werden  kann,  so  ist  doch  klar,  dass  eine  entscheidende
Veränderung  im  Princip  der  Constituirung  militairischer  Organe
auch  verstauet,  die  Bürgschaften  der  Gerechtigkeit  auf  andere
als  die  bisherigen  Grundlagen  zu  stellen.  Für  die  sonstigen
Aemter  würde  sich  eine  ähnliche  Consequenz  ergeben.  Mit
der  Gewaltabhängigkeit  des  Menschen  vom  Menschen  würde
auch  das  weitere  Zubehör  in  den  bisherigen  Rechts-  und  WirthschaftsVerhältnissen
  fortfallen  und  der  Gewaltstaat  oder  die
Gewaltgesellschaft  durch  ein  freieres,  auf  einer  höheren  Gerechtigkeit ­
  ruhendes  Gebilde  ersetzt  werden.
Heberhaupt  würde  für  das  Politische  der  Grundsatz  des
laisser  faire,  der  sonst  nur  für  das  Individuum  und  die  Wirthschaft
  gelten  sollte,  dadurch  wieder  zu  Ehren  zu  bringen  sein,
dass  man  ihn  zunächst  auf  das  Gebiet  des  sogenannten  Vereinsrochts
  an  wendete  und  für  die  Individuen  eine  collective  politische
Associationsfreiheit  durchsetzte.  Auf  diese  Weise  würde  ein
wahrhaftes  Vereinigungsrecht,  d.  h,  die  Abwesenheit  des  Unrechts, ­
  welches  in  der  Verhinderung  der  Vereinigungen  liegt,
der  Ausgangspunkt  für  einen  Neubau  werden,  der  sich  inmitten
des  Verfalls  der  alten  Bindemittel  der  Gewalt  aufführte.
Zwischen  die  ruinenartigen  Staatsreste  würde  sich  eine  neue
politische  Welt  einschieben  und  den  positiven  Halt  der  ferneren
Geschlechter  bilden,  während  die  alten  Institutionen  mit  der
Gewalt  als  entscheidender  Grundlage  dem  Absterben  anheimfielen. ­
  Wenigstens  kann  der  Gewaltstaat  ein  ähnliches  Schicksal
        <pb n="607" />
        592

wie  die  Kirche  haben,  indem  mächtigere  Collectivkräfte  zuerst
neben  ihm  und  schliesslich  über  ihm  zum  Selbstbewusstsein
und  zur  Organisation  gelangen.
Aehnlich  wie  die  politischen  Gruppirungen  würden  auch
die  rein  socialen  eine  durchgreifende  Aenderung  zu  erfahren
haben;  namentlich  würde  der  brutale  Zwang,  der  die  Geschlechtsverhältnisse
  prostituir!,  freieren  und  edleren,  mit  mehr  Moralität
vereinbaren.  Formen  des  Zusammenlebens  und  der  Verpflichtung ­
  zur  individuellen  Sorge  für  den  Nachwuchs  weichen  müssen.
Die  Bevölkerungsfrage  würde  vorläufig  die  Anzahl  noch  gar
nicht,  um  so  mehr  aber  die  Beschaffenheit  des  Nachwuchses  berühren. ­
  Die  Rechte  der  beiden  Geschlechter  würden  auf  Grundlage ­
  der,  unabhängig  von  einer  Ehe,  an  sich  selbst  gesicherten
ökonomischen  Existenz,  weit  leichter  im  Sinne  einer  gleichen
Selbständigkeit  und  einer  Fähigkeit  zu  den  öffentlichen  Rechten
geordnet  werden  können,  als  dies  von  unserm  heutigen  Standpunkt ­
  aus  vorstellbar  erscheint.  Die  heerdenartige  Existenz
im  Sinne  des  Polypendaseins  und  eine  falsche  sogenannte
Nationalerziehung,  ja  überhaupt  jedes  kasernenartige  Unterrichtssystem, ­
  wären  hiemit  ausgeschlossen.
7.  Im  rein  wirthschaftlichen  Gebiet  wird  die  Ordnung  der
Privatrechtsverhältnisse,  welche  das  Recht  an  der  Arbeitskraft
beeinträchtigen,  zunächst  durch  Beseitigung  des  Gewalteigenthums ­
  vorzubereiten  sein.  In  dieser  Beziehung  verweise  ich
auf  die  Besprechung  der  socialitären  Schemata  in  meinem  Cursus
der  National-  und  Socialökonomie.  Die  auf  den  Verbrauch
und  Genuss  bezüglichen  Sitten  müssen  sich  von  selbst  verbessern, ­
  sobald  der  Grundsatz  der  Gleichberechtigung  in  der
Menge,  wenn  auch  nicht  in  der  Art  des  Verzehrs  auch  nur
zu  annähernder  Verwirklichung  gelangt.  Das  Geldsystem  wird
fortbestehen  müssen,  weil  es  keine  andere  gediegene  Grundlage
des  Austausches  nach  dem  durch  die  Arbeitsmenge  bestimmten
Werthe  geben  kann,  und  weil  sonst  die  frcigelassene  Auswahl
der  Art  der  zu  verbrauchenden  Gegenstände  nicht  leicht  und
mannichfaltig  genug  bestimmt  werden  könnte.  An  eine  Ausmerzung ­
  des  Metallgeldes  ist  daher  nicht  im  Entferntesten  zu
denken;  dagegen  wird  das  Papier  in  einem  nicht  auf  Ausbeutung ­
  und  Schein  begründeten  Verkehr  nur  die  Function  haben
können,  als  Rechtstitel  auf  niodergelegte  und  jederzeit  verfügbare ­
  Metallmassen  umzulaufen.  In  der  socialitären  Gesellschaft
        <pb n="608" />
        —  593

ist  die  Naturgarantie,  welche  im  Metallgelde  liegt,  um  so  nöthiger,
  je  freier  und  selbständiger  sich  die  einzelnen  Collectivgruppen
  und  AVirthschaltscommunen  constituiren.  Hier  kann
man  nicht  auf  jenen  künstlichen  Zwang  und  jenes  künstlich
gemachte  sogenannte  Recht  zählen,  welches  im  Gewaltstaat
so  Vielem  Werth  verschafft,  was  keinen  hat.
Hie  einzige  wirkliche  Emancipation  der  leiblichen  und
geistigen  Lohnarbeit  besteht  in  der  Abschaffung  dieses  Verhältnisses, ­
  nämlich  in  der  Ersetzung  desselben  durch  die  Selbstwirthschaft.
  Nicht  irgend  ein  besonderes  Entwicklungsstadium,
nicht  also  etwa  erst  dasjenige  der  modernen  Industrieausbildung, ­
  berechtigt  zu  jener  Forderung;  vielmehr  findet  die  socialitäre
  Nothwendigkeit  ihre  Anwendung  auch  auf  Gesellschaften
vom  Typus  des  weitaus  vorherrschenden  oder  gar  reinen
Ackerbaustaats.  Es  ist  weit  mehr  das  gehobene  Gerechtigkeitsbewusstsein ­
  sowie  die  Macht  der  streng  wissenschaftlichen ­
  Welt-  und  Lebensanschauung  als  die  besondere  mechanische ­
  Verfassung  der  Gesellschaft,  wodurch  die  allgemeine
Socialität  ermöglicht  wird.  Sogar  das  erste  Hervortreten  der
Gedanken  ist,  wie  wir  an  Frankreich  sehen,  nicht  an  die
höchste  Stufe  der  Industrieentwicklung  gebunden  gewesen.
Die  innerhalb  des  heutigen  Rahmens  von  Staat  und  Gesellschaft ­
  unmittelbar  und  fast  unwillkürlich  aus  der  Lage  der
Massen  und  aus  den  dieser  Lage  entsprechenden  Trieben  entsprungenen ­
  Bestrebungen  stufen  sich  in  ihrer  Tragweite  sehr
erheblich  ab.  An  der  Spitze  stehen  die  in  ihren  Wirkungen
für  die  Lohnänderung  von  der  ältern  Oekonomie  und  auch
von  Socialisten  wie  Marx  und  Lassalle  nicht  begrifienen  Coalitionen,
  auf  die  sich  jedoch  die  Internationalen  und  die  Lassallianer
  schliesslich  auch  noch  mit  einem  andern  Gedanken
als  dom  der  blossen  Wachhaltung  des  Classenbewusstseins
haben  ernsthaft  einlasscn  müssen.  Die  Arheitercoalitionen,  mit
den  Strikes  als  Mittel,  werden  zur  Gestaltung  der  Arbeitsbedingungen ­
  eine  um  so  grössere  Macht,  je  weniger  es  gelingt,
ihnen  gesetzliche  Hindernisse  director  oder  indirector  Art  in
den  Weg  zu  legen.  Wenden  wir  uns  dagegen  zur  staatlichen
Gesetzgebung,  so  ist  in  dieser  Richtung  die  vorläufige  Hauptforderung ­
  die  Vorschrift  eines  Maximums  der  Arbeitszeit,  etwa
von  acht  Stunden,  wie  in  den  Nordamerikanischen  Staatseta-Dühring,
  Geschichte  der  Nationalökonomie.  2.  AuÜage.  38
        <pb n="609" />
        59á

blissements.  Dieser  sogenannte  Normalarbeitstag,  zu  dem  man
sich  in  Europa  in  einem  allzu  bescheidenen  Stufengange,  etwa
von  der  Englischen  Zehnstundenarbeit  ausgehend,  erheben  will,
hat  einen  ähnlichen  Sinn,  wie  wenn  man  in  einem  eigentlichen
Sklavereisystem  die  souveräne  Machtübung  der  Herren  durch
allgemeine  Staatsgesetzgobung  einschränkt.  Von  zweiter  und
dritter  Ordnung  und  blosse  Milderungen  der  Eabriksklaverei
  sind  die  Beschränkungen  und  Regelungen  der  Kinderund
  Frauenarbeit.  Diese  polizeilichen  Kleinigkeiten  haben  mit
dem  eigentlichen  Socialismus  sowenig  zu  schafien,  dass  von
diesen  Abfällen  der  Englischen  Fabrikgesetzgebung  auch  alle
rückläufigen,  nur  nicht  grade  aus  betheiligten  Fabricanten  bestehenden ­
  Elemente,  Parteien  und  doctrinaron  Gruppen  zu
zehren  pflegen.  Auch  die  socialdemokratischo  Steuerpolitiic,
die  sich  auf  möglichste  Entfernung  der  indirecten  und  überhaupt ­
  der  gewöhnlichsten  Consumtionssteuern  sowie  auf  die
Durchsetzung  entschieden  progi-essiver  Einkommensteuern  richtet, ­
  kann  nur  als  untergeordnetes  Mittel  gelten,  von  den  Abschwächungen ­
  derselben  in  den  Händen  anderer  Richtungen
und  Doctrinen  gar  nicht  zu  reden.
Man  wird  je  länger  je  mehr  auf  das  grosse  Princip  zu
bauen  haben,  dass  die  Personen  und  nicht  die  Sachen  die  Gesellschaft ­
  und  den  politischen  Verband  bilden  sollen.  Hiebei
wird  auch  die  individuelle  Eigenthümlichkeit  vollkommener  als
jemals  zu  ihrem  Recht  gelangen.  Die  Socialität  wird  die  Individualität, ­
  nämlich  die  Freiheit  und  Macht  des  Einzelnen,  erst
ernsthafter  ausprägen.  Sogar  die.  individuelle  Pflicht  und  Verantwortlichkeit ­
  wird  sich  steigern,  wie  es  denn  schon  heute
nur  aus  einer  moralischen  Schlaflheit  erklärt  werden  kann,
wenn  einzelne  socialistische  Richtungen  nur  mit  der  Gattung
und  Art,  aber  nicht  mit  dem  Einzelnen  rechten  wollen.  Wo
übermächtige  Nothwendigkeiten  das  Individuum  nur  als  willenloses ­
  Werkzeug  gleichsam  stossen  und  eine  falsche  Handlungsweise ­
  zur  unumgänglichen  Lebensbedingung  machen,  da  möge
immerhin  für  den  Menschen  in  Durchschnittsvorhältnissen,  dem
kein  Opfer  seiner  selbst  zugemuthet  werden  kann,  die  individuelle ­
  Unzurechnungsfähigkeit  als  Regel  gelten.  Uobrigens  ist
es  aber  grade  der  Einzelne  mit  seinem  Wissen  und  Wollen,
an  den  man  sich  zu  halten  und  von  dem  man  zu  fordern  hat.
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        595

3%

dass  er  sich  entweder  von  dem  seiner  Lage  anhaftenden  Unrecht ­
  persönlich  soweit  freimache,  als  dies  in  seiner  Macht
steht,  oder  aber  ohne  besondere  Klage  über  ein  vermeintliches
Unrecht  das  gemeinsame  Schicksal  theile,  welches  mit  dem
Typus  der  Ungerechtigkeit  auch  die  ihm  blind  dienstbaren  oder
sich  leichtfertig  über  die  allgemeine  Schuld  hinwegsetzenden
Individuen  ereilt.

Druck  der  Franz  KrUger’schen  Buckdruekerei  in  Berlin.
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        Schriften  desselben  Verfassers  seit  1865:

Natürliche  Dialektik,  neue  logische  Grundlegungen  der  Wissenschaft ­
  und  Philosophie.  Berlin.  ...  1  Thlr.  10  Sgr.
Der  Werth  des  Lehens,  eine  philosophische  Betrachtung.  Breslau.
2  Thlr.
Carey’s  Umwälzung  der  Volkswirthschaftslehre  und  Socialwissenschaft, ­
  zwölf  Briefe.  München  25  Sgr.
Capital  und  Arbeit,  neue  Antworten  auf  alte  Fragen.  Berlin.
1  Thlr.  5  Sgr.
Kritische  Grundlegung  der  Volkswirthschaftslehre.  Berlin.
2'ndn2áS^n
Die  Verkleinerer  Carey’s  und  die  Krisis  der  Nationalökonomie,
sechzehn  Briefe.  Breslau  1  Thlr.
Die  Schicksale  meiner  socialen  Denkschrift  für  das  Preussische
Staatsministerium,  zugleich  ein  Beitrag  zur  Geschichte
des  Autorrechts  und  der  Gesetzesanwendung.  Berlin.
10  Sgr.
Kritische  Geschichte  der  Philosophie  von  ihren  Anfängen  bis
zur  Gegenwart.  2.  Auflage.  Berlin.  .  .  2  Thlr.  20  Sgr.
Cursus  der  National-  und  Socialökonomie.  Berlin.  .  3  Thlr.
Kritische  Geschichte  der  allgemeinen  Principien  der  Mechanik.
Von  der  philosophischen  Facultät  der  Universität  Göttingen
mit  dem  ersten  Preise  der  Beneke-Stiftung  gekrönte  Schrift.
Berlin  3  Thlr.
In  dem  Urtheil  der  Facultftt  heisst  es:  „Mit  vollständigster  und  freiester  Beherrschung
der  Sache  und  erstaunlicher  Ausdehnung  genauester  literarischer  Kenntniss  sind  nicht  nur  alle
wesentlichen  Punkte  erörtert,  sondern  eine  grosse  Anzahl  kleinerer  Discussionen,  welche  die
Facultät  nicht  far  unerlässig  gehalten  hätte,  aber  mit  Dank  anerkennt,  da  sie  oherall  dem
volleren  Verständniss  des  Gegenstandes  dienen,  bezeugen  zugleich  die  grosse  Liebe  und  die
Umsicht,  mit  welcher  der  Verfasser  sich  in  seine  Aufgabe  vertieft  hat.  Dom  ausserordentlichen
so  aufgehäuften  Stoffe  entspricht  die  Fähigkeit  zu  seiner  Bewältigung.  Durch  feines  Gefühl  für
klare  Vertheilung  der  Massen  ist  es  dem  Verfasser  gelungen,  zugleich  auf  die  ganze  geistige
Signatur  der  Zeitalter,  auf  den  wissenschaftlichen  Charakter  der  leitenden  Persönlichkeiten  und
auf  die  fortschreitende  Entwicklung  der  einzelnen  Principien  und  Lehrsätze  ganz  das  belehrende
geschichtliche  Licht  fallen  zu  lassen,  welches  die  Facultät  vor  allem  gewünscht  hatte.  Die  ursprünglichen ­
  Aufgaben,  an  deren  Beliandlung  jedes  neue  Princip  oder  Thoorom  entstand,  sind
überall  mit  vollendeter  Anschaulichkeit  reproducitt  und  die  allmähliche  Umformung,  die  jedes
erfahren  hat,  durch  alle  Zwischenglieder  sorgfältig  verfolgt.  Die  Berührungen  der  mechanischen
Gedanken  mit  der  philosophischen  Speculation  sind  nirgends  vormiodon;  sie  sind  nicht  nur  in
eignen  Abschnitten  entwickelt,  sondern  der  feine  philosophische  Instinct,  der  den  Verfasser  auch
auf  diesem  Boden  leitet,  ist  ebenso  deutlich  in  einer  grossen  Anzahl  aufklärendor  allgoraoinor
Bemerkungen  sichtbar,  welche  an  schicklichen  Stollen  in  die  Darstellung  der  mechanischen
Untersuchungen  verflochten  sind.  Den  angenehmen  Eindruck  des  Ganzen  vollendet  eine  sehr
einfache,  aber  an  glücklichen  Wendungen  reiche  Schreibart.  Voll  Befriedigung,  sich  als  die
Veranlasserin  dieser  schönen  Leistung  zu  wissen,  durch  welche  ihre  Aufgabe  vollständig  gelöst
und  viele  ifehenorwartungen  übertroffen  sind,  zögert  sie  nicht,  dom  Verfasser  den  ersten  Preis
hierdurch  öffentlich  zuzuerkennen.“
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