95

f*

sehr  steigere  und  die  Befriedigung  seiner  Bedürfnisse  in
gleichem  Maße  erleichtere,  daß  er  zu  einem  rastlosen,  angestrengtesten ­
  Bestreben  getrieben  werde;  denn  noch  ist  der
Mensch  weit  von  der  Stufe  entfernt,  worauf  eine  verhältnißmäßig
  menschliche  Freiheit  seiner  harrt.  Noch  müssen
allerlei  triviale  Begierden  ihn  antreiben,  auf  Kosten  der
eigentlichen  Lebensfreiheit,  unablässig  nach  Erweiterung  seiner
Mittel  zu  ringen.  Noch  muß  die  Befriedigung  materieller
Bedürfnisse  erstaunlich  erleichtert  werden,  ehe  man  allgemein
den  geistigen  Bedürfnissen  wird  genügen  oder  das  Geistige
um  seines  Selbst  willen  Pflegen  können;  denn  noch  wird  nur
bei  einem  sehr  kleinen  Theil  der  Gesellschaft  der  Geist  ausgebildet; ­
  und  das,  was  es  an  geistiger  Bildung  giebt,  ist  meist
nur  Mittel  zu  materiellen  Zwecken,  Brodstudium.  Erst
wenn  die  Bildung  sehr  verallgcmeint  und  gesteigert  sein
wird,  dürfte  der  geistige  Genuß  einen  bestimmenden  Halt
auf  unser  Leben  gewinnen.  Sobald  aber  dies  geschehen,
und  das  Geistige  um  seines  Selbst  willen  kultivirt  wird,  tritt
das  Suchen  nach  dem  Schönen,  das  Leben  in  der  Unmittelbarkeit, ­
  in  der  Anschauung  auf.  Das  Schöne  aber  fordert ­
  nicht  das  Viele,  sondern  das  Ausgesuchte;  cs  würde
Vereinfachung  des  Lebens  gebieten  und  uns  somit  vom
wüsten,  maßlosen  und  wahllosen  Anhäufen  des  Materiellen
befreien;  es  würde  uns  lehren  viel  genießen,  und  zwar
durch  die  Auswahl  und  Unmittelbarkeit  des  Genießens;  es
würde  Kunst  in  das  ganze  Leben  legen,  deren  höchste  Effekte ­
  stets  mit  geringem  Aufwands  der  Mittel,  mit  Einfachheit, ­
  bewirkt  werden;  es  würde  uns  dahin  führen,  selbst