3%. SOCIAI.STATISTIK — Einwirkung der Willensfreiheit. 371 dieselbe Anzahl lleiratheu abzuschlie.ssen und solche in gleichheitlicher Weise unter die verschiedenen Provinzen, unter Stadt und Land, unter ­ Junggesellen, Mädchen, Witt wer und Wittwen zu vertheilen. Nach Spuren eines menschlichen Willens könnte man nur noch etwa in dieser sich gleich bleibenden Vertheilung suchen, und sicherlich hat Niemand daran gedacht, diese willkürlich hervorzurufen. — Noch mehr, es könnte scheinen, als ob eigene gesetzliche Anordnungen beständen, welche für die verschiedenen Altersclassen je nur eine bestimmte ­ Anzahl von Ehebündnissen bewilligten ; eine solche Regelmässigkeit ­ herrscht in dieser Beziehung. . . Der weniger als 30 Jahre zählende junge Mann, der eine mehr als ßOjährige Frau geheirathet, war doch sicherlich nicht durch ein Verhängniss oder eine blinde Leidenschaft getrieben; er war im Falle, seinen freien Willen im vollsten Umfang anzuwenden ; und dennoch kam er dahin, diesem andern Budget), das nach den Gebräuchen und Bedürfnissen unsers Gesellschaftsorganismus geregelt ist, seinen Tribut zu entrichten; und diese budgetmässige Steuern werden mit grösserer Regelmässigkeit abgetragen, ­ als jene, welche man an die Staatscasse zu leisten hat. — Man glaube ja nicht, dass die Heirathen die einzige Abtheilung gesellschaftlicher ­ Thatsachen bilden, welche einen so regelmässigen und stäten Gang aufzuweisen haben. Mit den Verbrechen verhält es sich ebenso, und sie ziehen alljährlich die Strafen in den gleichen Verhältnissen nach sich. Dieselbe Gleichmässigkeit lässt sich bei den Selbstmorden beobachten, bei den Selbstverstümmlungen um sich der Conscj-iption zu entziehen, bei den Summen welche in den früher öffentlich zu Paris bestandenen Spielhäusern gesetzt wurden, ja sogar bei den der Post übergebenen ungenau und unrichtig ­ adressirten, darum unbestellbaren Briefen. Mit einem Worte: es verläuft Alles derart, als ob die verschiedenen Classen von 'J’hatsachen rein physischen Ursachen unterlägen.“ Quetelet schliesst so: „Muss man nun, einer solchen Uebereinstimmung von Thatsachen gegenüber, die menschliche Willensfreiheit unbedingt läugnen? Ich glaube nicht; ich denke nur, dass diese Willensfreiheit in ihrer MTrkung auf sehr enge Grenzen beschränkt ist, und bei den gesellschaftlichen Erscheinungen die Rolle einer zufälligen Ursache ­ spielt. Sieht man darnach ganz ab von den einzelnen Individuen, ­ und betrachtet man die Dinge nur im Grossen und Ganzen, so ergibt sich, dass die Wirkungen der zufälligen Ursachen sich neutralisiren und wechselseitig in der Art ausgleichen, dass nur noch die wahren Ursachen vorwalten, kraft deren die Gesellschaft besteht ­ und sich erhält. . . Die Möglichkeit, eine Moralstatistik zu begründen ­ und nutzbare Folgerungen daraus abzuleiten, ist vollständig von der Fundamentalthatsache abhängig, dass der menschliche freie Wille sich verflüchtigt und ohne merkliche Wirkung bleibt, sobald die Beobachtung sich über eine grössere Anzahl von Individuen verbreitet. Nur dann lassen sich die constanten und die veränderlichen Ursachen erkennen, die das Gesellschaftssystem beherrschen, und man muss auf eine Modification dieser Ursachen bedacht sein, wenn man