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        <title>Handbuch der vergleichenden Statistik der Völkerzustands- und Staatenkunde</title>
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            <forname>Georg Friedrich</forname>
            <surname>Kolb</surname>
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        </author>
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            <idno>834619415</idno>
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WELTWIRTSCHAFT, 
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der VSlkerznstands- und Staatenkunde. 
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Sans doute, la statistique s’occupe de chiffres ; 
le chiffre en est l’élément principal; mais il n’en est 
pas l’élément unique. La statistique est aussi la 
science raisonnée de faits. 
Compte rendu des travaux du 1. congrès 
général de Statistique. 
Mau sagt oft: Zahlen regieren die Welt. Das 
eher ist gewiss, Zahlen zeigen, wie sie regiert wird. 
Goethe. 
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Bibliofhek 
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Für den a 11 g e m e¿n en praktischen Gebrauch 
ë. ^r. Sott. 
ZÜRICH. 
Verlag von Meyer &amp; Zeller 
1857.
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        VORWORT. 
Die Statistik wurde unmittelbar durch das practische B e- 
dürfniss, nicht durch Theorien der Gelehrten, ins Leben gerufen. 
Sie bestand bereits und machte sich geltend, lange bevor die Männer 
der theoretischen Wissenschaft, die sich mit ihr beschäftigten, auch 
nur einigermaassen einen passenden Rahmen für sie finden konnten. 
Ja heute noch sind Begriff, Bedeutung, Umfang, Zweck und Mittel 
dieser Wissenschaft keineswegs endgültig festgestellt. 
Während man aber in der Theorie über alle diese Punkte un 
ausgesetzt streitet, und eine Verständigung unter den blossen Theo 
retikern mehr als je in die Ferne gerückt scheint, bedaif 
thatsächlich jeder gebildete Mann statistischer Kenntnisse, — jedem 
verständigen Geschäftsmanne, ja überhaupt jedem denkenden und ur- 
theilenden Zeitungsleser sind solche unentbehrlich geworden. 
In Folge des längst sich geltend machenden Bedürfnisses finden 
wir, seit nun beinahe einem halben Jahrhunderte, in alle Lehibûcher 
der Geographie eine Anzahl statistischer Notizen eingeschaltet. 
Indessen können solche blosse Beigaben zu Werken über 
Erdbeschreibung — also über einen ganz andern Gegenstand — 
immer weniger genügen. Da erschienen einige allgemeine statistische 
Werke, zum Theil an sich sehr verdienstvoller Art. Indem sie aber 
in der Regel nur ein Meer von Ziffern und Zahlen gaben, und den 
noch nicht selten gerade diejenigen Dinge nicht enthielten, welche 
das praktische Leben am nächsten berühren, konnten sie vcrhältniss- 
mässig nur Wenigen dienen, wie sie denn auch nur einen sehi be 
schränkten Leserkreis fanden. 
Der Verfasser des gegenwärtigen Werkes versucht es, ein Hand 
buch der Statistik für den allgemeinen praktischen Gebrauch 
herzustellen. Es ist der erste Versuch dieser Art, und demgemäss 
zu beurtheilen. ^ - 
Hienach schon ist jede weitläufige Erörterung über die Theorie
        <pb n="8" />
        IV 
VORWORT, 
der Statistik ausgeschlossen. Es ist hier durchaus der Ort nicht, ein 
neues theoretisches System dieser Wissenschaft aufzustellcn und um 
ständlich zu entwickeln. Der Verfasser beschränkt sich desshalb dar 
auf, seine Grundansicht über die Statistik in wenigen Sätzen auszu 
sprechen. 
Die Statistik soll eine Darstellung der Staaten, ihrer Zustände 
und Kräfte, und der gesellschaftlichen (socialen) Verhältnisse in diesen 
Staaten, gewähren. Sie wendet vorzugsweise Ziffern an, doch ist 
es keineswegs ihre Aufgabe, blos Berge von Ziffern aufzuhäufen. Sie 
bedient sich vielmehr der Zaiilen, wo cs th uni ich ist, als des klarsten 
und bestimmtesten Bezeichnungsmittels. Allein auch die Zahlcn- 
angaben bedürfen vielfach der Erläuterung und Erklärung; zu 
dem ergibt sich der wahre Werth der Ziffern meistens erst aus Ver 
gleichungen. So wird die Statistik zu einer vergleichenden und 
beurtheilenden Darstellung der wichtigsten Momente im Staats 
und Völkerlebcn, Die Statistik als Wissenschaft erstrebt cndlicb das 
höchste Ziel ihrer Aufgabe, wenn sie die Gesetze erforscht, deren 
Ergebnisse die vorhandenen Gestaltungen sind. 
Es mag genügen, diesen allgemeinen Andeutungen einige spe- 
cielle Bemerkungen, blos aphoristisch, beizufügen. 
Viele ausgezeichnete französische Statistiker der Neuzeit wollen 
aus dieser Wissenschaft Alles ausschliessen, was sich nicht in Zahlen 
ausdrücken lässt. Uns ist aber die Ziffer nur Mittel zum Zwecke, — 
zwar das in den meisten Fällen beste, weil klarste und bestimmteste, 
doch nicht einmal das alleinige Mittel, um so weniger, weil dasselbe 
öfters nicht anwendbar oder nicht ausreichend ist. Das Mittel der 
Darstellung — die Methode — darf cs aber niemals sein, wodurch 
die Grenze der Wissenschaft priiicipicll bestimmt wird. 
Dabei ist die blosse Aufstellung und Summirung der Ziffern — 
wie sie sich darnach logisch beinahe als Selbstzweck ergäbe — etwas 
an sich Unfruchtbares und meistens völlig Unnützes, weil die todto 
Ziffer für sich allein keinen genügenden Begriff gewährt. Gerade die 
bewusste oder unbewusste Huldigung vor dem blossen Ziffern- und 
TabellensySterne hat — wie es nicht anders sein konnte — vor 
der Statistik selbst zurückgeschreckt, vor dieser Wissenschaft, 
welche in so vielfachen Beziehungen des Lebens aufzuklären und 
wesentlich zu nützen vermag. — Unserer Ansicht nach gewinnt die
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        VORWORT. 
V 
Statistik Werth und Bedeutung erst dann, wenn sie die Verhältnisse 
und Zustände vergleichend, prüfend und beurtheilend darstcllt, 
und dabei auch die Ursachen und die Wirkungen bezeichnet. 
Man hat, besonders in Deutschland, viel darüber gestritten, ob 
sich die Statistik mit dem Staate oder der bürgerlichen Gresellschaft, 
— mit den politischen oder den socialen Verhältnissen — vorzugs 
weise zu befassen liabc. Wir würden unbedingt sagen: mit der Ge 
sellschaft, wenn der Staat überall das naturgemässe Produkt der 
gesellschaftlichen Bedürfnisse, — wenn nicht so vieles Unnatürliche 
octroyirt, der Staat in manchen Dingen selbst der Gegensatz dessen 
wäre, was er nach unserer Ansicht sein sollte. Unter diesen that- 
sächlichcn Verhältnissen sagen wir: die Statistik habe Staat und 
Gesellschaft zu umfassen. 
In Deutschland hat man theoretisch die Statistik meistens auf 
den Augenblick der Gegenwart zu beschränken gesucht. Sic soll 
„den als Jetztzeit fixirtcn Moment,“ die „stillstchende Geschichte,“ 
die „ruhende Wirklichkeit,“ oder „den Querdurchschnitt durch die 
geschichtliche Entwicklung des Lebens“ darstellen. Es ist dies Folge 
der irrigen Grundansicht, die Statistik eigentlich nur als „historische 
Wissenschaft,“ als eine Abtheilung der Geschichte zu betrachten. 
Bekannt sind besonders Schlözers Worte: „Geschichte ist eine fort 
laufende Statistik, und Statistik ist eine stillstehende Geschichte.“ In 
Folge der weitern Entwicklung dieser Ansicht könnte die Statistik 
eigentlich nichts Anderes sein, als ein abgeschnittenes (amputirtes) 
Glied der Geschichte. 
Obwohl wir diese Theorie eigentlich nirgends bekämpft finden, so 
hielt doch ein richtiges Gefühl die nichtdeutschen Statistiker durchgehends 
von einer ausdi ücklichen Zustimmung ab. Der Unterschied zwischen 
Geschichte und Statistik scheint uns schon darin scharf hervorzutreten, 
dass die Geschichte vorzugsweise cinc Darstellung des jeweils Gesche 
henden und Geschehenen, der Ereignisse, die Statistik hin 
gegen vorzugsweise, gerade nach jener Auffassung aber sogar aus 
schliesslich, eine Darstellung der Zustände sein soll. Zudem 
sahen sich Diejenigen, welche jene Ableitung der Statistik von der Ge 
schichte, imd die absoluteste Beschränkung derselben auf den „Stillstehen“ 
sollenden „Moment der Gegenwart“ aussprachen, doch selbst zu den 
inannichfachsten Ueberschreitungen ihrer selbstgezogenen Grenze ge-
        <pb n="10" />
        VI 
VORWORT. 
nötliigt. Eine solche „Fixirung des Momentes,“ wie man forderte, 
lag tliatsäcldich absolut ausser dem Bereiche der Möglichkeit; geradezu 
überall musste man sich dazu bequemen, Daten aus verschiedenen 
Zeitmomenten als Grundlagen zu benützen. Könnte man aber auch 
eine solche „ruhende, stillstehende Wirklichkeit“ finden, könnte man 
einen solchen „Querdurchschnitt durch die geschichtliche Entwicklung 
des Lebens“ herstellcn, so würde man nichts Anderes, als ein leb 
loses Bild, jenes amputirte Glied, oder ein geisttödtendes Zififernmecr 
erhalten.— Das ganze staatliche und gesellschaftliclic Verhältniss lässt 
sich überhaupt nur begreifen und würdigen, wenn man dessen Ver 
gangenheit, dessen Entwicklung aus dieser Vergangenheit, mit betrach 
tet; es ist dies um so nothwendiger, als viele Erscheinungen der 
Gegenwart und selbst der Zukunft dadurch bedingt sind. Insbeson 
dere würde die Kenntniss der jetzigen statistischen Verhältnisse eine 
vollkommen ungenügende, beinahe in jeder Beziehung unzureichende 
sein, wenn man einer Kenntniss der frühem Zustände, zumal bis zum 
Beginne der ersten franz. Revolution zurück, entbehrte. Weitaus die 
meisten Staaten haben ihre jetzige innere und äussere Gestaltung in 
Folge jener Revolution erlangt. Wer irgend die Verhältnisse näher 
betrachtet, wird es nicht als gleichgültig ansehen, aus welchen Be- 
standtheilen ein Staat gebildet ist. Regierungen und Regierte kennen 
den Unterschied zwischen alten oder neu erworbenen Provinzen. Achn- 
liche Unterschiede ergeben sich in den socialen Fragen. So nehmen 
wir denn für die Wissenschaft der Statistik das Recht in Anspruch, 
sich nicht auf die Gegenwart beschränken zu müssen, sondern sich 
auch über vergangene Verhältnisse und Zustände zu verbreiten. 
Man hat häufig hervorgehoben, dass die Statistik nach zwei 
Seiten hin in naher Beziehung stehe: nämlich zur Geschichte und 
zur Politik. Fast unbegreiflich ist es uns aber, dass man die in 
mannichfacher Hinsicht noch viel nähere Beziehung der Statistik zu 
einer andern Wissenschaft, zur Nationalökonomie, theoretisch bis 
jetzt ganz übersehen konnte. Und doch ist es einleuchtend, dass die 
Volkswirthschaftslehre (Nationalökonomie) eine allseitige feste Begründung 
erst erlangen kann vermittelst der durch die Statistik festzustellenden Ihat- 
sachen. Je mehr nun aber die Volkswirthschaftslehre zur gebührenden 
Anerkennung gelangt, um so mehr tritt naturgemäss auch die hohe 
Wichtigkeit der Statistik hervor. So dient diese letzte nicht nur zur
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        vou,WORT. 
VII 
Bezeichnung und Würdigung von Gegenwart und Vergangenheit, 
sondern auch zur Belehrung und Warnung für die Zukunft. 
Für unsern Zweck dürften diese Andeutungen über die Theorie 
genügen. Wir haben nur noch einige wenige Worte über die that- 
sächliche Behandlung des Gegenstandes beizufügen. Die Schwierigkeit 
der Bearbeitung eines Werkes wie das vorliegende findet sich nicht 
im Mangel, sondern vielmehr in der lieber fülle des Materials. Es 
verursachte weit mehr^Mühe, die Schrift auf ihren gegenwärtigen Um 
fang zu beschränken, als nöthig gewesen wäre, eine vier- oder 
sechsmal grössere Bogenzahl anzufüllen. Will man nicht ein für den 
allgemeinen praktischen Gebrauch bestimmtes derartiges Buch von 
vorn herein unpraktisch machen, so darf dasselbe nicht zu sehr aus 
gedehnt werden. Man muss sich auf das thatsächlich allgemein Wich 
tigste beschränken. Will man daher nicht das Wesen der Sache 
einer blossen Form zum Opfer bringen, so darf weitaus nicht Alles 
aufgenommen werden, was bei strenger Systematisirung auch noch 
hätte abgedruckt werden müssen. Darnach wird es gerechtfertigt sein, 
wenn bei den mittleren und den kleinen Staaten und Stätchen nicht 
alle Rubriken ebenso durchgeführt wurden, wie bei den Grossmächten. 
England, Frankreich u. s. f. haben im Völker- und Staatenleben eine 
andere Bedeutung, als Reuss-Greiz-Schleiz-Lobenstein und Vadutz- 
Liechtenstein. Aber auch rein wissenschaftlich, behufs Erforschung 
höherer Gesetze, sind die Resultate von sehr verschiedenem Werthe, je 
nachdem sich dieselben auf die Beobachtungen bei vielen Millionen, oder 
nur auf solche bei ein Paar Tausend Menschen gründen. Endlich besitzen 
wir namentlich über Frankreich und England ein statistisches Material, 
wie über keinen andern Staat (was insbesondere, ausser vielen Einzeln 
schriften, die 14 gewaltigen Foliobände der Statistique générale de 
la France, und eine Menge englischer Parlamentsberichte — zu den 
sog. blue books gehörend — beweisen. *) 
gg verdient alle Anerkennung, wie man in Frankreich (und ebenso in 
dem kleinen Belgien) die Statistik zu fördern sucht. Die beiden Bände Compte 
rendu du Congrès général de Statistique à Bruxelles, — und Compte rendu dzi 
Congrès international de Statistique à Paris, bilden an sich schon Beweise dafür. 
Das letzte Werk ist von dem ebenso kenntnissvollen als gefälligen Vorstande 
des statistischen Bureaus zu Paris, Herrn Legoyt, bearbeitet, dem nameirtlich 
auch das Verdienst gebührt, die nicht in den Buchhandel gekommenen officiellen 
Werke durch entgegenkommende Mittheilung an andere Statistiker möglichst all 
gemein zugänglich und nützlich zu machen.
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Mibdlusv 
Im Uebrigen ist das Material allenthalben in naclibemerktcr 
Reihenfolge verarbeitet, worauf wir, zur Erleichterung des Nach 
schlagens, besonders aufmerksam machen : 
l. Land und Leute im Allgemeinen, — Bcstandtheile, 
Grösse, Bevölkerung der Staaten; Bodenbeschaffenheit ; Wech 
sel der Einwohnerzahl (Geburten, Sterbfälle, Ilciratheu; auch 
Auswanderungen etc.); Familien; Nationalitäten; Confessionen; 
wichtigste Städte; Gebietsveränderungen seit der ersten fran 
zösischen Revolution. 
II. Finanzen, ~ laufender Staatshaushalt (Ilaupteinnahmcn und 
Ausgaben); Finanzverhältnisse in früherer Zeit; Schuldenstand 
und dessen Vergrössoriing. 
III. Militär, — Landmacht (Bildung und Stärke des stehenden 
Heeres, Miliz, Festungen, geschichtliche Notizen); Marine. 
IV. Sociale, Gewerbs- und Handelsvcrhältnisse, — im 
Allgemeinen und im Bosondern; Grundlage der dcssfallsigcn 
Gesetzgebung; Betrag des l'aglohnes; Grösse des Handels 
verkehrs, Rhederei, Eisenbahnen, Bost, Telegraphie; Münze 
und Maasse. 
V. Auswärtige Besitzungen der Seemächte. 
Möge dieses Buch beitragen zur Verbreitung praktisch nützlicher 
Kenntnisse ! 
Zürich, den 1. Oktober 185C. 
6. Fr. Kolb. 
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        Vorwort S. III. 
I. Abtheiïung : Die europäischen Grossmächte. 
o ros sbr i tan 7 en. Land und Tjeaie S. t (Wechsel der Yolks/.ahl 2, A 
deru7igen il, Confessionen il, Mineraireicihthuin 4-, Städte 4, Gebiets; 
Auswan- 
, -, , Gebietsausdeli- 
17ting 5); Finanzen 5 (Budget und dessen Beleuchtung 5, Staatsbedart in 
früherer Zeit 11, Staatsschuld 12, Sttbsidien/.ahlungen 14); Alilitär 15 (Ge 
wöhnliche Landmacht 15, Miliz IC), ostind. Heer Hl, historische Notizen 17, 
Sterblichkeit der Truppen. 18, Seemacht 19); Sociale nnd llandeUverhall- 
jvisae 19 (allgemeine Bemerkungen 19, Verbrauch von Colonialproducten 
I Vergleichung mit Frankreich] 21, Sparkassen 21; Irländische Verhältnisse 
‘&gt;2 • Taclohn 2.3; Einkornniensgrösse 23; Eisenbahnen 23; Post 24, Han 
delsverkehr 24, Sohifflährt 27, Banknotonumlauf 27, Münze u. Maasse 27); 
aumdirtige Besitzungen 28. t. n i. v i 
Frankreich. Land und I.eute 32 (die Departemente 3.3, Bodenbeschaiïenheit 
34 Verkehrswege 35, Bevölkerungszunahme 35, Heirathen, Geb urteil, To 
desfälle 3(1, Lebensdauer 38, Gebrechliche 38; Confessionen 38; Nationali- 
tätenSO; Gemeinden 39; Gebietsvoränderungen: die Provinzen des alten 
Frankreich 39, das altnapoleonische Kaiseireich 41); Imanzen(Budget 
là'TZ'JL '(Lkl^C National- 
7i\\ 1/;/hüY 7(1 (Landmacht 7(1, Aushebungen während des jüngsten Krieges 
liestZLn 79, geschichtliche Notizen 80 [der Feidzng von 1812 81], 
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í 
(laufende Einnahmen etc. 97, Deficit 99, Einkünfte in früherer Zeit 100, 
Schuld 100, neue Anlehen 101); Militär 102 (Linie 102, Reserve 104, 
Festungen 104, Geschichtliches 104, Marine 104); Sociales l()h (Allgemeines 
105, Taglohn 106, Gewei’hswesen 106, Handelsübersicht 108, Eisenbahnen, 
Telegraphen, Post 108, Handelsmarine 109, literarisches Leben 109, Na 
tionalbank, ilünze, Maasse 109). 
Preussen. Land und Leute 110 (Provinzen 110, Bevölkerungszunahme 111, 
Geburten und Sterbfälle 112, Auswanderungen 118, Confess!onen 114, Na 
tionalitäten 114, Städte 114, Gebietsveränderungen 114); Finanzen 116 
(Budget 116, Schuld 119); Miliüir 121 (Festungen 122, Geschichtliches 122, 
Marine 122); Sociales 128 (Allgemeines 128, Gewerbswesen 124, Taglohn 
126 ; Criminalstatistlk 126; Eisenbahnen, Telegraphen, Post, Rhederei 126, 
Münze, Maasse 127). 
II Abtheilung : Deutschland. 
Land und Leute 128 (Allgemeine Uebcrsicht 128, Confessionen 129); Finanzen 
180 (Einkünfte sämmtlicher Staaten 188, Ausgaben und Schulden 134, 
Papiergeld 134); Militärwesen 136 (Festungen 188) ; Sociales 189 (Auswan 
derungen 139, deutsche Eisenbahnen 139, Handelsflotte 140, deutscher Zoll 
verein 140) ; (jeschichtliche Notizen 141 (Statistik des deutschen Reiches von 
1786 141, der Rheinbund 148); 
Bayern . . . S. 145 
Hannover . . 158 
Sachsen . . 168 
Württemberg . . 167 
Baden . . . 178 
Hessen, Grossherzogth. 177 
Kurhessen . . 180 
Mecklenburg-Schwerin 184 
„ Strelitz 188 
Holstein-Lauenburg 188 
Luxemburg-Liraburg 190 
Nassau . . . 191 
Braunschweig . . 198 
Oldenburg . . 196 
Sachsen-Weimar . 197 
die Einzelnstauten: 
Sachsen-Coburg-Gotha S. 199 
„ Meiningen . 201 
„ Altenburg . 202 
Reuss . . . 202 
Lippe . . ■ 208 
Waldeck . . 204 
Anhalt . . . 204 
Schwarzburg . . 206 
Hessen-Homburg . 206 
Liechtenstein . . 207 
Hamburg . . 207 
Bremen . . 210 
Lübeck . . 212 
Frankfurt . . 218 
UI. Abthailung: Italien. 
Allgemeine Feiersicht 214 (Italien vor der französischen Revolution 216, zur 
Napoleonischcn Zeit 217); Eisenbahnen und Handelsflotte 217. — Ein 
zelnstaaten : 
Sardinien . . S. 217 Römische Staaten . S. 280 
Parma . . . 225 San Marino . . 285 
Modena ... 227 Beide Sicilien . . 286 
Toscana . . . 228 
IV. Abtheilung : Die übrigen europäischen Staaten. 
Schweiz . 
Belgien 
Holland . 
Dänemark 
Schweden 
Norwegen 
S. 242 
254 
257 
263 
267 
270 
Spanien • • . S. 274 
Portugal . . . 284 
Griechenland . . 288 
Ionische Inseln . 293 
Türkei . . . 294
        <pb n="15" />
        XI 
V. Abtheilung : Amerika. 
Die Vereinigten Staaten, hand und Leute 299 (die einzelnen Staaten 
299, Bcvölkernngszunalnne 800, Confessionen 301, Nationalitäten 301, Ein 
wanderungen 301, Städte 302, Uebietszuwacbs 302) ; Finanzen 303 (Finan 
zen der Einzelnstaaten 305); Militär 30(5 (Linie, Miliz, Festungen 306, 
gesohiclitlicbo Notizen 307 |Uebersicbt der zum Kampfe gegen Amerika 
verkauften dcutscben Truppen 307], Marine 307) ; Sociales 308 (Sclaventbum 
309; Kirchen, Schulen, Bihliotbeken 310); JJandeh- und sonstige Verhält 
nisse 310 (bebautes Land und Werth desselben 310, Posten, Kanäle, Eisen 
bahnen 311, Kbcderci 312, Gesammthandel 312, Wirkung der verschiedenen 
Zollsysteme 313, Fondspapiere 313, Münze, Maasse 314). 
Febrigc Staaten: 
Mexico . . • • • 
Die 5 Staaten Centralamerikas . . • 
Neu-Oranada, Venezuela, Ecuador ...... 
Peru, Bolivia, Chile ........ 
Buenos-Ayres, Argentinische Confoderation, Paraguay, Uruguay 
Brasilien . . . ~ . 
Hayti und St. Domingo ....... 
314 
315 
316 
317 
318 
319 
320 
VI. Abtheilung: Allgemeine Uebersichten. 
1. Land und Leute. Grösse und Bevölkerung der Europäischen Staaten 321 ; 
ditto der Amerikanischen 321; der übrigen Erdtheile 322. — Con 
fessionen 322. 
IL Finanzen. Jährliche Staatseinkünfte 323. Die Kosten des Orientalischen 
Krieo-es 324. Uebersiebt der Europäischen Staatsschulden 325, der 
Amerikanischen 326. Bemerkungen über das Staatsschuldenwesen über- 
ni Stehrnde^mere. Uebersicht ihrer Grösse 329. Bemerkungen darüber 329. 
' Anhang. Historische Notizen. Statistische Uebersicht Europas vor der 1. 
französischen Revolution 332; ditto zur Napoleonischen Zeit 333. 
IV. Sociale, Qeioerhs- und Handelsverhältnisse. Beschäftigung der Bevölkerung 
der Hauptstaaten 334. Zahl der Zeitungen 334. Dermaliger Welthandel 
335. Grösse der Handelsflotten 335. Uebersicht der Eisenbahnen 336. 
Ausbeute edler Metalle 336 (Goldproduction 336 u. 338, deren Einwirkung 
auf die Waareiipreise 337 ; die Goldwährungsfrage 340). Ausbeute un 
edler Metalle 342. Circulirendes Papiergeld 342 (die neuen Creditinsti- 
tute 343). Die wichtigsten Colonialproducte 344 (Baumwolle 344, Zucker 
345, Kaffee 346). 
F. Auswärtige Besitzungen euro;päischer Staaten, Uebersicht, 346. 
VII. Abthlg.: Allgemein menschliche Verhältnisse (Social,Statistik). 
jterblichkeitsbereclmungen im Allgemeinen, Sterblichkeitstafeln 347. 
Sterblichkeit in den Städten 349. 
Jntersebied nach Gcsclilochtcrn 350 (Mehr Knaben geboren als Mädchen . oO ; 
dessen ungeachtet ist die weibliche Bevölkerung die zahlreichere 351 ; die 
Sterblichkeit ist grösser beim männlichen Geschlechto 351). 
Einwirkung guter oder schlimmer Jahre auf Geburten, Sterbfälle, sogar auf die 
liörpcrgrösse 352. 
Mittlere Lebensdauer 352. 
Einfluss von Wohlstand oder Armuth auf die Sterblichkeit 353. 
Einfluss der hü hern Cultur auf dieselbe 354. 
iterblichkeit in den verschiedenen Ständen, namentlich bei gewissen Gewer 
ben 355. 
Sterblichkeit beim Militär im Frieden 359; im Kriege und ausser Heimath 360; 
bei der Marine 361.
        <pb n="16" />
        XII 
I 
If 
it, 
Sterblichkeit in Gefängnissen 361. 
Lebenskräftigkeit dev verschiedenen Racen (Indianer, Neger) 363. Unhaltbarkeit 
der Acclimatisirungslehre 364. Zähigkeit des jüdischen Stammes 365. 
Krankheiten nach Ständen und Altern 366; bei schwerer und leichter Arbeit 367. 
„ veranlasst durch ungenügende Lüftung 368. 
Einfluss der Theuerung auf die Menge der Verbreclien 369. 
„ „ Schulbildung auf dieselbe 370. 
Einfluss der Willensfreiheit auf sociale Handlungen 370. 
Ueber allzustarke Menschenvermehrung (Uebervölkerung) 372. 
Die jetzige Bevölkerungszunahme in Mitteleuropa 374 (Verminderung der Zu 
nahme 373; Verminderung der Geburten 375; Stillstand in der Erhöhung 
des mittleren Lebensalters 375). 
Nachträge S. 378—387. 
Berichtigungen S. 388. 
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        1 
®ifíí gkWWhmg. 
Die Enropãlsclien Gíroissmãchfe. 
Grossbritamen (Königreich). 
Land und Leute« 
Das „Vereinigte Königreich Grossbritanien und Irland“ umfasst 
5767 deutsche (122,185 englische) Quadr.-Meilen und (März 1851, 
nach Berichtigung der ursprünglichen Zusammenstellung) 27’724,849 
Menschen. (Der Name „Grossbritanien“ ward bei der Vereinigung 
Schottlands mit England, 1. Mai 1707, angenommen ; 1801 erst er 
folgte die formelle Einverleibung Irlands). Auf die Haupttheile kamen, 
nach deutschen Quadr.-Meilen und zufolge der verschiedenen Bevöl 
kerungsaufnahmen seit dem Beginne des jetzigen Jahrhunderts: 
B evölkern n g, 
Länder. % -Bell. 1801 1811 1821 1831 1841 1851 
England . . . 2,378 8’331,434 9’538,827 11’261,437 IS'091,005 14’995,508 16’910,947 
Wales ... 350 541,546 611,788 717,438 806,182 911,321 1’011,821 
Schottland . . 1,518 1’599,068 1’803,688 2’093,450 2’365,114 2’620,610 2’870,784 
Irland .... 1,505 6’801,990 7’767,401 8’175,238 6’615,794 
Normen. Inseln 16 142,916*) 
Zusammen 5,767 20’874,321 24’029,702 26’702,677 27’552,262 
Nach Berichtigung der ursprünglichen Zusammenstellungen kommen 
auf Grossbritanien 21’121,967, auf das ganze Reich 27’724,849 (An 
gabe V. Sir William Earr, auf dem statistischen Gongresse zu Brüssel, 
1853, siehe: Compte rendu des traveaux du congrïs général de statis 
tique^ réuni à Bruxelles les 19—23 &amp;ept, 1853). Darnach blieben 
für Irland nur noch 6’602,882 Einwohner. 
Ausser den beiden Hauptinseln zählt man noch 175 kleinere be 
wohnte Inseln. 
Eintheilung. England ist in 52 Grafschaften (/8/»res), wovon 
12 auf Wales kommen, getheilt; Schottland in 31 Shires; Irland in 
4 Provinzen (Ulster, Leinster, Munster und Connaught), die wieder 
in 32 Grafschaften (hier Counties genannt) zerfallen. 
*) Einschliesslich der Bevölkerung der Insel Man, welche früher in die 
Bevölkerung Englands eingerechnet worden zu sein scheint.
        <pb n="18" />
        2 
GROSSBRITANIEN — Land und Leute. 
Wechsel der Volkszahl. Aus dem vorigen Jahrhunderte und von 
früher fehlen genauere Bevölkerungsberechnungen. Der Wirklichkeit 
dürften folgende Schätzungen und Zusammenstellungen Finlaison’s 
nahe kommen, welche England und Wales umfassen: 
Jahr. Volkszahl. Jahr. Volkszahl. Jahr. Volkszahl. 
1700: 5’134,000 1760: 6*480,000 1810: 10*407,000 
1710: 5*066,000 1770: 7*228,000 1820: 11*957,000 
1720: 5*345,000 1780: 7*815,000 1830: 13*840,000 
1730: 5*688,000 1790: 8*540,000 1840: 15*907,000 
1740: 5*830,000 1800: 9*187,000 1850: 17*923,000 
1750 : 6*040,000 
Die. Volkszahl Schottlands wird für das Jahr 1707 (Union) 
auf 1,050,000, für 1755 auf 1,265,000 berechnet. 
Hinsichtlich Irlands sind die frühem Angaben widersprechend 
und durchaus unzuverlässig. Schätzungen aus den Jahren 1672 und 
1695 lauten auf etwas über 1’300,000; eine Berechnung von 1712 
(von Dobbs) spricht von etwas über 2 Millionen, indess eine andere 
von 1718 (von demselben) noch nicht 1’200,000 ergibt, und eine dritte 
(nämliche Quelle) von 1725 mehr als 2 Millionen annimmt. Steuer 
zählungen, bei denen aber (sehr unzuverlässig) 6 Bewohner auf jedes 
Haus angenommen wurden, ergaben ; 
1731: 2*010,221 1767: 2*554,276 1785: 2*845,932 
1754: 2*372,634 1777: 2*690,556 1791: 4*206,612. 
Auch im laufenden Jalirhunderte, bis 1821, beruhten die Angaben 
nicht auf regelmässigen Zählungen, sondern nur auf mehr oder we 
niger unzuverlässigen Schätzungen. Nach den Berechnungen des Lon 
doner statistischen Bureau betrug die Bevölkerung Irlands : 
1805 : 5*395,456 1835: 7*927,989 
1815: 6*142,972 1845: 8*344,142 
1825: 7*172,748 1851 : 6*551,970. 
Gewiss eine enorme, in der neuern Geschichte beispiellose Volks 
verminderung, von 1,792,172 in 6 Jahren, durchschnittlich also 
von fast 300,000 (298,695) Menschen in jedem Jahre. Es fand im 
eigentlichen Sinne eine „Irische Volkswanderung“ statt, welche in 
Folge der eingetretenen Erschöpfung seitdem bedeutend nachgelassen, 
welche aber eine Umwandlung in den gesammten Volkszuständen vor 
bereitet hat, grösser, als die einst durch Eroberung unmittelbar be 
wirkte. 
Für den zehnjährigen Zeitraum von 1841 — 51 ergibt sich im 
ganzen (vereinigten) Königreiche eine jährliche Bevölkerungszunahme 
von 0,32 Proz., und zwar in 
England . 1,13 % dagegen Verminderung 
Wales . 0,91 in Irland 1,91 % 
Schottland 0,87 
Da die Volkszahl in Irland noch bis 1845 zugenommen, so dass 
sich die Verluste auf die letzten Jahre zusammendrängten, so müssen 
dieselben in dieser Epoche jährlich wol 3^/^ Proz. überstiegen haben. 
(Vergl. übrigens die Abtheilung: „Soziale Verhältnisse“, zumal die 
Zahlen nicht genau stimmen.)
        <pb n="19" />
        GROSSBRITANIEN — Land und Leute. 
Die Verhältnisszahlen der Bevölkerungszunahme wechselten in den 
verschiedenen Provinzen sehr stark; sie betrugen in : 
1,13 
0,91 
0,87 
(—1,91 Verminderung.) 
0,32 
England . . 1,6 % 1,45 
Wales ... 1,2 1,3 
Schottland . . 1,3 1,08 
Irland . . , 1,42 0,52 
Ganz Grossbritanien 1,51 1,11 
Geburten, Sterbefälle, Ehen. In England und Wales kamen auf 
100,000 Einwohner : 
1839: 3,177 Geburten, 2,187 Sterbefälle. 
1840: 3,197 « 2,290 , 
1841 : 3,217 « 2,160 , 
1842 : 3,209 &gt; 2,1C7 í 
(Farr nimmt für England mit Wales durchschnittlich 650,000 
Geburten im Jahre an.) In den nämlichen Jahren (1839—42) kam 
je eine Heirath auf 126, 128, 130 und 136 Einwohner. 
Geschlechter. Nach der letzten Zählung: 
Männlich Weiblich 
England . 8762,588 
Schottland . 1’363,622 
Irland . . 3776,721 
Norm. Inseln 66,511 
Zusammen 
9760,180 
1’507,162 
3’339,567 
67,405 
13’369,442 14’074,314 
Fluctirende Bevölkerung. Bei der Bevölkerungsaufnahme von 
1851 ergaben sich für die Armee und Staatsmarine 210,474 Menschen- 
auf die Handelsmarine kamen 124,744. Von diesen 335,218 befanden 
sich in den Colonien, in Indien und in auswärtigen Häfen 162,490. 
Auswanderungen. Aus Grossbritanien und Irland betrugen die 
selben von 1825 bis einschliesslich 1853: 3’599,570. Davon gingen- 
nach den Vereinigten Staaten 2'223,095, nach den britischen Colonien 
m Nordamerika 951,428, nach Australien 374,296. In den verschie 
denen Epochen ergaben sich folgende Auswanderungen nach: 
Nordam. Colon. 
1825 : 8,741 
1830: 30,574 
1840 : 32,293 
1850 : 32,961 
1853: 34,249 
Confessionen. 
Vor. Staaten. Australien, Total. 
5,551 485 14,891 
22,887 1,242 56,907 
40,642 15,850 90,743 
223,078 16,037 280,549 
228,152 62,460 328,807 
Es gibt eine ungemeine Menge von Beeten. 
Ge- 
nano Berechnungen der Bekennerzahl fehlen, selbst für die Haupt- 
koiifessionen. Nachstehend eine Schätzung, bei der die hleineren 
Sccten nicht besonders aufgoführt sind. 
England 
Schottland 
Irland 
Anglikaner. 
14’800,000 
100,000 
900,000 
Presbyterianer. 
500,000 
2’000,000 
650,000 
Katholiken. 
1’000,000 
150,000 
5'000,000 
Andere Dissenters. 
1’600,000 
600,000 
50,000 
Zus. 16’800,000 3750,000 6750,000 2’250,000 
In Folge der irischen Emigration nahm die Zahl der Katholiken an 
sehnlich ab. —Die Zahl der Juden wird auf blos 35—40,000 geschätzt
        <pb n="20" />
        4 GROSSBRITANIEN — Land und Leute. 
MinGrälreichthum des Landes. Im Jahr 1854 lieferten die Minen: 
Kohlen . . 61’661,400 Tonnen, Werth 14’975,000 Pf. St. 
Eisen . . 3’069,839 » 
Blei . . . 64,000 
Kupfer . . 13,042 s 
Zinn . . 5,763 s 
. Silber . . 700,000 Unzen 
Zink im Werth von . 
Sonstige Metalle 
Zus. für 28’575,900 Pf. St. 
In den Bergwerken waren 303,977 Menschen beschäftigt. Eng 
lands Kohlen- und Eisenbergwerke haben einen höheren Werth, als 
die Silbergruben Mexicos und die Goldschätze Californiens. 
Städte. Kein anderes Land besitzt so viele grosse Städte, und 
in keinem, Amerika ausgenommen, erweiterten sich dieselben in solcher 
Ausdehnung. Zufolge der Zählung vom März 1851 kamen von dei 
Gesammtbevölkerung, Irland ungerechnet: 
auf die 815 Städte 10’556,288 Menschen, 
auf das platte Land 10’403,189 » 
9’500, 
1’472,000 - 
1'229,800 ; 
690,000 , 
192,600 , 
16,500 « 
500,000 , 
Also eine grössere Stadt- als Landbevölkerung. 
London allein, mit einer Einwohnerzahl, welche jene mancher 
Königreiche übersteigt, soll um das Jahr 1170 etwa 40,000 Menschen 
umfasst haben; um 1685 ungefähr 530,000, 1702 674,000, 1760 
676,000. Genauer sind folgende Angaben: 1801 958,863, 1811 
1’138,815, 1821 1’378,947, 1831 1’654,994, 1841 1’948,417, 
jetzt wohl über 2 Millionen. (Angabe von 1855: 2’565,579.) 
Abgesehen von Irland, ergaben die Bevölkerungsaufnahmen von 
1801 und 1851 folgende Einwohnerzahl der bedeutendsten Städte : 
England 
London 
Manchester (mit Salford) 
Liverpool 
Birmingham . 
Leeds .... 
Bristol 
Sheffield 
Wolverhampton . 
Bradford 
Schottland 
Glasgow 
Edinburgh mit Leith 
Ferner hatten 1851 mehr als 
1801 1851 
958,863 2’362,226 
94,876 401,321 
82,295 375,955 
70,670 232,841 
53,162 172,270 
61,153 137,328 
45,755 135,310 
30,584 119,748 
13,264 103,778 
77,058 329,097 
81,404 191,221 
50,000 Einwohner : 
In England 
Newcastle . . 87,784 
Hull . , . 84,690 
Stocke-up-Trent . 84,027 
Oldham . . 72,357 
Portsmouth . . 72,096 
Brighton . . 69,673 
Preston . . . 69,542 
Norwich . . 68,195 
Merthyn Tydfil , 63,080 
Leicester . • 60,684 
Nottingham ■ • 57,407 
Bath . • • 54,240 
Stockport • • 53,835 
Plymouth • • 52,221 
In Schottland 
Dundee . . 78,931 
Aberdeen . . 71,973
        <pb n="21" />
        GROSSBRITANIEN — Finanzen (Budget). 
5 
Also bei einer Gesammtbevölkeriing von 21 Millionen, 27 Städte 
von mehr als 50,000, und darunter 11 von mehr als 100,000 Ein 
wohner. lieber 20,000 haben nicht weniger als 70 Städte. 
Gebietsausdehnung. Die grösste Länge der britischen Hauptinsel 
beträgt 118, die grösste Breite 70 deutsche Meilen. Die geringste 
Entfernung derselben von Frankreich ist 4, von Irland 2, von Nor 
wegen 61 deutsche Meilen. Die Küstenentwicklung berechnet Reden 
zu 576, bei Irland zu 310 Meilen. Die Entfernung der Hauptstadt 
vom entlegensten Punkte der Hauptinsel beträgt 140, von der ent 
ferntesten Besitzung in Europa (Zante) 295, in Afrika (Kap) 1270, 
in Asien (Hong-Kong) 1420, in Amerika (Astoria) 1850, und in 
Australien (Neu-Seeland) 3050 Meilen. 
Gebietsveränderungen. Grossbritanien ist der einzige grössere 
Staat in Europa, der seit dem Beginne der ersten französischen Revo 
lution in seinem Hauptlande ohne alle Gebietsveränderung geblieben 
ist. Dagegen traten allerdings sehr bedeutende Wechsel, im Wesent 
lichen ganz zu Gunsten Britaniens, in dessen Colonialbesitz ein. 
Nach dem Verluste der Vereinigten Staaten Nordamerikas war der 
Colonialbesitz des Staates sehr gemindert. Allein während der Re 
volutions- und der Napoleonischen Kriege eroberten die Briten fast 
alle auswärtigen Besitzungen der Franzosen, Holländer und Dänen, und 
viele der Spanier und Portugiesen. Die verschiedenen Friedensver- 
träge beliessen sie im Besitze eines sehr bedeutenden Theiles dieser 
Eroberungen, So verblieben ihnen schon zufolge des Friedensschlusses 
von Amiens, 1802, Ceylon und Trinidad (erstes bis dahin Holländisch, 
letztes Spanisch). Jener von Paris, 1814, sicherte ihnen aber Malta 
(früher dem Malteser Orden gehörend) ; Tabago, St. Lucia, Isle de France 
(Mauritius) und die Sechelen (franz. Colonien); Demeraiy, Essequebo, 
Berbice und das Kap (holländisch); Helgoland (bisher dänisch), und 
die Oberherrlichkeit über die Jonischen Inseln (s. diese). In Folge 
der abweichenden Thronfolgebestimmungen in England und Hannover 
ward zwar das letzte 1837 aus der bisherigen Personalunion befreit. 
Dagegen breitete sich die britische Herrschaft in Asien, besonders 
Ostindien, ungemein aus (siehe Rubrik : „Auswärtige Besitzungen“). 
Finanzen« 
Das Budget. 
Dieses wird immer nur auf ein Jahr vom Parlamente (in Wirk 
lichkeit bloss vom Unterhause) festgestellt. — Die Finanzverhältnisse 
Grossbritaniens haben in Folge des kolossalen Aufwandes für den 
orientalischen Krieg eine so gewaltige Aenderung erfahren, dass es ge 
eignet sein wird, die Umgestaltung selbst etwas in das Auge zu fassen, 
um einen richtigen Ueberblick des jetzigen Verhältnisses zu erlangen. 
Die Ausgaben für das am 4. April 1854 zu Ende gegangene Rechnungsjahr 
(das letzte Jahr des Friedens) waren im Budget veranschlagt zuPf.St. 52T83,000 
sie betrugen aber nur ....... * 51471,000 
Blieb Pf. St. 1’012,000
        <pb n="22" />
        6 
GROSSBRITANIEN — Finanzen (Budget). 
Der Budgetentwurf, welchen der Kanzler der Schatzkammer am 
7. März 1854 für das bis 1. April 1855 reichende Rechnungsjahr vor 
schlug, enthielt folgende Hauptpositionen: 
Einnahmen. 
Zölle Pf. 20’175,000 
Accise » 14’595,000 
Stempel » 7*090,000 
Directe Steuern (assessed taxes) » 3*015,000 
Einkommen-Steuer, gewöhnliche ...... » 6*275,000 
Post ' 1*200,000 
Domänen .......... * 259,000 
Verschiedene Einnahmen « 740,000 
Gewöhnliche Einnahmen Pf. 53*349,000 
Erhöhung der Einkommensteuer z. Deckung der Kriegsbedürfnisse « 3*307,000 
Oesammteinnahme Pf. 56*656,000 
Ausgaben. 
Fundirte Schuld ......... Pf. 27,000,000 
Unfundirte (schwebende) Schuld ...... » 546,000 
Consolidirte Fonds (Ausgaben für Civilverwaltung, .Justiz etc.) « 2*460,000 
Armee (Infanterie und Cavallerie) ..... ^ 6*857,000 
Marine .......... * 7*488,000 
Feldzeugamt {Ordnance, Artillerie, Genie) .... # 3*846,000 
Commissariat ......... &lt; 645,000 
Verschiedenes (Miscellaneous supplies) ..... » 4*775,000 
Miliz = 530,000 
Expedition nach dem Oriente ...... » 1*250,000 
Paketbootendienst ........ # 792,000 
Zusammen Pf. 56*189,000 
Während nun aber danach ein Ueberschuss von fast einer halben 
Mill. Pf. (12 Mill. Frkn.) in Aussicht stand, forderte der Minister 
bereits schon am 9. Mai weitere 6 Mill. Pf. für Kriegsbedürfnisse. 
Er erhielt die Genehmigung des Parlaments nicht nur hiezu, sondern 
auch die Zustimmung zu dem Plane, die sämmtlichen Kosten des Krieges 
nicht durch Anlehen, sondern ausschliesslich durch Steuererhöhung 
zu decken. Vor Allem ward Erhöhung der Einkommensteuer (Income 
tax) beschlossen. Vom Pf. Sterl. waren bisher 7 Den. erhoben worden; 
die Auflage ward für das ganze Jahr (nicht blos für die ersten sechs 
Monate, wie der Budgetentwurf besagt hatte) verdoppelt, d. h. auf 
5®Vioo Pi'oz. vom Einkommen erhöht. Mit einer Erhöhung auf 8 Proz., 
glaubte der Minister, würden sich alle Kriegsausgaben decken lassen; 
allein er schlug dies nicht vor, weil er fürchtete, durch zu hohe 
Steigerung das neue Besteuerungsprinzip überhaupt zu gefährden, zu 
mal er auch die Einführung einer Erbschaftssteuer veranlasst hatte. 
Daher wurden folgende weitere Bestcuorungsmassregeln beschlossen : 
Auflage auf die Spirituosen .... Pf. 450,000 
Î ? Zucker ...... « 700,000 
Í Í Malz ' 2*450,000 
Hiezu die erwähnte Erhöhung der Einkommensteuer « 3*250,000 
Gesammtsteuererhöhung Pf. 6*850,000 
(Die bisher schon 5 Mill. Pf. ertragende Malzsteuer v/urde von 
2 Shill. 8 Yg Den. auf 4 Shill, erhöht.)
        <pb n="23" />
        GKOSSBRITAOTEN — Finanzen (Budget). 
7 
Lässt man bei diesem Budget die ausserordentlichen Kriegsausgaben 
ausser Ansatz, so kann man die llauptpositionen so zusammenfassen: 
Einnahmen : 
Direkte Steuern . . Pf. 9’290,000 
Indirekte Auflagen . « 41’860,000 
Domänen .... # 259,000 
Staatsanstalt (Post) . í 1’200,000 
Verschiedene Einnahmen « 740,000 
Pf. 53’349,000 
Ausgaben : 
Staatsschuld ... Pf. 27’546,000 
Land- und Seemacht 
(mit Miliz) . . . , 18721,000 
Alle andern Bedürfnisse &lt; 8'672,000 
Pf. 54’939,000 
Von der ordentlichen Gesammtausgabe erheischten also: 
84,23 Proz. 
15,77 
Zieht man aber das Kriegsbudget mit in Rechnung, so ergaben 
sich gleich im ersten Kriegsjahre folgende Ziffern • 
Schuld . . 27’546,000 Pf. = 44,29 Proz. 
Krieg . . 25’971,000 ' = 41,76 , 
Andere Bedürfnisse 8’672,000 í = 13,95 » 
62789,000 Pf. 
Die Schuld . . 50,15 ) 
Das Kriegswesen . 34,08 ) 
Alle anderen Ausgaben nur 
Allein der wirkliche Kriegsaufwand zeigte sich alsbald noch grösser, 
und so bekam man denn mit dem ersten Entwürfe des Budgets Ziffern, 
die sich folgendermassen zusammenstellen lassen : 
18% 
Voranschlag. Wirklichkeit. 
Armee (Infanterie und Kavallerie 6’287,486 7767,486 
Marine 7787,978 10717,309 
Zeugamt (Artillerie) . . 3’845,878 5’986,662 
Transportdienst ... — 3’582,474 
Zusammen 17’621,312 27753,931 
Voranschlag 
für 18»%, 
13731,158 
10716,338 
7’808,042 
5781,465 
37727,003 
Die Mittheilungen des Ministers gelegentlich der Vorlage des 
Budgets für gewährten unter Anderm folgende Aufschlüsse: 
Die Ausgaben im letzten Friedensjahre, j hatten 
5l’l98,000 Pf. betragen; die im ersten Kriegsjahro IS^Vss dagegen 
65’962,000, und der Voranschlag für 18%8 stieg bereits auf 
86'339^^0 Ph 
Die Einnahmen ira Jahr 18®V55 betrugen aus den frühem 
Steuern etc. circa 53’349,000, aus den neuen Steuern (da ein Theil erst 
im folgenden Rechnungsjahre flüssig werde) 6747,000. Zur Deckung 
des weitern Bedarfs hatte man die unfundirte Schuld um 7725,513 
Pf. vermehrt. 
Bei so sehr gesteigertem Bedarfe ging man von dem System ab, 
die Gesammtsumme der Kriegskosten durch Steuererhöhung zu decken. 
Man sprang zwar nicht zu der in Frankreich angenommenen Methode 
über. Alles durch Anlehen zu docken, benützte nun aber beides: 
Stcuererhöhung und Anlehen. So beschloss man denn für IS^Vsö 
folgende ausserordentliche Deckungsmittel: a) Anlehen 16 Millionen, 
b) neue Steuern 5’300,000 Pf. 
Die Steuererhöhimgen waren :
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        8 
GEOSSBKITANIEN — Finanzen (Budget). 
1) Zuckerzoll, um 3 Shill, pr. Ctr,, nach Qualität, veranschl. Ertrag 1’300,000 
2) Kaffeezoll, um 1 Den. pr, Pfd, sonach auf 4 Den. (12 Krzr.) gebracht 150,000 
3) Theezoll, « 3 * « , (bis dahin 1 Shill. 6 Den.) . . 750,000 
Zollerhöhungen zusammen 2’100,000 
4) Stempeltaxe à 1 Den. auf Bankiersanweisungen (ganz neue Auflage) 200,000 
5) Accisegebühren. Die schottischen werden den englischen gleichge 
stellt, d. h. von 6 Shill, pr. Gallon auf 7 Shill. 10 Den. erhöht, 
und ebenso werden die irischen von 4 auf 6 Shill, gebracht , 1’000,000 
6) Einkommensteuer um weitere 2 Den. pr. Pfd. (auf Proz. des 
Einkommens) 2’000,000 
Mit Dazurechnung der vorjährigen neuen Belastung ergab sich 
für IS^Vse eine ausserordentliche Kriegsbesteuerung von nahezu 
15Yg Mill., und zwar 8’557,000 an direkten Steuern und 6’900,000 
Pf. an indirekten Auflagen; ausserdem die erwähnte Vennehrung der 
Staatsschuld von 16 Mill. — Der Bedarf war u. a. dadurch erhöht, 
dass man dem Sardinischen Staate ein Anlehen von 1 Million Pf, 
(25 Mill. Frkn.) hatte zusichern müssen, um denselben zur Thcilnahmo 
am Kriege gegen Russland zu bewegen, — Nach verschiedenen Mo 
difikationen bekam man ein Ausgabebudget, welches sich so zusammen 
fassen lässt : 
1) Schuld : Verzinsung 27’950,000 ; anderweite Belastung des con- 
solidirten Fonds 1750,000 = . ... 
2) Krieg: Landmacht lß'200,000; Marine 16700,000; Feldzeug 
amt 7’800,000 ; ausserordentlich 3’000,000 = 
3) Civildienst 
Ohne das sardinischo Anlchen also .... 
29700,000 
43'675,000 
6’500,000 
79'900,OÕÕ 
wovon 54,66 Proz. auf Kriegskosten, 37,17 auf die Staatsschuld, auf 
diese zwei unproduktive Posten also beinahe 92 Proz. des Gesammt- 
bedarfs kommen, so dass also bei weitem nicht mehr Vio für die 
eigentliche innere Verwaltung bleibt. 
In der Unterhaussitzung v. 23. Febr. 1856 theilte der Schatzkanzler 
bei der Budgetvorlage für IS^Vs? u- a. folgende Daten mit: Er habe im 
vor. April die Einkünfte mit Einschluss der Anleihe zu 86,339,000, die 
Ausgaben zu 81’899,000 Pf. veranschlagt. Der sich darnach ergebende 
Ueberschuss sei durch einen Steuernachlass auf 4’240,000 Pf. ver 
mindert worden. Spätere Zusatzpositionen betrügen 6'135,000, die 
vorgesehene Ausgabe also 88’034,000 Pf. Eine neue Emission 
von Schatzscheinen und Bonds bringe die vorgesehene Einnahme auf 
90’139,000 Pf, — Nun bleibe aber die wirkliche Einnahme um 
1’600,000 Pf. hinter der Erwartung zurück, indess die wirkliche 
Ausgabe die Voranschläge um 1’960,000 Pf. übersteigen, so dass sich 
eine Differenz von 3’560,000 gegen die Voranschläge ergebe. — Die 
ganze Summe, welche in dem gegenwärtigen (Rechnungs-) Jahre ge 
borgt worden sei, betrage (mit Schatzscheinen und Bonds) 23, und 
wenn man noch die Anleihe von 5 Mill, dazu rechne, 28 Mill. Pf. 
Nachdem der Friede hergestellt, schlug der Kanzler der Schatz 
kammer in der Unterhaussitzung vom 19. Mai 1856 eine Erraässigung 
seines ursprünglichen Budgetentwurfs für 1856—57 vor. Hier die Haupt 
punkte seiner Auseinandersetzung : In dem ursprünglichen Budget- 
entwurfe waren 34’998,000 für die Land- und 19’876,000 für die
        <pb n="25" />
        GROSSBRITANTEN — Finanzen (Kriegskosten). 
9 
Seemacht, zusammen 54’874,000 Pf. für militärische Zwecke bestimmt. 
Nachdem der Friede hergestellt, konnten diese Summen auf 20’747,000 
und 16’568,000 = 37’315,000 herabgesetzt werden. Darnach stellt 
sich der Bedarf (mit Einschluss eines neuen Anlehens von 1 Mill, für 
Sardinien) auf 82,113,000, oder, nach Abzug von 4’588,000 Pf. Er 
hebungskosten (welche dieses Jahr zum ersten Male speziell aufgeführt 
sind), auf 77’525,000 Pf. netto. — Zur Deckung sollen dienen: alle 
gewöhnlichen ordentlichen und ausserordentlichen Auflagen, namentlich 
auch die Einkommenssteuer in ihrem erhöhten Betrage von 1 Sh. 4 Den. 
vom Pf. (oder 6 Pf. 13 Sh. 4 Den. von 100 Pf.); erst im April 1857 
soll dieselbe auf den früheren Betrag herabgesetzt werden. Auch sind 
mehrere Millionen vom vorjährigen Anlehen zur Verfügung. Dessen 
ungeachtet bleibt noch ein Defizit von 6’873,000 Pf., wovon 5 Mill, 
durch ein Anlehen, 2 weitere Mill, aber durch Ausgabe von Schatz 
scheinen gedeckt werden sAlen. 
Die Kosten des Krieges. Der Minister selbst stellte bei der eben 
erwähnten Gelegenheit folgende Rechnung auf: 
In den beiden Kriegsjahren wurden, verglichen mit den 
beiden letzten Friedensjahren, für militärische Zwecke, 
also den Krieg, mehr ausgegeben .... Pf. 63’055,000 
Im nächsten Jahre werden diese, nicht plötzlich zu beseiti 
genden Mehrkosten noch erheischen .... » 24’500,000 
Sonach Gesammtsumme der Kriegskosten Pf. 77’588,000 
Hivon wurden 17’182,000 Pf. durch Erhöhung der Steuern be 
reits gedeckt. 
Nach dem letzten, dem Parlamente vorgelegten Finanzausweise 
(ausnahmsweise nach dem Kalenderjahre, sonach bis 31. Dez. 1855 
berechnet) stellten sich die Hauptsummen so: 
Ausgaben . . 84’505,788 
Einnahmen . . 63’364,605 
Defizit 21441,183. 
Die Haupt-Einnahmeposten waren: Zölle 20’987,752, Ac 
cise 16’389,486, Stempel 6’805,604, Land- und Abschätzungstaxen 
2’945,784, Einkommensteuer 13718,185, Post 1737,219, Kronlän- 
dereien 280,515, Verkauf von Vorräthen 522,138, Zahlung der ost 
indischen Kompagnie 60,000, diverse Einnahmen 402,768, nicht er 
hobene Dividenden 111,149. 
Unter den Ausgaben: a) fundirte Staatsschuld 22792,594, 
Leibrenten 173,240, Zinsen der Schatzkammerbonds 217,000, ditto 
der laufenden Schatzscheine 560,635, dazu Diverses 86,135 ; zusammen 
Schuld 27’647,899 ; — b) Landarmee 14’545,059, Flotte 19’014,708, 
Feldzeugamt 9,632,290, sonstige ausserordentliche Credite für Kriegs 
zwecke 5’200,000; zus. für den Krieg 48’392,057; — c) Civilliste 
396,570, Jahresrenten und Pensionen 340,991, Gehalte etc. 162,697, 
diplomat. Corps 149,244, Gerichtshöfe 493,082 etc. 
Bemerkungen zu den einzelnen EinnahmepOSitionen. Vor 
allem muss der geringe Ertrag der Staatsdomänen auflallen. Nicht 
einmal Va Eroz. der Einkünfte wird aus dem unmittelbaren Staats-
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        10 GROSSBRITANIEN — Finanzen (Einnahmen und Ausgaben). 
eigenthum gezogen, — ein Zeichen, wie man das Staatseigenthuin in 
frühem Zeiten verschleuderte und wie der Adel dasselbe an sich riss. 
Nach Wiedereinführung der Einkommensteuer (1843) und 
nach Aufhebung der Kornzölle (beschlossen 1846, doch unter Bei 
behaltung einer „gleitenden Scala“ während der nächsten drei Jahre) 
schien es, als ob das bisherige System, die Staatsbedürfnisse vorzugs 
weise durch indirekte Belastung zu decken, verlassen, und mehr 
und mehr die Einkommen-, als die einzige prinzipiell gerechte, auch 
zur einzigen wirklichen Steuer gemacht werden wolle. Allein die ge 
waltig gesteigerten Bedürfnisse Hessen dies nicht zu. Man erhölito 
vielmehr, wie wir gesehen, direkte und indirekte Steuern. Das engl. 
Einkommensteuergesetz ist übrigens ziemlich roh. Es macht keinen 
Unterschied zwischen zufälligem, rein durch persönlichen Erwerb oder 
durch Kapitalbesitz gewonnenem Einkommen; es berührt überdies gar 
nicht das Kapital, lässt dieses völlig unbesteuert, und zwar auch 
da, wo dasselbe absichtlich in Luxusgegenständen und unproduktiv 
angelegt ist. Nur sollte jedes Einkommen unter 150 Pf. St. (3750 Frkn. 
oder 1800 fl.) nach der ursprüngl. Bestimmung steuerfrei bleiben. 
Die Staatsanstalt (Post) betrachtet man seit Einführung des 
Penny-Postsystems (wonach für das ganze vereinigte Königreich der 
gleichmässige Portosatz von 1 Penny oder 3 Krzr. = etwa 11 Cen 
timen gilt), mehr vom volkswirthschaf'tlichen, als vom fiscalischcn Stand 
punkte. Anfangs entstand allerdings ein starker Einnahme-Ausfall. 
Allein die Erträgnisse der Post stiegen alsbald in hohem Maassc : 
1840 1845 1850 1854 1855 
Pf. St. 447,665 753,000 820,000 1’288,834 1’137,219 
(1855 ergab sich, wie man sieht, ein kleiner Rückschlag). 
Der Zollertrag war 1854 22’187,149 Pf., = gegen das Vor 
jahr um 904,292 Pf. weniger. 
Einzelne ÄUSgäbepOSitionen. Da in England der natürliche 
Grundsatz des Self-Government im Allgemeinen ungeschmälert besteht, 
so decken die Grafschaften und die Städte ihre Bedürfnisse selbst, und 
nichts davon fliesst durch die Staatskasse. 
Die Staatsfinanz ist aber auch noch in anderer Weise in ihrer 
Verwaltung vereinfacht. Das gesammte Kassawesen wird nicht bureau- 
kratisch betrieben, sondern kaufmännisch; es ist der Bank von Eng 
land übertragen. So kommt es, das die ganze Finanzverwaltung nur 
beiläufig 6 Proz. kostet. In dem Voranschläge für 18^%^ waren die 
Erhebungskosten der Staatsrevenüen zu 4’870,B45 Pf. veranschlagt, 
nämlich 4’385,951 Pf. Personalgehalte etc. und 484,694 Pf. Pensionen. 
Von der Gesammtsumme kommen auf die Zollverwaltung 1'560,666, 
die Accise und sonstige Abgaben 1’644,585, endlich die Post 1,665,394. 
(Die Post beschäftigte 21,221 Personen ; dieselbe bezahlte 693,717 
Pf. für den Seedienst und 480,712 Pf. an Eisenbahnen.) 
Die Gesammtkosten der Civilverwaltung für 1855 sind auf 
6’556,963 Pf. berechnet, nämlich: 
746,760 Pf. öffentliche Bauten, 2’245,288 Pf. Gerichtsverwaltung, 
1’315,390 Í Polizeianstalten, 846,670 « Volkserziehung,
        <pb n="27" />
        GROSSBRITANIEN — Finanzen, in früherer Zeit. 
11 
328,344 Pf. Colonial- u. Consularwesen, 756,169 Pf. diverse, spezielle Anstalten, 
218,342 f wolilthätige Anstalten und 100,000 &lt; für unvorges. Erfordernisse. 
Pensionen etc. 
Zu erwähnen ist, das die Geistlichkeit enorme Einkünfte aus 
den ihr belassenen Gütern bezieht. — Die Civilliste mit 396,570 Pf. 
ist verhältnissmässig gering, doch sind sehr ansehnliche besondere Be 
züge und die Apanagen nicht einbegriffen. Beispielsweise erhält Prinz 
Albert, der Gemahl der Königin, 30,000 Pf. 
Staatsbedarf in früherer Zeit. 
Im Jahre 1685 betrugen die gesammten Staats-Einkünfte un- 
gefähr 1’400,000 Pf. Dazu lieferten: die Accise 585,000, der Zoll 
530,000, die Kaminsteuer 200,000. Der Rest floss aus den Domänen, 
dem (damals noch nicht an die Geistlichkeit abgetretenen) Zehnten, 
den Herzogthümern Cornwall und Lancaster, und den Geldstrafen. — 
Was die Ausgaben betrifft, so würde die Schuld des Königs etwa 
80,000 Pf. jährlich erheischt haben; allein dieser Posten ward nicht 
bezahlt. Die Kriegsmacht kostete : Landheer 290,000, Marine 380,000, 
Artillerie 60,000, zusammen 730,000 Pf. Die Civilverwaltung bela 
stete die Staatskasse nur wenig; das meiste davon ward durch die 
Städte oder aus den Strafen gedeckt. Die diplomatischen Ausgaben 
erforderten höchstens 20,000 Pf. Allein neben der Hofverschwendung 
verschlangen Günstlinge ungeheuere Summen. Der Herzog v. Ormond 
bezog jährlich 22,000, der Herzog v. Bukingham 19,600 Pf. Monk 
hinterliess ein Jahreseinkommen aus seinen vom Staat erhaltenen Gü 
tern von 15,000 Pf. und ausserdem 60,000 Pf. haar. Dagegen hatte 
der Erzbischof (im Vergleiche zu später, erst) 5000 Pf. (s. Macaulay, 
history of England from the accession of James the second.) 
Im Jahre 1709 betrug der Staatsaufwand 7 Mill., eine für un 
geheuer gehaltene Summe. Die Bezüge der Günstlinge waren noch 
enormer geworden. Marlborough hatte jährlich 54,825, seine Frau 
ausserdem 9500 Pf., ungerechnet den Ertrag der ihnen geschenkten 
Domänen (Blenheim etc.). — Nach dem Normativ von 1669 erhielten 
die englischen Gesandten in Frankreich, Spanien und beim deutschen 
Kaiser 100 Pf. täglich, und 1500 Pf. jährlich für Equipage; jene 
in Portugal, Holland, Schweden etc. 10 Pf. täglich und 1000 Pf. 
Pferdegeld. Allein die Besoldungen wurden oft Jahre lang nicht aus 
bezahlt. (b. Lord Mahon, history of England from the peace of Utrecht 
to the peace of Versailles.) 
Im Jahre 1784 betrugen die Staatseinkünfte 10’856,967; 1785: 
12’499,926 Pf. Dazu kommen die Irlands, 1784 mit 1’093,881 Pf. 
Die Kriege gegen Frankreich erheischten grössere Summen. 1797 
schlug Pitt die Einführung der assessed taxes vor, deren Ertrag er auf 
7 Mill, schätzte, aber nur 4 erhielt. — 1798 belief sich die Gesammt- 
sumine der Einkünfte auf 23’100,000, 1799 auf 25’600,000. Pitt 
verlangte schon 1798 10 Mill, mehr, denn dieses Zunehmen ging ihm 
zu langsam; er beantragte Erhöhung der alten und Einführung neuer 
Abgaben, namentlich einer Einkommensteuer {Income tax) ; es handelte
        <pb n="28" />
        12 
GROSSBRITANIEN — Finanzen (Schuld). 
sich darum, die Staatseinkünfte um 40 Proz, zu vermehren. Indess 
betrug die gesammte Einnahme 1801 doch erst 34 Mill., 1802 schon 
38,600,000, 1805 (letztes Jahr der Pitt’schen Verwaltung) 50’900,000; 
1807 (nachdem Lansdowne die Erhöhung der Einkommensteuer er 
wirkt) 59’300,000. Von nun an bis 1816 betrugen die Staatseinkünfte 
nie unter 60, mehrmals 70, 1813 fast 72 Mill. 1815 (letzter Krieg 
gegen Napoleon) steigerte man das Budget auf 116748,258 Pf., wo 
von 89748,958 durch Auflagen, die andern 27 Milk durch Anlehcri 
aufgebracht wurden. (Die englische Nation, welche 1801 blos 34 Mill, 
an Taxen aller Art bezahlt hatte, entrichtete also 14 Jahre später 
fast 90 !) Dabei darf nicht vergessen werden, dass Grossbritanien 
zu Ende des vor. Jahrhunderts nicht die Hälfte seiner jetzigen Be 
völkerung hatte, dass die Einfuhr nicht V4, die Ausfuhr bloss V3 der 
jetzigen betrug. Von den Auflagen kamen durchschnittlich auf jeden 
Einwohner : 
1801—10 5 Pf. 12 Skill. 1 Den. 
1811—20 3 , 15 Í 6 , 
1821—30 2 Í 5 i 
1817 hob man die Einkommensteuer auf. Mancherlei einzelne 
Abänderungen erfolgten. Allein nun stellte sich ein neues Defizit ein. 
Sir Rob. Peel erwirkte 1842 Wiedereinführung der Einkommensteuer. 
Es ergaben sich nun neuerdings Ueberschüsse. Endlich ward, neben 
der Aufhebung oder Venninderung sehr vieler anderer Zollsätze, die 
freie Getreideeinfuhr (Aufhebung der Kornzölle) beschlossen. — Von 
dieser Zeit datirt eine Umgestaltung der Grundlagen des Steuersystems. 
— Von 1840 bis Ende 1853 wurden noch an alten Abgaben abge- 
schaift : 18704,291 Pf., neue eingeführt 11’916,416 ; sonach Ver 
minderung etwa 6,200,000. Dessen ungeachtet stiegen die Einnahmen 
von 47’567,565 Pf. im Jahr 1840, auf 54’430,344 im Jahre 1853. 
Staatsschuld. 
Am 5. Jan. 1853 war der Stand der fundirten Schuld; 
3 0/0 Schuld 507’860,623 Pf. 
3 % Vo Annuitäten. 217774,390 
Neue 5 % Annuitäten 431,076 
Gesammtschuld Grossbritaniens 725’566,089 s 
Die (gesondert behandelte) Schuld Irlands betrug 38’975,206 
Total 764’641,296 
Die Jahresausgaben für diese fundirte Schuld betrugen: 26’501,778 
Pf., nämlich 24’944,571 für die englische, 1’466,481 für die irische 
Schuld, und 90,726 für die Verwaltung. 
Daneben war eine unfundirte, schwebende Schuld vorhanden 
(Schatzkammerscheine, Schatzkammerbonds) im Betrage von 28796,525, 
mit nahezu 400,000 Pf. Zins. (Solche verzinsliche Schatzscheine werden 
vom Ministerium ausgegeben zur Deckung von Bedürfnissen, wenn die 
nöthigen Geldsummen sich nicht in den Staatskassen befinden und ein 
neues Anlehen nicht beschlossen worden ist.) 
Seit obiger Aufstellung wurde die fundirte Schuld vermehrt um 
den Betrag des Anlehens von 16 Mill. (s. oben), dann um die damit
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        GROSSBRITANIEN — Finanzen (Schuld). 
13 
weiter verbundenen Annuitäten, dies 1855; sodann im Febr. 1856 um 
ein weiteres 3proz. Anlehen von 5 Mill. Sodann wandelte man 1856 
für 3 Mill. Exchequer-bills in fundirte Schuld um und emittirte weiter 
für 5 Mill. 3proz. Consols (im Course von 93). Sonach vermehrte 
der letzte Krieg die consolidirte Schuld (ungerechnet die damit ver 
bundenen Leibrenten) um mindestens 29 Mill. Allein auch die schwe 
bende Schuld ward um 11’440,000 Pf. vergrössert. Zusammen eine 
Vermehrung, welche mindestens 40V2 Mill, beträgt. — Darnach wäre 
der Gesammtschuldenstand Grossbritaniens jetzt etwa : 
Fundirte Schuld . . 793'/, Mill. Pf. 
Schwebende » . . 40'/4 » » 
Zusammen 834 Mill. Pf. 
Geschichte der engl. Staatsschuld. „Nicht unsere Revolution 
hat die Staatsschuld begründet; deren Anfang ist vielmehr von un 
vordenklichem Alter ; was die Revolution einführte, ist der Gebrauch, 
die Schuld ehrlich zu bezahlen.“ (Macaulay.) 
Zur Zeit der letzten engl. Revolution, 1689, belief sich die Staats 
schuld nur auf 664,263 Pf. Kapital, mit einer jährlichen Zinssumme 
von 39,855 Pf. Unter Wilhelm dem III. wurde dieselbe um 15,730,439 
Pf. vermehrt. Er errichtete 1694 die Bank, wesentlich in der Absicht, 
leichter Schulden machen zu können. Diese Bank streckte der Regierung 
1’200,000 Pf. vor gegen Sprozentige Verzinsung und eine jährliche 
Belohnung von 4000 Pf. 1709 lieh sie dem Staate abermals 400,000 etc. 
— Königin Anna fand bei ihrem Regierungsantritte eine Schuld von 
16’394,792 Pf., die sie in dem kurzen Zeiträume von 12 Jahren um 
37’750,661 Pf. vermehrte. Die Zinslast war 3’300,000. (Der span. 
Erbfolgekrieg kostete England 69 Mill.) Unter Georg I. erfolgte die 
Abtragung von 2’053,125, so dass Georg II. 1727 eine Schuld von 
52’092,238 Pf. traf. Es fanden mancherlei Manipulationen statt. Man 
lieh nicht blos mehr von der Bank, sondern auch von andern Gesell 
schaften, z. B. IIV4 Mill, von der Südseekompagnie (eine Schuld, 
welche theilweise heute noch besteht). 1746 erfolgte Herabsetzung 
des Zinsfusses auf 3 Proz. ; 1751 Vereinigung der zerstreuten Posten 
in eine Schuldenmasse (Consols). Bei neuen Anlehen entstanden die 
4- und 5prozentigen Consols (four per cent consols anuities, dann die 
navy five per cent cons, an.) etc. Bis zum Pariser Frieden, 1763, 
war die Schuld (grossentheils in Folge der Friedrich dem II. im 
siebenjährigen Kriege geleisteten Hülfe) bis auf 138,865,430 Pf. an 
gewachsen. Sie verringerte sich nun während des Friedens um 
10’281,794 und betrug beim Ausbruche des amerik. Unabhängigkeits 
krieges, 1774: 128’583,635. Dieser Krieg veranlasste neue Anlehen 
im Betrage von 121’267,993 Pf., und beim Friedensschlüsse, 1784, 
hatte die Schuld eine Höhe von 249’851,628 Pf. erreicht. — Hierauf 
wieder, bis 1793, Verminderung um 10’501,480. 
ährend der französischen Revolutions- und der Napoleonischen 
Kriege folgten nun Anlehen auf Anlehen. So wurden aufgenommen : 
1792 4‘/j Mill, zu 4 Pf. 3 Sh. 6 Den. Zins (über 4% Proo.) 
1794 11 , ' 4 . 10 » 3 * Í (4% Proo.)
        <pb n="30" />
        14 GROSSBRITANIEN — Finanzen (Schuld). 
1795 18 Mül. zu 4 Pf. 15 Sh. 8 Den. Zins. 
1796 25 Í Í 4 Í 13 Í 5 Í » 
1797 32% . , 5 , 14 ,10 , 
1798 17 5 í6,4í9í , (6% Proc.) 
Aehnlich ging es fort. Man „amortisirte“ ununterbrochen, d. li. 
man kaufte Papiere, um andere in grösserer Menge zu noch weit wohl 
feilerem Course zu emittiren. Man bezahlte nämlich nicht blos diesen 
oder jenen Zins, sondern man gab, nach Art schlechter Schuldner, 
Verschreibungen für weit grössere Summen, als man ausbezahlt erhielt. 
So wurden z. B. 1798, um 17 Mill, zu erhalten, für .34 Mill. Stocks 
ausgegeben; 1802 statt 28 für 49 Milk, 1813 statt 27 : 45, 1815 
statt 36 : 66 Mill. Nach dem jetzigen Course der Papiere berech 
net, ward die Schuld beiläufig um noch einmal so viel Kapital ver 
mehrt, als man ausbezahlt erhielt. — Die gesammte Schuldvermehrung 
während dieses Krieges betrug, nach Abzug der amortisirten Summen, 
nicht weniger als 601’500,343 Pf. (also über 15,000 Mill. Frkn.), 
und der Stand der ganzen fundirten Staatsschuld ward für den 5. Jan. 
1817 zu 840’850,491 Pf. berechnet, zu deren Verzinsung 32’014,941 
Pf. erforderlich waren. Daneben betrug die schwebende Schuld im 
Jahre 1815 58 Mill. 
SllbsidienZählungCn. Diese enorme Schuld wurde znm 4’hell 
durch die Gelduiiterstützung veranlasst, welche Grossbritanieu andern 
Staaten gewährte. Nach einer Parlamentsurkunde wurden von 1792 
bis 1853 an Subsidien und vorgestreckten Anlehen bezahlt an: 
Russland Pf. 9’613,434 Ilesscn-Cassel ... Pf. 1’271,107 
Russ.-holländ. Anlelicn , 4’136,836 Deutsche Fürsten . . , 700,000 
Portugal , 9’533,355 Sardinien .... , 592,000 
Deutschland .... , 7’936,666 Griechisches Anlehen . , 503,602 
Preussen .... , 6’669,885 Baiern , 501,017 
Spanien .... » 5’248,773 Hessen-Darmstadt . . , 263,581 
Schweden .... , 4’845,571 Prinz v. Oranien . . , 220,000 
Oesterreich . . . . , 4’211,111 Frankreich .... , 200,000 
Sicilien .... Í 2’734,415 Braunschweig ... , 125,086 
Hannover .... , 2’480,107 Dänemark .... , 121,917 
Kleinere Staaten . . , 1733,528 Baden # 26,990 
Holland (Befestigungen) # 1’529,765 Marocco ? 16,371 
Von diesen, 64’215,126 Pf. betragenden Summen sind als „zu 
rückbezahlt“ blos bezeichnet: 200,000 von den dem Prinzen v. Oranien 
geliehenen 220,000, und die 1815 dem Könige von Frankreich ge 
liehenen 200,000. (Was oben unter „Deutschland“ begriffen, ist uns 
unbekannt.) Seit 1816 gab die engl. Regierung keine Vorschüsse 
mehr, ausser der holländischen, der holländ.-russischen und der grie 
chischen Anleihe, — sodann 1855 weiter 1 Mill, an Sardinien, der 
die Auslieferung einer ferneren Million im Jahr 1856, ungeachtet 
des stattgehabten Friedensschlusses, folgte. Der erste Vorschuss an 
Russland fand 1799, der letzte 1816 statt. Die Vorschüsse etc. für 
Baden,* Darmstadt und Braunschweig datiren noch aus den letzten 
Jahren des vorigen Jahrhunderts. — Im Allgemeinen sollen die von 
England gezahlten Subsidien pr. Soldat und pr. Jahr 11 Pf. St. 2 Shill, 
betragen haben.
        <pb n="31" />
        ■lil+— ttti rttinii ■ mill 
GROSSBRITANIEN — Militar (Landmacht). 15 
Aus dem Gianzen ergibt sieb ; fortwährende geringe Schuldver 
minderung im Frieden, und enorme Vermehrung in allen ungewöhn 
lichen Zeiten. — Ehrenvoll ist noch zu gedenken der 20 Mill. Pf. 
für Loskaufung der Negersklaven im Jahre 1833. 
MilitHrwcseii» 
Landmacht. 
Formation. Das englische Heer wird nicht vesmittelst Con 
scription , sondern vermittelst Werbung 17 — 25 jähriger Mannschaft 
gebildet. Die Capitulationszeit ist bei der Infanterie 7 oder 10, bei 
der Cavallerie und Artillerie 12 Jahre. Das Handgeld wechselt, je 
nach dem Mannschaftsbedarfe. Immerhin ist aber der englische Soldat 
der bestbezahlte und in der Kegel der bestgenährte in Europa. Dessen 
ungeachtet wird der Dienst in der Landmacht weit geringer geachtet, 
als der in der Marine. Die 0fficiersstellen, vom Obristlieutenant 
abwärts, sind käuflich, und selbst die traurigen Resultate des ersten 
Krimfeldzugs konnten eine Abänderung hierin nicht erwirken. Nicht 
käuflich sind die Stellen im Feldzeugamte (d. h. in der Artillerie und im 
Hcnie) und die durch Tod oder Versetzung vacant gewordenen. (Preis 
einer Obristlieut.-Stelle bei der Garde zu Fuss 7250 Pf., bei der Linien- 
inf. 4500, der Stelle eines Cornets bei der Garde 12GO, eines Fähnrichs 
bei der Lin.-Inf. 450 Pf. Der Gesammtwerth aller verkauften Officiers- 
patente wird zu 8’0G8,535 Pf. angegeben.) Die Soldaten unterliegen 
den härtesten körperlichen Strafen (mit „der 9schwänzigen Katze“) und 
das Avancement war ihnen bis zum letzten Feldzuge unbedingt abge 
schnitten und ist ihnen auch jetzt nur ausnahmsweise ermöglicht. Die 
Mannschaft erprobte sich stets als ausgezeichnet brav und unerschüt 
terlich im Kampfe, ist indess schwer beweglich; das Ofliciercorps 
aber umfasst viele gering befähigte Adelige etc. — Die ganze Existenz 
des stehenden Heeres hängt übrigens von den alljährlichen Be 
schlüssen des Parlaments ab; nur immer auf 1 Jahr erfolgt die Ge 
nehmigung der sog. Mutiny-Bill. 
Bestand. Die gewöhnliche Formation (Friedenszeit) ist fol 
gende, wobei wir die Mannschaftszahl nach den Etats von 1853 an 
geben, also vor dem russischen Kriege : 
Infanterie. 
.3 Regim. Orenadiergardo (Grenadier-Guards, Coldstream, Scots Mann 
Fusileers) 
99 ♦ Linien-Infanteric - 
S cliarfschützen-(Rifle-) Bri gade 
3 Í Westindier (West-India-Regim.) 
105 Regim. und 1 Scharfschützen-Brigade = . 
(Die meisten Linienregimenter haben nur 1 
und 800—950 Soldaten.) 
Cavallerie. 
2 Reg. Leibgarde (Life-Guards) I 
1 # Reitergarde (die „Blauen“) ( 
5,260 
100,043 
1,971 
3,416 
110,690 
Bataillon, wenige 2, 
Mann 
1,308
        <pb n="32" />
        16 
GROSSBEITANIEN - Militär (Landmacht). 
7 Í Dragonergarde (Dragoon-Guards) . . 2,833 
3 Í schwere Dragoner ) 
4 Í leichte s | . 3,519 
5 Í Husaren 2,743 
Lanciers 1,962 
26 Reg. Cavallerie = . . . . " 12,355 
(Die Regimenter mit 3—4 Schwadronen oder 6—8 Compagnien 
300—700 Mann.) ^ ® ' 
Colonialcorps. 
1 Reg. Ceylon-Jäger (Riflemen) . , . 2,037 
1 » Canadische Jäger .... 1,127 
1 # auf St. Helena 434 
1 Í Fencibles auf Malta .... 639 
Berittene Jäger auf dem Cap . , 1,083 
1 Comp. New-Foundland-Veteranen . . 344 
Invaliden auf Ceylon . . . . 163 
Corps auf der Goldküste . . . 339 
Depots zu Chatam und Maidstone . 450 
Gesammtstärke der 135 Regimenter 129,661 Mann. 
Artillerie (Ordnance). 
Grossbritanien ganz getrennt von der übrigen Armee, unter 
völlig geschiedener Verwaltung etc.) 
280 Ingenieurofficiero, 2185 Sappeurs und Mineurs, 13,514 M. 
Fuss- und 1152 reitende Artillerie, 145 Invaliden, 152 Africaner 
(auf Jamaica, Lascars, Ceylon und Hong-Kong), zus. 17,428. 
Totalzabl der gewöhnlichen Landmacht 147,089. 
Wahrend des russischen Krieges fand eine grosse Vermehrung 
er Al mee statt (s. unten), u. a. auch durch Bildung von Schweizer- 
und andern Fremden-Regimentern. 
. yoi’aussichthch wird das Heer nun auf seinen frühem Stand 
¡«^D^dch vmeder zurückgeführ^ doch behält rnan eine .Anzahl Fremder 
im Dienste ; sie werden nach den Colonien gesendet. 
. Miliz (Yeonmnry). In Kriegszeiten wird Miliz aufgeboten, so 
einst gegen Napoleon I. ; so auch, als man die Armee während des 
russischen Krieges, mehr als auf die gewöhnliche Weise möglich, zu 
vergrössern nöthig fand. Nach den Parlamentsbeschlüssen sollte die 
Miliz durch Freiwillige, nöthigenfalls aber auch durch Aushebung und 
Losung gebildet werden. Die Zahl der im Dienste befindlichen Miliz- 
Regimenter sollte von 1855 an 76 betragen. Man wollte die Miliz 
80,000, in Schottland auf 10,000, in Irland auf 
¿0,000 — zusammen auf 120,000 Mann bringen. Der Widerwille des 
Volkes gegen Heerdienst zeigte sich aber bald. Im Juni 
1855 bestand die Miliz nur aus 48,850 Mann, wovon 8911 auf Urlaub 
und 5187 ausser Landes. Bis zum Januar 1856 brachten Desertion 
und Lintritt in die active Armee die Zahl bis auf ungefähr 30 000 
hei ab, wovon über 10,000 im Auslande oder auf Urlaub. 
Heer der ostindischen Compagnie. Dasselbe zählt gegen 300,000 
Mann. Die Soldaten sind je auf 3 Jahre geworben, gut disciplinirt
        <pb n="33" />
        GROSSBRITANIEN — Militär (Landmacht). 17 
lind sehr brauchbar. Die Truppen werden von Europäern und Ein 
geborenen befehligt (Hindu und Mohammedanern), doch können die Ein 
geborenen höchstens Hauptleute werden und stehen selbst bei diesem 
Grade den europäischen Lieutenants nach. — Bestandtheile : 
1) Königliche Truppen, Europäer, 25 Infanterie- und 5 Cavallerie- Mann 
Regimenter 31,100 
2) Europäische Truppen der ostindischeu Compagnie . . . 13,150 
3) Eingeborene Truppen, 155 Regimenter Infanterie (meist Hindu), 
21 Regimenter Cavallerie (meist Mohammedaner), Artillerie etc. 203,000 
g . . . . . ^ 
5) Pohzeitruppen 12,500 
Dazu noch etwa 40,000 Mann Hülfstruppen von den unterwm^ 
fenen Fürsten. 
Festungen. Portsmouth, Plymouth, Falmouth, Yarmouth, Sout 
hampton. Castelle zu Dover, Dumbarton und Edinburgh. Im Mittel 
meere: Gibraltar, Malta. In der Nordsee wird Helgoland befestigt. 
Vermischte historische Notizen. Der englische Armee-Etat von 
1715 ergibt einen Militärstand von etwas mehr als 16,000 Mann 
unterhalten mit einem Kostenaufwande von 556,000 Pf. St. • davon 
beiand.cn sich aber blos 9000 in der Hcimath. (Mahon, history of Engl.) 
_ Eine Vermehrung des Heeres bedingte der amerikanische Be- 
treumgskampf (siehe „Vereinigte Staaten“), noch weit mehr aber der 
Krieg gegen Napoleon, besonders in Spanien (unter Wellington). Nach 
amtlichen Berichten wurden in dem 22jährigen Kriege gegen Frank 
reich 19,796 Mann getödtet (jährlich im Durchschnitte 899, wovon 
196 auf der Flotte) und 79,709 verwundet (jährlich 3623, davon 
472 auf der Flotte). Der Verlust in den blutigsten Schlachten war: 
Todte. Verwundete. 
1771 5892 
388 2714 
Waterloo 
Salamanca 
"Vittoria 
Talayera 
501 
670 
2807 
3406 
Todte. Verwundete. 
Trafalgar 449 1214 
Nil 218 677 
Copenhagen 254 689 
. ï" ^eit furchtbarerem Verhältnisse, als die feindlichen Waffen 
sind es die Strapazen, Mangel und Entbehrungen, welche Mensclien- 
leben kosten. So starben in den 41 Monaten des spanischen Krieges 
an Krankheiten 24,930 Soldaten, an Wunden nur 8999 Noch 
inci feindliche Waffen blos 217, dagegen starben an Krankheiten 
^3. Dez.) 4175; die Zahl der Erkrankten war 
26,846. — Besonders entsetzlich waren auch die Resultate des Krim 
feldzugs. Blutige Kämpfe, ungewöhntes Klima und schlechte Ver- 
püegungsaiiordnungen wirkten längere Zeit zusammen, die Armee zu 
Grunde zu richten. So waren einmal vom 63. Regiment das 1200 
Mann stark ausgezogen war und 300 Mann Verstärkung erhalten hatte 
nur noch 30 unter den Waffen; dieses Regiment hatte freilich ganz 
besonders gelitten. Im Febr. 1855 kamen (der „Post“ zufolge) um: 
vor dem Feinde 6, an Krankheiten im Lager 1407, in den Spitälern
        <pb n="34" />
        18 
GROSSBRITANIEN — Militär (Landmacht). 
am Bosporus und zu Scutari 660. In der Folge ward allerdings für 
Verpflegung der Mannschaft ausgezeichnet gesorgt, so dass ihr Zustand 
besser als der der Franzosen wurde. 
In allen Kriegen gelangte das engl. Heerwesen erst nach längerer 
Zeit zu seiner Entwicklung. Eine gewisse Schwerfälligkeit hindert die 
Entfernung des Schlendrians. Je länger der Krieg dauert, desto ent 
schiedener gestaltet sich die Armeeverfassung zum Bessern. 
Beim Beginne des grossen Krieges, 1792, bestand die britische 
Militärmacht aus 60 — 70,000 M. ; 20,000 davon wurden nach den 
Niederlanden gesendet. 1794 erfolgte eine Vermehrung von 30,000 M. 
1807 war der Gesammtstand 182,876, wovon 60,000 für eine Expe 
dition nach dem Auslände disponibel. — 1811 stellte Grossbritanien 
(damals [ohne Irland] mit einer Bevölkerung von nur 12’096,803 
Menschen) : 
140,000 Matrosen und Seeleute , 288,000 M. Gemeindemiliz, 
287,000 M. Linientruppen, 65,000 « Reiter von der Yeomanry. 
83,000 5 regelmässige Miliz, 818,000 Krieger zu Land u. zur See. 
Auch im russischen Feldzuge erfolgte die Entwicklung langsam. 
— 18^^/aj hatte das Heer 102,283 M., ohne die europ. Truppen in 
Indien, 18'^%.,; 112,977, 18’'*V56 178,645. Nach dem ersten Budget- 
entwurfc für 18®V57 sollte die Ijaudmacht auf 246,716 M. gebracht 
werden (die Beendigung des Krieges führte natürlich zu einer Reduktion). 
Eine Notiz von Anfang 1856 berechnete die gesammte Kriegsmacht: 
Stehendes Heer (mit den Truppen in Indien) 275,000 Mann 
Einberufene Miliz ..... 127,000 * 
Freiwillige ....... 14,500 » 
Indische Armee ...... 250,000 » 
Zus. gegen 670,000 Mann. 
Den Menschenverlust im ganzen Kriege gab das Ministerium im 
Mai 1856 im Parlamente zu 22,450 Mann an. 
Sterblichkeit der Truppen, in Grossbritanien selbst kommen durch 
schnittlich auf 1000 M. 15 Sterbefälle jährl. (H. Marshall, on the en 
listing of soldiers, Edinburgh 1839). In den auswärtigen Besitzungen 
ist die ' Sterblichkeit meist furchtbar. Man suchte durch langes Be 
lassen derselben Regimenter — das „Acclimatisiren“ — dem Hebel 
zu begegnen, vermehrte dasselbe aber damit. Den Bemühungen des 
engl. Obristen 4’ulloch und besonders den wissenschaftlichen Nach 
weisungen des franz. Oberarztes Dr. Boudin gelang cs, das entgegen 
gesetzte System, das des häufigen Wechsels, wonach kein Corps über 
3 Jahre in einer Colonie verbleiben soll, sur Geltung zu bringen, 
weil, je länger der Mensch in ungesundem Clima verbleibe, desto 
hinfälliger sein Körper werde. Und nun erlangte man folgende Re 
sultate : Sterbefälle auf je 1000 M. 
des 
Wechsels 
12,2 
Colonien: 
Gibraltar 
Malta 
Ionische Inseln 
Bermudas 
Cap 
St. Helena 
des Accli- 
matisirens 
22 
18,7 
2^3 
52,1 
15,5 
33 
bei dem Systeme 
des Accli- 
18 
13,4 
11,6 
12,7 
8,8 
Colonien: 
Mauritius 
Jamaika 
Kleine Antillen 
Ceylon . 
Durchschnitt 
matisirens 
30,1 
128,6 
82,6 
75 
des 
Wechsels 
2^3 
39,7 
59.1 
44.2 
48,58 24,2
        <pb n="35" />
        GROSSBRITANIEN — Seemacht. — Sociale und Handelsverhältnisse. 19 
Seemacht. Nach der Navy-list besass Grossbritanien im April 
1854 (also in der ersten Zeit des riiss. Krieges) 491 ganz oder theil- 
weise ausgerüstete Kriegsschiflfe, zusammen mit 15,243 Kanonen, die 
Dampfer mit 54,294 Pferdekraft; ferner im Bau 35 Kriegsschiffe mit 
2130 Kanonen und 9260 Pferdekraft. Der gewöhnliche Mannschafts- 
stand^ war 45,000, eingerechnet die Leute auf Halbsold. Zur voll 
ständigen Bemannung der ganzen Flotte wären fast 150,000 Mann 
erforderlich. — Von den 491 Schiffen waren: 
94 Limenschiffe, nämlich 73 Segel- und 21 Schraubenschiffe, von 70 — 130 
Kanonen (3 Sclirauhenschiffe von 130 Kanonen mit 700 Pferdekraft), 
92 Iregatten, namheh 68 Segel- und 24 Schraubenfregatten, mit 24 60 Kan. 
78 Corvetten, — 45 Segler, 33 Schraubencorvetten 
107 Briggs und Schooner, 
115 armirte Bugsirdampfer. 
Die Stärke der Bemannung ist mindestens : 
Linienschiff von HO Kan. 950 M. Fregatte von 50 Kan. 450 M 
: : Ä : :: : - - so , 300 / 
oüQ Dienste befanden sich jedoch am 1. Mai 1855 blos 
288 Schiffe. — Am 1. Jan. 1856 waren im activen Dienste (m com- 
verwendet: 325 Schiffe mit 6231 Kanonen imd 63,335 See- 
leuten. Hievon : 
Schiffe Kanonen Bemannung 
Mittelmeer, schwarzes Meer 69 nog jo 774 
Ostseeñotte ... 100 2193 2Z242 
Ostindien, China, Australien 18 73 3231 
Nordamerika und Westindien 21 468 4*874 
Sí s JÄ i S/fSs 
Sociale, Gewerbs- und Haiidclsverhllknlsse
        <pb n="36" />
        20 GROSSBRITANIEN — Sociale, Gewerbs- und Handels Verhältnisse. 
nach wirkender Fluch der Eroberung des Landes — in grosser Aus 
dehnung Gebundenheit der Güter in Folge des Majoratswesens. 
(Man rechnete 1815, dass nur 33,000 Familien sich in den Grund 
besitz theilten). In Folge dessen sind die vermittelst der Agrikultur 
erlangten Resultate (ungeachtet der bis zur neuern Zeit fortgesetzten 
künstlichen Förderung vermittelst der Kornzölle, die erst 1849 auf 
hörten) bei weitem nicht so bedeutend, als die im Gewerbs- und 
Fabrikwesen und im Handel erlangten. 
Das naturgomäss, von selbst entstandene, hier aber nicht ver 
drängte Prinzip dos Sdf- Government trägt mächtig bei zur Entwick 
lung des Wohlergehens der Nation. 
Ungeachtet des bereits erwähnten, von der Eroberung Englands 
durch die Normanen herrührenden enormen Missstandes, dass sich der 
grössere Grundbesitz in den Händen einer verhältnissmässig kleinen 
Anzahl von Adelsfamilien befindet (welcher Missstand jedoch durch 
Heirathen in Familien aus dem Volke, und durch das Hcrabsteigen der 
Nachgeborenen in geringere Standesgrade, wenigstens gemindert wird) 
— erproben jene freien Einrichtungen einen so überwiegend wohlthä- 
tigen Einfluss, dass der Wohlstand des engl. Volkes unendlich höher 
gestiegen ist, als der irgend einer andern eiiro])äischen Nation, und 
dass dieses Steigen nur relativ demjenigen nachstellt, welches wir in 
dem auch vom Adel freien, republikanischen Nordamerika wahrnehmen. 
Ebenso ergeben alle Vergleichungen, dass der Wohlstand im britischen 
Reiche in dem nämlichen Maase zunahm, in welchem das aristokra 
tische Element, besonders in Fragen der Besteuerung, gebrochen ward. 
(Einführung der Einkommenssteuer, Aufhebung der Kornzölle etc.) 
In welcher ungemeinen Ausdehnung sich die Lage des Volkes 
verbesserte, hat besonders Macaulay (history of England) hervorge 
hoben. Bekannt ist, um wie viel besser der englische Arbeiter lebt, 
als der deutsche oder der in andern Thollen des europ. Continents. 
Der Arbeitslohn ist nicht nur im Allgemeinen höher, als auf dem 
Festlande, sondern er ist es auch relativ, im Verhältnisse zum geringem 
Werthe des Geldes und den hohem Preisen der Lebensmittel etc. 
Es zeigt sich dies am entschiedensten an der Zunahme der durch 
schnittlichen Lebensdauer. Nach Quetelet kam um das Jahr 1700 
unter den Arbeitern in England jährlich ein Sterbcfall auf 43, um 
1840 erst einer auf 51 Einwohner. — Es zeigt sich an der notorisch 
stärkeren Fleischkonsumtion, als anderwärts in Europa. Es zeigt 
sich aber auch an dem Verbrauche der wichtigsten Colonialprodukte. 
Der durchschnittliche Jahresverbrauch betrug nämlich in Centnern zu 
100 Pfund engl. : 
1801—10 
1811—20 
1821—30 
1831—40 
1841—50 
1851—52 
1853 
1854 
Zucker Thee Kaffee 
2’465,319 235,083 22,705 
2’552,767 244,247 75,188 
3’350,038 284,971 141,636 
3788,517 364,417 249,527 
5776,133 442,879 329,531 
ß'591,750 543,453 388,047 
7’307,280 588,601 370,917 
8’096,481 619,703 374,709
        <pb n="37" />
        GROSSBRITANIEN — Sociale, Gewerbs- und Handelsverhältnisse. 21 
Wir fügen eine Vergleichung der Consumtion an Colonialpro 
dukten in Grossbritanien und Frankreich bei, nach dreijährigem Durch 
schnitte, wobei der Betrag auf Zollpfunde reduzirt ist : 
Frankreich «rossbritaiiien 
im üaiizan pr. Koi)f Zucker: im Ganzen pr. Kopf 
1821—23: 95’642,666 3,18 
1851—53: 174790,000 4,86 
Calf fee : 
1821—23 : 16’446,666 0,53 
1851—53 : 40726,000 1,11 
Thee : 
313’986,666 14,90 
692'993,332 25,38 
7744,666 0,34 
31’619,332 1,15 
1821—23 : 128,666 0,04 
1851—53 ; 326,666 0,09 
20’624,666 0,98 
56’266,666 1,45 
Baumwolle: 
1821—23 : 42’608,666 1,42 141’076,666 6,71 
1851—53: 137'096,000 3,80 671'552,000 24,44 
Allerdings produzirt Frankreich auch noch Rübenzucker, doch 
nur etwa 100 Mill. Pf. Darnach stellt sich der Gesammtzuckerver- 
brauch in Frankreich auf etwa 7% Pf. pr. Kopf, gegenüber 25,38 in 
England (zugleich eine Illustration des Einflusses der Schutzzollbegün 
stigung inländischer Zuckerindustrie). 
Auch die Sparkassen geben einen entsprechenden Beweis. Eine 
Parlamentserhebung lieferte für den Zeitpunkt 20. Nov. 1853 folgende 
Ziffern : 
Sparkassen Einlagen Einleger Durchschntt. Zlnsfnss 
England . . .480 mit 29767,831 Pf. von 1’068,994 2 Pf. 18 S. 9 Den 
Schottland . . 45 ^ 1’837,103 « , 116,113 2 &lt;= 17 , 7 . ‘ 
Mand . . . 51 » 1’587,448 « , 34,470 2 , 16 . 5 ¡ 
Kleine britische Inseln . 2 , 335,009 « , 12,953 3 í 
Zusammen 578 mit 33’227,391 Pf. von 1’232,530 
Im Jahre 1841 betrugen die in den Sparkassen eingelegten Gelder: 
in England 21'036,190, in Wales 527,688, Schottland 608,509, Ir- 
land 24’474,689. Sonach allenthalben Zunahme, das unglückliche Ir 
land ausgenommen. liier dienten die Sparkassengelder mit zur För 
derung der Auswanderung. 
(Allerdings darf der Stand der Sparkassen nicht unbedingt als 
Massstab des Volkswohles gelten. Ausser der Leichtigkeit, etwas zu 
ersparen, wirkt die Leichtigkeit oder Schwierigkeit anderweiter Geld 
anlagen hier ein ; auch die Höhe oder Niedrigkeit des Zinsfusses. 
Immeihin aber besitzen die britischen Arbeiter ein enormes Kapital.) 
Den Aufschwung des Volkswohlstandes im Ganzen bezeugen 
unter andern auch folg. Daten: Von 1815—43 ist eine Vermehrung 
des Ertrags des Grundeigenthums von 62 Proz. constatirt. Das der 
Einkommensteuer unterworfene Grundeigenthum (das geringe Einkom 
men unterliegt nicht dieser Steuer) wird von Porter auf ungefähr 240 
das der ganzen Bevölkerung auf 320 Mill. Pf. St. (6000 und 8000 
Mill. Franken) berechnet. — Der Handel (siehe unten Näheres) hat 
sich von 1830—54 um 150 Proz. vermehrt; die Tonnenzahl hat sich 
seit Anfang des Jahrhunderts verdoppelt (die Einfuhr betrug nicht 1/4 
der jetzigen, die Ausfuhr stieg seitdem von 33 auf 98 Mill. Pf,).
        <pb n="38" />
        22 GROSSBRITAííTEN — Sociale, Gewerbe- und Handelsverbältniese. 
Die Eigenproduktion, von 1801—1810 durchschnittlich im J. 258,000 
Tonnen, erreichte 1840 — 50 einen Durchschnitt von 1700,000. 
Dabei besitzt das Ver. Königreich über 1700 deutsche Meilen Eisen 
bahnen, welche (ungeachtet der schlechten Verwaltung) einen Ertrag 
liefern, welcher das Einkommen eines Königreichs zweiten Hanges 
übersteigt. Porter schätzt die jährl. Zunahme des brit. Nationalver 
mögens auf 80 Mill. Pf. (2000 Mill. Frkn.) 
Zahl der unterstützten Armen: England und Wales Irland 
1849 : 934,419 620,747 
1854: 818,315 106,801 
Irländische Verhältnisse. Irland bildet die Schattenseite, mit seiner 
vom freien Grundbesitz ausgeschlossenen, durch den auswärts woh 
nenden Adel ausgesaugten und durch seinen Clerus in Unwissenheit 
erhaltenen bettelhaften, trägen und schmutzigen Bevölkerung. Die 
furchtbare Erscheinung der massenhaften Auswanderung deutet eine 
Umgestaltung an. — Wie wir (siehe die Rubrik „Land und Leute“) 
gezeigt, erfolgte bis etwa zur Mitte der 1840er Jahre fortwährend 
eine starke Volksvermehrung. Nach einer, wie es scheint die ursprüngl. 
officiellen Angaben berichtigenden Berechnung (die officiellon Ziffern 
stimmen vielfach nicht überein) betrug die Einwohnerzahl Irlands : 
1841 : 8'175,124 
1851 : 6’C01,830 
Verminderung r513,294 
d. h. über 18,51 Proz. in 10 Jahren, also jährl. fast 2 Proz. (noch 
weit mehr in der zweiten Hälfte dieses Zeitraums, in den sich die 
Verluste wohl meistens zusammen drängen). Die Abnahme war ver 
schieden in den einzelnen Provinzen, sie betrug: 
in Leinster 15% Proz. in Ulster 16 Proz. 
' Munster 23'/^ , , Counaught 28'/j * 
Die Zahl der Familien war: 
1841 : 1’472,787 
1851 : 1’207,002 
Verminderung 265,785 
sonach gleichfalls über 18 (18,04) Proz. — ein Beweis, dass ganze 
Familien fast eben so häufig, als einzelne Individuen wegzogen. 
Zahl der bewohnten Häuser in Irland: 
1841 : 1’328,839 
1851: 1’061,405 
Verminderung (über 20,12 Proz.!) 267,434 
Im Jahre 1851 lebten in verschiedenen kleinen Städten mehr 
Personen im Workhouse, als ausserhalb desselben; zu Listowel be 
fanden sich nahezu zweimal so viel darin ! Einige bedeutendere Städte 
hatten noch eine Bevölkerungszunahme, doch war diese nur in Belfast 
ansehnlich (1851: 102,103 Einw. gegen 75,308 im Jahr 1841). Der 
Verlust trifft meist die kleinen Städte und das Land. 
Die Zahl der Auswanderer und die Summen des Geldes, 
welches sie sendeten, um ihren Zurückgebliebenen die Auswanderung 
gleichfalls zu ermöglichen, werden so berechnet :
        <pb n="39" />
        GROSSBEITANIEN — Sociale, Gewerbs- und Handelsverliältnisse. 23 
Jahr 
1847 
1848 
1849 
1850 
1851 
1852 
Auswanderer 
220,000 
181,000 
219,000 
214,000 
254,000 
225,000 
Gesendetes 
Geld 
460,000 Pf. St. 
540,000 ' 
957,000 * 
990,000 ' 
1’404,000 ' 
In 6 Jahren 1’313,000 4’351,000 Pf. St. 
Nach einer andern Notiz wären in 8 Jahren sogar 2’449,802 
Individuen ausgewandert. — Dass die Verhältnisse sich bessern, be 
weist die Verminderung der Zahl der unterstützten Armen. Auch 
wird die Zahl der Auswanderer, 1854 noch 150,209, 1855 blos zu 
78,854 angegeben. Zudem sind im letzten Jahre 18,000 ausgewan- 
derte Irländer in ihr Vaterland zurückgekehrt. 
Taglohn in Grossbritanien. Als durchschnittl. Taglohn für bri 
tische Landarbeiter nahm Semor im Jahr 1834 1 Shill. 10 Den. 
(2 Fr. 30 Cent., 1 fl. 6 kr. oder fast 19 Silbergr.) an. Für Irland 
und annähernd selbst für einen Theil von Schottland dagegen nur 
10 Den. (1 Fr. 8 Cent., 30 kr. oder 8V3 Sgr.). Selbst in England 
erhielten die irischen Arbeiter meistens nicht mehr als 1 Shill. (36 kr.). 
In Folge der irischen Emigration fehlt es aber an den früher im 
Ueberflusse vorhanden gewesenen Händen, was Erhöhung des Tag 
lohnes bewirkte. 
EinkommenSgröSSe. in dem am 5. April 1853 geendigtem Rech 
nungsjahre hatten 146,882 Personen Einkommensteuer entrichtet, und 
zwar war das Einkommen folgendermassen eingetragen: 
33 Pers. mit mehr als 
373 zwischen 10,000 u. 
664 Í 5,000 Í 
380 Í 4,000 Í 
683 « 3,000 Í 
1456 Í 2,000 Í 
4843 Í 1,000 , 
815 Í 900 Í 
1709 Í 800 « 
50,000 Pf. St. 2004 
50,000 3021 
10,000 5260 
5,000 7187 
4,000 14679 
3,000 30142 
2,000 40473 
1,000 33158 
900 
it 700—800 Pf. St. 
^ 600—700 
: 500—600 
: 400—500 
, 300—400 
t 200—300 
, 150—200 
Í weniger als 150. 
Eisenbähnen. Im l. Semester 1854 standen bereits 7803 engl. 
(1672 deutsche) Meilen im Betriebe, nämlich 5965 in England, 994 
in Schottland, 843 in Irland. — Bis 1854 waren für den Eisenbahn 
bau 286’068,794 Pf. St. durch Actien und Anlehen aufgebracht. — 
Befördert wurden 1854: 111’206,707 Pers., was 9U 74,945 Pf. Ein 
nahme ergab. Die Einnahme von Gütern aber betrug 11’040,779 Pf. 
Die Betriebskosten erheischten durchnittl. 45 Proz., so dass ein Rein 
ertrag von nur 3V2 Froz. verblieb — grösstentheils Folge der schlech 
ten, selbst betrügerischen Verwaltung. — In dem bezeichneten Jahre 
kamen durch Eisenbahnfahrten 223 Personen um das Leben und 453 
wurden verwundet. — Zu Anfang 1856 standen 8054 engl. Meilen 
(1748 deutsche) im Betrieb. Den Dienst versahen etwa 5000 Loko 
motiven. Der Kohlenverbrauch wird jährlich auf 2 Mill. Tonnen ge 
schätzt. 20,000 Menschen sind unmittelbar, gegen 40,000 mittelbar 
durch die Eisenbahnen beschäftigt. (Die nordam. Freistaaten besitzen
        <pb n="40" />
        24 GROSSBRITANIEN — Sociale, Gewerbs- und Handelsverhältniese. 
3mal so viel Eisenbahnen als Grrossbritanien, freilich in schlechtem 
Zustande.) 
Rechnungen von 1855: Zahl der Postbureaux 
10,498. — Wegstrecke, auf der Posten befördert winden, 59,000 engl. 
Meilen pr. Wochentag; hievon 31,667 durch Kutschen und 27,109 
durch Eisenbahnen befahren. — Gesainmtzahl der Briefe 456 Mill 
= 13 Mill, mehr als 1854 und 380 Mill, mehr als 1839 fletztos 
Jahr vor Einführung der Postieform). Sonach hat sich die Corresnon- 
deM, in holge der enormen Portoininderung, in 26 Jahren versechs- 
facht (im ganzen vereingten Königreich kostet ein Brief blos 1 Penny 
— 3 Krzr., wenig über 10 Cent.). Es kommen durchschnittlich auf 
jeden Einwohner im Jahre: in England 19 Briefe, in Schottland 15, 
in Irland 7. ' 
HändeisV6rk6hr. Die Ein- und die einheimische Ausfuhr 
beti-ugen im Durchschnitte jährlich in Pf. St. : 
Einfuhr 
1801- 
1811- 
1821- 
1831- 
1841- 
1851- 
Ausfuhr 
Officiell. Worth Wlrkl. Werth 
-10: 28’809,778 25’856,050 40731,970 
-20: 30’864,670 35’525,775 51'484,401 
-30: 39’G61,123 48'811,059 36’600,53G 
-40 : 53’487,4G5 79’G7G,883 45’144,407 
-50: 79’192,806 131’49G,012 57'381,293 
-52: 110’012,2G7 193’437,162 7G’249,041 
67 : 100 
44 : 100 
Die Normen der oificiellen Schätzung rühren von 1694 her Dei 
wirkliche Werth verhielt sich zum officiellen : 
1801—10 : 147 : 100 1831 40 
—20: 117:100 1841 50 
1821—30 : 76 : 100 
Die engl. Industrie liefert ihre Erzeugnisse durchschnittlich fasi 
um /4 des frühem Preises und gewinnt mehr dabei. 
Es betrug übrigens der offizielle Werth der 
Einfuhr Ausfuhr 
fremder brit. Erzeugnisse fremder brit. E^eugnlssc 
72'544,071 13'235,497 42'069,245 
1853: 123 136,835 214’360,489 27’767,733 98'933,781 
^ Nach den amtl. Handelsausweisen betrug der Gesammtwerth der 
brit. Ausfuhr im Jahr 1855: 97’364,655 Pf., ungefähr 180,000 Pf. 
mehr als 1854, dagegen 1 Yg Mili, weniger als 1853. 
Bei der socialen und auch politischen Wichtigkeit einer ge- 
nauem Kenntniss der Grösse des brit. Handels nach den oinzelimn 
Landern gehen wir etwas in das Detail ein, indem wir nachstehende 
Uebersicht des Verkehrs mittheilen, und bemerken, dass das Jahr 
, 0 wohl nicht das letzte, von dem Ausweise vorliegen, dabei 
beimntkrs in das Auge gefasst wurde, weil es das letzte Jahr eines 
nicht durch den Krieg gestöiden Verkehres war. 
rcbcrsiclit des Ausfuhrhandels. 
Der declarirte Werth der Ausfuhr blos an britischen und irischen 
Erzeugnissen betrug Pf. St :
        <pb n="41" />
        GROSSBEITANEEN — Handelsverkehr. 
25 
Nach den Ländern : 
Russland 
Schweden und Norwegen 
Dänemark 
Preussen 
Hannover 
Hansestädte 
Holland ) 
Belgien ( ' ' ' 
Frankreich 
Portugal 
Azoren, Madeira . 
Spanien 
Canarische Inseln . 
Sardinien 
Toscana 
Römische Staaten 
Beide Sicilien 
Oesterreiche Besitzungen 
Griechenland \ 
Türkei &gt; 
Walachei und Moldau ; 
Syrien 
Aegypten 
Marocco 
Senegambien . 
Westküste von Aft 
Java und Sumatra 
Philippinen . 
China . 
Cuba 
Hayti , 
Vereinigte Staaten 
Mexico 
Neu-Granada 
V enezuela 
Brasilien 
Uruguay 1 
Buenos-Ayres j 
Chile . 
Peru 
Andere Länder 
ika 
Zusammen 
Nach brit. Besitzungen: 
Inseln im Canal . 
Gibraltar 
Malta . 
Ionische Inseln 
Süd-Afrika . 
Mauritius 
Ostindien 
Hong-Kong . 
Australien 
Britisch Nordamerika 
Í Westindien 
Andere Colonien . 
Total 
1831 
1T95,565 
115,707 
92,294 
192,816 
3’642,952 
2'082,536 
602,088 
975,991 
80,698 
697,848 
33,282 
2’490,376 
899,100 
122,832 
426 
234,768 
285,296 
39,513 
619,443 
663,631 
376,103 
9’053,583 
728,858 
248,250 
1’238,371 
339,870 
651,617 
409,003 
215 
26’909,432 
324,634 
367,285 
134,519 
50,883 
257,245 
148,475 
3’857,969 
403,223 
2’089,327 
2’581,949 
39,431 
10’254,940 
37T64,372 
1842 
1'886,953 
334,017 
194,304 
376,651 
6’202,700 
Í3’573,362 
jl’099,490 
3T93,939 
947,856 
64,909 
322,614 
54,554 
2’494,197 
1’489,826 
375,551 
221,003 
41,952 
459,685 
306,132 
47,019 
969,381 
711,938 
141,896 
3’535,381 
374,969 
231,711 
1756,805 
969,791 
950,466 
684,313 
7,223 
34719,587 
364,360 
937,719 
289,304 
83,600 
369,076 
244,912 
5769,888 
998,952 
2'333,525 
2’591,425 
18,675 
13’261,436 
47’381,023 
1853 
1’230,40'7 
556,183 
669,733 
579,588 
472,179 
7’093,314 
4'452,956 
1’371,817 
2’636,330 
1700,411 
124,971 
1760,719 
107,638 
1 1712,447 
639,794 
207,491 
639,544 
637,353 
( 135,315 
) 2729,305 
( 179,510 
306,580 
787,111 
75,257 
1,725 
617,764 
658,212 
386,552 
1773,689 
1724,864 
133,804 
23758,427 
791,940 
I450,804 
(248,190 
3786,407 
629,883 
551,035 
1'264,942 
1746,730 
912,662 
65751,579 
470,107 
670,846 
297,906 
116,567 
1712,630 
385,879 
8785,695 
357,908 
14713,700 
4798,544 
1706739 
347,787 
33782,202 
98733,781
        <pb n="42" />
        26 
GROSSBRITANIEN - Handelsverkehr. 
Vergleicht man die Ausfuhr in den Jahren 1831 und 42, so 
findet man eine verhältnissmässig nur geringe Zunahme in dieser Zeit 
der Handelsbeschränkungen ; dagegen deuten die Ziffern von 1853 den 
Ungeheuern Aufschwung an in der Epoche, in der man sich der Han 
delsfreiheit nähert. 
Im auswärtigen Handel hat sich besonders der Absatz nach den 
Verein. Staaten dermassen gesteigert, dass er über 36 Proz. der Ge- 
sammtverkehrssumme beträgt.*) Nächst ihm kommt der Absatz nach 
Deutschland mit 8V7 Mill., = über 12 Proz.; der nach Holland 
fast 4V2 und nach Italien fast 3*/^. Weit geringer war der Absatz 
nach Frankreich, wenig Über 2%, nach Spanien 1%, nach Russland 
nicht einmal IV4 Mill. Der letztbezeichnete Verkehr beträgt nur den 
20sten Theil des nach Nordamerika geführten; er steht dem nach 
Brasilien und der Türkei nach, und kommt selbst dem nach China 
nicht gleich. 
In noch colossalerem Maasse, als. der eigentl. auswärtige Absatz, 
hat sich der nach den Colonien entwickelt. Früher fasste man bei 
nahe nur Ostindien ins Auge. Und wirklich gehen dahin eben so 
viele brit. I rodukte, als nach Deutschland, und noch vermehrt sich 
die Masse (1852 für 7’352,907, 1853 für 8185,695 Pf. St.). Schon 
aber hat der Markt in Australien jenen in Ostindien weit über 
troffen; nach Australien gingen über 43 Proz. des Absatzes in die 
Colonien. Die Zunahme war diese : 
1831 für 403,223 Pf. St. 1852 für 4’222,205 Pf. St. 
1842 , 998,952 1853 « 14’513,700 
1848 , 1’463,931 
Dies war freilich ein Ueberführen des Marktes, dem schon 1854 
ein Rückschlag folgte. 
Es versteht sich von selbst, dass ein einzelnes Jahr nicht unbe 
dingt massgebend sein kann ; es gewährt aber obige Zusammen 
stellung doch ein wichtiges Gesammtbild. 
Zur Vergleichung fügen wir nur noch einige wenige Ziffern bei. 
Es betrug die Einfuhr 
roher Baumwolle Schafwolle, 
1837: 407’286,783 Pfd. 48’379,708 Pfd. 
1853: 895’266,780 119’395,445 
Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts überstieg die jährl. Aus 
fuhr von Baumwollenwaaren kaum 20,000 Pf. St.; 1750 war dieselbe 
nicht über 45,000 Pf. gestiegen; jetzt bilden diese Waaren bekannt 
lich den wichtigsten Exportartikel. Die rohe Baumwolle wird mei 
stens aus Amerika bezogen. Es kommt wohl aber auch die merk 
würdige Erscheinung vor, dass in Ostindien produzirte Baumwolle 
(ungeachtet des dortigen beispiellos wohlfeilen Taglohns von 25 Cent.) 
nicht dort, sondern in England (bei einem Taglohn von mehr als 
2 Fr., also dem Achtfachen) verarbeitet und dann als Zeug wieder 
*) Die Ausfuhr britischer Waaren nach Nordamerike stieg so : 
1842: 3535,381 Pf. 1852: 16’567,000 
1849: 11’371,000 1853: 23’658,000
        <pb n="43" />
        GROSSBRITANIEN — Handelsverhältnisse (Münze, Maasse, Gewicht). 27 
nach Ostindien verkauft wird, — Zu Anfänge des vor. Jahrhunderts 
bildeten Wollenwaaren aus England den bedeutendsten Exportartikel, 
dessen Betrag man auf 2 Mill. Pf. Sterl. jährlich schätzte. 
Transithandel. 
1851: 2’965,336 Pf. St. 1853: 5’278,074 Pf. St. 
1852: 3706,662 1854: 6’005,560 
Schifffährt. Bestand der Handelsmarine am 1. Jan. 1855: 
25,335 Segelschiffe von 3’942,493 Tonnen, 
1,524 Dampfer s 306,237 » 
Zus. 26,859 Fahrzeuge von 4’248,730 Tonnen. 
1837 war der Tonnengehalt 2’333,521. — Die Zahl der See 
leute beträgt etwa 170,000. (Die Handelsmarine der Verein. Staaten 
wird auf 30,000 Fahrzeuge geschätzt, worunter 3000 Dampfer, zu 
sammen mit 5V2 Millionen Tonnen.) 
Der Tonnengehalt der ein- und ausgelaufenen Schiffe war : 
Eingelaufen mit 
fremden Schiffen brit. Schiffen Zusammen 
1837 : 2’617,166 1,005,940 3’623,106 
1853: 5’055,343 3,887,763 8'943,106 
Ausgelaufen 
1837 : 2’547,227 1’036,738 3’583,965 
1853: 5’212,980 4’234,124 9’447,104 
BänknotcnUIIlläUf. Staatspapiergeld gibt es nicht. Die 1694 ge 
gründete Bank emittirt Noten, deren geringster Betrag jedoch nicht 
unter 5 Pf. St. herabgehen darf. Ausserdem gibt es sehr viele Ban 
ken. Der Notenumlauf ward für den 25. Nov. 1854 so berechnet: 
Bank von England . 20717,722 Pf. St. 
, Englische Privatbanken 3’946,163 * 
Joint-Stock-Banks , 3734,898 # 
Zus. England 27798,783 Pf. St. 
Schottland . . . 4751,908 « 
Irland . . . 6’658,312 , 
Total 38’309,003 Pf. St. 
Dabei die gegen Schwindelei wichtige eigenthümliche Bestimmung, 
dass die Aktionäre von Zettelbanken mit ihrem gesammten Vermögen 
für Einlösung der Banknoten haften. 
Münze, Maasse, Gewichte. 
. Münze, Einheit : das Pfund Sterling , Pound, Liver Sterling, 
emo Goldmünze, 29,2 Stück auf die Mark fein, 22 Karat f. Gold, 
Werth ungef. 25 Fr., 12 fl. rhoin, 6% Thlr. preuss. — Unterabthei 
lung in 20 Shillinge (Silber, angenommen zu 1 Fr. 22 Ct., 35—36 kr., 
etwas über V3 Thlr.). Der Shilling zerfällt in 12 Pence (Kupfer, der 
Penny zu 3 kr. gerechnet, wohl auch als Denier bezeichnet). 
Maasse. Der engl. Fuss (foot) = 30,48 Centimeter, oder 
0,9712 rhein. oder bisherige preuss. Fuss. — 100 Yards oder Klafter 
= 91,43 Meter, 137,1 preuss. Ellen. Die engl. Meile = 1609 Meter. 
— Der Acre (Feldmaass) = 40,49 Aren oder 1,58 preuss. Morgen. 
— Die engl. Quadr.-Meile verhält sich zur deutschen wie 0,472008
        <pb n="44" />
        28 GROSSBRITANIEN — Auswärtige Besitzungen. 
zu 1. — Das Quarter (Getreidemaass, abgetheilt in 8 Bushels) = 
5,29 preuss. Scheffel. Der Bushel = 35,72 Liter; 100 Bushels also 
66,13 preuss. Scheffel oder 58,1 Wiener Metzen. — Der Gallon 
(Flüssigkeitsmaass) 4,54 Liter oder 3,97 preuss. Quart. 
Gewicht. Das Pfund = 0,45 Kilogr. — 100 Pfund avoir du 
pois-Gewicht = 45,36 Kilogr. oder 90,7 deutsche Zoll- = oder 
schweizer., 96,98 alt preussische, 80,98 Wiener Pfund. (Das Troy-Pfund 
= 0,79 Pfund alt preussisch.) 
AiKswîlrtig:e Besitziing^cn. 
Â. Besitzungen in Europa. 
Gibraltar 
Malta u. Nacbbarinseln 
Helgoland 
Zusammen 
Q."M. 
0,28 
10,31 
0,23 
Menschen 
16,000 
128,400 
2,300 
10,82 146,700 
Die „Ionischen Inseln“ (siehe diese hinten) sind formell 
ein selbstständiger Staat, faktisch aber blos britische Besitzung, 
umfassen 51 Quadr.-Meilen und 200,000 Menschen. 
B. Besitzungen der brit. Krone in andern Erdtheilen. 
1) Britisches Nordamerika: 
zwar 
Sie 
Untercanada 
Obercanada 
Neubraunschweig 
Neuschottland 
Prinz-Eduards-Inseln (1848) 
New-Foundland (1848) 
Hudsonsbaigebiet 
Labrador .... 
Deutsche 
Meilen 
12,800 
7,000 
1,300 
900 
100 
2,700 
25,000 
8,000 
Bevölkerung 
1851 
890,261 
953,689 
193,800 
276,117 
62,678 
101,600 
180,000 
5,000 
Zus. ungefähr 57,000 2’663,145 
(Geographen, welche die Polargegenden dazu rechnen, 
das Areal auf 150,000 deutsche Quadr.-Meilen.) 
2) Westindien: 
Q.-M. Bevölk. Inseln Jahr 
5 36,190 St. Vincent (1844) 
7 125,864 Tabago 44 
13 22,200 Tortola 44 
6 28,900 Anguilla 44 
301,4 379,690 Trinidad 48 
2.2 7,800 Bahama-Inseln 51 
1 10,200 Bermuda 61 
3.2 23,177 
2,7 24,538 
Mittel- und Süd-Amerika ; 
Honduras .... 
Auf Guiana (Demerara, Essequibo 
Inseln 
Antigua 
Barbados 
Dominica 
Granada 
Jamaica 
Montserrat 
Nevis 
St. Christopher 48 
St. Lucia 50 
3) 
Jahr 
(1848) 
(1850) 
48 
44 
48 
50 
51 
Q-.M. 
6,1 
8,8 
1 
4,2 
113 
208 
1 
Steigern 
Bevölk. 
27,573 
13,027 
6,689 
2,934 
59,814 
25,392 
11,092 
Zusammen 683 805,107 
und Berbice) 
w Ungefähr 
Q.-M. 
2,960 
4,700 
Bevölkerung. 
11,000 
126,000 
7,700 137,000
        <pb n="45" />
        GROSSBRITANIEN — Auswärtige Besitzungen. 
29 
4) In Afrika: q.-m. 
Vorgebirg der guten Hoffnung (1850) 5,000 
Sierra Leone (1850) . . . . .... 
Gambiaküste (1848) . . . . .... 
Goldküste . . . . . .... 
Mauritius (Isle de France) (1848) . 31,8 
St. Helena ..... 3,6 
Ascension (1848) . ' . . . 1,6 
Sechellen ..... 3,8 
Ungefähr 5,800 
5) In Australien : q.-M. 
Neu-Süd-Wales (1850) . . . 1,625 
Van Diemensland (1850) . . . 1,130 
West-Australien (1850) . . . 4,700 
Süd-Australien (1851) . . . 7,000 
Falklands-Inseln (1847) . . . . . . . 
^ Neuseeland (1849) j j 113 
Hiezu die Bevölkerungszunahme in Australien wohl 
Bevölkerung 
261,436 
45,472 
4^861 
275,000 (?) 
167,955 
7,000 
6,951 
5,800 
775,000 
Bevölkerung 
265,503 (?) 
70,164 
5,904 
67,430 
270 
.20,197 
Í11,710 
200,000 
Zus. ungefähr 15,000 650,000 
6) In Asien: q.-m. Bevölkerung 
Ceylon ...... 1,150 1’500,000 
Hong-Kong (China, 1850) . . .... 33,143 
Insel Labuan (1850) . . . .... 1,385 
Ungefähr ~1,160 1’535,000 
G. Besitzungen der englisch ostindischen Compagnie. 
1. Unmittelbare Besitzungen. 
In Hindostán, die Präsidentschaften; 
Bengalen und Agra .... 
Madras ...... 
Bombay ...... 
Das neuincorporirte Oud . 
Jenseits des Ganges; 
Assam, Aracan, Pegu (v. den Birmanen erobert) 
Niederlassung an der Malaccastrasse, Prinz of 
Wales-Inseln 
Ungefähr 
2. Schutzstaaten 
Q.-M 
17,900 
6,850 
5,650 
1,000 
5,800 
75 
37,200 
Bevölkerung 
74 Mill. 
16 - 
10%. 
10^4- 
Vs- 
110 
Beran, Mysore, Travanchore, Cochin, S attar ah, Gebiet des Nizam, der Ratsch 
puten, Bundclkund etc. — zusammen etwa 22,000 Quad.-Meilen mit etwa 
45—48 Mill. Menschen. 
1 
i 
Gesammtübersicht. 
Grossbritanien und Irland . . . 5,767 
Besitzungen in Europa ... 11 
in Nordamerika . . . 57,000 
in Westindien . . . 683 
in Mittel- und Süd-Amerika 7,700 
in Afrika .... 5,800 
in Australien . . . 15,000 
in Asien .... 1,160 
der ostindischen Compagnie 37,200 
Schutzstaaten derselben . . . 22,000 
Zus. mindestens 150,000 
Bevölkerung 
27’000,000 
147,000 
2’663,000 
805,000 
137,000 
775,000 
650,000 
1’535,000 
110’000,000 
45’000,000 
190000,000
        <pb n="46" />
        30 
GKOSSBRITANIEN — Auswärtige Besitzungen. 
Niemals bestand ein Reich, das sich so sehr über alle Theile 
der Erde ausbreitete, wie das heutige britische. Es übertrifft sowohl 
an Grösse als auch an Bevölkerung das römische Weltreich; steht 
zwar an Umfang dem russischen Czaarenthume weit nach, umfasst 
aber, die mittelbaren Besitzungen dazu gerechnet, dreimal so viel 
Menschen, als dieses. — Hier eine vergleichende Schätzung : 
Römerreich . 75,000 Q.-M. 120 Mill. Menschen 
Russland . 350,000 - 62 - . 
Britisches Reich 150,000 - 190 - 
Allerdings können die Bewohner HIndostans der cigentl. brit. 
Bevölkerung nicht gleich geachtet werden; allein dennoch haben sie 
zur Zeit für das brit. Reich wohl kaum einen wesentlich geringem 
Werth, als die Kalmücken, Baschkiren oder die sogar in offenem 
Widerstand verharrenden Kaukasusvölker für Russland besitzen. 
An Reichthum übertrifft das brit. Reich jedes andere, jetzt vor 
handene oder in frühem Zeiten jemals existirende. 
Seit dem 1. Aug. 1838 ist die Sklaverei in allen brit. Colonien 
aufgehoben. Der Staat bezahlte den Negerbesitzern 20 Mill. Pf. St. 
Entschädigung. 
_ Ueber die wichtigsten auswärtigen Besitzungen mögen noch einige 
spezielle Notizen folgen : 
Britisches Nordamerika. Im Jahre 1851 nalim man an, dass 
unter der Gesammtbevölkerung Unter canadas 669,528 Individuen 
französischer Abstammung seien, unter jener Obercanadas dagegen 
nur 26,417. — Die Zunahme der Handelsmarine des britischen 
Nordamerika wird so berechnet : 
1806: 71,943 Tonnen 1846: 399,204 Tonnen 
1830: 176,040 - 1850: 446,935 
1836 : 274,738 
Die Einfuhr in britisch Nordamerika im Jahre 1851 wird (wie 
uns scheint mitunter doch etwas ungenau) so angegeben : 
aus Grossbritanien . . für 18’878,706 Doll. 
- den vereinigten Staaten - 12’678,279 
- andern Ländern . . - 6491,405 
Die Ausfuhr blos aus Canada ward gleichzeitig zu 13*262,376 
Doll, berechnet, davon : 
nach Grossbritanien .... 0’435’844 
den Vereinigten Staaten . . 4’939,300 
andern nordamerikanischen Colonien 1,060,544 
Australische Colonien. Der Stand der Bevölkerung von Neu- 
Süd-Wales wird folgendermaassen angegeben : 
1851 
1851 
1852 
1853 
1. März 
31. Dez. 
31. Dez. 
31. Dez. 
Männlich 
108,691 
113,032 
116,687 
131,368 
Weiblich 
81,260 
84,136 
89,567 
99,720 
Zusammen 
189,951 
197,168 
206,254 
231,088 
als man 
1852 
(Diese Zunahme ist offenbar weit geringer, 
glaubt. Die Bevölkerung der Stadt Sidney soll 
von Melbourne 30,000 betragen haben, was indess augenscheinlich 
ungenaue Schätzungen sind.) 
gewöhidich 
60,000, jene
        <pb n="47" />
        GßOSSBEITANIEN — Auswärtige Besitzungen. 
31 
Ostindien. Ein im April 1856 veröffentlichter amtlicher engl. 
Bericht gibt eine Uebersicht der seit 1849 in Ostindien den brit. Be 
sitzungen ein ver leibten Staaten. Deren Flächeninhalt wird zu 
118,968 engl, (etwa 5,600 deutsche) Quadr.-Meilen angegeben. Es 
sind: Dschcijmr in Bundelkimd, Sumbulpur in Bengalen, Bughut am 
Scdledj, ein Theil von Sikkim im nordöstlichen Indien, das von Mier 
Ali Morad, einem der Emire von Schule, angefallene Territorium Pegu, 
die Landschaft Dschularam, Sonaputty und Nord-Kaschar, das Terri 
torium Nagpur, Ihansi in Bundelkimd und Budawul in Kandesch. 
Das von Birma eroberte Pegu umfasst 2300 engl. Quadr.-Meilen. Dazu 
kam in der jüngsten Zeit Oud (Audh) mit 24,000 Q.-M. — Die meisten 
dieser Landschaften sind verhältnissmässig stark bevölkert. 
Der Zustand des indischen Volkes ist im Ganzen der kläglichste. 
Während der Taglohn, selbst in Bergwerksbezirken, bis auf 7 Krzr. 
oder 25 Cent, heruntergeht, wobei die Arbeiter für ihre Verköstigung 
selbst zu sorgen haben (nach einer Privatmittheilung eines Freundes 
des Verf. aus Ostindien selbst), beziehen die Europäer die enormsten 
Gehalte. Das Volk wird (siehe engl. Parlamentsverhandlungen vom 
April 1856) in der unmenschlichsten Weise ausgesaugt und ausge 
presst; die Steuern treibt man unter Anwendung von Martermitteln ein, 
welehe jenen der Inquisition gleichkommen. Bei den unbeschreiblichen 
Verschleuderungen reichen aber die Einkünfte nicht aus zur Deckung 
der Bedürfnisse. So haben sich in den nachbezeichneten Jahren fol 
gende Defizite ergeben : 
1851: 1’590,000 Pf. St. 1854: 2’044,177 Pf. St. 
1822 : 1’360,000 - 1855: 2’543,710 - 
1853 : 2’250,000 - 
Die Netto-Einnahme betrug im Rechnungsjahre IS^Vss 24’241,478 
Pf., die Netto-Ausgabe 26’785,188. 
Um eine nähere Uebersicht der Haupteinnahme- und Ausgabe 
positionen zu geben, theilen wir eine uns vorliegende Rechnung über 
die Ergebnisse des am 20. April 1852 zu Ende gegangenen Finanz 
jahres mit, wobei jedoch augenscheinlich, dass die sog. „ausserordent 
lichen Ausgaben“ (oder was sonst das anerkannt vorhandene Defizit 
veranlasste) ausser Ansatz geblieben, wesswegen diese ganze Rechnung 
nur behufs relativer Vergleichungen einigen Werth besitzt : 
Provinzen Einnahme 
Bengalen . . 7’584,435 
Nordwest-Provinzen 5,670,715 
Madras . . 3’704,048 
Bombay . . 2’868,298 
Zusammen 19'827,496 
Ausgabe 
7’112,262 Pf. St. 
1'658,568 
S’204,273 
2’847,392 
14’822,495 
Zu diesen Ausgaben für die Verwaltungskosten kommen: 
Für die allgemeine Schuld . . 1’967,359 Pf. St. 
Ausgaben in England . . . 2’506,377 
Ueberschuss (angeblich) . . 531,265 
Als Roh ein nah me figurirten 26’092,718 Pf. — Die Haupt 
einnahmeposten waren: Landrente 15,025,783, Tribute und Subsidien 
601,855, Sayer und Abkarry (kleine Pachten und Licenzen in Madras)
        <pb n="48" />
        32* 
FRANKREICH — Land und Leute. 
1’251,424, Zölle (nach Abzug von 190,099 Pf. Kosten) 1'407,433 
Salz (Kosten 388,054) netto 1’580,658, Opium (Kosten 1'050,498) rein 
2 943,044, Stempel netto 4.37,281. — Die Post, mit einer Einnahme 
von 192,115, erzeugte ein Defizit von 23,073 Pf St. 
Die Ausgaben in Indien selbst waren: Civil- und polit Ver 
waltung 1'759,737, Gerichts- und Polizeiverwaltiing 2’280,895, Bauten 
398,654, Heer 9’675,483, Flotte 385,764, Verschiedenes 104 882 
zusammen 14’605,415 Pf St 
Hiezu: Zinsen der Schuld 2'184,439, Erhebungskosten der Ein 
nahmen und Betriebskosten der Staatsanstalten 6'265,222. Sonach 
Gesammtausgabe in Indien 23'055,076. 
Hieran reihen sich die Ausgaben der ostind. Compagnie in Eng 
land; nämlich Dividende der Aktionäre (stabil 10 Proz. des ursprüngl. 
Capitals) 625,059, Zinsen der Schuld in England 121,022, Dämpf 
bootverbindung mit Indien 91,451, Urlaubssold und Pensionen für 
Landofficiere 631,820, ditto für Seeofficiere 26,433, Zahlung an die 
engl. Krone für Truppen 200,000, desgl. Pensionen 60,000, allgemeine 
Ausgaben 490,214, verschiedene besondere Auslagen 68,325, nach 
Indien gesendete Vorräthe 188,168, zusammen Ausgaben in England 
2’506,377. Gesammt-Bruttoausgaben 25’561,453 (in Wirklichkeit be 
deutend mehr, siehe oben.) 
Schulden. Dieselben sind thcils dem gesammten Lande, theils 
blos einzelnen Provinzen zu Last 1853 ward der Stand so berechnet : 
1) Schuld der Gesammthesitzuugen (h 4—6 Proz.) 
2) - von Bengalen ..... 
3) - der Nordwestprovinzen 
4) - von Madras (zu 4—8 Proz.) 
5) - von Bombay (zu 4—6 Proz.) 
, Total 
Die Jahreszinsen erforderten .... 
Der erste Freibrief (Charter) der Compagnie 
z ember 1600. 
43’207,229 Pf. St 
2’884,039 - 
368,719 - 
0077,351 - 
1’376,898 - 
“48’0T47244“PfrSt. 
2’279,531 - 
datirt vom 31. De- 
Fränkreich (Kaiserthum). 
liiiiitl und Leutes 
Äll^CniCinC Ucbcrsicht. Das in allen Beziehungen der Verfassung, 
Verwaltung und Justiz zu einem vollständigen Einheitsstaate aus 
gebildete und uniformirte Peich umfasst auf 9664 deutschen Quadr.- 
Meilen (zu 5487 Hectaren) eine Bevölkerung von etwas mehr als 
30^/4 Mill. Menschen. — Das Gebiet ist in 86 Departomente, und 
diese sind in 363 Arrondissements (Bezirke) und 2847 Kantone ein- 
getheilt, welche zus. 36,835 Gemeinden umfassen. Nach den Auf 
nahmen des Cadasters (welche 1808 begonnen und 1837 beendigt war, 
mit Ausnahme des noch nicht vollständig vermessenen Gebietes von 
Corsica) und nach der Volkszählung von 1851 ergeben sich folgende 
Zififern für die einzelnen Departeraente (wir legen die Angaben des
        <pb n="49" />
        3 
FRANKREICH — Land und Leute. 
33 
Werkes zu Grunde : Statistique de IcC France, publie'e par le ministre 
de I agriculture, du commerce et des traveaux publics. Paris 1855 
welches, wie gewöhnlich solche kostspielig gedruckten Werke in Frank 
reich, nicht einmal in den Buchhandel gekommen zu sein scheint) : 
Bevölkerung 
1851 
372,939 
658,989 
836,758 
152,070 
132,038 
386,559 
331,296 
267,435 
265,247 
289,747 
Departen!ente : 
Ain 
Aisne 
Allier 
Alpes (Basses) 
Alpes (Hautes' 
Ardèche 
Ardennes 
Ariége 
Aube . 
Aude . 
Aveyron 
Bouches-du-Rhône (Rho 
Calvados 
Cantal 
Charante 
Charantc-Int'érieure 
Cher . 
Corrèze 
Corse (Corsica) 
Côte-d’Or (Goldhügel) 
Cotes-du-Nord (Nordküstci 
Creuse 
Dordogne . 
Doubs 
Drôme 
Eure , 
Eure-et-Loir 
Finistère 
Gard . 
Garonne (Haute-) 
Gers . 
Gironde 
Hérault 
Ille-et-Vilaine 
Indre . 
Indre-et-Loire 
Isère . 
Jura . 
Ijandes (Haiden) 
Loir-et-Cher 
Ijoire 
Loire (Haute-) 
Loire-Inférieure 
Loiret 
Lot . 
Lot-et-Garonne 
Lozère 
Maine-et-Loire 
Manche (Canal) 
Marne 
Marne (Haute-) 
Mayenne 
Meurthe 
Hectaren 
579,897 
735,200 
730,837 
695,418 
558,960 
552,665 
523,289 
489,387 
600,139 
631,324 
874,333 394¡183 
memUndungen) 510,487 428,989 
552,072 491,210 
574,147 253,329 
594,238 382,912 
682,569 469,992 
719.934 306,261 
586,609 320,864 
etwa 872,000) 236,251 
876,116 400,297 
688,562 632-613 
556,830 287,075 
918,256 505,789 
522,755 296,679 
652,155 326,846 
595,765 415,777 
587,430 294,892 
672,112 617,710 
583,556 408,163 
628,988 481,610 
628,031 307,479 
974,032 614,387 
619,800 389,286 
672,583 574,618 
679,530 271,938 
611,370 315,641 
828.934 603,497 
499,401 313,299 
932,131 302,196 
635,092 261,892 
475,962 472,588 
496,225 304,615 
687,456 635,666 
677,119 341,029 
521,174 296,224 
535,396 341,345 
516,973 144,705 
712,093 515,452 
592,838 600,882 
818,044 373,302 
621,968 268,398 
517,063 374,566 
609,004 450,423 
Hauptorte 
Bourg en Bresse. 
Laon. 
Moulins. 
Digne. 
Gap. 
Privas. 
Mézières. 
Foix. 
Troyes. 
Carcassonne. 
Rhodez. 
Marseille. 
Caen. 
Aurillac. 
Angoulême. 
Saintes. 
Bourges. 
Tulle. 
Ajacco. 
Dijon. 
St. Brieuc. 
Guéret. 
Périgueux. 
Besançon. 
Valence. 
Evreux. 
Chartres. 
Quimper. 
Nîmes. 
Toulouse. 
Auch. 
Bordeaux. 
Montpellier. 
Rennes. 
Château-Roux. 
Tours. 
Grenoble. 
Bons le Saulnier. 
Mont de Marsan. 
Blois. 
Montbrisson. 
Le Puy en Velai. 
Nantes. 
Orléans. 
Cahors. 
Agen. 
Mende. 
Angers. 
St. Leo. 
Chalons sur Marne. 
Chaumont. 
Laval. 
Nancy.
        <pb n="50" />
        34 
FRANKREICH — Land und Leute. 
Departemente 
Meuse (Maas) 
Morbihan . 
Moselle (Mosel) . 
Nièvre 
Nord . 
Oise . 
Orne . 
Pas-de-Calais 
Puy-de-Dôme 
Pyrénées (Basses-) 
Pyrénées (Hautes-) 
Pyrénées-Orientales 
Rhin (Bas-) 
Rhin (Haut-) 
Rhône 
Saône (Haute-) . 
Saône-et-Loire 
Sarthe 
Seine . 
Seine-Inférieure . 
Seine-et-Marnc . 
Seine-et-Oise 
Sèvres (Deux-) . 
Somme 
Tarn . 
Tarn-et-Garonne 
Var 
Vaucluse 
V endée 
Vienne 
Vienne (Haute-) . 
Vosges (Vogesen) 
Yonne 
(Areal ohne Corsica) 
Hectárea 
622,787 
679,781 
536,889 
681,656 
568,087 
585,506 
609,729 
660,563 
795,051 
762,266 
452,945 
412,211 
455,345 
410.771 
279,039 
533,992 
855,174 
620,668 
47,550 
603,329 
673,635 
660,365 
599,988 
616,120 
674,216 
372,016 
722,610 
354.771 
670,350 
697,037 
551,658 
607,996 
742,804 
Bevölkerung 
1851 
328,667 
478,172 
459,684 
327,161 
ri58,285 
403,857 
439,884 
692,994 
596,897 
446,997 
250,934 
181,955 
687,434 
494,147 
574,745 
347,469 
574,720 
473,071 
1’422,065 
762,039 
345,076 
472,554 
323,615 
570,641 
863,073 
237,563 
357,967 
264,618 
383,734 
317,305 
319,379 
427,409 
381,133 
Zusammen 53'025,000 25783,170 
. . 52753,150 
Hauptorte 
Bar le Duc. 
Vannes. 
Metz. 
Novers. 
Lille. 
Beauvais. 
Alençon. 
Arras. 
Clcrmon t-Ferrant. 
Pau. 
Tarbes. 
Perpignan. 
Strasbourg. 
Colmar. 
Lyon. 
Vesoul. 
Mâcon. 
Le Mans. 
Paris. 
Rouen. 
Melun. 
Versailles. 
Niort. 
Amiens. 
Ally. 
Montauban. 
Draguinon. 
Avignon. 
Napoléon-V endée. 
Poitiers. 
Limoges. 
Epinal. 
Auxerre. 
Gcbietsâusdehnung. Frankreiclis grösste Längenaii,sdehnung 
ist 130, die grösste Breite 122 deutsche Meilen. Die Grenzen (Cor 
sica ungerechnet) haben eine Ausdehnung von 600 Meilen, wovon 235 
Landgrenzen. Diese Grenzen sind: Canal 138 M., atlant. Meer 148, 
Mittelmeer 79, Belgien 49, Deutschland 47, Schweiz 33, Italien 45, 
Spanien 61 Meilen. — Paris ist von dem entfbrntosten Punkte Frank 
reichs 95 Meil. entfernt, von Corsica (25 Meil. von der franz. Küste) 
134, von Algerien 211 ; ferner von dem nächsten l’unkte der deutschen 
Grenze 35, der englischen 34, der russischen 154 Meilen. 
Bodenbeschaffenheit. Die Catasteraufnahmen, welche das ganze 
Festland Frankreichs und die nahegelegenen Inseln, von Corsica aber 
erst 152,595 llectaren (sonach im Ganzen 52*305,744 Meet.) umfassen, 
ergeben folgende llauptresultate : 
Hectárea Hectárea 
25’581,659 
7702,435 
7771,203 
5759,226 
Ackerland, 2’090,534 
Waldungen, f 1702,845 
Haideland, Sümpfe, nicht f 1’057,114 
bebaute Berge, 628,235 
Wiesen, 563,986 
Weinberge, 
Wege, öffentliche Plätze, 
Staatseigenthum ohne Ertrag, 
Gärten und Baumschulen, 
Kastanienpflanzungen,
        <pb n="51" />
        FRANKREICH — Land und Leute. 
Heotaren 
f 441,170 Flüsse, Bäche, Seen, 
178,723 Teiche, 
t 159,508 unproductives Land, 
110,725 Oel-, Mandel- und Maulheer- 
Pflanzungen, 
Hectárea 
64,717 Erlen- und Weidengebüsch, 
t 14,771 öffentliche Gebäude, Kirch 
höfe etc., 
12,273 Kanäle, 
4,176 Steinbrüche u. Minen. 
Die iiiclitbestenerten Tlieile des Grebiets sind hier mit f bezeichnet 
Iin Dauzen sind besteuert 49,530,330 Hect., nicht besteuert 2,775,408 
Zahl der Parcellen : 120’210,194. Zahl der Eigenthümer 
11 053,702. (Es ist jedoch hiebei zu bemerken, dass selbst neben ein 
ander gelegene Grundstücke, wenn dieselben auch dem nämlichen Eigen 
thümcr gehören, falls sie nur früher getheilt waren , in Wirklichkei 
aber wieder vereinigt wurden, indess verschieden bebaut sind als be 
sondere Parcellen aufgeführt werden, wesswegen die omdelle Ziffer imzu 
verksBig ist Ebenso tignriien die nämliclieii Grundeigenthttmer so viel 
Die Gesammtzahl aller Gebäude ist 7’4G2,545, wovon 0771 89« 
beseichLt Ir™"® Wohnhiiusei. oder Gesehäftslokab 
7.4 = rfnÄcke M:i.ers®o\irilie“ (dere. 
Kilometer 
8,818 
4,715 
36,038 
45,627 
1,463 
Bevölkerung. Geschlechter. Nach der Zählung von i85i: 
Männlich : 17794,964 = 49,73 Proz. 
Weiblich : 17’988,206 = 50,27 - 
die 
Jahr Oeberschuss Jahr üeberachuss 
Schiffbare Flüsse .... 
97 Kanäle 
654 Kaiserl. Strassen 
1,694 Departementaistrassen 
69 Militärstrassen (in der Vendée! 
281,472 Vicinalstrassen 
1800 
1806 
1821 
1831 
725,225 
481,725 
868,325 
669,033 
1836 
1841 
1846 
1851 
619,508 
445,382 
318,738 
193,242 
wieder bedeutend gestiegen ist. ®
        <pb n="52" />
        36 
FRANKREICH — Land und Leute. 
jede der 3’547,940 Peiierstellcn Menschen annahm (freilich ein 
sehr unsicherer Maassstab). Die Zählung von 1762 ergab 21’769,163. 
1784 schätzte Necker 24’800,000 Einw., indem er auf 1 Geburt 25 Yg 
Bewohner annahm. 
Auf dem. dermaligen Gebiete Frankreichs lebten: 
Jahr Bevölkerung Jährl. Zunahme Jahr Bevölkerung Jährl. Zunahme 
1801: 27’349,902 — Proz. 1836: 33'540,910 0,60 Proz. 
1806: 29’107,425 1,28 - 1841: 34'230,178 0,41 - 
1821 : 30'471,875 0,51 - 1846 : 35’401,761 0,68 - 
1831: 32’569,223 0,69 - 1851: 35783,170 0,21 - 
Das letzte, wenig günstige Resultat ward durcit die Tlicuerung von 
1847 und die Verheerungen der Cholera 1849, herb ei geführt. (Es wirkte 
die Erste auch auf Verminderung der Heirathen und Geburten und Häu 
fung der Sterbiälle). In keinem grossem Staate vermehrte sich die Bevöl 
kerung so wenig, als in Frankreich (sielte „sociale Verhältnisse“). 
Heirathen. in einem 5jährigen Zeiträume fanden durchschnittlich 
in jedem Jahre Eheabschlüsse statt : 
Von 1836—40: 272,965 = 1 auf 124,12 Einwohner, 
- 1841—45: 282,287 = 1 - 123,31 
- 1846—50 : 277,617 = 1 - 128,20 
Während aber iit den erstbezeichneten 10 Jahren, entsprechend 
dem gewöhnlichen Verlaufe der damaligen Zeitverhältnisse, auch zwi 
schen den einzellten .lahren nur geritigc Schwankungen erfolgten, fanden 
solche Schwankuitgen während der letzten Ferio de in folg. Maasse statt : 
1846: 268,307 Seitdem 1851: 286,984 
1847 : 249,025 1852 : 281,360 
1848 : 293,552 1853 : 277,693 
1849 : 278,903 
1850: 297,700 
So kann man jedes Theurungsjahr etc. wahrnehmen, ebenso aber 
auch das Streben der Natur, immer gleich in der nächstfolgenden Zeit 
(hier : dem nächstfolgenden Jahre) das gestörte Gleichgewicht durch 
ungewöhnliche Erhöhung der herabgedrückten Zahl wieder herzustelleti. 
— Im Uebrigen kam in den nächstvorangegangenen frühem Perioden 
jährlich ungefähr eine Heirath : 
1825—28 auf 128 Einw. 1834—38 auf 123 Einw. 
1829—33 - 126 - 1839—44 - 125 - 
Während der 36 Jahre von 1817 — 52 war die mittlere Zahl 
der Verheirathungen 259,768. 
Geburten. Von 1824—28 zählte man deren jährlich eine auf 
32,3 Einwohner; 1829—33 1 auf 34. Sodann: 
ÎAhrp Jährl. 
Jaúre Durchschnitt 
1836—40 : 959,431 = 1 auf 35,31 Einw. 
1841—45: 976,030 = 1 - 35,66 - 
1846-50 : 949,594 = 1 - 37,48 - 
Also auch hier ein Rückschlag, und zwar mit folg. Schwankungen 
in den einzelnen Jahren der letzten Periode: 1846: 965,866; 1847 : 
901,861; 1848: 940,156; 1849: 985,848; 1850: 954,240.-Seit- 
dem ergaben sich: 1851: 979,907; 1852: 965,080; 1853: 927,917. 
— Vergleichen wir die Zahl der Geburten mit der in frühem Ferio-
        <pb n="53" />
        FRANKREICH — Land und Leute. 
37 
den, so machen wir die überraschende Wahrnehmung, dass, unge 
achtet der ansehnlichen Vermehrung der Bevölkerung, die Anzahl 
der Geburten heute nicht grösser ist, als sie vor der Zeit der Revo 
lution war. — Im Jahre 1782 zählte man in Frankreich 975,703 Ge 
burten, — von 1846—50, wie wir gesehen, durchschnittl. nur 949,594. 
Die Fruchtbarkeit der damaligen Bevölkerung von 24Vg Milk Menschen 
war sonach stärker, als es heute die von Milk ist. Damals hatte 
man eine Geburt auf 25 Einw., jetzt kaum eine auf 37. Die mensch 
liche Reproduction war also fast um die Hälfte grösser, als dermalen. 
Allein es war dies kein Glück; denn bei den damaligen Proletarier 
verhältnissen herrschte auch die Sterblichkeit in desto furchtbarerer 
Ausdehnung. In den 36 Friedensjahren 1817—52 kam durchschnittk 
im Jahr eine Geburt auf 34,2 Einw. — In den 8 ersten dieser Jahre 
(1817—24) eine schon auf 31,8; in den 8 letzten Jahren (1845—52) 
eine erst auf 36,7. — In den 34 Jahren von 1817 bis einschliesslich 
1850 wurden in ganz Frankreich geboren; 16’953,957 Knaben und 
15’972,905 Mädchen, sonach um etwa Vi6 mehr Knaben als Mädchen. 
Während die Kriege so viele Männer hinwegrafften, schien die Natur 
auch hierin das entstandene Missverhältniss ausgleichen zu wollen. 
Bemerkenswerther Weise minderte sich der Unterschied in der Zahl der 
Geburten in dem Maasse, in welchem wir uns von den frühem Kriegs 
zeiten entfernten und dem Gleichgewichte nähern. Es betrug die 
durchschnittliche Jahreszahl der Geburten : 
Jahre Knaben 
von 1836—40 : 493,709 
- 1841—45 : 501,935 
- 1846—50 : 487,050 
Mädchen 
465,722 
474,095 
462,544 
Unterschied 
27,987 94,33 
27,840 94,45 
24,506 94,97 
Die Zahl der unehelichen Kinder betrug in den bezeichneten 
5jährigen Perioden im Durchschnitt jährlich : 
1836—40: 71,104 = 7,41 Proz. der Geburten, 
1841-45: 69,768 = 7,15 ... 
1846—50 : 67,994 = 7,16 - 
Todgeboren wurden von 1841—45 durchschnittlich 33,048 
von 1846 50 aber 35,219; ein Zeichen, wie auch hiebei die Ungunst 
der Zeitverhältnisse einwirkte. 1847: 33,024; 1848: 34 296- 1849 
(Cholerajahr) 37,274; 1850: 37,055. ’ ’ 
Todesfälle. Die Gesammtzahl betrug jährlich : * 
1836—40 : 799,817 = 1 Sterbfall auf 42,35 Einw. 
• 785,973 = 1 - . 44,29 
1840—50: 848,348 = l - . 41,97 
Ist dies Steigen der Sterbefälle für die ganze Periode auffallend, so 
verdient das Verhältniss in den einzelnen Jahren besondere Beachtung: 
1845 (gutes Jahr) 741,985 Todesfälle, 
1846 (beginnende Theuerung) 820,918 
1817 (grosse Theuerung) 849,054 
1848 (polit. Unruhen) 836,693 *) 
1849 (Cholerajahr) 873,471 
1850 (billige Lebensmittel) 761,610 
*) Zeichen, wie massig dennoch die Störungen der damaligen Revolution.
        <pb n="54" />
        mm 
38 FRANKREICH — Land und Leute. 
Seitdem 1851: 817,449; 1852: 810,695; 1853: 787,581. 
So, wie wir im Jahre 1850 das Streben der Natur wahrnehmen, 
die Verluste auszugleichen, zeigte sich dasselbe Streben auch bei 
frühem Gelegenheiten. In dem Cholerajalire 1832 hatte man in Frank 
reich die enorme Menge von 933,733 Todesfällen — eine Zahl, die 
seit 1783 (und auch seit 1832) niemals vorgekommen ist. — 
Dies betrug 15 Proz. über das gewöhnliche Verhältniss nach dem 
Durchschnitte der 5 vorhergegangenen Jahre. Dagegen hatte man im 
Jahr 1833 nur 812,548 Sterbfälle — fast ebenfalls 15 Proz. Unter 
schied, d. h. diesmal Verminderung. — Die Zahl der Sterbfällc war 
übrigens in früheren Jahren : 
1801 : 1 Todesfall auf 35,42 Einw. 1831 : 1 Todesfall auf 40,69 Einw. 
1806: 1 - - 37,23 - 1836: 1 - - 41,08 - 
1821 : 1 - - 41, - 1841 : 1 - - 40,9 
1826: 1 - - 38,04 - 
Ungeachtet des Rückschlags in der Periode 1846—50 zeigt sich 
eine Verlängerung der Lebensdauer — offenbar Folge der Verbesserung 
der Lage der Masse des Volkes. 
LsbensdäUCr. Uebereinstimmend damit ergibt sich nach Duvillards 
Mortalitätslisten die mittlere Lebensdauer so : vor der Zeit der ersten 
Revolution 28% Jahre; um 1817 31,8 J., jetzt 36,7. 
In den 36 ,1. 1817—52 war übrigens die jährl. Durchschnittszahl: 
der Geburten 968,662 
der Sterbfälle 812,330 
Ueberschuss 156,333 
Familien. 9’022,921 Haushaltungen (also nur 3,95 Personen auf 
die Haushaltung). 
Gebrechliche. Nach den Aufnahmen von 1851 gab es in Frank 
reich: Wahnsinnige 44,970 (wovon nur 20,527 in Irrenanstalten), 
29,512 Taubstumme, 37,662 Blinde, 75,063 Hinkende, 44,619 Buck 
lige; 9077 entbehrten ein od. zwei Arme, 11,301 ein od. zwei Beine. 
GonfeSSiOnen. Der officielle Bericht f'Statistique de la France, 
publiée par le ministre de l'agriculture etc.) gibt folgende Ziffern: 
Katholiken 34’931,032 Juden 73,975 
Reformirte 480,507 Andere Cuiten 26,348 
Lutheraner 267,825 Nicht constatirt 3,483 
Während die officielle Statistik in allen andern Beziehungen sehr 
in Einzelnheiten eingeht, ist solches Eingehen bei diesem Capitel in 
auffallender Weise vermieden, und wir finden statt dessen die ziem 
lich seltsame Bemerkung, dass „Erwägungen besonderer Art“ die Ad 
ministration bestimmt hätten, die Uebersicht der Verbreitung der ver 
schiedenen Cuiten in den einzelnen Departementen nicht drucken zu 
lassen. Wir erwähnen dessen blos, um die Bemerkung daran zu 
knüpfen, dass wir Grund haben, die ganze officielle Angabe für we 
sentlich um-ichtig zu halten. Nach allen uns bekannten statistischen 
Daten ist die Zahl der Protestanten beider Kirchen weit grosser, als 
von der Regierung angegeben, und wir sind geneigt, folgende Schä- 
zung als nicht unglaubwürdig anzunehmen: 33Y2 Mill, Katholiken, 
1'300,000 Reformirte, 700,000 Lutheraner; dann Juden etc.
        <pb n="55" />
        FRANKREICH — Land und Leute. 
39 
Nätiondlitäteil. Die officielle Statistik kennt nnr „Franzosen“ 
lind „Fremde“. Die wirkliche Statistik kennt aber auch National 
unterschiede unter den politisch vollkommen vereinigten „Franzosen“. 
So schätzen wir, dass ungefähr 32V2 Mill, dem eigcntl. französischen 
Stamme angehören, etwa IV2 Mill, sind Deutsche (im Eisass und einem 
Theile von Lothringen), l’I00,000 Kymcrn (Bretonen), 320,000 Ita 
liener (auf Corsica etc.), 130,000 Basken, 74,000 Juden, einige Tau 
send Cagots, Zigeuner etc. — Von den Franzosen selbst reden etwa 
1’800,000 wallonisch. 
Die Zahl der Fremden, welche nicht naturalfsirt sind, ward 
1851 zu 380,831 angegeben; nämlich: 
Belgier 128,103 Spanier 29,736 Polen 9,338 
Italiener 63,307 Schweizer 25,485 Andere Fremde 45,176 
Deutsche 57,061 Engländer 20,357 Nicht constatirt 2,268 
Gemeinden. Alle Gemeinden sind gesetzlich gleichgestellt; ein 
lechtlicher Unterschied zwischen Städten und Dörfern besteht seit der 
ersten Revolution nicht mehr. Die Gesammtzahl der Gemeinden be 
trug 1851: 36,835, nämlich: 
433 mit weniger als 100 Einw 
2,560 
4,157 
4,618 
3,916 
11,955 
4,423 
2,094 
Paris 
100 
201 
SOI 
401 
501 
1001 
1501 
hatte 
200 Einw. 
- 300 - 
- 400 - 
- 500 - 
-1000 - , ' 
-1500 
-2000 
1801 : 552,686 
1462 mit 2,001 
565 
235 
271 
93 
43 
13 
Einw. ; 
909,126: 
3,000 Einw. 
3,001— 4,000 
4,001— 5,000 
5,001—10,000 
10,001—20,000 
20,001—50,000 
mehr als 50,000 
1811: 630,636; 
1841: 935,261 ; 
1821 
1846 
723,551; 1831: 785,483; 1836: 
1 053,897; 1851: 1’053,262 (also kleiner Rückschlag.^ 
Die übrigen bedeutendsten Städte hatten 1851 folg. Einwohnerzahl 
Marseille 195,257 Nan^s 96,362 Toulon 69,474 Amiens 52,14 
£“,Si E:SE =. :::: -¡s 
GcbietSVCränderUngCIl seit der ersten Revolution. Bis zui 
Jahre 1790 bestand das Königreich Frankreich aus 34, resp. 35 Prc 
vinzen, von denen 12 den Titel Herzogthümer, 13 den von Gra 
schäften, die übrigen den von Herrschaften oder Landschaften führte: 
Eine statist. Uebersicht vom J. 1786 gewährt folg. Hauptergebnisse 
1* r o V i n z e n 
Generalität Paris (Isle de France und Brie etc.) 
Picardie ) General. Arniens 
( - Boissons 
Champagne 
Burgund 
Franche-Comté . 
Dauphiné und Orange 
Provence (Generalität Aix) 
Languedoc . 
Roussillon und Foix . 
Navarra und Bearn . 
Generalität Gascogne oder Auch 
d. Q.-M. 
420 
165 
160 
450 
420 
325 
375 
420 
775 
105 
HO 
490 
Bevölkerung 
1’808,000 
540,000 
538,000 
850,000 
1T35,000 
730,000 
695,000 
769,000 
1’780,000 
190,000 
850,000
        <pb n="56" />
        40 
FRANKREICH — Land und Leute. 
Provinzen ; 
f Bordeaux 
Guienne | Limoges . 
( Montauban 
La Rochelle, Saintonge, Angoumois 
Poitou 
Bretagne 
imois . . 170 405,000 
d. Q.-M Bevölkerung 
585 r350,000 
310 700,000 
210 535,000 
General. Rouen 
380 700,000 
645 2’345,000 
220 ; 
Normandie 
Caen 
Alençon 
215 2’134,000 
160 ) 
Generalität Orleans . 
Bourges (Berry, la Marche) 
Tours (Tourraine, Anjou, Maine) 
Kiom (Auvergne) 
General. Moulins (Bourbonnais, 
Nivernais) . 325 640,000 
370 730,000 
250 543,000 
500 1’340,000 
240 720,000 
Lyon . 
Dom bes 
160 650,000 
15 30,000 
325 880,000 
100 375,000 
152 736,000 
95 268,000 
200 652,000 
160 130,000 
Lothringen und Bar . 
Metz, Toul, Verdun . 
Flandern und Artois . 
Hennegau und Cambresis . 
General. Eisass und Sundgau 
Corsica . . . 
Zus. geschätzt 9,900 25’300,000 
Es bedarf kaum einer besoudern Bemerkung, um auf die Un 
zuverlässigkeit solcher Schätzungen aufmerksam zu machen. 
Die franz. Nationalversammlung, wesentlich in der Absicht, alle 
Provinzialunterschiede möglichst zu vernichten, führte unterm 22. Dez. 
1789 die Departementaleintheilung ein, wobei die alten Verhältnisse 
absichtlich geändert wurden. Zürn nähern Verständniss diene folgende 
Uebersicht : 
1) Isle de France ward in folgende 5 Departemente getheilt : Seine, 
Seine und Oise, Oise, Aisne, Seine und Marne. — 2) Picardie, 2 Dep.t Somme 
und Pas-de-Calais. — 3) Champagne mit Brie, 5 Dep. : Ardennen, Marne, Ober- 
Marne, Aube, Yonne. — 4) Lyonnais, mit Bourbonais, Auvergne und Marche 
8 Dep. : Rhône, Loire (sonst Landschaft Forez), Allier (sonst Bourbonais) ' 
Puy-de-Dome (sonst Theil von Auvergne), Cantal (ebenso), Ober-Loire (ebenso 
dann Landschaft Velay), Creuse (meist Marche), Charente (Landschaft Angoumois)! 
— 5) Herzogthum Burgund, 3 Dep. : Côte-d’Or, Saône und Loire, Ain (Länd- 
chen Bresse, Bugey und Dombes). — 6) Dauphiné, 3 Dep.: Isère, Drome, 
Ober-Alpen. — 7) Provence, mit dem Fürstenthum Orange (Oranien) und der 
(päpstl.) Grafschaft Avignon und Venaissin, 4 Dep. : Rhone-Mündungen, Nieder- 
Alpen, Var, Vaucluse. — 8) Languedoc, mit Foix und Roussillon, 9 Dep.: 
Ardèche (sonst Vivarais), Lozère (s. Gevaudan), Gard, Hérault, Tarn, Ober- 
Garonne (mit Theilen von Guyenne), Aude, Ost-Pyrenäen (Land Roussillon) 
Ariége (s. Foix). — 9) Guyenne (Aquitanien) und Gascogne, mit Limosin ! 
Saintonge, Angoumois, Navarra und Béarn, 14 Dep.: Gironde (Landschaft Bour- 
delais, Landes, Ober-Pyrenäen (Landschaft Bigorre), Gers (Landsch. Armagnac), 
Lot und Garonne (Landsch. Angenois), Dordogne (Landsch. Périgord), Lot 
^andsch. Querey), Tarn und Garonne, Aveyron (Landsch. Rouergue), Nieder- 
Charente (Saintonge und Aunis), Ober-Vienne (Th. von Limousin und Marche) 
Corrèze (Niederlimousin), Nieder-Pyrenäen (Niedernavarra und Béarn). — l()j 
Orléanais, mit Maine, Perche, Touraine, Anjou, Saumurais, Poitou, Bérry und 
Nivernais,^ 14 Dep. : Eure und Loire (Chartrain und Perche-Gouet) Loir und Cher, 
(Vendomois, Blesois, Sologne), Loiret (Th. von Orléanais), Mayenne (Th. von 
Maine und Anjou), Sarthe (ebenso), Orno (Th. von Perche), Indre und Loire 
(Touraine), Indre (Th. von Berry und Marche), Maine und Loire (Anjou und
        <pb n="57" />
        FRANKREICH — Land und Leute. 
41 
Th. von Saumurais), Vienne (Th. von Poitou und Saumurais), Vendée (Th. von 
Poitou), beide Sèvres (ebenso), Cher (Th. von Berry und Bourbonnais), Nièvre 
(Landsch. Nivernais). — 11) Bretagne, 5 Dep. : Finistère, Nordküsten, Ille und 
Vilaine, Morbihan, Nieder-Loire. — 12) Normandie, 4 Dep. : Nieder-Seine, 
Eure, Calvados, Manche. — 13) Franz. Niederlande (Gouvernement Flandern* 
bestehend aus der Grafschaft Artois und Thcilen von Flandern, Hennegau, Na 
mur und Bisthum Lüttich), 1 Dep. : Norden. — 14) Franche-Conté (Grafschaft 
Burgund, liochburgund, Freigrafschaft, 3 Dep. : Ober-Saône, Doubs, Jura. 
15) Lothringen, mit Messin und Toulois, 4 Dep. : Meurthe, Vogesen, Mosel, 
Maas (Ländchen Bar und Clermontais. — 16) Eisass, 2 Dep. : Ober-Rhein, 
Nieder-Rhein.— 17) Insel Corsica, 1 Departement: Corsica. 
Die Revolution und das Kaiserreich verschafften Frankreich un 
gemeine Vergrösserungen. Die Anfänge wurden damit gemacht, dass 
man die Besitzungen deutscher Reichsfürsten im Eisass (Mümpelgard, 
das Württemberg gehört hatte etc.) einfach als Franz. Länder behan 
delte, und am 14. Sept. 1791 die Vereinigungen der päpstl. Graf 
schaften Avignon und Venaissin, und am 27. Nov. 1792 und 31. Jan. 
1793^ jene von Savoyen und Nizza aussprach. Im Frieden v. Campo 
loimio (17. Oct. 1797) trat Oesterreich Belgien an Frankreich ab; 
der Friede von Luneville (9. Febr. 1801) verschaffte ihm überdies das 
ganze deutsche linke Rheinufer — zus. 1200 Q.-M. mit fast 4 Mill. 
Menschen. Sodann wurden mit Frankreich vereinigt: unterm 11. Sept. 
1802 I iemont; 21. Juli 1805 Parma; 27. Okt. 1807 Hetrurien (Toscana); 
17. Mai 1809 Rom ; 9. Juli 1810 Holland; 12. Nov. 1810 Wallis; 
10. Dez. 1810 die Mündungen der Ems, Weser und Elbe sammt den 
Hansestädten (600 Q.-M. mit mehr als 1 Mill. Einw.) ; dann Olden 
burg u. s. f. Die Zahl der Departemente, ursprünglich bloss 83, stieg 
auf 130. So umfasste dann das Napoleonische Frankreich, ausserdem 
jetzigen Gebiete von 86, noch weiter folg. Departemente, deren Haupt 
städte wir zur nähern Bezeichnung gleichfalls angeben: 
Das Napoleonische Frankreich. 
Departemente 
Alpen (See-) 
Apenninen 
Arno 
Doria 
Doimersberg 
Dyle 
Elbmünilungen 
Ems (Ober-) 
Friesbind 
Genua 
Isselmündungori 
Jemappes 
Leman 
Lippe 
Maasraünrhmgen 
Maas (Nieiler-) 
1^1 arengo 
Mittelmeer 
Montblanc 
Montenotte 
Nethen (beide) 
Ober-Issel 
Hauptorte 
Nizza. 
Chiavari. 
Florenz. 
Ivrea. 
Mainz. 
Brüssel. 
Hamburg. 
Osnabrück. 
Leuwarden. 
(tenua. 
Zwoll. 
Mons. 
Genf. 
Münster. 
Haag. 
Mastricht. 
Alessandria. 
Livorno. 
Chambéry. 
Savona. 
Antwerpen. 
Arnheim. 
Departemente 
Ombrone 
Ost-Ems 
Ourthe 
Po 
Rhein und Mosel 
Rheinmündungen 
Roer 
Saar 
Sambre. und Maas 
Schelde 
S diel den lündui igen 
Sesia. 
Simplon 
Stura 
Taro 
Tiber 
Trasimene 
Wälder 
Wesermündungen 
West-Ems 
Zuydersee. 
Hauptorte 
Siena. 
Aurich. 
Lüttich. 
Turin. 
Coblenz. 
Herzogenbusch 
Aachen. 
Trier. 
Namur. 
Gent. 
Middelburg. 
Vercelli. 
Sion. 
Coni. 
Parma. 
Rom. 
Spoletto. 
Luxemburg. 
Bremen. 
Groningen. 
Amsterdam.
        <pb n="58" />
        42 
FRANKREICH — Finanzen (Budget). 
Der erste Pariser Friede vom 30. Mai 1814 belies Frankreich 
nicht nur sein vor 1789 besessenes Gebiet, sondern ausserdem auch 
Avignon, Mümpeigard, einen Theil von Savoyen und mehrere Grenz 
kantone von Belgien. Durch den zweiten Pariser Frieden, vom 21. 
Nov. 1815, verlor es dagegen liievon Savoyen, die belgischen Grenz 
kantone und die Festungen Landau (seit 1713 besessen), Saarlouis, 
Saarbrücken, Marienburg und Pliilippeville; es erhielt seinen jetzigen 
Gebietsstand. 
1830 ward Algier erobert, und die dortige Besitzung wird seit 
dem zu vergrössern gestrebt (s. die Rubrik „Auswärtige Besitzungen.“) 
r i n a 11 z e n • 
Budget. 
Wir theilen zunächst die Positionen des Budgets für das laufende 
Jahr 1856 mit. 
Einnahmen : 
Directe Steuern, nämlich: 1) Grund-, 2) Personal-und Mo 
biliar-, 3) Thür- u. Fenstersteuer, 4) Patentgebühr (Gewerb- 
steuer); für allgemeine (Staats-) Bedürfnisse •280’735,900, für 
spezielle (Départemental-) Bedürfnisse 148’757,602, zus. 
Domänen, Waldungen, Fischereien 
Indirecte Auflagen, nämlich: Enregistrement und Stempel 
311 Mill,, Mauth und Salzsteuer 187’639,000, Getränksteuer 
(Contributions indirectes, die ehemaligen droits réunis) 
373798,000, Post 57’262,000 = .... 
Eventuelle Departementalumlagen .... 
Einkünfte aus Algerien 
Einnahme aus den Colonien 
Fr. 429'493,602 
- 40788,332 
929’699,000 
17700,000 
17700,000 
Einkünfte für den Dienst der Civilpensionen . . • . - 10’962,500 
Reserve der Amortisationscasse - 98’091,543 
Vermischte Einnahmen ....... - 34’697,263 
Rückzahlung von Eisenbahngesellschaften auf Staatsvorschüsse etc. - 8’654,792 
Veräusserung von Staatswaldungen - 15’000,000 
Gesammteinnahme Fr. 1,601’586,732 
Ausgaben: 
Ministerium des Staats Fr. 
- der Justiz 
- des Auswärtigen 
- des Innern 
- der Finanzen 
13’066,200 
27719,770 
lO’Ol 1,600 
136’880,940 
771798,900 
Ministerium des Kriegs 339'861,842 
- der Marine u. Colonien 123’655,599 
- des öffentl. Unterrichts 63758,936 
- des Ackerbaus, Handels 
u. der öffentl. Arbeiten 111’837,741 
Zusammen 1,598’286,528 
Obwohl noch inmitten des Krieges aufgestellt, wurden doch alle 
Positionen des Budgets nur nach den gewöhnlichen Verhältnissen be 
messen. Die Kriegskosten sollten durch ausserordentliche Mittel (An 
lehen) gedeckt werden. — Der Militärstand war bei obiger Fixirung 
des Budgets zu 378,911 M. und 90,191 Pferde angenommen. — lu 
dem Etat des „Staatsministeriums“ ist der Zuschuss für die „Ehren 
legion“ mit 2’795,700 Fr. (gegen 2’109,500 im Vorjahre) einbegriffen. 
Der grösste 1 heil des Aufwandes für die Ehrenlegion wird übrigens 
aus den derselben zugewiesenen Dotationen bestritten, indem die
        <pb n="59" />
        FRANKREICH — Finanzen (Biidgetpositionen), 
43 
Ehrenlegion 9708,750 Fr. kostet. 
(1er Etat des h inanzniinisterimns. 
— Einer bes. Erläuterung bedarf 
Derselbe umfasst folg. Positionen: 
1) Staatsschuld 454’450 851 
ul Ausgaben der gesetzgebenden Körper . - 38’173 462 
. ) Allgemeiner Dienst des Ministeriums 20’599’819 
) Kosten der Erhebung der Staatseinkünfte, Betriebskosten ’ 
der Staatsanstalten etc 164’635 266 
5) Ruckzalilung von Vorschüssen, Nichtwerthe (Steuerausfälle), ' ’ 
^ . . . . . . 
Der Aufwand des Finanzministeriums zeigte gegen das Voriahr eine 
Vennobrung von 45'418,348 Fr., — die erste Folge der neuen An- 
leihen. Man bedurfte nämlich für Verzinsung blos der beiden 
ersten Kriegsanlehen (von 250 und von 500 Mill.) 35’620,080 und 
b’tde^r^i h^” Nominalbetrags, welcher Nominalbetrag 
““f Ä “fl - gHb es folgende 
neue Auflagen: ° 
Î) Erhöhung der Auflage auf Alcohol, von 34 auf 50 Fr. pr. Hectol • 
91 ^ard vom Minister geschätzt auf Fr’ 
•'■■ÜipSïlS 
Gesammtsumme des gehofften Ertrages 
11’000,000 
6’000,000 
1’800,000 
52’000,000 
; - gcunuwn x^rtrages 70’800,000 
* 
ipttlieih 
1) Domänen 
2) Directe Steuern . 
3) Indirecte Auflagen 
40% Mill. 
. 
9^^ . 
2,91 Proz. 
30,69 - 
66,40 - 
1400 Mill.
        <pb n="60" />
        44 
FRANKREICH — Finanzen (Budgetpositionen). 
unmittelbare Vermögen des Staates (aus welchem unmittelbaren Ver 
mögen vor Allem die öffentlichen Bedürfnisse gedeckt werden sollten) 
verschleudert ward. Der Ertrag erscheint um so geringer, wenn man 
die Einziehung der vielen Geistlichen- und Adclsgüter während der 
Revolution erwägt. Während der ganzen Neuzeit verschleuderte man 
namentlich Staatswaldungen. Uebrigens beträgt der Werth der Do 
mänen, nach einer Schätzung vom Jahre 1856, noch immer über 1293 
Mill, (1,293’!73,804 Fr.); allein cs finden eben noch alljährlich neue 
Veräusserungen statt. 
Was die dir ec ten Steuern anbelangt, so wurden die nach der 
Februarrevolution neu aufgelegten 45 Beischlagprozente zur Grund 
steuer, im Jahre 1853 um 17 Proz. (so viel Beischlag-Centimen) wieder 
herabgesetzt, was für die Staatscasse eine Einnahmeminderung von 
26 Mill, zur Folge hatte. 
Ganz enorm finden wir die indirectcn Auflagen emporgo- 
schraubt. Besonders lästig ist die Getränkesteuer (die verhassten ehe 
maligen droits réunis)'^ äusserst fiscalisch das Enregistrement. So müssen 
bei jedem Imraobiliarverkaufe volle 4 Proz. vom Preise bezahlt wer 
den; dazu kam schon unter dem alten Napoleon eine besondere „Kriegs 
steuer“ , wodurch diese Auflage noch um 0™ 10 Proz.) erhöht 
wurde, und diesem ersten décinir de guerre hat man, wie schon oben 
erwähnt,# 1855 einen zweiten beigefügt, die A ullage also bei Immo- 
biliarveräusserungen auf 4%^ Proz., bei blosen Mobiliarversteigerungen 
auf 2Vio Proz. erhöht u. s. f. Erst mit Neujahr 1858 soll wenigstens 
die zweite Kriegssteuer aufhören. — Die in Folge der Februarrevo 
lution auf 10 Cent, für das Kilogr. (Doppelpfund) herabgesetzte Salz 
steuer erträgt dessen ungeachtet noch 35 Mill. 
Ausgaben. Ziehen wir von der Gesammtsumme des Budgets die 
blos auf dem Papiere durchlaufenden Posten (die sog. „Nichtwerthe“, 
d. h. uneinbringbare Steuern, und die Reclmungsübortragungen, mit 94 
Mill.) ab; ferner die Kosten der Steuererhebung (nach der ministeriellen 
Angabe über 164^2 Mill.), so verbleiben als Nettosumme des Gesammt- 
staatsbedarfs gegen 1340 Mill. Hievon verschlingen nun: 
Die Staatsschuld, sammt Dotationen u. Finanzverwaltung 513 Mill. = 38,28 % 
Das Militär (Land- und Seemacht) .... dßS'/j ■ = 34,59 - 
Diese beiden unproductiven Posten allein 9760^ - = 72,87 - 
Und dieses ohne die Kriegskosten. 
Der Kaiser bezieht eine Civilliste von 25 Milk Dazu kommt 
aber noch weiter der Genuss äusserst bedeutender und werthvollcr 
Domänen; und überdies erscheinen viele Ausgaben in den Staatsrech 
nungen, welche eigentlich auf den Etat der Civilliste gehörten. In 
Wirklichkeit kostet die kaiserl. Hofhaltung den Staat wohl mindestens 
40 Milk des .Jahres. (Dessen ungeachtet ist die Civilliste mit Schulden 
belastet, und engl. Blätter vom Mai 1856 geben die Grösse dieser 
Schulden zu mehr als 2 Milk Pf, St,, also über 50 Milk Fr. an.) 
Budget für 1 85 7. Obwohl der Friedensschluss erfolgt, ist 
doch das neue Budget um die enorme Summe von mehr als 100 Milk 
grösser, als das laufende, Ursprünglieh mit der Ziffer von 1695 Milk
        <pb n="61" />
        FRANKREICH — Finanzen (Steigen des Staatsbedarfs). 45 
abschliessend, ward es vom gesetzgeb. Körper selbst auf 1,698’904,664 
Fr. erhöht ! Der Bedarf für die Staatsschuld ist (in Folge des An 
lehens von 700 Mill.) neuerdings um 47 Mill, gestiegen, wovon 11 Mill, 
für Amortisation. Die während des zweijährigen Krieges aufgenommenen 
drei Anlohen haben sonach das franz. Volk mit einer dauernden jähr 
lichen Steuervermehrung von 9:2 Yg Mill. Fr. belastet. 
Das Steigen des Staatsbedarfs unter dem Kaisertkume. Die Schluss- 
ziflfern des Ausgabebudgets sind seit dem Aufhören der Republik 
von Jahr zu Jahr folgendermaassen gestiegen: 
1853: 1487 Mill. 1856: 1598 Mill. 
1854: 1517 - 1857: 1699 - 
1855 : 1562 - 
Der Berichterstatter über das Ausgabebudget von 1856 im gesetz 
gebenden Körper, Baron Paul de Richemont, klagte : „Der Staatsbedarf 
ist heute noch einmal so gross, als er 1815 war/« Er hätte beifügen 
können, um wie viel höher sich derselbe beläuft als in der Zeit der 
Kriege Napoleons des I. gegen das ganze übrige Europa, damals, als 
zudem das ganze Reich einen weit grössern Gebietsumfang besass 
(siehe S. 41). — Schon in der ersten Zeit des russ. Krieges klagte 
Léon Faucher (Revue dos deux Mondes, v. Sept. 1854) ; „Ein Steigen 
des Ertrags der indirecten Auflagen um 110 Mill., eine eben so un 
erwartete als unerhörte Einnahmenvennehrung in den Jahren 1852 u. 53 
genügten nicht, das Gleichgewicht wieder herzustellen. Das Ersparniss 
von 21 Mill., welches sich aus der Herabsetzung des Zinsfusses von 
5 auf 4V2 Proz. ergeben soll, ist durch die Ausdehnung der Dota 
tionen annullirt“ (eigentlich mehr als dieses), „deren Betrag im Budget 
bereits auf 37’383,114 Fr. steigt“ (jetzt um 1 Mill, höher). „Man hat 
die ErMhung der Besoldungen übertrieben .. . Einzelne Angestellte 
erhalten (namentl. durch Cumuliren v. Aemtern) „bis zu 300,000 Fr.“ 
Wir finden indess hierin nur ungenügende, schwache Andeutungen, 
die sich auf blosse Nebenpunkte verlieren. Das System im Ganzen 
ist es, was ins Auge gefasst werden muss. 
Schon im Jahre 1854 waren nicht blos die Staatsschulden ver 
mehrt, sondern es war auch das Activvermögen des Staates bedeutend 
vermindert, so durch den Verkauf der Lyoner Eisenbahn um 150 Mill. 
Staats- und Orleans’schen Domänen um 300 
Ulli. Bereits im Sept. 1854 schrieb eine diplomat. Feder: „Frankreichs 
Verwaltung hat unter der Dynastie v. 2. Dez. während 6 Jahren 2400 
1 1. also jahrl. 400 Mill. — mehr ausgegeben als eingenommen.“ 
Aus dem Berichte des Finanzministers Über die Finanzlage zu 
Endo dos Jahros 185o war sodann u. a. Folgondos zu entnehmen- 
An neuen indReckn Auflagen wurden in dem bezeichneten Jahre 
ausgeschrieben JJ Mill.; die alten indirecten Auflagen gewährten 
jenMchrertrag von 70MÍ11; die directen Steuern liefeCtn: 
Mehrertrag von 4 Mill; endlich war in den Waldungen statt für 
21-800,000 Fr in Wirklichkeit ftr 30 Mili. Hok gYlilt wie" 
Dessen ungeachtet betrug das Deficit am Ende des Jahres fnach 
ministeriellen Angabe) 50 Milk ^ 
der
        <pb n="62" />
        46 FRANKREICH — Finanzen (Départemental- und Gemeindeausgaben). 
Wenn man blos die verschiedenen Jahresbudgets betrachtet, die 
alle mit einem, wenn auch geringen Ueberschuss abschliessen, so be 
greift man diese Gestaltung nicht. Hier haben wir denn auf ein altes 
Grund übel in der franz. Finanz Verwaltung hinzuweisen. Es liegt in 
ù.Qn ^ßupplementarcrediten.^ Nach Feststellung des Budgets wer 
den die enormsten Summen als „unvorgesehene Ausgaben*^ durch 
Ordonnanzen angewiesen. Schon der Berichterstatter in der eheinal. 
Deputirtenkammer über das Budget für 1848, also noch unter Ludwig 
Philipp, äusserte: „Diese Verfahrungsweise, ira Widerstreite mit allen 
Finanzprincipien, macht die Prüfung des Budgets zur Täuschung, und 
führt nothwendig zu einer Vermehrung der Ausgaben, ohne Vorsorge 
für deren Deckung.“ — In dem vorhin erwähnten Berichte des Finanz 
ministers über die Finanzlage zu Ende des Jahres 1855 wird ange 
geben, dass die Supplemcntarcredite in jenem Jahre 120 Mill, be 
trügen. Nach dem Berichte, den Lequin im Juni 1856 im gesetz 
gebenden Körper erstattete, beliefen sich dieselben aber: 
1854 auf . . . Fr. 506’848,969 1 
)856 ::L'au8gegeben : 1400'747,283m2%Jahrcn. 
1856 bereits vorgesehen - 5’853,057 ) 
Der Krieg hatte davon bereits 1,229’890,278 Fr. verschlungen, 
den Rest von 171 Mill, hatte die Getreidetheueruug, die Industrie 
ausstellung etc. erheischt. 
Départemental- und Gtmeindeausyaben. Ungeachtet der Centrali 
sation, zeigt das Staatsbudget auch in anderer Beziehung keineswegs 
den vollen Umfang der öffentlichen Lasten. Die Departementalaus- 
gaben sind nicht vollständig, die Gemeindelasten eigentlich gar nicht 
darin aufgenommen. Von den Departementallasten erscheinen in dem 
selben nur jene Summen, welche durch directe Umlagen erhoben wer 
den. Diese directen Umlagen haben sich nun allerdings gewaltig ver 
mehrt. Ihr Betrag war: 1880: 58 Mill., 1846: 114, 1851: 132, 
1855: 140, 1856: 148% Mill. Dazu aber kommen für die Ge 
meinden die Octrois (Accise), im Ganzen geschätzt auf 80 Mill. Es 
kommen ferner dazu für die Departemente und für die Gemeinden 
deren specielle Anlehen. In der oben erwähnten Abhandlung Léon 
Fauchers von 1854 wird schlagend bemerkt : „Von 210 Gesetzent 
würfen, die dem gesetzgebenden Körper in seiner letzten Session vor 
gelegt wurden, betrafen 190 Ermächtigungen für Departemente und 
Gemeinden zur Aufnahme von Anleihen, zusammen etwa 1000 Mill, 
betragend.“ — Diese Gestaltung der Dinge hat auch 1855 und 56 
ungeändert fortgedauert; auch hier eine fast nicht endende Reihe von 
Ermächtigungen zur Contrahirung neuer Schulden. 
Die Stadt PdriS allein hat ein Budget wie ein Königreich — 
aber wie eines, das sich in finanziellem Verfalle befindet. Schon 1853 
überstiegen die Einnahmen 55 Mill. Man nahm überdies ein Anleihen 
von 50 Mill, auf, da das Ausgabebudget auf 90 Mill, stieg und man 
cher Bedarf nicht weiter vorgesehen war. So stiegen die Kosten für 
die locale Polizei unter dem Kaiserreiche von einer Mill, auf fünf
        <pb n="63" />
        47 
FRANKREICH — Finanzen (Historische Notizen), 
Mill. — Vom 1. Sept. 1853 bis 15. März 1856 schoss die Stadt den 
Bäckern 51’501,611 Fr. vor, um das Brod wohlfeiler zu liefern. Nach 
dem die Getreidepreise herabgegangen, soll nun der Ausfall allmälig 
dadurch gedeckt werden, dass man mehr erhebt, als nach den Frucht- 
und Mehlpreiseii geschehen dürfte. Auch Ende 1855 musste Paris 
wieder ein Anlehen von 60 Mill, aufnehmen. 
Historische Notizen. Die Einzelnheiten des Finanzhaushaltes voi 
der ersten Revolution deuten zugleich mehrfach die damaligen socia 
len und sonstigen Zustände und auch mit die Veranlassungen der 
Revolution an. Wir verweilen desshalb etwas dabei. 
Es liegt zunächst eine Notiz aus dem Jahre 1740 über den franz. 
Staatshaushalt vor uns. Darin sind die Hauptpositionen : 
1. ^nigliohe Tafel Livres 7'300,000 
2. iiewaesptoisirs (kleine Vergnügungen, Geschenke etc.) 840,000, 
und présents aux maîtresses (!) 800,000 zusammen . 
3. Hofatall \ 
4. Königliche Garderobe 
5. Unterhalt der königlichen Gebäude und Gärten 
6. Dépenses inconnues (!) (Polizei, Diplomatie, Verwaltung) . 
7. Militär 38,400,000; Marine 17’400,000 = . . . . 
8. Perceptionskosten (so weit sie nicht schon von den Einnahmen 
abgezogen waren) 
9. Staatsschuld: ewige Renten 28,125,000, lebensläng]. Renten (die 
letzten zu 12 Proz. Zins!) 20’895,000 = . • . 
10. Theater (zu Paris, Versailles, Lyon etc.) .... 
11. Espions extra-ordinaires ....... 
Zusammen 17(^550,000 
Die Einnahmen reichten zur Deckung des Bedarfes nicht aus 
und es mussten 20 Mill, aufgenommen werden, für welche man, nebst 
dem Versprechen einer Rückzahlung in 3 Jahren, den wucherischen 
Nachlass von 30 Proz. zugestand ! 
Um 1762 wiesen die Stände der Normandie nach, dass von mehr 
als 60 Mill. Abgaben nicht 17 in den königl. Schatz flössen. — Die 
berüchtigte Maitresse Dubarry soll in 5 Jahren 180 Mill, gekostet 
haben. Der Generalgouverneur der Finanzen, Abbé Terrai, zog jähr 
lich über 1'200,000 Liv. Bei der Vermählung des Dauphin, nach 
mals Ludwig XVI., kostete ein einziges Bouquet an einem Feuer 
werke 96,000 Liv. 
Im Jalu-e 1781 waren, zufolge Neckers Compte rendu, die ge 
wöhnlichen Einkünfte, nach Abzug der Hebkosten und aller ange 
wiesenen Posten : ° 
1’640,000 
1’890,000 
1’900,000 
4’200,000 
44’000,000 
55800,000 
3’200,000 
49’020,000 
200,000 
1’400,000 
1) Tailles (Kopfgeld) 
2) Vingtièmes von den nichtständischen Provinzen 
3) Bewilligung der ständischen Provinzen, statt der taille . 
4) Vingtièmes von diesen Provinzen 
5) Generalpacht (darunter Salz 54, Tabakmonopol 24 Mül.) 
6) Ertrag der westindischen Inseln . 
7) General-Regie (Accisen, Stempel) . . 
8) Domänen 
9) Antheil des Königs am Ertrage der Domänen, des General- 
pachte und der Regie 
10) Ertrag der Post 
Liv. 104’590,000 
- 44’000,000 
- 14’492,000 
- 10’000,000 
- 126’000,000 
4’100,000 
- 42’000,000 
- 42’000,000 
1’200,000 
- 11’200,000
        <pb n="64" />
        48 
FRANKREICH 
Liv. 
Finanzen (Historische Notizen). 
11) Kopfgeld der Stadt Paris 
12) Pulverregal .... 
13) Diziëme d’Amortissement 
14) Yon Zünften und Innungen . 
15) Münzregal .... 
16) Kleine Pachtungen und Fabriken 
17) Lotterien 
18) Forsten .... 
19) Gratuit der Geistlichkeit 
20) Steuer von den Maltesergütern 
21) Zufällige Einkünfte 
6’000,000 
800,000 
1 182,000 
r 185,000 
500,000 
390,000 
7’000,000 
4'000,000 
3’400,000 
40,000 
4'285,000 
Liv. 
, Zusammen Liv. 428'233,000 
Ausgaben : 
Kosten der Regierung 
Armee und Flotte 
Zinsen der Schuld und Leibrenten 
Schuldentilgung 
Zusammen Liv. 396 974,666 
In Wirklichkeit gab es aber keinen Ueberschuss, sondern ein 
tüchtiges Deficit in Folge sog. „ausserordentlicher Ausgaben“. Allein 
74’937,000 
103’600,000 
20 rill,000 
17’326,6C6 
welche Missverhältnisse schon im sog. „ordentlichen“ 
Es verschlangen ; 
Etat ! 
Die Armee und Flotte über 
Die Staatsschuld 
26 Proz.* 
55 - 
Beide (unproductive) Posten 81% Proz. 
Für die Verwaltung blieben IS'/j ! 
Im Jahre 1784 betrugen nach Necker die Einkünfte brutto GOO, 
die Ausgaben 610 Mill. Liv. (Indessen war das Deficit in Wirk 
lichkeit grösser.) Darunter: 
Zinsen der Schuld . . 207’000,000 Justiz 2’400,000 
Armee 105’600,000 Hofkirchc ..... 1'600,000 
Flotte 45’000,000 Schulen 600,000 
Garden (Maison du Roi) 13’000,000 Akademien 300,000 
Für den Dauphin. . . 3’500,000 Hofbauamt 3’200,000 
Für die Königin . . . 4'000,000 Hofstaat 1'500,000 
Für die Prinzen . . . 8’300,000 Almosen und Guadengelder 1'800,000 
Pensionen etc. . . . 28'000,000 Maréchaussée (Gendarmerie) 4’000,000 
Gesandtschaften . . . 8’000,000 Wegbau 20’000,000 
Ministerium u. Hofkanzlei 4’000,000 Prämien für den Handel etc. 800,000 
Es kosteten also darnach : 
Die Staatsschuld 207 Mill. = fast 34 Proz. 
Das Kriegswesen etc 167'/^ - = - 27% - 
Der Hof (ohne die Einkünfte des Königs) 24 = 4 
Zusammen SOS'/gMill. %= über 65 Proz. 
Die Einkünfte der Geistlichkeit wurden durchschnittl. zu 1.30 Mill, 
berechnet, wovon sie höchstens lOYg Mill. Abgaben entrichtete. Adel 
und Geistlichkeit besassen aber gegen V3 des gosammten Grundeigon 
thums. — Wie die Verschwendung auch noch unter Ludwig XVI. fort 
dauerte , mögen einige Beispiele zeigen. Die erste Hofdame der Kö 
nigin hatte einen Gehalt von 12,000 Liv., ferner die Wachslichter im 
Schlosse, sie mochten gebrannt haben oder nicht; dies ertrug 50,000 
Liv. — Eine Prinzessin d’IIenin bezog 18,000 Liv. Wittwengehalt;
        <pb n="65" />
        FRANKREICH — Finanzen (Staatsschuld). 
sie war aber keine Wittwe, sondern an den Prinzen d’Henin verlieirathet 
der wegen eben dieser lloirath 10,000 Liv. Pension erhielt. — Eine 
Mad, Despremenil, die Maitresse eines Ministers, bezog eine Pension 
von 20,000 Liv. — Der Cardinal de Lomedie hatte 28—30 Pfründen- 
der Baron Besenval 7 Gon verneinen ts, und der Prinz Soubise bezog 
1 /g Mill. Pension ! — Man sieht, dass unter Ludwig dem XVI. nichts 
geschah, die Revolution abzuwenden ! 
Die Nationalversammlung setzte das Budget für 1791 auf 
o82'700,000 Liv. fest. Während der Napoleonischen Kriege stieg der 
Staatsbedarf, hielt sich aber doch meistens zwischen 700 und 800 Mill 
1813, als das Kelch seinen grössten Umfang liatte (130 Depart) und 
während Krieg gegen beinahe ganz Europa geführt wurde, wuchs das 
Budget auf 1150 MdI, an (heute fast 1700 Mill,). Hievon erheischten- 
ioß’lnötrp Jioo MdI.), die Staatsschuld 
1 . oÆ, ^^ 700^00, Civillisteu. Appanagen 28’300,000, 
Justiz 29 MdI., Aeussores 26, Inueies 59, Fiuanzverwaltung 21, Cul- 
tus 17,. Polizei 2 Mill., Manufakturen und Handel 7’810,000. 
Unter Ludwig dem XVIII. (Restauration) betrugen die Aus- 
gaben meistens gegen 900 Milk (1818, der fremden Truppen und der 
/ah ung an das Ausland wegen 14l5Ya Milk). Unter Karl dem X. 
wuchs das Budget durchschnittlich auf eine Milliarde (1000 Mill)- 
unter Ludwig Philipp auf anderthalb Milliarden. Das letzte Budget’ 
welches die Nationalversammlung festsetzte, für 1852, schloss 
mit der Ziffer von 1447 Milk Das für 1857 steigt auf 1699 Milk 
Staatsschuld. 
Consolidirte Schuld. Der 
anfangs 1854 so berechnet : 
Obligationen 
94,767 Stück Sprozentige 
3,934 - 4 
725,089 - 4% - 
Stand der consolidirten Schuld ward 
822,790 Stück 
Hiezu kamen während 
zu 250, 2) zu 500 und 
Jahresrente (Zins) 
53719,120 Pr. 
2’371,911 - 
183’213,496 - 
Capital 
1,657’421,533 Fr. 
59797,775 - 
3,628918,052 - 
5’335’637,360 Fr. 
drei Anleihen : 
Da aber die Ausgabe 
Krieges 
238’303,527 Fr. 
des russischen 
A . - - ^tilk itucr um Ausgaoe 
der 1 aprere (.1 und 4Va prozentige) natürlich nur weit unter Pari er- 
Schuldbetrag nicht etwa blos 
um 1500, sondern um 2100 Millionen vermehrt. Damit ist die Ge- 
Wn-ieh LdonFaulhor: En^and bekömmt AM^n,CI 
Corns der Conso s zum Maasstabe nimmt, um ungefähr 3% Prozent 
/ms. Die Ranz. Regierung dagegen lieh zu nahezu 5 Proz (zu 4 74
        <pb n="66" />
        50 FRANKREICH — Finanzen (Geschichtliche Notizen). 
von 37 Proz. bei den 3proz. Papieren.“ Bei den beiden spätem An 
leben gestaltete sich das Verliältniss noch schlimmer. 
Schwebende Schuld. Ausser der consolidirten, besteht auch noch 
eine schwebende (nicht fundirte) Schuld. Dieselbe betrug : 
am 1. März 18.51: 592 Mill. im Fcbr. 1855, nach dem Minister C92 
- 1 April 1852 : 6.30 - - - - in Wirklichkeit 1080 
- 3l' Dez. 1853: 760 - (indem 180 Mill. Sparkassengelder u. 218 Mill. 
Sch.atz.scheine vom Minister nicht, eingerechnet 
■wurden) 
und dies, obwohl man unterm 20. .luli 1854 40 Mill. Schatzscheine 
in consolidirte Kenten umgcwandelt hatte. 
Sonach dürfte die Gesammtschuld des franz. Staates nicht unter 
8500 Millionen anzunehmen sein. 
Geschichtliche Notizen. Die Besprechung der Geschichte der 
franz. Staatsschuld führt beinahe mit Nothwendigkeit auf die Law’schen 
Zeiten zurück. Damals (24. Febr. 1720) ward bei Strafe von 20,000 
Liv. Jedermann verboten, mehr als 500 Liv. in baarem Golde auf 
zubewahren ; alles übrige Geld musste in Papier (die Law sehen Scheine) 
umgcwechselt worden. Im März des nämlichen Jahres erging sogai 
das unbedingte Verbot, „gemünztes Gold oder Silber zu besitzen oder 
auszugeben.“ Das Volk besass schliesslich G Milliarden in Papiergeld, 
als der Staatsbankerut erfolgte. Darauf machte man neue Schulden. 
In der Revolutionszeit hörte jede Verzinsung der früheren Schuld 
auf. Von 1790—95 wurden für ungefähr 40 Milliarden (40,000 Mill.) 
Assignaten ausgegebon, von denen verhältnissmässig nur kleine 
Beträge (doch einige Milliarden) eingelöst wurden. 1796 gab man 
für 1800 Millionen „Mandate“ aus. Beide Papierarten wurden be 
kanntlich bald völlig werthlos. 
Unterdessen verkaufte man von 1790—1801 für 2609 Millionen 
Nationalgüter“; noch blieben deren für 700 Millionen übrig. Die 
erzielten Erlöse standen ausser allem Verliältniss zum Werthe. 
1798 erfolgte auch eine Liquidiriiug der alten Schuld. Sie betrug, 
nach Beseitigung aller Ansprüche von Emigranten, 2800 Mill., und 
ward auf Vs herabgesetzt {le tiers consolidée, das consolidirte Drittel 
genannt). Der Staat gab für den anerkannten Betrag Inscriptionen 
in „das grosse Buch“ in 5prozentigen Renten, zusammen anfangs 
46’302 000 Fr. solcher Renten, ein Capital von 926’040,000 Fr. 
repräsentirend. _ ^ 
Beim Sturze Napoleons betrugen die Schulden 727 603,000 Ir. 
Ausser den sonst unvermeidlichen Opfern, belastete der zweite 1 aiisei 
Friede den franz. Staat mit einer Kriegscontribution von 700 Mill, 
an die Alliirtcn. Ausserdem erhoben sich aus den von I rankreich 
losgetrennten Provinzen und aus den sonst von den franz. Heeren 
besetzt gewesenen Gebieten die mannichfachsten Entschädigungs- 
Ansprüche aus civilrechtlichen Titeln, die man 1818 durch neue In 
scription von 16’040,000 Fr. Rente (320’800,000 Fr. Capital) besei 
tigte. In Folge alles Dessen stieg die Gesammtschuld auf 2 106 819,867 
Fr. Ueberdies bezahlte die Staatscasse Privatschulden dos Königs
        <pb n="67" />
        FRANKREICH — Militärwesen (Landmaclit, Bildung des Heeres). 51 
im Anmlande mit lY, Mill. Renten (also 30 Mill. Capital). Hinwieder 
' ' 1 • ti -, dessen Betrag nach der Jnlirevolntion nicht dem franz 
Staate, stmdern den Bourbonen privatim zurückbezahlt ward. 
ehemaligen Emigranten eine Entschädigung 
von einer Milliarde aus der Staatscasse. Bei dieser Gelegenheit e^ 
ViU'i \ y^'i-ung der 3prozentigen Rente (unter dem Ministerium 
pnshgeu Bedmgungen, „nd im Hinblick auf die Unzweifelhaff ein- 
tretende Reducirung der Unterzeichnungssummen, lag es in der Natur 
der Dinge, dass die „Speeulanten“ unendlich grössere Beträge sub- 
scribirten, als sie aufzi,wenden willens oder auch mir im Stande waren 
Militilrwcseii. 
Landmacht. 
BSMMM
        <pb n="68" />
        52 FRANKREICH — Militärwesen (Landmacht, Bestand des Heeres). 
durch Stellvertreter ersetzen. In neuerer Zeit besorgt der Staat die 
Stellvertretung. Die Gresainmtzahl der Stellvertreter in dei Armee 
betrug 1853: 93,462. — Freiwillige Eintritte in das Heer erfolgen 
jährlich im Durchschnitte etwa 10,000; bei dem kriegerischen Geiste 
der Nation steigt in Kriegsjahren meistens die Zahl. Zwar blieb sie 
1853 auffallender Weise unter dem Mittel, indem sie nur 8600 be- 
trug; 1854 stieg sie dagegen auf 19,300. — Dienstzeit: 7 Jahre. 
Nach 6 Jahren werden indess die Soldaten meistens entlassen, und 
sie bilden nun mit den nicht aufgebotenen Conscribirten die Reserve. 
— Ausrüstung und Verpflegung der 4nippen sind im Ganzen gut. 
Die Cavallerie bildet den schwächsten Teil der franz. Heere. — Das 
Avancement steht jedem Soldaten bis zum höchsten Grade offen. Na 
poleon sucht den Wiedereintritt gedienter Soldaten zu befördern. Ver 
pflichten sich solche zu einer zweiten Dienstcapitulation (in welchem 
Palle sie als Einsteher verwendet werden), so erhalten sie eine Sold 
zulage von 10 Centimen täglich und eine sog. Prämie von 1000 Fr. 
(wovon 700 erst nach beendigter Dienstzeit). 
Boständ. Garde. Infanterie: 2 Divisionen; die erste bestehend aus 
1 Reg. Gendarmerie zu 2 Bat., 1 Reg. Zuavcn zu 2 Bat., und 3 Reg. 
Grenadieren zu 4 Bat. (zus. 16 Bat.) ; — die zweite Division ist ge 
bildet aus 4 Reg. Voltigeuren und 1 Bat. Jäger zu Fuss. — Cavallerie: 
1 Division von 3 Brigaden, nämlich: 1) Reservebrigade, 2 Reg. Cü- 
rassiere; 2) Linienbrigade, 1 Reg. Dragoner und 1 Reg. Landers; 
3) leichte Brigade, 1 Reg. Jäger und 1 Reg. Gulden. — Artillerie: 
2 Regimenter. — Gerne; 2 Comp, und 1 Escadr. Equipagen-Train. 
— Die Gesammtstärke der Garde dürfte 35—40,000 Mann betragen. 
Gewöhnliche Truppen. Infanterie: 100 Regimenter Linien 
infanterie, zu 3 Bat. je von 8 Comp., zus. etwa 320,000 M. ; 20 Bat. 
Jäger, zu 10 Comp., 25,800 M. ; 3 Reg. Zuaven, zu 3 Bat., 9,300 M. ; 
3 Bat. leichte afrik. Infanterie, etwa 3,800 M. ; 2 Fremdenregimenter, 
wovon 1 Schweizer; 3 Bat. eingeborn. algier. Tirailleurs, 12 Strafcom- 
—Cavallerie: 12 Reg. schwere, näml. : 2 Reg. Carabiniers und 
10 Reg. Cürassiere, mit 13,308 Pferden; 20 Reg. Liiiien-Cav., näml.; 
12 Reg. Dragoner, mit 14,028, und 8 Reg. Landers, mit 9,352 Pferd. ; 
24 Reg. leichte Cav., als: 12 Reg. Jäger, mit 14,748, 8 Reg. Husaren, 
mit etwa 10,000, und 4 Reg. afrik. Jäger, mit 4,860 Pferden. Ferner 
3 Reg. Spahis, mit 3,674 Pferden. (Die Pferdezahl nach der For 
mation vor dem Kriege; 1 Husarenregiment soll aufgehoben werden; 
vor dem Kriege hatte man 9 Husarenregimenter.) — Artillerie: 16 Reg. 
Artillerie; 1 Reg. Pontoniere, 12 Comp. Ouvriers, 10 Schwadronen 
Train, Veteranen etc. Nach dem Bestände beim Ausbruche des letzten 
Krieges zusammen 58,972 Mann. — Genie: 3 Reg. Genie, zu 2 Bat., 
2 Comp. Sapeurs, zus. 8021 M. Hiezu die Truppen für den Ver 
waltungsdienst, das Sanitätswesen etc. — Sodann die Gendarmerie von 
25,572 M. (wovon 19,354 Departemental-Gendarmerie in 25 Legionen). 
Die Gesammtstärke der Armee ward am 1. Jan. 1854 zu 570,000 
M. angegeben, worunter aber 82,000 Nichtcombattanten. Diese Iruppen 
hatten 168 Feldbatterien und 1008 Geschütze. — Nach einem Be-
        <pb n="69" />
        FRANKREICH — Militärwesen (Festungen, GescMchtl. Notizen). 53 
richte des Kriegsministers betrug der Activstand der Armee am 11. 
Jan. 1855 an Unterofficieren und Soldaten 507,432, an Officieren, 
Gendarmerie, Administrationsdienst und Kindern 47,857, — Gesammt- 
stand 555,289 Köpfe. — Nach Anordnungen vom Juni 1856 werden 
provisorisch verabschiedet : 
Infanterie 65,640 Genie 2,883 
Cavallerie 13,914 Train 3,561 
Artülerie 9,062 "" 95,000^ 
Der wirkliche Activstand dürfte nicht über 380,000 Mann sein. 
Die Gceneralität ist so bestimmt : 6 Marschälle, 80 Divisions 
generale in Activität oder Disponibilität, 69 in Keserve; 160 Brigade 
generale in Activität oder Disponibilität, 172 in Reserve; zusammen 
487 Generale. 
Nationalgarde. Eigentlich sind alle Franzosen vom 20. 60. 
Jahre dienstpflichtig. 1832 zählte man 
im gewöhnlichen Dienste 3781,000 Nationalgarden 
in der Reserve . . . 1’948,000 
zusammen 5729,000 
Die jetzige Regierung liebt aber nicht die Nationalgarde, und so ist das 
Institut unter ihr so sehr herabgekommen, dass es im Allgemeinen nur 
noch dem Namen nach, nämlich blos in einer Anzahl grösserer Städte 
und zwar aus ausgesuchten Anhängern des jetzigen Regime besteht, 
und militärisch alle Bedeutung verloren hat. 
Festungen. Kein Land der Welt besitzt deren so viele als 
Frankreich, Man rechnet 119. Darunter 7 ersten Ranges: Paris, Lyon, 
Strassburg, Metz, Lille, Toulon, Brest; 13 zweiten Ranges: Grave 
lines, Mezières, Givet, Charlemont, Thionville, Beifort, Besançon, 
Perpignan, Bayonne, Rochefort, Cherbourg, Valenciennes und Calais; 
24 dritten Ranges: Vincennes, Briançon, Grenoble, Antibes, Mont 
Louis, Rhé, Oleron, Rochelle, Belle Isle, l’Orient, St. Malo, Havre, 
Amiens, Peronne, Dünkirchen, Cambray, Douai, Bitsch, Arras, Bou 
logne, St. Omer, Bastia und Ajaccio; endlich 75 vierten Ranges. 
Die Befestigung von Paris kostete über 200 Mill. Franken. 
Geschichtliche Notizen. Vor der ersten franz. Revolution, näm 
lich im Jahr 1783, berechnete man die Stärke der französ. Armee 
folgendermaascn : 
EfiTectiv Enrollirt 
Infanterie . . 95,000 170,000 
Cavallerie . . 25,000 45,000 
Artillerie . . 7,000 11,700 
Landmiliz . . — 70,000 
Zusammen 127,000 300,000 
Die jetzige Militärorganisation ist in ihren Grundzügen eine 
Schöpfung der Revolution. Diese ordnete das allgemeine Aufgebot an ; 
daraus entstand die Conscription. Als Carnot 14 Armeen organisirte, 
brachte er, allerdings nur auf 1—2 Monate, 15 bis 16 hunderttausend 
Mann zu den Heeren. Während aber Carnot ein waffengeübtes Volks-
        <pb n="70" />
        54 FRANKREICH — Militärwesen (Geschichtliche Notizen). 
thum erstrebte, bildete Napoleon die durch die Revolution erlangten 
Kräfte zu einem blossen Militär st an de um. 
Am zahlreichsten war Napoleons Heer im Jahr 1812. Damals um 
fasste es ungefähr 743,000 Mann, oder, wenn man die Cohorten des 
ersten Heerbannes (Nationalgarde) und die (Jendannorie abreclmot: 
Hiezu kamen die Truppen: [062,000 Mann 
des Königreichs Italien 40,000 
Neapels 50,000 - 
der deutschen Rheinbundsstaaten 120,000 
Polens (des „Herzogthums Warschau“) 50,000 
zusammen mehr als 900,000 Mann 
über welche der Gewaltige verfügte, als er gleichzeitig die beiden 
Kriege gegen Spanien und Russland fülirte. — Zum russ. Feldzuge 
allein wurden mindestens 400,000 M. verwendet, wovon etwa 200,000 
Franzosen, die übrigen Italiener, Rheinbundstruppen, Polen und Schwei 
zer. Ungerechnet sind bei obiger Zahl die llülfscorps von Preussen, 
20,000, und von Oesterreich, 30,000 M. Da sich unter der ange 
nommenen Zahl von 200,000 „Franzosen“ sehr viele Angehörige der 
damals mit Frankreich vereinigten Gebiete Belgiens, Hollands, Deutsch 
lands und Italiens befanden, so ist es augenscheinlich, dass nur die 
kleinere Hälfte der „grossen Armee“ aus wirklichen Franzosen bestand. 
Die Aushebungen unter der ganzen Regierung Napoleons I. betrugen 
nach den öffentlichen Decreten nahezu drei Millionen Mann. Da 
von kamen aber allein auf das Jahr 1813 folgende fast unglaubliche 
Summen, laut der Senatus-Consulte von nachbemerkten Tagen; 
11, Jan, Senat.-Consult (sogleich nach dem russischen Feldzuge) wegen Aus 
hebung von 350,000 M. 
3. Apr. ditto (nach der Kriegserklärung Preussens) von . . 180,000 - 
24. Aug. ditto in den Süddepart. (zur Ergänzung der span. Armee) 30,000 - 
9. Oct. ditto (nach dem Beitritte Oesterreichs zur Allianz) . 280,000 - 
15. Nov. ditto (nach der Leipziger Niederlage) . . . 300,000 - 
Zusammen in einem Jahre 1T40,000 M. 
Nach der Restauration, unter den ältern Bourbonen, ward die 
Armee vernachlässigt. So, wie unter Napoleon das Militär, waren nun 
Geistlichkeit und Adel die hervorragenden Stände. Die Linientruppen, 
ohnehin der Zahl nach sehr reducirt, sahen sich den Garden, beson 
ders den Schweizer-Garden, nachgesetzt. Allein die ausdrücklich ver- 
heissene „Abschaffung der Conscription“ erfolgte dennoch nicht. Zum 
Umstürze der spanischen Cortesvorfassung (1823) bedurfte man höch 
stens eines Heeres von 80,000 Mann; zur Expedition nach Morca 
(1828) etwa 18,000, zur Eroberung Algiers (1830) ungefähr 34,000. 
— Die Julirevolu'ion bewirkte Abschaffung der Garden. Dagegen ver 
stärkte Ludwig Philipp die Linienarmee ansehnlich. In Algerien be 
fanden sich zu wiederholten Malen gegen 100,000 M. Der Gedanke, 
nach der Februarrevolution von 1848 die stehende Armee durch ein 
Volksheer zu ersetzen, ward nie verwirklicht. — Unter Ludwig Na 
poleon fanden bedeutende Vermehrungen der Armee statt ; auch ward 
die Garde wieder hergestellt. Der Krimfeldzug kostete übrigens eine 
enorme Menschenmenge; blos 121,119 M. bestiegen im Sommer 185G 
die Schiffe zur Rückkehr ; der Verlust Frankreichs in dem ganzen
        <pb n="71" />
        FRANKREICH — Militämesen (Seemacht). 55 
Kriege übersteigt wohl ansehnlich die Zahl von 100,000 Mann. — 
Der Zustand der Finanzen nothigt eben zur Verminderung der Trup 
penmenge, doch bleibt die neue Jahreseinreihung stärker, als sonst in 
Friedenszeit, nämlich 100,000, statt 80,000. 
Seemacht. 
Nach einer zu Ende April 1854 veröffentlichten Ordre (dem letzten 
uns bekannten dessfalls. Actenstücke) war der Bestand der Kriegsmarine : 
Segelschiffe 
53 Linienschiffe mit Kanonen 5,096 
(9 V. 120 Kan., 14 v. 100, 
19 V. 90, 11 V. 80—82 K.) 
58 Fregatten von (40—60 K.) 3,955 
39 Corvetten 868 
101 Briggs, Goeletten n. Cutters 1,066 
39 Lastcorvetten u. Gabarren 
(v. 18,500 Tonnengehalt) 788 
290 Segelschiffe mit Kanonen 11,773 
Dampfschiffe 
7 Linienschiffe, 
20 Dampffregatten, 
30 Dampfcorvetten, 
64 Avisoschiffe. 
121 Dampfer mit 32,350 Pferdekraft. 
Die grössten sind Schraubendampfer. 
Die Marine Frankreichs hat sich im russ. Kriege bedeutender 
gezeigt, als man erwartet hatte. Dessen ungeachtet vermag sie es noch 
keineswegs, mit der englischen wirklich zu rivalisiren. — Die Be 
mannung der Kriegsmarine erfolgt grösstentheils vermittelst der seit 
1683 bestehenden Marineconscription, der sämmtliche Seeleute bis zum 
50. Altersjahr unterliegen. — Zur vollständigen Bemannung aller oben 
aufgezählten Kriegsschiffe wären übrigens gegen 96,000 M. erforder 
lich. Wirklich verwendet waren 1855 gegen 60,000. Die Bemannung 
beträgt bei den verschiedenen Schiffscategorien : 
Linienschiffe . 
Fregatten . . 
Corvetten . . 
Briggs . . . 
Leichte Schiffe 
Transportschiffe 
Avisos . . 
Segler 
677—1087 Mann, 
326— 513 - 
110— 228 - 
92— 113 - 
61— 74 - 
45— 154 - 
Dampfer 
500—600 Mann, 
350—400 
120—180 . 
63— 80 
Geschichtliche Notiz. Im Jahre 1780 ward die franz. Kriegs 
marine so angegeben; Schiffe erster Ordnung 60, zweiter 24, leichte 
182, zusammen 266, mit 13,300 Kanonen und 78,000 Seeleuten. 
Eine Liste von 1785 führt auf: Linienschiffe 72, Fregatten 74, 
Corvetten 28, Gabarren 36, Cutters 27, Bombardiergallioten 19, zu 
sammen 256. 
Deber die franz. Streitmacht in der Schlacht von Trafalgar siehe 
„Grossbritanien,“ Seite 19. 
Sociale, Gewerbs- und Haiidelsrerltilltiiisse. 
Allgemeine Bemerkungen. Die Revolution hat sogleich (4. Aug. 
1789 und nächste Zeit) alle Schranken aufgehoben, welche die freie 
Bewegung der einzelnen Staatsangehörigen und den Verkehr im Innern 
des Landes hinderten. Es bestehen : unbedingtes Niederlassungsrecht,
        <pb n="72" />
        56 FRANKREICH — Socîale, Gewerbs- und Handelsverhältnisge. 
Gewerbsfreihoit, beliebige Theilbarkeit des Grundeigentbums. Da auch 
jeder Unterschied in den Recliten der verschiedenen Provinzen und 
Gemeinden fiel, so kann sich jeder Franzose nicht nur ohne amtliche 
Erlaubniss verheirathen, sondern auch auf dem ganzen Gebiete des 
Staates niederlassen wo er will, und ebenso ohne irgend eine beson 
dere Abgabe von seinem Ileimathorto nach jeder andern Gemeinde 
tiborsiedeln und dort ohne Kosten, blos zufolge seiner Declaration, 
das Ortsbürgerrecht erwerben. — Es ist zur Genüge bekannt, dass 
die franz. Industrie unter der Herrschaft der Gew erb sfr ei heit einen 
ausgezeichnet hohen Grad der Ausbildung erlangt hat. Der vielver 
breiteten Ansicht entgegen, dass die Gewerbsfreiheit zwar wohlfeilere 
aber auch schlechtere Waaren erzeuge, die Gewerbtreibenden in einen 
Zustand des Elendes und des Verkommens bringe und den Fortschritt 
im Gewerbswesen hemme, zeichnen sich die franz. Indiistrieerzeugnisse 
durch die elegantesten Formen aus, die an Solidität der Arbeit denen 
anderer Länder im Ganzen keineswegs nach stehen, wofür aber auch 
Preise bezahlt werden müssen, welche keineswegs immer geringer sind 
als in dem noch mit Zunftzwang ansgestatteten Auslande, so dass der 
Gewerbsmann in Frankreich, ungeachtet der Gewerbsfreiheit, im Gan 
zen eines bessern Lohnes sich erfreut, als z. B. in Deutschland. Und 
wenn es richtig ist, dass viele der vorzüglichsten Arbeiter in Frank 
reich (Meister und Gehülfen) Deutsche sind, so spricht dieser Umstand 
gerade für die franz. Einrichtung, unter der jene geschickten Gewerbs- 
leute ihre Kunst und ihren Fleiss mit besserm Erfolge zur Geltung 
bringen können, als unter den beengenden Zunftverhältnissen ihrer 
eigenen Heimath. Die Consumenten gewinnen ohnehin allgemein bei 
der freien Concurrenz. 
Da das Prinzip der freien Bewegung in allen Zweigen des in 
dustriellen Lebens gleich consequent durchgeführt, sonach nicht, wie 
in manchen andern Ländern (England etc. ausgenommen), in der einen 
Richtung einige Freiheit nach bureaucratischem Ermessen gestattet, in 
anderer unbedingt versagt ist (wodurch ein Theil der Bevölkenmg 
diesem oder jenem Ernährungszweige in unnatürlicher Weise zugetrie 
ben wird), so sehen wir im Allgemeinen in dieser Beziehung eine 
gesunde, naturgemässe Entwicklung. Dabei tritt uns auch die sehr 
beachtenswerthe Erscheinung entgegen, dass, während man in Ländern 
mit dem Principe der Beschränkung von Ansässigmachung, Verehe 
lichung und Gewerbsbetrieb, ungemein klagt über Uebervölkerung, 
Uebersetztsein der Handwerke u. dgl., — gerade in Frankreich, bei 
völliger Unbeschränktheit, die Zunahme der Bevölkerung geringer 
war, als in irgend einem andern grösseren Staate. (Von 1821 — 51 
betrug die Bevölkerungszunahme im Durehschnitte jährlich : 
in Frankreich 0,582 Proz. in Oesterreich etwa 0,8 Proz. 
- England 1,(Î4G - - Russland - 0,0 - 
- Preussen 1,503 
Dies würde Verdoppelung der Volkszahl erwarten lassen : für Eng 
land (ohne Irland) in 60% Jahren, Preussen in 66%, Frankreich 
I7IV5. Boden rechnet für Preussen Verdoppelung in 62, Grossbri-
        <pb n="73" />
        FRANKREICH — Sociale, Gewerbe- und Handelsverbältmese. 
57 
tanien [mit Irland] in 90, Russland in 102, Oesterreich in II6V4, 
Frankreich in 250% Jahren. Indessen sind solche Vorausberechnungen 
vollständig unhaltbar, weil die Verhältnisse sich nicht gleich bleiben.) 
Die unbedingte Theilbarkeit des Grundeigenthums hat 
keineswegs zu einer Verschlimmerung der Agriculturverhältnisse, son 
dern zu deren Verbesserung mächtig beigetragen. Seit ihrem Bestehen 
hat sich der Feldbau entschieden gehoben; und gerade diejenigen 
Departemente, in denen die Gütertheilbarkeit am meisten durchgeführt 
ist, sind die bestangebauten im ganzen Lande. (Man vergleiche die 
agricole Production in den viel parcellirten Seine-, Rhein- und Nord- 
departementen, mit der in den wenig getheilten Gegenden im Westen 
und Süden!) 
Die Gesammtresultate würden übrigens ungleich grösser sein, 
wenn nicht manche andere Verhältnisse hemmend einwirkten. Obwohl 
nämlich das Princip freier Bewegung in derartigen Dingen feststeht, 
wurden doch wieder Modificationen und Beschränkungen im Einzelnen 
eingeführt. So ist der Betrieb der Buchdruckerei und des Buchhan 
dels aus ifolitischen, jener der Apotheken aus sanitätspolizeilichen Rück 
sichten nicht freigegeben. Ebenso findet sich die Gütertheilbarkeit wenig 
stens in Einzelnfällen durch die (von Napoleon I. wieder eingeführten) Ma 
jorate beschränkt, hie und da aber überdies noch durch das Herkom 
men (z. B. in manchen Gegenden des Westens und Südens, die sich 
aber auch gerade durch geringe Production unvortheilhaft auszeichnen). 
Es gibt überdies Beschränkungen aus fiscalischen Gründen; so ist 
namentlich der Tabaksbau nicht jedem Landwirthe, ja er ist nicht 
einmal in jedem Departemente gestattet, damit der Ertrag des Tabak 
monopols nicht geschädigt werde. — Im krassen Contraste zu der 
Gewerbsfreiheit im Innern ist das starre Schutzzollsystem gegen Aussen 
aufrecht erhalten. Zwar hat sich die jetzige Regierung in Einzeln 
fällen von demselben entfernt, allein sie wagt es nicht, ihm prin- 
cipiell entgegen zu treten. — Der eigentliche Fluch des Landes 
ist aber das Zuviel regiertwerden, — das Beamtenunwesen, die 
Vernichtung jedes Self-Government, die maasslose Centralisation. — 
Fast alle Verhältnisse, welche weiter gehen als freie Ansässigmachung 
etc., sind unter bureaucratischer Controle gehalten. Die Gemeinde ist 
nicht eine naturgemässe Vereinigung der neben und beieinander Woh 
nenden zur Erstrebung der Allen gemeinsam dienenden Zwecke, son- 
doin die Commune ist wesentlich blos ein Staatsinstitut, vor Allem 
bestimmt zur leichtern Durchführung der von oben herab gelangenden 
Befehle. Darum entbehren auch die Gemeinden des so natürlichen 
Rechtes, ihren Ortsvorstand (Maire) selbst zu wählen: er ist kaiser- 
lieber Beamter und wird vom Kaiser, in den kleinen Orten wenigstens 
von dessen Delcgirtcm, dem Präfecten ernannt. Kein Beschluss des 
Gomeindoraths darf vollzogen worden ohne vorgängige Genehmigung 
des Kaisers oder des Präfecten ! — Es scheint ims, cs habe dio^oZ 
Wohnung des Volkes daran, dass Alles von oben herab geschehen 
könne und geschehen müsse, am meisten beigetragen, dem auf der 
nämlichen Voraussetzung berulienden Communismus in Frankreich
        <pb n="74" />
        58 FRANKREICH — Sociale, Gewerbe- und Handeleverbältnisee. 
das Feld vorzubereiten. — Wir reden hier nicht weiter von der, na 
mentlich unter der Regierung Ludwig Philipps vielfach sogar offen 
kundig gewordenen Corruption von Beamten (sowohl aus der Classe 
der schlecht besoldeten niedern, als auch der übermässig besoldeten 
höheren,) — die Erinnerung an die Namen Testo-Cubiores möge genügen. 
Nächst der Bureaucratie erweist sich der übermässige Einfluss 
des CI er US als ein Unheil: — dieses Clerus, der namentlich die 
Volksbildung hemmt, statt sie zu fördern. Es scheint uns beachtens- 
werth, dass in der so sehr ausführlichen neuen Statistique de la France 
keine Notizen über den Stand des Volksschulwesens gegeben sind. 
Thatsache ist es, dass noch eine ganze Menge von Gemeinden sich 
völlig ohne Schulanstalten befindet, 
Endlicli ist hier der drückenden Grösse der öffentlichen Lasten 
zu gedenken, sowohl der hohen directen Steuern, als der gehässigen, 
und zu den mannichfachsten Betrügereien führenden indirecten Auf 
lagen, Zwar ist die Summe der öffentlichen Ausgaben in Grossbrita- 
nien verhältnissmässig noch bedeutend grösser, als in Frankreich ; 
allein in Wirklichkeit gestaltet sich das Verhältniss dennoch entgegen 
gesetzt, zumal aus zwei Gründen: 1) weil in England der Geldwerth an 
sich ein geringerer ist, und 2) weil in Frankreich zu den Geldabgaben 
noch die enorme Last der Conscription kommt, in Folge welcher der 
junge Mann nicht etwa blos wider seinen Willen zum Militärdienste 
gezwungen wird, sondern überdies auch in diesem gezwungenen Dienste 
nicht einmal denjenigen Geldlohn erhält, den er sich durch freie Arbeit 
erwerben würde. Während in England, bei dem Werbsysteme, der 
Lohn des Soldaten naturgemäss durch freie Uebereinkunft beider Theile 
sich bestimmt (der Staat muss so und so viel bezahlen, sonst lässt sich 
die gewünschte Mannschaftszahl nicht anwerben), setzt in Frankreich 
(und allerdings gerade so in den meisten andern Ländern des Con 
tinents) der Staat einseitig einen Sold fest, der für jeden einzelnen 
Mann alljährlich mindestens um 200 Fr. geringer ist, als der freie 
Verdienst desselben sein würde. (Siehe Willi. Schulz-Bodmers 
„Militärpolitik“. Der verstorbene franz. Abgeordnete Desjobert be 
rechnete den Verlust jedes Soldaten in dieser Beziehung, während der 
7jährigen Dienstzeit, sogar auf 2000 Frkn.) 
Taglohn. Der 'l'aglohn dürfte in Frankreich durchschnittlich zu 
1 Ya Fr. anzunehmen sein. Für männliche Landarbeiter berechnete 
de Gerando denselben im Jahre 1839 auf 70 Cent, bis 1 Fr. 70 Cent,, 
für Frauen auf 30—GO, für Kinder von 11—15 Jahren auf 20 Cent. 
— In Folge der seitdem ansehnlich gestiegenen Lcbensmittelpreise und 
der Vermehrung der Auflagen sind die Beträge im Ganzen nicht un 
bedeutend gestiegen. 
Der Lohn der Arbeiter (Ouvriers) zu Paris schwankt zwischen 
75 Cent, und 20 Franken. Die Mehrzahl erhält zwischen 3Va und 
5 Ir. (Siehe den Bericht Horace Say’s auf dem statist. Congresse zu 
Brüssel, Sept. 1853, — Comte rendu des travaux du Conr/res général 
de Statistique, p. 79.)
        <pb n="75" />
        FRANKREICH — Handelsübersicht. 
59 
Beschäftigung der Einwohner (Auftiaiimo von 1851). 
Landleute ........... 
I Kleine - ....... 
Freie Künste etc. (Professions libérales, worunter auch Aerzte, 
Advokaten etc.) ......... 
Dienstboten .......... 
Frauen und Kinder, die von ihren Männern oder Verwandten unter 
halten wurden, und verschiedene Beschäftigungen (Beamte etc.) 
Total 35783,170 
Handelstibersieht. Zur nähern Erläuterung nachstehender Ueber- 
sichten haben wir vorgängig folgendes zu bemerken : Die Berechnung 
des Werthes der in den Handel kommenden Waaren geschieht nach 
einem schon im Jahre 1827 aufgestellten amtlichen Tarife (der „offi 
cielle Werth“). Seit 1827 haben sich indess die wirklichen Preise 
beinahe sämmtlicli verändert (meist erhöht) und so entsteht eine zweite 
Berechnungsweise (der „wirkliche Werth“). 
Der Handel wird getheilt in den „allgemeinen“ und den „Special 
handel“. Der erste begreift Alles, auch die blosse Durchfuhr, in sich; 
der letzte hingegen blos diejenigen Gegenstände, welche in Frankreich 
selbst zum Verbrauche kommen oder als franz. Producto verarbeitet, 
ausgeführt werden. Natürlich hat der letzte die grösste Wichtigkeit. 
Nachstehend eine Uebersicht des allgemeinen Handels Frankreichs 
mit seinen Colonien und dem Auslande während der letzten 15 Jahre, 
von denen Abschlüsse vorliegen, nach den „officiellen Werthen“ in 
Millionen Franken berechnet : 
14’318,476 
1’331,260 
4713,026 
2’267,690 
906,666 
12’245,782 
1. Periode. 
2. Periode. 
Jahr Einfuhr Ausfuhr Total Jahr Einfuhr Ausfuhr Total 
1840 : 1052 1011 2063 1845 : 1240 1187 2427 
1841; 1121 1066 2187 1846 
1842: 1142 940 2082 1847 
1843: 1187 992 2179 1848 
1844: 1193 1147 2340 1849 
1257 1180 2437 
1343 1271 2614 
862 1153 2015 
1142 1423 2565 
3. Periode. 
Jahr Einfuhr Ausfuhr Total 
1850: 1174 1531 2705 
1851: 1158 1629 2787 
1852 : 1438 1682 3120 
1853: 1632 1861 3493 
1854; 1709 1788 3497 
Total 5695 5156 10851 5844 6214 12058 7111 8481 15602 
Die Zunahme in der zweiten Periode gegen die erste beträgt 
11 Vo) i*i der dritten gegen die erste 44, gegen die zweite 29 o/q. 
In die zweite Periode fiel übrigens nicht blos die Februarrevolution von 
1848, sondern auch die, dieser vorangegangene industrielle Crise. — 
Die Zunahme im Kriegsjahre 1854 beruht wesentlich auf einer Täu 
schung. Die Summe würde bedeutend herabgegangen sein, wenn nicht 
der Krieg so ausserordentlich viele Bedürfnisse erzeugt hätte. Der 
„wirkliche Werth“ betrug übrigens 1854: 3758 Mill. Frkn. (statt des 
„officicllen Werthes“ von 3497 Mill.) Im Jahr 1854 war der 
officielle Werth wirkliche Werth 
Einfuhr zur See . . 1041 Mill. 
zu Lande . . 668 
Ausfuhr zur See . . 1421 
zu Lande . . 366 
Der Seeverkehr ward nicht zur Hälfte durch franz. Schiffe ver 
mittelt; Ein- und Ausfuhr zur See zusammen genommen, beförderten 
1110 Mill. 
706 - 
1552 - 
400
        <pb n="76" />
        60 
FRANKREICH — HandelsverhältniBse. 
die französischen Schiffe nur 41 Proz., die fremden Fahrzeuge 59 % 
(im Vorjahre 1853 kamen auf die iranz. Marine doch noch 44 Proz., 
und der Seeverkehr war etwas stärker als 1854). 
Im Jahre 1853, dem letzten Friedensjahre, kamen auf den 
„Specialhandel“ (nach dem wirklichen Worthe) 2788 Mill. Fr., näm 
lich 1196 Mill. Ein- und 1542 Mill. Ausfuhr. Am ansehnlichsten 
war der Verkehr mit folgenden Ländern ; 
Länder Einfuhr aus Ausfuhr nach 
England . . 106 Mill. 426 Mill, 
Verein. Staaten 1,30 - 275 - 
Belgien . . 160 - 141 - 
Sardinien . . 106 - 74 - 
Zollverein . . 70 - 49 - 
Länder Einfuhr aus Ausfuhr nach 
Spanien . . 42 Mill. 66 Mill. 
Schweiz . . 43 - 58 - 
Russland . . 67 - 16 - 
Türkei ... 58 - 21 - 
Brasilien . . 16 - 34 - 
Der Verkehr mit Russland, an sich schon gering, würde noch 
unbedeutender gewesen sein ohne die ansehnliche Getreideeinfuhr aus 
diesem Lande in I olge des Misswachses in Frankreich. 
Im Jahre 1854, in welchem natürlich aller directe Handel mit 
Russland aufhörte, dagegen der nach der Türkei gesteigert ward, um 
fasste der fepecialhandel mit folgenden 10 Ländern 75 Proc. des Ge- 
sammtspecialverkehrs ; (8 Proc. kamen auf die auswärtigen Besitzungen, 
und hievon die Hälfte auf Algerien) in Millionen Franken : 
Länder 
England . 
Vereinigte Staaten 
Belgien . 
Sardinien 
Spanien . 
Zollverein 
Schweiz . 
Türkei 
Englisch Ostindien 
Brasilien . 
Offlcleller Werth 
Einfuhr Ausfuhr 
133 279 
193 182 
133 124 
104 52 
51 68 
57 48 
35 51 
41 26 
53 5 
15 32 
Wirklicher Werth 
Einfuhr Ausfuhr 
149 356 
166 217 
168 143 
103 62 
65 61 
76 54 
40 58 
47 28 
48 6 
18 31 
Das Gewicht der Waaren im allgemeinen Handel betrug 1854 : 
13’721,981 metr. (also Doppel-) Cntr. — Der Transit betrug 732,525 
metr. Cntr. oder, nach dem wirklichen Werthe, 377 Mill. Fr., wovon 
fast 179 Mill. Fr. allein auf die Schweiz kommen. 
Bei der Thinfulir waren die wichtigsten Artikel (nach den wirk 
lichen Werthen berechnet): Getreide für 171 Milk, Seide, 133, Baum 
wolle 110, Steinkohlen 66, Zucker (aus den Colonien) 59, Wolle 49, 
rohe Häute 40, Vieh 39, Kupfer 30, Kaffee 29, Reis 26 Mill. 
Bei der Ausfuhr: Seidengewebe für 311 Mill., Wein 191, Wol 
lengewebe 133, Kunstsschreinerarbeiten, Spielzeuge 72, Baumwollen 
gewebe 59, verarbeitete Häute 53, Metallarbeiten 52, Branntweine 
48, Kleidungsgegenstände 34, Papier und Papeterien 30, gegerbte 
Häute und Maroquin 27, Töpferwaaren, Porcellan, Gläser 20. 
Line neuere amtliche Berechnung des äussern Verkehrs ergibt : 
Einfuhr Ausfuhr Einfuhr Ausfuhr 
1851: 1954 Mill. 2028 Mill. 1854: 1709,2 Mill. 1787,9 Mill. 
1853: 1631,1 - 1861,3 - 1855: 1950,4 - 2027,8 -
        <pb n="77" />
        FRANKREICH — Handelsverhältnisse (Eisenbahnen, Telegraphen etc.) 61 
Zur Consumtion verblieben von den eingeführten Waaren- 1854 
2419, 1855: 2810 Mill. 
Eisenbdhnen. Frankreich, das in Erbauung von Eisenbahnen 
längere Zeit zurückgeblieben war, machte in neuerer Zeit grosse An 
strengungen, das Versäumte nachzuholen. 
Nach der ofiiciellen Zusammenstellung in der Statistique de la 
France waren am 1. Januar 1854 im Ganzen concedirt 88G0 Kilom. 
(fast 1200 deutsche Meilen), davon aber erst 4240 Kilom. (573 deutsche 
Mellen) im Betriebe. Indessen befanden sich doch nur noch 16 De- 
partemente ganz ohne Schienenwege, welche Departemente etwas über 
Vs des Gebietes von Frankreich, aber nur eine Bevölkerung von 
5’3 75,000 Menschen umfassten. 
Aus nichtofficiellen Notizen liefern wir zur Vergleichung folgende 
Zusammenstellung, obwohl die Ziffern einiger Berichtigung bedürfen 
mögen, wie sie auch von den officiellen Angaben etwas abweichen. 
Periode Länge der Bahnen Jahreseinnahme pr. Kilom. 
31. Dez. 1853: 4077 Kilom. 165’928,586 Fr. 41,712 Fr. 
31. Dez. 1854: 4649 - 198’042,O41 - 45,663 - 
31. Dez. 1855 : 5539 - 269’258,810 - 53,340 - 
30. März 1856 : 5609 - *) 
*) 758 deutsche Meilen. 
Tclêgrdphon. Am l. Jan. 1855 waren 9244 Kilom. hergestellt; 
Mitte 1856 sollen es gegen 11,000 Kil. (fast 1500 d. Meil.) sein. 
1854 war die Einnahme 1 Mill, (die Kosten waren 2’700,000), 1855 
Einnahme 2’600,000. Für 1856 sind die Einnahmen zu 5 Mill., die 
Kosten zu 3’260,000 veranschlagt. 
Post. Briefe 1848: 122’140,000; 1855: 233'5l 7,000. 
fflddsse, Gewicht, Münze. Das ganze Maass- und Gewichtsystem 
ist auf ein Naturraaass (Meridianmessung) begründet. Die Eintheilung 
geschieht durchaus nach dem Deciinalsysteme, und zwar so, dass bei 
der Steigerung über die Einheit griechische Benennung stattfindet 
(Deka, Hekto, Kilo), bei einem Herabgehen unter diese Einheit aber 
lateinische Bezeichnung (Deci, Centi, Milli). 
Geld. Einheit: der Franc == 100 Centimen; 51,9444 Fr. auf die Köln. 
Mark fein Silber. Darnach 1 Gulden im 24'/: ü. Fuss — 2 Fr. 12,02 Cent., 
der preuss. Thlr. ■= 3 Fr. 69,035 Cent. In Süddeutschland wird der Frank 
meist blos zu 28 Krzr. angenommen, wonach der 5 Fr.-Thlr. = 2% fl. oder 
l'/a Thlr. preuss. Der wirkliche Werth ist: 2 fl. 21 Kreuzer, (1 Frank 
õfõili Krzr.) Indessen wird in neuerer Zeit die Goldwährung die herrschende, 
wobei nach dem frühem Werthe des Goldes dasselbe im Verhältnisse von 1 zu 
15'/% (also für jetzt zu hoch) angenommen ist). — Längemnaa&amp;s : Der Meter. 
100 Meter sind = 149,94 Berliner oder 128,34 Wiener Ellen, 109,32 engl. Yards 
140,55 russ. Arschinen; oder 328,12 engl., 318,62 rhein. oder preuss., 342 63 
baier. oder 330 Schweiz, oder badische Fuss. — Die Elle = 60 Centimeter.’— 
Die franz. Quadratlieue ist 0,36 der deutschen. — Die deutsche Meile hat 
7408 Meter. — Flächenmaass : Die Are (100 Quadr-Meter) — 947,68 alte franz. 
Q.-Fuss, 7,05 rhein. Q.-Ruthen. — Die Hectare (100 Aren) = 3,91662 preuss! 
Morgen. — Körpermaaes: Der Stère oder Kubikmeter. — Flüssigheits- und 
Qetreidemaasa; Der Liter. Der Hectoliter (100 Liter) = 1,82 preuss. oder 2,22 
baier. Scheffel, 1,62 V7 lener Metzen, 22,39 engl. Quarters; — ferner : 1,45 preuss. 
oder 1,46 baier. Eimer, 66,66 badische oder Schweiz. Maass. — Gewicht: Das
        <pb n="78" />
        62 
FRANKREICH — Auswärtige Besitzungen (Algerien). 
Gramm. Das Kilogramm (1000 Grammen) = 2 deutsche Zollpfund oder 
Schweiz, oder neue preuss. oder 2,0380 alte preuss., 2,2 englische oder 2,44 
russische Pfund. 
Auswärtige BesItZriiiigeii. 
Algerien. Die bedeutendste der auswärtigen Besitzungen, etwa 
4600 deutsche Quadr.-Mellen umfassend (fast ganz ohne feste Land 
grenzen). Die Civll-Bevülkerung ward Ende Dez. 1851 so berechnet; 
Europäer 
, Franzosen 66,050 I 
; Fremde 65,233 ( 
Mauren in den Städten 
Neger 
Juden ...... 
Eingeb orne (willkürliche Schätzung) . 
Zusammen 
131,283 
81,329 
3,488 
21,048 
2'323,865 
2’561,003 
Die ganze Besitzung wird fortwährend unter dem Militärregiment 
gehalten. — Von den Europäern lebten: 
in der Provinz Algier . . 57,081 
Oran . . 46,820 
Constantino . 27,382 
Die einheimische Bevölkerung ward folgendermaassen ver 
theilt angenommen : 
Provinz “xh.”“““*“ Zusammen 
im Teil 
(fniclitb. Uaiid) 
in der Sahara 
(Wtlsto) 
Algier . . 583,472 172,795 756,267 
Oran . . 335,422 130,745 466,167 
Constantine . 924,193 177,228 1'101,121 
Zusammen 1’843,087 480,768 2’323,858 
Bestandtheile der europ. Bevölkerung (Dez. 1851) : 
Franzosen . . . 66,050 Deutsche . . . 2,854 
Spanier .... 41,750 Schweizer . . 1,645 
Italiener . . . 7,555 Andere Europäer 4,122 
Malteser . . . 7,307 
Die europäische Civilbevölkerung nahm so wenig zu, dass die 
selbe, je am 31. Dez., betrug: 1852: 132,708; 1853: 134,075, 
1854: 143,387, 1855: 155,617 (davon 86,969 Franzosen und 78,648 
Europäer aus andern Ländern). Und darunter sind die Angehörigen 
von Militärpersonen inbegriffen (1853: 12,934). — Der Besitz Alge 
riens hat Frankreich nicht nur über eine Milliarde an Geld, sondern 
auch das Leben von 100,000 Soldaten gekostet, von denen blos 3400 
durch feindliche Waffen fielen, alle andern, mindestens 97,000, aber 
an Krankheiten starben. — Was die eigentliche Colonisation betrifft, 
so hat die Regierung ungemeine Anstrengungen gemacht, um dieselbe 
zu fördern. Durch die in Aussicht gestellten Vortheile gelockt, sind 
auch seit 1830 mehr als eine Million Menschen nach Algerien ge 
zogen; allein entweder kamen sie dort um, oder sie fanden es ge- 
rathen, in ihr Vaterland zurückzukehren. Das Klima (ungemein heiss, 
oft mit furchtbarer Kälte in den Nächten wechselnd) erweist sich für 
die Mittel- und noch mehr für die Nordeuropäer als höchst mörderisch. 
So kommt nach viertelhundertjähriger Colonisation und allen Opfern 
die europäische Bevölkerung in ganz Algerien noch nicht einmal der
        <pb n="79" />
        FRANKREICH — Auswärtige Besitzungen (Algerien). ßg 
Einwohnerzahl einer unserer grösseren Städte gleich. Selbst von der 
angegebenen geringen Gesammtsumme widmeten sich (81. März 1852) 
nur 47,974 dem Ackerbaue ! — Abgesehen von der nicht emporkom 
menden europäischen, ist sogar auch die einheimisciie Bevölkerung in 
entschiedener Abnahme. Die europäische Bevölkerung umfasste Ende 
1851: 58,851 Männer, 88,047 Frauen und 89,885 Kinder. Ungeachtet 
dieser numerischen Ungleichheit der Geschlechter, ist die Zahl der 
Ehen und der Geburten verhältnissmässig weit grösser, als in Europa 
(Folge davon, dass die Eingewanderten fast sämmtlich im besten Alter 
stehen, und auch Folge des Strebens der Natur, starke Abgänge rasch 
zu ersetzen). Auf 1000 europäische Einwohner zählte man durch 
schnittlich 10,04 Ehen und 42,83 Geburten (in Frankreich nur 7,8 
Ehen und kaum 29 Geburten). Noch weit grösser ist aber die Sterb 
lichkeit. Von 1842 — 51 kamen auf 1000 Europäer jährlich im 
Durchschnitte 52,69 Sterbfälle, ungerechnet das Militär (in Frankreich 
trafen selbst im Cholerajahre 1849 nur 27,7 Sterbfälle auf 1000 Ein 
wohner, in gewöhnlichen Jahren blos 24,6). Das Missverhältniss steigt 
indess noch viel höher, als diese Ziffern zeigen, weil beinahe die ge 
summte europäische Einwohnerschaft im kräftigsten Alter steht, in 
welchem in Frankreich kaum 11 Todesfälle auf 1000 Menschen treffen. 
Von 1830 bis Ende 1851 zählte man bei der europ. Bevölkerung: 
Provinzen Geburten Sterbfälle 
Algier . . 25,411 34,979 
Oran . . 11,755 13,692 
Constantine . 7,734 12,097 
Zusammen 44,900 60,768 
Also in allen Provinzen mehr Sterbfälle als Geburten. Auch seitdem 
hat das Missverhältniss keineswegs aufgehört, und in den 3 Jahren 
1852 bis Ende 1854 kamen wieder blos 17,687 Geburten gegen 
19,004 Todesfälle vor (davon 6111 Geburten und 7025 Sterbfälle auf 
das Jahr 1854). — Am furchtbarsten leiden die schweizerischen und 
deutschen Colonisten, welche als Nordländer in dem heissen Clima am 
wenigsten die Feldarbeiten zu besorgen im Stande sind. In der viel 
empfohlenen Schweizercolonie bei Sétif starben 1854 von 528 dahin 
gebrachten Colonisten nicht weniger als 75, — demnach im Verhält 
nisse über 142 von 1000 ! Und ausserdem starben noch weiter 22 
Individuen, welche von der Setif-Colonisationsgesellschaft nach Algerien 
gebracht worden waren, und die sich an andern Punkten der Sub 
division Setif aufhielten. (Die Colonisationsgesellschaft hat es unter 
lassen, klare Angaben über die Verhältnisse im Jahr 1855 zu ver 
öffentlichen.) — Noch entschieden schrecklicher als unter den Erwach 
senen, wüthet der Tod unter den Kindern der Europäer, und die 
Colonisten haben sonach nicht einmal die Hoffnung, ihren Nach 
kommen eine glückliche Zukunft zu bereiten. — Die Maurische 
Bevölkerung in den Städten schmilzt gleichfalls zusammen. Bei diesem 
Theile der Einwohnerschaft kamen in den Jahren 1850 und 51 8567 
Geburten und 9930 Sterbfälle vor. —- Ebenso verminderten sich die 
Neger von 1849—51 um 989 Individuen, d. h. um I6V2 Broz. ! Nur
        <pb n="80" />
        61 FRANKREICH — Auswärtige Besitzungen (Eigentliche Colonien). 
die Jüdische Bevölkerung hat einen Ueberschuss der Geburten, wie 
denn auch ihre Zahl in den angegebenen zwei Jahren um 2020 Köpfe 
oder mehr als lOVg Proz. zunahm. (Aeusserst interessante Detail 
nachweisungen hat ein Freund des Verf. gegenwärtigen Buches, der 
ausgezeichnete Franz. Statistiker, Militär-Oberarzt Dr. Boudin in der 
Schrift geliefert: Histoire statistique de la Colonisation et de la Popu 
lation en Algérie. Paris 1853. Vergleiche ferner die Abhandlung des 
Verf.: „Ueber Auswanderung nach Algier, von G. F. Kolb“, itn 21. 
Theile der „Verhandlungen der Schweiz, gemeinnützigen Gesellschaft,“ 
Jahrgang 1854.) 
EigCütlichê Colonien (unter dem Marineministerium stehend). Die 
Ueberreste der einst weit ausgedehnten Colonion Frankreichs (in Ost 
indien, Canada, Louisiana, Westindion) sind heute: 
Colonien Q.-Meil. 
Martinique ) 
Guadeloupe und Zugehör J 
Guyana (Cayenne) . . 518 
Réunion .... 54 
Senegalniederlassungen . 10 
Niederlassungen in Ostindien 25 
Mayotte und Zugehör 
Saint-Pierre und Miquelon 4 
Marquesas-Tnecln . . 24 
Gesellschafts-Inseln . . 30 
Bevölkerung 
120,357 
129,050 
18,914 
103,491 
14,876 
177,915 
33,051 
2,130 
Zusammen etwa 700 600,000 
In obigen Ziffern ist jedoch nicht blos die europäische, sondern 
auch die „farbige“ Bevölkerung einbegriffen, nämlich : 
Weisse Farbige 
Martinique . . 9,490 110,867 
Guadeloupe . . 41,441 87,719 
Réunion . . . 37,290 66,201 
Obige Collectivbcnennungen umfassen : Guadeloupe: das eigent 
liche Guadeloupe mit 108,435 Menschen, Marie-Galante mit 13,763 
Saint-Martin 3773, Désirade 1765, Saintes 1314. 
Senegalniederlassungen: Saint-Louis mit 9967 Bew., Gorée 
3197, Guet-N’dar 1106, Bakel 254, Lampsar 148, liichard-Toll 118, 
Merinaghen 74, Dagana 12. 
Mayotte: Nossi-Bé 15,178 Menschen, Sainte-Marie 5799 
Mayotte 5268, Nossi-Mitsiou 2986, Nossi-Falli 1869, Nossi-Cumba 
951 Menschen. 
Indien. Pondichéry 80,886, Karikal 59,956, Chandernagor 
31,174, Yanaon 8455, Mahé 3168 Einwohner. 
Das europäische Festland 
Algerien 
Die Colonien . 
Zusammen etwa 
uesammt-uebersiclit. 
Q.-Meil. 
9,664 
4,600 
700 
15,000 
Bevölkerung. 
35’783,000 
2’323,000 
600,000 
38’700,000" 
wobei freilich nicht zu übersehen, dass die Unterwerfung von 2% Mill 
Algeriern nur eine nominelle ist.
        <pb n="81" />
        5 
RUSSLAND — Land und Leute. 
65 
Russland (Czaartluim), 
Land und Leute. 
Àllg6in6ÍIie üebersicht. Russland ist noch viel zu wenig bekannt 
als dass man dessen Gebietsumfang und Volkszahl auch nur mit einiger 
Verlassigkeit angeben könnte. Ungeachtet der Unbeschränktheit der 
tegierung, gebricht es doch selbst dieser hiezu an den nöthigen 
Mitteln. Allenthalben begegnen wir aber dem gleichen Streben, einer- 
Boits Gebiete und Völkerschaften, die in Wirklichkeit niemals unter- 
woifen waren, als Bestandtheile Russlands aufzuzählen, anderseits die 
Volksmenge des Reiches überhaupt möglichst gross erscheinen zu 
machen. ^ Zwar findet^ man die Bevölkerungszitfern (bis auf die Einer 
lerab) mit muer Bestimmtheit angegeben, welche geeignet ist, auf die 
allergrößte Genauigkmt schliessen zu lassen. Erwägt man indess, neben 
en m der Sache selbst liegenden Schwierigkeiten, die bei den Russen 
vorhandene, noch ziemlich orientalisch ins Grosse gehende Neigung 
zur Uebertreibung, und die gerade dort gegebene Möglichkeit dazu — 
80 Wird man nicht zweifeln, dass jene scheinbare Genauigkeit doch 
nur auf Täiischimg beruht, und dass das System, nach welchem einst 
lotemkin seiner Kaiserin Katharina die Illusion von Dörfern und 
Heerden in unbewohnten Steppen vorführte, eben auch bei Angaben 
über die Volksmenge noch immer zu einiger Geltung gelangen kann. 
Dieses vorausgesendet, lassen wir eine Uebersieht der Grösse und 
Volkszahl der einzelnen Gouvernements nach den officiellen Angaben 
des St. Petersburger Kalenders und von Köppens folgen. Der leic&amp;eren 
Uebßsicht wegen fügen wir den Namen der Gouvernements jene der 
denen Sk gebildet sind, obwohl die nniformirende 
officielle Classificaüon solchen Unterschied hier eben so wenig beachtet 
als es m Frankreich geschieht. Wir behalten hier die rnsl Schreib- 
weise der Namen bei, und bemerken nur noch, dass die sog. Bevöl 
kerungsaufnahme, auf welche sich die Angabe stützt, im Jahre 1851 
stattfand. 
I. Grossrussland. 
(Das Stammland des Reichs.) 
19 Gouvernements, 41,902 Q.-M. und 
20’700,497 Einw. 
Gouvernement 
1. ArchAngel’sk 
2. Jarossláw 
3. Kaluga 
4. Kostroma 
5. Kursk 
6. Moskau . 
7. Nishegorod 
8. Nówgorod 
9. Olónez 
10. Orél . . 
11. Pskow 
d. Q.-M. Bevölk. 
■ 16,378 234,064 
662 943,426 
575 941,402 
. 1,482 r020,628 
821 1’665,215 
591 1’348,041 
880 1’126,493 
. 2,220 934,633 
. 2,792 263,409 
862 1’406,571 
. 812 657,283 
Gouvernement 
12. Rjasán’ . . 
13. Ssmolénsk 
14. Tambów . 
15. Tula . . . 
16. Twer' . 
17. Wladimir 
18. Wólogda . . 
19. Worónesh 
II. Klein 
4 Gouv., 3,807 Q.- 
1. Chár’kow. 
2. Kíjew . . . 
3. Poltáwa . . 
4. Tschernígow 
d. Q.-M. Bevõlk. 
768 1’308,472 
. 1,022 1'069,650 
. 1,206 1’6G6,505 
557 1’092,473 
. 1,227 1’359,920 
865 1T68,303 
• 6,969 864,268 
• 1,213 1’629,741 
Russland. 
M. u. 6’046,467 E. 
988 1'366,188 
916 1’636,839 
899 1’668,694 
. 1,003 1,374,746
        <pb n="82" />
        66 
RUSSLAND — Land und Leute. 
III. Südrussland. 
(Meist Eroberungen von der Türkei seit dem 
18. Jahrhunderte.) 
6 Gouv., 8,265 Q.-M. u. 4’234,329 E. 
Q.-M. Bevölk. 
1. Bessarabien * . 860 874,044 
2. Chersón . . . 1,336 889,205 
3. Land d. Don’soben 
Kosaken . . 2,952 793,758 
4. Jekaterinossláw 1,210 902,369 
5. Taurien . . . 1,212 608,832 
6. Tschernomórien 695 166,121 
IV. Westrusslarul. 
(Das in den 3 Theilungen Polens erworbene 
Land, mit Ausschluss des sog. „Königreichs“ 
Polen.) 
8 Gouv., 7629 Q.-M. u. 8’021,510 E. 
1. Gródno 
2. Kówno 
3. Minsk 
4. Mohiléw 
5. Podólien 
6. Wilna 
7. Wítebsk 
8. Wolhynien 
695 
760 
1,627 
888 
776 
770 
813 
1,300 
795,604 
876,196 
935,345 
837,537 
r577,966 
787,609 
742,811 
1’469,442 
V. Ostsoeprovin/.en. 
(Von Dcutschland u. Schweden weggenommen.) 
4 Gouv., 2710 Q.-M. u. 2’21C,936 E. 
1. Estland ... 378 289,000 
2. Kurland . . . 497 539,270 
3. Livland . . . 856 821,457 
4. St. Petersburg . 979 566,409 
VI. Grossfürstenthum Finland. 
(Von Schweden 1809 abgerissen.) 
8 Gouv., 6884 Q.-M. u. 1’636,915 E. 
1. Abo-Björneborg 482 292,098 
2. Kuopio . . . 815 196,155 
3. Nyland ... 209 160,252 
4. St. Michel . . 431 148,039 
6. Tawastehus . . 359 152,526 
6. Uleaborg . . 3,040 157,010 
7. Wasa ... 776 257,824 
8. Wiborg ... 772 273,011 
Sonach : 
Europäisches Russland . 
Asiatisches 
Amerikanisches 
VII. Czarthum K a s á n. 
Gouv., 11,264 Q.-M. u. .6’990,580 E. 
1. Kasán 
2. Pönsa 
3. Perm . 
4. Ssimbirsk 
5. Wjátka . 
VIII. Czarthum 
Q.-M. 
1,131 
692 
6,091 
842 
2,608 
Bevölk. 
1'347,352 
1,058,444 
1'741,746 
1’024,286 
1’878,752 
Astraclian. 
5 Gouv., 15,637 Q.-M. u. 5’399,532 E. 
386,763 
1712,718 
1’320,108 
1744,496 
535,447 
1. Astrachan . . 2,868 
2. Orenburg . . 5,782 
3. Ssamára . . . 2,438 
4. Ssarátow . . . 2,586 
5. StáwropoF . . 1,963 
IX. Königreicli Polen. 
5 Gouv., 2331 Q.-M. u. 4’852,055 E. 
1. Awgustowo . . 342 626,594 
2. Ljublin ... 548 1’028,816_ 
3. Plozk .... 318 548,406 
4. Radom . . . 455 939,344 
5. Warschau . . 668 1708,895 
X. Transkaukasien . 
6 Gouv., 3808 O.-M. u. 2773,584 E. 
1. Derbént 
2. Eriwán 
3. Gebiet des 
4. Kutaïss 
5. Schemachá 
6. Tiflis . 
Schamchál 
453,284 
294,322 
25,785 
305,702 
603,006 
491,485 
XI. Ssibirien. 
9 Gouv., 243,929 Q.-M. u. 2’887,184 E. 
1. Irkutsk 
2. lakútsk 
3. Jenissójsk . 
4. Kamtschátka 
5. Ssemipolatínsk 
6. Kirgisengebiet 
7. Toból’sk . 
8. Tomsk 
9. Trans-BajkáFsches Gebiet 
294,514 
207,030 
251,778 
7,331 
460,000 
872,268 
476,355 
327,908 
Q.-M. 
100,429 
247,737 
27,247 
375,413 
Zusammen. 
Dazu rechnet Koppen ferner : 
Kaukasische Bergvölker innerhalb des russischen Reiches 
Total 
Bevölkerung 
00’098,821 
5’000,768 
54,000 
05’213,589 
1’600,000 
66713,589 
Nimmt man noch das Militär und die grosse und schwarze Kirgisen 
horde dazu, so erhält man eine Gesammtsurame der Bevölkerung von 
*) Hievon 1856 verloren ; 205 Q-.M. mit 180,000 Einw. (siehe S. 70).
        <pb n="83" />
        RUSSLAND — Land und Leute. 
67 
mehr als Mill (Die Arealzlflfer steigert der rusa. Geograph 
Konstantin Arsenjjew für das Kaiserthum Russland sogar auf 400 536 
wir aber, neben der Ungenauigkeit einer derartigen 
.c atzung (denn mehr als Schätzung war die angebliche „Bevöl- 
kmmng^^ifnahmo« m vmhm Thmhm d^ RemWis g^^^snmhU und 
neben der Aufzählung nicht unterworfener Völker, noch weiter die 
enormen Monschenverluste, welche der letzte Krieg veranlasste, — so 
Wird es gerechtfertigt sein, wenn wir, bei der Annahme eines Gebiets- 
umtanges des russischen Reiches von nicht mehr als 350,000 0-M 
;####### 
hegt eine neuere Angabe vom Jahre 1852 mit der ZiEer von 4'812 577 
vor, was — schon vor dem Kriege — innerhalb Jahresfrist eine Ver- 
gegriffen, was das eigentliche Militär betrifft, dagegen würde sie 
sicherlich noch als zu gering erscheinen, wenn man die Zahl Der 
jenigen ermitteln könnte, welche mittelbar durch die Noth und die 
Störungen des Krieges dem Lande entrissen wurden. (Es muss wieder 
holt daran erinnert werden, wie Störungen im Nahrungsstande auf 
Verminderung der Geburten und Vermehrung der Sterbfälle wirken) 
Auch Gebiet^erlust und eine nicht ganz unbedeutende Anzahl Auswande- 
rungen (von f artaren aus der Krim etc.) schlossen sich an diesen Krieg an. 
Gebietsausdehnung. Russlands grösste Ausdehnung von Ost 
nach West beträgt 2072, von Nord nach Süd 700 deutsche Meilen — 
Die Lange der wichtigsten Grenzen ist: gegen Schweden und Nor- 
f hnischen Meerbusen 126, den bottnischen 
20, die übrige Ostsee 90 Meil.; gegen Preussen 176, Oesterreich 
149, die curop. iürkei (Donaufürstenthümer) 68, das schwarze Meer 
170, das azow sehe 175, das kaspische 106, Kaukasien 128 etc.— 
Ü6 Meil. entfernt, von der 
osten. l.)0, der türkischen 175 und von der franz. 255 Meil • so 
dann vom entlegensten Punkte des europ. Russlands 288 des asiati" 
sehen 2400 und des amerikanischen 2950 Meil. (Redens Berechuungi 
— Russland ist den westeuropäischen Hauptstädten derart näher 
nach 
Stockliolm 
Königsberg 
Berlin 
1772 jetzt 
32 Meil. 18 Meil. 
60 - 20 - 
202 - 43 . 
nach 1772 Jetzt 
Breslau 174 Meü. 11 Meil. 
Dresden 207 . 44 . 
Prag 208 - 45 -
        <pb n="84" />
        68 
RUSSLAND — Land und Leute. 
nach 1772 Jetzt nach 1772 jetzt 
Wien 228 Mell. 64 Mell. Paris 337 Meil. 174 Meil. 
München 252 - 89 - London 330 - 171 
Frankfurt 268 - 105 
Geschlechtsunterschied der Bewohner. Das weibliche Geschlecht 
ist bedeutend zahlreicher als das männliche. Die „Revision“ von 
1851 ergab, der Petersburger Zeitung zufolge, bei einer Gesammt- 
bevölkerung von 65*170,598 Köpfen (ohne die Bergvölker und ohne 
das Militär !) : 
Weiblich 32’948,037. Davon in Polen 2’467,C25 
Männlich _32’222,561 2’343,110 
Unterschied 725,476 24,515 
Diese enorme Differenz (fast von l^/g Millionen, wenn man das 
Militär dazu rechnet), erklärt sich aus den fortwährenden Männerver 
lusten in Folge des Kaukasuskrieges. Der Unterschied muss nach dem 
letzten Kriege mit den Westmächten noch viel furchtbarer geworden sein. 
Wechsel im Bevölkerungsstande. Nach den amtlichen Listen wäre 
der Jahresdurchschnitt : 
der Geborenen . , 
- Gestorbenen . 
Ueberschuss 
Zahl der Ileirathen 
1846-50 
2735,163 
2799,337 
1848-50 
2783,918 
2’434,852 
359,066 
651,793 
1848 speciell. 
2’839,503 
3736,446 
(—295,943 weniger.) 
435,836 
617,571 
Der Gesammtüberschuss in den 5 .Jahren 1846 — 50 wird zu 
2*179,128 berechnet. Allein die Armee und Flotte sind hiebei ganz 
ausser Ansatz gelassen, und da herrscht die furchtbarste Sterblichkeit. 
— Im europäischen Russland nimmt man an: 1 Geburt auf 23, 
1 Sterbfall auf 33, und 1 Heirath auf 100 Einwohner (Erman, Archiv 
für die Kunde von Russland). — Die Sterblichkeit ist aber wirklich 
weit grösser, und selbst nach den obigen ofriciellen Ziffern ergibt sich 
1 auf 27 Einw. ! Dabei ist, wie gesagt, noch das Militär, mit seinen 
Ungeheuern Menschenverlusten, ganz ausser Rechnung. — Die Bevöl 
kerungszunahme ist jedenfalls weit geringer, als man meist annahm. 
Nationalitäten. Eine, 
gibt folgende Ziffern : 
Gross-Russen .... 33700,000 
Klein-Russen (Ruthenen) . 11700,000 
Weiss-Russen .... 3700,000 
Litthauer und Polen . . 7700,000 
Finnen und Letten . . 3700,000 
Tartaren 2700,000 
Arsenjjew nimmt, freilich 
gende 10 Hauptstämme an : 
sehr wenig verlässige, Schätzung 
Deutsche 600,000 
Grusen und Armenier . . 2700,000 
Juden 1700,000 
Uralische Stämme . . . 600,000 
Zusammen 65700,000 
Schätzung der Menschenzalil, fol- 
1) Slavischer Stamm: a. Russen, b. Kosaken (Donische, Tschernomorischo 
[vom schwarzen Meere], Uralische und Ssibirische), c. Polen. — 2) Deutscher 
St.: a. Deutsche, b. Schweden, c. Dänen. — 3) Lettischer: a. Letten, in Kur- 
und Livland, b. Ssamogitier im Gouv. Wiljna. — 4) Finnischer : a. Finnen, 
b. Lappen, c. Esthen, d. Liven, e. Fermier, f. Syrjanen (Gouv. Wologda), 
g. Wogulen (in Perm und Tobolsk), h. Wotjaken (Wjatka, Ssimbirsk, Orenburg), 
i. Tsoheremisen (daselbst und in Kasan und Perm), k. Tschuwaschen (daselbst).
        <pb n="85" />
        RUSSLAND —■ Land und Leute. 
69 
1. Mordwinen (daselbst etc.), m. Ostjaken (am Ob), n. Tepteren (Orenburg) — 6) 
Tartarischer a. eigentliche (Astrachan’sche, Krim’sche und Orenburg’sdi’e) b. 
Ssibiris^e (in 9 Stämmen), c. Nogajer (an der Wolga etc.), d) Meschtschen- 
jaken (Orenburg), e. Kumyken (Kaukasus), f. Truchmenen (am kasp. Meerei 
g. Baschkiren (Orenburg, Perm, Wjatka), h. Kirgiskaisaken (jenseits des Ural 
flusses). &amp;) Kaukasischer (am Kaukasus); a. Kabardinzen, b. Abchasen, c. 
Oseten, d. Kistenzen (in 3 Stämmen), e. Lesghier, f. Grusier. — 7) Mongoli 
scher ; a. eigentliche Mongolen, b. Burjaten (an der Sselenga), c. Kalmyken 
(Astrachan, Ssaratow etc.). — 8) Mandschurischer ; a. Tungusen, b. Lamuten. 
9) Ssamojedischer (in 12 Stämmen). — 10) Ost-Ssibirischer (in 6 Stämmen). 
Ausser diesen Hauptstämmen noch Westeuropäer, Griechen, Juden, Armenier 
Bulgaren, Perser, Indier, Chiwacr, Turkistanen, Zigeuner etc. 
Im Granzen rechnet man im russischen Reiche über 100 verschie 
dene Völkerschaften, welche mindestens 40 verschiedene Sprachen oder 
Mundarten reden. Dass ein solches Völkergemeng einem Staate keine 
Stärke gewährt, ist unverkennbar. Allein Russland hat hierin, z. B. 
vor Oesterreich, das voraus, dass der Hauptstamm ein überwiegend 
zahlreicher ist. 
Confessionen. Etwa 50 Mill. Griechen, 6Va Mill. Katholiken, 
über 2 Mill. Protestanten, 1 Vg Mill. Juden, 1 Mill. (?) Armenier, 
Vg Mill. Mohammedaner, fast eben so viel Heiden. — Man nimmt 
an, dass im letzten Jahrzehnt gegen 2 Mill, unirt gewesene Griechen 
von der katholischen, und etwa 60,000 Evangelische von der protestanti 
schen Kirche losgerissen und durch die bekannten , mitunter äusserst 
gewaltsamen Mittel, zum Uebertritte in die griechische Kirche gebracht 
worden seien. — Die Zahl der Katholiken im eigentlichen Russland 
(ohne Polen) ward 1856 von deren geistlichen Behörden zu 2752,787, 
jene der Lutheraner (ohne die Reformirten) 1854 von ihren Geistlichen 
zu 1’832,224 angegeben. Die mohammedanische Einwohnerschaft wird 
mitunter bis zu 2Vg Mill, geschätzt; Andere nehmen nur 570,000 an. — 
In der griechischen Kirche selbst bestehen viele Parteiungen und Beeten. 
Zahlreich und energisch genug, um geachtet und selbst gefürchtet zu 
werden, sind die Altgläubigen (Starowerzen, gewöhnlich Roskolniken 
oder Ungläubige genannt). — Im Königreiche Polen zählte man 1850: 
Christen 4 255,241, Juden 554,984, Mohammedaner 274, Zigeuner 236. 
Städte. Im ganzen Reiche zählt man nur 34 Städte von mehr 
als 20,000 Einwohner, darunter nur 6 von mehr als 50,000 (in Gross- 
britanien 27, siehe S. 5). Petersburg hatte 1850: 532,241 Einw. 
(1706 gegründet; 1770: 170,000, 1814: 335,713, 1840: 470,202). 
— Moskau 1850: 373,800 (1812; 252,609, 1816: 166,515). — 
Warschau 1852: 157,871 Odessa 1850: 71,392 (1803 erst 8000). 
— Riga 1849: 57,906. Tula 1850: 54,626. Wilna 1849: 52,286. 
Kijew 1840: 47,424. Astrachan 1849: 44,798. — Von kleineren 
Städten nennen wir (ohne Rücksicht auf andere mit gleicher Volkszahl), 
sämmtlich nach Angaben aus dem Jahre 1840: Saratow 42,237, Kasan 
41,304, Sebastopol 41,155 (jetzt zerstört), Kronstadt 25,000, Abo 
13,050, Helsingfors 12,725, Kalisch 12,043. 
Russlands Yergrösserung. Die colossale Gebietsausdehnung datirt 
besonders vom Jahre 1581, in welchem der Kosakenhetman Jermak 
Timogéfew das von ihm eroberte Sibirien der Herrschaft des Czars
        <pb n="86" />
        70 
RUSSLAND — Land und Leute. 
Iwan II. unterwarf. Da es aber nicht der Umfang eines beinahe gar 
nicht angebauten Landes ist, wodurch die Bedeutung eines Staates 
bestimmt wird, so blieb Russland bis zur Zeit Peter des I. bei den 
Culturvölkern fast ganz unbeachtet. Peter erwarb 1707 das neuent 
deckte Kamtschatka; ferner durch den Nystädter Frieden, 1721, von 
Schweden: Ingermanland, Karelen, Theilc von Fin-, dann Esth- und 
Livland; das 1699 von den Türken eroberte Azow ging 1711 wieder 
verloren; dagegen entriss der Czar 1723 den Persern: Daghestan, 
Schirwan, Chilan und Derbent, wovon indess 1732 und 36 bedeutende 
Theile wieder eingebüsst wurden. — 1731 unterwarfen sich die Kir- 
giskaisaken dem Schutze Russlands; ähnlich 1742 die Osseten; auch 
wurden die Ostspitze Sibiriens, die Aleuten und Beringsinseln entdeckt 
und dem Reiche ein verleibt. — Die finländische I’rovinz Kymenegard 
wurde durch den Frieden von Abo, 12. August 1743, gewonnen. — 
Unter Katharina der II. erfolgten die 3 Theilungen Polens, 1772, 
93 und 95. Russland erlangte fast % dieses einst mächtigen Reiches. 
Der Friede von Kutschuk-Kainardschi, 22. Juli 1774, entriss den 
Türken Azow, einen Th eil der Krim (der andere Theil ward 1783 in 
Besitz genommen) und die Kabardei; der Friede von Jassy sodann, 
9. Jan. 1792, auch Oczakow sammt Gebiet. Grusien kam 1783 unter 
russischen „Schutz,“ Curland und Scmgallen huldigten 1793. — 1797 
Eroberung des persischen Gebiets bis an den Kur. 1801 förmliche 
Unterwerfung Grusiens. Obwohl in dem Kriege von 1807 durch 
Napoleon geschlagen, erlangte Jtussland dennoch im Tilsiter Frieden, 
7. Juli, die seinem Verbündeten, Preussen, durch die Franzosen ab 
genommene Provinz Bjalystok. Der Friede von Wien, 14. Oct. 1809, 
verschaffte Russland den Tarnopoler Kreis und einen Theil Ostgaliziens, 
mit 400,000 Menschen, von Oesterreich; der Friede von Friedrichs- 
ham, 17. Nov. 1809, entriss den Schweden ganz Finland; jener von 
Bucharest, 28. Mai 1812, nahm ebenso den Türken Bessarabien ; jener 
von Tiflis, 1813, den Persern bedeutende Besitzungen im Kaukasus. 
Endlich gab der Wiener Congress, 1815, das jetzige Polen an Russ 
land. Nach neuen Kriegen verloren die Perser, zufolge des Friedens 
von Turkmanschai, 22. Febr. 1828, die Provinzen Eriwan und Nachit- 
schewan (nun Neu-Armenien, 500 Q.-Meil), und die Türken durch 
den Frieden von Adrianopel, 2. Sept. 1829, Anapa, Poti, Achalzik 
und Achalkalaka (über 100 Q.-M.). — Das Gelüste, sich weiterer 
Theile des Besitzthums des Sultans („des kranken Mannes“) zu be 
mächtigen, veranlasste 1853 den neuen Krieg, an dem sich 1854 
Frankreich und England, später auch Sardinien, betheiligten, und der 
mit dem Pariser Frieden vom 31. März 1856 endigte, welcher Friedens 
vertrag seit länger als einem Jahrhunderte zum ertsenmalo die Russen 
wieder zu einer Gebietsabtretung ohne Entschädigung nöthigte, indem 
sie das linke Ufer der Donau in Bessarabien, etwa 205 Q.-M. mit 
ungefähr 180,000 Einw. (wobei die Festungen Ismail und Kiala) an 
die unter türkischer Oberlehnsherrschaft stehende Moldau zurückgeben 
mussten. — Zu ähnlichen Rückgaben sah sich, wie oben erwähnt, Russ 
land in früherer Zeit mehrmals genöthigt, allein immer betrachtete es
        <pb n="87" />
        RUSSLAND — Land und Leute. 
71 
dies nur als ein Provisorium, und wusste zur geeigneten Zeit auf die 
Sache zurückzukommen (Beweise : Azow, Derbent etc.) 
Der Grebietsumfang Russlands betrug: 
unter Iwan Wasiljewitscli I., 1462, ungefähr 
Wasilei Iwanowitsch 1505, 
- Iwan Wasiljewitsch IL, 1584, 
Alexai Miohaclowitsch, 1650, 
- Peter L, 1689, 
- Anna, 1730, 
Katharina IL, 1775, 
- Alexander IL, 1856, 
Die Bevölkerung schätzte man so: 
18,000 Q.-Meil. 
24,000 
72,000 
237,000 
280,000 
324,000 
335,000 
350,000 
1722 
1742 
1762 
1782 
1793 
14 Mill. 
16 - 
19 - 
27'/:- 
34 - 
1803 
1806 
1811 
1815; 
1822 
36 Mill. 
41 
42 
45 
49 
1829 : 
1832 : 
1838: 
1851 : 
60% Mill. 
58 
59 
65 
Zu bemerken ist, dass die wählend der letzten zwei Jahrhunderte 
erlangten Erwerbungen zwar ein Ländergebiet in sieh begreifen, das 
zelurmal so gross ist als Deutschland; dass aber der Hauptwerth dieser 
roberungen weit weniger im Umfange, als in der günstigen Lage 
dieser Landschaften besteht. ° ° 
Polen. Es ist hier der Ort, eine kurze Notiz Über Polen ein 
zuschalten. Diese Republik umfasste 1773: 13,500 Q.-M. und 16 Mill 
Menschen (Andere rechnen sogar 20 Milk). Es hatte 8'166,000 sächs. 
Ihaler Einkünfte. — Das von Napoleon I. hergestellte Herzogthum 
Warschau umfasste 1812: 2800 Q.-M. und gegen 4 Milk Men 
schen. Die jetzige Bevölkerung im Gebiete des alten Polen ist so vertheilt: 
in den russischen Besitzungen 15767,000 
- - Österreich. - 4’913,000 
- - preussischen - 2’598,000 
Zusammen 23’278,000 
F i II a 11 z e 11 • 
Dei natürliche Reichthum ist fast nirgends erschlossen, und nur in 
Folge mangelnder Culturcntwicklung ergeben sich mehrfach geringere 
Staatsbedürfnisse. 
Einnahmen. Die gewöhnlichen Einkünfte werden von Reden 
(„Russlands Kraftelemente“) in Silber-Rubeln brutto so berechnet: 
1) 
1 
A. Aus Domänen und Staatsanstalten 
Kroneigenthum (wovon 3’645,000 S.-R. vom Apanage- 
Eigenthum) 
Bergwerke ......... 
Naturalleistungen (geschätzt zu) 
Geldleistungen für Verwaltung 
Regale und Monopole, wovon: Getränkeregal allein mit 
78,800,000*) 
Zusammen 
37’550,000 S.-R. 
30’500’000 - 
20736,000 - 
ir086,000 - 
102710,000 - 
205,927,000 S.-R. 
) Pie Nummern 4 und 5, zumal die Monopole, classificirt Reden hier wie 
anderwärts irrthümlich, indem er sie bei den Domänen aufzählt- sie sind in 
directe Auflagen. ’
        <pb n="88" />
        72 
RUSSLAND — Finanzen (Einnahmen und Ausgaben). 
B. Direkte Steuern (wovon Kopfsteuer oder „Seelengeld“ 
19’829,000, Wegbauabgabe 2’066,000, Gildesteuer und 
Rekrutengelder der Kaufleute, dann Reisepässe etc. 
7*^ Mill.) 
Indirecte Abgaben (wovon Zölle 31 Mill., Rüben 
zuckersteuer 450,000 etc.) 
Total 
So nimmt Reden die Roheinnahme an. 
C. 
29’395,000 - 
33’650,000 - 
275’472,000 S.-R. 
. , . . Wirklichkeit ergeben 
indees seine eigenen ZiFern mir 265'327,000 SR., und selbst diese 
Annahme ist noch entschieden zu hoch. Sieht man ab von den Na 
turalleistungen, welche hier in Geld geschätzt sind, so dürfte sich die 
wirkliche Staatseinnahme höchstens auf 200 Mill, belaufen. Selbst 
lengoborflki, (der eigens die Aufgabe hatte, die russischen Finanz 
verhältnisse im günstigsten Lichte darzustellen) berechnete die Staats 
einkünfte für das (jedenfalls die höchsten Ziffern liefernde letzte 
Friedens-) Jahr 1853 nur auf 224’308,000 S.-R. 
ordentlichen Betrag berechnet Reden auf 
2/ö 830,000 S.-R., was (nach der von uns gegebenen Berichtigung 
seiner eigenen Ziffern), schon im gewöhnlichen Büdget einen jährlichen 
Ausfall von 10Yg Mill. Rub. (fast 20 Mill. Gulden oder 42 Mill. Frkn.) 
ergibt, ganz unberücksichtigt die ausserordentlichen Ausgaben, wozu 
neben den Eisenbahnbauten, vor Allem die Kosten des seit Jahrzehnten 
dauernden Krieges im Kaukasus gehören. Der grosse Krieg mit den 
Westmächten erheischte ohnehin die ungewöhnlichsten Anstrengungen. 
Folgendes sind die wichtigsten Positionen im ordentlichen Staats- 
bedarfe: 
Kaiserliche Familie 
Landheer . . . 
Flotte . . . . 
Staatsschuld . . 
10750,000 
70’895,000 
26’500,000 
33’500,000 
Erhebungskosten der Einkünfte 35’390,000 
Auswärtige Angelegenheiten . 8’500,000 
Volksaufklärung 7’500,000 
. I’^‘l®ssen kostete das Landheer schon vor dem grossen Kriege 
seit Jahrzehnten durchschnittlich gegen 100 Mill. Bringen wir diese 
Erhöhung mit in Anschlag, und reduciren wir die Brutto-Einnahmen 
auf das Netto, so ergeben sich (unter fortwährendem Zugrundelegen 
der Reden sehen Angaben) folgende Verhältnisse : 
Wirklicher Bedarf, netto 269 Mill. 
Wirkliche Einnahmen - 229 - 
Defizit gegen 40 Mill. 
Erläutcrnng einzelner Positionen, i) Domänen. Der Ertrag 
derselben war 1860 auf 40730,000 S.-K. berechnet (worunter aber 
auch der Preis von Veräusserungen und 4’707,000 S.-R. Gemeinde 
abgaben). Als Durchschnitt kann der persönliche Obrok von jeder 
„Kevisionsseele“ der Krongüter zu 2,60, von jeder „Revisionsseele“ 
er Apanagegüter zu 2,86 S.-R. angenommen werden. Der Obrok ist 
meistems in Bodenrente verwandelt, gewöhnlich nicht geringer als 2,80 
bis 3,35 S.-R. Aehnlich bei den Frohnden. — Bekannt ist, dass von 
einer Revision bis zur folgenden für die „todten Seelen“ mit bezahlt 
werden muss. 2) Bergwerke. Die Goldausbeute wird meistens 
überschätzt. 1851 ertrugen die Kronbergwerke 2’938,000, dann die
        <pb n="89" />
        RUSSLAND — Finanzen (Kriegsanfwand, Einkünfte früherer Zeit). 73 
Ab^be von den Privatbergwerken (10 Proz.) 1'687,000 S.-R — 
Är s, ï Ci.“ sei. Ä-sif 'z 
■ 
is" iii’- 
Der Gesammtausfall in den Staatseinkünften, den der Krieg ver- 
dm: Armee von 1'250,0(K) AL ivürden die 
Mill FrkT betragen, zusammen also nicht ganz 600 
Der jüngste Kriegsaufwand. Für die 18 Monate von 1853 bis 
Mitte 1854 nahm Faucher als ausserordentliche Ausgabe 175 Mill. 
b.-R. (700 Mill. Frkn.) an, ungerechnet die von TJbicini auf 12V2 
Mill. S.-R. veranschlagten Erpressungen in den Donaufürstenthümern. 
Reden schätzte die Kriegskosten bis Ende 1854 auf 111 Mill, pr! 
Thlr. Ungerechnet die zahllosen Verluste der Einzelnen, wird man 
bis zuna vnrklichen Friedmi (Ende ^^pril 1856) avohl rnindestens 30() 
Mill. S.-R. — 1200 Mill. Frkn. anzunehmen haben (vergl. unten 
«Schulden,“ resp. deren Vermehrung, Seite 74—76.) ' ' 
Einkünfte in ft'ühern Zeiten. Vor Peter I. waren dieselben 
sehr gering. Er steigerte sie durch Verpachtung, Erhöhung und Eia-
        <pb n="90" />
        74 
KUSSLAND — Finanzen (Schulden). 
führung neuer Auflagen auf das Fünffache. Sic betrugen 1725 
10’186,000 (d. h. nach der jetzigen Ausprägung etwa 60 Mill.) Ruh. ^ 
Hauptquellen: Kopfsteuer gegen 4’290,000, Zölle 1’200,000, Brannt 
weinsteuer 980,000, Salzsteuer 662,000 R. 
1770 schätzte man die Einkünfte auf 28 Mill, preuss. Thlr. 
1782 betrugen sie 44'587,000; 1801 88'607,000 Thlr. (In dieser von 
Reden gegebenen Reduction auf preuss. Thlr. scheint jedoch übersehen, 
dass der Rubel früher in einem hohem Silberwertho ausgeprägt ward.) 
Tengoborski bekennt, dass die Staatseinnahmen bis 1839 die 
Summe von 163’751,000 S.-R. nie überstiegen; sie sollen aber im Jahr 
1853 auf 224’308,000 S.-R. (also 897 Mill. Frkn.) angewachsen sein. 
Während des Kriegs wurden die Steuern mannigfach erhöht. 
Schulden. Nach amtlichen Veröffentlichungen war der Stand der 
Staatsschuld am 1. Jan. 1853 : 
A. Auswärtige Schuld. 
Restbetrag des alten Anlehens in Holland . 
Zweites Anlehen in Holland 
Andere Schuld 
Zusammen 
33400,000 Hol.Guld. 
24’049,000 - 
6’280,000 Pf. Sterl. 
66,823,580 Silb.-Rub. 
Auf Zeit . 
Renten 
B. Innere Schuld: 
Silb.-Rub. tlO'867,055 ) 
223’861,47C1 
334728,531 
Total 400552,111 Silb.-Rub. 
Dazu kommen aber noch die Reichscreditcasse-Billete 311’375,581 
Rest der Assignaten, etwa 252,000 
Sonach wirkliche Schuld vor dem Kriege 713480,000 Silb.-Rub. 
Wovon jedoch abzurechnen der Auswechslungsfond für 
die Credit-Billete mit 139430,000 
Netto-Rest 573750,000 Silb.-Rub. 
Russland musste sich während dos Krieges auf alle Weise Geld 
verschaffen, und zwar im In- und im Auslande. Da letztes selbst in 
den neutralen Staaten schwierig war, so wurden die Finanzoperationen 
um so mehr in Geheimniss gehüllt. 
Die in Circulation befindlichen Credit-Billete betrugen anfangs 
1855 : 356’337,021 R. Zum Auswechscln soll gleichzeitig ein Fonds 
vorhanden gewesen sein (in Metall und sichern Papieren) von 151790,985 
Rub. Von verschiedenen Seiten ward versichert, dieser Fonds sei 
grossentheils erschöpft worden. Selbst ohne dieses ergab sich jeden 
falls eine ansehnliche Vermehrung des Papiergeldes. Ausserdem brachte 
man auf: a. Im eigentlichen Russland: Jan. 1855, Emission von 4 
neuen Serien Schatzscheine = 12 Mill. S.-R., und Jan. 1856 Emission 
von 10 neuen Serien Schatzscheine = 30 Mill. S.-R. (ferner blosse 
Erneuerung von 8 Serien = 24 Mill.) — b. Zu Lasten Polens 3 Serien 
4prozentiger Schatzbillets, 3 Mill. S.-R. Ausserdem sollen die Staats 
güter in Polen angeblich mit 20 Mill. S.-R. Schulden belastet worden 
sein. — C. Zu Lasten Finnlands ein Anlehen von 600,000 S.-R. 
— d. Anlehen im Auslande: Eine zu Anfänge des Krieges im Aus 
lande versuchte Anlohensaufnahme im Betrage von 50 Mill, S.-R.
        <pb n="91" />
        RUSSLAND — Finanzen (Schulden). 
75 
scheiterte dort grösstentheils. Es ward versichert, das Anlehen sei 
darauf factisch zu einem gezwungenen im Inlande gemacht worden. 
Russischerseits widersprach man diesen Angaben, und behauptete viel 
mehr, das Anlehen sei im Auslande gelungen. — Im Dec. 1855 soll die 
Negocirung eines weitern Anlehens von 50 oder 110 Mill. S. -R. zu Hamburg 
gelungen sein, und zwar im Course von 82% (Vs &lt;^6^ Summe ward 
auf Hamburg, % wurden auf Preussen und Holland gerechnet.) Es 
ist indessen nicht unglaublich, dass Russland selbst noch grössere 
Summen aus dem Auslande zu ziehen wusste. Die dessfallsigen Ope 
rationen wurden natürlich geheim gehalten. — Hiezu kamen: die Ver 
wendung von Metallvorräthen, welche zur Deckung der Credit-Billete 
bestimmt waren (wie oben erwähnt), und die Abgabenvermehrungen. 
Oie Regierung gab dem Papiergelde Zwangscours. Es zeigte 
®ich auch hier, dass dies das sicherste Mittel ist, das Metallgeld ganz 
verschwinden zu machen. Schon im März 1854 wurden am Papier 
geld 20 Proz. verloren, indem der Rubel, sonst = 4 Frkn., nur noch 
3 Er. 8 Cent, galt. Eine Ukase vom Jan. 1855 befahl, zur Milderung 
der Abgabenerhöhung (die man factisch nicht weiter steigern konnte) 
^ie Ausgabe neuen Papiergeldes, das 3 Jahre nach dem Friedens 
schlüsse eingelöst werden soll. Kaum war der Friede abgeschlossen, 
so musste das russische Gouvernement die grössten Anstrengungen 
machen, um Silber im Auslande aufzukaufen (es geschah namentlich zu 
Frankfurt). Im inland. Verkehre war das Metallgeld ganz verschwunden. 
Wie schon angedeutet, besteht ausser der Russischen, auch noch 
eine Polnische und eine Finländische Schuld. Die erste (die 
polnische) betrug unmittelbar vor dem Kriege etwa 215 Mill. poln. 
Gulden (über 32V4 Mill. russ. S.-R.), wozu die neue Anlehensbelastung 
mit 3 Mill. S.-R. kam. 
Die vorstehenden Ziffern zusammengenommen geben indess nur 
ein sehr unvollständiges Bild von den der russ. Staatscasse auferlie 
genden Verbindlichkeiten. In Folge des absolutistisch-bureaucratischen 
Systems, wonach jede allgemeinere Thätigkeit, selbst im Gebiete der 
Industrie, des Handels und der Wohlthätigkeit, von der allerhöchsten 
Weisheit des Selbstherrschers und seiner Beamten geleitet werden 
müsse, hat die Regierung alle Creditanstalten im Reiche nicht nur 
unter ilire Obervormundschaft, sondern unter ihre Oberleitung und Ga 
rantie gestellt: sie alle sind gleichsam Staatsinstitute! Wir nennen 
Jie Pfandhäuser in St, Petersburg und Moskau, die Leili- und die 
Handelsbanken zu Petersburg, Moskau, Riga, Odessa, Cliarkow und 
in andern Städten. Wie nun die Regierung dafür, dass sie ihre 
»Garantie“ aussprach, in die Leitung und in die Gassen jener An 
stalten eingreift, lässt sich ahnen. Der Betrag der Passiven der ge 
dachten Institute ward am 1. Jan. 1853 zu 806’083,233 S.-R. ange 
geben. Dazu kamen noch in Polen etwa 3472 Mill. S.-R. „Von 
den 322172 Mill. Frkn., welche die russ. Banken erhielten, sind blos 
84 Mill. (21 Mill. Rub.) durch Wechsel oder erhaltene Waaren re- 
präsentirt“ (L. Faucher, zu Ende 1854). Alle jene Passiven sollten 
aber versprochenermassen jederzeit rückzahlbar sein!
        <pb n="92" />
        76 
RUSSLAND — Militärwesen (Landmacht). 
Tengoborski bemerkt, dass die Depositen der Banken am 28. Sept. 
1854 146*583,000 S.-li. betragen hätten, die in Circulation befind*- 
llcíién Bankbillete aber 345*927,000. (Im März des nämlichen Jahres 
waren die Depositen 159*918,000 R. gewesen, — sonach Verminde 
rung in V2 Jahre fast 18Yg Mill. S.-R. = 53 Mill. Frkn., was gleich 
anfangs die Wirkungen des Krieges und des gestörten Staatscredits 
andeutete.) 
Abgesehen von den Creditanstalten und der Schuld Polens und 
Finnlands, war die Schuld des eigentlichen Russland für die Zeit vom 
1. Jan. 1842 officiell zu 488*146,213 S.-R. berechnet worden, mit 
entsprechendem Auswechslungsfonds für die Cassabillcte. Sonach er 
gab sich, den amtlichen Aufstellungen selbst zufolge, in den 11 Jahren 
vor dem Ausbruche des grossen Krieges, eine offene Schuldvermehrung 
von 225 Mill. S.-R., also eine Vermehrung von 46 Proz. im Frieden! 
Davon kommen auf die Anlehen für Erbauung der St. Petersburg- 
Moskauer Eisenbahn 77^4 Mill. — Es treffen übrigens von der Ge- 
sammtschuldVermehrung auf die fundirte 120*323,000, auf die Papier 
geldschuld 104*710,000 S.-R. 
In Folge des beschränkten Credits Russlands in andern Staaten, 
besteht der grösste Theil der Schulden im Inlande. Diese Schulden 
sind meistens „Inscriptionen in das grosse Buch.“ So wurden na 
mentlich die 6proz. Anlehen von 1810, 17 und 20 in 5proz. Silber- 
rubel-Inscriptionen umgewandelt, wobei man (bezeichnend für den da 
maligen Cours des alten Papieres) 3 Rub. 70 Kopeken Bankassignaten 
für 1 S.-R. annahm. 
Die Grösse der eigentlichen Russischen Staatsschuld berechnete 
Reden Mitte 1854 auf 820 Mill, prenss. Thlr. mit dem Bemerken: 
„dass, als Folge der Kriegführung, binnen Jahresfrist fernere 100 Mill, 
dazu kommen, kann nicht überraschen, wenn sich berechnen lässt, dass 
Landheer und Kriegsflotte monatlich 18—20 Mill. Thlr. kosten, was 
im Ja hr es betrage der ganzen reinen Staatseinnahme sehr nahe kommt.“ 
Nimmt man Alles zusammen, so dürfte die Gesammtsumme der 
Schulden Russlands, mit Polen und Finnland, nach Beendigung des 
Krieges, kaum unter 900 Mill. S.-R. = 3600 Mill. Frkn. anzuschla 
gen sein, wovon allerdings der, übrigens sehr problematische, Betrag 
des Einlösungsfonds für Cassabilletc abzurechnen ist. 
Militärwesen. 
Landmacht. 
Bildung des Heeres. Der Adel, die grossen Kaufloute und einige 
andere Stände sind von der Militärpflichtigkeit ausgenommen. Stell 
vertretung findet statt, ist jedoch selten; ausserdem Loskauf um 1000 
R. Pap. Die Aushebungen werden durch kais. Ukas in der Weise 
angeordnet, dass so und so viel Köpfe auf jedes 1000 Einwohner 
(wobei man aber nur die männlichen Einwohner rechnet) genommen 
werden. Das Reich ist behufs der Recrutirung in zwei grosse Hälften,
        <pb n="93" />
        77 
RUSSLAND — Militärwesen (Landmacht, Stärke des Heeres). 
die östliche und die westliche, abgetheilt, in denen die Aushebungen 
wechseln. Als Peter I. die erste derartige Aushebung anordnete, 
setzte er dieselbe zu 1 Recrut auf 1000 Einw. fest. Noch in dem 
ersten Viertel des jetzigen Jahrhunderts waren 2 M. auf 1000 die 
gewöhnliche Zahl. Seitdem hat man das Verhältniss enorm gesteigert; 
während des letzten Krieges in rasch wiederholten Verfügungen in der 
Regel jedesmal bis zu 10, einmal bis zu 12, nebenbei noch hinsicht 
lich der Reichsmiliz bis zu 13 von 1000. Besonders stark werden 
die Juden in Anspruch genommen; kaum minder stark die Polen, 
deren Land man an Waffenfähigen zu erschöpfen sucht. Im ganzen 
Reiche herrscht Schrecken, wenn die Recrutirung beginnt, die vielfach 
nichts Anders, als ein unerwartetes nächtliches Ueberfallen aller jungen 
Männer ist (die Branka.) Mit der Recrutirung ist eine Geldabgabe 
verbunden von ungefähr 33 Rub. Pap. für jeden Ausgehobenen. Die 
Dienstzeit ist bei der Garde auf 22, bei den übrigen Truppen auf 
25 Jahre bestimmt. Doch wird während des Friedens die Mannschaft 
aus den östlichen Provinzen nach 15-, die aus den westlichen nach 
lOjähriger Dienstzeit beurlaubt imd als Reserve in den Regimentslisten 
aufgeführt. Die Verpflegung der Truppen ist jammervoll schlecht, be 
sonders wegen wahrhaft zahlloser Betrügereien, die nach allen Rich 
tungen geübt werden. — Das Avancement der Gemeinen erscheint zwar 
dom Namen nach nicht ausgeschlossen, findet aber factisch nur äusserst 
selten, in der Regel gar nicht statt. — Da der Leibeigene bei seinem 
Eintritt in die Armee aus seinem Communalverbande herausgerissen 
wird, so ist er nun, wie man es nennt, „frei.“ Aus dieser sogen. 
Freiheit erwächst ihm aber nur Unheil, wenn er (bei der enormen 
Sterblichkeit im russischen Heere) etwa die Zeit des Kriegsdienstes 
überlebt; weil er dann, eben ausgeschlossen aus seiner frühem Ge 
meinde-Genossenschaft, alt, entkräftet und der Arbeit entwöhnt, es desto 
schwerer finden muss, sich selbst zu ernähren. — Bei den Finnen 
und den Grusiern finden, nach deren Privilegien, blos Werbungen 
(ausserdem nöthigenfalls aber auch Milizpflichtigkeit) statt. — 1842 
dienten 71,900 Kantonisten im russ. Heere. 
Stärke des Heeres. Dieselbe ist sehr bedeutend, wie sich nach 
der grossen Volksmenge nicht anders erwarten lässt; allein die Anzahl 
der Truppen kommt dossen ungeachtet in Wirklichkeit niemals auch 
nur annähernd der in den Listen aufgeführten gleich. — Das regu 
läre Heer zerfällt in die grosse Operationsarmee und in die Abthei- 
lungen für besondere Zwecke im Innern; zu den letzten rechnet man 
die Kaukasusarmee. — Wir geben zunächst die vor dem letzten 
Kriege am allgemeinsten angenommene Zusammenstellung, welche den 
Bestand des Heeres auf dem Papiere, aber nicht in Wirklichkeit zeigt. 
Die grosse, die Activ- oder die Operationsarmee, umfasst: 
Infanterie: 
Regim. Bataill. Mann 
12 37 45,608 
12 37 41,970 
72 294 330,588 
Garde 
Grenadiercorps 
6 Infanterie-Corps . 
Zusammen 
96 368 418,166
        <pb n="94" />
        78 RUSSLAND — Militärwesen (Landmacht, Truppenvermehrung). 
Cavallerie : 
Garde .... 
Grenadiercorps 
Bei den 6 Infanteriecorps 
Reservecorps 
Zusammen 
Artillerie, Genie: 
Garde 
Grenadiercorps . 
Bei den 6 Infanteriecorps 
Reserve 
Regim. Schwad. 
12 60 
4 32 
24 
24 176 
Mann 
16,612 
(^528 
39,168 
36,952 
64 
460 
Geschütze 
116 
112 
672 
96 
99,260 
Mann 
5,269 
3,862 
19,536 
3,881 
31,548 
Zusammen 
Sonach hätte die grosse Armee eine Stärke von etwa 550,000 M. 
Dje Caukasusarmee ward auf 165,383 M. angegeben, nämlicli 
158,293 Inf., 2432 Cavall., 4658 Artill. Offenbar sind diese Ziffern 
viel zu hoch gegriffen, wie denn eine andere Berechnung blos auf 
116,000 ansteigt, was noch immer sehr überschätzt sein dürfte. 
Die irreguläre Truppemnacht ward zu 126,200 berechnet, worunter 
93,000 Reiter. — Dazu kommen noch besondere Corps, z. B. 96 an 
gesiedelte Bataillone mit 103,000 M. etc. 
Reden stellt einen Soll-Etat von 1’512,242 M. auf, wovon freilich 
nur 788,988 activ seien. Haxthausen zählt auf: 
Reguläre Truppen: 
Grosse Operationsarmee . 
Reserve in 2 Abtheilungen 
(sammt 1468 Geschützen) 
Specialcorps, worunter Kaukasusarmee und im Dienste stehende Kosaken 
486,000 
213,000 
699,000 
315,000 
Irreguläre Truppen: Kosaken, eine Art Miliz (die offizielle Ziffer von 
bezeichnet indess nur die Masse der dienstpflichtigen Mannschaft), 
Militärcolonien (ebenso, 82,260 Mann umfassend). 
Truppenvermehrung während des jüngsten Krieges. Wie sehr 
alle diese Ziffern, auf Phantasmagorie beruhten, konnte man schon aus 
der verhältnissmässig geringen Truppenzahl entnehmen, mit der die 
Russen, beim Einrücken in die Donaufürstenthümer, den jüngsten Krieg 
begannen ; man konnte es noch mehr erkennen an den ungemeinen 
Anstrengungen, welche die Regierung machen musste, um den Kampf 
nachhaltig fortzuführen, während auf dem Hauptkricgschauplatze doch 
niemals auch nur annähernd 200,000 M. verwendet waren (allerdings 
bedurfte man daneben sehr ansehnlicher Streitkräfte in Polen, an den 
Ostseeküsten und in Asien). Es zeigte sich dabei, wie die grosse 
Ausdehnung des Reiches selbst, zumal so lange es an einem ausge 
dehnten Eisenbahnsysteme fehlt, die Vertheidigung gewaltig erschwert. 
Während des Krieges wurden die Infant. - Regimenter von 4 auf 6 
active und 2 Reserve-Bataillone, sonach im Ganzen auf 8 Bataillone, 
jedes (auf dem Papiere) etwa 1000 M. stark, das Regiment also auf 
8000 M. gebracht. — Unterm 10. Fehr. 1855 erging ein Ukas wegen 
Bildung einer Reichsmiliz, zuerst nur in einzelnen Provinzen, dann 
im ganzen Staate. Von 1000 (raännl.) Einwohnern sollten je 13 ge 
stellt werden, so dass man auf eine Totalmasse von 700,000 M. hoffte.
        <pb n="95" />
        RUSSLAND — Militärwesen (Landmacht, Festungen). 79 
Bestimmt ward : Die Bewaffnung besteht in Gewehr mit Bajonnet oder 
Büchse, nebst Beil. Die Miliz wird in regelmässige Brigaden und 
Divisionen formirt. Sie wählt ihre Offiziere selbst (die Kosaken wäh 
len dieselben ohnehin zum Theil). Das Bataillon besteht aus 1037 
Combattanten, 52 Nichtcombattautcn und 19 Offizieren. Die Kleidung 
ist die nationale. Die Offiziere erhalten Epauletten nach ihrem Bange. 
—- Der Bildung einzelner (z. B. Schützen-) Corps gedenken wir nicht 
näher. — Im Ganzen wurden innerhalb 20 Monaten folgende ReCfll- 
tenäUShebungCn angeordnet: durch Ukas vom 
10. Febr. 1854, 9 M. von 1000 in den westlichen Provinzen, 
9. Mai - 9 östlichen 
7. Sept. - 10 westlichen 
13, Dez. - 10 - - - - östlichen 
10. Febr. 1855, 13 - - - - 18 Gouvernements. — Reichswehr. 
31. Mai - 1 
12. Aug. - &gt; 13 ebenso in den übrigen Gouvernements. 
7. Oct. - ; 
6. Mai - 12 M. von 1000 in den westlichen Provinzen, 
15. Got. 10- - in sämmtl. Gouvernements, blos 7 ausgenommen. 
In Folge der Hartnäckigkeit des Kampfes, noch weit mehr aber 
der máselos schlechten Versorgung der Soldaten, waren die Menschen- 
vcrlusto ungeheuer. Nach einer (angeblich amtlichen) Zusammenstel 
lung soll die russische Armee schon bis zu Ende des Jahres 1854 
111,132 M. eingebüsst haben, wovon: 29,204 Todte, 55,304 Ver 
wundete, 6,460 Vermisste, 16,156 an Krankheiten Gestorbene. (Die 
letzte Zahl ist gewiss weitaus zu gering. Wahrscheinlich sind nur 
die Soldaten in den, dem Kampfplatz unmittelbar angrenzenden Laza- 
rethen berücksichtigt.) Als ausgeschlossen wurden ohnehin bezeichnet 
die Verluste der kaukas. Armee und jene der irregulären Truppen, 
der Kosaken etc. — Als Beispiel, in welchem Maasse die Verpflegung 
eine schlechte ist, wird ii. A. angeführt: Von 400 Recruten, welche 
aus der Gegend von Saenodien nach dem Dniepr gesendet wurden, 
kamen blos 78 in Kiew an. Von einer Reiterabtheilung der Garde 
starben in der Nähe von Zawichorst (?) in ein Paar Monaten % der 
Pferde (und von den Mensehen ?). In Nicolajeff und anderwärts zündete 
man Magazine an, um die Entdeckung zu verhüten, dass unter das 
Mehl in den Tonnen Gyps gemischt war. (Zu vergl. Seite 81 die Notizen 
über die Verluste der russ. Armee im J. 1812.) 
Sogleich nach dem Abschlüsse dos Friedens verfügte man die 
liutlassung von 337 Druschinen (Bataillonen) Miliz, und von 6 Ko- 
sakonregimeutern der tartar, Reiterei, welche man anfangs 1856 im 
Gouvernement Kasan ausgehoben. Diese Entlassungen schätzte man 
auf 350 000 M. Andere reiheten sich an. Sie würden noch ausge 
dehnter sein, wenn man die einmal Ausgehobenen in ihre früheren 
Gemeinde- und Leibeigenschaftsverhältnisse zurück versetzen könnte. — 
Es dürften übrigens jetzt kaum mehr 400,000 M. wirklich unter den 
Waffen stehen, wovon V4 ™ Kaukasus. 
Festungen. Ausser den festen Seeplätzen, namentlich Kronstadt, 
Helsingfors, Sweaborg etc. (Sebastopol ist zerstört), — sind nur die
        <pb n="96" />
        80 RUSSLAND — Militärwesen (Landmacht. Geschichtliche Notizen.) 
Festungen in Polen bedeutend: Zamosk, Modlin oder Nowo Grigoriewski 
und die Citadelle von Warschau, dann Brzesk Litewski. Wenig be 
deutend sind die Festungswerke von Petersburg (doch während des 
Krieges verstärkt), Moskau, Smolensk. In Kamtschatka ist Petropaw- 
lowski befestigt. — Die an der Kaukasischen Küste bestandenen, 
während des jüngsten Krieges sämmtlicli zerstörten festen Plätze 
(Anapa) und blossen Kreposten (Erdaufwürfe) werden ohne Zweifel 
alsbald wieder hergerichtet. 
Geschichtliche Notizen. Das russ. Heer soll unter Peter dem I. 
1712, 108,000, bei seinem Tode, 1725, 196,000 M. betragen haben. 
Zur Zeit des siebenjährigen Krieges, als die Russen zum ersten Male 
gegen eine mitteleuropäische Macht kämpften, ward ihre reguläre 
Heeresstärke auf 162,750 M. berechnet, nämlich: 30 Regimenter Ca- 
vallerie (6 Cürassier-, 6 Drenad., und 18 Dragonerregim.), 31,950, 
und 50 Reg. Infanterie, (4 Grenadiere und 46 Musketiere) 130,800. 
Hiezu konnten höchstens noch einige Miliz- und 2 Dragonerregiraenter 
gerechnet werden, welche indess in der Liste der regulären Truppen 
nicht aufgeführt wurden. — Kaiserin Katharina vermehrte die Armee 
bedeutend. Eine Schätzung von 1785 geht bereits auf 360,000 M. 
Eine Detailberechnung von 1794 entziffert: 
53 Regim. und 19 Brig. Cavallerie . . . 81,200 
72 - - 39 Bataill. Infanterie . . . 203,900 
5 - 2 Comp. Artillerie . . . 27,700 
130 Regim. etc. reguläre Truppen . . . 312,800 
Dazu irreguläre Truppen, Kosaken, Baschkiren etc. 69,200 
Garnisonscorps 60,000 
Gesammtzahl 442,000 
Kaiser Paul vermehrte das Fussvolk, unter Verminderung der 
Reiterei. 1801 rechnete man: 
Infanterie . . . 217,500 
Cavallerie . . . 33,500 
Artillerie . . . 17,700 
Zus. reguläre Truppen 268,700 
Hiezu: irreguläre Truppen 70,000 
Im Ganzen höchstens 318,700 , ungerechnet die Garnisonscorps. 
Eine Liste von Ende 1803 führt auf: 
1) 
2) 
Garde: Cavallerie 3300 ( 
Infanterie 9300 } ’ ' ' 
Feldregimenter: Cavallerie 49,700 
Infanterie 219,100 
Artillerie 42,900 
Garnisonscorps 70,900 
12,600 
382,600 
Gesammtzahl 394,200 
Mit Inbegriff der Invaliden und der irregulären Corps ergab sich 
auf dem Papier eine Gesammtstärke von 506,700 M. 
In den beiden Feldzügen von 1805 und 7 brachten es die Russen 
in Deutschland nie über 80—90,000 M. Bei Austerlitz belief sich 
die wirkliche Stärke der Alliirten auf nicht ganz 80,000 M. im activen
        <pb n="97" />
        6 
RUSSLAND — Militärwesen (Geschichtliche Notizen). 
Gamisonssoldaten und Invaliden 539,400 
Nationalmiliz 100,000 
851,100 
P . . Zusammen 1’490,500 
iS;:£r£H“H£—Siii 
Grafä’3 Toll«) »D«"k^M!gkeilen des Generals Karl Friedrich 
Truppen in erster Linie: 
^mm- 
S'is“irsl«s~s 
SSiipHÍS—ÍSS 
5Ê#M#ã#S2 
104,250 
35,000 
36,000 
Infanterie 
Cavallerie 
Artillerie 
Rassen 
72,000 
17.500 
14.500 
Franzosen. 
82,000 
26,000 
15,000 
123,000 
587 
Zus. 104,000 *) 
Geschütze 640 
2ft Verluste in dieser Schlacht waren ungeheuer; bei den Franzosen 
Kp' &gt; ungerechnet 34 — 35,000 Leichtverwundete; bei den Russen 
,000, — die Iliilftc der Armee, wovon nur etwa 1000 gefangen, 
^le Franzosen zogen noch 95,000 M. stark nach Moskau. (Toll.) 
Der Feldzug brachte das russ. Heer in einen an Auflösung gren 
zenden Zustand, — nur um Weniges minder Übel, als der der Fran 
zosen. Ganze Compagnien wurden vollständig vernichtet; von Batail- 
^en blieben 2—3 M. übrig (Versicherung Butturlins, des Adjutanten 
Kaisers Alexander); die 120,000 M. der Hauptarmee unter Ku- 
zü Jll ^000 Kosaken, die wenig, und Milizen, die hier gar nicht 
“ eODrauchen waren.
        <pb n="98" />
        82 
RUSSLAND — Militärwesen (Seemacht). 
tusow schmolzen auf 35,000, die 50,000 unter Wittgenstein auf 15,000 
zusammen; von einer aus dem Innern Russlands gesendeten Verstär 
kung von 10,000, langten 1700 auf dem Kriegsschauplätze zu Wilna 
an (nach den Versicherungen des engl. Commissars Sir Robert Wilson). 
In Tolls Denkwürdigkeiten finden wir folgende Berechnung : 
Die beiden Westarmeen betrugen, nach Abzug des Wittgenstein’schen 
Corps von 21,000, — noch: die erste Westarmee 83,000, die 
zweite 35,000 118,000 
An Verstärkung und Ersatzmannschafteu erhielten sie . . . 91,800 
Zusammen 209,800 
In Wilna waren Mitte Dez. noch bei den Fahnen .... 40,290 
Folglich Abgang von Ende Juni bis Mitte Dezember 169,510 
In den Lazarethen lagen 48,335 M. Wenn auch, was erweislich nicht der 
Fall, der grösste Theil dieser Erkrankten genesen wäre, so war der Verlust 
doch noch immer grösser, als die ursprüngliche Zahl der Gesammtmannschaft. 
Ein Abgang von gesammten Mannschaft ist gewiss nicht häufig vor 
gekommen. 
1813 und 14 war die Stärke des russ. activen Heeres zu keiner 
Zeit höher als 150,000. (Bei Bautzen standen blos 82,852 Russen 
und Preussen fast 100,000 Franzosen entgegen.) 
In den beiden Feldzügen von 1828 und 29 gegen die Türken 
erschienen die Russen in einer Stärke anfangs von höchstens 80,000, 
dann allerhöchstens von 120,000. Als das Hauptcorps nach Adria 
nopel gelangte, zählte es kaum noch 25,000 Streitfähige, und es wäre 
verloren gewesen, wenn die ängstliche Diplomatie nicht eilends den 
Frieden zum Abschlüsse gebracht hätte. — Der Hcldenkampf Polens 
im Jahre 1831 bewies noch mehr die Schwäche des russ. Heerwesens. 
Es bedurfte der äussersten Anstrengungen des Staats und ' der mannich- 
fachsten Unterstützungen Oesterreichs und Preussens, um das kleine 
poln. Heer, das fast an Allem Mangel litt, endlich niederzuwerfen. — 
In Russland erkannte man nun die Nothwendigkeit bedeutender Um 
gestaltungen. Vieles ward gethan, das Meiste aber doch wieder blos 
auf dem Papiere, zum Scheine. — Im ungarischen Feldzuge, 1849, 
erschien eine russ. Hülfsarmee von 110—120,000 M. bei den Oester 
reichern. Da sich die Magyaren durch die Uebermacht erdrückt sahen, 
und zum Theil Verrath unter ihren Häuptern einriss, so kam es über 
haupt nicht mehr zu Waflfenthaten. — Der letzte grosse Krieg hat 
einerseits die Fortdauer der Missbrauche in der Armeeverwaltung, 
anderseits die unverwüstliche Ausdauer der Soldaten bewiesen. Die 
Niederlage vor Silistria und die Vertheidigung von Sebastopol bilden 
starke Contraste, besonders auch hinsichtlich der Befähigung der 
Oberofficiere. 
Seemacht. 
Dieselbe war vor dem letzten Kriege in die des baltischen und 
jene des schwarzen Meeres getheilt, erste von 3, letzte von 2 Divi 
sionen. Dazu kamen die kleineren Schiffsabtheilungen im kaspischen 
und Aral-See, und im weissen und ochotzkischen Meere. Kriegshäfen : 
Kronstadt, Reval und Helsingfors; Sebastopol; dann Astrachan. Der 
Normaletat war: 45 Linienschiffe (wovon 27 in der Ostsee, 18 im
        <pb n="99" />
        RUSSLAND — Sociale, Gewerbe- und Handelsverhältnisse. gg 
§&amp;#### 
von Seb V bekanntlich durch die Russen selbst im Hafen 
BclnfFe zweiten (dritten) Ranges von je 10 Kan.; endlich 15 Kri^s- 
damper von denen etwa die Hälfte vom Rang einer Fregatte imd 
mit Jiombenkanonen bewaffiiet. Die ganze Pontusflotte trug 2800 K. 
Nach dem neuen Pariser Friedensvertrage darf keine Kriegsflotte 
auf dem schwarzen Meere bestehen. Zufolge üebereinkunft zwischen 
Kussland und den Pforte hält jeder dieser beiden Staaten blos 6 leichte 
K egsselnffe m demselben, während England, Frankreich und Oester- 
ÜÜÄP 
Sociale, Gewerbs. und Haiidelsverliaitnisse. 
Allgemeine Bemerknngen. Von dem gesammten urbaren Lande 
gehören etwa %« der Krone oder dem Adel, und von der BevSlke- 
rnng sind pgen 45 M.llionen Menschen leibeigen oder mindestens 
sobl . G^^ratsahl der unfreien Bauern (männlichen Ge- 
&lt;j..r 
8r!i?^P^Grechnet ward, so befanden sich also 
A I roz. im Zustande der Unfreiheit. Davon waren : 
9'457,000 Dagegen: 
KKv„..iU“™„e ; ; : t::::;:: 
Zusammen 22’488,300 Leute . 205,600 == % - 
Rlezu Beamte, Heer, Adel etc. 
Diese Notiz, wie ungenau auch die einzelnen Ziffern sein mögen, 
kennzeichnet die allgemeinen Zustände. Nach einer Angabe von 1850 
^*e damals die Zabi der eigentlichen Kronbauern 7’825,000 gewesen 
Cweiblich: 8'180,000). Die Leibeigenen, welche Privaten gehören, 
«tragen in Bessarabien nur 2 Proz. der Bevölkerung, im Gouvernement 
Orenburg 13 Proz., in Moskau 51, in Podolien 61, in Tula sogar 75 
J'oz. ! Ein einziger Private besitzt 150,000 Leibeigene; Besitzer von 
« w als 20,000 gibt es 6, von 10 — 20,000 23 u. s. f., zwischen 
tmd 3000 244 Besitzer. — In den deutschen Ostseeprovinzen be-
        <pb n="100" />
        84 RUSSLAND — Sociale, Gewerbs- und Handelsverhältnisse. 
fanden sich nach der letzten Revision 1587 Güter mit 495,373 „Ange- 
schriehenen“ (frühem Leibeigenen) männlichen Geschlechts. — Am 1. Jan. 
1853 waren, nach ofhciellen Angaben, 5’20(),000 „Seelen“ verhypo- 
thecirt. — So lange das Land durch Leibeigene bearbeitet wird; so 
lange das Eigenthum weniger in einer gewissen Morgenzahl Landes, 
als (nach dem ofdciellcn Ausdrucke) in einer gewissen Anzahl „Seelen“ 
(von Leibeigenen) besteht ; so lange man bei Anlehen nicht die Grund 
stücke, sondern die dieselben bebauenden Menschen verpfändet; wird 
es eine Täuschung bleiben, an einen waliren Aufschwung, an wirkliche 
Entwicklung der Kräfte des Staats, seines Reichthums, seiner Produc 
tion oder seines Besteiierungsvermögens zu glauben. „Ursprünglich 
waren nur die zahlreichen Haus- und Hofleute, aus Kriegsgefangenen und 
deren Nachkommen bestehend, Sklaven; die Bauern aber waren freie 
Pächter, welche jeden Georgstag (Juriews-Tag) den Pacht aufgeben 
und weiter ziehen konnten. Ein Ukas vom 21. Nov. IGOl hob die 
Freizügigkeit auf, und fesselte den Bauer an die Scholle, welche er 
am letzten Georgstage bewohnt hatte. Dadurch ward er indess noch 
nicht leibeigen. Die Leibeigenschaft scheint auch nicht durch aus 
drückliches Gesetz, sondern durch Missbrauch der Gewalt seit Peter 1. 
eingeführt worden zu sein.“ Das Loos der Unglücklichen verschlim 
merte sich sehr, als man Fabriken einführte, und viele von ihnen 
zwang, in denselben zu arbeiten. Indessen ergab sich meistens ein 
schlechter Ertrag, wenn man anders nicht die Leibeigenen für eigene 
Rechnung arbeiten Hess. Da bildete sich das jetzt sehr verbreitete 
System aus, wonach die Unglücklichen sich selbst Arbeit suchen dürfen, 
dagegen eine ihnen auferlcgte Summe jährlich entrichten müssen. So 
findet man nun, da der Ackerbau den Russen eigentlich nicht zusagt, 
sic vielmehr ein Wanderleben oder mindestens wechselnde Beschäfti 
gung lieben, viele Kaufleute, Handwerker, Fuhrleute, Schiffer etc., 
welche leibeigen sind. Manche haben sich ein ansehnliches Vermögen 
erworben, für dessen Sicherheit sie freilich nur geringe Garantie be 
sitzen, entweder in der Gnade ihrer Herren, oder höchstens in der 
angenommenen Sitte und Gewohnheit. 
Zu einer eigenen Kaste hat sich das Beamtenthum ausgebildet. 
Den Provinzen, in denen sic verwendet, meistens nicht angehörend, 
sind die Angestellten auch noch durch ihre (wenn gleich in der Regel 
blos übertünchte) Bildung dem Volke völlig fremd; durch ihre Auf 
gabe an sich, noch weit mehr aber durch Feilheit, Bestechlichkeit, 
Raubsucht und Corruption jeder Art demselben tödtlicli verhasst. Da 
her kommt es, dass jede Anordnung von oben einem eigenthümlichen 
passiven Widerstande im Volke begegnet, und dass selten etwas 
weniger stattfindet, als die Förderung einer Regierungsanordnung durch 
die Bevölkerung selbst. 
Beamtenhierarchie und Adel haben sich verschwistert. Die Er 
bitterung gegen die Bedrückungen und Erpressungen des Adels führt 
alljährlich zu vielen stets vereinzelten, localen Ausbrüchen, meist von 
den schrecklichsten Barbareien begleitet. Nach amtlichen Erhebungen 
kommen alljährlich zwischen 60 und 70 (durchschnittlich 67) Fälle
        <pb n="101" />
        vor 
RUSSLAND — Sociale, Gewerbe- und Ilandelsverhältnisse. §5 
Q ,denen die Adeligen von ihren Bauern ermordet und die 
c osser medergebrannt werden (Herzen, „Russlands sociale Zu 
Gollowin, La Russie sous Nicolas L, 
aus o4 , stimmen darin vollkommen überein). — In keinem Lande 
n e man grössere Gegensätze von Abgeschliffenheit und Uncultur. 
Söschliffenheit hat aber für die Nation nichts Anderes, als 
16 US ildiing der Kunst grösserer Erpressungen und Bedrückungen, 
sonac 1 nichts als Laster hervorgebracht. „Zu jämmerlich, um als 
1 ortschritt in der Bildung gelten zu können, war sie hinreichend, um 
alles Edle und Nationale im Innern des Menschen zu zerstören... 
euer, der sich diese Abglättung erworben, trat in den Staatsdienst 
und erwarb sich dadurch den Adel, und da alles äussere Ansehen, 
^ue alle reelle Macht sich in dieser gefährlichen Beamtenhierarchie 
concentrirte, ausser ihr keine Ehre, keine Macht zu erwerben war, ja 
inan nicht einmal ausserhalb ihres Kreises dem Kaiser und dem Vater 
land zu dienen vermochte, so trat Alles, was selbst zum alten Adel 
gehörte, in die Reihen der Beamten, und ward mehr oder weniger 
von dem hier herrschenden Geiste von Verdorbenheit angesteckt. — 
gekommen, dass der Adel in Russland zu einem Volke 
angeschwollen ist; zu einem Volke der Herren, im Gegensätze zu dem 
altruss. Volke der Knechte, durch eine fremde Bildung, durch fremde 
Lebensanschauungen, durch fremde Sitten imd Kleidung von diesem 
VM^i g^Mmd, uMmm R^^^nrmd mRff^v^ 
einigt (So spricht selbst Haxthausen, der Bewunderer Russlands.! 
Uemeindeverband. Mit einem ganz eigenthümlichen, nirgends 
sonst vorkommenden, wahrhaft söcialis tisch en Bande umfasst die 
Gemeinde ihre sämmtlichen Angehörigen. Die slavische Einrichtung 
schliesst die Autonomie des einzelnen Individuums aus. Die Feldmark, 
in ihrem ganzen Umfange, ist nicht Eigenthum der Einzelnen, sondern 
der Gesammtheit, der Gemeinde. Jede lebende männliche Seele 
( enn auch hier zahlt das Weib nicht), hat einen Anspruch auf den 
ganz gleichen Antheil an allen Nutzungen des Bodens. Jeder eben 
geborene Knabe hat diesen Anspruch gemäss seiner Geburt, und sein 
ater fordert sogleich diesen Antheil. Dagegen fällt der jedes Todten 
augenblicklich wieder der Gemeinschaft zu. Ein Vererben nach unsern 
egiiffen findet nicht statt. Waldungen, Weiden, Jagd und Fischerei 
eiben, wie Luft und Wasser, völlig ungetheilt. Aecker und Wiesen 
iverden, nach ihrem Werthe, unter sämmtliche männliche Ortsangehörige 
Vertheilt, meistens verloost. In der Regel hält man Roserveland für 
Nachkommende bereit. — Dieses System gleichmässiger Nutzung (na- 
tiii’lich aueh gleichmässiger Leistung) wird angewendet, gleichviel ob 
die Gemeinde freie Eigenthümerin ist (wie alle Kosakengemeinden), 
oder blos Besitzerin (wie bei den Kronländereien), oder nur In 
haberin (wie bei den leibeigenen Communen). Meistens haben die 
Leibeigenen eine bestimmte Geldabgabe zu entrichten (den Obrok). 
Häufig vermögen die Bauern deren Betrag nicht mehr zu erschwingen. 
Ha kommt man zu einer Theilung des Grundeigenthums. Der Guts 
herr zieht V3 oder V4 des Bodens an sich und überlässt den Rest
        <pb n="102" />
        86 RUSSLAND — Sociale, Gewerbe- und Handelsverbältnisse. 
der Gemeinde zu ihrer Ernährung, wogegen sie ihm den ersten Theil 
kostenfrei bebauen (selbst düngen und besäen) muss. Um Missbräuchen 
zu begegnen, hat die Regierung 3 Tage Frohnde in der Woche als 
Maximum bestimmt. (!) Für die Kronbauern ist zwar die Leibeigen 
schaft dem Namen nach aufgehoben, allein sie sind weder freie Eigen- 
thümer geworden, noch von den Leibeigenschaftsleistungen frei; nur 
hat man die letzten in den „Obrok“ verwandelt, — also fixirt. — 
Ein eigentliches Proletariat kann bei den erwähnten Einrichtungen 
nicht entstehen ; ebenso wenig ist aber auch ein Aufschwung, eine 
gehörige Entwicklung selbst nur im Ackerbauc möglich, so lange die 
Bebauer des Bodens nicht freie Eigenthümer zu werden vermögen. 
Kronbauero. Zur Bevölkerung der Krön dom änen (1850 mit 
33 Mill. Menschen, nämlich 16’491,049 männlichen Seelen) werden 
auch die ausländischen Colonisten gerechnet, fast Va Million 
(244,775 männliche Seelen), worunter viele eingewanderte Deutsche, 
namentlich in den Gouvernements Saratow, Bessarabien, Cherson, Tau- 
rien, Grusien und St. Petersburg. Sodann sind 35,000 angesiedelto 
Juden (17,536 männl.) und Va Mill. Nomaden einbegriffen, nämlich; 
Kirgisen 94,392 1 
Kalmücken 128,207 &gt; 223,345 männl. Seelen. 
Samojeden 5,746 ) 
In den deutschen Ostseeprovinzen ist, auf Antrag der Stände, 
die Leibeigenschaft nominell aufgehoben (Ukasen vom 6, Juni 1816 
und 6. Jan. 1820.) Die Bauern wurden allerdings persönlich frei, 
allein ohne das Recht zu erlangen, Güter erwerben zu dürfen. — 
Ein Ukas vom 2, April 1842 bildete für Russland eine neue Art von 
Leibeigenen, welche gesetzlich ein eigenes Vermögen besitzen können. 
Manchen Leibeigenen ist es gelungen, sich frei zu kaufen. Die Odnod- 
worzen (etwa 1 Va Mill. „Revisionsseelen", also etwa 3 Mill. Menschen) 
sind kopfsteuer- und recrutirungspflichtig. Der grösste Theil der Tar- 
taren ist persönlich frei, besitzt aber kein freies Grundeigenthum. 
Solches haben sich die Kosaken erhalten und nach Familien unwider 
ruflich getheilt. Den Schlachtschützen in Polen wurden in Folge ihrer 
Betheiligung an der Revolution von 1830 die Adelsrechte entrissen 
und sie recrutirungspflichtig gemacht. 
Aus dem Gesagten ergibt sich, dass es in Rusland an der Grund 
lage eines tüchtigen Volksthum es, der Vorbedingung eines kräftigen 
Staates, dass es nämlich an einem freien Bauern- und einem zahl 
reichen und selbstbewussten Bürgerthume vollkommen fehlt. — Aber 
auch die Bildung ist weit mehr gehemmt als befördert. Die Leib 
eigenen insbesondere sollen „nicht zu viel lernen.“ Während die 
Zahl der Kinder zwischen dem 6. und 14. Altersjahre im europäischen 
Russland gegen 8’600,000 beträgt, erhalten höchstens 360,000 wirk 
lichen Unterricht, also nur der 24ste Theil (4,2 Proz. !) 
Mangel an Verkehrsmitteln. Russland ist bekanntlich wesentlich 
ein Getreide erzeugendes Land. Allein abgesehen von den verwerf 
lichen socialen Gestaltungen, kann man auch im Uebrigen die natür 
lichen Vortheile nur wenig benützen. Es fehlt nicht etwa blos an
        <pb n="103" />
        87 
RUSSLAND — Handel (Strassenmangel). 
guten, sondern es fehlt überhaupt an brauchbaren Strassen. In Folge 
dessen herrscht so ziemlich jedes Jahr in einer Anzahl Provinzen 
Theuerung, selbst Hungersnoth, indess sich die andern in einem Zu 
stande von Ueberfluss befinden, aus dem sie keinen Nutzen zu ziehen 
veimögen. ^ Das Schwanken in den Getreidepreisen hat eine Ausdeh 
nung wie im Mittelalter. Der russ. Domänenminister sprach sich 1847 
w einer Denkschrift (abgedruckt bei Reden) bezeichnend darüber aus. 
ährend 1845 im Pskow’schen Gouvernement der Tschetwert Roggen 
IS 10 Rubel stieg, galt er 85 Meil. entfernt noch nicht 1 Yg. In einem 
und demselben Gouvernement steigt und fallt der Preis nach Maass 
gabe guter oder schlechter Erndten um das Sechs- und Zehnfache. So 
wechselte derselbe in Stawropol zwischen 1 Ruh. 57 Kop. und 17 Ruh. 
¿8 Kop. ! — Den eigenen Getreidebedarf Russlands berechnet der 
Minister zu 30 Mill. Tschetwert (60 Mill, Hectoliter), die Ausfuhr, 
nach lOjährigem Durchschnitte, zu 2Vg Millionen. Diese Ausfuhr 
kommt nur den Seeprovinzen zu statten, und während die Preise hier 
zuweilen bedeutend steigen, bleiben sie im Innern auf dem tiefsten 
Stande. Wäre doch ein ganzes Jahr Zeit nöthig, um den dortigen 
Ueberfluss nur nach den Seehäfen zu bringen! Die nördlichen Ströme 
gefrieren zu frühe zu, als dass sie dem Verkehre wesentlich dienen 
könnten; die gewaltige Wolga geht blos nach einem Binnensee; der 
Dnjepr und andere Ströme sind wegen Stromschnellen oder versandeter 
Mündung wenig schiffbar; ganze Gouvernements (Kursk, Charkow etc.) 
entbehren jedes schiffbaren Gewässers. Der Minister klagt : Die Do- 
naufürstenthümer führen gegen 900,000 Tsch. Getreide aus; Aegypten 
1V2 Mill. ; selbst die Türkei beginnt Fruchtexportation ; mit der gefähr 
lichsten Concurrenz bedroht uns aber Nordamerika. In gewöhnlichen 
Jahren betragen Fracht und Assekuranz nach London, pr. Quarter; 
aus den baltischen Häfen 5— 7 Shill. 
- Odessa . . . 10—12 
- Nordamerika . 7— 8 
so dass die geringere Enfernung fast keinen Vorzug mehr gewährt. — 
Der Werth des ausgeführten Getreides ward so berechnet (in S.-Rub.) : 
1845: 16’572,751 1850: 19’207,188 
1846: 28’929,916 1851: 20’962,954 
1847: 71’279,552 1852: 34/244,559 
1848: 21’965,645 
Die Viehzucht scheint entschieden in Abnahme; so auch die 
Talgausfuhr. 
Âllgein6Íner Handel. Im Jahre 1852 — dem letzten des allge- 
meinen Friedens — betrug der Werth der Ein- und Ausfuhr in S.-Rub. : 
I. Europäischer Handel. 
Länder 
Norwegen und Schweden 
Preussen 
Dänemark . 
Hansestädte 
Holland 
Belgien 
Einfuhr 
P514,951 
13723,314 
354,927 
5’292,969 
3’080,435 
591,006 
Ausfuhr 
2’321,379 
10’376,129 
1’332,817 
1'960,272 
5772,368 
2’342,369
        <pb n="104" />
        RUSSLAND — Handelaverhâltnîsse (Consumtîon). 
Länder 
Grossbritanien . 
Frankreich 
Pyrenäische Halbinsel 
Italien 
Oesterreich 
Griechenland 
Türkei 
Amerika 
Andere Länder . 
Einfuhr Ausfuhr 
2F642,372 42’883,819 
8’638,393 6941,015 
3T80,312 3T86,784 
2’818,621 4714,607 
5’899,448 5709,897 
419,250 282,286 
4’587,984 7’255,455 
7’696,991 2’034,555 
_ 777,399 6’557,017 
83118,372 lOO'OSOjfeÖ" 
Zusammen 
IL Asiatischer Handel. 
Länder Einfuhr Ausftihr 
Asiatische Türkei . 929,207 1’082,146 
Persien . . . 2782,847 897,600 
Kirgisische Steppe . 2’318,860 1’613,735 
Chiwa . . . 288,558 65,766 
Bucharei . . . 685,104 307,846 
Taschkend . . . 403,992 325,238 
Khokand . . . 23,935 10,921 
China .... 8125,231 8120,633 
Andere Länder . . 791,713 
Zusammen 16’649,447 12123,885 
Von der Einfuhr kommen also auf die europäischen Grenzen 
84 Proz.; davon ‘/a auf Grossbritanien, % auf Deutschland, % auf 
Frankreich, Vi2 ^^f Amerika. Im asiatischen Einfuhrhandel erscheint 
China mit mehr als der Hälfte, Persien mit Vß. 
Von der Ausfuhr treffen auf Europa sogar Vioi davon auf 
Grossbritanien 40 Proz., Deutschland 12, Türkei 7, Frankreich 7. — 
In Asien kommen auf China %. 
Der europäische Handel theilte sich 1851 folgendermaassen 
(Werth in Silber-Rubel) ; 
Elnfhhr Anshihr 
Weisses Meer 368,410 4169,548 
Baltisches Meer 62’660,455 49’657,878 
Schwarzes Meer 8151,336 19,937,430 
Landgrenze 15’573,486 10'008,747 
Zusammen 87’053,687 ” 84’073,603 
Der Ende 1853 begonnene Krieg fing zwar an, den natürlichen 
Lauf des Handels etwas zu stören, dessen Ausdehnung aber ward 
nicht nur noch nicht gemindert, sondern stieg vielmehr ansehnlich 
(siehe unten). Ganz anders gestalteten sich die Diiige 1854. Da 
ergab sich nur noch folgender Verkehr : 
Einfuhr Ausfuhr 
Längs der europäischen Grenze 44’906,535 44’075,497 
In Polen .... 9’518,159 9146,138 
In Finland .... 331,587 1’903,028 
Längs der asiatischen Grenze 15’601,827 9’908,018 
Gold und Silber . . . 6’301,350 11’999,496 
76'659,458^ 77'332,177 
1853 waren es : 132’550,359 160’286,315 
Dawson (blos die Friedensverhältnisse ins Auge fassend) macht 
folgende Bemerkung: Es exportiren:
        <pb n="105" />
        RUSSLAND Handelsverhältnisse (Handelsflotte, Eisenbahnen etc.) 
89 
die 28 Mill. Engländer für 90 Mill. Pf. Sterl. 
36 . Franzosen - 50 
67 (62) - Russen - 14 
Die Ausfuhr beträgt also pr. Kopf: 
in Grossbritanien Fr. 80. 33 Cent. 
- Frankreich - 34. 72 
- Russland - 6. 22 - 
1 Engländer kommt mehr als auf 15 Russen. Noch 
g eic ei dürfte das Verhältniss der Innern Consumtion von Gewerbs- 
erzeugnissen sein. 
Was den Verbrauch von sog. „Colonialwaaren“ betrifft, so be 
tragt derselbe pr. Kopf: 
ln Russland im deutschen Zollvereine 
Kaffee 0,14 Zollpfund 3,07 Pf. 
Zucker 1,85 - 7,25 - 
Bei gleicher Kopfzahl ist also in Deutschland der Verbrauch von Zucker 
tast 4-, jener von Kaffee fast 27mal so gross als in Russland. (Vergl. 
auch „Grossbritanien“, S. 21.) 
Im russischen Zollwesen herrscht das Prohibitivsystem vor 
(neuester Zomrif von 12. März 1822, mit ModiHcationen noch fort- 
estehend), ohne dass das erstrebte Emporbringen der inländischen 
volkeiung des Staates (ohne Polen etc.) hatte die Ausfuhr betragen: 
1760 : 18’650,000 Silber-Rubel 
1768: 24’975,000 
1775: 32’196,000 
In den verschiedenen Perioden des gegenwärtigen Jahrhunderts: 
Einftihr Ausfuhr Jahre Einfuhr Ausfuhr 
40% Mill. 49 Mill. 1837—41 : 73% Mill. 85'/, Mill. 
- 53% - 1842—46 : 79% - 88 
47 Vj - 52% - 1848—50 : 92% - 91% - 
û4 - 65%. 1851 mit Polen 103% - 97'/. - 
63 A - 66 - (Die Ziffern von 1852—54 siehe oben.) 
11 Dieselbe wurde vor dem Kriege so berechnet : 
6 Segelschiffe, mit einer Bemannung von 10,800, und einer La 
dungsfähigkeit von 86,500 Lasten (à 40 Cntr.). Die Schiffe sind 
nieistens klein; viele fuliren nur unter russ. Flagge, indess sie in 
Wirklichkeit Griechen etc. gehörten. Unter den 1851 in russ. Häfen 
eiiigclaufenen 7323 Schiffen mit 579,396 Lasten befanden sich nur 1019 
i'uss. zu 78,662 Lasten, dagegen 1875 engl, zu 187,386 L. 
Eisenbahnen. Nicht mehr als drei sind in dem Ungeheuern Land 
“u Betriebe, zus. von 133 deutschen Meilen Länge (von St. Peters 
burg nach Zarskoje-Selo, 3% Meil. ; von Warschau nach Krakau, 41V4, 
und von Petersburg nach Moskau, 88 Meil.). Im Baue begriffen sind 
5 Bahnen, von 382 Meil. Der Krieg hat Russland die Nothwendigkeit 
Jahre 
1802— 5 
1819—22 
1823—26 
1827—32 
1833—36
        <pb n="106" />
        90 
OESTERREICH — Land und Leute. 
schleuniger Herstellung von Eisenbahnen gezeigt, und voraussichtlich 
werden deren nun viele rasch ausgeführt werden. 
Taglohn: gewöhnlich, nebst Kost, 20 — 50 Kupferkopeken 
(6 bis 15 Krzr. rhein. oder 22 — 55 Cent); in der Erndte steigend 
bis auf 2 Rub. Papier (1 fl., über 2 Frkn.) 
ZinsfhSS : sehr hoch, selbst bei Hypotheken IV4, IV2» sogar 
2 Proz. monatlich. 
MtinZO, IRaaSSO; Gewicht. Geldeinheit: der Silber-Rubel, 13 Stück 
auf die Köln. Mark fein, sonach 1 fl. 528/jq Krzr. oder 1 Thlr. 2,36 Sgr. ; oder 
13 Silb.-Rub. sind gleich 24% fl. oder 14 Thlr. Der Rubel beiläufig 4 Fr. — 
Unterabtheilung in 100 Kopeken. Der Werth des Papier-Rubel ward 1839 so 
bestimmt, dass 1 Silber-Rubel gleich sei 3 Rub. 50 Kop. in Papier. Auch der 
Papier-Rubel ward in 100 Kopeken (Kupfer-Kopeken) getheilt 
Die Elle, Arschine, 345,4 Pariser Linien; 100 Arschinen = 71,14 Meter, 
106,55 Berliner Ellen, oder 77,78 engl. Yards. — Der russ. Fuss ist genau 
der englische von 135 franz. Linien. — Die Sasche oder Klafter == 7 engl, 
oder 6,8 rhein. Fuss, 2,13 Meter. — Die Werst (russ. Meile), 3500 engl. Fuss, 
104,25 auf 1 Gr. des Aequators, = 6,95 russ. Werst 1 geogr. Meile. Die 
Dessjätine = 4,28 Bert Morgen oder 1,09 Hectaren; — 5022,3 Desslätinen 
= 1 Quadrat-Meile. 
Getreidemaass : Der Tschetwert = 209,9 Lit. oder 3,82 Bert Scheffel, 
oder 0,72 engt Quarter. 
Gewicht: 100 Pf. russ. = 40,9 Kilogr., 81,8 deutsche Zollpfund. — 
Das Pud hat 40 russ. Pfund. Das Berkowetz (Schiffsgowicht) = 10 Pud oder 
400 russ. Pfund. 
Oesterreich (Kaiserthum). 
Laud und Leute. 
Oesterreich, bis zur neuesten Zeit ein Conglomérat verschiedener 
Staaten, soll jetzt in einen Einheitsstaat umgewandelt werden. 
Umfang und Bevölkerung der Provinzen. 
* Nieder-Oesterreich 
* Ober-Oesterreich 
* Salzburg 
* Steiermark, 3 Kreise 
* Kärnthen 
* Krain 
tKüstenland, 2 Kreise 
* Tirol und Vorarlberg, 4 Kreise . 
* Böhmen, 7 Kreise 
* Mähren, 2 Kreise 
* Schlesien 
t Galizien, 13 Regierungsbezirke 
Bukowina 
Dalmatien 
Lombardei, 9 Provinzen .... 
Venedig, 8 Provinzen ..... 
Ungarn, 5 Districte, 45 Gespannschaften 
Wojwodschaft Serbien u. Temeser Banat, 5 Distr. 
Croatien und Slavonian, 6 Gespannschaften . 
Siebenbürgen, 5 Kreise .... 
d. Q,-M. 
361 
218 
130 
409 
188 
181 
145 
523 
944 
404 
94 
1’421 
190 
232 
392 
434 
3,265 j 
545 
333 
1,103 ) 
Bevölkerung 
1846 ' íãTo/sj 
1’494,399 1’538,047 
713,003 706,316 
143,689 146,007 
1’003,074 1’006,971 
318,577 319,224 
466,209 463,956 
500,101 508,016 
859,250 859,706 
4’347,962 4’409,900 
1784,592 1799,838 
466,002 438,586 
4734,427 4’555,477 
371,131 380,826 
410,988 393,715 
2’670,833 2725,740 
2’257,200 2’281,732 
I 7’864,262 
' 868,46^ 
2’073,737
        <pb n="107" />
        OESTERREICH — Land und Leute (Nationalitäten). 
Milit^grenze, 2 Landes-Militär-Commissariate 610 1’282,309 1’009 109 
iiiezu das Militär .... - - 738¡624 
Dip * . Zusammen 12,120 36773,748 36’514,466 
^ mit bezeichneten Provinzen gehören zum deutschen Bundes- 
t bezeichneten gehört ein Theil dazu, nämlich 
om i^iistenlande die grössere Hälfte, 86 Q.-M., von Galizien dagegen 
"Ul ein kdemer B(»drk vcni 8 
__ ßcstandtheilc. Sonach ergeben sich für die 
•bander im deutschen Bunde 3,54.6 Q.-M. und etwa 12'/, Mill. Bewohner, 
ausserhalb des Bundes 8,575 - - - 24 - 
Im Ganzen zerfällt indess Oesterreich in folgende 4 Haupttheile : 
Deutsche Länder 3,546 Q.-M., 12% Mill. Menschen, 
Ungarische - 5,246 - 14'/j - 
Polnische - 1,413 - 4'^ - 
Italienische - 826 - 5 . 
. Oesterreich bildet also keineswegs einen durch natürliche Verhält 
nisse und in natürlichen Grenzen gebildeten Staat, sondern es ist ein 
Konglomerat verschiedener, da und dort (z. B. von Italien, von Polen etc.) 
osgetrennter ^ und künstlich vereinigter Landschaften und Provinzen. 
Oemzufolp ist das Gebiet fast in allen Richtungen offen und blos- 
gestellt (besonders in Italien und Galizien), während im Innern des 
Staates die hohen Alpen, die Karpathen u. s. f. die verschiedenen 
Gebi^sthmle schroüF und für ewige Zeiten von einander trennen. Auch 
enthärt Oesterreich des Besitzes der Mündungen seiner Ströme, jene 
entwicklung ermangelt einer günstigen Küsten- 
Ausdehnung. Die grösste Längenausdehnung Oesterreichs beträgt 
186, die grösste Breitenausdehnung 94 Meilen. — Von Wien nach 
den entferntesten Punkten des Staates sind 110 Meil.; nach dem näch 
sten Punkte der russ. Grenze (in gerader Linie) nur 38, der türk 
Grenze 45, der franz. 80 Meilen. — Oesterreich grenzt an 12 (die 
Walachei und Serbien besonders gerechnet an 14) fremde Staatsgebiete, 
uie Gesammtgrenzen des Staates haben eine Länge von 8841%, oder, 
wenn man das Küstengebiet dazu rechnet, von 1150 Meilen. Hievon 
kommen auf die Grenze gegen die Türkei 330, gegen Russland und 
Oien 141, Baiern 136, Preussen 84, die Schweiz 69, Sardinien 20, 
arma 14, die Römischen Staaten 13, Modena 10 Meil. (Reden.) 
Bodoubcnfitzung, nach österreichischen Jochen berechnet: 
36’513,850 Aecker, 110,546 Reisfelder (in Italien), 
51 311,509 Waldungen, 67,249 Lorbeer- und Kastanienwälder 
15’557,205 Weiden, (davon 45,307 in d. Lombardei), 
14’085,769 Wiesen und Gärten, 41,376 Olivenwälder. 
1224,745 Weingärten, 
Nationalitäten. Auch die Völker, welche der österr. Staat um- 
lasst, sind äusserst verschieden, nach Abstammung, nach Bildung, 
Sprachen, Sitten und Religion. Ebenso, wie das Reich eine Menge 
Von Ländern und Landestheilen in sich begreift, umschliesst es 
oine Menge von Volksstämmen oder von Theilen derselben. Dabei 
besitzt keiner der vorhandenen Stämme ein absolutes Uebergewicht
        <pb n="108" />
        92 
OESTERREICH — Land und Leute (Nationalitäten). 
über die andern. Die Sluven sind relativ weitaus am zahlreichsten j 
allein sie stehen an Bildung viel zu sehr zurück, um eine Präpon- 
deranz zu üben. Die Deutschen bilden nur der Bevölkerung, und 
überdies sind sie den Italienern geistig nicht oder nicht wesentlich 
überlegen. (Wir sehen zwar, dass Russland noch mehr verschiedene 
Nationalitäten in sich vereinigt; allein der Hauptvolksstamm besitzt 
dort eine numerisch entschiedene Ueberlegenhcit.) 
Die wichtigsten Stammverhältnisse sind : 
1) Slaven : Polaken und Ruthenen 
Czechen, Mähren, Hannacken etc. 
Südslaven (vielfach getheilt) 
Zusammen (43% Proz.) 
2) Oermanen: Deutsche im Bundesgebiete ' 
- ausserhalb desselben (vielfach zerstreut) 
Zusammen (20% Proz.) 
3) Magyaren (lö'/i - ) 
4) Italiener, mindestens (14*74 
6,200,000 
6’300,000 
4’100,000 
T6’600,000 
5’300,000 
2’500,000 
7’800,000 
5’800,000 
Der Rest kommt auf die Juden (fast 800,000), Zigeuner (angeblich 97,0001 
Armenier (17,000), Griechen (10,000) etc. 
Eine andere Berechnung stellt folgende Unterschiede auf: 
SHven 15’282,196 
Romanen im weitern Sinne . . . 8’104,766 
Deutsche 7’917,195 
Asiatische Stämme (Magyaren, Juden etc.) 6’279,608 
^ Total 37’583,755 
(Die Gesammtziffer ist wohl um eine 1 Million zu hoch). 
Dichtigkeit der Bevölkerung. Nach österreichischen Quadr.- 
Meilen berechnet, welche um ungefähr V20 grösser sind als die deut 
schen, und deren das Reich 11,593 (= 12,120 deutsche) umfasst, 
betrug die Einwohnerzahl nach dem letzten Census auf je eine öster 
reichische Quadrat-Meile : 
Lombardei . . . 7267 
Venedig .... 6498 
Schlesien .... 4900 
Böhmen .... 4878 
Mähren .... 4660 
Nieder-Oesterreich . 4448 
Küstenland . . . 3673 
Ober-Oesterreich . . 3391 
Galizien .... 3353 
Serbien, Banat . . 2737 
Croatien, Slavonien 2729 
Krain . . . . 2674 
Steiermark . . . 2576 
Ungarn .... 2518 
Bukowina . . . 2099 
Siebenbürgen . . 1966 
Kärnthen . . . 1776 
Dalmatien . . . 1771 
Militärgrenze . . 1731 
Tirol .... 1718 
Salzburg . . , 1171 
Bevölkerungswechsel. Wenn wir die oben mitgetheilten Be- 
völkerungszitfern von 1846 und IS^Vsi vergleichen, fällt uns die 
Verminderung der Volkszahl sowohl im Granzen als in einzelnen 
Provinzen auf. (Sollte im Jahr 1846 nicht das Militär der Civilbcvöl- 
kerung beigerechnet sein, so ergäbe sich eine noch viel bedeutendere 
Verringerung.) Am grössten war der Menschenverlust in Ungarn (angebl. 
700,000), der Militärgrenze (270,000) und Gralizien (180,000). in 
den italienischen Provinzen zeigte sich, trotz des furchtbaren Krieges, 
eine Zunahme. — Es kann nicht Wunder nehmen, dass eine Vor-
        <pb n="109" />
        OESTERREICH — Land und Leute (Auswanderungen). 
93 
minderung der Einwohnerzahl eintrat in Folge der schrecklichen 
Vorfälle in Galizien und später in Böhmen; dann der Revolutionen 
in Wien, in Ungarn und Italien ; endlich auch in Folge Einwirkung 
der gestörten Verkehrs- und Geldverhältnisse, und des Menschen und 
Geld verschlingenden, bewaffneten Friedens (Seuchen beim Militär). 
Ein- und Auswanderungen sind in Oesterreich nicht häufig. In 
den 25 Jahren von 1819—45 sollen, Ungarn und die Militärgrenze 
nnberücksichtigt, die Einwanderungen einen Ueberschuss von 186,111 
Menschen ergeben haben. In neuerer Zeit erlangten auch in Oester 
reich die Auswanderungen eine viel grössere Ausdehnung. Doch scheint 
in den jüngsten Jahren ein Rückschlag erfolgt zu sein, indem, nach 
den amtlichen Ziffern, und ohne Ungarn, betrugen : 
1854 1855 
die Auswanderungen 4228 3978 
„ Einwanderungen 4598 4000 
Dass nach den officiellen Angaben das Vermögen der Einwanderer 
weit grösser gewesen sei, als das der Auswanderer, beweist nichts, 
weil man die heimlichen Auswanderungen nicht angibt, wonach auch 
obige Ziffern zu berichtigen wären. 
Geburten- und Sterbefälle. Ungarn und die Militärgrenze un 
gerechnet, nimmt Becher für 1819—43 zusammen an; 19798,400 
Geburten, 15'649,300 Sterbfälle, sonach Vermehrung 4749,100. Das 
Verhältniss war aber schon in jenen Jahrzehnten höchst ungleich: 
1819—28 kamen auf 100 Geburten 71,9 Sterbfälle, 1829—38 86,6, 
1839—43 78,3. (Im Cholerajahre 1831 überstieg die Zahl der Sterb 
fälle jene der Geburten in der Lombardei um 25,039, in Venedig um 
19,248, Tirol 5229, Niederösterreich 4948 und Kärnthen um 1870.) 
Das Verhältniss der ehelichen zu den unehelichen Geburten wird 
verschieden berechnet, zwischen 1 zu 7,75 und 1 zu 9,82. Das letzte 
sind indess die älteren Ziffern. In den einzelnen Landestheilen ergaben 
sich auch in dieser Beziehung grosse Abweichungen. Im Jahre 1844 
war das Verhältniss : in Oesterreich unter der Ens wie 1 zu 2,93, 
in Steiermark 2,97, Oberösterreich 4,0; dagegen: Militärgrenze 1 zu 
88,4 (Folge der leichten Ansässigmachung !), in Siebenbürgen 1 zu 36, 
in Venedig zu 39, in Dalmatien zu 29. — Das Verhältniss der männ 
lichen zu den weiblichen Geburten soll mit geringen Abweichun 
gen 1 zu 0,94 sein. 
Hoifäthen (nach Czernig) 1841 ; 306,210 (wovon 89,500 in 
Ungarn, 18,179 in Siebenbürgen, 14,409 in der Militärgrenze). Es 
kam eine Ilcirath : 
1841 auf 118 Einw. 1843 auf 119,53 Einw, 
1842 - 124,08 - 1844 - 124,17 - 
Während der 3 letztbezeichneten Jahre schwankte das Verhältniss: 
ln Oberösterreich zwischen 143 u. 154 
- Steiermark 
- Kärnthen und Krain 
- Tirol 
Dagegen : 
in Böhmen zw. 119 u. 125 
- Mähren u. Schlesien - 115 - 128 
- Galizien - 96 - 106 
- der Lombardei • 107 ■ 124 
129 - 175 
153 - 178 
154 - 169
        <pb n="110" />
        94 
OESTEREEICH — Land und Leute (Confessionen). 
Geschlechts* und Familienzahl (nach Reden) : 
Provinzen Familien Männlich Weiblich 
Deutsche 2’860,089 5’810,077 6’38C,490 
Nichtdeutsche 5’339,812 11’658,175 ir921,098 
— Militär 738,624 
Zusammen 8’199,901 18’206,876 18’307,588 
Auf die Familie sollen in den deutschen Provinzen 4,2G, in 
den übrigen Landestheilen 4,41, irn Durchschnitte 4,36 Köpfe kommen. 
Eine aus dem Jahre 1841 herrührende Berechnung ergab durclisclmitt- 
lich 4,78, mit folgenden Abweichungen: 
in Ungarn 4,26 in Steiermark 5,00 
im Küstenlande 4,32 - der Lombardei 5,11 
in Böhmen 4,34 - Venedig 5,17 
- Galizien 4,34 - Siebenbürgen 5,71 
- Wien 4,39 - Dalmatien 6,03 
- Mähren 4,43 - der Mil.-Orenze 9,25 
- Oberösterreich 4,59 
Alle diese Berechnungen ermangeln indess der Verlässigkeit. 
Confessionen. Römische Katholiken, in allen Hauptländern 
die Mehrzahl, Siebenbürgen ausgenommen, ungefähr 26’400,000. Grie 
chische Katholiken 3700,000 (wovon 2700,000 in Galizien). Ortho 
doxe Griechen 3700,000 (davon 1’400,000 in Ungarn, 725,000 in 
Siebenbürgen, 600,000 in der Militärgrenze, 300,000 in Galizien, 
80,000 in Dalmatien). Protestanten 3% Mill. ; nämlich 2’200,000 
Reformirte (1700,000 in Ungarn, 360,000 in Siebenbürgen, 52,000 
in Böhmen etc.) und 1’300,000 Lutheraner (davon 830,000 in Ungarn, 
220,000 in Siebenbürgen, 90,000 in Mähren, 35,000 in Böhmen). 
60,000 Angehörige anderer christlicher Secten. Etwa 800,000 Juden. 
' Die katholische Kirche ist in jeder Beziehung die bevorzugte, 
ln ganzen Provinzen (Tirol) werden Protestanten nicht einmal geduldet. 
Selbst das vielfach angefeindete „Toleranzedict“ Joseph des II. pro- 
clamirte blos ein Dulden der Akatholiken, unter Verweigerung 
der Rechtsgleichheit. Noch gegen die Mitte unseres Jahrhunderts sah 
man die Verdrängung der Zillerthaler ihres kirchlichen Glaubens 
wegen. Die in Folge der Revolution von 1848 verkündete Rechts 
gleichheit ward schnell wieder beseitigt; besonders empfanden dies 
die Juden. Das Concordat von 1855 räumt der katholischen Geist 
lichkeit ungemeine Befugnisse ein. Unter solchen Verhältnissen kann 
es um so weniger Wunder nehmen, wenn die orthodoxen Griechen 
(wie schon früher versichert ward) den Czaar, als ihr religiöses Ober 
haupt, in ihre Kirchengebete einschliessen sollen. 
Städte. Die Bevölkerung Oesterreichs bewohnt 70,513 Gemein 
den, nämlich 887 Städte, 2318 Marktflecken und 67,308 Dörfer. Nur 
5 Städte zählen mehr als 100,000 Einw. Nach der Aufnahme von 
1853: Wien 431,147 (im Jahre 1754: 175,609; 1780 : 202,044- 
1816 : 245,080; 1820: 262,226; 1837: 333,582 [wovon 53,450 
auf die innere Stadt, 280,132 auf die 34 Vorstädte, ungerechnet das 
Militär], 1843: 375,834; 1854, ohne Garnison, 431,889); — Mailand 
168,596, Prag 118,405, Pesth 106,379, Venedig 106,353 (1851 noch
        <pb n="111" />
        OES TEEREICH — Land und Leute (Gebiets Veränderungen). 95 
123,290!) — Mehr als 50,000 haben Lemberg, Triest, Gratz, Padua, 
Verona, Krakau, Szegedin und Ofen; mehr als 40,000: Maria-There- 
siopol, Brünn und Pressburg; mehr als 30,000: Bergamo, Brescia, 
Vicenza, Cremona, Corpi Santi von Mailand, Vasarhely-Holdmezö, 
Kecskemet und Debrezin; mehr als 20,000: Mantua, Chioggia, Pavia, 
Gonzaga, Udine, Treviso, Linz, Cronstadt, Cseba, Szentes, Gross 
wardein, Arad, Mako, Zembor, Teineswar und Czernowitz; mehr als 
10,000 85 Städte, worunter: Klausenburg, Hermannstadt, Erlau, 
Oedenburg, Raab, Komorn, Brody, Tarnopol, Agram, Fiume, Lodi, 
Monza, Como, Olmütz, Budweis, Eger, Pilsen, Troppau, Laibach, 
Klagenfurt, Salzburg, Innsbruck etc. 
Gebietsveränderungen, Unter Ferdinand dem I. umfasste das 
Reich erst 5400 Q.-M. Durch den Prager Frieden, 1635, verlor es 
die Lausitz an Sachsen, durch den Westphälischen, 1648, das Eisass 
an Frankreich. Dagegen erfolgte 1687 die Unwandlung Ungarns in 
ein österreichisches Erbreich, und gleichzeitig ward die Herrschaft über 
Siebenbürgen gesichert. Die Frieden von Carlowitz und Passarowitz, 
1699 und 1718, unterwarfen Serbien, Theile der Walachei, Croatiens 
und Bosniens. Dagegen gelangte Oesterreich nur in den Besitz eines 
kleinen Theiles der „spanischen Erbschaft“ (Rastatter und Badener 
Frieden von 1714), nämlich der spanischen Niederlande, Mailands, 
Neapels und Sardiniens, welches letzte 1720 gegen Sicilien umge 
wechselt ward. Der Staat hatte nun einen Umfang von etwa 9050 
Q.-M. — 1735 und 38 gingen Neapel, Sicilien und ein Theil von 
Mailand verloren, wogegen nur Parma und Piacenza erlangt wurden. Der 
Belgrader Friede, 1739, kostete Serbien, und Friedrich II. nahm 1740 
Schlesien. 1772 erlangte Oesterreich (in der ersten Theilung Polens) 
Galizien und Lodomerien. 1777 trat die Pforte die Bukowina ab. 
Der Teschener Friede verschaffte dem Staate von Baiern das Innviertel 
und einige schwäbische Gebiete. Er umfasste über 11,000 Q.-M. 
Statistische Uebersicht von 1786. 
A. Zum deutschen Beiehe gehörende Erhlande : 
Q,-M. 
Oesterreichischer Kreis . 2,145 
Königreich Böhmen . • 961 
Markgrafschaft Mähren . 396 
Oesterreichisch Schlesien . 81 
Oesterreichische Niederlande 469 
Zusammen 4,052 
Bevölkerongl 
4’182,000 
2’266,000 
1’137,000 
200,000 
1’880,000 
9’665,000 
B. Ausserdeuische Staaten : 
Lombardei 
Ungarn . • • • 
Illyrien . • • • 
Siebenbürgen . 
Bukowina • ‘ ' 
Galizien und Lodomerien 
192 
3,721 
808 
1,050 
178 
1,280 
1’324,000 
3,170,000 
620,000 
1’250,000 
130,000 
2’800,000 
Zusammen 7,229 9’294,000 
Gesammtsumme 11,281 18’959,000 _
        <pb n="112" />
        96 
OESTERREICH — Land und Leute (Gebietsveränderungen). 
erfolgten Veränderungen im Territorialbestande, namentlich der Lombardei und 
Galiziens, eingetretenen Veränderungen nicht übersehen werden dürfen. Der 
„Oesterreichische Kreia^^ begriff: 1) Das Erzherzogthum Oesterreich; 2) Inner- 
Oesterreich, nämlich: Steyermark, Kärnthen, Krain, das österr. Friaul und das 
Triester Gebiet; 3) Oberösterreich, — Tirol und Vorarlberg; 4) Vorderösterreich 
nämlich : ’ 
das Breisgau . 
Schwäbisch-Oesterreich 
Hohenembs 
Falkenstein 
Langenargen und Tetnang 
54 
46 
8% 
2'/2 
6 
Bevölkerung 
150,000 
117.000 
3,700 
4,000 
12,800 
112 287,000 
(Hiezu gehörten: Freiburg im Breisgau, Constanz, Günzburg, das Frickthal im 
jetzigen Schweizer-Kantone Aargau. Falkenstein lag auf dem linken Rheinufer, 
am Donnersberge, im Umfange der jetzigen baier. Pfalz.) — Die „Oeaierr. Nie 
derlande''^ umfassten den grössten Theil des heutigen Königreichs Belgien (Brüssel, 
Löwen, Antwerpen, Ostende, Mecheln, Gent, Brügge, Mons, Namur,) — ohne 
Lüttich, dagegen mit Luxemburg und Limburg. _ Diq „Lombardei"' begriff nur 
die Herzogthümer Mailand und Mantua (mit Pavia, Cremona, Lodi, Como und 
auch Casale.) 
Bald traten grosse Veränderungen in diesem Territorialbestand 
ein. Durch die dritte Theilung Polens, 1795, erhielt Oesterreich auch 
„Westgalizien.“ Dagegen entriss ihm der Friede von Campo Formio, 
17. Oct. 1797, die Niederlande, die Lombardei, Falkenstein etc. = 
663 Q.-M. und 3’210,000 Mensclien. Es erhielt dagegen das östlich 
der Etsch gelegene Oebiet der Republik Venedig, sammt dieser Stadt 
selbst, und Dalmatien = 760 Q.-M. mit 2T00,000 Einw. und 12 Mill. 
Einkünfte. (Der Kaiser überliess dafür seinerseits das dem deutschen 
Reiche gehörende linke Rheinufer an Frankreich.) Der Friede von 
Luneville (nach den Feldzügen von Marengo und Hohenlinden), 
9. Febr. 1801, bedingte den Verlust des Breisgaus und Frickthals, 
verschaffte Oesterreich dagegen die Erzstifte Trient und Brixen. Der 
österreichische Staat umfasste nun 11,976 Q.-M. (Unterm 11. August 
1804 erklärte sich der Beherrscher zum „Erbkaiser von Oesterreich.“) 
Gemäss des Pressburger Friedensvertrags vom 26. Dec. 1805 (nach 
dem Feldzuge von Ulm und Austerlitz) musste Oesterreich weiter ab 
treten : an das „Königreich Italien“ (d. h. an Napoleon) Venedig sammt 
allen italienischen Besitzungen; an Baiern : Burgau (Vorderösterreich), 
Eichstädt, seinen Antheil an Passau, Tirol, Vorarlberg, Hohenembs, 
Rothenfels, Tetnang, Argen und Lindau ; an Württemberg : die 5 obern 
Donaustädte, die Grafschaft Hohenberg, die Landgrafschaft Ncllenburg, 
die Landvogtei Altorf und einen Theil des Breisgau; an Baden: das 
übrige Breisgau, die Ortenau, Constanz und die Commende. Es er 
hielt dagegen Salzburg und Berchtesgaden. — Oesterreich hatte nun 
einen Umfang von 10,900 Q.-M. und eine Bevölkerung von 22’400,000 
Menschen. — Der Friede von Wien, 14. Oct. 1809 (nach der Wag- 
ramer Schlacht), kostete: den Villacher Kreis, Krain, Triest, 6 kroa 
tische Grenzregimentsbezirke und die grössere Hälfte der Gespanschaft 
Agram, woraus Napoleon die „Illyrischen Provinzen“ bildete ; ferner 
mussten an das Herzogthum Warschau abgetreten werden; Westgalizien, 
der Zamoscer-Kreis und ein Bezirk bei Krakau ; an Russland : ein
        <pb n="113" />
        7 
OESTERREICH — Finanzen. 97 
Theil von Ostgalizien und der Tarnopoler Kreis mit 400,000 Men- 
^hen; an Baiern: Salzburg, das Innviertel, der grössere Theil des 
Hausruckviertels und Berchtesgaden. Der Gesamintverlust ward zu 
2035 Q.-M. und 3’304,262 Menschen berechnet. — Der Pariser Friede 
von 1814 und der Wiener Congress, 1815, gaben Oesterreich seinen 
jetzigen Bestand, mit Ausnahme von Krakau, welches „freie Stadt“ war, 
imd erst 1846 zufolge einer Uebereinkunft unter den „Schutzmächten“ 
dieser Freistadt (Oesterreich, Russland und Preussen) dem Ersten in- 
corporirt wurde. — Beim Friedensschlüsse von 1815 schätzte man die 
Einwohnerzahl Oesterreichs auf 28 Mill. 
Finanzen. 
Laufende Einnahmen und Ausgaben. Vor 1848 war das Finanz 
wesen vollständig in Dunkel gehüllt. Seitdem werden alljährlich die 
Hauptergebnisse der Rechnungen bekannt gemacht, und sie gewähren 
^nen bessern Ueberblick, als das, was wir über die Budgets erfahren. 
Hier die neueste dieser Abrechnungen, vom Rechnungsjahre 1855 
(d. h. vom 1. Nov. 1854 bis dahin 1855). 
Einnahmen : 
Direkte Steuern, nämlich: Grundsteuer 60748,126, Häusersteuer 
10’588,961‘, Erwerb- 9’156,307, Einkommen- 7’339,273, andere 
Steuern 132,590 ..... zusammen fl. C.-M. 
Indirekte Abgraben ; Verzehrsteuer 29’277,527, Zoll 19’666,482, Salz 
25’578,321, Tabak 25’165,480, Stempel und Taxen 27’460,109, 
Lotto 6’511,160, Post 2’452,309, Mäuthe 2’699,012, And. Ge 
fälle 380,369 = 
Domänen: Staatsgüter 3’620,944, Eisenbahnen 6411,673, Telegra 
phen 170,726, Fabriken Abgang 498,130, Bergwes. Abgang 
64,088, Bau der Montan-Eisenbahn im Banate, Abg. 799,488, 
Münze 890,479, Sonstiges 105,197 = 
Ueberschüese des allgem. Tilgungsfonds und des lomb.-venet. Amor^ 
tisationsfonds 
Verschiedene Einnahmen .... 
87’965,257 
139490,769 
9’537,313 
10’257,980 
11’557,596 
Ausserordentliche Einnahmen 
Ausgaben: 
l' Hofstaat 6743,813 
q ^aoinetskanzlei ... 39,973 
o- Ministerconferenz . . 31,508 
• Reichsrath und Archiv . 180,426 
' Ministerium des Aeussern 2’214,942 
- - Innern . 21'325,211 
' - der Finanzen 25751,205 
Gesammtsumme der ordentlichen Einnahmen 258’508,915 
6’277,970 
8. 
- Justiz . 15,366,146 
Total 263786,885 
a. ordentliche : 
9. Ministerium des Cultus 
u. Unterrichts . . 5’306,880 
10. dto. für Handel, Ge 
werbe u. öffentl.Baut. 
11. Armee-Obercommando 
12. Oberste Polizeibehörde 
13. Controlbehörden . . 
14. Staatsschuld . . . 
17’937,429 
114’320,715 
10453,691 
3796,198 
77407,532 
Zus. ordentl. Ausg.ToO’8757669 
Ausserordentliche : 
Ausserordentlicher Militäraufwand 
Zahlung an Parma 
Wonach Deficit .... 
101721,117 ) 101’810,613 
89,396 } # 
Total-Staatsbedarf 402’686,182 
138’899,297
        <pb n="114" />
        98 
OESTEREEICTÎ — Finanzen. 
Seit Wiederconsolldirung des Staates nach Unterdrückung der 
Revolution und nach Durchführung der neuen Organisation waren die 
Reclmungsergehnisse : 
1R52 1353 
Ordentliche Ausgabe . 274’587,121 28r/.313,6t0 
Ausserordentliche Ausgabe ö'225,Hl8 7'r&gt;47,()18 
Gesammtausgahe . . 279‘812,430 2!)3 000,(528 
Gesammteinnahme . . 226’3C5,108 237'130,003 
1854 
294’520,681 
Ol’h 10,005 
380,040,040 
245’333,724 
Dehzit .... 53’44 7,331 50’823,035 140712,922 
Die „ordentlichen" Ausgaben allein erheischen fortwährend weit mehr, 
als die ordentlichen und ausserordentlichen Einnahmen zusammen ertragen. 
Bejiierlcungen zu dev Ehwrdnuev. Von den 3 I laupteinnahmo- 
positioncn kommen 
auf die Domänen . . 4,03 Proz. 
- direkten Steuern . 37,10 - , 
- indirekten Auflagen 58,81 
Ebenso wie in England und Frankreich, fällt auch hier der ge 
ringe Ertrag der Domänen auf. In Wirklichkeit ist das unmittelbare 
Staatseigenthum bei Weitem nicht mehr so bedeutend, wie man nach 
der Ausdehnung des Reiches erwarten sollte. Vieles ward früher 
verschleudert. Dazu kommt aber noeb weit mebr eine unzweckmässige 
Bewirthsebaftung; denn der verbältnissmässig kleine Ertrag dieser 
Güter stellt in gar keinem Verhältnisse zu ihrem Werthe. — Das 
BeMeuerungswesen ist gleichfalls in vielen Beziehungen verwerflich. 
Man war genöthigt, die directen und indirecten Steuern möglichst in 
die Höhe zu treiben ; doch ungeachtet dessen konnte man nicht einmal 
annähernd eine Ausgleichung mit dem Bedarfe erzielen. Viele Auflagen 
treffen die nothwendigsten Lebensbedürfnisse: Brod, Fleisch, Salz; 
dann Wein, Bier, Tabak etc. Der Staat unterhält das sittenverderb 
liche Zahlenlotto, und gestattet, gegen Abgabe von 10 Proz., Privat- 
Güterlotterion (diese sollen 30,000 bis 200,000 fl. jährlich ertragen!). 
— Es ist übrigens zu bemerken, dass die vorstehenden Summen sämmt- 
lich aus Nettobeträgen bestehen, von denen man die sehr bedeuten 
den Erhebnngs- und Betriebskosten bereits abgesetzt hat. Zu Anfänge 
der 1840er .Jahre, bei einer Reineinnahme von 79T00,000 fl., beliefen 
sich die gedachten Kosten auf .36*700,000. — In den 11 Jahren 
184.5—55 sind allerdings die ordentlichen Einnahmen um 98, es sind 
daneben aber die ordentlichen Ausgaben um 148 Mill, gewachsen. 
Da die Bevölkerung des Steuerbezirks 1845 nur 22V2 Mill. Menschen 
betrug, so liätte man, nach den grossen Erhöhungen der Steuern und 
nachdem Ungarn dem österreichischen Steuersysteme unterworfen 
worden, eine grössere Vermehrung der Einkünfte erwarten dürfen. — 
Tm letzten .Jahre sind die Erträge der líinkommenstcuer um 78,000, des 
Salzmonopols um 1*810,000 und der Mäuthe (Accise) um 170,000 fl. 
gegen das Vorjahr herabgegangen; die Zolleinkünfte sind seit 1852 
um mebr als 9 Millionen gesunken (der Ertrag der Zölle war 1853 
28*728,16.^. Gerade dies sind Einkünfte, welche auf Steigen oder 
Sinken des'Volkswohlstandes schliessen lassen. Dagegen erhöhte man 
die directen Steuern; allerdings stiegen auch die Erträge der „Ver-
        <pb n="115" />
        OESTERREICH — Finanzen (Das Deficit). 99 
zclirungsabgaben,“ dann überdies jene des Lotto (!), endlich die der 
Post, letzte in Folge billigerer Tarifsätze. 
Bemerhing zu den Ausgaben. Da 1855 die Staatsschuld fast 
77V2, clic Armee aber sogar über 21G Mill, zusammen 293V2 Mill, 
verschlangen, so erheischten diese beiden unproductiven Posten allein 
beinahe 30 Mill, mehr, als alle Einkünfte des Staats betrugen! Und 
doch war 1855 kein Jahr des Krieges, sondern nur des bewaffneten 
I'riedens. (1845 hatte der Etat des Kriegsministeriums erst 52V3 
Mill. fl. betragen.) In den beiden furchtbaren Revolutions- und Kriegs 
jahren 1848 und 49 zusammen kostete das Heer doch nur 237’272,343 
11-; in den beiden Rüstungsjahren 1854 und 55 dagegen zusammen 
424’737,688 fl. In jenen beiden Jahren hatte man ein Deficit von 
167’01 6,450, in diesen beiden aber von 279’612,219 fl. — Die Aus 
gaben für die Armee waren ; 
1852 1853 1854 1855 
Ordentlicher Etat nO’843,321 111'967,91G 117’401,192 n4’320 715 
Ausserordentl. - 3463,236 5761,944 91'294,664 101721^117 
Allerdings ward seitdem die schon vor dem Frieden begonnene 
Reduction weiter durchgeführt, doch ergibt sich noch 1856 eine unver- 
hältnissmässige Ausgabe für das Heer. — Eine constante Steigerung 
von Jahr zu Jahr erfuhr die Ausgabe für die Staatsschuld. Vor 
1816 bezahlte der Staat an Zinsen seiner Schuld 5’381,000 fl. • 1831 
ko.stete die Schuld schon 21, 1842 bereits 49 Mill; 1852 62 608 000 
1853 66’819,173, 1854 72148,316 und 1855 77107,532 1856 
wird der Bedarf jedenfalls 80 Mill, übersteigen. — Was die Ausgaben 
fíir den Hof betrifft, so ist der Ertrag der sog. „Familiengüter“ 
(deren Werth man auf mehr als 12 Mill schätzt) nicht eingerechnet. 
Irn Vorjahre erschien die Ausgabe für den Hof mit 7’55l,579 fl. _! 
Die Kosten der Beamten vermögen wir nicht anzugeben. Ungeachtet 
d^r oft geringen Besoldungen sind dieselben im Ganzen sehr bedeutend. 
(Vor 1848 schätzte man, abgesehen von Ungarn, 160,000 Civilbeamte, 
welche über 30 Mill, kosteten, ungerechnet so manche Nebenbezüge.) 
Das Deficit. Schon vor der Revolutionszeit von 1848 (sonach 
keineswegs erst in Folge derselben) hatte die Staatscasse ununter 
brochen gegen ein Deficit anzukämpfen. Aber damals hüllte man die 
Resultate in strenges Geheimniss, was freilich nicht verhindern konnte, 
dass die Verlegenheiten eben doch bekannt wurden. Seit 1848 ist 
ftneh nicht ein .fahr ohne colossales Deficit geblieben. Nach der mög 
lichst günstigen Gruppirung in den officiellen Darstellungen betrug das 
Deficit: 
1848 
49 
50 
51 
52 
45410,646 fi. C.-M. 1853 
12E905,805 - - 54 
54’864,862 - . 55 
62'223,630 - 
53447,331 
56 253,635 fl. C.-M. 
140,712,922 - - 
138’899,297 - - 
Defizitin 8 Jahren 673'988,127 fl. C.-M. 
In Wirklichkeit stellte sich das Verhältniss noch ungleich un 
günstiger, zumal in Betracht, dass unter den Einkünftg: grosse Summen 
‘‘ich befanden, welche nur durch Verminderung des Stammcapitals des
        <pb n="116" />
        100 OESTERREICH — Finanzen (Einkünfte früherer Zeit, Staatsschuld). 
Staatsvermögens (Veräussenmg von Domänen, Eisenbahnen etc.) erlangt 
wurden. (So wurde der Ausfall in den 4 l'h-iedens- und Ruhejahren 
1850—53 auf 365’750,00() fl. berechnet, statt der oben aufgeführten 
227’359,458, sonach um 138 Mill, höher. (Siehe die Detailangaben 
in der Turiner Zeitschrift „L’Opinionc“ vom 23. Aiig. 1854.) 
Einkünfte in frühem Zeiten- Unter Ferdinand I. wurden die 
selben zu 7Vs Mill. fl. berechnet. Eine Angabe von 1733 lautet auf 
42, eine von 1739 dagegen blos auf 30 Mill., — vernmthlich Er 
gebnisse verschiedener Brutto- oder Nettoberechnungen. Tin Jahre 1780 
sollen sich die Einkünfte auf 90’408,075 fl. belaufen haben; unter 
Kaiser Joseph sollen sie einmal auf 105 (?), im Jahr 1810 auf 110 
Mill, gebracht worden sein. Eine andere glaubhafte Notiz gibt für 
die Zeit des Regierungsantritts des Kaisers Franz I. 86 Mill. an. — 
1837 war der Betrag der Einkünfte 135’G00,000 fl., nämlich nach 
Abzug der in den l’roviuzen bereits bestrittenen Ausgaben. — Die 
Hauptpositionen waren : 
Staatsgüter .... .1000,000 fl. Direkte Steuern . . . 48’000,000 tl. 
Bergwesen .... 900,000 - Indirekte - ... 79000,000 - 
Besondere Einkünfte . 4’500,000 - 
Dazu trugen bei; Oestcrrcieh unter der Ens 19'490,000 fl., die Lombardei 
19’200,000, Böhmen l(î’()50,000, Venedig 15^040,000, Galizien 12T)47,000, Mäh- 
ren und Schlesien 90 00,000, Oberösterreich 5’040,000 , Steiermark 4’321,000, 
Kärnthen und Krain .1'981,000, Tirol 3’242,000, Küstenland 2’864,000, Milit.- 
Grenze 2’639,000, Dalmatien 921,000, Siebenbürgen 3’8ß7,000, Ungarn 16’Q90,000. 
(Die Ueberbürdung Italiens ist augenscheinlich.) Später wurde die Gesammt- 
snmme der Einkünfte auf 150 Mill, gebracht. 
Nach Bewältigung der Revolution gelangte man bis zur derma- 
ligen Erhöhung der Einkünfte. Zu diesem Behufe wurden die Privi 
legien der einzelnen Länder, namentlich Ungarns, und das Selbst 
besteuerungsrecht derselben aufgehoben, und der Einheitsstaat hergestellt, 
indem man insbesondere auch die Staatsmonopole (Tabaksmonopol etc.) 
in Ungarn einführte. 
Staatsschuld. Bei Beendigung des siebenjährigen Krieges, 1763, 
belastete Oesterreich eine auf 150 Mill, geschätzte Schuld, welche 
1779 auf 260 Mill, angewachsen war, und beim Beginne der franz. 
Revolution, 1790, die Ziffer von 342 Mill, erreichte. Von jetzt an 
erfolgte nicht nur Vermehrung im colossalsten Maassc, sondern auch 
eine Reihe der ungewöhnlichsten Finanzmaassrcgeln : Staatsbankerutt 
und das noch ausscrordentlichere Mittel des Zwanges zur „Arrosirung;“ 
man setzte erst einseitig die Zinsen der Schuld auf die Hälfte herab, 
sodann zwang man die Gläubiger zu weiteren Darlehen, indem 
sie im Unterlassungsfälle der Nachzahlung auch die frühere Forderung 
ganz verloren. — Aehnlich, wie mit den eigentlichen Schuldscheinen, 
erging cs mit dem Papiergelde, durch welches die Metallwährung 
fast ganz verdrängt ward. Es bestanden die bestimmtesten Versiche 
rungen, dass keine Herabsetzung seines Werth es erfolge (Publicandum 
von 1806). Ein kaiserl. Mandat von Anfang Febr. 1811 lautete wört 
lich : „Ich gebe Mein kaiserl. Wort, dass nie die Bancozettel in ihrem 
Nennwerthe heruutergesetzt werden sollen.“ Allein factisch sank der
        <pb n="117" />
        OEtíTERREICH — Finanzen (Neue Aulehen). 
101 
Werth de« Papiers auf V17 seines Nominalbetrags (1 fl. in Silber stand 
17 fl. in Papier gleich); und unterm 26. März 1811 (6 Wochen nach 
jener offlcieilen Erklärung) sah sicli die Regierung dahin gebracht, 
den Werth des bis zu 1060 Mill, angewachsenen Papiergeldes auf 
ein Fünftel herabzusetzen, d. h. man löste das alte gegen neues 
Papiergeld ein, wobei aber der Gulden von früher nur zu 12 Krzr. 
angenommen wurde. Doch auch das neue Pa^tiergeld sank rasch auf 
ein Viertel seines Nominalwerthes, wonach also der Gasammtverlust 
sieh auf *V20 stellte und man für einen ursprünglichen Gulden nur 
drei Kreuzer wirklichen Werth bosass, — Die Kriege von 1813—15 
erheischten ungemein grosse Anstrengungen. (Obwohl man aber nicht 
einmal für die verstümmelten Invaliden genügend sorgen konnte, ko 
steten die Festlichkeiten des Wiener Congresses den Staat gegen 30 
Mill. ; siehe Gervinus, Gosch, des 19. Jahrh.) Behufs des Feldzugs 
gegen Neapel im Jahr 1821 bedurfte man eines Darlehens des franz. 
Königs (siehe Frankreich, S. 51). — Nachdem schon 1846 und 47 
dringende Finanzverlegenheiten sich eingestellt hatten, trat 1848 die 
Revolution in Wien, in Ungarn und Italien ein. Nun ward Papiergeld 
in unbegrenzter Menge ausgegeben. Man erliess Geldausfuhrverbote, 
und decretirte, 2. Juni 1848, Zwangscoiu’s der Banknoten (die Bank 
ist factisch nur eine Staatsanstalt). Im Nov. 1848 stand das Agio 
dos Silbers gegen Papier auf 5 Proz. : 1849 stieg es, 19. Juni, auf 
Proz., fiel dann, 25. Sept. (Beendigung des ungarischen Krieges) 
auf 5, stand aber zu Ende des Jahres 1849 doch wieder auf 13 %. 
1850, 26. Nov. (Verwicklungen mit Preussen) erreichte das Agio 52 0/^. 
— 1852 sank es bis auf 8; stieg dann, März 1854, neuerdings bis 
44V2; sank, 16. Aug., auf I6V2, stieg wieder, Nov. und erste Mo 
nate 1855, auf 28 und 29, und gieng endlich 1856, nach Sicherung 
des Friedens, jedoch unter unausgesetzten Schwankungen, herab, so 
dass es, Juli 1856, aut 2 —2^/2 steht. — Dabei circulirten zu 
Anfänge 1854 über 150 Millionen Staatspapiergeld und 188 Mill. 
Banknoten, zusammen also 338 Mill. Papiergeld (nicht zu verwechseln 
Mit den Schuldscheinen des Staats). Um das Papiergeld wieder 
aut den Pari-Stand zu heben und Metallgeld in die Circulation zurück 
zuführen, wurde unterm 23. Febr. 1854 die Umwandlung des Staats- 
papiergeldes in Banknoten angeordnet. Die Bank erhielt zur Deckung 
zunächst ein gewisses Einkommen aus den Zöllen angewiesen. Sodann 
^vurdon derselben, zufolge Finanzminist.-Decrets vom Sejjt. 1855, zur 
(^Gckung ihrer weiteren Forderungen an den Staat im Betrage von 
155 Mill., Domänengüter in eigene Verwaltung übergeben, oder be- 
^iagt abgetreten. 
Neue Anlehen. Die uns bekannten neuen Anlehen sind; 
1851, Sept., Siibacriptionsanlehen zur Verbesserung der Valuta 
1852, Mai, Silberanleben im Auslande . 
4. Sept. 4proz. inländische freiwillige Anleihe 
1853, 6proz. Anweisungen auf die Saline Gmunden 
1854, 3. März. Lotterieanleihe ...... 
5proz. Anleihe 
fl. 85'569,800 
- 35'000,000 
- 80’000,000 
- 40’000,000 
. 50’000,000 
- 35’000,000
        <pb n="118" />
        102 
OESTERREICH — ^lilitärwesen (Landmacht). 
1854, 20. Juli, freiwillige Nationalanleihe (in Wirklichkeit 
Zwangsanleihe) etwas über 500,000,000 
Zusammen Anleihen in 3 Jahren Û. 82õ’56í),800 
Die alte Schuld ward für 31. Jan. 1850 berechnet zu . . - 1"023,200,000 
Dies ergiebt etwa fl. 1,850’000,000 
Nach den offi eieil en Zusammenstellungen betrug in den 10 
Jahren 1845 bis Ende 1854, nach den Creditoperationen : 
die Schuldvermehrung fl. 1087’300,000 
- Scliuldverminder ung - 3()3’000,000 
Sonach wirkliche Vermehrung fl. 784’300,000 
Die fundirte Schuld vermehrte sich: 
im Jahre 1854 um 83’215,691 fl. 
- 1855 - 243’527,490 - 
Allerdings wurde im letztbezeiclmetcu Jahre die schwebende 
Schuld durch Beseitigung des Staatspapiergeldcs, 1G4’J03,730 fl. be 
tragend, vermindert; allein dagegen erscheinen wieder in der nämlichen 
Jahresrechnung : Vorschüsse der Bank mit 87’52J,57G, und eine Ver 
mehrung der schwebenden Schuld von 2799,448 fl. — Als feststehende 
Momente ergeben sich: sehr starke Vermehrung des Capitalbetrages 
der Schuld; vorzugsweise Vermehrung der hochverzinslichen (5procen- 
tigen) Papiere, und enormer Verlust bei der Emission, indem man meist 
nur in dem geringen Wertho der Valuta Geld erhielt, das man in 
C.-M, oder deren Werth verzinsen und bezahlen soll. Daneben war 
der Staat genöthigt, einen Theil seiner Eisenbahnen, sammt Ländereien 
und Steinkohlen-Bergwerken (deren Werth fortwährend steigt) um 80 
Mill. fl. an eine franz. Gesellschaft zu verkaufen. 
M i 111111* w e 8 e II • 
Landmacht. 
Bildung des Heeres. Aushebung mit 20 Jahren ; 8jährige Dienst 
zeit im activen Heere, dann noch 2 Jalire in der Reserve. Tirol 
liefert nur ein Jägerregiment. Ganz besondere Einriehtungen bestanden 
in der Militärgränze, von deren Bevölkerung (1’009,109) nicht we 
niger als 738,624 dem Militärstande beigerechnet wurden; eine Ver 
fügung aus neuerer Zeit bestimmt indess Gleichstellung dieser Provinz 
mit dem übrigen Reiche hinsichtlich der Militärpflichtigkeit. (Im Jahr 
1854 wurden im Staate 1414 Fälle von Selbstverstümmelung con- 
statirt, um sich der Militärpflicht zu entziehen.) Stellvertretung ist 
zulässig, und der Staat selbst übernimmt dieselbe gegen eine gewisse 
Summe (in Tirol um 500—600, in Italien um 700 fl.) ; die Ersatz 
männer erhielten aber bis zur neuesten Zeit vom Staate nur eine un 
genügende Vergütung (Zulage von 5 Krzr. täglich und eine Summe 
von 120 fl. erst nach völlig vollendeter Dienstzeit). Nunmehr soll 
das Vorhältniss gebessert sein. — Das Avancement der Gemeinen 
zu Officiersstellen ist zwar gestattet, findet aber factisch so viel wie 
gar nicht statt. Der Adel hat ungewöhnlich viele Officiersstellen innc. 
1854 standen in der Armee 4961 adelige und 10,300 bürgerliche
        <pb n="119" />
        (JElSTElilíElClI — MiliLärwcsen (Landmacht). 
io:í 
Officiere. (Unter den Ersten 103 Fürsten, 590 Graten, 898 Barone, 
570 Ritter und 2800 gewohnliclic Adelige. — Im Jalir 1848 waren 
unter 10,800 Officieren 4229 Adelige, nanientlicli bei der Cavallerio 
1190 von 1700, bei der Artillerie und dem Staabe aber nur 340 
von 1700.) — Die österr. Armee, obwohl aus sehr verschiedenen 
Nationalitäten zusammengesetzt, ist der Mannschaft nach äusserst tüchtig. 
1848 und 49 machte sich aber diese Verschiedenheit der Nationalität 
auch im Heere geltend; ungarische und italienische Truppen schlossen 
sich der Erhebung in ihrem speciellen Vaterlande an, um sich von 
Oesterreich loszureissen. Der Sold ist geringer, als in irgend einer 
deutschen Armee. Bis 1848 war für das Sanitätswesen schlecht ge 
sorgt, so dass z. B. der Regimentsarzt seinen Rang nach dem letzten 
Ofticiere hatte, wesshalb es an tüchtigen Aerzten fehlte. Seitdem er 
folgten einige Verbesserungen. 
FonnätiOIlSStänd. Garde und Burgwache etwa 550 M. 
02 Linien - Infanterie - Regimenter (irn Kriege zu 6 Bataillons und 6869 M., ini 
Frieden zu 5964), zusammen 369,800 im Frieden, 425,878 im Kriege. 
14 Örenz-Inlaut.-Reg. (zu 3 Bataill. und 3487 M.) = 55,200 
_ däger-Regiment (Tiroler, 7 Bataill., 6865), 
25 Jäger-Bataillone (zu 860 — 1414), zus. Jäger 32,534 
Gesammtstärke der Infanterie 457,000 bis 513,612 
8 Reg. Ciirassiere &gt; zu G Feld- und 1 llepot-Scliwadr., — 1343 M. und 1138 
« - Dragoner ) Pferde 
r« ■ ) zu 8 Feld- und 1 Depot-Sehwadr., — 2037 M. und 1749 
1- Ulilanen ( Pferde 
40 Reg. Cavallerie mit 66,996 M. und 57,297 Pferden. 
12 Feld-Artillerieregimenter, Friedensfuss zu 2010 und 365 Pferde, Krieeslüss • 
9 Regim. zu 3898 M. und 2281 Pf. 
3 - - 4310 - - 2396 - 
1 Küstenartill.-Reg., im Frieden zu 1859, Krieg 3441 M. 
1 Raketeur-Reg. - - - 2100, - 3865 - mit 484 resp. 2466 
Pferden. (Doch wurde im Nov. 1854 die Ausrüstung von 10 neuen Rakc- 
tenbatterien angeordnet, der Etat also vermehrt.) 
14 Reg. im Frieden 28,079 M., im Krieg 55,318, 
4,864 Pf. - - 30,138. 
Sodann: 2 Reg. (xenie 11,116 M.; 6 Bataill. Pioniere; einige besondere 
Corps; 19 Reg. Gendarmerie. 
Diese Zusammenstellung ergibt eine Total-Formationsstärkc von 
etwa 650,000 Mann. Indessen dürfte diese Ziffer wenigstens um 
100,000 Mann zu hoch gegriffen sein. — Die Zeitschrift „Austria“ 
gilb den Armeebestand im Jahre 1851 zu 493,000 Älaim an, wozu 
sodann etwa 10,000 Frauen und 30,000 Kinder geliörten. Wahrschein 
lich waren die Grenzregimenter hiebei nicht eingerechnet. — Für die 
Zeit vom 1. Jan. 1855, als die Kriegsrüstungen ihren Höhepunkt er 
reicht hatten, ward der Bestand des Heeres so angegeben: 371 Bat. 
und 821/2 Comp. Infanterie, 2951/2 Schwadr. Cavallerie, 1148 Ge 
schütze und 50 Brückenequipagen, — zusammen 553,902 Mann mit 
77,540 Pferden. — Hievon kamen auf die mobile Armee : 
Mann Pferde Geschütze Bruckenequipagen 
hl Ungarn und Siebenbürgen 160,931 29,611 412 10 
■ Galizien und der Bukowina 122,635 27,802 288 6
        <pb n="120" />
        Militärwesen 
(Seemacht). 
Das gesammte active Heer ist übrigens in 4 Armeen, und diese 
sind in 13 Anneecorps getheilt. 
R6S6rV6. Die seit 1852 an der Stelle der früheren Landwehr 
eingeführte Reserve mag 100—120,000 M. umfassen, wird jedoch meist 
nur in kleinen Abtheilungen zusammengezogen. Die Nationalgarden 
sind seit 1851 gänzlich aufgelöst. Nur „mit besonderer Bewilligung“ 
dürfen an einzelnen Orten Bürger- und Schützencorps bestehen. Die 
selben besitzen indess sämmtlich gar keine militärische Bedeutung. 
In Tirol allein findet man noch „Landesschützen,“ welche nach neue 
ster Organisation in 3 Zuzügen (von 20—29, von 30—35 und von 
36 45 Jahren) alle Wehrkräftigen umfassen, und deren beiden ersten 
Abtheilungen sich jährlich aut einige Tage zu Uebung und Musterung 
versammeln sollen. 
Fcstun^CD. Oesterreich zählt 32 (darunter 6 ersten Ranges), näml. : 
, ,, Kufsteim Brixen, Josephstadt, Königgrätz, Prag, Theresien 
stadt, Olmutz, Leopold^adt, Gradisca, Komorn, Arrat, Ganove, Krakau, Mun- 
kacz, Oien, Temeswar, Brod, Eszek, Peterwardein, Karlsstadt, Karlsburg, Cattaro 
Kagusa, Zara, Mantua, Verona, Legnago, Peschiera, Venedig, Cliioggia, Palma 
nova und Osopo. Ferner hat Oesterreich das Besatzungsrecht in Ferrara und 
Commacchio, und das Mitbesatzungsrecht in Mainz, Ulm und Rastatt. 
Geschichtliche Notizen. Die ältern Nachrichten über die Stärke 
des österr. Heeres sind meistens sehr ungenau. Eine vor uns liegende 
Berechnung von 1783 ergibt 276,000, eine von 1784 dagegen 364,000 
Mann. Beide nehmen die Cavallcrie zu 48—50,000, die Artillerie zu 
8—9000 M. an; der Unterschied trifft sonach auf die Infanterie. 
Damals hatte der Staat: 57 Reg. Linien-Infanterie (46 deutsche etc. 
und 11 ungarische), 33 Reg. Cavallerie (12 schwere Reg., 7 Dra 
goner, 6 Chevauxlegers und 8 Husaren); dann 22 Reg. Grenztruppen 
(17 Infanterie und 5 Husaren), 3 Reg. Artillerie und 11 Corps In 
genieure, Pontoniers etc., zusammen 126 Regim. und Corps. — Im 
Feldzuge von 1805 betrug die wirkliche mobilisirte Macht keine 
220,000, selbst 1809 keine 280,000 M. (auf dem Papiere das erste 
Mal etwa 250,000, das zweite Mal 320,000 ; Springer entziffert sogar 
für 1809 einen Bestand von 630,000, der aber auch nicht annähernd im 
Felde erschien. Die active Hauptarmee der Oesterreicher wie der 
Franzosen war ziemlich gleich stark, nämlich etwa 200,000 M.) In 
den 3 Jahren 1813—15 wurden 489,960 Recruten für das stehende 
Heer „gehoben.“ — In dieser Zeit hatte man etwa 250 bis aller- 
höchstens 300,000 M. im Felde. — Der Feldzug von 1821 gegen 
Neapel und Sardinien war militärisch unbedeutend. — 1848 standen 
fast 100,000 M. in Italien ; durch die Insurrection schmolzen sic rasch 
auf 45,000 M. im activen Dienste zusammen. Schnell ward die Armee 
ergänzt, und nun begannen die siegreichen Feldzüge Radetzky’s gegen 
den König Karl Albert (siehe Sardinien). 
Seemacht. 
Nach dem Annuario marittimo für 1855 war der Bestand: 
6 Fregatten 
5 Corvetten 
7 Briggs 
mit 225 Kanonen 
- 100 
- 112 
5 Goeletten mit 
2 Prame 
1 Bombardierschiff - 
60 Kanonen 
24 
10
        <pb n="121" />
        OESTERREICH — Sociale, Gewerbe- und Handelsverhältnisse. 105 
34 Pinchen mit 102 Kanonen 10 Dampfer mit 47 Kanonen 
18 Kanonenboote - 72 - 9 Trabakel - 
6 Sohoonerbrigg. . 20 - mgZhm mit 762 Kanonen. 
Zahl der Mannschaß : Stab 256, Matrosen 2454, See-Geniecorps 514, Ar 
tillerie 990, Schiffsinfanterie 1334. 
Kriegshäfen: Venedig, Pola und Lissa. 
Bemerkung. ^ Die längere Zeit sehr gerühmte österreichische Kriegsmarine 
entbehrt in Wirklichkeit jeder hohem Bedeutung. Man misstraut den Venetia- 
nern, also den besten Seeleuten im Staate; der höhere Adel sucht sich der be 
deutendem Stellen zu bemächtigen (so dass fähige Bürgerliche den Dienst unter 
Ihnen und für sie zu versehen hätten), und die Marine ist sogar unter den Be- 
tehl eines Landgcncrals (Wimpffen) gestellt. Es kommen mitunter beinahe un 
glaubliche Züge von Unkenntniss vor. (Auszug aus einer grösseren Privatmitthei 
lung eines ausgezeichneten jungen deutschen Seemannes an den Verfasser.) 
Sociale, Gewerbs- und Haiidelsverimitiiisse. 
. Allgemeine Bemerkungen. Adel und katholische Geistlichkeit 
Bind überaus zahlreich und ungemein bevorzugt. Man behauptet sogar, 
es gehörten gegen 800,000 Individuen (also etwa 160,000 Familien) 
üem Adelsstände an (verhältnissmässig am meisten in Ungarn); doch 
von Erlau, Kolotscha und Olmütz, und des Primas v. Ungarn, Erzbischofs 
von Gran, belaufen sich sogar auf 150,000 bis 500,000 fl. Das reine 
Einkommen des römisch-katholischen Clerus blos in der nichtungari 
schen Landeshälfte wird zu mehr als 13 Milk angegeben. Dessen 
ungeachtet fordert die Geistlichkeit (Mitte 1856) für die unter Joseph 
dem II, eingezogenen Kirchengüter eine Entschädigung von der ver 
armten Staatscasse (wobei es gleichgültig ist, ob dieselbe in Schuld 
scheinen von 200 Mill, oder in jährlichen Leistungen stattfinden soll) 
"U Die Schulen sind ganz in den Händen der Geistlichkeit, selbst 
die Mehrzahl der Gymnasien steht unter Mönchen. (Im Jahre 1842 
besuchten von 2’575,000 schulpflichtigen Kindern in den nicht un 
garischen Ländern blos 1’560,000 die Schulen.) Bezeichnend ist das 
Streben, die Bildung der Angehörigen der verschiedenen Stände auf 
dasjenige zu beschränken, was man für sie passend erachtet. 
Neben Adel und Geistlichkeit erscheint das Beamtenthim als beson 
derer Stand. Die niederu Angestellten sind, besonders in einzelnen 
Zweigen, sehr gering besoldet, was seine schlimmen Rückwirkungen 
Staatskasse selbst) 
eh,ea“° "»'«"«chlsebe Staat umfasst, besitseu 
fast in ““‘"■■'“'»en Eeichthum. Allein derselbe ist 
Beziehung erschlossen, wie es schon nach den vielfachen
        <pb n="122" />
        106 OESTERREICH — Sociale, Gewerbs- und Handelsverhältnisse. 
Hemmungen der geistigen und materiellen Entwicklung des Volkes 
nicht anders sein kann.— Das Loos der Hauern liât sich in Folge 
der neuzeitlichen politischen Bewegungen, insbesondere derjenigen von 
1848, vielfach gebessert; die frühem Leibeigenschafts-, Bobbot- und 
sonstigen Feudalverhältnisse sind gebrochen , die alten, furchtbar drük- 
kenden Feudallasten ablösbar erklärt. Allein noch ist der Aufschwung 
nicht möglich; noch lasten drückend die Ablösungssummen auf den 
Landleuten, noch sind diese nicht wirklich vollkommen freie Eigen- 
thümer. Dabei befinden sich die schönsten und besten Ländereien im 
Besitze der „todten Hand“ des Cleriis und des Adels, dessen untheilbai- 
gehaltenen Güter häufig den Umfang kleiner »Staaten besitzen. „Der 
grosse Grundbesitz,“ so schrieb vor kurzer Zeit selbst ein eifriger 
Wortführer des jetzigen Systems, „der grosse Grundbesitz hat seinen 
Beruf in Förderung der Landwirthschaft nicht erfüllt.“ Wenn aber 
derselbe Verfasser an deuten will, jetzt sei das höclistc Ziel erroiclit, 
weil „über alle Kronländer und alle Stände die gleichen Bestenorungs- 
gesetze gelegt werden können,“ so wird der Nationalökonom noch 
keineswegs damit befriedigt sein, sondern freie Eigenthümer eines freien 
Bodens als Bedingung des Aufschwunges zu einer wirklich höhern 
Stufe ansehen. 
Wie gering die Entwicklung, zeigt unter andorm der überaus 
niedrige Stand des Taglohnes. Am höchsten steht derselbe in Nieder- 
und in Oberösterreich, 20—dO Krzr. C.-M.; am niedrigsten in Ungarn, 
wo er in einigen Comitaten bis auf 5 Krzr. herabsinken soll (6 Krzr. 
rhein., 1 Sgr. 9 Pf. oder 21 Gent.). Durchschnittlich nahm Reden 
(vor der Papiergeldcrisis) für die deutschen Lande 17, für die un 
garischen 8 Krzr. C.-M. an! 
Bei der Gcwerbsindustfie hat man das alte Zunftwesen ange 
griffen, doch nicht das Princip der Gewerbfreiheit anerkannt, sondern 
ein System der Leitung und Bevormundung von Amts wegen an dessen 
Stelle gesetzt. Die Weisheit und Gnade des Beamtenthums soll, gleich 
sam wie ein Gott, ermessen und bestimmen, wie es an jedem einzelnen 
Orte hinsichtlich neuer Niederlassungen zu halten, und was zu er 
lauben sei! Da die Beschränkungen des Zunft- und Monopolwesens 
nicht zur Gestaltung einer naturgemässen freien Entwicklung, sondern 
nur zur Herstellung einer bureaucratisch-polizeilichen Omnipotenz 
führte, so können die Ergebnisse auch nur unbefriedigend erscheinen. 
Die Gesammtheit der Gewerbe ist in zünftige und nicht 
zünftige eingctheilt. Die Zahl der zünftigen, früher zu 141 ange 
geben, ist seit längerer Zeit nicht unbedeutend vermindert worden. 
Unter ihnen befinden sich namentlich die Hauptgewerbe für Nahrung, 
Kleidung, Bauwesen u. s. w. begriffen. — Allein auch die nicht 
zünftigen Gewerbe sind darum keineswegs frei. Zur Ausübung 
gerade der wichtigsten derselben ist eine obrigkeitliche Concession 
erforderlich, da sie „aus polizeilichen oder staatswirthschaftlichen Rück 
sichten einer Ueberwachung bedürfen.“ — Bezeichnend ist die Be 
stimmung, dass Spinnerei, Stickerei und Leinwandweberoi etc. als 
„freie Gewerbe“ ohne besondere polizeiliche Erlaubniss von Jedermann
        <pb n="123" />
        OESTERREICH — Sociale, Qewerbs- und Handelsverhältnisse. 107 
als Hau.sarbeit betrieben werden dürfen. Selbst hier also Durch 
führung des Prinzips, dass die freie Ausübung dieser „Hausarbeiten“ 
verboten wäre, wenn man sie nicht speciell erlaubt hätte; wäh- 
rend alle Völker, die sich — auch im Gewerbswesen — eines ge 
sunden Aufschwunges erfreuen (Engländer, Amerikaner, Franzosen, 
Bewohner des deutschen linken Rheinufers und des bedeutendsten 
Thoilcs der Schweiz) an dem entgegengesetzten Grundsätze festhalten : 
Alles muss als erlaubt gelten, was nicht das Gesetz verboten hat. — 
Die Anzahl der verkäuflichen Berechtigungen (Realrechte) soll 
(schon nach einer Ilofentschliessung von 1778) nach und nach ver 
mindert, neue sollen nicht mehr ertheilt und die bestehenden künftig 
nicht höher als bei dem letzten Veräusserungsfalle verkauft, dabei aber 
die Preise der verkäuflichen durch neue Concessionirungen nicht allzu 
sehr herabgedrückt werden. — Indessen erweiterte man 1842 neuer 
dings die Befugnisse der Realrechte-Besitzer. — Zur Ausübung eines 
Gewerbes werden erfordert: Volljährigkeit (24. Altersjahr), gute Mo 
ralität (worüber die Polizei entscheidet!), Nachweis der Befähigung. 
Zu den Erfordernissen des Meisterwerdens gehört in der Regel 
(AAnxnxhnmg 12. &amp;ïai DMll) eùne zehnjährige Geselleru:eit, 
wobei es wieder von der Polizei abhängt, Dispensationen zu ertheilen. 
' Fabmkweseii ist im Allgemeinen begünstigt, obwohl auch 
Coinnumzialgewerben« unteMcbieden ; die lebten soHen im Betriebe 
weniger beschränkt sein; allein auch hierbei hängt doch wieder bei 
nahe Alles von dem Ermessen der Behörden ab, um so mehr, als auch 
die Gewerbe mit ausgedehntem Absätze als Polizeigewerbe behandelt 
werden, wenn dabei „Sanitäts-, Sicherheits- oder sonstige polizeiliche 
oder andere der innern Regierungspolitik anheimfallende Verhältnisse 
eintreten.“ — Ueberdies finden wir Gewerbe, welche naturgemäss ein 
Ganzes ausmachen, vielfach getrennt. So darf der Uhrenmanufacturist 
die Uhrgehäuse nicht selbst verfertigen. — In der Regel darf Nie 
mand zwei Gewerbe ausüben, die eine ordentliche Lehre erfordern 
(Regierungsverf. v. 8. Nov. 1793). — Die Gestattung des Uebertritts 
von einem zu einem andern Gewerbe hängt von dem Ermessen der 
Behörden ab. — Bei den „Polizeigewerben“ ist Rücksicht darauf zu 
nehmen, dass sic nicht übersetzt werden. Zu diesem Behufe wurden 
1843 mehre „freie Gewerbe“ zu „concessionsbedürftigen“ erklärt. 
Bür alle Zünfte bildet noch immer das Ilandwerksgenerale vom 19. 
April 1732 das Fundamentalgesetz. Allein in Folge der Begründung 
Wireaucratischer Omnipotenz ist den Zünften jede Entscheidung über 
Krtheilung des Meisterrechts entzogen; sie haben zunächst nur noch 
Auskunft zu ertheilen, wenn diese von ihnen verlangt wird. — 
Gesellen bedürfen zur Verehelichung einer obrigkeitlichen Genehmi 
gung. — Streitigkeiten zwischen Handwerk und Handwerk müssen von 
p " Gerichten an die Verwaltung (Polizei) verwiesen werden. (Ein zu 
nae 1855 bekannt gewordener Gesetzentwurf, der wenigstens eine
        <pb n="124" />
        108 OEísTERREICII — Handelsverliältnisse (Eigenbahnen etc.) 
Anzahl der erwähnten Beschränkungen aufhohen würde, hat [Mitte 18561 
die kaiser!. Sanction noch nicht erhalten.) — Uebrigens bestehen in 
den verschiedenen Provinzen äusserst abweichende Verordnungen. Ganz 
besonders ist zu erwähnen, dass in den italienischen Gebieten die 
durch die franz. Herrschaft eingeführte Gewerbsfreiheit fordauert 
sonach die obigen Bemerkungen auf sie keine Anwendung finden. 
Die vorerwähnten unnatürlichen Verhältnisse trugen ohne Zweifel 
dazu bei, dass (nicht erst seit 1848, sondern gerade schon früher, 
siehe z. B. „Staatslexicon, 2. Aufl., Art. „Oesterreich“) die uneheliciion 
Geburten, Mordthaten, Tödtungen, Kinderaussetzungen, und Verbrechen 
und Vergehen überhaupt, ungemein sich vermehrten. — In Folge dos 
natürlichen Bedürfnisses und Strebens des Volkes, und der Nothwen- 
digkeit, zu erwerben, um leben zu können, — haben sich, trotz aller 
Hemmungen — Gewerbfleiss und Handel während des Friedens bedeu 
tend entwickelt. In vielen Zweigen finden wir einen entschiedenen 
Aufschwung der Manufacturen und Fabriken. Unmöglich däucht es 
uns indess, ein auch nur annähernd richtiges Bild durch Aufnahme 
der officiellen statistischen Zahlen zu geben. Der Mangel natürlicher 
Grenzen, die Unzuverlässigkeit vieler Zollwächter, und dem entsprechend 
dei ausgedehnte Schleichhandel, lassen hier besonders die amtlichen 
Ziffern als beinahe völlig unzuverlässig erscheinen. Wäre dies nicht 
so müsste man über manche Erscheinung um so mehr erschrecken 
(Bowring machte schon darauf aufmerksam, wie die kleine Schweiz 
eben so viel rohe Baumwolle verbrauche, als der ganze österreichische 
Kaiserstaat etc.). Wir beschränken uns daher auf Mittheilung folgen 
der summarischer Ziffern : 
Werth der officiellen Ein- 
Jahr Einfuhr 
1847 127*927,254 
1850 158*955,431 
1851 150,547,298 
Davon zur See 53*808,544 
und Ausfuhr. 
Ausfuhr 
112*208,285 fl. 
104,847,458 - 
130*023,756 - 
29*539,346 - 
(Auf die Verminderung der Zollerträge haben wir unter der Rubrik Fi 
nanzen“ S. 98 hingewiesen.) ” 
Eisenbahnen. Gegen Ende 1854 berechnete man die Länge der 
vollendeten Bahnen auf 244 Mell., Im Bau 199, zusammen 443. Da.s 
ganze Eisenbahnnetz, wie dasselbe projectirt ist, dehnt sich auf 1240 
Meil. aus. Am 1. Jan. 1856 sollen die deutsch- österreichischen 
Bahnen bereits eine Länge von 369 Meil. gehabt haben. 
Telegraphen. Im Mai 1856 : 964,8 Meilen, mit 1625,9 Meil. 
Drahtlänge. Befördert wurden im Jahre 1851: 21,976 Staats- und 
blos 3045 Privatdepeschen; 1855: 59,021 amtliche und 145,200 
^ivatdepeschen (in der kleinen Schweiz hatte man im letzten .Jahre, 
ei dem billigen Tarifsätze, 162,851 Depeschen !); Ertrag 578,805 fi 
(1853 erst 293,485 H.) 
Post. Briefzahl; 1851 (im ersten Jahre mach der Postreform) 
blos 31 196,000, seitdem, in Folge der Tarifermässigung, 1855 ge- 
stiegen auf 51'388,300. (In Preussen über 98 Milk; verhältnissmässig
        <pb n="125" />
        1’203,500 
1:099,500 
1’042,300 
728.100 
494,600 
492.300 
449.100 
414,400 
303,000 
288.300 
kt wesentlicli ein. 
Bemannung 
33,351 
34,831 
35,259 
OESTERREICH — Handel (Handelsmarine, Literar. Leben etc.) 109 
)ioch viel mehr in der Schweiz und in England; siehe diese.) Da die 
Stärke der Correspondenz theilweise ein Kennzeichen sowohl des Cul- 
turgrades der Bevölkerung, als des Verkehres ist, so geben wir eine 
Liste der Zahl der Briefe, welclio 185.5 auf die einzelnen Provinzen 
kamen : 
NiedcrösteiTeicli«) . . . 11’1G0,900 Banat . . . 
6’611,500 Croatien . . 
Lngarn 6'496,500 Oberösterreich 
Lombardei 4'923,700 Siebenbürgen 
;enedig 4:342,200 Krain . 
'Galizien 2994,900 Schlesien 
fahren 2722,800 Kärnthen 
Küstenland 2’343,000 Salzburg 
Steiermark 1793,600 Bukowina 
Tirol 1’484,100 Dalmatien 
*) Die Hauptstadt V ien mit ihren Behörden wii 
Handelsmarine. 
Jahr Schiffe Tonnengehalt 
1852 10,120 295,855 
1853 9,511 311,763 
1854 9,735 316,286 
KahrtPnt: bebnde,, sich aber an „Schiffen weiter 
eingerechnet: 
s “■ 
m7)/daTOn 'MeTin ‘deftsTefund 
2723 m Italienischer Sprache (auch ein Zeichen, wie wenig die deutsche 
Bevölkerung in Oesterreich der italienischen geistig überlegen ist zumal 
die erste eine grössere Volksmenge umfasst); 659 Schriften waren in 
slavischer, 428 in ungarischer, 24 in französischer und 173 in la 
teinischer Sprache abgefasst. 
„NatiOnalbank.“ Dieselbe steht in solcher Beziehung zur Staatsfinanz 
dass sie in gewisser Hinsicht als Staatsanstalt erscheint. Sie verursachte dem 
Staate schon enorme Opfer, ohne demselben in den Zeiten der Krisen und der 
Noth entsprechende Gegenleistungen zu gewähren. Ende des ersten Semesters 
1856, also Ende Juni, ergab sich dabei folgender Stand: Silbervorrath 61’096 924fl. 
Banknoten im Umlaufe 368’222,837 (also mehr als das Sechsfache des Metall- 
vorraths; früher war das Verhältniss noch weit schlimmer !) Vorschuss der Bank 
auf österr. Staatspapiere 87*495,500, fundirte Staatschuld für Einlösung des 
Papiergeldes in "Wiener Währung 58*793,902, Haftungsschuld des Staats für das 
zuletzt durch die Bank eingelöste Papiergeld 15*506,686, hypotliecirte Staats 
schuld 154 Mill. (Mit Einrechnung der oben erwähnten Vorschüsse auf Staats.' 
papiere, hat demnach die Bank fast 316 Mill. fl. an den Staat zu fordern — also 
weit mehr als alle Staatseinkünfte in Jahr und Tag ertragen! Gewiss ein enor- 
lues Missverliältniss.) 
» », und das ungeheuere Schwanken der Valuta (siehe Rubrik „Finanzen“)
        <pb n="126" />
        lio 
PREUSSEN — Land and Leute. 
erzeugten tief eingreifende Wirren auch in den Finanzverhältnissen der Privaten. 
(Bei keinem Kaufe oder Verkaufe auf noch so kurzen oder langen Credit 
wussten die Betheiligten, wie viel sie dem wirklichen Werthe nach, für so 
viel hundert oder tausend Gulden, zu bezahlen oder zu empfangen haben würden.) 
Gegenwärtig wird vielfach darauf hingewirkt, den 20- mit einem 21 11. - Fusse 
zu vertauschen, d. h. den Gulden um '/jq geringer auszuprägen. 
Längemass: Der Wiener Fuss (zu 12 Zoll); 100 Wiener Fuss = 100,72 
preussisclie. — Flächenmass: Das Joch (zu 1000 Qnadr. Klftr) = 2,25 preuss. 
Morg. — Fruchtmass; Der Wiener Metzen; 100 ders. = 6119,95 Liter oder 
111,89 preuss. Scheffel. — Fl ü ssigkeitsma ss : Die Maass zu 4 Seidel = 
1,41 Liter. Der Eimer, als Rechnungsraaass, hält 40 Maass oder 56,0 Liter; 
der Wein-Eimer 41 Maass; daher 100 ders. — 5801,56 Lit. oder 84,45 preuss! 
Eimer. — Gewicht; 110 Pfund = 56 Kilogr., 112 Zoll- oder 119,73 alte 
preuss. Pfund. 
Im Lombardisch-Venetianischen Gebiete bestehen jedoch die französischen 
metrischen Maasse und Gewichte (aus der Zeit des „Königreichs Italien“) fort. 
Als Münze ist indees seit 1823 die Lira Austriaca eingeführt, d. h. der öster 
reichische „Zwanziger“ (% fl. C.-M.) dient als Münzeinheit. 
Preussen (Konigreídi). 
Land und LeiiUs 
Bemerkung. Die Resultate der Volkszählung vom Dec. 1855 sind zur 
Zeit des Druckes des gegenwärtigen Bogens (nach zu Berlin eingezogenen Er 
kundigungen) noch nicht vollständig revidirt, wesshalb wir dieselben nur theil- 
weise und vorbehaltlich der Modilicationen in Folge dieser Revision, mittheilen 
können. 
Regierungsbezirke 
und Provinzen 
1) Königsberg .... 408 
2) Gumbinen 298 
3) Danzig 152 
4) Marienwerder .... 320 
Bevölkerung Einwohner 
1817 1852 1855 (1854) 
553,101 889,007 (892,501) 2195 
366’479 642,205 (638,285) 2151 
242,547 423,928 (426;170) 2828 
339,424 649,548 (653,174) 2068 
T. Provinz Preussen . 1178 1’501,551 2'604,648 2’036,706 2233 
5) Posen 321 584,890 906,743 (899,425) 2854 
6) Bromberg . . . . . 215 262,910 475,002 (479,090) 2263 
II. Povinz Posen . . . 536 847,800 r.381,745 Í’3927Õ3Õ ~2617 ~ 
7) Potsdam (mit Berlin) ! 382 721,467 1’310,163 (1'306,493) 3484 
8) Frankfurt 352 550,051 894,877 2590 
III. Provinz Brandenburg 734 1’277,518 2’205,040 2’253,758 3056 
9) Stettin .... .“ 239 327,002 590,426 ~2m~ 
10) Köslin 258 244,515 468,477 (480,646) 1855 
11) Stralsund . . . 80 129,239 195,001 (196,614) 2487 
IV. Provinz Pommern . . 577 700,756 1’253,904 1’288,807 ~2217~ 
12) Breslau “ 248 804,678 1 226,995 (1’212,555) 4490 
13) Oppeln 243 536,085 1’005,609 4199 
14) Liegnitz 251 672,112 940,507 (933,035) 3784 
V. Provinz Schlesien ! 742 2’012,875 3’173,17l S'182,468 4337 
15) Magdeburg . , 210 472^012 ^4^268 ^Í7¡585) 3467 
16) Merseburg 189 501,868 763,683 (772,944) 4133 
17) Erfurt 62 240,339 350,781 5736 
VI. Provinz Sachsen . . 461 1’214,219 1’828,732 1’861,492~40T4~
        <pb n="127" />
        PREtTSSEN — Land und Leute (Gebietsausdehnung). 
111 
18) Münster 1.S2 
19) Minden i)ß 
20) Arnsberg 140 
VII. Provinz Westfalen . üß« 
21) Köln . . . — 
22) Düsseldorf . . 
23) Koblenz . . 
24) Trier . . . 
25) Aachen . . . 
2G) Hohenzollei'n'sche Lande 
VIII. Rhein]irovinz 
ö esaranitsurnmc 510 3 
Jahdegebiet und Garnison zu Mainz 
Es kommen : 
353,283 
340,614 
380,182 
1’074,079 1 
429,863 
471,775 (458,329) 
602,613 (629,663) 
’504,251 'Y^27¡226' 
3270 
4964 
4402 
4142 
338,416 512,985 
596,633 958,814 
359,204 514,504 
302,901 509,610 
310,619 422,282 
- ') 65,634 
607 1 ’907,773 ¥’983,829' 
98 
110 
131 
76 
21 
(514,386) 7207 
9960 
4741 
3914 
5678 
33014 
6136 
(499,952) 
(433,858) 
(63,245) 
3’046,604 
10’536,571 16 
Inixemburg, 
’935,420 17’189,957 
Frankfurt 12,256 
17’202,013 
3366 
auf die deutschen Bundeslande 3389 Q.-M. 
- Nichtbundeslande 1714 
und ungefähr 13’170,000 Bew, 
4-030,000 - 
Gebietsausdehnung. Der preussische Staat bestellt aus zwei ge 
trennten Ilaupttheilen, zusammen mit 837 Meil. Grenze (ungerechnet 
me muere Grenze gegen die enclavirten Landschaften Anhalt etc.). 
asi» 
gegen Ham,ovor 44 d,e Riede,lande 19. Luxembrng „„d U,„. 
bürg 51, ßelgie,, 9, Frankre.eli 14, Oldenbmg (Birkenfeld), Hessen 
Homburg und Bayern (Pfalz) 40, Hessen-Darmstadt, Nassau, Waldeck 
Kassel, Braunschweig und beide Lippe 84, zusammen 261 Meil — 
Berlin ist von dem entferntesten Punkte des Staates im Osten 9l' im 
Westen 81 Meil. entlegen; vom nächsten Orte der franz. Grenze'72^ 
vom nächsten der russischen nur 38 Meilen (Reden). — Vom Areale' 
IPreussens kommen 19’800,000 Morgen auf Waldungen, wovon 8'094 000 
im Staatsbesitze. ’ 
Die Einwohnerzahl war ; 
Bevölkerungszuahme, 
1814: 10’349,031 1834 
11’664,133 1837 
12’726,110 1840 
1822 
1828 
13’509,927 
14’098,125 
14-928,501 
1843 
1849 
1852 
Í5’471.765 
16’397,448 
16’935,420 
Die Vermehrung betrug sonach in 38 Jahren 5’586,389 Personen 
oder 54,07 Proz. der anfänglichen Zahl. Hievon kommen aber auf 
die 27 ersten Jahre, 1814—43, 5122,734, und dazu trugen bei : der 
Ueberschnss der Geburten 4,050,305, die Mehrein Wanderungen als Aus 
Wanderungen P072,429 (letztes Folge der freieren Ansässigmachung)! 
Die ZifTem zwischen Parenthesen bezeichnen bles die
        <pb n="128" />
        112 
PREUSSEN — Land und Leute (Geburts- und Sterbfälle). 
Nach 1843 ward die Zunahme viel geringer, und bei der Aufnahme 
von 1855 ergab sich in vielen Bezirken sogar eine positive Vermin 
derung. Nach der (übrigens noch nicht definitiv festgestellten) Auf 
nahme von 1855 war der Gesammtzuwachs in den 3 letzten Jahren 
nur noch 266,593 Personen, *d. h. 1,57 Proz. ; in der vorgängigen 
Periode war er noch 3,30 Proz. gewesen. Es ist dies die geringste 
Zunahme seit regelmässige Zählungen stattfinden. Theuerung, IJeber- 
schwemmungen und Seuchen (Cholera) wirkten diesmal zusammen, 
besonders in Schlesien, dann auch in Ostpreussen und Posen, ferner 
in Westfalen (Reg.-Bezirk Minden) und Rheinland (Bezirke Koblenz, 
Trier und Hohenzollern). 
Geburten und Sterbfalle. Man zählte: 
Jahr Geburten Sterbfälle Ueberschuss 
1858: 659,122 521,196 137,926 
1854: 648,649 500,737 147,912 
Im Durchschnitte der 37 Jahre von 1817—54 kam jährlich eine 
Geburt auf 24,95 und ein Sterbfall auf 34,33 Einw. Das Verbaltniss 
hat sich in der neuern Zeit verschlimmert : 
Jahr 1 Geburt auf 1 Sterbfall auf Jahr 1 Geburt auf 1 Sterbfall auf 
1816 : 23,10 Lebende 36,05 Lebende 1834 : 24,27 Lebende 31,86 Lebende 
1819: 22,28 - 32,83 - 1837: 25,27 - 32,14 
1822: 23,19 - 37,09 - 1840: 25,40 - 35,66 
1825 : 23,41 - 37,44 - 1843: 25,60 - 34,80 
1828: 25,48 - 34,13 - 1853: 25,66 . 30,57 
1831: 26,58" - 28,18 - 1854: 26,11 - 33,82 
Das Verhältniss der unehelichen zu den ehelichen Geburten 
schwankte 1816—43 zwischen 1 zu 12,66 und 13,79. Die einzelnen 
Regierungsbezirke bieten starke Gegensätze dar. So kam (nach Reden) 
je eine uneheliche Geburt im Regierungsbezirke 
Potsdam (Berlin) auf 4,69—5,63 ehe!. Dagegen: Münster auf 27,71—36,99 ehel. 
Liegnitz - 7,98—9,15 - Coblenz - 28,51—35,82 - 
Stralsund - 8,19—9,20 - Aachen - 27,94—32,94 - 
Breslau - 8,25—9,30 - Düsseldorf - 24,86—31,01 - 
Trier - 23,23—30,69 - 
(Die freieren socialen Institutionen in den Rheinlanden wirkten auch 
hierbei wohlthätig mit. Es zeigt sich dies bei Vergleichung der Pro 
vinzen unter sich, es zeigt sich bei einer Vergleichung Gesammt- 
Preussens mit anderen Staaten, wobei aber namentlich auch der Mo 
ment ins Auge zu fassen, dass die Militärpfiiehtigkeit in Preussen den 
jungen Männern wenigstens nicht 6—8 Jahre lang die Verheirathung 
unmöglich macht. Siehe übrigens unsere vergleichenden Bemerkungen 
bei Bayern). 
Nach Dr. Boudin’s Berechnung kommt durchschnittlich bei der 
protestantischen Bevölkerung eine uneheliche Geburt auf 10 bis 11 
eheliche, bei den Katholiken erst 1 auf 16 (Folge der Erleichterung 
bei Niederlassungen in den kathol. Rheinlanden etc.) ; bei den Juden 
1 auf 47, bei den Mennoniten auf 73. 
Von 1816 — 49 kamen bei den Geburten auf 100 Mädchen 
blos 89 Knaben. — Die Zahl der Sterbfälle schwankte zwischen
        <pb n="129" />
        8 
PREUSSEN — Land und Leute (Ein- und Auswanderungen). II3 
no ^ B^ölkerung. — 1849 kam 1 Sterbfall in den Städten 
aut 28,7 Emw., auf dem Lande erst auf 34,4. 
117,448; 1819: 111,084; 1825: 112,171- 
oo^^;r Trauung 1816 auf 88 Einwohner^ 
1819 auf 99, 1825 auf 109, 1834 auf 104, 1837 auf 110, 1840 
11« 109, 1852 auf 
Ai». Von 1816—34 war der Durchschnitt 109, von 1837—52 112. 
"i Geburten, Sterbfällen und Verheiratliungen die ge- 
' Einwirkung von guten Jahren in der einen, 
2 Mißjahren m der andern Richtung; dabei stetes Streben der 
INatui, die (durch Krieg und Theuerung herbeigeführten) Verluste 
^szugleichen, dann aber auch In entgegengesetzter Richtung das 
Gleichgewicht wieder hcrzuzteUen. Die grosse Menge der Ehen und 
Geburten im Jahre 1816 (nach den Napoleonischen Kriegen) dann 
gleichzeitig die geringe Zahl der Sterbfälle, sind besonders Wzeichimnd 
Ê:m@# 
Im Jahre 1849 zählte man : 
Männlich Weiblich Unterschied 
8062,805 8,168,382 5,577 
Dieser Unterschiedistgeringer,alswirdenselbenirgendwofanden 
Nach den grossen Kriegen war er viel bedeutender gewesen 
jetzt sind diese Verhältnisse nicht in allen Altersclassen gleich V 
der Kindheit bis zum 45. Altersjahre überwog 1849 noch die * - ° 
di: Tkz. ^ 
Körpergebrechen (1849). Taubstumme 11,973. Blinde 9 579 
Ein- nnd Auswanderungen. Preussen verdankt seine rasche Be 
völkerungszunahme nach den grossen Kriegen zum Theile den zahl" 
reichen Einwanderungen, zu denen seine relativ freiere Gesetzgebung 
Über Ansässigmachung ermunterte. In der Neuzeit hat sich das Ver- 
hältniss geändert, und auch viele Preussen wanderten nach Amprik« 
^üs. Wir finden unter andern folgende Notiz: 
Jahr Einwanderungen Auswanderungen V^mögen der über 
See Gegangenen 
1852— 63: 2859 21,372 P780,081 Thlr 
1853— 54: 2752 18,194 1’519 225 
1854— 65 : 2619 30,344 ’ 
pr. Kopf 
107 Thlr. 
110 -
        <pb n="130" />
        114 
PREUSSEN. — Land und Leute (Nationalitäten). 
Rheinprovinz 
Schlesien 
Sachsen 
Brandenburg 
Westfalen 
Einwand. 
699 
448 
824 
652 
326 
Auswand. 
6,248 
3,419 
2,638 
2,241 
1,904 
Pommern 
Posen 
Preussen 
Einwand. 
152 
71 
207 
Auswand. 
999 
484 
364 
3279 17,197 
Hiezu heiml. Auswanderungen 4,348 
In den letzten 11% Jahren kamen im Ganzen 161,429 Auswanderungen vor. 
Gonfessionen (Nach der Aufnahme von 1852): 
Provinzen 
1 Ostpreussen 
I Westpreussen 
Posen . . 
Pommern 
Schlesien 
Brandenburg 
Sachsen . 
Westfalen . 
Rheinprovinz 
Militär im Auslande 
Protestanten 
1'332,089 
532,936 
437,861 
1'232,376 
1'617,865 
2'147,119 
1708,666 
652,801 
691,777 
6,513 
Katholiken 
188,743 
504,048 
869,433 
10,912 
1'520,838 
35,071 
114,886 
835,841 
2’247,396 
6^26 
Griechen 
1185 
45 
30 
26 
67 
118 
2 
1 
11 
Menonniten 
1,045 
12,000 
90 
156 
38 
20 
32 
109 
1290 
Juden 
8,210 
24,447 
74,331 
10,434 
34,373 
22,712 
5,146 
15,499 
31,656 
60 
Zusammen 10’359,994 
Nationalitäten. Nach der 
für das Jahr 1844 : 
6’332,293 1485 14,780 226,868 
Sprachverschledenlieit rechnete Reden 
Deutsche 13’075,640 — 84,36 Proz. Litthauer 159,140 = 1,02 Proz. 
Slaven . 2’121,685 = 13,68 - Franzosen 10,900 =, 0,07 
Von den Slaven kamen auf die Polen 2’010,000, nämlich in 
Posen 841,500, in Westpreussen 140,000, in Ostpreussen 417,500, 
in Schlesien 605,000. Dann 83,400 Wenden (Serben, in der Lausitz), 
12,500 Mähren, 11,500 Böhmen, 4400 Kassuben. (Bei der Bevöl 
kerungsaufnahme im Jahre 1855 ergab sich im Regierungsbezirke (nicht 
Provinz) Posen, dass 479,900 Einwohner nur polnisch, 245,054 nur 
deutsch, und 174,409 polnisch und deutsch sprachen.) 
Städte. Nach der Aufnahme von 1852 zählte man in den beiden 
Haupttheilen des Landes : 
im östlichen 766 Städte 125 Marktflecken und 34,445 Dörfer 
- westlichen 253 - 112 - - 6,464 
Zusammen 1019 - 237 - - 40,909 
(Doch kennt die franz. Gesetzgebung, welche dem Geiste der Rhein 
länder entspricht, keinen rechtl. Unterschied zwischen Stadt und Dorf). 
Berlin hatte (Dez. 1855) 426,602 Einw. vom Civil, mit Militär 
etwa 455,000; — 1795 erst 156,218, 1800: 155,700; 1817: 
195,857, 1825: 203,668, 1831: 229,843, 1840: 311,491, 1843 
[mit Militär] 355,149, 1849: 423,992, 1852 [linger. Militär] 419,755. 
Auch zu Berlin scheint die rasche Bevölkerungszunahme ihr Ende 
erreicht zu haben. — Breslau (1852) 112,194; Köln (1855) 100,470 
[mit Militär 106,559] ; Königsberg (1855) 77,527; Danzig (1852) 
66,827; Magdeburg (52) 55,816; Aachen (52) 48,688; Stettin (52) 
41,573; Posen (52) 40,209 ; Potsdam (52) 37,549; Elberfeld (52) 
34,956; Barmen (52) 32,984. (1855 hatten unter andern: Coblenz 
22,443, Bonn 17,922, Trier 17,322, Wesel 12,939.) 
Gebietsveränderungen. Preussen, dessen Fürsten seit 1701 den 
Königstitel angenommen, umfasste bei der Thronbesteigung Friedrich
        <pb n="131" />
        PREÜSSEN — Land und Leute. 
115 
des II., 1740, etwa 3 Mill. Menschen (die gewöhnliche Angabe von 
2 240,000 ist viel zu gering). Die Eroberung Schlesiens (640 Q.-M 
damals mit Dl00,000 Bew.,' 1770 mit 1,327,078) und die erste Thei- 
lung Polens (von dem Preussen sogleich 631 Q.-M. und t/g Mill. 
Menschen erhielt) vergrösserten den Staat, so dass derselbe bei Fried 
richs Tode, 1786, folgende Gebiete umfasste (deren Grösse und Volks 
zahl wir nach den damaligen ungenauen Schätzungen angeben): 
Königreich Preussen (mit dem Netzdistricte) 
Herzogthum Pommern . 
Mark Brandenburg 
Herzogthum Magdeburg 
lürstenthum Halberstadt 
Westfälische Länder . 
Herzogthum Schlesien . 
Dazu: Fürstenthum Neuenburg 
Zusammen (ungenaue Schätzuni 
1380 Q.-M., 1’500,000 Bew 
480 
670 
104 
42 
244 
640 
15 
465,000 
1’057,000 
280,000 
132,000 
590,000 
1'582,000 
40,500 
3575 
5’650,000 
Furstenthum Ost friesland 
Herzogthum Cleve 
Grafschaft Mark 
hürstenthum Moeurs 
Herzogthum Geldern 
13 
54 
40 
56 
6 
24 
130,000 Be\ 
45,000 - 
103,000 - 
95,000 
125,000 
17,000 
50,000 - 
f Ær «r ' JÆr ooVÄi“xsöi 
ess sich die Regierung verleiten, Anspach, das rechtsrheinische Ge 
biot von Clovo, und Neuenburg freiwillig an Frankreich abzutreten 
pgen das von diesem eroberte Hannover. Nicht nur protestirte Eng 
ä@ag#m
        <pb n="132" />
        116 
PREUSSEN — Finanzen (Budget). 
das mit vergrössertem Gebiete wieder als „freie Stadt“ erstand; Ost 
friesland an Holland; Münster, Mark, Gingen und Tecklenburg an 
Berg ; die übrigen westfälischen und niedersächsischen Besitzungen 
an das neue Königreich Westfalen; endlich Baireuth und Erfurt an 
Frankreich. Der Gesannntverlust wird zu 3327 Q,-M. und 5’736,500 
Menschen berechnet. Der preussische Staat war auf 2793 Q.-M. mit 
4’560,000 Einw. zusammengeschmolzen. — Der erste Pariser Friede 
und der Wiener Congress gaben das Verlorene zurück oder mehr als 
vollständige Entschädigung. Nicht wiedererlangt wurden ; Polen, Hildes 
heim, Ostfriesland, Anspach und Baireuth; dagegen erhielt Preusscn: 
die Hälfte des Königreichs Sachsen, Rheinland (Provinz Niederrhein) 
und Schwedisch-Vorpommern. — 1842 kaufte der Staat das Fürsten 
thum Lichtenberg (auf dem linken Rheinufer, mit 42,000 Menschen, 
durch den Wiener Frieden dem Herzoge von Coburg zugetheilt) und 
1849 die beiden Hohenzollern’schen Fürstenthümer (25 Q.-M. und 
67,500 Bew.). Dagegen büsste der König 1847 die in dem schwei 
zerischen Neuenburg ansgeübte Hoheit ein. — Ein kleines Gebiet 
am Jadebusen, zu einem Kriegshafen bestimmt, ward Ende 1854 von 
Oldenburg um V2 Mill. Thlr. erkauft. 
Finanzen* 
Budget. Der „Staatshaushalts-Etat“ für 1856 enthält folgende 
Hauptpositionen : 
Einnahmen. 
I. Finanzminislermm: 1) Domänen (Outer) 4’920,910, 2) For- Thaler 
sten 5’602,300, von welchen beiden Positionen jedoch die 
Krondotation abgerechnet wird mit 2’573,099, — Rest 7’950,111 
3) Verkäufe von Domänen und Rechten l'/g Mill., und 4) 
sonstige Domänen-Einkünfte 1,766 .... 1’501,766 
5) Direkte Steuern: Gründet. 10’086,826; classiñcirte Ein- 
kommenst. (einschliesslich 622,000 Thlr. Zuschlag) 3’118,000; 
Klassenst. (einschl. 2’036,000 Zuschlag) 10’199,000; Ge- 
werbst. 2’894,000; Eisenbahnabgabe 491,248; Verschiedenes 
25,123; zusammen ........ 26’814,197 
6) Indirekte Steuern: Zölle 11’610,000; Uebergangsabgabe 
von vereinsländischem Wein, Most und Tabak 200,000; 
Rübenzuckerst. 2 Mill.; Niederlagegelder etc. 47,000; Schiff 
fahrtsabgaben 450,000; Branntweinsteuer und Uebergangs 
abgabe 6’300,000; Braumalzsteuer und Uebergangsabgabe 
1’100,000; Weinbaust. 91,000; Tabaksbaust. 144,000; Mahl 
steuer (einschl. 295,590 Zuschi.) 1480,000 ; Schlachtsteuer 
(319,174 Zuschi.) 1’600,000; Stempelst. 3450,000; Chaus 
seegelder 1’310,000; Brückengelder und Stromgefälle 870,000 ; 
Gerichtschreibereigebühren 170,000 ; Strafgelder 80,000; Ver 
schiedenes 183,167 =......• 31’085,167 
7) Salzmonopol 8’564,720; 8) Lotterie 1’236,000 = . 9’800,720 
9) Seehandlungsinstitut 100,000 ; 10) Preuss. Bank (An- 
theil) 225,600; 11) Münze 77,960; 12) allgem. Cassen- 
verwaltung (Pensionsbeiträge etc.) 272,535 = • • 676,095 
Zusammen Finanzministerium 77’828,066 
II. Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten: 
1) Post 9’387,724; 2) Telegraphie 473,652; 3) Manufakturen
        <pb n="133" />
        PREUSSEN — Finanzen (Budget). 
(Porzellan etc.) 267,278; 4) Berg-, Hütten- und Salinen 
wesen 11'239,520; 5) Eisenbahnen 5758,964 = . 
III. Justizministerium (davon 8768,895 Gerichtskoeten) . 
IV. Ministerium des Innern (wovon 512,608 aus Strafanstalten 
und 148,800 Ertrag der Regierungsblätter) 
V. Ministerium für die landwirthschaftlichen Angelegenheiten 
(wovon 250,344 v. Gestüt) 
VI. Ministerium der geistl.^ Unterrichts- u. Medizinalangelegenheiten 
VII. Kriegsministerium ........ 
VIII. Ministerium der ausio'drtigen Angelegenheiten (Consulats- und 
Passgebühren) 
Hiezu: Rückstände aus den Vorjahren ..... 
Aus den Hohenzollern’schen Landen (361,000 fl.) " 
Gesammt-Einnahme 
Oder vielmehr mit der Krondotation .... 
F ORTDAUERNDE AUSGABEN. 
A. Betriebs-, Erhebungs- und Verwaltungsko 
I. Finanzministerium: Domänen 806,190; Forsten 2’692 300* 
Centralverwaltung beider 79,900; directe Steuern r075’343 ’ 
2'902,620;'Lot: 
%634 8'822,640; Eisenbahnverwaltun¿ 
Summe A, Betriebsausgaben ~ 
B. Dotationen. 
OeffentlicheSchuld, davon Verzinsung 8’360,168; Tilgunff 4’*'&gt;05 5R9 
Renten 305,535 etc. . . . ! 
Landtag !.'[*" 
Summe B, Dotationen 
C. Staatsverwaltung. 
LgfigrfsmmWßnW (wovon 116,005 Oberrechnungskammer; 
18,7o0 geh. Cabinet) * 
II. Mmisterium der austcärtigen Angelegenheiten (davon 443 520 
Besoldung des Gesandtschaftspersonals) . 
m. (davon 3'009,800 Pensionen, Wittwenge- 
117 
27727,138 
8’851,323 
751,345 
1’212,619 
87,020 
264,560 
8,530 
2’527,194 
206,286 
118’864,071 
121737,170 
aten. 
11’645,780 
23’097,178 
34742,958 
12’944,750 
239,769 
13784,519 
246,575 
809,705 
6’055,197 
werblicher und Handelszwecke) 
V, JustizTïixnistcTiuYn, 
Förderung ge- 
GeiSr fiirGefingni«; 
X. Marine ' 
Hiezu; Zahlungsrückstände aus frühem Jahren^^^^^^"gsaBSgaben 
Ausgabe in Hohenzollern (330,691 fl.) 
Betrag der fortdauernden Ausgaben 
6262,022 
10767,292 
4812,272 
1’934,256 
3'522,059 
28700,672 
554,531 
62’664,581 
2’527,194 
188,966 
113’308,218
        <pb n="134" />
        118 
PREUSSEN — Finanzen, 
Einmalige und ausserordentliche Ausgaben. 
I. Herrenhaus 40,000; II. Ministerium des Auswärtigen 150,490; 
III. Finanzministerium 546,102; IV. Handelsministerium (wo-von 
l'/j Mill, für Strassen- und Wasserbauten) 1’782,000; V. Justiz 
ministerium 400,000 ; VI. Ministerium des Innern 200,000 ; VH. 
Ministerium für Landwirthschaft 269,435 ; VllI, Ministerium 
für geistliche Angelegenheiten 601,060 ; IX. Kriegsministcrium 
(davon 539,886 für Festungsbau) 799,446; X. Marine 750,000 ; 
— für liohenzollern 17,320 5’555,853 
Gesammtbedarf, gleich der Einnahme 118'864^71 
Bemerkungen. Das Budget begreift die gesammten Brutto 
summen in sich ; nur hat man (seltsamer Weise) eine einzige Position, 
und zwar sogar eine Nettoausgabe, abgerechnet, nämlich die Kosten 
der Civilliste. Ziehen wir von den I21V2 Mill. Einkünften die Er- 
hebungs- und die Betriebskosten der Staatsanstalten mit 34% Mill, 
und die durchlaufenden Posten ab, so verbleibt eine reine Einnahme 
von 83Yg Mill. Die Summen vertheilen sich ungefähr so : 
Einnahmen. 
Brutto. Netto. 
Proz. des 
Netto. 
Domänen 29%Mill. 1F200,000 = 13,40 
Directe St. 28 - 26’970,000 = 32,25 
Indirecte 60% - 45’430,000 = 54,35 
83’600,000 
Ausgaben. 
Militär (mit öend.) 31 ’870,000 = 38 % 
Schuld . . . 12’945,000 = 15% 
Diese 2 Posten 44’815,000 = 53% 
Einschliessl. der Betriebsausgaben er 
heischen die Beamtenbezüge 30 Mill. 
Da Preussen, ungeachtet seiner verhältnissmassig geringen Be 
völkerung, unter den (xrossmächtgn auftritt, und da es sich über 
haupt als Militär Staat entwickelte, so war eine hohe Besteuerung 
der Einwohner von jeher die . natürliche Folge. Die Lasten wurden 
aber namentlich in der Neuzeit sehr vermehrt. Allerdings können die 
Budgetziffern von frühem Jahren nicht unbedingt den heutigen 
gegenüber gestellt werden, da früher nur die Nettobeträge aufgeführt 
waren, statt der jetzigen Brutto summen. Allein es tritt dennoch ein 
gewaltiger Unterschied hervor, wenn wir z. B. den Finanzetat vom 
Jahre 1844 mit dem jetzigen vergleichen. Jener schloss ab mit 
57’677,194 Thlr., der jetzige mit beinahe 119 Mill, brutto oder 84 
Mill, netto. Und doch kostete damals schon das Heer 24’604,208, 
die Staatsschuld sammt Renten 10’60G,556 Thlr. Noch 1847 war die 
Nettoausgabe nur 64 Mill. — Dabei bemerkt man in der Repartition 
der Lasten sehr grosse Ungleichheiten. Hiezu kommen förmliche 
Steuerbefreiungen, Begünstigungen und Privilegien einer in der Jetzt 
zeit unbegreiflichen Art, z. B. sogar Befreiungen von der Grundsteuer. 
Aus der amtlichen Denkschrift zum Gesetze vom 24. Februar 1850 
wegen (Vorarbeiten zur) Aufhebung der Grundsteuerbefreiungen erhellt, 
dass noch immer steuerfrei sind: in der Provinz 
Preussen 4’884,915 Morgen. Schlesien 753,856 Morgen. 
Pommern 6’913,074 - Brandenburg 5’739,401 
Posen 765,815 - Sachsen 1’723,115 
Zusammen 20’78(),176 
Auch muss erwähnt werden, dass die heillose (Classen-) Lotterie 
vom Staate unterhalten wird.
        <pb n="135" />
        PREUSSEN — Finanzen (Staatsschuld). 
Die Budgets der nächstvorgängigen Jahre schlossen so ab : 
119 
Jahr 
1849 
1850 
1851 
1852 
1853 
1854 
1855 
ln 7 Jahren ; 
Die regelmässigen 
Einnahmen 
85^993,281 
88765,349 
90721,860 
94’277,300 
97’558,668 
102’090,484 
108’945,065 
Die Ausgaben 
91'601,281 
93'326,507 
93794,433 
96'911,913 
101759,563 
106’332,124 
109'648,285 
Das Deilcit 
5’608,000 
4’561,158 
3'072,573 
2'633,713 
3'600,896 
4’241,640 
703,220 
668’351,007 692773,206 24721,199 
(Wir legen dabei kein besonderes Gewicht darauf, dass 30761 245 Thlr 
als außerordentliche Ausgaben aufgeführt werden; dieser sog. ausserordent: 
liehen Ausgaben gibt es jedes Jahr.) 
In dem Voitrage des Berichterstatters der Bndgetcommission 
Kuhne, an die Abgeordneten-Karamer, vom 25. April 1855, über das 
Budget von jenem Jahre, ward wesentlich hervorgehoben* 1) Seit 1848 
haben in keinem Jahre die regelmässigen Einnahmen zur Deckung 
der gewölmhehen Ausgaben genügt. 2) Es lässt sich auf keine Weise 
erwarten, dass das Gletchgewicht sich von selbst herstellen werde. 
3) Ebensowen,g kann dies durch Palliativmittel, wie (die angenom- 
menen) temporaren Steuerzuschläge geschehen ° 
Vermögens genügte ebenso wenig, wie das Aufzehren vorhandener 
Cassabestände, um den AusfaU zu decken; man musste auch noch 
neben der Steuernerhöhung, die Schulden vermehren. 
Nach dem Berichte der Finanzcommission der Abgeordneten- 
Kamraer von 1855 hat sich der Finanzzustand in den 5 Jahren 1848 
Weise yellZZu Abrechnungen vor) in folgender 
1. der Terzinslichen und unverzinslichen Schuld 
2. prminderungd'es8wL:lZrum'''''" : ' 
3. Aufzehrung von Capitalien und Beständen . . . 97411570 ! 
Ah:ErhöhungvonCassabeständen 
Das DpfipU j V Bleiben Ma^ 66’313,192 Thlr. 
üsSSPsiSä 
Staatsschuld. Als Friedrich 11. 1740 den Tbvp r x- 
er einen Staatsschatz von 8700,000 Thlr Din '-i estieg, fand
        <pb n="136" />
        120 PREUSSFN — Finanzen (Staatsschuld). 
auch zu dem Mittel der Münzversclilechterung, indem man die Mark 
fein Silber bis zu 45 (statt 12) Thlr. ausprägte, so dass erst in 3% 
Thlr. so viel Silber enthalten war, als in einem einzigen sein sollte! 
— Durch Schlesien waren die Staatseinkünfte um 3’600,000 Thlr. ver 
mehrt. Friedrich verstand es, dieselben auch auf andere Weise in die 
Höhe zu treiben, und so betrug die Einnahme 1780 gegen 21, 1786 
selbst 30 Mill. Auf Schlesien haftete bei dessen Eroberung eine Schuld 
von 1'700,000 Thlr. Trotz dessen und trotz der Kriegskosten hinter- 
liess Friedrich (f 1786) nicht nur keine Staatsschuld, sondern einen 
haaren Staatsschatz von mindestens 30, nach andern Angaben selbst 
von 50 bis 60 Mill. Während der 11 jährigen Regierung Friedrich 
Wilhelms IL verschwand nicht nur dieser Schatz vollständig, sondern 
statt seiner erwuchs eine Schuldenmasse, welche von Einigen zu 30, 
von andern zu 60 Mill, angegeben wird. Unter Friedrich Wilhelm IIL 
strebte man nach Verminderung dieser Last. Allein der Jenaer Feld 
zug kostete blos an Kriegscontributionen gegen 40 Mill. Das erst 8 
Monate zuvor emittirte Papiergeld sank bis auf V4 seines Nenn- 
werthes herab, und hob sich lange Zeit' nicht über die Hälfte des 
Nominalbetrags. — Nachdem Napoleon das Land ausgcsaiigt, erfor 
derten die Kriege von 1813—15 begreiflicher Weise die enormsten 
Anstrengungen und Opfer. Noch 1818 schloss man mit Rothschild 
ein Anlehen im Course von 70 Proz. ab. — Im Jahre 1820 ward 
die Gesammtschuld festgcstellt zu 217’975,517 Thlr. Davon wurden 
bis Ende 1848 abgetragen 86’553,624, — zu welchem Behufe man 
freilich auch für 45’060,996 Thlr. Domänengüter veräusserte ; für 
Eisenbahnbauten wurden gleichzeitig höchstens 40 Mill, verwendet. 
Darnach war die Schuldsumme (einschl. Papiergeld) auf 131’421,893 
Thlr. herabgebracht, wenn auch unter Verminderung der Domänen. — 
Allein seitdem hat sich das Verhältniss stark geändert. Ungeachtet der 
Flüssigmachung des grössten Theiles der Cassavorräthe, und ungeachtet 
der Einführung neuer und der Erhöhung alter Steuern, ist von 1848 
bis 1853 die Schuldsumme enorm gestiegen, nämlich die verzinsliche 
Schuld bis dahin um 73’208,837, die unverzinsliche (Cassaanweisungen) 
19 600,000. Allerdings hielt sich Preussen von dem orientalischen 
Kiiege feine, indessen ward dieser Krieg doch Veranlassung zur Auf 
nahme eines neuen Anlchens von 30 Mill. Thlr., dessen erste Hälfte 
1854 und dessen letzte 1855, und zwar diese letzte Hälfte als Lotterie- 
anlehen, zu 4 Proz. verzinslich, al pari negozirt wurde, mit nicht ganz 
2 Iioz. Provision, Nach den offlciellen Angaben vermehrte sich die 
verzinsliche Schuld im Jahre 1854 um 10'010,116, und im Jahre 
1855 um 20’082,891 Thlr. 
Ungeachtet des Vermeidens grosser Kriegsrüstungen in der jüng 
sten Epoche hat sich sonach die preuss. Staatsschuld in den letzten 
8 Jahren um beinahe 123 Mill. (122’901,844 Thlr.) vermehrt, also 
in diesem kurzen Zeiträume fast verdoppelt. Nach den von obigen 
ZiflFern nicht bedeutend abweichenden offlciellen Angaben betrug die 
verzinsliche Schuld Ende 1855: 217’009,162 Thlr. Rechnen wir dazu 
30’842,347 Ihlr. Cassaanweisungen (unverzinsliches Papiergeld), so
        <pb n="137" />
        121 
PREUSSEN — Militärwesen (Bildung des Heeres). 
stellt sich die Gresammtschnld auf nahe an 248 Mill. (Hiezu kommt 
ein neues Eisenbahnanlehen von 7’800,000 Thlr.) 
Kurze Uebersicht. Eine uns vorliegende Berechnung entziffert die 
Summe der Staatsschuld in verschiedenen Perioden folgendermaassen : 
1797 : 46'054,903 Thlr. = pr. Kopf Thlr. 5. 13 Sgr. 
1805: 53’494,914 - = - - - 6. 10 
1820; 217’845,558 - == - . - 19. 24 - 
1847 : 139’884,581 - = - - - 8. 19 - 
1853 : 249 325,084 - = . - 12. 25 
1856*): 247’851,509 - = . . - 14, 18 - 
*) Mit den Cassaanweisungen, welche oben nicht eingerechnet sind. 
Militärwesen. 
Bildung des Heeres. Allgemeine Dienstpflicht, ohne Stellyertretune 
Dienstzeit 3 Jahre im activen Heere, vom 21. Jahre an, dann zwei 
Jahre Bereitschaft als Kriegsreservisten. Landwehr ersten Aufgebots 
vom 26. bis 32. Jahre , Landwehr zweiten Aufgebots bis zum 39. Jahre. 
Dann Landsturm. Die active Dienstzeit der sich selbst Ausrüstenden 
ist blos 1 Jahr. Avaneeinent ermöglicht, doch der Adel thatsaoldich 
ini Offioiersoorps vorherrschend, ausgenommen in der Artillerie 
Nach der . Rangliste« für 1866 hat die preussische Armée, ein- 
St^ÆiertwLlIs: #:Ze:n'd SS: 
nämhch 4683 Edelleute ohne Titel, 457 Freiherren, 329 Grafen 54 
Prinzen regierender oder fürstlicher Häuser, 9 Fürsten und 2 Herzoge 
(Das Missverhältniss würde sich noch enormer stellen, wenn Landwdir 
und Marine nicht mit in Rechnung gezogen wären. Auch so noch ist 
es bei weitem grösser, als selbst in Oesterreich (siehe S. 103). 
Formation. 
Infanterie 
3 Garde-Regimenter . . . , 
2 Grenadier- - . . . , 
4 Garde - Landwehr - Regimenter . 
2 Garde-Jäger- und Schützenbataillone 
32 Linien-Infanterie-Regimenter . 
8 Reserve- - - . 
32 Landwehr- - 
8 combinirte Reserve-Bataill. 
8 Jäger-Bataillone . 
Zus. 4 Garde-, 32 Linien-Inf-Brigaden, 
2 Brigad. für die Bundesfestungen 
Cavallerie 
2 Garde-Cuirassier-Regimenter 
2 Leichte Garde- (Husar., Drag.-) Reg 
2 Garde - Uhlan en - Regimenter 
2 Garde - Landwehr - Regimenter . 
8 Cuirassier-Regimenter 
8 schwere Landwehr-Regimenter 
4 Dragoner-Regimenter 
4 Landwehr-Dragoner-Regimenter 
Stehend. Heer Landwehr 
Bataill 
8 
6 
2 
96 
16 
8 
8 
Bataill. 
12 
8 
96 
144 
116 
Stehend. Heer Landwehr 
Escadr 
8 
8 
8 
32 
16 
Escadr. 
32 
16
        <pb n="138" />
        122 PREUSSEN — Militärwesen (Festungen, Geschieht!. Notizen). 
12 Husaren - Regimenter ... 48 — 
12 Landwehr-Husaren-Regimenter . — 48 
8 Uhianen - Regimenter ... 32 — 
8 Landwehr-Uhianen-Regimenter . — 32 
8 Landwehr-Reserve-Escadronen . — 8 
Zus. 2 Garde- und 16 Linien-Cav.-Brigad. 152 144 
Artillerie: 1 Garde-Artillerie-Regiment, 8 Artillerie-Regimenter etc. mit 27 
reitenden und 72 Fusshatterien. — Sodann Genie, Pioniere etc. 
Die gesammte Militärmacht ist in 1 Gardecorps- und 8 Armec- 
corps getheilt, jedes Corps zu 2 Divisionen. — Del- Etat eines Armee 
corps im Felde ist: 25 Bataill. zu 25,000 M., .32 Escadronen zu 
4800, 11 Batterien mit 88 Kanonen. — Für die Festungsbesatzungen : 
26 Bataill. Linie und Landwehr 1. Aufgebots, 8 Keserve-Landwehr- 
Schwadr. ; die Ersatztruppen (36 Bataih, 40 Escadr,) 116 Bataill. und 
104 Escadr. Landwehr zweiten Aufgebots. 
Gesammtstärke des steh. Heeres und der Landwehr 1. Aufgebots 410,000 M 
der Landwehr 2. Aufgebots . . . 115,000 
Zusammen 525,000 M. 
Vom stehenden Heere sollen, Ofiiciere, Beamte etc. ungerechnet, 
im Frieden 129,117 M. unter den Fahnen sein, mit 30,545 Pferden; 
von der Landwehr sollen sich bei den Stämmen befinden 4123 Mann 
und 348 Pferde. 
Festungen. Es sind deren 27 (worunter mehre ersten Ranges): 
Saarlouis, Coblenz mit Ehrenbreitstein, Wesel, Jülich, Minden, Erfurt 
mit dem Petersberge und der Cyriaksburg, Magdeburg, Wittenberg, 
Torgau, Spandau, Küstrin, Stettin, Stralsund, Colberg, Glogau, Cosel, 
Glatz, Silberberg, Schweidnitz, Neisse, Posen, Graudenz, Thorn, 
Danzig, Pillan, Königsberg und Lötzen. — Ferner hat Preussen in 
Mainz mit Oesterreich gemeinsam das Besatzungsrecht, ebenso in 
Luxemburg gemeinsam mit dem Grossherzogthum Luxemburg. 
Geschichtliche Notizen. Preussen hat sich als Militärstaat 
empor geschwungen. Friedrich II. fand bei seiner Thronbesteigung 
in dem kaum 3 Mill. Menschen umfassenden Staate ein Heer von 
76,000 Mann. Seinen Einfall in Schlesien (1740) führte er zwar nur 
an der Spitze von etwa 28,000. M. aus, hatte aber beim Beginne des 
zweiten schlesischen Krieges (1744) eine angeblich 100,000 M. starke 
Armee. Den siebenjährigen Krieg cröffnete der König (1756) durch 
seinen Einfall in Sachsen mit 60,000 M. Während dieses Krieges 
kämpften die preuss. Heere in 16 Hauptschlachten; es wurden ihnen 
3 Corps durch die Feinde zu Grunde gerichtet, und sie verloren über 
dies 5 Besatzungen. Die Gesammtsiimme seiner Verluste an Todten 
und Gefangenen schätzte Friedrich selbst (Histoire de mon temps) auf 
180,000 M. ; ausserdem seien 33,000 Einwohner den Barbareien der 
Russen erlegen; die Verluste der preuss. Verbündeten (Britten etc.) 
hätten 160,000 betragen; sonach Gesammtverlust preussischer Seits 
373,000. — Die Verluste seiner Gegner berechnete der König so : 
Oesterreicher (welche in 10 Hauptschlachten kämpften und 3 Be 
satzungen einbüssten) 140,000 ; Russen (in 4 Schlachten, Verluste auf 
dem Marsche etc.) 120,000; Franzosen (meist gefangen) 200,000 ;
        <pb n="139" />
        PREUSSEN — Sociale, Gewerbe- und Handelsverbältnisse. 123 
Schweden 25,000; zusammen 513,000. — Totalverlust beider Tlieile 
886,000. (Die Schätzung des franz. Verlustes scheint besonders zu 
hoch.) — Die im Jahre 1806 (Jenaer Feldzug) wirklich in Activität 
gesetzte Truppenzahl mag 120—130,000 M. betragen haben. — Nach 
dem Tilsiter Frieden durfte Preussen höchstens 42,000 M. unterhalten. 
Allein diese Beschränkung drängte dazu, möglichst die ganze Nation 
wehrhaft zu machen (Scharnhorst's Verdienst). Daher die neue Kriegs 
organisation. — Für den russischen Feldzug musste Preussen den 
Franzosen ein Hülfscorps von 20,000 M. stellen (unter York). Als 
sich dieses aber, zu Ende des bezeichneten Jahres, gegen Napoleon 
erhob, und der König sich endlich zur Kriegserklärung genöthigt sah, 
standen bald (1813) über 100,000 M. im activen Heere. 1815 wuchs 
die Zahl wohl auf 150,000 an. — Seitdem erfolgte die Mobilisirung 
des 2. Aufgebots nur einmal, 1850, als das preuss. Heer den Oester 
reichern und Bayern in Kurhessen gegenüber stand. Nach dem etwas 
seltsamen Zusammentreifen bei Bronnzell erfolgte bekanntlich die Zu 
rückbeorderung des preuss. Heeres ohne Kampf. 
Kriegsmarine (1856): 2 Segel-Fregatten von 48 und 38 Kan. ; 
1 Schrauben-Corvette von 28 (im Bau) ; 1 Dampf- und 1 Segel-Cor- 
vette, jede von 12; 1 Wachtschiff von 9; 1 Transportschiff von 6; 
3 Schooner, zus. von 6; 1 Bugsir-Dampfer; 36 Kanonen-Schaluppen 
Von je 2, und 6 Jöllen von je 1 Kan., — zusammen 53 Fahrzeuge 
mit 237 Geschützen. (Mannschaft 1100—1200, nach dem Kriegs- 
fusse fast 3200 Mann.) 
Sociale, Gewerbs- und Handelsverbältnisse. 
Allgemeine Betrachtungen. Der alte Militärstaat Preussen, mit 
seinen Begünstigungen des Adels (dessen Angehörige, selbst nach 
Friedrichs II. Ansicht, gleichsam allein „Ehre im Leibe“ haben sollen; 
für welche daher die Officiersstellen reservirt wurden, wie ihnen, 
nach den Kriegen, die Geldunterstützungen— meist wirkungslos! — 
zuflossen), — dieser Militärstaat, in dem invalide Soldaten die näch 
sten Ansprüche auf Schullehrerstellen hatten, und worin nebenbei die 
Bureaucratie sich erhob, — er brach auf den ersten Schlag, bei Jena, 
vollständig und auf unrühmlichste Weise zusammen. Die unbedingte 
Nothwendigkeit einer völligen Umgestaltung lag vor, wenn Preussen 
nicht vernichtet sein sollte. Es ist das Verdienst Stein’s und seiner 
Genossen, diese Nothwendigkeit erkannt und die Kraft zur Durch 
führung besessen zu haben. Allerdings waren diese Männer noch in 
einer stark aristokratischen Anschauungsweise befangen, welche sic 
abhielt, das unbedingt freie Princip auch nur in den bürgerlichen Ver 
hältnissen mit allen Consequenzen anzuerkennen. Dennoch ward ver 
gleichsweise Grosses geleistet. Die Erbunterthänigkeit, ein Rest Leib 
eigenschaft, ward aufgehoben; Jedermann durfte Grundstücke erwerben 
(die Herstellung dieses so natürlichen Rechtes erregte damals die 
grösste Ueberraschung!), Theilbarkeit des Grundeigenthums und Ge-
        <pb n="140" />
        124 PREUSSEN — Sociale, Gewerbs- und Handelsverhältnisse. 
werbsfreiheit wurden principiell anerkannt (wenn auch nicht in dem 
vollen Umfange wie in Frankreich); man gab wenigstens den Städten, 
(aber eben nicht allen Gemeinden) das liecht der Selbstverwaltung 
ihrer Communalangelegenheiten zurück. Endlich suchte man die ganze 
Nation wehrhaft zu machen. Die Leistungen des preuss. Volkes in 
den Jahren 1813—15 waren mit die ersten Früchte dieser Fortschritte. 
Trotz zahlloser Verkümmerungen jener (zum Theile selbst an 
fänglich schon nur unvollständig anerkannten, in der Neuzeit aber 
häufig aufs Heftigste angefeindeten) Prinzipien, sehen wir das Volk 
unter dieser Gesetzgebung in socialer Beziehung (und nur davon ist 
die Rede) wenigstens vergleichsweise weit mehr sich entwickeln, als 
jene andern deutschen Stämme, bei denen man die feudalistischen Vor 
rechte, die Güteruntheilbarkeit, den Zunftzwang u. s. f. aufrecht erhält. 
Man vergleiche z. B. die Bevölkerungszunahme in Preussen mit der 
in Oesterreich oder Altbaiern (denn in der Rheinpfalz walten noch die 
Grundsätze, welche leider erst die franz. Fremdherrschaft zur Geltung 
brachte) ; man vergleiche überdies die industriellen Leistungen. Und da 
bei vergesse man nicht, wie so oft auch noch bureaucratische Ein 
richtungen hemmend und lähmend einwirken ; wie das Streben, Preussen 
als Grossmacht gelten zu machen, unnatürliche Anstrengungen erheischt, 
und wie namentlich die russischen Grenzabschliessungen höchst ver 
derblich wirken müssen. — So ungenügend, unserer Ansicht nach, die 
blos theilweise Anerkennung der freien socialen Prinzipien in Preussen 
auch ist, so wurde der Staat dennoch nur durch sie in den Stand 
gebracht, eine Stellung als Grossmacht zu behaupten. Preussen ist 
beinahe ebenso wenig wie Oesterreich ein von Natur gebildeter, durch 
natürliche Marken begrenzter, durch Vereinigung gleicher Stämme na 
türlich geschaffener Staat. Man betrachte die Ausdehnung des massi 
gen Gebiets, von Memel nach Saarbrücken und Hohenzollern, wie es 
schutzlos und unzusammenhängend da liegt ; man beachte die Ver 
schiedenheit der Altpreussen und der Rheinländer; die Antipathieen 
des Protestantismus und Katholicismus; den Widerwillen zwischen 
Deutschen, Polen und Litthauern; man berücksichtige dabei den be 
schränkten Umfang des Staates und den geringen natürlichen Reich 
thum vieler seiner Gebiete, — und man wird erkennen, dass Preussen 
nur vermittelst ungewöhnlicher Leistungen neben den andern Gross 
mächten auftreten kann. 
Das Gewerbs wes en. Es scheint, dass die Hoffnung der Er 
langung eines höhern Steuerertrages wesentlich mitwirkte zur Procla- 
mirung der Ge werbsfreiheit. Das „Edict über Einführung einer 
allgemeinen Gewerbesteuer“ vom 2. Nov. 1810 machte die Befug- 
niss zur Gewerbsausübung allein abhängig von der Entrichtung der 
entsprechenden Gewerbeklassensteuer. An dieses Edict reihte man aber 
unterm 7. Sept. 1811 ein Gesetz zur Wahrung des für zweckmässig 
erachteten Rechtes polizeilicher Einschreitung. Unterm 30. Mai 
1820 erging ein neues Gewerbesteuergesetz, auch für die neuerwor 
benen Lande geltend, dem unterm 17. Jan. 1845 die „Gewerbeordnung“ 
folgte. — Die letzte erklärt im Tit. 1. alle bisherigen Beschränkungen,
        <pb n="141" />
        PREUSSEN — Sociale, Gewerbe- und Handelsverhältnisee. 125 
Vorrechte und sogenannten „Gerechtigkeiten“ aufgehoben. ^ lit. II. setzt 
indess selbst Beschränkungen fest, nicht nur für Minderjährige, son 
dern auch für Solche, welche keinen festen Wohnsitz haben; ferner 
für Staatsbeamte, Beschöltene, Unsittliche und Ungepiüfte. 
Sodann wird eine Reihe von Gewerben aufgezählt, zu deren Au^bung 
man einer Concession bedarf. Eine besondere polizeiliche Geneh 
migung ist erforderlich: 1) für Etablissements, welche durch die öiU 
liehe Lage etc. für die Besitzer benachbarter Grundstücke oder für 
das Publikum überhaupt erhebliche Nachtheile, Gefahren oder Belästi 
gungen herbeiführen können; 2) für Gewerbe, bei denen a. entweder 
durch ungeschickten Betrieb, oder b. durch Unzuverlässigkeit in sitt 
licher Hinsieht das Gemeinwohl oder die Erreichung allgemeiner po 
lizeilicher Zwecke gefährdet werden kann; 3) für Individuen überhaupt, 
welche wegen eines von ehrloser Gesinnung zeugenden Verbrechens 
verurtheilt worden sind. Tit. IV und V enthalten mitunter sonstige 
Beschränkungen. Tit. VII beschränkt die „Freiheit“ vom Innungs 
zwange wesentlich, indem das Recht, Lehrlinge zu halten, bei allen 
bedeutenden Handwerken nur dadurch erlangt wird, dass die Meister 
Innungsmitglieder sind, oder sonst ihre Befähigung nach weisen. Tit. X 
ordnet an, dass die Befugniss zum selbstständigen Gewerbsbetriebe 
„aus Strafe“ entzogen werden könne, und zwar auf 3 Monate bis 5 
Jahre. In gewissen Fällen muss diese Strafe verhängt werden. Ueber 
Beschwerden wegen Untersagung des Gewerbsbetriebes haben nicht die 
Gerichte, sondern die Polizeibehörden zu erkennen. — Vorbedingung 
der Aufnahme als Lehrling ist nicht blos Kenntniss des Lesens, 
Schreibens und Rechnens, sondern auch die Bescheinigung des Re 
li g ions lehrers über genügende Kenntniss der Glaubens- und Sitten 
lehre. (Was hat die Glaubenslehre hier zu thun? Und warum soll 
der, welcher das Eine nicht kann, auch das Andere nicht lernen 
dürfen?) — Die Verordnung vom 9. Febr. 1849 schuf (nach dem 
Urtheile eines tüchtigen Fachmannes) „zu den vielen überflüssigen 
Behörden noch die der Gewerberäthe.“ Im Gewerberath sollten Ar 
beitgeber und Arbeitnehmer gleichmässig vertreten sein. Ein Gesetz 
vom 15. Mai 1854 strich aber dieses Recht für die Arbeitnehmer, 
und mischte den Prüfungskommissionen und Gewerberäthen auch Com- 
missäre der Behörden bei. „Die an die Stelle der Freiheit getretene 
Beschränkung hat bereits Hunderte von Ministerialbescheiden nöthig 
gemacht; eine ganze Abtheilung im Ministerium ist mit den Hand 
werksangelegenheiten beschäftigt, und in zahllosen Gewerberäthen ver 
geuden die Gewerbtreibenden ihre Zeit.“ 
Zahl der Handwerker, zu Ende 1852: 552,706 Meister und 
446,035 Gesellen etc. Die Zunahme in den 3 Jahren 1849 — 52 
betrug 17,534 Meister und 38,894 Gesellen. Man erschwert seit 1849 
thatsächlich die Niederlassung neuer Meister. Bei der Menge unge- 
theilter grosser Güter ist ein Theil der agricolen Bevölkerung künst 
lich dem Gewerbstande zugetrieben. 1849 kam ein Handwerker auf 
17,34 Einwohner, 1852 einer schon auf 16,89. Allein selbst diese 
Zahl ist noch entschieden geringer, als die in Bayern sich ergebende,
        <pb n="142" />
        126 
PREUSSEN — Sociale, Gewerbe- und Handelsverhältnisse. 
wo Zunft- und Realrechtszwang bestehen (siehe „Bayern.“) Auch ist 
damit noch lange nicht die Zahl erreicht, welche wir in dem gerade 
durch seine Industrie reich gewordenen England finden. Jedenfalls 
würde Preussen weitaus nicht so zugenommen haben an Volksmenge, 
es würde seine politische Stelle weit weniger zu behaupten vermögen, 
und das Land würde geradezu ausser Stande sein, seine Bevölkerung 
zu ernähren, ohne das Bestehen einer wenigstens so weit gehenden 
Gewerbsfreiheit. 
Taglohn. Der geringste Taglohn der Männer dürfte zu G—7 Sgr. 
(21—24 Krzr., 75—85 Cent.), jener der Frauen zu 4 Sgr. anzunehmen 
sein. Die grössten Abweichungen bieten Ostpreussen mit blos 4 Sgr. 
und der Regierungsbezirk Düsseldorf mit 9 Sgr. für den Mann, dar. 
(Vergleiche Re den’s „Erwerbs- und Verkehrsstatistik des Königstaats 
Preussen,“ Darmstadt 1854.) 
Zur Crimialstatistik. Es kam, nach den neuesten Justizberichten 
(zufolge einer Mittheilung auf dem Landtage von 185G), je ein Ver 
brechen : 
in Preussen auf 1438 Einwohner. in Pommern auf 2358 Einwohner. 
- Schlesien - 1545 - - Sachsen - 2413 
- Posen - 1867 - - Westfalen - 2570 
- Brandenburg - 1972 - - derllbeinprov. - 3166 
Eisenbahnen. Im Jahre 1853 waren 447Yg Meil. im Betriebe 
und 83 Meil. im Baue. An Kosten waren lOSVg Mill. Thlr. bereits 
aufgewendet, pr. Meile also etwa 400,000 Thlr, Ende 1854 standen 
49OV4 Meil. im Betriebe, und gebaut wurden 87 Meil, — 1853 schon 
wurden fast 11 Mill. Personen und 109 V4 Mill. Cntr. Waaren auf 
den Bahnen befördert. Die letzten ertrugen anderthalbmal so viel als 
die Personen. Die Roheinnahme war 19’875,000 Thlr., die Betriebs 
kosten betrugen 10’068,000. — Der Reinertrag der Eisenbahnen wird 
nach Procenten des Arüagecapitals so berechnet : 
1844 1845 1846 1847 1848 1849 1850 1851 1852 
4% 4% 6 4% 8% 3% 4% 5% 
Seitdem ist der Ertrag sehr gestiegen. 1854 war die Roheinnahme 
23T78,000 Thlr.; 1855 belief sich dieselbe um Millionen höher. 
Post. Die Zahl der beförderten Briefe, 1843 erst 39 Milk, stieg 
(grossentheils Folge der Preisermässigung) 1851 auf G8, 1854 auf 
90, 1855 auf 98'/$ Mill. 
Telegraphen. Länge 610,7 Meil. Beförderte Depeschen im Jahre 
1855: 152,820, mit 408,328 Thlr. Ertrag. 
Rhederei. Zu Ende 1855 betrug die Kauffahrteiflotte 897 See 
schiffe mit 139,205 Last und etwa 8250 Matrosen. — Der ilafenver- 
kehr war, ungerechnet die blos mit Ballast fahrenden Schiffe, folgender; 
1853: 
1854: 
1855 : 
Eingelaufen 
preussisebe Schiffe fremde Schiffe 
2044 Scb. von 185,019 Last. 2264 Sch. von 158,635 Last. 
2182 - - 211,648 - 2612 - - 203,155 - 
2316 . . 244,160 - 8118 - - 267,501 -
        <pb n="143" />
        PREUSSEN — Sociale, Gewerbe- nnd Handelsvevbältnisse. 
127 
Ausgelau fen 
preussische SchifTe fremde Schiffe 
1853: 2669 Seil, von 275,833 Last. 3429 Sch. von 260,443 Last. 
1854: 2808 - - 277,923 - 3768 - - 307,740 - 
1855 : . 2597 - - 272,289 - 3529 - - 327,965 - 
Münzen, Maasse, Gewicht. Münze: Thaler, U auf die Köln. Mark 
fein; unterabgetheilt in 30 Silbergroschen (früher in 24 gute Gr.) k 12 Pfennige. 
Der Preussische Thaler ist beinahe in ganz Norddeutschland die Normalmünze. 
1 Thlr = 1®/^ fl. rhein. oder 1 fl. 25% Krzr. österreichisch; 66®/,3 Grot Louis- 
d’or a 5 Thlr. Gold in Bremen; 1 Mrk. 15 Schill. 6,86 Pf. Hamb. Banco; 2 Mrk. 
6 Sch. 10,29 Lübekisch Cour. (Preussische Friedrichsd’or werden in den öffent 
lichen Cassen zu 5 Thlr. 20 Sgr. angenommen.) — Längemaass: der preussi 
sche (genau der rheinländische) Fuss von 12 Zoll zu 12 Linien, = 139,13 paris. 
Linien oder 0,31385354275 Meter. Es sind sonach 100 Preuss. Fuss = 31,38 
Meter, 96,62 pariser, 102,97 engl., 99,29 wiener, 104,06 bayer., 110,27 frankf., 
109,58 hamburger, 107,45 hanöv. Fuss. — Die preuss. Elle = 666,94 Millimeter; 
100 Ellen = 72,4 engl. Yards. — Fläohenmaass: die Quadratruthe (zu 144 
Quadr.-Fuss) = 14,1845827 Üuadr.-Meter. Der Morgen zu 180 Quadr.-Ruth. = 
25,532249 franz. Aren. — Getreidemaass: der preuss. Scheffel zu 16 Metzen; 
die Metze = 192 preuss, oder 173,1714 paris. Cubikzoll oder 3,435094 Liter; 
100 preuss. Scheffel = 52,28 Dresdner oder 24,72 baler. Scheffel, 89,37 wiener 
Metzen, 18,9 engl, Quarter oder 151,21 engl. Bushel, 54,96 Hectoliter, 26,18 
russ. Tschetwert.—Flüssigkeitsmaas8: das preuss. Quart ist % Metzen = 
1,145031 Liter; 100 Quart — 107,11 baier. oder 80,94 wiener Maass, 100,8 
engl. Quart oder 25,2 Gallons, 114,5 Litres, 93,1 russ. Kruschka. — Gewicht. 
Durch Gesetz vom 17. Mai 1856 ward des Zollpfund (von Vj Kilogr.) als Lan 
desgewicht eingeführt. Dasselbe ist = 1 Pf. 2,209158143 bisherig. Loth (zur 
Vergleichung siehe Frankreich, Kilogramm, wovon das Pfund genau die Hälfte.) 
Da das bisherige Gewicht vielfach zur Vergleichung diente, so bemerken wir; 
dieses alte Gewicht war: der Centner 110 Pfund, das Pfund zu 32 Loth à 4 
Quentchen. Das Pfund = 0,467711012733 Kilogr. oder 9731,157914 holl, As; 
100 Pfund == 46,77 Kilogr. oder 83,52 wiener, 93,54 neue oder Zollpfund! 
Der preuss. Ctnr, = 51,45 Kilogr. oder 102,9 Zollpfund.
        <pb n="144" />
        128 
DEUTSCHLAND — Land und Leute. 
Deutschland (Staatcnbaail). 
Land und Leute. 
Allgemeine Uebersicht. 
Staaten. 
orä,«. Be,lilker.., 
(Q.-M.) 
1815, nach 
der liundes- 
matrikel. 
nach den neuesten 
Aufnahmen, 
1. Oesterreichische Bundesländer 
2. Preussische „ 
3. Bayern, Königreich. 
4. Hannover, 
5. Sachsen, 
6. Württemberg - 
7. Baden, Grossherzogthum 
8. Hessen 
9. Hessen, Kurfürstenthum 
10. Meklenburg-Schwerin, örossh 
11. Meklenburg-Strelitz 
12. Holstein u. Lauenburg, Herzogth. 
13. Luxemburg, Gr., u. Limburg, Ilrz, 
14. Nassau, Herzogthum .... 
15. Braunschweig, Hrzth 
16. Oldenburg, Grossherzogthum 
17. Sachsen-Weimar, „ 
18. Sachsen-Coburg-Gotha, Herzogth. 
19. Sachsen-Meiningen, „ 
20. Sachsen-Altenburg, „ 
21. Reuss-Greiz, Fürstenthum 
22. — Schleiz-Lobenstein-Ebersd., Fth. 
23. Lippe-Detmold, Fürstenthum 
24. Schaumburg-Lippe, „ 
25. Waldeck, Fürstenthum . . . 
26. Anhalt-Dessau-Köthen, Herzogth. 
27. Anhalt-Bernburg, Herzogthum . 
28. Schwarzburg-Sondershausen, Fth. 
29. Schwarzburg Rudolstadt, „ 
30. Hessen-Homburg, Landgrafschaft 
31. Liechtenstein, Fürstenthum 
32. Hamburg, freie Stadt . . 
33. Bremen, „ „ . . 
34. Lübek, „ „ . . 
35. Frankfurt a. M., freie Stadt 
Zusammen deutscher Bund 
Mit Gesammt-Oesterreich und Preussen 
Ohne Oesterreich und Preussen . . 
3,546 
3,389 
1,388 
700 
272 
354 
278 
153 
174 
244 
36 
187 
88 
86 
68 
116 
66 
45 
46 
24 
6 
21 
21 
8 
22 
31 
15 
15 
17 
5 
3 
6 
5 
6 
2 
m 
9’482,277 
x-7’923,439 
3’560,000 
1’305,351 
1’200,000 
F395,462 
1'000,000 
619,500 
567,268 
358,000 
71,769 
360,000 
t 255,628 
302.769 
209,527 
217.769 
201,000 
[1851] 12’500,000 3,522 
|1855| 13’170,000 8,888 
[1855] 4’540,000 3,270 
■' 1’820,000 2,597 
l'988,000l 7,317 
1784,000 5,039 
1’357,000|4,882 
836,40015,466 
736,400 4,232 
641,00012,380 
99,600 2,016 
573,000 2,936 
tt 
22,255 
52,205 
69,062 
24,000 
51,877 
85,401 
37,046 
45,117 
53,937 
20,000 
5,546 
129,800 
48,500 
44.650 
47.650 
[1852] 
[1852] 
[1854] 
[1852] 
1855 
[1855] 
[1853 
[1851] 
[1855 
[1852] 
[1852 
[1852] 
11852] 
[1852] 
[1855] 
[1855] 
[1852] 
[1852 
[18521 
[1852] 
[etwa j 
[1852] 
[1852] 
18521 
[18521 
[18521 
[1852] 
[etwa] 
[1855] 
[1855 ca.] 
[1855 ca.] 
[1855] 
394,000 4,502 
429,000 
4,957 
4,004 
2,458 
3,977 
3,353 
271,000 
285,000 
262,500 
150,900 
165,500.3,575 
132,800 5,500 
34,900 5,557 
79,800¡3,657 
106,600 6,196 
29,000 
69,700 
111,800 
52,600 
74.900 
69,000 
24.900 
7,000 
208,200 
88,000 
54,000 
74,800 
3,600 
2,714 
3,606 
3,503 
4,842 
3,968 
4,984 
2,414 
11,443 
21,732 
4,508 
30757,638 
5FO00,000 
12751,922 
43710,000 
71700,000 
17’441,300 
3,767 
3,276 
3,869
        <pb n="145" />
        9 
DEUTSCHLAND — Land und Leute. 
129 
Anmerlíungen zur vorstehenden Tabelle. 
* Ausserdem beide Hohenzollern mit 50,060 Einwohnern, 
t Damaliger Bestand. 
** Damals: Gotha 185,682, Coburg 80,012. 
*** Damals: Meiningen 54,400, Hildburghausen 29,706. 
ff War Bestandtheil von Gotha. 
CoilfeSSiOIien. Es fehlen genügende Notizen, um die Zahl Der 
jenigen angeben zu können, welche sich nicht zu den nachstehend naher 
bezeichncten Confessionen bekennen. Die Zahl der Mennoniten liesse 
sich annähernd ermitteln, keineswegs aber die der Deutschkatholiken 
und der Angehörigen der „freien Gemeinden.“ Wir beschränken uns 
daher auf folgende Classification, mit dem Bemerken, dass von Oester 
reich und Preussen zunächst blos die Gebiete im deutschen Bunde in 
Rechnung gezogen sind. 
Staaten Katholiken 
1. Oesterreich (Bundesgebiet) 
2. Preussen ditto 
3. Bayern .... 
4. Hannover 
5. Sachsen, Königi*. 
6. Württemberg . 
7. Baden .... 
8. Hessen, Grossherzogthum 
9. Kurhessen 
10. Mecklenburg-Schwerin 
11. Mecklenburg-Strelitz 
12. Holstein-Lauenburg 
13. Luxemburg und Limburg 
14. Nassau .... 
15. Braunschweig . 
16. Oldenburg 
17. Sachsen-Weimar . . 
18. Sachsen-Coburg-Gotha 
19. Sachsen-Meiningen . 
20. Sachsen-Altenburg . 
21. Reuss-Greiz 
22. Reuss-Schleiz . 
23. Lippe-Detmold 
24. Schaumburg-Lippe . 
25. Wal dock .... 
26. Anhalt-Dessau-Küthen 
27. Anhalt Bernburg 
28. Schwarzl)urg-Sondorshauseu 
29. Schwarzl)urg-Rudolstadt . 
30. Hessen-Homburg 
31. Liechtenstein . 
32. Hamburg 
33. Bremen . 
34. Lübeck . 
35. Franki'urt a. M. 
1 •2^200,000 
4^8()0,()()0 
3’17.0,000 
217,000 
. 3-2,500 
535,000 
90.5,000 
215,000 
110,000 
700 
1,50 
1,000 
388,000 
196,000 
2,600 
71.600 
10.600 
900 
1,000 
800 
100 
200 
1,000 
8()0 
1,200 
500 
300 
400 
4,000 
7,000 
2,000 
1 ,.500 
200 
11,500 
Zusammen, deutscher Bund 22 900,000 
Mit Gesammt-Oesterr. u. Preussen 385500,000 
Olmo Oesterreich und Preussen 5 900,000 
Protestanten 
380,000 
8’200,000 
r230,000 
P590,000 
1 ’803,000 
1’21.5,000 
432,000 
600,000 
600,000 
537,000 
98,800 
520,000 
5,000 
225,000 
267,000 
204,000 
250,000 
148,000 
164,000 
130,000 
35,000 
79,000 
105,000 
29,000 
58,000 
110,000 
52,000 
60,000 
69,000 
20,000 
192,000 
78,000 
53,000 
58,500 
19700,000 
25’0ü0,000 
ll’100,0ü0 
Andere 
Christen 
5,000 
10,000 
5,600 
1,100 
1,000 
1,900 
4,200 
500 
250 
100 
200 
150 
6700,000 
Juden 
125,000 
120,000 
56,000 
11,600 
1,200 
12,000 
23,.500 
28,700 
15,000 
3,200 
700 
3.500 
1,600 
7,000 
1,000 
1,-500 
1.500 
1,600 
1,500 
1,400 
100 
600 
600 
800 
1,100 
300 
200 
200 
1,000 
7¡000 
50 
500 
4,600 
440,000 
1’000,000 
190,000
        <pb n="146" />
        130 
DEUTSCHLAND — Finanzen. 
Finanzen. 
Eigene Einkünfte besitzt dev deutsche Bund nicht, alle Ausgaben 
werden durch Matricularbeiträge der verschiedenen Staaten bestritten. 
Es kann sich daher hier nur von einer Zusammenstellung der hinanz- 
verhältnisse der einzelnen selbstständigen Staaten handeln. Eine solclie 
geben wir nachstehend, haben indess einige erläuternde Bemeikungen 
voranzusenden. 
Es ist ungeeignet, die Zitfern, welche 
in den verschiedenen Staatsbudgets erscheinen, einfach neben ein 
ander zu stellen und zusammen zu reihen. Ein solches, obwohl sehr 
gewöhnliches Verfahren, führt zu unrichtigen Resultaten. Im einen 
Staate werden nämlich die Roh- (die Brutto-), im andern blos die 
Rein- (die Netto-) Summen in Ansatz gebracht. Es kann aber bei 
Vergleichungen nicht gleichgültig sein, ob die Betriebsausgaben für 
Staatsanstalten, die Kosten der Steuererhebung u. s. f., bereits abge 
rechnet sind oder nicht. — Ebenso erscheinen im einen Budget nur 
die eigentlichen Staats-, im andern auch die l’rovinzial-, im dritten 
(in kleinern Staaten, besonders den freien Städten) selbst Gemoinde- 
einkünfte (und ebenso die entsprechenden Ausgaben). Eine glcich- 
mässige Ausscheidung alles dessen, was eigentlich nicht den Staat, 
sondern nur die Provinz oder die Gemeinde betrifft, sind wir 
durchzuführen ausser Stande, um so mehr, als mitunter sogar m den 
einzelnen Landestheilen eines und desselben Staates sehr verschiedene 
finanzielle Einrichtungen bestehen. — Unter diesen Verhältnissen er 
schien es geeignet, in allen Staaten möglichst sowohl die Brutto 
ais die Netto summen zu ermitteln. Man muss vor Allem die ge- 
sammtc, also die Roheinnahme kennen. Sie bezeichnet den vollen 
Umfang der Beträge, welche in die Staatscassen tiiessen. Indessen 
wäre es fehlerhaft, sodann ohne weitere Unterscheidung hievon die Aus 
lagen für Verwaltung der Staatsanstalten und Erhebung der Steuern 
abzuziehen. In der Regel entspricht es unzweifelhaft dem öffentlichen 
Interesse, dass zu den mittelbaren oder unmittelbaren Lasten nicht auch 
noch viele Erhebungskosten kommen. Allein diese Regel erleidet 
sehr wesentliche Ausnahmen. Bei Verwaltung von Domänen (ein 
schliesslich Forsten) müssen die Ausgaben weit grösser sein, als bei 
einer blossen Steuererhebung; ähnlich bei dem heillosen Lotto, wo 
man den Spielern doch Einiges in Form von Gewinnston wieder zu- 
fliessen lassen muss. Bei manchen Staatsanstalten (z. B, I ost,. Eisen 
bahnen, Telegraphen) ist es sogar höchst verdienstlich, wenn die Ver 
waltung mehr das volkswirthschaftliche, als das fiscalische Interesse 
als maassgebend betrachtet. Wir gelangen demnach dahin: dass die 
Kosten der eigentlichen Bewirthschaftung der Domänen und des eigent 
lichen Betriebs der Staatsanstalten (sehr verschieden von der Regierung 
und Landes Verwaltung oder auch von der blossen Eihobung dei Aui- 
lagen) an der Brnttosuinme abzuziehon ist. Indem wir nachtolgendo 
Aufstellung versuchen, finden wir uns indess vielfach auf ziemlich 
unsichere Schätzungen hingewiesen ; häufig mussten ältere Detailangaben
        <pb n="147" />
        DEUTSCHLAND — Finanzen. 
131 
aushelfen. Wir nehmen desslialb für diese Ziffern um so weniger die 
Geltung einer absoluten Richtigkeit in Anspruch, als das Nachstehende 
überhaupt der erste Versuch einer derartigen Ausscheidung ist. Hiebei 
drängt sich die Rcmerkiing auf, wie viel in Deutschland erspart wer 
den könnte durch eine einfache, kaufmännische Ciissaverwaltuug, 
im Gegensätze zu der fast allgemein angenommenen bureaucratischen 
Methode. Das Beispiel Englands, durch ein blosses 1 landelsimtitut, 
die Bank, den grössten Theil der dortigen, wahrhaft colossalen Cassa- 
geschäfte äusserst billig und zweckmässig zu führen (siehe Seite 10), 
mag als Fingerzeig dienen. — Es ist eine sehr gewöhnliche Berech 
nung; die Staatslastcn belaufen sich auf so viel, folglich treffen so 
viel Thaler auf jeden Kopf der Bevölkerung. Diese Methode führt zu 
sehr irrigen Schlüssen. Es muss vor Allem der Ertrag der Domänen 
von den Lasten der Einwohner abgerechnet werden ; denn die Ein 
künfte aus dem unmittelbaren Eigenthume des Staats bilden keine Last 
der Bürger; je mehr Domänen, desto geringer müssen vielmehr natur- 
gemäss die Lasten sein; denn zur Ergänzung der — ursprünglich 
allein zur Deckung des Staatsbedarfs bestimmten — Domänen, hat 
man ¡¿teuern eingeführt.*) Es scheint uns daher die Ausscheidung der 
Staatseinkünfte nach drei Haupteategorien gerechtfertigt; Domänen, 
indirecte Autlagen und directe Steuern. Dabei darf man aber nicht 
(wie der sonst so verdienstvolle Reden gethan), die Erträgnisse der 
sog. Regalien, lloheitsrechte und Staatsanstalten, den Domänen bei- 
rcchnen. Die daher rührenden Einkünfte sind vielmehr nichts An 
deres, als indirecte Auflagen, und zwar oft von der allerdrückeudsien 
Art. Zu repartiren bleiben demnach die indirecten Auflagen und die 
directen Steuern, und auch diese berechnet man, um ein klares Bild 
zu erlangen, besser nach Familien als nach Köpfen. 
Zur Abtheilung ^¡Ausgahen.^ Wenn mau berechnen will, wie viel 
Brócente vom gesaramten Staatsbedarfe auf einen einzelnen Ausgabe 
posten kommen (z. B. auf Militär, Schuld, Hof), so kann nicht der 
Brutto-, sondern nur der iVéítobetrag der G-esanuntsumme des Staats 
bedarfs maassgebend sein. Denn die Steuerbaren müssen nicht etwa 
blos die Netto-Bedarfssummc (z. B. für das Heer), sondern sie müssen 
auch überdies die dadurch verursachten Kosten der Erhebung dieser 
Summe aufbringen. (In Bayern ist z. B. der Ertrag des Malzaufschlags 
für die Staatsschuld bestimmt. Das Volk sicht sich aber nicht blos 
mit dem Reinerträge desselben belastet, smulern auch mit den Sum 
men, welche die Erhebung verschlingt. Dime Staatsschuld würden 
die Einwohner nicht etwa blos dasjenige ersparen, was für Ver 
zinsung und Tilgung der Schuld verwendet worden kann, sondern 
überdies ferner die Kosten der gesammten Verwaltung der Arfschlags- 
gefälle.) Da cs sich indess selten ausscheiden lässt, aus welchem 
*) Eine besondere BeachtuTig verdiente die Ermittlung des Werth es und 
Ertrages derjenigen Domänen, welche einst Napoleon in der unverantwortlich 
sten Weise an vormals Reichsunmittelbare überliess ; Besitzungen, die ursprüng 
lich wesentlich zur Deckung der Landesbedürfnisse bestimmt waren, und nun 
diesem Zwecke durch einen Federstrich vollständig entzogen wurden.
        <pb n="148" />
        132 
DEUTSCHLAND — Finanzen. 
Zweige der Einkünfte die einzelnen Ausgabeposten gedeckt werden, 
so sind die eigentlichen Staatsbedürfnisse nach den Netto summen fest 
zustellen und darnach die Procentantheile der einzelnen Abtheilungen 
zu berechnen. — Hei der Position ^^îIoP^ haben wir in der Regel nur 
diejenigen Summen aufgezeichnet, welche als „Civilliste und Appa- 
nagen“ erscheinen. In Wirklichkeit gehört hieher noch weiter der 
meistens sehr bedeutende Genuss von Schlössern, Gütern u. s. f. Nur 
ausnahmsweise, wo bestimmte Anhaltspunkte Vorlagen, haben wir solche 
Nebennutzungen beigerechnet. — Sehr zu bedauern ist, dass die Ma 
terialien fast vollständig fehlen, um zu berechnen, wie hoch sich die 
Kosten für das Beamtenthum belaufen. (Man würde ein erschreckendes 
Krgebniss erlangen. In Preussen werden gegen 30 Mill. Thlr. = über 
HO Mill. Frkn., in Bayern über IIV2 Mill. fl. = 24V2 Mill. Frkn., 
dagegen in der Schweiz noch nicht 4 Mill. Frkn., und selbst in dem 
reichen und ausgedehnten Grossbritanien nur 2^/4 Milk I f. St. für 
Beamte des Staats ausgegeben. Vergl. das oben bei Preussen, S. 118, 
und das unten bei „Bayern“ und bei „Schweiz“ und in den Nach 
trägen Bemerkte. . 
Zur Abtheilung ^Staatsschulden.^ Eine Berechnung in der ge 
wöhnlichen Weise, welche Summe von der Schuld auf jeden Kopf 
trifft, scheint uns ungeeignet, weil es wesentlich darauf ankommt, 
welche Domänen, namentlich Eisenbahnen, dagegen vorhanden sind. 
(Unterschied zwischen Schulden zu productiven und zu unproductiven 
Zwecken.) Eine Berechnung der bezeichneten Art hätte nur ^ dann 
einen richtigen Sinn, wenn man vorerst den Betrag des activen Staats 
vermögens mit jenem der Schulden abgleichen könnte. Dazu aber fehlt 
das Material, indem in keinem andern europäischen Staate, als der 
so einfach und wenig kostspielig verwalteten Schweiz die Gesammt- 
summe der Activa und Passiva des Gemeinwesens (des Gesammtstaats 
und der Kantone) sorgsam festgestellt und vorgetragen wird. 
Anmerkungen m nachstehenden Tabellen. 
Zu den „Einnahmen“ : ') Ohne die Specialbudgets, welche die Summe 
um 5’497,000 fl. erhöhen würden. 
Zu den „Ausgaben:“ :) Der wirkliche Bedarf ist höher; man hat 
400,000 fl. Militärpensionen dem Militäretat abgenommen und auf den Pensions 
fond übertragen. — *) Ungerechnet den Bedarf der Eisenbahnschuldenverwaltung. 
In beiden nachstehenden Tabellen sind übrigens weder die österreichischen 
und preussischen Bundesländer, noch Luxemburg-Limburg und Holstein aufge 
führt, weil zu einer Ausscheidung ihrer finanziellen Verhältnisse von denen der 
übrigen Gebiete jener Staaten, mit denen sie verbunden sind, das nothigo 
Material fehlt. Ausserdem ist Liechtenstein übergangen, weil über den Finanz 
haushalt dieses kleinsten „souveränen Staates“ gar nichts bekannt ist.
        <pb n="149" />
        Einkünfte der sämmtlichen deutschen Staaten. 
Rtxafc.Kinkfinftft. 7Hauptbestandtlieile der Nettoeinkänfle. Prozentantheüe. | Stenern pr. Farnme, 
133 
Finanzen 
DEUTSCHLAND 
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134 
DEUTSCHLAOT) — Finanzen. 
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HI 
Jahresansgaben der dentschen Staaten. Capltalsumme ihrer Schulden und Betrag ihres Paptergeldi
        <pb n="151" />
        DEUTSCHLAND — Finanzen. 
135 
Die verschiedenen Geldsorten auf preuss. Thaler reducirt, und 
unter Dazurechnung eines ungefähren Betrages ihr diejenigen Gebiete 
deren Finanzverhältnisse nicht ausgeschieden oder nicht bekannt sind 
(Luxemburg, Holstein, Liechtenstein), finden wir beiläufig (denn es 
kann durchaus nur von einer oinigermassen annähernden Lich- 
tigkeit die Rede sein) folgende Resultate; 
Einnahme in Tlialem Brutto Netto 
Mit Gesanunt-Oesterreich und Preussen 441 Mill. 350 Mill. 
Ohne beide Grossinädite . • • 
Von der reinen Kinn ah me rühren her : 
Mit Oesterreich und Preussen 
"■“îiSEkrr :S.iS=ä- 
Auf jede Familie treffen durchschnittlich im Jahre Jhaler . 
in Oesterreich Preussen im ubr. Deutschland im Gesammtgebiete 
indirecte Auflagen 10,89 14,42 
directe Steuern 0,88^ 
Zusammen 
Ohne diese 
25’500,000 = 28,65 % 
41’000,000 = 46,07 - 
21’430,000 = 24,08 - 
11,71 
6,12 
12,13 
7,25 
17,35 
22,98 
Ausgaben in Mill. Thalem 
Oesterreich und ( • 385, 
Preussen j • 93,63 
ln Procenten; Mit ( Oesterreich und i 
Ohne Preussen ( 
Mit 
Ohne 
17,83 19,38 
Von der Gesammtsumme kommen auf 
"Hof Militär Schuld Zusammen 
17, 130,5 86 233,5 Mill. 
9,75 20,25 20 50, 
4,4 33,88 22,28 60,56 
10,38 21,6 21,15 53,13 
Schulden. Wir schätzen deren Betrag: 
in den rein deutschen Staaten Mill. Thlr. 490 1 
in Holstein und Lauenburg - - 1« 
in Luxemburg-Limburg, pro rata ) - - ) 
Dazu in Gesammt-0esterreich und Preussen . . 
Zusammen fast 2400 
•x-\ bezeichnen hier nur das factische, nicht das rechtliche 'Ver 
hältnis, indem wir sonst diese Summe von vornherein streichen würden. 
Papiergeld, a. mjentUchen Staatsfafiergeld : 
in den rein deutschen Staaten etwa 2o Mill. Thli. 
in PreuBsen nicht völlig . • 
Zusammen ungefähr 56 Mill. Thlr. 
b. 0eaterreichischo Bmihnoten beiläulig 260 
Total fast 320 Mill. Thlr. 
Kino uns vorliegende Berechnung von anderer Seite lautet: Am 
1 l ui 185fi waren in Deutschland zur Ausgabe autorisirt 396’915,:354 
T'b'lr. in Papiergeld der Staaten, Eisenbahnen und Banken, und zwar: 
340167 270 Thlr. Banknoten, wovon 241’567,299 österreichische, 
' 55-5183)84 - Staatspapiergeld, _ 
1’200,000 - Eiscnhahn-Cassenseheine. 
(Wir bemerken, dass die Summe der österreiclilschen Banknoten 
wohl um 20 Milk zu gering gerechnet ist, indem dieselben nicht 
dom gewöhnlichen Guldenfusse basiren, sondern auf Conv.-Münze, d. h. 
dem 20fl.-FuBse.)
        <pb n="152" />
        136 
m'. 
DEUTSCHLAND — Militärwesen. 
Mintärwesen« 
Deutschland als solches besitzt nur eine Landmacht^ naclidem der 
wieder aufgelebte Bundestag die Veräusserung der von der deutschen 
Nationalversammlung 1848 und 49, behufs Gründung einer Flotte, 
erworbenen Schiffe dccretirt hat. 
Die Stärke der Contingente ward ursprünglich auf 1 Procent der 
Bevölkerung bestimmt, nach Maasgabe der anfänglichen Einwohner 
zahl, — also 1 Proz. derjenigen Bevölkerung, welche die Staaten etwa 
im Jahre 1815 besassen, ohne Rücksicht auf die spätere Vermehrung. 
Hievon sollte V7 in Cavallerie bestehen, und auf je 1000 M. sollten 
2 Geschütze gestellt werden. So erhielt man eine Armee von 301,637 
Mann. Später erliess man den kleinen Staaten die Stellung von Ca 
vallerie, gegen Vermehrung ihres Fussvolkes. (Man bildete daraus 
eine „Keservedivision,“ zur Verstärkung der Besatzung in den Bundes 
festungen bestimmt.) Hiedurch stieg die Mannschaftszahl auf 303,484. 
In allen Fällen sollten, der „Bundeskriegsverfassung“ zufolge, die Staaten 
überdies bereit sein, Yg der ursprünglichen Summe als Reserve, und 
ferner Vo jener Principalsurnmc als Ergänzungsmannschaft (demnach 
ausser dem einen l’roz. der Bevölkerung zusammen noch Yg Proz. 
weiter) für den Fall des Bedarfs bereit zu halten. Thatsächlich brach 
ten die meisten Staaten ihr Militär auf eine grössere Anzahl, als 
wozu sie verpflichtet waren. — Die „revidirte Kriegsverfassung des 
deutschen Bundes“ vom 10. März 1853 erhöhte die Stärke des Haupt- 
continents um Yö (filso auf IY0 Proz. der früheren, matricularmässig 
angenommenen Bevölkerung). Nicht nur dieses Haupt-, sondern ebenso 
das Reservecontingent ist, unbeschadet der gestatteten Beurlaubungen, 
auch im Frieden vollständig zu erhalten. Für die „Ersatztruppen“ 
muss derart Sorge getragen sein, um die Mannschaft mit Cadres ver 
sehen zu können. Bei Aufstellung des Contingents darf nur die „streit 
bare Mannschaft“ gerechnet werden, und alle Nichtcombattanten sind 
über die festgesetzte Zahl zu stellen. Zu diesen Nichtcombattanten 
gehören : die Armeefuhrwesenssoldaten (nicht zu verwechseln mit dem 
Artilleriefuhrwesen), die Verpflegungsmannschaft, sammt Bäckerei, die 
Sanitätscorps etc. — Von dem Contingente hat Ys (früher Y?) aus 
Reiterei zu bestehen. Auf jo 1000 M. des Haupt- und Reserve- 
contingents sind an Feldartillerie mindestens 2Y2 Geschütze zu stellen 
(früher blos 2), davon in der Regel Y4 Haubitzen, Y4 Zwölf-, Y2 
Sechspfünder ; ein Fünftel der Artillerie soll reitende sein. — Ausser 
den Feldgeschützen soll ein Belagerungspark vorhanden sein, bestehend 
aus 100 schweren Kanonen, 30 Belagerungshaubitzen und 70 Mörsern. 
Die Mannschaft hiefür ist über die Contingentszahl zu stellen ; ebenso 
jene für Feldartillerie, sofernc dieselbe, Stäbe eingerechnet, 30 Mann 
auf jedes Geschütz übersteigt. — Jedes Armeecorps, deren 10 vor 
handen, muss einen Brückentrain und eine Birago’sche Brückenequipage 
besitzen. — Von der Gesammtniannschaft hat Yioo aus Pionieren, .Jä 
gern , Büchsenschützen oder mit gezogenen Gewehren bewaffneten 
Scharfschützen zu bestehen. Das Minimum der Chargen soll sein :
        <pb n="153" />
        DEUTSCHLAND — Militärwesen. 
137 
1 Officier 
1 
1 Unteroflicier 
1 
1 Spielmann 
1 
auf 46- 
- 30- 
12- 
10- 
45- 
40- 
-50 Streitbare bei der Infanterie, 
-35 . - den andern Waffengattungen, 
-15 - - der Infanterie, 
-12 - - den übrigen Waffengattungen, 
-60 - - der Infanterie, Pionieren u. Genietruppen, 
-50 - - den übrigen Waffen. 
Frieden ist für Haupt- und lieserve- 
üer Präsenzstaud 
contingent : 
1) Officiere : % aller Waffengattungen ; . , , ^ . 
2) Infa7iterie: Vi der Unterofficiere und Spielleute, '/c der Gemeinen; _ 
31 »//bis % der Mannsohaft und Pferde; % bei LandwehrreiWrei; 
I / Beurlaubung mit Pferden und Sold besteht (Hannover); 
4) Fassartillerie : % der Unterofficiere und Spielleute, Y, der Gemeinen; 
5) Jieite7ide Artillerie: wie sub 3, Beiter ei; , 
61 Festwigsartillerie: Y* Unterofficiere und Spielleute, /g Gemeine; 
7) Pionnière u. Qe^iie: % * ' /a ' u. Reitpferde. 
Uecruten dürfen in der zur Ausbildung angenommenen Zeit (selbst 
bei der Infanterie 6 Monate) nicht in den Präsenzstand eingerechnet 
werden. — Vs der Bespannung sämmtlicher Geschütze ist stets bereit 
zu halten. — Durch einen Bundesbeschluss vom 15. Nov. 1855 ist 
die Dienstverpflichtung für jeden in die Bundescontingente einzuiech- 
nenden Mann auf mindestens 6 Jahre bestimmt; die Präsenz abei. 
bei der Infanterie . . . 2%, wenigstens 2 Jahre, 
- Reiterei .... 3%, - 3 - 
- Fussartillerie . . 2%, - ^ 
- reitenden Artillerie 3'/,, - 3 - 
- den Genietruppen . . 2%, - 2 
und zwar sind diese Bestimmungen nicht durchschnittlich, sondern für 
jeden einzelnen Mann einzuhalten. (Zuschrift des bayer. Kriegsmini 
steriums an die Abgeordnetenkammer vom 11. April 1856.) 
Nachfolgend eine Gegenüberstellung des ursprüngslichen Haupt- 
contingents (ohne Reserve und ohne seitherige Vermehrung um Ve) 
und des jetzigen wirklichen Militärbestandes : 
Armeecorps 
I., II., III. 
IV., V., VI. 
VII. 
VIII. 
IX. 
X. 
Staaten 
Oesterreicli 
Preussen 
für Hohenzollern . 
Bayern 
r Württemberg . 
) Baden 
( Darmstadt 
t SacJiscn, Königreich 
Kurhessen 
Nassau 
Luxemburg - Limburg 
i llannovcr 
Braunschweig . 
Oldenburg 
Holstein . 
Hamburg . 
Bremen 
Lübeck 
Mecklenburg- Schwerin 
Strelitz 
Ursprüngliches 
Contingent 
94,822 
(79,234 \ 
I 601 I 
35,600 
13,955 . 
10,000 
6,195 
12,000 
5,679 
3,028 
2,556 
13,054 
2,096 
2,178 
3,600 
1,298 
485 
407 
3,580 
717 
Wirklicher 
Bestand 
150,000 
170,000 
72.700 
23,200 
17,000 
10,500 
26.700 
11,800 
7,300 
26,800 
5,400 
3,700 
2,160 
750 
600 
5,000 
900
        <pb n="154" />
        138 
DEUTSCHLAND 
Militäi’wosen. 
W 
Staaten 
Sachsen-AVeiniar 
Cobnrg-Cotlia 
Meiningen 
Altenhurg 
Reuss-Creiz 
- Sclileiz etc. 
Waldeck 
Lippe-Detmold . 
Schaumburg-Lippe 
Anhalt - Dessau - Köthen 
Bernburg 
Schwarzburg-Rudolstadt 
Sondershausen 
Homburg 
Liechtenstein 
Frankfurt . 
ürspröngliclies 
Contingent 
2,010 
1,210 
1,150 
082 
22.1, 
522 S 
510 
001 
240 
858 
370 
451 
530 
200 
55 
470 
wirklicher 
Bestand 
3,000 
1,800 
1,700 
1,500 
1,200 
800 
1,100 
400 
1,300 
500 
700 
800 
300 
80 
1,200 
Zusammen 301,037 550,800 
Nach öffcntlichoii Blattern hätten die Erhebungen des Bundes zu 
Ende des Jahres 1855 — der Mati-ikelzahl (Haupt- und Roserve- 
contingent) gegenüber — folgenden wirklichen Bestand ergeben : 
Armeecorps 
I.—III. 
IV.—YI. 
YIL 
Ylll. 
IX. 
X. 
Reserve-Division 
Matrikel 
120,420 
100,047 
47,470 
40,200 
31,880 
30,504 
14,140 
403,3G0' 
Wirkl. Bestand 
153,205 
170.500 
47,800 *) 
4 8,303 
41,308 
48,137 
18,083 
527.501 
In diesem Ansätze der Matrikelzahl ist die Erhöhung der Con 
tingente um Yß noch nicht einbegriffen. Mit derselben steigt der Soll- 
Stand auf 470,593 M. — Unter der als „wirklicher Bestand“ aufge 
führten Zahl befinden sich : 
Höhere Stäbe . . . 3,510 
Infanterie .... 404,953 
Cavallerie . . . . 71,730 
Artillerie (wovon 0010 reitend) 41,335 
Pioniere . . . . 5,058 
527,501 
Hiezu die Nichtcombattanten : 
Aerztliches Personal . 1,711 
Trainsoldaten . . 18,078 
Gosammtsumme 547,200 
im Jahre 1854 zählte man unter der wirklich vorhandenen In 
fanterie 28,621 Jäger und Schützen; die Cavallerie hatte 42,032, die 
Artillerie 7,424 Dienstpferde. — Der Belagerangspark zählte 250 Cc- 
schütze, wovon 122 Kanonen, 31 Haubitzen und 97 Mörser. — Der 
taetischen Kintheilung nach umfasste das Bundesheer 1854 : 387 Ba 
taillone, 409 Escadron en und 147 Batterien mit 1122 Geschützen. 
Bundesfestungen. Ausser den ursprünglichen 3: Mainz, Landau 
und Luxemburg, wurden auf Bundeskosten zwei neue erbaut: Rastatt 
und Ulm. (Die übrigen Festungen siehe bei den einzelnen Staaten.) 
*) In Wirklichkeit viel mehr (siehe „Bayern“).
        <pb n="155" />
        DEUTSCHLAND — Sociale, und Handelsverhältnisse. 
139 
Sociale, Gewerbs- und Haiidelsvcrlillltiiisse. 
I. Auswanderungen aus Deutschland. Ausser Irland hat kem 
Land Eui'opa’s, .selbst die unglücklichsten Theilc desselben nicht ans- 
genommen, eine solche Völkeranswanderung gesehen, wie DenWi- 
land. Die natürliche Neigung des germanischen Stammes zur VV an- 
dcrung war es nicht allein, was diesen colossalen Exodus bewiikte. 
sociales und politisches IJcbelbeñndeu mussten mit aller Macht ein- 
wirken, um solche Ergebnisse herbeizufüliren. Die Auswanderungen 
aus Deutschland wurden in den letzten Jahren sogar zahlreicher, als 
die aus Irland. Die ungünstigen Nachrichten, welche aus den \ er- 
eiuigteu Staaten herüberkamen, bewirkten zwar im Jahre 1855 eine 
äusLst bedeutende Verminderung; gegen 18,000 Ausgewandeite kehr- 
ten selbst in ihre alte lleimath zurück. Indessen hat es den Anscheni, 
dass dies nur eine der gewöhnlichen Fluctuationen war. Schon scheint 
die Strömung hie und da wieder etwas zu wachsen, und sie wird so 
gleich bedeutend steigen, sobald die Crise in den Vereinigten Staaten 
überstanden sein, und aufs Neue günstige Berichte von dort eintreflfen 
werden. — Alle Schätzungen über die Grösse der Auswanderung 
können nur als annähernd richtig gelten. Nach einer amerikani 
schen Aufstellung wanderten Deutsche (angeblich ohne Dazurech- 
mmg der Freussen und Oesterreichcr) in den Verein. Staaten ein: 
118 126 ) ungerechnet die Auswanderungen nach Brittisch-Nordamerika, 
140’,635 Australien u. s. w. — Für 1855 schätzt man 54,000 Auswan- 
206¡054 ) derer. _ ^ , 
0. Hübner berechnet die Auswanderungen aus Deutschland, 
Preussen und Oesterreich zusammen, so . 
1852 
1853 
1854 
1846 
1847 
1848 
94,581 
109,531 
81,895 
162,301 
162,568 
1849 : 89,102 1852 : 
1850: 82,404 1853 : 
1851 : 112,547 
II. Deutsche Eisenbahnen. Nach einer (Ende 1855 veröffent 
lichten) von der herzogl. Braunschweigischen Post- und Eisenbahn- 
direction angefertigten Zusammenstellung war die Länge der deutschen 
Bahnen zu Ende 1854: 
Deutsch-Oesterreich 
Preussen (Gesammt-) 
Bayern 
Öaehsen 
Hannover 
Württemherg 
Baden 
Kurhessen . 
II essen-Darmstadt 
1 lülstoin-Lauenhurg 
Silclisisohe Hcr/.ogthümer 
3442/3 Meil. 
577% - 
179 * 
74 
96 
382/,**) 
51% 
44% 
222/* 
31% 
18% 
Braunschweig 
Nassau 
Beide Mecklenburg 
Anhalt 
Schaumburg-Lippe 
Hansestädte 
Frankfurt 
Reuss . 
Homburg 
lAixeinhurg-lümburg 
172/3 Meil. 
9% - 
29% - 
12 
3'/* - 
4% - 
4% - 
% - 
'/3 - 
5% - 
Zusammen 1566 Meil. 
Hievon waren Ende 1854 : 
Staatsbahnen Privatbahnen 
dem Verkehre erölhiet 717,9 o39,4 
im Baue begriften • 126,25 91, 
Ausführung gesichert 32,5 29, 
__ 906,65 659,4 
*) ln Wirklichkeit selbst jetzt nur etwa 153. — **] 
Zusammen 
1257,3 
317,25 
91,5 
1566, 
In Wirklichkeit 41,
        <pb n="156" />
        140 
DEUTSCHLAND 
Sociale und Handelsverhältnisse. 
Darnach kam je eine Meile Eisenbahn in 
Q.-M. u. Einw, 
Deutsch-Oester 
Preussen 
Bayern . . 
Sachsen . . 
Hannover . 
Württemberg 
Baden . . 
Kurhessen . 
eich 
auf 10,4 
8,8 
7,8 
3,7 
7,3 
8,7 
5,4 
32,480 
29,430 
25,470 
26,8G0 
18,950 
42,440 
26,500 
17,180 
Hessen - Darmstadt 
Holstein-Lauenburg 
Sachs. Herzogthümcr 
Braunschweig . . 
Nassau 
Mecklenburg . . . 
Uebr. kleinen Staaten 
Q.-M. u. Einw. 
auf 6,8 37,620 
- 5,5 16,500 
- 9,3 37,830 
- 4,1 15,310 
- 8,8 43,780 
- 9,8 21,630 
- 6,2 37,540 
Durchschnitt 8,3 29,370 
Sechs deutsche Staaten (zus. mit 196 Q.-M. und 587,000 Einw.) 
entbehrten noch jeder Eisenbahn: Oldenburg, beide Schwarzburg, 
Waldeck, Lippe-Detmold und Liechtenstein. (Obwohl amtlich bearbeitet, 
bedarf obige Zusammenstellung dennoch einiger Berichtigung, wie denn 
auch die Einrechnung des mit Deutschland nicht vereinigten Theiles 
von Preussen zu beachten ist.) 
Eine neue Berechnung ergibt für den Jan. 1856, als im Betriebe 
stehend, 1420 Meil., wovon etwa 680 Meil. Privat- und 593 Staats 
bahnen. — Von der Gesarnrntsurame kommen auf Deutsch-Oesterreich 
369, Deutsch-Preussen 473, Bayern 155, Hannover 74, Sachsen 71, 
Baden 44, Württemberg 41 Meil. (Vergl. die Eisenbahnlängo in Eng 
land, Frankreich und Nordamerika.) 
Durchschnittlicher Ertraej im Jahre 1855: 
die Privatbahnen . . . pr. Meil. 62,570 Thl. 
sämmtliche preuss. Bahnen 1854 - - 47,922 
Staatsbahnen : Sächsische . - - ca 64,000 
Braunschweigische - - - 60,000 
Oesterreichische . ... 60,000 
Badische . . ... 50,000 
Hannoversche . ... 41,000 
Württembergische - - - 40,000 
Bayerische . ... 27,500 
Deutsche Handelsflotte. 
Oesterreich *) 
Preussen 
Hannover 
Oldenburg . 
Mecklenburg 
Holstein . . 
Hamburg 
Bremen . . 
Lübeck . . 
Seeschiffe 
664 
900 
700 
280 
300 
220 
450 
250 
65 
Bemannung 
7,900 
8,300 
3,400 
2,500 
Zusammen 3800 
Lasten 
à 4000 Pf. 
109,000 
139,000 
31,000 
27,500 
32,000 
15,000 
53,000 — 
63,000 **) — 
6,000 — 
474,000 30,000 
Der Werth der Seeschiffe wird auf etwa 60 Mill. Thlr. geschätzt. 
Der deutsche Zollverein. Derselbe umfasst alle deutschen Btaatcn 
(auch die mit Deutschland nicht vereinigten Provinzen Preussens), mit 
*) Einschliesslich Venedig. 
**) Es sind hierin aber auch die Flussschiffe einbegriffen, wie denn Bremen 
ein Uebergewicht über Hamburg, so wie man nach obigen Ziffern annehmen 
sollte, in Wirklichkeit wohl nicht besitzt.
        <pb n="157" />
        DEUTSCHLAND — Sociale und Handelsverhältnisse. 
Ul 
folgenden Ausnahmen ; 1) u. 2) Oesterreich sammt Liechtenstein, mit 
welchem ein Handelsvertrag besteht; 3) u. 4) beide Mecklenburg; 5) 
Holstein; 6) Limburg; 7—9) die drei Hansestädte. — Vor dem Bei 
tritte Hannovers und Oldenburg (1854) ward das Areal des deutschen 
Zollvereins zu 8307 Q.-M., die Volkszahl (nach der Aufnahme von 
1852) zu 30’492,792 Menschen, die Länge der Zollgrenzen zu 1105 
Meil. berechnet. Nach dem Beitritte der beiden genannten Länder 
ergeben sich ungefähr 9120 Q.-Meil. und 32 530,000 Linw. 
Die Rein-Einnahmen der Vercinsstaaten von den Zöllen waren : 
1840; 19’]86,684 Thlr. 1850; 20’342,427 Thlr. 1853; 19’413,107 Tlilr. 
1844; 25’123,112 - 1851; 20’592,046 - 1854; 20’602,789 - 
1848; 20’092,497 - 1852; 21’844,857 - 1855; 23'618,962 - 
Die Einnahmen von 1854 waren relativ weitaus die geringsten, 
da von diesem Jahre an Hannover und Oldenburg (und zwar beide 
sogar mit einem Präcipuum) an der Einnahme participirten. 
Geschichtliche Notizen. Nachstehend einige kurze Notizen über 
die statistischen Verhältnisse Deutschlands, sowohl vor der Zeit der 
franz. Revolution, als in der Periode des „Rheinbundes.“ 
Das deutche Reich. 
Nach statistischen Angaben vom Jahre 1786. 
K r e i s c i n t h e i 1 u n g. 
Quadr.-Meil. 
1. Oesterreiohischer Kreis 
2. Burgundischer „ 
3. Bayerischer „ 
4. Fränkischer „ 
5. Schwäbischer „ 
6. Niederrheinischer „ 
7. Oberrheinischer „ 
8. Westphälischer „ 
9. Niedersächsischer „ 
10. Obersächsischer „ 
11. Böhmen 
12. Mähren . . • _ • - 
13. Preuss. und Oesterreichisch Schlesien 
14. Lausitz 
Gesammtzahl 
2,145 
469 
1,020 
484 
729 
458 
500 
1,250 
1,280 
2,000 
961 
396 
720 
180 
12;592 
Bevölkerung. 
4’182,000 
1 880,000 
1’600,000 
1’000,000 
1’800,000 
1’100,000 
1’000,000 
2’300,000 
2’100,000 
3’700,000 
2’266,0Ü0 
1’137,000 
1’8Ü0,000 
400,000 
26265,000 
Einkünfte. 
4,052 9’665,000 90 bis 115 Mill. fl. C.M. 
Die Zahl der Staaten des deutschen Reiches betrug gegen 
300, darunter 61 freie Reichsstädte. Hier eine gedrängte Uebersicht 
der statistischen Hauptmomente. (Die Einzclnangabeu beruhen indessen 
meistens auf nicht sehr zuverlässigen Schätzungen.) 
Staaten. Quadr-M. Bevölk, 
1. Oesterreich. Länder (zu Deutschland 
gehörend) . • • • 
2. Bramlonburgische Länder (Deutsch- 
Preussen) . 
3. Chur-Pfalz-Bayern 
4. Chur-Sachsen . 
5. Chur-Braunschweig-Lüneburg 
6. Chur-Mainz . 
7. Chur-Trier 
8. Chur-Köln . 
4’110,0(10 
2’100,000 
1’870,000 
850,000 
325,000 
jci (als terra incog- 
nita bezeichnet) 
360 550,000 
2,180 
1,064 
736 
700 
175 
22 bis 30 Mill. Thlr. 
10 Mill. fl. 
6 800,000 Thlr. 
5% Mill. - 
1% Mill. fl. 
780,000 - 
2 200,000 -
        <pb n="158" />
        142 
DEUTSCHLAND — Das deutsclie Reich. 
Staaten. 
9. Herzgth. Saohsen-Weimar-Eiscnach 
10. - - Gotha-Altcnburg 
11. - - Coburg-Saalfeld 
12. - - Hildburghausen 
13. - - Meiningen 
14. Mark graf Schaft Anspach-Bayreuth 
15. Herzogth. 
Iß. 
17. 
18. 
19. 
20. 
21. 
22. 
Braunschweig 
Mecklenburg-Schwerin 
Strelit/. 
Württemberg 
Zweibrücken 
Landgrafsch. Hessen-Cassel 
Dannstadt 
Markgrafschaft Baden 
Quadr.-M. 
43 
5.'i 
10 
U 
2-2 
li'&gt; 
iH 
240 
70 
200 
:io 
200 
100 
70 
45 
12 
Schaumburg 
40 
:j9 
2S 
■21 
4 
240 
15 
05 
95 
28 
54 
55 
50 
105 
48 
c r k u n g e n. 
halb Deutschi. 
Bevölk. 
1.50,000 
080,000 
185,000 
240,000 
70,000 
585,000 
00,000 
450,000 
000,000 
200,000 
85,000 
31,000 
23,000 
22,900 
20,700 
Einkünfte. 
000,000 - 
800,000 - 
1.50,000 Thlr. 
80,000 fl. 
2 Mill. fl. 
1% Mill. Thlr. 
7(10,000 - 
3.50,000 - 
2 Mill. fl. 
800,000 fl. 
2'100,000 Tblr. 
r 1,50,000 11. 
1’200,000 
200,000 
300,000 
90,000 
140,000 
120,000 
Thlr 
200,000 Thlr. 
200,000 - 
23. Herzogth. Oldenburg 
24. Fürstenth. Anhalt-Dessau 
25. - - Cöthen 
20. - - Bernburg 
27. - - Zerbst . . 13 
28. - Nassau-Dillenburg (Weilburg- 
üranisches Haus) 48 130,000 400,000 fl. 
29. - - Saarbrücken-Usingen . . . 35,000 150,000 - 
30. u. 31. Fürst. Sebwarzburg-Sondersliausen 
und Rudolstadt 
32. Fürstenth. Waldeck 
33. u. 34. Grafscli. Lippe und 
35—38. Fürstenth. und 3 Grafsch. Renss 
39. Grafschaft Wernigerode 
40. Erzstift Salzburg 
41. Hochstift I’assau 
42. - Bamberg 
43. - AYürzburg 
44. - Speyer 
45. - Hildesheim 
46. - Paderborn 
47. - Osnabrück 
48. - Ijüttich 
49. Bisthum Fulda 
B e m 
Zu 1. Oesterreich. Besitzungen ausser 
Zu 2. Preussen. 
Zu 5. Braunschweig-Lüneburg. Der jetzige Staat Hannover. 
Zu 0. Mainz. Es gehörten dazu : 
1) Das Erzstift Mainz (Mainz, Bingen, Höchst, Rüdesheirn, 
Hochheim, Fritzlar) ...... 
2) Thüringisches Gebiet (Erfurt) 
3) Das Eichsfeld 
4) Das Bisthum Worms ointe die freie Reiclisstadt . 
Zu 7. Trier. Bestandtheile : 
1) Erzstift Trier ........ 
2) Bisthum Augsburg (ohne die freie Reichsstadt; aber mit 
Dillingen etc. ....... 
3) Gefürstete Probstei El Iwangen . ... • 
Zu 8. Köhl. Bestandtheile : 
A. Churfürstenthum Köln. 
1) Erzstift Köln (ohne Reichsstadt, m. Bonn, Andernach, Neuss) 
2) Grafscliaft Recklinghausen ...••• 
3) Herzogth. NVestphalcn 
130,000 
35,000 
100,000 
’ 88,()Ü() 
12,.500 
2.50,000 
18(),i)0() 
200,000 
100,000 
1:0,000 
200,000 
80,000 
7230 Q.-M. 
1400 - 
fl. 
200,000 
1% Mill. 
200,000 - 
700,000 - 
800,000 - 
300,000 - 
200,000 Thlr. 
000,000 fl. 
180,000 - 
1’200,000 - 
300,000 - 
9’300,000 Einw. 
1’500,000 
Q.-M. Bevölk. 
115 
12 
40 
8 
110 
34 
7 
00 
15 
55 
208,000 
36,000 
74,000 
15,000 
80,000 
18,000 
100,000 
130 200,000
        <pb n="159" />
        DEUTSCIÏIjA^D — Das deutsche Reich. 
14S 
Q.-M. 
230 
Bevölk. 
350,000 
80 
0.5 
200,000 
185,000 
B. Bisthum Münster (mit Münster, Meppen, Vechte) 
Zu, 14. Anspach-Bayreulh. Bestandtheile: 
1) Fürstenth. Anspacli (mit Schwabach, Fürtli, Günzenhausen) 
‘2) - Bayreuth (mit Erlangen, Culmbach, Hof 
Zn 42. llorhsfi/t limnbery. Dazu gehörten: Vorchheim, Kronach. 
Zn 4!i. - ' Würxburç. - - Kissingen, Kitzingcii. 
Zu 44. - .S'peyer. - - Bruchsal, Bhillppsburg, Deidesheim, 
Rheinzabern, Dahn und die Probstei Weissenburg (im Eisass). 
Die freie Reichsstadt Speyer dagegen gehörte nicht dazu. 
Zn 48. Lülfich. Dazu gehörten: Yerviers, Spaa, Dînant, Hui. 
Hier eine Ucbersiclit der wichtigsten freien Reichsstädte 
(Tm ßcJiw'dhischen Kreise:) 
Augsburg mit 1 Dorf u. 32,500 Einw. 
Xjini - 17 Q.-M. Gebiet, d. Stadt 
mit 12,000 Einw. 
Schwäbisch-Hall mit G Q.-M. 
Reutlingen - 4 Dörfern. 
Xördlingen - 1 Q.-M. 
Heilbronn - 1 
Rothweil - 2 
Gemünd - 3 
Memmingen mit einer Anzahl Dörfer. 
Kempten ohne Gebiet. 
Kaufbeuren mit l'/s Q.-M. 
Ravensburg - 2% 
Biberacb - 2 
Lindau. 
Weil. 
(Im Bayerischen Kreise:) 
Regensburg mit 21,500 Einw., ohne 
Gebiet. 
(Im Ober- u. Churrheinischen Kreise:) 
Worms m. 2 Q.-INI., d. Stadt m. oOOOE. 
Speyer, ohne Geb., d. Stadt m. 5G00 E. 
Frankfurt a. M. mit G Q.-M., d. Stadt 
mit 3G.000 Einw. 
Wetzlar. 
(Im Fränkischen Kreise:) 
Nürnberg mit (angebl. ) 30 Q.-M. und 
50,000 Mensch., wovon 29,000 in 
der Stadt. 
Rothenburg mit 5 Q.-M. 
Schweinfurth - l'/s * 
Windsheim - 4 Dörfern. 
^ (Im Wesiphälischen Kreise:) 
Köln, ohne Gebiet, mit 40,000 Einw. 
Aachen, mit 18 Dörfern, die Stadt m. 
25,000 Einw. 
(Im Kieder-Sächsischen Kreise:) 
Mühlhausen, m. 4 Q.-M. 
Nordhausen - l'/j - 
Goslar. 
Bremen, mit 3 Q.-M. und 40,000 Musch, 
lüibeck - 3'/x - - 30,000 - 
Hamburg - 4 - - 100,000 
Der Rheinbund, 
in seinem Bestände von 1812. 
Deutschland war in dieser Zeit verschwunden; die sämmtlichen 
Mittel- und Kleinstaaten Deutschlands schlossen sich rasch dem Na- 
poleonischen „Rheinhunde“ an. Frankreich hatte bedeutende Gebiete 
von Deutschland an sich gerissen: das ganze linke Rheinufer, die 
Fms-, Weser- und Fibern und ungen. Oesterreich, verkleinert bis zu 
8900 Q.-Mcil. mit etwa 19 Mill. Menschen, und Preussen, zusanmien- 
gcsclnnolzen auf 2800 Q.-Mcil. mit d'/a Mill. Bew., besassen den 
Rest des ehemaligen Reiches. 
Abschluss des Rheinbunds-Vertrags zu Paris am 12. Juli 1806. 
(Die ursprünglich beigetretenen Staaten sind in der nachstehenden 
1/iste mit t bezeichnet, bei den übrigen ist die Zeit ihres Beitritts 
unmittelbar nach dem Namen in Parenthesen angegeben.) Die anfäng 
lichen Theilnehmer verpflichteten sich, zu einer franz. Armee von 
200,000 M. ein Contingent von 68,000 M. zu stellen, welche Zahl 
später, in Folge des Zutritts weiterer Staaten, auf 119,180 M. an- 
wuchs.* im Jahre 1809 umfasste der Rheinbund ein Gebiet von
        <pb n="160" />
        144 
DFUTSCHLAND — Der ßheinbund. 
Q.-M. Volkszahl 
1,700 
825 
050 
35 t 
95 
315 
278 
ICO 
78 
3700,000 
2’200,000 
2700,000 
r350,000 
302,000 
880,000 
980,000 
600,000 
258,000 
5977 Quadr.-Meil. und 14’320,000 Menschen. Nachdem Napoleon 
einen Theil von Westfalen und die Ilerzogthümer Oldenburg und 
Ahremberg an sich gerissen und mit Frankreich vereinigt hatte, be 
trug der Umfang noch 5,384 Q.-Meih und die Volkszahl 13’475,()()0, 
Bestandt heile. 
Staaten 
(Zeit ihres Beitritts zum Rheinhunde) 
•f 1. Bayern, Königreich .... über 
2. Westfalen, Königr. (nach der Jenaer Schlacht) 
3. Sachsen, Königreich (11. Dez. 1800) 
f 4. Württemberg, Königreich 
t 5. Frankfurt, Grosshcrzogtluim 
t 6. Berg, Grossherzogtlium . 
t 7. Baden, Grossherzogthum 
f 8. Hessen, Grossherzogthum 
9. Würzburg, Grossherzogthum (3. Oct. 1800) 
f 10. Nassau-Usingen, Herzogthum | 
f 11. Nassau-Weilburg, - Í ’ ’ 
•f 12. Hohenzollern-Hechingen, Fürstcntlnim . 
113. „ Sigmaringen „ 
f 14. Salm-Salm „ J 
115. Salm-Kyrburg „ I 
116. Isenburg-Bartenstein „ 
f 17. Liechtenstein „ 
f 18. Leyen „ 
19. Sachsen-Weimar, Herzogthum 
20. „ Gotha „ 
21. „ Coburg „ 
22. „ Meiningen „ 
23. „ Hildburghausen „ 
24. — 26. Anhalt, 3 Herzogthümer (18. Ajtril 1807) 
27. u. 28. Lippe, 2 Fürstenthümer (ditto) 
29. u. 31. Rcuss, 3 Fürstenthümer (ditto) 
32. Waldeck, Fürstenthum (ditto) 
33. Schwarzburg, 2 Fürstenthümer (18. April 1807) 
34. Mecklenburg-Strelitz, Herzogth. (18. Fcbr. 1808) 
35. „ Schwerin „ (22, März 1808) 
Vorstehende Schätzungen ergeben ungefähr 
(Beitritt 
am 
15. Dez. 1806) 
80 280,000) 
14,0001 
38,000 ( 
55,0001 
46,0001 
5,0001 
125,000 
160,000 
75,000 
50,000 
25,000 
120,000 
85,000 
72,000 
55,000 
110,000 
70,0001 
350,666I 
20 
29 
15 
36 
45 
28 
18 
12 
46 
28 
28 
21 
33 
47 
244 
Con 
tingent 
30,000 
25,000 
20,000 
12,000 
5,000 
8,000 
4,000 
2,000 
4,000 
2,800 
800 
650 
450 
400 
600 
2,300 
5,200 14700,000 118,000 
Bemerkungen. 
1) Bayern. Dazu gehörten: Tirol, Vorarlberg, Salzburg, das Inn- und Haus- 
ruckviertel; — nicht dazu: Würzburg, Aschaffenburg und die Pfalz. Der 
wirkliche Militärstand stieg bis auf 47,000 Mann. 
2) Weetjalen. Nach der Jenaer Schlacht gebildet, gehörten dazu Imndestheile 
von Kurhessen, Braunschweig, Hannover; Magdeburg (links der Elbe), 
Halberstadt, die Alpnark, Paderborn, Minden etc. Als es am grössten, 
umfasste Westfalen 1120 Q.-Meil. und 2%Mill. Einw. (König: Hieronymus 
Napoleon.) Der wirkliche Militärstand überstieg 30,000 Mann. 
5) Frankfurt. Dazu gehörten: Frankfurt, Aschaffenburg, Fulda und Hanau. — 
(Grossherzog: der Erzkanzler Dalberg; sein Nachfolger sollte Napoleons 
Stiefsohn, Eugen Beauharnais, werden.) 
6) Berg. (Grossherzog war ursprünglich Napoleons Schwager, Murat; 1808 gab 
der franz. Kaiser das Land an den ältesten Sohn seines Bruders Ludwig 
[König von Holland], und da dieser noch ein Kind, so bestand eine vor 
mundschaftliche Regierung.) 
9) Würzhurg. (Grossherzog : der frühere Grossherzog von Toscana.)
        <pb n="161" />
        DEUTSCHLAND — Bayern (Land und T^eute). 
145 
Die einzelnen Staaten De.ntschlands. 
1. Oesterreich (Kaisertlmm). 
(Siehe Seite 90—110). 
2. Preusseil (Königreich). 
(Siehe Seite 110—127). 
3. Bayern (Königreich). 
Bevölkerung 
Regierungsbezirke Q.-M. 'la 18 ISMqI.M.® 
Oberbayern .... 309 585,467 734,831 744,151 2408 
Niederbayern .... 195 450,895 549,596 554,013 2841 
RMz IMI 6^^ 
Oberpfalz und Regensburg . 175 403,481 468,479 471,900 2696 
Oberfranken . . . . 125 394,954 499,709 499,913 3999 
Mittelfranken .... 139 437,838 533,830 533,587 3119 
Unterfranken und Aschaffenburg 162 501,212 595,748 589,076 3636 
Schwaben und Neuburg . 174 487,951 565,783 561,576 3227 
1387 3’707,966 4’559,452 4'541,456 3274 
Die Familienzahl war bei der Zählung vom Dez. 1855: 1'074,824. 
Es kamen sonach 4,22 Personen auf die Familie. Dem Militärstande 
beigerechnet wurden 96,530 Individuen. — Es kommen in Bayern 
durchschnittlich iin Jahre (nach Hermann) : 
Trauungen; 1 auf 152 Einw. (in der Pfalz 1 auf 130 Einw.) 
Geburten: 353 - 10,000 - - 406 - 10,000 
Sterbfälle: 285 - - 253 - - 
Auf 100 Knaben bei den ehelichen Geburten 93 Mädchen, 
- unehelichen 96 
Verhältniss der Geschlechter : 490 männl. zu 510 weibl. Einw. (Folge der 
grösseren Sterblichkeit der Knaben und der härteren Arbeit der Männer.) 
Bevölkerungszunahrne : 
1840 
1843 
1815 (ungenau) : 3’560,000 
1818: 3707,966 
1834: 4’246,778 
Es ergab sich sonach 
4’370,977 
4’440,327 
4'504,874 
letzten Zählung 
1849 
1852 
1855 
eine ansehnliche 
4’520,751 
4’559,452 
4541,556 
1846 
bei der 
Verminderung. Diese rührt hauptsächlich von der Pfalz her. 
Gerade hier hatte früher die Einwohnerzaid weitaus am meisten zu 
genommen. Sie war sogar während der napoleonischen Kriege ge 
stiegen. 1814 umfassten die Gemeinden, welche jetzt den Pfalzkreis 
bilden, erst 429,095 Menschen; 1849 aber 010,370. Die neuesten 
Zählungen ergaben (soweit constalirt, zum ersten Male seit Jahrhun 
derten!) eine Verminderung, und zwar um die enorme Menge von 
24,142 Menschen blos innerhalb der 3 letzten Jahre ! 
Áusivanãenmg. Bis 1830 war die Zahl der Einwanderer in 
Bayern jener der Auswanderer etwa gleich (in der Pfalz sogar stärker). 
Dann : 
Einwanderer 
1830—35 durchschnittlich 278 
1835—43 - 1,080 
1843—51 - 933 
1835—51 im Ganzen 16,114 
Auswanderer 
2,107 
5,356 
11,282 
132,788 
430 fl. 
313 - 
233 - 
258 - 
Vermögen der Einwanderer in der letzten Periode durchschnittlich 889 fl. 
lÜ
        <pb n="162" />
        146 
DEUTSCHLAM) — Bayern (Land und Leute). 
lui Jahre 1852 stieg die Zahl der Auswanderer hlos nach Amerika 
auf 19,443, durchschnittlich mit 225 H. Vermögen (zusammen also 
mit beinahe 5 Mill.). Hievon kamen 7499 Auswanderer auf die drei 
fränkischen Kreise. — Aus der Pfalz wandorten aus : 
1852 : 8,908 Fers, mit 2’024,000 il. Vermögen 
185.3: 9,497 - - 1’578,000 - - (dav. lieiml. Answand. 4295) 
1854; 9,47.3 - - 1’707,000 - - 5047 
Zus. in .3 Jahren 27,878 Fers, mit 5’.309,000 fl. Vermögen. (ln 2 Jahren 9.34 I) 
Die heimlichen Auswanderungen fanden beinahe sämmtlich von 
jungen Männern statt, welche sich der Conseriptionslast entziehen 
wollten. Die Zahl der bereits Eingereihcten, welche desertirten und 
auswanderten, ist nicht eingerechnet. 
Coufessionen. Man zählte 1852: Katholiken 3M 70,333, Prote 
stanten 1’233,894 (nämlich; Lutheraner 900,380, lieformirte 2431, 
und Unirte in der Pfalz 325,077), Mennoniten und Griechen 5,500, 
Juden 50,033. Die meisten Lutheraner leben in Mittelfranken (408,91 1) 
und Oberfranken (280,223), die wenigsten Protestanten in Niederbayern 
(2092) und Oberbayern (11,959). Die Juden sind am zahlreiclisten 
in Unterfranken (15,834), der Pfalz (15,000) und Scliwaben (0305), 
am wenigsten zahlreich in Niederbayern (10), der Oberpfalz (910) und 
Oberbayern (1218). Die meisten Mennoniten sind in der Pfalz (3384). 
Städte. Es gibt 8131 Gemeinden. Diese bestehen aus 232 Städten, 
417 Märkten, 22,383 Dörfern und Weilern, und 21,584 Einöden und 
Mühlen. Bevölkerung 1855: München 132,113 Einwohner (mit den 
früher nicht dazu gerechneten Gemeinden Au etc.; 1780 blos 37,200; 
1810: 00,000; 1852; 100,715). 
Nürnberg . . . . 50,.398 
Augsburg .... 40,095 
Wurzburg .... .32,598 
f liegensburg . . . 25,792 
Bamberg .... 22,391 
f Bayreuth .... 17,372 
Fürth 17,341 
Ingolstadt .... 15,025 
f Ansbach .... 11,975 
Die mit f bezeichneten Städte hatten bei der Bevölkerungsaufnahme von 
1855 gegen 52 eine Verminderung der Einwohnerzahl. 
Gebietsveränderunyen. Nachdem in Folge Ablebens des Kurfürsten 
Max Joseph III. (20. December 1777) und des Teschener Friedens 
(13. Mai 1779) die Rheinpfalz und Bayern vereinigt worden, war der 
Bestand des Pfalz-Bayerischen Churstaats vor der Revolution: 
Speyer (1852) . . 11,749 
Landau (1852) . • 11,054 
Fassau .... 11,540 
t Landsliut .... 11,.310 
Kaiserslautern (1852) 11,196 
Amberg .... 10,83.3 
f Erlangen .... 10,709 
Straubing .... 10,00.3 
1. Bayern, a. Ilcrzogthum Bayern 
b. Oberpfalz 
c. Fürstenthum Neuburg 
d. - Sulzbach 
2. Unter- oder Eheinyfalz 
.3. Herzogihtmi Jülich und Bergen 
Es gehörten zur Rheinpfalz : 
Theile des jetzigen Pfalzkreises; - 
Q.-M. Einw. 
570 990,000 \ Q.-M. EInw. 
130 175,000 y 04 r.300,000 
52 92,000 ( ’ 
26 4.3,000 ) 
150 400,000 
. 130 400,000 
Zusammen 1,064 2’100,000 
Mannheim, Heidelberg und einige 
- zu Jülich und Berg; Düsseldorf,
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        DEUTSCHLAND — Bayer« (Finanzen). 
147 
Elberfeld, Solingen, Kaiserswerth und Düren. — Durch den Lnne- 
viller Frieden, 1801, verlor Bayern die Rheinpfiilz, Jülich nnd das ihm 
1795 anerfallcne llerzogthum Zweibrücken (letztes 36 Q.-Meil. mit 
60,000 Einw.). Es erhielt znr Entschädigung (Keichsde^iut.-Haupt 
schluss V. 25. Fehl'. 1803): die Bisthümer Bamberg, Freising und 
Augsburg, Theile derer von Würzburg und Passau, 12 Abteien und 
15 Reichsstädte (worunter Ulm, Kempten, Memmingen, Nördlingen, 
Sehweinfurt). Es gewann etwa 60 (j.-M. und 110,000 Menschen. — 
Der Presburger Friede (26. Dez. 1805) kostete zwar das zu einem 
besondern Staat erhobene Würzburg, verschaffte Bayern aber; den Rest 
des Passauer Gebiets, Tyrol, Vorarlberg, die Markgrafschaft Burgau, 
das Fürstenthum Eichstädt und die Reichsstädte Augsburg und Lin 
dau ; Gewinn 500 ().-Meil. und 1 Mill. Menschen. 1806 ward das 
Herzogthum Berg gegen das von Preussen abgetretene Ansbach ver 
tauscht. (1. Jan. 1806 nahm der Kurfürst den Königstitel an; 1. Mai 
1808 Aufhebung der alten, einst mächtigen Landstände.) 1808 hatte 
Bayern in 15 Kreisen 1636 Q.-Meil. und 3’232,000 Einw. — Durch 
den Wiener Frieden (26. Dez. 1809) erlangte der Staat: Salzburg, 
Berchtesgaden, das Inn viertel und den grössten Theil des Hausruck 
viertels, zus. 260 Q.-M. und 410,000 Menschen, gegen einige Abtre 
tungen an Württemberg (Ulm) und an Würzburg, etwa 42 Q.-M. mit 
130,000 Einw. — 1810 musste Südtyrol (180 ().-M., 300,000 Einw.) 
an das Königreich Italien abgetreten werden; die Fürstenthümer Bay 
reuth und Regensburg (90 Q.-M., 270,000 Menschen) mussten als 
Entschädigung dienen. — Bayern umfasste nun über 1700 Q.-M. und 
3’800,000 Menschen. — Zufolge des Rieder Tractats (8. Oct. 1813), 
der Pariser Friedensschlüsse und der Wiener Congresstractate erhielt 
Bayern seinen jetzigen Bestand : es musste Tirol, Vorarlberg, Salzburg, 
das Inn- und Hausruckviertel an Oesterreich zurückgeben, und erhielt 
dafür die (ungenügende) Entschädigung: Würzburg, Aschaffenburg und 
die Rheinprovinz. So lange die Contiguität der letzten mit dem Haupt- 
landc nicht hergestcllt ist, bezahlt Oesterreich jährlich 100,000 fl. rh. 
— Neue Verfassung vom 26. Mai 1818. 
Finanzen* Budget. Dasselbe wird auf den enormen Zeitraum 
von 6 Jahren festgesetzt — auf weit länger, als in irgend einem an 
dern Staate der Welt geschielit. Jede annähernd genaue Voraus 
berechnung ist damit an sich schon zicmlicli immöglicli gemacht. Das 
Budget für die VII. Finanzperiode, nämlich für die Zeit vom 1. Oct. 
1855 bis Ende Sept. 1861, enthält folgende Ziffern: 
Einnahmen. 
1. Directe Steuern, altes Principale, netto: Grundsteuer 4769,619 
il., Haus- 661,600, Dominical- 1006, Gewerb- 1’036,800, 
Capitalrcnten- 5.31,596, Einkommensteuer 316,800 = . fl. 7’317,421 
II. Indirecte Auflagen: Taxen und Enregistrement 3740,000, 
Stemijel 1720,000, Aufschlagsgefälle (Malzaufschl.) 5700,000, 
Zölle 5’250,000 15’810,000 
HI. Regalien und Staatsamtalten: Salinen 2’525,000, Bergwerke 
rechts des Rheins 0, in der Pfalz 180,000, Eisenbahn 3 Milk, 
Post 300,000, Donaudampfschifffahrt 100,000, Donau-Main-
        <pb n="164" />
        148 
DEUTSCHLANT) — Bayern (Finanzen). 
kanal 50,000, Telegraphen -30,000, Lotto 1’400,000, Di 
verses 27,887 fl. 7’612,887 
IV. Domänen: Forsten etc. 3'/g Mill., Oekonornien 291,815, 
Grundrenten 4’284,353, Activcapitalzinsen 61,244 = . - 8’137,412 
V. Besondere Abgaben ........ 24,650 
VI. Uebrige Einnahmen: Nürnberger Bank 85,000, Contiguitäts- 
Entsciiädigung von Oesterreich (siehe S. 147) 100,000, Steuer 
beischlag in der Pfalz 100,000, AVittwen- und AVaisenfonds- 
' beitrage 58,316, diverse Einnahmen 51,629 =z . . - 394,945 
VII. Einnahme von Ausständen aus den Vorjahren . . - 300,000 
VIII. SteuerzuschUige: bei Grund-und Doininicalsteuer 33'/, Pro/., 
bei Haussteuer 15, Einkommen- 10, Gcwerb- und Capital- 
rent cnsteu er 5 Proz. 1’799,547 
Zusammen fl. 41’396,862 
Ausgaben. 
I. Staatsschuld*) . fl. 12’719,300 XI. Staatsanstalten**) ñ. 7'7òí,07S 
II. Jlof 2’982,272 XII. Kreisfonds . . . 486,045 
III. Siuatsrath .... 72,963 XiII. Armee .... 9’075,900 
IV. Landtag .... 59,000 XIV. Ijandbau .... 624,393 
V. Aeusseres .... 460,000 XV. WiUw-Waisengtension. 626,000 
VI. Justiz 1 ’578,738 XVI. Iteservefonds . . 675,000 
VII. Inneres 1’074.225 XVII. Gerichtsorganisation 566,772 
VIII. Landgerichte . . . 1’581,036 XV HI. Diverses .... 22,717 
IX. Handel u. äff. Arbeiten 225,563 Zusammen 4(’.396,862 
X. Finanzen .... 815,860 
Es ist vor Allem zu bemerken, dass die Netto-, nicht, wie 
anderwärts, die Bruttosummen eingesetzt sind, wonach denn auch eine 
einfache Ziffcrngegeniiberstellung, %. B. mit dem preussischen Budget, 
als unzulässig erscheint. Um obige 41*/;} Mill, in die Staatscasse zu 
liefern, ist die Erhebung von ungefähr (12—04 Mill, erforderlich. (Als 
der Finanzminister den Kammern den auf 42’G21,756 fl. gestellten Budget- 
Entwurf vorlegte, berechnete er die Bruttoeinnahme auf G5’24(),705, 
worunter allerdings die unvermeidlichen Betriebsausgaben für Lotto, 
Post und Eisenbahn.) — Bei Festsetzung des vorigen Budgets (welches 
noch mit der bedeutend geringem Summe von 37’591,090 fl. abschloss) 
hob der Verfasser des gegenwärtigen Buches in der Abgeordneten 
kammer, und zwar ohne irgend einen Widerspruch zu finden, hervor 
(siehe stenogr. Berichte vom Mai 1852): „Wenn man, ganz abgesehen 
von den eigentlichen Betriebskosten, die Besoldungen der Forst- und 
Rentbeamten etc. mit in Rechnung bringe, so betrügen die Staatsaus 
gaben beiläufig 42 Millionen. Hievon aber nähmen hinweg (nach den 
Ziffern der definitiven Budgetfestsetzung:) 
die Schuld . . 9’810,000 fl. die Civilbeamtcn . 11’631,000 fl. 
der Hof . . 2’950,000 - die Geistlichkeit f) 1’562,000 - 
die Armee . . 10’042,000 - «Pege 5 Posten allein 35’995,000 fl.' 
*) AVorunter 3’633,500 fl. für die Eisenbahn- und 1’017,800 für die Ab 
lösungsschuld, dann 1’029,000 für die Pensionsamortisationscasse. 
**) 1) Erziehung 900,653, 2) Cultus, kathol. 1’195,275, protestant. 375,436, 
3) Gesundheit 234,455, 4) AVohlthätigkeit 209,440, 5) Sicherheit 1’407,203, 
6) Industrie und Cultur 324,393, 7) Strassen-, Brücken-u. AVasserbau 2’563,430, 
8) Leistungen an Gemeinden 99,052, 9) Steuerkataster 375,000, Münzanstalt 
11,242, 11) Feuerversicherung 48,000, 12) Glasmalereianstalt 4000, Porcellan- 
manufactur 3500 fl. 
f) Es sind dies natürlich nur die Staatszuschüsse, indess sich die kathol.
        <pb n="165" />
        DEUTSCHLAND — Bayern (Finanzen). 
149 
oder beiläufig 36 Millionen. Für alle übrigen Staatsbedürfnisse 
blieben sonach nur 6 Mill., und auch davon könnten wenig über 3 
Mill, für unmittelbar productive Zwecke verwendet werden. Die 
Pensionen allein (oben eingerechnet) verschlängen über 3% Milk“ 
Im gegenwärtigen Budget ist der Bedarf für die Schuld um fast 
3 Mill, jährlich höher angosetzt, als noch im vorigen Voranschläge. 
Diese grosse Vermehrung rührt theils von den neuen Anlehen, theils 
davon her, dass man 400,000 fi. Militärpensionen auf die Pensions- 
Amortisationscasse übernahm, wodurch der Militäretat (scheinbar) um 
so viel verringert ward. Uebrigens erhielb das Militär von 1848—55 
ausser dem Budgetansatze, ausserordentlicher Weise, durch Anlehen 
noch weitere 21’389,423 fl. (Die Expedition nach Kurhessen, 1850 
und 51, kostete nach den ministeriellen Vorlagen an die Kammern 
3’546,471 fl. [ungerechnet weitere 814,848 fl. „für vermehrte Truppen 
haltung im Innern“], wofür ein Entschädigungsanspruch an Kurhessen 
erhoben, von diesem aber nicht anerkannt wurde. Die „Kriegsbereit 
schaft“ von 1855 soll gegen 5 Mill, erfordert haben. Für die mili 
tärische Hülfeleistung in der Pfalz, 1849, bezog Preussen 262,500 fl. 
Nach einer Berechnung, welche der Verfasser dieses Buches 1851 in 
der Abgeordnetenkammer vortrug, waren für das Heerwesen von 1815 
bis 50 über 300 Mill, verwendet. Zufolge der 1856 aufgestellten 
Berechnung Lerchenfelds hatte die Armeeverwaltung blos von 18'‘V48 
bis 185l/gg 63’18l,9G2 fl. ausgegeben). — Die Pensionen sind 
wohl nirgends so zahlreich und so hoch, als in Bayern, und der 
Verfasser konnte in der Abgeordnetenkammer ein Beispiel anführen, 
in welchem ein Mann in den besten Jahren, der Sohn eines ehemaligen 
höhern Beamten, der selbst keine Anstellung sucht, und sich im 
Genüsse eines Jahreseinkommens von nicht weniger als 20—22,000 fl. 
befindet, mit formellem Rechte als „unversorgte (vater-und mutter 
lose) Doppelwaise“ vom Staat eine Pension von 700 fl. bezieht. — 
Das Cataster hatte schon am 1. Oct. 1853 19’155,031 Gulden ge 
kostet, und zur Vollendung nahm man weitere 3 Mill, in Aussicht. 
(Aus den Zinsen dieses Capitals liesse sich ein ansehnlicher Theil 
der Grundsteuer decken.) — Der bayerische Staat erfreut sich übrigens 
eines bedeutenden Domänen bositzes, nur ist der Ertrag geling (es 
liefern z. B. die rechtsrheinischen Bergwerke nicht das geringste Rein 
einkommen; ebensowenig das Institut der Fohlenhöfe, obwohl dasselbe 
im Genüsse von 19,369 Tagwerk [etwa DA Q.-M.] Grundeigenthums 
und eines grossen Inventars sich befindet). 
Constitutioneller Conflict. Das obige Budget ist keineswegs ein in 
allen Consequenzen allseitig anerkanntes. Die Regierung hatte für die 
Armee 10’672 800 fl. postulirt ; die Reichsrathskammer stimmte unbe 
dingt zu, die'Abgeordneten aber verweigerten diese Bewilligung, nicht 
Kirche im Besitze ansehnlicher Reichthümer befindet (nach ministerieller Angabe 
Personen 20,000 und 15,000 fl., 3 Bischöfe jeder 10,000, die 3 andern je 8000 fl 
ausserdem Palais. Die Domcapitel kosten überdies an Besoldung etc. 187,600 fl.
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        150 
DEUTSCHIjAND — Bayern (Finanzen). 
nur weil Bayern dem deutschen Bunde hlos bedingt beigetreten, unter 
Wahrung seiner Souveränitätsrechte, sondern weil der Militärctat auch 
weit höher sei, als die Bundesbeschlüsse forderten. So kam das Budget 
zu Stande, aber mit folgender königl. Erklärung im Landtagsabschiede 
vom 1. Juli 1856 (die wir hier spocicll aufneluncn, da ähnliche coustitut. 
Conflicte gleichzeitig auch in andern Mittelstaaten — Hannover, Würt 
temberg etc. — auftauchen, was vielleicht nicht ganz zufällig ist): 
„Missfällig haben Wir entnommen, dass die Kammer der Abgeordneten 
der Beschaffung des von Uns postulirten und auch von der Kammer der lieichs- 
räthe als unvermeidlich anerkannten Bedarfes für die active Armee ihre Zustim 
mung nicht ertheilt hat. — Wir werden Unser Kriegsministerium anweisen, alle 
nur immer zulässigen Ersparungen eintreten zu lassen, erklären jedoch, ein 
gedenk Unserer liegentenpflicht, dass es unser entschiedener Wille ist, die Armee 
in einem der Würde Unserer Krone, der Stellung Bayerns und den übernommenen 
Bundespflichten entsprechenden Stande zu erhalten. Wir werden daher die 
unabbrüchige Bestreitung der hiezu noth wendigen Ausgaben an 
ordnen, und behalten uns vor, an den nächsten Landtag die dessfallsigen 
Nachweise und die erforderlichen Vorlagen wogen Deckung des sich ergebenden 
Mehrbedarfes gelangen zu lassen.“ 
Eisenbahnen. Die im Betriebe steheuden Bahnen sind Staats- 
eigeiithum (I27V2 Moil.), mit Ausnahme der Pfälzischen (25 Meil.) 
und der kleinen Nüriiberg-Fürther Bahn. Die Staatscasse hatte (nach 
einer ministeriellen Vorlage an die Abgeordnetenkammer vom Anfänge 
1855) für Eisenbahnen bereits IUO'052,000 11. aufgewendot. Der Be 
richterstatter der Abgeordnetenkammer hob Folgendes als lieclmuugs- 
ergebnisse hervor : 
Jahr Reinertrag 
18% 
i8'y^. 
n. 
ll» —* DO /jQ Kr. 
659,030 - - 1. 576/0 . 
1’202,057 - - 2. 329/,0 - 
Der Abgeordnete Fürst Wallerstein berichtigte jedoch diese ßerech- 
nung, bei welcher das Aidagecapital zu gering angenommen, dahin, 
dass die reine Lento in obigen 53 Jahren nur betragen habe: ^/g, ^/g 
und IV2 Proz. des Anlagecapitals. Allein auch hiebei ist nicht ein 
mal Rücksicht genommen auf Abnützung des Bctriebsmaterials. Im 
Jahre 18-52/53 (dem letzten, worüber den Kammern Rechnung vorge- 
legt ward) betrugen die Einnahmen ‘3’887,0Î31 H. (von Personen 
1’506,459, von Gütern 1’971,805), die Ausgaben 2’386,809, so dass 
nur^ 1’500,222 fl. rein verblieben, also etwa l'/g Proz. des Anlage 
capitals. Obwohl sich die Einnahmen seitdem erhöhten und das Mi 
nisterium einen 3proz. Ertrag in das Budget einsetzte, so drangen die 
Kammern doch darauf, dass, mit Ausnahme der München-Salzburger 
Bahn, die Herstellung aller weitern Schienenwege Privatgesellschaften 
überlassen werde. In keinem andern deutschen Lande gewähren die 
Bahnen der Staatscasse eine so ungenügende Rente, obwohl die Preise 
keineswegs niedrig gestellt sind. 
lelegraphie. Im Betriebe 238 Meilen. In der vorigen Finanz 
periode wurden 640,000 fl, für Anlage und Unterhaltung der Anstalt 
verwendet, wozu sodann noch weiter 200,000 fl. bestimmt wurden. 
Im Jahre 18^2/53 betrug die Zahl der Depeschen blos 15,165, wofür.
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        DEUTyCIlLANI) — Bayern (Finanzen), 
151 
nach Abrechnung von 2570 amtlichen, 54,630 h. eingenommen wurden, 
indess die Kosten sich auf 93,935, also um 39,305 fl. höher beliefen. 
18'53/g^ hatte man 61,117 Depeschen, worunter aber auch nur 21,107 
interne Privatdepeschen, letzte mit einem Krtrage von 27,328 fl., 
während sich die Gesannnteinnahme auf 108,121 fl.^ stellte. (Welche 
Unterschiede gegen die Ergebnisse in der kleinen Schweiz niit ihrem 
niedrigen Tarife von nur 1 Frank für die Depesche ! Veigl „Schweiz, ) 
Donau-Mainkanid („LudwigskanaP^). Für Herstellung desselben und 
Ankauf der Actieu von Privaten verwendete der Staat 17’433,760 fl. 
Im Jahre 1852 betrug die Roheinnahmc 163,692 fl., wovon indess, 
nach Abzug der Betriebskosten, nur 61,836 fl. rein verblieben, sonach 
eine Jahres rente von wenig mehr als % Proz. Die Länge des Canals 
ist 23V2 Meil.; er hat 100 Kammerschleussen. 
Donau-Dampf Schiffahrt. Nachdem eine Privatgesellschaft, die das 
Unternehmen begründet, dabei zu Grunde gegangen war, kaufte der 
Staat dasselbe an sich, und verwendete darauf bereits 2T40,000 fl. 
ln den 3 Jahren IS^Vsü—^‘42 ergab sich ein durchschnittlicher Rein 
ertrag von nur 941 fl., selbst IS^Vss 9200 fl., wobei die 
Abnützung des Materials nicht einmal mit in Anschlag gebracht ist. 
Kreislasten. Ausser den unmittelbar durch die Staatscasse be 
strittenen Ausgaben, müssen deren sehr viele für Verwaltung, Justiz, 
Unterricht, Wohlthätigkeit etc. durch die einzelnen Regierungsbezirke 
vermittelst besonderer Kreis-Umlagen gedeckt werden, (Beischlagprozente 
zu allen directen Steuern, in den 7 altern Kreisen meist 6 bis 8 , in der 
Pfalz nicht weniger als 50—54 Proz., — zusammen etwa 1'400,000 fl., 
wovon gegen 450,000 blos auf die Pfalz tieffen.) 
WAere Vor der französischen Revolution 
wurden die Einkünfte auf 10 Mill. fl. geschätzt. Die Steuern waren 
in Bayern nicht nur freiwillige Leistungen der Landschaft, sondern die 
Steuercassen standen auch nicht unter fürstlichen, sondern unter eigenen 
Landschaftsbeamten. Von 1806—1819 waren aber sogar die Staatsrech 
nungen jeder Volkscontrole vorcnthalten. Es entstand ein grosses 
Deficit (was wohl mitwirkte zur Verleihung der Constitution). Später, 
in den 1830er Jahren, erlangte man vermittelst einseitiger Festsetzung 
des Budgets (und Ersparung an Strassen etc.) sehr bedeutende „Er- 
übrigungen,“ welche meistens zu Luxusbauten verwendet wurden. Seit 
dem haben die Ueberschüsse aufgehört. Obwohl die Einnahmen 18% 
die Budgetansätze um 4’770,89I fl. überstiegen, schliesst doch die 
Rechnung mit einem Passivreste von 1’083,834 fl. ab. (Lerchenfelds 
Bericht von 1856 über den Reichsreservefonds.) 
i^chuld. Dieselbe entstand grossentheils durch Ueberwälzen der 
Privatschuldcn der Churfürsten auf die Landescassc, was sich die 
im 17. und 18. Jahrhunderte zu einem blossen Scheininstitut hcrab- 
gekommene Landesvertretung meistens nach einigem Widerstreben ge 
fallen Hess. Zur Deckung ward der „Malzaufschlag“ eingeführt, anfangs 
in geringem Betrage. Auf einigen der neu erworbenen Gebiete lasteten 
manche Schulden, indem das zugleich mit überkommene Activvermögen, 
dabei die Güter der eingezogenen Klöster, grossentheils verbraucht,
        <pb n="168" />
        lo2 DEUTSCHLAND — Bayern (I’inanzen). 
wohl auch Vieles veruntreut ward, 
gehäuft : 
1801 3 Mill, zu 6% (Lit. A) 
Va • - ^‘/i 
1802 1 - - 5 
1804 V2 • - 5 
* 1 - - 5 
1806 450,000 fl. zu 5 
1808 4 Mül. zu 6 (Lit. B) 
Anlehen wurden auf Anlehen 
1809 8760,900 zu (Zwangsanlehen) 
D600,000 Liv. tourn. Cassenbons 
1810 25 Mill. Fr. für die Dotationen 
Napoleons in Bayern. 
- 1’300,000 fl. 
- 1’000,000 Fr. 
Vngeachtet dieser Schuldanhätifung hatte inan Millionen von Zins 
rückständen; die Zahlungsrückstände für den laufenden Dienst be- 
tiugen sogar über 19 Mill. Man gab 6 Vo Cassenanweisungen aus, 
an denen aber sogleich 20% verloren wurden. In der Folge sank 
der Cours der 6% Papiere auf 50. — 1812 Versuch der Kinissiou 
eines Lotterieanlehens von 12 Mill, zu 4% verzinslich und von (i 
Mill, unverzinslieh. Da dieser Versuch misslang, 1815 abermals 
Zwangsanlehen, unter Beibehaltung des Lotterieanlehens von 5 Mill, 
zu 5 %. Am 1. October 1811 betrugen die anerkannten Schulden 
118^230,605 fl.; es sollten nun jährlich 3'050,000 11. für Verzinsung, 
1'550,000 für Tilgung verwendet werden. Wirklich ward selbst wäh 
rend des russischen Krieges etwas abbezahlt. Ungemeine Ausgaben 
eifolgten 1815, da Bayern gleichsam als Grossmacht aufzutreten suchte. 
Nach den Pariser Friedensverträgen erhielt der Bayerische Staat (l’état) 
von den franz. Deiensionsgeldern lo, von den Contributionsgeldern 25V2 
Mill. Fr. Allein die Verwendung ist nur theilweise bekannt, da die 
Regierung auch in der b olge jeden Rechnungsnachweis aus der vor- 
constitutionellen Periode verweigerte. (Der bekannte Rudhart erklärte, 
laut Protokolls der Abgeordnetensitzung vom 4. Oct. 1831, König 
Max I. habe u. a. durch Urkunde vom 24. .Januar 1816 hievon 
2 00,000 fl. an die Königin und seine Töchter verschenkt. Dagegen 
übernahmen die Kammern noch 1822 955,000 fl. Privatschulden des 
nämlichen Königs auf die Staatscasse, welche er von Ludwig dem XVI. 
geliehen hatte.) Die Verwendung von Staatsgeldern für das s g 
„griechische Aiilehen« erschien vor 1849 niemals auch nur mit dem 
geiingsten Betrage in den veröffentlichten Staatsrechnungeii. Der Ver 
fasser dieses Buches brachte als Abgeordneter, in seinem Vortrage 
Namens des Finanzausschusses vom 5. März 1849, das ganze Ver 
hältniss zum ersten Male an die Oeffentlichkeit. Er wies eine Forderung 
des Staates au den von der Regierung zurückgetretenen König Ludwig 
nach, im Betrage von 1'529,333 fl. (Siehe die amtlich bekannt g^ 
machten „Verhandlungen der Kammer der Abgeordneten des Landtags 
von 1849“, Beilagenband I. S. 205 f.) Der genannte Fürst fand sich 
unter den damaligen Verhältnissen veranlasst, der Staatscasse diese 
umme zu ersetzen, so dass also eine Forderung dafür nicht mehr 
besteht. 
Beim Beginne der constitutioneilen Periode, 1818, ward die 
Staatsschuld auf 105 Milk, mit den Zinsrückständen auf 107’722,658 fl. 
berechnet. Alljährlich sollten, ausser den Zinsen, V3 Proz. getilgt 
werden. Indessen kamen nun fortwährend „Einweisungen aus älteren
        <pb n="169" />
        DEUTSCHLAND — Bayern (Finanzen). 
153 
Rechtstiteln“ (worunter ungefähr 8V2 Abfindung der An 
sprüche des Prinzen Karl auf eine ehemalige Secundogeniturdotation, 
welche bereits früher mit dem Staatsgute wieder vereinigt worden 
war, und was man durch Civilliste und die Appanage des Prinzen 
beseitigt geglaubt hatte). So ward die Staatsschuld folgendermassen 
berechnet ; 
1820 110 Mill. 1830 128 Mill. 1839 125% Mill. 
1825 111% - 1831 132 - 1840 128 
1820 122% - 1834 131 - 1847 126 
Seit 1847 erstand eine „neue Schuld“, nämlich : 
laut Gesetz vom 30. Nov. 1847, Arrosirungsanlehen, 4% . . lO'/j Mill. 
12. Mai 1848, erstes Subscriptions-Anlchen, 5 % 7 
23. Dec. 1849, zweites ditto .... 7 
22. Mai 1850, drittes ditto .... 7 
30. Juni 1850, Eisenbahnanlelien, 5 % .10 
28. Juli 1850, Arrosirungs-(Deficit-) Anl., 4'/j % 2*/* 
31. März 1852, Anlehen, 4% % . . . 5 
22. Febr. 1855, „Militäranlehen,“ (à 94%) 4% % 6% 
Allerdings darf nicht übersehen werden, dass die beiden ersten 
Subscriptionsanlehen beim Beginne des Rechnungsjahres 
auf 260,000 fl. abgetragen waren. Die neuzeitliche Vermehrung der 
Schuld wurde keineswegs ausschliesslich durch den Eisenbahnbau, 
sondern nebst diesem zumeist durch den Militäraufwand veranlasst. 
Die „Grundrentenentschädigung“ wird besonders behandelt. Zufolge Ge 
setzes von 1848 übernahm die Staatscasse hiefür enorme Leistungen, wo 
gegen sie allerdings bedeutende (doch nicht ganz entsprechende) Activa 
erwarb. Nach dem Berichte des Commissars der Abgeordneten-Karamer 
bei der Schuldentilgungsanstalt hatte die gesammte Staatsschuld am 
1. October 1855 folgenden Bestand; 
1) alte Schuld 107’629,295 fl. 4) Eisenbahnschuld 72’237,300 fl. 
2) neue - 19’916,669 - 5) Grundrentenschuld 102’755,225 - 
3) Militaranlehen 6’421,113 - Zusammen 308’959,602~fl. 
(Allerdings besitzt Bayern verhältnissmässig mehr Domänen etc. als Preussen; 
im Verhältniss zu diesem, das nur 248 Mill. Thlr. Schulden hat, ist aber Bayern 
sehr stark mit solchen belastet; ja sogar im Vergleiche zu Oesterreich.) — Obige 
8. g. „ Eisenbahnschuld “ wurde indess nicht vollständig durch Eisenbahnbauten 
veranlasst, sondern es wurden, laut der ministeriellen Kammervorlage, davon 
u. a. auch verwendet: 1’200,000 fl. für die Donaudampfschifffahrt, 1’003,628 fl. 
für den Bau des „Industrieausstellungsgebäudes“ und 191,241 fl. für Deficit 
deckung bei jener Industrieausstellung (indem die Gesammteinnahmen nur 69,285 fl. 
betragen hatten), — Verwendungen ohne vorgängige Genehmigung der Kammern*). 
*) Es verdient Anerkennung, dass sich das bayerische Staatsrechnungswesen 
in der ausgezeichnetsten formalen Ordnung befindet. Allein selbst dabei sind 
Irrthümer möglich, wie der von dem Abgeordneten Langguth in seinem unterm 
15. Dec. 1855 erstatteten Berichte über die Militärrechnungen (S. 5) mitgetheilte. 
Der gedachte Referent bemerkte nämlich, dass das Militärinventar von 18*2/5, 
gegenüber jenem von IS'^Vso bedeutende Werthminderung ergab. Er erhielt 
den Aufschluss : Es sei dies ein Irrthum, „weil in der Nachweisung über den 
Vermögensstand mit Schluss des Jahres 18^%Q bei Cap. V. §. 2 in Folge eines 
erst jetzt entdeckten irrigen Seitenübertrags in dem betr. Hauptbuche die Summe 
von 5’498,782 fl. 44 kr. 1 hl. statt der richtigen zu 3’498,782 fl. 44 kr. 1 hl., 
sohin um 2 Millionen zu viel in Ansatz gekommen war.“ Es möge dies mit
        <pb n="170" />
        154 
DEUTSCHLAND — Bayern (Militärwesen). 
UlilUcirwcscii* Formation. Jälirliche Aushebung nach dem Loose 
von etwa 13,500 Männern im 22. Altersjahrc. Stellvertretung zulässig 
(1850 1626 neue Stellvertretungen, 1851 1445, 1852 1599, 1853 
1299). Dienstzeit 6 Jahre. Der hohe Adel ist von der Dienstpflicht 
befreit, der niedere und das höhere Beamtenthum besitzen das Vor 
recht, dass ihre Söhne als Cadetten eintreten. — Freiwillige Eintritte 
durchschnittlich etwa 500 (1850 814, 1851 659, 1852 417, 1853 
503). — Auffallend ist die Menge der Desertionen : 
1848 896 Mann 1851 767 Manu 
1849 532*) - 1852 906 
1850 819 - 1853 765 
*) Ausserdem 2325 „FalmeuHüchtige“ (wclelie an dem Aufstande in der 
Pfalz sich betheiligten). 
Das liundescontingent, ursprünglich zu 35,600 M. festgesetzt, 
beträgt nach dem, eine allgemeine Erhöhung bezweckenden Bundes- 
beschlusse vom 4. Januar 1855: llauptcontingent 41,533; dann Re 
serven 11,867, und Ersatzmannschaft 5,933; alles zusammen 59,333. 
Dazu ein vollständiger Brückentrain für eine Flussbreite von 500 Fuss. 
Obwohl aber jene Gesammtsumme kelnenfalls sofort gefordert werden 
kann, ist die Formation doch noch weit grösser. Wirk/icher Bestand 
(zufolge der 1856 den Kammern gemachten Vorlagen): 
Leibgarde der Hartschicre 121 M. 3 Kog. Artillerie . 9,156 M. 
16 Keg. Linicninfantcric 45,520 - 1 - Genie . . 1,006 - 
6 Bat. Jäger . . 5,682 - 1 Comp. Ouvriers . 205 - 
2 Reg. Cürassiere . 2,134 - 2 Sanitätscompagnien 406 - 
6 - Chevauxlegers 6,396 - 
Hiezu die Commandostellen, die Garnisonseompagnien mit 1300 
M., und die bei der Verwaltung Verwendeten. Gesammtstand : Ofliciere 
2311, Junker 314, Unterofficiere und Gemeine 70,044 (präsent 28,001, 
krank 946, beurlaubt 41,097) zusammen 72,669. (Der wirkliche Stand 
des gesammten Militärs ward in den Rechnungen von 18^-/^^ sogar zu 
81,047 aufgeführt.) — Jedes Infänterieroglment umfasst 3 Bataillone, 
jedes Bataillon 5 Compagnien; jedes Cavallerieregiment hat 6 Esca- 
dronen. Die Artillerie zerfällt in 2 fahrende Regimenter = 30 Bat 
terien und 2 Escadrons, und 1 reitendes Regiment mit 4 Batterien. 
Die Genietruppen sind in 8 Compagnien gctheilt. - Pferde: 
der Officiere . 1383 der Cürassiere . 1344 
des Fuhrwesens 878 - Chevauxlegers 4518 
Zusammen 8123 
Nach einer Verfügung vom Januar 1855 ward die Armee um 
16,290 M. vermehrt, (also auf weit mehr als 90,000 M. gebracht); 
die über den frühem Formationsstand eingereihte Mannschaft soll 
jedoch nicht uniformirt und exerciert werden. Von dieser „ciiigcrcilitcn 
assentirten“ Mannschaft wurden zugctheilt : jedem Infanterieregimente 
600, jedem Jägerbataillone 100, jedem Cavallerieregimente 200 etc. Als 
zur Rechtfertigung dienen, wenn wir (zumal in Staaten, in denen weit weniger 
formale Ordnung herrscht als in Bayern) zuweilen selbst officielle Ziffern nicht 
für absolut irrthumfrei ansehen.
        <pb n="171" />
        DEUTSCHT.AND — Bayern (Sociales). 
155 
man aber zur Einreibung schreiten wollte, fehlte es gerade in der 
Hälfte der Regierungsbezirke, nämlich in der Pfalz, Ober- und Unter 
franken und in Schwaben, an der nöthigen Anzahl junger Männer, 
um das Contingent vollständig stellen zu können, — grossentheils 
Folge der heimlichen Auswanderungen, um sich der Conscription zu 
entziehen. (Nach Massgabc der 1832 und 1833 Geborenen sollte die 
Pfalz 2211 M. liefern; cs waren aber nur noch 1218 vorhanden, 
worunter gerade zumeist die Untauglichen.) In dem den Kammern 
vorgclegten Etat ist, da eine wirkliche Einreihung nicht stattfand, 
folglich Kosten nicht erwachsen, von diesem ganzen Institute der 
„eingereihten Assentirten“ keine Rede. 
Landwehr. Dem Gesetze gemäss soll dieselbe allenthalben bestehen ; 
sie ist aber thatsächlich nur in den grössern Städten und ausserdem auf 
dem Papiere vorhanden ; in der Pfalz fand man es nicht für zweckmässig, 
sie auch nur dem Namen nach zu organisiren. Die Einrichtung ist jeden 
falls dermalen ohne alle praktische Bedeutung. (Auf dem Papiere er 
scheint eine Landwehr von 54,410 M. Infanterie und 2600 Cavallerie.) 
Festungen. Ingolstadt und Germersheim (beide neu erbaut, erstes 
mit einem Aufwandc von 18 Va Mill., letztes mit einem von etwa 
13 Mill.), Landau (Bundesfestung, im Frieden blos von Bayern zu 
besetzen). In Ulm hat Bayern das Mitbesatzungsrecht (Neu-Ulm liegt 
auf bayerischem Gebiete). Ausserdem einige kleine festen Punkte : 
Marienburg bei Würzburg etc. 
Geschichtliche Notizen. Die Kriegsmacht Pfalz-Bayerns vor 1789 
ward auf 24,000 M. berechnet, wovon jedoch nur 7000 präsent wa 
ren. Die Kriege zur Rheinbundszeit, 1805, 7 und 9 (besonders in 
Tirol) erheischten viele Menschenopfer, und wenn auch keine bayer. 
Truppen nach Spanien gesendet wurden, so ging dagegen im Russ. 
Feldzuge fast das ganze Contingent von 30,000 M. zu Grunde. Die 
höchste Formation des bayerischen Heeres betrug ungefähr 47,000 
M., also selbst in der Napoleonischen Kriegszeit wenig mehr als die 
Hälfte der jetzigen. Nach dem Rieder Vertrage ungemeine Anstren 
gungen; Vermehrung der Armee auf 86,000 M., (freilich ohne damit 
die erwarteten diplomatischen Erfolge erlangen zu können). 
Sóplale VerllciKiiissc* Ueber Ansässigmachung, Gewerbs- 
freiheit u. s. w. herrschen in den Gebieten links und rechts des 
Rheines geradezu entgegengesetzte Principien. In den 7 älteren Re 
gierungsbezirken gelten die Grundsätze der Beschränkung, in der Pfalz 
(aus der Zeit der Vereinigung mit Frankreich her) jene der Freiheit. 
— In den erstbezeichneten Gebictstheilen hat sich nicht nur das 
Zunftwesen erhalten, sondern auch (jedoch erst seit der 2. Hälfte des 
18. Jahrhunderts) das System der Realrechte ausgcbildet. Zu An 
fänge des 19. Jahrhunderts (1802, bes. Verordnung v. 1. Dec. 1804) 
suchte man diesen Zustand zu brechen, allein nicht durch Einführung 
voller Gewerbsfreiheit, sondern indem man den Gewerbsbetrieb von 
dem bureaucratischen Ermessen, von der Ertheilung einer Concession 
durch die Behörden, abhängig machte, und solche Concessionen in 
grosser Anzahl verlieh. Durch Verordnung vom 2. Oct. 1811 ward
        <pb n="172" />
        156 
DEUTSCHLAND Bayern (Sociale Verhältnisse). 
den betheiligten Meistern wieder eine Einwirkung gestattet, durch 
Gesetz vom 11. Sept, und Vollziigsinstructiou vorn 28. Dec. 1825 
hmgegen das Concessionswesen auf den Gipfelpunkt gebracht. Fast 
bei allen Gewerben ward der Betrieb von der Erlangung einer obrig 
keitlichen Concession abhängig gemacht; der Nahrungsstand sollte 
dabei berücksichtigt, Nachweis der Befähigung gefordert werden. Jla 
man die Untheilbarkeit der Güter beibehielt, so ward ein grosser Theil 
der sonst Ackerbau treibenden Bevölkerung künstlich dem Gewerb- 
stande zugedrängt. Dazu Unkenntniss und Missgriffe der überdies 
durch Schreibereien aus dieser Veranlassung beinahe erdrückten Beam 
tem Die allgemeinen Klagen führten zur Verordnung vom 23. Juli 
1834, wonach der Nahrungsstand der vorhandenen Meister mehr 
beachtet werden sollte. — Die Pfalz behielt unterdessen hierin die 
französische Gesetzgebung. Die Verschiedenheit dieser Principien in 
einem und demselben Staate fordert zur Vergleichung der hervorge 
tretenen Resultate auf; 
Gütertheilbarkeit in der Pfalz, Gebundenheit in den 7 andern Krei 
sen. Cerealienproduction auf die Quadratmeile : 
in &lt;ier Pfalz in den andern Kreisen 
nach dem Areale überhaupt . . 12,320 6,811 Schaff. 
„ „ cultivirten kmÚG . . 24,800 11,908 
K r, Ertrage des ausschliesslich dem 
Getreidebau gewidmeten Areals . 49,600 17,731 
Dabei produzirt die Pfalz verhältnissmässig am meisten Kartof 
feln, Wein, Tabak, Krapp. (Berechnung des fränkischen Abgeordneten 
Dr. Müller v. 1840.) 
Gewerbfreiheit. Bei consequenter Durchführung des Prinzips freier 
Bewegung entsteht weniger ein unnatürliches Zudrängen zu den Ge 
werben , als bei dem bureaucratischen Concessionswesen. Es kamen 
1840 je 100 Gewerbe in der Pfalz auf 1687, in den andern Kreisen 
schon auf 1660 Einwohner. (In dem der Pfalz benachbarten Baden, 
wo gleichfalls keine Gewerbfreiheit, kamen bereits 1829 100 Gewerbe 
schon auf 1361 Bewohner.) 1847 waren in Bayern 287,359 Hand 
werker (Meister, Gesellen, Lehrlinge), sonach 1 Handwerker auf 14 
Einwohner; in Preussen, wo prinzipiell Gewerbfreiheit besteht, kommt 
1 erst auf 17, wobei aber dennoch die Gewerbsproduction eine weit 
höhere, als in Bayern. (Vergleiche auch „Kurhessen,“ wo, bei star 
rem Zunftzwange, gleichfalls 1 Handwerker schon auf 14 — 15 Ein 
wohner kommt.) Nach Hermann hat die gewerbtreibende Bevölkerung 
in ganz Bayern von 1840—52 um 71,118 Individuen oder nahezu 
um 9 Prozent abgenommen, und zwar ausschliesslich in den ältern 
Kreisen. „Es sind seit 1840 bis 1852 im Ganzen gegen 20,000 
gewerbtreibende Familien mit den entsprechenden Arbeitern ver 
schwunden, und statt ihrer Producte verbraucht die vermehrte Bevöl 
kerung nun von Andern herbeigeführte Waaren.“ Es ist dies eine 
Folge davon, dass die im Innern der Orte zunftmässig und bureau- 
kratisch geschützten Handwerker die Concurrenz von auswärts nicht 
zu bestehen vermögen, welche auswärtige Coucurrenz man nicht abhalten 
kann, die vielmehr bei den erleichterten Verkehrsverhältnissen täglich
        <pb n="173" />
        DEUTSCHLAND — Bayern (Sociale Verhältnisse). 
157 
gewaltiger wird. (Die vor Allen durch „Realreclite“ bevorzugten 
Meister zu München hatten 1852 über 4000 Gesellen und Lehrbur* 
sehen weniger, als 12 Jahre zuvor! So wird sich die Frage wegen 
Aufhebung der „Realrechte“ freilich am Ende von selbst lösen!) 
Freiheit der Ammeigmadnmg. Auf je 100 Geburten kamen un 
eheliche: 
Jahre 
1847—25: 
182ß—34: 
1835—42: 
1843—51: 
Das Verhältniss würde 
in d. and. Kreisen 
20,57 
21,84 
23,47 
22,78 
In der Pfalz 
9,22 
9^^ 
8^3 
8^0 
ein absolut viel günstigeres sein, wenn 
nicht den Militärpflichtigen auch in der Pfalz das lleirathen unmög 
lich gemacht wäre, (ln der Stadt München, wo das Realrechtswesen 
am ausgebreitetsten, überstieg die Zahl der unehelichen Geburten 
wiederholt sehr bedeutend die der ehelichen.) Von 100 unehelich 
Geborenen wurden (von 1835 — 51) durch nachfolgende Ehen legiti- 
rnirt: in der Pfalz 297, ln den andern Kreisen nur 144. 
Ehescheidungen kamen, je auf 10,000 Ehen 
in der Pfalz in d. and. Kreisen 
von Katholiken • 8 58% 
von Protestanten 29 89% 
von gemischter Confession . . 61 
Verbrechen, ln dem 7jährigen Zeiträume von IS^Vas bis 
wurden im Ganzen von den Gerichten an eigentlichen Verbrechen 
abgeurtheilt, in: 
Oberbayern 3487 Überpfalz 1499 
Niederbayern 1798 Unterfranken 1236 
Überfranken 1636 Mittelfranken 1212 
Schwaben 1557 Pfalz nur 528 
■leiehe Einwohnerzahl kamen Verbrechen in: 
Auf eine 
Überbayern 566 
Niederbayern 378 
Oberfranken 371 
Überpfalz 364 
Schwaben 315 
Mittelfranken 263 
Unter franken 237 
Pfalz nur 100 
(siehe : Annalen der Rechtspflege in der kgl. bayer. Pfalz, herausge- 
geben v. Ileintz, Damm und Weis, 1847, 2. Heft, wo auch eine Menge 
weiterer Nachweise.) Allerdings hat sich dieses Zahlenverhältniss in 
Folge der politischen Ereignisse von 1849 geändert (ein einziges Ür- 
theil dos Pfälzischen Appellhofes von 1850 erkannte gegen 333 Per 
sonen Anklage auf Tod wegen Jlochvcrraths!) Unverkennbar ist die 
I-*falz während der jüngsten Zeit in ein unnatürliches Verhältniss ge 
kommen, wie dies namentlich auch die furchtbare Bevölkerungsab 
nahme , statt des frülicrn colossalen Steigens der Einwohnerzahl zeigt. 
Können solche exccptionellc Verhältnisse an sich nichts beweisen, so 
kommt dazu, dass die Menge der gemeinen Verbrechen — abgesehen 
nämlich von den llochverrathsprozessen — auch jetzt nicht grösser 
geworden. Das pfälzische Strafgesetzbuch ist weit strenger als das 
altbayerische; dennoch betrugen die Verurtheilungen wegen eigentli 
cher Verbrechen nach dem Berichte des Abgeordneten Dr. Edel 
über die Gerichtsorganisation, vom November 1855:
        <pb n="174" />
        158 
DEUTSCHLAND — Hannover (Land und Leute). 
18W/^, 18"/» 18«%, 18"/» 
in Oberbayern 128 104 122 140 
in Niederbayern 112 124 114 106 
in der Pfalz 83 66 50 65 
Von je 1000 Einwolincrn lebten übrigens (iiacli Hermann) : 
1840 1852 
von Landwirthsebaft 657 679 
von Industrie und Handel 257 227 
von Renten, Staatsdienst, Kunst 54 55 
im Militär 14 19 
conscribirte Arme 18 20 
Die Zahl der Geistlichen ist bei den Katholiken wie 1 zu 464 , bei den Prote 
stanten 1;'1013. 
Münze, Maasse, Gewicht. Der rhein. Gulden zu 60 Krzr., die Köln. 
Mark fein zu 24'/% ü. ausgeprägt. Der Gulden = % Th Ir. prense., (17% Sgr.), 
48,98 Krzr. in C. M., oder 212,02 Cent, (gewöhnlich wird der berank zu 28 
Krzr. gerechnet, der österr. Zwanziger zu 24 Krzr., obwol der Silberwerth bei 
der etwas höher ist.) — Der bayr. Fuss = 0,9299 preuss., 1,0187 Württem 
berg., 1,1674 grossh. hess. Fuss oder 29,18 Conti met. Die Elle = 1,249 preuss. 
— Das Klafter = 126 bayr. oder 108 preuss. oder 100 hess.-darmst. Kubik- 
fuss. — Das Tagwerk = 400 Q, Ruthen oder 34,0727 Aren. — Die Maass 
= 0,9336 preuss. Quart oder 1,069 Liter. Der bayr. Eimer = 64 bayr. 
Maass oder 0,9958 preuss. Eimer oder 68,41 Liter. — Der bayr. Schäilel = 
4,0457 preuss. oder 1,2546 Württemberg. Schälfel oder 222,35 Liter. — Das iiayr, 
Pfund = 1,198 ältere preuss. oder 1,12 Zollpfund. (In der Pfalz besteht im 
Allgem. noch das franz.-metrischc Maass und Gewicht.) 
4. Mtllinover (KünigrcicL). 
Landdrosteien. 
1. Hannover 
2. llildesheim 
3. Lüneburg 
4. Stade 
5. Osnabrück 
Aurich 
Q.-M. 
110 
82 
205 
124 
114 
54 
Berghauptmannschaft Harz 12 
Bevölkerung 
Dec. 1852. 
349,958 
367,883 
338,764 
279,834 
261,965 
185,129 
35,720 
Geschlechter (1848): 
männlich 875,346 
weiblich 883,501 
Confessmmi : 
Lutheraner 1,494,033 
Reformirte 95,220 
Katholiken 217,367 
And. Christen 1,071 
Juden 11,562 
Städte. Hannover (Des 
Auf d. 
Q.-M. 
3,183 
1,654 
2,249 
2,298 
3,452 
3,066 
2,597 
Zus. 701 1’819,253 
Stadt- und Lamlbevölkerung : 
in den Städten 275,699 
auf dem Lande 1’457,714 
Frühere Bevölkerung : 
1818 (Bundesmatrikel) 
1823 
1833 (1. Juli) 
1842 
1848 
1855, mit Vorstädten) 
1’305,351 
1’434,000 
1’662,629 
1’755,592 
1’758,847 
55,653 (1760: 
12,8ÜÜ; 
15,500), llildesheim 16,000; Göttingen 13,000 ; Osnabrück 
Lüneburg 12,500; Celle 12,000; Clausthal 10,000 Einw. 
Besitzthumsveränder^ungen. „Chur - Braunschweig- Lüneburg“ 
fasste 1780 : 
um-
        <pb n="175" />
        DEUTSCHLAND — Hannover (Finanzen). 
159 
Fürsteutlium Calenberg (Hannover) 
- Grubenluigen 
Lüneburg oil. Celle 
11 erzogtlmm Lauenburg 
Bremen 
bürstenlliuin Verileii 
Lanil Hadeln 
Üral'sclial't Hoya 
Dicjiliolz 
Bentheim (verpfändet) 
Tlieile der Grafschaft Hohenstein^ 
Zus. ungefähr 
Q.-M. 
95 
45 
210 
40 
150 
35 
12 
38 
15 
i)‘&gt; 
062 
Bevölkerung 
185,000 
80,000 
200,000 
45,000 
152,000 
30,000 
17,000 
40,000 
12,000 
20,000 
800,000 
Andere Bcrcclimingen gingen bis auf 1 Mill. Einw. Das Ganze 
war kein Einheitsstaat, sondern die einzelnen l'lieile besassen sehr 
verschiedene Rechte. — Der Luneviller Friedensvertrag anerkannte 
Osnabrück als Bestandtheil Hannovers. 1803 besetzten franz. Truppen 
das Land. 1805 Hess sich Preussen durch Napoleon verleiten, Han 
nover gegen andere Abtretungen e i n z u t a n s c h en. 1807 erklärte Na 
poleon den südlichen Theil (Göttingen, Grubenhagen, Clausthal), — 
anfangs 1810 aber das ganze übrige hannöv. Gebiet, Lauenburg aus 
genommen, als Bestandtheil des neugebildeten Königreichs Westfalen. 
Doch incorporirtc er noch im nämlichen Jahre, nach einer willkürlich 
gezogenen Linie, den ganzen nördlichen Theil dem franz. Kaiserreiche 
selbst. Es gehörten Bremen, Verden, Hoya, Diepholz, Nienburg und 
Lüneburg zu den Departementen der Elbe- und der Wesermündungen, 
indess Hannover und Celle dem westfälischen Departemente der Aller, 
Göttingen jenem der Leine, Grubenhagen und der Harz dem des Harzes 
verblieben. — Der Wiener Congress stellte Chur-Braunschweig als 
Königreich Hannover wieder her. Es wurden zwar das domänenreiche 
Lauenburg und die Aemter Klötze und Elbingerode abgetreten, dafür 
aber Ostfriesland, Hildesheim, Gosslar, Lingen, Aremberg-Meppen, das 
Eichsfeld und einige westfälische Parcellen erlangt. — Indess war 
Hannover der That nach britisches Besitzthum, bis nach dem Tode 
Wilhelm des IV. (1837) die Personalunion aufhörte. 
Verfassung. Das „Grundgesetz« datirte vom 26. Sept. 1833. Der 
neue König Ernst August (bis dahin Herzog vom Cumberland) hob 
es einseitig auf durch Patent vom 5. Juli 1837. Dann „Landesver 
fassungsgesetz« vom 6 August 1840. Aenderung durch die Verfas- 
suugsgesetzo vom 10., 10. und 20. April, 5. Sept, und 20. Oct. 1848. 
Neue Octroyirung vom 1. August 1855. 
FlliailZiCll# Budget. Es bestanden einjährige, die neue Octroyi 
rung bestimmt zweijährige Budgets. Das Rechnungsjahr beginnt am 
1. Juli. Das neue Budget ist beim Drucke dieses Bogens noch nicht 
zu Stande gebracht. Die Voranschläge enthalten nur die Nettosunnnen. 
Die Abschlüsse stellten sich, in Jhalern, so: 
Billiget für IS^Vss 
- 18’'y5ß 
BuilgotßuYwHy - 18®®/57 
- 
Einnahme 
8’930,375 
@'070,235 
9’597,049 
@'839,730 
Ausgabe 
8’861,196 
8'612,517 
@'733,901 
@'881,197 
69,179 üeherschuss 
457,718 „ 
136,852 Deßeü 
41,467
        <pb n="176" />
        160 
DEUTSCHLAND — Hannover (Finanzen). 
Dazu sind für die beiden letzten Jahre je 600,000 Thlr. „königlicher 
Einkünfte“ zu rechnen, welche von dem Ertrage des Staatsgutes be 
reits von vorn herein abgesetzt und somit gar nicht mehr in die 
Staatsrechnung gebracht werden sollen. Sonach sind die Ausgaben für 
IS^VsT um mehr als 1720,000, für IS'^/ss um fast 1*870,000 Thlr. 
erhöht. Während man bisher immer üeberschüsse hatte, stellen sich 
nun zum ersten Male Deficite ein. Um eine sofortige Steuer-Erhöhung 
zu vermeiden , sind vorgeschlagen ; 
1) Verbrauch der gesammten bisherigen Ueberschüsse von 477(5,404 Thlr., 
2) 4procentige Anleihe von 694,000 Thlr. bei dem sog. Domanialablösnngsfonds, 
3) Verminderung des Schuldentilgungsbetrags um 25.3,860 Thlr., 
4) Verzinsung der Eisenbahnschuld für zur Hälfte, zu einem Vier 
theile (352,797 u. 176,398 Th.) nicht aus dem Ertrage, sondern aus dem Baufonds. 
Diese Manipulationen erscheinen um so bcdeidilicher, als eine 
Verminderung der Einnahmen in Zukunft zu erwarten steht. Schwerlich 
wird Hannover bei Ablauf der Zollvereinsverträge nochmals ein Hrä- 
cipuum von 500,000 Thlr. z agestan den erhalten. Die Wasserzölle 
(333,000 Thlr.) dürften auch bald verschwinden ; die Lotterieüber 
schüsse (55,000 Thlr.) sollten es wenigstens.— Die Domänen könnten 
unter anderer Verwaltung einen hühern Ertrag liefern. 
Die wichtigsten Ausgabepositionen sind: 
1) ITof. Civilliste bisher 500,000 Thlr. C. M. (513,888 Thlr. Courant), nach 
dem neuen Budgetentwurfe 600,000 Thlr. und zwar aus den Domänen zu do- 
tiren. Dazu: Zinsen des aus der „königl. Kammer“ in den Jahren 1784—90 
in engl. 3proc. Stocks angelegten Capitals von 600,000 Pf. Sterl. (4’080,000 Thlr.) 
und ferner Zinsen des Schatullencapitals von 2’400,000 ; endlich Genuss gewisser 
Domänen; überdies Appanagen. 
2) Militär. Der ordentliche Beitrag soll gerade um eine Million, nemlich 
von 1’590,000 auf 2’590,000 Thlr. erhöht, und damit die ganze Ausgabe des 
Kriegsministeriums auf 2’890,000 Thlr. gebracht werden. (Die „Kriegsbereit 
schaft“ kostete ohnehin ausserordentlicher Weise 883,000 Thlr.) 
3) Schuld. 18*y55 waren dafür 1'905,370 Thlr. angesetzt. (Lehzen, „Han 
novers Staatshaushalt,“ berechnet den künftigen Bedarf auf 2’300,000 Thlr). 
4) Besoldungen. Diese sollen um 288,000 Thlr. erhöht werden; namentlich 
vergrösserte man die Ministergehalte von 4000 auf 6000 Thlr. Schon IS'^Vgg 
vermehrte man die Summe der Pensionen um 59,050 Thlr. 
Die Fiiianzcommission der Abgeordiielenkarnmer berechnete das 
Deficit für bereits auf 743,511 Thlr. 
Geschichtliche Notizen. Der siebenjährige Krieg kostete blos die 
„Schatzkas.se“ 33*487,000 Thlr., abgesehen von allen unmittelbaren 
Opfern und den Schulden des Landes. Vor der franz. Revolution 
schätzte man die Roheinkünfte des Staats auf ÕV2 Mill. Die Kosten 
der franz. Occupation vom Juli 1803 bis Ende Nov. 1805 wurden auf 
26—27 Mill, berechnet, ungerechnet die ICinquartierungslast. — Gemäss 
des „Staat,sgrundgesetzes“ fand mit dem 1. Juli 1834 die Vereinigung 
der „königlichen General-“ (Domänen-) mit der „Generalstcuercasse“ 
Statt. Es ergaben sich netto: 
1834 1841 
Einnahme Ausgabe 
Domänencasse 3770,636 3794,726 
Landescasse 3706,262 8*381,040 
Zusammen 6*676,898 6*575,7(56 
Einnahme Ausgabe 
8*018,740 3*068,826 
8*720,182 3*603,420 
6*738,872 6*672,246
        <pb n="177" />
        11 
DEUTSCHLAND — Hannover (Militärwesen). 
161 
Schuld. Zu Ende des Jahres 1854 wurde dieselbe zu 41’!23,370 
Thlr. berechnet, wovon allerdings der Staat 7’ö43,000 sich selbst 
schuldete. Von dieser Sunnne kamen 24’979,430 Thlr. auf die Eisen 
bahnschuld, deren Anfang von 1845 datirt. (1823 war die Schuld 
18'379,354, 1834: 22'745,000, 1851 [1. Oct.] 30'3G8,415.) Das 
wirkliche Aulagecapital der Eisenbahnen betrug nach einer andern 
Aufstellung Ende 1854; 19’182,288 Thlr., und der reine Ertrag stellte 
sich iin Rechnungsjahre 18'^%^ auf E220,049 Thlr. = 5,68 Rroz. 
MilitflrwCiSCil* Bildung des Heeres: So weit nöthig Conscrip 
tion der 20jährigeu ; doch findet bei den Specialwaffen meist Wcrbimg 
statt. Dienstzeit 7, bei der Cavallerie 10 Jahre. Viele Bauerssöhne 
treten freiwillig in die Reiterei, da sie, einmal einexerciert, mit Uni 
form und Pferd entlassen werden: sie müssen das letzte zwar unter 
halten, dürfen es aber auch benützen, und bekommen'einen Beitrag für 
Futter. In der Regel rücken diese Cavallcristeii nur zur Exerzierzeit 
wieder beim Regimenté ein. 
Stand. Durch die neue Formation von 1855 ward die Militär 
macht (bis dahin 21,900 M.) auf folgenden Stand gebracht: 
Infanterie: 8 Regirn. zu je 2 BatailL, und ferner 4 leichte 
Bataillone; jedes BatailL, ausser Stab, 1009 M., in 4 activ ‘ Reservisten 
Compagn. und einer Reserveabt.heilung, zusammen . 17,904 2,640 
Cavallerie: 6 Regim. (2 Cürass., 2 Dragoner, 2 Husaren), 
in je 4 Escadr., das Regim. 541 Mann, einschliesslich 
84 Reservisten 2,742 504 
Artillerie: 2 Comp, reitende, 3 BatailL Fussartillerie, jedes 
BatailL mit 3 Feld- und 1 Pack- und Reservecomp.; v — — - 
ferner 1 Handwcrkercomp. von 210 M. und 20 Reserv. 2,671 
Ingenieureorps: 2 Compagn. ...... 257 
Armeestaab ......... 40 
Gesammtsumme 26,758 
Feste Plätze. Stade und Harburg (unbedeutend). 
Geschichtliche Notizen. Vor dem 7jährigen Kriege hatte Hannover 
5266 Reiter und 14,137 M. Fussvolk; während desselben bis zu 
48,496 M. Im Jahre 1767 zählte man 14,258 M. Linie (darunter 
3559 Reiter mit 2350 Pferden in 13 Cav.-Regim., und 10,012 Mann 
Fussvolk in 22 Regim.!), sodann 7,767 M. in den Landregimentern 
und den Garnisonscorps. Von 1770—90 standen hannoverische Trup 
pen für Englands Interesse in Gibraltar, auf Minorca und in Ostindien ; 
doch waren cs Geworbene. 1802 war der wirkliche Bestand der 
Linientruppen 16,700 M. Nach den Conventionen von Suhlingen und 
Artlenburg, 3. Juni und 5. Juli 1803, sollten sie auseinander gehen, 
doch traten viele in englische Dienste, und die vorzugsweise aus Han 
noveranern gebildete „Englisch-deutsche Legion“ kämpfte ruhmvoll bei 
Kopenhagen, in Spanien und 1815 bei Waterloo. Allein auch der 
neu hcrgestellte Staat machte 1813—15 ausserordentliche Anstrengun 
gen. Man brachte das Heer 
1813 u. 14 auf 28,953 M. mit 2099 Pferden, 
1815 sogar - 36,211 - - 3022 
1816 war der Bestand noch 30,801 Mann, welche 1'826,972 Thlr.
        <pb n="178" />
        162 
DEUTSCHLAND — Hannover (Sociale Verhältnisse). 
Cass.-Münze kosteten; 1819 : 20,916 M. mit 3434 Pferden, und einem 
Geldbedarfe von 1’886,6G7 Thlr. Conv.-Münze. 
Sociale Veiiiältnisse# Noch ist der Adel als besonderer 
Stand vielfach bevorzugt. Er besitzt eigene Rechte, und seine Ange 
hörigen erhalten fast ausschliesslich die wichtigsten Stellen. Die grossen 
Güter werden ungetheilt erhalten. Erst seit 1831 sind die Feudal 
lasten grösstentheils (aber um den 25fachen Betrag!) loskaufbar erklärt. 
— Im Gewerbswesen wurden nach Napoleons Sturz nicht nur die 
Zünfte wieder hergcstellt, sogar unter Restaurirung der Zwangs- und 
Bannrechtc, sondern man fügte auch das auf der Voraussetzung einer 
höhern Standesweisheit beruhende bureaucratische Con cessio nswesen 
als Zugabe bei. Die Gewerbeordnung vom 1. Aug. 1847 beschränkte 
blos einzelne Missbräuche, und das Gesetz vom 15. Juni 1848 sus- 
pendirte nur für einige Zeit den Rückschritt. — Die meisten Gewerbe 
sind zünftig, verschiedene aber „concessionspflichtig;“ auch können die 
Behörden, nach dem „Bedürfnisse“ (über dessen Vorhandensein sie 
entscheiden) für zünftige Gewerbe Coucessionen crthcilcn ; nur die ge 
wöhnlichen häuslichen Beschäftigungen gelten als „frei.“ Um Lehrling 
zu werden, muss man nicht nur schreiben können, sondern auch einen 
Confirm at ionsschein vorlegen. Gesellen dürfen in der Regel nicht 
heirathon. Um Meister zu werden, muss man wenigstens 5 Jahre lang 
Geselle gewesen und davon 2 Jahre gewandert sein, auch mindestens 
in 2 grösseren Städten oder .Orten, wo das Gewerbe vorzüglich be 
trieben wird, gearbeitet haben. — Gewisse Strafen ziehen den Verlust 
des Meisterrechtes nach sich. Auch auf die Fabriken finden die Be 
schränkungen Anwendung. — So ist denn, sowohl nach den Begriffen 
der Zunftfreunde, als nach denen der Büreaucratie, in diesem Lande 
weit besser als anderwärts für das Gewerbswesen gesorgt. Und der 
Erfolg ? Das Gewerbswesen befindet sich auf einer sehr niedern Stufe ; 
hat lange nicht, weder die innere Ausbildung, noch die äussere 
Ausdehnung erlangt, wie in dem hierin freieren Nachbarlande Preussen. 
Der Gewerbstand ist wenig zahlreich, ermangelt jeder Kraft und 
jedes Aufschwunges und befindet sich in sehr ärmlichen Verhältnissen. 
Seine Erzeugnisse sind weder quantitativ noch qualitativ bedeutend, 
und so lebt denn gerade hier die Mehrzahl der Handwerker kümmer 
lich und wenig geachtet, — hier, wo Zunftwesen und Beamtenweis 
heit um die Wette für deren Wohl sorgen! — Fabriken, die eine 
Wohlthat für das Land werden könnten, fehlen beinahe gänzlich. Der 
Handel ist gleichfalls im Ganzen höchst unbedeutend, einige wenige 
Puñete ausgenommen. Auch ernährt selbst der Landbau weit weniger 
Menschen, als wenn die Felder theilbar und freies Eigenthum ihrer 
Bebauer wären, statt ungetheilt im Besitze einer kleinen Anzahl Be 
günstigter sich zu befinden. — ,So erklären sich die Schilderungen, 
welche Steinacker (aus Braunschweig) und Stüve (in ihren Schriften 
über den Verfassungsstreit, nach dem Umstürze des „Grundgesetzes“ 
durch Ernst August) entwarfen : „Das Volk, ohne Energie und llülfs- 
mittel, war gewohnt, nur im Adel und im Beamtenstand reiche Men 
schen zu erblicken, und die Begriffe von Adel oder von Staatsdienst
        <pb n="179" />
        DEUTSCHLAND — Sachsen (Land und Leute). 
163 
und Reiclitlium sich unzertrennlich zu denken.“ (Steinacker.) „Bedeu 
tende Gewerbe hatte das Land nicht, ausser denen, die dem Landes 
herrn zustanden. Der Kaufmannsstand war ohne Ansehen, der Advokat 
verachtet. Nirgends konnte sich unabhängige Gesinnung 
bilden (!) ; denn Alle haschten nach Connoxionen, erwarteten demüthig 
von dem Hohem ihr Glück und sonderten sich von den Niederen stolz 
ab.“ (Stüve.) — Bei der grossen deutschen Bewegung von 1848 und 
49 huldigten die den Ton angehenden Stände nirgends in Deutschland 
so sehr, als in Hannover, dem Particularismus; sie wähnten, eines 
„Deutschland“ nicht zu bedürfen, sondern einen wahrhaft „glücklichen 
Zustand“ durch Abschliessung erlangen zu können. Eine gewaltige 
Strafe ist gerade hier gefolgt. 
Handelsmarine. 695 Schiffe von 30,914 Last, mit 3422 Matrosen. 
Münze, Maasse, Oewicht. Prcuss. Thaler; auch Goldmünzen (Pistolen, 
Augustd’or). — Der Fuss zu 12 Zoll = 29,2 Centimeter; 24 hannöver. = 23 
engl. Fuss ; 100 hannöv. = 93,07 preuss. — 100 hann. Morgen (zu 120 Ruthen) 
== 102,65 preuss. od. rhein. — Getreidcmaass: die Last, zu 16 Malter à 6 
Ilimten; das Malter = 3,39 preuss. Scheffel. — Flüssigkeitsm. : das Fuder, zu 
4 Oxhoft od. 6 Ohm, à 4 Anker, à 4 Stübchen, à 4 Quartier, à 2 Nösel. 
100 Stübchen = 340 preuss. Quart. — Das Pfund = 1,0468 bisherige preuss. 
Pfund. Der Centner zu 112 Pfund. 
3. Sachsen (Königreich). 
Kreisdirectlon Q.-H. 
Dresden 
Leipzig 
Zwickau 
Bautzen 
Zusammen 
Bevölkerung Auf d. 
Dec. 1852 Q.-M. 
507,705 6,445 
446,826 7,077 
79 
63 
84 735,557 8,733 
45'/j 297,744 6,540 
271% 1,987,832 7,317 
Männlich 970,142 
Weiblich 1’017,690 
Familien 447,820 
auf jede durchschnittl. 
4,44 Menschen 
Im Dezember 1855 waren 2’O39,075 Einwohner. 
Geburten : 
1834: 63,363, wovon 8,215 unehel. 
1840: 68,377 - 9,624 - 
1849: 82,068 - 12,579 - 
Bevölkerung szunahne: 
1817: 1'205,996 
1827: 1'358,003 
1834: F580,37O 
1837; 1’652,114 
1843: 1’757,800 
1846: 1 836,433 
1849: 1’894,431 
Confessionen (1846): 
= 12,97 Proc. Protestanten 1’802,788 
= 14,08 - Katholiken 32,544 
= 15,33 - Griechen 113 
Juden *■) 988 
«•) 1849: 1022. 
Unter den Einwohnern gegen 50,000 
(1849: 49,217) Wendischen Ursprungs. 
Die Auswanderungen sind weit we 
niger häufig, als in den andern stark 
bevölkerten Gegenden Deutschlands. 
Städte. Jm Ganzen 142 mit 663,000 Einwolmern. Dresden 
(1852, mit Militär) 104,50(). Leipzig (1855, mit Garnis.) 69,986. 
Chemnitz nngef. 32,000; Freiberg 14,000; Zwickau 13,000; Bautzen, 
Plauen, Zittau, Glauchau und Meissen mit 10,000 und darüber. 
Oebietsveränderungen. Chur-Sachsen im .Jahr 1786;
        <pb n="180" />
        164 
DEUTSCHLAND — Sachsen (Land und Leute.) 
Chur-Kreis (Wittenberg etc.) . . . . 
Thiiringen’scher Kr. (Weissenfels, Langensalza) 
Meisnischer Kr. (Dresden, Torgau) 
Leipziger Kr. .... 
Erzgebirgischer Kr. (Freiberg, Chemnitz) 
Voigtländischer Kr. (Plauen, Rcichenbach) 
Neustädter Kr. .... 
Stifte Merseburg, Naumburg, Zeiz . 
Fürstenthum Querfurt 
Theil der Grafsch. Henneberg (Subía) 
„ „ „ Mansfeld (Eisleben) 
Grafschaften Barby u. Gommern 
Lausitz (mit Görlitz, Lauban etc.) . 
Zusammen 
Andere Angabe 
Q.-M. 
6á 
36 
69 
46 
84 
21. I 
13 ( 
22 
8 
8 
4 
180 
Elnw. 
130,000 
165,000 
300,000 
210,000 
308,000 
95,000 
66,000 
20,000 
400,000 
560 
736 
1700,000 
F900,000 
Sachsen verliess alsbald nach der Jenaer Schlacht das Preussi- 
sche Bündniss. Zufolge des Posener Vertrags v. 11. Dezember 1806 
schloss sich der Churfiirst dem Rheinbünde an, erklärte sich zum 
Könige, und erhielt den bisher preussischen Cottbusser Kreis, woge 
gen er Mansfeld, Gommern und Barby an Westfalen abtrat. Auch 
ward er zum Herzoge von Warschau erhoben, das jedoch einen be- 
sondern Staat bildete. Der Wiener Congress stand mehrmals auf dem 
Punkte, Sachsen vollständig an Preussen zu überlassen; schliesslich 
kam man zu einer Theilung. Zufolge Vertrags vom 18. Mai 1815 
musste Saclisen (meist an Preussen) abtreten: die Nieder- und einen 
Theil der Oberlausitz, den Wittenberger, Thüringer und Neustädter 
Kreis, und Theile des Leipziger und Meissener Kreises, den grössten 
Theil der Stifter Merseburg und Naumburg-Zeiz, dann Mansfeld, Quer 
furt, die Voigtländischen Enclaven und llcnneberg. (Auch Weimar 
erhielt beträchtliche Theile.) Der Gesammtverlust betrug 385 Q. M 
und 875,600 Menschen, oder, wenn man den an Preussen blos zu 
rückgegebenen Cottbusser Kreis abrechnet, noch 374 Q. M. und 
845,200 Menschen. 
Die jetzige Verfassung v. 4. Sept. 1831. 
Finanzen. Dreijährige Budgets. Die letzten schlossen so ab: 
für 1849 bis 51 jährlich 7’600,609 Thlr. 
- 1852 - 54 ■ - 8’281,728 - 
(- 1855 - 57 - 9’040,902 - 
j u. ausserordentlich 7’893,560 - für 3 Jahre zusammen. 
1842 war der Staatsbedarf 5’662,289 - 
Die (vom Landtage nur wenig geänderten) Regieruugspostulate 
für 1855—57 ergaben u, a. folgende Einzelnheiten ; 
Einnahme. 
A. Nutzungen des Staatsvermögens und der Staatsanstalten : 
a. Domänen (worunter Forsten mit 800,000) . . • 971,040 Thlr. 
b. Regalien ( „ Eisenbahn 1700,000, Salz 388,000, Post 
256,000, Chausseegelder 220,000, Bergwesen 116,165, 
Zeitungsnutzungen 20,500, Telegraphie 100) • • 2780,765 - 
c. Capitalzinsen u. Administrationseinkünfte (Zinsen 411,320, 
Lotterieertrag 195,000, Canzleisporteln 78,000) . . 729,348 - 
Summe A .T881,153 Thlr.
        <pb n="181" />
        DEUTSCHLAND — Sachsen (Finanzen). 
165 
B. Steuern u. Abgaben : 
Grundsteuer 1’423,000, Zuschlag 328,200 .... 
Gewerb- u. Personalst. 454,000, Zuschlag 475,000 . 
Indirecte Abgaben: Grenz- u. Elbzoll 855,418, Biersteuer u. 
Au8gleich.-Abgabe 198,457, Schlachtsteuer 241,563, Biannt- 
weinst, u. Ausgleich. - Abgabe 497,601, Weinst. 14,612, 
Tabakst. 5,614, Kübenzuckerst. 226,926, Stempel 222,800 
Ausserordentl. indirekte Abgaben: Zuschlag zur Schlachtsteuer 
157,809, zur Stempelst. 77,200 
Summe B . 
Gesammteinnahme 
1751,200 Thlr. 
929,000 - 
2'262,991 - 
235,009 - 
5778,200 Thlr. 
9’059,353 - 
Ausgabe. 
A. Allgemeine Staatsbedürfnisee; „ , 
1. Königl.Haus (Cmlliste 570,000, Schatullgeld der 
Königin 30,000, Apanagen 264,996 etc). 
2. Schuld (Verzinsung 2749,746, Tilgung 436,239) 
3. Renten unablösbarer Capitalien 
4. Ablösung v. Lasten der Domänengüter 
5. Landtagskosten 
6. Diverse Regierungs-Ausgaben . 
Summe A 
B. Gesammtministerium 
0. Departement der Justiz . • 
1). - des Innern (dabei Gendarm. 83,119) 
E. - der Finanzen . . . ■ 
F. Militärdepariement ....■■ 
G. Dep. des Cultus u. Unterrichts . . . . 
H. - - Auswärtigen . 
I. Beiträge zu den Bundesausgaben 
K. Fensionsetat 
L. Bauetat ..•••••■ 
M. Reservefonds ■ 
etatsmassig: 
895,223 100 
2'685,985 
51,746 
15,000 
64,400 
2,000 
3’614,354 100 
26,644 900 
289,390 27,554 
689,538 18,934 
421,402 26,717 
2’038,168 14,298 
251,127 31,144 
89,600 
39,000 
588,869 31,110 
810,682 111 
49,711 
8’908,485 150,868 
9’059,353 
Ausserdem besteht ein ausserordentliches Budget, zusam 
men für die 3 Jahre 7793,250 Thlr. betragend, (wovon 7 Mill, für 
Eisenbahnbau;) zu decken „aus den, so weit nöthig durch besondere 
Creditmassregeln zu verstärkenden Cassabeständen.“ 
Die grosse Ausgabenvermehrung im neuen Budget rührt haupt 
sächlich von den Positionen Schuld, Militär und Hof her. Del 
Bedarf für die Schuld betrug 591,678, 18'*V42 651,790, 
18^9/51 1*588,102, 1852/54 2797,065, jetzt 2’585,985. Der für das 
Militär: IB^Vgg 1*180,369, IS^Vis 1*344,025, 18*%i 1*841,543, 
1852/=. 1’933,417, nun 2’038,168 (ungerechnet Gendarmerie.) Die 
eigentliche Civilliste war 1831 auf 500,000 Thlr. C. M. (513,889 
Thlr. Cour.) festgesetzt; sie ward im Dezember 1854 auf 570,000 
erhöht, und der Königin ein Schatullengeld von 30,000 Thlr. beige 
fügt. Die Pensionen (worunter auch solche von llofhedieusteten), 
1845 522,672, stiegen 18% auf 556,669, 18'% sogar auf 
635,401. Die Ausgabenvermchruug führte zu Zuschlagssteuern und 
auch zu einer Erweiterung des Lotterieinstituts, (Vermehrung der 
Ziehungen und Preiserhöhung der Loose!)
        <pb n="182" />
        166 
DEUTSCHLAND — Sachsen (Finanzen). 
Schuld. Die Budgetvorlage v. Februar 1855 weist nach: 
3, 4 u. 4%pi'oc. Cassascheine u. Obligationen .... Th. 38’464,050 
Actien der schlesischen u. der sächs.-bayer. Eisenbahn . . 8’500,000 
Hiezu: Betrag der Cassabillette (Papiergeld) .... 7’000,000 
Gesamintscliuld 53’964,050 
Davon befinden sich im Staatsportefeuille .... 11’509,591 
Als Gegensätze finden wir aufgefülirt : 
411,320 Th. Zinsen der Activcapitalien, und 
1'100,000 - Reinertrag der Eisenbahnen. 
Indessen war die Aufnahme eines neuen Aniehens von 7 Mill, 
vorgesehen. Wirklich wurde Ende August 1855 ein 4 proz. Anlohen, 
vorerst von 5 Milk, im Course von 07% negozirt. 
Geschichtliche Notizen. Die Erhebung sächsischer Churfürsten 
auf den Polnischen Königsthron kostete Sachsen enorme Opfer, Schon 
unter August II (1697 —1733) wurden „der Königswiirde“ wegen 
Landestlieile und Rechte des Churstaats veräussert. Auch zog jenes 
Verhältniss die Schweden unter Karl dem XII. in das Land (1706 
und 7,) deren Erpressungen auf 23 Milk Thlr. geschätzt wurden, — 
Der siebenjährige Krieg war bekanntlich von einem schrecklichen 
Aussaugen Sachsens begleitet. Friedrich II. zog gegen 50 Milk da 
raus; der sächsische Staat ward mit 29 Milk neuen Schulden belas 
tet; der Gesammtschaden des Landes stieg aber auf mindestens 70 
Milk Die Verschwendung in der Hofhaltung dauerte indess fort. 
1778 berechnete man den Staatsbedarf auf 6’634,000 Thlr., wovon 
2’017,116 für „Armee und Politik,“ 679,823 für den Hof, 414,016 
für Apanagen, 1’910,899 für Schulden, 702,729 Besoldungen und 
349,749 Pensionen! — Zufolge des Teschener Friedens erhielt 
Sachsen eine Entschädigung für die Erbschaftsansprüche an Bayern 
von 6 Milk Gulden. — Die Preuss. Allianz gegen Frankreich 1806 
kostete 25 Milk Fres. Kriegssteucr, ungerechnet was die Stadt Leip 
zig leisten musste. Von den Entschädigungsgeldern, die Frankreich 
nach Napoleons Sturz zu entrichten hatte, erhielt Sachsen 6’804,146 Fr. 
Heber die einzelnen Bestandtheile der Schuld hier noch einige 
Notizen: Die eigentliche Staatsschidd, 1764 29’028,425 Thlr., war 
1806 auf 14’932,885 herabgebracht, 1817 aber auf 22’857,626 ge 
stiegen, wovon 16’660,771 auf Sachsen lasten blieben, während Preus- 
sen den Rest zu übernehmen hatte. — Die Kammer - Creditcassen- 
Schuld, 1765 8’698,898 Thlr., war bei derLandestheilung auf 2’984,556 
gemindert, wovon 1’554,205 bei Sachsen verblieben, — Schon 1772 
erfolgte Ausgabe von Papiergeld. Bei der Landestheilung waren für 
5 Milk vorhanden; davon musste Sachsen 3V4Milk decken. 1819 waren 
für 2%, 1843 für 3 Milk im Umlauf. Nun erfolgten weitere Aus 
gaben: im September 1843 für 1, im Juni 1846 für 3 Milk — Für 
Staats-Eisenbahnen waren bis 1851 bereits 13’933,437 Thlr. verwen 
det. — Der Betrag der gesammten Staatsschuld war: 
^1819 1830 1847 1849 1853 
25448,291 18762,050 33778,000 4P343,361 42781,523 
Miliüir. Conscription; 6jährige Dienstzeit vom 21. Altersjahre 
an; 3jährige Verpflichtung zur Reserve; Stellvertretung.— Bestand:
        <pb n="183" />
        DEUTSCHLAND — Sachsen (Militärwcsen, Sociale Verhältnisse). 167 
1 Brigaden Linien-Infant., zu 4 Bataill., à 4 Comp. u. 982 M. 
4 Jägerbrigade, ebenso ...■••••• 
4 Reg. leichte Cavallerie, wovon 1 Garde 
Artillerie etc. (50 Kanonen) 
Commandos . 
Active Armee 
Hiezu Nichtcombattanten 
15,748 
4,005 
3,208 
2,420 
15 
25,396 
1,232 
Festung-. Königstein. 
Geschichtliche NotizcM. 1783 war der llcercsbostand 24,932 M. 
(13 Infanterie- und 8 Cavallerie - Regimenter.) 1806 stellte Sachsen 
em Contingent von 22,000 M. gegen Napoleon, wovon 6000 bei 
Jena gefangen wurden. Das Kheinbundscontingent betrug 20,000, 
wovon 1807 aber ausnahmsweise nur 6000 zu liefern waren. Die 
sächsischen Truppen kämpften 1809 gegen Oesterreich, 1812 (21,500 
M.) gegen Russland, wo sie aber meistens mit dem österr. Ilüliscorps 
vereinigt waren, und desshalb geringe Verluste erlitten. In der Leip 
ziger Schlacht traten die sächsischen Truppen bekanntlich grössten- 
thcils zu den Verbündeten über. Bis zum Frühjahr 1814 musste das 
Land ein neu organisirtes Heer von 28,000 M. gegen Napoleon stel 
len, ebenso 1815 10,000. 
SocIalverhîUtnlsse. Im Gewerbswesen hat man dasZuntL 
system in gemilderter Form forterhalteii, dagegen von den städti 
schen Behörden oder der Regierung zu ertheilendc Concessionen 
eingeführt. An einzelnen Orten ist die Meisterzahl für einige Hand 
werke eine geschlossene. Die Vereinigung mehrer Geschäfte gilt in 
der Regel als unstatthaft, sogar bei verschiedenen „freien Gewer 
ben “ Ebenso ist der gleichzeitige Betrieb desselben Handwerks au 
zwei Orten oder in zwei Werkstätten meistens nicht gestattet. Das 
Gesetz vom 9. October 1840 erlaubt (!), dass in jeder Landgemeinde 
ein Schneider, Schuhmacher, Bäcker etc. sei; eine grössere Anzahl 
kann nur die Regierung gestatten. Die Landhandwerker dürfen, aus 
ser ihren Söhnen, keine Lehrlinge annehmen. Die Verwaltungsbehör 
den können Ge wer b sent zieh un gen als Strafe verhängen! ‘Doch 
ist die Praxis vielfach milder als das Gesetz, und Sachsen besitzt 
insbesondere viele und bedeutende Fabriken. 
Maasse: Grundlage der franz. Meter. Fuss (à 12 Zoll) = 3 Decimeter. 
Elle = 2 Fuss. — Die Kanne = der Liter. Der Hectoliter (100 Lit.) lieiss 
bei Flüssigkeiten Tonne, bei trockenen Gegenständen Scheffel. 
(&gt;. Württemberg (Königreich). 
Kreise. 
Q.-M. 
Bevölkerung 
Dec. 1852. 
Auf d. 
Q.-M. 
Neckarkreis 
Schwarzwaldkr. 
Donaukr. 
Jaxtkr. 
Zus. 
Weiter ist das Land in 
60% 501,034 8,283 
86% 443,872 5,118 
113% 413,444 3,634 
93% 374,919 4,018 
354% 1’733,269 4,893 
64 Oberämter getheilt, 
Gemeinden umfassen. 
welche 
1893
        <pb n="184" />
        168 
DEUTSCHLAND — Württemberg (Laud und Leute), 
FamiUenzaU: 374,483; auf die Familie 4,03 Köpfe. 
Confessionen: Protestanten 1’214,802, Katholiken 534,900, Ju 
den 11,974. 
Frühere VolkszahL 1815: 1’395,462 1843: 1752,538 
1832: 1’578,147 1849: 1744,595- 
Sonach Verminderung in den 3 Jaliren 1849—52 um 11,332. 
(Eine Berechnung im „Staatsanzeiger“ spricht von einer weitern Volks 
abnahme um 20,173 Individuen vom Dez. 1853 bis dahin 1854.) Unge 
achtet der Auswander u n g s v e r m inde r u n g zählte man noch 1855 : 
Auswanderer 4922 mit 1721,972 fl. Vermögen 
Einwanderer 036 - 941,985 - 
Städte: Stuttgart (1855) 40,507 Einw.; Ulm etwa 18,000; 
Ilcilbronn 13,908; Reutlingen 12,225; Ludwigsburg, Tübingen und 
Esslingen gegen 9000. 
Gebietsveränderungen. Vor der* franz. Revolution umfasste das 
Herzogthum Württemberg etwa 175 {). M. und 585,000 Menschen. 
Es gehörten zu demselben 9 Herrschaften im Elsass und in der Franche- 
Comté, darunter die gefürstete Grafschaft Mümpelgard, dann Fran- 
quemont und Blamont, ferner die Grafschaft Horburg und die Herr 
schaft Reichenweiher. Diese links-rheinischen Besitzungen, 30 Q. M. 
mit 50,000 Einwohnern — gingen an Frankreich verloren. Der Reichs- 
Deput.-Schluss von 1803 gab zur Entschädigung: die l’robstei Eli- 
Wangen, viele Abteien und Klöster (Zwiefalten, Rothenmünster, Com- 
burg etc.) und die Reichsstädte Weil, Reutlingen, Esslingen, Roth- 
weil, Giengen, Aalen, Hall, Gmünd und Heilbronn, zusammen 45 
Q. M. mit 110,700 Einwohnern. Württemberg, zu einem Churfürsten 
thum erklärt, umfasste gegen 190 Q. M., und die Einwohnerzahl stieg 
auf 784,000. Der Pressburger Friede, von 1805, brachte neue Ver- 
grösserungen : Ehingen und 4 andere Donaustädtc, die Grafschaften 
Hohenberg und Bondorf, die Landgrafschaft Ncllcnburg, Theile des 
Breisgau und verschiedene ritterscbaftliche Enclaven, 05 Q. M. mit 
185,500 Bewohnern. Der Churfürst hob, 30. Dez. 1805, einseitig die 
Verfassung auf, und nahm, 1. .Jan. 1806, den Königstitel an. 
Später erfolgten Verträge mit Bayern und Baden wegen Arrondirung. 
Gegen Abtretung von Villingen, Bräunlingen und andern Schwarz 
walddistrikten an Baden, erhielt Württemberg : Biberach, die bayerische 
Herrschaft Wiesenstein, die Stadt Waldsee, die Grafschaft Schellingen, 
zwei Deutsch-Ordemscommenden, 1 Abtei und die Souveränität über 
10 Grafschaften (Isny, Ochsenhausen etc.), 6 Herrschaften, einen 
Theil der Besitzungen der Fürsten Thurn und Taxis, Limpurg-Gail- 
dort, Löwenstein, Hohenlohe und Krautheim. Durch den Frieden von 
1809 und Verträge mit Bayern und Baden erlangte Württemberg 
fernen: Die Landgerichte Tcttnang, Ravensburg, Leutkirch, Wangen 
fgrösstenthcils), Söflingen, Albeck, Gcisslingen, Crailsheim und Ger 
hardsbronn, die Stadt Ulm, und die Souveränität über weitere Besitzungen 
der bürsten Taxis (Neresheim), Oettingen, Hohenlohe-Kirchberg, und 
das Deutschmeisterthum Mergentheim. Dagegen trat cs Stockach und 
einige Bezirke an Baden, einige weitere an Bayern ab. Es gewann
        <pb n="185" />
        DEUTSCHLAND — Württemberg (Finanzen). 169 
126,000 Menschen. — Der Wiener Congress Hess das Gebiet un 
verändert. — Verfassung vom 25. September 1819. 
Finanzen* Dreijährige Budgets. Das neueste vom 1. Juli 
1855 bis dahin 1858 — ergibt folgenden jährlichen Durchschnitt; 
Einnahmen : 
1. Domänen und Verkehrsanstalten: 
A. Domänen. brutto 
1) bei den Centralämtern . . .fl- 1’519,770 
2) - - ForstA’Crwaltungen . . 2’677,440 
3) - - Berg- und Hüttenwerken . 1’891,876 
4) - - Salinen . l’.388,532 
5) - der Bleiclianstalt in Weiasenau 65,054 
B. Verkehrsansialten. 
1) Eisenbahnen . 2*707,000 
2) Posten ..... 1*120,400 
3) Telegraphen . 29,500 
4) Bodensee-Dampfschifftährt . . 138,560 
5) Verschiedene Einnahmen . . 20,000 
Summe I. (Kosten 6*866,013 fl.) 11*558,132 
IL Indirecte Steuern: 
a. Zoll 2*086,000 
b. Accise ...■•• 326,400 
c. Auflage auf die Hunde . . . 91,680 
d. Wirthschaftsahgaben . . . 1*544,190 
e. Sporteln ..... 350,000 
Summe II. (Kosten 347,085 fl.) 4*398,270 
netto 
1*020,460 
1*127,000 
300,000 
880,000 
12,000 
1*136,000 
140,223 
6,500 
13,920 
20,000 
4*655,103 
1*964,068 
303,200 
40,000 
1*260,000 
346,000 
3 913,268 
III. Directe Steuern: 
a. vom Grundeigenthum , Die Kosten 
b. von Gefällen sind nicht der 
c. - Gebäuden j Staatseasse 
d. - Gewerben zur Last. 
e. - Apanagen, Capital u. Einkommen 871,719 
Summe III. 
Total-Netto-Einnahrae 
2*324,220 
j 13,280 
j 550,000 
' 412,500 
850,000 
4*150,000 
12*718,371 
Der Capitalwerth der Domänen (des s. g. „Staatskammerguts") 
wird auf 120 Mill, geschätzt. — Die alten directen Steuern (oben 
lit. a — d) haben zu der zur Ergänzung des Staatsbedarfs nöthigeu 
Steuersumme beizutragen : Grundeigenthum und Gefälle 
bände Gewerbe %*. Nun ist der Reinertrag im Cataster so 
berechnet: 
Steuer von Je 100 fl. 
Grundstücke, Reinertrag 18*010,921 fl. i ^ 54 kr. 1,62 hl. vom Reinertrag 
Gefälle, - 102,914 - 1 
Gebäude, Capitalwerth 194*405,897 - - — 16 - 5,85 - - Capital 
Gewerbe, Calastcranschlag 384,853 - - 107. 11 - 0,18 - ■ Catasteransatz. 
Die Capital- und Einkommensteuer ist so veranschlagt: 
8 Proc. von den Apanagen 
5 . - Capitalzinsen u. Renten 
H - - Dienst- u. Berufscinkommen 
fl. 19,100 
700,000 
130,900 
11 Civilliste 
2) Apanagen 
3) Staatsschuld 
Ausgaben; 
871,120 4) Renten 
251,626 5) Entschädigungen . 
2*568,289 6) Pensionen 
62,624 
60,628 
694,577
        <pb n="186" />
        170 DEUTSCHLAND — Württemberg (Finanzen). 
7) Quiebcenzgehalte 
8) Gratialien 
9) Geh. Rath 
10) Dep. der Justiz 
des Auswärt. 
- Innern 
der Kirchen 
Schulen 
des Kriegs 
il 
14) 
22,000 
92,300 
31,665 
1T43,490 
121,846 
1’625,810 
1’655,679 
2’692,763 
15) Dep. der Finanzen . 
16) Landtagskosten 
17) Entschädigung für 
Bannrechte 
18) Reservefonds 
Zusammen netto 
Erhebungskosten 
Bruttoausgabo 
6^9,625 
121,618 
14,067 
45,000 
12714,725 
7’012,205 
19 726,930 
Da das als ITivateigentlium des Königs declarirto „Familicufidci- 
commissgut“ mindestens 280,000 fl. erträgt, so erhöht sich der 
Aufwand für den Hof um diese Summe. In den Stcuerjahren IB’Vso 
erliess der König 200,000 fl. von der CivilHste, später nicht mehr. — 
Von den Ausgaben für die Staatsschuld kommen 2’087,456 auf 
Verzinsung, 480,833 auf Tilgung. Da aber die „Kenten“ und die 
„Entschädigungen“ gleichfalls Schulden repräsentiren, so steigt die 
Gesammtausgabc für die Schuld auf 2’681,541 fl. jährlich, ungerech 
net die Pensionen. (18^%i kostete die Schuld nur 1’384,221 fl.) — 
Die Ausgaben für das Militär, 18’%i zu 2T07,083, und noch 
blos zu 2’307,107 fl. angenommen, sind also jetzt fast um 
400,000 fl. weiter erhöht. Ueberdies sind dieser Position eigentlich noch 
beizusetzen: 232,900 fl. Militärpensionen und 201,074 für die Land 
jäger; Total 3127,397 11. — Die Ausgaben für Beamte dürften 
sich mit den Pensionen auf mehr als dYg Mill, belaufen. — Ein 
„Constitutioneller Conflikt“ steht in Aussicht, da die Regierung 1850 
gegen die Beschlüsse der Kammer die Ministergehalte von 5 auf 
10,000 fl. erhöht hat. 
Rückblicke. Die Einkünfte des Herzogthums Württemberg wur 
den 1770 auf 2 Mill, geschätzt, wovon 800,000 fl. Ertrag der Do 
mänen, 1'200,000 Einkünfte der Landschaft. Eine andere Berechnung 
aus dieser Zeit steigt indess bis auf 3 Mill. — In der neuern Pe 
riode war die Ne tt o-Ei n n ahme : 
1820/21 1&amp;S0/3, 18*%, 18^9/50 18*2/55 
Ü. 9122,010 10’651,220 11'591,107 9774,139 12176,749 
An directen Steuern wurden durchschnittlich erhoben; 
18^w l^%ß 
2’6ü0,000 2100,000 2’000,000 2’600,000, dazu Eirikommenst. 
Ertrag der in directen Auflagen durchschnittlich: 
16^^ l^Vw l^%, 
2793,000 3’885,000 3’680,000 4’242,000 
Die Erliebungskosten, 18*%t 4’328,282 fl., sind um 62 Proz. 
gestiegen, wozu allerdings die unvermeidlichen Betriebsausgaben für 
Eisenbahn und die erst vom Fürsten Taxis erkaufte Post das Meiste 
beitrugen. — Nach den der Abgeordnetenkammer 1855 gemachten mini 
steriellen Vorlagen war das Betriebscapital zu Ende des Jahres l8®'Vs4 
um 550,994 fl. vermindert, und für IB^Vss batte sich ein Deficit er 
geben von 974,274, sonach ein Gesammtausfall von 1'531,208 fl.*). 
*) „Die bedeutende Erhöhung der directen Steuern in der gegenwärtigen 
Etatsperiode (neml. um 700,000 fl. oder 20 Proc.) rührt grosseutheils her; 1)
        <pb n="187" />
        DEUTSCHLAND — Württemberg (Füianzen). 
171 
Nach einer Privatmittheilung überstiegen aber seitdem die wirklichen 
Einnahmen den Budgetansatz beiläutig um eine Million, in Folge des 
Mehrertrags der Eisenbahn und der hohem Erlöse aus Holz. 
Am 30. Juni 1853 betrug dieselbe, einschliessHch 
.3 Mill. Papiergeld, 52’250,992 fl., wovon fast 25 Mill, zu 4V2, über 
18 Mill, zu 3V2 Proz. verzinslich. Hiezu kam das im März 1855 
von den Kammern genehmigte neue lYsprozentigc (Militär-) Anle 
hen von 3 Mill., welches im Course v. 97 negocirt ward. 
Geschichtliche Notizen. Unter der anfangs furchtbar verschwende 
rischen Regierung des Herzogs Karl sollen die Schulden fast auf 16 
Mill, gestiegen, doch allmählig meistens wieder getilgt worden sein. 
— 1806 betrug die Gesamrntschuld 15’659,297 fl., wovon die der 
Landschaft nur 4’067,982, die der Kriegsprästationscasse 3’581,418, 
der Rentenkammercasse 3’288,794, der kirchenräthliehon Cassen 
r000,601, und die Schuld der neuerworbenen Landestheile l’524,824fl. 
1816 verwendete man 800,000 fl. von den französischen Re- 
luitionsgelderii, dann weiter die Gesammtsumme der von Frankreich 
erhaltenen Contributions-G elder mit 3750,000 fl. für die Schulden 
tilgung. Dennoch stieg die Schuldsumme in Folge neuer Einweisun 
gen, da insbesondere den Mediatisirten 7’867,353 fl. Entschädigungen 
bewilligt wurden. So war der Scluddenstand im August 1817 
24760,134, am 22. Juni 1820 20’374,559, im Jahr 1833 wieder 
28706,350, und am 1. Juli 1845 20774,033 fl. Nachdem man, 
vermittelst Tilgung während eines Vierteljahrhunderts, die Schuldsumme 
von ihrem höchsten Stande um etwa 7 Mill, herabgebracht, erfolgte 
von nun an wieder ein sehr rasches Steigen, allerdings grossentheils, 
aber doch keineswegs ausschliesslich, in Folge der Eisenbahnbauten. 
Der Stand, je am 1. Juli, war: 
1840 1847 1848 1849 1851 
24’666,483 35’036,783 42,239,619 42’970,719 48’423,719 
Die uns bekannten neueren Anlehen sind: 
1845 7’213,600 fl. 3%proc., im Course v. 97'/j4 
1846, Juni 1’262,200 - 4 % (statt gewünschter 6 Mill.) 
. Dec. 1’050,000 - 4 - 
1847, Mrz. 11'000,000 - 4% - im Course v. 97‘/j 
1849, Juni 3 333,800 - 4%- - - - 90 
von der auf Bundesbeschlüssen beruhenden Steigerung des ordentl. Militärauf 
wandes (ganz abgesehen von der Kriegsbereitschaft, welche als ausserordentliche 
Last ein Anlehen von 3 Mill, veranlasste), und 2) von der Erhöhung der Be 
soldungen der Geistlichkeit, um diese Besoldungen für die Verluste aus den Ab 
lösungsgesetzen bis zu einem gewissen Grade zu ergänzen. Obwol die gedachte 
Ergänzung bereits viel weiter geht, als die Geistlichkeit 1848 u. 49 zubilligte, 
so genügt sie derselben jetzt doch nicht mehr, sondern sie rüttelt bei jeder Ge 
legenheit an den Ablosungsgesetzen, ohne jedoch dieselben direct anzugreifen. 
Öolchos geschieht dagegen auf das Rückhaltloseste durch die Mediatisirten, welche 
im Jahre 1848 Gott dankten, dass sie die Ablösungsgesetze erhielten, welche 
nun aber nicht müde werden, darüber als über einen Raub und als über eine 
Verletzung des Art. 14 der Bundesacte beim Bundestag Beschwerde zu führen, 
was um so unzulässiger ist, als sie im J. 1848 in der ersten wie in der zweiten 
Kammer den Ablösungsgesetzen einhellig zugestimmt haben.“ (Privatmitthei- 
lung eines tüchtigen württembergischen Finanzmannes an den Verf.)
        <pb n="188" />
        172 DEUTSCHLAND — Württemberg (Militärwcsen, Sociales). 
1849 l.Juli 3’000,000 - Papiergeld 
1855 3’000,000 - 4'/2proc., iin Course v. 97 
Oie Staatseisenbalm. Der Bauaufwand (für 41 Meilen) belief sich 
bis l. Juli 1855 auf 32702,873 fl. Der Betrieb ergab: 
18"A4 18"^, 
Gesammt-Einnalime - 2’387,1‘29 3’079,852 
Ausgabe .... 1471,315 0511,848 
Reinertrag 915,813 1’568,004 
Zahl der beförderten Personen . . 0965,137 I’893,323 
Güter . . Ctr. 4490,832 5’631,122 
Die Betriebsausgaben erforderten . 48,3 Proc. 42,2 Proc. 
Reinertrag des Capitals . . . 3% - 4,8 - 
In der ersten Hälfte des neuen Rechnungsjahres stieg die Einnahme gegen 
den gleichen Zeitraum des Vorjahres bereits um 177,802 fl. 
MUiüir. Conscription mit Stellvertretung; 6jährige Dienstzeit. 
Die Landwehr in 3 Aufgeboten bis zum 32. Altersjahrc, ist ohne 
Bedeutung oder nur auf dem Papiere vorhanden. Die bis 1855 bestan 
dene Formation ergab 8806 M. für den Friedens-, 19,017 für den 
Ivriegsfuss. Die neuen Bundesbeschlüsse führten zu einer Vermehrung 
bis auf ungefähr 23,200 M. 
Infanterie: 1 Division zu 3 Brigaden, 8 Regini., 16 Batailh, 64 Comnairn.. 
15,677 Mann. ^ ® ’ 
Cavalier ie: 1 Lcibgarde-Sdiwadron, 1 Feldjäger-Abtheil. ; dann: 1 Divis, 
von 4 Regini. zu 4 Schwadr. = 2623 M. mit 2542 Pferden. 
Artillerie: 1 Regim. von 4 Bataill. (1 Bataill. reitende mit 2 Batterien, 
1 Bat. leichte mit 2 Batt., 1 Bat. schwere mit 2'/% Batter., — diese 3 mit 52 
Geschützen, — u. 1 Bat. Festungsartill.) = 2416 M. mit 1304 Pferden. 
IHoniercorps : 2 Comp. v. 310 M. etc. etc. 
Festung. Ulm, Bundesfestung, mit gemischter (württemb.-österr.- 
bayer.) Besatzung. — Hohen - Asperg ist militärisch ohne Bedeutung. 
Geschichthehes. Die alten Herzoge von Württemberg unterhielten 
meistens eine ansehnliche Truppenzahl, —während des siebenjährigen 
Krieges gegen 14,000, noch 1783 gegen 6000 M. Zum Rheinbunde 
hatte Württemberg 12,000 zu stellen, welche zwar nicht nach Spa 
nien, wohl aber nach Russland ziehen mussten. 1813 Reorganisation 
der vernichteten Armee. 1814 und 15 grosse Anstrengungen gegen 
Napoleon. 
Sociales. Die Gewerbsgesetzgebung (Gewerbeordung 
vom 22. April 1828 und revidirtc Gewerbeordnung vom 5. August 
1836, mit Vollzugsinstruction vom 12. October 1837), obwol minder 
engherzig als manche andere, leidet doch ebenfalls an dem Grund 
fehler, dass sie, statt volle Freiheit zu gewähren, das veraltete 
Zunftwesen nur darum beschränkt, damit an dessen Stelle die Beam 
tenweisheit nach ihrem Ermessen die Industrie beaufsichtige, leite und 
regle! So ward auch hier nur ein neuer Zustand der Unbehaglich 
keit an der Stelle des alten, geschaften. 44 Gewerbe sind noch zünf 
tig. Zur Erlangung des Meisterrechts wird wenigstens 7jährige Lehr 
lings- und Gesellenzeit gefordert. Die Gerichte können den Verlust 
des Meisterrechts aussprechen. Concessionen zum Gewerbsbetriebe 
sollen nur nach Maasgabe der örtlichen Bedürfnisse crtheilt werden.
        <pb n="189" />
        DEUTSCHLAND — Baden (Land und Leute). 
173 
(Sehr intere.s.sant und beachtenswerth ist der von Moriz Mo hl in ei 
nem Kammerberichte geführte Nachweis, wie überall an der Eisen 
bahnlinie neue industrielle Etablissements entstehen, während entfernt 
von der Bahn meist ein Verfall, namentlich der Industrie, eintiitt.) Er 
schreckend war besonders vor einigen Jahren die Unzald von \ er- 
gantungen unter der so fleissigen, genügsamen und verständigen Be 
völkerung Württembergs, und zwar gerade auch unter den Landleuten.) 
lüü Fu88 (zu 10 Zoll) = 91,28 Fu88 preu88. oder 28,G5 Mot. - 
r S“s,'ï,sr'' ;S5s:,"..TS'iîi.S Si .= 
logr. od. 0,9354 Zollpf. od. 1,006 alte preuss. Pfund. 
7. Baden (Grossherzogtlmm). 
Kreise 
Seekreis 
Oberrlieinkr. 
Mittelrheinkr. 
Unterrheinkr. 
Q.-M. 
64,55 
75,08 
74,11 
64,27 
Bevölker. 
Ende 1852. 
199,075 
349,205 
462,085 
346,578 
Auf d. 
Q.-M. 
3,084 
4,651 
6,235 
5,393 
899,458 
432,052 
537 
1,462 
23,699 
278,01 
Nach anderer Berechnung 
Confessionen (1852) 
Katholiken 
Protestanten (unirt) . 
Dissidenten 
Mennoniten 
Unehel. Geburten'. 18'%% 14,9 %, 
18»%, 15,08, 18% über 18 %. 
Frühere Volhszahl 
1816 1’005,899 
1'109,430 
1’200,471 
U230,791 
1’296,967 
1’335,354 
1’367,486 
1’364,774 
im Ganzen 
1366,943 
1’357,208 
4,881 
Familienzahl 268,583; durch- 
schnittl. die Familie mit 5,03 Indiv. 
In 114 Städten 
Auf dem Lande 
Männlich 
Weiblich 
330,071 Einw. 
1’027,137 - 
660,971 
696,237 
1823 
1830 
1834 
1840 
1843 
1846 
1849 
Sonach im Ganzen jährlich 
1834—46 Zunahme 136,695 =11,391 
1846—49 Abnahme 4,712 = 1,571 
1849—52 - 
Städte Karlsruhe 1852: 24,299 Ew. 
(1719: 1994); Mannheim 1855: 25,667; 
Freiburg 1852: 16,441; Heidelberg 
1855: 15,061 ; Pforzheim 1855:10,711. 
Auswanderungen (officielle Angaben) 
Personen Vermögen 
1848 1,686 481,672 fl. 
1849 1,761 443,843 - 
1850 2,338 553,021 - 
1851 7,913 1'092,636 - 
1852 14,366 1’968,164 - 
1853 12,932*) 1'923,903 - 
In 6 Jahren 40,996 6 463,239 fl. 
*) Hievon gingen 12,036 nach Ame 
rica, 841 nach Algier. 
Darunter sind ab. die heimlichen 
Auswanderer nicht begriffen, meist Gon 
scriptionspflichtige , auch schlechte 
Schuldner (so sind aus der Gemeinde 
Endingen, Amts Kenzingen, von etwa 
3300 Einw. 103 heimlich ausgewandert). 
Gehietsveränderungen. 1771, nach Aussterben der Baden-Badischen 
Linie Vereinigung ihres Gebietes mit Baden-Durlaeh. Die ganze 
Mark^rafschaft hatte indess 1790 erst 216,000 Einw. auf 65 — 70 
:;).-Meil. Bcstandtheile: Carlsruhe, Durlach, Pforzheim, Rastadt, Baden;
        <pb n="190" />
        174 
DEUTSCHLAND — Baden (Finanzen). 
einige kleinere Bezirke auf dem linken Rheinufer (Theil der Grafschaft 
Sponheim im jetzigen Rheinhessen, Dorf Rhodt, ferner Herrschaft 
Gräfenstein bei Pirmasens in der Rheinpfalz, und Herrschaften Rode 
machern und Hespringen im Luxemburgischen). Die linksrheinischen 
Besitzungen, 8 Q.-M. mit 38,500 Menschen, gingen an Frankreich 
verloren ; der Reichsdeputationsschluss von 1803 gewährte reiclie Ent 
schädigung: das Hochstift Constanz, die rechtsrheinischen Theile der 
Hochstifte Basel, Strassburg und Speyer (Bruchsal, Philippsburg), die 
churpfälzischen Aemter Ladenburg, Breiten und Heidelberg (Mannheim), 
die Nassau-Usingische Herrschaft Lahr, die darmstädtischen Aemter 
Liclitenau und Wildstädt, 11 Abteien (Lichtenthal, Ettenheim, Reiche 
nau etc.), endlich 7 Reichsstädte: Offenburg, Zell, Gcgeiibach, Ueber- 
lingen, Biberach, Pfullendorf und Wimpfen, — zus. 60 Q.-Meil. mit 
248,000 Bewohnern. — Der Markgraf nahm am 1. Mai 1803 den 
Titel eines Churfürsten, und am 12. Juli 1806 den eines Grossherzogs 
an. — 1806 ward Biberach an Württemberg überlassen, gegen Er 
werbung der Städte Villingen und Bräunlingen, des grössten Theiles 
des Breisgau (früher österreichisch), des Pürstenthums Heitersheim mit 
der Grafschaft Bonndorf, der Geistlichengüter im Breisgau, der Ortenau 
der Stadt Constanz und der Souveränität über fürstliche Besitzungen 
von Fürstenberg, Leiningen, Löwenstein und Salm. Baden umfasste 
nun 264 Q.-Meil. mit 925,000 Menschen. — 1809 Belohnung für die 
Theilnahme am Kriege gegen Oesterreich. Gegen Abtretung der Sou 
veränität über die Leiningischen Aemter Amorbach und Miltenberg 
(5 Q.-M. mit 25,000 Einw.) an Darmstadt, bekam Baden von Würt 
temberg: das Oberamt Stockach und Theile von Hornberg, Rottweil, 
Tuttlingen, Maulbronn und Mergentheim, gegen 15. Q.-M. mit 45,000 
Einw. Endlich erhielt Baden 1814 das 1805 an Frankreich überlassene 
Kehl zurück. Kein anderer Staat hat sich so sehr vergrössert. (Ver- 
fassung vom 22. Aug. 1818.) 
Finanzen* Der (verfassungsmässig auf 2 Jahre festgestellte) 
^Hauptfinanzetat“ für 1856 und 57 schliesst so ab: 
Einnahmen: 1) Ordentliche, jährl. 15*460,842 = zus. . fl. 30*921 684 
2) Ausserordentl. Zuschlag zur Grund-, Häuser- und Capitalsteuer ’ 
à 2 kr. von 100 fl. Steuerkapital 539 434 
3) Ausserordentl. Zuschuss aus der Schuldentilgungscasse bis . 1*000,000 
1)2*461,148 
Die wichtigsten Einnahmepositionen für 1857 sind: 
Gewöhnliche Domänen 
Forsten . 
Berg- u. Hüttenwesen 
Salinenverwaltung . 
Zollverwaltung 
Münzverwaltung 
Steuerverwaltung 
Rohertrag Kosten 
1*184,881 683,967 
1*437,043 669,149 
786,443 725,997 
1*340,683 292,425 
2*798,763 954,765 
510,124 516,645 
6*567,800 814,990 
Unter den Steuern sind brutto: Grund-, Häuser- u. Gewerbst. 2*984,767; 
Capital- 191,093, Classenst. 158,549, Accise u. Ohmgeld 1*845,908, Justiz- und 
PoUceigefalle 1*256,714.
        <pb n="191" />
        DEUTSCHLAND — Baden (Finanzen). 
175 
so 
Der y^elgentUche Staatsaufwand^ ist für 1857 (älmlich für 185G) 
normirt 
Staatsministerium (Ilof 985,419, Landtag 53,260, Bundeslasten 
11,420 etc.) - ’i ft ■ 
2. Minist, des grossh. Hauses u. dos Auswärtigen (Oesandtschalten 
49,800, Bundeskosten 18,700 etc.) . • • - • 
3. Justizminist. (dal&gt;ei : Rechtspolizei 45.5,653, Strafanstalt. 24o,8&gt;0j 
4. Minist, des Innern (dabei: Bezirksjustiz und Polizei F123,0o9, 
allgem. Sicherheitspolizei 227,014, Unterrichtswesen 366,328, 
Armenanstalten 101,732, lleilanst. zu Pforzheim u, Illenau 
194,507, polizeil. Verwahranstalt 45,948, Wasser- u. Strassen- 
5. FimaMmini8t.’^(Sunter Schuld 1'479,162, Pensionen 619,300) 
6. Kriegsministerium 
Zus. 
Dazu 5’137,438 Betriebs- u. Verwaltungskosten, total im Jahre . 
Hiezu kommen l'220,590Yf fl. „ausserordentl. Ausgaben,“ jährl. 
U049,399 
110,600 
933,923 
3’686,785 
2’247,434 
2449,465 
10’477,606 
15’615,094 
610,295 
Obwohl man die Briittosiimmen in das Budget aufgenommen hat, 
ergibt dieses doch noch keinen vollständigen üeberblick über den Staats 
haushalt, indem Post- und Eisenbahn etc. nicht aufgenommen sind. 
Es bestehen nämlich folgende Specialetats (für 1857): 
1. Postverwaltung ...... 
2. Eisenbahnbetriebsverwaltung . . 
3. Antheil am Reinerträge der Main-Neckarbahn 
4. Eisenbahnbauverwaltung (1856; 3’200,0()0) . 
5. Eisenbahnschuldentilgungscasse (1856: 5’652,080) 
6. Badanstaltenverwaltung .... 
1’199,698 944,130 
4’068,962 2’376,628 
82,447 — 
— 2’256,001 
— 4'62 8,5 82 
145,704 145,704 
Die Ausgabe für Militär erschien noch in dem Budget für 
1833 blos mit 1’494,798 fl., in dem für 1848 aber mit 3’521,466 
und 1849 mit 3’404,391. Die ^Kriegsbereitschaft« veranlasste im 
Frühjahre 1855 die Eröffnung eines ausserordentlichen Credits für den 
Kriegsminister von 1’800,000 fl. (Rescript des Regenten). — Der Oe- 
sammtbedarf für die Staatsschuld war 1833 nur 889,869 fl. Jetzt 
erscheint die gewöhnliche Scliuld mit einem Bedarfe von 1479,162 
(davon der Tilgungsfond 571,310), überdies aber die Eisenbahnschuld 
für 1857 mit 4’628,582, wovon indess der grössere Theil auf Til 
gung und auf Neubauten kommt, und wovon 1’609,887 durch den 
Reinertrag der Bahn gedeckt werden (s. unten). — Der Werth der 
Domanial bes itzung en wird (Eisenbahn ungerechnet) auf nahezu 
50 Mill, geschätzt. — Die (anfangs 1855 veröffentlichte) „Denkschrift 
über die dermalige Lage des badischen Staatshaushalts und deren 
Verbesserung“ zeigte : 1) Seit 1847 (also schon vor der Zeit der 
Revolution beginnend) wurden die früheren Ersparnisse aufgezehrt; 
2) die Staatsschuld ward seitdem vermehrt ; 3) im ordentlichen Budget 
erscheint ein Deficit, welches in der damaligen Budgetperiode (1854 
und 55) 400,000 fl. betrug. — Uebereinstimmend damit schlug das 
Ministerium Steuererhöhung vor, welche die Kammern im oben ange 
gebenen Betrage von 539,464 fl. genehmigten, mit einem weitem 
eventuellen Rückgriffe bis zu einer Million auf die Staatsschulden 
tilgungsanstalt.
        <pb n="192" />
        176 
DEUTSCHTjAND — Baden (Militärwesen, Sociales). 
Staatseisenhalm. Bis zu Ende 1854 waren hiefür bereits 34’081,754 
fl. verwendet. Das Betriebsergebniss war 1854 ; 
Einnahme . fl. 3'244,339 Befördert 1854: 
Bet,iel,.ko.len 1'337,662 Pc,..,,«. , peca,950 
= 5,58% Waaren . Ctr. 5'Gl 8,902 
In den Finanzgesetzen sind die Netto 
veranschlagt: 
1848 10’714,000 
1849 10’45(),0Ü0 
1851 9’465,000 
Reinertrag 1’906,776 = 
Qeschicktliche Notizen. 
einnabmen folgendermassen 
182.5—26 7’231,000 
18.55—36 
1845 
1846 
Die Kosten 
8'419,000 
9'864,000 
10^387,000 
der Revolution 
drückung von 1849 werden so berechnet 
oder vielmehr der Revolntionsunter- 
Verlust der Staatscasse . . , fl. 2’988,115 
Forderung Preussens . . . 4’576,952 
Verlust der Gemeinden über . . 3’000,000 
Zus. 10’564,067 
In den Kammerverhandlungen von 1856 wurden die Kosten der preus- 
sischen Hülfe zu 3’281,284 fl. angegeben, wovon 3’0ü2,275 durch 
Umlagen der Gemeinden gedeckt worden seien. — Durch specielle 
Uebereinkoramen mit vielen Einzelnen der beim Aufstande Betheiligten 
wusste der Eisens im Ganzen ansehnliche Summen zu erlangen. 
Schuld. Vor der Zeit der franz. Revolution war die frühere Schuld 
vollständig getilgt. Die Rheinbundskriege erheischten grosse Summen, 
wie denn auch auf den neuen Erwerbungen zum Theil Schulden haf 
teten. Unterm 28. Dec. 1813 ward ein 6proz. gezwungenes Anlchen 
angeordnet. Ende 1820 betrug die fundirte Schuld, nach Abzug der 
Activen, 15’602,92.5 fl.; Ende 1830: 14’844,110. Dann kam die Ab 
lösung der Grundlasten, wozu der Staat Beiträge lieferte. So war der 
Stand der gewöhnlichen, ohne die Eisenbahn-Schuld : 
Ende 1841: 38’834,322 fl. oder 30’071,434 nach Abzug der Activen 
- 1846: 86576,476 - - 27 686,674 - - - 
Von neueren Anlehen (an denen aber bereits ansehnliche Ab 
zahlungen statt hatten) kennen wir : 
1) 
2) 
3) 
?) 
8) 
Zufolge Gesetzes v. 11. Juni 1840, Lottericanlehen, für Zehnt- 
ablüsungsbeiträge, innerh. 25 J. rückzahlbar (50 fl.-Loose) 
1. Jan. 1843, erstes Eisenbahnanlehen, 3 % procentig, negocirt 
a 92 ....... 
21. Febr. 1845, zweites Eisenbahnanlehen, 3'/jproc. (35fl.-Loose) 
in 40 Jahren rückzahlbar (mit ansehnl. Agio emittirt) 
26. Juli 1848, 5proc. Anlehen v 
3. März 1849 „ 
zugleich erste Emission v. Papiergeld. 
14. Juli 1849, „freiwilliges Darleihen“, 5proc. 
1850, neues Anlehen von 
Dec. 1854, Eisenbahn- (u. Militär-?) Anlehen, 4% %, ä 91% 
Neue Papiergeldemission 
Der Stand der Staatsschuld war am 1. Jan. 1854: 
1) Allgemeine Staatsschuld: 
5 Mill. 
12 
14 
% 
2 
1 
6 
10 
1 
a. an den Domänengrundstock (unverzinsl.) . 12’000,000 
b. an Privatgläubiger 19’420,393 
3F420,393
        <pb n="193" />
        12 
DEUTSCHLAND — Baden (Militärwesen, Sociales). 
177 
2) Eisenbahnscliuld 32’.S86,937 
8) Papiergeld (laut Gesetz v. 3. März 1849) . . 2’000,000 
65’807,330 
Hiezu kamen seitdem: Anlehcn v. Dec. 1854 . 10’000,000 
Neue Papiergeldemission . 1’000,000 
Gesammtsumme etwa 76’800,000 
Milltclrwescil* Conscription mit Stellvertretung. Dienstzeit im 
activen Heere 6, in der Reserve 2 Jahre. — Infanterie: 4 Regiin. 
(worunter 1 Grenadiere) zu 2 Bataill., ferner 2 Füsilir- und 1 Jäger 
bat. — Cavallerie: 3 Reg. zu 4 Escadr. — Artillerie: 1 Regim. zu 
5 Batterien und 40 Kanonen ; Pioniercomp. — Der Gesammtstand 
dürfte 17,000—17,500 M. sein. — Festung: Rastatt (Bundesfestung, 
tlieilweise mit österreichischer Besatzung). 
' Zum Rheinbunde hatte Baden ein Contingent von 8000 M. zu 
stellen. Badische Truppen kämpften neben den Franzosen 1806 und 7 
in Preussen, 1808 und später in Spanien, 1809 gegen Oesterreich, 
1812 in Russland, 1813 in Norddeutschland ; sodann 1814 und 15 
gegen Frankreich. 
Sociale Vorltällnis.se* Nach dem Beitritte Badens zum 
Rheinbunde erfolgte auch ein Anschliessen an die franz. Gesetzgebung. 
So ward (1. Jan. 1810) das franz. Civilgcsetzbuch (mit verschiedenen 
Modificationen) cingeführt, auch dem Feudalwesen etwas entgegen ge 
treten. Eine Aufhebung der Feudallasten, wie in Frankreich, erfolgte 
indess nicht, sondern erst nach der Julirevolution von 1830 erschien 
ein Ablösungsgesetz. — Noch bestehen Zünfte, doch sind viele Ge 
werbe frei, und es geschah ein bedeutender Schritt durch das Bürger 
annahmegesetz von 1831, demzufolge (§. 41) die Aufnahme eines 
Inländers in eine Gemeinde nicht mehr aus dem Grunde verweigert 
werden darf, dass sein Gewerbe übersetzt sei. Noch bestanden indess 
im Jahre 1835 114 Bannmühlen, 59 Bannkeltern und 13 Wirthschafts- 
bannrechte; die Aufhebung scheiterte damals am Widerspruche der 
ersten Kammer. 
8. Hessen (Grossherzogthum). 
Provinzen 
Starkenburg 
Oborhesseii 
Rheinhessen 
Zus. 
BeVölker ung 
Q.-M. Í852 " 1855 ^ "früher 
55 319,050 312,630 1821 671,266 
73 309,617 298,939 1834 760,694 
25 225,647 224,855 1843 834,711 
153 854,314 836,424" 1^49 852,524 
Sonach Verminderung um 17,910 Menschen in 3 Jahren! 
Familienzahl 1852: 169,263; = 5,05 Köpfe auf die Familie. 
Confessionen: (Lutheraner 409,658] 
Protestanten ( Reforrairte 36,520 &gt; 603,583 
( Unirte 157,405 ) 
Katholiken 217,798 
Sonstige Christen . . . . 4,199 
'Juden 28,734 
Katholiken am wenigsten in Oberhessen, am meisten in Rheinhessen, wo sie 
der Zahl der Protestanten (Unirten) um etwas überlegen sind.
        <pb n="194" />
        178 
DEUTSCHTjAND — Grosslierzogthum Hessen. 
Städte: Darmstadt 32,000 Eiawolmer; Mainz (1852) 36,741; 
OffenTbach 12,000; Worms 10,000; Giessen 8000. 
Gebietsveränderungen. Vor der französischen Revolution umfasste 
die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt : 1) die obere Grafschaft Katzen 
elnbogen (mit Darmstadt und Ems), 2} Oberhessen (Giessen, Butz 
bach) , 3) die Herrschaft Hanau-Lichtenbcrg (meist im Obereisass, mit 
Pirmasens in der jetzigen bayer. Rheinpfalz und Buchsweiler im jetzi 
gen franz. Niederrhein), zusammen etwa 100 Q. M. mit 300,000 M. 
Im Luneviller Frieden mussten abgetreten worden : die linksrheinischen 
Besitzungen an Frankreich, die Aemter Lichtenau und Wilstadt an 
Baden, und die Aemter Katzenelnbogen, Ems, Epstein und Kleeberg 
an Nassau-Usingen, — zusammen 38 Q. M. mit 100,800 Bewohnern. 
Darmstadt erhielt zur Entschädigung: das Herzogthum Westfalen, die 
Mainzer Aemter Starkenburg, Steinheim, Gernsheim, Vilbel, Hirsch 
horn, Heppenheim, Bensheim, Lorsch, Fürtli, Alzenau etc. ; die Pfäl 
zischen Aemter Lindenfels, Umstadt und Otzberg; ferner die Reste 
des Hochstifts Worms (auf dem rechten Rheinufer), die Reichsstadt 
Friedberg und die Prolj^tci Wimpfen, zusammen 103 Q, M. und 
218,000 Menschen. Durch einen Tauschvertrag mit Baden ward die 
Reichsstadt Wimpfen erlangt. — Am 13. August 1806 nahm der 
Landgraf den Titel „Grossherzog“ an. Er erhielt die Hoheit über 
mehre Besitzungen von Löwenstein-Werthheim, Erbach, Leiningen, 
Solms, Wittgenstein und Hessen-Homburg, = 42 Q. M. mit 112,000 
Einwohnern. — 1810 erlangte man einige Aemter von Baden, einen 
Theil von Hanau und ein Amt von Fulda = 9 Q. M., 26,200 Einw. 
— Zufolge der Wiener Congressbcsclilüsse musste Darmstadt ab treten : 
das Herzogthum Westfalen, die Fürstenthümer Wittgenstein, die Aem 
ter Amorbach, Miltenberg, Heubach, Alzenau und Dorheim , sodann 
das wieder selbstständig gewordene Hessen-Homburg, zusammen 
185,000 Menschen. Es erhielt zur Entschädigung einen Theil des 
französischen Donnersberg-Departements (mit Mainz) auf dem linken, 
und einen Theil des Fürstenthums Ysenburg auf dem rechten Rhein 
ufer, zusammen damals mit 203,800 Menschen. 
Die Verfassung datirt vom 17. Dezember 1820. 
Filiaiizen. Die Verfassung schreibt dreijährige Budgets vor. 
Von 1848 bis 1855 kam aber gar kein Budget zum Abschlüsse 
zwischen Regierung und Kammern. Der von der Regierung entwor 
fene Voranschlag für 1851 — 53 ging auf eine Summe von 8’206,873 
fl. jährlich. — 1855 waren 2’234,331 fl. directe Steuern ausgeschla 
gen, d. h. 9Yg Krzr. auf den Gulden des Normalstcucrcapitals (wel 
ches Normalsteuercapital im Ganzen die Summe von 14^691,496 fl. 
umfasste.) Schon in dem Budgetentwurfe für 1850, mit 7’959,770 fl. 
abschliessend (wovon 1’984,987 fl. Abgänge und Gewinnungskosten), 
hatte die Regierung u. a. postulirt: für den Hof 710,258 (wovon 
581,000 eigentliche Civilliste), Schuld 652,165, Militär 1’523,600 
(18% nur 892,355, 18% 1164,377), Pensionen 475,000. Die 
vom Bund angeordnete „Kriegsbereitschaft“ erheischte ausserordentli-
        <pb n="195" />
        DEUTSCHLAND — Grossherzogthum Hessen. 179 
dien Aufwand. Ein Beschluss der Abgeordnetenkammer v, 25. April 
1855 genehmigte ausserordentlicher Weise: 
I. In Bezug auf die Kriegsbereitschaft: 
a. für Anschaffungen tí. 400,000 
b. - Truppenuntei’halt vom Febr. bis Juli 1855 . • 240,000 
II. In Bezug auf Mobilmachung, bloss eventuell . • • 1’000,000 
Im April 1855 erging au den Landtag das Ansinnen, 1*100,000 
fl. Schulden der Ci vil liste zu ttbernehmen, wogegen für eine 
weitere Million Grimdrcntcnscheine (Papiergeld) ausgegeben und durch 
allmählige Abzüge an der Civilliste gedeckt werden sollten. Zuvor 
hatte die Regierung die Ermächtigung zu einem neuen Anlehen von 
2*300,000 fl. gefordert, wodurch gedeckt werden sollten: 
a. die Kosten einer eventuellen Mobilmachung . 1’740,000 fl. 
b. Ueberschreitungen des bisherigen Etats . . 364,000 
c. Kosten einer Schiffbrücke bei Worms . . 140,000 
d. „ der Negocirung dieses Anlehens . . 56,000 
Mitte 1855 erklärte die Regierung, von der Mobilmachung vor 
erst absehen zu können. Darauf gingen die Kammern auf die er 
wähnte Schuld-Uebernahmc, vorbehaltlich der allmähligen Abzüge an 
der Civilliste, ein, und genehmigten: 
1) Aufnahme eines Anlehens von 900,000 fl., 
2) Ausgabe von weiteren 1’500,000 fl. Papiergeld. 
Behufs Zinsdeckung ward eine Steucrerhölumg von 1 Pf. auf den 
Normalgulden eingeführt. 
Schuld. Dieselbe dürfte dermalen folgenden Bestand haben : 
a. allgemeine Schuld über . 17’100,000 fl. 1825 14 258,570 fl. 
b. Eisenbahnschuld über . 11’800,000 - 1828 12 926,553 - 
c. Papiergeld («Grundrentenscheine“) 4’000,000 - 1840 11’502,207 - 
Zus. gegen 33’000,000 - 14 649,011 - 
Alles ohne Abzug der Activen. Seit 1820 wurden viele Do 
mänengüter verkauft. 
Militär* Conscription. Dienstzeit 6 Jahre, wovon 2 in der 
Reserve. . Der Staat selbst unterhält eine Militärvertretungsanstalt. — 
Trupp en bestand vor der letzten Vermehrung : 
Gardeunterofficierscomp. 48, Quartiermeisterstab u. Pioniere 126 . . 174 
Garde-Chevauxlegers-Regiment ........ 1,446 
Artillerie (1 Comp, reit., 2 Comp. Fuss-, 1 C. Train, mit 18 Kan.) . 853 
Infanterie 4 lieg, zu 2 Bataill. ........ 8,041 
Zus. 10,514 
Festung. Mainz, ist aber Bundesfestung, mit österreich.-preuss. 
Besatzung, im Kriege verstärkt durch Truppen der Reservedivision ; 
blos 1 Bataillon Hessen garnisonirt zu Mainz. 
Geschichtliche Notizen. Vor der Zeit der franz. Revolution betrug der 
Truppenstand etwa 4000 M. ; eben so viel mussten zum Rheinbunde 
gestellt werden. Nach dem Reussischen Feldzuge ward das hessi 
sche Truppencorps neu organisirt. Nach der Leipziger Schlacht er 
folgten grosse Anstrengungen gegen Napoleon. — Bis 1808 war 
der Etatsstand 9350 M. 
Sociales* Im Gewerbswesen rechts des Rheins modificirte
        <pb n="196" />
        180 
DEUTSCHLAND — Kur-Hessen (Land und Leute). 
Zunfteinrichtung, links Gewerbsfreilieit, Da das System der Beschrän 
kung wenigstens stark gemildert ist, so sind die Gegensätze natürlich 
minder stark als zwischen Alt- und Rheinbayern. — Aehnliches 
gilt von den landwirthschaftlichen Zuständen. In Rheinhessen 
zeigen sich die Früchte der Gütertheilbarkeit und der Befreiung von 
Feudallasten. Schon die Verschiedenheit der Volksmenge in den ne 
ben einander gelegenen Provinzen Starkenburg und Rheinhessen gibt 
eine beachtenswerthe Andeutung. 
Maasse: Das franz. System bildet die Grundlage. Der Fuss, zu 10 Zoll, 
E= 25 Centimeter; sonach 100 hess. = 79,65 preuss. Fuss od. 25 Meter. — 
Der Morgen = 25 Aren od. 0,9715 preuss. od. rhein. Morgen. — Das Malter, 
zu 4 Simmern, unterabgetheilt in 4 Kumpf à 4 Gescheid, zu 4 Mässchen; 1 
Gescheid = 2 Liter, 100 Malter sonach 128 Hectol. oder 232,89 preussische 
Scheffel. — Die Ohm zu 20 Viertel à 4 Maass; die Maass ist gleich dem Ge- 
scheid, der Schoppen also Liter. — 100 Maass = 2 Hectoliter od. 174,67 
preuss. Quart; die Ohm ist 1,6 Hectoliter oder 0,54 preuss. Eimer, —- Gewicht 
das Zollpfund. 
9. HesSGn (Kurfürstenthum). 
Bestandtheile. Q.-M. 
Niederhessen (mit Rinteln) . . . 80'/, 
Oberhessen 36 '/j 
Fulda (mit Hcrsfeld und Schmalkalden) 33 
Hanau 23'/, 
Bevölk. 1853 
367,575 
124,762 
138,685 
124,328 
Zusammen 173'/, 755,350 
Bevölkerung im Dec. 1855 736,392 
1818 war die Volkszahl ÖG7,8G6, 1849 759,751; sonach: 
im Ganzen im Jahre 
1818—49 Mehrung 191,885 6,190 
1849—52 Minderung 4,523 1,508 
1852—55 „ 18,958 6,319 
In den Städten 201,840 Familien (1852) 142,761 
Auf dem Lande 557,911 Von 1825—47 12,2 Proz. uneheliche Geburten. 
Confessionen. (1827): 528,901 Protestanten, 95,694 Katholiken, 
14,422 Juden. 
Städte, 62; 1849 zählten Einwohner: Cassel 35,794, Hanau 
16,690, Fulda 9937, Marburg 8428. 
Gebietsveränderungen. 1786 war der Bestand: 
Q.-M. Bevölk. 
Hessen-Cassel .... 2081 
Antheil an der Grafsch. Henneberg 4 &gt; 350,000 
Grafschaft Hersfeld . . . 10 ; 
Antheil an der Grafsch. Schaumburg 16 30,000 
Grafschaft Hanau . . . 22 70,000 
Zusammen 260 450,000 
Im Luneviller Frieden trat der Landgraf Rheinfels und St. Goar 
(auf dem linken Rheinufer, % Q. M. mit 2500 Menschen) an Frank 
reich ab, und erhielt zur Entschädigung die Reichsstadt Gelnhausen 
und die Enclaven Fritzlar, Holzhausen und Amöneberg, 5 Q. M. mit 
14,000 Einwohnern. Am 15. Mai 1803 nahm er den Kurfürstentitel 
an. Ungeachtet seiner nominellen Neutralität im Kriege von 1806
        <pb n="197" />
        DEUTSCHLAND — Kur-Hessen (Finanzen). 
181 
besetzten nach der Jenaer Schlacht französische Truppen das ganze 
Land; der Kurfürst entfloh. Hessen (mit Ausnahme von Hanau und 
Niederkatzenelnbogen) bildete den Kern des 1807 errichteten „Kö 
nigreichs Westfalenwelches in der Zeit seiner grössten Ausdehnung 
1120 Q. M. und 2V2 Mill. Menschen umfasste. (König: Napoleons 
jüngster Bruder Hieronymus [Jerome], Hauptstadt Cassel.) Nach der 
Leipziger Schlacht Restauration des Kurfürsten. Er hatte abzutreten: 
Katzenelnbogen an Nassau, die Herrschaft Messe an Hannover, und 
einige kleine Distrikte an W^eimar und Darmstadt; erhielt aber, den 
grössten Theil des Hochstifts Fulda, mehre Enclaven und einen Theil 
von Ysenburg zur Herstellung der Verbindung mit Niederhessen. 
Staatsgrundgesetz vom 5. Januar 1831. — 1850 Octroyirungen. 
FilUlllZCli« Dreijährige Budgets. Das für 1852—54 schloss so: 
Einnahme . . • 4’158,480 Thlr. 
Ausgabe 1852 . . . 4’653,930 
1853 u. 54 . 9’278,860 - 
Deficit 485,783'/g Thlr. ^ 
Ein neues Budget ist dermalen nicht vereinbart. Vielmehr for 
derte die Regierung vor einiger Zeit vom Landtage die Ermächtigung 
zu einem Anlehen von 200,000 Thlr. zur nachträglichen Deckung 
der Kriegsbereitschaft; welches Anlehen um so mehr nothwendig sei, 
als das Budget von 1852 — 54 mit einem Deficit von 298,103 (ei 
gentlich 485,783) Thlr. geschlossen, während keine Aussicht vorhan 
den, jene Kosten aus den Einnahmen der Finanzperiode 1855—57 
decken zu können. Die I. Kammer beschloss einstimmig, die Regie- 
rung zu ersuchen, „den Bestimmungen der §§. 14 und 118 der Ver 
fassung (über zeitige Vorlage des Budgets) endlich nachkommen zu 
wollen!“ Darauf antwortete die Regierung mit Vertagung der Kammern. 
Der Landtags-Abgeordnete Hildebrand berechnete (Antrag vom 
6. Dezember 1849): ” ' ’ - 
richten von 1846—48 
die Domänen 
- directen Steuern 
- Forsten 
- indirecten Steuern 
„Nach dem Finanzgesetz und den Finanzbe- 
bringen ein: 
die Verwaltung kostet; 
211,400 (zus. 27,4 Proz., wovon 
107,348 S 150,538 Thlr. Gehalte. 
386,655 = 53,3 Proz. 
192,548 = 17,8 
Ertrag 
519,100 
640,480 
739,200 
« IIIUIICCICII OliCUOlll 1081,580 - ; . , 
30,3 Proz. der gesummten Bodenfläche (1189,314 Kass. Acker) sin 
unmittelbares Staatseigenthum. — Man duldet SpielbanJcen zu Nau 
heim, Wilhelmsbad, Nenndorf und Hofgeismar. 
Unter den Ausgaben erschienen im Budget für 18 /51 die 
Kosten des Hofes mit 392,150, wovon 332,250 eigentliche Civilliste. 
Allein ausserdem befindet sich der Kurfürst im Genüsse der Hälfte 
des gemeinsamen Capitalvermögens, wonach seine Einkünfte auf 
660 000 bis 700,000 Thlr. steigen. — Für die Schuld waren nur 
202680 Thlr. bestimmt, allein der Bedarf wäre mindestens noch 
einmal so hoch, wenn man nicht die Zahlungen auf das grosse Lot- 
terieanlchen einseitig zurückgestellt hätte (s. unten). — Der Militär 
etat, 1836 713,668, erschien 1850 bereits mit 897,490, und ist seitdem 
weiter erhöht. Die Pensionen vermehrte man von 107,720 im 
Jahr 1836 bereits auf 284,540 Thlr.
        <pb n="198" />
        182 
DEUTSCHLAND — Kur-Hessen (Finanzen, Militär). 
Geschichtliche Notizen. Die Einkünfte des eigentlichen Cassel- 
schen Gebiets schätzte man 1786 auf 1'600,000 Thlr., wozu noch 
V2 Milk aus Hanau kam. Bekannt ist der Soidatenvcrkauf an England. 
Der (katholisch gewordene) Landgraf Friedrich II. erhielt 1776—84 
für 22,000 Mann (durchschnittlich à 978 Thlr.)*) 2F276,778 Thlr. ; 
die Ausrüstungs- und Löhnungsküsten hatten 9’539,.569 betragen, so 
dass ein Gewinn verblieb von 11737,239 Thlr.**). Mit diesem 
Gelde ward vortheilhaft gcwirthschaftet ; der alte Rotlischild, der zum 
Ilofagenten gemacht worden, legte damit den Grundstein zu seinem 
„Hause.“ Der Landgraf aber hinterliess ein Vermögen von 56 Mill, fl, 
(Die Einkünfte des ^^Königreichs Westfalen'^ betrugen Mill. 
Thlr.; die Ausgaben 1808 : 37’375,000 Eres ; die Sehuldeninassc schon 
damals 112'66 7,750 F res ! Es gab freiwillige und gezwungene An 
lehen, und der Cours der Staatspapicre sank bis auf 50 Prozent.) 
Nach der Restauration Fortdauer der Finanzzenüttung. Das 
erste Budget in der constitutionellen Periode, 18^1/33 schloss mit einem 
Deficit von 1’615,890 Thlr. — In der Neuzeit erhob Bayern Entschä 
digungsansprüche für die 1850 erfolgte Sendung von Exccntionstrnppen 
(siehe S. 149.) Der Kurfürst antwortete mit einer Gegenforderung. 
Schulden. Während die Rcichthümer der Landgrafen sich häuf 
ten, vermehrten sich die Schulden des Landes. Nach der Restaura 
tion verweigerte der Kurfürst den unzweifelhaftesten Rechtsverpflich 
tungen aus der westfälischen Zeit die Anerkennung. Dagegen wurden 
300,000 Thlr. Schulden des Kurprinzen auf die Staatscasse überwie 
sen. Der Schuldenstand war 1816 1'364,167 Thlr. — Der Land 
tag suchte seit 1830 Ordnung in das Finanzwesen zu bringen. Allein 
die Regierung bekümmerte sich niemals um dessfallsige Bestimmungen. 
Ein, Beispiel bildet das Lottcrieanlehen von 1845. Statt für 6 Mill, 
wurden für 6’725,000 Thlr. Papiere ausgegeben; statt Pari-Ausgabe 
wurden 12V2 Proz. Provision bewilligt; statt 3Yg Proz, Zinsen er 
halten die Gläubiger weit weniger; statt einer sogleich beginnenden 
und wachsenden Tilgung wird bis 1872 nicht einmal der Zins voll 
ständig abgetragen, so dass am 1. Januar 1888 (!) die Gläubiger 
noch 6'725,000 Thlr. zu fordern haben werden, die dann in grossen 
Summen getilgt werden sollen (s. Landtagsverhandlungen vom 29. 
Juni 1848.) — Der gesammte Schuldenbetrag ward 1854 auf 
15'400,000 Thlr. geschätzt, worunter 2% Mill. Papiergeld (ausserdem 
circuliren Noten der Leih- und Commerzbank.) Hiezu kam im Früh 
jahr 1855 ein neues Anlehen von 1'200,000, und die Regierung be- 
absiehtigt, wie oben erwähnt, ein ferneres von 200,000. 
MilitcEr« Conscription; Loosung; Stellvertretung; 5 Jahre 
Dienstzeit, wovon 1 in der Reserve. 
Infanterie: 4 Reg. (wov, 1 Leibgarde), zu 1545 M., in 2 Bataill. und 8 
Comp. — 1 JUgerbatailL zu 711, = zus. ..... 7,301 
Cavallerie: 2 Husarenreg. zu 7 Escadr. und 1028 M., 2 Esc. 
*) Nach einer and. Notiz hätte er 16,992 M. geliefert, von denen 6500 umkainen, 
*• ) Auf dem Durchmärsche durch preuss. Gebiet liess Friedricli 11. in bitterm 
Hohne „den üblichen Viehzoll“ nach der Kopfzahl erheben.
        <pb n="199" />
        183 
1,350 
812 
DEUTSCHLAND — Kur-Hessen (Militär, Sociales). 
dann 1 Pioniercomp. _ 
Zusammen 9,463 
Nach einer andern Berechnung ' 
Im Jahre 1786 unterhielt der Landgraf lo.OOO Soldaten. — 
bald aufgelöst. 
Sociales. Zur Zeit des Königreichs Westfalen bestand Ge- 
werbsfreiheit. Eine Verordnung vom 5. März 1816 stellte das 
Zunftwesen in starrster Weise wieder her. Als mau sich unbe- 
hagrheh fühlte, ivendote sich die Regierung dem polizeilnihen llegar- 
mmidungsysteme zu, was indess der Landtag theilweise hindeite. Nun 
sr'ïf~ n“ 
treibenden zählte man 1846, ohne die ' e 
in den SUhhen 1L323 hidster und 9,!h^ (leh^ü^a 
auf dem Lande ’ _ 
Zusammen 27,476 17,701 _ 
Weber gab es 4845 beim gewerblichen, und 4308 beim fabrik- 
mene Privatnotiz die citirte Fabrikarbeiterzahl fur zu gering.) 
iSHS 
Jn\?eusien^gab es 1843 6451 studirte Staatsdiener, mit Aus-
        <pb n="200" />
        184 DEUTSCHLAND — Mecklenburg-Schwerin (Land und Leute). 
nähme der Advokaten , Geistlichen, Aerzte, Professoren etc., — in 
Kurhessen in demselben Jahre 442 Beamte der nemlichen Categorien. 
Hienach kommt in Preussen ein studirter Beamter auf 2398 Bewoh 
ner, in Kurhessen einer auf 1689, oder: in Preussen auf 100 000 
Menschen 41, in Kurhessen 59 Beamte. (Hildebrand, Landtagsantras 
vom 5. Dezember 1849.) ° 
Masse. Der Fuss = 28,77 Centimet. od. 11 Zoll preuss. od. rhein. Das 
Casseler Viertel = 2,92 preuss. Scheffel od. 1,6 Hectol. — Die Ohm zu 80 
Maass, = 2,32 preuss. Eimer; 6 Ohm sind 1 Fuder. — Der Acker zu 150 Ruth 
108*^Pfund^'^^*' = 1,04 alte preuss. Pfund; der Centner 
10. Mecklenburg-Schwerin (Grossherzogthum). 
Areal 244 (nach 0. Hübner 278) Q.-Meil. Bewohner 1854: 
541,091. Da hier das mittelalterliche Feudalwesen forterhalten wird 
so ist nur der kleinste Tbeil des Landes unmittelbar der Staatsgewalt 
unterworfen; weitaus das Meiste steht unter der Herrschaft des noch 
quasi-souveränen Ritterthums. Die Vertheilung ist folgende (wobei zu 
bemerken, dass man das Areal früher nur zu 228 Q.-Meil. annahm 
wesswegen die Ziffer der Ausdehnung nur eine ungefähre ist) : 
Bevölkerung 
Landesherrl. Domänen 
Klostergüter 
995 ritterschaftl. Güter etc. *) 
40 Stadtgebiete 
Q.-M. 
96 
107% 
24% 
1851 
207,222 
9,045 
141,466 
184,905 
1853 
206,732 
8,824 
139,31-3 
186,381 
*) Hievon 628 Lehen und 367 Allodien 
228 542,638 641,250 
Frühere Volkszahl. 
1820 393,326 
1830 448,668 
1839 504,156 
1848 534,394 
Confessionen. 
Lutheraner 537,319 
Reformirte 176 
Katholiken 737 
Juden 3,217 
In dem am dünnsten bevölkerten Lande Deutschlands hat sich 
trotz seines fruchtbaren Bodens, in der jüngsten Zeit sogar noch eine 
Volksverminderung ergeben. 1852 wandorten gegen 8000 Menschen 
aus; 1853 noch mehr; 1854 blos bis zum August schon 7484. Seit 
dem entstand eine Stockung. — Die Bevölkerung stammt aus einer 
Vermischung des deutschen mit dem slavischen Elemente, doch waltet 
das erste nun ausschliesslich vor. 
Städte. Schwerin mit 17,000, Rostock (1852) 23,751, Wismar 
12,000, Güstrow 10,000 Einw. 
Gebietsveränderungen. Die letzte der für Deutschland so ver 
derblichen Länder-Erbtheilungen erfolgte 1701 in Mecklenburg, durch 
Losreissen von Strelitz für einen Jüngern Sohn des Fürsten. — 1788 
anerkannte die Stadt Rostock zum ersten Male die volle Landes- 
hoheit Mecklenburgs. Das seit 155 Jahren davon getrennte Wismar 
ward 1803 um 1'628,000 Thlr. N% (1’200,000 Thlr. preuss.) auf
        <pb n="201" />
        DEUTSCHLAND — Mecklenburg-Schwerin (Finanzen). 
185 
lOOjahrigen Pfandbesitz von Schweden erlangt; Schweden soll sein 
Pfand im Jahre 1903 nm ungefähr 28 — 30 Mill. Thlr. wieder ein 
lösen können! — 1803 erhielt der Herzog auch für die verlorenen 
Canonicato zu Strassburg und für seine Ansprüche auf die Insel Privai 
durch Reichsdeputationsschluss 7 stiftlübeckische Dörfer und eine Rente 
von 10,000 fl. aus den Rheinoctroierträgnissen (!) — Obwohl der 
Herzog der erste deutsche Fürst war, der vom Rheinbunde abfiel, 
nämlich schon am 25. März 1813, so erlangte er doch keine Gebiets- 
vergrösserung, sondern nur den Titel als Grossherzog, 17. Juni 1815. 
Das vom Bundestag umgestürzte Staatsgrundgesetz datirte vom 
10. Oct. 1849. 
Finanzen* In dom vom Minister aufgestellten Etat für das 
(je an Johannis beginnende) Rechnungsjahr 18^%4 erschienen 
die Ausgaben mit 3’430,028 Thlr. 
- Einnahmen - 3’292,748 - 
ein Deficit von 137,280 Thlr. 
Von einem eigentlichen Systeme der Besteuerung findet sich keine 
Spur. Die Lasten sind meistens local ganz verschieden, je nachdem 
sie in entfernten Zeiten, in dieser oder jener Art eingeführt wurden. 
Auch von einem Zollsysteme kann keine Rede sein. Ja es ist sogar 
der Anschluss Mecklenburgs an ein auswärtiges Zollsystem, z. B. das 
deutsche, durch die Privilegien der Ritterschaft beinahe unmöglich ge 
macht. Von dem 1851 zu 339,133 Thlr. veranschlagten Ertrage der 
Zölle kamen nicht weniger als 190,880 Thlr. auf die Wasser Zölle, 
—- mit welcher Wirkung, werden wir unten zeigen. — Das gesammte 
Domanialgruñdeigenthum berechnet man Übrigens zu 2’045,572 
preuss. Morgen. *) — (Zu Dobberan wird eine Spielbank geduldet.) — 
Wie in Weimar, stellen sich die Ausgaben für die Hofadministration 
höher, als für die Civiladministration: letztere betragen noch nicht 
i/g Mill. Thlr., die für das grossherzogliche Haus hingegen über eine 
halbe Mill., mehr also, als die Civilliste des Königs von Sachsen« 
(welche letzte indess seitdem auch erhöht wurde). 
Schulden. Dieselben wurden 1851 auf 11’200,000 Thlr. berech 
net, ohne die Garantie für die Eisenbahn mit 1’600,000. Die vom Hofe 
herrührenden Schulden betrugen fast 5 Mill. Anfangs 1837 war der 
Schuldenstand blos 7’400,000 Thlr. noch anfangs 1848 blos 
9’7G7,513 Thlr. Cour., ungeachtet des Anlehens zum Schlossbaue. 
Geschichtliche Notizen. Herzog Karl Leopold (f 1747) brachte 
mit seinen russischen Hülfstruppen unsägliches Elend über das Land. 
Die Rcichsprocesskosten betrugen über 300,000, die Executionskosten 
gegen 1T00,000 Thlr. N%. Die wichtigsten Landestheile mussten 
an Preussen’ und Kurbrandenburg verpfändet werden. 17«%8 löste 
die Reluitionscommissiou die 1734 an Hannover verpfändeten 8 Do- 
*) Um bei den kleineren deutschen Staaten nicht jedesmal die einzelnen 
Hauptpositionen der Einnahmen und der Ausgaben wiederholen zu müssen, ver 
weisen wir ein für alle Mal auf die Seite 133 und 134 abgedruckten tabellan- 
gehen Zusammenstellungen.
        <pb n="202" />
        186 DEUTSCHLAND — Mecklenburg-Schwerin (Militär, Sociales). 
mänenämter mit 1 5.35,000 Thlr. wieder ein. Der erste Reichskrieg 
gegen die franz. Republik kostete 270,000, die „bewaffiicte Neutralität“ 
bis zum Luneviller Frieden 1’200,000 Thlr. Dennoch waren die 
Schulden im Jahre 1803 bis auf 495,000 Thlr. getilgt. Der Kriegs 
schaden des Landes vom Oct. 1806 bis Febr. 1807 betrug 7’218,000 
Thlr. — Von den französischen Gontributionsgeldern erhielt Schwerin 
2'150,000 Fr. 
Militär. Conscription mit Stellvertretung; 6jährige Dienstzeit. 
Bestand : 
Infanterie-. 1 Grenadier-, 2 Musketier- u. 1 leichtes Bataill. 
Cavallerie: 1 Dragonerreg. von 4 Escadr. u. G29 M. 
Artillerie: 2 Batt. mit 1(&gt; Geschützen. 
Soriilic \^n'li(iltElls.SC/. Mecklenburg — mit seiner ursprüng 
lich slavischeu Bevölkerung und der einzigen noch vorhandenen sla- 
vischen Fürstenfamilie — ist der einzige Staat in Deutscliland, in 
welchem die franz. Revolution fast keine socialen Aenderungen hervor 
gebracht hat. Der L eudalstaat dauert fort, und obwohl die .Jahre 1848 
und 49 denselben zu erschüttern anfingen, so befestigten doch die 
Bundestagsbeschlüsse die alten Zustände. Die Rittergutsbesitzer üben 
neuerdings wahre Souveränitätsrechte aus, und die Lage des Land 
volkes ist die elendeste. Länger als irgendwo in Deutschland, nämlich 
bis 1820, währte sogar die Leibeigenschaft fort, der die Mehrzahl 
der Einwohner unterlag. Auch später besserten sich deren Verhält 
nisse wenig. Das grosse, fruchtbare Land hat die dünnste Bevölkerung 
in Deutschland, und dennoch fanden massenhafte Auswanderungen statt, 
— dennoch ist ein Proletariat vorhanden, „welches (wie Schnelle 
schon vor 1848 schrieb) durch seine Menge gerechte Besorgnisse ver 
anlasst. Man sucht durch Ehehindernisse die Vermehrung der Be 
völkerung zu hindern ; — freilich nur mit dem Erfolge einer ausser 
ordentlichen Zunahme der unehelichen Kinder und des Umsichgreifens 
eines Missmuths bei den arbeitenden Classen, der in den letzten .Jahren 
Viele veranlasst hat, aus dem volksarmcn Mecklenburg, das noch 
Hunderttausende ernähren könnte, in andere Länder und Welttheile 
auszuwandern“... Die Vertheilung des Grundbesitzes ist eine wunde 
Stelle im mecklenburgischen Staatsleben. Von den 228 Q.-M. Schwe 
rins gehören ungefähr 24^^ den Städten zu. Das übrige Land ist 
unter 630 Grundeigenthümer vertheilt. Mit ihnen nehmen an dem 
Grundbesitze etwa 1002 Erbpächter tlieil, 6163 Bauern, die an den 
Boden eigentlich kein dingliches Recht haben, und endlich etwa 6596 
Bündner, die meistens nur wenige Aecker, aber mit dinglichem Rechte, 
besitzen. Die Zahl der Grundbesitzer ist also klein — 15,685 unter 
368,118 Jjandleuten. Bedenkt man nun, dass nur 630 vollkommen 
freie Ligenthümer sind, bedenkt man die Lage der Bauern auf den 
ritterschaftlichen Gütern, — betrachtet man die kastenartige Isolirung 
der Bevölkerung, die Ungleichheit in ihren bürgerlichen Berechtigun 
gen und die Schwierigkeit der Erwerbung eines kleinen Grundbesitzes, 
— so gewahrt man das Bedenkliche der Verhältnisse. Dabei befinden 
sich die mit 60 Mill. Thlr. Schulden belasteten Rittergutsbesitzer auch 
ihrerseits in keiner allzubehaglichen Lage.
        <pb n="203" />
        DEUTSCHLAND — Mecklenburg-Schwerin (Sociales). 187 
Das Gewerbswesen wird durch die beiden entschiedensten 
principiellen Gegensätze eigenthümlich beherrscht : einerseits der mass- 
loseste Gewerbszwang, anderseits eine fast vollständige Handels 
freiheit ! Auf dem Lande darf Niemand ein Gewerbe treiben, ausser 
auf Veranlassen und zum ausschliesslichen Nutzen der Gutsheiischaft. 
Daher kommt auf 183 Landbewohner erst ein Handwerksmeister, 
in den Städten dagegen einer auf 16 Einw. Neben der ziernhch voll 
ständigen Handelsfreiheit hat man Bannmühlen, Bannbranntwein, Bann 
bier; selbst Tanzmusik dürfen nur privilegirte Amtsmusikanten aus 
üben. Das Gewerbswesen liegt in Wirklichkeit tief darnieder; es kann 
sich namentlich mit dem in dem benachbarten Preussen nicht ver 
gleichen ; Fabriken gibt es überhaupt fast gar nicht. Und die Ergeb 
nisse im Grossen ^ Im «Jahre 1852 kam 
1 Geburt erst auf 28,8 Einw. (in Preussen durebsohn. 1 auf 24,95 
1 Heirath - - 126,5 - - - - 110,5 
(1 Todesfall - 45,5 - ... 34,óá) 
„Im «Jahre 1800 kam auf 88 Seelen eine Trauung, im Jahre 
1846 eine erst auf 142; nur in Bayern, welches unter allen deutschen 
Staaten die meisten unehelichen Jvinder liefert, werden verhältniss- 
niässig weniger Ehen geschlossen“ (Schnelle). Jn Verbindung mit der 
Abnahme der Heirathen steht die Zunahme der unehelichen Ge 
burten. Das Verhältniss war : 
1795 1 zu 17,6 ehel. 
1800 1-17 
1820 1 - 10,8 - 
1830 1 - 9, 
1840 1 zu 7, 
1845 1 - 5,7 
1852 1 - 4,7 
(In Preussen 1 - 13!) 
Den Stand der Volksbildung in "diesem, unter einem starren 
(protestantischen) Kirchenregiment stehenden Lande beweist die That- 
sache, dass bei der Recrutenaushebung zu Ende 1855 von 882 Con- 
scribirten kaum 361 Gedrucktes, nur 210 Geschriebenes lesen konnten! 
Folgendes Beispiel beurkundet die Unvernünftigkeit der Besteue 
rung. Es sind an Abgaben zu bezahlen beim Bezüge 
vom Centner Kaffee vom Oxhoft Rum 
Tlilr. Schill. Pf. Th. Sch. Pf. 
Übet Rostock . . 8 32 1 4 46 7'/% 
Wismar zur See 13 36 4 8 17 8 
- - zu Lande 7 44 4 7 3 9% 
Hamburg . 5 14 4 3 — 10'/a 
Im Innern des Landes gibt es noch 70—80 Binnenzollstätten. 
Handelsmarine. «302 Scliiflfe mit 31,548 Rostocker Roggenlasten; 
dann 6 Dampfer und 41 Jvüstcnfahrzeuge. — Ihisenbahnen. Die Ham 
burg-Berliner durchzieht Schwerin auf 11 Meil«; die Rostock-Hagenower 
(6’298,000 Thlr. kostend) ist 19,3 Meil. lang. 
Münzen u. Maasse. .Durch Verordnung v. 12. «Tan. 1848 ist der 14 Thlr.- 
Fuss (nrcuss. Thlr.) eingeführt, doch wird der Thlr. in 48 Schillinge à 12 Pfen 
nige eingethcilt. — Elle: die Hamburger. 100 Rostocker Ellen = 86,28 preuss. 
Der Fuss ist die Hälfte davon. — 100 Rost. Kornscheffel = 70,76 preuss. 
Sch. od. 38 89 Hcctol.; 100 llaferschetfel = 43,82 Ilectol. — Das Oxhoft hat 
1% Ohm, e’Anker, 30 Viertel, 60 Stübchen, 120 Kannen, 240 Pot od. Quartier 
à ^0,9 Liter. — Das Rost. Pfund == 484 Grammen. In Maass u. Gewicht 
herrscht indess die grösste Verschiedenheit.
        <pb n="204" />
        188 
DEUTSCHLAND — Mecklenburg-Streîitz. 
Il- Mecklenburg-strelitz (Grossherzogthum). 
Herzogthum Strelitz 
Fürstenthum ßatzeburg 
Q,-M. 
Bev. 1851. 
83,276 
16,352 
Zus. 36 99,628 
Nach ein^ andern Berechnung, welche 47 Q.-M. ergibt, sind das 
Areal und die Bevölkerung (letzte ungerechnet Ratzeburg), so vertheilt; 
Cabinetsgüter u. Domänen . . 
ßitterschaftliche u. sonst. Privatgüter 11,62 
Städtische Besitzungen . . . 5^33 
Einw. 
ln Städten . . . 30,794 jWAere 
m Cabmetsamte . . 1,164 1817 72,587 
Ritteg a.%SSiter;tc. : %3n ¡gil 
Srru"Slt:toOO E’inw. -«76J«äen. 
Der Herzog erhielt 1815 (mit der gros8- 
herzoglichen Würde, 17. Juni 1815) ein Gebiet von 10,000 , Seelen“ 
im vormaligen franz. Saardepartemente (linkes Rheiniifer), nämlich die 
Kantone Kronenburg, Reiferscheid und Schleiden. Er verkaufte das 
selbe unterm 21. Mai 1819 an Preussen um 1 Mill. Thlr. (100 Tlilr. 
pr. Seele) und einige Domänen. 
Finanzen. Wir kennen gar kein neues Budget. Im Rechnungs 
jahre 18*748 waren veranschlagt: Ausgaben 1'019,649 Thlr., Ein 
künfte 964,525, Deficit 55,124. — Die Schulden schätzte man 1848 
auf 1'850,000 Thlr. 
Militär. 1 Bataillon. Allgemeine Verhältnisse wie bei Schwerin. 
Dieses hat für Strelitz die Stellung von Cavallerie und Artillerie über 
nommen, wogegen Strelitz mehr Infanterie liefert. 
. ««Claies. Die socialen Zustände sind im eigentlichen Strelitz 
wie in Schwerin; dagegen finden sich in (dem entfernt gelegenen) 
Ratzeburg mehr kleine Grundbesitzer. Im Ganzen haben die enorm 
grossen Rittergüter nur 61 Besitzer mit vollem Eigenthumsrechte und 
1435 mit blos beschränktem. Dies ergibt, trotz Ratzeburgs, ein noch 
schlimmeres Verhältniss als in Schwerin. — Gewerbsindustrio, Fabriken 
(fast gar nicht vorhanden) und Handel sind im Ganzen noch unbe 
deutender als dort. 
12. Holstein und Lanenbnrg (Herzogthümer). 
Diese beiden (nicht vereinigten) Herzogthümer haben : 
. „ Einwohner- 
«-«• nor——% 
Holstern 166 479,364 523,528 1834 474,348 
Lauenburg _21 46,486 49,475 1843 blbleSi 
187 525,850 673,003 
Die Einwohner sind Lutheraner bis auf etwa 950 Kathol. und 3500 Juden.
        <pb n="205" />
        DEUTSCHLAND — Holstein und Lauenburg. 
189 
Städte: Altona 40,426 Eiuw., Kiel 10,274, beide 1855. 
Holstein war bereits im vorigen Jahrhunderte den dänischen 
Königen unterworfen, galt aber als ein zu Deutschland gehörendes und 
überdies mit Schleswig „untrennbar verbundenes“ Herzogthum. 
Lau en bürg dagegen gehörte früher zu G hur - Braunschweig (Han 
nover), ward 1806 durch französische Truppen occupirt, 1810 mit 
dem französischen Departement der Elbemündungen vereinigt, 1814 
an Hannover, 1816 von diesem grösstentheils an Preussen, von 
Letztem endlich an Dänemark gegeben, doch ebenfalls als Bestand- 
theil Deutschlands. 
^112^011, Holstein ist factisch mit Dänemark vereinigt 
(siehe dieses.) Ausserdem hat dasselbe für seine besondern Bedürf- 
nisse noch ein spezielles Budget, das pro 185%5 mit einem Bedarfe 
von 1’919,932, einer Einnahme von 1,761,194, und einem Deficit 
von 159,000 Rthlr. abschloss. Holstein allein hat 1856 1T41,094 
Thlr. mehr zu steuern, als 1847. — Die Ausgaben Schleswigs und 
Holsteins (zusammen) für das Militär betrugen in den Kriegsjahren. 
1848 . . 8‘9,67,100 Mrk. Cour., wovon 319,953 See-Etat 
1849 . . 18T80,780 - - - 862,362 
1850 (Anschlag) 14'920,431 - - - 320,000 
Von Lauenburg erscheint in dem Dänischen Budget für 18^%s 
ein Reinertrag von 304,961 Rbthlr., — dasselbe muss seine gesamm- 
ten Reinerträgnisse an Dänemark abliefern. 
Die Schuld der vereinigten Herzogthümer Schleswig-Holstein ward 
1851 auf 8’705,000 Thlr. Cour, geschätzt, wovon etwa IV2 Mill, 
alte und 7’260,000 seit 1848 entstandene Schuld (darunter 2’017,000 
Thlr. oder 5 Mül. Mark Papiergeld.) Dies ohne den Antheil an der 
Dänischen Schuld (vergl. indess „Dänemark.“) — Die Lauenbur 
gische Schuld, Ende 1847 427,300, soll 1851 nur noch 307,300 
Thlr. Cour, betragen haben. 
Durch Dänische Verordnung vom 21. Juni 1856 wurde der 
Verkauf der Holsteinischen und Lauenburgischen Domänen ange 
ordnet, deren Erlös zur Abtragung Dänischer Staatsschulden ver 
wendet werden soll! Eine diplomatische Note (!) der beiden deut 
schen Grossmächte wird wol vergeblich sein, (ln der Schrift: „Die 
Herzogthümer Schleswig-Holstein in dem dänischen Gesamtstaate; 
Weimar, Juli 1856,“ wird hervorgehoben: Die Schleswig-Holstein - 
scheu Domänen hätten über llYg, die Lauenburgischen 4 V2 Mill. Thlr 
Geldwerth. [Nach einer andern Schätzung zusammen gegen 30 Mill.] 
Auch habe man eine Menge dänischer Steuern widerrechtlich einge 
führt- sie betrügen für Schleswig-Holstein netto 3V2, für Lauenburg 
V2, für Dänemark hingegen, einschliesslich des Forstertrages, wenig 
über IV2 Mül. Thlr.!) 
Militilr« Dasselbe ist ganz mit dem Dänischen verschmolzen, 
nur nominell besteht ein deutsches Bundescontingent. — Während 
des versuchten Befreiungskrieges hatten Schleswig und Holstein un 
gemeine Anstrengungen gemacht. Am 1. Januar 1850 umfasste die 
Armee :
        <pb n="206" />
        190 
DEUTSCHLAND — Luxemburg und Limburg. 
Fussvolk 34,318 M. mit 707 Pferden 
Reiterei 2,996 - - 1,976 
Artillerie 4,054 - - 2,265 
Genie 446 - - 36 - 
Zusammen 41,814 4,984 
Münze, Maaase. Reichsthaler à 3 Mark; die feine Mark Kölnisch (also 14 
SÄT ü'K-wS: 
das Hamburgische; Getreidemaass das dänische; Gewicht: das Lübeck’scho. 
13. lilixeillliurg (Grossh.) und í^ínilmrg (Herz.). 
Q.M. Bevölk. 
Luxemburg 47% 192,632 (1852) 
Limburg 40 201,630 (1851) 
Zus. 87% 394,262 
Die Einwohner sind Katholiken, 
ausser etwa 4800 Prot. u. 1600 Juden. 
Stadt Luxemburg, 14,000 Einwoli 
Frühere Bevölkerung ; 
Luxemburg Limburg 
1840 169,730 196,719 
1846 186,140 203,047 
1849 189,783 205,202 
Also nun V er min d er ung in Limburg. 
Luxemburg geliörtc frülier als besonderes Ilerzogthum zu den 
Oesterreicbischen Niederlanden. Es ward im Limeviller Frieden an 
Frankreich abgetreten (Wälderdeparteinent.) Im Jahre 1814 erhielt 
der König der Niederlande (für seine an Nassau und Preussen über 
lassenen Ansprüche an s. g. Nassauische Stammlande), das durch einen 
Theil des Ilerzogthums Bouillon vergrösserte und zu einem Grossher 
zogthum erhobene Luxemburg. Dasselbe sollte einen Beslandtheil des 
deutschen Bundes bilden, und ward mit 100 Q. M. und 255,628 
Menschen in die Bundesmatrikel eingetragen. Indessen zerriss die 
Belgische Revolution 1830 das Luxemburgische Gebiet. Durch die 
Verträge von 1839 kam ein Theil desselben förmlich an Belgien. Als 
Ungenügende) Entschädigung erfolgte die nominelle Vereinigung eines 
Theiles von Limburg mit dem Bunde, jedoch derart, dass dieses 
letzte durchaus nur eine Niederländische Provinz ist. Auch besitzt 
nur Luxemburg eine besondere Verfassung (v. 9. Juli 1848.) 
Finanzen. In Folge dieses Verhältnisses unterliegt Limburc^ 
auch vollständig der Niederländischen Finanzeinrichtung. Luxemburg 
dagegen hat eine eigene Finanzverwaltung. Der Budgetentwurf von 
1855 schloss so ab: Bedarf 3’220,000 , Einnahme 2’952,370, De 
ficit 267,630 Frk. Die Ausgaben waren damit um 392,795 Frk. 
höher angesetzt, als im Budget für 1853, obwol indem letz 
ten an ausserordentlichen Bedürfnissen 185,000 Frk. für 
Strassenbauten und 48,000 für Unterstützung der Gemeinden be 
stimmt waren. Zur Deckung des Deficits ward ein Steuerzuschlag 
von 38 Proz. beschlossen. Ausserdem wollte man die Grund- und 
die Mobiliarsteuer behufs Herstellung von Vicinal wegen um 20 Proz. 
erhöhen, welche letzte Erhöhung (zu nützlichen Zwecken !) indess die 
Regierungsgenehmigung nicht erholt. Die Civilliste, bis 1848 150,000 fl., 
ward durch das Grundgesetz auf 100,000 Frk. bestimmt. 
Staatsschulden sind in Luxemburg nicht vorhanden.
        <pb n="207" />
        DEUTSCHLAND — Nassau (Land und Leute, Finanzen). 
191 
Militar. Holländische Einrichtung. — Wegen des Liraburg’- 
ßchen Contingents besteht ein Vertrag mit Nassau (s. unt. S. 193.) 
Münze, Maasse. In Luxemburg franz. Münze. In Limburg Münze, 
Maasse und Gewicht holländisch. 
14. üassau (Ilcrzogtlium). 
ylreoZ. 84Yg—86Y3 Q. M. Dezember 1852 
429,060 Menschen in 102,281 Familien = in jeder durchschnitt 
lich 4,19 Personen. 
fWZAere 1831 370,374, 1843 412,271, 1849 425,686. — Vom 
Areale 15,550 Morgen (noch nicht 1 Q.-M.) Weinberge. 
Confessionen: ,ao 
Protestanten (unirt) 224,755 Mennoniten 154 Altlutheraner 103 
Katholiken 195,988 Deutschkatholiken 337 Juden 6,811 
Stadt Wiesbaden (1855) 14,499, mit Garnison 17,147 Einw. 
Gehietsveränderungen. Zu Ende des vorigen Jahrhunderts zeifiel 
Nassau in zwei Fiirstenthümer : Nassau-Weil bürg (Nassau-Diez- 
Dillenburg) und Nassau-U singen (Nassau-Saarbrücken). Das Eiste 
umfasste 48 Q. M. und 130,000 Menschen, und es gehörten dazu : 
Diez, Dillenburg, Siegen, llerborn, Weilburg, dann auf dem linken 
Rheinufer Kirchheimbolanden und Stauf. Zu Usingen: Wiesbaden, 
Idstein, Lahr und Saarbrücken (auf dem linken Rheinufer.) — Die 
linksrheinischen Besitzungen gingen im Luneviller Frieden verloren; 
Usingen büsste 20 Q. M. und 60,200, Weilburg 8 Q M 18^00 
Menschen ein. Als Entschädigung erhielt das Erste 1803: die Main- 
zischen Aemter Königstein, Höchst, Cronberg, Rüdesheim, Oberlahn- 
stein, Eltville, die Besitzungen des Mainzer Domcapitels auf der rechten 
Rheinseite, das Pfälzische Amt Caub, Parcellen von Köln, Hessen 
.und Trier (Limburg) und die Grafschaft Sayn, zusammen 36 Q. M. 
mit 92,000 Einwohnern; — Weilburg aber empfing vom ehemaligen 
Kurfürstentlium Trier: Ehronbreitstein, Montabaur, Limbing und ei 
nige Abteien, — 16 Q. M. und 37,000 Menschen. — Zur Rhein- 
buiidszcit vereinigten beide Nassauische Fürsten ihre Besitzungen, 
eine Vereinigung, welche 1816 durch das Aussterben der Usingei 
Linie vollendet ward. Durch Tauschvertrag mit Preussen v. 31 Oct. 
1815 trat Nassau Ehrenbreitstein ab, und erhielt dafür Hadamar, 
ferner Diez und Dillenburg zurück. Das jetzige Gebiet von Nassau 
umfasst Bestandthoile von 23 früheren Staaten. 
Vcrfassimg vom 1. September 1814, modificirt 1848. 
FiiKliiKCn. Es sind jährliche Budgets eingeführt. Im Mo 
mente des Druckes des gegenwärtigen Bogens ist der neue Etat noch 
nicht festgestcllt. Nach jenem von 1855 ertrugen die Domänen und 
die indirekten Auflagen 2’929,919 il.; zur Deckung des Bedarfes war 
die Erhebung von ungefähr IV2 Mill, an directen Steuern erforderlich. 
(Unter den Domanialeinkünften waren: Forsten 493,668, Badaustalten 
107,456 [zu Wiesbaden u. s. f. werden auch Spielbanken geduldet,]
        <pb n="208" />
        192 
DEUTSCHLAND — Nassau (Finanzen). 
Berg- und Hüttenwerke 110,000, Mineralwasser 97,747, Güter- und 
Grundrenten 364,668, verkaufte Früchte 204,000 etc.) Wegen 
mm 
z c-itr JÄ'ir tJir: 
Apanagen ward von ihm nicl.t genügend beaeichnot. indem er 50,000 
"l'« einstweilige Uebercinkunft im Jahre 
1S53 abplaufen war, erklärte der Minister einseitig die Wieder- 
H^rrol! *“”f Zustandes! Früher hatten die 
Herzoge, nach den Rechnungen, bezogen: 
von 1807—15 durchschnittlich 461,194 fl. 
- 1816—47 . 585,954 
- 1840—50 . 661,000 
ordinär . 707,724 , 
extraordinär 175,346 ( 
easse^'^'f f,® Soliiild der Landes- 
re herzogliche Schuld der Domäueneasse dagegen ward 
Ä;iS5“=Ä“"s;:;;rS-i
        <pb n="209" />
        13 
DEUTSCHLAND — Nassau (Militär, Sociales). 
193 
Ende 1815 auf 5’642,5;37, und am 1. Januar 1818 auf 7’023,357 fl. 
berechnet, worunter: „Capitalien von Mitgliedern des herzoglichen 
Hauses“ mit 1'331,301 fl., dann Schulden bis zum Jahre 1731 zu 
rück. Am 1. Januar 1836 war die Summe auf 8’243,910 fl. gestie 
gen. Da übernahm der Landtag 2’400,0Ü0, — die oben erwähnte 
Abfindungssumme für die vor 28 Jahren erfolgte Aufhebung von 
Feudallasten auf den Domänengütern. Indessen ward auf späteren 
Landtagen hervorgehoben, es seien gegen die bestimmte Zusicherung 
der Regierung von dem zu jenem Behufe aufgenommenen Staatsan- 
lehen nicht weniger als 1'511,900 fl. zu andern Zwecken, als zur 
Tilgung der „Domänenschuld“ verwendet worden. — Im Jahre 1837 
hatte die Domänenoasse bei Rothschild ein 3% prozentiges Anlehen 
negocirt, bei welchem der Darleiher nur 6’247,169 fl. bezahlte, in- 
dess ihm 7T 00,000 fl. verschrieben werden mussten. — Anfangs 
1854- ward der Gesammtbetrag der Schuld zu 12’690,000 fl. berechnet. 
lUiHÜlr* Conscription mit Stellvertretung; 6jährige Dienstzeit; 
doch wird die Mannschaft bei der Infanterie nur 2 , bei der Artille 
rie 4 Jahre eingestellt, sonst aber, ausser den Ilerbstübungen, beur 
laubt. Bestand : 
3 Regim. und 1 .Jägerbataillon Infanterie Mann 6,745 ^ 
2 Comp. Artillerie mit 12 Kanonen . . . 516/7,317 
Pioniere . . • . • • • ■ 36) 
Die Artillerie ward seitdem um eine 12pf. Batterie verstärkt. 
1855 erfolgte der Abschluss eines „Brigadeverbandes“ mit Limburg 
(nicht Luxemburg), wonach Nassau das Contingent beider Länder an 
Infanterie und Artillerie, und zwar 5498 M., — Limburg dagegen 
das Gesamratcontingent an Cavallerie, 870 Mann, stellt. Der Ober 
befehl über beide Corps wechselt, doch steht Nassau die erstma 
lige Ernennung zu. 
Sociales* Die Zunftverfassung ist seit 15. März 1819 abgeschafift. 
Jlfaasse. Der Fuss (zu 10 Zoll) = % Met. — 10 Quadr.-Fuss — 1 Ruthe; 
100 Ruthen = 1 Morgen, genau 25 Aren. Uebrigens ist ein allgemeines Maass 
noch nicht ein geführt. In Wiesbaden hat der Fuss (zu 12 Zoll) 28,75 Gen tim. 
— Das Malter = 109,6 Lit. oder 1,98 preuss. Scheffel. — Die grössere Ohm 
140,86 Maass, die kleinere 135,57 Lit. — Anderwärts in Nassau findet man 
andere Maasse. 
15. llrailliscliwei^ (Herzogthum). 
Areal 67% Q.-Meil.; Bevölkerung im Dec. 1852: 271,208 Men 
schen, in 51,592 Familien (auf jede durchschnittlich 4,48 Köpfe). 
Nach dem Geschlechte 
männlich 133,958 Confesnionen. Die Einw. sind Pro 
weiblich 137,250 testanten, bis auf 2600 Katholiken und 
1000 Juden. 
In den 3 Jahren 1851 bis Ende 1853 zählte man durchschnittlich; 
Geburten 8829 = 1 auf 30,2 Einw. Von den Geburten waren nicht we- 
Sterbfälle 6439 = 1 - 42,1 - niger als 20,4 Proc., alßo mehr als der 
Trauungen 2443 = 1 - 111 - 5. Theil, unehelich.
        <pb n="210" />
        194 DEUTSCHLAND — Braunscliweîg (Land und Leute, Finanzen). 
Bevölkerungszunahme. Das llevzogtluini zählte Einwohner: 
1760 158,980 1846 269,228 
1814 209,527 1849 270,079 
1834 253,232 
• In den 20 Jahren 1832—52 nahm zu 
die männliche Bevölker. um 12,841 Individ. = 10,6 Proc. 
- weibliche - - 11,204 - = 8,8 - % 
24,045 9,7 Proc. 
Städte. Braunschweig (1852, ohne Militär) 57,(»94 Einwohner 
(1780: 22,400); Wolfenhüttel 9500. 
llerrschaftsmchsel. Nach der Jenaer Schlacht ward das Ijand, 
mit Ausnahme des Amtes Thedinghausen, dem Königreiche Westfalen 
zngetheilt (Departemente der Oker, der Leine, und des Harzes). 1815, 
nach der Leipziger Schlacht, Restauration. (Die Mediathesitzungen des 
Herzogs, das Ftirstenthum Dels in Schlesien etc., umfassen gegen 
40 Q.-Meil.) — Verfassung vom 12. Oct. 1832. 
Finanzen* Dreijährige Budgets. Das für 1852 — 54 schloss 
ab mit der Summe von 1’350,833 Thlr., worunter; Ucborschuss vom 
Kammergute 133,000, directe Steuern 447,500, indirecte Abgaben 
405,G6G, Eisenbahn und Post 200,000, auch Lotterie 5GGG. Abge 
sehen davon, dass für den Kloster- und Studienfonds eine besondere 
Rechnung geführt wird (über 170,000 Thlr. betragend), sind obiges 
Net to summen. So hatte die „Kammerkasse“ eine wirkliche Einnahme 
von 563,245 I'lilr., wovon verwendet wurden: 
für (len herzogl. Hofstaat 220,722 Nach fernerem Abzüge der Verwal- 
- die Schlossbauscbuld 8,697 tungskosten etc. floss obiger liest in 
- übrige Schuld . 112,200 die Staatscasse mit 133,000 Thlrn. 
Der Hofetat erscheint nicht im Staatsbudget, weil dessen Bezüge, 
wie erwähnt, von vorn herein der „Kammerkasse“ entnommen werden. 
Ausser obigen 220,722 Thlr. bezieht der Hof 22,333 aus andern 
Positionen der Staatsausgaben, ferner die Zinsen des auf dem Kammer 
gute haftenden Bevern’schen Capitals von 100,000 Thlr. Gold, Ab 
lösungsgelder von Grundlastcn, und verschiedenerlei anderweitige Nutzun 
gen (Holz, Wildpret, Fische etc.). 
Geschichtliche Notizen. Zu Anfänge des 19. Jahrhunderts berech 
nete man die Einkünfte auf 851,000, die Ausgaben blos auf 741,000 
Thlr. Unter der westfälischen Verwaltung wurden die Lasten so sehr 
gesteigert, dass der Staat aus den braunschweigischen Landestheilen 
1’600,000 Thlr. gezogen haben soll. 1832 erfolgte die Vereinigung 
der Kammer mit der Steuercasse. (Das Budget für 18^%ß schloss 
dessen ungeachtet blos mit der Summe von 1’018,694 Thlr. ab.) 
Schuld. Nach dem Etat für 1851 : 
Landesschuld 1’444,620 Thlr. Gold u. 54)68,326 Th. 8ilb. 
Kammerschuld 1’322,600 - - - 1’567,763 - 
Papiergeld ...... 1'000,000 - 
Zusammen in Courant 10’472,332 Thlr., mit 341,626 Thlr. Jahres 
zinsen. Am 1. Jan. 1853 war der Schuldenstand 10’294,000 Thlr. — 
Von kundiger Hand erhalten wir aus Braunschweig folgende Notizen : 
„Ende 1854 betrug die gesammte Landesschuld circa ß'700,000 Thlr. Dar-
        <pb n="211" />
        DEUTSCHLAND — Braunschweig (Finanzen, Militär). 
195 
unter befinden sich jedoch ungefähr 3700,000 Thlr. Eisenbahnschulden, so dass 
die eigentliche Landesschuld 3 Mill, beträgt. Da das Capital der Eisenbahn 
schulden sich mit mehr als lOProc. verzinst (1854 sogar mit 11% %), so wird 
dadurch der Zinsbedarf der ganzen Landesschuld, wovon höchstens 4 Proc. zu 
zahlen sind, gedeckt. — Auf den Kammergütern haften^2700,000 Thlr. 
Schulden. Jedoch besitzt die Kammer an baaren Capitalien 3’&lt;00,000 Thlr., so 
dass der Stand der Activcapitalien um eine Million die Passiven übersteigt, und 
überdies der in circa 45 Domänen, 250,000 Morgen Waldungen, und Berg-, 
Hütten-, Kühlen- und Salzwerken bestehende Grundbesitz ganz schuldenfrei 
erscheint. “ 
Wir fügen eine von anderer Seite erhaltene Notiz bei : 
„Das Anlagccapital der 4 Braunschweigischen Staatsbahnen betrug — für 
15,89 Meil. 4’677,794 Tlilr. Die Einnahmen waren 1854: 983,850 Thlr. (der 
Güterverkehr ertrug mehr als das Doppelte des Personenverkehrs), die Ausgaben 
494,172 Thlr., der Reinertrag also 409,678, d. h. 11,52 0/% — ein Ergebniss, 
das bei Staatsbahnen einzig in seiner Art ist.“ 
Schon nach der Zeit des siebenjährigen Krieges war Braunschweig 
stark verschuldet, und zwar nicht blos in Folge dieses Krieges, der 
gegen 7 Millionen kostete, sondern auch in Folge der Verschwendun 
gen des damaligen Herzogs Karl. Die Schulden wurden grösstentheils 
dadurch getilgt, dass der nächste Herzog, Karl Willielni Ferdinand, 
im Einvernehmen mit den Landständen ( ! ), die zu diesem Behufe 
eigens vermittelst freier Werbungen zusammengebrachten Truppen an 
fremde Staaten verkaufte! So waren 1790 die Schulden abgetragen. 
Die Fremdherrschaft, dann der Kampf gegen dieselbe, erheischten 
grosse Opfer. 1815 berechnete man die Gesammtschuld auf 6’546,805 
Thl, 1830 auf G’077,69G,' 1840 auf 7’400,212 (wovon 3’305,122 
Kammerschuld). — Der Wiederaufbau des 1830 vom Volke nieder- 
gebrannten Schlosses veranlasste zwei Anlehen, zus. von 550,000, 
die Eisenbahnbauten 5 von 3’G78,000 Thlr., die militärischen Rüstun 
gen schon 1848 eines von 440,000 Thlr. 
Milifür* Nach der Convention mit Preussen vom 1. Dec. 1849 
sollten die braunschweigischen Truppen völlig mit den preussischen 
verschmolzen werden, welche Convention nach dem Willen des Bun 
destags später aufgehoben werden musste ; doch wurde das preussische 
Militärsystem beibehalten. Man hat : 
1 Infant.-Reg. v. 2 Bataill. Linie u. 2 Bat. Landwehr ; 1 Leibbataill. -— 
1 Husarenreg. von 2 Schwadr. Linie u. 2 Schwadr. Landwehr. — Artill. mit 
12 Geschützen. Zus. Friedensfuss 2720, Kriegsfuss 5359 M., 
Im siebenjährigen Kriege hatte Braunschweig 12,000 M. gestellt 
(Folge: 7 Mill. Schulden). Während des westfälischen Königthums 
kämpften viele Braunschweiger gegen Napoleon, 1809 in Oesterreich, 
.später in Spanien. 1813—15 bot der Herzog gegen 10,000 M. auf. 
Maasic. 100 Fuss = 90,84 preuss. od. rhein. Fuss_ od. 28,51 Met. — 
Der Morgen = 24,96 Aren; 99 braunschweig. Feldmorgen sind = 97 preuss. —- 
100 Himpten = 31,15 Hectol. od. 66,38 preuss. Scheffel. — Das Pfund ist 
dem alten preuss. gleich. Der Ctr. = 114 Pf.
        <pb n="212" />
        196 
DEUTSCHLAND — Oldenburg (Land und Leute, Finanzen). 
' 16. Oldenburg (Grosslierzogthum). 
Bestandtbeile 
Herzogth. Oldenburg *) 
Fürstenth. Lübeck 
_ Birkenfeld 
Q.-M. 
97'/4 
9% 
9 
TTe“ 
Bevölker. 
1852. 
2.31,046 
22,146 
82,034 
285,^ 
Auf d. 
Q.-M. 
2376 
2268 
3544 
2458 
*) Dabei: Herrschaft Knyphausen mit 1 Q.-M. u. 3035 Einw. 
Frühere Yoïk&amp;zahl : Confessionen : 
1815 217,769 Lutheraner . 203,387 
1834 255.765 Reformirte . 351 
1843 276,653 Katholiken . 71,671 
1849 277,963 Andere Christen . 246 
Sfadt Oldenburg, 9000 Einw. Juden . . 1,488 
Gebietswechsel. Die „Grafschaft“ Oldenburg war 1777 durch 
Kaiser Joseph If. zum „Ilerzogthum“ erhoben worden, und umfasste: 
Oldenburg mit JO, Delmenhorst mit 7, und das Bisthum Eutin mit 8, 
zusammen 45 Q.-Meil. und 85,000 Mensclien. 1803 erhielt Oldenburg 
durch Reichsdeputationsschluss auch das secularisirte llochstift Lübeck. 
Gegen Abtretung einiger Parcellen an die Reichsstadt Lübeck und 
Aufhebung des Elsflether Zolles bekam es ferner das Hannöver’sche 
Amt Wildeshausen und die Münster’schen Aemter Vechta und Kloppen- 
burg, zus. 54 Q.-M. mit 92,000 Einw. Obwohl der Herzog unterm 
14. Oct. 1808 dem Rheinbunde beigetreten war, nahm Napoleon den 
noch unterm 10. Dec. 1810 das ganze Land in Besitz, das den franz. 
Departementen der Elbe- und der Wesermündungen incorporirt ward. 
1813 Restauration. Der Wiener Congress erhob den Herzog (Ver 
wandten des Kaisers von Russland) zum Grossherzoge, und theilte ihm 
ein Gebiet auf dem linken Rheinufer, im ehemaligen franz. Saar- 
departemente zu (das entlegene Birkenfeld) ; Russland trat die Herr 
schaft Jever ab, und in neuerer Zeit ward auch die Souveränität Über 
die Herrschaft Knyphausen und Varel festgestellt. 1854 Verkauf eines 
Gebietes am Jadebusen an Preussen (siehe S. 116). 
„Staatsgrundgesetz“ v. 18. Febr. 1849, „revidirt“ den 22.Nov. 1852. 
Finanzen» Die letzten uns bekannten Voranschläge liefern 
folgende Resultate (in Thlr.) : 
Für 1853: Oldenburg Lübeck 
Einnahme 910,500 126,000 
Ausgabe 1’018,500 163,000 
Für 1854: 
Birkenfeld Zusammen 
116,500 1'153,000 
125,600 l'S07,100 
Einnahme 891,000 137,400 116,700 1’145,100 
Ausgabe 979,000 143,300 127,800 1'250,100 
Zur Zeit der oldenburgischen Grafen war, bei der Einfachheit 
des Hofes, selten von einer Steuer die Rede. 1769, zur Zeit der 
dänischen Herrschaft, betrugen die Einkünfte 288,406; 1786 gegen 
350,000 Thlr. — Dermalen erscheinen 184,000 Thlr., welche die 
regierende Familie aus den Domanialeinkünften vorweg bezieht, nicht 
in den gewöhnliehen Rechnungen. (Auch besitzt der Grossherzog in 
Holstein 3^4 Q.-M. Landes mit mehr als 8000 Bewohnern und 40,000
        <pb n="213" />
        ci 
197 
und 
# 
DEUTSCHLAND — Oldenburg (MilitHr, Sociales). 
Thlr. Ertrag.) — Für 1855 war der Militäretat zu .324,0( 
gesetzt : anselmliclie fernere Bewilligungen, dann die Ko. 
Landdragoner, erhöhten die Summe auf 437,000. Uebm’die 
ausserordentlicher Credit bewilligt von 216,450 fur Hers« 
viermonatliche Unterhaltung des Kriegsfusses, wovon 1.38,4 
flüssig zu machen seien, der Rest von 78,000 Thlr. aber erst, 
der Bundestag die Mobilmachung wirklich beschliesse. 
Die Krit^gsjahre hatten r200,000 Thlr. Schulden hmterlassen. 
Es gelang deren Abtragung; 1848 lasteten nur 89,794 Thlr. auf em- 
zelnen Parccllen. 1850 war folgender Schuldenstand vorhanden: 
: : : : /. : Ä245I' 
Im Juni 1853 ward eine neue Anleihe von 140,000, und im 
Juni 1855 eine von 450,000, 1856 wieder eine von 475,000 Thlr. 
aufgenommen (letzte zur Zahlung auf die 
forderung, — wonach sich übrigens unsere Ziffer S. 134 jedenfalls 
ansehnlich erhöht). Für Abtretung des Jadegebiets bezahlte 1 reussen 
Vo Mill.; dagegen soll die Wiedererwerbung Knyphausens (nach last 
200jähriger Trlnung, Mitte 1854) r900,000 Thlr. Gold, welche die 
Familie Bentink erhielt, gekostet haben. 
lUilitär Conscription mit Stellvertretung; sechsjährige Dienst 
zeit wovon 2 "in der Reserve. Im Frieden bleiben die Soldaten blos 
lyj Jahre präsent, die sogleich der Reserve Zugetheilten nur 6 Monate. 
4 Bataill. Infanterie, zu 5 Comp. • 2880 | 
3 Bchwadr. Reiterei ... - 3673 M. 
Artillerie etc., mit 16 Kanonen . • ’ . , . , 
Sociales» In Oldenburg bestehen mehrfach ähnliche agricole 
Verhältnisse, wie in Hannover; namentlich findet man viele grosse 
Güter. In Birkenfeld herrscht die franz. Gesetzgebung, mit Iheilbar- 
keit des Grundeigenthums ; auch Gewerbsfreiheit; in Oldenburg brachte 
das Gesetz vom 27. Febr. 1830 blosse Gewerbsvereinigu^en an die 
Stelle der eigentlichen Zünfte. — Die Marine fasste Ende 1855 
27,466 Last und hatte 2456 Matrosen. 
gens viele Verschiedenheiten. 
17. Sachsen-Weimar-Eisenach (Grössten.). 
Kreise. 
"Weimar 
Eisenach 
Neustadt 
Q.-M. 
. 32% 
. 22 
. 11% 
66 
Bevölker. 
Ende 1882. 
132,424 
82,321 
47,779 
262,524 
Frühere Volhazahl : 
1821 208,968 
1834 238,672 
1843 252,833 
1849 261,087
        <pb n="214" />
        198 
DEUTSCHLAND — Sachsen-Weîmar-Eîsenach. 
Männlich 128,785 
Weiblich 133,739 
Auswanderungen : 
1851 2179 
1852 2332 
1853 1862 
Protestanten 249,316 
Katholiken 10,600 
Juden . 1,454 
Städte : 
Weimar 13,000 Ew. 
Eisenach 10,500 - 
Gebietsvermehrung. Zu Ende des vorigen Jahrlmnderts liatto das 
„Ilerzogthum“ Weimar etwa 40 Q.-Meil. und 120,000 Bew. 1815 
erhielt der Fürst, nebst dem „Grosslierzogstitel,« eine Gebietsver- 
grösserung von 26 Q.-Meil. mit 75,000 .Menschen, nämlieh die Herr 
schaften Blankenhain und Unterkranichfeld, den königl. sächsischen 
Neustadtcr-Kreis, 3 deutsche Ordens-Commendeu und Bezirke von 
Fulda und Kurhessen. — Verfassung vom 5. Mai 1816; revidirtes 
Grundgesetz vom 15. Oct. 1849. 
Fimiiizen. Dreijährige Budgets. Etat für 18^Vs«: 
Einnahme . . . Th. 1’540,915 
Davon: Domänen . . 506,040 
Hoheitsrechte (indir. Aufl.) 116,955 
Steuern ■ . . . 915,435 
Die Militärkosten haben sich auch 
Ausgabe . . . 1’539,148 
Darunter: Civilliste . 250,000 
Staatsschuld . . 288,815 
Verwaltungskostcn . 574,249 
Militär (ohne Gendarm.) 136,000 
hier ansehnlich erhöht. 
Nach der Jenaer Schlacht reichten alle Steucrnerhbhiingen nicht 
aus, die dem Lande von den Franzosen auferlegten Lasten aufzu 
bringen. Da auch kein Darlehen zu bekommen war, so schrieb die 
Regierung unterm 14. Nov. 1807 ein Zwangsanlehen aus. 
Die Schuld betrug 1854 6’029,726 Thlr., wovon 600,000 Papier 
geld. (Die Sphuld der Landschaft war 1820: 1'990,216; 1847: 
3’531,359 Thlr. gewesen, wozu aber noch 1’483,065 Kammerschuld 
und 600,000 Thlr. Cassaanweisungen kamen.) 
Militclr» 1783 auf 80 M. Garde roducirt, musste Weimar zum 
Rheinbünde 800 M. stellen. Jetziger Bestand etwa 3000, nämlich: 
Infanterie: 2 Linienbataillone zu 5 Comp. u. 1 Reservebat. 
Cavallerie: 37 M. Leibwache. 
Artillerie: Eine Batterie mit 6 Geschützen. 
Sociales* Im Gewerbswesen sind die Zünfte ziemlich streng 
beibehalten, aber auch das Conccssionirungssystem beigefügt. Selbst 
zur Anlage von Fabriken ist obrigkeitliche Erlaiibniss nothwendig. 
Die Gewerbe bleiben strenge von einander getrennt; einzelne Zünfte 
besitzen ein Ausschliessungsrecht. Jede Niederlassung eines 
Meisters auf dem Lande hängt von einer Gestattung der Landesdirec- 
tion ab, und solche Erlaubnisse sollen nicht über das unabweisbare 
örtliche Bedürfniss hinaus ertheilt werden. Es darf nie als Unter 
stützungsgrund gelten, dass ein Gewerbe in den umliegenden Dörfern 
nicht besteht, wohl aber kommt das entgegengesetzte Verhältniss im 
gegentheiligen Sinne in Betracht. Jeder Meister muss Mitglied der 
betreffenden Zunft sein, und bei Wohnsitzveränderungen mit der vollen 
Meisterrechtsgebühr sich wieder einkaufen. Das Wandern ist Vorbe 
dingung der Meisterschaft.
        <pb n="215" />
        DEL’TSCill^AND — Sachsen-Coburg-Gotha. 
199 
ast gleich. - 
18. Síichseil-Colmrg-Ciotlia (IIerzogthum). 
HerzoRthümer 
Gotha 
Coburg 
Q.-M. 
35% 
9% 
Bevölker. 
Dec. 1855. 
106,411 
44,467 
Fri'fiere Volkszahl 
1834 134,665 
1840 149,753 
1852 150,412 
Gotha (1852) 
Coburg 
15,076 
9,907 
45% 150,878 
Katholiken 8^0 
Juden , 17QA. 
GakUveränderm&lt;jm. A. «otha. Costaud H 
4 n .1 . so 77,900
        <pb n="216" />
        200 
DEUTSCHLAND •— Sachsen-Coburg-Gotlia. 
100,000 Thin Dann giessen der Staatscasso 34,079 Thlr. zu. Was 
weiter eingeht, wird zwischen dem Herzog und der Landescasse ge- 
theilt. — Ehe diese Convention erfolgte, hatte man das Budget für 
die 3 Jahre bis 30. Juni 1857 aufgcstellt. Es lautete auf 971,750 
Thlr. (brutto), natürlich mit Einrechnung der Domänen. Die Forsten 
erschienen dabei mit 413,000, der Zoll mit 311,212. — Nach der 
Convention stellte man den auszuscheidendeu Domänenetat fol- 
gendermassen auf: 
. . . . . 
Ausgabe: Bewirtlischaftungskosten . 19.5,70.5 | 
Verzins, der Domaniaiscluild 49,471 373,800 
Pensionen, Stiftungen . 74,107 ( 
, w bleibt Reinertrag . . 137,600 
Hievon erhalt der Herzog vornweg 100,000; dann die Staatscasse 34,079: 
der Rest von 3owl wird zwischen beiden getheilt. 
Der Lanãescossen-Iíitat ward nun so modificirt: 
^directe AuHagen . loljogo sSwIs^T ! fSlcÄ 
Directe Steuern . ' 148,151 Militär . 66,201 
Am 1. Juli 1853 betrug die Gesammtschuld (ncmlich einschliess 
lich der Domänen schuld) 3T46,512 Thlr., wovon 400,000 in Panier- 
geld bestehend. Die .später davon ausgescliiedenc Domänenschuld 
war Ende 1854 924,972 Thlr. Man brachte auch ein Activvermögen 
von 1 215,460 Thlr. in Gegenrechnung. 
B. CoW^. In dem Etat für 18^/57 sind Einnahmen und Ausgaben 
^ 369,143 Gulden angenommen. Bei den Einnahmen erscheinen: 
Hälfte der Domanialüberschüsse 26,249 fl., und Beitrag zur Verwal 
tung aus den Domanialeinkünften 12,459. — Unter den Ausga 
ben: 66,910 für Schuldenverzinsung und Tilgung. 
Nach dem, Mitte 1855 veröffentlichten, Grundetat der Domanial- 
verwaltun^ beträgt deren Einnahme 164,540 fl. (wovon 79,900 aus 
lorsten^ Die Ausgaben stellen sich auf 104,540, so dass ein Ueberschuss 
von 60,000 fl., zu theilen zwischen dem Herzoge und der Landescasse 
Der Betrag der Coburger Schuld ward 1851 auf 1’885 884 fl 
berechnet, wovon 350,000 in Papiergeld. — Coburg war schon im 
vorigen Jahrhunderte tief verschuldet, so dass 1773 eine kaiserliche 
Commission ernannt ward, indem die Schuldenlast auf UO75,068 Rthlr. 
angewachsen war. Trotz der commissarischen Verwaltung betrug die 
Schuldenmasse 1799 noch 1’261,000 Gulden. 
DieJfb6^7rWm?z^. Nachdem der Go th ai sc he Landtag für 
Regierung geforderten 100,000) blos 
,000 Thlr. bewilligt hatte, genehmigte der gemeinschaftliche Land 
tag (15. Febr. 1855) einen Credit von 100,000 Thlr., wovon aber 74,000 
erst ei wirklich eintretender Mobilisirung verwendbar sein sollten. 
Militär* Conscription; Stellvertretung; 6 Jahre Dienstzeit, wo- 
Reserve. Das Contingent beider Herzogthümor ist im 
Bundesbeschlusse v. 10. März 1853 zu 1240 M. Linie und 620 Re 
serve festgesetzt.
        <pb n="217" />
        DEUTSCHLAND — Sachsen-Meiningen-HiWburghatisen. 201 
Eimer zu 80 Maass; die Maass 0,97 Liter. 
ßgg in 34,913 Familien 
19. Sachsen-Melninsçeii-Hildburghausen 
(Herzogtlium). 
40 Q.-M. Bevölkerung Ende 1855: 165,530 (834 wem g er 
ais vor 3 Jahren). 
1834 146,324 Einw. 1849 163,100 männlieli 80 
:5»o jw... 
Nach Erlöschen der Gothaer Linie beanspruchte der Herzog von 
Meiningen, als Aeltester der Nebenlinie, die alleinige Erbfolge in Go la. 
Vergebens. Doch erhielt er durch den Vertrag von Hildburghausen 
vom 12. Nov. 1826 fast das ganze Herzogthiim Hildburghausen (1810: 
29,706, Einw. auf 12 Q.-M.); ferner von Coburg: das Furstenthum 
Saalfeld; von Gotha: dessen Antheil an Kömhild und das Amt ivra- 
nichfeld; von Altenburg: Camburg und Neusulza, Theile von Eisen- 
berg, Vierzchnheiligen etc. Die Gegenabtretungen waren gering. Mer- 
ningen gewann 25 Q.-M. und 71,181 Einw. 
Meiningen, 6500 Einw. — vom 23. Aug. 1829. 
Finanzen. Das Budget für 1856 —1859 schhesst ab mit 
1’644 202 fl. Einnahme, nämlich: Domänen 734,084, und „Landes 
revenuen" 910,117. Die letzten sind so aufgeführt: 
Directe steuern . . 6.261,000 Indireete Abgaben . "'599,2^^ 
Ste^e^quivalent der Do- _ zlilige Einnahmen . - 16,842 
Ausgaben 1’619,929 (gegen das vorige Budget um 198,016 6,, 
also um beinahe 14 Bros, erhöht). - Aus den Domänen erhalt vor 
Allem der Hof 225,000 fl. Was darnach und nach Deckung de 
Verwaltungsausgaben noch verbleibt (im Budget gesc ätzt zu ' ' 
fl.), wird zwischen dem Herzoge und der Landeskasse ge ■ 
das Militär sind 123,281 fl. bestimmt (im vorigen Budget blos 89,21 ), 
für das Finanzministerium 798,784 (wovon die Schuld et^ 280,000 
kostet). Die Erhöhung der directen Steuern betragt 13,430 ü. 
Zusammen 4’176,055 fl. 
in do“. 
wmMSãem-‘
        <pb n="218" />
        202 
DEUTSCHLAND — Sachsen-Altenlburg — Keuss-Greîz. 
20. Sachseii-Alteiibiirg (Hcrzog^thiim). 
Kreise Q.-M. ^1852^' 1834 117,921 Eîuw. 
Altenburgisclier . H'/a 85,704 1843 125,342 
Saalfeld-Eisenberg’scher 12% 47,145 1849 131,629 
24 132,849 
Die Einwohner sind Protestanten, ausgenommen etwa 800 Katholiken und 
1400 Juden. 
Nationalität. i)ie Einwohner sind meistens Nachkommen von 
Wenden (Slaven); wendische Tracht und Sitten haben sich erhalten, 
die wendische Sprache dagegen war schon im IG. Jahrhunderte durch 
die deutsche verdrängt. 
Altenburg bildete bis zur Theilung von 182G einen Bcstandtheil 
des Herzogthums Gotha. Damals ward es in seinem jetzigen Bestände 
dem Herzoge von Hildburghausen überlassen, der sein kleines Stanun- 
land an Meiningen abtrat. — StadtAltenburg, mit IG,184 Einw. 
— Grundgesetz vom 29. April 1831. 
Finanzen. Dreijährige Finanzperioden. Der Etat für 185G—58 
schliesst Einnahmen und Ausgaben mit der Summe von 738,000 Thlr. 
ab. Unter den Einnahmen erscheinen die Forsten mit 142,500 und 
der Zoll mit 179,040 Thlr. (1852 Einahme G54,816, Ausgabe G84,820). 
— Ende 1855 war der Schuldenstand : 
Schuld der Staatscasso . U224,511 I .... 
- Domänen . 155,0621 ^ 3W,073 
Unverzinsliches Papiergeld . . 500,000 
Zusammen gegen 1’880,000 
Seitdem ward eine weitere Emission von 120,000 Thl, Papiergeld beschlossen. 
Militär. Ein Linienbataillon. 
Sociales. Die Altenburger Bauern gelten für sehr wohlhabend; 
ihr Boden ist trefflich und gut gebaut. In der Regel erbt der jüngste 
Sohn das ganze G ut ; sind nur Töchter vorhanden, so erhält die 
älteste das Besitzthum. Bei den llcirathen herrscht die hässlichste 
Geldaristokratie: ein „vierspänniger Bauer“ gibt seine Tochter nicht 
leicht einem „zweispännigen,“ noch weniger dieser die seinige einem 
Kühbauern oder Häusler. Selten wird ein Gut gctheilt. Die über- 
vortheilten Kinder kommen häufig in die schlimmste Lage. Dabei ist 
die Sittlichkeit, grossentheils in Folge dieser Verhältnisse, tief unter 
graben. 
Maass cß Gewicht höchst verschieden, meist so wie im angrenzenden Lande. 
2J. lleil.SS-Grciz (Fürslenth.) = Ueiiss ältere Linie. 
Auf dem Gebiete von G'/g Q.-Meil. lebten : 
1815 22,255 Einw. 1849 36,274 
1834 30,041 - 1855 34,896 = Verminderung 1378 
1843 33,803 - 
Die Abnahme von 1,27 Proz. jährl. ist die stärkste in Deutschland vorgekommene. 
Stadt: Greiz, 7000 Einw.
        <pb n="219" />
        DEUTSCHLAND — Reuss-Schleiz. Lippe. Schauníburg. 
203 
Von 1841—47 betrngon durchschnittlicli die 
- t=r 
„es sazL: : sf: r:Za: u.. 
lluth. = 25,21 Aren. Gewicht das Leipziger. 
22. jieuss-Sclileiz-IiOliensteiii-Eibersílorf 
(Fürsteiitli.) Ileuss jüngere Linie. 
Auf 21 (nach Eugelluu-dt nur lö Ve) Q M. lebten 1852: 79,824 
Menßclien : 
Fiirstenlh. Gera . • 
Lobenstein-Ebersdorf 22,372 
Schleiz . • 21,926 
Pflege Saalburg . . 3,148 
Stadt: Gera 12,000 Einwohner, 
1815 
1834 
1843 
1849 
52,205 Einw. 
72,021 - 
74,883 - 
77,963 
Verfass.-Urk. v. 30. Nov. 1849. 
uCLdt : vjtra iw^vvv AJüiw vimv . w /vAn 
Staatscinnahmo m.d Ausgabe etwa .175.000 Thlr wovon 100.000 
lïli- den Hof. — Uobor die Schulrl erfühl- man 1849 folgende Notiz. 
,""S:Ln:b 
'’“-’'Z’^.:;;&gt;rdr3 »lettischen Linien bilden mit jenen 
der iiltern Linie ein Bataill. von 5 sehr ungleichen Compagnien. 
Maasse wie in Greiz. 
23. lilppe-Detmold (Fürstentlium). 
Areal 20Yg Q.-Meil. Bevölkerung (1852) 106,615. Früher: 
1834 97,720 Einw. Verfass.-Ges. v. 6. Jiüi 1836. 
I:: : '%t::i%tTdcrF=ian.'- 
Nach dem Etat für 18^/53 waren die Gesammtemkünfte (7 ver- 
schiedene Cassen) 424,000 Thlr. Die ^^omMeneinkünl^ sn^ noch 
immer von der Landescasse getrennt. - Die Schuld war 
Thlr., wovon 200,000 Kammer-, 90,000 Landes-, und 28,000 Weg- 
bniischuld^^^ 1 Infantcrie-Bataill. — Conscription ; 4jährige Dienstzeit. 
sisfäsafS'E'gK 
üxhoft hat 1% Ohm oder 162 Kannen. 
24. Scliauinlnirs:-l.ipi»e (lUirstcniluim). 
Auf etwa 8 Q.-M. gegen 29.000 Einw (Es fehlen genaue Aii- 
gahen.) Eine Verlassungsui-kunde ward selbst 1848 hier nicht zu
        <pb n="220" />
        204 
DEUTSCHLAND — Waldeck — Anhalt-Deseau-Cötlien. 
Stande gebracht. — Die Einkünfte schätzt man auf etwa 230,000 Thlr, 
Auf den Domänen lasten 2’680,000 Thlr. Schulden. — Beim Militär 
4% Jahre Dienstzeit, dann 1 .Jahr Reserve. Conscription. Das Con 
tingent ist zur Verstärkung der Luxemb. Besatzung bestimmt. 
100 Fuss (à 12 Zoll) = 92,43 preuse, oder 29,01 Met. Das Malter zu 6 
Himten; der Himten 32,97 Lit. oder 0,6 preuss. Scheffel. Das Oxhoft zu 6 Anker 
a 28 Maass; die Maass 1,22 Lit. oder 1,07 preuss. Quart. 
25. Waldeck (Fürstentlmm). 
rftrstentliumer Qu.-M. Bevölk. 1852 j843 58,753 Einw 
Waldeck . 20 53,074 1849 58,219 - 
Pyrmont . 0/4 ^6,623 58,000 Protestanten (unirt), 800 Ka- 
21% 59^697" tholiken, 800 Juden. 
Das „Landesverfassungs-Gesetz“ datirt vom 19. April 1819, das 
„Staatsgrundgesetz“ vom 23. Mai 1849; das letzte ward hinweg- 
octroyirt. 
Etat für 1850 u. 51 Budgetentwurl für 1854-56 
Bedarf 337,690 Thlr. 373,653 
Einnahme 318,368 - 363,797 
Deficit 19,322 9,856 
Schulden. Ende 1847 l’447,f)fK) (wovon 930,000 Kammer- und 
517,000 Landesschulden), am 1. Jan. 1854 1'520,000. 
Truppen. 3 Compagnien. (Vor der Zeit der franz. Revolution 
hielt der damalige Fürst 5 Comp, „der schönsten Leute.“ Zur Zeit 
des amerik. Krieges hatte er 1225 M. verkauft, von denen 720 nicht 
wiederkehrten.) 
Gewerhswesen. Nach Verordnung vom 18. Nov. 1844 
alle Handwerker ohne Ausnahme volle 3 Jahre wandern. 
Zu Pyrmont wird eine Spielbank unterhalten. 
. . 100 Fuss == 93,15 preuss. od. 29,24 Met. Das Getreidemaass ist 
in jedem Amte verschieden. Die Ohm, zu 100 Maass == 142,82 Lit. Das schwere 
Pfund = 476,35, das leichte 467,41 Gramm. 
müssen 
26. Anlialt-Dessail-Cötheil (Herzo^thümer). 
Herzogthilmer Q -M. 
Dessau 16% 
Cöthen 14'/; 
Ti 
Bevölk. 1852 
68,082 
43,677 
111,759 
1834 97,900 Einw. 
1843 104,797 - 
1849 104,088 - 
Die mittelbaren Besitzungen des Herzogs von Dessau betragen 
etwa 9 Q.-M. mit 12,000 Menschen, jene von Cöthen im südlichen 
Russland (Krim) ungefähr 10 Q.-M. 
Die Einwohner sind Protestanten, ausser etwa 1200 Katholiken 
und 1100 .Juden. In Cöthen zählte man: 19,198 Reformirte, 17^61 
Lutheraner, 5563 sonstige Protestanten, 555 Katholiken, 461 Juden 
und 39 Sectiror. 
Städte, Dessau 13,861 Einw., Cöthen 6300, Zerbst 9400.
        <pb n="221" />
        DEUTSCHTAND — Anhalt-Bernbur^. 
205 
Anhalt ward 1603 getheilt. Nach Aussterben der Zerbst’schen Li 
nie 1793, theilten sich die 3 andern in deren Gebiet, nur erhielt die 
ruMische iCaiseiin ICatharine II., als Zerbs^sche Ihdnci^s die ilen- 
schaA Jever an der Nordsee. Die Göthener Linie erlosch 1849. Nach- 
dem die Verfassungsurkunde Dessau’s vom 29. Oct. ^ 
gang beider Herzogthümer zu einem Staate. 
Die Finanzetats für IB^'Aa ergaben: 
in Dessau 596,000 Tlilr. 
- Göthen 449,888 
Darunter in Göthen : 60,000 ïhlr. aus Domänenverkäufen und 15,000 
Reinerlrag der ïanrisclien Besitzungen. Die Mediatbesiteungen des 
Herzogs von Dessau, namentlich in Preussiseh-Saohsen und m Ost- 
prcussen, ertragen 3-400,000 Thlr. Eigentliche directe Steuern gibt 
es in Dessau nicht. — ld^V52 waren etatiit: 
ln Dessau in Göthen 
für den Hof 120,000 30,283 
das Militär 55,400 39,947 
die Schuld 31,200 155,000 
Die Schulden wurden pro 1. Juli 1853 zu 5’119,731 Thlr. be 
rechnet, wovon 800,000 Papiergeld. Eine frühere Zusammenstellung 
Zusammen 
150,283 
95,347 
186,200 
ergibt : 
Verzinsliche Schuld 
Cassascheine 
Dessauer Landesbank-Noten 
Dessau 
500,000 
rooo,ooo 
2’487,000 
Göthen 
2’370,000 
540,000 
Zusammen 
2’870,000 
1’540,000 
2’487,000 
ToW""8^,000 2'910,000 6'897,000 
von Göthen auf mehr als eine Million angeschlagen wurden, vermehrte 
er doch die Schulden auf 4-5 Mill. Schon vor seinein lode mus^e 
er Schulden halber das Fürstenthum Pless verkaufen. Die jetzt noch 
BO enorme Schuldenmasse ist gegen damals ansehnlich vernngeit. 
Zu Göthen wird noch eine Spielbank unterhalten, , ,, . 
984 M. au» Amerika zurück; es fehlten aleo lib. 
Mm,ie die preuseMieu, doch sind 100 Göthener Ellen = 95,86 preu«». 
und 100 Cöthener Scheffel = 96,26 preuBS. 
27. Anhalt-BCPIlburg (Herzoglhum). 
15»/ OM 1852 mit 52,641 Einw.; Protestanten, ausgenommen 
etwa 600 Kath.'’und 300 Juden. Stadt Berubnrg mit 6500 Einw. - 
Verfassungsgeeetz vom 28. Februar 1850.
        <pb n="222" />
        206 DEUTSCHLAND — Schwarzburg-Sondersli. Rudolstadt. Homburg. 
Der Finanzetat für 1854 .schloss ab mit 752,264 Thlr. Einnahme 
lind 736,386 Ausg. Die Schulden wurden pro 1. Oct. 1854 auf 
1’9.34,814 Thlr. berechnet, wovon 500,000 Papiergeld. Das Activ- 
vermögen ward zu 467,335 Thlr. angegeben. Ausser dem Staats- 
papiergclde coursiren für 200,000 Thlr. Scheine der Cöthen-Bernburg’- 
schen Eisenbahngesellschaft. {Maasse wie in Preussen.) 
28. Schwarzburg-Sondershauseii (Kürstcntlium). 
I5V2 Q.-M., 1849 mit 60,847 Mcnsclien. — Stadt Sondcrsimii* 
sen mit 5000 Einw. — Verfassungs-Gesetz v. 20. Dez. 1849. 
Der Etat für 185b—59 entziffert: 534,447 Thlr. Einnahme und 
527,516 Ausgabe. Die Schuld scheint in stetem Wachsen: 
1851, 1, Mai 1853, 1. Jan. 1854, 1. Jan. 
Kammerschuld 8.38,713 841,496 
Landesschuld 382,743 432,838 
Zus. 1'221^66 " 1’274,3.34 1’310,50() 
Getreidemaass : der alte Nordhäuscr Scheffel = 13,38 preuss. Metz, oder 
45,63 Lit. ; in Arnstailt (der s. g. „Oberherrschaft“) das Maass von 2,6 preuss. 
Scheffel oder 143 Lit. 
29. Schwarzliurg Hiidalstadt (Füistcntlmm). 
Auf I7V2 Q.-M. lebten 1849 69,648, 1852 nur noch 69,038 
Menschen. — Stadt Rudolstadt mit 5500 Einw. — Die Verfassung, 
vom 21. April 1821, erlitt 1848 Abänderungen. 
Das letzte Budget schloss ab mit der Summe von 720,698 fl. 
Einnahme und Ausgabe. Im Staatsgrundgesetze sind die Domänen 
als Eigenthum der fürstlichen Familie erklärt; ihr Ertrag ist über 
400,000 fl. (1847 war die Einnahme der Kammercasse zu 398,253, 
jene der Landescasse nur zu 245,640 fl. veranschlagt.) (Jober den 
Betrag der Schulden liegen verschiedene Schätzungen vor, welche 
von 1'250,000 bis 1'848,000 fl. variiren ; darunter für 200,000 fl. 
Papiergeld. ’ 
Dienstzeit der Conscribirten 6 Jahre, einschliesslich Reserve. 
Münze: in der obem Herrschaft (Rudolstadt) der Gulden, in der untern 
(Frankenhausen) der Thaler. — Fruchimaasa: der Scheffel = 3% Sch. preuss 
oder 178,75 Lit, 
30. Hessen-Homtmrg; (Landgrai'schaft). 
Q.-M. Bev. 1852 
Amt Homburg . 1% 11,166 
Oberamt Meisenheim 3% 13,755 
Zus. 
Stadt: Homburg vor der Höhe, 
mit 4600 Einw. 
Verfassung v. 3. Jan. 1850, 
5 24,921 
Hessen-Homburg war zur Rheinbundszeit (1806—15) von Hessen- 
Darmstadt mediatisirt. Der Wiener Congress erklärte den Landgrafen 
souverän, und vergrösserte sein Gebiet durch Meisenheim (auf dem
        <pb n="223" />
        \ 
DEUTSCHLAND — Liechtenstein — Hamburg. 
207 
linken Rhoinufer). Seine Mediatbesitzmigcn in I’reussen umfassen 20 
Ortschaften mit 6900 hhiiw. 
a*»; 
^’“Miniar. Conscni.tion. Stellvertretung, Uiensbeit G Jat.ve, wo- 
irisíí '55--= £ 
Hectoliter ist. 
31. Liechtenstein (Fürstentlmm). 
SOS schuldet, schuldet es seinem Fürsten. 
Maawß etc. wie im benachbarten Vorarlberg. 
Confessionen 
Lutheraner 197,000 
Ileformirte 2,000 
Katholiken 2,000 
Mennoniten 200 
Juden 7,000 
32. Hamburg (Freie Stadt). 
Areal 6% Q. M. Bevölkerung im Dez. 1855: 208,198. früher. 
Jahre Stadt u. Vorstädte Landgebiet rnnfAssionen 
1811 106,983 30,136 
1834 130,385 27,706 
1852 161,390 39,300 
1855 162,923 45,27o 
»
        <pb n="224" />
        208 
DEUTSCHT^AND — Hamburg. 
cassen-Staatsanlehenfür welches 1854 1’871,000 M. angesetzt 
waren), Militär 662,000 (ungerechnet 50—60,000 M. Militärpensionen), 
Senat 290,000, Beitrag zum gemeinsamen Oberappellationsgerichte 23,000. 
Der Betrag der ordentlichen Einnahmen — ohne Anlehen etc. — 
war netto folgender: 
1830 4’364,000 1847 6’117,800 
1840 5’112,000 1853 6723,404 (Bedarf nur 6'327,596.) 
Schiddenstand am 1. Januar 1854; 
Aeltere Schuld Mark Cour. 26704,872 
Feuer-Cassen-Staatsanlehen von 1842 „ „ 31'080,000 
Staatßprämien-Anlehen ... „ „ 8'685,000 
Zus. 65’878,872 
Der Capitalbetrag der Schuld war 1814 33^^ Mill. Mrk. Banco 
= 41’875,000 M. Cour., oder, mit Dazurechnung der Zinsrückstände 
und der capitalisirten Renten, 48’425,000 M. C. — 1838 war der 
Betrag 30’769,000 M. C. — Das Nominalcapital der „Feuercassen- 
staatsanlehen“ beträgt 34’400,000 M. Bc., wofür (bei einer Emission 
à 93, 98V2, 99, 97, 100 und 86 Broz.) in Wirklichkeit 32 515,940 
M. Bc. erlöst wurden. Die 3proz. „Staatsprämienanleihe“ von 1846, 
zusammen 9’600,000 M. Bc., ward 1848 zu einer Art Zwangsanleihe 
gemacht. Uebrigens berechnete man die Gesamintschuld : Ende 1847 
zu 65’256,087, Ende 1850 zu 67’855,&amp;07 M. B. — Der jährliche 
Bedarf für die Schuld war : 
1841 l’26ß,000 1847 1’631,957 1850 1’493,000 
1845 1'327,400 1849 1'533,960 1854 1’6G8,900 
Dabei darf die unglückliche Einwirkung des Brandes von 1842 
nicht^unbeachtet bleiben. Die daher rührende Schuld würde in einem 
grossen Reiche nicht als Staats-, sondern blos als Communalsache 
verrechnet. 
Oeschichtliche Notizen. Die Kosten der franz. Occupation vom 
19. Nov, 1806 bis 31. Oct. 1807 betrugen erweislich 44’381,311 Fr. 
Die Beschlagnahme englischer Waaren wurde 1807 durch Zahlung 
von 16 Mill. Frk. abgewendet. Hamburg litt besonders 1813 unter 
dem Drucke durch den franz. Marschall Davoust. Der später gesendete 
franz. Commissar Monnai musste einen Schaden von 71'964,450 Frk. 
anerkennen, wobei 1207 zerstörte Häuser mit 35701,100 Frk. ange 
setzt, Vieles aber übergangen war. Davoust hatte aus der Bank 
7’506,956 Mrk. genommen, wofür Frankreich im Jahr 1816 V2 Mill. 
Frk. Renten (ein Capital von 10 Mill. Frk. repräsentirend) vergütete. 
Der Gesammtschaden Hamburgs durch die franz. Herrschaft wird zu 
89 Mill. Thlr. berechnet. — Der Schaden, welchen der grosse Brand 
vom 5. bis 8. Mai 1842 verursachte, ist zu 90 Mill. Thlr. veran 
schlagt. Es wurden 4219 Gebäude in 75 Strassen eingeäschert. 
MlliÜlr» Werbung, nöthigenfalls Aushebung nach dem Loosè. 
Dienstzeit 6, Jahre, vom 20. Altersjahre an. Die Truppen bestanden 
bis zur neuesten Zeit aus 1 Bataill. Linieninfanterie, 1 Comp. Jäger 
und 1 Escadron Dragoner, zusammen 1205 M. In Folge der Bundes 
beschlüsse musste man 2 Bataill. und 2 Escadronen bilden, zusammen
        <pb n="225" />
        14 
DEUTSCHLAND ~ Hamburg. 
209 
nicht weniger als 2163 M. stark. — Das Bürg errnilitär, etwa 
10,000 M., begreift 2 Comp. Fussartillerie, 9 Bat. Infanterie, 1 Bat. 
.Jäger und 1 Esccadr. Cavallerie. 
Ilailtloi.svcrillilllli.sse« Die drei Hansestädte kämpfen stets 
für das l’rincip der If au d e 1 s fre i heit. Im grollen Widerspruche 
damit, halten sie aber in ihren Mauern das Zunftwesen aufrecht. 
Dies gilt namentlich von Hamburg. Ausser den zünftigen, gibt es 
auch s. g. Realgewerbe (wozu Goldschmiede und Barbiere gehören), 
und überdies radicirte Gewerbe (der Bäcker, Metzger etc.) Nach 
dem Gesetze v. 12. Febr. 1835 haben 38 Handwerke Zunftrecht, 14 
andere bleiben bis zu weitern Beschlüssen in ihren zunftähnlichen 
Corporationen. Neue Erfindungen, fabrikmässiger Betrieb, und solche 
Productionen, welche wissenschaftliche oder höhere Kunstfertigkeit er 
fordern, unterliegen nicht dem Zunftzwange, bedürfen aber obrigkeit 
licher Erlaubnis,s. Das blühende Schiffsbau hand werk gehört (be 
zeichnend genug!) zu den freien Gewerben. — Aber nicht durch 
sein (eingeengtes) Gewerbswesen, sondern durch seine auf freien 
Principien beruhende Schifffahrt und Handel hat Hamburg seine 
Bedeutung erlangt. Der Verkehr betrug im Jahre 1855; 
Centner Werth M. Beo. Davon: seewärts aus u. nach Deutschi. *) 
Einfuhr .'12775,482 528 658,190 299744,440 229713,759 M.B. 
Ausfuhr 20’26G,85.3 507’221,6()0 199'.338,460 307'883,140 - 
In den Vorjahren war das Hauptergebniss in M. Beo.: 
1852 1853 1854 
Einfuhr .S92'028,820 448 879,530 5.80'668,0.80 i hiev.Verkehr Í 245'018,9.30 - 
Ausfuhr 872795,450 42P673,490 493’029,840 i m. Deutschl. | 258'651,3.30 - 
Von der „Ausfuhr zur See“ gingen 
nach Australien 
Africa 
Südamerika 
Westindien 
Nordamerika 
Grosshritanien 
A sien 
Nordeuropa 
Südeuropa 
1855 
für 27.38,840 
508,160 
- 24:254,740 
- 6’547,890 
- 1U874,800 
- 57'049,620 
- 37.32,150 
- 277.37,530 
- 7’648,020 
im Vorjahre (1854) 
5’624,710 
729,590 
27’545,470 
7’679,340 
18’982,970 
82’323,910 
3721,790 
25’812,680 
7’071,790 
Gegen das Jahr 1854 brachte also 1855 vielfach eine bedeu 
tende Verminderung, die indessen voraussichtlich nur vorübergehend 
sein wird. Im .labro 1778 war es, dass das erste unmittelbar aus 
Amerika gekommene Schiff in Hamburg eiulief. Welche Entwick 
lung seitdem! Wahrhaft colossal ist der Verkehr mit Grosshritanien. 
Die J]andelsmarine. Im Jahre 1840 besase Hamburg erst 193 
Schiffe von 15,875 Commerzlasten ; 1843 207 Fahrzeuge v. 17,220 L. 
— 1853 dagegen war der Bestand: 408 Seeschiffe von 42,565 Com- 
merzlastcn; darunter 6 Seedampfer — 1854 erlangte die Hamburger 
*) Eigentlich „land- und flusswUrts;“ der Seeverkehr mit deutschen Häfen 
ist nicht eingerechnet.
        <pb n="226" />
        T r 
Ei ) 
«K 
Bremen. 
DEUTSCHLÂÎÎl) 
210 
Marine ihre grösste Ausdehnung: 456 Schiffe mit 53,565 CL. *) 
(Der grösste Rheder, Godefroy, hesass 3&lt;t Segelschiffe und 1 Dampfer). 
— 1855 trat eine kleine Verminderung ein: 448 Schiffe mit 53,221 
Commerzlasten. E i n g e 1 a u f e n waren : 
Schiffe Com.-Lasten BemannunR 
1853 4.178 247,831 34,140 
1854 489G 301,308 40,094 
1855 4593 .309,002 40,102 
Staut Bremen 
Ijandgebict 
Stadt Vegesa( 
Bremerliavcn 
Bemannung 
34,149 
40,094 
40,102 
Mimze, Maasse. I Mark Banko ‘/z ^lilr. jirensB. Dagegen ; 1 Marli. 
Courant = V, Thlr. — Die Mark abgetheilt in 10 Schillinge zu 12 Flenn. — 
100 hamb. Fiiss (zu 12 Zoll à 8 Linien) = 91,3 preuss. Fuss oder 28,00 Met. 
— Oetreidemaass; die Last, zu 00 Fass; 100 Fass — 95,95 preuss. Scheffel od. 
52,73 Ilectol. — Das Fuder, zu 6 Ohm ; 100 Ohm = 032,45 preuss. Quart 
oder 144,8 lleot. (Das Stübchen = 3,02 Lit.) — Das MiiffHpfxnd im Wanren- 
handel hat 20 Inespfund zn 14 gewöhnlichen Pfunden; das miiffspfnud zur 
Fuhre dagegen 20 Liespfund à 16 gewöbnlicbe Pfund, also 320 Pfund. Das 
Kreimerpfund ist gleicli dem alten preuss. Pfd. — Die ,.Commerzlast“ = 00 Ctr. 
oder 3 Tonnen. 
33. Kremen (Freie Siadt). 
Arenal 3'/g (nach Andern über dVa) Q-M. Die Bevölkerung 
wird dermalen auf etwa 88,000 gc.scliätzt. 
1849 
53,478 Einw. 
18,413 - 
^51^ - 
3,018 - 
Frühere Volkszahl 
1823 55,989 
(834 01,070 
1842 72.820 
Confesslonen 
Die Einwohner sind Pro 
testanten, bis auf etwa 1500 
Kallioliken und 50 .luden. 
Zus. 79,047 
Nachdem Bremen im Jahre 1803 eine Gcbietsvcrgrö.sserung er 
langt, ward es 1810 durch Na])oleon erst dem Königreich Westfalen, 
dann Frankreich unmittelbar ein verleibt, als Jlauptort des Weserde- 
partemeuts. — 1813 Wiedererstehen des Freistaats. — 1827 erkaufte 
man um 77,200 Thlr. Gold von Hannover ein Gebiet von 357 lian- 
növer. Morgen, worauf Bremerhaven angelegt ward. 
Finanzen* Das Budget für 1856 ergibt: 
Einnahme Ausgabe 
Ordentliche . 1’066,651 r044,592 Tbl. Sonach mutbmassl. 
Ausserordentliche 132,274 216,791 Deficit; 02,458 Th. 
Zus. “'lT98,925 ‘ F261,383 
Die Einnahmen sind ans Vorsicht stets zu niedrig, die Ausgaben 
zn hoch angesetzt. So ergab die Reclinnng von 1850 gegen das 
Budget: 
Me hr-Einnahmen . 141,443 I Differenz 
Weniger- Ausgaben 75,872 | 217,315 
Auch das Budget für 1855 hatte ein Deficit von 88,038 Thlr. 
in Aussicht gestellt; der wirkliche Rechnnngsahschluss zeigte aber 
*) Da diese Zahl „Commerzlasten“ beinahe 80,000 gewöhnliclien Sclilffs- 
lasten gleich ist, so löst sich damit unser S. 140 ausgesprochener Zweifel über 
die angebliche Uoberlegonheit der Bremischen gegenüber der Hamburger Marine.
        <pb n="227" />
        DEIITSCHLÂTSD — Bremen. 
211 
statt dessen einen Ueberscluiss von 48,240 Tlilr. (Die Zölle ertragen 
gegen 200,000, eine Lotterie etwa 5000 Thlr.) 
Ä:/mZd Im Jahre 18U betrug dieselbe 3’C41,815 Thlr. Die 
Ihast war inn so grösser, als das mit dem Vermögensschoss besteuerte 
Capital Im ersten Decennium dieses Jahrhunderts nur zwischen 24 
30 Mill, betrug. Die franz, üceupation schlug dem Wohlstände solche 
Wunden, dass das Vermögen von 1813—20 nnr alhnählig von 17 
auf 20 Mill, stieg, und erst 1826 die frühere Höhe wieder en eichte. 
— Der Schoss von 1854 dagegen vertrat ein Capital von mehr 
als 80 Mill. 
1828 waren von der alten Schuld noch 2’610,000 Uldr. vorhan 
den. Aber schon 1827 hatte man.mit neuen Anlehen zu producti 
ven Zwecken begonnen. Das „Bremerhaven-Anlehen« von 602,000 
Thlr. eröffiiete 1827—31 den Reigen. Dann: 1845 Eisenbabnanlehen 
von 2737,000; 1847 neues Br ein erb aven an 1 eh on von 1 Million. Im 
Ganzen wurden von 1824 
neu aufgenommen 
getilgt 
-55 
ß'323,000 
2’199.000 
Mehrung 3’8‘24,000 
Best (1er alten Schuld 3’000,000 
Jetzige Schuld . C’800,000 
Mililclr* Ls ist Conscription eingeführt 
Nach genauerer Berechnung : 
Schuld 1856 . G’791,700Thl. 
.lährl. Aufwand dafür 382,891 - 
Davon für Tilgung 1.32,329 - 
Die Truppen bilden 
mit denen von Lübeck 1 Bataifl. und 1 Escadron. — Bürgerwehr: 
1 Regiment von 3 Bataill, ^ _ 
Haildclsverhaunis.sc. Auch in dem durch Handelsfreiheit 
emporgokommonen IBromen wird, luRor VeBäugjmng des vñeht^^M^n 
Fundamentalprincips, der Zunftzwang aufrecht erhalten. Selbst die 
grossen Fabriken dürfen nur einigß Artikel verfertigen, wegen deren 
Abgrenzung sie in stete Prozesse mit den „Aemtern“ (Innungen) ver 
wickelt sind. Die blühend gewordene Cigarrenfabrikation ist unsers 
Wissens durch keinen Zunftzwang eingeengt. 
Der Handelsverlcehr betrug In Ld’or Rthlr. : 
Einfuhr Ausfuhr Angekommene Schiffe : 
24'500,000 24781,050 Schiffe Lasten Bemannung 
23’4G7,260 1853 2729 189,053 15,684 
1852 2965 204,817 17,172 
Bremische 11 h e d e r e i : 
Seewärts 
Landwärts 26714,990 
Zus. 1855 
1854 
1853 
1852 
51714,990 
53'686,612 
48706,229 
40’401,804 
48748,810 
47735.449 
44762.449 
37798,139 
1853 
1854 
Schiffe 
241 
251 
Lasten 
57,873 
63,682 
Die Gcsammtzabl der die Weser und die benachbarte Seekiiste 
befabrenden Schiffe ward Januar 1855 zn 427 angegeben, mit 84,073 
[)io Zahl der von Bremen abgegangenen Auswanderer, 1853 
58111 stieg 1854 anf 75,424, welche in 361 Sebiffen expedirt 
wurden! (Seitdem bekanntlich bedeutende Verminderung.) 
Mibize Maasse. Bremen rechnet nach Reichsthalem zu 72 Groten, in 
Pistolen zu’h Thl. (5 Thl. Gold = 5'/, Thl. Courant). Der Puss zu 12 Zoll; 
51 Bremische = 47 preuss. oder rhein. Fuss; 100 Brem. Ellen == 86,72 prensa. 
__ 100 Brem. Scheffel = 129,41 preuss. — Das Stübchen == 2,7718 preuss. 
Quart. — Der Centner hat 116 Pfd. — 100 Bremer Pfd. = 106,7 alte preuss.
        <pb n="228" />
        # 
212 
DEUTSCHLAND — Lübeck. 
34. Lübeck (Freie Stadt). 
Areal nahe an 6 Q.-M. Die Bevölkerungsangaben sind ungenau 
lind nicht übereinstimmend. Während eine von 1852 die Ziffer 
48,425 bringt, lautet eine andere vom 1. September 1851: 
in der Stadt 
I.andgebiet 
Bergedorfi^;;^' 
Frühere Volkszahl 
26,098 1815 44,600 
16,587 1834 44,400 
2,577 1843 46,845 
8,904 1845 47,162 
"54,166 
Gonfessionen 
53,000 Lutheraner, 
400 Iteforniirte, 
200 Katholiken, 
500 Juden. 
Nachdem der Reichsdeput.-Schluss von 1803 das Gebiet ver- 
grössert hatte, vereinigte Napoleon dasselbe unterm 31. Dec. 1810 
mit Frankreich (dem Departement der Elbemündung). 1813 W ieder- 
her,Stellung der Selbständigkeit. 
Fiiiiinzcii» Das Budget für 1856 veranschlagt Einnahme und 
Ausgabe zu 1’090,980 Mark. Dabei Erhebung einer ausserordent 
lichen halben directen und Militärsteucr; auch hier figurirt eine Lot 
terie unter den Einnahmepositionen. —"Das Budget für 1855 hatte 
ein Deficit von 1.65,000 Mrk. in Aussicht gestellt. 
Schuld. Lübeck litt besonders schwer durch die Kriegsereig 
nisse von 1806. Der entstandene Schaden ward auf 11 Mill. Frk. 
berechnet. Auch gab es in den Kriegszeiten Zwangsanlehen, Die 
fundirte alte Schuld war (in Mark) : 
1820 1830 1844 Ende 1853 
9457,900 9’374,100 5'881,041 4’200,000 
Indessen waren 1849 und 50 für Eisenbahn- und andere Bau 
ten 8 Mill. Mrk. neu aufgenommen, so dass der wirkliche Schulden 
stand 1853 etwa iSO/ß Mill. Mrk. betrug. 
IMliliülr« Conscription mit Zulassung der Stellvertretung. Dienst 
pflicht vom 22.— 25. Altersjahrc; (eigentlich 2 .Jahre activ, l’/a Re 
serve. Siehe übrigens „Bremen,“ S. 211.) Ausserdem Bürgermilitär: 
1 actives und 2 Reservebataill., und 5 Bataill. Landwehr. 
Handelsverliältnlssc. Lübeck ist von seiner im Mittelalter, 
als Haupt der Hansa, erlangten Höhe tief herabgekommen. Es ist 
dies grosseutheils Folge der umgestalteton Verhältnisse und der feind 
lichen Bestrebungen des benachbarten Dänemark. Allein auch das 
Festhalten am Veralte-ten scheint dazu mitgewirkt zu haben. So 
besteht noch die schroffste Zunftverfassung, —in einer Stadt, 
deren Emporblühen durch Geltung des Prinzips der Gewerbs- und 
der Handelsfreiheit bedingt ist. Einige Zünfte sind förmlich ge 
schlossen. (So duldet z. B. das Tischlergewerbe nicht mehr als 
20 Meister!) — indessen verdienen die grossen Anstrengungen alle 
Anerkennung, welche die Stadt, besonders für Herstellung von Eisen 
bahnen , in neuerer Zeit gemacht hat. 
Lübeck besass Ende 1853: 5 Soedampfer, 2 Flussdampfer (1 
weniger als 1852) und 58 Segelschiffe (2 weniger als 1852), zusam-
        <pb n="229" />
        DEUTSCHLAND — Frankfurt a. M. 
213 
eOjeTllto! ¿“4T20 Walmlw"' hatte betragen: 
ZU Lande 55'461,150 Pfund 
zur See 203'244,208 - 
mm# 
35. Frankfurt am Main (Freie Stadl). 
9548. 1852 zählte man: 
Confesslonen 
Protestanten 
Katholiken 
Dissidenten 
Juden 
Stadt 
47,100 
10,661 
150 
4,600 
Gebiet 
10,287 
352 
Bundesmilitär 
Oesterreicher 1717 M. 
I’rcussen 1713 - 
r.ayern 1301 
Frühere Bev. 
1838 63,936 
1843 65,831 
1849 69,354 
^ FinilllZieii. Das Budget für 1856 schliesst so ab: 
Einnahmen 1’886,300 fl. 
Ausgaben r881,750 - ^ ,
        <pb n="230" />
        214 
ITALIEN. 
gezwungene Atilelien. 1822 scheint die Hchukl auf etwa 8V2 Mill. fl. 
herabgebracht gewesen zu sein; Ende 1847 betrug die alte Schuld 
nur noch 6’718,000 fl. 1854 zerfiel die consolidirte Schuld in: 
gewöhriliclie Schuld 5’93.5,000 | ,o'7AQnoo fl 
Eisenhahnschuld 6773,000 ( 708,000 H. 
Dazu ; schwebende Schuld . 665,964 - 
Im Juni 1855 ward ein (eventuell schon unterm 80. Nov. 1848 
für Eisenbahnbauten beschlossenes) 8 Yg proz. Anlehen von 2Y2 Mill, 
im Course von 1)5 ausgeschrieben. — Der Frankfurter Bank ward 
die Ausgabe unverzinslicher Banknoten gegen die Verpflichtung er- 
theilt, dem Staate eine Million unverzinslich zu leihen. 
Maasse. 100 Fuss oder Schuh (à 12 Zoll) = 90,68 preuss. oder 28,46 
Met. oder 52 Frankfurter Ellen. Sonach 100 Frankfrtr. Ellen =r 82,06 Berliner 
oder 104,84 preuss. — 100 Malter (zu 4 Simraern) = 208,77 preuss. Scheffel 
oder 114,73 Ilectol. — Das „Fuder“ Wein zu 6, das „Stück“ zu 8 Ohm; die 
„Zulast“ ist 'A Stück. Die Ohm hat 20 Viertel oder 80 alte Aichmaass; 100 alte 
Maass r- 156,38 preuss. Quart oder 179,29 Lit. Die Jurigmaass für Schenk- 
wirthe; 9 Jungmaass = 8 Altmaass. — 100 Pfd. leicht Gewicht = 100,0433 
alte preuss. oder 93,58 Zollpfund. 100 Pfd. Schwergewicht •= 108,0468 alte 
preuss. oder 101,06938 Zollplund. 
Drittf 
Italien. 
Obwohl es, nach den Ansichten der Diplomatie, „kein Italien gibt;“ 
obwohl, ihr gemäss, Italien nichts sein soll als „blos eine geographische 
Classification“ (Ausdrücke in der bekannten Circularnote des bürsten 
Metternich vom .lahrc 1847), so wird es doch wohl kaum einer nähern 
Rechtfertigung bedürfen, wenn wir, von anderer Anschauung ausgehend, 
Italien und sein Volk auch als Ganzes betrachten, d. h. wenn wir 
wenigstens eine gedrängte statistische G csammtübersicht geben 
über dieses herrliche Land, welches die Natur so sehr als eines zu 
einem Ganzen geschaffen, und zu diesem Bchtife mit den unverrück 
barsten Grenzmarken — Meer und Alpen — als solches von andern 
Gebieten getrennt hat; und über diese nicht blos der Zahl nach an 
sehnliche, sondern auch, trotz alles weltlichen und geistlichen Druckes, 
trotz aller Entsetzlichkeit der Verhältnisse, so begabte und hervorragende 
Nation, welche nach ihren Leistungen in allen Zweigen der Künste, 
der Wissenschaften und des practischen Lebens, und nach ihren aus 
gezeichneten grossen Männern,*) den vorzüglichsten Völkern aller Zeiten 
beigezählt werden muss, und welche, wie keine andere, in nicht enden 
dem Ringen die gewaltigsten Opfer bringt, um ihre Nationalität zu rotten. 
*) Wir erwähnen nur der Namen eines Dante, Ilafael, Macliiavcll, Co 
lumbus und Galilei, und erinnern Diejenigen, welche das Italien der neueren 
Zeit als erschöpft an grossen Männern ausgeben möchten, daran, dass auch 
Napoleon ein Italiener war.
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ITALIENS. 
Italien ln der Napoleoiiißcheu Zeit (1812) 
Länder 
Königreich TtaUen 
Bestandthello 
Lombardei, Venedig, Komagna, die 
Marken, Istrien, Südtirol u. 1 heile 
von Modena 
Das Festland Unteritaliens 
Die Insel 
Deutsche 
Q.'M. 
217 
Elnw.-Zahl 
1520 
1825 
500 
440 
6500,000 
5'000,000 
1700,000 
500,000 
2000 
10 
6'000,000 
100,000 
6200 19’800,000 
„ Neapel 
„ Sicilien 
rien), Rom, Insel Corsica . 
Enqlüche Besitzung Insel Malta . ■ • • 
Zub 
Bemerkungen. 
Schwager, bis 1815. 
, 3. Unter dem alten bourbonischen Herrscher. 
^ ^ savoyischen Herrscher. 
Tin Sept. 1856 sind dem Verkehre 
Italienische Eisenbahnen. 
«"l» - 93 Mdlen in 
^ : 5': : : ^ 
~ 3 . im Kirchenstaate. 
1414 Kilomet. = 191 deutsche Meil. 
Italienische Handelsmarine. 
schiffe ’■jàÂÏf 
Venedig (etwa) 
Sardinien 
Toscana 
Röm. Staaten . 
Beide Sicilien 
800 
3,000 
900 
1,900 
32,000 
185,000 
37,500 
31,600 
12,900 (?) 250,000 
6,000 
24,600 
6,000 
9,700 
52,000 
Zue. etwa 19,000(?) 640,000 9^^^ 
ledeutnng nicht gelten können. 
Siinlinlen (Piemont) — (Kiinigicich) 
k. Festland 
B. Insel Sardinien 
Deutsche 
a.-M. 
937 
439 
Bevölkerung 
1848 
4’368,972 
547,112
        <pb n="234" />
        218 
ITALIEN — Sardinien (Land und Leute). 
Die administrative Eintheiluug ist folgende : 
A. Fcstl a n d. 
Kreise Provinzen Q.-M. 
Turin Turin, Pignerol, Susa . . . . . 106 
Vercelli Vercclli, Biella, Casale . 56 
Ivrea Ivrea, Aosta ...... 85 
Coni Coni, Mondo vi, Alba, Saluzzo . . , 128 
Alessandria Alessandria, Asti, Voglicra, Tortona, Bobbio . 72 
Novara Novara, Loiuelliiia, Ballance, Ossola, Valsesia 101 
Chambéry Chambéry, Ober-Savoyen, Maurienne, Tarentaise 119 
Annecy Annecy, Faucigny, Chablais . . . 81 
Genua Genua, Chiavari, Novi, Levante ... 58 
Savona Savona, Acqui, Albenga . . . . 18 
Nizza Nizza, Oneglia, St. Remo . . . . 76 
B. Insel Sardinien. 
Cagliari Cagliari, Iglesias, Isill, Oristano . . . 181 
Nuoro Nuoro, Cuglieri, Lanusci .... 127 
Sassari Sassari, Alghcro, Ossieri, Tempio . . . 128 
Bevolker. 
627,026 
372,925 
249,793 
600,872 
152,316 
453,958 
313,302 
270,510 
545,979 
240,101 
242,990 
276,123 
123,934 
147,015 
BevUlkerumjs Zunahme. Tin Jal ire 181(5 schätzte man die Ein 
wohnerzahl auf 'L7(50,000, wobei man (was zu hoch war) jene der 
Insel Sardinien zu 520,000 annahm. 1832 wurden gerechnet: 
Festland 3'675,000| ^7.&gt; 
Insel 498,000 ( ^ 
1838 nahm man an I’(550,40(5 Einwohner. 
Nationalitäten. Die Einwohner gehören sehr verschiedenen Stäm 
men an, lind sind nicht einmal sämmtlich Italiener. Am zahlreichsten 
erscheint der Piemontcsische Stamm, gegen 3 Mill. Menschen umfassend. 
Ganz verschieden davon sind die Bewohner der Insel Sardinien; ver 
schieden auch die Genuesen. Savoyen aber (Chambéry, Annecy, zu 
sammen mit ungefähr 580,000 Bewohnern), das Stammland des Fürsten 
hauses, hat eine nach Sprache und Herkommen französische Be 
völkerung; ebenso der grössere Theil der Grafschaft Nizza. 
Confessionen. Die Einwohner sind Katholiken, bis auf ungefähr 
25,000 Protestanten (worunter die früher hart bedrückten Waldenser) 
und 7000 Juden. 
Städte. Turin mit 172,000 Einw., Genua 130,000, Alessandria 
45,000; Nizza 30,000, Novara 21,000, Coni, Vercelli und Savona je 
20,000, Chambéry 18,000, — Cagliari 30,000, Sassari 24,000. 
Gebietsveränderungen. Bestand!heile des Staates vor der franzö 
sischen Revolution : 
Q.-M. Bevölkerung 
Insel Sardinien . . 440 420,000 
Herzogthum Savoyen . 180 300,000 
Fürstenthum Piemont . 640 2’450'000 
”1260 3070,000 
Genua war noch Freistaat; es umfasste, nachdem Verluste aller 
Levantinischen Besitzungen (Krim etc.) und nach Abtretung der Insel 
Corsica an Frankreich (1708), noch etwa 90 &lt;j.-M. mit 400,()00 Bew. 
'— In den Ilevolutionskriegen nahmen die J'banzoscn Savoyen und 
Nizza, was der König in dem Friedensvertrage vom 15. Mai 1790
        <pb n="235" />
        ITALIEN — Sardinien (Finanzen). 
219 
■ 
folgenden KfFon. ab: 
SLe =: 
9'485,681 10-429,«2» 8^,327 
fendü .Wir (18Rß) »o aufgoführt: 
.Än SS 
Eisenbahnen 
Minist, des Innern 928,117 
Unterrichts 13,000 
Müm^ . . . 
Schatz . . • 2’371,936 
Das Ijotto Ist dabei zu 6, das Enregistrement (cfiYiMi (T zu 
10 Mill, angesetzt. 
*) 1851 waren 6'318,730, 1856 3'167,226 Lire als .aussecordontl. Aus- 
aben“ bezeichnet.
        <pb n="236" />
        Eisenbahnen 10’500,000 Post , . . 3’442,000 
Unter den Ausgaben erscheint die eigentliche CivüUste mit 
4 Millionen. — Die Staatsschuld kostete im .Fahre 18,38 blos 7’80&lt;),&lt;)()(), 
1847: 9’579,000, 1862: 3372.5,000, 1854 mit den Leibrenten 
46’223,658 Lire. Da sich die Schuldeninasse alljährlicli vergrössert, 
so vermehrt sich auch der Bedarf für deren Verzinsung und (nominelle) 
Tilgung. — Die ordentliche Ausgabe für das Landheer, nämlich ohne 
Kriegskosten, beträgt längst über 33 Mill, (für 1867 sind im Budget 
33’291,7G8 Lire bestimmt), jene für die Alarme über 4 Mill. 
Keduciren wir die Hrnttosummen des Budget auf das Netto, so 
bleiben ungefähr 120 Milk Hievon verschlingen: 
die Staatsschuld (mit Leibrenten) 47'/; Mill. = über 39% Proc. 
die Land- u. Seemacht . . ST'/z - = ung. 31% 
Diese zwei Posten allein 85 Mill. — über 70 Proc. 
Allein dabei ist auf die Kosten dos orientalischen Krieges gar 
keine Rücksicht genommen. Nach dem Beispiele der franz. Finanz 
verwaltung hat man dieselben in den aufgestellten Budgets für 1855 
und 56 vollständig ausser Ansatz gelassen. Diese Kriegskosten wur 
den von dem Finanzminister, laut seiner Krklärung in der Abgeord 
netenkammer vom Nov. 1866, folgendermassen veranschlagt: Vom 
Beginne des Krieges bis zu Lude des .labres 1866 kostete ausserordent 
licher Weise: die Landmacht 26, die Marine 5 Milk Für 1856 sah 
der Minister einen Kriegsbedarf vor von 43’200,000 ; alles zusammen 
also etwas über 74 Milk, ausser dem Betrage des gewöhnlichen 
Militärbudgets. — Von dem Kriegsbedarfe im .Jahre 1866 sollten 25 
Milk Lire durch das zweite englische Anlehen von einer Milk Pf. Sterk 
gedeckt werden (1 Milk Pf. hatte England bereits 1855 gegeben). 
Es blieben also noch zu decken 18’200,000 Lire. Hiezu kommt der 
liest des Deficits von 1855 mit 6'180,000, und der für 1856 in dem 
gewöhnlichen Budget vorgesehene Ausfall von 4 Milk Es fehlen also 
28’380,000 Lire. Daher stellte der Minister den Antrag, ein neues 
Anlehen von 30 Milk aufnehmen und nebenbei auch ebensoviel neue 
Schatzbons ausgeben zu dürfen. Im Jan. 1856 genehmigten die Kam 
mern diesen Antrag. Obwohl einige Monate später der Friede zura 
Abschluss gelangte, so hörten die ausserordentlichen Kriegsausgaben 
doch noch keineswegs sofort auf, und voraussichtlich wird sich das 
Ministerium im Falle befinden, den grössern Theil der bewilligten 
Credite auch zu verausgaben. 
Geschichtliche Notizen- Vor der franz. Revolution schätzte man 
die Einkünfte auf 17 Milk Lire, wozu die Insel Sardinien brutto eine 
Million, netto aber nur 200,000 beitrug. — 1816 nahm man die Ein 
künfte zu 48, den Bedarf zu 56 Milk an. — Nach Unterdrückung 
der Revolution von 1821 hatte das Land, ausser den bedeutenden 
Naturalleistungen, für den Unterhalt des österr. Occupationshoeres
        <pb n="237" />
        TTATjIEN — Sardinien (Finanzen). 
221 
&lt;52’570,34ß 
10r379,519 
112 539,812 
70’230,560 
43’073,552 
20’229,680 
23’908,000 
1855: 72'851,000, 1810: T8'42n,000, 1845: 8428^,300. 
Ausgaben 
Einnahmen ordentliche ausserordentl 
1847 84'(^m,000 
1848 91'^lß,000 
1849 l()()’573,000 
1850 95’50(),000 119’914,00() 
1851 98’320,000 123’415,000 
1852 101'684,000 127’465,000 
1853 106’43(1,000 127’020,000 
Zufolge einer Aufttellimg des Finanz,ninister» in der Kammer m 
Ende des Jahres 1863 hatte das Deficit bet,-agen : 
1850 18’839,391'.zusammen in 4 , 
1852 60’040,824 I Friedensjahren 
1853 33’320,891 154’479,583 
1854 42’278,476 ) Lire. 
Indessen war schon für 1854 ein weiteres Deücit von 24 MdI. 
kamen seitdem , ,, Mm. 
:weuitgsa,Se„ (fipr».), garanli« Eogla„,i, je t Mill. Pf. St. = 60 - 
sogar bedeutende Capltalausstünde (1780 schätzte 
45 Mill. Uthlr.). Am 1. Jan. 1835 war der Schuldenstand ^9 77.,o 
Lire. Allein die üble Wiiihschaft steigerte denselben schon vor 184^ 
sehr bedeutend. Noch viel schlimmer gestaltete e.s sich seitdem. Ui 
beiden Kriege gegen Oesterreich von 1848 und 49 ^^'k^iacMen einen 
Aufwand v(^ 127'129,137 Lire; ' 
ilSSüli 
Ä'"-:r^Éi:h2nt,s=%a%Æ 
MM, „mu Mt vmi Jahre 1848 iM iie Ende 18,64 nkU «anigeraU 
wurde vielfach weit mehr versehrieben, a s ,nan erhielt, nnd jedes Jahi 
hnttP umii ln der gewöhnlichen V erwaltung die enormsten Austallu
        <pb n="238" />
        222 
ITALIEN — Sardinien (Militärwesen.) 
Eine nach ministeriellen Quellen bearbeitete Zusammenstellung in der 
regierungsfreundlichen Zeitschrift von Ende November 1855 
gibt folgende, von der unsrigcn nur massig abweichende Aufstellung: 
„Vom 7. Sept. 1848, Datum des ersten neuzeitlichen Anlehens, bis 
zum 11. Mai 1854 nahm der Staat nominell 503’252,126 Lire auf 
Tn Wirklichkeit erhielt derselbe 418'15(),185. (!) Die jährliche Last 
fiir diese Anlehen beträgt 28’901,443 Lire, nämlich 24’442 339 für 
Verzinsung und 4'37G,229 für Tilgung. — Die Verwendung'der em- 
pfangenen Summen war folgende : 
für den Krieg von 1848 und 49 
- Eisenbahnen 
zur Deckung der übrigen Deficite 
200’000,000 L. 
100’000,000 - 
118’15(5,180 - 
418’156,18Ö 
„An Zins und Amorti si rung kosten jährlich: 
der „Unabliängigkeitskrieg“ 13'823,200 L. 
die Eisenbahnen . . 0'911,000 - 
die Deficite . . . 8100,043 - » 
„Die wirkliche Einbusse bei den Eisenbahnen beträgt indoss nur 
1’802,750, indem deren Reinertrag sich bereits auf 5’!08,850 L. beläuft. 
Die Staatseinnalinie betrug 1847 87’073,200 
dieselbe ist 1850 geschätzt auf 130’54,2,008 
„Die Vermehrung des Bedarfs beträgt sonach 4 3’4(!8,000 Lire, 
wovon blos 17753,930 durch neue Auflagen gedeckt werden“ (der 
liest durch Steigen der gewöhnlichen Einkünfte). — Dazu kommen 
abei noch die neuen Anlehen und die Vermehrung der Schatzscheine. 
liïîlHAâ wesen« Consci iption. Ein (l'iieil der ausgehohenen 
Mannschaft bleibt indess in gewöhnlichen Zeiten von der wirklichen 
Einstellung befreit, einen andern entlässt man nach 3jährlger Dienst- 
zc,t. r)ann sind die Leute noch IC (bei der Cavallcrlo 13) Jahre 
dienstpflichtig, wenn man ihrer bedarf. (Darum enthielt die piemon- 
tesische Armee 1848 und 49 so viele Familienväter.) — Der Bestand 
der Armee ist nach den letzten Kammervorlagen, 49,220 Mann, 
worunter 3322 Ofñciere und 55G Militärbeamte. Die tactlscho Ein- 
theilung war nach dem frühem, etwas geringem Effectivstande, folgende- 
C'avallerie: 4 Linien- und 5 leichte Regim. mit 4298 Pferden 
Artillerie: 3 Reg. mit 1186 Pferden und 80 Feldstücken 
Genie: 1 Pionierregiment .... 
CaraUnierscorps, mit 620 Pferden 
Leichte Heiter ei auf Sardinien, mit 771 Pferden 
Indessen kann das Ifecr, nach den bestehenden Einrichtungen, 
leicht über 100,000 M. gebracht werden. 
lestungen. Alessandria (wird eben sehr verstärkt); dann Casale, 
Denua, Tortona, Ivrea; auch die Citadellen von Turin, Savona, Nizza, 
Cuneo, Novi, Coni, Mon do vi, Fossano. Auf Sardinien: Cagliari und 
Sassari. ° 
Geschichtliche, JVolizen, Sardinien, dessen Könige stets nach Ver- 
grösserung strebten, war von jeher ein Militärstaat, wie Preussen in 
Mann 30,725 
5,211 
4,163 
1,159 
8,248 
1,122
        <pb n="239" />
        223 
ITALIEN — Sardinien (Militärwesen). 
Deutschland. Vor der franz. Revolution zählte das Heer 24,000 M. in 
2 Legionen leichte Truppen : — dann Artillerie etc. 
12 Keg. liandiiiiliz; _ 
Eine Marine von 82 Ideineren Knegsscliilten. . 
■ 
Marine (Stand iB.io). 
Segler 
4 Segler u. 3 Dampfer; Kanonen: 1 ^^0, 
TransportschilT 1 - ^ ^ 
X«&lt;.iales. Es ist kaum glaiiUicl,, welch« Lxpenmonte in dei 
langen Zeit von 1814 bis 48 mit den Bewolmem dieses Landes voi- 
innkamen. 
Fregatten 
Oorvetten 
Brigantinen 
Dampfer 
1 à 51, 2 K 42 
à 6 
à a, 2, 1
        <pb n="240" />
        224 
ITALIEN — Sardinien (Sociales). 
genommen wurden. Naclid^m das Festland an die zeitgemässe franz. 
Civilgesetzgebung gewöhnt war, suchte die restaurirte Regierung un 
bedingt die Zu,stände des vorigen Jahrhunderts wieder herzustellen. 
Wir schildern nicht, wie man das Feudalwesen, und daneben den 
Jesuitismus, neu zu begründen suchte. Nicht blos, dass die Geistlich 
keit wieder das ganze Unterriclitswosen erhielt, ergingen auch Ver 
fügungen wie die, dass, wer nicht wenigstens 1500 Lire Vermögen 
besitze, nicht lesen und schreiben lernen dürfe. — Auf der Insel 
Sardinien hatte sich ohnehin das Feudalwesen erhalten. Adel und 
Geistlichkeit besitzen dort noch jetzt das grosse Grundeigenthum. 
Der Landmann ist nicht freier Kigenthümer; höchstens erscheint das 
ganze Dorf als ISutznicsser einer Anzahl Felder, welche gemeinschaft 
lich bcwirthschaftet werden. (Im Jahre 1807 zählte man auf der In 
sel 372 Ortschaften; davon gehörten aber 304 mit 322,940 Ilewoh- 
nern dem Adel. Noch nicht genug damit, war über die Hälfte des 
Areals der Insel mit 220,000 Menschen das Kigenthum fremder 
Adelsfamilien, die ihr Linkonnnen iin Auslande verzehrten.) Noch 
im Jahre 1833 zählte man auf Sardinien 37(5 grosse Feudalgüter 
wovon die Hälfte im Besitze spanischer Adelsfamilien. Die Be 
völkerung befindet sich in mancher Beziehung noch in einem halb 
wilden Zustande. 
Eine bedeutende Veränderung fand seit 1848, zumal auf dem 
hestlande, statt, naclulem einige schwache Versuche zuvor stattge- 
funden hatten. Seit sich der König Karl Albert als das Haupt der na 
tionalen I artei in Italien gerirte, und oñon nach ÎCrwcitorung seiner 
Herrschaft strebte, ergab sich die Nothwendigkeit von Reformen, als 
des einzigen Mittels, die sardinisehe Macht zu stärken, und die übri 
gen italien. Volksstämme zu einer Unterwerfung unter die königl. sar- 
dinische Herrschaft geneigt zu machen. Daher denn Beschränkungen 
des Adels und des Clerus, und Ausbildung des Constitutional Ismus 
in einer der Belgischen ähnlichen Weise. Nachdem im März 1850 
(zufolge des, nach seinem Urheber benannten, „Siccardischen Gesetzes“) 
die geistliche Gerichtsbarkeit und einige andere Privilegien des Clerus 
aufgehoben worden (doch wagte man noch nicht einmal, die in Frank 
reich, Belgien, dem deutschen linken Rheingebiet bestehende „Civilehe“ 
einzuführen), drängte die financielle Noth zu einer Einziehung der 
Klostergüter, die indessen (1855) auch nur theilweise stattfand. 
(Es bestanden 604 Klöster und Convente, mit 8563 Mönchen und 
Nonnen.) 
Einkonmum der Geistlichkeit. Nach den Documenten, welche in 
der von der Geistlicskeit selbst publicirten Schrift veröffentlicht sind 
„Allocuzione della Santità di nostro Signore Pio PP IX al sacro 
collegio nel concistorio segreto del 22 genaio 1855, seguita da una 
esposizione corredata di documenti sulla incessante cure délia stessa 
Santita sua a riparo dei gravi mali da cul è afflitta la chiesa catto- 
lica nel regno di Sardegna,“ beträgt das Einkommen der Geistlich 
keit, deren eigenen Angaben zufolge, lOM 12,084 Lire; nach dem Ca 
taster 10 947,876. Rechnet man dazu die hier nicht vollständig ein-
        <pb n="241" />
        15 
ITALIEN — Sardinien (Sociales). 
225 
begriffenen Einkünfte der kirchlichen Corporationen, so ergeben sich 
(nach Boggio) löVs Mill, jährlich, indess der Capitalstock mindestens 
388 Mill, beträgt. In der Rivista Enciclopédica (Febbraio 1855) wird 
das jährliche Einkommen der Geistlichkeit zu 17’189,4()6 Lire berech 
net, mit dem Bemerken, dass diese Ziffer weit unter der Wirklichkeit 
stehe, weil die dieser Berechnung zu Grunde gelegten Catasteran- 
Bätze notorisch viel zu niedrig seien. 
Eisenbohnen. In deren Erbauung leistete der feardinische Staat 
weitaus am meisten in Italien; derselbe besitzt so viel Schienenwege, 
als alle übrigen Theile der 
im Sept. 1856 689 Kilom. 
stehe hier folgende Notiz, 
beschränkt) : 
Halbinsel zusammengenommen ; nämlich 
(siehe S. 217). (Behufs Vergleichungen 
welche sich indess auf die Staatsbahnen 
Jahr 
1850 
1851 
1852 
1853 
1854 
Kllomet. 
112 
125 
125 
142 
202 
Ertrag 
1’698,168 
2’350,092 
2'757,058 
3’850,214 
6521,385 
pr. Kllomet. 
15,036 Lire 
18,800 - 
22,056 - 
27,021 - 
32,284 - 
Ha7idelsmarine. Matrosen etwa 24,600. 
1851 3319 Schiffe von 162,085 Tonnen 
1853 3222 - - 168,585 
1855 2962 - - 184,860 
Handelsverkehr. Werth, in Lire. 
18 5 2 
18 5 3 
Aligem. Handel Specieller Handel 
Einfuhr 832 655,951 166’604,684 
Ausfuhr 236 619,153 89'426, &lt; 53 
Zus. 569’275,104 256’031,437^ 
Der bedeutendste Verkehr war 
Aligem. Handel Specieller Handel 
333’942,000 188’020,508 
220,630,000 95'004,264 
554’572,000" 283’034,772" 
1853 mit folgenden Ländern: 
Münee, 
Einfuhr Ausfuhr 
Frankreich 
Grossbritanien 
Schweiz 
Oesterreich 
Russland 
Herzogthümer 
Ver. Staaten 
48059,224 
89'597,209 
14556,723 
10*425,550 
17*856,528 
11*265,251 
13*360,475 
46*289,076 Lire 
3*326,878 - 
13*356,000 - 
16*657,814 - 
163,123 - 
4*363,840 - 
531,086 - 
Maaase, Gewicht sind die französischen. Der Franc heisst Lira. 
Parma (llerzogihum). 
ßt&amp;dte 
Parma 42,997 
Piacenza 30,382 
Provinzen Q.-M. Bevölk. 1853 Confesslonen 
Parma . . 27% 147,122 Die Einwohner 
Borgo San Donnlno 28% 134,329 sind Katholiken, 
Piacenza . 29'/, 143,588 bis auf etwa 200 
Val di Taro . 19'/¡ 60,947 Protestant, u. 700 
Lunigiana . 8 ^4,895 Juden. 
Zus. 113^ 507,881 
Hen'schaftsveränderungen. Parma erkaufte 1796 von Frankreich 
den Frieden mittelst Zahlung von 6 Mill, parmes. Lire, und Lieferung
        <pb n="242" />
        226 
ITALIEN — Pama. 
von Krîegsbedürfnissen und von Gemälden. Der Erbprinz ward 1801, 
als Verwandter des span. Königshauses und aus Rücksicht für dieses, 
von Bonaparte zum „Könige von Hetrurien“ (Toscana) erhoben. Er 
verzichtete dafür auf Parma, welches Napoleon indcss (wegen der andern 
Mächte) erst unterm 21. .liili 1805 (grössteutheils als Departement 
des Taro) mit Frankreich vereinigte. Ein Vertrag der Grossmächte 
vom 10. April 1814 theilte Parma der zweiten Gemahlin Napoleons, 
der österr. Erzherzogin Marie Louise zu, doch mit der Beschränkung, 
dass die Regierung nach dem Ableben der Erzherzogin nicht auf ih 
ren Sohn, sondern auf die alte llerzogsfamilie von Parma übergehe, 
welche sich bis dahin mit Imcca zu begnügen habe. (Umlang Parmas 
im Jahre 1815 90 Q.-M. mit 083,000 Einw.) Dieser Fall trat am 
17. Dec. 1847 ein, bei welcher Gelegenheit das üerzogthum auch 
einiges Gebiet von Toscana erhielt. 1848 bildete J*arma, bis zum 
Salascovertrago, einen Bcstandtheil des Subalpinischen Reiches Karl 
Alberts von Sardinien. Das Land ist seitdem immer, besonders stark 
seit der Ermordung des Herzogs und einem Aufstandsversuche 1854, 
von österreichischen Truppen besetzt. 
Budget für 1854 
Regelmässige Einnahme 7'ß()0,000 L. 
Ausserordentl. ,. 240,000 
Gesammteinnahmc 7’840,000 
Ausgabe . . . 8’200,000 
[)enciri60,0ÕÕ 
Budget für 1850 
Ordentliche Einnahme . 8’257,370 
„ Ausgabe • 8’078,413 
Daneben aber ein ausserordentl. 
Budget von 0302,582 Lire. Obiger 
tieberschuss ist nur auf dem Papiere 
vorhanden. 
Im Beginne des Jahres 1854 vernahm man aus Parma von höchst 
ungewöhnlichen Finanzmaassregeln. Thomas Ward, ein Günstling des 
Herzogs, britischen Ursprungs, früher in den niedrigsten Diensten, er 
hielt das Privilegium zum Betriebe aller Eisen- und Kupferminen im 
ganzen Lande, auch der etwa später noch anzulegenden; Staatsgüter, 
im Werthe von 2 Mill., wurden ihm um 100,000 Lire verkauft. Für 
sich selbst Hess der Herzog nicht nur die Antiagen möglichst erhöhen, 
sondern er befahl auch (wie schon 1849 einmal geschehen war) wie 
der ein Zwangsanlehen, zog das Vermögen der Wohlthätigkeitsan- 
stalten ein, und Hess, um in den Besitz des sämmtlichen Metallgeldes 
zu gelangen, Schatzbons mit Zwangscours ausgeben; was er auftreiben 
konnte, legte er im Auslande an. Nach Ermordung des Herzogs 
(27. März 1854) verwandelte seine Gemahlin, nun Kcgentiii, das gezwun 
gene in ein freiwilliges Anlehen von 2 Mill. Lire und hob die Verord 
nung wegen Einziehung des Vermögens der Wohlthätigkeitsanstalten auf. 
Die Schuld wurde schon 1854 auf 14’800,Ü0() Lire geschätzt, 
wovon 5 Mill, aus unbezahlten Forderungen bestanden. Das gcsaminte 
unmittelbare Staatseigenthum soll um 1850 noch einen Werth von 
etwa 20 Mill. Lire gehabt haben. Jetzt dürfte diese Summe wahr 
scheinlich verringert sein. 
Das Militär soll auf dem Friedensfusse 2773, auf dem Kriegs- 
fusse 4033 M. zählen, bestehend aus Garde, 2 Linienbataill. (im 
Frieden 750, Krieg 1290 M.), 1 Jägercompagnie, etwas Artillerie 
und 400 M. Gendarmerie.
        <pb n="243" />
        ITALIEN — Modena. 
227 
Hinsichtlich der Socialverhältnisse bemerken wir nur, dass die 
Bauern in der Regel blosse Pächter sind. 
Münze, Maasse. Hie Lira ist dem französischen Franc gleich. (Die alten 
Parmesani sehen Lire hatten nur einen Werth von etwa % Iranc; 210 /s 
1 feine Mark = 14 Thlr. prciiss.). — Die Elle (Braccio) für Seide 0,8913 
preuss. Ellen oder 59,44 Centiinet., für Wolle 96,53 preuss. oder 64^8 Gen. 
— Der Stajo — 0,9335 preuss. Scheffel oder 51,42 Liter. — Das Pfund — 
0,7013 altpreuss. oder 0,328 Kilogr. 
Modena (Herzojvthiim). 
Bestandtheile 
Modena 
Reggio 
Guastalla 
Frignano 
Garfagnana . 
Massa-Carrara i 
Lunigiana 1 
Q.-M. Bevölk. 1854 
29 212,440 
341/2 166,676 
5% 62,220 
19 59,713 
10 38,705 
liy* 76,385 
Confessionen. 
Die Einw. sind Katholiken, etwa 
200 Protest, und 2800 (nach Anderen 
1800) Juden ausgenommen. 
Städte. 
Modena (1854) 31,740 
Reggio - 18,720 
Zus. 110 606,139 
Herr schaftswechsel. Im Mai 1796 erkaufte der Herzog vom 
Genera] Bonaparte den Frieden unter ähnliclien Bedingungen wie 
Parma. Allein schon im September des nämlichen Jahres brach ein 
Aufstand aus ; die Modenesen bildeten einen BeStandtheil des Cispa- 
danischen Bundes, den Bonaparte in der Folge mit^ der Cisalpinischen 
Republik vereinigte, und nachmals in ein ,,Königreich Italien“ 
verwandelte. 1814 Restauration. Das Herzogthum zählte auf 96 Q.-M. 
375 000 Einw. Doch ward Massa und Carrara erst 1829, nach dem 
Tode der Mutter des Herzogs, förmlich dessen Herrschaft unterthan. 
Als 1847 der Herzog von Lucca seine dortige Regierung niederlegte 
(später erbte er Parma), erlangte Modena einen 1 heil dei Lunigiana 
von Toscana. 1848 gehörte auch Modena zum Reiche Kail Albeits. 
Budget für 1851 : 
Bedarf 8’728,133 Lire 
Einnahme 8’413,622 
Deficit 314,511 _ 
Zur Deckung des Deficits erhöhte man die Grundsteuei. Ein 
neueres Budget ist nicht bekannt. Die Schulden dürften, einschliesslich 
der „Renten,“ etwa 12 Mill. Lire betragen, worunter zwei Zwangs- 
an leb en vom 15. Sept. 1818 und 22. Jan. 1849. 
Das Militär zählt gegen 3500 M., in 1 Corps 1 rabanten, Dia- 
goncr, Artillerie, 1 Regim. I/mieu-Inianterie, 1 Bataill. Jägei etc. 
Sodann bestehen 3 Regim. Reserve-Miliz von 14,606 M. 
ln socialen Beziehungen ist Modena seit dem Untergänge des 
Königreichs Italien gleichsam das Eldorado des Jesuitismus und Ab 
solutismus. Der Volksunterricht wird systematisch niedergehalten, und 
jede selbstständige Regung der Einwohnerschaft mit den schrecklich 
sten Mitteln unterdrückt. 
Münze • die Lira, dem franz. Franken gleich (alte Lire di Modena gingen 
135% auf die feine Mark). — Die iUaasse sind die in der Lombardei geltenden, 
d. h. die franz. metrischen.
        <pb n="244" />
        228 
IT ALIEIS — Toscan*. 
Toscana (Grossherzog^thum). 
Práfecturen 
Florenz 
Lucca 
Pisa 
Siena 
Arezzo 
Grosseto 
Qouv. Livorno j 
- Elba f 
Q.-M. 
loeVj 
55% 
69 
60 
81 
1% 
Bevölkrg. 
Apr. 1854 
715,701 
265,804 
281,478 
190,159 
221,090 
80,980 
. 89,420 
&gt;21,559 
Zus. 898 rSl 5,686 
Bevölkerung 1855 r817,466 
Familien 1853: 
325,157, 
Oeschlechter 1855. 
Männlich 925,562 
weiblich 887,904 
7858. 
Geburten*) 69,722 
Todesfälle 47,958 
Heirathen 13,140 
*) Davon 3960 „von unbekannten 
Eltern ! “ 
OonfeHsionen : 
Katholiken 1783,387 
Akatholiken 2,003 
Juden*) 7,688 
Städte. Bevölkerung 1854 ; 
*) Meist in Livorno. 
Florenz 116,384 Pisa 48,751 (einst 150,000) 
Livorno 91,301 Arezzo 36,732 
Lucca 66,926 Siena 22,435 (einst üb. 100,000) 
Herrschaftmechsel Der Grossherzog (vom östcrr. Für-stcnhanse) 
erkaufte 1795 von Frankreich den Frieden, trat aber 1801 seine An 
sprüche auf Toscana an dieses ab gegen Salzburg, später Würzburg 
(siehe S. 144). Napoleon schuf Toscana um in ein „Königreich 
Hetrurien,“ dem er anfangs den Erbprinzen von Parma als Herrscher 
octroyirte, bis er, Oct. 1807, das ganze Land Frankreich einverleibte 
(die 3 Departemente des Arno, Ombrone und Mittelmcers); des Kai 
sers Schwester, Elise (Gemahlin des zu einem Fürsten von Piombino 
erhobenen Baccidchi), war Generalgouverneurin, mit dem Titel einer 
Grossherzogin. — 1814 Restauration. Die Bevölkerung ward damals 
auf IV4 Mill, geschätzt. — 1847, nach der Regierungsnieder]egung 
des Herzogs von Lucca (Lucca war bis 1805 Freistaat), kam dieses, 
zufolge der Wiener Verträge, an Toscana, wogegen einige Bezirke der 
Lunigiana an Modena und Parma abgetreten wurden, unter grossem 
Widerstreben der dortigen Einwohner. 
Bild g et für 1854: 
Budget für 1855; 
Bedarf 37’037,500 Einnalime 37’608,400 tose. Lire 
Einnahme 35’307,400 Bedarf 37’546,700 
Deficit 1730,100 Angeld. Ueberschuss 61,700 
Um das Gleichgewicht in obiger Weise (auf dem Papiere) her 
zustellen, führte man 1855 die abgeschalfto Grundsteuer neuerdings 
ein, und fügte überdies eine Schlachtsteuer hinzu. Allein der Bedarf 
war weit grösser, als vorgesehen, und nach einem Berichte des Finanz 
ministers vom Oct. 1855 lieferte das Jahr 1854 in Wirklichkeit fol 
gende Rechnungsergebnisse : 
Bedarf ¡ordentlicher . . 
( ausserordentlicher . 
Einnahme .... 
37'637,007 
4489,2591 
Deficit 
42’126,266 toscan. Lire 
85467,118 
6’659,154
        <pb n="245" />
        ITALIEN — Toscana. 
229 
Unter den „ausserordentlichen Ausgaben“ sind 2 34.3,734 Für den 
Unterhalt der österreichischen Truppen. Dieser Posten fällt dermalen 
zwar hinweg ; allein abgesehen von den Mehrkosten für das seitdem 
verstärkte eigene Militär, würden nach Entfernung der gedachten Aus 
gabe immer noch 4Yg Mill, im jährlichen Staatsbedarf fehlen. 
Schulden. Den Frieden von 1795 erkaufte Toscana von tiank- 
reich um 1 Mill. Frkn.; 1796 musste Livorno I Mill. Scudi, feimor 
das ganze Land nochmals 1 Mill. Frkn., da,m 1799 wieder 2 Mill. 
Frkn. an die Franzosen bezahlen. — Um 1842 sollen die Schulden 
gänzlich abbezahlt gewesen sein. Seit 1851 wurden deren folgende 
neue angehäuft: 
1851, .Juni, 12 Mill, za 5 Proc. — 12 Mill. tose. Lire 
1852, Nov., I - Menien zu 3 % 33'/g - 
1853, Mai, I - , . 3 % 3^^ - 
zus. 78% 
Dazu Papiergeld 8% - 
Total über 87 
Die Verwendung geschah zur Abtragung älterer fundirter Schulden, 
namentlich des erworbenen Lucca, Bezahlung für Ansprüche Oester 
reichs, Verminderung der schwebenden Schuld, und Hafenbau in Li 
vorno etc. In Folge des seitherigen Deficits wird die 0esammtschuld 
wohl 100 Mill, übersteigen. 
Militär. Der Formationsstand ward 1853 zu 14,759 Mann an- 
gegeben; der wirkliche Bestand scheint weit geringer gewesen zu 
sein. Darunter : ^ 
1 Reg. Gendarmerie 
1 - Artillerie 
1 Division Cavallerie 
8 Bat. Idnien-Intanterie 
2231 1 Bataill. Invaliden 
1320 I Insular-Bataill. 
260 6 Bat. freiwilliger Grenzjäger 
5017 Marinecorps . . • ■ 
469 
631 
4512 
148 
Seitdem Vermehrung, angeblich aut 16,000 Mann. 
Festungen. Orbitello und San Martino; auf Elba Porto terrajo 
und Porto Longone. Castelle zu Livorno, Siena, Volterra, Pistoja 
und Florenz. 
Sociales. Obwohl während der zweiten Hälfte des voripn Jahr 
hunderts in Toscana mehr Verbesserungen stattfanden, als m irgend 
einem andern Staate Italiens, so blieb doch der Haupyundbesitz m 
Tonnen.
        <pb n="246" />
        230 
ITALIEN — Die Römischen Staaten (Land und Leute). 
Münze, Maasse. Die toscan. Lira = ®®/ioo österr. Zwanzigers = 84 
franz. Centimen; 62 sind eine feine Mark od. 14 prense. Thlr. — Die Elle 
{Braccio) — 1,8596 prense. Fuss od. 58,36 Centimet. — Der Stajo = 0,4433 
preuss. Scheffel od. 24,36 Lit. 24 8taja sind 1 Moggio. — Der Barile 0,6635 
preussische Eimer oder 45,58 Liter. — Das Pfund = 0,726 alte preuss. oder 
33,95 Grammen. 
Hie IloilliSClieil Staaten (derso}»-. »Kirchenstaat»). 
Bestandtlieile 
1. Rom u. Comarca 
Legationen : 
2. Bologna 
3. Ferrara 
4. Forli 
5. Ravenna 
6. Urb in 0 u. Pcsaro 
7. Yelletri 
Delegationen ; 
8. Ancona 
9. Macerata 
10. Camerino 
11. Formo 
Q.-M. 
80 
Bevölk. 
1805 
326,509 
. 61 375,631 
. 50 244,524 
. 32 218,433 
. 32 175,994 
. 61 257,751 
. 30 62,013 
. 20 178,519 
. 21 243,104 
. 15 42,991 
. 15 110,321 
Beslandtheile 
12. Ascoli 
13. Perugia 
14. Spoleto 
15. Riet! 
16. Viterbo 
17. Orvieto 
18. Frosinone 
19. Civita vecchia 
20. Bencvento 
Q.-M. 
22 
68 
53 
24 
51 
14 
34 
18 
3 
Bevölk 
1855 
91,916 
234,533 
134,939 
73,683 
128,324 
29,047 
154,559 
20,701 
23,176 
Zus. 727 3 124,668 
Wege, Gewässer 21 
Total 748 
Familien: (i()8,28G. — Cnnfessionen. Die Einwohner sind Katho 
liken, ausgenommen IG—16,ÜG0 Juden und die fremden Protestanten. 
Städte, liom (1855) 176,002 Einw. Bologna 80,000, Ancona 
36,000, Ravenna 30,(100, Perugia 20,(300, Pesaro 18,000, Rimini 
16,000, Benevento 15,000, Urb Ino 14,000, Viterbo 13,000, Civita 
vecchia, Rieti, Sinigaglia je 10,000. 
Ilerrschaftsveränderimgen. Vor der Zeit der franz. Revolution 
umfasste der s. g. Kirchenstaat ungef. 790 Q.-M und 2’200,000 Men 
schen. Es gehörten zu demselben, ausser seinem jetzigen Gebiete, 
die Grafschaften Avignon und Venaissin (in Frankreich), eine Landschaft 
_ von etwa 40 Q.-M. und 55,000 Einw. Die dortige Bevölkerung em 
pörte sich aber gegen die päpstliche Herrschaft, und unterm 14. 
Sept. 1791 dccretirte die franz. Nationalversammlung die von vielen 
Avignesen beantragte Vereinigung dieser Landschaft mit Frankreich. 
Im Frieden von Tolentino, 19. Febr. 1797, musste der Papst nicht 
nur dies gutheissen, sondern auch Bologna, Ferrara und die Romagna 
an die Cisalpinischo Republik abtreten, ln Folge der Ermordung 
des franz. Gesandten Duphot zu Rom rückten aber schon am 11. 
Febr. 1798 franz. Truppen in die Hauptstadt. Ein Volksaufstand, 
15. Febr., endete mit Verkündigung der „Römischen Republik.“ 
Gegen Ende des Jahres stellten indess Neapolitanische, Russische 
und Türkische Truppen die päpstliche Herrschaft wieder her. — Im 
April 1809 riss Napoleon Ancona, Urbino, Macerata und Camerino 
vom Kirchenstaate los, dieselben seinem „Königreiche Italien'^ cinver- 
leibend. Am 17. Mai desselben Jahres (4 Tage vor der Schlacht bei 
Aspern) docretirte der franz. Kaiser sodann die Incorporirung Roms 
selbst und des ganzen Gebietsrestes in den franz. Kaiserstaat (Depar- 
temente der Tiber und des Trasimene; Rom sollte „die zweite Stadt
        <pb n="247" />
        ITALIEN — Die Römischen Staaten (Finanzen). 
231 
des Reiches" sein). Den Papst brachte man gewaltsam nach Frank- 
rßißh. — 1814 Restauration, unter Verlust Avignons und eines klei 
nen Landstriches auf dem linken Pouter. — Die Aufstande von 1848 
veranlassten den Papst zur Flucht nach Gaeta (24. Nov.). Am 8. lehr. 
1849 beschloss die Nationalversammlung: Wiederherstellung der „Rö 
mischen Republik.« Nach langem, ruhmvollem Ivampte hei Rom am 
8. Juli in die Gewalt der zur Wiedereinsetzung des 1 ap.ste,s gesen 
deten Truppen der französischen Republik. 
Finanzen* Die neueren Budgets scliliesscn so ab: 
1853 1834 1855 
IS,,.: aj™™ 
neßcit F901,589 1'649,596 F101,498 
Die Haupt-.KùmaAmgposten sind (brutto): Zölle (Ze ¿ogrona, wo- 
runter aber auch Tabaks- und Salzmonopol begriffen) mit etwas über 
5'300,0()0 Scudi, directe Steuern und Domänen gegen d Milk, Stern- 
pel und Elnreglsti inmg nahe an 900,000, das sittenvelderbende Lotto, 
“‘.r'ï. 
@###5 
, „ 1 Hl 1 —1846, welche der päpstliche Finanzminister
        <pb n="248" />
        232 ITALIEN — Die Römischen Staaten (Finanzen). 
Von 1828 — 30 betrug dieses Deficit 399,393, ui den 3 nächst 
folgenden Jahren 1831—33 zusammen 8'187,574, und von da bis zum 
Tode des Papstes Gregor des X VT. in jedem einzelnen Jahre durch 
schnittlich 566,000 Scudi (über 3 Mill. Frk.). — Morichini’s Nach 
folger, Angelo Galli, sagte in seiner 1847 verfassten Relation: 
„Viele Register sind nicht abgeschlossen; die Verzeichnisse der Ausgaben 
lassen sich nicht auffinden, und jene der Depositen sind schlecht aufbewahrt. 
Im Allgemeinen enthalten die Register Abänderungen, Zusätze und Abminderun 
gen, die eine Vergleichung mit den früheren Rechnungen, an welche diese sich 
anschliessen sollen, nicht zulassen. Bei den Caineralcassen bleiben enorme 
Summen zu liquidiren; hinsichtlich der Cassabücher existirt eine regelmässige 
Entlastung nicht. Es ist bekannt, dass seit 1837 den Schatzverwaltungen legale 
Papiere fehlen.“ 
Es scheint, dass die Pluanzverwaltung in der Revolutionszeit 
(unter der Republik) zum ersten Mal eine mindestens formell geord 
nete war ! Wenigstens sah sich der franz. Obergeneral, nach befoh 
lener strenger Untersuchung, zu einer für die Betheiligten äusserst 
ehrenvollen Erklärung veranlasst. Allein die Bedürfnisse waren damals 
natürlich weit grösser, als die gewöhnlichen Mittel, — Nach der Re 
stauration behielt man nicht nur alle alten leasten bei, sondern fügte 
viele neue hinzu. Man erhebt %. B. den Monatsbetrag der Üewerb- 
steuer 14 Mal im Jahre, als ob das Jahr 14 Monate umfasste. Die 
Salzpreise, die Stempel-, Registrirungs- und llypothekenabgaben sind 
alle erhöht, eine Consumtionssteuer auf Colonialprodukte eingeführt, 
und die verdammenswmrthe Einrichtung des Imtto derart „verbessert,“ 
dass dasselbe einen erhöhten Ertrag liefert. Aber Alles reicht nicht 
aus zur Bewältigung des Deficits. Die Staatscasse ist dahin gebracht, 
dass sie z. B. im Dec. 1855 Beträge von 130,000 Scudi von der 
Familie Bonaparte-Canino, 30,000 von der Bank S. Spirito etc. zu 
sammenleih cn musste, um ihre dringendsten Bedürfnisse zu decken. 
Was von öffentlichen Geldern eingeht, wmrd von jeher nicht 
sowohl als Eigenthum des Landes, das zu dessen Bestem verwendet 
werden müsse, sondern vielmehr als Ertrag des Patrimoniums der 
Geistlichkeit angesehen, über welchen diese beliebig zu schalten habe. 
— Die päpstlichen Finanzen sind eigentlich schon seit der Zeit zer 
rüttet, in welcher die regelmässigen Zuflüsse aus den übrigen kathol. 
Ländern zu versiegen begannen. So betrugen bereits im Jahre 1758 
die Ausgaben 2’167,013, die Einkünfte 2’115,935 Sc.; schon vor ei 
nem Jahrhunderte hatte man also ein, wenn auch kleines, Deficit 
(etwa 300,000 Frk.). Noch gegen Ende des 18. Jahrhunderts zog der 
römische Hof aus Deutschland im Durschschnitte jährlich für Annaten 
194,880, für Pallien 215,417 fl. Im Ganzen sollen demselben seit 
600 Jahren aus allen katholischen Ländern zusammen etwa 1020 Mill. 
Gulden nachweislich zugeflossen sein (nach der Berechnung in einer 
1787 erschienenen Schrift „die römische Religionscasse.‘‘ Was Spanien 
und I’ortugal entrichteten, siehe in den von diesen Ländern handeln 
den Abtheilungen unserer Schrift.) — In dem Werke: Sülle ßnanze 
dello stato poiUeficio sind folgende Ziffern einander gegenüber gestellt: 
m 
•ÏÆ
        <pb n="249" />
        ITALIEN — Die Römischen Staaten (Finanzen). 
233 
1815 1853 
Einnahme 9'926,657 13'47a,782 = Zunahme 860 Prez. 
Ausgabe 2'353,397 16'374,371 » 553 , 
5ëS####E= 
####:# 
(ungeachtet seines Juclentliuins), und zwar mit \ erlöst von 37/a I roz. 
von dem verschriebenen Betrage! . _ 
In der Nonzeit begann die Bei Proelamnung 
der Republik circulirtcn bereits für 4'j51,000 Sc. 8chatzscheme(I?tmm 
lehen von 26 Mill. Fik. Mit Neujahr 1855 sollte der Zwangsoou s 
der Cassaanweisungen der Bank aufhören; es ergaben sieh mdess viele 
Schwierigkeiten, ln ofíieicllen Urkunden sprach man ” "S®“® 
von 6 Mill. Papiergeld, unterm 27. Juli 186Ü von 6 918,000, 
Aug. 1854 von 8’101,0()0 Sc. Î 
Der Betrag der Staatsschuld wuchs von Jahr zu Jahr mehr . 
Nach einer amtlichen Zusammenstellung des Finanzminis eis vom 
1854 betrug das Deficit: 
in den 6 letzten Monaten v. 1849 
: : ; %% : 
Im Mai 1855 ward der Finanzconsulta folgendes neue Anwach- 
.cn der Schuld angegeh™i 
1854 - 4’621,000 - 
1855 (Deficit) 5'ü00,000 - 
Vortrags nicht vorliegt.
        <pb n="250" />
        %\ 
¡..l-lï.ii 
i 
234 
ITALIEN— Die Rörniechen Staaten (Militär, Sociales). 
5144 - 
1778 - 
1200 - 
Die Ausgaben des Staats tür die fremden Occiipationstruppen 
hatten sich blos vom .Juli 1849 bis Ende 18.50 auf 13778,000 Frk. 
belaufen, wovon, gemäss eines Vertrages vom Sept. 1852, 12’017,000 
an die Oesterreicher hatten bezahlt werden müssen. Auch die Fran 
zosen sollen bereits einer 5 Mill. Scudi (etwa 27 Mill. Frk.) betragenden 
Entschädigungsforderung gedacht haben. Im Se¡,t. 1854 meldete das 
cléricale Blatt Univers von einem neuen Rothschild’schen A niehon von 
4 Mill. Scudi. — Der Oesarnmtbotrag der Schuld ist zwar nicht ge 
nau bekannt, dürfte aber jedenfalls 80 Mill. Scudi (436 Mill. Frk.) 
übersteigen. 
Militär« Die Truppen werden im ln- und Auslande (besonders 
heimlich in der Schweiz) geworben. Da indess der römische Stuhl 
den Angehörigen seines eigenen Staates misstrauen muss, die Wer 
bung einer ausreichenden Anzahl fremder Söldlinge aber mit Schwie 
rigkeiten und uncrschwingbaren Kosten verbunden sein würde, so 
halten franz. Soldaten zu Rom, österr. in den Legationen die päpst 
liche Herrschaft aufrecht. — Der Formationsstand der päpstlichen 
Truppen war 1854 17,365 M. mit 1417 lüerden, davon : 
2 Regim. inland. Infanterie ît391 M. t Artilleriereg. . . , 88.H M 
1 .lägerbataillüTi . . . 9ß2 - Oendannerie 
2 Sedcntärbataillone . . 1333 - Zollwiüditer 
2 ausländische Regimenter . 2590 - Zollsoldaten 
1 Dragoner-Regiment . . 723 - 
Allein der wirkliche Bestand soll im Februar 1855 nur 4600 
M. Infanterie und 7t)0 Reiter gewesen sein. Dann hiess es im März 
die erste Fremdenlegion sei complet mit 3300 M. (meist Schweizer). 
Eine Notiz vom Aug. 1856 entziffert 14,539 M., mit Gendarmen etc. 
Festmiffen. Ancona, Givita vecchia, Castell St. Angelo (Engels 
burg zu Rom), Porto d’Anzio. — in der Citadelle von Ferrara hat 
Oesterreich das Besatzimgsrecht. 
Socicilverliäitiiissc« Es gibt vier Stände: Geistlichkeit, 
Adel, Büiger und Bauern. Der erste Stand herrscht; in seinen Hän 
den allein liegt alle Gewalt; er leitet Alles, auch die .Justiz und das 
Militärwesen. In der Stadt Rom allein zählt man 8500 Priester und 
Mönche und 3600 Nonnen, im ganzen Kirchenstaat aber gegen 
66,100 Geistliche (1 auf 45 Einwohner oder 9 Familien!), 109 Bis- 
thtimer, 117 Seminarien, 10,950 Pfarreien und 19,000 Kirchen und 
Klöster, Der Werth des Grundbesitzes der Geistlichkeit wird auf 
195 Mill. Scudi (weit über eine Milliarde Franken) berechnet. — 
Ausserdem besitzt der Adel enorme Rcichthümer. Er führt zwar 
die Namen der alten Adelsfamilien, stammt aber grösstentheils keines 
wegs mehr von jenen berühmten Geschlechtern ab, sondern verdankt 
seinen Ursprung oder seine Erhebung vielfach dem hohen Clerus. — 
Gewerbe und Handel liegen darnieder. Hohe Steuern erdrücken 
die Ersten, übermässige Zölle den Zweiten. Dabei fehlt es an Eisen 
bahnen, überhaupt an genügenden Verkehrsmitteln. Gleiches Loos 
des Darniederliegens trifft den Ackerbau. Die Latifundien, die 
Feudaleinrichtungen, sind sein Verderben; die Landleute entbehren
        <pb n="251" />
        ITALIEN — Die Kömißchen Staaten — S. Marino. 
235 
mmm 
26 * Elterninora, , , 
■ 
má«'" (zufolge Angabe -ke 
San Marino (halhsouverane Kepiiblik). 
s-SirïisSïHl
        <pb n="252" />
        236 
ITALIEN — Beide Sicilien (Land und Leute). 
schätzt. — Man hat Volkswehr, und ein im Auslande geworbenes 
kleines Gendarmeriecorps. 
Bciil© Sicilien (Königreich). 
Q.-M. Bevölkerung 
Königr. Neapel 1825 6’843,.855 
„ Sicilien 500 2’208,.392 
Zus. 2325 9’0ö 1,747 
Die Aul'nahme von 1851 hatte 
folgende Resultate ergeben : 
1782 
Frühere Volkszahl 
1820 1832 
4'6 75,000 5’052,000 5781,000 
1'300,000 1’082,000 1'790,000 
5’975,000 ß'734,000 7’571,000 
für die einzelnen P r o v i n z e n 
1. 
2. 
3. 
4. 
5. 
6. 
7. 
8. 
9. 
10. 
11. 
12. 
13. 
14. 
15. 
1. Königreich 
Provinzen 
Napoli (Neapel) . 
Terra di Lavoro 
Principato citra . 
n ultra. 
Basilicata . 
Capitanata 
Terra di Bari 
Terra d'Otranto 
Calabria citra . 
„ ultra I. 
r n II 
Molise 
Abruzzo citra 
„ ultra I. 
n &gt;1 II- 
Neapel. 
Q.-M. Bevölker. 
68 1 272,142 
234 752,012 
161 558,809 
136 383,414 
123 501,222 
61: 318,415 
55 497,132 
128 409,000 
152 435,811 
108 319,662 
152 381,147 
135 360,549 
121 312,399 
74 231,747 
111 329,131 
Zus. Neapel 1825 6’612,892 
II. Königreich Sicilien. 
Provinzen Bevölker. 
1. Palermo . . . 514,717 
2. Messina . . . 349,484 
3. Catania . . . 379,991 
4. Oirgenti . . . 245,974 
Noto .... 237,814 
6. Traijani . . . 182,809 
7. Caltanisette . . . 180,791 
Zus. 2’091,580 
Die Notizen, welche uns über den 
Fläohenrauin der verschiedenen Pro 
vinzen vorliegen, sind so augenschein 
lich ungenau, dass wir dieselben ganz 
übergehen. 
Nationalitäten. Neapolitaner und Siciliaiier sind zwei wesentlich 
verschiedene Volksstärmne. Die politische Vereinigung hat nur dazu 
geführt, die gegenseitige Abneigung und Erbitterung zu steigern, in 
dem jedei Stamm durch den andern benachtheiligt zu sein glaubt. Am 
allermeisten herrscht diese Stimmung unter den Sieilianern. — Im 
Neapolitanischen leben auch gegen 75,000 Amanten, deren Voreltern 
in der Zeit zwischen der Eroberung Coristantinopels durch die Türken 
und dem Jahre 1738 einwanderten. Sie- reden die neugriechische 
Sprache. 
ConfessioneM. Die Einwohner sind fast sämmtlich Katholiken. Die 
Amanten bekennen sich zur unirten grieclilsclieii Kirche. Protestanten 
(ausser den fremden) zählt man angeblich etwa 800, Juden gegen 2200. 
&amp;tädte. Neapel mit etwa 360,000 Einw. (1818: 329,438, 1827 
357,283, 1838, nach den Choleraverheerungen, 336,300); Foggia und 
Bari mit je 28,000, Taranto 24,000 (einst 300,000), Lecce 22,000, 
Trani, Cosenza und Reggio 20,000, Gaeta 16,000. — Auf Sicilien; 
Palermo 190,000, Messina 80,000, Catania 60,000, 1'rapani 26,000, 
Marsala 25,000, Siragossa 20,000 (einst 80,000), Girgenti 15,0(10. 
Herrschaftsverrinderungen. Nach dem Einriiekeu der französischen 
Truppen in Neapel ward daselbst, Jan. 1799, die repubblica Partenopr.a 
proclamirt, im Juni aber, nach dem Abmarsche der Franzosen, mit
        <pb n="253" />
        ITALIEN — Beide Sicilien (Finanzen). 
237 
a 
FInaoz«:. Die Finanzlage wird in allen g.
        <pb n="254" />
        238 
ITALIEN — Beide Sicilien (Finanzen). 
Acton zurück. Als der letzte auf Napoleons Dictât 1804 vom 
Ministerium, entfernt werden musste, erhielt er Domänen mit einem 
jährlichen Ertrage von 30,000 Diicati zum Geschenke (im Capital- 
werthe von fast 3 Mill. Franken). In noch viel grösserer Aiisdehming 
verschleuderte Napoleon auch hier die Domänen, diesen wielitigcn 
Bestandtheil des Nationalvermögens. Bei Einsetzung des neuen Kö 
nigs behielt er sich die Verschenkung von neapoL Staatsgütern mit 
einem .lahresertrage von einer Million vor. In der Napoleonischen 
Constitution von 1808 war für den König eine Civilliste von 1'032,000 
Ducati bestimmt. Die Staatsbedürfnisse wurden für das oben bezeich- 
nete Jahr im Ganzen auf 12’700,000, die gcAvübnlichcn Einkünfte 
nur auf 5’700,000 Ducati berechnet; zur Deckung des Deficits sollte, 
unter Aufhebung der Zehnten und Fröhnd en, eine Grundsteuer von 
7 Mill, erhoben werden. Die gesummte Schuld Neapels betrug 134 
Mill. — Die Restauration der Bourbonen kostete ungeheuere Summen. 
Der König versprach den Oesterreichern zum Voraus (Vertrag v. 29. 
April 1815) 25 Mill. I'rk. Kriegsentschädigung. Sodann musste das 
Land dem Vicckönige Fugen, obAvohl dieser zu Neapel in gar keiner 
Beziehung stand , für seine anderweitigen Ansprüche, 5 Millionen 
Franken „Entschädigung“ bezahlen. Unter dem Titel von „Aus 
gaben der hohen Politik“ wurden ferner zur Zeit des Wiener Con 
gresses 6 Mill. Ducati verwendet, wovon 2 Mill, an auswärtige 
Unterstütze!’ der bourbonisehen Sache, insbesondere auf jenem Con 
gress e. Talleyrand erhielt hievon eine Million, und als Herzog von 
Dino überdies 60,000 ITk. Jahresrenten ; der österr. General Bianchi 
(Befehlshaber der Truppen gegen Murat) bekam 40,000 Frk. Rente, 
der spätere Finanzminister Luigi Medici 25,000, Alvaro Ruffo eben 
so viel. (Enthüllungen eines nachmaligen Finanzministers.) — Als 
man Ende 1816 den „Einheitsstaat“ herstellte, ward den Sicilianern 
die Versicherung ertheilt, dass die Insel keine grössere Summe auf 
zubringen habe, als die vom sicilianischen Parlament 1813 bewilligten 
1 847,687 Unzen (zu etAva 13 Frk.). Allein es war dies nicht nur 
eine ausserordentliche Anstrengung im Kriege gewesen, sondern es 
waren auch die damaligen englischen Subsidien einbegriffen. Dennoch be 
kümmerte sich die neap. Regierung so wenig um jene Zusicherung, dass 
in dem Budget für 1846 Sicilien mit 2'318,000 Unzen belastet er 
scheint. — Die herrschende Finanzuoth veránlasste nicht nur Beibe 
haltung der verhassten napoleonischen Grundsteuer, sondern man er 
höhte dieselbe sogar um 35 Proz. Die Verschleuderung des National 
vermögens dauerte indess fort, 1819 sprach man von „Ersparungen 
an den Kriegskosten,“ allein nur, um den Ministern Medici und 
Tornrnasi, so wie dem österr, General Nugent, einem Jeden 60,000 
Ducati von dieser angeblichen Ersparung zuzuweisen. Gleichzeitig 
nahm Tornrnasi für ein mit dem römischen Stuhl abgeschlossenes 
Concordat 80,000 Ducati in Empfang. — Für den Verfassungsum 
sturz von 1822 bezahlte man an Oesterreich 85 Mill. Duc. Kriegs 
kosten (nach Angabe des österr, Generals Bianchi). Dabei beschenkte 
der König die österr. Generale glänzend ; Frimont allein erhielt 200,000
        <pb n="255" />
        IT ALIEM — Beide Sicilien (Militär). 
239 
s:,;,; » 
S'SEÍ—Srlrtl 
noch 3 Proz. Provision abzog, so dass der Staat 4. 1 
tal cinbilsste. Noch vor Ablauf des »ämhcbc» 
nahm man weiter für 1 Mill. Kenten auf, unter Verpfandung de, Zoll . 
Ä;.o.Ä “ :2:: 
einer halben Mill., durch den Staat verzinslich vom läge der Geburt an. 
(8. ßunZkrm, — Uie constitut.onelle Bewegung 
Ln 1848 soll die Schuld um r()35,289 Duc. vermehii haben; diese 
Vennehrung ward jedoch vom Könige grbsstentheils aneikannt, 
5 z 1515S25E 
gegen, s. Vv« WonVi nrnZtrzm/za .iciZiaTta.) 
lilllltilr. Auf dem Festlande hat man Conscription; Dienstzeit 
5 Jahre (vom 19. J. an); dann 5 Jahre Keservepflichtigkeit. E.s gi)t 
indess viele Befreiungen, z. B. für Beamtensöhne, wenn der Vater 
mindestens 15 Thlr. Gehalt monatlich bezieht! Stellvertretung vom 
Staate geleistet um 240 Ducati. Die Sicilianer dulden keine Aushe- 
bung; bei ihnen besteht blos Werbung, und nur der Auswurf ^ 
dura das Handgeld locken. — Das neapol. Heer gilt übrigens tu 
sehr waffengeUbt und besitzt namentlich viele tüchtige Officie,c. 
Dermaliger Stand des Heeres. 
OW«: 1 Comp. Leibgarde 160, 2 Reg. Grenadiere, iJä- 
3I@##E3 
1 Trainbatailb 900, 5 CO Pontoniers etc 
Mann 
9,508 
65,296 
1,834 
6,736 
6,222
        <pb n="256" />
        240 
ITALIEN — Beide Sicilien (Militär). 
Oenie: 1 Bat. Sappeure, 1 Bat, Pioniere 2,880 
Reserve: Infant. 48,000, Küstenartill. 3,000 51,000 
Total (ohne Reserve 92,586 M. mit 8,997 Pferden) mit Reserve 143,586 
Nach einer andern Notiz soll die Gesammtstärke der Schweizer 10,458 
Mann betragen. 
Festungen, Gaeta, Civitella dell’ Tronte, Pescara, Messina ; 
dann die Forts von Neapel und Palermo. 
Geschichtliche Notizen. Vor der franz. Revolution bestand das 
Heer ans ungef. 25,000 M. Als man dasselbe 1798 auf angeblich 
120,000 brachte, und Mack mit 60,000 in das römische Gebiet ein 
drang, waren es fast nur ungeübte Massen, welche von den Franzo 
sen mit Leichtigkeit zerstreut wurden. — Unter Murats Regierung 
kämpften Neapolitaner zur Seite der Franzosen, namentlich in Spanien 
und in Russland. Gegen seine alten Verbündeten vermied der König 
1814 jeden ernsten Angriff. Als er 1815 die Grenze wieder über 
schritt, zählte seine active Armee in Wirklichkeit wenig über 30,000 M. 
(s. Pepe, memorie'). Da er das ital. Volk ernstlich aufzurufen nicht 
wagte, noch auch nur das Heer durch Ertheilung einer Constitution 
befriedigte, ward er von den Oesterreichern unschwer geschlagen 
(Treffen bei Macérala). — Zur Vertheidigung der Cortesconstitution 
geschah 1822 fast nichts, — vielmehr wurden die Vortheidigungsmaass- 
regeln vom Regenten und einem Th eil der Generale systematisch ver- , 
eitelt. Wil. Pepe, gegen welchen der ganze Stoss der österr. Executions- 
armee (58,000 M.) gerichtet war, hatte nur 18,000 Linicntrnppen 
und noch weniger Milizen. Nach dem Treffen bei Rieti löste sich 
das Heer fast vollständig auf.— Im Frühjahre 1848 sendete der König 
ein neapol. Heer unter With. Pepe zur Bekämpfung der Oesteweicher 
nach Oberitalien, rief dasselbe aber sogleich nach dem Verfassungs- 
umSturze zurück. Einige kleine Abtheilungen verweigerten den Ge 
horsam, geführt von Pepe selbst und einer Anzahl anderer Officiere ; 
sie zogen nach Venedig und zeichneten sich in Vertheidigung dieser Stadt 
durch militärische Geschicklichkeit wie durch Math im höchsten Grade 
aus (darunter Ulloa, der Commandant von Malghcra.) Der König von 
Neapel selbst unternahm 1849 einen Feldzug gegen die Römischen 
Republikaner, ward aber von Garibaldi schmählich über die Grenze 
zurückgetrieben. 
Marine. Man hat ein Marine-Infant.-Reg., ein Marine-Artillerie- 
und ein Matrosencorps. Die Stärke der Marine wird so angegeben; 
Segler 
2 Linienschiffe zu 90 u. 80 Kan., zusammen 170 Kan. 
6 Fregatten zu 44, 48 u. 64 - - 264 
2 Corvetten zu 14 und 22 - - 36 - 
5 Brigantinen zu 20 - - 100 - 
2 Goeletten zu 14 - - 28 - 
Dampfer 598 Kan. 
14 Dampffregatten von 300 u. 450 Pferdekraft 
4 Corvetten v. 240 Pferdekr. 
11 andere Kriegsdampfer 
3 Transport-Dampfer 
Ausserdem 50 kleine Fahrzeuge, zus. mit den Dampfern 722 Kanonen füh 
rend; die Dampfer mit 6650 Pferdekraft.
        <pb n="257" />
        ITALIEN — Beide Sicilien (Sociales). 
241 
Sociales* Kleidung, Wohnung und Nahrung des Volkes sind 
höchst dürftig und schmutzig. So fruchtbar der Boden (war doch 
Sicilien die Kornkammer Roms), so vernachlässigt ist der Anbau des 
selben. Die Felder werden vielfach nur alle 2 — 3 Jahre bestellt. 
Das Getreide erträgt zuweilen 100- bis 120fältig. Aber der Land 
mann ist nicht freier Eigenthümer. Das Gewerbswesen steht auf sehr 
niedriger Stufe, wie man überhaupt fast nur in den Städten einige 
Handwerker trifft. — Geistlichkeit und Adel sind die übermäch 
tigen Stände. 1834 zählte man im Königreiche Neapel allein 14 Erz 
bischöfe, 66 Bischöfe, 26,800 Weltgeistliche, 11,730 Mönche und 
9520 Nonnen! Die Einkünfte des Clerus wurden 1820 auf 9’007,390 
Duc. berechnet. — Der Sicilianische Adel besteht aus 61 Herzogen, 
117 Fürsten, 217 Markisen, über 1000 Baronen und 2000 einfachen 
Adeligen! Ein Einkommen von mehr als 3 Mill. Duc. dient auf der 
Insel nur zum Unterhalte von 7600 Geistlichen (wie dies hervorgeht aus 
dem von den geistlichen Corporationen selbst im Jahre 1842 aufgestellten 
Stato di attivith e passivith). Dagegen nimmt man an, dass V3 der 
Sicilianer Bettler sind. Im Jahre 1820 fanden sich auf der ganzen 
Insel nur 5 Buchdruckereien (nebenbei auch ein Zeichen, wie die 
zahlreiche Geistlichkeit in und ausser den Klöstern sich gar nicht 
sehr stark mit Literatur beschäftigt). In Neapel ist auch der Militär- 
Stand sehr begünstigt und ausgezeichnet. Allein die einheimischen 
Soldaten sehen sich gegenüber den Schweizer Söldlingen dennoch in ho 
hem Grade zurückgesetzt. — Ueber die politischen Verfolgungen hat 
namentlich sogar der britische Hochtery Gladstone schneidende 
Enthüllungen gebracht, wie überdies England und Frankreich eine Mil 
derung des Regierungssystems verlangten. 
Ilandelsvmrine-, Neapel 10,863 Schiffe von 202,318 Tonnen, Si 
cilien 2031 Schiffe von 47,438 Tonnen. (Doch sind hiebei offenbar 
die gewöhnlichen kleinen Barken mitgerechnet.) 
Münzen u. Maasse. Der ducato wird in 100 grani getheilt. Die feine 
Köln. Mark soll ausgeprägt werden zu 12,23137415 Ducati; der Ducato wäre 
sonach = 1 Thlr. 4 Sgr. 4,05 Pf. preuss. Indessen ist die wirkliche Ausprä 
gung schlechter, die Mark zu 12%, Duc., so dass sich der Werth des Ducato 
durchschnittlich auf 1 Thlr. 3 Sgr. 11,65 Pf. stellt. — Auf Sicilien rechnet 
man im Privatverkehre wol auch noch nach oncie, zu 30 tari ä 20 grani] die 
feine Mark zu 4%, üncio, so dass die Oncia = 3 Thlr. 11 Sgr. 10,94 Pf. 
Längemaass: der palmo, in Neapel 0,26450, auf Sicilien 0,258098 Met., also 
0 8429 u. 0,82235 preuss. Fuss. — Feldmaass: in Neapel der moggio = 0,2741 
nreuss. Morgen. — Oetreideniaass; in Neapel der tomolo zu 55,55 Liter oder 
10106 preuss. Scheffel, in Sicilien zu 17,19 Lit. od. 0,3128 Schffl. Die sicil. 
$alma hat 10 tomoli. — Weinmaass: der harüe, in Neapel zu 0,635, auf Si 
cilien 0 5 preuss. Eimer. — Gewicht: in Neapel das Pfund zu 320,759 Grm. 
od. 0,6858 alte preuss. Pf. ; auf Sicilien der rotolo zu 793,4 Gr. od. 1,6964 pr. Pf.
        <pb n="258" />
        242 
SCHWEIZ — Land und Leute. 
fhrlí 
Die übrigen europäischen Staaten. 
Schweiz (Freistaat). 
Katholik. 
54,044 
6,090 
91,096 
6,962 
106,370 
131,280 
117,707 
87,753 
38,039 
21,921 
81,128 
5,608 
9,052 
6,570 
61,656 
29,764 
875 
11,230 
44,013 
1,411 
3,932 
13,783 
11,327 
17,336 
14,493 
Zusammen 724 2’390,116 1’417,754 971,840 
Die Berechnung des Areals dürfte etwas zu niedrig gegriffen und die Summe 
beiläufig zu 730 geographische Quadrat-Meilen anzunehmen sein. Was die con- 
fessionellen Verhältnisse betrifft, so ist noch zu bemerken, dass die Zahl der 
Juden im Jahr 1850 zu 3146 angegeben ward. 
Nationalitäten. Die Schweiz umfasst Angeliörige von vier ver- 
ßchiedenen Nationalitäten. 1) Deutsche, etwa i’800,000; 2) Fran 
zosen, gegen 500,000 (in den Kantonen Waadt, Genf und Neuen 
bürg, dann theilweise Wallis, Freiburg und Bern); 3) Italiener, 
ungefähr 140,000 (in Tessin und einem kleinen Theilo von Grau 
bünden; 4) Romanen, etwa 45,000, in einem Theile von Graubünden. 
Auswanderungen. Früher nahm man durchschnittlich 6500—7500 
im Jahre an, wovon aber etwa Vs dem Handwerker- und Handels 
stande angehörend, später wieder zurückkehrte. 1854 stieg die Zahl 
der Auswanderer auf 16 —18,000, wovon 12,098 blos Über Havre 
zogen. Davon kamen auf 
Kantone 
Q.-M. Volkszahl 1850 
Bern .... 121 
Zürich . . . 33 
Aargau ... 24 
Waadt ... 66 
St. Gallen . . . 36 
Luzern ... 28 
Tessin ... 49 
Freiburg . . . 27 
Graubünden . . 140 
Thurgau . . . 13 
Wallis ... 79 
Basel, Stadt . . i „ 
„ Land . . ) 
Neuenburg 
Solothurn 
Genf 
Appenzell Ausser-ßhoden 
„ Inner-Rhoden 
Schwyz 
Schaffhausen 
Glarus 
Unterwalden ob dem Walde 
„ nid dem Walde 
Zug 
Uri - 
14 
12 
4% 
: 
16 
12 Vî 
4 
20 
457,921 
250,134 
199,720 
199,453 
169,608 
132,789 
117,397 
99,805 
89,840 
88,819 
81,527 
29,555 
47,830 
70,679 
69,613 
63,932 
43,599 
11,270 
44,169 
35,278 
30,197 
13,798 
11,337 
17,466 
14,500 
Dav 
Reform. 
403,769 
243,928 
107,194 
192,225 
64,192 
1,563 
50 
12,133 
51,855 
66,984 
430 
24,083 
38,818 
64,952 
8,097 
34,212 
42,746 
42 
155 
33,880 
26,281 
16 
12 
125 
12
        <pb n="259" />
        SCHWEIZ — Hand iitid Leute. 
243 
23 o/o 
21 - 
10 - 
7 - 
5%- 
2&gt;/2- 
Aut 1000 Einw. 
C Auswand. 
13 
Bern 
Aargau 
Zur jell 
Solothurn 
Bünden 
Glarus . o _ 
StcicUe, Die Zahl der säniintlichen Gemeinden ist d0o8, wovon 
29 mit mein- als 5000 Einw. Nach der Zählung von 1850 betrug 
die Bevölkerung: 
5 
12 
18 
In Scliaffhausen kamen auf 1000 
Einw. 13 Auswanderer, Schwyz und 
Unterwalden 9, Zug 6, Basel 5. — 
Das Vermögen der 1854 Ausgewan 
derten wird auf 6 bis 7 Mill. Franken 
geschätzt. 
Genf 
Basel 
Zürich 
Bern 
Lausanne 
St. Gallen 
Chaux de fonds 
Eigentl. 
Stadt 
31,238 
27,313 
17,040 
27,558 
14,500 
11,234 
12,638 
Vorstadt- 
Gemeinden 
10,000 
10,000 
18,000 
6,000 
8,200 
5,000 
zus. 
41,000 
37,000 
35,000 
33,500 
22,700 
16,000 
12,600 
1856 
etwa 
45,000 
40,000 
40,000 
34,000 
23,000 
16,000 
17,000 
GggcMcmcAa Die Kantone gelangten in nachb^erkten 
Zeiten zur Vereinigung: 1) Die UrÄmtWe: Uri, Schwyz U^er- 
wählen, 1308; letztes seit 1114 und 50 getheilt m Oh- und Nid 
walden — 2) Die der Eidgenossenschaft zuerst beigetretenen Kantone: 
Luzern 1332, Zürich 1351, Glarus 1352, Bern 1353 und Zug 1362j 
mmm 
Die „neuesten Kantone:“ Wallis, Genf, Neuenburg 1815 - Vor 
der Zeit der frans. Revolution bildeten die oben bezeuthneten 13 
Orte“ den sehr losen Bund der Eidgenossenschaft. Diese 13 Orte 
umfassten indess kaum 450 Q.-M. und 970,000 Menschen. e en 
ihnen bestanden noch andere Stätchen in einer yuasi-belbst^- 
digkeit, welche sich an die EidgenossenschaA, oder vie^ehr an ein- 
zelne Kantone, anlehnten ; andere Gebiete sodann, welche ° 
*
        <pb n="260" />
        244 
SCHWEIZ — Land und Leute. 
Freienämter, Murten und die 7 italienischen Vogteien (Tessin). Die 
letzten.waren zunächst den Urnern, das Waadt und ein Theil des 
Aargau den Bernern unterworfen; auch das selbständige Bünden sei 
nerseits besass solche Unterthanenlande: Veltlin, Bormio und Chia- 
venna. Das Frickthal gehörte zu Oesterreich. — Die franz, Revolu 
tion bewirkte völlige Umgestaltung. Schon 1792 verjagten die Be 
wohner des Bisthums Basel ihren Bischof, und erklärten sich zu einer 
Republik. 1793 riss Frankreich einen Theil dieses Gebietes, Pruntrut, 
an sich; 1797 einen andern, Erguel. Die Bewohner von Veltlin, Cliia- 
venna und Bormio, denen die Bündner Gleichheit der Rechte verwei 
gerten, schlossen sich an die „Cisalpinische Republik“ an, was Bo 
naparte unterm 22. Oct. 1797 sanctionirte. Das Waadt riss sich, als 
„Lemanscher Kanton,“ von Bern los; die Franzosen besetzten es (26. 
Jan. 1798). Nachdem die Berner von den franz. Truppen geschlagen 
waren, erfolgte Auflösung der „F/idgenossenschaft“ und Bildung eines 
Einheitsstaats, der „Helvetischen Republik.“ Dieselbe (mit der 
Hauptstadt Aarau) ward blos der administrativen Bequemlichkeit we 
gen in 18 (nicht selbständige) Kantone getheilt; Bern zerfiel in 4: 
Bern, Oberland, Aargau und Leman. Auch Baden, 'J'hurgau, Lugano, 
Bellinzona und Wallis wurden in Kantone umgewandelt, indess man 
Uri, Schwyz Untcrw^alden und Zug zu einem Kantone „Waldstädten“ 
vereinigte. Appenzell, St. Gallen und das Rheinthal bildeten den 
Kanton „Säntis.“ Genf und Mühlhausen wurden Frankreich einver 
leibt. — Es folgten viele Unruhen. Die Centralisation widerstrebte 
dem ganzen Wesen und dem Entwicklungsgänge der Schweizer ; fran 
zösischer Seits nährte man unter der Hand die Zwietracht, Im F ehr. 
1803 verkündete Bonaparte die „Vermittlungsacte.“ Die Kantone er 
hielten ungefähr ihren vormaligen Umfang wieder (doch blieben Waadt 
und Aargau von Bern getrennt); sie durften ihre innern Angelegen 
heiten wieder selbst ordnen, indess die allgemeinen Angelegenheiten 
einer Tagsatzung übertragen waren, zu welcher jeder der grösseren 
Kantone zwei, jeder der kleineren einen Abgeordneten sendete. Neuen 
burg und Wallis vereinigte Napoleon mit Frankreich ; so bestanden 
19 Kantone. — Der Wiener Congress suchte auch in der Schweiz 
die alten Zustände wieder herzustellcn; die Verfassung von 1815 de- 
cretirte die Souveränität der Kantone, deren Zahl nm 3 vermehrt 
ward (s. oben). Das ehemalige Bisthum Basel ward mit dem Kantone 
Basel vereinigt. Sardinien trat, der Contiguität Genfs wegen, einen 
kleinen Bezirk an dasselbe ab (Carouge), Oesterreich gab die Herr 
schaft Räzüns an Graubünden, und das Frickthal, Laufenburg und 
Rheinfelden an Aargau; Frankreich sollte nach dem Pariser Friedens 
vertrage das Dappeuthal an Waadt zurückgeben, was indess bis heute 
noch nicht vollzogen ist; Mühlhausen blieb ohnehin mit Frankreich 
vereinigt, so wie das Veltlin, Chiavenna und Bormio mit dem österr. 
Gebiete (der Lombardei). — Die Wiederherstellung des aristocratisch- 
oligarchischen Regiments konnte den Schweizern unmöglich Zusagen. 
Die Bewegung, welche 1830 durch Europa ging, ward benützt, die 
meisten Kantonalverfassungen in democratischem Sinne umzugestalten;
        <pb n="261" />
        SCHWEIZ — Finanzen, 
Î45 
auch trennte sich die Landschaft Basel von der Stadt. Die beiden 
feindlichen Elemente bekämpften sich ununterbrochen. Vermittelst je 
suitischer Ränke und auswärtiger Einflüsse bildeten zuletzt 7 Kantone 
sogar einen nämlich Luzern, 
walden, Zug, Wallis und Freiburg. Er ward, Nov. 18^, mit Waf 
fengewalt vernichtet. Die Schweizer benützten klug die ^tume des 
Jahres 1848, um sich neu zu constituiren; Neuenburg schüttelte die 
preuss. Herrschaft ab, und eine neue Bundesverfassung kam untenn 
12 des Herbstmonats 1848 zu Stande, wodurch, unbeschadet der 
Autonomie der Kantone hinsichtlicli ihrer iimem Angelegenheiten, 6e 
Nationalkraft gegen Aussen vereinigt ward. Die Organe, durch welche 
die Nation ihren Willen kund gibt, sind der National- und der 
Ständerath, welche 7 Männer, den „Bundesrath,« als höchste Execu- 
tivbehövde, erwählen. In den Ständerath sendet jeder Kanton, ohne 
Unterschied seiner Grösse, 2 Vertreter, jeder Halbkanton 1. In den 
Nationalrath dagegen wird je ein Repräsentant auf 20,000 Lin^oh^ 
gewählt. Die jetzige Gesamnitzahl der Nationalräthe ist demnach 120, 
wovon aus 
Bern . 
Zürich 
Aargau 
Waadt 
Luzern 
Tessin 
Freiburg 
Bünden 
Thurgau 
Wallis 
Neuenburg 
Solothurn 
23 
13 
10 
10 
7 
6 
5 
4 
4 
4 
4 
3 
Genf 
Schwyz 
Glarus 
Basel-Land . 
Schaffhausen 
Ausser-Rhoden 
Uri . 
Obwalden 
Nidwalden 
Zug 
Basel-Stadt 
Inner-Rhoden 
FIniiilZCii* Bundesbudget. Die neue Verfassung schuf dem 
Bunde, statt der unsichern Matricularbeiträge der einzelnen Kantone, 
eigene Einkünfte. Wie in Nordamerika ward das Zollwesen die 
Haupteinnahmsquelle der Centralregierung. Die Postverwaltog ward 
zwar gleichfalls der Bundesbehörde übergeben; die Entschädigung, 
welche die Kantone für diese Ueberlassung erhalten, kommt ^er zu 
weilen dem ganzen Reinerträge der Anstalt gleich; wie die Kantone 
ie für ü« Jalire aufgesellte Scala, nach welcher, wenn etwa nothig, 
die einzelnen Kantone su weiteren Beiträgen für Bundeszwecke ver 
pflichtet Bind (welche Beiträge man wohl zunächst an den Post - und 
LllentBchädigungsgeldern in Abzug bringen wurde). - Das Budget 
für 1857 stellt folgende Hauptpositionen dar: 
Einnahmen, 
II Ertrag der I.n.noMIien (39,870) u angelegten Capitalien (136,000) 
kapselverw. 43,854, Münze 827,200) ..... 
Fres. 
175,870 
48,266 
15’928,364
        <pb n="262" />
        246 
SCHWEIZ — Finanzen. 
4) Kanzleieinnahmen u. Vergütungen ...... 93,100 
5) Unvorhergesehenes • • ■ . • • • • • 1,210 
Gesammtsumme'der Einnahmen 15’686,000 
Ausgab en. 
1) Zinsvergütungen ......... 62,170 
2) Allgemeine Verwaltungskosten (Nationalrath 72,780, Ständerath 
8105, Bundesrath 52,200, Bundeskanzlei 121,940, Bundesge 
richtskosten 11,000, Pensionen 35,000 .... 296,025 
3) Departemente (politisches Dep. 69,500, Inneres 216,700, Militär- 
dep. 12,000, Finanzen 82,300, Handels- u. Zolldep. 5000, 
Post- u. Baudepart. 101,200, Justiz- u. Polizeidep. 24,300) 460,000 
4) Specialverwaltungen (Militär 1’466,777, Zoll 3’252,000 [wovon 
2’496,000 Entschädigung an die Kantone], Post [a. Kosten 
6’311,000, b. Zahlung an die Kantone 1’497,000J 7’808,000, 
Telegraphie 370,000, Pulververwalt. 600,000, Zündkapselverw. 
41,954, Münze 848,600 14’387,331 
5) Unvorgesehenes ......... 474 
Gesannntsummc der Ausgaben 15’206,000 
Ucberschuss 480,000 
Für die Verwaltung eines Staates von dritthalb Millionen Men 
schen sind dies sehr geringe Summen. Indessen darf nicht übersehen 
werden: einersejts, dass manche Ausgabe für das grössere Gemein 
wesen den Kantonen überlassen bleibt; anderseits aber ebenso, dass 
hier die Brutto summen mit einer Vollständigkeit eingetragen sind, 
wie nirgends sonst (erscheint doch sogar der Preis für das von der 
Münze verwendete Metall vollständig in der Ilaiiptreclmung), und 
dass auch die blos durchlaufenden Beträge (Einnahme der Post für 
die Kantone) hier aufgeführt sind. — Fassen wir, zur Vergleichung 
mit andern Staaten, blos die Netto-Summen ins Auge, so stellt sich 
das Eidgenössische Budget folgendermassen : 
Einnahme: 1) directe Steuern: gar keine; 
2) Indirecte: Zölle . . . 2’348,000 
3) Begalien: Post nichts (weil den Kantonen zufiiessend), Telegra 
phen-, Pulver-, Zündkapsel- u. Münzverwaltung . . 99,000 
4) Ertrag des Staatavermögena (Domänen) ..... 224,136 
5) Kanzleieinnahmen ........ 93,100 
Gesammtsumme der Netto-Einnahme 2’764,200 
Ausgabe: 1) Schuld . . . . . . . 54,170 
2) Allgem. Verwaltung: Nationalvertretung 75,885, Besoldungen 
202,100, Kanzleikosten 130,040, Bundesgericht 11,000, Poly- 
techn. Schule 150,000, Bauten, Strassen 90,000, Heimathlose 
7,000, Pensionen 35,000, Auswanderung 19,000 . . 719,983 
8) Militär P478,777 
Gesammtsumme 2’252,932 
Was wir als „allgemeine Verwaltung“ (Nummer 2 der Ausgaben) 
aufführten, vertheilt sich, anders classifficirt, so : 
A. Volks- u. Kantonalvertretung == National- u. Ständerath . . 75,885 
B. Regierung = Bundesrath : a. Besoldungen 52,200, b. Kanzlei 121,940 174,140 
C. Pensionen (aus dem Sonderbundskriege) ..... 35,000 
D. Departemente (wie oben) . 460,000 
E. Polytechn. Schule, Bauten, Strassen, Heimathlose, Auswanderungswesen. 
Die höchste Besoldung ist die des Bundespräsidenten = 8700 
Frk. (2320 preuss. Thlr., fast nur die Hälfte dessen, was in Bayern 
ein bloser AVef^regicrungs-Präsident, einschliesslich seiner Repräsenta-
        <pb n="263" />
        SCHWEIZ — Finanzen. 
247 
kÄTL; Thuóer Ahnend 100,000 
. Telegraphen-Anlehens . • ’ 
Gesammtscliuld 
661,742 
2. Kapitalien des ehemal. Knegsfonds 
3. Bankdepositen 
4. Zinsrückstände 
5. Sonstige Ausstände 
6. Inventar-Conto 
7. Cassa 
1’233,240 
2’820,000 
800,000 
5,000 
771,045 
3’252,862 
2’699,111 
11’581,258 
10919,516 
Gesammtsumme der Activen 
... be- 
kannten Daten zusammen. 
Kantone 
Bern 
Zürich 
Waadt 
Aargau 
Genf 
Freiburg 
St. Gallen 
Luzern 
Solothurn 
Thurgau 
Basel-Stadt 
Basel-Land 
Wallis 
Tessin 
Neuenburg 
Graubünden 
Schaffhausen 
Glarus *) . 
Schwyz 
Uri 
Zug 
Ausser-Khoden 
Inner-Rhoden 
j Obwalden 
\ Nidwalden 
Quelle der Ziffern 
Budget f. 1856 
Rechn. v. 1855 
Budget f. 1856 
: : 1: 
Rechn. v. 1855 
; :Í8m“ 
Budget f. 1856 
Recluí. V. 1855 
Budget f. 1848 
Einnahme 
4’356,365 
2’551,000 
2’433,359 
1694,373 
1641,615 
1’334,345 
1’042,000 
862,479 
942,203 
814,498 
787,982 
422,902 
638,788 
878,000 
825,525 
686,487 
169,000 
212,229 
190,154 
182,000 
86,000 
190,000 
49,000 
24,000 
31,000 
Ausgabe 
4'326,415 
2’711,711 
2’465,902 
1’832,373 
1’545,732 
1’533,590 
1’341,000 
945,489 
935,169 
719,119 
902,848 
423,734 
604,359 
1’000,000 
814,048 
778,259 
184,000 
207,424 
145,781 
206,000 
83,000 
162,000 
46,000 
21,200 
29,000 
würde man gewaltig irr , mangle dort an Sicherheit und Ordnung, oder 
Zustande der Barbarei, o 
an Schulen.
        <pb n="264" />
        248 
SCHWEIZ — Fmaixzen. 
Ill diesen Rechnungen sind viele bloss formelle Uebertrüge aus 
frühem Etats einbegriffen ; ebenso durchlaufende Posten; endlich solche 
Lasten, welche in andern Staaten, als Leistungen der Gemeinden und 
Kirchen, ausser dem Staatsbudget bleiben. Unter Berücksichtigung dieser 
Momente erhalten wir für die Finanzverwaltungen in der ganzen 
Schweiz, Bundes- und Kantonallasten zusammengerechnet, folgende 
Totalresultate : 
Netto der Rechnungen des Bundes 2'/j Mill. Fres. 
der Kantone 19% - 
Zusammen ungefähr 22 - - 
Hievon treffen auf die Hauptpositionen : 
directen Steuern 
indirecten Abgaben 
der Einnahmen: der Ausgaben: 
aus Domänen ungefähr 4'% Mill. Besoldungen 2’000,000 
6 - Unterricht 4’500,000 
- Militär 3’500,000 
Pensionen 60,000 
Schulden 450,000 
^ Die directen Steuern bestehen fast allenthalben nur in einer 
Vermögens- und Einkommen- (als einziger directen) Steuer. Bios ini 
Waadt und in einem kleinen Theile von Bern kennt man eine Grund 
steuer. — Unter den indirecten Abgaben erscheinen die eidgenös 
sischen Zolle, dann Auflage auf Salz (sehr massig, doch verschieden 
in den einzelnen Kantonen,*) Stempelpapier, Erbschaftsabgaben etc.— 
Sehr häufig schliessen die Budgets mit einem Deficit ab. Allein es 
besteht dieses nur scheinbar, indem man, um alle Fälle vorzusehen, ge 
wöhnlich die Einnahmen äusserst niedrig, die Ausgaben nach dem 
höchsten denkbaren Anfalle veranschlagt, so dass sich sehr oft bei 
den Rechnungsabschlüssen Ueberschüsse ergeben, während die Bud 
gets Deficite in Aussicht gestellt hatten. Auch bezeichnet man zu 
weilen die ganze Summe als Deficit, welche durch directe Steuer 
aufgebracht werden muss, indem man solche in einigen Kantonen 
überhaupt noch gar nicht kennt. 
Die Kantonalschulden rühren meistens von unmittelbaren Er 
werbungen her. Sie betrugen bis zur neuesten Zeit in allen Kantonen 
zusammen wohl höchstens 8 Mill. Frkn., wovon etwa 5 Mill, auf das 
hierin eine Ausnahme bildende, hart bedrängte und bedrückte Tessin 
treffen. Sodann haben in letzter Zeit verschiedene Kantone ansehnliche 
Anlehen für Eisenbahnbauten abgeschlossen. In den meisten Kantonen 
übersteigt jedenfalls das Activvermögen weitaus den Schuldbetrag. 
Zum Schlüsse noch ein Paar von dem Verfasser dieses vor eini- 
pn Jahren berechnete Vergleichungen. Das Budget des Kantons 
Zürich ergab, mit Dazurcchnung des entsprechenden Antheils an dem 
Bundesbudget, — gegenüber der Finanzverwaltung einiger deutscher 
Staaten von beiläufig gleicher Bevölkerung, folgende Hauptresultate 
(alle Summen auf preuss. Thlr. reducir!) : 
) gewöhnliche Preis des Salzes ist 8 Cent, für das Pfund; dieses 
nothwendige Lebensbedürfniss ist also hier wohlfeiler, als dasselbe den Ange 
hörigen derjenigen Länder verkauft wird, aus welchen die Schweiz einen Theil 
ihres Salzes bezieht.
        <pb n="265" />
        SCHWEIZ — Finanzen. 
249 
Hauptansgaben: 
Hof ...••• 
Staatsschuld 
Militärweaen 
Pensionen . 
Gesamrotbetrag dieser 4 Positionen 
Gesammter Staatsbedarf 
Hauptstaatseinkünfte: 
Domänen und Regalien 
Indirecte Auflagen 
Directe Steuern 
Zürich 
nach d. Rechn. 
von 1852 
' 3,600 
122,000 
4,000 
Weimar 
nach d. Rechn. 
von 1851 
250,000 
306,103 
153,325 
106,493 
Braunschw. 
nach d. Budget 
für 18'Y„ 
260,000 Thlr, 
428,407 - 
815,284 . 
127,990 - 
129,600 
739,780 
815,921 
l’534,25l 
1’131,681 Thlr. 
1’824,000 - 
141,600 178,555 150,886 Thlr. 
113,422 316,336 493,300 - 
243,166 526,857 432,000 - 
Dabei darf nicht übersehen werden, dass im Züricher’schen Etat 
viele blos durchlaufende Posten Vorkommen, während in den andern 
Staaten ansehnliche Nachtragacredite erscheinen, und dass insbe- 
sondere die Positionen für Militär sowohl in Weimar als m Braun 
schweig längst sehr bedeutend erhöht sind. 
Eine Vergleichung des jetzigen bayerischen Budgets mit dem 
schweizerischen (die Beträge des Bundes und aller Kantone zusammem 
genommen, und dann das Ganze nach der Volkszahl berechnet — 
4V2 Mill. Menschen in Bayern, 2V2 Mill, in der Schweiz) fuhrt zu 
nachfolgenden Resultaten : Würde betragen Im 
Verhältnisse zu den 
Schweizer Budgets 
19’720,000 fl. 
5’120,000 
9’850,000 
nichts 
3’000,000 
385,000 
1700,000 
51,000 
54,000 
3’800,000 
1’200,000 
Gesammtstaatsbedarf in Bayern 
Hievon ; directe Steuern 
indirecte Auflagen 
Hauptausgaben: Hof 
Armee 
Bayerisches 
Budget für 
ISWa, 
41’396,862 
9216,968 
20700,000 
2982,272 
9’075,900*) 
12719,300 
Staatsschuld . 
Civilbesoldungen (etwa) 11’630,000 
Pensionen (mindestens) 3’400,000 
Gesandtschaften . 303,000 
Dagegen: Erziehung u. Bildung 900,653 
Wohlthätigkeit . 209,440 
Endlich: Reservefonds für unvorher 
gesehene Ausgaben 675,000 
(Bel den bemerkenswerthen Ergebnissen des Schweizerischen FinanzvrMens, 
Basel 1866.“) 
IVIÜllSlrwesCill* Die Schweiz hat keine stehenden Truppen; es 
ward der Bundesregierung sogar verfassungsmässig ausdrücklich ver- 
boten solche zu errichten. Dagegen ist jeder waffonmige Schweizer 
auch in Wirklichkeit militärpflichtig. Von Kindheit an gewöhnt, mit 
FeucrwafTcn umzugehon, erfolgt das militärische Einschulen der Re- 
kruten stets in wunderbar kurzer %eit, und später genügen Hebungen 
10,000 
*1 Die Regierung hat bereits erklärt, eine (viel) höhere Summe hiefür zu 
bedürL (siehe S. 160); zudem sind 400,000 fl. neuere Militärponsionen, welche 
man auf die Amortisationscasse übernahm, hier nicht eingerechnet.
        <pb n="266" />
        250 
SCHWEIZ — Militärwesen. 
von wenigen Tagen, die Sache frisch zu erhalten. Das Bundesheer 
hat folgende Bestaudtheilc ; 
1) Bundeaauszug, — die Mannschaft von 20—34 Jahren; dazu müssen die 
Kantone 3 Proc. ihrer Bevölkerung stellen; 
2) Beaerve, — von 35—40 Jahren; 1% Proc. müssen gestellt werden; 
3) Landwehr, — bis zum 44. Altersjahre; 
4) Landaturm (ofüciell zu 150,000 M. angenommen). 
Der eidgen. Bundesauszug hat dermalen folgende Stärke; 
Infanterie: 75 ganze und 8 halbe Bataill. Linie 59,114, 45 Comp. 
Scharfschützen 5232 = 64,346 
Cavallerie: 21 Comp. Dragoner 14.85, 6% Comp. Guiden 204 . 1,689 
Artillerie: 40 Comp. 6,897 
Genie: 6 Comp. Sappeurs 678, 3 Comp. Pontoniers 338 . . . 1,016 
Sanit'dtaperaonal 150 
ZuB. Auszug 74,095 
Die Bundesreserve beträgt 42,660 
„ Landwehr . . . 46,188 
Total 162,943 
Auszug und Reserve sind jeden Augenblick mobil zu machen. 
Bei beiden sind überdies gegen 19,000 M. überzählige Mannschaft, 
Die Artillerie besteht aus : 
35 Kanonenbatterien, — 6-, 8- u. 12pfünd., 
3 Haubitzbatterien, — 24pfünd., 
4 Gebirgsbatterien und 
8 Raketenbatterien 
zus. 50 Batterien mit 274 bespannten Geschützen; ausserdem sind für 12 Po- 
sitionscomp. 202 Geschütze bereit. 
Die bewaffnete Macht der Schweiz ist schwach an Reiterei. Ihre 
Linieninfanterie könnte dagegen der eines stehenden Heeres sehr wohl 
entgegen gestellt werden. Dabei aber besitzt die eidgenössische Armee 
eine vortreffliche Artillerie und hat eine entschiedene Ueberlegenheit an 
Scharfschützen. Bei der Landwehr ist die vollständige Zahl Offi’ 
eiere nicht vorhanden; allein dieselbe bildet dennoch das Mittel, dem 
Auszug und der Reserve eine sofortige Verstärkung von 15—20,000 
Mann zu gewähren, 
Vergleichung. Können Staaten mit stehenden Heeren dasselbe 
leisten, wie die Schweiz? Nimmermehr! Württemberg und das 
Grossherzogthum Hessen umfassen zusammen eine Volksmenge, w^elche 
jene der Schweiz um beiläufig 200,000 Köpfe übersteigt. Beide zu 
sammen verwenden auf das Militärwesen, den neuesten Budgets zufolge, 
alljährlich mindestens 4’800,000 Gulden. Indem man neue Vermehrun 
gen vornahm, bekam man einen Formationsstand, der in Württemberg 
2.3,200, in Hessen etwa 12,000 M. beträgt. — Stellen wir diese Haupt 
momente einander gegenüber, so erhalten wir folgende Ziffern : 
TiS'/t 
Volkszahl .... 2’390,000 2’590,000 
Kosten des Militärs . . 3’500,000 Fr. 4’800,00ü fl. =: 1 (&gt;’270,000 Fr. 
Stärke des marschbereit zu 
machenden Heeres . . 140,000 M. 36,000 M. 
Mit einem Geldaufwande von ungefähr einem Drittel, stellt 
die Schweiz sonach eine viermal grössere Militärzahl als jene beiden 
(mwMswq 
TT 
na
        <pb n="267" />
        SCHWEIZ — Militärwesen. 
251 
■ 
Scliiilz-Bodmer. Leipzig, 1855.“) _ , . , , . 
don Weise. K» stellten in wenigen Wochen in das l e . 
dio l-‘d/s eidgenössischen Kantone t)8,861 Mann 17- Kanonen 
7 Soiiderbunds-Kantono 3t),580 - 
Zus. 188,441 - 246 
wichtigste Quelle des Wohlstandes.
        <pb n="268" />
        252 
SCHWEIZ — Sociales. 
Die Militärcapitulationen mit fremden Staaten sind verfassungsmässig 
verboten ; indessen lassen sich noch immer Tausende zu dem schmäh- 
ligen Söldlingsdienste in Neapel und Rom anwerben, wie auch sowohl 
die Franzosen als die Engländer während des orientalichen Krieges 
Schweizercorps bilden konnten. 
Sociales* Die Schweiz bietet das wunderbare Bild eines Staates 
von nur dritthalb Millionen Menschen dar, welcher, ungeachtet der 
localen Trennung durch die höchsten Gebirge, dennoch Angehörige 
dreier grosser Culturnationeii umfasst, — Angehörige ganz verschiedener 
Stämme, die nicht durch eine despotische Gewalt zusammengekettet, 
sondern durch die lebendige Ucborzeugung verbunden sind, dass dieses 
Verhältniss weit nützlicher, vortheilliafter und wohlthätiger für sie ist, 
als ein Anschluss an ihre grossen Stammnationen. — Wenn es 
gar keinen andern Beweis als diesen für die Güte des Fundamental 
verhältnisses der schweizerischen Einrichtungen gäbe, so wäre dieser 
allein schon unwiderlegbar. Da jeder Kanton souverän ist, so trifft 
man im Einzelnen viele verschiedenartige Verhältnisse. Allenthalben 
hat indess der Grundsatz Geltung: dass das Volk nach Maassgabe 
seiner Bedürfnisse und seiner Einsicht sich selbst regiert. In Folge 
dessen werden alle Beamten (auch die Richter, die nicht einmal studirt 
zu haben brauchen) vom Volke gewählt, und dies nur auf eine gewisse 
Zeitdauer. Es gibt also keinen Beamten st and, keine hohen Besoldun 
gen, keine Pensionen. Und doch herrscht hier (neben voller Press- 
und Versammlungsfreiheit) Ruhe und Ordnung, wie gewiss in keinem 
andern Lande in höherm Maasse (siehe die bereits citirte Schrift 
„Schweizerische Ziustände“). Die neue Bundesverfassung hat auch bereits 
mehrfach äusserst wohlthätig gewirkt, insbesondere auch auf Beschrän 
kung des „Kantönligeistes,“ so namentlich durch die Bestimmung, dass 
alle christlichen Schweizer in allen Kantonen gleiche Rechte geniessen ; 
dass alle Schweizer das Recht freier Niederlassung besitzen, dann 
durch Beseitigung aller Binnenmauthon, Einführung gleicher Münze, 
Maasse und Gewichte u. s. f. 
Im Einklänge mit den politischen Zuständen herrscht in der 
Schweiz auch in merkantiler Beziehung das Princip der Freiheit, — 
das Freihandelssystem. Mit welchem Erfolge? Die Eidgenossen 
schaft, höchst ungünstig gelegen, weit vom Meere, von den wichtig 
sten Bezugsquellen entfernt; rings umgeben von Staaten mit Prohi 
bitionen oder mindestens Schutzzöllen, und sonach von deren Märkten 
mehr oder minder ausgeschlossen ; dazu bei einer Theuerung der ersten 
Lebensbedürfnisse und bei sehr hohen Taglöhnen, — hat dennoch alle 
jene Schutzzollstaaten mit ihrer Industrie weit überflügelt, hat sich 
bereits vergleichsweise zum ersten Industrielande der Welt 
emporgeschwungen. --- H. v. Marschall berechnet den allgemeinen 
Handel; auf je 1 Mill. 
Einwohner. 
der Schweiz (1855) auf 750 Mill. Frku. = 500 Mill. 
Nordamerikas (18=%;) - 2683 - - = Dd 
Frankreichs (1855) - 3978 - - = 112 - 
Grosshritanieus (1854) - 6711 - - = 249 -
        <pb n="269" />
        SCHWEIZ — Sociales (Industríe). 
253 
Schon im Jahre 1853 berechnete man, dase vom Geeammthandel 
der Schweiz kämen auf den Verkehr mit 
Frankreich . . BlSMiü.Frcs. Per Handel mit Frankreich betrug: 
sammtergcbnissen für 1855 : 
Vieh . • • • • • 
Waaren nach Werth verzollt . • ^rcs. 
Gewicht - &gt; • 
Die wichtigsten Artikel waren: 
bei der Einfuhr 
Einfuhr 
150,557 
r031,2l5 
10’128,89-1 
Ausftilir 
88,045 
5’163,697 
1’489,514 
Durchgang 
68,607 
1’073,696 
530,020 
Baumwolle, rohe 
Getreide, Hülsenfrüchte 
Kaffee und Surrogate 
Mehl 
Salz 
Wein in Fässern 
Zucker 
Gtr. 238,962 
2’384,846 
164,459 
239.186 
345.186 
264,370 
234,113 
bei der Ausfuhr 
Baumwollengarn . • Gtr. 19,354 
Baumwollenwaaren . 
Getreide, Hülsenfrüchte 
Käse 
Maschinen 
Seide, Seidewaaren . 
Uhren aller Art 
150,576 
42,149 
130,922 
32,889 
39,078 
1,538 
Die wichtigsten Industriezweige sind : Bamnwollefabnkation (m 
sêSêêM 
ma„ isöS 25,291 Seidcnwebstühle, 32,862 Arbeiter, 229,930 ver- 
fertiKte Stücke Scidezeug, wofür @'291,409 Fr. an Arbeitslohn be 
zahlt wurden. Den Werth der Bamnwollengewebe schätzte man da 
mals, 1864, auf 40 Mill. Fr. (wovon 17 Vs Mill. Arbeitslohn). _ 
mmssismî 
17 000 Frkii • 1855 Wäre derselbe ansehnlich höher gestiegen, ohne
        <pb n="270" />
        254 
BELGIEN — (Land und Leute). 
13 MUL, stieg jedes Jahr über eine Mill, und betrug 1855 fast 20 
Mill. Auf jede Familie von 5 Personen kamen also in der Schweiz 
durchschnittlich 40 Briefe, — 
in Oesterreich nur 7 in Frankreich 33 
- Prcussen 28 - Grossbritanien 83 
Münze, Maasse. Das franz. System ist entweder ganz angenommen, oder 
bildet wenigstens die Grundlage. Gesetzlich ist nur die Silber Währung adop- 
tirt. Der Frank wird in 100 Rappen getheilt (der abgeschalite alte Schweizer 
Frank hatte etwa 40 kr. Werth; die Mark zu 35,5984 Schweiz. Frank). — Der 
Fuss = 3 Decimeter. Der Stab 4, die Ruthe 10 Fuss = 3 Met. — Die Schweizer 
Stunde zu 16,000 Fuss = 4800 Met. — Der Juchart zu 400 Qu.-Ruth. (40,000 
Qu.-Fuss) = 36 Aren oder 1,40805 preuss. Morgen. — Die Maass (le pot) 
= V/q Liter. Der Saum = 1,5 Hectolit. od. 2,1834 preuss. Eimer. — Das 
Pfund = Kilogr., gleich dem deutschen Zollpfunde. 
Belgien (Königreich). 
Provinzen 
Antwerpen 
Brabant 
Westflandern 
Ostflandern 
Hennegau 
Lüttich 
Limburg . 
Luxemburg 
Namur 
Q.-M. 
69% 
59 
54% 
67% 
52% 
44 
8^A 
66% 
536b^ 
Ende Dec. 1854 
Bevölkerung 
1849 
413,824 
711,332 
626,847 
781.143 
723,539 
460,663 
185,621 
187,978 
268.143 
Auf d. 
Q.-M. 
1^018 
12,060 
10,637 
14,304 
10,670 
8,741 
4,213 
2,336 
4,020 
4’359,090 8,123 
Städte. 
Brüssel *) 
Antwerpen 
Gent 
Ijüttich 
Brügge 
Löwen 
Mecheln 
Mons 
Namur 
Verviers 
Ostende 
4*084,922, wovon 1*203,516 in den Städten. 
161,028 Einw. 
100,000 
90,000 
75,000 
45,000 
28,000 
25,000 
24,000 
22,000 
20,000 
14,000 
Nationalitäten: 1) Vlämen (Flamänder), deutschen Ursprungs, 
ein entstelltes deutsch - holländisches Gemisch redend, in Flandern, 
Antwerpen, Limburg, (1846) 2’471,248 Menschen; 2) Wallonen, 
franz. Ursprungs, ein verdorbenes Französisch (wallonisch) sprechend, 
in Brabant und Lüttich etc. 1*827,141. Die Sprache der Gebildeten 
ist die französische, wie überhaupt das franz. Element weit stärker 
sich entwickelt, als das deutsche. 
Geschlechter. Nach Quetele’s nouvelles tables de population 
pour la Belgique (1850) kamen auf jede Million Einwohner: 
1829 bloss 481,315 männlichen Geschlechts = mehr Frauen 37,370 
1846 dageg. 498,829 „ „ „ „ „ 2,341 
(Sonach auch hier grosse Verminderung der zumeist durch die 
Napoleonischen Kriege herbeigeführton Ungleichheit.) 
Die Zahl der bestehenden Ehen auf jede Mill. Einw. hat sich 
von 146,164 im Jahre 1829, auf 156,590 im .J. 1849 vermehrt. 
Confessi'onen. Die Einwohner sind Katholiken; es gibt blos etwa 
15,000 Protestanten (die Angaben schwanken zwischen 9000 und 26,000) 
und 1500 Juden. 
Herrschaftsveränderungen. Die vormals „Spanischen,“ dann „Oes- 
terreichischen Niederlande“ umfassten zu Ende des vorigen Jahrhunderts 
*) 1855. Dazu etwa 90,000 in den Vorstädten, zus. 250,000.
        <pb n="271" />
        BELGIEN — (Finanzen.) 
255 
■ 
f»lli 
genommen, =’ “”“'¡72 mit den Kosten der Geldantnahme 178 Md . 
Staatebahnon Wten , (die dentsehe Meile 1700,000 Fr.). 
?“U betrug ie Gesa’mmteinnahme 24’600,000; die Ausgabe.
        <pb n="272" />
        256 
BELGIEN — (Militär, Sociales). 
8,202 
0,700 
1,990 
656 
Betriebskosten . . 11’350,000 Reingewinn 
Verzinsung der Anleihen 6’600,000 1852 1’158,000 
Tilgungsfonds . . 2'000,000 1853 2’980,000 
Zus. 19’900,000 1854 4’600,000 = 2,6 % 
Miliüir. Conscription mit Stellvertretung; Dienstzeit 8 Jahre, 
wovon aber ungefähr die Hälfte auf Beurlaubung kommt. Der Prä 
senzstand im Frieden beträgt etwa 40,000 M. Die Formation 
ist folgende: 
Infanterie: 16 Regimenter (1 Carabinier-, 2 Jäger-, 1 Grenadier-, 12 
Linienreg.), mit 49 Feld- und 32 Reservebataill., das Bataill. zu 
6 Comp, und 145 Mann, ungerechnet Officiere . . . Mann 56,550 
Cavallerie: 7 Reg. (2 Jäger-, 2 Lanciers-, 2 Cürassier-, 1 Cuiden-) mit 
38 Feld- und 7 Reserveescadr., jede zu 183 M. und 180 Pferde 
(bei den Cürassieren nur 163 u. 140) — 7585 Pferde und 
Artillerie: 4 Reg. mit 4 reit. u. 21 Feldbatt, und 18 Festungscomp., 
sammt 152 Feldgeschützen mit 3105 Pferden und 
Genie: 1 Reg. von 2 Bataill. u. 5 Comp., 1 Comp. Ponton., 1 Ouvr. 
Train 
Zusammen (mit 10,690 Pferden) 73,998 
Hiezu 9 Comp. Gendarmerie mit 1065 Pferden und ... 1 408 
Mit Einrechnung der Deserve kann jedoch die Armee auf 100,000 
Mann gebracht werden. 
Festwigen: Antwerpen, Mons, Charleroi, Philippeville, Marienburg; 
Ath, Tournay, Menin, Ypern; (lent, Namur. 
Marine: 1 Brigg von 20, 1 Goelette von 12, 2 Kanonenscha 
luppen von je 5 Kanonen, und 3 Dampfer. 
Sociill68» Die in Folge der 1, franz. Revolution zur Geltung 
gebrachten freien Prinzipien : Abschaflfung der Feudallasten, Theilbar- 
keit des Grundbesitzes, Gewerbfreilieit u. s. f., verfehlten auch in 
Belgien keineswegs ihre wohlthätigen Wirkungen. Die Landwirthschaft 
ist vielfach, allerdings aus frühem Zeiten schon, als eine musterhafte 
anerkannt; ebenso hat das Gewerbswesen einen hohen Grad der Voll 
kommenheit erreicht. Der Reichthum an Steinkohlen und die das Land 
durchziehenden vielen Eisenbahnen und Kanäle fördern mächtig die 
Fabrication und den Handel. — Indessen besitzen Geistlichkeit und 
Adel noch sehr überwiegende Macht und Reichthümer, und ausserdem 
drückt die Abgabenlast, so weit sie von dem viel zu hohen Militär 
etat (vergl. „Schweiz“ S. 251), von der dem Lande aufgebürdeten 
Theilnahme an der holländischen Schuld, und von den laufenden De 
ficiten herrührt. — Selbst die Anfangsgründe des gewöhnlichen ■ Un 
terrichts sind (bei der Herrschaft des Clerus über die Schulen) so 
wenig verbreitet, dass wir z. B. folgende Notiz aus Ducpetiaux’s „Sta 
tistique des Prisons de la Belgique; 1852" auszuziehen finden: In 
dem militärischen Detentionsgefängnisse zu Alost konnten (31. Dec. 1849) 
585 Gefangene weder lesen noch schreiben, 
288 konnten es unvollkommen, 
92 „ „ gehörig. 
Handelsverkehr. Der allgemeine Handel betrug 1854: 
WeAhlZSi- Würkl.W,rth 
Einfuhr 62F900,000 651’600,000 Frca. 
Ausfuhr 713’500,000 702’800,000 
Zus. I)335’400,000 1,354’400,000
        <pb n="273" />
        257 
NIEDERIANDE — (Land und Leute.) 
Dios bildet eine Zunahme (nach der amtl. Wertlisannahme) 
gegen 1853 von mehr als . . - ' ^ 
^ den Durchschnitt der letzten 5 Jahre 18^®/s3 von fast 341 „ „ 3 . „ 
Der Specialhand el Belgiens ist in obiger bunime einbegriffen 
mit 739Va Mdb nach der amtlichen Annahme, oder mit 832 /g nach 
dem wirkliclien Werthe. Davon (amtl. Annahme) 
Einfuhr 443% Mill. 
Ausfuhr 389 „ 
Gegen 1853 und gegen den 5jährigen Durchschnitt ergab sich 
eine Steigerung bei der Einfuhr von 13 vielmehr 25 Vo. '^^i der AusMm 
von 18 heimeln- 51 T 
die Ausfuhr nur 161 Mill. aqo7i 
1855: 158 Schiffe, worunter 8 Dampfer, v. 43,271 
Tonnen. Für den Fischfang waren etwa 212 Fahrzeuge mit loOO 
Matrosen verwendet. 
Münze, Maasse. Das französ. System; beim Beide unter Abschaffung der 
Goldwährung. Den franz. Maassen hat man eigene Benennungen gegeben. Die 
atme (Elle) ist der Meter; der litron bei Getreide = der Liter; bei Flüssigkeiten 
heisst der Hectoliter baril. 
Niederlande (Holland, Königreich). 
Provinzen Q.-M. 
Brabant . • 93^2 
Geldern . • 92 A 
Südholland • Sa'A 
Nordholland . 45 
Seeland ■ • ^l'A 
Utrecht . • ^5/4 
Friesland . ■ 
Oberyssel . - A 
Groningen . • 41/4 
Drenthe . • 48 /g 
Herzogth, Limburg 40 
Bevölk, 1853 
405,525 
387,423 
591,493 
514,755 
165,075 
155,324 
259,508 
227,683 
197,101 
87,944 
*) 211,401 
694 3'203,232 
Qr.Herz. Luxemburg 47 *) 194,619 
Städte 
Amsterdam 
Rotterdam 
Haag 
Utrecht 
Leyden 
Groningen 
Mastricht 
Dortrecht 
Leuwarden 
Harlem 
Herzogenbusch 
Delft 
Nimwegen 
Zwolle 
Arnheim 
250,304 (1855) 
95,000 
66,000 
45,000 
36,000 
33,000 
32,000 
26,000 
25,000 
24,000 
22,000 
18,000 
18,000 
18,000 
18,000 
641 3’397,851 
Im Dec. 1855, ohneLuxemb. 3’261,227 ^ , 
deutsche, uugemhr 50,000 in Limburg und Luxemburg. 
K— ;;8a.,ç3s V V 'T 'fi 
Juden 58,518 
*) Nach diesen neueren Notizen sind auch die Bevölkerungsangaben S. 190 
zu ergänzen. 
17
        <pb n="274" />
        258 
NIEDERTANDE — (Lana und Leute.) 
Herrschaftswechsel. Vor der franz. Revolution bestand die Repu 
blik der Vereinigten Niederlande aus 1) den 7 vereinigten Provinzen 
(Holland, Geldern, Seeland, Utrecht, Friesland, Überyssel luid Gro 
ningen), 2) der kleinen Landschaft Drenthe, und 3) den Generali 
tätslanden ,“ zu welchen llerzogenbusch , Breda, Bergen - op - Zoom, 
Mastrieht ' Venluo, Slttis und Hiilst gehörten. Man schätzte das Ge 
biet auf 625 Q.-M., die Bevölkerung aut 2Yg Milk — Nachdem die 
Franzosen im Jahre 1793 — nicht der Republik der vereinigten 
Niederlande, sondern dem kurz zuvor durch preuss. Bayonnette mit 
aller Gewalt bekleideten — Statthalter den Krieg erklärt, und 
1795 das Land erobert hatten, erfolgte eine Verfassungsumgestaltung 
und Proclarnirimg einer „Batavischen Republik,“ die nach dem Vor 
bilde der französischen eingerichtet und auch in 8 Departements ein- 
getheilt ward. Bald musste man Staatsflandern, Mastricht und Venloo, 
36 Q.-M. mit 122,000 Finw., an Frankreich abtreten. Der hriede 
von Amiens verschaffte zwar dem Staate die während des Krieges 
verlorenen Colonien wieder, doch mit Ausnahme des wichtigen Cey 
lon; und auch für die an Frankreich abgetretenen Landestheile erhielt 
Holland nur ungenügende Entschädigung, nämlich blos die Clcve’schen 
Aerater Huissen und Malburgen von Preussen. Im wiederbegonnenen 
Kriege gingen die Colonien neuerdings verloren. Napoleon dictirte 
mancherlei Verfassungsänderungen ; unterm 24. Mai 1806 verwandelte 
er schliesslich die Republik auch hier in ein Königreich, auf dessen 
Thron er seinen Bruder Ludwig erhob (den Vater des jetzigen Kai 
sers Ludwig Napoleon). Schon 1807 musste der Scheinkönig das zwi 
schen Frankreich und der Maas liegende holländische Gebiet, mit ei 
nem Theile von Seeland, und den Festungen Bergen-op-Zoom, Her- 
zogenbusch, Getrudeuburg, Middelburg und Vliessingen, an Frankreich 
abtreten, wogegen er Ostfriesland, Jever, Kniphausen und Vaie ei 
hielt. Der in 11 Departeinente getheilte Königstaat umfasste nur noch 
578 Q.-M. und 2’001,410 Einw. — 1810 nahm der franz. Kaiser 
auch noch Staatsbrabant, Seeland und einen Theil von Geldern, wo 
raus er die franz. Departeinente der Rhein und der Scheldemündungen 
bildete. Als der Noininalkönig Ludwig darauf die holl. Krone nieder - 
legte, erging unterm 9. Juli 1810 ein neues Napoleonisches Decret, 
welches auch den Rest von Holland dem franz. Staat einverleibte 
(Eintheilung in die 7 Departeinente: Zuydersee, Maasmündungen, Ober- 
ysselrnündungen, Oberyssel, Friesland, West- und Ostems). Die miss 
handelten Völker benützten auch in diesem Lande Ende 1813 die 
Gelegenheit, das Fremdjoch abzuschütteln ; die Holländer erhoben sich 
noch vor dem Eintreffen der alliirten Heere. Der Wiener Congiess 
bildete nun aber unterm 21. Juli 1814 ein ,jKönigreich der Nieder 
lande,* aus der ehemaligen Republik, den österr. Niederlanden und 
dem grössten Theile des Hochstifts Lüttich. Das zu einem „Gross 
herzogthum“ erhobene Luxemburg sollte dem neuen Könige als 
Entschädigung dienen für seine an Nassau abgetretenen Besitzungen. 
Der zweite Pariser Friede vereinigte noch Marienburg und Philippeville 
mit dem Staate. Von den holländischen Colonien wurden das Cap,
        <pb n="275" />
        NIEDERLANDE — (Finanzen). 
259 
^ Das Budget beträgt meistens zwischen 70 und 72 
gm 
für diese 2 Posten 52% Mül. fl. 
__ über 70 % der Geßammtsuxmne.
        <pb n="276" />
        260 
NIEDERLANDE — (Finanzen, Militär). 
Nach der belgischen Revolution machte der König von Holland 
ungemeine militärische Anstrengungen. Die späteren Abschlüsse der 
Staatsrechnungen zeigten die Folgen. Der wirkliche Aufwand war 
davon Militäraufwand : 
ordentlicher ausserordentl. 
12’400,000 28’000,000 
1831 
1832 
IMS 
ordentlicher 
41’250,000 
49’] 93,643 
49’886,849 
51’300,000 
45’450,000 
ausserordentl. 
46’600,000 ii. 
45’242,262 
45’242,2G2 
4’200,000) 
22’800,000 
1831 
12’] 00,000 
1 1’000,000 
31’744,100 
10’ß03,400 
Seit 1841 ist das „ausserordentliche“ Budget beseitigt; allein der 
„ordentliche“ Bedarf stieg sogleich auf G3Yg Milk, im nächsten Jahre 
über 71 Vg, 1848 sogar auf beinahe 79 Mill. Seitdem hat man den 
selben wieder vermindert. 
Schuld. Nach dem Budget für 1855 beträgt die verzinsliche 
Schuld l,202’516,38ö d. Der jährliche Bedarf dafür war zu 35’752,797 
festgesetzt, während derselbe im Vorjahre mit 3G’209,485 H. erschie 
nen war. Daneben besteht eine ^aufgesebobene“ (nicht verzinste) 
Schuld, deren Betrag 1844 auf I,i4()’307,()ö0 ü. berechnet ward. 
Ungeachtet der sehr bedeutenden Verschuldung des holl. Staates 
war der Fred it desselben in der Mitte des vorigen Jahrhunderts doch 
so gross, dass die holl. Schuldscheine, obwohl sie nur 2’/g Broz. Zins 
trugen, doch mit 10 Broz. Agio bezahlt wurden. Allein schon durch 
den Krieg gegen England weg(m Nordamerika sank der (Jours. — 
1795 musste die Republik, ausser der (Gebietsabtretung, auch noch 
100 Mill. il. Kriegskosten an Ih'ankreich entrichten. Als Ludwig 
Napoleon den holl. Thron bestieg, betrugen die alten Schulden 
999’102,826 fl., deren Verzinsung 28Vg Mill, erforderte. Die neuen 
Schulden dazu gerechnet, ergab sich eine Gesammtsummo von 1200 
Mill. Capital und 36 Mill. Jahreszinsen, während sich die regelmäs 
sigen Einkünfte nur auf 58 Mill, beliefen (daher u. a. 1807 ein zu 
7 Proz. verzinsliches Zwangsanlehen). 1810 erklärte Napoleon die 
Zinsen der Staats,schuld auf ein Drittel reducirt. Unter Wilhelm 1. 
wurden zwar die vermittelst eines Federstrichs beseitigten Ya der 
Schuld wieder anerkannt, dagegen bis zur Abtragung des ersten 
Drittheils und der neuen Schuld als unverzinslich erklärt. — 1836 
sah man sich genöthigt, die Colonien gesetzlich als Hypothek der 
Staatsschuld zu erklären. 1838 hatte man wieder ein Deficit von 11 
Mill. Endlich erlangte Holland eine wesentliche Erleichterung dadurch, 
dass Belgien zufolge des Vertrages vom 19. April 1839 eine jähr 
liche Rente von 5 Mill. Gulden übernehmen musste. Noch bedurfte 
es indessen der ungeheuersten Anstrengungen des Volkes und der 
reichen Zuflüsse aus Ostindien, um ein Gleichgewicht im Staatshaus 
halte wieder herzustellen. 
Militär» Der Stamm des Heeres ist au.s Geworbenen gebildet. 
Die Dienstzeit der Conscribirten, mit dem 20. Altersjahre beginnend, 
dauert zwar eigentlich 5 Jahre, indessen werden sie nach einigen 
Monaten als Miliz entlassen, und nur alljährlich während einiger 
Wochen wieder cingeübt.
        <pb n="277" />
        NIEDERLANDE — (Militär, Sociales). 
261 
Linie. 9 Heg. Infanterie (1 drenad, und Jäger 8 eigentliche 
Linie); 5 Keg. Cavallerio (i Drag, und 1 Inmburgor Jager) ; a Keg. 
Artillerie (1 |.'ekUrtill.-llog. mit 11, 1 reit. Keg. nut 4 Battenen eu 
B Kanonen, :) Festnngöart.-Kcgun. etc.), (lesanuntötaikc. 
Offlciere Soldaten 
Infanterie 1030 42,677 
^237 
Cavalleric 
Artillerie etc. 
166 
473 
0,376 
1660 56,290 
Zus. 57,059 mit 120 Feldgeschützen. 
43,000, mit der Miliz 140,000 AL 
Marine. Stand im Januar lö5b: 
frag, zu 51 u. 45, und 1 rasirtc zu 28 Kan., 
13 Corvetten zu 18-28 K. (9 Segler u. 4 Dampfer), 
9 Briggs zu 12—18 Kanonen, 
19 Schooner, 3 Transportschiffe und 56 Kanonenboote 
120 Fahrzeuge mit etwa 2100 Kanonen. 
Im Juli 1854 zählte mau; 
im activen Dienste, europ. Seeleute .6180 M. 
indische Eingeborene • • 
1,„ die'stärke der holl, piotte zu 24 Linien- 
lülüliü 
ausser Aetivität 03 Schiffe.
        <pb n="278" />
        é: 
4"^ 
262 
NIEDERLANDE — Auswärtige Besitzungen 
jeder Lebensgenuss verkümmert durch eine Menge drückender, zumal 
indirecter Abgaben, ohne dass der Verdienst in gleichem Maasse ge 
stiegen wäre. Der Vortheil aus dem Staatsaufwande kommt vornäm 
lich einzelnen Classen, wie der Maatschappy, zu statten. Eine schlimme 
Rückwirkung jener Verkümmerung der Lebensgenüsse auf den Volks- 
character konnte nicht ausbleiben. Indessen hätte man sehr Unrecht, 
die Holländer nur als kleinliche Krämer anzusehon. Noch ist dieselbe 
Nation vorhanden, welche stets kühn den Wogen Trotz hot, und 
welche zuerst ihr, dem Meere abgerungenes Land mit Kanälen nach 
allen Richtungen durchfurchte; auch in der Neuzeit haben die Hollän 
der unter dem Drucke sehr schlimmer Einanzzustände durch Anlage 
des grossen Canals vom Helder nach Amsterdam, Erbauung von Ei 
senbahnen (etwa 40 Meil.), Trockenlegen des s. g. „Haarlemer Meeres“ 
(die Kosten wurden sogleich auf 10 Mill. fl. geschätzt) und Entwick 
lung ihres Colonialbesitzes, bewiesen, dass sie auch jetzt vor grösseren 
Unternehmen keineswegs zurückweichen. 
Handelsmarine (nach officiellen Angaben): 
Ende 1854 2156 Schiffe von 519,016 Tonnen 
„ 1855 2230 „ „ 551,854 „ 
Handelsverkehr. 
Einfuhr 
1851 303’993,224 
1852 322719,559 
Münze, Maasse. Der Holland. Gulden, etwas geringer als der rheinische, 
die Mark ausgeprägt zu 24,7466, oder fast 24*/* fl- (die Goldwährung ist ab 
geschafft). — Die Maasse sind die französisch-metrischen, mit Holland. Benen 
nung. Die myl ist der Kilometer, die Elle der Meter, der palm — 1 Decimet., 
der duim (Daum) = Centimet. — hunder = Hectare; mudde od. zah (Muth 
od. Sack) = Hectoliter; schepel (Scheffel) = Decaliter; hop (Kopf) = Liter. 
Als Flüssigkeitsmaass heisst der Hectoliter vat (Fass), der Liter han (Kanne). 
Das pond ist das Kilogr. 
Auswärtige ßesitzungeii* Dieselben sind noch sehr be 
deutend, oder vielmehr sie sind es neuerdings geworden. Umfang 
und Volkszahl werden, natürlich nach blos mehr oder minder verläs 
sigen Schätzungen, so berechnet: 
Ausfuhr 
242744,806 fl. 
272’484,635 
Q.-M. 
28,923 
2,830 
Volksmenge 
12’006,700 
76,500 
100,000 
Colonialbesitz ungef. 32,000 12*200,000 
Die Bevölkerung der ostindischen Besitzungen ward für Anfang 
1853 officiell folgendermaassen berechnet: 
Java und Madura . 9*950,000 Einw. 
Sumatra (Westküste) . 1*015,000 
Benkulen . . 110,000 
Lampuhn , , 54,000 
305,000 
20,000 
47,000 
6,700 
Borneo' (Westküste) 
„ (Ostküste) 
Celebes 
Menado 
Ternate 
Amboina 
Banda 
Timor 
245,000 
37,000 
34,000 
100,000 
3,000 
72,000 
6,000 
9,000 
Colonien 
in Asien (indische Inseln) 
in Australien 
in Amerika 
in Afrika 
500 
Palembang 
Rhio 
Banca 
Billiton
        <pb n="279" />
        DÄNEMARK — Land und Leute. 
263 
Die Besitzungen in Amerika sind: Surinam und einige west 
indische Inseln: St. Martin, Curaçao, Kustaz; (auf Surinam, nach den 
ministeriellen Kammervorlagen von 1856: 1322 Freie, 38,689 Sclaven, 
und 742 M. Besatzung). — In Africa haben die Holländer 13 
Forts und Factoreien auf Guinea (mit 118 M.. Besatzung). In Aus 
tralien nahmen sie 1829 einen Strich auf der Westküste von Neu- 
Guinea in Besitz. Noch ist zu erwähnen, dass sie in Japan das kleine 
Inselchen Dezima innehaben. 
Der Handel von Java und Madura ward 1852 so berechnet: 
vom Gouvernement von Privaten zusamdien 
Einfuhr 8777,119 3r515,578 40’292,694 fl. 
Ausfuiir 36769,294 23'687,603 , 58'846,897 
Der Handel Surinam’s dagegen war 1855 nur: 
Einfuhr 2762,697 fl., wovon 1’371,057 aus Niederland 
Ausfuhr 3’052,599 „ 2729,161 nach „ 
In Indien unterhält Holland eine Landmacht von 21,158 M. 
Die dortige königliche Marine hat 2053 Europäer und 559 Einge 
borene zur Bemannung. 
Dänemark (Königreich). 
A. 
Königreich Dänemark. 
Kopenhagen .... 
Seeland u. Moen . 
Bornholm .... 
Föhnen u. Langeland - 
Lolland-, Falster etc. 
Nord-Jütland 
Bevölkerung am 1. Febr. 1855 
Q.-M. Bevölkerung 1850 
183(4 
10% 
60% 187,818 
30 Vü 79,017 
456% 604,525 
691% lW7,747 
1799,850 
j129,695 
I378,765 
27,927 
B. Die Herzogthümer. 
Schleswig 
Holstein 
Lauenburg 
1855 
167 395,795 
166 623,628 
21 49,475 
354 968,798 
C. B e i 1 ä n d e r. 
Färöer 
Island 
Grönland (Küste) . 
Frühere Aufnahme 
23% 8,150 
1800 60,000 
186 9,400 
In Westindien: 
St. Croix 
St. Thomas 
St. Jean 
Gesammtsumme ungefähr 
3Vj 23,720 
1 13,666 
1 2,228 
2015 117,164 
3000 2’580,000 
jVafmzmZÄÄOM:. IJdxir 1(4 Nüllionen Dirnen u. ehva 900,000 Deutsche. 
Coyifessionen. Lutheraner, ausserdem etwa 700 Katholiken, 4000 (6000) 
Juden und angeblich 2236 Mormonen.
        <pb n="280" />
        264 
DÄNEMARK — Finanzen. 
Städte. Im eigentlichen Dänemark (1855): 
StadtbeYÖlkerung 328,611 
Landbevölkerung 1’171,230 
T , „ ... Kopenhagen 143,591 
In denUerMglhumcrn; Flembm-g 18,872. SolUe,wig 12,4«, Altona 40,426 
i.dmtm,erand(run,jm. Zu Anfänge dos 19, .lalirluniderts gelierte 
noch Norwegen zu Dänemark, Im Frieden von Kiel, 14. Jan 1814 
musste es dieses an Sehweden abtreten. Es erhielt Sei,wedisel.-Pom 
mern als angeblichen Ersatz, iiberliess dasselbe aber an Pressen ne 
gen Eauenbiirg und 1 Mill. Tlllr. in Geld. ® 
«.'f:?: fs t rjfi'sÂïS; t 
den Uesammtstaat, sclihesst mit jährlicli 14’182,355 4'hlr. ab. Die 
Hauptpositioneri sind : 
p, , diesem allgemeinen Bcicb.sbudget bestellen noch besondere 
Etats fur die einzelnen Ilieile des Staates, und diese müssen um so 
mehl beachtet werden, da viele Ausgaben als Provinciallastcn figuri- 
ren, welche anderwärts in der allgemeinen Staatsrechmung erscheinen. 
Aus dem Jahre kennen wir folgende besondere Budgets : 
Königreich Schleswig Holstein 
Einnahme 5’090,842 1’235,030 1764,194 Thlr 
Ausgabe 6'106,066 r366,628 r919!932 
^ Deficit 14,214 131,892 
ln 
r , "rt ,, -, aoi,o»-j: 159,000 
be.f dl«»c: der Däiiisehc lieiclistag 
bestimmt die Grosse der Zuschüsse, welolie die eiusclnen Laiidestlieile 
zu den Eeichseinkuiiftonbeiziitiagcu haben; die Sonderlandtage renartiren 
nur die Quote m ihrem Gebiete, nach dem Maasstabe: bO Proz v 
Kömgrciehe, 17 y. Schleswig, 2.9 v. Holstein; Lauenburg muss'set 
nen ganzen Ueborschuss abliefern. _ Das letzte dänische liudget 
M-n nu? """ Ausgabe von etwas über 10% 
Ulli, llilr. Der erste Ge.sammtstaatliehe Voraiisclilag (18.')3 —.54) 
orderte (Gesammtstaats- und Provinciallasten) nabe an 21 Mill. - das 
udget für 18% begehrte wieder eine Million mehr. Zudem ward 
mohr ausgegeben, nämlich über 22Y3 und hbor 28 Milk Das 
udget fur die beiden nächsten Jahre übersteigt 25 Mill. Der 
em cinisc ICH Reichsrathe vorgelcgte Normalbudgetentwurf für 1856 
berechnete den Reinertrag der D 0 m än 0 n 
im Königreiche auf 1’617,600 Thlr. 
in Schleswig u. Holstein 3’428,400 
in Lauenburg über 500,000 
vom
        <pb n="281" />
        DÄNEMARK — Finanzen. 
265 
In Dänemark sind, ausser den Forsten, alle Domänen verkauft. 
Eben hat man begonnen, auch die der Herzogthümer zu veräussern 
(vergl. S. 189). — Eine eigenthümliche Einnahmequelle bietet der 
SundzülL Die auswärtigen Seemächte dringen auf dessen Abschaffung; 
Dänemark fordert Ablösung, und zwar im Betrage von 35 Mill, 
lldr., wovon, nach Maassgabe der bisherigen Abgaben, u. a. zu 
ilberuehmen hätten: 
England 10’126,855 Tlilr. 
KussJand 9’73i),i)93 
Freussen 4’440,027 
Schweden 1’590,503 
Holland 1’408,060 
Frankreich 1’210,003 
Dänemark selbst 1’122,078 
Norwegen 667,225 
Russland, Schweden, Norwegen und Oldenburg sollen dem Vor 
schläge solcher Ablösung zugestimmt haben. Nordamerika, obwohl 
nur von einem kleinen Betrage getroffen, scheint hiezu wenig geneigt. 
Staatsschuld. Am 31. März 1854 belief sich dieselbe auf 
121’4()0,000 Tlilr. RM.; Voranschlag für den Schluss des Finanz 
jahres 125 Mill. 
Im Ganzen ergaben sich innerhalb 7 Jahren: 
Vermehrung der eigentlichen Schuld 20’000,000 
Verminderung des Activvermögens 12’500,000 
„ „ Reservefonds 3’300,000 
Gesammteinbusse etwa 36 Mill. 
Das Papiergeld besteht in Reichsbankthalern ; 1856 waren davon für 
13’411,918 Rbthlr. in Umlauf. 
Geschichtliche Notiz. Das „Königsgesetz“ von 1660 (welches 
dem Herrscher die maassloseste Gewalt einräumte), zeigte seine ver 
derblichen Wirkungen auch in dem Finanzwesen. Unter der Herr 
schaft dieses Gesetzes stieg die Schuld schon 1771 auf 15’915,896 
Rthlr., wovon man bereits einen, wenn auch kleinen, Theil als „ver 
jährt“ erklärte; unter der Herrschaft dieses Gesetzes erfolgte sodann 
1813 ein förmlicher Staatsbankerott, wobei man sich mit der 
königlichen Verheissiing zu begnügen hatte, dass inskünftige ein 
jährliches Budget veröffentlicht werden solle. Diese Verheissung ward 
1835, also nach 22 Jahren! — zum ersten Male erfüllt, —‘ Im J. 
1813 betrug die gewaltsam reducirte Staatsschuld 142 Mill. Rbkthlr. 
Papier; das i'apier galt nur V4 seines Nominalbetrags in Silber; so 
nach = 35V2 Mill. Mehrfache neue Anlohen vermehrten die Schuld 
summe rasch aufs Neue. Sie betrug in Silber 1841 116’608,000 Tlilr. 
Erst jetzt begann einige Verminderung, so dass 1848 noch 105 Mill, 
erschienen. Nun bekam man für das „Königreich“ folgende Re 
sultate : 
Jahr Einnahme 
1849 ll’052,99() 
1850 12’982,365 
1851 13’373,449 
1852 17’()56,719 
Ausgabe 
21’318,90l 
22’871,182 
15’092,362 
19’106,338 
Deficit Deckungsweise 
QU I Englisches Anlchen v. Rbthlr. 7 Mill. 
10 "35,9111 Kriegssteuer v. 5 . 
Q'««s 817 ' Anleihe v. 6 - 
' I u. Kriegsstcuer v. 5’274,()00 
1’718,913 Kriegssteuer . , 1’102,000 
2’049 619 ^ Anleihe . . l’358,000 
’ I u. Vermindernug des Cassastandes.
        <pb n="282" />
        mmi 
M.-: V 
x:. 
•A'-V- 
ß&amp;j 
266 
DANEMARK — Militärwesen. 
Die Staatsschuld der „HerzogthÜrner,« durch inländische 
Anlehen contrahirt, betrug Ende 1850 10’063,46l Rbkthlr. Dänischer 
Seits ward diese Schuld nichtig erklärt. Ausserdem waren für 2 Mill. 
Cassascheine ausgegeben, welche Holstein allein einzulösen hat. 
MilUHrwesen. Conscription. Die mit dem 22. Altersjahre 
beginnende Dienstzeit dauert 8 Jahre, wovon 4 (bei der Artillerie 
blos 2) auf die Kriegsreserve kommen. Dann 8jährige Dienstpflicht 
im ersten, später, bis zum 45. Altersjahre, im zweiten Aufgebote. 
Infanterie: 23 BatailL, nemlich 1 Leibgarde, 12 Linie, 5 leiciiie, dann 5 
Jagerbataill., zu 4 Comp., ziis. im Fried. 16,630 M. — Cavallerie: 27 Schwadr. 
(L^bgarde Gardehusaren, 6 Dragonerreg. zu áEsoadr.), 2806 M. — 
A ^ Batterien zu 8 Kanonen) 2560 etc. Zusammen 22,900. Während 
Krieges ward die Stärke so angegeben: Infanterie 
49,301, Cavallerie 10,627, Artill. 9000, zus. 69,000 mit 144 Geschützen. 
Íestungen. Copenhagen mit der Citadelle Eriedrichshafen, Krön- 
biirg, Korsör, Nyborg, Friedrichsort, Friedericia, Cliristianör bei 
Bornholm. (Rendsburg ist geschleift.! 
Marine. Liste von 1854: 
5 Linienschiffe (3 à 84, 2 à 72 u. 66 Kan.) . . . , 
6 Fregatten (v. 44—60) ] ] 
4 Corvetten (v. 14—28) 
1 Barkschiff t . . 
4 Briggs (v. 12 u. 16 Kanonen) 
3 Schooner (v. 1 u. 8) * 
90 Kanonenschaluppen ] 
6 Dampfschiffe (2 à 260, 1 h 200, 1 à 160, 1 k 120 Pferdekraft) 
1 Kutter : 
120 Schiffe mit 2000 M. und 
390 
290 
82 
14 
56 
10 
90 
36 
6 
Kan. 
883 Kan. 
Summarische Angabe vom 1. Jan. 1858. 
5 Liniensechiffe 5 Briggs 
7 Fregatten 67 kleinere Schiffe 
7 Corvetten —^ 
Dänemark hatte 1785 eine Landmacht von 75,263 M., wovon 
35,715 auf Norwegen kamen. Da der grösste Thcil aus Landwehr 
bestand, so betrugen die Kosten nur 1’663,922 Rthlr. Die Marine 
zählte 60 Schiffe (darunter 33 Linienschiffe, zum Theil unbrauchbar) 
mit 2660 Kanonen, 10,964 Matrosen und 5600 Seesoldaten. In der 
Seeschlacht bei Copenhagen, 2. April 1801, litt die dänische Flotte 
bedeutend (waren doch auch von der englischen Flotte unter Nelson 
14 Schiffe, wobei 2 Linienschiffe, kampfunfähig). Nach dem Bom 
bardement Copenhagens, 2.-5. Sept. 1807, führten die Briten die 
gesammte dänische Flotte hinweg- 18 Linienschiffe, 15 Fregatten, 6 
Briggs und 25 Kanonenboote. — Tm Feldzuge von 1813 stellten die 
Dänen den Franzosen 12,000 M. Ilülfstruppen. — Jrn Schleswig- 
Holsteinischen Kriege kämpften beide Uieile sehr tapfer. Die Dänen 
verdanken indess ihre Erfolge wesentlich theils der Marine, theils der 
Ungeschicklichkeit der ihnen entgegengcstellten Führer, und dem Man 
gel einer ernsthaften Kriegführung Preussischer Seits. 
ScbiflTalirt« Der Gesammtstaat hatte Anfangs 1855 4310
        <pb n="283" />
        SCHWEDEN — Land und Lente. 267 
Fahrzeuge von mehr als 2 Commerzlasten, zusammen mit 100,965 
Last. Hievon gehörten : 
Dänemark 2108 Schifte v. 54,843 Last 
Schleswig 1274 „ „ 26,456 „ 
Holstein 928 „ „ 19,665 „ 
Münze., Maasse. Zufolge Gesetzes v. 10. Fehr. 1854 ist der Reichshank- 
Münzfuss eingeführt; der Reichshankthaler heisst nun „Thaler Reichsmünze.“ 
Er hat = 6 Mark = 96 Schillinge und ist gleich % Thlr. preuss. — Der 
Fuss (fod), dem rheinischen fast gleich. Die Last (laest) hat 22 Tonnen, die 
Tonne 2,53 Berliner Scheffel. 
Schweden (Königreich). 
Das Areal wird zu 3868 schwed. = 8005 deutsch. Q.-M. be 
rechnet. Leber 500 schwed. = 1100 deutsche Q.-M. sind von Seen 
eingenommen. Die Bevölkerung betrug im Jahre 1850: 
Stockholm, Stadt 
Blekinge . Lan 
Calmar 
Christianstads 
Elfshorgs 
Oefleborgs . 
Gottlands 
Göthehorgs . 
Mailands » 
Jemtlands 
Jönköpings . 
St. Kopparhergs . 
Kronobergs 
Malmöhus . 
. 93,070 
(Bezirk) 107,827 
„ 202,178 
„ 189,627 
„ 246,136 
„ 120,158 
„ 44,572 
„ 187,583 
„ 105,726 
„ 163,426 
„ 151,497 
„ 136,623 
„ 253,084 
Nerikes . . Län 
Norrbottens . . „ 
Stockholms . . „ 
Skaraborgs . . „ 
Södermanlands . „ 
Upsala . . „ 
Westerbottens . „ 
Wester-Norrlands „ 
Westmanlands . „ 
Wermlands . „ 
Östergöthlands . „ 
Zusammen 
Männlich 1’687,248 
Weiblich 1’795,293 
137,660 
55,751 
114,643 
199,897 
120,113 
89,323 
70,758 
99,558 
96,691 
221,885 
222,484 
3’482,541 
In den 5 Jahren 1846—50 ergaben sich im Durchschnitte : 
Geburten 104,822; männlich 48,947, weiblich 46,561; dav. unehel. 10,314*) 
Sterbfälle 70,991; „ 36,241, „ 34,750. 
Heirathen (1850) 26,267. 
*) In Stockholm 1630 eheliche u. 1303 unehel. Geburten. 
Confessionen. Die lutherische ist gesetzlich die herrschende. 
Katholiken rechnet man indessen etwa 900, Mormonen 400, Juden an 
1000. — Nationalitäten. Der Schwedische Stamm ist ein Zweig des ger 
manischen. Die Zahl der zur tsclindischen Familie der mongolischen 
Hace gehörigen Lappen soll nur ungefähr 4000 Individuen betragen 
(dürfte aber doch stärker sein). — Städte. Stockholm (1851) 93,070 
Einw., Gothenburg 32,000, Norköpping 19,000, Karlskrona 15,000, 
Malmöe 10,000. — Gebietsveränderungen. Zu Anfänge des jetzigen 
Jahrhunderts umfasste das schwedische Reich: 
Q.-M. Elnw. 
Schweden, Gothland, Nordland u. Lappland 8,000 2’250,000 
Finland 3,000 624,000 
Vorpommern, Rügen u. Stadt Wismar . 90 110,000 
Zusammen etwa 11,100 3’000,000 
1803 ward Wismar an Mecklenburg verkauft oder eigentlich 
nur verpfändet. Die Theilnahme Schwedens am Kriege von 1806 ge-
        <pb n="284" />
        268 
SCHWEDEN — Finanzen. 
gen Napoleon zog den Verlast Pommerns nach sich. Durch den 
h nedensvertrag vom 17. Sept. 1809 musste sodann Finland an das 
Russische Reich überlassen werden. Gegen Reitritt zum Gontinental- 
system ward Pommern, 6. Jan. 1810, wieder erlangt. Die Theil- 
^hme am Kriege gegen Napoleon von 1813 l'ülii-te im Frieden von 
Kiel 14. Jan. 1814, zur Erwerbung Norwegens, das jedoch als selb- 
ständiger Staat anerkannt, und wogegen auch Pommeni abgetreten 
werden musste. 
Finanzen* Das Budget für die 3 Jahre 1854—60 scliliesst 
so ab : 
Einnahme: A. Ordentliche (Domänen, einschliesslich d. Ueber- 
schlisse des vorigen Jahres) . . Rthlr. Oydá.BOü 
B. Ausserordentliche „ »'395,600 
Zusammen JltlihTï .l'ÖöBTjÖÖ 
^ „ I2'870,920 
Ueberschuss Rthlr. 0481,.380 
Uiitcr den ausserordctlicbo.i“ Ei„na,l.mei, sind nllc dircctou 
uud indirecten Stenoni aiifgeflihrt. Der Ertrag dee Zolle» ii.abcsoudcro 
aber 185-1 7438,Ä05, 1855 8’yi0,a-13 TI,Ir. (1821 ,v,ir der Zoller- 
ti-ag nur 1'584,042, 1831 2’li41,ü87, 1840 :l’(i00,203). Der 
Stempel erträgt etwa 700,000, die llraimtweiiisteuer früher G80,000, 
18o5 über 3 Mill., die Accise fast 200,000, dio Post früher 600,000 
18o5gegen 1 Vs Mill., dieGrumlsteuor4 Mill — Unter den Ausgaben 
' 781,000, Landmacht ungefähr 4'300,000, Marine 
1680,000, Finanzministerium 1780,000, Pensionen 650,000 — 
Der grösste Thei des Landhecres und eine Menge von Civilbeamten 
werden aus bestimmten Krongütern unterhalten, wofür der entsprechende 
Geldbetrag gar nicht in der Ilauptstaatsrechmmg erscheint. (So war 
mm .^13 für die Landmacht im Jahre 1850 6’449,421 
Ihlr. Banco.) Im Januar und Februar 1854 bekam die Regierung 
ausserordentliche Credite für die Vortheidiguug, nämlich 589 814 
und 2Va Milk, bewilligt. ' 
Schuld. 1819 ward die auswärtige, anfangs der 1840er Jahre 
die gewöhnliche inländische Schuld getilgt. Allein es circulirt für 
ungefähr 22Va Mill. Papiergeld, und ausserdem wurden 1852 und 53 
zwei Anlohen aufgenommen, das erste von 450,000 Pfd, Strl. zu pro- 
vniciellen Laudverbesserungeu bestimmt, 4prozeutig, das zweite von 
3 Mill. Mrk. Beo., — zusammen 7’252,941 Thlr. Schwed. Banco 
0 er 4 110,000 Ihlr. Cour. Das Papiergeld und diese Anlchcn zu- 
^immen genommen, ergeben eine Schuld von nicht ganz 30 Mill 
Thaler Banco. 
. ÎWIlItÜr. A. Amjeworhenc Truppen (Värfvade); meistens auf G 
(mindestens aut 3, höchstens auf 12 Jahre) geworben. 
2 Garde-Infant.-Regim. (zu 2 Bataill. à 4 Comp.), 1 Jägerreg. ( Wärvieland, 
6 Comp.) , 1 Eeibgarde-Reg. zu Pferde (4 Escadr.), 1 Husarerireg. (8 Escadr.l 
3 Artillene-Keg. mit 12 fahrenden Batterien, 4 reitenden und 1 Fussbatterie. '
        <pb n="285" />
        269 
SCHWEDEN ^ Militär, Socialem. 
fí. EingetheÜte Truppen (Indelta). Sie crlialten theils von Gnuid- 
•besitzovn, tlieils aus bestimmten Krongütern, ausser ilirem forp (Wolm- 
liaus und Acker), einen jälirlicben Lohn in Geld oder Naturalien; 
nur im Dienste empfangen sie Sold. Während 4 Wochen werden sie 
alljährlich zu l’ebungeu vereinigt. Die Dienstpflicht hört erst mit der 
])ienstfähigkeit auf. — (J. MUtz von íjotMand; 21 Compagnien, zum 
stehenden [leere gcrechuet. — I). öomcriptionstrnppen (ßevaermg). 
Seit 1812 ist jeder Schwede vom 20.— 25. Altersjahre dienstpflich 
tig erklärt, (Í)io Ausheluuig betrug, naeh einer uns vorliegenden 
Notiz von 1852, 18,882 M., von denen 1632 Ersatzleute stellten.) — 
lieber die Stärke der Armee liegen uns u a. folgende zwei Listen vor: 
Värfvadc . . 7,(&gt;92 
Indelta . . 88,405 
Miliz V. Gothland 7,021 
lîevaering . . 95,295 
zusammen 144,010 
mit 152 Feldstücken. 
In einem Berichte des Medicinalcollegiums v. 1852 finden wir die verschie 
denen Theile der gewöhnlichen Armee (nach Abzug der Marinemannschaft) mit 
00,807 M. aufgeführt, wovon: Kongl. Sven Li/garde 20,287, Lifgardet tili liäsi 
8041, andra Lifgardel 15,109, Sven ArtUIeri 19,180 etc. 
Festungen. An den Küsten : Marstrand mit Karlston, Göteborg 
mit Elfsborg, Karlskrona mit Kungsholm und Drottingkär, Stockholm 
mit Waxholm und Frederiksborg. Im Innern besonders Karlsborg. 
GeschichtUche Notizen. 1782 zählte das Heer 48,388 M., wovon 
1800 M. Garde, und 31 andere Infanterie- und 14 Cavailerie-Regi- 
menter. In dem Kriege gegen die Russen von 1809 schlugen sich 
die Truppen gut, hatten aber eine schlechte Führung, abgesehen von 
der feindlichen Ueberzähl. 1813 leisteten sie wenig, weil ihr Ober 
general (Bernadette, damals Kronprinz von Schweden) jedes ernstliche 
Zusammentreifen mit den Franzosen absichtlich vermied. 
Marine ; Mitte 1855 : 
11 lamenschifle (4 von 84, 7 v. 74 Kan.), 
8 Fregatten (2 v. 60, 3 v. 48, 2 v. 40, 1 v. 36), 
4 Corvetten (worunter 1 Dampfer), 
6 Briggs, 2 Scl)ooner, 5 kleine Dampfer u. 250 Kanonenschaluppen. 
Zusammen 286 Fahrzeuge mit 225 Officieren u. 14,950 M. 
Sociales* Es gibt 4 w'esentlich verschieden gestellte Stände: 
1) Adel, so zahlreich, dass man im Jahre 1823 1296 stimmhabende 
adelige Geschlechter zählte (in England waren der im Oberhause 
stimmberechtigten adeligen Geschlechter nur 314); der Adel ist äus- 
serst bevorzugt, bekleidet ausschliesslish die Hof- und fast alle hö 
heren Civil- und Militärstellen (nur in der Geistlichkeit sind fast alle, 
in der Justiz die meisten Stellen mit Bürgerlichen besetzt); das ge- 
sammtc Vermögen der 2400 Adelsfamilien wird auf 71 Mill. Rthlr. 
berechnet ; Vg des Areals von Schweden befindet -sich im Besitze des 
Adels; dennoch verarmt derselbe, und wird bei der fortschreitenden 
allgemeinen Culturentwicklung von den Bürgerlichen vielfach überholt; 
er sinkt auch sichtlich um so mehr, seit Jedermann Guter mit Adels 
vorrechten erwerben kann. — 2) Geistlichkeit, gleichfalls sehr mäch- 
Iiifanterie . . 85,000 
Cavallerie . . 5,580 
Artillerie . . 4,690 
Miliz V. Gothland 9,000 
'Nationalmiliz . 14,000 
zusammen 118,270
        <pb n="286" />
        270 
NORWEGEN — Land und Leute. 
tig. 3) Bürger: 83 Städte senden Reichstagsmänner. — 4) Bauern: 
sie müssen % der Staatslasten tragen, das Provinciallieer (Indelta) 
unterhalten, und die Strassen bauen; die Gutszertrümmerung ist er- 
schwert, und es bestehen viele Feudallaston. (Ein schwedisches Blatt 
ausseide kürzlich: Unsere Standesunterschiedo machen den Bauer 
wenigstens den nichtreichen, zu einem Paria. Ein ärgeres Schimpf' 
wort als ,Bauer« kennt der Schwede nicht. Der schwedische Bauer 
wird von jedermann mit einem verächtlichen Du angeredot und er 
selbst hält jedennann fÿ berechtigt dazu. Der stolze schwedische 
Adel, so stolz wie in keinem Lande, hält den Bauer nicht höher, als 
man nn Mittelalter die Leibeigenen hielt. Neun Zehntel der Volks 
zahl Schwedens bestehen aus Bauern, und diesen ist nicht ein Viertel 
der psetzgebenden Macht zugefallen. Die Stimmenzahl der andern 
Stande auf dem Reichstag ist dreimal'grösser, und sonach sind die 
Bauern niemals im Stande, irgend etwas selbständig durchzusetzen, 
und werden bei allen Gelegenheiten überstimmt. Daher denn auch 
die gesteigerte Anzahl der Auswanderungen.) 1850 rechnete man: 
6,402 männl., 
6,862 „ 
82,818 „ 
34,495 „ 
0180,615 „ 
Handelsverkehr. Nach dem Berichte des Commerzcollegiums be- 
írlãlfíi jener der Ausfuhr 
' Rthh. schwed. Banco. Die seitherige Vermehrung ergibt 
sich besonders aus dem Steigen der Zollerträgnisse. (Zwischen Schwe 
den und Norwegen besteht freier Verkehr.) 
Handelsflotte. 1852 bestand dieselbe aus 1407 Schiffen von 
86,7o7 Lasten, ungerechnet die Fahrzeuge unter 10 Lasten. Die Zahl 
der Dampfer war 61, mit 3180 Pferdekraft. 
. , Besliziiiig: Die westindische Insel Barthélémy, 
nicht 3 Q.-M mit 18,000 Menschen. 
Adel u. Ritterschaft 
Priesterstand . 
s. g. Standespersonen 
Bürgerstand . 
Bauernstand 
6,556 weibl. Angehörige 
s:;:: : : 
40,882 , 
0172,888 
Norwegen (Königreich). 
Decemb. 1865: 
1490,000. (1783 schätzte man 725,000, 1815 waren es 886,431 
1825 1051,318, 1835 1194,812, 1846 1’328,471. Die Zunahme' 
ist also sehr stark.)
        <pb n="287" />
        ' NORWEGEN — Finanzen. 
271 
Confession: Die lutlierische allein herrschend (230 Mormonen.) — 
Nationalitäten: Ausser den eigentlichen Norwegern, germanischen Ur 
sprungs, etwa 12,000 Finnen (Quenen) und 4000 Lappen (hier Finnen ge 
heissen). — Städte. In diesen lebten 1855 197,721 Menschen. Christia 
nia hat etwa 25,000, Bergen 28,000, Drontheim 14,000 Einw. — 
Geschichtliche Notizen. Norwegen, früher ein selbständiges Reich, war 
seit 1387 Dänische Provinz. Als der König von Dänemark durch 
den Kieler Friedensvertrag v. 14, Jan. 1814 das Land an Schweden 
abtrat, Hessen sich die Norweger nicht in solcher Weise verhandeln, 
sondern sie setzten sich zur AVehr. Sie gaben sich, 17. Mai 1814, zu 
Eidsvold eine freie Verfassung. Nach einigen Kämpfen mit den 
schwedischen Truppen kam es zu einem Vertrage mit dem schwe 
dischen Konprinzen, dessen Ifauptergebniss die modificirte \ erfassung 
vom 4, Nov. 1814 ist, derzufolge Norwegen ein freies, selbständiges, 
nntheilbares und unabhängiges Reich bildet, und zu Schweden in 
keiner weitern specieilen staatsrechtlichen Beziehung steht, als dass 
es denselben König hat. 
FillcliiZCIl* Das Budget für 1851—54 (das neueste liegt uns 
nicht vor) nahm einen Staatsbedarf an von 3’200,000 Species. Davon 
sollten ungefähr 2 Mill, durch Zölle, 1 Mill, durch sonstige Einnah 
men, 170,000 Spec, aus dem Cassaübersehusse der Vorjahre gedeckt 
werden. — Der Hof kostete 96,000 Species (64,000 für den König, 
32,000 für den Kronprinzen); das Landheer 760,000, die Marine 
367,000, die Schuld 330,000. — Im Jahre 1854 ward auch der 
Norwegische Storthing zur Bewilligung von % Mill. Species für 
Kriegsrüstungen bestimmt. 
Die Geschichte des Norwegischen Finanzwesens ist in mehrfacher 
Hinsicht interessant. Als sich Norwegen von Dänemark trennte, war 
es vollständig ausgesogen; Silbergeld sah man fast nirgends mehr, 
dagegen war das Land mit 25 Mill. Papiergeld überschwemmt. Der 
Unabhängigkeitskrieg hatte überdies die Ausgabe von weitern 14 Milk 
Thlr, Zetteln iiothwendig gemacht, denn das Land bekam nirgends 
Darlehen. Zudem bestimmte der Kieler Tractat, dass Norwegen 
2'400,000 Th. in Silber (Species) von der Dänischen Schuld übernehmen 
müsse. Als Unterpfand für alle diese Schuldposten hatte man nur 
den Werth des Staats-G rundeigenthums mit dYg Mill. Species. Der 
Cours des Papiergeldes sank immer tiefer. — Im Jahre 1815 war 
die Noth aufs Höchste gestiegen; man musste auf ein energisches 
Rettungsmittel denken; zu dessen Ergründung der nach der neuen 
Verfassung facti sch regierende Bauernstand zwar keine „geeignete 
Finanzbeamte,“ dagegen viele practische und pratriotische Männer 
besass. Man erkannte die Nothwendigkeit, ein Mittel zu schaffen, 
um die Einlösung des Papiergeldes zu sichern, so oft solche Einlö 
sung begehrt werde. Zu diesem Behufe auferlegte die arme Nation 
sich selbst zunächst ein Z wangsanlehen von 2 Mill. Sp. Sie bil 
deten den Grundfond für eine neue Bank, welche für 4 Milk Thlr. 
jederzeit einlösbare Bankzettel emittirte. Die ganze Masse des 
alten Papiergeldes sollte eingezogen werden und es sollten dabei 10
        <pb n="288" />
        272 
NORWEGEN — Militär weaen. 
Iveichsbankthaler Zettel für 1 Thlr. Species der neuen Bank gelten. 
Zur Ausführung dieser Operation schrieb man eine ausserordentliche 
Steuer von 2 MdI. Reichsbankthaler aus. — Das Mittel war drückend, 
Allem das Ziel ward erreicht: das neue Papier beliaupteto sich auf 
seinem vMlen Nominalweiilie. Im Jahre 182.3 war die Staatsschuld 
bereits aut 5'820,000, 1842 auf 2'820,Ü00 Spec, herabgebracht, und 
gegen Bude der 40er Jahre war sie bereits so gut als vollständig 
getilgt, ja der Staat bosass überdies gegen 11 Milk an Activen. — 
Die Staatseinkünfte stiegen, (und zwar unter Verminderung der Stener- 
sätze) von nicht einmal l'/g Mill, im Jahre 1815, auf mehr als 3'A 
MdI. nn Jahre 1842, und es ergab sich ein regelmässiger .lahres- 
nberschuss von wenigstens einer Milk Speeies. — Der Storthing be- 
(durch die democrat!sehen Einrichtungen herbeigeführte) 
glückliche Lage der Staatscasse theils zu wirklichen Verbesserungen, 
theds zur Verminderung der Volkslasten. So kam man dahin, dass, 
ungeachtet des Widerstandes der Regierung, allmählig alle dirccteii 
Steuern (seit 1830 auch die Grundsteuer) abgeschafft werden konnten. 
(Der ganze Staatsbedarf wird dm-cli die Erträgnisse der Domä 
nen, Abgabe _ von Fischereien und die Zölle etc. gedeckt.) — 
In späterer Zeit wurden wieder Aidehen contrahirt, aber wesentlich 
für productive Zwecke, für Einrichtung einer ganz Norwegen ver 
bindenden Dampfschifffahrt (bis zum höchsten Norden), Anlegung von 
Ipfen, von Kunststrassen, Erbauung von Ecuchtthürmen, Eisenbahnen 
Gründung einer Hypothekenbank ii. dgk Die Gosammtscludd ward 
Ende 1853 auf 4'720,000 Species berechnet, was nicht entfernt dem 
vorhandenen Activvermögen gleichkommt. 
niilitclrwcscil« Die Truppen sind theils geworben, theils aus- 
gehoben. Jeder Norweger ist dienstpflichtig, bei der Linie oder der 
Landwehr. Die Ausgehobenen kehren nach einiger Zeit in ihre Ilei- 
math zurück, obwohl die Dienstpflichtigkeit bei der Infanterie 5, bei 
der Cavallerie und Artillerie 7 Jahre dauert. Wer nicht in der Linie 
dientj wild bei der Líindwelir einexerciert. 
Linie: Infanterie, 22 Bataill, 11,924- 1 
Cavallerie, 3 .Jägercorps 1,070 &gt; 14,324 
Artillerie, 1 Reg. , 1,330 ) 
Landwehr g^igo 
Zusammen 23,484 
(pn eigenthümlichea Corps bilden die s. g. oder Schlitt- 
sohiihläufer; cs sind mehre Compagnien leichter Infanterie mit Büchse 
und einem 8 Fuss langen Stock zur Erleichterung des Laufens armirt). 
Der König darf eine Garde von Norwegischen Freiwilligen halten 
und behufs der Waffenübungen 3000 M. alljährlich aus einem Reich 
m das andere bringen. Sonst darf kein schwedischer Soldat in Nor 
wegen und kein norwegischer in Schweden stationirt sein. 
Frederlksstad mit Frederikshald, Aggorshuus bei 
Christiania, forts bei Christianssand, Bergen, Drontheiin: meist un 
bedeutend. 
Marine (Ende 1851): 2 Fregatten, 4 Corvetten, 1 Brigg, ß
        <pb n="289" />
        18 
îiOinVEGEN — Sociales. 
273 
Schooner, 5 Dampf boote, 1‘56 Kanonenboote, zusammen angeblich mit 
nur 358 Kanonen. Es sind gegen 30,000 Seeleute zwischen 30—60 
Jahren in die Marinelisten eingetragen. 
Sociales* Alle Norweger sind vor dem Gesetze gleich; Adel 
existirt verfassungsmassig nicht mehr. Das Gesetz vom 1. Aug. 1821 
bestimmte, dass die Steuerfreiheit mit dem Tode der damaligen Lehen 
besitzer, die übrigen Vorrechte aber mit dem Tode der damals ge 
borenen Adeligen aufhören sollten. Nur 15 Geschlechter, von denen 
überdies seitdem ein Theil ausgestorben, nahmen die nach dem Ge 
setze von 1824 znlassigen Vorrechte, blos in der Führung eines 
adeligen Namens und Wappens bestehend, in Anspruch. 
Das Storthing schaffte 1839 auch die Zünfte ab; Beschrän 
kungen der Gewerbsfreiheit sind für immer als unzulässig erklärt. 
Norwegen zeigt, ebenso wie die Schweiz, was ein Land, selbst 
bei äusserst ungünstigen Naturverhältnissen, vermittelst zweckmässiger 
volksthümlicher (democratischer) Einrichtungen werden kann. Der Bo 
den ist, schon in Folge der Rauheit des Climas, sehr wenig frucht 
bar. Das jährlich in Anbau gebrachte Ackerland wird auf 418,000 
Tonnen oder norweg. Morgen geschätzt, d. h. auf nur ungefähr 29 
geogr. Quadr.-Meilen. Das gesammte urbare Ackerland beträgt bei 
läufig das Vierfache dieser Summe, also noch nicht 120 Q.-Meil. von 
mehr als 5800! Die Getreideproduction ist bei weitem unzureichend; 
in gewöhnlichen Jahren müssen 800,000, in schlimmen selbst 1’200,000 
Tonnen Getreide eingeführt werden. Dabei besteht die im Inlande 
gewonnene Frucht mehr als zur Hälfte blos aus Hafer. — Es fehlt 
an Gewerbsindustrie; es mangeln die Arbeiter dazu, es mangeln die 
Capitalien, es fehlt an Strassen in dem von Natur unwegsamen und 
dünn bevölkerten Lande. So sind denn die Norweger vorzugsweise 
auf Seefahrt und Fischfang hingewiesen. Die ärmliche Lebensweise 
aber hat die hässliche Krankheit des Aussatzes [Lepra, Elephantiasis 
orienialis) und im Norden den Scorbut zur Folge. 
Als Norwegen 1814 die Selbständigkeit erlangte, war sein Zu 
stand in jeder Hinsicht äusserst elend. Jetzt bietet sich ein anderes 
Bild dar. Wir haben vorhin geschildert, mit welchen Anstrengungen 
und welchem Erfolge die Finanzlage des Staats umgestaltet ward. 
Dabei versäumte es die (von der Bureaucratie mit Uebermuth so ge 
nannte) „Bauernherrschaft“ des Storthings nicht, das materielle Wohl 
der Einzelnen, ja sogar Kunst und Wissenschaft zu fördern. 
Die (von bewussten und unbewussten Förderern des Rückschritts 
so sehr getadelte) Theilbarkeit der grossen Güter ist auch in Nor 
wegen eingeführt, und hat auch hier ihre heilsamen Wirkungen als 
Mittel zur Hebung des Volkswohlstandes sichtlich erprobt. Schon im 
Jahre 1821 erliess der Storthing ein Gesetz über erbliche Theilungen 
der Aeckor. Selbst die ungetheilten Gemeindegüter sollten freies Pri 
vateigenthum werden, denn auch diese Art historischen Communismus 
führt zur Vernachlässigung der Bodencultur. Viele grossen Güter 
wurden parcellirt. Der Staat selbst parcellirte und verwandelte die 
ihm gehörenden Pachtgüter in freies Eigenthum, wodurch die Zahl der
        <pb n="290" />
        w 
274 
SPANIEN — Land und Lente. 
Grundbesitzer ansehnlich vermehrt ward. In den Jahren 1822 — 38 
wurden auf solche Weise 3112 parcellirte Bauerngüter verkauft. In 
den Jahren 1825—35 vergrösserte sich die Zahl der Grundbesitzer 
von 90,385 auf 105,000, Der Grundwerth aber, 1802 auf 25Yg Mill. 
Spec, geschätzt, war schon 1839 auf 64 Mill gestiegen. 
Nicht minder hebt sich die für Norwegen besonders wichtige 
Schifffahrt. Im Jahre 1809 besase das Land 1363 Fahrzeuge von 
54,000 Commerzlasten (zu 60 Cntr.) ; 1837 hingegen 2373 Schiffe von 
80,000 Lasten, mit einer Bemannung von 12,400 Seeleuten; 1845 
4061 Schiffe zu 123,328; 1853 4893 Schiffe zu 174,945 Lasten, mit 
26,545 Seeleuten, die zu den besten in der Welt gehören. 1855 war 
die Ladungsfähigkeit auf 193,023 Lasten vermehrt. 
In den meisten Städten bestehen Mittel- und höhere Gemeinde- 
Bchulcn, in denen der Unterricht unentgeldlich ertheilt wird. 
Den geistigen Fortschritt bezeichnet die Zunahme der Buch 
druckereien, Im Jahre 1807 besass das Land deren blos 4; 1845 
bereits 37. Zu jener Zeit erschienen nur 4 dürftige Wochenblätter, 
in dieser 23 Zeitungen und 13 ästhetische und gelehrte Zeitschriften, 
Selbst bis Tromsoe und TIammerfcst, den äussersten der Finnmarken, 
ist die Druckerpresse gedrungen. 
Das sind Resultate der viel geschmäheten „Democratenwirthschaft,“ 
wo man dieselbe ruhig sich entwickeln lässt. (Zu vergleichen auch, 
was der Norweger Blorn bereits im Jahre 1840 über die innere Um 
gestaltung seines Vaterlandes schrieb.) Die Zustände Norwegens wer 
den, sowohl was Einfachheit, als was unmittelbar solid-praktische 
Richtung betrifft, denen in der Schweiz vielfach ähnlich gefunden. 
(Mittheilung eines Mannes, der längere Zeit in beiden Ländern lebte.) 
Münze. Speciesthaler, 9% auf die feine Köln. Mark, also = 1 Thlr, 15 
Sgr. 4,86 Pf. preuss. oder 2 fl. 38% kr. rhein. Unterahtheilung in 120 Schill. 
Maasse u. Gewicht sind die dänischen. 
Spanien (Königreidi). 
Land und Leide* Nachstehende Zusammenstellung beruht nur 
auf Schätzungen, nicht auf einer wirklichen Volkszählung, denn eine 
solche ward noch nie vorgenommen. (Erklärung des span. Regierungs 
abgeordneten auf dem statist. Congresse von 1853, Ramon de la Sagra. 
Wir schalten die alten Provinznamen zwischen Parenthesen ein.) 
Provinzen Q.-M 
{Neu-Omiilien .•) 
1. Madrid . 
2. Toledo 
3. Guadalajara 
4. Cuença . 
_ {Mancha:) 
6. Ciudad-Real 
{Alt-Castilien : ) 
6. Burgos . . \ 
7. Logroño . | gßi 
8. Santander , } 
62 
413 
91 
532 
Bevölk. 1849 
405,7.37 
330,000 
199,746 
252,723 
355 302,594 
234,022 
185,519 
190,000 
Provinzen 
9. Soria 
10. Segovia . 
11. Avila 
12. Falencia . 
13. Valladolid 
{Leon ;) 
14. Leon 
15. Zamora . 
16. Salamanca 
{Aaturien ;) 
17. Oviedo 
Q.-M. 
192 
163 
121 
81 
152 
277 
168 
265 
Bevölk. 1849 
140,000 
155,000 
132,936 
180,000 
210,000 
288,833 
180,000 
240,000 
173 510,000
        <pb n="291" />
        SPANIEN — Land und Leute. 
m 
{Galizien ;) 
18. Coruna . . 
19. Lugo . . ( 
20. Orense . . ( 
21. Pontevedra 
{Estremadura :) 
22. Badajoz . . » 
23. Caceres . . í 
{Andalusien ;) 
24. Sevilla . . \ 
25. Cadix . . ; 
26. Huelva . . ) 
27. Cordova . 
28. Jaén 
29. Granada . . j 
30. Almería . . ) 
31. Malaga . . \ 
{Murcia :) 
32. Murcia 
33. Albacete . 
( Valencia ;) 
34. Valencia . . J 
85. Alicante . . ( 
86. Castellón de la I 
Plana . . ) 
748 
674 ¡ 
423 S 
196 
209 
453 
371 
362 
511,492 
419,437 
380,000 
420,000 
336,136 
264,988 
420,000 
358,446 
153,462 
348,956 
307,410 
427,250 
292,334 
438,000 
400,000 
195,531 
500,000 
363,219 
247,741 
{Aragonien :) 
37. Zaragoza . . i 
38. Huesca . . &gt; 693 
39. Teruel . . ; 
{Catalonien :) 
40. Barcelona 
41. Tarragona 
42. Lérida 
43. Gerona 
{.Baskische Prov.:) 
44. Navarra . . 115 
45. Biscaja . . 60 
46. Guipúzcoa . 29 
47. Alava . . 51 
{Inseln ;) 
48. Balearen . . 83 
49. Ganaren . . 151 
I 573 
350,000 
247,105 
250,000 
533,695 
290,000 
197,445 
262,594 
280,000 
150,000 
141,752 
81,397 
253,000 
257,719 
Zusammen 8598 14’216,219 
Confession. Die katholische herrschend; man schätzt die Zahl der 
Akatholiken (wohl viel zu hoch) auf etwa 120,000. 
Volksstiimme. Die eigentlichen Spanier, ein Gemisch der früher 
hier wohnenden Völker (Gelten, Römer, Alemanen, Gothen, Sueven, 
Vandalen, Mauren, Araber; das maurisch-arabische Element besonders 
in Andalusien vorwaltend). Ausser ihnen etwa Ya Mill. Basken, 60,000 Me- 
dejares (Moriskos, Abkömmlinge der Mauren) in den Thälern der Sierrra 
Nevada und in den Apuljaren; dann etwa 1000 deutsche Colonisten in 
der Sierra Morena; 45,000 Zigeuner und eine kleine Anzahl Juden. 
Städte. Madrid gegen 200,000 Einw. (1782: 129,560), Barce 
lona 190,000, Sevilla 95,000 (einst 400,000), Cadix 80,000, Gra 
nada 80,000 (einst 400,000), Valencia 66,000, Malaga 58,000, Cor 
dova 57,000 (einst 300,000), Saragossa 45,000, Murcia 40,000, 
Cartagena 37,000, Xeres de la Frontera 35,000, Valladolid 30,000 
(einst 100,000), San Jago di Compostella 27,000, Toledo 25,000 
(einst 200,000), Coruna und Alicante je 25,000. 
Geschichtliche Notizen. Es ist allerdings zweifelhaft, ob die Py- 
renäischc Halbinsel zur Römerzeit wirklich, wie man behauptet, 40— 
50 Mill. Bewohner zählte ; sicherlich aber hatte sie deren zur Mauren 
zeit mehr als 20 Mill. Da erfolgte nacheinander die Vertreibung von 
2 Mill. Arabern, von 800,000 Juden, und von mindestens 600,000 
Mauresken. Mehr als die Kriege, mehr als die Colonisirung Ameri 
kas, trug der Alles niederwerfende, keinen Aufschwung duldende, 
geistliche und weltliche Despotismus zur Entvölkerung des Landes bei ; 
(gerade diejenigen Provinzen, aus denen die grösste Zahl nach Amerika 
auswanderte, entvölkerten sich vergleichsweise am wenigsten). 1688 
schätzte man die Bevölkerung Spaniens nur noch auf 8, 1715, nach 
dem Erbfolgekriege, sogar nur noch auf 6 Mill. Menschen. Eine
        <pb n="292" />
        276 
SPANIEN — Finanzen. 
' 
m 
iS 
amtliche Schätzung von 1778 ergab wieder IOV2 Mill, ln welchem 
Zustande sich aber das Land befand, mag man aus folgenden Noti 
zen entnehmen: Man zählte in der Provinz Sevilla : 15 Städte, 136 
Flecken, 24 Kirchdörfer und 512 verwüstete Orte. Auch in der Pro 
vinz Aragon gab es 534 wüste Ortschaften, von denen noch ein 
Jahrzehnt später 149 öde und 385 fast gänzlich entvölkert Avaren. 
Die spanische Regierung erkaufte den Rasier Frieden, 1795, von der 
französischen Republik um den Preis ihres Anthoils an St. Domingo; 
den Frieden von Amiens, 1802, erlangte sie durch Abtretung von 
Trinidad, 1801 erhielt Spanien die Festung Olivença von Portugal. 
Degen Erhebung des Erbprinzen von Parma, eines spanischen Infan 
ten, auf den Königsthron von Hetrurien, trat sodann die Königsfamilie 
auch Louisiana an Frankreich ab, welches Napoleon nun seinerseits 
um 60 Mill. Frk. an die Vereinigten Staaten verkaufte! Während 
des blutigen Krieges gegen Napoleon machten sich sämrntliche span. 
Besitzungen auf dem aniericanischen Festlande unabhängig. (Bis zum 
Jahre 1808 hatten die spanischen Colonien über 310,000 Q.-M. mit 
ungefähr 18 Mill. Menschen umfasst. Es gehörten namentlich dazu: 
Mexico, mit Texas und Californien; das ganze Pest land von Mittel 
america; Neu-Granada, Venezuela, Bolivia, Peru, Chile und die Ar 
gentinischen Gebiete.) — Ungeachtet der furchtbaren Zerrüttung, 
welchen weltlicher und geistlicher Despotismus und die dadurch be 
dingten Aufstände hervorbriugen mussten, hat doch schon die blose 
Erschütterung des alten Gebäudes wenigstens in manchen Beziehungen 
eine Milderung der alten Uebel bewirkt. Es zeigt sich dies u. a. 
auch in der Zunahme der Bevölkerung, (obgleich allerdings nur 
Schätzungen vorhanden sind). 1797 ergab eine amtliche Erhebung 
10’541,200 Menschen; 1820 11’420,000; 1826 13733,000, 1849 
14’216,000, Welche Menschenzahl könnte in Wohlstand hier leben, 
wenn natur- und vernunftgomässe Zustände beständen! 
Finanzen. Der laufende Staatshaushalt. Der mini 
sterielle Voranschlag für 1853 schloss folgendermaassen ab: 
Einnahme 1,2.33’497,550 Realen 
Ausgabe 1,209708,742 „ 
Unter den Ausgaben erschienen : Hof 47’350,000 (davon 34 Mill, 
eigentliche Civilliste, der Rest Apanagen), Zinsen der Staatsschuld 
213'271,423, Landmacht 278'646,284, Marine 85T65,000, Pensionen 
etc. 143’460,586. Dieser Voranschlag war indess viel zu niedrig. 
Ganz anders lautete der für 1854: 
Gewöhnliche Einnahmen 1,470147,894 Real. 
M Ausgaben 1,474/202,622 „ 
Ausserordentl. „ 115’000,000 „ (für Bauten etc.) 
Indessen lag schon Ende August 1854 ein offenes Deficit vor 
von 660 Mill. — Die Revolution von 1854 führte zu mancherlei 
Aenderungen in den Finanzverhältnissen. Man suchte wohl auch durch 
künstliche Gruppirung die Summe des Bedarfs kleiner erscheinen zu 
machen. So las man : nach Abzug der durchlaufenden Posten betrage 
das Budget für 1855 1250 Mill. Realen; davon: Armee 280 Mül.,
        <pb n="293" />
        SPANIEN — Finanzen. 
277 
Marine 9l’229,171 R. — Die Civilliste der Königin ward auf 28, 
mit den Apanagen auf 31*72 Mill, herabgesetzt. — Eine ministerielle 
Budgetvorlage an die Cortes vom Sept. 1855 erstreckte sich auf das 
Jahr 1856 und die erste Hälfte 1857. Darin wurden die Ausgaben 
so veranschlagt: 
für das Jahr 1856 1,460’965,116 R. 
„ „ 1. Semester 57 725 273,292 
zusammen 2,186’238,408 
Es ergibt sich darnach ein Deficit von 324 Mill., zu dessen 
Deckung der Minister vorschlug : Erhöhung der Grundsteuer auf 334 
Mill. ; Wiedereinführung der Verbrauchs- und Nahrungssteuern (de 
puertas y consumos) bis zum Ertrage von 140 Mill; Erhöhung der 
Zölle um 40 Mill. — Die Einkünfte der überseeischen Besitzungen 
sind zu 74 Mill, berechnet. — Vom Verkaufe der Nationalgüter 
hofft man bis 1. Juli 1857 400 Mill, zu erlösen, bestimmt zur De 
ckung des frühem Zwangsanlehens und zur Bestreitung der Kosten 
für Geistlichkeit, Unterricht, besondere Gemeindelasten etc. 
Nach Maassgabe der älteren Budgets konnte man beiläufig fol 
gende Verhältnisse annehmen: Die Domänen lieferten zwischen 70 und 
110 Mill. Ertrag; die Colonien zwischen 20 und 105 Mill. — Die di- 
recten Steuern etwa 390 Mill., wovon Grund- 300, GewerbSteuer 
44 Mill. — Die indirecten Auflagen ertrugen circa 700 Mill. ; davon: 
Accise und Octroi 160, Zölle 190, Stempel 24, Tabaksmonopol 160 
bis 200, Salzmonopol 80—100, Lotterie 50—90, Bergwerke (Alma 
dén etc.) 30—50, Post 24—26, Hypothekensteuer 18 Mill. etc. 
(Nach dem Budget für 1856 sind für den Marineetat 94’789,000 R. 
bestimmt.) 
Geschichtliche Notizen. Ungeachtet des grossen natürlichen Reich 
thums des Landes, und ungeachet des 300jährigen Besitzes der Gold- 
und Silberminen Perus und Mexicos, befanden sich die Finanzen 
Spaniens schon im vorigen Jahrhunderte in zerrüttetem Zustande. 
Man schätzte die Einkünfte auf 100 Mill. Piaster, wovon 40—45 
aus Spanien selbst flössen, der Rest aus den Colonien kam. Aber 
schon 1770 begegnete man einem Deficit von 5 Mill. Piaster dadurch, 
dass man nothwendige Ausgaben in den auswärtigen Besitzungen 
verschob. — Graf Laborde („Uebersicht der financiellen Lage Spa 
niens, 1823“) schätzte die Einkünfte vor der Zeit des Napoleoni- 
schon Krieges (1808) auf 700 Mill. Realen. Während dieses Krie 
ges hörte selbst jede formelle Ordnung in der Finanzverwaltung auf. 
Aber auch nach Jahren war solche nicht hergestellt. 1817 betrugen 
die Einkünfte, mit Einrechnung des Ertrages der Colonien, 620 Mill. 
Realen ; man hatte dabei ein Deficit von 200 Mill. Das Missverhält- 
niss stieg, als man endlich auch an Verzinsung der seit 1808 gar 
nicht mehr beachteten Staatsschuld dachte, indess die americanischen 
Besitzungen sich immer allgemeiner vom s. g. Mutterlande lossrissen. 
1820 schätzte der Finanzminister Canga Arguelles in einer zu Madrid 
veröffentlichten Schrift:
        <pb n="294" />
        278 
SPANIEN — Finanzen, 
die Staats-Ausgaben auf 660’116,231 Realen 
„ „ Einnahmen „ 320’066,000 
das Deficit „ 340’050,231 
Die Cortes wagten keine durchgreifenden Reformen. Halbheit 
war ihre Sache. Desshalb schien es ihnen allzukühn, der Geistlich 
keit den ganzen Zehnten zu entziehen; nur die Hälfte des Zehnte 
ward aufgehoben (auf 400 Mill. Real, geschätzt). Damit hatten sie 
sich die Möglichkeit der Einführung einer ausreichenden directen, 
insbesondere einer ergiebigen Grundsteuer abgeschnitten. Nur in ge 
ringem Maasse konnte das nicht frei gemachte Grundeigenthum, 
und konnten Häuser und Gewerbe besteuert werden. So gelangte 
man denn in der constitutioneilen Periode zu folgenden Budgetab 
schlüssen : 
Bedarf Deficit 
1820 702’802,304 172 Mill. Real. 
1821 ^ 756'21.1,217 87 „ 
1822 664’813,314 102 „ 
I Der im nächstfolgenden Jahre ausgebrochene Krieg schwellte den 
Ausgabenetat auf 86l’591,646 Realen an, indess die Einnahme nur 
auf 550 Mill, geschätzt ward. — Erwies sich der Constitutionalismus 
unfähig, unter ungewöhnlichen Verhältnissen Ordnung in den Staats 
haushalt zu bringen, so war der Absolutismus noch unfähiger dazu, 
selbst in der Zeit der ungestörtesten Ruhe. Mit ihm kam die maass 
lose Verschwendung wieder, mit ihm kehrten die alten Missbräuche 
alle zurück. Da der volle Zehnt zu Gunsten der Geistlichkeit aufs 
Neue eingeführt und das Volk dadurch empñndlich gedrückt ward, so 
yei mochte man nicht durch Erhebung neuer Steuern ein Gleichgewicht 
im Haushalte herzustellen. Es folgte die furchtbarste Einanzverwir 
rung, und selbst im Jahre 1843, also etwa 20 Jahre nach Wieder 
herstellung der „Ruhe und Ordnung,“ war man nicht weiter gekommen, 
als dass man eine Einnahme von 877709,985 neben einem Bedarfe 
von 995’814,698 R. auíFühren konnte. 
Schuld. Schon beim Tode Philipp des V. war Spanien mit 800 
Mill. R. Schulden belastet. König Ferdinand legte seinen Räthen 
die Frage vor: ob er verpflichtet sei, dieselben anzuerkennen; seinem 
Verlangen gemäss verneinten die Rathgeber die Frage, und nun war 
Ferdinands Gewissen beruhigt. Karl III. hielt sich verpflichtet, die 
ses Unrecht wieder gut zu machen; von 1762 — 79 erfolgten einige 
Abschlagszahlungen, Allein der americanische Krieg hatte das Aus 
bleiben der Silberflotten aus America zur Folge, und bald war nun 
das Land auch noch mit 800 Mill. Papiergeld (vales) überschwemmt. 
Indessen sollte, nach den spätem Finanzplänen und Versprechungen, 
die ganze Schuld, etwa 170 Mill. Piaster betragend, im Jahre 1800 
vollständig abgetragen sein. Dass diese Verheissung nicht erfüllt 
wurde, ist begreiflich. Von 1808 —19 bekümmerten sich die „Staats 
männer‘ohnehin gar nicht um die Schuld. Dieselbe war 1821 auf 
3460 Mill. Capital mit 157 Mill, verzinslich, und ausserdem auf 6,478 
Mill, unverzinsliches Capital angewachsen. Ferdinand VII. verweigerte 
indess selbst derjenigen Schuld die Anerkennung, welche dadurch
        <pb n="295" />
        SPANIEN — Finanzen. 
279 
entstanden war, dass die Cortes 1810 und 11 in der grössten Noth 
Privatgelder weggenommen und zur Rettung des Thrones des nämli 
chen Fürsten im Kriege gegen den „Usurpator“ verwendet hatten!—^ 
Die Cortes von 1820 fanden eine Schuldenmasse von etwa 14,000* 
Mill. Zwei Dritthcilc der Schuldurkunden gehörten aber geistlichen 
Corporationen, deren Aufhebung bereits beschlossen war. Dadurch 
verminderte sich die Schuld bis zu 4833, oder nach einer andern 
Aufstellung bis zu 5273 Mill. Zur Tilgung besase man National 
güter im (ganz niedrig taxirten) Werthe von 8633 Mill. — Nach 
Wiederherstellung des Absolutismus verweigerte König Ferdinand den 
durch die Cortes beschlossenen und von ihm selbst genehmigten An 
lehen die Anerkennung, obwohl das Geld mit zur Zahlung seiner 
Civilliste verwendet worden war. Ebenso erklärte er die Verkäufe 
von Klostergütern für nichtig; man nahm den Käufern die Grundstücke, 
ohne ihnen die bezahlten Beträge zurückzuerstatten. (Es waren 25,177 
Grundstücke verkauft worden, und zwar um die Summe von 1045 
Mill., während der Taxwerth nur 450 Mill, betragen hatte ; die wirk 
lich geleisteten Zahlungen beliefen sich auf mehr als 352 Mill.) ^ 
Nun musste Spanien noch eine Kriegsentschädigung an Frankreich 
leisten: 80 Mill. Frk., in 3prozentigen Inscriptionen in das „grosse 
Buch. “ Aber auch England forderte verschiedene Entschädigungen. 
Um dasselbe zu befriedigen, nahm Spanien zu Paris 100 Mill. Frk. 
auf, im Course von — 50 Prozent ! — Nach der Zeit der Julirevo 
lution suchte man zwar wiederholt den Staatsgläubigern und den Na 
tionalgüterkäufern gerecht zu werden; um wieder geliehen zu bekom 
men, musste man sich auch dazu bequemen, die alten Schulden an 
zuerkennen. Allein immer bildete die Finanzzerrüttung ein Hinder 
niss • immer wieder ward man auch zum Verkaufe der Geistlichen- 
güter gedrängt. So erfolgten von 1836 bis zum October 1839 Ver- 
äusserungen im Betrage von mehr als 1300 Mill. Realen; aber Alles 
reichte nicht aus. — Ein Ausschuss der spanischen Staatsgläubiger 
in London berechnete im Jahre 1840 die Schulden folgendermaassen ; 
Innere unverzinsliche Schuld 
Aeussere unverzinsl. u. aufgeschobene Schuld 
Verzinsl. Schuld . 
Realen 9,995’489,321 
2,434’344,000 
5,419748,483 
Zusammen 17,849’581,904 
In dem Berichte über das Budget für 1842 finden wir dagegen 
mir die Summe von 11,815’850,043 R. angegeben, wovon überdies 
abzuziehen seien: 300 Mill, eingezogene Forderungen des Weltclerus, 
und 1120 Mill, ausstehende Kaufgelder für Nationalgüter; sonach die 
wirkliche Schuld: 
consolidate 5,820954,000 R. mit SOO'954,982 R. Jahreszins 
unverzinsliche 4,673^806,043 „ 
Total 10,495760,043 „ wozu gegen 1000 Mill, verfall. Zinsen kamen. 
Wie colossal die Verwirrung, kann man indessen daraus abneh 
men, dass in einer amtlichen Aufstellung von Endo 1849 aufgeführt 
werden :
        <pb n="296" />
        280 
SPANIEN — Militärwesen. 
geordnete Sprocentige in- u, ausländ. Schuld 2,982’020,410 
zu ordnende in- u. ausländ. Schuld . . 12,531’067 461 
zusammen 15,5Í3’Ò87,87r~" 
Bei der herrsohendeu furchtbaren Finanzverwirrung und Zerrüt 
tung amd wir natürlich nicht im Falle, einen klaren Uehorhlick über 
den jetzigen Stand der Schuld zu geben. Wir reihen Obigem nur 
einige unzusammenhängende Notizen aus der neueren Zeit an Durch 
eine Vemrdnung vom 8. Juli 1853 ward die Ausgabe von 6prozent. 
S^atzscheine^ im Betrage von 300 Mill., angeordnet, als ErsL der 
schwebenden Schuld. Im April 1854 Anleihe von 22 Mill.: Januar 
So neue ditto von 40 Mill.; August desselben Jahres von 230 
Mill, mit 10 Proz. Verlust am Course ; dann wieder : Anlehen bei 
dem Hause Werner in Paris von 60 Mill, zu 9Yg Proz. Zins! ^ 
Ende August 1856: Anlehen von 60 Mill, auf 6 Monate (!) bei der 
^Grdinandsbank zu Madrid, gegen eine Prämie von 150,000 K. 
ÏÏr/'j^'^reszins. Mittlerweile hatte ein Decret v. 20. Mai 
180 Alill. 6proz. Schatzscheinen ver- 
solidirte wiedeiholt; dessen ungeachtet finden wir aufgezeiclinet: 
schwebende Schuld am 1. Mai 1850 ö65’106,360 R. 
” " w 31. „ „ 605’316,598 R. 
Die Veräusserung der Geistlichengüter ward stets aufs Neue be- 
pnnen; sie war, kotz aUer reactionären Tendenzen der Regierenden 
immer selbst fur diese schliesslich ein Act der unvermeidlichen Noth- 
wendigkeit. Allem schon reicht man damit nicht mehr aus. Das 
»Desamortisationsgesetz« ergrifiF in gleicher Weise auch die Güter der 
.^Gn letzten Aufstellungen von Ende Aug. 1856 
wimmsrn 
''z.‘zcz\zrizi~»- 
aRe ^ % HuLen^8%% 
oéZ”VÍ^¿ cZp. LväZ"'' ® 
jäge/(cS3er8)^^’*^^^ Gendarmerie (Guardia civil) «. Grenz- 
V 'mnnn Jahres 1854 nahmen die Cortes einen Etat 
von 70,000 M. an. Anfangs, 1855 wurde die Zahl der vorhandenen
        <pb n="297" />
        SPANIEN — Militärwesen. 
281 
gut organisirten Truppen zu 67,400 M. angegeben, worunter 8000 
Gendarmen; ausserdem waren noch 6000 Carabiniere ungerechnet. — 
Unterm 1. Aug. 1855 wurde die Einrichtung einer Bürgerwehr von 
80 BatailL, zusammen 60,000 M., angeordnet. Sie sollte den Na 
men „Provincialmiliz“ führen und der Armee als Reserve dienen. 
Mitte 1855 hatte man eingeschriebene Nationalgarden 546,286 Mann, 
nämlich : 
Infanterie 530,659 in 539 Bataill. nebst 3333 detaschirten Compagn., 
Cavallerie 13,792 in 66 Schwadr. nebst 279 detasch. Seotionen, 
Artillerie 1,935 in 7 Batterien nebst 21 detasch. Sect. 
Allein nur etwa Vs war bewaffnet mit 111,330 Musketen, 4312 
Carabiners und 38 Kanonen. Die neue Contrcrevolution führte auch 
hier zur Vernichtung der Nationalgarde, welche die Königin unterm 
15. Aug. 1856 „für immer“ aufgehoben erklären zu können glaubte! 
Festungen. Spanien besitzt deren viele ; die bedeutendsten sind: 
a. am Biscayischen Meere: Fuentarabia, San Sebastian, Santona, San 
tander, los Passages, Ferrol, Coruna, Vigo, Toro; 
b. an der Portugiesischen Grenze: Ciudad Rodrigo, Badajoz, Olivença; 
c. in Andalusien und am Mittelmeere: Cadix, Tarifa, San Roque 
(gegen Gibraltar), Malaga, Velez Malaga, Almería, Cartagena, Alicante, Castell 
von Valencia, Murviedro, Taragona, Barcelona, Rosas ; 
d. gegen Frankreich: Figueras, Urgel, Puycerda, Pampeluna, Gerona, 
Hostalrich, Manresa, Lérida, Tortosa, Mequinenza, Saragossa; 
e. auf den Inseln und in Afrika: Palma, Port Mahon, Ceuta. 
Marine (Stand im Mai 1854): 
Linienschiffe . 
Fregatten 
Corvetten ... 7 „ 
Briggs . . . 14 „ 
Brigg-Goeletten . . 3 
Brigg-Barken . . 4 
Kleinere Dampfschiffe . 17 „ 
Kleinere Segelschiffe . 65 
Zusammen 153 Schiffe, 
activen Dienste kommen, also 
a. im activen 
Dienste 
1 
14 (wov. 6 Dampfer) 
im passiven 
Dienste 
1 
1 
17 
0. im Bau oder 
in Ausrüstung 
(wov. 
4 Dampfer) 
4 
wozu noch 240 kleine Fahrzeuge im 
total 393 mit 1231 Kanonen und 258 
Steinböllern; die Dampfer mit 9972 Pferdekraft. Die Zahl der Ma 
rinesoldaten wird zu 15,000, jene der Matrosen zu 9000 angegeben.— 
Neue Liste: 56 grössere Sch., wovon 2 Liniensch., 8 Freg., 30 Dampfer. 
Geschichtliche Notizen. Nach dem Etat von 1776 sollte die spa 
nische Landmacht aus 132,730 M. bestehen; der wirkliche Bestand 
w^ard indess 1783 nur auf 60—70,000 geschätzt, wozu 20,000 Mann 
Landmiliz kamen. Die Marine war damals noch sehr ansehnlich; 
1782 rechnete man gegen 50 Linien-und 70 sonstige grössere Schiffe 
mit 5300 Kanonen und 55,000 Seeleuten, — Ueber die (fortwährend 
aufs Aeusserste wechselnde) Stärke der Kämpfer gegen Napoleon fehlen 
uns bestimmte Anhaltspunkte. Nach dem Kriege waren Officiere in 
solcher Menge vorhanden, dass man damit ein Heer von anderthalb 
Millionen Soldaten hätte versehen können, darunter 700 Generale. — 
Im Frühling 1822, als der Krieg mit Frankreich bereits drohte, 
zählte das spanische Heer nur 48,681 M. (dagegen waren gleichzeitig
        <pb n="298" />
        282 
SPANIEN — Sociales. 
73,495 Geistliche über den [sehr reichlich bemessenen] Bedarf vor 
handen!) Die gegen Spanien ausgesendete franz. Expeditionsarmee 
bestand aus etwa 80,000 M. — Als der Kampf zwischen Cristinos 
und Carlisten begann, bestand die Macht der Letzten, Ende 1835 
aus 18,000 M. Fussvolk, 800 Reitern, 17 bespannten und 35 unbe- 
spannten Kanonen, dann 3500 Freiwilligen als Reserve. Die Cristi 
nos besassen eine Streitmacht von nahezu 100,000 M, Später stieg 
dieselbe auf fast 150,000; die Kräfte der Carlisten aber vermehrten 
sich in Biscaya und Navarra auf 40,000, in Aragonien (unter Ca 
brera) und Catalonien auf 30,000. 
Soclitics« Adel und Geistlichkeit besitzen seit Jahrhunderten 
die Reichthümer Spaniens; neben ihnen erhob sich der fürstliche Ab 
solutismus. Wohin man kam, mögen einige Daten aus dem vorigen 
Jahrhunderte zeigen, im Jahre 1787 zählte man in Spanien 479,653 
Edelleute (wie in Russland, ist hier blos das männliche Geschlecht 
in Rechnung gezogen), davon beinahe V4 in Asturien; ferner 93,689 
Mönche und 85,668 Weltgeistliche, zusammen gegen 180,000, so 
dass je das 17te erwachsene männliche Individuum unmittelbar „von 
der Religion“ lebte; ausserdem 2666 Beamte der Inquisition (unge 
rechnet deren „Familiären“), und 4103 Beamte der übrigen Geist 
lichkeit; sodann 37,902 Civilbeamte und 77,884 Militare; dann 
34,030 Kaufleute (die Zahl der Geistlichen war 5 mal so gross!), 
39,073 Fabrikarbeiter, 262,932 Handwerker (kaum um die Hälfte 
mehr als Geistliche !), 896,844 Bauern, und 1’234,188 Taglöhner etc. 
Welche unnatürlichen Socialzustände setzen diese Ziffern voraus ! — 
Wie die Volksbildung gehemmt statt befördert ward, zeigte der Er 
folg. Aber auch rein materielle Verbesserungen Hess man nicht auf- 
kommen. Bekannt ist die Entscheidung, als zur Zeit Karl des II. 
eine Niederländische Gesellschaft den Tajo und Manzanares schiffbar 
machen wollte: „Hätte der allmächtige Gott diese Flüsse bis Madrid 
schiffbar haben wollen, so würde er dies ohne alle Mitwirkung schwa 
cher Menschenkinder ausgeführt haben; da er es nun aber, wie der 
Augenschein beweist, nicht that, so wäre es eine freventliche Wider 
setzlichkeit gegen ihn und seine Vorsehung, wenn schwache Menschen 
das ordnen wollten, was er aus allweisen Gründen zu thun uutorliess.“ 
(Annalen von Don Jnan Mmrez de Colmenar.) 
Selbst lange nach derNapoleonischen Herrschaft, nämlich nach 1820, 
zählte man 3005 Klöster im Lande. Bis dahin bezog der Erzbischof 
von Toledo ein Einkommen von 500,000 Ducaten, jener von Valen 
cia 200,000. Die Einkünfte des Erzbisthums Valencia sollen 15’400,00() 
Realen betragen haben. In Galizien befanden sich V3 des Bodens 
im Besitze der Geistlichkeit, in ganz Spanien wolxl ein volles Drit- 
theil. Als sich die Cortes 1822 mit einer neuen Organisation des 
Clerus beschäftigten, waren 73,495 Geistliche über den Bedarf vor 
handen , ungerechnet Mönche und Nonnen. Das Einkommen des 
Staates betrug 1820 21 Mill. Piaster, das der Geistlichkeit gleich 
zeitig 52 Mill. — Nach der 1855 angoordnoten Aufhebung der Je- 
suitenconvente und aller Klöster von weniger als 12 Couventualea
        <pb n="299" />
        SPANIEN — Sociales. 
283 
(was die Säciüarisirung von ungefähr 900 Klöstern herbeiführte), blie 
ben deren noch über 1000 bestehen. — Dem Dicionário von Canga 
Arguelles zufolge bezog der päpstliche Stuhl von der Iberischen 
Halbinsel folgende Summen; 
von Ende des 11. bis Ende des 18. Jahrhunderts 14,400’000,000 Real, 
von 1814—20 (davon Ehedispens. 24’945,880) . 41’525,226 
von 1820—55 140’000,000 
Der Boden des Landes ist grossentheils ungemein fruchtbar, 
aber ganz schlecht angebaut. Hindernisse einer bessern Benützung 
sind: der Mangel an freiem Eigenthume der Bauern, die grossen un- 
getheilten Güter, das System der Verpachtung, die Feudallasten, die 
Creditlosigkeit, die vielen Feiertage, der Mangel an Bewässerung, 
und jener an guten Strassen. So bedarf das fruchtbare Spanien häu 
fig der Getreidezufuhr aus dem Auslande, indess Vs vorzüglichen 
eigenen Bodens unbebaut liegen bleiben. Selbst die Schafzucht ist sehr 
herabgekommen. (Zu Ende des vorigen Jahrhunderts rechnete man 
14Va Mill. Schafe, jetzt blos 8 Mill.) — Noch mehr liegt die Ge- 
werbsindustrie darnieder, besonders im Vergleiche mit deren 
relativen Blüthe in der Maurenzoit. (Die Fabrication von Corduan, 
Seidewaaren, selbst von Waffen, ist entweder ganz verschwunden, 
oder zur Unbedeutenheit herabgesunken.) — Auch der Handel ist 
auf mannigfache Weise beschränkt und gehemmt. Die Krone übt 
verschiedene Monopole aus. Die wenigsten Flüsse sind, besonders 
des Sommers schiffbar, da zur Beseitigung der Hindernisse nichts ge 
schieht. Das Zollwesen ist übel, der Schleichhandel ungeheuer. Der 
Seehandel befindet sich meistens in den Händen der Fremden. Doch 
auch in Spanien hat der unabwendbare Eisenbahnbau begonnen, 
und die Schienenwege werden gerade auch hier Wunder bewirken. 
Eröffnet waren im März 1856 480 Kilom. (nicht ganz 64 deutsche 
Meilen), concessionirt gegen 2400 Kilom. — Der Handelsverkehr 
war 1854 in Realen: 
Handel mit Einfuhr Ausfuhr 
Europa u. Afrika 444’84t,595 691’317,121 
Amerika . . 342535,251 292’453,034 
Asien . . 26'108,398 9732,628 
Zusammen 1854 . 818^85,244 993^502,783 
Dagegen 1850 . 671’993,640 488’566,642 
Münze, Maaase. Der Eeal de Vellón (unterabgetheilt in 34 Maravedís), 
nach dem Münzgesetze v. 15. April 1848 werth 2 Sgr. 1% Pf., wenig über 25 
Centimes (der alte Jieal de Flata war nahezu das Doppelte werth); 20 Reales 
de Vellón oder 10% Reales de Plata machen 1 Silber-Piaster ; 9^%^ Piaster sind 
gleich 14 Thlr. preuss. oder 24'/, fl. rhein. (Keine Münze in der Welt ist so 
verbreitet, wie der Piaster; auch der Dollar ist nur eine Nachahmung desselben; 
in ganz Amerika und Asien kennt man vorzugsweise dieses Geld.) — Die 
Maasse sind in Spanien sehr verschieden, am verbreitetsten die Castilischen. 
Die Elle, vara, hat 3 pies (Fuss) = 1,26 preuss. Ellen. Der pies hat l'/sP®^" 
mos, 12 pulgadas (Zoll), 16 dedos (Finger), 144 lineas, und ist gleich 0,8868 
preuss. Fuss oder 27,83 Centimeter. (Der palmo = 20,87 Centimet.) — Die 
legua nueva (neue Meile) = 8000 varas oder 6680 Meter, also 0,9018 deutsche 
Meilen. Die spanische geographische Meile hat indess nur 6349 Met. ; die legua 
maritima (unterabgetheilt in 3 millas maritimas) = 5555 Met. — Flächen-
        <pb n="300" />
        284 
PORTUGAL — Land und Leute. 
maass; à.\Q fanegada — 64,26 Aren oder 2,6167 preuss. Morgen. — Getreide- 
maass: der cahiz, zu fanegas; die fanega = 54,8 Lit. od. 0,9971 preuss. 
Scheffel. — Weinmaass: der moyo (zu 16 cantaras oder arrobas mayores) 
= 268,2 Liter oder 14,0932 preuss. Quart. Die = 27 cantaras. — Das 
Pfund {libra) = 460,14 Gramm. 
Aliswärtig^e Besitiiiig:eii. Spanien, einst die Beherrscherin 
von beinahe ganz Amerika, besitzt noch folgende Colonien: 
A. in Amerika: 
Insel Cuba . 
Insel Puerto-Rico . 
Span. Jungferinseln 
Q.-M. Bevölker. 
2,309 1’000,000 *) 
189 288,000 
7 2,600 
B. In Asien u. Australien: 
Theile von Manila 1,450 2’600,000 
Bissayer-Inseln . 879 1 200,000 
Babuyanen u. Baschi- 
Inseln . .. 60 6,000 
*) Darunter ungefähr 460,000 Weisse, 
Militärmacht ^fUber See.'*' 
U.-M. Bevölkerung 
Theile v. Magindanao 61 60,000 
Marianongruppe . .67 6,000 
C. In Afrika: 
Die Presidios . . 2 12,000 
Guinea-Inseln , . 23 5,000 
Zusammenstellung: 
ln Amerika . . 2500 1’300,000 
In Asien u. Australien 2500 3’800,000 
In Afrika . . 25 20,000 
Zus. (Schätzung) etw. 5000 5’100,000 
170,000 freie Farbige, 340,000 Sclaven. 
Cuba. Veteranen: 12 Reg. Infant., 4 Corps Freiwillige. 1 Brigade Artill 
von 8 Batterien. 1 Reg. Lanciers. — Miliz : 1 Reg. u. 3 Bat. Infant., 1 Ree’ 
Dragoner und 1 Reg. freiwillige Reiterei. 
Fuerto-Eico. Veteranen: 3 Reg. Infanterie. 1 Brig. Artillerie v. 5 Batt. — 
Miliz : 7 Bataillone Infant, und 1 Reg. Cavallerie. 
A&amp;ien. 6 Reg. Infant. (3 Linie, 2 leichte, 1 Jäger). 2 Brig. Artillerie à 8 
Batterien. — Provincialmiliz: 4 Bataill. Linie, 1 Bat. Jäger. 
Portugal (Königreich). 
Band und Leute. 1660 Q.-M., 1850 mit 3’471,199 Einw. 
(nach ungenauer Schätzung). Eine andere Angabe bringt für das Jahr 
1852, mit Einrechnung Madeiras und der Azoren, die Ziffer von 
3’814,771. 
Provinzen 
Minho 
Duro 
Tras-os-Montes . 
Beira-Alta 
Q.-M. 
Bevölk. 
1850 
96 486,831 
182 868,702 
190 309,331 
61 298,917 
Provinzen 
Beira-Baixa 
Estremadura 
Alemtejo 
Algarve 
Q.-M. 
Bevölk. 
1850 
216 332,499 
341 748,461 
471 285,231 
101 141,027 
Confession. Die katholische ausschliesslich; doch soll es (abge 
sehen von Fremden), noch viele heimliche .Juden geben. — Städte: 
Lissabon mit etwa 280,000 Einw., Oporto 90,000, Coimbra 15,000. 
Geschichtliche Rückblicke. Eine statistische Berechnung vom Jahre 
1732 nahm eine Bevölkerung von 1’850,000 Menschen an. Nur be 
züglich (^er Provinzen Beira und Alemtejo beruhte die Angabe auf 
mehr als blos oberflächlicher Schätzung, und diese beiden Provinzen 
waren mit 550,856 und 265,223 Menschen aufgeführt, was eine sehr 
geringe Zunahme seither andeutet. (Zu König Emanuels Zeiten hatte 
Portugal über 4 Mill. Bewohner.) — Die Theilnahme Portugals am 
Kriege gegen Frankreich und Spanien endete 1801 mit dem Verluste
        <pb n="301" />
        PORTUGAL 
Finanzen. 
285 
der Grenzfestung Olivença. 1807 rückten Franz. Truppen in das Land, 
die königliche Familie entfloh nach Brasilien. Nach dem furchtbaren 
l’eninsularkriege anerkannte zwar der Wiener Congress Portugals An 
sprüche auf Olívenla, Spanien gab dasselbe jedoch nicht heraus. Der 
liof kehrte erst nach der Revolution von 1820 aus Brasilien zurück; 
nun machte sich aber diese Colonie immer mehr unabhängig, — erst 
factisch, dann auch ollen, ohne Umschweife. 
FiltaiiZieil* Das Budget für 18®V55 schloss so ab: 
Bedarf 12’027,459 Mil-Reis Deficit 18% 11,746 Mil-Reia 
Einnahme 12 015,712 „ „ 18% 309,948 „ 
Dabei erschienen unter den Einnahmen: 
Directe Steuern . . . 2’684,651 
Indirecte „ ... 6’256,6G8 
Domänen .... 450,421 
von Madeira und den Azoren 
Abzug von den Ausgaben 
Unter den Ausgaben: 
Hof ..... 
Schuld: innere P158,735 
äussere 1’556,381 
Kriegswesen . 
Marine 
Oeffentliche Arbeiten 
Dabei noch ein „besonderes Budget,“ mit 322,506 Mil-Reis für 
Dotation des CI crus auf dem Festlande, und 930,652 für Municipal- 
kammern. — Im Budget für der Bedarf für die Staats 
schuld mit 2’980,916 Mil-Reis aufgeführt. Von den indirecten Auf 
lagen waren 18^V5i 4’880,000 auf Zölle gerechnet. 
Geschichtliche Notizen. In einer Aufstellung von 1775 finden wir 
aufgeführt : 
Einkünfte aus dem Königreiche ... 7 Mill. Rthlr. 
aus Brasilien, % des Goldes . . . I'/î 
vom Diamantenhandel 1 
von sonstigen dortigen Auflagen, Pachten, Taxen 3 
aus den Afrikan. u. Ostindischen Besitzungen 4 
von der Kreuzbulle für Rechnung der Krone 1 
419,704 
943,831 
590,000 
2'715,11G 
2’866,074 
825,881 
1’149,835 
/2 » 
zusammen gegen 18 Mill. Rthlr. 
Budget 1822 Angebl. Ergebniss 1824 
Bedarf 21’302,500 Crusades 4’006,200 Pf. Sterl. 
Einnahme 17’285,000 „ 1’687,600 „ „ 
Deficit 4’017,500 „ 2’318,750 „ „ 
(Das Ergebniss v. 1824 nach Angabe des Journals 0 Popular.) 
Von 1834 an liegen uns viele nähere Angaben vor. In keinem 
uns bekannten Jahre schloss das Budget ohne Deficit : 
Einnahme Ausgabe Einnahme Ausgabe 
18% ir940,151 14’911,314 18:%, 10’362,271 12’606,215 Mil-Reis 
18"/,, 9’843,000 11’158,000 IS^Vs» 10’793,407 13’507,484 
18% 11’626,000 11’6C6,000 18% 11’580,358 11784,472 
Schuld. Im Jahre 1754 berechnete man die Staatsschuld auf 19 
Mill. Rthlr.; 1843 gab man dieselbe zu 80708,000 Mil-Reis an, ein 
schliesslich 2’200,000 Papiergeld. (Dieses Papiergeld stand 32 — 34
        <pb n="302" />
        286 
PORTUGAL — Militar, Sociales. 
Proz. unter seinem Nominalwerthe.) Bis Ende 1852 war dann das 
Verhältniss der Schuld unbedingt in Dunkel gehüllt. Damals nahm 
man 120 Mill. an. Ein Decret vom 18. Dec. 1852 setzte zwangs 
weise alle Zinsen auf 3 Proz. herab; ein Theil der Gläubiger pro- 
testirte dagegen. Als liquidirte Schuld wurden für die Zeit vom 30. 
Juni 1853 aufgeführt: 
innere Schuld . . 36095,661 ) „ • 
äussere (englische) . 43058,281 j ’ Mil-Reis. 
Der wirkliche Bestand dürfte aber nicht unter 150 Mill, anzunehmen 
sein, wobei 7% Mill. Papiergeld. (Das Anlehen Dom Miguels von 
1832, angeblich 1 Mill. Mil-Reis, wovon noch gar keine Zinsen be 
zahlt wurden, ist nicht anerkannt, und desshalb vorstehend nicht ein 
gerechnet.) — Von neuen Anlehen wissen wir: zwei im Jahre 1853, 
500 Contos, al pari, zu 7 Proz., zum Strassenbaue ; und 12 Mill. Er., 
Gprozentig, im Course von 80 negocirt. Im Jahre 1855 vernahm man 
von einem 3 Mill, betragenden Anlehen, das, wie gewöhnlich, unter 
höchst lästigen Bedingungen (wahrscheinlich auch speciellen Verpfän 
dungen von Einkünften) abgeschlossen worden sei. Im Juli 1856 
ward die Aufnahme eines weiteren Anlehens von 330,000 Pf. Sterl. 
beschlossen. Es ist völlig undenkbar, dass Portugal seine sämmtlichen 
Schulden abtrage. 
Militär« Nach dem Budget für 18'"'%; hat Portugal 24,000 
Mann (in 8 Divisionen), wovon wenigstens 4000 beurlaubt werden. 
Bestand : 
Staab 
Genie 
Artillerie 
43 M. 
410 
2,600 mit 321 Pferden 
Infanterie 17,000 
Cavallerie 3,209 mit 2500 „ 
In Kriegszeiten soll die Armee 49,729 M. mit 5500 Pf. stark sein. 
Festungen (meist verfallen): Elvas, Jerumenha, Campo Mayor, 
Marvao, Peniche, Nonsando, Almeida und die Forts von Lissabon mit 
dem einzigen Kriegshafen. 
Flotte. 1 Linienschiff von 80 Kan., 1 Fregatte von 50, 6 Cor- 
vetten à 18, 7 Briggs von 6—18, 2 Brigg-Schooner, 10 Schooner, 
12 kleine Fahrzeuge und 7 Dampfer ; zusammen 46 Schiffe mit 428 
Kan. und 2400 Mann. 
RückhlicJce. 1783 besass Portugal noch 9 Linienschiffe und 9 
Fregatten. — Ira Peninsularkriege waren die portug. Truppen nach eng 
lischer Art organisirt und bildeten in Wirklichkeit ein tüchtiges Corps. 
Sociales« Die Verhältnisse sind ähnlich wie in Spanien: Adel 
und Geistlichkeit im Besitze des Landes ; V3 desselben nicht angebaut. 
Hohe Zölle bewirkten auch hier das Gegentheil einer Förderung der 
Gewerbsindustrie; solche ist fast gar nicht vorhanden; zahllose Be 
schränkungen, Monopole und Begünstigung von Corporationen wirken 
dazu mit; ebenso das Niederhalten der Volksbildung durch den die 
Schulen beherrschenden Clerus. 1822 zählte man 29,000 Geistliche, 
aber nur 873 Elementarschulen! Unter jenen Geistlichen befanden 
sich 11,484 Mönche und Nonnen; der Clerus hatte ein Einkommen
        <pb n="303" />
        PORTUGAL — Auswärtige Besitzungen. 
287 
von 3V2 Mill. Mil-Reis. (Der Patriarch von Lissabon bezog allein 
48,000; der päpstl. Curie floss in den 1840er Jahren noch über eine 
halbe Mill. Gulden [544,360 fl.] nachweisbar aus Portugal zu). Selbst 
1854 bestanden erst 1349 Volksschulen = 1 auf 3000 Einwohner, 
und 1 Schüler auf 84 Menschen! — Die Engländer führen den 
Haupthandcl. 
Münze, Maasse. Der Mil-Keis (1000 Reis) = 1 Thlr. 18 Sgr. oder 2 fl. 
48 kr. rhein. Der Crusado 480 Reis. — Der palmo de craveiro = 22 Gentimet. ; 
die pé (Fuss) = 1*/, palmos (in 12 pollegadas getheilt) = 1,0514 preuss. Fuss 
oder 33 Centimeter. Die milha (Meile) hat 9389*/g palmos = 2065,65 Met. — 
Der Morgen fgeira) = 58,56 Aren. — Getreidemaass: der moio zu 15 fangas\ 
die fanga = 55,36 Liter oder 1,0073 preuss. Scheffel. — Flüssigkeitsmaass ; 
die almuda oder amolde — 0,2487 preuss. Eimer oder 16,74 Liter. — Wein- 
maass: die pipa zu 26 almudas. — Das Pfund (arratel) = 0,459 Kilogr. 
Auswilrtige Besitzungen : 
Q.-M. 
A. Zu Europa gerechnete: 
Madeira und Porto Santo . 16 
Azoren ..... 54 
B. In Afrika: 
Cap-Ver dische Inseln . . 78 
Guinea, Bissau etc. . . 1,688 
Inseln St. Thomé, Principe . 21 
Angola, Benguela . . . 9,552 
Mozambique etc. . . • 13,500 
C. In Ostindien: 
Goa, Bardez, Saluto . • 69 
Damao . 4 
Diu Vi 
D. In China u. Océanien: 
Macao . % 
Inseln Timor, Solor etc. . 1,632 
Zusammenstellung: 
Europäische Inseln . . 70 
In Afrika .... 24,800 
In Ostindien . . . • 74 
In China u. Océanien . . 1,600 
Zusammen (Schätzung) 26,500 
Colonialbudget für IS^Vss = 
Einnahme 
Cap Verdische Inseln 
Inseln St. Thomé u. Principe 
Angola .... 
Mozambique 
Indien . 
Macao 
Timor 
Mil-R. 89,755 
. 25,033 
, 237,571 
82,171 
. 275,553 
. 35,667 
6,683 
Zusammen (Deficit 78,344) 752,433 
Bevölkerung 
108,464 
225,108 
86,738 
4,270 
12,753 
589,127 
300,000 
363,788 
33,159 
10,765 
29,587 
918,300 
350,000 
rooo,ooo 
400,000 
950,000 
2’700,000 
Ausgabe 
103,436 
24,570 
264,243 
92,629 
277,732 
68,338 
9,829 
830,777 
Armee in den überseeischen Besitzungen: 
1. Linie 2. Linie 
Cap Verdische Inseln 
Thomé u. Principe . 
Angola 
Mozambique . 
Indien . • • 
— Ausserdem Sipaas 
534 2,421 
160 2,692 
. 1,978 3,303 
. 1,071 
. 3,770 
375
        <pb n="304" />
        288 
GRIECHENLAND — Land und Leute, Finanzen. 
Macao 
Timor u. Solor 
— Hülfstruppen 
317 561 
.• 317 
12,000 
Gesammtsumme 8,522 20,977 
Griechenland (Königreich) 
Bestandtheile Q.-M. 
Festland 180 
Peloponnes 480 
H.-m. DBVOIK. löO' 
180 285,694 
480 514,671 
60 242,762 
Bevölk. 1884 
1821 748,476 
1832 612,608 
1842 853,005 
1852 1'002,112 
Frühere Volkszahl 
Inseln 
Zusammen 
720 1’042,527 
Andere schätzen das Areal bis zu 890 Q.-M. — 1855 soll die 
Volkszahl 1043,153 betragen haben. — Die früheren Angaben über 
Population waren notorisch ungenau. — Familienzahl 1854: 225,083. 
— Confession: Die griechische orthodoxe herrschend; Katholiken 
etwa 25—30,000 auf Syra, zu Athen ; wenige Protestanten. Die Mo 
hammedaner sind, bis auf wenige zu Chaléis, vertrieben (1821 zählte 
man noch 90,830). — Nationalitäten : IJcber 700,000 eigentliche Grie 
chen (nach Fallmerayer ein Albanesisches Mischlingsvolk); — gegen 
280,000 eigentliche Albanesen (Amanten , ein bulgarisch - slavisches 
Mischlingsvolk); 20—30,000 Armenier; eine Anzahl „Franken“ (an 
dere Europäer), endlich höchstens 500 Juden. — Städte: Athen 
(1851) 31,125 Einw.; Hennopolis (auf der Insel Syra) 22,000, Patras 
20,000, Argos 11,000. 
Herrschaftsveränderung. Der neugriechische Staat verdankt seine 
Existenz dem Volksaufstande von 1821 und dem unerschütter 
lichen Kampfe der Nation um Wiedererlangung ihrer Selbständigkeit. 
Da erfolgte denn endlich auch die Anerkennung seitens der Gross- 
mäcMe, womit freilich die Beschränkung auf unnatürliche Grenzen und 
die Octroyirung des bayerischen Prinzen Otto als Königs von Grie 
chenland im Jahre 1832 verbunden ward. Eine Constitution erlangten 
die Griechen nicht früher, als in Folge der Revolution vom 3. Sept. 1843. 
Finanzen. Alljährlich wird ein Budget aufgestellt und darin 
möglichst Einnahme und Ausgabe ausgeglichen. Allein die Wirklich 
keit weicht immer maasslos ab von den Voranschlägen auf dem Pa 
piere. Bis zum Jahre 1845 wurden den Kammern sogar je 3 Ein 
kommensetats unterbreitet i 1) Einkommen, welches die Regierung haben 
sollte, 2) das, welches sie zu erhalten hoffte, und 3) hintennach 
das, welches sie wirklich erhielt. So erschien z. B. in dem Bud 
get für 1845 die Verpachtung der Staatsolivenptlanzungou zuerst mit 
441,800 Drachmen, Betrag der Verpachtungssumme, welche sonach der 
Staatscasse. zufliessen sollte; dann kam ein Voranschlag von 61,500 
Dr., welche die Regierung hievon zu erlangen hoffte; hintenher aber 
brachte man eine Vorlage, dass die Staatscasse 4457 Dr. 31 Lepta 
wirklich bekommen habe, — also beiläufig ein Procent der Pacht 
summe !
        <pb n="305" />
        19 
GRIECHENLAND — Finanzen. 
289 
Das Budget für 1856 scliliesst, Avcnn man die Vorschüsse der 
Grossmächte für das durch dieselben garantirte Anlehen mit 3’848,874 
Dr. beiseite lässt, so ab: 
Einnahme Dr. 18M82,8fi4 
Hauptpositionen hievon : 
Directe Steuern . . 9’525,98G 
Indirecte Auflagen . 4’989,177 
Oeflentliche Anstalten . 207,090 
Domänen . ,. . 1’479,225 
Verkauf v. Immobilien 30.3,548 
Ausgabe . . 22’689,513 
Hauptpositionen hievon: 
Staatsschuld u. Pensionen 4’706,450 
Civilliste . . . 1’000,000 
Auswärt. Angelegenheiten 606,831 
Kriegswesen . . 5’894,570 
Marine . . . 1’599,873 
Verwaltungskosten . 1’390,854 
Vergleicht mau das jetzige Budget mit dem für 1853, so fallen 
besonders zwei bedeutende Ziffernänderungen auf: 1) Minderung des 
Domänenertrags (damals noch zu 2’664,284 Dr. veranschlagt, also fast 
das Doppelte von jetzt, — die fortwährenden Entäusserungen machen 
sich empfindlich fühlbar; und 2) Vergrösserung des Militäretats (da 
mals 4’842,081). Ungeheuer in die Höhe geschraubt scheint uns in 
diesem Lande und unter den hier obwaltenden Verhältnissen die Grund 
steuer, mit 8’406,000 Dr., fast die Hälfte der Gesammteinnahme bil 
dend. Hoch sind ferner die Zölle, mit 3’400,000, und der Stempel, 
mit U274,000 Dr. — Der griechische Staat hat verbaltnissmässig 
das geringste Einkommensbudget in Europa; trotzdem ist die Regie 
rung nicht im Stande, weder diese Beträge einzutreiben, noch sonst 
das Gleichgewicht im Finanzhaushalte herzustellen. — Eine unbe 
fangene Würdigung der Verhältnisse wird zu der Ansicht führen, dass 
Griechenland, zumal bei der geringen Entwicklung seines Bodenan 
baues und seiner Gewerbsindustrie, — die Kosten einer Hofhaltung, 
eines ausgebildeten Beamtenthums und eines stehenden Heeres zu 
erschwingen nicht vermöge. Diejenige Einrichtung, welche dem 
Lande, seinen Zuständen und Mitteln, entsprochen hätte, wäre eine 
solche gewesen, welche auf ähnlichen Grundlagen beruhete, wie wir 
dieselbe in der Schweiz mit den schönsten und wohlthätigsten Er 
gebnissen wirklich bestehend finden: eine Föderativrepublik, in 
welcher, von der Gemeinde ausgehend, dann zum Kantone aufsteigend, 
die unmittelbar Betheiligten in einfacher Weise sich selbst regier 
ten; wobei nur das Nothwcndige centralisirt, kein Hof, kein kost 
spieliges Beamtenthum, noch ein stehendes Heer vorhanden wäre, was 
Alles auch gerade der ganzen historischen Entwicklung, den glorreich 
sten Erinnerungen aus den Zeiten des alten Hellenenthums allein 
entspräche. — Indessen ist es anders, und wir haben die Thatsachen 
als solche hinzunehmen, wesshalb wir uns einfach zu diesen Thatsa 
chen wenden. — Die Finanzverwirrung dauert schon seit der Be 
gründung des Staates. Während des Unabhängigkeitskrieges konnte 
GS nicht anders sein, allein auch seit Einsetzung der nun bald ein 
viertel Jahrhundert dauernden königlichen Regierung gelang es, trotz 
der nur zu weit gehenden Ausbildung des bureaucratischen Forma 
lismus , noch nicht einmal auch nur auf dem Papiere Ord 
nung herzustellen. Ueber Einkünfte und Ausgaben liegen uns manche
        <pb n="306" />
        290 
GRIECHENLAND — Finanzen. 
Angaben vor, die aber wieder mit andern gleichfalls ofíiciellen Notizen 
keineswegs übereinstimmen. Wir setzen einige her: 
Jahr Einnahme Ausgabe Jahr Einnahme Ausgabe 
1833 7’721,370 12852,605 1838 14’094,860 14’754,676 
1834 iri.32,687 16’750,619 1839 14’298,400 13’880,665 
1835 13'635,93() 16 905,896 1840 15’340,000 13710,000 
1836 13'623,817 15’817,537 1841 15’147,493 13’449,018 
1837 14796,047 I6’593,000 1842 14'600,000 13’424,000 
Allein diese, gegen Ende des Jahres 
Regierung den Schutzmächten übersendete 
gelt der wirklichen Begründung. Abgesehen von dem irmeru Staats 
haushalte , dessen Einkünfte und Kosten zu ermitteln wir ausser Staude 
sind, finden wir stets die neu fl üssig gemachten A n 1 e hens summen 
den laufenden Einnahmen beigcrcclmet, indess der griechische 
Staat nicht einmal seine Verbindlichkeiten als Schuldner erfüllte. 
Und selbst so ergab sich in Wirklichkeit niemals ein IJeberschuss. 
Auch stellte sich schon das Budget für 1842 ganz anders, als 
oben angegeben, nämlich mit ICinrechnung einer Million, die man 
durch Veräusserung von Boinänen zu erlangen hoifte, so: 
1844 von der griechischen 
Zusammenstellung, erman- 
Jahr Einnahme Ausgabe 
1842 18’879,500 19778,000 
1843 15’669,795 18’666,482 
1846 13’615,000 17’910,000 
1851 ergaben sieh: 
Einnahin e: laut Ihnlget Dr. 17’923,504 
wirkliche nur 13’487,070 
.\u8gabc: Soll . . 20’451,637 
wirkl. bezahlt. 15’599,800 
Was die Verzinsung des üD Mil honen-Anlehens (siehe unten) 
betrifft, so hat die griechische Regierung ein einziges Mal, 1847, 
den dasselbe garantirenden (Irossrnächten einen Uheil der Zinsen 
zurück erstattet. Sonst figiirirtc jährlich (bis 1852) im Budget die 
Summe von 1’278,491 Dr. als Betrag des Drittheils der von jenen 
Mächten geleisteten und ihnen zurück zu ersetzenden Jahreszahlung. 
Da aber selbst dieses Drittheil nie bezahlt werden konnte, so strich 
die Regierung diesen Ausgabeposten 1852, und setzte dafür eine 
fixe Summe von 400,000 Dr. ein, welche jedoch ebenfalls nicht be 
zahlt ward. Vermuthlich geschah es in Folge der Reclamationen der 
Grossmächte, dass im Budget für 1853 die ganze schuldige Summe 
wieder aufgeführt wurde; allein die Zahlung erfolgte nicht. 
Schuld. Was die Capitalsumme der Schuld betrifft, so kennen 
wir folgende Hauptposten : 
1) Gezwungenes Anlehen von 5 Mill. Piaster, decretirt 1822. Es konnte 
nur zu einem sehr kleinen Theile eingebracht werden. 
, T :::: TTi = 
beide 5procentig, das erste im Course von 59, das zweite zu 55 Proc. negocirt. 
Es sollen nicht einmal 250,000 Pf. Sterl. in die Staatscasse geflossen sein. Die 
jetzige Regierung verweigerte dieser Schuld die Anerkennung. Vom ersten Anlehen 
wurden seit dem Juli 1826, vom 2. seit dem Juli 1827 keine Zinsen mehr bezahlt. 
4) Anlehen von 60 Mill. Franken, 5procentig, 1832 garantir! von England, 
Frankreich u. Russland. (Die griechische Regierung sagte in einer 1846 an die 
Grossmächte gerichteten Note: ln den .Jahren 1837—40 habe Griechenland für 
Verzinsung und Tilgung 6’300,000 Dr. selbst gedeckt; die Grossmächte hätten 
bis 1845 zum nemlichen Behüte 27’143,950 Dr. vom Anlehenscapitale ver 
wendet; — an die Pforte hätten 12’531,164 Dr. Entschädigung bezahlt werden
        <pb n="307" />
        GRIECHENLAND — Militär, Sociales. 
291 
müssen; — die Sendung baycrisclier Truppen nach Griechenland habe diesem 
Staat nicht weniger als 2‘2’340,86!2 Dr. gekostet; Rothschild habe für Negocirung 
des gedachten Anlehens 6’6GO,000 Dr. gezogen; — im Ganzen seien von diesem 
und dem bayerischen Anlehen (worüber sogleich einiges Nähere) nicht 
mehr als 4 3 7, 4 7 3 Drachmen für innere Verbesserungen übrig geblieben ! 
(Und dafür ward das arme Land mit solcher enormen Schuldenmasse belastet !) 
5) Bayerisches Anlehcn. In den Jahren 1832, 1835, 36 u. 37 gewährte 
der König Ludwig von Bayern dem Könige von Griechenland 4 Darlehen, im 
Gesammtbetrage von ungefähr 8 Mill. Frkn., zu 4 Proc. Da es meistens Vor 
schüsse auf das 60 Millionen-Anlehen sein sollten, so ward der grössere Theil 
nach Maasgabe, wie dieses Anlehen tlüssig wurde, zurückersetzt. Eine Summe 
von 1'233,333 Gulden (mit den angelaufenen Zinsen bis 1849 1’529,333 fl.) 
wurde aber nicht abgetragen, vielmehr erhob die griechische Regierung nach der 
Revolution von 1843 (vgl. S. 152) Gegenforderungen an Bayern. 
So stellt sich nun die Gesammtschuldmasse in Franken berechnet, 
ungefähr folgenderinaassen ; 
Capital Zinsrückstand Gesammtschuld 
1) Zwangsanlehen von 1822 . . .... .... .... 
Anlehen von 1824 und 25 . . 70 Mill, etwa 100 Mill. 170 Mill. 
4) 60 Mill.-Anlehen . . . etwa 40 „ „60 „ 100 „ 
6) Anlehen des Königs von Bayern über 2% „ fast 1% „ über 4 „ 
Gesammtsumrne ohne Nr. 1 112% Mill. 162 Mill. 274 Mill. 
Neue Schulden konnte der Staat nicht aufnehmen, da es dem- 
selbeiî im in- und Auslande an Credit fehlt. 
MiiiÜll** Conscription. Truppenformation: 
Infanterie: 6 Linien- und 3 leichte Bataill. (à 6 Comp.), im Frieden zu 
737, im Kriege zu 1097 M. ; je 2 Linienbataillone bilden eine durch einen 
Obristen commandirte Division; — zusammen 6633 resp. 9873 M. 
Cavallerie: 1 Lanciersregiment von 3 Escadr., etwas über 300 M. 
Artillerie: 1 Bataillon von 4 Compagnien. — Pioniere: 1 Comp. — Beson 
dere Corps: Phalanx (Nobelgarde, blos Offleiere, 410); Gendarmerie, Invaliden. 
Festungen (meistens in übelm Zustande) : Missolunghi, Nauplia, Navarin ; 
Tripoliza, Akrokorinth, Akropolis v. Athen, Chalkis, Lamia, Vonitza, Rhion, 
Monembasia. 
Marine: 1 Corvette von 26 Kanonen, 1 Dampfer von 120 Pferdekraft, 7 
Ooeletten, 1 Cutter, 4 Kanonen-Schaluppen, 1 Brigg und 3 kleinere Fahrzeuge. 
Ausserdem wurden, beim Beginne des orientalischen Krieges, angeblich einige 
russische Kriegsschiffe, welche zu Triest lagen, erkauft, worunter 1 Corvette. 
Societies* In keinem Theile der Welt findet man auf so en 
gem Raume grossere Unterschiede im Bildungsgrade der Einwohner, 
als hier: neben einem beinahe vollkommenen Mangel aller Bildung, 
die grösste Verfeinerung. Nur in Russland begegnen wir theilweise 
einem ähnlichen Verhältnisse. — Die Geistlichkeit besass unter der 
Türkischen Herrschaft fast Vi de» Bodens. Von den Klöstern wur 
den zwar schon 1829 320 aufgehoben, welche weniger als je 6 Be 
wohner zählten; es blieben aber noch 82 übrig, mit 1500 — 2000 
Mönchen und Nonnen. Die Frauenklöster reducirte man 1833 auf 
30. — Im Jahre 1853 soll man in Griechenland gezählt haben: 
30 Bischöfe und Erzbischöfe, 5114 Geistliche, 12,549 Beamte (!), 
dagegen nur 674 Lehrer! — Einen Adel gibt es eigentlich nicht. 
Einige Phanariotische Familien legen sich zwar den Fürsten-, einige 
Ionische den Grafentitel bei; indessen verbot schon die Verfassung
        <pb n="308" />
        -Ol 
mí 
&gt;î“ ‘^: 
292 
GRIECHENLAND 
Sociales 
von TrÖzene (1827) die Ertheilnng von Adelstiteln. — Unter den 
Einwohnern sind nur 25,542 Gewerbtreibende. Die Zahl der Seeleute 
wird zu 26,312, jene der Ackerbauern zu 229,259 angegeben. Die 
Masse der Volkes lebt höchst ärmlich ; Vto gemessen nur zu Ostern 
Fleisch; Vio -können sich nur Maiskneben statt Brodes verschaffen; 
in vielen Gegenden bilden Milch und Kräuter die ausschliessliche 
Nahrung (siehe: la Grèce contemporaine, par Ed, About, Paris, 1854). 
Von den 7700,000 liectaren Laudes sind freilich 2^/g Mill, durch 
Felsen und Berge, 800,000 durch M^aldungen eingenommen ; allein 
auch vom Beste ist kaum Yß wirklich angebaut; und obwohl die Be 
völkerung, mit Ausnahme der Inseln, wesentlich eine ackerbauende 
ist, muss das Land dennoch Getreide cinführen. Der Grund liegt 
wohl hauptsächlich darin, dass es so wenig freies Bodeneigenthum 
gibt. Ungeheure Ländereien befinden sich im Besitze der todten 
Hand, der Kirchen und Klöster; von anderen muss dem Staate der 
Zehnte, ja mitunter ein doppelter und ein dri tth a Ib fach er Zehnt 
entrichtet werden, wodurch der Anbau mancher Producto geradezu 
unmöglich gemacht ist. Dazu eine enorm hohe Grundsteuer. Die 
Regierung hinderte ausserdem die Bodencultur dadurch, dass sie nach 
der Revolution von jedem Bebauer einer Länderei den speciellen 
Nachweis seines rechtlichen Besitzes forderte (in einem Lande, in 
welchem so wenig verbrieft ward, und nach einem solchen Revolu 
tionskriege !) und in dessen Ermanglung sie die Immobilien als 
Staatseigenthum beanspruchte. — Gewerbsin du strie fehlt bei 
nahe gänzlich. Sie und der Handel sind u. a. namentlich dadurch 
gehemmt, dass von allen Prodiicten, welche aus einem in den andern 
griechischen Hafen eingeschifft werden, immer wieder der Zoll entrichtet 
werden muss. — Es mangelt an guten Strassen; höchstens sind 
50 Meilen Chausseen hergestellt; eine Berechnung aus dem Jahre 
1854 nimmt nur 30 Meilen an. Es fehlt ferner an Capitalien; 
trotz der Bank steht der Zinsfuss oft auf 15—20 Proc. 
Handel Einfuhr Ausftihr 
1851 25’819,702 13’851,202 Dr. 
52 24’982,205 10’402,212 
53 20709,960 8788,890 I Ohne Korintheriexport, der durch die Trauben- 
54 21770,182 6 799,211 Í kraukheit fast gänzlich vernichtet ward. 
Der Hauptverkehr war 1854 mit folgenden Ländern: 
F rankreich 
Deutschland u. Oesterreich 
England 
Italien 
Russland 
Türkei 
Einfuhr von Ausfuhr nach 
9718,654 1752,516 
4’448,266 1448,650 
4729,641 908,279 
1740,567 639,494 
34,163 1’443,581 
1’146,176 
■fltmdelsmarine. Diese hat sich bedeutend emporgeschwungen, 
trotzdem es den Rhedern an Geld fehlt, um Dampfschiffe zu bauen, 
und obwohl Griechenland erst einen Leuchthurm besitzt (zu Syra). 
Der Stand der Marine wird so angegeben:
        <pb n="309" />
        IONISCHE INSELN. 
293 
Fahrzeuge Tonnengehalt Seeleute 
1838 3345 89,642 15,300 
1845 3584 161,003 
1853 4230 247,661 26,292 
1855 5052 294,996 26,312 
Miinníe, Maasae. Die Drachme, 58,043063 auf die feine Köln. Mark, oder 
&lt;/* span. Piaster; Werth 25% kr. rhein. — Fuss = der alte Pariser. — Pick 
oder Ellen, grosse à 68,58, kleine à 63,5 Centime!. — Getreidemaass: der 
Kiloz = 33,15 Liter oder 0,60311 preuss. Scheffel. — Gewicht: das Vene- 
tianische Schwergewicht; 45 Oka = 100 bayer. Pfund oder 56 Kilogr. 
Ionische Inseln (halbsouvcräncr Freistaat). 
Inseln 
Corfu . 
Paxo 
Sta. Maura 
Ithaka 
Cephalonia 
Zante 
Cerigo 
Q.-M. Bevölkrg. 
10% 64,674 
1% 5,017 
8% 18,676 
2 10,821 
16% 69,984 
7% 38,929 
5% 11,694 
Zusammen 51^^ 219,797 
Fremde 9500, engl. Garnis. 
3000 = . . . 12,500 
(Jonfeasionan. Die Einwohner sind 
Griechen, die Fremden Anglicaner, Ka 
tholiken u. Juden. 
Nationalität. Die Eingeborenen sind 
Neugriechen und sprechen die neugrie 
chische Sprache. 
Städte. Corfu mit etw. 25,000, Zante 
mit 20,000 Einw. 
Total etwa 232,000 
Herrschaftswechsel. Seit dem 14, Jahrhundert bildeten die Ioni 
schen Inseln ein Besitzthum der Republik Venedig. Der Friede von 
Campo Formio brachte sie 1797 unter die Herrschaft Frankreichs; 
1799 fielen sie in die Gewalt der Russen und Türken, Ein Vertrag 
vom 21, März 1800 verwandelte Ionien in eine Föderativrepublik 
(„die Sieben-Inseln-Republik“), welche unter türk. Schutze stehen sollte. 
Zufolge des Tilsiter Friedens kamen die Inseln wieder in den Besitz 
Frankreichs, das ihnen dem Namen nach eine besondere Verfassung 
gab. Indessen besetzten die Engländer im Jahre 1810 die wichtigsten 
dieser Eilande, Zufolge eines Vertrages der Grossmächte vom 5, Nov. 
1815 bilden sie einen selbständigen Staat unter britischem „Schutze;“ 
in Wirklichkeit werden sie von den Engländern nur wie eine Colonie 
behandelt ; ja sie geniessen nicht einmal jener Rechte, welche den Be 
wohnern der wirklichen Colonien vielfach eingeräumt sind, 
Finanzen« Es herrscht keine Oeffentlichkeit in deren Ver 
waltung, Die Einkünfte werden auf 180—200,000 Pf, Sterl, geschätzt. 
Ein Etat für 1851 schloss so ab; 
General-Revenuen 144,086 ( Pf Stf-rl 
Municipal „ 32,903 | U. bterl. 
Nach einer engl. Angabe von 1855 betrüge das Deficit seit 7 
Jahren 93,298 Pf. Sterl. — Die Sehuldenmasse hat sich sehr vermehrt 
und wird auf etwa 300,000 Pf. Sterl, geschätzt. 
Miliülr« Ungeiahr 3000 Mann : 
3 Bataill. Linien-lnfant. 
1 „ Jäger 
3 Comp. Artillerie 
1 „ Sappeurs
        <pb n="310" />
        294 TÜRKEI — Land und Leute 
England kann seine Militärmacht auf den Inseln beliebig ver 
mehren. 
Marine: 1 Fregatte und 1 Dampfpaketboot unter britischer, 2 
Dampfboote unter ionischer Flagge. 
Handel im Jahre 1851 ; Einfuhr 970,415, Ausfuhr 630,559 Pf. St. 
Münze, Maasse. Es wird amtlich, nach Pfund Sterling, im Geschäftsverkehr 
aber häufig nach span. Piastern (Dollars) gerechnet. — Die Maasse sind im 
Allgemeinen die alten venetianischen, doch mit vielen Abweichungen. 
Türkisches Reich (Sultanat). 
Obwohl sehr geschwächt, umfasst das türkische Reich noch im 
mer eine Menge der herrlichsten Länder in drei Erdthcilcn. Verläs 
sige statistische Notizen fehlen, doch scheinen die nachstehenden Be 
völkerungsangaben wenigstens auf amtlichen Schätzungen aus dem 
Jahre 1844 zu beruhen. 
Europäische Türkei: Elnw. 
Rumili und Thessalien 
Bulgarien 
Thracien 
Albanien 
Bosnien u. Herzegowina 
Serbien 
Moldau 
Walachei 
Inseln 
2700,000 
3’000,000 
1’800,000 
1’200,000 
1700,000 
0000,000 
1700,000 
2’600,000 
700,000 
Asiatische Türkei (Anatolien); 
Kleinasien . . . 10700,000 
Syrien, Mesopotamien, 
Kurdistan . . . 4750,000 
Türk. Arabien (Mekka, 
Medinah) . . . 900,000 
Afrikanische Türkei: 
■Aegypten, türk. Nubien . 2’000,000 
Tripoli, Tunis . . 1’800,000 
Z u sammer 
Europäische Türkei 
Asiatische „ 
Afrikanische „ 
Zusammen 
Rechnet man die Landestheile ab, 
hoheit (Suzeränität) zusteht, so bleiben 
Stellung: 
Q.-M. Bevölkerung 
9,600 15 Vj Mill. 
31,600 16 „ 
45,000 4 „ 
86,000 35% Mill. 
über welche der Pforte nur eine Ober- 
¡twa 36,000 Q.-M. u. 26 Mill. Menschen. 
Nationalitäten. 
in Europa in Asien zusammen 
Ottomanen 
Griechen . 
Armenier . 
Juden 
Slaven 
Romanen . 
Albanesen . 
Tartaren . 
Araber 
2700,000 
rooo,ooo 
400,000 
70,000 
6’200,000 
4’000,000 
1’500,000 
16,000 
Syrer u. Chaldäer 
Drusen 
Kurden 
Turkomannen 
Zigeuner 
214,000 
*) Einschliesslich Afrika. 
10700,000 
1’000,000 
2’000,000 
80,000 
20,000 
900,000 
235,000 
30,000 
1’000,000 
85,000 
12’800,000 
2’000,000 
2700,000 
150,000 
6’200,000 
4’000,000 
1’500,000 
36,000 
4700,000*) 
235,000 
30,000 
rooo,ooo 
85,000 
214,000
        <pb n="311" />
        TÜRKEI — Finanzen. 
295 
Cotifessionen : in Europa 
Moslim *) • 4’550,00ü 
Griechen**) • 10 000,000 
Katholiken ***) 640,000 
Juden . • 70,000 
Andere Secten — 
*) Einschliesslich der in Afrika. 
***) Hievon sind : 
640,000 Römische Katholiken, 
25,000 unirte Griechen od. Mel chiten, 
Städte in Europa: 
Constantinopel (etwa) 700,000 Einw. 
Adrianopel . . 100,000 
Salonichi . . 70,000 
in Asien 
zusammen 
12’650,000 21 000,000 
a'000,000 i3'ooo,ooo 
260,000 900,000 
80,000 150,000 
— 300,000 
**) Mit den Armeniern. 
75,000 unirte Armenier, 
20,000 Syrer u. unirte Chaldäer, 
140,000 Maroniten. 
Sarajewo 70,000 
Gallipoli 50,000 
Philippopel 50,000 
Sophia 50,000 
CreMetscevlüste. Das I ürkische Reich (die ,,holie I foite ) dehnte 
siel) in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts noch über be 
deutende Provinzen aus, die ihm seitdem entrissen wurden, feo ging 
die Krim 1770 an Russland verloren, über welche die Sultane Su- 
zeränität ausgeübt hatten; ebenso riss Oesterreich damals die Buko 
wina an sich. Der Jassyer Friede von 1792 ward erkauft durch 
Ueberlassung des ßudschak bis zum Dniester au Russland, und eini 
ger Orenzschlösser an Oesterreich. Das Bündniss mit Russland ge 
gen Frankreich kostete die Mündung des Phasis und andere Punkte 
dos schwarzen Meeres an jenen Verbündeten. Zufolge des Bucharester 
Friedens von 1812 mussten auch Bessarabien und die jenseits des 
Pruth gelegenen Theile der Moldau an den nordischen Nachbar 
abgetreten werden. 1821 empörte sich Griechenland und riss sich 
vom Ottomanischen Reiche los. Der Adrianopler hriede, 1829, 
kostete Anapa und andere Küstenstriche in Asien. Der Krieg mit 
Russland von 1853—56 endigte zum ersten Male wieder seit einem 
Jahrhunderte mit einer wenigstens mittelbaren Gebietszurückeilangung 
von 200 Q.-M. und 180,000 Bew, (siehe S. 70). 
Fiiianzen. Ubicini rechnete (vor dem letzten Kriege): 
Einnahmen Ausgaben 
Zehnt . . . 220 Mill. Piaster Hof (Civilliste 75 Mill.) 83V.« Mill. 
Grundsteuer . . 200 „ „ Armee 
Kopfsteuer (haradj) 
Zölle . 
Indirecte Auflagen 
Tribut V, Aegypten 
„ der Walachei 
„ der Moldau 
„ Serbiens 
40 
86 
150 
30 
2 
1 
2 
Zusammen 731 Mill. Piaster 
Der Krieg kostete ungeheure 
300 
30 
195 
10 
10 
12 
30 
44 
Marine 
Kriegsmaterial . 
Beamtenbesoldung 
Auswärt. Angelegenheiten 
Für allgem. Zwecke . 
Fromme Anstalten 
Bank (Zuschuss) 
Leibrenten u. Rückstände 
Zusammen 751®/io Mill. 
Opfer ; besonders erschöpften die 
„Ifreunde“ das Land. — Dennoch konnte der türkische Finanzminister 
in einem (im Pariser Moniteur abgedruckten) Berichte sagen: Die 
Pforte hat in den 28 Monaten vom 27. Mai 1853 bis 27. Sept. 1855 
für ausserordentliche Kriegsausgaben 11 200,000 1 td. fetrl. aufgewen 
det, und dies bestritten ohne neue Auflagen oder Steuera, und ohne 
Unterstützung Europas, ausser 2V2 Pfd. fetrl. aus der ersten
        <pb n="312" />
        296 
TÜRKEI — Militär. 
englischen Anlehe, und 600,000 Pfd. Vorschuss auf die zweite. 
(Der Charadj ward sogar aufgehoben, gegen Verpflichtung der Ra 
jahs zum Kriegsdienste.) 
Schuld, Zu Anfänge des Jahres 1854 schätzte man dieselbe auf 
1068 Mill. Piaster, wovon 64 Mill, unverzinsliches und 132 Mill, 
zu 6 Proc. verzinsliches Papiergeld (Caimes, seit 1829, zur Deckung 
der damaligen russischen Kriegscontribution), Im August 1854 nahm 
die Türkei ein 6procentiges Anlehen zu 80% in London und Paris 
auf, 125 Mill. Frk. = 541% Mill. Piaster betragend. . Im Juni 
1855 kam hiezu ein neues von England-Frankreich garantirtes Au 
lehen im gleichen Betrage. — Die Grösse der schwebenden Schuld 
lässt sich auch nicht annähernd bestimmen. — (Von dem grossen 
Staatsschätze, von welchem in frühem Zeiten geredet wurde, ist längst 
nichts mehr vorhanden. Die erste türkische Staatsschuld datirt von 
1776. Obwohl Griechenland über 12V2 Mill. Drachmen an die Pforte 
bezahlen musste, vermochte es diese doch nicht, die im Adrianopeler 
Friedensvertrage dem Czaaren versprochene Kriegscontribution von 10 
Mill. Ducaten zu erschwingen.) 
Militär* Seit 1843 Avard, nachdem einige frühere Versuche 
gescheitert, mit Organisirung der Landmacht nach franz.-preussischem 
Vorbilde begonnen. Die Bildung des Heeres geschieht, ausser frei 
willigem Eintritte, durch Aushebung und Losung. Dienstzeit: 5 Jahre 
im activen Heere, dann noch 7 in der Reserve. — Die Organisation 
ist folgende: 
I. Active Armee (Nizam), 6 Armeecorps (Ordii), jedes 2 Divisionen und 
6 Brigaden, oder 6 Regim. Infanterie, 4 Cavallerie und 1 Artillerie umfassend. 
(Das Infanterie-Regiment hat 4 Bataillone zu 8 Comp., und etatsmässig 3260, 
in Wirklichkeit etwa 2800 M. ; das Cavallerie-Regiment 6 Schwadr. — 2 Jäger 
und 4 Lanciers — mit 736 resp. 934 M.) Im Ganzen rechnete man 148,000 
Mann, nemlich: 
36 Regim. Infanterie . . 100,800 2 Regim. Genie . . 1,600 
24 „ Cavallerie . . 17,280 8 „ detaschirte Corps 16,000 
10 „ Artillerie . . 13,000 
II. Reserve (Redi/, Landwehr); genau ebenso eingetheilt wie die Linie 
und auf dem Papiere gerade eben so stark ; — in Wirklichkeit noch keineswegs 
vollständig organisirt. 
III. Contingente der dem Nizam noch nicht unterworfenen Provinzen 
und der halbsouveränen Staaten. — Aegypten besitzt ein nach europäischer 
Art gebildetes Heer von etwa 40,000 M. Dazu die Contingente von Oberalba 
nien mit etwa 10,000, Bosnien 30,000, Serbien 20,000, der Donaufürstenthümer 
7000, und von Tunis u. Tripolis 10,000; zusammen über 100,000. 
IV. Irreguläre Truppen (ohne besondern Werth). 
Nach dem (oben erwähnten) Berichte des türkischen Finanzmi 
nisters betrug die wirkliche Stärke der türk. Armee im letzten Kriege: 
Infanterie (sammt Garde) 72,180 
Cavallerie u. Artillerie 22,737 
Festungsartill. u. Reserve 10,408 
Zus. (2259 in engl. Solde) 
Infanterie 
Cavallerie 
Zus. (7741 in engl. Solde) 
Dazu mobile Miliz 
92,650 
11,177 
103,827 
7,741 
cijgi. ouiuc; 105,325 i.'azu moone muiz . . &lt; 
Die jährlichen Kosten wurden vom Finanzminister so veranschlagt: 
; 3=1 Äsr 
Jeder Infanterist koste jährlich 2411, jeder Cavallerist 3408 Piaster
        <pb n="313" />
        TÜRKEI — Handel. 
297 
Bekannt ist, dass sich die türkischen Truppen wiederholt sehr 
gut schlugen, so bei Kalafat, Olteniza, und besonders bei Silistria, 
das sie mit ausgezeichnetem Erfolge vertheidigten, trotz der grossen 
Mangelhaftigkeit der Befestigungen. Wenn sie, zu Anfänge der Be 
lagerung Scbastopols, an einem Punkte keine Tapferkeit bewiesen, 
so findet das seine natürliche Erklärung in der elenden Verpflegung 
und der abscheulichen Behandlung, welche sie dort von europäischer 
Seite erfahren hatten. Bei Eupatoria (auf der Krim) hielten sie sich 
so wacker, dass dies den Tod des Czaars Nicolaus beschleunigte. 
In Asien kämpften sie öfters wunderbar ausdauernd, aber dennoch 
mit schlechtem Erfolge, was theils Folge der Unfähigkeit der Führer, 
theils Schuld der diplomatischen IMachinationen war, welche nament 
lich dem mit wahrer Auszeichnung vertheidigten Kars keine Hülfe 
zukommen Hessen, wie man überhaupt französischer Seits den Kampf 
in Asien als im besonderen Interesse Englands geführt ansah, ohne 
dass Britanien gleichwohl etwas für denselben that. 
Marine. 1853 ward deren Bestand so angegeben: 4 Linienschiffe (darunter 
2 von 120—130 Kanonen), 10 Segelfregatten, 6 Corvetten, 30 Briggs, Cutter 
u. Schooner, 18 Dampfer, worunter 6 Fregatten; zusammen 70 Schiffe mit etwa 
3000 Kanonen und 36,000 Mann. — Im Jahre 1854 verloren die Türken bei 
Sinope an eigenen und ägyptischen Schiffen: 7 Fregatten, 2 Corvetten, 1 Dampfer 
und 3 kleinere Segelschiffe. 
Haiidei* Derselbe ward für 1852 in Mill. Piastern so ange 
geben (in der 1854 zu London erschienenen Schrift: the Ottoman 
Empire and its resources) : 
Grossbrit., Ionien 
Persien (Transit) 
Frankreich 
Oesterreich 
Russland 
Holland 
Belgien 
Sardinien 
Griechenland . 
Persien (direct) 
Schweiz, Ver. Staaten 
Aegypten 
Walachei 
Moldau 
Serbien 
Einfuhr Ausfuhr 
252 130 Mill. 
218 
230 
185 
74 
217 
109 
114 
97 
26 
5 
4 
2 
109 
92 
91 
38 
19 
8 
9 
2 
10 
19 
7 
51 
80 
25 
12 
Es mag hier auch (anhangsweise) 
der Handel Aegyptens erwähnt wer 
den. Im Jahre 1854 hatte Alexan 
dria : 
Einfuhr für 191 Mill. Piaster 
Ausfuhr für 303 „ „ 
Davon kamen auf 
Einfuhr Ausfuhr 
England 
Oesterreich 
Frankreich 
Türkei 
Syrien 
Berberei 
Toscana 
73 
21 
15 
36 
22 
11 
9 
152 Mill. 
43 
32 
29 
7 
3 
30 
Zusammen 1182 1064 
Münze., Maas&amp;e. Gerechnet wird nach Piastern, von den Türken Grusp 
genannt; dieselben wurden immer gehaltloser; während der Werth des Piasters 
1764 noch etwa 1 ff. 18 kr. betrug, war er 1822 auf 19 kr., und während des 
letzten Kriegs sogar unter 6 kr. herabgesunken. Grössere Summen berechnet 
man nach Beuteln, zu 500 Piaster. — Längemaass: die Dràa, Pik, Elle, für 
Seide und Tücher zu 1,0283 preuss. Ellen oder 68,58 Centimeter oder 75 engl. 
Yards; die Endaseh für alle übrigen Manufacte, zu 0,9883 preuss. Ellen oder 
66,25 Centim. — Getreidemaass : der Fortin von 4 Kilós, der Kiló zu 35,27 
Liter oder 0,6416 preuss. Scheffel. — Flüssigkeitsmaass : die Alma od. Almud, 
zu 5,2047 Lit. oder 4,5454 preuss. Quart. — Gewicht: die Oha zu 1,2785 Kilogr.
        <pb n="314" />
        298 
TÜRKEI — Scliutzsíaaten. 
Schutzstaateii. 
A. Walachei. 
Areal etwa 1300 Q.-M, Die JJerölkerung wird in einer de- 
taillirten Aufzeichnung zu 2’324,484 angegeben. (Stadt Bucharest 
mit 100,000 Einw.) — Der Fmanzetat für 1853 schloss so ab (in 
Piastern, damals zu 9 Krzr. Conv. M.): 
Einnahmen . 14’824,195 Ausgaben . 14'650,000 
Hievon : Salzregie . 2’500,000 Davon ; Hof CO,000 Duc. = 2’000,000 
Directe (bes. Kopf-) Steuer 8’4G0,000 an die Pforte . . 1/400,000 
Indirecte (Branntwein 2, Militär .... 23)50,000 
Zoll 1*4 Mill.) . . 3'550,000 
Die Schuld war beiläufig getilgt. — Das Militär bestand vor 
dem letzten russischen Kriege aus 2 lieg. Infanterie und 1 Keg. (Ka 
vallerie, zusammen 4665 M., wozu man noch 80,000 M. unregelmäs 
sige Grenzer und Miliz rechnete. 
B. Moldau. 
Areal.yoï dem Kriege 940, jetzt 1145 Q.-M. Die Einwohner 
zahl ward damals zu 1'254,450 berechnet, wozu nun nngef. 180,000 
in dem von Russland abgetretenen Bezirke kommen (Stadt Jassy, etwa 
50,000 Einw.). 
Einnahme-Etat 1853 13’235,230 Piast. 
Ausgabe-Etat „ 12456,324 „ 
(davon Militär 2*4 Mill.; der Pforte 715,000) 
Die Schuld war 1853 abgetragen. 
Reguläres Militär 2280 M. in 1 Inf.- und 1 Cav.-Regiment ; 
Miliz etwa 13,000. 
Handel. Einfuhr 1851 für etwa 3% Mill, fl., wovon die Hälfte 
aus Oesterreich und Deutschland; Ausfuhr für 6 Milk, wovon'"fast Vs 
auf Oesterreich kam. Von der Leipziger Messe wurden für ungefähr 
750,000 fl. Waaren bezogen. 
C. Montenegru. 
Etwa 70 Q.-M. mit 120,000 Menschen. Die Zahl der waffen 
fähigen Männer wird auf 20,000 geschätzt. 
D. Bosnien. 
Dieses ist wesentlich der Türkei unterworfen, geniesst aber 
besondere Privilegien. Einwohnerzahl 1850 ( angeblich ) 937,666 
(Belgrad 35,000). 
Einnahmen 1853 in Gulden C.-M. 
Davon : Kopfsteuer, 10 fl. pro Familie 
Zigeunersteuer von 3850 Köpfen 
Zölle 
Ausgaben 
Davon : Tribut dem Sultan 
Hof des Fürsten 
Inneres u. Militär 
Cultus u. Unterricht 
Schuld nicht vorhanden. 
2’309,347 
1’667,335 
18,526 
298,688 
fl. 2’640,795 
201,642 
171,428 
910,894 
105,976
        <pb n="315" />
        » 
VEREINiaTE STAATEN — Land und Leute. 
299 
Der Handel mit Oesterreich wird geschätzt: Ausfuhr aus Ser 
bien etliche 40, Einfuhr aus Oesterreich gegen 20 Mill. Piaster; im 
Jahre 18^2/53 soll sich aber das Verhältniss ausnahmsweise auf 
64’591,568 P. Aus- und 17131,254 Einfuhr gestellt haben. 
Amerika. 
Vereinigte Staaten von Nord-Amerika 
(Föderativ-Republik). 
Land und Leide« Nach dem Census von 1850 ergab sich, 
bei einem Bestände von 3*306,865 englischen oder (21,1860 engl. = 1 
deutsche Q.-Meile) 156,087 deutschen Quadr-Meilen, eine Bevölkerung 
von 23*351,207 Menschen, worunter 3*178,055 Sclaven; nämlich: 
Staaten (und Gebiete). 
A. Neu-Enffland-Siaaten: 
1. Maine .... 
2. New-Hampshire . 
3. Vermont .... 
4. Massachussets 
5. Rhode-Island 
6. Connecticut 
B. Mittelatlantische Staaten : 
7. New-York .... 
8. New-Jersey .... 
9. Pennsylvanien 
10. Delaware .... 
11. Maryland .... 
C. Südatlantische Staaten: 
36,000 
8,030 
8,000 
7,250 
1,200 
4,750 
46,000 
6,851 
47,000 
2,120 
11,000 
12. Virginia .... 61,352 
13. North-Carolina . . . 45,500 
14. South-Carolina . . . 28,000 
16. Georgia .... 58,000 
16. Florida . . . ■ . 59,268 
(District) Columbia . . 50 
D. Siid-Cis-M'ississippi-Slaatön : 
17. Alabama 
18. Mississippi • 
19. Tenessee 
20. Kentucky 
60,722 
47,151 
44,000 
37,680 
E. Nord 
el. Ohio 
22. Indiana 
23. Michigan 
Cis-Mississippi-Sfaaten : 
39,964 
33,809 
56,243 
Bevölkerung Davon 
1860 Sclaven 
583,018 — 
317,999 — 
314,322 — 
994,665 — 
147,643 — 
371,947 — 
3*098,818 — 
489,381 119 
2*314,897 — 
90,407 2,688 
575,150 89,204 
1*424,863 473,972 
868,870 288,412 
668,247 384,720 
888,726 349,208 
89,459 40,335 
51,670 3,688 
779,001 344,323 
605,488 308,167 
1*006,213 237,026 
993,344 211,237 
1*981,940 
990,258 
402,041
        <pb n="316" />
        300 
VEREINIGTE STAATEN — (Land und Leute). 
24. Illinois .... 
25. Wisconsin .... 
(Oebiet) a. Minesota 
F. Ultra-Missi8ai¡¡pi-Staaten. 
26. Iowa ..... 
27. Missouri .... 
28. Arkansas .... 
29. Louisiana .... 
(Geb.) b. Indiana 
c. Kansas u. Nebraska 
» 
55,409 
53,924 
141,839 
50,914 
65,037 
52,198 
41,346 
187,171 
136,700 
Bevölkerung Davon 
1850 Sclaven 
855,384 — 
305,538 — 
6,077 — 
192,247 
682,907 
198,796 
623,098 
87,767 
46,242 
249,947 
G. WesÜ’dnder des Mexicanischen Busens: 
30. Texas .... 326,520 230,000 62,000 
II. Länder am stillen Ocean ; 
31. Californien .... 188,982 214,000 — 
(Geb.j d. Ncu-Mexico . . 210,774 61,574 — 
e. Utah . . . 187,923 20,000 — 
f. Oregon . . . 341,463 13,323 — 
g. Nord-West-Gebiet -r 528,726 — 
Früherer Oebietsumfang : 
1793 805,461 engl. Qu.-M. 1840 
1830 2T50,000 „ „ 1850 
BevÖlkerungszunalnne. Die Bevölkerung derjenigen britischen Co- 
Ionien, welche später die Vereinigten Staaten bildeten, ward 1680 
auf 80,000, 1701 auf 260,000 und 1753 auf 1'051,000 Seelen ge 
schätzt. 1775 hatten die Verein. Staaten nach einer amtlichen Schäz- 
zung 2’383,300 Bew. Die seither alle 10 Jahre stattfindenden wirk 
lichen Aufnahmen ergaben : 
2’308,262 engl. Qu.-M. 
3'306,865 „ „ 
1790 
1800 
1810 
1820 
1830 
1840 
1850 
Bevölkerung 
3’929,328 
5’306,032 
7’239,903 
9’637,999 
12’856,407 
17’100,572 
23’351,207 
Zunahme 
1'375,000 
1'934,000 
2’398,000 
3'218,000 
4’244,000 
6250,000 
Brócente 
35 0/, 
36!/, n 
33 „ 
33% » 
32% n 
36 . 
Bei der ersten wirklichen Bevölkerungsaufnahme — dem Census 
von 1790 — ergab sich folgende Einwohnerzahl in den einzelnen 
Staaten : 
Virginien . . 747,610 Connecticut . . 237,946 
Massachusetts . 475,327 New-Jersey . . 184,139 
Pennsylvanien . 434,373 New-Hampshire . 141,885 
Nord-Carolina . 393,951 Georgia . . 82,548 
New-York . . 340,120 Rhode-Island . 68,825 
Maryland . . 319,728 Delaware . . 59,094 
Süd-Carolina . 249,073 
Während der letzten (10jährigen) Censusperiode (1840—50) be 
trug die Vermehrung: 
in den Neuengland-Staaten 22,7 ' 
„ „ mittleren „ 29,44 
M r&gt; südlichen „ 18,58 
in den südwestlichen Staaten 47,89 % 
„ „ nordwestlichen „ 54,43 „ 
Die stärkste Vermehrung fand statt
        <pb n="317" />
        VEREINIGTE STAATEN — Land und Leute. 
301 
in Wisconsin von 30,945 Einw. auf 305,391 — 886,88 ®/o 
in Iowa „ 43,112 „ „ 192,214 = 845,85 „ 
in Arkansas „ 97,574 „ „ 209.897 — . . 
Die geringste: in Vermont, blos 7,59. in New-Hampshire 11,7o, und in 
Sil d-Carolina 12,47 %. 
Sollte in den nächsten Dccennien eine verhältnissniässig gleich 
grosse Bcvölkeningsziinahnn* stattiinden, wie ziemlich regelmässig in 
den letztverflossenon (i Jahrzehnten (nämlich etwa J&lt;3 1 roc. in jedei 
dieser Perioden), so würde dici Rinwohnerzahl der 1 nion schon 1860 
fast 31, zu Ende des Jalirhnnderts aber (also in 44 Jahren) beinahe 
100 Mill. (97% Mill.) betragen. Halten wir auch eine soweit in die 
Zukunft reichende Rechnung (obwohl ihr Ergebniss im gegebenen Falle 
am wenigsten unwahrscheinlich wäre) dennoch für höchst gewagt, so 
bezweifeln wir hinwieder gar nicht, dass jenes Verhältniss von 1850 
bis jetzt fortwaltete, und wir schätzen desshalb die heutige Einwohner 
zahl der Vereinigten Staaten auf mehr als 27 Mill. Menschen. 
Confessiones, lieber die Bekennerzahl der verschiedenen Kirchen 
und Sccten fehlen verlässige Notizen. Auffallend ist die vergleichs 
weise geringe Menge der Katholiken, ISoO (nach M. Wagner) nur 
1’233,350, was nicht der vierte Theil der Summe ist, welche man, 
nach Maassgabe der irländischen und eines ansehnlichen Th ei les der 
deutschen Immigration, erwarten sollte. Viele Katholiken treten in der 
Union zu einer protestantischen Secte über, viele treten gar keiner 
Kirchgenossenschaft mehr bei. — Mormonen sollen sich 63,700 in 
der Union befinden, wovon 38,000 in Utah, 5000 in New-York 
und 4000 in Californien (im britischen Canada auch 5000). 
Nationalitäten. Eine genaue Ausscheidung der verschiedenen Zweige 
des kaukasischen Stammes ist unmöglich. Die Zahl der Deutschen 
würde allerdings, wenn man die Nachkommen der Eingewanderten 
einrechnet, 5 Mill, übersteigen; allein diese Nachkommen haben in 
grösster Anzahl entschieden aufgehört, Deutsche zu sein (vergl. unten 
„Einwanderungen“). — Die Zahl der Juden wird (von M. Wagner) 
auf 120,000 geschätzt. Indianer gab es nach dem letzten Census 
388,299 (in 51 oder 52 Stämmen). Die stattgehabte Vennehrung rührt 
indess keineswegs von innerm Zuwachse, sondern nur von Erwerbung 
neuer Gebiete (Texas etc.) her. — Die Negerbevölkerung ist,' mit 
Einrechnnng der freien Schwarzen, zu 3% Mill, anzunehmen. Nach 
einer Berechnung von 1850 zählten 
die 15 Staaten (u. 1 District) mit Solaven 9'643,214 Einw. 
- 16 „ 
FÀmvandentngen. 
1821 5,993 1842 
1825 8,532 1845 
1832 43,074 1846 
ohne „ 13’614,509 
Deren Anwachsen zeigen folgende Ziffern : 
102,107 1848 226,524 1852 299,504 
147,051 1849 299,610 1853 368,643 
157,521 1850 279,693 1854 460,474 
1841 83,604 1847 234,756 1851 345,684 1855 230,476 
Nach Nationalitäten ausgeschieden, sollen die Einwanderer 
der letzten Jahre gewesen sein : 
1852 1853 1854 1855 
Deutsche (ohne Preussen) 118,126 140,635 206,054 66,219 
Irländer . . • 117,537 162,481 101,606 49,627
        <pb n="318" />
        302 
VEREINIGTE STAATEN - Land und Leute. 
Engländer 
Franzosen 
Chinesen 
ans anderen Ländern 
Zusammen 
31,275 
8,778 
14 
23,774 
30,353 
10,770 
42 
24,361 
48,901 44,148 
13,317 6,084 
13,100 
77,496 
299,504 368,643 460,474 230,000 
Bei dieser Aufstellung sind die „Prcussen“ den „Deutschen“ nicht 
beigerechnet. Eine andere Berechnung, welche dieselben mit einbegreift, 
nimmt die Zahl der eingewanderten Deutschen so an : 
von 1811—20 zusammen 38,000 1851 93,333 
1850 55,000 1852 160,000 
Im .Jahre 18.55 wänderten ausser den oben speciell Bezoiehneten 
noch ein: 5GÜ9 Preussen, 4433 Schweizer, 2588 Holländer, 1500 
Belgier und 1024 Italiener. Es befanden sich unter der Grosammt- 
summe 29,599 Beisende aus den Verein. Staaten selbst. Im Ganzen 
zählte man (1855) 140,181 Einwanderer männlichen und 90,2ü3 weib 
lichen Geschlechts. — Brom well (Beamter im Staatsdepartement) in seiner 
History of iimnigration to the United States, berechnet die Zahl der 
Einwanderer von 1819—55 auf 4’212,G24, davon: 
aus örossbritanien . . 2’343,445 aus Belgien . . . 6,991 
Deutschland . . 1’242,082 Norwegen u. Schweden 29,441 
Frankreich . . 188,725 Schweiz . , . 31,071 
Holland . . 17,583 Italien . . . 7,185 
Städte (nach dem Census von 1850). New-York 515,394 Einw. 
(1780 etwa 16,000; 1850 mit den Nachbargemeinden Brooklyn, 
Newark etc, über 700,000, jetzt über 800,000) ; Philadelphia 409,353 
(1782: 40,000); Baltimore 169,012 (1780: 11,000); Boston 138,788 
(1782: 25,000); New-Orleans 119,285; Cincinnati 116,108 (mit Um 
gebung 150,000); Brooklyn (bei New-York) 96,850; St. Louis 82,744 
(jetzt 100,000); Albany 50,771 ; Pittsburg 46,601 (mit Umgebung 
100,000); Louisville 43,217; Charleston 42,807 ; Providence 41,513 ; 
Buffiilo 40,266; Washington 40,001;... Chicago 28,269 (jetzt über 
60,000); St. Francisco 15,000 (nun wohl 35,000). 
GehietsZuwachs. 1803 Erwerbung Louisianas von Frankreich. 
1819 Erwerbung Floridas von Spanien. — 1822 Besetzung des zu 
Louisiana gerechneten Districts Colunibia. — 1845 Annexation von 
Texas (früher spanisch, dann mexicanisch, zuletzt selbständig). 
1848 Erwerbung von Neumexico und Ohercalifornien von Mexico. 
Die 13 Provinzen, welche unterm 4. .Juli 1776 ihre Unabhän 
gigkeit proclarnirten, sind die oben (Seite 300) verzeichneten. Die 
Vermehrung der „Staaten“ (Aufnahme von Gebieten als eigene Staaten 
in die Union) erfolgte in nachbemerkter Zeit: 
14. Staat, Vermont, 1791; 
15. Kentucky 1792; 
16. Tennessee 1796; 
17. Ohio 1802; 
18. Louisiana 1812; 
19. Indiana 1816; 
20. Mississippi 1817; 
21. Illinois 1818; 
22. Alabama 1819; 
23. Maine 1820 ; 
24. Missouri 1820; 
25. Florida 1822; 
26. Michigan 1837; 
27. Texas 1845; 
28. Arkansas 1846 ; 
29. Iowa 1846; 
30. Wisconsin 1848; 
31. Californien 1851.
        <pb n="319" />
        VEREINIGTE STAATEN — Finanzen. 
303 
Verzeicluiias dev Präsidenten der Vereinigten Staaten. An 
hangsweise geben wir naeidolgendc Liste, mit dem Bemerken, dass 
die Amts})eriode , je am 4. März beginnend , stets nach 4 Jahren endet : 
1789. George Wnshinrjlon (‘ininl gewülilt). 
1797. John Adaim. 
1801. Thomas JeJJ'erHU» ('iinal gewählt). 
1809. John Maddkoyi (2tna1). 
1817. James Monroe. (2mal). 
1825. John Quincy Adams. 
1829. Andrew Jackson (2inal). 
1837. Martin van Bnren. 
1841. William irlonry 7/nmsow (gestorben den 4. April 1841, weshalb nach ihm) 
1841. John Tyler (als bisheriger Vicepräsident). 
1845. James Knox Polk. 
1849. Zachar. Taylor (gestorben den 9. Juli 1850, daher) 
1850. Millard Fillmore (bisheriger Vicepräsident). 
1853. Franklin Pierce. 
Filiaiizcii« Der h^nanzanswcis i’iir das Rechnungsjahr vom 
1. Juli 1853 bis dahin 1854 zeigte folgende wirkliche Einnahmen 
und Ausgaben : 
E i n n a h in e n : 
Zölle . . . Doll. 04’224,190 
Landverkäul'e . . 8’470,7O8 
Verschiedenes 
Cassahestand v. Vorjahre 
854,717 
21’942,893 
Ausgaben: 
innere Verwaltung . 
Auswärt. Angel egen h ei ten 
Verschiedenes . 
Kriegswesen 
Marine 
Schuld 
4’fiC)9,385 
7’726,fi77 
13531,310 
11733,630 
10768,193 
24’336,380 
Zusammen 75’354,680 
Zus. 95’492,598 
Ueberschuss d. Einnahmen 20737,968 
Ungeachtet der Störungen des Verkehrs und der Industrie in 
Folge der finanziellen Krise (zumeist Folge eines Llebermaasses von 
Unternehmungen, zum Th eil von schwindelnder Art, mitunter doch 
aber auch mittelbar Folge des russischen Krieges), ergab die Ab 
rechnung für folgende Ilanptresultate ; 
Einnahmen 86’850,710 Doll. 
Ausgaben 71’226,846 „ 
Ueberschuss 15’623,864 Doll. 
Die Zölle bilden weitaus den wichtigsten Theil der Einnahme. 
Ausser ihnen kommt nur noch der Erlös von veräusserten (und da 
durch der Cultur gesicherten) Staatsländereien in Betracht; es ist dies 
das sog. „Uongressland“, welches zu IV4 Doll, per Acre verkauft 
wird. Die Post sieht man nicht als Finanzquelle, sondern als ge 
meinnütziges Volksinstitut an ; ergab sich, bei einer Einnahme 
der Post von G’955,586 Doll., noch ein Deficit von 1755,324; im 
Jahre zuvor war der Ausfall sogar 2’117,078 Doll, gewesen. — In 
der ersten Zeit ihres Bestandes hatte die Union eine, wenn gleich 
sehr geringe, Grundsteuer erhoben: vom Acre besten Landes etwa 
1 Cent (ungefähr b franz. Centimen oder IV2 Krzr. rhein.). Seit 1818 
sind aber alle directen Steuern für den Gesammtstaat abgeschafft. — 
Was die Staatsausgaben betrifft, so bemerken wir, dass die höchste 
Besoldung, die des Präsidenten der Union, nicht mehr als 25,000 
Doll., jene des Vicepräsidenten aber nur 5000 Doll, beträgt.
        <pb n="320" />
        304 
VEREINIGTE STAATEN — Finanzen. 
Geschichtliche Notizen. Im Jahre 1781 sollten 8 Mill. Doll, für 
die Centralregierung aufgebracht werden. Diese Summe ward nun, 
nach Maassgabe des vermuthlichen Werthes der angebauten Ländereien 
(also als Grundsteuer) in folgender Weise repartir! (woraus unter-an- 
derm ersichtlich, wie weit der jetzige Grossstaat New-York (the Em 
pire-State] den meisten andern Provinzen noch nachstand) : 
Virginieri Doll. 1'307,594 
Massachussets 1’307,49G 
Pennsylvanien 1’120,794 
Maryland 9.33,996 
Connecticut 727,196 
New-Jersey 705,979 
Nord-Carolina 622,677 
Öüd-Carolina 373,598 
New-York 373,598 
Rhode-Island 216,684 
New-Hampsliiro 173,398 
Delaware 112,085 
Georgien 24,905 
Die eigenen Staatseinkünfte der Union stiegen in folgendem Ver 
hältnisse : 
1792 3’652,014 
1795 5’926,216 
1800 10’624,997 
1810 9’299,737 
1815 15’411,634 
1820 16779,331 
1825 21’.342,906 
1830 24-280,888 
Staatsschuld. Dieselbe betrug am 1. 
1835 34’] 63,635 
1840 16-993,858 
1845 29769,134 
1850 43-375,798 
Juli 185(5 nur 
32’737,563 Doll. Sie war folgcnclermaassen gebildet: 
noch 
Anlehen von 1842 8’343,886; von 1843 7'004,231 ; von 1846 4’999,150; 
von 1847 28 197,9o0; 1848 16 Mill, (beide letzten Posten vom Mexicanischen 
Kriege und dem Kaulpreise für mexicanisolies Gebiet); Entschädigung für Texas 
5 Mill.; ditto nicht ausgegeben, weitere 5 Mill.; Cbligationen zum Vortheil der 
Städte Washington etc. ausgegeben 1% Mill, etc., zusammen Dollars 78-797,817 
Der Staatsschatz hatte davon am 4. März 1853 zurück- 
geiiauit lur 7-142,360 1 ___ 
und vom 5. März 1853 bis 1. Juli 1856 für . . 38-917,894 060,254 
Schuld am 1. Juli 1856 32 737,563 
Nach amtlichen Mittheilungen sind hievon ungefähr 15 Millionen in Europa 
(davon die Hälfte in Frankreich). 
Nach Beendigung des Unabhängigkeitskrieges ward die Unions 
schuld so berechnet : 
Auswärtige Schuld: an Frankreich 38 Mill. Dlvr. = . 7-037 037 Doll 
an Holland, Capital 671,200, Zinsen 26,848 = . . 698^048 
an Spanien 15o|oOO 
7^85]085 
Einheimische Schuld: Anlehen, unbezahlte Zinsen, Sold 34-115,290 
Gesammtschuld 42-000,375 
In der Folge stellte sich indess eine bedeutend grössere Ziffer heraus ; 
auch ward die zur Verzinsung erforderliche Summe auf nicht weniger 
als 3’415,955 Doll, berechnet! Später betrug die anerkannte Schuld: 
1790 79-124,464 1812 45-209,737 1830 48-565,406 
1791 75-463,476 1816 127-334,934*) 1833 4-774,334 
*) Folge des Krieges mit England. 
1834 war die Schuld vollständig getilgt ; 1835 wurden sogar Ueber- 
schüsse von der Union an die einzelnen Staaten verthoilt. Der Me- 
xicanische Krieg und die neuen Landerwerbungen, namentlich von 
Mexico, veranlassten neue bedeutende Geldaufnahmen, wie wir oben 
sahen. Auf den Schuldenstand wirkten in verschiedenen Zeiten we 
sentlich folgende Momente ein:
        <pb n="321" />
        20 
VEREmiGTE STAATEN — Finanzen. 
305 
Unterm 30. April 1803 erkaufte die Union von Napoleon Loui 
siana um 12 Mill. Doll, (oder eigentlich um 60 Mill. Frk.); 
ebenso unterm 22. Febr. 1819 Florida von Spanien um 5 Mill. 
Doll. — Mit Texas übernahm die Union etwa 10 Milk Schulden. 
Für Abtretung Californiens etc. wurden etwa 20 Milk an Mexico vergü 
tet (15 Milk baar.) 1824 wurden 20 Milk für Anlagen von Kunsistrassen 
und Canälen bestimmt. 1835 erhielt die Union von Frankreich 25 Milk 
Frk. (fast 5 Milk Doll.) zur Entschädigung für die ihr durch Napoleons 
Gewaltmaassregeln verursachten Verluste. Von sämmtlichen Indianer 
stämmen erkaufte die Union bis zum Jahre 1840 442’866,370 Ac 
res Land, wofür sie 85’088,800 Doll, bezahlte. Dagegen verkaufte 
sie von 1833 bis Ende 1852 77’052,422 Acres um 98’407,540 Doll. 
Im Jahre 18®V55 betrugen diese Veräusserungen 24’557,409 Acres, 
— um 8’693,789 Acres mehr als im Vorjahre. 
Finanzverhältnisse der einzelnen Staaten. 
Staaten 
Maine 
Jahresausgabe 
ohne Schulen 
u. Schulden 
Doll. 150,000 
Schuld 
Capital 
1. Jan. 1855 
New-Harapshire 
Vermont 
Massachusetts 
Rhode-Island 
Connecticut 
New-York . 
New-Jersey . 
Pennsylvania 
Delaware 
Maryland 
Virginia 
North-Carolina 
South-Carolina 
Georgia 
Florida 
Alabama 
Mississippi . 
Louisiana 
Texas 
Arkansas 
Tonessee 
Kentucky 
Ohio 
Michigan 
Indiana 
Illinois 
Missouri 
Iowa 
Wisconsin . 
California . 
80,000 
100,000 
600,000 
55,000 
120,000 
750,000 
90,000 
425,000 
11,000 
170,000 
600,000 
75,000 
115,000 
131,000 
45,000 
100,000 
130,000 
515,000 
100,000 
35,000 
165,000 
250,000 
200,000 
125,000 
80,000 
125,000 
110,000 
25,000 
40,000 
700,000 
685,500 
keine 
keine 
1'690.000 
keine 
keine 
25’127,898 
65,000 
40’613,160 
keine 
10’852,577 
24’705,479 
3409,633 
1’866,274 
2644,222 
keine 
6’168,887 
2’271,707 
3’839,222 
12,436,991 
1’506,017 
3’992,857 
6’147,284 
16 662,959 
3213,245 
7’338,473 
13’994,615 
802,000 
79,796 
100,000 
1’812,502 
Jahres 
zins 
41,130 
100,000 
1'352,000 
3,900 
2’011,517 
570,000 
1’456,072 
200,000 
99,087 
158,653 
310,000 
136,000 
250,000 
82,800 
219,621 
360,000 
977,810 
200,000 
316,000 
839,000 
47,805 
7,600 
8,000 
120,000 
Zusammen 6'217,000 192’026,298 9’866,995 
Die meisten Staaten besitzen eigene „Schulfonds.“ Im Ganzen 
wird der Betrag derselben zu 29’179,871 Doll, angegeben. Derselbe 
rührt her von der Verpflichtung der Einzelnstaaten, einen Theil ihres 
Grundeigenthums für den Unterhalt der Unterrichtsanstalten zurück 
zubehalten. Es soll der 16. Theil der zum Verkaufe bestimmten
        <pb n="322" />
        506 
VEREINIGTE STAATEN — AlilitSr. 
Ländeveien dazu verwendet, werden. — Der Umfang des von der 
Union an die Seludanstalteu überlassenen Grundbesitzes ward Anfangs 
1856 zu 52’970,231 Acres, und deren Werth zu minde,stens 200 
Mill. Doll, angegeben. 
UlilUlirweseil» A. Landmachf. Von zwei zu zwei Jahren 
bestimmt der Congress die Stärke der Trup))enmaeht. Dieselbe wird 
geworben, mit 30 bis zu 200 Doll. Handgeld. Die Capitulationszeit 
ist 5 Jahre. ' Nach deren Ablauf erhält der Wiedereintretende, ausser 
dem neuen Handgelde, Auspmcli auf eine Zulage, und nacdi der 
Verabschiedung 180 Acres Land. So kommt es, dass die Union in 
den 20 Jahren 1833 — 53 26 Mill. Acres Land an ausgediente Sol 
daten überlassen hat (besonders nach dem Mexicanischen Kriege, 
denn in Kriegszeiten müssen, um die nöthigo Soldatenzahl zu erhal 
ten, grössere Zugeständnisse gemacht werden, als die gewöhnlichen). 
Indess erhält der Angeworbene, schon in gewöhnlichen Zeiten, ausser 
dem Handgelde: Kost, Kleidung und monatlich 7, nach zwei Monaten 
10 Doll. Sold. Für im Dienst invalid Gewordene wird reichlich 
gesorgt. Unter den Soldaten befinden sich viele Fremde. Das Offi- 
cierscorps gilt als ausgezeichnet. Am 1. Jan. 1855 war der effec 
tive Stand 10,745 M., in: 
1 Ingenienrcorps, 4 Reg. Artillerie, 
2 Reg. Oragorier, 8 ,, Infanterie. 
1 „ berittene Rücliscrischützen. 
Nach einem Congressbeschiusse von 1855 soll zwar die Land 
macht auf 17,867 M. gebracht werden; allein zu Fnde 1855 w'ar der 
wirkliche Bestand doch erst 15,752. 
Miliz. Wie es sich von selbst versteht, dass der freie Ameri 
kaner eine Conscri])tion und Aushebung nach gewöhnlicher europäischer 
Art für Bildung eines stehenden Heeres ebensowenig sich gefallen 
lassen würde, als der Schweizer, — so versteht es sich hinwieder 
auch von selbst, dass ein jeder Bürger, wenn nöthig, zur Vertheidi- 
gung seines Vaterlandes mitzuwirken vcrpflicbet ist. Diese Milizpflich- 
tigkeit geht vom 18. bis zum 45. Altersjahre; nur Geistliche, Lehrer, 
Richter, Advokaten und Matrosen hat man davon ausgenommen. Das 
Specielle der Aushebung ist den einzelnen Staaten überlassen. Da 
gegen besteht seit 1792 eine gleichmässige Organisation. Man 
hat Linien-Infanterie, Jäger, Scharfschützen, Dragoner und Artillerie 
(die Reiterei ist am schwächsten). Zu Ende 1854 war der Gcsainmt- 
bestand der Miliz 2’202,748 M., worunter 75,382 0Hiciere. 
Festungen. Deren sind eigentlich keine vorhanden, wohl aber 
hat man die grossen Hafenplätze durch Foils gedeckt, namentlich 
New-York, Boston, New-Orleans, Charleston etc. Auch gegen die 
Indianer hat man mehrfach Forts errichtet. 
Gescldchtliche Notizen. Bei der vielfach herrschenden Gering 
schätzung der Milizen verdient u. a. folgende Gegenüberstellung der 
gegenseitigen Streitkräfte zu verschiedenen Zeiten des Unabhängigkeits 
krieges alle Beachtung. Dieselbe rührt von einem Manne des Faches, 
von einem Militäre her, und zwar nicht von einem Amerikaner,
        <pb n="323" />
        VEREINIGTE STAATEN — Militär. 
307 
war of North-Ainerika). 
Briten 
1776. August 24,000 
November 26,900 
December 27,700 
sondern im Gegentheile von einem Briten, Stedman, der gerade 
in diesem Kriege selbst diente, und zwar unter dem ausgezeichneten 
englischen Obergenerale Lord Cornwallis. (Stedman, History of the 
Es betrug die Zahl der Kämpfer: 
Amerikaner Briten Amerikaner 
16,000 1777. März 27,000 4,500 
4,500 Juni 30,000 8,000 
3,300 
Aus dem Jahre 1781 liegt uns folgende Berechnung über die 
Streitmacht der Amerikaner vor: 
Infanterie, 49 Regim., jedes von 9 Compagn. zu 46 Mann 28,224 
Artillerie, 4 „ „ „ 9 „ „ 65 „ 2,340 
Arbeiter, 1 „ „ 8 „ „ 60 „ 480 
Cavallene, 4 „ „ „ 6 Escadr. „ 64 „ 1,536 
Zusammen 32,580 
Unmittelbar nach beendigtem Kriege sollen nur noch 4800 M. 
Infanterie und 2600 Cavallerie vorhanden gewesen sein. Die ge- 
sammte Streitmacht verminderte sich dann auf blos 1500 M. Als 
dagegen 1794 ein Krieg mit Frankreich drohte, stellte die Union, 
mit Einrechnung der aufgebotenen Milizen, 75,000 M. bereit. — Bei 
Beendigung des zweiten Krieges mit England, 1815, hatte man 
32,000 Soldaten, deren Zahl schnell auf 10, später auf 6,000, ver 
mindert ward. — ln dem Mexican! sch en Kriege dürfte die Streit 
macht bis zu 35,000 M., oder selbst darüber, angewachsen sein. — 
Die Stärke der Miliz ward in verschiedenen Zeiten so angegeben: 
1786 1816 1824 1854 
70,000 748,556 899,541 2’202,748 
Zum Schlüsse stehe hier eine Uebersicht der zur Bekämpfung 
der Selbständigkeit Amerikas verkauften deutschen Truppen (nach Franz 
Löhers „Geschichte und Zustände der Deutschen in Amerika“). Es 
verkauften die Fürsten von 
Hessen 
B. 
Braunschweig 5,723 „ 
Hanau 2,422 „ 
Anspach 1,644 „ 
Waldeck 1,225 „ 
Zerbst 1,160 „ 
Zusammen 29,166 M 
Marine. Bestand 1855 
16,992 M., wovon 6,500 umkamen 
3,015 
981 
461 
720 
176 
wovon 11,843 umkamen. 
= 55 Schiffe: 
6 Linienschiffe, sämmtlich Segler, 1 zu 120, 5 zu 90—100 Kanonen, 
18 Fregatten: a. 4 Schraubendampfer, 1 zu 60, 3 zu 30 Kanonen, 
b. 6 Raddampfer, 2 zu 14, 4 zu 10 „ 
c. 8 Segler, 6 zu 54, 2 zu 48 ,. 
4 Briggs zu 12 Kanonen 
16 Corvotten, 12 zu 20, 4 zu 16 Kanonen, 
11 kleinere Schiffe, wovon 10 Dampfer, zur Zollwache. 
Die Güte der Schiffe (Holz und Bauart) wird als ausgezeichnet 
geschildert. Indessen heisst es im Berichte des Marineministers von 
Ende 1854: „Selbst mit Einrechnung der noch nicht fertigen 6 
Dampffregatten, übersteigt unsere Seemacht nicht 50 dienstfähige
        <pb n="324" />
        308 
VEREINIGTE STAATEN ~ Sociale,■». 
Schifte.“ Daher Antrag auf Reorganisation der ganzen Kriegsmarine. 
Anfangs 1856 ward der Rau von 10 Kriegssloops beschlossen, jedes 
zu 507,000 Doll, veranschlagt. Dann erfolgte weiter die Genehmi 
gung eines grossen ausserordentlichen Credits für die Marino. 
Während des Unabhängigkeitskrieges bestand die amerikanische 
Seemacht zunächst nur aus Kapern und Kreuzern. Nach dem Frie 
den verkaufte man die Kriegsschifte, theils wegen Untauglichkeit, 
theils au.s Mangel an Mitteln zur Fortuntcrhaltung derselben. Dann 
erfolgte aber der Beschluss, 20 eigentliche Kriegsschiffe zu bauen, 
worunter 4 von 74 Kanonen, 3 von 50, 6 von 44, die übrigen 
s. g. „Fregatten.“ Jeder Staat sollte mit einer Taxe belegt werden, 
um die Kosten zu decken. .Allein erst 1801 begann man wirklich 
mit Herstellung einer Kriegsmarine. Als die Amerikaner 1812 den Briten 
den Krieg erklärten , umfasste ihre ganze Seemacht blos 4 Fregatten, 
8 Sloops und GOOt) Mann. Dennoch errangen sie mehr Vortheile, 
als die Franzosen während ihres ganzen Krieges. Man vermehrte 
die Kriegsmarine meistens durch Kauffahrteischiffe. Weitaus in den 
meisten Kämpfen befanden sich die .Amerikaner im Siege, allerdings 
unter Vermeidung einer eigentlichen Seeschlacht. Der Commodore 
Rodgers nahm bis Ende 1813 den Engländern 218 Schifte mit 574 
Kanonen und 5106 M. Laut britischem Farlaincntsausweis büssten 
die Engländer : om 1. Oct. 1812 bis 1. Mai 1813 im Ganzen 382 
Fahrzeuge ein. 
Sociales. %u einer auch noch so gedrängten Darstellung der 
socialen Verhältnisse wäre ein weit grösserer Raum erforderlich, als 
wir dafür verwenden können. Wir müssen uns daher auf einige we 
nige aphoristische Bemerkungen beschränken. 
Die Vereinigten Staaten haben jedenfalls den thatsächlichen Be 
weis geliefert, dass eine Republik auch selbst beim ausgedehntesten, 
einen halben Erdtheil umfassenden Umfange, ebenso bestehen kann, 
wie im kleinsten Gebiete. Die Union beurkundet überdies, und zwar 
gerade in Folge ihrer freien Verfassung, ein so gewaltiges Aufblühen, 
wie die Welt noch nie ein gleiches sah. Dass bei dieser colossalen 
Entwicklung nicht Alles in der gewöhnlichen AVeise vorangeht, dass 
vielmehr auch die hässlichsten, abscheulichsten Auswüchse Vorkommen, 
kann wahrlich nicht Wunder nehmen. Aber neben den empörendsten 
Barbareien und Rohheiten, neben den schamlosesten Betrügereien und 
dem ehrlosesten Missbrauche jedes Vertrauens, sehen wir eben doch 
die Nation in ihrer Totalität emporkommen und blühen, an Macht und 
Wohlstand wachsen in wunderbarster Ausdehnung. Ueber unendlich 
Vieles hat man zu klagen, über unendlich Vieles ist man mit allem 
Grunde entrüstet, und diese Schattenseiten erscheinen um so furcht 
barer, als sich in manchen Beziehungen nicht einmal absehen lässt, 
wie denn irgend eine Beseitigung der obwaltenden Missstände nur 
möglich sei. Indessen liegt in der menschlichen Natur eine solche 
unerschöpfliche Heilkraft, dass wir eine Ungereimtheit begehen wür 
den, wenn wir das Verderben dieses Staates und dieser Nation ver 
künden wollten, weil wir nicht im Stande sind, vorauszusagen, auf
        <pb n="325" />
        VEREINIGTE STAATEN — Sociales. 
309 
welche Weise Genesung erfolgen könne; eine solche Vorausverkün 
digung des Verderbens wäre um so ungereimter in einer Zeit, in 
welcher der nordamerikanische Freistaat was materielles Gedeihen 
betrifft, in einer Ausdehnung fortschreitet, welche das furchtbare Elend 
in vielen Theilon der alten Welt desto schrecklicher erscheinen lässt; 
und in einer Zeit, in welcher, was die moralische Seite an belangt, 
die Menge der Wort- und Eidbrüche, der Justizmorde und der Ge- 
waltthaten in Europa wenigstens Diejenigen verstummen machen sollte, 
welche am häufigsten und lautesten ihr Verdammungsurtheil über 
Amerika aussprechon. 
Der am tiefsten in die Verhältnisse eindringende, zugleich der 
hässlichste und am schwersten die Zukunft bedrohende Missstand, ist 
das Institut der Neger-Sclaverei. Man hat keinen Grund, wegen 
ihres Vorhandenseins die Republik anzuklagen, denn die Neger- 
sclaverei ist eine Hinterlassenschaft aus der Zeit, in welcher das Land 
unter dem Regime der Monarchie stand. Dagegen lastet allerdings 
auf den modernen amerikanischen Republikanern die schwere Schuld, 
jene heillose, die Menschheit schändende Einrichtung, nicht so weit 
möglich beschränkt, und auf ihre allmählige Aufliebung hingewirkt 
zu haben, was unverkennbar die Absicht der Gründer des Freistaats 
war , wie denn auch Amerika zuerst unter allen Staaten (vom 1. Jan, 
1808 an) den Sclavenhandel d. h. die Sclaveneinfuhr, verbot; — 
es lastet auf ihnen die ganze Schuld, im Gegentheile die Erhaltung 
jener Institution befestigt, deren Gebiet erweitert und ausgedehnt zu 
haben, — ein Verfahren, das sich, wie leicht vorauszusehen, schreck 
lich an der Union rächen wird. 
Der älteste und der jüngste Census ergaben, hinsichtlich der 
Zahl der Sclaven, im Verhältniss zu jener der Freien, folgende Re 
sultate: 
1790 
1850 
Zunahme 
Freie 
3231,976 
19'987,563 
518 Proc. 
Sclaven 
697,897 
3’204,313 
359 Proc, 
Es hat sonach allerdings die freie Bevölkerung iin Ganzen 
weit stärker zugenommen, als die Sclavenbevölkerung. Das Verhält 
niss gestaltet sich aber umgekehrt, wenn wir blos die Sclavenstaatcn 
ins Auge fassen. Hier ist cs den Sclavenzüchtern gelungen, eine enorm 
überwiegende Vermehrung jener Unglücklichen herbeizuführen. 
Während man es dem Christenthume als eines seiner höchsten 
Verdienste an rechnet, die Sclaverei gebrochen und aufgehoben zu haben, 
wissen wir nicht nur aus der Geschichte, dass gerade bei den christ 
lichen Völkern die Negersclaverei ihre Begründung fand, sondern 
wir haben auch das empörende Schauspiel selbst vor Augen, wie die 
Kirchlichgesinntesten, ja wie Vorsteher von Kirchen, wie Geistliche 
am eifrigsten und rasendsten sind in Vertheid igung und Auf 
rechterhaltung jenes scliändlicheu Institutes, Nach Scherzers Ver 
sicherung (in den „Reisen in Nordamerika in den Jahren 1852 und 
1853, von Dr. Moriz Wagner und Dr. Karl Scherzer“) befinden 
sich unter den Sclavenzüchtern nicht weniger als „16 00 Geist-
        <pb n="326" />
        310 
VEREINIGTE STAATEN — Agriciiltur, Industrie, Handel. 
liehe, welehe zusammen über 600,000 Selaven, also ein Fünftheil 
der Gesamratselavenbevölkeruiig als ihr Eigenthum besitzen.“ 
Im Uebrigen gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Unter- 
sehied nach gesonderten und abgeschlossenen Ständen, insbesondere 
keinen Beamten stand als solchen, da die öffentlichen Stellen durch 
freie Wahl und nur immer auf gewisse Zeit, Leuten aus dem Volke 
übertragen werden, welche, wenn nicht wieder gewählt, in die Reihen 
dieses Volkes zurückzukehren haben. Man schätzt die Zahl Derjeni 
gen, welche von Berufsarbeiten leben, die eine s. g. höhere Bildung 
voraussetzen, auf nur ungefähr 200,000. Im Civildienstc sind blos 
gegen 24,000 angestellt. 
Kirchen. Ihre Gesammtzahl ward im Dec. 1854 in amerikanischen 
Blättern zu 38,061 angegeben; der Gesammtwerth des Kirchenver 
mögens aber zu 87’328,800 Doll. 
Schulen. Die Zahl der öffentlichen Schulen betrug 1840 50,624, 
und hat sich seitdem wohl verdoppelt. — Im Staate Massachus 
sets wurde 1845 bei einer Bevölkerung von 900,000 Seelen gegen 
eine Million Doll, für den Volksunterricht verwendet (Lyall , „zweite 
Reise nach den Vereinigten Staaten.“ — In diesem Verhältnisse 
müsste Bayern, — in dessen Staatsbudget blos 900,653 fl. „für 
Erziehung und Bildung,“ erscheinen, — jedenfalls über 12 Mill. 
Gulden dafür aufwenden.) Selbst in dem eben neu entstandenen 
Staate Wisconsin betrug der Schul fund des Staats am 31. Dec. 
1851 765,109 Doll., welche, zu 7 Procent angelegt, 53,557 Doll, 
jährlich ertrugen. (Vergleiche auch das S. 305 Angegebene.) 
Bibliotheken. Es gab : 
1793 35 öffentliche Bibliotheken mit . . . 75,000 Bänden 
1851 10,199 „ „ „ ... 3753,964 „ 
darunter Volksschulbibliotheken 9505 mit . . . 1’552,332 „ 
Zeitungen und andere Zeitschriften 
37 Zahl der jährlich verbreiteten Nummern 
1801 203 1828 etwa 60 Mill. 
1850 2800 1850 „ 422'/j „ 
Täglich erscheinende Zeitungen gab es 1850 etwa 350, mit 
einer Nummernverbreitung von 235 Mill. — Ungefähr der 20. Theil 
erscheint in deutscher Sprache. 
Ag:riciil(iir, Industrie- und Handelsverhiiltnisse. 
Bebautes Land Werth der Agricultur-Erzeugnisse 
1783 1720,000 Acres 1847 838 Mill. 
1810 40’950,000 „ 1850 1192% „ 
1850 118757,622 „ 1852 1752% „ 
Werth des ländlichen Grundeigenthums mit Viehstand 
1850 3820 Mill. Doll. 
1852 4600 „ „ 
Steigen des Grundwerthes. Hier ein Paar Beispiele : Der Boden, 
auf welchem die Stadt Chicago steht, und dessen Verkaufswerth' 
man bereits im Jahre 1852 auf mehr als 1 Mill. Doll, schätzte, 
ward 1815 um 30 Doll, verkauft. — Die Bodenfläche, auf der sich
        <pb n="327" />
        VEREINIGTE STAATEN — Agricultur, Industrie, Handel. 
311 
die Stadt Cincinnati erhebt, wurde vor 60 Jahren um ein Pferd 
abgetreten. — Der Grund und Boden der Stadt New-York und 
Umgegend ward im Jahre 1624 für 24 Doll, verkauft, während der 
selbe 1852 einen Werth von mehr als 300 Milk repräsentirte. 
Werth des gesammten Privat 
ei g e n t h u ni s 
Werth der Fabrikerzeugnisse 
1810 108'/; Mill. 1850 declarirter Werth 6,010 Mill. 
1850 1020% „ „ wirklicher, geschätzt 7,168 „ 
1852 1133 „ 1866 „ „ 11,000 „ 
Es versteht sich von selbst, dass alle derartigen Schätzungen nur annähernd 
richtig sein können. 
Jahr ^" Poatatrassen Telegraphenlinien 
1790 75 1,875 engl. Mell. 1848 . . 10,339 engl.Meil. 
1851 21,551 196,290 „ „ 1852 . . 16,000 „ „ 
Ende 1854 23,925 219,935 „ „ mit d. Doppellinien 27,177 „ „ 
Kanäle. Von 1815—35 wurden 2800 engl. Meilen angelegt. 1851 betrug 
die Gesannntlänge etwa 4000 Meilen. Kosten ; 90 Mill. Doll. 
Eisenbahnen, je am 1. Januar im Betriebe; 
engl. Mell. 
5,265 
6,197 
7,350 
8,866 
10,878 
Jahr engl. Mell. Zunahme 
1848 
1849 
1850 
1851 
1852 
Auf die 
1. New-York 
2. Ohio 
3. Illinois 
4. Pennsylvanien 
5. Indiana 
6. Massachussets 
7. Virginien 
8. Georgien 
9. Süd-Carolina 
10. Connecticut 
11. New-Hampshire 
12. Maryland 
13. Maine 
14. Vermont 
932 
1,253 
1,506 
2,022 
einzelnen Staaten kommen 
2685 
2453 
1884 
1581 
1406 
1220 
986 
975 
741 
656 
585 
507 
459 
454 
Jahr 
1853 
1854 
1855 
1856 
engl. Mell. 
13,315 
15,511 
19,438 
23,242 
Zunahme 
2,437 
2,196 
3,927 
3,804 
englische Meilen Bahn: 
15. New-Jersey 
16. Michigan 
17. Nord-Carolina 
18. Tenessee 
19. Alabama 
20. Wisconsin 
21. Kentucky 
22. Alississippi 
23. Louisiana 
24. Rhode-Island 
25. Missouri 
26. Texas 
27. Delaware 
429 
427 
349 
326 
304 
240 
231 
220 
198 
95 
37 
32 
‘&gt;•2 
Die Ncu-England-Staaten, dann New-York, Ohio, Indiana und Il 
linois besitzen gegen 12,000 Meilen Bahnen, also nahezu Va 
Gesammtsumme, während ihr Areal nur ungefähr 238,000 englische 
Q.-Meilcn beträgt, demnach wenig über des Gesamintgebiets. — 
Dies das Ergehniss, ungefähr 28 Jahre nach Eröffnung des ersten 
Schienenwegs von 4 englischen Meilen, und 26 Jahre nach Eröffnung 
der ersten Personenbahn (von 13 Meil.) — Die Zahl der Eisenbahn 
gesellschaften betrug 1854 etwa 325. — Die Balmeu sind grossen- 
theils unsolid gebaut. Auch haben die Gesellschaften vielfach, sogar 
in betrügerischer Weise, die Verbindlichkeiten gegen ihre Gläubiger 
(die Bunds - Besitzer^ unerfüllt gelassen. Indessen besitzt nun eben 
Nordamerika ein Eisenbahnnetz, wie kein anderes Land der Welt. 
Das y, American Rail-Road-Journal'^ von 1855 enthielt folgende 
beachtenswerthe Bemerkung ;
        <pb n="328" />
        312 
VEREINIGTE STAATEN — Agricultur, Industrie, Handel. 
„Wer mit unsern Verhältnissen nicht bekannt ist, wird zu dem Glauben 
geneigt sein, dass wir uns zu Grunde richten müssen, indem wir 100 Mill. Doll, 
und 50,000 Arbeiter jährlich für Eisenbahnen verwenden. Hielten wir eiii 
stehendes Heer, das ebensoviel kostet, so würden diese Leute darin keinen 
Grund zur Besorgniss und dies ganz in Ordnung finden. Indem wir aber eine 
solche Summe und Arbeitskraft auf Werke verwenden, die später Capital und 
Zinsen zurückzahlen, und dabei den Werth des Eigenthums steigern, muss das 
Resultat, gegenüber jener Verwendung in andern Ländern, sich sehr günstig für 
uns heraussteilen.“ * 
Man berechnet die Kosten der Eisenbahnanlagen, einschliesslich 
des Betriebsmaterials, durchschnittlich per englische Meile: 
in Grossbritanien auf 169,000 Doll. in Russland auf 75,000 Doll 
in Frankreich „ 125,000 „ in Deutschland „ 60,000 „ 
in Italien „ 88,000 „ in Nordamerika „ 33,000 . 
in Belgien „ 87,000 „ 
Rhederei, nach Tonnen berechnet: 
"91 1822 1842 1847 1882 1888 
502,146 1'324,692 2'092,390 2’839,045 4’138,439 5’212,000 
Die Angabe von 1855 rührt von dem Marineminister her. Eine 
andere Berechnung lautet: 
Tonnenzahl der freien Staaten 4’321,951 davon: New-York 
„ „ Sclavenstaaten 859,032 Massachussets 
zusammen 5’180,983 Maine 
Zahl der Schiffe: fast 30,000 Pennsylvanien 
Eine weitere Berechnung steigt sogar auf 5’66J ,416 Tonnen, wo 
bei aber die Flussschifffahrt eingerechnet zu sein scheint. Hievon 
kämen: 2’.383,819 Tonnen auf den auswärtigen, 2’662,114 auf den 
Küstenhandel, 146,965 auf den Stockfisch- und 181,901 auf den 
Wallfischfang, endlich 677,613 auf die Dampfschifffahrt. 
Dampfschifffahrt 1811 erschien der erste Dampfer; 1852 be- 
sass die Union deren 1450, von ungefähr 450,000 Tonnen, darunter 
125 Oceandampfer von 120,000 Tonnen. — 1856 dürfte sich die 
Zahl der Dampfschiffe auf 2400 belaufen. (Manche sprechen über 
trieben von 3000.) ^ 
Matrosen rechnete man 1845 gegen 100,000, von denen 52,000 
im auswärtigen Handel, 26,000 bei der Küstenschifffahrt, 10,000 beim 
Stockfisch-, und 5500 beim Wallfischfange, endlich 6500 bei der 
Binnenschifffahrt Verwendung fanden. 1856 dürfte sich jene Matrosen 
zahl nahezu verdoppelt haben. 
Ein - und ausgelaufene Schiffe. 
1’464,221 
978,210 
806,605 
397,767 
1832 17,000 Schiffe von 2705,030 Tonnen 
1849 40,513*) „ 8798,269 „ *) davon 22,674 einheimische. 
Leuchühürme. j^hr zahl Kosten 
1793 7 12,061 Doll. 
1851 372 846,820 „ 
Gesammthandel-, (die Rechnungsjahre je mit dem 30. Juni endi 
gend); Werth; 
1852 
1853 
1854 
Einfuhr 
212’613,282 
267’298,647 
301’047,504 
Ausfuhr 
209’641,625 Doll. 
230’420,740 
285’575,070
        <pb n="329" />
        VEREINIGTE STAATEN — Agrioultur, Industrie, Handel. 
313 
1855 •261’468,620 275’156,846 
1856 306’617,232 314’636,932 
Die wichtigsten Artikel waren IS^Vss 
bei der Einfuhr 
Wolle und Wollenwaaren . , . 26’476,288 
Baumwolle und Baumwollenwaaren . 21’655,624 
Seide und Seidenwaaren . , . 27’052,012 
bei der Ausfuhr 
Baumwolle (10’084,246 Ctr. à 8,74 Doll.) . . 88’143,844 Doll. 
Reis (65,702 Tierces à 26,14 Doll.) . . . 1717,953 
Tabak (155,468 Fass à 94,63 „ ) . . . 14712,468 
Agriculturproducte (davon 51'/g Mill. Brodstoffe) . 66’516,298 
Der Waarenbezug aus Grossbritanien war, in Pfd. Strl. : 
1853 1854 1855 
98’933,781 97784,726 95’669,380 Pf. 
Wirkung der verschiedenen Zollsysteme (nach den Berechnungen 
des Bremer Handelsblattes): 
Periode 
1815— 16 
1816— 33 
1833—42 
1842—46 
1846—53 
Tarif 
Millionen Dollars 
Einfuhr Ausfuhr Total 
per Kopf 
Zolleinnahme 
massig 147 
hoch 83 
theilweise massig 136 
hoch 106 
massig 190 
82 229 25% Doll. 
72% 155% 13 
120 256 16 
111 217 12 
180 370 17 
36 Mill. 
21% 
19 
19 
38 
Banken. 1850 
1854 
1855 
Hievon kommen auf 
824 mit 217 Mill. Capital 
1208 „ 301 , 
1307 „ 332 „ 
New-York 289 Banken mit 85 Mill. 
Pennsylvanien 64 „ „ 20 „ 
Zahllose Schwindeleien, Betrügereien und Verluste für die Ein 
zelnen knüpfen sich an die Geschichte der amerikanischen Banken; 
dennoch lässt es sich nicht verkennen, dass diese Institute in unbe 
rechenbarer Ausdehnung mitwirkten zu der unbeschreiblichen industriel 
len und commerciellen Entwicklung des Gesammtstaats. 
Fondspapiere. Zufolge eines Senatsbeschlusses v. 4. April 1853 
legte der Staatssecretär 1854 dieser Versammlung nachstehende lieber- 
sicht vor des ungefähren Schuldbetrags, sowohl der Union, als der 
Einzelnstaaten, Grafschaften und Städte, dann der Eisenbahn- und 
Kanalgesellschaften, nach dem Stande vom 30. Juni 1853 (wobei 
wir bemerken, dass sich seitdem blos die Schuld der Union vermin 
derte, jede andere dagegen äusserst bedeutend vermehrte). 
Bezeichnung der Papiere 
Gesammtsumme 
Vereinigte Staaten-Bonds 
Bonds der Einzelnstaaten 
Bonds von 113 Gemeinden 
„ n 347 Grafschaften 
Obligationen von 985 Banken 
Bonds von 75 Versicherungsgesellschaften 
Obligationen von 244 Eisenbahngesellschaften 
Andere Schuldscheine dieser n 
Doll. 58’205,517 
. 190718,221 
. 79352,149 
13’928,369 
. 266725,955 
. 12’829,730 
. 170711,552 
. 30’893,967 
Im Besitze 
von Fremden 
27’000,000 
72’931,507 
16762,322 
5’000,000 
G'688,996 
378,172 
43’888,752 
8’244,025
        <pb n="330" />
        314 
MEXICO. 
Obligationen von 16 Kanal- u. öchifffahrtegesellsch. 35 888,918 554,900 
Andere öchuldüch. dies. „ „ „ 32'130,669 1 967,547 
Obligationen von 15 sonstigen Gesellschaften . . 16'42ö,612 802,720 
Andere Schuldscheine dieser „ . . 2’3ö8,323 265,773 
Gesaniintsunnnc 1,Í78^7¡882 184’184,714 
Münze, Maasae. Der Dollar = 9,721100405 eine feine Mark, eingotheilt 
in 100 Cents. Wirklicher Werth 1 Thlr. 12 Sgr. 7,96 Pf., also beiläulig 2 fl. 
29 kr. oder 5 Frank 30 Cent. Da aber die Gold- neben der Silberwährung 
besteht, und bei dem niedriger gewordenen Preise des Goldes die Silberwährung 
eigentlich jetzt schon verdrängt ist, so wird man den Werth des Dollar nur 
noch zu 5 Frank 17 Cent, oder etwa 2 fl. 25 kr. rhein. annehmen können. 
(Gesetzlich ist der deutsche Gulden nur zu 40 Cents tarifirt, so dass 2'/* fl. =. 
1 Dollar. — Die % Doll, werden Schillinge genannt.) — Die Maasse sind 
meistens die englischen. Der Acre — 1,5849 preuss. Morgen, die französische 
Hectare also 2,47 Acres. 640 Acres sind eine amerikanische Quadratmeile. 
Die amerikanische Längemeile = 0,217 deutsche Meilen. — Das Bushel 
— Va Berliner oder '/@ bayer. Scheffel oder österr. Metzen. — 14 Gallons 
— 1 bayer. Limer. — Der Centner wird zu 112 Pfund gerechriet. 
Indem wir uns zu den übrigen amerikanischen Staaten wenden, 
werden wir uns auf ganz wenige statistische Angaben beschränken. 
Da die Verhältnisse dieser Staaten sämrntlich noch nicht gehörig coa- 
solidirt sind, so fehlt es meistens an dem nöthigen Materiale, irgend 
ein vollständiges Bild zu entwerfen. 
Mexico (llepublik). 
Auf einem Gebiete von 65—70,000 Q,-M. lebten nach der Auf 
nahme von 1853 7 661,520 Menschen. — Den Nationalitäten 
nach sind die Einwohner entweder europäischer Abkunft, also Weisse 
(getheilt in Chapetones und Creolen), angeblich 1 Vg Mill., — oder 
Farbige (aus Racenvermischung entstanden) gegen 2% Mill., — oder 
Indianer, etwas über SVg Mill., — oder Neger, angeblich nur etwa 
16,000. Die Indianer haben sich theils unterworfen (Indiosßdelesj, 
oder sie sind noch frei und ungetauft, Indios bravos). — Abgesehen 
von diesen, trifft man fast nur Katholiken, obgleich andere Cuiten 
gestattet sind. Die Bevölkerung der Stadt Mexico wird auf 150,000 
Menschen geschätzt (70,000 Creolen, 30,000 Mestizen, 10,000 Mu 
latten und 40,000 Indianer). 
Die Finanzen sind, bei den fortwährenden Bürgerkriegen, in 
starker Zerrüttung. Schon 1836 hatte man, bei einer auf 11 Vg Mill. 
Piaster veranschlagten Einnahme, ein Deficit von beinahe 8 Mill. 
Die Geldzahlung der Vereinigten Staaten für die abgetretenen Länder 
Neu-Mexico und Obercalifornien (siehe S. 305) konnte kaum momen 
tan Aushülfe gewähren. Der Budgetentwurf für 1850 (der neueste 
uns bekannte) berechnete einen Staatsbedarf von I6V2 Mill., und da 
gegen eine Einnahme von nur 9’833,000 Piast. Die Schuld ward 
damals so aufgeführt: 
Innere Schuld 30’274,000 Piaster (151% Mill. Fres.) 
Aeussere „ 10'241,650 Ff. Sterl. (256 „ „ ) 
Zusammen gegen 408 Mill. Fres.
        <pb n="331" />
        STAATEN VON CENTRAL-AMERIKA. 
315 
Militär. Das stehende Heer soll 1840 19,624, die Miliz etwa 
36,000 M. betragen haben. Festungen sind wenige vorhanden; 
am bedeutendsten ist Vera Cruz oder vielmehr das Fort von San 
Juan d’Ulloa. — Die Stärke der Marine ward 1840 zu 1 Linien 
schiff, 5 Fregatten und 11 Briggs angegeben. 
Sociales. Die Herrschaft und das Eigenthum des angebauten 
Bodens befinden sich in den Händen der Weissen. Der Clerus be- 
sass übermässige Macht und colossale Keichthümer. Man schätzt die 
selben auf 400 Mill. Piaster. Die Finanznoth zwang auch hier zur 
theilweisen Einziehung der Geistlichengüter, — doch höchstens der 
Hälfte derselben. 
Handel. Im Jahre 1851 betrug der Werth; 
der Einfuhr der Ausfuhr Ertrag der Zölle 
15’331,000 19 990,600 3 325,657 Piaster. 
Der Aufstand Mexicos gegen Spanien begann 1810 und endete erst 1821. 
Gold- und Silberausbeute. Mexico hat, zufolge der neuesten Nachweisungen 
Tejada’s, vom Jahre 1690 bis einschliesslich 1852, nicht weniger als für 
2734’704,897 Piaster an edlen Metallen zum Ausprägen geliefert, wovon nur 
82’119,162 Piaster Gold. Für die Zeit von der Eroberung bis 1690 nimmt 
Tejada eine Silberausbeute an von 827^^ Mill. Piaster, so dass Mexico im 
Ganzen an 3562% Mill. Pesos an edlen Metallen lieferte, wovon höchstens 100 
Mill, auf das Gold kommen. (Californien u. Australien zusammen liefern gegen 
wärtig in einem Jahre mehr Gold, als Mexico in 330 Jahren.) 
Münze, Maasse. Piaster (Pesos) = Dollars (die verbreitetste Münze in der 
Welt), Werth 5 Fr. 30 Cent., 2% fl. rhein. oder 1 Thlr. 13 Sgr. 4,93 Pf. preuss. 
— Maasse und Gewicht wie in Spanien. 
Staaten von Central-Amerika (3 Republiken). 
Die 5 unabhängigen Staaten 
Q.-M. Bevölkerung 
Guatemala . 
San Salvador 
Honduras 
Nicaragua 
Costa Rica . 
Zusammen ungef. 
. 5,000 900,000 
500 394,000 
. 3,700 200,000 
. 3,200 250,000 
. 3,000 200,000 
15,000 2’000,000 
sind : 
Nationalitäten. Weisse, eine Menge 
von Mischlingen und etwa 800,000 
Indianer. Die letzten theilen sich in 
Ladinos oder Quiche, d. h. abhängige, 
bekehrte (katholische), — und Bravos 
oder Barbaros, — unabhängige, freie. 
Finanzen« Wir wissen sehr wenig davon. Der Finanzetat 
von Guatemala vom 1. Juni 1851 bis dahin 52 schloss ab mit 
797,402 Pesos Einnahme und 783,862 Ausgabe. Am meisten ertru 
gen der Zoll und die Branntweinsteuer. — Die innere Schuld be 
trug 800,000, die auswärtige 400,000 Pes. — Die Einkünfte Costa 
Rica’s wurden 1853 zu 450,000 P. angegeben. Schulden hatte 
dieser Staat keine. 
Militär. In Guatemala hatte man vor einigen Jahren 3200 M. 
als stehendes Heer und 12,978 Milizen. In Costa Rica wurden aus 
der 5000 Mann starken Miliz periodisch 200 zum activen Dienste 
hcrangezogen. 
Guatemala 
Ausfuhr 
Einfuhr 
1852 1853 
868,500 699,047 
977,253 873,842 
San Salvador 
1852 
0700,000 Pesos 
0360,000 „
        <pb n="332" />
        316 
NEU-GßANADA. 
VENEZUELA. — ECUADOR. 
Historische Daten. Unabhängigkeitserklärung (erst) 21. Sept. 1821 
Trennung vom mexicanischen Bundesstaate 1. Juli 1823. ~ Unionsvertrag der 
6 Staaten 7. October 1842. — Trennung Guatemalas 21, März 1847. 
mieu-Cranada (Republik). 
Auf etwa 18,000 deutschen Q.-Meilen 
Mill, (angeblich 2’36.3,000) Menschen, 
lebten etwas über 2Vn 
Einnahme 22 275,674 19’396,623 Real. 
Ausgabe 28’421,811 27’318,505 
Deficit 6’146,Í37 7 921,882 
Die Schuld wird auf 37 Mill, Piaster geschätzt. 
Der Real von Neu-Granada ist — 50 franz, Cent. 
Das stehende Heer besteht aus 1800, die Miliz aus 6000 M. — 
Die Revolution in dem frühem spanischen Vicekönigreicho Neu-Gra 
nada begann 1811. Die Schlacht bei Calobozo entschied 1818 die 
Unabhängigkeit. Die 1819 unter dem Namen Columbia vereinigten 
Gebiete von Caraccas und Neu-Granada, denen sich 1821 Quito und 
1823 Panama anschloss, — zerfielen 1831 wieder in die 3 Staaten 
Neu-Granada, Venezuela und Ecuador. 
Venezuela (Republik). 
Grösse etwa 19,500 Q.-Meilen. — Volkszahl (1851) 1’356,000. 
298,000 Weisse (Hispano-Amerikaner und Fremde), 
480,000 gemischte Racen, 
48,000 Sclaven, 
160,000 bekehrte Indianer (índios redurAdos)^ 
14,000 unterworfene Indianer (Indios catequisados), 
52,000 unabhängige Indianer. 
Rechnungsabschluss von 18*2/5, 
Ausgabe 8’248,031 Pesos Die Schuld ward 1866 zu 19’945 000 
Einnahme 2705,055 Piaster berechnet. ’ 
Deficit 5’542,976 
Die von Sclaven geborenen Kinder werden, zufolge Gesetzes v. 
1830, mit der Geburt frei. Der Sclavenhandel ist ohnehin verboten. 
Münze, Maasse. Pesos, zu 1 Thlr. 2% Sgr. Im auswärtigen Handel wird 
nach spanischen Piastern gerechnet. Maasse: die spanischen. 
Ecuador (Republik). 
Der Umfang dieses (Quito, Guayaquil und Assuay in sich begrei 
fenden) Staates wird auf 10,000 Q.-M., die Bevölkerung auf 800,000 
Menschen geschätzt, worunter viele Indianer.— Die Schuld beträgt 
über 19 Mill. (19’085,000) Piaster.
        <pb n="333" />
        PERU. — BOLÎTIA. — CHILE. 
317 
Peru (Republik). 
Grösse etwa 27,300 Q.-M. (eingetheilt in 11 Depart, und 65 
Provinzen). Bevölkerung 1/400,000 bis 1'800,000, worunter etwa 
1 Mill. Indianer. — Das Budget für 1850 schloss mit 10’945,000 
Plast. Einnahme und 0'285,000 Ausgabe ab. Der Schuldenstand 
(hauptsächlich zwei Auleheu in England, zusammen von 3’716,000 
Pfd. Strl.) wird zu 49’665,000 Piaster angegeben. — Die Land 
macht beträgt etwa 7000 M.; Marine: einige kleine Schiffe, — Die 
Handelsflotte bestand Ende 1853 aus 187 Seeschiffen. (Münze 
und Maasse die spanischen.] 
Bolivia (Republik). 
15,000 Q.-M. mit 1'330,000 Einw., — Nachkommen von Euro 
päern, Mischlinge und Indianer. — Der Aufstand gegen Spanien be 
gann hier schon im Jahre 1809, und endete erst in Folge von Boli 
vars Sieg bei Tumuslo, 1. April 1825. — Die Einnahme war 1850 
veranschlagt zu 1’976,217 Piast,, die Ausgabe zu J’738,/44. Die 
anerkannte Schuld wird zu 2'605,000 Piast. berechnet; ausserdem 
sind aber noch in die Millionen gehende Passiva aus der frühem 
Zeit vorhanden, darunter Beamtenbesoldungen, Kriegsauslagen, Zins 
rückstände etc. — Die bewaffnete Macht wird zu 2000 M. angegeben. 
Chile (Republik). 
Areal etwa 6700 Q.-M. Bevölkerung (nach der Aufnahme von 
1854) 1’439,120. Darunter sollen sich nur etwa 150,000 Weisse 
befinden (wobei eine Anzahl Einwanderer aus Europa), V4 Mill. Ne 
ger, die übrigen theils getaufte, theils ungetaufte Indianer, Das Land 
ist in 12 Provinzen und 52 Departemente getlieilt. Der Unabhängig 
keitskrieg dauerte von 1810—20. — Chile ist derjenige Staat im 
vormals spanischen Amerika, der sich der geordnetsten Verhältnisse 
erfreut. — Die S taatse in nah me betrug: 
1851 1852 1853 
4’581,*264 5’326,1.3.3 5’869,910 Pesos, wovon 3'675,971 Zoll. 
1854 belief sich die Ausgabe (nach einer die Ziffern auf preuss. 
Thaler reducirenden Notiz) auf 8’199,877 preuss. Thlr. — Zufolge 
eines Berichtes des Finanzministers von 1855 beträgt die innere 
Schuld 2’906,300, die äussere 8’938,000 preuss. Thlr. Eine andere 
Angabe entziffert 8’9 20,000 Pesos. Der Staat ist frei von Papier 
geld. — Stehendes Heer (zufolge Angabe des Kriegsministers 
von 1855) 2902 M., Nationalgarde 66,300. — Marine: 1 Cor 
vette von 18, 3 Briggs zusammen mit 28, 1 Dampfer mit 3 Kan. — 
Die Handelsflotte zählte 1855 257 Schiffe von 59,000 Tonnen 
mit 2710 Mann. Heber die Ausdehnung des Handels finden wir 
folgende Notizen:
        <pb n="334" />
        318 
BUENOS AYRES. — ARGENTINISCHE STAATEN. 
18*4 1855 
Einfuhr 87’141,495 Frc$. 23’204,065 prems. Thlr. 
Ausfuhr 66’392,080 „ 19’500,192 „ „ 
1851 betrug der Handel mit Grossbritanien 25, mit Frankreich” 23 Mill. Fres. 
Jfüwze, Jfaawe. Der Peso fuerte, getheilt in 100 Centavos, Werth 6 Fres 
- Maasse meist die spanischen. ’ 
Buenos Ayres (Republik). 
Der aus dem Verbände der Argentini.schen Republik ausgetretene 
„Estado independiente de Buenos Ayres“ umfasst über 2000 deutsche 
Q.-Meil. Die Volkszahl wird auf 400,000 geschätzt. 
Staatsbedarf 1855 Papiergeld 
14’870,000 Fres. 42% Mill. Fr. 
Stellendes Heer Kriegsflotte Einñilir 
3000 Mann 4 Schiffe mit 30 Kanonen 76% Mill. Fres. 
Argentinische Coiiföderation (Republik). 
Nach dem Austritte von Buenos Ayres, des wichtigsten der con- 
föderirten Staaten, umfasst der Bund noch 13 Staaten, mit etwa 
28,000 Q.-M. und 1’200,000 Menschen, wovon 1 Mill. Weisse und 
Mischlinge, 180,000 unterworfene Indianer und 25,000 Neger. 
1850 (vor der Trennung von Buenos Ayres), waren Einnahmen und 
Ausgaben zu 71% Mill, Bapier-Biaster veranschlagt. Jetzt schätzt 
man 10 Mill. Frk. — Die Schuld soll nur in rückständigem Mili 
tärsolde und nicht liquidirten Schäden des Bürgerkriegs bestehen. 
Indessen figurirte früher ein Anlehen von 1 Mill. JTd. Strh, von wel 
chem seit 1827 keine Zinsen mehr bezahlt wurden. — Stehendes 
Kriegsmarine. — Einfuhr 50, Ausfuhr 55 
MilL Irk. (Der Bapier-Biaster hatte 1851 einen Werth von 33 franz 
Centimen = 2,55 Sgr.) 
Paraguay (Republik). 
Etwa 3600 Q.-M. Die Angaben über die Einwohnerzahl schwan 
ken zwischen 260,000 und 600,000; etwa V,o sollen Weisse, 
Creolen, Neger und Mischlinge und Indianer sein. 
Uruguay (Republik). 
Die ^Republica oriental del Uruguay“ umfasst ungefähr 4800 Q.-M. 
mit Mill. Menschen. Sie soll mit 10 Mill. Piaster Schulden be 
lastet sein.
        <pb n="335" />
        BKASTLIEN. 
319 
Brasilien (Kaiserthuin). 
Das Areal wird auf 130,000 —150,000 Q.-M., die Bevölkerung 
auf 4Ya bis 0 Mill, geseliätzt, darunter: 
1’300,000 Europäer niul eingeborene Weisse, 
250,000 freie Neger, 
2’500,000 Negerticlaven, 
500,000 freie Mulatten und Mestizen, 
250,000 Selavenniestizen. 
100,000 unterworfene Indianer, 
1’000,000 freie Indianer (Gentios oder Tapayas, wobl 100 Stämme). 
Unter den Europäern beliuden sich dcutsehc Colonisten. — Die 
herrschende Sprache ist die portugiesische; daneben über 100 India 
neridiome. — Cu Uns der katholische, mit Duldung der anderen 
Cuiten. — Bevölkerung der Stadt Rio .Janeiro (1852) 266,466, wo 
runter 110,602 Negersclaven. — 1808 flüchtete die portug. Königs 
familie nach Brasilien. 1815 ward diese Colonie zu einem „König 
reiche“ erklärt. Nachdem der Hof durch die portiigies. Revolution 
von 1820 zur Rückkehr nach Europa veranlasst worden, und als 
man portugiesischer Seits den Brasilianern Gleichheit der Rechte ver 
weigerte, erfolgte 1822 der Zusammentritt einer Nationalversammlung, 
unterm 1. Aug. die Erklärung der Trennung von Portugal, und un 
term 12. Oct. desselben .Jahres die Erhebung des lironprinzen zum 
Kaiser von Brasilien, das seitdem ein selbständiges Reich bildet. 
Finanzen. Nach dem Budget für IS^Vss betragen Einkünfte 
und Ausgaben (englischer Rechnung zufolge) 4’061,999. Pfd. Strl. 
Die wirklichen Einkünfte sollen gewesen sein: 
18'%, 18'%4 18'%, 
18’191,458 IT’249,806 17787,950 Piaster (davon Zölle gegen 5 Mill.) 
Die inländische Schuld ward am 31. Dec. 1855 zu 8’815,920, 
die auswärtige zu 5’839,900 Pfd Strl. angegeben. 
Militär. Die Landmacht, welche fast 1/4 der Staatseinkünfte 
verschlingt, da sie aus Geworbenen besteht, zählte 1852 22,540 M., 
wovon 3727 Cavallerie (in 4 leichten Reg.) und 3582 Artillerie. Die 
Marine, V7 der Einkünfte kostend, besteht aus 38 bewaffneten Fahr 
zeugen (worunter 1 Fregatte von 50 ICanonen), zusammen mit 356 
Geschützen und 2933 M. 
11 a n d c 1 s V er k eh r, 1 855. 
Einfuhr 84’7ß0,2i0 Reis = 83,573 R. weniger als im Vorjahre 
Ausfuhr 90’570,ß35 „ = 13’728,145 R. mehr als im Vorjahre. 
Hiebei waren folgende Länder betheiligt in Conto de Reis. 
England und dessen Besitzungen 
Frankreich 
Vereinigte Staaten 
Portugal 
Hansestädte 
La Plata-Länder 
Belgien 
Einfuhr 
45,45 
9,98 
fi,99 
0,47 
4^88 
4,22 
1,67 
Ausfuhr 
29,27 Contos 
8.17 
23,81 
4,65 
6,68 
4.18 
2,78 
Müme, Maasse. Das Milreis (1000 Reis) in Silber gleich 52'/* Pence; 
in
        <pb n="336" />
        320 
HAYTI nnd ST. DOMINGO. 
Haytl (Kaiserthiim) und St. Itoilllllgo (Repiiblilt) 
Der Umfang der ganzen Insel wird zu 1386 Q.-M ihre Bevol 
s zri "ÄrSÄ“.“:: 
vmnnn der Insel) rechnet man 500 Q.-M. mit 
700,000 Bew.; hier doininiren die Schwarzen unter Sonlonqne. Auf 
Ostfji, vormals spanisch) kommen 
w Q'.'^ 300,000 Bew., unter dem Vorherrschen der 
Weissen, mit einer afrikanischen Beimischung. — Der Staatsbedarf 
5'421,000, das Einkommen 
iqf 4'249,000. Das Kaiserthum 
0 Iill. herabgesetzt und später weitere Conventionen Uber die Ter- 
mme 6«trofen wurden, scheint der Staat doch völlig ausser Stande, 
seine Verbindlichkeiten zu erfüllen. — Der franz. Theil der Insel 
machte sich 1791, der spanische später unabhängig. — Der Werth 
alten französischeitledo^ mr
        <pb n="337" />
        21 
ALL GEMEINE L EBERS ICHTEN. 
321 
Allgemeine Ueliersichten, 
I. Land und Leute* 
Grösse und Bevölkerung der europäischen Länder und Staaten. 
Deutsche Q.-M, 
Grosßbritanien ........ 5,767 
Frankreich ......... 9,664 
Russland ......... 98,800 
Oesterreich 12,120 
Preussen ......... 6,103 
Deutschland ......... 11,443 
(Deutschland ohne die Besitzungen Oesterreichs, Freussens, 
Hollands und Dänemarks) ..... 4,233 
Italien ......... 6,062 
(Italien ohne die Besitzungen Oesterreichs, Frankreichs 
und Grossbritaniens) ...... 5,067 
Schweiz ......... 730 
Belgien ......... 537 
Niederlande ......... 641 
Dänemark ......... 2,900 
Schweden ......... 8,000 
Norwegen ......... 5,800 
Spanien ......... 8,600 
Portugal ......... 1,660 
Griechenland . . . . . . _ 720 
Ionische Inseln 52 
Türkei 9,500 
Bevölkerung 
27700,000 
35’800,000 
60’000,000 
86600,000 
17700,000 
43700,000 
10’400,000 
25700,000 
20700,000 
2700,000 
4 600,000 
3’400,000 
2780,000 
3700,000 
1700,000 
14700,000 
3700,000 
1740,000 
230,000 
15700,000 
Qesammt-Europa (nach Abzug der doppelten Posten) 180,000 
166'/4 Mill. 
Uebersicht Amerikas. 
A. Selbständige Länder. 
Deutsche Q.-M. Bevölkerg. 
Vereinigte Staaten 
Mexico . 
Central-Amerika (5 Staaten) 
Columbia-Staaten (3 Staaten) 
Peru, Bolivia u. Chile . 
Argentinische Staaten . 
Brasilien . . . . 
Ilayti . 
Grönland . . . . 
Polarländer etc. 
Patagonien . 
Selbständige Staaten 
156,000 27700,000 
65,000 7700,000 
15,000 2700,000 
48,000 4700,000 
49,000 4700,000 
88,000 2700,000 
140,000 6700,000 
1,400 1700,000 
20,000 
70,000 
25,000 
630,000 54'/, Mill.
        <pb n="338" />
        322 
ALLGEMEINE UEBERSICHTEN. — Bevölkerung. 
B. Enropäisclie Besitzungen. 
Britisches Nordamerika . . 57,000 2’670,000 
Russisches Nordamerika . 27,000 50,000 
Dänisches „ (Grönl.-Küste) 180 10,000 
Westindien (ohne Hayti) . 8,250 2'4i0,000 
Guiana .... 11,000 226,000 
Colonien 100,000 5'/, Mill. 
Gesammt-Amerika, etwa 780,000*) fiO „ 
*) Man nahm'früher eine ungleich grössere Summe an, da man das Festland 
gegen den-Nordpol hin viel ausgedehnter und weiterreichend glaubte, als es sich 
seitdem ergab. 
Die übrigen Erdtheile. 
Wir sind nicht im Falle, eine ähnliche Berechnung bezüglich 
der 3 übrigen Erdtheile zu geben. Nicht nur haben sich dort noch 
keine Staatensysteme nach unsern Begriffen gebildet, sondern es fehlen 
auch, mit vcrhältnissmässig wenigen Ausnahmen, alle festen Anhalts 
punkte zu statistischen Berechnungen. In ganz allgemeinen Umrissen 
wollen wir nur Folgendes erwähnen. In Asien sind 3 Länder von 
sehr starker Bevölkerung: China, dessen Einwohnerzahl sogar auf 
360 Millionen geschätzt wird, Ostindien (sammt der Indo-Chinesi 
schen Halbinsel und den Inseln), vielleicht mit 180, und Japan wohl 
mit 30 Mill. Alle andern Länder sind, mit unbedeutenden Ausnahmen, 
gering bevölkert. Dies vorausgesendet, können wir für die verschie 
denen Erdtheile, in mehr oder minder begründeter, theilweise aber 
allerdings ganz unsicherer Schätzung, etwa folgende Zahlen annehmen : 
Q.-M. Menschenzahl 
Europa . . 180,000 266 Mill. 
Amerika . . 730,000 
Asien . . 785,000 
Afrika . . 545,000 
Australien . . 170,000 
Gesammtsuinme 
60 
600 
40 
2’410,000 970 Mill. 
Gonfessionen. 
Griechen Andere Christen Juden **danw™*' 
1700,000 40,000 
26,000 74,000 
.... 1'500,000 
.... 800,000 
20,000 228,000 
30,000 440,000 
300,000 
Katholiken Protestanten Griechen 
6’000,000 20’000,000 _ 
33'500,000 2'000,000 _ 
6’500,000 2’000,000 49’500,000 
29’000,000 3’500,000 3700,000 
6700,000 10’500,000 1,500 
22’900,000 19700,000 
Grossb ritamen 
Frankreich 
Russland 
Oesterreich 
Preussen 
Deutschland 
(Deutschi, ohne 
Oesterr. etc.) 
Italien 
(Italien ohne 
Oesterr. etc.) 
Schweiz 
Belgien 
Niederlande 
Dänemark 
Schweden 
Norwegen 
Spanien 
5’900,000 11700,000 
25700,000 100,000 
190,000 
50.000 
20’000,000 
980,000 
4’580,000 
1’300,000 
700 
1.000 
50,000 
1’500,000 
15,000 
F900,000 
2’570,000 
3’500,000 
1'500,000 
40,000 
3,200 
1,500 
58,600 
4,000 
1,000 
2,400 
1,300 
300 
14*200.000
        <pb n="339" />
        ALLGEMEINE UEBEIiSICIITEN — Staatseinkünfte. 
323 
Katholiken Protestanten Griechen Andere Christen Juden 
Portugal 3’400,000 .... — .... .... — 
Griechenland 30,000 .... t'000,000 .... 500 .... 
Ionische Inseln .... 10,000 220,000 — .... — 
Türkei 650,000 .... 10’000,000 .... 70,000 4’550,000 
Zus. in Europa etw. 132%Mill. 60 Mill. 63 Mill. 2 Mill. 3 Mill. 5 Mill. ' 
Den Katholiken sind übrigens hier die unir ten Griechen beigerechnet. 
ln Amerika wird man etwa 32 Mill. Katholiken und 28 Mill. 
Protestanten annehmen können. 
Die gesammte Menschenzahl dürfte sich nach Confessionen etwa 
so vertheilen : 
Christen: Nichtchristen: 
Katholiken 180 Mill. Mohammedaner 75 Mill. 
Protestanten 100 „ Juden 7 „ 
Griechen 75 „ s- g. Heiden 520 „ 
Andere Christen 15 _ 
370 Mill. 
600 Mill. 
II» Finanzen» 
Jährlicher Bedarf der europäischen Staaten. 
Staaten 
Grossbritanien 
Frankreich 
Russland 
Oesterreich 
Preussen 
Deutschland 
„ ohne Oestreich etc 
Italien „ 
Schweiz 
Belgien 
Niederlande 
Dänemark 
Schweden 
Norwegen 
Spanien 
Portugal 
Griechenland 
Ionische Inseln 
Türkei 
Gewöhnliche 
Staatseinkünfte 
Millionen *) 
Pf. Sterl. 53,33 
Fres. 1600 
S.-Rubel 
fl. C.-M. 
Thlr. 
Frkn. 
200 
250 
118 
440 
120 
320 
22 
120 
70 
20 
15 
3,2 
holl. fl. 
Rbthlr. 
Rthlr. 
Speciesthlr. 
Realen 1460 
Mil-Reis 12 
Drachm. 18,3 
Pf. Sterl. 0,2 
Piaster 730 
Staatsbedarf 
im letzten 
Jahre ohne 
Kriegskosten 
55 Mill. 
1700 
220 
300 
121,5 
480 
130 
356 
22 
136 
72 
25 
13 
3,2 
1600 
12,5 
23 
0,25 
750 
Vom ordentlichen Bedarf 
erheischen Millionen 
Hof 
0,43 
30 
10,75 
7 
2,6 
17 
9,75 
41,5 
3,5 
0,8 
1,15 
0,78 
0,1 
32 
0,6 
1 
84 
Militär 
18,72 
465 
100 
114.4 
31,87 
130.5 
20,25 
102.5 
3.5 
32,5 
16 
4,66 
6 
1,13 
375 
3,7 
7.5 
368 
Schuld 
27,55 
502 
34 
77,4 
12,96 
86 
20 
108,5 
0,5 
37 
36 
6,3 
0,5 
0,33 
350 
2,72 
4,75 
Zus. in Franken brutto 
netto ungefähr 
6823 
6000 
7256 
226 
2168 
1975 
*) Der gewöhnliche Staatsbedarf, auf Millionen Franken reducirt: 
Grossbritanien 
Frankreich 
Russland 
Oesterreich 
Preussen 
Deutschland mit Oestreich etc. 
ohne 
Italien 
Schweiz 
Belgien 
1334 
1600 
800 
700 
436 
1628 
444 
320 
22 
120 
Holland 
Dänemark 
Schweden 
Norwegen 
Spanien 
Portugal 
Griechenland 
Ionische Inseln 
Türkei 
148 
55 
21 
18 
580 
48 
17 
5 
160
        <pb n="340" />
        324 
ALLGEMEINE UEBERSTCHTEN - Kriegskosten. 
Vorstehende Znsammenstellnng ergibt im {ranzen — alle Steuer- 
erliühungen während der letzten Zeit eingerechnet, — eine ordentliche 
BruttO'Einnahme von ungefähr 6823 Mill. Frk., gegenüber einem Be- 
darfe von 7256 Mill, während des letzten Jahres. Dabei sind die 
ausserordentlichen Ausgaben nicht eingerechnet, welche der orienta 
lische Krieg vcranlasste, und zwar ist nicht nur der Aufwand der 
wirklich in den Kampf verwickelten Mächte ausser Ansatz gehalten, 
sondern es ist dies aueb bezüglich der bl osen Hiistiingskosten der 
übrigen Staaten, wie namentlich Oesterreichs ii. s. f., geschehen. — 
Was hier als Militärbedarf anfgeführt ist, betrifft sonach nur die 
ordentlichen Ausgaben, jedoch allerdings jene für die Land- und für 
die Seemacht zusammen genommen. — Im (janzen beläuft sich der 
Bedarf für jeden der besonders bezeichn oten Posten ungefähr auf 
nachbemerkte Summen: 
lür die Höfe .... 226 Mill. Fres, 
für das Militär .... 2168 „ „ 
für die Staatsschulden . . . 1&lt;)75 ^ 
Zusammen für diese 6 Pusten . ^t360 lüÏÏÎ.~FresT 
für die übrigen Ausgaben bleiben 
von der Netto-Smnrne etwa . 16.80 „ „ 
Im Leb rigen verweisen wir, was die Berechnung von St.aatseijinahmen und 
Ausgaben betrifft, iin Allgemeinen auf misere Seite 1.SO—1.82 abgedruckteu 
Bemerkungen. 
Die Koste» des orientalischen Krieges. 
Unter Bezugnahme auf unsere speeiellen Nachweise auf den un 
ten citirten Seiten unseres Buches, — und ungerechnet den ge- 
wohnlichen Aufwand für die Land- und Seemacht, dagegen unter 
Einrechnung des auch nach dem Pariser Vertrage bis zur dehuitiven 
Zurückführung auf den Eriedensfuss noch nöthigen Aufwandes — ver 
anschlagen wir die Kosten des letzten Krieges ungefähr auf folgende 
Summen : 
A. Ivrlcgfüln-endo MäclUe. KW.. SÄaÄ 
Grossbritaiiieu (S. 9) 77’588,000 Pf. Sterl. 
Frankreich (S. 42—46) 1600 Mill. Fres. . 
Türkei (S. 666) 
Sardinien (S. 220) . 
Russland (S. 73) 
gedeckt 
Mill. Frkn. Mill Frkn. 
1940 1510 
1600 1580 
700 150 
60 60 
1200 800 
5550 
B. Kriegsrüstungen anderer Mächte. 
600 
75 
Oesterreich (S. 99) 
Preussen (S. 120) 
Kleinere deutsche Staaten: Bayern 5Mill.fi. (S. 149); Han 
nover 883,000 Thlr. (S. 160); Württemberg 3 Mill. ti. 
(S. 1 &lt; 1) ; Baden 1 800,000 fl. (S. 175); Dannstadt 
1 Mill. fl. (S. 179); Kassel 200,000 Thlr. (S. 181); 
Oldenburg 140,000 Ihlr. (S. 197); dazu die übrigen 
Nordische Staaten: Schweden (S. 268), Norwegen (S. 271), 
Dänemark, Niederlande, Belgien . . . . 
Griechenland .... 
40 
10 
4100 
600 
75 
30 
10 
? 
726 
6200 
715 
4800 
Gesammtsumme über
        <pb n="341" />
        ALLGEMEINE UEBEKSICHTEN — Staatsschulden. 
325 
Der orientalisclie Krieg hat sonach wohl weit über sechstau 
send Millionen Franken verschlungen, unberücksichtigt die gar 
nicht zu berechnenden Opfer der Einzelnen iin türkischen Gebiete, 
den Donaufürstenthümern und in Südrussland, — abgesehen überdies 
von allen Störungen des Handels und Verkehrs in allen Erdtheilen. 
Es ist uns nicht möglich, die Zahl der Soldaten zu schätzen, welche 
in Folge dieses Krieges auf den Schlachtfeldern oder in den Lazare- 
then umkamen, oder welche siech in die Ileimath entlassen wurden, 
um dort nach kurzer Frist ihr Leben auszuhauchen; ebensowenig 
kennen wir die Zahl der Verstümmelten, Verkrüppelten, oder Derje 
nigen, welche aus dieser Veranlassung eine für immer zerrüttete Ge 
sundheit davon getragen und den Keim eines frühzeitigen Todes in 
sicli aufgenommen haben. Ohnehin ist keine sichere Schätzung der 
Menge der durch Barbareien, oder durch Mangel, Entbehrung und 
Noth umgekommenen friedlichen Bewohner der Kriegsschauplatzgegenden 
möglich. Alles zusammengenommen, sind wir aber überzeugt, dass 
dieser Krieg unmittelbar und mittelbar mehr als einer halben Million 
Menschen das Leben kostete. Abgesehen von den Abgabenerhöhungen, 
welche behufs Führung des Kampfes in den betheiligten Staaten statt 
fanden, hat derselbe bleibend eine-Sch uld e nwia s s e erzeugt, welche 
4800 Mill. Frk. übersteigt, und wovon eine dauernde Belastung der 
betreffenden Völker mit dr itthalbhundert Millionen alljähr 
lich zu entrichtender Zinsen die unabwendbare Folge ist. — Es liegt 
ausser dem Plane unseres Werkes, die Frage zu erörtern: ob die 
Resultate dieses Krieges — von welchem Standpunkt immer man 
ausgehe — solchen colossalen Opfern auch nur aufs Entfernteste 
entsprechen. 
Uebersicht der Staatsschulden. 
A. Europäische Staaten. 
Mill. Franken 
ürossbritanien 834 Mill. Pf. Sterl. — . 20,850 
Frankreich ...... 8,500 
Russland 900 Mill. S.-Rubel . . . 3,600 
Oesterreich 1850 Mill. ff. C.-M. . . . 4,700 
Preussen 250 Mill. Thlr. . • . 925 
Deutschland 2400 Mill. Thlr. . . . 8,800 
„ ohne Oestr.-Preuss. 490 Mill. Thlr. 1,810 
Italien (ohne Oesterreich) .... 1,500 
Schweiz ....... 10 
Belgien ....... 680 
Niederlande 1203 Mill. ff. ... 2,524 
Dänemark 130 Mill. Rbthlr. . . . 350 
Schweden 30 Mill. Rthlr. .... 40 
Norwegen 4% Mill. Species . . . 25 
Spanien 16,000 Mill. Realen . . . 4,000 
Portugal 150 Mill. Mil-Reis . . • 900 
Griechenland ...... 250 
Ionische Inseln ...... 7 
Türkei ^80 
Zusammen Europa 59,951 
oder in runder Zahl 60 Milliarden Franken.
        <pb n="342" />
        326 
ALLGEMEINE rEBEKSICHTEN 
Staatsschulden. 
B. Amerikanische Staaten. 
Vereinigte Staaten; 
a. Schuld der Union 32% Mill. Doll. 
b. „ „ Einzelnstaaten 200 Mill. D 
Mexico 
Die 5 Republiken Centralamerikas 
Neu-Granada 37 Mill. Piaster 
Venezuela 20 Mill. Pesos 
Ecuador 19 Mill. Piaster 
Peru 50 Mill. Piaster 
Bolivia 4 Mill. Piaster 
Chile 9 Mill. Pesos .... 
Argentinische Staaten .... 
Brasilien 14% Mill. Pf. Sterl. 
Hayti 
Zusammen Amerika 
Mill. Frkn. 
170 
1040 
408 
10 
190 
80 
80 
260 
22 
45 
60 
365 
60 
2790 
Die^ Schuldenmasse der Staaten ist in der Neuzeit fast überall 
bis zu einer früher nie gekannten Höhe emporgetrieben worden. So- 
ferne die neuen Anlehen zu productiven Zwecken dienten, so 
namentlich zu Eisenbahnanlagen, gibt diese Schuldvermehrung an’sich 
keinerlei Grund zu Besorgnissen. Anders ist cs aber allerdings, wenn 
dieselbe nur dazu diente, beständige Ausfälle in dem laufenden 
Staatshaushalte, oder blose Kriegskosten zu decken. 
Es lässt sich nicht verkennen, dass in unserer industriell so be 
deutend vorangeschrittenen Zeit, und bei dem Fleisse und der Spar 
samkeit so vieler Millionen Menschen, die Summe der vorhandenen 
Werthe, somit die Summe des Nationalvermögens, im Ganzen zunimmt 
und zunehmen muss. Die Heilkraft, welche sich in dem zweckmäs 
sigen und verständigen volkswirthschaftlichen Streben der Gesammt- 
bevölkerungen entwickelt, ist so mächtig, dass sie fast überall die 
Wunden beseitigt, welche dem allgemeinen Wohlstände durch die 
widerstrebendsten nationalökonomischen Theorien und Experimente, 
und mannigfach auch durch die naturwidrigsten staatlichen Einrich 
tungen, geschlagen werden. In Folge dieser Entwicklung ist denn 
die Steuerkraft der Völker eine weit grössere geworden, als sie früher 
war. Zudem haben neuzeitliche Einrichtungen (s, g. Creditanstal- 
ten) und neuzeitliche Anschauungsweise in colossalster Ausdehnung 
dazu beigetragen, zu ermöglichen, dass die Geldaufnahmen, die Schuld 
anhäufungen (selbst für die bodenlosesten Projeetc, und unter den 
schwindelndsten Verhältnissen) bis zur schwindelndsten Höhe emporge 
steigert werden konnten. 
Es ist durchaus nicht vorauszuberechnen, bis zu welchem Punkte 
insbesondere die Vermehrung der Staatsschulden getrieben werden 
kann. Während ein äusserst kenntnissvoller deutscher Statistiker im 
Jahre 1853 aus der Finanzlage Frankreichs die absolute Unmög 
lichkeit desselben, irgend einen Krieg zu führen, evident darthun 
wollte, sahen wir alsbald jene Macht nicht nur einen solchen Krieg 
dennoch beginnen, sondern wir konnten auch die bis dahin noch nie 
vorgekommene Leichtigkeit wahrnehmen, mit welcher jener Staat, in 
stets weiter gehenden Beträgen, erst 250 Mill., dann ferner 500 Mill,
        <pb n="343" />
        zuletzt nochmals beinahe 800 Mill, an neuen Darlehen vorgestreckt 
bekam, unter einem Zudrange der sich Betheiligenden, die wi&amp;lich 
an das Fabelhafte grenzte. _ 
Indessen müsste man vollständig blind sein gegen alle Erschei 
nungen der Neuzeit, wenn man die Ergebnisse dieser (oder irgend 
sonstwie ähnlicher) Subscriptionen als Beweis des vorhandenen Volks- 
reichthums ansehen wollte. Solche Unterzeichnungen (selbst für 
an sich ganz solide Unternehmen) sind in der jüngsten Zeit vielfach 
nichts anders, als das bequeme Mittel gewinnsüchtiger Agioteure 
geworden. Man sah Millionen durch Leute unterzeichnen, welche 
sehr häutig in Wirklichkeit auch nicht das Geringste ihr Eigenthum 
nennen konnten, und deren Subscriptionen, sobald sie nicht mehr eine 
Anzahl Gimpel hinter sich finden, — sobald sie selbst einstehen 
müssen für die übernommene Verpflichtung, — keinen andern Werth 
besitzen, als den eines durch solche Schreiberei unbrauchbar gemach 
ten Blattes Papier. (Ist es doch dahin gekommen, dass selbst die 
Leute, welche eine ernste Betheiligung beabsichtigten, sich genöthigt 
sahen, den fünfzig-, den hundertfachen Betrag der Summe zu untei- 
schreiben, welche sie wirklich anzulegen gedachten.) Derartige Er 
scheinungen können nicht einmal als Zeichen des öffentlichen 
Vertrauens in die Dauer der obwaltenden Zustände gel 
ten, da der Augenschein lehrt, dass-in der Regel die am eifrigsten 
sich hervor drängend en Unterzeichner nur auf augenblicklichen 
Wiederverkauf mit ein Paar Procenten Gewinn speculiren, und über 
dies gar nicht im Stande wären, auch nur eine wirkliche Zahlung 
selbst zu leisten, sobald durch irgend ein unerwartetes grosses Er 
eigniss jener hinter ihnen stehende grosse Haufe verscheucht würde, 
welcher Haufe, vermittelst der mannichfachsten Phantasmagoiien, ver 
leitet ist, einen mühelosen Gewinn erhaschen zu wollen. Zudem wird es 
sich schliesslich noch durch gar manche Verluste erweisen, dass 
imaginäre Werthe eben nichts Reelles sind, — und dass man mit 
Werthzeichen, denen die reellen Werthe als Unterlage fehlen, wohl 
längere Zeit Andere und sich selbst täuschen, dass man aber damit, 
gerade wenn cs am nöthigsten wäre, — etwas Reelles auch nicht 
ersetzen kann. 
Wie hoch man die wirklich vorhandene Vermehrung des Natio 
nalvermögens und der Steuerkraft der Völker, — wie hoch man fer 
ner die Erleichterung ira Flüssigmachen aller vorhandenen Mittel an- 
schlagen mag, — so ist es doch dem irgend denkenden Nationalöko 
nomen nicht im Geringsten zweifelhaft, dass, wie Alles in der Welt, 
so auch der darauf hin in die Höhe getriebene Credit eben doch 
seine Grenze haben müsse. Diejenigen, welche, voll des blindesten 
Vertrauens, gläubig den seltsamen modernen Lehrsatz hinnehmen: 
dass durch’Staatsschulden jeder Art der Reichthum der Völker be 
fördert werde (ein Satz, der, ungeachtet seiner fracten Absurdi 
tät dennoch als die gesammte Volkswirthschaftslehre umgestaltendes, 
neuentdecktes Gesetz der Nationalökonomie alles Ernstes verkündet 
wurde), — Diejenigen, sagen wir, welche in Folge dessen jede
        <pb n="344" />
        328 
ALLGEMEINE UEBERSICHTEN — Staatsschulden. 
Vermehrung der Staatsöchuldeu völlig unbedenklich finden, — erinnern 
wir an die zahllosen St a a t s bankerotte, welche die Finanzgeschichte 
aiifgezeicbnot hat. Wenn die Anhäutung von Staatsschulden unbedingt 
Beförderungsmittel des Reichthums der Staaten wäre, so würden 
sich wahrlich nicht so viele offene und verdeckte Staat bankerotte 
an die Geschichte jener Schuldanhäufungen anknüpfen. Wir erinnern 
die Leichtgläubigen in dieser Beziehung an die Law’schen Zeiten und 
an die Assignaten in Frankreich , an die Oesterreicbischen wieder 
holten Capital- und Zinsreductionen mit der Beigabe der gezwungenen 
Ariosi:ung (siehe S. 100), an die Zahlungseinstellungen und einseitige 
Schuldherabsetzung in Holland und in Dänemark. Und wenn man, 
in foitgesetzter Verblendung, meint, dass dies eben früher geschehen, 
und dass, was sich Irüher zugetragen, heute sich nicht mehr wiederholen 
könne, — so weisen wir einfach auf die neuzeitliche Nichterfüllung 
der financieilen Verpflichtungen in Spanien, in Portugal, in Griechen 
land und dem grössten Theile von Amerika hin, indem wir einfach fragen, 
ob, was dort gerade in der Neuzeit geschehen, nicht auch anderwärts 
in Folge eintretender weiterer Notlistände sollte stattfinden können? 
Die Vertheidiger des Systems der unbedingten Schnldanliäufung haben 
längst auf das Beispiel Englands hingewiesen, welches Land aller- 
dings, ungeachtet der enormen Belastung, heute unvergleichbar reicher 
ist, als dasselbe, ohne solche Passiven, vor 100, vor 200 Jahren 
war. Den Beweis hat aber noch Niemand ernstlich zu führen unter 
nommen, dass der Wohlstand der britischen Nation gerade das Pro 
duct der Schulden des Staates ist; wie hinwieder ganz gewiss auch 
Niemand widerlegen kann, dass es für die englische Nation weit an 
genehmer, für ihren Wohlstand noch weit förderlicher sein würde, 
wenn sie von der enormen Zinslast befreit wäre, die sich an all jene 
Capitalaufnahmen für den spanischen Erbfolge -, für den nordamerika 
nischen und für den Revolutionskrieg knüpft; wenn sie von jener 
Zinslast befreit wäre, deren Vorhandensein die drückende Besteuerung 
aller und jeder Lebensbedürfnisse und Genüsse herbeiführte. 
Wenn neulich durch improvisirte oder sich dafür haltende Na 
tionalökonomen versucht worden, die Wo hl that zu schildern, welche 
geiade daduich entstehe, dass die Schuldanhäuiung zu einer Steuer 
vermehrung zwinge, die Steuervqrmehrung aber zu grösserer Produc- 
tivität antreibe, und.damit zu ausgedehnterer Wohlhabenheit des Vol 
kes führe, — so möchten wir hinwieder glauben, ein jeder Blick auf 
die Verhältnisse und die Lage des Volkes, ein jeder Blick auf das 
mühsame Ringen so vieler Steuerpflichtigen nach einem genügenden Ver 
dienste, sollte solches Gerede verstummen machen, das nicht einmal an 
sich neu, sondern vielmehr nur das Wiederkäuen einer vor vielen Jahr- 
zehnten in einer Studier - oder Amtsstube ausgeheckten phantastischen 
Jheorie ist. 
• jüngste orientalische Krieg hat, wie wir zeigten, Europa 
weit Über 6 Milliarden Frk. gekostet; er hat namentlich den in den 
Kampf verwickelten Staaten allein eine neue Schuldenmasse von mehr 
als vier Milliarden zum bleibenden Andenken hinterlassen ; er hat
        <pb n="345" />
        ALLGEMEINE LEBERSICHTEN — Stehende Heere. 
329 
insbesondere in Frankreich den laufenden Bedarf für die Staatsschuld 
um drei und neunzig Millionen erhöht, welche alljährlich 
durch die Steuerbaren mehr aufgebracht werden müssen, als ohne 
diese neue Anlehen erforderlich Avären. Jeder Staatsangehörige, jede 
Familie ist in einer oder der andern Weise hiezu beizutragen ge 
zwungen. Man hat zur Aufbringung des Bedarfes u. a. die ohnehin 
schon bestandene Auflage auf den gewerblich Avichtigen Alcohol um 
die Hälfte erhöht; man hat das Reisen auf Eisenbahnen noch mehr 
besteuert, liât den Transport von Waarenauf diesen Schienenwegen durch 
Abgaben vertheuert, hat einen zweiten déchue de guerre eingeführt, 
und damit den Genuss mancher sogar notliAvendiger Lebensbedürfnisse, 
und überdies den freien Verkehr, den Kauf und Verkauf von Immo 
bilien und selbst von Mobilien, fiscalisch bedeutend erschwert. Wir 
glauben, dass die Lösung der Frage für Niemanden schwierig sein 
könne: ob die Vermehrung dieser Steuerlast zur Production an 
treibe, oder ob dieselbe nicht vielmehr die Production belästige, er 
schwere und hemme. 
Welche Theorien auch erdacht und ausgesponnen werden mögen^ 
— immerhin wird die mit der Schuld Vermehrung zu unproductiven 
Zwecken gleichen Schritt haltende Abgabenvermehrung in nack 
ter Wirklichkeit beweisen: dass die Staatsschulden mittelbar zugleich 
Schulden jedes einzelnen Emwuhners eines Landes^ Schulden jeder Fa 
milie sind; dass sie Schulden sind, loelche jedes Grundstück, jedes Ge 
schäft , jedes Vermögen belasten. 
III. Stehende Heere der europäischen Staaten. 
Abgesehen von allen Anstrengungen im Falle eines wirk 
lichen Krieges, haben die stehenden Heere in Europa auch 
im Frieden beiläufig folgenden For mations stand, wobei wir al 
lerdings erinnern, dass der Effectivstand, in Folge von Beurlaub 
bringen, natürlich ein viel geringerer ist. 
Grossbrftanieri . . 140,000 
Frankreich . . . 550,000 
Russland . . . 780,000 
Oesterreich . . . 550,000 
Preussen . . . 400,000 
Deutschland . . . 550,000 
„ ohne Oestr. etc. 2.30,000 
Italien (ohne Oesterreich) 270,000 
Schweiz ... — 
Belgien .... 74,000 
Holland 58,000 
Dänemark 23,000 
Schweden 61,000 
NorAA'Cgen 14,000 
Spanien 70,000 
Portugal 26,000 
Griechenland 8,000 
Ionische Inseln 3,000 
Türkei 150,000 
Zusammen 3'957,000 
Rechnen Avir dazu noch die Mannschaft der Kriegsmarine mit 
etwa 180,000 Mann, so ergibt sich, dass die Zahl derjenigen Män 
ner, deren freiAvillig gewählter oder aufgezAvungener Beruf Avährend 
des kräftigsten Alters das Kriegsgewerbe ist, in Europa die enorme 
Summe von vier Millionen entschieden übersteigt. 
Ein einziger Staat in ganz Europa unterhält keine stehenden 
Truiipen; es ist die Schweiz, welche, ungeachet ihrer geringen
        <pb n="346" />
        830 ALLGEMEINE UEBERSICHTEN - Stehende Heere. 
Volkszahl, im Falle des Bedarfes ein geübtes Milizheer von 160,000 
Mann in kürzester irist zu ihrer Vertheidignng aufzustellen vermag. 
Allerdings werden jene 4 Millionen Männer nicht sämmtlich per 
manent bei den Fahnen gehalten, sondern ein ansehnlicher Theil da 
von befindet sich jederzeit in Urlaub. Man wird aber das Höchste 
annehmen, wenn man die Hälfte der Mannschaft als beurlaubt rech 
net, zumal die Gesammtsumme öfters zu Hebungen einrücken muss 
und gerade in den Grossstaaten die Beurlaubungen am meisten be 
schränkt sind. 
Sonach bleiben noch mindestens zwei Millionen Männer, welche 
durchschnittlich permanent einer bürgerlichen Beschäftigung entzogen 
sind. Wir haben S. .Î23 die Kosten des Heerwesens der sämmtli- 
chen europäischen Staaten im Frieden zu 2168 Mill. Fr. veranschlagt. 
Volkswiithschaftlich ist aber das Opfer noch ungleich grösser, da, 
ausser der Summe, welche die Andern (die Civilbevölkerung) anfbrin- 
gen müssen, um das Militär zu erhalten, auch die gesarnmte Froduc- 
tion eingebüsst wird, welche die zum Soldatendicnste Verwendeten 
sonst liefern würden. 
Nimmt man für jene sämmtiiehen Männer im kräftigsten Alter 
nur die geringste Verdienstweise, den Taglohn, an (viele würden 
namentlich als Handwerker bedeutend mehr erwerben) ; und berechnet 
man diesen Taglohn durchschnittlich nur zu '% Frk., so ergibt sich, 
dass den europäischen Ländern, mit der Arbeit jener zwei Millionen 
Männer, täglich eine Production im Werthe von mindestens 
dritthalb Millionen Franken entzogen ist. Zieht man dabei 
noch die Einbusse der Arbeitskraft von mindestens 400,000 Cavalle- 
rie- und Artilleriepferden in Betracht, so wird der Gesammtverlust 
jährlich (bei 300 Arbeitstagen) wohl nicht bedeutend unter 1000 
Millionen, also einer Milliarde, zu veranschlagen sein. 
Derartige Berechnungen hat man schon früher, wenn auch nicht 
immer mit der nöthigen Genauigkeit, angestellt. Wesentlich neue 
und dabei im höchsten Grade beach tens werthe Seiten wurden aber 
der Sache durch den Verfasser des Buches abgewonnen : ^^MiUtärpo- 
wW gmgg MZlfzAggrgg grg^gw gfgAgwk jßggrg. Fow TFi/^g^ni 
Schulz-Bodmer. Leipzig, 1855.“ Angeregt durch die Erörterungen dos 
genannten Verfassers, kommt man zu der Frage: Wer trägt jenen 
Arbeits - oder Verdienst - Verlust? Wenn die Gesainmtheit 
die Unterhaltung stehender Heere wirklich für absolut nothwendig 
erachtet, so ist es nicht mehr denn billig, dass sie eben auch 
als Gesammtheit alle Kosten davon übernimmt. In Wirklichkeit sehen 
wh- es aber anders. Es sind vorzugsweise die Einzelnen, die bei den 
„Ziehungen“ vom Loose Betroffenen, die Ausgehobenen, welche das 
Opfer für die Gesainmtheit bringen müssen. Ihnen gegenüber leistet 
die Gesammtheit weitaus nicht, was sie unter allen Verhältnissen zu 
leisten verpflichtet wäre. Man zwingt nicht nur zu einem Stande, den 
die jungen Männer der Mehrzahl nach nicht wählen wurden, sondern 
man vergütet ihnen auch nicht einmal das Minimum dessen, was sie
        <pb n="347" />
        ALLGEMEINE EEBERSICIITEN — Stehende Heere. 
331 
in der geringsten Arbeit, als blose Taglöliuer, verdienen würden. 
Während alle andern Froluiden aufgehoben sind, besteht diese allein 
noch in der grössten und drückendsten Ausdehnung. — Nach der 
sehr einlässlichen Berechnung von Schulz sieht sich jeder Ausgehobene 
durchschnittlich um mindestens 200 Frk. oder 100 fl. im Jahre ver 
kürzt. Es wäre nicht mehr denn billig, dass die Staaten den Sold 
um solchen Betrag, d. h. um so viel erhöheten, als nöthig ist, frei 
willig Dienende in der gewünschten Anzahl zu bekommen, —wie 
dieses in England und Nordamerika thatsächlich in IJebung besteht. 
(Allerdings würde man es dabei geeignet finden, die stehenden Heere 
zu vermindern, oder sich zur Volks wehr zu bequemen.) 
Eine nähere Erörterung dieser, wenngleich hochwichtigen Punkte, 
liegt ausser dem Plane unseres Werkes. Wohl aber mussten wir 
ein factisches Verhältniss wenigstens berühren, das heute schon auf 
die socialen und auf manche statistischen Momente, selbst in der eng 
sten Bedeutung des Wortes, weit tiefer einwirkt, als man meistens 
ahnet. Eine ganz unverhältnissmässige Anzahl Auswanderer aus 
Mitteleuropa besteht notorisch aus Conscriptionspflichtigen, welche sich 
dieser Pflicht (heimlich) zu entziehen suchen. Die angeborene Liebe 
zur lleimath und die empfindlichsten Strafen (Vermögensconfiscation 
etc.) sind minder mächtig, als das Verlangen, unter den obwaltenden 
Verhältnissen sich dem Dienste in den stehenden Heeren zu entziehen. 
Wenn wir constatirt finden, dass aus einem Ländchen von nur 
etwas mehr als einer halben Million (von nicht einmal 600,000 Ein 
wohnern,) innerhalb eines Jahres 4295, innerhalb des folgenden Jahres 
sogar 5047 heimliche Auswanderungen, und zwar zumeist von Con 
scriptionspflichtigen, stattfanden (wobei die eigentlichen Desertionen 
der schon Eingereiheten nicht einmal eingerechnet sind, — siehe S. 
146 unseres Buches), — und wenn wir dabei die unabwendbaren 
Folgen ins Auge fassen, welche entstehen müssen, wenn die kräft 
igsten unter den jungen Männern ihre Heimath verlassen, und zu 
meist die Schwächlinge oder Krüppelhaften Zurückbleiben, — so 
kann die Nothwendigkeit möglichster Abhülfe der Ursache des 
Missstandes gewiss nicht zweifelhaft bleiben, und man wird diese 
Nothwendigkeit anerkennen, wenn auch, in Folge momentan ungüns 
tiger Berichte aus Amerika, die Auswanderung dahin für den Augen 
blick sich sehr verringert hat, wie solche Fluctuation en ohnehin immer 
von Zeit zu Zeit eintreten. (Eine fortdauernde Auswanderung der 
kräftigen jungen Männer, müsste schliesslich eine Verschlechterung 
des physisclien Zustandes der ganzen Bevölkerung zur Folge haben.) 
Noch eines Momentes haben wir hier zu gedenken: Die Sterb 
lichkeit ist im Allgemeinen in allen Heeren auch während des Frie 
dens weit grösser, als bei der Civilbevölkerung im gleichen Alter. 
Wir werden darüber einige Nach Weisungen in der letzten Abtheilung 
unseres Buches liefern.
        <pb n="348" />
        Í 
332 
ALLGEMEINE UEBERSIGHTEN 
Eurupa 1786. 
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        ALLGEMEINE IJEBEBSICHTEN — Europa 1812. 333 
B. Politische Statistik von Europa im Jaiu-e 1812. 
I. Das französische Kaiserreich und die von demselhon 
abhängigen Staaten. 
A. Da.s' franzlklsche A'oiserrdch ¡selbst. 
Dasselbe tun fasste : 
Las heutige Fnnih'p.ù'h . 
Belgien 
Holland . . • • • • • 
Theile des jetzigen denterhen Bundesgebiets 
(das ganze linke Rheinuter, Elb- n. W esev- 
inündungen etc.), ungefähr 
Theile von Italien (das Festland der Sar- 
din. Staaten, Parma, Theile v. Alodena, 
Toscana, Rom . 
Theile der Schweiz (Genf, Neuenbürg, Wallis) 
Gesammtgebiet 
. „ Damalige Truppen- 
q.-M. Bevölkerung macht 
9,750 30-000,000 
540 3’400,000 
640 1-800,000 
1,000 3-800,000 
1,600 5'800,000 
100 140,000 
13,600 45-000,000 660,000 
1. Das Königreich Italien . . . . 
2. lllyrien .....•• 
3. Das Königreich Westfalen 
4. Das Grossherzogthum Berg 
Zusammen ungefähr 
1,520 
1,140 
825 
315 
3,800 
C. Sonstige Vasallenstaaten. 
5. Die übrigen 33 Eheinhundstaaten (Bayern, 
Sachsen, Württemberg etc. etc.) . . 4,250 
6. Das Königreich Neapel .... 1,825 
7. Das Herzogthum Warschau . • • 2,820 
8,900 
Total, Frankreich sammt den Vasallen beiläufig 26,300 
6-500,000 50,000 
1- 530,000 
2- 100,000 30,000 
880,000 5,000 
11-000,000 85,000 
10500,000 100,000 
6 000,000 60,000 
4 000,000 60,000 *) 
19-500,000 220,000 
75-500,000 965,000 
11, Staaten unter dem überwiegenden Eindusse Frankreichs. 
1. 
2. 
3. 
4. 
Q.-M. 
Die Uelretische Eidgenossenschaft .... 620 
Ereussen **) ........ 2,800 
Oesterreich ........ 10,860 
Dänemark (mit Norwegen und Island) .... 8,800 
Zusammen ungefähr 23,000 
Bevölkerung 
1-800,000 
4-560,000 
19-000,000 
3-100,000 
28-500,000 
III. Wirklich unabhängige Staaten, 
1, Qrossbritanien ........ 5,800 18-000,000 
Vasallenstaat: Insel Sicilien ..... 500 1-700,000 
2. Russland, europäisches ...... 95,000 40-000,000 
Zusammen etwa 100,000 60’000,000 
*) Beim Beginne des Feldzugs von 1812 gegen 75,000, 
**) Preussen, das nur 42,000 Soldaten unterhalten durfte, musste für den 
Russischen Feldzug ein Contingent von 20,000, Oesterreich ebenfalls ein solches 
von 30,000 Manu stellen.
        <pb n="350" />
        334 
ALLGEMEINE EEBERSICIITEN - Sociales. 
IV. Staaten im Kampfe um Erhaltung ihrer Selbständigkeit. 
1. Spanien 8,600 10’500,000 
2. Portugal 1,700 3’500,000 
~10,300 14’000,000 
V. Sonstige Staaten ohne höhere politische Bedeutung. 
1. Schweden (ohne Finnland und ohne Norwegen) . . g OOO 2’800 000 
2. Insel Sardinien '44O 5 00 000 
s. 9,000 12 000% 
Zusammen beiläufig 17,500 15’500,000 
Z u s a m m e n s t e 11 u n g. 
I. Franhreich mit 39 FasaWewstaaten (Königreich Italien, 
Neapel, Ulyrien, Warschau u. 35 Rheinbundstaaten 26,300 75'/, Mill. 
II. 4 Staaten unter Franhreichs Einfluss (Schweiz, Preus- 
sen, Oesterreich, Dänemark) .... 23,000 28'/, 
III. 2 'wirklich unabhängige Staaten (England und Russ- 
land, sammt Vasallenstaat Sicilien) . . . lOO 000 60 
IV. 2 Staaten im Kampfe um ihre Selbständigkeit (Spa- ’ ” 
nien und Portugal) 10,300 14 
V. 3 weitere Staaten ohne politische Bedeutung (Schwe- " 
den, Insel Sardinien u. Türkei) .... 17,500 15'/,¡ „ 
Zusammen 51 Staaten mit 177,000 193'/, Mill. 
IV. Sociale, Gewerli8- und Haiidclsverlillltiiissc. 
Beschäftigungsweise der Bevölkerung der europäischen 
llauptstaaten. 
. Aus dem vorhandenen (übrigens vielfach unzuverlässigen) Mate- 
nale, folgert Reden nachbemerkte Vertheilung der Bevölkerung (nach 
Procenten der Gesammteinwohnerzahl im betreffenden Staate) ; 
Ackerbautreibende 
Grossbritanien 32 
Frankreich 62 
Russland 76 
Oesterreich 69 
Preussen 60% 
Gewerbtreibende 
46 
29 
15 
13 
Adel, Beamte 
22 Proc. 
9 
9 
18 
14 
Bezüglich Frankreichs verweisen wir übrigens auf die, nach offi- 
ciellen Daten, Seite 59 unseres Werkes gegebene Zusammenstellung, 
welche jedenfalls die grössere Wahrscheinlichkeit für sich hat, und 
deren Resultate wir nur darum hier nicht einschalten, damit die nach 
einer andern Ansicht entworfene Aufstellung nicht principiei alterirt werde. 
Zahl der Zeitungen und 
sonstigen 
Zeitschriften. 
Es erscheinen deren 1856 : 
• im 
in Oesterreich 
in Italien 
in Bayern 
in Hannover . 
in Württemberg 
Ganzen 
271 
311 
178 
89 
99 
auf 1 Mill. Einw. 
6'/, 
12% 
37 
49 
55
        <pb n="351" />
        ALT.GEMEINE UEBERSTCIITEN 
Handelsflotten. 
335 
in den Verein. Stnaten . 2800 104 
in Sachsen . . . 220 110 
in der Schweiz . . 563 224 
Del maliger We 1 than d cl. 
(Worth in 
Millionen Frinikon.) 
Grosshritanien .... 6800 
Frankreich .... 4000 
Deutschland (Hansestädte u. Zoll 
verein, ohne Oesterreich) . 3500 
Vereinigte Staaten . . . 2800 
Belgien ..... 1350 
Holland 1300 
China u. Australien . . . 1200 
Italien ..... 1000 
Oesterreich .... 1000 
Russland ..... 850 
Brasilien ..... 820 
Schweiz 
Türkei u. Aegypten 
Engl. Ostindien 
Britisch Nordamerika 
Spanien u. Portugal 
Antillen 
Holländisch Ostindien 
Scandinavien (mit Dänemark) 
Chile .... 
Argentinische Staaten 
Griechenland u. Ionien . 
Zusammen über 
750 
550 
500 
400 
400 
320 
250 
200 
150 
120 
80 
28,000 
Die Handelsflotten. 
^ Schiffe Tonnengehalt Mannschaft 
1. Vereinigte Staaten 30,000 5‘200,000 180,000 
2. Grossbritanien . 27,000 4^250,000 170.000 
3. Deutschland . * 4,700 1’000,000 32,000 
4. Frankreich . * 4,000 700,000 25,000 
5. Italien . . 19,000 540,000 98,000 
6. Holland . . * 2,000 400,000 19,000 
7. Norwegen . . 3,800 390,000 30,000 
8. Griechenland . 4,200 250,000 26,000 
9. Dänemark . . 4,300 200,000 
10. Spanien . . 1,200 200,000 
11. Russland . . 1,400 190,000 11,000 
12. Schweden . . 1,400 180,000 
13. Türkei . . 1,200 170,000 6,000 
14. Portugal . . 400 90,000 8,000 
15. Belgien . . 160 44,000 1,500 
Zusammen etwa 105,000 13’800,000 650,000 
Von den mit * bezeichneten Ländern ist nur die Zahl der 
Seeschiffe angegeben, ohne Rücksicht auf die Fluss- und die kleinen 
Küstenfahrzeuge. Entscheidend ist der Tonnengehalt der Handels 
flotten. Rczcichnond bleibt die sowohl absolute als relative Ueber- 
legenheit der Völker germanischen Stammes, wie denn Nordamerika 
und (liros.sbritanien die ersten Stellen einnehmen, und selbst das einer 
günstigen K(instenentwicklung und einer schützenden Kriegsmarine 
entbehrende Deutschland unzweifelhaft ihnen am nächsten steht; wie 
endlich auch Holland und Norwegen weit grössere Flotten besitzen, 
als man nach deren Volkszahl erwarten möchte. — Von den roma 
nischen Völkern erscheinen, die absolute Zahl genommen, die Fran 
zosen zuerst; zieht man aber die Volksmenge in Betracht, und erwägt 
man die Ungunst der Verhältnisse, unter denen sich die Italiener be 
finden, so bleibt kein Zweifel, dass diese relativ voranstehen. Einen 
verhältnissmässig äusserst bedeutenden Umfang hat auch die Marine 
des kleinen Griechenland gewannen.
        <pb n="352" />
        336 
ALLGEMEINE EEBERSICHTEN — Eisenbahnen.. 
Eisenbahnen. 
185 6 im Betriebe (in deutschen Meilen): 
Verein. Staaten 
Qrossbritanien 
Deutschland 
Frankreich 
(Preussen 
(Oesterreich 
Brit. Nordamerika 
5020 
1750 
1600 
600 
580) 
400) 
280 
Italien 
Russland . 
Belgien 
Schweiz 
Scandinavien 
Holland 
190 
133 
100 
40 
40 
30 
Zusammen etwa 10,800 
Rechnet man dazu die Bahnen in Spanien, auf Cuba, in Sud- 
Amerika, Ostindien und Afrika, so worden gegen 11,0(10 Meilen be 
reits im Betriebe stehen. Fast die Hälfte davon kommt auf Nord 
amerika. — Fs ist auffallend, dass die bedeutendsten Völker bezüglich 
der Ausdehnung ihrer Eisenbahnen genau in derselben Reihenfolge 
erscheinen, wie in Hinsicht auf die Ausdehnung ihrer Handels 
flotten. Hie Nordamerikaner stehen auch hier, und zwar weitaus, 
voran (wobei indessen die Leichtfertigkeit in ihren Bahnanlagen nicht 
übersehen werden darf). Die Briten und die Deutsclieu nehmen die 
nächstfolgenden Stellen ein und sind sich bereits ziemlich gleich ge 
kommen. Ungeachtet der Einheit ihres Staates, blieben die'Franzosen 
weit zurück. — Die Gesammtlänge der befahrenen Schienenwege würde 
schon jetzt zweimal um die ganze Erde reichen; die im Baue be 
griffenen Bahnen dürften wohl eine dritte Acquatorläuge errciçhen. 
Und doch sind noch nicht 30 Jahre verflossen seit dem Entstehen 
des ersten mit Dampfkraft befahrenen Schienenweges. 
• Ausbeute edler Metalle. 
Eine vorliegende Berechnung über den Werth der jährlichen 
Production edler Metalle seit Anfang des 16. Jahrhunderts schätzt 
dieselbe, von 50 zu 50 Jahren, annähernd folgendermaassen, in preus- 
sischen Thal er n : 
um 1500 jälu'licli 1 Mill, 
um 1550 „ 4 „ 
um 1600 „ 15 „ 
um 1650 „ 28% „ 
um 1700 jährlich 30% Mill, 
um 1750 „ 49 „ 
um 1800 „ 76 „ 
um 1850 „ 177% „ 
Dabei wird die Gesammtproduction in diesen vierthalb hundert 
Jahren so angenommen (Milk preuss. Tlialerj : 
Gold 
in Amerika . . . 2701 
in Europa exclus. Russland 140 
in Russland . . . 300 
in Afrika u. den Sunda-Inseln 680 
Silber Zusammen 
7307 10,008 
530 670 
88 388 
— 680 
Zusammen 3821 7925 11,746 
Vorrath aus dem Mittelalter 80 200 280 
Total ÜÖl 8Ï25 Î2^26~ 
Dem Wer the nach . , 33 % 67% 
Gewicht in Kölner Mark 17'977,699 580’334,544 
Dem Gewichte nach . 3% 97% 
1848 begann die Goldausbeute in Californien, 1851 jene in Au 
stralien. Die Ergebnisse der ersten Jahre stellten sich folgendermassen :
        <pb n="353" />
        22 
ALLGEMEINE UEBERSTCHTEN — Goklproduction. 
337 
Zusammen 
25,000 Mark 
150,000 
360,000 
400,000 
955,000 
1'000,000 
Goldproduction in Californien Australien 
1848 ungefähr 25,000 — 
49 „ 150,000 — 
50 „ 360,000 — 
51 „ 450,000 40,000 
52 „ 455,000 500,000 
_ 53 „ 450,000 550,000 
Eine weitere Bereclinung gibt bezüglich der beiden jüngstver- 
Hüsscnen Jahre folgende Ausbeute an — nach Dollars; 
1854 1855 
in Californien 57’742,272 58’111,446 
in Australien 42’871,648 57’953,552 
Seit dem Beginne der Goldentdeckung sind, zufolge dieser letzten 
licrcclmung, gowoimcn worden : toetochnlttl» 
im Ganzen per Jahr 
in Californien von 1848 bis Ende 55 356 345,000 50'906,429 Doll. 
in Australien von 1851 „ „ 55 229’934,000 57’483,500 „ 
Zusammen 586’279,000 108’390,000 Doll. 
Die Ausprägung in Gold während der 7 Jahre 1848—54 be 
trug in den Münzanstalten der Hauptstaaten, nach Mill, preuss. Thlr. : 
Gold Silber Zusammen 
in England . . . 234,2 9,3 243,5 
Frankreich . . . 347,7 146,2 493,9 
den Verein. Staaten . 383,9 36,5 420,4 
Russland . . . 142 28 170 
Zus. Mill. Thlr. 1107,8 220 1327,8 
Es liegt unbedingt in der Natur der Dinge begründet, dass mit 
einoi solchen andauernden enormen Vermehrung der Goldmasse, der 
relative und der absolute Preis dieses Metalles herabsinken muss. 
Entscheidend ist hiebei der Umstand, dass die Mühe und (pach Geld 
bemessen) der Preis (des gewöhnlichen Arbeitslohns) für die Gold 
production durchaus nicht mehr im Verhältnisse steht zu dem gewonnen 
werdenden Nominalwerthe. Als natürliche und unabwendbare Folgen 
müssen sich namentlich einstellen: Verminderung des Goldwerthes im 
Verhältnisse zum Silberwerthe; sodann, wo Gold-neben Silberwährung 
besteht: Verdrängen des Silbers; endlich, wo überhaupt Gold als 
Zahlungsmittel gilt: Steigen aller Preise. 
Es bat seine volle Richtigkeit, dass sich ein Theil dieser Ver- 
ändeiungen bis jetzt nocir keineswegs in sehr hohem Grade bemerkbar 
macht. Wenn mau aber daraus folgern will, dass dieselbe überhaupt 
gar nicht cintreten werde, so Übersicht man, dass derartige Umge 
staltungen nicht augenblicklich alle gewohnten und angenommenen 
Preis- und sonstigen Verhältnisse umzuwandeln vermögen, sondern 
dass hiezu eine nicht unansehnliche Zeitdauer erforderlich ist; man 
vergisst überdies, dass gerade während der letzten Jahre ausseror 
dentliche Verhältnisse obwalteten, in denen Krieg, Theuerung und 
eine Ueborfüllc neuer, selbst der schwindelndsten Unternehmen, das 
jenige Verhäliniss störten, welches ohne diese Momente (die nicht 
immer fortwirken können) eingetreten sein würde. Das Sinken des 
Werthes der s. g. edlen Metalle in Folge der Entdeckung Ameadkas 
ging auch nichts weniger als rasch, allein es ging nichts destoweni-
        <pb n="354" />
        ALLGEMEINE UEBERSICHTEN — Goldproductîon. 
ger ganz bestimmt, nachhaltig, und zuletzt am Ergebnisse thatsäch- 
lich nachweisbar, vor sicli. Wie vorauszusehen wird es wieder in 
ähnlicher Weise gehen. 
Der relative Werth des Goldes zum Silber ist bei den Ausmün 
zungen der Hauptstaaten folgendermaassen angenommen: 
in Frankreich wie 15,5 zu 1 
England „ 15,28 zu 1 
Spanien „ 15,75 zu 1 
Portugal „ 15,48 zu 1 
Russland „ 15 zu 1 
den Verein. Staaten „ 15,98 zu 1 
Beinahe unvermeidlich drängt sich die Frage wegen der Gold 
währung auf. Der geschickteste unter den Wortführern für deren 
Annahme, Dr. Soetbeer in Hamburg, stellte verschiedene Berechnungen 
auf, deren Resultate, ganz abgesehen von der zunächst vorliegenden 
Frage, also an und für sich schon, so interessant sind, dass wir die 
selben hier wenigstens in Kürze mittheilen zu sollen glauben. 
Nach Soetbeers Untersuchungen hat sich seit Entdeckung der 
neuen Goldschätze bei den wichtigsten Artikeln des überseeischen 
Handels keine Preiserhöhung, sondern vielmehr eine Preis er mäs- 
sigung ergeben; thcucrer wurden nur die Nahrungsstoffe und die 
edeln Metalle. Die Mittelpreisc aus den Jahren 1831 — 40 zum 
Maassstabe genommen, (und als 100 gerechnet), ergaben sich — 
Soetbeer zufolge — nach den Hamburger Preislisten folgende Ver- 
hältnisszahlen : 
Nahrungs- 
Stoffe 
Weinbau- 
Produkte 
Metalle 
Ucberseeische 
u. europ. 
Produkte 
Ueberseeisohe 
Produkte 
Europ. Produkte 
18’'/4o 
Weizen 100,0 
üchsenfleisch 100,0 
Wein 
Korinthen 
Rosinen 
Blei 
engl. Eisen in S 
Häute 
Wolle, mckl. W. 
Reis, Java 
Seide, rohe 
Rohzucker 
Zucker, Raff. 
Tabak 
Baumwolle 
Kaffee 
Thee 
Indigo 
Blauholz 
Leinen, Platill. 
100,0 
100,0 
100,0 
100,0 
100,0 
100,0 
100,0 
100,0 
100,0 
100,0 
100,0 
100,0 
100,0 
100,0 
100,0 
100,0 
100,0 
IS^'/so 1854 1855 
120.7 192,6 212,7 
119,5 161,4 183,0 
77.5 121,2 140,8 
72,9 173,5 181,7 
99.5 165,7 126,6 
107.7 183,6 161,0 
91.2 122,6 113,4 
81,0 100,6 109,0 
81.8 92,5 100,0 
85,0 91,3 101,7 
100,0 93,5 91,4 
83.3 87,6 90,7 
8^4 7^2 8^4 
99,0 84,5 84,9 
72.4 83,4 63,6 
68.5 89,6 83,0 
110.7 90,3 85,7 
83.9 85,8 90,7 
85,2 98,0 92,2 
65,4 60,0 59,3 
Die Erhöhung der Frucht- und Fleischpreisc findet nach Soetbeer in der 
Aufliebung der Zölle in England, in den schlechten Ernten, in der Sperrung der 
Zufuhren aus dem Osten, und in dem Kriegsbedarf allein schon eine sehr natür 
liche Erklärung. Die Erhöhung der Weinpreise ist durch die Traubenkrankheit 
hinreichend begründet. Der vermehrte Bedarf an Metallen für die Industrie, für 
Eisenbahnen, Schifffahrt und Kriegsbedarf, ist nicht weniger durch die Umstände 
erklärt, und es entsteht umgekehrt die Frage, wodurch das Sinken aller Produkte,
        <pb n="355" />
        ALLGEMEINE UEBERSICHTEN — Goldwährung. 
339 
welche durch den überseeischen Handel auf dem Markte Hamburgs zu concurrí- 
ren haben, veranlasst sein kann. Besonders wichtig ist, dass bei denjenigen 
Waaren europäischen Ursprungs, welche mit den überseeischen Produkten zu 
concurriren haben, die Preise ziemlich gleich geblieben sind, wie bei den Häuten, 
der Wolle, dem Reis sich zeigt, während die wichtigsten Einfuhrartikel, wie 
Seide, Thee, Kaffee, Tabak, Indigo, Baumwolle, eine Preisverminderung erfahren 
haben. Es ist hieraus die für den Metallhandel wichtige Schlussfolge zu ziehen, 
dass die Produkte des überseeischen Verkehrs durch die vermehrte Goldproduk 
tion eine Preissteigerung nicht erfahren haben, während eine Entwerthung der 
Metalle sich zuerst bei diesen Produkten hätte zeigen müssen. Die Untersuchun 
gen über die seit 1830 beobachtete Werthrelation zwischen Gold und Silber ge 
ben nun weitere wichtige Anhaltspunkte über die Wechselwirkung, in welcher 
die Preise der edlen Metalle mit dem Münzsystem stehen. Die Preise der edlen 
Metalle auf den Börsen von London, Paris und Hamburg geben für die Periode 
von 1831 bis 1847 eine Werthrelation von 1 : 15,72, und die Curse bewegen 
sich zwischen der in Frankreich bestehenden gesetzlichen Bestimmung von 1 : 15,5, 
und dem in den nordamerikanischen Freistaaten in dieser Zeit gesetzlich be 
stimmten Werthverhältniss von 1 : 15,98, und zwar dem Mittel der beiden ge 
setzlichen Bestimmungen 1 : 15,74 ziemlich genau entsprechend. Eine Verglei 
chung der Geldkurse von 1848 bis 1855 zeigt folgende Verhältnisse; 
Werth Verhältnis 8 von Silber zu Gold. 
18»%; Silber 
Gold 
1848 Gold 
1849 
1850 2 Quartale 
1850 2 Quartale 
1851 2 „ 
1851 2 „ 
1852 4 „ 
1853 2 „ 
1853 2 „ 
1854 4 „ 
1855 4 „ 
Hamburg London 
1: 1 : 
15,64 15,79 
15,84 15,79 
j 15,72 15,72 
I 15,33 15,38 
I 15,41 15,52 
15,27 15,35 
Die Unruhen von 1848 u. 49 vermehren die Nachfrage nach Gold, und die Preise 
des Goldes steigen, bis das californische Gold die Gemüther in Aufregung bringt. 
Die von der holländischen Regierung ausgeführte Aufhebung der Goldwährung 
bringt mit dem Münzgesetz vom Juni 1850 eine plötzliche Entwerthung des 
Goldes hervor, die Goldkurse sind so lange gedrückt, bis die Umwechslung des 
Goldes in Silber bewerkstelligt ist. Nach Beendigung dieser Operation hebt sich 
der Goldpreis, bis im Februar 1853 die nordamerikanischen Freistaaten Silber- 
ausmünzungen von % Dollar anordnen, welche um 7 Proc. weniger Silber ent 
halten, als die bisherigen ganzen Dollars, und dem Werthverhältniss von 1 : 14,88 
entsprechen. Nachdem vom Juni 1851 bis Juni 1853 das Werthverhältniss sich 
dem gesetzlichen Werthverhältniss in Frankreich von 1 : 15'/j ziemlich gleich 
gestellt hat, steigert sich mit dem Eintritt dieser Ausmünzungen vom 3. Quartal 
1858 an der Silberpreis in Nordamerika. Die Ausmünzungen in diesen verrin 
gerten Silbermünzen haben in den Jahren 1853 u. 54 gegen 18 Millionen Dollars 
betragen. Diese Silbermünze dient als Scheidemünze, und die Silberankäufe für 
diesen Zweck wirken auf die Silberpreise des europäischen Marktes, wie es ge- 
schelyan müsste, wenn Frankreich grössere Quantitäten von Scheidemünzen in 
Silber prägen würde. Es ist nicht zu erwarten, dass die Ausmünzungen von 
% Dollars so weit ausgedehnt werden sollten, um eine bleibende Preiserhöhung 
des Silbers zu begründen ; in den letzten Jahren hat aber eine bedeutende Silber 
ausfuhr nach Asien stattgefunden, und es ist die Besorgniss von Soetbeer in 
Uebereinstimmung mit den französischen Nationalökonomen Chevalier und 
Co chut ausgesprochen worden, dass alles europäische Silber dahin werde aus 
geführt werden, wenn nicht die Regierungen Maassregeln dagegen ergreifen,
        <pb n="356" />
        340 
AIXOxEMEINE UEBERSTOHTEN — Goldwährung. 
welche Soetbeer in der Annahme der Goldwährung findet. Das wichtigste 
Moment für die Annahme der Goldwährung erblickt Soetbeer in dem gesteigerten 
Bedarf an Circulationsmittehi, welchem der vorhandene Silbervorrath und die 
jährliche Ausbeute nicht mehr soll entsprechen können. Diesem Mangel an Silber 
schreibt Soetbeer den seit Monaten in Hamburg bestehenden und seit langer 
Zeit unerhört gesteigerten Disconto von 5 bis 7 Broc, zu, welchem Mangel an 
Circulationsmitteln nach seiner Ansicht durch Einführung der Goldwährung be 
gegnet würde. 
So weit die Soctbeerschen Erörterungen. Indem wir wiederholt 
daran erinnern, dass es hier gar nichts beweisen könnte, wenn in 
den wnmigen Jahren seit Entdeckung der Californischen, und in den 
noch wenigeren Jahren seit Entdeckung der Australischen Goldschätze, 
noch gar keine Umgestaltung in den Preis Verhältnissen bemerkbar 
wäre, weisen wir darauf hin, dass selbst unter den anssorordcntlichen 
Verhältnissen der letzten Jahre, — ungeachtet eines, ans bekannten 
Gründen den Goldpreis bedeutend steigernden Krieges, dieser Gold- 
})reis dennocli, Soetbcers eigenen Berechnungen zufolge, im Verhält 
nisse zum Silber, sehr wahrnehmbar herabgesunken ist; und es 
wird keine Argumentation ansreichen, die voraussichtlich ointretende 
Thatsache eines weiteren sehr ansehnlichen llerabgehens abzuwenden, 
sobald die aussergewöhnlichen Verhältnisse ihr Ende erreicht haben 
werden. Zu den aussergewöhnlichen Verhältnissen rechnen wir ins 
besondere den ungeheuren Gold bedarf, der sich dadurch ergab, dass 
namentlich in Frankreich fast die Gosammtsumme der Silbermünzen 
verdrängt ward. Es ist auffallend, wie Soetbeer diesen gewaltigen 
Moment übersehen konnte, währcjid er den viel weniger wichtigen 
der Abschaffung der Goldwährung in Holland so sehr betont. Wären 
nicht so colossale Summen von Gold zum Ersätze für das verdrängte 
Silbergeld erforderlich gewesen ; wären nicht gleichzeitig eben dadurch 
so bedeutende Quantitäten Silbers disponibel geworden ; und wäre 
endlich nicht der Krieg dazu gekommen, — so würde augenschein 
lich der Preis des Goldes ini Verhältnisse zum Silber viel tiefer he 
rabgegangen sein. Was aber Soetbcers Hauptgrund für Annahme 
der Goldwährung betrifft, nämlich den hohen Disconto in Hamburg, 
so beruht derselbe auf einer, bei diesem erfahrenen Verfasser kaum 
begreiflichen völligen Misskennen des ganzen Wesens des Disconto. 
Ohne hier in eine nationalökouoinische Erörterung über diesen Punkt 
einzugehen, wird die unbedingte llnlialtbarkeit jener Argumentation 
auch dem Nichtnationalökononien klar werden, wenn wir erinnern, 
dass in New-York, in London und in Paris, wo überall Goldwährung 
angenommen ist, der Disconto nichts destoweniger ein sehr hoher war 
und ist, dass derselbe aber im Gegentheile zu Frankfurt entschieden 
niedriger steht, — nicht weil, sondern — obwohl dort nur Sil 
ber Währung gilt. Konnte es denn übrigens anders kommen, als 
dass Geldmangel und damit auch Discontoerhöhung eintrat, nachdem 
so viele Tausende, in der Hoffnung auf die glänzendste Agioerndte, 
sich weit über ihre Mittel in die mannigfaltigsten financiellen Unter 
nehmungen gestürzt, und nun, da die gehofften Käufer für die neuen 
Papiere fehlen, statt ihrer aber die Termine zu den Einzahlungen
        <pb n="357" />
        ALLOEMEINTO UEBERSICHTEN — Goldwährung. 341 
herankommen, genötliigt sind, in enormster Ausdehnung A ti 
le lien zu machen, unter Verpfändung aller Papiere, die sie auf 
treiben können, der guten, wie der schlechten, so dass die Nachfrage 
nach Geld aufs Unerhörteste gesteigert ist, wie niemals zuvoi\ 
Es liegt ein seltsames Verkennen aller Verhältnisse zu Grunde, 
wenn man wähnt, die Annahme der Goldwährung könne iigendwie 
die Folgen von Misserndten, die Folgen eines ungeheure Werthe ver 
nichtenden Krieges, und endlich auch noch die heigen übertiicbenei 
und selbst bodenloser Projecte und Unternehmungen kurzweg aus- 
gleichen und annulliren. Schon ist man da und dort zu der Einsicht 
gelangt, dass — da das schlechtere Zahlungsmittel immer das bessere 
verdrängt, wenn man das erste überhaupt zu hoch annimint, — dass, 
sagen wir, ebenso wie das Silber durch das Gold, nun auch schon 
dieses durch relativ noch viel werthlosere Papiere verdrängt zu werden 
droht. Darum fehlt an so vielen Börsen nicht nur das Silber, sondern 
auch das Gold. Die Behauptung, dass es nur an Silber mangle, dass 
dieses verschwinde u. s. f., widerlegt sich aufs Evidenteste gerade 
durch das, was Soetbeer und andere Fürsprecher der Goldwährung 
wirklich nachgewiesen haben, nämlich durch das bisherige geringe 
Sinken des Goldwerthes. Wenn man, ungeachtet der Goldvermehrung, 
dennoch heute mit einem Pfunde jenes Metalls beinahe dieselbe Quan 
tität Silber bekömmt, wie vor 10 Jahren, so ist es augenscheinlich, dass 
das Silber nicht viel ,,rar’er‘‘ geworden sein kann, wobei wir allerdings 
die Miteinwirkung der Silberverdrängurrg arts Frankreich anerkennen. 
Das Geld hat zu dienen als Maassstab und als in sich selbst 
ausreichend werthvoller Repräsentant von W er then. Die Arimuthung, 
Goldwährung in dieser Zeit einzuführen, steht vollkommen gleich der 
Anforderung: das Urraaas für Längeverhältnisse inskünftige aus Gummi 
elastic um anzufertigen, als hiezu am allergeeignetsten. Will man 
einen Maassstab haben, so muss vor allem dieser Maassstab selbst mög 
lichst fest, er darf nicht selbst dehirbar sein in unberechenbarer Grösse. 
Wenn die Goldausbeute, wie es allen Anschein hat, fortdauern 
oder gar noch sich vergrössern wird, so müsste die Goldwährung 
zwar langsam aber unabwendbar, eine vollständige Umwälzung in al 
len Preis- und den meisten Vermögensverhältnissen herbeiführen. Die 
mit Schulden überbürdeten Staaten erhielten eine entschiedene Erleich 
terung auf Kosten ihrer Gläubiger; ebenso alle diejenigen Schuldner, 
deren Gläubiger ihnen nicht sofort das Capital kündigten, um dasselbe 
auf andere Weise anzulegen. Am empfindlichsten müssten aber die 
kleineren Gewerbtreibenden und die blosen Arbeiter unter 
einer solchen Veränderung leiden. Die tägliche Erfahrung beweist es, 
dass man diesen den Lohn niemals sogleich beim Beginne eines 
Theuererwerdens erhöht. Erst wenn die Theuerung schon längere 
Zeit hindurch sich fühlbar gemacht hat, werden Zulagen, 
Lohnerhöhungen, bewilligt, welche aber höchstens für den momentanen 
Stand der Preise ausreichen, keineswegs nach einer immer weiter ge 
henden Vertheuerung in der nächsten und in der entfernteren Zu 
kunft bemessen werden.
        <pb n="358" />
        342 
ALLGEMEINE UEBEESICHTEN — Unedle Metalle. 
Es lässt sich nicht verkennen, dass das Entfernthalten der Gold 
währung mancherlei Unbequemlichkeiten für viele Geschäftsleute mit 
sich bringt. Allein dieser Nachtheil ist unverhältnissmässig geringer, 
als es der entgegengesetzte sein würde. Darum thun nicht nur 
Deutschland und die Schweiz sehr wohl, an der Silberwährung fest 
zuhalten, sondern es war auch von Holland und Belgien geradezu 
weise gehandelt, vor den bedeutenden Opfern nicht zurückzuschrecken, 
um die dort bis dahin gültige Goldwährung abzuschaffen, und aus 
schliesslich zur Silberwährung überzugehen. 
Man lasse sich nicht täuschen durch die Einrede: es fehle an 
Circulationsmitteln. Das vorhandene Gold kann im einen wie im 
andern Falle als Circulationsmittel dienen: aber gleichsam als W a are, 
mit wechselndem Course, nach seinem jeweiligen Marktpreise, oder — 
nach der gewöhnlichen (wenn gleich wissenschaftlich unrichtigen) 
Ausdrucksweise: —nach seinem jeweiligen relativen W er the. Jonen, 
die sich ohne genügende Mittel in die colossalsten Speculationen 
gestürzt haben, und welche nichts als Papiere von zweifelhaftem 
innerm Werthe besitzen, würde auch die Goldwährung die ihnen feh 
lenden Fonds keineswegs verschaffen. 
Ausbeute unedler Metalle und Mineralien in Europa. 
Den obigen Angaben über die Ausbeute edler Metalle in Cali 
fornien und Australien, lassen wir eine gedrängte Uebersicht der 
Minenausbeute in Europa folgen, deren weitaus wichtigsten Producte 
in Steinkohlen und Eisen bestehen, und deren wirklicher, abso 
luter Werth nicht, wie jener des Goldes, herabsinkt. Es betrug der 
Verkaufspreis der Minenausbeute 
in England*) (1854) ungefähr 190 Mill. Thlr. 
in Frankreich (1852) „ 35 „ „ 
in Belgien (1850) „ 19 „ „ 
in Spanien (1854) „ 15 „ „ 
in Preussen (1854) „ 81 „ „ 
*) Siehe das Nähere S. 4. 
Circulirendes Papiergeld. 
ln Deutschland waren beim Beginne des Jahres 1856 in Pa 
piergeld der Staaten, Eisenbahnen und Banken (siehe S. 135) unge 
fähr 417 Mill. Thlr. in Circulation. — In Frankreich befanden sich, 
laut Rechenschaftsbericht vom März 1856, 619T11,700 Fr. in Papier 
im Umlaufe. — In Grossbritanien am 22. Dez. 1855: 36’572,700 
Pf. St. — In den Verein. Staaten am 1. Jan. 1856: 236’210,000 
prensa. Thlr. Dies ergibt in Millionen preus. Thlr. : 
262 Mill. Oesterreichische Banknoten, 
155 „ andere deutsche Banknoten und Staatspapiergeld, 
165 „ Französische Banknoten, 
249 „ Britische Banknoten, 
236 „ Nordamerikanische Banknoten, 
1066 Mill, preuss. Thlr. 
Im Laufe des Jahres 1856 hat sich die Summe bekanntlich sehr 
stark vermehrt. Es mag gestattet sein, wenigstens eine kurze Be-
        <pb n="359" />
        ALLGEMEINE UEBERSICHTEN — Papiergeld. 
343 
merkung über die, allerdings wie Pilze aus der Erde gewachsenen 
Banken und sonstigen Greditanstalten, hier anzureihen. 
In Wirklichkeit hat sich ein Schwindel und eine Schwindelei 
eingestellt, so intensiv als zu Law's Zelt, aber von unendlia grösserer 
Ausdehnung, indem die Krankheit diesmal gleichsam alle Classen und 
Stände, und zwar in allen Orten, allen Ländern des gesammten Eu 
ropa ergriilen hat. Alles, was wir S. 327 über die Schwindeleien bei 
neuen Staatsanlehen sagten, gilt vollkommen in gleiclmr Weise von 
so vielen Bank-, Credit- und andern ähnlichen Gesellschaften, obwohl 
dieselben unter den verschiedensten Namen auftauchten. Auch werden 
die härtesten Verluste schliesslich nicht ausbleiben. 
Indessen wäre es ein entschiedener Irrthum, wenn man alle 
diese Unternehmungen ohne Ausnahme nur als schädlich ansehen 
wollte. Wie viel auch häufig gefehlt, wie maaslos geschwindelt, 
wie unverschämt getäuscht und betrogen ward : — trotz alledem wer 
den viele der neuen Institute dazu beitragen, eine Umgestaltung in 
Verkehrs-, Circulations- und Creditverhältnissen zu vermitteln, — eine 
Umgestaltung, welche mehr und mehr nothwendig und (wie man auch 
über ihren Werth denke) factisch unabwendbar wird. 
Noch ist der mittelalterliche Begriff keineswegs beseitigt, wekher 
nur im Grund und Boden ein gesichertes festes Besitzthuin erblickt. 
Noch gilt daneben der industrielle Besitz vielfach als unsicher und 
unsolid. Jenes Vorurtheil zu Gunsten des _ Grund und Bodens ist 
erkauft dadurch, dass auch der Werth dieses Grund und Bodens 
beinahe immobilisirbar gehalten wird. Aber auch der Werth der 
Immobilien soll mobilisirbar, verwendbar gemacht werden können. 
Dies eine der vielen Aufgaben der neuen Institute oder eines 1 heiles 
derselben (bis jetzt erst zum kleinsten Theile gelöst durch die alteren 
Hypothekenbanken). Die wichtigsten Aufgaben aber werden bedingt durch 
die ungeheuere neuzeitliche Ausdehnung der Industrie, nicht der ima 
ginären, phantasmagorischen (welche wir so sehr verdammen, als 
irgend Jemand), sondern der wirklichen, soliden, reellen Industrie. 
Wenn man vielfach spottend darauf hingewiesen hat , wie nicht nur 
in Ilaupthandelsplätzen, zu Frankfurt, Hamburg, Leipzig, sondern in 
Winkelplätzen, wie Dessau, Meiningen, Gera, Luxemburg, Jassy u. s. t. 
Bankinsitute entständen, so hatte man in vielen einzelnen Fallen ge 
wiss recht, über Schwindelei zu klagen, welche einzelnen neuen An 
stalten zu Grunde liege; gewiss war es vielfach nur auf Agiotage, 
sogar auf ein Prellen jener Gimpel abgesehen, welche, ohne eine Ah 
nung von den Gegenständen des neuen Unternehmens, Hunderttausende 
in das Blaue hinein an Agio bezahlten. Allein die Kleinheit der 
Orte (der oben genannten, und ebenso aller andern) vermag keines 
wegs den Beweis zu bilden, dass Creditanstalten hier nicht auf solidem 
Grunde bestehen könnten oder sollten. Diese Ansicht finden wir 
längst thatsächlich widerlegt in der Schweiz. Schon vor dem 
neuzeitlichen Schwindel, und ganz gewiss vollkommen ohne denselben 
auf den solidesten Grundlagen, bestanden und bestehen Banken nicht 
blos zu Genf, Basel und Zürich, sondern auch in St. Gallen und
        <pb n="360" />
        344 ALLGEMEINE UEBERSICHTEN — Banken. 
Bern, ja sogar in Freiburg, in Frauenfeld, in Liestal und — in Gla 
rus, — dem Hauptorte jenes Kantönchens von 30,000 Menschen, 
dessen ganze Regierung mit 2875 Frkn. Kosten jährlich geführt wer 
den kann (siehe Seite 247). 
Es lässt sich sonach nicht Alles durch einen einzigen Ausspruch 
erledigen, sei derselbe billigend oder tadelnd; sondern jedes Institut 
ist besonders zu beurtheilen, nach seinen Strebungen, seinen speciellen 
Verhältnissen und seinen Mitteln. Allerdings aber kann man mit 
vollem Rechte von vorn herein vor allen jenen Unternehmungen ohne 
Unterschied warnen, welche — sei es ausschliesslich oder blos vor 
zugsweise — entweder durch das bequeme Mittel der Banknoten- 
Emission (Zettelbanken, zumal ohne vollkommen ausreichende Deckungs 
mittel), oder durch Agiotage Gewinn zu machen suchen. Wenn ein 
giossartiges (Kreditinstitut ein industrielles Unternehmen unter seine 
Fittiche nimmt, so mag dies zwar vollkommen genügen, die Action 
einer derartigen Anstalt sofort recht ansehnlich in die Höhe zu treiben ; 
allein die Erfahrung wird bald genug darthun, wie eine solche Pro 
tection keineswegs ausreicht, um verfehlte, um schlechte und schwin 
delnde Unternehmungen in gute, zweckmässige und solide zu ver 
wandeln. Mag man auch durch künstliche Zifferngruppirung, oder wie 
sonst immerhin, vorerst eine glänzende Rente zur Schau stellen : der 
wirkliche Reinertrag wird am Ende fehlen, bei der Protection durch 
ein grosses Geldinstitut gerade ebenso, wie ohne dieselbe. Auch scheint 
man völlig übersehen zu haben, dass zwei, drei oder noch mehr Unter 
nehmungen, deren jede einzeln sich schlecht rentirt, durch das Factum 
der Vereinigung, der „Fusion,“ an sich noch gar nicht zu gut ren- 
tirenden werden. Und doch Hess sich ein Theil des Publikums auch 
schon durch dieses Mittel verleiten. Action auf hohes Agio empor zu 
schwindeln, während es bis zu diesem Momente die Papiere aller 
derjenigen Gesellschaften nicht einmal tief unter dem Nennwerthe hatte 
kaufen mögen, die nun vereinigt auf einmal eine Goldgrube werden 
sollen ! 
Die wichtigsten sog. Colonialproducte. 
a. Baumwolle. 
Von allen Naturproducten findet die Baumwolle nach dem Ge 
treide die ausgedehnteste und allgemeinste Benützung. Der Verbrauch 
derselben in Indien, China und Japan — diesen Ländern, welche 
mehl als die Hälfte der gesamniten Menschen zahl auf Erden umfassen, 
und deren Bevölkerung sich zum Theil ausschliesslich in Baumwolle 
kleidet — lässt sich kaum annähernd schätzen. Die Quantität, 
welche überhaupt in den uns bekannten Handel kommt, wird zu 16 
Millionen Centner jährlich veranschlagt. Davon produciren die Ver 
einigten Staaten allein zwei Drittheile; 1'850,000 Ctr. kommen aus 
Indien in den europäischen Verkehr; l'l00,000 aus dem übrigen 
Asien, und 650,000 aus Mexico, Brasilien und den sonstigen Ländern 
Südamerikas. Der Schatzsecretär der Vereinigten Staaten stellte für 
die Production der Union folgende Schätzung auf:
        <pb n="361" />
        ALLGEMEINE ÜEBERSICHTEN — Colonialproducte 
345 
Centner 
1805—7 einschliesslich, zusammen 1’379,920 
1809—11 
1812—14 (Krieg) 
1821—23 
1849—51 
1852 
1855 , 
„ 2’063,100 
„ 657,260 
„ 4’432,920 
„ 25'892,210 
allein 10’932,310 
„ 10’084,246 
Ungefährer Werth 
33 Mill. Doll. 
^ n 
^ M » 
64 „ „ 
250 „ 
87 « » 
88 M n 
Wie colossal die Production gestiegen ist, mag man daraus ent 
nehmen, dass das Gesammterzeugniss der Vereinigten Staaten im Jahre 
1800 erst 40,000 Ballen (zu 4 Ctr.) betrug. Für 1856 schätzt man 
dagegen die Production auf 3’200,000 Ballen, angeblich im Werthe 
von 148 Mill. Doll., was den Werth der Goldausbeute von Californien 
und Australien zusammengenommen weit überträfe. Von jener Quan 
tität werden bereits ausgeführt sein oder es werden: 
nach Frankreich ..... Ballen 500,000 
_ Deutschland, der Schweiz etc. . 475,000 
„ England ..... 1’800,000 
Verbrauch der Verein. Staaten selbst . 700,000 
Zusammen 3’475,000 
Der Ausfall der diesjährigen Erndte im Verhältniss zum Bedarfe 
kann hinlänglich durch den Vorrath vom vorigen Jahre ergänzt werden. 
Mit der steigenden Cultur nimmt auch der Verbrauch der Baum 
wolle zu. In England kommen auf den Kopf über 24 Pfund jähr 
lich, in der Türkei und andern Ländern gleicher Civilisation oder 
gleicher Barbarei nur etwa 2—2V2 Pbmd. 
In der Zeit von 1735 — 1749 verarbeitete England jährlich nur 
eine Million Pfund Baumwolle, jetzt über 700 Milk, sonach dermalen 
mehr an einem Arbeitstage, als zu jener Zeit in zwei Jahren. 
Vermittelst der Maschinen liefert ein Arbeiter oder eine Arbei 
terin so viel Gespinnste, als 95—100 indische Handspinncrinnen zu 
sammengenommen. Obwohl nun eine indische Spinnerin blos den fast 
unglaublich kärglichen Lohn von etwa einem Franken wöchentlich 
erhält, während in England die Arbeiter, einschliesslich der Frauen 
und Kinder, im Durchschnitte zwei Franken täglich verdienen, so 
vermögen unter diesen Verhältnissen dennoch die bis zum Aeussersten 
wohlfeilen Indischen, mit den sehr theuern Englischen Arbeitern nicht 
zu concurriren. 
b. Zucker. 
Die Zuckerproduction in den letzten Jahren wird so 
1854 
Tonnen 358,000 
48,000 
Cuba .... 
Porto-Rico 
Brasilien ..... 80,000 
Louisiana ..... 221,000 
Französisolie Colonien . . . 81,000 
Ilolländisclies und Dänisches Westindien 18,000 
Britisches Westindien . • • 172,200 
Britisches Ostindien • • • 39,000 
Mauritius ..... 82,300 
Java ...... 100,000 
1855 
380,000 
40,000 
95,000 
173,000 
85,000 
18,000 
170,000 
37,000 
63,000 
85,000 
geschätzt: 
1856 
400,000 
50,000 
100,000 
125,000 
85,000 
18,000 
175,000 
39,000 
80,000 
80,000
        <pb n="362" />
        m 
s-x,*.' 
346 
ALLGEMEINE UEBERSICHTEN — Colonialwaaren. 
1854 1855 1856 
Philippinen, Siam, China . . 30,000 30,000 35,000 
Andere Länder .... 184,000 148,000 170,000 
Zusammen 1’414,900 1’324,000 1’367,000 
Den Verbrauch berechnete man für 1855 so; 
Grossbritanien Tonnen 418,000 
Vereinigte Staaten .... 380,000 
Mitteleuropa j g^ker 
Britische Colonien (Canada etc.) . 20,000 
Portugal 10,000 
Scandinavien 9,000 
Mexico u. Südamerika . . . 16,000 
Spanien 70,000 
Russland 15,000 
Alle andern Länder (Cuba etc.) . 30,000 
Zusammen 1’381,000 
Bei gleich bleibendem Verbrauche im Jahre 1856, stünde sonach 
die Production um 24,000 Tonnen hinter der Anforderung, dem Be 
dürfe, zurück. 
c. Kaffee. 
Produktion 1855 Verbrauch 1855 
Brasilien . . Mill. Pfund 320 
Java 110 
Hayti 35 
Ceylon 35 
Laguayra .... 30 
Cuba und Porto Rico . . 25 
Sumatra .... 10 
Costa Rica .... 5 
Mokka .... 5 
Englische Colonien . . 5 
Franz, u. holländ. Westindien 3 
Manilla .... 2 
Zusammen 585 
Verein. Staaten . Mill. Pfund 200 
Frankreich u. Südeuropa . 110 
Zollverein .... 100 
Holland u. Belgien . . 80 
Oesterreich .... 65 
Grossbritanien ... 33 
Scandinavien ... 25 
Russland . . . . 15 
Zusammen 628 
V. Aii-swürtlge Be.sUziiiig:eii europäischer Staaten« 
Grossbritanien, siehe S. 28 
Frankreich 
Russland 
Holland 
Dänemark 
Schweden 
Spanien 
Portugal 
Türkei 
64 
66 
262 
263 
270 
284 
287 
294 
Q.-M. 
144,000 
5,300 
275,000 
32,000 
190 
3 
5,000 
26,500 
76,000 
Bevölkerung 
162’500,000 
3’165,000 
3’000,000 
12’200,000 
50,000 
18,000 
5’000,000 
2700,000 
20’000,000 
Zusammen etwa 565,000 209 Mill. 
Indessen ist -es augenscheinlich, dass nicht nur diese Ziffern 
vielfach auf sehr unzuverlässigen Schätzungen beruhen, sondern dass 
der Besitz der europäischen Staaten bezüglich vieler weit ausgedehnter 
Gebiete auch weit mehr blos ein nomineller, als ein wirklicher ist.
        <pb n="363" />
        ALLGEMEIN MENSCHLICHE VERHÄLTNISSE. 
347 
Allgeiiieiii meiiscliliclie Verhältnisse. 
Wir haben bisher zunächst von rein staatlichen Zuständen 
gesprochen; es sei uns vergönnt, in einer letzten Abtheilung, gleich- 
slm einem Anhänge, auch Einiges über allgemeine, rem mensch- 
liehe Verhältnisse beizufügen. 
Es ist unverkennbar, dass die Materialien für Lösung der gros 
sen „socialen Frage“ noch lange nicht genug gesammelt, noch weni 
ger nach allen Seiten und in allen ihren Beziehungen gesichtet und 
geordnet sind. Insbesondere hat die politische Arithmetik erst be 
gonnen, ihre Aufgabe in dieser Richtung auch nur zu erkennen. 
Kaum ist ein Anfang gemacht die Lösung derselben in einzelnen 
Theilen zu versuchen. Obwohl aber sonach die bis jetzt erlangten 
Resultate Verhältnissmässig erst wenige einzelne Punkte der wichtigen 
Frage umfassen, und selbst in dieser Beziehung nur auf annähernde, 
nicht auf absolute Richtigkeit Anspruch machen können, so erweisen 
sich doch diese Ergebnisse als vielfach überraschend, und der- 
massen practisch wichtig, dass sie die Aufmerksamkeit jedes denkenden 
Menschen in Anspruch nehmen müssen.^ 
Sterblichkeitsberechnungen im Allgemeinen. Im vorigen Jahrhun 
derte begann man, sich sorgsamer damit zu beschäftigen, als es 
bis dahin geschehen war , und insbesondere erwarb sich der 
Deutsche Süssmilch ein bedeutendes Verdienst auf diesem Gebiete, 
obwohl er im. Uebrigen sogar dabei zunächst nur ein ungereimtes 
orthodox-theologisches Streben verfolgte. Die ersten Versuche konnten, 
ungeachtet aller Bemühungen, nur ziemlich roh sein. Man nahm ein 
Material wo und wie man es eben fand. 
Allmählig musste man sich von der Nothwendigkeit überzeugen, 
das Material besser auszusuchen und strenger zu sichten. Man ge 
wahrte bedeutende Unterschiede, und erkannte, dass bei derartigen 
Berechnungen alle Stände, alle Classen und Geschlechter der Bevö- 
kerung im richtigen Verhältnisse, d. h. in demjenigen Verhält 
nisse, in welchem sie vorhanden sind, vertreten sein müssten. ^ 
Allein auch bei der grössten Genauigkeit wird man immer Re 
sultate bekommen, welche eine absolute Richtigkeit nur gewähren 
für einzelne Gegenden, und zwar auch hier nur für diese oder 
jene vergangene Zeitperiode. Denn sogleich im nächsten Nach 
barlande, in welchem z. B. die Stadt- oder die Landbevölkerung, der
        <pb n="364" />
        348 
ALLGEMEINE VERHÄLTNISSE — Sterbliclikeitstafeln. 
Fabrik- oder der Agricultiirbetrieb mehr vorwaltet, werden die Ziffern 
nicht unwesentliche Modificationen erfahren. Das Nämliche wird statt 
finden, wenn im Laufe der Zeit Veränderungen in der Lebensweise, 
der Ernährung, der Wohnung einer Bevölkerung eintritt. Wir werden 
unten noch erwähnen, wie sich die Lebensdauer mit der steigenden 
Cultur im Allgemeinen verlängert. Wir haben überdies bereits wieder 
holt darauf hingewiesen, wie sogar in einem und demselben Lande, 
und hier selbst in ganz kurzen Perioden, die Vcrhältnisszahlcn sehr 
wesentlich sich ändern. (Siehe %. B. das S. 3 über die Bevölkerimgs- 
zunahme in Gr o ssbritan i en, und S. 36 und 37 über die Zahl 
der Geburten, Heirathen und Sterbfälle in Frankreich Bemerkte, 
oder die Ziffern über den Bevölkerungswechsel in sämmtlichen Staaten 
Deutschlands.) Denn ein Stille stehen findet sich nirgends in der 
Natur, — nirgends im Leben, eigentlich nicht einmal im Tode, 
wo in stiller Wirksamkeit wenigstens noch die Macht der Zersez- 
zung ihre gewaltigen Kräfte entwickelt. 
Obwohl sonach keine der vielen Sterblichkeitsberechnungen, wel 
che vorliegen, einen Anspruch auf allgemeine und absolute Richtigkeit 
machen kann, und obwohl es voraussichtlich auch nie eine für die 
Zukunft absolut richtige geben wird, so ist man doch jedenfalls zu 
wichtigen annähernd verlässigen Ergebnissen gelangt. Am meisten 
Beachtung unter allen jenen Aufstellungen scheinen uns die Süssmilch- 
Baumann’sche und die Dcparciciix-Florencoiirt’sche Tabelle zu verdie 
nen. Beide weichen mehrfach von einander ab, nach Maassgabe der 
Verschiedenheit der benützten Elemente. Wir stellen beide in einer 
Uebersichtstabelle zusammen, mit dem Bemerken, dass im Allgemeinen 
die letzte Tabelle die richtigere sein dürfte. (Die erste ist auf 1000, 
die letzte auf 10,000 Geborene berechnet.) 
Alter Süssmilch- 
Jahre Lebende Gestorb. 
0 1000 250 
1 750 89 
2 661 43 
3 618 25 
4 593 14 
5 579 12 
6 567 11 
7 556 9 
8 547 8 
9 539 7 
10 532 5 
11 527 4 
12 523 4 
13 519 4 
14 515 4 
15 511 4 
16 507 4 
17 503 4 
18 499 4 
19 495 4 
20 491 5 
21 486 5 
Nach Deparcieux- 
Florencourt 
Lebende Gestorb. 
10000 2550 
7450 362 
7088 265 
6823 205 
6618 150 
6468 123 
6345 102 
6243 89 
6154 81 
6073 69 
6004 58 
5946 49 
5897 43 
5854 39 
5815 37 
5778 38 
5740 41 
5699 44 
5655 47 
5608 50 
5558 52 
5506 53 
.|x Nach Süssmilch- Nach Deparcieux- 
Baumann Florencourt 
Jahre Lebende Gestorb. Lebende Gestorb. 
22 481 
23 476 
24 471 
25 466 
26 461 
27 456 
28 451 
29 445 
30 439 
31 433 
32 427 
33 421 
34 415 
35 409 
36 402 
37 395 
38 388 
39 381 
40 374 
41 367 
42 360 
43 353 
5 5453 54 
5 5399 55 
5 5344 56 
5 5288 57 
5 5231 58 
5 5173 57 
6 5116 56 
6 5060 55 
6 5005 54 
6 4951 54 
6 4897 53 
6 4844 52 
6 4792 62 
7 4740 52 
7 4688 51 
7 4637 50 
7 4587 49 
7 4538 48 
7 4490 49 
7 4441 49 
7 4392 60 
7 4342 51
        <pb n="365" />
        ALLGEMEIÎiE VERHÄLTNISSE — Sterblichkeitstafeln. 349 
Alter 
Nach Süssmilch- 
Baumann 
JIllire Lebende Qestovb. 
44 346 7 
45 339 7 
46 M2 8 
47 324 8 
48 316 8 
49 308 8 
50 300 9 
51 291 9 
52 282 9 
53 273 9 
54 264 9 
55 255 9 
56 246 9 
57 237 9 
58 228 9 
59 219 9 
60 210 9 
61 201 10 
62 192 10 
63 182 10 
64 172 10 
65 162 10 
66 152 10 
67 142 10 
68 132 10 
69 122 10 
70 112 9 
Nach Deparcieux- 
Florencourt 
Lebende Gestorb. 
4291 52 
4239 53 
4186 54 
4132 55 
4077 56 
4021 57 
3964 59 
3905 62 
3843 66 
3777 70 
3707 76 
3631 81 
3550 85 
3465 88 
3377 91 
3286 95 
3191 99 
3092 102 
2990 105 
2885 107 
2778 109 
2669 110 
2559 111 
2448 112 
2336 113 
2223 114 
2109 116 
Nach Süssmilch. 
Alter Baumann 
Jahre Lebende Gestorb. 
71 103 9 
72 94 9 
73 85 9 
74 77 8 
75 69 7 
76 62 7 
77 55 6 
78 49 6 
79 43 6 
80 37 5 
81 32 4 
82 28 4 
83 24 4 
M 20 3 . 
85 17 3 
86 14 2 
87 12 2 
88 10 2 
89 8 2 
90 6 1 
91 5 1 
92 4 1 
93 3 1 
94 2 1 
95 1 1 
96 0 0 
Nach Deparcieux- 
Florencourt 
Leliende Gestorb. 
1993 119 
1874 125 
1749 132 
1616 138 
1479 142 
1337 139 
1198 134 
1064 128 
936 122 
812 115 
697 107 
590 98 
492 88 
404 77 
327 66 
261 55 
206 47 
159 42 
117 37 
80 30 
50 22 
28 14 
14 8 
6 3 
3 2 
1 1 
SterUichkeit in den grossen Städten. Man gewahrte alsbald, dass 
die Sterblichkeit in den grossen Städten eine andere, grössere sei, als 
die durchschnittliche. (Man überschätzte aber ganz gewaltig die Gesund 
heit und Lebensdauer der Landbevölkerung.) Untersuchungen ergaben 
für die einzelnen grossen Städte sehr bedeutende Unterschiede. All- 
inählig fand man überdies ansehnliche Schwankungen in einer und 
derselben Stadt. So kamen, nach den ofliciellen Zusammenstellungen 
zu Paris, je ein Sterbfall (resp. eine Geburt) 
1 Sterbfall 1 Geburt 
1836 auf 37,79 auf 31,41 Einw. 
1841 „ 35,93 „ 31,25 „ 
1846 „ 36,85 „ 31,56 „ 
18^ ^ 3^^8 M » 
Dagegen hatte man in den 3G.3 llauptorten von Bezirken in 
Frankreich (einschliesslich Paris) und hinwieder im ganzen Lande, je 
1 Sterbfall (resp. 1 Gehurt) 
1 sterbfall 1 Geburt 
in dTHauptorterT ingaiiz Frankr. in den Hauptorten in ganz Frankr. 
1836—40 auf 38,11 42,35 Einw. auf 35,62 35,31 Einw. 
1841—45 „ 39,84 44,29 „ „ 36,75 35,66 „ 
1846-50 „ 37,32 41,97 „ „ 37,81 37,48 „ 
fSonach grössere Schwankungen bei den Sterbfällen, als bei den 
Geburten.) 
So kurzweg, wie es hienach scheint, lässt sich ■ indess das 
wahre Verhältniss keineswegs ermitteln. Bei allen bis jetzt vor-
        <pb n="366" />
        350 
ALLGEMEINE VERHÄLTNISSE — Geschlechter. 
handenen Berechnungen über die Sterblichkeit in Städten ist das 
ununterbrochene Ab- und Zuströmen der den Städten fremden Bevöl 
kerung vollständig ausser Ansatz gelassen. Durch klinische Anstalten 
und auf andere Weise werden Schwangere von auswärts nach den 
Städten gezogen. Hinwieder verbringt man häufig die Neugebornen 
im frühesten Alter, d. h. in der Zeit der grössten Sterblichkeit, nach 
dem Lande. Die höhern Schulen sowohl, als die Gelegenheit des 
leichteren Verdienstes, ziehen dann wieder nach der Stadt. Die gleiche 
Strömung wird durch Spitäler bewirkt, so wie auch wolilhabende 
Provincialbewohner sich gerne nach Beendigung eines thätigen Lebens 
hier niederlassen. Schon ehe es Eisenbahnen gab, rechnete man, 
dass die Hälfte der zu Paris Gestorbenen dieser Hauptstadt durch 
die Geburt nicht angehörte. — Wie sich ein Unterschied in den 
von Reichen und in den von Armen vorzugsweise bewohnten Quar 
tieren einer und derselben Stadt herausstellt, werden wir unten er 
wähnen. Hier sei nur berührt, wie viel durch Herstellung guter 
Lüftung und Reinigung geschehen kann. (Viscount Ebrington hob 
auf dem statistischen Congresso zu Paris hervor, wie Laviheth-Square 
in London, früher ein Hauptheerd der Cholera, des Typhus und der 
Fieber, ungeachtet seiner tiefen Lage, jetzt eine geringere Sterblich 
keit hat, als die hoch gelegene Hampstead-road, wo man, gerade der 
gesunden Lage wegen, die hygiäischen Verbesserungen meinte unter 
lassen zu dürfen. S. Compte rendu de la deuxième session du congrès 
international de Statistique, réuni a Paris les 10—15 septembre 1855, 
publié par les ordres du ministre etc., pag. 341.) 
Unterschied nach Geschlechtern. Die Naturgesetze über Geburt 
sowohl, als über Sterblichkeit, zeigen sich keineswegs gleich für beide 
Geschlechter. Sie ergeben Verschiedenheit vom ersten Augenblicke 
bis zum Ende des Lebens. Die vorhandenen Ziffern schwanken zwar 
im Einzelnen vielfach, stimmen aber alle in folgenden drei Punkten 
überein: 1) Es werden mehr Knaben als Mädchen geboren; 2) 
dennoch ist die weibliche Bevölkerung im Ganzen die zahlreichere; 
3) diese scheinbare Anomalie erklärt sich durch die notorisch grössere 
Sterblichkeit beim männlichen Geschlechte im ersten Lebensalter. 
1) Es werden mehr Knaben eds Mädchen geboren. Nach den vor 
liegenden Geburtslisten kamen je auf 1000 Knaben: 
in England (1839) . . 954 Mädchen (Berechnung d. offre. Berichte) 
in Frankreich (1817—50) . . 942 „ dto. 
in den tíardin. Staaten (1828—37) 951 „ dto. 
in Belgien u. Holland . . 940 „ (Berechnung v. Quetelet) 
im Kantone Genf (1838—45) . 963 „ ( „ v. Marc d’Espine) 
Obwohl aber das Naturgesetz: „Geburt einer grösseren Anzahl 
Knaben als Mädchen,“ sich in allen Ländern und sogar in allen ein 
zelnen Jahren bewährt, so weit uns Einzelnnachweise vorliegen, so 
ergibt sich doch ein wesentliches Schwanken in der Ziffer, um 
welche die Geburten von Mädchen geringer sind. Die aus Frankreich 
bekannten Resultate stellen sich derart, als ob die Natur gerade in 
demjenigen Verhältnisse die männliche Bevölkerung verstärken
        <pb n="367" />
        ALLGEMEINE VERHÄLTNISSE — Geschlechter. 
851 
wollte, in welchem dieselbe ausserordentliche Verluste erlitten hatte. 
Es betrug auf dem jetzigen Gebiete von Frankreich : 
a. der Ueherschuss der männ- h. die Ueher zahl der weiblichen 
liehen Geburten: Bevölkerung: 
1806 
1821 
1831 
1841 
1846 
1851 
481,725 Individuen 
868,325 „ 
669,033 „ 
318,738 „ 
193,242 
vom J. IX—1810 durohschnittl. 28,959 
_ „ 1811—20 „ 30,586 
„ „ 1821—30 „ 29,457 
„ „ 1831—40 „ 29,438 
„ „ 1841—45 „ 27,840 
^ ^ 1846--50 r 24,606 
Dieses (unsers Wissens bisher allen Statistikern entgangene) Ver- 
hältniss ist jedenfalls geeignet, zu Forschungen in andern Ländern auf 
zufordern. Hat es doch den Anschein, als ob das Streben der Natur nach 
Ausgleichung es gewesen, welches in seiner wunderbar machtvollen 
Entfaltung bewirkt, dass nach den letzten Aufnahmen das noch obwal 
tende Uebergcwicht der weiblichen Bevölkerung in Frankreich dem 
durch Kriege decimirten — geringer geworden, als dasselbe m 
dem von ausgedehnten Männerverlusten so zu sagen verschont geblie 
benen England ist. Bemerkenswerther Weise sehen wir gerade in 
Preussen, das von 1813—15 die zahlreichsten Männerverluste erlitt, 
das Gleichgewicht beider Geschlechter im Jahre 1849 nahezu ganz 
hergestellt (s. S. 113;) seitdem dürfte sich das Verhältniss in Folge 
der Auswanderungen wieder geändert haben. 
verweisen auf unsere dessfallsigen Angaben hinsiohtlich jedes einzel- 
nen Staates, und erinnern (um allzuzahlreiche Wiederholungen zu ver 
meiden) nur, dass nach den letzten bekannten Aufnahmen die weih- 
liche Bevölkerung zahlreicher war als die männliche 
in Frankreich (1851) um 193,292 Individuen 
in Grossbritanien (1850) um 704,872 „ 
Auch in allen deutschen Staaten ohne Ausnahme finden wir ein 
mehr oder minder grosses Ueberwiegen der weiblichen Bevölkerung. 
Dasselbe Ergebniss sehen wir in allen Ländern, in denen nicht durch 
unverhältnissmässig zahlreiche Zuströmung von fremden männlichen 
Einwanderern das Resultat verändert wird (z. B. in Californien, Aus- 
J) Die Sterblichkeit ist im Allgemeinen, und namentlich im frühe 
sten Alter, grösser beim männlichen als beim weiblichen Geschlechte. 
Marc d’Esnine, der wohl am scharfsinnigsten diese Frage erörtert, 
«fafWiziie mr k. Zoü jß ßf dß 
1847) fand für die Jahre 1838—45 im Kantone Genf folgende Er- 
gebmsse: Es staiben. Mädchen Knaben Mädchen 
63 im ersten Halbjahre 536 420 
152 im zweiten „ 156 144 
53 im zweiten Jahre 223 201 
39 im dritten „ 113 108 
20 
am ersten Tage 
in der ersten Woche 
in der zweiten „ 
in der dritten „ 
in der vierten 
78 
168 
68 
56 
29 
So war schon nach einem Jahre der ursprüngliche Unterschied
        <pb n="368" />
        352 ALLGEMEINE VERHÄLTNISSE — Missjahre. 
ausgeglichen, und von da an ergab sich durch alle Altersklassen eine 
Ueberzahl der weiblichen Bevölkerung. — Auch Quetelet fand in 
Belgien (nicht nur im Durchschniite, sondern in allen einzelnen Pro 
vinzen), dass nach Ablauf eines Jahres das Gleichgewicht bereits na 
hezu hergestellt ist (siehe Bulletin de Vacadémie de Bruxelles, tovie IX.) 
Dasselbe ergibt sich aus Ueinonferands Sterblichkeitstafeln. Nach 
den Mortalitätslisten aus England vom .Jahre 1841 war dort die 
Ueberzahl der Knaben schon etwas vor vollständigem Ablaufe des 
ersten Jahres verschwunden. 
In Folge dieses Verhältnisses erlangt die weibliche Bevölkerung 
durchschnittlich ein längeres Leben, als die männliche. Marc d’Es- 
pine ermittelte im Kantone Genf einen Unterschied von 3,5 Jahren; 
Milnes fand für Schweden einen solchen von 3,2 , und nach der eng 
lischen Tabelle ergibt sich ein solcher von 2 Jahren. — Da aber 
die grössere Sterblichkeit der Knaben ganz besonders auf die erste 
Lebenszeit trifft, so vermindert sich der Unterschied immer mehr, und 
irn höhern Alter (zu Genf mit 65 Jahren) haben beide Geschlechter 
die Wahrscheinlichkeit einer gleichen ferneren Lebensdauer. 
und Ileirathen. Wie gross diese Einwirkung ist, haben wir bei den 
Einzelnstaaten mehrfach angedcutet. Wir verweisen, um Wiederho 
lungen zu vermeiden, speciell auf das S. 36 und 37 gelegentlich der 
Darstellung der Verhältnisse in Frankreich Gesagte, dann auf S. 68, 
Geburten und Sterbfälle in Russland im Jahre 1848. In den Ländern 
mit Conscription kann man bei jeder Aushebung wahrnehmen, ob das 
Jahr, in welchem die Aufgebotenen geboren wurden, was Mangel 
oder Reichthum an Lebensmitteln betrifft, ein ausserordentliches war 
oder nicht, und ob dasselbe in guter oder schlimmer Richtung vom 
normalen Verhältnisse abwich. Die Conscribirten aus Theuerungs- 
und Nothjahren bleiben nicht nur der Menge nach unter der Mittel 
zahl, sondern sie sind auch im Durchschnitte weniger kräftig, und, 
was sich mit Zahlen erweisen lässt, im Durchschnitte kleiner, in 
dem verhältnissmässig weit mehr von ihnen als sonst unter dem’Nor 
malmaasse bleiben. So - bestätigt sich die Bemerkung eines ausge 
zeichneten belgischen Statistikers: „Es scheint, dass Nothjahre ihr 
Gepräge der menschlichen Gattung tief eindrücken, ganz so, wie 
strenge Winter ihre Spur in dem liolzwuclise unserer Wälder zu 
rückzulassen pflegen. “ 
Mittlere Lehensdauer, Ohne uns in Einzelnberechnungen verlieren 
zu wollen, bemerken wir hier blos, dass Caspar in Berlin die mitt 
lere Lebensdauer der Bewohner des Preussischen Staates zu 30,6, 
der Bewohner Frankreichs zu 35,8, jene der Engländer zu 26, die 
der Belgier zu 36Va Jahre berechnete. Alle diese Ziffern bedürfen 
indess sicherlich noch wesentlicher Berichtigungen. (Rickmann fand 
für England als Mittelzahl sogar 38 Va Jahre.) Für Paris berechnete 
Caspar die mittlere Lebensdauer auf 81, für Berlin 30,3, für Ham 
burg 30,8 Jahre. Für Frankfurt a. M. fand de Neufville 37 J. 7 Mon.
        <pb n="369" />
        23 
SOCIALSTATISTIK — Sterblichkeit der Armee. 
353 
Boudin stellte (unter Zugruudelegen von Zahlen aus den Jahren 
1810 — 42) für ganze Länder folgende Sterblichkeitsliste auf: 
Jährliche Sterbfälle 
auf 1000 Einw. 
in Frankreich 23,97 
in England 22,07 
in Prenssen 26,58 
in Oesterreioh 29,95 
in llussland 35,90 
1 Sterbfall 
auf 
42 Lebende 
45 
38 
33 
28 
(In Russland ist die Sterblichkeit sogar nach den offic. Ziffern noch 
grösser als hier angenommen, nämlich 1 Sterbfall auf etwa 26 Lebende.) 
Einfluss von Wohlstand oder Armuth auf die Sterhlichlceit. Dieser 
Einfluss ist von überraschender Ausdehnung und Grösse. Die Schrif 
ten von Benoiston, Morgan (Secretar der Equitable Society in England), 
Dr. Caspar und Qiietelet enthalten reiches Material. Nach Caspars 
Untersuchungen leben von 1000 zu gleicher Zeit geborenen Menschen : 
nach 
5 Jahren 
10 
20 
30 
40 
Wohlhabende Arme 
noch 943 655 
M M;8 M8 
„ 866 566 
„ 796 486 
„ 695 396 
Wohlhabende Arme 
nach 50 Jahren noch 
60 
70 
80 
557 283 
398 172 
235 65 
57 9 
Die Zahlen der ersten Colonne (Wohlhabende) nahm Caspar aus 
Zusammenstellungen der bei adeligen Familien eingetretenen Sterbfälle, 
jene der zweiten (Arme) aber aus den Listen der seit vielen Jahren 
in Berlin verstorbenen Stadtarmen. — Die mittlere Lebensdauer stellt 
sich bei den Reichen auf 50, bei den Armen nur auf 32 Jahre. 
Der Zufall, der ein Kind auf dem weichen Polster der Reichen ge 
boren werden liess, gab ihm also ein Geschenk von vollen 18 Jahren 
Lebensdauer mehr mit auf den Weg, als dem auf dem Strohlager 
der Bettlerin zur Welt gekommenen Kinde. Das Missverhältniss tritt, 
wie man sieht, gleich enorm in der frühesten Zeit, es tritt aber am 
allermeisten im höhern Alter hervor, und würde noch ungleich grös 
ser sein, wenn sich die Reichen nicht häufig durch ein Uebermaass 
von Genüssen selbst das Leben verkürzten. (Siehe auch Quetelet’s 
Schrift „swr lihormne et le développement de ses facultes, ou essai de 
Physique sociale. Paris, 1835.) Villermé’s Beobachtungen stimmen 
damit überein. So stirbt in dem melir von Reichen bewohnten ersten 
Stadtbezirke von Paris jährlich nur V53, hr dem mehr von Armen 
bewohnten zwölften Bezirke (mindestens) V40 Gesammtbevölkerung. 
Ebenso stirbt in v den wohlhabenden Departementen Frankreichs jähr 
lich , in den armen V33 der Einwohnerschaft. Lord Ebrington 
fand zu London eine durchschnittliche Sterblichkeit von 25 per mille, 
in einigen Quartieren aber stieg sie auf 40, während sie in andern 
nur 13 betrug. Ebenso ermittelte er an einigen Orten eine mittlere 
Lebensdauer im Handwerkerstande von nur 19 — 20, in der Classe 
der Handelsleute und (renifeîuen eine von 40—45 Jahren. (S. Compte 
rendu du congrus statistique de Paris, p. 427.) Und es darf dabei 
nicht übersehen werden, wie eine bedeutende Ausgleichung der Ziffer
        <pb n="370" />
        354 
SOCIALSTITISTÍK. — Lebensdauer. 
allenthalben dadurch stattfindet, dass nirgends blos Reiche, nirgends 
bl OS Arme wohnen; schon der blos partielle Unterschied erzeugt 
solche Abweichungen irn Ganzen. — ln London wie in Paris hat man 
nachgewiesen, dass die Zahl der Stcrbfälle mit den Fru chtpreisen 
steigt und fällt. Allo Mortalitätslisten aus den Jahren 1817 und 1847 etc. 
zeigen dies (siehe z. P. in unserin Werke S, 37 — 38, Frankreich.) 
Mit dem Wohlstände und der Civilisation vermindert sich die 
Sterblichkeit. Nach Quetelet kam in England im Jahre 1700 ein 
Sterbfall auf 43 Arbeiter, jetzt kommt einer erst auf 51. Das Ver- 
hältniss war: in Schweden 1700 1 ; 34, es ist jetzt 1: 45; in Preus- 
sen 1 zu 30 und nun zu 40. — Nach Berechnungen französischer 
Gelehrten starb zu Paris im 14. Jahrhunderte jährlich Vic Vi7i 
im 17. Jahrhunderte V25—V26) /wischen 18111 und 23 V.30 (wohl 
noch weniger), jetzt Via- Tn ganz Frankreich starben im 18. Jahr 
hunderte von den Kindern vor dem 10. Jahre 55,5, in den 1820er 
Jahren 43,7 Proc. (S. Benoiston de Chatcauneuf.) Eine andere Berech 
nung ergibt für Grossbritanien; je einen Sterbfall: 1740 auf 35 Einw., 
1790 auf 45, 1800 lauf 47, 1810 auf 53, 1820 auf 59. 
Nach Maassgabe der Materialien der englischen Tontinengesell 
schaften stellte sich die w ahr sch ein 1 i ch e L ebens daue r (zufolge 
Finlaisons Berechnungen) folgendermaassen : 
1785.1825 
51,5M .labre 
bei 
5 Jahren 
10 „ 
20 „ 
30 „ 
1695 
40,7 
38,07 
.31,70 
2G,I-2 
48,31 
41,10 
36,74 „ 
bei 40 .Jaliren 
50 „ 
fiO „ 
70 
1695 
22,60 
17,32 
12,45 
7,19 
1785-1825 
29,07 Jahre 
22^2 ^ 
Obwohl die Ziffern, welche die Materialien der Tontinengesell 
schaften ergaben, nicht absolut zum Maassstabe für die gesammte 
Bevölkerung dienen können, so ist doch ihre relative Richtigkeit kaum 
zu bestreiten, und die Resultate, welche eine Verbesserung im 
Volkszustande beweisen, sind augenfällig. 
Eine ungewöhnliche Verlässigkeit gewähren die Notizen, welche 
wir aus Genf besitzen, wesshalb wir bei deren Ergebnissen etwas 
verweilen. Von 1000 Kindern starben 
im ersten vom 2. bis 
Jahre 11. Jahre 
1561—1600 
iin 17. Jahrhunderte 
im 18. „ 
1801—1813 
1838—1845 
260 
237 
202 
139 
123 
313 
283 
187 
1.39 
133 
Während des 16. .Tahrhunderts starben im ersten Jahre mehr 
Kinder, als jetzt in den ersten 10 Lebensjahren zusammengenommen. 
Es erlebten von 1000 Menschen 
1561—1600 
1601—1700 
1701—1760 
1761—1800 
1801—1811 
1814—1833 
1838—1845 
10 Altersjahre 40 Jahre 70 Jahre 90 Jahre 
480 
624 
601 
613 
694 
741 
744 
206 
296 
427 
638 
529 
41 
80 
145 
186 
238 
2,3 
3,7 
51 
81
        <pb n="371" />
        SOCIALSTATISTIK — Sterblichkeit nach Gewerben. 
355 
Während im 19. Jahrhunderte über die Hälfte der Menschen 
das 40. Alters]ahr erreicht, gelangte im 16. Jahrhunderte nur der 
fünfte Theil so weit. Ja es erleben jetzt mehr das TOste, als damals 
das dOstc Jahr. — Das mittlere Alter war: 
1801—1814 88 Jahre 
1814—1833 40,7 „ 
1838—1845 41,7 „ 
15G1_1600 18 Jahre 
1601—1700 22,8 „ 
1701—1760 31,1 „ 
1761—1800 31,8 „ 
(Die Ziffern aus den Jahren 1838 — 45 beziehen sich auf die 
Bevölkerung des ganzen Cantons, die älteren dagegen blos auf die 
Stadt Genf.) 
Ilmidwerlcen. Im vorigen Jahrhunderte glaubte man durch Herstellung 
allgemeiner Sterblichkeitstabellen das Höchste in dieser Beziehung 
zu leisten. Indessen musste man sich, wie vorhin schon im Allge 
meinen angedeutet, allinählig immer mehr überzeugen, dass ein gros 
ser Unterschied in der Mortalität hinsichtlich der Angehörigen der 
verschiedenen Stände besteht. Vi Henné {tableau de I état physique 
et moral des ouvriers') und Caspar („die wahrscheinliche Lebensdauer 
des Menschen,“ Berlin 1835, dann in seiner Wochen - und Viertel- 
jahrsschrift) waren es namentlich, welche diesen Zweig der Statistik 
förderten. Indessen befasste man sich immer zunächst mit einigen 
s. g. gelehrten Ständen, den Geistlichen, Juristen, Aerzten und 
Lehrern, und verfuhr auch bei der blosen Berechnung meistens in 
einer nicht ganz richtigen Weise. Dem Frankfurter Aizte de Neuf- 
ville gebührt das Verdienst, der erste zu sein, der die Sterblich 
keitsverhältnisse in den einzelnen Handwerken bei gehöriger 
Classification richtig zu ermitteln suchte („Lebensdauer und Todesur 
sachen 22 verschiedener Stände und Gewerbe, nebst vergleichender 
Statistik der christlichen und israelitischen Bevölkerung Frankfurts. 
Frankfurt, 1855.“) Wir theilen die von ihm gefundenen Hauptresultate 
in aller Kürze mit: 
Das von de Neufville benützte Material umfasste alle Steibfälle 
in der Stadt Frankfurt während der 33 Jahre von 1820 — 52 ; die 
Gesammtzahl der Todesfälle war 6867. Darunter befanden sich 1782 
Fälle, in denen speciell die Art der Krankheit angegeben war. Die 
durchschnittliche Anzahl der Lebensjahre der verschiedenen Gewerbe 
ist nun nach de Neufville folgende, wobei zu bemerken, dass Dieje 
nigen, welche sich einem bestimmten Berufe widmen, natürlich schon 
die der Lebensdauer so gefährlichen Kinderjahre überschritten haben, 
wonach sich die mittlere Jahreszahl der Lebensdauer dei Uebrigge- 
bliebencu naturgemäss von selbst bedeutend erhöhen muss. Wählend 
nähmlich die mittlere Lebensdauer zu Frankfurt 37 Jahre 7 Mon. 
beträgt, steigt dieselbe bei Denen, welche glücklich das 20ste Al 
tersjahr erreichen, durchschnittlich auf 51 Jahie 8 Mon., abei mit 
folgender Verschiedenheit bei den einzelnen btändeii ;
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        $ 
356 
SOCIALSTATISTIK 
Sterbuchkeit nach Gew6vb6n 
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        357 
Sterblichkeit nach Gewerben. 
SOCIALSTATISTIK 
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        <pb n="374" />
        358 
SOCIALSTATISTIK — Sterblichkeit nach Gewerben. 
Es ist von selbst einleuchtend, dass die Beobachtungen noch in 
einem viel ausgedehnteren Maasse stattfinden müssen, ehe man 
die Resultate als absolut feststehend ansehen darf. Immerhin aber 
sind hier die beachtenswerthesten und zu weiterem Forschen dringend 
auflfordernden Momente angegeben. 
Allerdings muss bei der Beurtheilung noch wesentlich in 
Betracht kommen, (was de Neufville in der Entwicklung seiner treff 
lichen Arbeit übersehen hat), ob einem Gewerbe gerade vorzugsweise 
die kräftigeren oder die schwächlicheren Individuen zugewiesen wer 
den. Das letzte ist bekanntlich bei den Schneidern der Fall — die 
unkräftigen Kinder armer Eltern werden gerade desshalb so häufig zu 
Schneidern in die Lehre gegeben! Ohne Zweifel erklärt sich eben daraus 
theilweise die enorme Sterblichkeit gerade im ersten Decenuium, ob 
wohl die Folgerung immerhin noch richtig bleibt, dass die Sterb 
lichkeit bei diesem Gewerbe an sich eine sehr grosse ist. 
Unzweifelhaft am günstigsten sind, nach allen bisherigen Berech 
nungen, die Geistlichen gestellt. Wir bemerken zwar, dass die vor 
stehende Ziffer (was de Neufville entgangen), um desswillen einer 
bedeutenden Reduction bedarf, weil mit dem 2()sten Altersjahre (oder 
noch früher, wie bei den meisten Gewerben) noch Niemand zu geist 
lichen Functionen gelangt, die Berechnung des Mortalitätsverhältnisses 
sonach bei diesem Stande erst mit einer spätem Periode beginnt, was 
die ganze Rechnung alterirt, (da die früheren Verluste der Studirenden 
ausser Ansatz gelassen sind,) — allein immerhin bleiben die Geist 
lichen in dem günstigsten Verhältnisse, und es ist wirklich überra 
schend, wenn wir (auch vorbehaltlich einer Reduction) sehen, dass, 
während Steinmetzen und Bildhauer, Schriftsetzer und Schriftgiesser, 
Lithographen und Kupferstecher sämmtlich vor dem 57sten Altersjahre 
drei Viertheile ihrer Standesgenossen verloren, die Geistlichen noch 
mit mehr als 58 Jahren erst ein Viertel eingebüsst haben. 
Der nämliche Umstand, der die Rechnung bezüglich der Geist 
lichen alterirt, waltet aber auch in vollem Umfange bei den Aerzten 
ob, und es unterliegt darnach keinem Zweifel, dass der ärztliche Be 
ruf in Wirklichkeit noch weit aufreibender ist, als er hiernach er 
scheint, wo die Rechnung nicht mit dem nämlichen frühen Lebens 
alter, wie bei den Gewerben beginnt, für die Parallele sonach vor 
Allem eine gleiche Basis hergestellt werden müsste. (Wir haben dabei 
hier noch ausdrücklich zu bemerken, dass in den von de Neufville 
zur Grundlage seiner Berechnung genommenen Jahren keine Krank 
heit in ungewöhnlicher Weise zu Frankfurt herrschte. Bei Epidemien 
sind ohnehin die Aerzte noch mehr gefährdet.) 
Eine, wenn auch langsam wirkende, doch ganz besonders ver 
derbliche Todesursache sind Nahrungssorgen, Mangel an den genügen 
den Lebensbedürfnissen. Ein plötzliches Verhungern tritt äusserst 
selten ein; dagegen fort und fort ein Verkümmern, — ein allmähliges 
\ erhungern, — gleichsam Tag für Tag weiter greifend. 
Dass Mangel an genügender Kleidung und an ordentlichen Woli- 
iiungen äusserst schädlich wirken, bedarf keiner besonderen Erörterung.
        <pb n="375" />
        S0CIA.LSTAT1STIK — Sferblichkoit beira Äfilitär. 
359 
Wir machen aber hiebei ganz vorzüglich aufinorksaui auf die noch 
nicht genügend erörterte Frage, welches Quantum Luit der Mensch 
in einer gewissen Zeit verbraucht, dessen Erneuerung also immer 
nöthig ist; wir machen namentlich aufmerksam auf zu starkes Zu 
sammendrängen von Menschen in Schlafsälen, in Arbeitslocalitäten, in 
Krankenhäusern und Kasernen. 
Es ist unsers Wissens noch nie darauf hingewiesen worden, wie 
die enorme Sterblichkeit in den Getängnissen (namentlich an der so 
Viele hinwegraffenden Lungensucht) grossentheils daher rüluen diüfte, 
dass die Eingekerkerten in den Arbeite- und Schlaflokalitäten des 
genügenden Quantums frischer Luft entbehren, ebenso wie der Be 
wegung im Freien. Hat auch der Staat das Kecht, zu strafen, so 
kann er humaner Weise doch nicht das Recht in Anspruch nehmen, 
den Menschen, seien es auch Sträflinge, die Gesundheit zu unter 
graben und zu rauben; dem Rechte emzusperren, steht jedenfalls 
die Pflicht zur Seite, zu sorgen, dass nicht Gesundheit und Leben 
zu Grunde gerichtet werden. Wir werden unten noch näher auf die 
Frage eingehen, welehes Quantum Luft dem Menschen nöthig ist. 
Auch bezüglich der Sterblichkeit in den einzelnen Gewerben 
wirkt unzweifelhaft die grössere oder geringere Gerämnigkeit, Trocken 
heit u. s. w. der Arbeitslocale ebenso ein, wie die durch die Be 
schäftigung bedingte körperliche Haltung etc. (Es ist unsers 
Wissens noch nirgends erörtert, wie sehr die fortwährend vorgebeugte 
Haltung bei Schneidern und Schuhmachern auf Lungensucht und Zeh 
rung einwirkt.) 
SWZzcM'gA Än Mfffnrafawk. Man ist häufig geneigt, zu unter- 
stellen, dass im Militärstande, in den Zeiten des Friedens, die Sterb 
lichkeit geringer sein müsse, als im Civil, weil die Ausgehobenen 
eine Verpflegung, zumal Nahrung, Kleidung und Wohnung, fänden, weit 
besser als in den ärmlichen Verhältnissen der Meisten zu Hause, und 
ohne übermässige Arbeit. Indessen tritt gerade das entgegengesetzte 
Resultat als Thatsache hervor; — die Sterblichkeit beim Militäre ist 
wenigstens um die Hälfte grösser, zuweilen noch einmal so gioss, als 
unter den Männern im gleichen Alter im Civil. Die Veränderung in 
den Lebens- und Nahrungsverhältnissen, die Verlockungen zu einem 
in gewissen Beziehungen weniger geordneten Leben, das Zusammen 
gedrängtsein in Schlafsälen, — vielleicht selbst Mangel an jeder Ar 
beit in der gewöhnten Weise, — mögen wohl am meisten zu den un 
günstigen Resultaten beitragen. Dass wir Kriegsstrapazzen und eine 
Verlegung nach entfernten Ländern (den Colonicn) hier ohnehin aussei 
Ansatz lassen, versteht sich von selbst; die verderblichen Folgen da 
von sind bekannt. Wir reden zunächst nur von dem Militärdienste 
in der I leimath und in Friedcnszciten. 
Einer unserer persönlichen Freunde, der als Statistiker gerade 
in diesen Zweigen ausgezeichnete franz. Oberarzt Dr. Boudin, lieferte 
eine treffliche Erörterung in der gekrönten Preisschrift: Statistique de 
aamfífírg ßf (k Za dea jg (grrg g( ck mgr, co»-
        <pb n="376" />
        360 
SOCIALSTATISTIK — Sterblichkeit beim Militär. 
(fga ¿g (g?;^g g( (fg Zigtw, (¿'a^g, cfg racg 
et de nationalité (Paris, 1846). Hier einige der Resultate: 
Französische Armee. Während die Sterblichkeit bei der 
Civilbevölkerung zwischen dem 20. und 30. Altersjahre auf 1000 
Menschen 10 (oder 10,3) betrug, war dieselbe auf 1000 Soldaten 
(zur Zeit der altern Bourbone) : 
Ganze Armee, Durchschnitt .... ig^o 
Gemeine von der Linien-Infanterie . . . 22^3 
■n . ” ” Garde-Infanterie . . . 16,7 
Unterofficiere von der Linien-Infanterie . . 10,8 
M rt n Garde-Infanterie . . 9,0 
Die Sterblichkeit in der ganzen Armee erscheint sonach beiläufig noch 
einmal so gross, als im gleichen Alter im Civilstande. Beim Militare 
selbst aber bessert sich das Verhältniss in dem Maase, in welchem 
die Mannschaft äusserlich besser gestellt ist. 
Preiissische Armee. Die allgemeine Sterblichkeit zwischen 
dem 20. und 25. Altersjahre betrug in der Vergleichsperiode 10,1 
auf 1000 ; beim Militare (im 10jährigen Durchschnitte von 1 821 —30) 
11,7. Es ist dies ein so günstiges Verhältniss, wie man es nur in 
dieser Armee findet, welche die kürzeste Dienstzeit hat. Die 
Wirkungen, welche dem Körper schaden, selbst die Gesundheit unter 
graben, können sich in dieser verhältnissmässig kurzen Zeit selten 
so weit entwickeln, um gerade den Tod herbeizuführen. Dennoch 
sehen wir immerhin ein weit ungünstigeres Verhältniss, als im Civil, 
und dies, obwohl unmittelbar vor der Einreihung alle Kranken und 
Schwächlinge, welche auf so und so viel Tausend Menschen kommen, 
— entfernt worden waren. 
Englische Armee. Mortalität im. Civil 9,91 auf 1000. Im 
Heere : 
Gesammte Armee 14^0 
Garcle-Cavallerie . . . . . 14 5 
Garde-Infanterie . - . . . 
dagegen : Engl. Constabler (damals Metropolitan police 
corps) 9,0 
Die englischen Truppen, deren Verpflegung (besonders Nahrung) 
besser ist, als iRe der französischen, zählen in der Kegel weniger 
Sterbfälle als diese. (Bei der Garde-Infanterie walten offenbar beson 
dere ungünstige Verhältnisse, wovon wir unten eines andeuten werden.) 
Was britische Auxiliartruppen in ihrer 11 ei math betrifft, so 
hatten auf 1000 Mann: 
die Fencibles (Malteser, auf Malta dienend) . . 9,0 Sterbfälle 
die Hottentotten auf dem Cap .... 12,5 
die Hindus in der Armee von Bengalen . . . 13,0 
die Hindus in der Armee von Madras . , . .15,0 
die Lascoreyns auf Ceylon . . . ' . .25,8 
Dienst im wirklichen Kriege und ausser der lleimath. Wir reden 
hier nicht weiter von der hiebei immer eintretenden Vermehrung der 
Sterbfälle. Es sei nur erwähnt, dass der Unterschied, welchen die 
bessere Verpflegung bewirkt, hier noch mehr hervortritt, als schon im
        <pb n="377" />
        SOCIALSTATISTIK — Sterblichkeit in Gefängnissen. 
361 
Frieden. So hatte, nach den Angaben des den Gesundheitsdienst 
leitenden engl. General-Inspectors Marshall, die britische Armee in 
den 41 Monaten des spanischen Krieges, abgesehen von den Ver 
wundungen, durchschnittlich auf 1000 M. 118,6 Todesfälle, wovon 
aber auf je 1000 Officiere nur 37 trafen. (Dagegen war die Zahl der 
an Wunden Gestorbenen durchschnittlich nur 42,4, bei den Officieren 
aber 66 auf 1000.) 
Wir haben in der von Frankreich handelnden Abtheiluug unserer 
Schrift (Seite 62) bereits gezeigt, wie enorm gross die Sterblichkeit 
der Truppen in Algerien ist, und ebenso haben wir, Rubrik „Gross- 
britanien“ (Seite 18) nachgewiesen, welche Mortalität unter den Solda 
ten in den auswärtigen Besitzungen Englands herrscht. Wir haben 
im letzten Falle zugleich angegeben, wie sich das System des „Accli- 
matisireus“ durchaus nicht bewährte, und dass man die Zahl der 
Sterbfälle auf die Hälfte herab brachte, als man sich entschloss, ge 
rade im Gegensätze zu jener Methode, häufige Wechsel vorzunehmen, 
und kein Corps länger als höchstens 3 Jahre an einem und demselben 
auswärtigen Platze zu belassen. Indem wir hier einfach aut das an 
dem angeführten Ort Gesagte verweisen, haben wir ein Paar Worte 
beizufügen über den 
Seedienst. Kach dem sorgsamen engl. Beobachter A. M. Tüll och 
(ComiKirison on the sickness, mortedity and prevailing diseases among 
seamen and soldiers; London 1841) ergaben sich für Grossbritanien 
und Irland folgende Verhältnisse auf einen Effectivstand von je 
1000 Mann : 
Landtruppen Marine 
krank 929 1204,4 
todt 14 " 19,7 
entlassen 26 38,1 
Für das Mittelmeer und die dortigen Besitzungen stellten sich 
die Zahlen so : 
Landtruppen Marine 
krank 1088 1304 
todt 20 11,1 
entlassen 95 25,7 
Bios im Vorbeigehen wollen wir daran erinnern, dass selbst in 
den blutigsten Kriegen in der Regel ganz unvergleichbar mehr Men 
schen durch Krankl leiten hinweggeraft’t werden, als durch die feind 
lichen Waffen. Wir beziehen uns auf das unter den Rubriken Gross- 
britanion und Russland (Seite 17 und 81) Gesagte. Es ist gewiss 
Erstaunen erregend, dass in dem grossen russischen I eldzuge nicht 
etwa blos Napoleons prächtiges Heer fast vernichtet ward, sondern dass 
selbst von der siegreichen russischen Hauptarmee — ursprünglich 
118,000 M. zählend, dann verstärkt alhnählig um 91,800, — dass 
also von 209,800 M. regulärer Truppen, nach bVg Monaten blos noch 
40,290 sich zu Wilna bei den Fahnen befanden. 
Sterblichkeit in den (J-eJängnissen. Unter den Schriften über diesen 
Punkt ist weitaus am wichtigsten die nachbemerkte : ^.^Etudes sur la 
Mortalité dans le Bagnes et dans les Maisons Centrales de force et dé
        <pb n="378" />
        362 
SOCIALSTATISTIK — Sterblichkeit in Gefängnissen. 
correction, dejouis 1822 jusqu'a 1837 rncliisivernent; faites par ordre 
du ministre de fintérieur, d'apres les documents officiels, par Raoul 
Chassinat. Paris, 1844.“ (Wir bezeichnen diese Schrift, obwohl die 
selbe nur ältere Daten enthalten kann, als die weitaus wichtigste ihrer 
Art, weil sich dieselbe über die Gesauimtzahl aller Gefängnisse und 
Sträflinge schwerer Art in ganz Frankreich während 15 Jahren aus 
breitet, bei allen derartigen Berechnungen aber eine grosse Menge von 
Einzelnfällen nöthig ist, um die zufälligen Abweichungen von dem 
mittleren oder normalen Verhältnisse auszugleichen, oder vielmehr die 
ses normale Verhältniss festzustellen.) Die wichtigsten Resultate dieser 
ausgedehnten und sorgsam geführten Untersuchung scheinen uns in 
folgenden Funkten zu liegen ; 
Dje mittlere Sterblichkeit unter den Galeerensträflingen ist jähr 
lich 4,07 von jedem Hunderte, bei einem durchschnittlichen Alter der 
Sträflinge von 30,66 Jahren. Bei den Freien in diesem Alter ist 
aber die Sterblichkeit nicht mehr als 1,06 Frocent. Es sterben also 
verhältnissmässig beinahe viermal so viel Galeerensträflinge, als Freie 
(genauer 3,84 gegen 1). Eine Sterblichkeit von 4,07 % tritt bei den 
Freien erst im Alter von 63 Jahren ein, wonach man (wenigstens in 
gewisser Beziehung) zu schliessen hat, dass jenen Galeerensträflingen 
das Leben um 32—33 Jahre verkürzt wird. 
Bemerkenswerther Weise ist die Sterblichkeit in den „Central 
gefängnissen“ (bei geringeren Strafen als Galeeren) viel stärker als 
dort (was zunächst auf einen sehr Übeln Zustand der franz. Anstalten 
der bezeichneten Art schliessen lässt), ln diesen Centralgefängnissen 
kamen durchnittlich im Jahre nicht weniger als 5,55 Sterbfälle aut 
jedes 100 männliche Sträflinge, und dies bei einem mittleren Alter 
von 30,86 Jahren, in welchem Lebensalter die Mortalität unter den 
freien Männern 1,09 ist, so dass verhältnissmässig mehr denn fünf 
mal so viel Sträflinge als Freie (eigentlich 5,09 mal so viel) sterben. 
Eine Sterblichkeit von solcher Grösse tritt bei Freien erst im 67sten 
Altersjahre ein, wonach sich eine Lebensabkürzung von 36 Jahren 
herausstellt. ' 
Eine weit günstigere Verhältnisszahl ergibt sich aber für die 
weiblichen Sträflinge in den Centralgefängnissen, noch um etwas 
günstiger als unter den (blos aus Männern bestehenden) Galeerensträf 
lingen. Es ist nämlich die mittlere Sterblichkeit 3,95 Proc,, bei einem 
durchschnittlichen Alter von 32,84 Jahren, in welchem die Sterblich 
keit unter den freien Frauen 1,10 beträgt. Immerhin sterben oYg mal 
(3,59 mal) so viel Eingesperrte ^jls Freie. Dieses Mortalitätsverhält- 
niss entspricht dem der Freien im 62. Altersjahre — sonach Lebens 
verkürzung ungefähr 29 Jahre. 
In demselben Zeiträume sterben also : 100 männliche Sträflinge 
in den Centralgefängnissen, 76 Galeerenzüchtlinge und 70 weibliche 
Sträflinge in den Centralgefängnissen, gegen je 20 Freie. 
\ on den übrigen ermittelten Resultaten erwähnen wir nur in 
Kürze diese: Die Sterblichkeit ist unter den Galeerensträflingen im 
ersten Jahre der Gefangenschaft ganz unverhältnissmässig gross;
        <pb n="379" />
        SOCIALSTATISTIK — Lebenskräftigkeit nach Racen. 363 
dann schwindet wenigstens dieser Unterschied (wohl in Folge der 
Gewöhnung und der streng geordneten Lebensweise). Bei den Be 
wohnern und Bewohnerinnen der Centralgeiangnisse findet man im 
ersten Jahre eine besondere Steigerung der Mortalität (über das in 
diesen Instituten gewöhnliche Verhältniss) nicht.— Die Länge der 
Strafdauer äussert im Ganzen keinen wahrnehmbaren Einfluss. 
Dagegen ist die Mortalität unter den Rückfälligen geringer, als 
unter den zum ersten Mal Eingesperrten (sie haben die Eindrücke der 
Schaam, des Kummers und Grames schon überwunden). Nach Stän 
den geschieden ist die Sterblichkeit am grössten: «. unter den Land 
leuten, Soldaten, Seeleuten, Vagabunden und Bettlern ; dann kommen 
mit einer geringem Ziffer h. Diejenigen, welche ein sog. „actives 
Gewerbe“ trieben; hierauf c. die in freien Gewerben und Künsten, 
endlich d. die ein sitzendes Gewerbe in den Städten Betreibenden. 
Die Verhältnisszahlen der Mortalität sind: 151, 147, 132 und 130. 
Eine nähere Forschung über die Wirkungen der Einzeln ha ft 
haben wir noch zu gewärtigen; denn alle uns bis jetzt bekannten 
Resultate sind theils ungenügend, theils zu einseitig aufgefasst (zum 
Theil auch viel zu widersprechend), als dass wir daraus Schlüsse 
ziehen möchten. 
Lebenslcroftigheit de?' verschiedenen Racen und Stäimne. Wenn wir 
das Hinschwinden der eingeborenen amerikanischen Stämme beachten; 
wenn wir wahrnehmen, wie diese Indianer der Kraft ermangeln, in 
Berührung mit Europäern zu leben, so haben wir einen Beweis, dass 
die Lebenskräftigkeit der verschiedenen Racen nicht die gleiche ist. 
Diese Wahrnehmung war bekanntlich die Ursache der Verbreitung der 
Negersclaverei nach Amerika. Und wirklich beweist die Vermehrung 
der Schwarzen in den Vereinigten Staaten, ungeachtet der unglück 
lichen Lage dieser Menschen, einen bedeutenden Grad von Lebens 
zähigkeit. Haben sie sich doch in den „Sclavenstaaten“ weit stärker 
vermehrt, als selbst die Freien (siehe Seite 309). Aber nur in der 
heissen Zone ist dies möglich. In einigermaassen kältern Ländern 
werden die Neger durch die Lungensucht furchtbar weggerafft. Selbst 
schon in Algerien erliegen sie diesem Loose (siehe „Frankreich, — 
auswärtige Besitzungen,“ Seite 63). 
Doeli nicht blos unter den verschiedenen Racen, sondern selbst 
unter den sich näher stehenden Stämmen einer und derselben Race 
zeigt sich ein ungemeiner Unterschied in der Lebenskräftigkeit. 
Nach den, besonders gelegentlich der Colonisation Algeriens vor- 
genommonen Untersuchungen (namentlich Boudin’s) wird man wohl mit 
ziemlicher Bestimmtheit den Satz aufstellen können: Eine Verpflan 
zung nach einem Lande mit wesentlichen climatischen Unterschieden 
von denen der Hcimath, ist jedem Stamme schädlich. Nur zufolge 
der Mittel einer höheren C ul tur, in gewisser Beziehung eines 
Emanc ipi rens, wenn auch nicht von der Erde, doch von den pri 
mitiven rohen Verhältnissen, — nur zufolge eines Emancipirens von 
der harten Arbeit, zumal im Felde, unmittelbar unter den climatischen 
Einflüssen, ist es den Menschen möglich, in andern Zonen zu ge-
        <pb n="380" />
        364 
SOCIALSTATISTIK. 
K on-Acclimatisation. 
deihen. Die ganze Lehre vom allmäh]igen Acclimatisiren beruht 
auf Täuschung, indem die Erfahrung keinen Zweifel darüber lässt, 
dass, je länger man in einer solchen, wenigstens individuell und re 
lativ ungesunden Gegend verweilt, der durch die Eortdauer ungün 
stiger Einflüsse nur immer mehr geschwächte Körper desto hinfäl 
liger wird. Die verderblichen Einflüsse sammeln sich immer mehr 
an, sie cumuliren sich gleichsam. Den sprechendsten Beweis dafür 
liefern die Erfahrungen, welche man im englischen Heere machte. Man 
nahm wahr, dass von 1000 Mann auf Ceylon im ersten Jahre 44 
starben, im zweiten 48,7, im dritten 49,2. Bei der nämlichen Anzahl 
Soldaten hatte man auf Jamaica im ersten Jahre des dortigen Auf 
enthaltes 77 Sterbfälle, im zweiten 87, in dem folgenden 93. Auf 
Guyana wechselte die Zahl innerhalb 11 Jahren folgcndermaasen: 77, 
8&lt;, 89, 63, 61, 79, 83, 73, 120, 109, 140; — ungeachtet einiger 
Rückschläge, im Ganzen eine furchtbare Vermehrung! (s. Tulloch und 
Boudin.) Solche Erfahrungen veranlassten endlich, dass man das Sy 
stem wechselte. Da ergab es sich dann, dass die durchschnittliche 
Zahl der Sterbfälle unter die Hälfte gegen früher herabsank, als 
man die Methode des vermeintlichen „Acclimatisirens“ mit jener des 
häutigen Wechsels der Regimenter vertauschte (s. „England, Mili 
tärwesen“, S. 18). Die nämliche Erfahrung kann man bei sorgsamer 
Aufmerksamkeit überall machen. So findet man in Ostindien, dass 
sich, hat das dortige Klima seine schwächenden Wirkungen auf Euro 
päer einmal begonnen, Rheumatismen und Lähmungen bei ihnen ein 
stellen. Um für die verderbliche Malaria der Campagna di Roma 
empfänglich zu werden, muss man eine Zeit lang in dem Lande selbst 
gelebt haben. Vom blossen Durchreisen der Malariagegend erkrankt 
man nicht. Deutsche, französische und englische Künstler werden fast 
nie im ersten, wohl aber im zweiten und dritten Jahre ihres dortigen 
Aufenthaltes von dem Uebel ergriffen. Die franz. Truppen, welche, 
um Joseph Napoleon auf den Neapolitanischen Thron zu erheben, hier 
durchzogen, hatten weder auf dem Hin- noch auf dem Hermarsche 
von der als so verpestet geltenden Luft zu leiden, während das von 
Pius dem VIL hier erbaute Kapuzinerkloster bald ausstarb.*) 
*) Eine, zwar nicht mit der vollen Schärfe der Consequenz durchgeführte, 
im Uebrigen aber sehr lesenswerthe Abhandlung ist àia y,Ueh&amp;&gt;' Acclimatisirungs- 
frocesse u. Acclim.-Iirankheiten^ von l)r. Clemens in Frankfurt a. M.f in 
Henke’s Zeitschrift für die Staatsarzneikunde, fortgesetzt von Dr. B eh rend, 
18Õ5, 1. Vierteljahrheft. Der Verfasser stellt das sprechende Motto voran: 
^Est autem optimus aër gui unicuique est nativue. llenricus Itantzovius.'^ 
Er bemerkt sodann : „ Die Pflanzen vermögen grösstentheils nur in den ihnen 
von der Natur angewiesenen Himmelsstrichen zu gedeihen. Von Tiñeren können 
nur wenige, und diese nur auf Kosten ihrer Gestalt und Gesundheit, dem 
Menschen in alle Gegenden der Erde folgen.“ Er fügt bei, selbst der allgemeine 
Satz, der Mensch vermöge es, den ganzen Erdball zu bewohnen, könne nur auf 
die Völker mit höherer Cultur angewendet werden. „Die Verpflanzungsfälligkeit 
steht daher in einem geraden Verhältnisse zur Cultur, nimmt zu wie diese, 
nimmt ab wie diese.“ Der Verfasser handelt sodann von den sog. „Acclimati- 
sirungskrankheiten,“ wobei ihm aber noch der wichtige Moment entgeht, dass 
ein vollständiges Acclimatisiren unmöglich, namentlich Feldbau in andern
        <pb n="381" />
        SOCIALSTATISTIK. — Ijebenszâliîgkeit, der Juden. 
365 
Darnach erklärt es sich von selbst, aus welchem Grunde speciell 
die Colonisation Algeriens — ungeachtet der enormsten Anstren 
gungen der Franz. Regierung während eines Vierteljahrhnnderts, — 
noch gar nicht geglückt ist. Können auch die Deamten, die Kanf- 
lente, die Wir the und seihst Handwerker wenigstens ohne allzu er 
schreckende Sterblichkeit in jenem Lande leben, so ist dies dagegen 
durchaus nicht der Fall bei den Landleuten, den wirklichen Colonisten, 
die der Sonne und überhaupt dem Clima unmittelbar sich anssetzen 
müssen. (Beispiele in der Abhandlung des Verfassers „über Coloni- 
sirnng Algeriens,“ in den Verhandlungen der Schweiz, gemeinnützigen 
Gesellschaft vorn Jahre 1854.) 
Auch die Kinder der Fremden sterben in solchen Ländern, — 
sogar die in denselben geborenen, — und zwar in noch weit furcht 
barerer Menge als die erwachsenen Eingewanderten selbst. Es zeigt 
sich dies in Algerien, in Aegypten, auf den Antillen und in Ostin 
dien. Der französische Militärarzt Vital, der 16 Jahre in Algerien 
znbrachte, fand, dass die von Europäischen Eltern 2u Constantine ge 
borenen Kinder alsbald „unerbittlich“ hingeraflft werden; von den 
(dem Lande gleichfalls fremden aber) hier geborenen Negern, erreichen 
unter 100 durchschnittlich blos zwei das Jünglings-oder Jungfraueir- 
alter (s. Gazette médicale^ v. 6. November 1852.) In Aegypten wal 
tet dasselbe traurige Verbaltniss. Mehemed Ali hatte 90 Kinder, nur 
5 derselben konnten erhalten werden. Dieser furchtbaren Erscheinung 
misst man es bei, dass das Nilland, ungeachtet dasselbe so oft Ero 
berern unterlag, heute noch im Wesentlichen von demselben Menschen 
stamme bewohnt ist, wie zu den ältesten Zeiten (s. Schölcher’s 
L'Egypte en 1845.) — „Kinder von Europäern, in den enrop. Nie 
derlassungen an der Westküste von Afrika geboren, erreichen selten,^ 
bleiben sie an dem Orte ihrer Geburt, das zehnte Lebensjahr.“ — 
Auf den Antillen finden wir dieselbe Erscheinung (s. Dr. Clemens, 
a. a. 0.) Den Einwanderern in Algerien etc. ist also in der Regel 
gerade auch die Möglichkeit abgeschnitten, wenigstens ihren Kindern 
eine glückliche Zukunft in solchen Ländern zu bereiten. — Ein dem 
mitteleuropäischen wenigstens ähnliches Klima ist es, was die Aus 
wanderung nach den nördlichen und westlichen der Vereinigten Staa 
ten vor jedem andern Colonisationslande empfiehlt, obwohl auch dort 
die Sterblichkeit unter den Eingewauderton noch immer unzweifelhaft 
grösser ist, als in der lleiraath. 
Zähigkeit des jüdischen Stammes. Wir kennen einen Menschen 
stamm, der bei weitem mehr als jeder andere in allen Ländern und 
Climaten gedeiht: cs ist der Jüdische. Derselbe scheint gleichsam 
ein „Monopol des Cosmopolitismns“ zu besitzen (nach brieflichen Aus 
drücken unseres Freundes Dr. Boudin.) Unter den furchtbarsten, 
barbarischsten Verfolgungen, erhielten sich die Juden allenthalben, wo 
anders nicht zu ihrer völligen Vertreibung oder Ausrottung ge- 
Climaten absolut verderblich bleibt, — die unvermeidliche Consequenz seiner 
eigenen, im Uebrigen so lichtvollen Aufstellung.
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366 
SOCIALSTATISTIK 
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Krankheiten nach Ständen. 
.schritten ward. Man konnte wahrnehmen, dass ihre Vermehrung 
im Allgemeinen verhältnissmässig eine weit grössere ist, als die der 
Angehörigen aller übrigen Nationen, insbesondere aber zeigt sich 
die Sterblichkeit unter ihnen am geringsten. — Merkwürdige Nach 
weise darüber haben wir demnächst von Boudin zu gewärtigen, der 
sich eben mit dieser Frage befasst. 1 lier nur die Bemerkung, dass 
selbst in Algerien, wo nicht nur die Europäer so furchtbar weggerafft 
werden, sondern wo sich auch die Maurische und die Neger-Bevöl 
kerung entschieden vermindert, — die Jüdische Einwohnerschaft, 
und sie allein, eine Zunahme aufweist, und zwar in Folge eines 
lleberschusses der Geburten über die Sterbfälle. 
Als sich de Neufville mit seiner Berechnung der Lebensdauer 
und Todesursachen der verschiedenen Stände in Frankfurt beschäftigte, 
fiel ihm, nach seiner Erklärung, das hohe Alter auf, welches so viele 
Juden erreichten. Er forschte näher nach, fmtigtc (unter Zugrunde 
legen der Frankfurter Civilstandsregister in den 3 Jahren 184G—48) 
eigene Tabellen an, und gelangte im Wesentlichen zu folgenden Er 
gebnissen : 
Sterblichkeitsverhältnisse der christlichen und der jüdischen Bevölkerung 
in Frankfurt a. M., nach Pro c ente n: 
Alter 
1—4 Jahre 
5—9 
10—14 
15—19 
20—24 
25—29 
80—34 
35—39 
40—44 
45—49 
Christen Juden 
24,1 12,9 
2.3 0,4 
1.1 1,5 
3.4 3,0 
6.2 4,2 
6,2 4,6 
4.8 8,4 
5.8 6,1 
5.4 4,6 
5,6 5,3 
Sonach sind gestorben 
50 
55 
60- 
65 
70 
75 
80 
85- 
90- 
95- 
Alter Christen 
-54 Jahre 4,6 
-59 
-64 
-69 
-74 
-79 
-84 
-89 
-94 
-100 
der vierte Theil 
die Hälfte 
drei Viertheile 
Christen mit 
6 Jahren 11 Mon. 
36 „ 6 . 
59 „ 10 „ 
5,7 
5,4 
6,0 
5,4 
4,3 
2,6 
0,9 
0,16 . 
0,04 
Juden mit 
28 J. 3 Mon. 
63 n 1 r 
71 „ 
Juden 
3,8 
6,1 
9.5 
7,2 
11,4 
9,1 
5,0 
1.5 
0,4 
Allerdings dürfen bei der Beurtheiliing die beiden wichtigen 
Momente nicht übersehen werden, einmal dass die Juden gewöhnlich 
jede harte Arbeit vermeiden, zum Andern ihre massige, nüchterne 
jjebensweise. Doch reichen beide nicht aus, das Verhältniss in sei 
nem vollen Umfange zu erklären. Wir gelangen vielmehr zu dem 
Schlüsse, dass sich auch hier eine ungleiche Lebenszähigkeit kund gibt, 
wie wir diese Verschiedenheit bezüglich der schwächlichen Amerikan. 
Indianerrace auf der einen, und den in warmen Climaten so unend 
lich viel ertragenden Negern auf der andern Seite bereits wahrnahmen. 
Krankheiten nach Ständen und Altern. Die politische Arithmetik 
hat nicht blos die Sterbfälle, sondern ebenso die Krankheiten 
nach Beschäftigungsweise und Alter der davon Befallenen ins Auge 
zu fassen. Sehr Vieles ist in dieser Beziehung noch zu ermitteln. 
Ein interessantes Material gewähren die englischen Unterstützungs-
        <pb n="383" />
        SOCIALSTATISTIK — Krankheiten bei leichter und schwerer Arbeit. 367 
vereine, (die n. g. Friendly Societies), — ein Material, welches in 
ttbersichtliclier Weise in einigen der Parlamentsbiicher (der Une books) 
niedergelegt, und von Finlaison trefflieh verarbeitet wurde. (Absfo'oct 
of Returns &lt;f Sickness and MorUdity, and of reports of assets etc., 
of Friendly Societies in England and Wales; pressented to both houses 
of Farliament; London IHõá; und, daran sich anschliessend : Return; 
Mr. Alex. Gien Finlniso'n's report, second part; ordered by the house 
of Connaons to be printed , 12 august 1854.) Wir geben daraus eine 
kurze Ziisaimnoistellung der allerwichtigslen Momente. Die Zahl der 
K rankh ei t s tag e bei den Arbeitern, welche jenen Unterstützungs- 
Vereinen angehörten, war folgende: 
Alter 
.lall re 
15— 16 
16— 21 
21—26 
26—31 
.31—36 
.36—41 
41—46 
46—51 
51—56 
56—61 
61—66 
66—71 
Vom 15. bis zum 85. Altersjahre, also in einer Arbeitszeit von 
70 Jahren, hat der Arbeiter durchschnittlich genau 5 Jahre Krankheit 
durchzumachen. Davon treffen aber auf die 51 Jahre vom 16. bis 
zum Ende des 66. Altersjahres blos 78 Wochen Krankheit, also iVa 
Jahre. Theilen wir diese letzte Zeit in zwei beinahe gleiche Hälften, 
so kommen 
in allgemeiner Arbeit 
im GanzPii per Jahr 
6^1 6%T^;e 
3^^ 6% 
34,32 6% 
34,54 fast 7 
3^^ ^ 7 
^^8 7% 
44,14 8% 
52,67 10% 
64,83 12% 
82,26 16% 
118,26 2.3% 
180,28 36 
in leichter Arbeit 
im Ganzen per Jalir 
5,13 5 Tage 
30,72 6 
30,55 6 
30,14 6 
29,28 fast 6 
34,33 6% 
37,59 7Vj 
46,44 9% 
60,57 12 
73,13 14% 
103,86 20% 
167,37 33% 
in schwerer Arbeit 
im Ganzen per .lahr 
6,99 7 Tage 
35,34 7 
.36,33 7% 
37,45 7% 
38,40 7% 
42,96 8% 
49,82 fast 10 
58,25 11% 
68,92 13% 
91,57 18% 
13.3,63 26% 
194,13 38% 
auf die ersten 26 Jalire, v. 15—41 
auf die folgenden 25 „ „ 41—66 
Ferner auf die 11 „ „ 66—77 
n n 8 „ „ 77—85 
Dies der allgemeine Durchschnitt. Dagegen stellt sich das 
Verhältniss bei leichter und bei schwerer Arbeit folgendermaassen : 
182,52 Tage = gerade % Jahr 
362,17 „ = beinahe 1 „ 
543,0 „ = „ 1% „ 
763,68 „ = „ 2 „ 
Leichte Arbeit 
Alter 
in den 29 Arbeitsjabren von 15—44 
in den 24 „ „ 4.4—68 
in den 11 „ „ 68—79 
in den 6 „ ,, 79—85 
/.US. in 70 „ 
Schwere Arbeit 
Krankheit 
Tage Jahre Mon. 
182,37 = 6 
356,49 = 1 
567,86 = 1 6 
577,35 = 1 6 
1684,07 = 4 6 
in den 24 Arbeitsjahren von 
in den 25 „ „ 
in den 12 „ „ 
in den 6 ,. „ 
in den 3 „ ,. 
zus. in 70 _ 
15—39 179,61 = 6 
39—64 361,32 = 1 
64—76 582,27 = 1 7 
76—82 576,69 = 1 7 
82—85 319,67 = iQ 
2019,56 = 5 6
        <pb n="384" />
        368 SOCIALSTATISTIK — Krankheiten wegen Lüftungsmangel. 
ln der schweren Arbeit ergibt sicli sonach ein ganzes Jahr mehr 
Krankheit. Der Arbeiter hat an seinem 39. Geburtstage ein halbes 
Jahr in Krankheit zugebracht, der Manu mit leicherer Beschäftigung 
hat die gleiche Zeit Krankheitstage erst mit seinem 44. ,labre erduldet. 
Ist aber die Zahl der Krankheitstage entschieden geringer bei 
dem Einen als bei dem Andern, so vertheilt sich das eine jede! Classe 
treffende Quantum in merkwürdiger Regelmässigkeit in der Art, dass 
von diesem Quantum in jeder Classe auf die zweiten 25 Jahre bei 
nahe vollständig noch einmal so viel Krankheitstage kommen, als auf 
die ersten 25. Es ergaben sich nähralich 
Alter bei leichter Arbeit bei schwerer Arbeit 
in den 2.5 Jahren von 15%—40% 154% Tage 180^,0 Tage 
r « . « n 40%-6^% ^ ^ 
(Die Hälfte der letzten Zahl ist 156Yio r 105*/,g „ ) 
ln beiden Fällen sonach starke Verdopplung der Erkrankungs 
zeit in den letzten 25 Jahren. Später steigt das Veihältniss, wie ge 
zeigt, noch weit mehr. 
Krankheiten veranlasst durch imgenügende Lufterneuerung, Es 
liegt ausser unserm Plane, auf die einzelnen Krankheiten cinzugehen. 
Doch möge hier wenigstens in Kürze einer erst in der jüngsten Zeit 
beachteteten und noch nicht allgemeiner bekannten Wahrnehmung ge 
dacht werden. Sie betrifft die, im Allgemeinen bereits oben ange 
deutete, ungenügende Lufternouerung, zumal in Kasernen, Spitälern 
und Strafanstalten, mehr oder minder aber in den Wohnungen aller 
ärmeren Classen der Bevölkerung. 
Die Frage erscheint um so wichtiger, wenn wir erwägen, welche 
gewaltige Menschenmasse alljährlich durch Lungensucht und andere 
unmittelbare oder mittelbare Krankheiten der Athmungsorgane hinweg 
gerafft wird, und wenn wir insbesondere die in England ermittelte 
Thatsache beachten, dass, während die Lungensucht in jenem Lande 
unter der männlichen Bevölkerung zwischen dem 20. und 30. Alters 
jahre doch wenigstens nur 5 von 1000 tödtet, sie aus den mit Sorgfalt 
ausgewählten Soldaten des Elitecorps der Gardeinfanterie nicht weniger als 
11,5 hinwegmäht. (S. Compte rendu du, Congrls général d'hygihne 
publique de Bruxelles [Session de 1852], qyar Boudin, Paris 1853.) 
Der schwedische Oberarzt Dr. Liljewalch war unseres Wissens 
der Erste, welclier die enorme Sterblichkeit in den europäischen Hee 
ren während des Friedens (vorzugsweise) dem Mangel eines genügen 
den (Quantums frischer Luft in den Kasernen beimass. Er berechnete, 
ein einzelner Soldat bedürfe 48 Ciibikmeter, was in keiner Kaserne 
auch nur annähernd gewährt wird. Das schwedische Kascrnenregle- 
ment z. B. sei auf 8 Kubikmeter per Kopf berechnet, also nicht mehr 
als blos Yg des Nothwendigen. So entstünden Vergiftungen der Sol 
daten durch das Einathmen kohlensaurer Gase. 
Längst schon hatte man die Nachtheile allzugrosser Menschen 
anhäufung im Allgemeinen wahrgenommen. Man suchte dem Eebel 
dadurch zu begegnen, dass man ein Minimum von Raum für jede 
Schlafstelle annahm, wie auch Liljewalch that. Die Nachforschungen
        <pb n="385" />
        24 
SOCIALSTATISTIK — Verbrechen in Nothjahren. 369 
Cubikmeter 
12 
14 
18 
20 
21 
ergaben als factiscli bestehend n. a. fuigcnde Verhältnisse, zunächst 
für Paris. Es hatte: 
Der InlAnterist in den Casernen ...... 
„ Cavallerist ......... 
„ Soldat im Spitale für Venerische .... 
„ „ „ „ „ Fieberkranke u. Verwundete 
„ Gefangene im Zellengefängnisse Mazas .... 
„ „ in den Anstalten nach der Duchatel’schen Vorschrift 27 
„ „ im Pentonvillegefängnisse (England) ... 30 
„ „ in den Gefängnissen zu Philadelphia ... 30 
„ Kranke in den Pariser Hospitälern, Mittelzahl ... 35 
„ „ im Nordspitale ........ 50 
Allein mit Recht erinnerte Boudin: Diese Bestimmungsweise sei 
nicht besser, als wenn man die Lebensmittel nach deren Volumen 
bemessen wollte, ohne Rücksicht auf den Nahrungsgehalt. Nicht so 
wohl diese oder jene Kubikmeterzahl Luft, welche auf jedes Lager 
trifl't, als vielmehr die Erneuerung der Luft ist der entscheidende 
Moment, denn auch die höchste der oben aufgestellten Zahlen wäre 
weitaus nicht genügend, bei einer wirklichen (hermetischen) Abschlies 
sung. Ho bestimmte man denn die durch Ventilation herbeizuführendo 
Zahl der Kubikmeter für jeden Menschen und jede Stunde folgen- 
dermaassen: 
Cubikmeter 
Im Mazasgefäugnisse zu Paris ..... 19 
In der Ecole des arts et métiers ..... 15—16 
Im Hôpital Beaujon, pavillon nr. 2 ... . 40—60 
„ „ Kecker, neuer Pavillon, bestimmt 60, wirklich 105 
Pentonvillegefängniss, London ..... 51—76 
Zellen ira Justizpalais zu Paris . . . . . 80*) 
Einfluss der Theuerung auf die Zahl der Verbrechen. Im Jahre 
1834 betrug die Zahl der Verhaftungen wegen Verbrechen etc. in 
England 22,451. ln den beiden nächstfolgenden Jahren gingen die 
Getreidepreise herab und es ergab sich gleichzeitig mehr Arbeite- und 
Verdienstgelegenheit ; da ‘sank auch jene Zahl ansehnlich. 1837 
Steigen der Lebensmittelpreise, Handelscrise, — 2600 Verhaftungen 
mehr. Von 1837—41 Fortdauer hoher Preise, lauer Handelsverkehr, 
allmähliges Ansteigen der Verhaftungen auf die Zahl von 31,309. — 
1842 begann Peel die Zollreformen; von 1842—46 kostete das Quar 
ter Weizen nur 54 Hhillingo; viele Eisenbahnbauten, befriedigender 
Handelsverkehr, — Verminderung der Verhaftungen auf 24,000 — 
25,000. — 1847 Gcschäftscrise, 28,838 Verhaftungen ; 1848 sogar 
30,349. — Nun Abschaffung der Kornzolle, einige Verminderung 
der Lebensmittelpreise, — ungeachfet der zunehmenden Bevölkerung 
blos ein Gleichbleiben der Verbrechenszahl. 
1853: 27,057 Verhaftungen, — der Quarter Weizen kostet 53 Shill. 
1854: 29,359 „ „ ^ r &lt; Pence. 
*) Wir können die in der gesammten letzten Abtheilung angeregten Fragen 
nicht verlassen, ohne zum Voraus speciell aufmerksam zu machen auf das in 
der nächsten Zeit zu erwartende Werk: Géographie et Statistique Medicale, die 
Resultate der Forschungen des trefflichen Beobachters Dr. Boudin enthaltend.
        <pb n="386" />
        - 
370 
SOCIALSTATISTIK - Einwirkung der Willensfreiheit. 
Einfluss der Schdhildung auf die Zahl der Verhrechen. Man hat 
wiederholt gefunden, dass eine unverliältnissmässig grosse Anzahl un 
ter den Sträflingen der ersten Elementarbildung, der Kenntniss des 
Lesens und Schreibens ermangelte. Die Tliatsache ist unbestreitbar, 
nicht so die gewöhnlich daraus abgeleitete Folgerung, dass schon der 
erste Unterricht die Menschen bessere ; finden wir doch gerade von 
Feinstgebildeten vielfach die schmählichsten und empörendsten Dinge 
verübt. Jene Menschen sind in der Regel nicht schlimmer, weil sie 
nicht lesen und schreiben können, sondern der Mangel jener Kennt 
niss erschwert ihnen das Fortkommen, und die dadurch über sie ge 
brachte Noth wird häufig die Ursache von Vergehen und Verbrechen. 
Einfluss der Willensfreiheit auf sociale Handlungen. Dass Noth 
und Elend eine Verminderung der Zahl der Geburten, dagegen eine 
Vermehrung der Sterbfälle hervorbringen, ja dass sie auch beitragen, 
die Menge der Vergehen und Verbrechen zu vergrösserii, wird wohl 
allerseits unbedingt zugegeben werden. Wie aber steht es mit jenen 
Handlungen, welche mehr absolut Ausflüsse der menschlichen Wil 
lensfreiheit sind? Stehen auch sie unter bestimmten Gesetzen, 
lassen auch sie eine Berechnung zuV Quetelet liai vor Jahren diese 
Fragen specicll erörtert (in der Abhandlung; „/^e l'influence du libre 
arbitre de Íhomme sur les faits socinux.^’^) „Die Willensfreiheit,^ schreibt 
er, „dieses wunderliche, aller Regeln spottende Element, scheint, in 
dem es seine Wirksamkeit mit derjenigen der sonst das Gesellschafts 
system beherrschenden Ursachen vermengt, alle unsere Vorhersagungen 
ein- für allemal verwirren zu wollen.“ Und doch weist die Statistik 
andere Thatsachen nach. „Es gibt gewiss keinen Act im Bereiche 
des menschlichen Handelns, bei welchem der freie Wille in directerer 
Weise eingreift, als beim Heirathsaete.“ Nun beweisen die.Civil- 
standsregistcr in Beziehung auf die Zahl der Trauungen alljährlich 
eine Stätigkeit und Gleichmässigkeit, welche grösser ist als bezüg 
lich der Zahl der Todesfälle; bei den Sterbfällen sind die Schwan 
kungen zahlreicher, als bei den lleirathen ; (dass Missjahre ebenso 
ein wirken auf Vermehrung der Sterbfälle, wie auf Verminderung der 
Heirathen, haben wir bereits öfter bemerkt.) Indessen ist es nicht 
blos die erwähnte, ganz allgemeine Erscheinung, welche unsere Auf 
merksamkeit in Anspruch nimmt; die Einzelnmomente sind noch ungleich 
merkwürdiger. Untersuchen wir die Ergebnisse der Civilstandsregister 
eines grösseren Staates, wie Frankreich, oder nur eines kleineren, wie 
Belgien, so finden wir im Wesentlichen immer dieselben Verhältniss- 
zahlen für die lleirathen zwischen Junggesellen und Mädchen, dann 
zwischen Junggesellen und Wittwen, sowie zwischen Wittwern und 
Wittwen. „Was noch mehr in Erstaunen setzt,“ bemerkt Quetelet, „ist, 
dass diese constante Wiederkehr derselben Thatsachen sich bis in die ein 
zelnen Provinzen beobachten lässt, obwohl hier die Zahlen so klein werden, 
dass die mannigfachen neben dem menschlichen Willen wirkenden zu 
fälligen Ursachen alle Regelmässigkeit zu zerstören drohen... Im 
thatsächlichen Verlauf der Dinge geht demnach Alles so, als ob von einem 
Ende des Landes zum andern das Volk sich alljährlich verständigte,
        <pb n="387" />
        3%. 
SOCIAI.STATISTIK — Einwirkung der Willensfreiheit. 371 
dieselbe Anzahl lleiratheu abzuschlie.ssen und solche in gleichheitlicher 
Weise unter die verschiedenen Provinzen, unter Stadt und Land, un 
ter Junggesellen, Mädchen, Witt wer und Wittwen zu vertheilen. Nach 
Spuren eines menschlichen Willens könnte man nur noch etwa in 
dieser sich gleich bleibenden Vertheilung suchen, und sicherlich hat 
Niemand daran gedacht, diese willkürlich hervorzurufen. — Noch 
mehr, es könnte scheinen, als ob eigene gesetzliche Anordnungen 
beständen, welche für die verschiedenen Altersclassen je nur eine be 
stimmte Anzahl von Ehebündnissen bewilligten ; eine solche Regel 
mässigkeit herrscht in dieser Beziehung. . . Der weniger als 30 Jahre 
zählende junge Mann, der eine mehr als ßOjährige Frau geheirathet, 
war doch sicherlich nicht durch ein Verhängniss oder eine blinde 
Leidenschaft getrieben; er war im Falle, seinen freien Willen im 
vollsten Umfang anzuwenden ; und dennoch kam er dahin, diesem 
andern Budget), das nach den Gebräuchen und Bedürfnissen unsers 
Gesellschaftsorganismus geregelt ist, seinen Tribut zu entrichten; und 
diese budgetmässige Steuern werden mit grösserer Regelmässigkeit ab 
getragen, als jene, welche man an die Staatscasse zu leisten hat. — 
Man glaube ja nicht, dass die Heirathen die einzige Abtheilung ge 
sellschaftlicher Thatsachen bilden, welche einen so regelmässigen und 
stäten Gang aufzuweisen haben. Mit den Verbrechen verhält es 
sich ebenso, und sie ziehen alljährlich die Strafen in den gleichen 
Verhältnissen nach sich. Dieselbe Gleichmässigkeit lässt sich bei den 
Selbstmorden beobachten, bei den Selbstverstümmlungen 
um sich der Conscj-iption zu entziehen, bei den Summen welche in 
den früher öffentlich zu Paris bestandenen Spielhäusern gesetzt 
wurden, ja sogar bei den der Post übergebenen ungenau und unrich 
tig adressirten, darum unbestellbaren Briefen. Mit einem 
Worte: es verläuft Alles derart, als ob die verschiedenen Classen 
von 'J’hatsachen rein physischen Ursachen unterlägen.“ Quetelet 
schliesst so: „Muss man nun, einer solchen Uebereinstimmung von 
Thatsachen gegenüber, die menschliche Willensfreiheit unbedingt läug- 
nen? Ich glaube nicht; ich denke nur, dass diese Willensfreiheit in 
ihrer MTrkung auf sehr enge Grenzen beschränkt ist, und bei den 
gesellschaftlichen Erscheinungen die Rolle einer zufälligen Ur 
sache spielt. Sieht man darnach ganz ab von den einzelnen Indi 
viduen, und betrachtet man die Dinge nur im Grossen und Ganzen, 
so ergibt sich, dass die Wirkungen der zufälligen Ursachen sich 
neutralisiren und wechselseitig in der Art ausgleichen, dass nur 
noch die wahren Ursachen vorwalten, kraft deren die Gesellschaft be 
steht und sich erhält. . . Die Möglichkeit, eine Moralstatistik zu be 
gründen und nutzbare Folgerungen daraus abzuleiten, ist vollständig 
von der Fundamentalthatsache abhängig, dass der menschliche freie 
Wille sich verflüchtigt und ohne merkliche Wirkung bleibt, sobald 
die Beobachtung sich über eine grössere Anzahl von Individuen 
verbreitet. Nur dann lassen sich die constanten und die veränderlichen 
Ursachen erkennen, die das Gesellschaftssystem beherrschen, und man 
muss auf eine Modification dieser Ursachen bedacht sein, wenn man
        <pb n="388" />
        372 
SOCIALSTATISTIK — Uebcrvölkerung. 
nützliche Aenderungeii bewirken will.“ Eine umfassende Erörterung 
über diese Entwicklung des berülunteu belgischen Statistikers würde 
hier zu weit führen. 
lieber cdhustarke Memchenverme/mmg und Ueberv'ölkerung. Der 
geistvolle englische Nationalökonom Mal thus nahm an: die Volks 
vermehrung steige in geometrischer, die Vermehrung der Lebens 
mittel nur in arithmetischer Progression; darnach müsse Uebervöl- 
kerung und Elend entstehen. 
])er Satz, ganz besonders der erste Theil desselben, scheint so 
einfach und natürlich, dass alle bloscn Theoretiker davon getäuscht 
wurden, besonders als nach den grossen Kriegen die Natur in gewal 
tiger Weise eine Ersetzung der entstandenen Verluste erstrebte. 
Die Erfahrung zeigte aber, dass die grössere Zahl von Lobenden 
eben auch im Verhältnisse zu ihrem Bed arfe, und zwar selbst 
auf dem nämlichen Raume, mehr producirt. Vor 40 Jahren zählte 
Deutschland mindestens V4 Menschen weniger als jetzt, und doch 
kommt nun auf Jeden durchschnittlich ein grösseres Lebensmittelquan 
tum, als damals, und wiederholte Missjahre brachten uns nicht mehr 
die gleiche Grösse der Noth, wie 1817, was freilich eiiiigermaassen, 
— allein doch nur zu einem viel kleineren Theile als man glaubt, — 
mit durch die Erleichterung in der Communication verhindert wird. 
Man sieht sich vielfach zu dem Satze geführt: in einem grössern 
Lande leben in der Regel so viel Menschen, als sich hier ernäh 
ren können. Allein cs wäre damit noch nicht ausgeschlossen, dass 
das Leben der Masse immer elender, ihr Bedarf auf das jäm 
merlichste Minimum herabgedrückt würde. Die Erfahrung beweist, 
dass diese Befürchtung nicht gegründet ist. 
Es leben nicht mehr Menschen in einem Lande, als nach den 
Anforderungen des Cult u r - und Bildungsgrades des Volkes (in 
seiner Totalität aufgefasst) daselbst geeignet leben können, — aller 
dings in der Regel mit einiger Neigung, diese Grenzlinie zu über 
schreiten. 
Da sich aber die Anforderungen steigern, welche nach der 
allgemeinen Anschauungsweise, (nach dem Volksbewusstse in,) 
bezüglich des Umfanges der „Lebensbedürfnisse“ gemacht wer 
den, — und da bei weiter vorangeschrittencr Bildung und mehr ent 
wickeltem Bewusstsein gar Manches als Bedürfniss erscheint, was in 
den frühem rohem Jahrhunderten dafür nicht angesehen ward, — so 
finden wir — in Uebereinstimmung mit dem Voranschreiten der 
Menschheit im Ganzen —namentlich die Lage der ärmsten Classen unter 
den mitteleuropäischen Völkern bereits unendlich verbessert gegen vor 
mals, — was Behandlung im Allgemeinen, was Nahrung, Kleidung 
und Wohnung, auch was Schule und was manche kleine Annehmlich 
keiten des Lebens betrifft. Damit soll jedoch keineswegs gesagt 
werden, dass das Endziel erreicht sei. Es bleibt vielmehr für Ver 
besserung der Volkszustäiide noch unendlich viel nachzuholen, was 
vordem, und theilweise heute noch, in der unverantwortlichsten Weise
        <pb n="389" />
        SOCIALSTATISTIK — Uebervölkerung. 
373 
versäumt ward und wird. Nur der Befürchtung, dass es schlim 
mer werde, wollten wir entgegen treten. 
Allein lässt sich eine dauernde Verbesserung denken bei einer Ver 
mehrung der Menschen in mathematischer Progression? so hören 
wir fragen. Indessen beweist die Erfahrung, dass eine soIche Vermeh 
rung geradezu eine Illusion ist. Sie existirt gar nicht in Wiiklichkeit. Die 
allerdings colossale Volksvermehrung nach den Kriegen hat sich nicht 
nur nicht in gleicher Weise fortgesteigert, sondern sie hat vielmehi 
(vergleichsweise) abgeuonunen. Es betrug die Vermeinung nach Pio- 
conten unter der Bevölkerung in 
(Jahre) Frankreich England 
1821—30 6,89 15,89 
31—40 5,07 14,27 
41-50 4,49 13,00 
(Jahre) Freussen 
1831—39 14,49 
1840—46 7,93 
1847—52 5,10 
1852—55 1,57 
Diese Ziffern beweisen gewiss keine geometrische Progression, 
und wenn überhaupt eine Progression sich ergab, so ist der Grund 
unzweifelhaft in dem Emporblühen der Industrie, er ist in der ganzen 
reichen Entfaltung des Lebens zu suchen, wonach sich die Masse, 
namentlich des britischen Volkes, ungeachtet seiner so sehr ver 
mehrten Anzahl, heute ungemein besser befindet, als vor anderthalb 
Jahrhunderten. 
Alle Berechnungen über die Zeit der Verdoppelung der Ein 
wohnerzahl in den verschiedenen Ländern Deutschlands , erwiesen sich 
nach den Resultaten der beiden letzten Bevölkerungsaufnahmen, zumal 
in sämmtlichen Theilen des Zollvereins, als rein unbrauchbar. — Bei je 
der Aufnahme, in der kurzen Spanne Zeit von je 3 Jahren, gestal 
tete sich das Verhältniss anders. Und insbesondere sind da, wo sonst 
die allerstärkstc Zunahme stattfand, (z. B. in der bayer. Pfalz, in Hes 
sen-Darmstadt, Baden, Württemberg, Preussen etc.) nicht nur im All 
gemeinen enorme Verminderungen eingetreten, sondern es hat sich 
sogar, statt jede r Zunahme, vielfach eine positive, mitunter ungeheuere 
Abnahme der Volkszahl ergeben — in der kleinen bayer. Rheinpfalz 
allein eine Verminderung von 24,142 Menschen in nur 3 Jahren, — 
also von beinahe 4 Proc. (3,94%). Das sprechendste Beispiel gegen 
die Lehre von der mathematischen Progression der Volksvermehrung 
(mit ihren vermeintlich verderblichen Wirkungen) bietet aber Frank 
reich dar. In keinem Lande unsers Continentes sind Ansässigma- 
chung, Verehelichung, Freizügigkeit, Gewerbsbetrieb und Gütertheil- 
barkoit mehr erleichtert, als hier. In natürlicher Folge davon, 
überdies in Betracht der climatischen Verhältnisse und des schon 
südländischen Volkscharakters, — müsste jeder blose Theoretiker 
annchmen, dass gerade hier eine Uebervölkerung unvermeidlich ein- 
treten werde. Statt deren scheu wir, dass die Volksvermehrung in 
gar keinem andern der Grossstaten so langsam voranschreitet, als 
eben hier in Frankreich. Gehen wir in eine nähere Untersuchung 
ein, so gelangen wir mitunter zu den überraschendsten Thatsachen, 
z. Íb. zu dem Factum, dass — ungeachtet eines Steigens der Bevöl-
        <pb n="390" />
        374 
SOCIALSTATISTIK — Jetzige Bevölkerungszunahme. 
kerung von 24% Mill, vor der Revolution, auf 85% Millionen jetzt — 
dennoch die Zahl der Geburten kaum mehr die gleiche Höhe erreicht 
wie damals. Bei solchen Wahrnehmungen verschwindet die Befürch 
tung vor der Menschenzunahme in geometrischer Progression. Indem 
wir bezüglich des letzten Pactums auf den Abschnitt „Frankreich 
S. 37 in unserm Buche verweisen, wollen wir nur noch erinnern, 
dass auch die Sterblichkeit in ähnlicher Weise sich vermindert 
hat. Wären die Befürchtungen wegen IJehervölkerung u. s. w. be 
gründet, so müssten wir nothwendig die entgegengesetzte Erscheinung 
erblicken, die steigende Noth hätte die Sterblichkeit vermehrt. 
Aehnllch, wie hier, und wie auch z. 13. nach verheerenden Seu 
chen (siehe ii. a. S. 38 unseres Buches) die Natur selbst das rich 
tige Verhältniss herzustellen sucht, wirkt in andern Fällen noch mehr 
unmittelbar der, der Natur entquellende, vernünftige Menschen 
geist aller Einzelnen, (indem sic zunächst nur für ihre persönlichen 
Verhältnisse sorgen,) besser, als eine buroaucratischc und polizeiliche 
Weisheit es von oben herab vermöchte, für das Beste der Gesammt- 
heit und des Ganzen. Da, wo volle Geweibefreiheit, aber auch die 
volle Freiheit in den andern Beziehungen des bürgerlichen Lebens 
besteht (namentlich Gütertheilbarkeit etc.), — da finden wir die 
einzelnen Handwerke weniger übersetzt, als wo ein unnatürlicher 
Zunftzwang waltet (s. unsere Bemerkungen bezüglich Frankreichs, 
Preussens, Bayerns, Kurhessens, Mecklenburgs etc., S. 56, 125, 156, 
183 und 187.) Es liegt eine unendliche, unerschöpfliche Heilkraft 
in der Natur, und diese Heilkraft manifestirt sich eigentlich auch in 
dem Verhalten des vernünftigen Menschengeistes aller Einzelnen (im 
Ganzen) hinsichtlich dessen, was ihrer Wohlfahrt am zuträglichsten 
ist. Ermangelte die Menschheit dieses stets neu sich entwickelnden 
Heilmittels, so wäre sie wahrlich schon unendlich oft vollständig zu 
Grunde gerichtet worden durch all’ die Experimente, welche bald die 
Laune des wahnsinnigsten Despotismus, bald die Sucht gouverne- 
mentaler Omnipotenz, mit ihrer Weisheit Alles besser zu machen, in 
der unverständigsten Art an ihr versuchte. Glücklich, dass die Quelle 
dieser Heilkraft sich als eine nie versiegende erprobt hat. 
Die jetziye Bevölkerungszunahme in Mitteleuropa. Dieselbe erwies 
sich während der letzten .Jahre, und namentlich in den meisten Län 
dern Deutschlands, als äusserst gering; wie schon erwähnt, ergaben 
sich vielfach sogar Rückschläge. Ist diese Erscheinung blos das 
Ergebniss der zahlreichen Auswanderungen? Wir glauben, diese 
Frage verneinen zu sollen. Der Menschenverlust, den Deutschland 
namentlich im Jahre 1854 durch Auswanderung erlitt, ist allerdings 
colossal, und deutet auf das Bestehen sehr fehlerhafter, sehr unna 
türlicher Zustände. Allein dieser eine Moment erklärt nicht Alles. 
Die Menschenvermehrung war früher (z. B. in Rheinpreussen, in der 
Rheinpfalz, in Baden, Darmstadt u. s. f.) dermaassen gross, dass, 
wenn damals die Auswanderungen in gleicher Ausdehnung wie wäh 
rend der neueren Zeit erfolgt wären, dennoch ein sehr ansehnliches 
Steigen der Volkszahl geblieben sein würde. Wenn sich nun, statt
        <pb n="391" />
        SOCIALSTATISTIK — Umgestaltung der BevölkerungsYerhältnisse. 375 
desse», sogar eine positive Verminderung ergeben hat, so müssen 
tiefere innere Veränderungen vorgegangen sein. 
In Wirklichkeit scheinen auch verschiedene andere Momente 
diese Vennuthung zu bestätigen. Es däucht uns, als ob die mittel 
europäische Menschheit in ihrem Entwicklungsgänge, auch was die 
Populationsverhältnisse betrifft, gleichsam an einem Wendepunkt 
angelangt sei. Und obwohl wir keineswegs der Ansicht sind, als ob, 
statt der bisherigen Vermehrung, nunmehr eine Verminderung der 
Menschonzahl sich ergeben müsse, so glauben wir doch, dass die be- 
dingenden Verhältnisse über Geburten und Lebensdauer, eben in 
Folge des Ciilturentwicklungsganges, eine nicht unwichtige Modihcation 
erfahren haben. Wir weisen hier wiederholt auf die auffallende Er 
scheinung hin, welche in Frankreich constatirt ist, dass die Zahl der 
Geburten dermalen, bei einer Volksmenge von 35^4 Millionen, 
nicht grösser ist als sie vor 70 Jahren war, obgleich der btaat da- 
mais nur etwa 24Y2 Mill, umfasste. Wir geben die Daten no^ 
umfassender, als es bereits geschah, um zu zeigen, dass es sich nicht 
um eine Einzelnerscheinung in einem besondern Jahre handelt, n ir 
weisen zugleich nach, wie sich, übereinstimmend mit jenem Verhält 
nisse, auch die Summe der St erb fälle verhältnissmässig änderte. 
In Frankreich kamen vor: 
Geburten 
Sterbfälle 
1781 
1782 
1783 
1784 
970,406 
975,703 
947,941 
965,648 
1850 
1851 
1852 
1853 
954,240 
979,907 
965,080 
927,917 
1781 
1782 
1783 
1784 
881,138 
948,502 
952,205 
887,155 
1850 761,610 
1851 817,449 
1852 810,695 
1853 787,581 
ZUB 
3’859,698 3’827,134 3’669,000 3’177,135 
Wir müssen zwar bemerken, dass sich ans der officiellen Quelle, 
welcher wir die früheren Ziffern entnehmen (der 1637 vom franz. 
Minister der öffentlichen Arbeiten herausgegebenen Statistique de la 
France, von welcher das unter dem nämlichen Titel im Jahre 1855 
veröffentlichte Werk eigentlich nur eine Fortsetzung bildet), nicht er- 
sehen lässt, ob nicht die Zahl der Todgeborenen im vorigen Jahr- 
hunderte mit eingerechnet ward. Wir halten dies für wahrscheinlich. 
(Da die Zahl der Todgeborenen 1841—45 durchschnittlich 33,048, 
1846—50 durchschn. 35,219 betrug, so hat man einen ungefähren 
Maassstab für dieses Verhältniss.) Bringen wir aber auch diesen 
Umstand mit in Anschlag, so bleibt die Erscheinung dennoch aus 
serordentlich genug, um eine tief greifende Aenderung in den socialen 
Zuständen zu beurkunden. 
1st nun damit zunächst eine Umgestaltung bewiesen, welche sich 
seit dem vorigen Jahrhunderte ergeben hat — die Gegensätze zwischen 
dem 18. und 19. Jahrhunderte in dieser Beziehung andcutend, so 
bemerken wir überdies auch Erscheinungen, welche auf Aenderungen 
in den verschiedenen Perioden des 19. Jahrhunderts selbst hinweisen. 
Am bedeutungsvollsten bleibt die mehrerwähnte BevölkerungsVer 
minderung, wo noch vor einem oder zwei Jahrzehnten eine ansehn 
liche Vermehrung stattfand. Andere, wenngleich, für sich allein be-
        <pb n="392" />
        376 SOCIAL&amp;TATISTIK — Umgestaltung der BevÖlkerungsverhältnisso. 
trachtet, minder gewichtig scheinende Walnnehrnungen, reihen sich 
bedeutungsvoll an. Wir gedenken zunächst einer Heinerkung, die 
Marc d’Espine schon 1847 niederschrieb (sielie Notice statistique 
sur les lois de Mortalité et de Survivance), welche früher gar nicht be 
achtet worden zu sein scheint, welche aber durch die erwähnten 
neuern Ergebnisse der Bevölkerungsaufnahinen eine erhöhte Bedeutung 
erhielt. Marc d’Espine äussert: 
„Es erhellt aus den Thatsachen, dass das mittlere Alter 
zu Genf seit 1560 bis zum Beginne des 19. Jahrhunderts, sich 
fortwährend erhöht, und in dieser Zeit von 260 Jahren sich mehr 
als verdoppelt hat; dass es aber in den letzten 30 Jahren, wo das 
selbe (das mittlere Alter) 40 Jahre um ein Weniges überstieg, 
seinen Gipfelpunkt erreicht zu haben scheint und weiterer 
Erhöhung nicht fähig ist. Mailet hat das mittlere Alter für die bei 
den Jahrzehnte von 1814—33 (zu Genf) zu ermitteln gesucht; er 
fand, dass dasselbe in der zweiten Hälfte dieser Periode etwas go- 
lingei war als in der ersten. — Die wahrscheinliche Lebensdauer 
ist nach meiner Tabelle (Ergebnisse von 1838—45 im ganzen (Jau- 
tone Genf) 43,62 Jahre; nach Iloyer (Ergebnisse in der Btadt und 
dem Weichbilde von 1814—30) 47,21 Jahre; nach Mailet (Ergebnisse 
in der Stadt allein von 1814—33) 45,08; von 1804—1814 40,68, 
von 1761—1800 32,37, von 1701 — 1760 27,18, von 1601 — 1700 
11,61, und von 1561—1600 4,88 Jahre. So hat sich die wahr 
scheinliche Lebensdauer seit dem 16. Jahrhunderte vergrös- 
sert,... scheint aber (ebenso wie das mittlere Alter) gegen die dreissiger 
Jahre (dans la seconde qidnzaine d'annéesj ihren Gipfelpunkt erreicht zu 
haben, und seitdem eher zu einem Herabgehon sich zu neigen; 
denn ich fand dieselbe um zwei Jahre geringer als Mailet, und um 
4 Jahre niedriger als Hey er ; auch glaube ich nicht, dass, wenn ich 
mich blos mit der Stadt (also nicht dem ganzen Uantone) befasst 
hätte, ich eine höhere Ziffer gefunden haben würde, da die Mallet's 
schon geringer ist als jene von Heyer (welcher die Vorstädte dazu 
zog.) Ein anderes Zeichen der Neigung zum Herabgehen ist, dass 
Mailet die wahrscheinliche wie die mittlere Lebensdauer zwischen 
1824 und 33 etwas geringer fand, als zwischen 1814 und 33.« 
Nur gegen einen Punkt in dieser Erörterung müssen wir uns 
erklären. Die Behauptung Marc d’Espine’s, „dass die mittlere Lebens 
dauer einer weiteren Erhöhung nicht fähig zu sein scheine,“ geht zu 
weit. 1'ür jetzt scheint allerdings der Gipfelpunkt erreicht, oder 
wohl gar überstiegen. Dagegen beweist nichts die Möglichkeit eines 
späteren höheren Aufschwungs. Die mittlere Lebensdauer ist noch so 
vielfach durch grellstes materielles Elend herabgedrückt, — diese all 
gemeine mittlere Lebensdauer steht, besonders in einzelnen Classen 
und Ständen, derjenigen in vielen andern Ständen noch so sehr nach, 
dass sich der obige Ausspruch von einer wahrscheinlichen absoluten Un 
fähigkeit weiteren Voranschreitens zum Bessern, nicht begreifen 
lässt. Was heute erzielt ist, ward vor Jahrhunderten auch für 
unmöglich gehalten.
        <pb n="393" />
        ÄOCIALSTATISTIK — Umgestaltung tier Bevölkerungsverhältnisse. 377 
Die Auswanderungen, welche in Genf noch gar nicht ein 
wirkten, welche aber eine so grosse Bedeutung für viele Theile 
Deutschlands und der Schweiz erlangt haben, bilden ein weiteres, 
äusserst wichtiges Moment, —• wenn auch ein Moment ganz anderer 
Art, — welches auf eine gewaltige Aenderung in den Social-, Cul- 
tur- und rein menschlichen Verhältnissen deutet. Man lasse sich nicht 
täuschen durch die momentane Unterbrechung des gewaltigen Exodus. 
Die schlimmen Nachrichten aus Amerika brachten ein Aufschieben, 
nicht eine Beendigung des Zuges hervor. Voraussichtlich wird der 
selbe von Neuem beginnen, sobald die in der neuen Welt eingetretene 
zeitliche Crise überstanden sein, sobald dort ein neuer Aufschwung 
seinen Anfang erlangt haben wird.
        <pb n="394" />
        Machträ^e. 
Die Zustände, deren Darstellung Aufgabe der Statistik ist, 
gelangen niemals zu einem Stillstände. In J^’olge dessen werden 
unausgesetzt neue Materialien bekannt. Da nun aber der Druck eines 
Buches wie das vorliegende ist, einen nicht unbedeutenden Zeitraum 
in Anspruch nimmt, so ergibt es sich von selbst, dass wir am Schlüsse 
eine Anzahl Nachträge zu liefern haben. 
Zu G roSSb ritauien. 
S. 3. Geburten und Sterhfälle. In Grossbritanien, ungerechnet 
Irland, zählte man 1855 635,123 Geburten und 426,242 Sterbfälle. 
Städte: Dublin 350,000 Einw. 
S. 3. Auswanderungen: Von 1815 bis einschliesslich 1855 wan- 
derten 4’293,766 Personen aus dem Vereinigten Königreiche: 
1816 
1831—45 
1847—54 
30 durchschnittlich 24,582 im Jahre 
Von der Gesammtsumme gingen: 
2’591,745 nach den Vereinigten Staaten, 
1’132,965 „ Britisch-Nordamerika, 
507,783 „ Australien, 
61,273 „ anderen Ländern. 
(1842 das maximum mit 128,344) 
(1852 „ „ „ 368,764) 
In den 21 Jahren 1835—55 gingen von Irland allein 
2'323,312 Auswanderer nach den Vereinigten Staaten, 
729,982 „ „ Canada. 
Nach Australien gingen: 
1854 88,237 Iren 
1855 52,309, „ 
Die Irische Auswanderung betrug 
1852 368,764 
53 329,937 
54 150,209 
55 78,854 
Von der Gesammtsumme der britischen Auswanderer kehrten 
13 Procont, meist im Wohlstände, in ihre Ilcimath zurück; 18,402 
aus Amerika, 4419 aus Australien.
        <pb n="395" />
        NACHTBÆGE. 
379 
s, Ifi Armee. Nach einem Armeebefehle vom Sept. 1856 soll 
das Heer, ungerechnet das Indische (und die Artillerie) bis auf fol 
gende Stärke reducivt werden: 
7 Gardebataillone, jedes zu 800, mit Reserve, Unterofficieren etc. 
913 M. (ohne Officiere) . . • - ; 6,391 
82 Linienregimenter, 1000, resp. 1127; das 12. Regiment bleibt in 
seiner dermaligen Stärke von 1200 . . • • • 0 ,6 4 
Infanterie 99,005 
Anstatt aus 16, werden die Regimenter künftig nur aus 12 
Compagnien bestehen. 
S. 
1835 
45 
52 
63 
54 
65 
21. Gonsumtion der ividdigsten Colonialproduete. 
Thee 
36’574,004 engl. Pfund 
44’193,433 
54713,034 
68'834,087 
61’953,041 
63’429,286 
Kaffee 
23’295,046 Pfund 
34’293,190 
34'978,432 
36'983,122 
37’350,924 
35764,564 
Zucker 
4’022,850 engl. Ctr. 
4'866,680 
7772,858 
7’487,589 
8'332,407 
7’543,157 
S. 22. Irländische Verhältnisse. Nach dem Irischen Census vom 
1, Jan. 1856 hat (wie wenigstens Zeitungsnachrichten versichern) die 
Bevölkerung Irlands neuerdings, seit 5 Jahren fast wieder um Vg 
Mill., abgenommen, und betrug an jenem Tage nur noch 6’077,283. 
Kaum dürfte Grossbritanien diesen Bevölkerungsverlust des Reiches 
ersetzt haben. 
S. 23. Eisenbahnen. 
im Betriebe im Baue 
England 6210 miles 3276 miles 
Schottland 1083 458 
Irland 987 837 
8280 4571 
Bis Ende 1855 waren die wirklich aufgewendeten Kosten 
297’583,284 Pfd. Strl. In diesem Jahre betrug die Zahl der für 
Verwaltung und Betrieb angestcllten Personen 97,952. Befördert 
wurden 1855 118’595,135 Reisende, gegen 9774,845 Pfd. Strl. 
Fahrgebühr (also mehr Reisende aber geringere Einnahme gegen das 
Vorjahr.) Die Betriebsausgaben stiegen von 45 auf 48 Proc, Der 
Reinertrag der Eisenbahnen in Grossbritanien von 1849—1855 wird 
so berechnet: 
1849 1850 1851 1852 1853 1854 1855 
1,88% 1,83 2,44 2,40 3,05 3,39 3,12 % 
S. 26. Handelsverkehr. Es betrug die Gosammtsumme des Werthes 
1854 1855 
der Einfuhr 152’591,513 143’850,505 
der Ausfuhr 97784,726 95’669,380 
Bei der Ausfuhr sind nur die britischen Erzeugnisse berech 
net. Der Export der fremden und Colonialartikel belief sich 1855 
auf einen Werth von 20’4()6,437 Pfd. Strl. (Eine andere Berechnung 
entzifl’ert für die Gesammtausfuhr — britische und fremde zusammen, 
jedoch immer ohne Einrechnung der s. g. edeln Metalle — 116701,045 
Pfd.) Die Ausfuhr britischer Erzeugnisse
        <pb n="396" />
        380 
NACJITRÆGE. 
nach Australien sank 
von 11'931,000 Pf. Sterl. im ,1. 1854 
nach den Vereinigten Staaten sank 
von 2r410,000 Pf. Sterl. im J. 1854 
Dagegen hat sich bereits ein entschiedener Aufschwung des 
britischen Handels im Jahre 1856 kundgegeben. Während der Han 
delsverkehr Frankreichs empfindlich herabging (siehe , S. 381), ergab 
sich in Grossbritanien während der 8 ersten Monate eine Vermehrung 
der Ausfuhr von über 7 Mill. Pfd. Strl. gegen die correspondirenden 
Monate von 1854, und von 14 Mill, gegen jene von 1855; auch 
die Einfuhr ist stärker als 1855, und stellt jener von 1854 kaum 
mehr nach, 
fe. 32. Britisch - Ostindien. Nach den Verhandlungen im Prit. 
Überhause ergaben die Keclmungen Ostindiens 
18'%; einen Ueberschuss von 424,257 Pf. Sterl. 
18'V64 ein Deficit „ 2’044,117 
Eisenbahnen sind oder werden in Ostindien im .Fahre 1856 
371 englische Meilen eröffnet. 
Zu Frankreich. 
ö. 36. Bevölkerungszunahnc. Die hier mitgctheilten Daten sind 
officiell, bedürfen aber nichts destoweniger, wie wir uns mittlerweile 
überzeugten, einer Berichtigung, abgesehen von den Irrthürnern, wel 
che bei den eigentlichen Bevölkerungsaufnahmen stattfanden. Bei 
Angabe der Bevölkerung in den Jahren 1801 und 1806 haben die 
oftici eilen Statistiker ganz unbeachtet gelassen, dass von manchen De- 
partementen, zufolge der beiden Pariser Friedensverträge, nicht nur 
einzelne Orte, sondern selbst ganze Kantone abgetreten werden muss 
ten; ohne alle Rücksicht auf dieses Verhältniss hat man die Eiuwoh- 
zahl in der vollen Grösse angenommen, wie dieselbe sich, mit Ein 
rechnung der verlorenen Bezirke, ergeben hatte. So büsste z. B. das 
Niederrheinische Departement, und spcciell das Arrondissement Weis- 
senburg, durch den zweiten Pariser Frieden das ganze Gebiet zwischen 
der Lauter und der Queich ein, die 3 Kantone Landau, Langenkandel 
und Germersheim. Bei der officielleii Berechnung dachte man aber 
gar nicht daran, dass das genannte Departement und insbesondere 
der bezeichnetc Bezirk, eine Aenderung in seinem Bestände erfahren 
habe, und so kam es denn, dass die Einwohnerzahl des Weissen- 
burger Arrondissements 1806 mit 137,244, 1821 aber nur noch mit 
88,938 Seelen erscheint, während sich die Bevölkerung auf dem 
gleichen Gebiete in Wirklichkeit vermehrt hatte. Aehnliche Irr- 
thümer können wir namentlich nachweisen bezüglich des Mosel - und 
des Meurthe-Departements. 
S. 39. Städte. Die officielle Statistique de la France gibt zwar 
die Zahl der Städte mit mehr als 50,000 Einw. nur zu 10 an, führt 
dann aber (an einer andern Stelle) alle von uns angegebenen Gemein-
        <pb n="397" />
        NACHTRÆGE. 
381 
den mit der von uns bemerkten Volkszalil auf. Nur 1st die Ziffer 
von Marseille ein wenig modiücirt, zu 198,945. Ferner fügen wir 
zur Ergäuzung bei: Brest mit 61,160; Reims 45,754 : La Guillotière 
(Vorstadt von Lyon) 43,524. — Eine neue Bevölkerungsaufnahme 
zu l'aris im .labre 1856 soll eine Einwolincrzahl von l’l74,333 Men 
schen ergeben haben. 
S. 43. Zollertrà'gnisse. Unsere Voraussagung: dass gerade nach 
Wiederherstellung des Friedens, gerade nach Wiederkehr der ge 
wöhnlichen Verhältnisse, jenes Steigen der indirecten Einkünfte, auf 
das man so stark gerechnet, einen Rückschlag erfahren werde, — 
hat sich bereits in grosser Ausdehnung zu bestätigen begonnen. So 
stellten sich die Zollerträgnisse in den 8 ersten Monaten der letztver 
flossenen drei .Jahre folgend ermaassen: 
1854 1855 1856 
93'7T3,039 Fr. 139’264,‘210 114’592,525 Fr. 
Sonach Verminderung im letzten .Jahre von mehr als 24^/^ Milk, 
und wenn sich auch gegen 1854 noch eine Mehreinnahme von etwas 
über 20Ya Mill, ergibt, so rührt selbst dieses Mehr grösstontheils nicht 
von einer Vermehrung des Handels, sondern zunächst nur davon her, 
dass mau die Zollabgaben, durch Einführung eines zweiten décime 
de guerre, um weitere 10 l’roc. erhöht hat. 
S. 44. Bicdget für 1857. Dasselbe schliesst so ab: 
Einnahmen (ordentliche und ausserordentliche) 
(wirklicher Dienst . . 1,174’969,226 
Ausgaben ^ Jietriehs- u. Erhehungskosten 523‘935,438 
Fres. ],709’874,512 
1,(J98’904,664 
Hierunter sind begriffen : 
Ausserordentliche Ausgaben 53‘564,000 
„ . Einnahmen 1‘129,286 
Gleichzeitig wurden bereits ausserordentliche (Supplementarcreditc) 
bewilligt. 
S. 45. Budget der Stadt Paris. Dasselbe ward im Jahre 1855 
factisch bis zur Unkenntlichkeit überschritten. Vermittelst An leben 
steigerte man die Einnahme bis auf die enorme Summe v. 139’312,208 
Frk. Die wirklichen Ausgaben beliefen sich auf 112’125,022. Das 
Octroi (Stadtaccise) bildet die weitaus bedeutendste Einnahmsquelle; 
dasselbe ertrug 41’8 7 2,812 Frk. 
S. 52. Armee. Der active Bestand der Garde soll nur etwa 
25,000 Mann betragen. 
S. 54. Russischer Feldzug von 1812. Unsere Angabe, dass 
Napoleons „grosse Armee“ im Russ. Feldzuge von 1812 nur zur 
kleineren Hälfte aus Franzosen bestanden habe, wird durch die Be 
rechnung eines deutschen Militärschriftstellers bestätigt. Darnach 
zählte Napoleons Heer : 
Infanterie, Bataillone: 299 französ., 306 verbündete, zus. 605 
Cavallerie, Schwadronen: 251 „ 275 „ „ 526 
Pferde: 34,580 „ 40,140 „ „ 74,720 
Die Zahl der Franzosen vermindert sich aber noch äusserst be 
deutend, wenn man gebührend abrechnet die ihnen damals zugezählten
        <pb n="398" />
        382 
NACHTRÆGE. 
Deutschen vom linken Rheinufer, den Ems-, Weser - und Elbemün 
dungen, die Holländer und Belgier, die Schweizer aus Wallis, Genf 
und Neuenburg, und die Italiener aus Piemont, Parma, Toscana und 
Rom etc. — Das Contingent, welches Preussen für den riiss, Feld 
zug stellte, betrug 23,300, jenes Oesterreichs 30,800 Mann. 
S. 55. Krinifeldzug. Nach dem Moniteur betrüge der Verlust 
der franz. Armee im Russ. Kriege, von der ersten Truppenausschiffung 
an bis zum Friedensschlüsse: 1284 0hiciere (darunter 14 Generale, 
20 Stabsofficiere, 32 Administrations - Officiere, 70 Aerzte und 12 
Priester), 4.403 Unterofficiere, 56,805 Soldaten; Total 62,492 Mann. 
(Während derselben Periode von 2 Jahren starben in den übrigen 
Theileii der franz. Armee 21,028 M.) Die Verluste der Flotte sind 
nicht einbegriffen; sie sollen sich im Ganzen auf 4849 M. belaufen. 
(Die Verstümmelten sind ebenfalls nicht eingerechnet, die mit 
siechem Körper Heimgekehrten, zum Theil Entlassenen, fehlen ohnehin.) 
b. 58. laglohn. Als mittleren Taglohn der Ouvriers in Paris 
ergaben sich 1847 3 Frk. 80 Cent., gleich dem Preise von O'/g 
Kilogr. Brod in diesem Thcuerungsjalire (siehe: Compte rendu du 
congrès statistique de 1853, b. 410.) 
S. 60. Haiidelsverkekr im .Jahre 1855. Die kürzlich veröffent 
lichten Listen geben Einzelnnacliweise. Vom allgemeinen Handel 
kommen, nach den otticiellen Wert bann ahm en, auf den Verkehr Frank 
reichs mit 
Grossbritanien 
Vereinigte Staaten 
Belgien 
Schweiz 
Zollverein . 
Spanien 
711% Mill. Fres. 
« 
8^ « . 
218 n . 
2^ 
Sardinien . 
Türkei • 
Brasilien . 
Neapel 
Britisch-Ostindien 
194% Mill. Fres. 
188 n . 
Von 55 Ländern, welche in den Listen aufgefülirt worden, kom 
men aut die obigen 11 nicht weniger als 76 Proc. des Gesammthandels. 
Die Ergebnisse des Specialhandels mit den wichtigsten Län 
dern stellen sich folgendermaassen : 
Einfuhr Ausfuhr 
Grossbritanien 244 Mill. 251 Mill. 
Verein. Staaten 205 204 
Belgien 146 131 
Sardinien 102 57 
Spanien 66 93 
Zollverein 
Türkei . 
Schweiz . 
Britisch-Ostindien 
Brasilien . 
Einfuhr Ausfuhr 
78 Mill. 61 Mill. 
55 61 
39 65 
52 6 
18 32 
S. 61. Creditgesellschaften. Vom 1. Juli 1854 bis dahin 1855 
entstanden nicht weniger als 457 Command!t-Gesellschaftcn, mit einem 
nominellen Capitale von einer Milliarde! 225 haben ihr Capital in 
Actien eingetheilt. Anonyme Gesellschaften waren Mitte 1856 356 
in Frankreich thätig. 
S. 61. Bankerotte. Deren Zahl war: 
1851 2305 1853 2671 
1852 2478 1854 3691 
Die neueren Ergebnisse sind noch nicht veröffentlicht, umfassen
        <pb n="399" />
        NACHTRÆGE. 
383 
aber unzweifelhaft eine noch viel grössere Zahl. Ein starker Contrast 
gegen die vielgerühmte Blüthe alles Verkehrs! 
S. 03. Handel Algeriens. Der durchschnittliche Jahresbetrag war: 
Einfuhr 
1831—35 cinschliesslicli 9’2()0,000 
1836—43 „ 50'806,000 
1844—60 ^ 88'347,000 
1851—66 ^ T8'363,000 
Ausfuhr 
1’666,000 Fr. 
4’865,000 
9’800,000 
32’725,000 
Der Totalbetrag war von 183U—55: 
Einfuhr 1,463’00(),000 Fr. 
Ausfuhr 379^482,000 
Differenz 1,083'518,000 
Ein Opfer Frankreichs von mehr als einer Milliarde andeutend! 
Zu Russland. 
S. 68. Bevölkerung Polens. Dieselbe, 1846 4’867,129 Menschen 
betragend, ist um mehr als 200,000 herabgesunken. Die Zahl der 
Katholiken allein hat sich in diesen 10 Jahren um 187,574 vermin 
dert, indem dieselbe 1856 nur noch 3’607,313 betrug. 
S. 69. Städte. Die Südseite Sebastopols hatte im Aug. 1856 
zwar wieder eine Civilbevölkerung, aber erst von 1500 Menschen. 
Dazu kamen 3000 Seeleute. 
S. 74. Schdd. Im August 1856 ward die Ausgabe von drei 
weiteren Serien Papiergeld (Serien 46—48) zusammen im Betrage von 
9 Mill. Silber-Rubel, angeordnet. 
S. 79. Truppenverluste im orientalischen Kriege. Das „Pays“ 
veröffentlichte eine Berechnung, welche den Verlust der Landarmee 
zu 277,000 M. schätzte. Ausserdem soll die Mannschaft der Flotte 
des schwarzen Meeres von 38,400 M., nicht weniger als 23,000 ein- 
gebüsst haben. 
S. 79. Armeereduction. Nach den bei der Krönung des Kaisers 
Alexander II. gemachten Verheisungen, sollen „im laufenden Jahre 
(1856) und den drei nächstfolgenden Jahren« keine Rekrutenaushe 
bungen stattfinden. Der wahre Grund dieser Maassregel ist, dass 
man gegenwärtig zu viel Truppen hat, — weit mehr als die ross. 
Finanzen zu unterhalten erlauben. Man kann nähmlich die Ausge 
hobenen in Russland nicht mehr beliebig nach Hause schicken. Mit 
der Aushebung traten sie für immer aus ihrem Gemeindeverbande 
(siehe S. 85), und sie entbehren somit einer „Heimathsgemeinde 
welche, wenn nöthig, für sie zu sorgen verpflichtet wäre. 
Zu Oesterreich. 
S. 90. Volkszahl. Die Bevölkerungsangaben, welche aus früherer 
Zeit als 18‘'*V51 stammen, beruhen nur auf Schätzungen, nicht auf 
wirklichen Aufnahmen. Indessen hebt selbst die Direction der admi 
nistrativen Statistik ausdrücklich hervor, dass sich bei allen Stäm 
men, mit Ausnahme der Romanen, in den letzten Jahren eine Ab 
nahme, eine Verminderung, ergeben habe.
        <pb n="400" />
        384 
NACHTRÆGE. 
S. 92. Nationalitäten. Isach den Aufstellungen des Baron Czör- 
nig auf dem statistischen Congresse zu Paris, hat man in Oesterreich 
15 verschiedene Nationalitäten anzunehmen, wobei die, allenthalben 
vermengt mit den andern lebenden Juden, nicht besonders gerechnet 
sind. Diese 15 Nationalitäten veranlassen auf einer ethnographischen 
Karte 120 verschiedene Grenzen. Die Zahl der „Sprachinseln“ aber 
übersteigt 2000. 
Die „neue Folge der Tafeln zur Statistik der österreichischen 
Monarchie, zusammengestellt von der Direction der administrativen 
Statistik“ (also eine omdelle Quelle), theilt die Bevölkerung nach 
Nationalitäten folgendermaassen, wobei das Heer nicht eingerechnet ist; 
t4’469,352 Slaven, 
7’949,971 Romanen,*) 
7’701,919 Deutsche, 
4’823,7ö6 Magyaren, 
703,657 Israeliten, 
82,969 Zigeuner, 
15,996 Armenier. 
Auf das Heer kämen etwa: 
333,400 Slaven, 
168,800 Deutsche, 
102,200 Romanen, 
42,800 Magyaren, 
800 Zigeuner. 
(Juden werden hier gar nicht aufgeführt; 
nach einer anderen Angabe etwa 
12,000. 
Obwohl diese Aufstellung eine officielle ist, scheint uns dieselbe 
dennoch höchst unzuverlässig. Abgesehen von andern Zweifelsgrüuden, 
muss die an einer andern Stelle der nämlichen Tabellen (siehe unten) 
aufgeführte ganz anders lautende Angabe der Anzahl der Juden 
Bedenken erregen. ' 
AT ,. Ohne die (auf 648,000 Köpfe geschätzte) 
i Iilitärbevölkerung, rechnet die Direction der administrativen Statistik: 
ivaxnoiiKen, 
ijutneraner, 
853,304 Juden, 
46,278 Unitarier, 
455 Sectirer. 
3’505,686 unirte Griechen, 
2’7öl,846 nichtunirte Griechen, 
1’869,546 Reformirte, 
8. 105. mrÄif. Im August 1856 ward ein eigenes Marine- 
Obercommando geschaffen, wonach denn die Seemacht nicht mehr un 
ter den Befehlen eines Land-Generals zu stehen scheint. 
S. 108. Endlich sind die Resultate der amtll- 
elmn Regmter in dem (mit dem L Nov. beginnenden) Verwaltungs- 
jahre 18»%3 bekannt geworden, in Oesterreich und den mit d¿n- 
selben handelspolitisch verbundenen drei kleinen Staaten Liechtenstein 
arma und Modena, betrug der amtlich angenommene Werth: 
der Ausfuhr 217’562,184 
414'954,717 „ „ 
der Durchfuhr 114’848,992 „ „ 
Welche kleinen Ergebnisse im Verhältnisse zu der scheinbar so 
unbedeutenden Schweiz (siehe S. 252). 
*) Unter „Romanen“ sind begriffen: Italiener, Friauler, Ladiner u. Rumänen.
        <pb n="401" />
        25 
mCHTRÆGE. 
385 
Zn De ut,sc hl an d. 
S. 11:0. FÂsenbahnen. Nach einer Zusanmicn,Stellung, bei welcher 
iacless noch einige Privatbahnen fehlen, ergaben sich im Jahre 1854 
bezüglich der deutschen Eisenbahnen folgende llaiiptresultate: 
Befördert: 28431,854 Personen 
240000,000 Ctr. Waaren 
Im Ganzen per Meile 
Einnahmen 47’278,513 46,625 preuss. Thlr. 
Betriebskosten 23’505,865 23,181 „ „ 
Reinertrag 24451,233 23,444 ¡ ~ 
Da einige Betriebsausgaben aus den Reservefonds bestritten wur- 
deu, so ergab sich ein Reinertrag von etwas über ÒYg Proc.; 1853 
waren bios 4%Q, 1852 4% Proc, erzielt. Zur Roheinnahme lieferte 
der Warrentransport 59, der Personenverkehr nur 37 Proc. — Wäh 
rend des Jahres wurden 562 Personen beschädigt, und 423 getödtet, 
zusammen 985 Personen. Hierunter befanden sich indess, nur 166 
Reisende, von welchen 36 umkamen. 
S. 140. Telegraphen im Deutsch-Oesterreichischen Telegraphemiereme, 
1. Jan. 1856 (in deutschen Meilen.) 
Länge der Linien Drahtlänge Stationen 
951.5 1315,5 69 
915.5 1378,4 67 
261 395,4 32 
142 214,9 19 
78 100,7 9 
72,6 151,2 7 
45 62,2 5 
rin 22,6 30,3 5 
(In der kleinen Schweiz ist die Ziilil der Bureaux grösser, als in Oesterreich 
und in Preussen.) 
Oesterreich 
Preussen 
Bayern 
Hannover 
Sachsen 
Baden 
Württemberg 
Mecklenburg-Schwei 
S. 179. Grossherzogthum Hessen, Sc/ndcl Ende 1853 war die 
allgemeine inämlieh ohne Eisenbahn - und Grundrenten -) Schuld 
17’028,732 fl. Nach Abzug der Activen verblieben nur noch 3’752,715. 
S. 213. Lübeck. Endlich ist auch hier der Handclsausweis von 
1855 erschienen. Derselbe ist indess höchst unvollständig. Der Werth 
der Einfulir wird zu 59’908,493 M. Cour, angegeben, wovon 
16 869,855 seewärts, und 43 Mill, land- und ihisswärts. lieber die 
Ausfuhr vermissen wir Notizen. 
Zu Italien. 
S. 225. Sardinien. Handelsverkehr (in Lire) 
Gesammthandel davon Specialhandel 
1852 
53 
54 
Im 
569’275,104 
554'572,000 
537’313,522 
kamen auf 
3224:29,890 
214’883,632 
256’031,437 
283’034,772 
309’622,800 
Iah re 1854 
Einfuhr 322429,890 199’912,351 
Ausfuhr 214’883,632 109 710,449 
Im Danzen ergab sich also Verminderung des allgemeinen, da 
gegen Vermehrung des (wichtigeren) Specialhandels.
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        386 
NACHTRÆGE. 
S. 228. Toscana. Während die Bevölkerung ira April 1855 
1’817,466 Menschen betragen hatte, wies die Aufnahme vom April 
1856 nur noch 1’779,.338 nach (darunter 17,437 Individuen geistli 
chen Standes, — sonach eine ungeheure Verminderung, Die bedeu 
tendsten Städte hätten (ohne die Bezirke, welche S. 228 mitgerechnet 
sind) nur nachbemerkte Einwohnerzahl: 
Florenz 112,438 Pisa 22,900 Liicca 22,636 
Livorno 78,850 Siena 22,598 Pistoja 11,908 
S. 229. Für die Occupation durch österr. Truppen bezahlte 
Toscana an den Kaiserstaat: 
vom Mai 1849 bis Juni 1850 4’031,304 Lire 
im Jahre 1850—51 3’064,141 „ 
zusammen, mit den spätem Zahlungen, über 12 Mill. 
S. 233. Römische Staaten. Die siebenjährige Besetzung durch 
trerade Truppen soll bereits 32’16(),0()() Frkn. gekostet haben. Hie 
von, wird angegeben, habe Frankreich jährlich 391,000 Frk. für 
Casernirungskosten in Anspruch genommen, die ganze übrige Summe 
habe Oesterreich bezogen. 
Zu Holland. 
S. 259. Finanzen, ln dem vom Finanzministor der zweiten 
Kammer vorgelegten Budgetentwurfe für 1857 sind die Einnahmen 
zu 72’784,421, die Ausgaben zu 72’746,438 H. veranschlagt. In 
dem Budget für 1855 waren Einnahmen wie Ausgaben zu 73 Mill, 
angesetzt; die ersten ertrugen aber in Wirklichkeit 87 Milk, wovon 
24V2 3,us den Colonien flössen. Von dem reinen Ueberschusse, 13Yg 
Milk, sind bereits 8 für Schuldentilgung verwendet. Das Jahr 1856 
wird, nach den Ergebnissen bis zum September, einen bedeutenden 
Ueberschuss nicht liefern. 
Zu Schweden. 
S. 268. Fina^izen. In den beiden letzten Jahren ergab sich ein 
Ueberschuss der Einnahmen über die Ausgaben, der 1854 2*866,528, 
1855 aber 4*549,152 Rthlr. betrug. 
Zu Spanien. 
S. 280. Schwehende Schuld. Am 1. Sept. 1856 soll dieselbe 
(nicht zu verwechseln mit der consolidirten Schuld) 501*524,908 Rea 
len betragen haben, bei einem Tilgungsfonds von 61*524,928 Real. 
(Auf welche Weise man eine Minderung erzielt haben will, wird nicht 
angegeben. Als notorische Thatsache steht dagegen fest, dass die 
ordentlichen Einkünfte für den Bedarf nicht ausreichen, sonach im 
Ganzen die Schulden sich vermehren.) In Folge der weiter greifenden 
Reaction ist der Verkauf der Geistlichengüter neuerdings eingestellt, 
— zum Schrecken der Staatsgläubiger, denen diese Art des Con- 
servatismus nichts weniger als erwünscht kommt. 
Zu Vereinigten Staaten. 
S. 203. Finanzen. Das Staatsbudget für 18^%^ schliesst (nach
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        NACIITKÆGE. 
387 
Zcitungsnacliricliten) ab mit der Summe vou 63 604,023 Doll., wovon 
28’413,803 auf die Land- und Seemacht kommen. 
Zu den allgemeinen Bemerkungen. 
S. 338. Goldwährung. Soetbeers Behauptung, dass die über 
seeischen Producto im Preise herabgegangen seien, ungeachtet der 
Goldausbeute, widerlegt sich ebenfalls täglich mehr, sammt dem gan 
zen darauf gebauten Raisonnement. Schon sind namentlich die I reise 
von Kaffe und Häuten etc. äusserst bedeutend in die Höhe gegangen, 
und man wird ein fortwährendes ferneres Steigen bei Zulassung der 
Goldwährung nicht abzuwenden vermögen. Zulassung dieser Gold 
währung heisst überhaupt jetzt: Selbdherhdfiihren einer constanten 
Vertheuerung aller Bedürfnisse. Wenn von der Silberausfuhr nach 
Asien mitunter in der unverständigsten Weise geredet wird, so muss 
man fragen: ob denn irgend ein Mensch das Silber dorthin ver 
schenkt? Der stärkere Silberbedarf in Ostindien ist übrigens da 
durch erklärt, dass dort sogar die englischen Behörden (obwohl 
in ihrer Heimath an Goldwährung gewöhnt) diese bisher in Hindostán 
geduldete Goldwährung zu verdrängen und als eine Calami- 
tät für die Zukunft abzuwenden suchen. Kann darin für Deutsch 
land und die Schweiz ein Motiv zur Annahme jener nämlichen Wäh 
rung liegen? ist es nicht vielmehr eine Warnung? Man redet zwar 
nur von einer billigen Tarifirimg des Goldes im Verhältnisse zum 
Silber. Allein jede dessfallsige Tarifirimg würde sich alsbald als 
trügerisch erweisen, weil Gold überhaupt jetzt ebensowenig zum 
Maassstabe dienen kann, als Gummi elasticum zur Anfertigung von 
Metermaassen. Auch die niedrigste Goldtarifirimg würde in Kurzem 
viel zu hoch sein, und man würde die Nachtheile der Geldcrise 
verewigen, statt dieselben abzuschneiden, wie man voigibt. 
Es ist sehr wahrscheinlich, dass man dem Drängen der Zu- 
nächstbetheiligten nachgeben, und meistens die Goldwährung zulasse, 
d. h. mittelbar die Silberwährung aufgeben wird. Ganz gewiss ist es 
aber, dass man die Abwendung des jetzigen kleinen und momentanen 
Nachtheils, nur durch die Aufopferung jedes festen MaassSta 
bes für den Preis der Werthe, erkaufen kann; d, h. dass man einen 
Zustand dauernd herstellt, ähnlich demjenigen, unter welchem Oes 
terreich (in Folge der Schwankungen seiner Valuta) so viel und so 
schwer litt, alle Preisverhältnisse umstürzend, hazardspielmässig 
Gewinn und Verlust bringend.
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        B er i cil I igiinçcii. 
Seite 3;5, Zeile 24, lies Ajaccio statt Ajuero. 
» 34 = 35 (Oesammtbüvölko)'iiii« Fnuikrelclis) Uns: 3ö'783,l7n, statt 25’783,171» (dlH 
Sumniiruiig sowohl als die Notiz S. 32 ergehen ohnehin die richtige Zahl). 
* 57 * 29 lies: „das starre Schutzzoll-, theilweisu ein eigontUehos Proliihitiv- 
system.“ 
^ d4 * 3 u. 5 von unten (Bevölkoning) lies; Algerien 2’5()1,000, Oesainmtsumme 
nngofähr 38’94(),000. 
» t)8 * 13—1(1 muss es heissen: Diese Diflfereiiz (Uoberzahl der woihliclien Uber die 
mänulielie Bevölkerung in Itussland) würde durcli die (In manchen Be- 
reehungen bis auf 11/2 Mill, gesteigerte) Militärbevölkerung mindestens 
ausgeglichen, wenn die gedachten Ziffern nicht notorisch ungenau wären, 
so dass in Wirklichkeit ein enormer Unterschied besteht. Es erklärt sich 
dies schon ans den fortwährenden Männcrverlusten in Folge des Kaukasus 
krieges. Der Unterschied muss aber nach dom letzten Kriege mit den 
Westmächten noch viel furchtbarer geworden sein. 
' I o- ^ von unten, lies : Von 181(1 — 49 kamen hei den Oohurten aut 100 
Knaben blos 89 Mädchen (die Ziffern sind im Texte irrthUmlich umge 
kehrt).
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        r- m 
Iv
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