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        <title>Handbuch der vergleichenden Statistik der Völkerzustands- und Staatenkunde</title>
        <author>
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            <forname>Georg Friedrich</forname>
            <surname>Kolb</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
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        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>834619415</idno>
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WELTWIRTSCHAFT,
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der  VSlkerznstands-  und  Staatenkunde.

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Sans  doute,  la  statistique  s’occupe  de  chiffres  ;
le  chiffre  en  est  l’élément  principal;  mais  il  n’en  est
pas  l’élément  unique.  La  statistique  est  aussi  la
science  raisonnée  de  faits.
Compte  rendu  des  travaux  du  1.  congrès
général  de  Statistique.

Mau  sagt  oft:  Zahlen  regieren  die  Welt.  Das
eher  ist  gewiss,  Zahlen  zeigen,  wie  sie  regiert  wird.
Goethe.

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Für  den  a  11  g  e  m  e¿n  en  praktischen  Gebrauch

ë.  ^r.  Sott.

ZÜRICH.
Verlag  von  Meyer  &amp;amp;  Zeller
1857.
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        VORWORT.

Die  Statistik  wurde  unmittelbar  durch  das  practische  B  edürfniss,
  nicht  durch  Theorien  der  Gelehrten,  ins  Leben  gerufen.
Sie  bestand  bereits  und  machte  sich  geltend,  lange  bevor  die  Männer
der  theoretischen  Wissenschaft,  die  sich  mit  ihr  beschäftigten,  auch
nur  einigermaassen  einen  passenden  Rahmen  für  sie  finden  konnten.
Ja  heute  noch  sind  Begriff,  Bedeutung,  Umfang,  Zweck  und  Mittel
dieser  Wissenschaft  keineswegs  endgültig  festgestellt.
Während  man  aber  in  der  Theorie  über  alle  diese  Punkte  unausgesetzt ­
  streitet,  und  eine  Verständigung  unter  den  blossen  Theoretikern ­
  mehr  als  je  in  die  Ferne  gerückt  scheint,  bedaif
thatsächlich  jeder  gebildete  Mann  statistischer  Kenntnisse,  —  jedem
verständigen  Geschäftsmanne,  ja  überhaupt  jedem  denkenden  und  urtheilenden
  Zeitungsleser  sind  solche  unentbehrlich  geworden.
In  Folge  des  längst  sich  geltend  machenden  Bedürfnisses  finden
wir,  seit  nun  beinahe  einem  halben  Jahrhunderte,  in  alle  Lehibûcher
der  Geographie  eine  Anzahl  statistischer  Notizen  eingeschaltet.
Indessen  können  solche  blosse  Beigaben  zu  Werken  über
Erdbeschreibung  —  also  über  einen  ganz  andern  Gegenstand  —
immer  weniger  genügen.  Da  erschienen  einige  allgemeine  statistische
Werke,  zum  Theil  an  sich  sehr  verdienstvoller  Art.  Indem  sie  aber
in  der  Regel  nur  ein  Meer  von  Ziffern  und  Zahlen  gaben,  und  dennoch ­
  nicht  selten  gerade  diejenigen  Dinge  nicht  enthielten,  welche
das  praktische  Leben  am  nächsten  berühren,  konnten  sie  vcrhältnissmässig
  nur  Wenigen  dienen,  wie  sie  denn  auch  nur  einen  sehi  beschränkten ­
  Leserkreis  fanden.
Der  Verfasser  des  gegenwärtigen  Werkes  versucht  es,  ein  Handbuch ­
  der  Statistik  für  den  allgemeinen  praktischen  Gebrauch
herzustellen.  Es  ist  der  erste  Versuch  dieser  Art,  und  demgemäss
zu  beurtheilen.  ^  -
Hienach  schon  ist  jede  weitläufige  Erörterung  über  die  Theorie
        <pb n="8" />
        IV

VORWORT,

der  Statistik  ausgeschlossen.  Es  ist  hier  durchaus  der  Ort  nicht,  ein
neues  theoretisches  System  dieser  Wissenschaft  aufzustellcn  und  umständlich ­
  zu  entwickeln.  Der  Verfasser  beschränkt  sich  desshalb  darauf, ­
  seine  Grundansicht  über  die  Statistik  in  wenigen  Sätzen  auszusprechen. ­

Die  Statistik  soll  eine  Darstellung  der  Staaten,  ihrer  Zustände
und  Kräfte,  und  der  gesellschaftlichen  (socialen)  Verhältnisse  in  diesen
Staaten,  gewähren.  Sie  wendet  vorzugsweise  Ziffern  an,  doch  ist
es  keineswegs  ihre  Aufgabe,  blos  Berge  von  Ziffern  aufzuhäufen.  Sie
bedient  sich  vielmehr  der  Zaiilen,  wo  cs  th  uni  ich  ist,  als  des  klarsten
und  bestimmtesten  Bezeichnungsmittels.  Allein  auch  die  Zahlcnangaben
  bedürfen  vielfach  der  Erläuterung  und  Erklärung;  zudem ­
  ergibt  sich  der  wahre  Werth  der  Ziffern  meistens  erst  aus  Vergleichungen. ­
  So  wird  die  Statistik  zu  einer  vergleichenden  und
beurtheilenden  Darstellung  der  wichtigsten  Momente  im  Staatsund ­
  Völkerlebcn,  Die  Statistik  als  Wissenschaft  erstrebt  cndlicb  das
höchste  Ziel  ihrer  Aufgabe,  wenn  sie  die  Gesetze  erforscht,  deren
Ergebnisse  die  vorhandenen  Gestaltungen  sind.
Es  mag  genügen,  diesen  allgemeinen  Andeutungen  einige  specielle
  Bemerkungen,  blos  aphoristisch,  beizufügen.
Viele  ausgezeichnete  französische  Statistiker  der  Neuzeit  wollen
aus  dieser  Wissenschaft  Alles  ausschliessen,  was  sich  nicht  in  Zahlen
ausdrücken  lässt.  Uns  ist  aber  die  Ziffer  nur  Mittel  zum  Zwecke,  —
zwar  das  in  den  meisten  Fällen  beste,  weil  klarste  und  bestimmteste,
doch  nicht  einmal  das  alleinige  Mittel,  um  so  weniger,  weil  dasselbe
öfters  nicht  anwendbar  oder  nicht  ausreichend  ist.  Das  Mittel  der
Darstellung  —  die  Methode  —  darf  cs  aber  niemals  sein,  wodurch
die  Grenze  der  Wissenschaft  priiicipicll  bestimmt  wird.
Dabei  ist  die  blosse  Aufstellung  und  Summirung  der  Ziffern  —
wie  sie  sich  darnach  logisch  beinahe  als  Selbstzweck  ergäbe  —  etwas
an  sich  Unfruchtbares  und  meistens  völlig  Unnützes,  weil  die  todto
Ziffer  für  sich  allein  keinen  genügenden  Begriff  gewährt.  Gerade  die
bewusste  oder  unbewusste  Huldigung  vor  dem  blossen  Ziffern-  und
TabellensySterne  hat  —  wie  es  nicht  anders  sein  konnte  —  vor
der  Statistik  selbst  zurückgeschreckt,  vor  dieser  Wissenschaft,
welche  in  so  vielfachen  Beziehungen  des  Lebens  aufzuklären  und
wesentlich  zu  nützen  vermag.  —  Unserer  Ansicht  nach  gewinnt  die
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        VORWORT.

V

Statistik  Werth  und  Bedeutung  erst  dann,  wenn  sie  die  Verhältnisse
und  Zustände  vergleichend,  prüfend  und  beurtheilend  darstcllt,
und  dabei  auch  die  Ursachen  und  die  Wirkungen  bezeichnet.
Man  hat,  besonders  in  Deutschland,  viel  darüber  gestritten,  ob
sich  die  Statistik  mit  dem  Staate  oder  der  bürgerlichen  Gresellschaft,
—  mit  den  politischen  oder  den  socialen  Verhältnissen  —  vorzugsweise ­
  zu  befassen  liabc.  Wir  würden  unbedingt  sagen:  mit  der  Gesellschaft, ­
  wenn  der  Staat  überall  das  naturgemässe  Produkt  der
gesellschaftlichen  Bedürfnisse,  —  wenn  nicht  so  vieles  Unnatürliche
octroyirt,  der  Staat  in  manchen  Dingen  selbst  der  Gegensatz  dessen
wäre,  was  er  nach  unserer  Ansicht  sein  sollte.  Unter  diesen  thatsächlichcn
  Verhältnissen  sagen  wir:  die  Statistik  habe  Staat  und
Gesellschaft  zu  umfassen.
In  Deutschland  hat  man  theoretisch  die  Statistik  meistens  auf
den  Augenblick  der  Gegenwart  zu  beschränken  gesucht.  Sic  soll
„den  als  Jetztzeit  fixirtcn  Moment,“  die  „stillstchende  Geschichte,“
die  „ruhende  Wirklichkeit,“  oder  „den  Querdurchschnitt  durch  die
geschichtliche  Entwicklung  des  Lebens“  darstellen.  Es  ist  dies  Folge
der  irrigen  Grundansicht,  die  Statistik  eigentlich  nur  als  „historische
Wissenschaft,“  als  eine  Abtheilung  der  Geschichte  zu  betrachten.
Bekannt  sind  besonders  Schlözers  Worte:  „Geschichte  ist  eine  fortlaufende ­
  Statistik,  und  Statistik  ist  eine  stillstehende  Geschichte.“  In
Folge  der  weitern  Entwicklung  dieser  Ansicht  könnte  die  Statistik
eigentlich  nichts  Anderes  sein,  als  ein  abgeschnittenes  (amputirtes)
Glied  der  Geschichte.
Obwohl  wir  diese  Theorie  eigentlich  nirgends  bekämpft  finden,  so
hielt  doch  ein  richtiges  Gefühl  die  nichtdeutschen  Statistiker  durchgehends
von  einer  ausdi  ücklichen  Zustimmung  ab.  Der  Unterschied  zwischen
Geschichte  und  Statistik  scheint  uns  schon  darin  scharf  hervorzutreten,
dass  die  Geschichte  vorzugsweise  cinc  Darstellung  des  jeweils  Geschehenden ­
  und  Geschehenen,  der  Ereignisse,  die  Statistik  hingegen ­
  vorzugsweise,  gerade  nach  jener  Auffassung  aber  sogar  ausschliesslich, ­
  eine  Darstellung  der  Zustände  sein  soll.  Zudem
sahen  sich  Diejenigen,  welche  jene  Ableitung  der  Statistik  von  der  Geschichte, ­
  imd  die  absoluteste  Beschränkung  derselben  auf  den  „Stillstehen“
sollenden  „Moment  der  Gegenwart“  aussprachen,  doch  selbst  zu  den
inannichfachsten  Ueberschreitungen  ihrer  selbstgezogenen  Grenze  ge-
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        VI

VORWORT.

nötliigt.  Eine  solche  „Fixirung  des  Momentes,“  wie  man  forderte,
lag  tliatsäcldich  absolut  ausser  dem  Bereiche  der  Möglichkeit;  geradezu
überall  musste  man  sich  dazu  bequemen,  Daten  aus  verschiedenen
Zeitmomenten  als  Grundlagen  zu  benützen.  Könnte  man  aber  auch
eine  solche  „ruhende,  stillstehende  Wirklichkeit“  finden,  könnte  man
einen  solchen  „Querdurchschnitt  durch  die  geschichtliche  Entwicklung
des  Lebens“  herstellcn,  so  würde  man  nichts  Anderes,  als  ein  lebloses ­
  Bild,  jenes  amputirte  Glied,  oder  ein  geisttödtendes  Zififernmecr
erhalten.—  Das  ganze  staatliche  und  gesellschaftliclic  Verhältniss  lässt
sich  überhaupt  nur  begreifen  und  würdigen,  wenn  man  dessen  Vergangenheit, ­
  dessen  Entwicklung  aus  dieser  Vergangenheit,  mit  betrachtet; ­
  es  ist  dies  um  so  nothwendiger,  als  viele  Erscheinungen  der
Gegenwart  und  selbst  der  Zukunft  dadurch  bedingt  sind.  Insbesondere ­
  würde  die  Kenntniss  der  jetzigen  statistischen  Verhältnisse  eine
vollkommen  ungenügende,  beinahe  in  jeder  Beziehung  unzureichende
sein,  wenn  man  einer  Kenntniss  der  frühem  Zustände,  zumal  bis  zum
Beginne  der  ersten  franz.  Revolution  zurück,  entbehrte.  Weitaus  die
meisten  Staaten  haben  ihre  jetzige  innere  und  äussere  Gestaltung  in
Folge  jener  Revolution  erlangt.  Wer  irgend  die  Verhältnisse  näher
betrachtet,  wird  es  nicht  als  gleichgültig  ansehen,  aus  welchen  Bestandtheilen
  ein  Staat  gebildet  ist.  Regierungen  und  Regierte  kennen
den  Unterschied  zwischen  alten  oder  neu  erworbenen  Provinzen.  Achnliche
  Unterschiede  ergeben  sich  in  den  socialen  Fragen.  So  nehmen
wir  denn  für  die  Wissenschaft  der  Statistik  das  Recht  in  Anspruch,
sich  nicht  auf  die  Gegenwart  beschränken  zu  müssen,  sondern  sich
auch  über  vergangene  Verhältnisse  und  Zustände  zu  verbreiten.
Man  hat  häufig  hervorgehoben,  dass  die  Statistik  nach  zwei
Seiten  hin  in  naher  Beziehung  stehe:  nämlich  zur  Geschichte  und
zur  Politik.  Fast  unbegreiflich  ist  es  uns  aber,  dass  man  die  in
mannichfacher  Hinsicht  noch  viel  nähere  Beziehung  der  Statistik  zu
einer  andern  Wissenschaft,  zur  Nationalökonomie,  theoretisch  bis
jetzt  ganz  übersehen  konnte.  Und  doch  ist  es  einleuchtend,  dass  die
Volkswirthschaftslehre  (Nationalökonomie)  eine  allseitige  feste  Begründung
erst  erlangen  kann  vermittelst  der  durch  die  Statistik  festzustellenden  Ihatsachen.
  Je  mehr  nun  aber  die  Volkswirthschaftslehre  zur  gebührenden
Anerkennung  gelangt,  um  so  mehr  tritt  naturgemäss  auch  die  hohe
Wichtigkeit  der  Statistik  hervor.  So  dient  diese  letzte  nicht  nur  zur
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        vou,WORT.

VII

Bezeichnung  und  Würdigung  von  Gegenwart  und  Vergangenheit,
sondern  auch  zur  Belehrung  und  Warnung  für  die  Zukunft.
Für  unsern  Zweck  dürften  diese  Andeutungen  über  die  Theorie
genügen.  Wir  haben  nur  noch  einige  wenige  Worte  über  die  thatsächliche
  Behandlung  des  Gegenstandes  beizufügen.  Die  Schwierigkeit
der  Bearbeitung  eines  Werkes  wie  das  vorliegende  findet  sich  nicht
im  Mangel,  sondern  vielmehr  in  der  lieber  fülle  des  Materials.  Es
verursachte  weit  mehr^Mühe,  die  Schrift  auf  ihren  gegenwärtigen  Umfang ­
  zu  beschränken,  als  nöthig  gewesen  wäre,  eine  vier-  oder
sechsmal  grössere  Bogenzahl  anzufüllen.  Will  man  nicht  ein  für  den
allgemeinen  praktischen  Gebrauch  bestimmtes  derartiges  Buch  von
vorn  herein  unpraktisch  machen,  so  darf  dasselbe  nicht  zu  sehr  ausgedehnt ­
  werden.  Man  muss  sich  auf  das  thatsächlich  allgemein  Wichtigste ­
  beschränken.  Will  man  daher  nicht  das  Wesen  der  Sache
einer  blossen  Form  zum  Opfer  bringen,  so  darf  weitaus  nicht  Alles
aufgenommen  werden,  was  bei  strenger  Systematisirung  auch  noch
hätte  abgedruckt  werden  müssen.  Darnach  wird  es  gerechtfertigt  sein,
wenn  bei  den  mittleren  und  den  kleinen  Staaten  und  Stätchen  nicht
alle  Rubriken  ebenso  durchgeführt  wurden,  wie  bei  den  Grossmächten.
England,  Frankreich  u.  s.  f.  haben  im  Völker-  und  Staatenleben  eine
andere  Bedeutung,  als  Reuss-Greiz-Schleiz-Lobenstein  und  Vadutz-Liechtenstein.
  Aber  auch  rein  wissenschaftlich,  behufs  Erforschung
höherer  Gesetze,  sind  die  Resultate  von  sehr  verschiedenem  Werthe,  je
nachdem  sich  dieselben  auf  die  Beobachtungen  bei  vielen  Millionen,  oder
nur  auf  solche  bei  ein  Paar  Tausend  Menschen  gründen.  Endlich  besitzen
wir  namentlich  über  Frankreich  und  England  ein  statistisches  Material,
wie  über  keinen  andern  Staat  (was  insbesondere,  ausser  vielen  Einzelnschriften, ­
  die  14  gewaltigen  Foliobände  der  Statistique  générale  de
la  France,  und  eine  Menge  englischer  Parlamentsberichte  —  zu  den
sog.  blue  books  gehörend  —  beweisen.  *)

gg  verdient  alle  Anerkennung,  wie  man  in  Frankreich  (und  ebenso  in
dem  kleinen  Belgien)  die  Statistik  zu  fördern  sucht.  Die  beiden  Bände  Compte
rendu  du  Congrès  général  de  Statistique  à  Bruxelles,  —  und  Compte  rendu  dzi
Congrès  international  de  Statistique  à  Paris,  bilden  an  sich  schon  Beweise  dafür.
Das  letzte  Werk  ist  von  dem  ebenso  kenntnissvollen  als  gefälligen  Vorstande
des  statistischen  Bureaus  zu  Paris,  Herrn  Legoyt,  bearbeitet,  dem  nameirtlich
auch  das  Verdienst  gebührt,  die  nicht  in  den  Buchhandel  gekommenen  officiellen
Werke  durch  entgegenkommende  Mittheilung  an  andere  Statistiker  möglichst  allgemein ­
  zugänglich  und  nützlich  zu  machen.
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Im  Uebrigen  ist  das  Material  allenthalben  in  naclibemerktcr
Reihenfolge  verarbeitet,  worauf  wir,  zur  Erleichterung  des  Nachschlagens, ­
  besonders  aufmerksam  machen  :
l.  Land  und  Leute  im  Allgemeinen,  —  Bcstandtheile,
Grösse,  Bevölkerung  der  Staaten;  Bodenbeschaffenheit  ;  Wechsel ­
  der  Einwohnerzahl  (Geburten,  Sterbfälle,  Ilciratheu;  auch
Auswanderungen  etc.);  Familien;  Nationalitäten;  Confessionen;
wichtigste  Städte;  Gebietsveränderungen  seit  der  ersten  französischen ­
  Revolution.
II.  Finanzen,  ~  laufender  Staatshaushalt  (Ilaupteinnahmcn  und
Ausgaben);  Finanzverhältnisse  in  früherer  Zeit;  Schuldenstand
und  dessen  Vergrössoriing.
III.  Militär,  —  Landmacht  (Bildung  und  Stärke  des  stehenden
Heeres,  Miliz,  Festungen,  geschichtliche  Notizen);  Marine.
IV.  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsvcrhältnisse,  —  im
Allgemeinen  und  im  Bosondern;  Grundlage  der  dcssfallsigcn
Gesetzgebung;  Betrag  des  l'aglohnes;  Grösse  des  Handelsverkehrs, ­
  Rhederei,  Eisenbahnen,  Bost,  Telegraphie;  Münze
und  Maasse.
V.  Auswärtige  Besitzungen  der  Seemächte.
Möge  dieses  Buch  beitragen  zur  Verbreitung  praktisch  nützlicher
Kenntnisse  !
Zürich,  den  1.  Oktober  185C.

6.  Fr.  Kolb.

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        Vorwort  S.  III.

I.  Abtheiïung  :  Die  europäischen  Grossmächte.

o  ros  sbr  i  tan  7  en.  Land  und  Tjeaie  S.  t  (Wechsel  der  Yolks/.ahl  2,  A
deru7igen  il,  Confessionen  il,  Mineraireicihthuin  4-,  Städte  4,  Gebiets;

Auswan-,
  -,  ,  Gebietsausdeli-17ting
  5);  Finanzen  5  (Budget  und  dessen  Beleuchtung  5,  Staatsbedart  in
früherer  Zeit  11,  Staatsschuld  12,  Sttbsidien/.ahlungen  14);  Alilitär  15  (Gewöhnliche ­
  Landmacht  15,  Miliz  IC),  ostind.  Heer  Hl,  historische  Notizen  17,
Sterblichkeit  der  Truppen.  18,  Seemacht  19);  Sociale  nnd  llandeUverhalljvisae
  19  (allgemeine  Bemerkungen  19,  Verbrauch  von  Colonialproducten
I  Vergleichung  mit  Frankreich]  21,  Sparkassen  21;  Irländische  Verhältnisse
‘&amp;gt;2  •  Taclohn  2.3;  Einkornniensgrösse  23;  Eisenbahnen  23;  Post  24,  Handelsverkehr ­
  24,  Sohifflährt  27,  Banknotonumlauf  27,  Münze  u.  Maasse  27);
aumdirtige  Besitzungen  28.  t.  n  i.  v  i
Frankreich.  Land  und  I.eute  32  (die  Departemente  3.3,  Bodenbeschaiïenheit
34  Verkehrswege  35,  Bevölkerungszunahme  35,  Heirathen,  Geb  urteil,  Todesfälle ­
  3(1,  Lebensdauer  38,  Gebrechliche  38;  Confessionen  38;  NationalitätenSO;
  Gemeinden  39;  Gebietsvoränderungen:  die  Provinzen  des  alten
Frankreich  39,  das  altnapoleonische  Kaiseireich  41);  Imanzen(Budget
là'TZ'JL  '(Lkl^C  National-7i\\
  1/;/hüY  7(1  (Landmacht  7(1,  Aushebungen  während  des  jüngsten  Krieges
liestZLn  79,  geschichtliche  Notizen  80  [der  Feidzng  von  1812  81],
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        "y

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(laufende  Einnahmen  etc.  97,  Deficit  99,  Einkünfte  in  früherer  Zeit  100,
Schuld  100,  neue  Anlehen  101);  Militär  102  (Linie  102,  Reserve  104,
Festungen  104,  Geschichtliches  104,  Marine  104);  Sociales  l()h  (Allgemeines
105,  Taglohn  106,  Gewei’hswesen  106,  Handelsübersicht  108,  Eisenbahnen,
Telegraphen,  Post  108,  Handelsmarine  109,  literarisches  Leben  109,  Nationalbank, ­
  ilünze,  Maasse  109).
Preussen.  Land  und  Leute  110  (Provinzen  110,  Bevölkerungszunahme  111,
Geburten  und  Sterbfälle  112,  Auswanderungen  118,  Confess!onen  114,  Nationalitäten ­
  114,  Städte  114,  Gebietsveränderungen  114);  Finanzen  116
(Budget  116,  Schuld  119);  Miliüir  121  (Festungen  122,  Geschichtliches  122,
Marine  122);  Sociales  128  (Allgemeines  128,  Gewerbswesen  124,  Taglohn
126  ;  Criminalstatistlk  126;  Eisenbahnen,  Telegraphen,  Post,  Rhederei  126,
Münze,  Maasse  127).

II  Abtheilung  :  Deutschland.
Land  und  Leute  128  (Allgemeine  Uebcrsicht  128,  Confessionen  129);  Finanzen
180  (Einkünfte  sämmtlicher  Staaten  188,  Ausgaben  und  Schulden  134,
Papiergeld  134);  Militärwesen  136  (Festungen  188)  ;  Sociales  189  (Auswanderungen ­
  139,  deutsche  Eisenbahnen  139,  Handelsflotte  140,  deutscher  Zollverein ­
  140)  ;  (jeschichtliche  Notizen  141  (Statistik  des  deutschen  Reiches  von

1786  141,  der  Rheinbund  148);

Bayern  .  .  .  S.  145
Hannover  .  .  158
Sachsen  .  .  168
Württemberg  .  .  167
Baden  .  .  .  178
Hessen,  Grossherzogth.  177
Kurhessen  .  .  180
Mecklenburg-Schwerin  184
„  Strelitz  188
Holstein-Lauenburg  188
Luxemburg-Liraburg  190
Nassau  .  .  .  191
Braunschweig  .  .  198
Oldenburg  .  .  196
Sachsen-Weimar  .  197

die  Einzelnstauten:
Sachsen-Coburg-Gotha  S.  199

„  Meiningen  .  201
„  Altenburg  .  202
Reuss  .  .  .  202
Lippe  .  .  ■  208
Waldeck  .  .  204
Anhalt  .  .  .  204
Schwarzburg  .  .  206
Hessen-Homburg  .  206
Liechtenstein  .  .  207
Hamburg  .  .  207
Bremen  .  .  210
Lübeck  .  .  212
Frankfurt  .  .  218

UI.  Abthailung:  Italien.

Allgemeine  Feiersicht  214  (Italien  vor  der  französischen  Revolution  216,  zur
Napoleonischcn  Zeit  217);  Eisenbahnen  und  Handelsflotte  217.  —  Einzelnstaaten ­
  :
Sardinien  .  .  S.  217  Römische  Staaten  .  S.  280
Parma  .  .  .  225  San  Marino  .  .  285
Modena  ...  227  Beide  Sicilien  .  .  286
Toscana  .  .  .  228

IV.  Abtheilung  :  Die  übrigen  europäischen  Staaten.

Schweiz  .
Belgien
Holland  .
Dänemark
Schweden
Norwegen

S.  242
254
257
263
267
270

Spanien  •  •  .  S.  274
Portugal  .  .  .  284
Griechenland  .  .  288
Ionische  Inseln  .  293
Türkei  .  .  .  294
        <pb n="15" />
        XI

V.  Abtheilung  :  Amerika.
Die  Vereinigten  Staaten,  hand  und  Leute  299  (die  einzelnen  Staaten
299,  Bcvölkernngszunalnne  800,  Confessionen  301,  Nationalitäten  301,  Einwanderungen ­
  301,  Städte  302,  Uebietszuwacbs  302)  ;  Finanzen  303  (Finanzen ­
  der  Einzelnstaaten  305);  Militär  30(5  (Linie,  Miliz,  Festungen  306,
gesohiclitlicbo  Notizen  307  |Uebersicbt  der  zum  Kampfe  gegen  Amerika
verkauften  dcutscben  Truppen  307],  Marine  307)  ;  Sociales  308  (Sclaventbum
309;  Kirchen,  Schulen,  Bihliotbeken  310);  JJandeh-  und  sonstige  Verhältnisse ­
  310  (bebautes  Land  und  Werth  desselben  310,  Posten,  Kanäle,  Eisenbahnen ­
  311,  Kbcderci  312,  Gesammthandel  312,  Wirkung  der  verschiedenen
Zollsysteme  313,  Fondspapiere  313,  Münze,  Maasse  314).
Febrigc  Staaten:
Mexico  .  .  •  •  •
Die  5  Staaten  Centralamerikas  .  .  •
Neu-Oranada,  Venezuela,  Ecuador  ......
Peru,  Bolivia,  Chile  ........
Buenos-Ayres,  Argentinische  Confoderation,  Paraguay,  Uruguay
Brasilien  .  .  .  ~  .
Hayti  und  St.  Domingo  .......

314
315
316
317
318
319
320

VI.  Abtheilung:  Allgemeine  Uebersichten.

1.  Land  und  Leute.  Grösse  und  Bevölkerung  der  Europäischen  Staaten  321  ;
ditto  der  Amerikanischen  321;  der  übrigen  Erdtheile  322.  —  Confessionen ­
  322.
IL  Finanzen.  Jährliche  Staatseinkünfte  323.  Die  Kosten  des  Orientalischen
Krieo-es  324.  Uebersiebt  der  Europäischen  Staatsschulden  325,  der
Amerikanischen  326.  Bemerkungen  über  das  Staatsschuldenwesen  überni
  Stehrnde^mere.  Uebersicht  ihrer  Grösse  329.  Bemerkungen  darüber  329.
'  Anhang.  Historische  Notizen.  Statistische  Uebersicht  Europas  vor  der  1.
französischen  Revolution  332;  ditto  zur  Napoleonischen  Zeit  333.
IV.  Sociale,  Qeioerhs-  und  Handelsverhältnisse.  Beschäftigung  der  Bevölkerung
der  Hauptstaaten  334.  Zahl  der  Zeitungen  334.  Dermaliger  Welthandel
335.  Grösse  der  Handelsflotten  335.  Uebersicht  der  Eisenbahnen  336.
Ausbeute  edler  Metalle  336  (Goldproduction  336  u.  338,  deren  Einwirkung
auf  die  Waareiipreise  337  ;  die  Goldwährungsfrage  340).  Ausbeute  unedler ­
  Metalle  342.  Circulirendes  Papiergeld  342  (die  neuen  Creditinstitute
  343).  Die  wichtigsten  Colonialproducte  344  (Baumwolle  344,  Zucker
345,  Kaffee  346).
F.  Auswärtige  Besitzungen  euro;päischer  Staaten,  Uebersicht,  346.

VII.  Abthlg.:  Allgemein  menschliche  Verhältnisse  (Social,Statistik).
jterblichkeitsbereclmungen  im  Allgemeinen,  Sterblichkeitstafeln  347.
Sterblichkeit  in  den  Städten  349.
Jntersebied  nach  Gcsclilochtcrn  350  (Mehr  Knaben  geboren  als  Mädchen  .  oO  ;
dessen  ungeachtet  ist  die  weibliche  Bevölkerung  die  zahlreichere  351  ;  die
Sterblichkeit  ist  grösser  beim  männlichen  Geschlechto  351).
Einwirkung  guter  oder  schlimmer  Jahre  auf  Geburten,  Sterbfälle,  sogar  auf  die
liörpcrgrösse  352.
Mittlere  Lebensdauer  352.
Einfluss  von  Wohlstand  oder  Armuth  auf  die  Sterblichkeit  353.
Einfluss  der  hü  hern  Cultur  auf  dieselbe  354.
iterblichkeit  in  den  verschiedenen  Ständen,  namentlich  bei  gewissen  Gewerben ­
  355.
Sterblichkeit  beim  Militär  im  Frieden  359;  im  Kriege  und  ausser  Heimath  360;
bei  der  Marine  361.
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        XII

I
If
it,

Sterblichkeit  in  Gefängnissen  361.
Lebenskräftigkeit  dev  verschiedenen  Racen  (Indianer,  Neger)  363.  Unhaltbarkeit
der  Acclimatisirungslehre  364.  Zähigkeit  des  jüdischen  Stammes  365.
Krankheiten  nach  Ständen  und  Altern  366;  bei  schwerer  und  leichter  Arbeit  367.
„  veranlasst  durch  ungenügende  Lüftung  368.
Einfluss  der  Theuerung  auf  die  Menge  der  Verbreclien  369.
„  „  Schulbildung  auf  dieselbe  370.
Einfluss  der  Willensfreiheit  auf  sociale  Handlungen  370.
Ueber  allzustarke  Menschenvermehrung  (Uebervölkerung)  372.
Die  jetzige  Bevölkerungszunahme  in  Mitteleuropa  374  (Verminderung  der  Zunahme ­
  373;  Verminderung  der  Geburten  375;  Stillstand  in  der  Erhöhung
des  mittleren  Lebensalters  375).
Nachträge  S.  378—387.
Berichtigungen  S.  388.

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        1

®ifíí  gkWWhmg.
Die  Enropãlsclien  Gíroissmãchfe.
Grossbritamen  (Königreich).
Land  und  Leute«
Das  „Vereinigte  Königreich  Grossbritanien  und  Irland“  umfasst
5767  deutsche  (122,185  englische)  Quadr.-Meilen  und  (März  1851,
nach  Berichtigung  der  ursprünglichen  Zusammenstellung)  27’724,849
Menschen.  (Der  Name  „Grossbritanien“  ward  bei  der  Vereinigung
Schottlands  mit  England,  1.  Mai  1707,  angenommen  ;  1801  erst  erfolgte ­
  die  formelle  Einverleibung  Irlands).  Auf  die  Haupttheile  kamen,
nach  deutschen  Quadr.-Meilen  und  zufolge  der  verschiedenen  Bevölkerungsaufnahmen ­
  seit  dem  Beginne  des  jetzigen  Jahrhunderts:
B  evölkern  n  g,
Länder.  %  -Bell.  1801  1811  1821  1831  1841  1851
England  .  .  .  2,378  8’331,434  9’538,827  11’261,437  IS'091,005  14’995,508  16’910,947
Wales  ...  350  541,546  611,788  717,438  806,182  911,321  1’011,821
Schottland  .  .  1,518  1’599,068  1’803,688  2’093,450  2’365,114  2’620,610  2’870,784
Irland  ....  1,505  6’801,990  7’767,401  8’175,238  6’615,794
Normen.  Inseln  16  142,916*)
Zusammen  5,767  20’874,321  24’029,702  26’702,677  27’552,262
Nach  Berichtigung  der  ursprünglichen  Zusammenstellungen  kommen
auf  Grossbritanien  21’121,967,  auf  das  ganze  Reich  27’724,849  (Angabe ­
  V.  Sir  William  Earr,  auf  dem  statistischen  Gongresse  zu  Brüssel,
1853,  siehe:  Compte  rendu  des  traveaux  du  congrïs  général  de  statistique^ ­
  réuni  à  Bruxelles  les  19—23  &amp;amp;ept,  1853).  Darnach  blieben
für  Irland  nur  noch  6’602,882  Einwohner.
Ausser  den  beiden  Hauptinseln  zählt  man  noch  175  kleinere  bewohnte ­
  Inseln.
Eintheilung.  England  ist  in  52  Grafschaften  (/8/»res),  wovon
12  auf  Wales  kommen,  getheilt;  Schottland  in  31  Shires;  Irland  in
4  Provinzen  (Ulster,  Leinster,  Munster  und  Connaught),  die  wieder
in  32  Grafschaften  (hier  Counties  genannt)  zerfallen.

*)  Einschliesslich  der  Bevölkerung  der  Insel  Man,  welche  früher  in  die
Bevölkerung  Englands  eingerechnet  worden  zu  sein  scheint.
        <pb n="18" />
        2

GROSSBRITANIEN  —  Land  und  Leute.

Wechsel  der  Volkszahl.  Aus  dem  vorigen  Jahrhunderte  und  von
früher  fehlen  genauere  Bevölkerungsberechnungen.  Der  Wirklichkeit
dürften  folgende  Schätzungen  und  Zusammenstellungen  Finlaison’s
nahe  kommen,  welche  England  und  Wales  umfassen:
Jahr.  Volkszahl.  Jahr.  Volkszahl.  Jahr.  Volkszahl.
1700:  5’134,000  1760:  6*480,000  1810:  10*407,000
1710:  5*066,000  1770:  7*228,000  1820:  11*957,000
1720:  5*345,000  1780:  7*815,000  1830:  13*840,000
1730:  5*688,000  1790:  8*540,000  1840:  15*907,000
1740:  5*830,000  1800:  9*187,000  1850:  17*923,000
1750  :  6*040,000
Die.  Volkszahl  Schottlands  wird  für  das  Jahr  1707  (Union)
auf  1,050,000,  für  1755  auf  1,265,000  berechnet.
Hinsichtlich  Irlands  sind  die  frühem  Angaben  widersprechend
und  durchaus  unzuverlässig.  Schätzungen  aus  den  Jahren  1672  und
1695  lauten  auf  etwas  über  1’300,000;  eine  Berechnung  von  1712
(von  Dobbs)  spricht  von  etwas  über  2  Millionen,  indess  eine  andere
von  1718  (von  demselben)  noch  nicht  1’200,000  ergibt,  und  eine  dritte
(nämliche  Quelle)  von  1725  mehr  als  2  Millionen  annimmt.  Steuerzählungen, ­
  bei  denen  aber  (sehr  unzuverlässig)  6  Bewohner  auf  jedes
Haus  angenommen  wurden,  ergaben  ;
1731:  2*010,221  1767:  2*554,276  1785:  2*845,932
1754:  2*372,634  1777:  2*690,556  1791:  4*206,612.
Auch  im  laufenden  Jalirhunderte,  bis  1821,  beruhten  die  Angaben
nicht  auf  regelmässigen  Zählungen,  sondern  nur  auf  mehr  oder  weniger ­
  unzuverlässigen  Schätzungen.  Nach  den  Berechnungen  des  Londoner ­
  statistischen  Bureau  betrug  die  Bevölkerung  Irlands  :
1805  :  5*395,456  1835:  7*927,989
1815:  6*142,972  1845:  8*344,142
1825:  7*172,748  1851  :  6*551,970.
Gewiss  eine  enorme,  in  der  neuern  Geschichte  beispiellose  Volksverminderung, ­
  von  1,792,172  in  6  Jahren,  durchschnittlich  also
von  fast  300,000  (298,695)  Menschen  in  jedem  Jahre.  Es  fand  im
eigentlichen  Sinne  eine  „Irische  Volkswanderung“  statt,  welche  in
Folge  der  eingetretenen  Erschöpfung  seitdem  bedeutend  nachgelassen,
welche  aber  eine  Umwandlung  in  den  gesammten  Volkszuständen  vorbereitet ­
  hat,  grösser,  als  die  einst  durch  Eroberung  unmittelbar  bewirkte. ­

Für  den  zehnjährigen  Zeitraum  von  1841  —  51  ergibt  sich  im
ganzen  (vereinigten)  Königreiche  eine  jährliche  Bevölkerungszunahme
von  0,32  Proz.,  und  zwar  in
England  .  1,13  %  dagegen  Verminderung
Wales  .  0,91  in  Irland  1,91  %
Schottland  0,87
Da  die  Volkszahl  in  Irland  noch  bis  1845  zugenommen,  so  dass
sich  die  Verluste  auf  die  letzten  Jahre  zusammendrängten,  so  müssen
dieselben  in  dieser  Epoche  jährlich  wol  3^/^  Proz.  überstiegen  haben.
(Vergl.  übrigens  die  Abtheilung:  „Soziale  Verhältnisse“,  zumal  die
Zahlen  nicht  genau  stimmen.)
        <pb n="19" />
        GROSSBRITANIEN  —  Land  und  Leute.

Die  Verhältnisszahlen  der  Bevölkerungszunahme  wechselten  in  den
verschiedenen  Provinzen  sehr  stark;  sie  betrugen  in  :

1,13
0,91
0,87
(—1,91  Verminderung.)
0,32

England  .  .  1,6  %  1,45
Wales  ...  1,2  1,3
Schottland  .  .  1,3  1,08
Irland  .  .  ,  1,42  0,52
Ganz  Grossbritanien  1,51  1,11
Geburten,  Sterbefälle,  Ehen.  In  England  und  Wales  kamen  auf
100,000  Einwohner  :
1839:  3,177  Geburten,  2,187  Sterbefälle.
1840:  3,197  «  2,290  ,
1841  :  3,217  «  2,160  ,
1842  :  3,209  &amp;gt;  2,1C7  í
(Farr  nimmt  für  England  mit  Wales  durchschnittlich  650,000
Geburten  im  Jahre  an.)  In  den  nämlichen  Jahren  (1839—42)  kam
je  eine  Heirath  auf  126,  128,  130  und  136  Einwohner.
Geschlechter.  Nach  der  letzten  Zählung:
Männlich  Weiblich
England  .  8762,588
Schottland  .  1’363,622
Irland  .  .  3776,721
Norm.  Inseln  66,511
Zusammen

9760,180
1’507,162
3’339,567
67,405

13’369,442  14’074,314
Fluctirende  Bevölkerung.  Bei  der  Bevölkerungsaufnahme  von
1851  ergaben  sich  für  die  Armee  und  Staatsmarine  210,474  Menschenauf
  die  Handelsmarine  kamen  124,744.  Von  diesen  335,218  befanden
sich  in  den  Colonien,  in  Indien  und  in  auswärtigen  Häfen  162,490.
Auswanderungen.  Aus  Grossbritanien  und  Irland  betrugen  dieselben ­
  von  1825  bis  einschliesslich  1853:  3’599,570.  Davon  gingennach
  den  Vereinigten  Staaten  2'223,095,  nach  den  britischen  Colonien
m  Nordamerika  951,428,  nach  Australien  374,296.  In  den  verschiedenen ­
  Epochen  ergaben  sich  folgende  Auswanderungen  nach:

Nordam.  Colon.
1825  :  8,741
1830:  30,574
1840  :  32,293
1850  :  32,961
1853:  34,249
Confessionen.

Vor.  Staaten.  Australien,  Total.
5,551  485  14,891
22,887  1,242  56,907
40,642  15,850  90,743
223,078  16,037  280,549
228,152  62,460  328,807
Es  gibt  eine  ungemeine  Menge  von  Beeten.

Genano

  Berechnungen  der  Bekennerzahl  fehlen,  selbst  für  die  Hauptkoiifessionen.
  Nachstehend  eine  Schätzung,  bei  der  die  hleineren
Sccten  nicht  besonders  aufgoführt  sind.

England
Schottland
Irland

Anglikaner.
14’800,000
100,000
900,000

Presbyterianer.
500,000
2’000,000
650,000

Katholiken.
1’000,000
150,000
5'000,000

Andere  Dissenters.
1’600,000
600,000
50,000

Zus.  16’800,000  3750,000  6750,000  2’250,000
In  Folge  der  irischen  Emigration  nahm  die  Zahl  der  Katholiken  ansehnlich ­
  ab.  —Die  Zahl  der  Juden  wird  auf  blos  35—40,000  geschätzt
        <pb n="20" />
        4  GROSSBRITANIEN  —  Land  und  Leute.
MinGrälreichthum  des  Landes.  Im  Jahr  1854  lieferten  die  Minen:
Kohlen  .  .  61’661,400  Tonnen,  Werth  14’975,000  Pf.  St.
Eisen  .  .  3’069,839  »
Blei  .  .  .  64,000
Kupfer  .  .  13,042  s
Zinn  .  .  5,763  s
.  Silber  .  .  700,000  Unzen
Zink  im  Werth  von  .
Sonstige  Metalle
Zus.  für  28’575,900  Pf.  St.
In  den  Bergwerken  waren  303,977  Menschen  beschäftigt.  Englands ­
  Kohlen-  und  Eisenbergwerke  haben  einen  höheren  Werth,  als
die  Silbergruben  Mexicos  und  die  Goldschätze  Californiens.
Städte.  Kein  anderes  Land  besitzt  so  viele  grosse  Städte,  und
in  keinem,  Amerika  ausgenommen,  erweiterten  sich  dieselben  in  solcher
Ausdehnung.  Zufolge  der  Zählung  vom  März  1851  kamen  von  dei
Gesammtbevölkerung,  Irland  ungerechnet:
auf  die  815  Städte  10’556,288  Menschen,
auf  das  platte  Land  10’403,189  »

9’500,
1’472,000  -
1'229,800  ;
690,000  ,
192,600  ,
16,500  «
500,000  ,

Also  eine  grössere  Stadt-  als  Landbevölkerung.
London  allein,  mit  einer  Einwohnerzahl,  welche  jene  mancher
Königreiche  übersteigt,  soll  um  das  Jahr  1170  etwa  40,000  Menschen
umfasst  haben;  um  1685  ungefähr  530,000,  1702  674,000,  1760
676,000.  Genauer  sind  folgende  Angaben:  1801  958,863,  1811
1’138,815,  1821  1’378,947,  1831  1’654,994,  1841  1’948,417,
jetzt  wohl  über  2  Millionen.  (Angabe  von  1855:  2’565,579.)
Abgesehen  von  Irland,  ergaben  die  Bevölkerungsaufnahmen  von
1801  und  1851  folgende  Einwohnerzahl  der  bedeutendsten  Städte  :

England
London
Manchester  (mit  Salford)
Liverpool
Birmingham  .
Leeds  ....
Bristol
Sheffield
Wolverhampton  .
Bradford
Schottland
Glasgow
Edinburgh  mit  Leith
Ferner  hatten  1851  mehr  als

1801  1851
958,863  2’362,226
94,876  401,321
82,295  375,955
70,670  232,841
53,162  172,270
61,153  137,328
45,755  135,310
30,584  119,748
13,264  103,778
77,058  329,097
81,404  191,221
50,000  Einwohner  :

In  England
Newcastle  .  .  87,784
Hull  .  ,  .  84,690
Stocke-up-Trent  .  84,027
Oldham  .  .  72,357
Portsmouth  .  .  72,096
Brighton  .  .  69,673
Preston  .  .  .  69,542
Norwich  .  .  68,195
Merthyn  Tydfil  ,  63,080

Leicester  .  •  60,684
Nottingham  ■  •  57,407
Bath  .  •  •  54,240
Stockport  •  •  53,835
Plymouth  •  •  52,221
In  Schottland
Dundee  .  .  78,931
Aberdeen  .  .  71,973
        <pb n="21" />
        GROSSBRITANIEN  —  Finanzen  (Budget).

5

Also  bei  einer  Gesammtbevölkeriing  von  21  Millionen,  27  Städte
von  mehr  als  50,000,  und  darunter  11  von  mehr  als  100,000  Einwohner. ­
  lieber  20,000  haben  nicht  weniger  als  70  Städte.
Gebietsausdehnung.  Die  grösste  Länge  der  britischen  Hauptinsel
beträgt  118,  die  grösste  Breite  70  deutsche  Meilen.  Die  geringste
Entfernung  derselben  von  Frankreich  ist  4,  von  Irland  2,  von  Norwegen ­
  61  deutsche  Meilen.  Die  Küstenentwicklung  berechnet  Reden
zu  576,  bei  Irland  zu  310  Meilen.  Die  Entfernung  der  Hauptstadt
vom  entlegensten  Punkte  der  Hauptinsel  beträgt  140,  von  der  entferntesten ­
  Besitzung  in  Europa  (Zante)  295,  in  Afrika  (Kap)  1270,
in  Asien  (Hong-Kong)  1420,  in  Amerika  (Astoria)  1850,  und  in
Australien  (Neu-Seeland)  3050  Meilen.
Gebietsveränderungen.  Grossbritanien  ist  der  einzige  grössere
Staat  in  Europa,  der  seit  dem  Beginne  der  ersten  französischen  Revolution ­
  in  seinem  Hauptlande  ohne  alle  Gebietsveränderung  geblieben
ist.  Dagegen  traten  allerdings  sehr  bedeutende  Wechsel,  im  Wesentlichen ­
  ganz  zu  Gunsten  Britaniens,  in  dessen  Colonialbesitz  ein.
Nach  dem  Verluste  der  Vereinigten  Staaten  Nordamerikas  war  der
Colonialbesitz  des  Staates  sehr  gemindert.  Allein  während  der  Revolutions- ­
  und  der  Napoleonischen  Kriege  eroberten  die  Briten  fast
alle  auswärtigen  Besitzungen  der  Franzosen,  Holländer  und  Dänen,  und
viele  der  Spanier  und  Portugiesen.  Die  verschiedenen  Friedensverträge
  beliessen  sie  im  Besitze  eines  sehr  bedeutenden  Theiles  dieser
Eroberungen,  So  verblieben  ihnen  schon  zufolge  des  Friedensschlusses
von  Amiens,  1802,  Ceylon  und  Trinidad  (erstes  bis  dahin  Holländisch,
letztes  Spanisch).  Jener  von  Paris,  1814,  sicherte  ihnen  aber  Malta
(früher  dem  Malteser  Orden  gehörend)  ;  Tabago,  St.  Lucia,  Isle  de  France
(Mauritius)  und  die  Sechelen  (franz.  Colonien);  Demeraiy,  Essequebo,
Berbice  und  das  Kap  (holländisch);  Helgoland  (bisher  dänisch),  und
die  Oberherrlichkeit  über  die  Jonischen  Inseln  (s.  diese).  In  Folge
der  abweichenden  Thronfolgebestimmungen  in  England  und  Hannover
ward  zwar  das  letzte  1837  aus  der  bisherigen  Personalunion  befreit.
Dagegen  breitete  sich  die  britische  Herrschaft  in  Asien,  besonders
Ostindien,  ungemein  aus  (siehe  Rubrik  :  „Auswärtige  Besitzungen“).
Finanzen«
Das  Budget.
Dieses  wird  immer  nur  auf  ein  Jahr  vom  Parlamente  (in  Wirklichkeit ­
  bloss  vom  Unterhause)  festgestellt.  —  Die  Finanzverhältnisse
Grossbritaniens  haben  in  Folge  des  kolossalen  Aufwandes  für  den
orientalischen  Krieg  eine  so  gewaltige  Aenderung  erfahren,  dass  es  geeignet ­
  sein  wird,  die  Umgestaltung  selbst  etwas  in  das  Auge  zu  fassen,
um  einen  richtigen  Ueberblick  des  jetzigen  Verhältnisses  zu  erlangen.
Die  Ausgaben  für  das  am  4.  April  1854  zu  Ende  gegangene  Rechnungsjahr
(das  letzte  Jahr  des  Friedens)  waren  im  Budget  veranschlagt  zuPf.St.  52T83,000
sie  betrugen  aber  nur  .......  *  51471,000
Blieb  Pf.  St.  1’012,000
        <pb n="22" />
        6

GROSSBRITANIEN  —  Finanzen  (Budget).

Der  Budgetentwurf,  welchen  der  Kanzler  der  Schatzkammer  am
7.  März  1854  für  das  bis  1.  April  1855  reichende  Rechnungsjahr  vorschlug, ­
  enthielt  folgende  Hauptpositionen:

Einnahmen.
Zölle  Pf.  20’175,000
Accise  »  14’595,000
Stempel  »  7*090,000
Directe  Steuern  (assessed  taxes)  »  3*015,000
Einkommen-Steuer,  gewöhnliche  ......  »  6*275,000
Post  '  1*200,000
Domänen  ..........  *  259,000
Verschiedene  Einnahmen  «  740,000

Gewöhnliche  Einnahmen  Pf.  53*349,000
Erhöhung  der  Einkommensteuer  z.  Deckung  der  Kriegsbedürfnisse  «  3*307,000

Oesammteinnahme  Pf.  56*656,000
Ausgaben.
Fundirte  Schuld  .........  Pf.  27,000,000
Unfundirte  (schwebende)  Schuld  ......  »  546,000
Consolidirte  Fonds  (Ausgaben  für  Civilverwaltung,  .Justiz  etc.)  «  2*460,000
Armee  (Infanterie  und  Cavallerie)  .....  ^  6*857,000
Marine  ..........  *  7*488,000
Feldzeugamt  {Ordnance,  Artillerie,  Genie)  ....  #  3*846,000
Commissariat  .........  &amp;lt;  645,000
Verschiedenes  (Miscellaneous  supplies)  .....  »  4*775,000
Miliz  =  530,000
Expedition  nach  dem  Oriente  ......  »  1*250,000
Paketbootendienst  ........  #  792,000

Zusammen  Pf.  56*189,000

Während  nun  aber  danach  ein  Ueberschuss  von  fast  einer  halben
Mill.  Pf.  (12  Mill.  Frkn.)  in  Aussicht  stand,  forderte  der  Minister
bereits  schon  am  9.  Mai  weitere  6  Mill.  Pf.  für  Kriegsbedürfnisse.
Er  erhielt  die  Genehmigung  des  Parlaments  nicht  nur  hiezu,  sondern
auch  die  Zustimmung  zu  dem  Plane,  die  sämmtlichen  Kosten  des  Krieges
nicht  durch  Anlehen,  sondern  ausschliesslich  durch  Steuererhöhung
zu  decken.  Vor  Allem  ward  Erhöhung  der  Einkommensteuer  (Income
tax)  beschlossen.  Vom  Pf.  Sterl.  waren  bisher  7  Den.  erhoben  worden;
die  Auflage  ward  für  das  ganze  Jahr  (nicht  blos  für  die  ersten  sechs
Monate,  wie  der  Budgetentwurf  besagt  hatte)  verdoppelt,  d.  h.  auf
5®Vioo  Pi'oz.  vom  Einkommen  erhöht.  Mit  einer  Erhöhung  auf  8  Proz.,
glaubte  der  Minister,  würden  sich  alle  Kriegsausgaben  decken  lassen;
allein  er  schlug  dies  nicht  vor,  weil  er  fürchtete,  durch  zu  hohe
Steigerung  das  neue  Besteuerungsprinzip  überhaupt  zu  gefährden,  zumal ­
  er  auch  die  Einführung  einer  Erbschaftssteuer  veranlasst  hatte.
Daher  wurden  folgende  weitere  Bestcuorungsmassregeln  beschlossen  :
Auflage  auf  die  Spirituosen  ....  Pf.  450,000
Î  ?  Zucker  ......  «  700,000
Í  Í  Malz  '  2*450,000
Hiezu  die  erwähnte  Erhöhung  der  Einkommensteuer  «  3*250,000
Gesammtsteuererhöhung  Pf.  6*850,000
(Die  bisher  schon  5  Mill.  Pf.  ertragende  Malzsteuer  v/urde  von
2  Shill.  8  Yg  Den.  auf  4  Shill,  erhöht.)
        <pb n="23" />
        GKOSSBRITAOTEN  —  Finanzen  (Budget).

7

Lässt  man  bei  diesem  Budget  die  ausserordentlichen  Kriegsausgaben
ausser  Ansatz,  so  kann  man  die  llauptpositionen  so  zusammenfassen:

Einnahmen  :
Direkte  Steuern  .  .  Pf.  9’290,000
Indirekte  Auflagen  .  «  41’860,000
Domänen  ....  #  259,000
Staatsanstalt  (Post)  .  í  1’200,000
Verschiedene  Einnahmen  «  740,000
Pf.  53’349,000

Ausgaben  :
Staatsschuld  ...  Pf.  27’546,000
Land-  und  Seemacht
(mit  Miliz)  .  .  .  ,  18721,000
Alle  andern  Bedürfnisse  &amp;lt;  8'672,000
Pf.  54’939,000

Von  der  ordentlichen  Gesammtausgabe  erheischten  also:
84,23  Proz.
15,77
Zieht  man  aber  das  Kriegsbudget  mit  in  Rechnung,  so  ergaben
sich  gleich  im  ersten  Kriegsjahre  folgende  Ziffern  •
Schuld  .  .  27’546,000  Pf.  =  44,29  Proz.
Krieg  .  .  25’971,000  '  =  41,76  ,
Andere  Bedürfnisse  8’672,000  í  =  13,95  »
62789,000  Pf.

Die  Schuld  .  .  50,15  )
Das  Kriegswesen  .  34,08  )
Alle  anderen  Ausgaben  nur

Allein  der  wirkliche  Kriegsaufwand  zeigte  sich  alsbald  noch  grösser,
und  so  bekam  man  denn  mit  dem  ersten  Entwürfe  des  Budgets  Ziffern,
die  sich  folgendermassen  zusammenstellen  lassen  :

18%
Voranschlag.  Wirklichkeit.
Armee  (Infanterie  und  Kavallerie  6’287,486  7767,486
Marine  7787,978  10717,309
Zeugamt  (Artillerie)  .  .  3’845,878  5’986,662
Transportdienst  ...  —  3’582,474
Zusammen  17’621,312  27753,931

Voranschlag
für  18»%,
13731,158
10716,338
7’808,042
5781,465
37727,003

Die  Mittheilungen  des  Ministers  gelegentlich  der  Vorlage  des
Budgets  für  gewährten  unter  Anderm  folgende  Aufschlüsse:

Die  Ausgaben  im  letzten  Friedensjahre,  j  hatten
5l’l98,000  Pf.  betragen;  die  im  ersten  Kriegsjahro  IS^Vss  dagegen
65’962,000,  und  der  Voranschlag  für  18%8  stieg  bereits  auf
86'339^^0  Ph
Die  Einnahmen  ira  Jahr  18®V55  betrugen  aus  den  frühem
Steuern  etc.  circa  53’349,000,  aus  den  neuen  Steuern  (da  ein  Theil  erst
im  folgenden  Rechnungsjahre  flüssig  werde)  6747,000.  Zur  Deckung
des  weitern  Bedarfs  hatte  man  die  unfundirte  Schuld  um  7725,513
Pf.  vermehrt.
Bei  so  sehr  gesteigertem  Bedarfe  ging  man  von  dem  System  ab,
die  Gesammtsumme  der  Kriegskosten  durch  Steuererhöhung  zu  decken.
Man  sprang  zwar  nicht  zu  der  in  Frankreich  angenommenen  Methode
über.  Alles  durch  Anlehen  zu  docken,  benützte  nun  aber  beides:
Stcuererhöhung  und  Anlehen.  So  beschloss  man  denn  für  IS^Vsö
folgende  ausserordentliche  Deckungsmittel:  a)  Anlehen  16  Millionen,
b)  neue  Steuern  5’300,000  Pf.
Die  Steuererhöhimgen  waren  :
        <pb n="24" />
        8

GEOSSBKITANIEN  —  Finanzen  (Budget).

1)  Zuckerzoll,  um  3  Shill,  pr.  Ctr,,  nach  Qualität,  veranschl.  Ertrag  1’300,000
2)  Kaffeezoll,  um  1  Den.  pr,  Pfd,  sonach  auf  4  Den.  (12  Krzr.)  gebracht  150,000
3)  Theezoll,  «  3  *  «  ,  (bis  dahin  1  Shill.  6  Den.)  .  .  750,000
Zollerhöhungen  zusammen  2’100,000
4)  Stempeltaxe  à  1  Den.  auf  Bankiersanweisungen  (ganz  neue  Auflage)  200,000
5)  Accisegebühren.  Die  schottischen  werden  den  englischen  gleichgestellt, ­
  d.  h.  von  6  Shill,  pr.  Gallon  auf  7  Shill.  10  Den.  erhöht,
und  ebenso  werden  die  irischen  von  4  auf  6  Shill,  gebracht  ,  1’000,000
6)  Einkommensteuer  um  weitere  2  Den.  pr.  Pfd.  (auf  Proz.  des
Einkommens)  2’000,000
Mit  Dazurechnung  der  vorjährigen  neuen  Belastung  ergab  sich
für  IS^Vse  eine  ausserordentliche  Kriegsbesteuerung  von  nahezu
15Yg  Mill.,  und  zwar  8’557,000  an  direkten  Steuern  und  6’900,000
Pf.  an  indirekten  Auflagen;  ausserdem  die  erwähnte  Vennehrung  der
Staatsschuld  von  16  Mill.  —  Der  Bedarf  war  u.  a.  dadurch  erhöht,
dass  man  dem  Sardinischen  Staate  ein  Anlehen  von  1  Million  Pf,
(25  Mill.  Frkn.)  hatte  zusichern  müssen,  um  denselben  zur  Thcilnahmo
am  Kriege  gegen  Russland  zu  bewegen,  —  Nach  verschiedenen  Modifikationen ­
  bekam  man  ein  Ausgabebudget,  welches  sich  so  zusammenfassen ­
  lässt  :

1)  Schuld  :  Verzinsung  27’950,000  ;  anderweite  Belastung  des  consolidirten
  Fonds  1750,000  =  .  ...
2)  Krieg:  Landmacht  lß'200,000;  Marine  16700,000;  Feldzeugamt ­
  7’800,000  ;  ausserordentlich  3’000,000  =
3)  Civildienst
Ohne  das  sardinischo  Anlchen  also  ....

29700,000
43'675,000
6’500,000
79'900,OÕÕ

wovon  54,66  Proz.  auf  Kriegskosten,  37,17  auf  die  Staatsschuld,  auf
diese  zwei  unproduktive  Posten  also  beinahe  92  Proz.  des  Gesammtbedarfs
  kommen,  so  dass  also  bei  weitem  nicht  mehr  Vio  für  die
eigentliche  innere  Verwaltung  bleibt.
In  der  Unterhaussitzung  v.  23.  Febr.  1856  theilte  der  Schatzkanzler
bei  der  Budgetvorlage  für  IS^Vs?  u-  a.  folgende  Daten  mit:  Er  habe  im
vor.  April  die  Einkünfte  mit  Einschluss  der  Anleihe  zu  86,339,000,  die
Ausgaben  zu  81’899,000  Pf.  veranschlagt.  Der  sich  darnach  ergebende
Ueberschuss  sei  durch  einen  Steuernachlass  auf  4’240,000  Pf.  vermindert ­
  worden.  Spätere  Zusatzpositionen  betrügen  6'135,000,  die
vorgesehene  Ausgabe  also  88’034,000  Pf.  Eine  neue  Emission
von  Schatzscheinen  und  Bonds  bringe  die  vorgesehene  Einnahme  auf
90’139,000  Pf,  —  Nun  bleibe  aber  die  wirkliche  Einnahme  um
1’600,000  Pf.  hinter  der  Erwartung  zurück,  indess  die  wirkliche
Ausgabe  die  Voranschläge  um  1’960,000  Pf.  übersteigen,  so  dass  sich
eine  Differenz  von  3’560,000  gegen  die  Voranschläge  ergebe.  —  Die
ganze  Summe,  welche  in  dem  gegenwärtigen  (Rechnungs-)  Jahre  geborgt ­
  worden  sei,  betrage  (mit  Schatzscheinen  und  Bonds)  23,  und
wenn  man  noch  die  Anleihe  von  5  Mill,  dazu  rechne,  28  Mill.  Pf.
Nachdem  der  Friede  hergestellt,  schlug  der  Kanzler  der  Schatzkammer ­
  in  der  Unterhaussitzung  vom  19.  Mai  1856  eine  Erraässigung
seines  ursprünglichen  Budgetentwurfs  für  1856—57  vor.  Hier  die  Hauptpunkte ­
  seiner  Auseinandersetzung  :  In  dem  ursprünglichen  Budgetentwurfe
  waren  34’998,000  für  die  Land-  und  19’876,000  für  die
        <pb n="25" />
        GROSSBRITANTEN  —  Finanzen  (Kriegskosten).

9

Seemacht,  zusammen  54’874,000  Pf.  für  militärische  Zwecke  bestimmt.
Nachdem  der  Friede  hergestellt,  konnten  diese  Summen  auf  20’747,000
und  16’568,000  =  37’315,000  herabgesetzt  werden.  Darnach  stellt
sich  der  Bedarf  (mit  Einschluss  eines  neuen  Anlehens  von  1  Mill,  für
Sardinien)  auf  82,113,000,  oder,  nach  Abzug  von  4’588,000  Pf.  Erhebungskosten ­
  (welche  dieses  Jahr  zum  ersten  Male  speziell  aufgeführt
sind),  auf  77’525,000  Pf.  netto.  —  Zur  Deckung  sollen  dienen:  alle
gewöhnlichen  ordentlichen  und  ausserordentlichen  Auflagen,  namentlich
auch  die  Einkommenssteuer  in  ihrem  erhöhten  Betrage  von  1  Sh.  4  Den.
vom  Pf.  (oder  6  Pf.  13  Sh.  4  Den.  von  100  Pf.);  erst  im  April  1857
soll  dieselbe  auf  den  früheren  Betrag  herabgesetzt  werden.  Auch  sind
mehrere  Millionen  vom  vorjährigen  Anlehen  zur  Verfügung.  Dessen
ungeachtet  bleibt  noch  ein  Defizit  von  6’873,000  Pf.,  wovon  5  Mill,
durch  ein  Anlehen,  2  weitere  Mill,  aber  durch  Ausgabe  von  Schatzscheinen ­
  gedeckt  werden  sAlen.
Die  Kosten  des  Krieges.  Der  Minister  selbst  stellte  bei  der  eben
erwähnten  Gelegenheit  folgende  Rechnung  auf:
In  den  beiden  Kriegsjahren  wurden,  verglichen  mit  den
beiden  letzten  Friedensjahren,  für  militärische  Zwecke,
also  den  Krieg,  mehr  ausgegeben  ....  Pf.  63’055,000
Im  nächsten  Jahre  werden  diese,  nicht  plötzlich  zu  beseitigenden ­
  Mehrkosten  noch  erheischen  ....  »  24’500,000
Sonach  Gesammtsumme  der  Kriegskosten  Pf.  77’588,000
Hivon  wurden  17’182,000  Pf.  durch  Erhöhung  der  Steuern  bereits ­
  gedeckt.
Nach  dem  letzten,  dem  Parlamente  vorgelegten  Finanzausweise
(ausnahmsweise  nach  dem  Kalenderjahre,  sonach  bis  31.  Dez.  1855
berechnet)  stellten  sich  die  Hauptsummen  so:
Ausgaben  .  .  84’505,788
Einnahmen  .  .  63’364,605
Defizit  21441,183.
Die  Haupt-Einnahmeposten  waren:  Zölle  20’987,752,  Accise ­
  16’389,486,  Stempel  6’805,604,  Land-  und  Abschätzungstaxen
2’945,784,  Einkommensteuer  13718,185,  Post  1737,219,  Kronländereien
  280,515,  Verkauf  von  Vorräthen  522,138,  Zahlung  der  ostindischen ­
  Kompagnie  60,000,  diverse  Einnahmen  402,768,  nicht  erhobene ­
  Dividenden  111,149.
Unter  den  Ausgaben:  a)  fundirte  Staatsschuld  22792,594,
Leibrenten  173,240,  Zinsen  der  Schatzkammerbonds  217,000,  ditto
der  laufenden  Schatzscheine  560,635,  dazu  Diverses  86,135  ;  zusammen
Schuld  27’647,899  ;  —  b)  Landarmee  14’545,059,  Flotte  19’014,708,
Feldzeugamt  9,632,290,  sonstige  ausserordentliche  Credite  für  Kriegszwecke ­
  5’200,000;  zus.  für  den  Krieg  48’392,057;  —  c)  Civilliste
396,570,  Jahresrenten  und  Pensionen  340,991,  Gehalte  etc.  162,697,
diplomat.  Corps  149,244,  Gerichtshöfe  493,082  etc.
Bemerkungen  zu  den  einzelnen  EinnahmepOSitionen.  Vor
allem  muss  der  geringe  Ertrag  der  Staatsdomänen  auflallen.  Nicht
einmal  Va  Eroz.  der  Einkünfte  wird  aus  dem  unmittelbaren  Staats-
        <pb n="26" />
        10  GROSSBRITANIEN  —  Finanzen  (Einnahmen  und  Ausgaben).
eigenthum  gezogen,  —  ein  Zeichen,  wie  man  das  Staatseigenthuin  in
frühem  Zeiten  verschleuderte  und  wie  der  Adel  dasselbe  an  sich  riss.
Nach  Wiedereinführung  der  Einkommensteuer  (1843)  und
nach  Aufhebung  der  Kornzölle  (beschlossen  1846,  doch  unter  Beibehaltung ­
  einer  „gleitenden  Scala“  während  der  nächsten  drei  Jahre)
schien  es,  als  ob  das  bisherige  System,  die  Staatsbedürfnisse  vorzugsweise ­
  durch  indirekte  Belastung  zu  decken,  verlassen,  und  mehr
und  mehr  die  Einkommen-,  als  die  einzige  prinzipiell  gerechte,  auch
zur  einzigen  wirklichen  Steuer  gemacht  werden  wolle.  Allein  die  gewaltig ­
  gesteigerten  Bedürfnisse  Hessen  dies  nicht  zu.  Man  erhölito
vielmehr,  wie  wir  gesehen,  direkte  und  indirekte  Steuern.  Das  engl.
Einkommensteuergesetz  ist  übrigens  ziemlich  roh.  Es  macht  keinen
Unterschied  zwischen  zufälligem,  rein  durch  persönlichen  Erwerb  oder
durch  Kapitalbesitz  gewonnenem  Einkommen;  es  berührt  überdies  gar
nicht  das  Kapital,  lässt  dieses  völlig  unbesteuert,  und  zwar  auch
da,  wo  dasselbe  absichtlich  in  Luxusgegenständen  und  unproduktiv
angelegt  ist.  Nur  sollte  jedes  Einkommen  unter  150  Pf.  St.  (3750  Frkn.
oder  1800  fl.)  nach  der  ursprüngl.  Bestimmung  steuerfrei  bleiben.
Die  Staatsanstalt  (Post)  betrachtet  man  seit  Einführung  des
Penny-Postsystems  (wonach  für  das  ganze  vereinigte  Königreich  der
gleichmässige  Portosatz  von  1  Penny  oder  3  Krzr.  =  etwa  11  Centimen ­
  gilt),  mehr  vom  volkswirthschaf'tlichen,  als  vom  fiscalischcn  Standpunkte. ­
  Anfangs  entstand  allerdings  ein  starker  Einnahme-Ausfall.
Allein  die  Erträgnisse  der  Post  stiegen  alsbald  in  hohem  Maassc  :
1840  1845  1850  1854  1855
Pf.  St.  447,665  753,000  820,000  1’288,834  1’137,219
(1855  ergab  sich,  wie  man  sieht,  ein  kleiner  Rückschlag).
Der  Zollertrag  war  1854  22’187,149  Pf.,  =  gegen  das  Vorjahr ­
  um  904,292  Pf.  weniger.
Einzelne  ÄUSgäbepOSitionen.  Da  in  England  der  natürliche
Grundsatz  des  Self-Government  im  Allgemeinen  ungeschmälert  besteht,
so  decken  die  Grafschaften  und  die  Städte  ihre  Bedürfnisse  selbst,  und
nichts  davon  fliesst  durch  die  Staatskasse.
Die  Staatsfinanz  ist  aber  auch  noch  in  anderer  Weise  in  ihrer
Verwaltung  vereinfacht.  Das  gesammte  Kassawesen  wird  nicht  bureaukratisch
  betrieben,  sondern  kaufmännisch;  es  ist  der  Bank  von  England ­
  übertragen.  So  kommt  es,  das  die  ganze  Finanzverwaltung  nur
beiläufig  6  Proz.  kostet.  In  dem  Voranschläge  für  18^%^  waren  die
Erhebungskosten  der  Staatsrevenüen  zu  4’870,B45  Pf.  veranschlagt,
nämlich  4’385,951  Pf.  Personalgehalte  etc.  und  484,694  Pf.  Pensionen.
Von  der  Gesammtsumme  kommen  auf  die  Zollverwaltung  1'560,666,
die  Accise  und  sonstige  Abgaben  1’644,585,  endlich  die  Post  1,665,394.
(Die  Post  beschäftigte  21,221  Personen  ;  dieselbe  bezahlte  693,717
Pf.  für  den  Seedienst  und  480,712  Pf.  an  Eisenbahnen.)
Die  Gesammtkosten  der  Civilverwaltung  für  1855  sind  auf
6’556,963  Pf.  berechnet,  nämlich:
746,760  Pf.  öffentliche  Bauten,  2’245,288  Pf.  Gerichtsverwaltung,
1’315,390  Í  Polizeianstalten,  846,670  «  Volkserziehung,
        <pb n="27" />
        GROSSBRITANIEN  —  Finanzen,  in  früherer  Zeit.

11

328,344  Pf.  Colonial-  u.  Consularwesen,  756,169  Pf.  diverse,  spezielle  Anstalten,
218,342  f  wolilthätige  Anstalten  und  100,000  &amp;lt;  für  unvorges.  Erfordernisse.
Pensionen  etc.
Zu  erwähnen  ist,  das  die  Geistlichkeit  enorme  Einkünfte  aus
den  ihr  belassenen  Gütern  bezieht.  —  Die  Civilliste  mit  396,570  Pf.
ist  verhältnissmässig  gering,  doch  sind  sehr  ansehnliche  besondere  Bezüge ­
  und  die  Apanagen  nicht  einbegriffen.  Beispielsweise  erhält  Prinz
Albert,  der  Gemahl  der  Königin,  30,000  Pf.
Staatsbedarf  in  früherer  Zeit.
Im  Jahre  1685  betrugen  die  gesammten  Staats-Einkünfte  ungefähr
  1’400,000  Pf.  Dazu  lieferten:  die  Accise  585,000,  der  Zoll
530,000,  die  Kaminsteuer  200,000.  Der  Rest  floss  aus  den  Domänen,
dem  (damals  noch  nicht  an  die  Geistlichkeit  abgetretenen)  Zehnten,
den  Herzogthümern  Cornwall  und  Lancaster,  und  den  Geldstrafen.  —
Was  die  Ausgaben  betrifft,  so  würde  die  Schuld  des  Königs  etwa
80,000  Pf.  jährlich  erheischt  haben;  allein  dieser  Posten  ward  nicht
bezahlt.  Die  Kriegsmacht  kostete  :  Landheer  290,000,  Marine  380,000,
Artillerie  60,000,  zusammen  730,000  Pf.  Die  Civilverwaltung  belastete ­
  die  Staatskasse  nur  wenig;  das  meiste  davon  ward  durch  die
Städte  oder  aus  den  Strafen  gedeckt.  Die  diplomatischen  Ausgaben
erforderten  höchstens  20,000  Pf.  Allein  neben  der  Hofverschwendung
verschlangen  Günstlinge  ungeheuere  Summen.  Der  Herzog  v.  Ormond
bezog  jährlich  22,000,  der  Herzog  v.  Bukingham  19,600  Pf.  Monk
hinterliess  ein  Jahreseinkommen  aus  seinen  vom  Staat  erhaltenen  Gütern ­
  von  15,000  Pf.  und  ausserdem  60,000  Pf.  haar.  Dagegen  hatte
der  Erzbischof  (im  Vergleiche  zu  später,  erst)  5000  Pf.  (s.  Macaulay,
history  of  England  from  the  accession  of  James  the  second.)
Im  Jahre  1709  betrug  der  Staatsaufwand  7  Mill.,  eine  für  ungeheuer ­
  gehaltene  Summe.  Die  Bezüge  der  Günstlinge  waren  noch
enormer  geworden.  Marlborough  hatte  jährlich  54,825,  seine  Frau
ausserdem  9500  Pf.,  ungerechnet  den  Ertrag  der  ihnen  geschenkten
Domänen  (Blenheim  etc.).  —  Nach  dem  Normativ  von  1669  erhielten
die  englischen  Gesandten  in  Frankreich,  Spanien  und  beim  deutschen
Kaiser  100  Pf.  täglich,  und  1500  Pf.  jährlich  für  Equipage;  jene
in  Portugal,  Holland,  Schweden  etc.  10  Pf.  täglich  und  1000  Pf.
Pferdegeld.  Allein  die  Besoldungen  wurden  oft  Jahre  lang  nicht  ausbezahlt. ­
  (b.  Lord  Mahon,  history  of  England  from  the  peace  of  Utrecht
to  the  peace  of  Versailles.)
Im  Jahre  1784  betrugen  die  Staatseinkünfte  10’856,967;  1785:
12’499,926  Pf.  Dazu  kommen  die  Irlands,  1784  mit  1’093,881  Pf.
Die  Kriege  gegen  Frankreich  erheischten  grössere  Summen.  1797
schlug  Pitt  die  Einführung  der  assessed  taxes  vor,  deren  Ertrag  er  auf
7  Mill,  schätzte,  aber  nur  4  erhielt.  —  1798  belief  sich  die  Gesammtsumine
  der  Einkünfte  auf  23’100,000,  1799  auf  25’600,000.  Pitt
verlangte  schon  1798  10  Mill,  mehr,  denn  dieses  Zunehmen  ging  ihm
zu  langsam;  er  beantragte  Erhöhung  der  alten  und  Einführung  neuer
Abgaben,  namentlich  einer  Einkommensteuer  {Income  tax)  ;  es  handelte
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        12

GROSSBRITANIEN  —  Finanzen  (Schuld).
sich  darum,  die  Staatseinkünfte  um  40  Proz,  zu  vermehren.  Indess
betrug  die  gesammte  Einnahme  1801  doch  erst  34  Mill.,  1802  schon
38,600,000,  1805  (letztes  Jahr  der  Pitt’schen  Verwaltung)  50’900,000;
1807  (nachdem  Lansdowne  die  Erhöhung  der  Einkommensteuer  erwirkt) ­
  59’300,000.  Von  nun  an  bis  1816  betrugen  die  Staatseinkünfte
nie  unter  60,  mehrmals  70,  1813  fast  72  Mill.  1815  (letzter  Krieg
gegen  Napoleon)  steigerte  man  das  Budget  auf  116748,258  Pf.,  wovon ­
  89748,958  durch  Auflagen,  die  andern  27  Milk  durch  Anlehcri
aufgebracht  wurden.  (Die  englische  Nation,  welche  1801  blos  34  Mill,
an  Taxen  aller  Art  bezahlt  hatte,  entrichtete  also  14  Jahre  später
fast  90  !)  Dabei  darf  nicht  vergessen  werden,  dass  Grossbritanien
zu  Ende  des  vor.  Jahrhunderts  nicht  die  Hälfte  seiner  jetzigen  Bevölkerung ­
  hatte,  dass  die  Einfuhr  nicht  V4,  die  Ausfuhr  bloss  V3  der
jetzigen  betrug.  Von  den  Auflagen  kamen  durchschnittlich  auf  jeden
Einwohner  :
1801—10  5  Pf.  12  Skill.  1  Den.
1811—20  3  ,  15  Í  6  ,
1821—30  2  Í  5  i
1817  hob  man  die  Einkommensteuer  auf.  Mancherlei  einzelne
Abänderungen  erfolgten.  Allein  nun  stellte  sich  ein  neues  Defizit  ein.
Sir  Rob.  Peel  erwirkte  1842  Wiedereinführung  der  Einkommensteuer.
Es  ergaben  sich  nun  neuerdings  Ueberschüsse.  Endlich  ward,  neben
der  Aufhebung  oder  Venninderung  sehr  vieler  anderer  Zollsätze,  die
freie  Getreideeinfuhr  (Aufhebung  der  Kornzölle)  beschlossen.  —  Von
dieser  Zeit  datirt  eine  Umgestaltung  der  Grundlagen  des  Steuersystems.
—  Von  1840  bis  Ende  1853  wurden  noch  an  alten  Abgaben  abgeschaift
  :  18704,291  Pf.,  neue  eingeführt  11’916,416  ;  sonach  Verminderung ­
  etwa  6,200,000.  Dessen  ungeachtet  stiegen  die  Einnahmen
von  47’567,565  Pf.  im  Jahr  1840,  auf  54’430,344  im  Jahre  1853.
Staatsschuld.
Am  5.  Jan.  1853  war  der  Stand  der  fundirten  Schuld;
3  0/0  Schuld  507’860,623  Pf.
3  %  Vo  Annuitäten.  217774,390
Neue  5  %  Annuitäten  431,076
Gesammtschuld  Grossbritaniens  725’566,089  s
Die  (gesondert  behandelte)  Schuld  Irlands  betrug  38’975,206
Total  764’641,296
Die  Jahresausgaben  für  diese  fundirte  Schuld  betrugen:  26’501,778
Pf.,  nämlich  24’944,571  für  die  englische,  1’466,481  für  die  irische
Schuld,  und  90,726  für  die  Verwaltung.
Daneben  war  eine  unfundirte,  schwebende  Schuld  vorhanden
(Schatzkammerscheine,  Schatzkammerbonds)  im  Betrage  von  28796,525,
mit  nahezu  400,000  Pf.  Zins.  (Solche  verzinsliche  Schatzscheine  werden
vom  Ministerium  ausgegeben  zur  Deckung  von  Bedürfnissen,  wenn  die
nöthigen  Geldsummen  sich  nicht  in  den  Staatskassen  befinden  und  ein
neues  Anlehen  nicht  beschlossen  worden  ist.)
Seit  obiger  Aufstellung  wurde  die  fundirte  Schuld  vermehrt  um
den  Betrag  des  Anlehens  von  16  Mill.  (s.  oben),  dann  um  die  damit
        <pb n="29" />
        GROSSBRITANIEN  —  Finanzen  (Schuld).

13

weiter  verbundenen  Annuitäten,  dies  1855;  sodann  im  Febr.  1856  um
ein  weiteres  3proz.  Anlehen  von  5  Mill.  Sodann  wandelte  man  1856
für  3  Mill.  Exchequer-bills  in  fundirte  Schuld  um  und  emittirte  weiter
für  5  Mill.  3proz.  Consols  (im  Course  von  93).  Sonach  vermehrte
der  letzte  Krieg  die  consolidirte  Schuld  (ungerechnet  die  damit  verbundenen ­
  Leibrenten)  um  mindestens  29  Mill.  Allein  auch  die  schwebende ­
  Schuld  ward  um  11’440,000  Pf.  vergrössert.  Zusammen  eine
Vermehrung,  welche  mindestens  40V2  Mill,  beträgt.  —  Darnach  wäre
der  Gesammtschuldenstand  Grossbritaniens  jetzt  etwa  :
Fundirte  Schuld  .  .  793'/,  Mill.  Pf.
Schwebende  »  .  .  40'/4  »  »
Zusammen  834  Mill.  Pf.
Geschichte  der  engl.  Staatsschuld.  „Nicht  unsere  Revolution
hat  die  Staatsschuld  begründet;  deren  Anfang  ist  vielmehr  von  unvordenklichem ­
  Alter  ;  was  die  Revolution  einführte,  ist  der  Gebrauch,
die  Schuld  ehrlich  zu  bezahlen.“  (Macaulay.)
Zur  Zeit  der  letzten  engl.  Revolution,  1689,  belief  sich  die  Staatsschuld ­
  nur  auf  664,263  Pf.  Kapital,  mit  einer  jährlichen  Zinssumme
von  39,855  Pf.  Unter  Wilhelm  dem  III.  wurde  dieselbe  um  15,730,439
Pf.  vermehrt.  Er  errichtete  1694  die  Bank,  wesentlich  in  der  Absicht,
leichter  Schulden  machen  zu  können.  Diese  Bank  streckte  der  Regierung
1’200,000  Pf.  vor  gegen  Sprozentige  Verzinsung  und  eine  jährliche
Belohnung  von  4000  Pf.  1709  lieh  sie  dem  Staate  abermals  400,000  etc.
—  Königin  Anna  fand  bei  ihrem  Regierungsantritte  eine  Schuld  von
16’394,792  Pf.,  die  sie  in  dem  kurzen  Zeiträume  von  12  Jahren  um
37’750,661  Pf.  vermehrte.  Die  Zinslast  war  3’300,000.  (Der  span.
Erbfolgekrieg  kostete  England  69  Mill.)  Unter  Georg  I.  erfolgte  die
Abtragung  von  2’053,125,  so  dass  Georg  II.  1727  eine  Schuld  von
52’092,238  Pf.  traf.  Es  fanden  mancherlei  Manipulationen  statt.  Man
lieh  nicht  blos  mehr  von  der  Bank,  sondern  auch  von  andern  Gesellschaften, ­
  z.  B.  IIV4  Mill,  von  der  Südseekompagnie  (eine  Schuld,
welche  theilweise  heute  noch  besteht).  1746  erfolgte  Herabsetzung
des  Zinsfusses  auf  3  Proz.  ;  1751  Vereinigung  der  zerstreuten  Posten
in  eine  Schuldenmasse  (Consols).  Bei  neuen  Anlehen  entstanden  die
4-  und  5prozentigen  Consols  (four  per  cent  consols  anuities,  dann  die
navy  five  per  cent  cons,  an.)  etc.  Bis  zum  Pariser  Frieden,  1763,
war  die  Schuld  (grossentheils  in  Folge  der  Friedrich  dem  II.  im
siebenjährigen  Kriege  geleisteten  Hülfe)  bis  auf  138,865,430  Pf.  angewachsen. ­
  Sie  verringerte  sich  nun  während  des  Friedens  um
10’281,794  und  betrug  beim  Ausbruche  des  amerik.  Unabhängigkeitskrieges, ­
  1774:  128’583,635.  Dieser  Krieg  veranlasste  neue  Anlehen
im  Betrage  von  121’267,993  Pf.,  und  beim  Friedensschlüsse,  1784,
hatte  die  Schuld  eine  Höhe  von  249’851,628  Pf.  erreicht.  —  Hierauf
wieder,  bis  1793,  Verminderung  um  10’501,480.
ährend  der  französischen  Revolutions-  und  der  Napoleonischen
Kriege  folgten  nun  Anlehen  auf  Anlehen.  So  wurden  aufgenommen  :
1792  4‘/j  Mill,  zu  4  Pf.  3  Sh.  6  Den.  Zins  (über  4%  Proo.)
1794  11  ,  '  4  .  10  »  3  *  Í  (4%  Proo.)
        <pb n="30" />
        14  GROSSBRITANIEN  —  Finanzen  (Schuld).
1795  18  Mül.  zu  4  Pf.  15  Sh.  8  Den.  Zins.
1796  25  Í  Í  4  Í  13  Í  5  Í  »
1797  32%  .  ,  5  ,  14  ,10  ,
1798  17  5  í6,4í9í  ,  (6%  Proc.)
Aehnlich  ging  es  fort.  Man  „amortisirte“  ununterbrochen,  d.  li.
man  kaufte  Papiere,  um  andere  in  grösserer  Menge  zu  noch  weit  wohlfeilerem ­
  Course  zu  emittiren.  Man  bezahlte  nämlich  nicht  blos  diesen
oder  jenen  Zins,  sondern  man  gab,  nach  Art  schlechter  Schuldner,
Verschreibungen  für  weit  grössere  Summen,  als  man  ausbezahlt  erhielt.
So  wurden  z.  B.  1798,  um  17  Mill,  zu  erhalten,  für  .34  Mill.  Stocks
ausgegeben;  1802  statt  28  für  49  Milk,  1813  statt  27  :  45,  1815
statt  36  :  66  Mill.  Nach  dem  jetzigen  Course  der  Papiere  berechnet, ­
  ward  die  Schuld  beiläufig  um  noch  einmal  so  viel  Kapital  vermehrt, ­
  als  man  ausbezahlt  erhielt.  —  Die  gesammte  Schuldvermehrung
während  dieses  Krieges  betrug,  nach  Abzug  der  amortisirten  Summen,
nicht  weniger  als  601’500,343  Pf.  (also  über  15,000  Mill.  Frkn.),
und  der  Stand  der  ganzen  fundirten  Staatsschuld  ward  für  den  5.  Jan.
1817  zu  840’850,491  Pf.  berechnet,  zu  deren  Verzinsung  32’014,941
Pf.  erforderlich  waren.  Daneben  betrug  die  schwebende  Schuld  im
Jahre  1815  58  Mill.
SllbsidienZählungCn.  Diese  enorme  Schuld  wurde  znm  4’hell
durch  die  Gelduiiterstützung  veranlasst,  welche  Grossbritanieu  andern
Staaten  gewährte.  Nach  einer  Parlamentsurkunde  wurden  von  1792
bis  1853  an  Subsidien  und  vorgestreckten  Anlehen  bezahlt  an:

Russland  Pf.  9’613,434  Ilesscn-Cassel  ...  Pf.  1’271,107
Russ.-holländ.  Anlelicn  ,  4’136,836  Deutsche  Fürsten  .  .  ,  700,000
Portugal  ,  9’533,355  Sardinien  ....  ,  592,000
Deutschland  ....  ,  7’936,666  Griechisches  Anlehen  .  ,  503,602
Preussen  ....  ,  6’669,885  Baiern  ,  501,017
Spanien  ....  »  5’248,773  Hessen-Darmstadt  .  .  ,  263,581
Schweden  ....  ,  4’845,571  Prinz  v.  Oranien  .  .  ,  220,000
Oesterreich  .  .  .  .  ,  4’211,111  Frankreich  ....  ,  200,000
Sicilien  ....  Í  2’734,415  Braunschweig  ...  ,  125,086
Hannover  ....  ,  2’480,107  Dänemark  ....  ,  121,917
Kleinere  Staaten  .  .  ,  1733,528  Baden  #  26,990
Holland  (Befestigungen)  #  1’529,765  Marocco  ?  16,371

Von  diesen,  64’215,126  Pf.  betragenden  Summen  sind  als  „zurückbezahlt“ ­
  blos  bezeichnet:  200,000  von  den  dem  Prinzen  v.  Oranien
geliehenen  220,000,  und  die  1815  dem  Könige  von  Frankreich  geliehenen ­
  200,000.  (Was  oben  unter  „Deutschland“  begriffen,  ist  uns
unbekannt.)  Seit  1816  gab  die  engl.  Regierung  keine  Vorschüsse
mehr,  ausser  der  holländischen,  der  holländ.-russischen  und  der  griechischen ­
  Anleihe,  —  sodann  1855  weiter  1  Mill,  an  Sardinien,  der
die  Auslieferung  einer  ferneren  Million  im  Jahr  1856,  ungeachtet
des  stattgehabten  Friedensschlusses,  folgte.  Der  erste  Vorschuss  an
Russland  fand  1799,  der  letzte  1816  statt.  Die  Vorschüsse  etc.  für
Baden,*  Darmstadt  und  Braunschweig  datiren  noch  aus  den  letzten
Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts.  —  Im  Allgemeinen  sollen  die  von
England  gezahlten  Subsidien  pr.  Soldat  und  pr.  Jahr  11  Pf.  St.  2  Shill,
betragen  haben.
        <pb n="31" />
        ■lil+—  ttti  rttinii  ■  mill

GROSSBRITANIEN  —  Militar  (Landmacht).  15
Aus  dem  Gianzen  ergibt  sieb  ;  fortwährende  geringe  Schuldverminderung ­
  im  Frieden,  und  enorme  Vermehrung  in  allen  ungewöhnlichen ­
  Zeiten.  —  Ehrenvoll  ist  noch  zu  gedenken  der  20  Mill.  Pf.
für  Loskaufung  der  Negersklaven  im  Jahre  1833.

MilitHrwcseii»
Landmacht.
Formation.  Das  englische  Heer  wird  nicht  vesmittelst  Conscription ­
  ,  sondern  vermittelst  Werbung  17  —  25  jähriger  Mannschaft
gebildet.  Die  Capitulationszeit  ist  bei  der  Infanterie  7  oder  10,  bei
der  Cavallerie  und  Artillerie  12  Jahre.  Das  Handgeld  wechselt,  je
nach  dem  Mannschaftsbedarfe.  Immerhin  ist  aber  der  englische  Soldat
der  bestbezahlte  und  in  der  Kegel  der  bestgenährte  in  Europa.  Dessen
ungeachtet  wird  der  Dienst  in  der  Landmacht  weit  geringer  geachtet,
als  der  in  der  Marine.  Die  0fficiersstellen,  vom  Obristlieutenant
abwärts,  sind  käuflich,  und  selbst  die  traurigen  Resultate  des  ersten
Krimfeldzugs  konnten  eine  Abänderung  hierin  nicht  erwirken.  Nichtkäuflich ­
  sind  die  Stellen  im  Feldzeugamte  (d.  h.  in  der  Artillerie  und  im
Hcnie)  und  die  durch  Tod  oder  Versetzung  vacant  gewordenen.  (Preis
einer  Obristlieut.-Stelle  bei  der  Garde  zu  Fuss  7250  Pf.,  bei  der  Linieninf.
  4500,  der  Stelle  eines  Cornets  bei  der  Garde  12GO,  eines  Fähnrichs
bei  der  Lin.-Inf.  450  Pf.  Der  Gesammtwerth  aller  verkauften  Officierspatente
  wird  zu  8’0G8,535  Pf.  angegeben.)  Die  Soldaten  unterliegen
den  härtesten  körperlichen  Strafen  (mit  „der  9schwänzigen  Katze“)  und
das  Avancement  war  ihnen  bis  zum  letzten  Feldzuge  unbedingt  abgeschnitten ­
  und  ist  ihnen  auch  jetzt  nur  ausnahmsweise  ermöglicht.  Die
Mannschaft  erprobte  sich  stets  als  ausgezeichnet  brav  und  unerschütterlich ­
  im  Kampfe,  ist  indess  schwer  beweglich;  das  Ofliciercorps
aber  umfasst  viele  gering  befähigte  Adelige  etc.  —  Die  ganze  Existenz
des  stehenden  Heeres  hängt  übrigens  von  den  alljährlichen  Beschlüssen ­
  des  Parlaments  ab;  nur  immer  auf  1  Jahr  erfolgt  die  Genehmigung ­
  der  sog.  Mutiny-Bill.
Bestand.  Die  gewöhnliche  Formation  (Friedenszeit)  ist  folgende, ­
  wobei  wir  die  Mannschaftszahl  nach  den  Etats  von  1853  angeben, ­
  also  vor  dem  russischen  Kriege  :
Infanterie.
.3  Regim.  Orenadiergardo  (Grenadier-Guards,  Coldstream,  Scots  Mann
Fusileers)
99  ♦  Linien-Infanteric  -
S  cliarfschützen-(Rifle-)  Bri  gade
3  Í  Westindier  (West-India-Regim.)
105  Regim.  und  1  Scharfschützen-Brigade  =  .
(Die  meisten  Linienregimenter  haben  nur  1
und  800—950  Soldaten.)
Cavallerie.
2  Reg.  Leibgarde  (Life-Guards)  I
1  #  Reitergarde  (die  „Blauen“)  (

5,260
100,043
1,971
3,416
110,690
Bataillon,  wenige  2,

Mann
1,308
        <pb n="32" />
        16

GROSSBEITANIEN  -  Militär  (Landmacht).

7  Í  Dragonergarde  (Dragoon-Guards)  .  .  2,833
3  Í  schwere  Dragoner  )
4  Í  leichte  s  |  .  3,519
5  Í  Husaren  2,743
Lanciers  1,962
26  Reg.  Cavallerie  =  .  .  .  .  "  12,355
(Die  Regimenter  mit  3—4  Schwadronen  oder  6—8  Compagnien
300—700  Mann.)  ^  ®  '
Colonialcorps.
1  Reg.  Ceylon-Jäger  (Riflemen)  .  ,  .  2,037
1  »  Canadische  Jäger  ....  1,127
1  #  auf  St.  Helena  434
1  Í  Fencibles  auf  Malta  ....  639
Berittene  Jäger  auf  dem  Cap  .  ,  1,083
1  Comp.  New-Foundland-Veteranen  .  .  344
Invaliden  auf  Ceylon  .  .  .  .  163
Corps  auf  der  Goldküste  .  .  .  339
Depots  zu  Chatam  und  Maidstone  .  450

Gesammtstärke  der  135  Regimenter  129,661  Mann.

Artillerie  (Ordnance).
Grossbritanien  ganz  getrennt  von  der  übrigen  Armee,  unter
völlig  geschiedener  Verwaltung  etc.)
280  Ingenieurofficiero,  2185  Sappeurs  und  Mineurs,  13,514  M.
Fuss-  und  1152  reitende  Artillerie,  145  Invaliden,  152  Africaner
(auf  Jamaica,  Lascars,  Ceylon  und  Hong-Kong),  zus.  17,428.
Totalzabl  der  gewöhnlichen  Landmacht  147,089.
Wahrend  des  russischen  Krieges  fand  eine  grosse  Vermehrung
er  Al  mee  statt  (s.  unten),  u.  a.  auch  durch  Bildung  von  Schweizerund
  andern  Fremden-Regimentern.
.  yoi’aussichthch  wird  das  Heer  nun  auf  seinen  frühem  Stand
¡«^D^dch  vmeder  zurückgeführ^  doch  behält  rnan  eine  .Anzahl  Fremder
im  Dienste  ;  sie  werden  nach  den  Colonien  gesendet.

.  Miliz  (Yeonmnry).  In  Kriegszeiten  wird  Miliz  aufgeboten,  so
einst  gegen  Napoleon  I.  ;  so  auch,  als  man  die  Armee  während  des
russischen  Krieges,  mehr  als  auf  die  gewöhnliche  Weise  möglich,  zu
vergrössern  nöthig  fand.  Nach  den  Parlamentsbeschlüssen  sollte  die
Miliz  durch  Freiwillige,  nöthigenfalls  aber  auch  durch  Aushebung  und
Losung  gebildet  werden.  Die  Zahl  der  im  Dienste  befindlichen  Miliz-Regimenter
  sollte  von  1855  an  76  betragen.  Man  wollte  die  Miliz
80,000,  in  Schottland  auf  10,000,  in  Irland  auf
¿0,000  —  zusammen  auf  120,000  Mann  bringen.  Der  Widerwille  des
Volkes  gegen  Heerdienst  zeigte  sich  aber  bald.  Im  Juni
1855  bestand  die  Miliz  nur  aus  48,850  Mann,  wovon  8911  auf  Urlaub
und  5187  ausser  Landes.  Bis  zum  Januar  1856  brachten  Desertion
und  Lintritt  in  die  active  Armee  die  Zahl  bis  auf  ungefähr  30  000
hei  ab,  wovon  über  10,000  im  Auslande  oder  auf  Urlaub.
Heer  der  ostindischen  Compagnie.  Dasselbe  zählt  gegen  300,000
Mann.  Die  Soldaten  sind  je  auf  3  Jahre  geworben,  gut  disciplinirt
        <pb n="33" />
        GROSSBRITANIEN  —  Militär  (Landmacht).  17
lind  sehr  brauchbar.  Die  Truppen  werden  von  Europäern  und  Eingeborenen ­
  befehligt  (Hindu  und  Mohammedanern),  doch  können  die  Eingeborenen ­
  höchstens  Hauptleute  werden  und  stehen  selbst  bei  diesem
Grade  den  europäischen  Lieutenants  nach.  —  Bestandtheile  :
1)  Königliche  Truppen,  Europäer,  25  Infanterie-  und  5  Cavallerie-  Mann
Regimenter  31,100
2)  Europäische  Truppen  der  ostindischeu  Compagnie  .  .  .  13,150
3)  Eingeborene  Truppen,  155  Regimenter  Infanterie  (meist  Hindu),
21  Regimenter  Cavallerie  (meist  Mohammedaner),  Artillerie  etc.  203,000
g  .  .  .  .  .  ^
5)  Pohzeitruppen  12,500
Dazu  noch  etwa  40,000  Mann  Hülfstruppen  von  den  unterwm^
fenen  Fürsten.
Festungen.  Portsmouth,  Plymouth,  Falmouth,  Yarmouth,  Southampton. ­
  Castelle  zu  Dover,  Dumbarton  und  Edinburgh.  Im  Mittelmeere: ­
  Gibraltar,  Malta.  In  der  Nordsee  wird  Helgoland  befestigt.
Vermischte  historische  Notizen.  Der  englische  Armee-Etat  von
1715  ergibt  einen  Militärstand  von  etwas  mehr  als  16,000  Mann
unterhalten  mit  einem  Kostenaufwande  von  556,000  Pf.  St.  •  davon
beiand.cn  sich  aber  blos  9000  in  der  Hcimath.  (Mahon,  history  of  Engl.)
_  Eine  Vermehrung  des  Heeres  bedingte  der  amerikanische  Betreumgskampf
  (siehe  „Vereinigte  Staaten“),  noch  weit  mehr  aber  der
Krieg  gegen  Napoleon,  besonders  in  Spanien  (unter  Wellington).  Nach
amtlichen  Berichten  wurden  in  dem  22jährigen  Kriege  gegen  Frankreich ­
  19,796  Mann  getödtet  (jährlich  im  Durchschnitte  899,  wovon
196  auf  der  Flotte)  und  79,709  verwundet  (jährlich  3623,  davon
472  auf  der  Flotte).  Der  Verlust  in  den  blutigsten  Schlachten  war:
Todte.  Verwundete.
1771  5892
388  2714

Waterloo
Salamanca
"Vittoria
Talayera

501
670

2807
3406

Todte.  Verwundete.
Trafalgar  449  1214
Nil  218  677
Copenhagen  254  689

.  ï"  ^eit  furchtbarerem  Verhältnisse,  als  die  feindlichen  Waffen
sind  es  die  Strapazen,  Mangel  und  Entbehrungen,  welche  Mensclienleben
  kosten.  So  starben  in  den  41  Monaten  des  spanischen  Krieges
an  Krankheiten  24,930  Soldaten,  an  Wunden  nur  8999  Noch
inci  feindliche  Waffen  blos  217,  dagegen  starben  an  Krankheiten
^3.  Dez.)  4175;  die  Zahl  der  Erkrankten  war
26,846.  —  Besonders  entsetzlich  waren  auch  die  Resultate  des  Krimfeldzugs. ­
  Blutige  Kämpfe,  ungewöhntes  Klima  und  schlechte  Verpüegungsaiiordnungen
  wirkten  längere  Zeit  zusammen,  die  Armee  zu
Grunde  zu  richten.  So  waren  einmal  vom  63.  Regiment  das  1200
Mann  stark  ausgezogen  war  und  300  Mann  Verstärkung  erhalten  hatte
nur  noch  30  unter  den  Waffen;  dieses  Regiment  hatte  freilich  ganz
besonders  gelitten.  Im  Febr.  1855  kamen  (der  „Post“  zufolge)  um:
vor  dem  Feinde  6,  an  Krankheiten  im  Lager  1407,  in  den  Spitälern
        <pb n="34" />
        18

GROSSBRITANIEN  —  Militär  (Landmacht).

am  Bosporus  und  zu  Scutari  660.  In  der  Folge  ward  allerdings  für
Verpflegung  der  Mannschaft  ausgezeichnet  gesorgt,  so  dass  ihr  Zustand
besser  als  der  der  Franzosen  wurde.
In  allen  Kriegen  gelangte  das  engl.  Heerwesen  erst  nach  längerer
Zeit  zu  seiner  Entwicklung.  Eine  gewisse  Schwerfälligkeit  hindert  die
Entfernung  des  Schlendrians.  Je  länger  der  Krieg  dauert,  desto  entschiedener ­
  gestaltet  sich  die  Armeeverfassung  zum  Bessern.
Beim  Beginne  des  grossen  Krieges,  1792,  bestand  die  britische
Militärmacht  aus  60  —  70,000  M.  ;  20,000  davon  wurden  nach  den
Niederlanden  gesendet.  1794  erfolgte  eine  Vermehrung  von  30,000  M.
1807  war  der  Gesammtstand  182,876,  wovon  60,000  für  eine  Expedition ­
  nach  dem  Auslände  disponibel.  —  1811  stellte  Grossbritanien
(damals  [ohne  Irland]  mit  einer  Bevölkerung  von  nur  12’096,803
Menschen)  :
140,000  Matrosen  und  Seeleute  ,  288,000  M.  Gemeindemiliz,
287,000  M.  Linientruppen,  65,000  «  Reiter  von  der  Yeomanry.
83,000  5  regelmässige  Miliz,  818,000  Krieger  zu  Land  u.  zur  See.
Auch  im  russischen  Feldzuge  erfolgte  die  Entwicklung  langsam.
—  18^^/aj  hatte  das  Heer  102,283  M.,  ohne  die  europ.  Truppen  in
Indien,  18'^%.,;  112,977,  18’'*V56  178,645.  Nach  dem  ersten  Budgetentwurfc
  für  18®V57  sollte  die  Ijaudmacht  auf  246,716  M.  gebracht
werden  (die  Beendigung  des  Krieges  führte  natürlich  zu  einer  Reduktion).
Eine  Notiz  von  Anfang  1856  berechnete  die  gesammte  Kriegsmacht:

Stehendes  Heer  (mit  den  Truppen  in  Indien)  275,000  Mann
Einberufene  Miliz  .....  127,000  *
Freiwillige  .......  14,500  »
Indische  Armee  ......  250,000  »
Zus.  gegen  670,000  Mann.
Den  Menschenverlust  im  ganzen  Kriege  gab  das  Ministerium  im

Mai  1856  im  Parlamente  zu  22,450  Mann  an.
Sterblichkeit  der  Truppen,  in  Grossbritanien  selbst  kommen  durchschnittlich ­
  auf  1000  M.  15  Sterbefälle  jährl.  (H.  Marshall,  on  the  enlisting ­
  of  soldiers,  Edinburgh  1839).  In  den  auswärtigen  Besitzungen
ist  die  '  Sterblichkeit  meist  furchtbar.  Man  suchte  durch  langes  Belassen ­
  derselben  Regimenter  —  das  „Acclimatisiren“  —  dem  Hebel
zu  begegnen,  vermehrte  dasselbe  aber  damit.  Den  Bemühungen  des
engl.  Obristen  4’ulloch  und  besonders  den  wissenschaftlichen  Nachweisungen ­
  des  franz.  Oberarztes  Dr.  Boudin  gelang  cs,  das  entgegengesetzte ­
  System,  das  des  häufigen  Wechsels,  wonach  kein  Corps  über
3  Jahre  in  einer  Colonie  verbleiben  soll,  sur  Geltung  zu  bringen,
weil,  je  länger  der  Mensch  in  ungesundem  Clima  verbleibe,  desto
hinfälliger  sein  Körper  werde.  Und  nun  erlangte  man  folgende  Resultate ­
  :  Sterbefälle  auf  je  1000  M.
des
Wechsels
12,2

Colonien:
Gibraltar
Malta
Ionische  Inseln
Bermudas
Cap
St.  Helena

des  Acclimatisirens

22
18,7
2^3
52,1
15,5
33

bei  dem  Systeme
des  Accli-18


13,4
11,6
12,7
8,8

Colonien:
Mauritius
Jamaika
Kleine  Antillen
Ceylon  .
Durchschnitt

matisirens
30,1
128,6
82,6
75

des
Wechsels
2^3
39,7
59.1
44.2

48,58  24,2
        <pb n="35" />
        GROSSBRITANIEN  —  Seemacht.  —  Sociale  und  Handelsverhältnisse.  19
Seemacht.  Nach  der  Navy-list  besass  Grossbritanien  im  April
1854  (also  in  der  ersten  Zeit  des  riiss.  Krieges)  491  ganz  oder  theilweise
  ausgerüstete  Kriegsschiflfe,  zusammen  mit  15,243  Kanonen,  die
Dampfer  mit  54,294  Pferdekraft;  ferner  im  Bau  35  Kriegsschiffe  mit
2130  Kanonen  und  9260  Pferdekraft.  Der  gewöhnliche  Mannschaftsstand^
  war  45,000,  eingerechnet  die  Leute  auf  Halbsold.  Zur  vollständigen ­
  Bemannung  der  ganzen  Flotte  wären  fast  150,000  Mann
erforderlich.  —  Von  den  491  Schiffen  waren:
94  Limenschiffe,  nämlich  73  Segel-  und  21  Schraubenschiffe,  von  70  —  130
Kanonen  (3  Sclirauhenschiffe  von  130  Kanonen  mit  700  Pferdekraft),
92  Iregatten,  namheh  68  Segel-  und  24  Schraubenfregatten,  mit  24  60  Kan.
78  Corvetten,  —  45  Segler,  33  Schraubencorvetten
107  Briggs  und  Schooner,
115  armirte  Bugsirdampfer.
Die  Stärke  der  Bemannung  ist  mindestens  :
Linienschiff  von  HO  Kan.  950  M.  Fregatte  von  50  Kan.  450  M
:  :  Ä  :  ::  :  -  -  so  ,  300  /
oüQ  Dienste  befanden  sich  jedoch  am  1.  Mai  1855  blos
288  Schiffe.  —  Am  1.  Jan.  1856  waren  im  activen  Dienste  (m  comverwendet:
  325  Schiffe  mit  6231  Kanonen  imd  63,335  Seeleuten.
  Hievon  :
Schiffe  Kanonen  Bemannung
Mittelmeer,  schwarzes  Meer  69  nog  jo  774
Ostseeñotte  ...  100  2193  2Z242
Ostindien,  China,  Australien  18  73  3231
Nordamerika  und  Westindien  21  468  4*874
Sí  s  JÄ  i  S/fSs
Sociale,  Gewerbs-  und  Haiidclsverhllknlsse
        <pb n="36" />
        20  GROSSBRITANIEN  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handels  Verhältnisse.

nach  wirkender  Fluch  der  Eroberung  des  Landes  —  in  grosser  Ausdehnung ­
  Gebundenheit  der  Güter  in  Folge  des  Majoratswesens.
(Man  rechnete  1815,  dass  nur  33,000  Familien  sich  in  den  Grundbesitz ­
  theilten).  In  Folge  dessen  sind  die  vermittelst  der  Agrikultur
erlangten  Resultate  (ungeachtet  der  bis  zur  neuern  Zeit  fortgesetzten
künstlichen  Förderung  vermittelst  der  Kornzölle,  die  erst  1849  aufhörten) ­
  bei  weitem  nicht  so  bedeutend,  als  die  im  Gewerbs-  und
Fabrikwesen  und  im  Handel  erlangten.
Das  naturgomäss,  von  selbst  entstandene,  hier  aber  nicht  verdrängte ­
  Prinzip  dos  Sdf-  Government  trägt  mächtig  bei  zur  Entwicklung ­
  des  Wohlergehens  der  Nation.
Ungeachtet  des  bereits  erwähnten,  von  der  Eroberung  Englands
durch  die  Normanen  herrührenden  enormen  Missstandes,  dass  sich  der
grössere  Grundbesitz  in  den  Händen  einer  verhältnissmässig  kleinen
Anzahl  von  Adelsfamilien  befindet  (welcher  Missstand  jedoch  durch
Heirathen  in  Familien  aus  dem  Volke,  und  durch  das  Hcrabsteigen  der
Nachgeborenen  in  geringere  Standesgrade,  wenigstens  gemindert  wird)
—  erproben  jene  freien  Einrichtungen  einen  so  überwiegend  wohlthätigen
  Einfluss,  dass  der  Wohlstand  des  engl.  Volkes  unendlich  höher
gestiegen  ist,  als  der  irgend  einer  andern  eiiro])äischen  Nation,  und
dass  dieses  Steigen  nur  relativ  demjenigen  nachstellt,  welches  wir  in
dem  auch  vom  Adel  freien,  republikanischen  Nordamerika  wahrnehmen.
Ebenso  ergeben  alle  Vergleichungen,  dass  der  Wohlstand  im  britischen
Reiche  in  dem  nämlichen  Maase  zunahm,  in  welchem  das  aristokratische ­
  Element,  besonders  in  Fragen  der  Besteuerung,  gebrochen  ward.
(Einführung  der  Einkommenssteuer,  Aufhebung  der  Kornzölle  etc.)
In  welcher  ungemeinen  Ausdehnung  sich  die  Lage  des  Volkes
verbesserte,  hat  besonders  Macaulay  (history  of  England)  hervorgehoben. ­
  Bekannt  ist,  um  wie  viel  besser  der  englische  Arbeiter  lebt,
als  der  deutsche  oder  der  in  andern  Thollen  des  europ.  Continents.
Der  Arbeitslohn  ist  nicht  nur  im  Allgemeinen  höher,  als  auf  dem
Festlande,  sondern  er  ist  es  auch  relativ,  im  Verhältnisse  zum  geringem
Werthe  des  Geldes  und  den  hohem  Preisen  der  Lebensmittel  etc.
Es  zeigt  sich  dies  am  entschiedensten  an  der  Zunahme  der  durchschnittlichen ­
  Lebensdauer.  Nach  Quetelet  kam  um  das  Jahr  1700
unter  den  Arbeitern  in  England  jährlich  ein  Sterbcfall  auf  43,  um
1840  erst  einer  auf  51  Einwohner.  —  Es  zeigt  sich  an  der  notorisch
stärkeren  Fleischkonsumtion,  als  anderwärts  in  Europa.  Es  zeigt
sich  aber  auch  an  dem  Verbrauche  der  wichtigsten  Colonialprodukte.
Der  durchschnittliche  Jahresverbrauch  betrug  nämlich  in  Centnern  zu
100  Pfund  engl.  :

1801—10
1811—20
1821—30
1831—40
1841—50
1851—52
1853
1854

Zucker  Thee  Kaffee
2’465,319  235,083  22,705
2’552,767  244,247  75,188
3’350,038  284,971  141,636
3788,517  364,417  249,527
5776,133  442,879  329,531
ß'591,750  543,453  388,047
7’307,280  588,601  370,917
8’096,481  619,703  374,709
        <pb n="37" />
        GROSSBRITANIEN  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.  21

Wir  fügen  eine  Vergleichung  der  Consumtion  an  Colonialprodukten ­
  in  Grossbritanien  und  Frankreich  bei,  nach  dreijährigem  Durchschnitte, ­
  wobei  der  Betrag  auf  Zollpfunde  reduzirt  ist  :
Frankreich  «rossbritaiiien
im  üaiizan  pr.  Koi)f  Zucker:  im  Ganzen  pr.  Kopf

1821—23:  95’642,666  3,18
1851—53:  174790,000  4,86
Calf  fee  :
1821—23  :  16’446,666  0,53
1851—53  :  40726,000  1,11
Thee  :

313’986,666  14,90
692'993,332  25,38
7744,666  0,34
31’619,332  1,15

1821—23  :  128,666  0,04
1851—53  ;  326,666  0,09

20’624,666  0,98
56’266,666  1,45

Baumwolle:
1821—23  :  42’608,666  1,42  141’076,666  6,71
1851—53:  137'096,000  3,80  671'552,000  24,44
Allerdings  produzirt  Frankreich  auch  noch  Rübenzucker,  doch
nur  etwa  100  Mill.  Pf.  Darnach  stellt  sich  der  Gesammtzuckerverbrauch
  in  Frankreich  auf  etwa  7%  Pf.  pr.  Kopf,  gegenüber  25,38  in
England  (zugleich  eine  Illustration  des  Einflusses  der  Schutzzollbegünstigung ­
  inländischer  Zuckerindustrie).
Auch  die  Sparkassen  geben  einen  entsprechenden  Beweis.  Eine
Parlamentserhebung  lieferte  für  den  Zeitpunkt  20.  Nov.  1853  folgende
Ziffern  :

Sparkassen  Einlagen  Einleger  Durchschntt.  Zlnsfnss
England  .  .  .480  mit  29767,831  Pf.  von  1’068,994  2  Pf.  18  S.  9  Den
Schottland  .  .  45  ^  1’837,103  «  ,  116,113  2  &amp;lt;=  17  ,  7  .  ‘
Mand  .  .  .  51  »  1’587,448  «  ,  34,470  2  ,  16  .  5  ¡
Kleine  britische  Inseln  .  2  ,  335,009  «  ,  12,953  3  í
Zusammen  578  mit  33’227,391  Pf.  von  1’232,530
Im  Jahre  1841  betrugen  die  in  den  Sparkassen  eingelegten  Gelder:
in  England  21'036,190,  in  Wales  527,688,  Schottland  608,509,  Irland
  24’474,689.  Sonach  allenthalben  Zunahme,  das  unglückliche  Irland ­
  ausgenommen.  liier  dienten  die  Sparkassengelder  mit  zur  Förderung ­
  der  Auswanderung.
(Allerdings  darf  der  Stand  der  Sparkassen  nicht  unbedingt  als
Massstab  des  Volkswohles  gelten.  Ausser  der  Leichtigkeit,  etwas  zu
ersparen,  wirkt  die  Leichtigkeit  oder  Schwierigkeit  anderweiter  Geldanlagen ­
  hier  ein  ;  auch  die  Höhe  oder  Niedrigkeit  des  Zinsfusses.
Immeihin  aber  besitzen  die  britischen  Arbeiter  ein  enormes  Kapital.)
Den  Aufschwung  des  Volkswohlstandes  im  Ganzen  bezeugen
unter  andern  auch  folg.  Daten:  Von  1815—43  ist  eine  Vermehrung
des  Ertrags  des  Grundeigenthums  von  62  Proz.  constatirt.  Das  der
Einkommensteuer  unterworfene  Grundeigenthum  (das  geringe  Einkommen ­
  unterliegt  nicht  dieser  Steuer)  wird  von  Porter  auf  ungefähr  240
das  der  ganzen  Bevölkerung  auf  320  Mill.  Pf.  St.  (6000  und  8000
Mill.  Franken)  berechnet.  —  Der  Handel  (siehe  unten  Näheres)  hat
sich  von  1830—54  um  150  Proz.  vermehrt;  die  Tonnenzahl  hat  sich
seit  Anfang  des  Jahrhunderts  verdoppelt  (die  Einfuhr  betrug  nicht  1/4
der  jetzigen,  die  Ausfuhr  stieg  seitdem  von  33  auf  98  Mill.  Pf,).
        <pb n="38" />
        22  GROSSBRITAííTEN  —  Sociale,  Gewerbe-  und  Handelsverbältniese.
Die  Eigenproduktion,  von  1801—1810  durchschnittlich  im  J.  258,000
Tonnen,  erreichte  1840  —  50  einen  Durchschnitt  von  1700,000.
Dabei  besitzt  das  Ver.  Königreich  über  1700  deutsche  Meilen  Eisenbahnen, ­
  welche  (ungeachtet  der  schlechten  Verwaltung)  einen  Ertrag
liefern,  welcher  das  Einkommen  eines  Königreichs  zweiten  Hanges
übersteigt.  Porter  schätzt  die  jährl.  Zunahme  des  brit.  Nationalvermögens ­
  auf  80  Mill.  Pf.  (2000  Mill.  Frkn.)
Zahl  der  unterstützten  Armen:  England  und  Wales  Irland
1849  :  934,419  620,747
1854:  818,315  106,801
Irländische  Verhältnisse.  Irland  bildet  die  Schattenseite,  mit  seiner
vom  freien  Grundbesitz  ausgeschlossenen,  durch  den  auswärts  wohnenden ­
  Adel  ausgesaugten  und  durch  seinen  Clerus  in  Unwissenheit
erhaltenen  bettelhaften,  trägen  und  schmutzigen  Bevölkerung.  Die
furchtbare  Erscheinung  der  massenhaften  Auswanderung  deutet  eine
Umgestaltung  an.  —  Wie  wir  (siehe  die  Rubrik  „Land  und  Leute“)
gezeigt,  erfolgte  bis  etwa  zur  Mitte  der  1840er  Jahre  fortwährend
eine  starke  Volksvermehrung.  Nach  einer,  wie  es  scheint  die  ursprüngl.
officiellen  Angaben  berichtigenden  Berechnung  (die  officiellon  Ziffern
stimmen  vielfach  nicht  überein)  betrug  die  Einwohnerzahl  Irlands  :
1841  :  8'175,124
1851  :  6’C01,830
Verminderung  r513,294
d.  h.  über  18,51  Proz.  in  10  Jahren,  also  jährl.  fast  2  Proz.  (noch
weit  mehr  in  der  zweiten  Hälfte  dieses  Zeitraums,  in  den  sich  die
Verluste  wohl  meistens  zusammen  drängen).  Die  Abnahme  war  verschieden ­
  in  den  einzelnen  Provinzen,  sie  betrug:
in  Leinster  15%  Proz.  in  Ulster  16  Proz.
'  Munster  23'/^  ,  ,  Counaught  28'/j  *
Die  Zahl  der  Familien  war:
1841  :  1’472,787
1851  :  1’207,002
Verminderung  265,785
sonach  gleichfalls  über  18  (18,04)  Proz.  —  ein  Beweis,  dass  ganze
Familien  fast  eben  so  häufig,  als  einzelne  Individuen  wegzogen.
Zahl  der  bewohnten  Häuser  in  Irland:
1841  :  1’328,839
1851:  1’061,405
Verminderung  (über  20,12  Proz.!)  267,434
Im  Jahre  1851  lebten  in  verschiedenen  kleinen  Städten  mehr
Personen  im  Workhouse,  als  ausserhalb  desselben;  zu  Listowel  befanden ­
  sich  nahezu  zweimal  so  viel  darin  !  Einige  bedeutendere  Städte
hatten  noch  eine  Bevölkerungszunahme,  doch  war  diese  nur  in  Belfast
ansehnlich  (1851:  102,103  Einw.  gegen  75,308  im  Jahr  1841).  Der
Verlust  trifft  meist  die  kleinen  Städte  und  das  Land.
Die  Zahl  der  Auswanderer  und  die  Summen  des  Geldes,
welches  sie  sendeten,  um  ihren  Zurückgebliebenen  die  Auswanderung
gleichfalls  zu  ermöglichen,  werden  so  berechnet  :
        <pb n="39" />
        GROSSBEITANIEN  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverliältnisse.  23

Jahr
1847
1848
1849
1850
1851
1852

Auswanderer
220,000
181,000
219,000
214,000
254,000
225,000

Gesendetes
Geld
460,000  Pf.  St.
540,000  '
957,000  *
990,000  '
1’404,000  '

In  6  Jahren  1’313,000  4’351,000  Pf.  St.
Nach  einer  andern  Notiz  wären  in  8  Jahren  sogar  2’449,802
Individuen  ausgewandert.  —  Dass  die  Verhältnisse  sich  bessern,  beweist ­
  die  Verminderung  der  Zahl  der  unterstützten  Armen.  Auch
wird  die  Zahl  der  Auswanderer,  1854  noch  150,209,  1855  blos  zu
78,854  angegeben.  Zudem  sind  im  letzten  Jahre  18,000  ausgewanderte
  Irländer  in  ihr  Vaterland  zurückgekehrt.
Taglohn  in  Grossbritanien.  Als  durchschnittl.  Taglohn  für  britische ­
  Landarbeiter  nahm  Semor  im  Jahr  1834  1  Shill.  10  Den.
(2  Fr.  30  Cent.,  1  fl.  6  kr.  oder  fast  19  Silbergr.)  an.  Für  Irland
und  annähernd  selbst  für  einen  Theil  von  Schottland  dagegen  nur
10  Den.  (1  Fr.  8  Cent.,  30  kr.  oder  8V3  Sgr.).  Selbst  in  England
erhielten  die  irischen  Arbeiter  meistens  nicht  mehr  als  1  Shill.  (36  kr.).
In  Folge  der  irischen  Emigration  fehlt  es  aber  an  den  früher  im
Ueberflusse  vorhanden  gewesenen  Händen,  was  Erhöhung  des  Taglohnes ­
  bewirkte.

EinkommenSgröSSe.  in  dem  am  5.  April  1853  geendigtem  Rechnungsjahre ­
  hatten  146,882  Personen  Einkommensteuer  entrichtet,  und
zwar  war  das  Einkommen  folgendermassen  eingetragen:

33  Pers.  mit  mehr  als
373  zwischen  10,000  u.
664  Í  5,000  Í
380  Í  4,000  Í
683  «  3,000  Í
1456  Í  2,000  Í
4843  Í  1,000  ,
815  Í  900  Í
1709  Í  800  «

50,000  Pf.  St.  2004
50,000  3021
10,000  5260
5,000  7187
4,000  14679
3,000  30142
2,000  40473
1,000  33158
900

it  700—800  Pf.  St.
^  600—700
:  500—600
:  400—500
,  300—400
t  200—300
,  150—200
Í  weniger  als  150.

Eisenbähnen.  Im  l.  Semester  1854  standen  bereits  7803  engl.
(1672  deutsche)  Meilen  im  Betriebe,  nämlich  5965  in  England,  994
in  Schottland,  843  in  Irland.  —  Bis  1854  waren  für  den  Eisenbahnbau ­
  286’068,794  Pf.  St.  durch  Actien  und  Anlehen  aufgebracht.  —
Befördert  wurden  1854:  111’206,707  Pers.,  was  9U  74,945  Pf.  Einnahme ­
  ergab.  Die  Einnahme  von  Gütern  aber  betrug  11’040,779  Pf.
Die  Betriebskosten  erheischten  durchnittl.  45  Proz.,  so  dass  ein  Reinertrag ­
  von  nur  3V2  Froz.  verblieb  —  grösstentheils  Folge  der  schlechten, ­
  selbst  betrügerischen  Verwaltung.  —  In  dem  bezeichneten  Jahre
kamen  durch  Eisenbahnfahrten  223  Personen  um  das  Leben  und  453
wurden  verwundet.  —  Zu  Anfang  1856  standen  8054  engl.  Meilen
(1748  deutsche)  im  Betrieb.  Den  Dienst  versahen  etwa  5000  Lokomotiven. ­
  Der  Kohlenverbrauch  wird  jährlich  auf  2  Mill.  Tonnen  geschätzt. ­
  20,000  Menschen  sind  unmittelbar,  gegen  40,000  mittelbar
durch  die  Eisenbahnen  beschäftigt.  (Die  nordam.  Freistaaten  besitzen
        <pb n="40" />
        24  GROSSBRITANIEN  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältniese.
3mal  so  viel  Eisenbahnen  als  Grrossbritanien,  freilich  in  schlechtem
Zustande.)
Rechnungen  von  1855:  Zahl  der  Postbureaux
10,498.  —  Wegstrecke,  auf  der  Posten  befördert  winden,  59,000  engl.
Meilen  pr.  Wochentag;  hievon  31,667  durch  Kutschen  und  27,109
durch  Eisenbahnen  befahren.  —  Gesainmtzahl  der  Briefe  456  Mill
=  13  Mill,  mehr  als  1854  und  380  Mill,  mehr  als  1839  fletztos
Jahr  vor  Einführung  der  Postieform).  Sonach  hat  sich  die  CorresnondeM,
  in  holge  der  enormen  Portoininderung,  in  26  Jahren  versechsfacht
  (im  ganzen  vereingten  Königreich  kostet  ein  Brief  blos  1  Penny
—  3  Krzr.,  wenig  über  10  Cent.).  Es  kommen  durchschnittlich  auf
jeden  Einwohner  im  Jahre:  in  England  19  Briefe,  in  Schottland  15,
in  Irland  7.  '
HändeisV6rk6hr.  Die  Ein-  und  die  einheimische  Ausfuhr
beti-ugen  im  Durchschnitte  jährlich  in  Pf.  St.  :
Einfuhr

1801-1811-







Officiell.  Worth  Wlrkl.  Werth
-10:  28’809,778  25’856,050  40731,970
-20:  30’864,670  35’525,775  51'484,401
-30:  39’G61,123  48'811,059  36’600,53G
-40  :  53’487,4G5  79’G7G,883  45’144,407
-50:  79’192,806  131’49G,012  57'381,293
-52:  110’012,2G7  193’437,162  7G’249,041

67  :  100
44  :  100

Die  Normen  der  oificiellen  Schätzung  rühren  von  1694  her  Dei
wirkliche  Werth  verhielt  sich  zum  officiellen  :
1801—10  :  147  :  100  1831  40
—20:  117:100  1841  50
1821—30  :  76  :  100
Die  engl.  Industrie  liefert  ihre  Erzeugnisse  durchschnittlich  fasi
um  /4  des  frühem  Preises  und  gewinnt  mehr  dabei.
Es  betrug  übrigens  der  offizielle  Werth  der
Einfuhr  Ausfuhr
fremder  brit.  Erzeugnisse  fremder  brit.  E^eugnlssc
72'544,071  13'235,497  42'069,245
1853:  123  136,835  214’360,489  27’767,733  98'933,781
^  Nach  den  amtl.  Handelsausweisen  betrug  der  Gesammtwerth  der
brit.  Ausfuhr  im  Jahr  1855:  97’364,655  Pf.,  ungefähr  180,000  Pf.
mehr  als  1854,  dagegen  1  Yg  Mili,  weniger  als  1853.
Bei  der  socialen  und  auch  politischen  Wichtigkeit  einer  genauem
  Kenntniss  der  Grösse  des  brit.  Handels  nach  den  oinzelimn
Landern  gehen  wir  etwas  in  das  Detail  ein,  indem  wir  nachstehende
Uebersicht  des  Verkehrs  mittheilen,  und  bemerken,  dass  das  Jahr
,  0  wohl  nicht  das  letzte,  von  dem  Ausweise  vorliegen,  dabei
beimntkrs  in  das  Auge  gefasst  wurde,  weil  es  das  letzte  Jahr  eines
nicht  durch  den  Krieg  gestöiden  Verkehres  war.
rcbcrsiclit  des  Ausfuhrhandels.
Der  declarirte  Werth  der  Ausfuhr  blos  an  britischen  und  irischen
Erzeugnissen  betrug  Pf.  St  :
        <pb n="41" />
        GROSSBEITANEEN  —  Handelsverkehr.

25

Nach  den  Ländern  :
Russland
Schweden  und  Norwegen
Dänemark
Preussen
Hannover

Hansestädte
Holland  )
Belgien  (  '  '  '
Frankreich
Portugal
Azoren,  Madeira  .
Spanien
Canarische  Inseln  .
Sardinien
Toscana
Römische  Staaten
Beide  Sicilien
Oesterreiche  Besitzungen
Griechenland  \
Türkei  &amp;gt;
Walachei  und  Moldau  ;
Syrien
Aegypten
Marocco
Senegambien  .
Westküste  von  Aft
Java  und  Sumatra
Philippinen  .
China  .
Cuba
Hayti  ,
Vereinigte  Staaten
Mexico
Neu-Granada
V  enezuela
Brasilien
Uruguay  1
Buenos-Ayres  j
Chile  .
Peru
Andere  Länder

ika

Zusammen
Nach  brit.  Besitzungen:
Inseln  im  Canal  .
Gibraltar
Malta  .
Ionische  Inseln
Süd-Afrika  .
Mauritius
Ostindien
Hong-Kong  .
Australien
Britisch  Nordamerika
Í  Westindien
Andere  Colonien  .

Total

1831
1T95,565
115,707
92,294
192,816
3’642,952
2'082,536
602,088
975,991
80,698
697,848
33,282

2’490,376

899,100

122,832
426

234,768
285,296
39,513
619,443
663,631
376,103
9’053,583
728,858
248,250
1’238,371
339,870
651,617
409,003
215
26’909,432

324,634
367,285
134,519
50,883
257,245
148,475
3’857,969

403,223
2’089,327
2’581,949
39,431
10’254,940
37T64,372

1842
1'886,953
334,017
194,304
376,651
6’202,700
Í3’573,362
jl’099,490
3T93,939
947,856
64,909
322,614
54,554

2’494,197

1’489,826
375,551
221,003
41,952
459,685
306,132
47,019
969,381
711,938
141,896
3’535,381
374,969
231,711
1756,805
969,791
950,466
684,313
7,223
34719,587

364,360
937,719
289,304
83,600
369,076
244,912
5769,888
998,952
2'333,525
2’591,425
18,675
13’261,436
47’381,023

1853
1’230,40'7
556,183
669,733
579,588
472,179
7’093,314
4'452,956
1’371,817
2’636,330
1700,411
124,971
1760,719
107,638
1 1712,447
639,794
207,491
639,544
637,353
(  135,315
)  2729,305
(  179,510
306,580
787,111
75,257
1,725
617,764
658,212
386,552
1773,689
1724,864
133,804
23758,427
791,940
I450,804
(248,190
3786,407
629,883
551,035
1'264,942
1746,730
912,662
65751,579

470,107
670,846
297,906
116,567
1712,630
385,879
8785,695
357,908
14713,700
4798,544
1706739
347,787
33782,202
98733,781
        <pb n="42" />
        26

GROSSBRITANIEN  -  Handelsverkehr.

Vergleicht  man  die  Ausfuhr  in  den  Jahren  1831  und  42,  so
findet  man  eine  verhältnissmässig  nur  geringe  Zunahme  in  dieser  Zeit
der  Handelsbeschränkungen  ;  dagegen  deuten  die  Ziffern  von  1853  den
Ungeheuern  Aufschwung  an  in  der  Epoche,  in  der  man  sich  der  Handelsfreiheit ­
  nähert.
Im  auswärtigen  Handel  hat  sich  besonders  der  Absatz  nach  den
Verein.  Staaten  dermassen  gesteigert,  dass  er  über  36  Proz.  der  Gesammtverkehrssumme
  beträgt.*)  Nächst  ihm  kommt  der  Absatz  nach
Deutschland  mit  8V7  Mill.,  =  über  12  Proz.;  der  nach  Holland
fast  4V2  und  nach  Italien  fast  3*/^.  Weit  geringer  war  der  Absatz
nach  Frankreich,  wenig  Über  2%,  nach  Spanien  1%,  nach  Russland
nicht  einmal  IV4  Mill.  Der  letztbezeichnete  Verkehr  beträgt  nur  den
20sten  Theil  des  nach  Nordamerika  geführten;  er  steht  dem  nach
Brasilien  und  der  Türkei  nach,  und  kommt  selbst  dem  nach  China
nicht  gleich.
In  noch  colossalerem  Maasse,  als.  der  eigentl.  auswärtige  Absatz,
hat  sich  der  nach  den  Colonien  entwickelt.  Früher  fasste  man  beinahe ­
  nur  Ostindien  ins  Auge.  Und  wirklich  gehen  dahin  eben  so
viele  brit.  I  rodukte,  als  nach  Deutschland,  und  noch  vermehrt  sich
die  Masse  (1852  für  7’352,907,  1853  für  8185,695  Pf.  St.).  Schon
aber  hat  der  Markt  in  Australien  jenen  in  Ostindien  weit  übertroffen; ­
  nach  Australien  gingen  über  43  Proz.  des  Absatzes  in  die
Colonien.  Die  Zunahme  war  diese  :
1831  für  403,223  Pf.  St.  1852  für  4’222,205  Pf.  St.
1842  ,  998,952  1853  «  14’513,700
1848  ,  1’463,931
Dies  war  freilich  ein  Ueberführen  des  Marktes,  dem  schon  1854
ein  Rückschlag  folgte.
Es  versteht  sich  von  selbst,  dass  ein  einzelnes  Jahr  nicht  unbedingt ­
  massgebend  sein  kann  ;  es  gewährt  aber  obige  Zusammenstellung ­
  doch  ein  wichtiges  Gesammtbild.
Zur  Vergleichung  fügen  wir  nur  noch  einige  wenige  Ziffern  bei.
Es  betrug  die  Einfuhr
roher  Baumwolle  Schafwolle,
1837:  407’286,783  Pfd.  48’379,708  Pfd.
1853:  895’266,780  119’395,445
Zu  Anfang  des  vorigen  Jahrhunderts  überstieg  die  jährl.  Ausfuhr ­
  von  Baumwollenwaaren  kaum  20,000  Pf.  St.;  1750  war  dieselbe
nicht  über  45,000  Pf.  gestiegen;  jetzt  bilden  diese  Waaren  bekanntlich ­
  den  wichtigsten  Exportartikel.  Die  rohe  Baumwolle  wird  meistens ­
  aus  Amerika  bezogen.  Es  kommt  wohl  aber  auch  die  merkwürdige ­
  Erscheinung  vor,  dass  in  Ostindien  produzirte  Baumwolle
(ungeachtet  des  dortigen  beispiellos  wohlfeilen  Taglohns  von  25  Cent.)
nicht  dort,  sondern  in  England  (bei  einem  Taglohn  von  mehr  als
2  Fr.,  also  dem  Achtfachen)  verarbeitet  und  dann  als  Zeug  wieder

*)  Die  Ausfuhr  britischer  Waaren  nach  Nordamerike  stieg  so  :
1842:  3535,381  Pf.  1852:  16’567,000
1849:  11’371,000  1853:  23’658,000
        <pb n="43" />
        GROSSBRITANIEN  —  Handelsverhältnisse  (Münze,  Maasse,  Gewicht).  27
nach  Ostindien  verkauft  wird,  —  Zu  Anfänge  des  vor.  Jahrhunderts
bildeten  Wollenwaaren  aus  England  den  bedeutendsten  Exportartikel,
dessen  Betrag  man  auf  2  Mill.  Pf.  Sterl.  jährlich  schätzte.
Transithandel.
1851:  2’965,336  Pf.  St.  1853:  5’278,074  Pf.  St.
1852:  3706,662  1854:  6’005,560
Schifffährt.  Bestand  der  Handelsmarine  am  1.  Jan.  1855:
25,335  Segelschiffe  von  3’942,493  Tonnen,
1,524  Dampfer  s  306,237  »
Zus.  26,859  Fahrzeuge  von  4’248,730  Tonnen.
1837  war  der  Tonnengehalt  2’333,521.  —  Die  Zahl  der  Seeleute ­
  beträgt  etwa  170,000.  (Die  Handelsmarine  der  Verein.  Staaten
wird  auf  30,000  Fahrzeuge  geschätzt,  worunter  3000  Dampfer,  zusammen ­
  mit  5V2  Millionen  Tonnen.)
Der  Tonnengehalt  der  ein-  und  ausgelaufenen  Schiffe  war  :
Eingelaufen  mit
fremden  Schiffen  brit.  Schiffen  Zusammen
1837  :  2’617,166  1,005,940  3’623,106
1853:  5’055,343  3,887,763  8'943,106
Ausgelaufen
1837  :  2’547,227  1’036,738  3’583,965
1853:  5’212,980  4’234,124  9’447,104
BänknotcnUIIlläUf.  Staatspapiergeld  gibt  es  nicht.  Die  1694  gegründete ­
  Bank  emittirt  Noten,  deren  geringster  Betrag  jedoch  nicht
unter  5  Pf.  St.  herabgehen  darf.  Ausserdem  gibt  es  sehr  viele  Banken. ­
  Der  Notenumlauf  ward  für  den  25.  Nov.  1854  so  berechnet:
Bank  von  England  .  20717,722  Pf.  St.
,  Englische  Privatbanken  3’946,163  *
Joint-Stock-Banks  ,  3734,898  #
Zus.  England  27798,783  Pf.  St.
Schottland  .  .  .  4751,908  «
Irland  .  .  .  6’658,312  ,
Total  38’309,003  Pf.  St.
Dabei  die  gegen  Schwindelei  wichtige  eigenthümliche  Bestimmung,
dass  die  Aktionäre  von  Zettelbanken  mit  ihrem  gesammten  Vermögen
für  Einlösung  der  Banknoten  haften.
Münze,  Maasse,  Gewichte.
.  Münze,  Einheit  :  das  Pfund  Sterling  ,  Pound,  Liver  Sterling,
emo  Goldmünze,  29,2  Stück  auf  die  Mark  fein,  22  Karat  f.  Gold,
Werth  ungef.  25  Fr.,  12  fl.  rhoin,  6%  Thlr.  preuss.  —  Unterabtheilung ­
  in  20  Shillinge  (Silber,  angenommen  zu  1  Fr.  22  Ct.,  35—36  kr.,
etwas  über  V3  Thlr.).  Der  Shilling  zerfällt  in  12  Pence  (Kupfer,  der
Penny  zu  3  kr.  gerechnet,  wohl  auch  als  Denier  bezeichnet).
Maasse.  Der  engl.  Fuss  (foot)  =  30,48  Centimeter,  oder
0,9712  rhein.  oder  bisherige  preuss.  Fuss.  —  100  Yards  oder  Klafter
=  91,43  Meter,  137,1  preuss.  Ellen.  Die  engl.  Meile  =  1609  Meter.
—  Der  Acre  (Feldmaass)  =  40,49  Aren  oder  1,58  preuss.  Morgen.
—  Die  engl.  Quadr.-Meile  verhält  sich  zur  deutschen  wie  0,472008
        <pb n="44" />
        28  GROSSBRITANIEN  —  Auswärtige  Besitzungen.
zu  1.  —  Das  Quarter  (Getreidemaass,  abgetheilt  in  8  Bushels)  =
5,29  preuss.  Scheffel.  Der  Bushel  =  35,72  Liter;  100  Bushels  also
66,13  preuss.  Scheffel  oder  58,1  Wiener  Metzen.  —  Der  Gallon
(Flüssigkeitsmaass)  4,54  Liter  oder  3,97  preuss.  Quart.
Gewicht.  Das  Pfund  =  0,45  Kilogr.  —  100  Pfund  avoir  du
pois-Gewicht  =  45,36  Kilogr.  oder  90,7  deutsche  Zoll-  =  oder
schweizer.,  96,98  alt  preussische,  80,98  Wiener  Pfund.  (Das  Troy-Pfund
=  0,79  Pfund  alt  preussisch.)

AiKswîlrtig:e  Besitziing^cn.

Â.  Besitzungen  in  Europa.

Gibraltar
Malta  u.  Nacbbarinseln
Helgoland
Zusammen

Q."M.
0,28
10,31
0,23

Menschen
16,000
128,400
2,300

10,82  146,700

Die  „Ionischen  Inseln“  (siehe  diese  hinten)  sind  formell
ein  selbstständiger  Staat,  faktisch  aber  blos  britische  Besitzung,
umfassen  51  Quadr.-Meilen  und  200,000  Menschen.
B.  Besitzungen  der  brit.  Krone  in  andern  Erdtheilen.
1)  Britisches  Nordamerika:

zwar
Sie

Untercanada
Obercanada
Neubraunschweig
Neuschottland
Prinz-Eduards-Inseln  (1848)
New-Foundland  (1848)
Hudsonsbaigebiet
Labrador  ....

Deutsche
Meilen
12,800
7,000
1,300
900
100
2,700
25,000
8,000

Bevölkerung
1851
890,261
953,689
193,800
276,117
62,678
101,600
180,000
5,000

Zus.  ungefähr  57,000  2’663,145
(Geographen,  welche  die  Polargegenden  dazu  rechnen,
das  Areal  auf  150,000  deutsche  Quadr.-Meilen.)

2)  Westindien:
Q.-M.  Bevölk.  Inseln  Jahr
5  36,190  St.  Vincent  (1844)
7  125,864  Tabago  44
13  22,200  Tortola  44
6  28,900  Anguilla  44
301,4  379,690  Trinidad  48
2.2  7,800  Bahama-Inseln  51
1  10,200  Bermuda  61
3.2  23,177
2,7  24,538
Mittel-  und  Süd-Amerika  ;
Honduras  ....
Auf  Guiana  (Demerara,  Essequibo

Inseln
Antigua
Barbados
Dominica
Granada
Jamaica
Montserrat
Nevis
St.  Christopher  48
St.  Lucia  50
3)

Jahr
(1848)
(1850)
48
44
48
50
51

Q-.M.
6,1
8,8
1
4,2
113
208
1

Steigern

Bevölk.
27,573
13,027
6,689
2,934
59,814
25,392
11,092

Zusammen  683  805,107

und  Berbice)
w  Ungefähr

Q.-M.
2,960
4,700

Bevölkerung.
11,000
126,000

7,700  137,000
        <pb n="45" />
        GROSSBRITANIEN  —  Auswärtige  Besitzungen.

29

4)  In  Afrika:  q.-m.
Vorgebirg  der  guten  Hoffnung  (1850)  5,000
Sierra  Leone  (1850)  .  .  .  .  ....
Gambiaküste  (1848)  .  .  .  .  ....
Goldküste  .  .  .  .  .  ....
Mauritius  (Isle  de  France)  (1848)  .  31,8
St.  Helena  .....  3,6
Ascension  (1848)  .  '  .  .  .  1,6
Sechellen  .....  3,8

Ungefähr  5,800
5)  In  Australien  :  q.-M.
Neu-Süd-Wales  (1850)  .  .  .  1,625
Van  Diemensland  (1850)  .  .  .  1,130
West-Australien  (1850)  .  .  .  4,700
Süd-Australien  (1851)  .  .  .  7,000
Falklands-Inseln  (1847)  .  .  .  .  .  .  .
^  Neuseeland  (1849)  j  j  113
Hiezu  die  Bevölkerungszunahme  in  Australien  wohl

Bevölkerung
261,436
45,472
4^861
275,000  (?)
167,955
7,000
6,951
5,800
775,000
Bevölkerung
265,503  (?)
70,164
5,904
67,430
270
.20,197
Í11,710
200,000

Zus.  ungefähr  15,000  650,000
6)  In  Asien:  q.-m.  Bevölkerung
Ceylon  ......  1,150  1’500,000
Hong-Kong  (China,  1850)  .  .  ....  33,143
Insel  Labuan  (1850)  .  .  .  ....  1,385
Ungefähr  ~1,160  1’535,000

G.  Besitzungen  der  englisch  ostindischen  Compagnie.
1.  Unmittelbare  Besitzungen.

In  Hindostán,  die  Präsidentschaften;
Bengalen  und  Agra  ....
Madras  ......
Bombay  ......
Das  neuincorporirte  Oud  .
Jenseits  des  Ganges;
Assam,  Aracan,  Pegu  (v.  den  Birmanen  erobert)
Niederlassung  an  der  Malaccastrasse,  Prinz  of
Wales-Inseln
Ungefähr
2.  Schutzstaaten

Q.-M
17,900
6,850
5,650
1,000
5,800
75
37,200

Bevölkerung
74  Mill.
16  -
10%.
10^4-Vs-





Beran,  Mysore,  Travanchore,  Cochin,  S  attar  ah,  Gebiet  des  Nizam,  der  Ratschputen, ­
  Bundclkund  etc.  —  zusammen  etwa  22,000  Quad.-Meilen  mit  etwa
45—48  Mill.  Menschen.

1
i

Gesammtübersicht.

Grossbritanien  und  Irland  .  .  .  5,767
Besitzungen  in  Europa  ...  11
in  Nordamerika  .  .  .  57,000
in  Westindien  .  .  .  683
in  Mittel-  und  Süd-Amerika  7,700
in  Afrika  ....  5,800
in  Australien  .  .  .  15,000
in  Asien  ....  1,160
der  ostindischen  Compagnie  37,200
Schutzstaaten  derselben  .  .  .  22,000

Zus.  mindestens  150,000

Bevölkerung
27’000,000
147,000
2’663,000
805,000
137,000
775,000
650,000
1’535,000
110’000,000
45’000,000
190000,000
        <pb n="46" />
        30

GKOSSBRITANIEN  —  Auswärtige  Besitzungen.

Niemals  bestand  ein  Reich,  das  sich  so  sehr  über  alle  Theile
der  Erde  ausbreitete,  wie  das  heutige  britische.  Es  übertrifft  sowohl
an  Grösse  als  auch  an  Bevölkerung  das  römische  Weltreich;  steht
zwar  an  Umfang  dem  russischen  Czaarenthume  weit  nach,  umfasst
aber,  die  mittelbaren  Besitzungen  dazu  gerechnet,  dreimal  so  viel
Menschen,  als  dieses.  —  Hier  eine  vergleichende  Schätzung  :
Römerreich  .  75,000  Q.-M.  120  Mill.  Menschen
Russland  .  350,000  -  62  -  .
Britisches  Reich  150,000  -  190  -
Allerdings  können  die  Bewohner  HIndostans  der  cigentl.  brit.
Bevölkerung  nicht  gleich  geachtet  werden;  allein  dennoch  haben  sie
zur  Zeit  für  das  brit.  Reich  wohl  kaum  einen  wesentlich  geringem
Werth,  als  die  Kalmücken,  Baschkiren  oder  die  sogar  in  offenem
Widerstand  verharrenden  Kaukasusvölker  für  Russland  besitzen.
An  Reichthum  übertrifft  das  brit.  Reich  jedes  andere,  jetzt  vorhandene ­
  oder  in  frühem  Zeiten  jemals  existirende.
Seit  dem  1.  Aug.  1838  ist  die  Sklaverei  in  allen  brit.  Colonien
aufgehoben.  Der  Staat  bezahlte  den  Negerbesitzern  20  Mill.  Pf.  St.
Entschädigung.
_  Ueber  die  wichtigsten  auswärtigen  Besitzungen  mögen  noch  einige
spezielle  Notizen  folgen  :
Britisches  Nordamerika.  Im  Jahre  1851  nalim  man  an,  dass
unter  der  Gesammtbevölkerung  Unter  canadas  669,528  Individuen
französischer  Abstammung  seien,  unter  jener  Obercanadas  dagegen
nur  26,417.  —  Die  Zunahme  der  Handelsmarine  des  britischen
Nordamerika  wird  so  berechnet  :

1806:  71,943  Tonnen  1846:  399,204  Tonnen
1830:  176,040  -  1850:  446,935
1836  :  274,738
Die  Einfuhr  in  britisch  Nordamerika  im  Jahre  1851  wird  (wie
uns  scheint  mitunter  doch  etwas  ungenau)  so  angegeben  :
aus  Grossbritanien  .  .  für  18’878,706  Doll.
-  den  vereinigten  Staaten  -  12’678,279
-  andern  Ländern  .  .  -  6491,405
Die  Ausfuhr  blos  aus  Canada  ward  gleichzeitig  zu  13*262,376
Doll,  berechnet,  davon  :

nach  Grossbritanien  ....  0’435’844
den  Vereinigten  Staaten  .  .  4’939,300
andern  nordamerikanischen  Colonien  1,060,544
Australische  Colonien.  Der  Stand  der  Bevölkerung  von  Neu-Süd-Wales
  wird  folgendermaassen  angegeben  :

1851
1851
1852
1853

1.  März
31.  Dez.
31.  Dez.
31.  Dez.

Männlich
108,691
113,032
116,687
131,368

Weiblich
81,260
84,136
89,567
99,720

Zusammen
189,951
197,168
206,254
231,088
als  man
1852

(Diese  Zunahme  ist  offenbar  weit  geringer,
glaubt.  Die  Bevölkerung  der  Stadt  Sidney  soll
von  Melbourne  30,000  betragen  haben,  was  indess  augenscheinlich
ungenaue  Schätzungen  sind.)

gewöhidich
60,000,  jene
        <pb n="47" />
        GßOSSBEITANIEN  —  Auswärtige  Besitzungen.

31

Ostindien.  Ein  im  April  1856  veröffentlichter  amtlicher  engl.
Bericht  gibt  eine  Uebersicht  der  seit  1849  in  Ostindien  den  brit.  Besitzungen ­
  ein  ver  leibten  Staaten.  Deren  Flächeninhalt  wird  zu
118,968  engl,  (etwa  5,600  deutsche)  Quadr.-Meilen  angegeben.  Es
sind:  Dschcijmr  in  Bundelkimd,  Sumbulpur  in  Bengalen,  Bughut  am
Scdledj,  ein  Theil  von  Sikkim  im  nordöstlichen  Indien,  das  von  Mier
Ali  Morad,  einem  der  Emire  von  Schule,  angefallene  Territorium  Pegu,
die  Landschaft  Dschularam,  Sonaputty  und  Nord-Kaschar,  das  Territorium ­
  Nagpur,  Ihansi  in  Bundelkimd  und  Budawul  in  Kandesch.
Das  von  Birma  eroberte  Pegu  umfasst  2300  engl.  Quadr.-Meilen.  Dazu
kam  in  der  jüngsten  Zeit  Oud  (Audh)  mit  24,000  Q.-M.  —  Die  meisten
dieser  Landschaften  sind  verhältnissmässig  stark  bevölkert.
Der  Zustand  des  indischen  Volkes  ist  im  Ganzen  der  kläglichste.
Während  der  Taglohn,  selbst  in  Bergwerksbezirken,  bis  auf  7  Krzr.
oder  25  Cent,  heruntergeht,  wobei  die  Arbeiter  für  ihre  Verköstigung
selbst  zu  sorgen  haben  (nach  einer  Privatmittheilung  eines  Freundes
des  Verf.  aus  Ostindien  selbst),  beziehen  die  Europäer  die  enormsten
Gehalte.  Das  Volk  wird  (siehe  engl.  Parlamentsverhandlungen  vom
April  1856)  in  der  unmenschlichsten  Weise  ausgesaugt  und  ausgepresst; ­
  die  Steuern  treibt  man  unter  Anwendung  von  Martermitteln  ein,
welehe  jenen  der  Inquisition  gleichkommen.  Bei  den  unbeschreiblichen
Verschleuderungen  reichen  aber  die  Einkünfte  nicht  aus  zur  Deckung
der  Bedürfnisse.  So  haben  sich  in  den  nachbezeichneten  Jahren  folgende ­
  Defizite  ergeben  :
1851:  1’590,000  Pf.  St.  1854:  2’044,177  Pf.  St.
1822  :  1’360,000  -  1855:  2’543,710  -
1853  :  2’250,000  -
Die  Netto-Einnahme  betrug  im  Rechnungsjahre  IS^Vss  24’241,478
Pf.,  die  Netto-Ausgabe  26’785,188.
Um  eine  nähere  Uebersicht  der  Haupteinnahme-  und  Ausgabepositionen ­
  zu  geben,  theilen  wir  eine  uns  vorliegende  Rechnung  über
die  Ergebnisse  des  am  20.  April  1852  zu  Ende  gegangenen  Finanzjahres ­
  mit,  wobei  jedoch  augenscheinlich,  dass  die  sog.  „ausserordentlichen ­
  Ausgaben“  (oder  was  sonst  das  anerkannt  vorhandene  Defizit
veranlasste)  ausser  Ansatz  geblieben,  wesswegen  diese  ganze  Rechnung
nur  behufs  relativer  Vergleichungen  einigen  Werth  besitzt  :

Provinzen  Einnahme
Bengalen  .  .  7’584,435
Nordwest-Provinzen  5,670,715
Madras  .  .  3’704,048
Bombay  .  .  2’868,298
Zusammen  19'827,496

Ausgabe
7’112,262  Pf.  St.
1'658,568
S’204,273
2’847,392
14’822,495

Zu  diesen  Ausgaben  für  die  Verwaltungskosten  kommen:
Für  die  allgemeine  Schuld  .  .  1’967,359  Pf.  St.
Ausgaben  in  England  .  .  .  2’506,377
Ueberschuss  (angeblich)  .  .  531,265
Als  Roh  ein  nah  me  figurirten  26’092,718  Pf.  —  Die  Haupteinnahmeposten ­
  waren:  Landrente  15,025,783,  Tribute  und  Subsidien
601,855,  Sayer  und  Abkarry  (kleine  Pachten  und  Licenzen  in  Madras)
        <pb n="48" />
        32*

FRANKREICH  —  Land  und  Leute.

1’251,424,  Zölle  (nach  Abzug  von  190,099  Pf.  Kosten)  1'407,433
Salz  (Kosten  388,054)  netto  1’580,658,  Opium  (Kosten  1'050,498)  rein
2  943,044,  Stempel  netto  4.37,281.  —  Die  Post,  mit  einer  Einnahme
von  192,115,  erzeugte  ein  Defizit  von  23,073  Pf  St.
Die  Ausgaben  in  Indien  selbst  waren:  Civil-  und  polit  Verwaltung ­
  1'759,737,  Gerichts-  und  Polizeiverwaltiing  2’280,895,  Bauten
398,654,  Heer  9’675,483,  Flotte  385,764,  Verschiedenes  104  882
zusammen  14’605,415  Pf  St
Hiezu:  Zinsen  der  Schuld  2'184,439,  Erhebungskosten  der  Einnahmen ­
  und  Betriebskosten  der  Staatsanstalten  6'265,222.  Sonach
Gesammtausgabe  in  Indien  23'055,076.
Hieran  reihen  sich  die  Ausgaben  der  ostind.  Compagnie  in  England; ­
  nämlich  Dividende  der  Aktionäre  (stabil  10  Proz.  des  ursprüngl.
Capitals)  625,059,  Zinsen  der  Schuld  in  England  121,022,  Dämpfbootverbindung ­
  mit  Indien  91,451,  Urlaubssold  und  Pensionen  für
Landofficiere  631,820,  ditto  für  Seeofficiere  26,433,  Zahlung  an  die
engl.  Krone  für  Truppen  200,000,  desgl.  Pensionen  60,000,  allgemeine
Ausgaben  490,214,  verschiedene  besondere  Auslagen  68,325,  nach
Indien  gesendete  Vorräthe  188,168,  zusammen  Ausgaben  in  England
2’506,377.  Gesammt-Bruttoausgaben  25’561,453  (in  Wirklichkeit  bedeutend ­
  mehr,  siehe  oben.)
Schulden.  Dieselben  sind  thcils  dem  gesammten  Lande,  theils
blos  einzelnen  Provinzen  zu  Last  1853  ward  der  Stand  so  berechnet  :

1)  Schuld  der  Gesammthesitzuugen  (h  4—6  Proz.)
2)  -  von  Bengalen  .....
3)  -  der  Nordwestprovinzen
4)  -  von  Madras  (zu  4—8  Proz.)
5)  -  von  Bombay  (zu  4—6  Proz.)
,  Total
Die  Jahreszinsen  erforderten  ....
Der  erste  Freibrief  (Charter)  der  Compagnie
z  ember  1600.

43’207,229  Pf.  St
2’884,039  -
368,719  -
0077,351  -
1’376,898  -
“48’0T47244“PfrSt.
2’279,531  -
datirt  vom  31.  De-Fränkreich

  (Kaiserthum).
liiiiitl  und  Leutes
Äll^CniCinC  Ucbcrsicht.  Das  in  allen  Beziehungen  der  Verfassung,
Verwaltung  und  Justiz  zu  einem  vollständigen  Einheitsstaate  ausgebildete ­
  und  uniformirte  Peich  umfasst  auf  9664  deutschen  Quadr.-Meilen
  (zu  5487  Hectaren)  eine  Bevölkerung  von  etwas  mehr  als
30^/4  Mill.  Menschen.  —  Das  Gebiet  ist  in  86  Departomente,  und
diese  sind  in  363  Arrondissements  (Bezirke)  und  2847  Kantone  eingetheilt,
  welche  zus.  36,835  Gemeinden  umfassen.  Nach  den  Aufnahmen ­
  des  Cadasters  (welche  1808  begonnen  und  1837  beendigt  war,
mit  Ausnahme  des  noch  nicht  vollständig  vermessenen  Gebietes  von
Corsica)  und  nach  der  Volkszählung  von  1851  ergeben  sich  folgende
Zififern  für  die  einzelnen  Departeraente  (wir  legen  die  Angaben  des
        <pb n="49" />
        3

FRANKREICH  —  Land  und  Leute.

33
Werkes  zu  Grunde  :  Statistique  de  IcC  France,  publie'e  par  le  ministre
de  I  agriculture,  du  commerce  et  des  traveaux  publics.  Paris  1855
welches,  wie  gewöhnlich  solche  kostspielig  gedruckten  Werke  in  Frankreich, ­
  nicht  einmal  in  den  Buchhandel  gekommen  zu  sein  scheint)  :
Bevölkerung
1851
372,939
658,989
836,758
152,070
132,038
386,559
331,296
267,435
265,247
289,747

Departen!ente  :
Ain
Aisne
Allier
Alpes  (Basses)
Alpes  (Hautes'
Ardèche
Ardennes
Ariége
Aube  .
Aude  .
Aveyron
Bouches-du-Rhône  (Rho
Calvados
Cantal
Charante
Charantc-Int'érieure
Cher  .
Corrèze
Corse  (Corsica)
Côte-d’Or  (Goldhügel)
Cotes-du-Nord  (Nordküstci
Creuse
Dordogne  .
Doubs
Drôme
Eure  ,
Eure-et-Loir
Finistère
Gard  .
Garonne  (Haute-)
Gers  .
Gironde
Hérault
Ille-et-Vilaine
Indre  .
Indre-et-Loire
Isère  .
Jura  .
Ijandes  (Haiden)
Loir-et-Cher
Ijoire
Loire  (Haute-)
Loire-Inférieure
Loiret
Lot  .
Lot-et-Garonne
Lozère
Maine-et-Loire
Manche  (Canal)
Marne
Marne  (Haute-)
Mayenne
Meurthe

Hectaren
579,897
735,200
730,837
695,418
558,960
552,665
523,289
489,387
600,139
631,324
874,333  394¡183
memUndungen)  510,487  428,989
552,072  491,210
574,147  253,329
594,238  382,912
682,569  469,992
719.934  306,261
586,609  320,864
etwa  872,000)  236,251
876,116  400,297
688,562  632-613
556,830  287,075
918,256  505,789
522,755  296,679
652,155  326,846
595,765  415,777
587,430  294,892
672,112  617,710
583,556  408,163
628,988  481,610
628,031  307,479
974,032  614,387
619,800  389,286
672,583  574,618
679,530  271,938
611,370  315,641
828.934  603,497
499,401  313,299
932,131  302,196
635,092  261,892
475,962  472,588
496,225  304,615
687,456  635,666
677,119  341,029
521,174  296,224
535,396  341,345
516,973  144,705
712,093  515,452
592,838  600,882
818,044  373,302
621,968  268,398
517,063  374,566
609,004  450,423

Hauptorte
Bourg  en  Bresse.
Laon.
Moulins.
Digne.
Gap.
Privas.
Mézières.
Foix.
Troyes.
Carcassonne.
Rhodez.
Marseille.
Caen.
Aurillac.
Angoulême.
Saintes.
Bourges.
Tulle.
Ajacco.
Dijon.
St.  Brieuc.
Guéret.
Périgueux.
Besançon.
Valence.
Evreux.
Chartres.
Quimper.
Nîmes.
Toulouse.
Auch.
Bordeaux.
Montpellier.
Rennes.
Château-Roux.
Tours.
Grenoble.
Bons  le  Saulnier.
Mont  de  Marsan.
Blois.
Montbrisson.
Le  Puy  en  Velai.
Nantes.
Orléans.
Cahors.
Agen.
Mende.
Angers.
St.  Leo.
Chalons  sur  Marne.
Chaumont.
Laval.
Nancy.
        <pb n="50" />
        34

FRANKREICH  —  Land  und  Leute.

Departemente
Meuse  (Maas)
Morbihan  .
Moselle  (Mosel)  .
Nièvre
Nord  .
Oise  .
Orne  .
Pas-de-Calais
Puy-de-Dôme
Pyrénées  (Basses-)
Pyrénées  (Hautes-)
Pyrénées-Orientales
Rhin  (Bas-)
Rhin  (Haut-)
Rhône
Saône  (Haute-)  .
Saône-et-Loire
Sarthe
Seine  .
Seine-Inférieure  .
Seine-et-Marnc  .
Seine-et-Oise
Sèvres  (Deux-)  .
Somme
Tarn  .
Tarn-et-Garonne
Var
Vaucluse
V  endée
Vienne
Vienne  (Haute-)  .
Vosges  (Vogesen)
Yonne
(Areal  ohne  Corsica)

Hectárea
622,787
679,781
536,889
681,656
568,087
585,506
609,729
660,563
795,051
762,266
452,945
412,211
455,345
410.771
279,039
533,992
855,174
620,668
47,550
603,329
673,635
660,365
599,988
616,120
674,216
372,016
722,610
354.771
670,350
697,037
551,658
607,996
742,804

Bevölkerung
1851
328,667
478,172
459,684
327,161
ri58,285
403,857
439,884
692,994
596,897
446,997
250,934
181,955
687,434
494,147
574,745
347,469
574,720
473,071
1’422,065
762,039
345,076
472,554
323,615
570,641
863,073
237,563
357,967
264,618
383,734
317,305
319,379
427,409
381,133

Zusammen  53'025,000  25783,170
.  .  52753,150

Hauptorte
Bar  le  Duc.
Vannes.
Metz.
Novers.
Lille.
Beauvais.
Alençon.
Arras.
Clcrmon  t-Ferrant.
Pau.
Tarbes.
Perpignan.
Strasbourg.
Colmar.
Lyon.
Vesoul.
Mâcon.
Le  Mans.
Paris.
Rouen.
Melun.
Versailles.
Niort.
Amiens.
Ally.
Montauban.
Draguinon.
Avignon.
Napoléon-V  endée.
Poitiers.
Limoges.
Epinal.
Auxerre.

Gcbietsâusdehnung.  Frankreiclis  grösste  Längenaii,sdehnung
ist  130,  die  grösste  Breite  122  deutsche  Meilen.  Die  Grenzen  (Corsica ­
  ungerechnet)  haben  eine  Ausdehnung  von  600  Meilen,  wovon  235
Landgrenzen.  Diese  Grenzen  sind:  Canal  138  M.,  atlant.  Meer  148,
Mittelmeer  79,  Belgien  49,  Deutschland  47,  Schweiz  33,  Italien  45,
Spanien  61  Meilen.  —  Paris  ist  von  dem  entfbrntosten  Punkte  Frankreichs ­
  95  Meil.  entfernt,  von  Corsica  (25  Meil.  von  der  franz.  Küste)
134,  von  Algerien  211  ;  ferner  von  dem  nächsten  l’unkte  der  deutschen
Grenze  35,  der  englischen  34,  der  russischen  154  Meilen.

Bodenbeschaffenheit.  Die  Catasteraufnahmen,  welche  das  ganze
Festland  Frankreichs  und  die  nahegelegenen  Inseln,  von  Corsica  aber
erst  152,595  llectaren  (sonach  im  Ganzen  52*305,744  Meet.)  umfassen,
ergeben  folgende  llauptresultate  :
Hectárea  Hectárea

25’581,659
7702,435
7771,203
5759,226

Ackerland,  2’090,534
Waldungen,  f  1702,845
Haideland,  Sümpfe,  nicht  f  1’057,114
bebaute  Berge,  628,235
Wiesen,  563,986

Weinberge,
Wege,  öffentliche  Plätze,
Staatseigenthum  ohne  Ertrag,
Gärten  und  Baumschulen,
Kastanienpflanzungen,
        <pb n="51" />
        FRANKREICH  —  Land  und  Leute.

Heotaren
f  441,170  Flüsse,  Bäche,  Seen,
178,723  Teiche,
t  159,508  unproductives  Land,
110,725  Oel-,  Mandel-  und  Maulheer-Pflanzungen,


Hectárea
64,717  Erlen-  und  Weidengebüsch,
t  14,771  öffentliche  Gebäude,  Kirchhöfe ­
  etc.,
12,273  Kanäle,
4,176  Steinbrüche  u.  Minen.

Die  iiiclitbestenerten  Tlieile  des  Grebiets  sind  hier  mit  f  bezeichnet
Iin  Dauzen  sind  besteuert  49,530,330  Hect.,  nicht  besteuert  2,775,408
Zahl  der  Parcellen  :  120’210,194.  Zahl  der  Eigenthümer
11  053,702.  (Es  ist  jedoch  hiebei  zu  bemerken,  dass  selbst  neben  ein
ander  gelegene  Grundstücke,  wenn  dieselben  auch  dem  nämlichen  Eigen
thümcr  gehören,  falls  sie  nur  früher  getheilt  waren  ,  in  Wirklichkei
aber  wieder  vereinigt  wurden,  indess  verschieden  bebaut  sind  als  be
sondere  Parcellen  aufgeführt  werden,  wesswegen  die  omdelle  Ziffer  imzu
verksBig  ist  Ebenso  tignriien  die  nämliclieii  Grundeigenthttmer  so  viel
Die  Gesammtzahl  aller  Gebäude  ist  7’4G2,545,  wovon  0771  89«
beseichLt  Ir™"®  Wohnhiiusei.  oder  Gesehäftslokab
7.4  =  rfnÄcke  M:i.ers®o\irilie“  (dere.
Kilometer
8,818
4,715
36,038
45,627
1,463
Bevölkerung.  Geschlechter.  Nach  der  Zählung  von  i85i:
Männlich  :  17794,964  =  49,73  Proz.
Weiblich  :  17’988,206  =  50,27  -
die
Jahr  Oeberschuss  Jahr  üeberachuss

Schiffbare  Flüsse  ....
97  Kanäle
654  Kaiserl.  Strassen
1,694  Departementaistrassen
69  Militärstrassen  (in  der  Vendée!
281,472  Vicinalstrassen

1800
1806
1821
1831

725,225
481,725
868,325
669,033

1836
1841
1846
1851

619,508
445,382
318,738
193,242

wieder  bedeutend  gestiegen  ist.  ®
        <pb n="52" />
        36

FRANKREICH  —  Land  und  Leute.

jede  der  3’547,940  Peiierstellcn  Menschen  annahm  (freilich  ein
sehr  unsicherer  Maassstab).  Die  Zählung  von  1762  ergab  21’769,163.
1784  schätzte  Necker  24’800,000  Einw.,  indem  er  auf  1  Geburt  25  Yg
Bewohner  annahm.
Auf  dem.  dermaligen  Gebiete  Frankreichs  lebten:
Jahr  Bevölkerung  Jährl.  Zunahme  Jahr  Bevölkerung  Jährl.  Zunahme
1801:  27’349,902  —  Proz.  1836:  33'540,910  0,60  Proz.
1806:  29’107,425  1,28  -  1841:  34'230,178  0,41  -
1821  :  30'471,875  0,51  -  1846  :  35’401,761  0,68  -
1831:  32’569,223  0,69  -  1851:  35783,170  0,21  -
Das  letzte,  wenig  günstige  Resultat  ward  durcit  die  Tlicuerung  von
1847  und  die  Verheerungen  der  Cholera  1849,  herb  ei  geführt.  (Es  wirkte
die  Erste  auch  auf  Verminderung  der  Heirathen  und  Geburten  und  Häufung ­
  der  Sterbiälle).  In  keinem  grossem  Staate  vermehrte  sich  die  Bevölkerung ­
  so  wenig,  als  in  Frankreich  (sielte  „sociale  Verhältnisse“).
Heirathen.  in  einem  5jährigen  Zeiträume  fanden  durchschnittlich
in  jedem  Jahre  Eheabschlüsse  statt  :
Von  1836—40:  272,965  =  1  auf  124,12  Einwohner,
-  1841—45:  282,287  =  1  -  123,31
-  1846—50  :  277,617  =  1  -  128,20
Während  aber  iit  den  erstbezeichneten  10  Jahren,  entsprechend
dem  gewöhnlichen  Verlaufe  der  damaligen  Zeitverhältnisse,  auch  zwischen ­
  den  einzellten  .lahren  nur  geritigc  Schwankungen  erfolgten,  fanden
solche  Schwankuitgen  während  der  letzten  Ferio  de  in  folg.  Maasse  statt  :
1846:  268,307  Seitdem  1851:  286,984
1847  :  249,025  1852  :  281,360
1848  :  293,552  1853  :  277,693
1849  :  278,903
1850:  297,700
So  kann  man  jedes  Theurungsjahr  etc.  wahrnehmen,  ebenso  aber
auch  das  Streben  der  Natur,  immer  gleich  in  der  nächstfolgenden  Zeit
(hier  :  dem  nächstfolgenden  Jahre)  das  gestörte  Gleichgewicht  durch
ungewöhnliche  Erhöhung  der  herabgedrückten  Zahl  wieder  herzustelleti.
—  Im  Uebrigen  kam  in  den  nächstvorangegangenen  frühem  Perioden
jährlich  ungefähr  eine  Heirath  :
1825—28  auf  128  Einw.  1834—38  auf  123  Einw.
1829—33  -  126  -  1839—44  -  125  -
Während  der  36  Jahre  von  1817  —  52  war  die  mittlere  Zahl
der  Verheirathungen  259,768.
Geburten.  Von  1824—28  zählte  man  deren  jährlich  eine  auf
32,3  Einwohner;  1829—33  1  auf  34.  Sodann:
ÎAhrp  Jährl.
Jaúre  Durchschnitt
1836—40  :  959,431  =  1  auf  35,31  Einw.
1841—45:  976,030  =  1  -  35,66  -
1846-50  :  949,594  =  1  -  37,48  -
Also  auch  hier  ein  Rückschlag,  und  zwar  mit  folg.  Schwankungen
in  den  einzelnen  Jahren  der  letzten  Periode:  1846:  965,866;  1847  :
901,861;  1848:  940,156;  1849:  985,848;  1850:  954,240.-Seitdem
  ergaben  sich:  1851:  979,907;  1852:  965,080;  1853:  927,917.
—  Vergleichen  wir  die  Zahl  der  Geburten  mit  der  in  frühem  Ferio-
        <pb n="53" />
        FRANKREICH  —  Land  und  Leute.

37

den,  so  machen  wir  die  überraschende  Wahrnehmung,  dass,  ungeachtet ­
  der  ansehnlichen  Vermehrung  der  Bevölkerung,  die  Anzahl
der  Geburten  heute  nicht  grösser  ist,  als  sie  vor  der  Zeit  der  Revolution ­
  war.  —  Im  Jahre  1782  zählte  man  in  Frankreich  975,703  Geburten, ­
  —  von  1846—50,  wie  wir  gesehen,  durchschnittl.  nur  949,594.
Die  Fruchtbarkeit  der  damaligen  Bevölkerung  von  24Vg  Milk  Menschen
war  sonach  stärker,  als  es  heute  die  von  Milk  ist.  Damals  hatte
man  eine  Geburt  auf  25  Einw.,  jetzt  kaum  eine  auf  37.  Die  menschliche ­
  Reproduction  war  also  fast  um  die  Hälfte  grösser,  als  dermalen.
Allein  es  war  dies  kein  Glück;  denn  bei  den  damaligen  Proletarierverhältnissen ­
  herrschte  auch  die  Sterblichkeit  in  desto  furchtbarerer
Ausdehnung.  In  den  36  Friedensjahren  1817—52  kam  durchschnittk
im  Jahr  eine  Geburt  auf  34,2  Einw.  —  In  den  8  ersten  dieser  Jahre
(1817—24)  eine  schon  auf  31,8;  in  den  8  letzten  Jahren  (1845—52)
eine  erst  auf  36,7.  —  In  den  34  Jahren  von  1817  bis  einschliesslich
1850  wurden  in  ganz  Frankreich  geboren;  16’953,957  Knaben  und
15’972,905  Mädchen,  sonach  um  etwa  Vi6  mehr  Knaben  als  Mädchen.
Während  die  Kriege  so  viele  Männer  hinwegrafften,  schien  die  Natur
auch  hierin  das  entstandene  Missverhältniss  ausgleichen  zu  wollen.
Bemerkenswerther  Weise  minderte  sich  der  Unterschied  in  der  Zahl  der
Geburten  in  dem  Maasse,  in  welchem  wir  uns  von  den  frühem  Kriegszeiten ­
  entfernten  und  dem  Gleichgewichte  nähern.  Es  betrug  die
durchschnittliche  Jahreszahl  der  Geburten  :

Jahre  Knaben
von  1836—40  :  493,709
-  1841—45  :  501,935
-  1846—50  :  487,050

Mädchen
465,722
474,095
462,544

Unterschied
27,987  94,33
27,840  94,45
24,506  94,97

Die  Zahl  der  unehelichen  Kinder  betrug  in  den  bezeichneten
5jährigen  Perioden  im  Durchschnitt  jährlich  :

1836—40:  71,104  =  7,41  Proz.  der  Geburten,
1841-45:  69,768  =  7,15  ...
1846—50  :  67,994  =  7,16  -

Todgeboren  wurden  von  1841—45  durchschnittlich  33,048
von  1846  50  aber  35,219;  ein  Zeichen,  wie  auch  hiebei  die  Ungunst
der  Zeitverhältnisse  einwirkte.  1847:  33,024;  1848:  34  296-  1849
(Cholerajahr)  37,274;  1850:  37,055.  ’  ’

Todesfälle.  Die  Gesammtzahl  betrug  jährlich  :  *
1836—40  :  799,817  =  1  Sterbfall  auf  42,35  Einw.
•  785,973  =  1  -  .  44,29
1840—50:  848,348  =  l  -  .  41,97
Ist  dies  Steigen  der  Sterbefälle  für  die  ganze  Periode  auffallend,  so
verdient  das  Verhältniss  in  den  einzelnen  Jahren  besondere  Beachtung:
1845  (gutes  Jahr)  741,985  Todesfälle,
1846  (beginnende  Theuerung)  820,918
1817  (grosse  Theuerung)  849,054
1848  (polit.  Unruhen)  836,693  *)
1849  (Cholerajahr)  873,471
1850  (billige  Lebensmittel)  761,610

*)  Zeichen,  wie  massig  dennoch  die  Störungen  der  damaligen  Revolution.
        <pb n="54" />
        mm

38  FRANKREICH  —  Land  und  Leute.
Seitdem  1851:  817,449;  1852:  810,695;  1853:  787,581.
So,  wie  wir  im  Jahre  1850  das  Streben  der  Natur  wahrnehmen,
die  Verluste  auszugleichen,  zeigte  sich  dasselbe  Streben  auch  bei
frühem  Gelegenheiten.  In  dem  Cholerajalire  1832  hatte  man  in  Frankreich ­
  die  enorme  Menge  von  933,733  Todesfällen  —  eine  Zahl,  die
seit  1783  (und  auch  seit  1832)  niemals  vorgekommen  ist.  —
Dies  betrug  15  Proz.  über  das  gewöhnliche  Verhältniss  nach  dem
Durchschnitte  der  5  vorhergegangenen  Jahre.  Dagegen  hatte  man  im
Jahr  1833  nur  812,548  Sterbfälle  —  fast  ebenfalls  15  Proz.  Unterschied, ­
  d.  h.  diesmal  Verminderung.  —  Die  Zahl  der  Sterbfällc  war
übrigens  in  früheren  Jahren  :
1801  :  1  Todesfall  auf  35,42  Einw.  1831  :  1  Todesfall  auf  40,69  Einw.
1806:  1  -  -  37,23  -  1836:  1  -  -  41,08  -
1821  :  1  -  -  41,  -  1841  :  1  -  -  40,9
1826:  1  -  -  38,04  -
Ungeachtet  des  Rückschlags  in  der  Periode  1846—50  zeigt  sich
eine  Verlängerung  der  Lebensdauer  —  offenbar  Folge  der  Verbesserung
der  Lage  der  Masse  des  Volkes.
LsbensdäUCr.  Uebereinstimmend  damit  ergibt  sich  nach  Duvillards
Mortalitätslisten  die  mittlere  Lebensdauer  so  :  vor  der  Zeit  der  ersten
Revolution  28%  Jahre;  um  1817  31,8  J.,  jetzt  36,7.
In  den  36  ,1.  1817—52  war  übrigens  die  jährl.  Durchschnittszahl:
der  Geburten  968,662
der  Sterbfälle  812,330
Ueberschuss  156,333
Familien.  9’022,921  Haushaltungen  (also  nur  3,95  Personen  auf
die  Haushaltung).
Gebrechliche.  Nach  den  Aufnahmen  von  1851  gab  es  in  Frankreich: ­
  Wahnsinnige  44,970  (wovon  nur  20,527  in  Irrenanstalten),
29,512  Taubstumme,  37,662  Blinde,  75,063  Hinkende,  44,619  Bucklige; ­
  9077  entbehrten  ein  od.  zwei  Arme,  11,301  ein  od.  zwei  Beine.
GonfeSSiOnen.  Der  officielle  Bericht  f'Statistique  de  la  France,
publiée  par  le  ministre  de  l'agriculture  etc.)  gibt  folgende  Ziffern:
Katholiken  34’931,032  Juden  73,975
Reformirte  480,507  Andere  Cuiten  26,348
Lutheraner  267,825  Nicht  constatirt  3,483
Während  die  officielle  Statistik  in  allen  andern  Beziehungen  sehr
in  Einzelnheiten  eingeht,  ist  solches  Eingehen  bei  diesem  Capitel  in
auffallender  Weise  vermieden,  und  wir  finden  statt  dessen  die  ziemlich ­
  seltsame  Bemerkung,  dass  „Erwägungen  besonderer  Art“  die  Administration ­
  bestimmt  hätten,  die  Uebersicht  der  Verbreitung  der  verschiedenen ­
  Cuiten  in  den  einzelnen  Departementen  nicht  drucken  zu
lassen.  Wir  erwähnen  dessen  blos,  um  die  Bemerkung  daran  zu
knüpfen,  dass  wir  Grund  haben,  die  ganze  officielle  Angabe  für  wesentlich ­
  um-ichtig  zu  halten.  Nach  allen  uns  bekannten  statistischen
Daten  ist  die  Zahl  der  Protestanten  beider  Kirchen  weit  grosser,  als
von  der  Regierung  angegeben,  und  wir  sind  geneigt,  folgende  Schäzung
  als  nicht  unglaubwürdig  anzunehmen:  33Y2  Mill,  Katholiken,
1'300,000  Reformirte,  700,000  Lutheraner;  dann  Juden  etc.
        <pb n="55" />
        FRANKREICH  —  Land  und  Leute.

39

Nätiondlitäteil.  Die  officielle  Statistik  kennt  nnr  „Franzosen“
lind  „Fremde“.  Die  wirkliche  Statistik  kennt  aber  auch  Nationalunterschiede ­
  unter  den  politisch  vollkommen  vereinigten  „Franzosen“.
So  schätzen  wir,  dass  ungefähr  32V2  Mill,  dem  eigcntl.  französischen
Stamme  angehören,  etwa  IV2  Mill,  sind  Deutsche  (im  Eisass  und  einem
Theile  von  Lothringen),  l’I00,000  Kymcrn  (Bretonen),  320,000  Italiener ­
  (auf  Corsica  etc.),  130,000  Basken,  74,000  Juden,  einige  Tausend ­
  Cagots,  Zigeuner  etc.  —  Von  den  Franzosen  selbst  reden  etwa
1’800,000  wallonisch.
Die  Zahl  der  Fremden,  welche  nicht  naturalfsirt  sind,  ward
1851  zu  380,831  angegeben;  nämlich:

Belgier  128,103  Spanier  29,736  Polen  9,338
Italiener  63,307  Schweizer  25,485  Andere  Fremde  45,176
Deutsche  57,061  Engländer  20,357  Nicht  constatirt  2,268
Gemeinden.  Alle  Gemeinden  sind  gesetzlich  gleichgestellt;  ein
lechtlicher  Unterschied  zwischen  Städten  und  Dörfern  besteht  seit  der
ersten  Revolution  nicht  mehr.  Die  Gesammtzahl  der  Gemeinden  betrug ­
  1851:  36,835,  nämlich:

433  mit  weniger  als  100  Einw

2,560
4,157
4,618
3,916
11,955
4,423
2,094
Paris

100
201
SOI
401
501
1001
1501
hatte

200  Einw.
-  300  -
-  400  -
-  500  -
-1000  -  ,  '
-1500
-2000
1801  :  552,686

1462  mit  2,001
565
235
271

93
43
13
Einw.  ;
909,126:

3,000  Einw.
3,001—  4,000
4,001—  5,000
5,001—10,000
10,001—20,000
20,001—50,000
mehr  als  50,000

1811:  630,636;
1841:  935,261  ;

1821
1846

723,551;  1831:  785,483;  1836:
1  053,897;  1851:  1’053,262  (also  kleiner  Rückschlag.^
Die  übrigen  bedeutendsten  Städte  hatten  1851  folg.  Einwohnerzahl
Marseille  195,257  Nan^s  96,362  Toulon  69,474  Amiens  52,14
£“,Si  E:SE  =.  ::::  -¡s
GcbietSVCränderUngCIl  seit  der  ersten  Revolution.  Bis  zui
Jahre  1790  bestand  das  Königreich  Frankreich  aus  34,  resp.  35  Prc
vinzen,  von  denen  12  den  Titel  Herzogthümer,  13  den  von  Gra
schäften,  die  übrigen  den  von  Herrschaften  oder  Landschaften  führte:
Eine  statist.  Uebersicht  vom  J.  1786  gewährt  folg.  Hauptergebnisse
1*  r  o  V  i  n  z  e  n

Generalität  Paris  (Isle  de  France  und  Brie  etc.)
Picardie  )  General.  Arniens
(  -  Boissons
Champagne
Burgund
Franche-Comté  .
Dauphiné  und  Orange
Provence  (Generalität  Aix)
Languedoc  .
Roussillon  und  Foix  .
Navarra  und  Bearn  .
Generalität  Gascogne  oder  Auch

d.  Q.-M.
420
165
160
450
420
325
375
420
775
105
HO
490

Bevölkerung
1’808,000
540,000
538,000
850,000
1T35,000
730,000
695,000
769,000
1’780,000
190,000
850,000
        <pb n="56" />
        40

FRANKREICH  —  Land  und  Leute.

Provinzen  ;
f  Bordeaux
Guienne  |  Limoges  .
(  Montauban
La  Rochelle,  Saintonge,  Angoumois

Poitou
Bretagne

imois  .  .  170  405,000

d.  Q.-M  Bevölkerung
585  r350,000
310  700,000
210  535,000

General.  Rouen

380  700,000
645  2’345,000
220  ;

Normandie

Caen
Alençon

215  2’134,000
160  )

Generalität  Orleans  .
Bourges  (Berry,  la  Marche)
Tours  (Tourraine,  Anjou,  Maine)
Kiom  (Auvergne)
General.  Moulins  (Bourbonnais,

Nivernais)  .  325  640,000

370  730,000
250  543,000
500  1’340,000
240  720,000

Lyon  .
Dom  bes

160  650,000
15  30,000
325  880,000
100  375,000
152  736,000
95  268,000
200  652,000
160  130,000

Lothringen  und  Bar  .
Metz,  Toul,  Verdun  .
Flandern  und  Artois  .
Hennegau  und  Cambresis  .
General.  Eisass  und  Sundgau
Corsica  .  .  .

Zus.  geschätzt  9,900  25’300,000

Es  bedarf  kaum  einer  besoudern  Bemerkung,  um  auf  die  Unzuverlässigkeit ­
  solcher  Schätzungen  aufmerksam  zu  machen.
Die  franz.  Nationalversammlung,  wesentlich  in  der  Absicht,  alle
Provinzialunterschiede  möglichst  zu  vernichten,  führte  unterm  22.  Dez.
1789  die  Departementaleintheilung  ein,  wobei  die  alten  Verhältnisse
absichtlich  geändert  wurden.  Zürn  nähern  Verständniss  diene  folgende
Uebersicht  :
1)  Isle  de  France  ward  in  folgende  5  Departemente  getheilt  :  Seine,
Seine  und  Oise,  Oise,  Aisne,  Seine  und  Marne.  —  2)  Picardie,  2  Dep.t  Somme
und  Pas-de-Calais.  —  3)  Champagne  mit  Brie,  5  Dep.  :  Ardennen,  Marne,  Ober-Marne,
  Aube,  Yonne.  —  4)  Lyonnais,  mit  Bourbonais,  Auvergne  und  Marche
8  Dep.  :  Rhône,  Loire  (sonst  Landschaft  Forez),  Allier  (sonst  Bourbonais)  '
Puy-de-Dome  (sonst  Theil  von  Auvergne),  Cantal  (ebenso),  Ober-Loire  (ebenso
dann  Landschaft  Velay),  Creuse  (meist  Marche),  Charente  (Landschaft  Angoumois)!
—  5)  Herzogthum  Burgund,  3  Dep.  :  Côte-d’Or,  Saône  und  Loire,  Ain  (Ländchen
  Bresse,  Bugey  und  Dombes).  —  6)  Dauphiné,  3  Dep.:  Isère,  Drome,
Ober-Alpen.  —  7)  Provence,  mit  dem  Fürstenthum  Orange  (Oranien)  und  der
(päpstl.)  Grafschaft  Avignon  und  Venaissin,  4  Dep.  :  Rhone-Mündungen,  Nieder-Alpen,
  Var,  Vaucluse.  —  8)  Languedoc,  mit  Foix  und  Roussillon,  9  Dep.:
Ardèche  (sonst  Vivarais),  Lozère  (s.  Gevaudan),  Gard,  Hérault,  Tarn,  Ober-Garonne
  (mit  Theilen  von  Guyenne),  Aude,  Ost-Pyrenäen  (Land  Roussillon)
Ariége  (s.  Foix).  —  9)  Guyenne  (Aquitanien)  und  Gascogne,  mit  Limosin  !
Saintonge,  Angoumois,  Navarra  und  Béarn,  14  Dep.:  Gironde  (Landschaft  Bourdelais,
  Landes,  Ober-Pyrenäen  (Landschaft  Bigorre),  Gers  (Landsch.  Armagnac),
Lot  und  Garonne  (Landsch.  Angenois),  Dordogne  (Landsch.  Périgord),  Lot
^andsch.  Querey),  Tarn  und  Garonne,  Aveyron  (Landsch.  Rouergue),  Nieder-Charente
  (Saintonge  und  Aunis),  Ober-Vienne  (Th.  von  Limousin  und  Marche)
Corrèze  (Niederlimousin),  Nieder-Pyrenäen  (Niedernavarra  und  Béarn).  —  l()j
Orléanais,  mit  Maine,  Perche,  Touraine,  Anjou,  Saumurais,  Poitou,  Bérry  und
Nivernais,^  14  Dep.  :  Eure  und  Loire  (Chartrain  und  Perche-Gouet)  Loir  und  Cher,
(Vendomois,  Blesois,  Sologne),  Loiret  (Th.  von  Orléanais),  Mayenne  (Th.  von
Maine  und  Anjou),  Sarthe  (ebenso),  Orno  (Th.  von  Perche),  Indre  und  Loire
(Touraine),  Indre  (Th.  von  Berry  und  Marche),  Maine  und  Loire  (Anjou  und
        <pb n="57" />
        FRANKREICH  —  Land  und  Leute.

41

Th.  von  Saumurais),  Vienne  (Th.  von  Poitou  und  Saumurais),  Vendée  (Th.  von
Poitou),  beide  Sèvres  (ebenso),  Cher  (Th.  von  Berry  und  Bourbonnais),  Nièvre
(Landsch.  Nivernais).  —  11)  Bretagne,  5  Dep.  :  Finistère,  Nordküsten,  Ille  und
Vilaine,  Morbihan,  Nieder-Loire.  —  12)  Normandie,  4  Dep.  :  Nieder-Seine,
Eure,  Calvados,  Manche.  —  13)  Franz.  Niederlande  (Gouvernement  Flandern*
bestehend  aus  der  Grafschaft  Artois  und  Thcilen  von  Flandern,  Hennegau,  Namur ­
  und  Bisthum  Lüttich),  1  Dep.  :  Norden.  —  14)  Franche-Conté  (Grafschaft
Burgund,  liochburgund,  Freigrafschaft,  3  Dep.  :  Ober-Saône,  Doubs,  Jura.
15)  Lothringen,  mit  Messin  und  Toulois,  4  Dep.  :  Meurthe,  Vogesen,  Mosel,
Maas  (Ländchen  Bar  und  Clermontais.  —  16)  Eisass,  2  Dep.  :  Ober-Rhein,
Nieder-Rhein.—  17)  Insel  Corsica,  1  Departement:  Corsica.

Die  Revolution  und  das  Kaiserreich  verschafften  Frankreich  ungemeine ­
  Vergrösserungen.  Die  Anfänge  wurden  damit  gemacht,  dass
man  die  Besitzungen  deutscher  Reichsfürsten  im  Eisass  (Mümpelgard,
das  Württemberg  gehört  hatte  etc.)  einfach  als  Franz.  Länder  behandelte, ­
  und  am  14.  Sept.  1791  die  Vereinigungen  der  päpstl.  Grafschaften ­
  Avignon  und  Venaissin,  und  am  27.  Nov.  1792  und  31.  Jan.
1793^  jene  von  Savoyen  und  Nizza  aussprach.  Im  Frieden  v.  Campo
loimio  (17.  Oct.  1797)  trat  Oesterreich  Belgien  an  Frankreich  ab;
der  Friede  von  Luneville  (9.  Febr.  1801)  verschaffte  ihm  überdies  das
ganze  deutsche  linke  Rheinufer  —  zus.  1200  Q.-M.  mit  fast  4  Mill.
Menschen.  Sodann  wurden  mit  Frankreich  vereinigt:  unterm  11.  Sept.
1802  I  iemont;  21.  Juli  1805  Parma;  27.  Okt.  1807  Hetrurien  (Toscana);
17.  Mai  1809  Rom  ;  9.  Juli  1810  Holland;  12.  Nov.  1810  Wallis;
10.  Dez.  1810  die  Mündungen  der  Ems,  Weser  und  Elbe  sammt  den
Hansestädten  (600  Q.-M.  mit  mehr  als  1  Mill.  Einw.)  ;  dann  Oldenburg ­
  u.  s.  f.  Die  Zahl  der  Departemente,  ursprünglich  bloss  83,  stieg
auf  130.  So  umfasste  dann  das  Napoleonische  Frankreich,  ausserdem
jetzigen  Gebiete  von  86,  noch  weiter  folg.  Departemente,  deren  Hauptstädte ­
  wir  zur  nähern  Bezeichnung  gleichfalls  angeben:
Das  Napoleonische  Frankreich.

Departemente
Alpen  (See-)
Apenninen
Arno
Doria
Doimersberg
Dyle
Elbmünilungen
Ems  (Ober-)
Friesbind
Genua
Isselmündungori
Jemappes
Leman
Lippe
Maasraünrhmgen
Maas  (Nieiler-)
1^1  arengo
Mittelmeer
Montblanc
Montenotte
Nethen  (beide)
Ober-Issel

Hauptorte
Nizza.
Chiavari.
Florenz.
Ivrea.
Mainz.
Brüssel.
Hamburg.
Osnabrück.
Leuwarden.
(tenua.
Zwoll.
Mons.
Genf.
Münster.
Haag.
Mastricht.
Alessandria.
Livorno.
Chambéry.
Savona.
Antwerpen.
Arnheim.

Departemente
Ombrone
Ost-Ems
Ourthe
Po
Rhein  und  Mosel
Rheinmündungen
Roer
Saar
Sambre.  und  Maas
Schelde
S  diel  den  lündui  igen
Sesia.
Simplon
Stura
Taro
Tiber
Trasimene
Wälder
Wesermündungen
West-Ems
Zuydersee.

Hauptorte
Siena.
Aurich.
Lüttich.
Turin.
Coblenz.
Herzogenbusch
Aachen.
Trier.
Namur.
Gent.
Middelburg.
Vercelli.
Sion.
Coni.
Parma.
Rom.
Spoletto.
Luxemburg.
Bremen.
Groningen.
Amsterdam.
        <pb n="58" />
        42

FRANKREICH  —  Finanzen  (Budget).

Der  erste  Pariser  Friede  vom  30.  Mai  1814  belies  Frankreich
nicht  nur  sein  vor  1789  besessenes  Gebiet,  sondern  ausserdem  auch
Avignon,  Mümpeigard,  einen  Theil  von  Savoyen  und  mehrere  Grenzkantone ­
  von  Belgien.  Durch  den  zweiten  Pariser  Frieden,  vom  21.
Nov.  1815,  verlor  es  dagegen  liievon  Savoyen,  die  belgischen  Grenzkantone ­
  und  die  Festungen  Landau  (seit  1713  besessen),  Saarlouis,
Saarbrücken,  Marienburg  und  Pliilippeville;  es  erhielt  seinen  jetzigen
Gebietsstand.
1830  ward  Algier  erobert,  und  die  dortige  Besitzung  wird  seitdem ­
  zu  vergrössern  gestrebt  (s.  die  Rubrik  „Auswärtige  Besitzungen.“)

r  i  n  a  11  z  e  n  •

Budget.

Wir  theilen  zunächst  die  Positionen  des  Budgets  für  das  laufende
Jahr  1856  mit.

Einnahmen  :

Directe  Steuern,  nämlich:  1)  Grund-,  2)  Personal-und  Mobiliar-, ­
  3)  Thür-  u.  Fenstersteuer,  4)  Patentgebühr  (Gewerbsteuer);
  für  allgemeine  (Staats-)  Bedürfnisse  •280’735,900,  für
spezielle  (Départemental-)  Bedürfnisse  148’757,602,  zus.
Domänen,  Waldungen,  Fischereien
Indirecte  Auflagen,  nämlich:  Enregistrement  und  Stempel
311  Mill,,  Mauth  und  Salzsteuer  187’639,000,  Getränksteuer
(Contributions  indirectes,  die  ehemaligen  droits  réunis)
373798,000,  Post  57’262,000  =  ....
Eventuelle  Departementalumlagen  ....
Einkünfte  aus  Algerien
Einnahme  aus  den  Colonien

Fr.  429'493,602
-  40788,332

929’699,000
17700,000
17700,000

Einkünfte  für  den  Dienst  der  Civilpensionen  .  .  •  .  -  10’962,500
Reserve  der  Amortisationscasse  -  98’091,543
Vermischte  Einnahmen  .......  -  34’697,263
Rückzahlung  von  Eisenbahngesellschaften  auf  Staatsvorschüsse  etc.  -  8’654,792
Veräusserung  von  Staatswaldungen  -  15’000,000

Gesammteinnahme  Fr.  1,601’586,732

Ausgaben:

Ministerium  des  Staats  Fr.
-  der  Justiz
-  des  Auswärtigen
-  des  Innern
-  der  Finanzen

13’066,200
27719,770
lO’Ol  1,600
136’880,940
771798,900

Ministerium  des  Kriegs  339'861,842
-  der  Marine  u.  Colonien  123’655,599
-  des  öffentl.  Unterrichts  63758,936
-  des  Ackerbaus,  Handels
u.  der  öffentl.  Arbeiten  111’837,741

Zusammen  1,598’286,528
Obwohl  noch  inmitten  des  Krieges  aufgestellt,  wurden  doch  alle
Positionen  des  Budgets  nur  nach  den  gewöhnlichen  Verhältnissen  bemessen. ­
  Die  Kriegskosten  sollten  durch  ausserordentliche  Mittel  (Anlehen) ­
  gedeckt  werden.  —  Der  Militärstand  war  bei  obiger  Fixirung
des  Budgets  zu  378,911  M.  und  90,191  Pferde  angenommen.  —  lu
dem  Etat  des  „Staatsministeriums“  ist  der  Zuschuss  für  die  „Ehrenlegion“ ­
  mit  2’795,700  Fr.  (gegen  2’109,500  im  Vorjahre)  einbegriffen.
Der  grösste  1  heil  des  Aufwandes  für  die  Ehrenlegion  wird  übrigens
aus  den  derselben  zugewiesenen  Dotationen  bestritten,  indem  die
        <pb n="59" />
        FRANKREICH  —  Finanzen  (Biidgetpositionen),

43

Ehrenlegion  9708,750  Fr.  kostet.
(1er  Etat  des  h  inanzniinisterimns.

—  Einer  bes.  Erläuterung  bedarf
Derselbe  umfasst  folg.  Positionen:
1)  Staatsschuld  454’450  851
ul  Ausgaben  der  gesetzgebenden  Körper  .  -  38’173  462
.  )  Allgemeiner  Dienst  des  Ministeriums  20’599’819
)  Kosten  der  Erhebung  der  Staatseinkünfte,  Betriebskosten  ’
der  Staatsanstalten  etc  164’635  266
5)  Ruckzalilung  von  Vorschüssen,  Nichtwerthe  (Steuerausfälle),  '  ’
^  .  .  .  .  .  .
Der  Aufwand  des  Finanzministeriums  zeigte  gegen  das  Voriahr  eine
Vennobrung  von  45'418,348  Fr.,  —  die  erste  Folge  der  neuen  Anleihen.
  Man  bedurfte  nämlich  für  Verzinsung  blos  der  beiden
ersten  Kriegsanlehen  (von  250  und  von  500  Mill.)  35’620,080  und
b’tde^r^i  h^”  Nominalbetrags,  welcher  Nominalbetrag
““f  Ä  “fl  -  gHb  es  folgende
neue  Auflagen:  °
Î)  Erhöhung  der  Auflage  auf  Alcohol,  von  34  auf  50  Fr.  pr.  Hectol  •
91  ^ard  vom  Minister  geschätzt  auf  Fr’
•'■■ÜipSïlS
Gesammtsumme  des  gehofften  Ertrages

11’000,000

6’000,000
1’800,000

52’000,000

;  -  gcunuwn  x^rtrages  70’800,000
*

ipttlieih
1)  Domänen
2)  Directe  Steuern  .
3)  Indirecte  Auflagen

40%  Mill.
.
9^^  .

2,91  Proz.
30,69  -
66,40  -

1400  Mill.
        <pb n="60" />
        44

FRANKREICH  —  Finanzen  (Budgetpositionen).

unmittelbare  Vermögen  des  Staates  (aus  welchem  unmittelbaren  Vermögen ­
  vor  Allem  die  öffentlichen  Bedürfnisse  gedeckt  werden  sollten)
verschleudert  ward.  Der  Ertrag  erscheint  um  so  geringer,  wenn  man
die  Einziehung  der  vielen  Geistlichen-  und  Adclsgüter  während  der
Revolution  erwägt.  Während  der  ganzen  Neuzeit  verschleuderte  man
namentlich  Staatswaldungen.  Uebrigens  beträgt  der  Werth  der  Domänen, ­
  nach  einer  Schätzung  vom  Jahre  1856,  noch  immer  über  1293
Mill,  (1,293’!73,804  Fr.);  allein  cs  finden  eben  noch  alljährlich  neue
Veräusserungen  statt.
Was  die  dir  ec  ten  Steuern  anbelangt,  so  wurden  die  nach  der
Februarrevolution  neu  aufgelegten  45  Beischlagprozente  zur  Grundsteuer, ­
  im  Jahre  1853  um  17  Proz.  (so  viel  Beischlag-Centimen)  wieder
herabgesetzt,  was  für  die  Staatscasse  eine  Einnahmeminderung  von
26  Mill,  zur  Folge  hatte.
Ganz  enorm  finden  wir  die  indirectcn  Auflagen  emporgoschraubt.
  Besonders  lästig  ist  die  Getränkesteuer  (die  verhassten  ehemaligen ­
  droits  réunis)'^  äusserst  fiscalisch  das  Enregistrement.  So  müssen
bei  jedem  Imraobiliarverkaufe  volle  4  Proz.  vom  Preise  bezahlt  werden; ­
  dazu  kam  schon  unter  dem  alten  Napoleon  eine  besondere  „Kriegssteuer“ ­
  ,  wodurch  diese  Auflage  noch  um  0™  10  Proz.)  erhöht
wurde,  und  diesem  ersten  décinir  de  guerre  hat  man,  wie  schon  oben
erwähnt,#  1855  einen  zweiten  beigefügt,  die  A  ullage  also  bei  Immobiliarveräusserungen
  auf  4%^  Proz.,  bei  blosen  Mobiliarversteigerungen
auf  2Vio  Proz.  erhöht  u.  s.  f.  Erst  mit  Neujahr  1858  soll  wenigstens
die  zweite  Kriegssteuer  aufhören.  —  Die  in  Folge  der  Februarrevolution ­
  auf  10  Cent,  für  das  Kilogr.  (Doppelpfund)  herabgesetzte  Salzsteuer ­
  erträgt  dessen  ungeachtet  noch  35  Mill.
Ausgaben.  Ziehen  wir  von  der  Gesammtsumme  des  Budgets  die
blos  auf  dem  Papiere  durchlaufenden  Posten  (die  sog.  „Nichtwerthe“,
d.  h.  uneinbringbare  Steuern,  und  die  Reclmungsübortragungen,  mit  94
Mill.)  ab;  ferner  die  Kosten  der  Steuererhebung  (nach  der  ministeriellen
Angabe  über  164^2  Mill.),  so  verbleiben  als  Nettosumme  des  Gesammtstaatsbedarfs
  gegen  1340  Mill.  Hievon  verschlingen  nun:
Die  Staatsschuld,  sammt  Dotationen  u.  Finanzverwaltung  513  Mill.  =  38,28  %
Das  Militär  (Land-  und  Seemacht)  ....  dßS'/j  ■  =  34,59  -
Diese  beiden  unproductiven  Posten  allein  9760^  -  =  72,87  -
Und  dieses  ohne  die  Kriegskosten.
Der  Kaiser  bezieht  eine  Civilliste  von  25  Milk  Dazu  kommt
aber  noch  weiter  der  Genuss  äusserst  bedeutender  und  werthvollcr
Domänen;  und  überdies  erscheinen  viele  Ausgaben  in  den  Staatsrechnungen, ­
  welche  eigentlich  auf  den  Etat  der  Civilliste  gehörten.  In
Wirklichkeit  kostet  die  kaiserl.  Hofhaltung  den  Staat  wohl  mindestens
40  Milk  des  .Jahres.  (Dessen  ungeachtet  ist  die  Civilliste  mit  Schulden
belastet,  und  engl.  Blätter  vom  Mai  1856  geben  die  Grösse  dieser
Schulden  zu  mehr  als  2  Milk  Pf,  St,,  also  über  50  Milk  Fr.  an.)
Budget  für  1  85  7.  Obwohl  der  Friedensschluss  erfolgt,  ist
doch  das  neue  Budget  um  die  enorme  Summe  von  mehr  als  100  Milk
grösser,  als  das  laufende,  Ursprünglieh  mit  der  Ziffer  von  1695  Milk
        <pb n="61" />
        FRANKREICH  —  Finanzen  (Steigen  des  Staatsbedarfs).  45
abschliessend,  ward  es  vom  gesetzgeb.  Körper  selbst  auf  1,698’904,664
Fr.  erhöht  !  Der  Bedarf  für  die  Staatsschuld  ist  (in  Folge  des  Anlehens ­
  von  700  Mill.)  neuerdings  um  47  Mill,  gestiegen,  wovon  11  Mill,
für  Amortisation.  Die  während  des  zweijährigen  Krieges  aufgenommenen
drei  Anlohen  haben  sonach  das  franz.  Volk  mit  einer  dauernden  jährlichen ­
  Steuervermehrung  von  9:2  Yg  Mill.  Fr.  belastet.
Das  Steigen  des  Staatsbedarfs  unter  dem  Kaisertkume.  Die  Schlussziflfern
  des  Ausgabebudgets  sind  seit  dem  Aufhören  der  Republik
von  Jahr  zu  Jahr  folgendermaassen  gestiegen:
1853:  1487  Mill.  1856:  1598  Mill.
1854:  1517  -  1857:  1699  -
1855  :  1562  -
Der  Berichterstatter  über  das  Ausgabebudget  von  1856  im  gesetzgebenden ­
  Körper,  Baron  Paul  de  Richemont,  klagte  :  „Der  Staatsbedarf
ist  heute  noch  einmal  so  gross,  als  er  1815  war/«  Er  hätte  beifügen
können,  um  wie  viel  höher  sich  derselbe  beläuft  als  in  der  Zeit  der
Kriege  Napoleons  des  I.  gegen  das  ganze  übrige  Europa,  damals,  als
zudem  das  ganze  Reich  einen  weit  grössern  Gebietsumfang  besass
(siehe  S.  41).  —  Schon  in  der  ersten  Zeit  des  russ.  Krieges  klagte
Léon  Faucher  (Revue  dos  deux  Mondes,  v.  Sept.  1854)  ;  „Ein  Steigen
des  Ertrags  der  indirecten  Auflagen  um  110  Mill.,  eine  eben  so  unerwartete ­
  als  unerhörte  Einnahmenvennehrung  in  den  Jahren  1852  u.  53
genügten  nicht,  das  Gleichgewicht  wieder  herzustellen.  Das  Ersparniss
von  21  Mill.,  welches  sich  aus  der  Herabsetzung  des  Zinsfusses  von
5  auf  4V2  Proz.  ergeben  soll,  ist  durch  die  Ausdehnung  der  Dotationen ­
  annullirt“  (eigentlich  mehr  als  dieses),  „deren  Betrag  im  Budget
bereits  auf  37’383,114  Fr.  steigt“  (jetzt  um  1  Mill,  höher).  „Man  hat
die  ErMhung  der  Besoldungen  übertrieben  ..  .  Einzelne  Angestellte
erhalten  (namentl.  durch  Cumuliren  v.  Aemtern)  „bis  zu  300,000  Fr.“
Wir  finden  indess  hierin  nur  ungenügende,  schwache  Andeutungen,
die  sich  auf  blosse  Nebenpunkte  verlieren.  Das  System  im  Ganzen
ist  es,  was  ins  Auge  gefasst  werden  muss.
Schon  im  Jahre  1854  waren  nicht  blos  die  Staatsschulden  vermehrt, ­
  sondern  es  war  auch  das  Activvermögen  des  Staates  bedeutend
vermindert,  so  durch  den  Verkauf  der  Lyoner  Eisenbahn  um  150  Mill.
Staats-  und  Orleans’schen  Domänen  um  300
Ulli.  Bereits  im  Sept.  1854  schrieb  eine  diplomat.  Feder:  „Frankreichs
Verwaltung  hat  unter  der  Dynastie  v.  2.  Dez.  während  6  Jahren  2400
1  1.  also  jahrl.  400  Mill.  —  mehr  ausgegeben  als  eingenommen.“
Aus  dem  Berichte  des  Finanzministers  Über  die  Finanzlage  zu
Endo  dos  Jahros  185o  war  sodann  u.  a.  Folgondos  zu  entnehmen-An
  neuen  indReckn  Auflagen  wurden  in  dem  bezeichneten  Jahre
ausgeschrieben  JJ  Mill.;  die  alten  indirecten  Auflagen  gewährten
jenMchrertrag  von  70MÍ11;  die  directen  Steuern  liefeCtn:
Mehrertrag  von  4  Mill;  endlich  war  in  den  Waldungen  statt  für
21-800,000  Fr  in  Wirklichkeit  ftr  30  Mili.  Hok  gYlilt  wie"
Dessen  ungeachtet  betrug  das  Deficit  am  Ende  des  Jahres  fnach
ministeriellen  Angabe)  50  Milk  ^

der
        <pb n="62" />
        46  FRANKREICH  —  Finanzen  (Départemental-  und  Gemeindeausgaben).
Wenn  man  blos  die  verschiedenen  Jahresbudgets  betrachtet,  die
alle  mit  einem,  wenn  auch  geringen  Ueberschuss  abschliessen,  so  begreift ­
  man  diese  Gestaltung  nicht.  Hier  haben  wir  denn  auf  ein  altes
Grund  übel  in  der  franz.  Finanz  Verwaltung  hinzuweisen.  Es  liegt  in
ù.Qn  ^ßupplementarcrediten.^  Nach  Feststellung  des  Budgets  werden ­
  die  enormsten  Summen  als  „unvorgesehene  Ausgaben*^  durch
Ordonnanzen  angewiesen.  Schon  der  Berichterstatter  in  der  eheinal.
Deputirtenkammer  über  das  Budget  für  1848,  also  noch  unter  Ludwig
Philipp,  äusserte:  „Diese  Verfahrungsweise,  ira  Widerstreite  mit  allen
Finanzprincipien,  macht  die  Prüfung  des  Budgets  zur  Täuschung,  und
führt  nothwendig  zu  einer  Vermehrung  der  Ausgaben,  ohne  Vorsorge
für  deren  Deckung.“  —  In  dem  vorhin  erwähnten  Berichte  des  Finanzministers ­
  über  die  Finanzlage  zu  Ende  des  Jahres  1855  wird  angegeben, ­
  dass  die  Supplemcntarcredite  in  jenem  Jahre  120  Mill,  betrügen. ­
  Nach  dem  Berichte,  den  Lequin  im  Juni  1856  im  gesetzgebenden ­
  Körper  erstattete,  beliefen  sich  dieselben  aber:
1854  auf  .  .  .  Fr.  506’848,969  1
)856  ::L'au8gegeben  :  1400'747,283m2%Jahrcn.
1856  bereits  vorgesehen  -  5’853,057  )
Der  Krieg  hatte  davon  bereits  1,229’890,278  Fr.  verschlungen,
den  Rest  von  171  Mill,  hatte  die  Getreidetheueruug,  die  Industrieausstellung ­
  etc.  erheischt.
Départemental-  und  Gtmeindeausyaben.  Ungeachtet  der  Centralisation, ­
  zeigt  das  Staatsbudget  auch  in  anderer  Beziehung  keineswegs
den  vollen  Umfang  der  öffentlichen  Lasten.  Die  Departementalausgaben
  sind  nicht  vollständig,  die  Gemeindelasten  eigentlich  gar  nicht
darin  aufgenommen.  Von  den  Departementallasten  erscheinen  in  demselben ­
  nur  jene  Summen,  welche  durch  directe  Umlagen  erhoben  werden. ­
  Diese  directen  Umlagen  haben  sich  nun  allerdings  gewaltig  vermehrt. ­
  Ihr  Betrag  war:  1880:  58  Mill.,  1846:  114,  1851:  132,
1855:  140,  1856:  148%  Mill.  Dazu  aber  kommen  für  die  Gemeinden ­
  die  Octrois  (Accise),  im  Ganzen  geschätzt  auf  80  Mill.  Es
kommen  ferner  dazu  für  die  Departemente  und  für  die  Gemeinden
deren  specielle  Anlehen.  In  der  oben  erwähnten  Abhandlung  Léon
Fauchers  von  1854  wird  schlagend  bemerkt  :  „Von  210  Gesetzentwürfen, ­
  die  dem  gesetzgebenden  Körper  in  seiner  letzten  Session  vorgelegt ­
  wurden,  betrafen  190  Ermächtigungen  für  Departemente  und
Gemeinden  zur  Aufnahme  von  Anleihen,  zusammen  etwa  1000  Mill,
betragend.“  —  Diese  Gestaltung  der  Dinge  hat  auch  1855  und  56
ungeändert  fortgedauert;  auch  hier  eine  fast  nicht  endende  Reihe  von
Ermächtigungen  zur  Contrahirung  neuer  Schulden.

Die  Stadt  PdriS  allein  hat  ein  Budget  wie  ein  Königreich  —
aber  wie  eines,  das  sich  in  finanziellem  Verfalle  befindet.  Schon  1853
überstiegen  die  Einnahmen  55  Mill.  Man  nahm  überdies  ein  Anleihen
von  50  Mill,  auf,  da  das  Ausgabebudget  auf  90  Mill,  stieg  und  mancher ­
  Bedarf  nicht  weiter  vorgesehen  war.  So  stiegen  die  Kosten  für
die  locale  Polizei  unter  dem  Kaiserreiche  von  einer  Mill,  auf  fünf
        <pb n="63" />
        47

FRANKREICH  —  Finanzen  (Historische  Notizen),

Mill.  —  Vom  1.  Sept.  1853  bis  15.  März  1856  schoss  die  Stadt  den
Bäckern  51’501,611  Fr.  vor,  um  das  Brod  wohlfeiler  zu  liefern.  Nachdem ­
  die  Getreidepreise  herabgegangen,  soll  nun  der  Ausfall  allmälig
dadurch  gedeckt  werden,  dass  man  mehr  erhebt,  als  nach  den  Fruchtund
  Mehlpreiseii  geschehen  dürfte.  Auch  Ende  1855  musste  Paris
wieder  ein  Anlehen  von  60  Mill,  aufnehmen.
Historische  Notizen.  Die  Einzelnheiten  des  Finanzhaushaltes  voider ­
  ersten  Revolution  deuten  zugleich  mehrfach  die  damaligen  socialen ­
  und  sonstigen  Zustände  und  auch  mit  die  Veranlassungen  der
Revolution  an.  Wir  verweilen  desshalb  etwas  dabei.
Es  liegt  zunächst  eine  Notiz  aus  dem  Jahre  1740  über  den  franz.
Staatshaushalt  vor  uns.  Darin  sind  die  Hauptpositionen  :
1.  ^nigliohe  Tafel  Livres  7'300,000
2.  iiewaesptoisirs  (kleine  Vergnügungen,  Geschenke  etc.)  840,000,
und  présents  aux  maîtresses  (!)  800,000  zusammen  .
3.  Hofatall  \
4.  Königliche  Garderobe
5.  Unterhalt  der  königlichen  Gebäude  und  Gärten
6.  Dépenses  inconnues  (!)  (Polizei,  Diplomatie,  Verwaltung)  .
7.  Militär  38,400,000;  Marine  17’400,000  =  .  .  .  .
8.  Perceptionskosten  (so  weit  sie  nicht  schon  von  den  Einnahmen
abgezogen  waren)
9.  Staatsschuld:  ewige  Renten  28,125,000,  lebensläng].  Renten  (die
letzten  zu  12  Proz.  Zins!)  20’895,000  =  .  •  .
10.  Theater  (zu  Paris,  Versailles,  Lyon  etc.)  ....
11.  Espions  extra-ordinaires  .......
Zusammen  17(^550,000
Die  Einnahmen  reichten  zur  Deckung  des  Bedarfes  nicht  aus
und  es  mussten  20  Mill,  aufgenommen  werden,  für  welche  man,  nebst
dem  Versprechen  einer  Rückzahlung  in  3  Jahren,  den  wucherischen
Nachlass  von  30  Proz.  zugestand  !
Um  1762  wiesen  die  Stände  der  Normandie  nach,  dass  von  mehr
als  60  Mill.  Abgaben  nicht  17  in  den  königl.  Schatz  flössen.  —  Die
berüchtigte  Maitresse  Dubarry  soll  in  5  Jahren  180  Mill,  gekostet
haben.  Der  Generalgouverneur  der  Finanzen,  Abbé  Terrai,  zog  jährlich ­
  über  1'200,000  Liv.  Bei  der  Vermählung  des  Dauphin,  nachmals ­
  Ludwig  XVI.,  kostete  ein  einziges  Bouquet  an  einem  Feuerwerke ­
  96,000  Liv.
Im  Jalu-e  1781  waren,  zufolge  Neckers  Compte  rendu,  die  gewöhnlichen ­
  Einkünfte,  nach  Abzug  der  Hebkosten  und  aller  angewiesenen ­
  Posten  :  °

1’640,000
1’890,000
1’900,000
4’200,000
44’000,000
55800,000
3’200,000
49’020,000
200,000
1’400,000

1)  Tailles  (Kopfgeld)
2)  Vingtièmes  von  den  nichtständischen  Provinzen
3)  Bewilligung  der  ständischen  Provinzen,  statt  der  taille  .
4)  Vingtièmes  von  diesen  Provinzen
5)  Generalpacht  (darunter  Salz  54,  Tabakmonopol  24  Mül.)
6)  Ertrag  der  westindischen  Inseln  .
7)  General-Regie  (Accisen,  Stempel)  .  .
8)  Domänen
9)  Antheil  des  Königs  am  Ertrage  der  Domänen,  des  Generalpachte
  und  der  Regie
10)  Ertrag  der  Post

Liv.  104’590,000
-  44’000,000
-  14’492,000
-  10’000,000
-  126’000,000
4’100,000
-  42’000,000
-  42’000,000
1’200,000
-  11’200,000
        <pb n="64" />
        48

FRANKREICH

Liv.

Finanzen  (Historische  Notizen).

11)  Kopfgeld  der  Stadt  Paris
12)  Pulverregal  ....
13)  Diziëme  d’Amortissement
14)  Yon  Zünften  und  Innungen  .
15)  Münzregal  ....
16)  Kleine  Pachtungen  und  Fabriken
17)  Lotterien
18)  Forsten  ....
19)  Gratuit  der  Geistlichkeit
20)  Steuer  von  den  Maltesergütern
21)  Zufällige  Einkünfte

6’000,000
800,000
1  182,000
r  185,000
500,000
390,000
7’000,000
4'000,000
3’400,000
40,000
4'285,000

Liv.

,  Zusammen  Liv.  428'233,000
Ausgaben  :
Kosten  der  Regierung
Armee  und  Flotte
Zinsen  der  Schuld  und  Leibrenten
Schuldentilgung
Zusammen  Liv.  396  974,666
In  Wirklichkeit  gab  es  aber  keinen  Ueberschuss,  sondern  ein
tüchtiges  Deficit  in  Folge  sog.  „ausserordentlicher  Ausgaben“.  Allein

74’937,000
103’600,000
20  rill,000
17’326,6C6

welche  Missverhältnisse  schon  im  sog.  „ordentlichen“
Es  verschlangen  ;

Etat  !

Die  Armee  und  Flotte  über
Die  Staatsschuld

26  Proz.*
55  -

Beide  (unproductive)  Posten  81%  Proz.
Für  die  Verwaltung  blieben  IS'/j  !
Im  Jahre  1784  betrugen  nach  Necker  die  Einkünfte  brutto  GOO,
die  Ausgaben  610  Mill.  Liv.  (Indessen  war  das  Deficit  in  Wirklichkeit ­
  grösser.)  Darunter:

Zinsen  der  Schuld  .  .  207’000,000  Justiz  2’400,000
Armee  105’600,000  Hofkirchc  .....  1'600,000
Flotte  45’000,000  Schulen  600,000
Garden  (Maison  du  Roi)  13’000,000  Akademien  300,000
Für  den  Dauphin.  .  .  3’500,000  Hofbauamt  3’200,000
Für  die  Königin  .  .  .  4'000,000  Hofstaat  1'500,000
Für  die  Prinzen  .  .  .  8’300,000  Almosen  und  Guadengelder  1'800,000
Pensionen  etc.  .  .  .  28'000,000  Maréchaussée  (Gendarmerie)  4’000,000
Gesandtschaften  .  .  .  8’000,000  Wegbau  20’000,000

Ministerium  u.  Hofkanzlei  4’000,000  Prämien  für  den  Handel  etc.  800,000
Es  kosteten  also  darnach  :
Die  Staatsschuld  207  Mill.  =  fast  34  Proz.
Das  Kriegswesen  etc  167'/^  -  =  -  27%  -
Der  Hof  (ohne  die  Einkünfte  des  Königs)  24  =  4
Zusammen  SOS'/gMill.  %=  über  65  Proz.
Die  Einkünfte  der  Geistlichkeit  wurden  durchschnittl.  zu  1.30  Mill,
berechnet,  wovon  sie  höchstens  lOYg  Mill.  Abgaben  entrichtete.  Adel
und  Geistlichkeit  besassen  aber  gegen  V3  des  gosammten  Grundeigonthums. ­
  —  Wie  die  Verschwendung  auch  noch  unter  Ludwig  XVI.  fortdauerte ­
  ,  mögen  einige  Beispiele  zeigen.  Die  erste  Hofdame  der  Königin ­
  hatte  einen  Gehalt  von  12,000  Liv.,  ferner  die  Wachslichter  im
Schlosse,  sie  mochten  gebrannt  haben  oder  nicht;  dies  ertrug  50,000
Liv.  —  Eine  Prinzessin  d’IIenin  bezog  18,000  Liv.  Wittwengehalt;
        <pb n="65" />
        FRANKREICH  —  Finanzen  (Staatsschuld).
sie  war  aber  keine  Wittwe,  sondern  an  den  Prinzen  d’Henin  verlieirathet
der  wegen  eben  dieser  lloirath  10,000  Liv.  Pension  erhielt.  —  Eine
Mad,  Despremenil,  die  Maitresse  eines  Ministers,  bezog  eine  Pension
von  20,000  Liv.  —  Der  Cardinal  de  Lomedie  hatte  28—30  Pfründender
  Baron  Besenval  7  Gon  verneinen  ts,  und  der  Prinz  Soubise  bezog
1  /g  Mill.  Pension  !  —  Man  sieht,  dass  unter  Ludwig  dem  XVI.  nichts
geschah,  die  Revolution  abzuwenden  !
Die  Nationalversammlung  setzte  das  Budget  für  1791  auf
o82'700,000  Liv.  fest.  Während  der  Napoleonischen  Kriege  stieg  der
Staatsbedarf,  hielt  sich  aber  doch  meistens  zwischen  700  und  800  Mill
1813,  als  das  Kelch  seinen  grössten  Umfang  liatte  (130  Depart)  und
während  Krieg  gegen  beinahe  ganz  Europa  geführt  wurde,  wuchs  das
Budget  auf  1150  MdI,  an  (heute  fast  1700  Mill,).  Hievon  erheischtenioß’lnötrp
  Jioo  MdI.),  die  Staatsschuld
1  .  oÆ,  ^^  700^00,  Civillisteu.  Appanagen  28’300,000,
Justiz  29  MdI.,  Aeussores  26,  Inueies  59,  Fiuanzverwaltung  21,  Cultus
  17,.  Polizei  2  Mill.,  Manufakturen  und  Handel  7’810,000.
Unter  Ludwig  dem  XVIII.  (Restauration)  betrugen  die  Ausgaben
  meistens  gegen  900  Milk  (1818,  der  fremden  Truppen  und  der
/ah  ung  an  das  Ausland  wegen  14l5Ya  Milk).  Unter  Karl  dem  X.
wuchs  das  Budget  durchschnittlich  auf  eine  Milliarde  (1000  Mill)-unter
  Ludwig  Philipp  auf  anderthalb  Milliarden.  Das  letzte  Budget’
welches  die  Nationalversammlung  festsetzte,  für  1852,  schloss
mit  der  Ziffer  von  1447  Milk  Das  für  1857  steigt  auf  1699  Milk

Staatsschuld.

Consolidirte  Schuld.  Der
anfangs  1854  so  berechnet  :
Obligationen
94,767  Stück  Sprozentige
3,934  -  4
725,089  -  4%  -

Stand  der  consolidirten  Schuld  ward

822,790  Stück
Hiezu  kamen  während
zu  250,  2)  zu  500  und

Jahresrente  (Zins)
53719,120  Pr.
2’371,911  -
183’213,496  -

Capital
1,657’421,533  Fr.
59797,775  -
3,628918,052  -

5’335’637,360  Fr.
drei  Anleihen  :
Da  aber  die  Ausgabe

Krieges

238’303,527  Fr.
des  russischen
A  .  -  -  ^tilk  itucr  um  Ausgaoe
der  1  aprere  (.1  und  4Va  prozentige)  natürlich  nur  weit  unter  Pari  er-Schuldbetrag
  nicht  etwa  blos
um  1500,  sondern  um  2100  Millionen  vermehrt.  Damit  ist  die  Ge-Wn-ieh
  LdonFaulhor:  En^and  bekömmt  AM^n,CI
Corns  der  Conso  s  zum  Maasstabe  nimmt,  um  ungefähr  3%  Prozent
/ms.  Die  Ranz.  Regierung  dagegen  lieh  zu  nahezu  5  Proz  (zu  4  74
        <pb n="66" />
        50  FRANKREICH  —  Finanzen  (Geschichtliche  Notizen).
von  37  Proz.  bei  den  3proz.  Papieren.“  Bei  den  beiden  spätem  Anleben ­
  gestaltete  sich  das  Verliältniss  noch  schlimmer.
Schwebende  Schuld.  Ausser  der  consolidirten,  besteht  auch  noch
eine  schwebende  (nicht  fundirte)  Schuld.  Dieselbe  betrug  :
am  1.  März  18.51:  592  Mill.  im  Fcbr.  1855,  nach  dem  Minister  C92
-  1  April  1852  :  6.30  -  -  -  -  in  Wirklichkeit  1080
-  3l'  Dez.  1853:  760  -  (indem  180  Mill.  Sparkassengelder  u.  218  Mill.
Sch.atz.scheine  vom  Minister  nicht,  eingerechnet
■wurden)
und  dies,  obwohl  man  unterm  20.  .luli  1854  40  Mill.  Schatzscheine
in  consolidirte  Kenten  umgcwandelt  hatte.
Sonach  dürfte  die  Gesammtschuld  des  franz.  Staates  nicht  unter
8500  Millionen  anzunehmen  sein.

Geschichtliche  Notizen.  Die  Besprechung  der  Geschichte  der
franz.  Staatsschuld  führt  beinahe  mit  Nothwendigkeit  auf  die  Law’schen
Zeiten  zurück.  Damals  (24.  Febr.  1720)  ward  bei  Strafe  von  20,000
Liv.  Jedermann  verboten,  mehr  als  500  Liv.  in  baarem  Golde  aufzubewahren ­
  ;  alles  übrige  Geld  musste  in  Papier  (die  Law  sehen  Scheine)
umgcwechselt  worden.  Im  März  des  nämlichen  Jahres  erging  sogai
das  unbedingte  Verbot,  „gemünztes  Gold  oder  Silber  zu  besitzen  oder
auszugeben.“  Das  Volk  besass  schliesslich  G  Milliarden  in  Papiergeld,
als  der  Staatsbankerut  erfolgte.  Darauf  machte  man  neue  Schulden.
In  der  Revolutionszeit  hörte  jede  Verzinsung  der  früheren  Schuld
auf.  Von  1790—95  wurden  für  ungefähr  40  Milliarden  (40,000  Mill.)
Assignaten  ausgegebon,  von  denen  verhältnissmässig  nur  kleine
Beträge  (doch  einige  Milliarden)  eingelöst  wurden.  1796  gab  man
für  1800  Millionen  „Mandate“  aus.  Beide  Papierarten  wurden  bekanntlich ­
  bald  völlig  werthlos.
Unterdessen  verkaufte  man  von  1790—1801  für  2609  Millionen
Nationalgüter“;  noch  blieben  deren  für  700  Millionen  übrig.  Die
erzielten  Erlöse  standen  ausser  allem  Verliältniss  zum  Werthe.
1798  erfolgte  auch  eine  Liquidiriiug  der  alten  Schuld.  Sie  betrug,
nach  Beseitigung  aller  Ansprüche  von  Emigranten,  2800  Mill.,  und
ward  auf  Vs  herabgesetzt  {le  tiers  consolidée,  das  consolidirte  Drittel
genannt).  Der  Staat  gab  für  den  anerkannten  Betrag  Inscriptionen
in  „das  grosse  Buch“  in  5prozentigen  Renten,  zusammen  anfangs
46’302  000  Fr.  solcher  Renten,  ein  Capital  von  926’040,000  Fr.

repräsentirend.  _  ^
Beim  Sturze  Napoleons  betrugen  die  Schulden  727  603,000  Ir.
Ausser  den  sonst  unvermeidlichen  Opfern,  belastete  der  zweite  1  aiisei
Friede  den  franz.  Staat  mit  einer  Kriegscontribution  von  700  Mill,
an  die  Alliirtcn.  Ausserdem  erhoben  sich  aus  den  von  I  rankreich
losgetrennten  Provinzen  und  aus  den  sonst  von  den  franz.  Heeren
besetzt  gewesenen  Gebieten  die  mannichfachsten  Entschädigungs-Ansprüche
  aus  civilrechtlichen  Titeln,  die  man  1818  durch  neue  Inscription ­
  von  16’040,000  Fr.  Rente  (320’800,000  Fr.  Capital)  beseitigte. ­
  In  Folge  alles  Dessen  stieg  die  Gesammtschuld  auf  2  106  819,867
Fr.  Ueberdies  bezahlte  die  Staatscasse  Privatschulden  dos  Königs
        <pb n="67" />
        FRANKREICH  —  Militärwesen  (Landmaclit,  Bildung  des  Heeres).  51
im  Anmlande  mit  lY,  Mill.  Renten  (also  30  Mill.  Capital).  Hinwieder
'  '  1  •  ti  -,  dessen  Betrag  nach  der  Jnlirevolntion  nicht  dem  franz
Staate,  stmdern  den  Bourbonen  privatim  zurückbezahlt  ward.
ehemaligen  Emigranten  eine  Entschädigung
von  einer  Milliarde  aus  der  Staatscasse.  Bei  dieser  Gelegenheit  e^
ViU'i  \  y^'i-ung  der  3prozentigen  Rente  (unter  dem  Ministerium
pnshgeu  Bedmgungen,  „nd  im  Hinblick  auf  die  Unzweifelhaff  eintretende
  Reducirung  der  Unterzeichnungssummen,  lag  es  in  der  Natur
der  Dinge,  dass  die  „Speeulanten“  unendlich  grössere  Beträge  subscribirten,
  als  sie  aufzi,wenden  willens  oder  auch  mir  im  Stande  waren

Militilrwcseii.
Landmacht.
BSMMM
        <pb n="68" />
        52  FRANKREICH  —  Militärwesen  (Landmacht,  Bestand  des  Heeres).
durch  Stellvertreter  ersetzen.  In  neuerer  Zeit  besorgt  der  Staat  die
Stellvertretung.  Die  Gresainmtzahl  der  Stellvertreter  in  dei  Armee
betrug  1853:  93,462.  —  Freiwillige  Eintritte  in  das  Heer  erfolgen
jährlich  im  Durchschnitte  etwa  10,000;  bei  dem  kriegerischen  Geiste
der  Nation  steigt  in  Kriegsjahren  meistens  die  Zahl.  Zwar  blieb  sie
1853  auffallender  Weise  unter  dem  Mittel,  indem  sie  nur  8600  betrug;
  1854  stieg  sie  dagegen  auf  19,300.  —  Dienstzeit:  7  Jahre.
Nach  6  Jahren  werden  indess  die  Soldaten  meistens  entlassen,  und
sie  bilden  nun  mit  den  nicht  aufgebotenen  Conscribirten  die  Reserve.
—  Ausrüstung  und  Verpflegung  der  4nippen  sind  im  Ganzen  gut.
Die  Cavallerie  bildet  den  schwächsten  Teil  der  franz.  Heere.  —  Das
Avancement  steht  jedem  Soldaten  bis  zum  höchsten  Grade  offen.  Napoleon ­
  sucht  den  Wiedereintritt  gedienter  Soldaten  zu  befördern.  Verpflichten ­
  sich  solche  zu  einer  zweiten  Dienstcapitulation  (in  welchem
Palle  sie  als  Einsteher  verwendet  werden),  so  erhalten  sie  eine  Soldzulage ­
  von  10  Centimen  täglich  und  eine  sog.  Prämie  von  1000  Fr.
(wovon  700  erst  nach  beendigter  Dienstzeit).
Boständ.  Garde.  Infanterie:  2  Divisionen;  die  erste  bestehend  aus
1  Reg.  Gendarmerie  zu  2  Bat.,  1  Reg.  Zuavcn  zu  2  Bat.,  und  3  Reg.
Grenadieren  zu  4  Bat.  (zus.  16  Bat.)  ;  —  die  zweite  Division  ist  gebildet ­
  aus  4  Reg.  Voltigeuren  und  1  Bat.  Jäger  zu  Fuss.  —  Cavallerie:
1  Division  von  3  Brigaden,  nämlich:  1)  Reservebrigade,  2  Reg.  Cürassiere;
  2)  Linienbrigade,  1  Reg.  Dragoner  und  1  Reg.  Landers;
3)  leichte  Brigade,  1  Reg.  Jäger  und  1  Reg.  Gulden.  —  Artillerie:
2  Regimenter.  —  Gerne;  2  Comp,  und  1  Escadr.  Equipagen-Train.
—  Die  Gesammtstärke  der  Garde  dürfte  35—40,000  Mann  betragen.
Gewöhnliche  Truppen.  Infanterie:  100  Regimenter  Linieninfanterie, ­
  zu  3  Bat.  je  von  8  Comp.,  zus.  etwa  320,000  M.  ;  20  Bat.
Jäger,  zu  10  Comp.,  25,800  M.  ;  3  Reg.  Zuaven,  zu  3  Bat.,  9,300  M.  ;
3  Bat.  leichte  afrik.  Infanterie,  etwa  3,800  M.  ;  2  Fremdenregimenter,
wovon  1  Schweizer;  3  Bat.  eingeborn.  algier.  Tirailleurs,  12  Strafcom-—Cavallerie:
  12  Reg.  schwere,  näml.  :  2  Reg.  Carabiniers  und
10  Reg.  Cürassiere,  mit  13,308  Pferden;  20  Reg.  Liiiien-Cav.,  näml.;
12  Reg.  Dragoner,  mit  14,028,  und  8  Reg.  Landers,  mit  9,352  Pferd.  ;
24  Reg.  leichte  Cav.,  als:  12  Reg.  Jäger,  mit  14,748,  8  Reg.  Husaren,
mit  etwa  10,000,  und  4  Reg.  afrik.  Jäger,  mit  4,860  Pferden.  Ferner
3  Reg.  Spahis,  mit  3,674  Pferden.  (Die  Pferdezahl  nach  der  Formation ­
  vor  dem  Kriege;  1  Husarenregiment  soll  aufgehoben  werden;
vor  dem  Kriege  hatte  man  9  Husarenregimenter.)  —  Artillerie:  16  Reg.
Artillerie;  1  Reg.  Pontoniere,  12  Comp.  Ouvriers,  10  Schwadronen
Train,  Veteranen  etc.  Nach  dem  Bestände  beim  Ausbruche  des  letzten
Krieges  zusammen  58,972  Mann.  —  Genie:  3  Reg.  Genie,  zu  2  Bat.,
2  Comp.  Sapeurs,  zus.  8021  M.  Hiezu  die  Truppen  für  den  Verwaltungsdienst, ­
  das  Sanitätswesen  etc.  —  Sodann  die  Gendarmerie  von
25,572  M.  (wovon  19,354  Departemental-Gendarmerie  in  25  Legionen).
Die  Gesammtstärke  der  Armee  ward  am  1.  Jan.  1854  zu  570,000
M.  angegeben,  worunter  aber  82,000  Nichtcombattanten.  Diese  Iruppen
hatten  168  Feldbatterien  und  1008  Geschütze.  —  Nach  einem  Be-
        <pb n="69" />
        FRANKREICH  —  Militärwesen  (Festungen,  GescMchtl.  Notizen).  53
richte  des  Kriegsministers  betrug  der  Activstand  der  Armee  am  11.
Jan.  1855  an  Unterofficieren  und  Soldaten  507,432,  an  Officieren,
Gendarmerie,  Administrationsdienst  und  Kindern  47,857,  —  Gesammtstand
  555,289  Köpfe.  —  Nach  Anordnungen  vom  Juni  1856  werden
provisorisch  verabschiedet  :
Infanterie  65,640  Genie  2,883
Cavallerie  13,914  Train  3,561
Artülerie  9,062  ""  95,000^
Der  wirkliche  Activstand  dürfte  nicht  über  380,000  Mann  sein.
Die  Gceneralität  ist  so  bestimmt  :  6  Marschälle,  80  Divisionsgenerale ­
  in  Activität  oder  Disponibilität,  69  in  Keserve;  160  Brigadegenerale ­
  in  Activität  oder  Disponibilität,  172  in  Reserve;  zusammen
487  Generale.
Nationalgarde.  Eigentlich  sind  alle  Franzosen  vom  20.  60.
Jahre  dienstpflichtig.  1832  zählte  man
im  gewöhnlichen  Dienste  3781,000  Nationalgarden
in  der  Reserve  .  .  .  1’948,000
zusammen  5729,000
Die  jetzige  Regierung  liebt  aber  nicht  die  Nationalgarde,  und  so  ist  das
Institut  unter  ihr  so  sehr  herabgekommen,  dass  es  im  Allgemeinen  nur
noch  dem  Namen  nach,  nämlich  blos  in  einer  Anzahl  grösserer  Städte
und  zwar  aus  ausgesuchten  Anhängern  des  jetzigen  Regime  besteht,
und  militärisch  alle  Bedeutung  verloren  hat.
Festungen.  Kein  Land  der  Welt  besitzt  deren  so  viele  als
Frankreich,  Man  rechnet  119.  Darunter  7  ersten  Ranges:  Paris,  Lyon,
Strassburg,  Metz,  Lille,  Toulon,  Brest;  13  zweiten  Ranges:  Gravelines, ­
  Mezières,  Givet,  Charlemont,  Thionville,  Beifort,  Besançon,
Perpignan,  Bayonne,  Rochefort,  Cherbourg,  Valenciennes  und  Calais;
24  dritten  Ranges:  Vincennes,  Briançon,  Grenoble,  Antibes,  Mont
Louis,  Rhé,  Oleron,  Rochelle,  Belle  Isle,  l’Orient,  St.  Malo,  Havre,
Amiens,  Peronne,  Dünkirchen,  Cambray,  Douai,  Bitsch,  Arras,  Boulogne, ­
  St.  Omer,  Bastia  und  Ajaccio;  endlich  75  vierten  Ranges.
Die  Befestigung  von  Paris  kostete  über  200  Mill.  Franken.
Geschichtliche  Notizen.  Vor  der  ersten  franz.  Revolution,  nämlich ­
  im  Jahr  1783,  berechnete  man  die  Stärke  der  französ.  Armee

folgendermaascn  :
EfiTectiv  Enrollirt
Infanterie  .  .  95,000  170,000
Cavallerie  .  .  25,000  45,000
Artillerie  .  .  7,000  11,700
Landmiliz  .  .  —  70,000
Zusammen  127,000  300,000

Die  jetzige  Militärorganisation  ist  in  ihren  Grundzügen  eine
Schöpfung  der  Revolution.  Diese  ordnete  das  allgemeine  Aufgebot  an  ;
daraus  entstand  die  Conscription.  Als  Carnot  14  Armeen  organisirte,
brachte  er,  allerdings  nur  auf  1—2  Monate,  15  bis  16  hunderttausend
Mann  zu  den  Heeren.  Während  aber  Carnot  ein  waffengeübtes  Volks-
        <pb n="70" />
        54  FRANKREICH  —  Militärwesen  (Geschichtliche  Notizen).
thum  erstrebte,  bildete  Napoleon  die  durch  die  Revolution  erlangten
Kräfte  zu  einem  blossen  Militär  st  an  de  um.
Am  zahlreichsten  war  Napoleons  Heer  im  Jahr  1812.  Damals  umfasste ­
  es  ungefähr  743,000  Mann,  oder,  wenn  man  die  Cohorten  des
ersten  Heerbannes  (Nationalgarde)  und  die  (Jendannorie  abreclmot:

Hiezu  kamen  die  Truppen:  [062,000  Mann
des  Königreichs  Italien  40,000
Neapels  50,000  -
der  deutschen  Rheinbundsstaaten  120,000
Polens  (des  „Herzogthums  Warschau“)  50,000

zusammen  mehr  als  900,000  Mann
über  welche  der  Gewaltige  verfügte,  als  er  gleichzeitig  die  beiden
Kriege  gegen  Spanien  und  Russland  fülirte.  —  Zum  russ.  Feldzuge
allein  wurden  mindestens  400,000  M.  verwendet,  wovon  etwa  200,000
Franzosen,  die  übrigen  Italiener,  Rheinbundstruppen,  Polen  und  Schweizer. ­
  Ungerechnet  sind  bei  obiger  Zahl  die  llülfscorps  von  Preussen,
20,000,  und  von  Oesterreich,  30,000  M.  Da  sich  unter  der  angenommenen ­
  Zahl  von  200,000  „Franzosen“  sehr  viele  Angehörige  der
damals  mit  Frankreich  vereinigten  Gebiete  Belgiens,  Hollands,  Deutschlands ­
  und  Italiens  befanden,  so  ist  es  augenscheinlich,  dass  nur  die
kleinere  Hälfte  der  „grossen  Armee“  aus  wirklichen  Franzosen  bestand.
Die  Aushebungen  unter  der  ganzen  Regierung  Napoleons  I.  betrugen
nach  den  öffentlichen  Decreten  nahezu  drei  Millionen  Mann.  Davon ­
  kamen  aber  allein  auf  das  Jahr  1813  folgende  fast  unglaubliche
Summen,  laut  der  Senatus-Consulte  von  nachbemerkten  Tagen;
11,  Jan,  Senat.-Consult  (sogleich  nach  dem  russischen  Feldzuge)  wegen  Aushebung ­
  von  350,000  M.
3.  Apr.  ditto  (nach  der  Kriegserklärung  Preussens)  von  .  .  180,000  -
24.  Aug.  ditto  in  den  Süddepart.  (zur  Ergänzung  der  span.  Armee)  30,000  -
9.  Oct.  ditto  (nach  dem  Beitritte  Oesterreichs  zur  Allianz)  .  280,000  -
15.  Nov.  ditto  (nach  der  Leipziger  Niederlage)  .  .  .  300,000  -
Zusammen  in  einem  Jahre  1T40,000  M.
Nach  der  Restauration,  unter  den  ältern  Bourbonen,  ward  die
Armee  vernachlässigt.  So,  wie  unter  Napoleon  das  Militär,  waren  nun
Geistlichkeit  und  Adel  die  hervorragenden  Stände.  Die  Linientruppen,
ohnehin  der  Zahl  nach  sehr  reducirt,  sahen  sich  den  Garden,  besonders ­
  den  Schweizer-Garden,  nachgesetzt.  Allein  die  ausdrücklich  verheissene
  „Abschaffung  der  Conscription“  erfolgte  dennoch  nicht.  Zum
Umstürze  der  spanischen  Cortesvorfassung  (1823)  bedurfte  man  höchstens ­
  eines  Heeres  von  80,000  Mann;  zur  Expedition  nach  Morca
(1828)  etwa  18,000,  zur  Eroberung  Algiers  (1830)  ungefähr  34,000.
—  Die  Julirevolu'ion  bewirkte  Abschaffung  der  Garden.  Dagegen  verstärkte ­
  Ludwig  Philipp  die  Linienarmee  ansehnlich.  In  Algerien  befanden ­
  sich  zu  wiederholten  Malen  gegen  100,000  M.  Der  Gedanke,
nach  der  Februarrevolution  von  1848  die  stehende  Armee  durch  ein
Volksheer  zu  ersetzen,  ward  nie  verwirklicht.  —  Unter  Ludwig  Napoleon ­
  fanden  bedeutende  Vermehrungen  der  Armee  statt  ;  auch  ward
die  Garde  wieder  hergestellt.  Der  Krimfeldzug  kostete  übrigens  eine
enorme  Menschenmenge;  blos  121,119  M.  bestiegen  im  Sommer  185G
die  Schiffe  zur  Rückkehr  ;  der  Verlust  Frankreichs  in  dem  ganzen
        <pb n="71" />
        FRANKREICH  —  Militämesen  (Seemacht).  55

Kriege  übersteigt  wohl  ansehnlich  die  Zahl  von  100,000  Mann.  —
Der  Zustand  der  Finanzen  nothigt  eben  zur  Verminderung  der  Truppenmenge, ­
  doch  bleibt  die  neue  Jahreseinreihung  stärker,  als  sonst  in
Friedenszeit,  nämlich  100,000,  statt  80,000.

Seemacht.

Nach  einer  zu  Ende  April  1854  veröffentlichten  Ordre  (dem  letzten
uns  bekannten  dessfalls.  Actenstücke)  war  der  Bestand  der  Kriegsmarine  :

Segelschiffe
53  Linienschiffe  mit  Kanonen  5,096
(9  V.  120  Kan.,  14  v.  100,
19  V.  90,  11  V.  80—82  K.)
58  Fregatten  von  (40—60  K.)  3,955
39  Corvetten  868
101  Briggs,  Goeletten  n.  Cutters  1,066
39  Lastcorvetten  u.  Gabarren
(v.  18,500  Tonnengehalt)  788
290  Segelschiffe  mit  Kanonen  11,773

Dampfschiffe
7  Linienschiffe,
20  Dampffregatten,
30  Dampfcorvetten,
64  Avisoschiffe.
121  Dampfer  mit  32,350  Pferdekraft.
Die  grössten  sind  Schraubendampfer.

Die  Marine  Frankreichs  hat  sich  im  russ.  Kriege  bedeutender
gezeigt,  als  man  erwartet  hatte.  Dessen  ungeachtet  vermag  sie  es  noch
keineswegs,  mit  der  englischen  wirklich  zu  rivalisiren.  —  Die  Bemannung ­
  der  Kriegsmarine  erfolgt  grösstentheils  vermittelst  der  seit
1683  bestehenden  Marineconscription,  der  sämmtliche  Seeleute  bis  zum
50.  Altersjahr  unterliegen.  —  Zur  vollständigen  Bemannung  aller  oben
aufgezählten  Kriegsschiffe  wären  übrigens  gegen  96,000  M.  erforderlich. ­
  Wirklich  verwendet  waren  1855  gegen  60,000.  Die  Bemannung
beträgt  bei  den  verschiedenen  Schiffscategorien  :

Linienschiffe  .
Fregatten  .  .
Corvetten  .  .
Briggs  .  .  .
Leichte  Schiffe
Transportschiffe
Avisos  .  .

Segler
677—1087  Mann,
326—  513  -
110—  228  -
92—  113  -
61—  74  -
45—  154  -

Dampfer
500—600  Mann,
350—400
120—180  .

63—  80

Geschichtliche  Notiz.  Im  Jahre  1780  ward  die  franz.  Kriegsmarine ­
  so  angegeben;  Schiffe  erster  Ordnung  60,  zweiter  24,  leichte
182,  zusammen  266,  mit  13,300  Kanonen  und  78,000  Seeleuten.
Eine  Liste  von  1785  führt  auf:  Linienschiffe  72,  Fregatten  74,
Corvetten  28,  Gabarren  36,  Cutters  27,  Bombardiergallioten  19,  zusammen ­
  256.

Deber  die  franz.  Streitmacht  in  der  Schlacht  von  Trafalgar  siehe
„Grossbritanien,“  Seite  19.

Sociale,  Gewerbs-  und  Haiidelsrerltilltiiisse.
Allgemeine  Bemerkungen.  Die  Revolution  hat  sogleich  (4.  Aug.
1789  und  nächste  Zeit)  alle  Schranken  aufgehoben,  welche  die  freie
Bewegung  der  einzelnen  Staatsangehörigen  und  den  Verkehr  im  Innern
des  Landes  hinderten.  Es  bestehen  :  unbedingtes  Niederlassungsrecht,
        <pb n="72" />
        56  FRANKREICH  —  Socîale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisge.
Gewerbsfreihoit,  beliebige  Theilbarkeit  des  Grundeigentbums.  Da  auch
jeder  Unterschied  in  den  Recliten  der  verschiedenen  Provinzen  und
Gemeinden  fiel,  so  kann  sich  jeder  Franzose  nicht  nur  ohne  amtliche
Erlaubniss  verheirathen,  sondern  auch  auf  dem  ganzen  Gebiete  des
Staates  niederlassen  wo  er  will,  und  ebenso  ohne  irgend  eine  besondere ­
  Abgabe  von  seinem  Ileimathorto  nach  jeder  andern  Gemeinde
tiborsiedeln  und  dort  ohne  Kosten,  blos  zufolge  seiner  Declaration,
das  Ortsbürgerrecht  erwerben.  —  Es  ist  zur  Genüge  bekannt,  dass
die  franz.  Industrie  unter  der  Herrschaft  der  Gew  erb  sfr  ei  heit  einen
ausgezeichnet  hohen  Grad  der  Ausbildung  erlangt  hat.  Der  vielverbreiteten ­
  Ansicht  entgegen,  dass  die  Gewerbsfreiheit  zwar  wohlfeilere
aber  auch  schlechtere  Waaren  erzeuge,  die  Gewerbtreibenden  in  einen
Zustand  des  Elendes  und  des  Verkommens  bringe  und  den  Fortschritt
im  Gewerbswesen  hemme,  zeichnen  sich  die  franz.  Indiistrieerzeugnisse
durch  die  elegantesten  Formen  aus,  die  an  Solidität  der  Arbeit  denen
anderer  Länder  im  Ganzen  keineswegs  nach  stehen,  wofür  aber  auch
Preise  bezahlt  werden  müssen,  welche  keineswegs  immer  geringer  sind
als  in  dem  noch  mit  Zunftzwang  ansgestatteten  Auslande,  so  dass  der
Gewerbsmann  in  Frankreich,  ungeachtet  der  Gewerbsfreiheit,  im  Ganzen ­
  eines  bessern  Lohnes  sich  erfreut,  als  z.  B.  in  Deutschland.  Und
wenn  es  richtig  ist,  dass  viele  der  vorzüglichsten  Arbeiter  in  Frankreich ­
  (Meister  und  Gehülfen)  Deutsche  sind,  so  spricht  dieser  Umstand
gerade  für  die  franz.  Einrichtung,  unter  der  jene  geschickten  Gewerbsleute
  ihre  Kunst  und  ihren  Fleiss  mit  besserm  Erfolge  zur  Geltung
bringen  können,  als  unter  den  beengenden  Zunftverhältnissen  ihrer
eigenen  Heimath.  Die  Consumenten  gewinnen  ohnehin  allgemein  bei
der  freien  Concurrenz.
Da  das  Prinzip  der  freien  Bewegung  in  allen  Zweigen  des  industriellen ­
  Lebens  gleich  consequent  durchgeführt,  sonach  nicht,  wie
in  manchen  andern  Ländern  (England  etc.  ausgenommen),  in  der  einen
Richtung  einige  Freiheit  nach  bureaucratischem  Ermessen  gestattet,  in
anderer  unbedingt  versagt  ist  (wodurch  ein  Theil  der  Bevölkenmg
diesem  oder  jenem  Ernährungszweige  in  unnatürlicher  Weise  zugetrieben ­
  wird),  so  sehen  wir  im  Allgemeinen  in  dieser  Beziehung  eine
gesunde,  naturgemässe  Entwicklung.  Dabei  tritt  uns  auch  die  sehr
beachtenswerthe  Erscheinung  entgegen,  dass,  während  man  in  Ländern
mit  dem  Principe  der  Beschränkung  von  Ansässigmachung,  Verehelichung ­
  und  Gewerbsbetrieb,  ungemein  klagt  über  Uebervölkerung,
Uebersetztsein  der  Handwerke  u.  dgl.,  —  gerade  in  Frankreich,  bei
völliger  Unbeschränktheit,  die  Zunahme  der  Bevölkerung  geringer
war,  als  in  irgend  einem  andern  grösseren  Staate.  (Von  1821  —  51
betrug  die  Bevölkerungszunahme  im  Durehschnitte  jährlich  :
in  Frankreich  0,582  Proz.  in  Oesterreich  etwa  0,8  Proz.
-  England  1,(Î4G  -  -  Russland  -  0,0  -
-  Preussen  1,503
Dies  würde  Verdoppelung  der  Volkszahl  erwarten  lassen  :  für  England ­
  (ohne  Irland)  in  60%  Jahren,  Preussen  in  66%,  Frankreich
I7IV5.  Boden  rechnet  für  Preussen  Verdoppelung  in  62,  Grossbri-
        <pb n="73" />
        FRANKREICH  —  Sociale,  Gewerbe-  und  Handelsverbältmese.

57

tanien  [mit  Irland]  in  90,  Russland  in  102,  Oesterreich  in  II6V4,
Frankreich  in  250%  Jahren.  Indessen  sind  solche  Vorausberechnungen
vollständig  unhaltbar,  weil  die  Verhältnisse  sich  nicht  gleich  bleiben.)
Die  unbedingte  Theilbarkeit  des  Grundeigenthums  hat
keineswegs  zu  einer  Verschlimmerung  der  Agriculturverhältnisse,  sondern ­
  zu  deren  Verbesserung  mächtig  beigetragen.  Seit  ihrem  Bestehen
hat  sich  der  Feldbau  entschieden  gehoben;  und  gerade  diejenigen
Departemente,  in  denen  die  Gütertheilbarkeit  am  meisten  durchgeführt
ist,  sind  die  bestangebauten  im  ganzen  Lande.  (Man  vergleiche  die
agricole  Production  in  den  viel  parcellirten  Seine-,  Rhein-  und  Norddepartementen,
  mit  der  in  den  wenig  getheilten  Gegenden  im  Westen
und  Süden!)
Die  Gesammtresultate  würden  übrigens  ungleich  grösser  sein,
wenn  nicht  manche  andere  Verhältnisse  hemmend  einwirkten.  Obwohl
nämlich  das  Princip  freier  Bewegung  in  derartigen  Dingen  feststeht,
wurden  doch  wieder  Modificationen  und  Beschränkungen  im  Einzelnen
eingeführt.  So  ist  der  Betrieb  der  Buchdruckerei  und  des  Buchhandels ­
  aus  ifolitischen,  jener  der  Apotheken  aus  sanitätspolizeilichen  Rücksichten ­
  nicht  freigegeben.  Ebenso  findet  sich  die  Gütertheilbarkeit  wenigstens ­
  in  Einzelnfällen  durch  die  (von  Napoleon  I.  wieder  eingeführten)  Majorate ­
  beschränkt,  hie  und  da  aber  überdies  noch  durch  das  Herkommen ­
  (z.  B.  in  manchen  Gegenden  des  Westens  und  Südens,  die  sich
aber  auch  gerade  durch  geringe  Production  unvortheilhaft  auszeichnen).
Es  gibt  überdies  Beschränkungen  aus  fiscalischen  Gründen;  so  ist
namentlich  der  Tabaksbau  nicht  jedem  Landwirthe,  ja  er  ist  nicht
einmal  in  jedem  Departemente  gestattet,  damit  der  Ertrag  des  Tabakmonopols ­
  nicht  geschädigt  werde.  —  Im  krassen  Contraste  zu  der
Gewerbsfreiheit  im  Innern  ist  das  starre  Schutzzollsystem  gegen  Aussen
aufrecht  erhalten.  Zwar  hat  sich  die  jetzige  Regierung  in  Einzelnfällen ­
  von  demselben  entfernt,  allein  sie  wagt  es  nicht,  ihm  principiell
  entgegen  zu  treten.  —  Der  eigentliche  Fluch  des  Landes
ist  aber  das  Zuviel  regiertwerden,  —  das  Beamtenunwesen,  die
Vernichtung  jedes  Self-Government,  die  maasslose  Centralisation.  —
Fast  alle  Verhältnisse,  welche  weiter  gehen  als  freie  Ansässigmachung
etc.,  sind  unter  bureaucratischer  Controle  gehalten.  Die  Gemeinde  ist
nicht  eine  naturgemässe  Vereinigung  der  neben  und  beieinander  Wohnenden ­
  zur  Erstrebung  der  Allen  gemeinsam  dienenden  Zwecke,  sondoin
  die  Commune  ist  wesentlich  blos  ein  Staatsinstitut,  vor  Allem
bestimmt  zur  leichtern  Durchführung  der  von  oben  herab  gelangenden
Befehle.  Darum  entbehren  auch  die  Gemeinden  des  so  natürlichen
Rechtes,  ihren  Ortsvorstand  (Maire)  selbst  zu  wählen:  er  ist  kaiserlieber
  Beamter  und  wird  vom  Kaiser,  in  den  kleinen  Orten  wenigstens
von  dessen  Delcgirtcm,  dem  Präfecten  ernannt.  Kein  Beschluss  des
Gomeindoraths  darf  vollzogen  worden  ohne  vorgängige  Genehmigung
des  Kaisers  oder  des  Präfecten  !  —  Es  scheint  ims,  cs  habe  dio^oZ
Wohnung  des  Volkes  daran,  dass  Alles  von  oben  herab  geschehen
könne  und  geschehen  müsse,  am  meisten  beigetragen,  dem  auf  der
nämlichen  Voraussetzung  berulienden  Communismus  in  Frankreich
        <pb n="74" />
        58  FRANKREICH  —  Sociale,  Gewerbe-  und  Handeleverbältnisee.
das  Feld  vorzubereiten.  —  Wir  reden  hier  nicht  weiter  von  der,  namentlich ­
  unter  der  Regierung  Ludwig  Philipps  vielfach  sogar  offenkundig ­
  gewordenen  Corruption  von  Beamten  (sowohl  aus  der  Classe
der  schlecht  besoldeten  niedern,  als  auch  der  übermässig  besoldeten
höheren,)  —  die  Erinnerung  an  die  Namen  Testo-Cubiores  möge  genügen.
Nächst  der  Bureaucratie  erweist  sich  der  übermässige  Einfluss
des  CI  er  US  als  ein  Unheil:  —  dieses  Clerus,  der  namentlich  die
Volksbildung  hemmt,  statt  sie  zu  fördern.  Es  scheint  uns  beachtenswerth,
  dass  in  der  so  sehr  ausführlichen  neuen  Statistique  de  la  France
keine  Notizen  über  den  Stand  des  Volksschulwesens  gegeben  sind.
Thatsache  ist  es,  dass  noch  eine  ganze  Menge  von  Gemeinden  sich
völlig  ohne  Schulanstalten  befindet,
Endlicli  ist  hier  der  drückenden  Grösse  der  öffentlichen  Lasten
zu  gedenken,  sowohl  der  hohen  directen  Steuern,  als  der  gehässigen,
und  zu  den  mannichfachsten  Betrügereien  führenden  indirecten  Auflagen, ­
  Zwar  ist  die  Summe  der  öffentlichen  Ausgaben  in  Grossbritanien
  verhältnissmässig  noch  bedeutend  grösser,  als  in  Frankreich  ;
allein  in  Wirklichkeit  gestaltet  sich  das  Verhältniss  dennoch  entgegengesetzt, ­
  zumal  aus  zwei  Gründen:  1)  weil  in  England  der  Geldwerth  an
sich  ein  geringerer  ist,  und  2)  weil  in  Frankreich  zu  den  Geldabgaben
noch  die  enorme  Last  der  Conscription  kommt,  in  Folge  welcher  der
junge  Mann  nicht  etwa  blos  wider  seinen  Willen  zum  Militärdienste
gezwungen  wird,  sondern  überdies  auch  in  diesem  gezwungenen  Dienste
nicht  einmal  denjenigen  Geldlohn  erhält,  den  er  sich  durch  freie  Arbeit
erwerben  würde.  Während  in  England,  bei  dem  Werbsysteme,  der
Lohn  des  Soldaten  naturgemäss  durch  freie  Uebereinkunft  beider  Theile
sich  bestimmt  (der  Staat  muss  so  und  so  viel  bezahlen,  sonst  lässt  sich
die  gewünschte  Mannschaftszahl  nicht  anwerben),  setzt  in  Frankreich
(und  allerdings  gerade  so  in  den  meisten  andern  Ländern  des  Continents) ­
  der  Staat  einseitig  einen  Sold  fest,  der  für  jeden  einzelnen
Mann  alljährlich  mindestens  um  200  Fr.  geringer  ist,  als  der  freie
Verdienst  desselben  sein  würde.  (Siehe  Willi.  Schulz-Bodmers
„Militärpolitik“.  Der  verstorbene  franz.  Abgeordnete  Desjobert  berechnete ­
  den  Verlust  jedes  Soldaten  in  dieser  Beziehung,  während  der
7jährigen  Dienstzeit,  sogar  auf  2000  Frkn.)
Taglohn.  Der  'l'aglohn  dürfte  in  Frankreich  durchschnittlich  zu
1  Ya  Fr.  anzunehmen  sein.  Für  männliche  Landarbeiter  berechnete
de  Gerando  denselben  im  Jahre  1839  auf  70  Cent,  bis  1  Fr.  70  Cent,,
für  Frauen  auf  30—GO,  für  Kinder  von  11—15  Jahren  auf  20  Cent.
—  In  Folge  der  seitdem  ansehnlich  gestiegenen  Lcbensmittelpreise  und
der  Vermehrung  der  Auflagen  sind  die  Beträge  im  Ganzen  nicht  unbedeutend ­
  gestiegen.
Der  Lohn  der  Arbeiter  (Ouvriers)  zu  Paris  schwankt  zwischen
75  Cent,  und  20  Franken.  Die  Mehrzahl  erhält  zwischen  3Va  und
5  Ir.  (Siehe  den  Bericht  Horace  Say’s  auf  dem  statist.  Congresse  zu
Brüssel,  Sept.  1853,  —  Comte  rendu  des  travaux  du  Conr/res  général
de  Statistique,  p.  79.)
        <pb n="75" />
        FRANKREICH  —  Handelsübersicht.

59

Beschäftigung  der  Einwohner  (Auftiaiimo  von  1851).
Landleute  ...........
I  Kleine  -  .......
Freie  Künste  etc.  (Professions  libérales,  worunter  auch  Aerzte,
Advokaten  etc.)  .........
Dienstboten  ..........
Frauen  und  Kinder,  die  von  ihren  Männern  oder  Verwandten  unterhalten ­
  wurden,  und  verschiedene  Beschäftigungen  (Beamte  etc.)
Total  35783,170
Handelstibersieht.  Zur  nähern  Erläuterung  nachstehender  Uebersichten
  haben  wir  vorgängig  folgendes  zu  bemerken  :  Die  Berechnung
des  Werthes  der  in  den  Handel  kommenden  Waaren  geschieht  nach
einem  schon  im  Jahre  1827  aufgestellten  amtlichen  Tarife  (der  „officielle ­
  Werth“).  Seit  1827  haben  sich  indess  die  wirklichen  Preise
beinahe  sämmtlicli  verändert  (meist  erhöht)  und  so  entsteht  eine  zweite
Berechnungsweise  (der  „wirkliche  Werth“).
Der  Handel  wird  getheilt  in  den  „allgemeinen“  und  den  „Specialhandel“. ­
  Der  erste  begreift  Alles,  auch  die  blosse  Durchfuhr,  in  sich;
der  letzte  hingegen  blos  diejenigen  Gegenstände,  welche  in  Frankreich
selbst  zum  Verbrauche  kommen  oder  als  franz.  Producto  verarbeitet,
ausgeführt  werden.  Natürlich  hat  der  letzte  die  grösste  Wichtigkeit.
Nachstehend  eine  Uebersicht  des  allgemeinen  Handels  Frankreichs
mit  seinen  Colonien  und  dem  Auslande  während  der  letzten  15  Jahre,
von  denen  Abschlüsse  vorliegen,  nach  den  „officiellen  Werthen“  in
Millionen  Franken  berechnet  :

14’318,476
1’331,260
4713,026
2’267,690
906,666
12’245,782

1.  Periode.

2.  Periode.

Jahr  Einfuhr  Ausfuhr  Total  Jahr  Einfuhr  Ausfuhr  Total
1840  :  1052  1011  2063  1845  :  1240  1187  2427

1841;  1121  1066  2187  1846
1842:  1142  940  2082  1847
1843:  1187  992  2179  1848
1844:  1193  1147  2340  1849

1257  1180  2437
1343  1271  2614
862  1153  2015
1142  1423  2565

3.  Periode.
Jahr  Einfuhr  Ausfuhr  Total
1850:  1174  1531  2705
1851:  1158  1629  2787
1852  :  1438  1682  3120
1853:  1632  1861  3493
1854;  1709  1788  3497

Total  5695  5156  10851  5844  6214  12058  7111  8481  15602
Die  Zunahme  in  der  zweiten  Periode  gegen  die  erste  beträgt
11  Vo)  i*i  der  dritten  gegen  die  erste  44,  gegen  die  zweite  29  o/q.
In  die  zweite  Periode  fiel  übrigens  nicht  blos  die  Februarrevolution  von
1848,  sondern  auch  die,  dieser  vorangegangene  industrielle  Crise.  —
Die  Zunahme  im  Kriegsjahre  1854  beruht  wesentlich  auf  einer  Täuschung. ­
  Die  Summe  würde  bedeutend  herabgegangen  sein,  wenn  nicht
der  Krieg  so  ausserordentlich  viele  Bedürfnisse  erzeugt  hätte.  Der
„wirkliche  Werth“  betrug  übrigens  1854:  3758  Mill.  Frkn.  (statt  des
„officicllen  Werthes“  von  3497  Mill.)  Im  Jahr  1854  war  der
officielle  Werth  wirkliche  Werth
Einfuhr  zur  See  .  .  1041  Mill.
zu  Lande  .  .  668
Ausfuhr  zur  See  .  .  1421
zu  Lande  .  .  366
Der  Seeverkehr  ward  nicht  zur  Hälfte  durch  franz.  Schiffe  vermittelt; ­
  Ein-  und  Ausfuhr  zur  See  zusammen  genommen,  beförderten

1110  Mill.
706  -
1552  -
400
        <pb n="76" />
        60

FRANKREICH  —  HandelsverhältniBse.

die  französischen  Schiffe  nur  41  Proz.,  die  fremden  Fahrzeuge  59  %
(im  Vorjahre  1853  kamen  auf  die  iranz.  Marine  doch  noch  44  Proz.,
und  der  Seeverkehr  war  etwas  stärker  als  1854).
Im  Jahre  1853,  dem  letzten  Friedensjahre,  kamen  auf  den
„Specialhandel“  (nach  dem  wirklichen  Worthe)  2788  Mill.  Fr.,  nämlich ­
  1196  Mill.  Ein-  und  1542  Mill.  Ausfuhr.  Am  ansehnlichsten
war  der  Verkehr  mit  folgenden  Ländern  ;

Länder  Einfuhr  aus  Ausfuhr  nach
England  .  .  106  Mill.  426  Mill,
Verein.  Staaten  1,30  -  275  -
Belgien  .  .  160  -  141  -
Sardinien  .  .  106  -  74  -
Zollverein  .  .  70  -  49  -

Länder  Einfuhr  aus  Ausfuhr  nach
Spanien  .  .  42  Mill.  66  Mill.
Schweiz  .  .  43  -  58  -
Russland  .  .  67  -  16  -
Türkei  ...  58  -  21  -
Brasilien  .  .  16  -  34  -

Der  Verkehr  mit  Russland,  an  sich  schon  gering,  würde  noch
unbedeutender  gewesen  sein  ohne  die  ansehnliche  Getreideeinfuhr  aus
diesem  Lande  in  I  olge  des  Misswachses  in  Frankreich.
Im  Jahre  1854,  in  welchem  natürlich  aller  directe  Handel  mit
Russland  aufhörte,  dagegen  der  nach  der  Türkei  gesteigert  ward,  umfasste ­
  der  fepecialhandel  mit  folgenden  10  Ländern  75  Proc.  des  Gesammtspecialverkehrs
  ;  (8  Proc.  kamen  auf  die  auswärtigen  Besitzungen,
und  hievon  die  Hälfte  auf  Algerien)  in  Millionen  Franken  :

Länder
England  .
Vereinigte  Staaten
Belgien  .
Sardinien
Spanien  .
Zollverein
Schweiz  .
Türkei
Englisch  Ostindien
Brasilien  .

Offlcleller  Werth
Einfuhr  Ausfuhr
133  279
193  182
133  124
104  52
51  68
57  48
35  51
41  26
53  5
15  32

Wirklicher  Werth
Einfuhr  Ausfuhr
149  356
166  217
168  143
103  62
65  61
76  54
40  58
47  28
48  6
18  31

Das  Gewicht  der  Waaren  im  allgemeinen  Handel  betrug  1854  :
13’721,981  metr.  (also  Doppel-)  Cntr.  —  Der  Transit  betrug  732,525
metr.  Cntr.  oder,  nach  dem  wirklichen  Werthe,  377  Mill.  Fr.,  wovon
fast  179  Mill.  Fr.  allein  auf  die  Schweiz  kommen.
Bei  der  Thinfulir  waren  die  wichtigsten  Artikel  (nach  den  wirklichen ­
  Werthen  berechnet):  Getreide  für  171  Milk,  Seide,  133,  Baumwolle ­
  110,  Steinkohlen  66,  Zucker  (aus  den  Colonien)  59,  Wolle  49,
rohe  Häute  40,  Vieh  39,  Kupfer  30,  Kaffee  29,  Reis  26  Mill.
Bei  der  Ausfuhr:  Seidengewebe  für  311  Mill.,  Wein  191,  Wollengewebe ­
  133,  Kunstsschreinerarbeiten,  Spielzeuge  72,  Baumwollengewebe ­
  59,  verarbeitete  Häute  53,  Metallarbeiten  52,  Branntweine
48,  Kleidungsgegenstände  34,  Papier  und  Papeterien  30,  gegerbte
Häute  und  Maroquin  27,  Töpferwaaren,  Porcellan,  Gläser  20.
Line  neuere  amtliche  Berechnung  des  äussern  Verkehrs  ergibt  :
Einfuhr  Ausfuhr  Einfuhr  Ausfuhr
1851:  1954  Mill.  2028  Mill.  1854:  1709,2  Mill.  1787,9  Mill.
1853:  1631,1  -  1861,3  -  1855:  1950,4  -  2027,8  -
        <pb n="77" />
        FRANKREICH  —  Handelsverhältnisse  (Eisenbahnen,  Telegraphen  etc.)  61
Zur  Consumtion  verblieben  von  den  eingeführten  Waaren-  1854
2419,  1855:  2810  Mill.
Eisenbdhnen.  Frankreich,  das  in  Erbauung  von  Eisenbahnen
längere  Zeit  zurückgeblieben  war,  machte  in  neuerer  Zeit  grosse  Anstrengungen, ­
  das  Versäumte  nachzuholen.
Nach  der  ofiiciellen  Zusammenstellung  in  der  Statistique  de  la
France  waren  am  1.  Januar  1854  im  Ganzen  concedirt  88G0  Kilom.
(fast  1200  deutsche  Meilen),  davon  aber  erst  4240  Kilom.  (573  deutsche
Mellen)  im  Betriebe.  Indessen  befanden  sich  doch  nur  noch  16  Departemente
  ganz  ohne  Schienenwege,  welche  Departemente  etwas  über
Vs  des  Gebietes  von  Frankreich,  aber  nur  eine  Bevölkerung  von
5’3  75,000  Menschen  umfassten.
Aus  nichtofficiellen  Notizen  liefern  wir  zur  Vergleichung  folgende
Zusammenstellung,  obwohl  die  Ziffern  einiger  Berichtigung  bedürfen
mögen,  wie  sie  auch  von  den  officiellen  Angaben  etwas  abweichen.
Periode  Länge  der  Bahnen  Jahreseinnahme  pr.  Kilom.
31.  Dez.  1853:  4077  Kilom.  165’928,586  Fr.  41,712  Fr.
31.  Dez.  1854:  4649  -  198’042,O41  -  45,663  -
31.  Dez.  1855  :  5539  -  269’258,810  -  53,340  -
30.  März  1856  :  5609  -  *)
*)  758  deutsche  Meilen.
Tclêgrdphon.  Am  l.  Jan.  1855  waren  9244  Kilom.  hergestellt;
Mitte  1856  sollen  es  gegen  11,000  Kil.  (fast  1500  d.  Meil.)  sein.
1854  war  die  Einnahme  1  Mill,  (die  Kosten  waren  2’700,000),  1855
Einnahme  2’600,000.  Für  1856  sind  die  Einnahmen  zu  5  Mill.,  die
Kosten  zu  3’260,000  veranschlagt.
Post.  Briefe  1848:  122’140,000;  1855:  233'5l  7,000.
fflddsse,  Gewicht,  Münze.  Das  ganze  Maass-  und  Gewichtsystem
ist  auf  ein  Naturraaass  (Meridianmessung)  begründet.  Die  Eintheilung
geschieht  durchaus  nach  dem  Deciinalsysteme,  und  zwar  so,  dass  bei
der  Steigerung  über  die  Einheit  griechische  Benennung  stattfindet
(Deka,  Hekto,  Kilo),  bei  einem  Herabgehen  unter  diese  Einheit  aber
lateinische  Bezeichnung  (Deci,  Centi,  Milli).
Geld.  Einheit:  der  Franc  ==  100  Centimen;  51,9444  Fr.  auf  die  Köln.
Mark  fein  Silber.  Darnach  1  Gulden  im  24'/:  ü.  Fuss  —  2  Fr.  12,02  Cent.,
der  preuss.  Thlr.  ■=  3  Fr.  69,035  Cent.  In  Süddeutschland  wird  der  Frank
meist  blos  zu  28  Krzr.  angenommen,  wonach  der  5  Fr.-Thlr.  =  2%  fl.  oder
l'/a  Thlr.  preuss.  Der  wirkliche  Werth  ist:  2  fl.  21  Kreuzer,  (1  Frank
õfõili  Krzr.)  Indessen  wird  in  neuerer  Zeit  die  Goldwährung  die  herrschende,
wobei  nach  dem  frühem  Werthe  des  Goldes  dasselbe  im  Verhältnisse  von  1  zu
15'/%  (also  für  jetzt  zu  hoch)  angenommen  ist).  —  Längemnaa&amp;amp;s  :  Der  Meter.
100  Meter  sind  =  149,94  Berliner  oder  128,34  Wiener  Ellen,  109,32  engl.  Yards
140,55  russ.  Arschinen;  oder  328,12  engl.,  318,62  rhein.  oder  preuss.,  342  63
baier.  oder  330  Schweiz,  oder  badische  Fuss.  —  Die  Elle  =  60  Centimeter.’—
Die  franz.  Quadratlieue  ist  0,36  der  deutschen.  —  Die  deutsche  Meile  hat
7408  Meter.  —  Flächenmaass  :  Die  Are  (100  Quadr-Meter)  —  947,68  alte  franz.
Q.-Fuss,  7,05  rhein.  Q.-Ruthen.  —  Die  Hectare  (100  Aren)  =  3,91662  preuss!
Morgen.  —  Körpermaaes:  Der  Stère  oder  Kubikmeter.  —  Flüssigheits-  und
Qetreidemaasa;  Der  Liter.  Der  Hectoliter  (100  Liter)  =  1,82  preuss.  oder  2,22
baier.  Scheffel,  1,62  V7  lener  Metzen,  22,39  engl.  Quarters;  —  ferner  :  1,45  preuss.
oder  1,46  baier.  Eimer,  66,66  badische  oder  Schweiz.  Maass.  —  Gewicht:  Das
        <pb n="78" />
        62

FRANKREICH  —  Auswärtige  Besitzungen  (Algerien).

Gramm.  Das  Kilogramm  (1000  Grammen)  =  2  deutsche  Zollpfund  oder
Schweiz,  oder  neue  preuss.  oder  2,0380  alte  preuss.,  2,2  englische  oder  2,44
russische  Pfund.
Auswärtige  BesItZriiiigeii.

Algerien.  Die  bedeutendste  der  auswärtigen  Besitzungen,  etwa
4600  deutsche  Quadr.-Mellen  umfassend  (fast  ganz  ohne  feste  Landgrenzen). ­
  Die  Civll-Bevülkerung  ward  Ende  Dez.  1851  so  berechnet;

Europäer

,  Franzosen  66,050  I
;  Fremde  65,233  (
Mauren  in  den  Städten
Neger
Juden  ......
Eingeb  orne  (willkürliche  Schätzung)  .
Zusammen

131,283
81,329
3,488
21,048
2'323,865
2’561,003

Die  ganze  Besitzung  wird  fortwährend  unter  dem  Militärregiment
gehalten.  —  Von  den  Europäern  lebten:
in  der  Provinz  Algier  .  .  57,081
Oran  .  .  46,820
Constantino  .  27,382

Die  einheimische  Bevölkerung  ward  folgendermaassen  vertheilt ­
  angenommen  :
Provinz  “xh.”“““*“  Zusammen

im  Teil
(fniclitb.  Uaiid)

in  der  Sahara
(Wtlsto)

Algier  .  .  583,472  172,795  756,267
Oran  .  .  335,422  130,745  466,167
Constantine  .  924,193  177,228  1'101,121
Zusammen  1’843,087  480,768  2’323,858

Bestandtheile  der  europ.  Bevölkerung  (Dez.  1851)  :
Franzosen  .  .  .  66,050  Deutsche  .  .  .  2,854
Spanier  ....  41,750  Schweizer  .  .  1,645
Italiener  .  .  .  7,555  Andere  Europäer  4,122
Malteser  .  .  .  7,307
Die  europäische  Civilbevölkerung  nahm  so  wenig  zu,  dass  dieselbe, ­
  je  am  31.  Dez.,  betrug:  1852:  132,708;  1853:  134,075,
1854:  143,387,  1855:  155,617  (davon  86,969  Franzosen  und  78,648
Europäer  aus  andern  Ländern).  Und  darunter  sind  die  Angehörigen
von  Militärpersonen  inbegriffen  (1853:  12,934).  —  Der  Besitz  Algeriens ­
  hat  Frankreich  nicht  nur  über  eine  Milliarde  an  Geld,  sondern
auch  das  Leben  von  100,000  Soldaten  gekostet,  von  denen  blos  3400
durch  feindliche  Waffen  fielen,  alle  andern,  mindestens  97,000,  aber
an  Krankheiten  starben.  —  Was  die  eigentliche  Colonisation  betrifft,
so  hat  die  Regierung  ungemeine  Anstrengungen  gemacht,  um  dieselbe
zu  fördern.  Durch  die  in  Aussicht  gestellten  Vortheile  gelockt,  sind
auch  seit  1830  mehr  als  eine  Million  Menschen  nach  Algerien  gezogen; ­
  allein  entweder  kamen  sie  dort  um,  oder  sie  fanden  es  gerathen,
  in  ihr  Vaterland  zurückzukehren.  Das  Klima  (ungemein  heiss,
oft  mit  furchtbarer  Kälte  in  den  Nächten  wechselnd)  erweist  sich  für
die  Mittel-  und  noch  mehr  für  die  Nordeuropäer  als  höchst  mörderisch.
So  kommt  nach  viertelhundertjähriger  Colonisation  und  allen  Opfern
die  europäische  Bevölkerung  in  ganz  Algerien  noch  nicht  einmal  der
        <pb n="79" />
        FRANKREICH  —  Auswärtige  Besitzungen  (Algerien).  ßg
Einwohnerzahl  einer  unserer  grösseren  Städte  gleich.  Selbst  von  der
angegebenen  geringen  Gesammtsumme  widmeten  sich  (81.  März  1852)
nur  47,974  dem  Ackerbaue  !  —  Abgesehen  von  der  nicht  emporkommenden ­
  europäischen,  ist  sogar  auch  die  einheimisciie  Bevölkerung  in
entschiedener  Abnahme.  Die  europäische  Bevölkerung  umfasste  Ende
1851:  58,851  Männer,  88,047  Frauen  und  89,885  Kinder.  Ungeachtet
dieser  numerischen  Ungleichheit  der  Geschlechter,  ist  die  Zahl  der
Ehen  und  der  Geburten  verhältnissmässig  weit  grösser,  als  in  Europa
(Folge  davon,  dass  die  Eingewanderten  fast  sämmtlich  im  besten  Alter
stehen,  und  auch  Folge  des  Strebens  der  Natur,  starke  Abgänge  rasch
zu  ersetzen).  Auf  1000  europäische  Einwohner  zählte  man  durchschnittlich ­
  10,04  Ehen  und  42,83  Geburten  (in  Frankreich  nur  7,8
Ehen  und  kaum  29  Geburten).  Noch  weit  grösser  ist  aber  die  Sterblichkeit. ­
  Von  1842  —  51  kamen  auf  1000  Europäer  jährlich  im
Durchschnitte  52,69  Sterbfälle,  ungerechnet  das  Militär  (in  Frankreich
trafen  selbst  im  Cholerajahre  1849  nur  27,7  Sterbfälle  auf  1000  Einwohner, ­
  in  gewöhnlichen  Jahren  blos  24,6).  Das  Missverhältniss  steigt
indess  noch  viel  höher,  als  diese  Ziffern  zeigen,  weil  beinahe  die  gesummte ­
  europäische  Einwohnerschaft  im  kräftigsten  Alter  steht,  in
welchem  in  Frankreich  kaum  11  Todesfälle  auf  1000  Menschen  treffen.
Von  1830  bis  Ende  1851  zählte  man  bei  der  europ.  Bevölkerung:

Provinzen  Geburten  Sterbfälle
Algier  .  .  25,411  34,979
Oran  .  .  11,755  13,692
Constantine  .  7,734  12,097
Zusammen  44,900  60,768

Also  in  allen  Provinzen  mehr  Sterbfälle  als  Geburten.  Auch  seitdem
hat  das  Missverhältniss  keineswegs  aufgehört,  und  in  den  3  Jahren
1852  bis  Ende  1854  kamen  wieder  blos  17,687  Geburten  gegen
19,004  Todesfälle  vor  (davon  6111  Geburten  und  7025  Sterbfälle  auf
das  Jahr  1854).  —  Am  furchtbarsten  leiden  die  schweizerischen  und
deutschen  Colonisten,  welche  als  Nordländer  in  dem  heissen  Clima  am
wenigsten  die  Feldarbeiten  zu  besorgen  im  Stande  sind.  In  der  vielempfohlenen ­
  Schweizercolonie  bei  Sétif  starben  1854  von  528  dahin
gebrachten  Colonisten  nicht  weniger  als  75,  —  demnach  im  Verhältnisse ­
  über  142  von  1000  !  Und  ausserdem  starben  noch  weiter  22
Individuen,  welche  von  der  Setif-Colonisationsgesellschaft  nach  Algerien
gebracht  worden  waren,  und  die  sich  an  andern  Punkten  der  Subdivision ­
  Setif  aufhielten.  (Die  Colonisationsgesellschaft  hat  es  unterlassen, ­
  klare  Angaben  über  die  Verhältnisse  im  Jahr  1855  zu  veröffentlichen.) ­
  —  Noch  entschieden  schrecklicher  als  unter  den  Erwachsenen, ­
  wüthet  der  Tod  unter  den  Kindern  der  Europäer,  und  die
Colonisten  haben  sonach  nicht  einmal  die  Hoffnung,  ihren  Nachkommen ­
  eine  glückliche  Zukunft  zu  bereiten.  —  Die  Maurische
Bevölkerung  in  den  Städten  schmilzt  gleichfalls  zusammen.  Bei  diesem
Theile  der  Einwohnerschaft  kamen  in  den  Jahren  1850  und  51  8567
Geburten  und  9930  Sterbfälle  vor.  —-  Ebenso  verminderten  sich  die
Neger  von  1849—51  um  989  Individuen,  d.  h.  um  I6V2  Broz.  !  Nur
        <pb n="80" />
        61  FRANKREICH  —  Auswärtige  Besitzungen  (Eigentliche  Colonien).

die  Jüdische  Bevölkerung  hat  einen  Ueberschuss  der  Geburten,  wie
denn  auch  ihre  Zahl  in  den  angegebenen  zwei  Jahren  um  2020  Köpfe
oder  mehr  als  lOVg  Proz.  zunahm.  (Aeusserst  interessante  Detailnachweisungen ­
  hat  ein  Freund  des  Verf.  gegenwärtigen  Buches,  der
ausgezeichnete  Franz.  Statistiker,  Militär-Oberarzt  Dr.  Boudin  in  der
Schrift  geliefert:  Histoire  statistique  de  la  Colonisation  et  de  la  Population ­
  en  Algérie.  Paris  1853.  Vergleiche  ferner  die  Abhandlung  des
Verf.:  „Ueber  Auswanderung  nach  Algier,  von  G.  F.  Kolb“,  itn  21.
Theile  der  „Verhandlungen  der  Schweiz,  gemeinnützigen  Gesellschaft,“
Jahrgang  1854.)

EigCütlichê  Colonien  (unter  dem  Marineministerium  stehend).  Die
Ueberreste  der  einst  weit  ausgedehnten  Colonion  Frankreichs  (in  Ostindien, ­
  Canada,  Louisiana,  Westindion)  sind  heute:

Colonien  Q.-Meil.
Martinique  )
Guadeloupe  und  Zugehör  J
Guyana  (Cayenne)  .  .  518
Réunion  ....  54
Senegalniederlassungen  .  10
Niederlassungen  in  Ostindien  25
Mayotte  und  Zugehör
Saint-Pierre  und  Miquelon  4
Marquesas-Tnecln  .  .  24
Gesellschafts-Inseln  .  .  30

Bevölkerung
120,357
129,050
18,914
103,491
14,876
177,915
33,051
2,130

Zusammen  etwa  700  600,000
In  obigen  Ziffern  ist  jedoch  nicht  blos  die  europäische,  sondern
auch  die  „farbige“  Bevölkerung  einbegriffen,  nämlich  :
Weisse  Farbige
Martinique  .  .  9,490  110,867
Guadeloupe  .  .  41,441  87,719
Réunion  .  .  .  37,290  66,201
Obige  Collectivbcnennungen  umfassen  :  Guadeloupe:  das  eigentliche ­
  Guadeloupe  mit  108,435  Menschen,  Marie-Galante  mit  13,763
Saint-Martin  3773,  Désirade  1765,  Saintes  1314.
Senegalniederlassungen:  Saint-Louis  mit  9967  Bew.,  Gorée
3197,  Guet-N’dar  1106,  Bakel  254,  Lampsar  148,  liichard-Toll  118,
Merinaghen  74,  Dagana  12.
Mayotte:  Nossi-Bé  15,178  Menschen,  Sainte-Marie  5799
Mayotte  5268,  Nossi-Mitsiou  2986,  Nossi-Falli  1869,  Nossi-Cumba
951  Menschen.
Indien.  Pondichéry  80,886,  Karikal  59,956,  Chandernagor
31,174,  Yanaon  8455,  Mahé  3168  Einwohner.

Das  europäische  Festland
Algerien
Die  Colonien  .
Zusammen  etwa

uesammt-uebersiclit.
Q.-Meil.

9,664
4,600
700
15,000

Bevölkerung.
35’783,000
2’323,000
600,000
38’700,000"

wobei  freilich  nicht  zu  übersehen,  dass  die  Unterwerfung  von  2%  Mill
Algeriern  nur  eine  nominelle  ist.
        <pb n="81" />
        5

RUSSLAND  —  Land  und  Leute.

65

Russland  (Czaartluim),

Land  und  Leute.
Àllg6in6ÍIie  üebersicht.  Russland  ist  noch  viel  zu  wenig  bekannt
als  dass  man  dessen  Gebietsumfang  und  Volkszahl  auch  nur  mit  einiger
Verlassigkeit  angeben  könnte.  Ungeachtet  der  Unbeschränktheit  der
tegierung,  gebricht  es  doch  selbst  dieser  hiezu  an  den  nöthigen
Mitteln.  Allenthalben  begegnen  wir  aber  dem  gleichen  Streben,  einer-Boits
  Gebiete  und  Völkerschaften,  die  in  Wirklichkeit  niemals  unterwoifen
  waren,  als  Bestandtheile  Russlands  aufzuzählen,  anderseits  die
Volksmenge  des  Reiches  überhaupt  möglichst  gross  erscheinen  zu
machen.  ^  Zwar  findet^  man  die  Bevölkerungszitfern  (bis  auf  die  Einer
lerab)  mit  muer  Bestimmtheit  angegeben,  welche  geeignet  ist,  auf  die
allergrößte  Genauigkmt  schliessen  zu  lassen.  Erwägt  man  indess,  neben
en  m  der  Sache  selbst  liegenden  Schwierigkeiten,  die  bei  den  Russen
vorhandene,  noch  ziemlich  orientalisch  ins  Grosse  gehende  Neigung
zur  Uebertreibung,  und  die  gerade  dort  gegebene  Möglichkeit  dazu  —
80  Wird  man  nicht  zweifeln,  dass  jene  scheinbare  Genauigkeit  doch
nur  auf  Täiischimg  beruht,  und  dass  das  System,  nach  welchem  einst
lotemkin  seiner  Kaiserin  Katharina  die  Illusion  von  Dörfern  und
Heerden  in  unbewohnten  Steppen  vorführte,  eben  auch  bei  Angaben
über  die  Volksmenge  noch  immer  zu  einiger  Geltung  gelangen  kann.
Dieses  vorausgesendet,  lassen  wir  eine  Uebersieht  der  Grösse  und
Volkszahl  der  einzelnen  Gouvernements  nach  den  officiellen  Angaben
des  St.  Petersburger  Kalenders  und  von  Köppens  folgen.  Der  leic&amp;amp;eren
Uebßsicht  wegen  fügen  wir  den  Namen  der  Gouvernements  jene  der
denen  Sk  gebildet  sind,  obwohl  die  nniformirende
officielle  Classificaüon  solchen  Unterschied  hier  eben  so  wenig  beachtet
als  es  m  Frankreich  geschieht.  Wir  behalten  hier  die  rnsl  Schreibweise
  der  Namen  bei,  und  bemerken  nur  noch,  dass  die  sog.  Bevölkerungsaufnahme, ­
  auf  welche  sich  die  Angabe  stützt,  im  Jahre  1851
stattfand.

I.  Grossrussland.

(Das  Stammland  des  Reichs.)
19  Gouvernements,  41,902  Q.-M.  und
20’700,497  Einw.

Gouvernement
1.  ArchAngel’sk
2.  Jarossláw
3.  Kaluga
4.  Kostroma
5.  Kursk
6.  Moskau  .
7.  Nishegorod
8.  Nówgorod
9.  Olónez
10.  Orél  .  .
11.  Pskow

d.  Q.-M.  Bevölk.
■  16,378  234,064
662  943,426
575  941,402
.  1,482  r020,628
821  1’665,215
591  1’348,041
880  1’126,493
.  2,220  934,633
.  2,792  263,409
862  1’406,571
.  812  657,283

Gouvernement
12.  Rjasán’  .  .
13.  Ssmolénsk
14.  Tambów  .
15.  Tula  .  .  .
16.  Twer'  .
17.  Wladimir
18.  Wólogda  .  .
19.  Worónesh
II.  Klein
4  Gouv.,  3,807  Q.-1.
  Chár’kow.
2.  Kíjew  .  .  .
3.  Poltáwa  .  .
4.  Tschernígow

d.  Q.-M.  Bevõlk.
768  1’308,472
.  1,022  1'069,650
.  1,206  1’6G6,505
557  1’092,473
.  1,227  1’359,920
865  1T68,303
•  6,969  864,268
•  1,213  1’629,741
Russland.
M.  u.  6’046,467  E.
988  1'366,188
916  1’636,839
899  1’668,694
.  1,003  1,374,746
        <pb n="82" />
        66

RUSSLAND  —  Land  und  Leute.

III.  Südrussland.
(Meist  Eroberungen  von  der  Türkei  seit  dem
18.  Jahrhunderte.)
6  Gouv.,  8,265  Q.-M.  u.  4’234,329  E.
Q.-M.  Bevölk.
1.  Bessarabien  *  .  860  874,044
2.  Chersón  .  .  .  1,336  889,205
3.  Land  d.  Don’soben
Kosaken  .  .  2,952  793,758
4.  Jekaterinossláw  1,210  902,369
5.  Taurien  .  .  .  1,212  608,832
6.  Tschernomórien  695  166,121
IV.  Westrusslarul.
(Das  in  den  3  Theilungen  Polens  erworbene
Land,  mit  Ausschluss  des  sog.  „Königreichs“
Polen.)
8  Gouv.,  7629  Q.-M.  u.  8’021,510  E.

1.  Gródno
2.  Kówno
3.  Minsk
4.  Mohiléw
5.  Podólien
6.  Wilna
7.  Wítebsk
8.  Wolhynien

695
760
1,627
888
776
770
813
1,300

795,604
876,196
935,345
837,537
r577,966
787,609
742,811
1’469,442

V.  Ostsoeprovin/.en.
(Von  Dcutschland  u.  Schweden  weggenommen.)
4  Gouv.,  2710  Q.-M.  u.  2’21C,936  E.
1.  Estland  ...  378  289,000
2.  Kurland  .  .  .  497  539,270
3.  Livland  .  .  .  856  821,457
4.  St.  Petersburg  .  979  566,409
VI.  Grossfürstenthum  Finland.
(Von  Schweden  1809  abgerissen.)
8  Gouv.,  6884  Q.-M.  u.  1’636,915  E.
1.  Abo-Björneborg  482  292,098
2.  Kuopio  .  .  .  815  196,155
3.  Nyland  ...  209  160,252
4.  St.  Michel  .  .  431  148,039
6.  Tawastehus  .  .  359  152,526
6.  Uleaborg  .  .  3,040  157,010
7.  Wasa  ...  776  257,824
8.  Wiborg  ...  772  273,011
Sonach  :
Europäisches  Russland  .
Asiatisches
Amerikanisches

VII.  Czarthum  K  a  s  á  n.
Gouv.,  11,264  Q.-M.  u.  .6’990,580  E.

1.  Kasán
2.  Pönsa
3.  Perm  .
4.  Ssimbirsk
5.  Wjátka  .
VIII.  Czarthum

Q.-M.
1,131
692
6,091
842
2,608

Bevölk.
1'347,352
1,058,444
1'741,746
1’024,286
1’878,752
Astraclian.

5  Gouv.,  15,637  Q.-M.  u.  5’399,532  E.
386,763
1712,718
1’320,108
1744,496
535,447

1.  Astrachan  .  .  2,868
2.  Orenburg  .  .  5,782
3.  Ssamára  .  .  .  2,438
4.  Ssarátow  .  .  .  2,586
5.  StáwropoF  .  .  1,963
IX.  Königreicli  Polen.
5  Gouv.,  2331  Q.-M.  u.  4’852,055  E.
1.  Awgustowo  .  .  342  626,594
2.  Ljublin  ...  548  1’028,816_
3.  Plozk  ....  318  548,406
4.  Radom  .  .  .  455  939,344
5.  Warschau  .  .  668  1708,895
X.  Transkaukasien  .
6  Gouv.,  3808  O.-M.  u.  2773,584  E.

1.  Derbént
2.  Eriwán
3.  Gebiet  des
4.  Kutaïss
5.  Schemachá
6.  Tiflis  .

Schamchál

453,284
294,322
25,785
305,702
603,006
491,485

XI.  Ssibirien.
9  Gouv.,  243,929  Q.-M.  u.  2’887,184  E.

1.  Irkutsk
2.  lakútsk
3.  Jenissójsk  .
4.  Kamtschátka
5.  Ssemipolatínsk
6.  Kirgisengebiet
7.  Toból’sk  .
8.  Tomsk
9.  Trans-BajkáFsches  Gebiet

294,514
207,030
251,778
7,331
460,000
872,268
476,355
327,908

Q.-M.
100,429
247,737
27,247
375,413

Zusammen.
Dazu  rechnet  Koppen  ferner  :
Kaukasische  Bergvölker  innerhalb  des  russischen  Reiches
Total

Bevölkerung
00’098,821
5’000,768
54,000
05’213,589
1’600,000

66713,589
Nimmt  man  noch  das  Militär  und  die  grosse  und  schwarze  Kirgisenhorde ­
  dazu,  so  erhält  man  eine  Gesammtsurame  der  Bevölkerung  von

*)  Hievon  1856  verloren  ;  205  Q-.M.  mit  180,000  Einw.  (siehe  S.  70).
        <pb n="83" />
        RUSSLAND  —  Land  und  Leute.

67

mehr  als  Mill  (Die  Arealzlflfer  steigert  der  rusa.  Geograph
Konstantin  Arsenjjew  für  das  Kaiserthum  Russland  sogar  auf  400  536
wir  aber,  neben  der  Ungenauigkeit  einer  derartigen
.c  atzung  (denn  mehr  als  Schätzung  war  die  angebliche  „Bevölkmmng^^ifnahmo«
  m  vmhm  Thmhm  d^  RemWis  g^^^snmhU  und
neben  der  Aufzählung  nicht  unterworfener  Völker,  noch  weiter  die
enormen  Monschenverluste,  welche  der  letzte  Krieg  veranlasste,  —  so
Wird  es  gerechtfertigt  sein,  wenn  wir,  bei  der  Annahme  eines  Gebietsumtanges
  des  russischen  Reiches  von  nicht  mehr  als  350,000  0-M
;#######
hegt  eine  neuere  Angabe  vom  Jahre  1852  mit  der  ZiEer  von  4'812  577
vor,  was  —  schon  vor  dem  Kriege  —  innerhalb  Jahresfrist  eine  Vergegriffen,
  was  das  eigentliche  Militär  betrifft,  dagegen  würde  sie
sicherlich  noch  als  zu  gering  erscheinen,  wenn  man  die  Zahl  Derjenigen ­
  ermitteln  könnte,  welche  mittelbar  durch  die  Noth  und  die
Störungen  des  Krieges  dem  Lande  entrissen  wurden.  (Es  muss  wieder
holt  daran  erinnert  werden,  wie  Störungen  im  Nahrungsstande  auf
Verminderung  der  Geburten  und  Vermehrung  der  Sterbfälle  wirken)
Auch  Gebiet^erlust  und  eine  nicht  ganz  unbedeutende  Anzahl  Auswanderungen
  (von  f  artaren  aus  der  Krim  etc.)  schlossen  sich  an  diesen  Krieg  an.
Gebietsausdehnung.  Russlands  grösste  Ausdehnung  von  Ost
nach  West  beträgt  2072,  von  Nord  nach  Süd  700  deutsche  Meilen  —
Die  Lange  der  wichtigsten  Grenzen  ist:  gegen  Schweden  und  Norf
  hnischen  Meerbusen  126,  den  bottnischen
20,  die  übrige  Ostsee  90  Meil.;  gegen  Preussen  176,  Oesterreich
149,  die  curop.  iürkei  (Donaufürstenthümer)  68,  das  schwarze  Meer
170,  das  azow  sehe  175,  das  kaspische  106,  Kaukasien  128  etc.—
Ü6  Meil.  entfernt,  von  der
osten.  l.)0,  der  türkischen  175  und  von  der  franz.  255  Meil  •  so
dann  vom  entlegensten  Punkte  des  europ.  Russlands  288  des  asiati"
sehen  2400  und  des  amerikanischen  2950  Meil.  (Redens  Berechuungi
—  Russland  ist  den  westeuropäischen  Hauptstädten  derart  näher

nach
Stockliolm
Königsberg
Berlin

1772  jetzt
32  Meil.  18  Meil.
60  -  20  -
202  -  43  .

nach  1772  Jetzt
Breslau  174  Meü.  11  Meil.
Dresden  207  .  44  .
Prag  208  -  45  -
        <pb n="84" />
        68

RUSSLAND  —  Land  und  Leute.

nach  1772  Jetzt  nach  1772  jetzt
Wien  228  Mell.  64  Mell.  Paris  337  Meil.  174  Meil.
München  252  -  89  -  London  330  -  171
Frankfurt  268  -  105

Geschlechtsunterschied  der  Bewohner.  Das  weibliche  Geschlecht
ist  bedeutend  zahlreicher  als  das  männliche.  Die  „Revision“  von
1851  ergab,  der  Petersburger  Zeitung  zufolge,  bei  einer  Gesammtbevölkerung
  von  65*170,598  Köpfen  (ohne  die  Bergvölker  und  ohne
das  Militär  !)  :
Weiblich  32’948,037.  Davon  in  Polen  2’467,C25
Männlich  _32’222,561  2’343,110
Unterschied  725,476  24,515
Diese  enorme  Differenz  (fast  von  l^/g  Millionen,  wenn  man  das
Militär  dazu  rechnet),  erklärt  sich  aus  den  fortwährenden  Männerverlusten ­
  in  Folge  des  Kaukasuskrieges.  Der  Unterschied  muss  nach  dem
letzten  Kriege  mit  den  Westmächten  noch  viel  furchtbarer  geworden  sein.
Wechsel  im  Bevölkerungsstande.  Nach  den  amtlichen  Listen  wäre
der  Jahresdurchschnitt  :

der  Geborenen  .  ,
-  Gestorbenen  .
Ueberschuss
Zahl  der  Ileirathen

1846-50
2735,163
2799,337

1848-50
2783,918
2’434,852
359,066
651,793

1848  speciell.
2’839,503
3736,446
(—295,943  weniger.)

435,836
617,571
Der  Gesammtüberschuss  in  den  5  .Jahren  1846  —  50  wird  zu
2*179,128  berechnet.  Allein  die  Armee  und  Flotte  sind  hiebei  ganz
ausser  Ansatz  gelassen,  und  da  herrscht  die  furchtbarste  Sterblichkeit.
—  Im  europäischen  Russland  nimmt  man  an:  1  Geburt  auf  23,
1  Sterbfall  auf  33,  und  1  Heirath  auf  100  Einwohner  (Erman,  Archiv
für  die  Kunde  von  Russland).  —  Die  Sterblichkeit  ist  aber  wirklich
weit  grösser,  und  selbst  nach  den  obigen  ofriciellen  Ziffern  ergibt  sich
1  auf  27  Einw.  !  Dabei  ist,  wie  gesagt,  noch  das  Militär,  mit  seinen
Ungeheuern  Menschenverlusten,  ganz  ausser  Rechnung.  —  Die  Bevölkerungszunahme ­
  ist  jedenfalls  weit  geringer,  als  man  meist  annahm.

Nationalitäten.  Eine,
gibt  folgende  Ziffern  :

Gross-Russen  ....  33700,000
Klein-Russen  (Ruthenen)  .  11700,000
Weiss-Russen  ....  3700,000
Litthauer  und  Polen  .  .  7700,000
Finnen  und  Letten  .  .  3700,000
Tartaren  2700,000

Arsenjjew  nimmt,  freilich
gende  10  Hauptstämme  an  :

sehr  wenig  verlässige,  Schätzung

Deutsche  600,000
Grusen  und  Armenier  .  .  2700,000
Juden  1700,000
Uralische  Stämme  .  .  .  600,000

Zusammen  65700,000
Schätzung  der  Menschenzalil,  fol-1)

  Slavischer  Stamm:  a.  Russen,  b.  Kosaken  (Donische,  Tschernomorischo
[vom  schwarzen  Meere],  Uralische  und  Ssibirische),  c.  Polen.  —  2)  Deutscher
St.:  a.  Deutsche,  b.  Schweden,  c.  Dänen.  —  3)  Lettischer:  a.  Letten,  in  Kurund
  Livland,  b.  Ssamogitier  im  Gouv.  Wiljna.  —  4)  Finnischer  :  a.  Finnen,
b.  Lappen,  c.  Esthen,  d.  Liven,  e.  Fermier,  f.  Syrjanen  (Gouv.  Wologda),
g.  Wogulen  (in  Perm  und  Tobolsk),  h.  Wotjaken  (Wjatka,  Ssimbirsk,  Orenburg),
i.  Tsoheremisen  (daselbst  und  in  Kasan  und  Perm),  k.  Tschuwaschen  (daselbst).
        <pb n="85" />
        RUSSLAND  —■  Land  und  Leute.

69
1.  Mordwinen  (daselbst  etc.),  m.  Ostjaken  (am  Ob),  n.  Tepteren  (Orenburg)  —  6)
Tartarischer  a.  eigentliche  (Astrachan’sche,  Krim’sche  und  Orenburg’sdi’e)  b.
Ssibiris^e  (in  9  Stämmen),  c.  Nogajer  (an  der  Wolga  etc.),  d)  Meschtschenjaken
  (Orenburg),  e.  Kumyken  (Kaukasus),  f.  Truchmenen  (am  kasp.  Meerei
g.  Baschkiren  (Orenburg,  Perm,  Wjatka),  h.  Kirgiskaisaken  (jenseits  des  Uralflusses). ­
  &amp;amp;)  Kaukasischer  (am  Kaukasus);  a.  Kabardinzen,  b.  Abchasen,  c.
Oseten,  d.  Kistenzen  (in  3  Stämmen),  e.  Lesghier,  f.  Grusier.  —  7)  Mongolischer ­
  ;  a.  eigentliche  Mongolen,  b.  Burjaten  (an  der  Sselenga),  c.  Kalmyken
(Astrachan,  Ssaratow  etc.).  —  8)  Mandschurischer  ;  a.  Tungusen,  b.  Lamuten.
9)  Ssamojedischer  (in  12  Stämmen).  —  10)  Ost-Ssibirischer  (in  6  Stämmen).
Ausser  diesen  Hauptstämmen  noch  Westeuropäer,  Griechen,  Juden,  Armenier
Bulgaren,  Perser,  Indier,  Chiwacr,  Turkistanen,  Zigeuner  etc.
Im  Granzen  rechnet  man  im  russischen  Reiche  über  100  verschiedene ­
  Völkerschaften,  welche  mindestens  40  verschiedene  Sprachen  oder
Mundarten  reden.  Dass  ein  solches  Völkergemeng  einem  Staate  keine
Stärke  gewährt,  ist  unverkennbar.  Allein  Russland  hat  hierin,  z.  B.
vor  Oesterreich,  das  voraus,  dass  der  Hauptstamm  ein  überwiegend
zahlreicher  ist.
Confessionen.  Etwa  50  Mill.  Griechen,  6Va  Mill.  Katholiken,
über  2  Mill.  Protestanten,  1  Vg  Mill.  Juden,  1  Mill.  (?)  Armenier,
Vg  Mill.  Mohammedaner,  fast  eben  so  viel  Heiden.  —  Man  nimmt
an,  dass  im  letzten  Jahrzehnt  gegen  2  Mill,  unirt  gewesene  Griechen
von  der  katholischen,  und  etwa  60,000  Evangelische  von  der  protestantischen ­
  Kirche  losgerissen  und  durch  die  bekannten  ,  mitunter  äusserst
gewaltsamen  Mittel,  zum  Uebertritte  in  die  griechische  Kirche  gebracht
worden  seien.  —  Die  Zahl  der  Katholiken  im  eigentlichen  Russland
(ohne  Polen)  ward  1856  von  deren  geistlichen  Behörden  zu  2752,787,
jene  der  Lutheraner  (ohne  die  Reformirten)  1854  von  ihren  Geistlichen
zu  1’832,224  angegeben.  Die  mohammedanische  Einwohnerschaft  wird
mitunter  bis  zu  2Vg  Mill,  geschätzt;  Andere  nehmen  nur  570,000  an.  —
In  der  griechischen  Kirche  selbst  bestehen  viele  Parteiungen  und  Beeten.
Zahlreich  und  energisch  genug,  um  geachtet  und  selbst  gefürchtet  zu
werden,  sind  die  Altgläubigen  (Starowerzen,  gewöhnlich  Roskolniken
oder  Ungläubige  genannt).  —  Im  Königreiche  Polen  zählte  man  1850:
Christen  4  255,241,  Juden  554,984,  Mohammedaner  274,  Zigeuner  236.
Städte.  Im  ganzen  Reiche  zählt  man  nur  34  Städte  von  mehr
als  20,000  Einwohner,  darunter  nur  6  von  mehr  als  50,000  (in  Grossbritanien
  27,  siehe  S.  5).  Petersburg  hatte  1850:  532,241  Einw.
(1706  gegründet;  1770:  170,000,  1814:  335,713,  1840:  470,202).
—  Moskau  1850:  373,800  (1812;  252,609,  1816:  166,515).  —
Warschau  1852:  157,871  Odessa  1850:  71,392  (1803  erst  8000).
—  Riga  1849:  57,906.  Tula  1850:  54,626.  Wilna  1849:  52,286.
Kijew  1840:  47,424.  Astrachan  1849:  44,798.  —  Von  kleineren
Städten  nennen  wir  (ohne  Rücksicht  auf  andere  mit  gleicher  Volkszahl),
sämmtlich  nach  Angaben  aus  dem  Jahre  1840:  Saratow  42,237,  Kasan
41,304,  Sebastopol  41,155  (jetzt  zerstört),  Kronstadt  25,000,  Abo
13,050,  Helsingfors  12,725,  Kalisch  12,043.
Russlands  Yergrösserung.  Die  colossale  Gebietsausdehnung  datirt
besonders  vom  Jahre  1581,  in  welchem  der  Kosakenhetman  Jermak
Timogéfew  das  von  ihm  eroberte  Sibirien  der  Herrschaft  des  Czars
        <pb n="86" />
        70

RUSSLAND  —  Land  und  Leute.

Iwan  II.  unterwarf.  Da  es  aber  nicht  der  Umfang  eines  beinahe  gar
nicht  angebauten  Landes  ist,  wodurch  die  Bedeutung  eines  Staates
bestimmt  wird,  so  blieb  Russland  bis  zur  Zeit  Peter  des  I.  bei  den
Culturvölkern  fast  ganz  unbeachtet.  Peter  erwarb  1707  das  neuentdeckte ­
  Kamtschatka;  ferner  durch  den  Nystädter  Frieden,  1721,  von
Schweden:  Ingermanland,  Karelen,  Theilc  von  Fin-,  dann  Esth-  und
Livland;  das  1699  von  den  Türken  eroberte  Azow  ging  1711  wieder
verloren;  dagegen  entriss  der  Czar  1723  den  Persern:  Daghestan,
Schirwan,  Chilan  und  Derbent,  wovon  indess  1732  und  36  bedeutende
Theile  wieder  eingebüsst  wurden.  —  1731  unterwarfen  sich  die  Kirgiskaisaken
  dem  Schutze  Russlands;  ähnlich  1742  die  Osseten;  auch
wurden  die  Ostspitze  Sibiriens,  die  Aleuten  und  Beringsinseln  entdeckt
und  dem  Reiche  ein  verleibt.  —  Die  finländische  I’rovinz  Kymenegard
wurde  durch  den  Frieden  von  Abo,  12.  August  1743,  gewonnen.  —
Unter  Katharina  der  II.  erfolgten  die  3  Theilungen  Polens,  1772,
93  und  95.  Russland  erlangte  fast  %  dieses  einst  mächtigen  Reiches.
Der  Friede  von  Kutschuk-Kainardschi,  22.  Juli  1774,  entriss  den
Türken  Azow,  einen  Th  eil  der  Krim  (der  andere  Theil  ward  1783  in
Besitz  genommen)  und  die  Kabardei;  der  Friede  von  Jassy  sodann,
9.  Jan.  1792,  auch  Oczakow  sammt  Gebiet.  Grusien  kam  1783  unter
russischen  „Schutz,“  Curland  und  Scmgallen  huldigten  1793.  —  1797
Eroberung  des  persischen  Gebiets  bis  an  den  Kur.  1801  förmliche
Unterwerfung  Grusiens.  Obwohl  in  dem  Kriege  von  1807  durch
Napoleon  geschlagen,  erlangte  Jtussland  dennoch  im  Tilsiter  Frieden,
7.  Juli,  die  seinem  Verbündeten,  Preussen,  durch  die  Franzosen  abgenommene ­
  Provinz  Bjalystok.  Der  Friede  von  Wien,  14.  Oct.  1809,
verschaffte  Russland  den  Tarnopoler  Kreis  und  einen  Theil  Ostgaliziens,
mit  400,000  Menschen,  von  Oesterreich;  der  Friede  von  Friedrichsham,
  17.  Nov.  1809,  entriss  den  Schweden  ganz  Finland;  jener  von
Bucharest,  28.  Mai  1812,  nahm  ebenso  den  Türken  Bessarabien  ;  jener
von  Tiflis,  1813,  den  Persern  bedeutende  Besitzungen  im  Kaukasus.
Endlich  gab  der  Wiener  Congress,  1815,  das  jetzige  Polen  an  Russland. ­
  Nach  neuen  Kriegen  verloren  die  Perser,  zufolge  des  Friedens
von  Turkmanschai,  22.  Febr.  1828,  die  Provinzen  Eriwan  und  Nachitschewan
  (nun  Neu-Armenien,  500  Q.-Meil),  und  die  Türken  durch
den  Frieden  von  Adrianopel,  2.  Sept.  1829,  Anapa,  Poti,  Achalzik
und  Achalkalaka  (über  100  Q.-M.).  —  Das  Gelüste,  sich  weiterer
Theile  des  Besitzthums  des  Sultans  („des  kranken  Mannes“)  zu  bemächtigen, ­
  veranlasste  1853  den  neuen  Krieg,  an  dem  sich  1854
Frankreich  und  England,  später  auch  Sardinien,  betheiligten,  und  der
mit  dem  Pariser  Frieden  vom  31.  März  1856  endigte,  welcher  Friedensvertrag ­
  seit  länger  als  einem  Jahrhunderte  zum  ertsenmalo  die  Russen
wieder  zu  einer  Gebietsabtretung  ohne  Entschädigung  nöthigte,  indem
sie  das  linke  Ufer  der  Donau  in  Bessarabien,  etwa  205  Q.-M.  mit
ungefähr  180,000  Einw.  (wobei  die  Festungen  Ismail  und  Kiala)  an
die  unter  türkischer  Oberlehnsherrschaft  stehende  Moldau  zurückgeben
mussten.  —  Zu  ähnlichen  Rückgaben  sah  sich,  wie  oben  erwähnt,  Russland ­
  in  früherer  Zeit  mehrmals  genöthigt,  allein  immer  betrachtete  es
        <pb n="87" />
        RUSSLAND  —  Land  und  Leute.

71

dies  nur  als  ein  Provisorium,  und  wusste  zur  geeigneten  Zeit  auf  die
Sache  zurückzukommen  (Beweise  :  Azow,  Derbent  etc.)
Der  Grebietsumfang  Russlands  betrug:
unter  Iwan  Wasiljewitscli  I.,  1462,  ungefähr
Wasilei  Iwanowitsch  1505,
-  Iwan  Wasiljewitsch  IL,  1584,
Alexai  Miohaclowitsch,  1650,
-  Peter  L,  1689,
-  Anna,  1730,
Katharina  IL,  1775,
-  Alexander  IL,  1856,
Die  Bevölkerung  schätzte  man  so:

18,000  Q.-Meil.
24,000
72,000
237,000
280,000
324,000
335,000
350,000

1722
1742
1762
1782
1793

14  Mill.
16  -
19  -
27'/:-34
  -

1803
1806
1811
1815;
1822

36  Mill.
41
42
45
49

1829  :
1832  :
1838:
1851  :

60%  Mill.
58
59
65

Zu  bemerken  ist,  dass  die  wählend  der  letzten  zwei  Jahrhunderte
erlangten  Erwerbungen  zwar  ein  Ländergebiet  in  sieh  begreifen,  das
zelurmal  so  gross  ist  als  Deutschland;  dass  aber  der  Hauptwerth  dieser
roberungen  weit  weniger  im  Umfange,  als  in  der  günstigen  Lage
dieser  Landschaften  besteht.  °  °
Polen.  Es  ist  hier  der  Ort,  eine  kurze  Notiz  Über  Polen  einzuschalten. ­
  Diese  Republik  umfasste  1773:  13,500  Q.-M.  und  16  Mill
Menschen  (Andere  rechnen  sogar  20  Milk).  Es  hatte  8'166,000  sächs.
Ihaler  Einkünfte.  —  Das  von  Napoleon  I.  hergestellte  Herzogthum
Warschau  umfasste  1812:  2800  Q.-M.  und  gegen  4  Milk  Menschen. ­
  Die  jetzige  Bevölkerung  im  Gebiete  des  alten  Polen  ist  so  vertheilt:
in  den  russischen  Besitzungen  15767,000
-  -  Österreich.  -  4’913,000
-  -  preussischen  -  2’598,000
Zusammen  23’278,000

F  i  II  a  11  z  e  11  •

Dei  natürliche  Reichthum  ist  fast  nirgends  erschlossen,  und  nur  in
Folge  mangelnder  Culturcntwicklung  ergeben  sich  mehrfach  geringere
Staatsbedürfnisse.
Einnahmen.  Die  gewöhnlichen  Einkünfte  werden  von  Reden
(„Russlands  Kraftelemente“)  in  Silber-Rubeln  brutto  so  berechnet:

1)
1

A.  Aus  Domänen  und  Staatsanstalten
Kroneigenthum  (wovon  3’645,000  S.-R.  vom  Apanage-Eigenthum)

Bergwerke  .........
Naturalleistungen  (geschätzt  zu)
Geldleistungen  für  Verwaltung
Regale  und  Monopole,  wovon:  Getränkeregal  allein  mit
78,800,000*)
Zusammen

37’550,000  S.-R.
30’500’000  -
20736,000  -
ir086,000  -
102710,000  -
205,927,000  S.-R.

)  Pie  Nummern  4  und  5,  zumal  die  Monopole,  classificirt  Reden  hier  wie
anderwärts  irrthümlich,  indem  er  sie  bei  den  Domänen  aufzählt-  sie  sind  indirecte ­
  Auflagen.  ’
        <pb n="88" />
        72

RUSSLAND  —  Finanzen  (Einnahmen  und  Ausgaben).

B.  Direkte  Steuern  (wovon  Kopfsteuer  oder  „Seelengeld“
19’829,000,  Wegbauabgabe  2’066,000,  Gildesteuer  und
Rekrutengelder  der  Kaufleute,  dann  Reisepässe  etc.
7*^  Mill.)
Indirecte  Abgaben  (wovon  Zölle  31  Mill.,  Rübenzuckersteuer ­
  450,000  etc.)
Total
So  nimmt  Reden  die  Roheinnahme  an.

C.

29’395,000  -
33’650,000  -

275’472,000  S.-R.
.  ,  .  .  Wirklichkeit  ergeben
indees  seine  eigenen  ZiFern  mir  265'327,000  SR.,  und  selbst  diese
Annahme  ist  noch  entschieden  zu  hoch.  Sieht  man  ab  von  den  Naturalleistungen, ­
  welche  hier  in  Geld  geschätzt  sind,  so  dürfte  sich  die
wirkliche  Staatseinnahme  höchstens  auf  200  Mill,  belaufen.  Selbst
lengoborflki,  (der  eigens  die  Aufgabe  hatte,  die  russischen  Finanzverhältnisse ­
  im  günstigsten  Lichte  darzustellen)  berechnete  die  Staatseinkünfte ­
  für  das  (jedenfalls  die  höchsten  Ziffern  liefernde  letzte
Friedens-)  Jahr  1853  nur  auf  224’308,000  S.-R.

ordentlichen  Betrag  berechnet  Reden  auf
2/ö  830,000  S.-R.,  was  (nach  der  von  uns  gegebenen  Berichtigung
seiner  eigenen  Ziffern),  schon  im  gewöhnlichen  Büdget  einen  jährlichen
Ausfall  von  10Yg  Mill.  Rub.  (fast  20  Mill.  Gulden  oder  42  Mill.  Frkn.)
ergibt,  ganz  unberücksichtigt  die  ausserordentlichen  Ausgaben,  wozu
neben  den  Eisenbahnbauten,  vor  Allem  die  Kosten  des  seit  Jahrzehnten
dauernden  Krieges  im  Kaukasus  gehören.  Der  grosse  Krieg  mit  den
Westmächten  erheischte  ohnehin  die  ungewöhnlichsten  Anstrengungen.
Folgendes  sind  die  wichtigsten  Positionen  im  ordentlichen  Staatsbedarfe:


Kaiserliche  Familie
Landheer  .  .  .
Flotte  .  .  .  .
Staatsschuld  .  .

10750,000
70’895,000
26’500,000
33’500,000

Erhebungskosten  der  Einkünfte  35’390,000
Auswärtige  Angelegenheiten  .  8’500,000
Volksaufklärung  7’500,000

.  I’^‘l®ssen  kostete  das  Landheer  schon  vor  dem  grossen  Kriege
seit  Jahrzehnten  durchschnittlich  gegen  100  Mill.  Bringen  wir  diese
Erhöhung  mit  in  Anschlag,  und  reduciren  wir  die  Brutto-Einnahmen
auf  das  Netto,  so  ergeben  sich  (unter  fortwährendem  Zugrundelegen
der  Reden  sehen  Angaben)  folgende  Verhältnisse  :

Wirklicher  Bedarf,  netto  269  Mill.
Wirkliche  Einnahmen  -  229  -
Defizit  gegen  40  Mill.
Erläutcrnng  einzelner  Positionen,  i)  Domänen.  Der  Ertrag
derselben  war  1860  auf  40730,000  S.-K.  berechnet  (worunter  aber
auch  der  Preis  von  Veräusserungen  und  4’707,000  S.-R.  Gemeindeabgaben). ­
  Als  Durchschnitt  kann  der  persönliche  Obrok  von  jeder
„Kevisionsseele“  der  Krongüter  zu  2,60,  von  jeder  „Revisionsseele“
er  Apanagegüter  zu  2,86  S.-R.  angenommen  werden.  Der  Obrok  ist
meistems  in  Bodenrente  verwandelt,  gewöhnlich  nicht  geringer  als  2,80
bis  3,35  S.-R.  Aehnlich  bei  den  Frohnden.  —  Bekannt  ist,  dass  von
einer  Revision  bis  zur  folgenden  für  die  „todten  Seelen“  mit  bezahlt
werden  muss.  2)  Bergwerke.  Die  Goldausbeute  wird  meistens
überschätzt.  1851  ertrugen  die  Kronbergwerke  2’938,000,  dann  die
        <pb n="89" />
        RUSSLAND  —  Finanzen  (Kriegsanfwand,  Einkünfte  früherer  Zeit).  73
Ab^be  von  den  Privatbergwerken  (10  Proz.)  1'687,000  S.-R  —
Är  s,  ï  Ci.“  sei.  Ä-sif  'z
■
is"  iii’-Der
  Gesammtausfall  in  den  Staatseinkünften,  den  der  Krieg  verdm:
  Armee  von  1'250,0(K)  AL  ivürden  die
Mill  FrkT  betragen,  zusammen  also  nicht  ganz  600
Der  jüngste  Kriegsaufwand.  Für  die  18  Monate  von  1853  bis
Mitte  1854  nahm  Faucher  als  ausserordentliche  Ausgabe  175  Mill.
b.-R.  (700  Mill.  Frkn.)  an,  ungerechnet  die  von  TJbicini  auf  12V2
Mill.  S.-R.  veranschlagten  Erpressungen  in  den  Donaufürstenthümern.
Reden  schätzte  die  Kriegskosten  bis  Ende  1854  auf  111  Mill,  pr!
Thlr.  Ungerechnet  die  zahllosen  Verluste  der  Einzelnen,  wird  man
bis  zuna  vnrklichen  Friedmi  (Ende  ^^pril  1856)  avohl  rnindestens  30()
Mill.  S.-R.  —  1200  Mill.  Frkn.  anzunehmen  haben  (vergl.  unten
«Schulden,“  resp.  deren  Vermehrung,  Seite  74—76.)  '  '
Einkünfte  in  ft'ühern  Zeiten.  Vor  Peter  I.  waren  dieselben
sehr  gering.  Er  steigerte  sie  durch  Verpachtung,  Erhöhung  und  Eia-
        <pb n="90" />
        74

KUSSLAND  —  Finanzen  (Schulden).

führung  neuer  Auflagen  auf  das  Fünffache.  Sic  betrugen  1725
10’186,000  (d.  h.  nach  der  jetzigen  Ausprägung  etwa  60  Mill.)  Ruh.  ^
Hauptquellen:  Kopfsteuer  gegen  4’290,000,  Zölle  1’200,000,  Branntweinsteuer ­
  980,000,  Salzsteuer  662,000  R.
1770  schätzte  man  die  Einkünfte  auf  28  Mill,  preuss.  Thlr.
1782  betrugen  sie  44'587,000;  1801  88'607,000  Thlr.  (In  dieser  von
Reden  gegebenen  Reduction  auf  preuss.  Thlr.  scheint  jedoch  übersehen,
dass  der  Rubel  früher  in  einem  hohem  Silberwertho  ausgeprägt  ward.)
Tengoborski  bekennt,  dass  die  Staatseinnahmen  bis  1839  die
Summe  von  163’751,000  S.-R.  nie  überstiegen;  sie  sollen  aber  im  Jahr
1853  auf  224’308,000  S.-R.  (also  897  Mill.  Frkn.)  angewachsen  sein.
Während  des  Kriegs  wurden  die  Steuern  mannigfach  erhöht.
Schulden.  Nach  amtlichen  Veröffentlichungen  war  der  Stand  der
Staatsschuld  am  1.  Jan.  1853  :

A.  Auswärtige  Schuld.
Restbetrag  des  alten  Anlehens  in  Holland  .
Zweites  Anlehen  in  Holland
Andere  Schuld

Zusammen

33400,000  Hol.Guld.
24’049,000  -
6’280,000  Pf.  Sterl.
66,823,580  Silb.-Rub.

Auf  Zeit  .
Renten

B.  Innere  Schuld:
Silb.-Rub.  tlO'867,055  )
223’861,47C1

334728,531

Total  400552,111  Silb.-Rub.
Dazu  kommen  aber  noch  die  Reichscreditcasse-Billete  311’375,581
Rest  der  Assignaten,  etwa  252,000
Sonach  wirkliche  Schuld  vor  dem  Kriege  713480,000  Silb.-Rub.
Wovon  jedoch  abzurechnen  der  Auswechslungsfond  für
die  Credit-Billete  mit  139430,000
Netto-Rest  573750,000  Silb.-Rub.
Russland  musste  sich  während  dos  Krieges  auf  alle  Weise  Geld
verschaffen,  und  zwar  im  In-  und  im  Auslande.  Da  letztes  selbst  in
den  neutralen  Staaten  schwierig  war,  so  wurden  die  Finanzoperationen
um  so  mehr  in  Geheimniss  gehüllt.
Die  in  Circulation  befindlichen  Credit-Billete  betrugen  anfangs
1855  :  356’337,021  R.  Zum  Auswechscln  soll  gleichzeitig  ein  Fonds
vorhanden  gewesen  sein  (in  Metall  und  sichern  Papieren)  von  151790,985
Rub.  Von  verschiedenen  Seiten  ward  versichert,  dieser  Fonds  sei
grossentheils  erschöpft  worden.  Selbst  ohne  dieses  ergab  sich  jedenfalls ­
  eine  ansehnliche  Vermehrung  des  Papiergeldes.  Ausserdem  brachte
man  auf:  a.  Im  eigentlichen  Russland:  Jan.  1855,  Emission  von  4
neuen  Serien  Schatzscheine  =  12  Mill.  S.-R.,  und  Jan.  1856  Emission
von  10  neuen  Serien  Schatzscheine  =  30  Mill.  S.-R.  (ferner  blosse
Erneuerung  von  8  Serien  =  24  Mill.)  —  b.  Zu  Lasten  Polens  3  Serien
4prozentiger  Schatzbillets,  3  Mill.  S.-R.  Ausserdem  sollen  die  Staatsgüter ­
  in  Polen  angeblich  mit  20  Mill.  S.-R.  Schulden  belastet  worden
sein.  —  C.  Zu  Lasten  Finnlands  ein  Anlehen  von  600,000  S.-R.
—  d.  Anlehen  im  Auslande:  Eine  zu  Anfänge  des  Krieges  im  Auslande ­
  versuchte  Anlohensaufnahme  im  Betrage  von  50  Mill,  S.-R.
        <pb n="91" />
        RUSSLAND  —  Finanzen  (Schulden).

75

scheiterte  dort  grösstentheils.  Es  ward  versichert,  das  Anlehen  sei
darauf  factisch  zu  einem  gezwungenen  im  Inlande  gemacht  worden.
Russischerseits  widersprach  man  diesen  Angaben,  und  behauptete  vielmehr, ­
  das  Anlehen  sei  im  Auslande  gelungen.  —  Im  Dec.  1855  soll  die
Negocirung  eines  weitern  Anlehens  von  50  oder  110  Mill.  S.  -R.  zu  Hamburg
gelungen  sein,  und  zwar  im  Course  von  82%  (Vs  &amp;lt;^6^  Summe  ward
auf  Hamburg,  %  wurden  auf  Preussen  und  Holland  gerechnet.)  Es
ist  indessen  nicht  unglaublich,  dass  Russland  selbst  noch  grössere
Summen  aus  dem  Auslande  zu  ziehen  wusste.  Die  dessfallsigen  Operationen ­
  wurden  natürlich  geheim  gehalten.  —  Hiezu  kamen:  die  Verwendung ­
  von  Metallvorräthen,  welche  zur  Deckung  der  Credit-Billete
bestimmt  waren  (wie  oben  erwähnt),  und  die  Abgabenvermehrungen.
Oie  Regierung  gab  dem  Papiergelde  Zwangscours.  Es  zeigte
®ich  auch  hier,  dass  dies  das  sicherste  Mittel  ist,  das  Metallgeld  ganz
verschwinden  zu  machen.  Schon  im  März  1854  wurden  am  Papiergeld ­
  20  Proz.  verloren,  indem  der  Rubel,  sonst  =  4  Frkn.,  nur  noch
3  Er.  8  Cent,  galt.  Eine  Ukase  vom  Jan.  1855  befahl,  zur  Milderung
der  Abgabenerhöhung  (die  man  factisch  nicht  weiter  steigern  konnte)
^ie  Ausgabe  neuen  Papiergeldes,  das  3  Jahre  nach  dem  Friedensschlüsse ­
  eingelöst  werden  soll.  Kaum  war  der  Friede  abgeschlossen,
so  musste  das  russische  Gouvernement  die  grössten  Anstrengungen
machen,  um  Silber  im  Auslande  aufzukaufen  (es  geschah  namentlich  zu
Frankfurt).  Im  inland.  Verkehre  war  das  Metallgeld  ganz  verschwunden.
Wie  schon  angedeutet,  besteht  ausser  der  Russischen,  auch  noch
eine  Polnische  und  eine  Finländische  Schuld.  Die  erste  (die
polnische)  betrug  unmittelbar  vor  dem  Kriege  etwa  215  Mill.  poln.
Gulden  (über  32V4  Mill.  russ.  S.-R.),  wozu  die  neue  Anlehensbelastung
mit  3  Mill.  S.-R.  kam.
Die  vorstehenden  Ziffern  zusammengenommen  geben  indess  nur
ein  sehr  unvollständiges  Bild  von  den  der  russ.  Staatscasse  auferliegenden ­
  Verbindlichkeiten.  In  Folge  des  absolutistisch-bureaucratischen
Systems,  wonach  jede  allgemeinere  Thätigkeit,  selbst  im  Gebiete  der
Industrie,  des  Handels  und  der  Wohlthätigkeit,  von  der  allerhöchsten
Weisheit  des  Selbstherrschers  und  seiner  Beamten  geleitet  werden
müsse,  hat  die  Regierung  alle  Creditanstalten  im  Reiche  nicht  nur
unter  ilire  Obervormundschaft,  sondern  unter  ihre  Oberleitung  und  Garantie ­
  gestellt:  sie  alle  sind  gleichsam  Staatsinstitute!  Wir  nennen
Jie  Pfandhäuser  in  St,  Petersburg  und  Moskau,  die  Leili-  und  die
Handelsbanken  zu  Petersburg,  Moskau,  Riga,  Odessa,  Cliarkow  und
in  andern  Städten.  Wie  nun  die  Regierung  dafür,  dass  sie  ihre
»Garantie“  aussprach,  in  die  Leitung  und  in  die  Gassen  jener  Anstalten ­
  eingreift,  lässt  sich  ahnen.  Der  Betrag  der  Passiven  der  gedachten ­
  Institute  ward  am  1.  Jan.  1853  zu  806’083,233  S.-R.  angegeben. ­
  Dazu  kamen  noch  in  Polen  etwa  3472  Mill.  S.-R.  „Von
den  322172  Mill.  Frkn.,  welche  die  russ.  Banken  erhielten,  sind  blos
84  Mill.  (21  Mill.  Rub.)  durch  Wechsel  oder  erhaltene  Waaren  repräsentirt“
  (L.  Faucher,  zu  Ende  1854).  Alle  jene  Passiven  sollten
aber  versprochenermassen  jederzeit  rückzahlbar  sein!
        <pb n="92" />
        76

RUSSLAND  —  Militärwesen  (Landmacht).
Tengoborski  bemerkt,  dass  die  Depositen  der  Banken  am  28.  Sept.
1854  146*583,000  S.-li.  betragen  hätten,  die  in  Circulation  befind*-llcíién
  Bankbillete  aber  345*927,000.  (Im  März  des  nämlichen  Jahres
waren  die  Depositen  159*918,000  R.  gewesen,  —  sonach  Verminderung ­
  in  V2  Jahre  fast  18Yg  Mill.  S.-R.  =  53  Mill.  Frkn.,  was  gleich
anfangs  die  Wirkungen  des  Krieges  und  des  gestörten  Staatscredits
andeutete.)
Abgesehen  von  den  Creditanstalten  und  der  Schuld  Polens  und
Finnlands,  war  die  Schuld  des  eigentlichen  Russland  für  die  Zeit  vom
1.  Jan.  1842  officiell  zu  488*146,213  S.-R.  berechnet  worden,  mit
entsprechendem  Auswechslungsfonds  für  die  Cassabillcte.  Sonach  ergab ­
  sich,  den  amtlichen  Aufstellungen  selbst  zufolge,  in  den  11  Jahren
vor  dem  Ausbruche  des  grossen  Krieges,  eine  offene  Schuldvermehrung
von  225  Mill.  S.-R.,  also  eine  Vermehrung  von  46  Proz.  im  Frieden!
Davon  kommen  auf  die  Anlehen  für  Erbauung  der  St.  Petersburg-Moskauer
  Eisenbahn  77^4  Mill.  —  Es  treffen  übrigens  von  der  GesammtschuldVermehrung
  auf  die  fundirte  120*323,000,  auf  die  Papiergeldschuld ­
  104*710,000  S.-R.
In  Folge  des  beschränkten  Credits  Russlands  in  andern  Staaten,
besteht  der  grösste  Theil  der  Schulden  im  Inlande.  Diese  Schulden
sind  meistens  „Inscriptionen  in  das  grosse  Buch.“  So  wurden  namentlich ­
  die  6proz.  Anlehen  von  1810,  17  und  20  in  5proz.  Silberrubel-Inscriptionen
  umgewandelt,  wobei  man  (bezeichnend  für  den  damaligen ­
  Cours  des  alten  Papieres)  3  Rub.  70  Kopeken  Bankassignaten
für  1  S.-R.  annahm.
Die  Grösse  der  eigentlichen  Russischen  Staatsschuld  berechnete
Reden  Mitte  1854  auf  820  Mill,  prenss.  Thlr.  mit  dem  Bemerken:
„dass,  als  Folge  der  Kriegführung,  binnen  Jahresfrist  fernere  100  Mill,
dazu  kommen,  kann  nicht  überraschen,  wenn  sich  berechnen  lässt,  dass
Landheer  und  Kriegsflotte  monatlich  18—20  Mill.  Thlr.  kosten,  was
im  Ja  hr  es  betrage  der  ganzen  reinen  Staatseinnahme  sehr  nahe  kommt.“
Nimmt  man  Alles  zusammen,  so  dürfte  die  Gesammtsumme  der
Schulden  Russlands,  mit  Polen  und  Finnland,  nach  Beendigung  des
Krieges,  kaum  unter  900  Mill.  S.-R.  =  3600  Mill.  Frkn.  anzuschlagen ­
  sein,  wovon  allerdings  der,  übrigens  sehr  problematische,  Betrag
des  Einlösungsfonds  für  Cassabilletc  abzurechnen  ist.

Militärwesen.
Landmacht.
Bildung  des  Heeres.  Der  Adel,  die  grossen  Kaufloute  und  einige
andere  Stände  sind  von  der  Militärpflichtigkeit  ausgenommen.  Stellvertretung ­
  findet  statt,  ist  jedoch  selten;  ausserdem  Loskauf  um  1000
R.  Pap.  Die  Aushebungen  werden  durch  kais.  Ukas  in  der  Weise
angeordnet,  dass  so  und  so  viel  Köpfe  auf  jedes  1000  Einwohner
(wobei  man  aber  nur  die  männlichen  Einwohner  rechnet)  genommen
werden.  Das  Reich  ist  behufs  der  Recrutirung  in  zwei  grosse  Hälften,
        <pb n="93" />
        77

RUSSLAND  —  Militärwesen  (Landmacht,  Stärke  des  Heeres).
die  östliche  und  die  westliche,  abgetheilt,  in  denen  die  Aushebungen
wechseln.  Als  Peter  I.  die  erste  derartige  Aushebung  anordnete,
setzte  er  dieselbe  zu  1  Recrut  auf  1000  Einw.  fest.  Noch  in  dem
ersten  Viertel  des  jetzigen  Jahrhunderts  waren  2  M.  auf  1000  die
gewöhnliche  Zahl.  Seitdem  hat  man  das  Verhältniss  enorm  gesteigert;
während  des  letzten  Krieges  in  rasch  wiederholten  Verfügungen  in  der
Regel  jedesmal  bis  zu  10,  einmal  bis  zu  12,  nebenbei  noch  hinsichtlich ­
  der  Reichsmiliz  bis  zu  13  von  1000.  Besonders  stark  werden
die  Juden  in  Anspruch  genommen;  kaum  minder  stark  die  Polen,
deren  Land  man  an  Waffenfähigen  zu  erschöpfen  sucht.  Im  ganzen
Reiche  herrscht  Schrecken,  wenn  die  Recrutirung  beginnt,  die  vielfach
nichts  Anders,  als  ein  unerwartetes  nächtliches  Ueberfallen  aller  jungen
Männer  ist  (die  Branka.)  Mit  der  Recrutirung  ist  eine  Geldabgabe
verbunden  von  ungefähr  33  Rub.  Pap.  für  jeden  Ausgehobenen.  Die
Dienstzeit  ist  bei  der  Garde  auf  22,  bei  den  übrigen  Truppen  auf
25  Jahre  bestimmt.  Doch  wird  während  des  Friedens  die  Mannschaft
aus  den  östlichen  Provinzen  nach  15-,  die  aus  den  westlichen  nach
lOjähriger  Dienstzeit  beurlaubt  imd  als  Reserve  in  den  Regimentslisten
aufgeführt.  Die  Verpflegung  der  Truppen  ist  jammervoll  schlecht,  besonders ­
  wegen  wahrhaft  zahlloser  Betrügereien,  die  nach  allen  Richtungen ­
  geübt  werden.  —  Das  Avancement  der  Gemeinen  erscheint  zwar
dom  Namen  nach  nicht  ausgeschlossen,  findet  aber  factisch  nur  äusserst
selten,  in  der  Regel  gar  nicht  statt.  —  Da  der  Leibeigene  bei  seinem
Eintritt  in  die  Armee  aus  seinem  Communalverbande  herausgerissen
wird,  so  ist  er  nun,  wie  man  es  nennt,  „frei.“  Aus  dieser  sogen.
Freiheit  erwächst  ihm  aber  nur  Unheil,  wenn  er  (bei  der  enormen
Sterblichkeit  im  russischen  Heere)  etwa  die  Zeit  des  Kriegsdienstes
überlebt;  weil  er  dann,  eben  ausgeschlossen  aus  seiner  frühem  Gemeinde-Genossenschaft, ­
  alt,  entkräftet  und  der  Arbeit  entwöhnt,  es  desto
schwerer  finden  muss,  sich  selbst  zu  ernähren.  —  Bei  den  Finnen
und  den  Grusiern  finden,  nach  deren  Privilegien,  blos  Werbungen
(ausserdem  nöthigenfalls  aber  auch  Milizpflichtigkeit)  statt.  —  1842
dienten  71,900  Kantonisten  im  russ.  Heere.
Stärke  des  Heeres.  Dieselbe  ist  sehr  bedeutend,  wie  sich  nach
der  grossen  Volksmenge  nicht  anders  erwarten  lässt;  allein  die  Anzahl
der  Truppen  kommt  dossen  ungeachtet  in  Wirklichkeit  niemals  auch
nur  annähernd  der  in  den  Listen  aufgeführten  gleich.  —  Das  reguläre ­
  Heer  zerfällt  in  die  grosse  Operationsarmee  und  in  die  Abtheilungen
  für  besondere  Zwecke  im  Innern;  zu  den  letzten  rechnet  man
die  Kaukasusarmee.  —  Wir  geben  zunächst  die  vor  dem  letzten
Kriege  am  allgemeinsten  angenommene  Zusammenstellung,  welche  den
Bestand  des  Heeres  auf  dem  Papiere,  aber  nicht  in  Wirklichkeit  zeigt.
Die  grosse,  die  Activ-  oder  die  Operationsarmee,  umfasst:

Infanterie:

Regim.  Bataill.  Mann
12  37  45,608
12  37  41,970
72  294  330,588

Garde
Grenadiercorps
6  Infanterie-Corps  .

Zusammen

96  368  418,166
        <pb n="94" />
        78  RUSSLAND  —  Militärwesen  (Landmacht,  Truppenvermehrung).

Cavallerie  :
Garde  ....
Grenadiercorps
Bei  den  6  Infanteriecorps
Reservecorps
Zusammen
Artillerie,  Genie:
Garde
Grenadiercorps  .
Bei  den  6  Infanteriecorps
Reserve

Regim.  Schwad.
12  60
4  32
24
24  176

Mann
16,612
(^528
39,168
36,952

64

460

Geschütze
116
112
672
96

99,260
Mann
5,269
3,862
19,536
3,881
31,548

Zusammen
Sonach  hätte  die  grosse  Armee  eine  Stärke  von  etwa  550,000  M.
Dje  Caukasusarmee  ward  auf  165,383  M.  angegeben,  nämlicli
158,293  Inf.,  2432  Cavall.,  4658  Artill.  Offenbar  sind  diese  Ziffern
viel  zu  hoch  gegriffen,  wie  denn  eine  andere  Berechnung  blos  auf
116,000  ansteigt,  was  noch  immer  sehr  überschätzt  sein  dürfte.
Die  irreguläre  Truppemnacht  ward  zu  126,200  berechnet,  worunter
93,000  Reiter.  —  Dazu  kommen  noch  besondere  Corps,  z.  B.  96  angesiedelte ­
  Bataillone  mit  103,000  M.  etc.
Reden  stellt  einen  Soll-Etat  von  1’512,242  M.  auf,  wovon  freilich
nur  788,988  activ  seien.  Haxthausen  zählt  auf:
Reguläre  Truppen:
Grosse  Operationsarmee  .
Reserve  in  2  Abtheilungen
(sammt  1468  Geschützen)
Specialcorps,  worunter  Kaukasusarmee  und  im  Dienste  stehende  Kosaken

486,000
213,000

699,000
315,000
Irreguläre  Truppen:  Kosaken,  eine  Art  Miliz  (die  offizielle  Ziffer  von
bezeichnet  indess  nur  die  Masse  der  dienstpflichtigen  Mannschaft),
Militärcolonien  (ebenso,  82,260  Mann  umfassend).
Truppenvermehrung  während  des  jüngsten  Krieges.  Wie  sehr
alle  diese  Ziffern,  auf  Phantasmagorie  beruhten,  konnte  man  schon  aus
der  verhältnissmässig  geringen  Truppenzahl  entnehmen,  mit  der  die
Russen,  beim  Einrücken  in  die  Donaufürstenthümer,  den  jüngsten  Krieg
begannen  ;  man  konnte  es  noch  mehr  erkennen  an  den  ungemeinen
Anstrengungen,  welche  die  Regierung  machen  musste,  um  den  Kampf
nachhaltig  fortzuführen,  während  auf  dem  Hauptkricgschauplatze  doch
niemals  auch  nur  annähernd  200,000  M.  verwendet  waren  (allerdings
bedurfte  man  daneben  sehr  ansehnlicher  Streitkräfte  in  Polen,  an  den
Ostseeküsten  und  in  Asien).  Es  zeigte  sich  dabei,  wie  die  grosse
Ausdehnung  des  Reiches  selbst,  zumal  so  lange  es  an  einem  ausgedehnten ­
  Eisenbahnsysteme  fehlt,  die  Vertheidigung  gewaltig  erschwert.
Während  des  Krieges  wurden  die  Infant.  -  Regimenter  von  4  auf  6
active  und  2  Reserve-Bataillone,  sonach  im  Ganzen  auf  8  Bataillone,
jedes  (auf  dem  Papiere)  etwa  1000  M.  stark,  das  Regiment  also  auf
8000  M.  gebracht.  —  Unterm  10.  Fehr.  1855  erging  ein  Ukas  wegen
Bildung  einer  Reichsmiliz,  zuerst  nur  in  einzelnen  Provinzen,  dann
im  ganzen  Staate.  Von  1000  (raännl.)  Einwohnern  sollten  je  13  gestellt ­
  werden,  so  dass  man  auf  eine  Totalmasse  von  700,000  M.  hoffte.
        <pb n="95" />
        RUSSLAND  —  Militärwesen  (Landmacht,  Festungen).  79
Bestimmt  ward  :  Die  Bewaffnung  besteht  in  Gewehr  mit  Bajonnet  oder
Büchse,  nebst  Beil.  Die  Miliz  wird  in  regelmässige  Brigaden  und
Divisionen  formirt.  Sie  wählt  ihre  Offiziere  selbst  (die  Kosaken  wählen ­
  dieselben  ohnehin  zum  Theil).  Das  Bataillon  besteht  aus  1037
Combattanten,  52  Nichtcombattautcn  und  19  Offizieren.  Die  Kleidung
ist  die  nationale.  Die  Offiziere  erhalten  Epauletten  nach  ihrem  Bange.
—-  Der  Bildung  einzelner  (z.  B.  Schützen-)  Corps  gedenken  wir  nicht
näher.  —  Im  Ganzen  wurden  innerhalb  20  Monaten  folgende  ReCflltenäUShebungCn
  angeordnet:  durch  Ukas  vom
10.  Febr.  1854,  9  M.  von  1000  in  den  westlichen  Provinzen,
9.  Mai  -  9  östlichen
7.  Sept.  -  10  westlichen
13,  Dez.  -  10  -  -  -  -  östlichen
10.  Febr.  1855,  13  -  -  -  -  18  Gouvernements.  —  Reichswehr.
31.  Mai  -  1
12.  Aug.  -  &amp;gt;  13  ebenso  in  den  übrigen  Gouvernements.
7.  Oct.  -  ;
6.  Mai  -  12  M.  von  1000  in  den  westlichen  Provinzen,
15.  Got.  10-  -  in  sämmtl.  Gouvernements,  blos  7  ausgenommen.
In  Folge  der  Hartnäckigkeit  des  Kampfes,  noch  weit  mehr  aber
der  máselos  schlechten  Versorgung  der  Soldaten,  waren  die  Menschenvcrlusto
  ungeheuer.  Nach  einer  (angeblich  amtlichen)  Zusammenstellung ­
  soll  die  russische  Armee  schon  bis  zu  Ende  des  Jahres  1854
111,132  M.  eingebüsst  haben,  wovon:  29,204  Todte,  55,304  Verwundete, ­
  6,460  Vermisste,  16,156  an  Krankheiten  Gestorbene.  (Die
letzte  Zahl  ist  gewiss  weitaus  zu  gering.  Wahrscheinlich  sind  nur
die  Soldaten  in  den,  dem  Kampfplatz  unmittelbar  angrenzenden  Lazarethen
  berücksichtigt.)  Als  ausgeschlossen  wurden  ohnehin  bezeichnet
die  Verluste  der  kaukas.  Armee  und  jene  der  irregulären  Truppen,
der  Kosaken  etc.  —  Als  Beispiel,  in  welchem  Maasse  die  Verpflegung
eine  schlechte  ist,  wird  ii.  A.  angeführt:  Von  400  Recruten,  welche
aus  der  Gegend  von  Saenodien  nach  dem  Dniepr  gesendet  wurden,
kamen  blos  78  in  Kiew  an.  Von  einer  Reiterabtheilung  der  Garde
starben  in  der  Nähe  von  Zawichorst  (?)  in  ein  Paar  Monaten  %  der
Pferde  (und  von  den  Mensehen  ?).  In  Nicolajeff  und  anderwärts  zündete
man  Magazine  an,  um  die  Entdeckung  zu  verhüten,  dass  unter  das
Mehl  in  den  Tonnen  Gyps  gemischt  war.  (Zu  vergl.  Seite  81  die  Notizen
über  die  Verluste  der  russ.  Armee  im  J.  1812.)
Sogleich  nach  dem  Abschlüsse  dos  Friedens  verfügte  man  die
liutlassung  von  337  Druschinen  (Bataillonen)  Miliz,  und  von  6  Kosakonregimeutern
  der  tartar,  Reiterei,  welche  man  anfangs  1856  im
Gouvernement  Kasan  ausgehoben.  Diese  Entlassungen  schätzte  man
auf  350  000  M.  Andere  reiheten  sich  an.  Sie  würden  noch  ausgedehnter ­
  sein,  wenn  man  die  einmal  Ausgehobenen  in  ihre  früheren
Gemeinde-  und  Leibeigenschaftsverhältnisse  zurück  versetzen  könnte.  —
Es  dürften  übrigens  jetzt  kaum  mehr  400,000  M.  wirklich  unter  den
Waffen  stehen,  wovon  V4  ™  Kaukasus.
Festungen.  Ausser  den  festen  Seeplätzen,  namentlich  Kronstadt,
Helsingfors,  Sweaborg  etc.  (Sebastopol  ist  zerstört),  —  sind  nur  die
        <pb n="96" />
        80  RUSSLAND  —  Militärwesen  (Landmacht.  Geschichtliche  Notizen.)

Festungen  in  Polen  bedeutend:  Zamosk,  Modlin  oder  Nowo  Grigoriewski
und  die  Citadelle  von  Warschau,  dann  Brzesk  Litewski.  Wenig  bedeutend ­
  sind  die  Festungswerke  von  Petersburg  (doch  während  des
Krieges  verstärkt),  Moskau,  Smolensk.  In  Kamtschatka  ist  Petropawlowski
  befestigt.  —  Die  an  der  Kaukasischen  Küste  bestandenen,
während  des  jüngsten  Krieges  sämmtlicli  zerstörten  festen  Plätze
(Anapa)  und  blossen  Kreposten  (Erdaufwürfe)  werden  ohne  Zweifel
alsbald  wieder  hergerichtet.
Geschichtliche  Notizen.  Das  russ.  Heer  soll  unter  Peter  dem  I.
1712,  108,000,  bei  seinem  Tode,  1725,  196,000  M.  betragen  haben.
Zur  Zeit  des  siebenjährigen  Krieges,  als  die  Russen  zum  ersten  Male
gegen  eine  mitteleuropäische  Macht  kämpften,  ward  ihre  reguläre
Heeresstärke  auf  162,750  M.  berechnet,  nämlich:  30  Regimenter  Cavallerie
  (6  Cürassier-,  6  Drenad.,  und  18  Dragonerregim.),  31,950,
und  50  Reg.  Infanterie,  (4  Grenadiere  und  46  Musketiere)  130,800.
Hiezu  konnten  höchstens  noch  einige  Miliz-  und  2  Dragonerregiraenter
gerechnet  werden,  welche  indess  in  der  Liste  der  regulären  Truppen
nicht  aufgeführt  wurden.  —  Kaiserin  Katharina  vermehrte  die  Armee
bedeutend.  Eine  Schätzung  von  1785  geht  bereits  auf  360,000  M.
Eine  Detailberechnung  von  1794  entziffert:

53  Regim.  und  19  Brig.  Cavallerie  .  .  .  81,200
72  -  -  39  Bataill.  Infanterie  .  .  .  203,900
5  -  2  Comp.  Artillerie  .  .  .  27,700

130  Regim.  etc.  reguläre  Truppen  .  .  .  312,800
Dazu  irreguläre  Truppen,  Kosaken,  Baschkiren  etc.  69,200
Garnisonscorps  60,000

Gesammtzahl  442,000

Kaiser  Paul  vermehrte  das  Fussvolk,  unter  Verminderung  der
Reiterei.  1801  rechnete  man:
Infanterie  .  .  .  217,500
Cavallerie  .  .  .  33,500
Artillerie  .  .  .  17,700
Zus.  reguläre  Truppen  268,700
Hiezu:  irreguläre  Truppen  70,000
Im  Ganzen  höchstens  318,700  ,  ungerechnet  die  Garnisonscorps.
Eine  Liste  von  Ende  1803  führt  auf:

1)
2)

Garde:  Cavallerie  3300  (
Infanterie  9300  }  ’  '  '
Feldregimenter:  Cavallerie  49,700
Infanterie  219,100
Artillerie  42,900
Garnisonscorps  70,900

12,600
382,600

Gesammtzahl  394,200

Mit  Inbegriff  der  Invaliden  und  der  irregulären  Corps  ergab  sich
auf  dem  Papier  eine  Gesammtstärke  von  506,700  M.
In  den  beiden  Feldzügen  von  1805  und  7  brachten  es  die  Russen
in  Deutschland  nie  über  80—90,000  M.  Bei  Austerlitz  belief  sich
die  wirkliche  Stärke  der  Alliirten  auf  nicht  ganz  80,000  M.  im  activen
        <pb n="97" />
        6

RUSSLAND  —  Militärwesen  (Geschichtliche  Notizen).
Gamisonssoldaten  und  Invaliden  539,400
Nationalmiliz  100,000
851,100
P  .  .  Zusammen  1’490,500
iS;:£r£H“H£—Siii
Grafä’3  Toll«)  »D«"k^M!gkeilen  des  Generals  Karl  Friedrich
Truppen  in  erster  Linie:
^mm-S'is“irsl«s~s

SSiipHÍS—ÍSS
5Ê#M#ã#S2

104,250
35,000
36,000

Infanterie
Cavallerie
Artillerie

Rassen
72,000
17.500
14.500

Franzosen.
82,000
26,000
15,000
123,000
587

Zus.  104,000  *)
Geschütze  640
2ft  Verluste  in  dieser  Schlacht  waren  ungeheuer;  bei  den  Franzosen
Kp'  &amp;gt;  ungerechnet  34  —  35,000  Leichtverwundete;  bei  den  Russen
,000,  —  die  Iliilftc  der  Armee,  wovon  nur  etwa  1000  gefangen,
^le  Franzosen  zogen  noch  95,000  M.  stark  nach  Moskau.  (Toll.)
Der  Feldzug  brachte  das  russ.  Heer  in  einen  an  Auflösung  grenzenden ­
  Zustand,  —  nur  um  Weniges  minder  Übel,  als  der  der  Franzosen. ­
  Ganze  Compagnien  wurden  vollständig  vernichtet;  von  Batail-^en
  blieben  2—3  M.  übrig  (Versicherung  Butturlins,  des  Adjutanten
Kaisers  Alexander);  die  120,000  M.  der  Hauptarmee  unter  Kuzü
  Jll  ^000  Kosaken,  die  wenig,  und  Milizen,  die  hier  gar  nicht
“  eODrauchen  waren.
        <pb n="98" />
        82

RUSSLAND  —  Militärwesen  (Seemacht).

tusow  schmolzen  auf  35,000,  die  50,000  unter  Wittgenstein  auf  15,000
zusammen;  von  einer  aus  dem  Innern  Russlands  gesendeten  Verstärkung ­
  von  10,000,  langten  1700  auf  dem  Kriegsschauplätze  zu  Wilna
an  (nach  den  Versicherungen  des  engl.  Commissars  Sir  Robert  Wilson).
In  Tolls  Denkwürdigkeiten  finden  wir  folgende  Berechnung  :
Die  beiden  Westarmeen  betrugen,  nach  Abzug  des  Wittgenstein’schen

Corps  von  21,000,  —  noch:  die  erste  Westarmee  83,000,  die
zweite  35,000  118,000
An  Verstärkung  und  Ersatzmannschafteu  erhielten  sie  .  .  .  91,800
Zusammen  209,800
In  Wilna  waren  Mitte  Dez.  noch  bei  den  Fahnen  ....  40,290

Folglich  Abgang  von  Ende  Juni  bis  Mitte  Dezember  169,510

In  den  Lazarethen  lagen  48,335  M.  Wenn  auch,  was  erweislich  nicht  der
Fall,  der  grösste  Theil  dieser  Erkrankten  genesen  wäre,  so  war  der  Verlust
doch  noch  immer  grösser,  als  die  ursprüngliche  Zahl  der  Gesammtmannschaft.
Ein  Abgang  von  gesammten  Mannschaft  ist  gewiss  nicht  häufig  vorgekommen. ­

1813  und  14  war  die  Stärke  des  russ.  activen  Heeres  zu  keiner
Zeit  höher  als  150,000.  (Bei  Bautzen  standen  blos  82,852  Russen
und  Preussen  fast  100,000  Franzosen  entgegen.)
In  den  beiden  Feldzügen  von  1828  und  29  gegen  die  Türken
erschienen  die  Russen  in  einer  Stärke  anfangs  von  höchstens  80,000,
dann  allerhöchstens  von  120,000.  Als  das  Hauptcorps  nach  Adrianopel ­
  gelangte,  zählte  es  kaum  noch  25,000  Streitfähige,  und  es  wäre
verloren  gewesen,  wenn  die  ängstliche  Diplomatie  nicht  eilends  den
Frieden  zum  Abschlüsse  gebracht  hätte.  —  Der  Hcldenkampf  Polens
im  Jahre  1831  bewies  noch  mehr  die  Schwäche  des  russ.  Heerwesens.
Es  bedurfte  der  äussersten  Anstrengungen  des  Staats  und  '  der  mannichfachsten
  Unterstützungen  Oesterreichs  und  Preussens,  um  das  kleine
poln.  Heer,  das  fast  an  Allem  Mangel  litt,  endlich  niederzuwerfen.  —
In  Russland  erkannte  man  nun  die  Nothwendigkeit  bedeutender  Umgestaltungen. ­
  Vieles  ward  gethan,  das  Meiste  aber  doch  wieder  blos
auf  dem  Papiere,  zum  Scheine.  —  Im  ungarischen  Feldzuge,  1849,
erschien  eine  russ.  Hülfsarmee  von  110—120,000  M.  bei  den  Oesterreichern. ­
  Da  sich  die  Magyaren  durch  die  Uebermacht  erdrückt  sahen,
und  zum  Theil  Verrath  unter  ihren  Häuptern  einriss,  so  kam  es  überhaupt ­
  nicht  mehr  zu  Waflfenthaten.  —  Der  letzte  grosse  Krieg  hat
einerseits  die  Fortdauer  der  Missbrauche  in  der  Armeeverwaltung,
anderseits  die  unverwüstliche  Ausdauer  der  Soldaten  bewiesen.  Die
Niederlage  vor  Silistria  und  die  Vertheidigung  von  Sebastopol  bilden
starke  Contraste,  besonders  auch  hinsichtlich  der  Befähigung  der
Oberofficiere.
Seemacht.
Dieselbe  war  vor  dem  letzten  Kriege  in  die  des  baltischen  und
jene  des  schwarzen  Meeres  getheilt,  erste  von  3,  letzte  von  2  Divisionen. ­
  Dazu  kamen  die  kleineren  Schiffsabtheilungen  im  kaspischen
und  Aral-See,  und  im  weissen  und  ochotzkischen  Meere.  Kriegshäfen  :
Kronstadt,  Reval  und  Helsingfors;  Sebastopol;  dann  Astrachan.  Der
Normaletat  war:  45  Linienschiffe  (wovon  27  in  der  Ostsee,  18  im
        <pb n="99" />
        RUSSLAND  —  Sociale,  Gewerbe-  und  Handelsverhältnisse.  gg
§&amp;amp;####
von  Seb  V  bekanntlich  durch  die  Russen  selbst  im  Hafen
BclnfFe  zweiten  (dritten)  Ranges  von  je  10  Kan.;  endlich  15  Kri^sdamper
  von  denen  etwa  die  Hälfte  vom  Rang  einer  Fregatte  imd
mit  Jiombenkanonen  bewaffiiet.  Die  ganze  Pontusflotte  trug  2800  K.
Nach  dem  neuen  Pariser  Friedensvertrage  darf  keine  Kriegsflotte
auf  dem  schwarzen  Meere  bestehen.  Zufolge  üebereinkunft  zwischen
Kussland  und  den  Pforte  hält  jeder  dieser  beiden  Staaten  blos  6  leichte
K  egsselnffe  m  demselben,  während  England,  Frankreich  und  Oester-ÜÜÄP


Sociale,  Gewerbs.  und  Haiidelsverliaitnisse.

Allgemeine  Bemerknngen.  Von  dem  gesammten  urbaren  Lande
gehören  etwa  %«  der  Krone  oder  dem  Adel,  und  von  der  BevSlkernng
  sind  pgen  45  M.llionen  Menschen  leibeigen  oder  mindestens
sobl  .  G^^ratsahl  der  unfreien  Bauern  (männlichen  Ge-&amp;lt;j..r

8r!i?^P^Grechnet  ward,  so  befanden  sich  also
A  I  roz.  im  Zustande  der  Unfreiheit.  Davon  waren  :
9'457,000  Dagegen:
KKv„..iU“™„e  ;  ;  :  t::::;::
Zusammen  22’488,300  Leute  .  205,600  ==  %  -
Rlezu  Beamte,  Heer,  Adel  etc.

Diese  Notiz,  wie  ungenau  auch  die  einzelnen  Ziffern  sein  mögen,
kennzeichnet  die  allgemeinen  Zustände.  Nach  einer  Angabe  von  1850
^*e  damals  die  Zabi  der  eigentlichen  Kronbauern  7’825,000  gewesen
Cweiblich:  8'180,000).  Die  Leibeigenen,  welche  Privaten  gehören,
«tragen  in  Bessarabien  nur  2  Proz.  der  Bevölkerung,  im  Gouvernement
Orenburg  13  Proz.,  in  Moskau  51,  in  Podolien  61,  in  Tula  sogar  75
J'oz.  !  Ein  einziger  Private  besitzt  150,000  Leibeigene;  Besitzer  von
«  w  als  20,000  gibt  es  6,  von  10  —  20,000  23  u.  s.  f.,  zwischen
tmd  3000  244  Besitzer.  —  In  den  deutschen  Ostseeprovinzen  be-
        <pb n="100" />
        84  RUSSLAND  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.
fanden  sich  nach  der  letzten  Revision  1587  Güter  mit  495,373  „Angeschriehenen“
  (frühem  Leibeigenen)  männlichen  Geschlechts.  —  Am  1.  Jan.
1853  waren,  nach  ofhciellen  Angaben,  5’20(),000  „Seelen“  verhypothecirt.
  —  So  lange  das  Land  durch  Leibeigene  bearbeitet  wird;  so
lange  das  Eigenthum  weniger  in  einer  gewissen  Morgenzahl  Landes,
als  (nach  dem  ofdciellcn  Ausdrucke)  in  einer  gewissen  Anzahl  „Seelen“
(von  Leibeigenen)  besteht  ;  so  lange  man  bei  Anlehen  nicht  die  Grundstücke, ­
  sondern  die  dieselben  bebauenden  Menschen  verpfändet;  wird
es  eine  Täuschung  bleiben,  an  einen  waliren  Aufschwung,  an  wirkliche
Entwicklung  der  Kräfte  des  Staats,  seines  Reichthums,  seiner  Production ­
  oder  seines  Besteiierungsvermögens  zu  glauben.  „Ursprünglich
waren  nur  die  zahlreichen  Haus-  und  Hofleute,  aus  Kriegsgefangenen  und
deren  Nachkommen  bestehend,  Sklaven;  die  Bauern  aber  waren  freie
Pächter,  welche  jeden  Georgstag  (Juriews-Tag)  den  Pacht  aufgeben
und  weiter  ziehen  konnten.  Ein  Ukas  vom  21.  Nov.  IGOl  hob  die
Freizügigkeit  auf,  und  fesselte  den  Bauer  an  die  Scholle,  welche  er
am  letzten  Georgstage  bewohnt  hatte.  Dadurch  ward  er  indess  noch
nicht  leibeigen.  Die  Leibeigenschaft  scheint  auch  nicht  durch  ausdrückliches ­
  Gesetz,  sondern  durch  Missbrauch  der  Gewalt  seit  Peter  1.
eingeführt  worden  zu  sein.“  Das  Loos  der  Unglücklichen  verschlimmerte ­
  sich  sehr,  als  man  Fabriken  einführte,  und  viele  von  ihnen
zwang,  in  denselben  zu  arbeiten.  Indessen  ergab  sich  meistens  ein
schlechter  Ertrag,  wenn  man  anders  nicht  die  Leibeigenen  für  eigene
Rechnung  arbeiten  Hess.  Da  bildete  sich  das  jetzt  sehr  verbreitete
System  aus,  wonach  die  Unglücklichen  sich  selbst  Arbeit  suchen  dürfen,
dagegen  eine  ihnen  auferlcgte  Summe  jährlich  entrichten  müssen.  So
findet  man  nun,  da  der  Ackerbau  den  Russen  eigentlich  nicht  zusagt,
sic  vielmehr  ein  Wanderleben  oder  mindestens  wechselnde  Beschäftigung ­
  lieben,  viele  Kaufleute,  Handwerker,  Fuhrleute,  Schiffer  etc.,
welche  leibeigen  sind.  Manche  haben  sich  ein  ansehnliches  Vermögen
erworben,  für  dessen  Sicherheit  sie  freilich  nur  geringe  Garantie  besitzen, ­
  entweder  in  der  Gnade  ihrer  Herren,  oder  höchstens  in  der
angenommenen  Sitte  und  Gewohnheit.
Zu  einer  eigenen  Kaste  hat  sich  das  Beamtenthum  ausgebildet.
Den  Provinzen,  in  denen  sic  verwendet,  meistens  nicht  angehörend,
sind  die  Angestellten  auch  noch  durch  ihre  (wenn  gleich  in  der  Regel
blos  übertünchte)  Bildung  dem  Volke  völlig  fremd;  durch  ihre  Aufgabe ­
  an  sich,  noch  weit  mehr  aber  durch  Feilheit,  Bestechlichkeit,
Raubsucht  und  Corruption  jeder  Art  demselben  tödtlicli  verhasst.  Daher ­
  kommt  es,  dass  jede  Anordnung  von  oben  einem  eigenthümlichen
passiven  Widerstande  im  Volke  begegnet,  und  dass  selten  etwas
weniger  stattfindet,  als  die  Förderung  einer  Regierungsanordnung  durch
die  Bevölkerung  selbst.
Beamtenhierarchie  und  Adel  haben  sich  verschwistert.  Die  Erbitterung ­
  gegen  die  Bedrückungen  und  Erpressungen  des  Adels  führt
alljährlich  zu  vielen  stets  vereinzelten,  localen  Ausbrüchen,  meist  von
den  schrecklichsten  Barbareien  begleitet.  Nach  amtlichen  Erhebungen
kommen  alljährlich  zwischen  60  und  70  (durchschnittlich  67)  Fälle
        <pb n="101" />
        vor

RUSSLAND  —  Sociale,  Gewerbe-  und  Ilandelsverhältnisse.  §5
Q  ,denen  die  Adeligen  von  ihren  Bauern  ermordet  und  die
c  osser  medergebrannt  werden  (Herzen,  „Russlands  sociale  Zu
Gollowin,  La  Russie  sous  Nicolas  L,
aus  o4  ,  stimmen  darin  vollkommen  überein).  —  In  keinem  Lande
n  e  man  grössere  Gegensätze  von  Abgeschliffenheit  und  Uncultur.
Söschliffenheit  hat  aber  für  die  Nation  nichts  Anderes,  als
16  US  ildiing  der  Kunst  grösserer  Erpressungen  und  Bedrückungen,
sonac  1  nichts  als  Laster  hervorgebracht.  „Zu  jämmerlich,  um  als
1  ortschritt  in  der  Bildung  gelten  zu  können,  war  sie  hinreichend,  um
alles  Edle  und  Nationale  im  Innern  des  Menschen  zu  zerstören...
euer,  der  sich  diese  Abglättung  erworben,  trat  in  den  Staatsdienst
und  erwarb  sich  dadurch  den  Adel,  und  da  alles  äussere  Ansehen,
^ue  alle  reelle  Macht  sich  in  dieser  gefährlichen  Beamtenhierarchie
concentrirte,  ausser  ihr  keine  Ehre,  keine  Macht  zu  erwerben  war,  ja
inan  nicht  einmal  ausserhalb  ihres  Kreises  dem  Kaiser  und  dem  Vaterland ­
  zu  dienen  vermochte,  so  trat  Alles,  was  selbst  zum  alten  Adel
gehörte,  in  die  Reihen  der  Beamten,  und  ward  mehr  oder  weniger
von  dem  hier  herrschenden  Geiste  von  Verdorbenheit  angesteckt.  —
gekommen,  dass  der  Adel  in  Russland  zu  einem  Volke
angeschwollen  ist;  zu  einem  Volke  der  Herren,  im  Gegensätze  zu  dem
altruss.  Volke  der  Knechte,  durch  eine  fremde  Bildung,  durch  fremde
Lebensanschauungen,  durch  fremde  Sitten  imd  Kleidung  von  diesem
VM^i  g^Mmd,  uMmm  R^^^nrmd  mRff^v^
einigt  (So  spricht  selbst  Haxthausen,  der  Bewunderer  Russlands.!
Uemeindeverband.  Mit  einem  ganz  eigenthümlichen,  nirgends
sonst  vorkommenden,  wahrhaft  söcialis  tisch  en  Bande  umfasst  die
Gemeinde  ihre  sämmtlichen  Angehörigen.  Die  slavische  Einrichtung
schliesst  die  Autonomie  des  einzelnen  Individuums  aus.  Die  Feldmark,
in  ihrem  ganzen  Umfange,  ist  nicht  Eigenthum  der  Einzelnen,  sondern
der  Gesammtheit,  der  Gemeinde.  Jede  lebende  männliche  Seele
(  enn  auch  hier  zahlt  das  Weib  nicht),  hat  einen  Anspruch  auf  den
ganz  gleichen  Antheil  an  allen  Nutzungen  des  Bodens.  Jeder  eben
geborene  Knabe  hat  diesen  Anspruch  gemäss  seiner  Geburt,  und  sein
ater  fordert  sogleich  diesen  Antheil.  Dagegen  fällt  der  jedes  Todten
augenblicklich  wieder  der  Gemeinschaft  zu.  Ein  Vererben  nach  unsern
egiiffen  findet  nicht  statt.  Waldungen,  Weiden,  Jagd  und  Fischerei
eiben,  wie  Luft  und  Wasser,  völlig  ungetheilt.  Aecker  und  Wiesen
iverden,  nach  ihrem  Werthe,  unter  sämmtliche  männliche  Ortsangehörige
Vertheilt,  meistens  verloost.  In  der  Regel  hält  man  Roserveland  für
Nachkommende  bereit.  —  Dieses  System  gleichmässiger  Nutzung  (natiii’lich
  aueh  gleichmässiger  Leistung)  wird  angewendet,  gleichviel  ob
die  Gemeinde  freie  Eigenthümerin  ist  (wie  alle  Kosakengemeinden),
oder  blos  Besitzerin  (wie  bei  den  Kronländereien),  oder  nur  Inhaberin ­
  (wie  bei  den  leibeigenen  Communen).  Meistens  haben  die
Leibeigenen  eine  bestimmte  Geldabgabe  zu  entrichten  (den  Obrok).
Häufig  vermögen  die  Bauern  deren  Betrag  nicht  mehr  zu  erschwingen.
Ha  kommt  man  zu  einer  Theilung  des  Grundeigenthums.  Der  Gutsherr ­
  zieht  V3  oder  V4  des  Bodens  an  sich  und  überlässt  den  Rest
        <pb n="102" />
        86  RUSSLAND  —  Sociale,  Gewerbe-  und  Handelsverbältnisse.
der  Gemeinde  zu  ihrer  Ernährung,  wogegen  sie  ihm  den  ersten  Theil
kostenfrei  bebauen  (selbst  düngen  und  besäen)  muss.  Um  Missbräuchen
zu  begegnen,  hat  die  Regierung  3  Tage  Frohnde  in  der  Woche  als
Maximum  bestimmt.  (!)  Für  die  Kronbauern  ist  zwar  die  Leibeigenschaft ­
  dem  Namen  nach  aufgehoben,  allein  sie  sind  weder  freie  Eigenthümer
  geworden,  noch  von  den  Leibeigenschaftsleistungen  frei;  nur
hat  man  die  letzten  in  den  „Obrok“  verwandelt,  —  also  fixirt.  —
Ein  eigentliches  Proletariat  kann  bei  den  erwähnten  Einrichtungen
nicht  entstehen  ;  ebenso  wenig  ist  aber  auch  ein  Aufschwung,  eine
gehörige  Entwicklung  selbst  nur  im  Ackerbauc  möglich,  so  lange  die
Bebauer  des  Bodens  nicht  freie  Eigenthümer  zu  werden  vermögen.
Kronbauero.  Zur  Bevölkerung  der  Krön  dom  änen  (1850  mit
33  Mill.  Menschen,  nämlich  16’491,049  männlichen  Seelen)  werden
auch  die  ausländischen  Colonisten  gerechnet,  fast  Va  Million
(244,775  männliche  Seelen),  worunter  viele  eingewanderte  Deutsche,
namentlich  in  den  Gouvernements  Saratow,  Bessarabien,  Cherson,  Taurien,
  Grusien  und  St.  Petersburg.  Sodann  sind  35,000  angesiedelto
Juden  (17,536  männl.)  und  Va  Mill.  Nomaden  einbegriffen,  nämlich;
Kirgisen  94,392  1
Kalmücken  128,207  &amp;gt;  223,345  männl.  Seelen.
Samojeden  5,746  )
In  den  deutschen  Ostseeprovinzen  ist,  auf  Antrag  der  Stände,
die  Leibeigenschaft  nominell  aufgehoben  (Ukasen  vom  6,  Juni  1816
und  6.  Jan.  1820.)  Die  Bauern  wurden  allerdings  persönlich  frei,
allein  ohne  das  Recht  zu  erlangen,  Güter  erwerben  zu  dürfen.  —
Ein  Ukas  vom  2,  April  1842  bildete  für  Russland  eine  neue  Art  von
Leibeigenen,  welche  gesetzlich  ein  eigenes  Vermögen  besitzen  können.
Manchen  Leibeigenen  ist  es  gelungen,  sich  frei  zu  kaufen.  Die  Odnodworzen
  (etwa  1  Va  Mill.  „Revisionsseelen",  also  etwa  3  Mill.  Menschen)
sind  kopfsteuer-  und  recrutirungspflichtig.  Der  grösste  Theil  der  Tartaren
  ist  persönlich  frei,  besitzt  aber  kein  freies  Grundeigenthum.
Solches  haben  sich  die  Kosaken  erhalten  und  nach  Familien  unwiderruflich ­
  getheilt.  Den  Schlachtschützen  in  Polen  wurden  in  Folge  ihrer
Betheiligung  an  der  Revolution  von  1830  die  Adelsrechte  entrissen
und  sie  recrutirungspflichtig  gemacht.
Aus  dem  Gesagten  ergibt  sich,  dass  es  in  Rusland  an  der  Grundlage ­
  eines  tüchtigen  Volksthum  es,  der  Vorbedingung  eines  kräftigen
Staates,  dass  es  nämlich  an  einem  freien  Bauern-  und  einem  zahlreichen ­
  und  selbstbewussten  Bürgerthume  vollkommen  fehlt.  —  Aber
auch  die  Bildung  ist  weit  mehr  gehemmt  als  befördert.  Die  Leibeigenen ­
  insbesondere  sollen  „nicht  zu  viel  lernen.“  Während  die
Zahl  der  Kinder  zwischen  dem  6.  und  14.  Altersjahre  im  europäischen
Russland  gegen  8’600,000  beträgt,  erhalten  höchstens  360,000  wirklichen ­
  Unterricht,  also  nur  der  24ste  Theil  (4,2  Proz.  !)
Mangel  an  Verkehrsmitteln.  Russland  ist  bekanntlich  wesentlich
ein  Getreide  erzeugendes  Land.  Allein  abgesehen  von  den  verwerflichen ­
  socialen  Gestaltungen,  kann  man  auch  im  Uebrigen  die  natürlichen ­
  Vortheile  nur  wenig  benützen.  Es  fehlt  nicht  etwa  blos  an
        <pb n="103" />
        87

RUSSLAND  —  Handel  (Strassenmangel).

guten,  sondern  es  fehlt  überhaupt  an  brauchbaren  Strassen.  In  Folge
dessen  herrscht  so  ziemlich  jedes  Jahr  in  einer  Anzahl  Provinzen
Theuerung,  selbst  Hungersnoth,  indess  sich  die  andern  in  einem  Zustande ­
  von  Ueberfluss  befinden,  aus  dem  sie  keinen  Nutzen  zu  ziehen
veimögen.  ^  Das  Schwanken  in  den  Getreidepreisen  hat  eine  Ausdehnung ­
  wie  im  Mittelalter.  Der  russ.  Domänenminister  sprach  sich  1847
w  einer  Denkschrift  (abgedruckt  bei  Reden)  bezeichnend  darüber  aus.
ährend  1845  im  Pskow’schen  Gouvernement  der  Tschetwert  Roggen
IS  10  Rubel  stieg,  galt  er  85  Meil.  entfernt  noch  nicht  1  Yg.  In  einem
und  demselben  Gouvernement  steigt  und  fallt  der  Preis  nach  Maassgabe ­
  guter  oder  schlechter  Erndten  um  das  Sechs-  und  Zehnfache.  So
wechselte  derselbe  in  Stawropol  zwischen  1  Ruh.  57  Kop.  und  17  Ruh.
¿8  Kop.  !  —  Den  eigenen  Getreidebedarf  Russlands  berechnet  der
Minister  zu  30  Mill.  Tschetwert  (60  Mill,  Hectoliter),  die  Ausfuhr,
nach  lOjährigem  Durchschnitte,  zu  2Vg  Millionen.  Diese  Ausfuhr
kommt  nur  den  Seeprovinzen  zu  statten,  und  während  die  Preise  hier
zuweilen  bedeutend  steigen,  bleiben  sie  im  Innern  auf  dem  tiefsten
Stande.  Wäre  doch  ein  ganzes  Jahr  Zeit  nöthig,  um  den  dortigen
Ueberfluss  nur  nach  den  Seehäfen  zu  bringen!  Die  nördlichen  Ströme
gefrieren  zu  frühe  zu,  als  dass  sie  dem  Verkehre  wesentlich  dienen
könnten;  die  gewaltige  Wolga  geht  blos  nach  einem  Binnensee;  der
Dnjepr  und  andere  Ströme  sind  wegen  Stromschnellen  oder  versandeter
Mündung  wenig  schiffbar;  ganze  Gouvernements  (Kursk,  Charkow  etc.)
entbehren  jedes  schiffbaren  Gewässers.  Der  Minister  klagt  :  Die  Donaufürstenthümer
  führen  gegen  900,000  Tsch.  Getreide  aus;  Aegypten
1V2  Mill.  ;  selbst  die  Türkei  beginnt  Fruchtexportation  ;  mit  der  gefährlichsten ­
  Concurrenz  bedroht  uns  aber  Nordamerika.  In  gewöhnlichen
Jahren  betragen  Fracht  und  Assekuranz  nach  London,  pr.  Quarter;
aus  den  baltischen  Häfen  5—  7  Shill.
-  Odessa  .  .  .  10—12
-  Nordamerika  .  7—  8
so  dass  die  geringere  Enfernung  fast  keinen  Vorzug  mehr  gewährt.  —
Der  Werth  des  ausgeführten  Getreides  ward  so  berechnet  (in  S.-Rub.)  :
1845:  16’572,751  1850:  19’207,188
1846:  28’929,916  1851:  20’962,954
1847:  71’279,552  1852:  34/244,559
1848:  21’965,645
Die  Viehzucht  scheint  entschieden  in  Abnahme;  so  auch  die
Talgausfuhr.

Âllgein6Íner  Handel.  Im  Jahre  1852  —  dem  letzten  des  allgemeinen
  Friedens  —  betrug  der  Werth  der  Ein-  und  Ausfuhr  in  S.-Rub.  :

I.  Europäischer  Handel.

Länder
Norwegen  und  Schweden
Preussen
Dänemark  .
Hansestädte
Holland
Belgien

Einfuhr
P514,951
13723,314
354,927
5’292,969
3’080,435
591,006

Ausfuhr
2’321,379
10’376,129
1’332,817
1'960,272
5772,368
2’342,369
        <pb n="104" />
        RUSSLAND  —  Handelaverhâltnîsse  (Consumtîon).

Länder
Grossbritanien  .
Frankreich
Pyrenäische  Halbinsel
Italien
Oesterreich
Griechenland
Türkei
Amerika
Andere  Länder  .

Einfuhr  Ausfuhr
2F642,372  42’883,819
8’638,393  6941,015
3T80,312  3T86,784
2’818,621  4714,607
5’899,448  5709,897
419,250  282,286
4’587,984  7’255,455
7’696,991  2’034,555
_  777,399  6’557,017
83118,372  lOO'OSOjfeÖ"

Zusammen
IL  Asiatischer  Handel.

Länder  Einfuhr  Ausftihr
Asiatische  Türkei  .  929,207  1’082,146
Persien  .  .  .  2782,847  897,600
Kirgisische  Steppe  .  2’318,860  1’613,735
Chiwa  .  .  .  288,558  65,766
Bucharei  .  .  .  685,104  307,846
Taschkend  .  .  .  403,992  325,238
Khokand  .  .  .  23,935  10,921
China  ....  8125,231  8120,633
Andere  Länder  .  .  791,713
Zusammen  16’649,447  12123,885
Von  der  Einfuhr  kommen  also  auf  die  europäischen  Grenzen
84  Proz.;  davon  ‘/a  auf  Grossbritanien,  %  auf  Deutschland,  %  auf
Frankreich,  Vi2  ^^f  Amerika.  Im  asiatischen  Einfuhrhandel  erscheint
China  mit  mehr  als  der  Hälfte,  Persien  mit  Vß.
Von  der  Ausfuhr  treffen  auf  Europa  sogar  Vioi  davon  auf
Grossbritanien  40  Proz.,  Deutschland  12,  Türkei  7,  Frankreich  7.  —
In  Asien  kommen  auf  China  %.
Der  europäische  Handel  theilte  sich  1851  folgendermaassen
(Werth  in  Silber-Rubel)  ;
Elnfhhr  Anshihr

Weisses  Meer  368,410  4169,548
Baltisches  Meer  62’660,455  49’657,878
Schwarzes  Meer  8151,336  19,937,430
Landgrenze  15’573,486  10'008,747
Zusammen  87’053,687  ”  84’073,603
Der  Ende  1853  begonnene  Krieg  fing  zwar  an,  den  natürlichen
Lauf  des  Handels  etwas  zu  stören,  dessen  Ausdehnung  aber  ward
nicht  nur  noch  nicht  gemindert,  sondern  stieg  vielmehr  ansehnlich
(siehe  unten).  Ganz  anders  gestalteten  sich  die  Diiige  1854.  Da
ergab  sich  nur  noch  folgender  Verkehr  :
Einfuhr  Ausfuhr
Längs  der  europäischen  Grenze  44’906,535  44’075,497
In  Polen  ....  9’518,159  9146,138
In  Finland  ....  331,587  1’903,028
Längs  der  asiatischen  Grenze  15’601,827  9’908,018
Gold  und  Silber  .  .  .  6’301,350  11’999,496
76'659,458^  77'332,177
1853  waren  es  :  132’550,359  160’286,315
Dawson  (blos  die  Friedensverhältnisse  ins  Auge  fassend)  macht
folgende  Bemerkung:  Es  exportiren:
        <pb n="105" />
        RUSSLAND  Handelsverhältnisse  (Handelsflotte,  Eisenbahnen  etc.)

89

die  28  Mill.  Engländer  für  90  Mill.  Pf.  Sterl.
36  .  Franzosen  -  50
67  (62)  -  Russen  -  14
Die  Ausfuhr  beträgt  also  pr.  Kopf:
in  Grossbritanien  Fr.  80.  33  Cent.
-  Frankreich  -  34.  72
-  Russland  -  6.  22  -
1  Engländer  kommt  mehr  als  auf  15  Russen.  Noch
g  eic  ei  dürfte  das  Verhältniss  der  Innern  Consumtion  von  Gewerbserzeugnissen
  sein.
Was  den  Verbrauch  von  sog.  „Colonialwaaren“  betrifft,  so  betragt ­
  derselbe  pr.  Kopf:
ln  Russland  im  deutschen  Zollvereine
Kaffee  0,14  Zollpfund  3,07  Pf.
Zucker  1,85  -  7,25  -
Bei  gleicher  Kopfzahl  ist  also  in  Deutschland  der  Verbrauch  von  Zucker
tast  4-,  jener  von  Kaffee  fast  27mal  so  gross  als  in  Russland.  (Vergl.
auch  „Grossbritanien“,  S.  21.)
Im  russischen  Zollwesen  herrscht  das  Prohibitivsystem  vor
(neuester  Zomrif  von  12.  März  1822,  mit  ModiHcationen  noch  fortestehend),
  ohne  dass  das  erstrebte  Emporbringen  der  inländischen
volkeiung  des  Staates  (ohne  Polen  etc.)  hatte  die  Ausfuhr  betragen:
1760  :  18’650,000  Silber-Rubel
1768:  24’975,000
1775:  32’196,000
In  den  verschiedenen  Perioden  des  gegenwärtigen  Jahrhunderts:
Einftihr  Ausfuhr  Jahre  Einfuhr  Ausfuhr
40%  Mill.  49  Mill.  1837—41  :  73%  Mill.  85'/,  Mill.
-  53%  -  1842—46  :  79%  -  88
47  Vj  -  52%  -  1848—50  :  92%  -  91%  -
û4  -  65%.  1851  mit  Polen  103%  -  97'/.  -
63  A  -  66  -  (Die  Ziffern  von  1852—54  siehe  oben.)
11  Dieselbe  wurde  vor  dem  Kriege  so  berechnet  :
6  Segelschiffe,  mit  einer  Bemannung  von  10,800,  und  einer  Ladungsfähigkeit ­
  von  86,500  Lasten  (à  40  Cntr.).  Die  Schiffe  sind
nieistens  klein;  viele  fuliren  nur  unter  russ.  Flagge,  indess  sie  in
Wirklichkeit  Griechen  etc.  gehörten.  Unter  den  1851  in  russ.  Häfen
eiiigclaufenen  7323  Schiffen  mit  579,396  Lasten  befanden  sich  nur  1019
i'uss.  zu  78,662  Lasten,  dagegen  1875  engl,  zu  187,386  L.
Eisenbahnen.  Nicht  mehr  als  drei  sind  in  dem  Ungeheuern  Land
“u  Betriebe,  zus.  von  133  deutschen  Meilen  Länge  (von  St.  Petersburg ­
  nach  Zarskoje-Selo,  3%  Meil.  ;  von  Warschau  nach  Krakau,  41V4,
und  von  Petersburg  nach  Moskau,  88  Meil.).  Im  Baue  begriffen  sind
5  Bahnen,  von  382  Meil.  Der  Krieg  hat  Russland  die  Nothwendigkeit

Jahre
1802—  5
1819—22
1823—26
1827—32
1833—36
        <pb n="106" />
        90

OESTERREICH  —  Land  und  Leute.

schleuniger  Herstellung  von  Eisenbahnen  gezeigt,  und  voraussichtlich
werden  deren  nun  viele  rasch  ausgeführt  werden.
Taglohn:  gewöhnlich,  nebst  Kost,  20  —  50  Kupferkopeken
(6  bis  15  Krzr.  rhein.  oder  22  —  55  Cent);  in  der  Erndte  steigend
bis  auf  2  Rub.  Papier  (1  fl.,  über  2  Frkn.)
ZinsfhSS  :  sehr  hoch,  selbst  bei  Hypotheken  IV4,  IV2»  sogar
2  Proz.  monatlich.
MtinZO,  IRaaSSO;  Gewicht.  Geldeinheit:  der  Silber-Rubel,  13  Stück
auf  die  Köln.  Mark  fein,  sonach  1  fl.  528/jq  Krzr.  oder  1  Thlr.  2,36  Sgr.  ;  oder
13  Silb.-Rub.  sind  gleich  24%  fl.  oder  14  Thlr.  Der  Rubel  beiläufig  4  Fr.  —
Unterabtheilung  in  100  Kopeken.  Der  Werth  des  Papier-Rubel  ward  1839  so
bestimmt,  dass  1  Silber-Rubel  gleich  sei  3  Rub.  50  Kop.  in  Papier.  Auch  der
Papier-Rubel  ward  in  100  Kopeken  (Kupfer-Kopeken)  getheilt
Die  Elle,  Arschine,  345,4  Pariser  Linien;  100  Arschinen  =  71,14  Meter,
106,55  Berliner  Ellen,  oder  77,78  engl.  Yards.  —  Der  russ.  Fuss  ist  genau
der  englische  von  135  franz.  Linien.  —  Die  Sasche  oder  Klafter  ==  7  engl,
oder  6,8  rhein.  Fuss,  2,13  Meter.  —  Die  Werst  (russ.  Meile),  3500  engl.  Fuss,
104,25  auf  1  Gr.  des  Aequators,  =  6,95  russ.  Werst  1  geogr.  Meile.  Die
Dessjätine  =  4,28  Bert  Morgen  oder  1,09  Hectaren;  —  5022,3  Desslätinen
=  1  Quadrat-Meile.
Getreidemaass  :  Der  Tschetwert  =  209,9  Lit.  oder  3,82  Bert  Scheffel,
oder  0,72  engt  Quarter.
Gewicht:  100  Pf.  russ.  =  40,9  Kilogr.,  81,8  deutsche  Zollpfund.  —
Das  Pud  hat  40  russ.  Pfund.  Das  Berkowetz  (Schiffsgowicht)  =  10  Pud  oder
400  russ.  Pfund.

Oesterreich  (Kaiserthum).

Laud  und  Leute.

Oesterreich,  bis  zur  neuesten  Zeit  ein  Conglomérat  verschiedener
Staaten,  soll  jetzt  in  einen  Einheitsstaat  umgewandelt  werden.

Umfang  und  Bevölkerung  der  Provinzen.

*  Nieder-Oesterreich
*  Ober-Oesterreich
*  Salzburg
*  Steiermark,  3  Kreise
*  Kärnthen
*  Krain
tKüstenland,  2  Kreise
*  Tirol  und  Vorarlberg,  4  Kreise  .
*  Böhmen,  7  Kreise
*  Mähren,  2  Kreise
*  Schlesien
t  Galizien,  13  Regierungsbezirke
Bukowina
Dalmatien
Lombardei,  9  Provinzen  ....
Venedig,  8  Provinzen  .....
Ungarn,  5  Districte,  45  Gespannschaften
Wojwodschaft  Serbien  u.  Temeser  Banat,  5  Distr.
Croatien  und  Slavonian,  6  Gespannschaften  .
Siebenbürgen,  5  Kreise  ....

d.  Q,-M.

361
218
130
409
188
181
145
523
944
404
94
1’421
190
232
392
434
3,265  j
545
333
1,103  )

Bevölkerung
1846  '  íãTo/sj

1’494,399  1’538,047
713,003  706,316
143,689  146,007
1’003,074  1’006,971
318,577  319,224
466,209  463,956
500,101  508,016
859,250  859,706
4’347,962  4’409,900
1784,592  1799,838
466,002  438,586
4734,427  4’555,477
371,131  380,826
410,988  393,715
2’670,833  2725,740
2’257,200  2’281,732
I 7’864,262
'  868,46^
2’073,737
        <pb n="107" />
        OESTERREICH  —  Land  und  Leute  (Nationalitäten).

Milit^grenze,  2  Landes-Militär-Commissariate  610  1’282,309  1’009  109
iiiezu  das  Militär  ....  -  -  738¡624
Dip  *  .  Zusammen  12,120  36773,748  36’514,466
^  mit  bezeichneten  Provinzen  gehören  zum  deutschen  Bundest
  bezeichneten  gehört  ein  Theil  dazu,  nämlich
om  i^iistenlande  die  grössere  Hälfte,  86  Q.-M.,  von  Galizien  dagegen
"Ul  ein  kdemer  B(»drk  vcni  8
__  ßcstandtheilc.  Sonach  ergeben  sich  für  die
•bander  im  deutschen  Bunde  3,54.6  Q.-M.  und  etwa  12'/,  Mill.  Bewohner,
ausserhalb  des  Bundes  8,575  -  -  -  24  -
Im  Ganzen  zerfällt  indess  Oesterreich  in  folgende  4  Haupttheile  :
Deutsche  Länder  3,546  Q.-M.,  12%  Mill.  Menschen,
Ungarische  -  5,246  -  14'/j  -
Polnische  -  1,413  -  4'^  -
Italienische  -  826  -  5  .

.  Oesterreich  bildet  also  keineswegs  einen  durch  natürliche  Verhältnisse ­
  und  in  natürlichen  Grenzen  gebildeten  Staat,  sondern  es  ist  ein
Konglomerat  verschiedener,  da  und  dort  (z.  B.  von  Italien,  von  Polen  etc.)
osgetrennter  ^  und  künstlich  vereinigter  Landschaften  und  Provinzen.
Oemzufolp  ist  das  Gebiet  fast  in  allen  Richtungen  offen  und  blosgestellt
  (besonders  in  Italien  und  Galizien),  während  im  Innern  des
Staates  die  hohen  Alpen,  die  Karpathen  u.  s.  f.  die  verschiedenen
Gebi^sthmle  schroüF  und  für  ewige  Zeiten  von  einander  trennen.  Auch
enthärt  Oesterreich  des  Besitzes  der  Mündungen  seiner  Ströme,  jene
entwicklung  ermangelt  einer  günstigen  Küsten-Ausdehnung.

  Die  grösste  Längenausdehnung  Oesterreichs  beträgt
186,  die  grösste  Breitenausdehnung  94  Meilen.  —  Von  Wien  nach
den  entferntesten  Punkten  des  Staates  sind  110  Meil.;  nach  dem  nächsten ­
  Punkte  der  russ.  Grenze  (in  gerader  Linie)  nur  38,  der  türk
Grenze  45,  der  franz.  80  Meilen.  —  Oesterreich  grenzt  an  12  (die
Walachei  und  Serbien  besonders  gerechnet  an  14)  fremde  Staatsgebiete,
uie  Gesammtgrenzen  des  Staates  haben  eine  Länge  von  8841%,  oder,
wenn  man  das  Küstengebiet  dazu  rechnet,  von  1150  Meilen.  Hievon
kommen  auf  die  Grenze  gegen  die  Türkei  330,  gegen  Russland  und
Oien  141,  Baiern  136,  Preussen  84,  die  Schweiz  69,  Sardinien  20,
arma  14,  die  Römischen  Staaten  13,  Modena  10  Meil.  (Reden.)
Bodoubcnfitzung,  nach  österreichischen  Jochen  berechnet:
36’513,850  Aecker,  110,546  Reisfelder  (in  Italien),
51  311,509  Waldungen,  67,249  Lorbeer-  und  Kastanienwälder
15’557,205  Weiden,  (davon  45,307  in  d.  Lombardei),
14’085,769  Wiesen  und  Gärten,  41,376  Olivenwälder.
1224,745  Weingärten,
Nationalitäten.  Auch  die  Völker,  welche  der  österr.  Staat  umlasst,
  sind  äusserst  verschieden,  nach  Abstammung,  nach  Bildung,
Sprachen,  Sitten  und  Religion.  Ebenso,  wie  das  Reich  eine  Menge
Von  Ländern  und  Landestheilen  in  sich  begreift,  umschliesst  es
oine  Menge  von  Volksstämmen  oder  von  Theilen  derselben.  Dabei
besitzt  keiner  der  vorhandenen  Stämme  ein  absolutes  Uebergewicht
        <pb n="108" />
        92

OESTERREICH  —  Land  und  Leute  (Nationalitäten).
über  die  andern.  Die  Sluven  sind  relativ  weitaus  am  zahlreichsten  j
allein  sie  stehen  an  Bildung  viel  zu  sehr  zurück,  um  eine  Präponderanz
  zu  üben.  Die  Deutschen  bilden  nur  der  Bevölkerung,  und
überdies  sind  sie  den  Italienern  geistig  nicht  oder  nicht  wesentlich
überlegen.  (Wir  sehen  zwar,  dass  Russland  noch  mehr  verschiedene
Nationalitäten  in  sich  vereinigt;  allein  der  Hauptvolksstamm  besitzt
dort  eine  numerisch  entschiedene  Ueberlegenhcit.)
Die  wichtigsten  Stammverhältnisse  sind  :

1)  Slaven  :  Polaken  und  Ruthenen
Czechen,  Mähren,  Hannacken  etc.
Südslaven  (vielfach  getheilt)
Zusammen  (43%  Proz.)
2)  Oermanen:  Deutsche  im  Bundesgebiete  '
-  ausserhalb  desselben  (vielfach  zerstreut)
Zusammen  (20%  Proz.)
3)  Magyaren  (lö'/i  -  )
4)  Italiener,  mindestens  (14*74

6,200,000
6’300,000
4’100,000
T6’600,000
5’300,000
2’500,000

7’800,000
5’800,000
Der  Rest  kommt  auf  die  Juden  (fast  800,000),  Zigeuner  (angeblich  97,0001
Armenier  (17,000),  Griechen  (10,000)  etc.

Eine  andere  Berechnung  stellt  folgende  Unterschiede  auf:
SHven  15’282,196
Romanen  im  weitern  Sinne  .  .  .  8’104,766
Deutsche  7’917,195
Asiatische  Stämme  (Magyaren,  Juden  etc.)  6’279,608
^  Total  37’583,755
(Die  Gesammtziffer  ist  wohl  um  eine  1  Million  zu  hoch).
Dichtigkeit  der  Bevölkerung.  Nach  österreichischen  Quadr.-Meilen
  berechnet,  welche  um  ungefähr  V20  grösser  sind  als  die  deutschen, ­
  und  deren  das  Reich  11,593  (=  12,120  deutsche)  umfasst,
betrug  die  Einwohnerzahl  nach  dem  letzten  Census  auf  je  eine  österreichische ­
  Quadrat-Meile  :

Lombardei  .  .  .  7267
Venedig  ....  6498
Schlesien  ....  4900
Böhmen  ....  4878
Mähren  ....  4660
Nieder-Oesterreich  .  4448
Küstenland  .  .  .  3673
Ober-Oesterreich  .  .  3391
Galizien  ....  3353
Serbien,  Banat  .  .  2737
Croatien,  Slavonien  2729

Krain  .  .  .  .  2674
Steiermark  .  .  .  2576
Ungarn  ....  2518
Bukowina  .  .  .  2099
Siebenbürgen  .  .  1966
Kärnthen  .  .  .  1776
Dalmatien  .  .  .  1771
Militärgrenze  .  .  1731
Tirol  ....  1718
Salzburg  .  .  ,  1171

Bevölkerungswechsel.  Wenn  wir  die  oben  mitgetheilten  Bevölkerungszitfern
  von  1846  und  IS^Vsi  vergleichen,  fällt  uns  die
Verminderung  der  Volkszahl  sowohl  im  Granzen  als  in  einzelnen
Provinzen  auf.  (Sollte  im  Jahr  1846  nicht  das  Militär  der  Civilbcvölkerung
  beigerechnet  sein,  so  ergäbe  sich  eine  noch  viel  bedeutendere
Verringerung.)  Am  grössten  war  der  Menschenverlust  in  Ungarn  (angebl.
700,000),  der  Militärgrenze  (270,000)  und  Gralizien  (180,000).  in
den  italienischen  Provinzen  zeigte  sich,  trotz  des  furchtbaren  Krieges,
eine  Zunahme.  —  Es  kann  nicht  Wunder  nehmen,  dass  eine  Vor-
        <pb n="109" />
        OESTERREICH  —  Land  und  Leute  (Auswanderungen).

93

minderung  der  Einwohnerzahl  eintrat  in  Folge  der  schrecklichen
Vorfälle  in  Galizien  und  später  in  Böhmen;  dann  der  Revolutionen
in  Wien,  in  Ungarn  und  Italien  ;  endlich  auch  in  Folge  Einwirkung
der  gestörten  Verkehrs-  und  Geldverhältnisse,  und  des  Menschen  und
Geld  verschlingenden,  bewaffneten  Friedens  (Seuchen  beim  Militär).
Ein-  und  Auswanderungen  sind  in  Oesterreich  nicht  häufig.  In
den  25  Jahren  von  1819—45  sollen,  Ungarn  und  die  Militärgrenze
nnberücksichtigt,  die  Einwanderungen  einen  Ueberschuss  von  186,111
Menschen  ergeben  haben.  In  neuerer  Zeit  erlangten  auch  in  Oesterreich ­
  die  Auswanderungen  eine  viel  grössere  Ausdehnung.  Doch  scheint
in  den  jüngsten  Jahren  ein  Rückschlag  erfolgt  zu  sein,  indem,  nach
den  amtlichen  Ziffern,  und  ohne  Ungarn,  betrugen  :

1854  1855
die  Auswanderungen  4228  3978
„  Einwanderungen  4598  4000
Dass  nach  den  officiellen  Angaben  das  Vermögen  der  Einwanderer
weit  grösser  gewesen  sei,  als  das  der  Auswanderer,  beweist  nichts,
weil  man  die  heimlichen  Auswanderungen  nicht  angibt,  wonach  auch
obige  Ziffern  zu  berichtigen  wären.
Geburten-  und  Sterbefälle.  Ungarn  und  die  Militärgrenze  ungerechnet, ­
  nimmt  Becher  für  1819—43  zusammen  an;  19798,400
Geburten,  15'649,300  Sterbfälle,  sonach  Vermehrung  4749,100.  Das
Verhältniss  war  aber  schon  in  jenen  Jahrzehnten  höchst  ungleich:
1819—28  kamen  auf  100  Geburten  71,9  Sterbfälle,  1829—38  86,6,
1839—43  78,3.  (Im  Cholerajahre  1831  überstieg  die  Zahl  der  Sterbfälle ­
  jene  der  Geburten  in  der  Lombardei  um  25,039,  in  Venedig  um
19,248,  Tirol  5229,  Niederösterreich  4948  und  Kärnthen  um  1870.)
Das  Verhältniss  der  ehelichen  zu  den  unehelichen  Geburten  wird
verschieden  berechnet,  zwischen  1  zu  7,75  und  1  zu  9,82.  Das  letzte
sind  indess  die  älteren  Ziffern.  In  den  einzelnen  Landestheilen  ergaben
sich  auch  in  dieser  Beziehung  grosse  Abweichungen.  Im  Jahre  1844
war  das  Verhältniss  :  in  Oesterreich  unter  der  Ens  wie  1  zu  2,93,
in  Steiermark  2,97,  Oberösterreich  4,0;  dagegen:  Militärgrenze  1  zu
88,4  (Folge  der  leichten  Ansässigmachung  !),  in  Siebenbürgen  1  zu  36,
in  Venedig  zu  39,  in  Dalmatien  zu  29.  —  Das  Verhältniss  der  männlichen ­
  zu  den  weiblichen  Geburten  soll  mit  geringen  Abweichungen ­
  1  zu  0,94  sein.

Hoifäthen  (nach  Czernig)  1841  ;  306,210  (wovon  89,500  in
Ungarn,  18,179  in  Siebenbürgen,  14,409  in  der  Militärgrenze).  Es
kam  eine  Ilcirath  :

1841  auf  118  Einw.  1843  auf  119,53  Einw,
1842  -  124,08  -  1844  -  124,17  -
Während  der  3  letztbezeichneten  Jahre  schwankte  das  Verhältniss:

ln  Oberösterreich  zwischen  143  u.  154
-  Steiermark
-  Kärnthen  und  Krain
-  Tirol

Dagegen  :
in  Böhmen  zw.  119  u.  125
-  Mähren  u.  Schlesien  -  115  -  128
-  Galizien  -  96  -  106
-  der  Lombardei  •  107  ■  124

129  -  175
153  -  178
154  -  169
        <pb n="110" />
        94

OESTEREEICH  —  Land  und  Leute  (Confessionen).
Geschlechts*  und  Familienzahl  (nach  Reden)  :

Provinzen  Familien  Männlich  Weiblich
Deutsche  2’860,089  5’810,077  6’38C,490
Nichtdeutsche  5’339,812  11’658,175  ir921,098
—  Militär  738,624

Zusammen  8’199,901  18’206,876  18’307,588
Auf  die  Familie  sollen  in  den  deutschen  Provinzen  4,2G,  in
den  übrigen  Landestheilen  4,41,  irn  Durchschnitte  4,36  Köpfe  kommen.
Eine  aus  dem  Jahre  1841  herrührende  Berechnung  ergab  durclisclmittlich
  4,78,  mit  folgenden  Abweichungen:
in  Ungarn  4,26  in  Steiermark  5,00
im  Küstenlande  4,32  -  der  Lombardei  5,11
in  Böhmen  4,34  -  Venedig  5,17
-  Galizien  4,34  -  Siebenbürgen  5,71
-  Wien  4,39  -  Dalmatien  6,03
-  Mähren  4,43  -  der  Mil.-Orenze  9,25
-  Oberösterreich  4,59
Alle  diese  Berechnungen  ermangeln  indess  der  Verlässigkeit.
Confessionen.  Römische  Katholiken,  in  allen  Hauptländern
die  Mehrzahl,  Siebenbürgen  ausgenommen,  ungefähr  26’400,000.  Griechische ­
  Katholiken  3700,000  (wovon  2700,000  in  Galizien).  Orthodoxe ­
  Griechen  3700,000  (davon  1’400,000  in  Ungarn,  725,000  in
Siebenbürgen,  600,000  in  der  Militärgrenze,  300,000  in  Galizien,
80,000  in  Dalmatien).  Protestanten  3%  Mill.  ;  nämlich  2’200,000
Reformirte  (1700,000  in  Ungarn,  360,000  in  Siebenbürgen,  52,000
in  Böhmen  etc.)  und  1’300,000  Lutheraner  (davon  830,000  in  Ungarn,
220,000  in  Siebenbürgen,  90,000  in  Mähren,  35,000  in  Böhmen).
60,000  Angehörige  anderer  christlicher  Secten.  Etwa  800,000  Juden.
'  Die  katholische  Kirche  ist  in  jeder  Beziehung  die  bevorzugte,
ln  ganzen  Provinzen  (Tirol)  werden  Protestanten  nicht  einmal  geduldet.
Selbst  das  vielfach  angefeindete  „Toleranzedict“  Joseph  des  II.  proclamirte
  blos  ein  Dulden  der  Akatholiken,  unter  Verweigerung
der  Rechtsgleichheit.  Noch  gegen  die  Mitte  unseres  Jahrhunderts  sah
man  die  Verdrängung  der  Zillerthaler  ihres  kirchlichen  Glaubens
wegen.  Die  in  Folge  der  Revolution  von  1848  verkündete  Rechtsgleichheit ­
  ward  schnell  wieder  beseitigt;  besonders  empfanden  dies
die  Juden.  Das  Concordat  von  1855  räumt  der  katholischen  Geistlichkeit ­
  ungemeine  Befugnisse  ein.  Unter  solchen  Verhältnissen  kann
es  um  so  weniger  Wunder  nehmen,  wenn  die  orthodoxen  Griechen
(wie  schon  früher  versichert  ward)  den  Czaar,  als  ihr  religiöses  Oberhaupt, ­
  in  ihre  Kirchengebete  einschliessen  sollen.
Städte.  Die  Bevölkerung  Oesterreichs  bewohnt  70,513  Gemeinden, ­
  nämlich  887  Städte,  2318  Marktflecken  und  67,308  Dörfer.  Nur
5  Städte  zählen  mehr  als  100,000  Einw.  Nach  der  Aufnahme  von
1853:  Wien  431,147  (im  Jahre  1754:  175,609;  1780  :  202,044-1816
  :  245,080;  1820:  262,226;  1837:  333,582  [wovon  53,450
auf  die  innere  Stadt,  280,132  auf  die  34  Vorstädte,  ungerechnet  das
Militär],  1843:  375,834;  1854,  ohne  Garnison,  431,889);  —  Mailand
168,596,  Prag  118,405,  Pesth  106,379,  Venedig  106,353  (1851  noch
        <pb n="111" />
        OES  TEEREICH  —  Land  und  Leute  (Gebiets  Veränderungen).  95
123,290!)  —  Mehr  als  50,000  haben  Lemberg,  Triest,  Gratz,  Padua,
Verona,  Krakau,  Szegedin  und  Ofen;  mehr  als  40,000:  Maria-Theresiopol,
  Brünn  und  Pressburg;  mehr  als  30,000:  Bergamo,  Brescia,
Vicenza,  Cremona,  Corpi  Santi  von  Mailand,  Vasarhely-Holdmezö,
Kecskemet  und  Debrezin;  mehr  als  20,000:  Mantua,  Chioggia,  Pavia,
Gonzaga,  Udine,  Treviso,  Linz,  Cronstadt,  Cseba,  Szentes,  Grosswardein, ­
  Arad,  Mako,  Zembor,  Teineswar  und  Czernowitz;  mehr  als
10,000  85  Städte,  worunter:  Klausenburg,  Hermannstadt,  Erlau,
Oedenburg,  Raab,  Komorn,  Brody,  Tarnopol,  Agram,  Fiume,  Lodi,
Monza,  Como,  Olmütz,  Budweis,  Eger,  Pilsen,  Troppau,  Laibach,
Klagenfurt,  Salzburg,  Innsbruck  etc.
Gebietsveränderungen,  Unter  Ferdinand  dem  I.  umfasste  das
Reich  erst  5400  Q.-M.  Durch  den  Prager  Frieden,  1635,  verlor  es
die  Lausitz  an  Sachsen,  durch  den  Westphälischen,  1648,  das  Eisass
an  Frankreich.  Dagegen  erfolgte  1687  die  Unwandlung  Ungarns  in
ein  österreichisches  Erbreich,  und  gleichzeitig  ward  die  Herrschaft  über
Siebenbürgen  gesichert.  Die  Frieden  von  Carlowitz  und  Passarowitz,
1699  und  1718,  unterwarfen  Serbien,  Theile  der  Walachei,  Croatiens
und  Bosniens.  Dagegen  gelangte  Oesterreich  nur  in  den  Besitz  eines
kleinen  Theiles  der  „spanischen  Erbschaft“  (Rastatter  und  Badener
Frieden  von  1714),  nämlich  der  spanischen  Niederlande,  Mailands,
Neapels  und  Sardiniens,  welches  letzte  1720  gegen  Sicilien  umgewechselt ­
  ward.  Der  Staat  hatte  nun  einen  Umfang  von  etwa  9050
Q.-M.  —  1735  und  38  gingen  Neapel,  Sicilien  und  ein  Theil  von
Mailand  verloren,  wogegen  nur  Parma  und  Piacenza  erlangt  wurden.  Der
Belgrader  Friede,  1739,  kostete  Serbien,  und  Friedrich  II.  nahm  1740
Schlesien.  1772  erlangte  Oesterreich  (in  der  ersten  Theilung  Polens)
Galizien  und  Lodomerien.  1777  trat  die  Pforte  die  Bukowina  ab.
Der  Teschener  Friede  verschaffte  dem  Staate  von  Baiern  das  Innviertel
und  einige  schwäbische  Gebiete.  Er  umfasste  über  11,000  Q.-M.
Statistische  Uebersicht  von  1786.
A.  Zum  deutschen  Beiehe  gehörende  Erhlande  :
Q,-M.
Oesterreichischer  Kreis  .  2,145
Königreich  Böhmen  .  •  961
Markgrafschaft  Mähren  .  396
Oesterreichisch  Schlesien  .  81
Oesterreichische  Niederlande  469
Zusammen  4,052

Bevölkerongl
4’182,000
2’266,000
1’137,000
200,000
1’880,000
9’665,000

B.  Ausserdeuische  Staaten  :
Lombardei
Ungarn  .  •  •  •
Illyrien  .  •  •  •
Siebenbürgen  .
Bukowina  •  ‘  '
Galizien  und  Lodomerien

192
3,721
808
1,050
178
1,280

1’324,000
3,170,000
620,000
1’250,000
130,000
2’800,000

Zusammen  7,229  9’294,000
Gesammtsumme  11,281  18’959,000  _
        <pb n="112" />
        96

OESTERREICH  —  Land  und  Leute  (Gebietsveränderungen).

erfolgten  Veränderungen  im  Territorialbestande,  namentlich  der  Lombardei  und
Galiziens,  eingetretenen  Veränderungen  nicht  übersehen  werden  dürfen.  Der
„Oesterreichische  Kreia^^  begriff:  1)  Das  Erzherzogthum  Oesterreich;  2)  Inner-Oesterreich,
  nämlich:  Steyermark,  Kärnthen,  Krain,  das  österr.  Friaul  und  das
Triester  Gebiet;  3)  Oberösterreich,  —  Tirol  und  Vorarlberg;  4)  Vorderösterreich
nämlich  :  ’

das  Breisgau  .
Schwäbisch-Oesterreich
Hohenembs
Falkenstein
Langenargen  und  Tetnang

54
46
8%
2'/2
6

Bevölkerung
150,000
117.000
3,700
4,000
12,800

112  287,000
(Hiezu  gehörten:  Freiburg  im  Breisgau,  Constanz,  Günzburg,  das  Frickthal  im
jetzigen  Schweizer-Kantone  Aargau.  Falkenstein  lag  auf  dem  linken  Rheinufer,
am  Donnersberge,  im  Umfange  der  jetzigen  baier.  Pfalz.)  —  Die  „Oeaierr.  Niederlande''^ ­
  umfassten  den  grössten  Theil  des  heutigen  Königreichs  Belgien  (Brüssel,
Löwen,  Antwerpen,  Ostende,  Mecheln,  Gent,  Brügge,  Mons,  Namur,)  —  ohne
Lüttich,  dagegen  mit  Luxemburg  und  Limburg.  _  Diq  „Lombardei"'  begriff  nur
die  Herzogthümer  Mailand  und  Mantua  (mit  Pavia,  Cremona,  Lodi,  Como  und
auch  Casale.)

Bald  traten  grosse  Veränderungen  in  diesem  Territorialbestand
ein.  Durch  die  dritte  Theilung  Polens,  1795,  erhielt  Oesterreich  auch
„Westgalizien.“  Dagegen  entriss  ihm  der  Friede  von  Campo  Formio,
17.  Oct.  1797,  die  Niederlande,  die  Lombardei,  Falkenstein  etc.  =
663  Q.-M.  und  3’210,000  Mensclien.  Es  erhielt  dagegen  das  östlich
der  Etsch  gelegene  Oebiet  der  Republik  Venedig,  sammt  dieser  Stadt
selbst,  und  Dalmatien  =  760  Q.-M.  mit  2T00,000  Einw.  und  12  Mill.
Einkünfte.  (Der  Kaiser  überliess  dafür  seinerseits  das  dem  deutschen
Reiche  gehörende  linke  Rheinufer  an  Frankreich.)  Der  Friede  von
Luneville  (nach  den  Feldzügen  von  Marengo  und  Hohenlinden),
9.  Febr.  1801,  bedingte  den  Verlust  des  Breisgaus  und  Frickthals,
verschaffte  Oesterreich  dagegen  die  Erzstifte  Trient  und  Brixen.  Der
österreichische  Staat  umfasste  nun  11,976  Q.-M.  (Unterm  11.  August
1804  erklärte  sich  der  Beherrscher  zum  „Erbkaiser  von  Oesterreich.“)
Gemäss  des  Pressburger  Friedensvertrags  vom  26.  Dec.  1805  (nach
dem  Feldzuge  von  Ulm  und  Austerlitz)  musste  Oesterreich  weiter  abtreten ­
  :  an  das  „Königreich  Italien“  (d.  h.  an  Napoleon)  Venedig  sammt
allen  italienischen  Besitzungen;  an  Baiern  :  Burgau  (Vorderösterreich),
Eichstädt,  seinen  Antheil  an  Passau,  Tirol,  Vorarlberg,  Hohenembs,
Rothenfels,  Tetnang,  Argen  und  Lindau  ;  an  Württemberg  :  die  5  obern
Donaustädte,  die  Grafschaft  Hohenberg,  die  Landgrafschaft  Ncllenburg,
die  Landvogtei  Altorf  und  einen  Theil  des  Breisgau;  an  Baden:  das
übrige  Breisgau,  die  Ortenau,  Constanz  und  die  Commende.  Es  erhielt ­
  dagegen  Salzburg  und  Berchtesgaden.  —  Oesterreich  hatte  nun
einen  Umfang  von  10,900  Q.-M.  und  eine  Bevölkerung  von  22’400,000
Menschen.  —  Der  Friede  von  Wien,  14.  Oct.  1809  (nach  der  Wagramer
  Schlacht),  kostete:  den  Villacher  Kreis,  Krain,  Triest,  6  kroatische ­
  Grenzregimentsbezirke  und  die  grössere  Hälfte  der  Gespanschaft
Agram,  woraus  Napoleon  die  „Illyrischen  Provinzen“  bildete  ;  ferner
mussten  an  das  Herzogthum  Warschau  abgetreten  werden;  Westgalizien,
der  Zamoscer-Kreis  und  ein  Bezirk  bei  Krakau  ;  an  Russland  :  ein
        <pb n="113" />
        7

OESTERREICH  —  Finanzen.  97
Theil  von  Ostgalizien  und  der  Tarnopoler  Kreis  mit  400,000  Men-^hen;
  an  Baiern:  Salzburg,  das  Innviertel,  der  grössere  Theil  des
Hausruckviertels  und  Berchtesgaden.  Der  Gesamintverlust  ward  zu
2035  Q.-M.  und  3’304,262  Menschen  berechnet.  —  Der  Pariser  Friede
von  1814  und  der  Wiener  Congress,  1815,  gaben  Oesterreich  seinen
jetzigen  Bestand,  mit  Ausnahme  von  Krakau,  welches  „freie  Stadt“  war,
imd  erst  1846  zufolge  einer  Uebereinkunft  unter  den  „Schutzmächten“
dieser  Freistadt  (Oesterreich,  Russland  und  Preussen)  dem  Ersten  incorporirt
  wurde.  —  Beim  Friedensschlüsse  von  1815  schätzte  man  die
Einwohnerzahl  Oesterreichs  auf  28  Mill.

Finanzen.

Laufende  Einnahmen  und  Ausgaben.  Vor  1848  war  das  Finanzwesen ­
  vollständig  in  Dunkel  gehüllt.  Seitdem  werden  alljährlich  die
Hauptergebnisse  der  Rechnungen  bekannt  gemacht,  und  sie  gewähren
^nen  bessern  Ueberblick,  als  das,  was  wir  über  die  Budgets  erfahren.
Hier  die  neueste  dieser  Abrechnungen,  vom  Rechnungsjahre  1855
(d.  h.  vom  1.  Nov.  1854  bis  dahin  1855).

Einnahmen  :
Direkte  Steuern,  nämlich:  Grundsteuer  60748,126,  Häusersteuer
10’588,961‘,  Erwerb-  9’156,307,  Einkommen-  7’339,273,  andere
Steuern  132,590  .....  zusammen  fl.  C.-M.
Indirekte  Abgraben  ;  Verzehrsteuer  29’277,527,  Zoll  19’666,482,  Salz
25’578,321,  Tabak  25’165,480,  Stempel  und  Taxen  27’460,109,
Lotto  6’511,160,  Post  2’452,309,  Mäuthe  2’699,012,  And.  Gefälle ­
  380,369  =
Domänen:  Staatsgüter  3’620,944,  Eisenbahnen  6411,673,  Telegraphen ­
  170,726,  Fabriken  Abgang  498,130,  Bergwes.  Abgang
64,088,  Bau  der  Montan-Eisenbahn  im  Banate,  Abg.  799,488,
Münze  890,479,  Sonstiges  105,197  =
Ueberschüese  des  allgem.  Tilgungsfonds  und  des  lomb.-venet.  Amor^
tisationsfonds
Verschiedene  Einnahmen  ....

87’965,257

139490,769

9’537,313
10’257,980
11’557,596

Ausserordentliche  Einnahmen

Ausgaben:
l'  Hofstaat  6743,813
q  ^aoinetskanzlei  ...  39,973
o-  Ministerconferenz  .  .  31,508
•  Reichsrath  und  Archiv  .  180,426
'  Ministerium  des  Aeussern  2’214,942
-  -  Innern  .  21'325,211
'  -  der  Finanzen  25751,205

Gesammtsumme  der  ordentlichen  Einnahmen  258’508,915

6’277,970

8.

-  Justiz  .  15,366,146

Total  263786,885
a.  ordentliche  :
9.  Ministerium  des  Cultus
u.  Unterrichts  .  .  5’306,880
10.  dto.  für  Handel,  Gewerbe ­
  u.  öffentl.Baut.
11.  Armee-Obercommando
12.  Oberste  Polizeibehörde
13.  Controlbehörden  .  .
14.  Staatsschuld  .  .  .

17’937,429
114’320,715
10453,691
3796,198
77407,532
Zus.  ordentl.  Ausg.ToO’8757669
Ausserordentliche  :

Ausserordentlicher  Militäraufwand
Zahlung  an  Parma
Wonach  Deficit  ....

101721,117  )  101’810,613
89,396  }  #
Total-Staatsbedarf  402’686,182
138’899,297
        <pb n="114" />
        98

OESTEREEICTÎ  —  Finanzen.

Seit  Wiederconsolldirung  des  Staates  nach  Unterdrückung  der
Revolution  und  nach  Durchführung  der  neuen  Organisation  waren  die

Reclmungsergehnisse  :
1R52  1353
Ordentliche  Ausgabe  .  274’587,121  28r/.313,6t0
Ausserordentliche  Ausgabe  ö'225,Hl8  7'r&amp;gt;47,()18

Gesammtausgahe  .  .  279‘812,430  2!)3  000,(528
Gesammteinnahme  .  .  226’3C5,108  237'130,003

1854
294’520,681
Ol’h  10,005
380,040,040
245’333,724

Dehzit  ....  53’44  7,331  50’823,035  140712,922
Die  „ordentlichen"  Ausgaben  allein  erheischen  fortwährend  weit  mehr,
als  die  ordentlichen  und  ausserordentlichen  Einnahmen  zusammen  ertragen.

Bejiierlcungen  zu  dev  Ehwrdnuev.  Von  den  3  I  laupteinnahmopositioncn
  kommen
auf  die  Domänen  .  .  4,03  Proz.
-  direkten  Steuern  .  37,10  -  ,
-  indirekten  Auflagen  58,81
Ebenso  wie  in  England  und  Frankreich,  fällt  auch  hier  der  geringe ­
  Ertrag  der  Domänen  auf.  In  Wirklichkeit  ist  das  unmittelbare
Staatseigenthum  bei  Weitem  nicht  mehr  so  bedeutend,  wie  man  nach
der  Ausdehnung  des  Reiches  erwarten  sollte.  Vieles  ward  früher
verschleudert.  Dazu  kommt  aber  noeb  weit  mebr  eine  unzweckmässige
Bewirthsebaftung;  denn  der  verbältnissmässig  kleine  Ertrag  dieser
Güter  stellt  in  gar  keinem  Verhältnisse  zu  ihrem  Werthe.  —  Das
BeMeuerungswesen  ist  gleichfalls  in  vielen  Beziehungen  verwerflich.
Man  war  genöthigt,  die  directen  und  indirecten  Steuern  möglichst  in
die  Höhe  zu  treiben  ;  doch  ungeachtet  dessen  konnte  man  nicht  einmal
annähernd  eine  Ausgleichung  mit  dem  Bedarfe  erzielen.  Viele  Auflagen
treffen  die  nothwendigsten  Lebensbedürfnisse:  Brod,  Fleisch,  Salz;
dann  Wein,  Bier,  Tabak  etc.  Der  Staat  unterhält  das  sittenverderbliche ­
  Zahlenlotto,  und  gestattet,  gegen  Abgabe  von  10  Proz.,  Privat-Güterlotterion
  (diese  sollen  30,000  bis  200,000  fl.  jährlich  ertragen!).
—  Es  ist  übrigens  zu  bemerken,  dass  die  vorstehenden  Summen  sämmtlich
  aus  Nettobeträgen  bestehen,  von  denen  man  die  sehr  bedeutenden ­
  Erhebnngs-  und  Betriebskosten  bereits  abgesetzt  hat.  Zu  Anfänge
der  1840er  .Jahre,  bei  einer  Reineinnahme  von  79T00,000  fl.,  beliefen
sich  die  gedachten  Kosten  auf  .36*700,000.  —  In  den  11  Jahren
184.5—55  sind  allerdings  die  ordentlichen  Einnahmen  um  98,  es  sind
daneben  aber  die  ordentlichen  Ausgaben  um  148  Mill,  gewachsen.
Da  die  Bevölkerung  des  Steuerbezirks  1845  nur  22V2  Mill.  Menschen
betrug,  so  liätte  man,  nach  den  grossen  Erhöhungen  der  Steuern  und
nachdem  Ungarn  dem  österreichischen  Steuersysteme  unterworfen
worden,  eine  grössere  Vermehrung  der  Einkünfte  erwarten  dürfen.  —
Tm  letzten  .Jahre  sind  die  Erträge  der  líinkommenstcuer  um  78,000,  des
Salzmonopols  um  1*810,000  und  der  Mäuthe  (Accise)  um  170,000  fl.
gegen  das  Vorjahr  herabgegangen;  die  Zolleinkünfte  sind  seit  1852
um  mebr  als  9  Millionen  gesunken  (der  Ertrag  der  Zölle  war  1853
28*728,16.^.  Gerade  dies  sind  Einkünfte,  welche  auf  Steigen  oder
Sinken  des'Volkswohlstandes  schliessen  lassen.  Dagegen  erhöhte  man
die  directen  Steuern;  allerdings  stiegen  auch  die  Erträge  der  „Ver-
        <pb n="115" />
        OESTERREICH  —  Finanzen  (Das  Deficit).  99

zclirungsabgaben,“  dann  überdies  jene  des  Lotto  (!),  endlich  die  der
Post,  letzte  in  Folge  billigerer  Tarifsätze.
Bemerhing  zu  den  Ausgaben.  Da  1855  die  Staatsschuld  fast
77V2,  clic  Armee  aber  sogar  über  21G  Mill,  zusammen  293V2  Mill,
verschlangen,  so  erheischten  diese  beiden  unproductiven  Posten  allein
beinahe  30  Mill,  mehr,  als  alle  Einkünfte  des  Staats  betrugen!  Und
doch  war  1855  kein  Jahr  des  Krieges,  sondern  nur  des  bewaffneten
I'riedens.  (1845  hatte  der  Etat  des  Kriegsministeriums  erst  52V3
Mill.  fl.  betragen.)  In  den  beiden  furchtbaren  Revolutions-  und  Kriegsjahren ­
  1848  und  49  zusammen  kostete  das  Heer  doch  nur  237’272,343
11-;  in  den  beiden  Rüstungsjahren  1854  und  55  dagegen  zusammen
424’737,688  fl.  In  jenen  beiden  Jahren  hatte  man  ein  Deficit  von
167’01  6,450,  in  diesen  beiden  aber  von  279’612,219  fl.  —  Die  Ausgaben ­
  für  die  Armee  waren  ;

1852  1853  1854  1855
Ordentlicher  Etat  nO’843,321  111'967,91G  117’401,192  n4’320  715
Ausserordentl.  -  3463,236  5761,944  91'294,664  101721^117
Allerdings  ward  seitdem  die  schon  vor  dem  Frieden  begonnene
Reduction  weiter  durchgeführt,  doch  ergibt  sich  noch  1856  eine  unverhältnissmässige
  Ausgabe  für  das  Heer.  —  Eine  constante  Steigerung
von  Jahr  zu  Jahr  erfuhr  die  Ausgabe  für  die  Staatsschuld.  Vor
1816  bezahlte  der  Staat  an  Zinsen  seiner  Schuld  5’381,000  fl.  •  1831
ko.stete  die  Schuld  schon  21,  1842  bereits  49  Mill;  1852  62  608  000
1853  66’819,173,  1854  72148,316  und  1855  77107,532  1856
wird  der  Bedarf  jedenfalls  80  Mill,  übersteigen.  —  Was  die  Ausgaben
fíir  den  Hof  betrifft,  so  ist  der  Ertrag  der  sog.  „Familiengüter“
(deren  Werth  man  auf  mehr  als  12  Mill  schätzt)  nicht  eingerechnet.
Irn  Vorjahre  erschien  die  Ausgabe  für  den  Hof  mit  7’55l,579  fl.  _!
Die  Kosten  der  Beamten  vermögen  wir  nicht  anzugeben.  Ungeachtet
d^r  oft  geringen  Besoldungen  sind  dieselben  im  Ganzen  sehr  bedeutend.
(Vor  1848  schätzte  man,  abgesehen  von  Ungarn,  160,000  Civilbeamte,
welche  über  30  Mill,  kosteten,  ungerechnet  so  manche  Nebenbezüge.)
Das  Deficit.  Schon  vor  der  Revolutionszeit  von  1848  (sonach
keineswegs  erst  in  Folge  derselben)  hatte  die  Staatscasse  ununterbrochen ­
  gegen  ein  Deficit  anzukämpfen.  Aber  damals  hüllte  man  die
Resultate  in  strenges  Geheimniss,  was  freilich  nicht  verhindern  konnte,
dass  die  Verlegenheiten  eben  doch  bekannt  wurden.  Seit  1848  ist
ftneh  nicht  ein  .fahr  ohne  colossales  Deficit  geblieben.  Nach  der  möglichst ­
  günstigen  Gruppirung  in  den  officiellen  Darstellungen  betrug  das
Deficit:

1848
49
50
51
52

45410,646  fi.  C.-M.  1853
12E905,805  -  -  54
54’864,862  -  .  55
62'223,630  -
53447,331

56  253,635  fl.  C.-M.
140,712,922  -  -
138’899,297  -  -

Defizitin  8  Jahren  673'988,127  fl.  C.-M.
In  Wirklichkeit  stellte  sich  das  Verhältniss  noch  ungleich  ungünstiger, ­
  zumal  in  Betracht,  dass  unter  den  Einkünftg:  grosse  Summen
‘‘ich  befanden,  welche  nur  durch  Verminderung  des  Stammcapitals  des
        <pb n="116" />
        100  OESTERREICH  —  Finanzen  (Einkünfte  früherer  Zeit,  Staatsschuld).

Staatsvermögens  (Veräussenmg  von  Domänen,  Eisenbahnen  etc.)  erlangt
wurden.  (So  wurde  der  Ausfall  in  den  4  l'h-iedens-  und  Ruhejahren
1850—53  auf  365’750,00()  fl.  berechnet,  statt  der  oben  aufgeführten
227’359,458,  sonach  um  138  Mill,  höher.  (Siehe  die  Detailangaben
in  der  Turiner  Zeitschrift  „L’Opinionc“  vom  23.  Aiig.  1854.)
Einkünfte  in  frühem  Zeiten-  Unter  Ferdinand  I.  wurden  dieselben ­
  zu  7Vs  Mill.  fl.  berechnet.  Eine  Angabe  von  1733  lautet  auf
42,  eine  von  1739  dagegen  blos  auf  30  Mill.,  —  vernmthlich  Ergebnisse ­
  verschiedener  Brutto-  oder  Nettoberechnungen.  Tin  Jahre  1780
sollen  sich  die  Einkünfte  auf  90’408,075  fl.  belaufen  haben;  unter
Kaiser  Joseph  sollen  sie  einmal  auf  105  (?),  im  Jahr  1810  auf  110
Mill,  gebracht  worden  sein.  Eine  andere  glaubhafte  Notiz  gibt  für
die  Zeit  des  Regierungsantritts  des  Kaisers  Franz  I.  86  Mill.  an.  —
1837  war  der  Betrag  der  Einkünfte  135’G00,000  fl.,  nämlich  nach
Abzug  der  in  den  l’roviuzen  bereits  bestrittenen  Ausgaben.  —  Die
Hauptpositionen  waren  :
Staatsgüter  ....  .1000,000  fl.  Direkte  Steuern  .  .  .  48’000,000  tl.
Bergwesen  ....  900,000  -  Indirekte  -  ...  79000,000  -
Besondere  Einkünfte  .  4’500,000  -
Dazu  trugen  bei;  Oestcrrcieh  unter  der  Ens  19'490,000  fl.,  die  Lombardei
19’200,000,  Böhmen  l(î’()50,000,  Venedig  15^040,000,  Galizien  12T)47,000,  Mähren
  und  Schlesien  90  00,000,  Oberösterreich  5’040,000  ,  Steiermark  4’321,000,
Kärnthen  und  Krain  .1'981,000,  Tirol  3’242,000,  Küstenland  2’864,000,  Milit.-Grenze
  2’639,000,  Dalmatien  921,000,  Siebenbürgen  3’8ß7,000,  Ungarn  16’Q90,000.
(Die  Ueberbürdung  Italiens  ist  augenscheinlich.)  Später  wurde  die  Gesammtsnmme
  der  Einkünfte  auf  150  Mill,  gebracht.
Nach  Bewältigung  der  Revolution  gelangte  man  bis  zur  dermaligen
  Erhöhung  der  Einkünfte.  Zu  diesem  Behufe  wurden  die  Privilegien ­
  der  einzelnen  Länder,  namentlich  Ungarns,  und  das  Selbstbesteuerungsrecht ­
  derselben  aufgehoben,  und  der  Einheitsstaat  hergestellt,
indem  man  insbesondere  auch  die  Staatsmonopole  (Tabaksmonopol  etc.)
in  Ungarn  einführte.
Staatsschuld.  Bei  Beendigung  des  siebenjährigen  Krieges,  1763,
belastete  Oesterreich  eine  auf  150  Mill,  geschätzte  Schuld,  welche
1779  auf  260  Mill,  angewachsen  war,  und  beim  Beginne  der  franz.
Revolution,  1790,  die  Ziffer  von  342  Mill,  erreichte.  Von  jetzt  an
erfolgte  nicht  nur  Vermehrung  im  colossalsten  Maassc,  sondern  auch
eine  Reihe  der  ungewöhnlichsten  Finanzmaassrcgeln  :  Staatsbankerutt
und  das  noch  ausscrordentlichere  Mittel  des  Zwanges  zur  „Arrosirung;“
man  setzte  erst  einseitig  die  Zinsen  der  Schuld  auf  die  Hälfte  herab,
sodann  zwang  man  die  Gläubiger  zu  weiteren  Darlehen,  indem
sie  im  Unterlassungsfälle  der  Nachzahlung  auch  die  frühere  Forderung
ganz  verloren.  —  Aehnlich,  wie  mit  den  eigentlichen  Schuldscheinen,
erging  cs  mit  dem  Papiergelde,  durch  welches  die  Metallwährung
fast  ganz  verdrängt  ward.  Es  bestanden  die  bestimmtesten  Versicherungen, ­
  dass  keine  Herabsetzung  seines  Werth  es  erfolge  (Publicandum
von  1806).  Ein  kaiserl.  Mandat  von  Anfang  Febr.  1811  lautete  wörtlich ­
  :  „Ich  gebe  Mein  kaiserl.  Wort,  dass  nie  die  Bancozettel  in  ihrem
Nennwerthe  heruutergesetzt  werden  sollen.“  Allein  factisch  sank  der
        <pb n="117" />
        OEtíTERREICH  —  Finanzen  (Neue  Aulehen).

101

Werth  de«  Papiers  auf  V17  seines  Nominalbetrags  (1  fl.  in  Silber  stand
17  fl.  in  Papier  gleich);  und  unterm  26.  März  1811  (6  Wochen  nach
jener  offlcieilen  Erklärung)  sah  sicli  die  Regierung  dahin  gebracht,
den  Werth  des  bis  zu  1060  Mill,  angewachsenen  Papiergeldes  auf
ein  Fünftel  herabzusetzen,  d.  h.  man  löste  das  alte  gegen  neues
Papiergeld  ein,  wobei  aber  der  Gulden  von  früher  nur  zu  12  Krzr.
angenommen  wurde.  Doch  auch  das  neue  Pa^tiergeld  sank  rasch  auf
ein  Viertel  seines  Nominalwerthes,  wonach  also  der  Gasammtverlust
sieh  auf  *V20  stellte  und  man  für  einen  ursprünglichen  Gulden  nur
drei  Kreuzer  wirklichen  Werth  bosass,  —  Die  Kriege  von  1813—15
erheischten  ungemein  grosse  Anstrengungen.  (Obwohl  man  aber  nicht
einmal  für  die  verstümmelten  Invaliden  genügend  sorgen  konnte,  kosteten ­
  die  Festlichkeiten  des  Wiener  Congresses  den  Staat  gegen  30
Mill.  ;  siehe  Gervinus,  Gosch,  des  19.  Jahrh.)  Behufs  des  Feldzugs
gegen  Neapel  im  Jahr  1821  bedurfte  man  eines  Darlehens  des  franz.
Königs  (siehe  Frankreich,  S.  51).  —  Nachdem  schon  1846  und  47
dringende  Finanzverlegenheiten  sich  eingestellt  hatten,  trat  1848  die
Revolution  in  Wien,  in  Ungarn  und  Italien  ein.  Nun  ward  Papiergeld
in  unbegrenzter  Menge  ausgegeben.  Man  erliess  Geldausfuhrverbote,
und  decretirte,  2.  Juni  1848,  Zwangscoiu’s  der  Banknoten  (die  Bank
ist  factisch  nur  eine  Staatsanstalt).  Im  Nov.  1848  stand  das  Agio
dos  Silbers  gegen  Papier  auf  5  Proz.  :  1849  stieg  es,  19.  Juni,  auf
Proz.,  fiel  dann,  25.  Sept.  (Beendigung  des  ungarischen  Krieges)
auf  5,  stand  aber  zu  Ende  des  Jahres  1849  doch  wieder  auf  13  %.
1850,  26.  Nov.  (Verwicklungen  mit  Preussen)  erreichte  das  Agio  52  0/^.
—  1852  sank  es  bis  auf  8;  stieg  dann,  März  1854,  neuerdings  bis
44V2;  sank,  16.  Aug.,  auf  I6V2,  stieg  wieder,  Nov.  und  erste  Monate ­
  1855,  auf  28  und  29,  und  gieng  endlich  1856,  nach  Sicherung
des  Friedens,  jedoch  unter  unausgesetzten  Schwankungen,  herab,  so
dass  es,  Juli  1856,  aut  2  —2^/2  steht.  —  Dabei  circulirten  zu
Anfänge  1854  über  150  Millionen  Staatspapiergeld  und  188  Mill.
Banknoten,  zusammen  also  338  Mill.  Papiergeld  (nicht  zu  verwechseln
Mit  den  Schuldscheinen  des  Staats).  Um  das  Papiergeld  wieder
aut  den  Pari-Stand  zu  heben  und  Metallgeld  in  die  Circulation  zurückzuführen, ­
  wurde  unterm  23.  Febr.  1854  die  Umwandlung  des  Staatspapiergeldes
  in  Banknoten  angeordnet.  Die  Bank  erhielt  zur  Deckung
zunächst  ein  gewisses  Einkommen  aus  den  Zöllen  angewiesen.  Sodann
^vurdon  derselben,  zufolge  Finanzminist.-Decrets  vom  Sejjt.  1855,  zur
(^Gckung  ihrer  weiteren  Forderungen  an  den  Staat  im  Betrage  von
155  Mill.,  Domänengüter  in  eigene  Verwaltung  übergeben,  oder  be-^iagt
  abgetreten.

Neue  Anlehen.  Die  uns  bekannten  neuen  Anlehen  sind;

1851,  Sept.,  Siibacriptionsanlehen  zur  Verbesserung  der  Valuta
1852,  Mai,  Silberanleben  im  Auslande  .
4.  Sept.  4proz.  inländische  freiwillige  Anleihe
1853,  6proz.  Anweisungen  auf  die  Saline  Gmunden
1854,  3.  März.  Lotterieanleihe  ......
5proz.  Anleihe

fl.  85'569,800
-  35'000,000
-  80’000,000
-  40’000,000
.  50’000,000
-  35’000,000
        <pb n="118" />
        102

OESTERREICH  —  ^lilitärwesen  (Landmacht).
1854,  20.  Juli,  freiwillige  Nationalanleihe  (in  Wirklichkeit
Zwangsanleihe)  etwas  über  500,000,000
Zusammen  Anleihen  in  3  Jahren  Û.  82õ’56í),800
Die  alte  Schuld  ward  für  31.  Jan.  1850  berechnet  zu  .  .  -  1"023,200,000
Dies  ergiebt  etwa  fl.  1,850’000,000
Nach  den  offi  eieil  en  Zusammenstellungen  betrug  in  den  10
Jahren  1845  bis  Ende  1854,  nach  den  Creditoperationen  :
die  Schuldvermehrung  fl.  1087’300,000
-  Scliuldverminder  ung  -  3()3’000,000
Sonach  wirkliche  Vermehrung  fl.  784’300,000
Die  fundirte  Schuld  vermehrte  sich:
im  Jahre  1854  um  83’215,691  fl.
-  1855  -  243’527,490  -
Allerdings  wurde  im  letztbezeiclmetcu  Jahre  die  schwebende
Schuld  durch  Beseitigung  des  Staatspapiergeldcs,  1G4’J03,730  fl.  betragend, ­
  vermindert;  allein  dagegen  erscheinen  wieder  in  der  nämlichen
Jahresrechnung  :  Vorschüsse  der  Bank  mit  87’52J,57G,  und  eine  Vermehrung ­
  der  schwebenden  Schuld  von  2799,448  fl.  —  Als  feststehende
Momente  ergeben  sich:  sehr  starke  Vermehrung  des  Capitalbetrages
der  Schuld;  vorzugsweise  Vermehrung  der  hochverzinslichen  (5procentigen)
  Papiere,  und  enormer  Verlust  bei  der  Emission,  indem  man  meist
nur  in  dem  geringen  Wertho  der  Valuta  Geld  erhielt,  das  man  in
C.-M,  oder  deren  Werth  verzinsen  und  bezahlen  soll.  Daneben  war
der  Staat  genöthigt,  einen  Theil  seiner  Eisenbahnen,  sammt  Ländereien
und  Steinkohlen-Bergwerken  (deren  Werth  fortwährend  steigt)  um  80
Mill.  fl.  an  eine  franz.  Gesellschaft  zu  verkaufen.
M  i  111111*  w  e  8  e  II  •
Landmacht.
Bildung  des  Heeres.  Aushebung  mit  20  Jahren  ;  8jährige  Dienstzeit ­
  im  activen  Heere,  dann  noch  2  Jalire  in  der  Reserve.  Tirol
liefert  nur  ein  Jägerregiment.  Ganz  besondere  Einriehtungen  bestanden
in  der  Militärgränze,  von  deren  Bevölkerung  (1’009,109)  nicht  weniger ­
  als  738,624  dem  Militärstande  beigerechnet  wurden;  eine  Verfügung ­
  aus  neuerer  Zeit  bestimmt  indess  Gleichstellung  dieser  Provinz
mit  dem  übrigen  Reiche  hinsichtlich  der  Militärpflichtigkeit.  (Im  Jahr
1854  wurden  im  Staate  1414  Fälle  von  Selbstverstümmelung  constatirt,
  um  sich  der  Militärpflicht  zu  entziehen.)  Stellvertretung  ist
zulässig,  und  der  Staat  selbst  übernimmt  dieselbe  gegen  eine  gewisse
Summe  (in  Tirol  um  500—600,  in  Italien  um  700  fl.)  ;  die  Ersatzmänner ­
  erhielten  aber  bis  zur  neuesten  Zeit  vom  Staate  nur  eine  ungenügende ­
  Vergütung  (Zulage  von  5  Krzr.  täglich  und  eine  Summe
von  120  fl.  erst  nach  völlig  vollendeter  Dienstzeit).  Nunmehr  soll
das  Vorhältniss  gebessert  sein.  —  Das  Avancement  der  Gemeinen
zu  Officiersstellen  ist  zwar  gestattet,  findet  aber  factisch  so  viel  wie
gar  nicht  statt.  Der  Adel  hat  ungewöhnlich  viele  Officiersstellen  innc.
1854  standen  in  der  Armee  4961  adelige  und  10,300  bürgerliche
        <pb n="119" />
        (JElSTElilíElClI  —  MiliLärwcsen  (Landmacht).

io:í
Officiere.  (Unter  den  Ersten  103  Fürsten,  590  Graten,  898  Barone,
570  Ritter  und  2800  gewohnliclic  Adelige.  —  Im  Jalir  1848  waren
unter  10,800  Officieren  4229  Adelige,  nanientlicli  bei  der  Cavallerio
1190  von  1700,  bei  der  Artillerie  und  dem  Staabe  aber  nur  340
von  1700.)  —  Die  österr.  Armee,  obwohl  aus  sehr  verschiedenen
Nationalitäten  zusammengesetzt,  ist  der  Mannschaft  nach  äusserst  tüchtig.
1848  und  49  machte  sich  aber  diese  Verschiedenheit  der  Nationalität
auch  im  Heere  geltend;  ungarische  und  italienische  Truppen  schlossen
sich  der  Erhebung  in  ihrem  speciellen  Vaterlande  an,  um  sich  von
Oesterreich  loszureissen.  Der  Sold  ist  geringer,  als  in  irgend  einer
deutschen  Armee.  Bis  1848  war  für  das  Sanitätswesen  schlecht  gesorgt, ­
  so  dass  z.  B.  der  Regimentsarzt  seinen  Rang  nach  dem  letzten
Ofticiere  hatte,  wesshalb  es  an  tüchtigen  Aerzten  fehlte.  Seitdem  erfolgten ­
  einige  Verbesserungen.
FonnätiOIlSStänd.  Garde  und  Burgwache  etwa  550  M.
02  Linien  -  Infanterie  -  Regimenter  (irn  Kriege  zu  6  Bataillons  und  6869  M.,  ini
Frieden  zu  5964),  zusammen  369,800  im  Frieden,  425,878  im  Kriege.
14  Örenz-Inlaut.-Reg.  (zu  3  Bataill.  und  3487  M.)  =  55,200
_  däger-Regiment  (Tiroler,  7  Bataill.,  6865),
25  Jäger-Bataillone  (zu  860  —  1414),  zus.  Jäger  32,534
Gesammtstärke  der  Infanterie  457,000  bis  513,612
8  Reg.  Ciirassiere  &amp;gt;  zu  G  Feld-  und  1  llepot-Scliwadr.,  —  1343  M.  und  1138
«  -  Dragoner  )  Pferde
r«  ■  )  zu  8  Feld-  und  1  Depot-Sehwadr.,  —  2037  M.  und  1749
1-  Ulilanen  (  Pferde
40  Reg.  Cavallerie  mit  66,996  M.  und  57,297  Pferden.
12  Feld-Artillerieregimenter,  Friedensfuss  zu  2010  und  365  Pferde,  Krieeslüss  •
9  Regim.  zu  3898  M.  und  2281  Pf.
3  -  -  4310  -  -  2396  -
1  Küstenartill.-Reg.,  im  Frieden  zu  1859,  Krieg  3441  M.
1  Raketeur-Reg.  -  -  -  2100,  -  3865  -  mit  484  resp.  2466
Pferden.  (Doch  wurde  im  Nov.  1854  die  Ausrüstung  von  10  neuen  Rakctenbatterien
  angeordnet,  der  Etat  also  vermehrt.)
14  Reg.  im  Frieden  28,079  M.,  im  Krieg  55,318,
4,864  Pf.  -  -  30,138.
Sodann:  2  Reg.  (xenie  11,116  M.;  6  Bataill.  Pioniere;  einige  besondere
Corps;  19  Reg.  Gendarmerie.
Diese  Zusammenstellung  ergibt  eine  Total-Formationsstärkc  von
etwa  650,000  Mann.  Indessen  dürfte  diese  Ziffer  wenigstens  um
100,000  Mann  zu  hoch  gegriffen  sein.  —  Die  Zeitschrift  „Austria“
gilb  den  Armeebestand  im  Jahre  1851  zu  493,000  Älaim  an,  wozu
sodann  etwa  10,000  Frauen  und  30,000  Kinder  geliörten.  Wahrscheinlich ­
  waren  die  Grenzregimenter  hiebei  nicht  eingerechnet.  —  Für  die
Zeit  vom  1.  Jan.  1855,  als  die  Kriegsrüstungen  ihren  Höhepunkt  erreicht ­
  hatten,  ward  der  Bestand  des  Heeres  so  angegeben:  371  Bat.
und  821/2  Comp.  Infanterie,  2951/2  Schwadr.  Cavallerie,  1148  Geschütze ­
  und  50  Brückenequipagen,  —  zusammen  553,902  Mann  mit
77,540  Pferden.  —  Hievon  kamen  auf  die  mobile  Armee  :
Mann  Pferde  Geschütze  Bruckenequipagen
hl  Ungarn  und  Siebenbürgen  160,931  29,611  412  10
■  Galizien  und  der  Bukowina  122,635  27,802  288  6
        <pb n="120" />
        Militärwesen

(Seemacht).

Das  gesammte  active  Heer  ist  übrigens  in  4  Armeen,  und  diese
sind  in  13  Anneecorps  getheilt.
R6S6rV6.  Die  seit  1852  an  der  Stelle  der  früheren  Landwehr
eingeführte  Reserve  mag  100—120,000  M.  umfassen,  wird  jedoch  meist
nur  in  kleinen  Abtheilungen  zusammengezogen.  Die  Nationalgarden
sind  seit  1851  gänzlich  aufgelöst.  Nur  „mit  besonderer  Bewilligung“
dürfen  an  einzelnen  Orten  Bürger-  und  Schützencorps  bestehen.  Dieselben ­
  besitzen  indess  sämmtlich  gar  keine  militärische  Bedeutung.
In  Tirol  allein  findet  man  noch  „Landesschützen,“  welche  nach  neuester ­
  Organisation  in  3  Zuzügen  (von  20—29,  von  30—35  und  von
36  45  Jahren)  alle  Wehrkräftigen  umfassen,  und  deren  beiden  ersten
Abtheilungen  sich  jährlich  aut  einige  Tage  zu  Uebung  und  Musterung
versammeln  sollen.

Fcstun^CD.  Oesterreich  zählt  32  (darunter  6  ersten  Ranges),  näml.  :
,  ,,  Kufsteim  Brixen,  Josephstadt,  Königgrätz,  Prag,  Theresienstadt, ­
  Olmutz,  Leopold^adt,  Gradisca,  Komorn,  Arrat,  Ganove,  Krakau,  Munkacz,
  Oien,  Temeswar,  Brod,  Eszek,  Peterwardein,  Karlsstadt,  Karlsburg,  Cattaro
Kagusa,  Zara,  Mantua,  Verona,  Legnago,  Peschiera,  Venedig,  Cliioggia,  Palmanova ­
  und  Osopo.  Ferner  hat  Oesterreich  das  Besatzungsrecht  in  Ferrara  und
Commacchio,  und  das  Mitbesatzungsrecht  in  Mainz,  Ulm  und  Rastatt.
Geschichtliche  Notizen.  Die  ältern  Nachrichten  über  die  Stärke
des  österr.  Heeres  sind  meistens  sehr  ungenau.  Eine  vor  uns  liegende
Berechnung  von  1783  ergibt  276,000,  eine  von  1784  dagegen  364,000
Mann.  Beide  nehmen  die  Cavallcrie  zu  48—50,000,  die  Artillerie  zu
8—9000  M.  an;  der  Unterschied  trifft  sonach  auf  die  Infanterie.
Damals  hatte  der  Staat:  57  Reg.  Linien-Infanterie  (46  deutsche  etc.
und  11  ungarische),  33  Reg.  Cavallerie  (12  schwere  Reg.,  7  Dragoner, ­
  6  Chevauxlegers  und  8  Husaren);  dann  22  Reg.  Grenztruppen
(17  Infanterie  und  5  Husaren),  3  Reg.  Artillerie  und  11  Corps  Ingenieure, ­
  Pontoniers  etc.,  zusammen  126  Regim.  und  Corps.  —  Im
Feldzuge  von  1805  betrug  die  wirkliche  mobilisirte  Macht  keine
220,000,  selbst  1809  keine  280,000  M.  (auf  dem  Papiere  das  erste
Mal  etwa  250,000,  das  zweite  Mal  320,000  ;  Springer  entziffert  sogar
für  1809  einen  Bestand  von  630,000,  der  aber  auch  nicht  annähernd  im
Felde  erschien.  Die  active  Hauptarmee  der  Oesterreicher  wie  der
Franzosen  war  ziemlich  gleich  stark,  nämlich  etwa  200,000  M.)  In
den  3  Jahren  1813—15  wurden  489,960  Recruten  für  das  stehende
Heer  „gehoben.“  —  In  dieser  Zeit  hatte  man  etwa  250  bis  allerhöchstens
  300,000  M.  im  Felde.  —  Der  Feldzug  von  1821  gegen
Neapel  und  Sardinien  war  militärisch  unbedeutend.  —  1848  standen
fast  100,000  M.  in  Italien  ;  durch  die  Insurrection  schmolzen  sic  rasch
auf  45,000  M.  im  activen  Dienste  zusammen.  Schnell  ward  die  Armee
ergänzt,  und  nun  begannen  die  siegreichen  Feldzüge  Radetzky’s  gegen
den  König  Karl  Albert  (siehe  Sardinien).

Seemacht.
Nach  dem  Annuario  marittimo  für  1855  war  der  Bestand:

6  Fregatten
5  Corvetten
7  Briggs

mit  225  Kanonen
-  100
-  112

5  Goeletten  mit
2  Prame
1  Bombardierschiff  -

60  Kanonen
24
10
        <pb n="121" />
        OESTERREICH  —  Sociale,  Gewerbe-  und  Handelsverhältnisse.  105
34  Pinchen  mit  102  Kanonen  10  Dampfer  mit  47  Kanonen
18  Kanonenboote  -  72  -  9  Trabakel  -
6  Sohoonerbrigg.  .  20  -  mgZhm  mit  762  Kanonen.
Zahl  der  Mannschaß  :  Stab  256,  Matrosen  2454,  See-Geniecorps  514,  Artillerie ­
  990,  Schiffsinfanterie  1334.
Kriegshäfen:  Venedig,  Pola  und  Lissa.
Bemerkung.  ^  Die  längere  Zeit  sehr  gerühmte  österreichische  Kriegsmarine
entbehrt  in  Wirklichkeit  jeder  hohem  Bedeutung.  Man  misstraut  den  Venetianern,
  also  den  besten  Seeleuten  im  Staate;  der  höhere  Adel  sucht  sich  der  bedeutendem ­
  Stellen  zu  bemächtigen  (so  dass  fähige  Bürgerliche  den  Dienst  unter
Ihnen  und  für  sie  zu  versehen  hätten),  und  die  Marine  ist  sogar  unter  den  Betehl
  eines  Landgcncrals  (Wimpffen)  gestellt.  Es  kommen  mitunter  beinahe  unglaubliche ­
  Züge  von  Unkenntniss  vor.  (Auszug  aus  einer  grösseren  Privatmittheilung ­
  eines  ausgezeichneten  jungen  deutschen  Seemannes  an  den  Verfasser.)

Sociale,  Gewerbs-  und  Haiidelsverimitiiisse.
.  Allgemeine  Bemerkungen.  Adel  und  katholische  Geistlichkeit
Bind  überaus  zahlreich  und  ungemein  bevorzugt.  Man  behauptet  sogar,
es  gehörten  gegen  800,000  Individuen  (also  etwa  160,000  Familien)
üem  Adelsstände  an  (verhältnissmässig  am  meisten  in  Ungarn);  doch
von  Erlau,  Kolotscha  und  Olmütz,  und  des  Primas  v.  Ungarn,  Erzbischofs
von  Gran,  belaufen  sich  sogar  auf  150,000  bis  500,000  fl.  Das  reine
Einkommen  des  römisch-katholischen  Clerus  blos  in  der  nichtungarischen ­
  Landeshälfte  wird  zu  mehr  als  13  Milk  angegeben.  Dessenungeachtet ­
  fordert  die  Geistlichkeit  (Mitte  1856)  für  die  unter  Joseph
dem  II,  eingezogenen  Kirchengüter  eine  Entschädigung  von  der  verarmten ­
  Staatscasse  (wobei  es  gleichgültig  ist,  ob  dieselbe  in  Schuldscheinen ­
  von  200  Mill,  oder  in  jährlichen  Leistungen  stattfinden  soll)
"U  Die  Schulen  sind  ganz  in  den  Händen  der  Geistlichkeit,  selbst
die  Mehrzahl  der  Gymnasien  steht  unter  Mönchen.  (Im  Jahre  1842
besuchten  von  2’575,000  schulpflichtigen  Kindern  in  den  nicht  ungarischen ­
  Ländern  blos  1’560,000  die  Schulen.)  Bezeichnend  ist  das
Streben,  die  Bildung  der  Angehörigen  der  verschiedenen  Stände  auf
dasjenige  zu  beschränken,  was  man  für  sie  passend  erachtet.
Neben  Adel  und  Geistlichkeit  erscheint  das  Beamtenthim  als  besonderer ­
  Stand.  Die  niederu  Angestellten  sind,  besonders  in  einzelnen
Zweigen,  sehr  gering  besoldet,  was  seine  schlimmen  Rückwirkungen
Staatskasse  selbst)
eh,ea“°  "»'«"«chlsebe  Staat  umfasst,  besitseu
fast  in  ““‘"■■'“'»en  Eeichthum.  Allein  derselbe  ist
Beziehung  erschlossen,  wie  es  schon  nach  den  vielfachen
        <pb n="122" />
        106  OESTERREICH  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.

Hemmungen  der  geistigen  und  materiellen  Entwicklung  des  Volkes
nicht  anders  sein  kann.—  Das  Loos  der  Hauern  liât  sich  in  Folge
der  neuzeitlichen  politischen  Bewegungen,  insbesondere  derjenigen  von
1848,  vielfach  gebessert;  die  frühem  Leibeigenschafts-,  Bobbot-  und
sonstigen  Feudalverhältnisse  sind  gebrochen  ,  die  alten,  furchtbar  drükkenden
  Feudallasten  ablösbar  erklärt.  Allein  noch  ist  der  Aufschwung
nicht  möglich;  noch  lasten  drückend  die  Ablösungssummen  auf  den
Landleuten,  noch  sind  diese  nicht  wirklich  vollkommen  freie  Eigenthümer.
  Dabei  befinden  sich  die  schönsten  und  besten  Ländereien  im
Besitze  der  „todten  Hand“  des  Cleriis  und  des  Adels,  dessen  untheilbaigehaltenen
  Güter  häufig  den  Umfang  kleiner  »Staaten  besitzen.  „Der
grosse  Grundbesitz,“  so  schrieb  vor  kurzer  Zeit  selbst  ein  eifriger
Wortführer  des  jetzigen  Systems,  „der  grosse  Grundbesitz  hat  seinen
Beruf  in  Förderung  der  Landwirthschaft  nicht  erfüllt.“  Wenn  aber
derselbe  Verfasser  an  deuten  will,  jetzt  sei  das  höclistc  Ziel  erroiclit,
weil  „über  alle  Kronländer  und  alle  Stände  die  gleichen  Bestenorungsgesetze
  gelegt  werden  können,“  so  wird  der  Nationalökonom  noch
keineswegs  damit  befriedigt  sein,  sondern  freie  Eigenthümer  eines  freien
Bodens  als  Bedingung  des  Aufschwunges  zu  einer  wirklich  höhern
Stufe  ansehen.
Wie  gering  die  Entwicklung,  zeigt  unter  andorm  der  überaus
niedrige  Stand  des  Taglohnes.  Am  höchsten  steht  derselbe  in  Niederund
  in  Oberösterreich,  20—dO  Krzr.  C.-M.;  am  niedrigsten  in  Ungarn,
wo  er  in  einigen  Comitaten  bis  auf  5  Krzr.  herabsinken  soll  (6  Krzr.
rhein.,  1  Sgr.  9  Pf.  oder  21  Gent.).  Durchschnittlich  nahm  Reden
(vor  der  Papiergeldcrisis)  für  die  deutschen  Lande  17,  für  die  ungarischen ­
  8  Krzr.  C.-M.  an!
Bei  der  Gcwerbsindustfie  hat  man  das  alte  Zunftwesen  angegriffen, ­
  doch  nicht  das  Princip  der  Gewerbfreiheit  anerkannt,  sondern
ein  System  der  Leitung  und  Bevormundung  von  Amts  wegen  an  dessen
Stelle  gesetzt.  Die  Weisheit  und  Gnade  des  Beamtenthums  soll,  gleichsam ­
  wie  ein  Gott,  ermessen  und  bestimmen,  wie  es  an  jedem  einzelnen
Orte  hinsichtlich  neuer  Niederlassungen  zu  halten,  und  was  zu  erlauben ­
  sei!  Da  die  Beschränkungen  des  Zunft-  und  Monopolwesens
nicht  zur  Gestaltung  einer  naturgemässen  freien  Entwicklung,  sondern
nur  zur  Herstellung  einer  bureaucratisch-polizeilichen  Omnipotenz
führte,  so  können  die  Ergebnisse  auch  nur  unbefriedigend  erscheinen.
Die  Gesammtheit  der  Gewerbe  ist  in  zünftige  und  nichtzünftige ­
  eingctheilt.  Die  Zahl  der  zünftigen,  früher  zu  141  angegeben, ­
  ist  seit  längerer  Zeit  nicht  unbedeutend  vermindert  worden.
Unter  ihnen  befinden  sich  namentlich  die  Hauptgewerbe  für  Nahrung,
Kleidung,  Bauwesen  u.  s.  w.  begriffen.  —  Allein  auch  die  nichtzünftigen ­
  Gewerbe  sind  darum  keineswegs  frei.  Zur  Ausübung
gerade  der  wichtigsten  derselben  ist  eine  obrigkeitliche  Concession
erforderlich,  da  sie  „aus  polizeilichen  oder  staatswirthschaftlichen  Rücksichten ­
  einer  Ueberwachung  bedürfen.“  —  Bezeichnend  ist  die  Bestimmung, ­
  dass  Spinnerei,  Stickerei  und  Leinwandweberoi  etc.  als
„freie  Gewerbe“  ohne  besondere  polizeiliche  Erlaubniss  von  Jedermann
        <pb n="123" />
        OESTERREICH  —  Sociale,  Qewerbs-  und  Handelsverhältnisse.  107

als  Hau.sarbeit  betrieben  werden  dürfen.  Selbst  hier  also  Durchführung ­
  des  Prinzips,  dass  die  freie  Ausübung  dieser  „Hausarbeiten“
verboten  wäre,  wenn  man  sie  nicht  speciell  erlaubt  hätte;  während
  alle  Völker,  die  sich  —  auch  im  Gewerbswesen  —  eines  gesunden ­
  Aufschwunges  erfreuen  (Engländer,  Amerikaner,  Franzosen,
Bewohner  des  deutschen  linken  Rheinufers  und  des  bedeutendsten
Thoilcs  der  Schweiz)  an  dem  entgegengesetzten  Grundsätze  festhalten  :
Alles  muss  als  erlaubt  gelten,  was  nicht  das  Gesetz  verboten  hat.  —
Die  Anzahl  der  verkäuflichen  Berechtigungen  (Realrechte)  soll
(schon  nach  einer  Ilofentschliessung  von  1778)  nach  und  nach  vermindert, ­
  neue  sollen  nicht  mehr  ertheilt  und  die  bestehenden  künftig
nicht  höher  als  bei  dem  letzten  Veräusserungsfalle  verkauft,  dabei  aber
die  Preise  der  verkäuflichen  durch  neue  Concessionirungen  nicht  allzusehr ­
  herabgedrückt  werden.  —  Indessen  erweiterte  man  1842  neuerdings ­
  die  Befugnisse  der  Realrechte-Besitzer.  —  Zur  Ausübung  eines
Gewerbes  werden  erfordert:  Volljährigkeit  (24.  Altersjahr),  gute  Moralität ­
  (worüber  die  Polizei  entscheidet!),  Nachweis  der  Befähigung.
Zu  den  Erfordernissen  des  Meisterwerdens  gehört  in  der  Regel
(AAnxnxhnmg  12.  &amp;amp;ïai  DMll)  eùne  zehnjährige  Geselleru:eit,
wobei  es  wieder  von  der  Polizei  abhängt,  Dispensationen  zu  ertheilen.
'  Fabmkweseii  ist  im  Allgemeinen  begünstigt,  obwohl  auch
Coinnumzialgewerben«  unteMcbieden  ;  die  lebten  soHen  im  Betriebe
weniger  beschränkt  sein;  allein  auch  hierbei  hängt  doch  wieder  beinahe ­
  Alles  von  dem  Ermessen  der  Behörden  ab,  um  so  mehr,  als  auch
die  Gewerbe  mit  ausgedehntem  Absätze  als  Polizeigewerbe  behandelt
werden,  wenn  dabei  „Sanitäts-,  Sicherheits-  oder  sonstige  polizeiliche
oder  andere  der  innern  Regierungspolitik  anheimfallende  Verhältnisse
eintreten.“  —  Ueberdies  finden  wir  Gewerbe,  welche  naturgemäss  ein
Ganzes  ausmachen,  vielfach  getrennt.  So  darf  der  Uhrenmanufacturist
die  Uhrgehäuse  nicht  selbst  verfertigen.  —  In  der  Regel  darf  Niemand ­
  zwei  Gewerbe  ausüben,  die  eine  ordentliche  Lehre  erfordern
(Regierungsverf.  v.  8.  Nov.  1793).  —  Die  Gestattung  des  Uebertritts
von  einem  zu  einem  andern  Gewerbe  hängt  von  dem  Ermessen  der
Behörden  ab.  —  Bei  den  „Polizeigewerben“  ist  Rücksicht  darauf  zu
nehmen,  dass  sic  nicht  übersetzt  werden.  Zu  diesem  Behufe  wurden
1843  mehre  „freie  Gewerbe“  zu  „concessionsbedürftigen“  erklärt.
Bür  alle  Zünfte  bildet  noch  immer  das  Ilandwerksgenerale  vom  19.
April  1732  das  Fundamentalgesetz.  Allein  in  Folge  der  Begründung
Wireaucratischer  Omnipotenz  ist  den  Zünften  jede  Entscheidung  über
Krtheilung  des  Meisterrechts  entzogen;  sie  haben  zunächst  nur  noch
Auskunft  zu  ertheilen,  wenn  diese  von  ihnen  verlangt  wird.  —
Gesellen  bedürfen  zur  Verehelichung  einer  obrigkeitlichen  Genehmigung. ­
  —  Streitigkeiten  zwischen  Handwerk  und  Handwerk  müssen  von
p  "  Gerichten  an  die  Verwaltung  (Polizei)  verwiesen  werden.  (Ein  zu
nae  1855  bekannt  gewordener  Gesetzentwurf,  der  wenigstens  eine
        <pb n="124" />
        108  OEísTERREICII  —  Handelsverliältnisse  (Eigenbahnen  etc.)
Anzahl  der  erwähnten  Beschränkungen  aufhohen  würde,  hat  [Mitte  18561
die  kaiser!.  Sanction  noch  nicht  erhalten.)  —  Uebrigens  bestehen  in
den  verschiedenen  Provinzen  äusserst  abweichende  Verordnungen.  Ganz
besonders  ist  zu  erwähnen,  dass  in  den  italienischen  Gebieten  die
durch  die  franz.  Herrschaft  eingeführte  Gewerbsfreiheit  fordauert
sonach  die  obigen  Bemerkungen  auf  sie  keine  Anwendung  finden.
Die  vorerwähnten  unnatürlichen  Verhältnisse  trugen  ohne  Zweifel
dazu  bei,  dass  (nicht  erst  seit  1848,  sondern  gerade  schon  früher,
siehe  z.  B.  „Staatslexicon,  2.  Aufl.,  Art.  „Oesterreich“)  die  uneheliciion
Geburten,  Mordthaten,  Tödtungen,  Kinderaussetzungen,  und  Verbrechen
und  Vergehen  überhaupt,  ungemein  sich  vermehrten.  —  In  Folge  dos
natürlichen  Bedürfnisses  und  Strebens  des  Volkes,  und  der  Nothwendigkeit,
  zu  erwerben,  um  leben  zu  können,  —  haben  sich,  trotz  aller
Hemmungen  —  Gewerbfleiss  und  Handel  während  des  Friedens  bedeutend ­
  entwickelt.  In  vielen  Zweigen  finden  wir  einen  entschiedenen
Aufschwung  der  Manufacturen  und  Fabriken.  Unmöglich  däucht  es
uns  indess,  ein  auch  nur  annähernd  richtiges  Bild  durch  Aufnahme
der  officiellen  statistischen  Zahlen  zu  geben.  Der  Mangel  natürlicher
Grenzen,  die  Unzuverlässigkeit  vieler  Zollwächter,  und  dem  entsprechend
dei  ausgedehnte  Schleichhandel,  lassen  hier  besonders  die  amtlichen
Ziffern  als  beinahe  völlig  unzuverlässig  erscheinen.  Wäre  dies  nicht
so  müsste  man  über  manche  Erscheinung  um  so  mehr  erschrecken
(Bowring  machte  schon  darauf  aufmerksam,  wie  die  kleine  Schweiz
eben  so  viel  rohe  Baumwolle  verbrauche,  als  der  ganze  österreichische
Kaiserstaat  etc.).  Wir  beschränken  uns  daher  auf  Mittheilung  folgender ­
  summarischer  Ziffern  :

Werth  der  officiellen  Ein-Jahr
  Einfuhr
1847  127*927,254
1850  158*955,431
1851  150,547,298
Davon  zur  See  53*808,544

und  Ausfuhr.
Ausfuhr

112*208,285  fl.
104,847,458  -
130*023,756  -
29*539,346  -

(Auf  die  Verminderung  der  Zollerträge  haben  wir  unter  der  Rubrik  Finanzen“ ­
  S.  98  hingewiesen.)  ”
Eisenbahnen.  Gegen  Ende  1854  berechnete  man  die  Länge  der
vollendeten  Bahnen  auf  244  Mell.,  Im  Bau  199,  zusammen  443.  Da.s
ganze  Eisenbahnnetz,  wie  dasselbe  projectirt  ist,  dehnt  sich  auf  1240
Meil.  aus.  Am  1.  Jan.  1856  sollen  die  deutsch-  österreichischen
Bahnen  bereits  eine  Länge  von  369  Meil.  gehabt  haben.

Telegraphen.  Im  Mai  1856  :  964,8  Meilen,  mit  1625,9  Meil.
Drahtlänge.  Befördert  wurden  im  Jahre  1851:  21,976  Staats-  und
blos  3045  Privatdepeschen;  1855:  59,021  amtliche  und  145,200
^ivatdepeschen  (in  der  kleinen  Schweiz  hatte  man  im  letzten  .Jahre,
ei  dem  billigen  Tarifsätze,  162,851  Depeschen  !);  Ertrag  578,805  fi
(1853  erst  293,485  H.)

Post.  Briefzahl;  1851  (im  ersten  Jahre  mach  der  Postreform)
blos  31  196,000,  seitdem,  in  Folge  der  Tarifermässigung,  1855  gestiegen
  auf  51'388,300.  (In  Preussen  über  98  Milk;  verhältnissmässig
        <pb n="125" />
        1’203,500
1:099,500
1’042,300
728.100
494,600
492.300
449.100
414,400
303,000
288.300
kt  wesentlicli  ein.

Bemannung
33,351
34,831
35,259

OESTERREICH  —  Handel  (Handelsmarine,  Literar.  Leben  etc.)  109
)ioch  viel  mehr  in  der  Schweiz  und  in  England;  siehe  diese.)  Da  die
Stärke  der  Correspondenz  theilweise  ein  Kennzeichen  sowohl  des  Culturgrades
  der  Bevölkerung,  als  des  Verkehres  ist,  so  geben  wir  eine
Liste  der  Zahl  der  Briefe,  welclio  185.5  auf  die  einzelnen  Provinzen
kamen  :
NiedcrösteiTeicli«)  .  .  .  11’1G0,900  Banat  .  .  .
6’611,500  Croatien  .  .
Lngarn  6'496,500  Oberösterreich
Lombardei  4'923,700  Siebenbürgen
;enedig  4:342,200  Krain  .
'Galizien  2994,900  Schlesien
fahren  2722,800  Kärnthen
Küstenland  2’343,000  Salzburg
Steiermark  1793,600  Bukowina
Tirol  1’484,100  Dalmatien
*)  Die  Hauptstadt  V  ien  mit  ihren  Behörden  wii
Handelsmarine.
Jahr  Schiffe  Tonnengehalt
1852  10,120  295,855
1853  9,511  311,763
1854  9,735  316,286
KahrtPnt:  bebnde,,  sich  aber  an  „Schiffen  weiter
eingerechnet:
s  “■
m7)/daTOn  'MeTin  ‘deftsTefund
2723  m  Italienischer  Sprache  (auch  ein  Zeichen,  wie  wenig  die  deutsche
Bevölkerung  in  Oesterreich  der  italienischen  geistig  überlegen  ist  zumal
die  erste  eine  grössere  Volksmenge  umfasst);  659  Schriften  waren  in
slavischer,  428  in  ungarischer,  24  in  französischer  und  173  in  lateinischer ­
  Sprache  abgefasst.
„NatiOnalbank.“  Dieselbe  steht  in  solcher  Beziehung  zur  Staatsfinanz
dass  sie  in  gewisser  Hinsicht  als  Staatsanstalt  erscheint.  Sie  verursachte  dem
Staate  schon  enorme  Opfer,  ohne  demselben  in  den  Zeiten  der  Krisen  und  der
Noth  entsprechende  Gegenleistungen  zu  gewähren.  Ende  des  ersten  Semesters
1856,  also  Ende  Juni,  ergab  sich  dabei  folgender  Stand:  Silbervorrath  61’096  924fl.
Banknoten  im  Umlaufe  368’222,837  (also  mehr  als  das  Sechsfache  des  Metallvorraths;
  früher  war  das  Verhältniss  noch  weit  schlimmer  !)  Vorschuss  der  Bank
auf  österr.  Staatspapiere  87*495,500,  fundirte  Staatschuld  für  Einlösung  des
Papiergeldes  in  "Wiener  Währung  58*793,902,  Haftungsschuld  des  Staats  für  das
zuletzt  durch  die  Bank  eingelöste  Papiergeld  15*506,686,  hypotliecirte  Staats
schuld  154  Mill.  (Mit  Einrechnung  der  oben  erwähnten  Vorschüsse  auf  Staats.'
papiere,  hat  demnach  die  Bank  fast  316  Mill.  fl.  an  den  Staat  zu  fordern  —  also
weit  mehr  als  alle  Staatseinkünfte  in  Jahr  und  Tag  ertragen!  Gewiss  ein  enorlues
  Missverliältniss.)
»  »,  und  das  ungeheuere  Schwanken  der  Valuta  (siehe  Rubrik  „Finanzen“)
        <pb n="126" />
        lio

PREUSSEN  —  Land  and  Leute.

erzeugten  tief  eingreifende  Wirren  auch  in  den  Finanzverhältnissen  der  Privaten.
(Bei  keinem  Kaufe  oder  Verkaufe  auf  noch  so  kurzen  oder  langen  Credit
wussten  die  Betheiligten,  wie  viel  sie  dem  wirklichen  Werthe  nach,  für  so
viel  hundert  oder  tausend  Gulden,  zu  bezahlen  oder  zu  empfangen  haben  würden.)
Gegenwärtig  wird  vielfach  darauf  hingewirkt,  den  20-  mit  einem  21  11.  -  Fusse
zu  vertauschen,  d.  h.  den  Gulden  um  '/jq  geringer  auszuprägen.
Längemass:  Der  Wiener  Fuss  (zu  12  Zoll);  100  Wiener  Fuss  =  100,72
preussisclie.  —  Flächenmass:  Das  Joch  (zu  1000  Qnadr.  Klftr)  =  2,25  preuss.
Morg.  —  Fruchtmass;  Der  Wiener  Metzen;  100  ders.  =  6119,95  Liter  oder
111,89  preuss.  Scheffel.  —  Fl  ü  ssigkeitsma  ss  :  Die  Maass  zu  4  Seidel  =
1,41  Liter.  Der  Eimer,  als  Rechnungsraaass,  hält  40  Maass  oder  56,0  Liter;
der  Wein-Eimer  41  Maass;  daher  100  ders.  —  5801,56  Lit.  oder  84,45  preuss!
Eimer.  —  Gewicht;  110  Pfund  =  56  Kilogr.,  112  Zoll-  oder  119,73  alte
preuss.  Pfund.
Im  Lombardisch-Venetianischen  Gebiete  bestehen  jedoch  die  französischen
metrischen  Maasse  und  Gewichte  (aus  der  Zeit  des  „Königreichs  Italien“)  fort.
Als  Münze  ist  indees  seit  1823  die  Lira  Austriaca  eingeführt,  d.  h.  der  österreichische ­
  „Zwanziger“  (%  fl.  C.-M.)  dient  als  Münzeinheit.

Preussen  (Konigreídi).

Land  und  LeiiUs

Bemerkung.  Die  Resultate  der  Volkszählung  vom  Dec.  1855  sind  zur
Zeit  des  Druckes  des  gegenwärtigen  Bogens  (nach  zu  Berlin  eingezogenen  Erkundigungen) ­
  noch  nicht  vollständig  revidirt,  wesshalb  wir  dieselben  nur  theilweise
  und  vorbehaltlich  der  Modilicationen  in  Folge  dieser  Revision,  mittheilen
können.

Regierungsbezirke
und  Provinzen

1)  Königsberg  ....  408
2)  Gumbinen  298
3)  Danzig  152
4)  Marienwerder  ....  320

Bevölkerung  Einwohner
1817  1852  1855  (1854)
553,101  889,007  (892,501)  2195
366’479  642,205  (638,285)  2151
242,547  423,928  (426;170)  2828
339,424  649,548  (653,174)  2068

T.  Provinz  Preussen  .  1178  1’501,551  2'604,648  2’036,706  2233
5)  Posen  321  584,890  906,743  (899,425)  2854
6)  Bromberg  .  .  .  .  .  215  262,910  475,002  (479,090)  2263
II.  Povinz  Posen  .  .  .  536  847,800  r.381,745  Í’3927Õ3Õ  ~2617  ~
7)  Potsdam  (mit  Berlin)  !  382  721,467  1’310,163  (1'306,493)  3484
8)  Frankfurt  352  550,051  894,877  2590
III.  Provinz  Brandenburg  734  1’277,518  2’205,040  2’253,758  3056
9)  Stettin  ....  .“  239  327,002  590,426  ~2m~
10)  Köslin  258  244,515  468,477  (480,646)  1855
11)  Stralsund  .  .  .  80  129,239  195,001  (196,614)  2487
IV.  Provinz  Pommern  .  .  577  700,756  1’253,904  1’288,807  ~2217~
12)  Breslau  “  248  804,678  1  226,995  (1’212,555)  4490
13)  Oppeln  243  536,085  1’005,609  4199
14)  Liegnitz  251  672,112  940,507  (933,035)  3784
V.  Provinz  Schlesien  !  742  2’012,875  3’173,17l  S'182,468  4337
15)  Magdeburg  .  ,  210  472^012  ^4^268  ^Í7¡585)  3467
16)  Merseburg  189  501,868  763,683  (772,944)  4133
17)  Erfurt  62  240,339  350,781  5736
VI.  Provinz  Sachsen  .  .  461  1’214,219  1’828,732  1’861,492~40T4~
        <pb n="127" />
        PREtTSSEN  —  Land  und  Leute  (Gebietsausdehnung).

111

18)  Münster  1.S2
19)  Minden  i)ß
20)  Arnsberg  140
VII.  Provinz  Westfalen  .  üß«
21)  Köln  .  .  .  —
22)  Düsseldorf  .  .
23)  Koblenz  .  .
24)  Trier  .  .  .
25)  Aachen  .  .  .
2G)  Hohenzollei'n'sche  Lande
VIII.  Rhein]irovinz
ö  esaranitsurnmc  510  3
Jahdegebiet  und  Garnison  zu  Mainz
Es  kommen  :

353,283
340,614
380,182
1’074,079  1

429,863
471,775  (458,329)
602,613  (629,663)
’504,251  'Y^27¡226'

3270
4964
4402
4142

338,416  512,985
596,633  958,814
359,204  514,504
302,901  509,610
310,619  422,282
-  ')  65,634
607  1  ’907,773  ¥’983,829'

98
110
131
76
21

(514,386)  7207
9960
4741
3914
5678
33014
6136

(499,952)
(433,858)
(63,245)
3’046,604

10’536,571  16
Inixemburg,

’935,420  17’189,957
Frankfurt  12,256
17’202,013

3366

auf  die  deutschen  Bundeslande  3389  Q.-M.
-  Nichtbundeslande  1714

und  ungefähr  13’170,000  Bew,
4-030,000  -
Gebietsausdehnung.  Der  preussische  Staat  bestellt  aus  zwei  getrennten ­
  Ilaupttheilen,  zusammen  mit  837  Meil.  Grenze  (ungerechnet
me  muere  Grenze  gegen  die  enclavirten  Landschaften  Anhalt  etc.).
asi»
gegen  Ham,ovor  44  d,e  Riede,lande  19.  Luxembrng  „„d  U,„.
bürg  51,  ßelgie,,  9,  Frankre.eli  14,  Oldenbmg  (Birkenfeld),  Hessen
Homburg  und  Bayern  (Pfalz)  40,  Hessen-Darmstadt,  Nassau,  Waldeck
Kassel,  Braunschweig  und  beide  Lippe  84,  zusammen  261  Meil  —
Berlin  ist  von  dem  entferntesten  Punkte  des  Staates  im  Osten  9l'  im
Westen  81  Meil.  entlegen;  vom  nächsten  Orte  der  franz.  Grenze'72^
vom  nächsten  der  russischen  nur  38  Meilen  (Reden).  —  Vom  Areale'
IPreussens  kommen  19’800,000  Morgen  auf  Waldungen,  wovon  8'094  000
im  Staatsbesitze.  ’
Die  Einwohnerzahl  war  ;

Bevölkerungszuahme,
1814:  10’349,031  1834
11’664,133  1837
12’726,110  1840

1822
1828

13’509,927
14’098,125
14-928,501

1843
1849
1852

Í5’471.765
16’397,448
16’935,420
Die  Vermehrung  betrug  sonach  in  38  Jahren  5’586,389  Personen
oder  54,07  Proz.  der  anfänglichen  Zahl.  Hievon  kommen  aber  auf
die  27  ersten  Jahre,  1814—43,  5122,734,  und  dazu  trugen  bei  :  der
Ueberschnss  der  Geburten  4,050,305,  die  Mehrein  Wanderungen  als  Aus
Wanderungen  P072,429  (letztes  Folge  der  freieren  Ansässigmachung)!
Die  ZifTem  zwischen  Parenthesen  bezeichnen  bles  die
        <pb n="128" />
        112

PREUSSEN  —  Land  und  Leute  (Geburts-  und  Sterbfälle).
Nach  1843  ward  die  Zunahme  viel  geringer,  und  bei  der  Aufnahme
von  1855  ergab  sich  in  vielen  Bezirken  sogar  eine  positive  Verminderung. ­
  Nach  der  (übrigens  noch  nicht  definitiv  festgestellten)  Aufnahme ­
  von  1855  war  der  Gesammtzuwachs  in  den  3  letzten  Jahren
nur  noch  266,593  Personen,  *d.  h.  1,57  Proz.  ;  in  der  vorgängigen
Periode  war  er  noch  3,30  Proz.  gewesen.  Es  ist  dies  die  geringste
Zunahme  seit  regelmässige  Zählungen  stattfinden.  Theuerung,  IJeberschwemmungen
  und  Seuchen  (Cholera)  wirkten  diesmal  zusammen,
besonders  in  Schlesien,  dann  auch  in  Ostpreussen  und  Posen,  ferner
in  Westfalen  (Reg.-Bezirk  Minden)  und  Rheinland  (Bezirke  Koblenz,
Trier  und  Hohenzollern).
Geburten  und  Sterbfalle.  Man  zählte:
Jahr  Geburten  Sterbfälle  Ueberschuss
1858:  659,122  521,196  137,926
1854:  648,649  500,737  147,912
Im  Durchschnitte  der  37  Jahre  von  1817—54  kam  jährlich  eine
Geburt  auf  24,95  und  ein  Sterbfall  auf  34,33  Einw.  Das  Verbaltniss
hat  sich  in  der  neuern  Zeit  verschlimmert  :
Jahr  1  Geburt  auf  1  Sterbfall  auf  Jahr  1  Geburt  auf  1  Sterbfall  auf
1816  :  23,10  Lebende  36,05  Lebende  1834  :  24,27  Lebende  31,86  Lebende
1819:  22,28  -  32,83  -  1837:  25,27  -  32,14
1822:  23,19  -  37,09  -  1840:  25,40  -  35,66
1825  :  23,41  -  37,44  -  1843:  25,60  -  34,80
1828:  25,48  -  34,13  -  1853:  25,66  .  30,57
1831:  26,58"  -  28,18  -  1854:  26,11  -  33,82
Das  Verhältniss  der  unehelichen  zu  den  ehelichen  Geburten
schwankte  1816—43  zwischen  1  zu  12,66  und  13,79.  Die  einzelnen
Regierungsbezirke  bieten  starke  Gegensätze  dar.  So  kam  (nach  Reden)
je  eine  uneheliche  Geburt  im  Regierungsbezirke
Potsdam  (Berlin)  auf  4,69—5,63  ehe!.  Dagegen:  Münster  auf  27,71—36,99  ehel.
Liegnitz  -  7,98—9,15  -  Coblenz  -  28,51—35,82  -
Stralsund  -  8,19—9,20  -  Aachen  -  27,94—32,94  -
Breslau  -  8,25—9,30  -  Düsseldorf  -  24,86—31,01  -
Trier  -  23,23—30,69  -
(Die  freieren  socialen  Institutionen  in  den  Rheinlanden  wirkten  auch
hierbei  wohlthätig  mit.  Es  zeigt  sich  dies  bei  Vergleichung  der  Provinzen ­
  unter  sich,  es  zeigt  sich  bei  einer  Vergleichung  Gesammt-Preussens
  mit  anderen  Staaten,  wobei  aber  namentlich  auch  der  Moment ­
  ins  Auge  zu  fassen,  dass  die  Militärpfiiehtigkeit  in  Preussen  den
jungen  Männern  wenigstens  nicht  6—8  Jahre  lang  die  Verheirathung
unmöglich  macht.  Siehe  übrigens  unsere  vergleichenden  Bemerkungen
bei  Bayern).
Nach  Dr.  Boudin’s  Berechnung  kommt  durchschnittlich  bei  der
protestantischen  Bevölkerung  eine  uneheliche  Geburt  auf  10  bis  11
eheliche,  bei  den  Katholiken  erst  1  auf  16  (Folge  der  Erleichterung
bei  Niederlassungen  in  den  kathol.  Rheinlanden  etc.)  ;  bei  den  Juden
1  auf  47,  bei  den  Mennoniten  auf  73.
Von  1816  —  49  kamen  bei  den  Geburten  auf  100  Mädchen
blos  89  Knaben.  —  Die  Zahl  der  Sterbfälle  schwankte  zwischen
        <pb n="129" />
        8

PREUSSEN  —  Land  und  Leute  (Ein-  und  Auswanderungen).  II3
no  ^  B^ölkerung.  —  1849  kam  1  Sterbfall  in  den  Städten
aut  28,7  Emw.,  auf  dem  Lande  erst  auf  34,4.
117,448;  1819:  111,084;  1825:  112,171-oo^^;r
  Trauung  1816  auf  88  Einwohner^
1819  auf  99,  1825  auf  109,  1834  auf  104,  1837  auf  110,  1840
11«  109,  1852  auf
Ai».  Von  1816—34  war  der  Durchschnitt  109,  von  1837—52  112.
"i  Geburten,  Sterbfällen  und  Verheiratliungen  die  ge-'
  Einwirkung  von  guten  Jahren  in  der  einen,
2  Mißjahren  m  der  andern  Richtung;  dabei  stetes  Streben  der
INatui,  die  (durch  Krieg  und  Theuerung  herbeigeführten)  Verluste
^szugleichen,  dann  aber  auch  In  entgegengesetzter  Richtung  das
Gleichgewicht  wieder  hcrzuzteUen.  Die  grosse  Menge  der  Ehen  und
Geburten  im  Jahre  1816  (nach  den  Napoleonischen  Kriegen)  dann
gleichzeitig  die  geringe  Zahl  der  Sterbfälle,  sind  besonders  Wzeichimnd
Ê:m@#
Im  Jahre  1849  zählte  man  :
Männlich  Weiblich  Unterschied
8062,805  8,168,382  5,577
Dieser  Unterschiedistgeringer,alswirdenselbenirgendwofanden
Nach  den  grossen  Kriegen  war  er  viel  bedeutender  gewesen
jetzt  sind  diese  Verhältnisse  nicht  in  allen  Altersclassen  gleich  V
der  Kindheit  bis  zum  45.  Altersjahre  überwog  1849  noch  die  *  -  °
di:  Tkz.  ^
Körpergebrechen  (1849).  Taubstumme  11,973.  Blinde  9  579
Ein-  nnd  Auswanderungen.  Preussen  verdankt  seine  rasche  Be
völkerungszunahme  nach  den  grossen  Kriegen  zum  Theile  den  zahl"
reichen  Einwanderungen,  zu  denen  seine  relativ  freiere  Gesetzgebung
Über  Ansässigmachung  ermunterte.  In  der  Neuzeit  hat  sich  das  Verhältniss
  geändert,  und  auch  viele  Preussen  wanderten  nach  Amprik«
^üs.  Wir  finden  unter  andern  folgende  Notiz:

Jahr  Einwanderungen  Auswanderungen  V^mögen  der  über
See  Gegangenen
1852—  63:  2859  21,372  P780,081  Thlr
1853—  54:  2752  18,194  1’519  225
1854—  65  :  2619  30,344  ’

pr.  Kopf
107  Thlr.
110  -
        <pb n="130" />
        114

PREUSSEN.  —  Land  und  Leute  (Nationalitäten).

Rheinprovinz
Schlesien
Sachsen
Brandenburg
Westfalen

Einwand.
699
448
824
652
326

Auswand.
6,248
3,419
2,638
2,241
1,904

Pommern
Posen
Preussen

Einwand.
152
71
207

Auswand.
999
484
364

3279  17,197
Hiezu  heiml.  Auswanderungen  4,348
In  den  letzten  11%  Jahren  kamen  im  Ganzen  161,429  Auswanderungen  vor.
Gonfessionen  (Nach  der  Aufnahme  von  1852):

Provinzen
1  Ostpreussen
I  Westpreussen
Posen  .  .
Pommern
Schlesien
Brandenburg
Sachsen  .
Westfalen  .
Rheinprovinz
Militär  im  Auslande

Protestanten
1'332,089
532,936
437,861
1'232,376
1'617,865
2'147,119
1708,666
652,801
691,777
6,513

Katholiken
188,743
504,048
869,433
10,912
1'520,838
35,071
114,886
835,841
2’247,396
6^26

Griechen
1185
45
30
26
67
118
2
1
11

Menonniten
1,045
12,000
90
156
38
20
32
109
1290

Juden
8,210
24,447
74,331
10,434
34,373
22,712
5,146
15,499
31,656
60

Zusammen  10’359,994
Nationalitäten.  Nach  der
für  das  Jahr  1844  :

6’332,293  1485  14,780  226,868
Sprachverschledenlieit  rechnete  Reden

Deutsche  13’075,640  —  84,36  Proz.  Litthauer  159,140  =  1,02  Proz.
Slaven  .  2’121,685  =  13,68  -  Franzosen  10,900  =,  0,07
Von  den  Slaven  kamen  auf  die  Polen  2’010,000,  nämlich  in
Posen  841,500,  in  Westpreussen  140,000,  in  Ostpreussen  417,500,
in  Schlesien  605,000.  Dann  83,400  Wenden  (Serben,  in  der  Lausitz),
12,500  Mähren,  11,500  Böhmen,  4400  Kassuben.  (Bei  der  Bevölkerungsaufnahme ­
  im  Jahre  1855  ergab  sich  im  Regierungsbezirke  (nicht
Provinz)  Posen,  dass  479,900  Einwohner  nur  polnisch,  245,054  nur
deutsch,  und  174,409  polnisch  und  deutsch  sprachen.)
Städte.  Nach  der  Aufnahme  von  1852  zählte  man  in  den  beiden
Haupttheilen  des  Landes  :
im  östlichen  766  Städte  125  Marktflecken  und  34,445  Dörfer
-  westlichen  253  -  112  -  -  6,464
Zusammen  1019  -  237  -  -  40,909
(Doch  kennt  die  franz.  Gesetzgebung,  welche  dem  Geiste  der  Rheinländer ­
  entspricht,  keinen  rechtl.  Unterschied  zwischen  Stadt  und  Dorf).
Berlin  hatte  (Dez.  1855)  426,602  Einw.  vom  Civil,  mit  Militär
etwa  455,000;  —  1795  erst  156,218,  1800:  155,700;  1817:
195,857,  1825:  203,668,  1831:  229,843,  1840:  311,491,  1843
[mit  Militär]  355,149,  1849:  423,992,  1852  [linger.  Militär]  419,755.
Auch  zu  Berlin  scheint  die  rasche  Bevölkerungszunahme  ihr  Ende
erreicht  zu  haben.  —  Breslau  (1852)  112,194;  Köln  (1855)  100,470
[mit  Militär  106,559]  ;  Königsberg  (1855)  77,527;  Danzig  (1852)
66,827;  Magdeburg  (52)  55,816;  Aachen  (52)  48,688;  Stettin  (52)
41,573;  Posen  (52)  40,209  ;  Potsdam  (52)  37,549;  Elberfeld  (52)
34,956;  Barmen  (52)  32,984.  (1855  hatten  unter  andern:  Coblenz
22,443,  Bonn  17,922,  Trier  17,322,  Wesel  12,939.)
Gebietsveränderungen.  Preussen,  dessen  Fürsten  seit  1701  den
Königstitel  angenommen,  umfasste  bei  der  Thronbesteigung  Friedrich
        <pb n="131" />
        PREÜSSEN  —  Land  und  Leute.

115

des  II.,  1740,  etwa  3  Mill.  Menschen  (die  gewöhnliche  Angabe  von
2  240,000  ist  viel  zu  gering).  Die  Eroberung  Schlesiens  (640  Q.-M
damals  mit  Dl00,000  Bew.,'  1770  mit  1,327,078)  und  die  erste  Theilung
  Polens  (von  dem  Preussen  sogleich  631  Q.-M.  und  t/g  Mill.
Menschen  erhielt)  vergrösserten  den  Staat,  so  dass  derselbe  bei  Friedrichs ­
  Tode,  1786,  folgende  Gebiete  umfasste  (deren  Grösse  und  Volkszahl ­
  wir  nach  den  damaligen  ungenauen  Schätzungen  angeben):
Königreich  Preussen  (mit  dem  Netzdistricte)
Herzogthum  Pommern  .
Mark  Brandenburg
Herzogthum  Magdeburg
lürstenthum  Halberstadt
Westfälische  Länder  .
Herzogthum  Schlesien  .
Dazu:  Fürstenthum  Neuenburg
Zusammen  (ungenaue  Schätzuni

1380  Q.-M.,  1’500,000  Bew

480
670
104
42
244
640
15

465,000
1’057,000
280,000
132,000
590,000
1'582,000
40,500

3575

5’650,000

Furstenthum  Ost  friesland
Herzogthum  Cleve

Grafschaft  Mark
hürstenthum  Moeurs
Herzogthum  Geldern

13
54
40
56
6
24

130,000  Be\
45,000  -
103,000  -
95,000
125,000
17,000
50,000  -
f  Ær  «r  '  JÆr  ooVÄi“xsöi
ess  sich  die  Regierung  verleiten,  Anspach,  das  rechtsrheinische  Ge
biot  von  Clovo,  und  Neuenburg  freiwillig  an  Frankreich  abzutreten
pgen  das  von  diesem  eroberte  Hannover.  Nicht  nur  protestirte  Eng
ä@ag#m
        <pb n="132" />
        116

PREUSSEN  —  Finanzen  (Budget).

das  mit  vergrössertem  Gebiete  wieder  als  „freie  Stadt“  erstand;  Ostfriesland ­
  an  Holland;  Münster,  Mark,  Gingen  und  Tecklenburg  an
Berg  ;  die  übrigen  westfälischen  und  niedersächsischen  Besitzungen
an  das  neue  Königreich  Westfalen;  endlich  Baireuth  und  Erfurt  an
Frankreich.  Der  Gesannntverlust  wird  zu  3327  Q,-M.  und  5’736,500
Menschen  berechnet.  Der  preussische  Staat  war  auf  2793  Q.-M.  mit
4’560,000  Einw.  zusammengeschmolzen.  —  Der  erste  Pariser  Friede
und  der  Wiener  Congress  gaben  das  Verlorene  zurück  oder  mehr  als
vollständige  Entschädigung.  Nicht  wiedererlangt  wurden  ;  Polen,  Hildesheim, ­
  Ostfriesland,  Anspach  und  Baireuth;  dagegen  erhielt  Preusscn:
die  Hälfte  des  Königreichs  Sachsen,  Rheinland  (Provinz  Niederrhein)
und  Schwedisch-Vorpommern.  —  1842  kaufte  der  Staat  das  Fürstenthum ­
  Lichtenberg  (auf  dem  linken  Rheinufer,  mit  42,000  Menschen,
durch  den  Wiener  Frieden  dem  Herzoge  von  Coburg  zugetheilt)  und
1849  die  beiden  Hohenzollern’schen  Fürstenthümer  (25  Q.-M.  und
67,500  Bew.).  Dagegen  büsste  der  König  1847  die  in  dem  schweizerischen ­
  Neuenburg  ansgeübte  Hoheit  ein.  —  Ein  kleines  Gebiet
am  Jadebusen,  zu  einem  Kriegshafen  bestimmt,  ward  Ende  1854  von
Oldenburg  um  V2  Mill.  Thlr.  erkauft.
Finanzen*
Budget.  Der  „Staatshaushalts-Etat“  für  1856  enthält  folgende
Hauptpositionen  :

Einnahmen.
I.  Finanzminislermm:  1)  Domänen  (Outer)  4’920,910,  2)  For-  Thaler
sten  5’602,300,  von  welchen  beiden  Positionen  jedoch  die
Krondotation  abgerechnet  wird  mit  2’573,099,  —  Rest  7’950,111
3)  Verkäufe  von  Domänen  und  Rechten  l'/g  Mill.,  und  4)
sonstige  Domänen-Einkünfte  1,766  ....  1’501,766
5)  Direkte  Steuern:  Gründet.  10’086,826;  classiñcirte  Einkommenst.
  (einschliesslich  622,000  Thlr.  Zuschlag)  3’118,000;
Klassenst.  (einschl.  2’036,000  Zuschlag)  10’199,000;  Gewerbst.
  2’894,000;  Eisenbahnabgabe  491,248;  Verschiedenes
25,123;  zusammen  ........  26’814,197

6)  Indirekte  Steuern:  Zölle  11’610,000;  Uebergangsabgabe
von  vereinsländischem  Wein,  Most  und  Tabak  200,000;
Rübenzuckerst.  2  Mill.;  Niederlagegelder  etc.  47,000;  Schifffahrtsabgaben ­
  450,000;  Branntweinsteuer  und  Uebergangsabgabe ­
  6’300,000;  Braumalzsteuer  und  Uebergangsabgabe
1’100,000;  Weinbaust.  91,000;  Tabaksbaust.  144,000;  Mahlsteuer ­
  (einschl.  295,590  Zuschi.)  1480,000  ;  Schlachtsteuer
(319,174  Zuschi.)  1’600,000;  Stempelst.  3450,000;  Chausseegelder ­
  1’310,000;  Brückengelder  und  Stromgefälle  870,000  ;
Gerichtschreibereigebühren  170,000  ;  Strafgelder  80,000;  Verschiedenes ­
  183,167  =......•  31’085,167
7)  Salzmonopol  8’564,720;  8)  Lotterie  1’236,000  =  .  9’800,720
9)  Seehandlungsinstitut  100,000  ;  10)  Preuss.  Bank  (Antheil)
  225,600;  11)  Münze  77,960;  12)  allgem.  Cassenverwaltung
  (Pensionsbeiträge  etc.)  272,535  =  •  •  676,095
Zusammen  Finanzministerium  77’828,066
II.  Ministerium  für  Handel,  Gewerbe  und  öffentliche  Arbeiten:
1)  Post  9’387,724;  2)  Telegraphie  473,652;  3)  Manufakturen
        <pb n="133" />
        PREUSSEN  —  Finanzen  (Budget).
(Porzellan  etc.)  267,278;  4)  Berg-,  Hütten-  und  Salinenwesen ­
  11'239,520;  5)  Eisenbahnen  5758,964  =  .
III.  Justizministerium  (davon  8768,895  Gerichtskoeten)  .
IV.  Ministerium  des  Innern  (wovon  512,608  aus  Strafanstalten
und  148,800  Ertrag  der  Regierungsblätter)
V.  Ministerium  für  die  landwirthschaftlichen  Angelegenheiten
(wovon  250,344  v.  Gestüt)
VI.  Ministerium  der  geistl.^  Unterrichts-  u.  Medizinalangelegenheiten
VII.  Kriegsministerium  ........
VIII.  Ministerium  der  ausio'drtigen  Angelegenheiten  (Consulats-  und
Passgebühren)
Hiezu:  Rückstände  aus  den  Vorjahren  .....
Aus  den  Hohenzollern’schen  Landen  (361,000  fl.)  "
Gesammt-Einnahme
Oder  vielmehr  mit  der  Krondotation  ....
F  ORTDAUERNDE  AUSGABEN.
A.  Betriebs-,  Erhebungs-  und  Verwaltungsko
I.  Finanzministerium:  Domänen  806,190;  Forsten  2’692  300*
Centralverwaltung  beider  79,900;  directe  Steuern  r075’343  ’
2'902,620;'Lot:
%634  8'822,640;  Eisenbahnverwaltun¿
Summe  A,  Betriebsausgaben  ~
B.  Dotationen.
OeffentlicheSchuld,  davon  Verzinsung  8’360,168;  Tilgunff  4’*'&amp;gt;05  5R9
Renten  305,535  etc.  .  .  .  !
Landtag  !.'[*"
Summe  B,  Dotationen
C.  Staatsverwaltung.
LgfigrfsmmWßnW  (wovon  116,005  Oberrechnungskammer;
18,7o0  geh.  Cabinet)  *
II.  Mmisterium  der  austcärtigen  Angelegenheiten  (davon  443  520
Besoldung  des  Gesandtschaftspersonals)  .
m.  (davon  3'009,800  Pensionen,  Wittwenge-117



27727,138
8’851,323
751,345
1’212,619
87,020
264,560
8,530
2’527,194
206,286
118’864,071
121737,170
aten.

11’645,780
23’097,178
34742,958
12’944,750
239,769
13784,519
246,575
809,705
6’055,197

werblicher  und  Handelszwecke)
V,  JustizTïixnistcTiuYn,

Förderung  ge-GeiSr

  fiirGefingni«;
X.  Marine  '
Hiezu;  Zahlungsrückstände  aus  frühem  Jahren^^^^^^"gsaBSgaben
Ausgabe  in  Hohenzollern  (330,691  fl.)
Betrag  der  fortdauernden  Ausgaben

6262,022
10767,292
4812,272
1’934,256
3'522,059
28700,672
554,531
62’664,581
2’527,194
188,966

113’308,218
        <pb n="134" />
        118

PREUSSEN  —  Finanzen,

Einmalige  und  ausserordentliche  Ausgaben.
I.  Herrenhaus  40,000;  II.  Ministerium  des  Auswärtigen  150,490;
III.  Finanzministerium  546,102;  IV.  Handelsministerium  (wo-von
l'/j  Mill,  für  Strassen-  und  Wasserbauten)  1’782,000;  V.  Justizministerium ­
  400,000  ;  VI.  Ministerium  des  Innern  200,000  ;  VH.
Ministerium  für  Landwirthschaft  269,435  ;  VllI,  Ministerium
für  geistliche  Angelegenheiten  601,060  ;  IX.  Kriegsministcrium
(davon  539,886  für  Festungsbau)  799,446;  X.  Marine  750,000  ;
—  für  liohenzollern  17,320  5’555,853
Gesammtbedarf,  gleich  der  Einnahme  118'864^71
Bemerkungen.  Das  Budget  begreift  die  gesammten  Bruttosummen ­
  in  sich  ;  nur  hat  man  (seltsamer  Weise)  eine  einzige  Position,
und  zwar  sogar  eine  Nettoausgabe,  abgerechnet,  nämlich  die  Kosten
der  Civilliste.  Ziehen  wir  von  den  I21V2  Mill.  Einkünften  die  Erhebungs-
  und  die  Betriebskosten  der  Staatsanstalten  mit  34%  Mill,
und  die  durchlaufenden  Posten  ab,  so  verbleibt  eine  reine  Einnahme
von  83Yg  Mill.  Die  Summen  vertheilen  sich  ungefähr  so  :

Einnahmen.
Brutto.  Netto.

Proz.  des
Netto.

Domänen  29%Mill.  1F200,000  =  13,40
Directe  St.  28  -  26’970,000  =  32,25
Indirecte  60%  -  45’430,000  =  54,35
83’600,000

Ausgaben.
Militär  (mit  öend.)  31  ’870,000  =  38  %
Schuld  .  .  .  12’945,000  =  15%
Diese  2  Posten  44’815,000  =  53%
Einschliessl.  der  Betriebsausgaben  erheischen ­
  die  Beamtenbezüge  30  Mill.

Da  Preussen,  ungeachtet  seiner  verhältnissmassig  geringen  Bevölkerung, ­
  unter  den  (xrossmächtgn  auftritt,  und  da  es  sich  überhaupt ­
  als  Militär  Staat  entwickelte,  so  war  eine  hohe  Besteuerung
der  Einwohner  von  jeher  die  .  natürliche  Folge.  Die  Lasten  wurden
aber  namentlich  in  der  Neuzeit  sehr  vermehrt.  Allerdings  können  die
Budgetziffern  von  frühem  Jahren  nicht  unbedingt  den  heutigen
gegenüber  gestellt  werden,  da  früher  nur  die  Nettobeträge  aufgeführt
waren,  statt  der  jetzigen  Brutto  summen.  Allein  es  tritt  dennoch  ein
gewaltiger  Unterschied  hervor,  wenn  wir  z.  B.  den  Finanzetat  vom
Jahre  1844  mit  dem  jetzigen  vergleichen.  Jener  schloss  ab  mit
57’677,194  Thlr.,  der  jetzige  mit  beinahe  119  Mill,  brutto  oder  84
Mill,  netto.  Und  doch  kostete  damals  schon  das  Heer  24’604,208,
die  Staatsschuld  sammt  Renten  10’60G,556  Thlr.  Noch  1847  war  die
Nettoausgabe  nur  64  Mill.  —  Dabei  bemerkt  man  in  der  Repartition
der  Lasten  sehr  grosse  Ungleichheiten.  Hiezu  kommen  förmliche
Steuerbefreiungen,  Begünstigungen  und  Privilegien  einer  in  der  Jetztzeit ­
  unbegreiflichen  Art,  z.  B.  sogar  Befreiungen  von  der  Grundsteuer.
Aus  der  amtlichen  Denkschrift  zum  Gesetze  vom  24.  Februar  1850
wegen  (Vorarbeiten  zur)  Aufhebung  der  Grundsteuerbefreiungen  erhellt,
dass  noch  immer  steuerfrei  sind:  in  der  Provinz
Preussen  4’884,915  Morgen.  Schlesien  753,856  Morgen.
Pommern  6’913,074  -  Brandenburg  5’739,401
Posen  765,815  -  Sachsen  1’723,115
Zusammen  20’78(),176
Auch  muss  erwähnt  werden,  dass  die  heillose  (Classen-)  Lotterie
vom  Staate  unterhalten  wird.
        <pb n="135" />
        PREUSSEN  —  Finanzen  (Staatsschuld).
Die  Budgets  der  nächstvorgängigen  Jahre  schlossen  so  ab  :

119

Jahr
1849
1850
1851
1852
1853
1854
1855
ln  7  Jahren  ;

Die  regelmässigen
Einnahmen
85^993,281
88765,349
90721,860
94’277,300
97’558,668
102’090,484
108’945,065

Die  Ausgaben
91'601,281
93'326,507
93794,433
96'911,913
101759,563
106’332,124
109'648,285

Das  Deilcit
5’608,000
4’561,158
3'072,573
2'633,713
3'600,896
4’241,640
703,220

668’351,007  692773,206  24721,199
(Wir  legen  dabei  kein  besonderes  Gewicht  darauf,  dass  30761  245  Thlr
als  außerordentliche  Ausgaben  aufgeführt  werden;  dieser  sog.  ausserordent:
liehen  Ausgaben  gibt  es  jedes  Jahr.)
In  dem  Voitrage  des  Berichterstatters  der  Bndgetcommission
Kuhne,  an  die  Abgeordneten-Karamer,  vom  25.  April  1855,  über  das
Budget  von  jenem  Jahre,  ward  wesentlich  hervorgehoben*  1)  Seit  1848
haben  in  keinem  Jahre  die  regelmässigen  Einnahmen  zur  Deckung
der  gewölmhehen  Ausgaben  genügt.  2)  Es  lässt  sich  auf  keine  Weise
erwarten,  dass  das  Gletchgewicht  sich  von  selbst  herstellen  werde.
3)  Ebensowen,g  kann  dies  durch  Palliativmittel,  wie  (die  angenommenen)
  temporaren  Steuerzuschläge  geschehen  °
Vermögens  genügte  ebenso  wenig,  wie  das  Aufzehren  vorhandener
Cassabestände,  um  den  AusfaU  zu  decken;  man  musste  auch  noch
neben  der  Steuernerhöhung,  die  Schulden  vermehren.
Nach  dem  Berichte  der  Finanzcommission  der  Abgeordneten-Kamraer
  von  1855  hat  sich  der  Finanzzustand  in  den  5  Jahren  1848
Weise  yellZZu  Abrechnungen  vor)  in  folgender
1.  der  Terzinslichen  und  unverzinslichen  Schuld
2.  prminderungd'es8wL:lZrum'''''"  :  '
3.  Aufzehrung  von  Capitalien  und  Beständen  .  .  .  97411570  !
Ah:ErhöhungvonCassabeständen
Das  DpfipU  j  V  Bleiben  Ma^  66’313,192  Thlr.
üsSSPsiSä
Staatsschuld.  Als  Friedrich  11.  1740  den  Tbvp  r  xer
  einen  Staatsschatz  von  8700,000  Thlr  Din  '-i  estieg,  fand
        <pb n="136" />
        120  PREUSSFN  —  Finanzen  (Staatsschuld).
auch  zu  dem  Mittel  der  Münzversclilechterung,  indem  man  die  Mark
fein  Silber  bis  zu  45  (statt  12)  Thlr.  ausprägte,  so  dass  erst  in  3%
Thlr.  so  viel  Silber  enthalten  war,  als  in  einem  einzigen  sein  sollte!
—  Durch  Schlesien  waren  die  Staatseinkünfte  um  3’600,000  Thlr.  vermehrt. ­
  Friedrich  verstand  es,  dieselben  auch  auf  andere  Weise  in  die
Höhe  zu  treiben,  und  so  betrug  die  Einnahme  1780  gegen  21,  1786
selbst  30  Mill.  Auf  Schlesien  haftete  bei  dessen  Eroberung  eine  Schuld
von  1'700,000  Thlr.  Trotz  dessen  und  trotz  der  Kriegskosten  hinterliess
  Friedrich  (f  1786)  nicht  nur  keine  Staatsschuld,  sondern  einen
haaren  Staatsschatz  von  mindestens  30,  nach  andern  Angaben  selbst
von  50  bis  60  Mill.  Während  der  11  jährigen  Regierung  Friedrich
Wilhelms  IL  verschwand  nicht  nur  dieser  Schatz  vollständig,  sondern
statt  seiner  erwuchs  eine  Schuldenmasse,  welche  von  Einigen  zu  30,
von  andern  zu  60  Mill,  angegeben  wird.  Unter  Friedrich  Wilhelm  IIL
strebte  man  nach  Verminderung  dieser  Last.  Allein  der  Jenaer  Feldzug ­
  kostete  blos  an  Kriegscontributionen  gegen  40  Mill.  Das  erst  8
Monate  zuvor  emittirte  Papiergeld  sank  bis  auf  V4  seines  Nennwerthes
  herab,  und  hob  sich  lange  Zeit'  nicht  über  die  Hälfte  des
Nominalbetrags.  —  Nachdem  Napoleon  das  Land  ausgcsaiigt,  erforderten ­
  die  Kriege  von  1813—15  begreiflicher  Weise  die  enormsten
Anstrengungen  und  Opfer.  Noch  1818  schloss  man  mit  Rothschild
ein  Anlehen  im  Course  von  70  Proz.  ab.  —  Im  Jahre  1820  ward
die  Gesammtschuld  festgcstellt  zu  217’975,517  Thlr.  Davon  wurden
bis  Ende  1848  abgetragen  86’553,624,  —  zu  welchem  Behufe  man
freilich  auch  für  45’060,996  Thlr.  Domänengüter  veräusserte  ;  für
Eisenbahnbauten  wurden  gleichzeitig  höchstens  40  Mill,  verwendet.
Darnach  war  die  Schuldsumme  (einschl.  Papiergeld)  auf  131’421,893
Thlr.  herabgebracht,  wenn  auch  unter  Verminderung  der  Domänen.  —
Allein  seitdem  hat  sich  das  Verhältniss  stark  geändert.  Ungeachtet  der
Flüssigmachung  des  grössten  Theiles  der  Cassavorräthe,  und  ungeachtet
der  Einführung  neuer  und  der  Erhöhung  alter  Steuern,  ist  von  1848
bis  1853  die  Schuldsumme  enorm  gestiegen,  nämlich  die  verzinsliche
Schuld  bis  dahin  um  73’208,837,  die  unverzinsliche  (Cassaanweisungen)
19  600,000.  Allerdings  hielt  sich  Preussen  von  dem  orientalischen
Kiiege  feine,  indessen  ward  dieser  Krieg  doch  Veranlassung  zur  Aufnahme ­
  eines  neuen  Anlchens  von  30  Mill.  Thlr.,  dessen  erste  Hälfte
1854  und  dessen  letzte  1855,  und  zwar  diese  letzte  Hälfte  als  Lotterieanlehen,
  zu  4  Proz.  verzinslich,  al  pari  negozirt  wurde,  mit  nicht  ganz
2  Iioz.  Provision,  Nach  den  offlciellen  Angaben  vermehrte  sich  die
verzinsliche  Schuld  im  Jahre  1854  um  10'010,116,  und  im  Jahre
1855  um  20’082,891  Thlr.
Ungeachtet  des  Vermeidens  grosser  Kriegsrüstungen  in  der  jüngsten ­
  Epoche  hat  sich  sonach  die  preuss.  Staatsschuld  in  den  letzten
8  Jahren  um  beinahe  123  Mill.  (122’901,844  Thlr.)  vermehrt,  also
in  diesem  kurzen  Zeiträume  fast  verdoppelt.  Nach  den  von  obigen
ZiflFern  nicht  bedeutend  abweichenden  offlciellen  Angaben  betrug  die
verzinsliche  Schuld  Ende  1855:  217’009,162  Thlr.  Rechnen  wir  dazu
30’842,347  Ihlr.  Cassaanweisungen  (unverzinsliches  Papiergeld),  so
        <pb n="137" />
        121

PREUSSEN  —  Militärwesen  (Bildung  des  Heeres).
stellt  sich  die  Gresammtschnld  auf  nahe  an  248  Mill.  (Hiezu  kommt
ein  neues  Eisenbahnanlehen  von  7’800,000  Thlr.)
Kurze  Uebersicht.  Eine  uns  vorliegende  Berechnung  entziffert  die
Summe  der  Staatsschuld  in  verschiedenen  Perioden  folgendermaassen  :
1797  :  46'054,903  Thlr.  =  pr.  Kopf  Thlr.  5.  13  Sgr.
1805:  53’494,914  -  =  -  -  -  6.  10
1820;  217’845,558  -  ==  -  .  -  19.  24  -
1847  :  139’884,581  -  =  -  -  -  8.  19  -
1853  :  249  325,084  -  =  .  -  12.  25
1856*):  247’851,509  -  =  .  .  -  14,  18  -
*)  Mit  den  Cassaanweisungen,  welche  oben  nicht  eingerechnet  sind.

Militärwesen.
Bildung  des  Heeres.  Allgemeine  Dienstpflicht,  ohne  Stellyertretune
Dienstzeit  3  Jahre  im  activen  Heere,  vom  21.  Jahre  an,  dann  zwei
Jahre  Bereitschaft  als  Kriegsreservisten.  Landwehr  ersten  Aufgebots
vom  26.  bis  32.  Jahre  ,  Landwehr  zweiten  Aufgebots  bis  zum  39.  Jahre.
Dann  Landsturm.  Die  active  Dienstzeit  der  sich  selbst  Ausrüstenden
ist  blos  1  Jahr.  Avaneeinent  ermöglicht,  doch  der  Adel  thatsaoldich
ini  Offioiersoorps  vorherrschend,  ausgenommen  in  der  Artillerie
Nach  der  .  Rangliste«  für  1866  hat  die  preussische  Armée,  ein-St^ÆiertwLlIs:
  #:Ze:n'd  SS:
nämhch  4683  Edelleute  ohne  Titel,  457  Freiherren,  329  Grafen  54
Prinzen  regierender  oder  fürstlicher  Häuser,  9  Fürsten  und  2  Herzoge
(Das  Missverhältniss  würde  sich  noch  enormer  stellen,  wenn  Landwdir
und  Marine  nicht  mit  in  Rechnung  gezogen  wären.  Auch  so  noch  ist
es  bei  weitem  grösser,  als  selbst  in  Oesterreich  (siehe  S.  103).
Formation.

Infanterie
3  Garde-Regimenter  .  .  .  ,
2  Grenadier-  -  .  .  .  ,
4  Garde  -  Landwehr  -  Regimenter  .
2  Garde-Jäger-  und  Schützenbataillone
32  Linien-Infanterie-Regimenter  .
8  Reserve-  -  -  .
32  Landwehr-  -
8  combinirte  Reserve-Bataill.
8  Jäger-Bataillone  .
Zus.  4  Garde-,  32  Linien-Inf-Brigaden,
2  Brigad.  für  die  Bundesfestungen
Cavallerie
2  Garde-Cuirassier-Regimenter
2  Leichte  Garde-  (Husar.,  Drag.-)  Reg
2  Garde  -  Uhlan  en  -  Regimenter
2  Garde  -  Landwehr  -  Regimenter  .
8  Cuirassier-Regimenter
8  schwere  Landwehr-Regimenter
4  Dragoner-Regimenter
4  Landwehr-Dragoner-Regimenter

Stehend.  Heer  Landwehr

Bataill
8
6
2
96
16
8
8

Bataill.

12

8
96

144

116

Stehend.  Heer  Landwehr

Escadr
8
8
8
32
16

Escadr.

32

16
        <pb n="138" />
        122  PREUSSEN  —  Militärwesen  (Festungen,  Geschieht!.  Notizen).

12  Husaren  -  Regimenter  ...  48  —
12  Landwehr-Husaren-Regimenter  .  —  48
8  Uhianen  -  Regimenter  ...  32  —
8  Landwehr-Uhianen-Regimenter  .  —  32
8  Landwehr-Reserve-Escadronen  .  —  8
Zus.  2  Garde-  und  16  Linien-Cav.-Brigad.  152  144

Artillerie:  1  Garde-Artillerie-Regiment,  8  Artillerie-Regimenter  etc.  mit  27
reitenden  und  72  Fusshatterien.  —  Sodann  Genie,  Pioniere  etc.
Die  gesammte  Militärmacht  ist  in  1  Gardecorps-  und  8  Armeccorps
  getheilt,  jedes  Corps  zu  2  Divisionen.  —  Del-  Etat  eines  Armeecorps ­
  im  Felde  ist:  25  Bataill.  zu  25,000  M.,  .32  Escadronen  zu
4800,  11  Batterien  mit  88  Kanonen.  —  Für  die  Festungsbesatzungen  :
26  Bataill.  Linie  und  Landwehr  1.  Aufgebots,  8  Keserve-Landwehr-Schwadr.
  ;  die  Ersatztruppen  (36  Bataih,  40  Escadr,)  116  Bataill.  und
104  Escadr.  Landwehr  zweiten  Aufgebots.
Gesammtstärke  des  steh.  Heeres  und  der  Landwehr  1.  Aufgebots  410,000  M
der  Landwehr  2.  Aufgebots  .  .  .  115,000
Zusammen  525,000  M.
Vom  stehenden  Heere  sollen,  Ofiiciere,  Beamte  etc.  ungerechnet,
im  Frieden  129,117  M.  unter  den  Fahnen  sein,  mit  30,545  Pferden;
von  der  Landwehr  sollen  sich  bei  den  Stämmen  befinden  4123  Mann
und  348  Pferde.
Festungen.  Es  sind  deren  27  (worunter  mehre  ersten  Ranges):
Saarlouis,  Coblenz  mit  Ehrenbreitstein,  Wesel,  Jülich,  Minden,  Erfurt
mit  dem  Petersberge  und  der  Cyriaksburg,  Magdeburg,  Wittenberg,
Torgau,  Spandau,  Küstrin,  Stettin,  Stralsund,  Colberg,  Glogau,  Cosel,
Glatz,  Silberberg,  Schweidnitz,  Neisse,  Posen,  Graudenz,  Thorn,
Danzig,  Pillan,  Königsberg  und  Lötzen.  —  Ferner  hat  Preussen  in
Mainz  mit  Oesterreich  gemeinsam  das  Besatzungsrecht,  ebenso  in
Luxemburg  gemeinsam  mit  dem  Grossherzogthum  Luxemburg.
Geschichtliche  Notizen.  Preussen  hat  sich  als  Militärstaat
empor  geschwungen.  Friedrich  II.  fand  bei  seiner  Thronbesteigung
in  dem  kaum  3  Mill.  Menschen  umfassenden  Staate  ein  Heer  von
76,000  Mann.  Seinen  Einfall  in  Schlesien  (1740)  führte  er  zwar  nur
an  der  Spitze  von  etwa  28,000.  M.  aus,  hatte  aber  beim  Beginne  des
zweiten  schlesischen  Krieges  (1744)  eine  angeblich  100,000  M.  starke
Armee.  Den  siebenjährigen  Krieg  cröffnete  der  König  (1756)  durch
seinen  Einfall  in  Sachsen  mit  60,000  M.  Während  dieses  Krieges
kämpften  die  preuss.  Heere  in  16  Hauptschlachten;  es  wurden  ihnen
3  Corps  durch  die  Feinde  zu  Grunde  gerichtet,  und  sie  verloren  überdies ­
  5  Besatzungen.  Die  Gesammtsiimme  seiner  Verluste  an  Todten
und  Gefangenen  schätzte  Friedrich  selbst  (Histoire  de  mon  temps)  auf
180,000  M.  ;  ausserdem  seien  33,000  Einwohner  den  Barbareien  der
Russen  erlegen;  die  Verluste  der  preuss.  Verbündeten  (Britten  etc.)
hätten  160,000  betragen;  sonach  Gesammtverlust  preussischer  Seits
373,000.  —  Die  Verluste  seiner  Gegner  berechnete  der  König  so  :
Oesterreicher  (welche  in  10  Hauptschlachten  kämpften  und  3  Besatzungen ­
  einbüssten)  140,000  ;  Russen  (in  4  Schlachten,  Verluste  auf
dem  Marsche  etc.)  120,000;  Franzosen  (meist  gefangen)  200,000  ;
        <pb n="139" />
        PREUSSEN  —  Sociale,  Gewerbe-  und  Handelsverbältnisse.  123
Schweden  25,000;  zusammen  513,000.  —  Totalverlust  beider  Tlieile
886,000.  (Die  Schätzung  des  franz.  Verlustes  scheint  besonders  zu
hoch.)  —  Die  im  Jahre  1806  (Jenaer  Feldzug)  wirklich  in  Activität
gesetzte  Truppenzahl  mag  120—130,000  M.  betragen  haben.  —  Nach
dem  Tilsiter  Frieden  durfte  Preussen  höchstens  42,000  M.  unterhalten.
Allein  diese  Beschränkung  drängte  dazu,  möglichst  die  ganze  Nation
wehrhaft  zu  machen  (Scharnhorst's  Verdienst).  Daher  die  neue  Kriegsorganisation. ­
  —  Für  den  russischen  Feldzug  musste  Preussen  den
Franzosen  ein  Hülfscorps  von  20,000  M.  stellen  (unter  York).  Als
sich  dieses  aber,  zu  Ende  des  bezeichneten  Jahres,  gegen  Napoleon
erhob,  und  der  König  sich  endlich  zur  Kriegserklärung  genöthigt  sah,
standen  bald  (1813)  über  100,000  M.  im  activen  Heere.  1815  wuchs
die  Zahl  wohl  auf  150,000  an.  —  Seitdem  erfolgte  die  Mobilisirung
des  2.  Aufgebots  nur  einmal,  1850,  als  das  preuss.  Heer  den  Oesterreichern ­
  und  Bayern  in  Kurhessen  gegenüber  stand.  Nach  dem  etwas
seltsamen  Zusammentreifen  bei  Bronnzell  erfolgte  bekanntlich  die  Zurückbeorderung ­
  des  preuss.  Heeres  ohne  Kampf.
Kriegsmarine  (1856):  2  Segel-Fregatten  von  48  und  38  Kan.  ;
1  Schrauben-Corvette  von  28  (im  Bau)  ;  1  Dampf-  und  1  Segel-Corvette,
  jede  von  12;  1  Wachtschiff  von  9;  1  Transportschiff  von  6;
3  Schooner,  zus.  von  6;  1  Bugsir-Dampfer;  36  Kanonen-Schaluppen
Von  je  2,  und  6  Jöllen  von  je  1  Kan.,  —  zusammen  53  Fahrzeuge
mit  237  Geschützen.  (Mannschaft  1100—1200,  nach  dem  Kriegsfusse
  fast  3200  Mann.)

Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverbältnisse.
Allgemeine  Betrachtungen.  Der  alte  Militärstaat  Preussen,  mit
seinen  Begünstigungen  des  Adels  (dessen  Angehörige,  selbst  nach
Friedrichs  II.  Ansicht,  gleichsam  allein  „Ehre  im  Leibe“  haben  sollen;
für  welche  daher  die  Officiersstellen  reservirt  wurden,  wie  ihnen,
nach  den  Kriegen,  die  Geldunterstützungen—  meist  wirkungslos!  —
zuflossen),  —  dieser  Militärstaat,  in  dem  invalide  Soldaten  die  nächsten ­
  Ansprüche  auf  Schullehrerstellen  hatten,  und  worin  nebenbei  die
Bureaucratie  sich  erhob,  —  er  brach  auf  den  ersten  Schlag,  bei  Jena,
vollständig  und  auf  unrühmlichste  Weise  zusammen.  Die  unbedingte
Nothwendigkeit  einer  völligen  Umgestaltung  lag  vor,  wenn  Preussen
nicht  vernichtet  sein  sollte.  Es  ist  das  Verdienst  Stein’s  und  seiner
Genossen,  diese  Nothwendigkeit  erkannt  und  die  Kraft  zur  Durchführung ­
  besessen  zu  haben.  Allerdings  waren  diese  Männer  noch  in
einer  stark  aristokratischen  Anschauungsweise  befangen,  welche  sic
abhielt,  das  unbedingt  freie  Princip  auch  nur  in  den  bürgerlichen  Verhältnissen ­
  mit  allen  Consequenzen  anzuerkennen.  Dennoch  ward  vergleichsweise ­
  Grosses  geleistet.  Die  Erbunterthänigkeit,  ein  Rest  Leibeigenschaft, ­
  ward  aufgehoben;  Jedermann  durfte  Grundstücke  erwerben
(die  Herstellung  dieses  so  natürlichen  Rechtes  erregte  damals  die
grösste  Ueberraschung!),  Theilbarkeit  des  Grundeigenthums  und  Ge-
        <pb n="140" />
        124  PREUSSEN  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.
werbsfreiheit  wurden  principiell  anerkannt  (wenn  auch  nicht  in  dem
vollen  Umfange  wie  in  Frankreich);  man  gab  wenigstens  den  Städten,
(aber  eben  nicht  allen  Gemeinden)  das  liecht  der  Selbstverwaltung
ihrer  Communalangelegenheiten  zurück.  Endlich  suchte  man  die  ganze
Nation  wehrhaft  zu  machen.  Die  Leistungen  des  preuss.  Volkes  in
den  Jahren  1813—15  waren  mit  die  ersten  Früchte  dieser  Fortschritte.
Trotz  zahlloser  Verkümmerungen  jener  (zum  Theile  selbst  anfänglich ­
  schon  nur  unvollständig  anerkannten,  in  der  Neuzeit  aber
häufig  aufs  Heftigste  angefeindeten)  Prinzipien,  sehen  wir  das  Volk
unter  dieser  Gesetzgebung  in  socialer  Beziehung  (und  nur  davon  ist
die  Rede)  wenigstens  vergleichsweise  weit  mehr  sich  entwickeln,  als
jene  andern  deutschen  Stämme,  bei  denen  man  die  feudalistischen  Vorrechte, ­
  die  Güteruntheilbarkeit,  den  Zunftzwang  u.  s.  f.  aufrecht  erhält.
Man  vergleiche  z.  B.  die  Bevölkerungszunahme  in  Preussen  mit  der
in  Oesterreich  oder  Altbaiern  (denn  in  der  Rheinpfalz  walten  noch  die
Grundsätze,  welche  leider  erst  die  franz.  Fremdherrschaft  zur  Geltung
brachte)  ;  man  vergleiche  überdies  die  industriellen  Leistungen.  Und  dabei ­
  vergesse  man  nicht,  wie  so  oft  auch  noch  bureaucratische  Einrichtungen ­
  hemmend  und  lähmend  einwirken  ;  wie  das  Streben,  Preussen
als  Grossmacht  gelten  zu  machen,  unnatürliche  Anstrengungen  erheischt,
und  wie  namentlich  die  russischen  Grenzabschliessungen  höchst  verderblich ­
  wirken  müssen.  —  So  ungenügend,  unserer  Ansicht  nach,  die
blos  theilweise  Anerkennung  der  freien  socialen  Prinzipien  in  Preussen
auch  ist,  so  wurde  der  Staat  dennoch  nur  durch  sie  in  den  Stand
gebracht,  eine  Stellung  als  Grossmacht  zu  behaupten.  Preussen  ist
beinahe  ebenso  wenig  wie  Oesterreich  ein  von  Natur  gebildeter,  durch
natürliche  Marken  begrenzter,  durch  Vereinigung  gleicher  Stämme  natürlich ­
  geschaffener  Staat.  Man  betrachte  die  Ausdehnung  des  massigen ­
  Gebiets,  von  Memel  nach  Saarbrücken  und  Hohenzollern,  wie  es
schutzlos  und  unzusammenhängend  da  liegt  ;  man  beachte  die  Verschiedenheit ­
  der  Altpreussen  und  der  Rheinländer;  die  Antipathieen
des  Protestantismus  und  Katholicismus;  den  Widerwillen  zwischen
Deutschen,  Polen  und  Litthauern;  man  berücksichtige  dabei  den  beschränkten ­
  Umfang  des  Staates  und  den  geringen  natürlichen  Reichthum ­
  vieler  seiner  Gebiete,  —  und  man  wird  erkennen,  dass  Preussen
nur  vermittelst  ungewöhnlicher  Leistungen  neben  den  andern  Grossmächten ­
  auftreten  kann.
Das  Gewerbs  wes  en.  Es  scheint,  dass  die  Hoffnung  der  Erlangung ­
  eines  höhern  Steuerertrages  wesentlich  mitwirkte  zur  Proclamirung
  der  Ge  werbsfreiheit.  Das  „Edict  über  Einführung  einer
allgemeinen  Gewerbesteuer“  vom  2.  Nov.  1810  machte  die  Befugniss
  zur  Gewerbsausübung  allein  abhängig  von  der  Entrichtung  der
entsprechenden  Gewerbeklassensteuer.  An  dieses  Edict  reihte  man  aber
unterm  7.  Sept.  1811  ein  Gesetz  zur  Wahrung  des  für  zweckmässig
erachteten  Rechtes  polizeilicher  Einschreitung.  Unterm  30.  Mai
1820  erging  ein  neues  Gewerbesteuergesetz,  auch  für  die  neuerworbenen ­
  Lande  geltend,  dem  unterm  17.  Jan.  1845  die  „Gewerbeordnung“
folgte.  —  Die  letzte  erklärt  im  Tit.  1.  alle  bisherigen  Beschränkungen,
        <pb n="141" />
        PREUSSEN  —  Sociale,  Gewerbe-  und  Handelsverhältnisee.  125
Vorrechte  und  sogenannten  „Gerechtigkeiten“  aufgehoben.  ^  lit.  II.  setzt
indess  selbst  Beschränkungen  fest,  nicht  nur  für  Minderjährige,  sondern ­
  auch  für  Solche,  welche  keinen  festen  Wohnsitz  haben;  ferner
für  Staatsbeamte,  Beschöltene,  Unsittliche  und  Ungepiüfte.
Sodann  wird  eine  Reihe  von  Gewerben  aufgezählt,  zu  deren  Au^bung
man  einer  Concession  bedarf.  Eine  besondere  polizeiliche  Genehmigung ­
  ist  erforderlich:  1)  für  Etablissements,  welche  durch  die  öiU
liehe  Lage  etc.  für  die  Besitzer  benachbarter  Grundstücke  oder  für
das  Publikum  überhaupt  erhebliche  Nachtheile,  Gefahren  oder  Belästigungen ­
  herbeiführen  können;  2)  für  Gewerbe,  bei  denen  a.  entweder
durch  ungeschickten  Betrieb,  oder  b.  durch  Unzuverlässigkeit  in  sittlicher ­
  Hinsieht  das  Gemeinwohl  oder  die  Erreichung  allgemeiner  polizeilicher ­
  Zwecke  gefährdet  werden  kann;  3)  für  Individuen  überhaupt,
welche  wegen  eines  von  ehrloser  Gesinnung  zeugenden  Verbrechens
verurtheilt  worden  sind.  Tit.  IV  und  V  enthalten  mitunter  sonstige
Beschränkungen.  Tit.  VII  beschränkt  die  „Freiheit“  vom  Innungszwange ­
  wesentlich,  indem  das  Recht,  Lehrlinge  zu  halten,  bei  allen
bedeutenden  Handwerken  nur  dadurch  erlangt  wird,  dass  die  Meister
Innungsmitglieder  sind,  oder  sonst  ihre  Befähigung  nach  weisen.  Tit.  X
ordnet  an,  dass  die  Befugniss  zum  selbstständigen  Gewerbsbetriebe
„aus  Strafe“  entzogen  werden  könne,  und  zwar  auf  3  Monate  bis  5
Jahre.  In  gewissen  Fällen  muss  diese  Strafe  verhängt  werden.  Ueber
Beschwerden  wegen  Untersagung  des  Gewerbsbetriebes  haben  nicht  die
Gerichte,  sondern  die  Polizeibehörden  zu  erkennen.  —  Vorbedingung
der  Aufnahme  als  Lehrling  ist  nicht  blos  Kenntniss  des  Lesens,
Schreibens  und  Rechnens,  sondern  auch  die  Bescheinigung  des  Reli ­
  g  ions  lehrers  über  genügende  Kenntniss  der  Glaubens-  und  Sittenlehre. ­
  (Was  hat  die  Glaubenslehre  hier  zu  thun?  Und  warum  soll
der,  welcher  das  Eine  nicht  kann,  auch  das  Andere  nicht  lernen
dürfen?)  —  Die  Verordnung  vom  9.  Febr.  1849  schuf  (nach  dem
Urtheile  eines  tüchtigen  Fachmannes)  „zu  den  vielen  überflüssigen
Behörden  noch  die  der  Gewerberäthe.“  Im  Gewerberath  sollten  Arbeitgeber ­
  und  Arbeitnehmer  gleichmässig  vertreten  sein.  Ein  Gesetz
vom  15.  Mai  1854  strich  aber  dieses  Recht  für  die  Arbeitnehmer,
und  mischte  den  Prüfungskommissionen  und  Gewerberäthen  auch  Commissäre
  der  Behörden  bei.  „Die  an  die  Stelle  der  Freiheit  getretene
Beschränkung  hat  bereits  Hunderte  von  Ministerialbescheiden  nöthig
gemacht;  eine  ganze  Abtheilung  im  Ministerium  ist  mit  den  Handwerksangelegenheiten ­
  beschäftigt,  und  in  zahllosen  Gewerberäthen  vergeuden ­
  die  Gewerbtreibenden  ihre  Zeit.“
Zahl  der  Handwerker,  zu  Ende  1852:  552,706  Meister  und
446,035  Gesellen  etc.  Die  Zunahme  in  den  3  Jahren  1849  —  52
betrug  17,534  Meister  und  38,894  Gesellen.  Man  erschwert  seit  1849
thatsächlich  die  Niederlassung  neuer  Meister.  Bei  der  Menge  ungetheilter
  grosser  Güter  ist  ein  Theil  der  agricolen  Bevölkerung  künstlich ­
  dem  Gewerbstande  zugetrieben.  1849  kam  ein  Handwerker  auf
17,34  Einwohner,  1852  einer  schon  auf  16,89.  Allein  selbst  diese
Zahl  ist  noch  entschieden  geringer,  als  die  in  Bayern  sich  ergebende,
        <pb n="142" />
        126

PREUSSEN  —  Sociale,  Gewerbe-  und  Handelsverhältnisse.

wo  Zunft-  und  Realrechtszwang  bestehen  (siehe  „Bayern.“)  Auch  ist
damit  noch  lange  nicht  die  Zahl  erreicht,  welche  wir  in  dem  gerade
durch  seine  Industrie  reich  gewordenen  England  finden.  Jedenfalls
würde  Preussen  weitaus  nicht  so  zugenommen  haben  an  Volksmenge,
es  würde  seine  politische  Stelle  weit  weniger  zu  behaupten  vermögen,
und  das  Land  würde  geradezu  ausser  Stande  sein,  seine  Bevölkerung
zu  ernähren,  ohne  das  Bestehen  einer  wenigstens  so  weit  gehenden
Gewerbsfreiheit.
Taglohn.  Der  geringste  Taglohn  der  Männer  dürfte  zu  G—7  Sgr.
(21—24  Krzr.,  75—85  Cent.),  jener  der  Frauen  zu  4  Sgr.  anzunehmen
sein.  Die  grössten  Abweichungen  bieten  Ostpreussen  mit  blos  4  Sgr.
und  der  Regierungsbezirk  Düsseldorf  mit  9  Sgr.  für  den  Mann,  dar.
(Vergleiche  Re  den’s  „Erwerbs-  und  Verkehrsstatistik  des  Königstaats
Preussen,“  Darmstadt  1854.)
Zur  Crimialstatistik.  Es  kam,  nach  den  neuesten  Justizberichten
(zufolge  einer  Mittheilung  auf  dem  Landtage  von  185G),  je  ein  Verbrechen ­
  :
in  Preussen  auf  1438  Einwohner.  in  Pommern  auf  2358  Einwohner.
-  Schlesien  -  1545  -  -  Sachsen  -  2413
-  Posen  -  1867  -  -  Westfalen  -  2570
-  Brandenburg  -  1972  -  -  derllbeinprov.  -  3166

Eisenbahnen.  Im  Jahre  1853  waren  447Yg  Meil.  im  Betriebe
und  83  Meil.  im  Baue.  An  Kosten  waren  lOSVg  Mill.  Thlr.  bereits
aufgewendet,  pr.  Meile  also  etwa  400,000  Thlr,  Ende  1854  standen
49OV4  Meil.  im  Betriebe,  und  gebaut  wurden  87  Meil,  —  1853  schon
wurden  fast  11  Mill.  Personen  und  109  V4  Mill.  Cntr.  Waaren  auf
den  Bahnen  befördert.  Die  letzten  ertrugen  anderthalbmal  so  viel  als
die  Personen.  Die  Roheinnahme  war  19’875,000  Thlr.,  die  Betriebskosten ­
  betrugen  10’068,000.  —  Der  Reinertrag  der  Eisenbahnen  wird
nach  Procenten  des  Arüagecapitals  so  berechnet  :

1844  1845  1846  1847  1848  1849  1850  1851  1852
4%  4%  6  4%  8%  3%  4%  5%

Seitdem  ist  der  Ertrag  sehr  gestiegen.  1854  war  die  Roheinnahme
23T78,000  Thlr.;  1855  belief  sich  dieselbe  um  Millionen  höher.
Post.  Die  Zahl  der  beförderten  Briefe,  1843  erst  39  Milk,  stieg
(grossentheils  Folge  der  Preisermässigung)  1851  auf  G8,  1854  auf
90,  1855  auf  98'/$  Mill.
Telegraphen.  Länge  610,7  Meil.  Beförderte  Depeschen  im  Jahre
1855:  152,820,  mit  408,328  Thlr.  Ertrag.
Rhederei.  Zu  Ende  1855  betrug  die  Kauffahrteiflotte  897  Seeschiffe ­
  mit  139,205  Last  und  etwa  8250  Matrosen.  —  Der  ilafenverkehr
  war,  ungerechnet  die  blos  mit  Ballast  fahrenden  Schiffe,  folgender;

1853:
1854:
1855  :

Eingelaufen
preussisebe  Schiffe  fremde  Schiffe

2044  Scb.  von  185,019  Last.  2264  Sch.  von  158,635  Last.
2182  -  -  211,648  -  2612  -  -  203,155  -
2316  .  .  244,160  -  8118  -  -  267,501  -
        <pb n="143" />
        PREUSSEN  —  Sociale,  Gewerbe-  nnd  Handelsvevbältnisse.

127

Ausgelau  fen
preussische  SchifTe  fremde  Schiffe
1853:  2669  Seil,  von  275,833  Last.  3429  Sch.  von  260,443  Last.
1854:  2808  -  -  277,923  -  3768  -  -  307,740  -
1855  :  .  2597  -  -  272,289  -  3529  -  -  327,965  -
Münzen,  Maasse,  Gewicht.  Münze:  Thaler,  U  auf  die  Köln.  Mark
fein;  unterabgetheilt  in  30  Silbergroschen  (früher  in  24  gute  Gr.)  k  12  Pfennige.
Der  Preussische  Thaler  ist  beinahe  in  ganz  Norddeutschland  die  Normalmünze.
1  Thlr  =  1®/^  fl.  rhein.  oder  1  fl.  25%  Krzr.  österreichisch;  66®/,3  Grot  Louisd’or
  a  5  Thlr.  Gold  in  Bremen;  1  Mrk.  15  Schill.  6,86  Pf.  Hamb.  Banco;  2  Mrk.
6  Sch.  10,29  Lübekisch  Cour.  (Preussische  Friedrichsd’or  werden  in  den  öffentlichen ­
  Cassen  zu  5  Thlr.  20  Sgr.  angenommen.)  —  Längemaass:  der  preussische ­
  (genau  der  rheinländische)  Fuss  von  12  Zoll  zu  12  Linien,  =  139,13  paris.
Linien  oder  0,31385354275  Meter.  Es  sind  sonach  100  Preuss.  Fuss  =  31,38
Meter,  96,62  pariser,  102,97  engl.,  99,29  wiener,  104,06  bayer.,  110,27  frankf.,
109,58  hamburger,  107,45  hanöv.  Fuss.  —  Die  preuss.  Elle  =  666,94  Millimeter;
100  Ellen  =  72,4  engl.  Yards.  —  Fläohenmaass:  die  Quadratruthe  (zu  144
Quadr.-Fuss)  =  14,1845827  Üuadr.-Meter.  Der  Morgen  zu  180  Quadr.-Ruth.  =
25,532249  franz.  Aren.  —  Getreidemaass:  der  preuss.  Scheffel  zu  16  Metzen;
die  Metze  =  192  preuss,  oder  173,1714  paris.  Cubikzoll  oder  3,435094  Liter;
100  preuss.  Scheffel  =  52,28  Dresdner  oder  24,72  baler.  Scheffel,  89,37  wiener
Metzen,  18,9  engl,  Quarter  oder  151,21  engl.  Bushel,  54,96  Hectoliter,  26,18
russ.  Tschetwert.—Flüssigkeitsmaas8:  das  preuss.  Quart  ist  %  Metzen  =
1,145031  Liter;  100  Quart  —  107,11  baier.  oder  80,94  wiener  Maass,  100,8
engl.  Quart  oder  25,2  Gallons,  114,5  Litres,  93,1  russ.  Kruschka.  —  Gewicht.
Durch  Gesetz  vom  17.  Mai  1856  ward  des  Zollpfund  (von  Vj  Kilogr.)  als  Landesgewicht ­
  eingeführt.  Dasselbe  ist  =  1  Pf.  2,209158143  bisherig.  Loth  (zur
Vergleichung  siehe  Frankreich,  Kilogramm,  wovon  das  Pfund  genau  die  Hälfte.)
Da  das  bisherige  Gewicht  vielfach  zur  Vergleichung  diente,  so  bemerken  wir;
dieses  alte  Gewicht  war:  der  Centner  110  Pfund,  das  Pfund  zu  32  Loth  à  4
Quentchen.  Das  Pfund  =  0,467711012733  Kilogr.  oder  9731,157914  holl,  As;
100  Pfund  ==  46,77  Kilogr.  oder  83,52  wiener,  93,54  neue  oder  Zollpfund!
Der  preuss.  Ctnr,  =  51,45  Kilogr.  oder  102,9  Zollpfund.
        <pb n="144" />
        128

DEUTSCHLAND  —  Land  und  Leute.

Deutschland  (Staatcnbaail).
Land  und  Leute.
Allgemeine  Uebersicht.

Staaten.

orä,«.  Be,lilker..,

(Q.-M.)

1815,  nach
der  liundesmatrikel.


nach  den  neuesten
Aufnahmen,

1.  Oesterreichische  Bundesländer
2.  Preussische  „
3.  Bayern,  Königreich.
4.  Hannover,
5.  Sachsen,
6.  Württemberg  -
7.  Baden,  Grossherzogthum
8.  Hessen
9.  Hessen,  Kurfürstenthum
10.  Meklenburg-Schwerin,  örossh
11.  Meklenburg-Strelitz
12.  Holstein  u.  Lauenburg,  Herzogth.
13.  Luxemburg,  Gr.,  u.  Limburg,  Ilrz,
14.  Nassau,  Herzogthum  ....
15.  Braunschweig,  Hrzth
16.  Oldenburg,  Grossherzogthum
17.  Sachsen-Weimar,  „
18.  Sachsen-Coburg-Gotha,  Herzogth.
19.  Sachsen-Meiningen,  „
20.  Sachsen-Altenburg,  „
21.  Reuss-Greiz,  Fürstenthum
22.  —  Schleiz-Lobenstein-Ebersd.,  Fth.
23.  Lippe-Detmold,  Fürstenthum
24.  Schaumburg-Lippe,  „
25.  Waldeck,  Fürstenthum  .  .  .
26.  Anhalt-Dessau-Köthen,  Herzogth.
27.  Anhalt-Bernburg,  Herzogthum  .
28.  Schwarzburg-Sondershausen,  Fth.
29.  Schwarzburg  Rudolstadt,  „
30.  Hessen-Homburg,  Landgrafschaft
31.  Liechtenstein,  Fürstenthum
32.  Hamburg,  freie  Stadt  .  .
33.  Bremen,  „  „  .  .
34.  Lübek,  „  „  .  .
35.  Frankfurt  a.  M.,  freie  Stadt
Zusammen  deutscher  Bund
Mit  Gesammt-Oesterreich  und  Preussen
Ohne  Oesterreich  und  Preussen  .  .

3,546
3,389
1,388
700
272
354
278
153
174
244
36
187
88
86
68
116
66
45
46
24
6
21
21
8
22
31
15
15
17
5
3
6
5
6
2

m

9’482,277
x-7’923,439
3’560,000
1’305,351
1’200,000
F395,462
1'000,000
619,500
567,268
358,000
71,769
360,000
t  255,628
302.769
209,527
217.769
201,000

[1851]  12’500,000  3,522
|1855|  13’170,000  8,888
[1855]  4’540,000  3,270
■'  1’820,000  2,597
l'988,000l  7,317
1784,000  5,039
1’357,000|4,882
836,40015,466
736,400  4,232
641,00012,380
99,600  2,016
573,000  2,936

tt

22,255
52,205
69,062
24,000
51,877
85,401
37,046
45,117
53,937
20,000
5,546
129,800
48,500
44.650
47.650

[1852]
[1852]
[1854]
[1852]
1855
[1855]
[1853
[1851]
[1855
[1852]
[1852
[1852]
11852]
[1852]
[1855]
[1855]
[1852]
[1852
[18521
[1852]
[etwa  j
[1852]
[1852]
18521
[18521
[18521
[1852]
[etwa]
[1855]
[1855  ca.]
[1855  ca.]
[1855]

394,000  4,502

429,000

4,957

4,004
2,458
3,977
3,353

271,000
285,000
262,500
150,900
165,500.3,575
132,800  5,500
34,900  5,557
79,800¡3,657
106,600  6,196

29,000
69,700
111,800
52,600
74.900
69,000
24.900
7,000
208,200
88,000
54,000
74,800

3,600
2,714
3,606
3,503
4,842
3,968
4,984
2,414

11,443
21,732
4,508

30757,638
5FO00,000
12751,922

43710,000
71700,000
17’441,300

3,767
3,276
3,869
        <pb n="145" />
        9

DEUTSCHLAND  —  Land  und  Leute.

129

Anmerlíungen  zur  vorstehenden  Tabelle.
*  Ausserdem  beide  Hohenzollern  mit  50,060  Einwohnern,
t  Damaliger  Bestand.
**  Damals:  Gotha  185,682,  Coburg  80,012.
***  Damals:  Meiningen  54,400,  Hildburghausen  29,706.
ff  War  Bestandtheil  von  Gotha.

CoilfeSSiOIien.  Es  fehlen  genügende  Notizen,  um  die  Zahl  Derjenigen ­
  angeben  zu  können,  welche  sich  nicht  zu  den  nachstehend  naher
bezeichncten  Confessionen  bekennen.  Die  Zahl  der  Mennoniten  liesse
sich  annähernd  ermitteln,  keineswegs  aber  die  der  Deutschkatholiken
und  der  Angehörigen  der  „freien  Gemeinden.“  Wir  beschränken  uns
daher  auf  folgende  Classification,  mit  dem  Bemerken,  dass  von  Oesterreich ­
  und  Preussen  zunächst  blos  die  Gebiete  im  deutschen  Bunde  in
Rechnung  gezogen  sind.

Staaten  Katholiken

1.  Oesterreich  (Bundesgebiet)
2.  Preussen  ditto
3.  Bayern  ....
4.  Hannover
5.  Sachsen,  Königi*.
6.  Württemberg  .
7.  Baden  ....
8.  Hessen,  Grossherzogthum
9.  Kurhessen
10.  Mecklenburg-Schwerin
11.  Mecklenburg-Strelitz
12.  Holstein-Lauenburg
13.  Luxemburg  und  Limburg
14.  Nassau  ....
15.  Braunschweig  .
16.  Oldenburg
17.  Sachsen-Weimar  .  .
18.  Sachsen-Coburg-Gotha
19.  Sachsen-Meiningen  .
20.  Sachsen-Altenburg  .
21.  Reuss-Greiz
22.  Reuss-Schleiz  .
23.  Lippe-Detmold
24.  Schaumburg-Lippe  .
25.  Wal  dock  ....
26.  Anhalt-Dessau-Küthen
27.  Anhalt  Bernburg
28.  Schwarzl)urg-Sondorshauseu
29.  Schwarzl)urg-Rudolstadt  .
30.  Hessen-Homburg
31.  Liechtenstein  .
32.  Hamburg
33.  Bremen  .
34.  Lübeck  .
35.  Franki'urt  a.  M.

1  •2^200,000
4^8()0,()()0
3’17.0,000
217,000
.  3-2,500
535,000
90.5,000
215,000
110,000
700
1,50
1,000
388,000
196,000
2,600
71.600
10.600
900
1,000
800
100
200
1,000
8()0
1,200
500
300
400
4,000
7,000
2,000
1  ,.500
200
11,500

Zusammen,  deutscher  Bund  22  900,000
Mit  Gesammt-Oesterr.  u.  Preussen  385500,000
Olmo  Oesterreich  und  Preussen  5  900,000

Protestanten
380,000
8’200,000
r230,000
P590,000
1  ’803,000
1’21.5,000
432,000
600,000
600,000
537,000
98,800
520,000
5,000
225,000
267,000
204,000
250,000
148,000
164,000
130,000
35,000
79,000
105,000
29,000
58,000
110,000
52,000
60,000
69,000
20,000
192,000
78,000
53,000
58,500
19700,000
25’0ü0,000
ll’100,0ü0

Andere
Christen
5,000
10,000
5,600
1,100
1,000
1,900
4,200

500
250

100

200

150

6700,000

Juden
125,000
120,000
56,000
11,600
1,200
12,000
23,.500
28,700
15,000
3,200
700
3.500
1,600
7,000
1,000
1,-500
1.500
1,600
1,500
1,400
100
600
600
800
1,100
300
200
200
1,000
7¡000
50
500
4,600
440,000
1’000,000
190,000
        <pb n="146" />
        130

DEUTSCHLAND  —  Finanzen.

Finanzen.
Eigene  Einkünfte  besitzt  dev  deutsche  Bund  nicht,  alle  Ausgaben
werden  durch  Matricularbeiträge  der  verschiedenen  Staaten  bestritten.
Es  kann  sich  daher  hier  nur  von  einer  Zusammenstellung  der  hinanzverhältnisse
  der  einzelnen  selbstständigen  Staaten  handeln.  Eine  solclie
geben  wir  nachstehend,  haben  indess  einige  erläuternde  Bemeikungen
voranzusenden.
Es  ist  ungeeignet,  die  Zitfern,  welche
in  den  verschiedenen  Staatsbudgets  erscheinen,  einfach  neben  einander ­
  zu  stellen  und  zusammen  zu  reihen.  Ein  solches,  obwohl  sehr
gewöhnliches  Verfahren,  führt  zu  unrichtigen  Resultaten.  Im  einen
Staate  werden  nämlich  die  Roh-  (die  Brutto-),  im  andern  blos  die
Rein-  (die  Netto-)  Summen  in  Ansatz  gebracht.  Es  kann  aber  bei
Vergleichungen  nicht  gleichgültig  sein,  ob  die  Betriebsausgaben  für
Staatsanstalten,  die  Kosten  der  Steuererhebung  u.  s.  f.,  bereits  abgerechnet ­
  sind  oder  nicht.  —  Ebenso  erscheinen  im  einen  Budget  nur
die  eigentlichen  Staats-,  im  andern  auch  die  l’rovinzial-,  im  dritten
(in  kleinern  Staaten,  besonders  den  freien  Städten)  selbst  Gemoindeeinkünfte
  (und  ebenso  die  entsprechenden  Ausgaben).  Eine  glcichmässige
  Ausscheidung  alles  dessen,  was  eigentlich  nicht  den  Staat,
sondern  nur  die  Provinz  oder  die  Gemeinde  betrifft,  sind  wir
durchzuführen  ausser  Stande,  um  so  mehr,  als  mitunter  sogar  m  den
einzelnen  Landestheilen  eines  und  desselben  Staates  sehr  verschiedene
finanzielle  Einrichtungen  bestehen.  —  Unter  diesen  Verhältnissen  erschien ­
  es  geeignet,  in  allen  Staaten  möglichst  sowohl  die  Bruttoais ­
  die  Netto  summen  zu  ermitteln.  Man  muss  vor  Allem  die  gesammtc,
  also  die  Roheinnahme  kennen.  Sie  bezeichnet  den  vollen
Umfang  der  Beträge,  welche  in  die  Staatscassen  tiiessen.  Indessen
wäre  es  fehlerhaft,  sodann  ohne  weitere  Unterscheidung  hievon  die  Auslagen ­
  für  Verwaltung  der  Staatsanstalten  und  Erhebung  der  Steuern
abzuziehen.  In  der  Regel  entspricht  es  unzweifelhaft  dem  öffentlichen
Interesse,  dass  zu  den  mittelbaren  oder  unmittelbaren  Lasten  nicht  auch
noch  viele  Erhebungskosten  kommen.  Allein  diese  Regel  erleidet
sehr  wesentliche  Ausnahmen.  Bei  Verwaltung  von  Domänen  (einschliesslich ­
  Forsten)  müssen  die  Ausgaben  weit  grösser  sein,  als  bei
einer  blossen  Steuererhebung;  ähnlich  bei  dem  heillosen  Lotto,  wo
man  den  Spielern  doch  Einiges  in  Form  von  Gewinnston  wieder  zufliessen
  lassen  muss.  Bei  manchen  Staatsanstalten  (z.  B,  I  ost,.  Eisenbahnen, ­
  Telegraphen)  ist  es  sogar  höchst  verdienstlich,  wenn  die  Verwaltung ­
  mehr  das  volkswirthschaftliche,  als  das  fiscalische  Interesse
als  maassgebend  betrachtet.  Wir  gelangen  demnach  dahin:  dass  die
Kosten  der  eigentlichen  Bewirthschaftung  der  Domänen  und  des  eigentlichen ­
  Betriebs  der  Staatsanstalten  (sehr  verschieden  von  der  Regierung
und  Landes  Verwaltung  oder  auch  von  der  blossen  Eihobung  dei  Auilagen)
  an  der  Brnttosuinme  abzuziehon  ist.  Indem  wir  nachtolgendo
Aufstellung  versuchen,  finden  wir  uns  indess  vielfach  auf  ziemlich
unsichere  Schätzungen  hingewiesen  ;  häufig  mussten  ältere  Detailangaben
        <pb n="147" />
        DEUTSCHLAND  —  Finanzen.

131

aushelfen.  Wir  nehmen  desslialb  für  diese  Ziffern  um  so  weniger  die
Geltung  einer  absoluten  Richtigkeit  in  Anspruch,  als  das  Nachstehende
überhaupt  der  erste  Versuch  einer  derartigen  Ausscheidung  ist.  Hiebei
drängt  sich  die  Rcmerkiing  auf,  wie  viel  in  Deutschland  erspart  werden ­
  könnte  durch  eine  einfache,  kaufmännische  Ciissaverwaltuug,
im  Gegensätze  zu  der  fast  allgemein  angenommenen  bureaucratischen
Methode.  Das  Beispiel  Englands,  durch  ein  blosses  1  landelsimtitut,
die  Bank,  den  grössten  Theil  der  dortigen,  wahrhaft  colossalen  Cassageschäfte
  äusserst  billig  und  zweckmässig  zu  führen  (siehe  Seite  10),
mag  als  Fingerzeig  dienen.  —  Es  ist  eine  sehr  gewöhnliche  Berechnung; ­
  die  Staatslastcn  belaufen  sich  auf  so  viel,  folglich  treffen  so
viel  Thaler  auf  jeden  Kopf  der  Bevölkerung.  Diese  Methode  führt  zu
sehr  irrigen  Schlüssen.  Es  muss  vor  Allem  der  Ertrag  der  Domänen
von  den  Lasten  der  Einwohner  abgerechnet  werden  ;  denn  die  Einkünfte ­
  aus  dem  unmittelbaren  Eigenthume  des  Staats  bilden  keine  Last
der  Bürger;  je  mehr  Domänen,  desto  geringer  müssen  vielmehr  naturgemäss
  die  Lasten  sein;  denn  zur  Ergänzung  der  —  ursprünglich
allein  zur  Deckung  des  Staatsbedarfs  bestimmten  —  Domänen,  hat
man  ¡¿teuern  eingeführt.*)  Es  scheint  uns  daher  die  Ausscheidung  der
Staatseinkünfte  nach  drei  Haupteategorien  gerechtfertigt;  Domänen,
indirecte  Autlagen  und  directe  Steuern.  Dabei  darf  man  aber  nicht
(wie  der  sonst  so  verdienstvolle  Reden  gethan),  die  Erträgnisse  der
sog.  Regalien,  lloheitsrechte  und  Staatsanstalten,  den  Domänen  beircchnen.
  Die  daher  rührenden  Einkünfte  sind  vielmehr  nichts  Anderes, ­
  als  indirecte  Auflagen,  und  zwar  oft  von  der  allerdrückeudsien
Art.  Zu  repartiren  bleiben  demnach  die  indirecten  Auflagen  und  die
directen  Steuern,  und  auch  diese  berechnet  man,  um  ein  klares  Bild
zu  erlangen,  besser  nach  Familien  als  nach  Köpfen.
Zur  Abtheilung  ^¡Ausgahen.^  Wenn  mau  berechnen  will,  wie  viel
Brócente  vom  gesaramten  Staatsbedarfe  auf  einen  einzelnen  Ausgabeposten ­
  kommen  (z.  B.  auf  Militär,  Schuld,  Hof),  so  kann  nicht  der
Brutto-,  sondern  nur  der  iVéítobetrag  der  G-esanuntsumme  des  Staatsbedarfs ­
  maassgebend  sein.  Denn  die  Steuerbaren  müssen  nicht  etwa
blos  die  Netto-Bedarfssummc  (z.  B.  für  das  Heer),  sondern  sie  müssen
auch  überdies  die  dadurch  verursachten  Kosten  der  Erhebung  dieser
Summe  aufbringen.  (In  Bayern  ist  z.  B.  der  Ertrag  des  Malzaufschlags
für  die  Staatsschuld  bestimmt.  Das  Volk  sicht  sich  aber  nicht  blos
mit  dem  Reinerträge  desselben  belastet,  smulern  auch  mit  den  Summen, ­
  welche  die  Erhebung  verschlingt.  Dime  Staatsschuld  würden
die  Einwohner  nicht  etwa  blos  dasjenige  ersparen,  was  für  Verzinsung ­
  und  Tilgung  der  Schuld  verwendet  worden  kann,  sondern
überdies  ferner  die  Kosten  der  gesammten  Verwaltung  der  Arfschlagsgefälle.)
  Da  cs  sich  indess  selten  ausscheiden  lässt,  aus  welchem
*)  Eine  besondere  BeachtuTig  verdiente  die  Ermittlung  des  Werth  es  und
Ertrages  derjenigen  Domänen,  welche  einst  Napoleon  in  der  unverantwortlichsten ­
  Weise  an  vormals  Reichsunmittelbare  überliess  ;  Besitzungen,  die  ursprünglich ­
  wesentlich  zur  Deckung  der  Landesbedürfnisse  bestimmt  waren,  und  nun
diesem  Zwecke  durch  einen  Federstrich  vollständig  entzogen  wurden.
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        132

DEUTSCHLAND  —  Finanzen.

Zweige  der  Einkünfte  die  einzelnen  Ausgabeposten  gedeckt  werden,
so  sind  die  eigentlichen  Staatsbedürfnisse  nach  den  Netto  summen  festzustellen ­
  und  darnach  die  Procentantheile  der  einzelnen  Abtheilungen
zu  berechnen.  —  Hei  der  Position  ^^îIoP^  haben  wir  in  der  Regel  nur
diejenigen  Summen  aufgezeichnet,  welche  als  „Civilliste  und  Appanagen“
  erscheinen.  In  Wirklichkeit  gehört  hieher  noch  weiter  der
meistens  sehr  bedeutende  Genuss  von  Schlössern,  Gütern  u.  s.  f.  Nur
ausnahmsweise,  wo  bestimmte  Anhaltspunkte  Vorlagen,  haben  wir  solche
Nebennutzungen  beigerechnet.  —  Sehr  zu  bedauern  ist,  dass  die  Materialien ­
  fast  vollständig  fehlen,  um  zu  berechnen,  wie  hoch  sich  die
Kosten  für  das  Beamtenthum  belaufen.  (Man  würde  ein  erschreckendes
Krgebniss  erlangen.  In  Preussen  werden  gegen  30  Mill.  Thlr.  =  über
HO  Mill.  Frkn.,  in  Bayern  über  IIV2  Mill.  fl.  =  24V2  Mill.  Frkn.,
dagegen  in  der  Schweiz  noch  nicht  4  Mill.  Frkn.,  und  selbst  in  dem
reichen  und  ausgedehnten  Grossbritanien  nur  2^/4  Milk  I  f.  St.  für
Beamte  des  Staats  ausgegeben.  Vergl.  das  oben  bei  Preussen,  S.  118,
und  das  unten  bei  „Bayern“  und  bei  „Schweiz“  und  in  den  Nachträgen ­
  Bemerkte.  .
Zur  Abtheilung  ^Staatsschulden.^  Eine  Berechnung  in  der  gewöhnlichen ­
  Weise,  welche  Summe  von  der  Schuld  auf  jeden  Kopf
trifft,  scheint  uns  ungeeignet,  weil  es  wesentlich  darauf  ankommt,
welche  Domänen,  namentlich  Eisenbahnen,  dagegen  vorhanden  sind.
(Unterschied  zwischen  Schulden  zu  productiven  und  zu  unproductiven
Zwecken.)  Eine  Berechnung  der  bezeichneten  Art  hätte  nur  ^  dann
einen  richtigen  Sinn,  wenn  man  vorerst  den  Betrag  des  activen  Staatsvermögens ­
  mit  jenem  der  Schulden  abgleichen  könnte.  Dazu  aber  fehlt
das  Material,  indem  in  keinem  andern  europäischen  Staate,  als  der
so  einfach  und  wenig  kostspielig  verwalteten  Schweiz  die  Gesammtsumme
  der  Activa  und  Passiva  des  Gemeinwesens  (des  Gesammtstaats
und  der  Kantone)  sorgsam  festgestellt  und  vorgetragen  wird.

Anmerkungen  m  nachstehenden  Tabellen.
Zu  den  „Einnahmen“  :  ')  Ohne  die  Specialbudgets,  welche  die  Summe
um  5’497,000  fl.  erhöhen  würden.
Zu  den  „Ausgaben:“  :)  Der  wirkliche  Bedarf  ist  höher;  man  hat
400,000  fl.  Militärpensionen  dem  Militäretat  abgenommen  und  auf  den  Pensionsfond ­
  übertragen.  —  *)  Ungerechnet  den  Bedarf  der  Eisenbahnschuldenverwaltung.
In  beiden  nachstehenden  Tabellen  sind  übrigens  weder  die  österreichischen
und  preussischen  Bundesländer,  noch  Luxemburg-Limburg  und  Holstein  aufgeführt, ­
  weil  zu  einer  Ausscheidung  ihrer  finanziellen  Verhältnisse  von  denen  der
übrigen  Gebiete  jener  Staaten,  mit  denen  sie  verbunden  sind,  das  nothigo
Material  fehlt.  Ausserdem  ist  Liechtenstein  übergangen,  weil  über  den  Finanzhaushalt ­
  dieses  kleinsten  „souveränen  Staates“  gar  nichts  bekannt  ist.
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        Einkünfte  der  sämmtlichen  deutschen  Staaten.
Rtxafc.Kinkfinftft.  7Hauptbestandtlieile  der  Nettoeinkänfle.  Prozentantheüe.  |  Stenern  pr.  Farnme,

133

Finanzen

DEUTSCHLAND

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134

DEUTSCHLAOT)  —  Finanzen.

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Jahresansgaben  der  dentschen  Staaten.  Capltalsumme  ihrer  Schulden  und  Betrag  ihres  Paptergeldi
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        DEUTSCHLAND  —  Finanzen.

135

Die  verschiedenen  Geldsorten  auf  preuss.  Thaler  reducirt,  und
unter  Dazurechnung  eines  ungefähren  Betrages  ihr  diejenigen  Gebiete
deren  Finanzverhältnisse  nicht  ausgeschieden  oder  nicht  bekannt  sind
(Luxemburg,  Holstein,  Liechtenstein),  finden  wir  beiläufig  (denn  es
kann  durchaus  nur  von  einer  oinigermassen  annähernden  Lichtigkeit
  die  Rede  sein)  folgende  Resultate;
Einnahme  in  Tlialem  Brutto  Netto
Mit  Gesanunt-Oesterreich  und  Preussen  441  Mill.  350  Mill.
Ohne  beide  Grossinädite  .  •  •
Von  der  reinen  Kinn  ah  me  rühren  her  :
Mit  Oesterreich  und  Preussen
"■“îiSEkrr  :S.iS=ä-Auf
  jede  Familie  treffen  durchschnittlich  im  Jahre  Jhaler  .
in  Oesterreich  Preussen  im  ubr.  Deutschland  im  Gesammtgebiete
indirecte  Auflagen  10,89  14,42
directe  Steuern  0,88^
Zusammen

Ohne  diese
25’500,000  =  28,65  %
41’000,000  =  46,07  -
21’430,000  =  24,08  -

11,71
6,12

12,13
7,25

17,35

22,98

Ausgaben  in  Mill.  Thalem

Oesterreich  und  (  •  385,
Preussen  j  •  93,63
ln  Procenten;  Mit  (  Oesterreich  und  i
Ohne  Preussen  (

Mit
Ohne

17,83  19,38
Von  der  Gesammtsumme  kommen  auf
"Hof  Militär  Schuld  Zusammen
17,  130,5  86  233,5  Mill.
9,75  20,25  20  50,
4,4  33,88  22,28  60,56
10,38  21,6  21,15  53,13
Schulden.  Wir  schätzen  deren  Betrag:
in  den  rein  deutschen  Staaten  Mill.  Thlr.  490  1
in  Holstein  und  Lauenburg  -  -  1«
in  Luxemburg-Limburg,  pro  rata  )  -  -  )
Dazu  in  Gesammt-0esterreich  und  Preussen  .  .
Zusammen  fast  2400
•x-\  bezeichnen  hier  nur  das  factische,  nicht  das  rechtliche  'Verhältnis, ­
  indem  wir  sonst  diese  Summe  von  vornherein  streichen  würden.

Papiergeld,  a.  mjentUchen  Staatsfafiergeld  :
in  den  rein  deutschen  Staaten  etwa  2o  Mill.  Thli.
in  PreuBsen  nicht  völlig  .  •
Zusammen  ungefähr  56  Mill.  Thlr.
b.  0eaterreichischo  Bmihnoten  beiläulig  260
Total  fast  320  Mill.  Thlr.
Kino  uns  vorliegende  Berechnung  von  anderer  Seite  lautet:  Am
1  l  ui  185fi  waren  in  Deutschland  zur  Ausgabe  autorisirt  396’915,:354
T'b'lr.  in  Papiergeld  der  Staaten,  Eisenbahnen  und  Banken,  und  zwar:
340167  270  Thlr.  Banknoten,  wovon  241’567,299  österreichische,
'  55-5183)84  -  Staatspapiergeld,  _
1’200,000  -  Eiscnhahn-Cassenseheine.
(Wir  bemerken,  dass  die  Summe  der  österreiclilschen  Banknoten
wohl  um  20  Milk  zu  gering  gerechnet  ist,  indem  dieselben  nicht
dom  gewöhnlichen  Guldenfusse  basiren,  sondern  auf  Conv.-Münze,  d.  h.
dem  20fl.-FuBse.)
        <pb n="152" />
        136

m'.

DEUTSCHLAND  —  Militärwesen.
Mintärwesen«
Deutschland  als  solches  besitzt  nur  eine  Landmacht^  naclidem  der
wieder  aufgelebte  Bundestag  die  Veräusserung  der  von  der  deutschen
Nationalversammlung  1848  und  49,  behufs  Gründung  einer  Flotte,
erworbenen  Schiffe  dccretirt  hat.
Die  Stärke  der  Contingente  ward  ursprünglich  auf  1  Procent  der
Bevölkerung  bestimmt,  nach  Maasgabe  der  anfänglichen  Einwohnerzahl, ­
  —  also  1  Proz.  derjenigen  Bevölkerung,  welche  die  Staaten  etwa
im  Jahre  1815  besassen,  ohne  Rücksicht  auf  die  spätere  Vermehrung.
Hievon  sollte  V7  in  Cavallerie  bestehen,  und  auf  je  1000  M.  sollten
2  Geschütze  gestellt  werden.  So  erhielt  man  eine  Armee  von  301,637
Mann.  Später  erliess  man  den  kleinen  Staaten  die  Stellung  von  Cavallerie, ­
  gegen  Vermehrung  ihres  Fussvolkes.  (Man  bildete  daraus
eine  „Keservedivision,“  zur  Verstärkung  der  Besatzung  in  den  Bundesfestungen ­
  bestimmt.)  Hiedurch  stieg  die  Mannschaftszahl  auf  303,484.
In  allen  Fällen  sollten,  der  „Bundeskriegsverfassung“  zufolge,  die  Staaten
überdies  bereit  sein,  Yg  der  ursprünglichen  Summe  als  Reserve,  und
ferner  Vo  jener  Principalsurnmc  als  Ergänzungsmannschaft  (demnach
ausser  dem  einen  l’roz.  der  Bevölkerung  zusammen  noch  Yg  Proz.
weiter)  für  den  Fall  des  Bedarfs  bereit  zu  halten.  Thatsächlich  brachten ­
  die  meisten  Staaten  ihr  Militär  auf  eine  grössere  Anzahl,  als
wozu  sie  verpflichtet  waren.  —  Die  „revidirte  Kriegsverfassung  des
deutschen  Bundes“  vom  10.  März  1853  erhöhte  die  Stärke  des  Hauptcontinents
  um  Yö  (filso  auf  IY0  Proz.  der  früheren,  matricularmässig
angenommenen  Bevölkerung).  Nicht  nur  dieses  Haupt-,  sondern  ebenso
das  Reservecontingent  ist,  unbeschadet  der  gestatteten  Beurlaubungen,
auch  im  Frieden  vollständig  zu  erhalten.  Für  die  „Ersatztruppen“
muss  derart  Sorge  getragen  sein,  um  die  Mannschaft  mit  Cadres  versehen ­
  zu  können.  Bei  Aufstellung  des  Contingents  darf  nur  die  „streitbare ­
  Mannschaft“  gerechnet  werden,  und  alle  Nichtcombattanten  sind
über  die  festgesetzte  Zahl  zu  stellen.  Zu  diesen  Nichtcombattanten
gehören  :  die  Armeefuhrwesenssoldaten  (nicht  zu  verwechseln  mit  dem
Artilleriefuhrwesen),  die  Verpflegungsmannschaft,  sammt  Bäckerei,  die
Sanitätscorps  etc.  —  Von  dem  Contingente  hat  Ys  (früher  Y?)  aus
Reiterei  zu  bestehen.  Auf  jo  1000  M.  des  Haupt-  und  Reservecontingents
  sind  an  Feldartillerie  mindestens  2Y2  Geschütze  zu  stellen
(früher  blos  2),  davon  in  der  Regel  Y4  Haubitzen,  Y4  Zwölf-,  Y2
Sechspfünder  ;  ein  Fünftel  der  Artillerie  soll  reitende  sein.  —  Ausser
den  Feldgeschützen  soll  ein  Belagerungspark  vorhanden  sein,  bestehend
aus  100  schweren  Kanonen,  30  Belagerungshaubitzen  und  70  Mörsern.
Die  Mannschaft  hiefür  ist  über  die  Contingentszahl  zu  stellen  ;  ebenso
jene  für  Feldartillerie,  sofernc  dieselbe,  Stäbe  eingerechnet,  30  Mann
auf  jedes  Geschütz  übersteigt.  —  Jedes  Armeecorps,  deren  10  vorhanden, ­
  muss  einen  Brückentrain  und  eine  Birago’sche  Brückenequipage
besitzen.  —  Von  der  Gesammtniannschaft  hat  Yioo  aus  Pionieren,  .Jägern ­
  ,  Büchsenschützen  oder  mit  gezogenen  Gewehren  bewaffneten
Scharfschützen  zu  bestehen.  Das  Minimum  der  Chargen  soll  sein  :
        <pb n="153" />
        DEUTSCHLAND  —  Militärwesen.

137

1  Officier
1
1  Unteroflicier
1
1  Spielmann
1

auf  46--
  30-12-





  Streitbare  bei  der  Infanterie,
-35  .  -  den  andern  Waffengattungen,
-15  -  -  der  Infanterie,
-12  -  -  den  übrigen  Waffengattungen,
-60  -  -  der  Infanterie,  Pionieren  u.  Genietruppen,
-50  -  -  den  übrigen  Waffen.
Frieden  ist  für  Haupt-  und  lieserveüer

  Präsenzstaud
contingent  :
1)  Officiere  :  %  aller  Waffengattungen  ;  .  ,  ,  ^  .
2)  Infa7iterie:  Vi  der  Unterofficiere  und  Spielleute,  '/c  der  Gemeinen;  _
31  »//bis  %  der  Mannsohaft  und  Pferde;  %  bei  LandwehrreiWrei;
I  /  Beurlaubung  mit  Pferden  und  Sold  besteht  (Hannover);
4)  Fassartillerie  :  %  der  Unterofficiere  und  Spielleute,  Y,  der  Gemeinen;
5)  Jieite7ide  Artillerie:  wie  sub  3,  Beiter  ei;  ,
61  Festwigsartillerie:  Y*  Unterofficiere  und  Spielleute,  /g  Gemeine;
7)  Pionnière  u.  Qe^iie:  %  *  '  /a  '  u.  Reitpferde.
Uecruten  dürfen  in  der  zur  Ausbildung  angenommenen  Zeit  (selbst
bei  der  Infanterie  6  Monate)  nicht  in  den  Präsenzstand  eingerechnet
werden.  —  Vs  der  Bespannung  sämmtlicher  Geschütze  ist  stets  bereit
zu  halten.  —  Durch  einen  Bundesbeschluss  vom  15.  Nov.  1855  ist
die  Dienstverpflichtung  für  jeden  in  die  Bundescontingente  einzuiechnenden
  Mann  auf  mindestens  6  Jahre  bestimmt;  die  Präsenz  abei.

bei  der  Infanterie  .  .  .  2%,  wenigstens  2  Jahre,
-  Reiterei  ....  3%,  -  3  -
-  Fussartillerie  .  .  2%,  -  ^
-  reitenden  Artillerie  3'/,,  -  3  -
-  den  Genietruppen  .  .  2%,  -  2
und  zwar  sind  diese  Bestimmungen  nicht  durchschnittlich,  sondern  für
jeden  einzelnen  Mann  einzuhalten.  (Zuschrift  des  bayer.  Kriegsministeriums ­
  an  die  Abgeordnetenkammer  vom  11.  April  1856.)
Nachfolgend  eine  Gegenüberstellung  des  ursprüngslichen  Hauptcontingents
  (ohne  Reserve  und  ohne  seitherige  Vermehrung  um  Ve)
und  des  jetzigen  wirklichen  Militärbestandes  :

Armeecorps
I.,  II.,  III.
IV.,  V.,  VI.
VII.
VIII.

IX.

X.

Staaten
Oesterreicli
Preussen
für  Hohenzollern  .
Bayern
r  Württemberg  .
)  Baden
(  Darmstadt
t SacJiscn,  Königreich
Kurhessen
Nassau
Luxemburg  -  Limburg
i llannovcr
Braunschweig  .
Oldenburg
Holstein  .
Hamburg  .
Bremen
Lübeck
Mecklenburg-  Schwerin
Strelitz

Ursprüngliches
Contingent
94,822
(79,234  \
I  601  I
35,600
13,955  .
10,000
6,195
12,000
5,679
3,028
2,556
13,054
2,096
2,178
3,600
1,298
485
407
3,580
717

Wirklicher
Bestand
150,000
170,000
72.700
23,200
17,000
10,500
26.700
11,800
7,300

26,800
5,400
3,700

2,160
750
600
5,000
900
        <pb n="154" />
        138

DEUTSCHLAND

Militäi’wosen.

W

Staaten
Sachsen-AVeiniar
Cobnrg-Cotlia
Meiningen
Altenhurg
Reuss-Creiz
-  Sclileiz  etc.
Waldeck
Lippe-Detmold  .
Schaumburg-Lippe
Anhalt  -  Dessau  -  Köthen
Bernburg
Schwarzburg-Rudolstadt
Sondershausen
Homburg
Liechtenstein
Frankfurt  .

ürspröngliclies
Contingent
2,010
1,210
1,150
082
22.1,
522  S
510
001
240
858
370
451
530
200
55
470

wirklicher
Bestand
3,000
1,800
1,700
1,500
1,200
800
1,100
400
1,300
500
700
800
300
80
1,200

Zusammen  301,037  550,800

Nach  öffcntlichoii  Blattern  hätten  die  Erhebungen  des  Bundes  zu
Ende  des  Jahres  1855  —  der  Mati-ikelzahl  (Haupt-  und  Roservecontingent)
  gegenüber  —  folgenden  wirklichen  Bestand  ergeben  :

Armeecorps
I.—III.
IV.—YI.
YIL
Ylll.
IX.
X.
Reserve-Division

Matrikel
120,420
100,047
47,470
40,200
31,880
30,504
14,140
403,3G0'

Wirkl.  Bestand
153,205
170.500
47,800  *)
4  8,303
41,308
48,137
18,083
527.501

In  diesem  Ansätze  der  Matrikelzahl  ist  die  Erhöhung  der  Contingente ­
  um  Yß  noch  nicht  einbegriffen.  Mit  derselben  steigt  der  Soll-Stand
  auf  470,593  M.  —  Unter  der  als  „wirklicher  Bestand“  aufgeführten ­
  Zahl  befinden  sich  :

Höhere  Stäbe  .  .  .  3,510
Infanterie  ....  404,953
Cavallerie  .  .  .  .  71,730
Artillerie  (wovon  0010  reitend)  41,335
Pioniere  .  .  .  .  5,058
527,501

Hiezu  die  Nichtcombattanten  :
Aerztliches  Personal  .  1,711
Trainsoldaten  .  .  18,078
Gosammtsumme  547,200

im  Jahre  1854  zählte  man  unter  der  wirklich  vorhandenen  Infanterie ­
  28,621  Jäger  und  Schützen;  die  Cavallerie  hatte  42,032,  die
Artillerie  7,424  Dienstpferde.  —  Der  Belagerangspark  zählte  250  Ccschütze,
  wovon  122  Kanonen,  31  Haubitzen  und  97  Mörser.  —  Der
taetischen  Kintheilung  nach  umfasste  das  Bundesheer  1854  :  387  Bataillone, ­
  409  Escadron  en  und  147  Batterien  mit  1122  Geschützen.
Bundesfestungen.  Ausser  den  ursprünglichen  3:  Mainz,  Landau
und  Luxemburg,  wurden  auf  Bundeskosten  zwei  neue  erbaut:  Rastatt
und  Ulm.  (Die  übrigen  Festungen  siehe  bei  den  einzelnen  Staaten.)

*)  In  Wirklichkeit  viel  mehr  (siehe  „Bayern“).
        <pb n="155" />
        DEUTSCHLAND  —  Sociale,  und  Handelsverhältnisse.

139

Sociale,  Gewerbs-  und  Haiidelsvcrlillltiiisse.
I.  Auswanderungen  aus  Deutschland.  Ausser  Irland  hat  kem
Land  Eui'opa’s,  .selbst  die  unglücklichsten  Theilc  desselben  nicht  ansgenommen,
  eine  solche  Völkeranswanderung  gesehen,  wie  DenWiland.
  Die  natürliche  Neigung  des  germanischen  Stammes  zur  VV  andcrung
  war  es  nicht  allein,  was  diesen  colossalen  Exodus  bewiikte.
sociales  und  politisches  IJcbelbeñndeu  mussten  mit  aller  Macht  einwirken,
  um  solche  Ergebnisse  herbeizufüliren.  Die  Auswanderungen
aus  Deutschland  wurden  in  den  letzten  Jahren  sogar  zahlreicher,  als
die  aus  Irland.  Die  ungünstigen  Nachrichten,  welche  aus  den  \  ereiuigteu
  Staaten  herüberkamen,  bewirkten  zwar  im  Jahre  1855  eine
äusLst  bedeutende  Verminderung;  gegen  18,000  Ausgewandeite  kehrten
  selbst  in  ihre  alte  lleimath  zurück.  Indessen  hat  es  den  Anscheni,
dass  dies  nur  eine  der  gewöhnlichen  Fluctuationen  war.  Schon  scheint
die  Strömung  hie  und  da  wieder  etwas  zu  wachsen,  und  sie  wird  sogleich ­
  bedeutend  steigen,  sobald  die  Crise  in  den  Vereinigten  Staaten
überstanden  sein,  und  aufs  Neue  günstige  Berichte  von  dort  eintreflfen
werden.  —  Alle  Schätzungen  über  die  Grösse  der  Auswanderung
können  nur  als  annähernd  richtig  gelten.  Nach  einer  amerikanischen ­
  Aufstellung  wanderten  Deutsche  (angeblich  ohne  Dazurechmmg
  der  Freussen  und  Oesterreichcr)  in  den  Verein.  Staaten  ein:
118  126  )  ungerechnet  die  Auswanderungen  nach  Brittisch-Nordamerika,
140’,635  Australien  u.  s.  w.  —  Für  1855  schätzt  man  54,000  Auswan-206¡054
  )  derer.  _  ^  ,
0.  Hübner  berechnet  die  Auswanderungen  aus  Deutschland,
Preussen  und  Oesterreich  zusammen,  so  .

1852
1853
1854

1846
1847
1848

94,581
109,531
81,895

162,301
162,568

1849  :  89,102  1852  :
1850:  82,404  1853  :
1851  :  112,547
II.  Deutsche  Eisenbahnen.  Nach  einer  (Ende  1855  veröffentlichten) ­
  von  der  herzogl.  Braunschweigischen  Post-  und  Eisenbahndirection
  angefertigten  Zusammenstellung  war  die  Länge  der  deutschen
Bahnen  zu  Ende  1854:

Deutsch-Oesterreich
Preussen  (Gesammt-)
Bayern
Öaehsen
Hannover
Württemherg
Baden
Kurhessen  .
II  essen-Darmstadt
1  lülstoin-Lauenhurg
Silclisisohe  Hcr/.ogthümer

3442/3  Meil.
577%  -
179  *
74
96
382/,**)
51%
44%
222/*
31%
18%

Braunschweig
Nassau
Beide  Mecklenburg
Anhalt
Schaumburg-Lippe
Hansestädte
Frankfurt
Reuss  .
Homburg
lAixeinhurg-lümburg

172/3  Meil.
9%  -
29%  -
12
3'/*  -
4%  -
4%  -
%  -
'/3  -
5%  -

Zusammen  1566  Meil.

Hievon  waren  Ende  1854  :
Staatsbahnen  Privatbahnen
dem  Verkehre  erölhiet  717,9  o39,4
im  Baue  begriften  •  126,25  91,
Ausführung  gesichert  32,5  29,
__  906,65  659,4
*)  ln  Wirklichkeit  selbst  jetzt  nur  etwa  153.  —  **]

Zusammen
1257,3
317,25
91,5
1566,
In  Wirklichkeit  41,
        <pb n="156" />
        140

DEUTSCHLAND

Sociale  und  Handelsverhältnisse.

Darnach  kam  je  eine  Meile  Eisenbahn  in
Q.-M.  u.  Einw,

Deutsch-Oester
Preussen
Bayern  .  .
Sachsen  .  .
Hannover  .
Württemberg
Baden  .  .
Kurhessen  .

eich

auf  10,4

8,8

7,8

3,7

7,3

8,7

5,4

32,480
29,430
25,470
26,8G0
18,950
42,440
26,500
17,180

Hessen  -  Darmstadt
Holstein-Lauenburg
Sachs.  Herzogthümcr
Braunschweig  .  .
Nassau
Mecklenburg  .  .  .
Uebr.  kleinen  Staaten

Q.-M.  u.  Einw.
auf  6,8  37,620
-  5,5  16,500
-  9,3  37,830
-  4,1  15,310
-  8,8  43,780
-  9,8  21,630
-  6,2  37,540

Durchschnitt  8,3  29,370
Sechs  deutsche  Staaten  (zus.  mit  196  Q.-M.  und  587,000  Einw.)
entbehrten  noch  jeder  Eisenbahn:  Oldenburg,  beide  Schwarzburg,
Waldeck,  Lippe-Detmold  und  Liechtenstein.  (Obwohl  amtlich  bearbeitet,
bedarf  obige  Zusammenstellung  dennoch  einiger  Berichtigung,  wie  denn
auch  die  Einrechnung  des  mit  Deutschland  nicht  vereinigten  Theiles
von  Preussen  zu  beachten  ist.)
Eine  neue  Berechnung  ergibt  für  den  Jan.  1856,  als  im  Betriebe
stehend,  1420  Meil.,  wovon  etwa  680  Meil.  Privat-  und  593  Staatsbahnen. ­
  —  Von  der  Gesarnrntsurame  kommen  auf  Deutsch-Oesterreich
369,  Deutsch-Preussen  473,  Bayern  155,  Hannover  74,  Sachsen  71,
Baden  44,  Württemberg  41  Meil.  (Vergl.  die  Eisenbahnlängo  in  England, ­
  Frankreich  und  Nordamerika.)
Durchschnittlicher  Ertraej  im  Jahre  1855:
die  Privatbahnen  .  .  .  pr.  Meil.  62,570  Thl.
sämmtliche  preuss.  Bahnen  1854  -  -  47,922
Staatsbahnen  :  Sächsische  .  -  -  ca  64,000
Braunschweigische  -  -  -  60,000
Oesterreichische  .  ...  60,000
Badische  .  .  ...  50,000
Hannoversche  .  ...  41,000
Württembergische  -  -  -  40,000
Bayerische  .  ...  27,500
Deutsche  Handelsflotte.

Oesterreich  *)
Preussen
Hannover
Oldenburg  .
Mecklenburg
Holstein  .  .
Hamburg
Bremen  .  .
Lübeck  .  .

Seeschiffe
664
900
700
280
300
220
450
250
65

Bemannung
7,900
8,300
3,400
2,500

Zusammen  3800

Lasten
à  4000  Pf.
109,000
139,000
31,000
27,500
32,000
15,000
53,000  —
63,000  **)  —
6,000  —
474,000  30,000

Der  Werth  der  Seeschiffe  wird  auf  etwa  60  Mill.  Thlr.  geschätzt.
Der  deutsche  Zollverein.  Derselbe  umfasst  alle  deutschen  Btaatcn
(auch  die  mit  Deutschland  nicht  vereinigten  Provinzen  Preussens),  mit

*)  Einschliesslich  Venedig.
**)  Es  sind  hierin  aber  auch  die  Flussschiffe  einbegriffen,  wie  denn  Bremen
ein  Uebergewicht  über  Hamburg,  so  wie  man  nach  obigen  Ziffern  annehmen
sollte,  in  Wirklichkeit  wohl  nicht  besitzt.
        <pb n="157" />
        DEUTSCHLAND  —  Sociale  und  Handelsverhältnisse.

Ul

folgenden  Ausnahmen  ;  1)  u.  2)  Oesterreich  sammt  Liechtenstein,  mit
welchem  ein  Handelsvertrag  besteht;  3)  u.  4)  beide  Mecklenburg;  5)
Holstein;  6)  Limburg;  7—9)  die  drei  Hansestädte.  —  Vor  dem  Beitritte ­
  Hannovers  und  Oldenburg  (1854)  ward  das  Areal  des  deutschen
Zollvereins  zu  8307  Q.-M.,  die  Volkszahl  (nach  der  Aufnahme  von
1852)  zu  30’492,792  Menschen,  die  Länge  der  Zollgrenzen  zu  1105
Meil.  berechnet.  Nach  dem  Beitritte  der  beiden  genannten  Länder
ergeben  sich  ungefähr  9120  Q.-Meil.  und  32  530,000  Linw.
Die  Rein-Einnahmen  der  Vercinsstaaten  von  den  Zöllen  waren  :
1840;  19’]86,684  Thlr.  1850;  20’342,427  Thlr.  1853;  19’413,107  Tlilr.
1844;  25’123,112  -  1851;  20’592,046  -  1854;  20’602,789  -
1848;  20’092,497  -  1852;  21’844,857  -  1855;  23'618,962  -
Die  Einnahmen  von  1854  waren  relativ  weitaus  die  geringsten,
da  von  diesem  Jahre  an  Hannover  und  Oldenburg  (und  zwar  beide
sogar  mit  einem  Präcipuum)  an  der  Einnahme  participirten.
Geschichtliche  Notizen.  Nachstehend  einige  kurze  Notizen  über
die  statistischen  Verhältnisse  Deutschlands,  sowohl  vor  der  Zeit  der
franz.  Revolution,  als  in  der  Periode  des  „Rheinbundes.“
Das  deutche  Reich.
Nach  statistischen  Angaben  vom  Jahre  1786.

K  r  e  i  s  c  i  n  t  h  e  i  1  u  n  g.
Quadr.-Meil.

1.  Oesterreiohischer  Kreis
2.  Burgundischer  „
3.  Bayerischer  „
4.  Fränkischer  „
5.  Schwäbischer  „
6.  Niederrheinischer  „
7.  Oberrheinischer  „
8.  Westphälischer  „
9.  Niedersächsischer  „
10.  Obersächsischer  „
11.  Böhmen
12.  Mähren  .  .  •  _  •  -
13.  Preuss.  und  Oesterreichisch  Schlesien
14.  Lausitz
Gesammtzahl

2,145
469
1,020
484
729
458
500
1,250
1,280
2,000
961
396
720
180
12;592

Bevölkerung.
4’182,000
1  880,000
1’600,000
1’000,000
1’800,000
1’100,000
1’000,000
2’300,000
2’100,000
3’700,000
2’266,0Ü0
1’137,000
1’8Ü0,000
400,000
26265,000

Einkünfte.

4,052  9’665,000  90  bis  115  Mill.  fl.  C.M.

Die  Zahl  der  Staaten  des  deutschen  Reiches  betrug  gegen
300,  darunter  61  freie  Reichsstädte.  Hier  eine  gedrängte  Uebersicht
der  statistischen  Hauptmomente.  (Die  Einzclnangabeu  beruhen  indessen
meistens  auf  nicht  sehr  zuverlässigen  Schätzungen.)
Staaten.  Quadr-M.  Bevölk,
1.  Oesterreich.  Länder  (zu  Deutschland
gehörend)  .  •  •  •
2.  Bramlonburgische  Länder  (Deutsch-Preussen)
  .
3.  Chur-Pfalz-Bayern
4.  Chur-Sachsen  .
5.  Chur-Braunschweig-Lüneburg
6.  Chur-Mainz  .
7.  Chur-Trier
8.  Chur-Köln  .

4’110,0(10
2’100,000
1’870,000
850,000
325,000
jci  (als  terra  incognita
  bezeichnet)
360  550,000

2,180
1,064
736
700
175

22  bis  30  Mill.  Thlr.
10  Mill.  fl.
6  800,000  Thlr.
5%  Mill.  -
1%  Mill.  fl.
780,000  -
2  200,000  -
        <pb n="158" />
        142

DEUTSCHLAND  —  Das  deutsclie  Reich.

Staaten.
9.  Herzgth.  Saohsen-Weimar-Eiscnach
10.  -  -  Gotha-Altcnburg
11.  -  -  Coburg-Saalfeld
12.  -  -  Hildburghausen
13.  -  -  Meiningen
14.  Mark  graf  Schaft  Anspach-Bayreuth
15.  Herzogth.
Iß.
17.
18.
19.
20.
21.
22.

Braunschweig
Mecklenburg-Schwerin
Strelit/.
Württemberg
Zweibrücken
Landgrafsch.  Hessen-Cassel
Dannstadt
Markgrafschaft  Baden

Quadr.-M.
43
5.'i
10
U
2-2
li'&amp;gt;
iH
240
70
200
:io
200
100
70
45
12

Schaumburg

40
:j9
2S
■21
4
240
15
05
95
28
54
55
50
105
48
c  r  k  u  n  g  e  n.
halb  Deutschi.

Bevölk.

1.50,000

080,000
185,000
240,000
70,000
585,000
00,000
450,000
000,000
200,000
85,000
31,000
23,000
22,900
20,700

Einkünfte.
000,000  -
800,000  -
1.50,000  Thlr.
80,000  fl.

2  Mill.  fl.
1%  Mill.  Thlr.
7(10,000  -
3.50,000  -
2  Mill.  fl.
800,000  fl.
2'100,000  Tblr.
r  1,50,000  11.
1’200,000
200,000
300,000
90,000
140,000
120,000

Thlr

200,000  Thlr.
200,000  -

23.  Herzogth.  Oldenburg
24.  Fürstenth.  Anhalt-Dessau
25.  -  -  Cöthen
20.  -  -  Bernburg
27.  -  -  Zerbst  .  .  13
28.  -  Nassau-Dillenburg  (Weilburgüranisches
  Haus)  48  130,000  400,000  fl.
29.  -  -  Saarbrücken-Usingen  .  .  .  35,000  150,000  -
30.  u.  31.  Fürst.  Sebwarzburg-Sondersliausen
und  Rudolstadt
32.  Fürstenth.  Waldeck
33.  u.  34.  Grafscli.  Lippe  und
35—38.  Fürstenth.  und  3  Grafsch.  Renss
39.  Grafschaft  Wernigerode
40.  Erzstift  Salzburg
41.  Hochstift  I’assau
42.  -  Bamberg
43.  -  AYürzburg
44.  -  Speyer
45.  -  Hildesheim
46.  -  Paderborn
47.  -  Osnabrück
48.  -  Ijüttich
49.  Bisthum  Fulda
B  e  m
Zu  1.  Oesterreich.  Besitzungen  ausser
Zu  2.  Preussen.
Zu  5.  Braunschweig-Lüneburg.  Der  jetzige  Staat  Hannover.
Zu  0.  Mainz.  Es  gehörten  dazu  :
1)  Das  Erzstift  Mainz  (Mainz,  Bingen,  Höchst,  Rüdesheirn,
Hochheim,  Fritzlar)  ......
2)  Thüringisches  Gebiet  (Erfurt)
3)  Das  Eichsfeld
4)  Das  Bisthum  Worms  ointe  die  freie  Reiclisstadt  .
Zu  7.  Trier.  Bestandtheile  :
1)  Erzstift  Trier  ........
2)  Bisthum  Augsburg  (ohne  die  freie  Reichsstadt;  aber  mit
Dillingen  etc.  .......
3)  Gefürstete  Probstei  El  Iwangen  .  ...  •
Zu  8.  Köhl.  Bestandtheile  :
A.  Churfürstenthum  Köln.
1)  Erzstift  Köln  (ohne  Reichsstadt,  m.  Bonn,  Andernach,  Neuss)
2)  Grafscliaft  Recklinghausen  ...•••
3)  Herzogth.  NVestphalcn

130,000
35,000
100,000
’  88,()Ü()
12,.500
2.50,000
18(),i)0()
200,000
100,000

1:0,000
200,000
80,000
7230  Q.-M.
1400  -

fl.

200,000
1%  Mill.
200,000  -
700,000  -
800,000  -
300,000  -
200,000  Thlr.
000,000  fl.
180,000  -
1’200,000  -
300,000  -
9’300,000  Einw.
1’500,000
Q.-M.  Bevölk.

115
12
40
8
110
34
7

00
15
55

208,000
36,000
74,000
15,000

80,000
18,000
100,000

130  200,000
        <pb n="159" />
        DEUTSCIÏIjA^D  —  Das  deutsche  Reich.

14S

Q.-M.
230

Bevölk.
350,000

80
0.5

200,000
185,000

B.  Bisthum  Münster  (mit  Münster,  Meppen,  Vechte)
Zu,  14.  Anspach-Bayreulh.  Bestandtheile:
1)  Fürstenth.  Anspacli  (mit  Schwabach,  Fürtli,  Günzenhausen)
‘2)  -  Bayreuth  (mit  Erlangen,  Culmbach,  Hof
Zn  42.  llorhsfi/t  limnbery.  Dazu  gehörten:  Vorchheim,  Kronach.
Zn  4!i.  -  '  Würxburç.  -  -  Kissingen,  Kitzingcii.
Zu  44.  -  .S'peyer.  -  -  Bruchsal,  Bhillppsburg,  Deidesheim,
Rheinzabern,  Dahn  und  die  Probstei  Weissenburg  (im  Eisass).
Die  freie  Reichsstadt  Speyer  dagegen  gehörte  nicht  dazu.
Zn  48.  Lülfich.  Dazu  gehörten:  Yerviers,  Spaa,  Dînant,  Hui.
Hier  eine  Ucbersiclit  der  wichtigsten  freien  Reichsstädte
(Tm  ßcJiw'dhischen  Kreise:)

Augsburg  mit  1  Dorf  u.  32,500  Einw.
Xjini  -  17  Q.-M.  Gebiet,  d.  Stadt
mit  12,000  Einw.
Schwäbisch-Hall  mit  G  Q.-M.
Reutlingen  -  4  Dörfern.
Xördlingen  -  1  Q.-M.
Heilbronn  -  1
Rothweil  -  2
Gemünd  -  3
Memmingen  mit  einer  Anzahl  Dörfer.
Kempten  ohne  Gebiet.
Kaufbeuren  mit  l'/s  Q.-M.
Ravensburg  -  2%
Biberacb  -  2
Lindau.
Weil.
(Im  Bayerischen  Kreise:)
Regensburg  mit  21,500  Einw.,  ohne
Gebiet.
(Im  Ober-  u.  Churrheinischen  Kreise:)
Worms  m.  2  Q.-INI.,  d.  Stadt  m.  oOOOE.

Speyer,  ohne  Geb.,  d.  Stadt  m.  5G00  E.
Frankfurt  a.  M.  mit  G  Q.-M.,  d.  Stadt
mit  3G.000  Einw.
Wetzlar.
(Im  Fränkischen  Kreise:)
Nürnberg  mit  (angebl.  )  30  Q.-M.  und
50,000  Mensch.,  wovon  29,000  in
der  Stadt.
Rothenburg  mit  5  Q.-M.
Schweinfurth  -  l'/s  *
Windsheim  -  4  Dörfern.
^  (Im  Wesiphälischen  Kreise:)
Köln,  ohne  Gebiet,  mit  40,000  Einw.
Aachen,  mit  18  Dörfern,  die  Stadt  m.
25,000  Einw.
(Im  Kieder-Sächsischen  Kreise:)
Mühlhausen,  m.  4  Q.-M.
Nordhausen  -  l'/j  -
Goslar.
Bremen,  mit  3  Q.-M.  und  40,000  Musch,
lüibeck  -  3'/x  -  -  30,000  -
Hamburg  -  4  -  -  100,000

Der  Rheinbund,
in  seinem  Bestände  von  1812.
Deutschland  war  in  dieser  Zeit  verschwunden;  die  sämmtlichen
Mittel-  und  Kleinstaaten  Deutschlands  schlossen  sich  rasch  dem  Napoleonischen
  „Rheinhunde“  an.  Frankreich  hatte  bedeutende  Gebiete
von  Deutschland  an  sich  gerissen:  das  ganze  linke  Rheinufer,  die
Fms-,  Weser-  und  Fibern  und  ungen.  Oesterreich,  verkleinert  bis  zu
8900  Q.-Mcil.  mit  etwa  19  Mill.  Menschen,  und  Preussen,  zusanmiengcsclnnolzen
  auf  2800  Q.-Mcil.  mit  d'/a  Mill.  Bew.,  besassen  den
Rest  des  ehemaligen  Reiches.
Abschluss  des  Rheinbunds-Vertrags  zu  Paris  am  12.  Juli  1806.
(Die  ursprünglich  beigetretenen  Staaten  sind  in  der  nachstehenden
1/iste  mit  t  bezeichnet,  bei  den  übrigen  ist  die  Zeit  ihres  Beitritts
unmittelbar  nach  dem  Namen  in  Parenthesen  angegeben.)  Die  anfänglichen ­
  Theilnehmer  verpflichteten  sich,  zu  einer  franz.  Armee  von
200,000  M.  ein  Contingent  von  68,000  M.  zu  stellen,  welche  Zahl
später,  in  Folge  des  Zutritts  weiterer  Staaten,  auf  119,180  M.  anwuchs.*
  im  Jahre  1809  umfasste  der  Rheinbund  ein  Gebiet  von
        <pb n="160" />
        144

DFUTSCHLAND  —  Der  ßheinbund.

Q.-M.  Volkszahl

1,700
825
050
35  t
95
315
278
ICO
78

3700,000
2’200,000
2700,000
r350,000
302,000
880,000
980,000
600,000
258,000

5977  Quadr.-Meil.  und  14’320,000  Menschen.  Nachdem  Napoleon
einen  Theil  von  Westfalen  und  die  Ilerzogthümer  Oldenburg  und
Ahremberg  an  sich  gerissen  und  mit  Frankreich  vereinigt  hatte,  betrug ­
  der  Umfang  noch  5,384  Q.-Meih  und  die  Volkszahl  13’475,()()0,
Bestandt  heile.
Staaten
(Zeit  ihres  Beitritts  zum  Rheinhunde)
•f  1.  Bayern,  Königreich  ....  über
2.  Westfalen,  Königr.  (nach  der  Jenaer  Schlacht)
3.  Sachsen,  Königreich  (11.  Dez.  1800)
f  4.  Württemberg,  Königreich
t  5.  Frankfurt,  Grosshcrzogtluim
t  6.  Berg,  Grossherzogtlium  .
t  7.  Baden,  Grossherzogthum
f  8.  Hessen,  Grossherzogthum
9.  Würzburg,  Grossherzogthum  (3.  Oct.  1800)
f  10.  Nassau-Usingen,  Herzogthum  |
f  11.  Nassau-Weilburg,  -  Í  ’  ’
•f  12.  Hohenzollern-Hechingen,  Fürstcntlnim  .
113.  „  Sigmaringen  „
f  14.  Salm-Salm  „  J
115.  Salm-Kyrburg  „  I
116.  Isenburg-Bartenstein  „
f  17.  Liechtenstein  „
f  18.  Leyen  „
19.  Sachsen-Weimar,  Herzogthum
20.  „  Gotha  „
21.  „  Coburg  „
22.  „  Meiningen  „
23.  „  Hildburghausen  „
24.  —  26.  Anhalt,  3  Herzogthümer  (18.  Ajtril  1807)
27.  u.  28.  Lippe,  2  Fürstenthümer  (ditto)
29.  u.  31.  Rcuss,  3  Fürstenthümer  (ditto)
32.  Waldeck,  Fürstenthum  (ditto)
33.  Schwarzburg,  2  Fürstenthümer  (18.  April  1807)
34.  Mecklenburg-Strelitz,  Herzogth.  (18.  Fcbr.  1808)
35.  „  Schwerin  „  (22,  März  1808)
Vorstehende  Schätzungen  ergeben  ungefähr

(Beitritt
am
15.  Dez.  1806)

80  280,000)
14,0001
38,000  (
55,0001
46,0001
5,0001
125,000
160,000
75,000
50,000
25,000
120,000
85,000
72,000
55,000
110,000
70,0001
350,666I

20
29
15

36
45
28
18
12
46
28
28
21
33
47
244

Contingent ­

30,000
25,000
20,000
12,000
5,000
8,000
4,000
2,000

4,000

2,800

800
650
450
400
600
2,300

5,200  14700,000  118,000

Bemerkungen.
1)  Bayern.  Dazu  gehörten:  Tirol,  Vorarlberg,  Salzburg,  das  Inn-  und  Hausruckviertel;
  —  nicht  dazu:  Würzburg,  Aschaffenburg  und  die  Pfalz.  Der
wirkliche  Militärstand  stieg  bis  auf  47,000  Mann.
2)  Weetjalen.  Nach  der  Jenaer  Schlacht  gebildet,  gehörten  dazu  Imndestheile
von  Kurhessen,  Braunschweig,  Hannover;  Magdeburg  (links  der  Elbe),
Halberstadt,  die  Alpnark,  Paderborn,  Minden  etc.  Als  es  am  grössten,
umfasste  Westfalen  1120  Q.-Meil.  und  2%Mill.  Einw.  (König:  Hieronymus
Napoleon.)  Der  wirkliche  Militärstand  überstieg  30,000  Mann.
5)  Frankfurt.  Dazu  gehörten:  Frankfurt,  Aschaffenburg,  Fulda  und  Hanau.  —
(Grossherzog:  der  Erzkanzler  Dalberg;  sein  Nachfolger  sollte  Napoleons
Stiefsohn,  Eugen  Beauharnais,  werden.)
6)  Berg.  (Grossherzog  war  ursprünglich  Napoleons  Schwager,  Murat;  1808  gab
der  franz.  Kaiser  das  Land  an  den  ältesten  Sohn  seines  Bruders  Ludwig
[König  von  Holland],  und  da  dieser  noch  ein  Kind,  so  bestand  eine  vormundschaftliche ­
  Regierung.)
9)  Würzhurg.  (Grossherzog  :  der  frühere  Grossherzog  von  Toscana.)
        <pb n="161" />
        DEUTSCHLAND  —  Bayern  (Land  und  T^eute).

145

Die  einzelnen  Staaten  De.ntschlands.

1.  Oesterreich  (Kaisertlmm).
(Siehe  Seite  90—110).
2.  Preusseil  (Königreich).
(Siehe  Seite  110—127).
3.  Bayern  (Königreich).
Bevölkerung
Regierungsbezirke  Q.-M.  'la  18  ISMqI.M.®
Oberbayern  ....  309  585,467  734,831  744,151  2408
Niederbayern  ....  195  450,895  549,596  554,013  2841
RMz  IMI  6^^
Oberpfalz  und  Regensburg  .  175  403,481  468,479  471,900  2696
Oberfranken  .  .  .  .  125  394,954  499,709  499,913  3999
Mittelfranken  ....  139  437,838  533,830  533,587  3119
Unterfranken  und  Aschaffenburg  162  501,212  595,748  589,076  3636
Schwaben  und  Neuburg  .  174  487,951  565,783  561,576  3227
1387  3’707,966  4’559,452  4'541,456  3274
Die  Familienzahl  war  bei  der  Zählung  vom  Dez.  1855:  1'074,824.
Es  kamen  sonach  4,22  Personen  auf  die  Familie.  Dem  Militärstande
beigerechnet  wurden  96,530  Individuen.  —  Es  kommen  in  Bayern
durchschnittlich  iin  Jahre  (nach  Hermann)  :
Trauungen;  1  auf  152  Einw.  (in  der  Pfalz  1  auf  130  Einw.)
Geburten:  353  -  10,000  -  -  406  -  10,000
Sterbfälle:  285  -  -  253  -  -
Auf  100  Knaben  bei  den  ehelichen  Geburten  93  Mädchen,
-  unehelichen  96
Verhältniss  der  Geschlechter  :  490  männl.  zu  510  weibl.  Einw.  (Folge  der
grösseren  Sterblichkeit  der  Knaben  und  der  härteren  Arbeit  der  Männer.)
Bevölkerungszunahrne  :
1840
1843

1815  (ungenau)  :  3’560,000
1818:  3707,966
1834:  4’246,778
Es  ergab  sich  sonach

4’370,977
4’440,327
4'504,874
letzten  Zählung

1849
1852
1855
eine  ansehnliche

4’520,751
4’559,452
4541,556

1846
bei  der
Verminderung.  Diese  rührt  hauptsächlich  von  der  Pfalz  her.
Gerade  hier  hatte  früher  die  Einwohnerzaid  weitaus  am  meisten  zugenommen. ­
  Sie  war  sogar  während  der  napoleonischen  Kriege  gestiegen. ­
  1814  umfassten  die  Gemeinden,  welche  jetzt  den  Pfalzkreis
bilden,  erst  429,095  Menschen;  1849  aber  010,370.  Die  neuesten
Zählungen  ergaben  (soweit  constalirt,  zum  ersten  Male  seit  Jahrhunderten!) ­
  eine  Verminderung,  und  zwar  um  die  enorme  Menge  von
24,142  Menschen  blos  innerhalb  der  3  letzten  Jahre  !
Áusivanãenmg.  Bis  1830  war  die  Zahl  der  Einwanderer  in
Bayern  jener  der  Auswanderer  etwa  gleich  (in  der  Pfalz  sogar  stärker).

Dann  :

Einwanderer
1830—35  durchschnittlich  278
1835—43  -  1,080
1843—51  -  933
1835—51  im  Ganzen  16,114

Auswanderer

2,107
5,356
11,282
132,788

430  fl.
313  -
233  -
258  -

Vermögen  der  Einwanderer  in  der  letzten  Periode  durchschnittlich  889  fl.
lÜ
        <pb n="162" />
        146

DEUTSCHLAM)  —  Bayern  (Land  und  Leute).

lui  Jahre  1852  stieg  die  Zahl  der  Auswanderer  hlos  nach  Amerika
auf  19,443,  durchschnittlich  mit  225  H.  Vermögen  (zusammen  also
mit  beinahe  5  Mill.).  Hievon  kamen  7499  Auswanderer  auf  die  drei
fränkischen  Kreise.  —  Aus  der  Pfalz  wandorten  aus  :

1852  :  8,908  Fers,  mit  2’024,000  il.  Vermögen
185.3:  9,497  -  -  1’578,000  -  -  (dav.  lieiml.  Answand.  4295)
1854;  9,47.3  -  -  1’707,000  -  -  5047
Zus.  in  .3  Jahren  27,878  Fers,  mit  5’.309,000  fl.  Vermögen.  (ln  2  Jahren  9.34  I)

Die  heimlichen  Auswanderungen  fanden  beinahe  sämmtlich  von
jungen  Männern  statt,  welche  sich  der  Conseriptionslast  entziehen
wollten.  Die  Zahl  der  bereits  Eingereihcten,  welche  desertirten  und
auswanderten,  ist  nicht  eingerechnet.
Coufessionen.  Man  zählte  1852:  Katholiken  3M  70,333,  Protestanten ­
  1’233,894  (nämlich;  Lutheraner  900,380,  lieformirte  2431,
und  Unirte  in  der  Pfalz  325,077),  Mennoniten  und  Griechen  5,500,
Juden  50,033.  Die  meisten  Lutheraner  leben  in  Mittelfranken  (408,91  1)
und  Oberfranken  (280,223),  die  wenigsten  Protestanten  in  Niederbayern
(2092)  und  Oberbayern  (11,959).  Die  Juden  sind  am  zahlreiclisten
in  Unterfranken  (15,834),  der  Pfalz  (15,000)  und  Scliwaben  (0305),
am  wenigsten  zahlreich  in  Niederbayern  (10),  der  Oberpfalz  (910)  und
Oberbayern  (1218).  Die  meisten  Mennoniten  sind  in  der  Pfalz  (3384).
Städte.  Es  gibt  8131  Gemeinden.  Diese  bestehen  aus  232  Städten,
417  Märkten,  22,383  Dörfern  und  Weilern,  und  21,584  Einöden  und
Mühlen.  Bevölkerung  1855:  München  132,113  Einwohner  (mit  den
früher  nicht  dazu  gerechneten  Gemeinden  Au  etc.;  1780  blos  37,200;
1810:  00,000;  1852;  100,715).
Nürnberg  .  .  .  .  50,.398
Augsburg  ....  40,095
Wurzburg  ....  .32,598
f  liegensburg  .  .  .  25,792
Bamberg  ....  22,391
f  Bayreuth  ....  17,372
Fürth  17,341
Ingolstadt  ....  15,025
f  Ansbach  ....  11,975
Die  mit  f  bezeichneten  Städte  hatten  bei  der  Bevölkerungsaufnahme  von
1855  gegen  52  eine  Verminderung  der  Einwohnerzahl.
Gebietsveränderunyen.  Nachdem  in  Folge  Ablebens  des  Kurfürsten
Max  Joseph  III.  (20.  December  1777)  und  des  Teschener  Friedens
(13.  Mai  1779)  die  Rheinpfalz  und  Bayern  vereinigt  worden,  war  der
Bestand  des  Pfalz-Bayerischen  Churstaats  vor  der  Revolution:

Speyer  (1852)  .  .  11,749
Landau  (1852)  .  •  11,054
Fassau  ....  11,540
t  Landsliut  ....  11,.310
Kaiserslautern  (1852)  11,196
Amberg  ....  10,83.3
f  Erlangen  ....  10,709
Straubing  ....  10,00.3

1.  Bayern,  a.  Ilcrzogthum  Bayern
b.  Oberpfalz
c.  Fürstenthum  Neuburg
d.  -  Sulzbach
2.  Unter-  oder  Eheinyfalz
.3.  Herzogihtmi  Jülich  und  Bergen
Es  gehörten  zur  Rheinpfalz  :
Theile  des  jetzigen  Pfalzkreises;  -

Q.-M.  Einw.
570  990,000  \  Q.-M.  EInw.
130  175,000  y  04  r.300,000
52  92,000  (  ’
26  4.3,000  )
150  400,000
.  130  400,000
Zusammen  1,064  2’100,000
Mannheim,  Heidelberg  und  einige
-  zu  Jülich  und  Berg;  Düsseldorf,
        <pb n="163" />
        DEUTSCHLAND  —  Bayer«  (Finanzen).

147

Elberfeld,  Solingen,  Kaiserswerth  und  Düren.  —  Durch  den  Lnneviller
  Frieden,  1801,  verlor  Bayern  die  Rheinpfiilz,  Jülich  nnd  das  ihm
1795  anerfallcne  llerzogthum  Zweibrücken  (letztes  36  Q.-Meil.  mit
60,000  Einw.).  Es  erhielt  znr  Entschädigung  (Keichsde^iut.-Hauptschluss ­
  V.  25.  Fehl'.  1803):  die  Bisthümer  Bamberg,  Freising  und
Augsburg,  Theile  derer  von  Würzburg  und  Passau,  12  Abteien  und
15  Reichsstädte  (worunter  Ulm,  Kempten,  Memmingen,  Nördlingen,
Sehweinfurt).  Es  gewann  etwa  60  (j.-M.  und  110,000  Menschen.  —
Der  Presburger  Friede  (26.  Dez.  1805)  kostete  zwar  das  zu  einem
besondern  Staat  erhobene  Würzburg,  verschaffte  Bayern  aber;  den  Rest
des  Passauer  Gebiets,  Tyrol,  Vorarlberg,  die  Markgrafschaft  Burgau,
das  Fürstenthum  Eichstädt  und  die  Reichsstädte  Augsburg  und  Lindau ­
  ;  Gewinn  500  ().-Meil.  und  1  Mill.  Menschen.  1806  ward  das
Herzogthum  Berg  gegen  das  von  Preussen  abgetretene  Ansbach  vertauscht. ­
  (1.  Jan.  1806  nahm  der  Kurfürst  den  Königstitel  an;  1.  Mai
1808  Aufhebung  der  alten,  einst  mächtigen  Landstände.)  1808  hatte
Bayern  in  15  Kreisen  1636  Q.-Meil.  und  3’232,000  Einw.  —  Durch
den  Wiener  Frieden  (26.  Dez.  1809)  erlangte  der  Staat:  Salzburg,
Berchtesgaden,  das  Inn  viertel  und  den  grössten  Theil  des  Hausruckviertels, ­
  zus.  260  Q.-M.  und  410,000  Menschen,  gegen  einige  Abtretungen ­
  an  Württemberg  (Ulm)  und  an  Würzburg,  etwa  42  Q.-M.  mit
130,000  Einw.  —  1810  musste  Südtyrol  (180  ().-M.,  300,000  Einw.)
an  das  Königreich  Italien  abgetreten  werden;  die  Fürstenthümer  Bayreuth ­
  und  Regensburg  (90  Q.-M.,  270,000  Menschen)  mussten  als
Entschädigung  dienen.  —  Bayern  umfasste  nun  über  1700  Q.-M.  und
3’800,000  Menschen.  —  Zufolge  des  Rieder  Tractats  (8.  Oct.  1813),
der  Pariser  Friedensschlüsse  und  der  Wiener  Congresstractate  erhielt
Bayern  seinen  jetzigen  Bestand  :  es  musste  Tirol,  Vorarlberg,  Salzburg,
das  Inn-  und  Hausruckviertel  an  Oesterreich  zurückgeben,  und  erhielt
dafür  die  (ungenügende)  Entschädigung:  Würzburg,  Aschaffenburg  und
die  Rheinprovinz.  So  lange  die  Contiguität  der  letzten  mit  dem  Hauptlandc
  nicht  hergestcllt  ist,  bezahlt  Oesterreich  jährlich  100,000  fl.  rh.
—  Neue  Verfassung  vom  26.  Mai  1818.
Finanzen*  Budget.  Dasselbe  wird  auf  den  enormen  Zeitraum
von  6  Jahren  festgesetzt  —  auf  weit  länger,  als  in  irgend  einem  andern ­
  Staate  der  Welt  geschielit.  Jede  annähernd  genaue  Vorausberechnung ­
  ist  damit  an  sich  schon  zicmlicli  immöglicli  gemacht.  Das
Budget  für  die  VII.  Finanzperiode,  nämlich  für  die  Zeit  vom  1.  Oct.
1855  bis  Ende  Sept.  1861,  enthält  folgende  Ziffern:
Einnahmen.
1.  Directe  Steuern,  altes  Principale,  netto:  Grundsteuer  4769,619
il.,  Haus-  661,600,  Dominical-  1006,  Gewerb-  1’036,800,
Capitalrcnten-  5.31,596,  Einkommensteuer  316,800  =  .  fl.  7’317,421
II.  Indirecte  Auflagen:  Taxen  und  Enregistrement  3740,000,
Stemijel  1720,000,  Aufschlagsgefälle  (Malzaufschl.)  5700,000,
Zölle  5’250,000  15’810,000
HI.  Regalien  und  Staatsamtalten:  Salinen  2’525,000,  Bergwerke
rechts  des  Rheins  0,  in  der  Pfalz  180,000,  Eisenbahn  3  Milk,
Post  300,000,  Donaudampfschifffahrt  100,000,  Donau-Main-
        <pb n="164" />
        148

DEUTSCHLANT)  —  Bayern  (Finanzen).

kanal  50,000,  Telegraphen  -30,000,  Lotto  1’400,000,  Diverses ­
  27,887  fl.  7’612,887
IV.  Domänen:  Forsten  etc.  3'/g  Mill.,  Oekonornien  291,815,
Grundrenten  4’284,353,  Activcapitalzinsen  61,244  =  .  -  8’137,412
V.  Besondere  Abgaben  ........  24,650
VI.  Uebrige  Einnahmen:  Nürnberger  Bank  85,000,  Contiguitäts-Entsciiädigung
  von  Oesterreich  (siehe  S.  147)  100,000,  Steuerbeischlag ­
  in  der  Pfalz  100,000,  AVittwen-  und  AVaisenfonds-'
  beitrage  58,316,  diverse  Einnahmen  51,629  =z  .  .  -  394,945
VII.  Einnahme  von  Ausständen  aus  den  Vorjahren  .  .  -  300,000
VIII.  SteuerzuschUige:  bei  Grund-und  Doininicalsteuer  33'/,  Pro/.,
bei  Haussteuer  15,  Einkommen-  10,  Gcwerb-  und  Capitalrent
  cnsteu  er  5  Proz.  1’799,547
Zusammen  fl.  41’396,862
Ausgaben.
I.  Staatsschuld*)  .  fl.  12’719,300  XI.  Staatsanstalten**)  ñ.  7'7òí,07S
II.  Jlof  2’982,272  XII.  Kreisfonds  .  .  .  486,045
III.  Siuatsrath  ....  72,963  XiII.  Armee  ....  9’075,900
IV.  Landtag  ....  59,000  XIV.  Ijandbau  ....  624,393
V.  Aeusseres  ....  460,000  XV.  WiUw-Waisengtension.  626,000
VI.  Justiz  1  ’578,738  XVI.  Iteservefonds  .  .  675,000
VII.  Inneres  1’074.225  XVII.  Gerichtsorganisation  566,772
VIII.  Landgerichte  .  .  .  1’581,036  XV  HI.  Diverses  ....  22,717
IX.  Handel  u.  äff.  Arbeiten  225,563  Zusammen  4(’.396,862
X.  Finanzen  ....  815,860
Es  ist  vor  Allem  zu  bemerken,  dass  die  Netto-,  nicht,  wie
anderwärts,  die  Bruttosummen  eingesetzt  sind,  wonach  denn  auch  eine
einfache  Ziffcrngegeniiberstellung,  %.  B.  mit  dem  preussischen  Budget,
als  unzulässig  erscheint.  Um  obige  41*/;}  Mill,  in  die  Staatscasse  zu
liefern,  ist  die  Erhebung  von  ungefähr  (12—04  Mill,  erforderlich.  (Als
der  Finanzminister  den  Kammern  den  auf  42’G21,756  fl.  gestellten  Budget-Entwurf
  vorlegte,  berechnete  er  die  Bruttoeinnahme  auf  G5’24(),705,
worunter  allerdings  die  unvermeidlichen  Betriebsausgaben  für  Lotto,
Post  und  Eisenbahn.)  —  Bei  Festsetzung  des  vorigen  Budgets  (welches
noch  mit  der  bedeutend  geringem  Summe  von  37’591,090  fl.  abschloss)
hob  der  Verfasser  des  gegenwärtigen  Buches  in  der  Abgeordnetenkammer, ­
  und  zwar  ohne  irgend  einen  Widerspruch  zu  finden,  hervor
(siehe  stenogr.  Berichte  vom  Mai  1852):  „Wenn  man,  ganz  abgesehen
von  den  eigentlichen  Betriebskosten,  die  Besoldungen  der  Forst-  und
Rentbeamten  etc.  mit  in  Rechnung  bringe,  so  betrügen  die  Staatsausgaben ­
  beiläufig  42  Millionen.  Hievon  aber  nähmen  hinweg  (nach  den
Ziffern  der  definitiven  Budgetfestsetzung:)
die  Schuld  .  .  9’810,000  fl.  die  Civilbeamtcn  .  11’631,000  fl.
der  Hof  .  .  2’950,000  -  die  Geistlichkeit  f)  1’562,000  -
die  Armee  .  .  10’042,000  -  «Pege  5  Posten  allein  35’995,000  fl.'
*)  AVorunter  3’633,500  fl.  für  die  Eisenbahn-  und  1’017,800  für  die  Ablösungsschuld, ­
  dann  1’029,000  für  die  Pensionsamortisationscasse.
**)  1)  Erziehung  900,653,  2)  Cultus,  kathol.  1’195,275,  protestant.  375,436,
3)  Gesundheit  234,455,  4)  AVohlthätigkeit  209,440,  5)  Sicherheit  1’407,203,
6)  Industrie  und  Cultur  324,393,  7)  Strassen-,  Brücken-u.  AVasserbau  2’563,430,
8)  Leistungen  an  Gemeinden  99,052,  9)  Steuerkataster  375,000,  Münzanstalt
11,242,  11)  Feuerversicherung  48,000,  12)  Glasmalereianstalt  4000,  Porcellanmanufactur
  3500  fl.
f)  Es  sind  dies  natürlich  nur  die  Staatszuschüsse,  indess  sich  die  kathol.
        <pb n="165" />
        DEUTSCHLAND  —  Bayern  (Finanzen).

149

oder  beiläufig  36  Millionen.  Für  alle  übrigen  Staatsbedürfnisse
blieben  sonach  nur  6  Mill.,  und  auch  davon  könnten  wenig  über  3
Mill,  für  unmittelbar  productive  Zwecke  verwendet  werden.  Die
Pensionen  allein  (oben  eingerechnet)  verschlängen  über  3%  Milk“
Im  gegenwärtigen  Budget  ist  der  Bedarf  für  die  Schuld  um  fast
3  Mill,  jährlich  höher  angosetzt,  als  noch  im  vorigen  Voranschläge.
Diese  grosse  Vermehrung  rührt  theils  von  den  neuen  Anlehen,  theils
davon  her,  dass  man  400,000  fi.  Militärpensionen  auf  die  Pensions-Amortisationscasse
  übernahm,  wodurch  der  Militäretat  (scheinbar)  um
so  viel  verringert  ward.  Uebrigens  erhielb  das  Militär  von  1848—55
ausser  dem  Budgetansatze,  ausserordentlicher  Weise,  durch  Anlehen
noch  weitere  21’389,423  fl.  (Die  Expedition  nach  Kurhessen,  1850
und  51,  kostete  nach  den  ministeriellen  Vorlagen  an  die  Kammern
3’546,471  fl.  [ungerechnet  weitere  814,848  fl.  „für  vermehrte  Truppenhaltung ­
  im  Innern“],  wofür  ein  Entschädigungsanspruch  an  Kurhessen
erhoben,  von  diesem  aber  nicht  anerkannt  wurde.  Die  „Kriegsbereitschaft“ ­
  von  1855  soll  gegen  5  Mill,  erfordert  haben.  Für  die  militärische ­
  Hülfeleistung  in  der  Pfalz,  1849,  bezog  Preussen  262,500  fl.
Nach  einer  Berechnung,  welche  der  Verfasser  dieses  Buches  1851  in
der  Abgeordnetenkammer  vortrug,  waren  für  das  Heerwesen  von  1815
bis  50  über  300  Mill,  verwendet.  Zufolge  der  1856  aufgestellten
Berechnung  Lerchenfelds  hatte  die  Armeeverwaltung  blos  von  18'‘V48
bis  185l/gg  63’18l,9G2  fl.  ausgegeben).  —  Die  Pensionen  sind
wohl  nirgends  so  zahlreich  und  so  hoch,  als  in  Bayern,  und  der
Verfasser  konnte  in  der  Abgeordnetenkammer  ein  Beispiel  anführen,
in  welchem  ein  Mann  in  den  besten  Jahren,  der  Sohn  eines  ehemaligen
höhern  Beamten,  der  selbst  keine  Anstellung  sucht,  und  sich  im
Genüsse  eines  Jahreseinkommens  von  nicht  weniger  als  20—22,000  fl.
befindet,  mit  formellem  Rechte  als  „unversorgte  (vater-und  mutterlose) ­
  Doppelwaise“  vom  Staat  eine  Pension  von  700  fl.  bezieht.  —
Das  Cataster  hatte  schon  am  1.  Oct.  1853  19’155,031  Gulden  gekostet, ­
  und  zur  Vollendung  nahm  man  weitere  3  Mill,  in  Aussicht.
(Aus  den  Zinsen  dieses  Capitals  liesse  sich  ein  ansehnlicher  Theil
der  Grundsteuer  decken.)  —  Der  bayerische  Staat  erfreut  sich  übrigens
eines  bedeutenden  Domänen  bositzes,  nur  ist  der  Ertrag  geling  (es
liefern  z.  B.  die  rechtsrheinischen  Bergwerke  nicht  das  geringste  Reineinkommen; ­
  ebensowenig  das  Institut  der  Fohlenhöfe,  obwohl  dasselbe
im  Genüsse  von  19,369  Tagwerk  [etwa  DA  Q.-M.]  Grundeigenthums
und  eines  grossen  Inventars  sich  befindet).
Constitutioneller  Conflict.  Das  obige  Budget  ist  keineswegs  ein  in
allen  Consequenzen  allseitig  anerkanntes.  Die  Regierung  hatte  für  die
Armee  10’672  800  fl.  postulirt  ;  die  Reichsrathskammer  stimmte  unbedingt ­
  zu,  die'Abgeordneten  aber  verweigerten  diese  Bewilligung,  nicht

Kirche  im  Besitze  ansehnlicher  Reichthümer  befindet  (nach  ministerieller  Angabe
Personen  20,000  und  15,000  fl.,  3  Bischöfe  jeder  10,000,  die  3  andern  je  8000  fl
ausserdem  Palais.  Die  Domcapitel  kosten  überdies  an  Besoldung  etc.  187,600  fl.
        <pb n="166" />
        150

DEUTSCHIjAND  —  Bayern  (Finanzen).

nur  weil  Bayern  dem  deutschen  Bunde  hlos  bedingt  beigetreten,  unter
Wahrung  seiner  Souveränitätsrechte,  sondern  weil  der  Militärctat  auch
weit  höher  sei,  als  die  Bundesbeschlüsse  forderten.  So  kam  das  Budget
zu  Stande,  aber  mit  folgender  königl.  Erklärung  im  Landtagsabschiede
vom  1.  Juli  1856  (die  wir  hier  spocicll  aufneluncn,  da  ähnliche  coustitut.
Conflicte  gleichzeitig  auch  in  andern  Mittelstaaten  —  Hannover,  Württemberg ­
  etc.  —  auftauchen,  was  vielleicht  nicht  ganz  zufällig  ist):
„Missfällig  haben  Wir  entnommen,  dass  die  Kammer  der  Abgeordneten
der  Beschaffung  des  von  Uns  postulirten  und  auch  von  der  Kammer  der  lieichsräthe
  als  unvermeidlich  anerkannten  Bedarfes  für  die  active  Armee  ihre  Zustimmung ­
  nicht  ertheilt  hat.  —  Wir  werden  Unser  Kriegsministerium  anweisen,  alle
nur  immer  zulässigen  Ersparungen  eintreten  zu  lassen,  erklären  jedoch,  eingedenk ­
  Unserer  liegentenpflicht,  dass  es  unser  entschiedener  Wille  ist,  die  Armee
in  einem  der  Würde  Unserer  Krone,  der  Stellung  Bayerns  und  den  übernommenen
Bundespflichten  entsprechenden  Stande  zu  erhalten.  Wir  werden  daher  die
unabbrüchige  Bestreitung  der  hiezu  noth  wendigen  Ausgaben  anordnen, ­
  und  behalten  uns  vor,  an  den  nächsten  Landtag  die  dessfallsigen
Nachweise  und  die  erforderlichen  Vorlagen  wogen  Deckung  des  sich  ergebenden
Mehrbedarfes  gelangen  zu  lassen.“

Eisenbahnen.  Die  im  Betriebe  steheuden  Bahnen  sind  Staatseigeiithum
  (I27V2  Moil.),  mit  Ausnahme  der  Pfälzischen  (25  Meil.)
und  der  kleinen  Nüriiberg-Fürther  Bahn.  Die  Staatscasse  hatte  (nach
einer  ministeriellen  Vorlage  an  die  Abgeordnetenkammer  vom  Anfänge
1855)  für  Eisenbahnen  bereits  IUO'052,000  11.  aufgewendot.  Der  Berichterstatter ­
  der  Abgeordnetenkammer  hob  Folgendes  als  lieclmuugsergebnisse
  hervor  :
Jahr  Reinertrag

18%
i8'y^.

n.

ll»  —*  DO  /jQ  Kr.
659,030  -  -  1.  576/0  .
1’202,057  -  -  2.  329/,0  -
Der  Abgeordnete  Fürst  Wallerstein  berichtigte  jedoch  diese  ßerechnung,
  bei  welcher  das  Aidagecapital  zu  gering  angenommen,  dahin,
dass  die  reine  Lento  in  obigen  53  Jahren  nur  betragen  habe:  ^/g,  ^/g
und  IV2  Proz.  des  Anlagecapitals.  Allein  auch  hiebei  ist  nicht  einmal ­
  Rücksicht  genommen  auf  Abnützung  des  Bctriebsmaterials.  Im
Jahre  18-52/53  (dem  letzten,  worüber  den  Kammern  Rechnung  vorgelegt
  ward)  betrugen  die  Einnahmen  ‘3’887,0Î31  H.  (von  Personen
1’506,459,  von  Gütern  1’971,805),  die  Ausgaben  2’386,809,  so  dass
nur^  1’500,222  fl.  rein  verblieben,  also  etwa  l'/g  Proz.  des  Anlagecapitals. ­
  Obwohl  sich  die  Einnahmen  seitdem  erhöhten  und  das  Ministerium ­

  einen  3proz.  Ertrag  in  das  Budget  einsetzte,  so  drangen  die
Kammern  doch  darauf,  dass,  mit  Ausnahme  der  München-Salzburger
Bahn,  die  Herstellung  aller  weitern  Schienenwege  Privatgesellschaften
überlassen  werde.  In  keinem  andern  deutschen  Lande  gewähren  die
Bahnen  der  Staatscasse  eine  so  ungenügende  Rente,  obwohl  die  Preise
keineswegs  niedrig  gestellt  sind.
lelegraphie.  Im  Betriebe  238  Meilen.  In  der  vorigen  Finanzperiode ­
  wurden  640,000  fl,  für  Anlage  und  Unterhaltung  der  Anstalt
verwendet,  wozu  sodann  noch  weiter  200,000  fl.  bestimmt  wurden.
Im  Jahre  18^2/53  betrug  die  Zahl  der  Depeschen  blos  15,165,  wofür.
        <pb n="167" />
        DEUTyCIlLANI)  —  Bayern  (Finanzen),

151

nach  Abrechnung  von  2570  amtlichen,  54,630  h.  eingenommen  wurden,
indess  die  Kosten  sich  auf  93,935,  also  um  39,305  fl.  höher  beliefen.
18'53/g^  hatte  man  61,117  Depeschen,  worunter  aber  auch  nur  21,107
interne  Privatdepeschen,  letzte  mit  einem  Krtrage  von  27,328  fl.,
während  sich  die  Gesannnteinnahme  auf  108,121  fl.^  stellte.  (Welche
Unterschiede  gegen  die  Ergebnisse  in  der  kleinen  Schweiz  niit  ihrem
niedrigen  Tarife  von  nur  1  Frank  für  die  Depesche  !  Veigl  „Schweiz,  )
Donau-Mainkanid  („LudwigskanaP^).  Für  Herstellung  desselben  und
Ankauf  der  Actieu  von  Privaten  verwendete  der  Staat  17’433,760  fl.
Im  Jahre  1852  betrug  die  Roheinnahmc  163,692  fl.,  wovon  indess,
nach  Abzug  der  Betriebskosten,  nur  61,836  fl.  rein  verblieben,  sonach
eine  Jahres  rente  von  wenig  mehr  als  %  Proz.  Die  Länge  des  Canals
ist  23V2  Meil.;  er  hat  100  Kammerschleussen.
Donau-Dampf  Schiffahrt.  Nachdem  eine  Privatgesellschaft,  die  das
Unternehmen  begründet,  dabei  zu  Grunde  gegangen  war,  kaufte  der
Staat  dasselbe  an  sich,  und  verwendete  darauf  bereits  2T40,000  fl.
ln  den  3  Jahren  IS^Vsü—^‘42  ergab  sich  ein  durchschnittlicher  Reinertrag ­
  von  nur  941  fl.,  selbst  IS^Vss  9200  fl.,  wobei  die
Abnützung  des  Materials  nicht  einmal  mit  in  Anschlag  gebracht  ist.
Kreislasten.  Ausser  den  unmittelbar  durch  die  Staatscasse  bestrittenen ­
  Ausgaben,  müssen  deren  sehr  viele  für  Verwaltung,  Justiz,
Unterricht,  Wohlthätigkeit  etc.  durch  die  einzelnen  Regierungsbezirke
vermittelst  besonderer  Kreis-Umlagen  gedeckt  werden,  (Beischlagprozente
zu  allen  directen  Steuern,  in  den  7  altern  Kreisen  meist  6  bis  8  ,  in  der
Pfalz  nicht  weniger  als  50—54  Proz.,  —  zusammen  etwa  1'400,000  fl.,
wovon  gegen  450,000  blos  auf  die  Pfalz  tieffen.)
WAere  Vor  der  französischen  Revolution
wurden  die  Einkünfte  auf  10  Mill.  fl.  geschätzt.  Die  Steuern  waren
in  Bayern  nicht  nur  freiwillige  Leistungen  der  Landschaft,  sondern  die
Steuercassen  standen  auch  nicht  unter  fürstlichen,  sondern  unter  eigenen
Landschaftsbeamten.  Von  1806—1819  waren  aber  sogar  die  Staatsrechnungen ­
  jeder  Volkscontrole  vorcnthalten.  Es  entstand  ein  grosses
Deficit  (was  wohl  mitwirkte  zur  Verleihung  der  Constitution).  Später,
in  den  1830er  Jahren,  erlangte  man  vermittelst  einseitiger  Festsetzung
des  Budgets  (und  Ersparung  an  Strassen  etc.)  sehr  bedeutende  „Erübrigungen,“
  welche  meistens  zu  Luxusbauten  verwendet  wurden.  Seitdem ­
  haben  die  Ueberschüsse  aufgehört.  Obwohl  die  Einnahmen  18%
die  Budgetansätze  um  4’770,89I  fl.  überstiegen,  schliesst  doch  die
Rechnung  mit  einem  Passivreste  von  1’083,834  fl.  ab.  (Lerchenfelds
Bericht  von  1856  über  den  Reichsreservefonds.)
i^chuld.  Dieselbe  entstand  grossentheils  durch  Ueberwälzen  der
Privatschuldcn  der  Churfürsten  auf  die  Landescassc,  was  sich  die
im  17.  und  18.  Jahrhunderte  zu  einem  blossen  Scheininstitut  hcrabgekommene
  Landesvertretung  meistens  nach  einigem  Widerstreben  gefallen ­
  Hess.  Zur  Deckung  ward  der  „Malzaufschlag“  eingeführt,  anfangs
in  geringem  Betrage.  Auf  einigen  der  neu  erworbenen  Gebiete  lasteten
manche  Schulden,  indem  das  zugleich  mit  überkommene  Activvermögen,
dabei  die  Güter  der  eingezogenen  Klöster,  grossentheils  verbraucht,
        <pb n="168" />
        lo2  DEUTSCHLAND  —  Bayern  (I’inanzen).

wohl  auch  Vieles  veruntreut  ward,
gehäuft  :
1801  3  Mill,  zu  6%  (Lit.  A)
Va  •  -  ^‘/i
1802  1  -  -  5
1804  V2  •  -  5
*  1  -  -  5
1806  450,000  fl.  zu  5
1808  4  Mül.  zu  6  (Lit.  B)

Anlehen  wurden  auf  Anlehen

1809  8760,900  zu  (Zwangsanlehen)
D600,000  Liv.  tourn.  Cassenbons
1810  25  Mill.  Fr.  für  die  Dotationen
Napoleons  in  Bayern.
-  1’300,000  fl.
-  1’000,000  Fr.

Vngeachtet  dieser  Schuldanhätifung  hatte  inan  Millionen  von  Zinsrückständen; ­
  die  Zahlungsrückstände  für  den  laufenden  Dienst  betiugen
  sogar  über  19  Mill.  Man  gab  6  Vo  Cassenanweisungen  aus,
an  denen  aber  sogleich  20%  verloren  wurden.  In  der  Folge  sank
der  Cours  der  6%  Papiere  auf  50.  —  1812  Versuch  der  Kinissiou
eines  Lotterieanlehens  von  12  Mill,  zu  4%  verzinslich  und  von  (i
Mill,  unverzinslieh.  Da  dieser  Versuch  misslang,  1815  abermals
Zwangsanlehen,  unter  Beibehaltung  des  Lotterieanlehens  von  5  Mill,
zu  5  %.  Am  1.  October  1811  betrugen  die  anerkannten  Schulden
118^230,605  fl.;  es  sollten  nun  jährlich  3'050,000  11.  für  Verzinsung,
1'550,000  für  Tilgung  verwendet  werden.  Wirklich  ward  selbst  während ­
  des  russischen  Krieges  etwas  abbezahlt.  Ungemeine  Ausgaben
eifolgten  1815,  da  Bayern  gleichsam  als  Grossmacht  aufzutreten  suchte.
Nach  den  Pariser  Friedensverträgen  erhielt  der  Bayerische  Staat  (l’état)
von  den  franz.  Deiensionsgeldern  lo,  von  den  Contributionsgeldern  25V2
Mill.  Fr.  Allein  die  Verwendung  ist  nur  theilweise  bekannt,  da  die
Regierung  auch  in  der  b  olge  jeden  Rechnungsnachweis  aus  der  vorconstitutionellen
  Periode  verweigerte.  (Der  bekannte  Rudhart  erklärte,
laut  Protokolls  der  Abgeordnetensitzung  vom  4.  Oct.  1831,  König
Max  I.  habe  u.  a.  durch  Urkunde  vom  24.  .Januar  1816  hievon
2  00,000  fl.  an  die  Königin  und  seine  Töchter  verschenkt.  Dagegen
übernahmen  die  Kammern  noch  1822  955,000  fl.  Privatschulden  des
nämlichen  Königs  auf  die  Staatscasse,  welche  er  von  Ludwig  dem  XVI.
geliehen  hatte.)  Die  Verwendung  von  Staatsgeldern  für  das  s  g
„griechische  Aiilehen«  erschien  vor  1849  niemals  auch  nur  mit  dem
geiingsten  Betrage  in  den  veröffentlichten  Staatsrechnungeii.  Der  Verfasser ­
  dieses  Buches  brachte  als  Abgeordneter,  in  seinem  Vortrage
Namens  des  Finanzausschusses  vom  5.  März  1849,  das  ganze  Ver
hältniss  zum  ersten  Male  an  die  Oeffentlichkeit.  Er  wies  eine  Forderung
des  Staates  au  den  von  der  Regierung  zurückgetretenen  König  Ludwig
nach,  im  Betrage  von  1'529,333  fl.  (Siehe  die  amtlich  bekannt  g^
machten  „Verhandlungen  der  Kammer  der  Abgeordneten  des  Landtags
von  1849“,  Beilagenband  I.  S.  205  f.)  Der  genannte  Fürst  fand  sich
unter  den  damaligen  Verhältnissen  veranlasst,  der  Staatscasse  diese
umme  zu  ersetzen,  so  dass  also  eine  Forderung  dafür  nicht  mehr
besteht.

Beim  Beginne  der  constitutioneilen  Periode,  1818,  ward  die
Staatsschuld  auf  105  Milk,  mit  den  Zinsrückständen  auf  107’722,658  fl.
berechnet.  Alljährlich  sollten,  ausser  den  Zinsen,  V3  Proz.  getilgt
werden.  Indessen  kamen  nun  fortwährend  „Einweisungen  aus  älteren
        <pb n="169" />
        DEUTSCHLAND  —  Bayern  (Finanzen).

153

Rechtstiteln“  (worunter  ungefähr  8V2  Abfindung  der  Ansprüche ­
  des  Prinzen  Karl  auf  eine  ehemalige  Secundogeniturdotation,
welche  bereits  früher  mit  dem  Staatsgute  wieder  vereinigt  worden
war,  und  was  man  durch  Civilliste  und  die  Appanage  des  Prinzen
beseitigt  geglaubt  hatte).  So  ward  die  Staatsschuld  folgendermassen
berechnet  ;
1820  110  Mill.  1830  128  Mill.  1839  125%  Mill.

1825  111%  -  1831  132  -  1840  128
1820  122%  -  1834  131  -  1847  126
Seit  1847  erstand  eine  „neue  Schuld“,  nämlich  :
laut  Gesetz  vom  30.  Nov.  1847,  Arrosirungsanlehen,  4%  .  .  lO'/j  Mill.
12.  Mai  1848,  erstes  Subscriptions-Anlchen,  5  %  7
23.  Dec.  1849,  zweites  ditto  ....  7
22.  Mai  1850,  drittes  ditto  ....  7
30.  Juni  1850,  Eisenbahnanlelien,  5  %  .10
28.  Juli  1850,  Arrosirungs-(Deficit-)  Anl.,  4'/j  %  2*/*
31.  März  1852,  Anlehen,  4%  %  .  .  .  5
22.  Febr.  1855,  „Militäranlehen,“  (à  94%)  4%  %  6%

Allerdings  darf  nicht  übersehen  werden,  dass  die  beiden  ersten
Subscriptionsanlehen  beim  Beginne  des  Rechnungsjahres
auf  260,000  fl.  abgetragen  waren.  Die  neuzeitliche  Vermehrung  der
Schuld  wurde  keineswegs  ausschliesslich  durch  den  Eisenbahnbau,
sondern  nebst  diesem  zumeist  durch  den  Militäraufwand  veranlasst.
Die  „Grundrentenentschädigung“  wird  besonders  behandelt.  Zufolge  Gesetzes ­
  von  1848  übernahm  die  Staatscasse  hiefür  enorme  Leistungen,  wogegen ­
  sie  allerdings  bedeutende  (doch  nicht  ganz  entsprechende)  Activa
erwarb.  Nach  dem  Berichte  des  Commissars  der  Abgeordneten-Karamer
bei  der  Schuldentilgungsanstalt  hatte  die  gesammte  Staatsschuld  am
1.  October  1855  folgenden  Bestand;
1)  alte  Schuld  107’629,295  fl.  4)  Eisenbahnschuld  72’237,300  fl.
2)  neue  -  19’916,669  -  5)  Grundrentenschuld  102’755,225  -
3)  Militaranlehen  6’421,113  -  Zusammen  308’959,602~fl.
(Allerdings  besitzt  Bayern  verhältnissmässig  mehr  Domänen  etc.  als  Preussen;
im  Verhältniss  zu  diesem,  das  nur  248  Mill.  Thlr.  Schulden  hat,  ist  aber  Bayern
sehr  stark  mit  solchen  belastet;  ja  sogar  im  Vergleiche  zu  Oesterreich.)  —  Obige
8.  g.  „  Eisenbahnschuld  “  wurde  indess  nicht  vollständig  durch  Eisenbahnbauten
veranlasst,  sondern  es  wurden,  laut  der  ministeriellen  Kammervorlage,  davon
u.  a.  auch  verwendet:  1’200,000  fl.  für  die  Donaudampfschifffahrt,  1’003,628  fl.
für  den  Bau  des  „Industrieausstellungsgebäudes“  und  191,241  fl.  für  Deficitdeckung ­
  bei  jener  Industrieausstellung  (indem  die  Gesammteinnahmen  nur  69,285  fl.
betragen  hatten),  —  Verwendungen  ohne  vorgängige  Genehmigung  der  Kammern*).

*)  Es  verdient  Anerkennung,  dass  sich  das  bayerische  Staatsrechnungswesen
in  der  ausgezeichnetsten  formalen  Ordnung  befindet.  Allein  selbst  dabei  sind
Irrthümer  möglich,  wie  der  von  dem  Abgeordneten  Langguth  in  seinem  unterm
15.  Dec.  1855  erstatteten  Berichte  über  die  Militärrechnungen  (S.  5)  mitgetheilte.
Der  gedachte  Referent  bemerkte  nämlich,  dass  das  Militärinventar  von  18*2/5,
gegenüber  jenem  von  IS'^Vso  bedeutende  Werthminderung  ergab.  Er  erhielt
den  Aufschluss  :  Es  sei  dies  ein  Irrthum,  „weil  in  der  Nachweisung  über  den
Vermögensstand  mit  Schluss  des  Jahres  18^%Q  bei  Cap.  V.  §.  2  in  Folge  eines
erst  jetzt  entdeckten  irrigen  Seitenübertrags  in  dem  betr.  Hauptbuche  die  Summe
von  5’498,782  fl.  44  kr.  1  hl.  statt  der  richtigen  zu  3’498,782  fl.  44  kr.  1  hl.,
sohin  um  2  Millionen  zu  viel  in  Ansatz  gekommen  war.“  Es  möge  dies  mit
        <pb n="170" />
        154

DEUTSCHLAND  —  Bayern  (Militärwesen).

UlilUcirwcscii*  Formation.  Jälirliche  Aushebung  nach  dem  Loose
von  etwa  13,500  Männern  im  22.  Altersjahrc.  Stellvertretung  zulässig
(1850  1626  neue  Stellvertretungen,  1851  1445,  1852  1599,  1853
1299).  Dienstzeit  6  Jahre.  Der  hohe  Adel  ist  von  der  Dienstpflicht
befreit,  der  niedere  und  das  höhere  Beamtenthum  besitzen  das  Vorrecht, ­
  dass  ihre  Söhne  als  Cadetten  eintreten.  —  Freiwillige  Eintritte
durchschnittlich  etwa  500  (1850  814,  1851  659,  1852  417,  1853
503).  —  Auffallend  ist  die  Menge  der  Desertionen  :
1848  896  Mann  1851  767  Manu
1849  532*)  -  1852  906
1850  819  -  1853  765
*)  Ausserdem  2325  „FalmeuHüchtige“  (wclelie  an  dem  Aufstande  in  der
Pfalz  sich  betheiligten).
Das  liundescontingent,  ursprünglich  zu  35,600  M.  festgesetzt,
beträgt  nach  dem,  eine  allgemeine  Erhöhung  bezweckenden  Bundesbeschlusse
  vom  4.  Januar  1855:  llauptcontingent  41,533;  dann  Reserven ­
  11,867,  und  Ersatzmannschaft  5,933;  alles  zusammen  59,333.
Dazu  ein  vollständiger  Brückentrain  für  eine  Flussbreite  von  500  Fuss.
Obwohl  aber  jene  Gesammtsumme  kelnenfalls  sofort  gefordert  werden
kann,  ist  die  Formation  doch  noch  weit  grösser.  Wirk/icher  Bestand
(zufolge  der  1856  den  Kammern  gemachten  Vorlagen):
Leibgarde  der  Hartschicre  121  M.  3  Kog.  Artillerie  .  9,156  M.
16  Keg.  Linicninfantcric  45,520  -  1  -  Genie  .  .  1,006  -
6  Bat.  Jäger  .  .  5,682  -  1  Comp.  Ouvriers  .  205  -
2  Reg.  Cürassiere  .  2,134  -  2  Sanitätscompagnien  406  -
6  -  Chevauxlegers  6,396  -
Hiezu  die  Commandostellen,  die  Garnisonseompagnien  mit  1300
M.,  und  die  bei  der  Verwaltung  Verwendeten.  Gesammtstand  :  Ofliciere
2311,  Junker  314,  Unterofficiere  und  Gemeine  70,044  (präsent  28,001,
krank  946,  beurlaubt  41,097)  zusammen  72,669.  (Der  wirkliche  Stand
des  gesammten  Militärs  ward  in  den  Rechnungen  von  18^-/^^  sogar  zu
81,047  aufgeführt.)  —  Jedes  Infänterieroglment  umfasst  3  Bataillone,
jedes  Bataillon  5  Compagnien;  jedes  Cavallerieregiment  hat  6  Escadronen.
  Die  Artillerie  zerfällt  in  2  fahrende  Regimenter  =  30  Batterien ­
  und  2  Escadrons,  und  1  reitendes  Regiment  mit  4  Batterien.
Die  Genietruppen  sind  in  8  Compagnien  gctheilt.  -  Pferde:
der  Officiere  .  1383  der  Cürassiere  .  1344
des  Fuhrwesens  878  -  Chevauxlegers  4518
Zusammen  8123
Nach  einer  Verfügung  vom  Januar  1855  ward  die  Armee  um
16,290  M.  vermehrt,  (also  auf  weit  mehr  als  90,000  M.  gebracht);
die  über  den  frühem  Formationsstand  eingereihte  Mannschaft  soll
jedoch  nicht  uniformirt  und  exerciert  werden.  Von  dieser  „ciiigcrcilitcn
assentirten“  Mannschaft  wurden  zugctheilt  :  jedem  Infanterieregimente
600,  jedem  Jägerbataillone  100,  jedem  Cavallerieregimente  200  etc.  Als

zur  Rechtfertigung  dienen,  wenn  wir  (zumal  in  Staaten,  in  denen  weit  weniger
formale  Ordnung  herrscht  als  in  Bayern)  zuweilen  selbst  officielle  Ziffern  nicht
für  absolut  irrthumfrei  ansehen.
        <pb n="171" />
        DEUTSCHT.AND  —  Bayern  (Sociales).

155

man  aber  zur  Einreibung  schreiten  wollte,  fehlte  es  gerade  in  der
Hälfte  der  Regierungsbezirke,  nämlich  in  der  Pfalz,  Ober-  und  Unterfranken ­
  und  in  Schwaben,  an  der  nöthigen  Anzahl  junger  Männer,
um  das  Contingent  vollständig  stellen  zu  können,  —  grossentheils
Folge  der  heimlichen  Auswanderungen,  um  sich  der  Conscription  zu
entziehen.  (Nach  Massgabc  der  1832  und  1833  Geborenen  sollte  die
Pfalz  2211  M.  liefern;  cs  waren  aber  nur  noch  1218  vorhanden,
worunter  gerade  zumeist  die  Untauglichen.)  In  dem  den  Kammern
vorgclegten  Etat  ist,  da  eine  wirkliche  Einreihung  nicht  stattfand,
folglich  Kosten  nicht  erwachsen,  von  diesem  ganzen  Institute  der
„eingereihten  Assentirten“  keine  Rede.
Landwehr.  Dem  Gesetze  gemäss  soll  dieselbe  allenthalben  bestehen  ;
sie  ist  aber  thatsächlich  nur  in  den  grössern  Städten  und  ausserdem  auf
dem  Papiere  vorhanden  ;  in  der  Pfalz  fand  man  es  nicht  für  zweckmässig,
sie  auch  nur  dem  Namen  nach  zu  organisiren.  Die  Einrichtung  ist  jedenfalls ­
  dermalen  ohne  alle  praktische  Bedeutung.  (Auf  dem  Papiere  erscheint ­
  eine  Landwehr  von  54,410  M.  Infanterie  und  2600  Cavallerie.)
Festungen.  Ingolstadt  und  Germersheim  (beide  neu  erbaut,  erstes
mit  einem  Aufwandc  von  18  Va  Mill.,  letztes  mit  einem  von  etwa
13  Mill.),  Landau  (Bundesfestung,  im  Frieden  blos  von  Bayern  zu
besetzen).  In  Ulm  hat  Bayern  das  Mitbesatzungsrecht  (Neu-Ulm  liegt
auf  bayerischem  Gebiete).  Ausserdem  einige  kleine  festen  Punkte  :
Marienburg  bei  Würzburg  etc.
Geschichtliche  Notizen.  Die  Kriegsmacht  Pfalz-Bayerns  vor  1789
ward  auf  24,000  M.  berechnet,  wovon  jedoch  nur  7000  präsent  waren. ­
  Die  Kriege  zur  Rheinbundszeit,  1805,  7  und  9  (besonders  in
Tirol)  erheischten  viele  Menschenopfer,  und  wenn  auch  keine  bayer.
Truppen  nach  Spanien  gesendet  wurden,  so  ging  dagegen  im  Russ.
Feldzuge  fast  das  ganze  Contingent  von  30,000  M.  zu  Grunde.  Die
höchste  Formation  des  bayerischen  Heeres  betrug  ungefähr  47,000
M.,  also  selbst  in  der  Napoleonischen  Kriegszeit  wenig  mehr  als  die
Hälfte  der  jetzigen.  Nach  dem  Rieder  Vertrage  ungemeine  Anstrengungen; ­
  Vermehrung  der  Armee  auf  86,000  M.,  (freilich  ohne  damit
die  erwarteten  diplomatischen  Erfolge  erlangen  zu  können).
Sóplale  VerllciKiiissc*  Ueber  Ansässigmachung,  Gewerbsfreiheit
  u.  s.  w.  herrschen  in  den  Gebieten  links  und  rechts  des
Rheines  geradezu  entgegengesetzte  Principien.  In  den  7  älteren  Regierungsbezirken ­
  gelten  die  Grundsätze  der  Beschränkung,  in  der  Pfalz
(aus  der  Zeit  der  Vereinigung  mit  Frankreich  her)  jene  der  Freiheit.
—  In  den  erstbezeichneten  Gebictstheilen  hat  sich  nicht  nur  das
Zunftwesen  erhalten,  sondern  auch  (jedoch  erst  seit  der  2.  Hälfte  des
18.  Jahrhunderts)  das  System  der  Realrechte  ausgcbildet.  Zu  Anfänge ­
  des  19.  Jahrhunderts  (1802,  bes.  Verordnung  v.  1.  Dec.  1804)
suchte  man  diesen  Zustand  zu  brechen,  allein  nicht  durch  Einführung
voller  Gewerbsfreiheit,  sondern  indem  man  den  Gewerbsbetrieb  von
dem  bureaucratischen  Ermessen,  von  der  Ertheilung  einer  Concession
durch  die  Behörden,  abhängig  machte,  und  solche  Concessionen  in
grosser  Anzahl  verlieh.  Durch  Verordnung  vom  2.  Oct.  1811  ward
        <pb n="172" />
        156

DEUTSCHLAND  Bayern  (Sociale  Verhältnisse).
den  betheiligten  Meistern  wieder  eine  Einwirkung  gestattet,  durch
Gesetz  vom  11.  Sept,  und  Vollziigsinstructiou  vorn  28.  Dec.  1825
hmgegen  das  Concessionswesen  auf  den  Gipfelpunkt  gebracht.  Fast
bei  allen  Gewerben  ward  der  Betrieb  von  der  Erlangung  einer  obrigkeitlichen ­
  Concession  abhängig  gemacht;  der  Nahrungsstand  sollte
dabei  berücksichtigt,  Nachweis  der  Befähigung  gefordert  werden.  Jla
man  die  Untheilbarkeit  der  Güter  beibehielt,  so  ward  ein  grosser  Theil
der  sonst  Ackerbau  treibenden  Bevölkerung  künstlich  dem  Gewerbstande
  zugedrängt.  Dazu  Unkenntniss  und  Missgriffe  der  überdies
durch  Schreibereien  aus  dieser  Veranlassung  beinahe  erdrückten  Beamtem ­
  Die  allgemeinen  Klagen  führten  zur  Verordnung  vom  23.  Juli
1834,  wonach  der  Nahrungsstand  der  vorhandenen  Meister  mehr
beachtet  werden  sollte.  —  Die  Pfalz  behielt  unterdessen  hierin  die
französische  Gesetzgebung.  Die  Verschiedenheit  dieser  Principien  in
einem  und  demselben  Staate  fordert  zur  Vergleichung  der  hervorgetretenen ­
  Resultate  auf;
Gütertheilbarkeit  in  der  Pfalz,  Gebundenheit  in  den  7  andern  Kreisen. ­
  Cerealienproduction  auf  die  Quadratmeile  :
in  &amp;lt;ier  Pfalz  in  den  andern  Kreisen
nach  dem  Areale  überhaupt  .  .  12,320  6,811  Schaff.
„  „  cultivirten  kmÚG  .  .  24,800  11,908
K  r,  Ertrage  des  ausschliesslich  dem
Getreidebau  gewidmeten  Areals  .  49,600  17,731
Dabei  produzirt  die  Pfalz  verhältnissmässig  am  meisten  Kartoffeln, ­
  Wein,  Tabak,  Krapp.  (Berechnung  des  fränkischen  Abgeordneten
Dr.  Müller  v.  1840.)
Gewerbfreiheit.  Bei  consequenter  Durchführung  des  Prinzips  freier
Bewegung  entsteht  weniger  ein  unnatürliches  Zudrängen  zu  den  Gewerben ­
  ,  als  bei  dem  bureaucratischen  Concessionswesen.  Es  kamen
1840  je  100  Gewerbe  in  der  Pfalz  auf  1687,  in  den  andern  Kreisen
schon  auf  1660  Einwohner.  (In  dem  der  Pfalz  benachbarten  Baden,
wo  gleichfalls  keine  Gewerbfreiheit,  kamen  bereits  1829  100  Gewerbe
schon  auf  1361  Bewohner.)  1847  waren  in  Bayern  287,359  Handwerker ­
  (Meister,  Gesellen,  Lehrlinge),  sonach  1  Handwerker  auf  14
Einwohner;  in  Preussen,  wo  prinzipiell  Gewerbfreiheit  besteht,  kommt
1  erst  auf  17,  wobei  aber  dennoch  die  Gewerbsproduction  eine  weit
höhere,  als  in  Bayern.  (Vergleiche  auch  „Kurhessen,“  wo,  bei  starrem ­
  Zunftzwange,  gleichfalls  1  Handwerker  schon  auf  14  —  15  Einwohner ­
  kommt.)  Nach  Hermann  hat  die  gewerbtreibende  Bevölkerung
in  ganz  Bayern  von  1840—52  um  71,118  Individuen  oder  nahezu
um  9  Prozent  abgenommen,  und  zwar  ausschliesslich  in  den  ältern
Kreisen.  „Es  sind  seit  1840  bis  1852  im  Ganzen  gegen  20,000
gewerbtreibende  Familien  mit  den  entsprechenden  Arbeitern  verschwunden, ­
  und  statt  ihrer  Producte  verbraucht  die  vermehrte  Bevölkerung ­
  nun  von  Andern  herbeigeführte  Waaren.“  Es  ist  dies  eine
Folge  davon,  dass  die  im  Innern  der  Orte  zunftmässig  und  bureaukratisch
  geschützten  Handwerker  die  Concurrenz  von  auswärts  nicht
zu  bestehen  vermögen,  welche  auswärtige  Coucurrenz  man  nicht  abhalten
kann,  die  vielmehr  bei  den  erleichterten  Verkehrsverhältnissen  täglich
        <pb n="173" />
        DEUTSCHLAND  —  Bayern  (Sociale  Verhältnisse).

157

gewaltiger  wird.  (Die  vor  Allen  durch  „Realreclite“  bevorzugten
Meister  zu  München  hatten  1852  über  4000  Gesellen  und  Lehrbur*
sehen  weniger,  als  12  Jahre  zuvor!  So  wird  sich  die  Frage  wegen
Aufhebung  der  „Realrechte“  freilich  am  Ende  von  selbst  lösen!)
Freiheit  der  Ammeigmadnmg.  Auf  je  100  Geburten  kamen  uneheliche: ­


Jahre
1847—25:
182ß—34:
1835—42:
1843—51:
Das  Verhältniss  würde

in  d.  and.  Kreisen
20,57
21,84
23,47
22,78

In  der  Pfalz
9,22
9^^
8^3
8^0
ein  absolut  viel  günstigeres  sein,  wenn
nicht  den  Militärpflichtigen  auch  in  der  Pfalz  das  lleirathen  unmöglich ­
  gemacht  wäre,  (ln  der  Stadt  München,  wo  das  Realrechtswesen
am  ausgebreitetsten,  überstieg  die  Zahl  der  unehelichen  Geburten
wiederholt  sehr  bedeutend  die  der  ehelichen.)  Von  100  unehelich
Geborenen  wurden  (von  1835  —  51)  durch  nachfolgende  Ehen  legitirnirt:
  in  der  Pfalz  297,  ln  den  andern  Kreisen  nur  144.
Ehescheidungen  kamen,  je  auf  10,000  Ehen
in  der  Pfalz  in  d.  and.  Kreisen
von  Katholiken  •  8  58%
von  Protestanten  29  89%
von  gemischter  Confession  .  .  61
Verbrechen,  ln  dem  7jährigen  Zeiträume  von  IS^Vas  bis
wurden  im  Ganzen  von  den  Gerichten  an  eigentlichen  Verbrechen
abgeurtheilt,  in:
Oberbayern  3487  Überpfalz  1499
Niederbayern  1798  Unterfranken  1236
Überfranken  1636  Mittelfranken  1212
Schwaben  1557  Pfalz  nur  528
■leiehe  Einwohnerzahl  kamen  Verbrechen  in:

Auf  eine

Überbayern  566
Niederbayern  378
Oberfranken  371
Überpfalz  364

Schwaben  315
Mittelfranken  263
Unter  franken  237
Pfalz  nur  100

(siehe  :  Annalen  der  Rechtspflege  in  der  kgl.  bayer.  Pfalz,  herausgegeben
  v.  Ileintz,  Damm  und  Weis,  1847,  2.  Heft,  wo  auch  eine  Menge
weiterer  Nachweise.)  Allerdings  hat  sich  dieses  Zahlenverhältniss  in
Folge  der  politischen  Ereignisse  von  1849  geändert  (ein  einziges  Ürtheil
  dos  Pfälzischen  Appellhofes  von  1850  erkannte  gegen  333  Personen ­
  Anklage  auf  Tod  wegen  Jlochvcrraths!)  Unverkennbar  ist  die
I-*falz  während  der  jüngsten  Zeit  in  ein  unnatürliches  Verhältniss  gekommen, ­
  wie  dies  namentlich  auch  die  furchtbare  Bevölkerungsabnahme ­
  ,  statt  des  frülicrn  colossalen  Steigens  der  Einwohnerzahl  zeigt.
Können  solche  exccptionellc  Verhältnisse  an  sich  nichts  beweisen,  so
kommt  dazu,  dass  die  Menge  der  gemeinen  Verbrechen  —  abgesehen
nämlich  von  den  llochverrathsprozessen  —  auch  jetzt  nicht  grösser
geworden.  Das  pfälzische  Strafgesetzbuch  ist  weit  strenger  als  das
altbayerische;  dennoch  betrugen  die  Verurtheilungen  wegen  eigentlicher ­
  Verbrechen  nach  dem  Berichte  des  Abgeordneten  Dr.  Edel
über  die  Gerichtsorganisation,  vom  November  1855:
        <pb n="174" />
        158

DEUTSCHLAND  —  Hannover  (Land  und  Leute).
18W/^,  18"/»  18«%,  18"/»
in  Oberbayern  128  104  122  140
in  Niederbayern  112  124  114  106
in  der  Pfalz  83  66  50  65
Von  je  1000  Einwolincrn  lebten  übrigens  (iiacli  Hermann)  :
1840  1852
von  Landwirthsebaft  657  679
von  Industrie  und  Handel  257  227
von  Renten,  Staatsdienst,  Kunst  54  55
im  Militär  14  19
conscribirte  Arme  18  20
Die  Zahl  der  Geistlichen  ist  bei  den  Katholiken  wie  1  zu  464  ,  bei  den  Protestanten ­
  1;'1013.
Münze,  Maasse,  Gewicht.  Der  rhein.  Gulden  zu  60  Krzr.,  die  Köln.
Mark  fein  zu  24'/%  ü.  ausgeprägt.  Der  Gulden  =  %  Th  Ir.  prense.,  (17%  Sgr.),
48,98  Krzr.  in  C.  M.,  oder  212,02  Cent,  (gewöhnlich  wird  der  berank  zu  28
Krzr.  gerechnet,  der  österr.  Zwanziger  zu  24  Krzr.,  obwol  der  Silberwerth  beider ­
  etwas  höher  ist.)  —  Der  bayr.  Fuss  =  0,9299  preuss.,  1,0187  Württemberg., ­
  1,1674  grossh.  hess.  Fuss  oder  29,18  Conti  met.  Die  Elle  =  1,249  preuss.
—  Das  Klafter  =  126  bayr.  oder  108  preuss.  oder  100  hess.-darmst.  Kubikfuss.
  —  Das  Tagwerk  =  400  Q,  Ruthen  oder  34,0727  Aren.  —  Die  Maass
=  0,9336  preuss.  Quart  oder  1,069  Liter.  Der  bayr.  Eimer  =  64  bayr.
Maass  oder  0,9958  preuss.  Eimer  oder  68,41  Liter.  —  Der  bayr.  Schäilel  =
4,0457  preuss.  oder  1,2546  Württemberg.  Schälfel  oder  222,35  Liter.  —  Das  iiayr,
Pfund  =  1,198  ältere  preuss.  oder  1,12  Zollpfund.  (In  der  Pfalz  besteht  im
Allgem.  noch  das  franz.-metrischc  Maass  und  Gewicht.)

4.  Mtllinover  (KünigrcicL).

Landdrosteien.
1.  Hannover
2.  llildesheim
3.  Lüneburg
4.  Stade
5.  Osnabrück
Aurich

Q.-M.
110
82
205
124
114
54

Berghauptmannschaft  Harz  12

Bevölkerung
Dec.  1852.
349,958
367,883
338,764
279,834
261,965
185,129
35,720

Geschlechter  (1848):
männlich  875,346
weiblich  883,501
Confessmmi  :
Lutheraner  1,494,033
Reformirte  95,220
Katholiken  217,367
And.  Christen  1,071
Juden  11,562
Städte.  Hannover  (Des

Auf  d.
Q.-M.
3,183
1,654
2,249
2,298
3,452
3,066
2,597

Zus.  701  1’819,253
Stadt-  und  Lamlbevölkerung  :
in  den  Städten  275,699
auf  dem  Lande  1’457,714
Frühere  Bevölkerung  :
1818  (Bundesmatrikel)
1823
1833  (1.  Juli)
1842
1848
1855,  mit  Vorstädten)

1’305,351
1’434,000
1’662,629
1’755,592
1’758,847
55,653  (1760:
12,8ÜÜ;

15,500),  llildesheim  16,000;  Göttingen  13,000  ;  Osnabrück
Lüneburg  12,500;  Celle  12,000;  Clausthal  10,000  Einw.
Besitzthumsveränder^ungen.  „Chur  -  Braunschweig-  Lüneburg“
fasste  1780  :

um-
        <pb n="175" />
        DEUTSCHLAND  —  Hannover  (Finanzen).

159

Fürsteutlium  Calenberg  (Hannover)
-  Grubenluigen
Lüneburg  oil.  Celle
11  erzogtlmm  Lauenburg
Bremen
bürstenlliuin  Verileii
Lanil  Hadeln
Üral'sclial't  Hoya
Dicjiliolz
Bentheim  (verpfändet)
Tlieile  der  Grafschaft  Hohenstein^
Zus.  ungefähr

Q.-M.
95
45
210
40
150
35
12
38
15
i)‘&amp;gt;

062

Bevölkerung
185,000
80,000
200,000
45,000
152,000
30,000
17,000
40,000
12,000
20,000
800,000

Andere  Bcrcclimingen  gingen  bis  auf  1  Mill.  Einw.  Das  Ganze
war  kein  Einheitsstaat,  sondern  die  einzelnen  l'lieile  besassen  sehr
verschiedene  Rechte.  —  Der  Luneviller  Friedensvertrag  anerkannte
Osnabrück  als  Bestandtheil  Hannovers.  1803  besetzten  franz.  Truppen
das  Land.  1805  Hess  sich  Preussen  durch  Napoleon  verleiten,  Hannover ­
  gegen  andere  Abtretungen  e  i  n  z  u  t  a  n  s  c  h  en.  1807  erklärte  Napoleon ­
  den  südlichen  Theil  (Göttingen,  Grubenhagen,  Clausthal),  —
anfangs  1810  aber  das  ganze  übrige  hannöv.  Gebiet,  Lauenburg  ausgenommen, ­
  als  Bestandtheil  des  neugebildeten  Königreichs  Westfalen.
Doch  incorporirtc  er  noch  im  nämlichen  Jahre,  nach  einer  willkürlich
gezogenen  Linie,  den  ganzen  nördlichen  Theil  dem  franz.  Kaiserreiche
selbst.  Es  gehörten  Bremen,  Verden,  Hoya,  Diepholz,  Nienburg  und
Lüneburg  zu  den  Departementen  der  Elbe-  und  der  Wesermündungen,
indess  Hannover  und  Celle  dem  westfälischen  Departemente  der  Aller,
Göttingen  jenem  der  Leine,  Grubenhagen  und  der  Harz  dem  des  Harzes
verblieben.  —  Der  Wiener  Congress  stellte  Chur-Braunschweig  als
Königreich  Hannover  wieder  her.  Es  wurden  zwar  das  domänenreiche
Lauenburg  und  die  Aemter  Klötze  und  Elbingerode  abgetreten,  dafür
aber  Ostfriesland,  Hildesheim,  Gosslar,  Lingen,  Aremberg-Meppen,  das
Eichsfeld  und  einige  westfälische  Parcellen  erlangt.  —  Indess  war
Hannover  der  That  nach  britisches  Besitzthum,  bis  nach  dem  Tode
Wilhelm  des  IV.  (1837)  die  Personalunion  aufhörte.
Verfassung.  Das  „Grundgesetz«  datirte  vom  26.  Sept.  1833.  Der
neue  König  Ernst  August  (bis  dahin  Herzog  vom  Cumberland)  hob
es  einseitig  auf  durch  Patent  vom  5.  Juli  1837.  Dann  „Landesverfassungsgesetz« ­
  vom  6  August  1840.  Aenderung  durch  die  Verfassuugsgesetzo
  vom  10.,  10.  und  20.  April,  5.  Sept,  und  20.  Oct.  1848.
Neue  Octroyirung  vom  1.  August  1855.
FlliailZiCll#  Budget.  Es  bestanden  einjährige,  die  neue  Octroyirung ­
  bestimmt  zweijährige  Budgets.  Das  Rechnungsjahr  beginnt  am
1.  Juli.  Das  neue  Budget  ist  beim  Drucke  dieses  Bogens  noch  nicht
zu  Stande  gebracht.  Die  Voranschläge  enthalten  nur  die  Nettosunnnen.
Die  Abschlüsse  stellten  sich,  in  Jhalern,  so:

Billiget  für  IS^Vss
-  18’'y5ß
BuilgotßuYwHy  -  18®®/57
-

Einnahme
8’930,375
@'070,235
9’597,049
@'839,730

Ausgabe
8’861,196
8'612,517
@'733,901
@'881,197

69,179  üeherschuss
457,718  „
136,852  Deßeü
41,467
        <pb n="176" />
        160

DEUTSCHLAND  —  Hannover  (Finanzen).

Dazu  sind  für  die  beiden  letzten  Jahre  je  600,000  Thlr.  „königlicher
Einkünfte“  zu  rechnen,  welche  von  dem  Ertrage  des  Staatsgutes  bereits ­
  von  vorn  herein  abgesetzt  und  somit  gar  nicht  mehr  in  die
Staatsrechnung  gebracht  werden  sollen.  Sonach  sind  die  Ausgaben  für
IS^VsT  um  mehr  als  1720,000,  für  IS'^/ss  um  fast  1*870,000  Thlr.
erhöht.  Während  man  bisher  immer  üeberschüsse  hatte,  stellen  sich
nun  zum  ersten  Male  Deficite  ein.  Um  eine  sofortige  Steuer-Erhöhung
zu  vermeiden  ,  sind  vorgeschlagen  ;
1)  Verbrauch  der  gesammten  bisherigen  Ueberschüsse  von  477(5,404  Thlr.,
2)  4procentige  Anleihe  von  694,000  Thlr.  bei  dem  sog.  Domanialablösnngsfonds,
3)  Verminderung  des  Schuldentilgungsbetrags  um  25.3,860  Thlr.,
4)  Verzinsung  der  Eisenbahnschuld  für  zur  Hälfte,  zu  einem  Viertheile ­
  (352,797  u.  176,398  Th.)  nicht  aus  dem  Ertrage,  sondern  aus  dem  Baufonds.
Diese  Manipulationen  erscheinen  um  so  bcdeidilicher,  als  eine
Verminderung  der  Einnahmen  in  Zukunft  zu  erwarten  steht.  Schwerlich
wird  Hannover  bei  Ablauf  der  Zollvereinsverträge  nochmals  ein  Hräcipuum
  von  500,000  Thlr.  z  agestan  den  erhalten.  Die  Wasserzölle
(333,000  Thlr.)  dürften  auch  bald  verschwinden  ;  die  Lotterieüberschüsse ­
  (55,000  Thlr.)  sollten  es  wenigstens.—  Die  Domänen  könnten
unter  anderer  Verwaltung  einen  hühern  Ertrag  liefern.
Die  wichtigsten  Ausgabepositionen  sind:
1)  ITof.  Civilliste  bisher  500,000  Thlr.  C.  M.  (513,888  Thlr.  Courant),  nach
dem  neuen  Budgetentwurfe  600,000  Thlr.  und  zwar  aus  den  Domänen  zu  dotiren.
  Dazu:  Zinsen  des  aus  der  „königl.  Kammer“  in  den  Jahren  1784—90
in  engl.  3proc.  Stocks  angelegten  Capitals  von  600,000  Pf.  Sterl.  (4’080,000  Thlr.)
und  ferner  Zinsen  des  Schatullencapitals  von  2’400,000  ;  endlich  Genuss  gewisser
Domänen;  überdies  Appanagen.

2)  Militär.  Der  ordentliche  Beitrag  soll  gerade  um  eine  Million,  nemlich
von  1’590,000  auf  2’590,000  Thlr.  erhöht,  und  damit  die  ganze  Ausgabe  des
Kriegsministeriums  auf  2’890,000  Thlr.  gebracht  werden.  (Die  „Kriegsbereitschaft“ ­
  kostete  ohnehin  ausserordentlicher  Weise  883,000  Thlr.)
3)  Schuld.  18*y55  waren  dafür  1'905,370  Thlr.  angesetzt.  (Lehzen,  „Hannovers ­
  Staatshaushalt,“  berechnet  den  künftigen  Bedarf  auf  2’300,000  Thlr).
4)  Besoldungen.  Diese  sollen  um  288,000  Thlr.  erhöht  werden;  namentlich
vergrösserte  man  die  Ministergehalte  von  4000  auf  6000  Thlr.  Schon  IS'^Vgg
vermehrte  man  die  Summe  der  Pensionen  um  59,050  Thlr.
Die  Fiiianzcommission  der  Abgeordiielenkarnmer  berechnete  das
Deficit  für  bereits  auf  743,511  Thlr.
Geschichtliche  Notizen.  Der  siebenjährige  Krieg  kostete  blos  die
„Schatzkas.se“  33*487,000  Thlr.,  abgesehen  von  allen  unmittelbaren
Opfern  und  den  Schulden  des  Landes.  Vor  der  franz.  Revolution
schätzte  man  die  Roheinkünfte  des  Staats  auf  ÕV2  Mill.  Die  Kosten
der  franz.  Occupation  vom  Juli  1803  bis  Ende  Nov.  1805  wurden  auf
26—27  Mill,  berechnet,  ungerechnet  die  ICinquartierungslast.  —  Gemäss
des  „Staat,sgrundgesetzes“  fand  mit  dem  1.  Juli  1834  die  Vereinigung
der  „königlichen  General-“  (Domänen-)  mit  der  „Generalstcuercasse“
Statt.  Es  ergaben  sich  netto:
1834  1841

Einnahme  Ausgabe
Domänencasse  3770,636  3794,726
Landescasse  3706,262  8*381,040
Zusammen  6*676,898  6*575,7(56

Einnahme  Ausgabe
8*018,740  3*068,826
8*720,182  3*603,420
6*738,872  6*672,246
        <pb n="177" />
        11

DEUTSCHLAND  —  Hannover  (Militärwesen).

161

Schuld.  Zu  Ende  des  Jahres  1854  wurde  dieselbe  zu  41’!23,370
Thlr.  berechnet,  wovon  allerdings  der  Staat  7’ö43,000  sich  selbst
schuldete.  Von  dieser  Sunnne  kamen  24’979,430  Thlr.  auf  die  Eisenbahnschuld, ­
  deren  Anfang  von  1845  datirt.  (1823  war  die  Schuld
18'379,354,  1834:  22'745,000,  1851  [1.  Oct.]  30'3G8,415.)  Das
wirkliche  Aulagecapital  der  Eisenbahnen  betrug  nach  einer  andern
Aufstellung  Ende  1854;  19’182,288  Thlr.,  und  der  reine  Ertrag  stellte
sich  iin  Rechnungsjahre  18'^%^  auf  E220,049  Thlr.  =  5,68  Rroz.
MilitflrwCiSCil*  Bildung  des  Heeres:  So  weit  nöthig  Conscription ­
  der  20jährigeu  ;  doch  findet  bei  den  Specialwaffen  meist  Wcrbimg
statt.  Dienstzeit  7,  bei  der  Cavallerie  10  Jahre.  Viele  Bauerssöhne
treten  freiwillig  in  die  Reiterei,  da  sie,  einmal  einexerciert,  mit  Uniform ­
  und  Pferd  entlassen  werden:  sie  müssen  das  letzte  zwar  unterhalten, ­
  dürfen  es  aber  auch  benützen,  und  bekommen'einen  Beitrag  für
Futter.  In  der  Regel  rücken  diese  Cavallcristeii  nur  zur  Exerzierzeit
wieder  beim  Regimenté  ein.
Stand.  Durch  die  neue  Formation  von  1855  ward  die  Militärmacht ­
  (bis  dahin  21,900  M.)  auf  folgenden  Stand  gebracht:
Infanterie:  8  Regirn.  zu  je  2  BatailL,  und  ferner  4  leichte

Bataillone;  jedes  BatailL,  ausser  Stab,  1009  M.,  in  4  activ  ‘  Reservisten
Compagn.  und  einer  Reserveabt.heilung,  zusammen  .  17,904  2,640
Cavallerie:  6  Regim.  (2  Cürass.,  2  Dragoner,  2  Husaren),
in  je  4  Escadr.,  das  Regim.  541  Mann,  einschliesslich
84  Reservisten  2,742  504
Artillerie:  2  Comp,  reitende,  3  BatailL  Fussartillerie,  jedes
BatailL  mit  3  Feld-  und  1  Pack-  und  Reservecomp.;  v  —  —  -
ferner  1  Handwcrkercomp.  von  210  M.  und  20  Reserv.  2,671
Ingenieureorps:  2  Compagn.  ......  257
Armeestaab  .........  40
Gesammtsumme  26,758

Feste  Plätze.  Stade  und  Harburg  (unbedeutend).
Geschichtliche  Notizen.  Vor  dem  7jährigen  Kriege  hatte  Hannover
5266  Reiter  und  14,137  M.  Fussvolk;  während  desselben  bis  zu
48,496  M.  Im  Jahre  1767  zählte  man  14,258  M.  Linie  (darunter
3559  Reiter  mit  2350  Pferden  in  13  Cav.-Regim.,  und  10,012  Mann
Fussvolk  in  22  Regim.!),  sodann  7,767  M.  in  den  Landregimentern
und  den  Garnisonscorps.  Von  1770—90  standen  hannoverische  Truppen ­
  für  Englands  Interesse  in  Gibraltar,  auf  Minorca  und  in  Ostindien  ;
doch  waren  cs  Geworbene.  1802  war  der  wirkliche  Bestand  der
Linientruppen  16,700  M.  Nach  den  Conventionen  von  Suhlingen  und
Artlenburg,  3.  Juni  und  5.  Juli  1803,  sollten  sie  auseinander  gehen,
doch  traten  viele  in  englische  Dienste,  und  die  vorzugsweise  aus  Hannoveranern ­
  gebildete  „Englisch-deutsche  Legion“  kämpfte  ruhmvoll  bei
Kopenhagen,  in  Spanien  und  1815  bei  Waterloo.  Allein  auch  der
neu  hcrgestellte  Staat  machte  1813—15  ausserordentliche  Anstrengungen. ­
  Man  brachte  das  Heer
1813  u.  14  auf  28,953  M.  mit  2099  Pferden,
1815  sogar  -  36,211  -  -  3022
1816  war  der  Bestand  noch  30,801  Mann,  welche  1'826,972  Thlr.
        <pb n="178" />
        162

DEUTSCHLAND  —  Hannover  (Sociale  Verhältnisse).

Cass.-Münze  kosteten;  1819  :  20,916  M.  mit  3434  Pferden,  und  einem
Geldbedarfe  von  1’886,6G7  Thlr.  Conv.-Münze.
Sociale  Veiiiältnisse#  Noch  ist  der  Adel  als  besonderer
Stand  vielfach  bevorzugt.  Er  besitzt  eigene  Rechte,  und  seine  Angehörigen ­
  erhalten  fast  ausschliesslich  die  wichtigsten  Stellen.  Die  grossen
Güter  werden  ungetheilt  erhalten.  Erst  seit  1831  sind  die  Feudallasten ­
  grösstentheils  (aber  um  den  25fachen  Betrag!)  loskaufbar  erklärt.
—  Im  Gewerbswesen  wurden  nach  Napoleons  Sturz  nicht  nur  die
Zünfte  wieder  hergcstellt,  sogar  unter  Restaurirung  der  Zwangs-  und
Bannrechtc,  sondern  man  fügte  auch  das  auf  der  Voraussetzung  einer
höhern  Standesweisheit  beruhende  bureaucratische  Con  cessio  nswesen
als  Zugabe  bei.  Die  Gewerbeordnung  vom  1.  Aug.  1847  beschränkte
blos  einzelne  Missbräuche,  und  das  Gesetz  vom  15.  Juni  1848  suspendirte
  nur  für  einige  Zeit  den  Rückschritt.  —  Die  meisten  Gewerbe
sind  zünftig,  verschiedene  aber  „concessionspflichtig;“  auch  können  die
Behörden,  nach  dem  „Bedürfnisse“  (über  dessen  Vorhandensein  sie
entscheiden)  für  zünftige  Gewerbe  Coucessionen  crthcilcn  ;  nur  die  gewöhnlichen ­
  häuslichen  Beschäftigungen  gelten  als  „frei.“  Um  Lehrling
zu  werden,  muss  man  nicht  nur  schreiben  können,  sondern  auch  einen
Confirm  at  ionsschein  vorlegen.  Gesellen  dürfen  in  der  Regel  nicht
heirathon.  Um  Meister  zu  werden,  muss  man  wenigstens  5  Jahre  lang
Geselle  gewesen  und  davon  2  Jahre  gewandert  sein,  auch  mindestens
in  2  grösseren  Städten  oder  .Orten,  wo  das  Gewerbe  vorzüglich  betrieben ­
  wird,  gearbeitet  haben.  —  Gewisse  Strafen  ziehen  den  Verlust
des  Meisterrechtes  nach  sich.  Auch  auf  die  Fabriken  finden  die  Beschränkungen ­
  Anwendung.  —  So  ist  denn,  sowohl  nach  den  Begriffen
der  Zunftfreunde,  als  nach  denen  der  Büreaucratie,  in  diesem  Lande
weit  besser  als  anderwärts  für  das  Gewerbswesen  gesorgt.  Und  der
Erfolg  ?  Das  Gewerbswesen  befindet  sich  auf  einer  sehr  niedern  Stufe  ;
hat  lange  nicht,  weder  die  innere  Ausbildung,  noch  die  äussere
Ausdehnung  erlangt,  wie  in  dem  hierin  freieren  Nachbarlande  Preussen.
Der  Gewerbstand  ist  wenig  zahlreich,  ermangelt  jeder  Kraft  und
jedes  Aufschwunges  und  befindet  sich  in  sehr  ärmlichen  Verhältnissen.
Seine  Erzeugnisse  sind  weder  quantitativ  noch  qualitativ  bedeutend,
und  so  lebt  denn  gerade  hier  die  Mehrzahl  der  Handwerker  kümmerlich ­
  und  wenig  geachtet,  —  hier,  wo  Zunftwesen  und  Beamtenweisheit ­
  um  die  Wette  für  deren  Wohl  sorgen!  —  Fabriken,  die  eine
Wohlthat  für  das  Land  werden  könnten,  fehlen  beinahe  gänzlich.  Der
Handel  ist  gleichfalls  im  Ganzen  höchst  unbedeutend,  einige  wenige
Puñete  ausgenommen.  Auch  ernährt  selbst  der  Landbau  weit  weniger
Menschen,  als  wenn  die  Felder  theilbar  und  freies  Eigenthum  ihrer
Bebauer  wären,  statt  ungetheilt  im  Besitze  einer  kleinen  Anzahl  Begünstigter ­
  sich  zu  befinden.  —  ,So  erklären  sich  die  Schilderungen,
welche  Steinacker  (aus  Braunschweig)  und  Stüve  (in  ihren  Schriften
über  den  Verfassungsstreit,  nach  dem  Umstürze  des  „Grundgesetzes“
durch  Ernst  August)  entwarfen  :  „Das  Volk,  ohne  Energie  und  llülfsmittel,
  war  gewohnt,  nur  im  Adel  und  im  Beamtenstand  reiche  Menschen ­
  zu  erblicken,  und  die  Begriffe  von  Adel  oder  von  Staatsdienst
        <pb n="179" />
        DEUTSCHLAND  —  Sachsen  (Land  und  Leute).

163

und  Reiclitlium  sich  unzertrennlich  zu  denken.“  (Steinacker.)  „Bedeutende ­
  Gewerbe  hatte  das  Land  nicht,  ausser  denen,  die  dem  Landesherrn ­
  zustanden.  Der  Kaufmannsstand  war  ohne  Ansehen,  der  Advokat
verachtet.  Nirgends  konnte  sich  unabhängige  Gesinnung
bilden  (!)  ;  denn  Alle  haschten  nach  Connoxionen,  erwarteten  demüthig
von  dem  Hohem  ihr  Glück  und  sonderten  sich  von  den  Niederen  stolz
ab.“  (Stüve.)  —  Bei  der  grossen  deutschen  Bewegung  von  1848  und
49  huldigten  die  den  Ton  angehenden  Stände  nirgends  in  Deutschland
so  sehr,  als  in  Hannover,  dem  Particularismus;  sie  wähnten,  eines
„Deutschland“  nicht  zu  bedürfen,  sondern  einen  wahrhaft  „glücklichen
Zustand“  durch  Abschliessung  erlangen  zu  können.  Eine  gewaltige
Strafe  ist  gerade  hier  gefolgt.
Handelsmarine.  695  Schiffe  von  30,914  Last,  mit  3422  Matrosen.
Münze,  Maasse,  Oewicht.  Prcuss.  Thaler;  auch  Goldmünzen  (Pistolen,
Augustd’or).  —  Der  Fuss  zu  12  Zoll  =  29,2  Centimeter;  24  hannöver.  =  23
engl.  Fuss  ;  100  hannöv.  =  93,07  preuss.  —  100  hann.  Morgen  (zu  120  Ruthen)
==  102,65  preuss.  od.  rhein.  —  Getreidcmaass:  die  Last,  zu  16  Malter  à  6
Ilimten;  das  Malter  =  3,39  preuss.  Scheffel.  —  Flüssigkeitsm.  :  das  Fuder,  zu
4  Oxhoft  od.  6  Ohm,  à  4  Anker,  à  4  Stübchen,  à  4  Quartier,  à  2  Nösel.
100  Stübchen  =  340  preuss.  Quart.  —  Das  Pfund  =  1,0468  bisherige  preuss.
Pfund.  Der  Centner  zu  112  Pfund.

3.  Sachsen  (Königreich).

Kreisdirectlon  Q.-H.
Dresden
Leipzig
Zwickau
Bautzen
Zusammen

Bevölkerung  Auf  d.
Dec.  1852  Q.-M.
507,705  6,445
446,826  7,077

79
63
84  735,557  8,733
45'/j  297,744  6,540
271%  1,987,832  7,317

Männlich  970,142
Weiblich  1’017,690
Familien  447,820
auf  jede  durchschnittl.
4,44  Menschen

Im  Dezember  1855  waren  2’O39,075  Einwohner.

Geburten  :
1834:  63,363,  wovon  8,215  unehel.
1840:  68,377  -  9,624  -
1849:  82,068  -  12,579  -
Bevölkerung  szunahne:
1817:  1'205,996
1827:  1'358,003
1834:  F580,37O
1837;  1’652,114
1843:  1’757,800
1846:  1  836,433
1849:  1’894,431

Confessionen  (1846):
=  12,97  Proc.  Protestanten  1’802,788
=  14,08  -  Katholiken  32,544
=  15,33  -  Griechen  113
Juden  *■)  988
«•)  1849:  1022.
Unter  den  Einwohnern  gegen  50,000
(1849:  49,217)  Wendischen  Ursprungs.
Die  Auswanderungen  sind  weit  weniger ­
  häufig,  als  in  den  andern  stark
bevölkerten  Gegenden  Deutschlands.

Städte.  Jm  Ganzen  142  mit  663,000  Einwolmern.  Dresden
(1852,  mit  Militär)  104,50().  Leipzig  (1855,  mit  Garnis.)  69,986.
Chemnitz  nngef.  32,000;  Freiberg  14,000;  Zwickau  13,000;  Bautzen,
Plauen,  Zittau,  Glauchau  und  Meissen  mit  10,000  und  darüber.

Oebietsveränderungen.  Chur-Sachsen  im  .Jahr  1786;
        <pb n="180" />
        164

DEUTSCHLAND  —  Sachsen  (Land  und  Leute.)

Chur-Kreis  (Wittenberg  etc.)  .  .  .  .
Thiiringen’scher  Kr.  (Weissenfels,  Langensalza)
Meisnischer  Kr.  (Dresden,  Torgau)
Leipziger  Kr.  ....
Erzgebirgischer  Kr.  (Freiberg,  Chemnitz)
Voigtländischer  Kr.  (Plauen,  Rcichenbach)
Neustädter  Kr.  ....
Stifte  Merseburg,  Naumburg,  Zeiz  .
Fürstenthum  Querfurt
Theil  der  Grafsch.  Henneberg  (Subía)
„  „  „  Mansfeld  (Eisleben)
Grafschaften  Barby  u.  Gommern
Lausitz  (mit  Görlitz,  Lauban  etc.)  .
Zusammen
Andere  Angabe

Q.-M.
6á
36
69
46
84
21.  I
13  (
22
8
8
4
180

Elnw.
130,000
165,000
300,000
210,000
308,000
95,000
66,000
20,000
400,000

560
736

1700,000
F900,000

Sachsen  verliess  alsbald  nach  der  Jenaer  Schlacht  das  Preussische
  Bündniss.  Zufolge  des  Posener  Vertrags  v.  11.  Dezember  1806
schloss  sich  der  Churfiirst  dem  Rheinbünde  an,  erklärte  sich  zum
Könige,  und  erhielt  den  bisher  preussischen  Cottbusser  Kreis,  wogegen ­
  er  Mansfeld,  Gommern  und  Barby  an  Westfalen  abtrat.  Auch
ward  er  zum  Herzoge  von  Warschau  erhoben,  das  jedoch  einen  besondern
  Staat  bildete.  Der  Wiener  Congress  stand  mehrmals  auf  dem
Punkte,  Sachsen  vollständig  an  Preussen  zu  überlassen;  schliesslich
kam  man  zu  einer  Theilung.  Zufolge  Vertrags  vom  18.  Mai  1815
musste  Saclisen  (meist  an  Preussen)  abtreten:  die  Nieder-  und  einen
Theil  der  Oberlausitz,  den  Wittenberger,  Thüringer  und  Neustädter
Kreis,  und  Theile  des  Leipziger  und  Meissener  Kreises,  den  grössten
Theil  der  Stifter  Merseburg  und  Naumburg-Zeiz,  dann  Mansfeld,  Querfurt, ­
  die  Voigtländischen  Enclaven  und  llcnneberg.  (Auch  Weimar
erhielt  beträchtliche  Theile.)  Der  Gesammtverlust  betrug  385  Q.  M
und  875,600  Menschen,  oder,  wenn  man  den  an  Preussen  blos  zurückgegebenen ­
  Cottbusser  Kreis  abrechnet,  noch  374  Q.  M.  und
845,200  Menschen.
Die  jetzige  Verfassung  v.  4.  Sept.  1831.
Finanzen.  Dreijährige  Budgets.  Die  letzten  schlossen  so  ab:
für  1849  bis  51  jährlich  7’600,609  Thlr.
-  1852  -  54  ■  -  8’281,728  -
(-  1855  -  57  -  9’040,902  -
j  u.  ausserordentlich  7’893,560  -  für  3  Jahre  zusammen.
1842  war  der  Staatsbedarf  5’662,289  -
Die  (vom  Landtage  nur  wenig  geänderten)  Regieruugspostulate
für  1855—57  ergaben  u,  a.  folgende  Einzelnheiten  ;
Einnahme.

A.  Nutzungen  des  Staatsvermögens  und  der  Staatsanstalten  :
a.  Domänen  (worunter  Forsten  mit  800,000)  .  .  •  971,040  Thlr.
b.  Regalien  (  „  Eisenbahn  1700,000,  Salz  388,000,  Post
256,000,  Chausseegelder  220,000,  Bergwesen  116,165,
Zeitungsnutzungen  20,500,  Telegraphie  100)  •  •  2780,765  -
c.  Capitalzinsen  u.  Administrationseinkünfte  (Zinsen  411,320,
Lotterieertrag  195,000,  Canzleisporteln  78,000)  .  .  729,348  -
Summe  A  .T881,153  Thlr.
        <pb n="181" />
        DEUTSCHLAND  —  Sachsen  (Finanzen).

165

B.  Steuern  u.  Abgaben  :
Grundsteuer  1’423,000,  Zuschlag  328,200  ....
Gewerb-  u.  Personalst.  454,000,  Zuschlag  475,000  .
Indirecte  Abgaben:  Grenz-  u.  Elbzoll  855,418,  Biersteuer  u.
Au8gleich.-Abgabe  198,457,  Schlachtsteuer  241,563,  Bianntweinst,
  u.  Ausgleich.  -  Abgabe  497,601,  Weinst.  14,612,
Tabakst.  5,614,  Kübenzuckerst.  226,926,  Stempel  222,800
Ausserordentl.  indirekte  Abgaben:  Zuschlag  zur  Schlachtsteuer
157,809,  zur  Stempelst.  77,200
Summe  B  .
Gesammteinnahme

1751,200  Thlr.
929,000  -

2'262,991  -
235,009  -
5778,200  Thlr.
9’059,353  -

Ausgabe.

A.  Allgemeine  Staatsbedürfnisee;  „  ,
1.  Königl.Haus  (Cmlliste  570,000,  Schatullgeld  der
Königin  30,000,  Apanagen  264,996  etc).
2.  Schuld  (Verzinsung  2749,746,  Tilgung  436,239)
3.  Renten  unablösbarer  Capitalien
4.  Ablösung  v.  Lasten  der  Domänengüter
5.  Landtagskosten
6.  Diverse  Regierungs-Ausgaben  .
Summe  A

B.  Gesammtministerium
0.  Departement  der  Justiz  .  •
1).  -  des  Innern  (dabei  Gendarm.  83,119)
E.  -  der  Finanzen  .  .  .  ■
F.  Militärdepariement  ....■■
G.  Dep.  des  Cultus  u.  Unterrichts  .  .  .  .
H.  -  -  Auswärtigen  .
I.  Beiträge  zu  den  Bundesausgaben
K.  Fensionsetat
L.  Bauetat  ..•••••■
M.  Reservefonds  ■

etatsmassig:
895,223  100
2'685,985
51,746
15,000
64,400
2,000
3’614,354  100
26,644  900
289,390  27,554
689,538  18,934
421,402  26,717
2’038,168  14,298
251,127  31,144
89,600
39,000
588,869  31,110
810,682  111
49,711
8’908,485  150,868
9’059,353

Ausserdem  besteht  ein  ausserordentliches  Budget,  zusammen ­
  für  die  3  Jahre  7793,250  Thlr.  betragend,  (wovon  7  Mill,  für
Eisenbahnbau;)  zu  decken  „aus  den,  so  weit  nöthig  durch  besondere
Creditmassregeln  zu  verstärkenden  Cassabeständen.“
Die  grosse  Ausgabenvermehrung  im  neuen  Budget  rührt  hauptsächlich ­
  von  den  Positionen  Schuld,  Militär  und  Hof  her.  Del
Bedarf  für  die  Schuld  betrug  591,678,  18'*V42  651,790,
18^9/51  1*588,102,  1852/54  2797,065,  jetzt  2’585,985.  Der  für  das
Militär:  IB^Vgg  1*180,369,  IS^Vis  1*344,025,  18*%i  1*841,543,
1852/=.  1’933,417,  nun  2’038,168  (ungerechnet  Gendarmerie.)  Die
eigentliche  Civilliste  war  1831  auf  500,000  Thlr.  C.  M.  (513,889
Thlr.  Cour.)  festgesetzt;  sie  ward  im  Dezember  1854  auf  570,000
erhöht,  und  der  Königin  ein  Schatullengeld  von  30,000  Thlr.  beigefügt. ­
  Die  Pensionen  (worunter  auch  solche  von  llofhedieusteten),
1845  522,672,  stiegen  18%  auf  556,669,  18'%  sogar  auf
635,401.  Die  Ausgabenvermchruug  führte  zu  Zuschlagssteuern  und
auch  zu  einer  Erweiterung  des  Lotterieinstituts,  (Vermehrung  der
Ziehungen  und  Preiserhöhung  der  Loose!)
        <pb n="182" />
        166

DEUTSCHLAND  —  Sachsen  (Finanzen).

Schuld.  Die  Budgetvorlage  v.  Februar  1855  weist  nach:
3,  4  u.  4%pi'oc.  Cassascheine  u.  Obligationen  ....  Th.  38’464,050
Actien  der  schlesischen  u.  der  sächs.-bayer.  Eisenbahn  .  .  8’500,000
Hiezu:  Betrag  der  Cassabillette  (Papiergeld)  ....  7’000,000
Gesamintscliuld  53’964,050
Davon  befinden  sich  im  Staatsportefeuille  ....  11’509,591
Als  Gegensätze  finden  wir  aufgefülirt  :
411,320  Th.  Zinsen  der  Activcapitalien,  und
1'100,000  -  Reinertrag  der  Eisenbahnen.
Indessen  war  die  Aufnahme  eines  neuen  Aniehens  von  7  Mill,
vorgesehen.  Wirklich  wurde  Ende  August  1855  ein  4  proz.  Anlohen,
vorerst  von  5  Milk,  im  Course  von  07%  negozirt.
Geschichtliche  Notizen.  Die  Erhebung  sächsischer  Churfürsten
auf  den  Polnischen  Königsthron  kostete  Sachsen  enorme  Opfer,  Schon
unter  August  II  (1697  —1733)  wurden  „der  Königswiirde“  wegen
Landestlieile  und  Rechte  des  Churstaats  veräussert.  Auch  zog  jenes
Verhältniss  die  Schweden  unter  Karl  dem  XII.  in  das  Land  (1706
und  7,)  deren  Erpressungen  auf  23  Milk  Thlr.  geschätzt  wurden,  —
Der  siebenjährige  Krieg  war  bekanntlich  von  einem  schrecklichen
Aussaugen  Sachsens  begleitet.  Friedrich  II.  zog  gegen  50  Milk  daraus; ­
  der  sächsische  Staat  ward  mit  29  Milk  neuen  Schulden  belastet; ­
  der  Gesammtschaden  des  Landes  stieg  aber  auf  mindestens  70
Milk  Die  Verschwendung  in  der  Hofhaltung  dauerte  indess  fort.
1778  berechnete  man  den  Staatsbedarf  auf  6’634,000  Thlr.,  wovon
2’017,116  für  „Armee  und  Politik,“  679,823  für  den  Hof,  414,016
für  Apanagen,  1’910,899  für  Schulden,  702,729  Besoldungen  und
349,749  Pensionen!  —  Zufolge  des  Teschener  Friedens  erhielt
Sachsen  eine  Entschädigung  für  die  Erbschaftsansprüche  an  Bayern
von  6  Milk  Gulden.  —  Die  Preuss.  Allianz  gegen  Frankreich  1806
kostete  25  Milk  Fres.  Kriegssteucr,  ungerechnet  was  die  Stadt  Leipzig ­
  leisten  musste.  Von  den  Entschädigungsgeldern,  die  Frankreich
nach  Napoleons  Sturz  zu  entrichten  hatte,  erhielt  Sachsen  6’804,146  Fr.
Heber  die  einzelnen  Bestandtheile  der  Schuld  hier  noch  einige
Notizen:  Die  eigentliche  Staatsschidd,  1764  29’028,425  Thlr.,  war
1806  auf  14’932,885  herabgebracht,  1817  aber  auf  22’857,626  gestiegen, ­
  wovon  16’660,771  auf  Sachsen  lasten  blieben,  während  Preussen
  den  Rest  zu  übernehmen  hatte.  —  Die  Kammer  -  Creditcassen-Schuld,
  1765  8’698,898  Thlr.,  war  bei  derLandestheilung  auf  2’984,556
gemindert,  wovon  1’554,205  bei  Sachsen  verblieben,  —  Schon  1772
erfolgte  Ausgabe  von  Papiergeld.  Bei  der  Landestheilung  waren  für
5  Milk  vorhanden;  davon  musste  Sachsen  3V4Milk  decken.  1819  waren
für  2%,  1843  für  3  Milk  im  Umlauf.  Nun  erfolgten  weitere  Ausgaben: ­
  im  September  1843  für  1,  im  Juni  1846  für  3  Milk  —  Für
Staats-Eisenbahnen  waren  bis  1851  bereits  13’933,437  Thlr.  verwendet. ­
  —  Der  Betrag  der  gesammten  Staatsschuld  war:
^1819  1830  1847  1849  1853
25448,291  18762,050  33778,000  4P343,361  42781,523
Miliüir.  Conscription;  6jährige  Dienstzeit  vom  21.  Altersjahre
an;  3jährige  Verpflichtung  zur  Reserve;  Stellvertretung.—  Bestand:
        <pb n="183" />
        DEUTSCHLAND  —  Sachsen  (Militärwcsen,  Sociale  Verhältnisse).  167

1  Brigaden  Linien-Infant.,  zu  4  Bataill.,  à  4  Comp.  u.  982  M.
4  Jägerbrigade,  ebenso  ...■•••••
4  Reg.  leichte  Cavallerie,  wovon  1  Garde
Artillerie  etc.  (50  Kanonen)
Commandos  .
Active  Armee
Hiezu  Nichtcombattanten

15,748
4,005
3,208
2,420
15
25,396
1,232

Festung-.  Königstein.
Geschichtliche  NotizcM.  1783  war  der  llcercsbostand  24,932  M.
(13  Infanterie-  und  8  Cavallerie  -  Regimenter.)  1806  stellte  Sachsen
em  Contingent  von  22,000  M.  gegen  Napoleon,  wovon  6000  bei
Jena  gefangen  wurden.  Das  Kheinbundscontingent  betrug  20,000,
wovon  1807  aber  ausnahmsweise  nur  6000  zu  liefern  waren.  Die
sächsischen  Truppen  kämpften  1809  gegen  Oesterreich,  1812  (21,500
M.)  gegen  Russland,  wo  sie  aber  meistens  mit  dem  österr.  Ilüliscorps
vereinigt  waren,  und  desshalb  geringe  Verluste  erlitten.  In  der  Leipziger ­
  Schlacht  traten  die  sächsischen  Truppen  bekanntlich  grösstenthcils
  zu  den  Verbündeten  über.  Bis  zum  Frühjahr  1814  musste  das
Land  ein  neu  organisirtes  Heer  von  28,000  M.  gegen  Napoleon  stellen, ­
  ebenso  1815  10,000.
SocIalverhîUtnlsse.  Im  Gewerbswesen  hat  man  dasZuntL
system  in  gemilderter  Form  forterhalteii,  dagegen  von  den  städtischen ­
  Behörden  oder  der  Regierung  zu  ertheilendc  Concessionen
eingeführt.  An  einzelnen  Orten  ist  die  Meisterzahl  für  einige  Handwerke ­
  eine  geschlossene.  Die  Vereinigung  mehrer  Geschäfte  gilt  in
der  Regel  als  unstatthaft,  sogar  bei  verschiedenen  „freien  Gewerben ­
  “  Ebenso  ist  der  gleichzeitige  Betrieb  desselben  Handwerks  au
zwei  Orten  oder  in  zwei  Werkstätten  meistens  nicht  gestattet.  Das
Gesetz  vom  9.  October  1840  erlaubt  (!),  dass  in  jeder  Landgemeinde
ein  Schneider,  Schuhmacher,  Bäcker  etc.  sei;  eine  grössere  Anzahl
kann  nur  die  Regierung  gestatten.  Die  Landhandwerker  dürfen,  ausser ­
  ihren  Söhnen,  keine  Lehrlinge  annehmen.  Die  Verwaltungsbehörden ­
  können  Ge  wer  b  sent  zieh  un  gen  als  Strafe  verhängen!  ‘Doch
ist  die  Praxis  vielfach  milder  als  das  Gesetz,  und  Sachsen  besitzt
insbesondere  viele  und  bedeutende  Fabriken.

Maasse:  Grundlage  der  franz.  Meter.  Fuss  (à  12  Zoll)  =  3  Decimeter.
Elle  =  2  Fuss.  —  Die  Kanne  =  der  Liter.  Der  Hectoliter  (100  Lit.)  lieiss
bei  Flüssigkeiten  Tonne,  bei  trockenen  Gegenständen  Scheffel.

(&amp;gt;.  Württemberg  (Königreich).

Kreise.

Q.-M.

Bevölkerung
Dec.  1852.

Auf  d.
Q.-M.

Neckarkreis
Schwarzwaldkr.
Donaukr.
Jaxtkr.
Zus.
Weiter  ist  das  Land  in

60%  501,034  8,283
86%  443,872  5,118
113%  413,444  3,634
93%  374,919  4,018
354%  1’733,269  4,893
64  Oberämter  getheilt,

Gemeinden  umfassen.

welche

1893
        <pb n="184" />
        168

DEUTSCHLAND  —  Württemberg  (Laud  und  Leute),
FamiUenzaU:  374,483;  auf  die  Familie  4,03  Köpfe.
Confessionen:  Protestanten  1’214,802,  Katholiken  534,900,  Juden ­
  11,974.
Frühere  VolkszahL  1815:  1’395,462  1843:  1752,538
1832:  1’578,147  1849:  1744,595-Sonach
  Verminderung  in  den  3  Jaliren  1849—52  um  11,332.
(Eine  Berechnung  im  „Staatsanzeiger“  spricht  von  einer  weitern  Volksabnahme ­
  um  20,173  Individuen  vom  Dez.  1853  bis  dahin  1854.)  Ungeachtet ­
  der  Auswander  u  n  g  s  v  e  r  m  inde  r  u  n  g  zählte  man  noch  1855  :
Auswanderer  4922  mit  1721,972  fl.  Vermögen
Einwanderer  036  -  941,985  -
Städte:  Stuttgart  (1855)  40,507  Einw.;  Ulm  etwa  18,000;
Ilcilbronn  13,908;  Reutlingen  12,225;  Ludwigsburg,  Tübingen  und
Esslingen  gegen  9000.
Gebietsveränderungen.  Vor  der*  franz.  Revolution  umfasste  das
Herzogthum  Württemberg  etwa  175  {).  M.  und  585,000  Menschen.
Es  gehörten  zu  demselben  9  Herrschaften  im  Elsass  und  in  der  Franche-Comté,
  darunter  die  gefürstete  Grafschaft  Mümpelgard,  dann  Franquemont
  und  Blamont,  ferner  die  Grafschaft  Horburg  und  die  Herrschaft ­
  Reichenweiher.  Diese  links-rheinischen  Besitzungen,  30  Q.  M.
mit  50,000  Einwohnern  —  gingen  an  Frankreich  verloren.  Der  Reichs-Deput.-Schluss
  von  1803  gab  zur  Entschädigung:  die  l’robstei  Eli-Wangen,
  viele  Abteien  und  Klöster  (Zwiefalten,  Rothenmünster,  Comburg
  etc.)  und  die  Reichsstädte  Weil,  Reutlingen,  Esslingen,  Rothweil,
  Giengen,  Aalen,  Hall,  Gmünd  und  Heilbronn,  zusammen  45
Q.  M.  mit  110,700  Einwohnern.  Württemberg,  zu  einem  Churfürstenthum ­
  erklärt,  umfasste  gegen  190  Q.  M.,  und  die  Einwohnerzahl  stieg
auf  784,000.  Der  Pressburger  Friede,  von  1805,  brachte  neue  Vergrösserungen
  :  Ehingen  und  4  andere  Donaustädtc,  die  Grafschaften
Hohenberg  und  Bondorf,  die  Landgrafschaft  Ncllcnburg,  Theile  des
Breisgau  und  verschiedene  ritterscbaftliche  Enclaven,  05  Q.  M.  mit
185,500  Bewohnern.  Der  Churfürst  hob,  30.  Dez.  1805,  einseitig  die
Verfassung  auf,  und  nahm,  1.  .Jan.  1806,  den  Königstitel  an.
Später  erfolgten  Verträge  mit  Bayern  und  Baden  wegen  Arrondirung.
Gegen  Abtretung  von  Villingen,  Bräunlingen  und  andern  Schwarzwalddistrikten ­
  an  Baden,  erhielt  Württemberg  :  Biberach,  die  bayerische
Herrschaft  Wiesenstein,  die  Stadt  Waldsee,  die  Grafschaft  Schellingen,
zwei  Deutsch-Ordemscommenden,  1  Abtei  und  die  Souveränität  über
10  Grafschaften  (Isny,  Ochsenhausen  etc.),  6  Herrschaften,  einen
Theil  der  Besitzungen  der  Fürsten  Thurn  und  Taxis,  Limpurg-Gaildort,
  Löwenstein,  Hohenlohe  und  Krautheim.  Durch  den  Frieden  von
1809  und  Verträge  mit  Bayern  und  Baden  erlangte  Württemberg
fernen:  Die  Landgerichte  Tcttnang,  Ravensburg,  Leutkirch,  Wangen
fgrösstenthcils),  Söflingen,  Albeck,  Gcisslingen,  Crailsheim  und  Gerhardsbronn, ­
  die  Stadt  Ulm,  und  die  Souveränität  über  weitere  Besitzungen
der  bürsten  Taxis  (Neresheim),  Oettingen,  Hohenlohe-Kirchberg,  und
das  Deutschmeisterthum  Mergentheim.  Dagegen  trat  cs  Stockach  und
einige  Bezirke  an  Baden,  einige  weitere  an  Bayern  ab.  Es  gewann
        <pb n="185" />
        DEUTSCHLAND  —  Württemberg  (Finanzen).  169

126,000  Menschen.  —  Der  Wiener  Congress  Hess  das  Gebiet  unverändert. ­
  —  Verfassung  vom  25.  September  1819.
Finanzen*  Dreijährige  Budgets.  Das  neueste  vom  1.  Juli
1855  bis  dahin  1858  —  ergibt  folgenden  jährlichen  Durchschnitt;

Einnahmen  :

1.  Domänen  und  Verkehrsanstalten:
A.  Domänen.  brutto
1)  bei  den  Centralämtern  .  .  .fl-  1’519,770
2)  -  -  ForstA’Crwaltungen  .  .  2’677,440
3)  -  -  Berg-  und  Hüttenwerken  .  1’891,876
4)  -  -  Salinen  .  l’.388,532
5)  -  der  Bleiclianstalt  in  Weiasenau  65,054
B.  Verkehrsansialten.
1)  Eisenbahnen  .  2*707,000
2)  Posten  .....  1*120,400
3)  Telegraphen  .  29,500
4)  Bodensee-Dampfschifftährt  .  .  138,560
5)  Verschiedene  Einnahmen  .  .  20,000

Summe  I.  (Kosten  6*866,013  fl.)  11*558,132
IL  Indirecte  Steuern:
a.  Zoll  2*086,000
b.  Accise  ...■••  326,400
c.  Auflage  auf  die  Hunde  .  .  .  91,680
d.  Wirthschaftsahgaben  .  .  .  1*544,190
e.  Sporteln  .....  350,000

Summe  II.  (Kosten  347,085  fl.)  4*398,270

netto
1*020,460
1*127,000
300,000
880,000
12,000
1*136,000
140,223
6,500
13,920
20,000
4*655,103

1*964,068
303,200
40,000
1*260,000
346,000
3  913,268

III.  Directe  Steuern:
a.  vom  Grundeigenthum  ,  Die  Kosten
b.  von  Gefällen  sind  nicht  der
c.  -  Gebäuden  j  Staatseasse
d.  -  Gewerben  zur  Last.
e.  -  Apanagen,  Capital  u.  Einkommen  871,719
Summe  III.
Total-Netto-Einnahrae

2*324,220
j  13,280
j  550,000
'  412,500
850,000
4*150,000
12*718,371

Der  Capitalwerth  der  Domänen  (des  s.  g.  „Staatskammerguts")
wird  auf  120  Mill,  geschätzt.  —  Die  alten  directen  Steuern  (oben
lit.  a  —  d)  haben  zu  der  zur  Ergänzung  des  Staatsbedarfs  nöthigeu
Steuersumme  beizutragen  :  Grundeigenthum  und  Gefälle
bände  Gewerbe  %*.  Nun  ist  der  Reinertrag  im  Cataster  so
berechnet:
Steuer  von  Je  100  fl.

Grundstücke,  Reinertrag  18*010,921  fl.  i  ^  54  kr.  1,62  hl.  vom  Reinertrag
Gefälle,  -  102,914  -  1
Gebäude,  Capitalwerth  194*405,897  -  -  —  16  -  5,85  -  -  Capital
Gewerbe,  Calastcranschlag  384,853  -  -  107.  11  -  0,18  -  ■  Catasteransatz.
Die  Capital-  und  Einkommensteuer  ist  so  veranschlagt:

8  Proc.  von  den  Apanagen
5  .  -  Capitalzinsen  u.  Renten
H  -  -  Dienst-  u.  Berufscinkommen

fl.  19,100
700,000
130,900

11  Civilliste
2)  Apanagen
3)  Staatsschuld

Ausgaben;
871,120  4)  Renten
251,626  5)  Entschädigungen  .
2*568,289  6)  Pensionen

62,624
60,628
694,577
        <pb n="186" />
        170  DEUTSCHLAND  —  Württemberg  (Finanzen).

7)  Quiebcenzgehalte
8)  Gratialien
9)  Geh.  Rath
10)  Dep.  der  Justiz
des  Auswärt.
-  Innern
der  Kirchen
Schulen
des  Kriegs

il

14)

22,000
92,300
31,665
1T43,490
121,846
1’625,810
1’655,679
2’692,763

15)  Dep.  der  Finanzen  .
16)  Landtagskosten
17)  Entschädigung  für
Bannrechte
18)  Reservefonds
Zusammen  netto
Erhebungskosten
Bruttoausgabo

6^9,625
121,618
14,067
45,000
12714,725
7’012,205
19  726,930

Da  das  als  ITivateigentlium  des  Königs  declarirto  „Familicufidcicommissgut“
  mindestens  280,000  fl.  erträgt,  so  erhöht  sich  der
Aufwand  für  den  Hof  um  diese  Summe.  In  den  Stcuerjahren  IB’Vso
erliess  der  König  200,000  fl.  von  der  CivilHste,  später  nicht  mehr.  —
Von  den  Ausgaben  für  die  Staatsschuld  kommen  2’087,456  auf
Verzinsung,  480,833  auf  Tilgung.  Da  aber  die  „Kenten“  und  die
„Entschädigungen“  gleichfalls  Schulden  repräsentiren,  so  steigt  die
Gesammtausgabc  für  die  Schuld  auf  2’681,541  fl.  jährlich,  ungerechnet ­
  die  Pensionen.  (18^%i  kostete  die  Schuld  nur  1’384,221  fl.)  —
Die  Ausgaben  für  das  Militär,  18’%i  zu  2T07,083,  und  noch
blos  zu  2’307,107  fl.  angenommen,  sind  also  jetzt  fast  um
400,000  fl.  weiter  erhöht.  Ueberdies  sind  dieser  Position  eigentlich  noch
beizusetzen:  232,900  fl.  Militärpensionen  und  201,074  für  die  Landjäger; ­
  Total  3127,397  11.  —  Die  Ausgaben  für  Beamte  dürften
sich  mit  den  Pensionen  auf  mehr  als  dYg  Mill,  belaufen.  —  Ein
„Constitutioneller  Conflikt“  steht  in  Aussicht,  da  die  Regierung  1850
gegen  die  Beschlüsse  der  Kammer  die  Ministergehalte  von  5  auf
10,000  fl.  erhöht  hat.
Rückblicke.  Die  Einkünfte  des  Herzogthums  Württemberg  wurden ­
  1770  auf  2  Mill,  geschätzt,  wovon  800,000  fl.  Ertrag  der  Domänen, ­
  1'200,000  Einkünfte  der  Landschaft.  Eine  andere  Berechnung
aus  dieser  Zeit  steigt  indess  bis  auf  3  Mill.  —  In  der  neuern  Periode ­
  war  die  Ne  tt  o-Ei  n  n  ahme  :

1820/21  1&amp;amp;S0/3,  18*%,  18^9/50  18*2/55
Ü.  9122,010  10’651,220  11'591,107  9774,139  12176,749
An  directen  Steuern  wurden  durchschnittlich  erhoben;
18^w  l^%ß
2’6ü0,000  2100,000  2’000,000  2’600,000,  dazu  Eirikommenst.
Ertrag  der  in  directen  Auflagen  durchschnittlich:
16^^  l^Vw  l^%,
2793,000  3’885,000  3’680,000  4’242,000
Die  Erliebungskosten,  18*%t  4’328,282  fl.,  sind  um  62  Proz.
gestiegen,  wozu  allerdings  die  unvermeidlichen  Betriebsausgaben  für
Eisenbahn  und  die  erst  vom  Fürsten  Taxis  erkaufte  Post  das  Meiste
beitrugen.  —  Nach  den  der  Abgeordnetenkammer  1855  gemachten  ministeriellen ­
  Vorlagen  war  das  Betriebscapital  zu  Ende  des  Jahres  l8®'Vs4
um  550,994  fl.  vermindert,  und  für  IB^Vss  batte  sich  ein  Deficit  ergeben ­
  von  974,274,  sonach  ein  Gesammtausfall  von  1'531,208  fl.*).

*)  „Die  bedeutende  Erhöhung  der  directen  Steuern  in  der  gegenwärtigen
Etatsperiode  (neml.  um  700,000  fl.  oder  20  Proc.)  rührt  grosseutheils  her;  1)
        <pb n="187" />
        DEUTSCHLAND  —  Württemberg  (Füianzen).

171

Nach  einer  Privatmittheilung  überstiegen  aber  seitdem  die  wirklichen
Einnahmen  den  Budgetansatz  beiläutig  um  eine  Million,  in  Folge  des
Mehrertrags  der  Eisenbahn  und  der  hohem  Erlöse  aus  Holz.
Am  30.  Juni  1853  betrug  dieselbe,  einschliessHch
.3  Mill.  Papiergeld,  52’250,992  fl.,  wovon  fast  25  Mill,  zu  4V2,  über
18  Mill,  zu  3V2  Proz.  verzinslich.  Hiezu  kam  das  im  März  1855
von  den  Kammern  genehmigte  neue  lYsprozentigc  (Militär-)  Anlehen ­
  von  3  Mill.,  welches  im  Course  v.  97  negocirt  ward.
Geschichtliche  Notizen.  Unter  der  anfangs  furchtbar  verschwenderischen ­
  Regierung  des  Herzogs  Karl  sollen  die  Schulden  fast  auf  16
Mill,  gestiegen,  doch  allmählig  meistens  wieder  getilgt  worden  sein.
—  1806  betrug  die  Gesamrntschuld  15’659,297  fl.,  wovon  die  der
Landschaft  nur  4’067,982,  die  der  Kriegsprästationscasse  3’581,418,
der  Rentenkammercasse  3’288,794,  der  kirchenräthliehon  Cassen
r000,601,  und  die  Schuld  der  neuerworbenen  Landestheile  l’524,824fl.
1816  verwendete  man  800,000  fl.  von  den  französischen  Reluitionsgelderii,
  dann  weiter  die  Gesammtsumme  der  von  Frankreich
erhaltenen  Contributions-G  elder  mit  3750,000  fl.  für  die  Schuldentilgung. ­
  Dennoch  stieg  die  Schuldsumme  in  Folge  neuer  Einweisungen, ­
  da  insbesondere  den  Mediatisirten  7’867,353  fl.  Entschädigungen
bewilligt  wurden.  So  war  der  Scluddenstand  im  August  1817
24760,134,  am  22.  Juni  1820  20’374,559,  im  Jahr  1833  wieder
28706,350,  und  am  1.  Juli  1845  20774,033  fl.  Nachdem  man,
vermittelst  Tilgung  während  eines  Vierteljahrhunderts,  die  Schuldsumme
von  ihrem  höchsten  Stande  um  etwa  7  Mill,  herabgebracht,  erfolgte
von  nun  an  wieder  ein  sehr  rasches  Steigen,  allerdings  grossentheils,
aber  doch  keineswegs  ausschliesslich,  in  Folge  der  Eisenbahnbauten.
Der  Stand,  je  am  1.  Juli,  war:
1840  1847  1848  1849  1851
24’666,483  35’036,783  42,239,619  42’970,719  48’423,719
Die  uns  bekannten  neueren  Anlehen  sind:
1845  7’213,600  fl.  3%proc.,  im  Course  v.  97'/j4
1846,  Juni  1’262,200  -  4  %  (statt  gewünschter  6  Mill.)
.  Dec.  1’050,000  -  4  -
1847,  Mrz.  11'000,000  -  4%  -  im  Course  v.  97‘/j
1849,  Juni  3  333,800  -  4%-  -  -  -  90

von  der  auf  Bundesbeschlüssen  beruhenden  Steigerung  des  ordentl.  Militäraufwandes ­
  (ganz  abgesehen  von  der  Kriegsbereitschaft,  welche  als  ausserordentliche
Last  ein  Anlehen  von  3  Mill,  veranlasste),  und  2)  von  der  Erhöhung  der  Besoldungen ­
  der  Geistlichkeit,  um  diese  Besoldungen  für  die  Verluste  aus  den  Ablösungsgesetzen ­
  bis  zu  einem  gewissen  Grade  zu  ergänzen.  Obwol  die  gedachte
Ergänzung  bereits  viel  weiter  geht,  als  die  Geistlichkeit  1848  u.  49  zubilligte,
so  genügt  sie  derselben  jetzt  doch  nicht  mehr,  sondern  sie  rüttelt  bei  jeder  Gelegenheit ­
  an  den  Ablosungsgesetzen,  ohne  jedoch  dieselben  direct  anzugreifen.
Öolchos  geschieht  dagegen  auf  das  Rückhaltloseste  durch  die  Mediatisirten,  welche
im  Jahre  1848  Gott  dankten,  dass  sie  die  Ablösungsgesetze  erhielten,  welche
nun  aber  nicht  müde  werden,  darüber  als  über  einen  Raub  und  als  über  eine
Verletzung  des  Art.  14  der  Bundesacte  beim  Bundestag  Beschwerde  zu  führen,
was  um  so  unzulässiger  ist,  als  sie  im  J.  1848  in  der  ersten  wie  in  der  zweiten
Kammer  den  Ablösungsgesetzen  einhellig  zugestimmt  haben.“  (Privatmittheilung
  eines  tüchtigen  württembergischen  Finanzmannes  an  den  Verf.)
        <pb n="188" />
        172  DEUTSCHLAND  —  Württemberg  (Militärwcsen,  Sociales).
1849  l.Juli  3’000,000  -  Papiergeld
1855  3’000,000  -  4'/2proc.,  iin  Course  v.  97
Oie  Staatseisenbalm.  Der  Bauaufwand  (für  41  Meilen)  belief  sich
bis  l.  Juli  1855  auf  32702,873  fl.  Der  Betrieb  ergab:
18"A4  18"^,
Gesammt-Einnalime  -  2’387,1‘29  3’079,852
Ausgabe  ....  1471,315  0511,848
Reinertrag  915,813  1’568,004
Zahl  der  beförderten  Personen  .  .  0965,137  I’893,323
Güter  .  .  Ctr.  4490,832  5’631,122
Die  Betriebsausgaben  erforderten  .  48,3  Proc.  42,2  Proc.
Reinertrag  des  Capitals  .  .  .  3%  -  4,8  -
In  der  ersten  Hälfte  des  neuen  Rechnungsjahres  stieg  die  Einnahme  gegen
den  gleichen  Zeitraum  des  Vorjahres  bereits  um  177,802  fl.
MUiüir.  Conscription  mit  Stellvertretung;  6jährige  Dienstzeit.
Die  Landwehr  in  3  Aufgeboten  bis  zum  32.  Altersjahrc,  ist  ohne
Bedeutung  oder  nur  auf  dem  Papiere  vorhanden.  Die  bis  1855  bestandene ­
  Formation  ergab  8806  M.  für  den  Friedens-,  19,017  für  den
Ivriegsfuss.  Die  neuen  Bundesbeschlüsse  führten  zu  einer  Vermehrung
bis  auf  ungefähr  23,200  M.
Infanterie:  1  Division  zu  3  Brigaden,  8  Regini.,  16  Batailh,  64  Comnairn..
15,677  Mann.  ^  ®  ’
Cavalier  ie:  1  Lcibgarde-Sdiwadron,  1  Feldjäger-Abtheil.  ;  dann:  1  Divis,
von  4  Regini.  zu  4  Schwadr.  =  2623  M.  mit  2542  Pferden.
Artillerie:  1  Regim.  von  4  Bataill.  (1  Bataill.  reitende  mit  2  Batterien,
1  Bat.  leichte  mit  2  Batt.,  1  Bat.  schwere  mit  2'/%  Batter.,  —  diese  3  mit  52
Geschützen,  —  u.  1  Bat.  Festungsartill.)  =  2416  M.  mit  1304  Pferden.
IHoniercorps  :  2  Comp.  v.  310  M.  etc.  etc.
Festung.  Ulm,  Bundesfestung,  mit  gemischter  (württemb.-österr.-bayer.)
  Besatzung.  —  Hohen  -  Asperg  ist  militärisch  ohne  Bedeutung.
Geschichthehes.  Die  alten  Herzoge  von  Württemberg  unterhielten
meistens  eine  ansehnliche  Truppenzahl,  —während  des  siebenjährigen
Krieges  gegen  14,000,  noch  1783  gegen  6000  M.  Zum  Rheinbunde
hatte  Württemberg  12,000  zu  stellen,  welche  zwar  nicht  nach  Spanien, ­
  wohl  aber  nach  Russland  ziehen  mussten.  1813  Reorganisation
der  vernichteten  Armee.  1814  und  15  grosse  Anstrengungen  gegen
Napoleon.
Sociales.  Die  Gewerbsgesetzgebung  (Gewerbeordung
vom  22.  April  1828  und  revidirtc  Gewerbeordnung  vom  5.  August
1836,  mit  Vollzugsinstruction  vom  12.  October  1837),  obwol  minder
engherzig  als  manche  andere,  leidet  doch  ebenfalls  an  dem  Grundfehler, ­
  dass  sie,  statt  volle  Freiheit  zu  gewähren,  das  veraltete
Zunftwesen  nur  darum  beschränkt,  damit  an  dessen  Stelle  die  Beamtenweisheit ­
  nach  ihrem  Ermessen  die  Industrie  beaufsichtige,  leite  und
regle!  So  ward  auch  hier  nur  ein  neuer  Zustand  der  Unbehaglichkeit ­
  an  der  Stelle  des  alten,  geschaften.  44  Gewerbe  sind  noch  zünftig. ­
  Zur  Erlangung  des  Meisterrechts  wird  wenigstens  7jährige  Lehrlings- ­
  und  Gesellenzeit  gefordert.  Die  Gerichte  können  den  Verlust
des  Meisterrechts  aussprechen.  Concessionen  zum  Gewerbsbetriebe
sollen  nur  nach  Maasgabe  der  örtlichen  Bedürfnisse  crtheilt  werden.
        <pb n="189" />
        DEUTSCHLAND  —  Baden  (Land  und  Leute).

173

(Sehr  intere.s.sant  und  beachtenswerth  ist  der  von  Moriz  Mo  hl  in  einem ­
  Kammerberichte  geführte  Nachweis,  wie  überall  an  der  Eisenbahnlinie ­
  neue  industrielle  Etablissements  entstehen,  während  entfernt
von  der  Bahn  meist  ein  Verfall,  namentlich  der  Industrie,  eintiitt.)  Erschreckend ­
  war  besonders  vor  einigen  Jahren  die  Unzald  von  \  ergantungen
  unter  der  so  fleissigen,  genügsamen  und  verständigen  Bevölkerung ­
  Württembergs,  und  zwar  gerade  auch  unter  den  Landleuten.)
lüü  Fu88  (zu  10  Zoll)  =  91,28  Fu88  preu88.  oder  28,G5  Mot.  -
r  S“s,'ï,sr''  ;S5s:,"..TS'iîi.S  Si  .=logr.
  od.  0,9354  Zollpf.  od.  1,006  alte  preuss.  Pfund.

7.  Baden  (Grossherzogtlmm).

Kreise
Seekreis
Oberrlieinkr.
Mittelrheinkr.
Unterrheinkr.

Q.-M.
64,55
75,08
74,11
64,27

Bevölker.
Ende  1852.
199,075
349,205
462,085
346,578

Auf  d.
Q.-M.
3,084
4,651
6,235
5,393

899,458
432,052
537
1,462
23,699

278,01
Nach  anderer  Berechnung
Confessionen  (1852)
Katholiken
Protestanten  (unirt)  .
Dissidenten
Mennoniten
Unehel.  Geburten'.  18'%%  14,9  %,
18»%,  15,08,  18%  über  18  %.
Frühere  Volhszahl
1816  1’005,899
1'109,430
1’200,471
U230,791
1’296,967
1’335,354
1’367,486
1’364,774
im  Ganzen

1366,943
1’357,208

4,881

Familienzahl  268,583;  durchschnittl.
  die  Familie  mit  5,03  Indiv.

In  114  Städten
Auf  dem  Lande
Männlich
Weiblich

330,071  Einw.
1’027,137  -
660,971
696,237

1823
1830
1834
1840
1843
1846
1849
Sonach  im  Ganzen  jährlich
1834—46  Zunahme  136,695  =11,391
1846—49  Abnahme  4,712  =  1,571
1849—52  -
Städte  Karlsruhe  1852:  24,299  Ew.
(1719:  1994);  Mannheim  1855:  25,667;
Freiburg  1852:  16,441;  Heidelberg
1855:  15,061  ;  Pforzheim  1855:10,711.

Auswanderungen  (officielle  Angaben)
Personen  Vermögen
1848  1,686  481,672  fl.
1849  1,761  443,843  -
1850  2,338  553,021  -
1851  7,913  1'092,636  -
1852  14,366  1’968,164  -
1853  12,932*)  1'923,903  -
In  6  Jahren  40,996  6  463,239  fl.
*)  Hievon  gingen  12,036  nach  America, ­
  841  nach  Algier.
Darunter  sind  ab.  die  heimlichen
Auswanderer  nicht  begriffen,  meist  Gonscriptionspflichtige ­
  ,  auch  schlechte
Schuldner  (so  sind  aus  der  Gemeinde
Endingen,  Amts  Kenzingen,  von  etwa
3300  Einw.  103  heimlich  ausgewandert).

Gehietsveränderungen.  1771,  nach  Aussterben  der  Baden-Badischen
Linie  Vereinigung  ihres  Gebietes  mit  Baden-Durlaeh.  Die  ganze
Mark^rafschaft  hatte  indess  1790  erst  216,000  Einw.  auf  65  —  70
:;).-Meil.  Bcstandtheile:  Carlsruhe,  Durlach,  Pforzheim,  Rastadt,  Baden;
        <pb n="190" />
        174

DEUTSCHLAND  —  Baden  (Finanzen).

einige  kleinere  Bezirke  auf  dem  linken  Rheinufer  (Theil  der  Grafschaft
Sponheim  im  jetzigen  Rheinhessen,  Dorf  Rhodt,  ferner  Herrschaft
Gräfenstein  bei  Pirmasens  in  der  Rheinpfalz,  und  Herrschaften  Rodemachern ­
  und  Hespringen  im  Luxemburgischen).  Die  linksrheinischen
Besitzungen,  8  Q.-M.  mit  38,500  Menschen,  gingen  an  Frankreich
verloren  ;  der  Reichsdeputationsschluss  von  1803  gewährte  reiclie  Entschädigung: ­
  das  Hochstift  Constanz,  die  rechtsrheinischen  Theile  der
Hochstifte  Basel,  Strassburg  und  Speyer  (Bruchsal,  Philippsburg),  die
churpfälzischen  Aemter  Ladenburg,  Breiten  und  Heidelberg  (Mannheim),
die  Nassau-Usingische  Herrschaft  Lahr,  die  darmstädtischen  Aemter
Liclitenau  und  Wildstädt,  11  Abteien  (Lichtenthal,  Ettenheim,  Reichenau ­
  etc.),  endlich  7  Reichsstädte:  Offenburg,  Zell,  Gcgeiibach,  Ueberlingen,
  Biberach,  Pfullendorf  und  Wimpfen,  —  zus.  60  Q.-Meil.  mit
248,000  Bewohnern.  —  Der  Markgraf  nahm  am  1.  Mai  1803  den
Titel  eines  Churfürsten,  und  am  12.  Juli  1806  den  eines  Grossherzogs
an.  —  1806  ward  Biberach  an  Württemberg  überlassen,  gegen  Erwerbung ­
  der  Städte  Villingen  und  Bräunlingen,  des  grössten  Theiles
des  Breisgau  (früher  österreichisch),  des  Pürstenthums  Heitersheim  mit
der  Grafschaft  Bonndorf,  der  Geistlichengüter  im  Breisgau,  der  Ortenau
der  Stadt  Constanz  und  der  Souveränität  über  fürstliche  Besitzungen
von  Fürstenberg,  Leiningen,  Löwenstein  und  Salm.  Baden  umfasste
nun  264  Q.-Meil.  mit  925,000  Menschen.  —  1809  Belohnung  für  die
Theilnahme  am  Kriege  gegen  Oesterreich.  Gegen  Abtretung  der  Souveränität ­
  über  die  Leiningischen  Aemter  Amorbach  und  Miltenberg
(5  Q.-M.  mit  25,000  Einw.)  an  Darmstadt,  bekam  Baden  von  Württemberg: ­
  das  Oberamt  Stockach  und  Theile  von  Hornberg,  Rottweil,
Tuttlingen,  Maulbronn  und  Mergentheim,  gegen  15.  Q.-M.  mit  45,000
Einw.  Endlich  erhielt  Baden  1814  das  1805  an  Frankreich  überlassene
Kehl  zurück.  Kein  anderer  Staat  hat  sich  so  sehr  vergrössert.  (Verfassung
  vom  22.  Aug.  1818.)
Finanzen*  Der  (verfassungsmässig  auf  2  Jahre  festgestellte)
^Hauptfinanzetat“  für  1856  und  57  schliesst  so  ab:

Einnahmen:  1)  Ordentliche,  jährl.  15*460,842  =  zus.  .  fl.  30*921  684
2)  Ausserordentl.  Zuschlag  zur  Grund-,  Häuser-  und  Capitalsteuer  ’
à  2  kr.  von  100  fl.  Steuerkapital  539  434
3)  Ausserordentl.  Zuschuss  aus  der  Schuldentilgungscasse  bis  .  1*000,000
1)2*461,148
Die  wichtigsten  Einnahmepositionen  für  1857  sind:

Gewöhnliche  Domänen
Forsten  .
Berg-  u.  Hüttenwesen
Salinenverwaltung  .
Zollverwaltung
Münzverwaltung
Steuerverwaltung

Rohertrag  Kosten
1*184,881  683,967
1*437,043  669,149
786,443  725,997
1*340,683  292,425
2*798,763  954,765
510,124  516,645
6*567,800  814,990

Unter  den  Steuern  sind  brutto:  Grund-,  Häuser-  u.  Gewerbst.  2*984,767;
Capital-  191,093,  Classenst.  158,549,  Accise  u.  Ohmgeld  1*845,908,  Justiz-  und
PoUceigefalle  1*256,714.
        <pb n="191" />
        DEUTSCHLAND  —  Baden  (Finanzen).

175

so

Der  y^elgentUche  Staatsaufwand^  ist  für  1857  (älmlich  für  185G)
normirt

Staatsministerium  (Ilof  985,419,  Landtag  53,260,  Bundeslasten
11,420  etc.)  -  ’i  ft  ■
2.  Minist,  des  grossh.  Hauses  u.  dos  Auswärtigen  (Oesandtschalten
49,800,  Bundeskosten  18,700  etc.)  .  •  •  -  •
3.  Justizminist.  (dal&amp;gt;ei  :  Rechtspolizei  45.5,653,  Strafanstalt.  24o,8&amp;gt;0j
4.  Minist,  des  Innern  (dabei:  Bezirksjustiz  und  Polizei  F123,0o9,
allgem.  Sicherheitspolizei  227,014,  Unterrichtswesen  366,328,
Armenanstalten  101,732,  lleilanst.  zu  Pforzheim  u,  Illenau
194,507,  polizeil.  Verwahranstalt  45,948,  Wasser-  u.  Strassen-5.
  FimaMmini8t.’^(Sunter  Schuld  1'479,162,  Pensionen  619,300)
6.  Kriegsministerium
Zus.
Dazu  5’137,438  Betriebs-  u.  Verwaltungskosten,  total  im  Jahre  .
Hiezu  kommen  l'220,590Yf  fl.  „ausserordentl.  Ausgaben,“  jährl.

U049,399
110,600
933,923

3’686,785
2’247,434
2449,465
10’477,606
15’615,094
610,295

Obwohl  man  die  Briittosiimmen  in  das  Budget  aufgenommen  hat,
ergibt  dieses  doch  noch  keinen  vollständigen  üeberblick  über  den  Staatshaushalt, ­
  indem  Post-  und  Eisenbahn  etc.  nicht  aufgenommen  sind.
Es  bestehen  nämlich  folgende  Specialetats  (für  1857):

1.  Postverwaltung  ......
2.  Eisenbahnbetriebsverwaltung  .  .
3.  Antheil  am  Reinerträge  der  Main-Neckarbahn
4.  Eisenbahnbauverwaltung  (1856;  3’200,0()0)  .
5.  Eisenbahnschuldentilgungscasse  (1856:  5’652,080)
6.  Badanstaltenverwaltung  ....

1’199,698  944,130
4’068,962  2’376,628
82,447  —
—  2’256,001
—  4'62  8,5  82
145,704  145,704

Die  Ausgabe  für  Militär  erschien  noch  in  dem  Budget  für
1833  blos  mit  1’494,798  fl.,  in  dem  für  1848  aber  mit  3’521,466
und  1849  mit  3’404,391.  Die  ^Kriegsbereitschaft«  veranlasste  im
Frühjahre  1855  die  Eröffnung  eines  ausserordentlichen  Credits  für  den
Kriegsminister  von  1’800,000  fl.  (Rescript  des  Regenten).  —  Der  Oesammtbedarf
  für  die  Staatsschuld  war  1833  nur  889,869  fl.  Jetzt
erscheint  die  gewöhnliche  Scliuld  mit  einem  Bedarfe  von  1479,162
(davon  der  Tilgungsfond  571,310),  überdies  aber  die  Eisenbahnschuld
für  1857  mit  4’628,582,  wovon  indess  der  grössere  Theil  auf  Tilgung ­
  und  auf  Neubauten  kommt,  und  wovon  1’609,887  durch  den
Reinertrag  der  Bahn  gedeckt  werden  (s.  unten).  —  Der  Werth  der
Domanial  bes  itzung  en  wird  (Eisenbahn  ungerechnet)  auf  nahezu
50  Mill,  geschätzt.  —  Die  (anfangs  1855  veröffentlichte)  „Denkschrift
über  die  dermalige  Lage  des  badischen  Staatshaushalts  und  deren
Verbesserung“  zeigte  :  1)  Seit  1847  (also  schon  vor  der  Zeit  der
Revolution  beginnend)  wurden  die  früheren  Ersparnisse  aufgezehrt;
2)  die  Staatsschuld  ward  seitdem  vermehrt  ;  3)  im  ordentlichen  Budget
erscheint  ein  Deficit,  welches  in  der  damaligen  Budgetperiode  (1854
und  55)  400,000  fl.  betrug.  —  Uebereinstimmend  damit  schlug  das
Ministerium  Steuererhöhung  vor,  welche  die  Kammern  im  oben  angegebenen ­
  Betrage  von  539,464  fl.  genehmigten,  mit  einem  weitem
eventuellen  Rückgriffe  bis  zu  einer  Million  auf  die  Staatsschuldentilgungsanstalt. ­
        <pb n="192" />
        176

DEUTSCHTjAND  —  Baden  (Militärwesen,  Sociales).

Staatseisenhalm.  Bis  zu  Ende  1854  waren  hiefür  bereits  34’081,754
fl.  verwendet.  Das  Betriebsergebniss  war  1854  ;
Einnahme  .  fl.  3'244,339  Befördert  1854:
Bet,iel,.ko.len  1'337,662  Pc,..,,«.  ,  peca,950
=  5,58%  Waaren  .  Ctr.  5'Gl  8,902
In  den  Finanzgesetzen  sind  die  Nettoveranschlagt: ­

1848  10’714,000
1849  10’45(),0Ü0
1851  9’465,000

Reinertrag  1’906,776  =
Qeschicktliche  Notizen.
einnabmen  folgendermassen
182.5—26  7’231,000
18.55—36
1845
1846
Die  Kosten

8'419,000
9'864,000
10^387,000
der  Revolution

drückung  von  1849  werden  so  berechnet

oder  vielmehr  der  Revolntionsunter-Verlust

  der  Staatscasse  .  .  ,  fl.  2’988,115
Forderung  Preussens  .  .  .  4’576,952
Verlust  der  Gemeinden  über  .  .  3’000,000
Zus.  10’564,067
In  den  Kammerverhandlungen  von  1856  wurden  die  Kosten  der  preussischen
  Hülfe  zu  3’281,284  fl.  angegeben,  wovon  3’0ü2,275  durch
Umlagen  der  Gemeinden  gedeckt  worden  seien.  —  Durch  specielle
Uebereinkoramen  mit  vielen  Einzelnen  der  beim  Aufstande  Betheiligten
wusste  der  Eisens  im  Ganzen  ansehnliche  Summen  zu  erlangen.
Schuld.  Vor  der  Zeit  der  franz.  Revolution  war  die  frühere  Schuld
vollständig  getilgt.  Die  Rheinbundskriege  erheischten  grosse  Summen,
wie  denn  auch  auf  den  neuen  Erwerbungen  zum  Theil  Schulden  hafteten. ­
  Unterm  28.  Dec.  1813  ward  ein  6proz.  gezwungenes  Anlchen
angeordnet.  Ende  1820  betrug  die  fundirte  Schuld,  nach  Abzug  der
Activen,  15’602,92.5  fl.;  Ende  1830:  14’844,110.  Dann  kam  die  Ablösung ­
  der  Grundlasten,  wozu  der  Staat  Beiträge  lieferte.  So  war  der
Stand  der  gewöhnlichen,  ohne  die  Eisenbahn-Schuld  :
Ende  1841:  38’834,322  fl.  oder  30’071,434  nach  Abzug  der  Activen
-  1846:  86576,476  -  -  27  686,674  -  -  -
Von  neueren  Anlehen  (an  denen  aber  bereits  ansehnliche  Abzahlungen ­
  statt  hatten)  kennen  wir  :

1)
2)
3)
?)
8)

Zufolge  Gesetzes  v.  11.  Juni  1840,  Lottericanlehen,  für  Zehntablüsungsbeiträge,
  innerh.  25  J.  rückzahlbar  (50  fl.-Loose)
1.  Jan.  1843,  erstes  Eisenbahnanlehen,  3  %  procentig,  negocirt
a  92  .......
21.  Febr.  1845,  zweites  Eisenbahnanlehen,  3'/jproc.  (35fl.-Loose)
in  40  Jahren  rückzahlbar  (mit  ansehnl.  Agio  emittirt)
26.  Juli  1848,  5proc.  Anlehen  v
3.  März  1849  „
zugleich  erste  Emission  v.  Papiergeld.
14.  Juli  1849,  „freiwilliges  Darleihen“,  5proc.
1850,  neues  Anlehen  von
Dec.  1854,  Eisenbahn-  (u.  Militär-?)  Anlehen,  4%  %,  ä  91%
Neue  Papiergeldemission
Der  Stand  der  Staatsschuld  war  am  1.  Jan.  1854:
1)  Allgemeine  Staatsschuld:

5  Mill.
12

14

%
2

1
6

10
1

a.  an  den  Domänengrundstock  (unverzinsl.)  .  12’000,000
b.  an  Privatgläubiger  19’420,393
3F420,393
        <pb n="193" />
        12

DEUTSCHLAND  —  Baden  (Militärwesen,  Sociales).

177

2)  Eisenbahnscliuld  32’.S86,937
8)  Papiergeld  (laut  Gesetz  v.  3.  März  1849)  .  .  2’000,000
65’807,330
Hiezu  kamen  seitdem:  Anlehcn  v.  Dec.  1854  .  10’000,000
Neue  Papiergeldemission  .  1’000,000
Gesammtsumme  etwa  76’800,000
Milltclrwescil*  Conscription  mit  Stellvertretung.  Dienstzeit  im
activen  Heere  6,  in  der  Reserve  2  Jahre.  —  Infanterie:  4  Regiin.
(worunter  1  Grenadiere)  zu  2  Bataill.,  ferner  2  Füsilir-  und  1  Jägerbat. ­
  —  Cavallerie:  3  Reg.  zu  4  Escadr.  —  Artillerie:  1  Regim.  zu
5  Batterien  und  40  Kanonen  ;  Pioniercomp.  —  Der  Gesammtstand
dürfte  17,000—17,500  M.  sein.  —  Festung:  Rastatt  (Bundesfestung,
tlieilweise  mit  österreichischer  Besatzung).
'  Zum  Rheinbunde  hatte  Baden  ein  Contingent  von  8000  M.  zu
stellen.  Badische  Truppen  kämpften  neben  den  Franzosen  1806  und  7
in  Preussen,  1808  und  später  in  Spanien,  1809  gegen  Oesterreich,
1812  in  Russland,  1813  in  Norddeutschland  ;  sodann  1814  und  15
gegen  Frankreich.
Sociale  Vorltällnis.se*  Nach  dem  Beitritte  Badens  zum
Rheinbunde  erfolgte  auch  ein  Anschliessen  an  die  franz.  Gesetzgebung.
So  ward  (1.  Jan.  1810)  das  franz.  Civilgcsetzbuch  (mit  verschiedenen
Modificationen)  cingeführt,  auch  dem  Feudalwesen  etwas  entgegen  getreten. ­
  Eine  Aufhebung  der  Feudallasten,  wie  in  Frankreich,  erfolgte
indess  nicht,  sondern  erst  nach  der  Julirevolution  von  1830  erschien
ein  Ablösungsgesetz.  —  Noch  bestehen  Zünfte,  doch  sind  viele  Gewerbe ­
  frei,  und  es  geschah  ein  bedeutender  Schritt  durch  das  Bürgerannahmegesetz ­
  von  1831,  demzufolge  (§.  41)  die  Aufnahme  eines
Inländers  in  eine  Gemeinde  nicht  mehr  aus  dem  Grunde  verweigert
werden  darf,  dass  sein  Gewerbe  übersetzt  sei.  Noch  bestanden  indess
im  Jahre  1835  114  Bannmühlen,  59  Bannkeltern  und  13  Wirthschaftsbannrechte;
  die  Aufhebung  scheiterte  damals  am  Widerspruche  der
ersten  Kammer.

8.  Hessen  (Grossherzogthum).

Provinzen
Starkenburg
Oborhesseii
Rheinhessen
Zus.

BeVölker  ung
Q.-M.  Í852  "  1855  ^  "früher
55  319,050  312,630  1821  671,266
73  309,617  298,939  1834  760,694
25  225,647  224,855  1843  834,711
153  854,314  836,424"  1^49  852,524

Sonach  Verminderung  um  17,910  Menschen  in  3  Jahren!
Familienzahl  1852:  169,263;  =  5,05  Köpfe  auf  die  Familie.
Confessionen:  (Lutheraner  409,658]
Protestanten  (  Reforrairte  36,520  &amp;gt;  603,583
(  Unirte  157,405  )
Katholiken  217,798
Sonstige  Christen  .  .  .  .  4,199
'Juden  28,734
Katholiken  am  wenigsten  in  Oberhessen,  am  meisten  in  Rheinhessen,  wo  sie
der  Zahl  der  Protestanten  (Unirten)  um  etwas  überlegen  sind.
        <pb n="194" />
        178

DEUTSCHTjAND  —  Grosslierzogthum  Hessen.

Städte:  Darmstadt  32,000  Eiawolmer;  Mainz  (1852)  36,741;
OffenTbach  12,000;  Worms  10,000;  Giessen  8000.
Gebietsveränderungen.  Vor  der  französischen  Revolution  umfasste
die  Landgrafschaft  Hessen-Darmstadt  :  1)  die  obere  Grafschaft  Katzenelnbogen ­
  (mit  Darmstadt  und  Ems),  2}  Oberhessen  (Giessen,  Butzbach) ­
  ,  3)  die  Herrschaft  Hanau-Lichtenbcrg  (meist  im  Obereisass,  mit
Pirmasens  in  der  jetzigen  bayer.  Rheinpfalz  und  Buchsweiler  im  jetzigen ­
  franz.  Niederrhein),  zusammen  etwa  100  Q.  M.  mit  300,000  M.
Im  Luneviller  Frieden  mussten  abgetreten  worden  :  die  linksrheinischen
Besitzungen  an  Frankreich,  die  Aemter  Lichtenau  und  Wilstadt  an
Baden,  und  die  Aemter  Katzenelnbogen,  Ems,  Epstein  und  Kleeberg
an  Nassau-Usingen,  —  zusammen  38  Q.  M.  mit  100,800  Bewohnern.
Darmstadt  erhielt  zur  Entschädigung:  das  Herzogthum  Westfalen,  die
Mainzer  Aemter  Starkenburg,  Steinheim,  Gernsheim,  Vilbel,  Hirschhorn, ­
  Heppenheim,  Bensheim,  Lorsch,  Fürtli,  Alzenau  etc.  ;  die  Pfälzischen ­
  Aemter  Lindenfels,  Umstadt  und  Otzberg;  ferner  die  Reste
des  Hochstifts  Worms  (auf  dem  rechten  Rheinufer),  die  Reichsstadt
Friedberg  und  die  Prolj^tci  Wimpfen,  zusammen  103  Q,  M.  und
218,000  Menschen.  Durch  einen  Tauschvertrag  mit  Baden  ward  die
Reichsstadt  Wimpfen  erlangt.  —  Am  13.  August  1806  nahm  der
Landgraf  den  Titel  „Grossherzog“  an.  Er  erhielt  die  Hoheit  über
mehre  Besitzungen  von  Löwenstein-Werthheim,  Erbach,  Leiningen,
Solms,  Wittgenstein  und  Hessen-Homburg,  =  42  Q.  M.  mit  112,000
Einwohnern.  —  1810  erlangte  man  einige  Aemter  von  Baden,  einen
Theil  von  Hanau  und  ein  Amt  von  Fulda  =  9  Q.  M.,  26,200  Einw.
—  Zufolge  der  Wiener  Congressbcsclilüsse  musste  Darmstadt  ab  treten  :
das  Herzogthum  Westfalen,  die  Fürstenthümer  Wittgenstein,  die  Aemter ­
  Amorbach,  Miltenberg,  Heubach,  Alzenau  und  Dorheim  ,  sodann
das  wieder  selbstständig  gewordene  Hessen-Homburg,  zusammen
185,000  Menschen.  Es  erhielt  zur  Entschädigung  einen  Theil  des
französischen  Donnersberg-Departements  (mit  Mainz)  auf  dem  linken,
und  einen  Theil  des  Fürstenthums  Ysenburg  auf  dem  rechten  Rheinufer, ­
  zusammen  damals  mit  203,800  Menschen.
Die  Verfassung  datirt  vom  17.  Dezember  1820.
Filiaiizen.  Die  Verfassung  schreibt  dreijährige  Budgets  vor.
Von  1848  bis  1855  kam  aber  gar  kein  Budget  zum  Abschlüsse
zwischen  Regierung  und  Kammern.  Der  von  der  Regierung  entworfene ­
  Voranschlag  für  1851  —  53  ging  auf  eine  Summe  von  8’206,873
fl.  jährlich.  —  1855  waren  2’234,331  fl.  directe  Steuern  ausgeschlagen, ­
  d.  h.  9Yg  Krzr.  auf  den  Gulden  des  Normalstcucrcapitals  (welches ­
  Normalsteuercapital  im  Ganzen  die  Summe  von  14^691,496  fl.
umfasste.)  Schon  in  dem  Budgetentwurfe  für  1850,  mit  7’959,770  fl.
abschliessend  (wovon  1’984,987  fl.  Abgänge  und  Gewinnungskosten),
hatte  die  Regierung  u.  a.  postulirt:  für  den  Hof  710,258  (wovon
581,000  eigentliche  Civilliste),  Schuld  652,165,  Militär  1’523,600
(18%  nur  892,355,  18%  1164,377),  Pensionen  475,000.  Die
vom  Bund  angeordnete  „Kriegsbereitschaft“  erheischte  ausserordentli-
        <pb n="195" />
        DEUTSCHLAND  —  Grossherzogthum  Hessen.  179

dien  Aufwand.  Ein  Beschluss  der  Abgeordnetenkammer  v,  25.  April
1855  genehmigte  ausserordentlicher  Weise:
I.  In  Bezug  auf  die  Kriegsbereitschaft:
a.  für  Anschaffungen  tí.  400,000
b.  -  Truppenuntei’halt  vom  Febr.  bis  Juli  1855  .  •  240,000
II.  In  Bezug  auf  Mobilmachung,  bloss  eventuell  .  •  •  1’000,000
Im  April  1855  erging  au  den  Landtag  das  Ansinnen,  1*100,000
fl.  Schulden  der  Ci  vil  liste  zu  ttbernehmen,  wogegen  für  eine
weitere  Million  Grimdrcntcnscheine  (Papiergeld)  ausgegeben  und  durch
allmählige  Abzüge  an  der  Civilliste  gedeckt  werden  sollten.  Zuvor
hatte  die  Regierung  die  Ermächtigung  zu  einem  neuen  Anlehen  von
2*300,000  fl.  gefordert,  wodurch  gedeckt  werden  sollten:
a.  die  Kosten  einer  eventuellen  Mobilmachung  .  1’740,000  fl.
b.  Ueberschreitungen  des  bisherigen  Etats  .  .  364,000
c.  Kosten  einer  Schiffbrücke  bei  Worms  .  .  140,000
d.  „  der  Negocirung  dieses  Anlehens  .  .  56,000
Mitte  1855  erklärte  die  Regierung,  von  der  Mobilmachung  vorerst ­
  absehen  zu  können.  Darauf  gingen  die  Kammern  auf  die  erwähnte ­
  Schuld-Uebernahmc,  vorbehaltlich  der  allmähligen  Abzüge  an
der  Civilliste,  ein,  und  genehmigten:

1)  Aufnahme  eines  Anlehens  von  900,000  fl.,
2)  Ausgabe  von  weiteren  1’500,000  fl.  Papiergeld.
Behufs  Zinsdeckung  ward  eine  Steucrerhölumg  von  1  Pf.  auf  den
Normalgulden  eingeführt.
Schuld.  Dieselbe  dürfte  dermalen  folgenden  Bestand  haben  :

a.  allgemeine  Schuld  über  .  17’100,000  fl.  1825  14  258,570  fl.
b.  Eisenbahnschuld  über  .  11’800,000  -  1828  12  926,553  -
c.  Papiergeld  («Grundrentenscheine“)  4’000,000  -  1840  11’502,207  -
Zus.  gegen  33’000,000  -  14  649,011  -
Alles  ohne  Abzug  der  Activen.  Seit  1820  wurden  viele  Domänengüter ­
  verkauft.
Militär*  Conscription.  Dienstzeit  6  Jahre,  wovon  2  in  der
Reserve.  .  Der  Staat  selbst  unterhält  eine  Militärvertretungsanstalt.  —
Trupp  en  bestand  vor  der  letzten  Vermehrung  :
Gardeunterofficierscomp.  48,  Quartiermeisterstab  u.  Pioniere  126  .  .  174
Garde-Chevauxlegers-Regiment  ........  1,446
Artillerie  (1  Comp,  reit.,  2  Comp.  Fuss-,  1  C.  Train,  mit  18  Kan.)  .  853
Infanterie  4  lieg,  zu  2  Bataill.  ........  8,041
Zus.  10,514

Festung.  Mainz,  ist  aber  Bundesfestung,  mit  österreich.-preuss.
Besatzung,  im  Kriege  verstärkt  durch  Truppen  der  Reservedivision  ;
blos  1  Bataillon  Hessen  garnisonirt  zu  Mainz.
Geschichtliche  Notizen.  Vor  der  Zeit  der  franz.  Revolution  betrug  der

Truppenstand  etwa  4000  M.  ;  eben  so  viel  mussten  zum  Rheinbunde
gestellt  werden.  Nach  dem  Reussischen  Feldzuge  ward  das  hessische ­
  Truppencorps  neu  organisirt.  Nach  der  Leipziger  Schlacht  erfolgten ­
  grosse  Anstrengungen  gegen  Napoleon.  —  Bis  1808  war
der  Etatsstand  9350  M.

Sociales*  Im  Gewerbswesen  rechts  des  Rheins  modificirte
        <pb n="196" />
        180

DEUTSCHLAND  —  Kur-Hessen  (Land  und  Leute).

Zunfteinrichtung,  links  Gewerbsfreilieit,  Da  das  System  der  Beschränkung ­
  wenigstens  stark  gemildert  ist,  so  sind  die  Gegensätze  natürlich
minder  stark  als  zwischen  Alt-  und  Rheinbayern.  —  Aehnliches
gilt  von  den  landwirthschaftlichen  Zuständen.  In  Rheinhessen
zeigen  sich  die  Früchte  der  Gütertheilbarkeit  und  der  Befreiung  von
Feudallasten.  Schon  die  Verschiedenheit  der  Volksmenge  in  den  neben ­
  einander  gelegenen  Provinzen  Starkenburg  und  Rheinhessen  gibt
eine  beachtenswerthe  Andeutung.
Maasse:  Das  franz.  System  bildet  die  Grundlage.  Der  Fuss,  zu  10  Zoll,
E=  25  Centimeter;  sonach  100  hess.  =  79,65  preuss.  Fuss  od.  25  Meter.  —
Der  Morgen  =  25  Aren  od.  0,9715  preuss.  od.  rhein.  Morgen.  —  Das  Malter,
zu  4  Simmern,  unterabgetheilt  in  4  Kumpf  à  4  Gescheid,  zu  4  Mässchen;  1
Gescheid  =  2  Liter,  100  Malter  sonach  128  Hectol.  oder  232,89  preussische
Scheffel.  —  Die  Ohm  zu  20  Viertel  à  4  Maass;  die  Maass  ist  gleich  dem  Gescheid,
  der  Schoppen  also  Liter.  —  100  Maass  =  2  Hectoliter  od.  174,67
preuss.  Quart;  die  Ohm  ist  1,6  Hectoliter  oder  0,54  preuss.  Eimer,  —-  Gewicht
das  Zollpfund.

9.  HesSGn  (Kurfürstenthum).

Bestandtheile.  Q.-M.
Niederhessen  (mit  Rinteln)  .  .  .  80'/,
Oberhessen  36  '/j
Fulda  (mit  Hcrsfeld  und  Schmalkalden)  33
Hanau  23'/,

Bevölk.  1853
367,575
124,762
138,685
124,328

Zusammen  173'/,  755,350
Bevölkerung  im  Dec.  1855  736,392
1818  war  die  Volkszahl  ÖG7,8G6,  1849  759,751;  sonach:

im  Ganzen  im  Jahre

1818—49  Mehrung  191,885  6,190
1849—52  Minderung  4,523  1,508
1852—55  „  18,958  6,319
In  den  Städten  201,840  Familien  (1852)  142,761
Auf  dem  Lande  557,911  Von  1825—47  12,2  Proz.  uneheliche  Geburten.
Confessionen.  (1827):  528,901  Protestanten,  95,694  Katholiken,
14,422  Juden.
Städte,  62;  1849  zählten  Einwohner:  Cassel  35,794,  Hanau
16,690,  Fulda  9937,  Marburg  8428.
Gebietsveränderungen.  1786  war  der  Bestand:
Q.-M.  Bevölk.
Hessen-Cassel  ....  2081
Antheil  an  der  Grafsch.  Henneberg  4  &amp;gt;  350,000
Grafschaft  Hersfeld  .  .  .  10  ;
Antheil  an  der  Grafsch.  Schaumburg  16  30,000
Grafschaft  Hanau  .  .  .  22  70,000
Zusammen  260  450,000
Im  Luneviller  Frieden  trat  der  Landgraf  Rheinfels  und  St.  Goar
(auf  dem  linken  Rheinufer,  %  Q.  M.  mit  2500  Menschen)  an  Frankreich ­
  ab,  und  erhielt  zur  Entschädigung  die  Reichsstadt  Gelnhausen
und  die  Enclaven  Fritzlar,  Holzhausen  und  Amöneberg,  5  Q.  M.  mit
14,000  Einwohnern.  Am  15.  Mai  1803  nahm  er  den  Kurfürstentitel
an.  Ungeachtet  seiner  nominellen  Neutralität  im  Kriege  von  1806
        <pb n="197" />
        DEUTSCHLAND  —  Kur-Hessen  (Finanzen).

181

besetzten  nach  der  Jenaer  Schlacht  französische  Truppen  das  ganze
Land;  der  Kurfürst  entfloh.  Hessen  (mit  Ausnahme  von  Hanau  und
Niederkatzenelnbogen)  bildete  den  Kern  des  1807  errichteten  „Königreichs ­
  Westfalenwelches  in  der  Zeit  seiner  grössten  Ausdehnung
1120  Q.  M.  und  2V2  Mill.  Menschen  umfasste.  (König:  Napoleons
jüngster  Bruder  Hieronymus  [Jerome],  Hauptstadt  Cassel.)  Nach  der
Leipziger  Schlacht  Restauration  des  Kurfürsten.  Er  hatte  abzutreten:
Katzenelnbogen  an  Nassau,  die  Herrschaft  Messe  an  Hannover,  und
einige  kleine  Distrikte  an  W^eimar  und  Darmstadt;  erhielt  aber,  den
grössten  Theil  des  Hochstifts  Fulda,  mehre  Enclaven  und  einen  Theil
von  Ysenburg  zur  Herstellung  der  Verbindung  mit  Niederhessen.
Staatsgrundgesetz  vom  5.  Januar  1831.  —  1850  Octroyirungen.
FilUlllZCli«  Dreijährige  Budgets.  Das  für  1852—54  schloss  so:
Einnahme  .  .  •  4’158,480  Thlr.
Ausgabe  1852  .  .  .  4’653,930
1853  u.  54  .  9’278,860  -
Deficit  485,783'/g  Thlr.  ^
Ein  neues  Budget  ist  dermalen  nicht  vereinbart.  Vielmehr  forderte ­
  die  Regierung  vor  einiger  Zeit  vom  Landtage  die  Ermächtigung
zu  einem  Anlehen  von  200,000  Thlr.  zur  nachträglichen  Deckung
der  Kriegsbereitschaft;  welches  Anlehen  um  so  mehr  nothwendig  sei,
als  das  Budget  von  1852  —  54  mit  einem  Deficit  von  298,103  (eigentlich ­
  485,783)  Thlr.  geschlossen,  während  keine  Aussicht  vorhanden, ­
  jene  Kosten  aus  den  Einnahmen  der  Finanzperiode  1855—57
decken  zu  können.  Die  I.  Kammer  beschloss  einstimmig,  die  Regierung
  zu  ersuchen,  „den  Bestimmungen  der  §§.  14  und  118  der  Verfassung ­
  (über  zeitige  Vorlage  des  Budgets)  endlich  nachkommen  zu
wollen!“  Darauf  antwortete  die  Regierung  mit  Vertagung  der  Kammern.
Der  Landtags-Abgeordnete  Hildebrand  berechnete  (Antrag  vom
6.  Dezember  1849):  ”  '  ’  -
richten  von  1846—48

die  Domänen
-  directen  Steuern
-  Forsten
-  indirecten  Steuern

„Nach  dem  Finanzgesetz  und  den  Finanzbebringen
  ein:
die  Verwaltung  kostet;
211,400  (zus.  27,4  Proz.,  wovon
107,348  S  150,538  Thlr.  Gehalte.
386,655  =  53,3  Proz.
192,548  =  17,8

Ertrag
519,100
640,480
739,200
«  IIIUIICCICII  OliCUOlll  1081,580  -  ;  .  ,
30,3  Proz.  der  gesummten  Bodenfläche  (1189,314  Kass.  Acker)  sin
unmittelbares  Staatseigenthum.  —  Man  duldet  SpielbanJcen  zu  Nauheim, ­
  Wilhelmsbad,  Nenndorf  und  Hofgeismar.
Unter  den  Ausgaben  erschienen  im  Budget  für  18  /51  die
Kosten  des  Hofes  mit  392,150,  wovon  332,250  eigentliche  Civilliste.
Allein  ausserdem  befindet  sich  der  Kurfürst  im  Genüsse  der  Hälfte
des  gemeinsamen  Capitalvermögens,  wonach  seine  Einkünfte  auf
660  000  bis  700,000  Thlr.  steigen.  —  Für  die  Schuld  waren  nur
202680  Thlr.  bestimmt,  allein  der  Bedarf  wäre  mindestens  noch
einmal  so  hoch,  wenn  man  nicht  die  Zahlungen  auf  das  grosse  Lotterieanlchen
  einseitig  zurückgestellt  hätte  (s.  unten).  —  Der  Militäretat, ­
  1836  713,668,  erschien  1850  bereits  mit  897,490,  und  ist  seitdem
weiter  erhöht.  Die  Pensionen  vermehrte  man  von  107,720  im
Jahr  1836  bereits  auf  284,540  Thlr.
        <pb n="198" />
        182

DEUTSCHLAND  —  Kur-Hessen  (Finanzen,  Militär).
Geschichtliche  Notizen.  Die  Einkünfte  des  eigentlichen  Casselschen
  Gebiets  schätzte  man  1786  auf  1'600,000  Thlr.,  wozu  noch
V2  Milk  aus  Hanau  kam.  Bekannt  ist  der  Soidatenvcrkauf  an  England.
Der  (katholisch  gewordene)  Landgraf  Friedrich  II.  erhielt  1776—84
für  22,000  Mann  (durchschnittlich  à  978  Thlr.)*)  2F276,778  Thlr.  ;
die  Ausrüstungs-  und  Löhnungsküsten  hatten  9’539,.569  betragen,  so
dass  ein  Gewinn  verblieb  von  11737,239  Thlr.**).  Mit  diesem
Gelde  ward  vortheilhaft  gcwirthschaftet  ;  der  alte  Rotlischild,  der  zum
Ilofagenten  gemacht  worden,  legte  damit  den  Grundstein  zu  seinem
„Hause.“  Der  Landgraf  aber  hinterliess  ein  Vermögen  von  56  Mill,  fl,
(Die  Einkünfte  des  ^^Königreichs  Westfalen'^  betrugen  Mill.
Thlr.;  die  Ausgaben  1808  :  37’375,000  Eres  ;  die  Sehuldeninassc  schon
damals  112'66  7,750  F  res  !  Es  gab  freiwillige  und  gezwungene  Anlehen, ­
  und  der  Cours  der  Staatspapicre  sank  bis  auf  50  Prozent.)
Nach  der  Restauration  Fortdauer  der  Finanzzenüttung.  Das
erste  Budget  in  der  constitutionellen  Periode,  18^1/33  schloss  mit  einem
Deficit  von  1’615,890  Thlr.  —  In  der  Neuzeit  erhob  Bayern  Entschädigungsansprüche ­
  für  die  1850  erfolgte  Sendung  von  Exccntionstrnppen
(siehe  S.  149.)  Der  Kurfürst  antwortete  mit  einer  Gegenforderung.
Schulden.  Während  die  Rcichthümer  der  Landgrafen  sich  häuften, ­
  vermehrten  sich  die  Schulden  des  Landes.  Nach  der  Restauration ­
  verweigerte  der  Kurfürst  den  unzweifelhaftesten  Rechtsverpflichtungen ­
  aus  der  westfälischen  Zeit  die  Anerkennung.  Dagegen  wurden
300,000  Thlr.  Schulden  des  Kurprinzen  auf  die  Staatscasse  überwiesen. ­
  Der  Schuldenstand  war  1816  1'364,167  Thlr.  —  Der  Landtag ­
  suchte  seit  1830  Ordnung  in  das  Finanzwesen  zu  bringen.  Allein
die  Regierung  bekümmerte  sich  niemals  um  dessfallsige  Bestimmungen.
Ein,  Beispiel  bildet  das  Lottcrieanlehen  von  1845.  Statt  für  6  Mill,
wurden  für  6’725,000  Thlr.  Papiere  ausgegeben;  statt  Pari-Ausgabe
wurden  12V2  Proz.  Provision  bewilligt;  statt  3Yg  Proz,  Zinsen  erhalten ­
  die  Gläubiger  weit  weniger;  statt  einer  sogleich  beginnenden
und  wachsenden  Tilgung  wird  bis  1872  nicht  einmal  der  Zins  vollständig ­
  abgetragen,  so  dass  am  1.  Januar  1888  (!)  die  Gläubiger
noch  6'725,000  Thlr.  zu  fordern  haben  werden,  die  dann  in  grossen
Summen  getilgt  werden  sollen  (s.  Landtagsverhandlungen  vom  29.
Juni  1848.)  —  Der  gesammte  Schuldenbetrag  ward  1854  auf
15'400,000  Thlr.  geschätzt,  worunter  2%  Mill.  Papiergeld  (ausserdem
circuliren  Noten  der  Leih-  und  Commerzbank.)  Hiezu  kam  im  Frühjahr ­
  1855  ein  neues  Anlehen  von  1'200,000,  und  die  Regierung  beabsiehtigt,
  wie  oben  erwähnt,  ein  ferneres  von  200,000.
MilitcEr«  Conscription;  Loosung;  Stellvertretung;  5  Jahre
Dienstzeit,  wovon  1  in  der  Reserve.
Infanterie:  4  Reg.  (wov,  1  Leibgarde),  zu  1545  M.,  in  2  Bataill.  und  8
Comp.  —  1  JUgerbatailL  zu  711,  =  zus.  .....  7,301
Cavallerie:  2  Husarenreg.  zu  7  Escadr.  und  1028  M.,  2  Esc.
*)  Nach  einer  and.  Notiz  hätte  er  16,992  M.  geliefert,  von  denen  6500  umkainen,
*•  )  Auf  dem  Durchmärsche  durch  preuss.  Gebiet  liess  Friedricli  11.  in  bitterm
Hohne  „den  üblichen  Viehzoll“  nach  der  Kopfzahl  erheben.
        <pb n="199" />
        183

1,350
812

DEUTSCHLAND  —  Kur-Hessen  (Militär,  Sociales).
dann  1  Pioniercomp.  _
Zusammen  9,463
Nach  einer  andern  Berechnung  '
Im  Jahre  1786  unterhielt  der  Landgraf  lo.OOO  Soldaten.  —
bald  aufgelöst.
Sociales.  Zur  Zeit  des  Königreichs  Westfalen  bestand  Gewerbsfreiheit.
  Eine  Verordnung  vom  5.  März  1816  stellte  das
Zunftwesen  in  starrster  Weise  wieder  her.  Als  mau  sich  unbehagrheh
  fühlte,  ivendote  sich  die  Regierung  dem  polizeilnihen  llegarmmidungsysteme
  zu,  was  indess  der  Landtag  theilweise  hindeite.  Nun
sr'ïf~  n“
treibenden  zählte  man  1846,  ohne  die  '  e
in  den  SUhhen  1L323  hidster  und  9,!h^  (leh^ü^a
auf  dem  Lande  ’  _
Zusammen  27,476  17,701  _
Weber  gab  es  4845  beim  gewerblichen,  und  4308  beim  fabrikmene
  Privatnotiz  die  citirte  Fabrikarbeiterzahl  fur  zu  gering.)
iSHS
Jn\?eusien^gab  es  1843  6451  studirte  Staatsdiener,  mit  Aus-
        <pb n="200" />
        184  DEUTSCHLAND  —  Mecklenburg-Schwerin  (Land  und  Leute).
nähme  der  Advokaten  ,  Geistlichen,  Aerzte,  Professoren  etc.,  —  in
Kurhessen  in  demselben  Jahre  442  Beamte  der  nemlichen  Categorien.
Hienach  kommt  in  Preussen  ein  studirter  Beamter  auf  2398  Bewohner, ­
  in  Kurhessen  einer  auf  1689,  oder:  in  Preussen  auf  100  000
Menschen  41,  in  Kurhessen  59  Beamte.  (Hildebrand,  Landtagsantras
vom  5.  Dezember  1849.)  °
Masse.  Der  Fuss  =  28,77  Centimet.  od.  11  Zoll  preuss.  od.  rhein.  Das
Casseler  Viertel  =  2,92  preuss.  Scheffel  od.  1,6  Hectol.  —  Die  Ohm  zu  80
Maass,  =  2,32  preuss.  Eimer;  6  Ohm  sind  1  Fuder.  —  Der  Acker  zu  150  Ruth
108*^Pfund^'^^*'  =  1,04  alte  preuss.  Pfund;  der  Centner

10.  Mecklenburg-Schwerin  (Grossherzogthum).

Areal  244  (nach  0.  Hübner  278)  Q.-Meil.  Bewohner  1854:
541,091.  Da  hier  das  mittelalterliche  Feudalwesen  forterhalten  wird
so  ist  nur  der  kleinste  Tbeil  des  Landes  unmittelbar  der  Staatsgewalt
unterworfen;  weitaus  das  Meiste  steht  unter  der  Herrschaft  des  noch
quasi-souveränen  Ritterthums.  Die  Vertheilung  ist  folgende  (wobei  zu
bemerken,  dass  man  das  Areal  früher  nur  zu  228  Q.-Meil.  annahm
wesswegen  die  Ziffer  der  Ausdehnung  nur  eine  ungefähre  ist)  :
Bevölkerung

Landesherrl.  Domänen
Klostergüter
995  ritterschaftl.  Güter  etc.  *)
40  Stadtgebiete

Q.-M.
96
107%
24%

1851
207,222
9,045
141,466
184,905

1853
206,732
8,824
139,31-3
186,381

*)  Hievon  628  Lehen  und  367  Allodien

228  542,638  641,250

Frühere  Volkszahl.
1820  393,326
1830  448,668
1839  504,156
1848  534,394

Confessionen.
Lutheraner  537,319
Reformirte  176
Katholiken  737
Juden  3,217

In  dem  am  dünnsten  bevölkerten  Lande  Deutschlands  hat  sich
trotz  seines  fruchtbaren  Bodens,  in  der  jüngsten  Zeit  sogar  noch  eine
Volksverminderung  ergeben.  1852  wandorten  gegen  8000  Menschen
aus;  1853  noch  mehr;  1854  blos  bis  zum  August  schon  7484.  Seitdem ­
  entstand  eine  Stockung.  —  Die  Bevölkerung  stammt  aus  einer
Vermischung  des  deutschen  mit  dem  slavischen  Elemente,  doch  waltet
das  erste  nun  ausschliesslich  vor.
Städte.  Schwerin  mit  17,000,  Rostock  (1852)  23,751,  Wismar
12,000,  Güstrow  10,000  Einw.
Gebietsveränderungen.  Die  letzte  der  für  Deutschland  so  verderblichen ­
  Länder-Erbtheilungen  erfolgte  1701  in  Mecklenburg,  durch
Losreissen  von  Strelitz  für  einen  Jüngern  Sohn  des  Fürsten.  —  1788
anerkannte  die  Stadt  Rostock  zum  ersten  Male  die  volle  Landeshoheit
  Mecklenburgs.  Das  seit  155  Jahren  davon  getrennte  Wismar
ward  1803  um  1'628,000  Thlr.  N%  (1’200,000  Thlr.  preuss.)  auf
        <pb n="201" />
        DEUTSCHLAND  —  Mecklenburg-Schwerin  (Finanzen).

185

lOOjahrigen  Pfandbesitz  von  Schweden  erlangt;  Schweden  soll  sein
Pfand  im  Jahre  1903  nm  ungefähr  28  —  30  Mill.  Thlr.  wieder  einlösen ­
  können!  —  1803  erhielt  der  Herzog  auch  für  die  verlorenen
Canonicato  zu  Strassburg  und  für  seine  Ansprüche  auf  die  Insel  Privai
durch  Reichsdeputationsschluss  7  stiftlübeckische  Dörfer  und  eine  Rente
von  10,000  fl.  aus  den  Rheinoctroierträgnissen  (!)  —  Obwohl  der
Herzog  der  erste  deutsche  Fürst  war,  der  vom  Rheinbunde  abfiel,
nämlich  schon  am  25.  März  1813,  so  erlangte  er  doch  keine  Gebietsvergrösserung,
  sondern  nur  den  Titel  als  Grossherzog,  17.  Juni  1815.
Das  vom  Bundestag  umgestürzte  Staatsgrundgesetz  datirte  vom
10.  Oct.  1849.
Finanzen*  In  dom  vom  Minister  aufgestellten  Etat  für  das
(je  an  Johannis  beginnende)  Rechnungsjahr  18^%4  erschienen
die  Ausgaben  mit  3’430,028  Thlr.
-  Einnahmen  -  3’292,748  -
ein  Deficit  von  137,280  Thlr.
Von  einem  eigentlichen  Systeme  der  Besteuerung  findet  sich  keine
Spur.  Die  Lasten  sind  meistens  local  ganz  verschieden,  je  nachdem
sie  in  entfernten  Zeiten,  in  dieser  oder  jener  Art  eingeführt  wurden.
Auch  von  einem  Zollsysteme  kann  keine  Rede  sein.  Ja  es  ist  sogar
der  Anschluss  Mecklenburgs  an  ein  auswärtiges  Zollsystem,  z.  B.  das
deutsche,  durch  die  Privilegien  der  Ritterschaft  beinahe  unmöglich  gemacht. ­
  Von  dem  1851  zu  339,133  Thlr.  veranschlagten  Ertrage  der
Zölle  kamen  nicht  weniger  als  190,880  Thlr.  auf  die  Wasser  Zölle,
—-  mit  welcher  Wirkung,  werden  wir  unten  zeigen.  —  Das  gesammte
Domanialgruñdeigenthum  berechnet  man  Übrigens  zu  2’045,572
preuss.  Morgen.  *)  —  (Zu  Dobberan  wird  eine  Spielbank  geduldet.)  —
Wie  in  Weimar,  stellen  sich  die  Ausgaben  für  die  Hofadministration
höher,  als  für  die  Civiladministration:  letztere  betragen  noch  nicht
i/g  Mill.  Thlr.,  die  für  das  grossherzogliche  Haus  hingegen  über  eine
halbe  Mill.,  mehr  also,  als  die  Civilliste  des  Königs  von  Sachsen«
(welche  letzte  indess  seitdem  auch  erhöht  wurde).
Schulden.  Dieselben  wurden  1851  auf  11’200,000  Thlr.  berechnet, ­
  ohne  die  Garantie  für  die  Eisenbahn  mit  1’600,000.  Die  vom  Hofe
herrührenden  Schulden  betrugen  fast  5  Mill.  Anfangs  1837  war  der
Schuldenstand  blos  7’400,000  Thlr.  noch  anfangs  1848  blos
9’7G7,513  Thlr.  Cour.,  ungeachtet  des  Anlehens  zum  Schlossbaue.
Geschichtliche  Notizen.  Herzog  Karl  Leopold  (f  1747)  brachte
mit  seinen  russischen  Hülfstruppen  unsägliches  Elend  über  das  Land.
Die  Rcichsprocesskosten  betrugen  über  300,000,  die  Executionskosten
gegen  1T00,000  Thlr.  N%.  Die  wichtigsten  Landestheile  mussten
an  Preussen’  und  Kurbrandenburg  verpfändet  werden.  17«%8  löste
die  Reluitionscommissiou  die  1734  an  Hannover  verpfändeten  8  Do-*)

  Um  bei  den  kleineren  deutschen  Staaten  nicht  jedesmal  die  einzelnen
Hauptpositionen  der  Einnahmen  und  der  Ausgaben  wiederholen  zu  müssen,  verweisen ­
  wir  ein  für  alle  Mal  auf  die  Seite  133  und  134  abgedruckten  tabellangehen
  Zusammenstellungen.
        <pb n="202" />
        186  DEUTSCHLAND  —  Mecklenburg-Schwerin  (Militär,  Sociales).
mänenämter  mit  1  5.35,000  Thlr.  wieder  ein.  Der  erste  Reichskrieg
gegen  die  franz.  Republik  kostete  270,000,  die  „bewaffiicte  Neutralität“
bis  zum  Luneviller  Frieden  1’200,000  Thlr.  Dennoch  waren  die
Schulden  im  Jahre  1803  bis  auf  495,000  Thlr.  getilgt.  Der  Kriegsschaden ­
  des  Landes  vom  Oct.  1806  bis  Febr.  1807  betrug  7’218,000
Thlr.  —  Von  den  französischen  Gontributionsgeldern  erhielt  Schwerin
2'150,000  Fr.
Militär.  Conscription  mit  Stellvertretung;  6jährige  Dienstzeit.
Bestand  :
Infanterie-.  1  Grenadier-,  2  Musketier-  u.  1  leichtes  Bataill.
Cavallerie:  1  Dragonerreg.  von  4  Escadr.  u.  G29  M.
Artillerie:  2  Batt.  mit  1(&amp;gt;  Geschützen.
Soriilic  \^n'li(iltElls.SC/.  Mecklenburg  —  mit  seiner  ursprünglich ­
  slavischeu  Bevölkerung  und  der  einzigen  noch  vorhandenen  slavischen
  Fürstenfamilie  —  ist  der  einzige  Staat  in  Deutscliland,  in
welchem  die  franz.  Revolution  fast  keine  socialen  Aenderungen  hervorgebracht ­
  hat.  Der  L  eudalstaat  dauert  fort,  und  obwohl  die  .Jahre  1848
und  49  denselben  zu  erschüttern  anfingen,  so  befestigten  doch  die
Bundestagsbeschlüsse  die  alten  Zustände.  Die  Rittergutsbesitzer  üben
neuerdings  wahre  Souveränitätsrechte  aus,  und  die  Lage  des  Landvolkes ­
  ist  die  elendeste.  Länger  als  irgendwo  in  Deutschland,  nämlich
bis  1820,  währte  sogar  die  Leibeigenschaft  fort,  der  die  Mehrzahl
der  Einwohner  unterlag.  Auch  später  besserten  sich  deren  Verhältnisse ­
  wenig.  Das  grosse,  fruchtbare  Land  hat  die  dünnste  Bevölkerung
in  Deutschland,  und  dennoch  fanden  massenhafte  Auswanderungen  statt,
—  dennoch  ist  ein  Proletariat  vorhanden,  „welches  (wie  Schnelle
schon  vor  1848  schrieb)  durch  seine  Menge  gerechte  Besorgnisse  veranlasst. ­
  Man  sucht  durch  Ehehindernisse  die  Vermehrung  der  Bevölkerung ­
  zu  hindern  ;  —  freilich  nur  mit  dem  Erfolge  einer  ausserordentlichen ­
  Zunahme  der  unehelichen  Kinder  und  des  Umsichgreifens
eines  Missmuths  bei  den  arbeitenden  Classen,  der  in  den  letzten  .Jahren
Viele  veranlasst  hat,  aus  dem  volksarmcn  Mecklenburg,  das  noch
Hunderttausende  ernähren  könnte,  in  andere  Länder  und  Welttheile
auszuwandern“...  Die  Vertheilung  des  Grundbesitzes  ist  eine  wunde
Stelle  im  mecklenburgischen  Staatsleben.  Von  den  228  Q.-M.  Schwerins ­
  gehören  ungefähr  24^^  den  Städten  zu.  Das  übrige  Land  ist
unter  630  Grundeigenthümer  vertheilt.  Mit  ihnen  nehmen  an  dem
Grundbesitze  etwa  1002  Erbpächter  tlieil,  6163  Bauern,  die  an  den
Boden  eigentlich  kein  dingliches  Recht  haben,  und  endlich  etwa  6596
Bündner,  die  meistens  nur  wenige  Aecker,  aber  mit  dinglichem  Rechte,
besitzen.  Die  Zahl  der  Grundbesitzer  ist  also  klein  —  15,685  unter
368,118  Jjandleuten.  Bedenkt  man  nun,  dass  nur  630  vollkommen
freie  Ligenthümer  sind,  bedenkt  man  die  Lage  der  Bauern  auf  den
ritterschaftlichen  Gütern,  —  betrachtet  man  die  kastenartige  Isolirung
der  Bevölkerung,  die  Ungleichheit  in  ihren  bürgerlichen  Berechtigungen ­
  und  die  Schwierigkeit  der  Erwerbung  eines  kleinen  Grundbesitzes,
—  so  gewahrt  man  das  Bedenkliche  der  Verhältnisse.  Dabei  befinden
sich  die  mit  60  Mill.  Thlr.  Schulden  belasteten  Rittergutsbesitzer  auch
ihrerseits  in  keiner  allzubehaglichen  Lage.
        <pb n="203" />
        DEUTSCHLAND  —  Mecklenburg-Schwerin  (Sociales).  187

Das  Gewerbswesen  wird  durch  die  beiden  entschiedensten
principiellen  Gegensätze  eigenthümlich  beherrscht  :  einerseits  der  massloseste
  Gewerbszwang,  anderseits  eine  fast  vollständige  Handelsfreiheit ­
  !  Auf  dem  Lande  darf  Niemand  ein  Gewerbe  treiben,  ausser
auf  Veranlassen  und  zum  ausschliesslichen  Nutzen  der  Gutsheiischaft.
Daher  kommt  auf  183  Landbewohner  erst  ein  Handwerksmeister,
in  den  Städten  dagegen  einer  auf  16  Einw.  Neben  der  ziernhch  vollständigen ­
  Handelsfreiheit  hat  man  Bannmühlen,  Bannbranntwein,  Bannbier; ­
  selbst  Tanzmusik  dürfen  nur  privilegirte  Amtsmusikanten  ausüben. ­
  Das  Gewerbswesen  liegt  in  Wirklichkeit  tief  darnieder;  es  kann
sich  namentlich  mit  dem  in  dem  benachbarten  Preussen  nicht  vergleichen ­
  ;  Fabriken  gibt  es  überhaupt  fast  gar  nicht.  Und  die  Ergebnisse ­
  im  Grossen  ^  Im  «Jahre  1852  kam
1  Geburt  erst  auf  28,8  Einw.  (in  Preussen  durebsohn.  1  auf  24,95
1  Heirath  -  -  126,5  -  -  -  -  110,5
(1  Todesfall  -  45,5  -  ...  34,óá)
„Im  «Jahre  1800  kam  auf  88  Seelen  eine  Trauung,  im  Jahre
1846  eine  erst  auf  142;  nur  in  Bayern,  welches  unter  allen  deutschen
Staaten  die  meisten  unehelichen  Jvinder  liefert,  werden  verhältnissniässig
  weniger  Ehen  geschlossen“  (Schnelle).  Jn  Verbindung  mit  der
Abnahme  der  Heirathen  steht  die  Zunahme  der  unehelichen  Geburten. ­
  Das  Verhältniss  war  :

1795  1  zu  17,6  ehel.
1800  1-17
1820  1  -  10,8  -
1830  1  -  9,

1840  1  zu  7,
1845  1  -  5,7
1852  1  -  4,7
(In  Preussen  1  -  13!)

Den  Stand  der  Volksbildung  in  "diesem,  unter  einem  starren
(protestantischen)  Kirchenregiment  stehenden  Lande  beweist  die  Thatsache,
  dass  bei  der  Recrutenaushebung  zu  Ende  1855  von  882  Conscribirten
  kaum  361  Gedrucktes,  nur  210  Geschriebenes  lesen  konnten!
Folgendes  Beispiel  beurkundet  die  Unvernünftigkeit  der  Besteuerung. ­
  Es  sind  an  Abgaben  zu  bezahlen  beim  Bezüge

vom  Centner  Kaffee  vom  Oxhoft  Rum
Tlilr.  Schill.  Pf.  Th.  Sch.  Pf.
Übet  Rostock  .  .  8  32  1  4  46  7'/%
Wismar  zur  See  13  36  4  8  17  8
-  -  zu  Lande  7  44  4  7  3  9%
Hamburg  .  5  14  4  3  —  10'/a
Im  Innern  des  Landes  gibt  es  noch  70—80  Binnenzollstätten.
Handelsmarine.  «302  Scliiflfe  mit  31,548  Rostocker  Roggenlasten;
dann  6  Dampfer  und  41  Jvüstcnfahrzeuge.  —  Ihisenbahnen.  Die  Hamburg-Berliner ­
  durchzieht  Schwerin  auf  11  Meil«;  die  Rostock-Hagenower
(6’298,000  Thlr.  kostend)  ist  19,3  Meil.  lang.
Münzen  u.  Maasse.  .Durch  Verordnung  v.  12.  «Tan.  1848  ist  der  14  Thlr.-Fuss
  (nrcuss.  Thlr.)  eingeführt,  doch  wird  der  Thlr.  in  48  Schillinge  à  12  Pfennige ­
  eingethcilt.  —  Elle:  die  Hamburger.  100  Rostocker  Ellen  =  86,28  preuss.
Der  Fuss  ist  die  Hälfte  davon.  —  100  Rost.  Kornscheffel  =  70,76  preuss.
Sch.  od.  38  89  Hcctol.;  100  llaferschetfel  =  43,82  Ilectol.  —  Das  Oxhoft  hat
1%  Ohm,  e’Anker,  30  Viertel,  60  Stübchen,  120  Kannen,  240  Pot  od.  Quartier
à  ^0,9  Liter.  —  Das  Rost.  Pfund  ==  484  Grammen.  In  Maass  u.  Gewicht
herrscht  indess  die  grösste  Verschiedenheit.
        <pb n="204" />
        188

DEUTSCHLAND  —  Mecklenburg-Streîitz.

Il-  Mecklenburg-strelitz  (Grossherzogthum).

Herzogthum  Strelitz
Fürstenthum  ßatzeburg

Q,-M.

Bev.  1851.
83,276
16,352

Zus.  36  99,628
Nach  ein^  andern  Berechnung,  welche  47  Q.-M.  ergibt,  sind  das
Areal  und  die  Bevölkerung  (letzte  ungerechnet  Ratzeburg),  so  vertheilt;
Cabinetsgüter  u.  Domänen  .  .
ßitterschaftliche  u.  sonst.  Privatgüter  11,62
Städtische  Besitzungen  .  .  .  5^33
Einw.
ln  Städten  .  .  .  30,794  jWAere
m  Cabmetsamte  .  .  1,164  1817  72,587
Ritteg  a.%SSiter;tc.  :  %3n  ¡gil
Srru"Slt:toOO  E’inw.  -«76J«äen.
Der  Herzog  erhielt  1815  (mit  der  gros8-herzoglichen
  Würde,  17.  Juni  1815)  ein  Gebiet  von  10,000  ,  Seelen“
im  vormaligen  franz.  Saardepartemente  (linkes  Rheiniifer),  nämlich  die
Kantone  Kronenburg,  Reiferscheid  und  Schleiden.  Er  verkaufte  dasselbe ­
  unterm  21.  Mai  1819  an  Preussen  um  1  Mill.  Thlr.  (100  Tlilr.
pr.  Seele)  und  einige  Domänen.
Finanzen.  Wir  kennen  gar  kein  neues  Budget.  Im  Rechnungsjahre ­
  18*748  waren  veranschlagt:  Ausgaben  1'019,649  Thlr.,  Einkünfte ­
  964,525,  Deficit  55,124.  —  Die  Schulden  schätzte  man  1848
auf  1'850,000  Thlr.
Militär.  1  Bataillon.  Allgemeine  Verhältnisse  wie  bei  Schwerin.
Dieses  hat  für  Strelitz  die  Stellung  von  Cavallerie  und  Artillerie  übernommen, ­
  wogegen  Strelitz  mehr  Infanterie  liefert.
.  ««Claies.  Die  socialen  Zustände  sind  im  eigentlichen  Strelitz
wie  in  Schwerin;  dagegen  finden  sich  in  (dem  entfernt  gelegenen)
Ratzeburg  mehr  kleine  Grundbesitzer.  Im  Ganzen  haben  die  enorm
grossen  Rittergüter  nur  61  Besitzer  mit  vollem  Eigenthumsrechte  und
1435  mit  blos  beschränktem.  Dies  ergibt,  trotz  Ratzeburgs,  ein  noch
schlimmeres  Verhältniss  als  in  Schwerin.  —  Gewerbsindustrio,  Fabriken
(fast  gar  nicht  vorhanden)  und  Handel  sind  im  Ganzen  noch  unbedeutender ­
  als  dort.

12.  Holstein  und  Lanenbnrg  (Herzogthümer).
Diese  beiden  (nicht  vereinigten)  Herzogthümer  haben  :
.  „  Einwohner-«-«•
  nor——%
Holstern  166  479,364  523,528  1834  474,348
Lauenburg  _21  46,486  49,475  1843  blbleSi
187  525,850  673,003
Die  Einwohner  sind  Lutheraner  bis  auf  etwa  950  Kathol.  und  3500  Juden.
        <pb n="205" />
        DEUTSCHLAND  —  Holstein  und  Lauenburg.

189

Städte:  Altona  40,426  Eiuw.,  Kiel  10,274,  beide  1855.
Holstein  war  bereits  im  vorigen  Jahrhunderte  den  dänischen
Königen  unterworfen,  galt  aber  als  ein  zu  Deutschland  gehörendes  und
überdies  mit  Schleswig  „untrennbar  verbundenes“  Herzogthum.
Lau  en  bürg  dagegen  gehörte  früher  zu  G  hur  -  Braunschweig  (Hannover), ­
  ward  1806  durch  französische  Truppen  occupirt,  1810  mit
dem  französischen  Departement  der  Elbemündungen  vereinigt,  1814
an  Hannover,  1816  von  diesem  grösstentheils  an  Preussen,  von
Letztem  endlich  an  Dänemark  gegeben,  doch  ebenfalls  als  Bestandtheil
  Deutschlands.
^112^011,  Holstein  ist  factisch  mit  Dänemark  vereinigt
(siehe  dieses.)  Ausserdem  hat  dasselbe  für  seine  besondern  Bedürfnisse
  noch  ein  spezielles  Budget,  das  pro  185%5  mit  einem  Bedarfe
von  1’919,932,  einer  Einnahme  von  1,761,194,  und  einem  Deficit
von  159,000  Rthlr.  abschloss.  Holstein  allein  hat  1856  1T41,094
Thlr.  mehr  zu  steuern,  als  1847.  —  Die  Ausgaben  Schleswigs  und
Holsteins  (zusammen)  für  das  Militär  betrugen  in  den  Kriegsjahren.

1848  .  .  8‘9,67,100  Mrk.  Cour.,  wovon  319,953  See-Etat
1849  .  .  18T80,780  -  -  -  862,362
1850  (Anschlag)  14'920,431  -  -  -  320,000
Von  Lauenburg  erscheint  in  dem  Dänischen  Budget  für  18^%s
ein  Reinertrag  von  304,961  Rbthlr.,  —  dasselbe  muss  seine  gesammten
  Reinerträgnisse  an  Dänemark  abliefern.
Die  Schuld  der  vereinigten  Herzogthümer  Schleswig-Holstein  ward
1851  auf  8’705,000  Thlr.  Cour,  geschätzt,  wovon  etwa  IV2  Mill,
alte  und  7’260,000  seit  1848  entstandene  Schuld  (darunter  2’017,000
Thlr.  oder  5  Mül.  Mark  Papiergeld.)  Dies  ohne  den  Antheil  an  der
Dänischen  Schuld  (vergl.  indess  „Dänemark.“)  —  Die  Lauenburgische ­
  Schuld,  Ende  1847  427,300,  soll  1851  nur  noch  307,300
Thlr.  Cour,  betragen  haben.
Durch  Dänische  Verordnung  vom  21.  Juni  1856  wurde  der
Verkauf  der  Holsteinischen  und  Lauenburgischen  Domänen  angeordnet, ­
  deren  Erlös  zur  Abtragung  Dänischer  Staatsschulden  verwendet ­
  werden  soll!  Eine  diplomatische  Note  (!)  der  beiden  deutschen ­
  Grossmächte  wird  wol  vergeblich  sein,  (ln  der  Schrift:  „Die
Herzogthümer  Schleswig-Holstein  in  dem  dänischen  Gesamtstaate;
Weimar,  Juli  1856,“  wird  hervorgehoben:  Die  Schleswig-Holstein  -
scheu  Domänen  hätten  über  llYg,  die  Lauenburgischen  4  V2  Mill.  Thlr
Geldwerth.  [Nach  einer  andern  Schätzung  zusammen  gegen  30  Mill.]
Auch  habe  man  eine  Menge  dänischer  Steuern  widerrechtlich  eingeführt- ­
  sie  betrügen  für  Schleswig-Holstein  netto  3V2,  für  Lauenburg
V2,  für  Dänemark  hingegen,  einschliesslich  des  Forstertrages,  wenig
über  IV2  Mül.  Thlr.!)
Militilr«  Dasselbe  ist  ganz  mit  dem  Dänischen  verschmolzen,
nur  nominell  besteht  ein  deutsches  Bundescontingent.  —  Während
des  versuchten  Befreiungskrieges  hatten  Schleswig  und  Holstein  ungemeine ­
  Anstrengungen  gemacht.  Am  1.  Januar  1850  umfasste  die
Armee  :
        <pb n="206" />
        190

DEUTSCHLAND  —  Luxemburg  und  Limburg.

Fussvolk  34,318  M.  mit  707  Pferden
Reiterei  2,996  -  -  1,976
Artillerie  4,054  -  -  2,265
Genie  446  -  -  36  -

Zusammen  41,814  4,984
Münze,  Maaase.  Reichsthaler  à  3  Mark;  die  feine  Mark  Kölnisch  (also  14
SÄT  ü'K-wS:
das  Hamburgische;  Getreidemaass  das  dänische;  Gewicht:  das  Lübeck’scho.

13.  lilixeillliurg  (Grossh.)  und  í^ínilmrg  (Herz.).

Q.M.  Bevölk.
Luxemburg  47%  192,632  (1852)
Limburg  40  201,630  (1851)
Zus.  87%  394,262
Die  Einwohner  sind  Katholiken,
ausser  etwa  4800  Prot.  u.  1600  Juden.
Stadt  Luxemburg,  14,000  Einwoli

Frühere  Bevölkerung  ;
Luxemburg  Limburg
1840  169,730  196,719
1846  186,140  203,047
1849  189,783  205,202
Also  nun  V  er  min  d  er  ung  in  Limburg.

Luxemburg  geliörtc  frülier  als  besonderes  Ilerzogthum  zu  den
Oesterreicbischen  Niederlanden.  Es  ward  im  Limeviller  Frieden  an
Frankreich  abgetreten  (Wälderdeparteinent.)  Im  Jahre  1814  erhielt
der  König  der  Niederlande  (für  seine  an  Nassau  und  Preussen  überlassenen ­
  Ansprüche  an  s.  g.  Nassauische  Stammlande),  das  durch  einen
Theil  des  Ilerzogthums  Bouillon  vergrösserte  und  zu  einem  Grossherzogthum ­
  erhobene  Luxemburg.  Dasselbe  sollte  einen  Beslandtheil  des
deutschen  Bundes  bilden,  und  ward  mit  100  Q.  M.  und  255,628
Menschen  in  die  Bundesmatrikel  eingetragen.  Indessen  zerriss  die
Belgische  Revolution  1830  das  Luxemburgische  Gebiet.  Durch  die
Verträge  von  1839  kam  ein  Theil  desselben  förmlich  an  Belgien.  Als
Ungenügende)  Entschädigung  erfolgte  die  nominelle  Vereinigung  eines
Theiles  von  Limburg  mit  dem  Bunde,  jedoch  derart,  dass  dieses
letzte  durchaus  nur  eine  Niederländische  Provinz  ist.  Auch  besitzt
nur  Luxemburg  eine  besondere  Verfassung  (v.  9.  Juli  1848.)
Finanzen.  In  Folge  dieses  Verhältnisses  unterliegt  Limburc^
auch  vollständig  der  Niederländischen  Finanzeinrichtung.  Luxemburg
dagegen  hat  eine  eigene  Finanzverwaltung.  Der  Budgetentwurf  von
1855  schloss  so  ab:  Bedarf  3’220,000  ,  Einnahme  2’952,370,  Deficit ­
  267,630  Frk.  Die  Ausgaben  waren  damit  um  392,795  Frk.
höher  angesetzt,  als  im  Budget  für  1853,  obwol  indem  letzten ­
  an  ausserordentlichen  Bedürfnissen  185,000  Frk.  für
Strassenbauten  und  48,000  für  Unterstützung  der  Gemeinden  bestimmt ­
  waren.  Zur  Deckung  des  Deficits  ward  ein  Steuerzuschlag
von  38  Proz.  beschlossen.  Ausserdem  wollte  man  die  Grund-  und
die  Mobiliarsteuer  behufs  Herstellung  von  Vicinal  wegen  um  20  Proz.
erhöhen,  welche  letzte  Erhöhung  (zu  nützlichen  Zwecken  !)  indess  die
Regierungsgenehmigung  nicht  erholt.  Die  Civilliste,  bis  1848  150,000  fl.,
ward  durch  das  Grundgesetz  auf  100,000  Frk.  bestimmt.
Staatsschulden  sind  in  Luxemburg  nicht  vorhanden.
        <pb n="207" />
        DEUTSCHLAND  —  Nassau  (Land  und  Leute,  Finanzen).

191

Militar.  Holländische  Einrichtung.  —  Wegen  des  Liraburg’-ßchen
  Contingents  besteht  ein  Vertrag  mit  Nassau  (s.  unt.  S.  193.)
Münze,  Maasse.  In  Luxemburg  franz.  Münze.  In  Limburg  Münze,
Maasse  und  Gewicht  holländisch.

14.  üassau  (Ilcrzogtlium).
ylreoZ.  84Yg—86Y3  Q.  M.  Dezember  1852
429,060  Menschen  in  102,281  Familien  =  in  jeder  durchschnittlich ­
  4,19  Personen.
fWZAere  1831  370,374,  1843  412,271,  1849  425,686.  —  Vom
Areale  15,550  Morgen  (noch  nicht  1  Q.-M.)  Weinberge.
Confessionen:  ,ao
Protestanten  (unirt)  224,755  Mennoniten  154  Altlutheraner  103
Katholiken  195,988  Deutschkatholiken  337  Juden  6,811
Stadt  Wiesbaden  (1855)  14,499,  mit  Garnison  17,147  Einw.
Gehietsveränderungen.  Zu  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  zeifiel
Nassau  in  zwei  Fiirstenthümer  :  Nassau-Weil  bürg  (Nassau-Diez-Dillenburg)
  und  Nassau-U  singen  (Nassau-Saarbrücken).  Das  Eiste
umfasste  48  Q.  M.  und  130,000  Menschen,  und  es  gehörten  dazu  :
Diez,  Dillenburg,  Siegen,  llerborn,  Weilburg,  dann  auf  dem  linken
Rheinufer  Kirchheimbolanden  und  Stauf.  Zu  Usingen:  Wiesbaden,
Idstein,  Lahr  und  Saarbrücken  (auf  dem  linken  Rheinufer.)  —  Die
linksrheinischen  Besitzungen  gingen  im  Luneviller  Frieden  verloren;
Usingen  büsste  20  Q.  M.  und  60,200,  Weilburg  8  Q  M  18^00
Menschen  ein.  Als  Entschädigung  erhielt  das  Erste  1803:  die  Mainzischen
  Aemter  Königstein,  Höchst,  Cronberg,  Rüdesheim,  Oberlahnstein,
  Eltville,  die  Besitzungen  des  Mainzer  Domcapitels  auf  der  rechten
Rheinseite,  das  Pfälzische  Amt  Caub,  Parcellen  von  Köln,  Hessen
.und  Trier  (Limburg)  und  die  Grafschaft  Sayn,  zusammen  36  Q.  M.
mit  92,000  Einwohnern;  —  Weilburg  aber  empfing  vom  ehemaligen
Kurfürstentlium  Trier:  Ehronbreitstein,  Montabaur,  Limbing  und  einige ­
  Abteien,  —  16  Q.  M.  und  37,000  Menschen.  —  Zur  Rheinbuiidszcit
  vereinigten  beide  Nassauische  Fürsten  ihre  Besitzungen,
eine  Vereinigung,  welche  1816  durch  das  Aussterben  der  Usingei
Linie  vollendet  ward.  Durch  Tauschvertrag  mit  Preussen  v.  31  Oct.
1815  trat  Nassau  Ehrenbreitstein  ab,  und  erhielt  dafür  Hadamar,
ferner  Diez  und  Dillenburg  zurück.  Das  jetzige  Gebiet  von  Nassau
umfasst  Bestandthoile  von  23  früheren  Staaten.
Vcrfassimg  vom  1.  September  1814,  modificirt  1848.
FiiKliiKCn.  Es  sind  jährliche  Budgets  eingeführt.  Im  Momente ­
  des  Druckes  des  gegenwärtigen  Bogens  ist  der  neue  Etat  noch
nicht  festgestcllt.  Nach  jenem  von  1855  ertrugen  die  Domänen  und
die  indirekten  Auflagen  2’929,919  il.;  zur  Deckung  des  Bedarfes  war
die  Erhebung  von  ungefähr  IV2  Mill,  an  directen  Steuern  erforderlich.
(Unter  den  Domanialeinkünften  waren:  Forsten  493,668,  Badaustalten
107,456  [zu  Wiesbaden  u.  s.  f.  werden  auch  Spielbanken  geduldet,]
        <pb n="208" />
        192

DEUTSCHLAND  —  Nassau  (Finanzen).

Berg-  und  Hüttenwerke  110,000,  Mineralwasser  97,747,  Güter-  und
Grundrenten  364,668,  verkaufte  Früchte  204,000  etc.)  Wegen
mm
z  c-itr  JÄ'ir  tJir:
Apanagen  ward  von  ihm  nicl.t  genügend  beaeichnot.  indem  er  50,000
"l'«  einstweilige  Uebercinkunft  im  Jahre
1S53  abplaufen  war,  erklärte  der  Minister  einseitig  die  Wieder-H^rrol!
  *“”f  Zustandes!  Früher  hatten  die
Herzoge,  nach  den  Rechnungen,  bezogen:
von  1807—15  durchschnittlich  461,194  fl.
-  1816—47  .  585,954
-  1840—50  .  661,000
ordinär  .  707,724  ,
extraordinär  175,346  (
easse^'^'f  f,®  Soliiild  der  Landesre
  herzogliche  Schuld  der  Domäueneasse  dagegen  ward
Ä;iS5“=Ä“"s;:;;rS-i
        <pb n="209" />
        13

DEUTSCHLAND  —  Nassau  (Militär,  Sociales).

193

Ende  1815  auf  5’642,5;37,  und  am  1.  Januar  1818  auf  7’023,357  fl.
berechnet,  worunter:  „Capitalien  von  Mitgliedern  des  herzoglichen
Hauses“  mit  1'331,301  fl.,  dann  Schulden  bis  zum  Jahre  1731  zurück. ­
  Am  1.  Januar  1836  war  die  Summe  auf  8’243,910  fl.  gestiegen. ­
  Da  übernahm  der  Landtag  2’400,0Ü0,  —  die  oben  erwähnte
Abfindungssumme  für  die  vor  28  Jahren  erfolgte  Aufhebung  von
Feudallasten  auf  den  Domänengütern.  Indessen  ward  auf  späteren
Landtagen  hervorgehoben,  es  seien  gegen  die  bestimmte  Zusicherung
der  Regierung  von  dem  zu  jenem  Behufe  aufgenommenen  Staatsanlehen
  nicht  weniger  als  1'511,900  fl.  zu  andern  Zwecken,  als  zur
Tilgung  der  „Domänenschuld“  verwendet  worden.  —  Im  Jahre  1837
hatte  die  Domänenoasse  bei  Rothschild  ein  3%  prozentiges  Anlehen
negocirt,  bei  welchem  der  Darleiher  nur  6’247,169  fl.  bezahlte,  indess
  ihm  7T  00,000  fl.  verschrieben  werden  mussten.  —  Anfangs
1854-  ward  der  Gesammtbetrag  der  Schuld  zu  12’690,000  fl.  berechnet.
lUiHÜlr*  Conscription  mit  Stellvertretung;  6jährige  Dienstzeit;
doch  wird  die  Mannschaft  bei  der  Infanterie  nur  2  ,  bei  der  Artillerie ­
  4  Jahre  eingestellt,  sonst  aber,  ausser  den  Ilerbstübungen,  beurlaubt. ­
  Bestand  :
3  Regim.  und  1  .Jägerbataillon  Infanterie  Mann  6,745  ^
2  Comp.  Artillerie  mit  12  Kanonen  .  .  .  516/7,317
Pioniere  .  .  •  .  •  •  •  ■  36)
Die  Artillerie  ward  seitdem  um  eine  12pf.  Batterie  verstärkt.
1855  erfolgte  der  Abschluss  eines  „Brigadeverbandes“  mit  Limburg
(nicht  Luxemburg),  wonach  Nassau  das  Contingent  beider  Länder  an
Infanterie  und  Artillerie,  und  zwar  5498  M.,  —  Limburg  dagegen
das  Gesamratcontingent  an  Cavallerie,  870  Mann,  stellt.  Der  Oberbefehl ­
  über  beide  Corps  wechselt,  doch  steht  Nassau  die  erstmalige ­
  Ernennung  zu.
Sociales*  Die  Zunftverfassung  ist  seit  15.  März  1819  abgeschafift.
Jlfaasse.  Der  Fuss  (zu  10  Zoll)  =  %  Met.  —  10  Quadr.-Fuss  —  1  Ruthe;
100  Ruthen  =  1  Morgen,  genau  25  Aren.  Uebrigens  ist  ein  allgemeines  Maass
noch  nicht  ein  geführt.  In  Wiesbaden  hat  der  Fuss  (zu  12  Zoll)  28,75  Gen  tim.
—  Das  Malter  =  109,6  Lit.  oder  1,98  preuss.  Scheffel.  —  Die  grössere  Ohm
140,86  Maass,  die  kleinere  135,57  Lit.  —  Anderwärts  in  Nassau  findet  man
andere  Maasse.

15.  llrailliscliwei^  (Herzogthum).
Areal  67%  Q.-Meil.;  Bevölkerung  im  Dec.  1852:  271,208  Menschen, ­
  in  51,592  Familien  (auf  jede  durchschnittlich  4,48  Köpfe).
Nach  dem  Geschlechte
männlich  133,958  Confesnionen.  Die  Einw.  sind  Proweiblich ­
  137,250  testanten,  bis  auf  2600  Katholiken  und
1000  Juden.
In  den  3  Jahren  1851  bis  Ende  1853  zählte  man  durchschnittlich;
Geburten  8829  =  1  auf  30,2  Einw.  Von  den  Geburten  waren  nicht  we-Sterbfälle
  6439  =  1  -  42,1  -  niger  als  20,4  Proc.,  alßo  mehr  als  der
Trauungen  2443  =  1  -  111  -  5.  Theil,  unehelich.
        <pb n="210" />
        194  DEUTSCHLAND  —  Braunscliweîg  (Land  und  Leute,  Finanzen).

Bevölkerungszunahme.  Das  llevzogtluini  zählte  Einwohner:
1760  158,980  1846  269,228
1814  209,527  1849  270,079
1834  253,232
•  In  den  20  Jahren  1832—52  nahm  zu
die  männliche  Bevölker.  um  12,841  Individ.  =  10,6  Proc.
-  weibliche  -  -  11,204  -  =  8,8  -  %
24,045  9,7  Proc.
Städte.  Braunschweig  (1852,  ohne  Militär)  57,(»94  Einwohner
(1780:  22,400);  Wolfenhüttel  9500.
llerrschaftsmchsel.  Nach  der  Jenaer  Schlacht  ward  das  Ijand,
mit  Ausnahme  des  Amtes  Thedinghausen,  dem  Königreiche  Westfalen
zngetheilt  (Departemente  der  Oker,  der  Leine,  und  des  Harzes).  1815,
nach  der  Leipziger  Schlacht,  Restauration.  (Die  Mediathesitzungen  des
Herzogs,  das  Ftirstenthum  Dels  in  Schlesien  etc.,  umfassen  gegen
40  Q.-Meil.)  —  Verfassung  vom  12.  Oct.  1832.
Finanzen*  Dreijährige  Budgets.  Das  für  1852  —  54  schloss
ab  mit  der  Summe  von  1’350,833  Thlr.,  worunter;  Ucborschuss  vom
Kammergute  133,000,  directe  Steuern  447,500,  indirecte  Abgaben
405,G6G,  Eisenbahn  und  Post  200,000,  auch  Lotterie  5GGG.  Abgesehen ­
  davon,  dass  für  den  Kloster-  und  Studienfonds  eine  besondere
Rechnung  geführt  wird  (über  170,000  Thlr.  betragend),  sind  obiges
Net  to  summen.  So  hatte  die  „Kammerkasse“  eine  wirkliche  Einnahme
von  563,245  I'lilr.,  wovon  verwendet  wurden:
für  (len  herzogl.  Hofstaat  220,722  Nach  fernerem  Abzüge  der  Verwal--
  die  Schlossbauscbuld  8,697  tungskosten  etc.  floss  obiger  liest  in
-  übrige  Schuld  .  112,200  die  Staatscasse  mit  133,000  Thlrn.
Der  Hofetat  erscheint  nicht  im  Staatsbudget,  weil  dessen  Bezüge,
wie  erwähnt,  von  vorn  herein  der  „Kammerkasse“  entnommen  werden.
Ausser  obigen  220,722  Thlr.  bezieht  der  Hof  22,333  aus  andern
Positionen  der  Staatsausgaben,  ferner  die  Zinsen  des  auf  dem  Kammergute ­
  haftenden  Bevern’schen  Capitals  von  100,000  Thlr.  Gold,  Ablösungsgelder ­
  von  Grundlastcn,  und  verschiedenerlei  anderweitige  Nutzungen ­
  (Holz,  Wildpret,  Fische  etc.).
Geschichtliche  Notizen.  Zu  Anfänge  des  19.  Jahrhunderts  berechnete ­
  man  die  Einkünfte  auf  851,000,  die  Ausgaben  blos  auf  741,000
Thlr.  Unter  der  westfälischen  Verwaltung  wurden  die  Lasten  so  sehr
gesteigert,  dass  der  Staat  aus  den  braunschweigischen  Landestheilen
1’600,000  Thlr.  gezogen  haben  soll.  1832  erfolgte  die  Vereinigung
der  Kammer  mit  der  Steuercasse.  (Das  Budget  für  18^%ß  schloss
dessen  ungeachtet  blos  mit  der  Summe  von  1’018,694  Thlr.  ab.)
Schuld.  Nach  dem  Etat  für  1851  :
Landesschuld  1’444,620  Thlr.  Gold  u.  54)68,326  Th.  8ilb.
Kammerschuld  1’322,600  -  -  -  1’567,763  -
Papiergeld  ......  1'000,000  -
Zusammen  in  Courant  10’472,332  Thlr.,  mit  341,626  Thlr.  Jahreszinsen. ­
  Am  1.  Jan.  1853  war  der  Schuldenstand  10’294,000  Thlr.  —
Von  kundiger  Hand  erhalten  wir  aus  Braunschweig  folgende  Notizen  :
„Ende  1854  betrug  die  gesammte  Landesschuld  circa  ß'700,000  Thlr.  Dar-
        <pb n="211" />
        DEUTSCHLAND  —  Braunschweig  (Finanzen,  Militär).

195

unter  befinden  sich  jedoch  ungefähr  3700,000  Thlr.  Eisenbahnschulden,  so  dass
die  eigentliche  Landesschuld  3  Mill,  beträgt.  Da  das  Capital  der  Eisenbahnschulden ­
  sich  mit  mehr  als  lOProc.  verzinst  (1854  sogar  mit  11%  %),  so  wird
dadurch  der  Zinsbedarf  der  ganzen  Landesschuld,  wovon  höchstens  4  Proc.  zu
zahlen  sind,  gedeckt.  —  Auf  den  Kammergütern  haften^2700,000  Thlr.
Schulden.  Jedoch  besitzt  die  Kammer  an  baaren  Capitalien  3’&amp;lt;00,000  Thlr.,  so
dass  der  Stand  der  Activcapitalien  um  eine  Million  die  Passiven  übersteigt,  und
überdies  der  in  circa  45  Domänen,  250,000  Morgen  Waldungen,  und  Berg-,
Hütten-,  Kühlen-  und  Salzwerken  bestehende  Grundbesitz  ganz  schuldenfrei
erscheint.  “
Wir  fügen  eine  von  anderer  Seite  erhaltene  Notiz  bei  :
„Das  Anlagccapital  der  4  Braunschweigischen  Staatsbahnen  betrug  —  für
15,89  Meil.  4’677,794  Tlilr.  Die  Einnahmen  waren  1854:  983,850  Thlr.  (der
Güterverkehr  ertrug  mehr  als  das  Doppelte  des  Personenverkehrs),  die  Ausgaben
494,172  Thlr.,  der  Reinertrag  also  409,678,  d.  h.  11,52  0/%  —  ein  Ergebniss,
das  bei  Staatsbahnen  einzig  in  seiner  Art  ist.“
Schon  nach  der  Zeit  des  siebenjährigen  Krieges  war  Braunschweig
stark  verschuldet,  und  zwar  nicht  blos  in  Folge  dieses  Krieges,  der
gegen  7  Millionen  kostete,  sondern  auch  in  Folge  der  Verschwendungen ­
  des  damaligen  Herzogs  Karl.  Die  Schulden  wurden  grösstentheils
dadurch  getilgt,  dass  der  nächste  Herzog,  Karl  Willielni  Ferdinand,
im  Einvernehmen  mit  den  Landständen  (  !  ),  die  zu  diesem  Behufe
eigens  vermittelst  freier  Werbungen  zusammengebrachten  Truppen  an
fremde  Staaten  verkaufte!  So  waren  1790  die  Schulden  abgetragen.
Die  Fremdherrschaft,  dann  der  Kampf  gegen  dieselbe,  erheischten
grosse  Opfer.  1815  berechnete  man  die  Gesammtschuld  auf  6’546,805
Thl,  1830  auf  G’077,69G,'  1840  auf  7’400,212  (wovon  3’305,122
Kammerschuld).  —  Der  Wiederaufbau  des  1830  vom  Volke  niedergebrannten
  Schlosses  veranlasste  zwei  Anlehen,  zus.  von  550,000,
die  Eisenbahnbauten  5  von  3’G78,000  Thlr.,  die  militärischen  Rüstungen ­
  schon  1848  eines  von  440,000  Thlr.
Milifür*  Nach  der  Convention  mit  Preussen  vom  1.  Dec.  1849
sollten  die  braunschweigischen  Truppen  völlig  mit  den  preussischen
verschmolzen  werden,  welche  Convention  nach  dem  Willen  des  Bundestags ­
  später  aufgehoben  werden  musste  ;  doch  wurde  das  preussische
Militärsystem  beibehalten.  Man  hat  :
1  Infant.-Reg.  v.  2  Bataill.  Linie  u.  2  Bat.  Landwehr  ;  1  Leibbataill.  -—
1  Husarenreg.  von  2  Schwadr.  Linie  u.  2  Schwadr.  Landwehr.  —  Artill.  mit
12  Geschützen.  Zus.  Friedensfuss  2720,  Kriegsfuss  5359  M.,
Im  siebenjährigen  Kriege  hatte  Braunschweig  12,000  M.  gestellt
(Folge:  7  Mill.  Schulden).  Während  des  westfälischen  Königthums
kämpften  viele  Braunschweiger  gegen  Napoleon,  1809  in  Oesterreich,
.später  in  Spanien.  1813—15  bot  der  Herzog  gegen  10,000  M.  auf.
Maasic.  100  Fuss  =  90,84  preuss.  od.  rhein.  Fuss_  od.  28,51  Met.  —
Der  Morgen  =  24,96  Aren;  99  braunschweig.  Feldmorgen  sind  =  97  preuss.  —-100
  Himpten  =  31,15  Hectol.  od.  66,38  preuss.  Scheffel.  —  Das  Pfund  ist
dem  alten  preuss.  gleich.  Der  Ctr.  =  114  Pf.
        <pb n="212" />
        196

DEUTSCHLAND  —  Oldenburg  (Land  und  Leute,  Finanzen).

'  16.  Oldenburg  (Grosslierzogthum).

Bestandtbeile
Herzogth.  Oldenburg  *)
Fürstenth.  Lübeck
_  Birkenfeld

Q.-M.
97'/4
9%
9
TTe“

Bevölker.
1852.
2.31,046
22,146
82,034
285,^

Auf  d.
Q.-M.
2376
2268
3544
2458

*)  Dabei:  Herrschaft  Knyphausen  mit  1  Q.-M.  u.  3035  Einw.
Frühere  Yoïk&amp;amp;zahl  :  Confessionen  :

1815  217,769  Lutheraner  .  203,387
1834  255.765  Reformirte  .  351
1843  276,653  Katholiken  .  71,671
1849  277,963  Andere  Christen  .  246
Sfadt  Oldenburg,  9000  Einw.  Juden  .  .  1,488

Gebietswechsel.  Die  „Grafschaft“  Oldenburg  war  1777  durch
Kaiser  Joseph  If.  zum  „Ilerzogthum“  erhoben  worden,  und  umfasste:
Oldenburg  mit  JO,  Delmenhorst  mit  7,  und  das  Bisthum  Eutin  mit  8,
zusammen  45  Q.-Meil.  und  85,000  Mensclien.  1803  erhielt  Oldenburg
durch  Reichsdeputationsschluss  auch  das  secularisirte  llochstift  Lübeck.
Gegen  Abtretung  einiger  Parcellen  an  die  Reichsstadt  Lübeck  und
Aufhebung  des  Elsflether  Zolles  bekam  es  ferner  das  Hannöver’sche
Amt  Wildeshausen  und  die  Münster’schen  Aemter  Vechta  und  Kloppenburg,
  zus.  54  Q.-M.  mit  92,000  Einw.  Obwohl  der  Herzog  unterm
14.  Oct.  1808  dem  Rheinbunde  beigetreten  war,  nahm  Napoleon  dennoch ­
  unterm  10.  Dec.  1810  das  ganze  Land  in  Besitz,  das  den  franz.
Departementen  der  Elbe-  und  der  Wesermündungen  incorporirt  ward.
1813  Restauration.  Der  Wiener  Congress  erhob  den  Herzog  (Verwandten ­
  des  Kaisers  von  Russland)  zum  Grossherzoge,  und  theilte  ihm
ein  Gebiet  auf  dem  linken  Rheinufer,  im  ehemaligen  franz.  Saardepartemente
  zu  (das  entlegene  Birkenfeld)  ;  Russland  trat  die  Herrschaft ­
  Jever  ab,  und  in  neuerer  Zeit  ward  auch  die  Souveränität  Über
die  Herrschaft  Knyphausen  und  Varel  festgestellt.  1854  Verkauf  eines
Gebietes  am  Jadebusen  an  Preussen  (siehe  S.  116).
„Staatsgrundgesetz“  v.  18.  Febr.  1849,  „revidirt“  den  22.Nov.  1852.
Finanzen»  Die  letzten  uns  bekannten  Voranschläge  liefern
folgende  Resultate  (in  Thlr.)  :

Für  1853:  Oldenburg  Lübeck
Einnahme  910,500  126,000
Ausgabe  1’018,500  163,000
Für  1854:

Birkenfeld  Zusammen
116,500  1'153,000
125,600  l'S07,100

Einnahme  891,000  137,400  116,700  1’145,100
Ausgabe  979,000  143,300  127,800  1'250,100
Zur  Zeit  der  oldenburgischen  Grafen  war,  bei  der  Einfachheit
des  Hofes,  selten  von  einer  Steuer  die  Rede.  1769,  zur  Zeit  der
dänischen  Herrschaft,  betrugen  die  Einkünfte  288,406;  1786  gegen
350,000  Thlr.  —  Dermalen  erscheinen  184,000  Thlr.,  welche  die
regierende  Familie  aus  den  Domanialeinkünften  vorweg  bezieht,  nicht
in  den  gewöhnliehen  Rechnungen.  (Auch  besitzt  der  Grossherzog  in
Holstein  3^4  Q.-M.  Landes  mit  mehr  als  8000  Bewohnern  und  40,000
        <pb n="213" />
        ci

197

und

#

DEUTSCHLAND  —  Oldenburg  (MilitHr,  Sociales).
Thlr.  Ertrag.)  —  Für  1855  war  der  Militäretat  zu  .324,0(
gesetzt  :  anselmliclie  fernere  Bewilligungen,  dann  die  Ko.
Landdragoner,  erhöhten  die  Summe  auf  437,000.  Uebm’die
ausserordentlicher  Credit  bewilligt  von  216,450  fur  Hers«
viermonatliche  Unterhaltung  des  Kriegsfusses,  wovon  1.38,4
flüssig  zu  machen  seien,  der  Rest  von  78,000  Thlr.  aber  erst,
der  Bundestag  die  Mobilmachung  wirklich  beschliesse.
Die  Krit^gsjahre  hatten  r200,000  Thlr.  Schulden  hmterlassen.
Es  gelang  deren  Abtragung;  1848  lasteten  nur  89,794  Thlr.  auf  emzelnen
  Parccllen.  1850  war  folgender  Schuldenstand  vorhanden:
:  :  :  :  /.  :  Ä245I'
Im  Juni  1853  ward  eine  neue  Anleihe  von  140,000,  und  im
Juni  1855  eine  von  450,000,  1856  wieder  eine  von  475,000  Thlr.
aufgenommen  (letzte  zur  Zahlung  auf  die
forderung,  —  wonach  sich  übrigens  unsere  Ziffer  S.  134  jedenfalls
ansehnlich  erhöht).  Für  Abtretung  des  Jadegebiets  bezahlte  1  reussen
Vo  Mill.;  dagegen  soll  die  Wiedererwerbung  Knyphausens  (nach  last
200jähriger  Trlnung,  Mitte  1854)  r900,000  Thlr.  Gold,  welche  die
Familie  Bentink  erhielt,  gekostet  haben.
lUilitär  Conscription  mit  Stellvertretung;  sechsjährige  Dienstzeit ­
  wovon  2  "in  der  Reserve.  Im  Frieden  bleiben  die  Soldaten  blos
lyj  Jahre  präsent,  die  sogleich  der  Reserve  Zugetheilten  nur  6  Monate.
4  Bataill.  Infanterie,  zu  5  Comp.  •  2880  |
3  Bchwadr.  Reiterei  ...  -  3673  M.
Artillerie  etc.,  mit  16  Kanonen  .  •  ’  .  ,  .  ,
Sociales»  In  Oldenburg  bestehen  mehrfach  ähnliche  agricole
Verhältnisse,  wie  in  Hannover;  namentlich  findet  man  viele  grosse
Güter.  In  Birkenfeld  herrscht  die  franz.  Gesetzgebung,  mit  Iheilbarkeit
  des  Grundeigenthums  ;  auch  Gewerbsfreiheit;  in  Oldenburg  brachte
das  Gesetz  vom  27.  Febr.  1830  blosse  Gewerbsvereinigu^en  an  die
Stelle  der  eigentlichen  Zünfte.  —  Die  Marine  fasste  Ende  1855
27,466  Last  und  hatte  2456  Matrosen.
gens  viele  Verschiedenheiten.

17.  Sachsen-Weimar-Eisenach  (Grössten.).

Kreise.
"Weimar
Eisenach
Neustadt

Q.-M.
.  32%
.  22
.  11%
66

Bevölker.
Ende  1882.
132,424
82,321
47,779
262,524

Frühere  Volhazahl  :
1821  208,968
1834  238,672
1843  252,833
1849  261,087
        <pb n="214" />
        198

DEUTSCHLAND  —  Sachsen-Weîmar-Eîsenach.

Männlich  128,785
Weiblich  133,739
Auswanderungen  :
1851  2179
1852  2332
1853  1862

Protestanten  249,316
Katholiken  10,600
Juden  .  1,454
Städte  :
Weimar  13,000  Ew.
Eisenach  10,500  -

Gebietsvermehrung.  Zu  Ende  des  vorigen  Jahrlmnderts  liatto  das
„Ilerzogthum“  Weimar  etwa  40  Q.-Meil.  und  120,000  Bew.  1815
erhielt  der  Fürst,  nebst  dem  „Grosslierzogstitel,«  eine  Gebietsvergrösserung
  von  26  Q.-Meil.  mit  75,000  .Menschen,  nämlieh  die  Herrschaften ­
  Blankenhain  und  Unterkranichfeld,  den  königl.  sächsischen
Neustadtcr-Kreis,  3  deutsche  Ordens-Commendeu  und  Bezirke  von
Fulda  und  Kurhessen.  —  Verfassung  vom  5.  Mai  1816;  revidirtes
Grundgesetz  vom  15.  Oct.  1849.

Fimiiizen.  Dreijährige  Budgets.  Etat  für  18^Vs«:

Einnahme  .  .  .  Th.  1’540,915
Davon:  Domänen  .  .  506,040
Hoheitsrechte  (indir.  Aufl.)  116,955
Steuern  ■  .  .  .  915,435
Die  Militärkosten  haben  sich  auch

Ausgabe  .  .  .  1’539,148

Darunter:  Civilliste  .  250,000
Staatsschuld  .  .  288,815
Verwaltungskostcn  .  574,249
Militär  (ohne  Gendarm.)  136,000
hier  ansehnlich  erhöht.

Nach  der  Jenaer  Schlacht  reichten  alle  Steucrnerhbhiingen  nicht
aus,  die  dem  Lande  von  den  Franzosen  auferlegten  Lasten  aufzubringen. ­
  Da  auch  kein  Darlehen  zu  bekommen  war,  so  schrieb  die
Regierung  unterm  14.  Nov.  1807  ein  Zwangsanlehen  aus.
Die  Schuld  betrug  1854  6’029,726  Thlr.,  wovon  600,000  Papiergeld. ­
  (Die  Sphuld  der  Landschaft  war  1820:  1'990,216;  1847:
3’531,359  Thlr.  gewesen,  wozu  aber  noch  1’483,065  Kammerschuld
und  600,000  Thlr.  Cassaanweisungen  kamen.)
Militclr»  1783  auf  80  M.  Garde  roducirt,  musste  Weimar  zum
Rheinbünde  800  M.  stellen.  Jetziger  Bestand  etwa  3000,  nämlich:

Infanterie:  2  Linienbataillone  zu  5  Comp.  u.  1  Reservebat.
Cavallerie:  37  M.  Leibwache.
Artillerie:  Eine  Batterie  mit  6  Geschützen.

Sociales*  Im  Gewerbswesen  sind  die  Zünfte  ziemlich  streng
beibehalten,  aber  auch  das  Conccssionirungssystem  beigefügt.  Selbst
zur  Anlage  von  Fabriken  ist  obrigkeitliche  Erlaiibniss  nothwendig.
Die  Gewerbe  bleiben  strenge  von  einander  getrennt;  einzelne  Zünfte
besitzen  ein  Ausschliessungsrecht.  Jede  Niederlassung  eines
Meisters  auf  dem  Lande  hängt  von  einer  Gestattung  der  Landesdirection
  ab,  und  solche  Erlaubnisse  sollen  nicht  über  das  unabweisbare
örtliche  Bedürfniss  hinaus  ertheilt  werden.  Es  darf  nie  als  Unterstützungsgrund ­
  gelten,  dass  ein  Gewerbe  in  den  umliegenden  Dörfern
nicht  besteht,  wohl  aber  kommt  das  entgegengesetzte  Verhältniss  im
gegentheiligen  Sinne  in  Betracht.  Jeder  Meister  muss  Mitglied  der
betreffenden  Zunft  sein,  und  bei  Wohnsitzveränderungen  mit  der  vollen
Meisterrechtsgebühr  sich  wieder  einkaufen.  Das  Wandern  ist  Vorbedingung ­
  der  Meisterschaft.
        <pb n="215" />
        DEL’TSCill^AND  —  Sachsen-Coburg-Gotha.

199

ast  gleich.  -
18.  Síichseil-Colmrg-Ciotlia  (IIerzogthum).
HerzoRthümer

Gotha
Coburg

Q.-M.
35%
9%

Bevölker.
Dec.  1855.
106,411
44,467

Fri'fiere  Volkszahl
1834  134,665
1840  149,753
1852  150,412

Gotha  (1852)
Coburg

15,076
9,907

45%  150,878
Katholiken  8^0
Juden  ,  17QA.
GakUveränderm&amp;lt;jm.  A.  «otha.  Costaud  H
4  n  .1  .  so  77,900
        <pb n="216" />
        200

DEUTSCHLAND  •—  Sachsen-Coburg-Gotlia.

100,000  Thin  Dann  giessen  der  Staatscasso  34,079  Thlr.  zu.  Was
weiter  eingeht,  wird  zwischen  dem  Herzog  und  der  Landescasse  getheilt.
  —  Ehe  diese  Convention  erfolgte,  hatte  man  das  Budget  für
die  3  Jahre  bis  30.  Juni  1857  aufgcstellt.  Es  lautete  auf  971,750
Thlr.  (brutto),  natürlich  mit  Einrechnung  der  Domänen.  Die  Forsten
erschienen  dabei  mit  413,000,  der  Zoll  mit  311,212.  —  Nach  der
Convention  stellte  man  den  auszuscheidendeu  Domänenetat  folgendermassen
  auf:
.  .  .  .  .
Ausgabe:  Bewirtlischaftungskosten  .  19.5,70.5  |
Verzins,  der  Domaniaiscluild  49,471  373,800
Pensionen,  Stiftungen  .  74,107  (
,  w  bleibt  Reinertrag  .  .  137,600
Hievon  erhalt  der  Herzog  vornweg  100,000;  dann  die  Staatscasse  34,079:
der  Rest  von  3owl  wird  zwischen  beiden  getheilt.
Der  Lanãescossen-Iíitat  ward  nun  so  modificirt:
^directe  AuHagen  .  loljogo  sSwIs^T  !  fSlcÄ
Directe  Steuern  .  '  148,151  Militär  .  66,201
Am  1.  Juli  1853  betrug  die  Gesammtschuld  (ncmlich  einschliesslich ­
  der  Domänen  schuld)  3T46,512  Thlr.,  wovon  400,000  in  Paniergeld
  bestehend.  Die  .später  davon  ausgescliiedenc  Domänenschuld
war  Ende  1854  924,972  Thlr.  Man  brachte  auch  ein  Activvermögen
von  1  215,460  Thlr.  in  Gegenrechnung.
B.  CoW^.  In  dem  Etat  für  18^/57  sind  Einnahmen  und  Ausgaben
^  369,143  Gulden  angenommen.  Bei  den  Einnahmen  erscheinen:
Hälfte  der  Domanialüberschüsse  26,249  fl.,  und  Beitrag  zur  Verwaltung ­
  aus  den  Domanialeinkünften  12,459.  —  Unter  den  Ausgaben: ­
  66,910  für  Schuldenverzinsung  und  Tilgung.
Nach  dem,  Mitte  1855  veröffentlichten,  Grundetat  der  Domanialverwaltun^
  beträgt  deren  Einnahme  164,540  fl.  (wovon  79,900  aus
lorsten^  Die  Ausgaben  stellen  sich  auf  104,540,  so  dass  ein  Ueberschuss
von  60,000  fl.,  zu  theilen  zwischen  dem  Herzoge  und  der  Landescasse
Der  Betrag  der  Coburger  Schuld  ward  1851  auf  1’885  884  fl
berechnet,  wovon  350,000  in  Papiergeld.  —  Coburg  war  schon  im
vorigen  Jahrhunderte  tief  verschuldet,  so  dass  1773  eine  kaiserliche
Commission  ernannt  ward,  indem  die  Schuldenlast  auf  UO75,068  Rthlr.
angewachsen  war.  Trotz  der  commissarischen  Verwaltung  betrug  die
Schuldenmasse  1799  noch  1’261,000  Gulden.
DieJfb6^7rWm?z^.  Nachdem  der  Go  th  ai  sc  he  Landtag  für
Regierung  geforderten  100,000)  blos
,000  Thlr.  bewilligt  hatte,  genehmigte  der  gemeinschaftliche  Landtag ­
  (15.  Febr.  1855)  einen  Credit  von  100,000  Thlr.,  wovon  aber  74,000
erst  ei  wirklich  eintretender  Mobilisirung  verwendbar  sein  sollten.
Militär*  Conscription;  Stellvertretung;  6  Jahre  Dienstzeit,  wo-Reserve.
  Das  Contingent  beider  Herzogthümor  ist  im
Bundesbeschlusse  v.  10.  März  1853  zu  1240  M.  Linie  und  620  Reserve ­
  festgesetzt.
        <pb n="217" />
        DEUTSCHLAND  —  Sachsen-Meiningen-HiWburghatisen.  201

Eimer  zu  80  Maass;  die  Maass  0,97  Liter.

ßgg  in  34,913  Familien

19.  Sachsen-Melninsçeii-Hildburghausen
(Herzogtlium).
40  Q.-M.  Bevölkerung  Ende  1855:  165,530  (834  wem  g  erais ­
  vor  3  Jahren).
1834  146,324  Einw.  1849  163,100  männlieli  80
:5»o  jw...
Nach  Erlöschen  der  Gothaer  Linie  beanspruchte  der  Herzog  von
Meiningen,  als  Aeltester  der  Nebenlinie,  die  alleinige  Erbfolge  in  Go  la.
Vergebens.  Doch  erhielt  er  durch  den  Vertrag  von  Hildburghausen
vom  12.  Nov.  1826  fast  das  ganze  Herzogthiim  Hildburghausen  (1810:
29,706,  Einw.  auf  12  Q.-M.);  ferner  von  Coburg:  das  Furstenthum
Saalfeld;  von  Gotha:  dessen  Antheil  an  Kömhild  und  das  Amt  ivranichfeld;
  von  Altenburg:  Camburg  und  Neusulza,  Theile  von  Eisenberg,
  Vierzchnheiligen  etc.  Die  Gegenabtretungen  waren  gering.  Merningen
  gewann  25  Q.-M.  und  71,181  Einw.
Meiningen,  6500  Einw.  —  vom  23.  Aug.  1829.
Finanzen.  Das  Budget  für  1856  —1859  schhesst  ab  mit
1’644  202  fl.  Einnahme,  nämlich:  Domänen  734,084,  und  „Landesrevenuen" ­
  910,117.  Die  letzten  sind  so  aufgeführt:
Directe  steuern  .  .  6.261,000  Indireete  Abgaben  .  "'599,2^^
Ste^e^quivalent  der  Do-  _  zlilige  Einnahmen  .  -  16,842
Ausgaben  1’619,929  (gegen  das  vorige  Budget  um  198,016  6,,
also  um  beinahe  14  Bros,  erhöht).  -  Aus  den  Domänen  erhalt  vor
Allem  der  Hof  225,000  fl.  Was  darnach  und  nach  Deckung  de
Verwaltungsausgaben  noch  verbleibt  (im  Budget  gesc  ätzt  zu  '  '
fl.),  wird  zwischen  dem  Herzoge  und  der  Landeskasse  ge  ■
das  Militär  sind  123,281  fl.  bestimmt  (im  vorigen  Budget  blos  89,21  ),
für  das  Finanzministerium  798,784  (wovon  die  Schuld  et^  280,000
kostet).  Die  Erhöhung  der  directen  Steuern  betragt  13,430  ü.
Zusammen  4’176,055  fl.
in  do“.
wmMSãem-‘
        <pb n="218" />
        202

DEUTSCHLAND  —  Sachsen-Altenlburg  —  Keuss-Greîz.
20.  Sachseii-Alteiibiirg  (Hcrzog^thiim).
Kreise  Q.-M.  ^1852^'  1834  117,921  Eîuw.
Altenburgisclier  .  H'/a  85,704  1843  125,342
Saalfeld-Eisenberg’scher  12%  47,145  1849  131,629
24  132,849
Die  Einwohner  sind  Protestanten,  ausgenommen  etwa  800  Katholiken  und
1400  Juden.
Nationalität.  i)ie  Einwohner  sind  meistens  Nachkommen  von
Wenden  (Slaven);  wendische  Tracht  und  Sitten  haben  sich  erhalten,
die  wendische  Sprache  dagegen  war  schon  im  IG.  Jahrhunderte  durch
die  deutsche  verdrängt.
Altenburg  bildete  bis  zur  Theilung  von  182G  einen  Bcstandtheil
des  Herzogthums  Gotha.  Damals  ward  es  in  seinem  jetzigen  Bestände
dem  Herzoge  von  Hildburghausen  überlassen,  der  sein  kleines  Stanunland
  an  Meiningen  abtrat.  —  StadtAltenburg,  mit  IG,184  Einw.
—  Grundgesetz  vom  29.  April  1831.
Finanzen.  Dreijährige  Finanzperioden.  Der  Etat  für  185G—58
schliesst  Einnahmen  und  Ausgaben  mit  der  Summe  von  738,000  Thlr.
ab.  Unter  den  Einnahmen  erscheinen  die  Forsten  mit  142,500  und
der  Zoll  mit  179,040  Thlr.  (1852  Einahme  G54,816,  Ausgabe  G84,820).
—  Ende  1855  war  der  Schuldenstand  :
Schuld  der  Staatscasso  .  U224,511  I  ....
-  Domänen  .  155,0621  ^  3W,073
Unverzinsliches  Papiergeld  .  .  500,000
Zusammen  gegen  1’880,000
Seitdem  ward  eine  weitere  Emission  von  120,000  Thl,  Papiergeld  beschlossen.
Militär.  Ein  Linienbataillon.
Sociales.  Die  Altenburger  Bauern  gelten  für  sehr  wohlhabend;
ihr  Boden  ist  trefflich  und  gut  gebaut.  In  der  Regel  erbt  der  jüngste
Sohn  das  ganze  G  ut  ;  sind  nur  Töchter  vorhanden,  so  erhält  die
älteste  das  Besitzthum.  Bei  den  llcirathen  herrscht  die  hässlichste
Geldaristokratie:  ein  „vierspänniger  Bauer“  gibt  seine  Tochter  nicht
leicht  einem  „zweispännigen,“  noch  weniger  dieser  die  seinige  einem
Kühbauern  oder  Häusler.  Selten  wird  ein  Gut  gctheilt.  Die  übervortheilten
  Kinder  kommen  häufig  in  die  schlimmste  Lage.  Dabei  ist
die  Sittlichkeit,  grossentheils  in  Folge  dieser  Verhältnisse,  tief  untergraben. ­

Maass  cß  Gewicht  höchst  verschieden,  meist  so  wie  im  angrenzenden  Lande.

2J.  lleil.SS-Grciz  (Fürslenth.)  =  Ueiiss  ältere  Linie.
Auf  dem  Gebiete  von  G'/g  Q.-Meil.  lebten  :
1815  22,255  Einw.  1849  36,274
1834  30,041  -  1855  34,896  =  Verminderung  1378
1843  33,803  -
Die  Abnahme  von  1,27  Proz.  jährl.  ist  die  stärkste  in  Deutschland  vorgekommene.
Stadt:  Greiz,  7000  Einw.
        <pb n="219" />
        DEUTSCHLAND  —  Reuss-Schleiz.  Lippe.  Schauníburg.

203

Von  1841—47  betrngon  durchschnittlicli  die
-  t=r
„es  sazL:  :  sf:  r:Za:  u..
lluth.  =  25,21  Aren.  Gewicht  das  Leipziger.

22.  jieuss-Sclileiz-IiOliensteiii-Eibersílorf
(Fürsteiitli.)  Ileuss  jüngere  Linie.
Auf  21  (nach  Eugelluu-dt  nur  lö  Ve)  Q  M.  lebten  1852:  79,824
Menßclien  :

Fiirstenlh.  Gera  .  •
Lobenstein-Ebersdorf  22,372
Schleiz  .  •  21,926
Pflege  Saalburg  .  .  3,148
Stadt:  Gera  12,000  Einwohner,

1815
1834
1843
1849

52,205  Einw.
72,021  -
74,883  -
77,963

Verfass.-Urk.  v.  30.  Nov.  1849.

uCLdt  :  vjtra  iw^vvv  AJüiw  vimv  .  w  /vAn
Staatscinnahmo  m.d  Ausgabe  etwa  .175.000  Thlr  wovon  100.000
lïli-  den  Hof.  —  Uobor  die  Schulrl  erfühl-  man  1849  folgende  Notiz.
,""S:Ln:b
'’“-’'Z’^.:;;&amp;gt;rdr3  »lettischen  Linien  bilden  mit  jenen
der  iiltern  Linie  ein  Bataill.  von  5  sehr  ungleichen  Compagnien.
Maasse  wie  in  Greiz.
23.  lilppe-Detmold  (Fürstentlium).
Areal  20Yg  Q.-Meil.  Bevölkerung  (1852)  106,615.  Früher:
1834  97,720  Einw.  Verfass.-Ges.  v.  6.  Jiüi  1836.
I::  :  '%t::i%tTdcrF=ian.'-Nach
  dem  Etat  für  18^/53  waren  die  Gesammtemkünfte  (7  verschiedene
  Cassen)  424,000  Thlr.  Die  ^^omMeneinkünl^  sn^  noch
immer  von  der  Landescasse  getrennt.  -  Die  Schuld  war
Thlr.,  wovon  200,000  Kammer-,  90,000  Landes-,  und  28,000  Wegbniischuld^^^
  1  Infantcrie-Bataill.  —  Conscription  ;  4jährige  Dienstzeit.
sisfäsafS'E'gK
üxhoft  hat  1%  Ohm  oder  162  Kannen.
24.  Scliauinlnirs:-l.ipi»e  (lUirstcniluim).
Auf  etwa  8  Q.-M.  gegen  29.000  Einw  (Es  fehlen  genaue  Aiigahen.)
  Eine  Verlassungsui-kunde  ward  selbst  1848  hier  nicht  zu
        <pb n="220" />
        204

DEUTSCHLAND  —  Waldeck  —  Anhalt-Deseau-Cötlien.
Stande  gebracht.  —  Die  Einkünfte  schätzt  man  auf  etwa  230,000  Thlr,
Auf  den  Domänen  lasten  2’680,000  Thlr.  Schulden.  —  Beim  Militär
4%  Jahre  Dienstzeit,  dann  1  .Jahr  Reserve.  Conscription.  Das  Contingent ­
  ist  zur  Verstärkung  der  Luxemb.  Besatzung  bestimmt.
100  Fuss  (à  12  Zoll)  =  92,43  preuse,  oder  29,01  Met.  Das  Malter  zu  6
Himten;  der  Himten  32,97  Lit.  oder  0,6  preuss.  Scheffel.  Das  Oxhoft  zu  6  Anker
a  28  Maass;  die  Maass  1,22  Lit.  oder  1,07  preuss.  Quart.

25.  Waldeck  (Fürstentlmm).
rftrstentliumer  Qu.-M.  Bevölk.  1852  j843  58,753  Einw
Waldeck  .  20  53,074  1849  58,219  -
Pyrmont  .  0/4  ^6,623  58,000  Protestanten  (unirt),  800  Ka-21%
  59^697"  tholiken,  800  Juden.
Das  „Landesverfassungs-Gesetz“  datirt  vom  19.  April  1819,  das
„Staatsgrundgesetz“  vom  23.  Mai  1849;  das  letzte  ward  hinwegoctroyirt.

Etat  für  1850  u.  51  Budgetentwurl  für  1854-56
Bedarf  337,690  Thlr.  373,653
Einnahme  318,368  -  363,797

Deficit  19,322  9,856
Schulden.  Ende  1847  l’447,f)fK)  (wovon  930,000  Kammer-  und
517,000  Landesschulden),  am  1.  Jan.  1854  1'520,000.
Truppen.  3  Compagnien.  (Vor  der  Zeit  der  franz.  Revolution
hielt  der  damalige  Fürst  5  Comp,  „der  schönsten  Leute.“  Zur  Zeit
des  amerik.  Krieges  hatte  er  1225  M.  verkauft,  von  denen  720  nicht
wiederkehrten.)
Gewerhswesen.  Nach  Verordnung  vom  18.  Nov.  1844
alle  Handwerker  ohne  Ausnahme  volle  3  Jahre  wandern.
Zu  Pyrmont  wird  eine  Spielbank  unterhalten.
.  .  100  Fuss  ==  93,15  preuss.  od.  29,24  Met.  Das  Getreidemaass  ist
in  jedem  Amte  verschieden.  Die  Ohm,  zu  100  Maass  ==  142,82  Lit.  Das  schwere
Pfund  =  476,35,  das  leichte  467,41  Gramm.

müssen

26.  Anlialt-Dessail-Cötheil  (Herzo^thümer).

Herzogthilmer  Q  -M.
Dessau  16%
Cöthen  14'/;
Ti

Bevölk.  1852
68,082
43,677
111,759

1834  97,900  Einw.
1843  104,797  -
1849  104,088  -

Die  mittelbaren  Besitzungen  des  Herzogs  von  Dessau  betragen
etwa  9  Q.-M.  mit  12,000  Menschen,  jene  von  Cöthen  im  südlichen
Russland  (Krim)  ungefähr  10  Q.-M.
Die  Einwohner  sind  Protestanten,  ausser  etwa  1200  Katholiken
und  1100  .Juden.  In  Cöthen  zählte  man:  19,198  Reformirte,  17^61
Lutheraner,  5563  sonstige  Protestanten,  555  Katholiken,  461  Juden
und  39  Sectiror.
Städte,  Dessau  13,861  Einw.,  Cöthen  6300,  Zerbst  9400.
        <pb n="221" />
        DEUTSCHTAND  —  Anhalt-Bernbur^.

205

Anhalt  ward  1603  getheilt.  Nach  Aussterben  der  Zerbst’schen  Linie ­
  1793,  theilten  sich  die  3  andern  in  deren  Gebiet,  nur  erhielt  die
ruMische  iCaiseiin  ICatharine  II.,  als  Zerbs^sche  Ihdnci^s  die  ilenschaA
  Jever  an  der  Nordsee.  Die  Göthener  Linie  erlosch  1849.  Nachdem
  die  Verfassungsurkunde  Dessau’s  vom  29.  Oct.  ^
gang  beider  Herzogthümer  zu  einem  Staate.
Die  Finanzetats  für  IB^'Aa  ergaben:
in  Dessau  596,000  Tlilr.
-  Göthen  449,888
Darunter  in  Göthen  :  60,000  ïhlr.  aus  Domänenverkäufen  und  15,000
Reinerlrag  der  ïanrisclien  Besitzungen.  Die  Mediatbesiteungen  des
Herzogs  von  Dessau,  namentlich  in  Preussiseh-Saohsen  und  m  Ostprcussen,
  ertragen  3-400,000  Thlr.  Eigentliche  directe  Steuern  gibt
es  in  Dessau  nicht.  —  ld^V52  waren  etatiit:
ln  Dessau  in  Göthen
für  den  Hof  120,000  30,283
das  Militär  55,400  39,947
die  Schuld  31,200  155,000
Die  Schulden  wurden  pro  1.  Juli  1853  zu  5’119,731  Thlr.  berechnet, ­
  wovon  800,000  Papiergeld.  Eine  frühere  Zusammenstellung

Zusammen
150,283
95,347
186,200

ergibt  :
Verzinsliche  Schuld
Cassascheine
Dessauer  Landesbank-Noten

Dessau
500,000
rooo,ooo
2’487,000

Göthen
2’370,000
540,000

Zusammen
2’870,000
1’540,000
2’487,000

ToW""8^,000  2'910,000  6'897,000
von  Göthen  auf  mehr  als  eine  Million  angeschlagen  wurden,  vermehrte
er  doch  die  Schulden  auf  4-5  Mill.  Schon  vor  seinein  lode  mus^e
er  Schulden  halber  das  Fürstenthum  Pless  verkaufen.  Die  jetzt  noch
BO  enorme  Schuldenmasse  ist  gegen  damals  ansehnlich  vernngeit.
Zu  Göthen  wird  noch  eine  Spielbank  unterhalten,  ,  ,,  .
984  M.  au»  Amerika  zurück;  es  fehlten  aleo  lib.
Mm,ie  die  preuseMieu,  doch  sind  100  Göthener  Ellen  =  95,86  preu«».
und  100  Cöthener  Scheffel  =  96,26  preuBS.

27.  Anhalt-BCPIlburg  (Herzoglhum).
15»/  OM  1852  mit  52,641  Einw.;  Protestanten,  ausgenommen
etwa  600  Kath.'’und  300  Juden.  Stadt  Berubnrg  mit  6500  Einw.  -
Verfassungsgeeetz  vom  28.  Februar  1850.
        <pb n="222" />
        206  DEUTSCHLAND  —  Schwarzburg-Sondersli.  Rudolstadt.  Homburg.
Der  Finanzetat  für  1854  .schloss  ab  mit  752,264  Thlr.  Einnahme
lind  736,386  Ausg.  Die  Schulden  wurden  pro  1.  Oct.  1854  auf
1’9.34,814  Thlr.  berechnet,  wovon  500,000  Papiergeld.  Das  Activvermögen
  ward  zu  467,335  Thlr.  angegeben.  Ausser  dem  Staatspapiergclde
  coursiren  für  200,000  Thlr.  Scheine  der  Cöthen-Bernburg’-schen
  Eisenbahngesellschaft.  {Maasse  wie  in  Preussen.)

28.  Schwarzburg-Sondershauseii  (Kürstcntlium).
I5V2  Q.-M.,  1849  mit  60,847  Mcnsclien.  —  Stadt  Sondcrsimii*
sen  mit  5000  Einw.  —  Verfassungs-Gesetz  v.  20.  Dez.  1849.
Der  Etat  für  185b—59  entziffert:  534,447  Thlr.  Einnahme  und
527,516  Ausgabe.  Die  Schuld  scheint  in  stetem  Wachsen:
1851,  1,  Mai  1853,  1.  Jan.  1854,  1.  Jan.
Kammerschuld  8.38,713  841,496
Landesschuld  382,743  432,838
Zus.  1'221^66  "  1’274,3.34  1’310,50()
Getreidemaass  :  der  alte  Nordhäuscr  Scheffel  =  13,38  preuss.  Metz,  oder
45,63  Lit.  ;  in  Arnstailt  (der  s.  g.  „Oberherrschaft“)  das  Maass  von  2,6  preuss.
Scheffel  oder  143  Lit.

29.  Schwarzliurg  Hiidalstadt  (Füistcntlmm).
Auf  I7V2  Q.-M.  lebten  1849  69,648,  1852  nur  noch  69,038
Menschen.  —  Stadt  Rudolstadt  mit  5500  Einw.  —  Die  Verfassung,
vom  21.  April  1821,  erlitt  1848  Abänderungen.
Das  letzte  Budget  schloss  ab  mit  der  Summe  von  720,698  fl.
Einnahme  und  Ausgabe.  Im  Staatsgrundgesetze  sind  die  Domänen
als  Eigenthum  der  fürstlichen  Familie  erklärt;  ihr  Ertrag  ist  über
400,000  fl.  (1847  war  die  Einnahme  der  Kammercasse  zu  398,253,
jene  der  Landescasse  nur  zu  245,640  fl.  veranschlagt.)  (Jober  den
Betrag  der  Schulden  liegen  verschiedene  Schätzungen  vor,  welche
von  1'250,000  bis  1'848,000  fl.  variiren  ;  darunter  für  200,000  fl.
Papiergeld.  ’
Dienstzeit  der  Conscribirten  6  Jahre,  einschliesslich  Reserve.
Münze:  in  der  obem  Herrschaft  (Rudolstadt)  der  Gulden,  in  der  untern
(Frankenhausen)  der  Thaler.  —  Fruchimaasa:  der  Scheffel  =  3%  Sch.  preuss
oder  178,75  Lit,

30.  Hessen-Homtmrg;  (Landgrai'schaft).

Q.-M.  Bev.  1852
Amt  Homburg  .  1%  11,166
Oberamt  Meisenheim  3%  13,755
Zus.

Stadt:  Homburg  vor  der  Höhe,
mit  4600  Einw.
Verfassung  v.  3.  Jan.  1850,

5  24,921
Hessen-Homburg  war  zur  Rheinbundszeit  (1806—15)  von  Hessen-Darmstadt
  mediatisirt.  Der  Wiener  Congress  erklärte  den  Landgrafen
souverän,  und  vergrösserte  sein  Gebiet  durch  Meisenheim  (auf  dem
        <pb n="223" />
        \

DEUTSCHLAND  —  Liechtenstein  —  Hamburg.

207

linken  Rhoinufer).  Seine  Mediatbesitzmigcn  in  I’reussen  umfassen  20
Ortschaften  mit  6900  hhiiw.
a*»;
^’“Miniar.  Conscni.tion.  Stellvertretung,  Uiensbeit  G  Jat.ve,  woirisíí
  '55--=  £
Hectoliter  ist.
31.  Liechtenstein  (Fürstentlmm).
SOS  schuldet,  schuldet  es  seinem  Fürsten.
Maawß  etc.  wie  im  benachbarten  Vorarlberg.

Confessionen
Lutheraner  197,000
Ileformirte  2,000
Katholiken  2,000
Mennoniten  200
Juden  7,000

32.  Hamburg  (Freie  Stadt).
Areal  6%  Q.  M.  Bevölkerung  im  Dez.  1855:  208,198.  früher.
Jahre  Stadt  u.  Vorstädte  Landgebiet  rnnfAssionen
1811  106,983  30,136
1834  130,385  27,706
1852  161,390  39,300
1855  162,923  45,27o
»
        <pb n="224" />
        208

DEUTSCHT^AND  —  Hamburg.

cassen-Staatsanlehenfür  welches  1854  1’871,000  M.  angesetzt
waren),  Militär  662,000  (ungerechnet  50—60,000  M.  Militärpensionen),
Senat  290,000,  Beitrag  zum  gemeinsamen  Oberappellationsgerichte  23,000.
Der  Betrag  der  ordentlichen  Einnahmen  —  ohne  Anlehen  etc.  —
war  netto  folgender:
1830  4’364,000  1847  6’117,800
1840  5’112,000  1853  6723,404  (Bedarf  nur  6'327,596.)
Schiddenstand  am  1.  Januar  1854;
Aeltere  Schuld  Mark  Cour.  26704,872
Feuer-Cassen-Staatsanlehen  von  1842  „  „  31'080,000
Staatßprämien-Anlehen  ...  „  „  8'685,000
Zus.  65’878,872
Der  Capitalbetrag  der  Schuld  war  1814  33^^  Mill.  Mrk.  Banco
=  41’875,000  M.  Cour.,  oder,  mit  Dazurechnung  der  Zinsrückstände
und  der  capitalisirten  Renten,  48’425,000  M.  C.  —  1838  war  der
Betrag  30’769,000  M.  C.  —  Das  Nominalcapital  der  „Feuercassenstaatsanlehen“
  beträgt  34’400,000  M.  Bc.,  wofür  (bei  einer  Emission
à  93,  98V2,  99,  97,  100  und  86  Broz.)  in  Wirklichkeit  32  515,940
M.  Bc.  erlöst  wurden.  Die  3proz.  „Staatsprämienanleihe“  von  1846,
zusammen  9’600,000  M.  Bc.,  ward  1848  zu  einer  Art  Zwangsanleihe
gemacht.  Uebrigens  berechnete  man  die  Gesamintschuld  :  Ende  1847
zu  65’256,087,  Ende  1850  zu  67’855,&amp;amp;07  M.  B.  —  Der  jährliche
Bedarf  für  die  Schuld  war  :
1841  l’26ß,000  1847  1’631,957  1850  1’493,000
1845  1'327,400  1849  1'533,960  1854  1’6G8,900
Dabei  darf  die  unglückliche  Einwirkung  des  Brandes  von  1842
nicht^unbeachtet  bleiben.  Die  daher  rührende  Schuld  würde  in  einem
grossen  Reiche  nicht  als  Staats-,  sondern  blos  als  Communalsache
verrechnet.
Oeschichtliche  Notizen.  Die  Kosten  der  franz.  Occupation  vom
19.  Nov,  1806  bis  31.  Oct.  1807  betrugen  erweislich  44’381,311  Fr.
Die  Beschlagnahme  englischer  Waaren  wurde  1807  durch  Zahlung
von  16  Mill.  Frk.  abgewendet.  Hamburg  litt  besonders  1813  unter
dem  Drucke  durch  den  franz.  Marschall  Davoust.  Der  später  gesendete
franz.  Commissar  Monnai  musste  einen  Schaden  von  71'964,450  Frk.
anerkennen,  wobei  1207  zerstörte  Häuser  mit  35701,100  Frk.  angesetzt, ­
  Vieles  aber  übergangen  war.  Davoust  hatte  aus  der  Bank
7’506,956  Mrk.  genommen,  wofür  Frankreich  im  Jahr  1816  V2  Mill.
Frk.  Renten  (ein  Capital  von  10  Mill.  Frk.  repräsentirend)  vergütete.
Der  Gesammtschaden  Hamburgs  durch  die  franz.  Herrschaft  wird  zu
89  Mill.  Thlr.  berechnet.  —  Der  Schaden,  welchen  der  grosse  Brand
vom  5.  bis  8.  Mai  1842  verursachte,  ist  zu  90  Mill.  Thlr.  veranschlagt. ­
  Es  wurden  4219  Gebäude  in  75  Strassen  eingeäschert.
MlliÜlr»  Werbung,  nöthigenfalls  Aushebung  nach  dem  Loosè.
Dienstzeit  6,  Jahre,  vom  20.  Altersjahre  an.  Die  Truppen  bestanden
bis  zur  neuesten  Zeit  aus  1  Bataill.  Linieninfanterie,  1  Comp.  Jäger
und  1  Escadron  Dragoner,  zusammen  1205  M.  In  Folge  der  Bundesbeschlüsse ­
  musste  man  2  Bataill.  und  2  Escadronen  bilden,  zusammen
        <pb n="225" />
        14

DEUTSCHLAND  ~  Hamburg.

209

nicht  weniger  als  2163  M.  stark.  —  Das  Bürg  errnilitär,  etwa
10,000  M.,  begreift  2  Comp.  Fussartillerie,  9  Bat.  Infanterie,  1  Bat.
.Jäger  und  1  Esccadr.  Cavallerie.
Ilailtloi.svcrillilllli.sse«  Die  drei  Hansestädte  kämpfen  stets
für  das  l’rincip  der  If  au  d  e  1  s  fre  i  heit.  Im  grollen  Widerspruche
damit,  halten  sie  aber  in  ihren  Mauern  das  Zunftwesen  aufrecht.
Dies  gilt  namentlich  von  Hamburg.  Ausser  den  zünftigen,  gibt  es
auch  s.  g.  Realgewerbe  (wozu  Goldschmiede  und  Barbiere  gehören),
und  überdies  radicirte  Gewerbe  (der  Bäcker,  Metzger  etc.)  Nach
dem  Gesetze  v.  12.  Febr.  1835  haben  38  Handwerke  Zunftrecht,  14
andere  bleiben  bis  zu  weitern  Beschlüssen  in  ihren  zunftähnlichen
Corporationen.  Neue  Erfindungen,  fabrikmässiger  Betrieb,  und  solche
Productionen,  welche  wissenschaftliche  oder  höhere  Kunstfertigkeit  erfordern, ­
  unterliegen  nicht  dem  Zunftzwange,  bedürfen  aber  obrigkeitlicher ­
  Erlaubnis,s.  Das  blühende  Schiffsbau  hand  werk  gehört  (bezeichnend ­
  genug!)  zu  den  freien  Gewerben.  —  Aber  nicht  durch
sein  (eingeengtes)  Gewerbswesen,  sondern  durch  seine  auf  freien
Principien  beruhende  Schifffahrt  und  Handel  hat  Hamburg  seine
Bedeutung  erlangt.  Der  Verkehr  betrug  im  Jahre  1855;
Centner  Werth  M.  Beo.  Davon:  seewärts  aus  u.  nach  Deutschi.  *)
Einfuhr  .'12775,482  528  658,190  299744,440  229713,759  M.B.
Ausfuhr  20’26G,85.3  507’221,6()0  199'.338,460  307'883,140  -
In  den  Vorjahren  war  das  Hauptergebniss  in  M.  Beo.:

1852  1853  1854
Einfuhr  .S92'028,820  448  879,530  5.80'668,0.80  i  hiev.Verkehr  Í  245'018,9.30  -
Ausfuhr  872795,450  42P673,490  493’029,840  i  m.  Deutschl.  |  258'651,3.30  -

Von  der  „Ausfuhr  zur  See“  gingen

nach  Australien
Africa
Südamerika
Westindien
Nordamerika
Grosshritanien
A  sien
Nordeuropa
Südeuropa

1855
für  27.38,840
508,160
-  24:254,740
-  6’547,890
-  1U874,800
-  57'049,620
-  37.32,150
-  277.37,530
-  7’648,020

im  Vorjahre  (1854)
5’624,710
729,590
27’545,470
7’679,340
18’982,970
82’323,910
3721,790
25’812,680
7’071,790

Gegen  das  Jahr  1854  brachte  also  1855  vielfach  eine  bedeutende ­
  Verminderung,  die  indessen  voraussichtlich  nur  vorübergehend
sein  wird.  Im  .labro  1778  war  es,  dass  das  erste  unmittelbar  aus
Amerika  gekommene  Schiff  in  Hamburg  eiulief.  Welche  Entwicklung ­
  seitdem!  Wahrhaft  colossal  ist  der  Verkehr  mit  Grosshritanien.
Die  J]andelsmarine.  Im  Jahre  1840  besase  Hamburg  erst  193
Schiffe  von  15,875  Commerzlasten  ;  1843  207  Fahrzeuge  v.  17,220  L.
—  1853  dagegen  war  der  Bestand:  408  Seeschiffe  von  42,565  Commerzlastcn;
  darunter  6  Seedampfer  —  1854  erlangte  die  Hamburger

*)  Eigentlich  „land-  und  flusswUrts;“  der  Seeverkehr  mit  deutschen  Häfen
ist  nicht  eingerechnet.
        <pb n="226" />
        T  r

Ei  )

«K

Bremen.

DEUTSCHLÂÎÎl)

210

Marine  ihre  grösste  Ausdehnung:  456  Schiffe  mit  53,565  CL.  *)
(Der  grösste  Rheder,  Godefroy,  hesass  3&amp;lt;t  Segelschiffe  und  1  Dampfer).
—  1855  trat  eine  kleine  Verminderung  ein:  448  Schiffe  mit  53,221
Commerzlasten.  E  i  n  g  e  1  a  u  f  e  n  waren  :
Schiffe  Com.-Lasten  BemannunR
1853  4.178  247,831  34,140
1854  489G  301,308  40,094
1855  4593  .309,002  40,102

Staut  Bremen
Ijandgebict
Stadt  Vegesa(
Bremerliavcn

Bemannung
34,149
40,094
40,102
Mimze,  Maasse.  I  Mark  Banko  ‘/z  ^lilr.  jirensB.  Dagegen  ;  1  Marli.
Courant  =  V,  Thlr.  —  Die  Mark  abgetheilt  in  10  Schillinge  zu  12  Flenn.  —
100  hamb.  Fiiss  (zu  12  Zoll  à  8  Linien)  =  91,3  preuss.  Fuss  oder  28,00  Met.
—  Oetreidemaass;  die  Last,  zu  00  Fass;  100  Fass  —  95,95  preuss.  Scheffel  od.
52,73  Ilectol.  —  Das  Fuder,  zu  6  Ohm  ;  100  Ohm  =  032,45  preuss.  Quart
oder  144,8  lleot.  (Das  Stübchen  =  3,02  Lit.)  —  Das  MiiffHpfxnd  im  Wanrenhandel
  hat  20  Inespfund  zn  14  gewöhnlichen  Pfunden;  das  miiffspfnud  zur
Fuhre  dagegen  20  Liespfund  à  16  gewöbnlicbe  Pfund,  also  320  Pfund.  Das
Kreimerpfund  ist  gleicli  dem  alten  preuss.  Pfd.  —  Die  ,.Commerzlast“  =  00  Ctr.
oder  3  Tonnen.

33.  Kremen  (Freie  Siadt).
Arenal  3'/g  (nach  Andern  über  dVa)  Q-M.  Die  Bevölkerung
wird  dermalen  auf  etwa  88,000  gc.scliätzt.

1849
53,478  Einw.
18,413  -
^51^  -
3,018  -

Frühere  Volkszahl
1823  55,989
(834  01,070
1842  72.820

Confesslonen
Die  Einwohner  sind  Protestanten, ­
  bis  auf  etwa  1500
Kallioliken  und  50  .luden.

Zus.  79,047
Nachdem  Bremen  im  Jahre  1803  eine  Gcbietsvcrgrö.sserung  erlangt, ­
  ward  es  1810  durch  Na])oleon  erst  dem  Königreich  Westfalen,
dann  Frankreich  unmittelbar  ein  verleibt,  als  Jlauptort  des  Weserdepartemeuts.
  —  1813  Wiedererstehen  des  Freistaats.  —  1827  erkaufte
man  um  77,200  Thlr.  Gold  von  Hannover  ein  Gebiet  von  357  liannöver.
  Morgen,  worauf  Bremerhaven  angelegt  ward.
Finanzen*  Das  Budget  für  1856  ergibt:
Einnahme  Ausgabe
Ordentliche  .  1’066,651  r044,592  Tbl.  Sonach  mutbmassl.
Ausserordentliche  132,274  216,791  Deficit;  02,458  Th.
Zus.  “'lT98,925  ‘  F261,383
Die  Einnahmen  sind  ans  Vorsicht  stets  zu  niedrig,  die  Ausgaben
zn  hoch  angesetzt.  So  ergab  die  Reclinnng  von  1850  gegen  das
Budget:
Me  hr-Einnahmen  .  141,443  I  Differenz
Weniger-  Ausgaben  75,872  |  217,315
Auch  das  Budget  für  1855  hatte  ein  Deficit  von  88,038  Thlr.
in  Aussicht  gestellt;  der  wirkliche  Rechnnngsahschluss  zeigte  aber

*)  Da  diese  Zahl  „Commerzlasten“  beinahe  80,000  gewöhnliclien  Sclilffslasten
  gleich  ist,  so  löst  sich  damit  unser  S.  140  ausgesprochener  Zweifel  über
die  angebliche  Uoberlegonheit  der  Bremischen  gegenüber  der  Hamburger  Marine.
        <pb n="227" />
        DEIITSCHLÂTSD  —  Bremen.

211

statt  dessen  einen  Ueberscluiss  von  48,240  Tlilr.  (Die  Zölle  ertragen
gegen  200,000,  eine  Lotterie  etwa  5000  Thlr.)
Ä:/mZd  Im  Jahre  18U  betrug  dieselbe  3’C41,815  Thlr.  Die
Ihast  war  inn  so  grösser,  als  das  mit  dem  Vermögensschoss  besteuerte
Capital  Im  ersten  Decennium  dieses  Jahrhunderts  nur  zwischen  24
30  Mill,  betrug.  Die  franz,  üceupation  schlug  dem  Wohlstände  solche
Wunden,  dass  das  Vermögen  von  1813—20  nnr  alhnählig  von  17
auf  20  Mill,  stieg,  und  erst  1826  die  frühere  Höhe  wieder  en  eichte.
—  Der  Schoss  von  1854  dagegen  vertrat  ein  Capital  von  mehr
als  80  Mill.
1828  waren  von  der  alten  Schuld  noch  2’610,000  Uldr.  vorhanden. ­
  Aber  schon  1827  hatte  man.mit  neuen  Anlehen  zu  productiven ­
  Zwecken  begonnen.  Das  „Bremerhaven-Anlehen«  von  602,000
Thlr.  eröffiiete  1827—31  den  Reigen.  Dann:  1845  Eisenbabnanlehen
von  2737,000;  1847  neues  Br  ein  erb  aven  an  1  eh  on  von  1  Million.  Im
Ganzen  wurden  von  1824
neu  aufgenommen
getilgt

-55
ß'323,000
2’199.000

Mehrung  3’8‘24,000
Best  (1er  alten  Schuld  3’000,000
Jetzige  Schuld  .  C’800,000
Mililclr*  Ls  ist  Conscription  eingeführt

Nach  genauerer  Berechnung  :
Schuld  1856  .  G’791,700Thl.
.lährl.  Aufwand  dafür  382,891  -
Davon  für  Tilgung  1.32,329  -

Die  Truppen  bilden
mit  denen  von  Lübeck  1  Bataifl.  und  1  Escadron.  —  Bürgerwehr:
1  Regiment  von  3  Bataill,  ^  _
Haildclsverhaunis.sc.  Auch  in  dem  durch  Handelsfreiheit
emporgokommonen  IBromen  wird,  luRor  VeBäugjmng  des  vñeht^^M^n
Fundamentalprincips,  der  Zunftzwang  aufrecht  erhalten.  Selbst  die
grossen  Fabriken  dürfen  nur  einigß  Artikel  verfertigen,  wegen  deren
Abgrenzung  sie  in  stete  Prozesse  mit  den  „Aemtern“  (Innungen)  verwickelt ­
  sind.  Die  blühend  gewordene  Cigarrenfabrikation  ist  unsers
Wissens  durch  keinen  Zunftzwang  eingeengt.
Der  Handelsverlcehr  betrug  In  Ld’or  Rthlr.  :
Einfuhr  Ausfuhr  Angekommene  Schiffe  :
24'500,000  24781,050  Schiffe  Lasten  Bemannung
23’4G7,260  1853  2729  189,053  15,684
1852  2965  204,817  17,172
Bremische  11  h  e  d  e  r  e  i  :

Seewärts
Landwärts  26714,990
Zus.  1855

1854
1853
1852

51714,990
53'686,612
48706,229
40’401,804

48748,810
47735.449
44762.449
37798,139

1853
1854

Schiffe
241
251

Lasten
57,873
63,682

Die  Gcsammtzabl  der  die  Weser  und  die  benachbarte  Seekiiste
befabrenden  Schiffe  ward  Januar  1855  zn  427  angegeben,  mit  84,073
[)io  Zahl  der  von  Bremen  abgegangenen  Auswanderer,  1853
58111  stieg  1854  anf  75,424,  welche  in  361  Sebiffen  expedirt
wurden!  (Seitdem  bekanntlich  bedeutende  Verminderung.)
Mibize  Maasse.  Bremen  rechnet  nach  Reichsthalem  zu  72  Groten,  in
Pistolen  zu’h  Thl.  (5  Thl.  Gold  =  5'/,  Thl.  Courant).  Der  Puss  zu  12  Zoll;
51  Bremische  =  47  preuss.  oder  rhein.  Fuss;  100  Brem.  Ellen  ==  86,72  prensa.
__  100  Brem.  Scheffel  =  129,41  preuss.  —  Das  Stübchen  ==  2,7718  preuss.
Quart.  —  Der  Centner  hat  116  Pfd.  —  100  Bremer  Pfd.  =  106,7  alte  preuss.
        <pb n="228" />
        #

212

DEUTSCHLAND  —  Lübeck.

34.  Lübeck  (Freie  Stadt).

Areal  nahe  an  6  Q.-M.  Die  Bevölkerungsangaben  sind  ungenau
lind  nicht  übereinstimmend.  Während  eine  von  1852  die  Ziffer
48,425  bringt,  lautet  eine  andere  vom  1.  September  1851:

in  der  Stadt
I.andgebiet
Bergedorfi^;;^'

Frühere  Volkszahl
26,098  1815  44,600
16,587  1834  44,400
2,577  1843  46,845
8,904  1845  47,162
"54,166

Gonfessionen
53,000  Lutheraner,
400  Iteforniirte,
200  Katholiken,
500  Juden.

Nachdem  der  Reichsdeput.-Schluss  von  1803  das  Gebiet  vergrössert
  hatte,  vereinigte  Napoleon  dasselbe  unterm  31.  Dec.  1810
mit  Frankreich  (dem  Departement  der  Elbemündung).  1813  W  iederher,Stellung
  der  Selbständigkeit.

Fiiiiinzcii»  Das  Budget  für  1856  veranschlagt  Einnahme  und
Ausgabe  zu  1’090,980  Mark.  Dabei  Erhebung  einer  ausserordentlichen ­
  halben  directen  und  Militärsteucr;  auch  hier  figurirt  eine  Lotterie ­
  unter  den  Einnahmepositionen.  —"Das  Budget  für  1855  hatte
ein  Deficit  von  1.65,000  Mrk.  in  Aussicht  gestellt.
Schuld.  Lübeck  litt  besonders  schwer  durch  die  Kriegsereignisse ­
  von  1806.  Der  entstandene  Schaden  ward  auf  11  Mill.  Frk.
berechnet.  Auch  gab  es  in  den  Kriegszeiten  Zwangsanlehen,  Die
fundirte  alte  Schuld  war  (in  Mark)  :

1820  1830  1844  Ende  1853
9457,900  9’374,100  5'881,041  4’200,000
Indessen  waren  1849  und  50  für  Eisenbahn-  und  andere  Bauten ­
  8  Mill.  Mrk.  neu  aufgenommen,  so  dass  der  wirkliche  Schuldenstand ­
  1853  etwa  iSO/ß  Mill.  Mrk.  betrug.
IMliliülr«  Conscription  mit  Zulassung  der  Stellvertretung.  Dienstpflicht ­
  vom  22.—  25.  Altersjahrc;  (eigentlich  2  .Jahre  activ,  l’/a  Reserve. ­
  Siehe  übrigens  „Bremen,“  S.  211.)  Ausserdem  Bürgermilitär:
1  actives  und  2  Reservebataill.,  und  5  Bataill.  Landwehr.

Handelsverliältnlssc.  Lübeck  ist  von  seiner  im  Mittelalter,
als  Haupt  der  Hansa,  erlangten  Höhe  tief  herabgekommen.  Es  ist
dies  grosseutheils  Folge  der  umgestalteton  Verhältnisse  und  der  feindlichen ­
  Bestrebungen  des  benachbarten  Dänemark.  Allein  auch  das
Festhalten  am  Veralte-ten  scheint  dazu  mitgewirkt  zu  haben.  So
besteht  noch  die  schroffste  Zunftverfassung,  —in  einer  Stadt,
deren  Emporblühen  durch  Geltung  des  Prinzips  der  Gewerbs-  und
der  Handelsfreiheit  bedingt  ist.  Einige  Zünfte  sind  förmlich  geschlossen. ­
  (So  duldet  z.  B.  das  Tischlergewerbe  nicht  mehr  als
20  Meister!)  —  indessen  verdienen  die  grossen  Anstrengungen  alle
Anerkennung,  welche  die  Stadt,  besonders  für  Herstellung  von  Eisenbahnen ­
  ,  in  neuerer  Zeit  gemacht  hat.
Lübeck  besass  Ende  1853:  5  Soedampfer,  2  Flussdampfer  (1
weniger  als  1852)  und  58  Segelschiffe  (2  weniger  als  1852),  zusam-
        <pb n="229" />
        DEUTSCHLAND  —  Frankfurt  a.  M.

213

eOjeTllto!  ¿“4T20  Walmlw"'  hatte  betragen:
ZU  Lande  55'461,150  Pfund
zur  See  203'244,208  -
mm#

35.  Frankfurt  am  Main  (Freie  Stadl).
9548.  1852  zählte  man:

Confesslonen
Protestanten
Katholiken
Dissidenten
Juden

Stadt
47,100
10,661
150
4,600

Gebiet
10,287
352

Bundesmilitär
Oesterreicher  1717  M.
I’rcussen  1713  -
r.ayern  1301

Frühere  Bev.
1838  63,936
1843  65,831
1849  69,354

^  FinilllZieii.  Das  Budget  für  1856  schliesst  so  ab:
Einnahmen  1’886,300  fl.
Ausgaben  r881,750  -  ^  ,
        <pb n="230" />
        214

ITALIEN.

gezwungene  Atilelien.  1822  scheint  die  Hchukl  auf  etwa  8V2  Mill.  fl.
herabgebracht  gewesen  zu  sein;  Ende  1847  betrug  die  alte  Schuld
nur  noch  6’718,000  fl.  1854  zerfiel  die  consolidirte  Schuld  in:
gewöhriliclie  Schuld  5’93.5,000  |  ,o'7AQnoo  fl
Eisenhahnschuld  6773,000  (  708,000  H.
Dazu  ;  schwebende  Schuld  .  665,964  -

Im  Juni  1855  ward  ein  (eventuell  schon  unterm  80.  Nov.  1848
für  Eisenbahnbauten  beschlossenes)  8  Yg  proz.  Anlehen  von  2Y2  Mill,
im  Course  von  1)5  ausgeschrieben.  —  Der  Frankfurter  Bank  ward
die  Ausgabe  unverzinslicher  Banknoten  gegen  die  Verpflichtung  ertheilt,
  dem  Staate  eine  Million  unverzinslich  zu  leihen.
Maasse.  100  Fuss  oder  Schuh  (à  12  Zoll)  =  90,68  preuss.  oder  28,46
Met.  oder  52  Frankfurter  Ellen.  Sonach  100  Frankfrtr.  Ellen  =r  82,06  Berliner
oder  104,84  preuss.  —  100  Malter  (zu  4  Simraern)  =  208,77  preuss.  Scheffel
oder  114,73  Ilectol.  —  Das  „Fuder“  Wein  zu  6,  das  „Stück“  zu  8  Ohm;  die
„Zulast“  ist  'A  Stück.  Die  Ohm  hat  20  Viertel  oder  80  alte  Aichmaass;  100  alte
Maass  r-  156,38  preuss.  Quart  oder  179,29  Lit.  Die  Jurigmaass  für  Schenkwirthe;
  9  Jungmaass  =  8  Altmaass.  —  100  Pfd.  leicht  Gewicht  =  100,0433
alte  preuss.  oder  93,58  Zollpfund.  100  Pfd.  Schwergewicht  •=  108,0468  alte
preuss.  oder  101,06938  Zollplund.

Drittf

Italien.
Obwohl  es,  nach  den  Ansichten  der  Diplomatie,  „kein  Italien  gibt;“
obwohl,  ihr  gemäss,  Italien  nichts  sein  soll  als  „blos  eine  geographische
Classification“  (Ausdrücke  in  der  bekannten  Circularnote  des  bürsten
Metternich  vom  .lahrc  1847),  so  wird  es  doch  wohl  kaum  einer  nähern
Rechtfertigung  bedürfen,  wenn  wir,  von  anderer  Anschauung  ausgehend,
Italien  und  sein  Volk  auch  als  Ganzes  betrachten,  d.  h.  wenn  wir
wenigstens  eine  gedrängte  statistische  G  csammtübersicht  geben
über  dieses  herrliche  Land,  welches  die  Natur  so  sehr  als  eines  zu
einem  Ganzen  geschaffen,  und  zu  diesem  Bchtife  mit  den  unverrückbarsten ­
  Grenzmarken  —  Meer  und  Alpen  —  als  solches  von  andern
Gebieten  getrennt  hat;  und  über  diese  nicht  blos  der  Zahl  nach  ansehnliche, ­
  sondern  auch,  trotz  alles  weltlichen  und  geistlichen  Druckes,
trotz  aller  Entsetzlichkeit  der  Verhältnisse,  so  begabte  und  hervorragende
Nation,  welche  nach  ihren  Leistungen  in  allen  Zweigen  der  Künste,
der  Wissenschaften  und  des  practischen  Lebens,  und  nach  ihren  ausgezeichneten ­
  grossen  Männern,*)  den  vorzüglichsten  Völkern  aller  Zeiten
beigezählt  werden  muss,  und  welche,  wie  keine  andere,  in  nicht  endendem ­
  Ringen  die  gewaltigsten  Opfer  bringt,  um  ihre  Nationalität  zu  rotten.
*)  Wir  erwähnen  nur  der  Namen  eines  Dante,  Ilafael,  Macliiavcll,  Columbus ­
  und  Galilei,  und  erinnern  Diejenigen,  welche  das  Italien  der  neueren
Zeit  als  erschöpft  an  grossen  Männern  ausgeben  möchten,  daran,  dass  auch
Napoleon  ein  Italiener  war.
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ITALIENS.

Italien  ln  der  Napoleoiiißcheu  Zeit  (1812)

Länder
Königreich  TtaUen

Bestandthello
Lombardei,  Venedig,  Komagna,  die
Marken,  Istrien,  Südtirol  u.  1  heile
von  Modena
Das  Festland  Unteritaliens
Die  Insel

Deutsche
Q.'M.

217

Elnw.-Zahl

1520
1825
500
440

6500,000
5'000,000
1700,000
500,000

2000
10

6'000,000
100,000

6200  19’800,000

„  Neapel
„  Sicilien
rien),  Rom,  Insel  Corsica  .
Enqlüche  Besitzung  Insel  Malta  .  ■  •  •
Zub
Bemerkungen.
Schwager,  bis  1815.
,  3.  Unter  dem  alten  bourbonischen  Herrscher.
^  ^  savoyischen  Herrscher.

Tin  Sept.  1856  sind  dem  Verkehre

Italienische  Eisenbahnen.
«"l»  -  93  Mdlen  in
^  :  5':  :  :  ^
~  3  .  im  Kirchenstaate.
1414  Kilomet.  =  191  deutsche  Meil.
Italienische  Handelsmarine.
schiffe  ’■jàÂÏf

Venedig  (etwa)
Sardinien
Toscana
Röm.  Staaten  .
Beide  Sicilien

800
3,000
900
1,900

32,000
185,000
37,500
31,600

12,900  (?)  250,000

6,000
24,600
6,000
9,700
52,000

Zue.  etwa  19,000(?)  640,000  9^^^
ledeutnng  nicht  gelten  können.

Siinlinlen  (Piemont)  —  (Kiinigicich)

k.  Festland
B.  Insel  Sardinien

Deutsche
a.-M.
937
439

Bevölkerung
1848
4’368,972
547,112
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        218

ITALIEN  —  Sardinien  (Land  und  Leute).

Die  administrative  Eintheiluug  ist  folgende  :
A.  Fcstl  a  n  d.
Kreise  Provinzen  Q.-M.
Turin  Turin,  Pignerol,  Susa  .  .  .  .  .  106
Vercelli  Vercclli,  Biella,  Casale  .  56
Ivrea  Ivrea,  Aosta  ......  85
Coni  Coni,  Mondo  vi,  Alba,  Saluzzo  .  .  ,  128
Alessandria  Alessandria,  Asti,  Voglicra,  Tortona,  Bobbio  .  72
Novara  Novara,  Loiuelliiia,  Ballance,  Ossola,  Valsesia  101
Chambéry  Chambéry,  Ober-Savoyen,  Maurienne,  Tarentaise  119
Annecy  Annecy,  Faucigny,  Chablais  .  .  .  81
Genua  Genua,  Chiavari,  Novi,  Levante  ...  58
Savona  Savona,  Acqui,  Albenga  .  .  .  .  18
Nizza  Nizza,  Oneglia,  St.  Remo  .  .  .  .  76
B.  Insel  Sardinien.
Cagliari  Cagliari,  Iglesias,  Isill,  Oristano  .  .  .  181
Nuoro  Nuoro,  Cuglieri,  Lanusci  ....  127
Sassari  Sassari,  Alghcro,  Ossieri,  Tempio  .  .  .  128

Bevolker.
627,026
372,925
249,793
600,872
152,316
453,958
313,302
270,510
545,979
240,101
242,990

276,123
123,934
147,015

BevUlkerumjs  Zunahme.  Tin  Jal  ire  181(5  schätzte  man  die  Einwohnerzahl ­
  auf  'L7(50,000,  wobei  man  (was  zu  hoch  war)  jene  der
Insel  Sardinien  zu  520,000  annahm.  1832  wurden  gerechnet:
Festland  3'675,000|  ^7.&amp;gt;
Insel  498,000  (  ^
1838  nahm  man  an  I’(550,40(5  Einwohner.
Nationalitäten.  Die  Einwohner  gehören  sehr  verschiedenen  Stämmen ­
  an,  lind  sind  nicht  einmal  sämmtlich  Italiener.  Am  zahlreichsten
erscheint  der  Piemontcsische  Stamm,  gegen  3  Mill.  Menschen  umfassend.
Ganz  verschieden  davon  sind  die  Bewohner  der  Insel  Sardinien;  verschieden ­
  auch  die  Genuesen.  Savoyen  aber  (Chambéry,  Annecy,  zusammen ­
  mit  ungefähr  580,000  Bewohnern),  das  Stammland  des  Fürstenhauses, ­
  hat  eine  nach  Sprache  und  Herkommen  französische  Bevölkerung; ­
  ebenso  der  grössere  Theil  der  Grafschaft  Nizza.
Confessionen.  Die  Einwohner  sind  Katholiken,  bis  auf  ungefähr
25,000  Protestanten  (worunter  die  früher  hart  bedrückten  Waldenser)
und  7000  Juden.
Städte.  Turin  mit  172,000  Einw.,  Genua  130,000,  Alessandria
45,000;  Nizza  30,000,  Novara  21,000,  Coni,  Vercelli  und  Savona  je
20,000,  Chambéry  18,000,  —  Cagliari  30,000,  Sassari  24,000.
Gebietsveränderungen.  Bestand!heile  des  Staates  vor  der  französischen ­
  Revolution  :
Q.-M.  Bevölkerung
Insel  Sardinien  .  .  440  420,000
Herzogthum  Savoyen  .  180  300,000
Fürstenthum  Piemont  .  640  2’450'000
”1260  3070,000
Genua  war  noch  Freistaat;  es  umfasste,  nachdem  Verluste  aller
Levantinischen  Besitzungen  (Krim  etc.)  und  nach  Abtretung  der  Insel
Corsica  an  Frankreich  (1708),  noch  etwa  90  &amp;lt;j.-M.  mit  400,()00  Bew.
'—  In  den  Ilevolutionskriegen  nahmen  die  J'banzoscn  Savoyen  und
Nizza,  was  der  König  in  dem  Friedensvertrage  vom  15.  Mai  1790
        <pb n="235" />
        ITALIEN  —  Sardinien  (Finanzen).

219

■
folgenden  KfFon.  ab:
SLe  =:
9'485,681  10-429,«2»  8^,327
fendü  .Wir  (18Rß)  »o  aufgoführt:
.Än  SS
Eisenbahnen

Minist,  des  Innern  928,117
Unterrichts  13,000
Müm^  .  .  .
Schatz  .  .  •  2’371,936
Das  Ijotto  Ist  dabei  zu  6,  das  Enregistrement  (cfiYiMi  (T  zu
10  Mill,  angesetzt.

*)  1851  waren  6'318,730,  1856  3'167,226  Lire  als  .aussecordontl.  Ausaben“
  bezeichnet.
        <pb n="236" />
        Eisenbahnen  10’500,000  Post  ,  .  .  3’442,000
Unter  den  Ausgaben  erscheint  die  eigentliche  CivüUste  mit
4  Millionen.  —  Die  Staatsschuld  kostete  im  .Fahre  18,38  blos  7’80&amp;lt;),&amp;lt;)()(),
1847:  9’579,000,  1862:  3372.5,000,  1854  mit  den  Leibrenten
46’223,658  Lire.  Da  sich  die  Schuldeninasse  alljährlicli  vergrössert,
so  vermehrt  sich  auch  der  Bedarf  für  deren  Verzinsung  und  (nominelle)
Tilgung.  —  Die  ordentliche  Ausgabe  für  das  Landheer,  nämlich  ohne
Kriegskosten,  beträgt  längst  über  33  Mill,  (für  1867  sind  im  Budget
33’291,7G8  Lire  bestimmt),  jene  für  die  Alarme  über  4  Mill.
Keduciren  wir  die  Hrnttosummen  des  Budget  auf  das  Netto,  so
bleiben  ungefähr  120  Milk  Hievon  verschlingen:

die  Staatsschuld  (mit  Leibrenten)  47'/;  Mill.  =  über  39%  Proc.
die  Land-  u.  Seemacht  .  .  ST'/z  -  =  ung.  31%
Diese  zwei  Posten  allein  85  Mill.  —  über  70  Proc.

Allein  dabei  ist  auf  die  Kosten  dos  orientalischen  Krieges  gar
keine  Rücksicht  genommen.  Nach  dem  Beispiele  der  franz.  Finanzverwaltung ­
  hat  man  dieselben  in  den  aufgestellten  Budgets  für  1855
und  56  vollständig  ausser  Ansatz  gelassen.  Diese  Kriegskosten  wurden ­
  von  dem  Finanzminister,  laut  seiner  Krklärung  in  der  Abgeordnetenkammer ­
  vom  Nov.  1866,  folgendermassen  veranschlagt:  Vom
Beginne  des  Krieges  bis  zu  Lude  des  .labres  1866  kostete  ausserordentlicher ­
  Weise:  die  Landmacht  26,  die  Marine  5  Milk  Für  1856  sah
der  Minister  einen  Kriegsbedarf  vor  von  43’200,000  ;  alles  zusammen
also  etwas  über  74  Milk,  ausser  dem  Betrage  des  gewöhnlichen
Militärbudgets.  —  Von  dem  Kriegsbedarfe  im  .Jahre  1866  sollten  25
Milk  Lire  durch  das  zweite  englische  Anlehen  von  einer  Milk  Pf.  Sterk
gedeckt  werden  (1  Milk  Pf.  hatte  England  bereits  1855  gegeben).
Es  blieben  also  noch  zu  decken  18’200,000  Lire.  Hiezu  kommt  der
liest  des  Deficits  von  1855  mit  6'180,000,  und  der  für  1856  in  dem
gewöhnlichen  Budget  vorgesehene  Ausfall  von  4  Milk  Es  fehlen  also
28’380,000  Lire.  Daher  stellte  der  Minister  den  Antrag,  ein  neues
Anlehen  von  30  Milk  aufnehmen  und  nebenbei  auch  ebensoviel  neue
Schatzbons  ausgeben  zu  dürfen.  Im  Jan.  1856  genehmigten  die  Kammern ­
  diesen  Antrag.  Obwohl  einige  Monate  später  der  Friede  zura
Abschluss  gelangte,  so  hörten  die  ausserordentlichen  Kriegsausgaben
doch  noch  keineswegs  sofort  auf,  und  voraussichtlich  wird  sich  das
Ministerium  im  Falle  befinden,  den  grössern  Theil  der  bewilligten
Credite  auch  zu  verausgaben.
Geschichtliche  Notizen-  Vor  der  franz.  Revolution  schätzte  man
die  Einkünfte  auf  17  Milk  Lire,  wozu  die  Insel  Sardinien  brutto  eine
Million,  netto  aber  nur  200,000  beitrug.  —  1816  nahm  man  die  Einkünfte ­
  zu  48,  den  Bedarf  zu  56  Milk  an.  —  Nach  Unterdrückung
der  Revolution  von  1821  hatte  das  Land,  ausser  den  bedeutenden
Naturalleistungen,  für  den  Unterhalt  des  österr.  Occupationshoeres
        <pb n="237" />
        TTATjIEN  —  Sardinien  (Finanzen).

221

&amp;lt;52’570,34ß
10r379,519
112  539,812
70’230,560
43’073,552
20’229,680
23’908,000

1855:  72'851,000,  1810:  T8'42n,000,  1845:  8428^,300.
Ausgaben
Einnahmen  ordentliche  ausserordentl
1847  84'(^m,000
1848  91'^lß,000
1849  l()()’573,000
1850  95’50(),000  119’914,00()
1851  98’320,000  123’415,000
1852  101'684,000  127’465,000
1853  106’43(1,000  127’020,000
Zufolge  einer  Aufttellimg  des  Finanz,ninister»  in  der  Kammer  m
Ende  des  Jahres  1863  hatte  das  Deficit  bet,-agen  :
1850  18’839,391'.zusammen  in  4  ,
1852  60’040,824  I  Friedensjahren
1853  33’320,891  154’479,583
1854  42’278,476  )  Lire.
Indessen  war  schon  für  1854  ein  weiteres  Deücit  von  24  MdI.
kamen  seitdem  ,  ,,  Mm.
:weuitgsa,Se„  (fipr».),  garanli«  Eogla„,i,  je  t  Mill.  Pf.  St.  =  60  -
sogar  bedeutende  Capltalausstünde  (1780  schätzte
45  Mill.  Uthlr.).  Am  1.  Jan.  1835  war  der  Schuldenstand  ^9  77.,o
Lire.  Allein  die  üble  Wiiihschaft  steigerte  denselben  schon  vor  184^
sehr  bedeutend.  Noch  viel  schlimmer  gestaltete  e.s  sich  seitdem.  Ui
beiden  Kriege  gegen  Oesterreich  von  1848  und  49  ^^'k^iacMen  einen
Aufwand  v(^  127'129,137  Lire;  '
ilSSüli
Ä'"-:r^Éi:h2nt,s=%a%Æ
MM,  „mu  Mt  vmi  Jahre  1848  iM  iie  Ende  18,64  nkU  «anigeraU
wurde  vielfach  weit  mehr  versehrieben,  a  s  ,nan  erhielt,  nnd  jedes  Jahi
hnttP  umii  ln  der  gewöhnlichen  V  erwaltung  die  enormsten  Austallu
        <pb n="238" />
        222

ITALIEN  —  Sardinien  (Militärwesen.)

Eine  nach  ministeriellen  Quellen  bearbeitete  Zusammenstellung  in  der
regierungsfreundlichen  Zeitschrift  von  Ende  November  1855
gibt  folgende,  von  der  unsrigcn  nur  massig  abweichende  Aufstellung:
„Vom  7.  Sept.  1848,  Datum  des  ersten  neuzeitlichen  Anlehens,  bis
zum  11.  Mai  1854  nahm  der  Staat  nominell  503’252,126  Lire  auf
Tn  Wirklichkeit  erhielt  derselbe  418'15(),185.  (!)  Die  jährliche  Last
fiir  diese  Anlehen  beträgt  28’901,443  Lire,  nämlich  24’442  339  für
Verzinsung  und  4'37G,229  für  Tilgung.  —  Die  Verwendung'der  empfangenen
  Summen  war  folgende  :
für  den  Krieg  von  1848  und  49
-  Eisenbahnen
zur  Deckung  der  übrigen  Deficite

200’000,000  L.
100’000,000  -
118’15(5,180  -

418’156,18Ö
„An  Zins  und  Amorti  si  rung  kosten  jährlich:
der  „Unabliängigkeitskrieg“  13'823,200  L.
die  Eisenbahnen  .  .  0'911,000  -
die  Deficite  .  .  .  8100,043  -  »
„Die  wirkliche  Einbusse  bei  den  Eisenbahnen  beträgt  indoss  nur
1’802,750,  indem  deren  Reinertrag  sich  bereits  auf  5’!08,850  L.  beläuft.
Die  Staatseinnalinie  betrug  1847  87’073,200
dieselbe  ist  1850  geschätzt  auf  130’54,2,008
„Die  Vermehrung  des  Bedarfs  beträgt  sonach  4  3’4(!8,000  Lire,
wovon  blos  17753,930  durch  neue  Auflagen  gedeckt  werden“  (der
liest  durch  Steigen  der  gewöhnlichen  Einkünfte).  —  Dazu  kommen
abei  noch  die  neuen  Anlehen  und  die  Vermehrung  der  Schatzscheine.
liïîlHAâ  wesen«  Consci  iption.  Ein  (l'iieil  der  ausgehohenen
Mannschaft  bleibt  indess  in  gewöhnlichen  Zeiten  von  der  wirklichen
Einstellung  befreit,  einen  andern  entlässt  man  nach  3jährlger  Dienstzc,t.
  r)ann  sind  die  Leute  noch  IC  (bei  der  Cavallcrlo  13)  Jahre
dienstpflichtig,  wenn  man  ihrer  bedarf.  (Darum  enthielt  die  piemontesische
  Armee  1848  und  49  so  viele  Familienväter.)  —  Der  Bestand
der  Armee  ist  nach  den  letzten  Kammervorlagen,  49,220  Mann,
worunter  3322  Ofñciere  und  55G  Militärbeamte.  Die  tactlscho  Eintheilung
  war  nach  dem  frühem,  etwas  geringem  Effectivstande,  folgende-C'avallerie:
  4  Linien-  und  5  leichte  Regim.  mit  4298  Pferden
Artillerie:  3  Reg.  mit  1186  Pferden  und  80  Feldstücken
Genie:  1  Pionierregiment  ....
CaraUnierscorps,  mit  620  Pferden
Leichte  Heiter  ei  auf  Sardinien,  mit  771  Pferden
Indessen  kann  das  Ifecr,  nach  den  bestehenden  Einrichtungen,
leicht  über  100,000  M.  gebracht  werden.
lestungen.  Alessandria  (wird  eben  sehr  verstärkt);  dann  Casale,
Denua,  Tortona,  Ivrea;  auch  die  Citadellen  von  Turin,  Savona,  Nizza,
Cuneo,  Novi,  Coni,  Mon  do  vi,  Fossano.  Auf  Sardinien:  Cagliari  und
Sassari.  °
Geschichtliche,  JVolizen,  Sardinien,  dessen  Könige  stets  nach  Vergrösserung
  strebten,  war  von  jeher  ein  Militärstaat,  wie  Preussen  in

Mann  30,725
5,211
4,163
1,159
8,248
1,122
        <pb n="239" />
        223

ITALIEN  —  Sardinien  (Militärwesen).
Deutschland.  Vor  der  franz.  Revolution  zählte  das  Heer  24,000  M.  in
2  Legionen  leichte  Truppen  :  —  dann  Artillerie  etc.
12  Keg.  liandiiiiliz;  _
Eine  Marine  von  82  Ideineren  Knegsscliilten.  .
■
Marine  (Stand  iB.io).
Segler
4  Segler  u.  3  Dampfer;  Kanonen:  1  ^^0,
TransportschilT  1  -  ^  ^
X«&amp;lt;.iales.  Es  ist  kaum  glaiiUicl,,  welch«  Lxpenmonte  in  dei
langen  Zeit  von  1814  bis  48  mit  den  Bewolmem  dieses  Landes  voiinnkamen.


Fregatten
Oorvetten
Brigantinen

Dampfer
1  à  51,  2  K  42
à  6
à  a,  2,  1
        <pb n="240" />
        224

ITALIEN  —  Sardinien  (Sociales).
genommen  wurden.  Naclid^m  das  Festland  an  die  zeitgemässe  franz.
Civilgesetzgebung  gewöhnt  war,  suchte  die  restaurirte  Regierung  unbedingt ­
  die  Zu,stände  des  vorigen  Jahrhunderts  wieder  herzustellen.
Wir  schildern  nicht,  wie  man  das  Feudalwesen,  und  daneben  den
Jesuitismus,  neu  zu  begründen  suchte.  Nicht  blos,  dass  die  Geistlichkeit ­
  wieder  das  ganze  Unterriclitswosen  erhielt,  ergingen  auch  Verfügungen ­
  wie  die,  dass,  wer  nicht  wenigstens  1500  Lire  Vermögen
besitze,  nicht  lesen  und  schreiben  lernen  dürfe.  —  Auf  der  Insel
Sardinien  hatte  sich  ohnehin  das  Feudalwesen  erhalten.  Adel  und
Geistlichkeit  besitzen  dort  noch  jetzt  das  grosse  Grundeigenthum.
Der  Landmann  ist  nicht  freier  Kigenthümer;  höchstens  erscheint  das
ganze  Dorf  als  ISutznicsser  einer  Anzahl  Felder,  welche  gemeinschaftlich ­
  bcwirthschaftet  werden.  (Im  Jahre  1807  zählte  man  auf  der  Insel ­
  372  Ortschaften;  davon  gehörten  aber  304  mit  322,940  Ilewohnern
  dem  Adel.  Noch  nicht  genug  damit,  war  über  die  Hälfte  des
Areals  der  Insel  mit  220,000  Menschen  das  Kigenthum  fremder
Adelsfamilien,  die  ihr  Linkonnnen  iin  Auslande  verzehrten.)  Noch
im  Jahre  1833  zählte  man  auf  Sardinien  37(5  grosse  Feudalgüter
wovon  die  Hälfte  im  Besitze  spanischer  Adelsfamilien.  Die  Bevölkerung ­
  befindet  sich  in  mancher  Beziehung  noch  in  einem  halbwilden ­
  Zustande.
Eine  bedeutende  Veränderung  fand  seit  1848,  zumal  auf  dem
hestlande,  statt,  naclulem  einige  schwache  Versuche  zuvor  stattgefunden
  hatten.  Seit  sich  der  König  Karl  Albert  als  das  Haupt  der  nationalen ­
  I  artei  in  Italien  gerirte,  und  oñon  nach  ÎCrwcitorung  seiner
Herrschaft  strebte,  ergab  sich  die  Nothwendigkeit  von  Reformen,  als
des  einzigen  Mittels,  die  sardinisehe  Macht  zu  stärken,  und  die  übrigen ­
  italien.  Volksstämme  zu  einer  Unterwerfung  unter  die  königl.  sardinische
  Herrschaft  geneigt  zu  machen.  Daher  denn  Beschränkungen
des  Adels  und  des  Clerus,  und  Ausbildung  des  Constitutional  Ismus
in  einer  der  Belgischen  ähnlichen  Weise.  Nachdem  im  März  1850
(zufolge  des,  nach  seinem  Urheber  benannten,  „Siccardischen  Gesetzes“)
die  geistliche  Gerichtsbarkeit  und  einige  andere  Privilegien  des  Clerus
aufgehoben  worden  (doch  wagte  man  noch  nicht  einmal,  die  in  Frankreich, ­
  Belgien,  dem  deutschen  linken  Rheingebiet  bestehende  „Civilehe“
einzuführen),  drängte  die  financielle  Noth  zu  einer  Einziehung  der
Klostergüter,  die  indessen  (1855)  auch  nur  theilweise  stattfand.
(Es  bestanden  604  Klöster  und  Convente,  mit  8563  Mönchen  und
Nonnen.)
Einkonmum  der  Geistlichkeit.  Nach  den  Documenten,  welche  in
der  von  der  Geistlicskeit  selbst  publicirten  Schrift  veröffentlicht  sind
„Allocuzione  della  Santità  di  nostro  Signore  Pio  PP  IX  al  sacro
collegio  nel  concistorio  segreto  del  22  genaio  1855,  seguita  da  una
esposizione  corredata  di  documenti  sulla  incessante  cure  délia  stessa
Santita  sua  a  riparo  dei  gravi  mali  da  cul  è  afflitta  la  chiesa  cattolica
  nel  regno  di  Sardegna,“  beträgt  das  Einkommen  der  Geistlichkeit, ­
  deren  eigenen  Angaben  zufolge,  lOM  12,084  Lire;  nach  dem  Cataster ­
  10  947,876.  Rechnet  man  dazu  die  hier  nicht  vollständig  ein-
        <pb n="241" />
        15

ITALIEN  —  Sardinien  (Sociales).

225

begriffenen  Einkünfte  der  kirchlichen  Corporationen,  so  ergeben  sich
(nach  Boggio)  löVs  Mill,  jährlich,  indess  der  Capitalstock  mindestens
388  Mill,  beträgt.  In  der  Rivista  Enciclopédica  (Febbraio  1855)  wird
das  jährliche  Einkommen  der  Geistlichkeit  zu  17’189,4()6  Lire  berechnet, ­
  mit  dem  Bemerken,  dass  diese  Ziffer  weit  unter  der  Wirklichkeit
stehe,  weil  die  dieser  Berechnung  zu  Grunde  gelegten  Catasteran-Bätze
  notorisch  viel  zu  niedrig  seien.
Eisenbohnen.  In  deren  Erbauung  leistete  der  feardinische  Staat

weitaus  am  meisten  in  Italien;  derselbe  besitzt  so  viel  Schienenwege,

als  alle  übrigen  Theile  der
im  Sept.  1856  689  Kilom.
stehe  hier  folgende  Notiz,
beschränkt)  :

Halbinsel  zusammengenommen  ;  nämlich
(siehe  S.  217).  (Behufs  Vergleichungen
welche  sich  indess  auf  die  Staatsbahnen

Jahr
1850
1851
1852
1853
1854

Kllomet.
112
125
125
142
202

Ertrag
1’698,168
2’350,092
2'757,058
3’850,214
6521,385

pr.  Kllomet.
15,036  Lire
18,800  -
22,056  -
27,021  -
32,284  -

Ha7idelsmarine.  Matrosen  etwa  24,600.

1851  3319  Schiffe  von  162,085  Tonnen
1853  3222  -  -  168,585
1855  2962  -  -  184,860

Handelsverkehr.  Werth,  in  Lire.
18  5  2

18  5  3

Aligem.  Handel  Specieller  Handel
Einfuhr  832  655,951  166’604,684
Ausfuhr  236  619,153  89'426,  &amp;lt;  53
Zus.  569’275,104  256’031,437^
Der  bedeutendste  Verkehr  war

Aligem.  Handel  Specieller  Handel
333’942,000  188’020,508
220,630,000  95'004,264
554’572,000"  283’034,772"
1853  mit  folgenden  Ländern:

Münee,

Einfuhr  Ausfuhr

Frankreich
Grossbritanien
Schweiz
Oesterreich
Russland
Herzogthümer
Ver.  Staaten

48059,224
89'597,209
14556,723
10*425,550
17*856,528
11*265,251
13*360,475

46*289,076  Lire
3*326,878  -
13*356,000  -
16*657,814  -
163,123  -
4*363,840  -
531,086  -

Maaase,  Gewicht  sind  die  französischen.  Der  Franc  heisst  Lira.

Parma  (llerzogihum).

ßt&amp;amp;dte
Parma  42,997
Piacenza  30,382

Provinzen  Q.-M.  Bevölk.  1853  Confesslonen
Parma  .  .  27%  147,122  Die  Einwohner
Borgo  San  Donnlno  28%  134,329  sind  Katholiken,
Piacenza  .  29'/,  143,588  bis  auf  etwa  200
Val  di  Taro  .  19'/¡  60,947  Protestant,  u.  700
Lunigiana  .  8  ^4,895  Juden.
Zus.  113^  507,881
Hen'schaftsveränderungen.  Parma  erkaufte  1796  von  Frankreich
den  Frieden  mittelst  Zahlung  von  6  Mill,  parmes.  Lire,  und  Lieferung
        <pb n="242" />
        226

ITALIEN  —  Pama.

von  Krîegsbedürfnissen  und  von  Gemälden.  Der  Erbprinz  ward  1801,
als  Verwandter  des  span.  Königshauses  und  aus  Rücksicht  für  dieses,
von  Bonaparte  zum  „Könige  von  Hetrurien“  (Toscana)  erhoben.  Er
verzichtete  dafür  auf  Parma,  welches  Napoleon  indcss  (wegen  der  andern
Mächte)  erst  unterm  21.  .liili  1805  (grössteutheils  als  Departement
des  Taro)  mit  Frankreich  vereinigte.  Ein  Vertrag  der  Grossmächte
vom  10.  April  1814  theilte  Parma  der  zweiten  Gemahlin  Napoleons,
der  österr.  Erzherzogin  Marie  Louise  zu,  doch  mit  der  Beschränkung,
dass  die  Regierung  nach  dem  Ableben  der  Erzherzogin  nicht  auf  ihren ­
  Sohn,  sondern  auf  die  alte  llerzogsfamilie  von  Parma  übergehe,
welche  sich  bis  dahin  mit  Imcca  zu  begnügen  habe.  (Umlang  Parmas
im  Jahre  1815  90  Q.-M.  mit  083,000  Einw.)  Dieser  Fall  trat  am
17.  Dec.  1847  ein,  bei  welcher  Gelegenheit  das  üerzogthum  auch
einiges  Gebiet  von  Toscana  erhielt.  1848  bildete  J*arma,  bis  zum
Salascovertrago,  einen  Bcstandtheil  des  Subalpinischen  Reiches  Karl
Alberts  von  Sardinien.  Das  Land  ist  seitdem  immer,  besonders  stark
seit  der  Ermordung  des  Herzogs  und  einem  Aufstandsversuche  1854,
von  österreichischen  Truppen  besetzt.

Budget  für  1854
Regelmässige  Einnahme  7'ß()0,000  L.
Ausserordentl.  ,.  240,000
Gesammteinnahmc  7’840,000
Ausgabe  .  .  .  8’200,000
[)enciri60,0ÕÕ

Budget  für  1850
Ordentliche  Einnahme  .  8’257,370
„  Ausgabe  •  8’078,413
Daneben  aber  ein  ausserordentl.
Budget  von  0302,582  Lire.  Obiger
tieberschuss  ist  nur  auf  dem  Papiere
vorhanden.

Im  Beginne  des  Jahres  1854  vernahm  man  aus  Parma  von  höchst
ungewöhnlichen  Finanzmaassregeln.  Thomas  Ward,  ein  Günstling  des
Herzogs,  britischen  Ursprungs,  früher  in  den  niedrigsten  Diensten,  erhielt ­
  das  Privilegium  zum  Betriebe  aller  Eisen-  und  Kupferminen  im
ganzen  Lande,  auch  der  etwa  später  noch  anzulegenden;  Staatsgüter,
im  Werthe  von  2  Mill.,  wurden  ihm  um  100,000  Lire  verkauft.  Für
sich  selbst  Hess  der  Herzog  nicht  nur  die  Antiagen  möglichst  erhöhen,
sondern  er  befahl  auch  (wie  schon  1849  einmal  geschehen  war)  wieder ­
  ein  Zwangsanlehen,  zog  das  Vermögen  der  Wohlthätigkeitsanstalten
  ein,  und  Hess,  um  in  den  Besitz  des  sämmtlichen  Metallgeldes
zu  gelangen,  Schatzbons  mit  Zwangscours  ausgeben;  was  er  auftreiben
konnte,  legte  er  im  Auslande  an.  Nach  Ermordung  des  Herzogs
(27.  März  1854)  verwandelte  seine  Gemahlin,  nun  Kcgentiii,  das  gezwungene ­
  in  ein  freiwilliges  Anlehen  von  2  Mill.  Lire  und  hob  die  Verordnung ­
  wegen  Einziehung  des  Vermögens  der  Wohlthätigkeitsanstalten  auf.
Die  Schuld  wurde  schon  1854  auf  14’800,Ü0()  Lire  geschätzt,
wovon  5  Mill,  aus  unbezahlten  Forderungen  bestanden.  Das  gcsaminte
unmittelbare  Staatseigenthum  soll  um  1850  noch  einen  Werth  von
etwa  20  Mill.  Lire  gehabt  haben.  Jetzt  dürfte  diese  Summe  wahrscheinlich ­
  verringert  sein.
Das  Militär  soll  auf  dem  Friedensfusse  2773,  auf  dem  Kriegsfusse
  4033  M.  zählen,  bestehend  aus  Garde,  2  Linienbataill.  (im
Frieden  750,  Krieg  1290  M.),  1  Jägercompagnie,  etwas  Artillerie
und  400  M.  Gendarmerie.
        <pb n="243" />
        ITALIEN  —  Modena.

227

Hinsichtlich  der  Socialverhältnisse  bemerken  wir  nur,  dass  die
Bauern  in  der  Regel  blosse  Pächter  sind.
Münze,  Maasse.  Hie  Lira  ist  dem  französischen  Franc  gleich.  (Die  alten
Parmesani  sehen  Lire  hatten  nur  einen  Werth  von  etwa  %  Iranc;  210  /s
1  feine  Mark  =  14  Thlr.  prciiss.).  —  Die  Elle  (Braccio)  für  Seide  0,8913
preuss.  Ellen  oder  59,44  Centiinet.,  für  Wolle  96,53  preuss.  oder  64^8  Gen.
—  Der  Stajo  —  0,9335  preuss.  Scheffel  oder  51,42  Liter.  —  Das  Pfund  —
0,7013  altpreuss.  oder  0,328  Kilogr.

Modena  (Herzojvthiim).

Bestandtheile
Modena
Reggio
Guastalla
Frignano
Garfagnana  .
Massa-Carrara  i
Lunigiana  1

Q.-M.  Bevölk.  1854
29  212,440
341/2  166,676
5%  62,220
19  59,713
10  38,705
liy*  76,385

Confessionen.
Die  Einw.  sind  Katholiken,  etwa
200  Protest,  und  2800  (nach  Anderen
1800)  Juden  ausgenommen.
Städte.
Modena  (1854)  31,740
Reggio  -  18,720

Zus.  110  606,139
Herr  schaftswechsel.  Im  Mai  1796  erkaufte  der  Herzog  vom
Genera]  Bonaparte  den  Frieden  unter  ähnliclien  Bedingungen  wie
Parma.  Allein  schon  im  September  des  nämlichen  Jahres  brach  ein
Aufstand  aus  ;  die  Modenesen  bildeten  einen  BeStandtheil  des  Cispadanischen
  Bundes,  den  Bonaparte  in  der  Folge  mit^  der  Cisalpinischen
Republik  vereinigte,  und  nachmals  in  ein  ,,Königreich  Italien“
verwandelte.  1814  Restauration.  Das  Herzogthum  zählte  auf  96  Q.-M.
375  000  Einw.  Doch  ward  Massa  und  Carrara  erst  1829,  nach  dem
Tode  der  Mutter  des  Herzogs,  förmlich  dessen  Herrschaft  unterthan.
Als  1847  der  Herzog  von  Lucca  seine  dortige  Regierung  niederlegte
(später  erbte  er  Parma),  erlangte  Modena  einen  1  heil  dei  Lunigiana
von  Toscana.  1848  gehörte  auch  Modena  zum  Reiche  Kail  Albeits.

Budget  für  1851  :

Bedarf  8’728,133  Lire
Einnahme  8’413,622
Deficit  314,511  _
Zur  Deckung  des  Deficits  erhöhte  man  die  Grundsteuei.  Ein
neueres  Budget  ist  nicht  bekannt.  Die  Schulden  dürften,  einschliesslich
der  „Renten,“  etwa  12  Mill.  Lire  betragen,  worunter  zwei  Zwangsan
  leb  en  vom  15.  Sept.  1818  und  22.  Jan.  1849.
Das  Militär  zählt  gegen  3500  M.,  in  1  Corps  1  rabanten,  Diagoncr,
  Artillerie,  1  Regim.  I/mieu-Inianterie,  1  Bataill.  Jägei  etc.
Sodann  bestehen  3  Regim.  Reserve-Miliz  von  14,606  M.
ln  socialen  Beziehungen  ist  Modena  seit  dem  Untergänge  des
Königreichs  Italien  gleichsam  das  Eldorado  des  Jesuitismus  und  Absolutismus. ­
  Der  Volksunterricht  wird  systematisch  niedergehalten,  und
jede  selbstständige  Regung  der  Einwohnerschaft  mit  den  schrecklichsten ­
  Mitteln  unterdrückt.
Münze  •  die  Lira,  dem  franz.  Franken  gleich  (alte  Lire  di  Modena  gingen
135%  auf  die  feine  Mark).  —  Die  iUaasse  sind  die  in  der  Lombardei  geltenden,
d.  h.  die  franz.  metrischen.
        <pb n="244" />
        228

IT  ALIEIS  —  Toscan*.

Toscana  (Grossherzog^thum).

Práfecturen
Florenz
Lucca
Pisa
Siena
Arezzo
Grosseto
Qouv.  Livorno  j
-  Elba  f

Q.-M.
loeVj
55%
69
60
81
1%

Bevölkrg.
Apr.  1854
715,701
265,804

281,478
190,159

221,090
80,980
.  89,420
&amp;gt;21,559

Zus.  898  rSl  5,686
Bevölkerung  1855  r817,466

Familien  1853:
325,157,

Oeschlechter  1855.
Männlich  925,562
weiblich  887,904
7858.
Geburten*)  69,722
Todesfälle  47,958
Heirathen  13,140
*)  Davon  3960  „von  unbekannten
Eltern  !  “
OonfeHsionen  :
Katholiken  1783,387
Akatholiken  2,003
Juden*)  7,688

Städte.  Bevölkerung  1854  ;

*)  Meist  in  Livorno.

Florenz  116,384  Pisa  48,751  (einst  150,000)
Livorno  91,301  Arezzo  36,732
Lucca  66,926  Siena  22,435  (einst  üb.  100,000)
Herrschaftmechsel  Der  Grossherzog  (vom  östcrr.  Für-stcnhanse)
erkaufte  1795  von  Frankreich  den  Frieden,  trat  aber  1801  seine  Ansprüche ­
  auf  Toscana  an  dieses  ab  gegen  Salzburg,  später  Würzburg
(siehe  S.  144).  Napoleon  schuf  Toscana  um  in  ein  „Königreich
Hetrurien,“  dem  er  anfangs  den  Erbprinzen  von  Parma  als  Herrscher
octroyirte,  bis  er,  Oct.  1807,  das  ganze  Land  Frankreich  einverleibte
(die  3  Departemente  des  Arno,  Ombrone  und  Mittelmcers);  des  Kaisers ­
  Schwester,  Elise  (Gemahlin  des  zu  einem  Fürsten  von  Piombino
erhobenen  Baccidchi),  war  Generalgouverneurin,  mit  dem  Titel  einer
Grossherzogin.  —  1814  Restauration.  Die  Bevölkerung  ward  damals
auf  IV4  Mill,  geschätzt.  —  1847,  nach  der  Regierungsnieder]egung
des  Herzogs  von  Lucca  (Lucca  war  bis  1805  Freistaat),  kam  dieses,
zufolge  der  Wiener  Verträge,  an  Toscana,  wogegen  einige  Bezirke  der
Lunigiana  an  Modena  und  Parma  abgetreten  wurden,  unter  grossem
Widerstreben  der  dortigen  Einwohner.

Bild  g  et  für  1854:

Budget  für  1855;

Bedarf  37’037,500  Einnalime  37’608,400  tose.  Lire
Einnahme  35’307,400  Bedarf  37’546,700
Deficit  1730,100  Angeld.  Ueberschuss  61,700
Um  das  Gleichgewicht  in  obiger  Weise  (auf  dem  Papiere)  herzustellen, ­
  führte  man  1855  die  abgeschalfto  Grundsteuer  neuerdings
ein,  und  fügte  überdies  eine  Schlachtsteuer  hinzu.  Allein  der  Bedarf
war  weit  grösser,  als  vorgesehen,  und  nach  einem  Berichte  des  Finanzministers ­
  vom  Oct.  1855  lieferte  das  Jahr  1854  in  Wirklichkeit  folgende ­
  Rechnungsergebnisse  :
Bedarf  ¡ordentlicher  .  .
(  ausserordentlicher  .
Einnahme  ....

37'637,007
4489,2591
Deficit

42’126,266  toscan.  Lire
85467,118

6’659,154
        <pb n="245" />
        ITALIEN  —  Toscana.

229

Unter  den  „ausserordentlichen  Ausgaben“  sind  2  34.3,734  Für  den
Unterhalt  der  österreichischen  Truppen.  Dieser  Posten  fällt  dermalen
zwar  hinweg  ;  allein  abgesehen  von  den  Mehrkosten  für  das  seitdem
verstärkte  eigene  Militär,  würden  nach  Entfernung  der  gedachten  Ausgabe ­
  immer  noch  4Yg  Mill,  im  jährlichen  Staatsbedarf  fehlen.
Schulden.  Den  Frieden  von  1795  erkaufte  Toscana  von  tiankreich
  um  1  Mill.  Frkn.;  1796  musste  Livorno  I  Mill.  Scudi,  feimor
das  ganze  Land  nochmals  1  Mill.  Frkn.,  da,m  1799  wieder  2  Mill.
Frkn.  an  die  Franzosen  bezahlen.  —  Um  1842  sollen  die  Schulden
gänzlich  abbezahlt  gewesen  sein.  Seit  1851  wurden  deren  folgende
neue  angehäuft:
1851,  .Juni,  12  Mill,  za  5  Proc.  —  12  Mill.  tose.  Lire
1852,  Nov.,  I  -  Menien  zu  3  %  33'/g  -
1853,  Mai,  I  -  ,  .  3  %  3^^  -
zus.  78%
Dazu  Papiergeld  8%  -
Total  über  87

Die  Verwendung  geschah  zur  Abtragung  älterer  fundirter  Schulden,
namentlich  des  erworbenen  Lucca,  Bezahlung  für  Ansprüche  Oesterreichs, ­
  Verminderung  der  schwebenden  Schuld,  und  Hafenbau  in  Livorno ­
  etc.  In  Folge  des  seitherigen  Deficits  wird  die  0esammtschuld
wohl  100  Mill,  übersteigen.
Militär.  Der  Formationsstand  ward  1853  zu  14,759  Mann  angegeben;
  der  wirkliche  Bestand  scheint  weit  geringer  gewesen  zu
sein.  Darunter  :  ^

1  Reg.  Gendarmerie
1  -  Artillerie
1  Division  Cavallerie
8  Bat.  Idnien-Intanterie

2231  1  Bataill.  Invaliden
1320  I  Insular-Bataill.
260  6  Bat.  freiwilliger  Grenzjäger
5017  Marinecorps  .  .  •  ■

469
631
4512
148

Seitdem  Vermehrung,  angeblich  aut  16,000  Mann.
Festungen.  Orbitello  und  San  Martino;  auf  Elba  Porto  terrajo
und  Porto  Longone.  Castelle  zu  Livorno,  Siena,  Volterra,  Pistoja
und  Florenz.
Sociales.  Obwohl  während  der  zweiten  Hälfte  des  voripn  Jahrhunderts ­
  in  Toscana  mehr  Verbesserungen  stattfanden,  als  m  irgend
einem  andern  Staate  Italiens,  so  blieb  doch  der  Haupyundbesitz  m
Tonnen.
        <pb n="246" />
        230

ITALIEN  —  Die  Römischen  Staaten  (Land  und  Leute).

Münze,  Maasse.  Die  toscan.  Lira  =  ®®/ioo  österr.  Zwanzigers  =  84
franz.  Centimen;  62  sind  eine  feine  Mark  od.  14  prense.  Thlr.  —  Die  Elle
{Braccio)  —  1,8596  prense.  Fuss  od.  58,36  Centimet.  —  Der  Stajo  =  0,4433
preuss.  Scheffel  od.  24,36  Lit.  24  8taja  sind  1  Moggio.  —  Der  Barile  0,6635
preussische  Eimer  oder  45,58  Liter.  —  Das  Pfund  =  0,726  alte  preuss.  oder
33,95  Grammen.

Hie  IloilliSClieil  Staaten  (derso}»-.  »Kirchenstaat»).

Bestandtlieile
1.  Rom  u.  Comarca
Legationen  :
2.  Bologna
3.  Ferrara
4.  Forli
5.  Ravenna
6.  Urb  in  0  u.  Pcsaro
7.  Yelletri
Delegationen  ;
8.  Ancona
9.  Macerata
10.  Camerino
11.  Formo

Q.-M.
80

Bevölk.
1805
326,509

.  61  375,631
.  50  244,524
.  32  218,433
.  32  175,994
.  61  257,751
.  30  62,013
.  20  178,519
.  21  243,104
.  15  42,991
.  15  110,321

Beslandtheile
12.  Ascoli
13.  Perugia
14.  Spoleto
15.  Riet!
16.  Viterbo
17.  Orvieto
18.  Frosinone
19.  Civita  vecchia
20.  Bencvento

Q.-M.
22
68
53
24
51
14
34
18
3

Bevölk
1855
91,916
234,533
134,939
73,683
128,324
29,047
154,559
20,701
23,176

Zus.  727  3  124,668
Wege,  Gewässer  21
Total  748

Familien:  (i()8,28G.  —  Cnnfessionen.  Die  Einwohner  sind  Katholiken, ­
  ausgenommen  IG—16,ÜG0  Juden  und  die  fremden  Protestanten.
Städte,  liom  (1855)  176,002  Einw.  Bologna  80,000,  Ancona
36,000,  Ravenna  30,(100,  Perugia  20,(300,  Pesaro  18,000,  Rimini
16,000,  Benevento  15,000,  Urb  Ino  14,000,  Viterbo  13,000,  Civita
vecchia,  Rieti,  Sinigaglia  je  10,000.
Ilerrschaftsveränderimgen.  Vor  der  Zeit  der  franz.  Revolution
umfasste  der  s.  g.  Kirchenstaat  ungef.  790  Q.-M  und  2’200,000  Menschen. ­
  Es  gehörten  zu  demselben,  ausser  seinem  jetzigen  Gebiete,
die  Grafschaften  Avignon  und  Venaissin  (in  Frankreich),  eine  Landschaft
_  von  etwa  40  Q.-M.  und  55,000  Einw.  Die  dortige  Bevölkerung  empörte ­
  sich  aber  gegen  die  päpstliche  Herrschaft,  und  unterm  14.
Sept.  1791  dccretirte  die  franz.  Nationalversammlung  die  von  vielen
Avignesen  beantragte  Vereinigung  dieser  Landschaft  mit  Frankreich.
Im  Frieden  von  Tolentino,  19.  Febr.  1797,  musste  der  Papst  nicht
nur  dies  gutheissen,  sondern  auch  Bologna,  Ferrara  und  die  Romagna
an  die  Cisalpinischo  Republik  abtreten,  ln  Folge  der  Ermordung
des  franz.  Gesandten  Duphot  zu  Rom  rückten  aber  schon  am  11.
Febr.  1798  franz.  Truppen  in  die  Hauptstadt.  Ein  Volksaufstand,
15.  Febr.,  endete  mit  Verkündigung  der  „Römischen  Republik.“
Gegen  Ende  des  Jahres  stellten  indess  Neapolitanische,  Russische
und  Türkische  Truppen  die  päpstliche  Herrschaft  wieder  her.  —  Im
April  1809  riss  Napoleon  Ancona,  Urbino,  Macerata  und  Camerino
vom  Kirchenstaate  los,  dieselben  seinem  „Königreiche  Italien'^  cinverleibend.
  Am  17.  Mai  desselben  Jahres  (4  Tage  vor  der  Schlacht  bei
Aspern)  docretirte  der  franz.  Kaiser  sodann  die  Incorporirung  Roms
selbst  und  des  ganzen  Gebietsrestes  in  den  franz.  Kaiserstaat  (Departemente
  der  Tiber  und  des  Trasimene;  Rom  sollte  „die  zweite  Stadt
        <pb n="247" />
        ITALIEN  —  Die  Römischen  Staaten  (Finanzen).

231

des  Reiches"  sein).  Den  Papst  brachte  man  gewaltsam  nach  Frankrßißh.
  —  1814  Restauration,  unter  Verlust  Avignons  und  eines  kleinen ­
  Landstriches  auf  dem  linken  Pouter.  —  Die  Aufstande  von  1848
veranlassten  den  Papst  zur  Flucht  nach  Gaeta  (24.  Nov.).  Am  8.  lehr.
1849  beschloss  die  Nationalversammlung:  Wiederherstellung  der  „Römischen ­
  Republik.«  Nach  langem,  ruhmvollem  Ivampte  hei  Rom  am
8.  Juli  in  die  Gewalt  der  zur  Wiedereinsetzung  des  1  ap.ste,s  gesendeten ­
  Truppen  der  französischen  Republik.
Finanzen*  Die  neueren  Budgets  scliliesscn  so  ab:
1853  1834  1855
IS,,.:  aj™™
neßcit  F901,589  1'649,596  F101,498
Die  Haupt-.KùmaAmgposten  sind  (brutto):  Zölle  (Ze  ¿ogrona,  worunter
  aber  auch  Tabaks-  und  Salzmonopol  begriffen)  mit  etwas  über
5'300,0()0  Scudi,  directe  Steuern  und  Domänen  gegen  d  Milk,  Sternpel
  und  Elnreglsti  inmg  nahe  an  900,000,  das  sittenvelderbende  Lotto,
“‘.r'ï.
@###5
,  „  1  Hl  1  —1846,  welche  der  päpstliche  Finanzminister
        <pb n="248" />
        232  ITALIEN  —  Die  Römischen  Staaten  (Finanzen).
Von  1828  —  30  betrug  dieses  Deficit  399,393,  ui  den  3  nächstfolgenden ­
  Jahren  1831—33  zusammen  8'187,574,  und  von  da  bis  zum
Tode  des  Papstes  Gregor  des  X  VT.  in  jedem  einzelnen  Jahre  durchschnittlich ­
  566,000  Scudi  (über  3  Mill.  Frk.).  —  Morichini’s  Nachfolger, ­
  Angelo  Galli,  sagte  in  seiner  1847  verfassten  Relation:
„Viele  Register  sind  nicht  abgeschlossen;  die  Verzeichnisse  der  Ausgaben
lassen  sich  nicht  auffinden,  und  jene  der  Depositen  sind  schlecht  aufbewahrt.
Im  Allgemeinen  enthalten  die  Register  Abänderungen,  Zusätze  und  Abminderungen, ­
  die  eine  Vergleichung  mit  den  früheren  Rechnungen,  an  welche  diese  sich
anschliessen  sollen,  nicht  zulassen.  Bei  den  Caineralcassen  bleiben  enorme
Summen  zu  liquidiren;  hinsichtlich  der  Cassabücher  existirt  eine  regelmässige
Entlastung  nicht.  Es  ist  bekannt,  dass  seit  1837  den  Schatzverwaltungen  legale
Papiere  fehlen.“
Es  scheint,  dass  die  Pluanzverwaltung  in  der  Revolutionszeit
(unter  der  Republik)  zum  ersten  Mal  eine  mindestens  formell  geordnete ­
  war  !  Wenigstens  sah  sich  der  franz.  Obergeneral,  nach  befohlener ­
  strenger  Untersuchung,  zu  einer  für  die  Betheiligten  äusserst
ehrenvollen  Erklärung  veranlasst.  Allein  die  Bedürfnisse  waren  damals
natürlich  weit  grösser,  als  die  gewöhnlichen  Mittel,  —  Nach  der  Restauration ­
  behielt  man  nicht  nur  alle  alten  leasten  bei,  sondern  fügte
viele  neue  hinzu.  Man  erhebt  %.  B.  den  Monatsbetrag  der  Üewerbsteuer
  14  Mal  im  Jahre,  als  ob  das  Jahr  14  Monate  umfasste.  Die
Salzpreise,  die  Stempel-,  Registrirungs-  und  llypothekenabgaben  sind
alle  erhöht,  eine  Consumtionssteuer  auf  Colonialprodukte  eingeführt,
und  die  verdammenswmrthe  Einrichtung  des  Imtto  derart  „verbessert,“
dass  dasselbe  einen  erhöhten  Ertrag  liefert.  Aber  Alles  reicht  nicht
aus  zur  Bewältigung  des  Deficits.  Die  Staatscasse  ist  dahin  gebracht,
dass  sie  z.  B.  im  Dec.  1855  Beträge  von  130,000  Scudi  von  der
Familie  Bonaparte-Canino,  30,000  von  der  Bank  S.  Spirito  etc.  zusammenleih ­
  cn  musste,  um  ihre  dringendsten  Bedürfnisse  zu  decken.
Was  von  öffentlichen  Geldern  eingeht,  wmrd  von  jeher  nicht
sowohl  als  Eigenthum  des  Landes,  das  zu  dessen  Bestem  verwendet
werden  müsse,  sondern  vielmehr  als  Ertrag  des  Patrimoniums  der
Geistlichkeit  angesehen,  über  welchen  diese  beliebig  zu  schalten  habe.
—  Die  päpstlichen  Finanzen  sind  eigentlich  schon  seit  der  Zeit  zerrüttet, ­
  in  welcher  die  regelmässigen  Zuflüsse  aus  den  übrigen  kathol.
Ländern  zu  versiegen  begannen.  So  betrugen  bereits  im  Jahre  1758
die  Ausgaben  2’167,013,  die  Einkünfte  2’115,935  Sc.;  schon  vor  einem ­
  Jahrhunderte  hatte  man  also  ein,  wenn  auch  kleines,  Deficit
(etwa  300,000  Frk.).  Noch  gegen  Ende  des  18.  Jahrhunderts  zog  der
römische  Hof  aus  Deutschland  im  Durschschnitte  jährlich  für  Annaten
194,880,  für  Pallien  215,417  fl.  Im  Ganzen  sollen  demselben  seit
600  Jahren  aus  allen  katholischen  Ländern  zusammen  etwa  1020  Mill.
Gulden  nachweislich  zugeflossen  sein  (nach  der  Berechnung  in  einer
1787  erschienenen  Schrift  „die  römische  Religionscasse.‘‘  Was  Spanien
und  I’ortugal  entrichteten,  siehe  in  den  von  diesen  Ländern  handelnden ­
  Abtheilungen  unserer  Schrift.)  —  In  dem  Werke:  Sülle  ßnanze
dello  stato  poiUeficio  sind  folgende  Ziffern  einander  gegenüber  gestellt:

m

•ÏÆ
        <pb n="249" />
        ITALIEN  —  Die  Römischen  Staaten  (Finanzen).

233

1815  1853
Einnahme  9'926,657  13'47a,782  =  Zunahme  860  Prez.
Ausgabe  2'353,397  16'374,371  »  553  ,
5ëS####E=####:#

(ungeachtet  seines  Juclentliuins),  und  zwar  mit  \  erlöst  von  37/a  I  roz.
von  dem  verschriebenen  Betrage!  .  _
In  der  Nonzeit  begann  die  Bei  Proelamnung
der  Republik  circulirtcn  bereits  für  4'j51,000  Sc.  8chatzscheme(I?tmm
lehen  von  26  Mill.  Fik.  Mit  Neujahr  1855  sollte  der  Zwangsoou  s
der  Cassaanweisungen  der  Bank  aufhören;  es  ergaben  sieh  mdess  viele
Schwierigkeiten,  ln  ofíieicllen  Urkunden  sprach  man  ”  "S®“®
von  6  Mill.  Papiergeld,  unterm  27.  Juli  186Ü  von  6  918,000,
Aug.  1854  von  8’101,0()0  Sc.  Î
Der  Betrag  der  Staatsschuld  wuchs  von  Jahr  zu  Jahr  mehr  .
Nach  einer  amtlichen  Zusammenstellung  des  Finanzminis  eis  vom
1854  betrug  das  Deficit:
in  den  6  letzten  Monaten  v.  1849
:  :  ;  %%  :
Im  Mai  1855  ward  der  Finanzconsulta  folgendes  neue  Anwach-.cn
  der  Schuld  angegeh™i
1854  -  4’621,000  -
1855  (Deficit)  5'ü00,000  -
Vortrags  nicht  vorliegt.
        <pb n="250" />
        %\

¡..l-lï.ii

i

234

ITALIEN—  Die  Rörniechen  Staaten  (Militär,  Sociales).

5144  -
1778  -
1200  -

Die  Ausgaben  des  Staats  tür  die  fremden  Occiipationstruppen
hatten  sich  blos  vom  .Juli  1849  bis  Ende  18.50  auf  13778,000  Frk.
belaufen,  wovon,  gemäss  eines  Vertrages  vom  Sept.  1852,  12’017,000
an  die  Oesterreicher  hatten  bezahlt  werden  müssen.  Auch  die  Franzosen ­
  sollen  bereits  einer  5  Mill.  Scudi  (etwa  27  Mill.  Frk.)  betragenden
Entschädigungsforderung  gedacht  haben.  Im  Se¡,t.  1854  meldete  das
cléricale  Blatt  Univers  von  einem  neuen  Rothschild’schen  A  niehon  von
4  Mill.  Scudi.  —  Der  Oesarnmtbotrag  der  Schuld  ist  zwar  nicht  genau ­
  bekannt,  dürfte  aber  jedenfalls  80  Mill.  Scudi  (436  Mill.  Frk.)
übersteigen.
Militär«  Die  Truppen  werden  im  ln-  und  Auslande  (besonders
heimlich  in  der  Schweiz)  geworben.  Da  indess  der  römische  Stuhl
den  Angehörigen  seines  eigenen  Staates  misstrauen  muss,  die  Werbung ­
  einer  ausreichenden  Anzahl  fremder  Söldlinge  aber  mit  Schwierigkeiten ­
  und  uncrschwingbaren  Kosten  verbunden  sein  würde,  so
halten  franz.  Soldaten  zu  Rom,  österr.  in  den  Legationen  die  päpstliche ­
  Herrschaft  aufrecht.  —  Der  Formationsstand  der  päpstlichen
Truppen  war  1854  17,365  M.  mit  1417  lüerden,  davon  :
2  Regim.  inland.  Infanterie  ît391  M.  t  Artilleriereg.  .  .  ,  88.H  M
1  .lägerbataillüTi  .  .  .  9ß2  -  Oendannerie
2  Sedcntärbataillone  .  .  1333  -  Zollwiüditer
2  ausländische  Regimenter  .  2590  -  Zollsoldaten
1  Dragoner-Regiment  .  .  723  -
Allein  der  wirkliche  Bestand  soll  im  Februar  1855  nur  4600
M.  Infanterie  und  7t)0  Reiter  gewesen  sein.  Dann  hiess  es  im  März
die  erste  Fremdenlegion  sei  complet  mit  3300  M.  (meist  Schweizer).
Eine  Notiz  vom  Aug.  1856  entziffert  14,539  M.,  mit  Gendarmen  etc.
Festmiffen.  Ancona,  Givita  vecchia,  Castell  St.  Angelo  (Engelsburg ­
  zu  Rom),  Porto  d’Anzio.  —  in  der  Citadelle  von  Ferrara  hat
Oesterreich  das  Besatzimgsrecht.
Socicilverliäitiiissc«  Es  gibt  vier  Stände:  Geistlichkeit,
Adel,  Büiger  und  Bauern.  Der  erste  Stand  herrscht;  in  seinen  Händen ­
  allein  liegt  alle  Gewalt;  er  leitet  Alles,  auch  die  .Justiz  und  das
Militärwesen.  In  der  Stadt  Rom  allein  zählt  man  8500  Priester  und
Mönche  und  3600  Nonnen,  im  ganzen  Kirchenstaat  aber  gegen
66,100  Geistliche  (1  auf  45  Einwohner  oder  9  Familien!),  109  Bisthtimer,
  117  Seminarien,  10,950  Pfarreien  und  19,000  Kirchen  und
Klöster,  Der  Werth  des  Grundbesitzes  der  Geistlichkeit  wird  auf
195  Mill.  Scudi  (weit  über  eine  Milliarde  Franken)  berechnet.  —
Ausserdem  besitzt  der  Adel  enorme  Rcichthümer.  Er  führt  zwar
die  Namen  der  alten  Adelsfamilien,  stammt  aber  grösstentheils  keineswegs ­
  mehr  von  jenen  berühmten  Geschlechtern  ab,  sondern  verdankt
seinen  Ursprung  oder  seine  Erhebung  vielfach  dem  hohen  Clerus.  —
Gewerbe  und  Handel  liegen  darnieder.  Hohe  Steuern  erdrücken
die  Ersten,  übermässige  Zölle  den  Zweiten.  Dabei  fehlt  es  an  Eisenbahnen, ­
  überhaupt  an  genügenden  Verkehrsmitteln.  Gleiches  Loos
des  Darniederliegens  trifft  den  Ackerbau.  Die  Latifundien,  die
Feudaleinrichtungen,  sind  sein  Verderben;  die  Landleute  entbehren
        <pb n="251" />
        ITALIEN  —  Die  Kömißchen  Staaten  —  S.  Marino.

235

mmm
26  *  Elterninora,  ,  ,
■
má«'"  (zufolge  Angabe  -ke
San  Marino  (halhsouverane  Kepiiblik).
s-SirïisSïHl
        <pb n="252" />
        236

ITALIEN  —  Beide  Sicilien  (Land  und  Leute).
schätzt.  —  Man  hat  Volkswehr,  und  ein  im  Auslande  geworbenes
kleines  Gendarmeriecorps.

Bciil©  Sicilien  (Königreich).

Q.-M.  Bevölkerung
Königr.  Neapel  1825  6’843,.855
„  Sicilien  500  2’208,.392
Zus.  2325  9’0ö  1,747
Die  Aul'nahme  von  1851  hatte
folgende  Resultate  ergeben  :

1782

Frühere  Volkszahl
1820  1832

4'6  75,000  5’052,000  5781,000
1'300,000  1’082,000  1'790,000

5’975,000  ß'734,000  7’571,000

für  die  einzelnen  P  r  o  v  i  n  z  e  n

1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
15.

1.  Königreich
Provinzen
Napoli  (Neapel)  .
Terra  di  Lavoro
Principato  citra  .
n  ultra.
Basilicata  .
Capitanata
Terra  di  Bari
Terra  d'Otranto
Calabria  citra  .
„  ultra  I.
r  n  II
Molise
Abruzzo  citra
„  ultra  I.
n  &amp;gt;1  II-Neapel.


Q.-M.  Bevölker.
68  1  272,142
234  752,012
161  558,809
136  383,414
123  501,222
61:  318,415
55  497,132
128  409,000
152  435,811
108  319,662
152  381,147
135  360,549
121  312,399
74  231,747
111  329,131

Zus.  Neapel  1825  6’612,892

II.  Königreich  Sicilien.

Provinzen  Bevölker.
1.  Palermo  .  .  .  514,717
2.  Messina  .  .  .  349,484
3.  Catania  .  .  .  379,991
4.  Oirgenti  .  .  .  245,974
Noto  ....  237,814
6.  Traijani  .  .  .  182,809
7.  Caltanisette  .  .  .  180,791

Zus.  2’091,580
Die  Notizen,  welche  uns  über  den
Fläohenrauin  der  verschiedenen  Provinzen ­
  vorliegen,  sind  so  augenscheinlich ­
  ungenau,  dass  wir  dieselben  ganz
übergehen.

Nationalitäten.  Neapolitaner  und  Siciliaiier  sind  zwei  wesentlich
verschiedene  Volksstärmne.  Die  politische  Vereinigung  hat  nur  dazu
geführt,  die  gegenseitige  Abneigung  und  Erbitterung  zu  steigern,  indem ­
  jedei  Stamm  durch  den  andern  benachtheiligt  zu  sein  glaubt.  Am
allermeisten  herrscht  diese  Stimmung  unter  den  Sieilianern.  —  Im
Neapolitanischen  leben  auch  gegen  75,000  Amanten,  deren  Voreltern
in  der  Zeit  zwischen  der  Eroberung  Coristantinopels  durch  die  Türken
und  dem  Jahre  1738  einwanderten.  Sie-  reden  die  neugriechische
Sprache.
ConfessioneM.  Die  Einwohner  sind  fast  sämmtlich  Katholiken.  Die
Amanten  bekennen  sich  zur  unirten  grieclilsclieii  Kirche.  Protestanten
(ausser  den  fremden)  zählt  man  angeblich  etwa  800,  Juden  gegen  2200.
&amp;amp;tädte.  Neapel  mit  etwa  360,000  Einw.  (1818:  329,438,  1827
357,283,  1838,  nach  den  Choleraverheerungen,  336,300);  Foggia  und
Bari  mit  je  28,000,  Taranto  24,000  (einst  300,000),  Lecce  22,000,
Trani,  Cosenza  und  Reggio  20,000,  Gaeta  16,000.  —  Auf  Sicilien;
Palermo  190,000,  Messina  80,000,  Catania  60,000,  1'rapani  26,000,
Marsala  25,000,  Siragossa  20,000  (einst  80,000),  Girgenti  15,0(10.
Herrschaftsverrinderungen.  Nach  dem  Einriiekeu  der  französischen
Truppen  in  Neapel  ward  daselbst,  Jan.  1799,  die  repubblica  Partenopr.a
proclamirt,  im  Juni  aber,  nach  dem  Abmarsche  der  Franzosen,  mit
        <pb n="253" />
        ITALIEN  —  Beide  Sicilien  (Finanzen).

237

a
FInaoz«:.  Die  Finanzlage  wird  in  allen  g.
        <pb n="254" />
        238

ITALIEN  —  Beide  Sicilien  (Finanzen).

Acton  zurück.  Als  der  letzte  auf  Napoleons  Dictât  1804  vom
Ministerium,  entfernt  werden  musste,  erhielt  er  Domänen  mit  einem
jährlichen  Ertrage  von  30,000  Diicati  zum  Geschenke  (im  Capitalwerthe
  von  fast  3  Mill.  Franken).  In  noch  viel  grösserer  Aiisdehming
verschleuderte  Napoleon  auch  hier  die  Domänen,  diesen  wielitigcn
Bestandtheil  des  Nationalvermögens.  Bei  Einsetzung  des  neuen  Königs ­
  behielt  er  sich  die  Verschenkung  von  neapoL  Staatsgütern  mit
einem  .lahresertrage  von  einer  Million  vor.  In  der  Napoleonischen
Constitution  von  1808  war  für  den  König  eine  Civilliste  von  1'032,000
Ducati  bestimmt.  Die  Staatsbedürfnisse  wurden  für  das  oben  bezeichnete
  Jahr  im  Ganzen  auf  12’700,000,  die  gcAvübnlichcn  Einkünfte
nur  auf  5’700,000  Ducati  berechnet;  zur  Deckung  des  Deficits  sollte,
unter  Aufhebung  der  Zehnten  und  Fröhnd  en,  eine  Grundsteuer  von
7  Mill,  erhoben  werden.  Die  gesummte  Schuld  Neapels  betrug  134
Mill.  —  Die  Restauration  der  Bourbonen  kostete  ungeheuere  Summen.
Der  König  versprach  den  Oesterreichern  zum  Voraus  (Vertrag  v.  29.
April  1815)  25  Mill.  I'rk.  Kriegsentschädigung.  Sodann  musste  das
Land  dem  Vicckönige  Fugen,  obAvohl  dieser  zu  Neapel  in  gar  keiner
Beziehung  stand  ,  für  seine  anderweitigen  Ansprüche,  5  Millionen
Franken  „Entschädigung“  bezahlen.  Unter  dem  Titel  von  „Ausgaben ­
  der  hohen  Politik“  wurden  ferner  zur  Zeit  des  Wiener  Congresses ­
  6  Mill.  Ducati  verwendet,  wovon  2  Mill,  an  auswärtige
Unterstütze!’  der  bourbonisehen  Sache,  insbesondere  auf  jenem  Congress ­
  e.  Talleyrand  erhielt  hievon  eine  Million,  und  als  Herzog  von
Dino  überdies  60,000  ITk.  Jahresrenten  ;  der  österr.  General  Bianchi
(Befehlshaber  der  Truppen  gegen  Murat)  bekam  40,000  Frk.  Rente,
der  spätere  Finanzminister  Luigi  Medici  25,000,  Alvaro  Ruffo  eben
so  viel.  (Enthüllungen  eines  nachmaligen  Finanzministers.)  —  Als
man  Ende  1816  den  „Einheitsstaat“  herstellte,  ward  den  Sicilianern
die  Versicherung  ertheilt,  dass  die  Insel  keine  grössere  Summe  aufzubringen ­
  habe,  als  die  vom  sicilianischen  Parlament  1813  bewilligten
1  847,687  Unzen  (zu  etAva  13  Frk.).  Allein  es  war  dies  nicht  nur
eine  ausserordentliche  Anstrengung  im  Kriege  gewesen,  sondern  es
waren  auch  die  damaligen  englischen  Subsidien  einbegriffen.  Dennoch  bekümmerte ­
  sich  die  neap.  Regierung  so  wenig  um  jene  Zusicherung,  dass
in  dem  Budget  für  1846  Sicilien  mit  2'318,000  Unzen  belastet  erscheint. ­
  —  Die  herrschende  Finanzuoth  veránlasste  nicht  nur  Beibehaltung ­
  der  verhassten  napoleonischen  Grundsteuer,  sondern  man  erhöhte ­
  dieselbe  sogar  um  35  Proz.  Die  Verschleuderung  des  Nationalvermögens ­
  dauerte  indess  fort,  1819  sprach  man  von  „Ersparungen
an  den  Kriegskosten,“  allein  nur,  um  den  Ministern  Medici  und
Tornrnasi,  so  wie  dem  österr,  General  Nugent,  einem  Jeden  60,000
Ducati  von  dieser  angeblichen  Ersparung  zuzuweisen.  Gleichzeitig
nahm  Tornrnasi  für  ein  mit  dem  römischen  Stuhl  abgeschlossenes
Concordat  80,000  Ducati  in  Empfang.  —  Für  den  Verfassungsumsturz ­
  von  1822  bezahlte  man  an  Oesterreich  85  Mill.  Duc.  Kriegskosten ­
  (nach  Angabe  des  österr,  Generals  Bianchi).  Dabei  beschenkte
der  König  die  österr.  Generale  glänzend  ;  Frimont  allein  erhielt  200,000
        <pb n="255" />
        IT  ALIEM  —  Beide  Sicilien  (Militär).

239

s:,;,;  »
S'SEÍ—Srlrtl
noch  3  Proz.  Provision  abzog,  so  dass  der  Staat  4.  1
tal  cinbilsste.  Noch  vor  Ablauf  des  »ämhcbc»
nahm  man  weiter  für  1  Mill.  Kenten  auf,  unter  Verpfandung  de,  Zoll  .
Ä;.o.Ä  “  :2::
einer  halben  Mill.,  durch  den  Staat  verzinslich  vom  läge  der  Geburt  an.
(8.  ßunZkrm,  —  Uie  constitut.onelle  Bewegung
Ln  1848  soll  die  Schuld  um  r()35,289  Duc.  vermehii  haben;  diese
Vennehrung  ward  jedoch  vom  Könige  grbsstentheils  aneikannt,
5  z  1515S25E
gegen,  s.  Vv«  WonVi  nrnZtrzm/za  .iciZiaTta.)
lilllltilr.  Auf  dem  Festlande  hat  man  Conscription;  Dienstzeit
5  Jahre  (vom  19.  J.  an);  dann  5  Jahre  Keservepflichtigkeit.  E.s  gi)t
indess  viele  Befreiungen,  z.  B.  für  Beamtensöhne,  wenn  der  Vater
mindestens  15  Thlr.  Gehalt  monatlich  bezieht!  Stellvertretung  vom
Staate  geleistet  um  240  Ducati.  Die  Sicilianer  dulden  keine  Aushebung;
  bei  ihnen  besteht  blos  Werbung,  und  nur  der  Auswurf  ^
dura  das  Handgeld  locken.  —  Das  neapol.  Heer  gilt  übrigens  tu
sehr  waffengeUbt  und  besitzt  namentlich  viele  tüchtige  Officie,c.
Dermaliger  Stand  des  Heeres.
OW«:  1  Comp.  Leibgarde  160,  2  Reg.  Grenadiere,  iJä-3I@##E3

1  Trainbatailb  900,  5  CO  Pontoniers  etc

Mann
9,508

65,296
1,834

6,736
6,222
        <pb n="256" />
        240

ITALIEN  —  Beide  Sicilien  (Militär).

Oenie:  1  Bat.  Sappeure,  1  Bat,  Pioniere  2,880
Reserve:  Infant.  48,000,  Küstenartill.  3,000  51,000
Total  (ohne  Reserve  92,586  M.  mit  8,997  Pferden)  mit  Reserve  143,586
Nach  einer  andern  Notiz  soll  die  Gesammtstärke  der  Schweizer  10,458
Mann  betragen.
Festungen,  Gaeta,  Civitella  dell’  Tronte,  Pescara,  Messina  ;
dann  die  Forts  von  Neapel  und  Palermo.
Geschichtliche  Notizen.  Vor  der  franz.  Revolution  bestand  das
Heer  ans  ungef.  25,000  M.  Als  man  dasselbe  1798  auf  angeblich
120,000  brachte,  und  Mack  mit  60,000  in  das  römische  Gebiet  eindrang, ­
  waren  es  fast  nur  ungeübte  Massen,  welche  von  den  Franzosen ­
  mit  Leichtigkeit  zerstreut  wurden.  —  Unter  Murats  Regierung
kämpften  Neapolitaner  zur  Seite  der  Franzosen,  namentlich  in  Spanien
und  in  Russland.  Gegen  seine  alten  Verbündeten  vermied  der  König
1814  jeden  ernsten  Angriff.  Als  er  1815  die  Grenze  wieder  überschritt, ­
  zählte  seine  active  Armee  in  Wirklichkeit  wenig  über  30,000  M.
(s.  Pepe,  memorie').  Da  er  das  ital.  Volk  ernstlich  aufzurufen  nicht
wagte,  noch  auch  nur  das  Heer  durch  Ertheilung  einer  Constitution
befriedigte,  ward  er  von  den  Oesterreichern  unschwer  geschlagen
(Treffen  bei  Macérala).  —  Zur  Vertheidigung  der  Cortesconstitution
geschah  1822  fast  nichts,  —  vielmehr  wurden  die  Vortheidigungsmaassregeln
  vom  Regenten  und  einem  Th  eil  der  Generale  systematisch  ver-  ,
eitelt.  Wil.  Pepe,  gegen  welchen  der  ganze  Stoss  der  österr.  Executionsarmee
  (58,000  M.)  gerichtet  war,  hatte  nur  18,000  Linicntrnppen
und  noch  weniger  Milizen.  Nach  dem  Treffen  bei  Rieti  löste  sich
das  Heer  fast  vollständig  auf.—  Im  Frühjahre  1848  sendete  der  König
ein  neapol.  Heer  unter  With.  Pepe  zur  Bekämpfung  der  Oesteweicher
nach  Oberitalien,  rief  dasselbe  aber  sogleich  nach  dem  VerfassungsumSturze
  zurück.  Einige  kleine  Abtheilungen  verweigerten  den  Gehorsam, ­
  geführt  von  Pepe  selbst  und  einer  Anzahl  anderer  Officiere  ;
sie  zogen  nach  Venedig  und  zeichneten  sich  in  Vertheidigung  dieser  Stadt
durch  militärische  Geschicklichkeit  wie  durch  Math  im  höchsten  Grade
aus  (darunter  Ulloa,  der  Commandant  von  Malghcra.)  Der  König  von
Neapel  selbst  unternahm  1849  einen  Feldzug  gegen  die  Römischen
Republikaner,  ward  aber  von  Garibaldi  schmählich  über  die  Grenze
zurückgetrieben.
Marine.  Man  hat  ein  Marine-Infant.-Reg.,  ein  Marine-Artillerieund
  ein  Matrosencorps.  Die  Stärke  der  Marine  wird  so  angegeben;
Segler
2  Linienschiffe  zu  90  u.  80  Kan.,  zusammen  170  Kan.

6  Fregatten  zu  44,  48  u.  64  -  -  264
2  Corvetten  zu  14  und  22  -  -  36  -
5  Brigantinen  zu  20  -  -  100  -
2  Goeletten  zu  14  -  -  28  -

Dampfer  598  Kan.

14  Dampffregatten  von  300  u.  450  Pferdekraft
4  Corvetten  v.  240  Pferdekr.
11  andere  Kriegsdampfer
3  Transport-Dampfer
Ausserdem  50  kleine  Fahrzeuge,  zus.  mit  den  Dampfern  722  Kanonen  führend; ­
  die  Dampfer  mit  6650  Pferdekraft.
        <pb n="257" />
        ITALIEN  —  Beide  Sicilien  (Sociales).

241

Sociales*  Kleidung,  Wohnung  und  Nahrung  des  Volkes  sind
höchst  dürftig  und  schmutzig.  So  fruchtbar  der  Boden  (war  doch
Sicilien  die  Kornkammer  Roms),  so  vernachlässigt  ist  der  Anbau  desselben. ­
  Die  Felder  werden  vielfach  nur  alle  2  —  3  Jahre  bestellt.
Das  Getreide  erträgt  zuweilen  100-  bis  120fältig.  Aber  der  Landmann ­
  ist  nicht  freier  Eigenthümer.  Das  Gewerbswesen  steht  auf  sehr
niedriger  Stufe,  wie  man  überhaupt  fast  nur  in  den  Städten  einige
Handwerker  trifft.  —  Geistlichkeit  und  Adel  sind  die  übermächtigen ­
  Stände.  1834  zählte  man  im  Königreiche  Neapel  allein  14  Erzbischöfe, ­
  66  Bischöfe,  26,800  Weltgeistliche,  11,730  Mönche  und
9520  Nonnen!  Die  Einkünfte  des  Clerus  wurden  1820  auf  9’007,390
Duc.  berechnet.  —  Der  Sicilianische  Adel  besteht  aus  61  Herzogen,
117  Fürsten,  217  Markisen,  über  1000  Baronen  und  2000  einfachen
Adeligen!  Ein  Einkommen  von  mehr  als  3  Mill.  Duc.  dient  auf  der
Insel  nur  zum  Unterhalte  von  7600  Geistlichen  (wie  dies  hervorgeht  aus
dem  von  den  geistlichen  Corporationen  selbst  im  Jahre  1842  aufgestellten
Stato  di  attivith  e  passivith).  Dagegen  nimmt  man  an,  dass  V3  der
Sicilianer  Bettler  sind.  Im  Jahre  1820  fanden  sich  auf  der  ganzen
Insel  nur  5  Buchdruckereien  (nebenbei  auch  ein  Zeichen,  wie  die
zahlreiche  Geistlichkeit  in  und  ausser  den  Klöstern  sich  gar  nicht
sehr  stark  mit  Literatur  beschäftigt).  In  Neapel  ist  auch  der  Militär-Stand
  sehr  begünstigt  und  ausgezeichnet.  Allein  die  einheimischen
Soldaten  sehen  sich  gegenüber  den  Schweizer  Söldlingen  dennoch  in  hohem ­
  Grade  zurückgesetzt.  —  Ueber  die  politischen  Verfolgungen  hat
namentlich  sogar  der  britische  Hochtery  Gladstone  schneidende
Enthüllungen  gebracht,  wie  überdies  England  und  Frankreich  eine  Milderung ­
  des  Regierungssystems  verlangten.
Ilandelsvmrine-,  Neapel  10,863  Schiffe  von  202,318  Tonnen,  Sicilien ­
  2031  Schiffe  von  47,438  Tonnen.  (Doch  sind  hiebei  offenbar
die  gewöhnlichen  kleinen  Barken  mitgerechnet.)
Münzen  u.  Maasse.  Der  ducato  wird  in  100  grani  getheilt.  Die  feine
Köln.  Mark  soll  ausgeprägt  werden  zu  12,23137415  Ducati;  der  Ducato  wäre
sonach  =  1  Thlr.  4  Sgr.  4,05  Pf.  preuss.  Indessen  ist  die  wirkliche  Ausprägung ­
  schlechter,  die  Mark  zu  12%,  Duc.,  so  dass  sich  der  Werth  des  Ducato
durchschnittlich  auf  1  Thlr.  3  Sgr.  11,65  Pf.  stellt.  —  Auf  Sicilien  rechnet
man  im  Privatverkehre  wol  auch  noch  nach  oncie,  zu  30  tari  ä  20  grani]  die
feine  Mark  zu  4%,  üncio,  so  dass  die  Oncia  =  3  Thlr.  11  Sgr.  10,94  Pf.
Längemaass:  der  palmo,  in  Neapel  0,26450,  auf  Sicilien  0,258098  Met.,  also
0  8429  u.  0,82235  preuss.  Fuss.  —  Feldmaass:  in  Neapel  der  moggio  =  0,2741
nreuss.  Morgen.  —  Oetreideniaass;  in  Neapel  der  tomolo  zu  55,55  Liter  oder
10106  preuss.  Scheffel,  in  Sicilien  zu  17,19  Lit.  od.  0,3128  Schffl.  Die  sicil.
$alma  hat  10  tomoli.  —  Weinmaass:  der  harüe,  in  Neapel  zu  0,635,  auf  Sicilien ­
  0  5  preuss.  Eimer.  —  Gewicht:  in  Neapel  das  Pfund  zu  320,759  Grm.
od.  0,6858  alte  preuss.  Pf.  ;  auf  Sicilien  der  rotolo  zu  793,4  Gr.  od.  1,6964  pr.  Pf.
        <pb n="258" />
        242

SCHWEIZ  —  Land  und  Leute.

fhrlí
Die  übrigen  europäischen  Staaten.

Schweiz  (Freistaat).

Katholik.
54,044
6,090
91,096
6,962
106,370
131,280
117,707
87,753
38,039
21,921
81,128
5,608
9,052
6,570
61,656
29,764
875
11,230
44,013
1,411
3,932
13,783
11,327
17,336
14,493
Zusammen  724  2’390,116  1’417,754  971,840
Die  Berechnung  des  Areals  dürfte  etwas  zu  niedrig  gegriffen  und  die  Summe
beiläufig  zu  730  geographische  Quadrat-Meilen  anzunehmen  sein.  Was  die  confessionellen
  Verhältnisse  betrifft,  so  ist  noch  zu  bemerken,  dass  die  Zahl  der
Juden  im  Jahr  1850  zu  3146  angegeben  ward.
Nationalitäten.  Die  Schweiz  umfasst  Angeliörige  von  vier  verßchiedenen
  Nationalitäten.  1)  Deutsche,  etwa  i’800,000;  2)  Franzosen, ­
  gegen  500,000  (in  den  Kantonen  Waadt,  Genf  und  Neuenbürg, ­
  dann  theilweise  Wallis,  Freiburg  und  Bern);  3)  Italiener,
ungefähr  140,000  (in  Tessin  und  einem  kleinen  Theilo  von  Graubünden; ­
  4)  Romanen,  etwa  45,000,  in  einem  Theile  von  Graubünden.
Auswanderungen.  Früher  nahm  man  durchschnittlich  6500—7500
im  Jahre  an,  wovon  aber  etwa  Vs  dem  Handwerker-  und  Handelsstande ­
  angehörend,  später  wieder  zurückkehrte.  1854  stieg  die  Zahl
der  Auswanderer  auf  16  —18,000,  wovon  12,098  blos  Über  Havre
zogen.  Davon  kamen  auf

Kantone

Q.-M.  Volkszahl  1850

Bern  ....  121
Zürich  .  .  .  33
Aargau  ...  24
Waadt  ...  66
St.  Gallen  .  .  .  36
Luzern  ...  28
Tessin  ...  49
Freiburg  .  .  .  27
Graubünden  .  .  140
Thurgau  .  .  .  13
Wallis  ...  79
Basel,  Stadt  .  .  i  „
„  Land  .  .  )
Neuenburg
Solothurn
Genf
Appenzell  Ausser-ßhoden
„  Inner-Rhoden
Schwyz
Schaffhausen
Glarus
Unterwalden  ob  dem  Walde
„  nid  dem  Walde
Zug
Uri  -

14
12
4%
:
16
12  Vî
4
20

457,921
250,134
199,720
199,453
169,608
132,789
117,397
99,805
89,840
88,819
81,527
29,555
47,830
70,679
69,613
63,932
43,599
11,270
44,169
35,278
30,197
13,798
11,337
17,466
14,500

Dav
Reform.
403,769
243,928
107,194
192,225
64,192
1,563
50
12,133
51,855
66,984
430
24,083
38,818
64,952
8,097
34,212
42,746
42
155
33,880
26,281
16
12
125
12
        <pb n="259" />
        SCHWEIZ  —  Hand  iitid  Leute.

243

23  o/o
21  -
10  -
7  -
5%-2&amp;gt;/2-


  1000  Einw.
C  Auswand.
13

Bern
Aargau
Zur  jell
Solothurn
Bünden
Glarus  .  o  _
StcicUe,  Die  Zahl  der  säniintlichen  Gemeinden  ist  d0o8,  wovon
29  mit  mein-  als  5000  Einw.  Nach  der  Zählung  von  1850  betrug
die  Bevölkerung:

5
12
18

In  Scliaffhausen  kamen  auf  1000
Einw.  13  Auswanderer,  Schwyz  und
Unterwalden  9,  Zug  6,  Basel  5.  —
Das  Vermögen  der  1854  Ausgewanderten ­
  wird  auf  6  bis  7  Mill.  Franken
geschätzt.

Genf
Basel
Zürich
Bern
Lausanne
St.  Gallen
Chaux  de  fonds

Eigentl.
Stadt
31,238
27,313
17,040
27,558
14,500
11,234
12,638

Vorstadt-Gemeinden

10,000
10,000
18,000
6,000
8,200
5,000

zus.
41,000
37,000
35,000
33,500
22,700
16,000
12,600

1856
etwa
45,000
40,000
40,000
34,000
23,000
16,000
17,000

GggcMcmcAa  Die  Kantone  gelangten  in  nachb^erkten
Zeiten  zur  Vereinigung:  1)  Die  UrÄmtWe:  Uri,  Schwyz  U^erwählen,
  1308;  letztes  seit  1114  und  50  getheilt  m  Oh-  und  Nidwalden ­
  —  2)  Die  der  Eidgenossenschaft  zuerst  beigetretenen  Kantone:
Luzern  1332,  Zürich  1351,  Glarus  1352,  Bern  1353  und  Zug  1362j
mmm
Die  „neuesten  Kantone:“  Wallis,  Genf,  Neuenburg  1815  -  Vor
der  Zeit  der  frans.  Revolution  bildeten  die  oben  bezeuthneten  13
Orte“  den  sehr  losen  Bund  der  Eidgenossenschaft.  Diese  13  Orte
umfassten  indess  kaum  450  Q.-M.  und  970,000  Menschen.  e  en
ihnen  bestanden  noch  andere  Stätchen  in  einer  yuasi-belbst^-digkeit,
  welche  sich  an  die  EidgenossenschaA,  oder  vie^ehr  an  einzelne
  Kantone,  anlehnten  ;  andere  Gebiete  sodann,  welche  °
*
        <pb n="260" />
        244

SCHWEIZ  —  Land  und  Leute.

Freienämter,  Murten  und  die  7  italienischen  Vogteien  (Tessin).  Die
letzten.waren  zunächst  den  Urnern,  das  Waadt  und  ein  Theil  des
Aargau  den  Bernern  unterworfen;  auch  das  selbständige  Bünden  seinerseits ­
  besass  solche  Unterthanenlande:  Veltlin,  Bormio  und  Chiavenna.
  Das  Frickthal  gehörte  zu  Oesterreich.  —  Die  franz,  Revolution ­
  bewirkte  völlige  Umgestaltung.  Schon  1792  verjagten  die  Bewohner ­
  des  Bisthums  Basel  ihren  Bischof,  und  erklärten  sich  zu  einer
Republik.  1793  riss  Frankreich  einen  Theil  dieses  Gebietes,  Pruntrut,
an  sich;  1797  einen  andern,  Erguel.  Die  Bewohner  von  Veltlin,  Cliiavenna
  und  Bormio,  denen  die  Bündner  Gleichheit  der  Rechte  verweigerten, ­
  schlossen  sich  an  die  „Cisalpinische  Republik“  an,  was  Bonaparte ­
  unterm  22.  Oct.  1797  sanctionirte.  Das  Waadt  riss  sich,  als
„Lemanscher  Kanton,“  von  Bern  los;  die  Franzosen  besetzten  es  (26.
Jan.  1798).  Nachdem  die  Berner  von  den  franz.  Truppen  geschlagen
waren,  erfolgte  Auflösung  der  „F/idgenossenschaft“  und  Bildung  eines
Einheitsstaats,  der  „Helvetischen  Republik.“  Dieselbe  (mit  der
Hauptstadt  Aarau)  ward  blos  der  administrativen  Bequemlichkeit  wegen ­
  in  18  (nicht  selbständige)  Kantone  getheilt;  Bern  zerfiel  in  4:
Bern,  Oberland,  Aargau  und  Leman.  Auch  Baden,  'J'hurgau,  Lugano,
Bellinzona  und  Wallis  wurden  in  Kantone  umgewandelt,  indess  man
Uri,  Schwyz  Untcrw^alden  und  Zug  zu  einem  Kantone  „Waldstädten“
vereinigte.  Appenzell,  St.  Gallen  und  das  Rheinthal  bildeten  den
Kanton  „Säntis.“  Genf  und  Mühlhausen  wurden  Frankreich  einverleibt. ­
  —  Es  folgten  viele  Unruhen.  Die  Centralisation  widerstrebte
dem  ganzen  Wesen  und  dem  Entwicklungsgänge  der  Schweizer  ;  französischer ­
  Seits  nährte  man  unter  der  Hand  die  Zwietracht,  Im  F  ehr.
1803  verkündete  Bonaparte  die  „Vermittlungsacte.“  Die  Kantone  erhielten ­
  ungefähr  ihren  vormaligen  Umfang  wieder  (doch  blieben  Waadt
und  Aargau  von  Bern  getrennt);  sie  durften  ihre  innern  Angelegenheiten ­
  wieder  selbst  ordnen,  indess  die  allgemeinen  Angelegenheiten
einer  Tagsatzung  übertragen  waren,  zu  welcher  jeder  der  grösseren
Kantone  zwei,  jeder  der  kleineren  einen  Abgeordneten  sendete.  Neuenburg ­
  und  Wallis  vereinigte  Napoleon  mit  Frankreich  ;  so  bestanden
19  Kantone.  —  Der  Wiener  Congress  suchte  auch  in  der  Schweiz
die  alten  Zustände  wieder  herzustellcn;  die  Verfassung  von  1815  decretirte
  die  Souveränität  der  Kantone,  deren  Zahl  nm  3  vermehrt
ward  (s.  oben).  Das  ehemalige  Bisthum  Basel  ward  mit  dem  Kantone
Basel  vereinigt.  Sardinien  trat,  der  Contiguität  Genfs  wegen,  einen
kleinen  Bezirk  an  dasselbe  ab  (Carouge),  Oesterreich  gab  die  Herrschaft ­
  Räzüns  an  Graubünden,  und  das  Frickthal,  Laufenburg  und
Rheinfelden  an  Aargau;  Frankreich  sollte  nach  dem  Pariser  Friedensvertrage ­
  das  Dappeuthal  an  Waadt  zurückgeben,  was  indess  bis  heute
noch  nicht  vollzogen  ist;  Mühlhausen  blieb  ohnehin  mit  Frankreich
vereinigt,  so  wie  das  Veltlin,  Chiavenna  und  Bormio  mit  dem  österr.
Gebiete  (der  Lombardei).  —  Die  Wiederherstellung  des  aristocratischoligarchischen
  Regiments  konnte  den  Schweizern  unmöglich  Zusagen.
Die  Bewegung,  welche  1830  durch  Europa  ging,  ward  benützt,  die
meisten  Kantonalverfassungen  in  democratischem  Sinne  umzugestalten;
        <pb n="261" />
        SCHWEIZ  —  Finanzen,

Î45

auch  trennte  sich  die  Landschaft  Basel  von  der  Stadt.  Die  beiden
feindlichen  Elemente  bekämpften  sich  ununterbrochen.  Vermittelst  jesuitischer ­
  Ränke  und  auswärtiger  Einflüsse  bildeten  zuletzt  7  Kantone
sogar  einen  nämlich  Luzern,
walden,  Zug,  Wallis  und  Freiburg.  Er  ward,  Nov.  18^,  mit  Waffengewalt ­
  vernichtet.  Die  Schweizer  benützten  klug  die  ^tume  des
Jahres  1848,  um  sich  neu  zu  constituiren;  Neuenburg  schüttelte  die
preuss.  Herrschaft  ab,  und  eine  neue  Bundesverfassung  kam  untenn
12  des  Herbstmonats  1848  zu  Stande,  wodurch,  unbeschadet  der
Autonomie  der  Kantone  hinsichtlicli  ihrer  iimem  Angelegenheiten,  6e
Nationalkraft  gegen  Aussen  vereinigt  ward.  Die  Organe,  durch  welche
die  Nation  ihren  Willen  kund  gibt,  sind  der  National-  und  der
Ständerath,  welche  7  Männer,  den  „Bundesrath,«  als  höchste  Executivbehövde,
  erwählen.  In  den  Ständerath  sendet  jeder  Kanton,  ohne
Unterschied  seiner  Grösse,  2  Vertreter,  jeder  Halbkanton  1.  In  den
Nationalrath  dagegen  wird  je  ein  Repräsentant  auf  20,000  Lin^oh^
gewählt.  Die  jetzige  Gesamnitzahl  der  Nationalräthe  ist  demnach  120,
wovon  aus

Bern  .
Zürich
Aargau
Waadt
Luzern
Tessin
Freiburg
Bünden
Thurgau
Wallis
Neuenburg
Solothurn

23
13
10
10
7
6
5
4
4
4
4
3

Genf
Schwyz
Glarus
Basel-Land  .
Schaffhausen
Ausser-Rhoden
Uri  .
Obwalden
Nidwalden
Zug
Basel-Stadt
Inner-Rhoden

FIniiilZCii*  Bundesbudget.  Die  neue  Verfassung  schuf  dem
Bunde,  statt  der  unsichern  Matricularbeiträge  der  einzelnen  Kantone,
eigene  Einkünfte.  Wie  in  Nordamerika  ward  das  Zollwesen  die
Haupteinnahmsquelle  der  Centralregierung.  Die  Postverwaltog  ward
zwar  gleichfalls  der  Bundesbehörde  übergeben;  die  Entschädigung,
welche  die  Kantone  für  diese  Ueberlassung  erhalten,  kommt  ^er  zuweilen ­
  dem  ganzen  Reinerträge  der  Anstalt  gleich;  wie  die  Kantone
ie  für  ü«  Jalire  aufgesellte  Scala,  nach  welcher,  wenn  etwa  nothig,
die  einzelnen  Kantone  su  weiteren  Beiträgen  für  Bundeszwecke  verpflichtet ­
  Bind  (welche  Beiträge  man  wohl  zunächst  an  den  Post  -  und
LllentBchädigungsgeldern  in  Abzug  bringen  wurde).  -  Das  Budget
für  1857  stellt  folgende  Hauptpositionen  dar:
Einnahmen,
II  Ertrag  der  I.n.noMIien  (39,870)  u  angelegten  Capitalien  (136,000)
kapselverw.  43,854,  Münze  827,200)  .....

Fres.
175,870
48,266
15’928,364
        <pb n="262" />
        246

SCHWEIZ  —  Finanzen.

4)  Kanzleieinnahmen  u.  Vergütungen  ......  93,100

5)  Unvorhergesehenes  •  •  ■  .  •  •  •  •  •  1,210
Gesammtsumme'der  Einnahmen  15’686,000
Ausgab  en.
1)  Zinsvergütungen  .........  62,170

2)  Allgemeine  Verwaltungskosten  (Nationalrath  72,780,  Ständerath
8105,  Bundesrath  52,200,  Bundeskanzlei  121,940,  Bundesgerichtskosten ­
  11,000,  Pensionen  35,000  ....  296,025
3)  Departemente  (politisches  Dep.  69,500,  Inneres  216,700,  Militärdep.
  12,000,  Finanzen  82,300,  Handels-  u.  Zolldep.  5000,
Post-  u.  Baudepart.  101,200,  Justiz-  u.  Polizeidep.  24,300)  460,000
4)  Specialverwaltungen  (Militär  1’466,777,  Zoll  3’252,000  [wovon
2’496,000  Entschädigung  an  die  Kantone],  Post  [a.  Kosten
6’311,000,  b.  Zahlung  an  die  Kantone  1’497,000J  7’808,000,
Telegraphie  370,000,  Pulververwalt.  600,000,  Zündkapselverw.
41,954,  Münze  848,600  14’387,331
5)  Unvorgesehenes  .........  474
Gesannntsummc  der  Ausgaben  15’206,000
Ucberschuss  480,000
Für  die  Verwaltung  eines  Staates  von  dritthalb  Millionen  Menschen ­
  sind  dies  sehr  geringe  Summen.  Indessen  darf  nicht  übersehen
werden:  einersejts,  dass  manche  Ausgabe  für  das  grössere  Gemeinwesen ­
  den  Kantonen  überlassen  bleibt;  anderseits  aber  ebenso,  dass
hier  die  Brutto  summen  mit  einer  Vollständigkeit  eingetragen  sind,
wie  nirgends  sonst  (erscheint  doch  sogar  der  Preis  für  das  von  der
Münze  verwendete  Metall  vollständig  in  der  Ilaiiptreclmung),  und

dass  auch  die  blos  durchlaufenden  Beträge  (Einnahme  der  Post  für
die  Kantone)  hier  aufgeführt  sind.  —  Fassen  wir,  zur  Vergleichung
mit  andern  Staaten,  blos  die  Netto-Summen  ins  Auge,  so  stellt  sich
das  Eidgenössische  Budget  folgendermassen  :
Einnahme:  1)  directe  Steuern:  gar  keine;
2)  Indirecte:  Zölle  .  .  .  2’348,000
3)  Begalien:  Post  nichts  (weil  den  Kantonen  zufiiessend),  Telegraphen-, ­
  Pulver-,  Zündkapsel-  u.  Münzverwaltung  .  .  99,000
4)  Ertrag  des  Staatavermögena  (Domänen)  .....  224,136
5)  Kanzleieinnahmen  ........  93,100
Gesammtsumme  der  Netto-Einnahme  2’764,200
Ausgabe:  1)  Schuld  .  .  .  .  .  .  .  54,170
2)  Allgem.  Verwaltung:  Nationalvertretung  75,885,  Besoldungen
202,100,  Kanzleikosten  130,040,  Bundesgericht  11,000,  Polytechn.
  Schule  150,000,  Bauten,  Strassen  90,000,  Heimathlose
7,000,  Pensionen  35,000,  Auswanderung  19,000  .  .  719,983
8)  Militär  P478,777
Gesammtsumme  2’252,932

Was  wir  als  „allgemeine  Verwaltung“  (Nummer  2  der  Ausgaben)
aufführten,  vertheilt  sich,  anders  classifficirt,  so  :
A.  Volks-  u.  Kantonalvertretung  ==  National-  u.  Ständerath  .  .  75,885
B.  Regierung  =  Bundesrath  :  a.  Besoldungen  52,200,  b.  Kanzlei  121,940  174,140
C.  Pensionen  (aus  dem  Sonderbundskriege)  .....  35,000
D.  Departemente  (wie  oben)  .  460,000
E.  Polytechn.  Schule,  Bauten,  Strassen,  Heimathlose,  Auswanderungswesen.

Die  höchste  Besoldung  ist  die  des  Bundespräsidenten  =  8700
Frk.  (2320  preuss.  Thlr.,  fast  nur  die  Hälfte  dessen,  was  in  Bayern
ein  bloser  AVef^regicrungs-Präsident,  einschliesslich  seiner  Repräsenta-
        <pb n="263" />
        SCHWEIZ  —  Finanzen.

247

kÄTL;  Thuóer  Ahnend  100,000
.  Telegraphen-Anlehens  .  •  ’
Gesammtscliuld

661,742
2.  Kapitalien  des  ehemal.  Knegsfonds
3.  Bankdepositen
4.  Zinsrückstände
5.  Sonstige  Ausstände
6.  Inventar-Conto
7.  Cassa

1’233,240
2’820,000
800,000
5,000
771,045
3’252,862
2’699,111

11’581,258
10919,516

Gesammtsumme  der  Activen
...  bekannten
  Daten  zusammen.

Kantone
Bern
Zürich
Waadt
Aargau
Genf
Freiburg
St.  Gallen
Luzern
Solothurn
Thurgau
Basel-Stadt
Basel-Land
Wallis
Tessin
Neuenburg
Graubünden
Schaffhausen
Glarus  *)  .
Schwyz
Uri
Zug
Ausser-Khoden
Inner-Rhoden
j  Obwalden
\  Nidwalden

Quelle  der  Ziffern
Budget  f.  1856
Rechn.  v.  1855
Budget  f.  1856

:  :  1:
Rechn.  v.  1855
;  :Í8m“
Budget  f.  1856
Recluí.  V.  1855
Budget  f.  1848

Einnahme
4’356,365
2’551,000
2’433,359
1694,373
1641,615
1’334,345
1’042,000
862,479
942,203
814,498
787,982
422,902
638,788
878,000
825,525
686,487
169,000
212,229
190,154
182,000
86,000
190,000
49,000
24,000
31,000

Ausgabe
4'326,415
2’711,711
2’465,902
1’832,373
1’545,732
1’533,590
1’341,000
945,489
935,169
719,119
902,848
423,734
604,359
1’000,000
814,048
778,259
184,000
207,424
145,781
206,000
83,000
162,000
46,000
21,200
29,000

würde  man  gewaltig  irr  ,  mangle  dort  an  Sicherheit  und  Ordnung,  oder
Zustande  der  Barbarei,  o
an  Schulen.
        <pb n="264" />
        248

SCHWEIZ  —  Fmaixzen.

Ill  diesen  Rechnungen  sind  viele  bloss  formelle  Uebertrüge  aus
frühem  Etats  einbegriffen  ;  ebenso  durchlaufende  Posten;  endlich  solche
Lasten,  welche  in  andern  Staaten,  als  Leistungen  der  Gemeinden  und
Kirchen,  ausser  dem  Staatsbudget  bleiben.  Unter  Berücksichtigung  dieser
Momente  erhalten  wir  für  die  Finanzverwaltungen  in  der  ganzen
Schweiz,  Bundes-  und  Kantonallasten  zusammengerechnet,  folgende
Totalresultate  :
Netto  der  Rechnungen  des  Bundes  2'/j  Mill.  Fres.
der  Kantone  19%  -
Zusammen  ungefähr  22  -  -
Hievon  treffen  auf  die  Hauptpositionen  :

directen  Steuern
indirecten  Abgaben

der  Einnahmen:  der  Ausgaben:
aus  Domänen  ungefähr  4'%  Mill.  Besoldungen  2’000,000
6  -  Unterricht  4’500,000
-  Militär  3’500,000
Pensionen  60,000
Schulden  450,000
^  Die  directen  Steuern  bestehen  fast  allenthalben  nur  in  einer
Vermögens-  und  Einkommen-  (als  einziger  directen)  Steuer.  Bios  ini
Waadt  und  in  einem  kleinen  Theile  von  Bern  kennt  man  eine  Grundsteuer. ­
  —  Unter  den  indirecten  Abgaben  erscheinen  die  eidgenössischen ­
  Zolle,  dann  Auflage  auf  Salz  (sehr  massig,  doch  verschieden
in  den  einzelnen  Kantonen,*)  Stempelpapier,  Erbschaftsabgaben  etc.—
Sehr  häufig  schliessen  die  Budgets  mit  einem  Deficit  ab.  Allein  es
besteht  dieses  nur  scheinbar,  indem  man,  um  alle  Fälle  vorzusehen,  gewöhnlich ­
  die  Einnahmen  äusserst  niedrig,  die  Ausgaben  nach  dem
höchsten  denkbaren  Anfalle  veranschlagt,  so  dass  sich  sehr  oft  bei
den  Rechnungsabschlüssen  Ueberschüsse  ergeben,  während  die  Budgets ­
  Deficite  in  Aussicht  gestellt  hatten.  Auch  bezeichnet  man  zuweilen ­
  die  ganze  Summe  als  Deficit,  welche  durch  directe  Steuer
aufgebracht  werden  muss,  indem  man  solche  in  einigen  Kantonen
überhaupt  noch  gar  nicht  kennt.
Die  Kantonalschulden  rühren  meistens  von  unmittelbaren  Erwerbungen ­
  her.  Sie  betrugen  bis  zur  neuesten  Zeit  in  allen  Kantonen
zusammen  wohl  höchstens  8  Mill.  Frkn.,  wovon  etwa  5  Mill,  auf  das
hierin  eine  Ausnahme  bildende,  hart  bedrängte  und  bedrückte  Tessin
treffen.  Sodann  haben  in  letzter  Zeit  verschiedene  Kantone  ansehnliche
Anlehen  für  Eisenbahnbauten  abgeschlossen.  In  den  meisten  Kantonen
übersteigt  jedenfalls  das  Activvermögen  weitaus  den  Schuldbetrag.
Zum  Schlüsse  noch  ein  Paar  von  dem  Verfasser  dieses  vor  einipn
  Jahren  berechnete  Vergleichungen.  Das  Budget  des  Kantons
Zürich  ergab,  mit  Dazurcchnung  des  entsprechenden  Antheils  an  dem
Bundesbudget,  —  gegenüber  der  Finanzverwaltung  einiger  deutscher
Staaten  von  beiläufig  gleicher  Bevölkerung,  folgende  Hauptresultate
(alle  Summen  auf  preuss.  Thlr.  reducir!)  :

)  gewöhnliche  Preis  des  Salzes  ist  8  Cent,  für  das  Pfund;  dieses
nothwendige  Lebensbedürfniss  ist  also  hier  wohlfeiler,  als  dasselbe  den  Angehörigen ­
  derjenigen  Länder  verkauft  wird,  aus  welchen  die  Schweiz  einen  Theil
ihres  Salzes  bezieht.
        <pb n="265" />
        SCHWEIZ  —  Finanzen.

249

Hauptansgaben:

Hof  ...•••
Staatsschuld
Militärweaen
Pensionen  .
Gesamrotbetrag  dieser  4  Positionen
Gesammter  Staatsbedarf
Hauptstaatseinkünfte:
Domänen  und  Regalien
Indirecte  Auflagen
Directe  Steuern

Zürich
nach  d.  Rechn.
von  1852
'  3,600
122,000
4,000

Weimar
nach  d.  Rechn.
von  1851
250,000
306,103
153,325
106,493

Braunschw.
nach  d.  Budget
für  18'Y„
260,000  Thlr,
428,407  -
815,284  .
127,990  -

129,600
739,780

815,921
l’534,25l

1’131,681  Thlr.
1’824,000  -

141,600  178,555  150,886  Thlr.
113,422  316,336  493,300  -
243,166  526,857  432,000  -
Dabei  darf  nicht  übersehen  werden,  dass  im  Züricher’schen  Etat
viele  blos  durchlaufende  Posten  Vorkommen,  während  in  den  andern
Staaten  ansehnliche  Nachtragacredite  erscheinen,  und  dass  insbesondere
  die  Positionen  für  Militär  sowohl  in  Weimar  als  m  Braunschweig ­
  längst  sehr  bedeutend  erhöht  sind.
Eine  Vergleichung  des  jetzigen  bayerischen  Budgets  mit  dem
schweizerischen  (die  Beträge  des  Bundes  und  aller  Kantone  zusammem
genommen,  und  dann  das  Ganze  nach  der  Volkszahl  berechnet  —
4V2  Mill.  Menschen  in  Bayern,  2V2  Mill,  in  der  Schweiz)  fuhrt  zu
nachfolgenden  Resultaten  :  Würde  betragen  Im
Verhältnisse  zu  den
Schweizer  Budgets
19’720,000  fl.
5’120,000
9’850,000
nichts
3’000,000
385,000
1700,000
51,000
54,000
3’800,000
1’200,000

Gesammtstaatsbedarf  in  Bayern
Hievon  ;  directe  Steuern
indirecte  Auflagen
Hauptausgaben:  Hof
Armee

Bayerisches
Budget  für
ISWa,
41’396,862
9216,968
20700,000
2982,272
9’075,900*)
12719,300

Staatsschuld  .
Civilbesoldungen  (etwa)  11’630,000
Pensionen  (mindestens)  3’400,000
Gesandtschaften  .  303,000
Dagegen:  Erziehung  u.  Bildung  900,653
Wohlthätigkeit  .  209,440
Endlich:  Reservefonds  für  unvorhergesehene ­
  Ausgaben  675,000
(Bel  den  bemerkenswerthen  Ergebnissen  des  Schweizerischen  FinanzvrMens,
Basel  1866.“)
IVIÜllSlrwesCill*  Die  Schweiz  hat  keine  stehenden  Truppen;  es
ward  der  Bundesregierung  sogar  verfassungsmässig  ausdrücklich  verboten
  solche  zu  errichten.  Dagegen  ist  jeder  waffonmige  Schweizer
auch  in  Wirklichkeit  militärpflichtig.  Von  Kindheit  an  gewöhnt,  mit
FeucrwafTcn  umzugehon,  erfolgt  das  militärische  Einschulen  der  Rekruten
  stets  in  wunderbar  kurzer  %eit,  und  später  genügen  Hebungen

10,000

*1  Die  Regierung  hat  bereits  erklärt,  eine  (viel)  höhere  Summe  hiefür  zu
bedürL  (siehe  S.  160);  zudem  sind  400,000  fl.  neuere  Militärponsionen,  welche
man  auf  die  Amortisationscasse  übernahm,  hier  nicht  eingerechnet.
        <pb n="266" />
        250

SCHWEIZ  —  Militärwesen.

von  wenigen  Tagen,  die  Sache  frisch  zu  erhalten.  Das  Bundesheer
hat  folgende  Bestaudtheilc  ;
1)  Bundeaauszug,  —  die  Mannschaft  von  20—34  Jahren;  dazu  müssen  die
Kantone  3  Proc.  ihrer  Bevölkerung  stellen;
2)  Beaerve,  —  von  35—40  Jahren;  1%  Proc.  müssen  gestellt  werden;
3)  Landwehr,  —  bis  zum  44.  Altersjahre;
4)  Landaturm  (ofüciell  zu  150,000  M.  angenommen).
Der  eidgen.  Bundesauszug  hat  dermalen  folgende  Stärke;

Infanterie:  75  ganze  und  8  halbe  Bataill.  Linie  59,114,  45  Comp.
Scharfschützen  5232  =  64,346
Cavallerie:  21  Comp.  Dragoner  14.85,  6%  Comp.  Guiden  204  .  1,689
Artillerie:  40  Comp.  6,897
Genie:  6  Comp.  Sappeurs  678,  3  Comp.  Pontoniers  338  .  .  .  1,016
Sanit'dtaperaonal  150

ZuB.  Auszug  74,095
Die  Bundesreserve  beträgt  42,660
„  Landwehr  .  .  .  46,188

Total  162,943

Auszug  und  Reserve  sind  jeden  Augenblick  mobil  zu  machen.
Bei  beiden  sind  überdies  gegen  19,000  M.  überzählige  Mannschaft,
Die  Artillerie  besteht  aus  :
35  Kanonenbatterien,  —  6-,  8-  u.  12pfünd.,
3  Haubitzbatterien,  —  24pfünd.,
4  Gebirgsbatterien  und
8  Raketenbatterien

zus.  50  Batterien  mit  274  bespannten  Geschützen;  ausserdem  sind  für  12  Positionscomp.
  202  Geschütze  bereit.
Die  bewaffnete  Macht  der  Schweiz  ist  schwach  an  Reiterei.  Ihre
Linieninfanterie  könnte  dagegen  der  eines  stehenden  Heeres  sehr  wohl
entgegen  gestellt  werden.  Dabei  aber  besitzt  die  eidgenössische  Armee
eine  vortreffliche  Artillerie  und  hat  eine  entschiedene  Ueberlegenheit  an
Scharfschützen.  Bei  der  Landwehr  ist  die  vollständige  Zahl  Offi’
eiere  nicht  vorhanden;  allein  dieselbe  bildet  dennoch  das  Mittel,  dem
Auszug  und  der  Reserve  eine  sofortige  Verstärkung  von  15—20,000
Mann  zu  gewähren,
Vergleichung.  Können  Staaten  mit  stehenden  Heeren  dasselbe
leisten,  wie  die  Schweiz?  Nimmermehr!  Württemberg  und  das
Grossherzogthum  Hessen  umfassen  zusammen  eine  Volksmenge,  w^elche
jene  der  Schweiz  um  beiläufig  200,000  Köpfe  übersteigt.  Beide  zusammen ­
  verwenden  auf  das  Militärwesen,  den  neuesten  Budgets  zufolge,
alljährlich  mindestens  4’800,000  Gulden.  Indem  man  neue  Vermehrungen ­
  vornahm,  bekam  man  einen  Formationsstand,  der  in  Württemberg
2.3,200,  in  Hessen  etwa  12,000  M.  beträgt.  —  Stellen  wir  diese  Hauptmomente ­
  einander  gegenüber,  so  erhalten  wir  folgende  Ziffern  :
TiS'/t
Volkszahl  ....  2’390,000  2’590,000
Kosten  des  Militärs  .  .  3’500,000  Fr.  4’800,00ü  fl.  =:  1  (&amp;gt;’270,000  Fr.
Stärke  des  marschbereit  zu
machenden  Heeres  .  .  140,000  M.  36,000  M.
Mit  einem  Geldaufwande  von  ungefähr  einem  Drittel,  stellt
die  Schweiz  sonach  eine  viermal  grössere  Militärzahl  als  jene  beiden

(mwMswq

TT

na
        <pb n="267" />
        SCHWEIZ  —  Militärwesen.

251

■
Scliiilz-Bodmer.  Leipzig,  1855.“)  _  ,  .  ,  ,  .
don  Weise.  K»  stellten  in  wenigen  Wochen  in  das  l  e  .
dio  l-‘d/s  eidgenössischen  Kantone  t)8,861  Mann  17-  Kanonen
7  Soiiderbunds-Kantono  3t),580  -
Zus.  188,441  -  246
wichtigste  Quelle  des  Wohlstandes.
        <pb n="268" />
        252

SCHWEIZ  —  Sociales.

Die  Militärcapitulationen  mit  fremden  Staaten  sind  verfassungsmässig
verboten  ;  indessen  lassen  sich  noch  immer  Tausende  zu  dem  schmähligen
  Söldlingsdienste  in  Neapel  und  Rom  anwerben,  wie  auch  sowohl
die  Franzosen  als  die  Engländer  während  des  orientalichen  Krieges
Schweizercorps  bilden  konnten.
Sociales*  Die  Schweiz  bietet  das  wunderbare  Bild  eines  Staates
von  nur  dritthalb  Millionen  Menschen  dar,  welcher,  ungeachtet  der
localen  Trennung  durch  die  höchsten  Gebirge,  dennoch  Angehörige
dreier  grosser  Culturnationeii  umfasst,  —  Angehörige  ganz  verschiedener
Stämme,  die  nicht  durch  eine  despotische  Gewalt  zusammengekettet,
sondern  durch  die  lebendige  Ucborzeugung  verbunden  sind,  dass  dieses
Verhältniss  weit  nützlicher,  vortheilliafter  und  wohlthätiger  für  sie  ist,
als  ein  Anschluss  an  ihre  grossen  Stammnationen.  —  Wenn  es
gar  keinen  andern  Beweis  als  diesen  für  die  Güte  des  Fundamentalverhältnisses ­
  der  schweizerischen  Einrichtungen  gäbe,  so  wäre  dieser
allein  schon  unwiderlegbar.  Da  jeder  Kanton  souverän  ist,  so  trifft
man  im  Einzelnen  viele  verschiedenartige  Verhältnisse.  Allenthalben
hat  indess  der  Grundsatz  Geltung:  dass  das  Volk  nach  Maassgabe
seiner  Bedürfnisse  und  seiner  Einsicht  sich  selbst  regiert.  In  Folge
dessen  werden  alle  Beamten  (auch  die  Richter,  die  nicht  einmal  studirt
zu  haben  brauchen)  vom  Volke  gewählt,  und  dies  nur  auf  eine  gewisse
Zeitdauer.  Es  gibt  also  keinen  Beamten  st  and,  keine  hohen  Besoldungen, ­
  keine  Pensionen.  Und  doch  herrscht  hier  (neben  voller  Pressund
  Versammlungsfreiheit)  Ruhe  und  Ordnung,  wie  gewiss  in  keinem
andern  Lande  in  höherm  Maasse  (siehe  die  bereits  citirte  Schrift
„Schweizerische  Ziustände“).  Die  neue  Bundesverfassung  hat  auch  bereits
mehrfach  äusserst  wohlthätig  gewirkt,  insbesondere  auch  auf  Beschränkung ­
  des  „Kantönligeistes,“  so  namentlich  durch  die  Bestimmung,  dass
alle  christlichen  Schweizer  in  allen  Kantonen  gleiche  Rechte  geniessen  ;
dass  alle  Schweizer  das  Recht  freier  Niederlassung  besitzen,  dann
durch  Beseitigung  aller  Binnenmauthon,  Einführung  gleicher  Münze,
Maasse  und  Gewichte  u.  s.  f.
Im  Einklänge  mit  den  politischen  Zuständen  herrscht  in  der
Schweiz  auch  in  merkantiler  Beziehung  das  Princip  der  Freiheit,  —
das  Freihandelssystem.  Mit  welchem  Erfolge?  Die  Eidgenossenschaft, ­
  höchst  ungünstig  gelegen,  weit  vom  Meere,  von  den  wichtigsten ­
  Bezugsquellen  entfernt;  rings  umgeben  von  Staaten  mit  Prohibitionen ­
  oder  mindestens  Schutzzöllen,  und  sonach  von  deren  Märkten
mehr  oder  minder  ausgeschlossen  ;  dazu  bei  einer  Theuerung  der  ersten
Lebensbedürfnisse  und  bei  sehr  hohen  Taglöhnen,  —  hat  dennoch  alle
jene  Schutzzollstaaten  mit  ihrer  Industrie  weit  überflügelt,  hat  sich
bereits  vergleichsweise  zum  ersten  Industrielande  der  Welt
emporgeschwungen.  ---  H.  v.  Marschall  berechnet  den  allgemeinen
Handel;  auf  je  1  Mill.
Einwohner.
der  Schweiz  (1855)  auf  750  Mill.  Frku.  =  500  Mill.
Nordamerikas  (18=%;)  -  2683  -  -  =  Dd
Frankreichs  (1855)  -  3978  -  -  =  112  -
Grosshritanieus  (1854)  -  6711  -  -  =  249  -
        <pb n="269" />
        SCHWEIZ  —  Sociales  (Industríe).

253

Schon  im  Jahre  1853  berechnete  man,  dase  vom  Geeammthandel
der  Schweiz  kämen  auf  den  Verkehr  mit
Frankreich  .  .  BlSMiü.Frcs.  Per  Handel  mit  Frankreich  betrug:
sammtergcbnissen  für  1855  :
Vieh  .  •  •  •  •  •
Waaren  nach  Werth  verzollt  .  •  ^rcs.
Gewicht  -  &amp;gt;  •
Die  wichtigsten  Artikel  waren:
bei  der  Einfuhr

Einfuhr
150,557
r031,2l5
10’128,89-1

Ausftilir
88,045
5’163,697
1’489,514

Durchgang
68,607
1’073,696
530,020

Baumwolle,  rohe
Getreide,  Hülsenfrüchte
Kaffee  und  Surrogate
Mehl
Salz
Wein  in  Fässern
Zucker

Gtr.  238,962
2’384,846
164,459
239.186
345.186
264,370
234,113

bei  der  Ausfuhr
Baumwollengarn  .  •  Gtr.  19,354
Baumwollenwaaren  .
Getreide,  Hülsenfrüchte
Käse
Maschinen
Seide,  Seidewaaren  .
Uhren  aller  Art

150,576
42,149
130,922
32,889
39,078
1,538

Die  wichtigsten  Industriezweige  sind  :  Bamnwollefabnkation  (m
sêSêêM
ma„  isöS  25,291  Seidcnwebstühle,  32,862  Arbeiter,  229,930  verfertiKte
  Stücke  Scidezeug,  wofür  @'291,409  Fr.  an  Arbeitslohn  bezahlt ­
  wurden.  Den  Werth  der  Bamnwollengewebe  schätzte  man  damals, ­
  1864,  auf  40  Mill.  Fr.  (wovon  17  Vs  Mill.  Arbeitslohn).  _
mmssismî
17  000  Frkii  •  1855  Wäre  derselbe  ansehnlich  höher  gestiegen,  ohne
        <pb n="270" />
        254

BELGIEN  —  (Land  und  Leute).

13  MUL,  stieg  jedes  Jahr  über  eine  Mill,  und  betrug  1855  fast  20
Mill.  Auf  jede  Familie  von  5  Personen  kamen  also  in  der  Schweiz
durchschnittlich  40  Briefe,  —
in  Oesterreich  nur  7  in  Frankreich  33
-  Prcussen  28  -  Grossbritanien  83
Münze,  Maasse.  Das  franz.  System  ist  entweder  ganz  angenommen,  oder
bildet  wenigstens  die  Grundlage.  Gesetzlich  ist  nur  die  Silber  Währung  adoptirt.
  Der  Frank  wird  in  100  Rappen  getheilt  (der  abgeschalite  alte  Schweizer
Frank  hatte  etwa  40  kr.  Werth;  die  Mark  zu  35,5984  Schweiz.  Frank).  —  Der
Fuss  =  3  Decimeter.  Der  Stab  4,  die  Ruthe  10  Fuss  =  3  Met.  —  Die  Schweizer
Stunde  zu  16,000  Fuss  =  4800  Met.  —  Der  Juchart  zu  400  Qu.-Ruth.  (40,000
Qu.-Fuss)  =  36  Aren  oder  1,40805  preuss.  Morgen.  —  Die  Maass  (le  pot)
=  V/q  Liter.  Der  Saum  =  1,5  Hectolit.  od.  2,1834  preuss.  Eimer.  —  Das
Pfund  =  Kilogr.,  gleich  dem  deutschen  Zollpfunde.

Belgien  (Königreich).

Provinzen
Antwerpen
Brabant
Westflandern
Ostflandern
Hennegau
Lüttich
Limburg  .
Luxemburg
Namur

Q.-M.

69%
59

54%
67%
52%
44
8^A
66%

536b^

Ende  Dec.  1854

Bevölkerung
1849
413,824
711,332
626,847
781.143
723,539
460,663
185,621
187,978
268.143

Auf  d.
Q.-M.
1^018
12,060
10,637
14,304
10,670
8,741
4,213
2,336
4,020

4’359,090  8,123

Städte.
Brüssel  *)
Antwerpen
Gent
Ijüttich
Brügge
Löwen
Mecheln
Mons
Namur
Verviers
Ostende

4*084,922,  wovon  1*203,516  in  den  Städten.

161,028  Einw.
100,000
90,000
75,000
45,000
28,000
25,000
24,000
22,000
20,000
14,000

Nationalitäten:  1)  Vlämen  (Flamänder),  deutschen  Ursprungs,
ein  entstelltes  deutsch  -  holländisches  Gemisch  redend,  in  Flandern,
Antwerpen,  Limburg,  (1846)  2’471,248  Menschen;  2)  Wallonen,
franz.  Ursprungs,  ein  verdorbenes  Französisch  (wallonisch)  sprechend,
in  Brabant  und  Lüttich  etc.  1*827,141.  Die  Sprache  der  Gebildeten
ist  die  französische,  wie  überhaupt  das  franz.  Element  weit  stärker
sich  entwickelt,  als  das  deutsche.
Geschlechter.  Nach  Quetele’s  nouvelles  tables  de  population
pour  la  Belgique  (1850)  kamen  auf  jede  Million  Einwohner:
1829  bloss  481,315  männlichen  Geschlechts  =  mehr  Frauen  37,370
1846  dageg.  498,829  „  „  „  „  „  2,341
(Sonach  auch  hier  grosse  Verminderung  der  zumeist  durch  die
Napoleonischen  Kriege  herbeigeführton  Ungleichheit.)
Die  Zahl  der  bestehenden  Ehen  auf  jede  Mill.  Einw.  hat  sich
von  146,164  im  Jahre  1829,  auf  156,590  im  .J.  1849  vermehrt.
Confessi'onen.  Die  Einwohner  sind  Katholiken;  es  gibt  blos  etwa
15,000  Protestanten  (die  Angaben  schwanken  zwischen  9000  und  26,000)
und  1500  Juden.
Herrschaftsveränderungen.  Die  vormals  „Spanischen,“  dann  „Oesterreichischen
  Niederlande“  umfassten  zu  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts

*)  1855.  Dazu  etwa  90,000  in  den  Vorstädten,  zus.  250,000.
        <pb n="271" />
        BELGIEN  —  (Finanzen.)

255

■
f»lli
genommen,  =’  “”“'¡72  mit  den  Kosten  der  Geldantnahme  178  Md  .
Staatebahnon  Wten  ,  (die  dentsehe  Meile  1700,000  Fr.).
?“U  betrug  ie  Gesa’mmteinnahme  24’600,000;  die  Ausgabe.
        <pb n="272" />
        256

BELGIEN  —  (Militär,  Sociales).

8,202
0,700
1,990
656

Betriebskosten  .  .  11’350,000  Reingewinn
Verzinsung  der  Anleihen  6’600,000  1852  1’158,000
Tilgungsfonds  .  .  2'000,000  1853  2’980,000
Zus.  19’900,000  1854  4’600,000  =  2,6  %
Miliüir.  Conscription  mit  Stellvertretung;  Dienstzeit  8  Jahre,
wovon  aber  ungefähr  die  Hälfte  auf  Beurlaubung  kommt.  Der  Präsenzstand ­
  im  Frieden  beträgt  etwa  40,000  M.  Die  Formation
ist  folgende:
Infanterie:  16  Regimenter  (1  Carabinier-,  2  Jäger-,  1  Grenadier-,  12
Linienreg.),  mit  49  Feld-  und  32  Reservebataill.,  das  Bataill.  zu
6  Comp,  und  145  Mann,  ungerechnet  Officiere  .  .  .  Mann  56,550
Cavallerie:  7  Reg.  (2  Jäger-,  2  Lanciers-,  2  Cürassier-,  1  Cuiden-)  mit
38  Feld-  und  7  Reserveescadr.,  jede  zu  183  M.  und  180  Pferde
(bei  den  Cürassieren  nur  163  u.  140)  —  7585  Pferde  und
Artillerie:  4  Reg.  mit  4  reit.  u.  21  Feldbatt,  und  18  Festungscomp.,
sammt  152  Feldgeschützen  mit  3105  Pferden  und
Genie:  1  Reg.  von  2  Bataill.  u.  5  Comp.,  1  Comp.  Ponton.,  1  Ouvr.
Train
Zusammen  (mit  10,690  Pferden)  73,998
Hiezu  9  Comp.  Gendarmerie  mit  1065  Pferden  und  ...  1  408
Mit  Einrechnung  der  Deserve  kann  jedoch  die  Armee  auf  100,000
Mann  gebracht  werden.
Festwigen:  Antwerpen,  Mons,  Charleroi,  Philippeville,  Marienburg;
Ath,  Tournay,  Menin,  Ypern;  (lent,  Namur.
Marine:  1  Brigg  von  20,  1  Goelette  von  12,  2  Kanonenschaluppen ­
  von  je  5  Kanonen,  und  3  Dampfer.
Sociill68»  Die  in  Folge  der  1,  franz.  Revolution  zur  Geltung
gebrachten  freien  Prinzipien  :  Abschaflfung  der  Feudallasten,  Theilbarkeit
  des  Grundbesitzes,  Gewerbfreilieit  u.  s.  f.,  verfehlten  auch  in
Belgien  keineswegs  ihre  wohlthätigen  Wirkungen.  Die  Landwirthschaft
ist  vielfach,  allerdings  aus  frühem  Zeiten  schon,  als  eine  musterhafte
anerkannt;  ebenso  hat  das  Gewerbswesen  einen  hohen  Grad  der  Vollkommenheit ­
  erreicht.  Der  Reichthum  an  Steinkohlen  und  die  das  Land
durchziehenden  vielen  Eisenbahnen  und  Kanäle  fördern  mächtig  die
Fabrication  und  den  Handel.  —  Indessen  besitzen  Geistlichkeit  und
Adel  noch  sehr  überwiegende  Macht  und  Reichthümer,  und  ausserdem
drückt  die  Abgabenlast,  so  weit  sie  von  dem  viel  zu  hohen  Militär
etat  (vergl.  „Schweiz“  S.  251),  von  der  dem  Lande  aufgebürdeten
Theilnahme  an  der  holländischen  Schuld,  und  von  den  laufenden  Deficiten ­
  herrührt.  —  Selbst  die  Anfangsgründe  des  gewöhnlichen  ■  Unterrichts ­
  sind  (bei  der  Herrschaft  des  Clerus  über  die  Schulen)  so
wenig  verbreitet,  dass  wir  z.  B.  folgende  Notiz  aus  Ducpetiaux’s  „Statistique ­
  des  Prisons  de  la  Belgique;  1852"  auszuziehen  finden:  In
dem  militärischen  Detentionsgefängnisse  zu  Alost  konnten  (31.  Dec.  1849)
585  Gefangene  weder  lesen  noch  schreiben,
288  konnten  es  unvollkommen,
92  „  „  gehörig.
Handelsverkehr.  Der  allgemeine  Handel  betrug  1854:
WeAhlZSi-  Würkl.W,rth
Einfuhr  62F900,000  651’600,000  Frca.
Ausfuhr  713’500,000  702’800,000
Zus.  I)335’400,000  1,354’400,000
        <pb n="273" />
        257

NIEDERIANDE  —  (Land  und  Leute.)

Dios  bildet  eine  Zunahme  (nach  der  amtl.  Wertlisannahme)
gegen  1853  von  mehr  als  .  .  -  '  ^
^  den  Durchschnitt  der  letzten  5  Jahre  18^®/s3  von  fast  341  „  „  3  .  „
Der  Specialhand  el  Belgiens  ist  in  obiger  bunime  einbegriffen
mit  739Va  Mdb  nach  der  amtlichen  Annahme,  oder  mit  832  /g  nach
dem  wirkliclien  Werthe.  Davon  (amtl.  Annahme)
Einfuhr  443%  Mill.
Ausfuhr  389  „
Gegen  1853  und  gegen  den  5jährigen  Durchschnitt  ergab  sich
eine  Steigerung  bei  der  Einfuhr  von  13  vielmehr  25  Vo.  '^^i  der  AusMm
von  18  heimeln-  51  T
die  Ausfuhr  nur  161  Mill.  aqo7i
1855:  158  Schiffe,  worunter  8  Dampfer,  v.  43,271
Tonnen.  Für  den  Fischfang  waren  etwa  212  Fahrzeuge  mit  loOO
Matrosen  verwendet.
Münze,  Maasse.  Das  französ.  System;  beim  Beide  unter  Abschaffung  der
Goldwährung.  Den  franz.  Maassen  hat  man  eigene  Benennungen  gegeben.  Die
atme  (Elle)  ist  der  Meter;  der  litron  bei  Getreide  =  der  Liter;  bei  Flüssigkeiten
heisst  der  Hectoliter  baril.

Niederlande  (Holland,  Königreich).

Provinzen  Q.-M.
Brabant  .  •  93^2
Geldern  .  •  92  A
Südholland  •  Sa'A
Nordholland  .  45
Seeland  ■  •  ^l'A
Utrecht  .  •  ^5/4
Friesland  .  ■
Oberyssel  .  -  A
Groningen  .  •  41/4
Drenthe  .  •  48  /g
Herzogth,  Limburg  40

Bevölk,  1853
405,525
387,423
591,493
514,755
165,075
155,324
259,508
227,683
197,101
87,944
*)  211,401

694  3'203,232
Qr.Herz.  Luxemburg  47  *)  194,619

Städte
Amsterdam
Rotterdam
Haag
Utrecht
Leyden
Groningen
Mastricht
Dortrecht
Leuwarden
Harlem
Herzogenbusch
Delft
Nimwegen
Zwolle
Arnheim

250,304  (1855)
95,000
66,000
45,000
36,000
33,000
32,000
26,000
25,000
24,000
22,000
18,000
18,000
18,000
18,000

641  3’397,851
Im  Dec.  1855,  ohneLuxemb.  3’261,227  ^  ,
deutsche,  uugemhr  50,000  in  Limburg  und  Luxemburg.
K—  ;;8a.,ç3s  V  V  'T  'fi
Juden  58,518

*)  Nach  diesen  neueren  Notizen  sind  auch  die  Bevölkerungsangaben  S.  190
zu  ergänzen.

17
        <pb n="274" />
        258

NIEDERTANDE  —  (Lana  und  Leute.)
Herrschaftswechsel.  Vor  der  franz.  Revolution  bestand  die  Republik ­
  der  Vereinigten  Niederlande  aus  1)  den  7  vereinigten  Provinzen
(Holland,  Geldern,  Seeland,  Utrecht,  Friesland,  Überyssel  luid  Groningen), ­
  2)  der  kleinen  Landschaft  Drenthe,  und  3)  den  Generalitätslanden ­
  ,“  zu  welchen  llerzogenbusch  ,  Breda,  Bergen  -  op  -  Zoom,
Mastrieht  '  Venluo,  Slttis  und  Hiilst  gehörten.  Man  schätzte  das  Gebiet ­
  auf  625  Q.-M.,  die  Bevölkerung  aut  2Yg  Milk  —  Nachdem  die
Franzosen  im  Jahre  1793  —  nicht  der  Republik  der  vereinigten
Niederlande,  sondern  dem  kurz  zuvor  durch  preuss.  Bayonnette  mit
aller  Gewalt  bekleideten  —  Statthalter  den  Krieg  erklärt,  und
1795  das  Land  erobert  hatten,  erfolgte  eine  Verfassungsumgestaltung
und  Proclarnirimg  einer  „Batavischen  Republik,“  die  nach  dem  Vorbilde ­
  der  französischen  eingerichtet  und  auch  in  8  Departements  eingetheilt
  ward.  Bald  musste  man  Staatsflandern,  Mastricht  und  Venloo,
36  Q.-M.  mit  122,000  Finw.,  an  Frankreich  abtreten.  Der  hriede
von  Amiens  verschaffte  zwar  dem  Staate  die  während  des  Krieges
verlorenen  Colonien  wieder,  doch  mit  Ausnahme  des  wichtigen  Ceylon; ­
  und  auch  für  die  an  Frankreich  abgetretenen  Landestheile  erhielt
Holland  nur  ungenügende  Entschädigung,  nämlich  blos  die  Clcve’schen
Aerater  Huissen  und  Malburgen  von  Preussen.  Im  wiederbegonnenen
Kriege  gingen  die  Colonien  neuerdings  verloren.  Napoleon  dictirte
mancherlei  Verfassungsänderungen  ;  unterm  24.  Mai  1806  verwandelte
er  schliesslich  die  Republik  auch  hier  in  ein  Königreich,  auf  dessen
Thron  er  seinen  Bruder  Ludwig  erhob  (den  Vater  des  jetzigen  Kaisers ­
  Ludwig  Napoleon).  Schon  1807  musste  der  Scheinkönig  das  zwischen ­
  Frankreich  und  der  Maas  liegende  holländische  Gebiet,  mit  einem ­
  Theile  von  Seeland,  und  den  Festungen  Bergen-op-Zoom,  Herzogenbusch,
  Getrudeuburg,  Middelburg  und  Vliessingen,  an  Frankreich
abtreten,  wogegen  er  Ostfriesland,  Jever,  Kniphausen  und  Vaie  ei
hielt.  Der  in  11  Departeinente  getheilte  Königstaat  umfasste  nur  noch
578  Q.-M.  und  2’001,410  Einw.  —  1810  nahm  der  franz.  Kaiser
auch  noch  Staatsbrabant,  Seeland  und  einen  Theil  von  Geldern,  woraus ­
  er  die  franz.  Departeinente  der  Rhein  und  der  Scheldemündungen
bildete.  Als  der  Noininalkönig  Ludwig  darauf  die  holl.  Krone  nieder  -
legte,  erging  unterm  9.  Juli  1810  ein  neues  Napoleonisches  Decret,
welches  auch  den  Rest  von  Holland  dem  franz.  Staat  einverleibte
(Eintheilung  in  die  7  Departeinente:  Zuydersee,  Maasmündungen,  Oberysselrnündungen,
  Oberyssel,  Friesland,  West-  und  Ostems).  Die  misshandelten ­
  Völker  benützten  auch  in  diesem  Lande  Ende  1813  die
Gelegenheit,  das  Fremdjoch  abzuschütteln  ;  die  Holländer  erhoben  sich
noch  vor  dem  Eintreffen  der  alliirten  Heere.  Der  Wiener  Congiess
bildete  nun  aber  unterm  21.  Juli  1814  ein  ,jKönigreich  der  Niederlande,* ­
  aus  der  ehemaligen  Republik,  den  österr.  Niederlanden  und
dem  grössten  Theile  des  Hochstifts  Lüttich.  Das  zu  einem  „Grossherzogthum“ ­
  erhobene  Luxemburg  sollte  dem  neuen  Könige  als
Entschädigung  dienen  für  seine  an  Nassau  abgetretenen  Besitzungen.
Der  zweite  Pariser  Friede  vereinigte  noch  Marienburg  und  Philippeville
mit  dem  Staate.  Von  den  holländischen  Colonien  wurden  das  Cap,
        <pb n="275" />
        NIEDERLANDE  —  (Finanzen).

259

^  Das  Budget  beträgt  meistens  zwischen  70  und  72
gm
für  diese  2  Posten  52%  Mül.  fl.
__  über  70  %  der  Geßammtsuxmne.
        <pb n="276" />
        260

NIEDERLANDE  —  (Finanzen,  Militär).

Nach  der  belgischen  Revolution  machte  der  König  von  Holland
ungemeine  militärische  Anstrengungen.  Die  späteren  Abschlüsse  der
Staatsrechnungen  zeigten  die  Folgen.  Der  wirkliche  Aufwand  war
davon  Militäraufwand  :
ordentlicher  ausserordentl.
12’400,000  28’000,000

1831
1832
IMS

ordentlicher
41’250,000
49’]  93,643
49’886,849
51’300,000
45’450,000

ausserordentl.
46’600,000  ii.
45’242,262
45’242,2G2
4’200,000)
22’800,000

1831

12’]  00,000
1  1’000,000

31’744,100
10’ß03,400

Seit  1841  ist  das  „ausserordentliche“  Budget  beseitigt;  allein  der
„ordentliche“  Bedarf  stieg  sogleich  auf  G3Yg  Milk,  im  nächsten  Jahre
über  71  Vg,  1848  sogar  auf  beinahe  79  Mill.  Seitdem  hat  man  denselben ­
  wieder  vermindert.

Schuld.  Nach  dem  Budget  für  1855  beträgt  die  verzinsliche
Schuld  l,202’516,38ö  d.  Der  jährliche  Bedarf  dafür  war  zu  35’752,797
festgesetzt,  während  derselbe  im  Vorjahre  mit  3G’209,485  H.  erschienen ­
  war.  Daneben  besteht  eine  ^aufgesebobene“  (nicht  verzinste)
Schuld,  deren  Betrag  1844  auf  I,i4()’307,()ö0  ü.  berechnet  ward.
Ungeachtet  der  sehr  bedeutenden  Verschuldung  des  holl.  Staates
war  der  Fred  it  desselben  in  der  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  doch
so  gross,  dass  die  holl.  Schuldscheine,  obwohl  sie  nur  2’/g  Broz.  Zins
trugen,  doch  mit  10  Broz.  Agio  bezahlt  wurden.  Allein  schon  durch
den  Krieg  gegen  England  weg(m  Nordamerika  sank  der  (Jours.  —
1795  musste  die  Republik,  ausser  der  (Gebietsabtretung,  auch  noch
100  Mill.  il.  Kriegskosten  an  Ih'ankreich  entrichten.  Als  Ludwig
Napoleon  den  holl.  Thron  bestieg,  betrugen  die  alten  Schulden
999’102,826  fl.,  deren  Verzinsung  28Vg  Mill,  erforderte.  Die  neuen
Schulden  dazu  gerechnet,  ergab  sich  eine  Gesammtsummo  von  1200
Mill.  Capital  und  36  Mill.  Jahreszinsen,  während  sich  die  regelmässigen ­
  Einkünfte  nur  auf  58  Mill,  beliefen  (daher  u.  a.  1807  ein  zu
7  Proz.  verzinsliches  Zwangsanlehen).  1810  erklärte  Napoleon  die
Zinsen  der  Staats,schuld  auf  ein  Drittel  reducirt.  Unter  Wilhelm  1.
wurden  zwar  die  vermittelst  eines  Federstrichs  beseitigten  Ya  der
Schuld  wieder  anerkannt,  dagegen  bis  zur  Abtragung  des  ersten
Drittheils  und  der  neuen  Schuld  als  unverzinslich  erklärt.  —  1836
sah  man  sich  genöthigt,  die  Colonien  gesetzlich  als  Hypothek  der
Staatsschuld  zu  erklären.  1838  hatte  man  wieder  ein  Deficit  von  11
Mill.  Endlich  erlangte  Holland  eine  wesentliche  Erleichterung  dadurch,
dass  Belgien  zufolge  des  Vertrages  vom  19.  April  1839  eine  jährliche ­
  Rente  von  5  Mill.  Gulden  übernehmen  musste.  Noch  bedurfte
es  indessen  der  ungeheuersten  Anstrengungen  des  Volkes  und  der
reichen  Zuflüsse  aus  Ostindien,  um  ein  Gleichgewicht  im  Staatshaushalte ­
  wieder  herzustellen.

Militär»  Der  Stamm  des  Heeres  ist  au.s  Geworbenen  gebildet.
Die  Dienstzeit  der  Conscribirten,  mit  dem  20.  Altersjahre  beginnend,
dauert  zwar  eigentlich  5  Jahre,  indessen  werden  sie  nach  einigen
Monaten  als  Miliz  entlassen,  und  nur  alljährlich  während  einiger
Wochen  wieder  cingeübt.
        <pb n="277" />
        NIEDERLANDE  —  (Militär,  Sociales).

261
Linie.  9  Heg.  Infanterie  (1  drenad,  und  Jäger  8  eigentliche
Linie);  5  Keg.  Cavallerio  (i  Drag,  und  1  Inmburgor  Jager)  ;  a  Keg.
Artillerie  (1  |.'ekUrtill.-llog.  mit  11,  1  reit.  Keg.  nut  4  Battenen  eu
B  Kanonen,  :)  Festnngöart.-Kcgun.  etc.),  (lesanuntötaikc.
Offlciere  Soldaten
Infanterie  1030  42,677
^237

Cavalleric
Artillerie  etc.

166
473

0,376

1660  56,290
Zus.  57,059  mit  120  Feldgeschützen.
43,000,  mit  der  Miliz  140,000  AL
Marine.  Stand  im  Januar  lö5b:
frag,  zu  51  u.  45,  und  1  rasirtc  zu  28  Kan.,
13  Corvetten  zu  18-28  K.  (9  Segler  u.  4  Dampfer),
9  Briggs  zu  12—18  Kanonen,
19  Schooner,  3  Transportschiffe  und  56  Kanonenboote
120  Fahrzeuge  mit  etwa  2100  Kanonen.
Im  Juli  1854  zählte  mau;
im  activen  Dienste,  europ.  Seeleute  .6180  M.
indische  Eingeborene  •  •
1,„  die'stärke  der  holl,  piotte  zu  24  Linienlülüliü

ausser  Aetivität  03  Schiffe.
        <pb n="278" />
        é:

4"^

262

NIEDERLANDE  —  Auswärtige  Besitzungen

jeder  Lebensgenuss  verkümmert  durch  eine  Menge  drückender,  zumal
indirecter  Abgaben,  ohne  dass  der  Verdienst  in  gleichem  Maasse  gestiegen ­
  wäre.  Der  Vortheil  aus  dem  Staatsaufwande  kommt  vornämlich ­
  einzelnen  Classen,  wie  der  Maatschappy,  zu  statten.  Eine  schlimme
Rückwirkung  jener  Verkümmerung  der  Lebensgenüsse  auf  den  Volkscharacter
  konnte  nicht  ausbleiben.  Indessen  hätte  man  sehr  Unrecht,
die  Holländer  nur  als  kleinliche  Krämer  anzusehon.  Noch  ist  dieselbe
Nation  vorhanden,  welche  stets  kühn  den  Wogen  Trotz  hot,  und
welche  zuerst  ihr,  dem  Meere  abgerungenes  Land  mit  Kanälen  nach
allen  Richtungen  durchfurchte;  auch  in  der  Neuzeit  haben  die  Holländer ­
  unter  dem  Drucke  sehr  schlimmer  Einanzzustände  durch  Anlage
des  grossen  Canals  vom  Helder  nach  Amsterdam,  Erbauung  von  Eisenbahnen ­
  (etwa  40  Meil.),  Trockenlegen  des  s.  g.  „Haarlemer  Meeres“
(die  Kosten  wurden  sogleich  auf  10  Mill.  fl.  geschätzt)  und  Entwicklung ­
  ihres  Colonialbesitzes,  bewiesen,  dass  sie  auch  jetzt  vor  grösseren
Unternehmen  keineswegs  zurückweichen.
Handelsmarine  (nach  officiellen  Angaben):
Ende  1854  2156  Schiffe  von  519,016  Tonnen
„  1855  2230  „  „  551,854  „
Handelsverkehr.
Einfuhr
1851  303’993,224
1852  322719,559
Münze,  Maasse.  Der  Holland.  Gulden,  etwas  geringer  als  der  rheinische,
die  Mark  ausgeprägt  zu  24,7466,  oder  fast  24*/*  fl-  (die  Goldwährung  ist  abgeschafft). ­
  —  Die  Maasse  sind  die  französisch-metrischen,  mit  Holland.  Benennung. ­
  Die  myl  ist  der  Kilometer,  die  Elle  der  Meter,  der  palm  —  1  Decimet.,
der  duim  (Daum)  =  Centimet.  —  hunder  =  Hectare;  mudde  od.  zah  (Muth
od.  Sack)  =  Hectoliter;  schepel  (Scheffel)  =  Decaliter;  hop  (Kopf)  =  Liter.
Als  Flüssigkeitsmaass  heisst  der  Hectoliter  vat  (Fass),  der  Liter  han  (Kanne).
Das  pond  ist  das  Kilogr.
Auswärtige  ßesitzungeii*  Dieselben  sind  noch  sehr  bedeutend, ­
  oder  vielmehr  sie  sind  es  neuerdings  geworden.  Umfang
und  Volkszahl  werden,  natürlich  nach  blos  mehr  oder  minder  verlässigen ­
  Schätzungen,  so  berechnet:

Ausfuhr
242744,806  fl.
272’484,635

Q.-M.
28,923
2,830

Volksmenge
12’006,700

76,500
100,000
Colonialbesitz  ungef.  32,000  12*200,000
Die  Bevölkerung  der  ostindischen  Besitzungen  ward  für  Anfang
1853  officiell  folgendermaassen  berechnet:
Java  und  Madura  .  9*950,000  Einw.
Sumatra  (Westküste)  .  1*015,000
Benkulen  .  .  110,000
Lampuhn  ,  ,  54,000
305,000
20,000
47,000
6,700

Borneo'  (Westküste)
„  (Ostküste)
Celebes
Menado
Ternate
Amboina
Banda
Timor

245,000
37,000
34,000
100,000
3,000
72,000
6,000
9,000

Colonien
in  Asien  (indische  Inseln)

in  Australien
in  Amerika
in  Afrika

500

Palembang
Rhio
Banca
Billiton
        <pb n="279" />
        DÄNEMARK  —  Land  und  Leute.

263

Die  Besitzungen  in  Amerika  sind:  Surinam  und  einige  westindische ­
  Inseln:  St.  Martin,  Curaçao,  Kustaz;  (auf  Surinam,  nach  den
ministeriellen  Kammervorlagen  von  1856:  1322  Freie,  38,689  Sclaven,
und  742  M.  Besatzung).  —  In  Africa  haben  die  Holländer  13
Forts  und  Factoreien  auf  Guinea  (mit  118  M..  Besatzung).  In  Australien ­
  nahmen  sie  1829  einen  Strich  auf  der  Westküste  von  Neu-Guinea
  in  Besitz.  Noch  ist  zu  erwähnen,  dass  sie  in  Japan  das  kleine

Inselchen  Dezima  innehaben.
Der  Handel  von  Java  und  Madura  ward  1852  so  berechnet:
vom  Gouvernement  von  Privaten  zusamdien
Einfuhr  8777,119  3r515,578  40’292,694  fl.
Ausfuiir  36769,294  23'687,603  ,  58'846,897
Der  Handel  Surinam’s  dagegen  war  1855  nur:
Einfuhr  2762,697  fl.,  wovon  1’371,057  aus  Niederland
Ausfuhr  3’052,599  „  2729,161  nach  „
In  Indien  unterhält  Holland  eine  Landmacht  von  21,158  M.
Die  dortige  königliche  Marine  hat  2053  Europäer  und  559  Eingeborene ­
  zur  Bemannung.

Dänemark  (Königreich).

A.

Königreich  Dänemark.
Kopenhagen  ....
Seeland  u.  Moen  .
Bornholm  ....
Föhnen  u.  Langeland  -
Lolland-,  Falster  etc.
Nord-Jütland
Bevölkerung  am  1.  Febr.  1855

Q.-M.  Bevölkerung  1850
183(4
10%
60%  187,818
30  Vü  79,017
456%  604,525
691%  lW7,747
1799,850

j129,695
I378,765
27,927

B.  Die  Herzogthümer.
Schleswig
Holstein
Lauenburg

1855
167  395,795
166  623,628
21  49,475
354  968,798

C.  B  e  i  1  ä  n  d  e  r.
Färöer
Island
Grönland  (Küste)  .

Frühere  Aufnahme
23%  8,150
1800  60,000
186  9,400

In  Westindien:
St.  Croix
St.  Thomas
St.  Jean

Gesammtsumme  ungefähr

3Vj  23,720
1  13,666
1  2,228

2015  117,164
3000  2’580,000

jVafmzmZÄÄOM:.  IJdxir  1(4  Nüllionen  Dirnen  u.  ehva  900,000  Deutsche.
Coyifessionen.  Lutheraner,  ausserdem  etwa  700  Katholiken,  4000  (6000)
Juden  und  angeblich  2236  Mormonen.
        <pb n="280" />
        264

DÄNEMARK  —  Finanzen.

Städte.  Im  eigentlichen  Dänemark  (1855):
StadtbeYÖlkerung  328,611
Landbevölkerung  1’171,230
T  ,  „  ...  Kopenhagen  143,591
In  denUerMglhumcrn;  Flembm-g  18,872.  SolUe,wig  12,4«,  Altona  40,426
i.dmtm,erand(run,jm.  Zu  Anfänge  dos  19,  .lalirluniderts  gelierte
noch  Norwegen  zu  Dänemark,  Im  Frieden  von  Kiel,  14.  Jan  1814
musste  es  dieses  an  Sehweden  abtreten.  Es  erhielt  Sei,wedisel.-Pommern ­
  als  angeblichen  Ersatz,  iiberliess  dasselbe  aber  an  Pressen  ne
gen  Eauenbiirg  und  1  Mill.  Tlllr.  in  Geld.  ®
«.'f:?:  fs  t  rjfi'sÂïS;  t
den  Uesammtstaat,  sclihesst  mit  jährlicli  14’182,355  4'hlr.  ab.  Die
Hauptpositioneri  sind  :
p,  ,  diesem  allgemeinen  Bcicb.sbudget  bestellen  noch  besondere
Etats  fur  die  einzelnen  Ilieile  des  Staates,  und  diese  müssen  um  so
mehl  beachtet  werden,  da  viele  Ausgaben  als  Provinciallastcn  figuriren,
  welche  anderwärts  in  der  allgemeinen  Staatsrechmung  erscheinen.
Aus  dem  Jahre  kennen  wir  folgende  besondere  Budgets  :
Königreich  Schleswig  Holstein
Einnahme  5’090,842  1’235,030  1764,194  Thlr
Ausgabe  6'106,066  r366,628  r919!932
^  Deficit  14,214  131,892
ln

r  ,  "rt  ,,  -,  aoi,o»-j:  159,000
be.f  dl«»c:  der  Däiiisehc  lieiclistag
bestimmt  die  Grosse  der  Zuschüsse,  welolie  die  eiusclnen  Laiidestlieile
zu  den  Eeichseinkuiiftonbeiziitiagcu  haben;  die  Sonderlandtage  renartiren
nur  die  Quote  m  ihrem  Gebiete,  nach  dem  Maasstabe:  bO  Proz  v
Kömgrciehe,  17  y.  Schleswig,  2.9  v.  Holstein;  Lauenburg  muss'set
nen  ganzen  Ueborschuss  abliefern.  _  Das  letzte  dänische  liudget
M-n  nu?  """  Ausgabe  von  etwas  über  10%
Ulli,  llilr.  Der  erste  Ge.sammtstaatliehe  Voraiisclilag  (18.')3  —.54)
orderte  (Gesammtstaats-  und  Provinciallasten)  nabe  an  21  Mill.  -  das
udget  für  18%  begehrte  wieder  eine  Million  mehr.  Zudem  ward
mohr  ausgegeben,  nämlich  über  22Y3  und  hbor  28  Milk  Das
udget  fur  die  beiden  nächsten  Jahre  übersteigt  25  Mill.  Der
em  cinisc  ICH  Reichsrathe  vorgelcgte  Normalbudgetentwurf  für  1856
berechnete  den  Reinertrag  der  D  0  m  än  0  n
im  Königreiche  auf  1’617,600  Thlr.
in  Schleswig  u.  Holstein  3’428,400
in  Lauenburg  über  500,000

vom
        <pb n="281" />
        DÄNEMARK  —  Finanzen.

265

In  Dänemark  sind,  ausser  den  Forsten,  alle  Domänen  verkauft.
Eben  hat  man  begonnen,  auch  die  der  Herzogthümer  zu  veräussern
(vergl.  S.  189).  —  Eine  eigenthümliche  Einnahmequelle  bietet  der
SundzülL  Die  auswärtigen  Seemächte  dringen  auf  dessen  Abschaffung;
Dänemark  fordert  Ablösung,  und  zwar  im  Betrage  von  35  Mill,
lldr.,  wovon,  nach  Maassgabe  der  bisherigen  Abgaben,  u.  a.  zu
ilberuehmen  hätten:

England  10’126,855  Tlilr.
KussJand  9’73i),i)93
Freussen  4’440,027
Schweden  1’590,503

Holland  1’408,060
Frankreich  1’210,003
Dänemark  selbst  1’122,078
Norwegen  667,225

Russland,  Schweden,  Norwegen  und  Oldenburg  sollen  dem  Vorschläge ­
  solcher  Ablösung  zugestimmt  haben.  Nordamerika,  obwohl
nur  von  einem  kleinen  Betrage  getroffen,  scheint  hiezu  wenig  geneigt.
Staatsschuld.  Am  31.  März  1854  belief  sich  dieselbe  auf
121’4()0,000  Tlilr.  RM.;  Voranschlag  für  den  Schluss  des  Finanzjahres ­
  125  Mill.
Im  Ganzen  ergaben  sich  innerhalb  7  Jahren:
Vermehrung  der  eigentlichen  Schuld  20’000,000
Verminderung  des  Activvermögens  12’500,000
„  „  Reservefonds  3’300,000
Gesammteinbusse  etwa  36  Mill.
Das  Papiergeld  besteht  in  Reichsbankthalern  ;  1856  waren  davon  für
13’411,918  Rbthlr.  in  Umlauf.
Geschichtliche  Notiz.  Das  „Königsgesetz“  von  1660  (welches
dem  Herrscher  die  maassloseste  Gewalt  einräumte),  zeigte  seine  verderblichen ­
  Wirkungen  auch  in  dem  Finanzwesen.  Unter  der  Herrschaft ­
  dieses  Gesetzes  stieg  die  Schuld  schon  1771  auf  15’915,896
Rthlr.,  wovon  man  bereits  einen,  wenn  auch  kleinen,  Theil  als  „verjährt“ ­
  erklärte;  unter  der  Herrschaft  dieses  Gesetzes  erfolgte  sodann
1813  ein  förmlicher  Staatsbankerott,  wobei  man  sich  mit  der
königlichen  Verheissiing  zu  begnügen  hatte,  dass  inskünftige  ein
jährliches  Budget  veröffentlicht  werden  solle.  Diese  Verheissung  ward
1835,  also  nach  22  Jahren!  —  zum  ersten  Male  erfüllt,  —‘  Im  J.
1813  betrug  die  gewaltsam  reducirte  Staatsschuld  142  Mill.  Rbkthlr.
Papier;  das  i'apier  galt  nur  V4  seines  Nominalbetrags  in  Silber;  sonach ­
  =  35V2  Mill.  Mehrfache  neue  Anlohen  vermehrten  die  Schuldsumme ­
  rasch  aufs  Neue.  Sie  betrug  in  Silber  1841  116’608,000  Tlilr.
Erst  jetzt  begann  einige  Verminderung,  so  dass  1848  noch  105  Mill,
erschienen.  Nun  bekam  man  für  das  „Königreich“  folgende  Resultate ­
  :

Jahr  Einnahme
1849  ll’052,99()
1850  12’982,365
1851  13’373,449
1852  17’()56,719

Ausgabe
21’318,90l
22’871,182
15’092,362
19’106,338

Deficit  Deckungsweise
QU  I  Englisches  Anlchen  v.  Rbthlr.  7  Mill.
10  "35,9111  Kriegssteuer  v.  5  .
Q'««s  817  '  Anleihe  v.  6  -
'  I  u.  Kriegsstcuer  v.  5’274,()00
1’718,913  Kriegssteuer  .  ,  1’102,000
2’049  619  ^  Anleihe  .  .  l’358,000
’  I  u.  Vermindernug  des  Cassastandes.
        <pb n="282" />
        mmi

M.-:  V

x:.

•A'-Vß&amp;amp;j



266

DANEMARK  —  Militärwesen.

Die  Staatsschuld  der  „HerzogthÜrner,«  durch  inländische
Anlehen  contrahirt,  betrug  Ende  1850  10’063,46l  Rbkthlr.  Dänischer
Seits  ward  diese  Schuld  nichtig  erklärt.  Ausserdem  waren  für  2  Mill.
Cassascheine  ausgegeben,  welche  Holstein  allein  einzulösen  hat.
MilUHrwesen.  Conscription.  Die  mit  dem  22.  Altersjahre
beginnende  Dienstzeit  dauert  8  Jahre,  wovon  4  (bei  der  Artillerie
blos  2)  auf  die  Kriegsreserve  kommen.  Dann  8jährige  Dienstpflicht
im  ersten,  später,  bis  zum  45.  Altersjahre,  im  zweiten  Aufgebote.
Infanterie:  23  BatailL,  nemlich  1  Leibgarde,  12  Linie,  5  leiciiie,  dann  5
Jagerbataill.,  zu  4  Comp.,  ziis.  im  Fried.  16,630  M.  —  Cavallerie:  27  Schwadr.
(L^bgarde  Gardehusaren,  6  Dragonerreg.  zu  áEsoadr.),  2806  M.  —
A  ^  Batterien  zu  8  Kanonen)  2560  etc.  Zusammen  22,900.  Während
Krieges  ward  die  Stärke  so  angegeben:  Infanterie
49,301,  Cavallerie  10,627,  Artill.  9000,  zus.  69,000  mit  144  Geschützen.
Íestungen.  Copenhagen  mit  der  Citadelle  Eriedrichshafen,  Krönbiirg,
  Korsör,  Nyborg,  Friedrichsort,  Friedericia,  Cliristianör  bei
Bornholm.  (Rendsburg  ist  geschleift.!
Marine.  Liste  von  1854:

5  Linienschiffe  (3  à  84,  2  à  72  u.  66  Kan.)  .  .  .  ,
6  Fregatten  (v.  44—60)  ]  ]
4  Corvetten  (v.  14—28)
1  Barkschiff  t  .  .
4  Briggs  (v.  12  u.  16  Kanonen)
3  Schooner  (v.  1  u.  8)  *
90  Kanonenschaluppen  ]
6  Dampfschiffe  (2  à  260,  1  h  200,  1  à  160,  1  k  120  Pferdekraft)
1  Kutter  :
120  Schiffe  mit  2000  M.  und

390
290
82
14
56
10
90
36
6

Kan.

883  Kan.

Summarische  Angabe  vom  1.  Jan.  1858.
5  Liniensechiffe  5  Briggs
7  Fregatten  67  kleinere  Schiffe
7  Corvetten  —^
Dänemark  hatte  1785  eine  Landmacht  von  75,263  M.,  wovon
35,715  auf  Norwegen  kamen.  Da  der  grösste  Thcil  aus  Landwehr
bestand,  so  betrugen  die  Kosten  nur  1’663,922  Rthlr.  Die  Marine
zählte  60  Schiffe  (darunter  33  Linienschiffe,  zum  Theil  unbrauchbar)
mit  2660  Kanonen,  10,964  Matrosen  und  5600  Seesoldaten.  In  der
Seeschlacht  bei  Copenhagen,  2.  April  1801,  litt  die  dänische  Flotte
bedeutend  (waren  doch  auch  von  der  englischen  Flotte  unter  Nelson
14  Schiffe,  wobei  2  Linienschiffe,  kampfunfähig).  Nach  dem  Bombardement ­
  Copenhagens,  2.-5.  Sept.  1807,  führten  die  Briten  die
gesammte  dänische  Flotte  hinweg-  18  Linienschiffe,  15  Fregatten,  6
Briggs  und  25  Kanonenboote.  —  Tm  Feldzuge  von  1813  stellten  die
Dänen  den  Franzosen  12,000  M.  Ilülfstruppen.  —  Jrn  Schleswig-Holsteinischen
  Kriege  kämpften  beide  Uieile  sehr  tapfer.  Die  Dänen
verdanken  indess  ihre  Erfolge  wesentlich  theils  der  Marine,  theils  der
Ungeschicklichkeit  der  ihnen  entgegengcstellten  Führer,  und  dem  Mangel ­
  einer  ernsthaften  Kriegführung  Preussischer  Seits.
ScbiflTalirt«  Der  Gesammtstaat  hatte  Anfangs  1855  4310
        <pb n="283" />
        SCHWEDEN  —  Land  und  Lente.  267
Fahrzeuge  von  mehr  als  2  Commerzlasten,  zusammen  mit  100,965
Last.  Hievon  gehörten  :
Dänemark  2108  Schifte  v.  54,843  Last
Schleswig  1274  „  „  26,456  „
Holstein  928  „  „  19,665  „
Münze.,  Maasse.  Zufolge  Gesetzes  v.  10.  Fehr.  1854  ist  der  Reichshank-Münzfuss
  eingeführt;  der  Reichshankthaler  heisst  nun  „Thaler  Reichsmünze.“
Er  hat  =  6  Mark  =  96  Schillinge  und  ist  gleich  %  Thlr.  preuss.  —  Der
Fuss  (fod),  dem  rheinischen  fast  gleich.  Die  Last  (laest)  hat  22  Tonnen,  die
Tonne  2,53  Berliner  Scheffel.

Schweden  (Königreich).

Das  Areal  wird  zu  3868  schwed.  =  8005  deutsch.  Q.-M.  berechnet. ­
  Leber  500  schwed.  =  1100  deutsche  Q.-M.  sind  von  Seen
eingenommen.  Die  Bevölkerung  betrug  im  Jahre  1850:

Stockholm,  Stadt
Blekinge  .  Lan
Calmar
Christianstads
Elfshorgs
Oefleborgs  .
Gottlands
Göthehorgs  .
Mailands  »
Jemtlands
Jönköpings  .
St.  Kopparhergs  .
Kronobergs
Malmöhus  .

.  93,070
(Bezirk)  107,827
„  202,178
„  189,627
„  246,136
„  120,158
„  44,572
„  187,583
„  105,726
„  163,426
„  151,497
„  136,623
„  253,084

Nerikes  .  .  Län
Norrbottens  .  .  „
Stockholms  .  .  „
Skaraborgs  .  .  „
Södermanlands  .  „
Upsala  .  .  „
Westerbottens  .  „
Wester-Norrlands  „
Westmanlands  .  „
Wermlands  .  „
Östergöthlands  .  „
Zusammen
Männlich  1’687,248
Weiblich  1’795,293

137,660
55,751
114,643
199,897
120,113
89,323
70,758
99,558
96,691
221,885
222,484
3’482,541

In  den  5  Jahren  1846—50  ergaben  sich  im  Durchschnitte  :
Geburten  104,822;  männlich  48,947,  weiblich  46,561;  dav.  unehel.  10,314*)
Sterbfälle  70,991;  „  36,241,  „  34,750.
Heirathen  (1850)  26,267.
*)  In  Stockholm  1630  eheliche  u.  1303  unehel.  Geburten.
Confessionen.  Die  lutherische  ist  gesetzlich  die  herrschende.
Katholiken  rechnet  man  indessen  etwa  900,  Mormonen  400,  Juden  an
1000.  —  Nationalitäten.  Der  Schwedische  Stamm  ist  ein  Zweig  des  germanischen. ­
  Die  Zahl  der  zur  tsclindischen  Familie  der  mongolischen
Hace  gehörigen  Lappen  soll  nur  ungefähr  4000  Individuen  betragen
(dürfte  aber  doch  stärker  sein).  —  Städte.  Stockholm  (1851)  93,070
Einw.,  Gothenburg  32,000,  Norköpping  19,000,  Karlskrona  15,000,
Malmöe  10,000.  —  Gebietsveränderungen.  Zu  Anfänge  des  jetzigen
Jahrhunderts  umfasste  das  schwedische  Reich:
Q.-M.  Elnw.
Schweden,  Gothland,  Nordland  u.  Lappland  8,000  2’250,000
Finland  3,000  624,000
Vorpommern,  Rügen  u.  Stadt  Wismar  .  90  110,000
Zusammen  etwa  11,100  3’000,000
1803  ward  Wismar  an  Mecklenburg  verkauft  oder  eigentlich
nur  verpfändet.  Die  Theilnahme  Schwedens  am  Kriege  von  1806  ge-
        <pb n="284" />
        268

SCHWEDEN  —  Finanzen.

gen  Napoleon  zog  den  Verlast  Pommerns  nach  sich.  Durch  den
h  nedensvertrag  vom  17.  Sept.  1809  musste  sodann  Finland  an  das
Russische  Reich  überlassen  werden.  Gegen  Reitritt  zum  Gontinentalsystem
  ward  Pommern,  6.  Jan.  1810,  wieder  erlangt.  Die  Theil-^hme
  am  Kriege  gegen  Napoleon  von  1813  l'ülii-te  im  Frieden  von
Kiel  14.  Jan.  1814,  zur  Erwerbung  Norwegens,  das  jedoch  als  selbständiger
  Staat  anerkannt,  und  wogegen  auch  Pommeni  abgetreten
werden  musste.
Finanzen*  Das  Budget  für  die  3  Jahre  1854—60  scliliesst
so  ab  :

Einnahme:  A.  Ordentliche  (Domänen,  einschliesslich  d.  Ueberschlisse
  des  vorigen  Jahres)  .  .  Rthlr.  Oydá.BOü
B.  Ausserordentliche  „  »'395,600
Zusammen  JltlihTï  .l'ÖöBTjÖÖ
^  „  I2'870,920
Ueberschuss  Rthlr.  0481,.380
Uiitcr  den  ausserordctlicbo.i“  Ei„na,l.mei,  sind  nllc  dircctou
uud  indirecten  Stenoni  aiifgeflihrt.  Der  Ertrag  dee  Zolle»  ii.abcsoudcro
aber  185-1  7438,Ä05,  1855  8’yi0,a-13  TI,Ir.  (1821  ,v,ir  der  Zollerti-ag
  nur  1'584,042,  1831  2’li41,ü87,  1840  :l’(i00,203).  Der
Stempel  erträgt  etwa  700,000,  die  llraimtweiiisteuer  früher  G80,000,
18o5  über  3  Mill.,  die  Accise  fast  200,000,  dio  Post  früher  600,000
18o5gegen  1  Vs  Mill.,  dieGrumlsteuor4  Mill  —  Unter  den  Ausgaben
'  781,000,  Landmacht  ungefähr  4'300,000,  Marine
1680,000,  Finanzministerium  1780,000,  Pensionen  650,000  —
Der  grösste  Thei  des  Landhecres  und  eine  Menge  von  Civilbeamten
werden  aus  bestimmten  Krongütern  unterhalten,  wofür  der  entsprechende
Geldbetrag  gar  nicht  in  der  Ilauptstaatsrechmmg  erscheint.  (So  war
mm  .^13  für  die  Landmacht  im  Jahre  1850  6’449,421
Ihlr.  Banco.)  Im  Januar  und  Februar  1854  bekam  die  Regierung
ausserordentliche  Credite  für  die  Vortheidiguug,  nämlich  589  814
und  2Va  Milk,  bewilligt.  '
Schuld.  1819  ward  die  auswärtige,  anfangs  der  1840er  Jahre
die  gewöhnliche  inländische  Schuld  getilgt.  Allein  es  circulirt  für
ungefähr  22Va  Mill.  Papiergeld,  und  ausserdem  wurden  1852  und  53
zwei  Anlohen  aufgenommen,  das  erste  von  450,000  Pfd,  Strl.  zu  provniciellen
  Laudverbesserungeu  bestimmt,  4prozeutig,  das  zweite  von
3  Mill.  Mrk.  Beo.,  —  zusammen  7’252,941  Thlr.  Schwed.  Banco
0  er  4  110,000  Ihlr.  Cour.  Das  Papiergeld  und  diese  Anlchcn  zu-^immen
  genommen,  ergeben  eine  Schuld  von  nicht  ganz  30  Mill
Thaler  Banco.
.  ÎWIlItÜr.  A.  Amjeworhenc  Truppen  (Värfvade);  meistens  auf  G
(mindestens  aut  3,  höchstens  auf  12  Jahre)  geworben.
2  Garde-Infant.-Regim.  (zu  2  Bataill.  à  4  Comp.),  1  Jägerreg.  (  Wärvieland,
6  Comp.)  ,  1  Eeibgarde-Reg.  zu  Pferde  (4  Escadr.),  1  Husarerireg.  (8  Escadr.l
3  Artillene-Keg.  mit  12  fahrenden  Batterien,  4  reitenden  und  1  Fussbatterie.  '
        <pb n="285" />
        269

SCHWEDEN  ^  Militär,  Socialem.
fí.  EingetheÜte  Truppen  (Indelta).  Sie  crlialten  theils  von  Gnuid-•besitzovn,
  tlieils  aus  bestimmten  Krongütern,  ausser  ilirem  forp  (Wolmliaus
  und  Acker),  einen  jälirlicben  Lohn  in  Geld  oder  Naturalien;
nur  im  Dienste  empfangen  sie  Sold.  Während  4  Wochen  werden  sie
alljährlich  zu  l’ebungeu  vereinigt.  Die  Dienstpflicht  hört  erst  mit  der
])ienstfähigkeit  auf.  —  (J.  MUtz  von  íjotMand;  21  Compagnien,  zum
stehenden  [leere  gcrechuet.  —  I).  öomcriptionstrnppen  (ßevaermg).
Seit  1812  ist  jeder  Schwede  vom  20.—  25.  Altersjahre  dienstpflichtig ­
  erklärt,  (Í)io  Ausheluuig  betrug,  naeh  einer  uns  vorliegenden
Notiz  von  1852,  18,882  M.,  von  denen  1632  Ersatzleute  stellten.)  —
lieber  die  Stärke  der  Armee  liegen  uns  u  a.  folgende  zwei  Listen  vor:
Värfvadc  .  .  7,(&amp;gt;92
Indelta  .  .  88,405
Miliz  V.  Gothland  7,021
lîevaering  .  .  95,295
zusammen  144,010
mit  152  Feldstücken.
In  einem  Berichte  des  Medicinalcollegiums  v.  1852  finden  wir  die  verschiedenen ­
  Theile  der  gewöhnlichen  Armee  (nach  Abzug  der  Marinemannschaft)  mit
00,807  M.  aufgeführt,  wovon:  Kongl.  Sven  Li/garde  20,287,  Lifgardet  tili  liäsi
8041,  andra  Lifgardel  15,109,  Sven  ArtUIeri  19,180  etc.
Festungen.  An  den  Küsten  :  Marstrand  mit  Karlston,  Göteborg
mit  Elfsborg,  Karlskrona  mit  Kungsholm  und  Drottingkär,  Stockholm
mit  Waxholm  und  Frederiksborg.  Im  Innern  besonders  Karlsborg.
GeschichtUche  Notizen.  1782  zählte  das  Heer  48,388  M.,  wovon
1800  M.  Garde,  und  31  andere  Infanterie-  und  14  Cavailerie-Regimenter.
  In  dem  Kriege  gegen  die  Russen  von  1809  schlugen  sich
die  Truppen  gut,  hatten  aber  eine  schlechte  Führung,  abgesehen  von
der  feindlichen  Ueberzähl.  1813  leisteten  sie  wenig,  weil  ihr  Obergeneral ­
  (Bernadette,  damals  Kronprinz  von  Schweden)  jedes  ernstliche
Zusammentreifen  mit  den  Franzosen  absichtlich  vermied.
Marine  ;  Mitte  1855  :
11  lamenschifle  (4  von  84,  7  v.  74  Kan.),
8  Fregatten  (2  v.  60,  3  v.  48,  2  v.  40,  1  v.  36),
4  Corvetten  (worunter  1  Dampfer),
6  Briggs,  2  Scl)ooner,  5  kleine  Dampfer  u.  250  Kanonenschaluppen.
Zusammen  286  Fahrzeuge  mit  225  Officieren  u.  14,950  M.
Sociales*  Es  gibt  4  w'esentlich  verschieden  gestellte  Stände:
1)  Adel,  so  zahlreich,  dass  man  im  Jahre  1823  1296  stimmhabende
adelige  Geschlechter  zählte  (in  England  waren  der  im  Oberhause
stimmberechtigten  adeligen  Geschlechter  nur  314);  der  Adel  ist  äusserst
  bevorzugt,  bekleidet  ausschliesslish  die  Hof-  und  fast  alle  höheren ­
  Civil-  und  Militärstellen  (nur  in  der  Geistlichkeit  sind  fast  alle,
in  der  Justiz  die  meisten  Stellen  mit  Bürgerlichen  besetzt);  das  gesammtc
  Vermögen  der  2400  Adelsfamilien  wird  auf  71  Mill.  Rthlr.
berechnet  ;  Vg  des  Areals  von  Schweden  befindet  -sich  im  Besitze  des
Adels;  dennoch  verarmt  derselbe,  und  wird  bei  der  fortschreitenden
allgemeinen  Culturentwicklung  von  den  Bürgerlichen  vielfach  überholt;
er  sinkt  auch  sichtlich  um  so  mehr,  seit  Jedermann  Guter  mit  Adelsvorrechten ­
  erwerben  kann.  —  2)  Geistlichkeit,  gleichfalls  sehr  mäch-Iiifanterie

  .  .  85,000
Cavallerie  .  .  5,580
Artillerie  .  .  4,690
Miliz  V.  Gothland  9,000
'Nationalmiliz  .  14,000

zusammen  118,270
        <pb n="286" />
        270

NORWEGEN  —  Land  und  Leute.

tig.  3)  Bürger:  83  Städte  senden  Reichstagsmänner.  —  4)  Bauern:
sie  müssen  %  der  Staatslasten  tragen,  das  Provinciallieer  (Indelta)
unterhalten,  und  die  Strassen  bauen;  die  Gutszertrümmerung  ist  erschwert,
  und  es  bestehen  viele  Feudallaston.  (Ein  schwedisches  Blatt
ausseide  kürzlich:  Unsere  Standesunterschiedo  machen  den  Bauer
wenigstens  den  nichtreichen,  zu  einem  Paria.  Ein  ärgeres  Schimpf'
wort  als  ,Bauer«  kennt  der  Schwede  nicht.  Der  schwedische  Bauer
wird  von  jedermann  mit  einem  verächtlichen  Du  angeredot  und  er
selbst  hält  jedennann  fÿ  berechtigt  dazu.  Der  stolze  schwedische
Adel,  so  stolz  wie  in  keinem  Lande,  hält  den  Bauer  nicht  höher,  als
man  nn  Mittelalter  die  Leibeigenen  hielt.  Neun  Zehntel  der  Volkszahl ­
  Schwedens  bestehen  aus  Bauern,  und  diesen  ist  nicht  ein  Viertel
der  psetzgebenden  Macht  zugefallen.  Die  Stimmenzahl  der  andern
Stande  auf  dem  Reichstag  ist  dreimal'grösser,  und  sonach  sind  die
Bauern  niemals  im  Stande,  irgend  etwas  selbständig  durchzusetzen,
und  werden  bei  allen  Gelegenheiten  überstimmt.  Daher  denn  auch
die  gesteigerte  Anzahl  der  Auswanderungen.)  1850  rechnete  man:
6,402  männl.,
6,862  „
82,818  „
34,495  „
0180,615  „
Handelsverkehr.  Nach  dem  Berichte  des  Commerzcollegiums  beírlãlfíi
  jener  der  Ausfuhr
'  Rthh.  schwed.  Banco.  Die  seitherige  Vermehrung  ergibt
sich  besonders  aus  dem  Steigen  der  Zollerträgnisse.  (Zwischen  Schweden ­
  und  Norwegen  besteht  freier  Verkehr.)
Handelsflotte.  1852  bestand  dieselbe  aus  1407  Schiffen  von
86,7o7  Lasten,  ungerechnet  die  Fahrzeuge  unter  10  Lasten.  Die  Zahl
der  Dampfer  war  61,  mit  3180  Pferdekraft.
.  ,  Besliziiiig:  Die  westindische  Insel  Barthélémy,
nicht  3  Q.-M  mit  18,000  Menschen.

Adel  u.  Ritterschaft
Priesterstand  .
s.  g.  Standespersonen
Bürgerstand  .
Bauernstand

6,556  weibl.  Angehörige
s:;::  :  :
40,882  ,
0172,888

Norwegen  (Königreich).
Decemb.  1865:
1490,000.  (1783  schätzte  man  725,000,  1815  waren  es  886,431
1825  1051,318,  1835  1194,812,  1846  1’328,471.  Die  Zunahme'
ist  also  sehr  stark.)
        <pb n="287" />
        '  NORWEGEN  —  Finanzen.

271

Confession:  Die  lutlierische  allein  herrschend  (230  Mormonen.)  —
Nationalitäten:  Ausser  den  eigentlichen  Norwegern,  germanischen  Ursprungs, ­
  etwa  12,000  Finnen  (Quenen)  und  4000  Lappen  (hier  Finnen  geheissen). ­
  —  Städte.  In  diesen  lebten  1855  197,721  Menschen.  Christiania ­
  hat  etwa  25,000,  Bergen  28,000,  Drontheim  14,000  Einw.  —
Geschichtliche  Notizen.  Norwegen,  früher  ein  selbständiges  Reich,  war
seit  1387  Dänische  Provinz.  Als  der  König  von  Dänemark  durch
den  Kieler  Friedensvertrag  v.  14,  Jan.  1814  das  Land  an  Schweden
abtrat,  Hessen  sich  die  Norweger  nicht  in  solcher  Weise  verhandeln,
sondern  sie  setzten  sich  zur  AVehr.  Sie  gaben  sich,  17.  Mai  1814,  zu
Eidsvold  eine  freie  Verfassung.  Nach  einigen  Kämpfen  mit  den
schwedischen  Truppen  kam  es  zu  einem  Vertrage  mit  dem  schwedischen ­
  Konprinzen,  dessen  Ifauptergebniss  die  modificirte  \  erfassung
vom  4,  Nov.  1814  ist,  derzufolge  Norwegen  ein  freies,  selbständiges,
nntheilbares  und  unabhängiges  Reich  bildet,  und  zu  Schweden  in
keiner  weitern  specieilen  staatsrechtlichen  Beziehung  steht,  als  dass
es  denselben  König  hat.
FillcliiZCIl*  Das  Budget  für  1851—54  (das  neueste  liegt  uns
nicht  vor)  nahm  einen  Staatsbedarf  an  von  3’200,000  Species.  Davon
sollten  ungefähr  2  Mill,  durch  Zölle,  1  Mill,  durch  sonstige  Einnahmen, ­
  170,000  Spec,  aus  dem  Cassaübersehusse  der  Vorjahre  gedeckt
werden.  —  Der  Hof  kostete  96,000  Species  (64,000  für  den  König,
32,000  für  den  Kronprinzen);  das  Landheer  760,000,  die  Marine
367,000,  die  Schuld  330,000.  —  Im  Jahre  1854  ward  auch  der
Norwegische  Storthing  zur  Bewilligung  von  %  Mill.  Species  für
Kriegsrüstungen  bestimmt.
Die  Geschichte  des  Norwegischen  Finanzwesens  ist  in  mehrfacher
Hinsicht  interessant.  Als  sich  Norwegen  von  Dänemark  trennte,  war
es  vollständig  ausgesogen;  Silbergeld  sah  man  fast  nirgends  mehr,
dagegen  war  das  Land  mit  25  Mill.  Papiergeld  überschwemmt.  Der
Unabhängigkeitskrieg  hatte  überdies  die  Ausgabe  von  weitern  14  Milk
Thlr,  Zetteln  iiothwendig  gemacht,  denn  das  Land  bekam  nirgends
Darlehen.  Zudem  bestimmte  der  Kieler  Tractat,  dass  Norwegen
2'400,000  Th.  in  Silber  (Species)  von  der  Dänischen  Schuld  übernehmen
müsse.  Als  Unterpfand  für  alle  diese  Schuldposten  hatte  man  nur
den  Werth  des  Staats-G  rundeigenthums  mit  dYg  Mill.  Species.  Der
Cours  des  Papiergeldes  sank  immer  tiefer.  —  Im  Jahre  1815  war
die  Noth  aufs  Höchste  gestiegen;  man  musste  auf  ein  energisches
Rettungsmittel  denken;  zu  dessen  Ergründung  der  nach  der  neuen
Verfassung  facti  sch  regierende  Bauernstand  zwar  keine  „geeignete
Finanzbeamte,“  dagegen  viele  practische  und  pratriotische  Männer
besass.  Man  erkannte  die  Nothwendigkeit,  ein  Mittel  zu  schaffen,
um  die  Einlösung  des  Papiergeldes  zu  sichern,  so  oft  solche  Einlösung ­
  begehrt  werde.  Zu  diesem  Behufe  auferlegte  die  arme  Nation
sich  selbst  zunächst  ein  Z  wangsanlehen  von  2  Mill.  Sp.  Sie  bildeten ­
  den  Grundfond  für  eine  neue  Bank,  welche  für  4  Milk  Thlr.
jederzeit  einlösbare  Bankzettel  emittirte.  Die  ganze  Masse  des
alten  Papiergeldes  sollte  eingezogen  werden  und  es  sollten  dabei  10
        <pb n="288" />
        272

NORWEGEN  —  Militär  weaen.

Iveichsbankthaler  Zettel  für  1  Thlr.  Species  der  neuen  Bank  gelten.
Zur  Ausführung  dieser  Operation  schrieb  man  eine  ausserordentliche
Steuer  von  2  MdI.  Reichsbankthaler  aus.  —  Das  Mittel  war  drückend,
Allem  das  Ziel  ward  erreicht:  das  neue  Papier  beliaupteto  sich  auf
seinem  vMlen  Nominalweiilie.  Im  Jahre  182.3  war  die  Staatsschuld
bereits  aut  5'820,000,  1842  auf  2'820,Ü00  Spec,  herabgebracht,  und
gegen  Bude  der  40er  Jahre  war  sie  bereits  so  gut  als  vollständig
getilgt,  ja  der  Staat  bosass  überdies  gegen  11  Milk  an  Activen.  —
Die  Staatseinkünfte  stiegen,  (und  zwar  unter  Verminderung  der  Stenersätze)
  von  nicht  einmal  l'/g  Mill,  im  Jahre  1815,  auf  mehr  als  3'A
MdI.  nn  Jahre  1842,  und  es  ergab  sich  ein  regelmässiger  .lahresnberschuss
  von  wenigstens  einer  Milk  Speeies.  —  Der  Storthing  be-(durch
  die  democrat!sehen  Einrichtungen  herbeigeführte)
glückliche  Lage  der  Staatscasse  theils  zu  wirklichen  Verbesserungen,
theds  zur  Verminderung  der  Volkslasten.  So  kam  man  dahin,  dass,
ungeachtet  des  Widerstandes  der  Regierung,  allmählig  alle  dirccteii
Steuern  (seit  1830  auch  die  Grundsteuer)  abgeschafft  werden  konnten.
(Der  ganze  Staatsbedarf  wird  dm-cli  die  Erträgnisse  der  Domänen, ­
  Abgabe  _  von  Fischereien  und  die  Zölle  etc.  gedeckt.)  —
In  späterer  Zeit  wurden  wieder  Aidehen  contrahirt,  aber  wesentlich
für  productive  Zwecke,  für  Einrichtung  einer  ganz  Norwegen  verbindenden ­
  Dampfschifffahrt  (bis  zum  höchsten  Norden),  Anlegung  von
Ipfen,  von  Kunststrassen,  Erbauung  von  Ecuchtthürmen,  Eisenbahnen
Gründung  einer  Hypothekenbank  ii.  dgk  Die  Gosammtscludd  ward
Ende  1853  auf  4'720,000  Species  berechnet,  was  nicht  entfernt  dem
vorhandenen  Activvermögen  gleichkommt.

niilitclrwcscil«  Die  Truppen  sind  theils  geworben,  theils  ausgehoben.
  Jeder  Norweger  ist  dienstpflichtig,  bei  der  Linie  oder  der
Landwehr.  Die  Ausgehobenen  kehren  nach  einiger  Zeit  in  ihre  Ileimath
  zurück,  obwohl  die  Dienstpflichtigkeit  bei  der  Infanterie  5,  bei
der  Cavallerie  und  Artillerie  7  Jahre  dauert.  Wer  nicht  in  der  Linie
dientj  wild  bei  der  Líindwelir  einexerciert.

Linie:  Infanterie,  22  Bataill,  11,924-  1
Cavallerie,  3  .Jägercorps  1,070  &amp;gt;  14,324
Artillerie,  1  Reg.  ,  1,330  )
Landwehr  g^igo
Zusammen  23,484
(pn  eigenthümlichea  Corps  bilden  die  s.  g.  oder  Schlittsohiihläufer;
  cs  sind  mehre  Compagnien  leichter  Infanterie  mit  Büchse
und  einem  8  Fuss  langen  Stock  zur  Erleichterung  des  Laufens  armirt).
Der  König  darf  eine  Garde  von  Norwegischen  Freiwilligen  halten
und  behufs  der  Waffenübungen  3000  M.  alljährlich  aus  einem  Reich
m  das  andere  bringen.  Sonst  darf  kein  schwedischer  Soldat  in  Norwegen ­
  und  kein  norwegischer  in  Schweden  stationirt  sein.
Frederlksstad  mit  Frederikshald,  Aggorshuus  bei
Christiania,  forts  bei  Christianssand,  Bergen,  Drontheiin:  meist  unbedeutend. ­

Marine  (Ende  1851):  2  Fregatten,  4  Corvetten,  1  Brigg,  ß
        <pb n="289" />
        18

îiOinVEGEN  —  Sociales.

273

Schooner,  5  Dampf  boote,  1‘56  Kanonenboote,  zusammen  angeblich  mit
nur  358  Kanonen.  Es  sind  gegen  30,000  Seeleute  zwischen  30—60
Jahren  in  die  Marinelisten  eingetragen.
Sociales*  Alle  Norweger  sind  vor  dem  Gesetze  gleich;  Adel
existirt  verfassungsmassig  nicht  mehr.  Das  Gesetz  vom  1.  Aug.  1821
bestimmte,  dass  die  Steuerfreiheit  mit  dem  Tode  der  damaligen  Lehenbesitzer, ­
  die  übrigen  Vorrechte  aber  mit  dem  Tode  der  damals  geborenen ­
  Adeligen  aufhören  sollten.  Nur  15  Geschlechter,  von  denen
überdies  seitdem  ein  Theil  ausgestorben,  nahmen  die  nach  dem  Gesetze ­
  von  1824  znlassigen  Vorrechte,  blos  in  der  Führung  eines
adeligen  Namens  und  Wappens  bestehend,  in  Anspruch.
Das  Storthing  schaffte  1839  auch  die  Zünfte  ab;  Beschränkungen ­
  der  Gewerbsfreiheit  sind  für  immer  als  unzulässig  erklärt.
Norwegen  zeigt,  ebenso  wie  die  Schweiz,  was  ein  Land,  selbst
bei  äusserst  ungünstigen  Naturverhältnissen,  vermittelst  zweckmässiger
volksthümlicher  (democratischer)  Einrichtungen  werden  kann.  Der  Boden ­
  ist,  schon  in  Folge  der  Rauheit  des  Climas,  sehr  wenig  fruchtbar. ­
  Das  jährlich  in  Anbau  gebrachte  Ackerland  wird  auf  418,000
Tonnen  oder  norweg.  Morgen  geschätzt,  d.  h.  auf  nur  ungefähr  29
geogr.  Quadr.-Meilen.  Das  gesammte  urbare  Ackerland  beträgt  beiläufig ­
  das  Vierfache  dieser  Summe,  also  noch  nicht  120  Q.-Meil.  von
mehr  als  5800!  Die  Getreideproduction  ist  bei  weitem  unzureichend;
in  gewöhnlichen  Jahren  müssen  800,000,  in  schlimmen  selbst  1’200,000
Tonnen  Getreide  eingeführt  werden.  Dabei  besteht  die  im  Inlande
gewonnene  Frucht  mehr  als  zur  Hälfte  blos  aus  Hafer.  —  Es  fehlt
an  Gewerbsindustrie;  es  mangeln  die  Arbeiter  dazu,  es  mangeln  die
Capitalien,  es  fehlt  an  Strassen  in  dem  von  Natur  unwegsamen  und
dünn  bevölkerten  Lande.  So  sind  denn  die  Norweger  vorzugsweise
auf  Seefahrt  und  Fischfang  hingewiesen.  Die  ärmliche  Lebensweise
aber  hat  die  hässliche  Krankheit  des  Aussatzes  [Lepra,  Elephantiasis
orienialis)  und  im  Norden  den  Scorbut  zur  Folge.
Als  Norwegen  1814  die  Selbständigkeit  erlangte,  war  sein  Zustand ­
  in  jeder  Hinsicht  äusserst  elend.  Jetzt  bietet  sich  ein  anderes
Bild  dar.  Wir  haben  vorhin  geschildert,  mit  welchen  Anstrengungen
und  welchem  Erfolge  die  Finanzlage  des  Staats  umgestaltet  ward.
Dabei  versäumte  es  die  (von  der  Bureaucratie  mit  Uebermuth  so  genannte) ­
  „Bauernherrschaft“  des  Storthings  nicht,  das  materielle  Wohl
der  Einzelnen,  ja  sogar  Kunst  und  Wissenschaft  zu  fördern.
Die  (von  bewussten  und  unbewussten  Förderern  des  Rückschritts
so  sehr  getadelte)  Theilbarkeit  der  grossen  Güter  ist  auch  in  Norwegen ­
  eingeführt,  und  hat  auch  hier  ihre  heilsamen  Wirkungen  als
Mittel  zur  Hebung  des  Volkswohlstandes  sichtlich  erprobt.  Schon  im
Jahre  1821  erliess  der  Storthing  ein  Gesetz  über  erbliche  Theilungen
der  Aeckor.  Selbst  die  ungetheilten  Gemeindegüter  sollten  freies  Privateigenthum ­
  werden,  denn  auch  diese  Art  historischen  Communismus
führt  zur  Vernachlässigung  der  Bodencultur.  Viele  grossen  Güter
wurden  parcellirt.  Der  Staat  selbst  parcellirte  und  verwandelte  die
ihm  gehörenden  Pachtgüter  in  freies  Eigenthum,  wodurch  die  Zahl  der
        <pb n="290" />
        w

274

SPANIEN  —  Land  und  Lente.

Grundbesitzer  ansehnlich  vermehrt  ward.  In  den  Jahren  1822  —  38
wurden  auf  solche  Weise  3112  parcellirte  Bauerngüter  verkauft.  In
den  Jahren  1825—35  vergrösserte  sich  die  Zahl  der  Grundbesitzer
von  90,385  auf  105,000,  Der  Grundwerth  aber,  1802  auf  25Yg  Mill.
Spec,  geschätzt,  war  schon  1839  auf  64  Mill  gestiegen.
Nicht  minder  hebt  sich  die  für  Norwegen  besonders  wichtige
Schifffahrt.  Im  Jahre  1809  besase  das  Land  1363  Fahrzeuge  von
54,000  Commerzlasten  (zu  60  Cntr.)  ;  1837  hingegen  2373  Schiffe  von
80,000  Lasten,  mit  einer  Bemannung  von  12,400  Seeleuten;  1845
4061  Schiffe  zu  123,328;  1853  4893  Schiffe  zu  174,945  Lasten,  mit
26,545  Seeleuten,  die  zu  den  besten  in  der  Welt  gehören.  1855  war
die  Ladungsfähigkeit  auf  193,023  Lasten  vermehrt.
In  den  meisten  Städten  bestehen  Mittel-  und  höhere  Gemeinde-Bchulcn,
  in  denen  der  Unterricht  unentgeldlich  ertheilt  wird.
Den  geistigen  Fortschritt  bezeichnet  die  Zunahme  der  Buchdruckereien, ­
  Im  Jahre  1807  besass  das  Land  deren  blos  4;  1845
bereits  37.  Zu  jener  Zeit  erschienen  nur  4  dürftige  Wochenblätter,
in  dieser  23  Zeitungen  und  13  ästhetische  und  gelehrte  Zeitschriften,
Selbst  bis  Tromsoe  und  TIammerfcst,  den  äussersten  der  Finnmarken,
ist  die  Druckerpresse  gedrungen.
Das  sind  Resultate  der  viel  geschmäheten  „Democratenwirthschaft,“
wo  man  dieselbe  ruhig  sich  entwickeln  lässt.  (Zu  vergleichen  auch,
was  der  Norweger  Blorn  bereits  im  Jahre  1840  über  die  innere  Umgestaltung ­
  seines  Vaterlandes  schrieb.)  Die  Zustände  Norwegens  werden, ­
  sowohl  was  Einfachheit,  als  was  unmittelbar  solid-praktische
Richtung  betrifft,  denen  in  der  Schweiz  vielfach  ähnlich  gefunden.
(Mittheilung  eines  Mannes,  der  längere  Zeit  in  beiden  Ländern  lebte.)
Münze.  Speciesthaler,  9%  auf  die  feine  Köln.  Mark,  also  =  1  Thlr,  15
Sgr.  4,86  Pf.  preuss.  oder  2  fl.  38%  kr.  rhein.  Unterahtheilung  in  120  Schill.
Maasse  u.  Gewicht  sind  die  dänischen.

Spanien  (Königreidi).

Land  und  Leide*  Nachstehende  Zusammenstellung  beruht  nur
auf  Schätzungen,  nicht  auf  einer  wirklichen  Volkszählung,  denn  eine
solche  ward  noch  nie  vorgenommen.  (Erklärung  des  span.  Regierungsabgeordneten ­
  auf  dem  statist.  Congresse  von  1853,  Ramon  de  la  Sagra.
Wir  schalten  die  alten  Provinznamen  zwischen  Parenthesen  ein.)

Provinzen  Q.-M
{Neu-Omiilien  .•)
1.  Madrid  .
2.  Toledo
3.  Guadalajara
4.  Cuença  .
_  {Mancha:)
6.  Ciudad-Real
{Alt-Castilien  :  )
6.  Burgos  .  .  \
7.  Logroño  .  |  gßi
8.  Santander  ,  }

62
413
91
532

Bevölk.  1849
405,7.37
330,000
199,746
252,723

355  302,594

234,022
185,519
190,000

Provinzen
9.  Soria
10.  Segovia  .
11.  Avila
12.  Falencia  .
13.  Valladolid
{Leon  ;)
14.  Leon
15.  Zamora  .
16.  Salamanca
{Aaturien  ;)
17.  Oviedo

Q.-M.
192
163
121
81
152

277
168
265

Bevölk.  1849
140,000
155,000
132,936
180,000
210,000
288,833
180,000
240,000

173  510,000
        <pb n="291" />
        SPANIEN  —  Land  und  Leute.

m

{Galizien  ;)
18.  Coruna  .  .
19.  Lugo  .  .  (
20.  Orense  .  .  (
21.  Pontevedra
{Estremadura  :)
22.  Badajoz  .  .  »
23.  Caceres  .  .  í
{Andalusien  ;)
24.  Sevilla  .  .  \
25.  Cadix  .  .  ;
26.  Huelva  .  .  )
27.  Cordova  .
28.  Jaén
29.  Granada  .  .  j
30.  Almería  .  .  )
31.  Malaga  .  .  \
{Murcia  :)
32.  Murcia
33.  Albacete  .
(  Valencia  ;)
34.  Valencia  .  .  J
85.  Alicante  .  .  (
86.  Castellón  de  la  I
Plana  .  .  )

748
674  ¡
423  S
196
209
453
371
362

511,492
419,437
380,000
420,000
336,136
264,988
420,000
358,446
153,462
348,956
307,410
427,250
292,334
438,000
400,000
195,531
500,000
363,219
247,741

{Aragonien  :)
37.  Zaragoza  .  .  i
38.  Huesca  .  .  &amp;gt;  693
39.  Teruel  .  .  ;
{Catalonien  :)
40.  Barcelona
41.  Tarragona
42.  Lérida
43.  Gerona
{.Baskische  Prov.:)

44.  Navarra  .  .  115
45.  Biscaja  .  .  60
46.  Guipúzcoa  .  29
47.  Alava  .  .  51
{Inseln  ;)
48.  Balearen  .  .  83
49.  Ganaren  .  .  151

I  573

350,000
247,105
250,000
533,695
290,000
197,445
262,594
280,000
150,000
141,752
81,397
253,000
257,719

Zusammen  8598  14’216,219

Confession.  Die  katholische  herrschend;  man  schätzt  die  Zahl  der
Akatholiken  (wohl  viel  zu  hoch)  auf  etwa  120,000.
Volksstiimme.  Die  eigentlichen  Spanier,  ein  Gemisch  der  früher
hier  wohnenden  Völker  (Gelten,  Römer,  Alemanen,  Gothen,  Sueven,
Vandalen,  Mauren,  Araber;  das  maurisch-arabische  Element  besonders
in  Andalusien  vorwaltend).  Ausser  ihnen  etwa  Ya  Mill.  Basken,  60,000  Medejares
  (Moriskos,  Abkömmlinge  der  Mauren)  in  den  Thälern  der  Sierrra
Nevada  und  in  den  Apuljaren;  dann  etwa  1000  deutsche  Colonisten  in
der  Sierra  Morena;  45,000  Zigeuner  und  eine  kleine  Anzahl  Juden.
Städte.  Madrid  gegen  200,000  Einw.  (1782:  129,560),  Barcelona ­
  190,000,  Sevilla  95,000  (einst  400,000),  Cadix  80,000,  Granada ­
  80,000  (einst  400,000),  Valencia  66,000,  Malaga  58,000,  Cordova ­
  57,000  (einst  300,000),  Saragossa  45,000,  Murcia  40,000,
Cartagena  37,000,  Xeres  de  la  Frontera  35,000,  Valladolid  30,000
(einst  100,000),  San  Jago  di  Compostella  27,000,  Toledo  25,000
(einst  200,000),  Coruna  und  Alicante  je  25,000.
Geschichtliche  Notizen.  Es  ist  allerdings  zweifelhaft,  ob  die  Pyrenäischc
  Halbinsel  zur  Römerzeit  wirklich,  wie  man  behauptet,  40—
50  Mill.  Bewohner  zählte  ;  sicherlich  aber  hatte  sie  deren  zur  Maurenzeit ­
  mehr  als  20  Mill.  Da  erfolgte  nacheinander  die  Vertreibung  von
2  Mill.  Arabern,  von  800,000  Juden,  und  von  mindestens  600,000
Mauresken.  Mehr  als  die  Kriege,  mehr  als  die  Colonisirung  Amerikas, ­
  trug  der  Alles  niederwerfende,  keinen  Aufschwung  duldende,
geistliche  und  weltliche  Despotismus  zur  Entvölkerung  des  Landes  bei  ;
(gerade  diejenigen  Provinzen,  aus  denen  die  grösste  Zahl  nach  Amerika
auswanderte,  entvölkerten  sich  vergleichsweise  am  wenigsten).  1688
schätzte  man  die  Bevölkerung  Spaniens  nur  noch  auf  8,  1715,  nach
dem  Erbfolgekriege,  sogar  nur  noch  auf  6  Mill.  Menschen.  Eine
        <pb n="292" />
        276

SPANIEN  —  Finanzen.

'

m

iS

amtliche  Schätzung  von  1778  ergab  wieder  IOV2  Mill,  ln  welchem
Zustande  sich  aber  das  Land  befand,  mag  man  aus  folgenden  Notizen ­
  entnehmen:  Man  zählte  in  der  Provinz  Sevilla  :  15  Städte,  136
Flecken,  24  Kirchdörfer  und  512  verwüstete  Orte.  Auch  in  der  Provinz ­
  Aragon  gab  es  534  wüste  Ortschaften,  von  denen  noch  ein
Jahrzehnt  später  149  öde  und  385  fast  gänzlich  entvölkert  Avaren.
Die  spanische  Regierung  erkaufte  den  Rasier  Frieden,  1795,  von  der
französischen  Republik  um  den  Preis  ihres  Anthoils  an  St.  Domingo;
den  Frieden  von  Amiens,  1802,  erlangte  sie  durch  Abtretung  von
Trinidad,  1801  erhielt  Spanien  die  Festung  Olivença  von  Portugal.
Degen  Erhebung  des  Erbprinzen  von  Parma,  eines  spanischen  Infanten, ­
  auf  den  Königsthron  von  Hetrurien,  trat  sodann  die  Königsfamilie
auch  Louisiana  an  Frankreich  ab,  welches  Napoleon  nun  seinerseits
um  60  Mill.  Frk.  an  die  Vereinigten  Staaten  verkaufte!  Während
des  blutigen  Krieges  gegen  Napoleon  machten  sich  sämrntliche  span.
Besitzungen  auf  dem  aniericanischen  Festlande  unabhängig.  (Bis  zum
Jahre  1808  hatten  die  spanischen  Colonien  über  310,000  Q.-M.  mit
ungefähr  18  Mill.  Menschen  umfasst.  Es  gehörten  namentlich  dazu:
Mexico,  mit  Texas  und  Californien;  das  ganze  Pest  land  von  Mittelamerica; ­
  Neu-Granada,  Venezuela,  Bolivia,  Peru,  Chile  und  die  Argentinischen ­
  Gebiete.)  —  Ungeachtet  der  furchtbaren  Zerrüttung,
welchen  weltlicher  und  geistlicher  Despotismus  und  die  dadurch  bedingten ­
  Aufstände  hervorbriugen  mussten,  hat  doch  schon  die  blose
Erschütterung  des  alten  Gebäudes  wenigstens  in  manchen  Beziehungen
eine  Milderung  der  alten  Uebel  bewirkt.  Es  zeigt  sich  dies  u.  a.
auch  in  der  Zunahme  der  Bevölkerung,  (obgleich  allerdings  nur
Schätzungen  vorhanden  sind).  1797  ergab  eine  amtliche  Erhebung
10’541,200  Menschen;  1820  11’420,000;  1826  13733,000,  1849
14’216,000,  Welche  Menschenzahl  könnte  in  Wohlstand  hier  leben,
wenn  natur-  und  vernunftgomässe  Zustände  beständen!
Finanzen.  Der  laufende  Staatshaushalt.  Der  ministerielle ­
  Voranschlag  für  1853  schloss  folgendermaassen  ab:
Einnahme  1,2.33’497,550  Realen
Ausgabe  1,209708,742  „
Unter  den  Ausgaben  erschienen  :  Hof  47’350,000  (davon  34  Mill,
eigentliche  Civilliste,  der  Rest  Apanagen),  Zinsen  der  Staatsschuld
213'271,423,  Landmacht  278'646,284,  Marine  85T65,000,  Pensionen
etc.  143’460,586.  Dieser  Voranschlag  war  indess  viel  zu  niedrig.
Ganz  anders  lautete  der  für  1854:
Gewöhnliche  Einnahmen  1,470147,894  Real.
M  Ausgaben  1,474/202,622  „
Ausserordentl.  „  115’000,000  „  (für  Bauten  etc.)
Indessen  lag  schon  Ende  August  1854  ein  offenes  Deficit  vor
von  660  Mill.  —  Die  Revolution  von  1854  führte  zu  mancherlei
Aenderungen  in  den  Finanzverhältnissen.  Man  suchte  wohl  auch  durch
künstliche  Gruppirung  die  Summe  des  Bedarfs  kleiner  erscheinen  zu
machen.  So  las  man  :  nach  Abzug  der  durchlaufenden  Posten  betrage
das  Budget  für  1855  1250  Mill.  Realen;  davon:  Armee  280  Mül.,
        <pb n="293" />
        SPANIEN  —  Finanzen.

277

Marine  9l’229,171  R.  —  Die  Civilliste  der  Königin  ward  auf  28,
mit  den  Apanagen  auf  31*72  Mill,  herabgesetzt.  —  Eine  ministerielle
Budgetvorlage  an  die  Cortes  vom  Sept.  1855  erstreckte  sich  auf  das
Jahr  1856  und  die  erste  Hälfte  1857.  Darin  wurden  die  Ausgaben
so  veranschlagt:
für  das  Jahr  1856  1,460’965,116  R.
„  „  1.  Semester  57  725  273,292
zusammen  2,186’238,408
Es  ergibt  sich  darnach  ein  Deficit  von  324  Mill.,  zu  dessen
Deckung  der  Minister  vorschlug  :  Erhöhung  der  Grundsteuer  auf  334
Mill.  ;  Wiedereinführung  der  Verbrauchs-  und  Nahrungssteuern  (de
puertas  y  consumos)  bis  zum  Ertrage  von  140  Mill;  Erhöhung  der
Zölle  um  40  Mill.  —  Die  Einkünfte  der  überseeischen  Besitzungen
sind  zu  74  Mill,  berechnet.  —  Vom  Verkaufe  der  Nationalgüter
hofft  man  bis  1.  Juli  1857  400  Mill,  zu  erlösen,  bestimmt  zur  Deckung ­
  des  frühem  Zwangsanlehens  und  zur  Bestreitung  der  Kosten
für  Geistlichkeit,  Unterricht,  besondere  Gemeindelasten  etc.
Nach  Maassgabe  der  älteren  Budgets  konnte  man  beiläufig  folgende ­
  Verhältnisse  annehmen:  Die  Domänen  lieferten  zwischen  70  und
110  Mill.  Ertrag;  die  Colonien  zwischen  20  und  105  Mill.  —  Die  directen
  Steuern  etwa  390  Mill.,  wovon  Grund-  300,  GewerbSteuer
44  Mill.  —  Die  indirecten  Auflagen  ertrugen  circa  700  Mill.  ;  davon:
Accise  und  Octroi  160,  Zölle  190,  Stempel  24,  Tabaksmonopol  160
bis  200,  Salzmonopol  80—100,  Lotterie  50—90,  Bergwerke  (Almadén ­
  etc.)  30—50,  Post  24—26,  Hypothekensteuer  18  Mill.  etc.
(Nach  dem  Budget  für  1856  sind  für  den  Marineetat  94’789,000  R.
bestimmt.)
Geschichtliche  Notizen.  Ungeachtet  des  grossen  natürlichen  Reichthums ­
  des  Landes,  und  ungeachet  des  300jährigen  Besitzes  der  Goldund
  Silberminen  Perus  und  Mexicos,  befanden  sich  die  Finanzen
Spaniens  schon  im  vorigen  Jahrhunderte  in  zerrüttetem  Zustande.
Man  schätzte  die  Einkünfte  auf  100  Mill.  Piaster,  wovon  40—45
aus  Spanien  selbst  flössen,  der  Rest  aus  den  Colonien  kam.  Aber
schon  1770  begegnete  man  einem  Deficit  von  5  Mill.  Piaster  dadurch,
dass  man  nothwendige  Ausgaben  in  den  auswärtigen  Besitzungen
verschob.  —  Graf  Laborde  („Uebersicht  der  financiellen  Lage  Spaniens, ­
  1823“)  schätzte  die  Einkünfte  vor  der  Zeit  des  Napoleonischon
  Krieges  (1808)  auf  700  Mill.  Realen.  Während  dieses  Krieges ­
  hörte  selbst  jede  formelle  Ordnung  in  der  Finanzverwaltung  auf.
Aber  auch  nach  Jahren  war  solche  nicht  hergestellt.  1817  betrugen
die  Einkünfte,  mit  Einrechnung  des  Ertrages  der  Colonien,  620  Mill.
Realen  ;  man  hatte  dabei  ein  Deficit  von  200  Mill.  Das  Missverhältniss
  stieg,  als  man  endlich  auch  an  Verzinsung  der  seit  1808  gar
nicht  mehr  beachteten  Staatsschuld  dachte,  indess  die  americanischen
Besitzungen  sich  immer  allgemeiner  vom  s.  g.  Mutterlande  lossrissen.
1820  schätzte  der  Finanzminister  Canga  Arguelles  in  einer  zu  Madrid
veröffentlichten  Schrift:
        <pb n="294" />
        278

SPANIEN  —  Finanzen,

die  Staats-Ausgaben  auf  660’116,231  Realen
„  „  Einnahmen  „  320’066,000
das  Deficit  „  340’050,231
Die  Cortes  wagten  keine  durchgreifenden  Reformen.  Halbheit
war  ihre  Sache.  Desshalb  schien  es  ihnen  allzukühn,  der  Geistlichkeit ­
  den  ganzen  Zehnten  zu  entziehen;  nur  die  Hälfte  des  Zehnte
ward  aufgehoben  (auf  400  Mill.  Real,  geschätzt).  Damit  hatten  sie
sich  die  Möglichkeit  der  Einführung  einer  ausreichenden  directen,
insbesondere  einer  ergiebigen  Grundsteuer  abgeschnitten.  Nur  in  geringem ­
  Maasse  konnte  das  nicht  frei  gemachte  Grundeigenthum,
und  konnten  Häuser  und  Gewerbe  besteuert  werden.  So  gelangte
man  denn  in  der  constitutioneilen  Periode  zu  folgenden  Budgetabschlüssen ­
  :
Bedarf  Deficit
1820  702’802,304  172  Mill.  Real.
1821  ^  756'21.1,217  87  „
1822  664’813,314  102  „
I  Der  im  nächstfolgenden  Jahre  ausgebrochene  Krieg  schwellte  den
Ausgabenetat  auf  86l’591,646  Realen  an,  indess  die  Einnahme  nur
auf  550  Mill,  geschätzt  ward.  —  Erwies  sich  der  Constitutionalismus
unfähig,  unter  ungewöhnlichen  Verhältnissen  Ordnung  in  den  Staatshaushalt ­
  zu  bringen,  so  war  der  Absolutismus  noch  unfähiger  dazu,
selbst  in  der  Zeit  der  ungestörtesten  Ruhe.  Mit  ihm  kam  die  maasslose ­
  Verschwendung  wieder,  mit  ihm  kehrten  die  alten  Missbräuche
alle  zurück.  Da  der  volle  Zehnt  zu  Gunsten  der  Geistlichkeit  aufs
Neue  eingeführt  und  das  Volk  dadurch  empñndlich  gedrückt  ward,  so
yei  mochte  man  nicht  durch  Erhebung  neuer  Steuern  ein  Gleichgewicht
im  Haushalte  herzustellen.  Es  folgte  die  furchtbarste  Einanzverwirrung, ­
  und  selbst  im  Jahre  1843,  also  etwa  20  Jahre  nach  Wiederherstellung ­
  der  „Ruhe  und  Ordnung,“  war  man  nicht  weiter  gekommen,
als  dass  man  eine  Einnahme  von  877709,985  neben  einem  Bedarfe
von  995’814,698  R.  auíFühren  konnte.
Schuld.  Schon  beim  Tode  Philipp  des  V.  war  Spanien  mit  800
Mill.  R.  Schulden  belastet.  König  Ferdinand  legte  seinen  Räthen
die  Frage  vor:  ob  er  verpflichtet  sei,  dieselben  anzuerkennen;  seinem
Verlangen  gemäss  verneinten  die  Rathgeber  die  Frage,  und  nun  war
Ferdinands  Gewissen  beruhigt.  Karl  III.  hielt  sich  verpflichtet,  dieses ­
  Unrecht  wieder  gut  zu  machen;  von  1762  —  79  erfolgten  einige
Abschlagszahlungen,  Allein  der  americanische  Krieg  hatte  das  Ausbleiben ­
  der  Silberflotten  aus  America  zur  Folge,  und  bald  war  nun
das  Land  auch  noch  mit  800  Mill.  Papiergeld  (vales)  überschwemmt.
Indessen  sollte,  nach  den  spätem  Finanzplänen  und  Versprechungen,
die  ganze  Schuld,  etwa  170  Mill.  Piaster  betragend,  im  Jahre  1800
vollständig  abgetragen  sein.  Dass  diese  Verheissung  nicht  erfüllt
wurde,  ist  begreiflich.  Von  1808  —19  bekümmerten  sich  die  „Staatsmänner‘ohnehin ­
  gar  nicht  um  die  Schuld.  Dieselbe  war  1821  auf
3460  Mill.  Capital  mit  157  Mill,  verzinslich,  und  ausserdem  auf  6,478
Mill,  unverzinsliches  Capital  angewachsen.  Ferdinand  VII.  verweigerte
indess  selbst  derjenigen  Schuld  die  Anerkennung,  welche  dadurch
        <pb n="295" />
        SPANIEN  —  Finanzen.

279

entstanden  war,  dass  die  Cortes  1810  und  11  in  der  grössten  Noth
Privatgelder  weggenommen  und  zur  Rettung  des  Thrones  des  nämlichen ­
  Fürsten  im  Kriege  gegen  den  „Usurpator“  verwendet  hatten!—^
Die  Cortes  von  1820  fanden  eine  Schuldenmasse  von  etwa  14,000*
Mill.  Zwei  Dritthcilc  der  Schuldurkunden  gehörten  aber  geistlichen
Corporationen,  deren  Aufhebung  bereits  beschlossen  war.  Dadurch
verminderte  sich  die  Schuld  bis  zu  4833,  oder  nach  einer  andern
Aufstellung  bis  zu  5273  Mill.  Zur  Tilgung  besase  man  Nationalgüter ­
  im  (ganz  niedrig  taxirten)  Werthe  von  8633  Mill.  —  Nach
Wiederherstellung  des  Absolutismus  verweigerte  König  Ferdinand  den
durch  die  Cortes  beschlossenen  und  von  ihm  selbst  genehmigten  Anlehen ­
  die  Anerkennung,  obwohl  das  Geld  mit  zur  Zahlung  seiner
Civilliste  verwendet  worden  war.  Ebenso  erklärte  er  die  Verkäufe
von  Klostergütern  für  nichtig;  man  nahm  den  Käufern  die  Grundstücke,
ohne  ihnen  die  bezahlten  Beträge  zurückzuerstatten.  (Es  waren  25,177
Grundstücke  verkauft  worden,  und  zwar  um  die  Summe  von  1045
Mill.,  während  der  Taxwerth  nur  450  Mill,  betragen  hatte  ;  die  wirklich ­
  geleisteten  Zahlungen  beliefen  sich  auf  mehr  als  352  Mill.)  ^
Nun  musste  Spanien  noch  eine  Kriegsentschädigung  an  Frankreich
leisten:  80  Mill.  Frk.,  in  3prozentigen  Inscriptionen  in  das  „grosse
Buch.  “  Aber  auch  England  forderte  verschiedene  Entschädigungen.
Um  dasselbe  zu  befriedigen,  nahm  Spanien  zu  Paris  100  Mill.  Frk.
auf,  im  Course  von  —  50  Prozent  !  —  Nach  der  Zeit  der  Julirevolution ­
  suchte  man  zwar  wiederholt  den  Staatsgläubigern  und  den  Nationalgüterkäufern ­
  gerecht  zu  werden;  um  wieder  geliehen  zu  bekommen, ­
  musste  man  sich  auch  dazu  bequemen,  die  alten  Schulden  anzuerkennen. ­
  Allein  immer  bildete  die  Finanzzerrüttung  ein  Hinderniss ­
  •  immer  wieder  ward  man  auch  zum  Verkaufe  der  Geistlichengüter
  gedrängt.  So  erfolgten  von  1836  bis  zum  October  1839  Veräusserungen
  im  Betrage  von  mehr  als  1300  Mill.  Realen;  aber  Alles
reichte  nicht  aus.  —  Ein  Ausschuss  der  spanischen  Staatsgläubiger
in  London  berechnete  im  Jahre  1840  die  Schulden  folgendermaassen  ;

Innere  unverzinsliche  Schuld
Aeussere  unverzinsl.  u.  aufgeschobene  Schuld
Verzinsl.  Schuld  .

Realen  9,995’489,321
2,434’344,000
5,419748,483

Zusammen  17,849’581,904

In  dem  Berichte  über  das  Budget  für  1842  finden  wir  dagegen
mir  die  Summe  von  11,815’850,043  R.  angegeben,  wovon  überdies
abzuziehen  seien:  300  Mill,  eingezogene  Forderungen  des  Weltclerus,
und  1120  Mill,  ausstehende  Kaufgelder  für  Nationalgüter;  sonach  die
wirkliche  Schuld:

consolidate  5,820954,000  R.  mit  SOO'954,982  R.  Jahreszins
unverzinsliche  4,673^806,043  „
Total  10,495760,043  „  wozu  gegen  1000  Mill,  verfall.  Zinsen  kamen.
Wie  colossal  die  Verwirrung,  kann  man  indessen  daraus  abnehmen, ­
  dass  in  einer  amtlichen  Aufstellung  von  Endo  1849  aufgeführt
werden  :
        <pb n="296" />
        280

SPANIEN  —  Militärwesen.

geordnete  Sprocentige  in-  u,  ausländ.  Schuld  2,982’020,410
zu  ordnende  in-  u.  ausländ.  Schuld  .  .  12,531’067  461
zusammen  15,5Í3’Ò87,87r~"
Bei  der  herrsohendeu  furchtbaren  Finanzverwirrung  und  Zerrüttung ­
  amd  wir  natürlich  nicht  im  Falle,  einen  klaren  Uehorhlick  über
den  jetzigen  Stand  der  Schuld  zu  geben.  Wir  reihen  Obigem  nur
einige  unzusammenhängende  Notizen  aus  der  neueren  Zeit  an  Durch
eine  Vemrdnung  vom  8.  Juli  1853  ward  die  Ausgabe  von  6prozent.
S^atzscheine^  im  Betrage  von  300  Mill.,  angeordnet,  als  ErsL  der
schwebenden  Schuld.  Im  April  1854  Anleihe  von  22  Mill.:  Januar
So  neue  ditto  von  40  Mill.;  August  desselben  Jahres  von  230
Mill,  mit  10  Proz.  Verlust  am  Course  ;  dann  wieder  :  Anlehen  bei
dem  Hause  Werner  in  Paris  von  60  Mill,  zu  9Yg  Proz.  Zins!  ^
Ende  August  1856:  Anlehen  von  60  Mill,  auf  6  Monate  (!)  bei  der
^Grdinandsbank  zu  Madrid,  gegen  eine  Prämie  von  150,000  K.
ÏÏr/'j^'^reszins.  Mittlerweile  hatte  ein  Decret  v.  20.  Mai
180  Alill.  6proz.  Schatzscheinen  versolidirte
  wiedeiholt;  dessen  ungeachtet  finden  wir  aufgezeiclinet:
schwebende  Schuld  am  1.  Mai  1850  ö65’106,360  R.
”  "  w  31.  „  „  605’316,598  R.
Die  Veräusserung  der  Geistlichengüter  ward  stets  aufs  Neue  bepnnen;
  sie  war,  kotz  aUer  reactionären  Tendenzen  der  Regierenden
immer  selbst  fur  diese  schliesslich  ein  Act  der  unvermeidlichen  Nothwendigkeit.
  Allem  schon  reicht  man  damit  nicht  mehr  aus.  Das
»Desamortisationsgesetz«  ergrifiF  in  gleicher  Weise  auch  die  Güter  der
.^Gn  letzten  Aufstellungen  von  Ende  Aug.  1856
wimmsrn
''z.‘zcz\zrizi~»-aRe
  ^  %  HuLen^8%%
oéZ”VÍ^¿  cZp.  LväZ"''  ®
jäge/(cS3er8)^^’*^^^  Gendarmerie  (Guardia  civil)  «.  Grenz-V
  'mnnn  Jahres  1854  nahmen  die  Cortes  einen  Etat
von  70,000  M.  an.  Anfangs,  1855  wurde  die  Zahl  der  vorhandenen
        <pb n="297" />
        SPANIEN  —  Militärwesen.

281

gut  organisirten  Truppen  zu  67,400  M.  angegeben,  worunter  8000
Gendarmen;  ausserdem  waren  noch  6000  Carabiniere  ungerechnet.  —
Unterm  1.  Aug.  1855  wurde  die  Einrichtung  einer  Bürgerwehr  von
80  BatailL,  zusammen  60,000  M.,  angeordnet.  Sie  sollte  den  Namen ­
  „Provincialmiliz“  führen  und  der  Armee  als  Reserve  dienen.
Mitte  1855  hatte  man  eingeschriebene  Nationalgarden  546,286  Mann,
nämlich  :
Infanterie  530,659  in  539  Bataill.  nebst  3333  detaschirten  Compagn.,
Cavallerie  13,792  in  66  Schwadr.  nebst  279  detasch.  Seotionen,
Artillerie  1,935  in  7  Batterien  nebst  21  detasch.  Sect.
Allein  nur  etwa  Vs  war  bewaffnet  mit  111,330  Musketen,  4312
Carabiners  und  38  Kanonen.  Die  neue  Contrcrevolution  führte  auch
hier  zur  Vernichtung  der  Nationalgarde,  welche  die  Königin  unterm
15.  Aug.  1856  „für  immer“  aufgehoben  erklären  zu  können  glaubte!
Festungen.  Spanien  besitzt  deren  viele  ;  die  bedeutendsten  sind:
a.  am  Biscayischen  Meere:  Fuentarabia,  San  Sebastian,  Santona,  Santander, ­
  los  Passages,  Ferrol,  Coruna,  Vigo,  Toro;
b.  an  der  Portugiesischen  Grenze:  Ciudad  Rodrigo,  Badajoz,  Olivença;
c.  in  Andalusien  und  am  Mittelmeere:  Cadix,  Tarifa,  San  Roque
(gegen  Gibraltar),  Malaga,  Velez  Malaga,  Almería,  Cartagena,  Alicante,  Castell
von  Valencia,  Murviedro,  Taragona,  Barcelona,  Rosas  ;
d.  gegen  Frankreich:  Figueras,  Urgel,  Puycerda,  Pampeluna,  Gerona,
Hostalrich,  Manresa,  Lérida,  Tortosa,  Mequinenza,  Saragossa;
e.  auf  den  Inseln  und  in  Afrika:  Palma,  Port  Mahon,  Ceuta.

Marine  (Stand  im  Mai  1854):

Linienschiffe  .
Fregatten
Corvetten  ...  7  „
Briggs  .  .  .  14  „
Brigg-Goeletten  .  .  3
Brigg-Barken  .  .  4
Kleinere  Dampfschiffe  .  17  „
Kleinere  Segelschiffe  .  65
Zusammen  153  Schiffe,
activen  Dienste  kommen,  also

a.  im  activen
Dienste
1
14  (wov.  6  Dampfer)

im  passiven
Dienste
1
1

17

0.  im  Bau  oder
in  Ausrüstung

(wov.

4  Dampfer)
4

wozu  noch  240  kleine  Fahrzeuge  im
total  393  mit  1231  Kanonen  und  258
Steinböllern;  die  Dampfer  mit  9972  Pferdekraft.  Die  Zahl  der  Marinesoldaten ­
  wird  zu  15,000,  jene  der  Matrosen  zu  9000  angegeben.—
Neue  Liste:  56  grössere  Sch.,  wovon  2  Liniensch.,  8  Freg.,  30  Dampfer.
Geschichtliche  Notizen.  Nach  dem  Etat  von  1776  sollte  die  spanische ­
  Landmacht  aus  132,730  M.  bestehen;  der  wirkliche  Bestand
w^ard  indess  1783  nur  auf  60—70,000  geschätzt,  wozu  20,000  Mann
Landmiliz  kamen.  Die  Marine  war  damals  noch  sehr  ansehnlich;
1782  rechnete  man  gegen  50  Linien-und  70  sonstige  grössere  Schiffe
mit  5300  Kanonen  und  55,000  Seeleuten,  —  Ueber  die  (fortwährend
aufs  Aeusserste  wechselnde)  Stärke  der  Kämpfer  gegen  Napoleon  fehlen
uns  bestimmte  Anhaltspunkte.  Nach  dem  Kriege  waren  Officiere  in
solcher  Menge  vorhanden,  dass  man  damit  ein  Heer  von  anderthalb
Millionen  Soldaten  hätte  versehen  können,  darunter  700  Generale.  —
Im  Frühling  1822,  als  der  Krieg  mit  Frankreich  bereits  drohte,
zählte  das  spanische  Heer  nur  48,681  M.  (dagegen  waren  gleichzeitig
        <pb n="298" />
        282

SPANIEN  —  Sociales.

73,495  Geistliche  über  den  [sehr  reichlich  bemessenen]  Bedarf  vorhanden!) ­
  Die  gegen  Spanien  ausgesendete  franz.  Expeditionsarmee
bestand  aus  etwa  80,000  M.  —  Als  der  Kampf  zwischen  Cristinos
und  Carlisten  begann,  bestand  die  Macht  der  Letzten,  Ende  1835
aus  18,000  M.  Fussvolk,  800  Reitern,  17  bespannten  und  35  unbespannten
  Kanonen,  dann  3500  Freiwilligen  als  Reserve.  Die  Cristinos ­
  besassen  eine  Streitmacht  von  nahezu  100,000  M,  Später  stieg
dieselbe  auf  fast  150,000;  die  Kräfte  der  Carlisten  aber  vermehrten
sich  in  Biscaya  und  Navarra  auf  40,000,  in  Aragonien  (unter  Cabrera) ­
  und  Catalonien  auf  30,000.
Soclitics«  Adel  und  Geistlichkeit  besitzen  seit  Jahrhunderten
die  Reichthümer  Spaniens;  neben  ihnen  erhob  sich  der  fürstliche  Absolutismus. ­
  Wohin  man  kam,  mögen  einige  Daten  aus  dem  vorigen
Jahrhunderte  zeigen,  im  Jahre  1787  zählte  man  in  Spanien  479,653
Edelleute  (wie  in  Russland,  ist  hier  blos  das  männliche  Geschlecht
in  Rechnung  gezogen),  davon  beinahe  V4  in  Asturien;  ferner  93,689
Mönche  und  85,668  Weltgeistliche,  zusammen  gegen  180,000,  so
dass  je  das  17te  erwachsene  männliche  Individuum  unmittelbar  „von
der  Religion“  lebte;  ausserdem  2666  Beamte  der  Inquisition  (ungerechnet ­
  deren  „Familiären“),  und  4103  Beamte  der  übrigen  Geistlichkeit; ­
  sodann  37,902  Civilbeamte  und  77,884  Militare;  dann
34,030  Kaufleute  (die  Zahl  der  Geistlichen  war  5  mal  so  gross!),
39,073  Fabrikarbeiter,  262,932  Handwerker  (kaum  um  die  Hälfte
mehr  als  Geistliche  !),  896,844  Bauern,  und  1’234,188  Taglöhner  etc.
Welche  unnatürlichen  Socialzustände  setzen  diese  Ziffern  voraus  !  —
Wie  die  Volksbildung  gehemmt  statt  befördert  ward,  zeigte  der  Erfolg. ­
  Aber  auch  rein  materielle  Verbesserungen  Hess  man  nicht  aufkommen.
  Bekannt  ist  die  Entscheidung,  als  zur  Zeit  Karl  des  II.
eine  Niederländische  Gesellschaft  den  Tajo  und  Manzanares  schiffbar
machen  wollte:  „Hätte  der  allmächtige  Gott  diese  Flüsse  bis  Madrid
schiffbar  haben  wollen,  so  würde  er  dies  ohne  alle  Mitwirkung  schwacher ­
  Menschenkinder  ausgeführt  haben;  da  er  es  nun  aber,  wie  der
Augenschein  beweist,  nicht  that,  so  wäre  es  eine  freventliche  Widersetzlichkeit ­
  gegen  ihn  und  seine  Vorsehung,  wenn  schwache  Menschen
das  ordnen  wollten,  was  er  aus  allweisen  Gründen  zu  thun  uutorliess.“
(Annalen  von  Don  Jnan  Mmrez  de  Colmenar.)
Selbst  lange  nach  derNapoleonischen  Herrschaft,  nämlich  nach  1820,
zählte  man  3005  Klöster  im  Lande.  Bis  dahin  bezog  der  Erzbischof
von  Toledo  ein  Einkommen  von  500,000  Ducaten,  jener  von  Valencia ­
  200,000.  Die  Einkünfte  des  Erzbisthums  Valencia  sollen  15’400,00()
Realen  betragen  haben.  In  Galizien  befanden  sich  V3  des  Bodens
im  Besitze  der  Geistlichkeit,  in  ganz  Spanien  wolxl  ein  volles  Drittheil.
  Als  sich  die  Cortes  1822  mit  einer  neuen  Organisation  des
Clerus  beschäftigten,  waren  73,495  Geistliche  über  den  Bedarf  vorhanden ­
  ,  ungerechnet  Mönche  und  Nonnen.  Das  Einkommen  des
Staates  betrug  1820  21  Mill.  Piaster,  das  der  Geistlichkeit  gleichzeitig ­
  52  Mill.  —  Nach  der  1855  angoordnoten  Aufhebung  der  Jesuitenconvente
  und  aller  Klöster  von  weniger  als  12  Couventualea
        <pb n="299" />
        SPANIEN  —  Sociales.

283

(was  die  Säciüarisirung  von  ungefähr  900  Klöstern  herbeiführte),  blieben ­
  deren  noch  über  1000  bestehen.  —  Dem  Dicionário  von  Canga
Arguelles  zufolge  bezog  der  päpstliche  Stuhl  von  der  Iberischen
Halbinsel  folgende  Summen;
von  Ende  des  11.  bis  Ende  des  18.  Jahrhunderts  14,400’000,000  Real,
von  1814—20  (davon  Ehedispens.  24’945,880)  .  41’525,226
von  1820—55  140’000,000
Der  Boden  des  Landes  ist  grossentheils  ungemein  fruchtbar,
aber  ganz  schlecht  angebaut.  Hindernisse  einer  bessern  Benützung
sind:  der  Mangel  an  freiem  Eigenthume  der  Bauern,  die  grossen  ungetheilten
  Güter,  das  System  der  Verpachtung,  die  Feudallasten,  die
Creditlosigkeit,  die  vielen  Feiertage,  der  Mangel  an  Bewässerung,
und  jener  an  guten  Strassen.  So  bedarf  das  fruchtbare  Spanien  häufig ­
  der  Getreidezufuhr  aus  dem  Auslande,  indess  Vs  vorzüglichen
eigenen  Bodens  unbebaut  liegen  bleiben.  Selbst  die  Schafzucht  ist  sehr
herabgekommen.  (Zu  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  rechnete  man
14Va  Mill.  Schafe,  jetzt  blos  8  Mill.)  —  Noch  mehr  liegt  die  Gewerbsindustrie
  darnieder,  besonders  im  Vergleiche  mit  deren
relativen  Blüthe  in  der  Maurenzoit.  (Die  Fabrication  von  Corduan,
Seidewaaren,  selbst  von  Waffen,  ist  entweder  ganz  verschwunden,
oder  zur  Unbedeutenheit  herabgesunken.)  —  Auch  der  Handel  ist
auf  mannigfache  Weise  beschränkt  und  gehemmt.  Die  Krone  übt
verschiedene  Monopole  aus.  Die  wenigsten  Flüsse  sind,  besonders
des  Sommers  schiffbar,  da  zur  Beseitigung  der  Hindernisse  nichts  geschieht. ­
  Das  Zollwesen  ist  übel,  der  Schleichhandel  ungeheuer.  Der
Seehandel  befindet  sich  meistens  in  den  Händen  der  Fremden.  Doch
auch  in  Spanien  hat  der  unabwendbare  Eisenbahnbau  begonnen,
und  die  Schienenwege  werden  gerade  auch  hier  Wunder  bewirken.
Eröffnet  waren  im  März  1856  480  Kilom.  (nicht  ganz  64  deutsche
Meilen),  concessionirt  gegen  2400  Kilom.  —  Der  Handelsverkehr
war  1854  in  Realen:
Handel  mit  Einfuhr  Ausfuhr
Europa  u.  Afrika  444’84t,595  691’317,121
Amerika  .  .  342535,251  292’453,034
Asien  .  .  26'108,398  9732,628
Zusammen  1854  .  818^85,244  993^502,783
Dagegen  1850  .  671’993,640  488’566,642
Münze,  Maaase.  Der  Eeal  de  Vellón  (unterabgetheilt  in  34  Maravedís),
nach  dem  Münzgesetze  v.  15.  April  1848  werth  2  Sgr.  1%  Pf.,  wenig  über  25
Centimes  (der  alte  Jieal  de  Flata  war  nahezu  das  Doppelte  werth);  20  Reales
de  Vellón  oder  10%  Reales  de  Plata  machen  1  Silber-Piaster  ;  9^%^  Piaster  sind
gleich  14  Thlr.  preuss.  oder  24'/,  fl.  rhein.  (Keine  Münze  in  der  Welt  ist  so
verbreitet,  wie  der  Piaster;  auch  der  Dollar  ist  nur  eine  Nachahmung  desselben;
in  ganz  Amerika  und  Asien  kennt  man  vorzugsweise  dieses  Geld.)  —  Die
Maasse  sind  in  Spanien  sehr  verschieden,  am  verbreitetsten  die  Castilischen.
Die  Elle,  vara,  hat  3  pies  (Fuss)  =  1,26  preuss.  Ellen.  Der  pies  hat  l'/sP®^"
mos,  12  pulgadas  (Zoll),  16  dedos  (Finger),  144  lineas,  und  ist  gleich  0,8868
preuss.  Fuss  oder  27,83  Centimeter.  (Der  palmo  =  20,87  Centimet.)  —  Die
legua  nueva  (neue  Meile)  =  8000  varas  oder  6680  Meter,  also  0,9018  deutsche
Meilen.  Die  spanische  geographische  Meile  hat  indess  nur  6349  Met.  ;  die  legua
maritima  (unterabgetheilt  in  3  millas  maritimas)  =  5555  Met.  —  Flächen-
        <pb n="300" />
        284

PORTUGAL  —  Land  und  Leute.

maass;  à.\Q  fanegada  —  64,26  Aren  oder  2,6167  preuss.  Morgen.  —  Getreidemaass:
  der  cahiz,  zu  fanegas;  die  fanega  =  54,8  Lit.  od.  0,9971  preuss.
Scheffel.  —  Weinmaass:  der  moyo  (zu  16  cantaras  oder  arrobas  mayores)
=  268,2  Liter  oder  14,0932  preuss.  Quart.  Die  =  27  cantaras.  —  Das
Pfund  {libra)  =  460,14  Gramm.
Aliswärtig^e  Besitiiiig:eii.  Spanien,  einst  die  Beherrscherin
von  beinahe  ganz  Amerika,  besitzt  noch  folgende  Colonien:

A.  in  Amerika:

Insel  Cuba  .
Insel  Puerto-Rico  .
Span.  Jungferinseln

Q.-M.  Bevölker.
2,309  1’000,000  *)
189  288,000
7  2,600

B.  In  Asien  u.  Australien:
Theile  von  Manila  1,450  2’600,000
Bissayer-Inseln  .  879  1  200,000
Babuyanen  u.  Baschi-Inseln
  .  ..  60  6,000
*)  Darunter  ungefähr  460,000  Weisse,
Militärmacht  ^fUber  See.'*'

U.-M.  Bevölkerung
Theile  v.  Magindanao  61  60,000
Marianongruppe  .  .67  6,000
C.  In  Afrika:
Die  Presidios  .  .  2  12,000
Guinea-Inseln  ,  .  23  5,000
Zusammenstellung:
ln  Amerika  .  .  2500  1’300,000
In  Asien  u.  Australien  2500  3’800,000
In  Afrika  .  .  25  20,000
Zus.  (Schätzung)  etw.  5000  5’100,000
170,000  freie  Farbige,  340,000  Sclaven.

Cuba.  Veteranen:  12  Reg.  Infant.,  4  Corps  Freiwillige.  1  Brigade  Artill
von  8  Batterien.  1  Reg.  Lanciers.  —  Miliz  :  1  Reg.  u.  3  Bat.  Infant.,  1  Ree’
Dragoner  und  1  Reg.  freiwillige  Reiterei.
Fuerto-Eico.  Veteranen:  3  Reg.  Infanterie.  1  Brig.  Artillerie  v.  5  Batt.  —
Miliz  :  7  Bataillone  Infant,  und  1  Reg.  Cavallerie.
A&amp;amp;ien.  6  Reg.  Infant.  (3  Linie,  2  leichte,  1  Jäger).  2  Brig.  Artillerie  à  8
Batterien.  —  Provincialmiliz:  4  Bataill.  Linie,  1  Bat.  Jäger.

Portugal  (Königreich).

Band  und  Leute.  1660  Q.-M.,  1850  mit  3’471,199  Einw.
(nach  ungenauer  Schätzung).  Eine  andere  Angabe  bringt  für  das  Jahr
1852,  mit  Einrechnung  Madeiras  und  der  Azoren,  die  Ziffer  von
3’814,771.

Provinzen
Minho
Duro
Tras-os-Montes  .
Beira-Alta

Q.-M.

Bevölk.
1850

96  486,831
182  868,702
190  309,331
61  298,917

Provinzen
Beira-Baixa
Estremadura
Alemtejo
Algarve

Q.-M.

Bevölk.
1850

216  332,499
341  748,461
471  285,231
101  141,027

Confession.  Die  katholische  ausschliesslich;  doch  soll  es  (abgesehen ­
  von  Fremden),  noch  viele  heimliche  .Juden  geben.  —  Städte:
Lissabon  mit  etwa  280,000  Einw.,  Oporto  90,000,  Coimbra  15,000.
Geschichtliche  Rückblicke.  Eine  statistische  Berechnung  vom  Jahre
1732  nahm  eine  Bevölkerung  von  1’850,000  Menschen  an.  Nur  bezüglich ­
  (^er  Provinzen  Beira  und  Alemtejo  beruhte  die  Angabe  auf
mehr  als  blos  oberflächlicher  Schätzung,  und  diese  beiden  Provinzen
waren  mit  550,856  und  265,223  Menschen  aufgeführt,  was  eine  sehr
geringe  Zunahme  seither  andeutet.  (Zu  König  Emanuels  Zeiten  hatte
Portugal  über  4  Mill.  Bewohner.)  —  Die  Theilnahme  Portugals  am
Kriege  gegen  Frankreich  und  Spanien  endete  1801  mit  dem  Verluste
        <pb n="301" />
        PORTUGAL

Finanzen.

285

der  Grenzfestung  Olivença.  1807  rückten  Franz.  Truppen  in  das  Land,
die  königliche  Familie  entfloh  nach  Brasilien.  Nach  dem  furchtbaren
l’eninsularkriege  anerkannte  zwar  der  Wiener  Congress  Portugals  Ansprüche ­
  auf  Olívenla,  Spanien  gab  dasselbe  jedoch  nicht  heraus.  Der
liof  kehrte  erst  nach  der  Revolution  von  1820  aus  Brasilien  zurück;
nun  machte  sich  aber  diese  Colonie  immer  mehr  unabhängig,  —  erst
factisch,  dann  auch  ollen,  ohne  Umschweife.
FiltaiiZieil*  Das  Budget  für  18®V55  schloss  so  ab:
Bedarf  12’027,459  Mil-Reis  Deficit  18%  11,746  Mil-Reia
Einnahme  12  015,712  „  „  18%  309,948  „
Dabei  erschienen  unter  den  Einnahmen:
Directe  Steuern  .  .  .  2’684,651
Indirecte  „  ...  6’256,6G8
Domänen  ....  450,421
von  Madeira  und  den  Azoren
Abzug  von  den  Ausgaben
Unter  den  Ausgaben:
Hof  .....
Schuld:  innere  P158,735
äussere  1’556,381
Kriegswesen  .
Marine
Oeffentliche  Arbeiten
Dabei  noch  ein  „besonderes  Budget,“  mit  322,506  Mil-Reis  für
Dotation  des  CI  crus  auf  dem  Festlande,  und  930,652  für  Municipalkammern.
  —  Im  Budget  für  der  Bedarf  für  die  Staatsschuld ­
  mit  2’980,916  Mil-Reis  aufgeführt.  Von  den  indirecten  Auflagen ­
  waren  18^V5i  4’880,000  auf  Zölle  gerechnet.
Geschichtliche  Notizen.  In  einer  Aufstellung  von  1775  finden  wir
aufgeführt  :
Einkünfte  aus  dem  Königreiche  ...  7  Mill.  Rthlr.
aus  Brasilien,  %  des  Goldes  .  .  .  I'/î
vom  Diamantenhandel  1
von  sonstigen  dortigen  Auflagen,  Pachten,  Taxen  3
aus  den  Afrikan.  u.  Ostindischen  Besitzungen  4
von  der  Kreuzbulle  für  Rechnung  der  Krone  1

419,704
943,831
590,000
2'715,11G
2’866,074
825,881
1’149,835

/2  »

zusammen  gegen  18  Mill.  Rthlr.
Budget  1822  Angebl.  Ergebniss  1824
Bedarf  21’302,500  Crusades  4’006,200  Pf.  Sterl.
Einnahme  17’285,000  „  1’687,600  „  „
Deficit  4’017,500  „  2’318,750  „  „
(Das  Ergebniss  v.  1824  nach  Angabe  des  Journals  0  Popular.)
Von  1834  an  liegen  uns  viele  nähere  Angaben  vor.  In  keinem
uns  bekannten  Jahre  schloss  das  Budget  ohne  Deficit  :
Einnahme  Ausgabe  Einnahme  Ausgabe
18%  ir940,151  14’911,314  18:%,  10’362,271  12’606,215  Mil-Reis
18"/,,  9’843,000  11’158,000  IS^Vs»  10’793,407  13’507,484
18%  11’626,000  11’6C6,000  18%  11’580,358  11784,472
Schuld.  Im  Jahre  1754  berechnete  man  die  Staatsschuld  auf  19
Mill.  Rthlr.;  1843  gab  man  dieselbe  zu  80708,000  Mil-Reis  an,  einschliesslich ­
  2’200,000  Papiergeld.  (Dieses  Papiergeld  stand  32  —  34
        <pb n="302" />
        286

PORTUGAL  —  Militar,  Sociales.

Proz.  unter  seinem  Nominalwerthe.)  Bis  Ende  1852  war  dann  das
Verhältniss  der  Schuld  unbedingt  in  Dunkel  gehüllt.  Damals  nahm
man  120  Mill.  an.  Ein  Decret  vom  18.  Dec.  1852  setzte  zwangsweise ­
  alle  Zinsen  auf  3  Proz.  herab;  ein  Theil  der  Gläubiger  protestirte
  dagegen.  Als  liquidirte  Schuld  wurden  für  die  Zeit  vom  30.
Juni  1853  aufgeführt:
innere  Schuld  .  .  36095,661  )  „  •
äussere  (englische)  .  43058,281  j  ’  Mil-Reis.
Der  wirkliche  Bestand  dürfte  aber  nicht  unter  150  Mill,  anzunehmen
sein,  wobei  7%  Mill.  Papiergeld.  (Das  Anlehen  Dom  Miguels  von
1832,  angeblich  1  Mill.  Mil-Reis,  wovon  noch  gar  keine  Zinsen  bezahlt ­
  wurden,  ist  nicht  anerkannt,  und  desshalb  vorstehend  nicht  eingerechnet.) ­
  —  Von  neuen  Anlehen  wissen  wir:  zwei  im  Jahre  1853,
500  Contos,  al  pari,  zu  7  Proz.,  zum  Strassenbaue  ;  und  12  Mill.  Er.,
Gprozentig,  im  Course  von  80  negocirt.  Im  Jahre  1855  vernahm  man
von  einem  3  Mill,  betragenden  Anlehen,  das,  wie  gewöhnlich,  unter
höchst  lästigen  Bedingungen  (wahrscheinlich  auch  speciellen  Verpfändungen ­
  von  Einkünften)  abgeschlossen  worden  sei.  Im  Juli  1856
ward  die  Aufnahme  eines  weiteren  Anlehens  von  330,000  Pf.  Sterl.
beschlossen.  Es  ist  völlig  undenkbar,  dass  Portugal  seine  sämmtlichen
Schulden  abtrage.
Militär«  Nach  dem  Budget  für  18'"'%;  hat  Portugal  24,000
Mann  (in  8  Divisionen),  wovon  wenigstens  4000  beurlaubt  werden.

Bestand  :

Staab
Genie
Artillerie

43  M.
410
2,600  mit  321  Pferden
Infanterie  17,000
Cavallerie  3,209  mit  2500  „
In  Kriegszeiten  soll  die  Armee  49,729  M.  mit  5500  Pf.  stark  sein.
Festungen  (meist  verfallen):  Elvas,  Jerumenha,  Campo  Mayor,
Marvao,  Peniche,  Nonsando,  Almeida  und  die  Forts  von  Lissabon  mit
dem  einzigen  Kriegshafen.
Flotte.  1  Linienschiff  von  80  Kan.,  1  Fregatte  von  50,  6  Corvetten
  à  18,  7  Briggs  von  6—18,  2  Brigg-Schooner,  10  Schooner,
12  kleine  Fahrzeuge  und  7  Dampfer  ;  zusammen  46  Schiffe  mit  428
Kan.  und  2400  Mann.
RückhlicJce.  1783  besass  Portugal  noch  9  Linienschiffe  und  9
Fregatten.  —  Ira  Peninsularkriege  waren  die  portug.  Truppen  nach  englischer ­
  Art  organisirt  und  bildeten  in  Wirklichkeit  ein  tüchtiges  Corps.
Sociales«  Die  Verhältnisse  sind  ähnlich  wie  in  Spanien:  Adel
und  Geistlichkeit  im  Besitze  des  Landes  ;  V3  desselben  nicht  angebaut.
Hohe  Zölle  bewirkten  auch  hier  das  Gegentheil  einer  Förderung  der
Gewerbsindustrie;  solche  ist  fast  gar  nicht  vorhanden;  zahllose  Beschränkungen, ­
  Monopole  und  Begünstigung  von  Corporationen  wirken
dazu  mit;  ebenso  das  Niederhalten  der  Volksbildung  durch  den  die
Schulen  beherrschenden  Clerus.  1822  zählte  man  29,000  Geistliche,
aber  nur  873  Elementarschulen!  Unter  jenen  Geistlichen  befanden
sich  11,484  Mönche  und  Nonnen;  der  Clerus  hatte  ein  Einkommen
        <pb n="303" />
        PORTUGAL  —  Auswärtige  Besitzungen.

287

von  3V2  Mill.  Mil-Reis.  (Der  Patriarch  von  Lissabon  bezog  allein
48,000;  der  päpstl.  Curie  floss  in  den  1840er  Jahren  noch  über  eine
halbe  Mill.  Gulden  [544,360  fl.]  nachweisbar  aus  Portugal  zu).  Selbst
1854  bestanden  erst  1349  Volksschulen  =  1  auf  3000  Einwohner,
und  1  Schüler  auf  84  Menschen!  —  Die  Engländer  führen  den

Haupthandcl.
Münze,  Maasse.  Der  Mil-Keis  (1000  Reis)  =  1  Thlr.  18  Sgr.  oder  2  fl.
48  kr.  rhein.  Der  Crusado  480  Reis.  —  Der  palmo  de  craveiro  =  22  Gentimet.  ;
die  pé  (Fuss)  =  1*/,  palmos  (in  12  pollegadas  getheilt)  =  1,0514  preuss.  Fuss
oder  33  Centimeter.  Die  milha  (Meile)  hat  9389*/g  palmos  =  2065,65  Met.  —
Der  Morgen  fgeira)  =  58,56  Aren.  —  Getreidemaass:  der  moio  zu  15  fangas\
die  fanga  =  55,36  Liter  oder  1,0073  preuss.  Scheffel.  —  Flüssigkeitsmaass  ;
die  almuda  oder  amolde  —  0,2487  preuss.  Eimer  oder  16,74  Liter.  —  Weinmaass:
  die  pipa  zu  26  almudas.  —  Das  Pfund  (arratel)  =  0,459  Kilogr.
Auswilrtige  Besitzungen  :

Q.-M.
A.  Zu  Europa  gerechnete:

Madeira  und  Porto  Santo  .  16
Azoren  .....  54
B.  In  Afrika:
Cap-Ver  dische  Inseln  .  .  78
Guinea,  Bissau  etc.  .  .  1,688
Inseln  St.  Thomé,  Principe  .  21
Angola,  Benguela  .  .  .  9,552
Mozambique  etc.  .  .  •  13,500
C.  In  Ostindien:
Goa,  Bardez,  Saluto  .  •  69
Damao  .  4
Diu  Vi
D.  In  China  u.  Océanien:
Macao  .  %
Inseln  Timor,  Solor  etc.  .  1,632
Zusammenstellung:
Europäische  Inseln  .  .  70
In  Afrika  ....  24,800
In  Ostindien  .  .  .  •  74
In  China  u.  Océanien  .  .  1,600

Zusammen  (Schätzung)  26,500
Colonialbudget  für  IS^Vss  =
Einnahme

Cap  Verdische  Inseln
Inseln  St.  Thomé  u.  Principe
Angola  ....
Mozambique
Indien  .

Macao

Timor

Mil-R.  89,755
.  25,033
,  237,571
82,171
.  275,553
.  35,667
6,683

Zusammen  (Deficit  78,344)  752,433

Bevölkerung
108,464
225,108
86,738
4,270
12,753
589,127
300,000
363,788
33,159
10,765
29,587
918,300
350,000
rooo,ooo
400,000
950,000
2’700,000

Ausgabe
103,436
24,570
264,243
92,629
277,732
68,338
9,829
830,777

Armee  in  den  überseeischen  Besitzungen:

1.  Linie  2.  Linie

Cap  Verdische  Inseln
Thomé  u.  Principe  .
Angola
Mozambique  .
Indien  .  •  •
—  Ausserdem  Sipaas

534  2,421
160  2,692
.  1,978  3,303
.  1,071
.  3,770
375
        <pb n="304" />
        288

GRIECHENLAND  —  Land  und  Leute,  Finanzen.

Macao
Timor  u.  Solor
—  Hülfstruppen

317  561
.•  317
12,000

Gesammtsumme  8,522  20,977

Griechenland  (Königreich)

Bestandtheile  Q.-M.
Festland  180
Peloponnes  480

H.-m.  DBVOIK.  löO'
180  285,694
480  514,671
60  242,762

Bevölk.  1884

1821  748,476
1832  612,608
1842  853,005
1852  1'002,112

Frühere  Volkszahl

Inseln
Zusammen

720  1’042,527

Andere  schätzen  das  Areal  bis  zu  890  Q.-M.  —  1855  soll  die
Volkszahl  1043,153  betragen  haben.  —  Die  früheren  Angaben  über
Population  waren  notorisch  ungenau.  —  Familienzahl  1854:  225,083.
—  Confession:  Die  griechische  orthodoxe  herrschend;  Katholiken
etwa  25—30,000  auf  Syra,  zu  Athen  ;  wenige  Protestanten.  Die  Mohammedaner ­
  sind,  bis  auf  wenige  zu  Chaléis,  vertrieben  (1821  zählte
man  noch  90,830).  —  Nationalitäten  :  IJcber  700,000  eigentliche  Griechen ­
  (nach  Fallmerayer  ein  Albanesisches  Mischlingsvolk);  —  gegen
280,000  eigentliche  Albanesen  (Amanten  ,  ein  bulgarisch  -  slavisches
Mischlingsvolk);  20—30,000  Armenier;  eine  Anzahl  „Franken“  (andere ­
  Europäer),  endlich  höchstens  500  Juden.  —  Städte:  Athen
(1851)  31,125  Einw.;  Hennopolis  (auf  der  Insel  Syra)  22,000,  Patras
20,000,  Argos  11,000.
Herrschaftsveränderung.  Der  neugriechische  Staat  verdankt  seine
Existenz  dem  Volksaufstande  von  1821  und  dem  unerschütterlichen ­
  Kampfe  der  Nation  um  Wiedererlangung  ihrer  Selbständigkeit.
Da  erfolgte  denn  endlich  auch  die  Anerkennung  seitens  der  GrossmäcMe,
  womit  freilich  die  Beschränkung  auf  unnatürliche  Grenzen  und
die  Octroyirung  des  bayerischen  Prinzen  Otto  als  Königs  von  Griechenland ­
  im  Jahre  1832  verbunden  ward.  Eine  Constitution  erlangten
die  Griechen  nicht  früher,  als  in  Folge  der  Revolution  vom  3.  Sept.  1843.
Finanzen.  Alljährlich  wird  ein  Budget  aufgestellt  und  darin
möglichst  Einnahme  und  Ausgabe  ausgeglichen.  Allein  die  Wirklichkeit ­
  weicht  immer  maasslos  ab  von  den  Voranschlägen  auf  dem  Papiere. ­
  Bis  zum  Jahre  1845  wurden  den  Kammern  sogar  je  3  Einkommensetats ­
  unterbreitet  i  1)  Einkommen,  welches  die  Regierung  haben
sollte,  2)  das,  welches  sie  zu  erhalten  hoffte,  und  3)  hintennach
das,  welches  sie  wirklich  erhielt.  So  erschien  z.  B.  in  dem  Budget ­
  für  1845  die  Verpachtung  der  Staatsolivenptlanzungou  zuerst  mit
441,800  Drachmen,  Betrag  der  Verpachtungssumme,  welche  sonach  der
Staatscasse.  zufliessen  sollte;  dann  kam  ein  Voranschlag  von  61,500
Dr.,  welche  die  Regierung  hievon  zu  erlangen  hoffte;  hintenher  aber
brachte  man  eine  Vorlage,  dass  die  Staatscasse  4457  Dr.  31  Lepta
wirklich  bekommen  habe,  —  also  beiläufig  ein  Procent  der  Pachtsumme ­
  !
        <pb n="305" />
        19

GRIECHENLAND  —  Finanzen.

289

Das  Budget  für  1856  scliliesst,  Avcnn  man  die  Vorschüsse  der
Grossmächte  für  das  durch  dieselben  garantirte  Anlehen  mit  3’848,874
Dr.  beiseite  lässt,  so  ab:

Einnahme  Dr.  18M82,8fi4
Hauptpositionen  hievon  :
Directe  Steuern  .  .  9’525,98G
Indirecte  Auflagen  .  4’989,177
Oeflentliche  Anstalten  .  207,090
Domänen  .  ,.  .  1’479,225
Verkauf  v.  Immobilien  30.3,548

Ausgabe  .  .  22’689,513
Hauptpositionen  hievon:
Staatsschuld  u.  Pensionen  4’706,450
Civilliste  .  .  .  1’000,000
Auswärt.  Angelegenheiten  606,831
Kriegswesen  .  .  5’894,570
Marine  .  .  .  1’599,873
Verwaltungskosten  .  1’390,854

Vergleicht  mau  das  jetzige  Budget  mit  dem  für  1853,  so  fallen
besonders  zwei  bedeutende  Ziffernänderungen  auf:  1)  Minderung  des
Domänenertrags  (damals  noch  zu  2’664,284  Dr.  veranschlagt,  also  fast
das  Doppelte  von  jetzt,  —  die  fortwährenden  Entäusserungen  machen
sich  empfindlich  fühlbar;  und  2)  Vergrösserung  des  Militäretats  (damals ­
  4’842,081).  Ungeheuer  in  die  Höhe  geschraubt  scheint  uns  in
diesem  Lande  und  unter  den  hier  obwaltenden  Verhältnissen  die  Grundsteuer, ­
  mit  8’406,000  Dr.,  fast  die  Hälfte  der  Gesammteinnahme  bildend. ­
  Hoch  sind  ferner  die  Zölle,  mit  3’400,000,  und  der  Stempel,
mit  U274,000  Dr.  —  Der  griechische  Staat  hat  verbaltnissmässig
das  geringste  Einkommensbudget  in  Europa;  trotzdem  ist  die  Regierung ­
  nicht  im  Stande,  weder  diese  Beträge  einzutreiben,  noch  sonst
das  Gleichgewicht  im  Finanzhaushalte  herzustellen.  —  Eine  unbefangene ­
  Würdigung  der  Verhältnisse  wird  zu  der  Ansicht  führen,  dass
Griechenland,  zumal  bei  der  geringen  Entwicklung  seines  Bodenanbaues ­
  und  seiner  Gewerbsindustrie,  —  die  Kosten  einer  Hofhaltung,
eines  ausgebildeten  Beamtenthums  und  eines  stehenden  Heeres  zu
erschwingen  nicht  vermöge.  Diejenige  Einrichtung,  welche  dem
Lande,  seinen  Zuständen  und  Mitteln,  entsprochen  hätte,  wäre  eine
solche  gewesen,  welche  auf  ähnlichen  Grundlagen  beruhete,  wie  wir
dieselbe  in  der  Schweiz  mit  den  schönsten  und  wohlthätigsten  Ergebnissen ­
  wirklich  bestehend  finden:  eine  Föderativrepublik,  in
welcher,  von  der  Gemeinde  ausgehend,  dann  zum  Kantone  aufsteigend,
die  unmittelbar  Betheiligten  in  einfacher  Weise  sich  selbst  regierten; ­
  wobei  nur  das  Nothwcndige  centralisirt,  kein  Hof,  kein  kostspieliges ­
  Beamtenthum,  noch  ein  stehendes  Heer  vorhanden  wäre,  was
Alles  auch  gerade  der  ganzen  historischen  Entwicklung,  den  glorreichsten ­
  Erinnerungen  aus  den  Zeiten  des  alten  Hellenenthums  allein
entspräche.  —  Indessen  ist  es  anders,  und  wir  haben  die  Thatsachen
als  solche  hinzunehmen,  wesshalb  wir  uns  einfach  zu  diesen  Thatsachen ­
  wenden.  —  Die  Finanzverwirrung  dauert  schon  seit  der  Begründung ­
  des  Staates.  Während  des  Unabhängigkeitskrieges  konnte
GS  nicht  anders  sein,  allein  auch  seit  Einsetzung  der  nun  bald  ein
viertel  Jahrhundert  dauernden  königlichen  Regierung  gelang  es,  trotz
der  nur  zu  weit  gehenden  Ausbildung  des  bureaucratischen  Formalismus ­
  ,  noch  nicht  einmal  auch  nur  auf  dem  Papiere  Ordnung ­
  herzustellen.  Ueber  Einkünfte  und  Ausgaben  liegen  uns  manche
        <pb n="306" />
        290

GRIECHENLAND  —  Finanzen.

Angaben  vor,  die  aber  wieder  mit  andern  gleichfalls  ofíiciellen  Notizen
keineswegs  übereinstimmen.  Wir  setzen  einige  her:
Jahr  Einnahme  Ausgabe  Jahr  Einnahme  Ausgabe
1833  7’721,370  12852,605  1838  14’094,860  14’754,676
1834  iri.32,687  16’750,619  1839  14’298,400  13’880,665
1835  13'635,93()  16  905,896  1840  15’340,000  13710,000
1836  13'623,817  15’817,537  1841  15’147,493  13’449,018
1837  14796,047  I6’593,000  1842  14'600,000  13’424,000
Allein  diese,  gegen  Ende  des  Jahres
Regierung  den  Schutzmächten  übersendete
gelt  der  wirklichen  Begründung.  Abgesehen  von  dem  irmeru  Staatshaushalte ­
  ,  dessen  Einkünfte  und  Kosten  zu  ermitteln  wir  ausser  Staude
sind,  finden  wir  stets  die  neu  fl  üssig  gemachten  A  n  1  e  hens  summen
den  laufenden  Einnahmen  beigcrcclmet,  indess  der  griechische
Staat  nicht  einmal  seine  Verbindlichkeiten  als  Schuldner  erfüllte.
Und  selbst  so  ergab  sich  in  Wirklichkeit  niemals  ein  IJeberschuss.
Auch  stellte  sich  schon  das  Budget  für  1842  ganz  anders,  als
oben  angegeben,  nämlich  mit  ICinrechnung  einer  Million,  die  man
durch  Veräusserung  von  Boinänen  zu  erlangen  hoifte,  so:

1844  von  der  griechischen
Zusammenstellung,  erman-Jahr

  Einnahme  Ausgabe
1842  18’879,500  19778,000
1843  15’669,795  18’666,482
1846  13’615,000  17’910,000

1851  ergaben  sieh:
Einnahin  e:  laut  Ihnlget  Dr.  17’923,504
wirkliche  nur  13’487,070
.\u8gabc:  Soll  .  .  20’451,637
wirkl.  bezahlt.  15’599,800

Was  die  Verzinsung  des  üD  Mil  honen-Anlehens  (siehe  unten)
betrifft,  so  hat  die  griechische  Regierung  ein  einziges  Mal,  1847,
den  dasselbe  garantirenden  (Irossrnächten  einen  Uheil  der  Zinsen
zurück  erstattet.  Sonst  figiirirtc  jährlich  (bis  1852)  im  Budget  die
Summe  von  1’278,491  Dr.  als  Betrag  des  Drittheils  der  von  jenen
Mächten  geleisteten  und  ihnen  zurück  zu  ersetzenden  Jahreszahlung.
Da  aber  selbst  dieses  Drittheil  nie  bezahlt  werden  konnte,  so  strich
die  Regierung  diesen  Ausgabeposten  1852,  und  setzte  dafür  eine
fixe  Summe  von  400,000  Dr.  ein,  welche  jedoch  ebenfalls  nicht  bezahlt ­
  ward.  Vermuthlich  geschah  es  in  Folge  der  Reclamationen  der
Grossmächte,  dass  im  Budget  für  1853  die  ganze  schuldige  Summe
wieder  aufgeführt  wurde;  allein  die  Zahlung  erfolgte  nicht.
Schuld.  Was  die  Capitalsumme  der  Schuld  betrifft,  so  kennen
wir  folgende  Hauptposten  :

1)  Gezwungenes  Anlehen  von  5  Mill.  Piaster,  decretirt  1822.  Es  konnte
nur  zu  einem  sehr  kleinen  Theile  eingebracht  werden.
,  T  ::::  TTi  =
beide  5procentig,  das  erste  im  Course  von  59,  das  zweite  zu  55  Proc.  negocirt.
Es  sollen  nicht  einmal  250,000  Pf.  Sterl.  in  die  Staatscasse  geflossen  sein.  Die
jetzige  Regierung  verweigerte  dieser  Schuld  die  Anerkennung.  Vom  ersten  Anlehen
wurden  seit  dem  Juli  1826,  vom  2.  seit  dem  Juli  1827  keine  Zinsen  mehr  bezahlt.
4)  Anlehen  von  60  Mill.  Franken,  5procentig,  1832  garantir!  von  England,
Frankreich  u.  Russland.  (Die  griechische  Regierung  sagte  in  einer  1846  an  die
Grossmächte  gerichteten  Note:  ln  den  .Jahren  1837—40  habe  Griechenland  für
Verzinsung  und  Tilgung  6’300,000  Dr.  selbst  gedeckt;  die  Grossmächte  hätten
bis  1845  zum  nemlichen  Behüte  27’143,950  Dr.  vom  Anlehenscapitale  verwendet; ­
  —  an  die  Pforte  hätten  12’531,164  Dr.  Entschädigung  bezahlt  werden
        <pb n="307" />
        GRIECHENLAND  —  Militär,  Sociales.

291

müssen;  —  die  Sendung  baycrisclier  Truppen  nach  Griechenland  habe  diesem
Staat  nicht  weniger  als  2‘2’340,86!2  Dr.  gekostet;  Rothschild  habe  für  Negocirung
des  gedachten  Anlehens  6’6GO,000  Dr.  gezogen;  —  im  Ganzen  seien  von  diesem
und  dem  bayerischen  Anlehen  (worüber  sogleich  einiges  Nähere)  nicht
mehr  als  4  3  7,  4  7  3  Drachmen  für  innere  Verbesserungen  übrig  geblieben  !
(Und  dafür  ward  das  arme  Land  mit  solcher  enormen  Schuldenmasse  belastet  !)
5)  Bayerisches  Anlehcn.  In  den  Jahren  1832,  1835,  36  u.  37  gewährte
der  König  Ludwig  von  Bayern  dem  Könige  von  Griechenland  4  Darlehen,  im
Gesammtbetrage  von  ungefähr  8  Mill.  Frkn.,  zu  4  Proc.  Da  es  meistens  Vorschüsse ­
  auf  das  60  Millionen-Anlehen  sein  sollten,  so  ward  der  grössere  Theil
nach  Maasgabe,  wie  dieses  Anlehen  tlüssig  wurde,  zurückersetzt.  Eine  Summe
von  1'233,333  Gulden  (mit  den  angelaufenen  Zinsen  bis  1849  1’529,333  fl.)
wurde  aber  nicht  abgetragen,  vielmehr  erhob  die  griechische  Regierung  nach  der
Revolution  von  1843  (vgl.  S.  152)  Gegenforderungen  an  Bayern.
So  stellt  sich  nun  die  Gesammtschuldmasse  in  Franken  berechnet,
ungefähr  folgenderinaassen  ;
Capital  Zinsrückstand  Gesammtschuld
1)  Zwangsanlehen  von  1822  .  .  ....  ....  ....
Anlehen  von  1824  und  25  .  .  70  Mill,  etwa  100  Mill.  170  Mill.
4)  60  Mill.-Anlehen  .  .  .  etwa  40  „  „60  „  100  „
6)  Anlehen  des  Königs  von  Bayern  über  2%  „  fast  1%  „  über  4  „
Gesammtsumrne  ohne  Nr.  1  112%  Mill.  162  Mill.  274  Mill.
Neue  Schulden  konnte  der  Staat  nicht  aufnehmen,  da  es  demselbeiî
  im  in-  und  Auslande  an  Credit  fehlt.
MiiiÜll**  Conscription.  Truppenformation:
Infanterie:  6  Linien-  und  3  leichte  Bataill.  (à  6  Comp.),  im  Frieden  zu
737,  im  Kriege  zu  1097  M.  ;  je  2  Linienbataillone  bilden  eine  durch  einen
Obristen  commandirte  Division;  —  zusammen  6633  resp.  9873  M.
Cavallerie:  1  Lanciersregiment  von  3  Escadr.,  etwas  über  300  M.
Artillerie:  1  Bataillon  von  4  Compagnien.  —  Pioniere:  1  Comp.  —  Besondere ­
  Corps:  Phalanx  (Nobelgarde,  blos  Offleiere,  410);  Gendarmerie,  Invaliden.
Festungen  (meistens  in  übelm  Zustande)  :  Missolunghi,  Nauplia,  Navarin  ;
Tripoliza,  Akrokorinth,  Akropolis  v.  Athen,  Chalkis,  Lamia,  Vonitza,  Rhion,
Monembasia.
Marine:  1  Corvette  von  26  Kanonen,  1  Dampfer  von  120  Pferdekraft,  7
Ooeletten,  1  Cutter,  4  Kanonen-Schaluppen,  1  Brigg  und  3  kleinere  Fahrzeuge.
Ausserdem  wurden,  beim  Beginne  des  orientalischen  Krieges,  angeblich  einige
russische  Kriegsschiffe,  welche  zu  Triest  lagen,  erkauft,  worunter  1  Corvette.
Societies*  In  keinem  Theile  der  Welt  findet  man  auf  so  engem ­
  Raume  grossere  Unterschiede  im  Bildungsgrade  der  Einwohner,
als  hier:  neben  einem  beinahe  vollkommenen  Mangel  aller  Bildung,
die  grösste  Verfeinerung.  Nur  in  Russland  begegnen  wir  theilweise
einem  ähnlichen  Verhältnisse.  —  Die  Geistlichkeit  besass  unter  der
Türkischen  Herrschaft  fast  Vi  de»  Bodens.  Von  den  Klöstern  wurden ­
  zwar  schon  1829  320  aufgehoben,  welche  weniger  als  je  6  Bewohner ­
  zählten;  es  blieben  aber  noch  82  übrig,  mit  1500  —  2000
Mönchen  und  Nonnen.  Die  Frauenklöster  reducirte  man  1833  auf
30.  —  Im  Jahre  1853  soll  man  in  Griechenland  gezählt  haben:
30  Bischöfe  und  Erzbischöfe,  5114  Geistliche,  12,549  Beamte  (!),
dagegen  nur  674  Lehrer!  —  Einen  Adel  gibt  es  eigentlich  nicht.
Einige  Phanariotische  Familien  legen  sich  zwar  den  Fürsten-,  einige
Ionische  den  Grafentitel  bei;  indessen  verbot  schon  die  Verfassung
        <pb n="308" />
        -Ol

mí

&amp;gt;î“  ‘^:

292

GRIECHENLAND

Sociales

von  TrÖzene  (1827)  die  Ertheilnng  von  Adelstiteln.  —  Unter  den
Einwohnern  sind  nur  25,542  Gewerbtreibende.  Die  Zahl  der  Seeleute
wird  zu  26,312,  jene  der  Ackerbauern  zu  229,259  angegeben.  Die
Masse  der  Volkes  lebt  höchst  ärmlich  ;  Vto  gemessen  nur  zu  Ostern
Fleisch;  Vio  -können  sich  nur  Maiskneben  statt  Brodes  verschaffen;
in  vielen  Gegenden  bilden  Milch  und  Kräuter  die  ausschliessliche
Nahrung  (siehe:  la  Grèce  contemporaine,  par  Ed,  About,  Paris,  1854).
Von  den  7700,000  liectaren  Laudes  sind  freilich  2^/g  Mill,  durch
Felsen  und  Berge,  800,000  durch  M^aldungen  eingenommen  ;  allein
auch  vom  Beste  ist  kaum  Yß  wirklich  angebaut;  und  obwohl  die  Bevölkerung, ­
  mit  Ausnahme  der  Inseln,  wesentlich  eine  ackerbauende
ist,  muss  das  Land  dennoch  Getreide  cinführen.  Der  Grund  liegt
wohl  hauptsächlich  darin,  dass  es  so  wenig  freies  Bodeneigenthum
gibt.  Ungeheure  Ländereien  befinden  sich  im  Besitze  der  todten
Hand,  der  Kirchen  und  Klöster;  von  anderen  muss  dem  Staate  der
Zehnte,  ja  mitunter  ein  doppelter  und  ein  dri  tth  a  Ib  fach  er  Zehnt
entrichtet  werden,  wodurch  der  Anbau  mancher  Producto  geradezu
unmöglich  gemacht  ist.  Dazu  eine  enorm  hohe  Grundsteuer.  Die
Regierung  hinderte  ausserdem  die  Bodencultur  dadurch,  dass  sie  nach
der  Revolution  von  jedem  Bebauer  einer  Länderei  den  speciellen
Nachweis  seines  rechtlichen  Besitzes  forderte  (in  einem  Lande,  in
welchem  so  wenig  verbrieft  ward,  und  nach  einem  solchen  Revolutionskriege ­
  !)  und  in  dessen  Ermanglung  sie  die  Immobilien  als
Staatseigenthum  beanspruchte.  —  Gewerbsin  du  strie  fehlt  beinahe ­
  gänzlich.  Sie  und  der  Handel  sind  u.  a.  namentlich  dadurch
gehemmt,  dass  von  allen  Prodiicten,  welche  aus  einem  in  den  andern
griechischen  Hafen  eingeschifft  werden,  immer  wieder  der  Zoll  entrichtet
werden  muss.  —  Es  mangelt  an  guten  Strassen;  höchstens  sind
50  Meilen  Chausseen  hergestellt;  eine  Berechnung  aus  dem  Jahre
1854  nimmt  nur  30  Meilen  an.  Es  fehlt  ferner  an  Capitalien;
trotz  der  Bank  steht  der  Zinsfuss  oft  auf  15—20  Proc.

Handel  Einfuhr  Ausftihr
1851  25’819,702  13’851,202  Dr.
52  24’982,205  10’402,212
53  20709,960  8788,890  I  Ohne  Korintheriexport,  der  durch  die  Trauben-54
  21770,182  6  799,211  Í  kraukheit  fast  gänzlich  vernichtet  ward.

Der  Hauptverkehr  war  1854  mit  folgenden  Ländern:

F  rankreich
Deutschland  u.  Oesterreich
England
Italien
Russland
Türkei

Einfuhr  von  Ausfuhr  nach
9718,654  1752,516
4’448,266  1448,650
4729,641  908,279
1740,567  639,494
34,163  1’443,581
1’146,176

■fltmdelsmarine.  Diese  hat  sich  bedeutend  emporgeschwungen,
trotzdem  es  den  Rhedern  an  Geld  fehlt,  um  Dampfschiffe  zu  bauen,
und  obwohl  Griechenland  erst  einen  Leuchthurm  besitzt  (zu  Syra).
Der  Stand  der  Marine  wird  so  angegeben:
        <pb n="309" />
        IONISCHE  INSELN.

293

Fahrzeuge  Tonnengehalt  Seeleute
1838  3345  89,642  15,300
1845  3584  161,003
1853  4230  247,661  26,292
1855  5052  294,996  26,312
Miinníe,  Maasae.  Die  Drachme,  58,043063  auf  die  feine  Köln.  Mark,  oder
&amp;lt;/*  span.  Piaster;  Werth  25%  kr.  rhein.  —  Fuss  =  der  alte  Pariser.  —  Pick
oder  Ellen,  grosse  à  68,58,  kleine  à  63,5  Centime!.  —  Getreidemaass:  der
Kiloz  =  33,15  Liter  oder  0,60311  preuss.  Scheffel.  —  Gewicht:  das  Venetianische
  Schwergewicht;  45  Oka  =  100  bayer.  Pfund  oder  56  Kilogr.

Ionische  Inseln  (halbsouvcräncr  Freistaat).

Inseln
Corfu  .
Paxo
Sta.  Maura
Ithaka
Cephalonia
Zante
Cerigo

Q.-M.  Bevölkrg.
10%  64,674
1%  5,017
8%  18,676
2  10,821
16%  69,984
7%  38,929
5%  11,694

Zusammen  51^^  219,797
Fremde  9500,  engl.  Garnis.
3000  =  .  .  .  12,500

(Jonfeasionan.  Die  Einwohner  sind
Griechen,  die  Fremden  Anglicaner,  Katholiken ­
  u.  Juden.
Nationalität.  Die  Eingeborenen  sind
Neugriechen  und  sprechen  die  neugriechische ­
  Sprache.
Städte.  Corfu  mit  etw.  25,000,  Zante
mit  20,000  Einw.

Total  etwa  232,000
Herrschaftswechsel.  Seit  dem  14,  Jahrhundert  bildeten  die  Ionischen ­
  Inseln  ein  Besitzthum  der  Republik  Venedig.  Der  Friede  von
Campo  Formio  brachte  sie  1797  unter  die  Herrschaft  Frankreichs;
1799  fielen  sie  in  die  Gewalt  der  Russen  und  Türken,  Ein  Vertrag
vom  21,  März  1800  verwandelte  Ionien  in  eine  Föderativrepublik
(„die  Sieben-Inseln-Republik“),  welche  unter  türk.  Schutze  stehen  sollte.
Zufolge  des  Tilsiter  Friedens  kamen  die  Inseln  wieder  in  den  Besitz
Frankreichs,  das  ihnen  dem  Namen  nach  eine  besondere  Verfassung
gab.  Indessen  besetzten  die  Engländer  im  Jahre  1810  die  wichtigsten
dieser  Eilande,  Zufolge  eines  Vertrages  der  Grossmächte  vom  5,  Nov.
1815  bilden  sie  einen  selbständigen  Staat  unter  britischem  „Schutze;“
in  Wirklichkeit  werden  sie  von  den  Engländern  nur  wie  eine  Colonie
behandelt  ;  ja  sie  geniessen  nicht  einmal  jener  Rechte,  welche  den  Bewohnern ­
  der  wirklichen  Colonien  vielfach  eingeräumt  sind,
Finanzen«  Es  herrscht  keine  Oeffentlichkeit  in  deren  Verwaltung, ­
  Die  Einkünfte  werden  auf  180—200,000  Pf,  Sterl,  geschätzt.
Ein  Etat  für  1851  schloss  so  ab;

General-Revenuen  144,086  (  Pf  Stf-rl
Municipal  „  32,903  |  U.  bterl.
Nach  einer  engl.  Angabe  von  1855  betrüge  das  Deficit  seit  7
Jahren  93,298  Pf.  Sterl.  —  Die  Sehuldenmasse  hat  sich  sehr  vermehrt
und  wird  auf  etwa  300,000  Pf.  Sterl,  geschätzt.
Miliülr«  Ungeiahr  3000  Mann  :
3  Bataill.  Linien-lnfant.
1  „  Jäger

3  Comp.  Artillerie
1  „  Sappeurs
        <pb n="310" />
        294  TÜRKEI  —  Land  und  Leute
England  kann  seine  Militärmacht  auf  den  Inseln  beliebig  vermehren. ­

Marine:  1  Fregatte  und  1  Dampfpaketboot  unter  britischer,  2
Dampfboote  unter  ionischer  Flagge.
Handel  im  Jahre  1851  ;  Einfuhr  970,415,  Ausfuhr  630,559  Pf.  St.
Münze,  Maasse.  Es  wird  amtlich,  nach  Pfund  Sterling,  im  Geschäftsverkehr
aber  häufig  nach  span.  Piastern  (Dollars)  gerechnet.  —  Die  Maasse  sind  im
Allgemeinen  die  alten  venetianischen,  doch  mit  vielen  Abweichungen.

Türkisches  Reich  (Sultanat).

Obwohl  sehr  geschwächt,  umfasst  das  türkische  Reich  noch  immer ­
  eine  Menge  der  herrlichsten  Länder  in  drei  Erdthcilcn.  Verlässige ­
  statistische  Notizen  fehlen,  doch  scheinen  die  nachstehenden  Bevölkerungsangaben ­
  wenigstens  auf  amtlichen  Schätzungen  aus  dem
Jahre  1844  zu  beruhen.

Europäische  Türkei:  Elnw.

Rumili  und  Thessalien
Bulgarien
Thracien
Albanien
Bosnien  u.  Herzegowina
Serbien
Moldau
Walachei
Inseln

2700,000
3’000,000
1’800,000
1’200,000
1700,000
0000,000
1700,000
2’600,000
700,000

Asiatische  Türkei  (Anatolien);
Kleinasien  .  .  .  10700,000
Syrien,  Mesopotamien,
Kurdistan  .  .  .  4750,000
Türk.  Arabien  (Mekka,
Medinah)  .  .  .  900,000
Afrikanische  Türkei:
■Aegypten,  türk.  Nubien  .  2’000,000
Tripoli,  Tunis  .  .  1’800,000

Z  u  sammer
Europäische  Türkei
Asiatische  „
Afrikanische  „
Zusammen
Rechnet  man  die  Landestheile  ab,
hoheit  (Suzeränität)  zusteht,  so  bleiben

Stellung:
Q.-M.  Bevölkerung
9,600  15  Vj  Mill.
31,600  16  „
45,000  4  „
86,000  35%  Mill.
über  welche  der  Pforte  nur  eine  Ober-¡twa
  36,000  Q.-M.  u.  26  Mill.  Menschen.

Nationalitäten.

in  Europa  in  Asien  zusammen

Ottomanen
Griechen  .
Armenier  .
Juden
Slaven
Romanen  .
Albanesen  .
Tartaren  .
Araber

2700,000
rooo,ooo
400,000
70,000
6’200,000
4’000,000
1’500,000
16,000

Syrer  u.  Chaldäer
Drusen
Kurden

Turkomannen
Zigeuner

214,000

*)  Einschliesslich  Afrika.

10700,000
1’000,000
2’000,000
80,000

20,000
900,000
235,000
30,000
1’000,000
85,000

12’800,000
2’000,000
2700,000
150,000
6’200,000
4’000,000
1’500,000
36,000
4700,000*)
235,000
30,000
rooo,ooo
85,000
214,000
        <pb n="311" />
        TÜRKEI  —  Finanzen.

295

Cotifessionen  :  in  Europa
Moslim  *)  •  4’550,00ü
Griechen**)  •  10  000,000
Katholiken  ***)  640,000
Juden  .  •  70,000
Andere  Secten  —
*)  Einschliesslich  der  in  Afrika.
***)  Hievon  sind  :
640,000  Römische  Katholiken,
25,000  unirte  Griechen  od.  Mel  chiten,
Städte  in  Europa:
Constantinopel  (etwa)  700,000  Einw.
Adrianopel  .  .  100,000
Salonichi  .  .  70,000

in  Asien

zusammen

12’650,000  21  000,000
a'000,000  i3'ooo,ooo
260,000  900,000
80,000  150,000
—  300,000
**)  Mit  den  Armeniern.
75,000  unirte  Armenier,
20,000  Syrer  u.  unirte  Chaldäer,
140,000  Maroniten.
Sarajewo  70,000
Gallipoli  50,000
Philippopel  50,000
Sophia  50,000

CreMetscevlüste.  Das  I  ürkische  Reich  (die  ,,holie  I  foite  )  dehnte
siel)  in  der  zweiten  Hälfte  des  vorigen  Jahrhunderts  noch  über  bedeutende ­
  Provinzen  aus,  die  ihm  seitdem  entrissen  wurden,  feo  ging
die  Krim  1770  an  Russland  verloren,  über  welche  die  Sultane  Suzeränität
  ausgeübt  hatten;  ebenso  riss  Oesterreich  damals  die  Bukowina ­
  an  sich.  Der  Jassyer  Friede  von  1792  ward  erkauft  durch
Ueberlassung  des  ßudschak  bis  zum  Dniester  au  Russland,  und  einiger ­
  Orenzschlösser  an  Oesterreich.  Das  Bündniss  mit  Russland  gegen ­
  Frankreich  kostete  die  Mündung  des  Phasis  und  andere  Punkte
dos  schwarzen  Meeres  an  jenen  Verbündeten.  Zufolge  des  Bucharester
Friedens  von  1812  mussten  auch  Bessarabien  und  die  jenseits  des
Pruth  gelegenen  Theile  der  Moldau  an  den  nordischen  Nachbar
abgetreten  werden.  1821  empörte  sich  Griechenland  und  riss  sich
vom  Ottomanischen  Reiche  los.  Der  Adrianopler  hriede,  1829,
kostete  Anapa  und  andere  Küstenstriche  in  Asien.  Der  Krieg  mit
Russland  von  1853—56  endigte  zum  ersten  Male  wieder  seit  einem
Jahrhunderte  mit  einer  wenigstens  mittelbaren  Gebietszurückeilangung
von  200  Q.-M.  und  180,000  Bew,  (siehe  S.  70).
Fiiianzen.  Ubicini  rechnete  (vor  dem  letzten  Kriege):
Einnahmen  Ausgaben
Zehnt  .  .  .  220  Mill.  Piaster  Hof  (Civilliste  75  Mill.)  83V.«  Mill.
Grundsteuer  .  .  200  „  „  Armee

Kopfsteuer  (haradj)
Zölle  .
Indirecte  Auflagen
Tribut  V,  Aegypten
„  der  Walachei
„  der  Moldau
„  Serbiens

40
86
150
30
2
1
2

Zusammen  731  Mill.  Piaster
Der  Krieg  kostete  ungeheure

300
30
195
10
10
12
30
44

Marine
Kriegsmaterial  .
Beamtenbesoldung
Auswärt.  Angelegenheiten
Für  allgem.  Zwecke  .
Fromme  Anstalten
Bank  (Zuschuss)
Leibrenten  u.  Rückstände
Zusammen  751®/io  Mill.
Opfer  ;  besonders  erschöpften  die
„Ifreunde“  das  Land.  —  Dennoch  konnte  der  türkische  Finanzminister
in  einem  (im  Pariser  Moniteur  abgedruckten)  Berichte  sagen:  Die
Pforte  hat  in  den  28  Monaten  vom  27.  Mai  1853  bis  27.  Sept.  1855
für  ausserordentliche  Kriegsausgaben  11  200,000  1  td.  fetrl.  aufgewendet, ­
  und  dies  bestritten  ohne  neue  Auflagen  oder  Steuera,  und  ohne
Unterstützung  Europas,  ausser  2V2  Pfd.  fetrl.  aus  der  ersten
        <pb n="312" />
        296

TÜRKEI  —  Militär.

englischen  Anlehe,  und  600,000  Pfd.  Vorschuss  auf  die  zweite.
(Der  Charadj  ward  sogar  aufgehoben,  gegen  Verpflichtung  der  Rajahs ­
  zum  Kriegsdienste.)
Schuld,  Zu  Anfänge  des  Jahres  1854  schätzte  man  dieselbe  auf
1068  Mill.  Piaster,  wovon  64  Mill,  unverzinsliches  und  132  Mill,
zu  6  Proc.  verzinsliches  Papiergeld  (Caimes,  seit  1829,  zur  Deckung
der  damaligen  russischen  Kriegscontribution),  Im  August  1854  nahm
die  Türkei  ein  6procentiges  Anlehen  zu  80%  in  London  und  Paris
auf,  125  Mill.  Frk.  =  541%  Mill.  Piaster  betragend.  .  Im  Juni
1855  kam  hiezu  ein  neues  von  England-Frankreich  garantirtes  Aulehen ­
  im  gleichen  Betrage.  —  Die  Grösse  der  schwebenden  Schuld
lässt  sich  auch  nicht  annähernd  bestimmen.  —  (Von  dem  grossen
Staatsschätze,  von  welchem  in  frühem  Zeiten  geredet  wurde,  ist  längst
nichts  mehr  vorhanden.  Die  erste  türkische  Staatsschuld  datirt  von
1776.  Obwohl  Griechenland  über  12V2  Mill.  Drachmen  an  die  Pforte
bezahlen  musste,  vermochte  es  diese  doch  nicht,  die  im  Adrianopeler
Friedensvertrage  dem  Czaaren  versprochene  Kriegscontribution  von  10
Mill.  Ducaten  zu  erschwingen.)
Militär*  Seit  1843  Avard,  nachdem  einige  frühere  Versuche
gescheitert,  mit  Organisirung  der  Landmacht  nach  franz.-preussischem
Vorbilde  begonnen.  Die  Bildung  des  Heeres  geschieht,  ausser  freiwilligem ­
  Eintritte,  durch  Aushebung  und  Losung.  Dienstzeit:  5  Jahre
im  activen  Heere,  dann  noch  7  in  der  Reserve.  —  Die  Organisation
ist  folgende:
I.  Active  Armee  (Nizam),  6  Armeecorps  (Ordii),  jedes  2  Divisionen  und
6  Brigaden,  oder  6  Regim.  Infanterie,  4  Cavallerie  und  1  Artillerie  umfassend.
(Das  Infanterie-Regiment  hat  4  Bataillone  zu  8  Comp.,  und  etatsmässig  3260,
in  Wirklichkeit  etwa  2800  M.  ;  das  Cavallerie-Regiment  6  Schwadr.  —  2  Jäger
und  4  Lanciers  —  mit  736  resp.  934  M.)  Im  Ganzen  rechnete  man  148,000
Mann,  nemlich:
36  Regim.  Infanterie  .  .  100,800  2  Regim.  Genie  .  .  1,600
24  „  Cavallerie  .  .  17,280  8  „  detaschirte  Corps  16,000
10  „  Artillerie  .  .  13,000
II.  Reserve  (Redi/,  Landwehr);  genau  ebenso  eingetheilt  wie  die  Linie
und  auf  dem  Papiere  gerade  eben  so  stark  ;  —  in  Wirklichkeit  noch  keineswegs
vollständig  organisirt.
III.  Contingente  der  dem  Nizam  noch  nicht  unterworfenen  Provinzen
und  der  halbsouveränen  Staaten.  —  Aegypten  besitzt  ein  nach  europäischer
Art  gebildetes  Heer  von  etwa  40,000  M.  Dazu  die  Contingente  von  Oberalbanien ­
  mit  etwa  10,000,  Bosnien  30,000,  Serbien  20,000,  der  Donaufürstenthümer
7000,  und  von  Tunis  u.  Tripolis  10,000;  zusammen  über  100,000.
IV.  Irreguläre  Truppen  (ohne  besondern  Werth).
Nach  dem  (oben  erwähnten)  Berichte  des  türkischen  Finanzministers ­
  betrug  die  wirkliche  Stärke  der  türk.  Armee  im  letzten  Kriege:

Infanterie  (sammt  Garde)  72,180
Cavallerie  u.  Artillerie  22,737
Festungsartill.  u.  Reserve  10,408
Zus.  (2259  in  engl.  Solde)

Infanterie
Cavallerie
Zus.  (7741  in  engl.  Solde)
Dazu  mobile  Miliz

92,650
11,177

103,827
7,741

cijgi.  ouiuc;  105,325  i.'azu  moone  muiz  .  .  &amp;lt;
Die  jährlichen  Kosten  wurden  vom  Finanzminister  so  veranschlagt:
;  3=1  Äsr
Jeder  Infanterist  koste  jährlich  2411,  jeder  Cavallerist  3408  Piaster
        <pb n="313" />
        TÜRKEI  —  Handel.

297

Bekannt  ist,  dass  sich  die  türkischen  Truppen  wiederholt  sehr
gut  schlugen,  so  bei  Kalafat,  Olteniza,  und  besonders  bei  Silistria,
das  sie  mit  ausgezeichnetem  Erfolge  vertheidigten,  trotz  der  grossen
Mangelhaftigkeit  der  Befestigungen.  Wenn  sie,  zu  Anfänge  der  Belagerung ­
  Scbastopols,  an  einem  Punkte  keine  Tapferkeit  bewiesen,
so  findet  das  seine  natürliche  Erklärung  in  der  elenden  Verpflegung
und  der  abscheulichen  Behandlung,  welche  sie  dort  von  europäischer
Seite  erfahren  hatten.  Bei  Eupatoria  (auf  der  Krim)  hielten  sie  sich
so  wacker,  dass  dies  den  Tod  des  Czaars  Nicolaus  beschleunigte.
In  Asien  kämpften  sie  öfters  wunderbar  ausdauernd,  aber  dennoch
mit  schlechtem  Erfolge,  was  theils  Folge  der  Unfähigkeit  der  Führer,
theils  Schuld  der  diplomatischen  IMachinationen  war,  welche  namentlich ­
  dem  mit  wahrer  Auszeichnung  vertheidigten  Kars  keine  Hülfe
zukommen  Hessen,  wie  man  überhaupt  französischer  Seits  den  Kampf
in  Asien  als  im  besonderen  Interesse  Englands  geführt  ansah,  ohne
dass  Britanien  gleichwohl  etwas  für  denselben  that.
Marine.  1853  ward  deren  Bestand  so  angegeben:  4  Linienschiffe  (darunter
2  von  120—130  Kanonen),  10  Segelfregatten,  6  Corvetten,  30  Briggs,  Cutter
u.  Schooner,  18  Dampfer,  worunter  6  Fregatten;  zusammen  70  Schiffe  mit  etwa
3000  Kanonen  und  36,000  Mann.  —  Im  Jahre  1854  verloren  die  Türken  bei
Sinope  an  eigenen  und  ägyptischen  Schiffen:  7  Fregatten,  2  Corvetten,  1  Dampfer
und  3  kleinere  Segelschiffe.
Haiidei*  Derselbe  ward  für  1852  in  Mill.  Piastern  so  angegeben ­
  (in  der  1854  zu  London  erschienenen  Schrift:  the  Ottoman
Empire  and  its  resources)  :

Grossbrit.,  Ionien
Persien  (Transit)
Frankreich
Oesterreich
Russland
Holland
Belgien
Sardinien
Griechenland  .
Persien  (direct)
Schweiz,  Ver.  Staaten
Aegypten
Walachei
Moldau
Serbien

Einfuhr  Ausfuhr
252  130  Mill.
218
230
185
74

217
109
114
97
26
5
4
2
109
92
91
38
19
8

9
2
10
19
7
51
80
25
12

Es  mag  hier  auch  (anhangsweise)
der  Handel  Aegyptens  erwähnt  werden. ­
  Im  Jahre  1854  hatte  Alexandria ­
  :
Einfuhr  für  191  Mill.  Piaster
Ausfuhr  für  303  „  „
Davon  kamen  auf
Einfuhr  Ausfuhr

England
Oesterreich
Frankreich
Türkei
Syrien
Berberei
Toscana

73
21
15
36
22
11
9

152  Mill.
43
32
29
7
3
30

Zusammen  1182  1064
Münze.,  Maas&amp;amp;e.  Gerechnet  wird  nach  Piastern,  von  den  Türken  Grusp
genannt;  dieselben  wurden  immer  gehaltloser;  während  der  Werth  des  Piasters
1764  noch  etwa  1  ff.  18  kr.  betrug,  war  er  1822  auf  19  kr.,  und  während  des
letzten  Kriegs  sogar  unter  6  kr.  herabgesunken.  Grössere  Summen  berechnet
man  nach  Beuteln,  zu  500  Piaster.  —  Längemaass:  die  Dràa,  Pik,  Elle,  für
Seide  und  Tücher  zu  1,0283  preuss.  Ellen  oder  68,58  Centimeter  oder  75  engl.
Yards;  die  Endaseh  für  alle  übrigen  Manufacte,  zu  0,9883  preuss.  Ellen  oder
66,25  Centim.  —  Getreidemaass  :  der  Fortin  von  4  Kilós,  der  Kiló  zu  35,27
Liter  oder  0,6416  preuss.  Scheffel.  —  Flüssigkeitsmaass  :  die  Alma  od.  Almud,
zu  5,2047  Lit.  oder  4,5454  preuss.  Quart.  —  Gewicht:  die  Oha  zu  1,2785  Kilogr.
        <pb n="314" />
        298

TÜRKEI  —  Scliutzsíaaten.

Schutzstaateii.
A.  Walachei.
Areal  etwa  1300  Q.-M,  Die  JJerölkerung  wird  in  einer  detaillirten
  Aufzeichnung  zu  2’324,484  angegeben.  (Stadt  Bucharest
mit  100,000  Einw.)  —  Der  Fmanzetat  für  1853  schloss  so  ab  (in
Piastern,  damals  zu  9  Krzr.  Conv.  M.):
Einnahmen  .  14’824,195  Ausgaben  .  14'650,000
Hievon  :  Salzregie  .  2’500,000  Davon  ;  Hof  CO,000  Duc.  =  2’000,000
Directe  (bes.  Kopf-)  Steuer  8’4G0,000  an  die  Pforte  .  .  1/400,000
Indirecte  (Branntwein  2,  Militär  ....  23)50,000
Zoll  1*4  Mill.)  .  .  3'550,000
Die  Schuld  war  beiläufig  getilgt.  —  Das  Militär  bestand  vor
dem  letzten  russischen  Kriege  aus  2  lieg.  Infanterie  und  1  Keg.  (Kavallerie, ­
  zusammen  4665  M.,  wozu  man  noch  80,000  M.  unregelmässige ­
  Grenzer  und  Miliz  rechnete.
B.  Moldau.
Areal.yoï  dem  Kriege  940,  jetzt  1145  Q.-M.  Die  Einwohnerzahl ­
  ward  damals  zu  1'254,450  berechnet,  wozu  nun  nngef.  180,000
in  dem  von  Russland  abgetretenen  Bezirke  kommen  (Stadt  Jassy,  etwa
50,000  Einw.).
Einnahme-Etat  1853  13’235,230  Piast.
Ausgabe-Etat  „  12456,324  „
(davon  Militär  2*4  Mill.;  der  Pforte  715,000)
Die  Schuld  war  1853  abgetragen.
Reguläres  Militär  2280  M.  in  1  Inf.-  und  1  Cav.-Regiment  ;
Miliz  etwa  13,000.
Handel.  Einfuhr  1851  für  etwa  3%  Mill,  fl.,  wovon  die  Hälfte
aus  Oesterreich  und  Deutschland;  Ausfuhr  für  6  Milk,  wovon'"fast  Vs
auf  Oesterreich  kam.  Von  der  Leipziger  Messe  wurden  für  ungefähr
750,000  fl.  Waaren  bezogen.
C.  Montenegru.
Etwa  70  Q.-M.  mit  120,000  Menschen.  Die  Zahl  der  waffenfähigen ­
  Männer  wird  auf  20,000  geschätzt.
D.  Bosnien.
Dieses  ist  wesentlich  der  Türkei  unterworfen,  geniesst  aber
besondere  Privilegien.  Einwohnerzahl  1850  (  angeblich  )  937,666
(Belgrad  35,000).
Einnahmen  1853  in  Gulden  C.-M.
Davon  :  Kopfsteuer,  10  fl.  pro  Familie
Zigeunersteuer  von  3850  Köpfen
Zölle

Ausgaben
Davon  :  Tribut  dem  Sultan
Hof  des  Fürsten
Inneres  u.  Militär
Cultus  u.  Unterricht
Schuld  nicht  vorhanden.

2’309,347
1’667,335
18,526
298,688
fl.  2’640,795
201,642
171,428
910,894
105,976
        <pb n="315" />
        »

VEREINiaTE  STAATEN  —  Land  und  Leute.

299

Der  Handel  mit  Oesterreich  wird  geschätzt:  Ausfuhr  aus  Serbien ­
  etliche  40,  Einfuhr  aus  Oesterreich  gegen  20  Mill.  Piaster;  im
Jahre  18^2/53  soll  sich  aber  das  Verhältniss  ausnahmsweise  auf
64’591,568  P.  Aus-  und  17131,254  Einfuhr  gestellt  haben.

Amerika.

Vereinigte  Staaten  von  Nord-Amerika
(Föderativ-Republik).

Land  und  Leide«  Nach  dem  Census  von  1850  ergab  sich,
bei  einem  Bestände  von  3*306,865  englischen  oder  (21,1860  engl.  =  1
deutsche  Q.-Meile)  156,087  deutschen  Quadr-Meilen,  eine  Bevölkerung
von  23*351,207  Menschen,  worunter  3*178,055  Sclaven;  nämlich:

Staaten  (und  Gebiete).
A.  Neu-Enffland-Siaaten:
1.  Maine  ....
2.  New-Hampshire  .
3.  Vermont  ....
4.  Massachussets
5.  Rhode-Island
6.  Connecticut
B.  Mittelatlantische  Staaten  :
7.  New-York  ....
8.  New-Jersey  ....
9.  Pennsylvanien
10.  Delaware  ....
11.  Maryland  ....
C.  Südatlantische  Staaten:

36,000
8,030
8,000
7,250
1,200
4,750

46,000
6,851
47,000
2,120
11,000

12.  Virginia  ....  61,352
13.  North-Carolina  .  .  .  45,500
14.  South-Carolina  .  .  .  28,000
16.  Georgia  ....  58,000
16.  Florida  .  .  .  ■  .  59,268
(District)  Columbia  .  .  50

D.  Siid-Cis-M'ississippi-Slaatön  :
17.  Alabama
18.  Mississippi  •
19.  Tenessee
20.  Kentucky

60,722
47,151
44,000
37,680

E.  Nordel. ­
  Ohio
22.  Indiana
23.  Michigan

Cis-Mississippi-Sfaaten  :
39,964
33,809
56,243

Bevölkerung  Davon
1860  Sclaven
583,018  —
317,999  —
314,322  —
994,665  —
147,643  —
371,947  —

3*098,818  —
489,381  119
2*314,897  —
90,407  2,688
575,150  89,204

1*424,863  473,972
868,870  288,412
668,247  384,720
888,726  349,208
89,459  40,335
51,670  3,688

779,001  344,323
605,488  308,167
1*006,213  237,026
993,344  211,237

1*981,940
990,258
402,041
        <pb n="316" />
        300

VEREINIGTE  STAATEN  —  (Land  und  Leute).

24.  Illinois  ....
25.  Wisconsin  ....
(Oebiet)  a.  Minesota
F.  Ultra-Missi8ai¡¡pi-Staaten.
26.  Iowa  .....
27.  Missouri  ....
28.  Arkansas  ....
29.  Louisiana  ....
(Geb.)  b.  Indiana
c.  Kansas  u.  Nebraska

»
55,409
53,924
141,839
50,914
65,037
52,198
41,346
187,171
136,700

Bevölkerung  Davon
1850  Sclaven
855,384  —
305,538  —
6,077  —

192,247
682,907
198,796
623,098

87,767
46,242
249,947

G.  WesÜ’dnder  des  Mexicanischen  Busens:

30.  Texas  ....  326,520  230,000  62,000
II.  Länder  am  stillen  Ocean  ;
31.  Californien  ....  188,982  214,000  —
(Geb.j  d.  Ncu-Mexico  .  .  210,774  61,574  —
e.  Utah  .  .  .  187,923  20,000  —
f.  Oregon  .  .  .  341,463  13,323  —
g.  Nord-West-Gebiet  -r  528,726  —
Früherer  Oebietsumfang  :
1793  805,461  engl.  Qu.-M.  1840
1830  2T50,000  „  „  1850
BevÖlkerungszunalnne.  Die  Bevölkerung  derjenigen  britischen  Co-Ionien,
  welche  später  die  Vereinigten  Staaten  bildeten,  ward  1680
auf  80,000,  1701  auf  260,000  und  1753  auf  1'051,000  Seelen  geschätzt. ­
  1775  hatten  die  Verein.  Staaten  nach  einer  amtlichen  Schäzzung
  2’383,300  Bew.  Die  seither  alle  10  Jahre  stattfindenden  wirklichen ­
  Aufnahmen  ergaben  :

2’308,262  engl.  Qu.-M.
3'306,865  „  „

1790
1800
1810
1820
1830
1840
1850

Bevölkerung
3’929,328
5’306,032
7’239,903
9’637,999
12’856,407
17’100,572
23’351,207

Zunahme
1'375,000
1'934,000
2’398,000
3'218,000
4’244,000
6250,000

Brócente
35  0/,
36!/,  n
33  „
33%  »
32%  n
36  .

Bei  der  ersten  wirklichen  Bevölkerungsaufnahme  —  dem  Census
von  1790  —  ergab  sich  folgende  Einwohnerzahl  in  den  einzelnen
Staaten  :
Virginien  .  .  747,610  Connecticut  .  .  237,946
Massachusetts  .  475,327  New-Jersey  .  .  184,139
Pennsylvanien  .  434,373  New-Hampshire  .  141,885
Nord-Carolina  .  393,951  Georgia  .  .  82,548
New-York  .  .  340,120  Rhode-Island  .  68,825
Maryland  .  .  319,728  Delaware  .  .  59,094
Süd-Carolina  .  249,073
Während  der  letzten  (10jährigen)  Censusperiode  (1840—50)  betrug ­
  die  Vermehrung:

in  den  Neuengland-Staaten  22,7  '
„  „  mittleren  „  29,44
M  r&amp;gt;  südlichen  „  18,58

in  den  südwestlichen  Staaten  47,89  %
„  „  nordwestlichen  „  54,43  „

Die  stärkste  Vermehrung  fand  statt
        <pb n="317" />
        VEREINIGTE  STAATEN  —  Land  und  Leute.

301

in  Wisconsin  von  30,945  Einw.  auf  305,391  —  886,88  ®/o
in  Iowa  „  43,112  „  „  192,214  =  845,85  „
in  Arkansas  „  97,574  „  „  209.897  —  .  .
Die  geringste:  in  Vermont,  blos  7,59.  in  New-Hampshire  11,7o,  und  in
Sil  d-Carolina  12,47  %.
Sollte  in  den  nächsten  Dccennien  eine  verhältnissniässig  gleich
grosse  Bcvölkeningsziinahnn*  stattiinden,  wie  ziemlich  regelmässig  in
den  letztverflossenon  (i  Jahrzehnten  (nämlich  etwa  J&amp;lt;3  1  roc.  in  jedei
dieser  Perioden),  so  würde  dici  Rinwohnerzahl  der  1  nion  schon  1860
fast  31,  zu  Ende  des  Jalirhnnderts  aber  (also  in  44  Jahren)  beinahe
100  Mill.  (97%  Mill.)  betragen.  Halten  wir  auch  eine  soweit  in  die
Zukunft  reichende  Rechnung  (obwohl  ihr  Ergebniss  im  gegebenen  Falle
am  wenigsten  unwahrscheinlich  wäre)  dennoch  für  höchst  gewagt,  so
bezweifeln  wir  hinwieder  gar  nicht,  dass  jenes  Verhältniss  von  1850
bis  jetzt  fortwaltete,  und  wir  schätzen  desshalb  die  heutige  Einwohnerzahl ­
  der  Vereinigten  Staaten  auf  mehr  als  27  Mill.  Menschen.
Confessiones,  lieber  die  Bekennerzahl  der  verschiedenen  Kirchen
und  Sccten  fehlen  verlässige  Notizen.  Auffallend  ist  die  vergleichsweise ­
  geringe  Menge  der  Katholiken,  ISoO  (nach  M.  Wagner)  nur
1’233,350,  was  nicht  der  vierte  Theil  der  Summe  ist,  welche  man,
nach  Maassgabe  der  irländischen  und  eines  ansehnlichen  Th  ei  les  der
deutschen  Immigration,  erwarten  sollte.  Viele  Katholiken  treten  in  der
Union  zu  einer  protestantischen  Secte  über,  viele  treten  gar  keiner
Kirchgenossenschaft  mehr  bei.  —  Mormonen  sollen  sich  63,700  in
der  Union  befinden,  wovon  38,000  in  Utah,  5000  in  New-York
und  4000  in  Californien  (im  britischen  Canada  auch  5000).
Nationalitäten.  Eine  genaue  Ausscheidung  der  verschiedenen  Zweige
des  kaukasischen  Stammes  ist  unmöglich.  Die  Zahl  der  Deutschen
würde  allerdings,  wenn  man  die  Nachkommen  der  Eingewanderten
einrechnet,  5  Mill,  übersteigen;  allein  diese  Nachkommen  haben  in
grösster  Anzahl  entschieden  aufgehört,  Deutsche  zu  sein  (vergl.  unten
„Einwanderungen“).  —  Die  Zahl  der  Juden  wird  (von  M.  Wagner)
auf  120,000  geschätzt.  Indianer  gab  es  nach  dem  letzten  Census
388,299  (in  51  oder  52  Stämmen).  Die  stattgehabte  Vennehrung  rührt
indess  keineswegs  von  innerm  Zuwachse,  sondern  nur  von  Erwerbung
neuer  Gebiete  (Texas  etc.)  her.  —  Die  Negerbevölkerung  ist,'  mit
Einrechnnng  der  freien  Schwarzen,  zu  3%  Mill,  anzunehmen.  Nach
einer  Berechnung  von  1850  zählten
die  15  Staaten  (u.  1  District)  mit  Solaven  9'643,214  Einw.
-  16  „

FÀmvandentngen.
1821  5,993  1842
1825  8,532  1845
1832  43,074  1846

ohne  „  13’614,509
Deren  Anwachsen  zeigen  folgende  Ziffern  :
102,107  1848  226,524  1852  299,504
147,051  1849  299,610  1853  368,643
157,521  1850  279,693  1854  460,474
1841  83,604  1847  234,756  1851  345,684  1855  230,476
Nach  Nationalitäten  ausgeschieden,  sollen  die  Einwanderer
der  letzten  Jahre  gewesen  sein  :
1852  1853  1854  1855
Deutsche  (ohne  Preussen)  118,126  140,635  206,054  66,219
Irländer  .  .  •  117,537  162,481  101,606  49,627
        <pb n="318" />
        302

VEREINIGTE  STAATEN  -  Land  und  Leute.

Engländer
Franzosen
Chinesen
ans  anderen  Ländern
Zusammen

31,275
8,778
14
23,774

30,353
10,770
42
24,361

48,901  44,148
13,317  6,084
13,100
77,496

299,504  368,643  460,474  230,000
Bei  dieser  Aufstellung  sind  die  „Prcussen“  den  „Deutschen“  nicht
beigerechnet.  Eine  andere  Berechnung,  welche  dieselben  mit  einbegreift,
nimmt  die  Zahl  der  eingewanderten  Deutschen  so  an  :

von  1811—20  zusammen  38,000  1851  93,333
1850  55,000  1852  160,000
Im  .Jahre  18.55  wänderten  ausser  den  oben  speciell  Bezoiehneten
noch  ein:  5GÜ9  Preussen,  4433  Schweizer,  2588  Holländer,  1500
Belgier  und  1024  Italiener.  Es  befanden  sich  unter  der  Grosammtsumme
  29,599  Beisende  aus  den  Verein.  Staaten  selbst.  Im  Ganzen
zählte  man  (1855)  140,181  Einwanderer  männlichen  und  90,2ü3  weiblichen ­
  Geschlechts.  —  Brom  well  (Beamter  im  Staatsdepartement)  in  seiner
History  of  iimnigration  to  the  United  States,  berechnet  die  Zahl  der
Einwanderer  von  1819—55  auf  4’212,G24,  davon:
aus  örossbritanien  .  .  2’343,445  aus  Belgien  .  .  .  6,991
Deutschland  .  .  1’242,082  Norwegen  u.  Schweden  29,441
Frankreich  .  .  188,725  Schweiz  .  ,  .  31,071
Holland  .  .  17,583  Italien  .  .  .  7,185
Städte  (nach  dem  Census  von  1850).  New-York  515,394  Einw.
(1780  etwa  16,000;  1850  mit  den  Nachbargemeinden  Brooklyn,
Newark  etc,  über  700,000,  jetzt  über  800,000)  ;  Philadelphia  409,353
(1782:  40,000);  Baltimore  169,012  (1780:  11,000);  Boston  138,788
(1782:  25,000);  New-Orleans  119,285;  Cincinnati  116,108  (mit  Umgebung ­
  150,000);  Brooklyn  (bei  New-York)  96,850;  St.  Louis  82,744
(jetzt  100,000);  Albany  50,771  ;  Pittsburg  46,601  (mit  Umgebung
100,000);  Louisville  43,217;  Charleston  42,807  ;  Providence  41,513  ;
Buffiilo  40,266;  Washington  40,001;...  Chicago  28,269  (jetzt  über
60,000);  St.  Francisco  15,000  (nun  wohl  35,000).
GehietsZuwachs.  1803  Erwerbung  Louisianas  von  Frankreich.
1819  Erwerbung  Floridas  von  Spanien.  —  1822  Besetzung  des  zu
Louisiana  gerechneten  Districts  Colunibia.  —  1845  Annexation  von
Texas  (früher  spanisch,  dann  mexicanisch,  zuletzt  selbständig).
1848  Erwerbung  von  Neumexico  und  Ohercalifornien  von  Mexico.
Die  13  Provinzen,  welche  unterm  4.  .Juli  1776  ihre  Unabhängigkeit ­
  proclarnirten,  sind  die  oben  (Seite  300)  verzeichneten.  Die
Vermehrung  der  „Staaten“  (Aufnahme  von  Gebieten  als  eigene  Staaten
in  die  Union)  erfolgte  in  nachbemerkter  Zeit:

14.  Staat,  Vermont,  1791;
15.  Kentucky  1792;
16.  Tennessee  1796;
17.  Ohio  1802;
18.  Louisiana  1812;
19.  Indiana  1816;
20.  Mississippi  1817;
21.  Illinois  1818;
22.  Alabama  1819;

23.  Maine  1820  ;
24.  Missouri  1820;
25.  Florida  1822;
26.  Michigan  1837;
27.  Texas  1845;
28.  Arkansas  1846  ;
29.  Iowa  1846;
30.  Wisconsin  1848;
31.  Californien  1851.
        <pb n="319" />
        VEREINIGTE  STAATEN  —  Finanzen.

303

Verzeicluiias  dev  Präsidenten  der  Vereinigten  Staaten.  Anhangsweise ­
  geben  wir  naeidolgendc  Liste,  mit  dem  Bemerken,  dass
die  Amts})eriode  ,  je  am  4.  März  beginnend  ,  stets  nach  4  Jahren  endet  :
1789.  George  Wnshinrjlon  (‘ininl  gewülilt).
1797.  John  Adaim.
1801.  Thomas  JeJJ'erHU»  ('iinal  gewählt).
1809.  John  Maddkoyi  (2tna1).
1817.  James  Monroe.  (2mal).
1825.  John  Quincy  Adams.
1829.  Andrew  Jackson  (2inal).
1837.  Martin  van  Bnren.
1841.  William  irlonry  7/nmsow  (gestorben  den  4.  April  1841,  weshalb  nach  ihm)
1841.  John  Tyler  (als  bisheriger  Vicepräsident).
1845.  James  Knox  Polk.
1849.  Zachar.  Taylor  (gestorben  den  9.  Juli  1850,  daher)
1850.  Millard  Fillmore  (bisheriger  Vicepräsident).
1853.  Franklin  Pierce.
Filiaiizcii«  Der  h^nanzanswcis  i’iir  das  Rechnungsjahr  vom
1.  Juli  1853  bis  dahin  1854  zeigte  folgende  wirkliche  Einnahmen
und  Ausgaben  :
E  i  n  n  a  h  in  e  n  :
Zölle  .  .  .  Doll.  04’224,190
Landverkäul'e  .  .  8’470,7O8
Verschiedenes
Cassahestand  v.  Vorjahre

854,717
21’942,893

Ausgaben:
innere  Verwaltung  .
Auswärt.  Angel  egen  h  ei  ten
Verschiedenes  .
Kriegswesen
Marine
Schuld

4’fiC)9,385
7’726,fi77
13531,310
11733,630
10768,193
24’336,380

Zusammen  75’354,680

Zus.  95’492,598
Ueberschuss  d.  Einnahmen  20737,968
Ungeachtet  der  Störungen  des  Verkehrs  und  der  Industrie  in
Folge  der  finanziellen  Krise  (zumeist  Folge  eines  Llebermaasses  von
Unternehmungen,  zum  Th  eil  von  schwindelnder  Art,  mitunter  doch
aber  auch  mittelbar  Folge  des  russischen  Krieges),  ergab  die  Abrechnung ­
  für  folgende  Ilanptresultate  ;
Einnahmen  86’850,710  Doll.
Ausgaben  71’226,846  „
Ueberschuss  15’623,864  Doll.
Die  Zölle  bilden  weitaus  den  wichtigsten  Theil  der  Einnahme.
Ausser  ihnen  kommt  nur  noch  der  Erlös  von  veräusserten  (und  dadurch ­
  der  Cultur  gesicherten)  Staatsländereien  in  Betracht;  es  ist  dies
das  sog.  „Uongressland“,  welches  zu  IV4  Doll,  per  Acre  verkauft
wird.  Die  Post  sieht  man  nicht  als  Finanzquelle,  sondern  als  gemeinnütziges ­
  Volksinstitut  an  ;  ergab  sich,  bei  einer  Einnahme
der  Post  von  G’955,586  Doll.,  noch  ein  Deficit  von  1755,324;  im
Jahre  zuvor  war  der  Ausfall  sogar  2’117,078  Doll,  gewesen.  —  In
der  ersten  Zeit  ihres  Bestandes  hatte  die  Union  eine,  wenn  gleich

sehr  geringe,  Grundsteuer  erhoben:  vom  Acre  besten  Landes  etwa
1  Cent  (ungefähr  b  franz.  Centimen  oder  IV2  Krzr.  rhein.).  Seit  1818
sind  aber  alle  directen  Steuern  für  den  Gesammtstaat  abgeschafft.  —
Was  die  Staatsausgaben  betrifft,  so  bemerken  wir,  dass  die  höchste
Besoldung,  die  des  Präsidenten  der  Union,  nicht  mehr  als  25,000
Doll.,  jene  des  Vicepräsidenten  aber  nur  5000  Doll,  beträgt.
        <pb n="320" />
        304

VEREINIGTE  STAATEN  —  Finanzen.

Geschichtliche  Notizen.  Im  Jahre  1781  sollten  8  Mill.  Doll,  für
die  Centralregierung  aufgebracht  werden.  Diese  Summe  ward  nun,
nach  Maassgabe  des  vermuthlichen  Werthes  der  angebauten  Ländereien
(also  als  Grundsteuer)  in  folgender  Weise  repartir!  (woraus  unter-anderm
  ersichtlich,  wie  weit  der  jetzige  Grossstaat  New-York  (the  Empire-State] ­
  den  meisten  andern  Provinzen  noch  nachstand)  :

Virginieri  Doll.  1'307,594
Massachussets  1’307,49G
Pennsylvanien  1’120,794
Maryland  9.33,996
Connecticut  727,196
New-Jersey  705,979
Nord-Carolina  622,677

Öüd-Carolina  373,598
New-York  373,598
Rhode-Island  216,684
New-Hampsliiro  173,398
Delaware  112,085
Georgien  24,905

Die  eigenen  Staatseinkünfte  der  Union  stiegen  in  folgendem  Verhältnisse ­
  :

1792  3’652,014
1795  5’926,216
1800  10’624,997
1810  9’299,737

1815  15’411,634
1820  16779,331
1825  21’.342,906
1830  24-280,888

Staatsschuld.  Dieselbe  betrug  am  1.

1835  34’]  63,635
1840  16-993,858
1845  29769,134
1850  43-375,798
Juli  185(5  nur

32’737,563  Doll.  Sie  war  folgcnclermaassen  gebildet:

noch

Anlehen  von  1842  8’343,886;  von  1843  7'004,231  ;  von  1846  4’999,150;
von  1847  28  197,9o0;  1848  16  Mill,  (beide  letzten  Posten  vom  Mexicanischen
Kriege  und  dem  Kaulpreise  für  mexicanisolies  Gebiet);  Entschädigung  für  Texas
5  Mill.;  ditto  nicht  ausgegeben,  weitere  5  Mill.;  Cbligationen  zum  Vortheil  der
Städte  Washington  etc.  ausgegeben  1%  Mill,  etc.,  zusammen  Dollars  78-797,817
Der  Staatsschatz  hatte  davon  am  4.  März  1853  zurückgeiiauit

  lur  7-142,360  1  ___
und  vom  5.  März  1853  bis  1.  Juli  1856  für  .  .  38-917,894  060,254
Schuld  am  1.  Juli  1856  32  737,563
Nach  amtlichen  Mittheilungen  sind  hievon  ungefähr  15  Millionen  in  Europa
(davon  die  Hälfte  in  Frankreich).
Nach  Beendigung  des  Unabhängigkeitskrieges  ward  die  Unionsschuld ­
  so  berechnet  :

Auswärtige  Schuld:  an  Frankreich  38  Mill.  Dlvr.  =  .  7-037  037  Doll
an  Holland,  Capital  671,200,  Zinsen  26,848  =  .  .  698^048
an  Spanien  15o|oOO
7^85]085
Einheimische  Schuld:  Anlehen,  unbezahlte  Zinsen,  Sold  34-115,290
Gesammtschuld  42-000,375
In  der  Folge  stellte  sich  indess  eine  bedeutend  grössere  Ziffer  heraus  ;
auch  ward  die  zur  Verzinsung  erforderliche  Summe  auf  nicht  weniger
als  3’415,955  Doll,  berechnet!  Später  betrug  die  anerkannte  Schuld:
1790  79-124,464  1812  45-209,737  1830  48-565,406
1791  75-463,476  1816  127-334,934*)  1833  4-774,334
*)  Folge  des  Krieges  mit  England.
1834  war  die  Schuld  vollständig  getilgt  ;  1835  wurden  sogar  Ueberschüsse
  von  der  Union  an  die  einzelnen  Staaten  verthoilt.  Der  Mexicanische
  Krieg  und  die  neuen  Landerwerbungen,  namentlich  von
Mexico,  veranlassten  neue  bedeutende  Geldaufnahmen,  wie  wir  oben
sahen.  Auf  den  Schuldenstand  wirkten  in  verschiedenen  Zeiten  wesentlich ­
  folgende  Momente  ein:
        <pb n="321" />
        20

VEREmiGTE  STAATEN  —  Finanzen.

305

Unterm  30.  April  1803  erkaufte  die  Union  von  Napoleon  Louisiana ­
  um  12  Mill.  Doll,  (oder  eigentlich  um  60  Mill.  Frk.);
ebenso  unterm  22.  Febr.  1819  Florida  von  Spanien  um  5  Mill.
Doll.  —  Mit  Texas  übernahm  die  Union  etwa  10  Milk  Schulden.
Für  Abtretung  Californiens  etc.  wurden  etwa  20  Milk  an  Mexico  vergütet ­
  (15  Milk  baar.)  1824  wurden  20  Milk  für  Anlagen  von  Kunsistrassen
und  Canälen  bestimmt.  1835  erhielt  die  Union  von  Frankreich  25  Milk
Frk.  (fast  5  Milk  Doll.)  zur  Entschädigung  für  die  ihr  durch  Napoleons
Gewaltmaassregeln  verursachten  Verluste.  Von  sämmtlichen  Indianerstämmen ­
  erkaufte  die  Union  bis  zum  Jahre  1840  442’866,370  Acres ­
  Land,  wofür  sie  85’088,800  Doll,  bezahlte.  Dagegen  verkaufte
sie  von  1833  bis  Ende  1852  77’052,422  Acres  um  98’407,540  Doll.
Im  Jahre  18®V55  betrugen  diese  Veräusserungen  24’557,409  Acres,
—  um  8’693,789  Acres  mehr  als  im  Vorjahre.
Finanzverhältnisse  der  einzelnen  Staaten.

Staaten

Maine

Jahresausgabe
ohne  Schulen
u.  Schulden
Doll.  150,000

Schuld

Capital
1.  Jan.  1855

New-Harapshire
Vermont
Massachusetts
Rhode-Island
Connecticut
New-York  .
New-Jersey  .
Pennsylvania
Delaware
Maryland
Virginia
North-Carolina
South-Carolina
Georgia
Florida
Alabama
Mississippi  .
Louisiana
Texas
Arkansas
Tonessee
Kentucky
Ohio
Michigan
Indiana
Illinois
Missouri
Iowa
Wisconsin  .
California  .

80,000
100,000
600,000
55,000
120,000
750,000
90,000
425,000
11,000
170,000
600,000
75,000
115,000
131,000
45,000
100,000
130,000
515,000
100,000
35,000
165,000
250,000
200,000
125,000
80,000
125,000
110,000
25,000
40,000
700,000

685,500
keine
keine
1'690.000
keine
keine
25’127,898
65,000
40’613,160
keine
10’852,577
24’705,479
3409,633
1’866,274
2644,222
keine
6’168,887
2’271,707
3’839,222
12,436,991
1’506,017
3’992,857
6’147,284
16  662,959
3213,245
7’338,473
13’994,615
802,000
79,796
100,000
1’812,502

Jahreszins ­

41,130

100,000

1'352,000
3,900
2’011,517
570,000
1’456,072
200,000
99,087
158,653
310,000
136,000
250,000
82,800
219,621
360,000
977,810
200,000
316,000
839,000
47,805
7,600
8,000
120,000

Zusammen  6'217,000  192’026,298  9’866,995
Die  meisten  Staaten  besitzen  eigene  „Schulfonds.“  Im  Ganzen
wird  der  Betrag  derselben  zu  29’179,871  Doll,  angegeben.  Derselbe
rührt  her  von  der  Verpflichtung  der  Einzelnstaaten,  einen  Theil  ihres
Grundeigenthums  für  den  Unterhalt  der  Unterrichtsanstalten  zurückzubehalten. ­
  Es  soll  der  16.  Theil  der  zum  Verkaufe  bestimmten
        <pb n="322" />
        506

VEREINIGTE  STAATEN  —  AlilitSr.

Ländeveien  dazu  verwendet,  werden.  —  Der  Umfang  des  von  der
Union  an  die  Seludanstalteu  überlassenen  Grundbesitzes  ward  Anfangs
1856  zu  52’970,231  Acres,  und  deren  Werth  zu  minde,stens  200
Mill.  Doll,  angegeben.
UlilUlirweseil»  A.  Landmachf.  Von  zwei  zu  zwei  Jahren
bestimmt  der  Congress  die  Stärke  der  Trup))enmaeht.  Dieselbe  wird
geworben,  mit  30  bis  zu  200  Doll.  Handgeld.  Die  Capitulationszeit
ist  5  Jahre.  '  Nach  deren  Ablauf  erhält  der  Wiedereintretende,  ausser
dem  neuen  Handgelde,  Auspmcli  auf  eine  Zulage,  und  nacdi  der
Verabschiedung  180  Acres  Land.  So  kommt  es,  dass  die  Union  in
den  20  Jahren  1833  —  53  26  Mill.  Acres  Land  an  ausgediente  Soldaten ­
  überlassen  hat  (besonders  nach  dem  Mexicanischen  Kriege,
denn  in  Kriegszeiten  müssen,  um  die  nöthigo  Soldatenzahl  zu  erhalten, ­
  grössere  Zugeständnisse  gemacht  werden,  als  die  gewöhnlichen).
Indess  erhält  der  Angeworbene,  schon  in  gewöhnlichen  Zeiten,  ausser
dem  Handgelde:  Kost,  Kleidung  und  monatlich  7,  nach  zwei  Monaten
10  Doll.  Sold.  Für  im  Dienst  invalid  Gewordene  wird  reichlich
gesorgt.  Unter  den  Soldaten  befinden  sich  viele  Fremde.  Das  Officierscorps
  gilt  als  ausgezeichnet.  Am  1.  Jan.  1855  war  der  effective ­
  Stand  10,745  M.,  in:
1  Ingenienrcorps,  4  Reg.  Artillerie,
2  Reg.  Oragorier,  8  ,,  Infanterie.
1  „  berittene  Rücliscrischützen.
Nach  einem  Congressbeschiusse  von  1855  soll  zwar  die  Landmacht ­
  auf  17,867  M.  gebracht  werden;  allein  zu  Fnde  1855  w'ar  der
wirkliche  Bestand  doch  erst  15,752.
Miliz.  Wie  es  sich  von  selbst  versteht,  dass  der  freie  Amerikaner ­
  eine  Conscri])tion  und  Aushebung  nach  gewöhnlicher  europäischer
Art  für  Bildung  eines  stehenden  Heeres  ebensowenig  sich  gefallen
lassen  würde,  als  der  Schweizer,  —  so  versteht  es  sich  hinwieder
auch  von  selbst,  dass  ein  jeder  Bürger,  wenn  nöthig,  zur  Vertheidigung
  seines  Vaterlandes  mitzuwirken  vcrpflicbet  ist.  Diese  Milizpflichtigkeit
  geht  vom  18.  bis  zum  45.  Altersjahre;  nur  Geistliche,  Lehrer,
Richter,  Advokaten  und  Matrosen  hat  man  davon  ausgenommen.  Das
Specielle  der  Aushebung  ist  den  einzelnen  Staaten  überlassen.  Dagegen ­
  besteht  seit  1792  eine  gleichmässige  Organisation.  Man
hat  Linien-Infanterie,  Jäger,  Scharfschützen,  Dragoner  und  Artillerie
(die  Reiterei  ist  am  schwächsten).  Zu  Ende  1854  war  der  Gcsainmtbestand
  der  Miliz  2’202,748  M.,  worunter  75,382  0Hiciere.
Festungen.  Deren  sind  eigentlich  keine  vorhanden,  wohl  aber
hat  man  die  grossen  Hafenplätze  durch  Foils  gedeckt,  namentlich
New-York,  Boston,  New-Orleans,  Charleston  etc.  Auch  gegen  die
Indianer  hat  man  mehrfach  Forts  errichtet.
Gescldchtliche  Notizen.  Bei  der  vielfach  herrschenden  Geringschätzung ­
  der  Milizen  verdient  u.  a.  folgende  Gegenüberstellung  der
gegenseitigen  Streitkräfte  zu  verschiedenen  Zeiten  des  Unabhängigkeitskrieges ­
  alle  Beachtung.  Dieselbe  rührt  von  einem  Manne  des  Faches,
von  einem  Militäre  her,  und  zwar  nicht  von  einem  Amerikaner,
        <pb n="323" />
        VEREINIGTE  STAATEN  —  Militär.

307

war  of  North-Ainerika).
Briten
1776.  August  24,000
November  26,900
December  27,700

sondern  im  Gegentheile  von  einem  Briten,  Stedman,  der  gerade
in  diesem  Kriege  selbst  diente,  und  zwar  unter  dem  ausgezeichneten
englischen  Obergenerale  Lord  Cornwallis.  (Stedman,  History  of  the
Es  betrug  die  Zahl  der  Kämpfer:
Amerikaner  Briten  Amerikaner
16,000  1777.  März  27,000  4,500
4,500  Juni  30,000  8,000
3,300
Aus  dem  Jahre  1781  liegt  uns  folgende  Berechnung  über  die
Streitmacht  der  Amerikaner  vor:
Infanterie,  49  Regim.,  jedes  von  9  Compagn.  zu  46  Mann  28,224
Artillerie,  4  „  „  „  9  „  „  65  „  2,340
Arbeiter,  1  „  „  8  „  „  60  „  480
Cavallene,  4  „  „  „  6  Escadr.  „  64  „  1,536
Zusammen  32,580
Unmittelbar  nach  beendigtem  Kriege  sollen  nur  noch  4800  M.
Infanterie  und  2600  Cavallerie  vorhanden  gewesen  sein.  Die  gesammte
  Streitmacht  verminderte  sich  dann  auf  blos  1500  M.  Als
dagegen  1794  ein  Krieg  mit  Frankreich  drohte,  stellte  die  Union,
mit  Einrechnung  der  aufgebotenen  Milizen,  75,000  M.  bereit.  —  Bei
Beendigung  des  zweiten  Krieges  mit  England,  1815,  hatte  man
32,000  Soldaten,  deren  Zahl  schnell  auf  10,  später  auf  6,000,  vermindert ­
  ward.  —  ln  dem  Mexican!  sch  en  Kriege  dürfte  die  Streitmacht ­
  bis  zu  35,000  M.,  oder  selbst  darüber,  angewachsen  sein.  —
Die  Stärke  der  Miliz  ward  in  verschiedenen  Zeiten  so  angegeben:
1786  1816  1824  1854
70,000  748,556  899,541  2’202,748
Zum  Schlüsse  stehe  hier  eine  Uebersicht  der  zur  Bekämpfung
der  Selbständigkeit  Amerikas  verkauften  deutschen  Truppen  (nach  Franz
Löhers  „Geschichte  und  Zustände  der  Deutschen  in  Amerika“).  Es
verkauften  die  Fürsten  von

Hessen

B.

Braunschweig  5,723  „
Hanau  2,422  „
Anspach  1,644  „
Waldeck  1,225  „
Zerbst  1,160  „
Zusammen  29,166  M
Marine.  Bestand  1855

16,992  M.,  wovon  6,500  umkamen

3,015
981
461
720
176

wovon  11,843  umkamen.
=  55  Schiffe:

6  Linienschiffe,  sämmtlich  Segler,  1  zu  120,  5  zu  90—100  Kanonen,
18  Fregatten:  a.  4  Schraubendampfer,  1  zu  60,  3  zu  30  Kanonen,
b.  6  Raddampfer,  2  zu  14,  4  zu  10  „
c.  8  Segler,  6  zu  54,  2  zu  48  ,.
4  Briggs  zu  12  Kanonen
16  Corvotten,  12  zu  20,  4  zu  16  Kanonen,
11  kleinere  Schiffe,  wovon  10  Dampfer,  zur  Zollwache.
Die  Güte  der  Schiffe  (Holz  und  Bauart)  wird  als  ausgezeichnet
geschildert.  Indessen  heisst  es  im  Berichte  des  Marineministers  von
Ende  1854:  „Selbst  mit  Einrechnung  der  noch  nicht  fertigen  6
Dampffregatten,  übersteigt  unsere  Seemacht  nicht  50  dienstfähige
        <pb n="324" />
        308

VEREINIGTE  STAATEN  ~  Sociale,■».

Schifte.“  Daher  Antrag  auf  Reorganisation  der  ganzen  Kriegsmarine.
Anfangs  1856  ward  der  Rau  von  10  Kriegssloops  beschlossen,  jedes
zu  507,000  Doll,  veranschlagt.  Dann  erfolgte  weiter  die  Genehmigung ­
  eines  grossen  ausserordentlichen  Credits  für  die  Marino.
Während  des  Unabhängigkeitskrieges  bestand  die  amerikanische
Seemacht  zunächst  nur  aus  Kapern  und  Kreuzern.  Nach  dem  Frieden ­
  verkaufte  man  die  Kriegsschifte,  theils  wegen  Untauglichkeit,
theils  au.s  Mangel  an  Mitteln  zur  Fortuntcrhaltung  derselben.  Dann
erfolgte  aber  der  Beschluss,  20  eigentliche  Kriegsschiffe  zu  bauen,
worunter  4  von  74  Kanonen,  3  von  50,  6  von  44,  die  übrigen
s.  g.  „Fregatten.“  Jeder  Staat  sollte  mit  einer  Taxe  belegt  werden,
um  die  Kosten  zu  decken.  .Allein  erst  1801  begann  man  wirklich
mit  Herstellung  einer  Kriegsmarine.  Als  die  Amerikaner  1812  den  Briten
den  Krieg  erklärten  ,  umfasste  ihre  ganze  Seemacht  blos  4  Fregatten,
8  Sloops  und  GOOt)  Mann.  Dennoch  errangen  sie  mehr  Vortheile,
als  die  Franzosen  während  ihres  ganzen  Krieges.  Man  vermehrte
die  Kriegsmarine  meistens  durch  Kauffahrteischiffe.  Weitaus  in  den
meisten  Kämpfen  befanden  sich  die  .Amerikaner  im  Siege,  allerdings
unter  Vermeidung  einer  eigentlichen  Seeschlacht.  Der  Commodore
Rodgers  nahm  bis  Ende  1813  den  Engländern  218  Schifte  mit  574
Kanonen  und  5106  M.  Laut  britischem  Farlaincntsausweis  büssten
die  Engländer  :  om  1.  Oct.  1812  bis  1.  Mai  1813  im  Ganzen  382
Fahrzeuge  ein.
Sociales.  %u  einer  auch  noch  so  gedrängten  Darstellung  der
socialen  Verhältnisse  wäre  ein  weit  grösserer  Raum  erforderlich,  als
wir  dafür  verwenden  können.  Wir  müssen  uns  daher  auf  einige  wenige ­
  aphoristische  Bemerkungen  beschränken.
Die  Vereinigten  Staaten  haben  jedenfalls  den  thatsächlichen  Beweis ­
  geliefert,  dass  eine  Republik  auch  selbst  beim  ausgedehntesten,
einen  halben  Erdtheil  umfassenden  Umfange,  ebenso  bestehen  kann,
wie  im  kleinsten  Gebiete.  Die  Union  beurkundet  überdies,  und  zwar
gerade  in  Folge  ihrer  freien  Verfassung,  ein  so  gewaltiges  Aufblühen,
wie  die  Welt  noch  nie  ein  gleiches  sah.  Dass  bei  dieser  colossalen
Entwicklung  nicht  Alles  in  der  gewöhnlichen  AVeise  vorangeht,  dass
vielmehr  auch  die  hässlichsten,  abscheulichsten  Auswüchse  Vorkommen,
kann  wahrlich  nicht  Wunder  nehmen.  Aber  neben  den  empörendsten
Barbareien  und  Rohheiten,  neben  den  schamlosesten  Betrügereien  und
dem  ehrlosesten  Missbrauche  jedes  Vertrauens,  sehen  wir  eben  doch
die  Nation  in  ihrer  Totalität  emporkommen  und  blühen,  an  Macht  und
Wohlstand  wachsen  in  wunderbarster  Ausdehnung.  Ueber  unendlich
Vieles  hat  man  zu  klagen,  über  unendlich  Vieles  ist  man  mit  allem
Grunde  entrüstet,  und  diese  Schattenseiten  erscheinen  um  so  furchtbarer, ­
  als  sich  in  manchen  Beziehungen  nicht  einmal  absehen  lässt,
wie  denn  irgend  eine  Beseitigung  der  obwaltenden  Missstände  nur
möglich  sei.  Indessen  liegt  in  der  menschlichen  Natur  eine  solche
unerschöpfliche  Heilkraft,  dass  wir  eine  Ungereimtheit  begehen  würden, ­
  wenn  wir  das  Verderben  dieses  Staates  und  dieser  Nation  verkünden ­
  wollten,  weil  wir  nicht  im  Stande  sind,  vorauszusagen,  auf
        <pb n="325" />
        VEREINIGTE  STAATEN  —  Sociales.

309

welche  Weise  Genesung  erfolgen  könne;  eine  solche  Vorausverkündigung ­
  des  Verderbens  wäre  um  so  ungereimter  in  einer  Zeit,  in
welcher  der  nordamerikanische  Freistaat  was  materielles  Gedeihen
betrifft,  in  einer  Ausdehnung  fortschreitet,  welche  das  furchtbare  Elend
in  vielen  Theilon  der  alten  Welt  desto  schrecklicher  erscheinen  lässt;
und  in  einer  Zeit,  in  welcher,  was  die  moralische  Seite  an  belangt,
die  Menge  der  Wort-  und  Eidbrüche,  der  Justizmorde  und  der  Gewaltthaten
  in  Europa  wenigstens  Diejenigen  verstummen  machen  sollte,
welche  am  häufigsten  und  lautesten  ihr  Verdammungsurtheil  über
Amerika  aussprechon.
Der  am  tiefsten  in  die  Verhältnisse  eindringende,  zugleich  der
hässlichste  und  am  schwersten  die  Zukunft  bedrohende  Missstand,  ist
das  Institut  der  Neger-Sclaverei.  Man  hat  keinen  Grund,  wegen
ihres  Vorhandenseins  die  Republik  anzuklagen,  denn  die  Negersclaverei
  ist  eine  Hinterlassenschaft  aus  der  Zeit,  in  welcher  das  Land
unter  dem  Regime  der  Monarchie  stand.  Dagegen  lastet  allerdings
auf  den  modernen  amerikanischen  Republikanern  die  schwere  Schuld,
jene  heillose,  die  Menschheit  schändende  Einrichtung,  nicht  so  weit
möglich  beschränkt,  und  auf  ihre  allmählige  Aufliebung  hingewirkt
zu  haben,  was  unverkennbar  die  Absicht  der  Gründer  des  Freistaats
war  ,  wie  denn  auch  Amerika  zuerst  unter  allen  Staaten  (vom  1.  Jan,
1808  an)  den  Sclavenhandel  d.  h.  die  Sclaveneinfuhr,  verbot;  —
es  lastet  auf  ihnen  die  ganze  Schuld,  im  Gegentheile  die  Erhaltung
jener  Institution  befestigt,  deren  Gebiet  erweitert  und  ausgedehnt  zu
haben,  —  ein  Verfahren,  das  sich,  wie  leicht  vorauszusehen,  schrecklich ­
  an  der  Union  rächen  wird.
Der  älteste  und  der  jüngste  Census  ergaben,  hinsichtlich  der
Zahl  der  Sclaven,  im  Verhältniss  zu  jener  der  Freien,  folgende  Resultate: ­


1790
1850
Zunahme

Freie
3231,976
19'987,563
518  Proc.

Sclaven
697,897
3’204,313
359  Proc,

Es  hat  sonach  allerdings  die  freie  Bevölkerung  iin  Ganzen
weit  stärker  zugenommen,  als  die  Sclavenbevölkerung.  Das  Verhältniss ­
  gestaltet  sich  aber  umgekehrt,  wenn  wir  blos  die  Sclavenstaatcn
ins  Auge  fassen.  Hier  ist  cs  den  Sclavenzüchtern  gelungen,  eine  enorm
überwiegende  Vermehrung  jener  Unglücklichen  herbeizuführen.
Während  man  es  dem  Christenthume  als  eines  seiner  höchsten
Verdienste  an  rechnet,  die  Sclaverei  gebrochen  und  aufgehoben  zu  haben,
wissen  wir  nicht  nur  aus  der  Geschichte,  dass  gerade  bei  den  christlichen ­
  Völkern  die  Negersclaverei  ihre  Begründung  fand,  sondern
wir  haben  auch  das  empörende  Schauspiel  selbst  vor  Augen,  wie  die
Kirchlichgesinntesten,  ja  wie  Vorsteher  von  Kirchen,  wie  Geistliche
am  eifrigsten  und  rasendsten  sind  in  Vertheid  igung  und  Aufrechterhaltung ­
  jenes  scliändlicheu  Institutes,  Nach  Scherzers  Versicherung ­
  (in  den  „Reisen  in  Nordamerika  in  den  Jahren  1852  und
1853,  von  Dr.  Moriz  Wagner  und  Dr.  Karl  Scherzer“)  befinden
sich  unter  den  Sclavenzüchtern  nicht  weniger  als  „16  00  Geist-
        <pb n="326" />
        310

VEREINIGTE  STAATEN  —  Agriciiltur,  Industrie,  Handel.

liehe,  welehe  zusammen  über  600,000  Selaven,  also  ein  Fünftheil
der  Gesamratselavenbevölkeruiig  als  ihr  Eigenthum  besitzen.“
Im  Uebrigen  gibt  es  in  den  Vereinigten  Staaten  keinen  Untersehied
  nach  gesonderten  und  abgeschlossenen  Ständen,  insbesondere
keinen  Beamten  stand  als  solchen,  da  die  öffentlichen  Stellen  durch
freie  Wahl  und  nur  immer  auf  gewisse  Zeit,  Leuten  aus  dem  Volke
übertragen  werden,  welche,  wenn  nicht  wieder  gewählt,  in  die  Reihen
dieses  Volkes  zurückzukehren  haben.  Man  schätzt  die  Zahl  Derjenigen, ­
  welche  von  Berufsarbeiten  leben,  die  eine  s.  g.  höhere  Bildung
voraussetzen,  auf  nur  ungefähr  200,000.  Im  Civildienstc  sind  blos
gegen  24,000  angestellt.
Kirchen.  Ihre  Gesammtzahl  ward  im  Dec.  1854  in  amerikanischen
Blättern  zu  38,061  angegeben;  der  Gesammtwerth  des  Kirchenvermögens ­
  aber  zu  87’328,800  Doll.
Schulen.  Die  Zahl  der  öffentlichen  Schulen  betrug  1840  50,624,
und  hat  sich  seitdem  wohl  verdoppelt.  —  Im  Staate  Massachussets ­
  wurde  1845  bei  einer  Bevölkerung  von  900,000  Seelen  gegen
eine  Million  Doll,  für  den  Volksunterricht  verwendet  (Lyall  ,  „zweite
Reise  nach  den  Vereinigten  Staaten.“  —  In  diesem  Verhältnisse
müsste  Bayern,  —  in  dessen  Staatsbudget  blos  900,653  fl.  „für
Erziehung  und  Bildung,“  erscheinen,  —  jedenfalls  über  12  Mill.
Gulden  dafür  aufwenden.)  Selbst  in  dem  eben  neu  entstandenen
Staate  Wisconsin  betrug  der  Schul  fund  des  Staats  am  31.  Dec.
1851  765,109  Doll.,  welche,  zu  7  Procent  angelegt,  53,557  Doll,
jährlich  ertrugen.  (Vergleiche  auch  das  S.  305  Angegebene.)
Bibliotheken.  Es  gab  :
1793  35  öffentliche  Bibliotheken  mit  .  .  .  75,000  Bänden
1851  10,199  „  „  „  ...  3753,964  „
darunter  Volksschulbibliotheken  9505  mit  .  .  .  1’552,332  „
Zeitungen  und  andere  Zeitschriften
37  Zahl  der  jährlich  verbreiteten  Nummern
1801  203  1828  etwa  60  Mill.
1850  2800  1850  „  422'/j  „
Täglich  erscheinende  Zeitungen  gab  es  1850  etwa  350,  mit
einer  Nummernverbreitung  von  235  Mill.  —  Ungefähr  der  20.  Theil
erscheint  in  deutscher  Sprache.
Ag:riciil(iir,  Industrie-  und  Handelsverhiiltnisse.
Bebautes  Land  Werth  der  Agricultur-Erzeugnisse
1783  1720,000  Acres  1847  838  Mill.
1810  40’950,000  „  1850  1192%  „
1850  118757,622  „  1852  1752%  „
Werth  des  ländlichen  Grundeigenthums  mit  Viehstand
1850  3820  Mill.  Doll.
1852  4600  „  „
Steigen  des  Grundwerthes.  Hier  ein  Paar  Beispiele  :  Der  Boden,
auf  welchem  die  Stadt  Chicago  steht,  und  dessen  Verkaufswerth'
man  bereits  im  Jahre  1852  auf  mehr  als  1  Mill.  Doll,  schätzte,
ward  1815  um  30  Doll,  verkauft.  —  Die  Bodenfläche,  auf  der  sich
        <pb n="327" />
        VEREINIGTE  STAATEN  —  Agricultur,  Industrie,  Handel.

311

die  Stadt  Cincinnati  erhebt,  wurde  vor  60  Jahren  um  ein  Pferd
abgetreten.  —  Der  Grund  und  Boden  der  Stadt  New-York  und
Umgegend  ward  im  Jahre  1624  für  24  Doll,  verkauft,  während  derselbe ­
  1852  einen  Werth  von  mehr  als  300  Milk  repräsentirte.
Werth  des  gesammten  Privatei ­
  g  e  n  t  h  u  ni  s

Werth  der  Fabrikerzeugnisse

1810  108'/;  Mill.  1850  declarirter  Werth  6,010  Mill.
1850  1020%  „  „  wirklicher,  geschätzt  7,168  „
1852  1133  „  1866  „  „  11,000  „
Es  versteht  sich  von  selbst,  dass  alle  derartigen  Schätzungen  nur  annähernd
richtig  sein  können.
Jahr  ^"  Poatatrassen  Telegraphenlinien
1790  75  1,875  engl.  Mell.  1848  .  .  10,339  engl.Meil.
1851  21,551  196,290  „  „  1852  .  .  16,000  „  „
Ende  1854  23,925  219,935  „  „  mit  d.  Doppellinien  27,177  „  „
Kanäle.  Von  1815—35  wurden  2800  engl.  Meilen  angelegt.  1851  betrug
die  Gesannntlänge  etwa  4000  Meilen.  Kosten  ;  90  Mill.  Doll.
Eisenbahnen,  je  am  1.  Januar  im  Betriebe;

engl.  Mell.
5,265
6,197
7,350
8,866
10,878

Jahr  engl.  Mell.  Zunahme
1848
1849
1850
1851
1852
Auf  die
1.  New-York
2.  Ohio
3.  Illinois
4.  Pennsylvanien
5.  Indiana
6.  Massachussets
7.  Virginien
8.  Georgien
9.  Süd-Carolina
10.  Connecticut
11.  New-Hampshire
12.  Maryland
13.  Maine
14.  Vermont

932
1,253
1,506
2,022
einzelnen  Staaten  kommen
2685
2453
1884
1581
1406
1220
986
975
741
656
585
507
459
454

Jahr
1853
1854
1855
1856

engl.  Mell.
13,315
15,511
19,438
23,242

Zunahme
2,437
2,196
3,927
3,804

englische  Meilen  Bahn:

15.  New-Jersey
16.  Michigan
17.  Nord-Carolina
18.  Tenessee
19.  Alabama
20.  Wisconsin
21.  Kentucky
22.  Alississippi
23.  Louisiana
24.  Rhode-Island
25.  Missouri
26.  Texas
27.  Delaware

429
427
349
326
304
240
231
220
198
95
37
32
‘&amp;gt;•2

Die  Ncu-England-Staaten,  dann  New-York,  Ohio,  Indiana  und  Illinois ­
  besitzen  gegen  12,000  Meilen  Bahnen,  also  nahezu  Va
Gesammtsumme,  während  ihr  Areal  nur  ungefähr  238,000  englische
Q.-Meilcn  beträgt,  demnach  wenig  über  des  Gesamintgebiets.  —
Dies  das  Ergehniss,  ungefähr  28  Jahre  nach  Eröffnung  des  ersten
Schienenwegs  von  4  englischen  Meilen,  und  26  Jahre  nach  Eröffnung
der  ersten  Personenbahn  (von  13  Meil.)  —  Die  Zahl  der  Eisenbahngesellschaften ­
  betrug  1854  etwa  325.  —  Die  Balmeu  sind  grossentheils
  unsolid  gebaut.  Auch  haben  die  Gesellschaften  vielfach,  sogar
in  betrügerischer  Weise,  die  Verbindlichkeiten  gegen  ihre  Gläubiger
(die  Bunds  -  Besitzer^  unerfüllt  gelassen.  Indessen  besitzt  nun  eben
Nordamerika  ein  Eisenbahnnetz,  wie  kein  anderes  Land  der  Welt.
Das  y,  American  Rail-Road-Journal'^  von  1855  enthielt  folgende
beachtenswerthe  Bemerkung  ;
        <pb n="328" />
        312

VEREINIGTE  STAATEN  —  Agricultur,  Industrie,  Handel.

„Wer  mit  unsern  Verhältnissen  nicht  bekannt  ist,  wird  zu  dem  Glauben
geneigt  sein,  dass  wir  uns  zu  Grunde  richten  müssen,  indem  wir  100  Mill.  Doll,
und  50,000  Arbeiter  jährlich  für  Eisenbahnen  verwenden.  Hielten  wir  eiii
stehendes  Heer,  das  ebensoviel  kostet,  so  würden  diese  Leute  darin  keinen
Grund  zur  Besorgniss  und  dies  ganz  in  Ordnung  finden.  Indem  wir  aber  eine
solche  Summe  und  Arbeitskraft  auf  Werke  verwenden,  die  später  Capital  und
Zinsen  zurückzahlen,  und  dabei  den  Werth  des  Eigenthums  steigern,  muss  das
Resultat,  gegenüber  jener  Verwendung  in  andern  Ländern,  sich  sehr  günstig  für
uns  heraussteilen.“  *

Man  berechnet  die  Kosten  der  Eisenbahnanlagen,  einschliesslich
des  Betriebsmaterials,  durchschnittlich  per  englische  Meile:
in  Grossbritanien  auf  169,000  Doll.  in  Russland  auf  75,000  Doll
in  Frankreich  „  125,000  „  in  Deutschland  „  60,000  „
in  Italien  „  88,000  „  in  Nordamerika  „  33,000  .
in  Belgien  „  87,000  „
Rhederei,  nach  Tonnen  berechnet:
"91  1822  1842  1847  1882  1888
502,146  1'324,692  2'092,390  2’839,045  4’138,439  5’212,000
Die  Angabe  von  1855  rührt  von  dem  Marineminister  her.  Eine
andere  Berechnung  lautet:

Tonnenzahl  der  freien  Staaten  4’321,951  davon:  New-York
„  „  Sclavenstaaten  859,032  Massachussets
zusammen  5’180,983  Maine
Zahl  der  Schiffe:  fast  30,000  Pennsylvanien
Eine  weitere  Berechnung  steigt  sogar  auf  5’66J  ,416  Tonnen,  wobei ­
  aber  die  Flussschifffahrt  eingerechnet  zu  sein  scheint.  Hievon
kämen:  2’.383,819  Tonnen  auf  den  auswärtigen,  2’662,114  auf  den
Küstenhandel,  146,965  auf  den  Stockfisch-  und  181,901  auf  den
Wallfischfang,  endlich  677,613  auf  die  Dampfschifffahrt.
Dampfschifffahrt  1811  erschien  der  erste  Dampfer;  1852  besass
  die  Union  deren  1450,  von  ungefähr  450,000  Tonnen,  darunter
125  Oceandampfer  von  120,000  Tonnen.  —  1856  dürfte  sich  die
Zahl  der  Dampfschiffe  auf  2400  belaufen.  (Manche  sprechen  übertrieben ­
  von  3000.)  ^
Matrosen  rechnete  man  1845  gegen  100,000,  von  denen  52,000
im  auswärtigen  Handel,  26,000  bei  der  Küstenschifffahrt,  10,000  beim
Stockfisch-,  und  5500  beim  Wallfischfange,  endlich  6500  bei  der
Binnenschifffahrt  Verwendung  fanden.  1856  dürfte  sich  jene  Matrosenzahl ­
  nahezu  verdoppelt  haben.
Ein  -  und  ausgelaufene  Schiffe.

1’464,221
978,210
806,605
397,767

1832  17,000  Schiffe  von  2705,030  Tonnen
1849  40,513*)  „  8798,269  „  *)  davon  22,674  einheimische.
Leuchühürme.  j^hr  zahl  Kosten
1793  7  12,061  Doll.
1851  372  846,820  „
Gesammthandel-,  (die  Rechnungsjahre  je  mit  dem  30.  Juni  endigend); ­
  Werth;

1852
1853
1854

Einfuhr
212’613,282
267’298,647
301’047,504

Ausfuhr
209’641,625  Doll.
230’420,740
285’575,070
        <pb n="329" />
        VEREINIGTE  STAATEN  —  Agrioultur,  Industrie,  Handel.

313

1855  •261’468,620  275’156,846
1856  306’617,232  314’636,932
Die  wichtigsten  Artikel  waren  IS^Vss
bei  der  Einfuhr

Wolle  und  Wollenwaaren  .  ,  .  26’476,288
Baumwolle  und  Baumwollenwaaren  .  21’655,624
Seide  und  Seidenwaaren  .  ,  .  27’052,012
bei  der  Ausfuhr
Baumwolle  (10’084,246  Ctr.  à  8,74  Doll.)  .  .  88’143,844  Doll.
Reis  (65,702  Tierces  à  26,14  Doll.)  .  .  .  1717,953
Tabak  (155,468  Fass  à  94,63  „  )  .  .  .  14712,468
Agriculturproducte  (davon  51'/g  Mill.  Brodstoffe)  .  66’516,298
Der  Waarenbezug  aus  Grossbritanien  war,  in  Pfd.  Strl.  :
1853  1854  1855
98’933,781  97784,726  95’669,380  Pf.
Wirkung  der  verschiedenen  Zollsysteme  (nach  den  Berechnungen
des  Bremer  Handelsblattes):

Periode
1815—  16
1816—  33
1833—42
1842—46
1846—53

Tarif

Millionen  Dollars
Einfuhr  Ausfuhr  Total

per  Kopf

Zolleinnahme

massig  147
hoch  83
theilweise  massig  136
hoch  106
massig  190

82  229  25%  Doll.
72%  155%  13
120  256  16
111  217  12
180  370  17

36  Mill.
21%
19
19
38

Banken.  1850
1854
1855
Hievon  kommen  auf

824  mit  217  Mill.  Capital
1208  „  301  ,
1307  „  332  „

New-York  289  Banken  mit  85  Mill.
Pennsylvanien  64  „  „  20  „

Zahllose  Schwindeleien,  Betrügereien  und  Verluste  für  die  Einzelnen ­
  knüpfen  sich  an  die  Geschichte  der  amerikanischen  Banken;
dennoch  lässt  es  sich  nicht  verkennen,  dass  diese  Institute  in  unberechenbarer ­
  Ausdehnung  mitwirkten  zu  der  unbeschreiblichen  industriellen ­
  und  commerciellen  Entwicklung  des  Gesammtstaats.
Fondspapiere.  Zufolge  eines  Senatsbeschlusses  v.  4.  April  1853
legte  der  Staatssecretär  1854  dieser  Versammlung  nachstehende  liebersicht
  vor  des  ungefähren  Schuldbetrags,  sowohl  der  Union,  als  der
Einzelnstaaten,  Grafschaften  und  Städte,  dann  der  Eisenbahn-  und
Kanalgesellschaften,  nach  dem  Stande  vom  30.  Juni  1853  (wobei
wir  bemerken,  dass  sich  seitdem  blos  die  Schuld  der  Union  verminderte, ­

  jede  andere  dagegen  äusserst  bedeutend  vermehrte).

Bezeichnung  der  Papiere

Gesammtsumme

Vereinigte  Staaten-Bonds
Bonds  der  Einzelnstaaten
Bonds  von  113  Gemeinden
„  n  347  Grafschaften
Obligationen  von  985  Banken
Bonds  von  75  Versicherungsgesellschaften
Obligationen  von  244  Eisenbahngesellschaften
Andere  Schuldscheine  dieser  n

Doll.  58’205,517
.  190718,221
.  79352,149
13’928,369
.  266725,955
.  12’829,730
.  170711,552
.  30’893,967

Im  Besitze
von  Fremden
27’000,000
72’931,507
16762,322
5’000,000
G'688,996
378,172
43’888,752
8’244,025
        <pb n="330" />
        314

MEXICO.

Obligationen  von  16  Kanal-  u.  öchifffahrtegesellsch.  35  888,918  554,900
Andere  öchuldüch.  dies.  „  „  „  32'130,669  1  967,547
Obligationen  von  15  sonstigen  Gesellschaften  .  .  16'42ö,612  802,720
Andere  Schuldscheine  dieser  „  .  .  2’3ö8,323  265,773
Gesaniintsunnnc  1,Í78^7¡882  184’184,714
Münze,  Maasae.  Der  Dollar  =  9,721100405  eine  feine  Mark,  eingotheilt
in  100  Cents.  Wirklicher  Werth  1  Thlr.  12  Sgr.  7,96  Pf.,  also  beiläulig  2  fl.
29  kr.  oder  5  Frank  30  Cent.  Da  aber  die  Gold-  neben  der  Silberwährung
besteht,  und  bei  dem  niedriger  gewordenen  Preise  des  Goldes  die  Silberwährung
eigentlich  jetzt  schon  verdrängt  ist,  so  wird  man  den  Werth  des  Dollar  nur
noch  zu  5  Frank  17  Cent,  oder  etwa  2  fl.  25  kr.  rhein.  annehmen  können.
(Gesetzlich  ist  der  deutsche  Gulden  nur  zu  40  Cents  tarifirt,  so  dass  2'/*  fl.  =.
1  Dollar.  —  Die  %  Doll,  werden  Schillinge  genannt.)  —  Die  Maasse  sind
meistens  die  englischen.  Der  Acre  —  1,5849  preuss.  Morgen,  die  französische
Hectare  also  2,47  Acres.  640  Acres  sind  eine  amerikanische  Quadratmeile.
Die  amerikanische  Längemeile  =  0,217  deutsche  Meilen.  —  Das  Bushel
—  Va  Berliner  oder  '/@  bayer.  Scheffel  oder  österr.  Metzen.  —  14  Gallons
—  1  bayer.  Limer.  —  Der  Centner  wird  zu  112  Pfund  gerechriet.
Indem  wir  uns  zu  den  übrigen  amerikanischen  Staaten  wenden,
werden  wir  uns  auf  ganz  wenige  statistische  Angaben  beschränken.
Da  die  Verhältnisse  dieser  Staaten  sämrntlich  noch  nicht  gehörig  coasolidirt
  sind,  so  fehlt  es  meistens  an  dem  nöthigen  Materiale,  irgend
ein  vollständiges  Bild  zu  entwerfen.
Mexico  (llepublik).
Auf  einem  Gebiete  von  65—70,000  Q,-M.  lebten  nach  der  Aufnahme ­
  von  1853  7  661,520  Menschen.  —  Den  Nationalitäten
nach  sind  die  Einwohner  entweder  europäischer  Abkunft,  also  Weisse
(getheilt  in  Chapetones  und  Creolen),  angeblich  1  Vg  Mill.,  —  oder
Farbige  (aus  Racenvermischung  entstanden)  gegen  2%  Mill.,  —  oder
Indianer,  etwas  über  SVg  Mill.,  —  oder  Neger,  angeblich  nur  etwa
16,000.  Die  Indianer  haben  sich  theils  unterworfen  (Indiosßdelesj,
oder  sie  sind  noch  frei  und  ungetauft,  Indios  bravos).  —  Abgesehen
von  diesen,  trifft  man  fast  nur  Katholiken,  obgleich  andere  Cuiten
gestattet  sind.  Die  Bevölkerung  der  Stadt  Mexico  wird  auf  150,000
Menschen  geschätzt  (70,000  Creolen,  30,000  Mestizen,  10,000  Mulatten ­
  und  40,000  Indianer).
Die  Finanzen  sind,  bei  den  fortwährenden  Bürgerkriegen,  in
starker  Zerrüttung.  Schon  1836  hatte  man,  bei  einer  auf  11  Vg  Mill.
Piaster  veranschlagten  Einnahme,  ein  Deficit  von  beinahe  8  Mill.
Die  Geldzahlung  der  Vereinigten  Staaten  für  die  abgetretenen  Länder
Neu-Mexico  und  Obercalifornien  (siehe  S.  305)  konnte  kaum  momentan ­
  Aushülfe  gewähren.  Der  Budgetentwurf  für  1850  (der  neueste
uns  bekannte)  berechnete  einen  Staatsbedarf  von  I6V2  Mill.,  und  dagegen ­
  eine  Einnahme  von  nur  9’833,000  Piast.  Die  Schuld  ward
damals  so  aufgeführt:
Innere  Schuld  30’274,000  Piaster  (151%  Mill.  Fres.)
Aeussere  „  10'241,650  Ff.  Sterl.  (256  „  „  )
Zusammen  gegen  408  Mill.  Fres.
        <pb n="331" />
        STAATEN  VON  CENTRAL-AMERIKA.

315

Militär.  Das  stehende  Heer  soll  1840  19,624,  die  Miliz  etwa
36,000  M.  betragen  haben.  Festungen  sind  wenige  vorhanden;
am  bedeutendsten  ist  Vera  Cruz  oder  vielmehr  das  Fort  von  San
Juan  d’Ulloa.  —  Die  Stärke  der  Marine  ward  1840  zu  1  Linienschiff, ­
  5  Fregatten  und  11  Briggs  angegeben.
Sociales.  Die  Herrschaft  und  das  Eigenthum  des  angebauten
Bodens  befinden  sich  in  den  Händen  der  Weissen.  Der  Clerus  besass
  übermässige  Macht  und  colossale  Keichthümer.  Man  schätzt  dieselben ­
  auf  400  Mill.  Piaster.  Die  Finanznoth  zwang  auch  hier  zur
theilweisen  Einziehung  der  Geistlichengüter,  —  doch  höchstens  der
Hälfte  derselben.
Handel.  Im  Jahre  1851  betrug  der  Werth;
der  Einfuhr  der  Ausfuhr  Ertrag  der  Zölle
15’331,000  19  990,600  3  325,657  Piaster.
Der  Aufstand  Mexicos  gegen  Spanien  begann  1810  und  endete  erst  1821.
Gold-  und  Silberausbeute.  Mexico  hat,  zufolge  der  neuesten  Nachweisungen
Tejada’s,  vom  Jahre  1690  bis  einschliesslich  1852,  nicht  weniger  als  für
2734’704,897  Piaster  an  edlen  Metallen  zum  Ausprägen  geliefert,  wovon  nur
82’119,162  Piaster  Gold.  Für  die  Zeit  von  der  Eroberung  bis  1690  nimmt
Tejada  eine  Silberausbeute  an  von  827^^  Mill.  Piaster,  so  dass  Mexico  im
Ganzen  an  3562%  Mill.  Pesos  an  edlen  Metallen  lieferte,  wovon  höchstens  100
Mill,  auf  das  Gold  kommen.  (Californien  u.  Australien  zusammen  liefern  gegenwärtig ­
  in  einem  Jahre  mehr  Gold,  als  Mexico  in  330  Jahren.)
Münze,  Maasse.  Piaster  (Pesos)  =  Dollars  (die  verbreitetste  Münze  in  der
Welt),  Werth  5  Fr.  30  Cent.,  2%  fl.  rhein.  oder  1  Thlr.  13  Sgr.  4,93  Pf.  preuss.
—  Maasse  und  Gewicht  wie  in  Spanien.

Staaten  von  Central-Amerika  (3  Republiken).

Die  5  unabhängigen  Staaten
Q.-M.  Bevölkerung

Guatemala  .
San  Salvador
Honduras
Nicaragua
Costa  Rica  .
Zusammen  ungef.

.  5,000  900,000
500  394,000
.  3,700  200,000
.  3,200  250,000
.  3,000  200,000
15,000  2’000,000

sind  :
Nationalitäten.  Weisse,  eine  Menge
von  Mischlingen  und  etwa  800,000
Indianer.  Die  letzten  theilen  sich  in
Ladinos  oder  Quiche,  d.  h.  abhängige,
bekehrte  (katholische),  —  und  Bravos
oder  Barbaros,  —  unabhängige,  freie.

Finanzen«  Wir  wissen  sehr  wenig  davon.  Der  Finanzetat
von  Guatemala  vom  1.  Juni  1851  bis  dahin  52  schloss  ab  mit

797,402  Pesos  Einnahme  und  783,862  Ausgabe.  Am  meisten  ertrugen ­
  der  Zoll  und  die  Branntweinsteuer.  —  Die  innere  Schuld  betrug ­
  800,000,  die  auswärtige  400,000  Pes.  —  Die  Einkünfte  Costa
Rica’s  wurden  1853  zu  450,000  P.  angegeben.  Schulden  hatte
dieser  Staat  keine.

Militär.  In  Guatemala  hatte  man  vor  einigen  Jahren  3200  M.
als  stehendes  Heer  und  12,978  Milizen.  In  Costa  Rica  wurden  aus

der  5000  Mann  starken  Miliz  periodisch  200  zum  activen  Dienste
hcrangezogen.

Guatemala

Ausfuhr
Einfuhr

1852  1853
868,500  699,047
977,253  873,842

San  Salvador
1852
0700,000  Pesos
0360,000  „
        <pb n="332" />
        316

NEU-GßANADA.

VENEZUELA.  —  ECUADOR.

Historische  Daten.  Unabhängigkeitserklärung  (erst)  21.  Sept.  1821
Trennung  vom  mexicanischen  Bundesstaate  1.  Juli  1823.  ~  Unionsvertrag  der
6  Staaten  7.  October  1842.  —  Trennung  Guatemalas  21,  März  1847.

mieu-Cranada  (Republik).

Auf  etwa  18,000  deutschen  Q.-Meilen
Mill,  (angeblich  2’36.3,000)  Menschen,

lebten  etwas  über  2Vn

Einnahme  22  275,674  19’396,623  Real.
Ausgabe  28’421,811  27’318,505
Deficit  6’146,Í37  7  921,882
Die  Schuld  wird  auf  37  Mill,  Piaster  geschätzt.
Der  Real  von  Neu-Granada  ist  —  50  franz,  Cent.
Das  stehende  Heer  besteht  aus  1800,  die  Miliz  aus  6000  M.  —
Die  Revolution  in  dem  frühem  spanischen  Vicekönigreicho  Neu-Granada ­
  begann  1811.  Die  Schlacht  bei  Calobozo  entschied  1818  die
Unabhängigkeit.  Die  1819  unter  dem  Namen  Columbia  vereinigten
Gebiete  von  Caraccas  und  Neu-Granada,  denen  sich  1821  Quito  und
1823  Panama  anschloss,  —  zerfielen  1831  wieder  in  die  3  Staaten
Neu-Granada,  Venezuela  und  Ecuador.

Venezuela  (Republik).
Grösse  etwa  19,500  Q.-Meilen.  —  Volkszahl  (1851)  1’356,000.
298,000  Weisse  (Hispano-Amerikaner  und  Fremde),
480,000  gemischte  Racen,
48,000  Sclaven,
160,000  bekehrte  Indianer  (índios  redurAdos)^
14,000  unterworfene  Indianer  (Indios  catequisados),
52,000  unabhängige  Indianer.
Rechnungsabschluss  von  18*2/5,
Ausgabe  8’248,031  Pesos  Die  Schuld  ward  1866  zu  19’945  000
Einnahme  2705,055  Piaster  berechnet.  ’
Deficit  5’542,976
Die  von  Sclaven  geborenen  Kinder  werden,  zufolge  Gesetzes  v.
1830,  mit  der  Geburt  frei.  Der  Sclavenhandel  ist  ohnehin  verboten.
Münze,  Maasse.  Pesos,  zu  1  Thlr.  2%  Sgr.  Im  auswärtigen  Handel  wird
nach  spanischen  Piastern  gerechnet.  Maasse:  die  spanischen.

Ecuador  (Republik).
Der  Umfang  dieses  (Quito,  Guayaquil  und  Assuay  in  sich  begreifenden) ­
  Staates  wird  auf  10,000  Q.-M.,  die  Bevölkerung  auf  800,000
Menschen  geschätzt,  worunter  viele  Indianer.—  Die  Schuld  beträgt
über  19  Mill.  (19’085,000)  Piaster.
        <pb n="333" />
        PERU.  —  BOLÎTIA.  —  CHILE.

317

Peru  (Republik).
Grösse  etwa  27,300  Q.-M.  (eingetheilt  in  11  Depart,  und  65
Provinzen).  Bevölkerung  1/400,000  bis  1'800,000,  worunter  etwa
1  Mill.  Indianer.  —  Das  Budget  für  1850  schloss  mit  10’945,000
Plast.  Einnahme  und  0'285,000  Ausgabe  ab.  Der  Schuldenstand
(hauptsächlich  zwei  Auleheu  in  England,  zusammen  von  3’716,000
Pfd.  Strl.)  wird  zu  49’665,000  Piaster  angegeben.  —  Die  Landmacht ­
  beträgt  etwa  7000  M.;  Marine:  einige  kleine  Schiffe,  —  Die
Handelsflotte  bestand  Ende  1853  aus  187  Seeschiffen.  (Münze
und  Maasse  die  spanischen.]

Bolivia  (Republik).
15,000  Q.-M.  mit  1'330,000  Einw.,  —  Nachkommen  von  Europäern, ­
  Mischlinge  und  Indianer.  —  Der  Aufstand  gegen  Spanien  begann ­
  hier  schon  im  Jahre  1809,  und  endete  erst  in  Folge  von  Bolivars ­
  Sieg  bei  Tumuslo,  1.  April  1825.  —  Die  Einnahme  war  1850
veranschlagt  zu  1’976,217  Piast,,  die  Ausgabe  zu  J’738,/44.  Die
anerkannte  Schuld  wird  zu  2'605,000  Piast.  berechnet;  ausserdem
sind  aber  noch  in  die  Millionen  gehende  Passiva  aus  der  frühem
Zeit  vorhanden,  darunter  Beamtenbesoldungen,  Kriegsauslagen,  Zinsrückstände ­
  etc.  —  Die  bewaffnete  Macht  wird  zu  2000  M.  angegeben.

Chile  (Republik).
Areal  etwa  6700  Q.-M.  Bevölkerung  (nach  der  Aufnahme  von
1854)  1’439,120.  Darunter  sollen  sich  nur  etwa  150,000  Weisse
befinden  (wobei  eine  Anzahl  Einwanderer  aus  Europa),  V4  Mill.  Neger, ­
  die  übrigen  theils  getaufte,  theils  ungetaufte  Indianer,  Das  Land
ist  in  12  Provinzen  und  52  Departemente  getlieilt.  Der  Unabhängigkeitskrieg ­
  dauerte  von  1810—20.  —  Chile  ist  derjenige  Staat  im
vormals  spanischen  Amerika,  der  sich  der  geordnetsten  Verhältnisse
erfreut.  —  Die  S  taatse  in  nah  me  betrug:
1851  1852  1853
4’581,*264  5’326,1.3.3  5’869,910  Pesos,  wovon  3'675,971  Zoll.
1854  belief  sich  die  Ausgabe  (nach  einer  die  Ziffern  auf  preuss.
Thaler  reducirenden  Notiz)  auf  8’199,877  preuss.  Thlr.  —  Zufolge
eines  Berichtes  des  Finanzministers  von  1855  beträgt  die  innere
Schuld  2’906,300,  die  äussere  8’938,000  preuss.  Thlr.  Eine  andere
Angabe  entziffert  8’9  20,000  Pesos.  Der  Staat  ist  frei  von  Papiergeld. ­
  —  Stehendes  Heer  (zufolge  Angabe  des  Kriegsministers
von  1855)  2902  M.,  Nationalgarde  66,300.  —  Marine:  1  Corvette ­
  von  18,  3  Briggs  zusammen  mit  28,  1  Dampfer  mit  3  Kan.  —
Die  Handelsflotte  zählte  1855  257  Schiffe  von  59,000  Tonnen
mit  2710  Mann.  Heber  die  Ausdehnung  des  Handels  finden  wir
folgende  Notizen:
        <pb n="334" />
        318

BUENOS  AYRES.  —  ARGENTINISCHE  STAATEN.

18*4  1855
Einfuhr  87’141,495  Frc$.  23’204,065  prems.  Thlr.
Ausfuhr  66’392,080  „  19’500,192  „  „
1851  betrug  der  Handel  mit  Grossbritanien  25,  mit  Frankreich”  23  Mill.  Fres.
Jfüwze,  Jfaawe.  Der  Peso  fuerte,  getheilt  in  100  Centavos,  Werth  6  Fres
-  Maasse  meist  die  spanischen.  ’

Buenos  Ayres  (Republik).
Der  aus  dem  Verbände  der  Argentini.schen  Republik  ausgetretene
„Estado  independiente  de  Buenos  Ayres“  umfasst  über  2000  deutsche
Q.-Meil.  Die  Volkszahl  wird  auf  400,000  geschätzt.
Staatsbedarf  1855  Papiergeld
14’870,000  Fres.  42%  Mill.  Fr.
Stellendes  Heer  Kriegsflotte  Einñilir
3000  Mann  4  Schiffe  mit  30  Kanonen  76%  Mill.  Fres.

Argentinische  Coiiföderation  (Republik).
Nach  dem  Austritte  von  Buenos  Ayres,  des  wichtigsten  der  conföderirten
  Staaten,  umfasst  der  Bund  noch  13  Staaten,  mit  etwa
28,000  Q.-M.  und  1’200,000  Menschen,  wovon  1  Mill.  Weisse  und
Mischlinge,  180,000  unterworfene  Indianer  und  25,000  Neger.
1850  (vor  der  Trennung  von  Buenos  Ayres),  waren  Einnahmen  und
Ausgaben  zu  71%  Mill,  Bapier-Biaster  veranschlagt.  Jetzt  schätzt
man  10  Mill.  Frk.  —  Die  Schuld  soll  nur  in  rückständigem  Militärsolde ­
  und  nicht  liquidirten  Schäden  des  Bürgerkriegs  bestehen.
Indessen  figurirte  früher  ein  Anlehen  von  1  Mill.  JTd.  Strh,  von  welchem ­
  seit  1827  keine  Zinsen  mehr  bezahlt  wurden.  —  Stehendes
Kriegsmarine.  —  Einfuhr  50,  Ausfuhr  55
MilL  Irk.  (Der  Bapier-Biaster  hatte  1851  einen  Werth  von  33  franz
Centimen  =  2,55  Sgr.)

Paraguay  (Republik).
Etwa  3600  Q.-M.  Die  Angaben  über  die  Einwohnerzahl  schwanken ­
  zwischen  260,000  und  600,000;  etwa  V,o  sollen  Weisse,
Creolen,  Neger  und  Mischlinge  und  Indianer  sein.

Uruguay  (Republik).
Die  ^Republica  oriental  del  Uruguay“  umfasst  ungefähr  4800  Q.-M.
mit  Mill.  Menschen.  Sie  soll  mit  10  Mill.  Piaster  Schulden  belastet ­
  sein.
        <pb n="335" />
        BKASTLIEN.

319

Brasilien  (Kaiserthuin).

Das  Areal  wird  auf  130,000  —150,000  Q.-M.,  die  Bevölkerung
auf  4Ya  bis  0  Mill,  geseliätzt,  darunter:
1’300,000  Europäer  niul  eingeborene  Weisse,
250,000  freie  Neger,
2’500,000  Negerticlaven,
500,000  freie  Mulatten  und  Mestizen,
250,000  Selavenniestizen.
100,000  unterworfene  Indianer,
1’000,000  freie  Indianer  (Gentios  oder  Tapayas,  wobl  100  Stämme).
Unter  den  Europäern  beliuden  sich  dcutsehc  Colonisten.  —  Die
herrschende  Sprache  ist  die  portugiesische;  daneben  über  100  Indianeridiome. ­
  —  Cu  Uns  der  katholische,  mit  Duldung  der  anderen
Cuiten.  —  Bevölkerung  der  Stadt  Rio  .Janeiro  (1852)  266,466,  worunter ­
  110,602  Negersclaven.  —  1808  flüchtete  die  portug.  Königsfamilie ­
  nach  Brasilien.  1815  ward  diese  Colonie  zu  einem  „Königreiche“ ­
  erklärt.  Nachdem  der  Hof  durch  die  portiigies.  Revolution
von  1820  zur  Rückkehr  nach  Europa  veranlasst  worden,  und  als
man  portugiesischer  Seits  den  Brasilianern  Gleichheit  der  Rechte  verweigerte, ­
  erfolgte  1822  der  Zusammentritt  einer  Nationalversammlung,
unterm  1.  Aug.  die  Erklärung  der  Trennung  von  Portugal,  und  unterm ­
  12.  Oct.  desselben  .Jahres  die  Erhebung  des  lironprinzen  zum
Kaiser  von  Brasilien,  das  seitdem  ein  selbständiges  Reich  bildet.
Finanzen.  Nach  dem  Budget  für  IS^Vss  betragen  Einkünfte
und  Ausgaben  (englischer  Rechnung  zufolge)  4’061,999.  Pfd.  Strl.
Die  wirklichen  Einkünfte  sollen  gewesen  sein:
18'%,  18'%4  18'%,
18’191,458  IT’249,806  17787,950  Piaster  (davon  Zölle  gegen  5  Mill.)
Die  inländische  Schuld  ward  am  31.  Dec.  1855  zu  8’815,920,
die  auswärtige  zu  5’839,900  Pfd  Strl.  angegeben.
Militär.  Die  Landmacht,  welche  fast  1/4  der  Staatseinkünfte
verschlingt,  da  sie  aus  Geworbenen  besteht,  zählte  1852  22,540  M.,
wovon  3727  Cavallerie  (in  4  leichten  Reg.)  und  3582  Artillerie.  Die
Marine,  V7  der  Einkünfte  kostend,  besteht  aus  38  bewaffneten  Fahrzeugen ­
  (worunter  1  Fregatte  von  50  ICanonen),  zusammen  mit  356
Geschützen  und  2933  M.

11  a  n  d  c  1  s  V  er  k  eh  r,  1  855.
Einfuhr  84’7ß0,2i0  Reis  =  83,573  R.  weniger  als  im  Vorjahre
Ausfuhr  90’570,ß35  „  =  13’728,145  R.  mehr  als  im  Vorjahre.

Hiebei  waren  folgende  Länder  betheiligt  in  Conto  de  Reis.

England  und  dessen  Besitzungen
Frankreich
Vereinigte  Staaten
Portugal
Hansestädte
La  Plata-Länder
Belgien

Einfuhr
45,45
9,98
fi,99
0,47
4^88
4,22
1,67

Ausfuhr
29,27  Contos
8.17
23,81
4,65
6,68
4.18
2,78

Müme,  Maasse.  Das  Milreis  (1000  Reis)  in  Silber  gleich  52'/*  Pence;

in
        <pb n="336" />
        320

HAYTI  nnd  ST.  DOMINGO.

Haytl  (Kaiserthiim)  und  St.  Itoilllllgo  (Repiiblilt)
Der  Umfang  der  ganzen  Insel  wird  zu  1386  Q.-M  ihre  Bevol
s  zri  "ÄrSÄ“.“::
vmnnn  der  Insel)  rechnet  man  500  Q.-M.  mit
700,000  Bew.;  hier  doininiren  die  Schwarzen  unter  Sonlonqne.  Auf
Ostfji,  vormals  spanisch)  kommen
w  Q'.'^  300,000  Bew.,  unter  dem  Vorherrschen  der
Weissen,  mit  einer  afrikanischen  Beimischung.  —  Der  Staatsbedarf
5'421,000,  das  Einkommen
iqf  4'249,000.  Das  Kaiserthum
0  Iill.  herabgesetzt  und  später  weitere  Conventionen  Uber  die  Termme
  6«trofen  wurden,  scheint  der  Staat  doch  völlig  ausser  Stande,
seine  Verbindlichkeiten  zu  erfüllen.  —  Der  franz.  Theil  der  Insel
machte  sich  1791,  der  spanische  später  unabhängig.  —  Der  Werth
alten  französischeitledo^  mr
        <pb n="337" />
        21

ALL  GEMEINE  L  EBERS  ICHTEN.

321

Allgemeine  Ueliersichten,

I.  Land  und  Leute*

Grösse  und  Bevölkerung  der  europäischen  Länder  und  Staaten.

Deutsche  Q.-M,

Grosßbritanien  ........  5,767
Frankreich  .........  9,664
Russland  .........  98,800
Oesterreich  12,120
Preussen  .........  6,103
Deutschland  .........  11,443
(Deutschland  ohne  die  Besitzungen  Oesterreichs,  Freussens,
Hollands  und  Dänemarks)  .....  4,233
Italien  .........  6,062
(Italien  ohne  die  Besitzungen  Oesterreichs,  Frankreichs
und  Grossbritaniens)  ......  5,067
Schweiz  .........  730
Belgien  .........  537
Niederlande  .........  641
Dänemark  .........  2,900
Schweden  .........  8,000
Norwegen  .........  5,800
Spanien  .........  8,600
Portugal  .........  1,660
Griechenland  .  .  .  .  .  .  _  720
Ionische  Inseln  52
Türkei  9,500

Bevölkerung
27700,000
35’800,000
60’000,000
86600,000
17700,000
43700,000
10’400,000
25700,000
20700,000
2700,000
4  600,000
3’400,000
2780,000
3700,000
1700,000
14700,000
3700,000
1740,000
230,000
15700,000

Qesammt-Europa  (nach  Abzug  der  doppelten  Posten)  180,000

166'/4  Mill.

Uebersicht  Amerikas.

A.  Selbständige  Länder.

Deutsche  Q.-M.  Bevölkerg.

Vereinigte  Staaten
Mexico  .
Central-Amerika  (5  Staaten)
Columbia-Staaten  (3  Staaten)
Peru,  Bolivia  u.  Chile  .
Argentinische  Staaten  .
Brasilien  .  .  .  .
Ilayti  .
Grönland  .  .  .  .
Polarländer  etc.
Patagonien  .
Selbständige  Staaten

156,000  27700,000
65,000  7700,000
15,000  2700,000
48,000  4700,000
49,000  4700,000
88,000  2700,000
140,000  6700,000
1,400  1700,000
20,000
70,000
25,000
630,000  54'/,  Mill.
        <pb n="338" />
        322

ALLGEMEINE  UEBERSICHTEN.  —  Bevölkerung.

B.  Enropäisclie  Besitzungen.
Britisches  Nordamerika  .  .  57,000  2’670,000
Russisches  Nordamerika  .  27,000  50,000
Dänisches  „  (Grönl.-Küste)  180  10,000
Westindien  (ohne  Hayti)  .  8,250  2'4i0,000
Guiana  ....  11,000  226,000

Colonien  100,000  5'/,  Mill.
Gesammt-Amerika,  etwa  780,000*)  fiO  „
*)  Man  nahm'früher  eine  ungleich  grössere  Summe  an,  da  man  das  Festland
gegen  den-Nordpol  hin  viel  ausgedehnter  und  weiterreichend  glaubte,  als  es  sich
seitdem  ergab.
Die  übrigen  Erdtheile.
Wir  sind  nicht  im  Falle,  eine  ähnliche  Berechnung  bezüglich
der  3  übrigen  Erdtheile  zu  geben.  Nicht  nur  haben  sich  dort  noch
keine  Staatensysteme  nach  unsern  Begriffen  gebildet,  sondern  es  fehlen
auch,  mit  vcrhältnissmässig  wenigen  Ausnahmen,  alle  festen  Anhaltspunkte ­
  zu  statistischen  Berechnungen.  In  ganz  allgemeinen  Umrissen
wollen  wir  nur  Folgendes  erwähnen.  In  Asien  sind  3  Länder  von
sehr  starker  Bevölkerung:  China,  dessen  Einwohnerzahl  sogar  auf
360  Millionen  geschätzt  wird,  Ostindien  (sammt  der  Indo-Chinesischen ­
  Halbinsel  und  den  Inseln),  vielleicht  mit  180,  und  Japan  wohl
mit  30  Mill.  Alle  andern  Länder  sind,  mit  unbedeutenden  Ausnahmen,
gering  bevölkert.  Dies  vorausgesendet,  können  wir  für  die  verschiedenen ­
  Erdtheile,  in  mehr  oder  minder  begründeter,  theilweise  aber
allerdings  ganz  unsicherer  Schätzung,  etwa  folgende  Zahlen  annehmen  :
Q.-M.  Menschenzahl
Europa  .  .  180,000  266  Mill.
Amerika  .  .  730,000
Asien  .  .  785,000
Afrika  .  .  545,000
Australien  .  .  170,000
Gesammtsuinme

60
600
40

2’410,000  970  Mill.

Gonfessionen.

Griechen  Andere  Christen  Juden  **danw™*'

1700,000  40,000
26,000  74,000
....  1'500,000
....  800,000
20,000  228,000
30,000  440,000

300,000

Katholiken  Protestanten  Griechen
6’000,000  20’000,000  _
33'500,000  2'000,000  _
6’500,000  2’000,000  49’500,000
29’000,000  3’500,000  3700,000
6700,000  10’500,000  1,500
22’900,000  19700,000

Grossb  ritamen
Frankreich
Russland
Oesterreich
Preussen
Deutschland
(Deutschi,  ohne
Oesterr.  etc.)
Italien
(Italien  ohne
Oesterr.  etc.)
Schweiz
Belgien
Niederlande
Dänemark
Schweden
Norwegen
Spanien

5’900,000  11700,000
25700,000  100,000

190,000
50.000

20’000,000
980,000
4’580,000
1’300,000
700
1.000

50,000
1’500,000
15,000
F900,000
2’570,000
3’500,000
1'500,000

40,000
3,200
1,500
58,600
4,000
1,000

2,400
1,300
300

14*200.000
        <pb n="339" />
        ALLGEMEINE  UEBEIiSICIITEN  —  Staatseinkünfte.

323

Katholiken  Protestanten  Griechen  Andere  Christen  Juden
Portugal  3’400,000  ....  —  ....  ....  —
Griechenland  30,000  ....  t'000,000  ....  500  ....
Ionische  Inseln  ....  10,000  220,000  —  ....  —
Türkei  650,000  ....  10’000,000  ....  70,000  4’550,000
Zus.  in  Europa  etw.  132%Mill.  60  Mill.  63  Mill.  2  Mill.  3  Mill.  5  Mill.  '
Den  Katholiken  sind  übrigens  hier  die  unir  ten  Griechen  beigerechnet.
ln  Amerika  wird  man  etwa  32  Mill.  Katholiken  und  28  Mill.
Protestanten  annehmen  können.
Die  gesammte  Menschenzahl  dürfte  sich  nach  Confessionen  etwa
so  vertheilen  :
Christen:  Nichtchristen:
Katholiken  180  Mill.  Mohammedaner  75  Mill.
Protestanten  100  „  Juden  7  „
Griechen  75  „  s-  g.  Heiden  520  „
Andere  Christen  15  _

370  Mill.

600  Mill.

II»  Finanzen»
Jährlicher  Bedarf  der  europäischen  Staaten.

Staaten

Grossbritanien
Frankreich
Russland
Oesterreich
Preussen
Deutschland
„  ohne  Oestreich  etc
Italien  „
Schweiz
Belgien
Niederlande
Dänemark
Schweden
Norwegen
Spanien
Portugal
Griechenland
Ionische  Inseln
Türkei

Gewöhnliche
Staatseinkünfte
Millionen  *)
Pf.  Sterl.  53,33
Fres.  1600
S.-Rubel
fl.  C.-M.
Thlr.

Frkn.

200
250
118
440
120
320
22
120
70
20
15
3,2

holl.  fl.
Rbthlr.
Rthlr.
Speciesthlr.
Realen  1460
Mil-Reis  12
Drachm.  18,3
Pf.  Sterl.  0,2
Piaster  730

Staatsbedarf
im  letzten
Jahre  ohne
Kriegskosten
55  Mill.
1700
220
300
121,5
480
130
356
22
136
72
25
13
3,2
1600
12,5
23
0,25
750

Vom  ordentlichen  Bedarf
erheischen  Millionen

Hof
0,43
30
10,75
7
2,6
17
9,75
41,5
3,5
0,8
1,15
0,78
0,1
32
0,6
1
84

Militär
18,72
465
100
114.4
31,87
130.5
20,25
102.5
3.5
32,5
16
4,66
6
1,13
375
3,7
7.5
368

Schuld
27,55
502
34
77,4
12,96
86
20
108,5
0,5
37
36
6,3
0,5
0,33
350
2,72
4,75

Zus.  in  Franken  brutto
netto  ungefähr

6823
6000

7256

226

2168

1975

*)  Der  gewöhnliche  Staatsbedarf,  auf  Millionen  Franken  reducirt:

Grossbritanien
Frankreich
Russland
Oesterreich
Preussen
Deutschland  mit  Oestreich  etc.

ohne

Italien
Schweiz
Belgien

1334
1600
800
700
436
1628
444
320
22
120

Holland
Dänemark
Schweden
Norwegen
Spanien
Portugal
Griechenland
Ionische  Inseln
Türkei

148
55
21
18
580
48
17
5
160
        <pb n="340" />
        324

ALLGEMEINE  UEBERSTCHTEN  -  Kriegskosten.

Vorstehende  Znsammenstellnng  ergibt  im  {ranzen  —  alle  Steuererliühungen
  während  der  letzten  Zeit  eingerechnet,  —  eine  ordentliche
BruttO'Einnahme  von  ungefähr  6823  Mill.  Frk.,  gegenüber  einem  Bedarfe
  von  7256  Mill,  während  des  letzten  Jahres.  Dabei  sind  die
ausserordentlichen  Ausgaben  nicht  eingerechnet,  welche  der  orientalische ­
  Krieg  vcranlasste,  und  zwar  ist  nicht  nur  der  Aufwand  der
wirklich  in  den  Kampf  verwickelten  Mächte  ausser  Ansatz  gehalten,
sondern  es  ist  dies  aueb  bezüglich  der  bl  osen  Hiistiingskosten  der
übrigen  Staaten,  wie  namentlich  Oesterreichs  ii.  s.  f.,  geschehen.  —
Was  hier  als  Militärbedarf  anfgeführt  ist,  betrifft  sonach  nur  die
ordentlichen  Ausgaben,  jedoch  allerdings  jene  für  die  Land-  und  für
die  Seemacht  zusammen  genommen.  —  Im  (janzen  beläuft  sich  der
Bedarf  für  jeden  der  besonders  bezeichn  oten  Posten  ungefähr  auf
nachbemerkte  Summen:
lür  die  Höfe  ....  226  Mill.  Fres,
für  das  Militär  ....  2168  „  „
für  die  Staatsschulden  .  .  .  1&amp;lt;)75  ^
Zusammen  für  diese  6  Pusten  .  ^t360  lüÏÏÎ.~FresT
für  die  übrigen  Ausgaben  bleiben
von  der  Netto-Smnrne  etwa  .  16.80  „  „
Im  Leb  rigen  verweisen  wir,  was  die  Berechnung  von  St.aatseijinahmen  und
Ausgaben  betrifft,  iin  Allgemeinen  auf  misere  Seite  1.SO—1.82  abgedruckteu
Bemerkungen.
Die  Koste»  des  orientalischen  Krieges.
Unter  Bezugnahme  auf  unsere  speeiellen  Nachweise  auf  den  unten ­
  citirten  Seiten  unseres  Buches,  —  und  ungerechnet  den  gewohnlichen
  Aufwand  für  die  Land-  und  Seemacht,  dagegen  unter
Einrechnung  des  auch  nach  dem  Pariser  Vertrage  bis  zur  dehuitiven
Zurückführung  auf  den  Eriedensfuss  noch  nöthigen  Aufwandes  —  veranschlagen ­
  wir  die  Kosten  des  letzten  Krieges  ungefähr  auf  folgende
Summen  :
A.  Ivrlcgfüln-endo  MäclUe.  KW..  SÄaÄ

Grossbritaiiieu  (S.  9)  77’588,000  Pf.  Sterl.
Frankreich  (S.  42—46)  1600  Mill.  Fres.  .
Türkei  (S.  666)
Sardinien  (S.  220)  .
Russland  (S.  73)

gedeckt
Mill.  Frkn.  Mill  Frkn.
1940  1510
1600  1580
700  150
60  60
1200  800

5550
B.  Kriegsrüstungen  anderer  Mächte.
600
75

Oesterreich  (S.  99)
Preussen  (S.  120)
Kleinere  deutsche  Staaten:  Bayern  5Mill.fi.  (S.  149);  Hannover ­
  883,000  Thlr.  (S.  160);  Württemberg  3  Mill.  ti.
(S.  1  &amp;lt;  1)  ;  Baden  1  800,000  fl.  (S.  175);  Dannstadt
1  Mill.  fl.  (S.  179);  Kassel  200,000  Thlr.  (S.  181);
Oldenburg  140,000  Ihlr.  (S.  197);  dazu  die  übrigen
Nordische  Staaten:  Schweden  (S.  268),  Norwegen  (S.  271),
Dänemark,  Niederlande,  Belgien  .  .  .  .
Griechenland  ....

40

10

4100

600
75

30

10
?

726
6200

715
4800

Gesammtsumme  über
        <pb n="341" />
        ALLGEMEINE  UEBEKSICHTEN  —  Staatsschulden.

325

Der  orientalisclie  Krieg  hat  sonach  wohl  weit  über  sechstausend ­
  Millionen  Franken  verschlungen,  unberücksichtigt  die  gar
nicht  zu  berechnenden  Opfer  der  Einzelnen  iin  türkischen  Gebiete,
den  Donaufürstenthümern  und  in  Südrussland,  —  abgesehen  überdies
von  allen  Störungen  des  Handels  und  Verkehrs  in  allen  Erdtheilen.
Es  ist  uns  nicht  möglich,  die  Zahl  der  Soldaten  zu  schätzen,  welche
in  Folge  dieses  Krieges  auf  den  Schlachtfeldern  oder  in  den  Lazarethen
  umkamen,  oder  welche  siech  in  die  Ileimath  entlassen  wurden,
um  dort  nach  kurzer  Frist  ihr  Leben  auszuhauchen;  ebensowenig
kennen  wir  die  Zahl  der  Verstümmelten,  Verkrüppelten,  oder  Derjenigen, ­
  welche  aus  dieser  Veranlassung  eine  für  immer  zerrüttete  Gesundheit ­
  davon  getragen  und  den  Keim  eines  frühzeitigen  Todes  in
sicli  aufgenommen  haben.  Ohnehin  ist  keine  sichere  Schätzung  der
Menge  der  durch  Barbareien,  oder  durch  Mangel,  Entbehrung  und
Noth  umgekommenen  friedlichen  Bewohner  der  Kriegsschauplatzgegenden
möglich.  Alles  zusammengenommen,  sind  wir  aber  überzeugt,  dass
dieser  Krieg  unmittelbar  und  mittelbar  mehr  als  einer  halben  Million
Menschen  das  Leben  kostete.  Abgesehen  von  den  Abgabenerhöhungen,
welche  behufs  Führung  des  Kampfes  in  den  betheiligten  Staaten  stattfanden, ­
  hat  derselbe  bleibend  eine-Sch  uld  e  nwia  s  s  e  erzeugt,  welche
4800  Mill.  Frk.  übersteigt,  und  wovon  eine  dauernde  Belastung  der
betreffenden  Völker  mit  dr  itthalbhundert  Millionen  alljährlich ­
  zu  entrichtender  Zinsen  die  unabwendbare  Folge  ist.  —  Es  liegt
ausser  dem  Plane  unseres  Werkes,  die  Frage  zu  erörtern:  ob  die
Resultate  dieses  Krieges  —  von  welchem  Standpunkt  immer  man
ausgehe  —  solchen  colossalen  Opfern  auch  nur  aufs  Entfernteste
entsprechen.
Uebersicht  der  Staatsschulden.
A.  Europäische  Staaten.
Mill.  Franken

ürossbritanien  834  Mill.  Pf.  Sterl.  —  .  20,850
Frankreich  ......  8,500
Russland  900  Mill.  S.-Rubel  .  .  .  3,600
Oesterreich  1850  Mill.  ff.  C.-M.  .  .  .  4,700
Preussen  250  Mill.  Thlr.  .  •  .  925
Deutschland  2400  Mill.  Thlr.  .  .  .  8,800
„  ohne  Oestr.-Preuss.  490  Mill.  Thlr.  1,810
Italien  (ohne  Oesterreich)  ....  1,500
Schweiz  .......  10
Belgien  .......  680
Niederlande  1203  Mill.  ff.  ...  2,524
Dänemark  130  Mill.  Rbthlr.  .  .  .  350
Schweden  30  Mill.  Rthlr.  ....  40
Norwegen  4%  Mill.  Species  .  .  .  25
Spanien  16,000  Mill.  Realen  .  .  .  4,000
Portugal  150  Mill.  Mil-Reis  .  .  •  900
Griechenland  ......  250
Ionische  Inseln  ......  7
Türkei  ^80

Zusammen  Europa  59,951

oder  in  runder  Zahl  60  Milliarden  Franken.
        <pb n="342" />
        326

ALLGEMEINE  rEBEKSICHTEN

Staatsschulden.

B.  Amerikanische  Staaten.

Vereinigte  Staaten;
a.  Schuld  der  Union  32%  Mill.  Doll.
b.  „  „  Einzelnstaaten  200  Mill.  D
Mexico
Die  5  Republiken  Centralamerikas
Neu-Granada  37  Mill.  Piaster
Venezuela  20  Mill.  Pesos
Ecuador  19  Mill.  Piaster
Peru  50  Mill.  Piaster
Bolivia  4  Mill.  Piaster
Chile  9  Mill.  Pesos  ....
Argentinische  Staaten  ....
Brasilien  14%  Mill.  Pf.  Sterl.
Hayti
Zusammen  Amerika

Mill.  Frkn.
170
1040
408
10
190
80
80
260
22
45
60
365
60
2790

Die^  Schuldenmasse  der  Staaten  ist  in  der  Neuzeit  fast  überall
bis  zu  einer  früher  nie  gekannten  Höhe  emporgetrieben  worden.  Soferne
  die  neuen  Anlehen  zu  productiven  Zwecken  dienten,  so
namentlich  zu  Eisenbahnanlagen,  gibt  diese  Schuldvermehrung  an’sich
keinerlei  Grund  zu  Besorgnissen.  Anders  ist  cs  aber  allerdings,  wenn
dieselbe  nur  dazu  diente,  beständige  Ausfälle  in  dem  laufenden
Staatshaushalte,  oder  blose  Kriegskosten  zu  decken.
Es  lässt  sich  nicht  verkennen,  dass  in  unserer  industriell  so  bedeutend ­
  vorangeschrittenen  Zeit,  und  bei  dem  Fleisse  und  der  Sparsamkeit ­
  so  vieler  Millionen  Menschen,  die  Summe  der  vorhandenen
Werthe,  somit  die  Summe  des  Nationalvermögens,  im  Ganzen  zunimmt
und  zunehmen  muss.  Die  Heilkraft,  welche  sich  in  dem  zweckmässigen ­
  und  verständigen  volkswirthschaftlichen  Streben  der  Gesammtbevölkerungen
  entwickelt,  ist  so  mächtig,  dass  sie  fast  überall  die
Wunden  beseitigt,  welche  dem  allgemeinen  Wohlstände  durch  die
widerstrebendsten  nationalökonomischen  Theorien  und  Experimente,
und  mannigfach  auch  durch  die  naturwidrigsten  staatlichen  Einrichtungen, ­
  geschlagen  werden.  In  Folge  dieser  Entwicklung  ist  denn
die  Steuerkraft  der  Völker  eine  weit  grössere  geworden,  als  sie  früher
war.  Zudem  haben  neuzeitliche  Einrichtungen  (s,  g.  Creditanstalten)
  und  neuzeitliche  Anschauungsweise  in  colossalster  Ausdehnung
dazu  beigetragen,  zu  ermöglichen,  dass  die  Geldaufnahmen,  die  Schuldanhäufungen ­
  (selbst  für  die  bodenlosesten  Projeetc,  und  unter  den
schwindelndsten  Verhältnissen)  bis  zur  schwindelndsten  Höhe  emporgesteigert ­
  werden  konnten.
Es  ist  durchaus  nicht  vorauszuberechnen,  bis  zu  welchem  Punkte
insbesondere  die  Vermehrung  der  Staatsschulden  getrieben  werden
kann.  Während  ein  äusserst  kenntnissvoller  deutscher  Statistiker  im
Jahre  1853  aus  der  Finanzlage  Frankreichs  die  absolute  Unmöglichkeit ­
  desselben,  irgend  einen  Krieg  zu  führen,  evident  darthun
wollte,  sahen  wir  alsbald  jene  Macht  nicht  nur  einen  solchen  Krieg
dennoch  beginnen,  sondern  wir  konnten  auch  die  bis  dahin  noch  nie
vorgekommene  Leichtigkeit  wahrnehmen,  mit  welcher  jener  Staat,  in
stets  weiter  gehenden  Beträgen,  erst  250  Mill.,  dann  ferner  500  Mill,
        <pb n="343" />
        zuletzt  nochmals  beinahe  800  Mill,  an  neuen  Darlehen  vorgestreckt
bekam,  unter  einem  Zudrange  der  sich  Betheiligenden,  die  wi&amp;amp;lich
an  das  Fabelhafte  grenzte.  _
Indessen  müsste  man  vollständig  blind  sein  gegen  alle  Erscheinungen ­
  der  Neuzeit,  wenn  man  die  Ergebnisse  dieser  (oder  irgend
sonstwie  ähnlicher)  Subscriptionen  als  Beweis  des  vorhandenen  Volksreichthums
  ansehen  wollte.  Solche  Unterzeichnungen  (selbst  für
an  sich  ganz  solide  Unternehmen)  sind  in  der  jüngsten  Zeit  vielfach
nichts  anders,  als  das  bequeme  Mittel  gewinnsüchtiger  Agioteure
geworden.  Man  sah  Millionen  durch  Leute  unterzeichnen,  welche
sehr  häutig  in  Wirklichkeit  auch  nicht  das  Geringste  ihr  Eigenthum
nennen  konnten,  und  deren  Subscriptionen,  sobald  sie  nicht  mehr  eine
Anzahl  Gimpel  hinter  sich  finden,  —  sobald  sie  selbst  einstehen
müssen  für  die  übernommene  Verpflichtung,  —  keinen  andern  Werth
besitzen,  als  den  eines  durch  solche  Schreiberei  unbrauchbar  gemachten ­
  Blattes  Papier.  (Ist  es  doch  dahin  gekommen,  dass  selbst  die
Leute,  welche  eine  ernste  Betheiligung  beabsichtigten,  sich  genöthigt
sahen,  den  fünfzig-,  den  hundertfachen  Betrag  der  Summe  zu  unteischreiben,
  welche  sie  wirklich  anzulegen  gedachten.)  Derartige  Erscheinungen ­
  können  nicht  einmal  als  Zeichen  des  öffentlichen
Vertrauens  in  die  Dauer  der  obwaltenden  Zustände  gelten, ­
  da  der  Augenschein  lehrt,  dass-in  der  Regel  die  am  eifrigsten
sich  hervor  drängend  en  Unterzeichner  nur  auf  augenblicklichen
Wiederverkauf  mit  ein  Paar  Procenten  Gewinn  speculiren,  und  überdies ­
  gar  nicht  im  Stande  wären,  auch  nur  eine  wirkliche  Zahlung
selbst  zu  leisten,  sobald  durch  irgend  ein  unerwartetes  grosses  Ereigniss ­
  jener  hinter  ihnen  stehende  grosse  Haufe  verscheucht  würde,
welcher  Haufe,  vermittelst  der  mannichfachsten  Phantasmagoiien,  verleitet ­
  ist,  einen  mühelosen  Gewinn  erhaschen  zu  wollen.  Zudem  wird  es
sich  schliesslich  noch  durch  gar  manche  Verluste  erweisen,  dass
imaginäre  Werthe  eben  nichts  Reelles  sind,  —  und  dass  man  mit
Werthzeichen,  denen  die  reellen  Werthe  als  Unterlage  fehlen,  wohl
längere  Zeit  Andere  und  sich  selbst  täuschen,  dass  man  aber  damit,
gerade  wenn  cs  am  nöthigsten  wäre,  —  etwas  Reelles  auch  nicht
ersetzen  kann.
Wie  hoch  man  die  wirklich  vorhandene  Vermehrung  des  Nationalvermögens ­
  und  der  Steuerkraft  der  Völker,  —  wie  hoch  man  ferner ­
  die  Erleichterung  ira  Flüssigmachen  aller  vorhandenen  Mittel  anschlagen
  mag,  —  so  ist  es  doch  dem  irgend  denkenden  Nationalökonomen ­
  nicht  im  Geringsten  zweifelhaft,  dass,  wie  Alles  in  der  Welt,
so  auch  der  darauf  hin  in  die  Höhe  getriebene  Credit  eben  doch
seine  Grenze  haben  müsse.  Diejenigen,  welche,  voll  des  blindesten
Vertrauens,  gläubig  den  seltsamen  modernen  Lehrsatz  hinnehmen:
dass  durch’Staatsschulden  jeder  Art  der  Reichthum  der  Völker  befördert ­
  werde  (ein  Satz,  der,  ungeachtet  seiner  fracten  Absurdität ­
  dennoch  als  die  gesammte  Volkswirthschaftslehre  umgestaltendes,
neuentdecktes  Gesetz  der  Nationalökonomie  alles  Ernstes  verkündet
wurde),  —  Diejenigen,  sagen  wir,  welche  in  Folge  dessen  jede
        <pb n="344" />
        328

ALLGEMEINE  UEBERSICHTEN  —  Staatsschulden.

Vermehrung  der  Staatsöchuldeu  völlig  unbedenklich  finden,  —  erinnern
wir  an  die  zahllosen  St  a  a  t  s  bankerotte,  welche  die  Finanzgeschichte
aiifgezeicbnot  hat.  Wenn  die  Anhäutung  von  Staatsschulden  unbedingt
Beförderungsmittel  des  Reichthums  der  Staaten  wäre,  so  würden
sich  wahrlich  nicht  so  viele  offene  und  verdeckte  Staat  bankerotte
an  die  Geschichte  jener  Schuldanhäufungen  anknüpfen.  Wir  erinnern
die  Leichtgläubigen  in  dieser  Beziehung  an  die  Law’schen  Zeiten  und
an  die  Assignaten  in  Frankreich  ,  an  die  Oesterreicbischen  wiederholten ­
  Capital-  und  Zinsreductionen  mit  der  Beigabe  der  gezwungenen
Ariosi:ung  (siehe  S.  100),  an  die  Zahlungseinstellungen  und  einseitige
Schuldherabsetzung  in  Holland  und  in  Dänemark.  Und  wenn  man,
in  foitgesetzter  Verblendung,  meint,  dass  dies  eben  früher  geschehen,
und  dass,  was  sich  Irüher  zugetragen,  heute  sich  nicht  mehr  wiederholen
könne,  —  so  weisen  wir  einfach  auf  die  neuzeitliche  Nichterfüllung
der  financieilen  Verpflichtungen  in  Spanien,  in  Portugal,  in  Griechenland ­
  und  dem  grössten  Theile  von  Amerika  hin,  indem  wir  einfach  fragen,
ob,  was  dort  gerade  in  der  Neuzeit  geschehen,  nicht  auch  anderwärts
in  Folge  eintretender  weiterer  Notlistände  sollte  stattfinden  können?
Die  Vertheidiger  des  Systems  der  unbedingten  Schnldanliäufung  haben
längst  auf  das  Beispiel  Englands  hingewiesen,  welches  Land  allerdings,
  ungeachtet  der  enormen  Belastung,  heute  unvergleichbar  reicher
ist,  als  dasselbe,  ohne  solche  Passiven,  vor  100,  vor  200  Jahren
war.  Den  Beweis  hat  aber  noch  Niemand  ernstlich  zu  führen  unternommen, ­
  dass  der  Wohlstand  der  britischen  Nation  gerade  das  Product ­
  der  Schulden  des  Staates  ist;  wie  hinwieder  ganz  gewiss  auch
Niemand  widerlegen  kann,  dass  es  für  die  englische  Nation  weit  angenehmer, ­
  für  ihren  Wohlstand  noch  weit  förderlicher  sein  würde,
wenn  sie  von  der  enormen  Zinslast  befreit  wäre,  die  sich  an  all  jene
Capitalaufnahmen  für  den  spanischen  Erbfolge  -,  für  den  nordamerikanischen ­
  und  für  den  Revolutionskrieg  knüpft;  wenn  sie  von  jener
Zinslast  befreit  wäre,  deren  Vorhandensein  die  drückende  Besteuerung
aller  und  jeder  Lebensbedürfnisse  und  Genüsse  herbeiführte.
Wenn  neulich  durch  improvisirte  oder  sich  dafür  haltende  Nationalökonomen ­
  versucht  worden,  die  Wo  hl  that  zu  schildern,  welche
geiade  daduich  entstehe,  dass  die  Schuldanhäuiung  zu  einer  Steuervermehrung ­
  zwinge,  die  Steuervqrmehrung  aber  zu  grösserer  Productivität
  antreibe,  und.damit  zu  ausgedehnterer  Wohlhabenheit  des  Volkes ­
  führe,  —  so  möchten  wir  hinwieder  glauben,  ein  jeder  Blick  auf
die  Verhältnisse  und  die  Lage  des  Volkes,  ein  jeder  Blick  auf  das
mühsame  Ringen  so  vieler  Steuerpflichtigen  nach  einem  genügenden  Verdienste, ­
  sollte  solches  Gerede  verstummen  machen,  das  nicht  einmal  an
sich  neu,  sondern  vielmehr  nur  das  Wiederkäuen  einer  vor  vielen  Jahrzehnten
  in  einer  Studier  -  oder  Amtsstube  ausgeheckten  phantastischen
Jheorie  ist.
•  jüngste  orientalische  Krieg  hat,  wie  wir  zeigten,  Europa
weit  Über  6  Milliarden  Frk.  gekostet;  er  hat  namentlich  den  in  den
Kampf  verwickelten  Staaten  allein  eine  neue  Schuldenmasse  von  mehr
als  vier  Milliarden  zum  bleibenden  Andenken  hinterlassen  ;  er  hat
        <pb n="345" />
        ALLGEMEINE  LEBERSICHTEN  —  Stehende  Heere.

329

insbesondere  in  Frankreich  den  laufenden  Bedarf  für  die  Staatsschuld
um  drei  und  neunzig  Millionen  erhöht,  welche  alljährlich
durch  die  Steuerbaren  mehr  aufgebracht  werden  müssen,  als  ohne
diese  neue  Anlehen  erforderlich  Avären.  Jeder  Staatsangehörige,  jede
Familie  ist  in  einer  oder  der  andern  Weise  hiezu  beizutragen  gezwungen. ­
  Man  hat  zur  Aufbringung  des  Bedarfes  u.  a.  die  ohnehin
schon  bestandene  Auflage  auf  den  gewerblich  Avichtigen  Alcohol  um
die  Hälfte  erhöht;  man  hat  das  Reisen  auf  Eisenbahnen  noch  mehr
besteuert,  liât  den  Transport  von  Waarenauf  diesen  Schienenwegen  durch
Abgaben  vertheuert,  hat  einen  zweiten  déchue  de  guerre  eingeführt,
und  damit  den  Genuss  mancher  sogar  notliAvendiger  Lebensbedürfnisse,
und  überdies  den  freien  Verkehr,  den  Kauf  und  Verkauf  von  Immobilien ­
  und  selbst  von  Mobilien,  fiscalisch  bedeutend  erschwert.  Wir
glauben,  dass  die  Lösung  der  Frage  für  Niemanden  schwierig  sein
könne:  ob  die  Vermehrung  dieser  Steuerlast  zur  Production  antreibe, ­
  oder  ob  dieselbe  nicht  vielmehr  die  Production  belästige,  erschwere ­
  und  hemme.
Welche  Theorien  auch  erdacht  und  ausgesponnen  werden  mögen^
—  immerhin  wird  die  mit  der  Schuld  Vermehrung  zu  unproductiven
Zwecken  gleichen  Schritt  haltende  Abgabenvermehrung  in  nackter ­
  Wirklichkeit  beweisen:  dass  die  Staatsschulden  mittelbar  zugleich
Schulden  jedes  einzelnen  Emwuhners  eines  Landes^  Schulden  jeder  Familie ­
  sind;  dass  sie  Schulden  sind,  loelche  jedes  Grundstück,  jedes  Geschäft ­
  ,  jedes  Vermögen  belasten.

III.  Stehende  Heere  der  europäischen  Staaten.

Abgesehen  von  allen  Anstrengungen  im  Falle  eines  wirklichen ­
  Krieges,  haben  die  stehenden  Heere  in  Europa  auch
im  Frieden  beiläufig  folgenden  For  mations  stand,  wobei  wir  allerdings ­
  erinnern,  dass  der  Effectivstand,  in  Folge  von  Beurlaub
bringen,  natürlich  ein  viel  geringerer  ist.

Grossbrftanieri  .  .  140,000
Frankreich  .  .  .  550,000
Russland  .  .  .  780,000
Oesterreich  .  .  .  550,000
Preussen  .  .  .  400,000
Deutschland  .  .  .  550,000
„  ohne  Oestr.  etc.  2.30,000
Italien  (ohne  Oesterreich)  270,000
Schweiz  ...  —
Belgien  ....  74,000

Holland  58,000
Dänemark  23,000
Schweden  61,000
NorAA'Cgen  14,000
Spanien  70,000
Portugal  26,000
Griechenland  8,000
Ionische  Inseln  3,000
Türkei  150,000

Zusammen  3'957,000

Rechnen  Avir  dazu  noch  die  Mannschaft  der  Kriegsmarine  mit
etwa  180,000  Mann,  so  ergibt  sich,  dass  die  Zahl  derjenigen  Männer, ­
  deren  freiAvillig  gewählter  oder  aufgezAvungener  Beruf  Avährend
des  kräftigsten  Alters  das  Kriegsgewerbe  ist,  in  Europa  die  enorme
Summe  von  vier  Millionen  entschieden  übersteigt.
Ein  einziger  Staat  in  ganz  Europa  unterhält  keine  stehenden
Truiipen;  es  ist  die  Schweiz,  welche,  ungeachet  ihrer  geringen
        <pb n="346" />
        830  ALLGEMEINE  UEBERSICHTEN  -  Stehende  Heere.
Volkszahl,  im  Falle  des  Bedarfes  ein  geübtes  Milizheer  von  160,000
Mann  in  kürzester  irist  zu  ihrer  Vertheidignng  aufzustellen  vermag.
Allerdings  werden  jene  4  Millionen  Männer  nicht  sämmtlich  permanent ­
  bei  den  Fahnen  gehalten,  sondern  ein  ansehnlicher  Theil  davon ­
  befindet  sich  jederzeit  in  Urlaub.  Man  wird  aber  das  Höchste
annehmen,  wenn  man  die  Hälfte  der  Mannschaft  als  beurlaubt  rechnet, ­
  zumal  die  Gesammtsumme  öfters  zu  Hebungen  einrücken  muss
und  gerade  in  den  Grossstaaten  die  Beurlaubungen  am  meisten  beschränkt ­
  sind.
Sonach  bleiben  noch  mindestens  zwei  Millionen  Männer,  welche
durchschnittlich  permanent  einer  bürgerlichen  Beschäftigung  entzogen
sind.  Wir  haben  S.  .Î23  die  Kosten  des  Heerwesens  der  sämmtlichen
  europäischen  Staaten  im  Frieden  zu  2168  Mill.  Fr.  veranschlagt.
Volkswiithschaftlich  ist  aber  das  Opfer  noch  ungleich  grösser,  da,
ausser  der  Summe,  welche  die  Andern  (die  Civilbevölkerung)  anfbringen
  müssen,  um  das  Militär  zu  erhalten,  auch  die  gesarnmte  Froduction
  eingebüsst  wird,  welche  die  zum  Soldatendicnste  Verwendeten
sonst  liefern  würden.
Nimmt  man  für  jene  sämmtiiehen  Männer  im  kräftigsten  Alter
nur  die  geringste  Verdienstweise,  den  Taglohn,  an  (viele  würden
namentlich  als  Handwerker  bedeutend  mehr  erwerben)  ;  und  berechnet
man  diesen  Taglohn  durchschnittlich  nur  zu  '%  Frk.,  so  ergibt  sich,
dass  den  europäischen  Ländern,  mit  der  Arbeit  jener  zwei  Millionen
Männer,  täglich  eine  Production  im  Werthe  von  mindestens
dritthalb  Millionen  Franken  entzogen  ist.  Zieht  man  dabei
noch  die  Einbusse  der  Arbeitskraft  von  mindestens  400,000  Cavallerie-
  und  Artilleriepferden  in  Betracht,  so  wird  der  Gesammtverlust
jährlich  (bei  300  Arbeitstagen)  wohl  nicht  bedeutend  unter  1000
Millionen,  also  einer  Milliarde,  zu  veranschlagen  sein.
Derartige  Berechnungen  hat  man  schon  früher,  wenn  auch  nicht
immer  mit  der  nöthigen  Genauigkeit,  angestellt.  Wesentlich  neue
und  dabei  im  höchsten  Grade  beach  tens  werthe  Seiten  wurden  aber
der  Sache  durch  den  Verfasser  des  Buches  abgewonnen  :  ^^MiUtärpowW
  gmgg  MZlfzAggrgg  grg^gw  gfgAgwk  jßggrg.  Fow  TFi/^g^ni
Schulz-Bodmer.  Leipzig,  1855.“  Angeregt  durch  die  Erörterungen  dos
genannten  Verfassers,  kommt  man  zu  der  Frage:  Wer  trägt  jenen
Arbeits  -  oder  Verdienst  -  Verlust?  Wenn  die  Gesainmtheit
die  Unterhaltung  stehender  Heere  wirklich  für  absolut  nothwendig
erachtet,  so  ist  es  nicht  mehr  denn  billig,  dass  sie  eben  auch
als  Gesammtheit  alle  Kosten  davon  übernimmt.  In  Wirklichkeit  sehen
wh-  es  aber  anders.  Es  sind  vorzugsweise  die  Einzelnen,  die  bei  den
„Ziehungen“  vom  Loose  Betroffenen,  die  Ausgehobenen,  welche  das
Opfer  für  die  Gesainmtheit  bringen  müssen.  Ihnen  gegenüber  leistet
die  Gesammtheit  weitaus  nicht,  was  sie  unter  allen  Verhältnissen  zu
leisten  verpflichtet  wäre.  Man  zwingt  nicht  nur  zu  einem  Stande,  den
die  jungen  Männer  der  Mehrzahl  nach  nicht  wählen  wurden,  sondern
man  vergütet  ihnen  auch  nicht  einmal  das  Minimum  dessen,  was  sie
        <pb n="347" />
        ALLGEMEINE  EEBERSICIITEN  —  Stehende  Heere.

331

in  der  geringsten  Arbeit,  als  blose  Taglöliuer,  verdienen  würden.
Während  alle  andern  Froluiden  aufgehoben  sind,  besteht  diese  allein
noch  in  der  grössten  und  drückendsten  Ausdehnung.  —  Nach  der
sehr  einlässlichen  Berechnung  von  Schulz  sieht  sich  jeder  Ausgehobene
durchschnittlich  um  mindestens  200  Frk.  oder  100  fl.  im  Jahre  verkürzt. ­
  Es  wäre  nicht  mehr  denn  billig,  dass  die  Staaten  den  Sold
um  solchen  Betrag,  d.  h.  um  so  viel  erhöheten,  als  nöthig  ist,  freiwillig ­
  Dienende  in  der  gewünschten  Anzahl  zu  bekommen,  —wie
dieses  in  England  und  Nordamerika  thatsächlich  in  IJebung  besteht.
(Allerdings  würde  man  es  dabei  geeignet  finden,  die  stehenden  Heere
zu  vermindern,  oder  sich  zur  Volks  wehr  zu  bequemen.)
Eine  nähere  Erörterung  dieser,  wenngleich  hochwichtigen  Punkte,
liegt  ausser  dem  Plane  unseres  Werkes.  Wohl  aber  mussten  wir
ein  factisches  Verhältniss  wenigstens  berühren,  das  heute  schon  auf
die  socialen  und  auf  manche  statistischen  Momente,  selbst  in  der  engsten ­
  Bedeutung  des  Wortes,  weit  tiefer  einwirkt,  als  man  meistens
ahnet.  Eine  ganz  unverhältnissmässige  Anzahl  Auswanderer  aus
Mitteleuropa  besteht  notorisch  aus  Conscriptionspflichtigen,  welche  sich
dieser  Pflicht  (heimlich)  zu  entziehen  suchen.  Die  angeborene  Liebe
zur  lleimath  und  die  empfindlichsten  Strafen  (Vermögensconfiscation
etc.)  sind  minder  mächtig,  als  das  Verlangen,  unter  den  obwaltenden
Verhältnissen  sich  dem  Dienste  in  den  stehenden  Heeren  zu  entziehen.
Wenn  wir  constatirt  finden,  dass  aus  einem  Ländchen  von  nur
etwas  mehr  als  einer  halben  Million  (von  nicht  einmal  600,000  Einwohnern,) ­
  innerhalb  eines  Jahres  4295,  innerhalb  des  folgenden  Jahres
sogar  5047  heimliche  Auswanderungen,  und  zwar  zumeist  von  Conscriptionspflichtigen, ­
  stattfanden  (wobei  die  eigentlichen  Desertionen
der  schon  Eingereiheten  nicht  einmal  eingerechnet  sind,  —  siehe  S.
146  unseres  Buches),  —  und  wenn  wir  dabei  die  unabwendbaren
Folgen  ins  Auge  fassen,  welche  entstehen  müssen,  wenn  die  kräftigsten ­
  unter  den  jungen  Männern  ihre  Heimath  verlassen,  und  zumeist ­
  die  Schwächlinge  oder  Krüppelhaften  Zurückbleiben,  —  so
kann  die  Nothwendigkeit  möglichster  Abhülfe  der  Ursache  des
Missstandes  gewiss  nicht  zweifelhaft  bleiben,  und  man  wird  diese
Nothwendigkeit  anerkennen,  wenn  auch,  in  Folge  momentan  ungünstiger ­
  Berichte  aus  Amerika,  die  Auswanderung  dahin  für  den  Augenblick ­
  sich  sehr  verringert  hat,  wie  solche  Fluctuation  en  ohnehin  immer
von  Zeit  zu  Zeit  eintreten.  (Eine  fortdauernde  Auswanderung  der
kräftigen  jungen  Männer,  müsste  schliesslich  eine  Verschlechterung
des  physisclien  Zustandes  der  ganzen  Bevölkerung  zur  Folge  haben.)
Noch  eines  Momentes  haben  wir  hier  zu  gedenken:  Die  Sterblichkeit ­
  ist  im  Allgemeinen  in  allen  Heeren  auch  während  des  Friedens ­
  weit  grösser,  als  bei  der  Civilbevölkerung  im  gleichen  Alter.
Wir  werden  darüber  einige  Nach  Weisungen  in  der  letzten  Abtheilung
unseres  Buches  liefern.
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332

ALLGEMEINE  UEBERSIGHTEN

Eurupa  1786.

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        ALLGEMEINE  IJEBEBSICHTEN  —  Europa  1812.  333

B.  Politische  Statistik  von  Europa  im  Jaiu-e  1812.

I.  Das  französische  Kaiserreich  und  die  von  demselhon
abhängigen  Staaten.

A.  Da.s'  franzlklsche  A'oiserrdch  ¡selbst.

Dasselbe  tun  fasste  :
Las  heutige  Fnnih'p.ù'h  .
Belgien
Holland  .  .  •  •  •  •  •
Theile  des  jetzigen  denterhen  Bundesgebiets
(das  ganze  linke  Rheinuter,  Elb-  n.  W  esevinündungen
  etc.),  ungefähr
Theile  von  Italien  (das  Festland  der  Sardin.
  Staaten,  Parma,  Theile  v.  Alodena,
Toscana,  Rom  .
Theile  der  Schweiz  (Genf,  Neuenbürg,  Wallis)
Gesammtgebiet

.  „  Damalige  Truppenq.-M.
  Bevölkerung  macht
9,750  30-000,000
540  3’400,000
640  1-800,000

1,000  3-800,000

1,600  5'800,000
100  140,000
13,600  45-000,000  660,000

1.  Das  Königreich  Italien  .  .  .  .
2.  lllyrien  .....••
3.  Das  Königreich  Westfalen
4.  Das  Grossherzogthum  Berg
Zusammen  ungefähr

1,520
1,140
825
315
3,800

C.  Sonstige  Vasallenstaaten.
5.  Die  übrigen  33  Eheinhundstaaten  (Bayern,
Sachsen,  Württemberg  etc.  etc.)  .  .  4,250
6.  Das  Königreich  Neapel  ....  1,825
7.  Das  Herzogthum  Warschau  .  •  •  2,820
8,900
Total,  Frankreich  sammt  den  Vasallen  beiläufig  26,300

6-500,000  50,000
1-  530,000
2-  100,000  30,000
880,000  5,000
11-000,000  85,000

10500,000  100,000
6  000,000  60,000
4  000,000  60,000  *)
19-500,000  220,000
75-500,000  965,000

11,  Staaten  unter  dem  überwiegenden  Eindusse  Frankreichs.

1.
2.
3.
4.

Q.-M.
Die  Uelretische  Eidgenossenschaft  ....  620
Ereussen  **)  ........  2,800
Oesterreich  ........  10,860
Dänemark  (mit  Norwegen  und  Island)  ....  8,800

Zusammen  ungefähr  23,000

Bevölkerung
1-800,000
4-560,000
19-000,000
3-100,000
28-500,000

III.  Wirklich  unabhängige  Staaten,

1,  Qrossbritanien  ........  5,800  18-000,000
Vasallenstaat:  Insel  Sicilien  .....  500  1-700,000
2.  Russland,  europäisches  ......  95,000  40-000,000
Zusammen  etwa  100,000  60’000,000

*)  Beim  Beginne  des  Feldzugs  von  1812  gegen  75,000,
**)  Preussen,  das  nur  42,000  Soldaten  unterhalten  durfte,  musste  für  den
Russischen  Feldzug  ein  Contingent  von  20,000,  Oesterreich  ebenfalls  ein  solches
von  30,000  Manu  stellen.
        <pb n="350" />
        334

ALLGEMEINE  EEBERSICIITEN  -  Sociales.

IV.  Staaten  im  Kampfe  um  Erhaltung  ihrer  Selbständigkeit.
1.  Spanien  8,600  10’500,000
2.  Portugal  1,700  3’500,000
~10,300  14’000,000
V.  Sonstige  Staaten  ohne  höhere  politische  Bedeutung.
1.  Schweden  (ohne  Finnland  und  ohne  Norwegen)  .  .  g  OOO  2’800  000
2.  Insel  Sardinien  '44O  5  00  000
s.  9,000  12  000%
Zusammen  beiläufig  17,500  15’500,000
Z  u  s  a  m  m  e  n  s  t  e  11  u  n  g.
I.  Franhreich  mit  39  FasaWewstaaten  (Königreich  Italien,
Neapel,  Ulyrien,  Warschau  u.  35  Rheinbundstaaten  26,300  75'/,  Mill.
II.  4  Staaten  unter  Franhreichs  Einfluss  (Schweiz,  Preussen,
  Oesterreich,  Dänemark)  ....  23,000  28'/,
III.  2  'wirklich  unabhängige  Staaten  (England  und  Russland,
  sammt  Vasallenstaat  Sicilien)  .  .  .  lOO  000  60
IV.  2  Staaten  im  Kampfe  um  ihre  Selbständigkeit  (Spa-  ’  ”
nien  und  Portugal)  10,300  14
V.  3  weitere  Staaten  ohne  politische  Bedeutung  (Schwe-  "
den,  Insel  Sardinien  u.  Türkei)  ....  17,500  15'/,¡  „
Zusammen  51  Staaten  mit  177,000  193'/,  Mill.

IV.  Sociale,  Gewerli8-  und  Haiidclsverlillltiiissc.

Beschäftigungsweise  der  Bevölkerung  der  europäischen
llauptstaaten.

.  Aus  dem  vorhandenen  (übrigens  vielfach  unzuverlässigen)  Matenale,
  folgert  Reden  nachbemerkte  Vertheilung  der  Bevölkerung  (nach
Procenten  der  Gesammteinwohnerzahl  im  betreffenden  Staate)  ;

Ackerbautreibende

Grossbritanien  32
Frankreich  62
Russland  76
Oesterreich  69
Preussen  60%

Gewerbtreibende
46
29
15
13

Adel,  Beamte
22  Proc.
9
9
18
14

Bezüglich  Frankreichs  verweisen  wir  übrigens  auf  die,  nach  officiellen
  Daten,  Seite  59  unseres  Werkes  gegebene  Zusammenstellung,
welche  jedenfalls  die  grössere  Wahrscheinlichkeit  für  sich  hat,  und
deren  Resultate  wir  nur  darum  hier  nicht  einschalten,  damit  die  nach
einer  andern  Ansicht  entworfene  Aufstellung  nicht  principiei  alterirt  werde.

Zahl  der  Zeitungen  und

sonstigen

Zeitschriften.

Es  erscheinen  deren  1856  :
•  im
in  Oesterreich
in  Italien
in  Bayern
in  Hannover  .
in  Württemberg

Ganzen
271
311
178
89
99

auf  1  Mill.  Einw.
6'/,
12%
37
49
55
        <pb n="351" />
        ALT.GEMEINE  UEBERSTCIITEN

Handelsflotten.

335

in  den  Verein.  Stnaten  .  2800  104
in  Sachsen  .  .  .  220  110
in  der  Schweiz  .  .  563  224

Del  maliger  We  1  than  d  cl.

(Worth  in

Millionen  Frinikon.)

Grosshritanien  ....  6800
Frankreich  ....  4000
Deutschland  (Hansestädte  u.  Zollverein, ­
  ohne  Oesterreich)  .  3500
Vereinigte  Staaten  .  .  .  2800
Belgien  .....  1350
Holland  1300
China  u.  Australien  .  .  .  1200
Italien  .....  1000
Oesterreich  ....  1000
Russland  .....  850
Brasilien  .....  820

Schweiz
Türkei  u.  Aegypten
Engl.  Ostindien
Britisch  Nordamerika
Spanien  u.  Portugal
Antillen
Holländisch  Ostindien
Scandinavien  (mit  Dänemark)
Chile  ....
Argentinische  Staaten
Griechenland  u.  Ionien  .
Zusammen  über

750
550
500
400
400
320
250
200
150
120
80
28,000

Die  Handelsflotten.

^  Schiffe  Tonnengehalt  Mannschaft
1.  Vereinigte  Staaten  30,000  5‘200,000  180,000
2.  Grossbritanien  .  27,000  4^250,000  170.000
3.  Deutschland  .  *  4,700  1’000,000  32,000
4.  Frankreich  .  *  4,000  700,000  25,000
5.  Italien  .  .  19,000  540,000  98,000
6.  Holland  .  .  *  2,000  400,000  19,000
7.  Norwegen  .  .  3,800  390,000  30,000
8.  Griechenland  .  4,200  250,000  26,000
9.  Dänemark  .  .  4,300  200,000
10.  Spanien  .  .  1,200  200,000
11.  Russland  .  .  1,400  190,000  11,000
12.  Schweden  .  .  1,400  180,000
13.  Türkei  .  .  1,200  170,000  6,000
14.  Portugal  .  .  400  90,000  8,000
15.  Belgien  .  .  160  44,000  1,500
Zusammen  etwa  105,000  13’800,000  650,000
Von  den  mit  *  bezeichneten  Ländern  ist  nur  die  Zahl  der
Seeschiffe  angegeben,  ohne  Rücksicht  auf  die  Fluss-  und  die  kleinen
Küstenfahrzeuge.  Entscheidend  ist  der  Tonnengehalt  der  Handelsflotten. ­
  Rczcichnond  bleibt  die  sowohl  absolute  als  relative  Ueberlegenheit
  der  Völker  germanischen  Stammes,  wie  denn  Nordamerika
und  (liros.sbritanien  die  ersten  Stellen  einnehmen,  und  selbst  das  einer
günstigen  K(instenentwicklung  und  einer  schützenden  Kriegsmarine
entbehrende  Deutschland  unzweifelhaft  ihnen  am  nächsten  steht;  wie
endlich  auch  Holland  und  Norwegen  weit  grössere  Flotten  besitzen,
als  man  nach  deren  Volkszahl  erwarten  möchte.  —  Von  den  romanischen ­
  Völkern  erscheinen,  die  absolute  Zahl  genommen,  die  Franzosen ­
  zuerst;  zieht  man  aber  die  Volksmenge  in  Betracht,  und  erwägt
man  die  Ungunst  der  Verhältnisse,  unter  denen  sich  die  Italiener  befinden, ­
  so  bleibt  kein  Zweifel,  dass  diese  relativ  voranstehen.  Einen
verhältnissmässig  äusserst  bedeutenden  Umfang  hat  auch  die  Marine
des  kleinen  Griechenland  gewannen.
        <pb n="352" />
        336

ALLGEMEINE  EEBERSICHTEN  —  Eisenbahnen..

Eisenbahnen.
185  6  im  Betriebe  (in  deutschen  Meilen):

Verein.  Staaten
Qrossbritanien
Deutschland
Frankreich
(Preussen
(Oesterreich
Brit.  Nordamerika

5020
1750
1600
600
580)
400)
280

Italien
Russland  .
Belgien
Schweiz
Scandinavien
Holland

190
133
100
40
40
30

Zusammen  etwa  10,800
Rechnet  man  dazu  die  Bahnen  in  Spanien,  auf  Cuba,  in  Sud-Amerika,
  Ostindien  und  Afrika,  so  worden  gegen  11,0(10  Meilen  bereits ­
  im  Betriebe  stehen.  Fast  die  Hälfte  davon  kommt  auf  Nordamerika. ­
  —  Fs  ist  auffallend,  dass  die  bedeutendsten  Völker  bezüglich
der  Ausdehnung  ihrer  Eisenbahnen  genau  in  derselben  Reihenfolge
erscheinen,  wie  in  Hinsicht  auf  die  Ausdehnung  ihrer  Handelsflotten. ­
  Hie  Nordamerikaner  stehen  auch  hier,  und  zwar  weitaus,
voran  (wobei  indessen  die  Leichtfertigkeit  in  ihren  Bahnanlagen  nicht
übersehen  werden  darf).  Die  Briten  und  die  Deutsclieu  nehmen  die
nächstfolgenden  Stellen  ein  und  sind  sich  bereits  ziemlich  gleich  gekommen. ­
  Ungeachtet  der  Einheit  ihres  Staates,  blieben  die'Franzosen
weit  zurück.  —  Die  Gesammtlänge  der  befahrenen  Schienenwege  würde
schon  jetzt  zweimal  um  die  ganze  Erde  reichen;  die  im  Baue  begriffenen ­
  Bahnen  dürften  wohl  eine  dritte  Acquatorläuge  errciçhen.
Und  doch  sind  noch  nicht  30  Jahre  verflossen  seit  dem  Entstehen
des  ersten  mit  Dampfkraft  befahrenen  Schienenweges.
•  Ausbeute  edler  Metalle.

Eine  vorliegende  Berechnung  über  den  Werth  der  jährlichen
Production  edler  Metalle  seit  Anfang  des  16.  Jahrhunderts  schätzt
dieselbe,  von  50  zu  50  Jahren,  annähernd  folgendermaassen,  in  preussischen
  Thal  er  n  :

um  1500  jälu'licli  1  Mill,
um  1550  „  4  „
um  1600  „  15  „
um  1650  „  28%  „

um  1700  jährlich  30%  Mill,
um  1750  „  49  „
um  1800  „  76  „
um  1850  „  177%  „

Dabei  wird  die  Gesammtproduction  in  diesen  vierthalb  hundert
Jahren  so  angenommen  (Milk  preuss.  Tlialerj  :

Gold
in  Amerika  .  .  .  2701
in  Europa  exclus.  Russland  140
in  Russland  .  .  .  300
in  Afrika  u.  den  Sunda-Inseln  680

Silber  Zusammen
7307  10,008
530  670
88  388
—  680

Zusammen  3821  7925  11,746
Vorrath  aus  dem  Mittelalter  80  200  280
Total  ÜÖl  8Ï25  Î2^26~
Dem  Wer  the  nach  .  ,  33  %  67%
Gewicht  in  Kölner  Mark  17'977,699  580’334,544
Dem  Gewichte  nach  .  3%  97%
1848  begann  die  Goldausbeute  in  Californien,  1851  jene  in  Australien. ­
  Die  Ergebnisse  der  ersten  Jahre  stellten  sich  folgendermassen  :
        <pb n="353" />
        22

ALLGEMEINE  UEBERSTCHTEN  —  Goklproduction.

337

Zusammen
25,000  Mark
150,000
360,000
400,000
955,000
1'000,000

Goldproduction  in  Californien  Australien
1848  ungefähr  25,000  —
49  „  150,000  —
50  „  360,000  —
51  „  450,000  40,000
52  „  455,000  500,000
_  53  „  450,000  550,000
Eine  weitere  Bereclinung  gibt  bezüglich  der  beiden  jüngstver-Hüsscnen
  Jahre  folgende  Ausbeute  an  —  nach  Dollars;
1854  1855
in  Californien  57’742,272  58’111,446
in  Australien  42’871,648  57’953,552
Seit  dem  Beginne  der  Goldentdeckung  sind,  zufolge  dieser  letzten
licrcclmung,  gowoimcn  worden  :  toetochnlttl»
im  Ganzen  per  Jahr
in  Californien  von  1848  bis  Ende  55  356  345,000  50'906,429  Doll.
in  Australien  von  1851  „  „  55  229’934,000  57’483,500  „
Zusammen  586’279,000  108’390,000  Doll.
Die  Ausprägung  in  Gold  während  der  7  Jahre  1848—54  betrug ­
  in  den  Münzanstalten  der  Hauptstaaten,  nach  Mill,  preuss.  Thlr.  :
Gold  Silber  Zusammen
in  England  .  .  .  234,2  9,3  243,5
Frankreich  .  .  .  347,7  146,2  493,9
den  Verein.  Staaten  .  383,9  36,5  420,4
Russland  .  .  .  142  28  170
Zus.  Mill.  Thlr.  1107,8  220  1327,8
Es  liegt  unbedingt  in  der  Natur  der  Dinge  begründet,  dass  mit
einoi  solchen  andauernden  enormen  Vermehrung  der  Goldmasse,  der
relative  und  der  absolute  Preis  dieses  Metalles  herabsinken  muss.
Entscheidend  ist  hiebei  der  Umstand,  dass  die  Mühe  und  (pach  Geld
bemessen)  der  Preis  (des  gewöhnlichen  Arbeitslohns)  für  die  Goldproduction ­
  durchaus  nicht  mehr  im  Verhältnisse  steht  zu  dem  gewonnen
werdenden  Nominalwerthe.  Als  natürliche  und  unabwendbare  Folgen
müssen  sich  namentlich  einstellen:  Verminderung  des  Goldwerthes  im
Verhältnisse  zum  Silberwerthe;  sodann,  wo  Gold-neben  Silberwährung
besteht:  Verdrängen  des  Silbers;  endlich,  wo  überhaupt  Gold  als
Zahlungsmittel  gilt:  Steigen  aller  Preise.
Es  bat  seine  volle  Richtigkeit,  dass  sich  ein  Theil  dieser  Verändeiungen
  bis  jetzt  nocir  keineswegs  in  sehr  hohem  Grade  bemerkbar
macht.  Wenn  mau  aber  daraus  folgern  will,  dass  dieselbe  überhaupt
gar  nicht  cintreten  werde,  so  Übersicht  man,  dass  derartige  Umgestaltungen ­
  nicht  augenblicklich  alle  gewohnten  und  angenommenen
Preis-  und  sonstigen  Verhältnisse  umzuwandeln  vermögen,  sondern
dass  hiezu  eine  nicht  unansehnliche  Zeitdauer  erforderlich  ist;  man
vergisst  überdies,  dass  gerade  während  der  letzten  Jahre  ausserordentliche ­
  Verhältnisse  obwalteten,  in  denen  Krieg,  Theuerung  und
eine  Ueborfüllc  neuer,  selbst  der  schwindelndsten  Unternehmen,  dasjenige ­
  Verhäliniss  störten,  welches  ohne  diese  Momente  (die  nicht
immer  fortwirken  können)  eingetreten  sein  würde.  Das  Sinken  des
Werthes  der  s.  g.  edlen  Metalle  in  Folge  der  Entdeckung  Ameadkas
ging  auch  nichts  weniger  als  rasch,  allein  es  ging  nichts  destoweni-
        <pb n="354" />
        ALLGEMEINE  UEBERSICHTEN  —  Goldproductîon.

ger  ganz  bestimmt,  nachhaltig,  und  zuletzt  am  Ergebnisse  thatsächlich
  nachweisbar,  vor  sicli.  Wie  vorauszusehen  wird  es  wieder  in
ähnlicher  Weise  gehen.
Der  relative  Werth  des  Goldes  zum  Silber  ist  bei  den  Ausmünzungen ­
  der  Hauptstaaten  folgendermaassen  angenommen:
in  Frankreich  wie  15,5  zu  1
England  „  15,28  zu  1
Spanien  „  15,75  zu  1
Portugal  „  15,48  zu  1
Russland  „  15  zu  1
den  Verein.  Staaten  „  15,98  zu  1

Beinahe  unvermeidlich  drängt  sich  die  Frage  wegen  der  Goldwährung ­
  auf.  Der  geschickteste  unter  den  Wortführern  für  deren
Annahme,  Dr.  Soetbeer  in  Hamburg,  stellte  verschiedene  Berechnungen
auf,  deren  Resultate,  ganz  abgesehen  von  der  zunächst  vorliegenden
Frage,  also  an  und  für  sich  schon,  so  interessant  sind,  dass  wir  dieselben ­
  hier  wenigstens  in  Kürze  mittheilen  zu  sollen  glauben.
Nach  Soetbeers  Untersuchungen  hat  sich  seit  Entdeckung  der
neuen  Goldschätze  bei  den  wichtigsten  Artikeln  des  überseeischen
Handels  keine  Preiserhöhung,  sondern  vielmehr  eine  Preis  er  mässigung
  ergeben;  thcucrer  wurden  nur  die  Nahrungsstoffe  und  die
edeln  Metalle.  Die  Mittelpreisc  aus  den  Jahren  1831  —  40  zum
Maassstabe  genommen,  (und  als  100  gerechnet),  ergaben  sich  —
Soetbeer  zufolge  —  nach  den  Hamburger  Preislisten  folgende  Verhältnisszahlen

  :

Nahrungs-Stoffe

Weinbau-Produkte

Metalle

Ucberseeische
u.  europ.
Produkte

Ueberseeisohe
Produkte

Europ.  Produkte

18’'/4o
Weizen  100,0
üchsenfleisch  100,0

Wein
Korinthen
Rosinen
Blei
engl.  Eisen  in  S
Häute
Wolle,  mckl.  W.
Reis,  Java
Seide,  rohe
Rohzucker
Zucker,  Raff.
Tabak
Baumwolle
Kaffee
Thee
Indigo
Blauholz
Leinen,  Platill.

100,0
100,0
100,0
100,0
100,0
100,0
100,0
100,0
100,0
100,0
100,0
100,0
100,0
100,0
100,0
100,0
100,0

IS^'/so  1854  1855
120.7  192,6  212,7
119,5  161,4  183,0
77.5  121,2  140,8
72,9  173,5  181,7
99.5  165,7  126,6
107.7  183,6  161,0
91.2  122,6  113,4
81,0  100,6  109,0
81.8  92,5  100,0
85,0  91,3  101,7
100,0  93,5  91,4
83.3  87,6  90,7
8^4  7^2  8^4
99,0  84,5  84,9
72.4  83,4  63,6
68.5  89,6  83,0
110.7  90,3  85,7
83.9  85,8  90,7
85,2  98,0  92,2
65,4  60,0  59,3

Die  Erhöhung  der  Frucht-  und  Fleischpreisc  findet  nach  Soetbeer  in  der
Aufliebung  der  Zölle  in  England,  in  den  schlechten  Ernten,  in  der  Sperrung  der
Zufuhren  aus  dem  Osten,  und  in  dem  Kriegsbedarf  allein  schon  eine  sehr  natürliche ­
  Erklärung.  Die  Erhöhung  der  Weinpreise  ist  durch  die  Traubenkrankheit
hinreichend  begründet.  Der  vermehrte  Bedarf  an  Metallen  für  die  Industrie,  für
Eisenbahnen,  Schifffahrt  und  Kriegsbedarf,  ist  nicht  weniger  durch  die  Umstände
erklärt,  und  es  entsteht  umgekehrt  die  Frage,  wodurch  das  Sinken  aller  Produkte,
        <pb n="355" />
        ALLGEMEINE  UEBERSICHTEN  —  Goldwährung.

339

welche  durch  den  überseeischen  Handel  auf  dem  Markte  Hamburgs  zu  concurríren
  haben,  veranlasst  sein  kann.  Besonders  wichtig  ist,  dass  bei  denjenigen
Waaren  europäischen  Ursprungs,  welche  mit  den  überseeischen  Produkten  zu
concurriren  haben,  die  Preise  ziemlich  gleich  geblieben  sind,  wie  bei  den  Häuten,
der  Wolle,  dem  Reis  sich  zeigt,  während  die  wichtigsten  Einfuhrartikel,  wie
Seide,  Thee,  Kaffee,  Tabak,  Indigo,  Baumwolle,  eine  Preisverminderung  erfahren
haben.  Es  ist  hieraus  die  für  den  Metallhandel  wichtige  Schlussfolge  zu  ziehen,
dass  die  Produkte  des  überseeischen  Verkehrs  durch  die  vermehrte  Goldproduktion ­
  eine  Preissteigerung  nicht  erfahren  haben,  während  eine  Entwerthung  der
Metalle  sich  zuerst  bei  diesen  Produkten  hätte  zeigen  müssen.  Die  Untersuchungen ­
  über  die  seit  1830  beobachtete  Werthrelation  zwischen  Gold  und  Silber  geben ­
  nun  weitere  wichtige  Anhaltspunkte  über  die  Wechselwirkung,  in  welcher
die  Preise  der  edlen  Metalle  mit  dem  Münzsystem  stehen.  Die  Preise  der  edlen
Metalle  auf  den  Börsen  von  London,  Paris  und  Hamburg  geben  für  die  Periode
von  1831  bis  1847  eine  Werthrelation  von  1  :  15,72,  und  die  Curse  bewegen
sich  zwischen  der  in  Frankreich  bestehenden  gesetzlichen  Bestimmung  von  1  :  15,5,
und  dem  in  den  nordamerikanischen  Freistaaten  in  dieser  Zeit  gesetzlich  bestimmten ­
  Werthverhältniss  von  1  :  15,98,  und  zwar  dem  Mittel  der  beiden  gesetzlichen ­
  Bestimmungen  1  :  15,74  ziemlich  genau  entsprechend.  Eine  Vergleichung ­
  der  Geldkurse  von  1848  bis  1855  zeigt  folgende  Verhältnisse;

Werth  Verhältnis  8  von  Silber  zu  Gold.

18»%;  Silber
Gold
1848  Gold
1849
1850  2  Quartale
1850  2  Quartale
1851  2  „
1851  2  „
1852  4  „
1853  2  „
1853  2  „
1854  4  „
1855  4  „

Hamburg  London
1:  1  :
15,64  15,79
15,84  15,79
j  15,72  15,72
I  15,33  15,38
I  15,41  15,52

15,27  15,35

Die  Unruhen  von  1848  u.  49  vermehren  die  Nachfrage  nach  Gold,  und  die  Preise
des  Goldes  steigen,  bis  das  californische  Gold  die  Gemüther  in  Aufregung  bringt.
Die  von  der  holländischen  Regierung  ausgeführte  Aufhebung  der  Goldwährung
bringt  mit  dem  Münzgesetz  vom  Juni  1850  eine  plötzliche  Entwerthung  des
Goldes  hervor,  die  Goldkurse  sind  so  lange  gedrückt,  bis  die  Umwechslung  des
Goldes  in  Silber  bewerkstelligt  ist.  Nach  Beendigung  dieser  Operation  hebt  sich
der  Goldpreis,  bis  im  Februar  1853  die  nordamerikanischen  Freistaaten  Silberausmünzungen
  von  %  Dollar  anordnen,  welche  um  7  Proc.  weniger  Silber  enthalten, ­
  als  die  bisherigen  ganzen  Dollars,  und  dem  Werthverhältniss  von  1  :  14,88
entsprechen.  Nachdem  vom  Juni  1851  bis  Juni  1853  das  Werthverhältniss  sich
dem  gesetzlichen  Werthverhältniss  in  Frankreich  von  1  :  15'/j  ziemlich  gleich
gestellt  hat,  steigert  sich  mit  dem  Eintritt  dieser  Ausmünzungen  vom  3.  Quartal
1858  an  der  Silberpreis  in  Nordamerika.  Die  Ausmünzungen  in  diesen  verringerten ­
  Silbermünzen  haben  in  den  Jahren  1853  u.  54  gegen  18  Millionen  Dollars
betragen.  Diese  Silbermünze  dient  als  Scheidemünze,  und  die  Silberankäufe  für
diesen  Zweck  wirken  auf  die  Silberpreise  des  europäischen  Marktes,  wie  es  geschelyan
  müsste,  wenn  Frankreich  grössere  Quantitäten  von  Scheidemünzen  in
Silber  prägen  würde.  Es  ist  nicht  zu  erwarten,  dass  die  Ausmünzungen  von
%  Dollars  so  weit  ausgedehnt  werden  sollten,  um  eine  bleibende  Preiserhöhung
des  Silbers  zu  begründen  ;  in  den  letzten  Jahren  hat  aber  eine  bedeutende  Silberausfuhr ­
  nach  Asien  stattgefunden,  und  es  ist  die  Besorgniss  von  Soetbeer  in
Uebereinstimmung  mit  den  französischen  Nationalökonomen  Chevalier  und
Co  chut  ausgesprochen  worden,  dass  alles  europäische  Silber  dahin  werde  ausgeführt ­
  werden,  wenn  nicht  die  Regierungen  Maassregeln  dagegen  ergreifen,
        <pb n="356" />
        340

AIXOxEMEINE  UEBERSTOHTEN  —  Goldwährung.

welche  Soetbeer  in  der  Annahme  der  Goldwährung  findet.  Das  wichtigste
Moment  für  die  Annahme  der  Goldwährung  erblickt  Soetbeer  in  dem  gesteigerten
Bedarf  an  Circulationsmittehi,  welchem  der  vorhandene  Silbervorrath  und  die
jährliche  Ausbeute  nicht  mehr  soll  entsprechen  können.  Diesem  Mangel  an  Silber
schreibt  Soetbeer  den  seit  Monaten  in  Hamburg  bestehenden  und  seit  langer
Zeit  unerhört  gesteigerten  Disconto  von  5  bis  7  Broc,  zu,  welchem  Mangel  an
Circulationsmitteln  nach  seiner  Ansicht  durch  Einführung  der  Goldwährung  begegnet ­
  würde.
So  weit  die  Soctbeerschen  Erörterungen.  Indem  wir  wiederholt
daran  erinnern,  dass  es  hier  gar  nichts  beweisen  könnte,  wenn  in
den  wnmigen  Jahren  seit  Entdeckung  der  Californischen,  und  in  den
noch  wenigeren  Jahren  seit  Entdeckung  der  Australischen  Goldschätze,
noch  gar  keine  Umgestaltung  in  den  Preis  Verhältnissen  bemerkbar
wäre,  weisen  wir  darauf  hin,  dass  selbst  unter  den  anssorordcntlichen
Verhältnissen  der  letzten  Jahre,  —  ungeachtet  eines,  ans  bekannten
Gründen  den  Goldpreis  bedeutend  steigernden  Krieges,  dieser  Gold-})reis
  dennocli,  Soetbcers  eigenen  Berechnungen  zufolge,  im  Verhältnisse ­
  zum  Silber,  sehr  wahrnehmbar  herabgesunken  ist;  und  es
wird  keine  Argumentation  ansreichen,  die  voraussichtlich  ointretende
Thatsache  eines  weiteren  sehr  ansehnlichen  llerabgehens  abzuwenden,
sobald  die  aussergewöhnlichen  Verhältnisse  ihr  Ende  erreicht  haben
werden.  Zu  den  aussergewöhnlichen  Verhältnissen  rechnen  wir  insbesondere ­
  den  ungeheuren  Gold  bedarf,  der  sich  dadurch  ergab,  dass
namentlich  in  Frankreich  fast  die  Gosammtsumme  der  Silbermünzen
verdrängt  ward.  Es  ist  auffallend,  wie  Soetbeer  diesen  gewaltigen
Moment  übersehen  konnte,  währcjid  er  den  viel  weniger  wichtigen
der  Abschaffung  der  Goldwährung  in  Holland  so  sehr  betont.  Wären
nicht  so  colossale  Summen  von  Gold  zum  Ersätze  für  das  verdrängte
Silbergeld  erforderlich  gewesen  ;  wären  nicht  gleichzeitig  eben  dadurch
so  bedeutende  Quantitäten  Silbers  disponibel  geworden  ;  und  wäre
endlich  nicht  der  Krieg  dazu  gekommen,  —  so  würde  augenscheinlich ­
  der  Preis  des  Goldes  ini  Verhältnisse  zum  Silber  viel  tiefer  herabgegangen ­
  sein.  Was  aber  Soetbcers  Hauptgrund  für  Annahme
der  Goldwährung  betrifft,  nämlich  den  hohen  Disconto  in  Hamburg,
so  beruht  derselbe  auf  einer,  bei  diesem  erfahrenen  Verfasser  kaum
begreiflichen  völligen  Misskennen  des  ganzen  Wesens  des  Disconto.
Ohne  hier  in  eine  nationalökouoinische  Erörterung  über  diesen  Punkt
einzugehen,  wird  die  unbedingte  llnlialtbarkeit  jener  Argumentation
auch  dem  Nichtnationalökononien  klar  werden,  wenn  wir  erinnern,
dass  in  New-York,  in  London  und  in  Paris,  wo  überall  Goldwährung
angenommen  ist,  der  Disconto  nichts  destoweniger  ein  sehr  hoher  war
und  ist,  dass  derselbe  aber  im  Gegentheile  zu  Frankfurt  entschieden
niedriger  steht,  —  nicht  weil,  sondern  —  obwohl  dort  nur  Silber ­
  Währung  gilt.  Konnte  es  denn  übrigens  anders  kommen,  als
dass  Geldmangel  und  damit  auch  Discontoerhöhung  eintrat,  nachdem
so  viele  Tausende,  in  der  Hoffnung  auf  die  glänzendste  Agioerndte,
sich  weit  über  ihre  Mittel  in  die  mannigfaltigsten  financiellen  Unternehmungen ­
  gestürzt,  und  nun,  da  die  gehofften  Käufer  für  die  neuen
Papiere  fehlen,  statt  ihrer  aber  die  Termine  zu  den  Einzahlungen
        <pb n="357" />
        ALLOEMEINTO  UEBERSICHTEN  —  Goldwährung.  341
herankommen,  genötliigt  sind,  in  enormster  Ausdehnung  A  tile ­
  lien  zu  machen,  unter  Verpfändung  aller  Papiere,  die  sie  auftreiben ­
  können,  der  guten,  wie  der  schlechten,  so  dass  die  Nachfrage
nach  Geld  aufs  Unerhörteste  gesteigert  ist,  wie  niemals  zuvoi\
Es  liegt  ein  seltsames  Verkennen  aller  Verhältnisse  zu  Grunde,
wenn  man  wähnt,  die  Annahme  der  Goldwährung  könne  iigendwie
die  Folgen  von  Misserndten,  die  Folgen  eines  ungeheure  Werthe  vernichtenden ­
  Krieges,  und  endlich  auch  noch  die  heigen  übertiicbenei
und  selbst  bodenloser  Projecte  und  Unternehmungen  kurzweg  ausgleichen
  und  annulliren.  Schon  ist  man  da  und  dort  zu  der  Einsicht
gelangt,  dass  —  da  das  schlechtere  Zahlungsmittel  immer  das  bessere
verdrängt,  wenn  man  das  erste  überhaupt  zu  hoch  annimint,  —  dass,
sagen  wir,  ebenso  wie  das  Silber  durch  das  Gold,  nun  auch  schon
dieses  durch  relativ  noch  viel  werthlosere  Papiere  verdrängt  zu  werden
droht.  Darum  fehlt  an  so  vielen  Börsen  nicht  nur  das  Silber,  sondern
auch  das  Gold.  Die  Behauptung,  dass  es  nur  an  Silber  mangle,  dass
dieses  verschwinde  u.  s.  f.,  widerlegt  sich  aufs  Evidenteste  gerade
durch  das,  was  Soetbeer  und  andere  Fürsprecher  der  Goldwährung
wirklich  nachgewiesen  haben,  nämlich  durch  das  bisherige  geringe
Sinken  des  Goldwerthes.  Wenn  man,  ungeachtet  der  Goldvermehrung,
dennoch  heute  mit  einem  Pfunde  jenes  Metalls  beinahe  dieselbe  Quantität ­
  Silber  bekömmt,  wie  vor  10  Jahren,  so  ist  es  augenscheinlich,  dass
das  Silber  nicht  viel  ,,rar’er‘‘  geworden  sein  kann,  wobei  wir  allerdings
die  Miteinwirkung  der  Silberverdrängurrg  arts  Frankreich  anerkennen.
Das  Geld  hat  zu  dienen  als  Maassstab  und  als  in  sich  selbst
ausreichend  werthvoller  Repräsentant  von  W  er  then.  Die  Arimuthung,
Goldwährung  in  dieser  Zeit  einzuführen,  steht  vollkommen  gleich  der
Anforderung:  das  Urraaas  für  Längeverhältnisse  inskünftige  aus  Gummi
elastic  um  anzufertigen,  als  hiezu  am  allergeeignetsten.  Will  man
einen  Maassstab  haben,  so  muss  vor  allem  dieser  Maassstab  selbst  möglichst ­
  fest,  er  darf  nicht  selbst  dehirbar  sein  in  unberechenbarer  Grösse.
Wenn  die  Goldausbeute,  wie  es  allen  Anschein  hat,  fortdauern
oder  gar  noch  sich  vergrössern  wird,  so  müsste  die  Goldwährung
zwar  langsam  aber  unabwendbar,  eine  vollständige  Umwälzung  in  allen ­
  Preis-  und  den  meisten  Vermögensverhältnissen  herbeiführen.  Die
mit  Schulden  überbürdeten  Staaten  erhielten  eine  entschiedene  Erleichterung ­
  auf  Kosten  ihrer  Gläubiger;  ebenso  alle  diejenigen  Schuldner,
deren  Gläubiger  ihnen  nicht  sofort  das  Capital  kündigten,  um  dasselbe
auf  andere  Weise  anzulegen.  Am  empfindlichsten  müssten  aber  die
kleineren  Gewerbtreibenden  und  die  blosen  Arbeiter  unter
einer  solchen  Veränderung  leiden.  Die  tägliche  Erfahrung  beweist  es,
dass  man  diesen  den  Lohn  niemals  sogleich  beim  Beginne  eines
Theuererwerdens  erhöht.  Erst  wenn  die  Theuerung  schon  längere
Zeit  hindurch  sich  fühlbar  gemacht  hat,  werden  Zulagen,
Lohnerhöhungen,  bewilligt,  welche  aber  höchstens  für  den  momentanen
Stand  der  Preise  ausreichen,  keineswegs  nach  einer  immer  weiter  gehenden ­
  Vertheuerung  in  der  nächsten  und  in  der  entfernteren  Zukunft ­
  bemessen  werden.
        <pb n="358" />
        342

ALLGEMEINE  UEBEESICHTEN  —  Unedle  Metalle.

Es  lässt  sich  nicht  verkennen,  dass  das  Entfernthalten  der  Goldwährung ­
  mancherlei  Unbequemlichkeiten  für  viele  Geschäftsleute  mit
sich  bringt.  Allein  dieser  Nachtheil  ist  unverhältnissmässig  geringer,
als  es  der  entgegengesetzte  sein  würde.  Darum  thun  nicht  nur
Deutschland  und  die  Schweiz  sehr  wohl,  an  der  Silberwährung  festzuhalten, ­
  sondern  es  war  auch  von  Holland  und  Belgien  geradezu
weise  gehandelt,  vor  den  bedeutenden  Opfern  nicht  zurückzuschrecken,
um  die  dort  bis  dahin  gültige  Goldwährung  abzuschaffen,  und  ausschliesslich ­
  zur  Silberwährung  überzugehen.
Man  lasse  sich  nicht  täuschen  durch  die  Einrede:  es  fehle  an
Circulationsmitteln.  Das  vorhandene  Gold  kann  im  einen  wie  im
andern  Falle  als  Circulationsmittel  dienen:  aber  gleichsam  als  W  a  are,
mit  wechselndem  Course,  nach  seinem  jeweiligen  Marktpreise,  oder  —
nach  der  gewöhnlichen  (wenn  gleich  wissenschaftlich  unrichtigen)
Ausdrucksweise:  —nach  seinem  jeweiligen  relativen  W  er  the.  Jonen,
die  sich  ohne  genügende  Mittel  in  die  colossalsten  Speculationen
gestürzt  haben,  und  welche  nichts  als  Papiere  von  zweifelhaftem
innerm  Werthe  besitzen,  würde  auch  die  Goldwährung  die  ihnen  fehlenden ­
  Fonds  keineswegs  verschaffen.
Ausbeute  unedler  Metalle  und  Mineralien  in  Europa.
Den  obigen  Angaben  über  die  Ausbeute  edler  Metalle  in  Californien ­
  und  Australien,  lassen  wir  eine  gedrängte  Uebersicht  der
Minenausbeute  in  Europa  folgen,  deren  weitaus  wichtigsten  Producte
in  Steinkohlen  und  Eisen  bestehen,  und  deren  wirklicher,  absoluter ­
  Werth  nicht,  wie  jener  des  Goldes,  herabsinkt.  Es  betrug  der
Verkaufspreis  der  Minenausbeute
in  England*)  (1854)  ungefähr  190  Mill.  Thlr.
in  Frankreich  (1852)  „  35  „  „
in  Belgien  (1850)  „  19  „  „
in  Spanien  (1854)  „  15  „  „
in  Preussen  (1854)  „  81  „  „
*)  Siehe  das  Nähere  S.  4.
Circulirendes  Papiergeld.
ln  Deutschland  waren  beim  Beginne  des  Jahres  1856  in  Papiergeld ­
  der  Staaten,  Eisenbahnen  und  Banken  (siehe  S.  135)  ungefähr ­
  417  Mill.  Thlr.  in  Circulation.  —  In  Frankreich  befanden  sich,
laut  Rechenschaftsbericht  vom  März  1856,  619T11,700  Fr.  in  Papier
im  Umlaufe.  —  In  Grossbritanien  am  22.  Dez.  1855:  36’572,700
Pf.  St.  —  In  den  Verein.  Staaten  am  1.  Jan.  1856:  236’210,000
prensa.  Thlr.  Dies  ergibt  in  Millionen  preus.  Thlr.  :
262  Mill.  Oesterreichische  Banknoten,
155  „  andere  deutsche  Banknoten  und  Staatspapiergeld,
165  „  Französische  Banknoten,
249  „  Britische  Banknoten,
236  „  Nordamerikanische  Banknoten,
1066  Mill,  preuss.  Thlr.
Im  Laufe  des  Jahres  1856  hat  sich  die  Summe  bekanntlich  sehr
stark  vermehrt.  Es  mag  gestattet  sein,  wenigstens  eine  kurze  Be-
        <pb n="359" />
        ALLGEMEINE  UEBERSICHTEN  —  Papiergeld.

343

merkung  über  die,  allerdings  wie  Pilze  aus  der  Erde  gewachsenen
Banken  und  sonstigen  Greditanstalten,  hier  anzureihen.
In  Wirklichkeit  hat  sich  ein  Schwindel  und  eine  Schwindelei
eingestellt,  so  intensiv  als  zu  Law's  Zelt,  aber  von  unendlia  grösserer
Ausdehnung,  indem  die  Krankheit  diesmal  gleichsam  alle  Classen  und
Stände,  und  zwar  in  allen  Orten,  allen  Ländern  des  gesammten  Europa ­
  ergriilen  hat.  Alles,  was  wir  S.  327  über  die  Schwindeleien  bei
neuen  Staatsanlehen  sagten,  gilt  vollkommen  in  gleiclmr  Weise  von
so  vielen  Bank-,  Credit-  und  andern  ähnlichen  Gesellschaften,  obwohl
dieselben  unter  den  verschiedensten  Namen  auftauchten.  Auch  werden
die  härtesten  Verluste  schliesslich  nicht  ausbleiben.
Indessen  wäre  es  ein  entschiedener  Irrthum,  wenn  man  alle
diese  Unternehmungen  ohne  Ausnahme  nur  als  schädlich  ansehen
wollte.  Wie  viel  auch  häufig  gefehlt,  wie  maaslos  geschwindelt,
wie  unverschämt  getäuscht  und  betrogen  ward  :  —  trotz  alledem  werden ­
  viele  der  neuen  Institute  dazu  beitragen,  eine  Umgestaltung  in
Verkehrs-,  Circulations-  und  Creditverhältnissen  zu  vermitteln,  —  eine
Umgestaltung,  welche  mehr  und  mehr  nothwendig  und  (wie  man  auch
über  ihren  Werth  denke)  factisch  unabwendbar  wird.
Noch  ist  der  mittelalterliche  Begriff  keineswegs  beseitigt,  wekher
nur  im  Grund  und  Boden  ein  gesichertes  festes  Besitzthuin  erblickt.
Noch  gilt  daneben  der  industrielle  Besitz  vielfach  als  unsicher  und
unsolid.  Jenes  Vorurtheil  zu  Gunsten  des  _  Grund  und  Bodens  ist
erkauft  dadurch,  dass  auch  der  Werth  dieses  Grund  und  Bodens
beinahe  immobilisirbar  gehalten  wird.  Aber  auch  der  Werth  der
Immobilien  soll  mobilisirbar,  verwendbar  gemacht  werden  können.
Dies  eine  der  vielen  Aufgaben  der  neuen  Institute  oder  eines  1  heiles
derselben  (bis  jetzt  erst  zum  kleinsten  Theile  gelöst  durch  die  alteren
Hypothekenbanken).  Die  wichtigsten  Aufgaben  aber  werden  bedingt  durch
die  ungeheuere  neuzeitliche  Ausdehnung  der  Industrie,  nicht  der  imaginären, ­
  phantasmagorischen  (welche  wir  so  sehr  verdammen,  als
irgend  Jemand),  sondern  der  wirklichen,  soliden,  reellen  Industrie.
Wenn  man  vielfach  spottend  darauf  hingewiesen  hat  ,  wie  nicht  nur
in  Ilaupthandelsplätzen,  zu  Frankfurt,  Hamburg,  Leipzig,  sondern  in
Winkelplätzen,  wie  Dessau,  Meiningen,  Gera,  Luxemburg,  Jassy  u.  s.  t.
Bankinsitute  entständen,  so  hatte  man  in  vielen  einzelnen  Fallen  gewiss ­
  recht,  über  Schwindelei  zu  klagen,  welche  einzelnen  neuen  Anstalten ­
  zu  Grunde  liege;  gewiss  war  es  vielfach  nur  auf  Agiotage,
sogar  auf  ein  Prellen  jener  Gimpel  abgesehen,  welche,  ohne  eine  Ahnung ­
  von  den  Gegenständen  des  neuen  Unternehmens,  Hunderttausende
in  das  Blaue  hinein  an  Agio  bezahlten.  Allein  die  Kleinheit  der
Orte  (der  oben  genannten,  und  ebenso  aller  andern)  vermag  keineswegs ­
  den  Beweis  zu  bilden,  dass  Creditanstalten  hier  nicht  auf  solidem
Grunde  bestehen  könnten  oder  sollten.  Diese  Ansicht  finden  wir
längst  thatsächlich  widerlegt  in  der  Schweiz.  Schon  vor  dem
neuzeitlichen  Schwindel,  und  ganz  gewiss  vollkommen  ohne  denselben
auf  den  solidesten  Grundlagen,  bestanden  und  bestehen  Banken  nicht
blos  zu  Genf,  Basel  und  Zürich,  sondern  auch  in  St.  Gallen  und
        <pb n="360" />
        344  ALLGEMEINE  UEBERSICHTEN  —  Banken.
Bern,  ja  sogar  in  Freiburg,  in  Frauenfeld,  in  Liestal  und  —  in  Glarus, ­
  —  dem  Hauptorte  jenes  Kantönchens  von  30,000  Menschen,
dessen  ganze  Regierung  mit  2875  Frkn.  Kosten  jährlich  geführt  werden ­
  kann  (siehe  Seite  247).
Es  lässt  sich  sonach  nicht  Alles  durch  einen  einzigen  Ausspruch
erledigen,  sei  derselbe  billigend  oder  tadelnd;  sondern  jedes  Institut
ist  besonders  zu  beurtheilen,  nach  seinen  Strebungen,  seinen  speciellen
Verhältnissen  und  seinen  Mitteln.  Allerdings  aber  kann  man  mit
vollem  Rechte  von  vorn  herein  vor  allen  jenen  Unternehmungen  ohne
Unterschied  warnen,  welche  —  sei  es  ausschliesslich  oder  blos  vorzugsweise ­
  —  entweder  durch  das  bequeme  Mittel  der  Banknoten-Emission
  (Zettelbanken,  zumal  ohne  vollkommen  ausreichende  Deckungsmittel), ­
  oder  durch  Agiotage  Gewinn  zu  machen  suchen.  Wenn  ein
giossartiges  (Kreditinstitut  ein  industrielles  Unternehmen  unter  seine
Fittiche  nimmt,  so  mag  dies  zwar  vollkommen  genügen,  die  Action
einer  derartigen  Anstalt  sofort  recht  ansehnlich  in  die  Höhe  zu  treiben  ;
allein  die  Erfahrung  wird  bald  genug  darthun,  wie  eine  solche  Protection ­
  keineswegs  ausreicht,  um  verfehlte,  um  schlechte  und  schwindelnde ­
  Unternehmungen  in  gute,  zweckmässige  und  solide  zu  verwandeln. ­
  Mag  man  auch  durch  künstliche  Zifferngruppirung,  oder  wie
sonst  immerhin,  vorerst  eine  glänzende  Rente  zur  Schau  stellen  :  der
wirkliche  Reinertrag  wird  am  Ende  fehlen,  bei  der  Protection  durch
ein  grosses  Geldinstitut  gerade  ebenso,  wie  ohne  dieselbe.  Auch  scheint
man  völlig  übersehen  zu  haben,  dass  zwei,  drei  oder  noch  mehr  Unternehmungen, ­
  deren  jede  einzeln  sich  schlecht  rentirt,  durch  das  Factum
der  Vereinigung,  der  „Fusion,“  an  sich  noch  gar  nicht  zu  gut  rentirenden
  werden.  Und  doch  Hess  sich  ein  Theil  des  Publikums  auch
schon  durch  dieses  Mittel  verleiten.  Action  auf  hohes  Agio  empor  zu
schwindeln,  während  es  bis  zu  diesem  Momente  die  Papiere  aller
derjenigen  Gesellschaften  nicht  einmal  tief  unter  dem  Nennwerthe  hatte
kaufen  mögen,  die  nun  vereinigt  auf  einmal  eine  Goldgrube  werden
sollen  !
Die  wichtigsten  sog.  Colonialproducte.
a.  Baumwolle.
Von  allen  Naturproducten  findet  die  Baumwolle  nach  dem  Getreide ­
  die  ausgedehnteste  und  allgemeinste  Benützung.  Der  Verbrauch
derselben  in  Indien,  China  und  Japan  —  diesen  Ländern,  welche
mehl  als  die  Hälfte  der  gesamniten  Menschen  zahl  auf  Erden  umfassen,
und  deren  Bevölkerung  sich  zum  Theil  ausschliesslich  in  Baumwolle
kleidet  —  lässt  sich  kaum  annähernd  schätzen.  Die  Quantität,
welche  überhaupt  in  den  uns  bekannten  Handel  kommt,  wird  zu  16
Millionen  Centner  jährlich  veranschlagt.  Davon  produciren  die  Vereinigten ­
  Staaten  allein  zwei  Drittheile;  1'850,000  Ctr.  kommen  aus
Indien  in  den  europäischen  Verkehr;  l'l00,000  aus  dem  übrigen
Asien,  und  650,000  aus  Mexico,  Brasilien  und  den  sonstigen  Ländern
Südamerikas.  Der  Schatzsecretär  der  Vereinigten  Staaten  stellte  für
die  Production  der  Union  folgende  Schätzung  auf:
        <pb n="361" />
        ALLGEMEINE  ÜEBERSICHTEN  —  Colonialproducte

345

Centner
1805—7  einschliesslich,  zusammen  1’379,920

1809—11
1812—14  (Krieg)
1821—23
1849—51
1852
1855  ,

„  2’063,100
„  657,260
„  4’432,920
„  25'892,210
allein  10’932,310
„  10’084,246

Ungefährer  Werth
33  Mill.  Doll.
^  n
^  M  »
64  „  „
250  „
87  «  »
88  M  n

Wie  colossal  die  Production  gestiegen  ist,  mag  man  daraus  entnehmen, ­
  dass  das  Gesammterzeugniss  der  Vereinigten  Staaten  im  Jahre
1800  erst  40,000  Ballen  (zu  4  Ctr.)  betrug.  Für  1856  schätzt  man
dagegen  die  Production  auf  3’200,000  Ballen,  angeblich  im  Werthe
von  148  Mill.  Doll.,  was  den  Werth  der  Goldausbeute  von  Californien
und  Australien  zusammengenommen  weit  überträfe.  Von  jener  Quantität ­
  werden  bereits  ausgeführt  sein  oder  es  werden:

nach  Frankreich  .....  Ballen  500,000
_  Deutschland,  der  Schweiz  etc.  .  475,000
„  England  .....  1’800,000
Verbrauch  der  Verein.  Staaten  selbst  .  700,000
Zusammen  3’475,000

Der  Ausfall  der  diesjährigen  Erndte  im  Verhältniss  zum  Bedarfe
kann  hinlänglich  durch  den  Vorrath  vom  vorigen  Jahre  ergänzt  werden.
Mit  der  steigenden  Cultur  nimmt  auch  der  Verbrauch  der  Baumwolle ­
  zu.  In  England  kommen  auf  den  Kopf  über  24  Pfund  jährlich, ­
  in  der  Türkei  und  andern  Ländern  gleicher  Civilisation  oder
gleicher  Barbarei  nur  etwa  2—2V2  Pbmd.
In  der  Zeit  von  1735  —  1749  verarbeitete  England  jährlich  nur
eine  Million  Pfund  Baumwolle,  jetzt  über  700  Milk,  sonach  dermalen
mehr  an  einem  Arbeitstage,  als  zu  jener  Zeit  in  zwei  Jahren.
Vermittelst  der  Maschinen  liefert  ein  Arbeiter  oder  eine  Arbeiterin ­
  so  viel  Gespinnste,  als  95—100  indische  Handspinncrinnen  zusammengenommen. ­
  Obwohl  nun  eine  indische  Spinnerin  blos  den  fast
unglaublich  kärglichen  Lohn  von  etwa  einem  Franken  wöchentlich
erhält,  während  in  England  die  Arbeiter,  einschliesslich  der  Frauen
und  Kinder,  im  Durchschnitte  zwei  Franken  täglich  verdienen,  so
vermögen  unter  diesen  Verhältnissen  dennoch  die  bis  zum  Aeussersten
wohlfeilen  Indischen,  mit  den  sehr  theuern  Englischen  Arbeitern  nicht
zu  concurriren.

b.  Zucker.

Die  Zuckerproduction  in  den  letzten  Jahren  wird  so

1854
Tonnen  358,000
48,000

Cuba  ....
Porto-Rico
Brasilien  .....  80,000
Louisiana  .....  221,000
Französisolie  Colonien  .  .  .  81,000
Ilolländisclies  und  Dänisches  Westindien  18,000
Britisches  Westindien  .  •  •  172,200
Britisches  Ostindien  •  •  •  39,000
Mauritius  .....  82,300
Java  ......  100,000

1855
380,000
40,000
95,000
173,000
85,000
18,000
170,000
37,000
63,000
85,000

geschätzt:
1856
400,000
50,000
100,000
125,000
85,000
18,000
175,000
39,000
80,000
80,000
        <pb n="362" />
        m

s-x,*.'

346

ALLGEMEINE  UEBERSICHTEN  —  Colonialwaaren.

1854  1855  1856
Philippinen,  Siam,  China  .  .  30,000  30,000  35,000
Andere  Länder  ....  184,000  148,000  170,000
Zusammen  1’414,900  1’324,000  1’367,000
Den  Verbrauch  berechnete  man  für  1855  so;

Grossbritanien  Tonnen  418,000

Vereinigte  Staaten  ....  380,000
Mitteleuropa  j  g^ker
Britische  Colonien  (Canada  etc.)  .  20,000
Portugal  10,000
Scandinavien  9,000
Mexico  u.  Südamerika  .  .  .  16,000
Spanien  70,000
Russland  15,000
Alle  andern  Länder  (Cuba  etc.)  .  30,000

Zusammen  1’381,000

Bei  gleich  bleibendem  Verbrauche  im  Jahre  1856,  stünde  sonach
die  Production  um  24,000  Tonnen  hinter  der  Anforderung,  dem  Bedürfe, ­
  zurück.
c.  Kaffee.
Produktion  1855  Verbrauch  1855

Brasilien  .  .  Mill.  Pfund  320

Java  110
Hayti  35
Ceylon  35
Laguayra  ....  30
Cuba  und  Porto  Rico  .  .  25
Sumatra  ....  10
Costa  Rica  ....  5
Mokka  ....  5
Englische  Colonien  .  .  5
Franz,  u.  holländ.  Westindien  3
Manilla  ....  2

Zusammen  585

Verein.  Staaten  .  Mill.  Pfund  200

Frankreich  u.  Südeuropa  .  110
Zollverein  ....  100
Holland  u.  Belgien  .  .  80
Oesterreich  ....  65
Grossbritanien  ...  33
Scandinavien  ...  25
Russland  .  .  .  .  15

Zusammen  628

V.  Aii-swürtlge  Be.sUziiiig:eii  europäischer  Staaten«

Grossbritanien,  siehe  S.  28

Frankreich
Russland
Holland
Dänemark
Schweden
Spanien
Portugal
Türkei

64
66
262
263
270
284
287
294

Q.-M.
144,000
5,300
275,000
32,000
190
3
5,000
26,500
76,000

Bevölkerung
162’500,000
3’165,000
3’000,000
12’200,000
50,000
18,000
5’000,000
2700,000
20’000,000

Zusammen  etwa  565,000  209  Mill.

Indessen  ist  -es  augenscheinlich,  dass  nicht  nur  diese  Ziffern
vielfach  auf  sehr  unzuverlässigen  Schätzungen  beruhen,  sondern  dass
der  Besitz  der  europäischen  Staaten  bezüglich  vieler  weit  ausgedehnter
Gebiete  auch  weit  mehr  blos  ein  nomineller,  als  ein  wirklicher  ist.
        <pb n="363" />
        ALLGEMEIN  MENSCHLICHE  VERHÄLTNISSE.

347

Allgeiiieiii  meiiscliliclie  Verhältnisse.
Wir  haben  bisher  zunächst  von  rein  staatlichen  Zuständen
gesprochen;  es  sei  uns  vergönnt,  in  einer  letzten  Abtheilung,  gleichslm
  einem  Anhänge,  auch  Einiges  über  allgemeine,  rem  menschliehe
  Verhältnisse  beizufügen.
Es  ist  unverkennbar,  dass  die  Materialien  für  Lösung  der  grossen ­
  „socialen  Frage“  noch  lange  nicht  genug  gesammelt,  noch  weniger ­
  nach  allen  Seiten  und  in  allen  ihren  Beziehungen  gesichtet  und
geordnet  sind.  Insbesondere  hat  die  politische  Arithmetik  erst  begonnen, ­
  ihre  Aufgabe  in  dieser  Richtung  auch  nur  zu  erkennen.
Kaum  ist  ein  Anfang  gemacht  die  Lösung  derselben  in  einzelnen
Theilen  zu  versuchen.  Obwohl  aber  sonach  die  bis  jetzt  erlangten
Resultate  Verhältnissmässig  erst  wenige  einzelne  Punkte  der  wichtigen
Frage  umfassen,  und  selbst  in  dieser  Beziehung  nur  auf  annähernde,
nicht  auf  absolute  Richtigkeit  Anspruch  machen  können,  so  erweisen
sich  doch  diese  Ergebnisse  als  vielfach  überraschend,  und  dermassen
  practisch  wichtig,  dass  sie  die  Aufmerksamkeit  jedes  denkenden
Menschen  in  Anspruch  nehmen  müssen.^
Sterblichkeitsberechnungen  im  Allgemeinen.  Im  vorigen  Jahrhunderte ­
  begann  man,  sich  sorgsamer  damit  zu  beschäftigen,  als  es
bis  dahin  geschehen  war  ,  und  insbesondere  erwarb  sich  der
Deutsche  Süssmilch  ein  bedeutendes  Verdienst  auf  diesem  Gebiete,
obwohl  er  im.  Uebrigen  sogar  dabei  zunächst  nur  ein  ungereimtes
orthodox-theologisches  Streben  verfolgte.  Die  ersten  Versuche  konnten,
ungeachtet  aller  Bemühungen,  nur  ziemlich  roh  sein.  Man  nahm  ein
Material  wo  und  wie  man  es  eben  fand.
Allmählig  musste  man  sich  von  der  Nothwendigkeit  überzeugen,
das  Material  besser  auszusuchen  und  strenger  zu  sichten.  Man  gewahrte ­
  bedeutende  Unterschiede,  und  erkannte,  dass  bei  derartigen
Berechnungen  alle  Stände,  alle  Classen  und  Geschlechter  der  Bevökerung
  im  richtigen  Verhältnisse,  d.  h.  in  demjenigen  Verhältnisse, ­
  in  welchem  sie  vorhanden  sind,  vertreten  sein  müssten.  ^
Allein  auch  bei  der  grössten  Genauigkeit  wird  man  immer  Resultate ­
  bekommen,  welche  eine  absolute  Richtigkeit  nur  gewähren
für  einzelne  Gegenden,  und  zwar  auch  hier  nur  für  diese  oder
jene  vergangene  Zeitperiode.  Denn  sogleich  im  nächsten  Nachbarlande, ­
  in  welchem  z.  B.  die  Stadt-  oder  die  Landbevölkerung,  der
        <pb n="364" />
        348

ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE  —  Sterbliclikeitstafeln.

Fabrik-  oder  der  Agricultiirbetrieb  mehr  vorwaltet,  werden  die  Ziffern
nicht  unwesentliche  Modificationen  erfahren.  Das  Nämliche  wird  stattfinden, ­
  wenn  im  Laufe  der  Zeit  Veränderungen  in  der  Lebensweise,
der  Ernährung,  der  Wohnung  einer  Bevölkerung  eintritt.  Wir  werden
unten  noch  erwähnen,  wie  sich  die  Lebensdauer  mit  der  steigenden
Cultur  im  Allgemeinen  verlängert.  Wir  haben  überdies  bereits  wiederholt ­
  darauf  hingewiesen,  wie  sogar  in  einem  und  demselben  Lande,
und  hier  selbst  in  ganz  kurzen  Perioden,  die  Vcrhältnisszahlcn  sehr
wesentlich  sich  ändern.  (Siehe  %.  B.  das  S.  3  über  die  Bevölkerimgszunahme
  in  Gr  o  ssbritan  i  en,  und  S.  36  und  37  über  die  Zahl
der  Geburten,  Heirathen  und  Sterbfälle  in  Frankreich  Bemerkte,
oder  die  Ziffern  über  den  Bevölkerungswechsel  in  sämmtlichen  Staaten
Deutschlands.)  Denn  ein  Stille  stehen  findet  sich  nirgends  in  der
Natur,  —  nirgends  im  Leben,  eigentlich  nicht  einmal  im  Tode,
wo  in  stiller  Wirksamkeit  wenigstens  noch  die  Macht  der  Zersezzung
  ihre  gewaltigen  Kräfte  entwickelt.
Obwohl  sonach  keine  der  vielen  Sterblichkeitsberechnungen,  welche ­
  vorliegen,  einen  Anspruch  auf  allgemeine  und  absolute  Richtigkeit
machen  kann,  und  obwohl  es  voraussichtlich  auch  nie  eine  für  die
Zukunft  absolut  richtige  geben  wird,  so  ist  man  doch  jedenfalls  zu
wichtigen  annähernd  verlässigen  Ergebnissen  gelangt.  Am  meisten
Beachtung  unter  allen  jenen  Aufstellungen  scheinen  uns  die  Süssmilch-Baumann’sche
  und  die  Dcparciciix-Florencoiirt’sche  Tabelle  zu  verdienen. ­
  Beide  weichen  mehrfach  von  einander  ab,  nach  Maassgabe  der
Verschiedenheit  der  benützten  Elemente.  Wir  stellen  beide  in  einer
Uebersichtstabelle  zusammen,  mit  dem  Bemerken,  dass  im  Allgemeinen
die  letzte  Tabelle  die  richtigere  sein  dürfte.  (Die  erste  ist  auf  1000,
die  letzte  auf  10,000  Geborene  berechnet.)

Alter  Süssmilch-Jahre
  Lebende  Gestorb.
0  1000  250
1  750  89
2  661  43
3  618  25
4  593  14
5  579  12
6  567  11
7  556  9
8  547  8
9  539  7
10  532  5
11  527  4
12  523  4
13  519  4
14  515  4
15  511  4
16  507  4
17  503  4
18  499  4
19  495  4
20  491  5
21  486  5

Nach  Deparcieux-Florencourt

Lebende  Gestorb.
10000  2550
7450  362
7088  265
6823  205
6618  150
6468  123
6345  102
6243  89
6154  81
6073  69
6004  58
5946  49
5897  43
5854  39
5815  37
5778  38
5740  41
5699  44
5655  47
5608  50
5558  52
5506  53

.|x  Nach  Süssmilch-  Nach  Deparcieux-Baumann
  Florencourt

Jahre  Lebende  Gestorb.  Lebende  Gestorb.

22  481
23  476
24  471
25  466
26  461
27  456
28  451
29  445
30  439
31  433
32  427
33  421
34  415
35  409
36  402
37  395
38  388
39  381
40  374
41  367
42  360
43  353

5  5453  54
5  5399  55
5  5344  56
5  5288  57
5  5231  58
5  5173  57
6  5116  56
6  5060  55
6  5005  54
6  4951  54
6  4897  53
6  4844  52
6  4792  62
7  4740  52
7  4688  51
7  4637  50
7  4587  49
7  4538  48
7  4490  49
7  4441  49
7  4392  60
7  4342  51
        <pb n="365" />
        ALLGEMEIÎiE  VERHÄLTNISSE  —  Sterblichkeitstafeln.  349

Alter

Nach  Süssmilch-Baumann


JIllire  Lebende  Qestovb.
44  346  7
45  339  7
46  M2  8
47  324  8
48  316  8
49  308  8
50  300  9
51  291  9
52  282  9
53  273  9
54  264  9
55  255  9
56  246  9
57  237  9
58  228  9
59  219  9
60  210  9
61  201  10
62  192  10
63  182  10
64  172  10
65  162  10
66  152  10
67  142  10
68  132  10
69  122  10
70  112  9

Nach  Deparcieux-Florencourt

Lebende  Gestorb.
4291  52
4239  53
4186  54
4132  55
4077  56
4021  57
3964  59
3905  62
3843  66
3777  70
3707  76
3631  81
3550  85
3465  88
3377  91
3286  95
3191  99
3092  102
2990  105
2885  107
2778  109
2669  110
2559  111
2448  112
2336  113
2223  114
2109  116

Nach  Süssmilch.
Alter  Baumann
Jahre  Lebende  Gestorb.
71  103  9
72  94  9
73  85  9
74  77  8
75  69  7
76  62  7
77  55  6
78  49  6
79  43  6
80  37  5
81  32  4
82  28  4
83  24  4
M  20  3  .
85  17  3
86  14  2
87  12  2
88  10  2
89  8  2
90  6  1
91  5  1
92  4  1
93  3  1
94  2  1
95  1  1
96  0  0

Nach  Deparcieux-Florencourt

Leliende  Gestorb.
1993  119
1874  125
1749  132
1616  138
1479  142
1337  139
1198  134
1064  128
936  122
812  115
697  107
590  98
492  88
404  77
327  66
261  55
206  47
159  42
117  37
80  30
50  22
28  14
14  8
6  3
3  2
1  1

SterUichkeit  in  den  grossen  Städten.  Man  gewahrte  alsbald,  dass
die  Sterblichkeit  in  den  grossen  Städten  eine  andere,  grössere  sei,  als
die  durchschnittliche.  (Man  überschätzte  aber  ganz  gewaltig  die  Gesundheit ­
  und  Lebensdauer  der  Landbevölkerung.)  Untersuchungen  ergaben
für  die  einzelnen  grossen  Städte  sehr  bedeutende  Unterschiede.  Allinählig
  fand  man  überdies  ansehnliche  Schwankungen  in  einer  und
derselben  Stadt.  So  kamen,  nach  den  ofliciellen  Zusammenstellungen
zu  Paris,  je  ein  Sterbfall  (resp.  eine  Geburt)
1  Sterbfall  1  Geburt
1836  auf  37,79  auf  31,41  Einw.
1841  „  35,93  „  31,25  „
1846  „  36,85  „  31,56  „
18^  ^  3^^8  M  »
Dagegen  hatte  man  in  den  3G.3  llauptorten  von  Bezirken  in
Frankreich  (einschliesslich  Paris)  und  hinwieder  im  ganzen  Lande,  je
1  Sterbfall  (resp.  1  Gehurt)
1  sterbfall  1  Geburt
in  dTHauptorterT  ingaiiz  Frankr.  in  den  Hauptorten  in  ganz  Frankr.
1836—40  auf  38,11  42,35  Einw.  auf  35,62  35,31  Einw.
1841—45  „  39,84  44,29  „  „  36,75  35,66  „
1846-50  „  37,32  41,97  „  „  37,81  37,48  „
fSonach  grössere  Schwankungen  bei  den  Sterbfällen,  als  bei  den
Geburten.)
So  kurzweg,  wie  es  hienach  scheint,  lässt  sich  ■  indess  das
wahre  Verhältniss  keineswegs  ermitteln.  Bei  allen  bis  jetzt  vor-
        <pb n="366" />
        350

ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE  —  Geschlechter.

handenen  Berechnungen  über  die  Sterblichkeit  in  Städten  ist  das
ununterbrochene  Ab-  und  Zuströmen  der  den  Städten  fremden  Bevölkerung ­
  vollständig  ausser  Ansatz  gelassen.  Durch  klinische  Anstalten
und  auf  andere  Weise  werden  Schwangere  von  auswärts  nach  den
Städten  gezogen.  Hinwieder  verbringt  man  häufig  die  Neugebornen
im  frühesten  Alter,  d.  h.  in  der  Zeit  der  grössten  Sterblichkeit,  nach
dem  Lande.  Die  höhern  Schulen  sowohl,  als  die  Gelegenheit  des
leichteren  Verdienstes,  ziehen  dann  wieder  nach  der  Stadt.  Die  gleiche
Strömung  wird  durch  Spitäler  bewirkt,  so  wie  auch  wolilhabende
Provincialbewohner  sich  gerne  nach  Beendigung  eines  thätigen  Lebens
hier  niederlassen.  Schon  ehe  es  Eisenbahnen  gab,  rechnete  man,
dass  die  Hälfte  der  zu  Paris  Gestorbenen  dieser  Hauptstadt  durch
die  Geburt  nicht  angehörte.  —  Wie  sich  ein  Unterschied  in  den
von  Reichen  und  in  den  von  Armen  vorzugsweise  bewohnten  Quartieren ­
  einer  und  derselben  Stadt  herausstellt,  werden  wir  unten  erwähnen. ­
  Hier  sei  nur  berührt,  wie  viel  durch  Herstellung  guter
Lüftung  und  Reinigung  geschehen  kann.  (Viscount  Ebrington  hob
auf  dem  statistischen  Congresso  zu  Paris  hervor,  wie  Laviheth-Square
in  London,  früher  ein  Hauptheerd  der  Cholera,  des  Typhus  und  der
Fieber,  ungeachtet  seiner  tiefen  Lage,  jetzt  eine  geringere  Sterblichkeit ­
  hat,  als  die  hoch  gelegene  Hampstead-road,  wo  man,  gerade  der
gesunden  Lage  wegen,  die  hygiäischen  Verbesserungen  meinte  unterlassen ­
  zu  dürfen.  S.  Compte  rendu  de  la  deuxième  session  du  congrès
international  de  Statistique,  réuni  a  Paris  les  10—15  septembre  1855,
publié  par  les  ordres  du  ministre  etc.,  pag.  341.)
Unterschied  nach  Geschlechtern.  Die  Naturgesetze  über  Geburt
sowohl,  als  über  Sterblichkeit,  zeigen  sich  keineswegs  gleich  für  beide
Geschlechter.  Sie  ergeben  Verschiedenheit  vom  ersten  Augenblicke
bis  zum  Ende  des  Lebens.  Die  vorhandenen  Ziffern  schwanken  zwar
im  Einzelnen  vielfach,  stimmen  aber  alle  in  folgenden  drei  Punkten
überein:  1)  Es  werden  mehr  Knaben  als  Mädchen  geboren;  2)
dennoch  ist  die  weibliche  Bevölkerung  im  Ganzen  die  zahlreichere;
3)  diese  scheinbare  Anomalie  erklärt  sich  durch  die  notorisch  grössere
Sterblichkeit  beim  männlichen  Geschlechte  im  ersten  Lebensalter.
1)  Es  werden  mehr  Knaben  eds  Mädchen  geboren.  Nach  den  vorliegenden ­
  Geburtslisten  kamen  je  auf  1000  Knaben:
in  England  (1839)  .  .  954  Mädchen  (Berechnung  d.  offre.  Berichte)
in  Frankreich  (1817—50)  .  .  942  „  dto.
in  den  tíardin.  Staaten  (1828—37)  951  „  dto.
in  Belgien  u.  Holland  .  .  940  „  (Berechnung  v.  Quetelet)
im  Kantone  Genf  (1838—45)  .  963  „  (  „  v.  Marc  d’Espine)
Obwohl  aber  das  Naturgesetz:  „Geburt  einer  grösseren  Anzahl
Knaben  als  Mädchen,“  sich  in  allen  Ländern  und  sogar  in  allen  einzelnen ­
  Jahren  bewährt,  so  weit  uns  Einzelnnachweise  vorliegen,  so
ergibt  sich  doch  ein  wesentliches  Schwanken  in  der  Ziffer,  um
welche  die  Geburten  von  Mädchen  geringer  sind.  Die  aus  Frankreich
bekannten  Resultate  stellen  sich  derart,  als  ob  die  Natur  gerade  in
demjenigen  Verhältnisse  die  männliche  Bevölkerung  verstärken
        <pb n="367" />
        ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE  —  Geschlechter.

851

wollte,  in  welchem  dieselbe  ausserordentliche  Verluste  erlitten  hatte.
Es  betrug  auf  dem  jetzigen  Gebiete  von  Frankreich  :
a.  der  Ueherschuss  der  männ-  h.  die  Ueher  zahl  der  weiblichen
liehen  Geburten:  Bevölkerung:

1806
1821
1831
1841
1846
1851

481,725  Individuen
868,325  „
669,033  „
318,738  „
193,242

vom  J.  IX—1810  durohschnittl.  28,959
_  „  1811—20  „  30,586
„  „  1821—30  „  29,457
„  „  1831—40  „  29,438
„  „  1841—45  „  27,840
^  ^  1846--50  r  24,606
Dieses  (unsers  Wissens  bisher  allen  Statistikern  entgangene)  Verhältniss
  ist  jedenfalls  geeignet,  zu  Forschungen  in  andern  Ländern  aufzufordern. ­
  Hat  es  doch  den  Anschein,  als  ob  das  Streben  der  Natur  nach
Ausgleichung  es  gewesen,  welches  in  seiner  wunderbar  machtvollen
Entfaltung  bewirkt,  dass  nach  den  letzten  Aufnahmen  das  noch  obwaltende ­
  Uebergcwicht  der  weiblichen  Bevölkerung  in  Frankreich  dem
durch  Kriege  decimirten  —  geringer  geworden,  als  dasselbe  m
dem  von  ausgedehnten  Männerverlusten  so  zu  sagen  verschont  gebliebenen ­
  England  ist.  Bemerkenswerther  Weise  sehen  wir  gerade  in
Preussen,  das  von  1813—15  die  zahlreichsten  Männerverluste  erlitt,
das  Gleichgewicht  beider  Geschlechter  im  Jahre  1849  nahezu  ganz
hergestellt  (s.  S.  113;)  seitdem  dürfte  sich  das  Verhältniss  in  Folge
der  Auswanderungen  wieder  geändert  haben.
verweisen  auf  unsere  dessfallsigen  Angaben  hinsiohtlich  jedes  einzelnen
  Staates,  und  erinnern  (um  allzuzahlreiche  Wiederholungen  zu  vermeiden) ­
  nur,  dass  nach  den  letzten  bekannten  Aufnahmen  die  weihliche
  Bevölkerung  zahlreicher  war  als  die  männliche
in  Frankreich  (1851)  um  193,292  Individuen
in  Grossbritanien  (1850)  um  704,872  „
Auch  in  allen  deutschen  Staaten  ohne  Ausnahme  finden  wir  ein
mehr  oder  minder  grosses  Ueberwiegen  der  weiblichen  Bevölkerung.
Dasselbe  Ergebniss  sehen  wir  in  allen  Ländern,  in  denen  nicht  durch
unverhältnissmässig  zahlreiche  Zuströmung  von  fremden  männlichen
Einwanderern  das  Resultat  verändert  wird  (z.  B.  in  Californien,  Aus-J)
  Die  Sterblichkeit  ist  im  Allgemeinen,  und  namentlich  im  frühesten ­
  Alter,  grösser  beim  männlichen  als  beim  weiblichen  Geschlechte.
Marc  d’Esnine,  der  wohl  am  scharfsinnigsten  diese  Frage  erörtert,
«fafWiziie  mr  k.  Zoü  jß  ßf  dß
1847)  fand  für  die  Jahre  1838—45  im  Kantone  Genf  folgende  Ergebmsse:
  Es  staiben.  Mädchen  Knaben  Mädchen
63  im  ersten  Halbjahre  536  420
152  im  zweiten  „  156  144
53  im  zweiten  Jahre  223  201
39  im  dritten  „  113  108
20

am  ersten  Tage
in  der  ersten  Woche
in  der  zweiten  „
in  der  dritten  „
in  der  vierten

78
168
68
56
29

So  war  schon  nach  einem  Jahre  der  ursprüngliche  Unterschied
        <pb n="368" />
        352  ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE  —  Missjahre.
ausgeglichen,  und  von  da  an  ergab  sich  durch  alle  Altersklassen  eine
Ueberzahl  der  weiblichen  Bevölkerung.  —  Auch  Quetelet  fand  in
Belgien  (nicht  nur  im  Durchschniite,  sondern  in  allen  einzelnen  Provinzen), ­
  dass  nach  Ablauf  eines  Jahres  das  Gleichgewicht  bereits  nahezu ­
  hergestellt  ist  (siehe  Bulletin  de  Vacadémie  de  Bruxelles,  tovie  IX.)
Dasselbe  ergibt  sich  aus  Ueinonferands  Sterblichkeitstafeln.  Nach
den  Mortalitätslisten  aus  England  vom  .Jahre  1841  war  dort  die
Ueberzahl  der  Knaben  schon  etwas  vor  vollständigem  Ablaufe  des
ersten  Jahres  verschwunden.
In  Folge  dieses  Verhältnisses  erlangt  die  weibliche  Bevölkerung
durchschnittlich  ein  längeres  Leben,  als  die  männliche.  Marc  d’Espine
  ermittelte  im  Kantone  Genf  einen  Unterschied  von  3,5  Jahren;
Milnes  fand  für  Schweden  einen  solchen  von  3,2  ,  und  nach  der  englischen ­
  Tabelle  ergibt  sich  ein  solcher  von  2  Jahren.  —  Da  aber
die  grössere  Sterblichkeit  der  Knaben  ganz  besonders  auf  die  erste
Lebenszeit  trifft,  so  vermindert  sich  der  Unterschied  immer  mehr,  und
irn  höhern  Alter  (zu  Genf  mit  65  Jahren)  haben  beide  Geschlechter
die  Wahrscheinlichkeit  einer  gleichen  ferneren  Lebensdauer.
und  Ileirathen.  Wie  gross  diese  Einwirkung  ist,  haben  wir  bei  den
Einzelnstaaten  mehrfach  angedcutet.  Wir  verweisen,  um  Wiederholungen ­
  zu  vermeiden,  speciell  auf  das  S.  36  und  37  gelegentlich  der
Darstellung  der  Verhältnisse  in  Frankreich  Gesagte,  dann  auf  S.  68,
Geburten  und  Sterbfälle  in  Russland  im  Jahre  1848.  In  den  Ländern
mit  Conscription  kann  man  bei  jeder  Aushebung  wahrnehmen,  ob  das
Jahr,  in  welchem  die  Aufgebotenen  geboren  wurden,  was  Mangel
oder  Reichthum  an  Lebensmitteln  betrifft,  ein  ausserordentliches  war
oder  nicht,  und  ob  dasselbe  in  guter  oder  schlimmer  Richtung  vom
normalen  Verhältnisse  abwich.  Die  Conscribirten  aus  Theuerungsund
  Nothjahren  bleiben  nicht  nur  der  Menge  nach  unter  der  Mittelzahl, ­
  sondern  sie  sind  auch  im  Durchschnitte  weniger  kräftig,  und,
was  sich  mit  Zahlen  erweisen  lässt,  im  Durchschnitte  kleiner,  indem ­
  verhältnissmässig  weit  mehr  von  ihnen  als  sonst  unter  dem’Normalmaasse ­
  bleiben.  So  -  bestätigt  sich  die  Bemerkung  eines  ausgezeichneten ­
  belgischen  Statistikers:  „Es  scheint,  dass  Nothjahre  ihr
Gepräge  der  menschlichen  Gattung  tief  eindrücken,  ganz  so,  wie
strenge  Winter  ihre  Spur  in  dem  liolzwuclise  unserer  Wälder  zurückzulassen ­
  pflegen.  “
Mittlere  Lehensdauer,  Ohne  uns  in  Einzelnberechnungen  verlieren
zu  wollen,  bemerken  wir  hier  blos,  dass  Caspar  in  Berlin  die  mittlere ­
  Lebensdauer  der  Bewohner  des  Preussischen  Staates  zu  30,6,
der  Bewohner  Frankreichs  zu  35,8,  jene  der  Engländer  zu  26,  die
der  Belgier  zu  36Va  Jahre  berechnete.  Alle  diese  Ziffern  bedürfen
indess  sicherlich  noch  wesentlicher  Berichtigungen.  (Rickmann  fand
für  England  als  Mittelzahl  sogar  38  Va  Jahre.)  Für  Paris  berechnete
Caspar  die  mittlere  Lebensdauer  auf  81,  für  Berlin  30,3,  für  Hamburg ­
  30,8  Jahre.  Für  Frankfurt  a.  M.  fand  de  Neufville  37  J.  7  Mon.
        <pb n="369" />
        23

SOCIALSTATISTIK  —  Sterblichkeit  der  Armee.

353

Boudin  stellte  (unter  Zugruudelegen  von  Zahlen  aus  den  Jahren
1810  —  42)  für  ganze  Länder  folgende  Sterblichkeitsliste  auf:

Jährliche  Sterbfälle
auf  1000  Einw.
in  Frankreich  23,97
in  England  22,07
in  Prenssen  26,58
in  Oesterreioh  29,95
in  llussland  35,90

1  Sterbfall
auf
42  Lebende
45
38
33
28

(In  Russland  ist  die  Sterblichkeit  sogar  nach  den  offic.  Ziffern  noch
grösser  als  hier  angenommen,  nämlich  1  Sterbfall  auf  etwa  26  Lebende.)

Einfluss  von  Wohlstand  oder  Armuth  auf  die  Sterhlichlceit.  Dieser
Einfluss  ist  von  überraschender  Ausdehnung  und  Grösse.  Die  Schriften ­
  von  Benoiston,  Morgan  (Secretar  der  Equitable  Society  in  England),
Dr.  Caspar  und  Qiietelet  enthalten  reiches  Material.  Nach  Caspars
Untersuchungen  leben  von  1000  zu  gleicher  Zeit  geborenen  Menschen  :

nach

5  Jahren

10
20
30
40

Wohlhabende  Arme
noch  943  655
M  M;8  M8
„  866  566
„  796  486
„  695  396

Wohlhabende  Arme

nach  50  Jahren  noch

60
70
80

557  283
398  172
235  65
57  9

Die  Zahlen  der  ersten  Colonne  (Wohlhabende)  nahm  Caspar  aus
Zusammenstellungen  der  bei  adeligen  Familien  eingetretenen  Sterbfälle,
jene  der  zweiten  (Arme)  aber  aus  den  Listen  der  seit  vielen  Jahren
in  Berlin  verstorbenen  Stadtarmen.  —  Die  mittlere  Lebensdauer  stellt
sich  bei  den  Reichen  auf  50,  bei  den  Armen  nur  auf  32  Jahre.
Der  Zufall,  der  ein  Kind  auf  dem  weichen  Polster  der  Reichen  geboren ­
  werden  liess,  gab  ihm  also  ein  Geschenk  von  vollen  18  Jahren
Lebensdauer  mehr  mit  auf  den  Weg,  als  dem  auf  dem  Strohlager
der  Bettlerin  zur  Welt  gekommenen  Kinde.  Das  Missverhältniss  tritt,
wie  man  sieht,  gleich  enorm  in  der  frühesten  Zeit,  es  tritt  aber  am
allermeisten  im  höhern  Alter  hervor,  und  würde  noch  ungleich  grösser ­
  sein,  wenn  sich  die  Reichen  nicht  häufig  durch  ein  Uebermaass
von  Genüssen  selbst  das  Leben  verkürzten.  (Siehe  auch  Quetelet’s
Schrift  „swr  lihormne  et  le  développement  de  ses  facultes,  ou  essai  de
Physique  sociale.  Paris,  1835.)  Villermé’s  Beobachtungen  stimmen
damit  überein.  So  stirbt  in  dem  melir  von  Reichen  bewohnten  ersten
Stadtbezirke  von  Paris  jährlich  nur  V53,  hr  dem  mehr  von  Armen
bewohnten  zwölften  Bezirke  (mindestens)  V40  Gesammtbevölkerung.
Ebenso  stirbt  in  v  den  wohlhabenden  Departementen  Frankreichs  jährlich ­
  ,  in  den  armen  V33  der  Einwohnerschaft.  Lord  Ebrington
fand  zu  London  eine  durchschnittliche  Sterblichkeit  von  25  per  mille,
in  einigen  Quartieren  aber  stieg  sie  auf  40,  während  sie  in  andern
nur  13  betrug.  Ebenso  ermittelte  er  an  einigen  Orten  eine  mittlere
Lebensdauer  im  Handwerkerstande  von  nur  19  —  20,  in  der  Classe
der  Handelsleute  und  (renifeîuen  eine  von  40—45  Jahren.  (S.  Compte
rendu  du  congrus  statistique  de  Paris,  p.  427.)  Und  es  darf  dabei
nicht  übersehen  werden,  wie  eine  bedeutende  Ausgleichung  der  Ziffer
        <pb n="370" />
        354

SOCIALSTITISTÍK.  —  Lebensdauer.

allenthalben  dadurch  stattfindet,  dass  nirgends  blos  Reiche,  nirgends
bl  OS  Arme  wohnen;  schon  der  blos  partielle  Unterschied  erzeugt
solche  Abweichungen  irn  Ganzen.  —  ln  London  wie  in  Paris  hat  man
nachgewiesen,  dass  die  Zahl  der  Stcrbfälle  mit  den  Fru  chtpreisen
steigt  und  fällt.  Allo  Mortalitätslisten  aus  den  Jahren  1817  und  1847  etc.
zeigen  dies  (siehe  z.  P.  in  unserin  Werke  S,  37  —  38,  Frankreich.)
Mit  dem  Wohlstände  und  der  Civilisation  vermindert  sich  die
Sterblichkeit.  Nach  Quetelet  kam  in  England  im  Jahre  1700  ein
Sterbfall  auf  43  Arbeiter,  jetzt  kommt  einer  erst  auf  51.  Das  Verhältniss
  war:  in  Schweden  1700  1  ;  34,  es  ist  jetzt  1:  45;  in  Preussen
  1  zu  30  und  nun  zu  40.  —  Nach  Berechnungen  französischer
Gelehrten  starb  zu  Paris  im  14.  Jahrhunderte  jährlich  Vic  Vi7i
im  17.  Jahrhunderte  V25—V26)  /wischen  18111  und  23  V.30  (wohl
noch  weniger),  jetzt  Via-  Tn  ganz  Frankreich  starben  im  18.  Jahrhunderte ­
  von  den  Kindern  vor  dem  10.  Jahre  55,5,  in  den  1820er
Jahren  43,7  Proc.  (S.  Benoiston  de  Chatcauneuf.)  Eine  andere  Berechnung ­
  ergibt  für  Grossbritanien;  je  einen  Sterbfall:  1740  auf  35  Einw.,
1790  auf  45,  1800  lauf  47,  1810  auf  53,  1820  auf  59.
Nach  Maassgabe  der  Materialien  der  englischen  Tontinengesellschaften ­
  stellte  sich  die  w  ahr  sch  ein  1  i  ch  e  L  ebens  daue  r  (zufolge
Finlaisons  Berechnungen)  folgendermaassen  :
1785.1825
51,5M  .labre

bei

5  Jahren
10  „
20  „
30  „

1695
40,7
38,07
.31,70
2G,I-2

48,31
41,10
36,74  „

bei  40  .Jaliren
50  „
fiO  „
70

1695
22,60
17,32
12,45
7,19

1785-1825
29,07  Jahre
22^2  ^

Obwohl  die  Ziffern,  welche  die  Materialien  der  Tontinengesellschaften ­
  ergaben,  nicht  absolut  zum  Maassstabe  für  die  gesammte
Bevölkerung  dienen  können,  so  ist  doch  ihre  relative  Richtigkeit  kaum
zu  bestreiten,  und  die  Resultate,  welche  eine  Verbesserung  im
Volkszustande  beweisen,  sind  augenfällig.
Eine  ungewöhnliche  Verlässigkeit  gewähren  die  Notizen,  welche
wir  aus  Genf  besitzen,  wesshalb  wir  bei  deren  Ergebnissen  etwas
verweilen.  Von  1000  Kindern  starben

im  ersten  vom  2.  bis
Jahre  11.  Jahre

1561—1600
iin  17.  Jahrhunderte
im  18.  „
1801—1813
1838—1845

260
237
202
139
123

313
283
187
1.39
133

Während  des  16.  .Tahrhunderts  starben  im  ersten  Jahre  mehr
Kinder,  als  jetzt  in  den  ersten  10  Lebensjahren  zusammengenommen.
Es  erlebten  von  1000  Menschen

1561—1600
1601—1700
1701—1760
1761—1800
1801—1811
1814—1833
1838—1845

10  Altersjahre  40  Jahre  70  Jahre  90  Jahre

480
624
601
613
694
741
744

206
296
427

638
529

41
80
145

186
238

2,3
3,7

51
81
        <pb n="371" />
        SOCIALSTATISTIK  —  Sterblichkeit  nach  Gewerben.

355

Während  im  19.  Jahrhunderte  über  die  Hälfte  der  Menschen
das  40.  Alters]ahr  erreicht,  gelangte  im  16.  Jahrhunderte  nur  der
fünfte  Theil  so  weit.  Ja  es  erleben  jetzt  mehr  das  TOste,  als  damals
das  dOstc  Jahr.  —  Das  mittlere  Alter  war:

1801—1814  88  Jahre
1814—1833  40,7  „
1838—1845  41,7  „

15G1_1600  18  Jahre
1601—1700  22,8  „
1701—1760  31,1  „

1761—1800  31,8  „
(Die  Ziffern  aus  den  Jahren  1838  —  45  beziehen  sich  auf  die
Bevölkerung  des  ganzen  Cantons,  die  älteren  dagegen  blos  auf  die
Stadt  Genf.)
Ilmidwerlcen.  Im  vorigen  Jahrhunderte  glaubte  man  durch  Herstellung
allgemeiner  Sterblichkeitstabellen  das  Höchste  in  dieser  Beziehung
zu  leisten.  Indessen  musste  man  sich,  wie  vorhin  schon  im  Allgemeinen ­
  angedeutet,  allinählig  immer  mehr  überzeugen,  dass  ein  grosser ­
  Unterschied  in  der  Mortalität  hinsichtlich  der  Angehörigen  der
verschiedenen  Stände  besteht.  Vi  Henné  {tableau  de  I  état  physique
et  moral  des  ouvriers')  und  Caspar  („die  wahrscheinliche  Lebensdauer
des  Menschen,“  Berlin  1835,  dann  in  seiner  Wochen  -  und  Vierteljahrsschrift)
  waren  es  namentlich,  welche  diesen  Zweig  der  Statistik
förderten.  Indessen  befasste  man  sich  immer  zunächst  mit  einigen
s.  g.  gelehrten  Ständen,  den  Geistlichen,  Juristen,  Aerzten  und
Lehrern,  und  verfuhr  auch  bei  der  blosen  Berechnung  meistens  in
einer  nicht  ganz  richtigen  Weise.  Dem  Frankfurter  Aizte  de  Neufville
  gebührt  das  Verdienst,  der  erste  zu  sein,  der  die  Sterblichkeitsverhältnisse ­
  in  den  einzelnen  Handwerken  bei  gehöriger
Classification  richtig  zu  ermitteln  suchte  („Lebensdauer  und  Todesursachen ­
  22  verschiedener  Stände  und  Gewerbe,  nebst  vergleichender
Statistik  der  christlichen  und  israelitischen  Bevölkerung  Frankfurts.
Frankfurt,  1855.“)  Wir  theilen  die  von  ihm  gefundenen  Hauptresultate
in  aller  Kürze  mit:
Das  von  de  Neufville  benützte  Material  umfasste  alle  Steibfälle
in  der  Stadt  Frankfurt  während  der  33  Jahre  von  1820  —  52  ;  die
Gesammtzahl  der  Todesfälle  war  6867.  Darunter  befanden  sich  1782
Fälle,  in  denen  speciell  die  Art  der  Krankheit  angegeben  war.  Die
durchschnittliche  Anzahl  der  Lebensjahre  der  verschiedenen  Gewerbe
ist  nun  nach  de  Neufville  folgende,  wobei  zu  bemerken,  dass  Diejenigen, ­
  welche  sich  einem  bestimmten  Berufe  widmen,  natürlich  schon
die  der  Lebensdauer  so  gefährlichen  Kinderjahre  überschritten  haben,
wonach  sich  die  mittlere  Jahreszahl  der  Lebensdauer  dei  Uebriggebliebencu
  naturgemäss  von  selbst  bedeutend  erhöhen  muss.  Wählend
nähmlich  die  mittlere  Lebensdauer  zu  Frankfurt  37  Jahre  7  Mon.
beträgt,  steigt  dieselbe  bei  Denen,  welche  glücklich  das  20ste  Altersjahr ­
  erreichen,  durchschnittlich  auf  51  Jahie  8  Mon.,  abei  mit
folgender  Verschiedenheit  bei  den  einzelnen  btändeii  ;
        <pb n="372" />
        $

356

SOCIALSTATISTIK

Sterbuchkeit  nach  Gew6vb6n

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        357

Sterblichkeit  nach  Gewerben.

SOCIALSTATISTIK

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        <pb n="374" />
        358

SOCIALSTATISTIK  —  Sterblichkeit  nach  Gewerben.

Es  ist  von  selbst  einleuchtend,  dass  die  Beobachtungen  noch  in
einem  viel  ausgedehnteren  Maasse  stattfinden  müssen,  ehe  man
die  Resultate  als  absolut  feststehend  ansehen  darf.  Immerhin  aber
sind  hier  die  beachtenswerthesten  und  zu  weiterem  Forschen  dringend
auflfordernden  Momente  angegeben.
Allerdings  muss  bei  der  Beurtheilung  noch  wesentlich  in
Betracht  kommen,  (was  de  Neufville  in  der  Entwicklung  seiner  trefflichen ­
  Arbeit  übersehen  hat),  ob  einem  Gewerbe  gerade  vorzugsweise
die  kräftigeren  oder  die  schwächlicheren  Individuen  zugewiesen  werden. ­
  Das  letzte  ist  bekanntlich  bei  den  Schneidern  der  Fall  —  die
unkräftigen  Kinder  armer  Eltern  werden  gerade  desshalb  so  häufig  zu
Schneidern  in  die  Lehre  gegeben!  Ohne  Zweifel  erklärt  sich  eben  daraus
theilweise  die  enorme  Sterblichkeit  gerade  im  ersten  Decenuium,  obwohl ­
  die  Folgerung  immerhin  noch  richtig  bleibt,  dass  die  Sterblichkeit ­
  bei  diesem  Gewerbe  an  sich  eine  sehr  grosse  ist.
Unzweifelhaft  am  günstigsten  sind,  nach  allen  bisherigen  Berechnungen, ­
  die  Geistlichen  gestellt.  Wir  bemerken  zwar,  dass  die  vorstehende ­
  Ziffer  (was  de  Neufville  entgangen),  um  desswillen  einer
bedeutenden  Reduction  bedarf,  weil  mit  dem  2()sten  Altersjahre  (oder
noch  früher,  wie  bei  den  meisten  Gewerben)  noch  Niemand  zu  geistlichen ­
  Functionen  gelangt,  die  Berechnung  des  Mortalitätsverhältnisses
sonach  bei  diesem  Stande  erst  mit  einer  spätem  Periode  beginnt,  was
die  ganze  Rechnung  alterirt,  (da  die  früheren  Verluste  der  Studirenden
ausser  Ansatz  gelassen  sind,)  —  allein  immerhin  bleiben  die  Geistlichen ­
  in  dem  günstigsten  Verhältnisse,  und  es  ist  wirklich  überraschend, ­
  wenn  wir  (auch  vorbehaltlich  einer  Reduction)  sehen,  dass,
während  Steinmetzen  und  Bildhauer,  Schriftsetzer  und  Schriftgiesser,
Lithographen  und  Kupferstecher  sämmtlich  vor  dem  57sten  Altersjahre
drei  Viertheile  ihrer  Standesgenossen  verloren,  die  Geistlichen  noch
mit  mehr  als  58  Jahren  erst  ein  Viertel  eingebüsst  haben.
Der  nämliche  Umstand,  der  die  Rechnung  bezüglich  der  Geistlichen ­
  alterirt,  waltet  aber  auch  in  vollem  Umfange  bei  den  Aerzten
ob,  und  es  unterliegt  darnach  keinem  Zweifel,  dass  der  ärztliche  Beruf ­
  in  Wirklichkeit  noch  weit  aufreibender  ist,  als  er  hiernach  erscheint, ­
  wo  die  Rechnung  nicht  mit  dem  nämlichen  frühen  Lebensalter, ­
  wie  bei  den  Gewerben  beginnt,  für  die  Parallele  sonach  vor
Allem  eine  gleiche  Basis  hergestellt  werden  müsste.  (Wir  haben  dabei
hier  noch  ausdrücklich  zu  bemerken,  dass  in  den  von  de  Neufville
zur  Grundlage  seiner  Berechnung  genommenen  Jahren  keine  Krankheit ­
  in  ungewöhnlicher  Weise  zu  Frankfurt  herrschte.  Bei  Epidemien
sind  ohnehin  die  Aerzte  noch  mehr  gefährdet.)
Eine,  wenn  auch  langsam  wirkende,  doch  ganz  besonders  verderbliche ­
  Todesursache  sind  Nahrungssorgen,  Mangel  an  den  genügenden ­
  Lebensbedürfnissen.  Ein  plötzliches  Verhungern  tritt  äusserst
selten  ein;  dagegen  fort  und  fort  ein  Verkümmern,  —  ein  allmähliges
\  erhungern,  —  gleichsam  Tag  für  Tag  weiter  greifend.
Dass  Mangel  an  genügender  Kleidung  und  an  ordentlichen  Woliiiungen
  äusserst  schädlich  wirken,  bedarf  keiner  besonderen  Erörterung.
        <pb n="375" />
        S0CIA.LSTAT1STIK  —  Sferblichkoit  beira  Äfilitär.

359

Wir  machen  aber  hiebei  ganz  vorzüglich  aufinorksaui  auf  die  noch
nicht  genügend  erörterte  Frage,  welches  Quantum  Luit  der  Mensch
in  einer  gewissen  Zeit  verbraucht,  dessen  Erneuerung  also  immer
nöthig  ist;  wir  machen  namentlich  aufmerksam  auf  zu  starkes  Zusammendrängen ­
  von  Menschen  in  Schlafsälen,  in  Arbeitslocalitäten,  in
Krankenhäusern  und  Kasernen.
Es  ist  unsers  Wissens  noch  nie  darauf  hingewiesen  worden,  wie
die  enorme  Sterblichkeit  in  den  Getängnissen  (namentlich  an  der  so
Viele  hinwegraffenden  Lungensucht)  grossentheils  daher  rüluen  diüfte,
dass  die  Eingekerkerten  in  den  Arbeite-  und  Schlaflokalitäten  des
genügenden  Quantums  frischer  Luft  entbehren,  ebenso  wie  der  Bewegung ­
  im  Freien.  Hat  auch  der  Staat  das  Kecht,  zu  strafen,  so
kann  er  humaner  Weise  doch  nicht  das  Recht  in  Anspruch  nehmen,
den  Menschen,  seien  es  auch  Sträflinge,  die  Gesundheit  zu  untergraben ­
  und  zu  rauben;  dem  Rechte  emzusperren,  steht  jedenfalls
die  Pflicht  zur  Seite,  zu  sorgen,  dass  nicht  Gesundheit  und  Leben
zu  Grunde  gerichtet  werden.  Wir  werden  unten  noch  näher  auf  die
Frage  eingehen,  welehes  Quantum  Luft  dem  Menschen  nöthig  ist.
Auch  bezüglich  der  Sterblichkeit  in  den  einzelnen  Gewerben
wirkt  unzweifelhaft  die  grössere  oder  geringere  Gerämnigkeit,  Trockenheit ­
  u.  s.  w.  der  Arbeitslocale  ebenso  ein,  wie  die  durch  die  Beschäftigung ­
  bedingte  körperliche  Haltung  etc.  (Es  ist  unsers
Wissens  noch  nirgends  erörtert,  wie  sehr  die  fortwährend  vorgebeugte
Haltung  bei  Schneidern  und  Schuhmachern  auf  Lungensucht  und  Zehrung ­
  einwirkt.)
SWZzcM'gA  Än  Mfffnrafawk.  Man  ist  häufig  geneigt,  zu  unterstellen,
  dass  im  Militärstande,  in  den  Zeiten  des  Friedens,  die  Sterblichkeit ­
  geringer  sein  müsse,  als  im  Civil,  weil  die  Ausgehobenen
eine  Verpflegung,  zumal  Nahrung,  Kleidung  und  Wohnung,  fänden,  weit
besser  als  in  den  ärmlichen  Verhältnissen  der  Meisten  zu  Hause,  und
ohne  übermässige  Arbeit.  Indessen  tritt  gerade  das  entgegengesetzte
Resultat  als  Thatsache  hervor;  —  die  Sterblichkeit  beim  Militäre  ist
wenigstens  um  die  Hälfte  grösser,  zuweilen  noch  einmal  so  gioss,  als
unter  den  Männern  im  gleichen  Alter  im  Civil.  Die  Veränderung  in
den  Lebens-  und  Nahrungsverhältnissen,  die  Verlockungen  zu  einem
in  gewissen  Beziehungen  weniger  geordneten  Leben,  das  Zusammengedrängtsein ­
  in  Schlafsälen,  —  vielleicht  selbst  Mangel  an  jeder  Arbeit ­
  in  der  gewöhnten  Weise,  —  mögen  wohl  am  meisten  zu  den  ungünstigen ­
  Resultaten  beitragen.  Dass  wir  Kriegsstrapazzen  und  eine
Verlegung  nach  entfernten  Ländern  (den  Colonicn)  hier  ohnehin  aussei
Ansatz  lassen,  versteht  sich  von  selbst;  die  verderblichen  Folgen  davon ­
  sind  bekannt.  Wir  reden  zunächst  nur  von  dem  Militärdienste
in  der  I  leimath  und  in  Friedcnszciten.
Einer  unserer  persönlichen  Freunde,  der  als  Statistiker  gerade
in  diesen  Zweigen  ausgezeichnete  franz.  Oberarzt  Dr.  Boudin,  lieferte
eine  treffliche  Erörterung  in  der  gekrönten  Preisschrift:  Statistique  de
aamfífírg  ßf  (k  Za  dea  jg  (grrg  g(  ck  mgr,  co»-
        <pb n="376" />
        360

SOCIALSTATISTIK  —  Sterblichkeit  beim  Militär.

(fga  ¿g  (g?;^g  g(  (fg  Zigtw,  (¿'a^g,  cfg  racg
et  de  nationalité  (Paris,  1846).  Hier  einige  der  Resultate:
Französische  Armee.  Während  die  Sterblichkeit  bei  der
Civilbevölkerung  zwischen  dem  20.  und  30.  Altersjahre  auf  1000
Menschen  10  (oder  10,3)  betrug,  war  dieselbe  auf  1000  Soldaten
(zur  Zeit  der  altern  Bourbone)  :

Ganze  Armee,  Durchschnitt  ....  ig^o
Gemeine  von  der  Linien-Infanterie  .  .  .  22^3
■n  .  ”  ”  Garde-Infanterie  .  .  .  16,7
Unterofficiere  von  der  Linien-Infanterie  .  .  10,8
M  rt  n  Garde-Infanterie  .  .  9,0

Die  Sterblichkeit  in  der  ganzen  Armee  erscheint  sonach  beiläufig  noch
einmal  so  gross,  als  im  gleichen  Alter  im  Civilstande.  Beim  Militare
selbst  aber  bessert  sich  das  Verhältniss  in  dem  Maase,  in  welchem
die  Mannschaft  äusserlich  besser  gestellt  ist.
Preiissische  Armee.  Die  allgemeine  Sterblichkeit  zwischen
dem  20.  und  25.  Altersjahre  betrug  in  der  Vergleichsperiode  10,1
auf  1000  ;  beim  Militare  (im  10jährigen  Durchschnitte  von  1  821  —30)
11,7.  Es  ist  dies  ein  so  günstiges  Verhältniss,  wie  man  es  nur  in
dieser  Armee  findet,  welche  die  kürzeste  Dienstzeit  hat.  Die
Wirkungen,  welche  dem  Körper  schaden,  selbst  die  Gesundheit  untergraben, ­
  können  sich  in  dieser  verhältnissmässig  kurzen  Zeit  selten
so  weit  entwickeln,  um  gerade  den  Tod  herbeizuführen.  Dennoch
sehen  wir  immerhin  ein  weit  ungünstigeres  Verhältniss,  als  im  Civil,
und  dies,  obwohl  unmittelbar  vor  der  Einreihung  alle  Kranken  und
Schwächlinge,  welche  auf  so  und  so  viel  Tausend  Menschen  kommen,
—  entfernt  worden  waren.

Englische  Armee.  Mortalität  im.  Civil  9,91  auf  1000.  Im
Heere  :
Gesammte  Armee  14^0
Garcle-Cavallerie  .  .  .  .  .  14  5
Garde-Infanterie  .  -  .  .  .
dagegen  :  Engl.  Constabler  (damals  Metropolitan  police
corps)  9,0
Die  englischen  Truppen,  deren  Verpflegung  (besonders  Nahrung)
besser  ist,  als  iRe  der  französischen,  zählen  in  der  Kegel  weniger
Sterbfälle  als  diese.  (Bei  der  Garde-Infanterie  walten  offenbar  besondere ­
  ungünstige  Verhältnisse,  wovon  wir  unten  eines  andeuten  werden.)
Was  britische  Auxiliartruppen  in  ihrer  11  ei  math  betrifft,  so
hatten  auf  1000  Mann:

die  Fencibles  (Malteser,  auf  Malta  dienend)  .  .  9,0  Sterbfälle
die  Hottentotten  auf  dem  Cap  ....  12,5
die  Hindus  in  der  Armee  von  Bengalen  .  .  .  13,0
die  Hindus  in  der  Armee  von  Madras  .  ,  .  .15,0
die  Lascoreyns  auf  Ceylon  .  .  .  '  .  .25,8
Dienst  im  wirklichen  Kriege  und  ausser  der  lleimath.  Wir  reden
hier  nicht  weiter  von  der  hiebei  immer  eintretenden  Vermehrung  der
Sterbfälle.  Es  sei  nur  erwähnt,  dass  der  Unterschied,  welchen  die
bessere  Verpflegung  bewirkt,  hier  noch  mehr  hervortritt,  als  schon  im
        <pb n="377" />
        SOCIALSTATISTIK  —  Sterblichkeit  in  Gefängnissen.

361

Frieden.  So  hatte,  nach  den  Angaben  des  den  Gesundheitsdienst
leitenden  engl.  General-Inspectors  Marshall,  die  britische  Armee  in
den  41  Monaten  des  spanischen  Krieges,  abgesehen  von  den  Verwundungen, ­
  durchschnittlich  auf  1000  M.  118,6  Todesfälle,  wovon
aber  auf  je  1000  Officiere  nur  37  trafen.  (Dagegen  war  die  Zahl  der
an  Wunden  Gestorbenen  durchschnittlich  nur  42,4,  bei  den  Officieren
aber  66  auf  1000.)
Wir  haben  in  der  von  Frankreich  handelnden  Abtheiluug  unserer
Schrift  (Seite  62)  bereits  gezeigt,  wie  enorm  gross  die  Sterblichkeit
der  Truppen  in  Algerien  ist,  und  ebenso  haben  wir,  Rubrik  „Grossbritanien“
  (Seite  18)  nachgewiesen,  welche  Mortalität  unter  den  Soldaten ­
  in  den  auswärtigen  Besitzungen  Englands  herrscht.  Wir  haben
im  letzten  Falle  zugleich  angegeben,  wie  sich  das  System  des  „Acclimatisireus“
  durchaus  nicht  bewährte,  und  dass  man  die  Zahl  der
Sterbfälle  auf  die  Hälfte  herab  brachte,  als  man  sich  entschloss,  gerade ­
  im  Gegensätze  zu  jener  Methode,  häufige  Wechsel  vorzunehmen,
und  kein  Corps  länger  als  höchstens  3  Jahre  an  einem  und  demselben
auswärtigen  Platze  zu  belassen.  Indem  wir  hier  einfach  aut  das  an
dem  angeführten  Ort  Gesagte  verweisen,  haben  wir  ein  Paar  Worte
beizufügen  über  den
Seedienst.  Kach  dem  sorgsamen  engl.  Beobachter  A.  M.  Tüll  och
(ComiKirison  on  the  sickness,  mortedity  and  prevailing  diseases  among
seamen  and  soldiers;  London  1841)  ergaben  sich  für  Grossbritanien
und  Irland  folgende  Verhältnisse  auf  einen  Effectivstand  von  je
1000  Mann  :
Landtruppen  Marine
krank  929  1204,4
todt  14  "  19,7
entlassen  26  38,1
Für  das  Mittelmeer  und  die  dortigen  Besitzungen  stellten  sich
die  Zahlen  so  :

Landtruppen  Marine
krank  1088  1304
todt  20  11,1
entlassen  95  25,7
Bios  im  Vorbeigehen  wollen  wir  daran  erinnern,  dass  selbst  in
den  blutigsten  Kriegen  in  der  Regel  ganz  unvergleichbar  mehr  Menschen ­
  durch  Krankl  leiten  hinweggeraft’t  werden,  als  durch  die  feindlichen ­
  Waffen.  Wir  beziehen  uns  auf  das  unter  den  Rubriken  Grossbritanion
  und  Russland  (Seite  17  und  81)  Gesagte.  Es  ist  gewiss
Erstaunen  erregend,  dass  in  dem  grossen  russischen  I  eldzuge  nicht
etwa  blos  Napoleons  prächtiges  Heer  fast  vernichtet  ward,  sondern  dass
selbst  von  der  siegreichen  russischen  Hauptarmee  —  ursprünglich
118,000  M.  zählend,  dann  verstärkt  alhnählig  um  91,800,  —  dass
also  von  209,800  M.  regulärer  Truppen,  nach  bVg  Monaten  blos  noch
40,290  sich  zu  Wilna  bei  den  Fahnen  befanden.
Sterblichkeit  in  den  (J-eJängnissen.  Unter  den  Schriften  über  diesen
Punkt  ist  weitaus  am  wichtigsten  die  nachbemerkte  :  ^.^Etudes  sur  la
Mortalité  dans  le  Bagnes  et  dans  les  Maisons  Centrales  de  force  et  dé
        <pb n="378" />
        362

SOCIALSTATISTIK  —  Sterblichkeit  in  Gefängnissen.

correction,  dejouis  1822  jusqu'a  1837  rncliisivernent;  faites  par  ordre
du  ministre  de  fintérieur,  d'apres  les  documents  officiels,  par  Raoul
Chassinat.  Paris,  1844.“  (Wir  bezeichnen  diese  Schrift,  obwohl  dieselbe ­
  nur  ältere  Daten  enthalten  kann,  als  die  weitaus  wichtigste  ihrer
Art,  weil  sich  dieselbe  über  die  Gesauimtzahl  aller  Gefängnisse  und
Sträflinge  schwerer  Art  in  ganz  Frankreich  während  15  Jahren  ausbreitet, ­
  bei  allen  derartigen  Berechnungen  aber  eine  grosse  Menge  von
Einzelnfällen  nöthig  ist,  um  die  zufälligen  Abweichungen  von  dem
mittleren  oder  normalen  Verhältnisse  auszugleichen,  oder  vielmehr  dieses ­
  normale  Verhältniss  festzustellen.)  Die  wichtigsten  Resultate  dieser
ausgedehnten  und  sorgsam  geführten  Untersuchung  scheinen  uns  in
folgenden  Funkten  zu  liegen  ;
Dje  mittlere  Sterblichkeit  unter  den  Galeerensträflingen  ist  jährlich ­
  4,07  von  jedem  Hunderte,  bei  einem  durchschnittlichen  Alter  der
Sträflinge  von  30,66  Jahren.  Bei  den  Freien  in  diesem  Alter  ist
aber  die  Sterblichkeit  nicht  mehr  als  1,06  Frocent.  Es  sterben  also
verhältnissmässig  beinahe  viermal  so  viel  Galeerensträflinge,  als  Freie
(genauer  3,84  gegen  1).  Eine  Sterblichkeit  von  4,07  %  tritt  bei  den
Freien  erst  im  Alter  von  63  Jahren  ein,  wonach  man  (wenigstens  in
gewisser  Beziehung)  zu  schliessen  hat,  dass  jenen  Galeerensträflingen
das  Leben  um  32—33  Jahre  verkürzt  wird.
Bemerkenswerther  Weise  ist  die  Sterblichkeit  in  den  „Centralgefängnissen“ ­
  (bei  geringeren  Strafen  als  Galeeren)  viel  stärker  als
dort  (was  zunächst  auf  einen  sehr  Übeln  Zustand  der  franz.  Anstalten
der  bezeichneten  Art  schliessen  lässt),  ln  diesen  Centralgefängnissen
kamen  durchnittlich  im  Jahre  nicht  weniger  als  5,55  Sterbfälle  aut
jedes  100  männliche  Sträflinge,  und  dies  bei  einem  mittleren  Alter
von  30,86  Jahren,  in  welchem  Lebensalter  die  Mortalität  unter  den
freien  Männern  1,09  ist,  so  dass  verhältnissmässig  mehr  denn  fünfmal ­
  so  viel  Sträflinge  als  Freie  (eigentlich  5,09  mal  so  viel)  sterben.
Eine  Sterblichkeit  von  solcher  Grösse  tritt  bei  Freien  erst  im  67sten
Altersjahre  ein,  wonach  sich  eine  Lebensabkürzung  von  36  Jahren
herausstellt.  '
Eine  weit  günstigere  Verhältnisszahl  ergibt  sich  aber  für  die
weiblichen  Sträflinge  in  den  Centralgefängnissen,  noch  um  etwas
günstiger  als  unter  den  (blos  aus  Männern  bestehenden)  Galeerensträflingen. ­
  Es  ist  nämlich  die  mittlere  Sterblichkeit  3,95  Proc,,  bei  einem
durchschnittlichen  Alter  von  32,84  Jahren,  in  welchem  die  Sterblichkeit ­
  unter  den  freien  Frauen  1,10  beträgt.  Immerhin  sterben  oYg  mal
(3,59  mal)  so  viel  Eingesperrte  ^jls  Freie.  Dieses  Mortalitätsverhältniss
  entspricht  dem  der  Freien  im  62.  Altersjahre  —  sonach  Lebensverkürzung ­
  ungefähr  29  Jahre.
In  demselben  Zeiträume  sterben  also  :  100  männliche  Sträflinge
in  den  Centralgefängnissen,  76  Galeerenzüchtlinge  und  70  weibliche
Sträflinge  in  den  Centralgefängnissen,  gegen  je  20  Freie.
\  on  den  übrigen  ermittelten  Resultaten  erwähnen  wir  nur  in
Kürze  diese:  Die  Sterblichkeit  ist  unter  den  Galeerensträflingen  im
ersten  Jahre  der  Gefangenschaft  ganz  unverhältnissmässig  gross;
        <pb n="379" />
        SOCIALSTATISTIK  —  Lebenskräftigkeit  nach  Racen.  363
dann  schwindet  wenigstens  dieser  Unterschied  (wohl  in  Folge  der
Gewöhnung  und  der  streng  geordneten  Lebensweise).  Bei  den  Bewohnern ­
  und  Bewohnerinnen  der  Centralgeiangnisse  findet  man  im
ersten  Jahre  eine  besondere  Steigerung  der  Mortalität  (über  das  in
diesen  Instituten  gewöhnliche  Verhältniss)  nicht.—  Die  Länge  der
Strafdauer  äussert  im  Ganzen  keinen  wahrnehmbaren  Einfluss.
Dagegen  ist  die  Mortalität  unter  den  Rückfälligen  geringer,  als
unter  den  zum  ersten  Mal  Eingesperrten  (sie  haben  die  Eindrücke  der
Schaam,  des  Kummers  und  Grames  schon  überwunden).  Nach  Ständen ­
  geschieden  ist  die  Sterblichkeit  am  grössten:  «.  unter  den  Landleuten, ­
  Soldaten,  Seeleuten,  Vagabunden  und  Bettlern  ;  dann  kommen
mit  einer  geringem  Ziffer  h.  Diejenigen,  welche  ein  sog.  „actives
Gewerbe“  trieben;  hierauf  c.  die  in  freien  Gewerben  und  Künsten,
endlich  d.  die  ein  sitzendes  Gewerbe  in  den  Städten  Betreibenden.
Die  Verhältnisszahlen  der  Mortalität  sind:  151,  147,  132  und  130.
Eine  nähere  Forschung  über  die  Wirkungen  der  Einzeln  ha  ft
haben  wir  noch  zu  gewärtigen;  denn  alle  uns  bis  jetzt  bekannten
Resultate  sind  theils  ungenügend,  theils  zu  einseitig  aufgefasst  (zum
Theil  auch  viel  zu  widersprechend),  als  dass  wir  daraus  Schlüsse
ziehen  möchten.
Lebenslcroftigheit  de?'  verschiedenen  Racen  und  Stäimne.  Wenn  wir
das  Hinschwinden  der  eingeborenen  amerikanischen  Stämme  beachten;
wenn  wir  wahrnehmen,  wie  diese  Indianer  der  Kraft  ermangeln,  in
Berührung  mit  Europäern  zu  leben,  so  haben  wir  einen  Beweis,  dass
die  Lebenskräftigkeit  der  verschiedenen  Racen  nicht  die  gleiche  ist.
Diese  Wahrnehmung  war  bekanntlich  die  Ursache  der  Verbreitung  der
Negersclaverei  nach  Amerika.  Und  wirklich  beweist  die  Vermehrung
der  Schwarzen  in  den  Vereinigten  Staaten,  ungeachtet  der  unglücklichen ­
  Lage  dieser  Menschen,  einen  bedeutenden  Grad  von  Lebenszähigkeit. ­
  Haben  sie  sich  doch  in  den  „Sclavenstaaten“  weit  stärker
vermehrt,  als  selbst  die  Freien  (siehe  Seite  309).  Aber  nur  in  der
heissen  Zone  ist  dies  möglich.  In  einigermaassen  kältern  Ländern
werden  die  Neger  durch  die  Lungensucht  furchtbar  weggerafft.  Selbst
schon  in  Algerien  erliegen  sie  diesem  Loose  (siehe  „Frankreich,  —
auswärtige  Besitzungen,“  Seite  63).
Doeli  nicht  blos  unter  den  verschiedenen  Racen,  sondern  selbst
unter  den  sich  näher  stehenden  Stämmen  einer  und  derselben  Race
zeigt  sich  ein  ungemeiner  Unterschied  in  der  Lebenskräftigkeit.
Nach  den,  besonders  gelegentlich  der  Colonisation  Algeriens  vorgenommonen
  Untersuchungen  (namentlich  Boudin’s)  wird  man  wohl  mit
ziemlicher  Bestimmtheit  den  Satz  aufstellen  können:  Eine  Verpflanzung ­
  nach  einem  Lande  mit  wesentlichen  climatischen  Unterschieden
von  denen  der  Hcimath,  ist  jedem  Stamme  schädlich.  Nur  zufolge
der  Mittel  einer  höheren  C  ul  tur,  in  gewisser  Beziehung  eines
Emanc  ipi  rens,  wenn  auch  nicht  von  der  Erde,  doch  von  den  primitiven ­
  rohen  Verhältnissen,  —  nur  zufolge  eines  Emancipirens  von
der  harten  Arbeit,  zumal  im  Felde,  unmittelbar  unter  den  climatischen
Einflüssen,  ist  es  den  Menschen  möglich,  in  andern  Zonen  zu  ge-
        <pb n="380" />
        364

SOCIALSTATISTIK.

K  on-Acclimatisation.

deihen.  Die  ganze  Lehre  vom  allmäh]igen  Acclimatisiren  beruht
auf  Täuschung,  indem  die  Erfahrung  keinen  Zweifel  darüber  lässt,
dass,  je  länger  man  in  einer  solchen,  wenigstens  individuell  und  relativ ­
  ungesunden  Gegend  verweilt,  der  durch  die  Eortdauer  ungünstiger ­
  Einflüsse  nur  immer  mehr  geschwächte  Körper  desto  hinfälliger ­
  wird.  Die  verderblichen  Einflüsse  sammeln  sich  immer  mehr
an,  sie  cumuliren  sich  gleichsam.  Den  sprechendsten  Beweis  dafür
liefern  die  Erfahrungen,  welche  man  im  englischen  Heere  machte.  Man
nahm  wahr,  dass  von  1000  Mann  auf  Ceylon  im  ersten  Jahre  44
starben,  im  zweiten  48,7,  im  dritten  49,2.  Bei  der  nämlichen  Anzahl
Soldaten  hatte  man  auf  Jamaica  im  ersten  Jahre  des  dortigen  Aufenthaltes ­
  77  Sterbfälle,  im  zweiten  87,  in  dem  folgenden  93.  Auf
Guyana  wechselte  die  Zahl  innerhalb  11  Jahren  folgcndermaasen:  77,
8&amp;lt;,  89,  63,  61,  79,  83,  73,  120,  109,  140;  —  ungeachtet  einiger
Rückschläge,  im  Ganzen  eine  furchtbare  Vermehrung!  (s.  Tulloch  und
Boudin.)  Solche  Erfahrungen  veranlassten  endlich,  dass  man  das  System ­
  wechselte.  Da  ergab  es  sich  dann,  dass  die  durchschnittliche
Zahl  der  Sterbfälle  unter  die  Hälfte  gegen  früher  herabsank,  als
man  die  Methode  des  vermeintlichen  „Acclimatisirens“  mit  jener  des
häutigen  Wechsels  der  Regimenter  vertauschte  (s.  „England,  Militärwesen“, ­
  S.  18).  Die  nämliche  Erfahrung  kann  man  bei  sorgsamer
Aufmerksamkeit  überall  machen.  So  findet  man  in  Ostindien,  dass
sich,  hat  das  dortige  Klima  seine  schwächenden  Wirkungen  auf  Europäer ­
  einmal  begonnen,  Rheumatismen  und  Lähmungen  bei  ihnen  einstellen. ­
  Um  für  die  verderbliche  Malaria  der  Campagna  di  Roma
empfänglich  zu  werden,  muss  man  eine  Zeit  lang  in  dem  Lande  selbst
gelebt  haben.  Vom  blossen  Durchreisen  der  Malariagegend  erkrankt
man  nicht.  Deutsche,  französische  und  englische  Künstler  werden  fast
nie  im  ersten,  wohl  aber  im  zweiten  und  dritten  Jahre  ihres  dortigen
Aufenthaltes  von  dem  Uebel  ergriffen.  Die  franz.  Truppen,  welche,
um  Joseph  Napoleon  auf  den  Neapolitanischen  Thron  zu  erheben,  hier
durchzogen,  hatten  weder  auf  dem  Hin-  noch  auf  dem  Hermarsche
von  der  als  so  verpestet  geltenden  Luft  zu  leiden,  während  das  von
Pius  dem  VIL  hier  erbaute  Kapuzinerkloster  bald  ausstarb.*)

*)  Eine,  zwar  nicht  mit  der  vollen  Schärfe  der  Consequenz  durchgeführte,
im  Uebrigen  aber  sehr  lesenswerthe  Abhandlung  ist  àia  y,Ueh&amp;amp;&amp;gt;'  Acclimatisirungsfrocesse
  u.  Acclim.-Iirankheiten^  von  l)r.  Clemens  in  Frankfurt  a.  M.f  in
Henke’s  Zeitschrift  für  die  Staatsarzneikunde,  fortgesetzt  von  Dr.  B  eh  rend,
18Õ5,  1.  Vierteljahrheft.  Der  Verfasser  stellt  das  sprechende  Motto  voran:
^Est  autem  optimus  aër  gui  unicuique  est  nativue.  llenricus  Itantzovius.'^
Er  bemerkt  sodann  :  „  Die  Pflanzen  vermögen  grösstentheils  nur  in  den  ihnen
von  der  Natur  angewiesenen  Himmelsstrichen  zu  gedeihen.  Von  Tiñeren  können
nur  wenige,  und  diese  nur  auf  Kosten  ihrer  Gestalt  und  Gesundheit,  dem
Menschen  in  alle  Gegenden  der  Erde  folgen.“  Er  fügt  bei,  selbst  der  allgemeine
Satz,  der  Mensch  vermöge  es,  den  ganzen  Erdball  zu  bewohnen,  könne  nur  auf
die  Völker  mit  höherer  Cultur  angewendet  werden.  „Die  Verpflanzungsfälligkeit
steht  daher  in  einem  geraden  Verhältnisse  zur  Cultur,  nimmt  zu  wie  diese,
nimmt  ab  wie  diese.“  Der  Verfasser  handelt  sodann  von  den  sog.  „Acclimatisirungskrankheiten,“
  wobei  ihm  aber  noch  der  wichtige  Moment  entgeht,  dass
ein  vollständiges  Acclimatisiren  unmöglich,  namentlich  Feldbau  in  andern
        <pb n="381" />
        SOCIALSTATISTIK.  —  Ijebenszâliîgkeit,  der  Juden.

365

Darnach  erklärt  es  sich  von  selbst,  aus  welchem  Grunde  speciell
die  Colonisation  Algeriens  —  ungeachtet  der  enormsten  Anstrengungen ­
  der  Franz.  Regierung  während  eines  Vierteljahrhnnderts,  —
noch  gar  nicht  geglückt  ist.  Können  auch  die  Deamten,  die  Kanflente,
  die  Wir  the  und  seihst  Handwerker  wenigstens  ohne  allzu  erschreckende ­
  Sterblichkeit  in  jenem  Lande  leben,  so  ist  dies  dagegen
durchaus  nicht  der  Fall  bei  den  Landleuten,  den  wirklichen  Colonisten,
die  der  Sonne  und  überhaupt  dem  Clima  unmittelbar  sich  anssetzen
müssen.  (Beispiele  in  der  Abhandlung  des  Verfassers  „über  Colonisirnng
  Algeriens,“  in  den  Verhandlungen  der  Schweiz,  gemeinnützigen
Gesellschaft  vorn  Jahre  1854.)
Auch  die  Kinder  der  Fremden  sterben  in  solchen  Ländern,  —
sogar  die  in  denselben  geborenen,  —  und  zwar  in  noch  weit  furchtbarerer ­
  Menge  als  die  erwachsenen  Eingewanderten  selbst.  Es  zeigt
sich  dies  in  Algerien,  in  Aegypten,  auf  den  Antillen  und  in  Ostindien. ­
  Der  französische  Militärarzt  Vital,  der  16  Jahre  in  Algerien
znbrachte,  fand,  dass  die  von  Europäischen  Eltern  2u  Constantine  geborenen ­
  Kinder  alsbald  „unerbittlich“  hingeraflft  werden;  von  den
(dem  Lande  gleichfalls  fremden  aber)  hier  geborenen  Negern,  erreichen
unter  100  durchschnittlich  blos  zwei  das  Jünglings-oder  Jungfraueiralter
  (s.  Gazette  médicale^  v.  6.  November  1852.)  In  Aegypten  waltet ­
  dasselbe  traurige  Verbaltniss.  Mehemed  Ali  hatte  90  Kinder,  nur
5  derselben  konnten  erhalten  werden.  Dieser  furchtbaren  Erscheinung
misst  man  es  bei,  dass  das  Nilland,  ungeachtet  dasselbe  so  oft  Eroberern ­
  unterlag,  heute  noch  im  Wesentlichen  von  demselben  Menschenstamme ­
  bewohnt  ist,  wie  zu  den  ältesten  Zeiten  (s.  Schölcher’s
L'Egypte  en  1845.)  —  „Kinder  von  Europäern,  in  den  enrop.  Niederlassungen ­
  an  der  Westküste  von  Afrika  geboren,  erreichen  selten,^
bleiben  sie  an  dem  Orte  ihrer  Geburt,  das  zehnte  Lebensjahr.“  —
Auf  den  Antillen  finden  wir  dieselbe  Erscheinung  (s.  Dr.  Clemens,
a.  a.  0.)  Den  Einwanderern  in  Algerien  etc.  ist  also  in  der  Regel
gerade  auch  die  Möglichkeit  abgeschnitten,  wenigstens  ihren  Kindern
eine  glückliche  Zukunft  in  solchen  Ländern  zu  bereiten.  —  Ein  dem
mitteleuropäischen  wenigstens  ähnliches  Klima  ist  es,  was  die  Auswanderung ­
  nach  den  nördlichen  und  westlichen  der  Vereinigten  Staaten ­
  vor  jedem  andern  Colonisationslande  empfiehlt,  obwohl  auch  dort
die  Sterblichkeit  unter  den  Eingewauderton  noch  immer  unzweifelhaft
grösser  ist,  als  in  der  lleiraath.
Zähigkeit  des  jüdischen  Stammes.  Wir  kennen  einen  Menschenstamm, ­
  der  bei  weitem  mehr  als  jeder  andere  in  allen  Ländern  und
Climaten  gedeiht:  cs  ist  der  Jüdische.  Derselbe  scheint  gleichsam
ein  „Monopol  des  Cosmopolitismns“  zu  besitzen  (nach  brieflichen  Ausdrücken ­
  unseres  Freundes  Dr.  Boudin.)  Unter  den  furchtbarsten,
barbarischsten  Verfolgungen,  erhielten  sich  die  Juden  allenthalben,  wo
anders  nicht  zu  ihrer  völligen  Vertreibung  oder  Ausrottung  ge-Climaten

  absolut  verderblich  bleibt,  —  die  unvermeidliche  Consequenz  seiner
eigenen,  im  Uebrigen  so  lichtvollen  Aufstellung.
        <pb n="382" />
        m»

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366

SOCIALSTATISTIK

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Krankheiten  nach  Ständen.
.schritten  ward.  Man  konnte  wahrnehmen,  dass  ihre  Vermehrung
im  Allgemeinen  verhältnissmässig  eine  weit  grössere  ist,  als  die  der
Angehörigen  aller  übrigen  Nationen,  insbesondere  aber  zeigt  sich
die  Sterblichkeit  unter  ihnen  am  geringsten.  —  Merkwürdige  Nachweise ­
  darüber  haben  wir  demnächst  von  Boudin  zu  gewärtigen,  der
sich  eben  mit  dieser  Frage  befasst.  1  lier  nur  die  Bemerkung,  dass
selbst  in  Algerien,  wo  nicht  nur  die  Europäer  so  furchtbar  weggerafft
werden,  sondern  wo  sich  auch  die  Maurische  und  die  Neger-Bevölkerung ­
  entschieden  vermindert,  —  die  Jüdische  Einwohnerschaft,
und  sie  allein,  eine  Zunahme  aufweist,  und  zwar  in  Folge  eines
lleberschusses  der  Geburten  über  die  Sterbfälle.
Als  sich  de  Neufville  mit  seiner  Berechnung  der  Lebensdauer
und  Todesursachen  der  verschiedenen  Stände  in  Frankfurt  beschäftigte,
fiel  ihm,  nach  seiner  Erklärung,  das  hohe  Alter  auf,  welches  so  viele
Juden  erreichten.  Er  forschte  näher  nach,  fmtigtc  (unter  Zugrundelegen ­
  der  Frankfurter  Civilstandsregister  in  den  3  Jahren  184G—48)
eigene  Tabellen  an,  und  gelangte  im  Wesentlichen  zu  folgenden  Ergebnissen ­
  :
Sterblichkeitsverhältnisse  der  christlichen  und  der  jüdischen  Bevölkerung
in  Frankfurt  a.  M.,  nach  Pro  c  ente  n:

Alter
1—4  Jahre
5—9
10—14
15—19
20—24
25—29
80—34
35—39
40—44
45—49

Christen  Juden
24,1  12,9
2.3  0,4
1.1  1,5
3.4  3,0
6.2  4,2
6,2  4,6
4.8  8,4
5.8  6,1
5.4  4,6
5,6  5,3
Sonach  sind  gestorben

50
55
60-65

70
75
80
85-90-



  Christen
-54  Jahre  4,6

-59
-64
-69
-74
-79
-84
-89
-94
-100

der  vierte  Theil
die  Hälfte
drei  Viertheile

Christen  mit
6  Jahren  11  Mon.
36  „  6  .
59  „  10  „

5,7
5,4
6,0
5,4
4,3
2,6
0,9
0,16  .
0,04
Juden  mit
28  J.  3  Mon.
63  n  1  r
71  „

Juden
3,8
6,1
9.5
7,2
11,4
9,1
5,0
1.5
0,4

Allerdings  dürfen  bei  der  Beurtheiliing  die  beiden  wichtigen
Momente  nicht  übersehen  werden,  einmal  dass  die  Juden  gewöhnlich
jede  harte  Arbeit  vermeiden,  zum  Andern  ihre  massige,  nüchterne
jjebensweise.  Doch  reichen  beide  nicht  aus,  das  Verhältniss  in  seinem ­
  vollen  Umfange  zu  erklären.  Wir  gelangen  vielmehr  zu  dem
Schlüsse,  dass  sich  auch  hier  eine  ungleiche  Lebenszähigkeit  kund  gibt,
wie  wir  diese  Verschiedenheit  bezüglich  der  schwächlichen  Amerikan.
Indianerrace  auf  der  einen,  und  den  in  warmen  Climaten  so  unendlich ­
  viel  ertragenden  Negern  auf  der  andern  Seite  bereits  wahrnahmen.
Krankheiten  nach  Ständen  und  Altern.  Die  politische  Arithmetik
hat  nicht  blos  die  Sterbfälle,  sondern  ebenso  die  Krankheiten
nach  Beschäftigungsweise  und  Alter  der  davon  Befallenen  ins  Auge
zu  fassen.  Sehr  Vieles  ist  in  dieser  Beziehung  noch  zu  ermitteln.
Ein  interessantes  Material  gewähren  die  englischen  Unterstützungs-
        <pb n="383" />
        SOCIALSTATISTIK  —  Krankheiten  bei  leichter  und  schwerer  Arbeit.  367

vereine,  (die  n.  g.  Friendly  Societies),  —  ein  Material,  welches  in
ttbersichtliclier  Weise  in  einigen  der  Parlamentsbiicher  (der  Une  books)
niedergelegt,  und  von  Finlaison  trefflieh  verarbeitet  wurde.  (Absfo'oct
of  Returns  &amp;lt;f  Sickness  and  MorUdity,  and  of  reports  of  assets  etc.,
of  Friendly  Societies  in  England  and  Wales;  pressented  to  both  houses
of  Farliament;  London  IHõá;  und,  daran  sich  anschliessend  :  Return;
Mr.  Alex.  Gien  Finlniso'n's  report,  second  part;  ordered  by  the  house
of  Connaons  to  be  printed  ,  12  august  1854.)  Wir  geben  daraus  eine
kurze  Ziisaimnoistellung  der  allerwichtigslen  Momente.  Die  Zahl  der
K  rankh  ei  t  s  tag  e  bei  den  Arbeitern,  welche  jenen  Unterstützungs-Vereinen
  angehörten,  war  folgende:
Alter
.lall  re
15—  16
16—  21
21—26
26—31
.31—36
.36—41
41—46
46—51
51—56
56—61
61—66
66—71
Vom  15.  bis  zum  85.  Altersjahre,  also  in  einer  Arbeitszeit  von
70  Jahren,  hat  der  Arbeiter  durchschnittlich  genau  5  Jahre  Krankheit
durchzumachen.  Davon  treffen  aber  auf  die  51  Jahre  vom  16.  bis
zum  Ende  des  66.  Altersjahres  blos  78  Wochen  Krankheit,  also  iVa
Jahre.  Theilen  wir  diese  letzte  Zeit  in  zwei  beinahe  gleiche  Hälften,
so  kommen

in  allgemeiner  Arbeit
im  GanzPii  per  Jahr
6^1  6%T^;e
3^^  6%
34,32  6%
34,54  fast  7
3^^  ^  7
^^8  7%
44,14  8%
52,67  10%
64,83  12%
82,26  16%
118,26  2.3%
180,28  36

in  leichter  Arbeit
im  Ganzen  per  Jalir
5,13  5  Tage
30,72  6
30,55  6
30,14  6
29,28  fast  6
34,33  6%
37,59  7Vj
46,44  9%
60,57  12
73,13  14%
103,86  20%
167,37  33%

in  schwerer  Arbeit
im  Ganzen  per  .lahr
6,99  7  Tage
35,34  7
.36,33  7%
37,45  7%
38,40  7%
42,96  8%
49,82  fast  10
58,25  11%
68,92  13%
91,57  18%
13.3,63  26%
194,13  38%

auf  die  ersten  26  Jalire,  v.  15—41
auf  die  folgenden  25  „  „  41—66
Ferner  auf  die  11  „  „  66—77
n  n  8  „  „  77—85
Dies  der  allgemeine  Durchschnitt.  Dagegen  stellt  sich  das
Verhältniss  bei  leichter  und  bei  schwerer  Arbeit  folgendermaassen  :

182,52  Tage  =  gerade  %  Jahr
362,17  „  =  beinahe  1  „
543,0  „  =  „  1%  „
763,68  „  =  „  2  „

Leichte  Arbeit
Alter
in  den  29  Arbeitsjabren  von  15—44
in  den  24  „  „  4.4—68
in  den  11  „  „  68—79
in  den  6  „  ,,  79—85
/.US.  in  70  „
Schwere  Arbeit

Krankheit
Tage  Jahre  Mon.
182,37  =  6
356,49  =  1
567,86  =  1  6
577,35  =  1  6
1684,07  =  4  6

in  den  24  Arbeitsjahren  von
in  den  25  „  „
in  den  12  „  „
in  den  6  ,.  „
in  den  3  „  ,.
zus.  in  70  _

15—39  179,61  =  6
39—64  361,32  =  1
64—76  582,27  =  1  7
76—82  576,69  =  1  7
82—85  319,67  =  iQ

2019,56  =  5  6
        <pb n="384" />
        368  SOCIALSTATISTIK  —  Krankheiten  wegen  Lüftungsmangel.
ln  der  schweren  Arbeit  ergibt  sicli  sonach  ein  ganzes  Jahr  mehr
Krankheit.  Der  Arbeiter  hat  an  seinem  39.  Geburtstage  ein  halbes
Jahr  in  Krankheit  zugebracht,  der  Manu  mit  leicherer  Beschäftigung
hat  die  gleiche  Zeit  Krankheitstage  erst  mit  seinem  44.  ,labre  erduldet.
Ist  aber  die  Zahl  der  Krankheitstage  entschieden  geringer  bei
dem  Einen  als  bei  dem  Andern,  so  vertheilt  sich  das  eine  jede!  Classe
treffende  Quantum  in  merkwürdiger  Regelmässigkeit  in  der  Art,  dass
von  diesem  Quantum  in  jeder  Classe  auf  die  zweiten  25  Jahre  beinahe ­
  vollständig  noch  einmal  so  viel  Krankheitstage  kommen,  als  auf
die  ersten  25.  Es  ergaben  sich  nähralich
Alter  bei  leichter  Arbeit  bei  schwerer  Arbeit
in  den  2.5  Jahren  von  15%—40%  154%  Tage  180^,0  Tage
r  «  .  «  n  40%-6^%  ^  ^
(Die  Hälfte  der  letzten  Zahl  ist  156Yio  r  105*/,g  „  )
ln  beiden  Fällen  sonach  starke  Verdopplung  der  Erkrankungszeit ­
  in  den  letzten  25  Jahren.  Später  steigt  das  Veihältniss,  wie  gezeigt, ­
  noch  weit  mehr.
Krankheiten  veranlasst  durch  imgenügende  Lufterneuerung,  Es
liegt  ausser  unserm  Plane,  auf  die  einzelnen  Krankheiten  cinzugehen.
Doch  möge  hier  wenigstens  in  Kürze  einer  erst  in  der  jüngsten  Zeit
beachteteten  und  noch  nicht  allgemeiner  bekannten  Wahrnehmung  gedacht ­
  werden.  Sie  betrifft  die,  im  Allgemeinen  bereits  oben  angedeutete, ­
  ungenügende  Lufternouerung,  zumal  in  Kasernen,  Spitälern
und  Strafanstalten,  mehr  oder  minder  aber  in  den  Wohnungen  aller
ärmeren  Classen  der  Bevölkerung.
Die  Frage  erscheint  um  so  wichtiger,  wenn  wir  erwägen,  welche
gewaltige  Menschenmasse  alljährlich  durch  Lungensucht  und  andere
unmittelbare  oder  mittelbare  Krankheiten  der  Athmungsorgane  hinweggerafft ­
  wird,  und  wenn  wir  insbesondere  die  in  England  ermittelte
Thatsache  beachten,  dass,  während  die  Lungensucht  in  jenem  Lande
unter  der  männlichen  Bevölkerung  zwischen  dem  20.  und  30.  Altersjahre ­
  doch  wenigstens  nur  5  von  1000  tödtet,  sie  aus  den  mit  Sorgfalt
ausgewählten  Soldaten  des  Elitecorps  der  Gardeinfanterie  nicht  weniger  als
11,5  hinwegmäht.  (S.  Compte  rendu  du,  Congrls  général  d'hygihne
publique  de  Bruxelles  [Session  de  1852],  qyar  Boudin,  Paris  1853.)
Der  schwedische  Oberarzt  Dr.  Liljewalch  war  unseres  Wissens
der  Erste,  welclier  die  enorme  Sterblichkeit  in  den  europäischen  Heeren ­
  während  des  Friedens  (vorzugsweise)  dem  Mangel  eines  genügenden ­
  (Quantums  frischer  Luft  in  den  Kasernen  beimass.  Er  berechnete,
ein  einzelner  Soldat  bedürfe  48  Ciibikmeter,  was  in  keiner  Kaserne
auch  nur  annähernd  gewährt  wird.  Das  schwedische  Kascrnenreglement
  z.  B.  sei  auf  8  Kubikmeter  per  Kopf  berechnet,  also  nicht  mehr
als  blos  Yg  des  Nothwendigen.  So  entstünden  Vergiftungen  der  Soldaten ­
  durch  das  Einathmen  kohlensaurer  Gase.
Längst  schon  hatte  man  die  Nachtheile  allzugrosser  Menschenanhäufung ­
  im  Allgemeinen  wahrgenommen.  Man  suchte  dem  Eebel
dadurch  zu  begegnen,  dass  man  ein  Minimum  von  Raum  für  jede
Schlafstelle  annahm,  wie  auch  Liljewalch  that.  Die  Nachforschungen
        <pb n="385" />
        24

SOCIALSTATISTIK  —  Verbrechen  in  Nothjahren.  369

Cubikmeter
12
14
18
20
21

ergaben  als  factiscli  bestehend  n.  a.  fuigcnde  Verhältnisse,  zunächst
für  Paris.  Es  hatte:
Der  InlAnterist  in  den  Casernen  ......
„  Cavallerist  .........
„  Soldat  im  Spitale  für  Venerische  ....
„  „  „  „  „  Fieberkranke  u.  Verwundete
„  Gefangene  im  Zellengefängnisse  Mazas  ....
„  „  in  den  Anstalten  nach  der  Duchatel’schen  Vorschrift  27
„  „  im  Pentonvillegefängnisse  (England)  ...  30
„  „  in  den  Gefängnissen  zu  Philadelphia  ...  30
„  Kranke  in  den  Pariser  Hospitälern,  Mittelzahl  ...  35
„  „  im  Nordspitale  ........  50
Allein  mit  Recht  erinnerte  Boudin:  Diese  Bestimmungsweise  sei
nicht  besser,  als  wenn  man  die  Lebensmittel  nach  deren  Volumen
bemessen  wollte,  ohne  Rücksicht  auf  den  Nahrungsgehalt.  Nicht  sowohl ­
  diese  oder  jene  Kubikmeterzahl  Luft,  welche  auf  jedes  Lager
trifl't,  als  vielmehr  die  Erneuerung  der  Luft  ist  der  entscheidende
Moment,  denn  auch  die  höchste  der  oben  aufgestellten  Zahlen  wäre
weitaus  nicht  genügend,  bei  einer  wirklichen  (hermetischen)  Abschliessung. ­
  Ho  bestimmte  man  denn  die  durch  Ventilation  herbeizuführendo
Zahl  der  Kubikmeter  für  jeden  Menschen  und  jede  Stunde  folgendermaassen:


Cubikmeter
Im  Mazasgefäugnisse  zu  Paris  .....  19
In  der  Ecole  des  arts  et  métiers  .....  15—16
Im  Hôpital  Beaujon,  pavillon  nr.  2  ...  .  40—60
„  „  Kecker,  neuer  Pavillon,  bestimmt  60,  wirklich  105
Pentonvillegefängniss,  London  .....  51—76
Zellen  ira  Justizpalais  zu  Paris  .  .  .  .  .  80*)

Einfluss  der  Theuerung  auf  die  Zahl  der  Verbrechen.  Im  Jahre
1834  betrug  die  Zahl  der  Verhaftungen  wegen  Verbrechen  etc.  in
England  22,451.  ln  den  beiden  nächstfolgenden  Jahren  gingen  die
Getreidepreise  herab  und  es  ergab  sich  gleichzeitig  mehr  Arbeite-  und
Verdienstgelegenheit  ;  da  ‘sank  auch  jene  Zahl  ansehnlich.  1837
Steigen  der  Lebensmittelpreise,  Handelscrise,  —  2600  Verhaftungen
mehr.  Von  1837—41  Fortdauer  hoher  Preise,  lauer  Handelsverkehr,
allmähliges  Ansteigen  der  Verhaftungen  auf  die  Zahl  von  31,309.  —
1842  begann  Peel  die  Zollreformen;  von  1842—46  kostete  das  Quarter ­
  Weizen  nur  54  Hhillingo;  viele  Eisenbahnbauten,  befriedigender
Handelsverkehr,  —  Verminderung  der  Verhaftungen  auf  24,000  —
25,000.  —  1847  Gcschäftscrise,  28,838  Verhaftungen  ;  1848  sogar
30,349.  —  Nun  Abschaffung  der  Kornzolle,  einige  Verminderung
der  Lebensmittelpreise,  —  ungeachfet  der  zunehmenden  Bevölkerung
blos  ein  Gleichbleiben  der  Verbrechenszahl.

1853:  27,057  Verhaftungen,  —  der  Quarter  Weizen  kostet  53  Shill.
1854:  29,359  „  „  ^  r  &amp;lt;  Pence.

*)  Wir  können  die  in  der  gesammten  letzten  Abtheilung  angeregten  Fragen
nicht  verlassen,  ohne  zum  Voraus  speciell  aufmerksam  zu  machen  auf  das  in
der  nächsten  Zeit  zu  erwartende  Werk:  Géographie  et  Statistique  Medicale,  die
Resultate  der  Forschungen  des  trefflichen  Beobachters  Dr.  Boudin  enthaltend.
        <pb n="386" />
        -

370

SOCIALSTATISTIK  -  Einwirkung  der  Willensfreiheit.

Einfluss  der  Schdhildung  auf  die  Zahl  der  Verhrechen.  Man  hat
wiederholt  gefunden,  dass  eine  unverliältnissmässig  grosse  Anzahl  unter ­
  den  Sträflingen  der  ersten  Elementarbildung,  der  Kenntniss  des
Lesens  und  Schreibens  ermangelte.  Die  Tliatsache  ist  unbestreitbar,
nicht  so  die  gewöhnlich  daraus  abgeleitete  Folgerung,  dass  schon  der
erste  Unterricht  die  Menschen  bessere  ;  finden  wir  doch  gerade  von
Feinstgebildeten  vielfach  die  schmählichsten  und  empörendsten  Dinge
verübt.  Jene  Menschen  sind  in  der  Regel  nicht  schlimmer,  weil  sie
nicht  lesen  und  schreiben  können,  sondern  der  Mangel  jener  Kenntniss ­
  erschwert  ihnen  das  Fortkommen,  und  die  dadurch  über  sie  gebrachte ­
  Noth  wird  häufig  die  Ursache  von  Vergehen  und  Verbrechen.
Einfluss  der  Willensfreiheit  auf  sociale  Handlungen.  Dass  Noth
und  Elend  eine  Verminderung  der  Zahl  der  Geburten,  dagegen  eine
Vermehrung  der  Sterbfälle  hervorbringen,  ja  dass  sie  auch  beitragen,
die  Menge  der  Vergehen  und  Verbrechen  zu  vergrösserii,  wird  wohl
allerseits  unbedingt  zugegeben  werden.  Wie  aber  steht  es  mit  jenen
Handlungen,  welche  mehr  absolut  Ausflüsse  der  menschlichen  Willensfreiheit ­
  sind?  Stehen  auch  sie  unter  bestimmten  Gesetzen,
lassen  auch  sie  eine  Berechnung  zuV  Quetelet  liai  vor  Jahren  diese
Fragen  specicll  erörtert  (in  der  Abhandlung;  „/^e  l'influence  du  libre
arbitre  de  Íhomme  sur  les  faits  socinux.^’^)  „Die  Willensfreiheit,^  schreibt
er,  „dieses  wunderliche,  aller  Regeln  spottende  Element,  scheint,  indem ­
  es  seine  Wirksamkeit  mit  derjenigen  der  sonst  das  Gesellschaftssystem ­
  beherrschenden  Ursachen  vermengt,  alle  unsere  Vorhersagungen
ein-  für  allemal  verwirren  zu  wollen.“  Und  doch  weist  die  Statistik
andere  Thatsachen  nach.  „Es  gibt  gewiss  keinen  Act  im  Bereiche
des  menschlichen  Handelns,  bei  welchem  der  freie  Wille  in  directerer
Weise  eingreift,  als  beim  Heirathsaete.“  Nun  beweisen  die.Civilstandsregistcr
  in  Beziehung  auf  die  Zahl  der  Trauungen  alljährlich
eine  Stätigkeit  und  Gleichmässigkeit,  welche  grösser  ist  als  bezüglich ­
  der  Zahl  der  Todesfälle;  bei  den  Sterbfällen  sind  die  Schwankungen ­
  zahlreicher,  als  bei  den  lleirathen  ;  (dass  Missjahre  ebenso
ein  wirken  auf  Vermehrung  der  Sterbfälle,  wie  auf  Verminderung  der
Heirathen,  haben  wir  bereits  öfter  bemerkt.)  Indessen  ist  es  nicht
blos  die  erwähnte,  ganz  allgemeine  Erscheinung,  welche  unsere  Aufmerksamkeit ­
  in  Anspruch  nimmt;  die  Einzelnmomente  sind  noch  ungleich
merkwürdiger.  Untersuchen  wir  die  Ergebnisse  der  Civilstandsregister
eines  grösseren  Staates,  wie  Frankreich,  oder  nur  eines  kleineren,  wie
Belgien,  so  finden  wir  im  Wesentlichen  immer  dieselben  Verhältnisszahlen
  für  die  lleirathen  zwischen  Junggesellen  und  Mädchen,  dann
zwischen  Junggesellen  und  Wittwen,  sowie  zwischen  Wittwern  und
Wittwen.  „Was  noch  mehr  in  Erstaunen  setzt,“  bemerkt  Quetelet,  „ist,
dass  diese  constante  Wiederkehr  derselben  Thatsachen  sich  bis  in  die  einzelnen ­
  Provinzen  beobachten  lässt,  obwohl  hier  die  Zahlen  so  klein  werden,
dass  die  mannigfachen  neben  dem  menschlichen  Willen  wirkenden  zufälligen ­
  Ursachen  alle  Regelmässigkeit  zu  zerstören  drohen...  Im
thatsächlichen  Verlauf  der  Dinge  geht  demnach  Alles  so,  als  ob  von  einem
Ende  des  Landes  zum  andern  das  Volk  sich  alljährlich  verständigte,
        <pb n="387" />
        3%.

SOCIAI.STATISTIK  —  Einwirkung  der  Willensfreiheit.  371

dieselbe  Anzahl  lleiratheu  abzuschlie.ssen  und  solche  in  gleichheitlicher
Weise  unter  die  verschiedenen  Provinzen,  unter  Stadt  und  Land,  unter ­
  Junggesellen,  Mädchen,  Witt  wer  und  Wittwen  zu  vertheilen.  Nach
Spuren  eines  menschlichen  Willens  könnte  man  nur  noch  etwa  in
dieser  sich  gleich  bleibenden  Vertheilung  suchen,  und  sicherlich  hat
Niemand  daran  gedacht,  diese  willkürlich  hervorzurufen.  —  Noch
mehr,  es  könnte  scheinen,  als  ob  eigene  gesetzliche  Anordnungen
beständen,  welche  für  die  verschiedenen  Altersclassen  je  nur  eine  bestimmte ­
  Anzahl  von  Ehebündnissen  bewilligten  ;  eine  solche  Regelmässigkeit ­
  herrscht  in  dieser  Beziehung.  .  .  Der  weniger  als  30  Jahre
zählende  junge  Mann,  der  eine  mehr  als  ßOjährige  Frau  geheirathet,
war  doch  sicherlich  nicht  durch  ein  Verhängniss  oder  eine  blinde
Leidenschaft  getrieben;  er  war  im  Falle,  seinen  freien  Willen  im
vollsten  Umfang  anzuwenden  ;  und  dennoch  kam  er  dahin,  diesem
andern  Budget),  das  nach  den  Gebräuchen  und  Bedürfnissen  unsers
Gesellschaftsorganismus  geregelt  ist,  seinen  Tribut  zu  entrichten;  und
diese  budgetmässige  Steuern  werden  mit  grösserer  Regelmässigkeit  abgetragen, ­
  als  jene,  welche  man  an  die  Staatscasse  zu  leisten  hat.  —
Man  glaube  ja  nicht,  dass  die  Heirathen  die  einzige  Abtheilung  gesellschaftlicher ­
  Thatsachen  bilden,  welche  einen  so  regelmässigen  und
stäten  Gang  aufzuweisen  haben.  Mit  den  Verbrechen  verhält  es
sich  ebenso,  und  sie  ziehen  alljährlich  die  Strafen  in  den  gleichen
Verhältnissen  nach  sich.  Dieselbe  Gleichmässigkeit  lässt  sich  bei  den
Selbstmorden  beobachten,  bei  den  Selbstverstümmlungen
um  sich  der  Conscj-iption  zu  entziehen,  bei  den  Summen  welche  in
den  früher  öffentlich  zu  Paris  bestandenen  Spielhäusern  gesetzt
wurden,  ja  sogar  bei  den  der  Post  übergebenen  ungenau  und  unrichtig ­
  adressirten,  darum  unbestellbaren  Briefen.  Mit  einem
Worte:  es  verläuft  Alles  derart,  als  ob  die  verschiedenen  Classen
von  'J’hatsachen  rein  physischen  Ursachen  unterlägen.“  Quetelet
schliesst  so:  „Muss  man  nun,  einer  solchen  Uebereinstimmung  von
Thatsachen  gegenüber,  die  menschliche  Willensfreiheit  unbedingt  läugnen?
  Ich  glaube  nicht;  ich  denke  nur,  dass  diese  Willensfreiheit  in
ihrer  MTrkung  auf  sehr  enge  Grenzen  beschränkt  ist,  und  bei  den
gesellschaftlichen  Erscheinungen  die  Rolle  einer  zufälligen  Ursache ­
  spielt.  Sieht  man  darnach  ganz  ab  von  den  einzelnen  Individuen, ­
  und  betrachtet  man  die  Dinge  nur  im  Grossen  und  Ganzen,
so  ergibt  sich,  dass  die  Wirkungen  der  zufälligen  Ursachen  sich
neutralisiren  und  wechselseitig  in  der  Art  ausgleichen,  dass  nur
noch  die  wahren  Ursachen  vorwalten,  kraft  deren  die  Gesellschaft  besteht ­
  und  sich  erhält.  .  .  Die  Möglichkeit,  eine  Moralstatistik  zu  begründen ­
  und  nutzbare  Folgerungen  daraus  abzuleiten,  ist  vollständig
von  der  Fundamentalthatsache  abhängig,  dass  der  menschliche  freie
Wille  sich  verflüchtigt  und  ohne  merkliche  Wirkung  bleibt,  sobald
die  Beobachtung  sich  über  eine  grössere  Anzahl  von  Individuen
verbreitet.  Nur  dann  lassen  sich  die  constanten  und  die  veränderlichen
Ursachen  erkennen,  die  das  Gesellschaftssystem  beherrschen,  und  man
muss  auf  eine  Modification  dieser  Ursachen  bedacht  sein,  wenn  man
        <pb n="388" />
        372

SOCIALSTATISTIK  —  Uebcrvölkerung.

nützliche  Aenderungeii  bewirken  will.“  Eine  umfassende  Erörterung
über  diese  Entwicklung  des  berülunteu  belgischen  Statistikers  würde
hier  zu  weit  führen.
lieber  cdhustarke  Memchenverme/mmg  und  Ueberv'ölkerung.  Der
geistvolle  englische  Nationalökonom  Mal  thus  nahm  an:  die  Volksvermehrung ­
  steige  in  geometrischer,  die  Vermehrung  der  Lebensmittel ­
  nur  in  arithmetischer  Progression;  darnach  müsse  Uebervölkerung
  und  Elend  entstehen.
])er  Satz,  ganz  besonders  der  erste  Theil  desselben,  scheint  so
einfach  und  natürlich,  dass  alle  bloscn  Theoretiker  davon  getäuscht
wurden,  besonders  als  nach  den  grossen  Kriegen  die  Natur  in  gewaltiger ­
  Weise  eine  Ersetzung  der  entstandenen  Verluste  erstrebte.
Die  Erfahrung  zeigte  aber,  dass  die  grössere  Zahl  von  Lobenden
eben  auch  im  Verhältnisse  zu  ihrem  Bed  arfe,  und  zwar  selbst
auf  dem  nämlichen  Raume,  mehr  producirt.  Vor  40  Jahren  zählte
Deutschland  mindestens  V4  Menschen  weniger  als  jetzt,  und  doch
kommt  nun  auf  Jeden  durchschnittlich  ein  grösseres  Lebensmittelquantum, ­
  als  damals,  und  wiederholte  Missjahre  brachten  uns  nicht  mehr
die  gleiche  Grösse  der  Noth,  wie  1817,  was  freilich  eiiiigermaassen,
—  allein  doch  nur  zu  einem  viel  kleineren  Theile  als  man  glaubt,  —
mit  durch  die  Erleichterung  in  der  Communication  verhindert  wird.
Man  sieht  sich  vielfach  zu  dem  Satze  geführt:  in  einem  grössern
Lande  leben  in  der  Regel  so  viel  Menschen,  als  sich  hier  ernähren ­
  können.  Allein  cs  wäre  damit  noch  nicht  ausgeschlossen,  dass
das  Leben  der  Masse  immer  elender,  ihr  Bedarf  auf  das  jämmerlichste ­
  Minimum  herabgedrückt  würde.  Die  Erfahrung  beweist,
dass  diese  Befürchtung  nicht  gegründet  ist.
Es  leben  nicht  mehr  Menschen  in  einem  Lande,  als  nach  den
Anforderungen  des  Cult  u  r  -  und  Bildungsgrades  des  Volkes  (in
seiner  Totalität  aufgefasst)  daselbst  geeignet  leben  können,  —  allerdings ­
  in  der  Regel  mit  einiger  Neigung,  diese  Grenzlinie  zu  überschreiten. ­

Da  sich  aber  die  Anforderungen  steigern,  welche  nach  der
allgemeinen  Anschauungsweise,  (nach  dem  Volksbewusstse  in,)
bezüglich  des  Umfanges  der  „Lebensbedürfnisse“  gemacht  werden, ­
  —  und  da  bei  weiter  vorangeschrittencr  Bildung  und  mehr  entwickeltem ­
  Bewusstsein  gar  Manches  als  Bedürfniss  erscheint,  was  in
den  frühem  rohem  Jahrhunderten  dafür  nicht  angesehen  ward,  —  so
finden  wir  —  in  Uebereinstimmung  mit  dem  Voranschreiten  der
Menschheit  im  Ganzen  —namentlich  die  Lage  der  ärmsten  Classen  unter
den  mitteleuropäischen  Völkern  bereits  unendlich  verbessert  gegen  vormals, ­
  —  was  Behandlung  im  Allgemeinen,  was  Nahrung,  Kleidung
und  Wohnung,  auch  was  Schule  und  was  manche  kleine  Annehmlichkeiten ­
  des  Lebens  betrifft.  Damit  soll  jedoch  keineswegs  gesagt
werden,  dass  das  Endziel  erreicht  sei.  Es  bleibt  vielmehr  für  Verbesserung ­
  der  Volkszustäiide  noch  unendlich  viel  nachzuholen,  was
vordem,  und  theilweise  heute  noch,  in  der  unverantwortlichsten  Weise
        <pb n="389" />
        SOCIALSTATISTIK  —  Uebervölkerung.

373

versäumt  ward  und  wird.  Nur  der  Befürchtung,  dass  es  schlimmer ­
  werde,  wollten  wir  entgegen  treten.
Allein  lässt  sich  eine  dauernde  Verbesserung  denken  bei  einer  Vermehrung ­
  der  Menschen  in  mathematischer  Progression?  so  hören
wir  fragen.  Indessen  beweist  die  Erfahrung,  dass  eine  soIche  Vermehrung ­
  geradezu  eine  Illusion  ist.  Sie  existirt  gar  nicht  in  Wiiklichkeit.  Die
allerdings  colossale  Volksvermehrung  nach  den  Kriegen  hat  sich  nicht
nur  nicht  in  gleicher  Weise  fortgesteigert,  sondern  sie  hat  vielmehi
(vergleichsweise)  abgeuonunen.  Es  betrug  die  Vermeinung  nach  Pioconten
  unter  der  Bevölkerung  in

(Jahre)  Frankreich  England
1821—30  6,89  15,89
31—40  5,07  14,27
41-50  4,49  13,00

(Jahre)  Freussen
1831—39  14,49
1840—46  7,93
1847—52  5,10
1852—55  1,57

Diese  Ziffern  beweisen  gewiss  keine  geometrische  Progression,
und  wenn  überhaupt  eine  Progression  sich  ergab,  so  ist  der  Grund
unzweifelhaft  in  dem  Emporblühen  der  Industrie,  er  ist  in  der  ganzen
reichen  Entfaltung  des  Lebens  zu  suchen,  wonach  sich  die  Masse,
namentlich  des  britischen  Volkes,  ungeachtet  seiner  so  sehr  vermehrten ­
  Anzahl,  heute  ungemein  besser  befindet,  als  vor  anderthalb
Jahrhunderten.
Alle  Berechnungen  über  die  Zeit  der  Verdoppelung  der  Einwohnerzahl ­
  in  den  verschiedenen  Ländern  Deutschlands  ,  erwiesen  sich
nach  den  Resultaten  der  beiden  letzten  Bevölkerungsaufnahmen,  zumal
in  sämmtlichen  Theilen  des  Zollvereins,  als  rein  unbrauchbar.  —  Bei  jeder ­
  Aufnahme,  in  der  kurzen  Spanne  Zeit  von  je  3  Jahren,  gestaltete ­
  sich  das  Verhältniss  anders.  Und  insbesondere  sind  da,  wo  sonst
die  allerstärkstc  Zunahme  stattfand,  (z.  B.  in  der  bayer.  Pfalz,  in  Hessen-Darmstadt, ­
  Baden,  Württemberg,  Preussen  etc.)  nicht  nur  im  Allgemeinen ­
  enorme  Verminderungen  eingetreten,  sondern  es  hat  sich
sogar,  statt  jede  r  Zunahme,  vielfach  eine  positive,  mitunter  ungeheuere
Abnahme  der  Volkszahl  ergeben  —  in  der  kleinen  bayer.  Rheinpfalz
allein  eine  Verminderung  von  24,142  Menschen  in  nur  3  Jahren,  —
also  von  beinahe  4  Proc.  (3,94%).  Das  sprechendste  Beispiel  gegen
die  Lehre  von  der  mathematischen  Progression  der  Volksvermehrung
(mit  ihren  vermeintlich  verderblichen  Wirkungen)  bietet  aber  Frankreich ­
  dar.  In  keinem  Lande  unsers  Continentes  sind  Ansässigmachung,
  Verehelichung,  Freizügigkeit,  Gewerbsbetrieb  und  Gütertheilbarkoit
  mehr  erleichtert,  als  hier.  In  natürlicher  Folge  davon,
überdies  in  Betracht  der  climatischen  Verhältnisse  und  des  schon
südländischen  Volkscharakters,  —  müsste  jeder  blose  Theoretiker
annchmen,  dass  gerade  hier  eine  Uebervölkerung  unvermeidlich  eintreten
  werde.  Statt  deren  scheu  wir,  dass  die  Volksvermehrung  in
gar  keinem  andern  der  Grossstaten  so  langsam  voranschreitet,  als
eben  hier  in  Frankreich.  Gehen  wir  in  eine  nähere  Untersuchung
ein,  so  gelangen  wir  mitunter  zu  den  überraschendsten  Thatsachen,
z.  Íb.  zu  dem  Factum,  dass  —  ungeachtet  eines  Steigens  der  Bevöl-
        <pb n="390" />
        374

SOCIALSTATISTIK  —  Jetzige  Bevölkerungszunahme.
kerung  von  24%  Mill,  vor  der  Revolution,  auf  85%  Millionen  jetzt  —
dennoch  die  Zahl  der  Geburten  kaum  mehr  die  gleiche  Höhe  erreicht
wie  damals.  Bei  solchen  Wahrnehmungen  verschwindet  die  Befürchtung ­
  vor  der  Menschenzunahme  in  geometrischer  Progression.  Indem
wir  bezüglich  des  letzten  Pactums  auf  den  Abschnitt  „Frankreich
S.  37  in  unserm  Buche  verweisen,  wollen  wir  nur  noch  erinnern,
dass  auch  die  Sterblichkeit  in  ähnlicher  Weise  sich  vermindert
hat.  Wären  die  Befürchtungen  wegen  IJehervölkerung  u.  s.  w.  begründet, ­
  so  müssten  wir  nothwendig  die  entgegengesetzte  Erscheinung
erblicken,  die  steigende  Noth  hätte  die  Sterblichkeit  vermehrt.
Aehnllch,  wie  hier,  und  wie  auch  z.  13.  nach  verheerenden  Seuchen ­
  (siehe  ii.  a.  S.  38  unseres  Buches)  die  Natur  selbst  das  richtige ­
  Verhältniss  herzustellen  sucht,  wirkt  in  andern  Fällen  noch  mehr
unmittelbar  der,  der  Natur  entquellende,  vernünftige  Menschengeist ­
  aller  Einzelnen,  (indem  sic  zunächst  nur  für  ihre  persönlichen
Verhältnisse  sorgen,)  besser,  als  eine  buroaucratischc  und  polizeiliche
Weisheit  es  von  oben  herab  vermöchte,  für  das  Beste  der  Gesammtheit
  und  des  Ganzen.  Da,  wo  volle  Geweibefreiheit,  aber  auch  die
volle  Freiheit  in  den  andern  Beziehungen  des  bürgerlichen  Lebens
besteht  (namentlich  Gütertheilbarkeit  etc.),  —  da  finden  wir  die
einzelnen  Handwerke  weniger  übersetzt,  als  wo  ein  unnatürlicher
Zunftzwang  waltet  (s.  unsere  Bemerkungen  bezüglich  Frankreichs,
Preussens,  Bayerns,  Kurhessens,  Mecklenburgs  etc.,  S.  56,  125,  156,
183  und  187.)  Es  liegt  eine  unendliche,  unerschöpfliche  Heilkraft
in  der  Natur,  und  diese  Heilkraft  manifestirt  sich  eigentlich  auch  in
dem  Verhalten  des  vernünftigen  Menschengeistes  aller  Einzelnen  (im
Ganzen)  hinsichtlich  dessen,  was  ihrer  Wohlfahrt  am  zuträglichsten
ist.  Ermangelte  die  Menschheit  dieses  stets  neu  sich  entwickelnden
Heilmittels,  so  wäre  sie  wahrlich  schon  unendlich  oft  vollständig  zu
Grunde  gerichtet  worden  durch  all’  die  Experimente,  welche  bald  die
Laune  des  wahnsinnigsten  Despotismus,  bald  die  Sucht  gouvernementaler
  Omnipotenz,  mit  ihrer  Weisheit  Alles  besser  zu  machen,  in
der  unverständigsten  Art  an  ihr  versuchte.  Glücklich,  dass  die  Quelle
dieser  Heilkraft  sich  als  eine  nie  versiegende  erprobt  hat.
Die  jetziye  Bevölkerungszunahme  in  Mitteleuropa.  Dieselbe  erwies
sich  während  der  letzten  .Jahre,  und  namentlich  in  den  meisten  Ländern ­
  Deutschlands,  als  äusserst  gering;  wie  schon  erwähnt,  ergaben
sich  vielfach  sogar  Rückschläge.  Ist  diese  Erscheinung  blos  das
Ergebniss  der  zahlreichen  Auswanderungen?  Wir  glauben,  diese
Frage  verneinen  zu  sollen.  Der  Menschenverlust,  den  Deutschland
namentlich  im  Jahre  1854  durch  Auswanderung  erlitt,  ist  allerdings
colossal,  und  deutet  auf  das  Bestehen  sehr  fehlerhafter,  sehr  unnatürlicher ­
  Zustände.  Allein  dieser  eine  Moment  erklärt  nicht  Alles.
Die  Menschenvermehrung  war  früher  (z.  B.  in  Rheinpreussen,  in  der
Rheinpfalz,  in  Baden,  Darmstadt  u.  s.  f.)  dermaassen  gross,  dass,
wenn  damals  die  Auswanderungen  in  gleicher  Ausdehnung  wie  während ­
  der  neueren  Zeit  erfolgt  wären,  dennoch  ein  sehr  ansehnliches
Steigen  der  Volkszahl  geblieben  sein  würde.  Wenn  sich  nun,  statt
        <pb n="391" />
        SOCIALSTATISTIK  —  Umgestaltung  der  BevölkerungsYerhältnisse.  375

desse»,  sogar  eine  positive  Verminderung  ergeben  hat,  so  müssen
tiefere  innere  Veränderungen  vorgegangen  sein.
In  Wirklichkeit  scheinen  auch  verschiedene  andere  Momente
diese  Vennuthung  zu  bestätigen.  Es  däucht  uns,  als  ob  die  mitteleuropäische ­
  Menschheit  in  ihrem  Entwicklungsgänge,  auch  was  die
Populationsverhältnisse  betrifft,  gleichsam  an  einem  Wendepunkt
angelangt  sei.  Und  obwohl  wir  keineswegs  der  Ansicht  sind,  als  ob,
statt  der  bisherigen  Vermehrung,  nunmehr  eine  Verminderung  der
Menschonzahl  sich  ergeben  müsse,  so  glauben  wir  doch,  dass  die  bedingenden
  Verhältnisse  über  Geburten  und  Lebensdauer,  eben  in
Folge  des  Ciilturentwicklungsganges,  eine  nicht  unwichtige  Modihcation
erfahren  haben.  Wir  weisen  hier  wiederholt  auf  die  auffallende  Erscheinung ­
  hin,  welche  in  Frankreich  constatirt  ist,  dass  die  Zahl  der
Geburten  dermalen,  bei  einer  Volksmenge  von  35^4  Millionen,
nicht  grösser  ist  als  sie  vor  70  Jahren  war,  obgleich  der  btaat  damais
  nur  etwa  24Y2  Mill,  umfasste.  Wir  geben  die  Daten  no^
umfassender,  als  es  bereits  geschah,  um  zu  zeigen,  dass  es  sich  nicht
um  eine  Einzelnerscheinung  in  einem  besondern  Jahre  handelt,  n  ir
weisen  zugleich  nach,  wie  sich,  übereinstimmend  mit  jenem  Verhältnisse, ­
  auch  die  Summe  der  St  erb  fälle  verhältnissmässig  änderte.
In  Frankreich  kamen  vor:

Geburten

Sterbfälle

1781
1782
1783
1784

970,406
975,703
947,941
965,648

1850
1851
1852
1853

954,240
979,907
965,080
927,917

1781
1782
1783
1784

881,138
948,502
952,205
887,155

1850  761,610
1851  817,449
1852  810,695
1853  787,581

ZUB

3’859,698  3’827,134  3’669,000  3’177,135
Wir  müssen  zwar  bemerken,  dass  sich  ans  der  officiellen  Quelle,
welcher  wir  die  früheren  Ziffern  entnehmen  (der  1637  vom  franz.
Minister  der  öffentlichen  Arbeiten  herausgegebenen  Statistique  de  la
France,  von  welcher  das  unter  dem  nämlichen  Titel  im  Jahre  1855
veröffentlichte  Werk  eigentlich  nur  eine  Fortsetzung  bildet),  nicht  ersehen
  lässt,  ob  nicht  die  Zahl  der  Todgeborenen  im  vorigen  Jahrhunderte
  mit  eingerechnet  ward.  Wir  halten  dies  für  wahrscheinlich.
(Da  die  Zahl  der  Todgeborenen  1841—45  durchschnittlich  33,048,
1846—50  durchschn.  35,219  betrug,  so  hat  man  einen  ungefähren
Maassstab  für  dieses  Verhältniss.)  Bringen  wir  aber  auch  diesen
Umstand  mit  in  Anschlag,  so  bleibt  die  Erscheinung  dennoch  ausserordentlich ­
  genug,  um  eine  tief  greifende  Aenderung  in  den  socialen
Zuständen  zu  beurkunden.
1st  nun  damit  zunächst  eine  Umgestaltung  bewiesen,  welche  sich
seit  dem  vorigen  Jahrhunderte  ergeben  hat  —  die  Gegensätze  zwischen
dem  18.  und  19.  Jahrhunderte  in  dieser  Beziehung  andcutend,  so
bemerken  wir  überdies  auch  Erscheinungen,  welche  auf  Aenderungen
in  den  verschiedenen  Perioden  des  19.  Jahrhunderts  selbst  hinweisen.
Am  bedeutungsvollsten  bleibt  die  mehrerwähnte  BevölkerungsVerminderung, ­
  wo  noch  vor  einem  oder  zwei  Jahrzehnten  eine  ansehnliche ­
  Vermehrung  stattfand.  Andere,  wenngleich,  für  sich  allein  be-
        <pb n="392" />
        376  SOCIAL&amp;amp;TATISTIK  —  Umgestaltung  der  BevÖlkerungsverhältnisso.
trachtet,  minder  gewichtig  scheinende  Walnnehrnungen,  reihen  sich
bedeutungsvoll  an.  Wir  gedenken  zunächst  einer  Heinerkung,  die
Marc  d’Espine  schon  1847  niederschrieb  (sielie  Notice  statistique
sur  les  lois  de  Mortalité  et  de  Survivance),  welche  früher  gar  nicht  beachtet ­
  worden  zu  sein  scheint,  welche  aber  durch  die  erwähnten
neuern  Ergebnisse  der  Bevölkerungsaufnahinen  eine  erhöhte  Bedeutung
erhielt.  Marc  d’Espine  äussert:
„Es  erhellt  aus  den  Thatsachen,  dass  das  mittlere  Alter
zu  Genf  seit  1560  bis  zum  Beginne  des  19.  Jahrhunderts,  sich
fortwährend  erhöht,  und  in  dieser  Zeit  von  260  Jahren  sich  mehr
als  verdoppelt  hat;  dass  es  aber  in  den  letzten  30  Jahren,  wo  dasselbe ­
  (das  mittlere  Alter)  40  Jahre  um  ein  Weniges  überstieg,
seinen  Gipfelpunkt  erreicht  zu  haben  scheint  und  weiterer
Erhöhung  nicht  fähig  ist.  Mailet  hat  das  mittlere  Alter  für  die  beiden ­
  Jahrzehnte  von  1814—33  (zu  Genf)  zu  ermitteln  gesucht;  er
fand,  dass  dasselbe  in  der  zweiten  Hälfte  dieser  Periode  etwas  golingei
  war  als  in  der  ersten.  —  Die  wahrscheinliche  Lebensdauer
ist  nach  meiner  Tabelle  (Ergebnisse  von  1838—45  im  ganzen  (Jautone
  Genf)  43,62  Jahre;  nach  Iloyer  (Ergebnisse  in  der  Btadt  und
dem  Weichbilde  von  1814—30)  47,21  Jahre;  nach  Mailet  (Ergebnisse
in  der  Stadt  allein  von  1814—33)  45,08;  von  1804—1814  40,68,
von  1761—1800  32,37,  von  1701  —  1760  27,18,  von  1601  —  1700
11,61,  und  von  1561—1600  4,88  Jahre.  So  hat  sich  die  wahrscheinliche ­
  Lebensdauer  seit  dem  16.  Jahrhunderte  vergrössert,...
  scheint  aber  (ebenso  wie  das  mittlere  Alter)  gegen  die  dreissiger
Jahre  (dans  la  seconde  qidnzaine  d'annéesj  ihren  Gipfelpunkt  erreicht  zu
haben,  und  seitdem  eher  zu  einem  Herabgehon  sich  zu  neigen;
denn  ich  fand  dieselbe  um  zwei  Jahre  geringer  als  Mailet,  und  um
4  Jahre  niedriger  als  Hey  er  ;  auch  glaube  ich  nicht,  dass,  wenn  ich
mich  blos  mit  der  Stadt  (also  nicht  dem  ganzen  Uantone)  befasst
hätte,  ich  eine  höhere  Ziffer  gefunden  haben  würde,  da  die  Mallet's
schon  geringer  ist  als  jene  von  Heyer  (welcher  die  Vorstädte  dazu
zog.)  Ein  anderes  Zeichen  der  Neigung  zum  Herabgehen  ist,  dass
Mailet  die  wahrscheinliche  wie  die  mittlere  Lebensdauer  zwischen
1824  und  33  etwas  geringer  fand,  als  zwischen  1814  und  33.«
Nur  gegen  einen  Punkt  in  dieser  Erörterung  müssen  wir  uns
erklären.  Die  Behauptung  Marc  d’Espine’s,  „dass  die  mittlere  Lebensdauer ­
  einer  weiteren  Erhöhung  nicht  fähig  zu  sein  scheine,“  geht  zu
weit.  1'ür  jetzt  scheint  allerdings  der  Gipfelpunkt  erreicht,  oder
wohl  gar  überstiegen.  Dagegen  beweist  nichts  die  Möglichkeit  eines
späteren  höheren  Aufschwungs.  Die  mittlere  Lebensdauer  ist  noch  so
vielfach  durch  grellstes  materielles  Elend  herabgedrückt,  —  diese  allgemeine ­
  mittlere  Lebensdauer  steht,  besonders  in  einzelnen  Classen
und  Ständen,  derjenigen  in  vielen  andern  Ständen  noch  so  sehr  nach,
dass  sich  der  obige  Ausspruch  von  einer  wahrscheinlichen  absoluten  Unfähigkeit ­
  weiteren  Voranschreitens  zum  Bessern,  nicht  begreifen
lässt.  Was  heute  erzielt  ist,  ward  vor  Jahrhunderten  auch  für
unmöglich  gehalten.
        <pb n="393" />
        ÄOCIALSTATISTIK  —  Umgestaltung  tier  Bevölkerungsverhältnisse.  377
Die  Auswanderungen,  welche  in  Genf  noch  gar  nicht  einwirkten, ­
  welche  aber  eine  so  grosse  Bedeutung  für  viele  Theile
Deutschlands  und  der  Schweiz  erlangt  haben,  bilden  ein  weiteres,
äusserst  wichtiges  Moment,  —•  wenn  auch  ein  Moment  ganz  anderer
Art,  —  welches  auf  eine  gewaltige  Aenderung  in  den  Social-,  Cultur-
  und  rein  menschlichen  Verhältnissen  deutet.  Man  lasse  sich  nicht
täuschen  durch  die  momentane  Unterbrechung  des  gewaltigen  Exodus.
Die  schlimmen  Nachrichten  aus  Amerika  brachten  ein  Aufschieben,
nicht  eine  Beendigung  des  Zuges  hervor.  Voraussichtlich  wird  derselbe ­
  von  Neuem  beginnen,  sobald  die  in  der  neuen  Welt  eingetretene
zeitliche  Crise  überstanden  sein,  sobald  dort  ein  neuer  Aufschwung
seinen  Anfang  erlangt  haben  wird.
        <pb n="394" />
        Machträ^e.

Die  Zustände,  deren  Darstellung  Aufgabe  der  Statistik  ist,
gelangen  niemals  zu  einem  Stillstände.  In  J^’olge  dessen  werden
unausgesetzt  neue  Materialien  bekannt.  Da  nun  aber  der  Druck  eines
Buches  wie  das  vorliegende  ist,  einen  nicht  unbedeutenden  Zeitraum
in  Anspruch  nimmt,  so  ergibt  es  sich  von  selbst,  dass  wir  am  Schlüsse
eine  Anzahl  Nachträge  zu  liefern  haben.

Zu  G  roSSb  ritauien.

S.  3.  Geburten  und  Sterhfälle.  In  Grossbritanien,  ungerechnet
Irland,  zählte  man  1855  635,123  Geburten  und  426,242  Sterbfälle.
Städte:  Dublin  350,000  Einw.
S.  3.  Auswanderungen:  Von  1815  bis  einschliesslich  1855  wanderten
  4’293,766  Personen  aus  dem  Vereinigten  Königreiche:

1816
1831—45
1847—54

30  durchschnittlich  24,582  im  Jahre
Von  der  Gesammtsumme  gingen:
2’591,745  nach  den  Vereinigten  Staaten,
1’132,965  „  Britisch-Nordamerika,
507,783  „  Australien,
61,273  „  anderen  Ländern.

(1842  das  maximum  mit  128,344)
(1852  „  „  „  368,764)

In  den  21  Jahren  1835—55  gingen  von  Irland  allein
2'323,312  Auswanderer  nach  den  Vereinigten  Staaten,
729,982  „  „  Canada.
Nach  Australien  gingen:

1854  88,237  Iren
1855  52,309,  „
Die  Irische  Auswanderung  betrug
1852  368,764
53  329,937
54  150,209
55  78,854
Von  der  Gesammtsumme  der  britischen  Auswanderer  kehrten
13  Procont,  meist  im  Wohlstände,  in  ihre  Ilcimath  zurück;  18,402
aus  Amerika,  4419  aus  Australien.
        <pb n="395" />
        NACHTBÆGE.

379

s,  Ifi  Armee.  Nach  einem  Armeebefehle  vom  Sept.  1856  soll
das  Heer,  ungerechnet  das  Indische  (und  die  Artillerie)  bis  auf  folgende ­
  Stärke  reducivt  werden:
7  Gardebataillone,  jedes  zu  800,  mit  Reserve,  Unterofficieren  etc.
913  M.  (ohne  Officiere)  .  .  •  -  ;  6,391
82  Linienregimenter,  1000,  resp.  1127;  das  12.  Regiment  bleibt  in
seiner  dermaligen  Stärke  von  1200  .  .  •  •  •  0  ,6  4
Infanterie  99,005
Anstatt  aus  16,  werden  die  Regimenter  künftig  nur  aus  12
Compagnien  bestehen.

S.
1835
45
52
63
54
65

21.  Gonsumtion  der  ividdigsten  Colonialproduete.

Thee
36’574,004  engl.  Pfund
44’193,433
54713,034
68'834,087
61’953,041
63’429,286

Kaffee
23’295,046  Pfund
34’293,190
34'978,432
36'983,122
37’350,924
35764,564

Zucker
4’022,850  engl.  Ctr.
4'866,680
7772,858
7’487,589
8'332,407
7’543,157

S.  22.  Irländische  Verhältnisse.  Nach  dem  Irischen  Census  vom
1,  Jan.  1856  hat  (wie  wenigstens  Zeitungsnachrichten  versichern)  die
Bevölkerung  Irlands  neuerdings,  seit  5  Jahren  fast  wieder  um  Vg
Mill.,  abgenommen,  und  betrug  an  jenem  Tage  nur  noch  6’077,283.
Kaum  dürfte  Grossbritanien  diesen  Bevölkerungsverlust  des  Reiches

ersetzt  haben.

S.  23.  Eisenbahnen.
im  Betriebe  im  Baue
England  6210  miles  3276  miles
Schottland  1083  458
Irland  987  837
8280  4571

Bis  Ende  1855  waren  die  wirklich  aufgewendeten  Kosten
297’583,284  Pfd.  Strl.  In  diesem  Jahre  betrug  die  Zahl  der  für
Verwaltung  und  Betrieb  angestcllten  Personen  97,952.  Befördert
wurden  1855  118’595,135  Reisende,  gegen  9774,845  Pfd.  Strl.
Fahrgebühr  (also  mehr  Reisende  aber  geringere  Einnahme  gegen  das
Vorjahr.)  Die  Betriebsausgaben  stiegen  von  45  auf  48  Proc,  Der
Reinertrag  der  Eisenbahnen  in  Grossbritanien  von  1849—1855  wird
so  berechnet:
1849  1850  1851  1852  1853  1854  1855
1,88%  1,83  2,44  2,40  3,05  3,39  3,12  %
S.  26.  Handelsverkehr.  Es  betrug  die  Gosammtsumme  des  Werthes
1854  1855
der  Einfuhr  152’591,513  143’850,505
der  Ausfuhr  97784,726  95’669,380
Bei  der  Ausfuhr  sind  nur  die  britischen  Erzeugnisse  berechnet. ­
  Der  Export  der  fremden  und  Colonialartikel  belief  sich  1855
auf  einen  Werth  von  20’4()6,437  Pfd.  Strl.  (Eine  andere  Berechnung
entzifl’ert  für  die  Gesammtausfuhr  —  britische  und  fremde  zusammen,
jedoch  immer  ohne  Einrechnung  der  s.  g.  edeln  Metalle  —  116701,045
Pfd.)  Die  Ausfuhr  britischer  Erzeugnisse
        <pb n="396" />
        380

NACJITRÆGE.

nach  Australien  sank
von  11'931,000  Pf.  Sterl.  im  ,1.  1854

nach  den  Vereinigten  Staaten  sank
von  2r410,000  Pf.  Sterl.  im  J.  1854

Dagegen  hat  sich  bereits  ein  entschiedener  Aufschwung  des
britischen  Handels  im  Jahre  1856  kundgegeben.  Während  der  Handelsverkehr ­
  Frankreichs  empfindlich  herabging  (siehe  ,  S.  381),  ergab
sich  in  Grossbritanien  während  der  8  ersten  Monate  eine  Vermehrung
der  Ausfuhr  von  über  7  Mill.  Pfd.  Strl.  gegen  die  correspondirenden
Monate  von  1854,  und  von  14  Mill,  gegen  jene  von  1855;  auch
die  Einfuhr  ist  stärker  als  1855,  und  stellt  jener  von  1854  kaum
mehr  nach,
fe.  32.  Britisch  -  Ostindien.  Nach  den  Verhandlungen  im  Prit.
Überhause  ergaben  die  Keclmungen  Ostindiens

18'%;  einen  Ueberschuss  von  424,257  Pf.  Sterl.
18'V64  ein  Deficit  „  2’044,117

Eisenbahnen  sind  oder  werden  in  Ostindien  im  .Fahre  1856
371  englische  Meilen  eröffnet.

Zu  Frankreich.

ö.  36.  Bevölkerungszunahnc.  Die  hier  mitgctheilten  Daten  sind
officiell,  bedürfen  aber  nichts  destoweniger,  wie  wir  uns  mittlerweile
überzeugten,  einer  Berichtigung,  abgesehen  von  den  Irrthürnern,  welche ­
  bei  den  eigentlichen  Bevölkerungsaufnahmen  stattfanden.  Bei
Angabe  der  Bevölkerung  in  den  Jahren  1801  und  1806  haben  die
oftici  eilen  Statistiker  ganz  unbeachtet  gelassen,  dass  von  manchen  Departementen,
  zufolge  der  beiden  Pariser  Friedensverträge,  nicht  nur
einzelne  Orte,  sondern  selbst  ganze  Kantone  abgetreten  werden  mussten; ­
  ohne  alle  Rücksicht  auf  dieses  Verhältniss  hat  man  die  Eiuwohzahl
  in  der  vollen  Grösse  angenommen,  wie  dieselbe  sich,  mit  Einrechnung ­
  der  verlorenen  Bezirke,  ergeben  hatte.  So  büsste  z.  B.  das
Niederrheinische  Departement,  und  spcciell  das  Arrondissement  Weissenburg,
  durch  den  zweiten  Pariser  Frieden  das  ganze  Gebiet  zwischen
der  Lauter  und  der  Queich  ein,  die  3  Kantone  Landau,  Langenkandel
und  Germersheim.  Bei  der  officielleii  Berechnung  dachte  man  aber
gar  nicht  daran,  dass  das  genannte  Departement  und  insbesondere
der  bezeichnetc  Bezirk,  eine  Aenderung  in  seinem  Bestände  erfahren
habe,  und  so  kam  es  denn,  dass  die  Einwohnerzahl  des  Weissenburger
  Arrondissements  1806  mit  137,244,  1821  aber  nur  noch  mit
88,938  Seelen  erscheint,  während  sich  die  Bevölkerung  auf  dem
gleichen  Gebiete  in  Wirklichkeit  vermehrt  hatte.  Aehnliche  Irrthümer
  können  wir  namentlich  nachweisen  bezüglich  des  Mosel  -  und
des  Meurthe-Departements.
S.  39.  Städte.  Die  officielle  Statistique  de  la  France  gibt  zwar
die  Zahl  der  Städte  mit  mehr  als  50,000  Einw.  nur  zu  10  an,  führt
dann  aber  (an  einer  andern  Stelle)  alle  von  uns  angegebenen  Gemein-
        <pb n="397" />
        NACHTRÆGE.

381

den  mit  der  von  uns  bemerkten  Volkszalil  auf.  Nur  1st  die  Ziffer
von  Marseille  ein  wenig  modiücirt,  zu  198,945.  Ferner  fügen  wir
zur  Ergäuzung  bei:  Brest  mit  61,160;  Reims  45,754  :  La  Guillotière
(Vorstadt  von  Lyon)  43,524.  —  Eine  neue  Bevölkerungsaufnahme
zu  l'aris  im  .labre  1856  soll  eine  Einwolincrzahl  von  l’l74,333  Menschen ­
  ergeben  haben.
S.  43.  Zollertrà'gnisse.  Unsere  Voraussagung:  dass  gerade  nach
Wiederherstellung  des  Friedens,  gerade  nach  Wiederkehr  der  gewöhnlichen ­
  Verhältnisse,  jenes  Steigen  der  indirecten  Einkünfte,  auf
das  man  so  stark  gerechnet,  einen  Rückschlag  erfahren  werde,  —
hat  sich  bereits  in  grosser  Ausdehnung  zu  bestätigen  begonnen.  So
stellten  sich  die  Zollerträgnisse  in  den  8  ersten  Monaten  der  letztverflossenen ­
  drei  .Jahre  folgend  ermaassen:

1854  1855  1856
93'7T3,039  Fr.  139’264,‘210  114’592,525  Fr.
Sonach  Verminderung  im  letzten  .Jahre  von  mehr  als  24^/^  Milk,
und  wenn  sich  auch  gegen  1854  noch  eine  Mehreinnahme  von  etwas
über  20Ya  Mill,  ergibt,  so  rührt  selbst  dieses  Mehr  grösstontheils  nicht
von  einer  Vermehrung  des  Handels,  sondern  zunächst  nur  davon  her,
dass  mau  die  Zollabgaben,  durch  Einführung  eines  zweiten  décime
de  guerre,  um  weitere  10  l’roc.  erhöht  hat.
S.  44.  Bicdget  für  1857.  Dasselbe  schliesst  so  ab:

Einnahmen  (ordentliche  und  ausserordentliche)
(wirklicher  Dienst  .  .  1,174’969,226
Ausgaben  ^  Jietriehs-  u.  Erhehungskosten  523‘935,438

Fres.  ],709’874,512
1,(J98’904,664

Hierunter  sind  begriffen  :

Ausserordentliche  Ausgaben  53‘564,000
„  .  Einnahmen  1‘129,286
Gleichzeitig  wurden  bereits  ausserordentliche  (Supplementarcreditc)
bewilligt.
S.  45.  Budget  der  Stadt  Paris.  Dasselbe  ward  im  Jahre  1855
factisch  bis  zur  Unkenntlichkeit  überschritten.  Vermittelst  An  leben
steigerte  man  die  Einnahme  bis  auf  die  enorme  Summe  v.  139’312,208
Frk.  Die  wirklichen  Ausgaben  beliefen  sich  auf  112’125,022.  Das
Octroi  (Stadtaccise)  bildet  die  weitaus  bedeutendste  Einnahmsquelle;
dasselbe  ertrug  41’8  7  2,812  Frk.
S.  52.  Armee.  Der  active  Bestand  der  Garde  soll  nur  etwa
25,000  Mann  betragen.
S.  54.  Russischer  Feldzug  von  1812.  Unsere  Angabe,  dass
Napoleons  „grosse  Armee“  im  Russ.  Feldzuge  von  1812  nur  zur
kleineren  Hälfte  aus  Franzosen  bestanden  habe,  wird  durch  die  Berechnung ­
  eines  deutschen  Militärschriftstellers  bestätigt.  Darnach
zählte  Napoleons  Heer  :
Infanterie,  Bataillone:  299  französ.,  306  verbündete,  zus.  605
Cavallerie,  Schwadronen:  251  „  275  „  „  526
Pferde:  34,580  „  40,140  „  „  74,720
Die  Zahl  der  Franzosen  vermindert  sich  aber  noch  äusserst  bedeutend, ­
  wenn  man  gebührend  abrechnet  die  ihnen  damals  zugezählten
        <pb n="398" />
        382

NACHTRÆGE.

Deutschen  vom  linken  Rheinufer,  den  Ems-,  Weser  -  und  Elbemündungen, ­
  die  Holländer  und  Belgier,  die  Schweizer  aus  Wallis,  Genf
und  Neuenburg,  und  die  Italiener  aus  Piemont,  Parma,  Toscana  und
Rom  etc.  —  Das  Contingent,  welches  Preussen  für  den  riiss,  Feldzug ­
  stellte,  betrug  23,300,  jenes  Oesterreichs  30,800  Mann.
S.  55.  Krinifeldzug.  Nach  dem  Moniteur  betrüge  der  Verlust
der  franz.  Armee  im  Russ.  Kriege,  von  der  ersten  Truppenausschiffung
an  bis  zum  Friedensschlüsse:  1284  0hiciere  (darunter  14  Generale,
20  Stabsofficiere,  32  Administrations  -  Officiere,  70  Aerzte  und  12
Priester),  4.403  Unterofficiere,  56,805  Soldaten;  Total  62,492  Mann.
(Während  derselben  Periode  von  2  Jahren  starben  in  den  übrigen
Theileii  der  franz.  Armee  21,028  M.)  Die  Verluste  der  Flotte  sind
nicht  einbegriffen;  sie  sollen  sich  im  Ganzen  auf  4849  M.  belaufen.
(Die  Verstümmelten  sind  ebenfalls  nicht  eingerechnet,  die  mit
siechem  Körper  Heimgekehrten,  zum  Theil  Entlassenen,  fehlen  ohnehin.)
b.  58.  laglohn.  Als  mittleren  Taglohn  der  Ouvriers  in  Paris
ergaben  sich  1847  3  Frk.  80  Cent.,  gleich  dem  Preise  von  O'/g
Kilogr.  Brod  in  diesem  Thcuerungsjalire  (siehe:  Compte  rendu  du
congrès  statistique  de  1853,  b.  410.)
S.  60.  Haiidelsverkekr  im  .Jahre  1855.  Die  kürzlich  veröffentlichten ­
  Listen  geben  Einzelnnacliweise.  Vom  allgemeinen  Handel
kommen,  nach  den  otticiellen  Wert  bann  ahm  en,  auf  den  Verkehr  Frankreichs ­
  mit

Grossbritanien
Vereinigte  Staaten
Belgien
Schweiz
Zollverein  .
Spanien

711%  Mill.  Fres.
«
8^  «  .
218  n  .
2^

Sardinien  .
Türkei  •
Brasilien  .
Neapel
Britisch-Ostindien

194%  Mill.  Fres.
188  n  .

Von  55  Ländern,  welche  in  den  Listen  aufgefülirt  worden,  kommen ­
  aut  die  obigen  11  nicht  weniger  als  76  Proc.  des  Gesammthandels.
Die  Ergebnisse  des  Specialhandels  mit  den  wichtigsten  Ländern ­
  stellen  sich  folgendermaassen  :

Einfuhr  Ausfuhr
Grossbritanien  244  Mill.  251  Mill.
Verein.  Staaten  205  204
Belgien  146  131
Sardinien  102  57
Spanien  66  93

Zollverein
Türkei  .
Schweiz  .
Britisch-Ostindien
Brasilien  .

Einfuhr  Ausfuhr
78  Mill.  61  Mill.
55  61
39  65
52  6
18  32

S.  61.  Creditgesellschaften.  Vom  1.  Juli  1854  bis  dahin  1855
entstanden  nicht  weniger  als  457  Command!t-Gesellschaftcn,  mit  einem
nominellen  Capitale  von  einer  Milliarde!  225  haben  ihr  Capital  in
Actien  eingetheilt.  Anonyme  Gesellschaften  waren  Mitte  1856  356
in  Frankreich  thätig.
S.  61.  Bankerotte.  Deren  Zahl  war:

1851  2305  1853  2671
1852  2478  1854  3691
Die  neueren  Ergebnisse  sind  noch  nicht  veröffentlicht,  umfassen
        <pb n="399" />
        NACHTRÆGE.

383

aber  unzweifelhaft  eine  noch  viel  grössere  Zahl.  Ein  starker  Contrast
gegen  die  vielgerühmte  Blüthe  alles  Verkehrs!
S.  03.  Handel  Algeriens.  Der  durchschnittliche  Jahresbetrag  war:

Einfuhr
1831—35  cinschliesslicli  9’2()0,000
1836—43  „  50'806,000
1844—60  ^  88'347,000
1851—66  ^  T8'363,000

Ausfuhr
1’666,000  Fr.
4’865,000
9’800,000
32’725,000

Der  Totalbetrag  war  von  183U—55:
Einfuhr  1,463’00(),000  Fr.
Ausfuhr  379^482,000
Differenz  1,083'518,000
Ein  Opfer  Frankreichs  von  mehr  als  einer  Milliarde  andeutend!

Zu  Russland.

S.  68.  Bevölkerung  Polens.  Dieselbe,  1846  4’867,129  Menschen
betragend,  ist  um  mehr  als  200,000  herabgesunken.  Die  Zahl  der
Katholiken  allein  hat  sich  in  diesen  10  Jahren  um  187,574  vermindert, ­
  indem  dieselbe  1856  nur  noch  3’607,313  betrug.
S.  69.  Städte.  Die  Südseite  Sebastopols  hatte  im  Aug.  1856
zwar  wieder  eine  Civilbevölkerung,  aber  erst  von  1500  Menschen.
Dazu  kamen  3000  Seeleute.
S.  74.  Schdd.  Im  August  1856  ward  die  Ausgabe  von  drei
weiteren  Serien  Papiergeld  (Serien  46—48)  zusammen  im  Betrage  von
9  Mill.  Silber-Rubel,  angeordnet.
S.  79.  Truppenverluste  im  orientalischen  Kriege.  Das  „Pays“
veröffentlichte  eine  Berechnung,  welche  den  Verlust  der  Landarmee
zu  277,000  M.  schätzte.  Ausserdem  soll  die  Mannschaft  der  Flotte
des  schwarzen  Meeres  von  38,400  M.,  nicht  weniger  als  23,000  eingebüsst
  haben.
S.  79.  Armeereduction.  Nach  den  bei  der  Krönung  des  Kaisers
Alexander  II.  gemachten  Verheisungen,  sollen  „im  laufenden  Jahre
(1856)  und  den  drei  nächstfolgenden  Jahren«  keine  Rekrutenaushebungen ­
  stattfinden.  Der  wahre  Grund  dieser  Maassregel  ist,  dass
man  gegenwärtig  zu  viel  Truppen  hat,  —  weit  mehr  als  die  ross.
Finanzen  zu  unterhalten  erlauben.  Man  kann  nähmlich  die  Ausgehobenen ­
  in  Russland  nicht  mehr  beliebig  nach  Hause  schicken.  Mit
der  Aushebung  traten  sie  für  immer  aus  ihrem  Gemeindeverbande
(siehe  S.  85),  und  sie  entbehren  somit  einer  „Heimathsgemeinde
welche,  wenn  nöthig,  für  sie  zu  sorgen  verpflichtet  wäre.

Zu  Oesterreich.

S.  90.  Volkszahl.  Die  Bevölkerungsangaben,  welche  aus  früherer
Zeit  als  18‘'*V51  stammen,  beruhen  nur  auf  Schätzungen,  nicht  auf
wirklichen  Aufnahmen.  Indessen  hebt  selbst  die  Direction  der  administrativen ­
  Statistik  ausdrücklich  hervor,  dass  sich  bei  allen  Stämmen, ­
  mit  Ausnahme  der  Romanen,  in  den  letzten  Jahren  eine  Abnahme, ­
  eine  Verminderung,  ergeben  habe.
        <pb n="400" />
        384

NACHTRÆGE.

S.  92.  Nationalitäten.  Isach  den  Aufstellungen  des  Baron  Czörnig
  auf  dem  statistischen  Congresse  zu  Paris,  hat  man  in  Oesterreich
15  verschiedene  Nationalitäten  anzunehmen,  wobei  die,  allenthalben
vermengt  mit  den  andern  lebenden  Juden,  nicht  besonders  gerechnet
sind.  Diese  15  Nationalitäten  veranlassen  auf  einer  ethnographischen
Karte  120  verschiedene  Grenzen.  Die  Zahl  der  „Sprachinseln“  aber
übersteigt  2000.
Die  „neue  Folge  der  Tafeln  zur  Statistik  der  österreichischen
Monarchie,  zusammengestellt  von  der  Direction  der  administrativen
Statistik“  (also  eine  omdelle  Quelle),  theilt  die  Bevölkerung  nach
Nationalitäten  folgendermaassen,  wobei  das  Heer  nicht  eingerechnet  ist;

t4’469,352  Slaven,
7’949,971  Romanen,*)
7’701,919  Deutsche,
4’823,7ö6  Magyaren,

703,657  Israeliten,
82,969  Zigeuner,
15,996  Armenier.

Auf  das  Heer  kämen  etwa:

333,400  Slaven,
168,800  Deutsche,
102,200  Romanen,
42,800  Magyaren,

800  Zigeuner.
(Juden  werden  hier  gar  nicht  aufgeführt;
nach  einer  anderen  Angabe  etwa
12,000.

Obwohl  diese  Aufstellung  eine  officielle  ist,  scheint  uns  dieselbe
dennoch  höchst  unzuverlässig.  Abgesehen  von  andern  Zweifelsgrüuden,
muss  die  an  einer  andern  Stelle  der  nämlichen  Tabellen  (siehe  unten)
aufgeführte  ganz  anders  lautende  Angabe  der  Anzahl  der  Juden
Bedenken  erregen.  '
AT  ,.  Ohne  die  (auf  648,000  Köpfe  geschätzte)
i  Iilitärbevölkerung,  rechnet  die  Direction  der  administrativen  Statistik:

ivaxnoiiKen,

ijutneraner,
853,304  Juden,
46,278  Unitarier,
455  Sectirer.

3’505,686  unirte  Griechen,
2’7öl,846  nichtunirte  Griechen,
1’869,546  Reformirte,
8.  105.  mrÄif.  Im  August  1856  ward  ein  eigenes  Marine-Obercommando
  geschaffen,  wonach  denn  die  Seemacht  nicht  mehr  unter ­
  den  Befehlen  eines  Land-Generals  zu  stehen  scheint.

S.  108.  Endlich  sind  die  Resultate  der  amtllelmn
  Regmter  in  dem  (mit  dem  L  Nov.  beginnenden)  Verwaltungsjahre
  18»%3  bekannt  geworden,  in  Oesterreich  und  den  mit  d¿nselben
  handelspolitisch  verbundenen  drei  kleinen  Staaten  Liechtenstein
arma  und  Modena,  betrug  der  amtlich  angenommene  Werth:

der  Ausfuhr  217’562,184

414'954,717  „  „
der  Durchfuhr  114’848,992  „  „
Welche  kleinen  Ergebnisse  im  Verhältnisse  zu  der  scheinbar  so
unbedeutenden  Schweiz  (siehe  S.  252).

*)  Unter  „Romanen“  sind  begriffen:  Italiener,  Friauler,  Ladiner  u.  Rumänen.
        <pb n="401" />
        25

mCHTRÆGE.

385

Zn  De  ut,sc  hl  an  d.

S.  11:0.  FÂsenbahnen.  Nach  einer  Zusanmicn,Stellung,  bei  welcher
iacless  noch  einige  Privatbahnen  fehlen,  ergaben  sich  im  Jahre  1854
bezüglich  der  deutschen  Eisenbahnen  folgende  llaiiptresultate:
Befördert:  28431,854  Personen
240000,000  Ctr.  Waaren
Im  Ganzen  per  Meile
Einnahmen  47’278,513  46,625  preuss.  Thlr.
Betriebskosten  23’505,865  23,181  „  „
Reinertrag  24451,233  23,444  ¡  ~
Da  einige  Betriebsausgaben  aus  den  Reservefonds  bestritten  wurdeu,
  so  ergab  sich  ein  Reinertrag  von  etwas  über  ÒYg  Proc.;  1853
waren  bios  4%Q,  1852  4%  Proc,  erzielt.  Zur  Roheinnahme  lieferte
der  Warrentransport  59,  der  Personenverkehr  nur  37  Proc.  —  Während ­
  des  Jahres  wurden  562  Personen  beschädigt,  und  423  getödtet,
zusammen  985  Personen.  Hierunter  befanden  sich  indess,  nur  166
Reisende,  von  welchen  36  umkamen.

S.  140.  Telegraphen  im  Deutsch-Oesterreichischen  Telegraphemiereme,

1.  Jan.  1856  (in  deutschen  Meilen.)
Länge  der  Linien  Drahtlänge  Stationen
951.5  1315,5  69
915.5  1378,4  67
261  395,4  32
142  214,9  19
78  100,7  9
72,6  151,2  7
45  62,2  5
rin  22,6  30,3  5
(In  der  kleinen  Schweiz  ist  die  Ziilil  der  Bureaux  grösser,  als  in  Oesterreich
und  in  Preussen.)

Oesterreich
Preussen
Bayern
Hannover
Sachsen
Baden
Württemberg
Mecklenburg-Schwei

S.  179.  Grossherzogthum  Hessen,  Sc/ndcl  Ende  1853  war  die
allgemeine  inämlieh  ohne  Eisenbahn  -  und  Grundrenten  -)  Schuld
17’028,732  fl.  Nach  Abzug  der  Activen  verblieben  nur  noch  3’752,715.
S.  213.  Lübeck.  Endlich  ist  auch  hier  der  Handclsausweis  von
1855  erschienen.  Derselbe  ist  indess  höchst  unvollständig.  Der  Werth
der  Einfulir  wird  zu  59’908,493  M.  Cour,  angegeben,  wovon
16  869,855  seewärts,  und  43  Mill,  land-  und  ihisswärts.  lieber  die
Ausfuhr  vermissen  wir  Notizen.

Zu  Italien.
S.  225.  Sardinien.  Handelsverkehr  (in  Lire)
Gesammthandel  davon  Specialhandel

1852
53
54

Im

569’275,104
554'572,000
537’313,522
kamen  auf
3224:29,890
214’883,632

256’031,437
283’034,772
309’622,800

Iah  re  1854
Einfuhr  322429,890  199’912,351
Ausfuhr  214’883,632  109  710,449
Im  Danzen  ergab  sich  also  Verminderung  des  allgemeinen,  dagegen ­
  Vermehrung  des  (wichtigeren)  Specialhandels.
        <pb n="402" />
        386

NACHTRÆGE.

S.  228.  Toscana.  Während  die  Bevölkerung  ira  April  1855
1’817,466  Menschen  betragen  hatte,  wies  die  Aufnahme  vom  April
1856  nur  noch  1’779,.338  nach  (darunter  17,437  Individuen  geistlichen ­
  Standes,  —  sonach  eine  ungeheure  Verminderung,  Die  bedeutendsten ­
  Städte  hätten  (ohne  die  Bezirke,  welche  S.  228  mitgerechnet
sind)  nur  nachbemerkte  Einwohnerzahl:
Florenz  112,438  Pisa  22,900  Liicca  22,636
Livorno  78,850  Siena  22,598  Pistoja  11,908
S.  229.  Für  die  Occupation  durch  österr.  Truppen  bezahlte
Toscana  an  den  Kaiserstaat:
vom  Mai  1849  bis  Juni  1850  4’031,304  Lire
im  Jahre  1850—51  3’064,141  „
zusammen,  mit  den  spätem  Zahlungen,  über  12  Mill.
S.  233.  Römische  Staaten.  Die  siebenjährige  Besetzung  durch
trerade  Truppen  soll  bereits  32’16(),0()()  Frkn.  gekostet  haben.  Hievon, ­
  wird  angegeben,  habe  Frankreich  jährlich  391,000  Frk.  für
Casernirungskosten  in  Anspruch  genommen,  die  ganze  übrige  Summe
habe  Oesterreich  bezogen.
Zu  Holland.
S.  259.  Finanzen,  ln  dem  vom  Finanzministor  der  zweiten
Kammer  vorgelegten  Budgetentwurfe  für  1857  sind  die  Einnahmen
zu  72’784,421,  die  Ausgaben  zu  72’746,438  H.  veranschlagt.  In
dem  Budget  für  1855  waren  Einnahmen  wie  Ausgaben  zu  73  Mill,
angesetzt;  die  ersten  ertrugen  aber  in  Wirklichkeit  87  Milk,  wovon
24V2  3,us  den  Colonien  flössen.  Von  dem  reinen  Ueberschusse,  13Yg
Milk,  sind  bereits  8  für  Schuldentilgung  verwendet.  Das  Jahr  1856
wird,  nach  den  Ergebnissen  bis  zum  September,  einen  bedeutenden
Ueberschuss  nicht  liefern.
Zu  Schweden.
S.  268.  Fina^izen.  In  den  beiden  letzten  Jahren  ergab  sich  ein
Ueberschuss  der  Einnahmen  über  die  Ausgaben,  der  1854  2*866,528,
1855  aber  4*549,152  Rthlr.  betrug.
Zu  Spanien.
S.  280.  Schwehende  Schuld.  Am  1.  Sept.  1856  soll  dieselbe
(nicht  zu  verwechseln  mit  der  consolidirten  Schuld)  501*524,908  Realen ­
  betragen  haben,  bei  einem  Tilgungsfonds  von  61*524,928  Real.
(Auf  welche  Weise  man  eine  Minderung  erzielt  haben  will,  wird  nicht
angegeben.  Als  notorische  Thatsache  steht  dagegen  fest,  dass  die
ordentlichen  Einkünfte  für  den  Bedarf  nicht  ausreichen,  sonach  im
Ganzen  die  Schulden  sich  vermehren.)  In  Folge  der  weiter  greifenden
Reaction  ist  der  Verkauf  der  Geistlichengüter  neuerdings  eingestellt,
—  zum  Schrecken  der  Staatsgläubiger,  denen  diese  Art  des  Conservatismus
  nichts  weniger  als  erwünscht  kommt.
Zu  Vereinigten  Staaten.
S.  203.  Finanzen.  Das  Staatsbudget  für  18^%^  schliesst  (nach
        <pb n="403" />
        NACIITKÆGE.

387

Zcitungsnacliricliten)  ab  mit  der  Summe  vou  63  604,023  Doll.,  wovon
28’413,803  auf  die  Land-  und  Seemacht  kommen.
Zu  den  allgemeinen  Bemerkungen.
S.  338.  Goldwährung.  Soetbeers  Behauptung,  dass  die  überseeischen ­
  Producto  im  Preise  herabgegangen  seien,  ungeachtet  der
Goldausbeute,  widerlegt  sich  ebenfalls  täglich  mehr,  sammt  dem  ganzen ­
  darauf  gebauten  Raisonnement.  Schon  sind  namentlich  die  I  reise
von  Kaffe  und  Häuten  etc.  äusserst  bedeutend  in  die  Höhe  gegangen,
und  man  wird  ein  fortwährendes  ferneres  Steigen  bei  Zulassung  der
Goldwährung  nicht  abzuwenden  vermögen.  Zulassung  dieser  Goldwährung ­
  heisst  überhaupt  jetzt:  Selbdherhdfiihren  einer  constanten
Vertheuerung  aller  Bedürfnisse.  Wenn  von  der  Silberausfuhr  nach
Asien  mitunter  in  der  unverständigsten  Weise  geredet  wird,  so  muss
man  fragen:  ob  denn  irgend  ein  Mensch  das  Silber  dorthin  verschenkt? ­
  Der  stärkere  Silberbedarf  in  Ostindien  ist  übrigens  dadurch ­
  erklärt,  dass  dort  sogar  die  englischen  Behörden  (obwohl
in  ihrer  Heimath  an  Goldwährung  gewöhnt)  diese  bisher  in  Hindostán
geduldete  Goldwährung  zu  verdrängen  und  als  eine  Calamität
  für  die  Zukunft  abzuwenden  suchen.  Kann  darin  für  Deutschland ­
  und  die  Schweiz  ein  Motiv  zur  Annahme  jener  nämlichen  Währung ­
  liegen?  ist  es  nicht  vielmehr  eine  Warnung?  Man  redet  zwar
nur  von  einer  billigen  Tarifirimg  des  Goldes  im  Verhältnisse  zum
Silber.  Allein  jede  dessfallsige  Tarifirimg  würde  sich  alsbald  als
trügerisch  erweisen,  weil  Gold  überhaupt  jetzt  ebensowenig  zum
Maassstabe  dienen  kann,  als  Gummi  elasticum  zur  Anfertigung  von
Metermaassen.  Auch  die  niedrigste  Goldtarifirimg  würde  in  Kurzem
viel  zu  hoch  sein,  und  man  würde  die  Nachtheile  der  Geldcrise
verewigen,  statt  dieselben  abzuschneiden,  wie  man  voigibt.
Es  ist  sehr  wahrscheinlich,  dass  man  dem  Drängen  der  Zunächstbetheiligten
  nachgeben,  und  meistens  die  Goldwährung  zulasse,
d.  h.  mittelbar  die  Silberwährung  aufgeben  wird.  Ganz  gewiss  ist  es
aber,  dass  man  die  Abwendung  des  jetzigen  kleinen  und  momentanen
Nachtheils,  nur  durch  die  Aufopferung  jedes  festen  MaassStabes ­
  für  den  Preis  der  Werthe,  erkaufen  kann;  d,  h.  dass  man  einen
Zustand  dauernd  herstellt,  ähnlich  demjenigen,  unter  welchem  Oesterreich ­
  (in  Folge  der  Schwankungen  seiner  Valuta)  so  viel  und  so
schwer  litt,  alle  Preisverhältnisse  umstürzend,  hazardspielmässig
Gewinn  und  Verlust  bringend.
        <pb n="404" />
        B  er  i  cil  I  igiinçcii.
Seite  3;5,  Zeile  24,  lies  Ajaccio  statt  Ajuero.
»  34  =  35  (Oesammtbüvölko)'iiii«  Fnuikrelclis)  Uns:  3ö'783,l7n,  statt  25’783,171»  (dlH
Sumniiruiig  sowohl  als  die  Notiz  S.  32  ergehen  ohnehin  die  richtige  Zahl).
*  57  *  29  lies:  „das  starre  Schutzzoll-,  theilweisu  ein  eigontUehos  Proliihitivsystem.“

^  d4  *  3  u.  5  von  unten  (Bevölkoning)  lies;  Algerien  2’5()1,000,  Oesainmtsumme
nngofähr  38’94(),000.
»  t)8  *  13—1(1  muss  es  heissen:  Diese  Diflfereiiz  (Uoberzahl  der  woihliclien  Uber  die
mänulielie  Bevölkerung  in  Itussland)  würde  durcli  die  (In  manchen  Bereehungen
  bis  auf  11/2  Mill,  gesteigerte)  Militärbevölkerung  mindestens
ausgeglichen,  wenn  die  gedachten  Ziffern  nicht  notorisch  ungenau  wären,
so  dass  in  Wirklichkeit  ein  enormer  Unterschied  besteht.  Es  erklärt  sich
dies  schon  ans  den  fortwährenden  Männcrverlusten  in  Folge  des  Kaukasuskrieges. ­
  Der  Unterschied  muss  aber  nach  dom  letzten  Kriege  mit  den
Westmächten  noch  viel  furchtbarer  geworden  sein.
'  I  o-  ^  von  unten,  lies  :  Von  181(1  —  49  kamen  hei  den  Oohurten  aut  100
Knaben  blos  89  Mädchen  (die  Ziffern  sind  im  Texte  irrthUmlich  umgekehrt). ­
        <pb n="405" />
        r-  m

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