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        <title>Die sociale Lage der Handlungsgehülfen und ihre Verbesserung durch die kaufmännischen Vereine</title>
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            <forname>Bernhard</forname>
            <surname>Dietrich</surname>
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(lurch (lie KusiMnisckeil 
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Zwei j)reisar beiten 
Dr. Rernh. ^Dietrich &gt;«,d Dr. Mar Anarck 
preisgekrönt und h er an sg eg eben 
Klrnşinļirrurşiien Ueveirr KvânDfrrvI nnr Mliin 
Frankfurt a. M. 
Druck und Verlag von Mahlan &amp; Maldschinidt 
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1891
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Bifiîsothekŗ 
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        Inhaltsverzeichnis. 
Seite. 
Vorwort l 
Preisarbeit von Dr. Bernhard Dietrich 3 
Einleitung S. 5 — 1.0.8 — II. S. 15 — III. S. 26. 
Preisarbeit von Dr. Max Quarck 31 
Einleitung 33 
Erster Abschnitt: Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen 
Ursachen der verbesserungsbedürftigen Lage des Handlnngs- 
gehülfen 35 
Zweiter Abschnitt: Mittel zur Abhülfe im Allgemeinen . 40 
Dritter Abschnitt: Die Reformthätigkeit der Kaufmann. 
Vereine 46
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        Vorwort. 
Slit der Absicht, die damals in ihren ersten Anfängen vorhandene 
Reformbewegung innerhalb der Kaufmännischen Vereine für unser Teil zu 
fördern, erließen wir anläßlich der Feier des 25jührigen Bestehens unseres 
Vereins, am 1. Oktober 1889, ein Preisausschreiben über folgende Frage: 
„Welche Mittel sind geeignet, die wirtschaftliche und gesellschaft 
liche Lage der Handlnngsgehülfen zu verbessern, und inwieweit 
vermögen die Kaufmännischen Vereine dazu beizutragen?" 
Bis zu dem ans den 31. Januar 1890 festgesetzten Einlieferungstcrmin 
gingen nicht weniger als 83 Preis-Arbeiten aus dem In- lind Anslande 
ein. Das zeitraubende und mühevolle Amt der Preisrichter hatten nach 
folgende Herren die Güte zu übernehmen: Edmund Lotz, Vorsitzender des 
Deutschen Vortrags-Verbandes und des Deutschen Verbandes Kaufmännischer 
Vereine, Coburg, G. Un kart, Vorsitzender des Vereins für Handlungs- 
Commis von 1858 in Hamburg, Oscar Goldschmidt, Direktor des 
Vereins junger Kaufleute, Berlin, Julius Witzig mann, Vorsitzender des 
Kaufmännischen Vereins in Mannheim, Franz Mayerhofer, Vorsitzender 
des Kaufmännischen Vereins in München. 
Das Preisgericht bezeichnete nach mehr als einjähriger Prüfungsarbeit 
in seiner Schluß-Sitzung vom 22. März d. Is. als die beste Arbeit die 
mit dem Motto: „Das Geheimnis des Erfolges liegt in der Organisation" 
eingegangene, als deren Verfasser Dr. phil. Bernhard Dietrich in 
Planen i. V. ermittelt wurde; als die nächstbeste Arbeit wurde die mit der 
Aufschrift „Allzeit voran" eingereichte erkannt und als deren Verfasser 
Dr. jur. Max Guares in Frankfurt a. M. festgestellt. Wir haben dem 
nach diese beiden Arbeiten mit den von uns ausgesetzten Preisen gekrönt 
und übergeben dieselben im nachfolgenden der Öffentlichkeit mit dem Wunsche, 
daß sie in kaufmännischen und weiteren Kreisen für die Klärung und 
Festigung der Anschauungen über die sociale Lage der Handlungsgehülfen 
und ihre Verbesserungsbedürstigkeit beitragen möchten.
        <pb n="12" />
        2 
Die beiden Preisarbeiten ergänzen sich inhaltlich in glücklicher Weise. 
Während die erste derselben das thatsächliche Material sorgsam zusammen- 
stellt, giebt die zweite eine Theorie der socialen Frage im Kaufmannsstande, 
welcher nach einer dom Verfasser beigefügten Notiz bei der Drucklegung eben 
falls das Thatsachenmaterial in Anmerkungen beigegeben werden sollte. Da 
nun der letztere Zweck durch die erste Preisschrift genügend erfüllt ist, so 
wurde dem Verfasser der zweiten die weitere Arbeit nicht zugemutet, ebenso, 
wie wir von einer vollständigen Fortführung der Vereinsstatistik bis auf 
die Zeit der Drucklegung durch den Verfasser der ersten Preisschrift absahen. 
Beides hätte das Erscheinen dieses Büchleins verzögert, und das ohnedies 
sich täglich vermehrende Thatsachenmaterial, welches seit Abfassung der Preis 
arbeiten bekannt wurde, ist fortlaufend aus der von uns unter Mitwirkung 
des Verfassers der zweiten Preisschrift herausgegebenen Wochenschrift „Kauf 
männische Presse" zu ersehen. 
Möge also dieses Schriftchen der Sache der kaufmännischen Reform 
viele neue Freunde werben. 
Am Vorabend der Jahresversammlung des 
„Deutschen Verbandes Kaufmännischer Vereine" 
Juni 1891. 
Kaufmännischer verein Frankfurt a. M.
        <pb n="13" />
        Dr. Bernhard Dietrich 
Motto: Dos Geheimnis des Erfolges liegt in der Organisation. 
Mit dem ersten Preis gekrönt.
        <pb n="14" />
        <pb n="15" />
        Als zu Anfang der 80er Jahre zuerst schüchtern und vereinzelt 
Notrufe über die sociale Lage der Haudluugsgehülfen durch die deutsche 
Presse gingen und Warnungen laut wurden vor der Wahl eines kauf 
männischen Berufs, hielt man diese Erscheinungen für krankhafte Über 
treibungen einzelner Ausnahmefalle. Die Verallgemeinerung einer Notlage 
des gesamten Kaufmannsstandes wollte man nicht gelten lassen. War nicht 
der Kaufmann der Träger des mobilen Kapitals? Mußte es nicht unwürdig 
erscheinen, mit der Phrase einer Notlage den Kaufmann auf dieselbe Stufe 
zu stellen mit dem Arbeiter und war nicht die Auffassung berechtigt, welche 
den Handluugsgehülsen nur im Übergangsstadium zum selbständigen Kauf 
mann erscheinen ließ. Die Fälle der Not konnten nur Ausnahmen un 
qualifizierter Elemente im Kausmannstande betreffen, die öffentliche Meinung 
sträubte sich gegen die Verallgemeinerung; nach einem kurzen Aufflackern 
heftiger Zeitungspolemiken schwieg man die Sache tot. 
Und dennoch! Immer von neuem im Kreislauf der Jahre ist die 
Frage wiedergekehrt. Die chronische Stellenlosigkeit junger Kaufleute in 
der 'Reichshauptstadt und anderen großen Städten war der offenkundige 
Ausdruck dafür, daß tiefe Schäden im Kaufmauusstande vorhanden seien, 
welche den Idealismus, den das Publikum gerade diesem Stand entgegen 
bringt, zurücktreten hießen und zu einer Betrachtung der materiellen und 
socialen Lage der Handlungsgehülfeu herausforderten. Die Rede, daß der 
tüchtige Kaufmann überall durchkomme, schien sich ihrerseits bei dem 
Gewicht der Thatsachen zu erweisen — als Phrase. 
Es wäre indessen ein Irrtum zu glauben, daß sich die sociale Frage 
im Kausmannsstaude in der Beseitigung eines Übelstaudes erschöpfe. 
Wenn von der einen Seite die Arbeitslosigkeit, von der anderen das Lehr- 
lingswesen als der Kernpunkt der socialen Frage im Kaufmauusstande 
bezeichnet wird, so wird man zwar zugeben, daß hiermit zwei sehr ein 
schneidende Mängel im Kaufmauusstande hervorgehoben werden. Daß ins 
besondere die Arbeitslosigkeit so sehr in den Vordergrund der Diskussion 
gestellt wird, findet seine natürliche Begründung darin, daß gerade hier 
die Schattenseiten des Berufs am deutlichsten hervortreten und daß sich der 
Schutz gegen die Stellenlosigkeit zu einem vorzüglichen Bindemittel der 
Wahrung gemeinsamer Interessen in kausmäunischen Vereinen eigiiete. Die 
eeHe1lío^^ofeit dB ¡0% ist nbe? md)t baß dqenm(î)e «sodate ^oMcm" 
in der Kausmannsfrage, sondern das Schlußglied einer langen Kette von 
Mißständen. Ein einseitiger Kampf gegen die Stellenlosigkeit wird daher 
selbst bei der Aufwendung der bedeutendsten Mittel und der vorzüglichsten
        <pb n="16" />
        Organisation der Stellenvermittlung für die innere Umgestaltung der kauf 
männischen Nerhältnisse so lange erfolglos bleiben, als es nicht gelingt, die 
Ursachen der Stellenlosigkeit in voller Deutlichkeit klar zu legen und durch 
ihre Beseitigung eine durchgängige Besserung zu erzielen. 
Kann man aber die Stellenlosigkeit als das Endglied der socialen 
Mißstünde im Kaufmannsstande bezeichnen, so liegt es vielleicht nahe, in 
dem Lehrlingswesen den Ansang des Übels zu erblicken. Der Grad der 
beruflichen Ausbildung ist maßgebend für das Gedeihen des Gewerbes über 
haupt, wie für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Stellung der Ein 
zelnen. Je mehr eine Berufsart mit uuqualifizierten Kräften durchsetzt ist, 
um so tiefer wird das Niveau des gesamten Standes heruntergedrückt. Die 
Mannigfaltigkeit der Berufsstellungen innerhalb des Kaufmannsstandes er 
möglicht aber in hohem Grade ein Hereinziehen von Personen aus niederen 
Bevölkerungsschichten, welche bei der Schwierigkeit, durch eigene Arbeit die 
Mängel ihrer Vorbildung zu ersetzen, iu ungeheuerm Maße das kaufmän 
nische Proletariat vermehren und dazu beitragen, die gesellschaftliche Ab 
grenzung des Kaufmannsstandes nach untenhin zu verwischen. Vielleicht in 
höherem Maße aber noch als in gesellschaftlicher Beziehung wird durch die 
mangelnde Auswahl des Nachwuchses die wirtschaftliche Gesamtlage des 
Kansmannsstandes geschädigt. Das Arbeitsangebot um jeden Preis muß 
auch seine Rückwirkung ans die Lohnhöhe qualifizierter Arbeiter äußern. 
Das Lehrlingswesen aus der einen und die Stellenlosigkeit 
ans der anderen Seite bilden daher gewissermaßen die Grenzen, in welchen 
sich alle übrigen Mißstände im Kanfmannsstande bewegen. Die Übelstände, 
welche die moderne Arbeit mit sich bringt, wiederholen sich hier in allen 
Phasen in specifischer Anwendung ans den Kaufmannsstand. Die Fragen 
der Lohnhöhe und der Arbeitszeit, der Konkurrenz der Frauenarbeit und 
der Dauer des Arbeitsvertrags, der Berufskrankheiten und der Invalidität 
kehren auch hier wieder ititb verlangen eine ebenso eingehende Behandlung, 
wie die grundlegenden Übelstände, als deren Ausfluß sie zum Teil erscheinen. 
Löst sich so schon bei einer allgemeinen Betrachtung die Frage des 
socialen Notstandes im Kanfmannsstande in eine Reihe von Einzelfragen 
aus. so bedarf es hinwiederum bei der Beurteilung der einzelnen Fragen 
eines sorgfältig gesichteten, aus Thatsachen beruhenden Materials, um über 
die Berechtigung der Forderungen im einzelnen einen zutreffenden Maßstab 
zu gewinnen. So lange sich die Diskussion bei der Lösung socialer Pro 
bleme aus allgemeine Beobachtungen aufbaut, wird sich immer zeigen, daß 
gewisse Seiten, die dem Auge des Beobachters zunächst auffallen, in den 
Vordergrund gestellt werden lind daß der Meinllngsaustailsch über eine 
Wiederholung allgemeiner Sätze nicht hinausgeht. Konnte aber der Lösung 
der „socialen Frage" überhaupt erst auf Grund thatsächlicher Beobach 
tungen näher getreten werden, so muß es um so gewagter erscheinen, bei 
der Untersuchung der Mißstände in einem einzelnen Bernfnngszweige sich 
mit allgemeinen Erörterungen zll begnügen. Eine Heilung der Übelstände 
kann nur dann erwartet werden, wenn die eigentümlichen Verhältnisse dieses 
Berufes im einzelnen dargelegt und von denjenigen anderer Berufe unter 
schieden werden.
        <pb n="17" />
        7 
Ein ausreichendes statistisches Material zur Beurteilung der soeialen 
Lage der Handlungsgehülfen steht allerdings bislang noch nicht zu Gebote, 
ein Mangel, der, wie die neuerdings ans den Kreisen der Handlungs- 
gehülsen verlangten behördlichen statistischen Erhebungen zeigen, von diesen 
selbst lebhaft empfunden wird. Immerhin aber läßt sich bereits aus Grund 
des vorhandenen Materials die Lage der Handlungsgehülfen sicherer be 
urteilen, als ohne diese Anhaltspunkte. Wo hingegen das Material nicht 
ausreicht, dürfte es der Sache dienlicher sein, auf die Lücken aufmerksam 
zu machen, als den Boden der Erfahrung 511 verlassen und ohne genügende 
Begründung Schlüsse zu ziehen.
        <pb n="18" />
        Zur Feststellung der Zahl der kaufmännischen Geschäfte, sowie der 
jenigen der Handlungsgehülsen und ihrer persönlichen Verhältnisse ist ein 
Zurückgreifen aus die Gewerbezählungen des deutschen Reichs von den 
Jahren 1875 und 1882, sowie aus die Berufszählung des letzten Jahres 
erforderlich. 
Die Zahl der Betriebe im Handelsgewerbe betrug hiernach 
1875 1882 
Hauptbetriebe 420 982 452 725 
Nebenbetriebe 108 477 164 111 
zusammen 529 459 616 836 
Die Gesamtzahl der Betriebe ist von 529 459 auf 616 836 oder 
um 87 377 in diesem 7jährigen Zeitraume gestiegen, es bedeutet das eine 
Steigerung von 16,7 °/o. Die Zahl der Hauptbetriebe stieg von 420 982 
auf 452 725 oder um 31 743 d. i. 7,5°/o. Die Zahl der Nebenbetriebc 
stieg dagegen von 108 477 aus 164 111 oder um 55 634 d. i. 51,3 /o. 
Während nun die Zahl der hauptsächlich in Frage kommenden Haupt 
betriebe um 7,5 0/o gestiegen ist, stieg die Ziffer der in denselben beschäf 
tigten Personen von 661 496 im Jahre 1875 auf 838 438 oder um 
166 932 d. i. 25,3o/o. Um diese Ziffern in das richtige Licht zu setzen, 
sei bemerkt, daß die Gesamtbevölkerung des deutschen Reichs in den: Zeü- 
laum bon 1875 — 82 nui bon 42 727 372 mis 45 222 113 ober um 
5,8 0 /o zugenommen hat. Es ergiebt sich hieraus einmal ein bedeutend 
höherer Andrang zu den kaufmännischen Berufsarten, als das allgemeine 
Wachstum der Bevölkerung erwarten läßt, und es deutet ferner das höhere 
Wachstum der im kaufmännischen Betriebe beschäftigten Personen als das 
jenige der Betriebe selbst darauf hin, daß ein gewisser Umschwung in der 
Art der kaufmännischen Betriebe zu Gunsten der Großbetriebe in diesem 
Zeitraum stattgefunden hat. 
Wie hoch belief sich nun die Zahl der Handlungsgehülfen im Jahre 
1882 und welches ist die Steigerung derselben seit der Gewerbezählung 
von 1875? Ein vollständiger exakter ziffermäßiger Beleg läßt sich hierfür 
n# beibringen. bet# bieg onf #oígcnbem. 3n ber ®emctbea#img 
bon 1882 sind die Alleinbetriebe und die Mitinhaber- und Motorenbetriebe 
unterschieden. Bei den Alleinbetrieben deckt sich die Zahl der Betriebe mit 
derjenigen der Personen. Bei den Mitinhaber- und Motorenbetrieben ist 
die Geschäftsstellung der Personen nach Geschäftsleitern, Verwaltungspersonal 
und anderem Hülfspersonal gesondert ausgeführt. Wollte man nun das 
Verwaltungspersonal im Handelsgewerbe allein als den Ausdruck für die 
Zahl der Handlungsgehülsen ansehen, so wäre diese Ziffer offenbar zu 
niedrig. Es wurden im Handelsgewerbe 1882 nur 73 266 männliche und
        <pb n="19" />
        9 
2169 weibliche Personen, zusammen 75 435 als Verwaltungspersonal auf- 
neiü#. Wet bieget 3#t fi9nticren abet mit bie Ştofutiften onb bag 
übrige höhere Verwaltungspersonal, während bie große Masse bet Hanb- 
lungsgehilsen mit zu beni „anbeten Hülsspersvnal" gerechnet worben ist. 
Andererseits finbet sich aber unter biesem „anbeten Hülfspersonal" zugleich 
bag niebetc ŞetìonaÌ, mie ^ocïer, ii. ). m. Biefeg »anbete 
0iiagbctmnar im ^anbe(gße^etbc #ite 228 047 1061111(46 mib 87 724 
iDcibíicbc ÿetionen, 30^0110611 315 771. 3B6í)teob ^etnad) 1006:4(6 beg 
Handelsgewerbes eine genauere Aussonberung ber Hanblungsgehülfen nicht 
möglich ist leuchtet es anbererseits ein, baß auch in den übrigen Gewerbe- 
m-uMcn eine Q#e 9(0304 (011460014 ßcbiibetet Moneo io beni Äet= 
waltnngspersonal enthalten ist. Das Verwaltungspersonal umfaßt sowohl 
bie technisch, als auch bie kaufmännisch gebildeten Personen. Der Kaufmann 
ist abet oi# alíetii im (panbeí, aíg io(d,eoi, foobctn míe# io bet 31et= 
maítooo lobofa-icRei @tab(i^^ementg t^tiQ, ìüba^ oicííei^^t 61)61 bie 31# 
ber Verwaltungspersonen in ben Gesamtgewerben als ein Ausdruck für bie 
Zahl bet Handlungsgehülfen betrachtet werden kann. Diese Zister belies 
sich 1882 aus 201 575 männliche und 5134 weibliche Personen, zusammen 
auf 200 709. Hierbei ist indessen wieder zweifelhaft, welcher Prozentsatz 
unter diesen Personen ans das technische Personal entfällt. Berücksichtigt 
man ferner die Gewerbezählung von 1875, so würde bei Zugrundelegung 
bieget leiteten gisset ein Mici# ni# mög# fein. bin# ba^t aig 
bog Entsprechendste erscheinen, wenn man die Zahl der im Handelsgewerbe 
sowohl in der Verwaltung als in anderer Hülfsstellung befindlichen Per- 
ioneii aig ben Wngbtod silt bie gisset bet ^anbínnogQc^iií^^1l ans#. 
Unter der Einschränkung, daß bei dem „anderen Hülsspersonal" ein 
mtoicntiok niebtißctct, ni# taiifmann# gebiíbetet ###011611 beg 
Lnbeíg ¿iiibcßti# ist, be# #f)e iebod) bi# BeQÍa4nQ bet 111 an= 
teten Znbustrien beschäftigten kaufmännisch gebildeten Perdonen wieder 
oogQe(iíid)en loitb, etgiebt fid, übet bie Sa# bet ^anbíllO0gQe^öí^^o 011b 
ihre Zunahme in dem Zeitraum von 1875—1882 im Vergleich mit den 
selbständigen Hanbelggewerbetreibenben Folgendes. 
Es waren vorhanden im Handelsgewerbe: 
1875 
Geschäftsleiter • . • 431 570 
Hülsspersonal . • • • ) “^ 1 ’* 
1882 
447 222 
391 206 
661 496 
838 428 
Die Gesamtzahl der im Handelsgewerbe beschäftigten Personen ist 
hiernach um 166 932 oder 25,3&gt; gestiegen; an dieser Steigerung nehmen 
aber die Geschäftsleiter nur mit einer Vermehrung um 15 6o7 Kopse oder 
*) K. Bücher unterscheidet in seiner „Arbeiterfrage im Kaufmannsstande 
B-rļìn 1883, di°!.s HŞp«!°nà ,„, b 
51 907 Lehrlinge. 
Die letztere Zahl entspricht der Angabe der Gewerbestatistik von 1^75 ; unter 
bei Ziffer sind jedoch in der Gewerbezählung Gehülfen und Arbeiter verstanden.
        <pb n="20" />
        — 10 — 
um 3,6 o/o teil, während die Zahl des Hülsspersonals die ungeheure Ver 
mehrung um 1G1 280 Personen ober um 70,i°/o ausweist. In runder 
Ziffer betrug die Zahl der Haudluugsgehülfen im Jahre 1882: 400 000 
Diese Steigerung des Hülsspersonals deutet wiederum darauf hin, daß 
eine durchgreifende Änderung in der Betriebsform des Haudelsgewerbes zu 
Gunsten der Großbetriebe stattgefunden hat. Diese Entwickelung findet ferner 
ihre Bestätigung, wenn man den Umfang der Betriebe nach der Zahl der 
in denselben beschäftigten Personen zu beiden Zeitpunkten vergleicht. 
Unter den Hauptbetrieben befanden sich: 
Betriebe mit 187;&gt; 1882 
bis 5 Gehülfen .... 414 153 440 409 
mehr als 5 Gehülfen . . 6 829 12 226 
zusammen 420 982 452 725 
Die Zahl der Kleinbetriebe hat naturgemäß absolut tu höherem 
Maße, nämlich um 26 346 zugenommen. Diese Steigerung beträgt in 
dessen nur 6,30/0. Die Zahl der kaufmännischen Großbetriebe hat sich 
dagegen um 5397 oder 79°/o vermehrt, eine Vermehrung, welche derjenigen 
des kaufmännischen Hülsspersonals entspricht. Ein Vergleich der Allein 
betriebe 51t beiden Zeitpunkten läßt sich bei dent Mnttgel der bezüglichen 
Nachweise für das Jahr 1875 leider nicht durchführen. Die Erhebung des 
Jahres 1882 ermittelt unter den 440 499 Kleinbetrieben mit bis 5 Ge 
hülfen indesseit 293 399 oder 66,60/0 Alleinbetriebe; es darf daher wohl 
vermutet werden, daß das Wachstum der Kleinbetriebe zum großen Teil 
aus dasjenige der Alleinbetriebe entfällt. 
Bezüglich des Geschlechts der tut Handelsbetriebe beschäftigten 
Personen ergiebt sich Folgendes. Es befandett sich tu den Hauptbetrieben 
des Haudelsgewerbes: 1882 
männliche Personen . . . 540 944 654 096 
weibliche „ . ■ . 120 552 184 332 
zusammen 661 496 838 428 
Die Zahl der weiblichen Personen ist hiernach verhältnismäßig in 
bedeutend stärkerem Maße gewachsen, als diejenige der Männer. Die 
männlichen Personen zeigen eine Zunahme von 113 152 oder 20,!»°/o. Die 
weiblichen dagegen eilte solche von 65 780 oder 54,50/0. Die Klagett, 
welche aus deut Stande der Handlungsgehülsen gegen die Konkurrenz der 
Frauenarbeit latti geworden sind, dürsten hiernach nicht ungerechtfertigt erschei 
nen, indessen zeigt ein Vergleich der Geschästsstellung der männlichen ttub weib 
lichen Personen, daß dieses Urteil in gewisser Weise eingeschränkt werden muß. 
Es betrug nämlich die Zahl der 
1875 
männlich weiblich. 
. 350 897 80 673 
Hülsspersonen . 190 047 39 879 
1882 
männlich weiblich 
352 783 94 439 
301313 89883 
540 944 120 552 654 096 184 322
        <pb n="21" />
        Die weiblichen Personen sind hiernach zu einem größeren Teile Ge 
schäftsleiter, als die männlichen Personen, und zwar beruht diese Erscheinung 
wohl darauf, daß die Frauen hauptsächlich im Alleinbetriebe derjenigen 
Geschäftszweige thätig sind, welche sich ihrer Natur nach mehr zum Geschäfts 
betrieb durch weibliche Personen eignen. Während sich die Zahl der 
männlichen Geschästsleiter nur um 1886 oder 0,5°/o vermehrt hat, zeigen 
die Ziffern für die weiblichen Geschäftsleiter eine Steigerung um 13 766 
oder um 17,\°/o. Nach der Statistik des Jahres 1882 waren von den 
94 439 weiblichen Geschäftsleitern 76 169 oder 80,6 °/o im Alleinbetriebe 
thätig, während von den 352 783 männlichen Geschäftsleitern nur 217 230 
oder 61,6°/- in diesen Betrieben ermittelt wurden. Indessen zeigt doch 
auch das weibliche Hülfspersvnal eine sehr bedeutende Vermehrung. Die 
Zahl der männlichen Hilfspersonen stieg um 111 266 oder 58,5°/o, die 
jenige der weiblichen Hilfspersonen dagegen um 50 004 oder 125,4°/o. 
Trotz dieser starken Vermehrung des weiblichen Personals in Handelsbe 
trieben, ist jedoch zu bemerken, daß der Anteil der Frauenarbeit im Handels 
gewerbe denjenigen in den Gewerben überhaupt nicht wesentlich übersteigt. 
Die in Handelsbetrieben beschäftigten weiblichen Personen bilden im Jahre 
1882: 21,9°/n sämtlicher in dieser Gewerbegruppe Thätigen; in den ge 
samten Gewerben des deutschen Reichs überhaupt waren dagegen 508 378 
weibliche Personen oder 20,2 °/o beschäftigt. 
Es erübrigt schließlich noch, die hauptsächlichsten Gewerbearten nach 
der Zahl der in denselben beschäftigten Personen aufzuführen. 
Es befanden sich in den Hauptbetrieben beschäftigte Personen am 
8. 3i,ni 1882 
Kolonial-, Eß- und Trinkwaren 
Manufaktur, Schnittwaren . . 
Handel mit landwirtschaftlichen Produkten 
Handelsvermittelung . . 
Handel mit Tieren . . 
Handel mit Brennmaterialien 
Spedition und Kommission 
Geld und Kredit . . . 
Kurz- und Galanteriewaren 
Metall- und Metallwaren 
Buch, Kunst, Musik . . 
Wein 
Baumaterialien.... 
Tabak und Cigarren . . 
männlich 
120 846 
78 522 
61 141 
35 584 
29 303 
28 518 
24 749 
22 513 
13 605 
15 424 
13 676 
13 238 
12 690 
9 071 
weiblich 
47 000 
34 499 
31 709 
618 
1 010 
1 793 
522 
160 
7 057 
1282 
883 
666 
253 
2 088 
zusammen 
167 846 
113 021 
92 850 
36 202 
30 313 
30 311 
25 271 
22 673 
20 662 
16 706 
14 559 
13 904 
12 943 
11 159 
Eine starke Beteiligung der Frauenarbeit findet sich hiernach haupt 
sächlich im Kolouialwarenhaudel, Manufaktur, Schnittwaren, Handel mit 
landwirtschaftlichen Produkten, Kurz- und Galanteriewaren, Tabak und 
Cigarren. Frauen sind außerdem noch relativ stark vertreten in der Stellen 
vermittelung mit 2223 gegen 1293 männliche Personen und im Zeitungs 
verlag und -Spedition mit 1781 gegen 4494 männliche Personen.
        <pb n="22" />
        Wirft man endlich nach einen Blick aus die Jndividualverhältnisse 
bei &amp;wibíunGSoeí)i(fcn, Ñ cigicbt M ttod) bet bout 
1882 bei einer Gegenüberstellung der Familienstands- und Altersverhältmsse 
des Verwaltungspersonals im Handel (einschließlich Schankwirtschaft) mit 
dem Verwaltungspersonal und den Erwerbsthätigen überhaupt Folgendes. 
Von 1000 männlichen und weiblichen Personen waren bei den 
Ledig u. Geschieden 401,3 650,7 468,i 774,8 531,4 758,o 
Verheiratet . . 564, i 165, i 509, i 122,g 4;&gt;0,4 155,7 
Verwitwet. . . 34,6 184,2 22,8 10 2,g 18,2 '86,3 
Die Familienstandsverhältnisse der Gehülfen int Handel zeigen hier 
nach mit denjenigen der Gehülfen überhaupt eine ziemliche Übereinstimmung, 
während sie von denjenigen der gesamten Erwerbsthätigen erheblich abweichen. 
Sowohl beim männlichen als beim weiblichen Geschlecht ist die Fahl e er 
ledigen Personen im Handelsgewerbe bedeutend höher als bei den Erwerbs 
thätigen überhaupt; dieses Überwiegen der Ledigen macht sich dann durch 
eine schwächere Besetzung der Verheirateten geltend und ebenso ist die Zahl 
bei den Verwitweten auffallend niedrig. 
Die hohe Ziffer der ledigen Personen im Handelsgewerbe dürfte sich 
wohl hauptsächlich beim männlichen Geschlecht durch die Zahl der Lehrlinge 
erklären, während sie beim weiblichen Geschlecht zum Teil auf den in der 
Schankwirtschast thätigen Personen beruhen mag, zum Teü in der meist 
als vorübergehend gedachten Thätigkeit junger Mädchen im Handelsgewerbe 
ihre Begründung findet. Die Ziffer der männlichen verheirateten Personen 
im Handlungsgehülsenstande ist jedoch ziemlich hoch, fast die Hälfte der 
Handlungsgehülfen ist hiernach verheiratet. Es bestätigt diese Ziffer mithin 
die schon oben gemachte Beobachtung, daß die Zuiiahine der Großbetriebe 
im Handelsgewerbe die sociale Stellung der im Handel thätigen Männer 
mit der Stellung eines Handluiigsgehülsen zu einer endgültigen gestaltet 
hat. Die Zahl' der verheirateten weiblichen Personen im Gehülfenstande 
ist schwächer als die eiitsprechende Ziffer bei den Erwerbsthätigen überhaupt. 
Die Frauen der Handlungsgehülfen sind nach der gesellschaftlichen Stellung 
ihrer Männer meist weniger in der Lage, selbst noch gewerblich thätig zu 
sein als die verheirateten Frauen in anderen Berufszweigen. Auffallend 
ist 'endlich noch die Ziffer der Verwitweten im Handlungsgehülsenstande. 
@3 ^tebc^^DÍt fid) iiiei bic oHetbtn83 oud) bei ben @meTWt#ttQrn Mer 
Haupt gemachte Beobachtung, daß die verwitweten Frauen verhältnismäßig 
stärker vertreten sind als die Männer. Diese Erscheinung erklärt sich da 
durch, daß die verwitweten Männer im erwerbsfähigen Alter leichter ge 
neigt sind, sich wieder zu verheiraten, während eine Wiederverheiratung bet 
den Frauen naturgemäß schwieriger ist. Bei einer unzureichenden pekumären 
Lage sehen sich die verwitweten Frauen daher genötigt, zu ihrer Erwerbs-
        <pb n="23" />
        13 
tätigte# aí8 aRäbdien )unicíauíef)Mn. Die getingete gifiet bet bctlo#= 
Vücten Männer unter ben Handlungsgehülfen beutet vielleicht darauf hin, 
baß bieselbe mehr als bie Erwerbsthätigen überhaupt zu einer Wieder- 
verheiratung neigen. 
Dieses burch Betrachtung ber Familienstanbsverhältnisse ber Hand- 
lungsgehülfcn gewonnene Bilb wirb im allgemeinen ergänzt burch die Ziffern 
ber'Altersstatistik. Nach der Berufszählung stanben von 1000 Personen 
Erwerbthätige Gehülfen Gehülfen im Handel 
überhaupt überhaupt einschl. Schankwirtschaft 
189.1 292,o 230,o 
448,7 464,5 525,5 
274.1 190,4 210,8 
88,i 53,i 33,3 
im Alter von 
20 Jahren 
20—40 
40—60 
über 60 „ 
Die höhere Ziffer ber jüngeren Altersklassen Lei den Hanblnngsgehülfen 
als bei den Erwerbsthätigen überhaupt scheint wiederum aus der Zahl der 
Lehrlinge zu beruhen. 
Zieht man zunächst das Facit aus diesen statistischen Nachweisen, so 
ergiebt sich Folgendes. Die Zahl der kausmännischen Hauptbetriebe ist von 
bei: @0^0630^8 be8 3#eS 1875 bt8 311 beteiligen be8 3#e8 1882 
in bedeutend höherem Maße gestiegen, als die Zunahme der Gesamtbe 
völkerung erwarten ließ. Es macht sich daneben noch die volkswirtschaftlich 
nicht unbedenkliche Tendenz geltend, in steigendem Maße den kausmännischen 
Berus als Nebengewerbe zu betreiben. Während so aus der einen Seite 
der kaufmännische'Detailbetrieb durch die Ausübung desselben als Neben 
gewerbe ungünstig beeinflußt wird, zeigeil die kaufmännischen Hauptbetriebe 
eine ausfallende Neigung, in Großbetriebe, b. h. in Betriebe mit über 
5 Gehülfen überzugehen. Die eigentlich kausmännischen Mittelbetriebe 
werden also von zwei Seiten her in ihrer Interessensphäre bedrängt und 
diese Störungen scheinen in hervorragendem Maße die gesellschaftliche und 
wirtschaftliche Stellung der kausmännischen Gehülfen zu beeinflussen. Während 
durch den zunehmenden Betrieb kaufmännischer Detailgeschüste als Neben 
gewerbe die Gründung eines selbständigen Detailgeschästes den 
kaufmännischen Handlungsgehülsen erschwert wird, drängt die Zunahme 
bet fanfmanniíc#,! ®to#ettiebe bo^n, bie GtcKnng bc8 ^011^11118886^^611 
im Großbetrieb zu einer definitiven und abgeschlossenen zu gestalten. 
@8 loicbetMt M ^1:111# im Wniönn#en Berns bie ^ei8nng bet 
modernen Betriebsformen überhaupt, im Großbetriebe hoher qualifizierte 
Arbeiter zu einem großgewerblichen Mittelstände heranzubilden. 
Wenn diese Tendenz an und für sich nicht als eine ungesunde bezeichnet 
werden kann, so liegt dagegen bei dem kausmännischen Berufe eine llbei- 
fminq bet ®e^nl^^n^^eíínn8cñ im ®to#ettiebc, 106% 0Í8 bonetnbe %ebcn8- 
Wnnsen gebaut loetben müssen, na# nnb ^etauS entgingen eme 9%# 
bcm S(#oietigteüen, meid# bicļc Wloideinng bet !alt^^nünnlí(#n ©eloetbe 
in zweifelhaftem Lichte erscheinen lassen. 
Die Konkurrenz der Frauenarbeit macht sich im kaufmännischen Ge- 
loetbc ¡loot in ftetgenbem We fn#bat. ^nbcRen üttb ein gto#t %eií
        <pb n="24" />
        14 
ber weiblichen Kräfte im Kaufmannsstande durch den Kleinbetrieb absorbiert 
und andererseits ist die Konkurrenz nicht in allen, sondern nur in den 
jenigen Branchen mit allen ihren Härten fühlbar, welche ihrer Natur nach 
in höherem Maße weibliche Arbeit verwerten können. 
Die Betrachtung der Familienstands- und der Altersverhältnisse zeigt 
endlich, daß der Prozeß der Umwandlung kaufmännischer Geschäfte zu 
Großbetrieben in der hohen Ziffer verheirateter Handlungsgehülfen bereits 
einen gewissen Ausdruck gefunden hat. Der hohe Prozentsatz jüngerer 
Personen unter dem Hülsspersonal des Handels erlaubt den Schluß,' daß 
die Zahl der Lehrlinge zu derjenigen der Gehülfen in einem volkswirt 
schaftlich ungesunden Verhältnisse steht.
        <pb n="25" />
        15 
IL 
Verfolgt man nun die „soziale Frage" im Kaufmannsstande in ihre 
einzelnen Unterarten, so liegen zur Beurteilung dieser Verhältnisse statistische 
Nachweise, wie zur Beurteilung der Gesamtlage, nicht vor. Man ist hier 
bei insbesondere aus die Jahresberichte kaufmännischer Vereine und auf 
die vielfachen sehr anregenden Bemerkungen in den kaufmännischen Fach 
blättern angewiesen. 
Zunächst das Lehrlingswesen. 
Die Lösung der kaufmännischen Lehrlings fra gen ist außer 
ordentlich erschwert worden durch den Mangel genauer Präzisierung. Man 
klagt sowohl über die ungenügende Ausbildung der Lehrlinge als über die 
hohe Zahl derselben, ohne sich zu vergegenwärtigen, welche Personen bei 
dieser Frage besonders in Betracht kommen. Hatte aber die Statistik be 
reits bei der Frauenarbeit ergeben, daß die weibliche Konkurrenz sich nicht 
auf alle Branchen des kaufmännischen Berufs erstreckte, sondern daß es 
einzelne Zweige waren, in welchen diese Konkurrenz besonders fühlbar ge 
worden ist, so liegt die Vermutung nahe, daß etwas Ähnliches auch von 
den Lehrlingen gelte. Ist es nicht einleuchtend, daß der Lehrling im Geld- 
und Kredithandel unter ganz anderen Gesichtspunkten zu behandeln ist, als 
derjenige im Kleinhandel? Es genügt nicht, von einer Lehrlingskalamität 
durchweg zu sprechen, es fragt sich vielmehr, ob nicht auch hier eine be 
stimmte Kategorie ausschließlich oder doch vorwiegend die „Lehrlingsfrage" 
verschuldet hat. 
Zeigt nun schon das Handelsgewerbe in seinen einzelnen Zweigen 
die größte Mannigfaltigkeit, so gilt dies noch mehr von der Ausbildung 
und ' der Thätigkeit der in demselben beschäftigten Personen. Gewisse 
Branchen des Handelsgewerbes verlangen bereits ihrer Natur nach eine 
qualifizierte Ausbildung der Gewerbethütigen, die Möglichkeit eines prole 
tarischen Nachwuchses aus den niederen Bevölkerungsschichten ist hier mehr 
oder minder ausgeschlossen. Die unqualifizierte Arbeit im Handelsgewerbe 
hat nur Aussicht'ans hinreichende Verwertung im Kleinhandel und in dieser 
Seite des Handelsgewerbes dürfte daher auch der-Schwerpunkt der „Lehr 
lingsfrage" zu suchen sein. Wenn nun wiederholt über einen großen An 
drang zum kaufmännischen Beruf geklagt wird, so könnte es den Anschein 
gewinnen, als ob das große Publikum allein für die Überfüllung des Kaus- 
mannstandes verantwortlich zu machen sei. Es ist aber wohl einleuchtend, 
daß ein „Andrang" gar nicht ohne die Kehrseite der Anlockung dauernd 
bestehen kann. Die Schuld an der Überzahl von Lehrlingen trifft daher 
gewisse Kategorien der kaufmännischen Betriebe nicht minder, als den Un 
verstand der Eltern, welche ihre Söhne ohne Überlegung den Lockungen 
folgen lassen.
        <pb n="26" />
        16 
_ Das Hinstreben znin einjährigen Militärdienst, welches vielfach für 
die Überfullung im Kaufmannsstande allein verantwortlich gemacht wird, 
dürfte in der meist angenommenen Ausdehnung dieselbe kaum verschuldet 
haben, da die jungen Kaufleute mit der Berechtigung zum einjährigen 
Dienst in der Lage sind, sich eine mehr oder weniger qualifizierte kauf 
männische Ausbildung zu verschaffen. 
„Die Mißachtung des Kaufmannstandes," schreiben daher mit Recht 
die „Kaufmännischen Blätter" 1883, „ist zum großen Teil begründet in der 
gewissenlosen Heranziehung von Lehrlingen aus den unteren Bevölkernngs- 
schichten durch Detaillisten. Biele Prinzipale befolgen das Prinzip der 
Massenausbildung von Kausmannslehrlingen und statt eines Gehülfen, Lauf 
burschen, Kopisten, Markthelfer rc., den sie honorieren müssen, stellen sie 
eine Anzahl von Lehrlingen an, die eine Zeit lang umsonst arbeiten müssen, 
nub die sie lausen lassen, ohne für deren spätere Lebensschicksale irgend 
welche Verantwortung zu übernehmen." 
Zwar läßt sich diese Heranziehung von Lehrlingen urtb die Aus 
nutzung derselben nicht durch große Ziffern belegen; wie weit aber das 
Übel im einzelnen ausgebreitet ist, zeigt eine von den Handlungscommis 
in Breslau im Jahre 1881 angestellte Erhebung, nach welcher sich in 
296 Spezereigeschäften Breslaus 247 Commis und 468 Lehrlinge befanden. 
Verstärkt wird zum Teil noch die Heranziehung von Lehrlingen durch die 
Besoldung derselben; mit der Besoldung wird die Ausnutzung der Lehr 
linge verschleiert, während es der Detaillist bequemer findet, auf diese 
Weise sich von der moralischen Pflicht der Weiterbildung der Lehrlinge 
loszukaufen. Andererseits birgt aber auch die Ausbildung von Lehrlingen 
im Großbetriebe wegen der in demselben herrschenden Arbeitsteilung eine 
nicht zu unterschätzende Gefahr für den Bildnngsstand der Handlungsgehülfen. 
Welche Schatten werfen nun diese Massenhernnziehungen von Lehrlingen 
aus den kaufmännischen Beruf, und welche Mittel sind geeignet, das Lehr 
lingswesen in gesunde Bahnen zu lenken? Dem Lehrling im Detailgeschäft 
ist eine theoretische und kaufmännische Ausbildung, welche ihn zur Be 
kleidung kaufmännischer Stellen in großen Geschäften befähigten, außer 
ordentlich erschwert, und dennoch ist er gerade darauf angewiesen, aus dem 
Detailgeschäft in andere Stellungen überzugehen. Der fortwährende Nach 
schub von Lehrlingen im Kleinhandel schneidet dem ausgelernten Lehrling 
die Möglichkeit ab, in diesem Geschäfte als Commis einen auskömmlichen 
Lebensunterhalt zu gewinnen, er ist gezwungen in andere Geschäfte über 
zutreten und hierin liegt gerade der ungeheure Schaden, welchen diese 
Heranziehung von Lehrlingen im Kleinhandel auf den gesamten Gehülsen- 
stand ausübt, hieraus entstehen die Klagen über mangelhafte wirtschaftliche 
und gesellschaftliche Bildung, welche im Stande der Handlungsgehülfen so 
überaus berechtigt erscheinen. Der ans einer Handelsschule vorgebildete 
Gehülfe wird gerade durch den Mitbewerb dieser Elemente geschädigt. 
Aber nicht nur der Stand der Handlnngsgehülfen, sondern auch der 
jenige der Detaillisten selbst verliert durch diese Lehrlingszüchterei. Mit 
Recht bemerkte der Abgeordnete Goldschmidt in der Reichstagsdebatte über 
den Hausierhandel am 14. Mai 1884: „Wollen Sie dem Kaufmann in
        <pb n="27" />
        17 
ääs-äşì; 
die Kaufleute aus den kleinen Städten, die sich auch nur cm Hem wenig 
sstäsBşSï 
den Kaufmnnnsstand das Fachschulwesen ins Auge fassen. 
Fn der That, eine durchgreifende Änderung läßt sich im Lehrlings- 
11601(11^" büllcH, ÍDÍÍ etma bie %u§biibimß bet tmt|mämnļii,eit Sei)úinAe 
kaufmännischen Innungen überlassen bleiben? 
Soweit die Innungen nur die sachliche Ausbildung in's Auge fassen, 
üSii 
Geschäfte und Konsumvereine. . . . . 
Die Ausbildung der kaufmännischen Lehrlinge muß viel 
mehr eine Förderung des kaufmännischen Gehulsenstand es 
twAcnMcfeitc tm#üim#e g(ll^^c^^ímeîen, be^eii %ugbiibimg 
■ 
linge begrenzt werden können. 
mmm:
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        18 
als Lebensaufgabe aufsaßt, hat man bei dem weiblichen Personal im Kans- 
mannsstande geltend gemacht, „daß fast alle Handlungsdienerinnen ihre 
schnell geschaffenen Stellungen nur als eine vorübergehende Erwerbsquelle 
betrachten, aus der sie so lange zu schöpfen gedenken, bis ihnen die Mög 
lichkeit geboten wird, sich zu verheiraten". (Kausm. Blätter 81 Nr. 13). 
Die Nichtigkeit dieser Bemerkung muß im allgemeinen zugegeben werden, 
wenngleich die Statistik gezeigt hat, daß ein nicht unbedeutender Prozentsatz 
weiblicher Personen auch in höheren Altersklassen im Handelsgewerbe thätig 
ist. Wenn daher für die einzelnen die Thätigkeit im Handelsgewerbe unr 
eine vorübergehende ist, oder als solche gedacht wird, so ist doch keineswegs 
die Gesamterscheinung der Frauenarbeit als eine vorübergehende aufzufassen. 
Im Gegenteil, grade der fortwährende Nachschub weiblicher Personen, von 
denen jede einzelne sich ihre Thätigkeit als nur vorübergehend denkt, macht 
die Konkurrenz der Frauenarbeit so gefährlich. Gerade hierdurch wird den 
Frauen im Handelsgewerbe die Möglichkeit genommen, sich in Vereinen zu 
organisieren, ganz abgesehen davon, daß unsere gesellschaftlichen Zustände 
eine derartige Organisation erschweren. Der Schlnßcffekt dieser Zwangs 
lage ist eine große Gefügigkeit der Frauen gegen jedweden Lohndrnck, dessen 
rücksichtslose Anwendung eine große Zahl gewisser Geschäftsleute für unbe 
denklich halten. Die sittlichen Gefahren, welchen junge Mädchen in Hand- 
lungsgeschäften ausgesetzt sind, seien hier übergangen. 
Wenn daher die Verminderung der Konkurrenz der Frauenarbeit von 
einer zu verlangenden Prüfung nicht erwartet werden darf, so scheint es 
ebenso ausgeschlossen, die Verminderung der Frauenarbeit von einer höheren 
Auffassung des kaufmännischen Berufs seitens der Geschäftsinhaber selbst 
zu erhoffen. Auch hier bleibt als einziges durchgreifendes 
Mittel das geschlossene Vorgehen kauf m ä n n i s ch e r Verei n e. 
In engem Zusammenhange mit den Fragen der Konkurrenz der 
Lehrlings- und der Frauenarbeit im kaufmännischen Gewerbe stehen die 
Fragen des Arbeitslohnes, der Arbeitszeit und des Arbeits 
vertrags. 
Auch ans diesen Gebieten macht sich zunächst wieder der Mangel an 
exaktem statistischen Material fühlbar. Bezüglich des Arbeitslohnes 
dürfte es insbesondere nicht schwer fallen, gelegentlich der von verschiedenen 
kaufmännischen Vereinen sehr intensiv betriebenen Stellenvermittelung ein 
ausreichendes Material zu beschaffen und dasselbe in den Jahresberichten 
weiteren Kreisen zugänglich zu machen. Einen gewissen Anhalt gewähren 
die Veröffentlichungen von Vakanzen seitens des Hamburger Vereins für 
Handlungscommis von 1858, des Frankfurters und einiger anderer Vereine in 
den kaufmännischen Blättern. Das durchschnittliche Jahresgehalt der Cvmp- 
toiristen gravitiert hiernach um M. 1500.—, wobei auf die Kenntnis der 
doppelten Buchführung und auf gute Handschrift ein besonderes Gewicht gelegt 
wird. Für Lageristen und Verkäufer ist das Gehalt etwas niedriger, es schwankt 
zwischen Nt. 1000.— und Nt. 1400.— Korrespondenten werden gewöhn 
lich gut bezahlt mit M. 2000—3000.—, indessen sind die Anforderungen, 
welche an dieselben gestellt werden, besonders bezüglich der Sprachkennt- 
nisse, oft unverhältnismäßig hohe, eine Erscheinung, die auch vielfach in
        <pb n="29" />
        19 
beu Jahresberichten kaufmännischer Vereine als eine Erfahrung bei der 
Stellenvermittelung hervorgehoben wird. Auffallend niedrig sind dagegen 
die Gehalte im Detailgeschäst, in welchen vielfach freie Station angeboten 
wird; es fanden sich Stellen ausgeschrieben mit freier Station für Verkäufer 
in Weißwaren und Wäsche mit M. 700—900.— 
in Manufakturwaren mit . . „ 400—600.— 
in Kolonialwaren mit . . . „ 240 (!) 
Diese Angaben erlauben natürlich noch keinen allgemeinen Schluß 
ans die Gehaltsverhältnisse der Handlungsgehülsen, es dürste auch kaum 
gerechtfertigt sein, wie es vielfach in der Presse geschehen ist, ein allge 
meines Dnrchschnittsgehalt von etwa M. 1200.— für dieselben anzunehmen. 
Gerade bei den Fragen des Arbeitslohnes führen summarische Angaben 
leicht irre. Die mitgeteilten Ziffern scheinen aber die behauptete Kalamität 
im Handlungsgehülfenstande zu bestätigen und ihre Unvollständigkeit kann 
als eine Mahnung für die kaufmännischen Vereine dienen, in dieser Be- 
ziehung weiteres Material zu sammeln. Es sei noch darauf hingewiesen, 
daß die zur Durchführung der Jnvaliditäts- und Altersversicherung neuer 
dings behördlich angestellten Lohnermittlnngen sich vermutlich 31t lokalen 
lohnstatistischen Untersuchungen über die Handlungsgehülsen von den ein 
zelnen Vereinen in ihren Jahresberichten verwerten lassen würden. 
Der Arbeitslohn gewährt indessen ohne die Kenntnis der Dauer der 
Arbeitszeit an sich noch keinen sicheren Maßstab zu Beurteilung. Auch 
hinsichtlich der Arbeitszeit finden sich häufiger Klagen als exakte Angaben. 
Ein gewisser Anhalt wird indessen in der Reichsenquete über die Sonntags 
arbeit geboten. In beschränktem Maße findet hiernach Sonntagsarbeit im 
Warengroßhandel und im Geld- und Kredithandel zu Zeiten starker Ge- 
schästsanhäusung statt, sehr drückend aber ist die Sonntagsarbeit im 
Kleinhandel. 
So wird bezüglich der Kolonialwarenhändler mitgeteilt, daß in 
Berlin von „morgens 6 (im Sommer x / 2 0) bis abends V2II Uhr, in 
vielen Geschäften'bis 11 Uhr verkauft werde" und „daß das Personal 
ohne Unterbrechung, selbst ohne Gewährung der für die notwendigen Mahl 
zeiten erforderlichen Zeit thätig sein müsse", „daß die Commis zum Teil 
Sonntags 16—17 Stunden angestrengt zu arbeiten hätten", und „nament 
lich in 'der Materialwaren-, Delikatessen- und Cigarrenbranche jeden Tag, 
Sonntags wie alltags von morgens 5 oder 6 Uhr bis abends 10 oder 
11 Uhr, ja sogar bis I Uhr im Geschäft seien" Magdeburg); auch die 
sächsischen Handelskammern teilen mit, daß die Handlungsgehülfen teil 
weise, je nach der Jahreszeit, 14—16 Stunden beschäftigt seien. Aus 
Württemberg wird berichtet: Wenn man nach den Warengattungen unter- 
fiheidet, so haben am längsten offen die Tabaksläden (bis abends 9 Uhr) 
auch die Spezereilüden (bis 8 Uhr), dann die Tuchgeschäfte (bis 2 oder 
4 Uhr nachmittags), wogegen die Buchhandlungen nur 1—2 Stunden den 
Laden offnen. Die sogenannten Warenabzahlungsgeschäfte halten ihr Ge 
schäft mit Vorliebe bis in die Nacht hinein offen. 
2
        <pb n="30" />
        Als Grund dieser Erscheinung wird hauptsächlich die „Konkurrenz" 
angegeben. Fast alle Geschäftsinhaber versichern, sie würden den Verkauf 
gern unterlassen, wenn nicht die Rücksicht ans die Konkurrenz sie zwinge. 
Stichhaltiger scheint die vorgeschützte Rücksichtnahme ans die Bedürfnisse 
der Landleule in kleinen Marktstädten. 
Als nachteilige Folgen für die Arbeitnehmer wird Verkürzung des 
Gehalts genannt, die Angaben schwanken über die Höhe der Kürzungen 
von M. 20—300.— jährlich. Auch bezüglich der moralischen Entwicklung 
der Gehülfen werden Besorgnisse ausgesprochen. Man fürchte, daß, wenn 
den, zunächst nicht ortsansässigen, jungen Leuten der ganze Tag frei ge 
geben werde, dieselben dem Hange zum Leichtsinn nachgeben, in schlechte 
Gesellschaft geraten, ihre persönlichen Bedürfnisse für Vergnügungen, Aus 
flüge rc. steigern, größere Ausgaben machen und vielleicht auch in einzelnen 
Fällen der Verführung ausgesetzt werden würden, sich aus Kosten des 
Prinzipals schadlos zu halten. Namentlich das weibliche Personal sei bei 
größerer Freiheit nur dem Leichtsinn und der Verführung preisgegeben, 
wenn dasselbe sich beschäftigungslos herumtreiben werde. In allen Fällen 
würde die Disziplin, besonders in großen Städten, sich sehr bald 511m 
Schaden der Kaufherrn und der jungen Leute lockern. 
Man muß sich darüber wundern, daß dieser Standpunkt zum Teil 
von kaufmännischen Vereinen geteilt wird. Die Handlungsgehülfen in der 
Stadt Königsberg haben sich für eine möglichst weitgehende Einschränkung 
der Sonntagsarbeit ausgesprochen. In anderen, sowohl in großen wie 
in kleinen Städten haben sie dies nicht in gleichem Maße gethan. Viele 
fürchten einen mehr oder minder erheblichen Lohnausfall und meinen, wenn 
sie mehr freie Tage hätten, würden sie nur mehr Geld aus 
geben. Die meisten erklärten, sie wären zufrieden, wenn sie alle 14 Tage 
einen freien Nachmittag hätten.*) 
Die Frage der Regelung der Sonntagsarbeit im Handelsgewerbe ist 
inzwischen durch die in zweiter Lesung gefaßten Beschlüsse des Reichstags zur 
Gewerbenovelle zu einem, man darf wohl sagen, im allgemeinen befriedigenden 
Abschluß gelangt. Es werden sich demnach voraussichtlich die Resorm- 
bestrebungen im Handelsstande in der nächsten Zukunft mehr der Abstellung 
von Mißständen in der täglichen Arbeitszeit zuwenden. 
Aus den Angaben über die Sonntagsarbeit diirfte aber wohl der 
Rückschluß nicht ungerechtfertigt sein, daß auch die tägliche Arbeitszeit, 
hauptsächlich im Kleinhandel, manche Härten mit sich bringt. Ob aber im 
Handelsgewerbe eine neunstündige Arbeitszeit durchführbar ist, wie sie in 
den „Kaufmännischen Blättern" (81,3) gesorden wird, erscheint fraglich. Die 
„Kaufmännischen Blätter" machen auch selbst aus die Schwierigkeit der 
Durchführung aufmerksam, wenn sie schreiben: „Die Arbeit des Hand 
lungsgehülfen ist eine zu verschiedenartige, als daß sich dieselbe in eine 
Norm der Zeit zwingen ließe. Der Kassierer im Bankgeschäft, der Reisende, 
der Verkäufer im Materialwarengeschäft, der Waterclerk, alle müssen zu so 
*) Dieser Eindruck wird wohl nur durch den nichts weniger als objektiv ge 
haltenen Gesamtbericht über die fragt. Enquête hervorgerufen. 
Der Herausgeber.
        <pb n="31" />
        21 
verschiedener Zeit auf dem Posten sein, ihre Thätigkeit ist eine so ab 
weichende, daß sich schlechterdings keine Angaben machen lassen, in welchen 
Stunden sie ihrem Geschäfte obliegen sollen." 
Ein weiterer Nachteil der Arbeit der Handlnngsgehülsen scheint in 
der Bestimmung des Art. 61 des H.-G.-B. zu liegen. Hiernach kann das 
Dienstverhältnis zwischen dem Prinzipal und dem Handlungsdiener 
von jedem Teile mit Ablauf eines jeden Kalendervierteljahres nach vor 
gängiger sechswöchentlicher Kündigung aufgehoben werden. Ist durch Ver 
trag eine kürzere oder längere Zeitdauer oder eine kürzere oder längere 
Kündigungsfrist bedungen, so hat es hierbei seine Bewendung. 
Von der Befugnis, eine kürzere Kündigungsfrist festzusetzen, scheint 
vielfach ein übergroßer Gebrauch gemacht worden zu sein. Die freie Ver 
einigung junger Kaufleute zie Berlin hat daher am 7. Januar 1884 eine 
Eingabe an das Ältesten-Kollegium in Berlin gerichtet, in welchem sie 
klagt, daß die Prinzipale von der gesetzlichen Befugnis einer anderen Ver 
einbarung der Kündigungsfrist (§61 H.-G.-B.) als der sechswöchcntlichen, 
einen für die Handlungsgehülfen nachteiligen Gebrauch macheu und um 
Verwendung für Aufhebung dieser Befugnis gebeten. Das Kollegium hat 
erwidert, daß „es sich zu einer Abänderung dieses Rechtszustandes zu raten 
nicht entschließen könne, da für alle Beziehungen des Handelsrechts die 
Bertragsfreiheit ein unentbehrlicher Faktor sei." Ein derartiges Sichver- 
steisen alls den „freien Arbeitsvertrag" dürfte schwerlich mehr dem Geiste 
unserer neuen Wirtschaftsgesetzgebung entsprechen; ob jedoch eine Änderung 
der gesetzlichen Bestimmung notwendig ist, müßte sich erst auf Grund hin 
reichenden Materials ergeben, was zur Zeit nicht vorhanden ist. 
Als Ausfluß dieser gesamten Kalamitäten erscheint die Stellen 
losigkeit. Es ist bereits hervorgehoben worden, daß die Vermeidung 
der Stellenlosigkeit nicht das eigentliche Problem der „socialen Frage" im 
Kaufmannsstande bildet, daß sie indessen wegen ihrer hohen wirtschaftlichen 
Bedeutung für den Einzelnen als ein Bindemittel zur Förderung gemein 
samer Interessen in kaufmännischen Vereinen gedient hat. Die kauf- 
männischen Vereine haben sich in der That bereits große Verdienste darum 
erworben, der Stellenlosigkeit kaufmännischer Gehülfen durch eine Organi 
sation der Stellenvermittelung entgegenzuarbeiten. 
Bei der Stellenlosigkeit ist zweierlei zu unterscheiden. 
Insoweit die Stellenlosigkeit als Massenerscheinung in einer allge 
meinen wirtschaftlichen Krisis vorübergehend begründet ist, unterliegt sie 
den allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnissen. Ausgabe der kaufmännischen 
Vereine ist es dagegen, die chronische Erscheinung der Stellenlosigkeit in 
ihren Ursachen zii ergründen und diejenigen praktischen Maßregeln zu er 
greifen, welche geeignet erscheinen, ihr vorzubeugen. 
Bei der ersteren Art der Stellenlosigkeit wird es zwar immer noch 
eine dankbare Aufgabe der kaufmännischen Vereine sein, die Härten der 
selben zu lindern, der Schwerpunkt der Thätigkeit kaufmännischer Vereine 
gegen die Stellenlosigkeit wird aber in der Überwindung derselben als 
chronische Erscheinung zu suchen sein. Die Thätigkeit derselben wird 
sich daher einmal auf eine einheitlich und streng durchgeführte Organisation
        <pb n="32" />
        1880 
1881 
1882 
1883 
1884 
1885 
1886 
1887 
«T 
— 22 — 
ber Stellenvermittelung zu erstrecken haben und andrerseits auf die Be 
seitigung der allgemeineren Ursachen, welche fortwährend von neuem die 
016^6)110^1611 eqeitacit. 
Daß es sich aber in der- That um eine chronische Stellenlosigkeit ber 
ben fmnbíu^oBoc^nífcn ^nbclt, bürsten bic 3#rn ber Mi^cn %oßn= 
bundenstatistik beweisen. Es betrug nämlich die Zahl der wegen Bettelns 
und Bagabundierens bestraften Personen in Sachsen 
überhaupt: darunter Kaufleute und Händler. 
auf 1000 
14 060 287 20,4 
12 435 275 22,i 
11 727 284 24,2 
11 098 268 24,i 
10 717 284 26,5 
10868 286 26,3 
10 780 319 29,o 
9 412 266 28,i 
Die Ziffer der wegen Bettelns ltub Bagabundierens bestraften Kauf- 
icitte imb #nbier f# liiern# im an ber ®cimntaobi in bem 
Zeitraum von 1880—1887 von 20,4 auf 28,i /o zugenommen. 
Die sächsische Statistik bemerkt zu diesen Ziffern: 
„Die für „Kaufleute und Händler" ermittelten Zahlen haben keine 
bedeutende Abnahme zu verzeichnen, sondern halten sich in den einzelnen 
Mrcn wif aicrn# ## Wie. nrng üieííet# borm bcarunbet 
fein, bnf] biefem Berufe, mie so Wnfio oeti# mirb, me^r ^er)nnen nW 
dem Bedarf entspricht, zugeführt werden, sodasi mete, welche ímíjit bte ßiaft 
und Energie in sich besitzen, sich einer anderen, wenn auch gewöhnlicheren 
Beschäftigung zuzuwenden, ber Bettelei und Vagabundage m btc Hände 
fallen." ' 
Auf der auderen Seite bieten die Jahresberichte der kaufmännischen 
Vereiire ein wertvolles Material zur Beurteilung der Fortschritte und zur 
Sammlung von praktischen Erfahrungen, welche bislang ber ber Stellen 
vermittelung gemacht worden sind. 
Irr den nachstehenden Vereinen war die Zahl der Vakanzen, die 
3# ber Bewerber imb bicjeniQc ber in ben miQCßcbcncn 
Zeiträumen folgende: 
Die hier folgende Tabelle siche Seite 23. 
Die Beobachtungen erstrecken sich hiernach im ganzen mis 84715 Va 
kanzen, für welche i 38 723 Bewerber vorhanden waren, während nur 
37 633 Besetzungen stattfanden. Auf 1 Vakanz entfielen 1,g Bewerber, 
auf 100 Vakanzen kamen 44,&amp; Besetzungen und ans 100 Bewerber nur 
27,i Besetzungen; das Resultat darf daher noch keineswegs als eut glanzendes 
betrachtet werden. Als eine allgemeine Erfahrung wird zwar von fast allen 
kaufmännischen Vereinen, die sich mit der Stellenvermittelriirg beschäftigen, btc 
steigende Benutzung dieser Organisation sowohl seitens der Geschäftsmhaber
        <pb n="33" />
        23 
Name des Vereins 
Verein für Handlungs- 
commis 1858. . . . 
do. 
Kaufmann. Verein Frank 
furt a. M 
do. 
VereinDeutschcrHandlungs- 
gehülfen, Leipzig . . 
do. 
Kaufmann. Verein München 
do. do. do. 
do. do. do. 
Verein junger Kaufleute, 
Berlin 
Kanfmänn. Verein Merkur, 
Nürnberg 
Kaufm. Verein Mannheim 
do. do. do. 
1867/81 
1888 
1867/87 86 031 
a. Commis 4 193 
Zahl der 
Nakan-I Bewer- 
zcn I ber 
25 789 
6340 
1888 
b. I.ehrlinŗc 
1886/87 
1887/88 
1879/80 
1880/81 
1888/89 
1888 
1888/89 
1887/88 
1888/89 
2 335 
3 913 
181 
160 
676 
1 374 
1 443 
903 
1036 
Be. 
setzun- 
gcn 
41 984 12 847 
9 320(3) 2 796 
68 278 
3 953 
120 
2 527 
3649 
806 
792 
1423 
2 065 
1 627 
1 259 
920 
16 374 
1 764 
48 
783 
1217 
48 
52 
222 
510 
441 
241 
290 
a M 
P 
1,G 
1.4 
1,9 
1,0 
0,3 
1,1 
o,«! 
4.4 
5.0 
2.1 
1.5 
1.1 
1,4 
0,0 
IP 
^ e 
4»' 
58 
49,s 
44.1 
45.4 
42» 
14.1 
33.6 
81.1 
26.5 
32.5 
3%, 
37.1 
30.0 
26.7 
28.0 
5 -, 
Ut 
'ST 
80,« 
30.0 
24.0 
44.6 
40.0 
31.0 
33.1 
6,0 
6,5 
15.6 
24.6 
27.1 
19.1 
31,5 
84 715 138 723 
37 633 
1,6 
44,4 
27,i 
Oía feitena bet &amp;o,ibiwio8QC#iìm bctüotocbobcn. ebenso n%nicui ist 
Ìcbod) bic 93cobo#nü, bob bic GtcüciiüctniittclmiQ bi# bic bici# um 
ocnÖQCHbc 9íuabiíbunij bet Bcloctbct ioitb. 
3)ic Venterlungen, toelehe der Ķausmännische Vereiit a» Eheinilih in 
fcincnilo. 3obtcabcticí)tc in bi# BcaicbmiQ mo(ï,t, büßten bn# looí)! 
ans allgemeine Gültigkeit Anspruch erheben. Diese Bemerkungen lauten. 
„Ein großer Teil der Stellensuchenben vermag in Bezug aus jeme ^eißungen 
kaum den allerbescheibensten Ansprüchen zu genügen. Es ist zu berücksichtigen, 
daß ein schon kalligraphisch und richtig orthographisch geschriebener, sowie 
oni MiUncttct %tief bie beste @„##900 bea Aoufniomia ist; bob bei bein 
ioa,110^0^1^)6,1 Gbotoítct bea fonf,t,ün,ti#c,i %ctnfa ,mb ben b#nbig 
M) etlocitctnbci Gtenaeu bea Me# bic #ti#t 1,1 beni Gebtond, 
miibet @btod,e„, nomcntiics) bea mib ßto„#lcbci, umnet 
mehr Ersordernis wird und daß es von ganz erheblichem Werte ist, weitn 
man sich besondere Fachkenntnisse erwirbt, da meist nur bicļc zur Er 
langung besser bezahlter Stellen berechtigen." 
Inwieweit sich bic Organisation der Stellenvermittelung aus eine 
höhere Stufe zu beben vermag, möge in dem Schlußabschnitt näher bar- 
aeicot loctbcn Ga fei biet mit í)ctOot#obc„, bob bic toufiimm"#,, 
Steile,met,,,itteími#nteon); ií)tc Sín^obc mit borni ciiiiiicii (önncii, Wenn
        <pb n="34" />
        fie an die Gehülfen sowohl als an die Prinzipale fest normierte Fragen 
über Wünsche, Kenntnisse, Leistnngssähigkeit n. s. w. stellen, deren Beant- 
wortung keine allgemeine sein kann. 
Es ist endlich noch der Einfluß hervorznheben, welchen das staat 
liche Versicherungswesen in neuester Zeit ans die wirtschaftliche 
Stellung der Handlnngsgehülsen ausgeübt hat. Der § 2 des Reichs 
gesetzes über die Krankenversicherung der Arbeiter lautet: 
„Durch statutarische Bestimmungen einer Gemeinde für ihren Bezirk, 
oder eines weiteren Kommnnalverbandes für seinen Bezirk oder Teile des 
selben kann die Anwendung des Bersichernngszwanges erstreckt werden: 
2. ans Handlnngsgehülsen und -Lehrlinge, Gehülfen und Lehrlinge in 
Apotheken." 
Es ist nun allerdings außer Zweifel, daß einzelne kaufmännische 
Vereine, wie derjenige der Hamburger Handlungseommis von 1858 und 
der Verband Deutscher Handlnngsgehülsen 51t Leipzig auf dem Gebiete der 
freiwilligen Versicherung bereits Großes geleistet haben. Diesen Bestrebungen 
der Selbsthülse trägt die staatliche Versicherung durch die Gestattung der 
sogenannten eingetragenen Hülsskrankenkassen Rechnung. Für die Weiter 
bildung der hauptsächlich in Frage kommenden Krankenversicherung handelt 
es sich nun darum, ob die Handlnngsgehülsen in eigenen Kassen oder in 
Ortskrankenkassen versichert werden sollen. Für Bildung von eigenen Kassen 
treten die „Kaufmännischen Blätter" (84, 32) mit den Worten ein: „Es 
bedarf keiner Frage, daß den Prinzipien unseres freien, unabhängigen 
Standes die Bildung freier Hülsskassen am meisten entspricht und im 
Interesse der Lebensfähigkeit solcher Organisationen, um ben weitgehendsten 
Anforderungen in ausgiebiger Weise entsprechen zu können, empfiehlt sich 
unbestreitbar als das zweckmäßigste, die Gründung einer einzigen und 
einheitlichen Central-Krankenkasse der deutschen Kaufmannschaft." 
In der Theorie kann man hier dem kaufmännischen Vereine völlig 
Recht geben, die Erfahrung hat indessen gezeigt, daß ein großer Teil 
Handlnngsgehülsen bei einer alleinigen Organisation der Krankenversicherung 
in eigenen Kassen der Wohlthaten des Gesetzes nicht teilhastig wird. Die 
thatsächliche Notlage der Handlnngsgehülsen hat daher bereits verschiedene 
Städte veranlaßt, von der Befugnis des § 2 des Gesetzes, den Ver- 
sicherungszwang durch Ortsstatnt auf dieselben zu erstrecken, Gebrauch zu 
machen/ Bon verschiedenen kaufmännischen Vereinen ist dieses Vorgehen 
auch gebilligt worden. Als durchaus korrekt darf daher wohl der Stand 
punkt' bezeichnet werden, welchen vr. Max Qnarck in einer am 3. Dezem 
ber 1889 abgehaltenen Versammlung des Demokratischen Vereins in Frankfurt 
am Main, in welcher über die Einführung des Versicherungszwanges in 
Frankfurt beraten wurde, einnahm. Er sagte: 
„Die staatliche Zwangsversichernng ist bekanntlich von der Regierung 
damit begründet worden, daß die Einkommensverhältnisse der Arbeiter für 
Notfälle zu dürftig seien. Ist nun eine große Kategorie von Handlnngs 
gehülsen in derselben Lage, wie die gewerblichen Arbeiter, so mist; der 
Zwang auch für jene eingeführt werden. Es íann sich also lediglich um
        <pb n="35" />
        25 
diesen Nachweis handeln. Die Statistik der Gehülfengehalte ist nun noch 
sehr unvollkommen imb zwar zum großen Teil in Folge der Unthätigkeit 
der kaufmännischen Vereine. Der Notstand unter den Handlungsgehülfen 
ist aber von den verschiedensten Seiten anerkannt worden. Der Zwang 
rechtfertigt sich um so mehr, als es ja den Gehülfen frei steht, sich durch 
Beitritt zu einer freien Hülsskasse der Ortskrankenkasse zu entziehen." 
Daß dieser Gesichtspunkt durchschlagend ist, findet seine Bestätigung in 
der dem Reichstag inzwischen vorgelegten Novelle zum Krankenversicherungs- 
geseh, nach welcher die Handlungsgehülfen mit einem Gehalt bis zie 2000 At. 
der Versicherungspflicht unterworfen werden. Aus denselben Gründen 
rechtfertigt sich auch wohl die Einbeziehung dieser Handlnngsgehülsen in 
die Jnvaliditäts- und Altersversicherung.
        <pb n="36" />
        26 — 
III. 
Was haben nun bisher die kaufmännischen Vereine für die gesell 
schaftliche und wirtschaftliche Hebung des Standes der Handlungsgehülfen 
geleistet, und welches sind die Aufgaben, die gerade sie zu lösen in hervvr- 
ragendem Maße berufen sind? Wirft mau zunächst einen Blick auf die 
Organisation und Ausdehnung der Vereine, so sind die kaufmännischen 
Vereine zumeist aus rein lokalen Interessen erwachsen und zum Teil über 
dieselben nicht hinausgegangen. 
Daneben ist ein nicht unbedeutender Teil kaufmännischer Vereine in 
größeren Verbänden organisiert. Die bedeutendsten kaufmännischen Vereine 
und ihre Mitgliederzahl nach den dabei angegebenen Jahresberichten sind 
folgende: 
Name des Vereins: Jahr. Mitgliederzahl. 
Handlungscommis von 1858, Hamburg 1887/88 22 508 
Verband Deutscher Handlnngsgehülfen 
au Keil# 1888/89 17 000 
Kausmänn. Verein Merkur, Nürnberg 1888/89 3 126 
Kaufmännischer Verein Frankfurt a. M. 1888 2 890 
Verein junger Kaufleute, Berlin . . 1888 2 509 
Kaufmännischer Verein Mannheim . 1888/89 2 085 
Kaufmännischer Verein München . . 1888/89 l 120 
zusammen . . 51 238 
Der Verein für Handlnngscommis von 1858 zn Hamburg, der 
Frankfurter Verein und der Verband Deutscher Handlnngsgehülfen zu Leipzig 
sind in Kreisvereinen organisiert und entwickeln eine außerordentlich rege 
Thätigkeit alls dem Gebiete der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Weiter 
bildung ihrer Mitglieder. Die Organisation der kaufmännischen Vereine im 
einzelnen darzulegen, würde gu weit führen, es muß in dieser Beziehung ans 
die Statuten derselben, sowie ans die Jahresberichte verwiesen werden. Faßt 
man die Gesamtzahl der in den aufgeführten Vereinen organisierten Mit 
glieder zusammen, so beläuft sie sich aus über 50 000. Die Zahl der in 
den übrigen lokalen Vereinen vereinigten Handlungsgehülsen darf aber 
wohl ebenso hoch veranschlagt werden — der Verband reisender Kaufleute 
zn Leipzig zählte ferner nach den letzten Verhandlungen rund 4000 Mit 
glieder, — svdnß man etwa 100 000 Handlnngsgehülfen als in Vereinen 
organisiert annehmen kann. Schätzt man die Gesamtzahl der deutschen 
Handlnngsgehülfen auf 400 000, so ist der vierte Teil der Haud- 
lungsgehülsen in Vereinen organisiert.*) 
*) Seit Abfassung der Preisarbeit haben sich die Zahlen allerdings wesentlich 
verändert. Dieselben lauten nach ben letzten uns bekannt gewordenen Jahresberichten 
wie folgt:
        <pb n="37" />
        27 
Es muß einleuchten, daß -ei einer einheitlichen Organisation oder 
vielmehr einer Centralisation dieser Vereine mehr geleistet werden kann, als 
die einzelnen Vereine bislang zu leisten imstande waren. Ja es wird 
nicht zu gewagt erscheinen, wenn man behauptet, daß die Gesamtzahl der 
kaufmännischen Vereine, welche den vierten Teil sämtlicher Handlungsgehülsen 
umfassen, bei einer richtigen Organisation die Macht besitzen, das gesamte 
Gebiet der socialen Frag e im Kaufmannsstande zu beherrschen. 
Hierzu muß aber zunächst der rein lokalen und gesellschaftlichen 
Interessen zugewendete Charakter der kaufmännischen Vereine und der 
Jndifserentismus eines Teiles derselben gegen wirtschaftliche Fragen gebrochen 
werden. Ans der anderen Seite müssen sich die großen Vereine bescheiden, 
intensiver in einem geographisch abgegrenzten Gebiete ihre Thätigkeit zu 
entfalten, als sich in der Gründung von Kreisvereinen gegenseitig Konkurrenz 
zu machen. 
Soll wirklich eine gesellschaftliche Hebung des Standes der Handlungs 
gehülfen erfolgen, s o muß eine w i r t s ch a f t l i eh e Interessenver 
tretung die Basis derselben bilden; dies ist der Kernpunkt der 
Aufgabe, welche den kaufmännischen Vereinen zufällt. 
Die Forderungen, welche für die Hebung des Kanfmannsstandes an 
die kaufmännischen Vereine 511 stellen sind, erstrecken sich daher auf drei 
Punkte: 
1. auf eine einheitliche Organisation, 
2. aus eine wirksame Interessenvertretung, 
3. ans eine fortlaufende Untersuchung der wirtschaftlichen und 
socialen Lage der Handlungsgehülsen. 
Die einzelnen Aufgaben, welche in ihrer Gesamtheit die „sociale 
Frage" im Kaufmannsstande bilden, sind in den vorhergehenden Abschnitten 
in Umrissen dargestellt worden, es handelt sich hier um die Durchführung 
dieser Aufgaben durch eine Organisation der kaufmännischen Vereine. Diese 
Organisation kann vielleicht in folgender Weise gedacht werden. 
Die einzelnen Lokalvereine behalten ihre volle Selbständigkeit in 
Bezug ans ihre örtliche Verwaltung. Für eine bestimmte Zeitperiode bildet 
innerhalb einer Provinz resp. eines Bundesstaates ein 
Verein den Vorort für die Vertretung gemeinsamer Provinzialange- 
Die Gesammtzahl der Mitglieder kaufmännischer Vereine und Verbände in 
Deutschland betrug also im Jahre 1890 schon weit ü ber 100 000. Nichtsdestoweniger 
ist es u. E. gewagt, daraus den Schluß zu ziehen, das; der vierte Teil der 
deutschen Handlungsgehülsen in Vereinen organisirt sei. Ein Bruchteil der Vereins- 
Mitglieder besteht nämlich regelmäßig aus Prinzipale n. 
beim 
1. Verein für Handlungscommis von 1858, Hamburg 
2. Verband deutscher Handlungsgehülsen, Leipzig . . 
3. Kaufmännischer Verein, Frankfurt a. M 
4. Kaufmännischer Verein Merkur, Nürnberg . . . 
5. Verein junger Kaufleute, Berlin 
6. Kaufmännischer Verein, Mannheim 
7. Kaufmännischer Verein, München
        <pb n="38" />
        legenheiten. Ebenso müssen sich die größeren Vereine, deren Kreisvereine 
sich zum Theil aus das ganze Reich ausdehnen, territorial begrenzen zu 
Provinzialvereineil, an welche sich die rein lokalen Vereine der Provinz 
anzugliedern hätten. „Nur in der Beschränkung zeigt sich der Meister." 
Die Gesamtheit der Provinzialvereine wählt wiederum für eine bestimmte 
Zeitperiode einen Verein zum Vorort, welcher die gemeinsamen Angelegen 
heiten der Handlungsgehülfen für das Reich führt. 
Bei einer derartigen Organisation würde sich eine viel umfassendere 
Thätigkeit der kaufmännischen Vereine aus dem Gebiete der Stellenver 
mittelung ermöglichen. Man kann dabei von dem Gedanken ausgehen, das; 
es sich bei der Stellenvermittelung zunächst um den Bedarf des lokalen 
Arbeitsmarktes handelt, welcher durch die Lokalvereine versorgt werden 
kann. Der Arbeitsmarkt der Provinz lvürde die zweite unb derjenige für 
das Reich die dritte Stufe bilden, deren Organisation durch die Provinzial 
verbände und durch den Gesamtverband zu bewirken wäre. 
Mit dieser Organisation würde eine wirksame Interessenver 
tretung des Standes der Handlungsgehülfen von selbst gegeben sein. 
Bezüglich der Interessenvertretung herrschen vielfach unklare Vorstellungen. 
Die Handlungsgehülfen wünschen Vertretung in den Handelskammern, 
den Handelsgerichten für Personalsachen als Schiedsgerichte und im Handels 
tag. Es scheint dagegen, daß eine Vertretung der Klasseninteressen, welche 
sich au die Vertretung anderer Klasseninteressen angliedert, ohne weiteres 
zu einem durchgreifenden praktischen Erfolge nicht führen kann. Die Ver 
tretung der Handlungsgehülsen muß durch selbständige, ans dem Stande 
der Handlungsgehülfen hervorgegangene Organe gehandhabt werden. Nur 
eine große und iin einzelnen gegliederte Organisation wird imstande 
sein, den Forderungen der Handlungsgehülsen den nötigen Nachdruck zu 
verleihen. Allerdings liegt hier die Gefahr nahe, daß eine einseitige Ver 
tretung die Grenze, welche die Handlungsgehülsen voit den Prinzipalen 
trennt, erweitere und erst einen Klassengegensatz heranbilden helfe, welcher 
seiner Natur nach weder besteht, noch bestehen soll. 
Diese Befürchtungen sind auch von seiten der Geschäftsinhaber geltend 
gemacht worden. In einer Resolution des Vereins Berliner Kaufleute unb 
Industrieller, welcher sich im Jahre 1884 nach einem Referat des Herrn 
Dr. Max Weigert mit den bezüglichen Anträgen des Vereins junger Kauf 
leute in Berlin an das Ältestenkolleginul beschäftigte (Kausm. Blätter 84, 2(&gt;) 
wird gesagt: „Der Verein erblickt in den Anträgen des Vereins junger 
Kaufleute ' in Berlin an das Ältestenkollegium der Kaufmannschaft eine 
Bildung und Schärfung von Klassengegensätzen zwischen den Handlungs 
gehülfen und selbständigen Kaufleuten, welche ben Interessen der Kauf 
mannschaft zuwiderlaufen. " 
Hierbei wird indessen von der Voraussetzung ausgegangen, daß eine 
Vertretung der Handlungsgehülsen ill dell Handelskammern ihrer Natur 
nach zu einer Ausbildung zu Gegensätzen zwischen Prinzipalen und Ge 
hülfen führen müsse. Diese Voraussetzung dürfte jedoch in ihrer Allge 
meinheit nicht zutreffen, im Gegenteil muß, abgesehen von der bestehenden 
gesetzlichen Organisation der Handelskammern, wonach sie zur Zeit lediglich
        <pb n="39" />
        29 
als cinc gesetzmäßige Interessenvertretung der selbständigen Kanflente an 
zusehen sind, der Gedanke sympatisch berühren, daß die Handlungsgehülfen 
eine Vertretung in den Handelskammern erstreben; es würde hiernach eine 
Organisation geschaffen sein, welche es den letzteren erlaubt, in Verbindung 
mit den Prinzipalen an der Heilung der socialen Schaden im Kaufmanns 
stande zn arbeiten. Eine gegenseitige Anssprache würde vielleicht eher ver 
söhnend als entfremdend wirken können. 
Eine Vertretung der Handlungsgehülfen ist aber mit Erfolg kaum 
denkbar, wenn nicht die lokalen Vereine einen Rückhalt haben in einer 
festen großen Organisation, die es ihnen erlaubt, von allgemeineren Gesichts 
punkten aus die Beseitigung lokaler Übelstände in den örtlichen Handels 
kammern zu erkämpfen. Ebenso verfehlt würde der Gedanke einer Ver 
tretung der Handlungsgehülfen im deutschen Handelstage sein, so lange es 
nicht klar ist, wer vertreten wird. Auch hier kann eine wirksame Ver 
tretung nur statthaben ans Grund einer selbstgeschaffenen Organisation der 
kansmänuischen Vereine für das ganze Gebiet des Reichs. 
Als dritte Forderung ist die fortlaufende Untersuchung der 
sozialen und wirtschaftlichen Lage der Handlungsgehülsen bezeichnet worden. 
Eine objektive Untersuchung muß die Grundlage der sozialen und wirt 
schaftlichen Weiterbildung der Handlungsgehülsen bilden, falls es ihnen 
wirklich ernst ist, ihre Lage den konkreten Verhältnissen entsprechend um 
zugestalten. Aber auch eine derartige fortlaufende Untersuchung der wirt 
schaftlichen und sozialen Verhältnisse wird nur möglich sein bei einer- 
genügend erstarkten und einheitlich durchgebildeten Organisation. Indessen 
liegen hier die Verhältnisse etwas anders als bei der Organisation selbst. 
Während bei letzterer ein Wechsel des Vororts im Interesse der Belebung 
der Organisation liegt, scheint cs für die fortlaufende und wirtschaftliche 
Untersuchung angemessener, ein Organ zie wählen, welches gewissermaßen 
über den Parteien steht und seine Erfahrungen 51t festen leitenden Grund 
sätzen in der Behandlung derartiger Untersuchungen zu verwerten imstande 
ist. Ein solches Organ ist nun in der That bereits in seinen Anfängen 
vorhanden. Ans der Versammlung des Verbandes kaufmännischer Vereine 
für öffentliche Vorträge zu Chemnitz ist mit großem Nachdruck die immer 
dringender werdende wirtschaftliche Frage im Kanfmannsstande erörtert und 
eine besondere Abteilung des Verbands zur Untersuchung wirtschaftlicher 
Fragen begründet worden. Hier wäre der Anknüpfungspunkt zur Weiter 
bildung gegeben. Das geistige Band, welches der Deutsche Vortrags 
verband, welcher den einzelnen kaufmännischen Vereinen selbständig gegen 
übersteht, um diese bereits geschlungen hat, würde durch eine Erweiterung 
dieses Verbandes zur Warte über die wirtschaftliche Lage der Handlungs 
gehülfen nur noch fester geknüpft werden. In ihm wären alle Vorbedin 
gungen zu einer dauernden Untersuchung der socialen und wirtschaftlichen 
Lage der Handlungsgehülsen geboten und durch ihn wäre vielleicht auch 
am ehesten die Möglichkeit gegeben, den Gedanken einer einheitlichen Organi 
sation und Centralisation der kaufmännischen Vereine der Verwirklichung 
näher zu führen. Der kaufmännischen Fachpresse aber fällt die Ausgabe
        <pb n="40" />
        30 
zu. über die Lage der Handlungsgehülsen dem großen Publikum gegenüber 
jederzeit aufklärend zu wirken. 
Mit der wirtschaftlichen Umgestaltung der Lage der Handlungsge 
hülsen wird aber zugleich ihre gesellschaftliche Weiterbildung ermöglicht 
werden und so darf wohl nicht mit Unrecht die Antwort auf die Frage, 
in welchem Maße die kaufmännischen Vereine zur gesellschaftlichen und 
wirtschaftlichen Hebung der Handlungsgehülfen beizutragen vermögen, in 
die Worte gefaßt werden: 
„Das Geheimnis des Erfolges liegt in der Organisation."
        <pb n="41" />
        Dr. M a x G u a r ck 
illotto: 2Ulzeit voran! 
Mit dem Weiten Preis gekrönt.
        <pb n="42" />
        <pb n="43" />
        Einleitung. 
Die Form, in welcher auf die vom „Kaufmännischen Ver 
ein" zn Frankfurt n. M. in richtiger Erkenntnis der gegenwärtigen Ver 
hältnisse gestellte Preisfrage geantwortet werden muß, dürfte durch den 
Wortlaut der Aufgabe selbst ' ziemlich klar vorgeschrieben sein. Daß die 
heutige Lage der Handlungsgehilfen verbesserungsbedürftig ist, wird offen 
bar als feststehend vorausgesetzt. Sonst konnte ja nicht schon nach Mitteln 
zu ihrer Verbesserung gefragt werden. Dadurch wird eine besondere Dar 
stellung jener Lage der Handlungsgehülfen allerdings überflüssig. Aber da 
es doch darauf ankommt, Verbesserungsmittel zu finden und anzugeben, 
von denen ein praktischer Nutzen erwartet werden kann, so müssen diese 
Mittel unmittelbar aus den inneren Ursachen der verbesserungsbedürftigen 
Lage hergeleitet werden. Die genaue Kenntnis und Darlegung dieser 
Ursachen verbürgt allein die Angabe geeigneter Heilmittel, und wer sich 
über die eigentliche Ursache eines Übels klar ist, weiß damit gleichzeitig 
mindestens die Richtung, in welcher sich eine eventuelle Abhilfe bewegen 
muß, während der mit den tieferen Ursachen Unbekannte nur zufällig, wie 
die Medizin des Mittelalters, ein richtiges Heilmittel finden kann. Bei 
diesem untrennbaren Zusammenhang zwischen den Verbesserungsmitteln, 
nach welchen die Preisaufgabe fragt, und den Verschlechterungsgründen 
der Handlungsgehülfenlage, darf wohl in der Antwort eine eingehende 
Darlegung dieser Ursachen kaum fehlen, schon damit das Preisrichter 
kollegium ganz klar über die voraussichtliche Wirksamkeit oder Unwirksam 
keit der vorgeschlagenen Mittel urtheilen kann. Aus diese Weise, bei Dar 
legung der die heutige Lage der Gehülfen bedingenden wirtschaftlichen und 
gesellschaftlichen Ursachen, wird diese Lage selbst öfters berührt werden 
müssen, so daß auch dieser Teil der Sache zu seinem Rechte kommt. Nimmt 
dieser Abschnitt einen gewissen Raum der Antwort auf die Preisaufgabe 
ein, so möge daran erinnert werden, daß bekanntlich diejenigen die schlechtesten 
Ärzte nicht sind, welche die Krankenuntersuchung möglichst sorgfältig und 
ausdauernd vornehmen, das Rezeptverschreiben aber möglichst kurz machen, 
weil sich in vielen Fällen aus der klaren Erkenntnis der Krankheitsursachen 
sehr einfache Verhaltungsmaßregeln für den Kranken ergeben, deren Be 
obachtung mehr nützt, als alles Medizinieren. So soll also auch hier ver 
fahren werden. Aus der eingehenden Diagnose der jetzigen Lage der 
Handlungsgehülfen und ihrer Ursachen ergeben sich für einen folgenden 
Abschnitt die Mittel zur Verbesserung wie von selbst, und das weitere
        <pb n="44" />
        34 
Kapitel wird sodann ans den letzten Teil der Preisfrage Auskunft zu 
geben haben, inwieweit die kaufmännischen Vereine zur Anwendung der 
richtigen Mittel beitragen können. Es wird sich glücklicherweise zeigen, daß 
eine lange Reihe dankbarer Ausgaben dieser Vereine harrt. 
Schließlich soll noch bemerkt werden, daß es natürlich nicht möglich 
war, jeder wirtschaftlichen Ausführung in der vorliegenden Preisarbeit die 
thatsächlichen und ziffermäßigen Belege, welche vielfach erst die interessantesten 
Einzelheiten bringen, beizufügen. Sonst hätte der Verfasser den vor 
geschriebenen Raum weit überschreiten müssen. Das betreffende Material 
liegt aber vollständig bereit, und es wäre denkbar, daß dasselbe ans 
besonderen Wunsch bei eventueller Drucklegung der Arbeit in Form von 
Anmerkungen im Anhang beigefügt würde*). 
') Vergl. hierzu den Schluß des „Vorwortes". 
Der Herausgeber.
        <pb n="45" />
        Erst er Abschnitt. 
Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ursachen der ver 
besserungsbedürftigen Fage der Handlungsgehülfen. 
Diese Ursachen sind teils allgemeiner Natur und machen sich nicht 
blos; für das kaufmännische Gewerbe, sondern für die gesamte moderne 
Gewerbethätigkeit, innerhalb dessen die kaufmännische ja nur ein organisches 
Glied ist. geltend; teils werden sie allein bei der Entwicklung des kauf 
männischen Gewerbes bemerkt und sind also spezielle Gründe für die prekäre 
Lage der Handlungsgehülfen. 
Aus dem heutigen Erwerbsleben ist im allgemeinen, sowohl für 
den Unternehmer, als besonders für den unselbstständigen Gehülfen und 
Arbeiter, jene relative Sicherheit und Ruhe geschwunden, welche das 
Erwerbsleben unserer Großväter auszeichneten. Daran sind aber nicht 
die Menschen schuld, sondern in der Hauptsache die Fortschritte der 
modernen Technik auf allen Gebieten, aus dem der Produktion, des 
Handels, des Verkehrs und des Kredits. Nur wer in jeder einzelnen 
Branche, sei er Fabrikant, Kaufmann, Verkehrsunternehmer oder Bankier, 
mit den besten technischen Mitteln und Verbindungen ausgerüstet ist, 
kann sich durch die besten und billigsten Leistungen in der Konkurrenz 
aufrecht erhalten und etwas verdienen. Dann aber strömt ihm der 
Verdienst auch meist in einer Fülle zu, die man früher nicht gekannt 
hat, eine Fülle, welche den fortgeschrittenen Geschäftsmann in den 
Stand setzt, immer überlegener gegen seine schwächeren Konkurrenten aus- 
zutreten, so daß schließlich wenige Starke, wie im Darwinschen Kampfe 
ums Dasein, das Feld allein beherrschen. Daß zu diesem Beherrschen 
großes Kapital gehört, ergiebt sich schon daraus, daß die Ausrüstung mit 
allen modernen Behelfen der Technik und die Benutzung der besten und 
raschesten Verbindungen große Auslagen erfordern. Daher unter den 
Arbeitgebern selbst ein heftiger Kamps der Reichsten gegen die weniger 
Bemittelten, wobei die letzteren meist geschlagen das Feld räumen müssen, 
und daher die annähernde Unmöglichkeit für den Unbemittelten, sich nicht 
bloß für kurze Zeit, sondern dauernd und mit bleibendem Erfolg selbst 
ständig zu machen, außer durch besondere Glückssälle (Losgewinne, Ein 
heiraten, wichtige Erfindungen und Ähnl.), die natürlich als Ausnahmen 
die Regel nur bestätigen. ' Daraus, daß die Selbständigkeit ans jedem 
gewerblichen Gebiete ein immer schwerer zu erreichendes Ziel für die Uu- 
3
        <pb n="46" />
        36 
bemittelten wird, folgt dann die ungeheuere Konkurrenz, welche sich diese 
Unbemittelten, die doch die große Masse der Bevölkerung bilden, unter 
einander überall machen. Es scheint beinahe nicht genug Erwerbsgelegen 
heit mehr für diese Anzahl strebender Menschen da zu sein, weil sich die 
meisten von ihnen nur auf die Jagd nach unselbständigen Stellen werfen 
müssen und kein erleichterndes Vorrücken zur massenhaften Selbständigkeit, 
mehr stattfindet. Aus diesen inneren Ursachen ergiebt sich Dasjenige, was man 
heutzutage, rein äußerlich betrachtet, die „Überfüllung" nennt, die nicht bloß 
für die gewerblichen, sondern auch für die gelehrten und geistigen Berufe 
höherer und niederer Art, wie für die Beamtenlaufbahn Thatsache ist. Weil 
die Gewerbe nicht mehr alle Menschen versorgen konnten, glaubten sich die 
Unbemittelten eine Zeit laug mit besserem Erfolg auf die Beamteucarriören 
jeden Grades werfen zu müssen. Diese Erscheinung dürfte nebenbei ein 
Beweis dafür sein, daß höhere Anforderungen an die Vorbildung selten 
diesen Zudraug abhalten können; denn die Unbemittelten überwinden in 
der Hoffnung auf bessere Versorgung auch diese Hindernisse noch durch 
gesteigerte Entbehrungen und höheren Eifer. Dazu kommt, daß aus den 
oben angeführten Gründen kapitalkräftige Konkurrenten in allen Branchen 
oft auch noch eine ganze Anzahl mittlerer Arbeitgeber-Existenzen ruinieren. 
Diese letzteren werden mitsamt ihrem Personal erwerbslos und vermehren 
den Zudrang der Unselbständigen, welcher ohne alles Zuthun der Arbeit 
geber jeden Gewerbes die Verdienste herabdrückt, die Arbeitszeiten verlängert 
und die Kündigungsfristen verkürzt, weil ein Gehülfe oder Arbeiter immer 
den andern zu verdrängen suchen muß durch noch größere Gefälligkeiten 
gegen den Unternehmer. Die Thatsache, daß immer mehr Handarbeit 
sparende Maschinen angewendet und dadurch die menschliche Arbeitskraft 
überflüssiger und wertloser gemacht wird als früher, geht nebenher und 
vergrößert die Masse der Unselbständigen und Arbeitsuchenden. 
Bei dieser allgemeinen Überfüllung konnte natürlich das kaufmännisch 
Gewerbe nicht leer ausgehen. Dasselbe lockt die Unbemittelten noch ganz 
besonders dadurch an, daß es eine gesellschaftlich etwas höhere Stellung, 
als diejenige des Hülssarbeiters bei der Produktion gewährt, und daß die 
vielen kleinen Detailgeschäfte den Anschein erwecken, als sei hier doch 
noch eher, als anderswo, zu einer gewissen Selbständigkeit zu gelangen. 
Nebenbei führt die Einrichtung des Einjährig-Freiwilligen-Dienstes dem 
Kaufmannsstande manchen jungen Mann mehr zu, der recht gut für eine 
Thätigkeit in der Produktion getaugt hätte, nach gemachtem Examen sich 
aber fälschlich für zu gut dafür hält, andererseits fühlt, daß er höheren 
geistigen Anforderungen doch nicht genügen kann, und nun als vermeintlich 
richtigen Mittelweg den kaufmännischen Beruf wählt. Es mag also sein, 
daß der kaufmännische Beruf, dem sich (nicht gerade zur Hebung seiner 
Standesehre) auch gescheiterte Hausknechte, Kutscher, Schreiber und Metzger 
burschen zuwenden, einen Grad mehr überfüllt ist, als andere Erwerbsarten. 
Doch ist dies eben nur ein gradueller, kein wesentlicher Unterschied. Die 
letzten wirtschaftlichen Ursachen, die oben zu skizzieren versucht wurden, 
sind solche, die in der Umwälzung des modernen Verkehrs durch die Technik 
liegen. Daher leitet sich auch dasjenige, was sich von den allgemeinen Er-
        <pb n="47" />
        37 
Meinungen bei der kaufmännischen Gehülfeusrage wiederholt: übergroßer 
Wettbewerb, öftere Stellenlosigkeit, magerer Verdienst hier und weitgehende 
Ausnutzung der Handlungsgehülfen dort, wenn sie als große Masse in 
Betracht kommen, viele Ausnahmen im einzelnen natürlich zugegeben. 
Dies dürften in großen Zügen, die natürlich nur das Allernot 
wendigste berühren konnten, diejenigen allgemeinen Ursachen der modernen 
Erwerbsunsicherheit in jeder Branche sein, welche die Lage des kaufmännischen 
Gehülfenstandes sehr wesentlich beeinflussen. Diese Lage hat aber auch noch 
ihre besonderen Eigentümlichkeiten. Während sich auf dem Gebiete der Pro 
duktion und des Verkehrs immer neue Geschäftszweige bilden, die zwar 
alte verdrängen, aber dabei doch vielfach Verdienst iuit&gt; Arbeitsgelegenheit 
nicht bloß für die in der alten Branche beschäftigt Gewesenen, sondern 
sogar noch für neuen Zuwachs bieten, macht sich neuerdings innerhalb der 
civilisierten Staaten eine Entwicklung bemerkbar, welche überhaupt das gauze 
Haudelsgeschäst als besondere Branche überflüssig zu machen strebt. Der 
Produzent sucht aus jede Weise unter Umgehung des Zwischenhandels in direkte 
Verbindung mit dem Konsumenten zu treten; die Konsum- und Eiukausv- 
vereine sind ja in mancher Hinsicht nichts Anderes, als eine Form des direkten 
Bezugs des Verbrauchers vom Erzeuger oder ersten Verkäufer; und eine ge 
wissenlose Agitation hat diese Symptome benutzt, um den tendenziös verall 
gemeinerten Ruf: ..Fort mit dem schmarotzerhaften Zwischenhandel!" zu er 
heben. Daß mit diesem Schlagwort wenig gesagt ist, wird sich im Verlause 
dieser Arbeit noch zeigen. Thatsache bleibt es aber, daß bereits dem Handel 
als solchen, als ganzem Gewerbe, das Thätigkeitsgebiet von verschiedenen 
Richtungen her beschnitten und beengt wird. Dadurch müssen natürlich die 
Aussichten aus lohnende Selbständigkeit für die Gehülfen noch trüber werden. 
Tenn abgesehen von jener Einengung des Zwischenhandels sehen sich die übrig 
bleibenden Händler der Konkurrenz halber gezwungen, ihre Preise möglichst 
den Fabrikpreisen nähern, nub sie können dies nur. wenn sie mit möglichst 
großem Kapital arbeiten. Da türmt sich also dem Selbständigwerden des 
Gehülfen ein neues Hindernis auf. In der That liefern jene Riesenver- 
kaufshäuser, welche jeüt überall, nicht mehr bloß in Amerika, Paris und 
London, sondern auck' in München, Leipzig, Berlin entstehen, nicht bloß zu 
Fabrikpreisen, sondern sie beschäftigen schon ganze Werkstätten für stch allein 
und haben so einen weiteren Vorteil, nämlich das Monopol für gewisse 
Modeneuheiten nicht bloß auf dem Gebiete der Bekleidungskunst, sondern 
alich für die Papier-, Metall- und andere Branchen. Ein pariser Groß 
händler dieser Art hat sich gerühmt daß er in seinem prächtig ausgestatteten 
Verkaufspalais mit allen Raffinements für das Publikum die Geschäfte 
von 1500 mittleren und kleineren Kaufleuten mache. Auch begünstigt neben 
allen technischen Vorteilen noch die Nervosität und Schaulust des Publikums, 
sein Gefallen daran, sich in riesigen Räumen zu Tausenden zu bewegen, 
den Großbetrieb im kaufmännischen Gewerbe mit seinen Vorteilen der Baai- 
zahlung und der raschen Umschläge, während der Kleinhändler immer mehr auf 
das schlecht zahlende und in seiner Existenz sehr unsicher gestellte Publikum 
der Unbemittelten angewiesen ist, das ihn überdies verläßt und in dre 
großen Bazars geht, sobald es einige Groschen im Beutel hat, um erst
        <pb n="48" />
        wieder zum Kleinhändler zu kommen, wenn es borgen muß. Dieser Kamps 
zwischen Groß- und Kleinbetrieb spielt sich übrigens oft nicht so offen ab, 
als er eben geschildert wurde, weshalb er von vielen noch nicht genügend 
beachtet wird. Große Warenhäuser in Hamburg z. B. gewinnen Geschäfte 
im ganzen Reiche als Filialen, lassen denselben aber ihre eigne Firma, 
trotzdem alle Waren von der Centrale aus besorgt werden und den Filialen 
nur eine Provision bleibt. Im Rheinland centralisieren Angehörige einer 
Familie mit scheinbar selbständigen Geschäften an verschiedenen Orten ihren 
Warenbezug ebenso. Das sind lauter versteckte Anfänge zur Zusammen 
legung mehrerer kleiner Geschäfte in ein großes. 
Hier waren diese Erscheinungen und ihr immer häufigeres Vorkommen 
so eingehend zu erörtern, weil gerade sie schließlich als eine der speziellen 
Hauptursachen der verbesserungsbedürftigen Lage der Handlungsgehülfen 
bezeichnet werden müssen. 
Der ins Gedränge geratene Kleinhändler mit geringen Mitteln kann 
nämlich sein kleines Personal beim besten Willen nicht gut bezahlen, und 
wird durch die Macht der Umstände zur Lehrlingszüchterei und zur über 
mäßigen, meist mechanischen Ausnutzung seiner Hülsskräfte gedrängt, wes 
halb aus solcher Schule gar keine richtig vorgebildeten Gehülfen hervor 
gehen können. Die großen und größten Geschäfte aber haben einen oben 
noch nicht erwähnten, außerordentlich wichtigen Betriebsvorteil in weit 
gehender Arbeitsteilung. Im Warengeschäft bilden sie Specialitäten aus, 
z. B. Anslagenarrangeure, Kassierer, Verkäufer, Lageristen. Im Comptoir 
wird das Personal vorteilhaft nach englischem Muster in zwei Klassen 
getrennt. Die größere Anzahl der Cvmptoiristen sind bloße Schreibkräfte, 
welche registrieren, kopieren n. s. w. Daneben sind nur einige wenige 
leitende und gut geschulte Kräfte (in England Clercs genannt) für den 
Buchhalter-, Korrespondenten- u. s. w. Posten nötig. Das Ganze arbeitet, 
ähnlich wie in einer Fabrik mit Direktor, Aufseher und Arbeitern, exakt,, 
schnell und relativ billig. Es ist klar, daß auch aus dieser Mehrzahl mehr- 
mechanisch thätiger Kräfte keine allseitig gebildeten Commis hervorgehen- 
können, und die körperlich anstrengende Beschäftigung im Kleingeschäft, sowie 
die teilweise Entbehrlichkeit großer Kenntnisse für die Spezial- und Schreib 
posten im Großbetriebe bewirken es, daß das eifrige Wirken für kauf 
männische Fortbildungsschulen, das man an vielen Orten nur mit der 
größten Anerkennung verzeichnen kann, fruchtlos bleibt. Die Lehrlinge und 
Gehülfen sind einesteils am Abend zu müde, um sich noch fortbilden zu 
lassen oder selbst fortzubilden, und es wird anderenteils manchmal gar nicht 
viel mehr von ihnen verlangt, als ein gewandter Schreibdienst. Ans diesen 
Gründen fehlt der tüchtige gebildete Nachwuchs, aus diesem Grunde reißen 
die kurzen Kündigungsfristen und die Prvbeangagemeuts, sowie das Volon 
tärwesen ein, aus diesen Gründen kann in größeren Geschäften mit Arbeits 
teilung auch die billigere weibliche Arbeitskraft herangezogen werden, und 
deshalb sind die Gehalte vielfach so niedrig, was beim Handlungsgehülfen 
noch mißlicher ist. als beim Arbeiter, weil der letztere gesellschaftlich gar 
nicht zu repräsentieren braucht, während der Handlungsgehülfe in Kleidung,
        <pb n="49" />
        — 39 — 
Wohnung und Gasthausbesuch vielfach Rücksichten nehmen muß. Daß 
übrigens nicht bloß die Gehülfen, sondern vor allem auch die Prinzipale 
ein weitgehendes Interesse an der Verbesserung dieser Zustände haben, ist 
ohne weiteres klar. Denn ohne irgend einen Nachwuchs allseitig gebildeter 
Hülfskräste kann gerade das Handelsgewerbe nicht bestehen, und jede llnter- 
nehmung prosperiert um so rascher, je mehr sie gut und sicher gestellte, 
also auch zu den höchsten Leistungen fähige und innerlich zufriedene Hülfs- 
arbeiter hat.
        <pb n="50" />
        40 
Zweiter Abschnitt. 
Mitte! zur Abhülfe im Allgemeinen. 
Es mag dem ersten Blick auffallen, daß der Verfasser an die Spitze 
dieses praktischen Abschnittes als erstes Mittel zur Abhülfe folgende For 
derung stellt: 
„Das genaue Studium und die eingehende Erforschung 
der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage des Kaufmanns 
standes im allgemeinen, wie des Gehülsenstandes im be 
sonderen, sowie die w e i t e st e Massenverbreitung dieser Er 
kenntnis in kaufmännischen und nicht kaufmännischen 
Kreise n. " 
Und doch ist die Erfüllung dieser Forderung eine unumgängliche Vor 
bedingung für die praktische Durchführung aller im nachfolgenden weiter 
zu nennenden Abhülfsmittel. Auf keinem wirtschaftlichen Gebiete der Gegen 
wart herrscht noch eine solche Buntheit und Verwirrtheit der Ansichten 
und Reformvorschläge, wie auf dem kaufmännischen. Über die zunächst 
liegenden Aufgaben der Fürsorge für die Fabrikarbeiter z. B. sind sich 
nahezu alle Parteien einig, wie die letzten Beschlüsse des Reichstages 
in Sachen, der Arbeiterschutzgesetzgebung, der staatlichen Versicherung 
u. s. w. zeigen. Diese Klarheit rührt aber einfach daher, daß nicht 
bloß die Arbeiter selbst, sondern auch einsichtige Fabrikanten und Menschen 
freunde seit Jahrzehnten eingehend die industrielle Lage studierten und 
debattierten; erst vor wenigen Monaten haben noch die großen deutschen 
Unternehmerverbände eine eigene Deputation nach England geschickt, damit 
diese die dortigen Arbeiterverhältnisse und wirtschaftlichen Einrichtungen er 
forsche und eingehend darüber berichte. Das thatsächliche Material zur 
Erkenntnis der Lage der Fabrikarbeiter ist deshalb in so großer Fülle vor 
handen, daß man bereits die Löhne und Arbeitszeiten in verschiedenen Gegenden 
und Ländern vergleichen kann, während sichere Angaben über die Ent 
wicklung des Groß- und Kleinhandels, über die verschieden gearteten Be 
triebsverhältnisse kaufmännischer Geschäfte, über die Saläre, die Arbeitszeit 
und die Beschäftigungsdauer der Gehülfen nur vereinzelt vorliegen und des 
halb nicht immer den wünschenswerten Eindruck machen. Wer diesem 
Mangel zu Leibe geht, ergreift das erste Mittel zu Verbesserung der Ver 
hältnisse. Hier kann an einem schon früher geäußerten Gedanken an 
geknüpft werden: die sorgfältige Diagnose ist der erste und gradeste Weg 
zur Heilung oder Milderung jedes Übels, wenn überhaupt noch Heilung
        <pb n="51" />
        41 
und Milderung möglich sind. Mit dem Motto- „Erkenne Dich selbst!" 
müssen auch alle kaufmännischen Resormbestrebungen ausgerüstet sein, und 
das Ergebnis dieser Selbsterkenntnis in Wort und Schrift ist mit Hint 
ansetzung aller übrigen Gegenstände zu verbreiten. Denn die Kenntnis 
weniger Bevorzugter nützt der Besserung nichts. Der ganze Stand muß 
durch den Eindruck der Feststellungen in Bewegung geraten. 
Ferner muß jedenfalls das Eine für die weitere Wahl der Ver- 
bessernngsmittel festgehalten werden, daß dieselben die technische Vervvll- 
kommnung des kaufmännischen Betriebs nicht hemmen oder gar beseitigen. 
Im Fortschritt und in der Anpassung an die modernen Verkehrsbedürfnisse 
liegt der Lebensnerv des Handels; diesen Nerv unterbinden, hieße den 
Handel töten. Die Scheidung in Groß- unb Kleinhandel, das allmähliche 
Überwiegen des ersteren mit seinen ungeheueren Vorteilen für das Publikum, 
dem doch der Handel nur dient, sowie die weitgehende Arbeitsteilung inner 
halb der Großbetriebe — alle diese Dinge sind nicht mehr aus der Welt 
zu schassen, ohne die Aufhebung civilisatorischer Fortschritte. Wollte man 
mit Gewalt zu den alten einfachen Wirtschafts- und Gesellschaftsreformen 
des Handels zurückkehren, so verführe man wie derjenige, welcher wieder 
die Posten statt der Eisenbahnen einführen wollte. In der Beobachtung 
dieses Hauptgrundsatzes liegt das Geheimnis einer vernünftigen Ver- 
bessernngsthütigkeit, und behält man diesen Grundsatz stetig im Auge, so 
ergeben sich die weiteren Mittel zur Abhülfe ganz von selbst. 
Schon ohne jeden gleichsam operativen Eingriff in die bestehenden Miß- 
stände kann zunächst unter den heutigen Verhältnissen eine gut organisierte 
Stellenvermittlung viel zur Besserung thun. Wir sahen oben, daß 
das plötzliche, ohne jede persönliche Schuld des Prinzipals eintretende Zu 
sammenbrechen eines Hauses unter bein übermächtigen Drucke schneller Ver- 
mögensverschiebnngen heute nicht mehr zu den Seltenheiten gehört. Aus 
solche Weise wird öfters im Westen Deutschlands eine größere Anzahl von 
Gehülfen stellenlos, für welche im Norden, Süden und Osten Plätze vor 
handen sind, nur daß die Stellenlosen wegen der gegenwärtigen Zersplitterung 
der Stellenvermittlung nicht rasch genug oder überhaupt keine Nachricht davon 
bekommen. Bestände das letztere Hindernis nicht, so wäre ein Teil der Brotlosen 
relativ schnell unterzubringen. Man wird einwenden, daß für jede Gegend be 
sondere Ortskenntnisse notwendig wären, die bei solchen Kandidaten nicht immer 
vorhanden sind. Das mag in vielen Fällen zutreffen, in vielen aber auch nicht. 
Denn das Überhandnehmen der großen Betriebe egalisiert nach und nach 
die Betriebsweise in Osten und Westen, im Norden und Süden; ein großes 
Warenhaus in Königsberg dürfte kaum nach anderen Grundsätzen geleitet 
werden, als ein solches in München oder Hamburg, -vie Möglichkeit der 
raschen Placierung nimmt also stetig zu. Rasch placiert kann aber nur 
werden, wenn die Stellenvermittlung mehr und mehr vereinheitlicht und 
von einem Mittelpunkt aus übersehen wird. Der Frankfurter Verein ist 
ja in dieser Hinsicht schon bahnbrechend vorangegangen, durch seine be 
kannten Verträge mit anderen Vermittlungsanstalten. An diesen viel 
verheißenden Ansang ist anzuknüpfen und mit der Zeit ein zusammen 
hängendes Stellenvermittlnngsnetz über ganz Deutschland zu breiten, dessen
        <pb n="52" />
        einzelne Bureaus in täglicher Fühlung mit einer verwaltenden Centrale 
stehen, ohne daß die ersteren deshalb ihre Selbständigkeit zn verlieren 
brauchen. Auch der Kommandant jeder Garnison ist im hohen Grade 
selbständig gestellt, und doch steht die ganze deutsche Militärmacht unter 
eiuer centralen Leitung, welche im Bedarsssalle den einen Truppenteil da 
hin, den anderen dorthin zu werfen vermag. Man kann sich sogar denken, 
daß später die Vakanzen und Stellengesuche aus allen Gegenden täglich auf 
telegraphischem Wege der Centrale mitgeteilt und von dieser, wie in einem 
Clearinghouse, ausgeglichen werden. Diese Centrale dürste auch die für 
das Ausland geeigneten Kräfte am raschesten herausfinden. Sollte diese 
wichtige Angelegenheit nicht dieselben Depeschenspesen wert sein, welche heute 
für Börsenzwecke in noch höherem Maße verausgabt werden? Die 
Wochen- und Jahresberichte jener Centrale würden jedesmal ein 
äußerst wertvolles Bild des kaufmännischen Arbeitsmarktes liefern und auf 
diese Weise die an erster Stelle von uns verlangten Erhebungen über die 
Gehülfenlage fortlaufend ergänzen. 
In diesem Zusammenhang müssen auch die vielfach vor Ostern üblich 
gewordenen Warnungen vor Zuzug erwähnt werden. Da fast alle 
Berufe bei ihrer ebenmäßigen Überfüllung solche Warnungen erlassen, 
wirken dieselben fast gar nicht mehr. Der Unbemittelte muß sich eben 
doch eine Stelle suchen, die ihm möglichst wenig Spesen verursacht. Wenn 
hier überhaupt etwas wirken kann, sv sind es die oben als zunächst not 
wendig bezeichneten thatsächlichen Feststellungen der kaufmännischen Verhält 
nisse und deren geforderte Massenverbreitung. Nackte Thatsachen und 
Ziffern machen einen tieferen Eindruck als die beredtesten Aufrufe. Aus 
die Forderung gewisser Prüfungen und Qualifikationsnachweise aber, von 
denen man sich eine eindämmende Wirkung verspricht, ist weiter unter zu- 
rückzukommen. Hier nur soviel, daß es niemand dein bloßen Aspiranten 
ans das Kaufmannsfach ansehen kann, ob er sich für den Beruf eignet. 
Das entscheidet erst die Praxis, in der mancher angeblich Ungeeignete sich 
zum geschicktesten Kaufmann entwickelt. Bloße Volks- und Mittelschnl- 
zeugnisse sind aus naheliegenden Gründen wenig maßgebend. 
Es läßt sich aber noch weiteres thun, um schon unter den heutigen 
Verhältnissen, ohne direkte Besserstellung der Lehrlinge und Gehülfen im 
einzelnen Geschäft, auf welche zuletzt einzugehen ist, die schlimmsten Nach 
teile der jetzigen Lage zu mildern und zu beseitigen. Hierher gehört alles 
dasjenige, was man unter dem Begriff der Versicherung, V er s o r g u n g 
und geregelten Unterstützung zusammenzufassen pflegt. Auch hier 
sind ja bereits recht erfreuliche Anfänge vorhanden und es handelt sich haupt 
sächlich darum, System in das Ganze zu bringen, so daß möglichst alle 
Handlungsgehülfen gegen alle Fälle der äußersten Not geschützt werden. 
Sogenannte „freie" Kassen aller Art bestehen ja schon vielfach für Handlungs 
gehülfen, Krankenkassen und Altersversorgungs- (Pensions-) Kassen. Die freie 
Initiative ist dann später ergänzt worden durch staatliche Kasseneinrichtungen, 
die von dem richtigen Gedanken ausgingen, daß für die große, untere Schicht 
der Hülfsarbeiter aller Art die freien Kassen mit ihrem größeren Risiko 
nicht so billig und allseitig zu sein vermöchten, wie solche, denen das Gebot
        <pb n="53" />
        43 
des Staates eine große Anzahl von Mitgliedern ohne Rücksicht auf Alter 
und Geschlecht zuführte. Derart sind die staatlichen Kassen nicht als Gegner, 
sondern als Ergänzung der freien aufzufassen. In der Praxis macht sich 
die Sache so, daß die schlechter gestellten Hülssarbeiter in die staatlichen, 
die besser gestellten in die mehr aristokratischen „freien" Kassen gehen, 
und es ist'deshalb ganz folgerichtig, wenn auch freie kaufmännische Kassen 
für die Einbeziehung der Handlungsgehülfen in die staatlichen Versorgungs 
gesetze eintreten. Dadurch werden die Handlungsgehülfen vor die endgültige 
Notwendigkeit gestellt, sich entscheiden zu müssen. Die sogenannten kleinen 
Commis, also die Mehrzahl, aber auch die am schlechtesten zahlende, pflegt 
(wie z. B. in Leipzig) die öffentliche Kasse aufzusuchen, zu welcher der 
Prinzipal einen Teil des Beitrages mitzahlt, während die bessergestellten sich 
dem Zwang durch Eintritt in die freien Kassen entziehen und diese dadurch 
ebenfalls stärker und leistungsfähiger nwchen. Damit diese Wirkungen voll 
und ganz eintreten, ist nur noch für eine Reform des Krankenkassengesetzes 
zu wirken. Dieses überläßt nämlich bisher die Unterstellung der Handlungs- 
gehülfen unter das Gesetz dem Belieben der Ortsbehörden, und noch lange 
nicht alle dieser Behörden haben bis jetzt die Einrichtung öffentlicher Gehülfen- 
knssen, sowie die Einführung des Kassenzwangs beliebt. Es wäre deshalb 
für die Einführung einer gesetzlichen Bestimmung 31t agitieren, welche von 
vornherein die Erstreckung des Gesetzes auf Handlnngsgehülsen ausspricht*). 
Das staatliche Jnvaliditäts- und Altersversorgungsgesetz hat dies schon ge 
than, so daß hier nur für eine Ausbesserung der sehr niedrigen Leistungen 
und sonstigen uncoulanten Bestimmungen im Interesse der Handlungsgehülfen 
zu wirken wäre. Allen diesen Versicherungen muß sich endlich mit der Zeit 
eine geregelte Unterst ii tzungfür st ellenlos eHandlungsgehül sen 
anschließen, da die Stellenlosigkeit immer mehr ein Übel wird, gegen das sich der 
einzelne Gehülfe trotz der besten Qualifikation so wenig zu schützen im Stande ist, 
wie gegen Krankheit und Unfall. Hier hat die freie Initiative noch ganz offenes 
Feld', weil der Staat sehr richtig, wie auf den schon berührten Gebieten, 
so auch hier, erst das Entstehen freiwilliger Organisationen abwartet. Hier 
kann einfach das Vorbild des Unterstiitzungsverbandes Deutscher Bnch- 
drucker zur Nachahmung dienen, welcher aus eigenen Kräften alle arbeits 
losen Kollegen auf eine gewisse Zeit hinaus unterstützt, natürlich mit 
geringeren Betrügen, als dem vollen Verdienst, um keine Prämie auf die 
Faulheit zu setzen, und mit der Auflage, daß das stellenlose Mitglied jede 
ihm vom Verband angewiesene Stelle annehmen muß, widrigenfalls die 
Unterstützungsberechtigung erlischt. Die einheitliche kaufmännische Stellen 
vermittlung,' die wir oben vorgeschlagen haben, könnte für die künftige 
Arbeitslosenunterstützung der Commis ähnliche Hilfsdienste leisten. 
Zum Schluß die durchgreifendsten Mittel, welche direkte gesetz 
liche Neuerungen erfordern und für deren Begründung unsere Dar 
legung der prekären Lage der Gehülfen und ihrer Ursachen besonders bestimmt 
war. Wenn einerseits immer weniger Commis Aussicht auf Selbständig- 
*) Dieser Forderung ist inzwischen durch die Krankenkassennovelle genügt. - 
' ' ' Der Herausgeber.
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        44 
keit haben, und andererseits die kaufmännischen Geschäfte immer riesiger, 
aber auch immer weniger werden, so ist eben die Möglichkeit gegeben, diesen 
reichen Riesengeschästen größere Verpflichtungen zum Wohl der Gehülfen 
nicht bloß, sondern des ganzen Handels aufzuerlegen. In erster Linie steht 
hier die gesetzliche Sonntagsruhe, die wegen der Konkurrenzlust 
einzelner durch freie Vereinbarung nie durchzuführen ist, so oft es auch 
schon versucht wurde. Bekanntlich schließen jetzt bereits gerade die größten 
Geschäfte in den Städten Sonntags am regelmäßigsten, ohne für ihren Ab 
satz zu fürchten. Bei allgemeiner, gesetzlicher Einführung der Sonntagsruhe 
müssen sich ja aber die Kunden schon in der Woche versorgen. Damit 
wäre bereits ein vielverheißeuder Anfang für die Verbesserung der Lage 
der Handlungsgehülfen und Lehrlinge gemacht. Dieselben würden in der 
Woche viel frischer arbeiten, und vielleicht am Sonntag früh schon empfäng 
licher als jetzt für Fortbildungsunterricht sein. Die eigentliche Lösung der 
vielbesprochenen Bildungsfrage des Commis ist aber erst durch Ein 
führung eines gesetzlichen Maximalarbeitstages gegeben. Erst wenn 
der Lehrling absolut nicht länger als so und soviel näher zu bestimmende 
Stunden am Tag praktisch beschäftigt werden darf, und erst, wenn dann 
weiter dem Prinzipal die Verpflichtung auferlegt wird, ihn fernere 
bestimmte Stunden in die kaufmännische Fortbildungsschule zu 
schicken, erst dann wird der vielbeklagte Bildungsmangel der modernen 
Commis wie mit einem Zauberschlage verschwinden. Die aus diese Weise 
begrenzte Arbeitszeit im Geschäft schützt den Lehrling vor Übermüdung; 
er kommt noch frisch in den obligatorischen Fortbildungskurs. 
Aber noch etwas viel Wichtigeres: der Zwang zum Besuch des theoretischen 
Kursus scheidet bald die zur Kaufmannschaft veranlagten jungen Leute von 
den nicht dazu talentierten. Wer heute aus der Lateinschule absolut nichts 
von den alten Sprachen auffaßt, muß schließlich abgehen. So wird es 
hier auch kommen: wem im praktischen Geschäft der Kausmannsver- 
stand nicht aufgeht und wer deshalb auch in den Kursen von vornherein 
nicht mit fortkommt, der wird es bald satt bekommen und zu einem ande 
ren Berufe greifen. Denn auch der Prinzipal kann ihn nicht mehr als 
bloße mechanische Hülsskrast ausnützen. Das verhindert der kürzere Mari 
malarbeitstag für den Lehrling, so daß die rein mechanischen Arbeiten 
besser einem leistungsfähigen Handarbeiter übertragen werden. Hierin sieht 
der Verfasser dieser Arbeit den einzigen Schlüssel zur wirksamen Lösung 
der Lehrlings- und kaufmännischen Bildungsfrage. Alle anderen Vorschläge 
dürften in der Praxis nur aus unwirksame Palliativmittel hinauslaufen. 
Deshalb hat wohl auch das so eminent praktische England bereits einen 
Versuch mit der entsprechenden gesetzlichen Einrichtung gemacht. Es gab 
im Jahre 1886 ein Gesetz, wonach minderjährige Handlnngsgehülsen. also 
eben Lehrlinge, in Detailgeschästen nicht länger als 74 Stunden in der 
Woche beschäftigt werden dürfen. Allerdings fehlt dort noch die Ergänzung 
der Maßregel durch den Zwang zum Besuch der Fortbildungskurse, deren 
Kosten wohl halb vom Staat, halb von den Prinzipalen zu tragen wären. 
Aber man sieht doch, daß der angegebene Weg, wenn ihn gerade die ge 
schäftskundigen Engländer zuerst eingeschlagen haben, vom Ziele nicht sehr
        <pb n="55" />
        45 
abführen kann. Erwidert man uns, daß dann nach unseren eigenen Aus 
führungen die Kleingeschäfte, die sich ja vielfach nur noch durch die Lehr 
lingszüchterei halten können, zu Grunde gehen müßten, so ist daraus zu 
antworten: die Maßregel kann den Untergang der Zweiggeschäfte höchstens 
beschleunigen, im übrigen ist für denselben schon durch die immer heftigere 
Konkurrenz der großen Magazine gesorgt. Und der frühere Kleinkrämer 
wird im großen Geschäft als Gehülfe immer noch eine sorgenlosere Existenz 
führen, als während seiner in Hangen und Bangen zugebrachten soge 
nannten Selbständigkeit. Überdies haben Geschäfte, die so sehr alls Kosten 
ihrer Hülssarbeiter und der für das Gedeiheii des Handels so notwendigen 
Fortbildung derselben leben, überhaupt wenig Existenzberechtigung mehr. 
Durch Einführung dieses gesetzlichen Schußes für den lernenden kaus- 
inünii#en Mn#»#, bie Wining bcö WbeiS, 'oirb ^1^(08 ein an8gc= 
wähltes, kräftigeres lind gebildeteres Commismaterial herangezogen werden, und 
Kraft und Bildung bewirken von selbst die notwendige materielle 
Besserstellung. Dem künftigen .Handlungsgehülfen, der sich durch 
Auftreten und Leistungen sehr wesentlich von dem jetzt vielfach herabgekommenen 
und kraftlosen Commis unterscheiden dürfte, können dann nicht mehr jene 
niedrigen Saläre und überlangen Arbeitszeiten angesonnen werden, anseie 
mau jetzt vielfach stoßt. Auch wird es dann nur noch eine Frage der 
praktischen Erprobung sein, welche Grenzen der Arbeitszeit ausgelernter 
Handlungsgehülfen, namentlich der weiblichen, gezogen werden müssen, 
damit das in der Lehrlingszeit erworbene geistige Kapital nicht durch über 
lange Beschäftigung, die ja bei der Specialisierung der Branchen und der 
durch die Arbeitsteilung in den Großbetrieben herbeigeführten Einseitigkeit 
derselben auch geistig erschlaffend wirkt, nicht wieder verloren gehe. Bei 
bet #11111 bieget %WQC, bie iiiimct btingenbet luctbeii imib, ic Hiebt bet 
M üuö ben out QcfcWteii &amp;#inQen tehntictt, imtb # 
die Aufrichtigkeit derjenigen zeigen können, welche heute dem geplagten 
Commis so viel von Weiterbildung predigen. Auch die Anhänger des Be- 
mmnim3mi#ciie8 bin#,! 3iei bi# aüe b#e @i,m#ui,oen cn-c# 
sehen. Und ist dann der Geschäftsinhaber der guten Vorbildung semer Ge 
hülfen sicher, dann kann das Gesetz, ohne den Prinzipal zu beschweren, auch die 
Jnuehaltung gewisser nicht allzu kurzer Kündigungsfristen, wie schon bei 
Arbeitern und Dienstboten, vorschreiben, damit die Unsicherheit der Gehülfen 
existenz auch in dieser Richtung gemildert werde. So folgt eine Besserung 
ganz naturgemäß aus der anderen, wenn in Erkenntnis der eigentlichen Ur 
sachen der heutigen Schwierigkeiten an den richtigen Punkten mit richtigen 
Abhülfemittelu eingesetzt wird. Daun erwachsen in den Gehülfen auch die 
richtigen Leute, welche neben den Prinzipalen als Beisitzer zu kauf 
männischen Schiedsgerichten herangezogen werden können. Kauf 
männische Schiedsgerichte sind eine Notwendigkeit, wie die gewerblichen sur 
bie ^11^^;, lim mbcit3^^mliofeitcll fnt&amp;ct ßnnb nU&amp;nüicl 
Kosten und Zeitversäumnis durch einen Spruch von Standesgenosseu aus 
der Welt zu schaffen.
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        46 
Dritter Abschnitt. 
Die Reformthätigkeit der Kaufmännischen Vereine. 
Die „Kaufmännischen Vereine" sind in Deutschland vielfach zu einer 
Zeit entstanden, vor zwanzig bis vierzig Jahren, in welcher die Mißstände 
die uns heute auffallen, entweder noch gar nicht, oder dvch in weit ge 
ringerem Maße, jedenfalls aber nicht in derjenigen Fülle, wie gegenwärtig, 
im kaufmännischen Gewerbe vorhanden waren. Zwischen Prinzipalen und 
Gehülfen bestand meist noch das alte patriarchalische Verhältnis und auf 
diesem Fuße verkehrte man auch im Verein miteinander. Namentlich hatten 
die beiden Kategorien der Kaufleute noch wenig Grund, irgendwelche in 
den allgemeinen Verhältnissen wurzelnde Klagen gegeneinander oder gegen 
diese Verhältnisse zu erheben. Der hauptsächlichste Zweck der kaufmännischen 
Vereine bestand in der Belebung des Verkehrs der Kaufleute untereinander 
und in der Repräsentation nach außen, in der Pflege der allgemeinen 
Bildung durch Vortrüge und Kurse, und wo von Ansang an Stellen 
vermittlung getrieben oder Kassen begründet wurden, da hatte man noch 
nicht im entferntesten eine Abhülfe solcher socialer Übelstände im Auge, 
wie sie gegenwärtig die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. 
Diese Verhältnisse haben sich nun gründlich verändert, und jene 
socialen Fragen stehen seit einem Jahrzehnt so sehr im Vordergründe auch 
der kaufmännischen Standessragen, daß eine bestimmte Stellungnahme der 
kaufmännischen Vereine zu ihnen notwendig geworden ist. Die kaufmännischen 
Vereine können nun sagen: „Wir sind nicht zu dem Zwecke gegründet, uns 
mit diesen schwierigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problemen zu 
besassen; bei unserer Stiftung wußte man überhaupt noch wenig von diesen 
Dingen. Bleiben wir also innerhalb unserer bisherigen Thätigkeitsgreuzen. 
Wir haben mit unserer Stellenvermittlung, unseren Lehrkursen, mit 
der Pflege unserer Vortragsabende, welche für die ganze Stadt eine 
Art freier Bildungsakademie geworden sind, sowie mit unseren Gesellschafts 
aufgaben genug zu thun. Wir können uns nicht auch noch mit socialen 
Fragen beschäftigen, die manchmal das politische und gesetzgeberische Gebiet 
sehr nahe streifen." Man kann sich sehr gut in diesen Gedankengang 
älterer Herren hineindenken. die noch die gute Zeit von früher im Auge 
haben, selbst aller Not und Sorge längst entrückt sind und dem kauf 
männischen Verein einer Stadt angehören, dessen Handelsverhältnisse durch 
ihre ausnahmsweise günstige geographische Lage relativ noch recht gesichert 
und unberührt dastehen. Tout comprendre, c’est tout pardonner. 
Wer diese Dinge so geschichtlich betrachtet, wird auch nicht den leisesten
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        47 
Bottoms gegen diejenigen erheben, weiche zu der Gehülfensrage diejenige 
Stellung nehmen, die öden angedeutet wurde, lind in der That beharrt 
eine große Zahl deutscher kaufmännischer Vereine heute in erster Reihe noch 
aus diesem Standpunkt und kümmert sich so gut wie nicht um die aktuellen 
Standesfragen wirtschaftlicher und socialer Natur. 
Nun hat diese Stellungnahme sehr bald nicht ganz erwartete Folgen 
gehabt. Die Wirklichkeit und rohe Notwendigkeit stieß die von den Ver 
hältnissen am meisten mitgenommenen Gehülfen immer wieder darauf, wie 
bthmcnb M qctübe für sic bie mit ben nenen 
fei. ' Unb fo'entftonb mit bet Seit eine Ä# neues Betemäbtibungen, 
Dumnifntionen, tocM,e aüc bie@#enaftaQe nuf t^cMne fciineben unb btc#c 
durch Wort, Schrift (Zeitnngsorgane) und That (Kassen, Petitionen an den 
Reichstag u. s. w.) zu fördern suchten. Nnninehr drohten dem kaufmännischen 
Vereinswesen mehrfache Absplitterungen und Reibereien, unb hier muß es einer 
zweiten Reihe kaufmännischer Vereine zur hohen Ehre angerechnet werden, 
daß sie sich im Gegensatz zu vielen Schwestervereinen bestrebten, den neuen 
Verhältnissen trotz ihrer oben berührten Vergangenheit Rechnung zu tragen 
und die wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Fragen der kaufmännischen 
Gegenwart aus ihr Arbeitsprvgramm zu setzen. Der Verein zu Frank 
furt a M der dieses Bestreben neuerdings durch die Ausschreibung der 
Doriicqcnb beonttoorteten ^tcWüufanbc beïunbetc, í)nt wo#; 
in der neuen Richtung gethan, volkswirtschaftlich gebildete Kräfte zu Fach 
vorträgen nicht bloß in der eigenen Mitte, sondern auch in anderen Vereinen 
veranlaßt, die Lehrlingsfrage zur besonderen Diskussion gestellt und die 
Angelegenheit des Krankenkassenzwanges für Handlungsgehulsen in şşit- 
furt mit fördern Helsen. Ebenso haben die in dem ursprünglichen Vor- 
ttometbanbe ^eutfl^ct ^m^f1nünnif^^ct Beteine befinbíi(^cn &amp;0l^et1^^a^^cn 
sich' der neuen Existenzfragen angenommen und dieselben lebhaft diskutiert 
(z. B. der Mannheimer und Münchener Verein). Schließlich ist es bei 
dieser Bewegung zu der auf dem kausmännischen Verbandstage zu Cheuiintz 
1889 erfolgten Begründung einer „V&gt;erbandsabteilung für kaufmännische 
Standesfragen" gekommen, die als Centralftelle für wirtschaftliche 
Fragen des Kaufmannsstandes eine große Zukunft zu haben verspricht. 
Mit dieser Entwicklung hat sich wohl die Frage, „in wieweit die 
kaufmännischen Vereine zur Verbesserung der Lage beizutragen vermögen , 
ganz von selbst entschieden. Die Antwort aus diese Frage kann nunmehr 
dahin präcisiert werden: je eifriger jene Vereine die gemeinsame 
Behandlung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Fragen 
betreiben, unb ¡e mctit sie hiebet Betuno noc^fetn^^e^enbcn 
au M ^el:anaif^cn werben, befto Qto&amp;et toitb 
der Kreis der socialen Fragen sich gestalten, an deren Losung 
sie mitzuarbeiten vermögen. Ja, noch mehr: gewisse oben, un zweiten 
Abschnitt ausgestellte Rcformforderungen können erschöpfend sogar einzig 
unb niiein üom Betbanb biefet Beteine ober toentgftcnö mit W|c 
desselben erfüllt werden. Vorbedingung ist freilich die fortwährende Ver- 
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        stehen. Für die kaufmännische Verbandsabteilung müßten iu Bälde be 
sondere Kassenmittel flüssig gemacht werden, um die Agitation (im guten 
Sinne) für Vereinigung aller Kräfte mit aller Macht zu führen. Vielleicht 
würde dann sehr bald ein periodisch erscheinendes Organ für die Abteilung 
notwendig werden, das sich nur mit Standesfrageu zu beschäftigen hätte. 
Es wäre denkbar, daß eines der bereits jetzt bestehenden kaufmännischen 
Blätter zu diesem Organ gemacht würde, und die Notwendigkeit eines 
ständigen Abteilungsbureaus bliebe gewiß nicht aus. Dieses Bureau 
würde daun die Seele der ganzen Bewegung und Organisation, und der 
Verband kaufmännischer Vereine, dem dann gewiß die jetzt noch vielfach 
Sonderbündelei treibenden oder ganz gleichgültigen Gehülfen zuströmten, 
wäre eine öffentliche Macht, die keinen Anschluß an den Handelstag oder 
eine ähnliche Körperschaft brauchte, sondern sich allein genug wäre. Die 
maßgebenden Kreise könnten dann schwerlich mehr an dieser gewaltigen 
Organisation vorübergehen. 
Aber auch ehe die Bewegung solche Fortschritte gemacht hat, ver 
mögen die jetzigen kaufmännischen Vereine sich an der Förderung sämt 
licher, im zweiten Abschnitt skizzierten Mittel zur Verbesserung der Lage 
der Handlungsgehülfen zu beteiligen. Sie können zunächst daraus hinwirken, 
daß eine umfassende staatliche Enquäte über die Lage der kaufmännischen 
Gehülfen veranstaltet wird, bei der sie iu ausgedehntem Maße mitwirken. 
Die oben an zweiter Stelle angeregte, allmähliche Centralisierung der 
kaufmännischen Stellenvermittlung kann selbstverständlich nur durch das 
immer engere Zusammenschließen der kaufmännischen Vereine herbeigeführt 
werden, und die neugegründete Verbandsabteilung erscheint auch hier wieder 
als die geborene Verwalterin der dann notwendigen Centrale. Auch die 
freien Kranken- und Pensivnskassen der Vereine vermögen sich dann zu 
nähern, gegenseitige Verpflichtungen zu übernehmen und sich durch Zu 
sammenschluß zu stärken. Die oben angedeutete Regelung des Unter 
stützungswesens für stellenlose Handlungsgehülfen würde sich nach dem 
Muster des deutschen Buchdruckerverbandes gestalten und könnte wohl am 
besten von den verbündeten freien Kassen übernommen imb durchgeführt 
werden. Eine Reform des gesamten Krankenkassengesetzes, sowie der staatlichen 
Alters- und Jnvalidenversorgung im Sinne der Handlungsgehülfen, die 
bis jetzt hierüber noch gar nicht gefragt wurden, hätte die Verbands 
abteilung zu diskutiren und nötigenfalls anzuregen. Wichtige Schritte 
zur Vorbereitung der gesetzlichen Sonntagsruhe, des Maximalarbeitstages 
für Lehrlinge und der obligatorischen Fortbildungskurse fielen derselben 
Verbandsabteilung zu. Wenn sie nach den ersten Jahren nur allein 
mit dem Ergebnis der öfter erwähnten Erhebungen in einer wohl 
ausgearbeiteten Petition vor den Gesetzgeber träte, so würde sie bereits 
jenen bestiminenden Eindruck hervorrufen, den die Regierung bei der 
jetzigen Zersplitterung der Kräfte eben einfach gar nicht bekommen konnte. 
Inzwischen haben die Einzelvereine die Möglichkeit und Thunlichkeit einer 
besseren Sonntagsruhe, eines Maximalarbeitstages und obligatorischer 
Fortbildungskurse für das kaufmännische Gewerbe bezüglich dessen Lehr 
linge fort und fort im Hinblick auf das Maß und die Ausdehnung dieser
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        m%ießein &amp;u bebuttieren, bis auf ben %erbanb8tagen me#ei#e)(í)íüne 
in diesen Fragen zu staube kommen. Für bie gesetzliche Regelung ber 
Kündigungsfristen unb bie kausmännischen Schiedsgerichte, bereu Bestehen 
unb Wirksamkeit in Frankreich noch so vielen beutscheu Kaufleuten unbe 
kannt ist, gilt bas Gleiche. ^ 
Şo ist eher ein embarras de richesse, als ein Mangel an Mitteln 
vorhanben, an bereu Förberung sich bie kaufmännischen Vereine zu be 
teiligen vermögen. Die letzten Worte ber Preisausgabe bürsten überhaupt 
von allzugroßer Bescheidenheit unb Selbstbeschränkung diktiert sein. Der 
Verfasser dieser Arbeit möchte deshalb seine Ausführungen mit dem Satze 
schließen: Die nachhaltige unb gründliche Hebung des kaus 
männischen G e h ülse n st a übe § bez. bie A nre g n n g bazil kann 
möglicherweise ausschließlich durch bie kaufmannis chen 
Vereine erfolgen, die henke iloch bie älteste unb v erzweigteste 
Organisation ber Gehülfen, trotz allen neuen Verbänden, darstellen. Die 
kaufmännischen Vereine müssen nur sämtlich ernstlich wollen barem 
liegt alles. Auch in ber Behandlung ber wirtschaftlichen unb gesellschaft 
lichen Fragen des Gehülsenstandes muß es für sie heißen: »Einer für alle 
unb alle für einen." Die Industriellen, bie Landwirte unb bie Arbeiter 
haben durch tüchtige Organisation, ans eigner Kraft, einen weitgehenden 
Einfluß im öffentlichen Leben gewonnen unb bie Gesetzgebung zu Ein- 
^11^(30^, ^aríenļc^u^^, gabr%eìe^^en, StaoWocr^^c^erunoen u. f. W 
veranlaßt, welche ihnen direkten. in Geld zu berechnenden Nutzen bringen. 
Nur die kaufmännischen Gehülfen stehen noch zurück. Mögen sie diese Ver 
säumnis recht bald nachholen, und mögen bie kaufmännischen Vereine nicht 
zögern, die führende Rolle zu übernehmen, damit diese nicht Anderen 
zufällt!
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