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        <title>Die sociale Lage der Handlungsgehülfen und ihre Verbesserung durch die kaufmännischen Vereine</title>
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            <forname>Bernhard</forname>
            <surname>Dietrich</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
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            <idno>834656833</idno>
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Zwei  j)reisar  beiten

Dr.  Rernh.  ^Dietrich  &amp;gt;«,d  Dr.  Mar  Anarck

preisgekrönt  und  h  er  an  sg  eg  eben

Klrnşinļirrurşiien  Ueveirr  KvânDfrrvI  nnr  Mliin

Frankfurt  a.  M.
Druck  und  Verlag  von  Mahlan  &amp;amp;  Maldschinidt

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        Inhaltsverzeichnis.
Seite.
Vorwort  l
Preisarbeit  von  Dr.  Bernhard  Dietrich  3
Einleitung  S.  5  —  1.0.8  —  II.  S.  15  —  III.  S.  26.
Preisarbeit  von  Dr.  Max  Quarck  31
Einleitung  33
Erster  Abschnitt:  Die  wirtschaftlichen  und  gesellschaftlichen
Ursachen  der  verbesserungsbedürftigen  Lage  des  Handlnngsgehülfen
  35
Zweiter  Abschnitt:  Mittel  zur  Abhülfe  im  Allgemeinen  .  40
Dritter  Abschnitt:  Die  Reformthätigkeit  der  Kaufmann.
Vereine  46
        <pb n="7" />
        Vorwort.

Slit  der  Absicht,  die  damals  in  ihren  ersten  Anfängen  vorhandene
Reformbewegung  innerhalb  der  Kaufmännischen  Vereine  für  unser  Teil  zu
fördern,  erließen  wir  anläßlich  der  Feier  des  25jührigen  Bestehens  unseres
Vereins,  am  1.  Oktober  1889,  ein  Preisausschreiben  über  folgende  Frage:
„Welche  Mittel  sind  geeignet,  die  wirtschaftliche  und  gesellschaftliche ­
  Lage  der  Handlnngsgehülfen  zu  verbessern,  und  inwieweit
vermögen  die  Kaufmännischen  Vereine  dazu  beizutragen?"
Bis  zu  dem  ans  den  31.  Januar  1890  festgesetzten  Einlieferungstcrmin
gingen  nicht  weniger  als  83  Preis-Arbeiten  aus  dem  In-  lind  Anslande
ein.  Das  zeitraubende  und  mühevolle  Amt  der  Preisrichter  hatten  nachfolgende ­
  Herren  die  Güte  zu  übernehmen:  Edmund  Lotz,  Vorsitzender  des
Deutschen  Vortrags-Verbandes  und  des  Deutschen  Verbandes  Kaufmännischer
Vereine,  Coburg,  G.  Un  kart,  Vorsitzender  des  Vereins  für  Handlungs-Commis
  von  1858  in  Hamburg,  Oscar  Goldschmidt,  Direktor  des
Vereins  junger  Kaufleute,  Berlin,  Julius  Witzig  mann,  Vorsitzender  des
Kaufmännischen  Vereins  in  Mannheim,  Franz  Mayerhofer,  Vorsitzender
des  Kaufmännischen  Vereins  in  München.
Das  Preisgericht  bezeichnete  nach  mehr  als  einjähriger  Prüfungsarbeit
in  seiner  Schluß-Sitzung  vom  22.  März  d.  Is.  als  die  beste  Arbeit  die
mit  dem  Motto:  „Das  Geheimnis  des  Erfolges  liegt  in  der  Organisation"
eingegangene,  als  deren  Verfasser  Dr.  phil.  Bernhard  Dietrich  in
Planen  i.  V.  ermittelt  wurde;  als  die  nächstbeste  Arbeit  wurde  die  mit  der
Aufschrift  „Allzeit  voran"  eingereichte  erkannt  und  als  deren  Verfasser
Dr.  jur.  Max  Guares  in  Frankfurt  a.  M.  festgestellt.  Wir  haben  demnach ­
  diese  beiden  Arbeiten  mit  den  von  uns  ausgesetzten  Preisen  gekrönt
und  übergeben  dieselben  im  nachfolgenden  der  Öffentlichkeit  mit  dem  Wunsche,
daß  sie  in  kaufmännischen  und  weiteren  Kreisen  für  die  Klärung  und
Festigung  der  Anschauungen  über  die  sociale  Lage  der  Handlungsgehülfen
und  ihre  Verbesserungsbedürstigkeit  beitragen  möchten.
        <pb n="8" />
        2

Die  beiden  Preisarbeiten  ergänzen  sich  inhaltlich  in  glücklicher  Weise.
Während  die  erste  derselben  das  thatsächliche  Material  sorgsam  zusammenstellt,
  giebt  die  zweite  eine  Theorie  der  socialen  Frage  im  Kaufmannsstande,
welcher  nach  einer  dom  Verfasser  beigefügten  Notiz  bei  der  Drucklegung  ebenfalls ­
  das  Thatsachenmaterial  in  Anmerkungen  beigegeben  werden  sollte.  Da
nun  der  letztere  Zweck  durch  die  erste  Preisschrift  genügend  erfüllt  ist,  so
wurde  dem  Verfasser  der  zweiten  die  weitere  Arbeit  nicht  zugemutet,  ebenso,
wie  wir  von  einer  vollständigen  Fortführung  der  Vereinsstatistik  bis  auf
die  Zeit  der  Drucklegung  durch  den  Verfasser  der  ersten  Preisschrift  absahen.
Beides  hätte  das  Erscheinen  dieses  Büchleins  verzögert,  und  das  ohnedies
sich  täglich  vermehrende  Thatsachenmaterial,  welches  seit  Abfassung  der  Preisarbeiten ­
  bekannt  wurde,  ist  fortlaufend  aus  der  von  uns  unter  Mitwirkung
des  Verfassers  der  zweiten  Preisschrift  herausgegebenen  Wochenschrift  „Kaufmännische ­
  Presse"  zu  ersehen.
Möge  also  dieses  Schriftchen  der  Sache  der  kaufmännischen  Reform
viele  neue  Freunde  werben.
Am  Vorabend  der  Jahresversammlung  des
„Deutschen  Verbandes  Kaufmännischer  Vereine"
Juni  1891.

Kaufmännischer  verein  Frankfurt  a.  M.
        <pb n="9" />
        Dr.  Bernhard  Dietrich

Motto:  Dos  Geheimnis  des  Erfolges  liegt  in  der  Organisation.

Mit  dem  ersten  Preis  gekrönt.
        <pb n="10" />
        Als  zu  Anfang  der  80er  Jahre  zuerst  schüchtern  und  vereinzelt
Notrufe  über  die  sociale  Lage  der  Haudluugsgehülfen  durch  die  deutsche
Presse  gingen  und  Warnungen  laut  wurden  vor  der  Wahl  eines  kaufmännischen ­
  Berufs,  hielt  man  diese  Erscheinungen  für  krankhafte  Übertreibungen ­
  einzelner  Ausnahmefalle.  Die  Verallgemeinerung  einer  Notlage
des  gesamten  Kaufmannsstandes  wollte  man  nicht  gelten  lassen.  War  nicht
der  Kaufmann  der  Träger  des  mobilen  Kapitals?  Mußte  es  nicht  unwürdig
erscheinen,  mit  der  Phrase  einer  Notlage  den  Kaufmann  auf  dieselbe  Stufe
zu  stellen  mit  dem  Arbeiter  und  war  nicht  die  Auffassung  berechtigt,  welche
den  Handluugsgehülsen  nur  im  Übergangsstadium  zum  selbständigen  Kaufmann ­
  erscheinen  ließ.  Die  Fälle  der  Not  konnten  nur  Ausnahmen  unqualifizierter ­
  Elemente  im  Kausmannstande  betreffen,  die  öffentliche  Meinung
sträubte  sich  gegen  die  Verallgemeinerung;  nach  einem  kurzen  Aufflackern
heftiger  Zeitungspolemiken  schwieg  man  die  Sache  tot.
Und  dennoch!  Immer  von  neuem  im  Kreislauf  der  Jahre  ist  die
Frage  wiedergekehrt.  Die  chronische  Stellenlosigkeit  junger  Kaufleute  in
der  'Reichshauptstadt  und  anderen  großen  Städten  war  der  offenkundige
Ausdruck  dafür,  daß  tiefe  Schäden  im  Kaufmauusstande  vorhanden  seien,
welche  den  Idealismus,  den  das  Publikum  gerade  diesem  Stand  entgegenbringt, ­
  zurücktreten  hießen  und  zu  einer  Betrachtung  der  materiellen  und
socialen  Lage  der  Handlungsgehülfeu  herausforderten.  Die  Rede,  daß  der
tüchtige  Kaufmann  überall  durchkomme,  schien  sich  ihrerseits  bei  dem
Gewicht  der  Thatsachen  zu  erweisen  —  als  Phrase.
Es  wäre  indessen  ein  Irrtum  zu  glauben,  daß  sich  die  sociale  Frage
im  Kausmannsstaude  in  der  Beseitigung  eines  Übelstaudes  erschöpfe.
Wenn  von  der  einen  Seite  die  Arbeitslosigkeit,  von  der  anderen  das  Lehrlingswesen
  als  der  Kernpunkt  der  socialen  Frage  im  Kaufmauusstande
bezeichnet  wird,  so  wird  man  zwar  zugeben,  daß  hiermit  zwei  sehr  einschneidende ­
  Mängel  im  Kaufmauusstande  hervorgehoben  werden.  Daß  insbesondere ­
  die  Arbeitslosigkeit  so  sehr  in  den  Vordergrund  der  Diskussion
gestellt  wird,  findet  seine  natürliche  Begründung  darin,  daß  gerade  hier
die  Schattenseiten  des  Berufs  am  deutlichsten  hervortreten  und  daß  sich  der
Schutz  gegen  die  Stellenlosigkeit  zu  einem  vorzüglichen  Bindemittel  der
Wahrung  gemeinsamer  Interessen  in  kausmäunischen  Vereinen  eigiiete.  Die
eeHe1lío^^ofeit  dB  ¡0%  ist  nbe?  md)t  baß  dqenm(î)e  «sodate  ^oMcm"
in  der  Kausmannsfrage,  sondern  das  Schlußglied  einer  langen  Kette  von
Mißständen.  Ein  einseitiger  Kampf  gegen  die  Stellenlosigkeit  wird  daher
selbst  bei  der  Aufwendung  der  bedeutendsten  Mittel  und  der  vorzüglichsten
        <pb n="11" />
        Organisation  der  Stellenvermittlung  für  die  innere  Umgestaltung  der  kaufmännischen ­
  Nerhältnisse  so  lange  erfolglos  bleiben,  als  es  nicht  gelingt,  die
Ursachen  der  Stellenlosigkeit  in  voller  Deutlichkeit  klar  zu  legen  und  durch
ihre  Beseitigung  eine  durchgängige  Besserung  zu  erzielen.
Kann  man  aber  die  Stellenlosigkeit  als  das  Endglied  der  socialen
Mißstünde  im  Kaufmannsstande  bezeichnen,  so  liegt  es  vielleicht  nahe,  in
dem  Lehrlingswesen  den  Ansang  des  Übels  zu  erblicken.  Der  Grad  der
beruflichen  Ausbildung  ist  maßgebend  für  das  Gedeihen  des  Gewerbes  überhaupt, ­
  wie  für  die  gesellschaftliche  und  wirtschaftliche  Stellung  der  Einzelnen. ­
  Je  mehr  eine  Berufsart  mit  uuqualifizierten  Kräften  durchsetzt  ist,
um  so  tiefer  wird  das  Niveau  des  gesamten  Standes  heruntergedrückt.  Die
Mannigfaltigkeit  der  Berufsstellungen  innerhalb  des  Kaufmannsstandes  ermöglicht ­
  aber  in  hohem  Grade  ein  Hereinziehen  von  Personen  aus  niederen
Bevölkerungsschichten,  welche  bei  der  Schwierigkeit,  durch  eigene  Arbeit  die
Mängel  ihrer  Vorbildung  zu  ersetzen,  iu  ungeheuerm  Maße  das  kaufmännische ­
  Proletariat  vermehren  und  dazu  beitragen,  die  gesellschaftliche  Abgrenzung ­
  des  Kaufmannsstandes  nach  untenhin  zu  verwischen.  Vielleicht  in
höherem  Maße  aber  noch  als  in  gesellschaftlicher  Beziehung  wird  durch  die
mangelnde  Auswahl  des  Nachwuchses  die  wirtschaftliche  Gesamtlage  des
Kansmannsstandes  geschädigt.  Das  Arbeitsangebot  um  jeden  Preis  muß
auch  seine  Rückwirkung  ans  die  Lohnhöhe  qualifizierter  Arbeiter  äußern.
Das  Lehrlingswesen  aus  der  einen  und  die  Stellenlosigkeit
ans  der  anderen  Seite  bilden  daher  gewissermaßen  die  Grenzen,  in  welchen
sich  alle  übrigen  Mißstände  im  Kanfmannsstande  bewegen.  Die  Übelstände,
welche  die  moderne  Arbeit  mit  sich  bringt,  wiederholen  sich  hier  in  allen
Phasen  in  specifischer  Anwendung  ans  den  Kaufmannsstand.  Die  Fragen
der  Lohnhöhe  und  der  Arbeitszeit,  der  Konkurrenz  der  Frauenarbeit  und
der  Dauer  des  Arbeitsvertrags,  der  Berufskrankheiten  und  der  Invalidität
kehren  auch  hier  wieder  ititb  verlangen  eine  ebenso  eingehende  Behandlung,
wie  die  grundlegenden  Übelstände,  als  deren  Ausfluß  sie  zum  Teil  erscheinen.
Löst  sich  so  schon  bei  einer  allgemeinen  Betrachtung  die  Frage  des
socialen  Notstandes  im  Kanfmannsstande  in  eine  Reihe  von  Einzelfragen
aus.  so  bedarf  es  hinwiederum  bei  der  Beurteilung  der  einzelnen  Fragen
eines  sorgfältig  gesichteten,  aus  Thatsachen  beruhenden  Materials,  um  über
die  Berechtigung  der  Forderungen  im  einzelnen  einen  zutreffenden  Maßstab
zu  gewinnen.  So  lange  sich  die  Diskussion  bei  der  Lösung  socialer  Probleme ­
  aus  allgemeine  Beobachtungen  aufbaut,  wird  sich  immer  zeigen,  daß
gewisse  Seiten,  die  dem  Auge  des  Beobachters  zunächst  auffallen,  in  den
Vordergrund  gestellt  werden  lind  daß  der  Meinllngsaustailsch  über  eine
Wiederholung  allgemeiner  Sätze  nicht  hinausgeht.  Konnte  aber  der  Lösung
der  „socialen  Frage"  überhaupt  erst  auf  Grund  thatsächlicher  Beobachtungen ­
  näher  getreten  werden,  so  muß  es  um  so  gewagter  erscheinen,  bei
der  Untersuchung  der  Mißstände  in  einem  einzelnen  Bernfnngszweige  sich
mit  allgemeinen  Erörterungen  zll  begnügen.  Eine  Heilung  der  Übelstände
kann  nur  dann  erwartet  werden,  wenn  die  eigentümlichen  Verhältnisse  dieses
Berufes  im  einzelnen  dargelegt  und  von  denjenigen  anderer  Berufe  unterschieden ­
  werden.
        <pb n="12" />
        7

Ein  ausreichendes  statistisches  Material  zur  Beurteilung  der  soeialen
Lage  der  Handlungsgehülfen  steht  allerdings  bislang  noch  nicht  zu  Gebote,
ein  Mangel,  der,  wie  die  neuerdings  ans  den  Kreisen  der  Handlungsgehülsen
  verlangten  behördlichen  statistischen  Erhebungen  zeigen,  von  diesen
selbst  lebhaft  empfunden  wird.  Immerhin  aber  läßt  sich  bereits  aus  Grund
des  vorhandenen  Materials  die  Lage  der  Handlungsgehülfen  sicherer  beurteilen, ­
  als  ohne  diese  Anhaltspunkte.  Wo  hingegen  das  Material  nicht
ausreicht,  dürfte  es  der  Sache  dienlicher  sein,  auf  die  Lücken  aufmerksam
zu  machen,  als  den  Boden  der  Erfahrung  511  verlassen  und  ohne  genügende
Begründung  Schlüsse  zu  ziehen.
        <pb n="13" />
        Zur  Feststellung  der  Zahl  der  kaufmännischen  Geschäfte,  sowie  derjenigen ­
  der  Handlungsgehülsen  und  ihrer  persönlichen  Verhältnisse  ist  ein
Zurückgreifen  aus  die  Gewerbezählungen  des  deutschen  Reichs  von  den
Jahren  1875  und  1882,  sowie  aus  die  Berufszählung  des  letzten  Jahres
erforderlich.
Die  Zahl  der  Betriebe  im  Handelsgewerbe  betrug  hiernach
1875  1882
Hauptbetriebe  420  982  452  725
Nebenbetriebe  108  477  164  111
zusammen  529  459  616  836
Die  Gesamtzahl  der  Betriebe  ist  von  529  459  auf  616  836  oder
um  87  377  in  diesem  7jährigen  Zeitraume  gestiegen,  es  bedeutet  das  eine
Steigerung  von  16,7  °/o.  Die  Zahl  der  Hauptbetriebe  stieg  von  420  982
auf  452  725  oder  um  31  743  d.  i.  7,5°/o.  Die  Zahl  der  Nebenbetriebc
stieg  dagegen  von  108  477  aus  164  111  oder  um  55  634  d.  i.  51,3  /o.
Während  nun  die  Zahl  der  hauptsächlich  in  Frage  kommenden  Hauptbetriebe ­
  um  7,5  0/o  gestiegen  ist,  stieg  die  Ziffer  der  in  denselben  beschäftigten ­
  Personen  von  661  496  im  Jahre  1875  auf  838  438  oder  um
166  932  d.  i.  25,3o/o.  Um  diese  Ziffern  in  das  richtige  Licht  zu  setzen,
sei  bemerkt,  daß  die  Gesamtbevölkerung  des  deutschen  Reichs  in  den:  Zeülaum
  bon  1875  —  82  nui  bon  42  727  372  mis  45  222  113  ober  um
5,8 0 /o  zugenommen  hat.  Es  ergiebt  sich  hieraus  einmal  ein  bedeutend
höherer  Andrang  zu  den  kaufmännischen  Berufsarten,  als  das  allgemeine
Wachstum  der  Bevölkerung  erwarten  läßt,  und  es  deutet  ferner  das  höhere
Wachstum  der  im  kaufmännischen  Betriebe  beschäftigten  Personen  als  dasjenige ­
  der  Betriebe  selbst  darauf  hin,  daß  ein  gewisser  Umschwung  in  der
Art  der  kaufmännischen  Betriebe  zu  Gunsten  der  Großbetriebe  in  diesem
Zeitraum  stattgefunden  hat.
Wie  hoch  belief  sich  nun  die  Zahl  der  Handlungsgehülfen  im  Jahre
1882  und  welches  ist  die  Steigerung  derselben  seit  der  Gewerbezählung
von  1875?  Ein  vollständiger  exakter  ziffermäßiger  Beleg  läßt  sich  hierfür
n#  beibringen.  bet#  bieg  onf  #oígcnbem.  3n  ber  ®emctbea#img
bon  1882  sind  die  Alleinbetriebe  und  die  Mitinhaber-  und  Motorenbetriebe
unterschieden.  Bei  den  Alleinbetrieben  deckt  sich  die  Zahl  der  Betriebe  mit
derjenigen  der  Personen.  Bei  den  Mitinhaber-  und  Motorenbetrieben  ist
die  Geschäftsstellung  der  Personen  nach  Geschäftsleitern,  Verwaltungspersonal
und  anderem  Hülfspersonal  gesondert  ausgeführt.  Wollte  man  nun  das
Verwaltungspersonal  im  Handelsgewerbe  allein  als  den  Ausdruck  für  die
Zahl  der  Handlungsgehülsen  ansehen,  so  wäre  diese  Ziffer  offenbar  zu
niedrig.  Es  wurden  im  Handelsgewerbe  1882  nur  73  266  männliche  und
        <pb n="14" />
        9

2169  weibliche  Personen,  zusammen  75  435  als  Verwaltungspersonal  aufneiü#.
  Wet  bieget  3#t  fi9nticren  abet  mit  bie  Ştofutiften  onb  bag
übrige  höhere  Verwaltungspersonal,  während  bie  große  Masse  bet  Hanblungsgehilsen
  mit  zu  beni  „anbeten  Hülsspersvnal"  gerechnet  worben  ist.
Andererseits  finbet  sich  aber  unter  biesem  „anbeten  Hülfspersonal"  zugleich
bag  niebetc  ŞetìonaÌ,  mie  ^ocïer,  ii.  ).  m.  Biefeg  »anbete
0iiagbctmnar  im  ^anbe(gße^etbc  #ite  228  047  1061111(46  mib  87  724
iDcibíicbc  ÿetionen,  30^0110611  315  771.  3B6í)teob  ^etnad)  1006:4(6  beg
Handelsgewerbes  eine  genauere  Aussonberung  ber  Hanblungsgehülfen  nicht
möglich  ist  leuchtet  es  anbererseits  ein,  baß  auch  in  den  übrigen  Gewerbem-uMcn
  eine  Q#e  9(0304  (011460014  ßcbiibetet  Moneo  io  beni  Äetwaltnngspersonal
  enthalten  ist.  Das  Verwaltungspersonal  umfaßt  sowohl
bie  technisch,  als  auch  bie  kaufmännisch  gebildeten  Personen.  Der  Kaufmann
ist  abet  oi#  alíetii  im  (panbeí,  aíg  io(d,eoi,  foobctn  míe#  io  bet  31etmaítooo
  lobofa-icRei  @tab(i^^ementg  t^tiQ,  ìüba^  oicííei^^t  61)61  bie  31#
ber  Verwaltungspersonen  in  ben  Gesamtgewerben  als  ein  Ausdruck  für  bie
Zahl  bet  Handlungsgehülfen  betrachtet  werden  kann.  Diese  Zister  belies
sich  1882  aus  201  575  männliche  und  5134  weibliche  Personen,  zusammen
auf  200  709.  Hierbei  ist  indessen  wieder  zweifelhaft,  welcher  Prozentsatz
unter  diesen  Personen  ans  das  technische  Personal  entfällt.  Berücksichtigt
man  ferner  die  Gewerbezählung  von  1875,  so  würde  bei  Zugrundelegung
bieget  leiteten  gisset  ein  Mici#  ni#  mög#  fein.  bin#  ba^t  aig
bog  Entsprechendste  erscheinen,  wenn  man  die  Zahl  der  im  Handelsgewerbe
sowohl  in  der  Verwaltung  als  in  anderer  Hülfsstellung  befindlichen  Perioneii
  aig  ben  Wngbtod  silt  bie  gisset  bet  ^anbínnogQc^iií^^1l  ans#.
Unter  der  Einschränkung,  daß  bei  dem  „anderen  Hülsspersonal"  ein
mtoicntiok  niebtißctct,  ni#  taiifmann#  gebiíbetet  ###011611  beg
Lnbeíg  ¿iiibcßti#  ist,  be#  #f)e  iebod)  bi#  BeQÍa4nQ  bet  111  anteten
  Znbustrien  beschäftigten  kaufmännisch  gebildeten  Perdonen  wieder
oogQe(iíid)en  loitb,  etgiebt  fid,  übet  bie  Sa#  bet  ^anbíllO0gQe^öí^^o  011b
ihre  Zunahme  in  dem  Zeitraum  von  1875—1882  im  Vergleich  mit  den
selbständigen  Hanbelggewerbetreibenben  Folgendes.
Es  waren  vorhanden  im  Handelsgewerbe:
1875
Geschäftsleiter  •  .  •  431  570
Hülsspersonal  .  •  •  • ) “^ 1  ’*

1882
447  222
391  206

661  496

838  428

Die  Gesamtzahl  der  im  Handelsgewerbe  beschäftigten  Personen  ist
hiernach  um  166  932  oder  25,3&amp;gt;  gestiegen;  an  dieser  Steigerung  nehmen
aber  die  Geschäftsleiter  nur  mit  einer  Vermehrung  um  15  6o7  Kopse  oder
*)  K.  Bücher  unterscheidet  in  seiner  „Arbeiterfrage  im  Kaufmannsstande
B-rļìn  1883,  di°!.s  HŞp«!°nà  ,„, b
51  907  Lehrlinge.
Die  letztere  Zahl  entspricht  der  Angabe  der  Gewerbestatistik  von  1^75  ;  unter
bei  Ziffer  sind  jedoch  in  der  Gewerbezählung  Gehülfen  und  Arbeiter  verstanden.
        <pb n="15" />
        —  10  —

um  3,6  o/o  teil,  während  die  Zahl  des  Hülsspersonals  die  ungeheure  Vermehrung ­
  um  1G1  280  Personen  ober  um  70,i°/o  ausweist.  In  runder
Ziffer  betrug  die  Zahl  der  Haudluugsgehülfen  im  Jahre  1882:  400  000
Diese  Steigerung  des  Hülsspersonals  deutet  wiederum  darauf  hin,  daß
eine  durchgreifende  Änderung  in  der  Betriebsform  des  Haudelsgewerbes  zu
Gunsten  der  Großbetriebe  stattgefunden  hat.  Diese  Entwickelung  findet  ferner
ihre  Bestätigung,  wenn  man  den  Umfang  der  Betriebe  nach  der  Zahl  der
in  denselben  beschäftigten  Personen  zu  beiden  Zeitpunkten  vergleicht.
Unter  den  Hauptbetrieben  befanden  sich:
Betriebe  mit  187;&amp;gt;  1882
bis  5  Gehülfen  ....  414  153  440  409
mehr  als  5  Gehülfen  .  .  6  829  12  226
zusammen  420  982  452  725
Die  Zahl  der  Kleinbetriebe  hat  naturgemäß  absolut  tu  höherem
Maße,  nämlich  um  26  346  zugenommen.  Diese  Steigerung  beträgt  indessen ­
  nur  6,30/0.  Die  Zahl  der  kaufmännischen  Großbetriebe  hat  sich
dagegen  um  5397  oder  79°/o  vermehrt,  eine  Vermehrung,  welche  derjenigen
des  kaufmännischen  Hülsspersonals  entspricht.  Ein  Vergleich  der  Alleinbetriebe ­
  51t  beiden  Zeitpunkten  läßt  sich  bei  dent  Mnttgel  der  bezüglichen
Nachweise  für  das  Jahr  1875  leider  nicht  durchführen.  Die  Erhebung  des
Jahres  1882  ermittelt  unter  den  440  499  Kleinbetrieben  mit  bis  5  Gehülfen ­
  indesseit  293  399  oder  66,60/0  Alleinbetriebe;  es  darf  daher  wohl
vermutet  werden,  daß  das  Wachstum  der  Kleinbetriebe  zum  großen  Teil
aus  dasjenige  der  Alleinbetriebe  entfällt.
Bezüglich  des  Geschlechts  der  tut  Handelsbetriebe  beschäftigten
Personen  ergiebt  sich  Folgendes.  Es  befandett  sich  tu  den  Hauptbetrieben
des  Haudelsgewerbes:  1882
männliche  Personen  .  .  .  540  944  654  096
weibliche  „  .  ■  .  120  552  184  332
zusammen  661  496  838  428
Die  Zahl  der  weiblichen  Personen  ist  hiernach  verhältnismäßig  in
bedeutend  stärkerem  Maße  gewachsen,  als  diejenige  der  Männer.  Die
männlichen  Personen  zeigen  eine  Zunahme  von  113  152  oder  20,!»°/o.  Die
weiblichen  dagegen  eilte  solche  von  65  780  oder  54,50/0.  Die  Klagett,
welche  aus  deut  Stande  der  Handlungsgehülsen  gegen  die  Konkurrenz  der
Frauenarbeit  latti  geworden  sind,  dürsten  hiernach  nicht  ungerechtfertigt  erscheinen, ­
  indessen  zeigt  ein  Vergleich  der  Geschästsstellung  der  männlichen  ttub  weiblichen ­
  Personen,  daß  dieses  Urteil  in  gewisser  Weise  eingeschränkt  werden  muß.
Es  betrug  nämlich  die  Zahl  der
1875
männlich  weiblich.
.  350  897  80  673
Hülsspersonen  .  190  047  39  879

1882
männlich  weiblich
352  783  94  439
301313  89883

540  944  120  552  654  096  184  322
        <pb n="16" />
        Die  weiblichen  Personen  sind  hiernach  zu  einem  größeren  Teile  Geschäftsleiter, ­
  als  die  männlichen  Personen,  und  zwar  beruht  diese  Erscheinung
wohl  darauf,  daß  die  Frauen  hauptsächlich  im  Alleinbetriebe  derjenigen
Geschäftszweige  thätig  sind,  welche  sich  ihrer  Natur  nach  mehr  zum  Geschäftsbetrieb ­
  durch  weibliche  Personen  eignen.  Während  sich  die  Zahl  der
männlichen  Geschästsleiter  nur  um  1886  oder  0,5°/o  vermehrt  hat,  zeigen
die  Ziffern  für  die  weiblichen  Geschäftsleiter  eine  Steigerung  um  13  766
oder  um  17,\°/o.  Nach  der  Statistik  des  Jahres  1882  waren  von  den
94  439  weiblichen  Geschäftsleitern  76  169  oder  80,6  °/o  im  Alleinbetriebe
thätig,  während  von  den  352  783  männlichen  Geschäftsleitern  nur  217  230
oder  61,6°/-  in  diesen  Betrieben  ermittelt  wurden.  Indessen  zeigt  doch
auch  das  weibliche  Hülfspersvnal  eine  sehr  bedeutende  Vermehrung.  Die
Zahl  der  männlichen  Hilfspersonen  stieg  um  111  266  oder  58,5°/o,  diejenige ­
  der  weiblichen  Hilfspersonen  dagegen  um  50  004  oder  125,4°/o.
Trotz  dieser  starken  Vermehrung  des  weiblichen  Personals  in  Handelsbetrieben, ­
  ist  jedoch  zu  bemerken,  daß  der  Anteil  der  Frauenarbeit  im  Handelsgewerbe ­
  denjenigen  in  den  Gewerben  überhaupt  nicht  wesentlich  übersteigt.
Die  in  Handelsbetrieben  beschäftigten  weiblichen  Personen  bilden  im  Jahre
1882:  21,9°/n  sämtlicher  in  dieser  Gewerbegruppe  Thätigen;  in  den  gesamten ­
  Gewerben  des  deutschen  Reichs  überhaupt  waren  dagegen  508  378
weibliche  Personen  oder  20,2  °/o  beschäftigt.
Es  erübrigt  schließlich  noch,  die  hauptsächlichsten  Gewerbearten  nach
der  Zahl  der  in  denselben  beschäftigten  Personen  aufzuführen.
Es  befanden  sich  in  den  Hauptbetrieben  beschäftigte  Personen  am
8.  3i,ni  1882

Kolonial-,  Eß-  und  Trinkwaren
Manufaktur,  Schnittwaren  .  .
Handel  mit  landwirtschaftlichen  Produkten
Handelsvermittelung  .  .
Handel  mit  Tieren  .  .
Handel  mit  Brennmaterialien
Spedition  und  Kommission
Geld  und  Kredit  .  .  .
Kurz-  und  Galanteriewaren
Metall-  und  Metallwaren
Buch,  Kunst,  Musik  .  .
Wein
Baumaterialien....
Tabak  und  Cigarren  .  .

männlich
120  846
78  522
61  141
35  584
29  303
28  518
24  749
22  513
13  605
15  424
13  676
13  238
12  690
9  071

weiblich
47  000
34  499
31  709
618
1  010
1  793
522
160
7  057
1282
883
666
253
2  088

zusammen
167  846
113  021
92  850
36  202
30  313
30  311
25  271
22  673
20  662
16  706
14  559
13  904
12  943
11  159

Eine  starke  Beteiligung  der  Frauenarbeit  findet  sich  hiernach  hauptsächlich ­
  im  Kolouialwarenhaudel,  Manufaktur,  Schnittwaren,  Handel  mit
landwirtschaftlichen  Produkten,  Kurz-  und  Galanteriewaren,  Tabak  und
Cigarren.  Frauen  sind  außerdem  noch  relativ  stark  vertreten  in  der  Stellenvermittelung ­
  mit  2223  gegen  1293  männliche  Personen  und  im  Zeitungsverlag ­
  und  -Spedition  mit  1781  gegen  4494  männliche  Personen.
        <pb n="17" />
        Wirft  man  endlich  nach  einen  Blick  aus  die  Jndividualverhältnisse
bei  &amp;amp;wibíunGSoeí)i(fcn,  Ñ  cigicbt  M  ttod)  bet  bout
1882  bei  einer  Gegenüberstellung  der  Familienstands-  und  Altersverhältmsse
des  Verwaltungspersonals  im  Handel  (einschließlich  Schankwirtschaft)  mit
dem  Verwaltungspersonal  und  den  Erwerbsthätigen  überhaupt  Folgendes.
Von  1000  männlichen  und  weiblichen  Personen  waren  bei  den

Ledig  u.  Geschieden  401,3  650,7  468,i  774,8  531,4  758,o
Verheiratet  .  .  564,  i  165,  i  509,  i  122,g  4;&amp;gt;0,4  155,7
Verwitwet.  .  .  34,6  184,2  22,8  10  2,g  18,2  '86,3

Die  Familienstandsverhältnisse  der  Gehülfen  int  Handel  zeigen  hiernach ­
  mit  denjenigen  der  Gehülfen  überhaupt  eine  ziemliche  Übereinstimmung,
während  sie  von  denjenigen  der  gesamten  Erwerbsthätigen  erheblich  abweichen.
Sowohl  beim  männlichen  als  beim  weiblichen  Geschlecht  ist  die  Fahl  e  er
ledigen  Personen  im  Handelsgewerbe  bedeutend  höher  als  bei  den  Erwerbsthätigen ­
  überhaupt;  dieses  Überwiegen  der  Ledigen  macht  sich  dann  durch
eine  schwächere  Besetzung  der  Verheirateten  geltend  und  ebenso  ist  die  Zahl
bei  den  Verwitweten  auffallend  niedrig.
Die  hohe  Ziffer  der  ledigen  Personen  im  Handelsgewerbe  dürfte  sich
wohl  hauptsächlich  beim  männlichen  Geschlecht  durch  die  Zahl  der  Lehrlinge
erklären,  während  sie  beim  weiblichen  Geschlecht  zum  Teil  auf  den  in  der
Schankwirtschast  thätigen  Personen  beruhen  mag,  zum  Teü  in  der  meist
als  vorübergehend  gedachten  Thätigkeit  junger  Mädchen  im  Handelsgewerbe
ihre  Begründung  findet.  Die  Ziffer  der  männlichen  verheirateten  Personen
im  Handlungsgehülsenstande  ist  jedoch  ziemlich  hoch,  fast  die  Hälfte  der
Handlungsgehülfen  ist  hiernach  verheiratet.  Es  bestätigt  diese  Ziffer  mithin
die  schon  oben  gemachte  Beobachtung,  daß  die  Zuiiahine  der  Großbetriebe
im  Handelsgewerbe  die  sociale  Stellung  der  im  Handel  thätigen  Männer
mit  der  Stellung  eines  Handluiigsgehülsen  zu  einer  endgültigen  gestaltet
hat.  Die  Zahl'  der  verheirateten  weiblichen  Personen  im  Gehülfenstande
ist  schwächer  als  die  eiitsprechende  Ziffer  bei  den  Erwerbsthätigen  überhaupt.
Die  Frauen  der  Handlungsgehülfen  sind  nach  der  gesellschaftlichen  Stellung
ihrer  Männer  meist  weniger  in  der  Lage,  selbst  noch  gewerblich  thätig  zu
sein  als  die  verheirateten  Frauen  in  anderen  Berufszweigen.  Auffallend
ist  'endlich  noch  die  Ziffer  der  Verwitweten  im  Handlungsgehülsenstande.
@3  ^tebc^^DÍt  fid)  iiiei  bic  oHetbtn83  oud)  bei  ben  @meTWt#ttQrn  Mer
Haupt  gemachte  Beobachtung,  daß  die  verwitweten  Frauen  verhältnismäßig
stärker  vertreten  sind  als  die  Männer.  Diese  Erscheinung  erklärt  sich  dadurch, ­
  daß  die  verwitweten  Männer  im  erwerbsfähigen  Alter  leichter  geneigt ­
  sind,  sich  wieder  zu  verheiraten,  während  eine  Wiederverheiratung  bet
den  Frauen  naturgemäß  schwieriger  ist.  Bei  einer  unzureichenden  pekumären
Lage  sehen  sich  die  verwitweten  Frauen  daher  genötigt,  zu  ihrer  Erwerbs-
        <pb n="18" />
        13

tätigte#  aí8  aRäbdien  )unicíauíef)Mn.  Die  getingete  gifiet  bet  bctlo#=Vücten
  Männer  unter  ben  Handlungsgehülfen  beutet  vielleicht  darauf  hin,
baß  bieselbe  mehr  als  bie  Erwerbsthätigen  überhaupt  zu  einer  Wiederverheiratung

  neigen.
Dieses  burch  Betrachtung  ber  Familienstanbsverhältnisse  ber  Handlungsgehülfcn
  gewonnene  Bilb  wirb  im  allgemeinen  ergänzt  burch  die  Ziffern
ber'Altersstatistik.  Nach  der  Berufszählung  stanben  von  1000  Personen
Erwerbthätige  Gehülfen  Gehülfen  im  Handel
überhaupt  überhaupt  einschl.  Schankwirtschaft
189.1  292,o  230,o
448,7  464,5  525,5
274.1  190,4  210,8
88,i  53,i  33,3

im  Alter  von
20  Jahren
20—40
40—60
über  60  „

Die  höhere  Ziffer  ber  jüngeren  Altersklassen  Lei  den  Hanblnngsgehülfen
als  bei  den  Erwerbsthätigen  überhaupt  scheint  wiederum  aus  der  Zahl  der

Lehrlinge  zu  beruhen.
Zieht  man  zunächst  das  Facit  aus  diesen  statistischen  Nachweisen,  so
ergiebt  sich  Folgendes.  Die  Zahl  der  kausmännischen  Hauptbetriebe  ist  von
bei:  @0^0630^8  be8  3#eS  1875  bt8  311  beteiligen  be8  3#e8  1882
in  bedeutend  höherem  Maße  gestiegen,  als  die  Zunahme  der  Gesamtbevölkerung ­
  erwarten  ließ.  Es  macht  sich  daneben  noch  die  volkswirtschaftlich
nicht  unbedenkliche  Tendenz  geltend,  in  steigendem  Maße  den  kausmännischen
Berus  als  Nebengewerbe  zu  betreiben.  Während  so  aus  der  einen  Seite
der  kaufmännische'Detailbetrieb  durch  die  Ausübung  desselben  als  Nebengewerbe ­
  ungünstig  beeinflußt  wird,  zeigeil  die  kaufmännischen  Hauptbetriebe
eine  ausfallende  Neigung,  in  Großbetriebe,  b.  h.  in  Betriebe  mit  über
5  Gehülfen  überzugehen.  Die  eigentlich  kausmännischen  Mittelbetriebe
werden  also  von  zwei  Seiten  her  in  ihrer  Interessensphäre  bedrängt  und
diese  Störungen  scheinen  in  hervorragendem  Maße  die  gesellschaftliche  und
wirtschaftliche  Stellung  der  kausmännischen  Gehülfen  zu  beeinflussen.  Während
durch  den  zunehmenden  Betrieb  kaufmännischer  Detailgeschüste  als  Nebengewerbe ­
  die  Gründung  eines  selbständigen  Detailgeschästes  den
kaufmännischen  Handlungsgehülsen  erschwert  wird,  drängt  die  Zunahme
bet  fanfmanniíc#,!  ®to#ettiebe  bo^n,  bie  GtcKnng  bc8  ^011^11118886^^611
im  Großbetrieb  zu  einer  definitiven  und  abgeschlossenen  zu  gestalten.
@8  loicbetMt  M  ^1:111#  im  Wniönn#en  Berns  bie  ^ei8nng  bet
modernen  Betriebsformen  überhaupt,  im  Großbetriebe  hoher  qualifizierte
Arbeiter  zu  einem  großgewerblichen  Mittelstände  heranzubilden.
Wenn  diese  Tendenz  an  und  für  sich  nicht  als  eine  ungesunde  bezeichnet
werden  kann,  so  liegt  dagegen  bei  dem  kausmännischen  Berufe  eine  llbeifminq
  bet  ®e^nl^^n^^eíínn8cñ  im  ®to#ettiebc,  106%  0Í8  bonetnbe  %ebcn8-Wnnsen
  gebaut  loetben  müssen,  na#  nnb  ^etauS  entgingen  eme  9%#
bcm  S(#oietigteüen,  meid#  bicļc  Wloideinng  bet  !alt^^nünnlí(#n  ©eloetbe
in  zweifelhaftem  Lichte  erscheinen  lassen.
Die  Konkurrenz  der  Frauenarbeit  macht  sich  im  kaufmännischen  Geloetbc
  ¡loot  in  ftetgenbem  We  fn#bat.  ^nbcRen  üttb  ein  gto#t  %eií
        <pb n="19" />
        14

ber  weiblichen  Kräfte  im  Kaufmannsstande  durch  den  Kleinbetrieb  absorbiert
und  andererseits  ist  die  Konkurrenz  nicht  in  allen,  sondern  nur  in  denjenigen ­
  Branchen  mit  allen  ihren  Härten  fühlbar,  welche  ihrer  Natur  nach
in  höherem  Maße  weibliche  Arbeit  verwerten  können.
Die  Betrachtung  der  Familienstands-  und  der  Altersverhältnisse  zeigt
endlich,  daß  der  Prozeß  der  Umwandlung  kaufmännischer  Geschäfte  zu
Großbetrieben  in  der  hohen  Ziffer  verheirateter  Handlungsgehülfen  bereits
einen  gewissen  Ausdruck  gefunden  hat.  Der  hohe  Prozentsatz  jüngerer
Personen  unter  dem  Hülsspersonal  des  Handels  erlaubt  den  Schluß,'  daß
die  Zahl  der  Lehrlinge  zu  derjenigen  der  Gehülfen  in  einem  volkswirtschaftlich ­
  ungesunden  Verhältnisse  steht.
        <pb n="20" />
        15

IL
Verfolgt  man  nun  die  „soziale  Frage"  im  Kaufmannsstande  in  ihre
einzelnen  Unterarten,  so  liegen  zur  Beurteilung  dieser  Verhältnisse  statistische
Nachweise,  wie  zur  Beurteilung  der  Gesamtlage,  nicht  vor.  Man  ist  hierbei ­
  insbesondere  aus  die  Jahresberichte  kaufmännischer  Vereine  und  auf
die  vielfachen  sehr  anregenden  Bemerkungen  in  den  kaufmännischen  Fachblättern ­
  angewiesen.
Zunächst  das  Lehrlingswesen.
Die  Lösung  der  kaufmännischen  Lehrlings  fra  gen  ist  außerordentlich ­
  erschwert  worden  durch  den  Mangel  genauer  Präzisierung.  Man
klagt  sowohl  über  die  ungenügende  Ausbildung  der  Lehrlinge  als  über  die
hohe  Zahl  derselben,  ohne  sich  zu  vergegenwärtigen,  welche  Personen  bei
dieser  Frage  besonders  in  Betracht  kommen.  Hatte  aber  die  Statistik  bereits ­
  bei  der  Frauenarbeit  ergeben,  daß  die  weibliche  Konkurrenz  sich  nicht
auf  alle  Branchen  des  kaufmännischen  Berufs  erstreckte,  sondern  daß  es
einzelne  Zweige  waren,  in  welchen  diese  Konkurrenz  besonders  fühlbar  geworden ­
  ist,  so  liegt  die  Vermutung  nahe,  daß  etwas  Ähnliches  auch  von
den  Lehrlingen  gelte.  Ist  es  nicht  einleuchtend,  daß  der  Lehrling  im  Geldund
  Kredithandel  unter  ganz  anderen  Gesichtspunkten  zu  behandeln  ist,  als
derjenige  im  Kleinhandel?  Es  genügt  nicht,  von  einer  Lehrlingskalamität
durchweg  zu  sprechen,  es  fragt  sich  vielmehr,  ob  nicht  auch  hier  eine  bestimmte ­
  Kategorie  ausschließlich  oder  doch  vorwiegend  die  „Lehrlingsfrage"
verschuldet  hat.
Zeigt  nun  schon  das  Handelsgewerbe  in  seinen  einzelnen  Zweigen
die  größte  Mannigfaltigkeit,  so  gilt  dies  noch  mehr  von  der  Ausbildung
und  '  der  Thätigkeit  der  in  demselben  beschäftigten  Personen.  Gewisse
Branchen  des  Handelsgewerbes  verlangen  bereits  ihrer  Natur  nach  eine
qualifizierte  Ausbildung  der  Gewerbethütigen,  die  Möglichkeit  eines  proletarischen ­
  Nachwuchses  aus  den  niederen  Bevölkerungsschichten  ist  hier  mehr
oder  minder  ausgeschlossen.  Die  unqualifizierte  Arbeit  im  Handelsgewerbe
hat  nur  Aussicht'ans  hinreichende  Verwertung  im  Kleinhandel  und  in  dieser
Seite  des  Handelsgewerbes  dürfte  daher  auch  der-Schwerpunkt  der  „Lehrlingsfrage" ­
  zu  suchen  sein.  Wenn  nun  wiederholt  über  einen  großen  Andrang ­
  zum  kaufmännischen  Beruf  geklagt  wird,  so  könnte  es  den  Anschein
gewinnen,  als  ob  das  große  Publikum  allein  für  die  Überfüllung  des  Kausmannstandes
  verantwortlich  zu  machen  sei.  Es  ist  aber  wohl  einleuchtend,
daß  ein  „Andrang"  gar  nicht  ohne  die  Kehrseite  der  Anlockung  dauernd
bestehen  kann.  Die  Schuld  an  der  Überzahl  von  Lehrlingen  trifft  daher
gewisse  Kategorien  der  kaufmännischen  Betriebe  nicht  minder,  als  den  Unverstand ­
  der  Eltern,  welche  ihre  Söhne  ohne  Überlegung  den  Lockungen
folgen  lassen.
        <pb n="21" />
        16

_  Das  Hinstreben  znin  einjährigen  Militärdienst,  welches  vielfach  für
die  Überfullung  im  Kaufmannsstande  allein  verantwortlich  gemacht  wird,
dürfte  in  der  meist  angenommenen  Ausdehnung  dieselbe  kaum  verschuldet
haben,  da  die  jungen  Kaufleute  mit  der  Berechtigung  zum  einjährigen
Dienst  in  der  Lage  sind,  sich  eine  mehr  oder  weniger  qualifizierte  kaufmännische ­
  Ausbildung  zu  verschaffen.
„Die  Mißachtung  des  Kaufmannstandes,"  schreiben  daher  mit  Recht
die  „Kaufmännischen  Blätter"  1883,  „ist  zum  großen  Teil  begründet  in  der
gewissenlosen  Heranziehung  von  Lehrlingen  aus  den  unteren  Bevölkernngsschichten
  durch  Detaillisten.  Biele  Prinzipale  befolgen  das  Prinzip  der
Massenausbildung  von  Kausmannslehrlingen  und  statt  eines  Gehülfen,  Laufburschen, ­
  Kopisten,  Markthelfer  rc.,  den  sie  honorieren  müssen,  stellen  sie
eine  Anzahl  von  Lehrlingen  an,  die  eine  Zeit  lang  umsonst  arbeiten  müssen,
nub  die  sie  lausen  lassen,  ohne  für  deren  spätere  Lebensschicksale  irgendwelche ­
  Verantwortung  zu  übernehmen."
Zwar  läßt  sich  diese  Heranziehung  von  Lehrlingen  urtb  die  Ausnutzung ­
  derselben  nicht  durch  große  Ziffern  belegen;  wie  weit  aber  das
Übel  im  einzelnen  ausgebreitet  ist,  zeigt  eine  von  den  Handlungscommis
in  Breslau  im  Jahre  1881  angestellte  Erhebung,  nach  welcher  sich  in
296  Spezereigeschäften  Breslaus  247  Commis  und  468  Lehrlinge  befanden.
Verstärkt  wird  zum  Teil  noch  die  Heranziehung  von  Lehrlingen  durch  die
Besoldung  derselben;  mit  der  Besoldung  wird  die  Ausnutzung  der  Lehrlinge ­
  verschleiert,  während  es  der  Detaillist  bequemer  findet,  auf  diese
Weise  sich  von  der  moralischen  Pflicht  der  Weiterbildung  der  Lehrlinge
loszukaufen.  Andererseits  birgt  aber  auch  die  Ausbildung  von  Lehrlingen
im  Großbetriebe  wegen  der  in  demselben  herrschenden  Arbeitsteilung  eine
nicht  zu  unterschätzende  Gefahr  für  den  Bildnngsstand  der  Handlungsgehülfen.
Welche  Schatten  werfen  nun  diese  Massenhernnziehungen  von  Lehrlingen
aus  den  kaufmännischen  Beruf,  und  welche  Mittel  sind  geeignet,  das  Lehrlingswesen ­
  in  gesunde  Bahnen  zu  lenken?  Dem  Lehrling  im  Detailgeschäft
ist  eine  theoretische  und  kaufmännische  Ausbildung,  welche  ihn  zur  Bekleidung ­
  kaufmännischer  Stellen  in  großen  Geschäften  befähigten,  außerordentlich ­
  erschwert,  und  dennoch  ist  er  gerade  darauf  angewiesen,  aus  dem
Detailgeschäft  in  andere  Stellungen  überzugehen.  Der  fortwährende  Nachschub ­
  von  Lehrlingen  im  Kleinhandel  schneidet  dem  ausgelernten  Lehrling
die  Möglichkeit  ab,  in  diesem  Geschäfte  als  Commis  einen  auskömmlichen
Lebensunterhalt  zu  gewinnen,  er  ist  gezwungen  in  andere  Geschäfte  überzutreten ­
  und  hierin  liegt  gerade  der  ungeheure  Schaden,  welchen  diese
Heranziehung  von  Lehrlingen  im  Kleinhandel  auf  den  gesamten  Gehülsenstand
  ausübt,  hieraus  entstehen  die  Klagen  über  mangelhafte  wirtschaftliche
und  gesellschaftliche  Bildung,  welche  im  Stande  der  Handlungsgehülfen  so
überaus  berechtigt  erscheinen.  Der  ans  einer  Handelsschule  vorgebildete
Gehülfe  wird  gerade  durch  den  Mitbewerb  dieser  Elemente  geschädigt.
Aber  nicht  nur  der  Stand  der  Handlnngsgehülfen,  sondern  auch  derjenige ­
  der  Detaillisten  selbst  verliert  durch  diese  Lehrlingszüchterei.  Mit
Recht  bemerkte  der  Abgeordnete  Goldschmidt  in  der  Reichstagsdebatte  über
den  Hausierhandel  am  14.  Mai  1884:  „Wollen  Sie  dem  Kaufmann  in
        <pb n="22" />
        17

ääs-äşì;
die  Kaufleute  aus  den  kleinen  Städten,  die  sich  auch  nur  cm  Hem  wenig
sstäsBşSï
den  Kaufmnnnsstand  das  Fachschulwesen  ins  Auge  fassen.
Fn  der  That,  eine  durchgreifende  Änderung  läßt  sich  im  Lehrlings-11601(11^"
  büllcH,  ÍDÍÍ  etma  bie  %u§biibimß  bet  tmt|mämnļii,eit  Sei)úinAe
kaufmännischen  Innungen  überlassen  bleiben?
Soweit  die  Innungen  nur  die  sachliche  Ausbildung  in's  Auge  fassen,
üSii
Geschäfte  und  Konsumvereine.  .  .  .  .
Die  Ausbildung  der  kaufmännischen  Lehrlinge  muß  vielmehr ­
  eine  Förderung  des  kaufmännischen  Gehulsenstand  es
twAcnMcfeitc  tm#üim#e  g(ll^^c^^ímeîen,  be^eii  %ugbiibimg
■
linge  begrenzt  werden  können.
mmm:
        <pb n="23" />
        18

als  Lebensaufgabe  aufsaßt,  hat  man  bei  dem  weiblichen  Personal  im  Kansmannsstande
  geltend  gemacht,  „daß  fast  alle  Handlungsdienerinnen  ihre
schnell  geschaffenen  Stellungen  nur  als  eine  vorübergehende  Erwerbsquelle
betrachten,  aus  der  sie  so  lange  zu  schöpfen  gedenken,  bis  ihnen  die  Möglichkeit ­
  geboten  wird,  sich  zu  verheiraten".  (Kausm.  Blätter  81  Nr.  13).
Die  Nichtigkeit  dieser  Bemerkung  muß  im  allgemeinen  zugegeben  werden,
wenngleich  die  Statistik  gezeigt  hat,  daß  ein  nicht  unbedeutender  Prozentsatz
weiblicher  Personen  auch  in  höheren  Altersklassen  im  Handelsgewerbe  thätig
ist.  Wenn  daher  für  die  einzelnen  die  Thätigkeit  im  Handelsgewerbe  unreine ­
  vorübergehende  ist,  oder  als  solche  gedacht  wird,  so  ist  doch  keineswegs
die  Gesamterscheinung  der  Frauenarbeit  als  eine  vorübergehende  aufzufassen.
Im  Gegenteil,  grade  der  fortwährende  Nachschub  weiblicher  Personen,  von
denen  jede  einzelne  sich  ihre  Thätigkeit  als  nur  vorübergehend  denkt,  macht
die  Konkurrenz  der  Frauenarbeit  so  gefährlich.  Gerade  hierdurch  wird  den
Frauen  im  Handelsgewerbe  die  Möglichkeit  genommen,  sich  in  Vereinen  zu
organisieren,  ganz  abgesehen  davon,  daß  unsere  gesellschaftlichen  Zustände
eine  derartige  Organisation  erschweren.  Der  Schlnßcffekt  dieser  Zwangslage ­
  ist  eine  große  Gefügigkeit  der  Frauen  gegen  jedweden  Lohndrnck,  dessen
rücksichtslose  Anwendung  eine  große  Zahl  gewisser  Geschäftsleute  für  unbedenklich ­
  halten.  Die  sittlichen  Gefahren,  welchen  junge  Mädchen  in  Handlungsgeschäften
  ausgesetzt  sind,  seien  hier  übergangen.
Wenn  daher  die  Verminderung  der  Konkurrenz  der  Frauenarbeit  von
einer  zu  verlangenden  Prüfung  nicht  erwartet  werden  darf,  so  scheint  es
ebenso  ausgeschlossen,  die  Verminderung  der  Frauenarbeit  von  einer  höheren
Auffassung  des  kaufmännischen  Berufs  seitens  der  Geschäftsinhaber  selbst
zu  erhoffen.  Auch  hier  bleibt  als  einziges  durchgreifendes
Mittel  das  geschlossene  Vorgehen  kauf  m  ä  n  n  i  s  ch  e  r  Verei  n  e.
In  engem  Zusammenhange  mit  den  Fragen  der  Konkurrenz  der
Lehrlings-  und  der  Frauenarbeit  im  kaufmännischen  Gewerbe  stehen  die
Fragen  des  Arbeitslohnes,  der  Arbeitszeit  und  des  Arbeitsvertrags. ­

Auch  ans  diesen  Gebieten  macht  sich  zunächst  wieder  der  Mangel  an
exaktem  statistischen  Material  fühlbar.  Bezüglich  des  Arbeitslohnes
dürfte  es  insbesondere  nicht  schwer  fallen,  gelegentlich  der  von  verschiedenen
kaufmännischen  Vereinen  sehr  intensiv  betriebenen  Stellenvermittelung  ein
ausreichendes  Material  zu  beschaffen  und  dasselbe  in  den  Jahresberichten
weiteren  Kreisen  zugänglich  zu  machen.  Einen  gewissen  Anhalt  gewähren
die  Veröffentlichungen  von  Vakanzen  seitens  des  Hamburger  Vereins  für
Handlungscommis  von  1858,  des  Frankfurters  und  einiger  anderer  Vereine  in
den  kaufmännischen  Blättern.  Das  durchschnittliche  Jahresgehalt  der  Cvmptoiristen
  gravitiert  hiernach  um  M.  1500.—,  wobei  auf  die  Kenntnis  der
doppelten  Buchführung  und  auf  gute  Handschrift  ein  besonderes  Gewicht  gelegt
wird.  Für  Lageristen  und  Verkäufer  ist  das  Gehalt  etwas  niedriger,  es  schwankt
zwischen  Nt.  1000.—  und  Nt.  1400.—  Korrespondenten  werden  gewöhnlich ­
  gut  bezahlt  mit  M.  2000—3000.—,  indessen  sind  die  Anforderungen,
welche  an  dieselben  gestellt  werden,  besonders  bezüglich  der  Sprachkenntnisse,
  oft  unverhältnismäßig  hohe,  eine  Erscheinung,  die  auch  vielfach  in
        <pb n="24" />
        19

beu  Jahresberichten  kaufmännischer  Vereine  als  eine  Erfahrung  bei  der
Stellenvermittelung  hervorgehoben  wird.  Auffallend  niedrig  sind  dagegen
die  Gehalte  im  Detailgeschäst,  in  welchen  vielfach  freie  Station  angeboten
wird;  es  fanden  sich  Stellen  ausgeschrieben  mit  freier  Station  für  Verkäufer
in  Weißwaren  und  Wäsche  mit  M.  700—900.—
in  Manufakturwaren  mit  .  .  „  400—600.—
in  Kolonialwaren  mit  .  .  .  „  240  (!)
Diese  Angaben  erlauben  natürlich  noch  keinen  allgemeinen  Schluß
ans  die  Gehaltsverhältnisse  der  Handlungsgehülsen,  es  dürste  auch  kaum
gerechtfertigt  sein,  wie  es  vielfach  in  der  Presse  geschehen  ist,  ein  allgemeines ­
  Dnrchschnittsgehalt  von  etwa  M.  1200.—  für  dieselben  anzunehmen.
Gerade  bei  den  Fragen  des  Arbeitslohnes  führen  summarische  Angaben
leicht  irre.  Die  mitgeteilten  Ziffern  scheinen  aber  die  behauptete  Kalamität
im  Handlungsgehülfenstande  zu  bestätigen  und  ihre  Unvollständigkeit  kann
als  eine  Mahnung  für  die  kaufmännischen  Vereine  dienen,  in  dieser  Beziehung
  weiteres  Material  zu  sammeln.  Es  sei  noch  darauf  hingewiesen,
daß  die  zur  Durchführung  der  Jnvaliditäts-  und  Altersversicherung  neuerdings ­
  behördlich  angestellten  Lohnermittlnngen  sich  vermutlich  31t  lokalen
lohnstatistischen  Untersuchungen  über  die  Handlungsgehülsen  von  den  einzelnen ­
  Vereinen  in  ihren  Jahresberichten  verwerten  lassen  würden.
Der  Arbeitslohn  gewährt  indessen  ohne  die  Kenntnis  der  Dauer  der
Arbeitszeit  an  sich  noch  keinen  sicheren  Maßstab  zu  Beurteilung.  Auch
hinsichtlich  der  Arbeitszeit  finden  sich  häufiger  Klagen  als  exakte  Angaben.
Ein  gewisser  Anhalt  wird  indessen  in  der  Reichsenquete  über  die  Sonntagsarbeit ­
  geboten.  In  beschränktem  Maße  findet  hiernach  Sonntagsarbeit  im
Warengroßhandel  und  im  Geld-  und  Kredithandel  zu  Zeiten  starker  Geschästsanhäusung
  statt,  sehr  drückend  aber  ist  die  Sonntagsarbeit  im
Kleinhandel.
So  wird  bezüglich  der  Kolonialwarenhändler  mitgeteilt,  daß  in
Berlin  von  „morgens  6  (im  Sommer  x / 2  0)  bis  abends  V2II  Uhr,  in
vielen  Geschäften'bis  11  Uhr  verkauft  werde"  und  „daß  das  Personal
ohne  Unterbrechung,  selbst  ohne  Gewährung  der  für  die  notwendigen  Mahlzeiten ­
  erforderlichen  Zeit  thätig  sein  müsse",  „daß  die  Commis  zum  Teil
Sonntags  16—17  Stunden  angestrengt  zu  arbeiten  hätten",  und  „namentlich ­
  in  'der  Materialwaren-,  Delikatessen-  und  Cigarrenbranche  jeden  Tag,
Sonntags  wie  alltags  von  morgens  5  oder  6  Uhr  bis  abends  10  oder
11  Uhr,  ja  sogar  bis  I  Uhr  im  Geschäft  seien"  Magdeburg);  auch  die
sächsischen  Handelskammern  teilen  mit,  daß  die  Handlungsgehülfen  teilweise, ­
  je  nach  der  Jahreszeit,  14—16  Stunden  beschäftigt  seien.  Aus
Württemberg  wird  berichtet:  Wenn  man  nach  den  Warengattungen  unterfiheidet,
  so  haben  am  längsten  offen  die  Tabaksläden  (bis  abends  9  Uhr)
auch  die  Spezereilüden  (bis  8  Uhr),  dann  die  Tuchgeschäfte  (bis  2  oder
4  Uhr  nachmittags),  wogegen  die  Buchhandlungen  nur  1—2  Stunden  den
Laden  offnen.  Die  sogenannten  Warenabzahlungsgeschäfte  halten  ihr  Geschäft ­
  mit  Vorliebe  bis  in  die  Nacht  hinein  offen.

2
        <pb n="25" />
        Als  Grund  dieser  Erscheinung  wird  hauptsächlich  die  „Konkurrenz"
angegeben.  Fast  alle  Geschäftsinhaber  versichern,  sie  würden  den  Verkauf
gern  unterlassen,  wenn  nicht  die  Rücksicht  ans  die  Konkurrenz  sie  zwinge.
Stichhaltiger  scheint  die  vorgeschützte  Rücksichtnahme  ans  die  Bedürfnisse
der  Landleule  in  kleinen  Marktstädten.
Als  nachteilige  Folgen  für  die  Arbeitnehmer  wird  Verkürzung  des
Gehalts  genannt,  die  Angaben  schwanken  über  die  Höhe  der  Kürzungen
von  M.  20—300.—  jährlich.  Auch  bezüglich  der  moralischen  Entwicklung
der  Gehülfen  werden  Besorgnisse  ausgesprochen.  Man  fürchte,  daß,  wenn
den,  zunächst  nicht  ortsansässigen,  jungen  Leuten  der  ganze  Tag  frei  gegeben ­
  werde,  dieselben  dem  Hange  zum  Leichtsinn  nachgeben,  in  schlechte
Gesellschaft  geraten,  ihre  persönlichen  Bedürfnisse  für  Vergnügungen,  Ausflüge ­
  rc.  steigern,  größere  Ausgaben  machen  und  vielleicht  auch  in  einzelnen
Fällen  der  Verführung  ausgesetzt  werden  würden,  sich  aus  Kosten  des
Prinzipals  schadlos  zu  halten.  Namentlich  das  weibliche  Personal  sei  bei
größerer  Freiheit  nur  dem  Leichtsinn  und  der  Verführung  preisgegeben,
wenn  dasselbe  sich  beschäftigungslos  herumtreiben  werde.  In  allen  Fällen
würde  die  Disziplin,  besonders  in  großen  Städten,  sich  sehr  bald  511m
Schaden  der  Kaufherrn  und  der  jungen  Leute  lockern.
Man  muß  sich  darüber  wundern,  daß  dieser  Standpunkt  zum  Teil
von  kaufmännischen  Vereinen  geteilt  wird.  Die  Handlungsgehülfen  in  der
Stadt  Königsberg  haben  sich  für  eine  möglichst  weitgehende  Einschränkung
der  Sonntagsarbeit  ausgesprochen.  In  anderen,  sowohl  in  großen  wie
in  kleinen  Städten  haben  sie  dies  nicht  in  gleichem  Maße  gethan.  Viele
fürchten  einen  mehr  oder  minder  erheblichen  Lohnausfall  und  meinen,  wenn
sie  mehr  freie  Tage  hätten,  würden  sie  nur  mehr  Geld  ausgeben. ­
  Die  meisten  erklärten,  sie  wären  zufrieden,  wenn  sie  alle  14  Tage
einen  freien  Nachmittag  hätten.*)
Die  Frage  der  Regelung  der  Sonntagsarbeit  im  Handelsgewerbe  ist
inzwischen  durch  die  in  zweiter  Lesung  gefaßten  Beschlüsse  des  Reichstags  zur
Gewerbenovelle  zu  einem,  man  darf  wohl  sagen,  im  allgemeinen  befriedigenden
Abschluß  gelangt.  Es  werden  sich  demnach  voraussichtlich  die  Resormbestrebungen
  im  Handelsstande  in  der  nächsten  Zukunft  mehr  der  Abstellung
von  Mißständen  in  der  täglichen  Arbeitszeit  zuwenden.
Aus  den  Angaben  über  die  Sonntagsarbeit  diirfte  aber  wohl  der
Rückschluß  nicht  ungerechtfertigt  sein,  daß  auch  die  tägliche  Arbeitszeit,
hauptsächlich  im  Kleinhandel,  manche  Härten  mit  sich  bringt.  Ob  aber  im
Handelsgewerbe  eine  neunstündige  Arbeitszeit  durchführbar  ist,  wie  sie  in
den  „Kaufmännischen  Blättern"  (81,3)  gesorden  wird,  erscheint  fraglich.  Die
„Kaufmännischen  Blätter"  machen  auch  selbst  aus  die  Schwierigkeit  der
Durchführung  aufmerksam,  wenn  sie  schreiben:  „Die  Arbeit  des  Handlungsgehülfen ­
  ist  eine  zu  verschiedenartige,  als  daß  sich  dieselbe  in  eine
Norm  der  Zeit  zwingen  ließe.  Der  Kassierer  im  Bankgeschäft,  der  Reisende,
der  Verkäufer  im  Materialwarengeschäft,  der  Waterclerk,  alle  müssen  zu  so
*)  Dieser  Eindruck  wird  wohl  nur  durch  den  nichts  weniger  als  objektiv  gehaltenen ­
  Gesamtbericht  über  die  fragt.  Enquête  hervorgerufen.
Der  Herausgeber.
        <pb n="26" />
        21

verschiedener  Zeit  auf  dem  Posten  sein,  ihre  Thätigkeit  ist  eine  so  abweichende, ­
  daß  sich  schlechterdings  keine  Angaben  machen  lassen,  in  welchen
Stunden  sie  ihrem  Geschäfte  obliegen  sollen."
Ein  weiterer  Nachteil  der  Arbeit  der  Handlnngsgehülsen  scheint  in
der  Bestimmung  des  Art.  61  des  H.-G.-B.  zu  liegen.  Hiernach  kann  das
Dienstverhältnis  zwischen  dem  Prinzipal  und  dem  Handlungsdiener
von  jedem  Teile  mit  Ablauf  eines  jeden  Kalendervierteljahres  nach  vorgängiger ­
  sechswöchentlicher  Kündigung  aufgehoben  werden.  Ist  durch  Vertrag ­
  eine  kürzere  oder  längere  Zeitdauer  oder  eine  kürzere  oder  längere
Kündigungsfrist  bedungen,  so  hat  es  hierbei  seine  Bewendung.
Von  der  Befugnis,  eine  kürzere  Kündigungsfrist  festzusetzen,  scheint
vielfach  ein  übergroßer  Gebrauch  gemacht  worden  zu  sein.  Die  freie  Vereinigung ­
  junger  Kaufleute  zie  Berlin  hat  daher  am  7.  Januar  1884  eine
Eingabe  an  das  Ältesten-Kollegium  in  Berlin  gerichtet,  in  welchem  sie
klagt,  daß  die  Prinzipale  von  der  gesetzlichen  Befugnis  einer  anderen  Vereinbarung ­
  der  Kündigungsfrist  (§61  H.-G.-B.)  als  der  sechswöchcntlichen,
einen  für  die  Handlungsgehülfen  nachteiligen  Gebrauch  macheu  und  um
Verwendung  für  Aufhebung  dieser  Befugnis  gebeten.  Das  Kollegium  hat
erwidert,  daß  „es  sich  zu  einer  Abänderung  dieses  Rechtszustandes  zu  raten
nicht  entschließen  könne,  da  für  alle  Beziehungen  des  Handelsrechts  die
Bertragsfreiheit  ein  unentbehrlicher  Faktor  sei."  Ein  derartiges  Sichversteisen
  alls  den  „freien  Arbeitsvertrag"  dürfte  schwerlich  mehr  dem  Geiste
unserer  neuen  Wirtschaftsgesetzgebung  entsprechen;  ob  jedoch  eine  Änderung
der  gesetzlichen  Bestimmung  notwendig  ist,  müßte  sich  erst  auf  Grund  hinreichenden ­
  Materials  ergeben,  was  zur  Zeit  nicht  vorhanden  ist.
Als  Ausfluß  dieser  gesamten  Kalamitäten  erscheint  die  Stellenlosigkeit. ­
  Es  ist  bereits  hervorgehoben  worden,  daß  die  Vermeidung
der  Stellenlosigkeit  nicht  das  eigentliche  Problem  der  „socialen  Frage"  im
Kaufmannsstande  bildet,  daß  sie  indessen  wegen  ihrer  hohen  wirtschaftlichen
Bedeutung  für  den  Einzelnen  als  ein  Bindemittel  zur  Förderung  gemeinsamer ­
  Interessen  in  kaufmännischen  Vereinen  gedient  hat.  Die  kaufmännischen
  Vereine  haben  sich  in  der  That  bereits  große  Verdienste  darum
erworben,  der  Stellenlosigkeit  kaufmännischer  Gehülfen  durch  eine  Organisation ­
  der  Stellenvermittelung  entgegenzuarbeiten.
Bei  der  Stellenlosigkeit  ist  zweierlei  zu  unterscheiden.
Insoweit  die  Stellenlosigkeit  als  Massenerscheinung  in  einer  allgemeinen ­
  wirtschaftlichen  Krisis  vorübergehend  begründet  ist,  unterliegt  sie
den  allgemeinen  wirtschaftlichen  Verhältnissen.  Ausgabe  der  kaufmännischen
Vereine  ist  es  dagegen,  die  chronische  Erscheinung  der  Stellenlosigkeit  in
ihren  Ursachen  zii  ergründen  und  diejenigen  praktischen  Maßregeln  zu  ergreifen, ­
  welche  geeignet  erscheinen,  ihr  vorzubeugen.
Bei  der  ersteren  Art  der  Stellenlosigkeit  wird  es  zwar  immer  noch
eine  dankbare  Aufgabe  der  kaufmännischen  Vereine  sein,  die  Härten  derselben ­
  zu  lindern,  der  Schwerpunkt  der  Thätigkeit  kaufmännischer  Vereine
gegen  die  Stellenlosigkeit  wird  aber  in  der  Überwindung  derselben  als
chronische  Erscheinung  zu  suchen  sein.  Die  Thätigkeit  derselben  wird
sich  daher  einmal  auf  eine  einheitlich  und  streng  durchgeführte  Organisation
        <pb n="27" />
        1880
1881
1882
1883
1884
1885
1886
1887

«T

—  22  —
ber  Stellenvermittelung  zu  erstrecken  haben  und  andrerseits  auf  die  Beseitigung ­
  der  allgemeineren  Ursachen,  welche  fortwährend  von  neuem  die
016^6)110^1611  eqeitacit.
Daß  es  sich  aber  in  der-  That  um  eine  chronische  Stellenlosigkeit  ber
ben  fmnbíu^oBoc^nífcn  ^nbclt,  bürsten  bic  3#rn  ber  Mi^cn  %oßnbundenstatistik
  beweisen.  Es  betrug  nämlich  die  Zahl  der  wegen  Bettelns
und  Bagabundierens  bestraften  Personen  in  Sachsen

überhaupt:  darunter  Kaufleute  und  Händler.
auf  1000
14  060  287  20,4
12  435  275  22,i
11  727  284  24,2
11  098  268  24,i
10  717  284  26,5
10868  286  26,3
10  780  319  29,o
9  412  266  28,i

Die  Ziffer  der  wegen  Bettelns  ltub  Bagabundierens  bestraften  Kauficitte
  imb  #nbier  f#  liiern#  im  an  ber  ®cimntaobi  in  bem
Zeitraum  von  1880—1887  von  20,4  auf  28,i  /o  zugenommen.
Die  sächsische  Statistik  bemerkt  zu  diesen  Ziffern:
„Die  für  „Kaufleute  und  Händler"  ermittelten  Zahlen  haben  keine
bedeutende  Abnahme  zu  verzeichnen,  sondern  halten  sich  in  den  einzelnen
Mrcn  wif  aicrn#  ##  Wie.  nrng  üieííet#  borm  bcarunbet
fein,  bnf]  biefem  Berufe,  mie  so  Wnfio  oeti#  mirb,  me^r  ^er)nnen  nW
dem  Bedarf  entspricht,  zugeführt  werden,  sodasi  mete,  welche  ímíjit  bte  ßiaft
und  Energie  in  sich  besitzen,  sich  einer  anderen,  wenn  auch  gewöhnlicheren
Beschäftigung  zuzuwenden,  ber  Bettelei  und  Vagabundage  m  btc  Hände
fallen."  '
Auf  der  auderen  Seite  bieten  die  Jahresberichte  der  kaufmännischen
Vereiire  ein  wertvolles  Material  zur  Beurteilung  der  Fortschritte  und  zur
Sammlung  von  praktischen  Erfahrungen,  welche  bislang  ber  ber  Stellenvermittelung ­
  gemacht  worden  sind.
Irr  den  nachstehenden  Vereinen  war  die  Zahl  der  Vakanzen,  die
3#  ber  Bewerber  imb  bicjeniQc  ber  in  ben  miQCßcbcncn
Zeiträumen  folgende:
Die  hier  folgende  Tabelle  siche  Seite  23.
Die  Beobachtungen  erstrecken  sich  hiernach  im  ganzen  mis  84715  Vakanzen, ­
  für  welche  i  38  723  Bewerber  vorhanden  waren,  während  nur
37  633  Besetzungen  stattfanden.  Auf  1  Vakanz  entfielen  1,g  Bewerber,
auf  100  Vakanzen  kamen  44,&amp;amp;  Besetzungen  und  ans  100  Bewerber  nur
27,i  Besetzungen;  das  Resultat  darf  daher  noch  keineswegs  als  eut  glanzendes
betrachtet  werden.  Als  eine  allgemeine  Erfahrung  wird  zwar  von  fast  allen
kaufmännischen  Vereinen,  die  sich  mit  der  Stellenvermittelriirg  beschäftigen,  btc
steigende  Benutzung  dieser  Organisation  sowohl  seitens  der  Geschäftsmhaber
        <pb n="28" />
        23

Name  des  Vereins

Verein  für  Handlungscommis
  1858.  .  .  .
do.
Kaufmann.  Verein  Frankfurt ­
  a.  M
do.
VereinDeutschcrHandlungsgehülfen,
  Leipzig  .  .
do.
Kaufmann.  Verein  München
do.  do.  do.
do.  do.  do.
Verein  junger  Kaufleute,
Berlin
Kanfmänn.  Verein  Merkur,
Nürnberg
Kaufm.  Verein  Mannheim
do.  do.  do.

1867/81
1888

1867/87  86  031
a.  Commis  4  193

Zahl  der
Nakan-I  Bewerzcn
  I  ber

25  789
6340

1888

b.  I.ehrlinŗc

1886/87
1887/88
1879/80
1880/81
1888/89
1888
1888/89
1887/88
1888/89

2  335
3  913
181
160
676
1  374
1  443
903
1036

Be.
setzungcn


41  984  12  847
9  320(3)  2  796

68  278
3  953
120
2  527
3649
806
792
1423
2  065
1  627
1  259
920

16  374
1  764
48
783
1217
48
52
222
510
441
241
290

a  M
P

1,G
1.4
1,9
1,0
0,3
1,1
o,«!
4.4
5.0
2.1
1.5
1.1
1,4
0,0

IP
^  e

4»'

58

49,s
44.1
45.4
42»
14.1
33.6
81.1
26.5
32.5
3%,
37.1
30.0
26.7
28.0

5  -,
Ut
'ST

80,«
30.0
24.0
44.6
40.0
31.0
33.1
6,0
6,5
15.6
24.6
27.1
19.1
31,5

84  715  138  723

37  633

1,6

44,4

27,i

Oía  feitena  bet  &amp;amp;o,ibiwio8QC#iìm  bctüotocbobcn.  ebenso  n%nicui  ist
Ìcbod)  bic  93cobo#nü,  bob  bic  GtcüciiüctniittclmiQ  bi#  bic  bici#  um
ocnÖQCHbc  9íuabiíbunij  bet  Bcloctbct  ioitb.
3)ic  Venterlungen,  toelehe  der  Ķausmännische  Vereiit  a»  Eheinilih  in
fcincnilo.  3obtcabcticí)tc  in  bi#  BcaicbmiQ  mo(ï,t,  büßten  bn#  looí)!
ans  allgemeine  Gültigkeit  Anspruch  erheben.  Diese  Bemerkungen  lauten.
„Ein  großer  Teil  der  Stellensuchenben  vermag  in  Bezug  aus  jeme  ^eißungen
kaum  den  allerbescheibensten  Ansprüchen  zu  genügen.  Es  ist  zu  berücksichtigen,
daß  ein  schon  kalligraphisch  und  richtig  orthographisch  geschriebener,  sowie
oni  MiUncttct  %tief  bie  beste  @„##900  bea  Aoufniomia  ist;  bob  bei  bein
ioa,110^0^1^)6,1  Gbotoítct  bea  fonf,t,ün,ti#c,i  %ctnfa  ,mb  ben  b#nbig
M)  etlocitctnbci  Gtenaeu  bea  Me#  bic  #ti#t  1,1  beni  Gebtond,
miibet  @btod,e„,  nomcntiics)  bea  mib  ßto„#lcbci,  umnet
mehr  Ersordernis  wird  und  daß  es  von  ganz  erheblichem  Werte  ist,  weitn
man  sich  besondere  Fachkenntnisse  erwirbt,  da  meist  nur  bicļc  zur  Erlangung ­
  besser  bezahlter  Stellen  berechtigen."
Inwieweit  sich  bic  Organisation  der  Stellenvermittelung  aus  eine
höhere  Stufe  zu  beben  vermag,  möge  in  dem  Schlußabschnitt  näher  baraeicot
  loctbcn  Ga  fei  biet  mit  í)ctOot#obc„,  bob  bic  toufiimm"#,,
Steile,met,,,itteími#nteon);  ií)tc  Sín^obc  mit  borni  ciiiiiicii  (önncii,  Wenn
        <pb n="29" />
        fie  an  die  Gehülfen  sowohl  als  an  die  Prinzipale  fest  normierte  Fragen
über  Wünsche,  Kenntnisse,  Leistnngssähigkeit  n.  s.  w.  stellen,  deren  Beantwortung
  keine  allgemeine  sein  kann.
Es  ist  endlich  noch  der  Einfluß  hervorznheben,  welchen  das  staatliche ­
  Versicherungswesen  in  neuester  Zeit  ans  die  wirtschaftliche
Stellung  der  Handlnngsgehülsen  ausgeübt  hat.  Der  §  2  des  Reichsgesetzes ­
  über  die  Krankenversicherung  der  Arbeiter  lautet:
„Durch  statutarische  Bestimmungen  einer  Gemeinde  für  ihren  Bezirk,
oder  eines  weiteren  Kommnnalverbandes  für  seinen  Bezirk  oder  Teile  desselben ­
  kann  die  Anwendung  des  Bersichernngszwanges  erstreckt  werden:
2.  ans  Handlnngsgehülsen  und  -Lehrlinge,  Gehülfen  und  Lehrlinge  in
Apotheken."
Es  ist  nun  allerdings  außer  Zweifel,  daß  einzelne  kaufmännische
Vereine,  wie  derjenige  der  Hamburger  Handlungseommis  von  1858  und
der  Verband  Deutscher  Handlnngsgehülsen  51t  Leipzig  auf  dem  Gebiete  der
freiwilligen  Versicherung  bereits  Großes  geleistet  haben.  Diesen  Bestrebungen
der  Selbsthülse  trägt  die  staatliche  Versicherung  durch  die  Gestattung  der
sogenannten  eingetragenen  Hülsskrankenkassen  Rechnung.  Für  die  Weiterbildung ­
  der  hauptsächlich  in  Frage  kommenden  Krankenversicherung  handelt
es  sich  nun  darum,  ob  die  Handlnngsgehülsen  in  eigenen  Kassen  oder  in
Ortskrankenkassen  versichert  werden  sollen.  Für  Bildung  von  eigenen  Kassen
treten  die  „Kaufmännischen  Blätter"  (84,  32)  mit  den  Worten  ein:  „Es
bedarf  keiner  Frage,  daß  den  Prinzipien  unseres  freien,  unabhängigen
Standes  die  Bildung  freier  Hülsskassen  am  meisten  entspricht  und  im
Interesse  der  Lebensfähigkeit  solcher  Organisationen,  um  ben  weitgehendsten
Anforderungen  in  ausgiebiger  Weise  entsprechen  zu  können,  empfiehlt  sich
unbestreitbar  als  das  zweckmäßigste,  die  Gründung  einer  einzigen  und
einheitlichen  Central-Krankenkasse  der  deutschen  Kaufmannschaft."
In  der  Theorie  kann  man  hier  dem  kaufmännischen  Vereine  völlig
Recht  geben,  die  Erfahrung  hat  indessen  gezeigt,  daß  ein  großer  Teil
Handlnngsgehülsen  bei  einer  alleinigen  Organisation  der  Krankenversicherung
in  eigenen  Kassen  der  Wohlthaten  des  Gesetzes  nicht  teilhastig  wird.  Die
thatsächliche  Notlage  der  Handlnngsgehülsen  hat  daher  bereits  verschiedene
Städte  veranlaßt,  von  der  Befugnis  des  §  2  des  Gesetzes,  den  Versicherungszwang
  durch  Ortsstatnt  auf  dieselben  zu  erstrecken,  Gebrauch  zu
machen/  Bon  verschiedenen  kaufmännischen  Vereinen  ist  dieses  Vorgehen
auch  gebilligt  worden.  Als  durchaus  korrekt  darf  daher  wohl  der  Standpunkt' ­
  bezeichnet  werden,  welchen  vr.  Max  Qnarck  in  einer  am  3.  Dezember ­
  1889  abgehaltenen  Versammlung  des  Demokratischen  Vereins  in  Frankfurt
am  Main,  in  welcher  über  die  Einführung  des  Versicherungszwanges  in
Frankfurt  beraten  wurde,  einnahm.  Er  sagte:
„Die  staatliche  Zwangsversichernng  ist  bekanntlich  von  der  Regierung
damit  begründet  worden,  daß  die  Einkommensverhältnisse  der  Arbeiter  für
Notfälle  zu  dürftig  seien.  Ist  nun  eine  große  Kategorie  von  Handlnngsgehülsen ­
  in  derselben  Lage,  wie  die  gewerblichen  Arbeiter,  so  mist;  der
Zwang  auch  für  jene  eingeführt  werden.  Es  íann  sich  also  lediglich  um
        <pb n="30" />
        25

diesen  Nachweis  handeln.  Die  Statistik  der  Gehülfengehalte  ist  nun  noch
sehr  unvollkommen  imb  zwar  zum  großen  Teil  in  Folge  der  Unthätigkeit
der  kaufmännischen  Vereine.  Der  Notstand  unter  den  Handlungsgehülfen
ist  aber  von  den  verschiedensten  Seiten  anerkannt  worden.  Der  Zwang
rechtfertigt  sich  um  so  mehr,  als  es  ja  den  Gehülfen  frei  steht,  sich  durch
Beitritt  zu  einer  freien  Hülsskasse  der  Ortskrankenkasse  zu  entziehen."
Daß  dieser  Gesichtspunkt  durchschlagend  ist,  findet  seine  Bestätigung  in
der  dem  Reichstag  inzwischen  vorgelegten  Novelle  zum  Krankenversicherungsgeseh,
  nach  welcher  die  Handlungsgehülfen  mit  einem  Gehalt  bis  zie  2000  At.
der  Versicherungspflicht  unterworfen  werden.  Aus  denselben  Gründen
rechtfertigt  sich  auch  wohl  die  Einbeziehung  dieser  Handlnngsgehülsen  in
die  Jnvaliditäts-  und  Altersversicherung.
        <pb n="31" />
        26  —

III.
Was  haben  nun  bisher  die  kaufmännischen  Vereine  für  die  gesellschaftliche ­
  und  wirtschaftliche  Hebung  des  Standes  der  Handlungsgehülfen
geleistet,  und  welches  sind  die  Aufgaben,  die  gerade  sie  zu  lösen  in  hervvrragendem
  Maße  berufen  sind?  Wirft  mau  zunächst  einen  Blick  auf  die
Organisation  und  Ausdehnung  der  Vereine,  so  sind  die  kaufmännischen
Vereine  zumeist  aus  rein  lokalen  Interessen  erwachsen  und  zum  Teil  über
dieselben  nicht  hinausgegangen.
Daneben  ist  ein  nicht  unbedeutender  Teil  kaufmännischer  Vereine  in
größeren  Verbänden  organisiert.  Die  bedeutendsten  kaufmännischen  Vereine
und  ihre  Mitgliederzahl  nach  den  dabei  angegebenen  Jahresberichten  sind

folgende:
Name  des  Vereins:  Jahr.  Mitgliederzahl.
Handlungscommis  von  1858,  Hamburg  1887/88  22  508
Verband  Deutscher  Handlnngsgehülfen
au  Keil#  1888/89  17  000
Kausmänn.  Verein  Merkur,  Nürnberg  1888/89  3  126
Kaufmännischer  Verein  Frankfurt  a.  M.  1888  2  890
Verein  junger  Kaufleute,  Berlin  .  .  1888  2  509
Kaufmännischer  Verein  Mannheim  .  1888/89  2  085
Kaufmännischer  Verein  München  .  .  1888/89  l  120

zusammen  .  .  51  238

Der  Verein  für  Handlnngscommis  von  1858  zn  Hamburg,  der
Frankfurter  Verein  und  der  Verband  Deutscher  Handlnngsgehülfen  zu  Leipzig
sind  in  Kreisvereinen  organisiert  und  entwickeln  eine  außerordentlich  rege
Thätigkeit  alls  dem  Gebiete  der  gesellschaftlichen  und  wirtschaftlichen  Weiterbildung ­
  ihrer  Mitglieder.  Die  Organisation  der  kaufmännischen  Vereine  im
einzelnen  darzulegen,  würde  gu  weit  führen,  es  muß  in  dieser  Beziehung  ans
die  Statuten  derselben,  sowie  ans  die  Jahresberichte  verwiesen  werden.  Faßt
man  die  Gesamtzahl  der  in  den  aufgeführten  Vereinen  organisierten  Mitglieder ­
  zusammen,  so  beläuft  sie  sich  aus  über  50  000.  Die  Zahl  der  in
den  übrigen  lokalen  Vereinen  vereinigten  Handlungsgehülsen  darf  aber
wohl  ebenso  hoch  veranschlagt  werden  —  der  Verband  reisender  Kaufleute
zn  Leipzig  zählte  ferner  nach  den  letzten  Verhandlungen  rund  4000  Mitglieder, ­
  —  svdnß  man  etwa  100  000  Handlnngsgehülfen  als  in  Vereinen
organisiert  annehmen  kann.  Schätzt  man  die  Gesamtzahl  der  deutschen
Handlnngsgehülfen  auf  400  000,  so  ist  der  vierte  Teil  der  Haudlungsgehülsen
  in  Vereinen  organisiert.*)

*)  Seit  Abfassung  der  Preisarbeit  haben  sich  die  Zahlen  allerdings  wesentlich
verändert.  Dieselben  lauten  nach  ben  letzten  uns  bekannt  gewordenen  Jahresberichten
wie  folgt:
        <pb n="32" />
        27

Es  muß  einleuchten,  daß  -ei  einer  einheitlichen  Organisation  oder
vielmehr  einer  Centralisation  dieser  Vereine  mehr  geleistet  werden  kann,  als
die  einzelnen  Vereine  bislang  zu  leisten  imstande  waren.  Ja  es  wird
nicht  zu  gewagt  erscheinen,  wenn  man  behauptet,  daß  die  Gesamtzahl  der
kaufmännischen  Vereine,  welche  den  vierten  Teil  sämtlicher  Handlungsgehülsen
umfassen,  bei  einer  richtigen  Organisation  die  Macht  besitzen,  das  gesamte
Gebiet  der  socialen  Frag  e  im  Kaufmannsstande  zu  beherrschen.
Hierzu  muß  aber  zunächst  der  rein  lokalen  und  gesellschaftlichen
Interessen  zugewendete  Charakter  der  kaufmännischen  Vereine  und  der
Jndifserentismus  eines  Teiles  derselben  gegen  wirtschaftliche  Fragen  gebrochen
werden.  Ans  der  anderen  Seite  müssen  sich  die  großen  Vereine  bescheiden,
intensiver  in  einem  geographisch  abgegrenzten  Gebiete  ihre  Thätigkeit  zu
entfalten,  als  sich  in  der  Gründung  von  Kreisvereinen  gegenseitig  Konkurrenz
zu  machen.
Soll  wirklich  eine  gesellschaftliche  Hebung  des  Standes  der  Handlungsgehülfen ­
  erfolgen,  s  o  muß  eine  w  i  r  t  s  ch  a  f  t  l  i  eh  e  Interessenvertretung ­
  die  Basis  derselben  bilden;  dies  ist  der  Kernpunkt  der
Aufgabe,  welche  den  kaufmännischen  Vereinen  zufällt.
Die  Forderungen,  welche  für  die  Hebung  des  Kanfmannsstandes  an
die  kaufmännischen  Vereine  511  stellen  sind,  erstrecken  sich  daher  auf  drei
Punkte:
1.  auf  eine  einheitliche  Organisation,
2.  aus  eine  wirksame  Interessenvertretung,
3.  ans  eine  fortlaufende  Untersuchung  der  wirtschaftlichen  und
socialen  Lage  der  Handlungsgehülsen.
Die  einzelnen  Aufgaben,  welche  in  ihrer  Gesamtheit  die  „sociale
Frage"  im  Kaufmannsstande  bilden,  sind  in  den  vorhergehenden  Abschnitten
in  Umrissen  dargestellt  worden,  es  handelt  sich  hier  um  die  Durchführung
dieser  Aufgaben  durch  eine  Organisation  der  kaufmännischen  Vereine.  Diese
Organisation  kann  vielleicht  in  folgender  Weise  gedacht  werden.
Die  einzelnen  Lokalvereine  behalten  ihre  volle  Selbständigkeit  in
Bezug  ans  ihre  örtliche  Verwaltung.  Für  eine  bestimmte  Zeitperiode  bildet
innerhalb  einer  Provinz  resp.  eines  Bundesstaates  ein
Verein  den  Vorort  für  die  Vertretung  gemeinsamer  Provinzialange-Die

  Gesammtzahl  der  Mitglieder  kaufmännischer  Vereine  und  Verbände  in
Deutschland  betrug  also  im  Jahre  1890  schon  weit  ü  ber  100  000.  Nichtsdestoweniger
ist  es  u.  E.  gewagt,  daraus  den  Schluß  zu  ziehen,  das;  der  vierte  Teil  der
deutschen  Handlungsgehülsen  in  Vereinen  organisirt  sei.  Ein  Bruchteil  der  Vereins-Mitglieder
  besteht  nämlich  regelmäßig  aus  Prinzipale  n.

beim

1.  Verein  für  Handlungscommis  von  1858,  Hamburg
2.  Verband  deutscher  Handlungsgehülsen,  Leipzig  .  .
3.  Kaufmännischer  Verein,  Frankfurt  a.  M
4.  Kaufmännischer  Verein  Merkur,  Nürnberg  .  .  .
5.  Verein  junger  Kaufleute,  Berlin
6.  Kaufmännischer  Verein,  Mannheim
7.  Kaufmännischer  Verein,  München
        <pb n="33" />
        legenheiten.  Ebenso  müssen  sich  die  größeren  Vereine,  deren  Kreisvereine
sich  zum  Theil  aus  das  ganze  Reich  ausdehnen,  territorial  begrenzen  zu
Provinzialvereineil,  an  welche  sich  die  rein  lokalen  Vereine  der  Provinz
anzugliedern  hätten.  „Nur  in  der  Beschränkung  zeigt  sich  der  Meister."
Die  Gesamtheit  der  Provinzialvereine  wählt  wiederum  für  eine  bestimmte
Zeitperiode  einen  Verein  zum  Vorort,  welcher  die  gemeinsamen  Angelegenheiten ­
  der  Handlungsgehülfen  für  das  Reich  führt.
Bei  einer  derartigen  Organisation  würde  sich  eine  viel  umfassendere
Thätigkeit  der  kaufmännischen  Vereine  aus  dem  Gebiete  der  Stellenvermittelung ­
  ermöglichen.  Man  kann  dabei  von  dem  Gedanken  ausgehen,  das;
es  sich  bei  der  Stellenvermittelung  zunächst  um  den  Bedarf  des  lokalen
Arbeitsmarktes  handelt,  welcher  durch  die  Lokalvereine  versorgt  werden
kann.  Der  Arbeitsmarkt  der  Provinz  lvürde  die  zweite  unb  derjenige  für
das  Reich  die  dritte  Stufe  bilden,  deren  Organisation  durch  die  Provinzialverbände ­
  und  durch  den  Gesamtverband  zu  bewirken  wäre.
Mit  dieser  Organisation  würde  eine  wirksame  Interessenvertretung ­
  des  Standes  der  Handlungsgehülfen  von  selbst  gegeben  sein.
Bezüglich  der  Interessenvertretung  herrschen  vielfach  unklare  Vorstellungen.
Die  Handlungsgehülfen  wünschen  Vertretung  in  den  Handelskammern,
den  Handelsgerichten  für  Personalsachen  als  Schiedsgerichte  und  im  Handelstag. ­
  Es  scheint  dagegen,  daß  eine  Vertretung  der  Klasseninteressen,  welche
sich  au  die  Vertretung  anderer  Klasseninteressen  angliedert,  ohne  weiteres
zu  einem  durchgreifenden  praktischen  Erfolge  nicht  führen  kann.  Die  Vertretung ­
  der  Handlungsgehülsen  muß  durch  selbständige,  ans  dem  Stande
der  Handlungsgehülfen  hervorgegangene  Organe  gehandhabt  werden.  Nur
eine  große  und  iin  einzelnen  gegliederte  Organisation  wird  imstande
sein,  den  Forderungen  der  Handlungsgehülsen  den  nötigen  Nachdruck  zu
verleihen.  Allerdings  liegt  hier  die  Gefahr  nahe,  daß  eine  einseitige  Vertretung ­
  die  Grenze,  welche  die  Handlungsgehülsen  voit  den  Prinzipalen
trennt,  erweitere  und  erst  einen  Klassengegensatz  heranbilden  helfe,  welcher
seiner  Natur  nach  weder  besteht,  noch  bestehen  soll.
Diese  Befürchtungen  sind  auch  von  seiten  der  Geschäftsinhaber  geltend
gemacht  worden.  In  einer  Resolution  des  Vereins  Berliner  Kaufleute  unb
Industrieller,  welcher  sich  im  Jahre  1884  nach  einem  Referat  des  Herrn
Dr.  Max  Weigert  mit  den  bezüglichen  Anträgen  des  Vereins  junger  Kaufleute ­
  in  Berlin  an  das  Ältestenkolleginul  beschäftigte  (Kausm.  Blätter  84,  2(&amp;gt;)
wird  gesagt:  „Der  Verein  erblickt  in  den  Anträgen  des  Vereins  junger
Kaufleute  '  in  Berlin  an  das  Ältestenkollegium  der  Kaufmannschaft  eine
Bildung  und  Schärfung  von  Klassengegensätzen  zwischen  den  Handlungsgehülfen ­
  und  selbständigen  Kaufleuten,  welche  ben  Interessen  der  Kaufmannschaft ­
  zuwiderlaufen.  "
Hierbei  wird  indessen  von  der  Voraussetzung  ausgegangen,  daß  eine
Vertretung  der  Handlungsgehülsen  ill  dell  Handelskammern  ihrer  Natur
nach  zu  einer  Ausbildung  zu  Gegensätzen  zwischen  Prinzipalen  und  Gehülfen ­
  führen  müsse.  Diese  Voraussetzung  dürfte  jedoch  in  ihrer  Allgemeinheit ­
  nicht  zutreffen,  im  Gegenteil  muß,  abgesehen  von  der  bestehenden
gesetzlichen  Organisation  der  Handelskammern,  wonach  sie  zur  Zeit  lediglich
        <pb n="34" />
        29

als  cinc  gesetzmäßige  Interessenvertretung  der  selbständigen  Kanflente  anzusehen ­
  sind,  der  Gedanke  sympatisch  berühren,  daß  die  Handlungsgehülfen
eine  Vertretung  in  den  Handelskammern  erstreben;  es  würde  hiernach  eine
Organisation  geschaffen  sein,  welche  es  den  letzteren  erlaubt,  in  Verbindung
mit  den  Prinzipalen  an  der  Heilung  der  socialen  Schaden  im  Kaufmannsstande ­
  zn  arbeiten.  Eine  gegenseitige  Anssprache  würde  vielleicht  eher  versöhnend ­
  als  entfremdend  wirken  können.
Eine  Vertretung  der  Handlungsgehülfen  ist  aber  mit  Erfolg  kaum
denkbar,  wenn  nicht  die  lokalen  Vereine  einen  Rückhalt  haben  in  einer
festen  großen  Organisation,  die  es  ihnen  erlaubt,  von  allgemeineren  Gesichtspunkten ­
  aus  die  Beseitigung  lokaler  Übelstände  in  den  örtlichen  Handelskammern ­
  zu  erkämpfen.  Ebenso  verfehlt  würde  der  Gedanke  einer  Vertretung ­
  der  Handlungsgehülfen  im  deutschen  Handelstage  sein,  so  lange  es
nicht  klar  ist,  wer  vertreten  wird.  Auch  hier  kann  eine  wirksame  Vertretung ­
  nur  statthaben  ans  Grund  einer  selbstgeschaffenen  Organisation  der
kansmänuischen  Vereine  für  das  ganze  Gebiet  des  Reichs.
Als  dritte  Forderung  ist  die  fortlaufende  Untersuchung  der
sozialen  und  wirtschaftlichen  Lage  der  Handlungsgehülsen  bezeichnet  worden.
Eine  objektive  Untersuchung  muß  die  Grundlage  der  sozialen  und  wirtschaftlichen ­
  Weiterbildung  der  Handlungsgehülsen  bilden,  falls  es  ihnen
wirklich  ernst  ist,  ihre  Lage  den  konkreten  Verhältnissen  entsprechend  umzugestalten. ­
  Aber  auch  eine  derartige  fortlaufende  Untersuchung  der  wirtschaftlichen ­
  und  sozialen  Verhältnisse  wird  nur  möglich  sein  bei  einergenügend
  erstarkten  und  einheitlich  durchgebildeten  Organisation.  Indessen
liegen  hier  die  Verhältnisse  etwas  anders  als  bei  der  Organisation  selbst.
Während  bei  letzterer  ein  Wechsel  des  Vororts  im  Interesse  der  Belebung
der  Organisation  liegt,  scheint  cs  für  die  fortlaufende  und  wirtschaftliche
Untersuchung  angemessener,  ein  Organ  zie  wählen,  welches  gewissermaßen
über  den  Parteien  steht  und  seine  Erfahrungen  51t  festen  leitenden  Grundsätzen ­
  in  der  Behandlung  derartiger  Untersuchungen  zu  verwerten  imstande
ist.  Ein  solches  Organ  ist  nun  in  der  That  bereits  in  seinen  Anfängen
vorhanden.  Ans  der  Versammlung  des  Verbandes  kaufmännischer  Vereine
für  öffentliche  Vorträge  zu  Chemnitz  ist  mit  großem  Nachdruck  die  immer
dringender  werdende  wirtschaftliche  Frage  im  Kanfmannsstande  erörtert  und
eine  besondere  Abteilung  des  Verbands  zur  Untersuchung  wirtschaftlicher
Fragen  begründet  worden.  Hier  wäre  der  Anknüpfungspunkt  zur  Weiterbildung ­
  gegeben.  Das  geistige  Band,  welches  der  Deutsche  Vortragsverband, ­
  welcher  den  einzelnen  kaufmännischen  Vereinen  selbständig  gegenübersteht, ­
  um  diese  bereits  geschlungen  hat,  würde  durch  eine  Erweiterung
dieses  Verbandes  zur  Warte  über  die  wirtschaftliche  Lage  der  Handlungsgehülfen ­
  nur  noch  fester  geknüpft  werden.  In  ihm  wären  alle  Vorbedingungen ­
  zu  einer  dauernden  Untersuchung  der  socialen  und  wirtschaftlichen
Lage  der  Handlungsgehülsen  geboten  und  durch  ihn  wäre  vielleicht  auch
am  ehesten  die  Möglichkeit  gegeben,  den  Gedanken  einer  einheitlichen  Organisation ­
  und  Centralisation  der  kaufmännischen  Vereine  der  Verwirklichung
näher  zu  führen.  Der  kaufmännischen  Fachpresse  aber  fällt  die  Ausgabe
        <pb n="35" />
        30

zu.  über  die  Lage  der  Handlungsgehülsen  dem  großen  Publikum  gegenüber
jederzeit  aufklärend  zu  wirken.
Mit  der  wirtschaftlichen  Umgestaltung  der  Lage  der  Handlungsgehülsen ­
  wird  aber  zugleich  ihre  gesellschaftliche  Weiterbildung  ermöglicht
werden  und  so  darf  wohl  nicht  mit  Unrecht  die  Antwort  auf  die  Frage,
in  welchem  Maße  die  kaufmännischen  Vereine  zur  gesellschaftlichen  und
wirtschaftlichen  Hebung  der  Handlungsgehülfen  beizutragen  vermögen,  in
die  Worte  gefaßt  werden:
„Das  Geheimnis  des  Erfolges  liegt  in  der  Organisation."
        <pb n="36" />
        Dr.  M  a  x  G  u  a  r  ck
illotto:  2Ulzeit  voran!

Mit  dem  Weiten  Preis  gekrönt.
        <pb n="37" />
        Einleitung.
Die  Form,  in  welcher  auf  die  vom  „Kaufmännischen  Verein" ­
  zn  Frankfurt  n.  M.  in  richtiger  Erkenntnis  der  gegenwärtigen  Verhältnisse ­
  gestellte  Preisfrage  geantwortet  werden  muß,  dürfte  durch  den
Wortlaut  der  Aufgabe  selbst  '  ziemlich  klar  vorgeschrieben  sein.  Daß  die
heutige  Lage  der  Handlungsgehilfen  verbesserungsbedürftig  ist,  wird  offenbar ­
  als  feststehend  vorausgesetzt.  Sonst  konnte  ja  nicht  schon  nach  Mitteln
zu  ihrer  Verbesserung  gefragt  werden.  Dadurch  wird  eine  besondere  Darstellung ­
  jener  Lage  der  Handlungsgehülfen  allerdings  überflüssig.  Aber  da
es  doch  darauf  ankommt,  Verbesserungsmittel  zu  finden  und  anzugeben,
von  denen  ein  praktischer  Nutzen  erwartet  werden  kann,  so  müssen  diese
Mittel  unmittelbar  aus  den  inneren  Ursachen  der  verbesserungsbedürftigen
Lage  hergeleitet  werden.  Die  genaue  Kenntnis  und  Darlegung  dieser
Ursachen  verbürgt  allein  die  Angabe  geeigneter  Heilmittel,  und  wer  sich
über  die  eigentliche  Ursache  eines  Übels  klar  ist,  weiß  damit  gleichzeitig
mindestens  die  Richtung,  in  welcher  sich  eine  eventuelle  Abhilfe  bewegen
muß,  während  der  mit  den  tieferen  Ursachen  Unbekannte  nur  zufällig,  wie
die  Medizin  des  Mittelalters,  ein  richtiges  Heilmittel  finden  kann.  Bei
diesem  untrennbaren  Zusammenhang  zwischen  den  Verbesserungsmitteln,
nach  welchen  die  Preisaufgabe  fragt,  und  den  Verschlechterungsgründen
der  Handlungsgehülfenlage,  darf  wohl  in  der  Antwort  eine  eingehende
Darlegung  dieser  Ursachen  kaum  fehlen,  schon  damit  das  Preisrichterkollegium ­
  ganz  klar  über  die  voraussichtliche  Wirksamkeit  oder  Unwirksamkeit ­
  der  vorgeschlagenen  Mittel  urtheilen  kann.  Aus  diese  Weise,  bei  Darlegung ­
  der  die  heutige  Lage  der  Gehülfen  bedingenden  wirtschaftlichen  und
gesellschaftlichen  Ursachen,  wird  diese  Lage  selbst  öfters  berührt  werden
müssen,  so  daß  auch  dieser  Teil  der  Sache  zu  seinem  Rechte  kommt.  Nimmt
dieser  Abschnitt  einen  gewissen  Raum  der  Antwort  auf  die  Preisaufgabe
ein,  so  möge  daran  erinnert  werden,  daß  bekanntlich  diejenigen  die  schlechtesten
Ärzte  nicht  sind,  welche  die  Krankenuntersuchung  möglichst  sorgfältig  und
ausdauernd  vornehmen,  das  Rezeptverschreiben  aber  möglichst  kurz  machen,
weil  sich  in  vielen  Fällen  aus  der  klaren  Erkenntnis  der  Krankheitsursachen
sehr  einfache  Verhaltungsmaßregeln  für  den  Kranken  ergeben,  deren  Beobachtung ­
  mehr  nützt,  als  alles  Medizinieren.  So  soll  also  auch  hier  verfahren ­
  werden.  Aus  der  eingehenden  Diagnose  der  jetzigen  Lage  der
Handlungsgehülfen  und  ihrer  Ursachen  ergeben  sich  für  einen  folgenden
Abschnitt  die  Mittel  zur  Verbesserung  wie  von  selbst,  und  das  weitere
        <pb n="38" />
        34

Kapitel  wird  sodann  ans  den  letzten  Teil  der  Preisfrage  Auskunft  zu
geben  haben,  inwieweit  die  kaufmännischen  Vereine  zur  Anwendung  der
richtigen  Mittel  beitragen  können.  Es  wird  sich  glücklicherweise  zeigen,  daß
eine  lange  Reihe  dankbarer  Ausgaben  dieser  Vereine  harrt.
Schließlich  soll  noch  bemerkt  werden,  daß  es  natürlich  nicht  möglich
war,  jeder  wirtschaftlichen  Ausführung  in  der  vorliegenden  Preisarbeit  die
thatsächlichen  und  ziffermäßigen  Belege,  welche  vielfach  erst  die  interessantesten
Einzelheiten  bringen,  beizufügen.  Sonst  hätte  der  Verfasser  den  vorgeschriebenen ­
  Raum  weit  überschreiten  müssen.  Das  betreffende  Material
liegt  aber  vollständig  bereit,  und  es  wäre  denkbar,  daß  dasselbe  ans
besonderen  Wunsch  bei  eventueller  Drucklegung  der  Arbeit  in  Form  von
Anmerkungen  im  Anhang  beigefügt  würde*).

')  Vergl.  hierzu  den  Schluß  des  „Vorwortes".

Der  Herausgeber.
        <pb n="39" />
        Erst  er  Abschnitt.
Die  wirtschaftlichen  und  gesellschaftlichen  Ursachen  der  verbesserungsbedürftigen ­
  Fage  der  Handlungsgehülfen.

Diese  Ursachen  sind  teils  allgemeiner  Natur  und  machen  sich  nicht
blos;  für  das  kaufmännische  Gewerbe,  sondern  für  die  gesamte  moderne
Gewerbethätigkeit,  innerhalb  dessen  die  kaufmännische  ja  nur  ein  organisches
Glied  ist.  geltend;  teils  werden  sie  allein  bei  der  Entwicklung  des  kaufmännischen ­
  Gewerbes  bemerkt  und  sind  also  spezielle  Gründe  für  die  prekäre
Lage  der  Handlungsgehülfen.
Aus  dem  heutigen  Erwerbsleben  ist  im  allgemeinen,  sowohl  für
den  Unternehmer,  als  besonders  für  den  unselbstständigen  Gehülfen  und
Arbeiter,  jene  relative  Sicherheit  und  Ruhe  geschwunden,  welche  das
Erwerbsleben  unserer  Großväter  auszeichneten.  Daran  sind  aber  nicht
die  Menschen  schuld,  sondern  in  der  Hauptsache  die  Fortschritte  der
modernen  Technik  auf  allen  Gebieten,  aus  dem  der  Produktion,  des
Handels,  des  Verkehrs  und  des  Kredits.  Nur  wer  in  jeder  einzelnen
Branche,  sei  er  Fabrikant,  Kaufmann,  Verkehrsunternehmer  oder  Bankier,
mit  den  besten  technischen  Mitteln  und  Verbindungen  ausgerüstet  ist,
kann  sich  durch  die  besten  und  billigsten  Leistungen  in  der  Konkurrenz
aufrecht  erhalten  und  etwas  verdienen.  Dann  aber  strömt  ihm  der
Verdienst  auch  meist  in  einer  Fülle  zu,  die  man  früher  nicht  gekannt
hat,  eine  Fülle,  welche  den  fortgeschrittenen  Geschäftsmann  in  den
Stand  setzt,  immer  überlegener  gegen  seine  schwächeren  Konkurrenten  auszutreten,
  so  daß  schließlich  wenige  Starke,  wie  im  Darwinschen  Kampfe
ums  Dasein,  das  Feld  allein  beherrschen.  Daß  zu  diesem  Beherrschen
großes  Kapital  gehört,  ergiebt  sich  schon  daraus,  daß  die  Ausrüstung  mit
allen  modernen  Behelfen  der  Technik  und  die  Benutzung  der  besten  und
raschesten  Verbindungen  große  Auslagen  erfordern.  Daher  unter  den
Arbeitgebern  selbst  ein  heftiger  Kamps  der  Reichsten  gegen  die  weniger
Bemittelten,  wobei  die  letzteren  meist  geschlagen  das  Feld  räumen  müssen,
und  daher  die  annähernde  Unmöglichkeit  für  den  Unbemittelten,  sich  nicht
bloß  für  kurze  Zeit,  sondern  dauernd  und  mit  bleibendem  Erfolg  selbstständig ­
  zu  machen,  außer  durch  besondere  Glückssälle  (Losgewinne,  Einheiraten, ­
  wichtige  Erfindungen  und  Ähnl.),  die  natürlich  als  Ausnahmen
die  Regel  nur  bestätigen.  '  Daraus,  daß  die  Selbständigkeit  ans  jedem
gewerblichen  Gebiete  ein  immer  schwerer  zu  erreichendes  Ziel  für  die  Uu-3
        <pb n="40" />
        36

bemittelten  wird,  folgt  dann  die  ungeheuere  Konkurrenz,  welche  sich  diese
Unbemittelten,  die  doch  die  große  Masse  der  Bevölkerung  bilden,  untereinander ­
  überall  machen.  Es  scheint  beinahe  nicht  genug  Erwerbsgelegenheit ­
  mehr  für  diese  Anzahl  strebender  Menschen  da  zu  sein,  weil  sich  die
meisten  von  ihnen  nur  auf  die  Jagd  nach  unselbständigen  Stellen  werfen
müssen  und  kein  erleichterndes  Vorrücken  zur  massenhaften  Selbständigkeit,
mehr  stattfindet.  Aus  diesen  inneren  Ursachen  ergiebt  sich  Dasjenige,  was  man
heutzutage,  rein  äußerlich  betrachtet,  die  „Überfüllung"  nennt,  die  nicht  bloß
für  die  gewerblichen,  sondern  auch  für  die  gelehrten  und  geistigen  Berufe
höherer  und  niederer  Art,  wie  für  die  Beamtenlaufbahn  Thatsache  ist.  Weil
die  Gewerbe  nicht  mehr  alle  Menschen  versorgen  konnten,  glaubten  sich  die
Unbemittelten  eine  Zeit  laug  mit  besserem  Erfolg  auf  die  Beamteucarriören
jeden  Grades  werfen  zu  müssen.  Diese  Erscheinung  dürfte  nebenbei  ein
Beweis  dafür  sein,  daß  höhere  Anforderungen  an  die  Vorbildung  selten
diesen  Zudraug  abhalten  können;  denn  die  Unbemittelten  überwinden  in
der  Hoffnung  auf  bessere  Versorgung  auch  diese  Hindernisse  noch  durch
gesteigerte  Entbehrungen  und  höheren  Eifer.  Dazu  kommt,  daß  aus  den
oben  angeführten  Gründen  kapitalkräftige  Konkurrenten  in  allen  Branchen
oft  auch  noch  eine  ganze  Anzahl  mittlerer  Arbeitgeber-Existenzen  ruinieren.
Diese  letzteren  werden  mitsamt  ihrem  Personal  erwerbslos  und  vermehren
den  Zudrang  der  Unselbständigen,  welcher  ohne  alles  Zuthun  der  Arbeitgeber ­
  jeden  Gewerbes  die  Verdienste  herabdrückt,  die  Arbeitszeiten  verlängert
und  die  Kündigungsfristen  verkürzt,  weil  ein  Gehülfe  oder  Arbeiter  immer
den  andern  zu  verdrängen  suchen  muß  durch  noch  größere  Gefälligkeiten
gegen  den  Unternehmer.  Die  Thatsache,  daß  immer  mehr  Handarbeit
sparende  Maschinen  angewendet  und  dadurch  die  menschliche  Arbeitskraft
überflüssiger  und  wertloser  gemacht  wird  als  früher,  geht  nebenher  und
vergrößert  die  Masse  der  Unselbständigen  und  Arbeitsuchenden.
Bei  dieser  allgemeinen  Überfüllung  konnte  natürlich  das  kaufmännisch
Gewerbe  nicht  leer  ausgehen.  Dasselbe  lockt  die  Unbemittelten  noch  ganz
besonders  dadurch  an,  daß  es  eine  gesellschaftlich  etwas  höhere  Stellung,
als  diejenige  des  Hülssarbeiters  bei  der  Produktion  gewährt,  und  daß  die
vielen  kleinen  Detailgeschäfte  den  Anschein  erwecken,  als  sei  hier  doch
noch  eher,  als  anderswo,  zu  einer  gewissen  Selbständigkeit  zu  gelangen.
Nebenbei  führt  die  Einrichtung  des  Einjährig-Freiwilligen-Dienstes  dem
Kaufmannsstande  manchen  jungen  Mann  mehr  zu,  der  recht  gut  für  eine
Thätigkeit  in  der  Produktion  getaugt  hätte,  nach  gemachtem  Examen  sich
aber  fälschlich  für  zu  gut  dafür  hält,  andererseits  fühlt,  daß  er  höheren
geistigen  Anforderungen  doch  nicht  genügen  kann,  und  nun  als  vermeintlich
richtigen  Mittelweg  den  kaufmännischen  Beruf  wählt.  Es  mag  also  sein,
daß  der  kaufmännische  Beruf,  dem  sich  (nicht  gerade  zur  Hebung  seiner
Standesehre)  auch  gescheiterte  Hausknechte,  Kutscher,  Schreiber  und  Metzgerburschen ­
  zuwenden,  einen  Grad  mehr  überfüllt  ist,  als  andere  Erwerbsarten.
Doch  ist  dies  eben  nur  ein  gradueller,  kein  wesentlicher  Unterschied.  Die
letzten  wirtschaftlichen  Ursachen,  die  oben  zu  skizzieren  versucht  wurden,
sind  solche,  die  in  der  Umwälzung  des  modernen  Verkehrs  durch  die  Technik
liegen.  Daher  leitet  sich  auch  dasjenige,  was  sich  von  den  allgemeinen  Er-
        <pb n="41" />
        37

Meinungen  bei  der  kaufmännischen  Gehülfeusrage  wiederholt:  übergroßer
Wettbewerb,  öftere  Stellenlosigkeit,  magerer  Verdienst  hier  und  weitgehende
Ausnutzung  der  Handlungsgehülfen  dort,  wenn  sie  als  große  Masse  in
Betracht  kommen,  viele  Ausnahmen  im  einzelnen  natürlich  zugegeben.
Dies  dürften  in  großen  Zügen,  die  natürlich  nur  das  Allernotwendigste ­
  berühren  konnten,  diejenigen  allgemeinen  Ursachen  der  modernen
Erwerbsunsicherheit  in  jeder  Branche  sein,  welche  die  Lage  des  kaufmännischen
Gehülfenstandes  sehr  wesentlich  beeinflussen.  Diese  Lage  hat  aber  auch  noch
ihre  besonderen  Eigentümlichkeiten.  Während  sich  auf  dem  Gebiete  der  Produktion ­
  und  des  Verkehrs  immer  neue  Geschäftszweige  bilden,  die  zwar
alte  verdrängen,  aber  dabei  doch  vielfach  Verdienst  iuit&amp;gt;  Arbeitsgelegenheit
nicht  bloß  für  die  in  der  alten  Branche  beschäftigt  Gewesenen,  sondern
sogar  noch  für  neuen  Zuwachs  bieten,  macht  sich  neuerdings  innerhalb  der
civilisierten  Staaten  eine  Entwicklung  bemerkbar,  welche  überhaupt  das  gauze
Haudelsgeschäst  als  besondere  Branche  überflüssig  zu  machen  strebt.  Der
Produzent  sucht  aus  jede  Weise  unter  Umgehung  des  Zwischenhandels  in  direkte
Verbindung  mit  dem  Konsumenten  zu  treten;  die  Konsum-  und  Eiukausvvereine
  sind  ja  in  mancher  Hinsicht  nichts  Anderes,  als  eine  Form  des  direkten
Bezugs  des  Verbrauchers  vom  Erzeuger  oder  ersten  Verkäufer;  und  eine  gewissenlose ­
  Agitation  hat  diese  Symptome  benutzt,  um  den  tendenziös  verallgemeinerten ­
  Ruf:  ..Fort  mit  dem  schmarotzerhaften  Zwischenhandel!"  zu  erheben. ­
  Daß  mit  diesem  Schlagwort  wenig  gesagt  ist,  wird  sich  im  Verlause
dieser  Arbeit  noch  zeigen.  Thatsache  bleibt  es  aber,  daß  bereits  dem  Handel
als  solchen,  als  ganzem  Gewerbe,  das  Thätigkeitsgebiet  von  verschiedenen
Richtungen  her  beschnitten  und  beengt  wird.  Dadurch  müssen  natürlich  die
Aussichten  aus  lohnende  Selbständigkeit  für  die  Gehülfen  noch  trüber  werden.
Tenn  abgesehen  von  jener  Einengung  des  Zwischenhandels  sehen  sich  die  übrig
bleibenden  Händler  der  Konkurrenz  halber  gezwungen,  ihre  Preise  möglichst
den  Fabrikpreisen  nähern,  nub  sie  können  dies  nur.  wenn  sie  mit  möglichst
großem  Kapital  arbeiten.  Da  türmt  sich  also  dem  Selbständigwerden  des
Gehülfen  ein  neues  Hindernis  auf.  In  der  That  liefern  jene  Riesenverkaufshäuser,
  welche  jeüt  überall,  nicht  mehr  bloß  in  Amerika,  Paris  und
London,  sondern  auck'  in  München,  Leipzig,  Berlin  entstehen,  nicht  bloß  zu
Fabrikpreisen,  sondern  sie  beschäftigen  schon  ganze  Werkstätten  für  stch  allein
und  haben  so  einen  weiteren  Vorteil,  nämlich  das  Monopol  für  gewisse
Modeneuheiten  nicht  bloß  auf  dem  Gebiete  der  Bekleidungskunst,  sondern
alich  für  die  Papier-,  Metall-  und  andere  Branchen.  Ein  pariser  Großhändler ­
  dieser  Art  hat  sich  gerühmt  daß  er  in  seinem  prächtig  ausgestatteten
Verkaufspalais  mit  allen  Raffinements  für  das  Publikum  die  Geschäfte
von  1500  mittleren  und  kleineren  Kaufleuten  mache.  Auch  begünstigt  neben
allen  technischen  Vorteilen  noch  die  Nervosität  und  Schaulust  des  Publikums,
sein  Gefallen  daran,  sich  in  riesigen  Räumen  zu  Tausenden  zu  bewegen,
den  Großbetrieb  im  kaufmännischen  Gewerbe  mit  seinen  Vorteilen  der  Baaizahlung
  und  der  raschen  Umschläge,  während  der  Kleinhändler  immer  mehr  auf
das  schlecht  zahlende  und  in  seiner  Existenz  sehr  unsicher  gestellte  Publikum
der  Unbemittelten  angewiesen  ist,  das  ihn  überdies  verläßt  und  in  dre
großen  Bazars  geht,  sobald  es  einige  Groschen  im  Beutel  hat,  um  erst
        <pb n="42" />
        wieder  zum  Kleinhändler  zu  kommen,  wenn  es  borgen  muß.  Dieser  Kamps
zwischen  Groß-  und  Kleinbetrieb  spielt  sich  übrigens  oft  nicht  so  offen  ab,
als  er  eben  geschildert  wurde,  weshalb  er  von  vielen  noch  nicht  genügend
beachtet  wird.  Große  Warenhäuser  in  Hamburg  z.  B.  gewinnen  Geschäfte
im  ganzen  Reiche  als  Filialen,  lassen  denselben  aber  ihre  eigne  Firma,
trotzdem  alle  Waren  von  der  Centrale  aus  besorgt  werden  und  den  Filialen
nur  eine  Provision  bleibt.  Im  Rheinland  centralisieren  Angehörige  einer
Familie  mit  scheinbar  selbständigen  Geschäften  an  verschiedenen  Orten  ihren
Warenbezug  ebenso.  Das  sind  lauter  versteckte  Anfänge  zur  Zusammenlegung ­
  mehrerer  kleiner  Geschäfte  in  ein  großes.
Hier  waren  diese  Erscheinungen  und  ihr  immer  häufigeres  Vorkommen
so  eingehend  zu  erörtern,  weil  gerade  sie  schließlich  als  eine  der  speziellen
Hauptursachen  der  verbesserungsbedürftigen  Lage  der  Handlungsgehülfen
bezeichnet  werden  müssen.
Der  ins  Gedränge  geratene  Kleinhändler  mit  geringen  Mitteln  kann
nämlich  sein  kleines  Personal  beim  besten  Willen  nicht  gut  bezahlen,  und
wird  durch  die  Macht  der  Umstände  zur  Lehrlingszüchterei  und  zur  übermäßigen, ­
  meist  mechanischen  Ausnutzung  seiner  Hülsskräfte  gedrängt,  weshalb ­
  aus  solcher  Schule  gar  keine  richtig  vorgebildeten  Gehülfen  hervorgehen ­
  können.  Die  großen  und  größten  Geschäfte  aber  haben  einen  oben
noch  nicht  erwähnten,  außerordentlich  wichtigen  Betriebsvorteil  in  weitgehender ­
  Arbeitsteilung.  Im  Warengeschäft  bilden  sie  Specialitäten  aus,
z.  B.  Anslagenarrangeure,  Kassierer,  Verkäufer,  Lageristen.  Im  Comptoir
wird  das  Personal  vorteilhaft  nach  englischem  Muster  in  zwei  Klassen
getrennt.  Die  größere  Anzahl  der  Cvmptoiristen  sind  bloße  Schreibkräfte,
welche  registrieren,  kopieren  n.  s.  w.  Daneben  sind  nur  einige  wenige
leitende  und  gut  geschulte  Kräfte  (in  England  Clercs  genannt)  für  den
Buchhalter-,  Korrespondenten-  u.  s.  w.  Posten  nötig.  Das  Ganze  arbeitet,
ähnlich  wie  in  einer  Fabrik  mit  Direktor,  Aufseher  und  Arbeitern,  exakt,,
schnell  und  relativ  billig.  Es  ist  klar,  daß  auch  aus  dieser  Mehrzahl  mehrmechanisch
  thätiger  Kräfte  keine  allseitig  gebildeten  Commis  hervorgehenkönnen,
  und  die  körperlich  anstrengende  Beschäftigung  im  Kleingeschäft,  sowie
die  teilweise  Entbehrlichkeit  großer  Kenntnisse  für  die  Spezial-  und  Schreibposten ­
  im  Großbetriebe  bewirken  es,  daß  das  eifrige  Wirken  für  kaufmännische ­
  Fortbildungsschulen,  das  man  an  vielen  Orten  nur  mit  der
größten  Anerkennung  verzeichnen  kann,  fruchtlos  bleibt.  Die  Lehrlinge  und
Gehülfen  sind  einesteils  am  Abend  zu  müde,  um  sich  noch  fortbilden  zu
lassen  oder  selbst  fortzubilden,  und  es  wird  anderenteils  manchmal  gar  nicht
viel  mehr  von  ihnen  verlangt,  als  ein  gewandter  Schreibdienst.  Ans  diesen
Gründen  fehlt  der  tüchtige  gebildete  Nachwuchs,  aus  diesem  Grunde  reißen
die  kurzen  Kündigungsfristen  und  die  Prvbeangagemeuts,  sowie  das  Volontärwesen ­
  ein,  aus  diesen  Gründen  kann  in  größeren  Geschäften  mit  Arbeitsteilung ­
  auch  die  billigere  weibliche  Arbeitskraft  herangezogen  werden,  und
deshalb  sind  die  Gehalte  vielfach  so  niedrig,  was  beim  Handlungsgehülfen
noch  mißlicher  ist.  als  beim  Arbeiter,  weil  der  letztere  gesellschaftlich  garnicht ­
  zu  repräsentieren  braucht,  während  der  Handlungsgehülfe  in  Kleidung,
        <pb n="43" />
        —  39  —
Wohnung  und  Gasthausbesuch  vielfach  Rücksichten  nehmen  muß.  Daß
übrigens  nicht  bloß  die  Gehülfen,  sondern  vor  allem  auch  die  Prinzipale
ein  weitgehendes  Interesse  an  der  Verbesserung  dieser  Zustände  haben,  ist
ohne  weiteres  klar.  Denn  ohne  irgend  einen  Nachwuchs  allseitig  gebildeter
Hülfskräste  kann  gerade  das  Handelsgewerbe  nicht  bestehen,  und  jede  llnternehmung
  prosperiert  um  so  rascher,  je  mehr  sie  gut  und  sicher  gestellte,
also  auch  zu  den  höchsten  Leistungen  fähige  und  innerlich  zufriedene  Hülfsarbeiter
  hat.
        <pb n="44" />
        40

Zweiter  Abschnitt.
Mitte!  zur  Abhülfe  im  Allgemeinen.

Es  mag  dem  ersten  Blick  auffallen,  daß  der  Verfasser  an  die  Spitze
dieses  praktischen  Abschnittes  als  erstes  Mittel  zur  Abhülfe  folgende  Forderung ­
  stellt:
„Das  genaue  Studium  und  die  eingehende  Erforschung
der  wirtschaftlichen  und  gesellschaftlichen  Lage  des  Kaufmannsstandes ­
  im  allgemeinen,  wie  des  Gehülsenstandes  im  besonderen, ­
  sowie  die  w  e  i  t  e  st  e  Massenverbreitung  dieser  Erkenntnis ­
  in  kaufmännischen  und  nicht  kaufmännischen
Kreise  n.  "
Und  doch  ist  die  Erfüllung  dieser  Forderung  eine  unumgängliche  Vorbedingung ­
  für  die  praktische  Durchführung  aller  im  nachfolgenden  weiter
zu  nennenden  Abhülfsmittel.  Auf  keinem  wirtschaftlichen  Gebiete  der  Gegenwart ­
  herrscht  noch  eine  solche  Buntheit  und  Verwirrtheit  der  Ansichten
und  Reformvorschläge,  wie  auf  dem  kaufmännischen.  Über  die  zunächst
liegenden  Aufgaben  der  Fürsorge  für  die  Fabrikarbeiter  z.  B.  sind  sich
nahezu  alle  Parteien  einig,  wie  die  letzten  Beschlüsse  des  Reichstages
in  Sachen,  der  Arbeiterschutzgesetzgebung,  der  staatlichen  Versicherung
u.  s.  w.  zeigen.  Diese  Klarheit  rührt  aber  einfach  daher,  daß  nicht
bloß  die  Arbeiter  selbst,  sondern  auch  einsichtige  Fabrikanten  und  Menschenfreunde ­
  seit  Jahrzehnten  eingehend  die  industrielle  Lage  studierten  und
debattierten;  erst  vor  wenigen  Monaten  haben  noch  die  großen  deutschen
Unternehmerverbände  eine  eigene  Deputation  nach  England  geschickt,  damit
diese  die  dortigen  Arbeiterverhältnisse  und  wirtschaftlichen  Einrichtungen  erforsche ­
  und  eingehend  darüber  berichte.  Das  thatsächliche  Material  zur
Erkenntnis  der  Lage  der  Fabrikarbeiter  ist  deshalb  in  so  großer  Fülle  vorhanden, ­
  daß  man  bereits  die  Löhne  und  Arbeitszeiten  in  verschiedenen  Gegenden
und  Ländern  vergleichen  kann,  während  sichere  Angaben  über  die  Entwicklung ­
  des  Groß-  und  Kleinhandels,  über  die  verschieden  gearteten  Betriebsverhältnisse ­
  kaufmännischer  Geschäfte,  über  die  Saläre,  die  Arbeitszeit
und  die  Beschäftigungsdauer  der  Gehülfen  nur  vereinzelt  vorliegen  und  deshalb ­
  nicht  immer  den  wünschenswerten  Eindruck  machen.  Wer  diesem
Mangel  zu  Leibe  geht,  ergreift  das  erste  Mittel  zu  Verbesserung  der  Verhältnisse. ­
  Hier  kann  an  einem  schon  früher  geäußerten  Gedanken  angeknüpft ­
  werden:  die  sorgfältige  Diagnose  ist  der  erste  und  gradeste  Weg
zur  Heilung  oder  Milderung  jedes  Übels,  wenn  überhaupt  noch  Heilung
        <pb n="45" />
        41

und  Milderung  möglich  sind.  Mit  dem  Motto-  „Erkenne  Dich  selbst!"
müssen  auch  alle  kaufmännischen  Resormbestrebungen  ausgerüstet  sein,  und
das  Ergebnis  dieser  Selbsterkenntnis  in  Wort  und  Schrift  ist  mit  Hintansetzung ­
  aller  übrigen  Gegenstände  zu  verbreiten.  Denn  die  Kenntnis
weniger  Bevorzugter  nützt  der  Besserung  nichts.  Der  ganze  Stand  muß
durch  den  Eindruck  der  Feststellungen  in  Bewegung  geraten.
Ferner  muß  jedenfalls  das  Eine  für  die  weitere  Wahl  der  Verbessernngsmittel
  festgehalten  werden,  daß  dieselben  die  technische  Vervvllkommnung
  des  kaufmännischen  Betriebs  nicht  hemmen  oder  gar  beseitigen.
Im  Fortschritt  und  in  der  Anpassung  an  die  modernen  Verkehrsbedürfnisse
liegt  der  Lebensnerv  des  Handels;  diesen  Nerv  unterbinden,  hieße  den
Handel  töten.  Die  Scheidung  in  Groß-  unb  Kleinhandel,  das  allmähliche
Überwiegen  des  ersteren  mit  seinen  ungeheueren  Vorteilen  für  das  Publikum,
dem  doch  der  Handel  nur  dient,  sowie  die  weitgehende  Arbeitsteilung  innerhalb ­
  der  Großbetriebe  —  alle  diese  Dinge  sind  nicht  mehr  aus  der  Welt
zu  schassen,  ohne  die  Aufhebung  civilisatorischer  Fortschritte.  Wollte  man
mit  Gewalt  zu  den  alten  einfachen  Wirtschafts-  und  Gesellschaftsreformen
des  Handels  zurückkehren,  so  verführe  man  wie  derjenige,  welcher  wieder
die  Posten  statt  der  Eisenbahnen  einführen  wollte.  In  der  Beobachtung
dieses  Hauptgrundsatzes  liegt  das  Geheimnis  einer  vernünftigen  Verbessernngsthütigkeit,
  und  behält  man  diesen  Grundsatz  stetig  im  Auge,  so
ergeben  sich  die  weiteren  Mittel  zur  Abhülfe  ganz  von  selbst.
Schon  ohne  jeden  gleichsam  operativen  Eingriff  in  die  bestehenden  Mißstände
  kann  zunächst  unter  den  heutigen  Verhältnissen  eine  gut  organisierte
Stellenvermittlung  viel  zur  Besserung  thun.  Wir  sahen  oben,  daß
das  plötzliche,  ohne  jede  persönliche  Schuld  des  Prinzipals  eintretende  Zusammenbrechen ­
  eines  Hauses  unter  bein  übermächtigen  Drucke  schneller  Vermögensverschiebnngen
  heute  nicht  mehr  zu  den  Seltenheiten  gehört.  Aus
solche  Weise  wird  öfters  im  Westen  Deutschlands  eine  größere  Anzahl  von
Gehülfen  stellenlos,  für  welche  im  Norden,  Süden  und  Osten  Plätze  vorhanden ­
  sind,  nur  daß  die  Stellenlosen  wegen  der  gegenwärtigen  Zersplitterung
der  Stellenvermittlung  nicht  rasch  genug  oder  überhaupt  keine  Nachricht  davon
bekommen.  Bestände  das  letztere  Hindernis  nicht,  so  wäre  ein  Teil  der  Brotlosen
relativ  schnell  unterzubringen.  Man  wird  einwenden,  daß  für  jede  Gegend  besondere ­
  Ortskenntnisse  notwendig  wären,  die  bei  solchen  Kandidaten  nicht  immer
vorhanden  sind.  Das  mag  in  vielen  Fällen  zutreffen,  in  vielen  aber  auch  nicht.
Denn  das  Überhandnehmen  der  großen  Betriebe  egalisiert  nach  und  nach
die  Betriebsweise  in  Osten  und  Westen,  im  Norden  und  Süden;  ein  großes
Warenhaus  in  Königsberg  dürfte  kaum  nach  anderen  Grundsätzen  geleitet
werden,  als  ein  solches  in  München  oder  Hamburg,  -vie  Möglichkeit  der
raschen  Placierung  nimmt  also  stetig  zu.  Rasch  placiert  kann  aber  nur
werden,  wenn  die  Stellenvermittlung  mehr  und  mehr  vereinheitlicht  und
von  einem  Mittelpunkt  aus  übersehen  wird.  Der  Frankfurter  Verein  ist
ja  in  dieser  Hinsicht  schon  bahnbrechend  vorangegangen,  durch  seine  bekannten ­
  Verträge  mit  anderen  Vermittlungsanstalten.  An  diesen  vielverheißenden ­
  Ansang  ist  anzuknüpfen  und  mit  der  Zeit  ein  zusammenhängendes ­
  Stellenvermittlnngsnetz  über  ganz  Deutschland  zu  breiten,  dessen
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        einzelne  Bureaus  in  täglicher  Fühlung  mit  einer  verwaltenden  Centrale
stehen,  ohne  daß  die  ersteren  deshalb  ihre  Selbständigkeit  zn  verlieren
brauchen.  Auch  der  Kommandant  jeder  Garnison  ist  im  hohen  Grade
selbständig  gestellt,  und  doch  steht  die  ganze  deutsche  Militärmacht  unter
eiuer  centralen  Leitung,  welche  im  Bedarsssalle  den  einen  Truppenteil  dahin, ­
  den  anderen  dorthin  zu  werfen  vermag.  Man  kann  sich  sogar  denken,
daß  später  die  Vakanzen  und  Stellengesuche  aus  allen  Gegenden  täglich  auf
telegraphischem  Wege  der  Centrale  mitgeteilt  und  von  dieser,  wie  in  einem
Clearinghouse,  ausgeglichen  werden.  Diese  Centrale  dürste  auch  die  für
das  Ausland  geeigneten  Kräfte  am  raschesten  herausfinden.  Sollte  diese
wichtige  Angelegenheit  nicht  dieselben  Depeschenspesen  wert  sein,  welche  heute
für  Börsenzwecke  in  noch  höherem  Maße  verausgabt  werden?  Die
Wochen-  und  Jahresberichte  jener  Centrale  würden  jedesmal  ein
äußerst  wertvolles  Bild  des  kaufmännischen  Arbeitsmarktes  liefern  und  auf
diese  Weise  die  an  erster  Stelle  von  uns  verlangten  Erhebungen  über  die
Gehülfenlage  fortlaufend  ergänzen.
In  diesem  Zusammenhang  müssen  auch  die  vielfach  vor  Ostern  üblich
gewordenen  Warnungen  vor  Zuzug  erwähnt  werden.  Da  fast  alle
Berufe  bei  ihrer  ebenmäßigen  Überfüllung  solche  Warnungen  erlassen,
wirken  dieselben  fast  gar  nicht  mehr.  Der  Unbemittelte  muß  sich  eben
doch  eine  Stelle  suchen,  die  ihm  möglichst  wenig  Spesen  verursacht.  Wenn
hier  überhaupt  etwas  wirken  kann,  sv  sind  es  die  oben  als  zunächst  notwendig ­
  bezeichneten  thatsächlichen  Feststellungen  der  kaufmännischen  Verhältnisse ­
  und  deren  geforderte  Massenverbreitung.  Nackte  Thatsachen  und
Ziffern  machen  einen  tieferen  Eindruck  als  die  beredtesten  Aufrufe.  Aus
die  Forderung  gewisser  Prüfungen  und  Qualifikationsnachweise  aber,  von
denen  man  sich  eine  eindämmende  Wirkung  verspricht,  ist  weiter  unter  zurückzukommen.
  Hier  nur  soviel,  daß  es  niemand  dein  bloßen  Aspiranten
ans  das  Kaufmannsfach  ansehen  kann,  ob  er  sich  für  den  Beruf  eignet.
Das  entscheidet  erst  die  Praxis,  in  der  mancher  angeblich  Ungeeignete  sich
zum  geschicktesten  Kaufmann  entwickelt.  Bloße  Volks-  und  Mittelschnlzeugnisse
  sind  aus  naheliegenden  Gründen  wenig  maßgebend.
Es  läßt  sich  aber  noch  weiteres  thun,  um  schon  unter  den  heutigen
Verhältnissen,  ohne  direkte  Besserstellung  der  Lehrlinge  und  Gehülfen  im
einzelnen  Geschäft,  auf  welche  zuletzt  einzugehen  ist,  die  schlimmsten  Nachteile ­
  der  jetzigen  Lage  zu  mildern  und  zu  beseitigen.  Hierher  gehört  alles
dasjenige,  was  man  unter  dem  Begriff  der  Versicherung,  V  er  s  o  r  g  u  n  g
und  geregelten  Unterstützung  zusammenzufassen  pflegt.  Auch  hier
sind  ja  bereits  recht  erfreuliche  Anfänge  vorhanden  und  es  handelt  sich  hauptsächlich ­
  darum,  System  in  das  Ganze  zu  bringen,  so  daß  möglichst  alle
Handlungsgehülfen  gegen  alle  Fälle  der  äußersten  Not  geschützt  werden.
Sogenannte  „freie"  Kassen  aller  Art  bestehen  ja  schon  vielfach  für  Handlungsgehülfen, ­
  Krankenkassen  und  Altersversorgungs-  (Pensions-)  Kassen.  Die  freie
Initiative  ist  dann  später  ergänzt  worden  durch  staatliche  Kasseneinrichtungen,
die  von  dem  richtigen  Gedanken  ausgingen,  daß  für  die  große,  untere  Schicht
der  Hülfsarbeiter  aller  Art  die  freien  Kassen  mit  ihrem  größeren  Risiko
nicht  so  billig  und  allseitig  zu  sein  vermöchten,  wie  solche,  denen  das  Gebot
        <pb n="47" />
        43

des  Staates  eine  große  Anzahl  von  Mitgliedern  ohne  Rücksicht  auf  Alter
und  Geschlecht  zuführte.  Derart  sind  die  staatlichen  Kassen  nicht  als  Gegner,
sondern  als  Ergänzung  der  freien  aufzufassen.  In  der  Praxis  macht  sich
die  Sache  so,  daß  die  schlechter  gestellten  Hülssarbeiter  in  die  staatlichen,
die  besser  gestellten  in  die  mehr  aristokratischen  „freien"  Kassen  gehen,
und  es  ist'deshalb  ganz  folgerichtig,  wenn  auch  freie  kaufmännische  Kassen
für  die  Einbeziehung  der  Handlungsgehülfen  in  die  staatlichen  Versorgungsgesetze ­
  eintreten.  Dadurch  werden  die  Handlungsgehülfen  vor  die  endgültige
Notwendigkeit  gestellt,  sich  entscheiden  zu  müssen.  Die  sogenannten  kleinen
Commis,  also  die  Mehrzahl,  aber  auch  die  am  schlechtesten  zahlende,  pflegt
(wie  z.  B.  in  Leipzig)  die  öffentliche  Kasse  aufzusuchen,  zu  welcher  der
Prinzipal  einen  Teil  des  Beitrages  mitzahlt,  während  die  bessergestellten  sich
dem  Zwang  durch  Eintritt  in  die  freien  Kassen  entziehen  und  diese  dadurch
ebenfalls  stärker  und  leistungsfähiger  nwchen.  Damit  diese  Wirkungen  voll
und  ganz  eintreten,  ist  nur  noch  für  eine  Reform  des  Krankenkassengesetzes
zu  wirken.  Dieses  überläßt  nämlich  bisher  die  Unterstellung  der  Handlungsgehülfen
  unter  das  Gesetz  dem  Belieben  der  Ortsbehörden,  und  noch  lange
nicht  alle  dieser  Behörden  haben  bis  jetzt  die  Einrichtung  öffentlicher  Gehülfenknssen,
  sowie  die  Einführung  des  Kassenzwangs  beliebt.  Es  wäre  deshalb
für  die  Einführung  einer  gesetzlichen  Bestimmung  31t  agitieren,  welche  von
vornherein  die  Erstreckung  des  Gesetzes  auf  Handlnngsgehülsen  ausspricht*).
Das  staatliche  Jnvaliditäts-  und  Altersversorgungsgesetz  hat  dies  schon  gethan, ­
  so  daß  hier  nur  für  eine  Ausbesserung  der  sehr  niedrigen  Leistungen
und  sonstigen  uncoulanten  Bestimmungen  im  Interesse  der  Handlungsgehülfen
zu  wirken  wäre.  Allen  diesen  Versicherungen  muß  sich  endlich  mit  der  Zeit
eine  geregelte  Unterst  ii  tzungfür  st  ellenlos  eHandlungsgehül  sen
anschließen,  da  die  Stellenlosigkeit  immer  mehr  ein  Übel  wird,  gegen  das  sich  der
einzelne  Gehülfe  trotz  der  besten  Qualifikation  so  wenig  zu  schützen  im  Stande  ist,
wie  gegen  Krankheit  und  Unfall.  Hier  hat  die  freie  Initiative  noch  ganz  offenes
Feld',  weil  der  Staat  sehr  richtig,  wie  auf  den  schon  berührten  Gebieten,
so  auch  hier,  erst  das  Entstehen  freiwilliger  Organisationen  abwartet.  Hier
kann  einfach  das  Vorbild  des  Unterstiitzungsverbandes  Deutscher  Bnchdrucker
  zur  Nachahmung  dienen,  welcher  aus  eigenen  Kräften  alle  arbeitslosen ­
  Kollegen  auf  eine  gewisse  Zeit  hinaus  unterstützt,  natürlich  mit
geringeren  Betrügen,  als  dem  vollen  Verdienst,  um  keine  Prämie  auf  die
Faulheit  zu  setzen,  und  mit  der  Auflage,  daß  das  stellenlose  Mitglied  jede
ihm  vom  Verband  angewiesene  Stelle  annehmen  muß,  widrigenfalls  die
Unterstützungsberechtigung  erlischt.  Die  einheitliche  kaufmännische  Stellenvermittlung,' ­
  die  wir  oben  vorgeschlagen  haben,  könnte  für  die  künftige
Arbeitslosenunterstützung  der  Commis  ähnliche  Hilfsdienste  leisten.
Zum  Schluß  die  durchgreifendsten  Mittel,  welche  direkte  gesetzliche ­
  Neuerungen  erfordern  und  für  deren  Begründung  unsere  Darlegung ­
  der  prekären  Lage  der  Gehülfen  und  ihrer  Ursachen  besonders  bestimmt
war.  Wenn  einerseits  immer  weniger  Commis  Aussicht  auf  Selbständig-*)

  Dieser  Forderung  ist  inzwischen  durch  die  Krankenkassennovelle  genügt.  -
'  '  '  Der  Herausgeber.
        <pb n="48" />
        44

keit  haben,  und  andererseits  die  kaufmännischen  Geschäfte  immer  riesiger,
aber  auch  immer  weniger  werden,  so  ist  eben  die  Möglichkeit  gegeben,  diesen
reichen  Riesengeschästen  größere  Verpflichtungen  zum  Wohl  der  Gehülfen
nicht  bloß,  sondern  des  ganzen  Handels  aufzuerlegen.  In  erster  Linie  steht
hier  die  gesetzliche  Sonntagsruhe,  die  wegen  der  Konkurrenzlust
einzelner  durch  freie  Vereinbarung  nie  durchzuführen  ist,  so  oft  es  auch
schon  versucht  wurde.  Bekanntlich  schließen  jetzt  bereits  gerade  die  größten
Geschäfte  in  den  Städten  Sonntags  am  regelmäßigsten,  ohne  für  ihren  Absatz ­
  zu  fürchten.  Bei  allgemeiner,  gesetzlicher  Einführung  der  Sonntagsruhe
müssen  sich  ja  aber  die  Kunden  schon  in  der  Woche  versorgen.  Damit
wäre  bereits  ein  vielverheißeuder  Anfang  für  die  Verbesserung  der  Lage
der  Handlungsgehülfen  und  Lehrlinge  gemacht.  Dieselben  würden  in  der
Woche  viel  frischer  arbeiten,  und  vielleicht  am  Sonntag  früh  schon  empfänglicher ­
  als  jetzt  für  Fortbildungsunterricht  sein.  Die  eigentliche  Lösung  der
vielbesprochenen  Bildungsfrage  des  Commis  ist  aber  erst  durch  Einführung ­
  eines  gesetzlichen  Maximalarbeitstages  gegeben.  Erst  wenn
der  Lehrling  absolut  nicht  länger  als  so  und  soviel  näher  zu  bestimmende
Stunden  am  Tag  praktisch  beschäftigt  werden  darf,  und  erst,  wenn  dann
weiter  dem  Prinzipal  die  Verpflichtung  auferlegt  wird,  ihn  fernere
bestimmte  Stunden  in  die  kaufmännische  Fortbildungsschule  zu
schicken,  erst  dann  wird  der  vielbeklagte  Bildungsmangel  der  modernen
Commis  wie  mit  einem  Zauberschlage  verschwinden.  Die  aus  diese  Weise
begrenzte  Arbeitszeit  im  Geschäft  schützt  den  Lehrling  vor  Übermüdung;
er  kommt  noch  frisch  in  den  obligatorischen  Fortbildungskurs.
Aber  noch  etwas  viel  Wichtigeres:  der  Zwang  zum  Besuch  des  theoretischen
Kursus  scheidet  bald  die  zur  Kaufmannschaft  veranlagten  jungen  Leute  von
den  nicht  dazu  talentierten.  Wer  heute  aus  der  Lateinschule  absolut  nichts
von  den  alten  Sprachen  auffaßt,  muß  schließlich  abgehen.  So  wird  es
hier  auch  kommen:  wem  im  praktischen  Geschäft  der  Kausmannsverstand
  nicht  aufgeht  und  wer  deshalb  auch  in  den  Kursen  von  vornherein
nicht  mit  fortkommt,  der  wird  es  bald  satt  bekommen  und  zu  einem  anderen ­
  Berufe  greifen.  Denn  auch  der  Prinzipal  kann  ihn  nicht  mehr  als
bloße  mechanische  Hülsskrast  ausnützen.  Das  verhindert  der  kürzere  Marimalarbeitstag ­
  für  den  Lehrling,  so  daß  die  rein  mechanischen  Arbeiten
besser  einem  leistungsfähigen  Handarbeiter  übertragen  werden.  Hierin  sieht
der  Verfasser  dieser  Arbeit  den  einzigen  Schlüssel  zur  wirksamen  Lösung
der  Lehrlings-  und  kaufmännischen  Bildungsfrage.  Alle  anderen  Vorschläge
dürften  in  der  Praxis  nur  aus  unwirksame  Palliativmittel  hinauslaufen.
Deshalb  hat  wohl  auch  das  so  eminent  praktische  England  bereits  einen
Versuch  mit  der  entsprechenden  gesetzlichen  Einrichtung  gemacht.  Es  gab
im  Jahre  1886  ein  Gesetz,  wonach  minderjährige  Handlnngsgehülsen.  also
eben  Lehrlinge,  in  Detailgeschästen  nicht  länger  als  74  Stunden  in  der
Woche  beschäftigt  werden  dürfen.  Allerdings  fehlt  dort  noch  die  Ergänzung
der  Maßregel  durch  den  Zwang  zum  Besuch  der  Fortbildungskurse,  deren
Kosten  wohl  halb  vom  Staat,  halb  von  den  Prinzipalen  zu  tragen  wären.
Aber  man  sieht  doch,  daß  der  angegebene  Weg,  wenn  ihn  gerade  die  geschäftskundigen ­
  Engländer  zuerst  eingeschlagen  haben,  vom  Ziele  nicht  sehr
        <pb n="49" />
        45

abführen  kann.  Erwidert  man  uns,  daß  dann  nach  unseren  eigenen  Ausführungen ­
  die  Kleingeschäfte,  die  sich  ja  vielfach  nur  noch  durch  die  Lehrlingszüchterei ­
  halten  können,  zu  Grunde  gehen  müßten,  so  ist  daraus  zu
antworten:  die  Maßregel  kann  den  Untergang  der  Zweiggeschäfte  höchstens
beschleunigen,  im  übrigen  ist  für  denselben  schon  durch  die  immer  heftigere
Konkurrenz  der  großen  Magazine  gesorgt.  Und  der  frühere  Kleinkrämer
wird  im  großen  Geschäft  als  Gehülfe  immer  noch  eine  sorgenlosere  Existenz
führen,  als  während  seiner  in  Hangen  und  Bangen  zugebrachten  sogenannten ­
  Selbständigkeit.  Überdies  haben  Geschäfte,  die  so  sehr  alls  Kosten
ihrer  Hülssarbeiter  und  der  für  das  Gedeiheii  des  Handels  so  notwendigen
Fortbildung  derselben  leben,  überhaupt  wenig  Existenzberechtigung  mehr.
Durch  Einführung  dieses  gesetzlichen  Schußes  für  den  lernenden  kausinünii#en
  Mn#»#,  bie  Wining  bcö  WbeiS,  'oirb  ^1^(08  ein  an8gcwähltes,
  kräftigeres  lind  gebildeteres  Commismaterial  herangezogen  werden,  und
Kraft  und  Bildung  bewirken  von  selbst  die  notwendige  materielle
Besserstellung.  Dem  künftigen  .Handlungsgehülfen,  der  sich  durch
Auftreten  und  Leistungen  sehr  wesentlich  von  dem  jetzt  vielfach  herabgekommenen
und  kraftlosen  Commis  unterscheiden  dürfte,  können  dann  nicht  mehr  jene
niedrigen  Saläre  und  überlangen  Arbeitszeiten  angesonnen  werden,  anseie
mau  jetzt  vielfach  stoßt.  Auch  wird  es  dann  nur  noch  eine  Frage  der
praktischen  Erprobung  sein,  welche  Grenzen  der  Arbeitszeit  ausgelernter
Handlungsgehülfen,  namentlich  der  weiblichen,  gezogen  werden  müssen,
damit  das  in  der  Lehrlingszeit  erworbene  geistige  Kapital  nicht  durch  überlange ­
  Beschäftigung,  die  ja  bei  der  Specialisierung  der  Branchen  und  der
durch  die  Arbeitsteilung  in  den  Großbetrieben  herbeigeführten  Einseitigkeit
derselben  auch  geistig  erschlaffend  wirkt,  nicht  wieder  verloren  gehe.  Bei
bet  #11111  bieget  %WQC,  bie  iiiimct  btingenbet  luctbeii  imib,  ic  Hiebt  bet
M  üuö  ben  out  QcfcWteii  &amp;amp;#inQen  tehntictt,  imtb  #
die  Aufrichtigkeit  derjenigen  zeigen  können,  welche  heute  dem  geplagten
Commis  so  viel  von  Weiterbildung  predigen.  Auch  die  Anhänger  des  Bemmnim3mi#ciie8
  bin#,!  3iei  bi#  aüe  b#e  @i,m#ui,oen  cn-c#
sehen.  Und  ist  dann  der  Geschäftsinhaber  der  guten  Vorbildung  semer  Gehülfen ­
  sicher,  dann  kann  das  Gesetz,  ohne  den  Prinzipal  zu  beschweren,  auch  die
Jnuehaltung  gewisser  nicht  allzu  kurzer  Kündigungsfristen,  wie  schon  bei
Arbeitern  und  Dienstboten,  vorschreiben,  damit  die  Unsicherheit  der  Gehülfenexistenz ­
  auch  in  dieser  Richtung  gemildert  werde.  So  folgt  eine  Besserung
ganz  naturgemäß  aus  der  anderen,  wenn  in  Erkenntnis  der  eigentlichen  Ursachen ­
  der  heutigen  Schwierigkeiten  an  den  richtigen  Punkten  mit  richtigen
Abhülfemittelu  eingesetzt  wird.  Daun  erwachsen  in  den  Gehülfen  auch  die
richtigen  Leute,  welche  neben  den  Prinzipalen  als  Beisitzer  zu  kaufmännischen ­
  Schiedsgerichten  herangezogen  werden  können.  Kaufmännische ­
  Schiedsgerichte  sind  eine  Notwendigkeit,  wie  die  gewerblichen  sur
bie  ^11^^;,  lim  mbcit3^^mliofeitcll  fnt&amp;amp;ct  ßnnb  nU&amp;amp;nüicl
Kosten  und  Zeitversäumnis  durch  einen  Spruch  von  Standesgenosseu  aus
der  Welt  zu  schaffen.
        <pb n="50" />
        46

Dritter  Abschnitt.
Die  Reformthätigkeit  der  Kaufmännischen  Vereine.

Die  „Kaufmännischen  Vereine"  sind  in  Deutschland  vielfach  zu  einer
Zeit  entstanden,  vor  zwanzig  bis  vierzig  Jahren,  in  welcher  die  Mißstände
die  uns  heute  auffallen,  entweder  noch  gar  nicht,  oder  dvch  in  weit  geringerem ­
  Maße,  jedenfalls  aber  nicht  in  derjenigen  Fülle,  wie  gegenwärtig,
im  kaufmännischen  Gewerbe  vorhanden  waren.  Zwischen  Prinzipalen  und
Gehülfen  bestand  meist  noch  das  alte  patriarchalische  Verhältnis  und  auf
diesem  Fuße  verkehrte  man  auch  im  Verein  miteinander.  Namentlich  hatten
die  beiden  Kategorien  der  Kaufleute  noch  wenig  Grund,  irgendwelche  in
den  allgemeinen  Verhältnissen  wurzelnde  Klagen  gegeneinander  oder  gegen
diese  Verhältnisse  zu  erheben.  Der  hauptsächlichste  Zweck  der  kaufmännischen
Vereine  bestand  in  der  Belebung  des  Verkehrs  der  Kaufleute  untereinander
und  in  der  Repräsentation  nach  außen,  in  der  Pflege  der  allgemeinen
Bildung  durch  Vortrüge  und  Kurse,  und  wo  von  Ansang  an  Stellenvermittlung ­
  getrieben  oder  Kassen  begründet  wurden,  da  hatte  man  noch
nicht  im  entferntesten  eine  Abhülfe  solcher  socialer  Übelstände  im  Auge,
wie  sie  gegenwärtig  die  Aufmerksamkeit  auf  sich  ziehen.
Diese  Verhältnisse  haben  sich  nun  gründlich  verändert,  und  jene
socialen  Fragen  stehen  seit  einem  Jahrzehnt  so  sehr  im  Vordergründe  auch
der  kaufmännischen  Standessragen,  daß  eine  bestimmte  Stellungnahme  der
kaufmännischen  Vereine  zu  ihnen  notwendig  geworden  ist.  Die  kaufmännischen
Vereine  können  nun  sagen:  „Wir  sind  nicht  zu  dem  Zwecke  gegründet,  uns
mit  diesen  schwierigen  wirtschaftlichen  und  gesellschaftlichen  Problemen  zu
besassen;  bei  unserer  Stiftung  wußte  man  überhaupt  noch  wenig  von  diesen
Dingen.  Bleiben  wir  also  innerhalb  unserer  bisherigen  Thätigkeitsgreuzen.
Wir  haben  mit  unserer  Stellenvermittlung,  unseren  Lehrkursen,  mit
der  Pflege  unserer  Vortragsabende,  welche  für  die  ganze  Stadt  eine
Art  freier  Bildungsakademie  geworden  sind,  sowie  mit  unseren  Gesellschaftsaufgaben ­
  genug  zu  thun.  Wir  können  uns  nicht  auch  noch  mit  socialen
Fragen  beschäftigen,  die  manchmal  das  politische  und  gesetzgeberische  Gebiet
sehr  nahe  streifen."  Man  kann  sich  sehr  gut  in  diesen  Gedankengang
älterer  Herren  hineindenken.  die  noch  die  gute  Zeit  von  früher  im  Auge
haben,  selbst  aller  Not  und  Sorge  längst  entrückt  sind  und  dem  kaufmännischen ­
  Verein  einer  Stadt  angehören,  dessen  Handelsverhältnisse  durch
ihre  ausnahmsweise  günstige  geographische  Lage  relativ  noch  recht  gesichert
und  unberührt  dastehen.  Tout  comprendre,  c’est  tout  pardonner.
Wer  diese  Dinge  so  geschichtlich  betrachtet,  wird  auch  nicht  den  leisesten
        <pb n="51" />
        47

Bottoms  gegen  diejenigen  erheben,  weiche  zu  der  Gehülfensrage  diejenige
Stellung  nehmen,  die  öden  angedeutet  wurde,  lind  in  der  That  beharrt
eine  große  Zahl  deutscher  kaufmännischer  Vereine  heute  in  erster  Reihe  noch
aus  diesem  Standpunkt  und  kümmert  sich  so  gut  wie  nicht  um  die  aktuellen
Standesfragen  wirtschaftlicher  und  socialer  Natur.
Nun  hat  diese  Stellungnahme  sehr  bald  nicht  ganz  erwartete  Folgen
gehabt.  Die  Wirklichkeit  und  rohe  Notwendigkeit  stieß  die  von  den  Verhältnissen ­
  am  meisten  mitgenommenen  Gehülfen  immer  wieder  darauf,  wie
bthmcnb  M  qctübe  für  sic  bie  mit  ben  nenen
fei.  '  Unb  fo'entftonb  mit  bet  Seit  eine  Ä#  neues  Betemäbtibungen,
Dumnifntionen,  tocM,e  aüc  bie@#enaftaQe  nuf  t^cMne  fciineben  unb  btc#c
durch  Wort,  Schrift  (Zeitnngsorgane)  und  That  (Kassen,  Petitionen  an  den
Reichstag  u.  s.  w.)  zu  fördern  suchten.  Nnninehr  drohten  dem  kaufmännischen
Vereinswesen  mehrfache  Absplitterungen  und  Reibereien,  unb  hier  muß  es  einer
zweiten  Reihe  kaufmännischer  Vereine  zur  hohen  Ehre  angerechnet  werden,
daß  sie  sich  im  Gegensatz  zu  vielen  Schwestervereinen  bestrebten,  den  neuen
Verhältnissen  trotz  ihrer  oben  berührten  Vergangenheit  Rechnung  zu  tragen
und  die  wirtschaftlichen  wie  gesellschaftlichen  Fragen  der  kaufmännischen
Gegenwart  aus  ihr  Arbeitsprvgramm  zu  setzen.  Der  Verein  zu  Frankfurt ­
  a  M  der  dieses  Bestreben  neuerdings  durch  die  Ausschreibung  der
Doriicqcnb  beonttoorteten  ^tcWüufanbc  beïunbetc,  í)nt  wo#;
in  der  neuen  Richtung  gethan,  volkswirtschaftlich  gebildete  Kräfte  zu  Fachvorträgen ­
  nicht  bloß  in  der  eigenen  Mitte,  sondern  auch  in  anderen  Vereinen
veranlaßt,  die  Lehrlingsfrage  zur  besonderen  Diskussion  gestellt  und  die
Angelegenheit  des  Krankenkassenzwanges  für  Handlungsgehulsen  in  şşitfurt
  mit  fördern  Helsen.  Ebenso  haben  die  in  dem  ursprünglichen  Vorttometbanbe
  ^eutfl^ct  ^m^f1nünnif^^ct  Beteine  befinbíi(^cn  &amp;amp;0l^et1^^a^^cn
sich'  der  neuen  Existenzfragen  angenommen  und  dieselben  lebhaft  diskutiert
(z.  B.  der  Mannheimer  und  Münchener  Verein).  Schließlich  ist  es  bei
dieser  Bewegung  zu  der  auf  dem  kausmännischen  Verbandstage  zu  Cheuiintz
1889  erfolgten  Begründung  einer  „V&amp;gt;erbandsabteilung  für  kaufmännische
Standesfragen"  gekommen,  die  als  Centralftelle  für  wirtschaftliche
Fragen  des  Kaufmannsstandes  eine  große  Zukunft  zu  haben  verspricht.
Mit  dieser  Entwicklung  hat  sich  wohl  die  Frage,  „in  wieweit  die
kaufmännischen  Vereine  zur  Verbesserung  der  Lage  beizutragen  vermögen  ,
ganz  von  selbst  entschieden.  Die  Antwort  aus  diese  Frage  kann  nunmehr
dahin  präcisiert  werden:  je  eifriger  jene  Vereine  die  gemeinsame
Behandlung  wirtschaftlicher  und  gesellschaftlicher  Fragen
betreiben,  unb  ¡e  mctit  sie  hiebet  Betuno  noc^fetn^^e^enbcn
au  M  ^el:anaif^cn  werben,  befto  Qto&amp;amp;et  toitb
der  Kreis  der  socialen  Fragen  sich  gestalten,  an  deren  Losung
sie  mitzuarbeiten  vermögen.  Ja,  noch  mehr:  gewisse  oben,  un  zweiten
Abschnitt  ausgestellte  Rcformforderungen  können  erschöpfend  sogar  einzig
unb  niiein  üom  Betbanb  biefet  Beteine  ober  toentgftcnö  mit  W|c
desselben  erfüllt  werden.  Vorbedingung  ist  freilich  die  fortwährende  Verarc.*»
  s  *ì"»  »  s£.£
        <pb n="52" />
        stehen.  Für  die  kaufmännische  Verbandsabteilung  müßten  iu  Bälde  besondere ­
  Kassenmittel  flüssig  gemacht  werden,  um  die  Agitation  (im  guten
Sinne)  für  Vereinigung  aller  Kräfte  mit  aller  Macht  zu  führen.  Vielleicht
würde  dann  sehr  bald  ein  periodisch  erscheinendes  Organ  für  die  Abteilung
notwendig  werden,  das  sich  nur  mit  Standesfrageu  zu  beschäftigen  hätte.
Es  wäre  denkbar,  daß  eines  der  bereits  jetzt  bestehenden  kaufmännischen
Blätter  zu  diesem  Organ  gemacht  würde,  und  die  Notwendigkeit  eines
ständigen  Abteilungsbureaus  bliebe  gewiß  nicht  aus.  Dieses  Bureau
würde  daun  die  Seele  der  ganzen  Bewegung  und  Organisation,  und  der
Verband  kaufmännischer  Vereine,  dem  dann  gewiß  die  jetzt  noch  vielfach
Sonderbündelei  treibenden  oder  ganz  gleichgültigen  Gehülfen  zuströmten,
wäre  eine  öffentliche  Macht,  die  keinen  Anschluß  an  den  Handelstag  oder
eine  ähnliche  Körperschaft  brauchte,  sondern  sich  allein  genug  wäre.  Die
maßgebenden  Kreise  könnten  dann  schwerlich  mehr  an  dieser  gewaltigen
Organisation  vorübergehen.
Aber  auch  ehe  die  Bewegung  solche  Fortschritte  gemacht  hat,  vermögen ­
  die  jetzigen  kaufmännischen  Vereine  sich  an  der  Förderung  sämtlicher, ­
  im  zweiten  Abschnitt  skizzierten  Mittel  zur  Verbesserung  der  Lage
der  Handlungsgehülfen  zu  beteiligen.  Sie  können  zunächst  daraus  hinwirken,
daß  eine  umfassende  staatliche  Enquäte  über  die  Lage  der  kaufmännischen
Gehülfen  veranstaltet  wird,  bei  der  sie  iu  ausgedehntem  Maße  mitwirken.
Die  oben  an  zweiter  Stelle  angeregte,  allmähliche  Centralisierung  der
kaufmännischen  Stellenvermittlung  kann  selbstverständlich  nur  durch  das
immer  engere  Zusammenschließen  der  kaufmännischen  Vereine  herbeigeführt
werden,  und  die  neugegründete  Verbandsabteilung  erscheint  auch  hier  wieder
als  die  geborene  Verwalterin  der  dann  notwendigen  Centrale.  Auch  die
freien  Kranken-  und  Pensivnskassen  der  Vereine  vermögen  sich  dann  zu
nähern,  gegenseitige  Verpflichtungen  zu  übernehmen  und  sich  durch  Zusammenschluß ­
  zu  stärken.  Die  oben  angedeutete  Regelung  des  Unterstützungswesens ­
  für  stellenlose  Handlungsgehülfen  würde  sich  nach  dem

Muster  des  deutschen  Buchdruckerverbandes  gestalten  und  könnte  wohl  am
besten  von  den  verbündeten  freien  Kassen  übernommen  imb  durchgeführt

werden.  Eine  Reform  des  gesamten  Krankenkassengesetzes,  sowie  der  staatlichen
Alters-  und  Jnvalidenversorgung  im  Sinne  der  Handlungsgehülfen,  die
bis  jetzt  hierüber  noch  gar  nicht  gefragt  wurden,  hätte  die  Verbandsabteilung ­
  zu  diskutiren  und  nötigenfalls  anzuregen.  Wichtige  Schritte
zur  Vorbereitung  der  gesetzlichen  Sonntagsruhe,  des  Maximalarbeitstages
für  Lehrlinge  und  der  obligatorischen  Fortbildungskurse  fielen  derselben
Verbandsabteilung  zu.  Wenn  sie  nach  den  ersten  Jahren  nur  allein
mit  dem  Ergebnis  der  öfter  erwähnten  Erhebungen  in  einer  wohl
ausgearbeiteten  Petition  vor  den  Gesetzgeber  träte,  so  würde  sie  bereits
jenen  bestiminenden  Eindruck  hervorrufen,  den  die  Regierung  bei  der
jetzigen  Zersplitterung  der  Kräfte  eben  einfach  gar  nicht  bekommen  konnte.
Inzwischen  haben  die  Einzelvereine  die  Möglichkeit  und  Thunlichkeit  einer
besseren  Sonntagsruhe,  eines  Maximalarbeitstages  und  obligatorischer
Fortbildungskurse  für  das  kaufmännische  Gewerbe  bezüglich  dessen  Lehrlinge ­
  fort  und  fort  im  Hinblick  auf  das  Maß  und  die  Ausdehnung  dieser
        <pb n="53" />
        m%ießein  &amp;amp;u  bebuttieren,  bis  auf  ben  %erbanb8tagen  me#ei#e)(í)íüne
in  diesen  Fragen  zu  staube  kommen.  Für  bie  gesetzliche  Regelung  ber
Kündigungsfristen  unb  bie  kausmännischen  Schiedsgerichte,  bereu  Bestehen
unb  Wirksamkeit  in  Frankreich  noch  so  vielen  beutscheu  Kaufleuten  unbekannt ­
  ist,  gilt  bas  Gleiche.  ^
Şo  ist  eher  ein  embarras  de  richesse,  als  ein  Mangel  an  Mitteln
vorhanben,  an  bereu  Förberung  sich  bie  kaufmännischen  Vereine  zu  beteiligen ­
  vermögen.  Die  letzten  Worte  ber  Preisausgabe  bürsten  überhaupt
von  allzugroßer  Bescheidenheit  unb  Selbstbeschränkung  diktiert  sein.  Der
Verfasser  dieser  Arbeit  möchte  deshalb  seine  Ausführungen  mit  dem  Satze
schließen:  Die  nachhaltige  unb  gründliche  Hebung  des  kausmännischen ­
  G  e  h  ülse  n  st  a  übe  §  bez.  bie  A  nre  g  n  n  g  bazil  kann
möglicherweise  ausschließlich  durch  bie  kaufmannis  chen
Vereine  erfolgen,  die  henke  iloch  bie  älteste  unb  v  erzweigteste
Organisation  ber  Gehülfen,  trotz  allen  neuen  Verbänden,  darstellen.  Die
kaufmännischen  Vereine  müssen  nur  sämtlich  ernstlich  wollen  barem
liegt  alles.  Auch  in  ber  Behandlung  ber  wirtschaftlichen  unb  gesellschaftlichen ­
  Fragen  des  Gehülsenstandes  muß  es  für  sie  heißen:  »Einer  für  alle
unb  alle  für  einen."  Die  Industriellen,  bie  Landwirte  unb  bie  Arbeiter
haben  durch  tüchtige  Organisation,  ans  eigner  Kraft,  einen  weitgehenden
Einfluß  im  öffentlichen  Leben  gewonnen  unb  bie  Gesetzgebung  zu  Ein-^11^(30^,
  ^aríenļc^u^^,  gabr%eìe^^en,  StaoWocr^^c^erunoen  u.  f.  W
veranlaßt,  welche  ihnen  direkten.  in  Geld  zu  berechnenden  Nutzen  bringen.
Nur  die  kaufmännischen  Gehülfen  stehen  noch  zurück.  Mögen  sie  diese  Versäumnis ­
  recht  bald  nachholen,  und  mögen  bie  kaufmännischen  Vereine  nicht
zögern,  die  führende  Rolle  zu  übernehmen,  damit  diese  nicht  Anderen
zufällt!
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