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        <title>Die Calciumcarbidindustrie</title>
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            <forname>Paul</forname>
            <surname>Wangemann</surname>
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        </author>
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            <idno>861457897</idno>
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        C  ALCIUMC  A  RBI  D  IN  DUSTRIE.

EINE  KOMMERZIELLE  STUDIE.

VON

PAUL  WANGEMANN,
DIPLOM-INGENIEUR.

4-4—

DRESDEN  1904.
O.  V.  BOHMERT.
        <pb n="5" />
        Inhalt:

Seite

Vorwort

V

I.  Abschnitt.
Einleitung.
Die  Technik  der  Carbidindustrie.  Die  Technik  der

II.  Abschnitt.
Die  Charakteristik  der  Industrie.
A.  Die  Kraftverhältnisse:  Antrieb  durch  Dampfmaschinen, ­
  Gasmotoren  mit  Hochofengasen  und
Torfmoorgasen,  durch  Wasserkraftmotoren.  Charakteristik ­
  der  Wasserkräfte  im  flachen  Lande,
im  Gebirge  Besitzverhältnisse  und  deren  finanzielle

C.  Die  Arbeiter  Verhältnisse:  Einfluss  der  Lage,
Leistungsfähigkeit,  Lohnverhältnisse,  Berufskrankheiten, ­
  die  Nationalität  und  ihr  Einfluss  ...  19
D.  Die  Rohmaterialien:  Kalk,  Kohle,  Elektroden.  29
E.  Die  Selbstkosten:  Voranschläge,  Ergebnisse  der
Praxis  32
F.  Der  Vertrieb:  Einfluss  der  Lage  der  Carbidwerke,
  die  Verpackung  des  Materials,  die  Gefahren
des  Transportes,  der  Landtransport,  der  Wassertransport, ­
  die  Kosten  des  Transportes  und  ihr
Einfluss  auf  die  Preise,  die  Lagerung,  der  Zwischenhandel ­
  37
G.  Der  Konsum:  Das  Verwendungsgebiet:  die
Zentralen,  Blockstationen,  die  Einzellampe,  die
Acetylenindustrie,  die  Privatkonsumenten,  der
Eisenbahnkonsum  45

Carbid  Verwendung

1

Einflüsse  .  .  .
B.  Die  Anlagekosten:

10
15
        <pb n="6" />
        Seite

III.  Abschnitt.
Die  Entwicklung  der  Industrie.
A.  Die  Produktion:  Das  Bullierpatent,  der  Kampf
um  dasselbe,  wirtschaftliche  Einflüsse,  die  Hoch  •
konjunktur  zu  Ende  der  neunziger  Jahre,  die
Elektrizitätsindustrie  als  Agens,  die  Gründung
der  Carbidfabriken,  die  finanzielle  Entwicklung
der  Carbidwerke,  die  Beteiligung  des  deutschen
Kapitals  im  Auslande  -  ....  49
B.  Der  Konsum  und  der  Markt  in  der  Zeit  des
Carbidmangels,  des  Carbidüberflusses  während  des
ersten  Syndikates.  Die  Organisation  und  Herrschaft
des  zweiten  Syndikates  66
IV.  Abschnitt.
Die  Aussichten  der  Industrie.
A.  Der  Einfluss  der  Acetylenindustrie  auf  den
Carbidkonsum,  ihre  ungünstige  Lage  und  ihre  zukünftige ­
  Entwicklung  86
B.  Der  Carbidzoll  in  anderen  Staaten,  sein  Einfluss
auf  die  Konsumenten,  auf  die  inländischen  Produzenten, ­
  auf  die  ausländischen  Produzenten,  seine
privatwirtschaftliche  und  volkswirtschaftliche
Bedeutung  91
C.  Neue  Verwendungsgebiete  des  Carbids:
Das  Cyanamid,  das  gelöste  Acetylen  97
        <pb n="7" />
        Vorwort.

Die  vorliegende  Arbeit  über  die  Carbid-industrie
ist  eine  Studie,  die  ich  im  Aufträge  der  Gesellschaft
für  wirtschaftliche  Ausbildung  zu  Frankfurt  a.  Main
geschrieben  habe.  Es  ist  mir  eine  besondere  Genugtuung,
der  Gesellschaft  auch  an  dieser  Stelle  meinen  Dank  für
die  Anregung  und  Unterstützung,  die  mir  von  ihrer  Seite
bei  meiner  Arbeit  zuteil  wurde,  aussprechen  zu  können.
Was  den  Umfang  der  Arbeit  anbetrifft,  so  sind
die  Werke  nur  derjeniger  Länder  in  Betracht  gezogen,
welche  zur  Zeit  Deutschland  mit  Carbid  versorgen,
also  ausser  den  deutschen  die  Carbidfabriken  der
Schweiz,  Oesterreich-Ungarns  und  Norwegens.  Zugleich ­
  sind  dies  auch  die  Werke,  an  denen  zum  Teil
das  deutsche  Kapital  interessiert  ist.  Dadurch,  dass
sich  diese  Studie  auch  auf  ausländische  Fabriken  ausdehnt, ­
  wurde  die  Materialsammlung  ungemein  erschwert.
Dazu  kam  noch,  dass  die  Literatur  ganz  unzureichende ­
  Unterlagen  bot,  wobei  das  wenige
Vorhandene  nur  mit  allergrösster  Vorsicht  aufzunehmen ­
  war.  Die  Versendung  von  Fragebogen  erschien ­
  bei  der  sehr  ungünstigen  finanziellen  Lage  der  verschiedenen ­
  Carbidwerke  nicht  angebracht,  einmal,  weil
die  Verhältnisse  bei  den  einzelnen  Werken  sich  zu
        <pb n="8" />
        VI

verschiedenartig  gestaltet  hatten,  als  dass  sie  auch
durch  die  bereitwilligste  Beantwortung  eines  Fragebogens, ­
  der  stets  etwas  Schematisches  an  sich  hat,
genügend  charakterisiert  werden  könnten,  dann  aber
auch,  weil  das  Ergebnis  der  Rundfragen  bei  dem  Misstrauen, ­
  das  allen  diesen  Recherchen  entgegengebracht
wurde,  nicht  die  aufgewendete  Arbeit  lohnen  würde.
Nach  alledem  blieb  also  als  einziger  Ausweg  für  die
Material  Sammlung  die  persönliche  Rücksprache  mit  den
massgebenden  Persönlichkeiten  übrig.  Allen  denen,
die  mich  mit  Material  unterstützten,  bin  ich  zu  Dank
verpflichtet,  auch  für  die  bereitwillige  Liebenswürdigkeit, ­
  mit  der  mir  reiches,  vertrauliches  Material  mitgeteilt ­
  wurde,  wenn  auch  Politesse  und  Politik  mir  verbieten, ­
  dasselbe  der  grossen  Oeffentlichkeit  zu  unterbreiten. ­

Diese  Art  der  Materialbeschaffung  machte  es  mir
unmöglich,  die  einzelnen  Zahlenangaben  mit  Quellenangaben ­
  zu  belegen.
Was  nun  die  Verarbeitung  des  Materials  anlangt,
so  waren  hierfür  die  verschiedensten  Gesichtspunkte
massgebend,  die  bald  mehr  für  den  Nationalökonomen, ­
  bald  wieder  für  den  Techniker  Interesse  haben
oder  vielfach  auch  dem  Industriellen  etwas  Neues
bieten.  Um  die  Orientierung  über  das  für  den  Einzelnen ­
  Interessante  zu  erleichtern,  ist  ein  besonders
ausführliches  Inhaltsverzeichnis  beigefügt.
Bei  der  Verschiedenartigkeit  des  Materials  war
es  leider  nicht  möglich,  die  verschiedenen  Abschnitte
unter  grösseren  einheitlichen  Gesichtspunkten  zusammenzufassen, ­
  um,  wie  es  wohl  wünschenswert  gewesen
wäre,  die  Uebersichtlichkeit  zu  erleichtern.  Speziell
würde  der  Teil,  der  von  der  finanziellen  Entwickelung
der  Carbidwerke  handelt,  wegen  der  Verschiedenartigkeit ­
  der  Verhältnisse  durch  eine  summarische
        <pb n="9" />
        VII

Zusammenfassung  unklar  geworden  oder  entstellt
worden  sein,  sodass  gerade  für  diesen  Abschnitt  eine
an  sich  unerwünschte  Detailmalerei  erforderlich  wurde.
Ich  bin  mir  sehr  wohl  klar  darüber,  dass  meine
Studie  keinen  Anspruch  auf  absolute  Vollständigkeit
machen  kann,  einmal  weil  das  Gebiet  selbst  zu  umfangreich ­
  ist,  dann  aber  auch,  weil  ich  viel  Material,
das  mir  nur  vertraulich  mitgeteilt  wurde,  der  Oeffentlichkeit
  vorenthalten  muss.  Ich  hoffe  aber  doch,  dass
meine  bescheidenen  Ausführungen  für  den  Einen  oder
Anderen  manches  Neue,  vielleicht  auch  nur  in  der
Form  der  Zusammenstellung  oder  in  der  Begründung
und  Erklärung  bekannter  Tatsachen  bieten  wird.
Berlin,  den  1.  April  1904.

P.  Wangemann,
Diplom-Ingenieur,
        <pb n="10" />
        I.  ABSCHNITT.
Einleitung.
Die  Technik  der  Carbidindnstrie.
Die  Sonne  ist  das  Energiereservoir,  das  Bewegung
und  Leben  auf  der  Erde  unterhält.  Die  von  den
Sonnenstrahlen  entwickelte  Wärme  beträgt  Calorie
pro  Quadratmeter  senkrecht  zu  den  auffallenden
Strahlen.  Dies  würde  für  den  gesamten  Lichtkreis
der  Erde  einer  ständigen  Leistung  von  200  Trillionen
Pferdekräften  entsprechen.  Mit  unseren  technischen
Hilfsmitteln  können  wir  jedoch  diese  Energiemengen
bis  jetzt  noch  nicht  direkt  ausnützen.  Wir  bedürfen
vielmehr  entweder  der  mechanischen  Energie  der
durch  die  Sonnenwärme  und  atmosphärische  Vorgänge
gehobenen  Wassermengen  oder  der  chemisch  gebundenen ­
  Energie  der  Kohle,  die  nicht  nur  die  Sonnenwärme, ­
  sondern  auch  in  der  Teer-  und  Anilinfarbe
die  Farbenpracht  des  Lichtes  vergangener  Jahrtausende
aufgespeichert  hat.  Zwischen  beiden  Energieträgern,
dem  Wasser  und  der  Kohle,  besteht  ein  wesentlicher
Unterschied  insofern  nämlich,  als  die  Kohle  durch  den
Transport  ihre  Wärmekraft  nicht  verliert,  während
die  potentielle  Energie  des  Wassers  durch  einen  Transport ­
  verloren  geht.  Die  Ausnützung  der  Wasserkräfte
W  a  n  g  e  m  a  n  n,  Die  Calciumcarbidindustrie.

1
        <pb n="11" />
        ist  deshalb  an  Ort  und  Stelle  gebunden,  während  dies
bei  der  Kohle  nicht  der  Fall  ist.  Es  liegt  deshalb
das  Bedürfnis  vor,  die  Energie  der  Wasserfälle  durch
Binden  an  eine  mechanische,  leichte  und  billige  Masse
transportabel  zu  machen.
Aus  diesem  dringenden  Bedürfnis  lassen  sich  die
hochgehende  Erregung  und  Begeisterung  erklären,  die
die  gesamte  gebildete  Welt  ergriff,  als  der  Amerikaner
Willson  gleichzeitig  mit  den  Franzosen  Moissan  und
Bullier  Ende  1892  die  Laboratoriumsversuche  Friedrich
Wühlers  aus  dem  Jahre  1862  über  die  Darstellung
von  Calciumcarbid  und  Acetylen  derartig  verbesserte,
dass  eine  Massenproduktion  ermöglicht  wurde.  Die
Wasserfälle,  die  bisher  unbenutzt  waren,  konnten  nun
zur  Fabrikation  vonCalciumcarbidherangezogen  werden.
Das  Produkt  konnte  versandt  werden  und  durch  Verbrennen ­
  des  aus  ihm  entwickelten  Acetylengases  die
Energie  der  Wasserfälle  an  beliebiger  Stelle  in  Licht
oder  Kraft  umgesetzt  werden.  Aber  schon  die  allerersten ­
  Untersuchungen  zeigten,  dass  der  Energiewert
des  Calciumcarbides  gegenüber  dem  Energiewert  des
Gemisches,  aus  dem  es  hergestellt  wurde,  durch  die
Aufwendung  der  Produktionsarbeit  nicht  gestiegen,
sondern  nur  in  eine  andere  Form  übergeführt
sei.  Von  einem  eigentlichen  Energietransport  der
Wasserkräfte  konnte  unter  diesen  Umständen  natürlich
nicht  die  Rede  sein.  Die  ökonomische  Bedeutung  der
Wasserkräfte  für  das  Calciumcarbid  lag  also  nicht  in
der  Steigerung  des  Energiewertes  selbst,  als  vielmehr
in  der  spezifischen  Gestaltung  der  Energieform.  Die
Einfachheit,  mit  welcher  sich  das  Acetylengas  aus  dem
Calciumcarbid  entwickeln  Hess,  in  Verbindung  mit  der
Leuchtkraft,  mit  welcher  die  Acetylenfiamme  verbrannte, ­
  machte  es  für  manche,  bestimmte  Verwendungsgebiete ­
  besonders  wertvoll.  Und  diesem  Umstande  ist
        <pb n="12" />
        3

die  rapide  Entwicklung  der  Calciumcarbidindustrie  tatsächlich ­
  zu  danken.
Eine  Massenproduktion  des  Calciumcarbides  an
Stelle  der  Wöhlerschen  Laboratoriumsversuche  wurde
erst  durch  den  elektrischen  Ofen  ermöglicht.  Der
Hitze  von  ca.  2500°  C.,  die  der  elektrische  Ofen
erzeugt,  wird  ein  Gemisch  von  Kalk  (CaO)  und  Kohle
(C)  in  einem  theoretischen  Mischungsverhältnis  nach
der  Formel  Ca  0+3  C=Ca  C%+C  0  ausgesetzt.  Diese
Formel  drückt  zugleich  die  chemische  Reaktion  im
Ofen  aus.  Das  Produkt  ist  Calciumcarbid  (Ca  Ca)  und
Kohlenoxyd  (CO).  Der  Wärmewert  von  CO  steht  zu
dem  des  Carbids  in  einem  Verhältnis  von  28:64;  das
Kohlenoxyd  geht  verloren.  Der  Verlust  verhält  sich
zum  Nutzwert  wie  36  :  64=0,563.  Durch  Ausnutzung
von  CO  würde  sich  der  Wirkungsgrad  des  Vorganges
aut  0,92  erhöhen  lassen.  Hierauf  bezügliche  Versuche ­
  haben  aber  fast  ausschliesslich  zu  Explosionen
geführt.
Die  Rohmaterialien  Kalk  und  Kohle  bedürfen
jedoch  für  die  Produktion  von  Calicumcarbid  spezifischer ­
  Eigenschaften  Die  Kohle  darf  höchstens  einen
Aschengehalt  bis  zu  6%  haben,  soweit  die  Asche  nicht
aus  Kalk  besteht.  Ausserdem  ist  der  Wassergehalt
der  Kohle  in  Betracht  zu  ziehen.  Die  beste  Kohle
für  die  Calciumcarbidfabrikation  bildet  die  Holzkohle.
Sie  kommt  jedoch  nur  für  kohlenarme,  holzreiche
Gegenden  in  Betracht.  Die  meisten  anderen  Kohlenarten, ­
  mit  Ausnahme  des  Anthracits  müssen  erst  verkokt ­
  werden.  Die  deutschen  Steinkohlen  ergeben
56—70°/o  Koksausbeute.  Die  meisten  Carbidfabriken
beziehen  den  fertigen  Koks  anstatt  der  Kohle,  einmal
um  an  Frachten  zu  sparen,  andererseits  weil  die  Verkokung ­
  viel  zu  umständlich  ist  und  die  Gasausbeute
keine  entsprechende  Verwendung  finden  kann.
l*
        <pb n="13" />
        4

Der  zweite  Rohstoff,  der  Kalk,  findet  sich  trotz
seiner  Häufigkeit  in  der  Natur  verhältnismässig  ziemlich ­
  selten  rein  vor.  Der  eigentliche  Gebrauchskalk
wird  durch  Brennen  in  Schachtöfen  aus  den  natürlich
vorkommenden  kohlensauren  Verbindungen  dargestellt.
Die  Reinheit  des  Rohmaterials  ist  in  doppelter
Beziehung  für  die  Calciumcarbidfabrikation  wichtig,
insofern,  als  einmal  die  Produktion  des  Carbids  z.  B.
durch  einen  zu  grossen  Magnesiumgehalt  des  Kalkes
erschwert  wird,  andererseits  die  Ausbeute  von  Acetylen
resp.  die  Reinheit  des  Gases  dadurch  beeinflusst  wird.
Die  vorgeschriebenen  Rohmaterialien  müssen  nun.
bevor  sie  in  den  elektrischen  Ofen  gelangen,  zerkleinert ­
  werden.  Trotz  ihrer  technischen  Einfachheit
ist  die  Zerkleinerungsanlage  für  eine  rationelle  Carbidtabrikation
  von  grosser  Wichtigkeit,  besonders  bei
einer  Industrie,  die  mit  den  geringsten  Unkosten
rechnen  muss.  So  bedeutet  die  Kollermühle  gegenüber ­
  der  Kugelmühle  eine  Ersparnis  an  Betriebskraft
bis  zu  50  %  bei  einer  Zeitersparnis  bis  zu  10  %  bei
einem  bis  um  45  %  geringeren  Anlagepreis  für  die  betriebsfertig ­
  montierte  Maschine,  je  nach  der  Art  und
Grösse.
Das  zerkleinerte  Rohmaterial  wird  nun  in  einem
Ofen  der  Hitze  des  elektrischen  Lichtbogens  ausgesetzt
und  dadurch  in  Calciumcarbid  übergeführt.  In  der
ersten  Zeit  haben  sich  Carbidöfen,  bei  denen  der
Betrieb  unterbrochen  werden  musste,  um  das  fertige
Produkt  herauszunehmen,  sehr  rasch  eingebürgert,
weil  ihre  konstruktive  Ausbildung  leicht  war  und  die
Hauptschwierigkeit  der  Carbidfabrikation,  der  kontinuierliche ­
  Abstich,  umgangen  wurde.  In  neuerer  Zeit
dagegen  haben  sich  die  kontinuierlichen  Oeien  fast
allgemein  eingebürgert,  weil  die  Temperatur  derselben
gleichmässiger  ist  und  deshalb  auch  ein  gleich-
        <pb n="14" />
        5

massigeres  Produkt  gibt.  Besonders  der  Umstand,
dass  man  ohne  Betriebsunterbrechung  mit  demselben
Ofen  eine  Reihe  von  Tagen  arbeiten  kann,  gegenüber
den  fortwährenden  Betriebsunterbrechungen  der  diskontinuierlichen ­
  Oefen,  und  der  wesentlich  geringere
Verbrauch  der  Elektroden  gibt  dem  kontinuierlichen
Ofen  ein  entschiedenes  Uebergewicht.
Die  Wärmeenergie  des  elektrischen  Ofens  wird
aus  den  Wasserkräften  durch  Turbinen  und  elektrische
Maschinen  gewonnen.  Man  rechnet  allgemein
die  Produktion  einer  Pferdestärke  im  Jahr  zu
1000  Kilo  Calciumcarbid.  Die  Kosten  einer  Pferdekraftstärke ­
  pro  Jahr  beeinflussen  demnach  ganz
wesentlich  die  Selbstkosten.
Das  im  elektrischen  Ofen  gewonnene  Carbid  wird
nun  in  Stücke  von  passender  Grösse  zerkleinert.  Bei
schlechten  Qualitäten  jedoch  kommt  es  häufig  vor,
dass  das  Carbid  in  Staub  und  in  zu  kleine  Stücke
zerbröckelt,  so  dass  es  für  die  Verwendung  in  manchen
Acetylenapparaten  unbrauchbar  wird.  Schliesslich
wird  das  Material,  weil  es  sehr  hygroskopisch  ist,  in
hermetisch  verschlossenen  Blechbüchsen  von  50,  resp.
100  Kilo  Gehalt  verpackt  und  versandt.
Aus  dem  Calciumcarbid  wird  nun  durch  Berührung ­
  mit  Wasser  das  Acetylen  gewonnen,  und  zwar
wird  für  ein  gutes  brauchbares  Carbid  eine  Gasausbeute ­
  von  290  Liter  pro  1  Kilo  Carbid  garantiert.
Bevor  jedoch  das  Gas  zur  Verbrennung  gelangt,  muss
es  gereinigt  werden,  um  Ammoniak,  Schwefelwasserstoff, ­
  Phosphorwasserstoff  und,  soweit  vorhanden,
Siliciumwasserstoff,  sowie  andere  Unreinlichkeiten  aus
den  Rohmaterialien,  aus  denen  das  Carbid  gewonnen
wurde,  auszusondern.  Diese  Unreinlichkeiten  machen
sich  durch  Rosten  der  inneren  Teile  des  Generators
bemerkbar.  Russ,  Verstopfen  der  Brenner,  unan-
        <pb n="15" />
        6

genehme  Gerüche,  Verminderung  der  Leuchtkraft
sind  weitere  Folgeerscheinungen  der  Unreinlichkeiten,
die  sich  aber  durch  sachgemässe  Reinigungsmassen
und  Konstruktionen  bequem  und  vollständig  entfernen
lassen  und  dadurch  die  Unannehmlichkeiten,  die  früher
dem  Acetylenlicht  anhafteten,  beseitigen.  Zugleich
werden  dadurch  Nachteile  in  sanitärer  Beziehung  vermieden, ­
  so  dass  das  Acetylenlicht,  unter  diesen  Voraussetzungen, ­
  als  ein  vollgiltiger  Ersatz  für  andere
Beleuchtungsarten  angesehen  werden  kann.  Die
kühnen  Hoffnungen  allerdings,  die  man  in  der  Mitte
der  90er  Jahre  hegte,  dass  nämlich  das  Acetylen  infolge ­
  der  Einfachheit  seiner  Erzeugung,  wegen  der
Unabhängigkeit  von  einer  zentralen  Produktion,  sowie
wegen  seiner  Teilbarkeit  das  Petroleum  verdrängen
würde  und  durch  eine  nationale  Industrie  die  Einfuhr
von  Petroleum  überflüssig  machen  würde,  haben  sich
aus  zwei  Gründen  nicht  erfüllt.  Einmal  ist  Deutschland ­
  an  natürlichen  Wasserkräftan  zu  arm  und
zweitens  ist  eine  technisch  ökonomische  Konstruktion
einer  tragbaren  Acetylenlampe,  zum  Teil  wegen  der
Schwierigkeiten  einer  rationellen  Reinigung  im  Kleinen
und  wegen  der  unangenehmen  Nach  Vergasung,  noch
nicht  gelungen.  Trotzdem  hat  das  Acetylenlicht
wegoèi  seiner  spezifischen  Eigenschaften  ein  ganz  besonderes ­
  Verwendungsgebiet,  zumal  da  auch  die
Kosten  desselben  von  denen  der  übrigen  Beleuchtungsarten ­
  nicht  wesentlich  ab  weichen  Eine  sehr  grosse
Zukunft  scheint  das  gelöste  Acetylen  zu  haben,  insofern, ­
  als  es  nach  allen  Veröffentlichungen  und  Versuchen ­
  tatsächlich  mit  dem  Petroleum  konkurrieren  kann.
Nachstehende  Tabelle  möge  einen  ungefähren
Ueberblick  über  die  Brennkosten  (excl.  der  Amortisation, ­
  Verzinsung,  Reparaturen  für  die  Installation)
geben:
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Die  Tabelle  ist  in  Tafel  1  graphisch  dargestellt,
gestrichelten  Horizontallinien  geben  die
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        8

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C::f:il  1mm
=  i^ßrenn/fostpn  pro  Stunde  II
        <pb n="18" />
        9

Lichtstärke  der  Brenner  (A)  an,  die  senkrechten
Linien  ||  die  Kosten  pro  Lichteinheit  (B),  sodass  das
Rechteck  aus  A  und  B  ein  Mass  für  die  Kosten  (C)
pro  Flamme  und  Brennstunde  gibt.  Der  Inhalt  des
Rechteckes  A.  B.  ist  der  Uebersichtlichkeit  halber
noch  einmal  als  Längenmass  |_  von  der  Nullinie  aus
abgetragen  worden.
Die  Einführung  eines  rationellen  Acetylenglühlicntes
  würde  jedenfalls  wesentlich  zur  weiteren  Verbreitung ­
  dieser  Beleuchtungsart  beitragen,  jedoch  sind
bis  jetzt  noch  technische  Schwierigkeiten  zu  überwinden ­
  gewesen.  Erst  in  allerneuester  Zeit  scheint
man  der  Hindernisse  Herr  geworden  zu  sein,  sodass
das  Acetylenlicht  um  das  2,  4  fache  billiger  sich  stellen
würde  als  jetzt.  Der  Preis  von  35  Pfg.  pro  Kilo  Carbid  ist
der  Durchschnittsengrospreis  in  den  Hauptentwicklungsjahren ­
  1898  und  1899,  der  Preis  von  26  Pfg.  pro  Kilo
ergibt  sich  gegenwärtig  im  allgemeinen  im  Detail
loco  Apparat.  Bei  grösseren  Bezügen  stellt  sich  der
Preis  noch  billiger  (vergleiche  auch  Abschnitt  IV).
Jedenfalls  ist  aus  vorstehender  Tabelle  zu  ersehen, ­
  dass  das  Acetylenlicht  mit  anderen  Beleuchtungsarten, ­
  speziell  mit  der  Petroleumbeleuchtung
konkurieren  kann,  wenn  auch  eine  vollkommene  Verdrängung ­
  des  Petroleums  wegen  obengenannter
Schwierigkeiten  nicht  zu  erwarten  steht.
Die  Verwendung  des  Acetylens  für  Arbeitsübertragung ­
  zu  motorischen  Zwecken  ist  vom  thermodynamischen ­
  Standpunkte  aus  weit  rationeller  als
jede  andere  Kraftübertragung,  von  der  Kohle  aus
gerechnet,  wiewohl  der  mechanische  Wirkungsgrad
anderer  Energieübertragungsformen  wesentlich  höher
ist.  Jedoch  der  Preis  des  Calciumcarbids  und  damit
auch  der  des  Acetylens  macht  in  praxi  irgend  welche
Verwendung  zu  motorischen  Zwecken  unmöglich.
        <pb n="19" />
        II.  ABSCHNITT.
Die  Charakteristik  der  Industrie.
A.  Die  Kraftverliältnisse.
Im  Vorhergehenden  wurde  die  Technik  der  Carbidindustrie
  beschrieben,  soweit  sie  für  die  Charakteristik
und  die  spezifische  Entwicklung  der  Industrie  in  Frage
kommt.  Der  relativ  hohe  Kraftbedarf  für  die
Produktion  von  Carbid,  bei  einem  verhältnismässig
geringen  Verkaufspreise,  der  durch  die  Konkurrenz
mit  Petroleum,  Gas  u.  s.  w.  fixiert  wird,  gibt  der  gesamten ­
  Industrie  ein  ganz  besonderes  Gepräge,  so
dass  es  gerechtfertigt  erscheint,  die  Energiefrage  als
Ausgangspunkt  dieser  Betrachtung  voranzustellen.
Man  kann  im  Durchschnitt  mit  einer  Pferdekraft
pro  Jahr  1  Tonne  Carbid  erzeugen.  Bei  dem  heutigen
Preis  ab  Einbruchsstelle  von  M.  220,—  pro  Tonne
machen  demnach  die  Energiekosten  pro  Jahrespferdekraftstärke ­
  einen  grossen  Teil  der  Selbstkosten  aus.
Die  Billigkeit  der  Kraft  ist  demnach  ein  wesentlicher
Faktor  der  Rentabilität.  Deshalb  scheiden  Carbidwerke
  mit  Dampfbetrieb  allgemein  aus.  Wenn  das
Carbidwerk  der  Firma  Kunheim  &amp;amp;  Co.  auf  Grube  Ilse
bei  Senftenberg,  eines  der  ältesten  Werke  dieser  Art,
mit  Dampfkraft  arbeitete,  weil  die  Kohlen  bei  dem
        <pb n="20" />
        11

eigenen  Grubenbetriebe  so  gut  wie  nichts  kosteten
und  der  damalige  Verkaufspreis  von  ca.  600  M.  pro  Tonne
Carbid  selbst  einen  derartigen  Betrieb  rentabel  machte,
so  hat  jetzt  hingegen  diese  Firma  ihre  vom  Syndikat
vorgeschriebene  Produktionsquote  an  ein  österreichisches
Carbidwerk,  das  ebenfalls  dem  Syndikat  angehört,  abgegeben, ­
  weil  das  Carbid  dort  billiger  hergestellt
werden  kann  als  im  eigenen  Betriebe.  In  gleicher
Weise  hat  eine  Aktiengesellschaft,  die  die  Hochofengase ­
  der  Hüttenwerke  zum  Antrieb  von  Gasmotoren
für  die  Produktion  von  Carbid  benutzen  wollte,  nicht
reüssiert.  Schliesslich  sei  der  Vollständigkeit  halber
hier  auf  eine  bemerkenswerte  Schrift  aufmerksam
gemacht,  die  Herr  Dr.  A.  Frank  zu  Charlottenburg
im  Aufträge  des  Ministers  für  Landwirtschaft  im
Dezember  1903  veröffentlicht  hat  und  welche  die
Ausnutzung  der  Torfmoorgase  in  Gasmotoren  zum
Gegenstand  hat.  Hiernach  würde  allerdings  ein  sehr
bedeutendes,  bis  jetzt  noch  brach  liegendes  Energielager ­
  einer  industriellen  Verwendung  zugeführt  werden
können,  es  erscheint  aber  fraglich,  ob  die  Technik
der  Grossgasmaschinen,  besonders  derjenigen  für
minderwertige  Heizgase,  bereits  soweit  fortgeschritten
ist,  dass  ihr  Betrieb  mit  dem  der  Wasserkraftmaschinen
konkurrieren  kann.
Für  die  Carbidfabrikation  kommen  tatsächlich  nur
die  Wasserkräfte  in  Betracht  und  zwar  auch  nur
grössere  mit  über  1000  PS.  Leistung,  weil  die
Fabrikation  in  noch  kleinerem  Umfange  unrentabel
ist,  zumal  da  die  Kosten  für  den  Ausbau  pro  Pferdestärke ­
  im  allgemeinen  um  so  kleiner  ausfallen,  je
grösser  die  Wasserkraft  ist.  Ein  weiterer  Umstand
von  Wichtigkeit  für  die  Beurteilung  einer  Wasserkraft
bildet  die  Lage  derselben.  Im  flachen  Lande  ist  das
Niederschlagsgebiet  grösser,  die  Wasserkraft  deshalb
        <pb n="21" />
        12

im  allgemeinen  konstanter,  die  Kosten  aber  für  den
Ausbau  der  Wasserkraft  sind  höher;  im  Gebirge  ist  die
Kraft  weniger  konstant,  die  Ausbaukosten  sind  dagegen
häufig  relativ  gering.  Die  Inkonstanz  der  Wasserkräfte ­
  fällt  für  die  Carbidfabrikation  nicht  so  schwer
ins  Gewicht,  weil  in  den  Herbstmonaten,  in  der  Hauptproduktionszeit, ­
  entsprechend  dem  Lichtbedürfnisse,
die  Wasserkräfte  zum  mindesten  ihre  Normalleistung
haben,  so  dass  im  allgemeinen  die  Kostenfrage  des
Ausbaues  massgebend  ist.
Aus  diesem  Grunde  haben  deshalb  auch  die
Carbidfabriken  die  Wasserfälle  in  den  Hochländern
Norwegens,  Schwedens  und  der  Schweiz  ausgenutzt.
Als  einziges  Werk  in  der  norddeutschen  Tiefebene
ist  das  Brandenburgische  Carbidwerk  mit  140  &amp;gt;  PS.
zu  nennen.  Dasselbe  wird  von  einer  Wasserkraft  gespeist, ­
  die  durch  eine  Talsperre  gewonnen  ist.
Inwieweit  die  isolierte,  durch  die  Wasserfälle  bestimmte ­
  Lage  der  Carbidwerke  fern  ab  von  dem
eigentlichen  Konsumgebiet  auf  die  Materialpreise,  die
Arbeiterverhältnisse  und  die  Konkurrenzfähigkeit  untereinander ­
  von  Einfluss  gewesen  ist.  ist  weiter  unten  gezeigt.
Was  die  Besitzverhältnisse  der  Wasserkräfte  anbetrifft, ­
  so  ist  in  allen  Fällen  eine  Pachtung  vorzuziehen, ­
  vorausgesetzt,  dass  nicht  die  Wasserkraft
pauschal  verpachtet,  sondern  die  tatsächlich  verbrauchte ­
  Leistung  in  Rechnung  gesetzt  wird.
Dies  hat  den  Vorteil,  dass  die  Unkosten  für  die
Wasserkraft  als  Spezialunkosten,  nicht  als  Generalunkosten ­
  sich  der  tatsächlichen  Produktion  anpassen
können,  sodass  bei  einer  Verminderung  der  Produktion,
also  bei  schlechtem  Geschäftsgang,  keine  Erhöhung
der  Generalunkostenquote  für  die  Einheit  des  Produktes
eintritt.  Meines  Wissens  ist  ein  ähnlicher  Pachtvertrag
nur  mit  einer  einzigen  Firma  geschlossen  worden.  Ein
        <pb n="22" />
        13

Nachteil  dieses  Vertrages  bestand  darin,  dass  die
Fabrik  nur  die  überschüssige  Kraft  eines  Elektrizitätswerkes ­
  erhielt,  also  nicht  nach  eigenem  Bedürfnisse
produzieren  konnte.  Der  Preis  stellte  sich  auf  ca.
26  M.  pro  Pferdekraftjahr.  Zur  Zeit  besteht  dieser
Vertrag  nicht  mehr.
Im  allgemeinen  werden  die  Pachtverträge  pauschal
für  eine  Reihe  von  Jahren  abgeschlossen.  Gegenüber
einer  Wasserkraft  im  eigenen  Besitz  hat  diese  Rechts
form  den  Vorteil,  dass  das  Anlagekapital  der  Pächterin
nicht  so  gross  zu  sein  braucht,  den  Nachteil,  dass  die
Pächterin  jetzt  die  Kraft  teurer  bezahlen  muss,  da  sie
den  Gewinn  und  das  Risiko  der  Firma,  der  die  Wasserkraft ­
  gehört,  mitzutragen  hat.  Gegenüber  der  erstgenannten ­
  Art  von  Pachtverträgen  (Zahlung  gemäss
der  verbrauchten  Leistung)  hat  die  Pauschalpacht  den
Nachteil,  dass  die  Pächterin  die  Wasserkraft  bezahlen
muss  einerlei,  ob  sie  dieselbe  voll  ausnutzen  kann
oder  nicht.  Dieser  letzte  Punkt  scheint  gerade  bei
den  Verpachtungen  in  Norwegen  und  Schweden  sehr
schwer  ins  Gewicht  gefallen  zu  sein.  Von  kompetenter
Seite  (Konsularbericht)  wurde  1903  der  Preis  pro  PS.
und  Jahr  für  einige  Werke  auf  18  —  22  M.  angegeben,
während  die  Literatur  für  dieselben  Werke  ziemlich
allgemein  die  Kosten  mit  40  -  50  M.  angab.  Es  lassen
sich  diese  Widersprüche  nur  dadurch  erklären,  dass
die  geringere  Preisangabe  für  die  gepachtete  Leistung,
der  höhere  Preis  dagegen  für  die  tatsächlich  verbrauchte ­
  Wasserkraft  galt.  Dies  würde  sich  auch  ungefähr ­
  mit  der  Wirklichkeit  decken,  da  die  Wasserkräfte ­
  nur  ungefähr  zu  V 2 —V 8  ihrer  vollen  Leistung
ausgenutzt  wurden.  Nach  den  neuesten  Offerten
stellen  sich  die  Preise  pro  Pferdekraftjahr  auf  38  bis
46  M.,  je  nach  der  Grösse  und  Lage  der  Wasserkraft.
Aus  anderen  Pachtverträgen  sind  mir  folgende  Zahlen
        <pb n="23" />
        14

bekannt  geworden:  Ein  österreichisches  Werk  zahlt
während  10  Jahre  für  2000  PS.  pro  Jahr  98  000
Kronen,  sodass  sich  die  Pferdekraft  auf  rund  40  M.
stellen  würde.  Ein  Schweizer  Werk  zahlt  für  eine
Wasserkraft,  die  zwischen  1000-1200  PS.  schwankt,
36  000  Francs,  pro  PS.  also  24—28,80  M.  Ein  anderes
ausländisches  Werk  zahlt  für  3000  elektrisch  abgegebene ­
  PS.  einschl.  der  Miete  für  das  Fabrikgebäude
130  000  Frs.  Rechnet  man  für  die  Miete  10  000  Frs.
ab,  so  stellt  sich  die  Pferdekraft  pro  Jahr  auf
40  Frs.  =  32  M.  Dies  ist  für  Schweizer  Verhältnisse
ein  ziemlich  allgemein  gültiger  Preis.  In  Deutschland
ist  es  zur  Zeit  (Anfang  1904)  allein  das  Brandenburgische
  Carbidwerk,  das  die  Wasserkraft  gepachtet
hat.  Der  Pachtpreis  pro  PS.  soll  30  M.  pro  Jahr  betragen, ­
  jedoch  liess  sich  etwas  Bestimmtes  hierüber
nicht  in  Erfahrung  bringen.  Dieser  für  deutsche  Verhältnisse ­
  niedrige  Preis  würde  allerdings  nur  dadurch
zu  erklären  sein,  dass  hier  besonders  günstige  Umstände ­
  beim  Erwerb  der  Grundstücke  mitgesprochen
haben,  dann  aber  auch,  dass  die  Wasserkraft  durch
eine  Talsperre  gewonnen  wurde,  die  sowieso  erforderlich ­
  war.  Sonst  kann  man  im  Durchschnitt  in  Deutschland ­
  mit  einer  Pachtsumme  von  80  M.  pro  PS.  rechnen.
Dieser  Preis  wurde  auch  einem  Pachtverträge  einer
Wasserkraft  von  3500  PS.  in  der  Nähe  von  Augsburg
in  allerjüngster  Zeit  zu  Grunde  gelegt.  Bemerkt  sei
noch,  dass  die  Aluminiumindustrie  Neuhausen  4  Frs.
lediglich  für  die  Wasserentnahme  aus  dem  Rheinfall
bei  Neuhausen  pro  PS.  und  Jahr  zu  zahlen  hat.
Die  meisten  Werke  in  Deutschland  haben  dagegen ­
  ihre  Wasserkräfte  in  eigenem  Besitze.  Diese
Rechtsform  hat  Vorteile  wie  Nachteile.  Reüssiert  die
Gesellschaft,  so  verkleinert  das  grosse  Anlagekapital
die  Dividende  in  sehr  starkem  Masse,  während  bei
        <pb n="24" />
        15

einer  Wasserkraft  in  Pacht  der  Eigentümer  derselben
sein  Fixum  erhält.  Hat  die  Gesellschaft  teilweise
keinen  Erfolg,  so  kann  man  die  Amortisation  des
Wasserbaukontos  auf  bessere  Zeiten  verschieben,
während  in  diesem  Falle  das  Fixum  der  Pacht  die
Bilanz  sehr  belastet,  besonders  wenn  die  Produktion
stark  zurückgeht.  In  dem  ersten  Falle  ist  also  der
Eigenbesitz  nicht  vorteilhaft,  bei  schlechtem  Geschäftsgang ­
  dagegen  eher  empfehlenswert,  besonders  weil
alsdann  auch  die  Geldbeschaffung  durch  Hypotheken,
Obligationen  u.  s.  w.  sehr  erleichtert  ist.
Dazu  kommt  noch,  dass  im  Falle  des  Eigenbesitzes ­
  der  Wasserkraft  die  Aktien  im  allgemeinen
einen  höheren  Kurs  haben  werden,  weil  die  innere
Sicherheit  der  Papiere  grösser  sein  wird,  denn  der
Wert  der  Wasserkraft  ist  unveränderlich,  wenn  nicht
steigend,  während  der  Wert  der  eigentlichen  Fabrik
und  Maschinenanlage  variabel  ist  und  im  wesentlichen
durch  die  Betriebserfolge  bestimmt  wird.  Die  Papiere
werden  also  um  so  leichter  den  Kurs  verlieren,  wenn
ihr  Wert  lediglich  die  Betriebsanlage,  nicht  aber  auch
die  Wasserkraft  deckt.  Nach  alle  diesem  kann  man
also  die  Frage  der  Besitzverhältnisse  der  Wasserkraft
nicht  prinzipiell,  sondern  lediglich  von  Fall  zu  Fall
entscheiden.

IÎ.  Die  Anlagckostcii.
Die  Anlagekosten  der  Wasserkraft  sind  aus  den
Bilanzen  zu  ersehen.
Folgende  Zahlenangaben  mögen  ein  ungefähres
Bild  von  den  Kosten  einer  Wasserkraft  geben,  wobei
jedoch  die  Maschinenanlage  nicht  mitgerechnet  ist.
In  der  Bilanz  standen  für  Jaice  im  Jahre  1900  zu  Buche
208  Fl.  für  die  ausgebaute  PS.  exkl.  Gebäude.
        <pb n="25" />
        16

Die  Anlagewerke  für  Lochbrück  (Bilanz  vom
1.  Oktober  1903)  sowie  für  Neuhausen,  Rheinfelden,
Lend  (Bilanz  vom  1.  Januar  1903)  sind  in  der  nebenstehenden ­
  Tabelle  angeführt.
Die  Verschiedenartigkeit  der  Zusammenfassung
erschwert  einen  Vergleich.  Die  Anlagekosten  pro
ausgebaute  Pferdekraftstärke  exkl.  Gebäude  gestatten
wohl  eine  Gegenüberstellung  mit  den  oben  angeführten
Pachtpreisen,  während  die  Preise  pro  PS.  einschliesslich ­
  Gebäude  sich  mit  der  oben  angeführten  Pacht-  und
Mietsumme  von  130000  Frs.  jährlich  vergleichen  lassen.
Man  sieht  aus  dieser  Zusammenstellung  am  besten,
wie  ausserordentlich  verschieden  die  Kosten  für  die
Wasserkraft  je  nach  der  Lage,  die  Kosten  für  den
Ausbau  derselben  je  nach  der  Höhe  des  Gefälles,  der
Länge  der  Zuführungskanäle  und  je  nach  den  besonderen ­
  Schwierigkeiten  aller  Art  variieren.  Dazu
kommt  noch,  dass  die  Angaben  von  der  Stärke  der
Wasserkraft  selbst  sehr  ungenau  sind,  je  nachdem  die
Normal-  resp.  die  Minimalleistung,  je  nachdem  die
Leistung  der  Wasserkraft,  der  Turbinen  oder  der
Dynamos,  je  nachdem  inklusive  resp.  exklusive  Reserve
gerechnet  ist.  Alle  diese  Faktoren  beeinträchtigen
deshalb  ganz  wesentlich  die  Genauigkeit  dieser  wie
auch  der  folgenden  Kraftangaben.
Ein  weiterer  Umstand  kommt  noch  in  Betracht,
weshalb  die  oben  angeführten  Konti  den  Preis  pro  PS.
und  Jahr  nicht  ohne  weiteres  angeben.  Zu  den  Anlagekosten ­
  kommen  nämlich  die  Betriebskosten  der
Instandhaltung  und  der  Korrektionen  der  Wasserläufe.
Trotz  des  verhältnismässig  geringen  Anlagekapitals
sollen  sich  z.  B.  in  Neuhausen  die  tatsächlichen  Unkosten ­
  pro  PS.  im  Jahr  auf  ca.  50  M.,  in  Rheinfelden
auf  ca.  55  M.  stellen.  Leider  sind  auch  hier  authentische ­
  Angaben  resp.  eine  Bestätigung  nicht  zu  erlangen
        <pb n="26" />
        ■

17

^  2
CO  CO

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111

M  X&amp;gt;  &amp;lt;0

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03  O

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o.

gewesen.  Bemerkt  sei  noch,  dass  einige  Werke  ihre
asserbauten  überhaupt  nicht  abschreiben,  sondern
Waugemann,  Die  Calciumcarbidindugtrie.  O
        <pb n="27" />
        18

die  Abnutzung  durch  ein  sehr  hohes  Reparaturkonto
ausgleichen.  Nicht  uninteressant  ist  es,  wie  sich  bei  den
einzelnen  Fabriken  die  Anlagekapitalien  zum  Gesamtwerte ­
  der  Bilanz  verhalten.  Die  örtlichen  Verhältnisse
der  Liegenschaften,  die  Wasserbauten  und  das  Gebäudekonto ­
  massgebend.  Der  Umfang  der  Fabrik  wird  am
besten  durch  das  Maschinenbaukonto,  resp.  durch  dessen
absoluten  Wert  charakterisiert.  Die  finanzielle  Abhängigkeit ­
  wird  durch  das  Conto-Corrent-Conto  beleuchtet. ­
  Für  eine  süddeutsche  Fabrik,  die  die  Wasserkraft ­
  in  eigenem  Besitz  hat,  setzte  sich  die  Bilanzsumme ­
  wie  folgt  zusammen:

Liegenschaften  140  878  8,7%
Gebäude  398  405  24,6%
Maschineneinrichtung  509154  31,3%
Wasserbauten  519  806  32%
Conto-Corrent  17  085  1,0%
Diverse  38  661  2,4%

Summe  :  1,623  989  100%

Natürlich  verschieben  sich  durch  die  Verschieden  -
artigkeit  der  Abschreibungen,  durch  den  Ausbau  oder
Erweiterung  eines  Teils  der  Anlage  die  prozentualen
Verhältniszahlen,  so  dass  selbst  für  die  betreffende
Fabrik  die  Zahlen  nicht  feststehen.  Immerhin  ergibt
sich  aus  der  angeführten  Tabelle  der  ungefähre  Verteilungsplan ­
  der  Finanzen  einer  Carbidfabrik,  die  als
normal  anzusehen  ist.
Ein  Vergleich  mit  anderen  Fabrikanlagen  ist  wegen
der  verschiedenartigen  Zusammenfassung  der  Anlagewerte ­
  ausgeschlossen.  Nur  die  Aluminiumindustrie
Neuhausen  gibt  für  ihre  drei  Werke  gesonderte
Bilanzen  heraus,  die  dadurch  einen  besonderen  Wert
haben,  dass  sie  einen  guten  Vergleich  untereinander
ermöglichen,  weil  die  Aufstellung  der  Bilanz  nach
einheitlichen  Grundsätzen  erfolgt.  Die  nachfolgende
        <pb n="28" />
        2*

19

Tabelle  zeigt  die  prozentualen  Werte,  sowie  die  absolute ­
  Gesamtsumme:

a)  Wasserkraft
b)  Bauten,  Wasserwerksanlagen ­

c)  Maschinenanlagen
d)  Apparate
e)  Liegenschaften
f)  Wohnhäuser
g)  Conto-Corrent
h.)  Kassa,  Bankguthaben ­

f  i)  Vorräte

Neu-  Rheinhausen ­
  felden

Lend

Rauris

Prozen-Summa
  -werte

971230  2,547  880  328  308  437700  4,285118  19,3%

2,025  843  1,579  730  1,413  372  236894
1,126  850  854  881  1,292  469  275422
346  709  661552  632  016  14  489
194  475  91980  206  901  —
139  860  239  528  219  617  —

5,255  839  23,8%
3,549  622  16,0%
1,654  766  7,5%
493  356  2,2%
599  005  2,8%

2,417*258  2,417  258  10,9%

3,226  188  3,226  188  14,5%
666,514  666  514  3,0%

22.147  668  M.  100%

Um  die  nachstehenden  Prozentual  werte  von  a  bis  f
für  die  einzelnen  Werke  zu  erhalten,  wurde  folgender
Rechnungsweg,  der  als  Beispiel  angeführt  sei,  ein
geschlagen.  Für  e)  Maschinenanlagen  beträgt  die  Gesamtsumme ­
  3,649  622  M.,  für  jede  Anlage  demnach
887,405  M.  Es  verhält  sich  nun  887,405  zu  1,126  850
wie  der  prozentuale  Mittelwert  16  zu  dem  gesuchten
Werte,  der  sich  demnach  zu  20,3%  ergibt.  Hiernach
bestimmen  sich  folgende  Werte:

a)  Wasserkraft
b)  Bauten
c)  Maschinen
d)  Apparate
e)  Liegenschaften
f)  Wohnhäuser

Neu-  Rhein-  Rau-  Durch-Summa
  Summe/4  hausen  felden  Lend  ris  schnitt
4,285  118  1,071  279  18,2  Vo  46%  5,5&amp;lt;%  7,5&amp;lt;&amp;gt;/ 0  19,3  %
5,255  839  1,313  959  36,7%  28,6&amp;lt;%  25,6&amp;lt;%  4,3%  23,8%
3,549  622  887  405  20,3%  15,5%  23,3%  4,9%  16,0%
1,654  766  413  691  6,2&amp;lt;%  11,4&amp;lt;%  10,8«%  2,6%  7,5%
493  356  123  339  3,5&amp;lt;%  1,7&amp;lt;%  3,6%  0%  2,2%
599  005  149  751  2,7%  4,5%  4,lo/ 0  0%  2,8%

C.  Die  Arbeitsverhältnisse.
Die  abgesonderte  Lage  der  Carbidwerke,  die
durch  die  Wasserkraft  bestimmt  wird,  und  die  Eigen-
        <pb n="29" />
        20

tümlichkeiten  des  elektrischen  Ofens  sind  für  die
Gestaltung  der  Arbeiterverhältnisse  besonders  charakteristisch. ­

Der  elektrische  Ofen  muss  nämlich,  um  rationell  zu
arbeiten,  Tag  und  Nacht  im  Betrieb  sein.  Er  wird
nur  an  den  höchsten  Feiertagen  und  bei  Reparaturen
ausser  Betrieb  gesetzt.
Die  Lage  der  Carbidwerke  kommt  insofern  in
Betracht,  als  das  Heranziehen  und  Abstossen  der
Arbeitskräfte  viel  schwieriger  als  in  dicht  bevölkerten
Gegenden  und  Industriezentren  ist.  Die  Carbidindustrie
bedarf  nun,  wie  auch  die  meisten  anderen  chemischen
Industrien,  ein  verhältnismässig  nur  geringes  und,
was  für  sie  noch  wichtiger  ist,  ungeübtes  Arbeiterpersonal. ­
  Die  Leistungsfähigkeit  der  Arbeiter  hängt
hauptsächlich  von  der  technischen  Vollkommenheit
der  Einrichtung  ab.  Man  kann  mit  ziemlicher  Genauigkeit ­
  in  rationell  betriebenen,  kleineren  Werken
bis  zu  2000  PS.  auf  eine  jährliche  Produktion  von
45—50  tons  je  einen  Arbeiter  rechnen,  vorausgesetzt,
dass  man  mit  2  Schichten  arbeitet.  Arbeitet  man
mit  3  Schichten,  so  muss  natürlich  die  Zahl  der
Ofenarbeiter  um  die  Hälfte  vermehrt  werden.  Diese
verhält  sich  zu  der  Gesamtzahl  der  Arbeitskräfte  wie
ungefähr  1:  2,5.  Ein  Ofenarbeiter  kann  also  je  nach
der  Technik  des  Ofens  im  Durchschnitt  bei  12  ständiger
Arbeitszeit  pro  Jahr  ca.  120  tons  liefern,  natürlich
immer  gleiche  Ofenkonstruktion  und  2  Schichten
vorausgesetzt.  Ein  ausländisches  Werk  dagegen,  das
mit  veralteten  Öfen  aus  dem  Jahre  1896  arbeitete,
produzierte  pro  Jahr  und  Ofenarbeiter  80  tons.  Auch
bei  grösseren  Werken  verschiebt  sich  diese  Produktionsleistung ­
  nicht  sehr  wesentlich,  da  die  neueren  elektrischen ­
  Oefen  aus  technischen  Gründen  in  ihrer  Grösse
nicht  sehr  variieren  können  und  jeder  Ofen  eine  be-
        <pb n="30" />
        21

stimmte  Anzahl  Arbeiter  verlangt.  Dahingegen  kann
in  grösseren  Werken  an  dem  übrigen  Arbeiterpersonal
durch  Vergrösserung  der  Zerkleinerungsmaschinen,
durch  Transporteinrichtungen,  die  bei  kleineren  Werken
nicht  rentieren  würden,  etc.,  gespart  werden.  Die
Kalkbrennerei  erfordert  meist  einen  Kalkbrenner  mit
2  Gehilfen.  Ihre  Produktion  kann  je  nach  der  Grösse
der  Brennerei  bis  zu  20  tons  pro  Tag  betragen,  jedoch ­
  hängt  ihre  tatsächliche  Produktion  von  dem
Verbrauche  der  Fabrik  ab  und  ist  deshalb  im  allgemeinen ­
  wesentlich  geringer.  Ein  Teil  des  Arbeiterpersonals ­
  kann  deshalb  in  kleineren  Werken  nicht
voll  beschäftigt  werden.  Die  Zahl  der  Arbeitskräfte
und  ihr  Lohnanteil  an  den  Selbstkosten  hängt  nach
alle  diesem  zum  grossen  Teile  von  der  Vollkommenheit ­
  der  Technik  einerseits  und  von  dem  Umfange
der  Produktion  andererseits  ab.  Und  diese  letztere
Ueberlegung  war  gerade  in  der  ersten  Zeit  die  Veranlassung, ­
  die  Produktion  nur  im  allergrössten  Mass-8tabe
  aufzunehmen.
Was  die  Lohnverhältnisse  anbetrifft,  so  finden
sich  fast  sämtliche  gebräuchlichen  Zahlungssysteme  bei
der  Carbidindustrie  vor.  Im  allgemeinen,  besonders  in
Deutschland  und  in  den  nordischen  Ländern,  herrscht
der  Tagelohn  vor,  während  in  Oesterreich  und  der
Schweiz  meist  nur  die  Ofenarbeiter  einen  Stundenlohn
mit  einem  Prämienzuschlag  erhalten,  die  übrigen  dagegen ­
  je  nach  ihrer  Beschäftigung  im  Akkord  oder
im  Stundenlohn  arbeiten.  Natürlich  kommen  hier  und
da  Ausnahmen  vor,  so  dass  sich  eine  allgemein  gültige
Regel  nicht  aufstellen  lässt.
Der  Stundenlohn  hat  bei  den  Maschinenarbeitern,
die  die  Zerkleinerungsmaschinen  zu  beschicken  haben,
seine  Berechtigung,  da  die  Qualität  und  Quantität
        <pb n="31" />
        22

des  Produktes  nicht  von  der  Intensität  des  Arbeiters,
sondern  von  der  Maschine  abhängt.
Bei  den  Ofenarbeitern  ist  die  Frage  nicht  so
ohne  weiteres  zu  beantworten.  Die  Hauptschwierigkeit ­
  der  Produktion  fällt  hier  dem  Werkführer  zu,
der  meistenteils  Beamteneigenschaft  hat.  Derselbe
hat  die  Spannung  und  Stärke  des  elektrischen  Stromes,
mit  dem  die  Oefen  gespeist  werden,  zu  regulieren.
Der  Erfolg  der  Produktion  hängt  im  wesentlichen  von
ihm  ab.  Dahingegen  erfordert  die  Tätigkeit  des  Ofenarbeiters ­
  einen  gewissen  Grad  von  Aufmerksamkeit
der  Bedienung,  von  der  die  Qualität  des  Carbides,
die  Gasausbeute,  ganz  besonders  aber  der  Materialund
  Elektrodenverbrauch,  nicht  aber  die  Quantität
des  Produktes  abhängig  ist.  Infolgedessen  kommt  der
Akkordlohn  für  diese  Arbeiterkategorie  nicht  in  Frage,
dagegen  erscheint  eine  Qualitäts-  und  Material-Prämie
als  Zuschlag  zum  Stundenlohn  immerhin  angebracht.
Sie  ist  aber  jedenfalls  von  den  speziellen  Charaktereigenschaften ­
  des  in  Frage  kommenden  Arbeiterstammes ­
  abhängig  zu  machen.  Seine  volle  Berechtigung ­
  hat  jedenfalls  der  Akkordlohn  bei  denjenigen
Arbeitern,  die  die  Blechemballage  verfertigen.  Qualität
und  Quantität  hängen  hier  allein  von  der  Intensität
und  Geschicklichkeit  des  Arbeiters  ab.
Die  Höhe  des  Lohnes  selbst  ist  verhältnismässig
niedrig.  Dies  hat  seinen  Grund  darin,  dass  die  Lebensbedürfnisse ­
  der  Arbeiter  gering,  ihre  Lebensmittel
selbst  billig  sind.  So  zahlt  ein  deutsches  Werk  für
Ofenarbeiter  pro  Woche  zu  7  Tagen  (Sonntags  wird,
wie  schon  erwähnt,  ebenfalls  gearbeitet)  bei  einer
Arbeitsschicht  von  12  Stunden  mit  zweistündiger  Pause
18—20  M.,  wobei  der  geringere  Lohn  für  neue  Arbeiter, ­
  der  höhere  Lohn  für  eingearbeitete  gilt,  die
übrigen  Arbeiter  erhalten  16—18M.  Ein  österreichisches
        <pb n="32" />
        23

Werk  zahlt  für  Ofenarbeiter  einschliesslich  Prämien
ca.  22—23  M.  pro  Woche,  ein  anderes  2  Gulden  pro
Tag,  die  übrigen  Arbeiter  stehen  sich  auf  17—20  M.
In  der  Schweiz  erhält  ein  Ofenarbeiter  pro  Tag
ca.  3,—  M.,  die  übrigen  Arbeiter  ca.  2,70  M.  In  den
nordischen  Ländern  stellen  sich  die  Löhne  für  die
Arbeiter  allgemein  höher  ;  sie  lassen  sich  aber  nicht
direkt  mit  den  angeführten  vergleichen,  weil  dort
ziemlich  allgemein  die  Ofenarbeiter  in  3  Schichten
zu  je  8  Stunden  arbeiten.  Jedoch  finden  sich  auch
hiervon  Ausnahmen  vor.
So  bezahlt  z.B.  ein  Werk  in  Norwegen  bei  8  stündiger
Arbeitszeit  seinen  Ofenarbeitern  3,50  M.  pro  Tag,  den
übrigen  Maschinenarbeitern  und  Handlangern  bei  zehnstündiger ­
  Arbeitszeit  im  Durchschnitt  3,30  M.  pro  Tag.
Zur  besseren  Uebersichl  seien  hier  die  Löhne  noch
einmal  tabellarisch  zusammengesellt:
Ofenarbeiter  Maschinenarbeiter
Wochenlohn  Stundenlohn  Wochenlohn  Stundenlohn
Deutschland  18-20  Mk.  25.7  -28,6Pf.  16-18  Mk.  23-25,7  Pf.
Oesterreich  20  -  23  Mk.  28,6  -  S3  Pf.  17-20  Mk.  24,3—28,6  Pf.
Schweiz  21,00  Mk.  30  Pf.  18,90  Mk.  27  Pf.
Norwegen  24,50  Mk.  43,7  Pf.  23,10  Mk.  41,3  Pf.
Wenn  auch  im  allgemeinen  die  Löhne  im  Vergleich
zu  denen,  die  in  Industriebezirken  bezahlt  werden,
gering  sind,  so  könnten  die  Verhältnisse  der  Arbeiter
sich  wesentlich  besser  gestalten,  wenn  nicht  die  Betriebseinstellungen, ­
  die  durch  das  Syndikat  vorgeschrieben ­
  wurden,  deren  Erwerb  zu  manchen  Zeiten
so  unsicher  gestaltet  hätten.  Aber  hier  liegt  eben
eine  eiserne  Notwendigkeit  vor,  deren  Nichtbefolgung
den  Ruin  der  ganzen  Industrie  und  damit  auch  der
Arbeiter  zur  Folge  haben  würde.
Glücklicherweise  treten  bei  der  Carbidindustrie
selbst  keine  spezifischen  Berufskrankheiten  auf.  Aller-
        <pb n="33" />
        24

dings  haben  die  Arbeiter  an  den  Zerkleinerungsmaschinen ­
  im  Anfänge  unter  der  Staubentwicklung
zu  leiden  gehabt.  Jedoch  haben  technische  Fortschritte
diese  Uebelstände  völlig  behoben.  Auch  die  übermässige ­
  Wärmeausstrahlung  des  elektrischen  Ofens  ist
bei  den  neueren  Konstruktionen,  die  jetzt  durchweg
im  Gebrauch  sind,  fast  vollständig  beseitigt,  so  dass
der  Ofen  im  Winter  angenehm  wärmt,  während  er  im
Sommer  keine  grössere  Hitze  entwickelt,  als  die
meisten  Giessereien  aufweisen.  In  einigen  Fällen  sind
Ruhrerkrankungen  vorgekommen,  die  auf  zu  schnelles
Trinken  nach  starker  Erhitzung  zurückzuführen  sind.
Die  Errichtung  von  Kaffeeküchen  und  Einführung
des  Trinkwasserverbotes  hat  derartige  Krankheitserscheinungen ­
  vermeiden  lassen.
Nicht  uninteressant  ist  der  Einfluss  des  Arbeitermaterials ­
  auf  die  Arbeiterverhältnisse  selbst.  Da  die
eigentlichen  Arbeiter  keiner  besonderen  Geschicklichkeit
und  Kenntnisse  bedürfen,  so  wird  hierdurch  die  Beschaffung ­
  der  Arbeiterkräfte  trotz  der  isolierten  Lage
der  Werke  wesentlich  erleichtert,  andererseits  die
Abstossung  der  Arbeiter  bei  Betriebseinstellungen  sehr
erschwert,  besonders  wenn  das  Werk  soweit  ab  von
dem  nächsten  Wohnort  liegt,  dass  es  seine  Arbeiter
in  eigenen  Wohnhäusern  unterbringen  muss.  Diejenigen
Carbidwerke  nämlich,  welche  in  grösserer  Entfernung
von  Wohnorten  liegen,  haben  meist  eigene  Arbeiterhäuser, ­
  sofern  nur  die  finanzielle  Lage  der  Firma  es,
erlaubt.  In  weitaus  den  meisten  Fällen  ist  jedoch
schon  mit  Rücksicht  auf  die  An-  und  Abfuhr  der
Materialien  bei  der  Anlage  der  Fabrik  auf  die  Nähe
einer  Bahnstation  Rücksicht  genommen.
Bei  der  verhältnismässig  dichten  Bevölkerung
Deutschlands  fallen  die  Schwierigkeiten  der  Arbeiterbeschaffung ­
  für  die  deutschen  Carbidwerke  zum
        <pb n="34" />
        25

grössten  Teil  fort  ;  es  sind  meistens  Bewohner  der
nächsten  Umgegend,  die  den  sicheren  Lohn  der  Fabrik
dem  unsicheren  Erfolg  der  Ernte,  die  leichte  Bedienung
der  Oefen  und  Maschinen  der  schweren  mühevollen
Landarbeit  vorziehen.  Dahinzu  kommt  noch,  dass  die
kleinen  Bauerngüter  eine  Teilung  unter  den  männlichen ­
  Erben  nicht  erlauben,  so  dass  die  Zweitgeborenen
eine  Arbeitsgelegenheit  in  der  Nähe  ihrer  Heimat
gern  annehmen.  Die  militärische  Dienstzeit  erleichtert
dem  Landbewohner  die  Unterordnung  im  Fabrikbetriebe,
wenn  vielleicht  auch  die  Behandlung  in  der  ersten
Zeit  einige  Schwierigkeit  bietet.  Im  allgemeinen  arbeitet ­
  sich  auch  der  einfachste  Landbewohner  verhältnismässig ­
  ziemlich  leicht  ein.  Er  wird  dann  als  ein
williger,  ruhiger  und  geschickter  Arbeiter  geschildert.
Das  Verhältnis  zwischen  den  Arbeitern  und  den
höheren  Beamten  der  Werke  —  die  Direktoren  haben
ihren  Wohnsitz  in  benachbarten  grösseren  Städten  —
ist  wie  bei  den  meisten  industriellen  Betrieben  auf
dem  Lande  ein  gutes,  beinahe  ein  patriarchalisches.
Irgendwelche  Streiks  haben  nicht  stattgefunden.
Ob  hierzu  Veranlassung  vorlag,  ist  nicht  bekannt  geworden ­
  ;  jedenfalls  machte  die  schlechte  finanzielle
Lage  der  Werke  irgendwelche  Zugeständnisse  von
vornherein  unmöglich.
Die  Verhältnisse  in  der  Schweiz  unterscheiden
sich  von  denen  in  Deutschland  im  allgemeinen  nicht.
Dagegen  spielen  in  den  anderen  Ländern,  wo  mit
deutschem  Oelde  Carbidwerke  gegründet  wurden,  religiöse ­
  und  politische  Momente  und  speziell  nationale
Charaktereigenschaften  eine  besondere  Rolle.  Der
Nordländer,  besonders  der  Land-  und  Küstenbewohner,
ist  im  allgemeinen  der  industriellen  Arbeit  abgeneigt.
Er  ist  seit  Generationen  durch  Jahrhunderte  hindurch
an  die  Tätigkeit  in  der  frischen  Luft  als  Seemann
        <pb n="35" />
        26

oder  Landarbeiter  gewöhnt.  Deshalb  sagt  ihm  die
Beschäftigung  in  der  Carbidfabrik  wenig  zu.  Es  ist
charakteristisch,  dass  die  als  Hilfsarbeiter  zum  Bau  und
zur  Montage  herangezogenen  Nordländer  sich  als  sehr
geschickt  und  gewandt  erwiesen  haben,  während  sie
gegen  die  Arbeit  im  Betriebe  der  Carbidfabrik  selbst
eine  ganz  entschiedene  Abneigung  zeigten.  Es  wird
jedenfalls  die  körperliche  Unfähigkeit,  die  Hitze  zu
ertragen,  hierbei  eine  grosse  Rolle  mit  spielen.  Aus
diesem  Grunde  sind  auch  meistenteils  3  Schichten  zu
je  8  Stunden  in  den  Fabriken  Norwegens  und  Schwedens
eingeführt,  wiewohl  die  Betriebsleiter  dies  nur  sehr
ungern  sehn,  damit  die  Oefen  und  Maschinen  von  möglichst ­
  wenig  verschiedenen  Händen  bedient  werden.
Eine  weitere  Folge  dieser  allgemeinen  Abneigung
resp.  Unfähigkeit  ist  die  Schwierigkeit  der  Beschaffung
von  Arbeitskräften,  und  damit  auch  eine  Erhöhung
des  durchschnittlichen  Lohnsatzes,  auf  die  bereits  oben
hingewiesen  wurde.  Dahinzu  kommt  noch,  dass  der
Nordländer  sein  Stück  Land  beim  Eintritt  als  Fabrikarbeiter ­
  in  den  seltensten  Fällen  aufgibt,  sondern  es
durch  Frau  und  Kinder  bestellen  lässt  oder  es  in  den
freien  Stunden,  die  ihm  seine  achtstündige  Arbeitszeit
lässt,  selbst  bestellt.  Dies  kann  er  um  so  eher,  da
der  Landbau  ziemlich  extensiv  betrieben  wird.  Der
eigene  Landbesitz  gibt  dem  Arbeiter  einen  gewissen
Rückhalt,  so  dass  er  im  allgemeinen  recht  schwer  zu
behandeln  ist  und  den  Anordnungen  der  Betriebsleiter
einen  gewissen  Widerstand  entgegensetzt.  Ebenso  ist
er  leicht  geneigt,  die  Arbeit  niederzulegen,  wenn  er
wiederholt  gemahnt  wird.  Besonders  bei  der  Inbetriebsetzung ­
  eines  nordischen  Werkes  zeigte  sich  diese
Aversion  der  Nordländer  in  solchem  Masse,  dass
Arbeitskräfte  aus  anderen  Ländern  importiert  werden
mussten.
        <pb n="36" />
        27

Natürlich  sind  diese  vorstehenden  Ausführungen
cum  grano  salis  zu  verstehen.  Einige  der  nordischen
Fabriken  haben  jetzt  nach  vielen  Misserfolgen  und
jahrelanger,  sehr  sorgfältiger  Auswahl  einen  guten
und  brauchbaren  einheimischen  Arbeiterstamm  sich
erworben.
In  Oesterreich-Ungarn  liegen  die  Schwierigkeiten
der  Arbeiterverhältnisse  wiederum  auf  anderem  Gebiete.
Eine  Art  Lokalpatriotismus  im  Zusammenhang  mit
religiösem  Fanatismus  geben  der  einfachen  Landbevölkerung, ­
  die  als  Arbeiterschaft  der  Carbidwerke
in  Frage  kommt,  ein  besonderes  Gepräge.  Sie  fühlen
sich  den  deutschen  Ingenieuren  gegenüber  in  jeder
Beziehung  solidarisch  und  als  Herren  der  Situation.
Schon  bei  der  Montage  einzelner  Werke  konnten  die
betreffenden  Ingenieure  weder  durch  Zureden,  energisches ­
  Auftreten,  noch  durch  Drohungen  mit  Entlassung ­
  die  einheimische  Bevölkerung  zu  einer
rationellen  Arbeit  veranlassen.  Die  Sachlage  änderte
sich  jedoch  mit  dem  Augenblicke,  wo  à  la  Turmbau
von  Babel  anderssprachige  Elemente  hinzu  gezogen
wurden,  mit  denen  sich  die  einheimische  Bevölkerung
nur  schwer  verständigen  konnte.  Der  durchschlagende
Erfolg  dieser  Methode  ist  wohl  für  die  spätere  Beibehaltung ­
  der  fremden  Elemente  massgebend  gewesen,
denn  sie  sind  im  allgemeinen  noch  weniger  sympathisch
als  die  einheimische  Bevölkerung.  Die  Lebenshaltung
der  Eingesessenen  ist  besser,  ihre  Kultur  höher  als
die  der  wandernden  Arbeiterschaft  ;  diese  setzt  sich
zumeist  aus  Italienern,  zum  Teil  auch  aus  den
slavischen  Elementen  der  österreichischen  Kronländer
zusammen.  Diese  Arbeiterschaft  hat  ihre  spezifischen
Eigenschaften  und  es  wäre  wohl  ungerecht,  diese
durchweg  als  Fehler  zu  bezeichnen,  weil  sie  nicht
im  Interesse  des  Unternehmers  liegen.  Der  Italiener
        <pb n="37" />
        z.  B.  begnügt  sich  mit  dem  einfachsten  Lebensunterhalte. ­
  Sobald  mehrere  Zusammenarbeiten,  nähren  sie
sich  von  der  heimisch  zubereiteteten  Polenta,  einer
Nahrung,  die  für  die  anstrengende  Arbeit  in  einer
Fabrik  nicht  ausreicht  und  deshalb  eine  frühzeitige
Ermüdung  und  Erschlaffung  herbeiführt.  Andererseits ­
  geht  ihre  „Sorglosigkeit“  so  weit,  dass  die
Betriebsleitung  eines  Werkes  wegen  ihrer  Unreinlichkeit ­
  sich  gezwungen  sah,  ihnen  besondere  Aborte  zu
überweisen.  Als  ein  versöhnendes  Moment  bei  dieser
Charakteristik  soll  jedoch  hervorgehoben  werden,  dass
ebendieselben  Arbeiter,  die  den  ganzen  Winter  über
mit  den  allerkümmerlichsten  Verhältnissen  sich  begnügen, ­
  um  mit  ihren  Ersparnissen  ein  bescheidenes
Landgut  sich  zu  erwerben,  auf  dem  sie  ihre  alten
Tage  beschlossen  können,  ihre  Fabrikarbeit  aufgeben,
sobald  der  Frühling  ins  Land  zieht,  um  als  Erdarbeiter
sich  zu  verdingen,  wiewohl  ihr  Arbeitslohn  alsdann
im  Durchschnitt  bis  um  ein  Drittel  geringer  ist  als
ihr  Fabriklohn.  In  dieser  Erscheinung  liegt  ein
Idealismus,  dem  wohl  niemand  seine  Anerkennung
versagen  wird.  Es  erscheint  ungerechtfertigt,  von
dieser  wandernden  Arbeiterschaft  auf  den  heimischen
Stamm  selbst  zu  schliessen.  Es  werden  jedenfalls
nicht  die  besten  Elemente  sein,  welche  ihr  Brot  im
Auslande  suchen.
Andererseits  bedingt  nun  —  und  das  ist  der  Revers
der  Münze  —  dies  wandernde  Volk  einen  ziemlich
stetigen  Wechsel  im  Arbeiterpersonal,  worunter  der
Betrieb  der  Fabrik  nicht  unwesentlich  zu  leiden  hat.
Wo  eben  viel  Licht,  ist  auch  viel  Schatten.
Es  ist  vielleicht  nicht  ganz  uninteressant,  an  dieser
Stelle  noch  auf  einen  anderen  Grund  für  den  häufigen
Arbeiterwechsel,  die  freie  Arztwahl,  hinzuweisen.
Manche  von  dieser  wandernden  Arbeiterschaft  schlagen
        <pb n="38" />
        29

sich  damit  durch,  dass  sie,  nachdem  sie  wenige  Tage
in  der  Fabrik  gearbeitet  haben,  sich  von  einem  Arzt
einen  Krankenschein  ausstellen  lassen  und  nun  ohne
Aequivalent  ihre  Kassengelder  beziehen.  Bei  der
freien  Arztwahl  haben  nun  diejenigen  Aerzte  den
grössten  Zuspruch,  die  mit  der  Ausstellung  solcher
Atteste  am  liberalsten  sind.  Und  auch  für  die  Aerzte
in  dieser  armen  Gegend  gilt  das  Sprichwort  :  Not
bricht  Eisen.  Die  Arbeiter  aber,  die  ihren  Krankenschein ­
  bis  zum  äussersten  ausgenutzt  haben,  ziehen
weiter,  um  an  anderer  Stelle  ihren  Trick  von  neuem
auszuführen.  Gäbe  es  statt  der  freien  Aerztewahl
feste  Kassenärzte,  so  würde  dieser  Liberalismus  von
selbst  wegfallen.  Bei  den  nahen  Wechselbeziehungen
ist  es  hier  sehr  schwer,  Ursache  und  Wirkung  zu
unterscheiden.  Die  Ansicht  mancher  Betriebsleiter
geht  hier  wohl  zu  weit,  wenn  sie  als  Grund  für  den
häufigen  Personalwechsel  die  freie  Aerztewahl  angibt.
Jedenfalls  —  und  das  lässt  sich  nicht  abstreiten  —
wird  die  Unstetigkeit  des  Fabrikpersonals  durch  jene
begünstigt.  Dieser  häufige  Arbeiterwechsel  ist  um  so
unangenehmer,  als  selten  die  Kündigungszeit  innegehalten ­
  wird  und  die  Heranziehung  neuer  Arbeitskräfte ­
  bei  der  isolierten  Lage  der  Werke  mit  Schwierigkeiten ­
  und  Zeitverlust  verbunden  ist.  Alles  in  Allem
ist  die  zugewanderte  Arbeiterschaft  als  ein  notwendiges
Uebel  anzusehen,  um  die  einheimische  Bevölkerung
leiten  resp.  die  erforderlichen  Arbeitskräfte  überhaupt
beschaffen  zu  können.
D.  Die  Rohmaterialien.
Ebenso  wie  für  die  Arbeiterverhältnisse  ist  natürlich ­
  auch  für  die  Beschaffung  und  die  Preise  der
Rohmaterialien  die  Lage  der  Carbidwerke  von  ausschlaggebender ­
  Bedeutung.  Die  natürliche  Boden-
        <pb n="39" />
        30

gestaltung  bringt  es  mit  sich,  dass  meistenteils  in  der
Nähe  der  Wasserfälle  reiche,  zuweilen  auch  geeignete
Kalksteinlager  sich  befinden.  Viele  Werke  nun  beziehen ­
  ihren  Kalkstein  aus  den  Lagern  der  allernächsten
Nähe,  um  an  Transportkosten  zu  sparen.  Dies  hat
den  Vorteil,  dass  das  Werk  von  der  Konjunktur  und
Marktlage  unabhängig  ist,  den  Nachteil,  dass  das  Werk
an  die  Qualität  des  Kalkes  seiner  Gegend  gebunden
ist  und  deswegen  die  Reinheit  des  Carbids  zuweilen
zu  wünschen  übrig  lässt.  Demgegenüber  hat  der  Bezug ­
  von  gebranntem  Kalk  aus  einer  Kalkbrennerei
den  Vorzug,  dass  man  vorzügliches,  reines  Material
erhält  und  der  Preis  je  nach  der  Lage  besonders  bei
kleineren  Werken  sich  billiger  stellt,  da  eine  eigene
Brennerei  und  deren  Arbeitskräfte  nicht  voll  ausgenutzt ­
  werden.  Der  Bezug  des  Kalkes  hat  aber  den
Nachteil,  dass  man  ihn  stets  in  grösseren  Mengen  beziehen ­
  muss  und  er  dann  leicht  durch  Selbstlöschen  verdirbt. ­
  Nach  alle  diesem  lässt  sich  also  eine  Entscheidung
nur  auf  Grund  der  spezifischen  Verhältnisse  geben.
Für  eine  Tonne  Carbid  mit  einem  Verkaufspreis
von  zur  Zeit  220  M.  sind  ca.  950  —  1000  Kilo  Kalk
erforderlich.  Die  Unkosten  für  den  Kalk  sind  recht
verschieden.  Für  ein  ausländisches  Werk  setzten  sich
die  Gestehungskosten  pro  Tonne  wie  folgt  zusammen:
Beschaffung  der  Kalksteine  aus  dem  1000  m  entfernten
Bruche  3,40  M.  pro  1000  Kilo  Kalk;  das  Brennen  der
Kalksteine  (Material  und  Arbeitslöhne)  13,60  M.  =  zusammen ­
  17  M.  Ein  Schweizer  Werk  zahlt  pro  Tonne
17,60  M.  Ein  anderes  Werk  konnte  den  Kalkpreis
von  16,80  M.  auf  12,20  M.  dadurch  herabdrücken,
dass  durch  Vergrösserung  der  Produktion  die  Kalkbrennervollbeschäftigt ­
  werden.  Demgegenüber  erscheint
der  Preis  von  ca.  31  M.,  den  ein  anderes  Werk  in  den
Jahren  1901  und  1902  bezahlte,  ausserordentlich  hoch.
        <pb n="40" />
        31

Das  zweite  Rohmaterial,  die  Kohle,  wird  bei  allen
Fabriken  aus  grösserer  Entfernung  bezogen.  Wegen  der
Verschiedenheit  der  Transportkosten  und  der  Abhängigkeit ­
  von  der  Marktlage  variieren  die  Preise  sowohl
zeitlich  bei  ein  und  derselben  Fabrik,  als  auch  zu
gleicher  Zeit  bei  verschiedenen  Fabriken.  In  der
Regel  werden  für  ein  Jahr  Abschlüsse  auf  Lieferung
von  Kohlen  getroffen,  so  dass  kleinere  Schwankungen
und  Ueberraschungen  hierdurch  vermieden  werden
und  bei  grösseren  Carbidabschlüssen  feste  und  sichere
Rohmaterialpreise  der  Kalkulation  zu  Grunde  gelegt
werden  können.  Nachteilig  wirken  diese  langfristigen
Rohmateriallieferungs-Verträge  bei  unvorhergesehenen
Produktionseinschränkungen.
Für  eine  Tonne  Carbid  benötigt  man  theoretisch
562,5  Kilo  Kohle,  in  praxi  ca.  650—900  Kilo  ;  dies
hängt  von  der  Ofenkonstruktion  und  der  Aufmerksamkeit ­
  der  Bedienung  ab.  Diese  Ersparnisse  fallen  jedoch ­
  nicht  übermässig  ins  Gewicht,  da  die  Materialien
verhältnismässig  billig  sind.  Bis  Frühjahr  1901  galten
12—14  M.  ab  Werk  pro  Tonne  als  Normalpreise.  Infolge ­
  der  Koks-  und  Kohlensyndikate  schnellte  der
Preis  dann  auf  22—25  M.  loco  Werk.  Dahinzu  kommen
noch  die  Frachtkosten,  die  die  Preise  sehr  variieren.
So  bezahlen  einige  Schweizer  Werke  35—40  Fres,
eins  sogar  für  Koks  von  St.  Etienne  mit  allerdings
nur  3  —  5  %  Aschengehalt  50  fres.  Für  Oesterreich
stellen  sich  die  Kokspreise  auf  ca.  25—30  M.  In
Norwegen  und  Schweden  sind  dagegen  die  Kokspreise
trotz  der  Armut  des  Landes  an  Kohlen  wegen  der
Billigkeit  des  Wassertransportes  etwas  niedriger,  für
ein  Werk  (1900)  18  M.
Die  Verwendung  von  Anthracit  ist  verhältnismässig ­
  selten;  sein  Preis  stellte  sich  für  ein  deutsches
Werk  auf  ungefähr  22  M.
        <pb n="41" />
        32

Der  Vollständigkeit  halber  sei  noch  bemerkt,  dass
ein  Carbidwerk  in  Finnland  die  beabsichtigte  Verwendung ­
  von  Holzkohle  wegen  technischer  Schwierigkeiten ­
  aufgeben  musste  und  in  Konkurs  geriet,  da  die
Beschaffung  von  Koks  oder  Anthracit  aus  England
und  Deutschland  zu  teuer  kam,  ein  Beweis,  mit
welcher  Sorglosigkeit  industrielle  Unternehmungen  zuweilen ­
  gegründet  werden.
Als  Hilfsmaterial  ist  schliesslich  die  Elektrodenkohle ­
  zu  nennen.  Ihr  Verbrauch  hängt  von  der  Ofenkonstruktion ­
  ab  und  ist  bei  älteren  Oefen  4—5  mal
so  hoch  wie  bei  den  neuesten.  Ihr  Preis  stellte  sich
für  einzelne  Carbidwerke  infolge  der  Transportkosten
und  des  Zolles  ca.  dreimal  so  hoch  (60  Pfg.  pro  Kilo)
als  die  Kohle  ab  Fabrik  kostete,  so  dass  für  ein
Carbidwerk  —  in  besonders  ungünstiger  Lage  —  das
mit  alten  Oefen  arbeitete,  das  Hilfsmaterial  beinahe
2  mal  so  teuer  war  als  die  Rohmaterialien.  Dass  natürlich ­
  bei  einer  derartigen  Verzerrung  der  Selbstkostenfaktoren ­
  an  eine  Konkurrenzfähigkeit  nicht  zu  denken
ist,  ist  selbstverständlich.  Dies  kleine  Beispiel  beweist,
dass  die  Rentabilität  der  einzelnen  Werke  weit  mehr
eine  Funktion  der  Selbstkosten  als  der  allgemeinen
Marktlage  ist  und  es  verlohnt  sich  deshalb  der  Mühe,
auf  diesen  Punkt  näher  einzugehen.
E.  Selbstkosten.
In  der  ersten  Zeit  der  Carbidindustrie,  als  noch
keine  Erfahrungen  Vorlagen,  wurden  die  Selbstkosten
ganz  schematisch  ohne  Berücksichtigung  aller  spezifischen ­
  Eigenschaften  aufgestellt.  Besonders  die  Produktionsfähigkeit ­
  der  elektrischen  Oefen,  die  die
Grundlage  des  Voranschlags  bildete,  wich  sehr  bedeutend ­
  von  der  tatsächlich  erreichten  ab.  Manche
Werke  konnten  mit  ihren  Oefen  kaum  ein  Drittel  der
        <pb n="42" />
        garantierten  Leistung  erreichen.  Die  Folge  hiervon
waren  Schadenersatz  -  Ansprüche,  lange  Prozesse  und
zum  Teil  die  Unrentabität  der  Werke.  Bei  einzelnen
Werken  stellten  sich  in  der  ersten  Zeit  die  tatsächlichen ­
  Unkosten  um  260  %  höher,  also  auf  das  3,6-fache
  der  ursprünglich  veranschlagten  Unkosten.
Glücklicherweise  waren  die  Verkaufspreise  in  der
ersten  Zeit  so  hoch,  dass  wenigstens  einzelne  Werke
trotzdem  mit  Gewinn  arbeiten  konnten.
Im  Gegensatz  zu  diesen  Phantasiegebilden,  die
wohl  ziemlich  allgemein  aut  eine  tendenziöse  Reklame
eines  Teils  der  bauausführenden  Firmen  zurückzuführen ­
  sind,  mögen  nun  einige  Zahlen  folgen,  wie  sie
tatsächlich  aus  der  Praxis,  wenn  auch  zum  Teil  aus
früheren  Jahren,  sich  ergeben  haben.  Das  Werk,  auf
das  sich  die  nachfolgenden  Zahlen  beziehen,  produzierte ­
  in  dem  ersten  Jahre  ca.  Vs,  im  zweiten  ca.  1 U
seiner  Leistungsfähigkeit.  In  der  ersten  Zeit  dieses
zweiten  Betriebsjahres  war  jedoch  das  Werk  zur  Hälfte
vollbeschäftigt,  während  in  der  zweiten  Hälfte  des
Jahres  der  Betrieb  eingestellt  wurde,  so  dass  sich  im
Durchschnitt  eine  Belastung  von  l U  ergab.  Die  Selbstkosten ­
  setzten  sich  pro  Tonne  wie  folgt  zusammen  :

im  ersten  im  zweiten
Betriebs-  Betriebsjahre ­
  jahre
1.  Zinsen  u.  Generalunkosten  ca.  91,60  M.  120,00  M.
2.  Utensilien  „  0,50  „  1,50  „
3.  Materialien  68,00  „  67,30  „
4.  Gehälter  und  Löhne  .  .  „  56,20  „  61,00  „
5.  Fuhrwerkskonto  .  .  .  .  „  5,25  „  4,20  „
6.  Verpackungskonto  .  .  .  „  19,00  „  30,00  „
7.  Reparaturenkonto  .  .  .  „  2,90  „  5,50  „
8.  Abschreibungen  ....  „  —  —
Es  ergeben  sich  demnach
die  Selbstkosten  zu  243,45  M.  289,50  M.
Wange  mann,  Die  Calciumearbidindustrie.  3
        <pb n="43" />
        Zu  diesen  Zahlen  ist  folgendes  zu  bemerken:  Die
Steigerung  von  1.  ist  dadurch  zu  erklären,  dass  die
Generalunkosten,  trotz  der  Verminderung  der  Produktion ­
  annähernd  dieselben  blieben  ;  die  Quote  für
die  Einheit  des  Produktes  also  stieg.  Das  Lohnkonto
stieg  im  zweiten  Jahre,  weil  die  Monteure  der  bauausführenden ­
  Firma  nach  Beendigung  des  Probebetriebes
durch  eigenes  Personal  ersetzt  werden  mussten.  Die
Erhöhung  der  Verpackungsunkosten  wurde  durch  Verbesserung ­
  der  Emballage  erforderlich.  Das  Reparaturenkonto ­
  erhöhte  sich,  weil  für  einige  Gegenstände  die
Garantiezeit  bereits  abgelaufen  war.  Der  Verkaufspreis ­
  war  wesentlich  geringer  als  der  Selbstkostenpreis. ­
  Der  Hauptgrund  für  diese  Erscheinung  lag
darin,  dass  das  Werk  nicht  voll  beschäftigt  war.  Bei
Vollbelastung  der  Anlage  hätten  sich  die  Generalunkosten ­
  auf  30  M.,  ebenso  das  Lohnkonto  auf  ca.
34  M.  ermässigt,  so  dass  sich  die  Selbstkosten  einschliesslich ­
  Verpackung  aber  excl.  Abschreibungen
alsdann  auf  172,50  M.  gestellt  hätten.  Bei  einem
anderen  Werke,  das  mit  ca.  3000  P  S.  arbeitet,  ergaben ­
  sich  die  Selbstkosten  zu  196,82  M.  Dabei  ist
zu  bemerken,  dass  einerseits  das  Werk  nicht  vollständig ­
  belastet  war,  andererseits  die  Abschreibungen
sehr  gering  waren.  Diese  Angabe  der  Selbstkosten
bezieht  sich  auf  das  Jahr  1900,  und  dies  ist  insofern
von  Wichtigkeit,  als  die  Fortschritte  der  Technik  einen
ganz  wesentlichen  Einfluss  auf  die  Höhe  der  Selbstkosten ­
  ausüben.  Hierfür  ein  Beispiel  :  Eine  mittlere
Fabrik  konnte  mit  ihrer  ersten  Ofenanlage  nur  ca.  l U
ihrer  durch  die  Wasserkraft  bestimmten  Leistungsfähigkeit ­
  pro  Jahr  produzieren.  Durch  Aufstellung
neuer  Oefen,  die  einen  Teil  der  Produktion  übernahmen, ­
  war  es  gelungen,  die  Produktion  auf  das
Doppelte  der  früheren  zu  steigern.  Die  neueren  Oefen
        <pb n="44" />
        3*

35

hatten  den  alten  gegenüber  den  Vorteil,  dass  sie
leistungsfähiger  waren,  ca.  12—20  %  weniger  Material
verbrauchten,  ganz  besonders  aber  an  Elektrodenkohlen
sparten.  Dahinzu  kam  noch,  dass  die  Oefen  weniger
Bedienung  und  Reparaturen  verlangten.
Zugleich  wurden  auch  die  Löhne  eines  Teils  des
Arbeiterpersonals  herabgesetzt.  Im  Nachstehenden
mögen  die  Zahlenangaben  der  Selbstkosten  folgen.
(Inbetreff  der  mit  römischen  Ziffern  bezeichneten  Angaben ­
  siehe  weiter  unten).

Produktion  aus
alten  Oefen  neuen  Oefen

Materialien  .  .  .  1.
Gehälter  2.
Löhne  3.
Transportkosten  4.
Generalunkosten  5.
Abschreibungen  6.

124
64
47
200

435  M.

a)  60,90
c)  I  29
d)  6,10
e)  77,00
D  -
172,00

Meran
I.  52,00
II.  10,70
III.  15,30
IV.  2,60
V.  70,60
VI.  26,30
172,00

Hierzu  ist  folgendes  zu  bemerken  :  Die  ganz  unverhältnismässige ­
  Höhe  der  Materialkosten  bei  1.  gegenüber ­
  a)  wird  durch  den  ausserordentlichen  Abbrand
der  für  diese  Fabrik  sehr  teuren  Elektroden  und  die
Materialersparnis  von  15—20  %  bestimmt.  Der  Unterschied ­
  zwischen  2.,  3.  und  b),  c)  beruht  darauf,  dass
die  Löhne,  wie  schon  erwähnt,  herabgesetzt  worden
sind,  die  Oefen  eine  geringere  Bedienung  erforderten
und  dass  die  Summe  der  festen  Gehälter  sich  im  Falle
b)  auf  eine  grössere  Produktionsmenge  verteilte.  Der
Unterschied  zwischen  4.  und  d)  scheint  durch  einen
s.  Z.  bereits  geplanten  Bahnanschluss  erbracht  woiden
zu  sein,  jedoch  war  es  leider  nicht  möglich,  hierüber
rechtzeitig  Auskunft  zu  erhalten.  Allgemein  sei  noch
bemerkt,  dass  den  Zahlenangaben  für  den  Betrieb  mit
den  alten  Oefen  nur  die  Erfahrung  weniger  Monate
        <pb n="45" />
        36

zu  Grunde  liegt,  da  man  sehr  schnell  schon  die  Fehler
erkannte  und  die  neuen  Oefen  einführte.  Zu  beachten
ist  noch,  dass  ein  Zuschlag  für  Abschreibungen  des
Anlagekapitals  in  Rechnung  zu  stellen  ist,  wenn  man
die  Selbstkosten  dieser  Fabrik  mit  denen  in  Meran
vergleichen  will.
Die  mit  römischen  Ziffern  bezeichnten  Angaben
beziehen  sich  auf  das  Meraner  Werk  und  sind  bereits
in  L’éclairage  électrique  1899  veröffentlicht.  Die  Zahlen
sind  in  Mark  umgerechnet  und  abgerundet  worden
Der  Vollständigkeit  halber  und  zum  Zwecke  des  Vergleichs ­
  mit  den  übrigen  Angaben  erschien  eine  Wiederholung ­
  an  dieser  Stelle  angebracht.  Bei  den
Werken,  die  mit  den  modernsten  Einrichtungen  versehen ­
  sind,  soll  sich  jetzt  der  Herstellungspreis  auf
100—120  M.  pro  Tonne  excl.  Verpackung  aber  einschl.
Amortisation  stellen.
Es  ist  sehr  zu  bedauern,  dass  über  dies  sehr
wichtige  und  lehrreiche  Kapitel  der  Selbstkosten
ausserordentlich  schwer  detaillierte  Angaben,  wenigstens
aus  der  letzten  Zeit,  zu  erhalten  sind.  Dazu  kommt
noch,  dass  dies  wenige  Material  lückenhaft  ist  oder
wenigstens  wegen  der  Verschiedenheit  der  Zusammenfassung ­
  selten  direkte  Vergleiche  zulässt  Jedenfalls
zeigen  aber  auch  diese  wenigen  Zahlen  schon  zweierlei, ­
  erstens,  wie  verschiedenartig  sich  die  Selbstkosten
gestalten  können  und  wie  verhängnisvoll  es  demnach
für  den  Unternehmer  werden  kann,  wenn  er  den
schematischen  Voranschlägen,  die  schon  im  Jahre  1897
mit  80—120  M.  pro  Tonne  rechneten,  folgt;  zweitens,
welchen  Einfluss  die  Leistungsfähigkeit  der  Oefen
und  ganz  allgemein  die  technische  Vollkommenheit
der  Einrichtungen,  der  Grad  der  Beschäftigung  der
Fabrik  auf  die  Selbstkosten  und  damit  auf  den  Gewinn
ausübt.  Nach  alle  diesem  ist  es  also  wünschenswert,
        <pb n="46" />
        37

die  Betriebsbedingungen  und  die  gesamte  Organisation
so  zu  gestalten,  dass  die  Selbstkosten  sich  hauptsächlichst ­
  als  Spezialunkosten  und  nicht  als  Pauschaloder ­
  Generalunkosten  darstellen,  selbst  wenn  sich  dadurch ­
  die  Selbstkosten  etwas  erhöhen  sollten.  Die
Rentabilität  des  Werkes  ist  dadurch  wesentlich  mehr
gesichert,  weil  sie  jetzt  weit  weniger  unter  einer
eventuellen  Verringerung  des  Absatzes  zu  leiden  hat.
Gerade  bei  schlechtem  Geschäftsgänge,  wo  die  Vsrkaufspreise
  verringert  werden  sollen,  wachsen,  wenn
die  General  Unkosten  überwiegen,  entsprechend  der
Verringerung  der  Produktion  die  Selbstkosten,  die
Konkurrenzfähigkeit  nimmt  ab  und  dabei  sinkt  die
Produktion,  die  einzelnen  Faktoren  steigern  sich  also
gegenseitig  bis  zum  völligen  Ruin  des  Werkes.
Für  die  Grösse  der  Produktion  ist  aber  nicht  nur
der  Herstellungsprozess  und  die  Selbstkosten,  weit  mehr
noch  die  Form  des  Absatzes  und  des  Vertriebes  der
Produkte,  die  Aufnahmefähigkeit  des  Konsumgebietes,
die  Transportkosten,  Witterungs  Verhältnisse  etc.  von
ausschlaggebender  Bedeutung,  Faktoren  die  noch  weit
schwieriger  zu  einer  Berechnung  zusammen  zu  fassen
sind,  als  die  bisher  betrachteten  Herstellungskosten.

F.  Der  Vertrieb  des  Carbids.
Die  durch  die  Wasserkräfte  bestimmte  Lage  der
Carbidwerke  ist  für  die  Entwicklung  des  Konsums
und  damit  auch  für  die  Beschäftigung  der  Fabriken
von  Einfluss.  In  Deutschland  selbst  sind  die  wenigen
Werke  mit  einer  Ausnahme  in  die  süddeutsche
Gebirgsgegend  zusammengedrängt.  In  gleicher  Weise
liegen  auch  die  übrigen,  nach  Deutschland  liefernden
Werke  der  Schweiz,  Oesterreichs,  Norwegens  in  verschiedenen ­
  Gruppen  meist  in  grösserer  Zahl  dicht  beieinander. ­
  Von  einer  wünschenswerten  Verteilung  der
        <pb n="47" />
        38

Fabriken  über  das  Konsumgebiet  kann  keine  Rede
sein.  Die  durch  die  Lage  der  Werke  bedingten
grösseren  Transporte  erschweren  wegen  der  spezifischen
Eigenschaften  und  des  verhältnismässig  geringen  Wertes
des  Carbids  die  Absatzfähigkeit  ganz  wesentlich.  Die
chemischen  Eigenschaften  des  Carbids  machen  eine
ganz  hermetisch  abgeschlossene  Blechemballage  erforderlich, ­
  die  je  nach  ihrem  Inhalte  10  —  18%  des
jetzigen  Verkaufspreises  kostet.  Hat  die  Blechemballage
einen  grossen  Inhalt,  so  verringert  sich  dieser  prozentuale ­
  Wertsatz.  Das  Carbid  muss  dann  aber
längere  Zeit  im  offenen  Gefässe  aufbewahrt  oder
umgepackt  werden.  Ist  der  Emballageninhalt  klein,
so  fällt  dieser  Nachteil  fort,  der  Preis  der  Verpackung
im  Verhältnis  zum  Werte  des  Inhaltes  wird  aber
teurer.  Die  Blechgefässe  werden  beim  Versand  auf
grössere  Entfernungen  in  eisenbeschlagenen  Kisten
verpackt  oder  anderweitig  mit  Holz  umkleidet.  Unter
besonderen  Verhältnissen,  z.  B.  bei  Schiffsunfällen,
Feuersbrunst,  kann  die  Emballage  verletzt  werden
und  durch  Eindringen  von  Wasser  sich  Acetylen  entwickeln. ­
  Diese  Gasentwicklung  ist  sogar  bei  Bränden
ungefährlich,  jedoch  nur  dann,  wenn  eine  Ansammlung
grösserer  Gasmengen  resp.  die  Entzündung  des  entwickelten ­
  Gases  vermieden  wird.  Hiernach  ist  das  Carbid
alseine  besondere  Gefahrenquelle  nicht  anzusehen.  Trotzdem ­
  machen  die  meisten  Verkehrsanstalten  Schwierig
keifen.  Die  Post  lehnt  strikte  jede  Versendung  von
Carbid  ab.  Die  Eisenbahnen  in  ausserdeutschen  Ländern
haben  dem  Transport  von  Carbid  ebenfalls  lange  Zeit
Schwierigkeiten  entgegen  gesetzt,  während  hingegen  die
deutschen  Eisenbahnverwaltungen  im  allgemeinen  sogar
durch  Spezialtarife  den  Versand  erleichtert  haben.
Wesentlich  ungünstiger  liegen  die  Verhältnisse
beim  Schiffsverkehr  und  dies  ist  umso  schwerwiegen-
        <pb n="48" />
        der,  da  bei  dem  verhältnismässig  geringen  Wert  des
Materials  der  Carbidversand  in  erster  Linie  auf  den
billigen  Wassertransport  angewiesen  ist.  Lange  Zeit
hindurch  haben  viele  Schifffahrts  -  Gesellschaften  den
Transport  rundweg  abgelehnt.  Jetzt  dagegen  ist  er
nur  unter  besonderen  Vorsichtsmassregeln  gestattet
und  diesen  lässt  sich  eine  gewisse  Berechtigung  nicht
abstreiten,  da  die  unbeabsichtigte  Berührung  von
Wasser  und  Carbid  recht  unangenehme  Folgen  haben
kann.  Aus  diesem  Grunde  hat  die  Hafenpolizei  in
den  verschiedenen  Städten  sehr  scharfe  Vorschriften
erlassen.  Für  die  Umladung  des  Carbids  von  den
norwegischen,  schwedischen  oder  auch  binnenländischen
Frachtschiffen  in  die  Ueberseedampfer  bestehen  besondere ­
  Vorschriften.  Das  Löschen  der  Frachtschiffe  hat
sofort  nach  deren  Eintreffen  zu  geschehen.  Kann  die
Ueberfuhr  des  Carbids  vermittelst  der  Schuten  nicht
sofort  längsseits  des  betreffenden  Ueberseedampfers
erfolgen,  so  muss  die  Ware  in  besonderen  Lagerhäusern
untergebracht  werden.  In  praxi  wird  diese  Einlagerung
fast  immer  notwendig  und  verursacht  sehr  bedeutende
Spesen,  ca.  4  o/o  des  Wertes  pro  Tag,  so  dass  leicht
auch  der  grösste  Gewinn  durch  ganz  unberechenbare
Umstände  aufgezehrt  wird.  Die  Schifffahrtsgesellschaften ­
  ihrerseits  erschweren  in  gleicher  Weise  den
Carbidtransport.  Ein  grosser  Teil,  z.  B.  die  englischen
Schiffe,  nehmen  das  Calciumcarbid  überhaupt  nicht  an,
so  dass  das  meiste  Carbid  der  englischen  Exporteure
über  Hamburg  verschifft  wird.  Die  deutschen  Gesellschaften ­
  stellen  entweder  besonders  rigorose  Verpackungsvorschiiften,
  so  forderten  sie  z.  B.  den  Versand
in  Blei-  und  Holzkisten  oder  in  schmiedeeisernen  Behältern ­
  und  Kisten  mit  einem  derartig  geringen  Nettoinhalt, ­
  dass  die  Kosten  der  Verpackung  höher  waren
als  der  Wert  des  Inhalts  oder  aber  die  Frachtsätze
        <pb n="49" />
        40  —

ñostock

Lm

ttarnbu,

remen

»w

m

//o/zm/nden

//ortm/íd

/W'

0

assez

'r*'S

0
C?  C/temm/z

Corns.  3

ee/oorf

rhenbic,

d

r/er

%/ie//bronn
dStuffgart

/reoensburj;

mt/fidhen

41

fä/i/ßiierj/

fànz/f

tibino

Schneii/emunl

e  2isü  dr/f
3  2*t  Mrk
0  23,  so  M
O  4^
+  22,50  Mrk
/
-  Æ#

ffm/a
        <pb n="50" />
        42

wurden  für  Calciumcarbid  erhöht,  so  war  z.  B.  die
Fracht  Hamburg-Buenos  Aires  bei  der  de  Fraita-Linie
lOmaT  höher  als  für  gewöhnliches  Stückgut  und  mehr
als  doppelt  so  hoch  wie  für  chlorsaures  Kali  Die
Hamburg  -  Amerika  -  Linie  verschifft  Calcium  -  Carbid
nur  nach  Ostasien  und  berechnet  für  die  Fracht  4  bis
5  mal  so  viel  wie  für  chlorsaures  Kali.  Der  Versand
in  Segelschiffen  verbilligt  den  Transport  auch  nicht,
da  annähernd  die  Ersparnis  an  Fracht  durch  Erhöhung
der  Versicherungsprämie  ausgeglichen  wird.  Dazu
kommt  noch  die  lange  Dauer  der  Reise,  die  von
Hamburg  nach  Sidney  ungefähr  l U  Jahr  beträgt.  Diese
Schwierigkeiten  bildeten  den  Grund,  weshalb  die  Ware
aus  den  Vereinigten  Staaten  infolge  des  Entgegenkommens ­
  der  amerikanischen  Rhedereien  im  allgemeinen ­
  billiger  geliefert  werden  konnte  als  deutsche,
bis  durch  Syndikatsbestimmung  der  Weltmarkt  geteilt
wurde.  Im  Jahre  1900  betrugen  die  Frachtsätze  pro
Tonne  einschl.  Versicherung  etc.:

Natürlich  gestalten  sich  bei  den  einzelnen  Rhedereien ­
  die  Tarifsätze  etwas  verschieden.  Wesentliche
Verschiebungen  in  dieser  Tarifierung  sind  seitdem
nicht  eingetreten.  Dieser  Zeitpunkt  schien  aber  besonders ­
  charakteristisch,  speziell  für  die  Entwicklung
des  Marktes  (siehe  Abschnitt  III),  sodass  es  gerechtfertigt ­
  erschien,  diese  Tarifzahlen  hier  zum  Vergleich ­
  heranzuziehen.
Aber  nicht  nur  der  Seetransport  von  Carbid
wird  wesentlich  durch  die  Verpackungsvorschriften
und  Kosten  erschwert,  sondern  auch  der  Flussschifffahrtsverkehr ­
  erfordert  reichliche  Spesen,  wiewohl  er

von  Hamburg

von  New-York  aus

nach  Buenos-Aires  ca.  82  M.
nach  Sydney  „  132  „
nach  Yokohama  „  294  „

ca.  70  M.

„  100  „
„  150  „
        <pb n="51" />
        43

immer  noch  billiger  ist  als  der  Eisenbahntransport.
Zum  Beispiel  betragen  die  Frachtkosten  pro  100  Kilo,
Verpackung,  Fracht  Norwegen  -  Stettin,  Spedition,
Schlepperfracht  Stettin-Berlin,  Lagerkosten,  Agentenprovision, ­
  Transport-  und  Feuerversicherung.  Zinsverluste ­
  für  die  Transportdauer  ca.  7,75  Mk.  ==  35%
des  jetzigen  Verkaufswertes.
Die  relativ  bedeutende  Höhe  der  Transportkosten
im  Verhältnis  zum  eigentlichen  Werte  ist  der  Grund
für  die  Verschiedenheit  der  Verkaufspreise  in  den
einzelnen  Gegenden.
Eine  ganz  interessante  Zusammenstellung  der
Frachtkosten  ergibt  sich  aus  den  früheren  Monatsberichten ­
  der  Allgemeinen  Carbid-  und  Acetylen-Gesellschaft. ­
  Diese  stellte  die  Verkaufspreise  von  Carbid
für  37  Städte  Deutschlands  zusammen.  Die  Preisdifferenzen ­
  wurden  früher  hauptsächlich  durch  die
Frachtkosten  von  der  Einbruchsstelle  zum  Konsumgebiet
bedingt,  während  die  Zuschläge  für  Lagerung,  Provision, ­
  Transport-  und  Feuerversicherung  etc.  etc.  im
allgemeinen  dieselben  waren.  Die  nachstehende  Tabelle ­
  vom  Juli  1001  möge  einen  ungefähren  Ueberblick
  über  den  Einfluss  der  Transportkosten  auf  die
Preisgestaltung  tür  Locoware  geben,  (vergl.  auch  die
kartographische  Darstellung  Seite  40—41)

Stettin
Basel  .
Bremen
Lübeck
Posen
Rostock

21.50  Mk.
22,00  „
22.50  „
22,50  „
22,50  „
22,50  „

Schneidemühl  22,50
Braunschweig  23,00
Hannover  .  23,00
Mannheim  .  23,00

Breslau  .  .  22,50  Mk.
Berlin  .  .  22,50  ,,
Danzig  .  .  22,50  .,
Königsberg  .  23,50  „
Dortmund  .  23,50  „
Lütgendortmund  23,50  „
Betzdorf  .  .  24,00  „
Erfurt  .  .  24,00  „
Köln  .  .  .  24,00  „
Leipzig  .  .  24,00  „
        <pb n="52" />
        44

Holzminden
Chemnitz
Cassel
Detmold  .
Dresden  .
Elbing
Hamburg
Halle  .  .

23,00  Mk.
23,50  „
23,50  „
23,50  ,,
23,50  „
23,50  Mk.
23,50  „
23,50  „

München  .  24,00  Mk.
Regensburg.  24,00  „
Stuttgart  .  24,00  „
Bamberg  .  24,50  „
Frankfurt  a.  M.  24,50  „
Heilbronn  .  24,50  „
Reichenbach  24,50  „
Trier  .  .  .  24,50  ,,

Der  niedrigste  Preis  ist  um  3  Mk.  geringer  als
der  höchste,  sodass  die  Transportkosten  innerhalb
Deutschland  je  nach  der  Lage  den  Preis  des  Materials
um  15%  erhöhen.
Die  Tabelle,  nach  steigenden  Preisen  geordnet,
zeigt  deutlich  zweierlei,  einmal,  dass  für  manche
Gegenden  die  Carbidpreise  infolge  der  Transportkosten
so  hoch  sind,  dass  ein  kleines  Carbidwerk,  das  nur
das  nächste  Konsumgebiet  versorgt,  wohl  rentieren
könnte,  da  seine  Selbstkosten  geringer  sein  würden
als  die  der  zwar  billiger  produzierenden  grösseren
Werke  plus  den  Zuschlägen  für  die  Transportkosten;
zweitens  zeigt  die  Preistabelle,  dass  der  Carbidpreis
keinen  direkten  Einfluss  auf  den  Konsum  ausübt,  denn
gerade  in  denjenigen  Gegenden,  in  denen  bekanntlich
dieAcetylenbeleuchtungdie  mit  wohl  weiteste  Verbreitung
gefunden  hat,  z.  B.  Maingegend,  Württemberg,  sind
die  Carbidpreise  am  höchsten,  auch  wenn  man  die
Verschiedenheit  des  Geldwertes  für  die  einzelnen
Gegenden  berücksichtigen  würde.  Heutzutage  werden
die  Preise  für  Locoware  durch  finanzpolitische  Gründe,
Nähe  der  Outsieder  etc.  mitbestimmt.
Ein  anderer  Punkt,  der  für  den  Vertrieb  von
Calciumcarbid  von  schwerwiegender  Bedeutung  ist,
ist  die  Lagerung  von  Vorräten.
Wie  für  andere  feuergefährliche  Stoffe,  wie
Benzin,  Petroleum  etc.,  gelten  auch  für  Calciumcarbid
        <pb n="53" />
        45

besondere  Verordnungen.  Die  verschiedenen  Ortspolizeivorschriften ­
  lieferten  die  Industrie  der  Willkür
und  subjektiven  Anschauung  einzelner  vielfach  aus.
Die  Bundesstaatsn  sind  jedoch  unter  Mitwirkung
der  beteiligten  Kreise  gerade  jetzt  mit  einer  Neuregelung ­
  dieser  Frage  beschäftigt.  Hoffentlich  wird
sie  im  allgemeinen  zur  Zufriedenheit  der  Interessenten
gelöst.

6.  Consoiu.
Die  Leichtigkeit,  mit  welcher  das  Acetylen  aus
dem  Calciumcarbid  durch  Uebergiessen  mit  Wasser
hergestellt  werden  kann  in  Verbindung  mit  der
Leuchtkraft,  mit  der  die  Flamme  verbrennt,  gibt  der
Acetylenbeleuchtung  ein  besonderes  Verwendungsgebiet. ­
  Ueberall  da,  wo  die  Petroleumlampe  nicht
ausreicht,  eine  Kohlengasanstalt  oder  ein  Elektrizitätswerk ­
  nicht  rentiert,  ist  die  Acetylenbeleuchtung  am
Platze,  also  bei  sogenannten  Blockstationen  zur  Beleuchtung ­
  einzelner  oder  mehrerer  Häuser,  bei  Zentralen
für  kleine  Gemeinden  etc.  Die  Rentabilität  des  Acetylens ­
  gegenüber  der  von  Gas  und  Elektrizität  beruht
weniger  in  der  Verringerung  des  Anlagekapitals  für  Acetylenzentralen, ­
  als  vielmehrinderder  Betriebskosten.  Eine
kleine  Gas-oder  Elektrizitätszentrale  muss  mindestens  mit
3  Mann  Bedienung,  das  heisst  miteinem  Personalkonto  von
ca.  4500  Mk.  pro  Jahr  rechnen,  während  eine  Acetylenanlage ­
  von  gleicher  Leistungsfähigkeit  die  Arbeit  eines
Klempners  für  1V2—2  Stunden  pro  Tag  verlangt.
Die  Besoldung  des  Klempners  ist  verhältnismässig  gering, ­
  zumal  da  ihm  die  Installation  der  Hausanschlüsse
etc.  meist  überwiesen  wird.  Die  Zentralen  sind  das
gegebene  Entwickelungsgebiet  für  die  Acetylenbeleuchtung. ­
  Es  sind  immerhin  grössere  Anlagen,  die
von  renommierten  Firmen  und  deshalb  sachgemäss
        <pb n="54" />
        46

ausgeführt  und  von  eingeschulten  Kräften  überwacht
werden.
Nicht  so  günstig  liegen  die  Verhältnisse  bei
kleineren  Apparaten,  die  nur  einzelne  Gehöfte  etc.
mit  Licht  versorgen.  Sie  sind  zum  Teil  von  recht
unbefugten  Händen  und  alsdann  der  Konkurrenz  wegen
billig,  aber  schlecht  gebaut,  sie  werden  unsachgemäss
durch  Landleute,  Hausknechte  behandelt  und  haben
deshalb  auch  zu  zahlreichen  Unglückställen  Veranlassung ­
  gegeben.
Absolut  unbrauchbar  haben  sich  bis  jetzt  die
tragbaren  Hauslampen  erwiesen.  Konstruktionsschwierigkeiten, ­
  sowie  die,  das  Gas  zu  reinigen  und  die
Nachvergasung 1 )  zu  verhindern,  sind  bis  jetzt  nicht  zu
überwinden  gewesen,  wiewohl  eine  rationelle  Tischlampe ­
  eine  ausserordentliche  Verbreitung  Anden  und
somit  eine  ganz  wesentliche  Steigerung  des  Carbidkonsums
  herbeiführen  könnte.  Die  geringen  Anlagekosten ­
  einer  einfachen  Lampe  würde  niemand  scheuen,
dem  es  auf  die  Lichtstärke  seiner  Beleuchtung  ankommt, ­
  dagegen  spielt  die  Höhe  der  Kosten  einer
Hausanlage  oder  eines  Hausanschlusses  an  das  Rohrnetz ­
  einer  Zentrale  eine  ganz  wesentliche  Rolle,  besonders ­
  für  die  Bevölkerung  des  flachen  Landes.  Der
einfache  Mann  ist  nicht  genügend  finanziell  geschult,
auch  meist  überhaupt  nicht  in  der  Lage,  eine  grössere
Ausgabe  zu  machen,  die  sich  erst  allmählich  durch
Ersparnisse  im  Betriebe  rentiert.  Dazu  kommt
noch  ein  psychologisches  Moment:  Die  sprichwörtliche
Abneigung  des  Landmannes  gegen  alles  Fremde,  ganz
besonders  aber  gegen  die  gefährliche  Acetylenbe-1
 )  Trotz  der  unzähligen  Patentanmeldungen,  die  die  Acetylenindustrie ­
  aufzuweisen  hat,  ist  noch  kein  Versuch  bekannt  geworden, ­
  die  Nacvergasung  durch  Anwendung  von  Absorptionsflüssigkeiten ­
  zu  umgehen.
        <pb n="55" />
        47

leuchtung,  vor  der  die  Presse  tagtäglich  warnt.  Tatsache
ist,  dass  die  häufigen  Unfälle  der  Acetylenindustrie
weit  mehr  geschadet  haben,  als  alles  andere.
Es  ist  Mode  geworden,  jede  Explosion  eine  „Acetylenexplosion“ ­
  zu  nennen,  wenn  auch  in  letzter  Zeit  in
den  seltensten  Fällen  tatsächlich  eine  solche  vorlag.
Ein  gewisses  Verschulden  ist  nicht  abzustreiten.  Von
unbefugter  Seite  werden  billige,  aber  schlechte  Apparate ­
  auf  den  Markt  geworfen,  zum  Teil,  ohne  dass  ihre
Konstruktion  genügend  ausprobiert  ist.  Leider  wurde  auch
vielfach  nicht  das  nötige  Gewicht  auf  die  Einfachheit  und
Betriebssicherheit  gelegt,  zumal  da  die  Apparate  zuweilen ­
  der  ungeschicktesten  Behandlung  ausgesetzt
sind.  Dazu  kommt  noch  die  ausserordentlich
schlechte  finanzielle  Lage  der  Acetylen-Industrie.  Es
fehlen  ihr  die  Mittel,  durch  eine  wirksame,  aber  teure
Reklame  den  Angriffen  in  der  Presse  entgegen  zu
treten  und  durch  persönliche  Agitation  auf  dem  flachen
Lande,  durch  Reisende,  Agenten  etc.  sich  das  Konsumgebiet ­
  zu  erobern.  Oft  auch  sind  einzelne  Firmen
wegen  schlechter  Honorierung  nicht  in  der  Lage,
ihre  Ingenieure  längere  Zeit  zu  behalten  und  der
häufige  Personalwechsel  bedingt  stets  neue  Versuche,
neue  Erfahrungen  und  damit  neue  Kosten.  Hoffentlich ­
  bringt  aber  die  vom  Acetylenverein  selbst  angestrebte ­
  staatliche  Aufsicht  eine  Sanierung  der  Industrie ­
  und  damit  auch  das  Zutrauen  des  Kapitals
mit  sich,  das  ihr  jetzt  vollkommen  fehlt,  (vergl.  Abschnitt ­
  IV).
Ein  absolut  sicheres,  aber  begrenztes  Konsumgebiet ­
  haben  sich  die  Carbidwerke  bei  den  Eisenbahnbehörden ­
  erworben.  Diese  stellen  aus  dem
Acetylen  und  den  bisher  verwandten  Fettgasen  ein
Mischgas  her,  das  mit  grösserer  Leuchtkraft  als  das
Fettgas  allein  verbrennt.  Nachdem  nun  fast  durch-
        <pb n="56" />
        48

weg  die  Personenwagen  der  deutschen  Eisenbahnverwaltungen ­
  mit  Mischgas  versehen  worden  sind,  ist
eine  besondere  Zunahme  des  Carbidkonsums  auf  diesem
Gebiete  nicht  zu  erwarten,  soweit  sie  nicht  durch  die
natürliche  Vergrösserung  des  Verkehrs  bedingt  ist.
Jedenfalls  bedeuten  die  langfristigen  Lieferungsverträge, ­
  die  die  Eisenbahnbehörden  abschliessen,  bei
verhältnismässig  sehr  guten  Preisen  eine  gewisse
Sicherheit  für  einzelne  deutsche  Carbidwerke.
        <pb n="57" />
        III.  ABSCHNITT.
Die  Entwicklung  der  Industrie.
A.  Die  Produktion.
1.  Das  Bullier-Patent.
Wie  jede  wichtige  Erfindung,  so  hatte  auch  das
Carbid  seinen  Prioritätsstreit,  der  dadurch  einen  besonderen ­
  Einfluss  gewann,  dass  er  von  dem  rein
wissenschaftlichen  Gebiete  auf  das  kommerzielle  übertragen ­
  wurde.  Trotz  der  Veröffentlichungen  Wühlers,
Willsons  und  anderer  erhielt  der  Franzose  Bullier  ein
Patent  auf  die  Herstellung  von  Calciumcarbid.  Dadurch ­
  wurde  die  Produktion  in  Deutschland  resp.  die
Einfuhr  nach  diesem  Lande  von  ihm  abhängig.
Die  Inhaberinnen  dieses  Patentes  waren  für
Deutschland  die  elektrochemischen  Werke  Bitterfeld,
für  die  Schweiz  die  Aluminium-Industrie  Neuhausen.
Die  allererste  Zeit  der  Carbidproduktion  steht  in  dem
Zeichen  dieses  Patentes.  Wenn  auch  die  Inhaberinnen
desselben  in  der  ersten  Zeit  niemals  von  ihrem  Rechte
ernstlich  Gebrauch  gemacht  haben,  so  wäre  es  doch
immerhin  wahrscheinlich  gewesen,  dass  sie  später  bei
der  Entstehung  einer  grösseren  Konkurrenz  ihre  Rechte
geltend  gemacht  hätten,  wenn  ihnen  nicht  schon  vorher
das  Patent  streitig  gemacht  worden  wäre.  Jedenfalls
wurde  in  der  allerersten  Zeit  durch  das  Patent  resp.
Wangemann,  Die  Calciumcarbidindustrie.

4
        <pb n="58" />
        durch  die  durch  dasselbe  geschaffene  Rechtslage  eine
allzu  schnelle  Ausdehnung  der  Carbidproduktion  glücklicherweise ­
  verhütet.  Die  Technik  musste  nämlich
erst  Zeit  und  Ruhe  finden,  um  die  Schwierigkeiten
des  elektrischen  Ofens  zu  studieren  und  zu  beseitigen.
Die  Erfahrung  hat  späterhin  gezeigt,  dass  selbst  zu
der  Zeit,  als  mehrere  Carbidwerke  nachher  entstanden,
die  Konstruktion  des  Ofens  noch  nicht  soweit  durchgebildet ­
  war,  wie  es  für  eine  rationelle  Produktion
erforderlich  gewesen  wäre.
Dem  Bullierpatent  sollte  Herbst  1897  ein  unerwarteter ­
  Feind  entgegentreten.  Die  Deutsche  Goldund
  Silberscheide-Anstalt  zu  Frankfurt  a./M.  reichte
die  Nichtigkeitsklage  ein.  Ihr  schlossen  sich  später
Brown,  Boveri  &amp;amp;  Co.  und  andere  an.  Die  genannten
Firmen  hatten  insofern  ein  Interesse,  als  sie  bei  der
Neugründung  von  Carbidwerken,  die  unter  der  Herrschaft ­
  des  Patentes  erschwert  war,  ihre  elektrischen
Oefen  und  Einrichtungen  absetzen  wollten.  Man  hätte
nun  annehmen  sollen,  dass  sämtliche  Firmen,  die  sich
mit  der  Herstellung  derartiger  Einrichtungen  befassten,
mit  den  beiden  obengenannten  conform  gingen.  Eigentümlicherweise ­
  war  dies  nicht  der  Fall.  Die  kleineren
Firmen  vielmehr,  die  mit  ihrem  Absatz  auf  das
Inland  angewiesen  waren,  hofften  unter  dem  Schutze
des  Patentes  auf  die  Entwicklung  einer  nationalen
Industrie.  Würde  nämlich,  so  kalkulierten  sie,  das
Patent  fallen,  so  würde  der  Carbidimport  erlaubt  sein
und  damit  die  Produktion  die  vorteilhaften,  billigen
Wasserfälle  des  Auslandes  aufsuchen  und  dann  würden
grössere  in-  und  ausländische  Firmen,  wie  z.  B.  die
beiden  obengenannten,  mit  der  Einrichtung  der  Carbidwerke
  betraut  werden.  Dies  entgegengesetzte  Verhalten ­
  der  untereinander  konkurrierenden  Firmen
gegenüber  dem  Patente  charakterisiert  die  Ver-
        <pb n="59" />
        4*

schiedenartigkeit  der  Wirkung  eines  derartigen  Rechtsanspruches. ­

Die  Patentstreitigkeiten  führten  dazu,  dass  im
Anfang  des  Jahres  1898  das  Patent  Bullier  in  Deutschland ­
  für  nichtig  erklärt  wurde.  Die  Berufung  gegen
dieses  Urteil,  die  die  Patentinhaberin  am  18.  März
einreichte,  wurde  im  Frühjahr  1899  vom  Reichsgericht
endgiltig  verworfen.  Aber  schon  als  die  erste  Entscheidung ­
  in  Sachen  des  Patentes  Bullier  fiel,  und
somit  eine  gewisse  Sicherheit  der  Rechtslage  geschaffen
zu  sein  schien,  tauchten  unzählige  Projekte  für  Carbidwerke
  auf,  wiewohl  die  Patentinhaberin  ihre  Rechte
auch  früher  niemals  geltend  gemacht  hatte  und  andererseits ­
  auf  die  erste  Entscheidung  hin  Revision  eingelegt
wurde.  Trotzdem  war  die  Siegeszuversicht  bei  dem
unternehmungslustigen  Kapital  und  bei  den  Projektenmachern ­
  so  gross,  dass  ihre  Gründungswut  durch  eine
eventuelle  ungünstige  Entscheidung  der  zweiten
Instanz  wenig  oder  gar  nicht  beeinflusst  wurde;  besonders ­
  für  diejenigen  Länder,  die  durch  das  Bullier-Patent
  nicht  beeinflusst  wurden,  wurden  zahlreiche
Fabriken  geplant  und  gegründet.  Allerdings  wirkten
auch  die  gesamte  wirtschaftliche  Lage  und  besondere
Umstände  anregend  auf  das  Kapital  ein.
2.  Die  wirtschaftlichen  Einflüsse.
Der  Aufschwung  zu  Ende  der  neunziger  Jahre
des  vorigen  Jahrhunderts  (1895—99),  der  hauptsächlich
der  ungemein  günstigen  und  schnellen  Entwicklung
einer  nationalen  Elektrizitätsindustrie  zuzuschreiben  ist,
hatte  mit  den  finanziellen  Erfolgen  industrieller  Unternehmungen ­
  einen  mächtigen  Reiz  auf  die  Unternehmungslust ­
  des  Kapitals  ausgeübt.  Lockten  auf  der  einen  Seite
reicher  Gewinn  find  grosse  Erfolge  das  Kapital,  so
wurde  es  auf  der  anderen  Seite  durch  einen  geringen
Zinsfuss  und  Diskontosatz,  durch  verhältnismässig
        <pb n="60" />
        52

schwache  Emissionen  von  Staatsanleihen  und  Kommunalpapieren ­
  abgestossen.  Diese  Faktoren  trugen  dazu
bei,  dass  das  Kapital  ganz  allgemein  sich  industriellen
Unternehmungen,  speziell  aber  der  Elektrizitätsindustrie
zuwandte.  Ihre  riesenhaften  Erfolge  hatten  die  Aufmerksamkeit ­
  der  Finanzkreise  aut  die  Beleuchtungstechnik, ­
  besonders  auf  die  Carbid-  und  Acetylen-Industrie ­
  als  ihr  jüngstes  Kind  gelenkt,  weil  die  Expansionsfähigkeit ­
  dieser  Beleuchtungsart  als  Konkurrenz
des  Petroleums  unbegrenzt  schien.  Die  Elektrizitätsindustrie ­
  ihrerseits  hatte  alles  elektrisiert,  was  überhaupt ­
  noch  zu  elektrisieren  war,  und  noch  viel
mehr.  Um  überhaupt  noch  ein  Absatzgebiet  sich  zu
sichern,  finanzierte  sie  entweder  die  Unternehmen
selbst,  oder  sie  unterstützte  sie  durch  günstige
Zahlungsbedingungen,  Kreditgewährung,  Aktienbeteiligung ­
  oder  Schleuderpreise.
Soweit  die  Elektrizitätsindustrie  sich  direkt  an
der  Gründung  von  Carbidfabriken  beteiligt  hat,  sind
nur  Anlagen  im  allergrössten  Umfange  entstanden
weil  sie  über  das  erforderliche  Kapital  verfügte  und
kleinere  Werke  keinen  für  sie  lohnenden  Absatz
boten.  Diejenigen  Werke,  welche  aus  privater  Initiative ­
  heraus  entstanden  sind,  haben  meist  kleinere  Dimensionen. ­


Die  Beziehungen  zwischen  der  Elektrizitäts-  und
der  Carbidindustrie  mögen  durch  nachstehende  Angaben ­
  erläutert  werden.  Die  Elektrizitätsgesellschaft
vorm.Schuckert  &amp;amp;  Co.,  Nürnberg,  war  an  der  Gründung
folgender  Werke  beteiligt:

Hafslund,  Sarspsborg
Jaice,  Bosnien
Gampel-Lonza  1898  .
(1904)  .

5400  P  S.
8000  PS.
2500  P  S.
(7500  P  S.)
        <pb n="61" />
        53

Dazu  kam  noch  ein  Carbidwerk  mit  2500  PS.
in  Spanien.
Siemens  &amp;amp;  Halske  war  an  dem  Werke  von
Langenthal-Wynau  interessiert.
Die  Allgemeine  Elektrizitäts-Gesellschaft  zu  Berlin
steht  mit  der  Aluminiumindustrie  Neuhausen  mit
Werken  zu  Neuhausen,  Rheinfelden,  Lend,  die  teilweise ­
  Carbid  produziren,  sowie  mit  den  elektrochemischen ­
  Werken  Bitterfeld  mit  einer  zweiten  Carbidfabrik
  in  Rheinfelden  in  engem  Konnex.
3.  Die  Gründung  der  Carbidfabriken.
Was  die  zeitliche  Entwicklung  der  Carbidfabrikation
  anbetrifft,  so  ist  entgegen  dem  Vortrage,  den
Professor  Dr.  Rossel-Bern  auf  dem  internationalen
Kongress  für  angewandte  Chemie  zu  Paris  im  Jahre
1900  hielt,  der  erste  Versuch  zur  fabrikmässigen  Herstellung ­
  des  Calciumcarbids  von  der  Aluminiumindustrie-Aktiengesellschaft
  Neuhausen  in  ihrem  Werke  daselbst
ausgeführt  worden.
Im  Herbst  1894  wurden  die  abschliessenden  Versuche ­
  beendet  und  im  Februar  1895  der  Grossbetrieb
eröffnet.  Während  ungefähr  eines  Jahres  war  die
Aluminiumindustrie  -  Aktiengesellschaft  die  einzige
Firma,  die  überhaupt  Calciumcarbid  produzierte  und
den  damals  noch  sehr  bescheidenen  Markt  versorgte.
Später  erst  nahmen  zwei  Fabriken  in  Frankreich,  dann
Bitterfeld,  Luterbach  die  Produktion  auf.  Von  da  ab
schiessen  allerorten  die  Carbidwerke  wie  Pilze  aus
der  Erde,  sobald  die  durch  das  Bullierpatent  geschaffene ­
  Unsicherheit  der  Rechtslage  beseitigt  war.
Genaue  Zeitangaben  über  den  Entwicklungsgang  der
Carbidproduktion,  resp.  über  die  Inbetriebnahme  der
Werke  lassen  sich  schwer  machen.  Der  Bau  der
Werke  wurde  oft  durch  unvorhergesehene  Zwischenfälle ­
  verzögert,  ihre  Inbetriebnahme  durch  langwierige
        <pb n="62" />
        54

Probebetriebe  hinausgeschoben.  Während  derselben
sollte  sich  das  Arbeitspersonal  ein  arbeiten  und  der
Beweis  erbracht  werden,  dass  die  garantierten  Leistungen ­
  tatsächlich  erreicht  würden.  Bei  denjenigen  Carbidwerken
  nun,  die  von  privater  Seite  gegründet  waren,
hatten  die  elektrotechnischen  Fabriken  wegen  der
scharfen  Konkurrenz  die  weitgehendsten  Verpflichtungen ­
  übernommen,  deren  Einhaltung  nachher  vielfach ­
  grosse  Schwierigkeiten  bot,  resp.  direkt  unmöglich ­
  war.  Hierdurch  erklärt  sich  auch  die  Tatsache,
dass  die  Probebetriebe  bei  manchen  Fabriken  ein  Jahr
und  noch  länger  dauerten.
Was  nun  die  finanzielle  Seite  der  Gründungen
von  Carbidfabriken  anbetrifft,  so  bietet  das  Studium
gerade  dieser  Verhältnisse  ganz  besondere  Schwierigkeiten. ­
  Die  ausländischen  Aktiengesellschaften  sind
nicht  gezwungen,  ihre  Bilanzen  etc.  zu  veröffentlichen.
Die  Beschaffung  des  Materials  wird  hierdurch  sehr
erschwert,  denn  bei  der  ausserordentlich  ungünstigen
finanziellen  Entwicklung  werden  diesbezügliche  Zahlenwerte ­
  selten,  zumeist  überhaupt  nicht  abgegeben.
Selbst  in  den  Archiven  der  grösseren  Banken  war  nur
ein  sehr  beschränktes  Material  zu  finden,  da  die  Beteiligung ­
  und  das  Interesse  der  Geldinstitute  an  den
ausländischen  Unternehmungen  der  Carbidindustrie
sehr  gering  ist.  Das  mühsam  erlangte  Material  bildet
eine  verhältnismässig  undurchsichtige,  spröde  Masse,
das  selten  irgend  welche  zahlenmässigen  Vergleiche
und  Zusammenstellungen  zulässt.  Dazu  kommt  noch,
dass  die  meisten  Fabriken  von  Anfang  an  ausser
der  Carbidproduktion  noch  einen  anderen  Industriezweig ­
  nebenher  betreiben,  zum  Teil  auch  Elektrizität
zu  Licht-  oder  Kraftzwecken  an  die  Umgegend  abgegeben ­
  haben,  sodass  die  Finanz  Verhältnisse  der  eigentlichen ­
  Carbidproduktion  sich  noch  unklarer  gestalten.
        <pb n="63" />
        55

Die  Aluminium-Industrie-Aktiengesellschaft  Neuhausen ­
  hat  zum  Beispiel  neben  der  Produktion  von
Aluminium  auch  noch  die  des  Carbids  mit  einer  Produktionsfähigkeit, ­
  die  auf  4000  tons  geschätzt  wird,
aufgenommeu.  Ebenso  haben  auch  die  elektrochemischen ­
  Werke  Bitterfeld  an  Elektron,  Griesheim,  ihre
Werke  zu  Rheinfelden  verpachtet  und  dort  die  Herstellung ­
  von  Carbid  zeitweise  aufnehmen  lassen.  Wie
gross  bei  diesen  Werken  der  tatsächliche  Anteil  des
Carbids  früher  an  ihrer  Gesamtfabrikation  war,  war
leider  nicht  näher  zu  bestimmen.  Seit  einigen  Jahren
jedenfalls  wird  in  dem  Rheinfelder  Werk  (4000  PS.)  der
Elektrochemischen  Werke  Bitterfeld  kein  Carbid  mehr
produziert,  wofür  die  betreffende  Firma  von  dem  Syndikat
eine  Abstandssumme  von  M.  36  000  bis  40  000,—  jährlich ­
  erhält.  Die  Lieferungen  aus  den  Werken  der
Aluminiumindustrie  Neuhausen  sind  seit  einer  Reihe
von  Jahren  von  den  deutschen  Eisenbahnverwaltungen
übernommen  Für  die  Entwicklung  des  freien  Marktes
kommen  also  diese  beiden  Werke  nicht  in  Betracht.
Was  nun  diejenigen  Fabriken  anbetrifft,  die  ihre
Produktion  auf  den  Markt  warfen,  so  entstand  in
Deutschland  wohl  mit  als  erstes  das  Carbid  werk  der
Firma  Kunheim  &amp;amp;  Co.,  das  mit  Dampf  betrieben
wurde.  Die  Produktion  hat  niemals  einen  nennenswerten ­
  Umfang  angenommen  und  wurde  schon  in  den
allerersten  Zeiten  wieder  aufgegeben  und  an  Stelle
des  Carbids  andere  Fabrikate  aufgenommen.  Die  Erwähnung ­
  dieser  Firma  an  dieser  Stelle  erscheint  deswegen ­
  gerechtfertigt,  weil  es  ihr  gelungen  ist,  in  das
Carbid-Syndikat  aufgenommen  zu  werden.  Sie  hat
ihre  Produktion  heute  an  das  Carbidwerk  zu  Matrei
übertragen,  ist  aber  naturgemäss  für  ihren  Teil  an
dem  Gewinn  des  Syndikates,  lediglich  auf  Grund  ihrer
früheren  Versuche,  beteiligt.
        <pb n="64" />
        56

In  gleicher  Weise  konnte  auch  das  Carbidwerk,
das  die  Portlandzementfabrik  Lauffen  a.  N.  im  Jahre
1898  mit  170  000  M.  (Buchwert  in  der  Bilanz)
baute  und  im  April  1900  in  Betrieb  nahm,  seine  Produktion ­
  nicht  vollkommen  entwickeln,  weil  die  Preise
bereits  derartig  gedrückt  waren,  dass  an  einen  Gewinn
nicht  zu  denken  war.  Das  Defizit  der  Carbidfabrik
(vergl.  Geschäftsberichte  und  Bilanzen)  betrug  im  ersten
Jahr  8  662  M.,  im  zweiten  Betriebsjahre  6  703  M.
Der  Betrieb  wurde  dann  infolge  der  durch  das  Syndikat ­
  vorgeschriebenen  Produktionseinschränkungen
eingestellt,  die  Fabrikationsquote  später  an  eine  andere
Fabrik  verkauft.  Wenn  hier  die  Hoffnung  auf  Gewinn
die  Veranlassung  zur  Gründung  der  Carbidfabrik  war,
so  waren  bei  der  Holzindustrie-Aktiengesellschaft  Lechbruck ­
  die  gedrückten  Verhältnisse  ihres  bisherigen
Absatzgebietes  der  Grund,  einen  anderen  Produktionszweig, ­
  das  Carbid,  aufzunehmen.  Das  Kapital  wurde
Ende  1898  von  325  000  M.  auf  1  100  000  M.  erhöht.
Die  Produktion  begann  im  Jahre  1900  mit  einem
Probebetrieb,  ohne  dass  es  gelang,  die  garantierten
Leistungen  zu  erreichen.  Die  Folge  war,  dass  das
erste  Jahr  mit  einem  Minus  von  41  586  M.  (vergl.
Bilanz)  endete;  auch  im  zweiten  Jahre  konnte  der
Probebetrieb  noch  nicht  abgeschlossen  werden,  die
Produktion  betrug  laut  Geschäftsbericht  statt  1,5  Mill.
Kilogramm  nur  516  785  Kilogramm,  das  zweite  Jahr
schloss  laut  Bilanz  mit  einem  Minus  von  31  339  M.
ab.  Nachdem  nun  endlich  der  normale  Betrieb  im  dritten
Jahr  aufgenommen  wurde,  musste  nach  7  Monaten
des  laufenden  Rechnungsjahres,  am  1.  Mai  1902,  infolge ­
  Syndikatsverfügung  die  Produktion  eingestellt
werden.  Das  Jahr  brachte  ein  Minus  von  23  562  M.
(vergl.  Bilanz).  Jedoch  standen  diesen  dreijährigen
Verlusten  von  in  Summa  96  487  M.,  eine  Einnahme
        <pb n="65" />
        Anlage.

1.  Schweiz,

1.  La  Vernier  .

2.  Luterbach

3.  Thusis.

4.  Lonza  .

5.  Langental
6.  Vernayaz  .
7.  Gurtnellen
8.  Nidau  .
9.  Flums  .  .

1899
1901
1903
1897
1898
1898
1903
1899
1901
1903
1899
1900
1898
1900
1899
1903
1899
1900

Société  genevoise  d’electricité  et  de  produits
chimiques
„Volta“,  Société  anonyme  Suisse  de’  l’industrie
électroch.
Société  francosuisse  in  Lyon
Schweizer.  Calciumcarbidfabrik  in  Luterbach
Schweizer  Gesellschaft  für  elektrochemische
Industrie  in  Bern  (vergl.  3)
Schweizer.  Gesellschaft  für  elektrochemische
Industrie  in  Bern  (vergl.  2)
Usines  eléctriques  de  la  Lonza  (vergl.  4)
Société  pour  l’industrie  à  Gampel
Elektrizitätswerk  Lonza  a.  d.  Gampel
Usines  électriques  de  la  Lonza  (vergl.  3)
Elektrizitätswerk  Wynau
abgebrannt
Walliser  Industriegesellschaft,  Zürich
M.  Dumont  &amp;amp;  Co.  Valais
Elektrochemische  Fabrik  Gurtnellen
Allgemeine  Carbidgesellschaft,  Zürich
Elektrizitätswerk  Hagnek  in  Biel
P.  u.  H.  Spoerry,  St.  Gallen

1  200  PS.

1  000  PS.
4000  PS.
2  500  PS.
5  000  PS.
7  500  PS.
750  PS.
900  PS.
1000  PS.

Carb.  600  PS.
Elektr.  1  800  PS

Schweizer.  Kapital
Schweiz.  Kapital  mit  Aktien  2,000,000  Fres,
französ.  Beteiligung  Obligation  750,000  Fres.
Franzos.  Kapital  mit
Schweiz.  Beteiligung
_  .  .  Tr  (  Aktien  1,300,000  Fres.
Schweizer.  Kapital  |  Obligationen  1,000,000  Fres.
Schweizer.  Kapital  —  —

Schweizer.  Kapital
Schweizer.  Kapital
deutsche  Beteiligung
Schweizer.  Kapital
deutsche  Beteiligung

Schweizer.  Kapital
deutsche  Beteiligung

Schweizer.  Kapital
Schweizer.  Kapital

Schweizer.  Kapital
2  500  PS.  Schweizer.  Kapital

Vorzugsaktien  1,2  Mili.  Fres.
Aktien  0,8  Mill.  Fres.
Buchwert  1899:  3,400,000  Fres.
I  Vorzugsaktien  1,2  Mill.  Fres.
I  Aktien  0,8  Mill.  Fres.
Versicherungswert  der  Carbidfabrik
150.000  Fres.
...  ,  einschl.
Aktienkapital  Í  Elektrizitäts _
1.500.000  Fres.  I  werk
Aktien  1,800,000  Fres.
Verkaufspreis  400,000  Fres.
j  I  Aktienkapital  1,800,000  Fres.
I  Í  Uebergang  p.  Liquidation,
i  Aktienkapital  2,500,000  Fres.
I  Buchwert  der  Carbidfabrik
(  640,000  Fres.
Privatunternehmen.

2.  Oesterreich.

1.  Jaice  .

2.  Land  -  Gastein

Meran  .  .  .

4.  Matrei  .

5.  Paternion  .

6.  Lobkowitz
7.  Landeck  .

1897  Bosnische  Elektrizitätsgesellschaft  Jaice

1898

1902
1898
1899
1900
1900
1901

8000  PS.  Deutsches  u.  österreichisches ­
  Kapital

1897  Aluminiumindustrie  Neuhausen

1898  Acetylengas-Aktiengesellschaft  Wien

7  500  PS.

1200  PS.

Allgemeine  Carbid-  und  Acetylengesellschaft
G.  m.  b.  H.  Berlin
Carbidwerk  Deutsch  Matrei,  A.-G.
Societa  Veneta  di  Electrochimica
in  Liquidation
Supac,  Sebenico  (?)
Krapper,  Lobkowitz
Carbidfabrik  Landeck,  Tirol,  G.  m.  b.  II.

Deutsches  Kapital

Oesterreich.  Kapital
deutsche  Beteiligung

2  250  PS.  Deutsches  Kapital

1  000  PS.

450  PS.
500  PS.

Deutsches  Kapital
Italienisches  Kapital
Oesterreich.  Kapital
Oesterreich.  Kapital
Oesterreich.  Kapital

1897  Aktien  6,000,000  Kr.
1901  Aktien  4,000,000  Kr.
Schuldverschr.  4,000,000  Kr.
1903  Aktien  1,000,000  Kr.
Schuldverschr.  4,000,000  Kr.
1897  Kapitalerhöhung
5,000,000  Fres,  zum  Bau
der  Fabrik
Buchwert  1902  3,66  Mill.  Frs.
1897  Aktienkapital  2,000(000  Kr.
1898  Aktienkapit.  auf  1,200,000  Kr
zusammengelegt
Zuzahlung  für  den  Bau  der
Carbidfabrik  800,000  Kr.
2,000,000  Kr.
1899  Aktienkapit.  auf  1,400,000  Kr.
zusammengelegt
1902  in  Liquidation
(Buchwert  der  Carbidfabrik
790,000  Kr.)
Betrieb  jetzt  von  Jaice  übernommen ­

1897  Kapital  120,000  M.
1898  Kapital  800,000  M.
1900  j  Kapital  1,600,000  M.
1902  Aktien  400,000  Kr.
1898  Aktien  600,000  Lire
Privatunternehmen
Privatunternehmen

2.  Hafslund

3.  Notodden

4.  Meraker

3.  Norwegen.

1.  Borregaard  -  Sarpsborg  .  1898  Aktieselskabet  Carbidindustrie  Sarpsbor?

1901
1902
1898
1900
1899
1902

1898
1901

in  Liquidation
The  Kellner  Partington  Co.
Aktieselskabet  Hafslund
Carbidfabrik  für  240,000  verpachtet  an  Elektrizitätsgesellschaft ­
  vorm.  Schuckert
Notoddens  Calciumcarbidfabrik,  Aktieselskabet
verpachtet  an  Albion  Products  Co.,  London
Firma:  Notodden  Calcium-Carbid  Aktieselskab,
  Skien
Aktieselskabet  Meraker  Brug  ok  Carbidfabrik
in  Liquidation

2500-3000  PS.  Norweg.  Kapital  mit  Aktienkapital  300,000  Kr.
.  starker  deutscher  Beteiligung ­


5400  PS.
m.  Elektrizitätswerk ­
  7  200  PS.

Englisches  Kapital
Deutsches  Kapital  mit  Aktienkapital  3,000,000  Kr.
Norweg.  Beteiligung

2200  PS.  Norwegisches  Kapital  Aktienkapital  500,000  Kr.
Englisches  Kapital  Aktienkapital  300,000  Kr.

3000  PS.  Norwegisches  Kapital
        <pb n="66" />
        57

von  150  000  M.  gegenüber,  die  die  bauausführende
Elektrizitätsfirma  als  Schadenersatz  für  die  Verzögerung
der  offiziellen  Betriebseröffnung  erstatten  musste.  Diese
Entschädigungssumme  von  150  000  M.  ist  in  Vergleich
zu  stellen  mit  dem  Bilanz-Konto  für  Maschinen  und
Einrichtungen  in  Höhe  von  509  154  M.  abzüglich
108  300  M.  desselben  Kontos  aus  der  Uebergangsbilanz
  vom  30.  September  1899  und  von  mindestens
50  000  M.  für  den  Ausbau  der  Turbinenanlage,  sodass
roh  geschätzt  die  Entschädigung  beinahe  50  pCt.  des
Wertes  der  elektrischen  Einrichtung  betrug.  Ende  1902
ging  das  Carbidwerk  Lechbruck  in  den  Besitz  der
Bosnischen  Elektrizitätsgesellschaft  Jaice  bei  einem
Kursstand  von  52  pCt.  über.  (Vergl.  Handbuch  der
Aktiengesellschaften.)  Die  letzte  Bilanz  vom  30.  September ­
  1903  weist  eine  Einnahme  von  50  000  M.  aus
Pachterträgnissen  vor,  denen  36  854  M.  für  Generalunkosten. ­
  Zinsen,  Löhne  etc.  gegenüberstehen.
Die  Leidensgeschichte  dieser  deutschen  Carbidwerke
  ist  deshalb  etwas  ausführlicher  geschildert,
weil  sie  typisch  für  die  gesamte  Industrie  ist  und  das
folgende  dementsprechend  kürzer  behandelt  werden
kann.  Mit  Ausnahme  der  obengenannten  Werke  und
einer  Fabrik  in  Westfalen,  die  ihr  Carbid  wegen
seiner  Qualität  nicht  absetzen  konnte,  haben  zu  jener
Zeit  in  Deutschland  keine  Fabriken  mehr  die  Carbidproduktion
  aufgenommen.  Allerdings  sind  unzählige
Projekte  finanziert  worden  und  einige  Werke  auch
gebaut  worden,  jedoch  sind  diese  rechtzeitig  zu  einem
änderen  Produktionszweig  übergegangen.
Als  schweizerische  Werke  entstanden  in  den  Jahren
1897—1899  neben  der  Aluminium  industrie  Neuhausen
mit  ihrem  Werke  zu  Rheinfelden  (Deutschland)  mit  5040
PS.,  von  denen  4000  auf  Carbid  arbeiten  können,
folgende  Werke:  (Siehe  Anlage.)
        <pb n="67" />
        58

Leider  ist  es  nicht  möglich  gewesen,  diese  recht
interessante  Zusammenstellung  derartig  zu  vervollständigen, ­
  wie  es  wohl  wünschenswert  gewesen  wäre.
Die  Häufigkeit  des  Firmenwechsels,  die  Verschiedenartigkeit ­
  der  Rechtsformen,  unter  welchen  die  Transaktionen ­
  vorgenommen  wurden,  der  Wechsel  der
Namen,  die  Unvollständigkeit  der  ausländischen  Aktien-Handbücher,
  die  mangelhaften  Auskünfte,  die  die  ausländischen ­
  Handelsregister  erteilen  und  last  not  least
die  Zurückhaltung,  ja  sogar  das  Misstrauen,  das  allen
diesen  Recherchen  entgegengebracht  wird,  haben  diese
kleine  Zusammenstellung  ganz  ungemein  erschwert.
Auch  die  Literatur  bringt  so  gut  wie  gar  nichts  darüber ­
  und  das  wenige  ist  unzuverlässig  oder  doch
nur  mit  der  grössten  Vorsicht  aufzunehmen.  Dazu
kommt  noch,  dass  die  oben  angeführten  Zahlen  keinen
vollständigen  Einblick  in  die  Carbidindustrie  selbst
gewähren.  Ein  grosser  Teil  der  Werke  hat  andere
Fabrikate  aufgenommen,  die  die  Produktion  des
Carbids  weit  überragen.  Bei  anderen  Firmen  ist  der
Betrieb  des  Elektrizitätswerkes  und  die  Licht-  und
Kraftabgabe  der  Hauptzweck,  bei  anderen  wieder
überragt  der  Zwischenhandel  und  Vertrieb  des  Carbids
die  eigentliche  Produktion  ganz  wesentlich.
Die  Allgemeinheit  dieser  Erscheinung  ist  mit  der
schlechten  Geschäftslage  zu  erklären.  Die  meisten
Firmen  mussten  eben  ein  anderes,  lukrativeres  Gebiet  für
ihre  Betätigung  suchen;  daher  ist  es  auch  erklärlich,
dass  irgend  welche  Gründungen  in  den  nächsten  Jahren
nicht  vorkamen.
Erst  im  Jahre  1903  entstanden  in  Deutschland
2  neue  Werke,  trotzdem  die  meisten  Carbidfabriken
unbeschäftigt  waren.  Es  waren  dies  die  beiden  Werke
Brandenburg  mit  1400  PS.  das  von  einer  Gesellschaft ­
  mit  beschränkter  Haftung  mit  120  000  M.
        <pb n="68" />
        59

Kapital  gegründet  wurde,  und  ein  Carbidwerk  in
Freyung  (2000  PS.)  mit  einem  Kapital  von  750  000  M.
Das  Gesehäftsprinzip,  worauf  die  Rentabilität  dieser
Werke  beruht,  besteht  darin,  dass  sie  mit  ihrer  verhältnismässig ­
  geringen  Produktion  nur  die  allernächste
Umgegend  versorgen  und  deshalb  bei  annähernd
gleichen  Preisen,  wie  das  Syndikat  sie  notiert,  die
Unkosten  für  den  Transport  zum  grössten  Teil  ersparen; ­
  dazu  kommen  noch  besonders  günstige  Momente
bei  der  Gründung  der  Fabriken.  Die  Rentabilität
des  erstgenannten  Werkes,  das  seit  6  Monaten  in  Betrieb ­
  ist,  soll  infolge  der  obengenannten  Gründe  und
einer  sehr  geschickten  Leitung  eine  recht  erfreuliche
sein.  Dieses  Prinzip,  kleine  Fabriken  inmitten  ihres
Konsumgebietes  zu  gründen,  wird  auch  wohl  für  die
weitere  Entwicklung  der  Carbidindustrie  ausschlaggebend ­
  sein.
4.  Die  finanzielle  Entwicklung  der  Carbidwerke.
Bereits  im  Vorhergehenden  ist  an  zwei  Stellen
im  Zusammenhang  mit  anderen  Gesichtspunkten  die
Finanzwirtschaft  der  Carbidwerke  kurz  berührt  worden,
einmal  bei  den  Rechtsverhältnissen  des  Besitzes  der
Wasserkraft  und  zweitens  in  der  Tabelle  (siehe  Anlage)
über  die  Gründungen.  Sie  zeigt,  wie  ausserordentlich
verschieden  die  Kapitalien  selbst  für  Carbidwerke
gleicher  Grösse  sein  können,  je  nachdem  die  Kraft
in  eigenem  Besitz  ist  oder  nicht  und  je  nach  den
Wechselfällen,  die  die  einzelnen  Carbidwerke  im  Laufe
der  Jahre  durchmachen  mussten.  Die  Grösse  des
erforderlichen  Anlagekapitals  ist  noch  in  anderer  Beziehung ­
  von  Bedeutung  gewesen,  nämlich  auf  die
Rechtsform  der  Gesellschaft,  insofern,  als  bei  geringerem ­
  Kapital  meist  die  Gesellschaft  mit  beschränkter ­
  Haftung  vorgezogen  wird,  bei  grösserem
Kapitalbedürfnis  durchweg  die  Form  der  Aktiengesell-
        <pb n="69" />
        Schaft  angewandt  wird.  Die  Vorzüge  der  Aktiengesellschaft ­
  für  den  Aktionär,  nämlich  die  grössere
Flüssigkeit  des  Kapitals  und  die  grössere  Sicherheit
gegen  eventuelle  Verluste  gegenüber  der  Haftpflicht
und  den  daraus  abgeleiteten  Regressansprüchen  der
G.  m.  b.  H.  sollten  leider  nicht  in  Erscheinung  treten.
Die  Ergebnisse  schon  der  ersten  Betriebsjahre  waren
so  ausserordentlich  ungünstig,  dass  sie  überhaupt
schwerlich  zum  Börsenhandel  zugelassen  worden  wären,
und  zweitens  lag  dieses  auch  gar  nicht  im  Intresse  der
Aktionäre,  deren  Heil  gerade  darin  bestand,  dass  die
Papiere  in  festen  Händen  waren  und  nicht  unter  den
Schwankungen  des  Börsenhandels  zu  leiden  hatten.
Aus  diesem  Grunde  ist  es  auch  erklärlich,  dass  die
Papiere  an  der  Börse  meist  nicht  gehandelt  wurden.
Deshalb  sind  auch  Kursnotierungen,  die  die  finanzielle
Entwicklung  der  Industrie  hätten  illustrieren  können,
nicht  vorhanden.  Die  Aluminiumindustrie  Neuhausen,
bei  der  die  Carbidproduktion  nur  einen  geringen  Teil
ihrer  Gesamtproduktion  ausmacht,  sowie  die  elektrochemischen ­
  Werke  Bitterfeld  können  hier  nicht  herangezogen ­
  werden.  Wenn  auch  die  Aktionäre  durch
Kursstürze  keine  Verluste  zu  erleiden  brauchten,  so
ist  fast  bei  sämtlichen  Aktiengesellschaften  das  Kapital
zusammengelegt  oder  durch  Konkurs  verloren  gegangen, ­
  sodass  in  der  Praxis  die  Rechtsform  der
Aktiengesellschaft  mit  den  obengenannten  Vorzügen
bei  der  Carbidindustrie  gegenüber  der  G.  m.  b.  H.
keine  Vorteile  besitzt.
Was  die  Dividendenzahlungen  anbetrifft,  so  ist  es
von  den  Aktiengesellschaften  mit  Ausnahme  der  beiden
letztgenannten  Werke  allein  Hafslund,  von  dem  die
Ausschüttung  einer  von  der  Muttergesellschatt  garantierten ­
  Dividende  bekannt  geworden  ist.  Seit  1899/1900
zahlt  es  jährlich  5  °/o.  Vernier  konnte  im  Jahre  1899
        <pb n="70" />
        61

noch  6  %  Dividende  zahlen,  hatte  dafür  aber  im  Jahre
1901  ein  linkes  Saldo  von  1241677  Fres.  Da  die
meisten  Carbidfabriken  Ende  1900  gleichzeitig  in
Betrieb  kamen,  so  drückte  die  Ueberproduktion  derartig ­
  die  Verkaufspreise,  dass  die  wenigsten  Werke
überhaupt  die  Betriebsunkosten  decken  konnten.  Die
wenigen  Betriebsüberschüsse,  die  bekannt  geworden
sind,  reichten  zu  einer  Dividendenausschüttungnicht  aus.
Wenn  auch  die  Dividenden  an  und  für  sich  selbst
keinen  absoluten  Beweis  für  die  Lage  einer  Industrie
liefern,  einmal,  weil  allgemein  noch  andere  Faktoren
hier  mitsprechen  und  weil  in  diesem  Falle  die  diesbezüglichen ­
  Unterlagen  nicht  vollständig  genug  sind,
so  zeigt  doch  die  ausserordentliche  Höhe  der  zwangläufigen ­
  Finanzverpflichtungen  bei  fast  sämtlichen
Fabriken,  wie  sie  zum  Teil  auch  aus  den  Grundbüchern, ­
  Handelsregistern  etc.  zu  ersehen  sind,  in
wieweit  die  einzelnen  Werke  engagiert  sind.  Die
ausserordentliche  Höhe  der  Obligationen,  Annuitäten,
Hypotheken  ist  der  schlagendste  Beweis  dafür,  dass
den  einzelnen  Werken  die  Beschaffung  der  Geldmittel
für  die  Weiterführung  des  Betriebes  auf  Grund  ihrer
Erfolge  nicht  möglich  war,  sondern  dass  sie  gezwungen
waren,  Anleihen  zu  erheben.
Als  ein  weiterer  Beweis  für  die  schlechte  Lage
der  Industrie  ist  der  Umstand  anzusehen,  dass  viele
grössere  Werke  die  Beschaffung  neuer  Mittel  durch
Zusammenlegen  und  Ausgabe  von  Vorzugsaktien
(siehe  Anlage)  und  nicht  zum  mindesten  durch
Umwandlung  der  Gesellschaftsformen  etc.  bewirkten.
Die  aut  diese  Art  und  Weise  gewonnenen  Geldmittel
dienten  lediglich  als  Betriebskapital;  zum  Ausbau  oder
zur  Erweiterung  der  Anlage  wurden  sie  nur  in  den
seltensten  Fällen  verwandt,  da  die  Ueberproduktion
jede  weitere  Expansion  verhinderte.  Die  zahlreichen
        <pb n="71" />
        62

Zusammenlegungen  (siehe  Anlage)  beweisen,  dass  die
Industrie  überkapitalisiert  war  und  erst  allmählich  auf
die  Gleichgewichtslage  einregulieren  konnte.  Die  in
der  Tabelle  angeführten  wenigen  Zahlen  sprechen
genug,  sodass  es  sich  erübrigt,  an  dieser  Stelle  auf
dieses  unerquickliche  Thema  näher  einzugehen.
Es  verlohnt  sich  vielleicht,  noch  einen  Punkt  zu
berühren;  das  ist  die  unverhältnismässige  Höhe  der
Kreditoren.  Zumeist  sind  es  die  Elektrizitätsfirmen,
die  durch  ganz  besonders  günstige  Lieferungsbedingungen ­
  ihren  Waren  Absatz  verschaffen  wollten  und
sich  deshalb  in  irgend  einer  Form,  sei  es  auch  nur
als  Kreditoren  oder  durch  Uebernahme  von  Aktien,
beteiligen  mussten.  Bei  Lechbruck  z.  B.  steigt  bei
einem  Aktienkapital  von  1,1  Mill.  M.  das  Kreditorenkonto ­
  von  49  903  M.  der  Uebergangsbilanz  auf
509  154  M.  nach  Beendigung  des  Umbaues.  Aehnlich
liegen  die  Verhältnisse  auch  bei  den  ausländischen
Carbidwerken,  nur  mit  dem  Unterschiede,  dass  infolge
der  veränderten  Rechtslage  die  Form,  unter  welcher
sich  das  deutsche  Kapital  beteiligt,  eine  andere  geworden ­
  ist.  Dieses  Thema  ist  wichtig  genug,  um
ausführlicher  darauf  einzugehen.
5.  Die  Beteiligung  des  deutschen  Geldes  im
Auslande.
Es  sind  im  allgemeinen  deutsche  Elektrizitätsfirmen ­
  oder  Bankinstitute,  die  diesen  nahestehen,  die
sich  im  Auslande  finanziell  beteiligt  haben.
Die  Allgemeine  Carbid-  und  Acetylen-Gesellschaft
zu  Berlin,  die  bei  der  Gründung  der  Anlagen  in
Sarpsborg  und  Deutsch-Matrei  beteiligt  gewesen  ist,
stand  früher  der  Allgemeinen  Elektrizitätsgesellschaft
sehr  nahe.  Das  Werk  in  Borregard-Sarpsborg,  an  dem
sie  mit  170  000  Kronen  beteiligt  war,  wurde  von  einer
englischen  Firma,  als  der  Hauptschuldnerin  beim  Zu-
        <pb n="72" />
        63

sammenbruch  der  norwegischen  Gesellschaft  Aktieselskabet
  Carbidindustrie  Sarpsborg  übernommen.  Das
Carbidwerk  Deutsch-Matrei  ist  von  einer  besonderen
Aktiengesellschaft  mit  400  000  Kronen  deutschen  Geldes
übernommen  worden.  Diese  Aktiengesellschaft  gehört ­
  auch  jetzt  noch  dem  Concern  der  Muttergesellschaft ­
  an.
Fernei  hin  beteiligte  sich  ein  Berliner  Bankinstitut
an  der  Acetylengas  -  Aktiengesellschaft  Wien  mit  der
Carbidfabrik  in  Meran.  Die  Frankfurter  Zeitung  meldete
am  28.  Mai  1899,  dass  das  betreffende  Geldinstitut
für  720  000  Kronen  Prioritätsaktien  der  Wiener  Gesellschaft ­
  übernommen  habe.  Die  Bank  war  schon  vorher
durch  Gewährung  eines  Kredits  von  300  000  Kronen
engagiert  gewesen,  sonst  würde  sie  bei  der  ausserordentlich ­
  ungünstigen  Lage  der  Acetylengasgesellschaft
nicht  diese  Summe  von  neuem  investiert  haben.  Von
diesen  720  000  Kronen  Vorzugsaktien  sind  600  000  in
Oesterreich  abgesetzt  worden,  120  000  Kronen  Aktien
befinden  sich  noch  in  Händen  der  Gesellschaft.
In  gleicher  Weise  scheint  auch  die  Elektrizitäts-Aktiengesellschaft
  Helios,  Coin,  stark  beteiligt  gewesen
zu  sein,  weil  ihr  Direktor  Coerper  Aufsichtsratsmitglied
der  Acetylengasgesellschaft  wurde.  Bestärkt  wird
diese  Annahme  dadurch,  dass  das  Kreditorenkonto
710  000  Kr.  (Aktien  1400  000  Kr.)  führt,  was  wohl
hauptsächlich  den  elektrischen  Lieferungen  zuzuschreiben ­
  ist.  Ermöglicht  wurde  diese  Kreditgewährung
durch  die  Vermittlung  des  betr.  Berliner  Bankinstitutes,
das  der  Elektrizitätsaktiengesellschaft  Helios  eng  liiert
ist.  Etwas  absolut  sicheres  liess  sich  jedoch  leider
nicht  in  Erfahrung  bringen.  Bemerkt  sei  noch,  dass
die  Fabrik  zu  Meran  im  Jahre  1901/02  eine  Einnahme
von  75  000  Fl.  aus  dem  Syndikatsgewinn  und  der
Produktionsablösung  hatte.
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        64

Die  ganz  ausserordentlich  geringe  Beteiligung  von
Siemens  &amp;amp;  Halske  an  dem  Carbidwerk  in  Langenthal,
das  1900  abbrannte,  ist  durch  die  Deckung  mit  der
Versicherungssumme  ohne  Schaden  abgelaufen.
Am  meisten  von  allen  deutschen  Firmen  hat  sich
die  Elektrizitäts  -  Gesellschaft  vorm.  Schuckert,  Nürnberg, ­
  an  ausländischen  Carbidwerken  beteiligt.  Die
Beteiligung  an  der  Bosnischen  Elektrizitäts-Gesellschaft ­
  Jaice  ist  im  allgemeinen  nicht  ungünstig  abgelaufen. ­
  Diese  Gesellschaft  wurde  mit  6  000  000  Kr.
Aktienkapital  gegründet.  Hiervon  übernahm  die
Leipziger  Bank  4  Millionen,  Schuckert  2  Millionen
Kronen,  ausserdem  Lieferungen  auf  Kredit  von
2,8  Millionen.  Besonderer  Umstände  wegen  übernahm
Schuckert  dann  die  Beteiligung  der  Leipziger  Bank
mit  15  pCt.  Aufschlag.  Ende  1901  erwarb  ein  süddeutsches ­
  Konsortium  mit  dem  Sitz  in  München  die
Aktien  von  Jaice  zum  Parikurs.  Die  Kreditschuld
der  bosnischen  Elektrizitätsgesellschaft  an  Schuckert
war  inzwischen  bis  auf  J  267  000  M.  beglichen.  Durch
den  Verlust  von  15%  beim  Verkauf  der  Aktien  wurde  der
sehr  reichliche  Baugewinn  etwas  geschmälert.  Das
Aktienkapital  der  bosnischen  Elektrizitätsgesellschaft
ist  jetzt  auf  1  Million  Kronen  zusammengelegt  worden.
Eine  Dividende  wurde  seit  1899  nicht  mehr  erzielt.
Fernerhin  beteiligte  sich  die  Elektrizitäts  -  Gesellschaft ­
  vorm.  Schuckert  an  der  Aktieselskabet  Hafslund.
Das  Werk  wurde  mit  3  Millionen  Kronen  Aktienkapital ­
  und  1%  Millionen  Kronen  Hypothekenobligationen ­
  gegründet.  Von  diesem  Kapital  übernahm ­
  die  Schuckert-Aktiengesellschaft  300  000  Kronen
und  ihre  Tochter-Gesellschaft,  die  Continentale  Gesellfür
  elektrische  Unternehmungen,  800  000  Kronen.  Am
1.  Juli  1900  übernahm  die  Nürnberger  Firma  den
Betrieb  des  Carbidwerkes  auf  eigene  Rechnung.  Das
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        65

Aktienkapital  ist  seitdem  unverändert  geblieben.  Das
Kreditorenkonto  beträgt  1  336  551  Kronen.  Die  Einnahmen ­
  aus  der  Pachtung  der  Carbidfabrik  betragen
240  000  Kronen,  die  aus  der  Kraftabgabe  nach
Fredrikstad  ca.  50  000  Kronen.  Hafslund  zahlt  seit
Jahren  regelmässig  5  pCt.  Dividende,  sodass  der  Besitz
dieses  norwegischen  Werkes  sich  recht  günstig  gestaltet
hat,  vorausgesetzt,  dass  diese  Dividende  nicht  aus
Garantieverpflichtungen  der  Muttergesellschaft  stammt.
Die  Beteiligung  des  deutschen  Kapitals  an  dem
mit  vorwiegend  schweizerischem  Geld  gegründeten
Werke  an  der  Lonza  betrug  rund  600  000  Mark,  und
zwar  im  wesentlichen  in  Form  einer  Kreditorenschuld.
Am  1.  März  1902  war  diese  Schuld  bis  auf  327  000  M.  abgetragen ­
  und  wurde  zum  vollenWert  von  einem  süddeutschen ­
  Konsortium  mit  dem  Sitz  in  München  übernommen.
Schliesslich  sei  an  dieser  Stelle  noch  einer  süddeutschen ­
  Elektrizitätsfirma  gedacht,  allerdings  nicht
wegen  ihrer  finanziellen  Beteiligung,  sondern  wegen
der  Schadenersatzansprüche,  die  an  sie  gestellt  wurden.
Die  end  gütige  Abnahme  der  elektrischen  Einrichtung
und  der  Oefen  führte  nach  Beendigung  des  Baues
einer  Carbidanlage  in  Norwegen  zu  einem  langwierigen
Prozess.  Die  Elektrizitätsfirma  wurde  verurteilt,  an
die  Carbidfabrik  und  ihr  Kraftwerk  eine  Entschädigung
von  87277  M.  und  ausserdem  eine  Konventionalstrafe  von
52000  M.,  zusammen  137277  M.  zu  zahlen.  Dieser  stand
eine  Lieferung  im  Werte  von  93  859  Mark  gegenüber!
Die  ungemein  ungünstige  finanzielle  Entwicklung
fast  sämtlicher  Carbidwerke  ist  eine  Folgeerscheinung
des  ungesunden  Verhältnisses  zwischen  Produktionsfähigkeit ­
  und  Konsum.
In  welcher  Weise  nun  die  Entwicklung  der  Produktion ­
  auf  den  Konsum  und  den  Markt  und  somit  wieder  rück-Wangemann,

  Die  Calciumcarbidindustrie-5
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        66

wärts  auf  die  finanzielle  Lage  der  Fabriken  eingewirkt  hat
und  somit  auf  die  Gestaltung  der  Absatzformen  von
Einfluss  gewesen  ist,  sei  in  folgendem  dargestellt:

B.  Der  Konsum  und  der  Markt.
Zur  Erläuterung  der  nachstehenden  Ausführungen
seien  die  Preise  für  100  kg  loco  Berlin  vorausgeschickt.
Die  angeführten  Zahlen  sind  die  tatsächlich  erzielten
Preise,  keine  Offertpreise.  Sie  bilden  lediglich  einen  Mittelwert, ­
  da  selbst  innerhalb  eines  Monats  Schwankungen  bis  zu
15  pCt.  Vorkommen  ;  die  Preisunterschiede  zwischen  Berlin
und  anderen  Orten  waren  zuweilen  noch  bedeutender.
Zur  besseren  Uebersicht  sind  die  Zahlenwerte  auf
Tafel  II  graphisch  zusammengestellt.  Hierbei  kommen
die  Preisschwankungen  als  Funktion  der  Jahreszeit
besonders  in  der  Zeit,  wo  die  Syndikate  noch  nicht
bestanden,  sehr  eklatant  zum  Ausdruck.

TABELLE  I  (vergl.  Tafel  II).
Preistabelle  für  1897  1898  1899  1900  1901  1902  1903
Januar  40—50  60  35  28  32  27
Februar  42  -  50  56  33,50  24,50  29  27
März  38  50  55  33  24,50  29  27
April  38  52  50  33  24  29  24,50
Mai  38  50  45  30  22  27  24,50
Juni  40  49  42  26  21  27  24,50
Juli  40  48  40  26  21  27  24,50
August  50  48  40  24  21,50  27  24.50
September  50  48  40,50  23  25  27  24,50
Oktober  50  45,5  43,50  22  28  27  24,50
November  55  48  40  22  30  27  24,50
Dezember  55  55  35  26  33,50  27  24,50
Die  Ziffern  der  Ein-  und  Ausfuhr  sind  teils  den
Monatsberichten  des  Kaiserlich  Statistischen  Amtes
entnommen,  teils  auf  besondere  Anfrage  von  demselben ­
  Amte  in  liebenswürdigster  Weise  mitgeteilt
worden;  die  Angaben  über  die  Produktion  in  Deutschland ­
  beruhen  zum  Teil  auf  Einzelangaben  einiger  in-
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        69

ländischer  Fabriken,  während  der  Rest,  gestützt  auf
die  Angaben  des  Herrn  Professor  Dr.  Vogel  und  anderer
Autoritäten,  geschätzt  worden  ist.  Schliesslich  ist
noch  hervorzuheben,  dass  die  Produktionsangaben  nicht
mit  den  Konsumziffern  identisch  sind,  da  der  Umfang
der  Läger  am  Ende  der  einzelnen  Jahre  sehr  verschieden ­
  war.  Da  die  ausserordentlich  starke  Zunahme ­
  (7)  von  1899  —  1900  auf  eine  bedeutende  Ueberproduktion
  (vergl.  II,  die  Zeit  des  Carbidüberflusses)
zurückzuführen  ist,  so  kann  man  die  Entwicklung  des
Carbidverbrauchs  als  ziemlich  konstant  während  der
letzten  Jahre  ansehen.  Auf  Tafel  V  bedeutet  OA  die
Produktion  in  Deutschland,  OC  die  Einfuhr,  BC  die
Ausfuhr,  so  dass  OB  gleich  dem  Rest  ist,  der  in
Deutschland  verbleibt,  und  AB  den  Konsum  in
Deutschland  bedeutet.  Zur  besseren  Uebersicht  ist
alsdann  noch  einmal  die  Strecke  AB  =  OD  von  der
Linie  00  aus  abgetragen  worden.
Die  Tabellen  und  graphischen  Darstellungen  sind
weiter  unten  eingehend  erläutert  worden.

Einfuhr  in  Doppelzentnern ­
  im  Jahre
Januar
Februar
März
April
Mai
Juni
Juli
August
September
Oktober
November
Dezember

TABELLE  II  (.vergl.

1899  1900  1901

Tafel  III).
aus  aus
Amerika  Italien
1902  1902  1903  1903

2975
2025
2400
3797
4043
3346
4712
4135
7548
10694
9446
8799

8224
4456
5358
4890
5406
3917
6530
3814
6005
10601
8602
9204

10559
6234
6540
5270
4339
4213
7106
5950
8849
13598
10529
12076

12904  174  11840
6590  622  7092
5135  887  14474
7243  819  7306
5968  736  14631
6021  2551  7727
7120  1992  7616
8277  1454  10299  —

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493
2347
798
4795
0
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12200
14492
14627
12228

10935
14767
17026
17094

63740  77027  95261  112865  9135  140812  8511

Doppelzentner.
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        70

TABELLE  III  (vergl  Tafel  IV  und  V).
1)  Einfuhr  in  Doppelzentnern ­
  im  Jahre  1898  1899  1900
a.  Frankreich
b.  Italien
c.  Norwegen

1901  1902  1903

(siehe  unter  h)

d.  Oesterreich-Ungarn
e.  Schweden
f.  Schweiz
g.  Vereinigte  Staaten  (
h.  Andere  Länder  /
2)  Gesamtzahl  der  Einfuhr
3)  Gesamtzahl  der  Ausfuhr
4)  Rest,  der  in  Deutschland
verbleibt
5)  Produktion  in  Deutschland
6)  Gesamtproduktion
(abgerundet)

1910
5
9884  13157
15918  18713
6416  15154
28577  23445
1402
3241

2569

2934

18133
16866
16634
37888
351
2820

1494
85
21497
21686
6617
51220
9135
1131

3253
8511
31451
34818
2831
59184
192
572

63740
6363
57377
40000

77027
2241
74786
51000

95261
2746

112865
1262

92515  111603
50000  48000

140812
3348
137464
44000

97300  125700  142500  159600  181000

7)  Zunahme

28400  16800  17100  22400

1.  Die  Zeit  des  Carbidmangels.
In  der  ersten  Zeit  (1897)  wurde  allein  in  Neuhausen ­
  und  in  ganz  verschwindendem  Masse  auch  von
dem  Kunheimer  Werk  Carbid  produziert.  Mit  der
starken  Entwicklung  der  Acetylenindustrie  stieg  der
Bedarf  ganz  rapid.  Trotz  des  Bullierpatentes  warfen
die  amerikanischen  Fabriken  einiges  Carbid  auf  den
Markt,  aber  der  Import  war  verhältnismässig  zaghaft,
bis  am  20.  März  1898  die  Inhaberin  des  Patentes
durch  eine  Veröffentlichung  „das  Importmonopolgespenst ­
  zu  einem  guten  Teil  seiner  angsterfüllenden
Kraft  entkleidete“,  wie  eine  Fachzeitschrift  sich  ausdrückte. ­
  Der  Import  des  Carbide,  das  hauptsächlich
aus  Amerika  kam,  konnte  sich  aber  nicht  vollständig
entwickeln,  da  der  Bedarf  in  den  Vereinigten  Staaten
selbst  derartig  gestiegen  war,  dass  die  dortigen  Fabriken ­
  ihn  selbst  kaum  decken  konnten.  Der  Import
von  dort  aus  hörte  deshalb  auf  und  infolge  des  hieraus
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resultierenden  Carbidmangels  stieg  der  Preis  von  Ende
1897  bis  März  1898  (vergl.  Tafel  II)  auf  eine  ganz
un  verhältnismässige  Höhe  und  hielt  sich  auch,  weil
das  verringerte  Lichtbedürfnis  im  Sommer  durch  die  Inbetriebnahme ­
  neuer  Acetylen  anlagen  ausgeglichen  wurde.
Die  1898  im  Bau  begriffenen  Werke  notierten  nun
vielfach,  um  sich  bis  zur  Fertigstellung  ihrer  Fabrik
einen  Kundenkreis  zu  erwerben,  Terminware  zur  Hälfte
des  Preises  wie  für  effektive  Ware.  Dieser  Preisunterschied ­
  zwischen  Lieferware  und  effektiver  Ware
in  Verbindung  mit  dem  allgemeinen  Carbidmangel
bildet  meines  Erachtens  den  Ausgangspunkt  für  die
später  einsetzende,  wilde  Spekulation,  die  bisher  allgemein ­
  dem  Zwischenhandel  in  die  Schuhe  geschoben
wurde.  Meines  Dafürhaltens  haben  diejenigen  Carbidfabriken,
  welche  durch  ihre  schwindelhaften  Angebote
den  Markt  verwirrten,  jedenfalls  mit  zum  grossen
Teil  schuld.  Dass  der  Markt,  wie  die  Preistabelle  zeigt,
noch  einige  Zeit  fest  blieb,  lag  daran,  dass  sehr  langfristige ­
  Termine  abgeschlossen  wurden.  Entsprechend
dem  erhöhten  Lichtbedürfnis  zogen  im  Herbst  die
Preise  etwas  an.  Der  Carbidmangel  stieg  im  Laufe
des  Winters  so  sehr,  dass  einige  Acetylenanlagen,  z.  B.
in  Schleswig-Holstein,  für  einige  Zeit  stillgesetzt  werden
mussten.  Trotz  dieser  erhöhten  Nachfrage  im  Inlande
setzte  allmählich  zu  dieser  Zeit  auch  der  Export  ein,
weil  ausserordentlich  hohe  Preise  in  überseeischen
Ländern  erzielt  wurden.  Die  Entwicklung  des  Exportes
wurde  aber  durch  die  scharfen  Vorsichtsmassregeln
der  Rhedereien  und  deren  hohe  Frachtsätze  ungemein
erschwert,  zum  Teil  direkt  unterbunden.
Auch  im  Frühjahre  1899  änderte  sich  die  Sachlage ­
  nicht  wesentlich.  Die  bereits  bestehenden  Carbidfabriken
  waren  zum  Teil  mit  Staatslieferungen  beschäftigt, ­
  zum  Teil  hatten  Ueberschwemmungen  und
        <pb n="83" />
        74

Betriebsunfälle  stattgefunden.  Die  Inbetriebnahme  der
Neuanlagen  verzögerte  sich  ganz  wesentlich,  sodass
die  Händler,  die  sich  durch  die  Billigkeit  der  Terminware ­
  hatten  bestechen  lassen,  nunmehr  festsassen.
Bemerkenswert  für  die  Unreife  des  Carbidhandels
ist  folgende  Erscheinung.  Die  Folge  davon,  dass  die
Zwischenhändler  ihre  Terminware  nicht  rechtzeitig  erhielten, ­
  war,  dass  die  Ware  fast  stets  erst  durch
mehrere  Hände  lief,  bevor  sie  der  Konsument  erhielt.
Daher  kam  es,  dass  dieselbe  Ware  mehrmals  auf  dem
Markt  erschien.  Die  Uebersicht  über  die  Lage  war
hierdurch  ungemein  erschwert.  Deshalb  waren  auch
die  Preise  für  die  späteren  Lieferungen  noch  nicht
von  dem  tatsächlichen  Bedarf  und  Angebot  diktirt,
sondern  von  den  Händlern  zum  Teil  falsch  geschätzt,
da  sie  infolge  des  mehrmaligen  Erscheinens  ein  und
derselben  Carbidmenge  auf  .  dem  Markte  an  einen
Carbidüberfluss  glauben  mussten.  Diese  Tatsache
liefert  auch  die  Erklärung  für  die  interessante  Erscheinung, ­
  dass  in  der  ersten  Hälfte  des  Jahres  1899
der  Konsum  infolge  zahlreicher  Neuanlagen  von
Acetylenzentralen  stieg,  die  Preise  aber  trotzdem
sanken,  wiewohl  die  Produktion  der  Carbidfabriken
beinahe  dieselbe  blieb.  In  der  zweiten  Hälfte  des
Jahres  dagegen  fing  mit  der  Inbetriebnahme  der  Werke
allmählich  dieUeberschwemmung  des  Marktes  mit  Carbid
an,  trotzdem  wurde  die  Ware,  wenn  auch  bei  sinkenden
Preisen,  glatt  aufgenom  men,  weil  die  Händler  ein  Anziehen
der  Preise  für  den  Eintritt  des  Winters  erwarteten.
2.,  Die  Zeit  des  Carbidüberflusses.
In  den  ersten  Monaten  des  Jahres  1900  sank  der
Preis  allmählich  ohne  Sturz.  Die  Zwischenhändler
hatten  sich  in  der  Hoffnung  auf  einen  guten  Gewinn
zu  Ende  des  vorhergehenden  Jahres  zu  stark  eingedeckt ­
  und  schlugen  nun  Anfang  1900  ihre  Ware  billig
        <pb n="84" />
        75

los,  einmal  weil  ihr  Kapital  zu  gering  war,  um  es
lange  in  der  Ware  zu  belassen,  dann  aber  auch,  weil
sie  die  Zinsverluste  und  hohen  Lagerkosten  scheuten
und  einen  weiteren  Preisrückgang  zum  Frühjahre  hin
befürchten  mussten.  Da  nun  im  März  und  April
mehrere  neue  Acetylenzentralen  in  Betrieb  kamen,  zu
gleicher  Zeit  auch  der  Import  von  Amerika  sehr  stark
zurückging,  weil  der  Bedarf  in  den  Vereinigten  Staaten
selbst  nicht  gedeckt  werden  konnte,  so  wurde  die
Ware  der  Zwischenhändler,  wie  auch  der  alten  und  der
wenigen  neuen  Werke  noch  aufgenommen,  wenn  auch
mit  einer  ziemlich  bedeutenden  Preisreduktion.  Jedoch
schon  im  Mai  wurde  der  Markt  mit  Carbid  überschwemmt. ­
  Die  fallende  Tendenz  veranlasste  die  Konsumenten, ­
  keine  grösseren  Lieferungsverträge  abzuschliessen,
  sondern  sich  nur  für  den  Augenblick  einzudecken. ­
  Die  Händler,  ängstlich  infolge  des  Fallens
der  Preise,  versuchten  ihre  Ware  selbst  mit  Verlusten,
aber  ohne  Erfolg,  abzustossen.  Die  kapitalkräftigeren
Fabriken  dagegen  hofften  für  den  Spätsommer  ein
Anziehen  der  Preise  und  arbeiteten  deshalb  grösstenteils ­
  auf  Lager;  infolgedessen  stagniert  der  Markt
vollkommen.  Einzelne  Fabriken  schränken  ihren  Betrieb ­
  ein  oder  gehen  zu  anderen  Produktionszweigen
über.  Diese  Spannung  steigert  sich  bis  zur  Gewitterschwüle. ­
  Als  auch  die  Herbstmonate  mit  dem  erhöhten
Lichtbedürfnis  die  so  lang  ersehnte  Steigerung  der
Preise  im  allgemeinen  nicht  herbeiführten,  traten  die
Vertreter  der  einzelnen  Carbidwerke  zu  einer  Beratung
Ende  Oktober  in  Berlin  zusammen.  Erst  am  30.  November ­
  1900  wurde  die  „Verkaufsvereinigung  der
Vereinigten  Carbidfabriken“  gegründet.
3.  Das  erste  Syndikat  und  seine  Herrschaft.
Das  Syndikat  wurde  von  der  Deutschen  Goldund
  Silberscheideanstalt  vormals  Rössler  in  Frank-
        <pb n="85" />
        76

furt  a.  M.  geleitet.  Es  war  in  erster  Linie  zu  dem
Zwecke  gegründet,  die  ruinösen  und  schwankenden
Verkaufspreise  zu  heben  und  stabil  zu  machen.  In
zweiter  Reihe  erst  sollte  durch  Betriebseinstellung  das
Gleichgewicht  zwischen  Angebot  und  Nachfrage  wieder
hergestellt  werden.  Da  aber  nun  die  Produktion  des
Jahres  1900  beinahe  zweimal  so  gross  war,  als  der
Konsum,  so  war  vorerst  an  eine  Wiederaufnahme  des
Betriebes  gar  nicht  zu  denken.  Die  Folge  hiervon  war,
dass  Fabriken  mit  einer  besonders  günstigen  Produktion
es  vorzogen,  den  freien  Wettbewerb  aufzunehmen,  als
auf  unbestimmte  Zeiten  hin  die  Fabriken  zu  schliessen.
Daher  ist  es  erklärlich,  dass  das  erste  Syndikat  mehr
Outsider  als  Teilnehmer  hatte  und  infolgedessen  nur
eine  verhältnismässig  geringe  Bedeutung  gewann.
Zunächst  jedenfalls  hatte  es  den  Erfolg,  dass  die
Preise  anzogen.  Hierdurch  wurde  aber  der  Absatz
der  Fabriken  lahmgelegt,  da  nun  die  Händler  ihre
Lagerbestände  abstiessen.  Im  Februar  bereits  wurde
der  Markt  wieder  still,  das  verringerte  Lichtbedürfnis
sowie  die  Betriebseinstellungen  mehrerer  Acetylenanlagen ­
  infolge  der  Kälte  setzten  den  Konsum  herab.
Im  Frühjahr  1901  gestalteten  sich  die  Verhältnisse
noch  ungünstiger,  da  das  Syndikat  wegen  der  Outsider
nicht  in  der  Lage  war,  die  Preise  zu  halten;  die
fallende  Tendenz  der  Notierungen  legte  sofort  den
Markt  lahm,  da  jeder  ein  weiteres  Sinken  der  Preise
erwartete.  Dazu  kam  noch  die  schlechte  Witterung,
sodass  sich  der  Verkehr  in  den  Gartenlokalen,  kleinen
Hotels  und  Gasthäusern  auf  dem  Lande  nicht  entwickeln
konnte.  Der  Sommer  selbst  brachte  nichts  Neues.
Erst  im  Herbst  stiegen  die  Preise  wieder  an.  Die
Stocks  waren  bis  auf  kleine  Posten  zusammengeschmolzen, ­
  so  dass  mit  dem  Eintreten  der  Lichtsaison
eine  gewisse  Knappheit  sich  bemerkbar  machte.  Da-
        <pb n="86" />
        77

zu  kam  noch,  dass  die  nordischen  Werke  eine
Vereinbarung  getroffen  hatten,  aus  der  später  das
schwedische  Syndikat  hervorging  und  zugleich  der
Zolltarif-Entwurf  seine  Schatten  schon  voraus  warf.
Schliesslich  und  als  wichtigster  Grund  tauchten  Gerüchte ­
  auf,  dass  ein  neues  Syndikat,  das  sämtliche
Carbidwerke  umfassen  sollte,  in  der  Bildung  begriffen
sei  und  in  Funktion  treten  würde,  sobald  das  bestehende
Syndikat  sich  auflösen  würde.  Dies  geschah  am
1.  September  1901,  also  nach  nur  9monatlichem
Bestehen.
Sein  geringer  Erfolg  ist  auf  besonders  missliche
Umstände  zurückzuführen.  Die  vom  Syndikat  vorgeschriebene ­
  Produktionseinschränkung  stiess  eine  grosse
Anzahl  von  Fabriken,  besonders  die  billiger  produzierenden, ­
  ab.  Dazu  kamen  noch  ungünstige  Witterungsverhältnisse, ­
  die  den  Absatz  erschwerten,  und
eine  allzu  grosse  Vorsicht,  besonders  den  Zwischenhändlern ­
  gegenüber.
4.  Das  zweite  Syndikat
Die  Konstitution  des  zweiten  Syndikats  ging  unter
weit  günstigeren  Auspicien  vor  sich.  Die  Carbidvorräte
  der  Zwischenhändler  waren  beinahe  aufgebraucht, ­
  während  die  Fabriken  mit  ihren  geringen
Vorräten  zurückhielten.  Die  neue  Vereinigung  brauchte
also  nicht  von  vornherein  durch  rigorose  Bestimmungen
über  Produktionseinschränkungen  die  Unschlüssigen
abzustossen.  Dazu  kam  noch,  dass  sich  ganz  allgemein ­
  die  Erkenntnis  bei  den  Carbidwerken  durchgerungen ­
  hatte,  dass  nur  durch  einen  engen  Zusammenschluss ­
  eine  Besserung  der  Lage  erzielt  werden  könnte.
Als  wichtigster  Faktor,  der  die  Gründung  des  neuen
Syndikats  begünstigte,  ist  jedoch  die  beinahe  gleichzeitig ­
  erfolgende  Kartellierung  der  österreichischen,
schwedischen  und  französischen  Werke  anzusehen.
        <pb n="87" />
        78

Die  Vereinigung  der  schweizerischen,  norwegischen
und  deutschen  Fabriken  bildete  den  Schlussstein  des
europäischen  Syndikates.
Diese  besonderen  Bedingungen  wurden  durch  die
allgemein  günstigen  Voraussetzungen  unterstützt.  Der
Wert  des  Carbids  ist  durch  seine  Gasausbeute  leicht
zu  bestimmen,  sodass  die  Festsetzung  der  Syndikatspreise ­
  nicht  durch  die  Verschiedenartigkeit  der  Sorten
oder  Typen  erschwert  wird.  Zugleich  nimmt  auch
die  Carbidproduktion  eine  gewisse  Monopolstellung  ein.
Sie  ist  einmal  an  grosse  Wasserkräfte  gebunden  und
zweitens  erfordert  die  Fabrikation  selbst  eingearbeitete
und  geübte  Werkmeister,  sodass  der  Uebergang  von
einem  anderen  Produktionszweig  zu  der  Herstellung
des  Carbids  mit  verhältnismässig-grossen  Schwierigkeiten ­
  verbunden  ist.  Infolgedessen  hatte  das  Syndikat
das  Entstehen  von  Outsidern  zunächst  nicht  zu
erwarten.
Diese  inneren  Gründe  und  der  Zusammenschluss
aller  für  Deutschland  zunächst  in  Frage  kommenden
Carbidwerke  ermöglichten  eine  straffe  und  wirksame
Organisation.
Das  Syndikat  ist  als  „Geschäftsstelle  der  vereinigten
Carbidfabriken“  mit  einem  Stammkapital  von  156800  M.
in  das  Handelsregister  eingetragen.  Die  Rechtsform
der  Vereinigung  ist  die  einer  Gesellschaft  mit  beschränkter ­
  Haftung.  Die  Geschäftsstelle  mit  dem  Sitz
zu  Nürnberg  wird  durch  einen  Direktor  geleitet  und
durch  den  Aufsichtsrat  mit  Weisungen  versehen.  Die
Geschäftsführung  ist  der  Elektrizitäts  -  Gesellschaft
vorm.  Schuckert  sehr  eng  angegliedert.  Nur  die  Verkaufsstelle ­
  hat  das  Recht,  Verkäufe  abzuschliessen.
Ihre  Generalvertreterin  ist  die  Allgemeine  Carbid-Handelsgesellschaft
  sowie  eine  Magdeburger  Firma,
die  den  Vertrieb  des  Carbids  übernommen  haben.
        <pb n="88" />
        79

Die  eingelaufenen  Aufträge  werden  von  der  Geschäftsstelle ­
  den  einzelnen  Mitgliedern  überwiesen,  die  je
nach  ihrer  Leistungsfähigkeit  kontingentiert  sind.  Die
ausserordentlich  geringe  Beschäftigung  hat  jedoch  zahlreiche ­
  Fabriken  veranlasst,  nach  der  Betriebseinstellung
im  Sommer  1902  die  Produktion  überhaupt  nicht  wieder
aufzunehmen,  sondern  ihre  Quote  einzelnen  Fabriken
zu  übertragen,  die  dann  vollbeschäftigt  bedeutend
billiger  produzieren  konnten.  Jede  Fabrik  ist  verpflichtet, ­
  einen  Stock  von  10%  ihrer  Produktionsquote
ru  halten.  Ueber  das  Abrechnungsverfahren  zwischen
der  Geschäftsstelle  und  den  einzelnen  Fabriken  ist
nichts  bekannt  geworden.  Es  scheint  aber,  als  ob  die
Regulierungen  innerhalb  kleiner  Zeiträume  stattgefunden ­
  haben,  denn  die  Bilanzen  der  einzelnen  Firmen,
die  zu  ganz  verschiedenen  Jahreszeiten  abschlossen,
weisen  nach  der  Gründung  des  Syndikates  keine
anormale  Steigerungen  des  Debitorenkontos  auf,  was
doch  der  Fall,  wenigstens  bei  einigen,  hätte  sein  müssen,
wenn  langfristige,  z.  B.  jährliche  Abrechnungen  stattfänden. ­
  Einen  ungefähren  Anhaltspunkt  gibt  uns  auch
die  Monatstabelle  der  Einfuhr  nicht.  Wenn  man  nämlich ­
  von  der  Ansicht  ausgeht,  dass  die  Ware  immer
erst  kurz  vor  dem  Abrechnungstermin  auf  den  Markt
geworfen  würde,  um  an  Zinsverlusten  zu  sparen,  so
müsste  der  Import  mit  einer  bestimmten  Regelmässigkeit ­
  fluktuieren.  Allerdings  zeigt  nun  die  Monats-tabelle
(II)  um  den  Quartalsersten  herum  meistenteils  eine  bedeutende ­
  Zunahme,  aber  auch  bereits  zu  Zeiten  vor  dem
Syndikat,  sodass  ein  absoluter  Beweis  hierdurch  nicht
zu  erbringen  ist,  wenn  auch  ein  Causalconnex  zwischen
dieser  regelmässigen  Erscheinung  und  der  Flüssigkeit
des  Geldes  zu  diesem  Zeitpunkte  wahrscheinlich  ist.
Was  nun  den  Vertrieb  der  Ware  anbetrifft,  so
verkaufen  die  Generalvertreterinnen  des  Syndikates
        <pb n="89" />
        80

das  Carbid  gegen  Kasse.  Nur  Grosskonsumenten  wird
ein  dreimonatliches  Ziel  gewährt.  Hierdurch  werden
Ausfälle  durch  zweifelhafte  Debitoren  vermieden  und
stets  für  das  erforderliche  Betriebskapital  der  einzelnen
Carbidfabriken  gesorgt.  Das  Carbid  wird  in  Posten
bis  zu  100  kg  herab  verkauft  und  selbst  für  diese
kleinen  Lieferungen  langfristige  Verträge  auf  successiven
  Abruf  abgeschlossen.  Durch  einen  derartigen
Detailhandel  soll  der  Zwischenhändler  nach  Möglichkeit
ausgeschlossen  werden.  Der  kleine  Zwischenhändler
hat  insofern  seine  Berechtigung,  als  er  durch  Halten
auch  von  kleinen  Lagern  den  sofortigen  Bezug  von
Carbid  ermöglicht.  Die  einfache  Landbevölkerung  ist
oft  nicht  kaufmännisch  genügend  geschult  und  wartet
mit  ihren  Bestellungen  meist-  bis  zum  letzten  Augenblick. ­
  Vielfach  hat  jedoch  die  Spekulation  des  Zwischenhändlers ­
  nachteilig  gewirkt.  Sobald  die  Preise  längere
Zeit  hindurch  eine  Abwärtsbewegung  zeigen,  wirft  er
seine  Läger  auf  den  Markt  und  ruft  dann  einen  weiteren ­
  Preissturz  hervor;  ebenso  steigert  er  auch  vielfach ­
  die  Preise  auf  fabelhafte  Höhe,  sobald  eine
Knappheit,  wie  z.  B.  Ende  1898,  sich  bemerkbar
macht.
Für  das  Syndikat  war  der  Zwischenhändler  jedoch
weniger  als  Spekulant  als  vielmehr  als  Importeur  von
Bedeutung.  Die  Zufuhren  vom  Auslande  waren  allgemein ­
  zu  ungewiss,  als  dass  daraufhin  der  Zwischenhändler ­
  grössere  Verträge  hätte  abschliessen  können,
wenn  er  nicht  an  der  heimischen  Produktion  einen
gewissen  Rückhalt  gefunden  hätte.  Um  dies  aber  zu
verhindern,  wurde  an  Zwischenhändler  nur  dann  Ware
abgesetzt,  wenn  sie  sich  verpflichteten,  allein  vom  Syndikat ­
  zu  beziehen.  Zugleich  wurde  ihnen  auch,  um
irgend  welche  Spekulation  zu  verhindern,  der  Verkaufspreis ­
  vorgeschrieben.
        <pb n="90" />
        81

Als  ein  weiteres  Mittel,  um  den  beabsichtigten
Import  zu  bekämpfen,  für  den  in  erster  Linie  Amerika
in  Frage  kam,  wurden  besondere  Vergünstigungen
betreffs  der  Emballage  bewilligt.  Die  vom  Syndikat
aufgegebenen  Preise  verstanden  sich  einschliesslich
Verpackung.  Dieselbe  wurde  aber  mit  2  M.  pro  100  kg
bei  Rücklieferung  franco  Werk  gutgeschrieben.  Infolgedessen ­
  erniedrigte  sich  der  tatsächliche  Preis  um
ca.  lO°/o.  Eine  Rücksendung  der  Emballage  nach
Amerika  war  aber  ausgeschlossen,  weil  die  Frachtkosten ­
  dorthin,  nach  Raummass  berechnet,  viel  zu
hoch  waren.  Aber  auch  für  Deutschland  war  diese
Vergütung  für  die  Verpackung  vielfach  illusorisch.
Jedenfalls  ist  das  Heranziehen  der  Emballage  charakteristisch ­
  dafür,  dass  der  Kampf  bis  aufs  Blut  geführt
wurde.
Mit  den  übrigen  europäischen  Syndikaten  wurden
Abkommen  dahin  getroffen,  dass  die  französische  und
schwedische  Gruppe  nicht  nach  Deutschland  lieferte.
Mit  dem  österreichischen  Syndikat  wurde  eine  Sonderabmachung ­
  getroffen,  auf  Grund  deren  dieser  Vereinigung ­
  eine  gewisse  Einfuhrsquote  zugestanden  wurde.
Den  übrigen  Konsum  von  Deutschland  teilen  die
deutschen,  norwegischen  und  schweizerischen  Werke
unter  sich.
Das  Abkommen  mit  der  Union  Carbide  Comp,
und  den  Kanadischen  Werken  wurde  Herbst  1902
(vergl.  Tabelle  II)  getroffen.  Dafür,  dass  Amerika  auf
die  Einfuhr  nach  Deutschland  verzichtete,  wurden  ihm
gewisse  Konzessionen  auf  dem  Weltmarkt  zugestanden.
Die  Importziffer  Frankreichs  im  Jahre  1903  (vergleiche
Tabelle  III)  scheint  auf  einem  Kontraktbruch  zu  beruhen; ­
  jedenfalls  hat  das  Kaiserlich  statistische  Amt,
als  diese  Zahl  bezweifelt  wurde,  Recherchen  angestellt,
die  zu  demselben  Ergebnis  führten.  Was  den  Import
Wange  mann,  Die  Calciumcarbidindustrie.  ß
        <pb n="91" />
        I

—  82  —

aus  Italien  anbetrifft,  so  hat  das  Syndikat  gelegentlich
des  Carbidmangels  ira  Anfänge  1903  einiges  Material
dorther  bezogen  (s.  Tabelle  II).  Die  hauptsächlichsten
Posten  wurden  jedoch  von  einer  Grosshändlerfirma
bestellt,  der  die  amerikanische  Zufuhr  abgeschnitten
war  und  die  bis  zur  Inbetriebsetzung  ihres  eigenen
Werkes  auf  italienische  Ware  angewiesen  war.  Wie
die  übrigen  Importziffern  zeigen,  kommt  die  italienische
Ware  für  den  deutschen  Markt  nicht  in  Betracht.
Von  der  einen  Seite  wird  die  schlechte  Qualität,  von
anderer  Seite  die  schlechte  Verpackung  als  Grund
angegeben,  die  beim  Transport  durch  die  regulären
Dampferlinien  als  nicht  den  Anforderungen  der  See-Berufsgenossenschaft
  entsprechend,  speziell  aber  beim
Weiterverkauf  in  Deutschland  Schwierigkeiten  verursache. ­

Als  Gegenwicht  gegen  die  monopolistische  Machtstellung ­
  des  Syndikates  bildeten  sich  als  Kontremine
schon  im  Januar  1902,  sobald  die  Preise  emporschnellten, ­
  Vereinigungen  von  Konsumenten,  z.  B.  in
Lothringen,  Oesterreich-Ungarn  etc.  Zum  Teil  gelang
es  ihnen,  die  Preise  für  die  Angehörigen  durch  Bezüge ­
  in  grösseren  Mengen  tatsächlich  herabzudrücken.
Wirksamer  war  späterhin  das  Vorgehen  einer  Carbidgenossenschaft
  in  Zürich,  die  die  Fabrik  zu  Gurtnellen,
die  bisher  dem  Syndikat  angehörte,  käuflich  erwarb,
als  dieselbe  in  Liquidation  geriet  und  in  diesem  Werke
ausserhalb  des  Syndikats  für  die  Angehörigen  der
Genossenschaft  produzierte.  Ein  Prozess,  der  vom
Syndikat  angestrengt  wurde,  wurde  durch  einenVergleich
beendet.  Allerdings  wurden  die  Carbidlieferungen
des  Gurtneller  Werkes  an  die  Genossenschaft  zu
Zürich  zeitweise  beim  Umbau  der  Fabrik  unterbrochen.
Im  allgemeinen  ist  es  der  sehr  geschickten,  zielbewussten ­
  und  tatkräftigen  Politik  des  Syndikats  ge-
        <pb n="92" />
        6*

83

lungen,  sich  im  Laufe  der  Zeit  das  volle  Vertrauen
nicht  nur  seiner  Angehörigen,  sondern,  was  noch  weit
schwieriger  ist,  auch  der  Konsumenten  zu  erwerben,
wiewohl  auf  der  anderen  Seite  nicht  abzustreiten  ist,
dass  das  Syndikat  sich  selbst  und  die  gesamte  Carbidindustrie
  dadurch  sehr  schädigt,  dass  es  durch  seine
Verträge  gezwungen  ist,  manche  Werke  jetzt  noch
über  Wasser  zu  halten,  die  beim  freien  Wettbewerbe
schon  längst  ausgeschaltet  worden  wären.  Das  Syndikat ­
  musste  aber  bei  seiner  Gründung  darauf  bedacht
sein,  sämtliche  Werke  in  sich  aufzunehmen.
5.  Die  Entwicklung  des  Marktes  zur  Zeit
des  zweiten  Syndikates.
Infolge  der  Vorverhandlungen  für  das  zweite
Syndikat  zu  Ende  des  Jahres  1901  hielten  die  Fabrikanten ­
  mit  ihrer  Ware  zurück,  um  sie  erst  nachher
zu  höheren  Syndikatspreisen  loszuschlagen.  Infolgedessen ­
  ziehen  die  Preise  Ende  1901  an  und  springen
am  1.  Dezember  durch  Syndikatsbeschluss  auf  32  Mk.
ab  Einbruchstelle  (loco  Berlin  33,50  Mk.)  (vergl.
Tabelle  I).
Infolge  des  strengen  Vorgehens  gegen  die  Zwischenhändler ­
  wurde  von  drei  Carbidhandelsfirmen  amerikanische ­
  Ware  herangezogen.  Der  Import  dieser
Ware  wurde  dadurch  erleichtert,  dass  einige  Syndikatsfirmen ­
  bei  der  Wiederaufnahme  des  Betriebes
ungelernte  Arbeiter  und  Werkmeister  einstellen  mussten
und  deshalb  die  Qualität  des  Carbids  bei  mehreren
Fabriken  in  der  allerersten  Zeit  zuweilen  minderwertig ­
  war.  Günstig  wurde  der  Absatz  der  amerikanischen ­
  Ware  weiter  dadurch  beeinflusst,  dass  die
Zwischenhändler  nicht,  wie  bei  der  Syndikats  ware,
an  bestimmte  Verkaufspreise  gebunden  waren.  Dagegen ­
  wirkten  2  Momente  ungünstig:  der  Bezug  nur
        <pb n="93" />
        84

in  grösseren  Quanten  und  die  sofortige  Bezahlung.
Im  Mai  1902  wurde  den  Zwischenhändlern  der  Krieg
erklärt.  Ihre  Syndikatsprovision  von  1,50  Mk.  pro
100  kg  fiel  fort  und  das  Carbid  wurde  in  Mengen  bis
zu  100  kg  herab  von  der  Generalvertreterin  des  Syndikats ­
  direkt  an  die  Konsumenten  abgegeben.  Zugleich
wurde  der  Preis,  abgesehen  von  der  obengenannten
Provision,  ausserdem  noch  um  0,5  Mk.  herabgesetzt,
so  dass  der  Konsument  die  Ware  jetzt  2  Mk.  billiger
erhielt.  (Vergl.  Tabelle  I.)  Man  hoffte  auf  diese  Weise
die  ausländische  Konkurrenz  endgiltig  aus  dem  Wege
zu  schlagen.  Im  Sommer  vertíante  das  Geschäft  so,
dass  in  fast  sämtlichen  Syndikatsfabriken  am  1.  Mai
der  Betrieb  eingestellt  werden  musste.
Das  amerikanische  Carbid  eroberte  sich  aber  doch
inzwischen,  trotz  aller  Kampfesmassregeln,  allmählich
das  westliche  Norddeutschland,  soweit  es  die  billige
Flussschiffahrt  benutzen  konnte.  Als  die  Einfuhr  von
Amerika  (Tabelle  II)  immer  grössere  Dimensionen
annahm,  wurde  gegen  Herbst  das  Abkommen  mit
Amerika  perfekt  und  damit  der  Zwischenhandel  vollkommen ­
  lahmgelegt.  Weil  aber  nun  die  einfache
Landbevölkerung  und  Installateure  nur  immer  sehr
kurzfristig  kauften,  so  fehlte  es  an  grösseren  Bestellungen. ­
  Die  Folge  hiervon  war,  dass  die  Fabriken
nicht  so  viel  produzierten  und  dass  sich  eine  gewisse
Knappheit  zu  Ende  des  Winters  bemerkbar  machte.
Interessant  ist  es,  wie  sich  der  Carbidmangel  und  die
stossweise  Einfuhr  von  Carbidsich  auf  Tafel  III  bemerkbar ­
  macht.
Unlogisch  istes,  wenn  das  Syndikat  die  Schuld  hieran
den  Zwischenhändlern,  die  es  selbst  ausgeschaltet
hatte,  mit  dem  Bemerken  zuschob,  dass  sie  sich  nicht
rechtzeitig  eingedeckt  hätten.  Es  muss  auf  der  anderen
Seite  aber  anerkannt  werden,  dass  das  Syndikat  in
        <pb n="94" />
        85

verhältnismässig  kurzer  Zeit  den  Carbidmangel  behob,
ganz  besonders  aber,  dass  es  ihn  nicht  durch  eine
Preissteigerung  ausnützte.  Im  Frühjahr  1903,  als  das
Lichtbedürfnis  abnahm,  war  das  Syndikat  gezwungen,
seine  Preise  um  ca.  3  Mk.  zu  reduzieren,  weil  bei
dem  geringen  Konsum  die  Produktion  der  Outsider
weit  mehr  ins  Gewicht  fiel.  Als  solche  sind  Gurtnellen
  (Züricher  Carbidgenossenschaft),  Paternion
(Krain)  das  Brandenburgische  Carbidwerk,  sowie  in
Ungarn  Jadvölgy  zu  nennen.  Seitdem  hat  sich  die
Marktlage  bis  Ende  1903  in  keiner  Weise  verändert.
Es  erscheint  fraglich,  ob  das  Syndikat,  da  es  schwerlich ­
  gewinnbringende  Preise  halten  kann,  das  Frühjahr ­
  1904  überstehen  wird.  Das  verringerte  Lichtbedürfnis ­
  wird  eine  weitere  Preisreduktion  in  Anbetracht ­
  des  Entstehens  neuer  grosser  aussenstehender
Fabriken  erforderlich  machen.  Die  hohen  Frachtkosten ­
  bis  zur  Einbruchstelle  werden  den  ausländischen
Fabriken  dann  kaum  noch  einen  Gewinn  lassen.  Mit
der  Einführung  eines  Zolles  würde  jedenfalls  das
Schicksal  des  Syndikats  besiegelt  sein,  da  die  inländischen ­
  Fabriken  dann  kein  Interesse  haben,  mit
den  ausländischen  konform  zu  gehen,  ln  diesem
Falle,  aber  auch  nur  in  diesem  Falle,  können  wir
auf  das  Entstehen  eines  deutschen  Carbidsyndikates
rechnen.
        <pb n="95" />
        IV.  ABSCHNITT.
Die  Aiissichten  für  die  Industrie.
In  den  vorhergehenden  Abschnitten  ist  gezeigt
worden,  dass  lediglich  die  Überproduktion  die  Krisis
in  der  Carbidindustrie  hervorgerufen  hat.  Anfang  1904
steht  die  Produktionsfähigkeit  zum  tatsächlichen  Verbrauche ­
  im  Verhältnis  wie  70000  :  18  000  =  3,9  :  1.
Die  Konsumsteigerung  beträgt  jetzt  laut  Konsumtabelle ­
  im  Abschnitt  III  15  %  jährlich,  so  dass  in  absehbarer ­
  Zeit  an  eine  Vollbelastung  durch  Carbid-Produktion
  bei  den  hauptsächlichsten  Fabriken  gar
nicht  zu  denken  ist.  Eine  Steigerung  dieser  Konsumzunahme ­
  von  15  °/o  ist  vielleicht  von  einer  durchgreifenden ­
  Umgestaltung  der  Acetylenindustrie  zu  erhoffen. ­
  Sie  hat  nach  harten  Schlägen  und  nicht
abzuleugnenden  finanziellen  Misserfolgen  das  Vertrauen
in  Kapitalistenkreisen  verloren,  so  dass  ihr  die  allernotwendigsten ­
  Mittel  für  eine  energische  Propaganda
zur  Zeit  fehlen.  Dieser  Umstand  fällt  umsomehr  ins
Gewicht,  als  einmal  Vorurteile  im  Publikum,  deren
Berechtigung  auf  Grund  mancher  früherer  Vorkommnisse ­
  nicht  abzustreiten  ist,  beseitigt  werden  müssen,
andererseits  aber  dem  Acetylen  in  anderen  Beleuchtungsarten, ­
  wie  Steinkohlengas,  Aerogengas,  speziell  aber
in  der  Elektrizität  eine  scharfe  Konkurrenz  entstanden
        <pb n="96" />
        —  87  —
ist.  So  manche  kleine  Beleuchtungsanlage  ist  in  den
letzten  Jahren  für  Elektrizität  ausgeführt  worden,  die
technisch  und  ökonomisch  besser  für  Acetylen  ausgeführt ­
  worden  wäre.  Aber  hier  kommt  in  doppelter
Beziehung  die  eminente  Kapitalkraft  der  Elektrizitätsindustrie ­
  in  Betracht.  Sie  ist  erstens  in  der  Lage,
ein  über  ganz  Deutschland  ausgedehntes,  engmaschiges
Netz  von  eigenen  Vertretungen  und  Filialen  zu  unterhalten, ­
  die  durch  fortwährende  Besuche,  persönliche
Verbindungen  und  dergleichen  eine  ganz  ausserordentlich ­
  rege  und  wirksame  Propaganda  machen.
Dieser  persönliche  Einfluss  ist  bei  der  Bevölkerung  des
flachen  Landes  sehr  oft  entscheidend  und  ausschlaggebend. ­
  Noch  viel  wichtiger  ist  aber  die  Kapitalkraft
der  Elektrizitätsindustrie  beim  Bau  kleiner  Zentralanlagen. ­
  Sie  kann  den  städtischen  Behörden  durch
günstigere,  langfristige  Zahlungsbedingungen  entgegenkommen
  und  durch  Stellung  grösserer  Kautionen  die
Einhaltung  ihrer  Garantien  sichern.  Alle  diese  günstigen
Momente  fallen  bei  der  Acetylenindustrie  weg.  Besondere ­
  Umstände,  welche  eine  Investierung  grösserer
Kapitalien  in  der  Acetylenindustrie  veranlassen  würden,
sind  nicht  zu  erwarten.  Und  selbst  für  diesen  Fall
würde  ein  derartiger,  teurer  Vertreterapparat,  wie  ihn
die  Elektrizitätsindustrie  unterhält,  wegen  des  zu  geringen ­
  Umsatzes  der  einzelnen  Acetylenapparatefabriken ­
  nicht  lohnen.  Nach  alle  diesem  ist  eine
Besserung  der  Lage  der  Acetylenindustrie  und  somit
eine  besondere  Steigerung  des  Carbidkonsums  nicht
zu  erwarten.
Wesentlich  günstiger  würden  sich  jedoch  die  Verhältnisse ­
  gestalten,  wenn  die  Konkurrenz  zwischen
Elektrizität  und  Acetylen  in  ein  gemeinsames,  friedliches ­
  Zusammenarbeiten  umgewandelt  würde.  Dies
wäre  im  Interesse  der  Konsumenten  wie  auch  der
        <pb n="97" />
        beiden  Industrien  selbst  zu  wünschen  und  um  so  eher
möglich,  als  das  Verwendungsgebiet  der  beiden  Beleuchtungsarten ­
  streng  geschieden  ist  und  diese
Scheidegrenze  lediglich  durch  die  Produktionswut
einzelner  Gruppen  sehr  zu  Ungunsten  der  Konsumenten,
die  sich  überreden  Hessen,  überschritten  wurde.
Eine  Angliederung  der  grösseren  Acetylenapparatefabriken ­
  an  die  kapitalkräftige  Elektrizitätsindustrie
würde,  vorausgesetzt,  dass  nicht  eine  Finanz-  oder
Interessengemeinschaft,  sondern  wirklich  eine  Produktionsvereinigung ­
  stattfände,  die  Fabrikation  von
Acetylenappa'aten  bedeutend  billiger  als  jetzt  gestalten
und  dabei  noch  einen  guten  Gewinn  abwerfen,  einmal
weil  nur  eine  geringe  Quote'  der  Generalunkosten  auf
sie  zu  entfallen  hätte,  zweitens  weil  die  teuren  Versuche ­
  der  sich  einarbeitenden,  und  dann  wechselnden
Ingenieure  fortfallen  würden  und  drittens  der  Vertrieb
durch  den  vorzüglich  organisierten  Vertreterapparat
keine  Mehrkosten  bedingen  würde.
Allerdings  bin  ich  mir  auch  vollkommen  klar,  dass
dieses  Zukunftsbild  eine  phantastische  Utopie  ist,  nicht
etwa  vom  rein  kaufmännischen  Standpunkte  aus,
sondern  weil  das  verbrannte  Kind  das  offene  Feuer
scheut  Und  sämtliche  Elektrizitätsfirmen  haben  in
den  ersten  Jahren  der  Carbidindustrie  bitterböses  Lehrgeld ­
  zahlen  müssen. 1 )
Weit  aussichtsreicher  und  praktisch  durchführbar
erscheint  mir  eine  Reorganisation  der  Acetylenindustrie
und  damit  eine  Hebung  des  Carbidkonsums,  wenn  ein
Carbidsyndikat  als  zunächst  interessierter  Faktor  mit
finanzieller  Unterstützung  einen  Zusammenschluss  der
1)  Bemerkenswert  ist,  dass  eine  der  grössten  Elektrizitätsfirmen ­
  tatsächlich  im  Jahre  190t  längere  Zeit  Verhandlungen
geführt  hat,  den  Acetylenapparatebau  aulzunehmen.  Die  Verhandlungen ­
  zerschlugen  sich  Frühjahr  1902.
        <pb n="98" />
        89

Apparatefabriken  herbeiführen  würde,  nachdem  durch
die  beabsichtigte,  staatliche  Aufsicht  des  Acetylenapparatenbaues
  die  minderwertigen  Elemente  ausgeschaltet ­
  sind.
Eine  derartig  durchgreifende  Umgestaltung  der
Acetylenindustrie  ist  aber  auch  für  diesen  Fall  nicht
zu  erwarten,  so  dass  das  Missverhältnis  zwischen  Produktionsfähigkeit ­
  und  Konsum  in  absehbarer  Zeit
dadurch  ausgeglichen  werden  könnte.  Eine  Sanierung
der  Carbid-Industrie  lässt  sich  lediglich  durch  eine
zwangsweise  Ausschaltung  eines  Teils  der  jetzt  in
Betracht  kommenden  Fabriken  erreichen.  Eine  freie
Vereinigung,  wie  ein  Syndikat,  würde  hierzu  nicht  imstande ­
  sein,  im  Gegenteil,  das  derzeitige  unterhält  zum
Nachteile  eines  grossen  Teils  seiner  Mitglieder  jetzt
Fabriken,  die  bei  freiem  Wettbewerbe  für  die  Carbidproduktion
  schon  längst  ausgeschieden  wären.  Es
kann  also  hier  nur  der  Staat  mittels  eines  Zolles  eingreifen.
  Aber  die  Verhältnisse  zur  Beurteilung  der
Zollfrage  liegen  bei  der  Carbidproduktion  wesentlich
verwickelter  als  bei  anderen  Industrieen.  Während
sich  sonst  im  allgemeinen  nur  zwei  Interessentengruppen ­
  gegenüberstehen,  nämlich  die  Produzenten,
die  durch  den  Zoll  geschützt  werden  sollen,  und  die
Konsumenten,  haben  wir  bei  der  Carbidindustrie  drei
Gruppen  zu  unterscheiden,  1.  die  inländischen  Produzenten, ­
  2.  die  ausländischen  Produzenten  mit
deutschem  Kapital  und  3.  die  Konsumenten.  Es  ist
also  die  Wirkung  eines  eventuellen  Zolles  auf  jede
dieser  drei  Gruppen  in  Betracht  zu  ziehen. 1 )
i)  Bei  der  Behandlung  der  Zollfrage  habe  ich  es  vermieden, ­
  meine  eigene  Meinung  als  massgebend  hinzustellen.
Die  nachfolgende  Beurteilung  der  Zollfrage  ergab  sieb  aus  den
Bespiechungen  mit  Angehörigen  der  einze.nen  luteressentengruppen.
        <pb n="99" />
        90

Es  fragt  sich  nun  zunächst,  wer  trägt  den  Zoll,
die  inländischen  Konsumenten  oder  die  ausländischen
Produzenten?  Jedenfalls  die  erstere  Gruppe,  so  lange
das  Inland  allein  den  Konsum  nicht  decken  kann.
Dieser  Punkt  ist  also  zunächst  zu  untersuchen.
Der  voraussichtliche  Jahreskonsum  in  Deutschland
wird  1904  rund  ca.  20700  =  18000  -f-  15  %  tons
betragen.  In  Deutschland  können  in
Rheinfelden
Alluminiumindustrie(Carbid)  4000  tons
Elektrochemische  Werke  .  4000  „
Lechbruck  1500  »

Lauffen  600  „
Brandenburg  1200  „
Freyung  2000  „

13300  tons
produziert  werden.
Ein  Import  von  ca.  7400  tons  =  35,7  %  des
gesamten  Konsums  ist  demnach  auch  in  der  ersten
Zeit  trotz  des  Zolles  erforderlich.  Infolgedessen  werden
die  ausländischen  Produzenten,  in  der  ersten  Zeit
wenigstens,  den  Zoll  nicht  übernehmen,  sondern  die
Konsumenten  damit  belasten,  zumal  da  sie  bei  den
heutigen  sehr  gedrückten  Preisen  kaum  die  Selbstkosten ­
  bestreiten  können.  Die  nächste  Folge  wird
also  ein  Steigen  des  Carbi  dp  reises  um  die  Höhe  des
Zolles,  nämlich  um  4  Mk.  pro  100  Kilo  =  18  %  des
Wertes  sein  (von  22  Mk.  aut  26  Mk.),  vorausgesetzt
den  sehr  unwahrscheinlichen  Fall,  dass  die  Carbidpreise
im  Frühjahr  1904  auf  der  Höhe  von  22  Mk.  sich  halten
können.  Von  Seiten  der  Konsumenten,  speziell  von  den
Acetylenapparatefabrikanten  wird  aber  eine  Belastung
durch  den  Zoll  als  ausserordenlich  nachteilig  für  die  Entwicklung ­
  des  Konsums  hingestellt.  Die  Berechtigung
        <pb n="100" />
        91

diesesEinwurfes  erscheint  fraglich,  wenn  man  die  näheren
Umstände  in  Betracht  zieht.  Erstens  haben  sämtliche
anderen  Staaten  einen  Carbidzoll,  darunter  auch  solche,
in  denen  eine  rationelle,  konkurrenzfähige  Carbidproduktion,
  z.  B.  in  Dänemark,  Russland,  ausgeschlossen
ist.  Nachstehende  Tabelle  möge  eine  Uebersicht  über
die  Zollverhältnisse  der  anderen  Staaten  geben:

Land

Dänemark  .  .
Frankreich  .  .
Italien  .  .  .
Oesterr.-Ungarn
Portugal  .  .  .
Russland
pr.  ICO  Pud  od.  120  kg
Schweden  .  .
Schweiz  .  .  .
Deutschland

Zoll
pro  100  kg

10  Lire
10  Gulden
2,25  Ruh.
5  Fres.
4  Mark

in  Mark

8
17
4,50
4
4

%  hei  einem
Normal  wert  von
22  Mark

10  %
5  »
36,4»
77,2»
13  »
17  »
15  »
18,2»
18,2  »

Ein  Zoll  in  Deutschland  würde  also  keine  grössere
Belastung  darstellen,  als  die  Konsumenten  in  anderen
Ländern  ihn  auch  ertragen  können.  Was  nun  den
Einwurt  des  Acetylenapparatenbaues  anbetrifft,  so  hat
der  Konsum  des  Carbids  in  denjenigen  Jahren  (1898
und  1899)  am  meisten  zugenommen,  in  welchen  die
Preise  für  Carbid  am  höchsten  waren  (vergleiche  Zusammenstellung ­
  der  Preise  in  Abschnitt  III),  und  umgekehrt ­
  war  die  Zunahme  des  Konsums  im  Jahre  1901
nicht  anormal,  obwohl  die  Preise  während  längerer
Zeit  sich  auf  18  Mk.  (en  gros)  hielten.  Bei  der
Fixierung  dieser  Tatsache  darf  man  allerdings  andererseits, ­
  um  vollkommen  gerecht  zu  bleiben,  auch  nicht
vergessen,  dass  die  allgemein  günstige  wirtschaftliche
        <pb n="101" />
        92

Lage  zu  Ende  der  neunziger  Jahre  der  Verbreitung
des  Acetylenlichtes  sehr  günstig  war,  während  die
Depression  im  Jahre  1901  auf  die  Weiterentwicklung
der  Acetylenbeleuchtung  jedenfalls  ungünstig  ein  wirkte.
Es  lässt  sich  auch  nicht  ableugnen,  dass  dieser  oder
jener  Konsument  bei  einem  plötzlichen  starken  Emporschnellen ­
  der  Carbidpreise  auf  Petroleum  zurückgegriffen ­
  hat,  aber  im  allgemeinen  zeigt  doch  die
Konsumtabelle  im  Abschnitt  III  während  der  Jahre
1899-1903  eine  stetige,  wenn  auch  langsame  Entwicklung, ­
  wiewohl  die  Carbidpreise  so  stark  variierten,
dass  der  höchste  Engrospreis  zum  niedrigsten  sich  wie
3,87  :  1  verhielt.  In  Wirklichkeit  aber  werden  1904,
wenn  die  neuen  Carbidwerke  ihren  vollen  Betrieb  aufnehmen, ­
  die  Preise  bis  zur  Einführung  des  Zolles
weiterhin  sinken,  zumal  wenn  das  jetzigen  Syndikat
sich  auflösen  sollte,  so  dass  alsdann  die  Preise  einschl.
den  Zollzuschlägen  wohl  schwerlich  die  jetzige  Höhe
erreichen  werden.  Eine  tatsächliche  Benachteiligung
der  Acetylenindustrie  ist  danach  nicht  zu  erwarten.
Ob  eine  eventuelle  Mehrbelastung  der  Carbidkonsumenten
  durch  die  Einführung  eines  Zolles  zu  Gunsten
der  Produzenten  gerechtfertigt  erscheint,  hängt  von
der  Rentabilität  der  Carbidindustrie  ab.  Die  schlechte
finanzielle  Lage  eines  einzelnen  Carbidwerkes  würde
lediglich  ein  Beweis  dafür  sein,  dass  bei  der  Gründung
der  Fabrik  nicht  mit  der  nötigen  Sorgfalt  vorgegangen
ist.  Wenn  jedoch  die  Gesamtheit  einer  Industrie
darniederliegt,  so  hat  der  Staat  das  Recht  und  die
Pflicht,  hier  regulierend  einzugreifen,  einmal  im
Interesse  der  finanziell  Schwachen,  weit  mehr  aber
noch  in  seinem  eigenen  Interesse,  insofern,  als  er  durch
einen  Zoll  eine  nationale  Industrie  hervorrufen  kann.
Die  Einführung  eines  Zolles  auf  Carbid  ist  vom  volkswirtschaftlichen ­
  Standpunkte  aus  um  so  eher  gerecht-
        <pb n="102" />
        93

fertigt,  als  der  eventuellen  Erhöhung  der  Carbidpreise
um  den  Zoll  eine  Herabsetzung  dieser  Preise  in  absehbarer ­
  Zeit  gegenüberstehen  wird,  die  sich  aus  der
Tendenz,  kleinere  Werke  mit  kleinen  Konsumgebieten
zu  gründen,  alsdann  durch  die  Herabminderung  der
Transportkosten  ergibt.  (Vergl.  Abschnitt  II.)  Ganz
allgemein  wird  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  die  neu
sich  entwickelnde  Industrie  unter  günstigeren  Bedingungen ­
  und  deshalb  billiger  produzieren  können
als  bisher,  denn  einmal  sind  nicht  unwesentliche  technische ­
  Verbesserungen,  besonders  beim  elektrischen
Ofen,  gemacht  worden,  dann  aber  ist  man  auch,  nachdem ­
  die  Gründungswut  zu  Eude  der  neunziger  Jahre
verrauscht  ist,  auf  Grund  der  damals  gemachten  Erfahrungen ­
  vorsichtiger  geworden.
Aber  noch  ein  anderer  wichtiger  Punkt  spricht
für  die  Einführung  des  Zolles,  und  das  sind  die
Arbeiterverhältnisse.  Bisher  waren  die  Arbeiter  einzelner ­
  Werke  nur  einen  Teil  des  Jahres  beschäftigt
und  mussten  den  übrigen  Teil  anderweitig  Arbeit
suchen.  Die  Unsicherheit  in  den  Erwerbsverhältnissen
ruiniert  die  Wirtschaft  einer  Arbeiterfamilie  mehr,  als
der  kümmerlichste  Hungerlohn,  und  wenn  durch  Einführung ­
  eines  Zolles  erreicht  würde,  dass  die  deutschen
Carbidfabriken  voll  beschäftigt  wären  und  deshalb
ihren  Arbeitern  eine  ständige  Erwerbsgelegenheit  bieten
würden,  so  würde  dieser  Umstand  entschieden  für  den
Zoll  sprechen.
Allerdings  darf  man  einen  Punkt  nicht  ausser
Acht  lassen.  Die  Elektrizitätsindustrie  hat  wegen  der
Einrichtung  von  Carbidfabriken  ein  sehr  grosses
Interesse  an  deren  Gründung.  Sie  ist  es  auch  zum
grossen  Teil,  die  die  Anlage  solcher  Fabriken  seinerzeit ­
  forciert  hat,  wenn  auch  die  bona  tides  bei  manchen
Elektrizitätsfirmen  gar  nicht  in  Zweifel  zu  ziehen  ist.
        <pb n="103" />
        94

Die  Elektrizitätsbranche  ist  wegen  ihrer  Kapitalkraft
ein  dämonisches  Agens.  Und  auch  jetzt  resp.  in  Zukunft ­
  ist  die  Gefahr  nicht  abzuleugnen,  dass  sie
wiederum  ihr  Uebergewicht  in  die  Wagschale  wirft,
so  dass  ein  Ueberpendeln  über  die  Gleichgewichtslage
zwischen  Produktion  und  Konsum  die  Folge  wäre.
Diese  Gefahr  allein  würde  einer  ruhigen  und  natürlichen ­
  Entwicklung  einer  nationalen  Carbidindustrie  im
Wege  stehen.
Wesentlich  schwieriger  gestaltet  sich  nun  die
Beurteilung  der  Verhältnisse  bei  der  letzten  Interessentengruppe, ­
  die  von  denjenigen  Fabriken  gebildet
wird,  die  mit  deutschem  Geld  im  Auslande  gegründet
worden  sind.  Die  Untersuchung  wird  sehr  erleichtert,
wenn  man  die  privat  wirtschaftliche  Gestaltung  der
Verhältnisse  von  der  volkswirtschaftlichen  streng
scheidet.
Ohne  Frage  wird  der  Carbidkonsum  Deutschlands
zunächst  im  Inlande  gedeckt  werden  und  die  ausländischen ­
  Fabriken  kommen  nur  für  den  Restbetrag
von  7400  tons  in  Frage,  wenn  nämlich  sämtliche
inländische  Werke  sofort  die  Carbidproduktion  im
vollen  Umfange  aufnehmen  würden.  Dieses  würde
allerdings  für  die  ausländischen  Fabriken  der  allerungünstigste ­
  Fall  sein.  Er  muss  aber  der  nachstehenden ­
  Betrachtung  logischer  weise  zu  Grunde  gelegt
werden,  da  er  möglich,  wenn  auch  nicht  wahrscheinlich ­
  ist.  Für  die  Lieferung  dieser  7400  tons  kämen
in  erster  Linie  diejenigen  Fabriken  in  Betracht,  welche
bisher  nach  Deutschland  geliefert  haben,  wiewohl  nicht
abzustreiten  ist,  dass  bei  dem  voraussichtlichen  Zusammenbruch ­
  des  Syndikats,  infolge  des  Zolles,  ein
absolut  zwingender  Grund  hierzu  nicht  vorliegt.  Die
übrigen  Fabriken  des  Auslandes  nämlich  haben  einen
verhältnismässig  günstigen  Absatz,  und  deshalb  keine
        <pb n="104" />
        95

Veranlassung,  ein  neues  Konsumgebiet  mit  sehr  gedrückten ­
  Preisen  sich  erst  mühevoll  zu  erobern.  Die
Produktionsfähigkeit  der  jetzt  nach  Deutschland
liefernden  Fabriken  beträgt  rund  60000  tons,  ihre  tatsächliche ­
  Produktion,  soweit  Deutschland  in  Betracht
kommt,  im  Jahre  1903  laut  Einfuhrstatistik  14000  tons,
die  präsumptive  Produktion  nach  Einführung  des  Zolles
7400  tons.  Durch  die  Einführung  des  Zolles  würde
demnach  ihr  Carbidabsatz  in  Deutschland  von
14C00  1  ,  7400  1  ti  j  i  /.i.
6ÕÕÕÕ  =  4?  auf  6ÕÕÕÕ  =  8j  lhrer  Produkt,onslahigkeit
  herabgehen.  Da  nun  fast  sämtliche  Carbidwerke
die  Fabrikation  von  anderen  Produkten  in  grösserem
Massstabe  aufgenommen  haben,  so  dass  die  Carbidproduktion
  bei  den  verschiedenen  Anlagen  ca.  1 U— 2 U
der  Gesamtfabrikation  beträgt,  so  sind  die  obengenannten ­
  Ziffern  der  Carbidproduktion  bei  den  einzelnen
Fabriken  im  Verhältnis  von  l U—%  herabzusetzen,  um
ein  vollständiges  Bild  zu  geben.  Der  Sprung  von
auf  re8 P-  von  auf  ist  demnach ­
  nicht  so  gross,  dass  er  einen  völligen  Ruin  der
betreffenden  Fabriken  bedeuten  würde,  wiewohl  die
Schwierigkeiten,  mit  denen  die  Werke  jetzt  schon  zu
kämpfen  haben,  nicht  abzustreiten  sind.  Zu  bemerken
ist  noch,  dass  nicht  sämtliche  Fabriken,  die  jetzt  laut
Abmachungen  der  europäischen  Syndikate  nach
Deutschland  liefern,  von  deutschem  Kapital  gegründet
sind.  Wenn  man  von  der  Aluminiumindustrie  Neuhausen ­
  absieht,  die  bei  Einführung  eines  Zolles  ihre
Carbidproduktion  nach  ihrem  deutschen  Werke  Rheinfelden
  und  ihre  Aluminiumproduktion  nach  Neuhausen
verlegen  würde,  also  von  einem  Zoll  nur  so  weit
benachteiligt  würde,  als  Lend,  das  entsprechend
der  Kapitalserhöhung  der  Gesellschaft  bei  seiner
        <pb n="105" />
        96

Gründung  in  der  nachstehenden  Tabelle  mit  5  Mill.
Kronen  veranschlagt  worden  ist,  in  Frage  käme,
so  würde  sich  die  Beteiligung  des  deutschen  Kapitals
folgendermassen  beziffern  (vergl.  „DeutscheBeteiligung“
in  Abschnitt  III):
Oesterreich  ca.  8  750000  Kronen
Norwegen  ca.  2500000  „
Schweiz  ca.  500000  Francs.
Diese  Zahlen  schliessen  Aktienkapital  und  Kreditoren, ­
  nicht  aber  Hypotheken,  Obligationen  etc.  in
sich  ein,  weil  für  diese  Passiva  stets  eine  sichere
Unterlage  gegeben  ist.  Ebenso  geben  die  Zahlen  nur
die  Beteiligung  des  deutschen  Kapitals  zur  Zeit  (Ende
1903)  an,  nicht  aber  die  Verluste,  die  im  Laufe  der
Jahre  entstanden  sind;  diese  sind  wesentlich  grösser.
Diesem  deutschen  Anlagekapital  steht  eine  Einfuhr ­
  von  3,08  Millionen  Mark  im  Jahre  1903
gegenüber.  Und  hierin  liegt  die  volkswirtschaftliche ­
  Bedeutung  des  Carbidzolles  gegenüber  der  privatwirtschaftlichen. ­
  Bei  Einführung  des  Zolles  würde
sich  die  Einfuhr  des  Carbids  auf  7400  tons  verringern.
In  absehbarer  Zeit  würde  aber  mit  der  Entwicklung
einer  nationalen  Industrie  der  Import  ganz  aufhören,
so  dass,  wenn  man  ungünstigerweise  den  jetzigen
Konsum  der  Rechnung  zu  Grunde  legen  würde,  die
14000  tons  des  jetzigen  Importes  mit  einer  Summe
von  3,08  Millionen  Mark  in  Deutschland  produziert
werden  könnten.  Diesem  ständigen  volkswirtschaftlichen ­
  Vorteile  stehen  die  privatwirtschaftlichen  Nachteile ­
  einer  vorübergehenden  geringen  Belastung  der
Carbidkonsumenten  —  die  Acetylenindustrie  wird  von
einem  Carbidzoll,  wie  oben  bewiesen,  nicht  berührt  —
und  der  von  deutscher  Seite  im  Auslande  finanzierten
Carbidfabriken  gegenüber.  Dem  Gewinne,  den  das
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deutsche  Kapital  bei  der  Anlage  von  ausländischen
Fabriken  erhoffte,  stand  von  vornherein  das  Risiko
sowie  die  Gefahr  einer  Verringerung  des  Absatzgebietes ­
  durch  Einführung  eines  deutschen  Zolles
gegenüber,  umsomehr,  als  auch  sämtliche  andere
Staaten,  mit  Ausnahme  von  England  und  Holland,  einen
Zoll  auf  Calciumcarbid  schon  eingeführt  hatten  und
die  deutschen  Kapitalisten  mit  dieser  Möglichkeit  auch
hatten  rechnen  müssen.
Den  Ausfall  an  Carbid,  den  die  von  deutscher
Seite  finanzierten  Carbid  werke  bei  Einführung  eines
Zolles  erleiden,  können  sie  durch  Steigerung  der  bereits
jetzt  schon  übernommenen  Produktion  anderer  Fabrikate
wieder  ausgleichen.
Sehr  viel  Aussicht  bietet  hierzu  die  Erfindung  des
Cyanamids,  eines  aus  Calciumcarbid  und  dem  Stickstoff ­
  der  Luft  mittels  eines  sehr  einfachen  Verfahrens
gewonnenen  Düngemittels.  Nach  den  bisherigen
Untersuchungen  der  Herren  Professoren  Wagner  und
Gerl  ach  kann  das  Cyanamid  inbetreff  des  Preises  und
seines  Dungwertes  mit  dem  schwefelsauren  Ammoniak
(150000  tons  Einfuhr)  und  dem  Chilisalpeter  (500000
tons  Einfuhr)  wohl  konkurrieren.
Den  Wert  dieser  Erfindung  kann  man  ermessen,
wenn  man  bedenkt,  dass  allein  Deutschland  circa
120  Millionen  Mark  pro  Jahr  für  diese  Düngemittel
bezahlt,  während  in  Zukunft  hierzu  der  Stickstoff  einer
Luftsäule  benutzt  werden  kann,  die  über  1,00  Hektar
lagert.  Die  Konkurrenzfähigkeit  des  Cyanamids  setzt
einen  Carbidselbstkostenpreis  von  ca.  140  Mk.  pro
Tonne  voraus.  Dieser  Preis  kann  sehr  wohl  erzielt
werden,  wenn  die  teuren  Verpackungs-  und  Versandt
kosten  in  Wegfall  kommen,  besonders  aber  wenn
Wasserfälle  von  über  10000  PS.  voll  ausgenutzt
werden.  Deutschland  ist  allerdings  an  Wasserkräften
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        Druck  von  J.  S.  Prcuss,  Berlin  S.W.,  Kommandantenstr.  14.

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zu  arm,  um  den  Eigenbedarf  an  Cyanamid  zu  decken.
Seine  Wasserkräfte  sind  auch  zu  schwach,  um  eine
Produktion  in  solch  grossem  Massstabe  aufzunehmen.
Aber  hier  kommen  eben  die  von  deutcher  Seite  im
Auslande  gegründeten  Carbidfabriken  in  Betracht.  Die
Wasserkräfte  sind  im  allgemeinen  stark  genug,  um  —
fertig  ausgebaut  —  eine  lukrative  Massenproduktion
auch  bei  relativ  geringen  Preisen  zu  gestatten,  so  dass
auch  für  diese  Fabriken  in  absehbarer  Zeit  eine
Periode  des  Aufschwungs  zu  erhoffen  ist.
Weit  grössere  Aussichten  bietet  das  gelöste
Acetylen,  das  tatsächlich  berufen  zu  sein  scheint,  dem
Petroleum  Konkurrenz  zu  machen,  sowohl  in  bezug
auf  Einfachheit  der  Bedienung,  als  auch  betreffs  Leuchtkraft ­
  und  Billigkeit.  Hinderlich  sind  bis  jetzt  der
weiteren  Verbreitung  dieser  Beleuchtung  die  Polizei«
Vorschriften,  die  summarisch  jedes  komprimierte  Acetylen ­
  verbieten,  während  das  gelöste  Acetylen  tatsächlich ­
  absolut  ungefährlich  ist.  Ein  weiteres  Hindernis
besteht  darin,  dass  ein  ganz  ausserordentlich  grosses
Kapital  erforderlich  ist,  um  den  Vertrieb  des  gelösten
Acetylens  wirksam  in  die  Hand  zu  nehmen,  und  es
ist  fraglich,  ob  Finanzkreise  sich  finden,  die  heute
noch  grössere  Summen  in  der  Acetylenindustrie
investieren.  Dann  allerdings  würden  unsere  Carbidwerke
  auch  nicht  annähernd  in  der  Lage  sein,  den
Konsum  zu  decken,  so  dass  in  diesem  Falle,  der  wohl
in  dem  Bereiche  der  Möglichkeit  liegt,  eine  Blüte  und
Aufschwung  für  die  gesamte  Carbidindustrie  zu  erwarten ­
  steht.
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        N.
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        the  scale  towards

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Leider  ist  es  nicht  möglich  gewesen,  diese  recht
interessante  Zusammenstellung  derartig  zu  vervollständigen, ­
  wie  es  wohl  wünschenswert  gewesen  wäre.
Die  Häufigkeit  des  Firmenwechsels,  die  Verschiedenartigkeit ­
  der  Rechtsnormen,  unter  welchen  die  Transaktionen ­
  vorgenommen  wurden,  der  Wechsel  der
Namen,  die  Unvollständigkeit  der  ausländischen  Aktien-Handbücher,
  die  mangelhaften  Auskünfte,  die  die  ausländischen ­
  Handelsregister  erteilen  und  last  not  least
die  Zurückhaltung,  ja  sogar  das  Misstrauen,  das  allen
diesen  Recherchen  entgegengebracht  wird,  haben  diese
kleine  Zusammenstellung  ganz  ungemein  erschwert.
Auch  die  Literatur  bringt  so  gut  wie  gar  nichts  darüber ­
  und  das  wenige  ist  unzuverlässig  oder  doch
nur  mit  der  grössten  Vorsicht  aufzunehmen.  Dazu
kommt  noch,  dass  die  oben  angeführten  Zahlen  keinen
vollständigen  Einblick  in  die  Carbidindustrie  selbst
gewähren.  Ein  grosser  Teil  der  Werke  hat  andere
Fabrikate  aufgenommen,  die  die  Produktion  des
Carbids  weit  überragen.  Bei  anderen  Firmen  ist  der
Betrieb  des  Elektrizitätswerkes  und  die  Licht-  und
Kraftabgabe  der  Hauptzweck,  bei  anderen  wieder
überragt  der  Zwischenhandel  und  Vertrieb  des  Carbids
die  eigentliche  Produktion  ganz  wesentlich.
Die  Allgemeinheit  dieser  Erscheinung  ist  mit  der
schlechten  Geschäftslage  zu  erklären.  Die  meisten
Firmen  mussten  eben  ein  anderes,  lukrativeres  Gebiet  für
ihre  Betätigung  suchen;  daher  ist  es  auch  erklärlich,
dass  irgend  welche  Gründungen  in  den  nächsten  Jahren
nicht  vorkamen.
Erst  im  Jahre  1903  entstanden  in  Deutschland
2  neue  Werke,  trotzdem  die  meisten  Carbidfabriken
unbeschäftigt  waren.  Es  waren  dies  die  beiden  Werke
Brandenburg  mit  1400  PS.  das  von  einer  Gesellschaft ­
  mit  beschränkter  Haftung  mit  120  000  M.
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