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            <surname>Pohlman</surname>
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        Eigentum 
DSS 
INSTITUTS 
FOR 
WELTWIRTSCHAFT 
KIEL 
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        A. Pohlmaņ-Hohenaspe 
Làbrevier 
der 
Nottoml-Ökonomie
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        Mesa i i initiiiim 
Laienbrevier 
der 
National-Gkonomie 
von 
Ñ. Pohlman-hohenaspe 
Motto: Linfluß auf weite Kreis« können 
nur einfache Vorstellungen gewinnen, 
lfouston St. Chamberlain. 
± z fm- 
^eipzig • R. Voigtländer- Verlag • 1908 
\jXSC hg. 
Mill SO. JUIi. 19H--
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        rn M i m n m i ^-LL 
T 4'£4'4 2 
alle Rechte vorbehalten 
7y 
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b.Vi- ÄV» r 
Bibliothek ^ 
% 
2&gt; Kle\ 
Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.
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        Gewidmet dem freunde, 
dem ich den Erfolg meines Lebens verdanke, 
Herrn Hermann Fortlage, 
London
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        i iis § mim m i
        <pb n="11" />
        haben wir eine Wissenschaft der National 
ökonomie? — Vorbedingungen einer solchen. — 
3f)re Voraussetzungslosigkeit. 
Das höchste Wertobjekt der Mensch. — Wann 
hat eine Ware ihren höchsten Wert? — Der Zweck 
fcer Ware ist nicht ihre Hervorbringung, sondern ihre 
Vernichtung durch Konsum oder allmählichen ver 
brauch. — Der Wille zum Konsum die Hauptsache. — 
Wertbildung durch Erregung dieses Willens. — Be 
deutung der Kunst für die Wertbildung. — Die 
Bewegung als Basis aller Werte. — Nicht die ge 
leistete, sondern die ersparte Ñrbeit als Wert 
messer. — Resümee. 
3. Kapitel, ñrbeit und Eigentum 42 
ñrbeit und Gewalt als Eigentum^quellen. — 
®te Ñrbeit in ihrer einfachsten Form. — Welche 
menschliche Tätigkeit nennen wir produktiv? — 
Bienen und Drohnen. — Kampf und Ñrbeit. — 
Eigentumserwerb durch Ñrbeit. — Die Macht als 
Elvelle des Grundeigentums. 
4. Kapitel. Arbeitsteilung und Kapitalbildung 55 
îvas nennen wir Kapital? — Arbeitsteilung und 
Kapitalbildung. — Das Kapital als kristallisierte 
Arbeit. — Berechtigung des Zinses in diesem 
Falle. — Falsche Kapitalbildung. — Durch Gewalt 
ete oder politische Macht. — Das ausbeutende 
Kapital. — Das Börsenpapier als Repräsentant des 
Kapitals. — Ursprung des falschen Kapitals aus 
Grundrente.
        <pb n="12" />
        6 
Inhalt 
5. Kapitel. Die Bedeutung des Tausches im " ' 
Arbsits- und Wertbildungsprozeß 72 
Der Tausch als wichtigstes Korrelat der Arbeits 
teilung. — Freiheit des Tausches und ihre Folgen. — 
Die Arten des Tausches: 
A. Tausch einer Sache gegen eine andere.... 74 
was ist eine Sache? Das Sombartsche Argument 
über die Unproduktivität des Handels. — Der 
Tausch als vollendender Faktor des Wertbildungs 
prozesses. — Erleichterung des Tausches durch 
Handelskapital. — Sein wesen. — Seine räumliche 
und zeitliche Funktion. — Die Selbstsucht als wert 
bildender Faktor. — Wirtschaftlicher Zwang und 
Handelskapital. — Zahlenmäßiger Nachweis des 
beiderseitigen und auch volkswirtschaftlichen Nutzens 
des Tausches. — Der Erfolg des Einzelnen bei 
Warenaustausch gleichbedeutend mit einer Zunahme 
des Volksvermögens. — Der internationale Tausch. — 
Die „günstige" und „ungünstige" Handelsbilanz. — 
Einfuhr—Einnahme, Ausfuhr—Ausgabe einesvolkes. 
— Folgen gegenteiliger Auffassung. — Die „günstige" 
Handelsbilanz der vereinigten Staaten. — Die Zu 
kunft des internationalen Güteraustauschprozesses. 
B. Tausch einer Sache gegen Arbeit, das Lohn 
problem 101 
Auch hier, bei volle Freiheit, gegenseitiger Vor 
teil und keine Ausbeutung. — Vorteil eher auf 
seiten des Arbeitnehmers. — Die wirtschaftliche 
Wirkung bei voller Tauschfreiheit. — Der absolute 
und relative Anteil am Arbeitserträge. — Das schein 
bar arbeitslose Einkommen aus Kapitalbesitz. — 
Das Verhältnis von Erfinder, Arbeiter, Kapitalist 
und Bodeneigentümer in einem konkreten Falle. — 
Das eherne Lohngesetz Lassalles. — Die Mehr 
werttheorie und das Akkumulationsgesetz. — Die
        <pb n="13" />
        7 
Inhalt 
Lohnfondtheorie. — ver wirtschaftliche Zwang. — 
Tausch einer Zache gegen geistige Arbeit, Bildung 
und Erholung. — Ihre Produktivität. — Mono 
mischer Wert der Kunstschätze. — Der inter 
nationale Tausch. 
C. vom Tausch einer Zache gegen ein Recht, 
oder der Grund und Boden als Duelle der 
Arbeit 124 
Grund und Boden weder Zache noch Ware. — 
Der Warenbegriff. — Die drei Kategorien von 
Käuflichkeiten: Arbeit, Waren und Rechte. — Unter 
schiedliche Bedeutung der Vorenthaltung eines Rechtes 
und einer Ware.—Herbert Spencers Urteil. — Leistung 
und Gegenleistung bei beiden Kategorien. — Die 
verschiedenartige Wirkung von Steuern und Beleih- 
barkeit auf beide. — historische Begründung und 
Entwicklung der Grundrente. — Die Macht als letzte 
Rechtsquelle. — Leistung und Gegenleistung. — 
Grundrente ursprünglich keine Vergütung für den 
Besitz, sondern für die Sicherheit des Besitzes. — 
Die Grundrente als (Quelle größerer Kapitalbildung.— 
historischer Überblick. — Zunahme der Leistung, 
aber Abnahme der Gegenleistung. — Monopoli 
sierung der Grundrente durch Adel, Klerus und 
Krone. — Die Herrschaft des dritten Standes und 
die Mobilisierung des Grund und Bodens. — Er 
leichterung des Tausches von Sache gegen Rechte. — 
Ungleichheit und Unfreiheit dieses Tausches. — 
Die Grundrente geht stets mit der herrschenden 
Schicht. — Die Folgen dieser Iatsache. — Der inter 
nationale Tausch. — Seine Vorteile und Gefahren. 
6.Kapitel. Vas Geld als Hilfsmittel des Tausches 145 
vom Kaufen, verkaufen und Bezahlen. — Alles 
noch Tausch. — Wann nennen wir den Tausch Kauf
        <pb n="14" />
        8 
Inhalt 
und verkauf? — Was heißt bezahlen? — Das Gold Seite 
als Münze.— Metallgeld oder Papiergeld? — Geld 
ist, was gilt. — Der Stempel macht das Geld, nicht 
die Substanz, auf der er sich befindet. — Das Papier 
geld in allen Kulturländern das Geld an sich. — 
Wir haben Goldwährung, aber Papiergeld. — 
Goldmünzen, ein Luxus wohlhabender Völker. — 
Die Bedeutungslosigkeit des Goldes als Zahlungs 
mittel. -i- Unser Scheidemünz-Spstem. — Ist die 
Substanz des Umlaufsmittels gleichgiltig, aberMetall- 
deckung notwendig? — Die Goldbasis. — Ihre 
Zweckmäßigkeit als nationales Betriebskapital. — 
Nachteile ungenügenden Kapitals. — Entwertung 
der Valuta keine unzertrennliche Begleiterscheinung 
der Papierwährung. — Wohl aber Schwankungen. — 
Versuchung zu übermäßiger Notenausgabe bei fehlender 
Metallbasis. — Die Goldbasis nicht die einzig mög 
liche, aber die zweckmäßigste. — Erleichterung der 
internationalen Warenliquidation. — Die Frage der 
Doppelwährung. 
7. Kapitel. Vas subjektive Gefühl als wirtschaft 
licher Faktor 162 
Die veränderte Reihenfolge von Ursache und 
Wirkung.— Gefühl contra Tatsache. — Wirtschafts 
politik und Gefühl. — Marktmeinung. — Vas alte 
und moderne Geschäftsprinzip. — vertrauen und 
Kolonialarbeit. — Das vertrauen als Krisenüber 
winder. — Die Wirkung der Krediterschütterung auf 
Bodenpreise, als der empfindlichsten Stelle. — Ein 
fluß von Geschmack und Mode auf die Grundrente. 
8. Kapitel. Schlußfolgerungen 178 
Scheidung von nationaler und internationaler 
Wirtschaftspolitik. — Der standard of life. — Reich 
tum eines Volkes ein Zustand und keine Sache. —
        <pb n="15" />
        9 
Inhalt 
Fremdkörper. — Die Frau im Wirtschaftsleben. — 
Bildung und Erziehung ökonomische Werte. — 
Ökonomische Bewertung verkürzter Arbeitszeit und 
sozialer Gesetzgebung. — Der internationale 
Warenaustausch. — Die Zölle. — Wer zahlt 
sie? — Scheinbare Ersparnisse.— Der internationale 
Austausch von Sachen gegen Rechte. — Die Güter 
verteilung innerhalb des nationalen Wirt 
schaftsgebietes. — Das Recht auf den vollen 
Arbeitsertrag. — Ausschaltung der nicht durch 
Arbeit, sondern durch Rechte erworbenen Erträge.— 
Beispiel der Wegerechte. — Der Nutzen aus verkauf 
von Rechten keine Vermehrung des Volksvermögens.— 
Darf sich das legitime Kapital Bodenrechte an 
eignen? — hohe Bodenpreise nicht gleichbedeutend mit 
Volksreichtum. — Die Londoner Grundrente 1 / l0 der 
Berliner. — Vorteile des billigen Bodens. — Kapital- 
bildung allein nicht maßgebend für ihren ökonomischen 
Wert. — Gleichnis: Beamtenkorruption. — Schädliche 
Einwirkung des Rentkredits auf die Bodenpreise. — 
Abhilfe. — Was heißt Verstaatlichung des Bodens? — 
Wirkung der zurückgewonnenen Grundrente auf die 
legitime Kapitalbildung. — Unzweckmäßigkeit, Schäd 
lichkeit und Unmöglichkeit künstlicher Regulierung des 
Wirtschaftslebens. — Das Recht auf Existenz. — 
Rekapitulation. — Wohin weist die Entwicklung?
        <pb n="16" />
        <pb n="17" />
        11 
1. Kapitel 
(Einleitung 
„The dismal science“, nennt die englisch sprechende 
Welt das StuMum der Nationalökonomie, „die trüb 
selige, traurige Wissenschaft". — Überblickt man die 
wirtschaftspolitische Geschichte der Kulturvölker, soweit 
sie einigermaßen verständlich vor uns liegt, dann ist 
es in der Tat betrübend, zu sehen, von welcher Fülle 
von Irrtum, Kurzsichtigkeit, krassem Egoismus und 
Unkenntnis der einfachsten Gesetze der Volkswirtschaft 
sie beherrscht wurde. 
Das vetrübendste aber ist, daß es heute noch kaum 
viel besser geworden ist. Statt Verfolgung klar ge 
steckter Ziele, aus klar erkannten Gründen, sehen wir 
überall ein unsicheres hin- und Hertasten, Experimen 
tieren, Umsatteln und Lreitmachen kurzsichtigster In 
teressenpolitik. Und wie könnte es anders sein? — 
Sind sich doch selbst die Gelehrten noch nicht einmal 
über die fundamentalsten Grundsätze der Nationalöko 
nomie einig, so daß wohl von hohem und ernstem Stu 
dium aber noch nicht von einer Wissenschaft der 
Nationalökonomie die Rede sein kann, in dem Sinne 
wenigstens, wie wir von der Mathematik oder der 
Naturwissenschaft sprechen. 
Klan forscht, man ordnet, sammelt und sichtet 
ungeheures Material, sucht die komplizierten Hergänge 
des Wirtschaftslebens nach immer neuen Methoden zu 
analysieren, aber über das Einmaleins desselben hat 
man es noch zu keiner Verständigung gebracht.
        <pb n="18" />
        1. Kapitel 
Wir wissen, was Rdam Smith, Stuart Will, Mal 
thus, Rodbertus, Ricardo, Carey, Marx, Henry George 
u. a. lehren, aber eine allgemeingültige Erkennt 
nis hat die Welt daraus noch nicht zu gewinnen ver 
mocht. — 3a, wie sehr unser nationalökonomisches 
wissen noch in den Kinderschuhen steckt, beweist, daß 
wir das Tatsachenmaterial, das uns durch das Studium 
der Geschichte und der Statistik vorliegt, noch nicht ein 
mal nach einer einheitlichen Ruffassung zu lesen ver 
stehen. Ich erinnere an die Import- und Lxportzahlen 
der Handelsstatistik, während die einen den wachsen 
den Überschuß der Importziffern als ein Zeichen wirt 
schaftlichen Rufschwungs ansehen, erblicken andere darin 
ein Symptom des Niedergangs. Wan denke sich: zwei 
Weteorologen ständen vor einem Barometer und wä 
ren sich noch nicht einig darüber, ob sein Steigen gut 
oder schlecht Wetter, erhöhten oder verminderten Luft 
druck, bedeutet 1 
Oder man vergegenwärtige sich den Zustand einer 
„Wissenschaft", in dem die Gelehrten sich noch nicht 
einig darüber sind, was in einem Lande, vom rein 
volkswirtschaftlichen Standpunkte aus, vorteilhafter ist, 
die Geburt eines Menschen oder die eines Ferkels. 
Das Schwein bereichert das Nationalvermögen, im 
Menschen wird ein neuer Lohndrücker geboren. Das 
ist die Konsequenz der Lehre des Malthus, die zur 
ewigen Schmach unserer zünftigen Nationalökonomie 
jahrzehntelang ihre Rnschauung beherrscht hat und 
zum Teil noch beherrscht. 
Das ist in der Tat eine „dismal science", eine 
„trübselige" Wissenschaft, und bei diesem Chaos unter 
den führenden Köpfen soll nun das Laienelement kraft 
seines Wahlrechtes über gesetzgeberische Maßregeln ent-
        <pb n="19" />
        (Einleitung 
scheiden, die, wenn sie zum Segen gereichen sollen, 
ein hohes Maß von nationalökonomischer Kenntnis und 
von festen Prinzipien voraussetzen. 
Das scheint beinahe ein unmögliches verlangen. 
3um Glück befinden sich aber ziemlich alle Völker in 
der gleichen Lage, und die Fehler des einen werden 
durch die des andern ausgeglichen. 
Derjenigen Nation aber, die an der Spitze na 
tionalökonomischer Erkenntnis marschieren wird, wird 
sich mit der Zeit auch die handelspolitische Führung 
zuwenden, wenn sonst die ökonomischen Vorbedingungen 
gegeben sind, und da ist es ein erfreuliches Zeichen, mit 
welchem Interesse und welcher Gründlichkeit sich fast 
alle Schichten gerade unseres Volkes mit den national- 
ökonomischen Problemen beschäftigen. Man will ler 
nen, man will sich orientieren, denn es geht den 
Gewissenhaften im Volke gegen den Strich, daß sie an 
der Wahlurne für Gesetze eintreten sollen, über deren 
Richtigkeit und Tragweite sie sich selbst keine Rechen 
schaft zu geben imstande sind. 
Diesem Wissensdrange türmen sich nun zwei un 
geheure Schwierigkeiten entgegen. Erstens ist es den 
im Berufsleben Stehenden ganz unmöglich, sich ein 
gehend mit den Werken der großen Nationalökonomen 
zu beschäftigen und sich aus ihren Schriften selbst zu 
orientieren. Dazu sind die Themata viel zu tiefgründig 
behandelt, und auch die Widersprüche zu groß, denn 
vieles, was der eine mit vieler Geistesschärfe aufbaut, 
reißt der andere wieder ein. ļ)ier ist eine sichere Orien 
tierung ganz ausgeschlossen, und die sogenannten popu 
lären Schriften, sowie die Tagesliteratur, befassen sich 
weist mit Einzelfragen, geben dem Laien aber nichts 
Prinzipielles, Grundlegendes. Man sucht ihm gewisser-
        <pb n="20" />
        14 
1. Kapitel 
maßen Logarithmentafeln zu erklären, unter möglichst 
sorgfältiger Umgehung des Einmaleins. 
Das zweite große Hemmnis ist die scheinbare Un 
möglichkeit, daß nationalökonomische Fragen gänzlich 
unvoreingenommen, d. h. von jeder Interessenpolitik 
losgelöst, behandelt werden können. Der großen Masse 
ist nur der der wahre Prophet, der gerade das beweist, 
was ihr in den Rram paßt, was in seinen Ronsequen- 
zen zu einer Bevorzugung des lieben „Ich" führt. 
Nur so ist es erklärlich, daß wir nicht weniger als 
drei nationalökonomische Grundanschauungen haben, die 
manchesterliche, agrarische und sozialistische. Jede be 
hauptet von sich, die Wissenschaft auf ihrer Seite zu 
haben- das kann aber ebensowenig der Fall sein, wie 
es eine besondere manchesterliche, agrarische oder so 
zialistische Astronomie geben kann. 
Line Wissenschaft, die darauf ausgeht, zu beweisen, 
was jemand aus materiellem oder politischem Interesse 
gern bewiesen sehen möchte, verdient nicht den Namen, 
sie ist eine Sünde wider den heiligen Geist. 
Erst wenn es in der Nationalökonomie gelingt, 
allgemeingültige Fundamentalsätze herauszuarbeiten, 
die sowohl die Nlanchesterleute, wie die Agrarier und 
Sozialisten anerkennen müssen, erst dann kann un 
serer Ansicht nach von den Grundlagen zu einer „Wissen 
schaft" die Rede sein, und erst dann werden sich die 
Anschauungen der Öffentlichkeit klären, wenn jeder Laie, 
gestützt auf solche Fundamentallehren, in eigener 
Gedankenarbeit alle weiteren Konsequenzen zu ziehen 
imstande sein wird. 
hierzu ist vor allem nötig, daß auf die einfachsten 
Hergänge des Wirtschaftslebens zurückgegriffen werde, 
wir halten es für ein Verhängnis, daß unsere zünftige
        <pb n="21" />
        Einleitung 
Nationalökonomie ihre Beobachtungen fast ausschließ 
lich an dem ungeheuer komplizierten Organismus un 
serer modernen Entwickelung anstellt und aus ver 
hältnismäßig kurzen Epochen und engen Forschungs 
gebieten die schwerwiegendsten Schlüsse zieht. So spie- 
9eln die Marxistischen Deduktionen, mit Ausnahme der 
großen historischen Überblicke, nur das wieder, was 
eine kurze Epoche der englischen industriellen Ent 
wickelung zu lehren schien. Hätte Marx zwanzig Jahre 
länger gelebt, und zwar in Deutschland oder Amerika 
statt in England, er hätte wahrscheinlich viel „Grund 
legendes" in seinen Schriften selbst wieder hinauskor 
rigiert. 
Mir halten es ferner für einen verhängnisvollen 
Fehler, in den auch Marx verfallen ist, daß unsere 
kapitalistische Entwickelung als eine ganz besondere Er 
scheinung hingestellt wird, die ihre eigenen Gesetze habe 
und auf die die Prinzipien der einfachen Wirtschafts 
formen keine Anwendung finden können. Dabei ist 
der Kapitalismus doch im Grunde weiter nichts, wie 
das Produkt der fortgesetzten Arbeitstei 
lung, bei der sich diejenige Klasse der Bevölkerung, 
die zufällig die politische Macht in fänden hat, den 
angenehmsten Teil, die Verfügung über das Kapital, 
Zu sichern gewußt hat. 
Natürlich, ein Kind muß anders ernährt werden 
uls ein Mann, und somit kann man wohl von ge 
sonderten Epochen und ihren Gesetzen reden, aber, was 
uns zunächst zu wissen not tut, wenn wir etwas 
Grundlegendes erörtern wollen, das ist, nach wel 
chen Gesetzen sich überhaupt ein Organismus bildet 
und entwickelt, vom Kinde bis zum Manne. Im 
Wirtschaftsleben gibt es ebensowenig plötzliche Über-
        <pb n="22" />
        16 
1. Kapitel 
gänge wie beim lebenden Organismus. Lines ent 
wickelt sich harmonisch aus dem andern, und ebenso, 
wie es gewisse Grundgesetze der Wärme, der Erhaltung 
der Kraft, der Bewegung gibt, die für alle Lebewesen 
gleich sind, sollte es Gesetze geben, die das Wohlergehen 
der Summe aller Individuen in materieller Beziehung, 
also in ihren wirtschaftlichen Verhältnissen beeinflussen, 
Gesetze, die für die einfachste Gemeinde genau ebenso 
viel Gültigkeit haben wie für den kompliziertesten In 
dustriestaat, für die Südseeinsulaner wie für die Nord 
amerikaner, für China sowohl wie für Europa. 
wo aber wären diese leichter zu ergründen als 
eben am einfachsten Organismus, und wir sollten mei 
nen, daß keine nationalökonomische Forschung vollkom 
men wäre, die sich nicht der Mühe unterzogen hätte, die 
Volkswirtschaft an ihrer Quelle zu untersuchen, dort, 
wo in Ländern mit primitiven Wirtschaftsformen die 
ñnfangsstadien der Entwickelung zu beobachten find. 
wenn der Verfasser hier den versuch macht, einige 
allgemeine einfachste Leitsätze der Nationalökonomie zu 
sammenzustellen, so geschieht es eben, weil er in seiner 
Karriere Gelegenheit hatte, wirtschaftliches Leben von 
seiner ersten Stufe bis zum einstweilen letzten Stadium, 
der Trustbildung, nicht nur zu beobachten, sondern mit 
zuerleben. Ein vergleich seiner Erfahrungen mit den 
Ergebnissen der herrschenden nationalökonomischen For 
schung überzeugte ihn, daß wohl eine ungeheure Denk 
arbeit von den führenden Geistern geleistet worden 
ist und noch geleistet wird, daß aber aus der un 
endlichen Fülle des Gebotenen und sich widersprechen 
den eine wirkliche Klärung der öffentlichen Meinung 
selbst über die fundamentalsten Wahrheiten gar nicht
        <pb n="23" />
        Einleitung 
ZU erwarten ist. Eine Volkswirtschaftslehre, die das 
erreichen will, muß den îïïut haben 
1. zur rücksichtslosen Kritik alles historisch Ge 
wordenen, 
2. sie muß voraussetzungslos sein, soweit überhaupt 
unsere europäische Kultur als etwas Erstrebens 
wertes betrachtet wird, 
3. sie muß zurückgreifen bis auf die Rechte, die 
mit uns geboren werden, 
4. sie muß von einfachsten Verhältnissen aus 
gehen und 
5. sie muß Selbstverständliches zu sagen wagen. 
Keine der herrschenden wirtschaftslehren entspricht 
diesen fünf notwendigen Voraussetzungen. Die meisten, 
mit Ñusnahme der sozialistischen, nehmen das historisch 
Gewordene kritiklos als das allein volkswirtschaftlich 
vernünftige hin. lveil z. B. die Gewohnheit dahin ge 
führt hat, den lvarenbegrifs auf Rechte auszudehnen, 
ist dieser Zustand für sie die Voraussetzung aller weite 
ren Deduktionen. Die sozialdemokratische Lehre aber 
hat den Lohnarbeiterstand und die spezifisch industrielle 
Entwickelung zur Voraussetzung, sie versagt in allen 
anderen Fällen. Sie ist ein dialektischer Kunstbau auf 
willkürlich konstruierter Unterlage. 
Die Gesetze aber, nach denen sich das materielle 
^Dohl und wehe aller Völker richtet, müssen notwen 
digerweise allgemeiner und daher auch einfachster 
Ratur sein. Unsere komplizierte Wirtschaftsform ver 
schleiert sie nur, aber hebt sie nie auf. Die meisten 
herrschenden „Grundanschauungen" kranken an dem 
Fehler, daß sie die Fälle, auf die sie zugeschnitten sind, 
als die allein herrschenden ansehen und die RUno- 
şiohiman, Laienbrevier. 
17 
2
        <pb n="24" />
        18 
1. Kapitel 
ritäten unbeachtet lassen. Sie sind Schablonen für 
Dinge, die jeder Schablone spotten, und daher lösen 
sie sich gegenseitig ab, je nachdem sich die Lnwickelung 
der einen oder anderen Schablone um einiges nähert. 
Das IVirtschaftsleben aber ist etwas Fließendes, sich 
gegenseitig Durchdringendes. 
Nie wird es z. B. eine Reinkultur der Lohnarbeit 
geben, sie wird stets mit Elementen individuellen Schaf 
fens durchsetzt sein, daher ist die Erforschung der Gesetze, 
nach denen die Lohnarbeit zu ihrem Rechte kommt, nur 
ein Teil des Problems und kann nie Anspruch auf uni 
verselle Geltung erheben. Nicht das ist die Frage: 
welche wirtschaftlichen Prinzipien sind die richtigen 
für den Lohnarbeiter oder für den Landmann oder 
für den Unternehmer, sondern wie kommt jede ehrliche 
Arbeit zu ihrem Recht, und wie wird sie zum Segen 
für die Gesamtheit? — 
wenn in nachstehendem der versuch gemacht wird, 
einzelne solcher Gesetze zu formulieren, so wird kein 
Anspruch darauf erhoben, daß alles das nun etwas 
absulut Neues sei, wenn schon manches für manchen 
Leser neu sein wird. Es wäre vermessen zu sagen, 
ein Gedanke, den man ausspricht, sei nicht schon irgend 
wann einmal gedacht worden- was aber behauptet 
werden kann, ist, daß es in dieser Form und in die 
sem Zusammenhange noch nicht geschehen ist. Man 
ches wird vielleicht reichlich selbstverständlich erschei 
nen. Aber eben dieses muß einmal gesagt werden. 
Um seine Bedeutung zu erkennen, ist es nur nötig, aus 
diesen Selbstverständlichkeiten die eisernen Konsequen 
zen zu ziehen, in rücksichtsloser Logik, unbekümmert, ob 
irgend ein (meist nur scheinbares) Interesse dadurch ver 
letzt werden könnte.
        <pb n="25" />
        19 
2* 
Einleitung 
Besonders liegt dem Verfasser an einfachster 
Formulierung der Grundgedanken. Dabei braucht der 
Leser nicht zu fürchten, daß ihm nur ein mehr oder min 
der kurzer Extrakt aus allen möglichen Lehren und 
Systemen der großen Nationalökonomen vorgesetzt wird. 
Was dieses Buch bietet, ist Lelbstbeobachtetes — Er- 
lebtes und — Erlerntes, geläutert durch das Ztudium 
der großen Theoretiker. 
The wir zu unserem eigentlichen Thema übergehen, 
wuß ferner noch über zwei Punkte Klarheit geschaffen 
werden. 
^ch habe absichtlich der Forderung der Voraus 
setzungslosigkeit der nationalökonomischen Wissenschaft 
den beschränkenden 5atz hinzugefügt, „soweit überhaupt 
unsere europäische Kultur als etwas Erstrebenswertes 
betrachtet wird." 
Da die Nationalökonomie die Lehre ist von der 
Erzeugung von werten und ihrer gerechtesten und 
Zweckmäßigsten Anwendung, so ist es klar, daß es für 
Leute, die Bedürfnislosigkeit predigen, denen un 
sere ganze moderne Entwickelung mit den stets steigen 
den Ansprüchen, dem weltumspannenden Verkehr und 
Warenaustausch ein Greuel ist, eine Volkswirtschafts 
lehre überhaupt nicht zu geben braucht. 
Darüber werde sich jeder im voraus klar: hält 
er es für wünschenswert, daß die Niasse unserer Be 
völkerung immer besser genährt, bekleidet, „behaust" 
werde, wenn ich den Nusdruck gebrauchen darf, oder 
sieht er das Glück der Menschen in Anspruchslosigkeit 
und der herunter st immung ihrer Bedürfnisse. 
Ts läßt sich wohl darüber streiten, ob nicht manche
        <pb n="26" />
        20 
1. Kapitel 
wilden Völkerschaften in ihrer Bedürfnislosigkeit mehr 
an innerem Glück genießen als der ewig unbefrie 
digte Kulturmensch. Ñber über die verloren gegangene 
Bedürfnislosigkeit zu klagen, ist ebenso müßig wie 
die Klage über die entschwundene Kindheit. 
wir stehen heute vor vollendeten Tatsachen, wö 
gen unsere Tthiker und Moralphilosophen versuchen, 
die Menschen auf andere Bahnen zu lenken, wenn 
sie es für recht erkennen,' unsere, der Nationalöko 
nomen, Aufgabe ist es nicht, zu untersuchen, wie 
das absolut größte Glück der Menschen zu erreichen 
ist, sondern wie das größtmögliche materielle Wohl 
ergehen unterdengegebenenverhältnissen er 
zielt werden kann. Somit können bei aller Voraus 
setzungslosigkeit eben diese doch nur die alleinige Vor 
aussetzung abgeben.
        <pb n="27" />
        21 
.. 2. Kapitel 
Über ökonomische Werte 
Eine ungeheure Literatur dreht sich um diesen 
begriff. Ihre lfervorbringung, Verteilung, der soge 
nannte Mehrwert, die damit zusammenhängende Ka 
pitalbildung, stehen im Vordergründe fast aller national 
ökonomischen Betrachtungen, und das ganze Schwer 
gewicht der Argumentation wird auf die Güter ge- 
ļegt, die toten werte, die der Mensch hervorbringt. 
Da scheint es an der Zeit, einmal daran zu er 
innern, daß das höchste lvertobjekt unter 
allen Umständen der Mensch selb st ist, der 
leistungsfähige und bedürfnisfähige oder besser noch 
bedürfnisheischende Mensch. 
Das ist schon oft ausgesprochen worden, so in 
Voltaires trefflichen Worten: 
„Der Reichtum eines Staates beruht auf der Zahl 
seiner Einwohner und ihrer Arbeit." „Der Zweck jeder 
vernünftigen Regierung ist: Bevölkerung und Tätig- 
ķeit. „Der beste Staat ist der, welcher die geringste 
Zahl von unnützen Menschen enthält." 
Aber unter dem Wust nationalökonomischer Detail, 
Forschung wird diese Wahrheit immer wieder vergessen, 
und es hat nahezu ein Jahrhundert lang eine Lehre 
bie Nationalökonomie beherrschen können, die die Er 
zeugnisse der Menschen höher bewertete als ihn selbst, 
bie schon erwähnte Lehre des Malthus. 
Zwar in vielfach entstellter Form verbreitet, ist 
ber Niederschlag aus dieser Lehre in der öffentlichen 
Üleinung doch der gewesen, daß man, wo immer sich
        <pb n="28" />
        22 
2. Kapitel 
traurige soziale Verhältnisse zeigten, die Ursache in 
einer zu dichten Bevölkerung suchte. Es lag scheinbar 
nach dem ewig unabänderlichen Gesetz von Angebot 
und Nachfrage auf der Hand, daß bei einem Ver 
hältnis angebotener Stellen zu Stellensuchenden von 
1:10 Lohndrückerei und Arbeitslosigkeit eintreten muß 
ten. Die 9 Leute, die die eine Stelle nicht bekommen 
konnten, waren eben zu viel auf der Welt. Zu unter 
suchen, warum denn überhaupt 10 Geschöpfe bei einem 
ihrer Mitgeschöpfe um „Stellen" betteln müssen, fiel 
den wenigsten ein. Zwar die Vögel unter dem Himmel 
und die Tiere auf dem Felde betteln nicht um „Stellen", 
und ihr himmlischer Vater ernähret sie doch. Aber 
der Mensch ist nicht so gut daran, er braucht „Stellen", 
das ist nun mal so! Und wie bequem war diese 
Lehre für alle die, die die Verantwortung für die 
Gesetzgebung trugen. Jedem Notschrei von unten be 
gegnete man mit der süffisanten Frage: „warum 
vermehrt ihr euch so? Ihr seid selbst schuld an eurem 
Elend, von euch und euresgleichen sind eben zu viele 
auf der Welt." hatte man doch die „Wissenschaft" auf 
seiner Seite, wenn man so dachte und redete. Ja, und 
es gibt heute noch Nationalökonomen, die eine Herab 
minderung der Rinderzahl der unteren Schichten für 
die einzige Erlösung aus sozialer Not ansehen und 
dementsprechend lehren. 
Natürlich ist nicht gesagt, daß jeder Zuwachs der 
Bevölkerung auch eine Bereicherung darstellt, wir kom 
men hieraus noch bei Besprechung der Einwanderung 
fremder minderwertiger Elemente zurück. 
Niemand wird in einem idiotischen und verwahr 
losten Rindersegen ein Glück für ein Volk erblicken, 
aber wenn wir uns aus dem Grunde, daß uner-
        <pb n="29" />
        23 
Über ökonomische Verte 
wünschte Existenzen ans Licht kommen könnten, gegen 
den sprudelnden Quell neuer Existenzen überhaupt ver 
schließen wollten, dann hieße das, das Rind mit 
dem Bade ausschütten oder mit anderen Worten alles, 
was geboren wird, für minderwertig erklären. 
Ein Volk aber, das das herrliche Wort Nietzsches 
empfangen hat: „Nicht fort euch zu pflanzen, 
sondern hinauf, dazu verhelfe euch der Garten der 
Ehe", darf nicht diesen kleinlichen Standpunkt ein 
nehmen. Wir müssen die Hoffnung haben, daß die, die 
neu in unser Volk hineingeboren werden, in ihrer 
Mehrzahl noch in höherem Nlaße, als wir es sind, 
leistungs- und bedürfnisfähige Menschen werden, und 
diese sollen wir nicht mit Neid betrachten als unnütze 
Ülitesser am gedeckten Tische der Natur, sondern mit 
Freuden begrüßen, als solche, die wohl mitessen wollen, 
die aber auch dafür sorgen werden, daß etwas auf 
den Tisch kommt, namentlich dann, wenn wir Riten 
ņîcht mehr dafür zu sorgen imstande sind. 
Rein theorethisch könnte es scheinen, als ob Mal 
thus mit seinen Rnsichten doch zuweilen recht hätte. 
Ruf einer eng umgrenzten Fläche, sagen wir in einer 
unwirtlichen Gebirgsgegend, oder in einem politisch 
streng abgesonderten Gemeinwesen, kann es tatsächlich 
Zu viel Menschen geben; aber deren Notlage 
entspringt doch nicht aus einem unabänderlichen wirt 
schaftlichen Gesetz, sondern aus mangelnder Bewegungs 
freiheit oder mangelnder Intelligenz. — Wir dürfen 
àoch nicht politische Hemmungen mit Naturgesetzen ver 
wechseln, und wenn wir vom „Menschen" reden, so müs 
sen wir den kraftvollen, tätigen, intelligenten und 
aufstrebenden Typus zum Rusgangspunkte unserer De 
duktionen machen, nie den energielosen, dummen und
        <pb n="30" />
        24 
2. Kapitel 
faulen, denn er wird selbst dort darben, wo die Natur 
reichlich zu spenden gewillt ist. Der russische Lauer 
hungert aus demselben Lande, auf dem sein Nachbar, 
der deutsche Kolonist, reiche Crnte zieht. 
Gewiß, es lassen sich Fälle denken, daß Völker' 
oder Stämme durch ein Mißverhältnis der vorhandenen 
Menschen zu den Subsistenzmitteln zugrunde gehen, 
aber dann liegt es daran, daß sie entweder nicht 
mehr die politische Kraft haben, sich einen besseren 
Platz an der Sonne zu sichern, oder daß sie nicht 
intelligent genug sind, die eigenen Hilfsquellen aus 
zunutzen oder sich die außerhalb ihrer Grenzen lie 
genden nutzbar zu machen. 
Für die Menschheit und die bewohnbare Erde 
im ganzen bleibt die Malthuslehre praktisch wie theo 
retisch genommen ein Unsinn. 
wer sich der Iahre vor den großen deutschen 
Kriegen entsinnen kann, wird wissen, mit welchem 
Pessimismus damals gerade die Gebildetsten der Na 
tion unter dem Banne des Malthusianismus in die 
wirtschaftliche Zukunft ihres Vaterlandes schauten. Das 
stehende Argument damals war: Deutschland ist ein 
armes Land, es kann seine 38 Millionen Menschen 
nicht mehr ernähren. Gleichgültig, ja oft mit einer 
gewissen Befriedigung, sah man die Hunderttausende 
übers Meer ziehen. Da gab es doch Luft für die Zurück 
bleibenden. Man sah das Volksvermögen als eine 
gegebene Größe an und war der Meinung, je weniger 
Menschen sich in dieses vermögen zu teilen hätten, 
um so wohlhabender werde der einzelne, eine An 
schauung, die heute noch die öffentliche Meinung Frank 
reichs beherrscht. Man übertrug kleinbürgerliche Be 
griffe auf die Volkswirtschaft, ein Fehler, der immer
        <pb n="31" />
        25 
Über ökonomische Werte 
wieder gemacht wird, und vor dem nicht genug ge 
warnt werden kann. Indem man von der Auswan 
derung eine Besserung der einheimischen Verhältnisse 
erhoffte, sah man nicht, daß mit der Person jedes 
Auswanderers ein Stück Volksvermögen hinausgestoßen 
wurde, höchstens rechnete man aus, wieviel Geld die 
Leute mit sich übers Meer nahmen und bemaß da 
nach in wahrhaft kindlicher Weise den von Deutsch 
land erlittenen Verlust. Man hielt eben das, was der 
Mensch mitnahm, seine paar armseligen Güter für wert 
voll, ihn selbst für überflüssig, also für wertlos. 
Zum Glück ist das jetzt etwas besser geworden,' 
aber die letzten Konsequenzen aus der Wertschätzung 
des leistungs- und bedürfnisfähigen Menschen ziehen noch 
die wenigsten. So erblicken die meisten in der Familie 
ein zehrendes Element und nennen nur den Ar 
beiter, der Korn und Fleisch, Steine und Zement, Klei 
der und Schuhe, Gische und Betten hervorbringt, pro 
duktiv. 
Das mag privatwirtschaftlich richtig sein, volks 
wirtschaftlich ist es eine durchaus irrige Auffassung. 
In den Kinder st üben wachsen die Werte 
der Zukunft! Allerdings nicht solche, die, wie Kar 
toffeln und Rüben, in einem Sommer reifen, sondern 
solche, die ein halbes Menschenalter zu ihrer Ent 
wickelung brauchen. 
Nun braucht ein Eichwald noch länger, ehe er 
von Nutzen ist, aber niemandem wird es einfallen, 
die zu seiner Anlage und pflege verwendeten Gelder 
für unproduktiv zu erklären, warum sollten denn 
die für die kjervorbringung und Erziehung von Men 
schen gemachten Aufwendungen unproduktiv d. h. zeh 
rend sein?
        <pb n="32" />
        26 
2. Kapitel 
3m Gegenteil, die Ñufwendungen, die ein Staat 
zur Förderung der Familien macht, sind die produk 
tivsten, die es gibt, ein Punkt, auf den wir bei 
Erörterung der Bildungsfrage und der Bedeutung der 
Frau im Wirtschaftsleben noch näher zu sprechen 
kommen. 
Line Mutter, die ein gut gepflegtes und erzoge 
nes, leistungsfähiges und mit kulturellen Bedürfnissen 
ausgestattetes Menschenkind aus ihrem Hause in die 
Welt entläßt, gibt ihrem vaterlande ein größeres Wert- 
objekt als hundert Arbeiter, die lOOOO Portemonnaies 
anfertigen. 
worin besteht denn überhaupt eigentlich der wert 
aller dieser von Menschenhand erzeugten Güter, um die 
sich die moderne Nationalökonomie wie um eine unver 
rückbare Achse dreht? Nehmen wir einmal den haupt- 
bedarfsartikel, das Korn, wann hat es seinen höchsten 
„wert", von dem immer die Rede ist? — 3st es, 
wenn der Landmann es in seine Scheune fährt, oder 
wenn es im Speicher des Händlers lagert, oder wenn 
es als Mehl von der Mühle kommt, oder als Brot 
auf dem Ladentisch des Bäckers liegt? 
3n keiner dieser Phasen, sondern, wenn es ver 
nichtet wird, wenn es seinen Zweck erfüllt, 
und in die Muskel-, Nerven- und Gehirnfub- 
stanz eines Menschen übergeht. 
Oder nehmen wir einen Gebrauchsgegenstand, ein 
paar Wasserstiefel. Erst an den Füßen des Land 
mannes, den sie bei seiner Arbeit in Feld, Wald 
und wiese vor nassen Füßen und Erkältung schützen, 
haben sie ihren höchsten, dann allerdings auch schnell 
abnehmenden, wert, aber noch lange nicht im Schau-
        <pb n="33" />
        27 
Über ökonomische Werte 
fenster des Schuhwarenhändlers und erst recht nicht, 
wenn sie aus der Stiefelfabrik hervorgehen. 
Der Zweck der Ware ist nicht ihre Hervorbringung, 
sondern, um es kraß auszudrücken, ihre Vernichtung 
durch Gebrauch, Abnutzung oder sofortigen Konsum. 
3n anderen Worten : eineSachehat erst dann 
ihren vollen wert, wenn sie dahin kommt, 
wo man sie braucht. 
Die Tatsache, daß sie produziert worden ist, 
bedeutet noch gar nichts. 
Was heißt überhaupt produktiv? Das Wort, 
auf menschliche Tätigkeit angewandt, ist ohne den 
Hintergrund menschlicher Bedürfnisse gänzlich in 
haltlos. 
Ein Winzer z. B., der seinen Weinberg pflegt, 
ist produktiv, solange die Nlenschen wein trinken. Die 
selbe Arbeit wird unproduktiv in dem Augenblick, wo 
das Weintrinken aus der Mode kommt. 
Das ist der Grundzug, der den ganzen Produktions 
prozeß beherrscht. Der Wille zum Konsum ist 
unter allen Umständen der maßgebende 
Faktor. 
Wollte ein türkischer Staatsmann die Papierin 
dustrie seines Landes fördern, so würde der weg über 
Prämien und Schutzzölle nie zum Ziele führen, wohl 
aber der über Volksbildung, Aufklärung, Preßfreiheit 
und der damit entstehenden Nachfrage nach Papier. 
fördert man den Konsum, so hebt sich die Pro 
duktion von selbst. Die mathematische Gewißheit, daß 
sich durch Förderung der Produktion auch der Konsum 
ļ)ebt, hat man aber nicht. 
Diejenigen Volker erfreuen sich des größten Fort 
schrittes und Wohlstandes, die den größten INasfen-
        <pb n="34" />
        28 
2. Kapitel 
konsum haben, vergleichen wir einmal die Entwicke 
lung zweier großer Staatengebilde der Neuen Welt 
miteinander, die von ziemlich gleicher Größe ungefähr 
zu gleicher Zeit der europäischen Einwanderung er 
schlossen worden sind, und die in bezug auf Frucht 
barkeit des Bodens, Reichtum an RUneralschützen usw. 
kaum voneinander differieren, wir meinen die ver 
einigten Staaten von Nordamerika und die verschie 
denen Staatengebiete Südamerikas. — Wie läßt sich 
die ungeheure Verschiedenheit in der Entwickelung die 
ser Länder erklären? 
Die einen sehr langsam fortschreitend, teilweise 
sogar stagnierend, durchschnittlich arm, trotz großer 
Exportziffern und Beherrschung des Weltmarktes in 
großen Stapelartikeln, wie Kaffee und Kautschuk- das 
andere mit Riesenschritten auf der Bahn wirtschaft 
licher und politischer Größe fortstürmend, Wertakku 
mulationen aufweisend, wie die Welt sie noch nicht 
gesehen hat. Die Tatsache, daß die südamerikanischen 
Länder zum größten Teil der tropischen, die Union 
dagegen mehr der gemäßigten Zone angehört, kann 
den ungeheuren Unterschied nicht erklären, denn Argen 
tinien und Chile liegen gänzlich in der gemäßigten 
Zone. 
von Kennern der südamerikanischen Republiken 
hört man fast durchweg die Ansicht: In diesen herr 
lichen Ländern müßte eine andere Rasse herrschen, 
dann würde sie der Welt ein zweites Nordamerika 
zeigen können. Das bedeutet im Grunde nicht, daß 
diese Völker unintelligent und ohne jegliche Unterneh 
mungslust seien, oder daß die Regierungsform mit ihrer 
Begleiterscheinung, der Korruption, sie zu Loden drückte, 
denn letztere ist in den nordamerikanischen Staaten min-
        <pb n="35" />
        29 
Über ökonomische Werte 
bestens ebenso groß. Das hauptcharakteristische ist, daß 
diese Völker in ihren Massenschichten weniger Be 
dürfnisse haben, viele Unternehmen, die in Nord 
amerika zu Aufschwung und Reichtum führen, stagnieren 
im Lüden, weil ihnen der Resonanzboden des Massen- 
konsums fehlt. Nur, wo letzterer im Auslande liegt, 
wie bei Raffee, Gummi, Getreide, Metallen usw. ist von 
einem blühenden Handel und von solidem materiellem 
Wohlergehen die Rede. 
Einem Nordamerikaner, der einen neuen Pflug, 
ein neues, bequemes Stück Möbel konstruiert hat, eine 
besonders gute Rasse Geflügel oder eine schöne Blume 
Züchtet, strecken sich gleich Tausende von Händen ent 
gegen, die ein Bedürfnis nach diesen Dingen emp 
finden, dem Züdamerikaner kaum einige wenige. Lein 
Unternehmen stirbt an der Gleichgültigkeit der Ron- 
sumenten, und dadurch erstirbt auch er wieder dem 
Üonsum. Diese Wechselwirkung setzt sich durch alle 
Schichten fort, und daher der Mangel an Aufschwung. 
Der einzelne wird eben nicht dadurch kon 
sumfähig, daß er etwas produziert, sondern 
dadurch, daß ihm andere seine Erzeugnisse 
abzunehmen gewillt und imstande sind. 
Also an der Lpitze aller Entwickelung steht der be 
dürfnisfähige und bedürfnisheischende Mensch. 
Daraus ergibt sich, daß die Hebung der Lebens 
haltung, also die Erregung von Bedürfnissen, der wert 
bildende Faktor an sich ist, und hier tritt deutlich, ab 
gesehen von ihrem ethischen werte, die ungeheure, 
nationalökonomische Bedeutung der Runst zutage, die 
bisher meist in sehr kurzsichtiger weise verkannt wor 
den ist, weil man sie in kein Wertsystem einzureihen 
vermochte.
        <pb n="36" />
        30 
2. Kapitel 
Indem der Künstler Schönheit oder Geist oder, 
was es sei, in sein Werk hineinlegt, das in dem Be 
schauer den Wunsch rege macht, es zu besitzen, oder 
indem er durch seine Werke die Sinne seines Volkes 
in eine höhere Geschmacksrichtung lenkt, schafft er 
gleichzeitig mit einem Gegenstände auch die 
Nachfrage danach. (Er wirkt in doppelter weise 
wertbildend. 
Dasselbe gilt vom Kunstgewerbe, wenn z. B. in 
der Keramik eine Fabrik mit neuen, schönen Vasen, 
Majoliken usw. hervortritt, so erregt sie durch die 
Schönheit ihrer Fabrikate in Tausenden den Wunsch, 
sie zu besitzen. 
Die Menschen waren bis dahin vollständig glück 
lich und zufrieden ohne diese Dinge, aber mit ihrem 
Erscheinen schuf der Künstler, der sie formte, zu 
gleich den Begehr danach, und der wert, den sie in 
folgedessen haben, hat volkswirtschaftlich eine viel 
höhere Bedeutung, als die in jenen Artikeln nach alter 
Auffassung vorhanden sein sollenden sogenannten Nor 
malarbeitstage. 
Diese Erregung des Begehrs kann nun in die 
Gegenstände selbst hineingelegt sein, wie bei Kunst 
werken und Erzeugnissen des Kunstgewerbes, oder sie 
kann auf dem Wege der Reklame, durch Schaustellungen, 
kaufmännische Propaganda usw. erregt werden, im 
mer haben wir es mit durchaus reellen, meßbaren 
werten zu tun. 
Nehmen wir z. B. jene zahlreichen medizinischen 
Präparate, oder jene bekannte, neu eingeführte „Maggi 
würze" ! hiervon wäre ein Lager von 10 000 Flaschen 
vollkommen wertlos, wenn es dem Fabrikanten nicht 
gelänge, durch geschickte Reklame den Begehr danach
        <pb n="37" />
        Über ökonomische Werte 
zu schaffen und aufrechtzuerhalten. Allein durch diese 
entsteht jener Wert, der bei jeder Steuerdeklaration 
zu berücksichtigen ist, und der als Teil des Volksver- 
wögens statistisch eingestellt wird. 
lvenn wir nun sehen, daß unter allen Umständen 
erst der Konsum den Dingen ihren Wert verleiht, daß 
letzterer wohl mit ihrer Herstellung beginnt, aber nicht 
vollendet wird, so ergibt sich, daß überhaupt das Wert 
bildende in der Bewegung liegt, die die Dinge nach 
dem Ziele ihrer zweckmäßigen Vernichtung ausführen. 
§omit liegt der Wert eines Gegenstandes 
nicht in seinem Vorhandensein, nicht in der 
Tatsache, daß man ihn produziert hat, son 
dern in seiner Bewegung, ebenso wie das 
Biu * im menschlichen Körper nicht deshalb 
wertvoll ist, weil es vorhanden ist, sondern 
weil es sich bewegt! 
Diese Bewegung kann zweifacher Natur sein. Ent 
weder die Dinge kommen zu den Nlenschen, oder der 
Ülensch geht zu den Dingen, ñls selbstverständlich setzen 
Wir voraus, daß nur von einer solchen Bewegung die 
Vede sein kann, die dem Zwecke entspricht, zu dem der 
Ģegenstand geschaffen wurde, oder zu dem er benutzt 
Werden kann. 
Tin Sack Korn, der vergessen auf dem Boden 
des Landmannes liegt, bis er verfault, war nur so 
lange ein Wertobjekt, als man ihn produzierte, mit 
dem Vergessenwerden, seiner Bewegungslosigkeit, schal 
tete er als Wertobjekt aus. Ein Stück Möbel, zu dem 
Wir uns täglich hinbewegen, welches wir benutzen, 
ist wertvoll, ein Stück, das verlassen auf dem Boden 
steht, ist im volkswirtschaftlichen Sinne wertlos, bis wir 
e§ wieder benutzen oder es verkaufen, also Bewegung
        <pb n="38" />
        2. Kapitel 
hervorrufen. (Ein Haus, an dem täglich zehntausend 
Menschen vorbeigehen, ist ungemein viel wertvoller, 
als ein solches, dessen Türen nur von Hunderten 
passiert werden, und ein solches, zu dem nie ein Mensch 
kommt, ist ein toter wertloser Gegenstand. 
In diesen Tatsachen liegt das Geheimnis des un 
geheuren wirtschaftlichen Ñufschwungs der Völker seit 
der Erleichterung des Verkehrs durch Eisenbahnen und 
Schiffahrt. 
wir spüren diese Wirkung auch im kleinen, wenn 
einmal zu einer pfingstwoche schlechtes Wetter gewesen 
ist, das die Menschen zu Hause hielt, dann klagt ein 
jeder, der im Erwerbsleben steht, über schlechte Zeiten, 
während, wenn das Wetter gut war, und alle Menschen 
durcheinanderwirbeln ließ, jeder vergnügt und zufrie 
den ist, denn man hat verdient. 
Nach der altmodischen nationalökonomischen Ñuf- 
fassung ist ein verregnetes Pfingstfest für den National 
wohlstand besser, als ein lustiges, denn die Leute bleiben 
zu Hause, sparen ihr Geld, und alle die Hunderte von 
Zentnern an Ruchen, Raffee, Fleisch, Brot und Butter, 
die in den Gasthäusern über den täglichen Bedarf 
hinaus verzehrt werden, bleiben dem Lande als Wert 
objekt erhalten! wir sagen: erst indem alle diese Dinge 
in Bewegung gesetzt und vernichtet worden sind, wur 
den sie zu werten und wurden alle die, durch deren 
Hände sie gingen, reicher. Daher die leicht erklärliche 
Zufriedenheit. 
wir lachen heute über den dummen Bauern von 
ehemals, der sein Geld lieber im Strumpfe und im Bett 
stroh aufbewahrte, anstatt es auf die Sparkasse zu tun, 
und wir begründen unser Lachen meist damit, daß 
wir an die Zinsen denken, die der Bauer verliert, 
32
        <pb n="39" />
        Über ökonomische Werte 
indem wir letztere als etwas ganz Selbstverständliches 
hinnehmen, Hier tritt aber schon das Problem der 
Bewegung deutlich zutage. Indem die Sparkassen alle 
jene lang verborgen gehaltenen, völlig toten Spar 
groschen in Bewegung setzten, schufen sie neue Werte, 
und vermochten Zinsen zu zahlen. 
Ñn dem Wahne, daß ein Volk schon allein durch 
den Besitz großer Gold- und Silberschätze reich werden 
könne, sind ganze Staaten wirtschaftlich zugrunde ge 
gangen. 
In Spanien strömten zu Philipps Zeiten die Edel 
metalle schiffsladungsweise ins Land; man glaubte es 
damit unendlich reich gemacht zu haben, und es ist 
bezeichnend, daß gerade zu jener Zeit Spaniens ver 
fall beginnt. Man ließ die Schätze unfruchtbar liegen, 
oder brauchte sie zu zerstörenden Zwecken und wütete 
mit $euer und Schwert gegen das höchste Wertobjekt, 
das man hatte, den Menschen. 
ñuch die großen Goldansammlungen in unseren 
sanken sind nur deshalb von bedeutendem volkswirt- 
fchaftlichen Nutzen, weil sie die Grundlage zur Noten 
ausgabe bilden, und sich somit in dieser Form leb 
haft bewegen. 
Die relative Bewegung der Dinge zu den Men 
schen oder der Menschen zu den Dingen ist es auch, 
^&gt;ie den Monumentalbauten früherer Jahrhunderte und 
^en in einem Volke angesammelten Kunstschätzen ihren 
ökonomischen wert verleiht. 
Für Italien bilden seine alten Kirchen, Paläste, 
Ükuseen und Galerien ein Wertobjekt, das sich mit 
jeder Verkehrserleichterung dahin steigert. Für das 
italienische Wirtschaftsgebiet ist die durch die Bewe 
gung der Menschen zu seinen Kunstschätzen erzeugte 
pohlman, Laienbrevier. 
33 
3
        <pb n="40" />
        2. Kapitel 
Wertbildung genau so wichtig, wie die, die durch 
den Fleiß seiner Bauern und Fabrikarbeiter entsteht. 
Das verbot der ñusfuhr bedeutender, nicht wieder 
zu ersetzender Kunstschätze aus Italien ist daher eine 
ungemein kluge Maßregel, und die Erhaltung der wun 
derbaren Baudenkmäler ist eine Lebensfrage für Italien. 
Mit dem Campanile in Venedig stürzte mehr zusammen, 
als ein schöner Turm. Im verwittern und vergehen 
der Baudenkmäler liegt das, was wir den Konsum 
nennen, die Vernichtung, zu der sie bestimmt sind. 
Indem sie den Menschen ein Dbjekt des Schauens 
und des Bewunderns find, gehen sie langsam ihrer 
Auflösung entgegen, und in diesem wechselseitigen Pro 
zeß liegt ihr großer volkswirtschaftlicher Wert- d. h. 
ihre Auflösung ist die unerwünschte, aber unerbitt 
liche Begleiterscheinung des Gebrauches durch Schauen 
und Bewundern. Je mehr dieser Prozeß verlangsamt 
werden kann, um so besser, aber es darf nicht auf 
Kosten des Schauens geschehen, sonst wird der Zweck 
des Kunstwerkes nicht erreicht. 
Mir können das Gbengesagte demnach dahin prä 
zisieren, daß der Konsum allein der wertbil 
dende Faktor ist, und daß dieser Wert durch 
die Bewegung der Dinge nach diesem Kon 
sum hin seinen volkswirtschaftlichen Aus 
druck findet. 
Wenn wir nun die Verteilung der in einem Volke 
entstehenden Werte untersuchen wollen, so müssen wir 
natürlich einen Maßstab haben, nachdem wir diese 
Werte messen können. Das kann selbstverständlich nur 
durch vergleich geschehen, denn ebenso wie eine Sache 
nur an einer anderen gemessen werden kann, braucht
        <pb n="41" />
        35 
3* 
Über ökonomische werte 
ein Wert einen anderen, um zum Ausdruck zu kom 
men. Da man nun die menschliche Arbeit als hervor- 
bringerin aller Dinge ansah, die je zu Werten wer 
den können, so lag es nahe, sie als die Einheit anzu 
nehmen, und man konstruierte schlankweg die zur 
Herstellung eines Gegenstandes nötige Normalarbeits- 
Zeit als den einzig zuverlässigen Maßstab. 
Ülit dieser Bewertung kommt man aber aus Wider 
sprüchen und Ausnahmen gar nicht heraus. 
Viel einfacher liegt die Sache, wenn wir die Wert 
bildung zugrunde legen, wie sie entsteht, wenn wir 
den Tauschwert einer Sache gegen Arbeit fest 
zustellen vermögen.*) 
hier scheint uns in der Tat der Schlüssel zur 
ganzen Werttheorie zu liegen, die dann allerdings 
etwas anders aussieht, als die bisher übliche. 
Sehen wir uns daher einmal ein solches Bei 
spiel des Tausches einer Ware gegen eine Arbeits 
leistung an. Wenn wir alles auf diese reduzieren 
wollen, müssen wir sie einmal da beobachten, wo sie 
sich in ihrer einfachsten Form darstellt, und wo dieser 
Tausch ein absolut freier ist. 
Vie Familie eines afrikanischen Eingeborenen 
braucht zu ihrer Erhaltung durch Ackerbau eine Arbeits 
leistung, sagen wir, von 50 Tagen. Diese zur Erhaltung 
, r uormalen Lebensführung des „standard of life", 
nötige Arbeit ist das absolut Notwendige,' daher kann 
auch hier nur das Wertmaß alles dessen gesucht werden, 
das über das Notwendige hinausgeht' ferner ergibt sich 
.. *) Das Nähere über den Charakter dieses Tausches 
&gt;lehe nap. 4.
        <pb n="42" />
        36 
2. Kapitel 
daraus, daß in dem Maße, wie die Ñuffassung vom 
Notwendigen in den verschiedenen Völkern und den 
verschiedenen Zeiten wechselt, der Maßstab schwankt. 
Angenommen, zur Erhaltung unseres Negers sind 
50 Tage Arbeit nötig, die er selbst zu leisten pflegt. 
Da werden von einer durchziehenden Expedition Träger 
dienste gesucht, und man bietet für 40 Tage einen 
Ballen Baumwollzeug. Nach welchem Maßstab wird 
unser Neger diesen Ballen bewerten? 
Können wir das klar herausschälen, dann haben 
wir auch die Basis für den Tauschwert aller übrigen 
Güter gefunden, was wird den Schwarzen zunächst zur 
Annahme oder Ablehnung des angebotenen Tausches ge 
gen seine Arbeitskraft veranlassen? Sein subjektives Ge 
fühl, wie viel Tage seiner gewohnten Arbeit er wohl 
darum geben würde, um in den Besitz des gewünschten 
Gegenstandes zu kommen, ein Urteil, das sich meist 
darauf stützt, daß man bei anderen dieselben Ansichten 
voraussetzt. 
Glaubt der Schwarze, daß er von seinen Neben 
menschen für das in Aussicht gestellte Zeug nur so 
viel Lebensmittel wird eintauschen können, wie er 
selbst schon in 30 Tagen herzustellen imstande wäre, 
so wird er den 40 tägigen Trägerdienst! ausschlagen, 
glaubt er aber seinerseits das Arbeitsresultat von 
60 Tagen dagegen zu erzielen, wird er den angebotenen 
Lohn und den Dienst annehmen. Natürlich sind das 
nur gefühlsmäßige, nicht rechnerisch gefundene Ent 
schlüsse. 
wenn er nun mit dem erworbenen Ballen in sein 
Dorf zurückkehrt, was ist dann dessen wert? Ganz 
gewiß nicht die 40 tägige Arbeit, die er als Träger 
hineingesteckt hat, um ihn zu gewinnen, denn für seinen
        <pb n="43" />
        Über ökonomische Werte 
Wert ist es ganz gleichgültig, ob er ihn gefunden, 
geraubt oder erarbeitet hat. Der Wert ist die Arbeit, 
ie ihm ein anderer dafür leistet aus der Summe 
^ 3 ur normalen Erhaltung seiner Familie nötigen 
eit. In anderen Worten: es ist die Arbeitszeit, die 
er sich durch den Besitz dieser Sache erspart hat, 
nicht, die er hineingesteckt hat, und das ist auch psycholo 
gisch durchaus folgerichtig. Wert hat nur etwas, 
as man erstrebt,- Arbeit selbst erstrebt man nicht, 
ste hat demnach an sich keinen Wert, kann also auch 
anderen Dingen keinen Wert verleihen, aber Ñr- 
eitsersparnis hat einen Wert, weil ein jeder 
sie begehrt. Daher haben wir in ihr den Wertmesser 
und nicht in der Arbeit selbst. 
Henry George formuliert dieses Problem in seiner 
Science of Political öconomy S. 246 wie folgt: 
"Wcht die Arbeit, die ein Gegenstand herzustellen 
gekostet hat, bestimmt seinen Wert. Lr mag viel Mühe 
und Arbeit enthalten und kann deshalb doch voll 
ständig wertlos sein, während umgekehrt in einem sehr 
wertvollen Artikel nur sehr wenig Arbeit zu stecken 
raucht. Der Wert wird bestimmt durch die Arbeit, 
ie andere in diesem Augenblicke in direkter oder in- 
irekter Weise gewillt sind, dem Eigentümer im Ñus- 
ausch gegen den bezahlten Gegenstand zu ersparen. 
Sie geben ihm ihr Arbeitsresultat und entheben ihn 
somit der Anstrengung, die notwendigerweise mit der 
Arbeit verknüpft ist. (Db ich einen Diamanten durch 
jahrelange harte Arbeit ans Licht befördere, oder ob 
ìch wich einfach bücke, um ihn aufzuheben, hat nichts 
wit feinem Werte zu tun. Letzteres kann gar nicht 
einmal Arbeit genannt werden, da in dem Bücken 
nur die Befriedigung einer Neugierde liegt, also keine
        <pb n="44" />
        2. Kapitel 
Mühewaltung. Der Wert des Diamanten hängt von der 
Summe der Arbeitsleistung ab, der sich andere zu 
meinen Gunsten im Austausch dagegen unterziehen 
wollen, oder, was auf dasselbe hinausläuft, sie geben 
mir Dinge im Austausch gegen meinen Diamanten, 
für die andere mir die Mühewaltung abzunehmen 
gewillt sind, die ich sonst selbst zur Befriedigung meiner 
Bedürfnisse aufwenden müßte. Was ohne Mühe und 
Arbeit erreichbar ist, hat keinen Wert! Lin Gegenstand, 
in dessen Besitz zu gelangen sich niemand einer An 
strengung unterziehen würde, hat gleichfalls keinen 
wert. Aber alles, was einen wert hat, hat ihn nur 
dadurch, und insoweit, als durch den Austausch, ohne 
Anstrengung seitens des Eigentümers, ein Wunsch be 
friedigt wird, der sonst eine Mühewaltung erfordern 
würde. 
In anderen Worten: Der Wert einer Zache 
ist die Summe von Arbeit, die der Besitz dem 
Besitzer zu ersparen imstande ist." 
In welchen Nebel von Sophistereien und ausge 
klügelten Spitzfindigkeiten gerät man bei der Theorie 
von der Wertbildung, durch die in eine Sache hinein 
gelegte sogenannte Normalarbeitsleistung sowie es sich 
um Ausnahmefälle handelte, wie bei Kunstwerken, Nari- 
täten usw. Ls ist ja klar, daß man den wert eines 
echten Rembrandt oder einer Stradivariusgeige nicht 
nach der darauf verwandten Normalarbeitsleistung be 
messen kann. Schon bei Erzeugnissen des Gewerbefleißes, 
die höchste Intelligenz voraussetzen, u. dergl., gerät 
man in schwere Bedrängnis. Da müssen denn, wo 
Begriffe fehlen, werte helfen. 
Man konstruiert Seltenheitswerte, Runstwerte, 
Liebhaberwerte usw. als ob man Sinn in eine Sache
        <pb n="45" />
        39 
Über ökonomische Verte 
bringen könnte, mit Worten, die selbst keinen Zinn 
haben, wenigstens nicht in nationalökonomischer An 
wendung. 
Wie klar liegen dagegen die Verhältnisse vor un 
seren ñugen, wenn wir die ersparte Arbeit als 
Wertmesser annehmen. 
Wenn Lenbach für eines seiner berühmten Por 
träts lOOOO Mark bekam, so brauchen wir keine 
Kunststücke aufzuführen, um diesen Wert zu erklären. 
Angenommen der Künstler habe eine Lebenshal 
tung von jährlich 20000 Mark gehabt, dann be 
deutet ein solches Bild die Bestreitung der Hälfte die 
ses Aufwandes. Nun wollen wir ganz von der Frage 
absehen, ob ein Kunstwerk Selbstzweck sei oder nicht. 
Jedenfalls enthebt das Werk den Künstler einfach der 
borge, sich alle die tausenderlei Dinge, die er zu seiner 
Lebenshaltung nötig hat, selbst zu beschaffen,- denn 
das Leben ist die Hauptsache, nicht das Bild. Wenn ihm 
jemand 10000 Mark für das Bild zahlte, so heißt 
bas in anderen Worten: hiermit nehmen dir andere 
Wenschen in mittelbarer oder unmittelbarer Weise die 
Arbeit ab, die dazu gehört, dich ein halbes Jahr 
Zu nähren, zu kleiden und alles zu beschaffen, was 
bu zu deiner Lebenshaltung brauchst. Zie schlachten 
sür dich die Gchsen, bauen für dich das Korn, backen 
bein Brot, drehen deine Zigarren, alles Dinge, die 
bu eigentlich, wenn du sie genießen willst, selbst Her 
stellen müßtest. Diese ganze Arbeitsleistung nimmt dir 
dein Bild ab, folglich, sagen wir, ist diese ersparte 
Arbeit sein wert. 
Daher sind auch solche Preise, wie sie hin und 
wieder in unserer Zeit für Kunstwerke und Liebhabe 
reien gezahlt werden, nur möglich im Zeitalter der
        <pb n="46" />
        40 
2. Kapitel 
arbeitsparenden Maschine, denn nur, wo solche 
Ersparnisse sich anhäufen, sind solche Wertbildungen 
möglich. 
Dasselbe gilt vom Grund und Loden. Mt diesem 
ist bei der Bewertung einer Zache nach der darin 
enthaltenen oder zu ihrer Herstellung notwendigen 
Arbeitszeit gar nichts anzufangen- denn er ist weder 
eine Sache, noch liegt in ihm irgendwelche Arbeits 
zeit. Dennoch vollzieht sich alltäglich in der Praxis seine 
Wertbestimmung in gleicher weise, wie bei den Sachen. 
Greifen wir aber das Problem von der anderen 
Seite an, und lassen die Arbeit als Maßstab gelten, 
die der Besitz an Grund und Boden seinem Besitzer zu 
ersparen imstande ist, dann wird uns sofort die öko 
nomische Bewertung nicht nur des städtischen, sondern 
auch des ländlichen Grund und Bodens viel klarer 
als vorher. 
Ein Acker, der durch die Güte seines Bodens 50 Zent 
ner Getreide liefert, wo ein anderer nur 25 hergibt, 
erspart dem Besitzer die Arbeit, diese 25 Zentner ander 
weitig zu beschaffen, und folglich ist seine Grundrente 
um diese ersparte Arbeit höher als die des ersten. 
Sehr deutlich läßt sich die Richtigkeit dieser Be 
wertung nachweisen bei ländlichen Meliorationen. 
wenn ein Landmann 100 Tage Arbeitszeit daran 
gewandt hat, den Ertrag eines Ackers von 25 Zentnern 
auf 50 Zentner Getreide zu erhöhen, dann ist letzterer 
nicht etwa um die hineingesteckte Normalarbeitsleistung 
wertvoller geworden, sondern um so viel als Arbeit 
erspart wird, um den Überschuß von 25 Zentnern 
Korn anderweitig herzustellen. 
Genau so verhält es sich mit dem steigenden Grund 
werte an neuen Straßen, Eisenbahnen und Kanälen.
        <pb n="47" />
        41 
Über ökonomische Werte 
ļ)at jemand einen Steinbruch, der ihn nötigt 5 ñr- 
beiter 200 Tage zu beschäftigen, um den Transport 
Zur nächsten Verbrauchsstelle zu bewerkstelligen, und 
es wird ein Kanal gebaut, der es einem Arbeiter 
ermöglicht, in derselben Zeit die gleiche Arbeit zu leisten, 
dann ist die Grundrente des Steinbruchs um die er 
sparten 4 mal 200 — 800 Tagesarbeiten gestiegen. 
Bei der städtischen Grundrente ist der Hergang 
etwas komplizierter, aber er ist überall nachweisbar. 
So ist z. B. der Mietwert und somit die Grundrente 
eines Ladens in der Leipziger Straße in Berlin gleich 
der Arbeit, die seine Lage dem Besitzer erspart in 
der Aufsuchung all der tausend Käufer, die hier ohne 
seine Arbeitsleistung über seine Schwelle kommen. 
Resümee: 
RHr haben also gesehen, daß an der 
spitze aller Werte der Bedürfnis habende 
und leistungsfähige Mensch steht, daß eine 
Mare erst dann ihren vollen Wert hat, wenn 
sie dahin kommt, wo man sie braucht, daß 
dieser Wert nicht in ihrem Vorhandensein, 
sondern durch ihre Bewegung zum flus» 
ŗuck kommt, und daß sein Maßstab die Ñ r - 
deitsleistung ist, die ihr Lefitz dem Besitzer 
des betreffenden Gegenstandes zu ersparen 
imstande ist, resp. die ein anderer ihm da- 
für direkt oder indirekt zu lei st en ge 
willt ist. 
Damit kommen wir zur Untersuchung über das 
Wesen der Arbeit selbst.
        <pb n="48" />
        42 
3. Kapitel 
Arbeit und (Eigentum 
Wenn man sagt : Nur durch Arbeit kann der 
Mensch seine Bedürfnisse befriedigen, so ist das falsch. 
Wenn man sagt: Nur durch Arbeit kann die Mensch 
heit ihre Bedürfnisse befriedigen, so ist es richtig. 
Die Menschheit als Ganzes kann, ohne daß ge 
arbeitet wird, nicht eine Woche bestehen, aber der 
Mensch, als Einzelwesen oder als Gruppe von Indi 
viduen, kann sehr wohl ohne Arbeit leben, wenn er 
nämlich stark genug ist, einem andern den Ertrag sei 
ner Arbeit einfach wegzunehmen oder ihn zu zwingen 
für ihn zu arbeiten. 
Da wir durchaus mit Henry George übereinstim 
men, daß der Mensch seine Bedürfnisse stets auf dem 
Wege der für ihn leichtesten Mühewaltung zu be 
friedigen sucht, so darf obige Tatsache bei der Unter 
suchung nationalökonomischer Probleme nicht einfach 
ignoriert werden, wie es meist geschieht. In seinen 
volkswirtschaftlichen folgen ist es nämlich 
ganz gleich, ob jemand seine Mitmenschen 
einfach durchbrutale Kraft be raubt, oder ob 
er, Kraft seiner politischen Machtstellung, 
Gesetze macht, die es ihm gestatten, aus dem 
Arbeitserträge eines andern ein arbeits 
loses Einkommen zu entnehmen, ebenso wie 
es für die Volkshygiene gleich schädlich ist, ob die Milch 
verfälschung, wie bei uns, ein gesetzlich verbotenes, 
oder wie in Amerika, ein geduldetes Gewerbe ist. 
Analysieren wir einmal, um den brutalen Raub
        <pb n="49" />
        43 
Arbeit und Eigentum 
oòer die Vergewaltigung eines Menschen durch den 
andern zur Fronarbeit, mit nationalökonomischen Her 
gängen vergleichen zu können, was Raub und vergewal- 
tigung zum Zwecke des arbeitslosen Erwerbes im 
Gründe bedeuten. 
Jemandem die Früchte seiner Arbeit, oder auch nur 
einen Teil derselben, zur Befriedigung eigener Be 
dürfnisse mit Gewalt abnehmen, heißt, ihm keine Ge 
genleistung aus eigener Arbeit bieten, son 
dern etwas, das zu genießen der andere 
ohne weiteres als Mensch ein Recht hat. 
Der Räuber, der vom Reisenden seine Börse oder 
sein Leben fordert, nimmt diesem den Ertrag seiner 
Arbeit und gewährt ihm etwas dafür, wozu der andere 
so wie so ein Recht hat, nämlich sein Leben. 
Der Sklavenhalter, der den Sklaven bei Andro 
hung von Peitschenhieben zur Arbeit zwingt, gewährt 
ihm als Gegenleistung für seine Arbeit eine Schmerz- 
ļosigkeit, aus die der andere als Mensch vom Mit 
menschen so wie so ein unbestrittenes Recht hat. 
Diese Definition ist sehr viel wichtiger, als sie 
ouf den ersten Blick erscheint,' sie zeigt haarscharf die 
renzlinie zwischen einem gerechten und ungerechten 
auschş zwischen einem Tausch, der beiderseitig nutz- 
singend ist, und der demnach das Volksvermögen ver 
mehrt, und einem solchen, der nur einseitigen Vorteil 
tetet und somit den gerechten Güterverteilungsprozeß 
stört. 
Wir werden beim Rapite! über den Tausch sehen, 
mn wie eigentümliches Schlaglicht hierdurch auf manche 
Hergänge unseres Wirtschaftslebens fällt, die uns heute 
ņoch als durchaus einwandfrei gelten.
        <pb n="50" />
        44 
3. Kapitel 
(Es ist ohne weiteres klar, daß, bei einer Unter 
suchung über die Entstehung von Werten durch Arbeit 
und ihre Verteilung durch Tausch, alle Fälle ausschal 
ten müssen, wo der eine sie dem andern einfach weg 
nimmt, d. h. wo der eine dem andern für sein er 
arbeitetes Tauschobjekt etwas bietet, das auch ohne 
fein Dazwischentreten vorhanden wäre, das aber der 
andere kraft der größeren Macht des ersteren gezwungen 
ist, als vollwertiges Tauschobjekt anzunehmen. Also 
Arbeit und Raub stehen sich nicht nur ethisch sondern 
auch volkswirtschaftlich schroff gegenüber. 
Was wir aber nicht von der Arbeit trennen kön 
nen, ist die menschliche Tätigkeit zur Verhütung 
jedes Raubes oder jeder Ungerechtigkeit, wie aus der 
weiteren Untersuchung hervorgehen wird. 
Wollen wir einen klaren Einblick in das wesen 
der Arbeit gewinnen, müssen wir auf ihre ursprüng- 
lichste Form zurückgreifen. 
Unter den einfachsten Verhältnissen stellt sie sich 
so dar, daß der Mensch seine Nahrung sucht, wenn 
er hungrig ist, daß er unter den Gaben der Natur 
das passendste aussucht, um sich durch Kleidung oder 
Wohnung gegen die Unbilden der Witterung ZU 
schützen, und daß er sich verteidigt, wenn ein 
anderes Lebewesen, Tier oder Mensch, ihn* 
die erworbenen Güter streitig machen will- 
Schon diese primitivste Arbeit enthält also sowohl 
geistige wie körperliche Anstrengung, und Verteidigung^ 
kämpf. Lin zwecklos ausgeführter Gang in eine Ge- 
gend, wo erfahrungsgemäß keine Nahrungsmittel Z" 
erwarten find, ist keine Arbeit im volkswirtschaftlichen 
Sinne, ebensowenig, wie die unintelligente Auswahl 
eines Stoffes zur Kleidung, der diesen Zweck nicht er-
        <pb n="51" />
        45 
Arbeit und (Eigentum 
füllt, und auch der Kampf gegen Tier und Ulensch 
Zur Erhaltung des Erworbenen ist mindestens so not- 
wendlg, wie der Erwerb selbst. 
Arbeit umfaßt also körperliche und gei- 
Tätigkeit und Verteidigungskampf. 
Es ist außerordentlich wichtig festzustellen, daß 
3 Faktoren schon in der Arbeit in ihrer ein- 
fachs en Form vorhanden sind, wo manche Üational- 
o.onomen der Welt glauben machen wollen, nur die 
vrperliche Tätigkeit sei Arbeit an sich, und wo die 
sozialistische Schule die Aufwendungen zum Schuh von 
e en und Eigentum als unproduktiv klassifiziert. Wenn 
Zur Zeit einfachster Wirtschaftsformen die Verbindung 
?on geistiger und körperlicher Tätigkeit in einer Per 
son unbedingt zum Begriff Arbeit gehört, so ist es doch 
9anz unerfindlich, weshalb es anders fein soll, sowie 
! td) Zwei Individuen in diese Tätigkeit teilen. Ls 
h ein Verhängnis, daß viele unserer Nationalöko- 
uomen, irregeführt durch die ins Ungeheure poten- 
Zler e Arbeitsteilung und im Bestreben immer tief- 
Gt-unoiger sein zu wollen als ihre Vorgänger, Unter- 
seidungen machen und Grenzen aufführen, wo es 
9ar keine gibt. 
Gewiß, diejenigen, die nicht mit der Hand tätig 
Bņ , sondern nur geistig arbeiten, müssen sich aus 
em Gütervorrat derer nähren und kleiden, die ihn 
orperlich hervorbringen, aber dieser Gütervorrat wäre 
ohne ihre Mitwirkung gar nicht da. Sie sind Mit- 
schopfer desselben. 
Venn sein eigener verstand einem klugen Tisch- 
cr Zeigt, wie er in einer gegebenen Zeit zwei Stühle 
wachen kann, statt wie früher nur einen, so ist dieser 
edanke doch unmittelbar am Gütererzeugungsprozeß
        <pb n="52" />
        46 
3. Kapitel 
beteiligt, warum soll er aufhören es zu sein, wenn 
er zufällig im Ropfe eines anderen Menschen entspringt, 
der nicht Handarbeiter ist? 
Auch die Gütermenge, ganz abgesehen von ihrem 
wert, ist immer das Produkt der Gesamtleistung aller. 
Lin Schulmann, der seine Lebensarbeit daran setzt, 
sein Volk zu höherer Bildung, erweiterten Kenntnissen 
und Fähigkeiten zu verhelfen, ist, nach der Auffassung 
dieser Nationalökonomen, unproduktiv' und doch, wenn 
aus seinen Hörsälen irgendein junger Kopf Anre 
gung empfangen hat zur Erfindung einer Arbeit spa 
renden Maschine oder eines neuen nützlichen Bedarfs 
artikels, so hat dieser stille Gelehrte mehr geleistet, 
ist produktiver gewesen, als der fleißigste Arbeiter in 
irgendeinem Steinbruch. 
Nach der Sombartschen Theorie z. B. leistet ein 
Mann, der durch Vorträge oder dergleichen für die 
geistige Unterhaltung Erwachsener sorgt, keine 
Arbeit, er ist nicht produktiv, da er, wörtlich, „keine 
im Arbeitsprozeß der Gütererzeugung un 
mittelbar tätige Person ist", aber ein Arbeiter 
der Spielwarenbranche, der für die Unterhaltung 
der Rinder sorgt, ist produktiv, weil er unmittelbar 
an der Herstellung von Gütern beteiligt ist, nämlich 
von Spielwaren. Dder sind das keine Güter? Dann 
möchten wir uns einmal eine „wissenschaftliche" Liste 
der Dinge erbitten, die Güter genannt zu werden 
verdienen, und welche nicht. Friedrich List, an den ich 
mich in dieser Beziehung durchaus anlehne, hat das 
wie folgt ironisiert: 
„wer Schweine erzieht ist ein produktives, wer 
Menschen erzieht, ein unproduktives Mitglied der Ge 
sellschaft.
        <pb n="53" />
        47 
Arbeit und Eigentum 
Der Arzt, welcher seine Patienten rettet, gehört 
nicht in die produktive Klaffe, wohl aber der Apo 
thekerjunge, obgleich die Tauschwerte oder die Pillen, 
die er produziert, nur wenige Minuten existieren mö 
gen, bevor sie ins Wertlose übergehen. Tin Newton, 
ein Watt, ein Kepler ist nicht so produktiv, wie ein 
Esel, ein Pferd oder ein pflugstier, welche Arbeiter 
in neuerer Zeit von Herrn M. Lulloch in die Reihe 
der produktiven Mitglieder der menschlischen Gesell 
schaft eingeführt worden sind." 
Es gibt nur einen Begriff der Arbeit, nämlich 
den, der alles das umfaßt, was an menschlicher Tä- 
tigkeit zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse ge 
leistet wird, sei es auf geistigem wie auf körperlichem 
Debiete, sei es durch Erfindung, Hervorbringung oder 
Verteilung von Gebrauchsgütern. 
Der Erfinder in seiner Ztudierstube, der Arbeiter 
an der Drehbank, der Kaufmann, der dafür sorgt, 
oaß die Ware dahin kommt, wo man sie braucht, 
sie alle sind gleich produktiv, d. h. solange sie die 
ìhnen obliegenden Pflichten erfüllen. 
Der einzige Maßstab, nach dem die menschliche 
Tätigkeit in der $rage, ob produktiv oder nicht, be 
wertet werden kann, ist nicht, ob sie geistig oder kör 
perlich ist, sondern ob sie einem Zwecke dient, ob 
ìeser Zweck ein vernünftiger ist, und ob in ihr 
gleichzeitig ein Dienst für die Allgemeinheit 
enthalten ist. Ls genügt doch nicht, daß sich jemand 
òrperlich anstrengt, um ein nützliches Mitglied der 
Menschlichen Gesellschaft zu sein. 
Untätigkeit ist schlimm, aber zwecklose oder zweck 
widrige Tätigkeit noch schlimmer. Die Drohnen im 
Bienenstöcke sind sprichwörtlich geworden, aber sie sind
        <pb n="54" />
        48 
3. Kapitel 
harmlose Geschöpfe gegen eine Art, die sich einfallen 
ließe, bloß um körperlich fleißig zu sein, um von den 
Gelehrten „Arbeiter" genannt werden zu können, die 
Honigzellen so zu „verbessern", daß der Honig her 
ausflösse. 
In bezug auf Bienen und Drohnen in der mensch 
lichen Gesellschaft hat selbst ein Mann wie Bismarck 
die eigentümlichsten Anschauungen geäußert. In seinen 
Augen waren nur die Landleute, Unternehmer, Arbeiter, 
Handwerker „Bienen", alle anderen Stände, Beamte, 
Arzte, Lehrer, Kaufleute usw., unproduktive Existenzen,' 
und doch ist nichts sonnenklarer, als daß ein Arzt, der 
seinen Beruf ausfüllt, d. h. der die ihm anvertrau 
ten Kranken wirklich heilt, weit produktiver ist, als 
ein Landmann, der verkehrt wirtschaftet, und wenn 
letzterer auch von morgens früh bis abends spät hinter 
dem Pfluge ginge. 
Angenommen, ein Handwerker, der täglich ein paar 
Schuhe herzustellen imstande ist, erkrankte, seine Krank 
heit würde ohne ärztliche Hilfe 30 Gage dauern, mit 
ärztlicher nur 10, dann hat der Arzt auf dem Um 
wege durch den Schuster 20 paar Schuhe hergestellt, 
und das volkswirtschaftliche Resultat ist genau so gut, 
als ob er sie selbst fabriziert hätte. 
Der Arzt ist aber noch in einem weiteren Sinne 
produktiv, nämlich indem er die Daseinsdauer des 
höchsten Wertobjektes verlängert, das es gibt, nämlich 
des Menschen. 
Lin Teil unserer Uationalökonomen nennt den Ar 
beiter, der einen alten Dampfkessel ausflickt, so daß 
er noch ein paar Jahre gebrauchsfähig bleibt, „pro 
duktiv", den Arzt, der einem Menschen sein Leben,
        <pb n="55" />
        Arbeit und (Eigentum 
uni» damit seine Arbeitskraft verlängert, „unpro* 
unto . Kann man sich einen größeren Widersinn 
enken? Wann wird der Arzt unproduktiv? wenn 
" şàen Beruf mangelhaft erfüllt, wenn er durch 
Kurpfuscherei den Schuster, anstatt 30 Tage, 40 Tage 
? ns Krankenbett fesselt, so daß 10 Paar Schuhe ver- 
oren gehen, oder wenn er dem Arbeiter sein Leben 
verkürzt, anstatt es zu verlängern. 
Und wann hört der Landmann auf, produktiv 
Zu sein, selbst wenn er von morgens bis abends ar- 
Cl , e * ? îvenn er durch verkehrte Behandlung des Viehs, 
untntelligente Wahl der Fruchtfolgen seinen Besitz her- 
un erwirtschaftet, oder wenn er sich aus alter Ge 
wohnheit darauf versteift, Dinge herzustellen, die ein 
°!f»f CrCr besser und billiger liefern kann. Ģtet 
9 l es allerdings eine ziemlich breite neutrale Zone, 
wo produktiv und unproduktiv in einander übergehen, 
et das Wort „billig" und „besser" sehr dehnbare 
egrtffe sind- aber jeder, der im Erwerbsleben steht, 
Arbeiten oft ein sehr teueres Vergnügen 
^ es Tausende gibt, die unermüdlich tätig sind 
n doch nichts vor sich bringen, ja häufig mit un- 
eyeurem „Fleiß" ein großes vermögen verwirtschaften, 
°n dem sie als Müßiggänger bequem hätten leben 
. ähnlich widersprechend sind auch noch die An- 
Och en über die volkswirtschaftliche Bedeutung der wehr 
hafte zu Wasser und zu Lande, wir haben schon oben 
arauf hingewiesen, daß nicht Arbeit allein, sondern 
amps nnb Arbeit zur Befriedigung unserer Bedürf- 
hlie gehören. Das wird leider von vielen Nationalöko- 
ļ OHEN übersehen, die ihre rein theoretisch oder dia- 
e ì'â) gewonnenen Anschauungen zur Geltung bringen 
vohlmann, Laienbrevier. 
49
        <pb n="56" />
        50 
3. Kapitel 
wollen, in einer Welt, die es gar nicht gibt, nämlich 
in einer Welt ewigen Friedens. 
Lin Physiker mag seine versuche im luftleeren 
Raum ausführen- will er aber Schlüsse daraus ziehen 
und danach das Verhalten der Menschen beeinflussen, 
was doch im Grunde der Zweck jeder Wissenschaft 
ist, so muß er die Naturgewalten berücksichtigen, die 
jenseits des luftleeren Raumes herrschen, sonst wird 
seine Lehre ein wissenschaftliches Zerrbild. 
Ebenso kann der Nationalökonom getrost seine Be 
obachtungen anstellen an Vorgängen, wie sie sich ab 
spielen in „kampfleeren" Räumen, ja, er kann gar 
nicht anders- aber bei seinen Schlußfolgerungen muß 
er den Rampf berücksichtigen, ohne den wir uns die 
Welt einstweilen ja gar nicht denken können. Denn 
die Rampf- und NIachtfragen sind nationalökonomisch 
nicht weniger wichtig, als die Ñrbeitsfrage. Ñus ihnen 
entspringt z. B., wie wir später sehen werden, die 
Grundrente, einer der wichtigsten Faktoren des moder 
nen Wirtschaftslebens. 
Ñuherdem fließen Rampf und Ñrbeit so inein 
ander über, daß ihre Grenzen häufig kaum zu er 
kennen sind, und man sich die Frage vorlegen muß, 
ob sie volkswirtschaftlich überhaupt zu trennen sind, 
so scharf und klar ihre Grenzen auf ethischem Ge 
biete auch vor uns liegen. 
Wir fragen: welcher erkennbare Unterschied be 
steht in bezug auf wirtschaftliche Ronsequenzen zwischen 
den Naturgewalten, wie sie sich in wind und Wetter, 
Rälte und Hitze, der stillzerstörenden ñrbeit der In 
fusorien, der Gier des Raubtieres, der verwüstenden 
Rraft des Reilers oder in den menschlichen Leiden 
schaften offenbaren? Nicht der geringste- und
        <pb n="57" />
        51 
4* 
"ŅsM t i ï rrrrri i i n i wmf as* ; u 
Arbeit und (Eigentum 
àoch konstruiert man ganz willkürlich einen volkswirt 
schaftlichen Unterschied zwischen den Ñufwendungen, die 
die Menschen zur Bekämpfung des einen oder des an 
dren machen, wer sich gegen wind und Wetter durch 
nfertigung eines Rockes zu schützen sucht, ist pro- 
uktiv- der Gärtner, der seine Dbstbäume vor para 
rá durch Ralken schützt, leistet eine produktive Ar 
beit, denn ohne diese Tätigkeit ist alle seine Mühe 
vergebens,- der Geflügelzüchter, der 1000 Mark auf- 
ttenöet, um seinen Tierbestand durch Stallungen und 
wfriedigungen gegen Raubzeug zu schützen, handelt 
produktiv' wenn er aber einen Steuerbeitrag zur Er 
haltung der Polizeigewalt leisten soll, die seinen Stall 
vor dem Raubtier Mensch wirksamer schützt, als alle 
attenzäune, dann nennt man diese Ñufwendungen un 
produktiv, und erst recht, wo es sich um Heer und 
5 otte, also um den Schutz des ganzen Landes handelt. 
Das Gewehr, das der afrikanische Farmer führt 
Zum Schutze seiner Werden gegen Raubzeug in Tier 
no Menschengestalt, wird doch jeder verständige 
Eņsch genau so gut zu seinen Produktionsmitteln 
rechnen, wie seinen Pflug und seine Sense- aber die 
ulionen Gewehre, die ein ganzes Volk sich leistet 
gegen seine Feinde, darf man bei Leibe 
nicht so nennen. Darin liegt doch gar keine Logik, 
ein, die Ñufwendungen zum Schutze des Landes für 
rdnung und Sicherheit find genau so produktiv, wie 
ìe zur Abwehr schädlicher Einflüsse, immer voraus 
gesetzt, sie seien notwendig und zweckentsprechend. 
Die Deichbauten, die ein Land gegen die Elementar 
gewalten des Wassers schützen, nennt jeder Mensch 
produktive Ñnlagen,' die Festungswälle und panzer- 
urme, die gegen Überschwemmung des Landes durch
        <pb n="58" />
        52 
3. Kapitel 
verheerende Menschenströme errichtet werden, sind da 
gegen in der herrschenden Meinung unproduktiv. 
wir sagen: nur das Unzweckmäßige ist es, 
nur die verkehrt angelegten Dämme, die mangelhaften 
Befestigungen, Soldaten, die nicht schießen können, Be 
amte, die überflüssig sind, Ärzte, die nicht zu heilen 
verstehen, Bauern, die ihre Äcker nicht pflegen, usw. 
Alles das ist unproduktiv. 
Durch die Arbeit in ihrer einfachsten Form will 
der Mensch natürlich zunächst seine eigenen Bedürf 
nisse und die seiner Familie befriedigen, und da er 
scheint es als erster Grundsatz, daß das, was er er 
arbeitet, auch sein Eigentum sei. 
Nun habe ich oben die Ansicht ausgesprochen, daß 
Eigentumserwerb sowohl durch Kampf als durch Ar 
beit stattfinden kann. 
was folgt daraus? Daß dort, wo in einem Volke 
durch Konsolidierung des Staates der brutale Kampf 
aller gegen alle ausgeschaltet worden ist, auch der 
Ligentumserwerb durch Kampf ausschaltet, und nur 
der durch Arbeit übrig bleibt oder übrig bleiben 
sollte. In den Beziehungen von Volk zu Volk da 
gegen bilden heute noch Kampf und Macht die ein 
zigen Rechtstitel des Eigentums, was am deutlichsten 
zutage tritt, wo es sich um Landbesitz handelt. 
Ebensowenig wie ein einzelnes Individuum, kann 
ein Volk sagen: „dieses Land ist mein", solange ein 
stärkeres denselben Anspruch erhebt. 
Das ist eine Tatsache, von der sich gar nichts 
wegdisputieren läßt. 
Nur die vereinten Kraftanstrengungen eines Vol 
kes haben den Boden, auf dem es lebt, erworben, nur
        <pb n="59" />
        53 
Arbeit und (Eigentum 
^îese können ihn erhalten und daraus ergibt sich, 
daß auch nur das Volk in seiner Gesamtheit ein 
Eigentumsrecht an diesem Grund und Boden bean 
spruchen kann. 
Wie lächerlich es ist, wenn einzelne sich solches 
anmaßen, sehen wir an einer Erscheinung, wie die des 
t-ebaudy, des „Kaisers der Sahara", hätte er Macht 
9enug gehabt, seinen Ansprächen Geltung zu verschaffen, 
würde niemand lachen. Dann wäre er vielleicht der 
egründer einer neuen Dynastie, zu der künftige 3ei- 
en in Bewunderung emporgeschaut hätten. 
Ganz anders liegt es nun dort, wo in einem 
Dolke der Kampf ausgeschaltet ist, wo also die 
.beit die einzige Quelle des Eigentums ist oder we 
nigstens sein müßte, hier hat jeder unstreitig das 
^echt, zu sagen: dieses habe ich hervorgebracht, dies 
m mein, und er kann sein Eigentumsrecht dadurch 
ekunden, daß er sein Werk wieder zerstört, wenn 
man es ihm zu nehmen gesonnen wäre. 
Wir glauben nicht, daß Menschen je dieses in 
nerste Eigentumsrecht, nämlich das des Schöpfers an 
seinem Werk, aufgeben und zugunsten der Gesellschaft 
n treten werden. Daß sie es hin und wieder unter 
em Zwange religiöser Anschauungen getan haben, be 
weist nichts. Das find minimale Ausnahmen geblieben. 
ensogut konnte man aus der Tatsache, daß es Mönche 
und Nonnen gibt, den Schluß ziehen wollen, die ganze 
Şlt könne ein Klosterleben führen. 
Der Mensch will den Ertrag seiner Arbeit für 
şich und die Seinen, d. h. seine engere Familie, und 
das Recht auf den vollen Arbeitsertrag bildet somit 
auch einen der Ecksteine volkswirtschaftlicher und so- 
Zmlwissenschaftlicher Untersuchungen.
        <pb n="60" />
        64 
z. Kapitel 
Scheinbar steht aber diese Forderung in Wider 
spruch mit einem anderen Rechte, nämlich dem auf die 
Existenz überhaupt. 
Beide scheinen sich auszuschließen, denn es er 
scheint klar, daß, wenn wir das Recht auf Existenz 
anerkennen, wir denen, die nicht mehr arbeiten kön 
nen, etwas geben müssen aus den Erträgnissen derer, 
die arbeiten, so daß diesen also ihr Recht auf. den 
vollen Arbeitsertrag gekürzt wird. 
wir werden später sehen, wie dieser scheinbare 
Widerspruch in der Grund- und Bodenfrage seine voll 
kommene Lösung findet, so daß wir jedem das Recht 
auf den vollen Arbeitsertrag zubilligen und ebenso 
das Recht auf Existenz anerkennen können. 
wir müssen eben nur genau feststellen, wieviel 
von der Gesamtleistung eines Volkes an Arbeit und 
Kampf auf Konto des Individuums und wieviel auf das 
der Allgemeinheit fällt. Die letztere hat genau so gut 
das Recht, den vollen Ertrag der Arbeit zu fordern, 
die sie leistet, wie das Individuum, und nur in diesem 
Sinne kann das Recht auf den vollen Arbeitsertrag 
vernünftigerweise verstanden werden. 
Also Arbeit im volkswirtschaftlichen Sinne ist jede 
menschliche Tätigkeit, die den Zweck der Befriedigung 
menschlicher Bedürfnisse nach der Richtung einer immer 
höheren Kultur und Gesittung erfüllt, und sie ist 
um so produktiver, nicht etwa je schwerer sie ist, 
sondern (um es kraß auszudrücken), je leichter sie ist, 
d. h. die Arbeit ist die produktivste, die ihren Zweck 
mit den möglichst einfachsten Mitteln, der größten Er 
sparnis an Zeit und Energieverbrauch erreicht. 
Dies wird erzielt durch die fortgesetzte Arbeits 
teilung.
        <pb n="61" />
        55 
4. Kapitel 
Arbeitsteilung 
und Kapitalbildung 
Wenn wir von der Kapitalbildung durch Arbeits 
teilung reden wollen, müssen wir zunächst leider wie 
der feststellen, was wir unter Kapital verstehen. 
Es ist bezeichnend für die unwissenschaftliche Me 
thode unserer Nationalökonomie, daß beinahe jeder, der 
über Kapital schreibt, erst erklären muß, was er dar 
unter versteht. Der richtige Weg wäre doch der, daß 
unsere Gelehrten sich einigten, was sie denn unter 
Kapital verstehen wollen,- aber, meines Wissens, ist 
hierzu nicht einmal der Versuch gemacht worden. Wenn 
àer eine unter Kapital nur jene wirtschaftlichen Güter 
versteht, die als Mittel des Gütererwerbes bestimmt 
sind, während der andere den Grund und Boden mit 
feinen schätzen, und wieder ein anderer die ganze Welt 
als Kapital anspricht, dann führt das natürlich zu 
en unfruchtbarsten Auseinandersetzungen, genau so, 
u^ie wenn sich zwei Naturforscher über die Eigenschaften 
cs Wuchses streiten wollten, indem der eine das so 
Genannte Pferd, der andere den Meister Neinecke do 
vei im Auge hätte. 
Um solche Mißverständnisse zu vermeiden, be 
schreiten die Naturforscher den einzig richtigen und 
wissenschaftlich möglichen weg, sich über die Namen 
ihrer Beobachtungsobjekte zu verständigen. Nur die 
Uationalökonomie verfährt umgekehrt. Erst hat sie 
einen Namen, und nun wird mit ungeheurem Aufwand 
von Geistesschärfe zu definieren gesucht, was der Name
        <pb n="62" />
        56 
4. Kapitel 
denn eigentlich bedeutet, wobei jeder genau so defi 
niert, wie es seiner vorgefaßten Meinung in den 
Kram paßt. 
Betrachten wir doch einmal die folgenden ganz 
scharf abgegrenzten Kategorien: wir haben 
1. Naturgüter: jene Schätze der Natur, die noch 
durch keines Menschen Arbeit eine Umformung 
oder Wesensänderung erfahren haben. 
2. wirtschaftliche Güter oder Sachgüter, 
d. h. durch menschliche Arbeitsleistung zu Ge 
brauchsgegenständen oder zu Kraftquellen um 
geformte Naturschätze, mit der Unterabteilung 
a) solche vinge, die zum direkten verbrauch 
dienen (Gebrauchsgüter) und 
b) solche, die, gewissermaßen kristallisierte Ar 
beit darstellend, zur Erleichterung des Pro 
duktions- und Güterverteilungsprozesses 
dienen. 
Für diese letztere Kategorie hat der Sprachge 
brauch kein anderes wort gefunden als das Kapital. 
Man könnte von Verwertungsgütern reden, aber 
es ist kein Grund vorhanden, weshalb man sich hierfür 
nicht auch auf das wort Kapital einigen könnte, 
wer dann etwas anderes darunter verstehen will, 
dem ist es nicht benommen, auch ein anderes wort 
für seinen neuen Begriff zu prägen. Nur müßten die 
Begriffe einmal reinlich geschieden werden. 
wir verstehen unter Kapital also bis auf wei 
teres den in 2d niedergelegten Begriff. 
Nach dieser Klarstellung wollen wir nun das we 
sen der Arbeitsteilung prüfen, und da müssen wir 
uns zunächst die Verhältnisse ansehen, wo sie noch
        <pb n="63" />
        Arbeitsteilung und Kapitalbildung 
nicht besteht, also eine einfachste Wirtschaftsform, wie 
sie noch in manchen Gegenden Afrikas, den Südsee- 
lnfeln und unter den Indianern Brasiliens vorherrscht, 
und wie sie vor noch nicht 2000 Jahren bei uns be 
standen hat. Die Familie lebt von Iagd, Fischfang 
oder den Früchten des Waldes. hier besteht die Ñr- 
eitsleistung darin, daß der Mensch und seine Bedürf- 
uisse sich finden, d. h. daß entweder der Mensch sich 
Zu den Nahrungsmitteln bewegt, oder diese zu ihm 
rammen. 
Nuf dieser Stufe der Entwickelung spielt die Güter- 
produktion noch kaum eine Nolle, und als Haupt 
moment der Arbeitsleistung tritt in aller Deutlichkeit 
ie Güterverteilung hervor, d. h. die Notwendigkeit, 
aß sich Gebrauchsgegenstände und Nosument 
linden. Und was hier für die einfachste Form gilt, 
Zilt auch für die höchst entwickelte. 
Ñuf einer etwas höheren Stufe, nämlich beim 
ckerbau, tritt der Produktionsprozeß in Erscheinung. 
Der Mensch findet, daß es für ihn unter ge 
wissen Bedingungen leichter ist, die Pflanzen und die 
^ŗe, die ihm die Nahrung liefern, in seiner un 
mittelbaren Nähe künstlich zu züchten, anstatt sie dort zu 
suchen, wo die Natur sie gerade beut. hier ver- 
mnigen sich in einer Person alle Funktionen, die spä- 
auf ungezählte Individuen übergehen. Der eine 
Ņann ist zunächst Denker- ihm liegt die Wahl der 
w^ere und Pflanzen ob, die sich zur Zucht eignen, die 
^ahl des passendsten Landes zu ihrer Hervorbringung 
und die Erkenntnis der besten Nulturmethoden, alsdann 
er arbeiten, denn ohne Arbeit beugt sich die 
Natur nicht seiner Absicht, die Früchte gerade dort 
m genügender Fülle hervorzubringen, wo er sie braucht.
        <pb n="64" />
        58 
4. Kapitel 
In dieser Rrbeit liegen also hervorbringungs- und 
Güterverteilungsprozeß vereinigt. 
Dieser Mann ist alles in einer Person, Bauer auf 
seinem Lande, Baumeister seiner fjüttc, sein eigener 
Handwerker, Ñrzt, Lehrer, Raufmann, Polizist und 
Soldat. 
Infolgedessen wird ihm auch der unverkürzte Ar 
beitsertrag. 
In einer sehr frühen Periode wird sich aber schon 
die erste Arbeitsteilung vollzogen haben. 
Lin findiger Ropf gelangt durch Nachdenken und 
Geschicklichkeit zur Bearbeitung des Feuersteins oder 
zur Herstellung von Pfeil und Bogen, und nachdem der 
Jäger den Wert dieser Dinge erkannt hat, wird er 
einen Teil seiner Beute für ihren Besitz hergeben. 
Ls entsteht der erste freie Tausch, bei dem beide Teile 
ihren Vorteil haben, denn dem Bogenfabrikanten nützen 
seine überzähligen Bogen nichts, wenn sie niemand 
begehrt, ebensowenig wie dem Jäger der Überschuß 
des Fleisches, das er infolge der verbesserten Jagd 
geräte gewinnt. Mit dem durch diese Arbeitsteilung 
entstehenden Tausch entsteht auch der erste „Vorteil", 
der volkswirtschaftlich um so größer ist, als die mensch 
liche Natur in Dingen, die „ihr liegen", d. h. für die 
sie Interesse und Talent hat, eine ungleich höhere 
Produktionsfähigkeit entwickelt als auf Gebieten, die 
ihr gleichgültig sind, eine Produktionsfähigkeit, die 
sich noch mit der fortwährenden Beschäftigung mit einer 
und derselben Sache steigert. 
Dadurch ist auch ohne weiters klar, daß jeder, 
der einen Gebrauchsgegenstand auf diese weise her 
stellt, und zum Tausch anbietet, dadurch nicht nur 
sich, sondern auch seinen Nächsten einen Dienst er-
        <pb n="65" />
        59 
Arbeitsteilung und Kapitalbildung 
ihmï' ^ enn ^îese erhalten einen gewünschten Gegen- 
fprr mit tDeni 9 er Ņhe, als womit sie ihn selbst an- 
Tertigen können. 
führte» ^^mehrt sich durch jede zweckmäßig ausge- 
nur d ^ŗoeit und jeden zweckmäßigen Tausch nicht 
som'ş T ^ enc, t Indern auch das Volksvermögen, und 
lick? o en *vir hier das Hauptmerkmal jeder wirk- 
Y) A nämlich daß in ihr neben dem eigenen 
ett + ïT r° UC ^ e * n Dî?nst für die Allgemeinheit 
enthalten ist. 
sck?n n erübrigt es sich, noch die Beziehungen zwi- 
^ ŗbertsteilung und Kapitalbildung zu beleuchten, 
ŗ ^nbe beim Kapital über werte die Ansicht 
nick?ê şi^En, daß unser heutiger Kapitalismus gar 
sond Absolut Neues in der Weltgeschichte darstellt, 
sei ^^n nur das Produkt fortgesetzter Arbeitsteilung 
*Do ei sich der jeweilige herrschende Stanò den 
habe"^^^EN Teil, nämlich das Kapital, vorbehalten 
befind^ Museum für nordische Altertümer in Kiel 
der verschiedene Exemplare alter Einbäume, 
nord's^Eŗşnļ)ŗzeuge unserer Altvordern, die in den 
FnvfL ^ Mooren gelegen haben, bis der Spaten des 
I auern sie ans Licht beförderte. 
5a ort ist auch jenes alte wickingerschiff zu sehen, 
Waşş^oŗ ôîŗka 70 Jahren mit allen Werkzeugen und 
teü seiner Bemannung, als einer der interessan- 
a ^unde dieser Art, in einem schleswigschen Moore 
a '"ņoen wurde- und tritt man aus dem Museum her- 
dann schaukeln sich auf den Wellen des Kieler 
ens Kauffahrteischiffe aus aller Herren Länder vom
        <pb n="66" />
        60 
4. Kapitel 
Segelboot bis zum stolzen Passagierdampfer, sowie die 
Kolosse unserer Kriegspanzer in ihrer grauen Majestät. 
Ģier haben wir in einem Blick eine ununter 
brochene Kette der Entwickelung vor uns, und wir 
behaupten, daß, als der alte Germane seinen Linbaum 
aushöhlte, dieser genau so gut sein „Kapital" dar 
stellte, wie heute die stolzen Schiffe der Hamburger 
und Bremer Gesellschaften Kapital sind. Er zimmerte 
das Fahrzeug, um den Ertrag seines Fischfanges zu 
erhöhen und um Flüsse und Seen damit dem Verkehr 
zu erschließen. 
Dieses sein Kapital gab ihm sofort ein Über 
gewicht über seine kapitallosen Stammesgenossen. Er 
konnte damit die fischreicheren Stellen der Flüsse und 
Seen aufsuchen, und wenn wir nur die Verdoppelung 
des Ertrages rechnen, so können wir uns schon ein 
ganz hübsches schematisches Bild von der Bedeutung 
dieser einfachsten Kapitalbildung, dieser ersten kristalli 
sierten Ñrbeit, machen. 
Angenommen der vurchschnittsertrag des Fisch 
fanges sei vorher 10 Fische per Tag gewesen, er stei 
gere sich durch Benutzung des Bootes auf 20, und der 
Fischer habe aus seiner sonst dem Fischfang gewid 
meten Zeit so viel Stunden zur Anfertigung des Ein 
baums verwendet, daß auf dessen Anfertigung 100 
Tage zu rechnen wären, dann hätten wir folgendes 
Resultat: 
Herstellungskosten des Bootes 100 Tage Arbeit, 
also 1000 Fische. Wirkung: täglich 10 Fische mehr aus 
die Lebensdauer des Linbaums, die wir auf 20 Jahre 
schätzen wollen, — 20 x 3650 — 73 000 Fische. 
Natürlich deckt sich die volkswirtschaftliche Wir 
kung nicht mit diesem Schema, denn der Ertrag richtet
        <pb n="67" />
        __ Arbeitsteilung urtò Kapitalbildung 
şiâ) nicht nach dem, was der Fischer fangen, sondern 
chehr nach dem, was er absetzen kann- aber was 
lmmer er aus diesem Mehrbeträge für Hergäbe seines 
ootes zu erzielen imstande ist, ist doch unzweifel 
haft wohlverdienter Lohn für seinen Fleiß, für die 
ristallisierte ñrbeit, die er in sein Werk hineingelegt 
Ohne seine ñrbeit wäre der Mehrertrag von 
àîschen gar nicht vorhanden. 
Entweder kann er nun selbst sein Kapital aus» 
nu £ en àann wird es sich bemerkbar machen durch 
erhöhte Prosperität seines Betriebes seinen Stammes- 
öenvssen gegenüber, denn wo diese nur 1 Fisch fangen, 
ÎQttÇjt er 2; oder er kann jemanden anstellen, der 
, îhņ den Fischfang besorgt, indem er ihm als Lohn 
TrlT Ertrag der Ausbeute zusagt, während er 
e şi ^as Risiko läuft, oder aber er tritt sein Boot 
einen anderen ab gegen die Zusage der Rückerstat- 
^ņg und eines festen Anteils am Ertrage, während der 
? n ere das Risiko der größeren oder geringeren Aus» 
c ute läuft- oder aber er gestattet der Gesamtheit 
emer Stammesgenossen gegen eine angemessene ver- 
3u ung den Gebrauch seines Bootes zu Kriegszwecken. 
Ģer haben wir die 4 Arten der Kapitalbetätigung 
. Oŗer einfachsten Form: Eigenbetrieb, Lohnverhält- 
Zinsverhältnis zwischen privaten und Staatsdar- 
Ehn, und in den 3 letzten Gruppen tritt ganz deutlich 
p. cr Eharakter des Kapitols als eines Zweiges der 
ŗ eitsteilung hervor. Im ersteren Falle war der 
esltzer des Einbaums noch Kapitalist und Arbeiter in 
wer Person, in den 3 weiteren ist er dagegen schon ganz 
apttalist im modernsten Sinne. Er beschäftigt Lohn- 
weiter oder nimmt Zahlung für Darleihung seines 
Q Pitals, des Bootes. Mögen die andern nun in wind
        <pb n="68" />
        62 
4. Kapitel 
und Wetter auf den See fahren und sich abmühen, 
er bekommt seinen ñnteil an Fischen sehr viel mühe 
loser, denn er hat sich beim Arbeitsteilungsprozeß, kraft 
seines Nachdenkens und seiner Geschicklichkeit, den an 
genehmsten Teil, das Kapital, reserviert. 
Da nun der Mehrbetrag in Fischen lediglich sei 
ner 100 tägigen ñrbeit bei Herstellung des Kahnes 
zu verdanken ist, so kann man dem so entstandenen 
Kapital doch unmöglich die Berechtigung absprechen, 
aus dem durch sein Vorhandensein entstehenden er 
höhten Arbeitsertrag in Form von Unternehmergewinn 
oder Zins einen entsprechenden ñnteil zu verlangen. 
wenn jemand 100 Tage für einen andern arbeitet, 
so sind sich alle Gelehrten einig, daß er eine Ge 
genleistung, nämlich einen Lohn verlangen kann- hat 
aber jemand 100 Tage zur Schaffung eines Kapitals 
verwandt, wie in unserem Falle zur Schaffung des 
Tinbaums, und er verlangt von seinem Nächsten oder 
vom Staate für hergäbe dieser seiner kristallisierten 
Ñrbeit einen Lohn, nämlich einen Zins, dann sind 
sich die Gelehrten über die Berechtigung dieser Forde 
rung nicht einig. 
Diese heillose Verwirrung kommt daher, daß man 
die eine wahre Quelle der Kapitalbildung zusammen 
gewürfelt hat mit einer anderen gänzlich unberechtigten, 
aber leider häufigsten, nämlich der durch Gewalt 
akte und politische Macht entstandenen, woraus 
wir später noch zu sprechen kommen. 
Buch ein anderes Moment tritt bei diesem Bei 
spiel schon deutlich zutage, nämlich das, daß der Eigen 
tümer des Tinbaums, trotzdem er im Grunde ja nur 
für sich sorgte, und trotzdem er einen möglichst hohen 
Zins für sich herauszuschlagen sucht, dennoch durch
        <pb n="69" />
        Arbeitsteilung und Kapitalbildung 
seine Tätigkeit auch der Allgemeinheit einen Dienst 
leistete, was wir stets von neuem als das Charakte 
ristische wahrer Arbeit, also auch der kristallisierten, 
Zeichnen. Nicht allein, daß das Vorhandensein die 
ser Fahrzeuges für die ganze Nachbarschaft einen Ge 
winn bedeutet, auch der Nlehrertrag an Fischen ver 
gibt dem Eigentümer nur dann in seinem ganzen 
mfange, wenn er selber den Fang ausübt,' tritt er 
Qs Fahrzeug an feine Nachbarn ab, so werden sie 
stch dessen nur bedienen, wenn auch sie daraus einen 
orteil über den bisherigen Ertrag ihrer Arbeit hinaus 
flehen können. Ģier wirkt also das als kristallisierte 
rbeit in die Erscheinung tretende Kapitel nach jeder 
Achtung hin wohltätig, und von einer Ausbeutung 
^ einen Menschen durch einen anderen kann beim 
besten willen nicht die Rede sein. 
ll)a§ in einem solchen Falle der Besitzer, anschei 
nend ohne selbst weiter körperlich tätig zu sein, durch 
arleihung seines Besitzes erzielt, ist Lohn für früheren 
elß, geistige Arbeit und Erfindungsgabe. 
Diesen Faktoren durch irgendwelche gesetzgeberische 
^griffe die nachwirkende Kraft nehmen zu wollen, 
im 3U ^gesellschaftlichen, hieße jeden Fortschritt 
Keim ersticken, denn der Zweck jeder Erfindung ist 
0 ) der, dem Erfinder durch eine konzentrierte ñr- 
01 sleistung zukünftige Arbeit zu ersparen, wird dieses 
w versperrt, hört die Erfindung einfach aus. Der 
Mnweis, daß auch jetzt Menschen mitunter, nur vom 
brgeiz getrieben, zu Erfindern werden, und daß sich 
s in einer zukünftigen idealen Gesellschaft einfach 
rallgemeinern würde, paßt so wenig wie der Schluß, 
^b' weil es hin und wieder Leute gibt, die für ihren
        <pb n="70" />
        64 
4. Kapitel 
Glauben zu sterben gewillt sind, dieses von allen 
Menschen ohne weiteres vorauszusetzen sei. 
Nun beruht unsere ganze moderne Entwickelung 
auf einer Anhäufung von Erfindungen, von der Dampf 
maschine an zur Nlassenbereitung des Stahls, von der 
ersten primitivsten Spinnmaschine zum Iaquardwebstuhl, 
vom elektrischen Experimentierobjekte zur Schnellbahn, 
zu Telephon und Funkentelegraphie, von der Nüböllampe 
zum Ñuerschen Glühlicht, und ein großer Teil der 
„Rente", die die Produktionsmittel nach sozialistischer 
Auffassung zu erzielen imstande sein sollen, besteht 
eben im Lohn für die in den Erfindungen liegende 
geistige Arbeit. 
Wie sehr diese notwendig ist, beweist der schnelle 
Niedergang mancher industriellen Unternehmungen, die 
sich nicht durch Nutzbarmachung jeder Neuerfindung 
auf der höhe zu halten verstehen. Selbst ein Niesen 
betrieb, wie Krupp, kann, trotz allen Fleißes seiner 
Arbeiter, in wenigen Jahren an den Nand des Ab 
grunds gelangen, wenn eine andere Fabrik einen Stahl 
erfinden würde, den Krupp nicht in gleicher Güte 
und Billigkeit herzustellen imstande wäre. — Dann 
würde der Kruppsche Betrieb bald keine, der andere 
eine hohe Dividende geben; aber letztere wäre nur 
der wohlverdiente Lohn für die geistige Arbeit, die in 
der Erfindung lag, denn die körperliche Leistungsfähig 
keit der Arbeiter auf den beiden Betrieben hat auf 
das Resultat einen ganz sekundären Einfluß. 
Wie schon oben erwähnt, kommt die Auffassung 
vom ausbeutenden Kapital daher, daß man das durch 
geistige und körperliche Arbeit entstandene Kapital ein 
fach zusammenwürfelt mit einem anderen, das leider 
nur zu häufig nicht in kristallisierter Arbeit, sondern
        <pb n="71" />
        Arbeitsteilung und Kapitalbilbung 
in Gewalttaten und in politischer Macht seinen Ur 
sprung hat. 
Angenommen, unser Fischer habe seinen Linbaum 
nicht erarbeitet, sondern gestohlen, und er ließe sich 
für seine Darleihung den größten Teil des Ertrages 
an Fischen geben- dann wäre diese Einnahme aller 
dings eine vollständig arbeitslose Rente, eine Fort 
setzung des alten Raubes. 
Dder er habe einen andern durch Anwendung 
brutaler Gewalt gezwungen, ihm den Linbaum an 
zufertigen, oder er habe seine politische Macht in der 
Gemeinde in irgendeiner Form benutzt, sich von an- 
deren die Mittel zur Herstellung desselben zu ver 
schaffen- in allen diesen Fällen würde die Ausbeutung 
klar zutage treten, aber dann läge sie nicht in der 
Tatsache des Vorhandenseins von Rapital, in diesem 
Falle des Linbaums, sondern darin, daß es keine kristal 
lisierte Arbeit darstellt. 
Die Ronstatierung dieser Tatsache scheint mir ge 
nau so wichtig, wie die Untersuchung des Lhemikers, 
ob die Substanzen, mit denen er operiert, auch che 
misch rein sind, wenn man bedenkt, wie peinlich genau 
man bei chemischen, physikalischen, bakteriologischen 
Untersuchungen in bezug auf Reinheit der Versuchsob 
jekte und schärfste Definition verfährt, dann muß man 
staunen, mit welcher Leichtigkeit man in der National 
ökonomie grundsätzlichste Unterschiede einfach als quan 
tité négligeable behandelt, während man ganz neben 
sächliche häufig aufbauscht. 
Welche Autorität würden die Untersuchungen eines 
Bakteriologen beanspruchen können, dem sich nachweisen 
kieße, daß zu seinen Experimenten statt destilliertem 
öas erste beste Pfützenwasser gedient habe? 
bohlmann, Laienbrevier. 65 6
        <pb n="72" />
        66 
4. Kapitel 
Nun sind aber alle Untersuchungen über das Wesen 
des Kapitals in unseren heutigen Verhältnissen, so 
lange wir nicht das legitime vom illegitimen schei 
den, d. h. solange wir nicht seinen Ursprung berück 
sichtigen, Beobachtungen an verunreinigten Objekten 
und daher unzulässig. 
Eine besondere Erschwerung der Untersuchung liegt 
darin, daß unsere modernen Verhältnisse die an sich 
einfachen Hergänge stark verschleiern. Die meisten neh 
men an, jemand bezöge eine arbeitslose vente, wenn 
er z. B. an der Börse irgendein Industriepapier kaufe, 
das ihm eine gute Dividende einbringt. 
Selbst wenn das Geld, mit dem man dieses Papier 
kauft, erarbeitetes Kapital ist, sieht man die dar 
aus fließenden Zinsen für arbeitslosen Erwerb an, 
weil der betreffende zufällig selbst nicht tätig ist, 
sondern Betriebsleiter, Direktoren, lverkmeister und 
Arbeiter sich anstrengen müssen, das Kapital zu ver 
zinsen. 
hier tritt eine gründliche Verkennung des Prin 
zips der Arbeitsteilung zutage, und daher wollen wir 
den Fall einmal analysieren. 
Zunächst müssen wir feststellen, was denn eigent 
lich eine moderne Aktiengesellschaft im Grunde bedeu 
tet, denn hier stolpern schon die meisten. Ulan nimmt 
gemeiniglich an, die Aktionäre seien die eigentlichen 
Unternehmer, und da sie zum größten Teil der Be 
triebsleitung mehr oder minder fern stehen, so glaubt 
man hier ein neues Argument von der arbeitslosen 
Rente zu finden. Man spottet über diese „Unterneh 
mer", die das Unternehmen mitunter nie zu Gesicht 
bekommen. In Wirklichkeit sind die leitenden Persön 
lichkeiten, die Erfinder, die Direktoren usw., die Unter-
        <pb n="73" />
        67 
5* 
Arbeitsteilung und Kapitalbildung 
nehmer, denen die anderen nur ihr Geld leihen. Die 
Aktiengesellschaft ist nur die moderne Rechts- 
form für dieses Darlehnsgeschäft. 
Das 5ystem, irgendeinem tüchtigen Unternehmer 
oder Erfinder die Kapitalien, die er braucht, persönlich 
Zur freien Verfügung zu stellen, kommt wegen der 
damit verbundenen Rechtsunsicherheit und Schwierig 
keit der Beaufsichtigung mehr und mehr ab, und die 
Form tritt an die Stelle, daß der Unternehmer als 
Angestellter des Kapitals erscheint. Das ändert aber 
nichts an der Tatsache, daß er der Unternehmer bleibt, 
und dieser Charakter nicht auf die Kapitalisten über 
geht. Gb diese Rechtsform es nicht, bei dem großen 
Prozentsatz des nicht als kristallisierte Arbeit vorhan 
denen Kapitals, mit sich bringt, daß das heutige Unter 
nehmertum mehr als gebührlich vom Kapital abhängig 
wird, ist eine Frage, die auf einem anderen Blatte steht 
Unsere Aufgabe ist es nicht, festzustellen, wie das 
heutige Kapital wirkt. Denn das hierbei Ausbeu 
tung unterläuft, erkennen wir vollständig an. lvir 
wollen nur einmal in möglichster Klarheit heraus 
schälen, wie die Wechselwirkungen sind zwischen Ar 
beit, Unternehmertum und dem Kapital in seiner 
Zeinen Form als kristallisierte Arbeit, denn nur so 
läßt sich die Richtigkeit von Maßregeln ermessen, die 
wan ergreifen kann, um den Auswüchsen des Kapi 
talismus zu begegnen. 
Tatsächlich vollzieht sich die Beteiligung des mo 
dernen Kapitals, wenn in Form von Aktienkapital auf 
tretend, doch ungefähr wie folgt: Tin erfolgreicher 
Fabrikant will seinen Betrieb ausdehnen oder sein 
Risiko vermindern, oder ein Erfinder sucht Kapital 
Zur Ausnützung seiner Erfindung, oder jemand gibt
        <pb n="74" />
        68 
4. Kapitel 
sein (Belò in eine Bank, die nun ihrerseits die Ka 
pitalanlage macht. 
Im letzteren Falle scheint diese am unpersönlichsten, 
am arbeitslosesten, und doch liegt hier wieder nur eine 
Arbeitsteilung vor, indem die Bank die befähigtere 
Instanz ist, gute Chancen von schlechten zu unter 
scheiden, und indem der Durchgang des Kapitals durch 
die Bank an die Aktienunternehmungen eine Versiche 
rung gegen Verluste bedeutet. Aber selbst dieser un 
persönlichste Fall ändert gar nichts an der Tatsache, 
daß in der hergäbe solchen Kapitals eine Dienstleistung 
für andere liegt, und daß der Gewinn aus dieser Dienst 
leistung, die Dividende, weiter nichts ist, als der Lohn 
für geliehene kristallisierte Arbeit, immer vorausgesetzt, 
das Kapital entspräche dieser Forderung. 
Jemand hat eine Erfindung gemacht, zu deren 
Verwirklichung er gewisse Maschinen braucht; bei 
nicht vorhandener Arbeitsteilung würde er gezwungen 
sein, diese selbst herzustellen und vielleicht einige Jahre 
seines Lebens daran zu setzen. In diesem Falle würde 
niemand seinen schließlichen Verdienst eine arbeitslose 
Rente nennen. Wenn nun ein anderer zufällig solche 
Maschinen durch seiner Hände Arbeit hergestellt hat 
und sie ihm leiht, so ist doch kein plausibler Grund 
vorhanden, warum das ausbedungene Entgelt für 
dieses Darlehn eine arbeitslose Rente darstellen soll. 
Die beiden bilden gewissermaßen eine Person, und 
dasselbe ist der Fall, wenn jemand dem Erfinder 
nicht die Maschine selbst, wohl aber das Geld zu dieser 
Maschine leiht, falls er solches ehrlich erarbeitet hat. 
In ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung steht die 
hergäbe der Erfindung und die hergäbe des Kapi 
tals zu ihrer Ausführung auf ganz gleicher Stufe,
        <pb n="75" />
        69 
Arbeitsteilung und Kapitalbildung 
ja, sie stehen auch ethisch vollkommen gleich, sobald 
das Kapital eben kristallisierte geistige Arbeit in 
reinster $om darstellt. 
Wenn z. B. zwei Gelehrte eine Erfindung X ge 
meinsam lösen, so gebührt beiden der gleiche Ver 
dienst, der nicht geschmälert wird, wenn der eine sich 
erst auf dem Umwege einer anderen Erfindung, die 
wir I) nennen wollen, die Mittel verschafft, um seinem 
freunde die Ausführung von X zu ermöglichen. 
Eine Erfindung, die nicht zur Ausführung kommt, 
existiert volkswirtschaftlich nicht, sie ist gänzlich wert 
los, und wenn sie nur auf einem Umwege erreicht 
werden kann, so ist dieser genau so wichtig wie sie 
selbst. 
hier liegt ein einfacher Akt zweckmäßiger Arbeits 
teilung vor. Das Kapital gibt dem Erfinder die Mittel 
Zur sofortigen Nutzbarmachung seiner Erfindung, es 
leiht ihm gewissermaßen die Maschine, und als Leihschein 
dient die Aktie, wenn nun jemand durch die Um 
stände gezwungen wird, seinen Aktienbesitz zu ver 
kaufen, so heißt das in anderen Worten, daß er nicht 
wehr in der Lage ist, seine Leistung dem Erfinder 
gegenüber zu erfüllen, er will seinen Anteil an der 
Waschine zurückhaben, was natürlich den Betrieb stören 
würde. Somit tritt durch den Verkauf der Aktie ein 
anderer an seine Stelle, und dieser leistet durch 
ihren Ankauf dem Erfinder genau so gut 
einen Dien st wie jener, der ihm zuerst die 
Wittel zur Ausnützung seiner Erfindung zur 
Verfügung stellte. 
Das Verhältnis der Arbeit zum Kapital bleibt 
durch diese Übertragungen ganz unberührt, und der 
Zweite und dritte Besitzer der Aktie beuten sie ebenso-
        <pb n="76" />
        70 
4. Kapitel 
wenig aus wie der erste, der überhaupt das Unter 
nehmen erst in der modernen Form ermöglichte. 
Aber wie schon vorhin erwähnt, i'st das Bild 
ein anderes, wenn dieses Kapital nicht aus der Arbeit 
stammt, sondern aus Gewalttaten und Rechten, und 
hier hat Sombart unbedingt recht, wenn er den größ 
ten Teil des modernen Kapitals als historisch aus dem 
Sammelbecken der Grundrente entstehend erklärt, d. h. 
also aus durch Macht gefestigten Rechten. 
Gewiß hat es, solange es Arbeitsteilung gibt, auch 
Kapitalbildung durch Arbeit gegeben, aber die jewei 
ligen Machthaber wußten, in direkter wie indirekter 
Weise, aus diesen (Huellen durch Ansichreißen der Grund 
rente so wirkungsvoll für sich zu schöpfen, daß dauernde 
Wertbildungen nur bei ihnen angetroffen werden. 
Venn die Kirche, und nicht nur die Kirche, son 
dern auch das allgemeine Gefühl bis ins hohe Mittel 
alter hinein den Zins als etwas Unberechtigtes ver 
urteilte, so war das nur konsequent' denn damals war 
die Kapitalbildung nur zum geringsten Teil kristal 
lisierte Arbeit,- bei der großen Mehrzahl der Fälle 
lag ihr Ursprung in Gewalt und Willkürakten der 
jeweiligen Machthaber, oder sie war durch Umgehung 
der von eben diesen Machthabern geschaffenen Ge 
setze auf Schleichwegen entstanden- wir erinnern 
nur an die Rolle des Judentums im Mittelalter. So 
mit haftete, dem Gefühl nach, dem Kapital stets etwas 
Unreines an, und wenn man dann diesem selben Kapital 
auch noch das Recht zugestand, Zinsen zu tragen, so hieß 
das gewissermaßen einUnrecht in Permanenz erklären. 
Reben dem direkten Raube zieht sich nun noch 
durch die ganze Geschichte der indirekte. Da werden
        <pb n="77" />
        71 
Arbeitsteilung und Kopitalbilbung 
Fronden auferlegt, Zölle erhoben, Privilegien verteilt, 
Staatseinkünfte verpachtet usw. Wie wir später bei 
Besprechung der Grundrente sehen werden, fließt alles 
das in diesem einen großen Sammelbecken zusammen, und 
aus ihm schöpfen die, die die Macht in Händen haben, 
auf Grund von Rechtsformen, die sie zu ihren Gunsten 
schaffen, ein Prozeß, der sich noch heute fortsetzt. 
Wenn nun solches Rapita! zum Maschinenkapital 
wird, dann ist es allerdings klar, daß es ausbeu 
tend wirkt, weil feine Verzinsung eine Fortsetzung 
ist alten Unrechts,' aber das ist denn doch nicht die 
schuld der Maschine, sondern der alten Formen wirt 
schaftlicher Ungerechtigkeit. 
Die Tatsache, daß das erarbeitete und das aus 
angemaßten Rechten stammende, also das legitime und 
das illegitime Kapital, im Laufe der Entwickelung so 
verschmolzen sind, daß heute eine Trennung unmög- 
ļich ist, muß natürlich anerkannt werden. Aber was 
folgt daraus? Doch nur, daß wir das vergangene ver 
gangenes sein lassen müssen, aber nicht, daß wir ein 
wirtschaftliches Unrecht, das wir als solches aner 
kannt haben, auch noch in die Zukunft verlängern 
und kritiklos als etwas Unabänderliches hinnehmen. 
Wir treiben doch nicht Nationalökonomie, um das 
historisch Gewordene zu registrieren, sondern um Leit 
sätze für eine vernunftgemäße und gerechte Regelung 
unseres Wirtschaftslebens zu finden, und wenn wir 
dabei irgendeine Unstimmigkeit entdecken, so haben wir 
uns nicht dabei zu beruhigen, daß das nun einmal 
so sei, sondern wir haben zu untersuchen, wo sie 
iiegt, und je nachdem wir hierbei das -Richtige oder 
Derkehrte treffen, werden wir zu richtigen oder ver 
kehrten Schlüssen kommen.
        <pb n="78" />
        5. Kapitel 
Die Bedeutung des Tausches im 
Arbeits- undlvertbildungsprozetz 
Bei Behandlung der Arbeitsteilung habe ich ab 
sichtlich jene Wirkungen nur ganz kurz gestreift, die 
sie auf Erleichterung der Arbeit, Zeitersparnis, Ver 
vollkommnung in der Arbeitsleistung usw. ausübt, alles 
Dinge, über die man in jedem Konversationslexikon 
oder Wörterbuch der Volkswirtschaftslehre nachlesen 
kann. Woraus aber verhältnismäßig wenig Gewicht 
gelegt wird, und worin uns dennoch einer der wesent 
lichsten Vorteile der Arbeitsteilung zu liegen scheint, das 
ist, daß sie den „Tausch" bedingt; denn weil der Klensch 
zur Befriedigung seiner Bedürfnisse ja nicht irgendeine 
Einzelheit des Gütererzeugungsprozesses braucht, son 
dern einen möglichst vielseitigen Anteil, so muß das, 
was in der Arbeitsteilung auseinanderstrebt, sich irgend 
wie wieder zusammen finden, und diesen Ausgleichs 
prozeß besorgt der Tausch. 
3n diesem Tausche sehen wir bei weitem das ge 
waltigste Moment im Arbeitsteilungsprozeß, denn die 
dem Tausch anhaftende Eigentümlichkeit, daß es in 
seinem Wesen liegt, für beide Teile von Vor 
teil zu sein, bildet gewissermaßen die wirtschaftliche 
Zelle, aus der sich unsere gesamte kulturelle Ent 
wickelung, soweit sie auf materieller Grundlage steht, 
aufbaut. 
Natürlich ist erste Vorbedingung hierfür, daß der 
Tausch frei sei. Ist er das, dann folgt daraus mit
        <pb n="79" />
        Die Bedeutung des Tausches im Ñrbeits- u. Wertbildungsprozeß 
der absoluten Sicherheit eines Uettenschlusses das fol 
gende: 
1. Lr ist unter allen Umständen nach beiden Seiten 
vorteilhaft, denn niemand wird freiwillig einen 
tausch eingehen, bei dem er keinen Vorteil hat. 
2. Handel und Verkehr, die dem Austausche der 
Güter dienen, sind infolgedessen genau so wertbil 
dend wie die Hervorbringung derselben, was sich wie 
der mit unserer Behauptung deckt, daß die Bewegung 
der Güter den Reichtum eines Landes ausmacht, nicht 
allein ihr Vorhandensein. Also je reger der Tausch, 
je schneller geht die lvertbildung vor sich. 
3. Tritt irgendeine menschliche Tätigkeit den- 
noch irgendwo nachweislich einseitig wertbildend auf, 
b- h. eignet sie sich vom Arbeitserträge eines 
andern einen mehr oder weniger großen Teil, ohne 
entsprechende Gegenleistung an, so folgt daraus, daß 
der „Tausch" nicht frei ist. 
Diese Unfreiheit kann nun zunächst entstehen durch 
einen wirtschaftlichen Zwang, wo die Wahl des 
kleineren Übels zur Triebfeder des Tausches wird, zwei- 
kens durch auf Wacht gestützte Willkür. 
Entkleiden wir nun den wirtschaftlichen Zwang 
aller menschlichen Willkür, so werden wir sehen, daß 
àie Unfreiheit, die dann noch verbleibt, kein Rlo- 
Ment darstellt, das den Grundgedanken vom freien 
und dabei beiderseitig vorteilhaften Tausch aufhebt, 
daß dieses nur dort der Fall ist, wo wir es mit 
Menschlichen Eingriffen in diese Freiheit zu tun haben. 
Ñm klarsten wird uns das werden, wenn wir uns 
die verschiedenen Formen ansehen, die der Tausch an 
zunehmen imstande ist, er kann auftreten
        <pb n="80" />
        74 
5. Kapitel 
1. als Tausch einer Sache gegen eine anbete, 
2. als Tausch einer Zache gegen Arbeit, 
3. als Tausch einer Sache gegen Rechte, 
und in allen Fällen haben mir es mit 2 Unterabtei 
lungen zu tun, nämlich 
a) im nationalen, 
b) im internationalen Verkehr, in anbeten u)or en 
a) im kampfleeren Raume unb 
b) bort, wo brutale Machtfragen am Lnbe aller 
Argumentationen stehen. 
A. Tausch einer Sache gegen eine anbete. 
Sehen wir uns zunächst biesen Fall an. Bei ihm, 
ben wir gemeinhin tOareni)anbei nennen, läßt sich 
klarsten unb einfachsten seine nach allen Seiten hin wer - 
bilbenbe Eigenschaft nachweisen. 
Allerbings müssen wir hierbei erst einmal fes ' 
stellen, was benn eigentlich unter einer Sache zu ver 
stehen ist. hier hat bie fortwährend Anmenbung ber 
römisch rechtlichen Definition ben klaren Begriff einer 
Sache leibet so verwirrt, baß wir ihn erst einma 
roieber herausschälen müssen. 
Dem römischen Bürger — unb somit bem römi 
schen Rechte — war, wenigstens in seiner späten (be 
schichte, alles außer ber freien Persönlichkeit 
„Sache", b. h. ein Ding, mit bem er nach freiem 
Ermessen Gebrauch unb Mißbrauch treiben konnte. 
Sein Haus, seine Frau, seine Rinber, seine Sklaven, 
seine Maren, sein Lanbbesitz, alles war ihm 5ache. 
Fortschreitenbe Erkenntnis unb nicht zum min- 
besten germanische Rechtsbegriffe haben mit ber Seit 
tDeib, Rinber unb Sklaven aus bem Sachregister ge 
strichen, aber unsere Juristen befinieren heute noch
        <pb n="81" />
        75 
Die Bedeutung des Tausches im ñrbeits- u. Wertbildungsprozeß 
eine Zache als „ein räumlich begrenztes Ztück der kör 
perlichen Welt, dessen Begrenzung durch die Natur 
oder durch menschliche Willkür gegeben ist". 
Diese Definition läßt es ganz offen, ob nicht auch 
gelegentlich der Nlensch als ein räumlich begrenztes 
btück der körperlichen Welt zur Sache werden kann, 
jedenfalls macht sie den Grund und Boden dazu, und 
hier liegt der Widersinn. 
Wenn jedes durch menschliche Willkür abgegrenzte 
5tück der körperlichen Welt „Zache" ist, dann sind ganze 
Länder weiter nichts als Sachen, dann ist Amerika 
eine Zache, Europa eine Sache, ja, schließlich sind alle 
vom Nleer umspülten Erdteile eine Zache. Das ist doch 
ohne Zinn. Eine Definition hat doch den Zweck, 
unterscheidende Merkmale aufzustellen, nicht neue 
Worte für alte Begriffe zu konstruieren, wenn alles, 
was es gibt, Zache ist, dann brauchen wir das Wort 
ja gar nicht. Der Sprachgebrauch hat es geschaffen, 
um etwas zu bezeichnen, was im Gegensatz zu der 
den Menschen umgebenden Natur steht. 
Viel besser ist in dieser Einsicht das alte Preu 
ßische Allgemeine Landrecht, indem es I, 2, § 3 eine 
bache definiert als „einen Gegenstand, welchem ent 
weder von Natur oder durch die Übereinkunft der 
Wenschen eine Zelbständigkeit zukommt, vermöge deren 
er Objekt eines dauernden Rechtes fein kann", nur 
iaucht hier wieder die Frage auf: was ist unter Gegen 
stand zu verstehen, sind 100 ha Land, sind ganze Pro 
vinzen, Reiche, Erdteile Gegenstände? Je nachdem man 
dieses bejaht oder verneint, ist die Definition richtig 
oder verkehrt. 
Wir sollten meinen, daß eine Zache am einfachsten 
und klarsten wie folgt zu definieren sei: „ein räum-
        <pb n="82" />
        76 
5. Kapitel 
lid) begrenztes Stüd der körperlichen Welt, das durch 
menschliche Tätigkeit räumlich oder im wesen 
beeinflußt worden ist". 
Cin Kohlenstoß unter der Erde ist noch ferne 
Sache; erst das Stück Kohle, das der Bergmann daraus 
loslöst, ist es. 
Ein Diamant, der noch auf dem südafrikanischen 
Felde liegt, ist noch keine Sache, sondern ein Stück 
des Kosmos. Indem der Finder ihn aufhebt und 
zu seinen Zwecken zu verwenden sucht, wird er Sache. 
Ein Baum im Urwald ist keine Sache, wohl aber 
der gefällte und der von Menschenhänden zu einem be 
stimmten Zwecke gepflanzte Baum. 
Ein Feld jungfräulichen Bodens ist keine bache, 
wohl aber das urbare Feld, aber auch nur seine im 
wesen veränderte Humusschicht. Nie und nimmer kann 
seine Lage zu einer Sache werden; wohl zu einem 
wertobjekt, aber nie zu einer Sache. 
Wan kann die Begriffe auch wie folgt trennen. 
Der Begriff Sache umfaßt das, was wir in Kap. 4 
mit wirtschaftlichem Gut oder Sachgut bezeichnet haben. 
Er greift insofern etwas darüber hinaus, als es auch 
Sachen geben kann, die kein wirtschaftliches Gut dar 
stellen, aber der Teil, der über diesen Begriff hinaus 
geht, interessiert uns wolkswirtschaftlich nicht. Für 
uns kommen nur die Sachen in Betracht, die einen 
Tauschwert haben. 
Dieser Tausch nun, behaupten wir, ist unter allen 
Umständen wertbildend, er zehrt nicht aus irgendeiner 
mysteriösen Wertquelle, sondern er ist ein integrierender 
Teil des Wertbildungsprozesses. 
Um schnellsten und sichersten kommen wir zu die 
ser Erkenntnis, wenn wir ein Argument der Gegner
        <pb n="83" />
        77 
Die Bedeutung des Tausches im Ñrbeits- u. Wertbildungsprozeß 
dieser Auffassung beleuchten, das das Gegenteil be 
weisen soll. 
Die nationalökonomische Schule, die über Marx 
Zu Sombart reicht, behauptet, daß die Werterzeugung 
nur in der körperlichen Arbeit liege. Line Steigerung 
der absoluten Produktivität der Arbeit durch den 
Tausch, also den Handel, gibt Sombart zu, aber er 
schließt: „Konfusionare haben auf dieser Tatsache 
die Theorie von der Produktivität des Kapitals 
aufgebaut." 
Nun sollte in diesem Falle eigentlich die „ab 
solute Produktivität" das maßgebende sein und voll 
ständig genügen, aber Sombart führt ein Beispiel an, 
das beweisen soll, wie im Grunde doch das Kapital 
aus dem Arbeitserträge der sogenannten Produzen 
ten zehre. 
3u diesem Zwecke läßt er die Lrde von 
2 Handwerkern und 1 Händler bevölkert sein und 
leitet daraus die Grundlehre ab: „Lin Kaufmann, 
der die waren zweier Handwerker austauscht, kann 
immer nur einen Profit einheimsen, wenn ihm jeder 
der beiden Produzenten eine Quote des Arbeitsertrages 
abtritt". Vas scheint sehr einleuchtend und ist doch 
verkehrt. 
So sehr wir dafür sind, nationalökonomische Grund 
sätze aus den einfachsten Fällen herzuleiten, so ver 
kehrt ist es, Zustände zum Ausgangspunkt von De 
duktionen zu nehmen, die es nie gegeben hat noch je 
geben wird. Venn wir wollen doch nicht untersuchen, 
wie es in irgend einer abstrakt gedachten Welt, son 
dern in der unsrigen hergeht. Genau so gut könnte 
wan eine Drohnenexistenz eines Kartoffelbauern damit 
beweisen wollen, daß man die Lrde nur von zwei
        <pb n="84" />
        78 
5. Kapitel 
Menschen bevölkert sein läßt, die beide keine Rar 
toffeln essen. Dann wäre der Dauer natürlich über 
flüssig, und ebenso überflüssig wäre ein Händler 
in unserem Falle, weil zwei Handwerker, die neben 
einander wohnen, niemanden brauchen zum Austausch 
ihrer Güter. Aber will man aus solchen Beispielen 
große fundamentale Grundsätze ableiten, so muß man 
sie auch zu Ende denken. 
Angenommen, der eine wäre ein Schmied, im ber- 
gisch-märkischen Lande, um einmal bei diesem unmög 
lichen Fall zu bleiben, und der andere ein Weber im 
sächsischen Erzgebirge, dann brauchen sie wohl einen 
Händler zum Austausch ihrer Güter, einmal um sich 
überhaupt zu finden (Aufsuchen der Märkte) und dann 
zur Vermittlung des Verkehrs. Entweder muß der 
Schmied zum Weber oder der Weber zum Schmied kom 
men, oder beide treffen sich halbwegs. 
Angenommen, der Weber produziere täglich 2 m 
Tuch, er brauche 10 Tage, um zum Schmied zu kommen, 
und der Händler nähme ihm diese Arbeit ab, dann 
ist der letztere genau so gut produktiv wie 
der Weber am Webstuhl. Um die 20 m Tuch, 
die der Weber in der Zeit herstellt, die er nicht auf 
die Tätigkeit des Tausches zu verwenden braucht, ist 
der Gütervorrat der Welt vermehrt, durch dieTätig- 
keit des Händlers. Er ist also direkt produktiv 
gewesen. Sombart macht hier, wie so viele, die von 
Marx beeinflußt sind, den Fehler, daß er den wert- 
bildungsprozeß mit der Herstellung des Gegen 
standes in der Hauptsache als abgeschlossen ansieht. 
Dann hätte er Recht, wenn er argumentierte: durch 
die Arbeitsteilung von Schmied und Händler wird zwar 
die absolute Produktion erhöht, immerhin aber wird
        <pb n="85" />
        79 
Eie Bedeutung des Tausches im Ñrbeits- u. Wertbildungsprozeß 
das, was der Handel sich aneignet, aus den von den 
Handwerkern erzeugten Werten entnommen. Das wäre 
unstreitig richtig, wenn das schon volle Werte 
wären, was der Weber und der Schmied dort in 
ihrer Einsamkeit anfertigen. Das sind ja aber erst 
Anfänge zu Werten, der Tausch macht sie 
erst dazu. Der Schmied kann bei allen seinen Wer 
ten von Äxten, Hufeisen, Nägeln usw. verhungern, 
wenn er diese Dinge nicht selbst eintauscht oder den 
Tausch durch einen anderen besorgen läßt. 
Wir müssen eben das Sombartsche Beispiel so 
nehmen, wie es sich in der Wirklichkeit abspielen 
würde. Eine Welt mit nur zwei Handwerkern und 
einem Händler ist ein Unsinn, aber wohl ist ein Fall 
denkbar, daß sich Schmied und Weber in einer ganz 
einsamen unfruchtbaren Gegend befinden. Sehen wir 
uns einmal diesen Fall an. Der Weber webt seine 
2 m Tuch täglich. Der Schmied macht in derselben 
3eit 2 Äxte, hacken oder sonst was, aber damit haben 
sie noch nichts zu essen. Denn in ihrer Gegend gedeiht 
nichts. Somit müssen sie sich allwöchentlich 2 Tage 
auf die Reise machen, um den nächsten Rlarkt auf 
zusuchen, wo Lebensmittel feilgeboten werden. Mit 
unter tauschen sie viel, mitunter weniger Lebensmittel 
gegen ihre waren ein, denn der Rlarkt ist nur be 
schränkt und die Nachfrage nicht immer gleich, häufig 
wüssen sie einen Teil ihrer Waren wieder mit nach 
Hause nehmen, weil die Bauern schon genügend mit 
Tuchen und hacken versehen sind. 
Rlit Besorgnis sehen sie auf ihren wachsenden 
Vorrat, der sich je mehr entwertet, je flei 
ßiger sie sind, weil er nicht in Bewegung 
kommen kann.
        <pb n="86" />
        80 
6. Kapitel 
Schließlich kommt ein Händler in die Gegend. Gr 
kennt nicht nur den einen, sondern alle Märkte, auch 
in entlegeneren Ländern. Gr sieht den Vorrat von Cuchen 
und Pickäxten und erinnert sich, daß in einer Gold 
gräbersiedlung im Hochgebirge Mangel an beiden 
herrscht. Nun beginnt des klustausch, der lveber und 
der Schmied bekommen für ihre Waren Gold und 
finden, wie sie ersteres zu Markte bringen, daß sie 
jetzt für 3 m Tuch oder 3 Äxte schon so viel Lebens 
mittel und Bedarfsartikel eintauschen können, wie 
früher für das doppelte. Sie bekommen auch Mut, 
mehr zu produzieren, da sie mehr klbsatz finden für 
den Fleiß ihrer Hände, und sie übertragen dem Händ 
ler auch noch den Einkauf auf dem Markte, denn die 
ersparten 2 Tage, die sie für den weg verwenden 
müßten, bedeuten für sie weitere 4 m Tuch oder 4 Äxte, 
also wachsenden Wohlstand, selbst wenn sie dem 
Händler die Hälfte des Ertrages abzugeben genötigt 
wären. 
Dabei ist es keineswegs einerlei, ob der Tausch 
ein guter oder schlechter ist, ob der Schmied für 
ein Messer ein oder zwei Stücf Brot erhält. Man 
vergesse doch nie, daß die Herstellung der Eisenwaren 
für den Mann nicht Selbstzweck ist, sondern daß er sich 
dadurch Nahrung und Kleidung erarbeiten will. 
Der wahre wert seiner Messer, Äxte usw. besteht also 
nicht in ihrer klnzahl, sondern in den Subsistenz- 
einheiten, die darin enthalten sind. Repräsentierte 
vor Eingreifen des Händlers ins Wirtschaftsleben des 
Schmiedes eine Ñxt eine Subsistenzeinheit, so hatte er 
bei 10 vorrätigen Äxten 10 Subsistenzeinheiten im ver 
mögen. Gelingt es dagegen dem Händler durch klufsuchen 
besserer Tauschgelegenheit, dem Schmied für eine klxt 2
        <pb n="87" />
        Die Bedeutung des Tausches im Ñrbeits- u. lvertbildungsprozeß 
solcher Einheiten zu verschaffen, so. hat letzterer in 
seinem Vorrat an ñxten 20 Subsistenzeinheiten liegen. 
Der Händler nimmt also nichts aus dem Wertbestand 
des Schmiedes, sondern er bringt etwas hinein, 
und wenn er sich von diesen Einheiten 5 Stück für seinen 
Dienst ausbedingt, so kann man doch nicht sagen, er 
habe als Schmarotzer vom ñrbeitsertrag eines andern 
gelebt. 
Tritt nun gar noch ein zweiter Händler auf den 
Plan, der einen noch besseren Nlarkt für die waren 
weiß oder sich mit noch geringerem Nutzen für den 
vermittelten Tausch begnügt, so hat sowohl Weber 
wie Schmied von diesem neuen „Parasiten", wie ihn 
lombari nennt, nicht nur keinen Nachteil, sondern 
abermals einen weiteren Nutzen. 
Nun kann sich dieser einfachste Handel in den fol 
genden Formen vollziehen: 
1. Der Weber vertraut dem Händler einen Teil 
seiner Ware an und wartet, bis er ihm den Er 
trag des Tausches aus dem Goldgräberlager zurück 
bringt, oder umgekehrt die Goldgräber vertrauen ihm 
einen Teil ihres Produktes an, bis der Händler ihnen 
die gewünschten àxte und Tuche mitbringt. 
hier haben wir die einfachste Form der Nredit- 
gebung, und sie ist bis auf den heutigen-Tag noch 
die Basis aller sogenannten Nonsignations- und Nom 
missionsgeschäfte. 
2. Der Händler ist Besitzer irgendeiner Tausch 
ware, die gleichmäßig vom Weber und von den Gold 
gräbern geschätzt wird,- dann hat er nicht nur einen 
persönlichen Vorteil über den, der solcher Tauschware 
entbehrt, sondern es ergeben sich auch neue Momente 
poh Im an, Laienbrevier. 
81
        <pb n="88" />
        5. Kapitel 
82 
der rascheren Wertakkumulation im Wirtschaftskörper: 
das Handelskapital beginnt seine befruchtende 
Tätigkeit. 
was haben wir im Grunde hierunter zu verstehen^ 
Die Ansammlung von Wertgegenständen in einer Hand 
zum Zwecke des Austausches, die die Eigenschaft haben, 
daß sie unter allen Umständen von jedermann an 
jedem Drt und zu jeder Zeit begehrt werden. 
heute ist die Tauschware par excellence das Gold, 
warum? weil es, einmal in Kulturländer gelangt, nie 
den Drt zu suchen braucht, wo man es begehrt. 
Ls ist überall am Drte seiner höchsten Nachfrage. Dann 
kommt die Stufenleiter aller übrigen Gebrauchsgegen 
stände als kaufmännisches Kapital, deren wert sich 
genau nach der Schnelligkeit und Sicherheit richtet, mit 
der diese Dinge zum selben Ziele gelangen. Lin Bei» 
spiel wird dieses sofort erklären. 
Lin Kaufmann, der 200000 Nlark Gold besitzt 
und 150000 Mark Verbindlichkeiten hat, ist unter allen 
Umständen solvent, d. h. man wird ihm ohne wei 
teres zugestehen, daß er ein vermögen von 50 000 Nlark 
habe. Nun ist es aber nicht Aufgabe des Kaufmannes, 
sein vermögen in bar Geld liegen zu lassen; es soll 
arbeiten, d. h. er soll es gegen andere waren tau 
schen. Angenommen er legt die 200000 Nlark in 
Kupfer- oder Bleibarren an. Alsdann wird er im ge 
wöhnlichen Laufe der Dinge einem Kreditgeber gegen 
über noch durchaus solide und sicher dastehen, denn man 
hat das vertrauen zu ihm, daß er die Barren nicht ge 
kauft haben würde, wenn er nicht die sichere Erwartung 
hegte, sie dahin bringen zu können, wo man sie braucht, 
wird dieser Glaube erschüttert, so geht es in dem
        <pb n="89" />
        83 
6* 
Die Bedeutung des Tausches im Ñrbeits- u. lvertbildungsprozeß 
Nlaße mit seiner Zahlungsfähigkeit bergab, wie die 
Schwierigkeit steigt, das Verbrauchsfeld der Barren 
zu finden. In guten Zeiten ist das nun verhältnismäßig 
leicht, aber in einer Krisis nur mit großen wertein- 
bußen möglich. 
Noch deutlicher tritt die Schwierigkeit hervor bei 
Dingen, die dem verderben oder der Mode ausgesetzt 
sind. Wenn mir jemand versichert, er habe ein Geschäfts 
kapital von 50 000 Mark, denn feine Verbindlichkeiten 
beliefen sich nur auf 150000 Mark, dagegen habe er ein 
Lager von Damenhüten im werte von 200 000 Mark, 
so würde ich dem Manne sehr viel skeptischer gegenüber 
stehen, als dem Besitzer des Goldes oder des Rupfers, 
lvarum? vielleicht ist er sogar der Reichere. Das kann 
sein- aber vom Golde weiß ich, daß sofort jemand 
Zur Hand ist, der es nimmt, wenn man es ihm anbietet, 
beim Rupfer hat man die Hoffnung, daß man bald 
jemand finden wird, aber bei den Damenhüten stellen 
sich die Schwierigkeiten des Findens ungleich größer 
dar. wenn es den kleinen Röpsen, für die sie be 
stimmt sind, einfällt, daß ihnen eine etwas größere 
Form etwas besser stehe, so ist die Unmöglichkeit des 
Findens und damit die Entwertung da. Und diese Wert 
verminderung ist nicht etwa etwas Fingiertes, Eingebil 
detes, sondern etwas durchaus Reales, viel Realeres 
als wenn z. B. an einem Grundstück 100000 Mark ver 
loren werden. Letzteres ist nur für den Betreffenden ein 
Derlust, für das Nationalvermögen nicht, denn was 
der eine verliert, gewinnt der andere dadurch, daß 
er für dieses Stück Land 100000 Mark Rapital weniger 
Zu verzinsen hat. In der Entwertung der Damenhüte 
aber steckt verlorene ñrbeit, und daher ist der Ver 
lust allgemein.
        <pb n="90" />
        84 
5. Kapitel 
Ich habe mit Absicht diese extremen Fälle ge 
wählt, um die Dehnbarkeit des Begriffes Handelskapr- 
tal zu beleuchten, eine Dehnbarkeit, die soweit geht, 
daß in vielen Fällen Kapital van Kredit gar mcht 
zu unterscheiden ist. , 
Hier spielt das subjektive Gefühl eme groß 
Rolle, dem überhaupt noch ein besonderes Kapitel 
gewidmet werden soll, weil es im Wirtschaft e en 
bei Behandlung nationalökonomischer Probleme, unserer 
Ansicht nach, lange nicht genug mit in Rechnung gestellt 
Haben wir nun einen Blick in das Wesen des 
Handelskapitals gewonnen, dann wollen wir an der 
Hand unseres alten Beispiels vom Weber und Zchmie 
einmal seine Funktion beleuchten. 
Zunächst ist ohne weiteres klar, daß das Vor 
handensein eines Handelskapitals für seine Besitzer von 
großem Rutzen sein muß, denn sonst würden sie es 
nicht anwenden. Was uns aber weit mehr interessiert, 
ist der volkswirtschaftliche Rutzen, den es da 
durch stiftet, daß es eine notwendige Funktion im 
Güterverteilungsprozeß erfüllt und zwar in zweifacher 
Hinsicht, in räumlicher und zeitlicher. 
Klit der Entfernung, die bei Gütern zwischen dem 
Cntstehungs- und dem Konsumorte liegt, wächst die 
Gefahr, daß etwas beim Austausche verloren geht, 
nicht nur durch force majeure, sondern es kann eben 
sogut durch menschliche Unehrlichkeit geschehen, die 
wir nun einmal als vorhanden annehmen müssen. Wenn 
in unserem Falle Schmied und Weber dem Händler 
Waren anvertrauen, bis er ihnen den Gegenwert nach 
längerer Fahrt bringt, werden sie häufig Verluste er-
        <pb n="91" />
        85 
Die Bedeutung des Tausches im Ñrbeits- u. lvertbildungsprozeß 
leiden, die die Subsistenzeinheiten, die sie für ihre Waren 
erhoffen, bedenklich zu schmälern imstande sind. 
Die Erfahrung wird ihnen daher als klug er 
scheinen lassen, einem Händler, der ihnen aus seinem 
Handelskapital heraus die Tauschwaren, die sie brau 
chen sofort ausliefert, den Vorrang zu geben vor 
einem solchen, der ihnen diese Dinge erst nach langer 
Ñeisc zu bringen verspricht. 
hier liegt wieder eine Ñrbeitsteilung vor, die den 
Güterverteilungsprozeß wesentlich abkürzt, denn wir 
Essen immer im ñuge behalten, daß des Schmiedes 
Ñrbeit ja im Grunde darauf gerichtet ist, Eßwaren 
Zu erlangen, daß die Herstellung der Äxte nur Mittel 
zum Zweck ist. 
Je leichter nun der einzelne den Zweck seiner 
ñrbeit erreicht, desto besser für den ganzen Wirt 
schaftskörper. 
In dem Vorhandensein des Handelskapitals liegt 
ferner der Vorteil, Ñngebot und Nachfrage zeitlich 
auszugleichen. Nur bei den alltäglichsten vedürf- 
uissen wird es der Fall sein, daß Produktion und 
llauschgelegenheit zusammenfallen. 
Sonst wird es mehr die Regel sein, daß sie sich 
uicht decken. So kann es kommen, daß der Schmied, 
der doch zu leben gezwungen ist, gleich nach Her 
stellung seiner Äxte sehr viel weniger Subsistenzein- 
heiten anzunehmen gezwungen werden könnte, als wenn 
kr einige Wochen bis zur Ernte zu warten vermöchte. 
übernimmt das Kapital des Händlers diese 
Wartezeit und sichert damit auch den zeitlich besten 
Ñlarkt. 
Ñuch hier ist der Nutzen, den das Kapital ein 
streicht ein durchaus begründeter Lohn dafür, daß es den
        <pb n="92" />
        86 
5. Kapitel 
Produzenten durch Arbeitsteilung der Mühe enthebt, 
sich den zeitlich und räumlich besten Markt für seine 
Produkte selbst zu suchen. 
Ein fernerer Vorteil dieser Vermittlung des Tau 
sches durch das Kapital ist darin zu suchen, daß die 
Zelbstsucht in diesem Falle ein durchaus wertbildender 
Faktor ist. wer einfach die Zachen Dritter umtauscht, 
wie unser kapitalloser Händler zwischen Zchmied und 
Goldgräber, wird viel weniger eifrig darauf be 
dacht sein, daß der Tausch ein guter sei, als der, 
der die zu tauschenden Waren erst seinem eigenen 
Handelskapital einverleibt. 
Tr wird allerdings beim Ankauf den Produzenten 
auch nach unten zu drücken suchen, aber bei voller 
Freiheit des Handels findet diese Art der Benach 
teiligung ihr Korrektiv durch die Konkurrenz. 
Nun könnte man einwenden, daß von Freiheit bei 
unserem Beispiele nicht die Rede sein könnte, denn 
Weber und Zchmied ständen unter einem wirtschaft 
lichen Zwange, nämlich dem, daß sie von der Natur in 
eine Gegend versetzt worden seien, wo der Ackerboden 
so arm, daß er zu den einfachsten menschlichen Er 
nährungsformen, nämlich zur direkten Herstellung von 
Nahrungsmitteln, ohne den Umweg über die Arbeits 
teilung, nicht genügt, so daß sie wirtschaftlich zu die 
sem Erwerbszweig gezwungen und damit auch der Aus 
beutung durch das handelnde Kapital ausgeliefert seien. 
Viesen Kampf um ihr eigenes Interesse teilen 
sie aber mit allen Menschen gleichmäßig, und wenn 
sie vom Zchicksal in eine unwirtliche Gegend gepflanzt 
worden sind, so ist das auch nichts Besonderes, son 
dern etwas rein Menschliches, wollte man darin eine 
wirtschaftliche Ungerechtigkeit erblicken, so müßte man
        <pb n="93" />
        87 
Die Bedeutung des Tausches im Ñrbeits- u. Wertbildungsprozeß 
es in viel höherem Maße tun bei der Verschiedenheit 
der individuellen Begabung unter den Menschen. Ein 
minder begabter Mensch kann aus seiner haut nicht 
heraus- die in dürftiger Gegend Geborenen haben im 
merhin die Möglichkeit herauszukommen, wenn nicht 
politischer Zwang und Verhältnisse, die außerhalb des 
Wirtschaftsgebietes liegen, sie daran hindern. Jedenfalls 
wird man nie den Vorwurf erheben können, daß das 
Kapital an sich in diesem Falle wirtschaftlichen Zwang 
verursachte, denn die Notlage war schon vorhanden, 
ehe es auf der Bildfläche erschien, viel eher als zu 
einer Verschlechterung hat es zu einer Verbesserung 
der Lage der Ñrbeit geführt. Das Handelskapital ist 
also nicht arbeitfeindlich, sondern -freundlich. 
Um einmal ganz besonders anschaulich zu machen, 
wie durch Tausch ganz reale Werte entstehen, und 
wie' sich solche ziffernmäßig feststellen lassen, wähle 
ich noch ein scharf ausgeprägtes Beispiel, das aber 
durchaus im Rahmen der Wirklichkeit liegt. 
Ein armer Geiger erbt von seiner Mutter eine 
Nähmaschine und ein armes Nähmädchen von ihrem 
Dater eine Geige. 
Für jeden von ihnen sind diese Dinge nahezu 
wertlos, sie tauschen, und sind beide reicher. 
Warum? weil die verschiedenen Dinge eben bei den 
verschiedenen Menschen verschiedenen Wert haben, der 
sich volkswirtschaftlich noch mit dem Grad der Be 
fähigung steigert, mit dem der eine oder andere die 
Dinge zu benutzen versteht. 
3um Tausch dieser beiden Instrumente ist es nun 
nötig, daß sich die beiden Besitzer in irgend einer weise 
finden. Dann läßt sich der wert dieses Findens durch-
        <pb n="94" />
        88 
5. Kapitel 
aus einwandfrei durch eine Zahl, einen Geldwert, aus 
drücken. 
Der funge Geiger würde vielleicht gern 50 Mark 
für eine Violine ausgeben, und die Näherin das 
selbe für eine Nähmaschine, aber beide haben nur 
je 10 Mark im Portemonnaie. N)ohl hat letztere 
die hübsche Geige, aber ginge sie damit zum Näh 
maschinenhändler, um eine Maschine dafür einzu 
tauschen, so würde er sie einfach auslachen, und 
wenn sie einmal ihre Brotrechnung damit, selbst in 
Höhe eines viel geringeren Preises, würde begleichen 
wollen, würde der Bäcker bedauernd die Achseln zucken. 
Genau so würde es dem jungen Geiger in seinem 
Falle mit der Nähmaschine gehen. 
Schließlich gehen sie zu einem Trödler, d. h. zu 
einer beiden Teilen bekannten Stelle, wo sich Ange 
bot und Nachfrage in derlei Zachen zu treffen pflegen 
und bieten ihm die Dinge zum verkauf an. Je nach 
dem dieser nun die Möglichkeit abschätzt, sie wieder 
an den Mann zu bringen, wird er dafür bezahlen, 
d. h. wird er diese Dinge seinem Napitalbestand ein 
fügen, und selbst wenn er den Betreffenden nur 20 Mark 
für ihre Gegenstände bezahlt und sie wieder zu 
30 Mark verkauft, wird sich das Volksvermögen durch 
diese Mittelhand wie folgt vermehrt haben: 
1. Stand des Vermögens vor Kauf und Verkauf: 
Geiger 10 M. bar und 1 Nähmaschine, für ihn wertlos, 
also 0 M. zusammen 10 TU. ; Näherin 10 M. bar 
und 1 Geige, für sie wertlos, also 0 M. zusammen 
10 M. 
Trödler 40 M. bar, die er für Nähmaschine und 
Geige geben würde, wenn man sie ihm brächte. Ver 
mögensstand zusammen 60 M.
        <pb n="95" />
        89 
Die Bedeutung des Tausches im ñrbeits- u. Wertbildungsprozeß 
2. Nach Rauf und verkauf: 
Ģeiger 30 IÏÏ. Wert des Instrumentes 
Näherin 30 „ „ der Nähmaschine 
Trödler 60 „ „ (Erlös a. d. verkauften Gegenständen. 
T20ÎÌÎ. 
Der gesamte Wohlstand hat sich demnach verdoppelt, 
und dieser Wertzuwachs ist nicht etwa etwas Einge 
bildetes, sondern durchaus Reelles. Lr bildet die Grund 
ige unserer gesamten Vermögensstatistik. Ein Zei 
tungsverleger z. B., der eine Rotationsmaschine zu 
20 000 Mark einstellt, ist verpflichtet, sie mit dieser 
Summe, solange sie neu ist, in seinem Vermögensstand 
unzugeben, aber keine Gesetzgebung wird dieses von 
einem Handwerker verlangen, der vielleicht gezwungen 
war, eine solche Maschine als schlechte Schuld zu über 
nehmen und sie auf dem Boden herumstehen hat. In 
seinen fänden wird der Wert der Maschine, selbst 
wenn neu, den des alten Eisens nicht viel überschreiten, 
bis sich wieder jemand findet, der sie braucht. Erst 
dann tritt sie wieder in ihren alten volkswirtschaft 
lichen Wert, und der Händler, der das vermittelt, ist 
somit direkt wertbildend. 
Nun scheint uns im obigen Falle der Verdienst 
bes Trödlers vielleicht für die geringe Mühe, die er 
gehabt hat, reichlich hoch. Gewiß, aber bei freier Ron- 
kurrenz wird dieser Verdienst immer im Verhältnis 
Zur Schwierigkeit des Wiederverkaufes stehen, und unter 
ber gleichen Voraussetzung wird auch der Nutzen 
bes Raufmannes im gleichen Verhältnis zum Nutzen 
stehen, den er der Allgemeinheit leistet, so paradox 
bas klingen mag- denn für gewöhnlich ist man vom 
Gegenteil überzeugt. Man meint, je weniger ein Rauf-
        <pb n="96" />
        5. Kapitel 
mann verdiente, desto besser sei es für die Allgemein« 
heit, wir sagen nicht, daß der Kaufmann, der 
seine waren am teuersten verkauft, der nützlichste 
ist, denn dieses Verfahren führt, sobald die Leistung, 
die wirkliche oder eingebildete, nicht der Gegen 
leistung entspricht, schnell genug zum Stillstand, wohl 
aber, daß der Kaufmann, der die waren dahin schafft, 
wo er am meisten verdient, nämlich, wo sie am teu 
ersten sind, volkswirtschaftlich weit nützlicher ist, als 
einer, der sie mit wenig Verdienst an einem billigen 
Grt verschleudert. 
Denn der teure Drt zeigt durch seine Preise an, 
daß er die waren haben will, während sie am billigen 
Orte bereits in Überfluß vorhanden sind. 
Im Aufsuchen des höchsten Begehrs nach einer 
Sache liegt fa eben der wert des Handels, und je 
erfolgreicher er in dieser Beziehung für sich selbst ist, 
je mehr wird er auch zur Wertakkumulation in seinem 
Volke beitragen. 
Am deutlichsten zeigt sich das bei der Bespre 
chung des Tausches auf internationalem Ge 
biete, zu der wir jetzt übergehen. 
Bei Behandlung dieser weitreichenden und wich 
tigen Frage können wir es nur zur Klarheit bringen, 
wenn wir uns die einzelnen Staaten als in sich ge 
schlossene Organismen, gewissermaßen als Personen 
denken. Das, was sich zu einem Staate oder zu einer 
wirtschaftlichen Interessengemeinschaft mit einer ge 
meinsamen Spitze und damit einem gemeinsamen wil 
len zusammengetan hat, ist etwas durchaus Einheit 
liches, ein Organismus, wie jeder andere selbständige
        <pb n="97" />
        &gt; i 
JJ Issili in lin ff fi lilt; 
Die Bedeutung des Tausches im Ñrbeits- u. lvertbildungsprozeß 
Organismus. Daraus folgt, daß, ebenso wie der Waren 
austausch zwischen zwei Individuen stets vorteilhaft 
nach beiden Zeiten ist, dasselbe auch beim Warenaus 
tausch zweier Völker der Fall sein muß. Vas ist auch 
ahne weiteres ersichtlich. (Es liegt in der Natur der 
Dinge, daß unter dem Einflüsse von Klima und Loden 
in den verschiedenen Ländern gewisse Erzeugnisse des 
Ülenschenfleißes so überreichlich gedeihen, daß die Ernten 
sehr schnell eine größere Fülle geben, als die zu 
verzehren imstande sind, die die Zaat streuen, und wenn 
sie auch noch so viel zu konsumieren sich anschicken. 
Dieses in einem solchen Gebiete entstehende plus 
ist nun ohne Tauschmöglichkeit tatsächlich vollständig 
wertlos. So stellt ein Land wie Brasilien einen Über 
schuß an Kaffee her, ein Land wie Deutschland einen 
solchen von allen möglichen Fertigfabrikaten, kunstge 
werblichen Gegenständen und dgl., die nach Sättigung 
des heimischen Bedarfes ebenfalls nur minimalen wert 
haben. 
Die Natur schafft in solchen Fällen zeitweilig tat 
sächlich „Überproduktion", so vorsichtig man auch sonst 
wit dem Worte sein muß, denn all die tausend 
Dinge, die zwischen den Fingern der Menschen wachsen, 
sind genau so gut Naturprodukte, wie das, was auf 
dem Felde wächst, und ob die Natur sich fruchtbar 
im Felde oder im Nlenschengeiste offenbart, ist für 
das Endergebnis das gleiche. 
Für Deutschland ist nun der Kaffee ein wert- 
abejkt, denn die Gesamtarbeitskraft des Volkes würde 
nicht hinreichen, auch nur einen Sack davon hervor 
zubringen. Ebenso sind für die Bewohner Brasiliens 
all die tausenderlei bei uns hergestellten Kleinigkeiten 
und Fertigfabrikate, die bei uns überflüssig sind, wert-
        <pb n="98" />
        92 
5. Kapitel 
objekte. Denn in dieser von uns gebotenen Güte 
und Form kann das Land selbst sie nicht hervor 
bringen. 
Der Tausch dieser Dinge — Kaffee gegen Fertig 
fabrikate — macht nun beide Länder mit einem Schlage 
reicher, denn nun kommen die Dinge erst dahin, wo 
man sie braucht, der Merterzeugungsprozeß findet sei 
nen Abschluß. 
Daraus geht nun ohne weiteres hervor, daß die 
Einfuhrwerte eines Landes stets höher sein müssen, als 
die Ausfuhrwerte, sofern sich überhaupt ein sicherer Aus 
druck dafür finden läßt, und dennoch haben gerade auf 
diesem Gebiete die merkwürdigsten Anschauungen ge 
herrscht und herrschen zum Teil heute noch. 
Klan übersieht, daß es sich auch im internationalen 
Verkehr immer nur um Tausch handelt, und um nichts 
anderes als Tausch, und daß, wenn ein Land, wie 
Deutschland, im Jahre 1904 für zirka 6 Milliarden 
ein- und für 5 Milliarden ausführte, das einfach 
die Tatsache bedeutet, daß Deutschland für Maren, 
die ihm 5 Milliarden wert waren, andere einge 
tauscht hatte, die es mit 6 Milliarden bewertete. Das 
Land rechnet also den durch seinen Warenaustausch ge 
machten Nutzen ziffermäßig auf 1 Milliarde. 
Der Nachweis, daß diese handelsstatistischen Er 
hebungen in den verschiedenen Ländern nicht gleich 
mäßig stattfinden, und daß dabei viele freiwilligen 
und unfreiwilligen Fehler mit unterlaufen, ändert an 
dem Gesamtresultat nichts. Man mag mit ungeheurem 
Fleiß aus dem unendlichen Zahlenmaterial nachweisen, 
daß hin und wieder Posten in den Ein- und Ausfuhr- 
Ziffern enthalten sind, die nicht hineingehören, ihr
        <pb n="99" />
        93 
Die Bedeutung des Tausches im Ñrbeits- u. wertbildungsprozeß 
Grundcharakter läßt sich nicht umstoßen, er läßt sich 
auf die einfache Formel bringen: 
Die Einfuhr ist die Einnahme, 
die Ñusfuhr ist die Ausgabe 
eines Volkes. Und da man nur reicher werden kann 
durch ein plus der Einnahmen über die Ausgaben, 
so kann ein Volk auch nur reicher werden durch ein 
Plus der Einfuhr über die Ausfuhr. 
Es hat eine Zeit gegeben, und sie-ist sogar heute 
noch nicht ganz überwunden, wo man in Gelehrten- 
wie Laienkreisen in ganz unglaublicher Verkennung 
der volkswirtschaftlichen Bedeutung der Worte „kaufen", 
„verkaufen" und „bezahlen" (wir kommen bei Be 
sprechung des Geldes noch darauf zurück) folgender 
maßen argumentierte: 
Wenn Deutschlands Ausfuhrziffer 5 Milliarden und 
die Einfuhr 6 Milliarden ist, dann hat Deutschland 
für 5 Milliarden ver kauft und bezahlt erhalten, 
aber für 6 Milliarden gekauft und bezahlt, und, 
vom kleinbürgerlichen Begriffe des Geldes ausgehend, 
schien es sonnenklar, daß ein Land in kurzer Zeit 
ruiniert werden müßte, wenn es dauernd l Milliarde 
mehr ausgäbe als einnähme. 
Ja, diese Auffassung ist so allgemein gewesen, 
daß die Bezeichnung von „günstiger" und „ungünstiger" 
Handelsbilanz in diesem Zinne noch immer nicht aus 
unserer Tagesliteratur verschwunden ist. 
wenn es bei Bekanntwerden der Handelsbilanzen 
verschiedener Völker heißt, daß z. B. Indien einen 
Ausfuhrüberschuß von 800 Millionen Mark, Belgien 
dagegen einen Einfuhrüberschuß von 450 Millionen 
habe, dann gibt es immer noch Leute, die bei aller 
Anmaßung, das Publikum orientieren zu wollen, in
        <pb n="100" />
        94 
5. Kapitel 
ersterem Fall von einer „günstigen", im letzteren von 
einer „ungünstigen" Handelsbilanz fabulieren. Man 
kann sich denken, wie dann die Schlußfolgerungen aus 
solchen Prämissen aussehen. 
Die Tatsache, daß gerade die reichsten Länder es 
sind, die andauernd eine sogenannte ungünstige Handels 
bilanz haben, hätte doch stutzig machen müssen, ob 
die Ñnschauungen, die man da verbreitete, auch wirk 
lich stimmten. 
Ñn der Spitze aller dieser Staaten steht England 
mit einem Überschuß der Einfuhr über die Ausfuhr 
im Jahre 1904 von 180 Millionen Pfund, gleich 
3600 Millionen Mark. 
Märe die Theorie richtig, daß diese ungeheure waren- 
menge wirklich jedes Jahr im kleinbürgerlichen Sinne 
bezahlt werden müßte, dann stände man allerdings 
vor einem Rätsel, weil sich der ganze Barbestand der 
Bank von England nur zwischen 700 und 1000 Millionen 
Mark bewegt, wo sollte dann all' das Geld Herkommen? 
Schließlich suchte man sich, um nur bei Leibe die liebe 
Theorie nicht umzustoßen, damit zu helfen, daß man 
diesen Überschuß zu erklären suchte durch Frachtein 
nahmen, Zinsen auf in der Fremde angelegte Ra 
pitalien usw. In diesen so eingehenden Summen sah 
man allerdings eine Bereicherung des Landes,' aber 
da die Transportkosten doch nur ein absolut unzer 
trennlicher Teil des Güterverteilungsprozesses sind, so 
ist der versuch, hieraus eine Vermehrung, aus 
den andern Importziffern aber eine Verminderung 
des Volksvermögens konstruieren zu wollen, nur er 
klärlich durch die sehr undankbare ñufgabe, unlieb 
same Tatsachen mit einer liebgewonnenen Theorie in 
Einklang zu bringen, welche Unlogik in dieser künst-
        <pb n="101" />
        95 
Die Bedeutung des Tausches im ñrbeits- u. Wertbildungsprozeß 
lichen Definition und willkürlichen Konstruktion liegt, 
geht daraus hervor, daß dieselben Leute, die stets von 
internationalem Bezahlen reden, hier auf einmal 
eine eingeführte Warenmenge als „Zahlung" gelten 
lassen. Line Zahlung ist doch aber unlöslich mit dem 
ßcgriff „Geld" verknüpft oder wenigstens Geldver 
sprechen. wenn mir jemand für ein Buch statt baren 
Geldes einen Zack Kartoffel anbietet, und ich bin da 
mit einverstanden, dann hat er mir das Buch nicht 
bezahlt, sondern ich habe es gegen einen Zack Kar 
toffeln eingetauscht. 
Und wenn nach England für 480 000 000 &amp;, waren 
eingeführt worden sind, so sind sie eben als Tausch 
ware gekommen, einerlei, ob Edelmetall sich darunter 
befindet oder nicht. 
Das Land hat sie eingetauscht gegen die 300 000 000 F, 
die es der Welt in seiner Ausfuhr zum Tausche an 
geboten hat,- nur dürfen wir den Tausch natürlich 
nicht auf die Rubrik von Zache gegen Zache be 
schränken, sondern müssen die ganze vorhin genannte 
5kala bis zum Tausche einer Zache gegen Rechte be 
rücksichtigen. 
Welche Absurditäten sich bei gegenteiliger Ruf 
fassung ergeben können, möge folgendes Beispiel zeigen. 
Ein Hamburger Exporteur schickt für 100000 Mark 
lVerke deutschen Kunstgewerbes nach Brasilien, d. h. 
er hält sie in Hamburg so viel wert, so daß sie mit 
dieser Zumme in der Exportdeklaration erscheinen. Da 
er gleichzeitig Importeur ist, ersucht er seinen Kor 
respondenten in Brasilien, ihm für den Erlös eine 
^affeesendung nach Hamburg zu machen, hier haben 
wir den einfachsten internationalen Tausch, der heute 
noch, wenn auch wesentlich durch Arbeitsteilung ver-
        <pb n="102" />
        96 
5. Kapitel 
schoben, auf dem letzten Grunde aller Handelsbe 
ziehungen liegt. 
Welche Eventualitäten können nun eintreten? Da 
die Fracht- und Bssekuranzkosten den klaren Überblick 
nur verwirren, wollen wir sie einmal ganz unberück 
sichtigt lassen. 
Betrachten wir die Waren als unversicherten 
Ballast. 
1. Die kunstgewerblichen Gegenstände sind mit wenig 
Geschmack ausgeführt oder unreell gearbeitet, kurz, sie be 
friedigen das brasilianische Publikum nicht und müssen 
infolgedessen mit 80000 Mark statt, wie erhofft, mit 
100000 oder mehr Mark verkauft werden. 
Der Korrespondent kann daher auch nur für 
80000 Mark Kaffee dafür nach Hamburg schicken. Re 
sultat der Handelsstatistik: Busfuhr 100000 ÎÏÏarÌ, 
Einfuhr 80 000 Mark. 
20000 Mark Bbnahme des Volksvermögens wegen 
unreeller Brbeit, sagen wir; 
20000 Mark Zunahme aus gleichem Grunde, sagen 
die Gegner dieser Auffassung. 
2. Die Waren sind mit ganz besonderem Geschmack 
gewählt und bestehen aus in ihrer Brt vollendeten 
Gegenständen, und es gelingt, sie in Brasilien zu 
150000 Mark zu verkaufen. Blsdann kann der bra 
silianische Freund seinem Hamburger Hause für 
150000 Mark Kaffee schicken, und die Hamburger 
Statistik wird sich, wie folgt, lesen: 
Busfuhr 100000 Mark, Einfuhr 150 000 Mark. 
Wir sagen, hier hat sich das deutsche Volksver 
mögen durch die Geschicklichkeit, die Sorgfalt und den 
Fleiß seiner Künstler, Techniker und Arbeiter um 
50 000 Mark vermehrt. Die Gegner unserer Bn-
        <pb n="103" />
        Uohlman, Laienbrevier. 
97 
7 
Die Bedeutung des Tausches im ñrbeits- u. Wertbildungsprozeß 
schauung aber sagen: Nein, es hat sich vermindert, 
denn wir haben vom Ausland laut Statistik für 150000 
Mark „gekauft", aber nur für 100000 „verkauft". 
Nach dieser Logik führen also Fleiß, Sorgfalt, 
Runst, Güte der Arbeit im internationalen Verkehr 
Zum wirtschaftlichen Ruin, dagegen Geschmacklosigkeit, 
Unachtsamkeit, Lottrigkeit zum wirtschaftlichen Auf 
schwünge. 
Der beste Fall ist schließlich noch der dritte: 
Angenommen, das Schiff mit den ausgehenden 
Maren komme überhaupt nicht im Bestimmungshafen 
an, es werde von einer kriegführenden Macht gekapert 
und versenkt. In diesem Falle ist der Zuwachs des Volks 
vermögens nach jener Auffassung am allergrößten, denn 
nun kann der Brasilianer gar keinen Raffee schicken, 
und die Handelsstatistik in Hamburg liest sich wie folgt: 
Ausfuhr 100 000 Mark, Einfuhr 0 Mark. 
Um Irrtümer zu vermeiden, wollen wir hier nur 
gleich erwähnen, daß es sich bei Ein- und Ausfuhr 
ziffern der Handelsstatistik selbstredend immer nur um 
die relative Zunahme oder Abnahme des Volksver 
mögens handelt, soweit diese sich auf den internatio 
nalen Verkehr beziehen. 
Die hauptwerte erzeugt ein Volk in sich, und 
daher kann es sogar bei einer wirklich ungünstigen 
Handelsbilanz in unserem Sinne dennoch reicher und 
reicher werden. Das beweist Nordamerika. Dort über 
steigt die Ausfuhr die Einfuhr seit langer Zeit um 
ein Beträchtliches, im Jahre 1904 um 82 Millionen 
Pfund — 1640 Millionen Mark, aber günstig ist das 
vicht, denn hierin liegen ungeheure Warenmengen, die 
unter die Rubrik vom Tausche von Sachen gegen Rechte 
fallen.
        <pb n="104" />
        98 
5. Kapitel 
Der größte Grundeigentümer Heuqorfs, also der 
Bezieher einer ungeheuren Grundrente, W. Ñstor, z. B. 
wohnt in England, gleichfalls der große Stahltrust- 
könig Carnegie, viele amerikanische Millionenerbinnen 
haben englische Lords und europäische Prinzen ge 
heiratet, während englische Kapitalisten gewaltige Ge 
biete im Innern der Union besitzen, deren Unsiedler 
ihnen tributpflichtig sind. Außerdem ist das englische 
Kapital in ganz bedeutender weise an den amerikani 
schen Bahnen, den Staatsschulden usw. beteiligt. Allein 
das, was die amerikanischen Reisenden alljährlich nach 
Europa nehmen, wurde von einer amerikanischen Zeit 
schrift kürzlich auf 400 Millionen Mark geschätzt. Das 
mag reichlich hoch sein, aber daß es keine geringen 
Summen sind, ist klar, ebenso daß die Reisenden diese 
werte nicht in bar Geld mit sich führen, sondern meist 
in Form von Krediten, welche einmal durch Waren 
sendungen beglichen werden müssen. Alle diese Be 
träge können also gar nicht anders als in einer er 
höhten Ausfuhr zum Ausdruck kommen, aber niemand 
wird in dieser Tatsache etwas Erfreuliches für das 
Land erblicken können. 
Rur als Sympton der hohen Produktivität ist eine 
hohe Exportziffer erfreulich. 
Run wäre es durchaus verkehrt, aus dem Gbigen 
den Schluß ziehen zu wollen, die Politik eines jeden 
Staates müsse darauf gerichtet sein, die Exportziffern 
herunterzustimmen. Ganz gewiß nicht! wir wünschen 
immer steigende Zahlen zu sehen, aber die Import 
zahlen müssen die größeren sein, wo sie es nicht sind, 
wird man bald finden, daß die Völker etwas weg 
geben, für das sie keine vollwertige Gegenleistung ein 
tauschen.
        <pb n="105" />
        99 
7* 
Die Bedeutung des Tausches im Ñrbeits- u. Wertbildungsprozeß 
Und wenn ein Volk bei Einfuhrüberschuß dennoch 
wirtschaftlich zurückgeht, wie es immerhin vorkommen 
kann, dann liegt es daran, daß es gegen diese seine 
Einnahme anstatt Zachen Rechte zu tauschen genötigt 
ist, worauf wir in Rap. 5 C noch zu sprechen kommen. 
Der internationale Warenaustausch läßt uns auch 
noch einen Blick tun in das Gebiet, das durch die 
fortgesetzte Ñrbeitsteilung der Völker erschlossen wird. 
Es gibt Pessimisten, die der Ñnsicht sind, daß 
ein beiderseitig erfolgreicher Warenaustausch nur mög 
lich sei zwischen Völkern, von denen das eine vorwiegend 
agrarisch, das andere vorwiegend industriell sei, und 
die befürchten, daß mit der fortschreitenden Industriali 
sierung der sämtlichen Rulturvölker eine Stagnation 
eintreten werde, da jedes Volk alle seine Bedürfnisse 
selbst herzustellen in der Lage sein werde. 
vor einer solchen Zukunft bewahrt uns der Ģang 
der Menschen nach Ñrbeitsteilung, nach Befriedi 
gung ihrer Bedürfnisse auf dem möglichst 
leichten Wege, zumal die Natur selbst auf Ñrbeits 
teilung hinweist. 
Die klimatischen Verhältnisse der Erdoberfläche 
sind so verschieden, und die Bedürfnisse, die der Rultur- 
mensch verlangt, gleichfalls, daß es immer irgendwo 
in der Welt eine Gegend geben wird, wo irgendein 
Bedarfsartikel mit besonderer Leichtigkeit hervorgebracht 
werden kann. 
Ñuch sind die Befähigungen der Volker so ver 
schieden, daß sich zur Herstellung irgendeiner Gruppe 
von Bedarfsgegenständen stets immer ein besonderes 
Volk als das geeignetste erweisen wird. 
Man hat aus der Industrialisierung fremder Völ 
ker und der unleugbaren Tatsache, daß gewisse Fabri-
        <pb n="106" />
        5. Kapitel 
fate, die wir ihnen bisher lieferten, nunmehr von 
ihnen selbst hergestellt werden, den düstren Schluß ge 
zogen, daß es bald auf allen Gebieten so gehen werde 
und hat namentlich dadurch vor dem Industrialismus 
warnen wollen. 
Tatsache ist ja, daß z. B. Brasilien, das früher 
alle groben Baumwollwaren nur aus England und 
Deutschland bezog, jetzt diese Dinge selbst anfertigt. 
Dieser Erwerbszweig der deutschen Industrie ist aller 
dings abgestorben, aber hat sich dadurch der Tausch- 
prozeß im allgemeinen vermindert? Gewiß nicht! Die 
Gebiete verschieben sich nur. 
Man übersieht eben, daß durch die Industriali 
sierung des fremden Landes zahlreiche neue Existen 
zen zur Konsumfähigkeit heranwachsen, und, während 
sie uns auf den Gebieten der groben Manufaktur 
Konkurrenz machen, um so willigere Käufer für die 
feineren lvaren werden. 
Ts ist ja auch in der Tat ein Unsinn, wenn 
ein Land wie Brasilien, seine Baumwolle nach Deutsch 
land sendet, damit sie dort gesponnen und gewebt 
und dann als Baumwollzeug zurücktransportiert werde. 
Solche unnatürlichen Gebilde müssen absterben. 
Das ist ja gerade die Ñufgabe des Handels, hier 
über zu wachen, zu erspähen, wo wirtschaftlicher Un 
sinn liegt, wo etwas sterben muß, und wo die Vor 
bedingungen zu neuem Tausche vorhanden sind. 
Ein schlagendes Beispiel für die angedeutete 
Entwickelung haben wir in unseren Beziehungen zu 
England, vor 50 Jahren sandte Deutschland seine 
landwirtschaftlichen Produkte nach England, und die 
ses wiederum versorgte uns mit Industriewaren. 
Mit Besorgnis sahen die Engländer bei uns die
        <pb n="107" />
        Die Bedeutung des Tausches int Ñrbeits- u. tvertbildungsprozef; 
Keime einer deutschen Industrie entstehen. Venn sie 
meinten, nur der alte Ñustausch sei der allein mög 
liche- mit der Industrialisierung Deutschlands werde 
der deutsch-englische Handel absterben. 
Diese Industrialisierung hat sich nun doch voll 
zogen, und mit welchem Resultat? 
Der deutsch-englische Handel hat Dimensionen ange 
nommen, wie sie sich die kühnste Phantasie früher 
nicht auszumalen wagte. 
Ruch hier das fruchtbringende Resultat der fort 
gesetzten Rrbeitsteiiung und der damit stetig steigen 
den Tauschgelegenheit. 
Somit hätten wir den Tausch von Sache zu Sache 
in nationaler und internationaler Hinsicht be 
leuchtet. 
Wie steht es nun um den Tausch einer Sache 
gegen Arbeit? 
hierin liegt das Lohnproblem. 
B. Tausch einer Sache gegen Arbeit. 
(Lohnverhältnis.) 
Mt derselben mathematischen Gewißheit, wie ein 
Tausch von Sache gegen Sache stets für beide Teile 
vorteilhaft sein muß, wenn die Kontrahenten aus freier 
Wahl tauschen, muß auch der Tausch von Sache, vulgo 
Lohn, gegen Arbeit nach beiden Seiten von Vorteil sein, 
wenn sich freie Männer hierbei gegenüberstehen. 
Für die theoretische Erörterung des Verhältnisses 
von Kapital zur Lohnarbeit ist dieser Gesichtspunkt von 
Wichtigkeit, denn er beweist, daß im Kapital selbst 
als solchem, nicht die ihm vielfach angedichtete, die 
Arbeit ausbeutende Macht liegt, sondern daß dieser
        <pb n="108" />
        102 
■BÜR 
5. Kapitel 
Ausbeutung, wo sie nachgewiesen werden kann, stets 
andere Faktoren zugrunde liegen. Voraus sich weiter 
ergibt, daß demnach der Ausbeutung nur durch Beseiti 
gung eben dieser Faktoren begegnet werden kann und 
nicht durch einen Eingriff in die Funktion des Kapitals. 
Betrachten wir einen Fall,«wo vollständig freie 
Menschen mit dem modernen Kapital in Berührung 
kommen. Leider müssen wir zu diesem Zwecke wieder 
in die Wildnis fliehen, zu den einfachen Verhältnissen, 
namentlich dorthin, wo die Grundrente noch nicht ihren 
störenden Einfluß ausübt, und den einzelnen der freie 
Zugang zum Grund und Boden noch nicht verschlos 
sen ist. 
Die Schwierigkeiten mit der Beschaffung von Ar 
beitern, die unsere Plantagengesellschaften in unseren 
afrikanischen Kolonien haben, sind sattsam bekannt, 
ebenso daß die Engländer gezwungen gewesen sind, 
chinesische Arbeiter nach Transvaal zu importieren, 
um die Minen überhaupt nur betreiben zu können. 
Warum? Gibt es im Lande keine Menschen, die ar 
beiten können? Gewiß, im Überfluß; aber sie wollen 
nicht für Lohn arbeiten. Vas heißt denn das? Zn 
9 Fällen von 10 heißt das nicht, daß sie überhaupt 
nicht wollen, sondern daß sie es nur zu einem 
Lohn wollen, der es dem Kapital nicht er 
möglicht, eine Verzinsung zu erzielen. 
Da schilt man denn über die Faulheit des 
schwarzen und vergißt, daß er als Mensch seine Be 
dürfnisse auf die ihm leichteste Art zu befriedigen 
sucht und sich nur dann freiwillig in den Dienst des 
Kapitals stellt, wenn er einen Vorteil gegen seine bis 
herige Lebensgewohnheit darin findet. 
Genau so, wie wir über die Schwarzen klagen,
        <pb n="109" />
        103 
Die Bedeutung des Tausches im ñrbeits- u. Wertbildungsprozeß 
werden die alten Römer über die Faulheit jener Ger 
manenstämme geklagt haben, bei denen ihnen keine 
Zwangsmittel zur Verfügung standen. Schon Tacitus 
berichtet, daß sie auf ihren Bärenhäuten gelegen 
und mehr Interesse für das Methorn als für rö 
mische Straßenbauten und Limes gezeigt hätten. 
Diese Faulheit bedeutete weiter nichts, als daß 
sie noch freie Wahl hatten, ob sie ihre Arbeitskraft 
gegen eine Sache eintauschen wollten oder nicht. 
In demselben Maße aber, wie die alten germanischen 
Dorfgemeinden ihr Land verloren, verloren sie auch 
diese Freiheit des Tausches. Sie kamen unter politischen 
Zwang, der heute noch alle Verhältnisse in so hohem 
Grade beherrscht und verschleiert, daß man auf einfachste 
Formen zurückgreifen muß, will man überhaupt den 
inneren Zusammenhang der Dinge verstehen. 
Der freie afrikanische Schwarze bietet, wie ge 
sagt, noch solch ein Bild, solange ihm sein heimatlicher 
Grund und Boden zur uneingeschränkten Verfügung 
steht. Wenn er sich dem Kapital unterordnen und zur 
Plantagenarbeit entschließen soll, so muß ihm etwas 
geboten werden, was ihn anreizt, entweder muß er 
von einem Gegenstand seiner bisherigen Produktions 
sphäre für eine Tagesarbeit so viel Lohn erhalten, wie er 
sonst nur in zwei und mehr Tagen zu erwerben im 
stande gewesen ist, oder es müssen neue Bedürfnisse in 
ihm geweckt werden, die so mächtig sind, daß sie ihm 
den Tausch der angebotenen Dinge gegen eine bestimmte 
Zeit seiner Arbeit wünschenswert erscheinen lassen. Sonst 
arbeitet er eben auf seinem Lande. Immer bleibt seine 
Wahl eine freie, und wenn von irgend einem einseitigen 
Vorteil die Rede sein kann, so liegt er in diesem Stadium 
entschieden noch auf Seiten des Arbeitnehmers,
        <pb n="110" />
        104 
5. Kapitel 
denn er hat es in der Hand, die Substanz seiner Arbeit, 
nachdem der Arbeitsvertrag eingegangen ist, nicht unwe 
sentlich zu ändern, eine Tatsache, die die Quelle vieler 
Lohnstreitigkeiten ist. 
Der Arbeitgeber bietet einen bestimmten Wert in 
Erwartung einer bestimmten Leistung. Da letztere, ohne 
mala fide zu sein, immerhin bis zu einem gewissen 
Grade dehnbar ist, und die Menschen gemeinhin lieber 
weniger als zu viel arbeiten, so ist der Arbeitgeber 
im eigenen Interesse gezwungen, stets einen moralischen 
Druck auf den Arbeitnehmer auszuüben, ihn zur 
höchsten Leistung anspornend, wo immer ein festes 
Lohnverhältnis vorliegt. Es treten eben die bekannten 
Meinungsverschiedenheiten über die relative Bewer 
tung von Leistung und Gegenleistung auf. 
Untersuchen wir einmal einen solchen Fall voll 
ster Tauschfreiheit in allen seinen volkswirtschaftlichen 
Wirkungen. 
Ein Neger hat seit urdenklichen Zeiten Zucker 
rohr gepflanzt, den Saft auf einer kleinen Handmühle 
ausgequetscht und nach 50 tägiger Arbeit im Felde und 
50 tägiger in der Mühle aus 1000 Zentnern Nohr 
100 Zentner Zucker hergestellt, genug, um im Eintausch 
dafür den Lebensunterhalt seiner Familie zu be 
streiten. Nun etabliert sich dort eine moderne Zucker 
fabrik, die schon aus 500 Zentnern Zuckerrohr so viel 
Zucker herstellt als der Neger aus 1000 Zentnern 
zu gewinnen vermochte, welche Wirkung übt sie auf 
unseren Pflanzer? 
Zunächst bei gleichbleibendem Konsum, weil 
100 Zentner Zucker den Bedarf der Gegend decken, 
die Ausbeute sich aber durch das in den Maschinen 
angelegte Kapital verdoppelt, so braucht die Fabrik
        <pb n="111" />
        105 
Die Bedeutung des Tausches im ñrbeits- u. Wertbildungsprozeß 
nur 500 Zentner Rohr, d. h. der Neger braucht nur 
25 Tage volkswirtschaftlich tätig zu sein, um das für 
den Konsum nötige Quantum an Rohmaterial zu er 
zeugen. was er darüber hinaus pflanzt, ist wertlos. 
Run ist die Maschine aber nicht nur Ertrag stei 
gernd, sondern auch in hohem Maße Arbeit sparend. 
Wenn der Neger vorher 50 Tage auf die Fabrikation 
verwandte, und die Maschine das in 10 Tagen be 
wältigt, welches sind dann die Redingungsgrenzen nach 
oben und unten, zu denen der Neger diese 10 tägige 
Arbeit zu leisten bereit sein wird? 
Ñls er allein war, hatte er den ganzen Ertrag von 
100 Zentner, wofür er aber 100 Tage arbeiten mußte. 
Daß er für die 35 Tage, die er jetzt zu arbeiten hat, 
(25 Tage Pflanzen, 10 Tage Maschinenarbeit) nicht die 
ganzen 100 Zentner verlangen kann, ist klar- denn der 
Eigentümer der Maschine will für seine kristallisierte 
Rrbeit, der allein ja die Ersparnis zuzuschreiben ist, 
auch seinen Anteil an diesen 100 Zentnern haben. Für 
weniger als seine frühere Tagesleistung, nämlich 1 Zent 
ner pro Tag —35 Zentner, wird er auch nicht arbeiten, 
denn sonst hätte er beim alten Verfahren bleiben kön 
nen. Aber alles was er über diese Rate hinaus be 
kommt, ist der Nutzen, den er aus dem Tausch von 
bache gegen Arbeit zieht. Angenommen, die Fabrik 
gäbe ihm aus dem Gesamtarbeitsertrage von 100 Zent 
nern für sein Rohr und seine Arbeit 50 Zentner Zucker, 
dann würde das für ihn bedeuten, daß er für eine 
35 tägige Tätigkeit so viel bekommen hätte, wie sonst 
für eine 50 tägige. Er hätte also 15 Tage gespart, 
denn für die 50 Zentner kann er bekanntlich die 5ub- 
fistenzmittel für ein halbes Jahr eintauschen, wäh 
rend er die andere Hälfte durch 50 tägige Arbeit auf
        <pb n="112" />
        5. Kapitel 
anderem Gebiete erreicht. Für seinen Iahresbedarf 
hat er also tatsächlich nur 85 Tage gearbeitet. Die 
Quote dieses Tauschnutzens wird sich nun, genau wie 
beim Tausch von Zache gegen Zache, je nach Angebot 
und Nachfrage regulieren, aber es ist klar, daß sie 
bei normalen Verhältnissen nie dauernd über die bei 
den Grenzen hinausgehen kann. Die Nlaschine wird 
stillstehen, wenn die Arbeit zu viel verlangt, und die 
Arbeit wird zu einem anderen Gebiete übergehen, 
wenn die Nlaschine ihr nicht mindestens etwas mehr 
gewährt, als was sie vor der Berührung mit 
ihr zu erwerben imstande war. 
Nun ist der Fall stillstehenden Konsums der denk 
bar ungünstigste. 
Angenommen, die Fabrik habe Absatz für jedes 
von ihr hergestellte Quantum, dann fällt noch der 
wirtschaftliche Zwang fort, der den Neger zur Ein 
schränkung bes Nohranbaues nötigte. &lt;Er kann sich ganz 
der Pflanzung widmen und ist noch unabhängiger als 
vorher. 
Nuf keinen Fall wird die Nlaschine ihn unter 
sein früheres Existenzniveau herunterzudrücken vermö 
gen, denn ihm bleibt immer die Nlöglichkeit, seine 
Zubsistenzmittel auf anderem lvege zu erlangen. 
hier reden die Goldminen Transvaals, wie gesagt, 
eine deutliche Zprache. Der Vorteil, den dort die freien 
Koffern aus dem Tausch von Arbeit gegen Sache ha 
ben wollen, ist so groß, daß er den wert dessen 
übersteigt, was die von ihnen zu bedienenden Nlaschinen 
zu erzeugen imstande sind, obgleich es sich um die 
Produktion des begehrtesten Wertobjektes, des Goldes 
selbst, handelt. 
Klan kann wohl sagen, daß, wo immer zuerst 
106
        <pb n="113" />
        107 
Die Bedeutung des Tausches im Arbeits- u. lvertbildungsprozeß 
der Tausch von Ware gegen Arbeit auftritt, der Vor 
teil eher auf seiten der Arbeit gewesen ist, als auf 
feiten des Kapitals. Vas letztere ist fast immer noch 
als das Arbeit werbende erschienen, und wenn seine 
Tewinnrate im vergleich zum Arbeitserträge des ein 
zelnen Arbeiters auch häufig übergroß erscheint, so 
wird man, den gänzlich freien Arbeitsvertrag vorausge 
setzt, immer nur ein absolutes, selten ein relatives 
Übergewicht konstatieren können. Vas erstere liegt in 
der Natur der Sache. 
Lin Schuhmacher hat täglich ein paar Stiefel 
angefertigt, und sein Nachbar erfindet eine Maschine, 
mit der in derselben Zeit 10 paar hergestellt werden 
können. Ersterer fürchtet die Konkurrenz und tritt 
als Arbeiter beim Erfinder ein. Auf wieviel Paar 
Stiefel hat er dann da eigentlich Anspruch? Doch im 
Ģrunde nur auf eins, denn die andern neun fertigt 
der Erfinder. Es ist doch sein in der Maschine nieder 
gelegter Geist, der durch die Hand des Arbeiters die über 
schüssigen 9 Paar herstellt. Erst wenn dieser durch ge 
schickte Handhabung der Maschine 12 anstatt 10 paar 
schuhe anfertigt, hat er Anrecht auf einen Überschuß. 
6ei diesem, und nicht nur bei diesem, durchaus gerechten 
relativen Verhältnis des Erwerbs zur Leistung, wird 
natürlich die absolute Einnahme des Erfinders eine 
größere fein, als die des Handarbeiters. Das ist aber 
doch nicht mehr als gerecht. Der Geist hat ebensogut 
ein Necht auf den vollen Arbeitsertrag wie die Hand, 
und wenn er 10 Gegenstände hervorzaubern kann, 
wo die Hand es nur zu einem bringt, so hat er ein 
Üecht auf den 10 fachen Ertrag. Dem Geiste den vollen 
Materiellen Erfolg seiner Betätigung nehmen, heißt, 
ihn in die Gebiete der abstrakten Spekulationen ver-
        <pb n="114" />
        108 
i. Kapitel 
bannen (too der deutsche sich leider in früheren Jahr 
hunderten viel zu reichlich getummelt hat) und vom 
Erwerbsleben ausschließen. Gewiß würden manche auch 
noch aus Ehrgeiz Großes leisten, ohne auf Entloh 
nung dafür zu sehen, aber dem Fortschritt die Trieb 
feder der Selbstsucht nehmen, heißt, ihn in dem Maße 
verlangsamen, in welchem die Selbstsucht verbreiteter 
ist, als der Ehrgeiz. 
Außerdem sorgt schon der Wettbewerb auf geistigem 
Gebiete dafür, daß der Erfinderlohn kein allzu großes 
Übergewicht über den Arbeitslohn erlangt- ja die 
Patentgesetzgebung in allen Kulturländern beweist, 
daß er ohne besonderen Schutz nicht einmal auf der höhe 
gehalten werden kann, die dem Gefühl einer gerech 
ten Entlohnung für die geleistete geistige Arbeit ent 
spricht. 
Also, wo der Erfinder seine Maschinen in direkter 
weise der Landarbeit zur Verfügung stellt, kann von 
einer Ausbeutung der letzteren zugunsten des ersteren 
keine Rede sein, und dasselbe gilt demnach von jeder 
kristallisierten Arbeit. 
hieran ändert die Tatsache gar nichts, daß diese 
heute zum größten Teil als ganz abstraktes Kapital 
auftritt. Dadurch werden die Wechselwirkungen des 
Tausches von Sache gegen Arbeit im modernen Betriebe 
wohl außerordentlich dicht verschleiert, aber doch nicht 
aufgehoben. 
Man begegnet immer wieder der Ansicht, daß, wenn 
sich jemand an der Börse eine Industrieaktie kauft, 
und die Dividende genießt, dieses im Grunde genau so 
gut eine arbeitslose Rente darstelle, wie sie ohne 
Zweifel aus dem Besitz des Grund und Bodens fließt. 
Gewiß, wenn der Gewinn des industriellen Unter-
        <pb n="115" />
        109 
Die Bedeutung des Tausches im Ñrbeits- u. lvertbilduugsprozeß 
nehmens, wie es in sehr vielen Fällen vorkommt, 
aus Grundrente fließt, wie bei Bergwerksaktien usw. 
haben wir es auch hier zum Teil mit arbeitsloser Rente 
ZU tun, aber beim Gewinn aus der Zusammenwirkung 
von ñrbeit, Lrfindergabe und Kapital nicht, im- 
Nler unter der Voraussetzung natürlich, daß letzteres 
kristallisierte, geistige und (oder) körperliche Ñrbeit dar 
stellt und nicht an sich schon arbeitslos entstanden ist. 
Analysieren wir einmal einen solchen Fall, wozu 
uns eine gerade jetzt sich anbahnende Entwickelung 
ganz besonders gut Gelegenheit bietet. 
Wie bekannt, haben die Chemiker ein Verfahren 
entdeckt, der Luft den Stickstoff zu entziehen, um ihn zu 
Düngerzwecken zu verwenden, und, bei vorhandenen bil 
ligen Wasserkräften zur Erzeugung der nötigen elek 
trischen Energie, soll sich die Herstellung dieses neuen 
Dungstoffes bezahlt machen, d. h. sie soll dem Kapi 
tal eine etwas höhere Verzinsung in Aussicht stellen, 
als den landesüblichen Zinsfuß, als Kisikogewinn für 
etwaige Verluste. 
Zusammen wirken die 4 Personen: E, der Erfinder, 
K, der Kapitalist, A, der Arbeiter und B, der Besitzer 
der Wasserkraft mit seinen Ufergeländen. 
E hat erfunden, der Luft durch Elektrizität den 
Stickstoff in genügender Menge zu entziehen, so daß ein 
Betrieb im Großen Erfolg zu versprechen scheint. Er 
allein ist aber nicht imstande, hieraus Nutzen zu ziehen, 
da ihm die Mittel fehlen, die nötigen Maschinen anzu 
schaffen. Kann er verlangen, daß irgend jemand sie 
ihm ohne weiteres zur Verfügung stellt? Gewiß nicht! 
Dder gar, daß der Staat es tue? Auch nicht, denn 
dieser kann unmöglich Richter sein über den wert 
oder Unwert einer Erfindung und würde die Mittel
        <pb n="116" />
        5. Kapitel 
der Allgemeinheit verschleudern, wenn er sie jeder 
Erfindung zur Verfügung stellen wollte. E hat kein 
anderes Recht vom Staate zu verlangen, als daß man 
ihm die Sicherheit gibt, seine Erfindung ohne Störung 
zu verwirklichen. 
Sn einer noch nicht durch Arbeitsteilung kompli 
zierten Welt müßte er die hierzu nötigen Apparate 
selbst Herstellen. Dazu würde seine Lebensdauer 
kaum ausreichen, somit sucht er sich fjilfe von seinen 
Mitmenschen und findet sie entweder darin, daß ihm 
andere ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen oder 
einen Fond von kristallisierter Arbeit, nämlich Kapital. 
hierzu ist aber Vorbedingung, daß die Besitzer 
dieser beiden Faktoren vertrauen zu der Erfindung 
haben. Sie müssen überzeugt sein, daß ihrer Arbeit 
ein Lohn wird, d. h. daß sie, wenn auch in ent 
fernter Zeit ein Eauschobjekt dafür erhalten. Weil 
nun die kristallisierte Arbeit, das Kapital, in viel 
höherem Maße befähigt ist, auf das Resultat warten 
und eventuell ganz darauf verzichten zu können, als 
die Lohnarbeit, so ist seine Mithilfe dem Erfinder die 
nützlichste, und sie ist es auch volkswirtschaftlich. 
Also der Erfinder überzeugt eine Anzahl von Men 
schen, die über die nötigen Mittel verfügen, von der Vor 
züglichkeit seiner Erfindung, und die Verbindung von 
Erfinder und Kapital geschieht in Form einer Ñktien- 
sellschaft, deren Wesen wir in Kap. 4 näher beleuchtet 
haben. 
Wollen wir nun die Wirkung dieses Kapitals auf 
die Arbeit ergründen, so dürfen wir nicht den Fall 
annehmen, daß das Unternehmen seine Arbeitskräfte 
von außen bezieht, sondern daß es sie aus dem Lande 
und aus der Umgebung sucht, wo es ins Leben tritt. 
HO
        <pb n="117" />
        111 
Die Bedeutung des Tausches im ñrbeits- u. Wertbildungsprozeß 
Unter welchen Umständen wird sich da der Tausch 
von Zache gegen Ñrbeit vollziehen, d. h. wann wird 
die einheimische Bevölkerung bereit sein, ihre Arbeits 
kraft in den Dienst des Unternehmens zu stellen? 
Doch nur, wenn sie gegen ihre frühere 
Lebenshaltung einen Vorteil davon hat. 
Diese Lebensbedingungen mögen nun die denkbar un 
günstigsten gewesen sein, und sie mögen auch nach 
Etablierung der Fabrik noch ungünstig bleiben. Tat 
sache ist aber doch, daß hieran nicht das Fabrik 
kapital die Zchuld trägt, ja, daß es die Arbeits 
verhältnisse unter allen Umständen gebessert hat. Bei 
erfolgreicher Ausdehnung des Betriebes wird sogar die 
Wahrscheinlichkeit eintreten, daß ohne Zuzug von 
außen viel eher Arbeitermangel als -Überfluß vorhanden 
sein wird, so daß die Arbeiter bei vollkommener poli- 
tischer Freiheit es in der Hand haben werden zu erklären, 
einen wie hohen Anteil sie aus dem Betriebe be 
anspruchen bis zu seiner Erschöpfung. 
Also in diesem Falle kann doch unmöglich von 
irgendeiner Ausbeutung der Arbeit durch das Maschinen 
kapital die Rede sein. 
Anders gestaltet sich aber die Lage, sowie 
wir den 4. Faktor ins Bereich der Erwägung ziehen, 
das Recht über die Verfügung der lvasserkräfte. 
Wie verlautet, geht die Ztickstoffabrikation nach 
Skandinavien, weil man dort noch die billige Wasser 
kraft zu erhalten hofft, die die Ausnützung der Er 
findung überhaupt ermöglicht. 
Daraus erhellt, daß vom Rechte der Benutzung 
dieser Rräfte das ganze Unternehmen abhängig ist, 
ja, daß der heutige Besitzer dieser Rechte es in der 
Hand hat, zu bestimmen, wie hoch sein Anteil am
        <pb n="118" />
        112 
5. Kapitel 
Unternehmen sein soll. Tritt er seine Rechte nicht in 
Form einer hohen Verkaufssumme an K ab, sondern 
behält sich ein kündbares Pachtverhältnis vor, dann 
können A und K bei allem Fleiß nie mehr als das 
Notdürftigste verdienen. Jeden Rlehrverdienst wird sich 
B durch Pachterhöhung aneignen. 
von den 4 Personen E, A, K und B hat letztere 
also die bei weitem wirtschaftlich stärkere Position. 
K ist in unserem Falle vollkommen machtlos, erst 
wenn er in Form von B auftritt, erhält er aus 
beutende wacht. wo immer also schlechte und unge 
rechte Verhältnisse zu konstatieren sind, ist es klar, daß 
sie nicht in einem ungleichen Tausch wischen K und A 
zu suchen sind, also zwischen Zache gegen Arbeit, son 
dern Zache gegen Rechte. 
weil man dieses nicht auseinanderzuhalten ge 
wußt hat, daher die Verwirrung und namentlich die 
vielen verschiedenen Theorien, durch welche man der 
aufstrebenden Rrbeiterschaft das Lohnproblem zu er 
klären versucht hat, Theorien, die fast alle von der 
Entwickelung Lügen gestraft worden sind. 
Da ist das Lasallesche „eherne Lohngesetz", das 
er mit einer Überhebung sondergleichen verkündete, 
so daß er jeden, der es nicht anerkennen wollte, für 
einen Bösewicht oder Dummkopf erklärte, und das doch 
nur in einem Teil richtig ist und zwar in dem Teil, 
der gar nichts mit der Lösung des Lohnproblems zu 
tun hat. 
Lasalle behauptete bekanntlich, daß nach dem 
Gesetz von Angebot und Nachfrage der durchschnittliche 
Arbeitslohn immer auf den notwendigen Lebensunter 
halt reduziert werden wird, der in einem Volke ge-
        <pb n="119" />
        Die Bedeutung des Tausches im ñrbeits- u. tvertbildungsprozeß 
wohnheitsmäßig zur Zristung der Existenz und zur 
Fortpflanzung erforderlich ist. 
Daß es in jedem Volke stets eine Unterschicht geben 
wird, die an der Grenze des notwendigen Lebens- 
Unterhaltes stehen wird, ist klar- ja, gerade diesen, 
oder was dasselbe besagen will, die zu seiner Er 
zielung notwendige Arbeitsleistung, erkennen wir 
ohne weiteres als die Grundlage aller lvertbemessung 
an, und die am wenigsten geistige Tätigkeit erfor 
dernde Lohnarbeit wird sich nie über diesen Zu 
stand erheben können, das ist ebenso klar. Soweit 
hat Lasalle recht- aber damit ist doch nicht gesagt, 
daß sich nicht dieser ganze Zustand selbst he 
ben kann. Er braucht doch nicht einer des Elends 
und des Verhungerns zu sein. 
So stellt ihn aber Lasalle dar, und hier liegt das 
verkehrte Ende seiner Theorie. Sein Argument ist un 
gefähr das folgende. Vas Angebot von Arbeitskräften 
wird stets so stark sein, daß der Lohn durch Konkurrenz 
so weit herabgedrückt wird, daß die Menschen nur 
noch eben imstande sind, zu leben und sich fortzupflanzen. 
Geht es ihnen zeitweilig besser, so vermehren sie sich 
zu viel, daher neues Angebot von Arbeitskräften, neue 
Konkurrenz und neuer Lohndruck, dann wieder Ein 
schränkung der Vermehrung durch Elend usw., stets 
um das Existenzminimum herum. In der Tat ein 
„ehernes", unerbittliches Gesetz, diese Mischung des Mal 
thusianismus mit dem Gesetz des Angebots und der 
Nachfrage. 
lvie einleuchtend einfach und verständlich scheint 
nicht alles in dieser Theorie, wie absolut logisch geht 
es her in dieser gedachten lvelt? 3n der wirk 
lichen aber hat die Erfahrung längst gezeigt, daß 
Pohlman, Laienbrevier. 
113 
8
        <pb n="120" />
        m 
5. Kapitel 
die Zu- und Abnahme dsr Bevölkerung wohl im Zu 
sammenhang steht mit den Lrnährungsverhältnissen 
der Menschen, aber nicht im Lasalleschen Zinne, son 
dern im umgekehrten. Die unterernährten Schich 
ten des Volkes vermehren sich stärker als diejenigen 
mit höherer Lebenshaltung. ÎÏÏit letzterer wächst also 
nicht das Ñngebot von Lohn suchenden Menschen, son 
dern vermindert sich. Vieser Teil des ehernen Lohn 
gesetzes ist also weiter nichts als ein Phantasiege 
mälde, und doch haben sich jahrzehntelang die Menschen 
die Köpfe darüber zerbrochen und es als der Weis 
heit letzten Schluß gefeiert. 
Ähnlich verhält es sich mit den Marxistischen Theo 
rien vom Mehrwert und der Akkumulation. Beide sind 
heute so gut wie überwunden, sie sind nur noch Dog 
men für Gläubige, nicht Lehrsätze der Wissenschaft. 
Abgesehen davon, daß es ungeheuer naiv erscheint, 
das Verhältnis der heutigen Lohnarbeit als die letzte 
Stufe der Entwickelung anzusehen, über die hinaus 
es nur die eine Form wirtschaftlicher Zusammenarbeit 
geben soll, nämlich die des Staatsbetriebes, so ist es 
auch klar, daß mit der richtigen Bemessung des Wertes 
der Dinge, nicht nach der in sie hineingelegten Arbeit, 
sondern nach der Arbeit, die ein anderer dafür zu 
leisten gewillt ist, der angeblich durch Arbeit hervor 
gerufene Mehrwert verschwindet. 
- Wenn man erkannt hat, daß die Arbeit wohl allen 
Dingen als Maßstab des Wertes dient, ihn aber nicht 
selbst hervorbringt, kann sie auch keinen Mehrwert 
schaffen. 
Was man Mehrwert nennt, ist eben nur einsei 
tige Unfreiheit des Tausches von Arbeit gegen Sache.
        <pb n="121" />
        Die Bedeutung des Tausches im Ñrbeits- u. Wertbildungsprozeß 
Auch die Marxistische Akkumulationstheorie ist schon 
so gründlich durch die Tatsachen widerlegt worden, 
daß sie auf Wissenschaftlichkeit keinen Anspruch mehr 
erheben kann. 
Karl Marx behauptet: „Die kapitalistische Akku 
mulation produziert... und zwar im Verhältnis zu ihrer 
Energie und ihrem Umfange beständig eine relative, 
d. h. für die mittleren Verwertungsbedürfnisse des 
Kapitals überschüssige, daher überflüssige oder Zu 
schußarbeiterbevölkerung." 
hier wird also dem Maschinenkapital zur Last 
gelegt, daß es überflüssige Menschen schaffe, die 
durch Not gezwungen werden, ihre Arbeitskraft dem 
Kapital billiger zu verkaufen, als sie bei mitt 
lerer Verwertung dafür getan haben würden. Da 
durch neue Kapitalakkumulation, neuer Druck auf'die 
Arbeit usw. ad infinitum. 
Solange die industrielle Entwickelung noch zu jung 
war, um selbst eine Antwort auf diese Theorie zu geben, 
hatte man darin einen herrlichen Tummelplatz für gei 
stige Iongleurkünste. Man wollte beweisen, daß das 
Maschinenkapital der Feind der Arbeiter sei, und was 
konnte besser dazu dienen, als dieser Lehrsatz, der 
nebenbei außerordentlich plausibel schien, wenn ein 
Schuhmacher 1 paar Stiefel täglich anfertigte und eine 
von einer Person bediente Maschine deren 10, so war 
es sonnenklar, daß 9 Schuhmacher überflüssig, brotlos 
und gezwungen wurden, sich zu irgendeinem Lohne bei 
der Maschine zu verdingen. Man hatte den herrlichsten 
Beweis für die Verelendungstheorie. Man übersah eben 
ganz, daß die Produktion einer Maschine gar nicht 
davon abhängt, was sie leisten kann, sondern da 
von, wieviel ihr der Konsum abzunehmen imstande 
115 
8*
        <pb n="122" />
        116 
5. Kapitel 
ist. Gewiß mag zeitweilig eine Überproduktion da 
sein, aber das ist selbst bei der sogenannten anar 
chischen Produktionsweise, wie man sie dem Ka 
pitalismus vorwirft, nur die Ausnahme, nicht die Regel. 
Wenn nur Absatz für 5 paar Stiefel täglich vor 
handen ist, wird die Maschine, selbst wenn sie es kann, 
nicht dauernd 10 paar Herstellen, sondern nur 5. 3n 
erster Linie werden also nicht 9 Schuhmacher überflüssig, 
sondern nur 4, und selbst dies ist noch verkehrt, denn die 
Sache liegt gerade umgekehrt. Wenn ein Bedarf von 
5 paar Stiefeln vorhanden war, wie der Absatz der Ma- 
schinenfabrikate beweist, und nur 1 Schuhmacher, so wa 
ren eben vorher 4 Schuhmacher zu wenig da. Die Ma 
schine hat eben nur eine Lücke ergänzt. Wenn der eine 
Schuhmacher vorher den Bedarf decken konnte, so lag 
das nicht daran, das nicht etwa 5 Paar Stiefel begehrt 
wurden, oh nein, die Nachfrage danach war schon vor 
handen, die Stiefel waren den Leuten nur 
zu teuer. 
Indem die Maschine die Stiefel verbilligte, löste 
sie den Konsum aus, denn das ist ja eben das Groß 
artigste an ihr, daß sie nicht nur die Produktion hebt, 
sondern auch den Konsum. 
Aber die Widerlegung der Marxistischen Akkumu 
lationstheorie hat die Geschichte schon viel gründlicher 
besorgt, als alle Argumente es vermögen. Man sehe 
sich einmal unseren industriellen westen an. Das Land 
der Maschine, das nach Marx einen im Verhältnis zu 
seiner Energie, also einen ungeheuren Arbeiter ü b e r- 
schuß aufweisen müßte, hat Millionen von Arbeitern 
aus dem maschinenlosen Osten in den Dienst gestellt. 
Man denke sich den deutschen Westen mit einer, wie 
Marx es ausdrückt, „für die mittleren verwertungs-
        <pb n="123" />
        117 
Die Bedeutung des Tausches im Ñrbeits- u. Wertbildungsprozeß 
bcòürfniffc ausreichenden Arbeiterschaft" ohne den 
Zuzug aus dem Osten, und dann frage man sich, ob das 
Maschinenkapital bei voller Koalitionsfreiheit der Ar 
beiter, nicht viel mehr von diesen abhängig sein würde 
als umgekehrt, wenn die Maschine heute im Westen 
einen Druck auszuüben imstande ist, so ist das nicht 
in ihrem Wesen bedingt, sondern es liegt an den 
Landverhältnissen im Osten, weil den östlichen Ar 
beitern bei den dort eigenen Grundbesitzverhältnissen 
der Zugang zum Grund und Boden verschlossen ist, 
deshalb die scheinbar ausbeutende Kraft der Maschinen 
im Westen. Karl Marx hat das auch ganz wohl einge 
sehen, denn er schreibt, „Die Expropriation der länd 
lichen Produzenten, der Bauern vom Grund und Boden 
bildet die Grundlage des ganzen Prozesses". 
Ja, wenn das die Grundlage ist, dann versteht 
man gar nicht, daß ein solcher Denker wie Marx nicht 
bei dieser Grundlage bleibt. 
Mit diesem seinem Bekenntnis macht er doch tat 
sächlich einen dicken Strich durch seine eigene mit un 
geheurem Bienenfleiß aufgebaute Theorie von der aus 
beutenden Macht des Maschinenkapitals. 
Bleibt noch die Lohnfondtheorie, aus der viele 
die Abhängigkeit des Arbeiterstandes vom Kapital zu 
erklären suchen. 
Sie meinen, der Arbeiterstand sei genötigt, so 
lange bis die von ihm hergestellten waren verkaufs 
fertig seien, aus der Tasche des Unternehmers zu leben, 
d. h. zunächst erhalte er seinen Lohn, und dann erst 
gebe er dem Unternehmer seine Gegenleistung. 
hier sehen wir wieder einen ganz vereinzelten,
        <pb n="124" />
        118 
5. Kapitel 
und noch dazu ungenau beobachteten Hergang im mo 
dernen Wirtschaftsleben zu einer allgemeinen Theorie 
erweitert und die Übertragung kleinbürgerlicher Be 
griffe in die Volkswirtschaft, die nur verwirren statt 
zu klären. Allerdings werden in gewissen Fällen z. B. 
bei verlustbringenden Unternehmungen Arbeiter aus 
dem Kapital, also aus einem Fond bezahlt, den sie 
nicht selber hervorbringen, aber das ist doch nicht 
die Regel. Entweder die Theorie des Lohnfond be 
sagt: ohne ihn ist eine Arbeitsleistung unter allen 
Umständen ausgeschlossen, dann ist sie nicht wahr, 
denn die Arbeit war eher da, als irgendein Lohnfond, 
oder sie sagt: er ist in gewissen Fällen nötig, dann 
ist sein theoretischer Wert gleich 0. 
Wenn ein Fabrikant, sagen wir der Chef eines 
Schienenwalzwerkes, am Sonnabend in seine Kasse greift, 
um die Löhne zu zahlen, so hält er das meist für 
einen Vorschuß, den er den Arbeitern gewährt,' sein 
Geld kommt ihm wie ein Fond vor, aus dem die 
Arbeit gespeist wird, und doch sind es die Arbeiter, 
die ihm in den 6 Tagen der Woche einen Vorschuß 
durch ihre Leistungen gegeben haben. Sie haben mit 
jedem Tage sein Kapital vermehrt, denn es ist durch 
aus irrig, nur das Geld als Kapital anzusehen. Seine 
sämtlichen Warenbestände gehören dazu. Diese aber 
haben durch die Arbeiter täglich an Wert zugenommen, 
und wenn der Fabrikant schließlich am Sonnabend die 
Löhne auszahlt, gibt er den Arbeitern nur, was diese 
ihm vorher gegeben haben. 
Wenn täglich eine Geschäftsbilanz aufgemacht 
würde, so würde diese Tatsache auch rechnerisch klar 
zum Ausdruck kommen. Kein verständiger Buchhalter 
wird den Wert des Schienenlagers bei ununterbroche-
        <pb n="125" />
        119 
Die Bedeutung des Tausches im ñrbeits- u. lvertbildungsprozeß 
ner Arbeit am Mittwoch mit derselben Zahl einsetzen, die 
es am Montag hatte, und zwar muß in diesem Wert 
der volle Lohn enthalten sein, der erst am Sonnabend 
Zur Auszahlung kommen soll. Sonst ist die Bilanz 
falsch- denn niemand kann eine Zahlung, die er erst 
in einigen Tagen leisten will, als bereits geschehen 
eintragen. 
Also die kaufmännische Rechnung deckt sich durch 
aus mit der richtigen volkswirtschaftlichen Auffassung. 
Für den Raufmann ist sein Warenbestand genau so wert 
voll wie sein Rassenbestand. Erst nationalökonomische 
Tifteleien haben hier aus dem einen Teil einen Lohn 
fond gemacht und damit dem anderen Teil gewisser 
maßen seinen wert abgesprochen. Gewiß hat eine Ware 
erst dann ihren höchsten wert, wenn sie dahin kommt, 
wo man sie braucht, aber auf jeder Etappe der Reise 
dahin hat sie unter normalen Verhältnissen, d. h. wo 
der wertbildende Ronsum als sicher vorausgesetzt wird, 
den der Entfernung von diesem Ziele entsprechenden 
Wert. Also hat die Arbeit diesen Werten mit jedem 
Tage etwas hinzugefügt, und wenn sich der Tausch 
von Sache gegen Arbeit vollzieht, erhält letztere nur, 
was sie selbst erst gab?) 
Selbst bei den großen staatlichen Unternehmungen 
Lahnbauten, Ranalbauten usw. kann von einem Lohn 
es Man könnte hierbei auf den Gedanken kommen, daß 
im Grunde der Austausch von Arbeit gegen Lache auch nichts 
anderes sei, als der einer Sache gegen eine andere, nur, daß 
es sich im ersteren Falle mehr um ein Tauschversprechen 
handelt. Gewiß ließe sich auch auf dieser Basis das Lohn 
problem behandeln, und wir würden zu demselben Endresultate 
kommen, aber wir würden die Frage dadurch unnötig kom 
plizieren. — Die Lohnarbeit ist ein so scharf definierter Be 
griff, daß sich sehr gut mit ihm als mit einer abgegrenzten 
Dröße rechnen läßt.
        <pb n="126" />
        120 
5. Kapitel 
fond keine Rede sein, so sehr es hier den Anschein 
hat,' denn das zu diesen Zwecken vorhandene Geld 
stammt doch auch erst aus der Arbeit. Mittels der direk 
ten und namentlich der indirekten Steuern haben die 
Arbeiter aus ihrem früheren Arbeitsertrag den Fond 
zu schaffen geholfen, aus dem sie nun entlohnt werden. 
Also wer beweisen will, daß die häufig konstatierte 
schlechte Entlohnung aus einem schwankenden Lohnfond 
zu erklären sei, d. h. aus Ursachen, die in der Natur der 
Lohnarbeit selbst liegen sollen, wird zur Rlärung des 
Lohnproblems schwerlich beitragen, denn er argumen 
tiert mit Dingen, die nur in der Einbildung existieren. 
Für uns liegt die Erklärung augenscheinlicher wirt 
schaftlicher Ungerechtigkeiten nie in angeblich ewigen 
wirtschaftlichen Gesetzen und Theorien, sondern wir 
fragen umgekehrt: wo steckt irgendeine Ver 
letzung wirtschaftlicher Gesetze, irgendeine 
Unfreiheit, eine menschliche Willkür? Denn 
wir sehen, daß bei voller Freiheit auch der Tausch von 
Sache gegen Arbeit stets nach beiden Seiten vorteil 
haft ist. 
Nun könnte man einwenden, die volle Tauschfreiheit 
sei nirgends vorhanden. Selbst wenn die politische 
Freiheit bestände, so bliebe doch der wirtschaftliche 
Zwang bestehen, der den Arbeiter dem Rapita! gegen 
über in Nachteil versetze,- also beim Tausch von Arbeit 
gegen Sache sei erstere nicht frei. 
Das mag historisch richtig sein, beweist aber nichts 
gegen unsere Theorie. Denn wir haben an anderer 
Stelle gesehen, daß der wirtschaftliche Zwang, soweit 
er volkswirtschaftlich in Betracht kommt, auch wieder 
erst durch willkürliche Eingriffe der Menschen in den 
Gang der Entwickelung hervorgerufen worden ist. Tat-
        <pb n="127" />
        4 
121 
2o¡£siixiixsizzekx 
Die Bedeutung des Tausches im Ñrbeits- u. Wertbildungsprozeß 
sache ist jedenfalls, daß das moderne Rapi. 
tal diesen wirtschaftlichen Zwang nicht ge 
schaffen, sondern vorgefunden hat. Ñlso kann 
man es auch nicht dafür verantwortlich machen, wie 
viele es tun. wenn und wo immer die Menschen ihre 
Ñrbeit dem Kapital zur Verfügung stellten, taten sie 
es zu Bedingungen, die jedenfalls besser waren als 
die, unter denen sie vorher gelebt hatten. Diese Ver 
hältnisse aber waren nicht Folgen eines unerbittlichen 
wirtschaftlichen Gesetzes, sondern waren entstanden durch 
jahrhundertelangen Mißbrauch politischer Macht seitens 
einer die Grundrente beherrschenden Minorität, wie wir 
bei Besprechung des Tausches von Zachen gegen Rechte 
sehen werden. 
Mit der Beseitigung dieses Druckes ist also wohl 
eine volle Tauschfreiheit zwischen Arbeit und Zache 
und damit ein gesundes Lohnverhältnis möglich, ohne 
Eingriffe des Staates in den Lohnvertrag oder Kon 
trolle der Produktionsmittel. 
wenn wir also erkennen, daß bei freiem Tausch 
von Zache gegen Arbeit der vorteil eher auf seiten 
der Arbeit liegt, und daß dieses Verhältnis nur ge 
stört werden kann durch politischen oder wirtschaft 
lichen Zwang, daß letzterer aber auch seinen Ursprung 
lediglich in früherem Mißbrauch politischer Macht hat, 
dann wird es ohne weiteres klar, daß, um eine ge 
rechte Güterverteilung herbeizuführen, der weg nicht 
über die Verstaatlichung des produktiven Kapitals 
geht, sondern daß es nur notig ist, diejenigen Fälle 
zu beseitigen, wo ein Mißbrauch politischer Macht zu- 
tage tritt. 
wirtschaftliche Gerechtigkeit bedeutet auch wirt 
schaftliche Freiheit.
        <pb n="128" />
        122 
5. Kapitel 
3um Schluß bliebe noch der Tausch einer Sache 
gegen geistige Arbeit, wie sie in Verbreitung von 
Bildung und Erholung liegt, zu beleuchten. Die ethische 
Seite der Frage hat uns hier nicht zu beschäftigen, 
sondern nur die volkswirtschaftliche, und da erblicken 
wir in diesem Tausch die gewaltigste Vermehrung des 
Volksvermögens, die wir haben, wenn auch der zahlen 
mäßige Nachweis sich erst nach Jahrzehnten führen 
läßt. 
Die Aufwendungen für Volksbildung, für alle Lehr 
anstalten, von der letzten Dorfschule bis zum höchsten 
wissenschaftlichen Lehrstuhl, sind die produktivsten, die 
es überhaupt gibt. Den hierfür in den letzten De 
zennien gebrachten Sachopfern hat Deutschland nicht 
zum mindesten den beispiellosen Fortschritt zu ver 
danken, den es in materieller Hinsicht aufzuweisen hat. 
Aber auch hier ist der volle Gegenwert nur bei vollster 
Lehrfreiheit zu erreichen, lvo für die angewandten 
Mittel nur staatlich oder parteipolitisch patentierte 
Weisheit verabfolgt wird, oder gar auf Volksverdum 
mung und Beschränkung der freien Forschung hinge 
arbeitet wird, da sind alle Aufwendungen unproduktiv, 
und man wird bald die Folgen am wirtschaftlichen 
Niedergang spüren. 
Auch hier steht, wie bei den Sachen, der Wert 
der Dinge in direktem Verhältnis zu ihrer Bewegung 
zum Menschen, nur muß sich in diesem Falle der 
Mensch zu den Dingen bewegen. Tine Hochschule, die 
niemand besucht, eine Bibliothek, in der niemand liest, 
ein Gewerbemuseum, das nicht durchgearbeitet wird, 
sind alles vollständig wertlose Dinge; aber in dem 
TtTa^e, wie Menschen durch sie hindurchströmen, steigert
        <pb n="129" />
        123 
Die Bedeutung des Tausches im ñrbeits- u. Wertbildungsprozeß 
sich ihr volkswirtschaftlicher Wert. Die Bewegung tut 
es, nicht das Vorhandensein. 
Italiens Runstschätze sind heute eine Quelle un 
geheurer materieller Einkünfte für das Land geworden, 
obgleich sie lediglich zu Zwecken der ñndacht und des 
Lebensgenusses geschaffen wurden, warum? 
Weil sich jährlich Millionen von Menschen an 
ihnen vorbeibewegen, die alle Sachwerte gegen Kunst 
genuß und Erholung eintauschen. 
Etwaige alte römische Volkswirtschaftler wer 
den die römischen Runstdenkmäler ihrer Zeit wahr 
scheinlich für höchst unproduktive Schöpfungen ange 
sehen haben, dagegen das Aquädukt als eine produktive 
Anlage. Das ist es auch gewiß gewesen,' aber heute 
sind die Kunstwerke eine unerschöpfliche Quelle natio 
naler Einnahmen, und das Aquädukt ist es nur noch 
durch die Schönheit seiner Trümmer. f)icr haben 
wir ein schlagendes Beispiel, daß volkswirtschaftliche 
Grundgedanken nicht durch die Erfahrung aus kurzen 
Epochen und die Beobachtung innerhalb enger Grenzen 
gewonnen werden können, sondern nur durch einen Blick 
auf den allgemeinen Zusammenhang der Dinge. 
Bei Beurteilung des internationalen Tausches 
von Sache gegen Arbeit ist insofern Vorsicht geboten, als 
hier die Arbeit meist in Verbindung mit Rechten auf 
tritt, worauf wir noch unter Abteilung C zu sprechen 
kommen. Selbst, wo scheinbar ein reiner Tausch statt 
findet, z. B. da, wo ausländische Saisonarbeiter in 
ein Land geholt werden, um nach getaner Arbeit wieder 
in ihre Heimat zurückzukehren, kann man nur privat 
wirtschaftlich von einem beiderseitigen Vorteil des Tau-
        <pb n="130" />
        124 
5. Kapitel 
sches reden und volkswirtschaftlich nur dann, wenn die 
Fremden, die ins Land geholt werden, denselben stan 
dard of life haben wie die heimischen Arbeiter. Ge 
wiß, wenn ein ostpreußischer Rittergutsbesitzer 
10000 Mark gegen polnische Arbeit eintauscht, so ist 
er um die Differenz reicher, die zwischen den deutschen 
und polnischen Arbeitslöhnen liegt- ebenso ist der Pole 
um das reicher, was er mehr verdient als in seiner 
Heimat. Aber Verdienst und Verlust der einzelnen 
sind, wie schon einmal erwähnt, nicht gleichbedeutend 
mit Zunahme und Abnahme des Volksvermögens, und 
bei dem erwähnten Tausch ist der volkswirtschaftliche 
Vorteil entschieden auf seiten des Landes, das die Ar 
beit stellt. Denn, wenn eine solche polnische Ar 
beitertruppe durch Verzicht auf alle dem deutschen Ar 
beiter eigentümlichen Bedürfnisse, 5000 Mark mit über 
die Grenze nimmt, dann entzieht sie dem deutschen 
Ivirtschaflsgebiet ein Ivertobjekt, das bei deutscher Ar 
beit im Lande geblieben wäre und zur Hebung des Kon 
sums beigetragen hätte, der Hauptsache und nicht Neben 
sache ist. 
3nt Zchlußkapitel kommen wir noch auf dieses 
Eindringen eines Fremdkörpers in den nationalen 
Produktions- und Konsumtionsprozeß zu sprechen. 
C. Dom Tausche einer Zache gegen ein Recht, 
oder 
der Grund und Boden als Huelle der Arbeit. 
Wir haben gesehen, daß der volkswirtschaftliche 
Wert des Tausches darin liegt, daß Dinge und Menschen, 
die sich gegenseitig brauchen und ergänzen, zueinander 
kommen. 
3u den wichtigsten und unentbehrlichsten Dingen,
        <pb n="131" />
        125 
Die Bedeutung des Tausches im Ñrbeits- u. tvertbildungsprozeß 
die der Mensch braucht, gehört aber der Grund und 
Loden als Wohn- und Werkstätte, und somit ist es, 
vom Ñugenblick der Arbeitsteilung an, unbedingt not 
wendig, daß auch durch irgendeinen Tausch die passend 
sten Menschen in den Besitz des passendsten Stück Lan 
des kommen können. 
Wäre nun der Grund und Loden eine Sache, d.h. 
ein Stück der körperlichen Welt, das durch menschliche 
Tätigkeit in seinem Wesen oder in seine Lage ver- 
ändert, also produziert werden kann, wie in 5 A de 
finiert, dann brauchten wir seine Stellung im Wirt 
schaftsleben gar nicht näher zu untersuchen. Sein Aus 
tausch mit jeder andern Sache wäre dann ebenso ein 
wandfrei wie in 5 A beschrieben. 
Aber das ist er eben nicht, und wenn man ein 
wendet, das sei wesenlos, eine Ware sei er immerhin, 
denn man treibe Handel mit ihm und müsse Handel 
damit treiben, wenn wir nicht wirtschaftlich stagnieren 
wollten, so beweist das nur, daß man auf jede exakte 
wissenschaftliche Methode verzichtet, sowie sich unlieb 
same Konsequenzen daraus ergeben. 
Man kann doch nicht etwas als zu einer gewissen 
Kategorie gehörig bezeichnen, das der Hauptmerkmale 
derselben entbehrt. 
Was würde man zu einem Naturforscher sagen, der 
ein Dbjekt ins Tierreich einreihen würde, das weder 
bewegungs- noch fortpflanzungsfähig wäre? 
Dieses Kunststück leistet sich aber jeder, der etwas 
ins Bereich der Ware verweist, was nicht beweglich 
und nicht durch menschliche Arbeit herstellbar ist, denn 
darin liegt das Charakteristikum jeder Ware. (Beweglich 
ist hier im weitesten Sinne zu nehmen, so wie Kant 
es definiert hat: Alles aber was zerstört werden kann,
        <pb n="132" />
        126 
5. Kapitel 
ein Baum, Haus usw. ist jwenigstens der Materie 
nach) beweglich). 
Ja, wenn alles was mit Geld bezahlt wird, 
alles was verkäuflich ist, Ware wäre, wenn wir gar 
keine anderen Kategorien hätten, dann wäre die Zache 
noch entschuldbar, aber wir haben sie, denn niemand 
wird behaupten wollen, daß ein Patentrecht, ein Ver 
lagsrecht, ein Platz im Theater oder im O-Zuge oder 
ein Lotteriebillet Ware sei, oder gar die Konzession 
zu einer ñpotheke oder einer Zchankwirtschaft, obgleich 
sie mitunter teuer bezahlt werden. 
Wenn jemand ein Patent, eine Apotheken- oder 
Zchankkonzession verkauft, so tritt er ein ihm von 
einem gegebenen Machtzentrum verliehenes Recht ab. 
Wir haben also drei scharf von einander getrennte 
Kategorien von Käuflichkeiten: Arbeit, waren und 
Red)te, und wenn wir nun untersuchen wollen, unter 
welche dieser beiden letzteren der Handel in Grund und 
Boden fällt, so kann es nur geschehen auf dem Wege des 
Vergleiches. Da drängt sich denn ohne weiteres die 
größere Ähnlichkeit des Erwerbs eines Grundstückes mit 
dem eines Platzes im Theater oder im Zuge auf, also 
mit dem Erwerb eines Rechtes. 
Ein wesentlicher Unterschied zwischen Waren und 
Rechten ist auch der, daß der Beginn der Wertbildung 
bei ersteren stets in einer persönlichen Leistung ruht; 
ein Recht dagegen, das jemand besitzt, setzt als letzten 
Ursprung immer ein Machtzentrum voraus, das 
außerhalb der Person steht, die es inne hat. 
Und dies ist in aller Deutlichkeit der Fall beim 
Grund und Boden. 
Wenn eine südafrikanische Konzessionsgesellschaft 
an einen deutschen Ansiedler gegen sein gutes Geld,
        <pb n="133" />
        127 
vie Bedeutung des Tausches im Ñrbeits- u. lvertbildungsprozeß 
fein Zachgut, 10000 ha Land abtritt, so wird doch 
niemand behaupten wollen, hier liege ein Tausch von 
Mare gegen Ware vor. Die Gesellschaft gibt nur ein 
Recht weiter, das ihr nie hätte gegeben werden dürfen. 
Nun wäre auch diese Erkenntnis noch von keiner 
volkswirtschaftlichen Bedeutung, wenn Waren und Rechte 
auf alle Handlungen, die der Mensch mit ihnen vor 
nimmt, gleichartig reagierten. Das ist aber nicht der 
Fall. Die Wirkungen sind gänzlich verschieden. 
Zunächst ist es nicht einerlei, ob ich jemandem 
eine Ware vorenthalte oder ein Recht. Für jede Ware 
läßt sich Ersatz finden, aber welchen Ersatz gibt es für 
einen Menschen, dem man das Recht der Benutzung 
des Grund und Bodens verweigert? 
Niemand schädigt seinen Mitmenschen dadurch, daß 
er ihm eine Zache vorenthält, die er hervorgebracht hat; 
denn sonst müßte dieser sogar das Nichthervorbringen 
einer Zache übelnehmen können; wer aber seinen Mit 
menschen den weg zu den Quellen der Ñrbeit versperrt, 
die er selbst nicht zu nutzen imstande ist oder nicht nutzen 
will, der schädigt nicht nur seinen Nächsten, sondern 
sein ganzes Volk. Ebenso wie die Freiheit des Tun 
und Handelns nur soweit reicht, als die Freiheit anderer 
dadurch nicht beeinträchtigt wird, kann die Freiheit 
der Benutzung des Grund und Bodens zur Befriedigung 
eigener Bedürfnisse nur unter der Voraussetzung an 
erkannt werden, daß anderen dieselbe Freiheit nicht 
verkümmert wird. 5o ungefähr hat der englische Philo 
soph Herbert Spencer in seinem Social Statics den 
Grundsatz formuliert. 
Niemand wird bestreiten wollen, daß jemand, der 
eine Ware kauft, damit machen kann, was er will. 
Tr erwirbt sowohl das Recht des Gebrauches wie das des
        <pb n="134" />
        128 
5. Kapitel 
Mißbrauches,- aber indem er das letztere ausübt, ist 
der Schaden, den er sich selber als Eigentümer der 
Ware zufügt, in der Regel weit größer, als der, den 
er seinen Nächsten antut. Schon der Ligennutz wird 
also hier hemmend wirken. Und wenn jemand seinen 
Mitbürgern waren vorenthält, so findet das sehr schnell 
sein Rorrektiv in der Neuproduktion solcher waren, 
sowie in ihrer Beweglichkeit, wenn heute ein Ring 
von Rornhändlern versuchen wollte, seine Speichervor 
räte dem Berliner Publikum so lange vorzuenthalten, 
bis er eine Preiserhöhung von 50 % durchgesetzt hätte, 
so würde man höchstens darüber lachen, wenn aber 
ein Ring von Terrainspekulanten um Berlin herum 
das gleiche mit seinen Grundbesitz beschlösse, so wäre 
das eine sehr ernste Sache und würde Tausende in ihrem 
Erwerbsleben beeinträchtigen, genau so, wie eine Schädi 
gung Dritter eintreten würde, wenn jemand sich zur Zeit 
der Reisesaison das alleinige Recht auf die Badezüge 
sichern und nun mit dem Wiederverkauf der Fahrkarten 
Spekulation treiben wollte. 
Die Hergäbe einer Ware bedeutet immer, daß der 
Räufer eine Leistung empfängt, die ohne Zutun des 
Verkäufers in dem Moment nicht vorhanden wäre. 
Ñber der Grund und Boden ist unter allen Umständen 
vorhanden, wo man ihn braucht, wer immer sich 
zwischen den Urbesitzer eines Grundstückes und einen 
mutmaßlichen Räufer drängt, um an dem Handel zu 
verdienen, leistet dadurch dem Räufer nicht nur keinen 
Dienst, er schädigt ihn sogar. 
Eine gewisse Leistung mag in der Vermittlung 
eines Verkaufes liegen, damit Räufer und Ver 
käufer sich finden. Ñber nicht im Handel selbst, 
weshalb auch durch solchen keinerlei volkswirt-
        <pb n="135" />
        Pohlman, Laienbrevier. 
129 
s 
Die Bedeutung des Tausches im Ñrbeits- u. wertbildungsprozcß 
schaftliche werte entstehen, wenn jemand daran 
100000 ÎÏÏarf verdient, so ist er wohl um diese Summe 
reicher geworden, das Volksvermögen aber hat ebenso 
wenig zugenommen, wie etwa dadurch, daß jemand das 
große Los gewinnt. 
(Ein Gewinn von 100 000 Mark in waren ist 
aber nur möglich, wenn jemand sie dahin bringt, wo 
sie diesen wert haben, wo der Konsum durch den 
hohen preis anzeigte, daß er sie braucht. Dem Gewinn 
des einzelnen steht demnach auch eine Vermehrung 
des Gesamtwertbestandes in Gütern gegenüber. 
Der Kaufmann hat ein Warenquantum, das in 
einem Hafen, sagen wir 300000 Mark wert war, 
dadurch, daß er es an einen anderen Platz schaffte, 
in ein Wertobjekt von 400000 Mark verwandelt. 
Beim Terrainverkauf ist aber, abgesehen von Me 
liorationen, die unter die Kategorie von waren 
fallen, von einer solchen werterhöhenden Tätigkeit gar 
keine Rede. 
(Ein fernerer wesentlicher Unterschied zwischen 
Waren und Rechten tritt zutage in der Wirkung, die 
die Besteuerung und die Beleihbarkeit auf beide 
ausüben. 
(Ein Recht, welches besteuert wird, verliert an 
Wert, eine Ware, die besteuert wird, erhöht sich im 
Preise. Die Beleihbarkeit einer Ware verbilligt sie, 
aber die des Grund und Bodens erhöht seinen preis. 
Wenn ein Fabrikant weiß, daß er für sein Fertigfabrikat 
leichten Kredit findet, ist er viel eher geneigt, seine 
Fabrikation auszudehnen, als umgekehrt, und diese Pro 
duktionserhöhung drückt sehr viel mehr auf den Markt, 
als seine durch billigen Kredit erworbene Fähigkeit,
        <pb n="136" />
        5. Kapitel 
die Ware eine Zeitlang vom verkaufe zurückhalten 
zu können, die Preise nach oben beeinflußt. Die Ve- 
leihbarkeit des Grund und Lodens dagegen erhöht seinen 
Tauschwert unter allen Umständen, sie vermehrt die 
Zahl der Bewerber und ermöglicht den Besitzern das 
warten auf einen Konjunkturgewinn. Die hohen preise 
unserer städtischen Bauterrains wären gar nicht denk 
bar, wenn die Erwerber sie bar bezahlen, oder aus 
ihren Personalkredit hin kaufen müßten. 
wenn in der Themie zwei Substanzen so verschieden 
artig auf eine Säure reagieren, wie hier Ware und 
Grund und Boden in ihren Beziehungen zu den ver 
schiedenen wirtschaftlichen und gesetzgeberischen Fakto 
ren, so wird es wohl keinen Chemiker geben, der dennoch 
schließt, er habe es mit ein und derselben Substanz 
zu tun. 
Solches Kunststück bleibt, wie gesagt, der Volkswirt 
schaft vorbehalten, die behauptet, Ware und Grund 
und Boden seien gleichartig und demnach wirtschaftlich 
gleich zu behandeln. 
Deshalb können wir uns nicht scharf genug gegen 
diese Ruffassung wenden. 
Nur bei völliger Klarheit über die wesensunter? 
schiede, die wir hier zu formulieren versucht haben, 
ist es möglich, zu allgemein gültigen Schlußfolgerungen 
zu kommen. 
haben wir also erkannt, daß der Grund und Boden 
weder Sache noch Ware ist, daß seine Benutzung nur 
ein Necht darstellt, so wollen wir nun dieses Recht 
zunächst einmal historisch verfolgen. 
Sn den einfachsten Verhältnissen braucht der Nlensch 
dieses Recht nicht erst zu erwerben, es ist ohne weiteres
        <pb n="137" />
        Die Bedeutung des Tausches im ñrbeits- u. Wertbildungsprozeß 
für ihn so gut vorhanden, wie für bas Tier des Waldes, 
er kann nehmen, was ihm beliebt, aber er hat, wie 
heute der afrikanische wilde, nicht die Gewißheit, daß 
nicht ein Stärkerer über ihn kommt und ihm alles 
nimmt, was er besitzt. Bei Jäger- und Nomadenvölkern 
spielt nun das Recht auf den Grund und Boden noch 
keine so wichtige Rolle, aber vom Augenblicke an, wo der 
Rkensch sich dem Ackerbau zuwendet ist die Frage: behalte 
ich das Stück Land auch, in das ich meine Ñrbeit und 
meine Saat hineingelegt? von entscheidender Bedeutung. 
Die Sicherung dieses Besitzstandes, also die Ñn- 
sammlung der nötigen wacht, um ihn gegen äußere 
feinde zu schützen, hat jedenfalls zu den ersten Bil 
dungen von Dorfgemeinden und Stammesgenossen 
schaften geführt, in denen die Reime der modernen 
Staatenbildung ruhen. Tine Gemeinde oder ein Stamm 
war von seinen Nachbarn schwerer zu vergewaltigen, 
als ein einzelner, er bildete die Gewähr des ruhigen 
Besitzes, bis diese Gewähr mit der fortschreitenden 
5taatenbildung auf immer größere Gruppen überging, 
bis zu den heute in Waffen starrenden Großmächten. 
Tin innerer Unterschied in der Funktion dieser 
primitivsten und modernsten Organisationen besteht 
nicht - nur der Umfang des Stück Landes ist verschieden, 
dessen ruhigen Besitz ihre wacht ihren Bürgern sichert. 
Daraus geht hervor, daß auch nur diese Organisa 
tionen allein ein wirkliches Recht haben, über den 
Grund und Boden zu verfügen. Der einzelne kann 
ein Recht der Nutzung nur aus dieser ersten Quelle 
des Rechtes schöpfen, wan kann in Lavelepes „Ur- 
eigentum" nachlesen, in welcher weise die verschiedenen 
Völker diese Aufgabe der Benutzung des Grund und 
131 
9*
        <pb n="138" />
        132 
5. Kapitel 
Bodens durch den einzelnen unter dem Schutze der 
Gesamtheit gelöst haben. 
Zunächst, solange noch Land in hülle und Fülle 
vorhanden war, und jeder Stammesgenosse auch dem 
Waffenhandwerk obliegen mutzte, ist die Verteilung 
des Nutzungsrechtes eine sehr einfache und auch unent 
geltliche gewesen. Aber mit der Arbeitsteilung stellen 
sich die ersten Schwierigkeiten ein. 
Vas Waffenhandwerk, der Schutz des Landes gegen 
innere und äußere Feinde, gleitet langsam, um bei 
der germanischen Entwicklung zu bleiben, auf eine be 
vorzugte Klasse über, und die eigentümlichen politi 
schen Verhältnisse bedingen es, daß die, die den Boden 
beackern und bebauen, eines zwiefachen Schutzes bedür 
fen, einmal nach außen durch ein noch wenig konsoli 
diertes Reich und dann im Innern durch kleinere Macht 
zentren, da das große nicht ausreichte, um auch den 
inneren Frieden zu sichern. So sehen wir, daß die 
Könige ihre Vasallen für die Gegenleistung der heeres- 
folge mit Land belehnen, und diese wieder, zusammen 
mit den Klöstern, der Arbeit den unbedingt nötigen 
inneren Schutz angedeihen lassen, so mangelhaft er 
auch in manchen Fällen nach unseren Begriffen ge 
wesen sein mag. Jedenfalls waren diese Machtfaktoren 
die einzigen Kechtsquellen, aus denen die hergäbe des 
Grund und Bodens fließen konnte, denn ohne sie war 
Chaos, und wenn sie sich für die hergäbe des Landes 
einen Teil seines Ertrages ausbedangen, also die Grund 
rente, so lag hierin jedenfalls Vernunft, denn hier 
war Leistung und Gegenleistung vorhanden,' namentlich 
bei den Klöstern, die aus den Einkünften noch die Ñrmen- 
und Krankenpflege bestritten, Wege bauten, Schulen 
unterhielten, über Sitte und Ordnung wachten usw.
        <pb n="139" />
        133 
Die Bedeutung des Tausches im Ñrbeits- u. Wertbildungsprozeß 
hierliegtderUrsprungderGrundrente, 
heute so viel Kopfzerbrechen macht: sie hat eben, 
wie Ñdam Smith schon sehr richtig erkannt hat, einen 
politischen und nicht einen wirtschaftlichen Hinter 
grund. verfolgen wir sie einmal von dieser ihrer 
Quelle bis zur Bildung des allgewaltigen und all 
verschlingenden Stromes, vor dessen Wirkungen wir 
heute ratlos stehen. 
Es ist ohne weiteres klar, daß in diesem frühesten 
Stadium der Grundrente von einer Freiheit des Tausches 
einer Zache gegen das Recht, ein gewisses Stück Land 
benutzen zu dürfen, keine Rede sein konnte, denn die 
Vorenthaltung dieses Rechtes bedeutete junger und 
Schutzlosigkeit. Somit war auch dieser Tausch durchaus 
einseitig vorteilhaft. Rlan ließ der Ñrbeit nur so viel, 
als sie zur Fristung ihres jämmerlichen Daseins 
brauchte. Rur in den Klöstern und auf geistlichen 
Besitztümern, wo immerhin eine gewisse Milde und 
nicht krasser Egoismus die Grundrente diktierte, waren 
die Nutznießer des Landes besser gestellt, als der Durch 
schnitt. Daher das wort, daß es sich unterm Krumm 
stabe gut leben lasse. Dennoch sammelte sich dort und 
in den Burgen der Feudalherrn, was überhaupt an 
Merten jener Zeit erzeugt wurde. 
Mit dem hochkommen der freien Städte tritt in 
sofern eine gewisse Verschiebung ein, als die Vermögens 
bildung durch die Grundrente eine breitere wird, und 
auch beim Tausch von Sache gegen Bodennutzungsrecht 
eine gerechtere Verteilung einsetzt, weil der Tausch freier 
wird. Das kommt daher, weil die Personen, die über den 
Grund und Boden als Herren verfügen, zum Teil die 
selben sind, die ihn auch als Werkstätte benutzen. Die 
städtischen Machthaber hatten ein Interesse daran, den
        <pb n="140" />
        5. Kapitel 
Grund urlò Loden möglichst vielen zugängig zu machen, 
weil sie als Bürger in die Lage kommen konnten, ihn 
zu brauchen, zumal er für die Wohlhabenden die einzige 
Möglichkeit bot, aus ihrem Verdienst eine Rente zu 
ziehen. Tausend Gulden auf Zinsen auszuleihen, galt 
gegen Zitte und Kirchenrecht, aber für Tausend Gulden 
Land kaufen und daraus Pacht und Rente zu ziehen, 
war vornehm. Infolgedessen, und in Anbetracht der 
rein aus Grundrente fließenden vermögen der Klöster 
und Feudalherrn, kann man auch getrost behaupten, 
daß die ganze Rapitalbildung des Mittelalters aus 
der Grundrente geflossen sei. wenn auch Vermögens 
bildungen durch Handel und Gewerbe und zum guten 
Teil auch durch Raub entstanden sind, so war doch die 
Konservierung dieser Reichtümer nur auf dem Wege 
der Grundrente möglich. So spielte z. B. die Bergwerks 
rente bekanntlich bei den Riesenvermögen der Fugger 
und Welser eine große Rolle. 
Ñm deutlichsten sehen wir den politischen Einfluß 
auf die Verteilung der Grundrente bei jenen bäuer 
lichen Freistaaten, wie der Schweiz und Dithmarschen. 
Während wir dort, wo der einzelne Feudalherr oder 
das Kloster den Schutz ausübt, auf der einen Seite 
unverhältnismäßig großen Reichtum, auf der andern 
die bitterste Ñrmut sehen, ist der breite Bauernstand 
dort, wo er den Schutz des Landes in die eigene Hand 
genommen hat, auch der Bezieher der Grundrente, und 
der daraus fließende Wohlstand ist allgemein. 
In allen Fällen aber floß die Grund 
rente ursprünglich dahin, von wo die Gegen 
lei stung des Schutzes von Leben und Eigen 
tum ausging, und wir sehen aus ihrem Ent 
stehen, daß sie im Grunde keine Bezahlung
        <pb n="141" />
        135 
Die Bedeutung des Tausches im Ñrbeits- u. Wertbildungsprozeß 
darstellt für die Benutzung eines Stück Lan 
des, sondern für die Rechtssicherheit, es un 
gestört zu besitzen und seine Früchte zu ge 
nießen. 
Es ist sehr wichtig, das im Rüge zu behalten, wenn 
wir die weitere Entwicklung verfolgen, denn der Schutz 
für Leben und Eigentum, die Last der Landesverteidigung, 
der Rechtspflege, der Rrmen- und Rrankenunterstützung 
gleitet mehr und mehr von den alten Grundrentenbe 
ziehern auf eine immer mehr und mehr erstarkende Zen 
tralgewalt -aberdieEinziehungderRentedurch 
die alten Bezieher dauert fort. Das hätte nun 
nichts weiter auf sich gehabt, wenn die Staatsgewalt 
die Rosten für Übernahme aller dieser Funktionen von 
den Grundrentenbeziehern genommen hätte, aber diese, 
der hohe ñdel und der Rlerus, waren Rraft ihrer im 
Grundbesitz wurzelnden Stellung in der Lage, die Gesetz 
gebung derart zu beeinflussen, daß die Lasten auf alle 
andern Schultern, nur nicht auf ihre gelegt wurden. 
Somit behielten sie die Leistung ohne jegliche Gegen 
leistung,- die übrige Bevölkerung aber mußte für einen 
Dienst, der eigentlich durch die Grundrente entlohnt 
sein sollte, noch einmal auf dem Wege der Be 
steuerung bezahlen. 
Diese Verhältnisse drücken namentlich dem Jahr 
hundert vor der französischen Revolution ihren Stempel 
auf. 
wir sehen fast die gesamte Grundrente in die 
Hände des Rlerus, des hohen Rdels und der absoluten 
Fürsten, als der ersten Rdligen ihrer Reiche und Besitzer 
ungeheurer Rrongüter, fließen. Die Landbevölkerung 
verarmt mit Rusnahme der freien Bauernschaften, die 
sich die Grundrente zu erhalten gewußt hatten,- das
        <pb n="142" />
        136 
5. Kapitel 
Bürgertum, weil mit Ausnahme von ein paar Handels 
städten, von der Landbevölkerung lebend, z. T. selbst 
Ackerbau treibend, fristet ein kümmerliches, in klein 
lichsten Verhältnissen dahinfließendes Ceben; die Abteien, 
die Klöster, die Bischofspaläste aber strotzen von Reich 
tum, und der hohe Adel und die Höfe treiben einen an 
Wahnsinn grenzenden Luxus. In ihren Händen und 
denen ihrer Parasiten vollzieht sich die einzig nennens 
werte Vermögensbildung jener Zeit. Und ängstlich 
wahren sie das Privilegium des Landbesitzes. Nach 
allen Seiten sucht man ihn auszudehnen, häufig sogar 
unter Anwendung schwerer Rechtsbeugungen, und die 
hergäbe an andere geschieht meist nur auf dem Wege 
der Pacht, so daß es dem breiten Mittelstand immer 
schwerer wird, ein Stück seines vaterländischen Bodens 
zu besitzen, zumal die ganze durch Adel und Klerus 
beeinflußte Gesetzgebung die Erhaltung dieses Zustandes 
begünstigt. 
Da bricht mit der französischen Revolution die 
.Herrschaft des dritten Standes an, und neben den poli 
tischen Rechten steht der Kampf um den Grund und 
Boden in erster Linie. Der Landhunger war so groß, daß 
man die Stimmen der physiokraten überhörte, die vor 
der schrankenlosen Freigabe des Grund und Bodens 
warnten. Man wollte niemanden mehr zwischen sich 
und dem Landbesitz haben, selbst den Staat nicht. Das, 
um was man den Adel und den Klerus so lange beneidet 
hatte, wollte man selbst besitzen, der vaterländische Bo 
den sollte allen zugänglich sein, und der Weg, den man 
beschritt, war die Aufhebung aller Beschränkungen der 
Bodenbesitzverhältnisse und seine schrankenlose Mo 
bilisierung. 
Wenn wir diese verschiedenen Abschnitte machen, so
        <pb n="143" />
        Die Bedeutung des Tausches im Ñrbeits- u. Ivertbildungsprozeß 
ist es selbstverständlich nicht so aufzufassen, als ob es 
sich um scharf abgegrenzte Epochen handelte, wie etwa 
Kapitel in einem Buche, und daß, wenn ich von Mobili 
sierung des Grund und Bodens spreche, dieser nicht 
auch schon vorher in gewissem Zinne mobil gewesen 
wäre. Hiles fließt, alles wirbelt durcheinander, ebenso 
wie wir heute bei uns noch die äußerste Gebundenheit 
der Zcholle in den Latifundien gleichzeitig mit der 
größten Mobilisierung in der Terrainspekulation er 
leben, die ein Grundstück an einem Tage zwei- bis 
dreimal umsetzt. Der Übergang von einer Epoche in die 
andere ist nur so zu verstehen, daß zur Regel wird, 
was sonst nur Ausnahme war. 
Es sollte also hinfort der Grund und Boden so 
frei käuflich und verkäuflich, beleihbar und verpfändbar 
sein, wie jede andere Ware,' man gab ihm künstlich 
den Tharakter einer Zache, um ihn desto leichter gegen 
Zachen eintauschbar zu machen,' aber indem man die 
alten Privilegien zerbrach, bei denen der Vorteil des 
Tausches von Zache gegen Rechte ganz auf seiten der 
Privilegierten lag, schlug nun auf einmal das Ver 
hältnis des Tausches in das Gegenteil um; nun ging 
der Vorteil ganz in die Hände derer, die gegen Zach- 
güter Bodenrechte eintauschten. 
Die alten privilegierten landbesitzenden Klassen 
gaben in der Regel kein Land her im verkauf auf 
ewige Zeiten, und in England ist das heute noch der 
Meistens geschah es auf dem kvege der Pacht, 
d. h. sie gaben gegen Zachen oder Arbeit nur ein 
Zeitlich scharfbegrenztes Bodenrecht in Tausch, wobei 
sie stets die Mächtigeren blieben. Bei diesem Prinzip 
ist der Vorteil natürlich auf Seite derer, die die Rechte 
gewähren. Das ändert sich aber sofort, wenn Land auf
        <pb n="144" />
        138 
[5. Kapitel 
eonge Zeit verkauft wird, denn nun stehen sich 
zwei ganz ungleiche Tauschobjekte gegenüber, auf der 
einen Seite eine Sache, auf der anderen ein Recht, 
das Recht auf ein Stück Land auf ewige Zeiten,' auf 
der einen Seite ein klarumgrenztes Wertobjekt, auf 
der anderen ein Recht, dessen Wert, weil 
bis in die Ewigkeiten gesteigert, jedes 
menschlichen Abwägungsvermögens spottet. 
Solange nun der Wert dieses Rechtes eine ziemlich 
konstante Größe bildete, wie noch bis in den Anfang 
des vorigen Jahrhunderts hinein, hatte der Unsinn, 
der in einem solchen ungleichen Tausch liegt, keine 
ernsteren wirtschaftlichen Nachteile. Als aber mit der 
fortschreitenden Arbeitsteilung und der Erleichterung 
des Verkehrs durch die Rahnen, d. h. durch die erhöhte 
Bewegung der Menschen in bezug auf ein Gbjekt, der 
Wert dieser gegen Sachgüter erworbenen Bodenrechte 
sich sehr schnell vermehrte, da wurde dieser Tausch zu 
einem einseitig ungeheuren Vorteil für die, die die 
5achgüter hergaben und solche Rechte erwarben. 
Freilich suchten die Verkäufer der Rechte, d. h. 
des Bodens sich dadurch schadlos zu halten, daß sie 
hohe Preise forderten, sogenannte Zukunftswerte, aber 
diese Zukunft hat schließlich doch ganz anders ausge 
sehen, als jene Verkäufer sich träumen ließen, und viele 
ältere Leute werden heute mit Schmerz zurückdenken an 
Verkäufe von Grund und Boden, die sie vor 40 bis 
50 Jahren abgeschlossen, und bei denen sie glaubten, die 
Zukunft voll eskomptiert zu haben. 
Da nun der zur Herrschaft gekommene dritte Stand, 
der zugleich Träger der Sachgütererzeugung war, sehr 
schnell erkannte, welche ungeahnte Tauschgelegenheit 
sich ihm hier bot, beeinflußte er die Gesetzgebung und
        <pb n="145" />
        139 
Die Bedeutung des Tausches im Ñrbeits- u. Wertbildungsprozeß 
die öffentliche Meinung dahin, diesen Tausch mit allen 
Mitteln zu erleichtern. So wurde die Mobilisierung 
des Grund und Lodens immer weiter ausgebaut. Man 
hielt es für einen Gewinn, wenn ein Stück Land mit 
derselben Leichtigkeit gekauft, verkauft und beliehen 
werden konnte wie eine Mare, ja man sicherte die 
Beleihung noch über das bei Maren mögliche Maß 
hinaus. 
Dadurch glitt in allen Ländern, wo diese Wirt 
schaftsauffassung die Gesetze beeinflußte, die Grund 
rente sehr schnell in die Hände derer, die die Sachgüter 
Zu vergeben hatten, also in die des mobilen Kapitals, 
während sie dort, wo man die Mobilisierung nicht 
mitmachte, z. B. in England, zum größten Teil noch 
in die Hände der alten Feudalherrn fließt. 
Sn keinem Falle ist der Tausch einer Sache gegen 
Bodenrechte wirklich frei. Diese Freiheit ist nur schein 
bar, denn das Tauschobjekt auf der einen Seite ist ein 
solches, das seinen wert aus der freien Betätigung 
menschlichen Fleißes schöpft, während der wert 
des anderen von den Rechtsformen abhängig 
ist, die von einer herrschenden Klasse zu 
ihren Gunsten geschaffen werden. 
was die Beeinflussung der Gesetzgebung in dieser 
Einsicht bedeutet, zeigen unsere Bergwerksverhältnisse. 
Bis zum 1. Oktober 1865 konnte der preußische Staat sich 
alle Kohlenfelder, die er brauchte, durch bloße Erklä 
rung der Bergbaubehörden sichern, und selbst bei den an 
Private verliehenen Rechten zeigte sich die Ñnerkennung 
seines Eigentumsrechtes durch die hohen ñbgaben, Vio 
bis fast Vs des Ertrages, die er erhob. Er führte ge 
naueste Kontrolle über den Betrieb und erklärte alle 
Drüben wieder als in das landesherrliche Regal ver-
        <pb n="146" />
        140 
5. Kapitel 
fallen, die ohne ausdrückliche Genehmigung ihren Be 
trieb einstellten. 
Da erzwangen die liberal-manchesterlichen Gruppen 
das Berggesetz vom 24. Juni 1865, und dadurch wurde 
mit einem Schlage die ganze industrielle Zukunft Deutsch 
lands in die Hände derjenigen gelegt, deren Interessen 
durch dieses Gesetz gefördert wurden. 
Der Zugang zum Grund und Boden und seinen 
Schätzen sollte für jeden frei sein, das klang sehr plausibel 
und verführerisch, als man das Gesetz einbrachte,- aber 
was nützte diese Freiheit dem Gelehrten, dem Beamten, 
dem Kleinbürger, dem Rrbeiter? Gar nichts! Wohl 
aber denen, die wußten, weshalb sie solche Gesetze 
wollten. Nun hatten sie Gelegenheit, für ein weniges 
ungeheure Rechte einzutauschen, Rechte, die ganz unab 
sehbar waren. Freilich meinte der Staat, als er sie 
weggab, damit nur Rechte des Gebrauchs, der Nutz 
nießung,- aber kaum ist ein Nlenschenalter verflossen, 
und wir sehen durch mächtige Kapitalorganisationen 
das Prinzip, andere vom Rechte auf den Grund und 
Boden auszuschließen, also das Recht der Nichtbe 
nutzung zum System erhoben und zu einer Stärkung 
des Kapitals führen, die das Recht der Benutzung allein 
nicht zu geben vermag. Denn wenn das Gesetz von 
1865 nicht erschienen wäre, hätte der Staat das Recht, 
noch nicht erschlossene Kohlenfelder selbst auszubeuten 
und dadurch die Möglichkeit, der Macht der Syndikate 
jede gefährliche Spitze zu nehmen. 
Ruch auf anderen Gebieten sehen wir die deutliche 
Tendenz der Gesetzgebung seit dem Einsetzen der libe 
ralen, manchesterlichen Ära, alles zu tun, was den 
Wert der Rechte am Grund und Boden zu erhöhen 
vermochte. Möglichste Zurückdrängung der Grund-
        <pb n="147" />
        141 
Die Bedeutung des Tausches im ñrbeits- u. Wertbildungsprozeß 
steuern, Aufhebung der Bergwerksabgaben, Ablösung 
der bäuerlichen Lasten, Erleichterung und Verbilligung 
des Kredites, alles Maßregeln, die zu keiner dauernden 
wirtschaftlichen Erleichterung für die auf den Boden 
gewandte Arbeit führten, der sie angeblich nützen sollten, 
sondern die nur den wert des Rechtes am Boden als 
Tauschobjekt erhöhten. 
In diese Kategorie gehört auch die Zollgesetzgebung. 
Sic ist der letzte Schritt jenes Prozesses, durch den 
sich die Bezieher der Grundrente ihres Teiles der Bei 
träge zur Landesverteidigung entziehen und die Lasten 
dafür auf die breiten nichtbesitzenden Massen abwälzen. 
wir sehen also, wie die Gesetzgebung, beeinflußt 
durch eine herrschende Klasse, den wert von Boden- 
rechten ganz willkürlich erhöhen oder verringern kann, 
woraus mit unerbittlicher Logik folgt, daß der Handel 
mit diesen Rechten nicht unter allgemein gültige wirt 
schaftliche Gesetze fällt, sondern, daß sich stets 
der Tausch zwischen Zache und Bodenrechten 
so gestalten wird, wie es die herrschende 
5 chichi für ihre Zonderinteressen verlangt. 
Je kleiner dieser Kreis, je konzentrierter die Kapital 
bildung aus der Grundrente in wenigen fänden, desto 
größer der Abstand zwischen arm und reich,' je breiter 
die Zchicht, je verteilter die Grundrente, desto allge 
meiner der Wohlstand, daher am höchsten da, wo ge 
setzlich alle partizipieren. 
Während wir also prinzipiell für höchst mögliche 
Freiheit eintreten, wo immer es sich um Tausch von 
bache gegen Zache oder von solcher gegen Arbeit handelt, 
weil diese Freiheit allein eine gerechte Verteilung der 
erzeugten werte gewährleistet, müssen wir erkennen 
lernen, daß es beim Tausch von Zachen gegen Rechte
        <pb n="148" />
        142 
5. Kapitel 
eine solche alles regulierende Freiheit nicht gibt, und 
daß hier nur die Gesetzgebung für Gerechtigkeit sorgen 
kann. 
Gerechtigkeit auf diesem Gebiete heißt 
aber unter allen Umständen: gesetzliche Für 
sorge, daß die zum Tausch aus st ehendenRechte 
der Bodennutzung keine schädigenden Mo 
mente enthalten, für alle die, die solche 
Rechte nicht zu erwerben in der Lage sind 
oder nicht erwerben wollen, aber doch auf 
diesem Grund und Boden leben müssen. 
von großer Bedeutung ist auch der internatio 
nale Tausch von Zache gegen Rechte, denn hier haben 
wir die Quelle ungeheurer Reichtümer einiger Völker und 
wirtschaftlicher Schwäche anderer. Ñus diesem Tausch 
ziehen die Engländer und Franzosen gewaltige Renten, 
namentlich die ersteren in ungeheurem Maße. Zeit 
Jahrhunderten hat sich das englische Kapital Grund- 
besitzrechte gesichert in fast allen überseeischen Ländern. 
Ts gab etwas Pulver und Blei, Gewehre und alte 
Wolldecken hin und erwarb dafür ewige Rechte am 
Boden, wo immer sie zu haben waren. ļ)eute noch 
gehören weite Gebiete in den vereinigten Staaten eng 
lischen Lords, die daraus Rieseneinkünfte ziehen, Ein 
künfte, die der amerikanische Export zu befriedigen 
hat und für den keinerlei Gegenwert wieder ins Land 
geht, was die in Ñfrika erworbenen Minenrechte für 
das englische Kapital bedeuten, braucht nicht erst er 
örtert zu werden. Ñuch die Wegerechte hat es, wo 
immer angängig, gegen sein Kapital, also gegen seine 
Zachgüter, einzutauschen verstanden. Fast alle Lisen-
        <pb n="149" />
        143 
Die Bedeutung des Tausches im Krbeits- u. Wertbildungsprozeß 
bahnen, Straßenbahnen usw. über See sind mit eng 
lischem Gelde gebaut, und die Entlohnung hierfür ist, 
sowie sie die normale Verzinsung und Amortisation 
überschreitet, nicht etwa eine Vergütung für die Trans- 
portleistung, sondern ein Ausfluß des Rechtes, daß 
niemand anders diesen Weg benutzen kann, als die 
Desellschaft, die den Betrieb inne hat. 
Dadurch sind die überseeischen Länder wirtschaft 
lich schwer belastet, und das entspringt ganz einfach 
aus der Ungleichheit des Tausches, den sie eingegangen 
sind. Sie gaben, um mit Nietzsche zu reden, „ein Ewiges 
für ein Heute hin". 
Darin liegt der Fehler. Wären diese Rechte des 
Rodenbesitzes und des Weges zeitlich begrenzt ge 
wesen, so wäre der Tausch, anstatt wie heute einseitig 
nutzbringend, auf beiden Seiten so gewesen. 
Wenn es schon unter Volksgenossen schädlich ist, 
ewige Rechte gegen einen vorübergehenden Vorteil 
hinzugeben, so ist es für ein Volk einem anderen 
gegenüber geradezu ein verbrechen an seinem natio 
nalen Leben, wenn es so handelt. Alle Naturvölker 
haben dieses auch immer gefühlsmäßig zu vermeiden 
gesucht. Erst wo der römisch rechtliche Sachbegriff die 
llöpfe verwirrt hat, ist jener Tausch entstanden, den 
die wirtschaftlich und politisch stärkeren Völker nur zu 
bereitwillig benutzen, um andere schwächere sich tribut 
pflichtig zu machen. 
Sn der Verkennung dieser Tatsache liegt auch für 
uns eine große nationale Gefahr. Wir haben kein Gesetz, 
das es z. B. dem englischen oder amerikanischen Rapita! 
verbietet, sich unserer gesamten Rohlen- und Ralischätze 
Zu bemächtigen, und es wird ein furchtbares Erwachen 
fein, wenn es einmal geschehen sollte. Rlan vergesse
        <pb n="150" />
        144 
5. Kapitel 
nicht, daß der internationale Charakter des Kapitals 
im raschen Schwinden begriffen ist. Die Internationali 
tät des Kapitals ist nur noch eine sozialdemokratische 
Phrase. Der englische und amerikanische Großkapitalist 
verfolgt absolut nationale Zwecke. Ihm liegt am Gelde 
selbst nichts mehr, denn das hat er im Überfluß. Cr 
sucht Macht und Einfluß, und indem er sein Kapital in 
den Dienst seines Volkes stellt, sichert er sich dessen 
Unterstützung, wenn seine Interessen gefährdet erscheinen. 
Man nennt das pénétration pacifique.
        <pb n="151" />
        6. Kapitel 
Das Geld als Hilfsmittel 
des Tausches 
Statt vom Tauschen, sprechen wir heute gemeinhin 
nur vom Kaufen, verkaufen und Bezahlen, und weil 
diese Dinge uns etwas Alltägliches find, so halten wir 
es nicht für der Mühe wert, sie auf ihr Wesen hin zu 
prüfen, wir sprechen vom Tauschhandel, wie er sich 
in fernen, noch unerschlossenen Weltteilen vollzieht, 
als von etwas uns Fremdem, Eigentümlichem; und doch 
ist aller Handel, jedes Geschäft, das nationale wie das 
internationale, heute genau so gut ein Tausch, wie 
jener primitive Tausch zwischen Europäern und wilden, 
oder wie der Tauschhandel unserer Vorväter vor tausend 
Jahren. 
Hier hat selbst ein Denker, wie Marx, Zchiffbruch 
gelitten. Er anerkennt wohl den Tharakter des Tau 
sches bei den internationalen Beziehungen der Völker, 
sieht aber den Prozeß des Kausens, verkaufens und 
Bezahlens innerhalb eines volksganzen als etwas 
wesentlich vom Tausche verschiedenes an. 
Ts kann nie genug wiederholt werden, daß die 
wirtschaftliche Entwicklung keine Sprünge macht,' eben 
sowenig wie die Natur. Ebenso sicher, wie der erste 
Handel der Menschheit Tauschhandel war, ist er es 
ņoch heute, er hat wohl seine Form, aber nicht sein 
iDesen geändert. Nosen bleiben Rosen, und wenn 
sie so verschieden aussehen wie eine Heckenrose und 
eine Gloire de Dijon, aber nie werden plötzlich Li- 
lien daraus. 
Pohlman, Laienbrevier. 145 10
        <pb n="152" />
        6. Kapitel 
Der Unterschied zwischen Tausch und Kauf besteht 
nur darin, daß im ersteren $alle beide Kontrahenten 
sich über die zu tauschenden Gegenstände sofort einigen, 
während beim Kauf sich der eine Teil die U)ahl des 
in Eintausch zu erwerbenden Objektes vorbehält, sowie 
die Zeit, wann, und den Drt, wo er den Tausch voll 
ziehen will. Und selbst das ist nur der $aK bei 
Zahlungen durch Papiergeld, Scheidemünze oder durch 
Geldsurrogate- denn derjenige, der einen Gegenstand 
gegen Barzahlung in Gold verkauft, tauscht im buch 
stäblichen Sinne des Wortes ein Tauschobjekt, nämlich 
seine Ware, gegen ein anderes, nämlich gegen ein Stück 
Edelmetall. 
Wenn ein Landmann zum Dorfhändler kommt und 
zu ihm sagt: hier habe ich einen Sack Hafer, gib mir 
dafür 10 Zentner Kohlen, so ist das ein Tausch,- 
sagt er dagegen: gib mir dafür entweder 10 Zentner 
Kohlen, oder 5 Zentner Kunstdünger, oder 10 Pfund 
Kaffee, ich will mir noch überlegen, welches von diesen 
Dingen ich brauche, so ist das ein verkauf- und wenn 
ihm der Krämer einen Schein ausstellt, wonach der 
Landmann berechtigt ist, einen dieser Gegenstände jeder 
zeit abzuholen, so ist dieser Schein „Geld", wenn auch 
nur in Surrogatform. 
Wenn ich von jemandem eine Uhr „kaufe" und 
„bezahle" sie mit einem 20-Warkschein, so heißt das 
mit anderen Worten: hier gebe ich dir in Umtausch 
gegen deine Uhr entweder 20 Zentner Kohlen, oder 
20 Pfund Kaffee, oder 10 Pfund Tee, oder einen neuen 
Kock, oder zwei paar Schuhe, kurz alle Dinge, die 
heute an diesem Grte gegen Auslieferung dieses Scheines 
zu haben sind. Wenn du sofort wählst, kann ich sie 
dir auch in natura liefern- willst du aber warten, so
        <pb n="153" />
        147 
io* 
Das Geld als Hilfsmittel des Tausches 
kann ich nicht versprechen, daß der Gegenstand deiner 
Wahl später noch gegen diesen Schein zu haben sein 
wird- was ich aber sicher versprechen kann, ist, daß 
du dagegen jederzeit 8 g Gold von einer ganz be 
stimmten Legierung bekommen kannst, denn darüber 
haben wir uns alle in Deutschland geeinigt, und der 
Bequemlichkeit halber halten die Regierungen, und unsere 
großen Ranken, eine große Ñnzahl solcher Stückchen 
Gold sorgfältig abgewogen in Vorrat, wenn du willst, 
hole ich dir eins. Dann tauschen wir eben die Uhr 
nicht gegen 20 Zentner Rahlen oder 20 Pfund Raffee, 
sondern gegen 8 g Gold. Nachzuwiegen brauchst du 
das Stückchen nicht, denn der Stempel der Regierung 
bürgt für volles Gewicht, und weil eben diese Stückchen 
für 20 Nlark jederzeit zu haben sind, so hat man auch 
gleich 20 Nlark daraufgestempelt *). 
Dder nehmen wir einen anderen Fall, und zwar 
aus einem Gebiete, wo der reine Tauschhandel in die 
moderne Wirtschaftswelt übergreift. (Ein Europäer 
tauscht von einem schwarzen Häuptling einen Elefanten- 
Zahn ein gegen einen Ballen Baumwollzeug, das für 
ihn den wert von 20 Mark repräsentiert, hier sehen 
wir doch den Tausch in seiner reinsten Form. Diesen 
Charakter bewahrt das Geschäft auch dann noch, wenn 
der Häuptling dem Händler für sein Baumwollenzeug, 
anstatt eines Elefantenzahnes, ein Rlümpchen Gold, 
sagen wir von 8 g Schwere, zum Tausch anbieten 
würde, und es ist ganz unerfindlich, weshalb es diesen 
i) Unser einheimischer Handel verliert den Charakter 
des Tausches dadurch, daß der Verkäufer sich durch Ñnnahme 
des Papiergeldes die Wahl der Tauschobjekte für später 
vorbehält, ebensowenig, wie eine Partie Schach aufhört, 
Schach zu sein, weil die Spielenden nicht an einem Tische 
sitzen, sondern eine Uorrespondenzpartie spielen.
        <pb n="154" />
        148 
6. Kapitel 
Charakter verlieren soll, wenn sich auf diesem Klümp 
chen Gold zufällig der deutsche Münzstempel befinden 
sollte. 
Das ist doch alles so natürlich und einfach, daß 
man kaum versieht, wie man einen Unterschied zwischen 
Kaufen und Tauschen überhaupt nationalökonomisch hat 
herauskonstruieren können. 
Man reitet zumeist darauf herum, daß das Gold, 
indem die Menschen es zu Münzzwecken verwenden, 
einen wert erhalten habe, den es sonst nicht hätte. 
Gewiß hat es dadurch, daß es ein überall begehrtes 
Zahlungsmittel ist, den Vorteil, daß es als Ware, 
wenn einmal in Menschenhände gekommen, nie die 
Stätte seines Verbrauchs zu suchen hat, wie 
alle anderen waren, daß man es nimmt, wo 
immer es erscheint, daßesdadurchstetsundüber- 
all seinen höchsten wert hat, während andere 
Waren in demselben Verhältnis im preise sinken, wie 
sie von der Stätte ihres Konsums entfernt und dem 
verderben ausgesetzt sind,- aber unter gleichen Bedin 
gungen, also an gemeinsamen Verbrauchsstätten sind 
1000 Mark Gold nicht mehr wert als 1000 Mark 
Kupfer oder 1000 Mark Weizen, wer anders argu 
mentiert, wird logischerweise 1 kg Federn für leichter 
halten müssen als 1 kg Blei. — 
Die übertriebene Auffassung vom „höheren" werte 
des Goldes beruht zum großen Teil auf alten Gefühls 
momenten, die wir immer noch nicht ganz haben ab 
schütteln können. „Vach Golde drängt, am Golde hängt 
doch alles! Ñch, wir Armen!" 
Einem Kaufmanne sind jedenfalls 1000 Mark 
waren auf seinem Speicher, solange er weiß, daß er 
sie an den Mann bringen kann, lieber als 1000 Mark
        <pb n="155" />
        Das Geld als Hilfsmittel des Tausches 
Doli» in seinem Geldschranke, denn sonst würde er die 
Maren nicht für sein Gold eingetauscht haben. 
Ñus obigem erhellt, daß, je größer die Verkehrs 
erleichterungen sind, die die Menschen einrichten, je 
schneller und billiger man jede beliebige Ware an den 
Drt ihres Verbrauches, also zu ihrem höchsten werte 
führen kann, desto mehr die Bedeutung des Goldes als 
Haupttauschware abnimmt. 
Noch mehr aber wird dieser höhere Wert illuso 
risch dadurch, daß fast alle handeltreibenden Volker 
sich Geldsurrogate in Form von wechseln, Schecks usw. 
geschaffen haben, und fast alle Rulturvolker zum 
Papiergelde übergegangen sind. 
(Es ist eine Fiktion, wenn wir meinen, wir hätten 
heute noch Metallgeld, und weil diese Fiktion eine 
Quelle allergrößter Mißverständnisse ist, so ist es nötig, 
an diese Frage einmal gänzlich unvoreingenommen her 
anzutreten. 
Geld ist das „Geltende", das, was in einem Lande 
„gilt", ein Wertzeichen, welches entweder durch Re 
gierungsakte oder nach Gewohnheitsrecht von jedem 
Bürger, sowie von den Regierungskassen jederzeit in 
Zahlung genommen wird, ganz einerlei, ob sich 
dieses Wertzeichen auf Gold, Silber, Nickel 
oder Papier befindet, ij e u t e macht der Stem 
pel das Geld, nicht die Substanz, auf der er 
sich befindet. 
(Es ist durchaus irrig, nur das gemünzte Geld als 
Geld schlechthin anzusehen und vom Papiergeld als 
Surrogat zu sprechen. Surrogate sind Schecks, Wechsel, 
Privatbanknoten, Girokonten usw., alles Dinge, deren 
sich jemand bedienen kann, wenn er will, zu deren 
Benutzung ihn aber weder Gesetz noch Gebrauch zwingen.
        <pb n="156" />
        150 
6. Kapitel 
Wir wissen ganz gut, daß in Deutschland niemand 
zur Annahme der Reichsbanknoten, ja nicht einmal der 
Reichskassenscheine gezwungen werden kann, aber das 
Gewohnheitsrecht ist hier stärker als das geschriebene. 
Wir möchten das Gesicht eines preußischen Amtsrichters 
sehen, wenn bei Liquidation eines Zwangsverkaufes 
der Empfänger die Reichsbank- und Reichskassenscheine 
zurückweisen und Gold verlangen würde. 
Tatsächlich wird auch unser Papiergeld dadurch, 
daß alle Behörden und Staatskassen es annehmen und 
z. T. anzunehmen gezwungen sind, zum gesetzlichen Zah 
lungsmittel, und es ist nur eine Fiktion, wenn wir 
es anders auffassen. 
Wollen wir Klarheit in die heutigen Währungs 
und Geldverhältnisse bringen, dann müssen wir vor 
allem das Wesen vom Schein unterscheiden lernen. 
Wie belanglos überhaupt das Recht des Staats 
bürgers ist, im Privatverkehr die Annahme von Kassen 
scheinen und Banknoten verweigern zu dürfen, geht 
daraus hervor, daß in ruhigen, geordneten Zeiten nie 
mand von diesem Rechte Gebrauch macht, daß aber 
noch alle Staaten in Krisenzeiten und bei großen Er 
schütterungen den Zwangskurs des umlaufenden Papier 
geldes eingeführt haben. Also im einzigen Falle, 
wo dem Bürger sein Recht auf Verweigerung 
des Papiergeldes etwas nützt, hat er es nicht 
mehr. 
viel konsequenter ist man da in England, wo 
ein für alle mal die Roten der Bank of England 
„legal tender“ sind, d. h. gesetzliche Zahlungsmittel, 
die jeder verpflichtet ist anzunehmen. 
Wir haben in Deutschland dieses Recht nicht, aber 
wir haben seine Substanz. Gewohnheitsmäßig ist in
        <pb n="157" />
        Das Geld als Hilfsmittel des Tausches 
fast allen Kulturländern das Papiergeld genau so gut 
gesetzliches Zahlungsmittel, wie in England, trotz aller 
Klauseln und Reservationen?) 
vom Ñugenblick an aber, wo ein Volk beschließt, 
ein Münzversprechen für die Münze selbst in Umlauf 
Zu setzen und anzunehmen (oí) durch Gesetz oder frei 
willig, ist ganz gleichgültig), von diesem Ñugenblick 
an wird das Münzversprechen, d. h. das Papiergeld, 
„das Geld an sich" und das Edelmetall sinkt zurück 
zur Mare. 
Der Übergang ist ein ebenso radikaler, wie wenn 
ein afrikanischer Negerstamm sein Kaurimuschelgeld auf 
gibt und zu Maria Theresiatalern übergeht. 
In allen Kulturländern ist heute das Papier 
geld das Geld an sich. 
Wir haben wohl Goldwährung, aber Papier 
geld. Geld ist das Umlaufsmittel, die Währung ist das 
Verhältnis, in dem dieses zu irgendeinem Edelmetalle 
steht. Wo ein solches nicht vorliegt, sprechen wir von 
Papierwährung. Das in Umlauf befindliche Goldgeld ist 
ein Luxus, den sich wohlhabende Völker leisten- es ist 
keine Notwendigkeit. 
Handel und Verkehr würden nicht im geringsten 
leiden, wenn alles Gold, das in der deutschen Volks 
wirtschaft steckt, ungemünzt in den großen Banken 
läge, und wir entweder nur Papiergeld hätten oder 
handliche ñluminiumstücke mit den verschiedenen Nenn 
werten. 
i) flm deutlichsten kommt dieses in Frankreich zum ñus- 
druck. In England löst jedenfalls jede Bank im gewöhn 
lichen Verkehr einen präsentierten Scheck auf Wunsch in Gold 
ein. In den französischen Banken bekommt man als Begel 
nur Papier, Gold dagegen nur unter vielen Schwierigkeiten.
        <pb n="158" />
        152 
6. Kapitel 
Der oft gehörte Einwand, daß eine möglichst weite 
Verteilung von Goldmünzen im Lande wünschenswert 
sei, um die Elastizität des Umlaufsmittels zu wahren 
und im Falle einer Krisis und eines Krieges als Re 
servefond zu dienen, ist durchaus nicht stichhaltig, wer 
Gelegenheit gehabt hat, zu beobachten, mit welcher 
unheimlichen Geschwindigkeit das im Umlauf befind 
liche Metallgeld aus einem Lande verschwindet, sowie 
die Währung durch einen Krieg oder eine Krisis er 
schüttert wird, der kommt zur Erkenntnis, daß es ratio 
neller ist, wenn dieses Geld irgendwo konzentriert als 
Deckung von Notenausgaben und dergleichen vorhanden 
ist, als indem es verzettelt von Millionen vielleicht in 
der aller irrationellsten weise verwendet wird, auf 
gespeichert, versteckt ober exportiert. 
Unser deutsches System mit viel Gold und wenig 
Banknoten in Umlauf ist vornehm und schon,- das 
französische aber mit viel Banknoten und wenig Gold 
ist ungleich wirtschaftlicher. — 
Wie bedeutungslos die Funktion des Goldes als 
Geld überhaupt ist, geht daraus hervor, daß die Banque 
de France z. B. im Jahre 1886 hat konstatieren lassen, 
daß von allen Zahlungsoperationen des Jahres 43%°/» 
in Geldsurrogaten, Wechseln und Schecks, 52% in Pa 
piergeld und nur 4 Vs o/o in Gold und Silber statt 
gefunden haben. Line noch überraschendere Tatsache 
ergab sich bei der Bank of England. Bei einer durch 
schnittlichen täglichen Zahlung von 4 445 000 £ ge 
schahen 87Vg"/o in Schecks und wechseln, \2 s / i °/ 0 in 
Banknoten und nur % % in Gold. Ja, an einem Tage 
betrug bei einer Gesamtzahlung von 4775 593 £ die 
Barzahlung nur 4632 £. 
hätten wir keine Geldsurrogate, namentlich aber
        <pb n="159" />
        153 
Vas Geld als Hilfsmittel des Tausches 
kein Papiergeld, sondern nur Goldgeld, dann wären 
allerdings die Argumente der Bimetallisten über die 
Zu kurze Golddecke berechtigt, und unter diesen Um 
ständen hätten auch die sonst tiefsinnigen und richtigen 
Ñrgumente Flürscheims und anderer in bezug auf 
Warengeld volle Berechtigung. Diese Gegner unseres 
heutigen Geldsystems übersehen aber, daß das, was 
sie mit allen Argumenten herbeizuführen wünschen, be 
reits vorhanden ist, und daß wir das von ihnen er 
hoffte Warengeld heute schon haben. Da mögen noch 
einige Modifikationen erwünscht sein, im Prinzip ist 
es vorhanden. 
wenn das Gold wirklich, wie seine Feinde be 
haupten, durch die Tatsache, daß man es zur Prägung 
von Münzen und als Umlaufmittel benutzt, einen Aus 
nahmewert vor allen anderen Substanzen erhält, so 
war das früher der Fall, als man noch kein Papier 
geld hatte,- mit seiner Lntmonetisierung wurde es zur 
Ware wie jede andere, nur daß sie in kostbareren 
Uankgewälben liegt, anstatt auf ordinären Speichern. 
Daß der Stempel das „Geld" macht, und nicht die 
Substanz, auf die er gesetzt ist, beweist auch unsere 
Scheidemünze, bei der es gänzlich überflüssig ist, daß 
man sich zu ihrer Herstellung des Silbers, also eines 
Edelmetalls, bedient. 
Wenn man auf ein Stück Metall, das nur 3 Mark 
wert ist, den Stempel von 5 Mark setzt, so wie es 
heute geschieht, so ist es vollständig unerfindlich, wes 
halb man nicht ein Stück Metall nimmt, das nur 
20 pfg. kostet, vorausgesetzt, es entspricht den Bedin 
gungen, die man sonst an eine Münze stellt, nämlich 
geringer Abnutzung, Reinlichkeit usw. 
Unser Silbergeld ist ein Anachronismus sonder-
        <pb n="160" />
        154 
6. Kapitel 
gleichen, und Deutschland hat seinerzeit bei Einführung 
der Goldbasis einen großen Fehler gemacht, daß es 
damals nicht jede Gelegenheit benutzte, um das vor 
handene Silber abzustoßen. 
Tïïaît fürchtete den dadurch unbedingt erfolgenden 
Preissturz und übersah ganz, daß durch künstliche Hoch- 
haltung des Silberwertes die Produktion so angeregt 
werden würde, daß der Preisrückgang doch einmal ein 
treten mußte und zwar in verschärfter Form. 
Es ist heute, wie gesagt, gar kein Grund mehr 
vorhanden, weshalb wir uns zum prägen des Geldes 
noch des Edelmetalls bedienen. Jede andere Substanz 
tut dieselben Dienste, es sind nur drei Bedingungen 
zu erfüllen: die Prägung muß die höchstmöglichste 
Sicherheit gegen Fälschung geben, die Substanz muß 
reinlich, dauerhaft und nicht zu voluminös fein, und 
dasGeldmuß jederzeit gegen ein bestimmtes 
Quantum einer allgemein beliebten Ware 
einzutauschen sein. 
Ñls geeignetste hat sich hierfür im Laufe der Jahr 
hunderte das Gold herausgestellt, und damit kommen 
wir zu einer Erörterung über die viel umstrittene 
G old basis. 
Das Goldgeld haben wir für überflüssig erklärt, 
aber wie steht es mit der Goldbasis für unser Papier 
geld? 
Es gibt Nationalökonomen, die auch die Notwendig 
keit dieser Basis leugnen. Sie ist unzählige Male an 
gefochten worden. In der Tat gibt es auch eine Reihe 
sonst hoch entwickelter Länder ohne eine Edelmetallbasis, 
d. h. mit reiner Papiergeldwährung, und teilweise er-
        <pb n="161" />
        155 
Das Geld als Hilfsmittel des Tausches 
freuen sie sich sogar eines leidlichen Wohlergehens. 
Ñlso es geht auch ohne Gold und Silber. Die Basis 
ist nicht notwendig, aber sie ist außerordentlich 
Zweckmäßig. 
Dieses wird uns sofort klar werden, wenn wir 
uns die Funktion vergegenwärtigen, die das Edel 
metall im Wirtschaftsleben erfüllt. Je entwickelter und 
je fester organisiert ein Staat ist, um so mehr trägt 
er den Charakter einer in sich abgeschlossenen Pro 
duktions- und Konsumgenossenschaft. Gr ist im Großen 
das, was jeder Wirtschaftsbetrieb im Kleinen ist. Nun 
% wenn auch nicht die conditio sine qua non, so 
doch jedenfalls die Vorbedingung einer gedeihlichen Ent 
wickelung eines jeden modernen Betriebes das Vor 
handensein eines gewissen Betriebskapitals, d. h. es 
genügt nicht, daß ein Betrieb über wertvolle Ma 
schinen, tüchtige Kräfte, genügende Nohstoffe usw. ver 
füge, er muß, um in einem lebhaften, nutzbringenden 
Ģeschäftsaustausch mit allen seinen Nachbarn bleiben 
Zu können, einen Vorrat von werten haben, die diese 
Nachbarn jederzeit anzunehmen gewillt sind, ja, zu 
deren ñnnahme sie eventuell gezwungen werden können. 
Diese Funktion erfüllt innerhalb einer Volksgenossen 
schaft das Geld mit seinen Surrogaten. Ls versagt 
aber seinen Dienst, sowie es sich um Regelung der 
internationalen Beziehungen der großen Volks 
gemeinschaften untereinander handelt, weil es heut 
zutage ja nur den Charakter von Papiergeld trägt. 
Daher verlangt es die glatte, verlustfreie Rege- 
lung des internationalen Güteraustausches, daß jedes 
Dolk ein seiner Bedeutung entsprechendes Betriebs 
kapital habe in einer Form, durch die jeder Nach 
bar sofort befriedigt werden kann.
        <pb n="162" />
        6. Kapitel 
Der Ldelmetallbestand in den großen Lanken 
Deutschlands, Englands, Frankreichs ist eben das Be 
triebskapital dieser Länder in der zweckentsprechend 
sten Form. 
Länder, die solche Betriebskapitalien nicht haben, 
denen also die Goldbasis fehlt, leiden daher an genau 
den analogen Schwierigkeiten, an denen Privatunter 
nehmer unter gleichen Bedingungen zu laborieren 
haben, bis zu dem Punkte, daß sie ihren Bankerott 
erklären müssen. 
Wenn ein großes Handelshaus nicht genügend 
flüssiges Betriebskapital hat, um jederzeit seinen Ver 
pflichtungen nachkommen zu können, so kommt es in 
die Zwangslage, werte angreifen zu müssen, die es 
gern behalten hätte, und die die Grundlage des Ge 
schäftes bilden. 
Dadurch erhält der Betrieb etwas Unsicheres und 
verliert die Konkurrenzfähigkeit gegenüber solchen, die 
nicht zu diesen Mitteln zu greifen brauchen. Genau 
so bei den großen Betriebsgenossenschaften, die wir 
Staaten nennen. Solange diese ihren internationalen 
Verpflichtungen durch Schiebungen des Goldbestandes, 
also mit dem vorhandenen Betriebskapital, erfüllen 
können, werden die Verhältnisse gesund und stabil 
bleiben. Dabei ist es gar nicht immer nötig, daß 
das Gold zur Begleichung der Zahlungsbilanz wirklich 
hin- und hergeschoben wird. Das Vorhandensein des 
Betriebsfond genügt in den meisten Fällen, die Nach 
barn zu veranlassen, sich mit Surrogaten zu begnügen. 
Erweist sich der Betriebsfond aber als ungenü 
gend, oder fehlt er ganz, wie bei Ländern mit Papier 
währung, dann sind diese häufig gezwungen, um ihren 
internationalen Verpflichtungen nachzukommen, ent-
        <pb n="163" />
        157 
Das Geld als Hilfsmittel des Tausches 
weder produktive werte, oder Grundbesitz und Monopol 
rechte an Verkehrsmitteln usw. zu veräußern, oder zu 
fremden Anleihen zu greifen, alles Dinge, die finanzielle 
Dpfer erfordern und die überaus verhängnisvollen 
Schwankungen der Valuta hervorrufen, die wir bei 
den Papierwährungsländern beobachten können. 
Meistens geht hiermit auch eine Entwertung 
der Valuta Hand in Hand - und weil dem so ist, hat sich 
der Glaube eingebürgert, daß diese ein unzertrennliches 
Korrelat jeder Papierwährung sei. 
Das ist aber nicht der Hall. Der Verfasser hat 
in Brasilien im Jahre 1889 eine Periode durchlebt, 
in der das brasilianische Papiergeld höher im werte 
stand als Gold, und wo bei Ankäufen von Landes 
produkten den Pflanzern zur Bedingung gemacht wurde, 
Dold anstatt Papiergeld zu nehmen, weil der Handel 
seinen Vorteil dabei fand. 
Lin Land mit großen natürlichen Hilfsquellen, 
mit geordneten Verhältnissen und ehrlicher Verwal 
tung wird eine dauernde Entwertung seiner Papier 
valuta wohl verhindern können (eine Erkenntnis, die 
viele veranlaßt, der letzteren das Wort zu reden und die 
Doldbasis überhaupt für überflüssig zu erklären), was 
über ohne Gold nie verhindert werden kann, sind die 
großen Schwankungen der Valuta. 
Auch unsere Valuta schwankt natürlich bis zu einem 
gewissen Grade, aber dieser liegt in ziemlich engen 
Ñrenzen, nämlich den Eransportkosten auf Gold- 
sendungen und den Bankdiskontdifferenzen. 
In Papierwährungsländern, wo das Geld nicht 
jederzeit gegen eine bestimmte Menge Gold eintausch 
bar ist, sondern nur gegen bestimmte Mengen von 
Waren, je nach deren Marktwert, schwankt es natür-
        <pb n="164" />
        158 
6. Kapitel 
ltd) mit diesem, und nicht allein hiermit, sondern auä) 
noch mit jeder richtigen oder verkehrten wirtschafts 
politischen Maßnahme der betreffenden Regierungen, 
sowie mit jeder Vermehrung oder Verminderung des 
Papiergeldes selbst. 
Der Papiergeldausgabe ohne Ldelmetallbafis fehlt 
eben die fidlere Norm ihres Umfanges. Einer Re 
gierung, die ehrlich bestrebt ist, ihr versprechen zu 
halten, jederzeit gegen einen Zwanzigmarkschein 8 g 
Gold auszuliefern, ist ein auf Wahrscheinlichkeitsrech 
nung beruhender Notenumlauf durch die Erfahrung 
vorgeschrieben, wo diese Bafts fehlt, gewinnen zu 
leicht jene Rnschauungen überhand, daß man wirt 
schaftliche Notstände einfach durch Papiergeldausgabe 
beseitigen könne, ungefähr nach demselben Rezept, wie 
man den Warenbestand vermehren könnte, indem man 
Maß und Gewicht verkleinert, womit nicht gesagt sein 
soll, daß nicht gern eine gewisse Elastizität der Um 
laufsmittel eintreten kann. Theoretisch ist es na 
türlich einerlei, ob ein Edelmetall oder eine andere 
Ware als Basis des Notenumlaufs dient. Das Betriebs 
kapital der Volker braucht auch gar nicht in ge 
münztem Golde zu bestehen. Einfache Gold- oder 
Silberbarren würden vollständig genügen, wie seiner 
Zeit in Hamburg, ebenso Rupferbarren, wie heute 
noch im nördlichen China. Ruch Nickel und Lisen könnte 
man nehmen. Rber das führende Volk der modernen 
Handelswelt, England, wählte Gold als die Ware, die 
ihm die Zweckmäßigste schien, und so mußten die übrigen 
handeltreibenden Länder wohl oder übel folgen, wenn 
sie nicht fortgesetzt Verluste erleiden wollten. 
Der Hergang, der zu diesem Zwange führt, ist 
ja auch der denkbar einfachste,' man muß sich nur
        <pb n="165" />
        159 
Das Geld als Hilfsmittel des Tausches 
vergegenwärtigen, daß alle internationalen Beziehungen, 
so großartig das Kreditsystem auch ausgebildet sein 
mag, und so häufig auch vorübergehend mit Bezugs 
rechten, Ñnteilscheinen, Ztaatspapieren operiert werden 
mag, schließlich einmal in waren liquidiert werden 
müssen. 
Der tatsächliche Warenaustausch steht stets am Ende 
aller Handelsbeziehungen- oder besser gesagt, wenn die 
Zahlungsbilanz zwischen zwei Völkern den Kredit über 
steigt, den das eine dem andern zu gewähren in der 
tage ist, dann müssen Warenlieferungen stattfinden, 
oder es müssen Rechte veräußert werden. 
Nun lauten fast alle Zahlungsversprechen im inter 
nationalen Verkehr auf Gold. Diejenigen Völker also, 
die bei Regelung ihrer Zahlungsbilanz auf dieses RIetall 
selbst als Exportware zurückgreifen können, werden ohne 
weiteren Verlust ihre Verbindlichkeiten erfüllen können. 
Diejenigen aber, die nicht dazu in der Lage sind, die, 
wie Indien und Mexiko, in Silber, wie Brasilien in Kaffee 
und Gummi ihre Zahlungsbilanz begleichen müssen, sind 
genötigt, sich den Bedingungen zu unterwerfen, zu 
denen das Gläubigerland ihre waren anzunehmen ge 
willt ist. Cs ist genau dasselbe Verhältnis wie zwi 
schen zwei Privatpersonen, von denen der eine des 
anderen Guthaben nicht in kuranter Münze zu be 
gleichen vermag. Zucht er den andern auf andere 
tDeife, also durch Ñbtretung gewisser waren oder Ge 
brauchsgegenstände, zu befriedigen, so geschieht es fast 
ausnahmslos mit Verlust für ihn, da der Gläubiger 
in der Lage ist, den preis zu bestimmen, zu dem er 
die ihm angebotenen Dinge nehmen will. 
Der Warenaustausch verliert dadurch seinen freien
        <pb n="166" />
        160 
6. Kapitel 
Charakter und gleichzeitig den, nach beiden Zeiten hin 
vorteilhaft zu sein. 
In anderen Worten: Völker, die nicht 
ihre eigene Valuta auf den von den stärk st en 
Handelsnationen gewünschten Tauschwaren 
aufbauen, werden stets im Handel mit ihnen 
Verluste erleiden. 
Daher die Zweckmäßigkeit der heutigen Goldwäh 
rung, womit nicht gesagt sein soll, daß es keine Silber- 
währung geben könnte, wenn die großen Handels 
nationen sich darüber verständigten. 
Nur eine Doppelwährung ist ausgeschlossen, 
denn ebensowenig wie alle Negierungen der Welt die 
höhe von Cbbe und Flut regeln können, sind sie im 
stande, das relative Wertverhältnis zweier Waren fest 
zulegen. Für einen Ñugenblick wohl, aber nicht für 
die Dauer. 
Wenn durch internationales Übereinkommen vom 
1. Januar, der relative Wert von Gold und Silber 
festgelegt worden ist, so wird vom 2. Januar ab 
schon für das eine oder andere Metall ein ñgio vor 
handen sein. 
Niemand kann ein Volk zwingen, nicht einem der 
beiden Metalle stillschweigend einen Vorzug zu ge 
währen, und unmerklich aber sicher wird das vom 
wirtschaftlich stärksten Volke bevorzugte Metall die Basis 
abgeben, zu der das andere in ein fluktuierendes Ver 
hältnis tritt. 
hat sich aber einmal wieder, wie bei unserem 
Zilbergeld ein Unterschied zwischen Nenn- und intrinsi 
schem wert der Münzen herausgebildet, gilt also 
der Stempel mehr als das, worauf er gedruckt ist, 
dann fällt ja wieder der Grund fort, ein Edelmetall
        <pb n="167" />
        Po him an, Laienbrevier. 
161 
11 
Vas Geld als Hilfsmittel des Tausches 
zum Träger des Geldstempels zu machen. Aluminium 
oder Papier würde dieselben Dienste leisten. 
Also wenn die Völker dahin kommen, selbst minder- 
wertige Zilbermünzen, nur weil sie den gemeinsam 
anerkannten Ztempel tragen, für voll anzunehmen, 
dann brauchten sie überhaupt keine Metallbasis mehr 
und würden mit internationalem Papiergeld aus 
kommen. 
Das aber scheint auf absehbare Zeit ausgeschlossen, 
und somit wird das heutige Zystem des nationalen 
Papiergeldes mit Goldbasis wohl noch lange das herr 
schende bleiben, weil das vernünftigste und zweckmä 
ßigste: das Gold als internationale Tausch 
ware, das Papiergeld als nationaler Tausch 
vermittler, und beides in zweckmäßigster Wechsel 
wirkung zueinander, so daß der Inhaber des nationalen 
Papiergeldes auch gleichzeitig die Gewißheit hat, das 
Zur Begleichung etwaiger internationaler Verpflich 
tungen nötige Edelmetall ohne weiteres in der Hand 
Zu haben.
        <pb n="168" />
        162 
7. Kapitel 
Das subjektive Gefühl als wirt 
schaftlicher Faktor 
wenn wir die menschlichen Handlungen auf ihre 
Motive prüfen, dann scheinen die beiden, das kauf 
männische Rechenexempel und das subjektive Gefühl, 
zwei so verschiedenen Gebieten anzugehören, daß ihre 
gegenseitige Beeinflussung beinahe so unmöglich er 
scheint, wie die Addition von 2 Äpfeln und 2 geringen. 
Da nun das Studium der Volkswirtschaft nament 
lich mit Zahlenmaterial zu rechnen hat, und, nur auf 
Zahlen gestützt, sichere Grundlagen gefunden werden 
können, so verfällt man zu leicht in den Fehler, zu 
glauben, daß sie im Wirtschaftsleben allein ausschlag 
gebend seien, und man behandelt das andere Motiv 
menschlichen Handelns, das subjektive Gefühl, als eine 
quantité négligeable. 
Und doch ist es Tatsache, daß nichts sich schneller 
in Zahlen umzusetzen vermag wie das Gefühl, daß 
es in ganz hervorragender weise das Wirtschaftsleben 
beeinflußt, und daß nur der das letztere richtig zu 
beurteilen vermag, der diesen Faktor in sein Betrach 
tungsfeld zieht. 
Zunächst schon bei der Beurteilung wirtschaftlicher 
Wechselwirkungen ist es wichtig zu erkennen, daß hier 
die natürliche Reihenfolge von Ursache und 
Wirkung, wie wir sie auf allen anderen Gebieten 
haben, eben durch menschliche Voraussicht und Ge 
fühlsmomente aufgehoben wird. Ja, man kann ge 
trost sagen, daß es im Wirtschaftsleben bei allen offen-
        <pb n="169" />
        Vas subjektive Gefühl als wirtschaftlicher Faktor 
kundigen Ursachen vielmehr die Regel als die ÑUS' 
nähme ist, daß ihre Wirkungen ihnen voraus 
eilen, und die Bedeutung dieser Tatsache steigert sich 
im selben Maße, wie sich Verkehr und Nachrichten 
dienst entwickeln. 
wenn in Deutschland z. B. im (Oktober eine große 
Rübenernte in Ñussicht steht, dann müßten bei nor 
maler Reihenfolge von Ursache und Wirkung die Zucker 
preise im November anfangen herunterzugehen. Sie 
tun das aber schon in den Monaten vorher, und wür 
den es auch tun ohne die Baisse-Spekulation, einfach 
weil jeder, der mit dem Artikel zu tun hat, die große 
Ernte „eskomptiert" wie der börsentechnische Ausdruck 
heißt. 
wer weiß, oder zu glauben berechtigt ist, daß 
im November Überschuß an einer Ware vorhanden 
sein wird, wäre ein Narr, wenn er im Juli noch 
ohne zwingende Notwendigkeit zu alten Preisen kaufen 
wollte, und alle, die diese Ware zu verkaufen haben, 
versuchen natürlich, sie vor Eintreffen der großen neuen 
Zufuhren los zu werden. 
Umgekehrt liegt die Sache bei einer zu erwartenden 
schlechten Ernte; dann wird der preis schon steigen, 
ehe die Ware tatsächlich knapp ist, weil jeder, der 
sie hat, sie zurückhält, während jeder, der sie nicht 
hat, sich zu versorgen sucht. So verschieben sich An 
gebot und Nachfrage schon vor Eintreten der Tat 
sache, die sie verursacht. 
Daraus erklärt sich auch die dem Laien oft un 
begreifliche Erscheinung, daß mitunter mitten in einer 
großen Ernte die Preise in die höhe gehen und in 
einer kleinen sinken. 
wenn eben der Preissturz oder die Steigerung vor-
        <pb n="170" />
        7. Kapitel 
her zu stark war, wenn zu viel „eskomptiert" worden 
ist, dann kann ein Punkt kommen, wo die Leute ihren 
Irrtum korrigieren müssen,- die, die zu lange gewartet 
haben, müssen kaufen, und die, die zu viel gekauft haben, 
finden, daß andere mit ihnen denselben Fehler gemacht 
haben, und nun mehr Vorräte vorhanden sind, als man 
tragen kann. Ihr Gefühl hat sie eben betrogen und setzt 
sich für sie in sehr unliebsamer weise in Zahlen um. 
Dazu kommt noch das Verhängnisvolle, daß der Glaube 
ansteckend wirkt. (Es wird nur wenige geben, die sich 
der allgemeinen Tendenz zu entziehen vermögen, wer 
es aber kann, wer die moralische Kraft hat, zeit 
weilig gegen die allgemeine Meinung zu operieren, 
der wird im Wirtschaftsleben der Erfolgreichste fein; 
eben der, der den Glauben, das subjektive Gefühl 
seiner Mitmenschen, auszunutzen versteht, während er 
selbst kühl berechnend bleibt. 
Bei der Wechselwirkung zwischen Preisbildung und 
Produktion ist es nun nicht einmal nötig, daß die 
Tatsachen schließlich genau den gehegten Erwartungen 
entsprechen; es genügt häufig der Glaube daran. 
So können in Zeiten langjähriger Depression sehr 
starke Tatsachen nur eine ganz geringe Wirkung aus 
üben, wenn einmal das vertrauen fehlt, während in 
lebhaften Zeiten ganz nebensächliche Tatsachen, ganz 
bedeutende Wirkungen Hervorrufen können. — 
Ich erinnere mich eines Falles zu Ende der 
80 er Jahre, da verursachten einige mäßige Rüben 
ernten, zusammen mit dem Ñnwachsen des Konsums, 
eine so gespannte statistische Lage des Zuckers, daß 
gewisse Interessentenkreise ausrechneten, daß vor Ein 
treffen der neuen Rübenernten alle Weltvorräte bis 
auf ein Minimum erschöpft sein würden; ja einige
        <pb n="171" />
        U 
165 
Das subjektive Gefühl als wirtschaftlicher Faktor 
Heißsporne gingen soweit, zu behaupten, daß der Kon- 
sum überhaupt nicht würde befriedigt werden können, 
es sei denn zu nie dagewesenen Preisen. 
Aber diese Berechnungen und Prophezeiungen fielen 
in eine Zeit, wo die Spekulation in Zucker durch jahre 
lange Mißerfolge total entmutigt war, man glaubte 
einfach diesen Zahlenreihen nicht, und merkwürdigerweise 
behielt in dieser Divergenz zwischen bewußter Berech 
nung und unbewußtem Gefühl das letztere Recht. Man 
konnte die Zahlen nicht mit Zahlen widerlegen, aber 
das Gefühl sagte, daß ein Zustand völliger vorrats- 
losigkeit in einem so großen Artikel wie Zucker gar 
nicht vorkommen kann, es verließ sich auf die vielen 
Smpoderabilien im Wirtschaftsleben, auf die überall 
verteilten unsichtbaren Vorräte, und diese halfen dann 
auch den offenkundigen über eine Erschöpfung hinweg. 
Man sieht, es kommt nicht immer auf das Tat 
sachenmaterial an, sondern der Glaube daran, die so 
genannte Meinung spielt eine hervorragende Rolle, und 
da sie in durchaus greifbaren Resultaten in Mark 
und Pfennigen zum Ausdruck kommt, so erscheint sie 
als wirtschaftlicher Faktor von nahezu gleicher Be 
deutung wie das Tatsachenmaterial. 
Ähnliche Anschauungen bringt ein so gründlicher 
Beobachter der Weltmarktverhältnisse, wie Professor 
Ruhland, für Getreide zum Ausdruck, indem er sich 
im „Entwickelungsprogramm der Preisbildung für Ge 
treide" wie folgt, äußert: „Die Preisbildung für Ge 
treide nach Angebot und Nachfrage ist heute keine Tat 
sache, sondern ein Programm. Die Riesenmassen, welche 
täglich auf der Erde in Getreide umgesetzt werden, sind 
keinem körperlichen Auge sichtbar. Deshalb tritt heute 
an Stelle der früher auf dem Lokalmarkte gewohnten
        <pb n="172" />
        166 
7. Kapitel 
persönlichen Augenscheinnahme der angebotenen Ware 
die Nachricht über die Ware. Die Gesamtheit der 
im Nlarkt bekannt werdenden Nachrichten bildet die 
Marktmeinung. Und die Nlarktmeinung bestimmt 
den Marktpreis, wenn — wie zu Ñnfang der 
90 er Jahre des letzten Jahrhunderts — alle Welt 
an eine „riesige Überproduktion an Getreide" glaubt, so 
kommt es zu einer wesentlichen Getreideentwertung auch 
dann, wenn tatsächlich von Überproduktion in Getreide 
gar nicht die Rede sein kann." 
Genau so preisbildend kann der Glaube, das Ge 
fühl, sein, wenn es sich um Eingriffe des Staates 
ins Wirtschaftsleben handelt, wie z. B. bei der Frage 
der Zölle. 
hier haben wir eine Wirkung des Gefühls nach 
zwei Seiten, einmal nach der der Produzenten, dann 
nach der der Konsumenten. 
Die landwirtschaftlichen Zölle und die verschärften 
Grenzsperren haben, nach Ñusspruch kompetenter Per 
sönlichkeiten und nach den über Güterbewegung ver 
öffentlichen Zahlen, eine Preissteigerung landwirtschaft 
licher Besitzungen hervorgerufen, die weit über das 
Maß der Wirkung der Zölle hinausgeht. Ja, es gibt 
Stimmen, die besagen, daß der durch die Zollpolitik 
erzielte Mehrertrag überhaupt illusorisch sei. — Den 
noch ist die Erhöhung der Landpreise etwas durchaus 
Reales und psychologisch durchaus erklärlich, wenn 
eine Interessengruppe sich ganz in den Gedanken hinein 
gelebt hat, daß ein Zoll ihre Verhältnisse bessern, 
ihre Erträge steigern werde, wenn dieses Ziel mit 
allen Mitteln des politischen Kampfes erstrebt und 
dann endlich erreicht wird, dann ist der Glaube an 
den Erfolg so stark, daß er die einzelnen handeln
        <pb n="173" />
        167 
Das subjektive Gefühl als wirtschaftlicher Faktor 
läßt, als ob das von ihnen Erhoffte Tatsache wäre, 
selbst wenn es nicht der Fall ist. 
Daß ein so irregeleitetes Gefühl eventuell durch 
die harten Tatsachen korrigiert wird, mag sein, aber 
inzwischen ist es volkswirtschaftlich nicht einerlei gewesen, 
ob lediglich aus Gefühlsmomenten heraus für das Recht 
der Bodennutzung 1 oder 2 Milliarden Sachgüter mehr 
hergegeben worden sind, als sonst der Fall gewesen wäre. 
Ähnlich wirkt der Glaube an den Zollschutz, resp. 
die Grenzsperre, nach der Konsumentenseite. 
Es mag hundertmal von interessierter Seite nachge 
wiesen und mit dem überzeugendsten Zahlenmaterial 
belegt werden, daß im Grunde die Grenzen für Fleisch 
gar nicht gesperrt seien, weil ja die Nachbarländer, 
Österreich und Rußland, noch nicht einmal ihr er 
laubtes Kontingent zu uns herübersenden,- es mag nach 
gewiesen werden, daß es sich bei der gegenwärtigen 
Teurung um eine Weltkonjunktur handle,- das Gefühl, 
daß die Grenzen gesperrt seien, genügt vollständig, um 
einen anderen Preisstand hervorzurufen als den, den 
wir haben würden, wenn es nicht vorhanden wäre. 
Ls liegt nicht so, daß die Konsumenten, die doch 
die Leidtragenden sind, nun freiwillig höhere Preise 
zahlten. Das Hauptmoment liegt in der Stärkung der 
Hausse-Spekulation, wer waren zu verkaufen hat, 
wird naturgemäß eine andere Haltung annehmen, wenn 
das allgemeine Gefühl vorherrscht, daß ihm von außen 
keine Konkurrenz gemacht werden kann, als wenn er 
weiß, die Grenzen sind offen, und aus irgend einem 
Winkel der Erde kann plötzlich ein so starkes Angebot 
auftauchen, daß er mit seinen teuren Vorräten sitzen 
bleibt. Venn der ungehinderte Handel weiß mit un 
glaublicher Schnelligkeit auszufinden, wohin es sich
        <pb n="174" />
        168 
7. Kapitel 
lohnt, waren zu schicken, und oft kommt es so, daß 
gerade dort, wo die Preise am höchsten waren, ein 
Preissturz früher einsetzt als anderswo. 
Natürlich kommt bei allem Einfluß des Gefühls 
immer einmal ein Punkt, wo die Tatsachen stärker sind 
und ersteres korrigieren. 
Line Ware kann dauernd nicht unter ihrem Pro 
duktionskostenpreis verkauft werden, wobei allerdings 
zu berücksichtigen ist, daß dieser nach unten hin außer 
ordentlich dehnbar ist- auf der andern Seite kann auch 
die stärkste Hausse-Meinung keinen Zusammenbruch der 
Preise verhüten, wenn eine Gegenmine auftritt, bei 
der sich die Meinung mit den Tatsachen einer Über 
produktion, resp. eines Unterkonsumes, deckt. Ģter reden 
die Trümmer aller verkrachten „Torner", von denen die 
Kaufmannswelt zu reden weiß, eine deutliche Sprache. 
Gerade an diesem Gegenspiel zwischen Hausse- und 
Baisse-Spekulation kann man sehen, daß es sich im Grunde 
vielmehr um einen Handel in Meinungen als in waren 
handelt. Und wenn hiergegen eingewandt wird, daß 
sei eigentlich gar kein legitimer Handel mehr, so muß 
hervorgehoben werden, daß er sehr viel solider ist, als 
der alte legitime Handel es je war. 
Der altmodische Kaufmann vor 70—80 Jahren 
kaufte z. B. Baumwolle in Neuorleans, befrachtete 
ein Schiff und sandte die Ware zum verkauf nach 
Liverpool, Hamburg, Havre oder wo immer er glaubte, 
einen guten Markt zu haben. 
Damit war er allen Zwischenfällen ausgesetzt, die 
sich in den 8 bis 10 Wochen ereignen konnten, während 
die Baumwolle auf dem Gzean schwamm, ja, der Zeit 
raum des Risikos war noch größer, denn seine Ein 
kaufspreise waren nach Notierungen aus den Konsum-
        <pb n="175" />
        169 
Das subjektive Gefühl als wirtschaftlicher Faktor 
ländern kalkuliert, die auch schon 4—6 Wochen alt 
waren. 
hatte er nun günstig eingekauft, und ging alles 
gut, so war wohl ein hübscher Verdienst zu erzielen,- 
traten aber unvorhergesehene politische Störungen ein 
oder Handelsstockungen, oder war zufällig gerade viel 
Baumwolle aus anderen Ländern angekommen, dann 
konnten die Verluste einen Umfang annehmen, den 
heute jeder einigermaßen solide Kaufmann zu ver 
meiden sucht. 
Dieses legitime Warengeschäft, wo noch tatsäch 
lich mit waren gehandelt wurde, war also in hohem 
Nkaße spekulativ und gefährlich. 
Vergleichen wir einmal damit den heutigen Handel 
in Meinungen! Dem Neuorleans-Kaufmann stehen 
die Nachrichten über sämtliche Baumwollernten und 
Verschiffungen der ganzen Welt zur Verfügung, hier 
aus bildet er sich eine Meinung über die mutmaß 
liche Bewegung der Preise im Laufe der nächsten Monate, 
und ferner ist er über die Chancen seines eigenen 
Viarktes durch enge Verbindung mit den Baumwoll- 
produzenten aufs beste unterrichtet. Je nachdem er 
nun ein Weichen oder Steigen der Preise erwartet, 
wird er entweder als Käufer auftreten, oder er wird 
an den Terminbörsen das häufig von Laienkreisen in 
verständnislosester weise abgeurteilte Blankogeschäft 
Machen, d. h. er wird Baumwolle auf Lieferung in 
2—3 Monaten verkaufen, ohne sie zu haben, in der 
sicheren Voraussetzung, daß er sie bekommen wird. 
Jedenfalls hat er es immer in der Hand, sein Risiko 
durch Cindeckung an der Börse abzugrenzen, während 
der alte Kaufmann bei seinem sogenannten legitimen
        <pb n="176" />
        170 
7. Kapitel 
Geschäft hoffnungslos den Chancen des Marktes aus* 
geliefert war. 
So stellt der Handel mit Meinungen tatsächlich eine 
höhere Stufe des Wirtschaftslebens dar als der alte 
in tatsächlicher Ware. 
Lin anderes Beispiel, wie das Gefühl in direkter 
weife auf die wirtschaftliche Entwickelung eines vol- 
kes einwirken kann, haben wir in Deutschlands jüngster 
Vergangenheit. 
wir alle sind Zeugen der Unlust für koloniale 
Unternehmungen gewesen, die unser Volk im Gegen 
satz zu Engländern, Franzosen und Amerikanern ge 
zeigt hat. welche Ursachen dieser Unlust zugrunde 
lagen, ist einerlei,- Tatsache ist, daß das Auftreten einer 
starken Persönlichkeit die Meinung über koloniale Dinge 
merklich zu beeinflussen beginnt, warum denn? hat 
sich irgend etwas in den wirtschaftlichen Verhältnissen 
der Kolonien geändert? Sind neue Entdeckungen ge 
macht worden, neue Zahlen bekannt geworden? Alles 
nicht. Nur ein kluger Kopf weiß die alten Zahlen 
in ein neues Licht zu rücken, vertrauen zu erwecken, 
kurz das Gefühl zu beeinflussen. 
Nun ist es nicht unmöglich, daß diese Beeinflussung 
zu einer energischen Kulturarbeit in den Kolonien 
führt, und diese dadurch tatsächlich ein Jahrzehnt früher 
zur Blüte gelangen, als es sonst der Fall gewesen wäre. 
Ja, ohne diese neue Energieentfaltung wären viel 
leicht die bis dahin gebrachten Opfer überhaupt ver 
loren, die daraus entstehende gesteigerte Unlust würde 
möglicherweise sogar zu einer Abtretung der Kolo 
nien an stärkere Hände geführt haben, und das deutsche
        <pb n="177" />
        171 
Das subjektive Gefühl als wirtschaftlicher Faktor 
Dolksvermögen wäre um Hunderte von Millionen ge 
schädigt. 
Wir sagen nicht, daß mit dem erhöhten Interesse 
nun auch der Aufschwung kommen wird- aber wenn 
er kommt, wenn dann unserer Volkswirtschaft hier 
aus ganz direkte, zahlenmäßig nachweisbare Vorteile 
erwachsen, wem sind sie zu verdanken? Doch le 
diglich dem durch einen starken Willen beeinflußten 
Gefühl. 
Von der größten wirtschaftlichen Wirkung kann 
das Gefühl fein in Zeiten der Arisen. Ñls Ende der 
80 er Jahre die Brasilianische Valuta infolge von maß- 
lvser Papiergeldausgabe und wahnsinniger Finanzwirt 
schaft stark ins Weichen geriet, suchte man durch pe 
riodische Einziehung und Vernichtung großer Mengen 
von Papiergeld dessen Entwertung zu hemmen. 
Obgleich nun tatsächlich die Einäscherung von Tau 
senden von Tontos Noten erfolgte, so blieb die Maß 
regel doch ohne jegliche Wirkung, warum? weil der 
Glaube fehlte. Man konnte sich wohl von der Tat 
sache der Einäscherung der Noten überzeugen, aber man 
war nicht sicher, ob nicht das Ganze eine Romödie war, 
und ob nicht im geheimen, um das gähnende Defizit 
Zu decken, ebenso viele neue Noten in Umlauf ge 
setzt wurden. Also die Tatsache blieb ohne Wirkung. 
Damals standen sich zwei Meinungen schroff gegen 
über. Die eine prophezeite mit mathematischer Sicher 
heit den baldigen Staatsbankrott, die andere glaubte 
an die Zukunft. Rein zahlenmäßig war ohne Zweifel 
der Staatsbankrott vorhanden, gar nicht abzuwenden,- 
dennoch war der Glaube, daß das Land die Krisis über 
stehen werde, stärker als die Zahlen, wäre das nicht 
der Fall gewesen, so hätten durch die Einstellung der
        <pb n="178" />
        172 
1 I I ■ tsn 
7. Kapitel 
Zinszahlung Tausende ihr vermögen verloren, unzäh 
lige Familien wären an den Bettelstab gebracht worden. 
So half der Kredit über die Krisis hinweg und 
führte zu einer Gesundung der Verhältnisse, die heute 
noch andauert. 
Dhne den Glauben der englischen Hochfinanz an 
die Zukunft des Landes hätte, zwischen der Zeit der 
beginnenden Krisis und heute, für alle, die mit Bra 
silien zu tun hatten, eine Zeit ungeheurer Verluste ge 
legen, die nun einfach vermieden worden ist. 
Ganz ähnlich liegen die Verhältnisse heute mit dem 
russischen Kredit. (Es mag mit den dicksten Büchern, mit 
ungeheurem Zahlenmaterial hundertmal nachgewiesen 
werden, Rußland sei eigentlich bankrott- so lange die 
Nerven der pariser Bankiers aushalten, ist noch gar nicht 
gesagt, daß nun auch der Zusammenbruch erfolgen wird. 
Db nun der Glaube in den Pariser Kreisen ein fester 
oder verzweifelter ist, ob bei ihnen der Wunsch der 
Vater des Gedankens ist oder nicht, hat nur relative 
Bedeutung,- es genügt, daß er besteht. Bricht er zu 
sammen, kann Rußland unter keinen Umständen auf 
neue Ñnleihen rechnen, so verlieren Tausende ihr ver 
mögen, und es ist nicht abzusehen, wie weit eine solche 
Erschütterung der Kaufkraft des französischen Volkes 
wirken würde. 
hält er stand bis zu einer Zeit, wo die Ver 
hältnisse sich bessern, dann wird das ganze wirtschaft 
liche Elend vermieden, das ein solcher Zusammenbruch 
mit sich bringt. Die Frage, ob jemand heute 10 000 Mark 
Einnahme aus Russenpapieren hat oder keine, liegt 
also viel weniger in den tatsächlichen Verhältnissen 
des Landes, denn diese sind wirklich ungünstig genug, 
sondern darin, ob bei den leitenden Finanzkreisen,
        <pb n="179" />
        173 
Das subjektive Gefühl als wirtschaftlicher Faktor 
häufig nur bei einigen führenden Persönlichkeiten, das 
Defühl des Vertrauens bestehen bleibt oder zerbricht. 
Einen Faktor aber, der so mächtig wirken kann, wird 
man wohl berechtigt sein, als einen wirtschaftlichen 
anzusprechen. 
In der Tat beruht ja auch heute ein ganz großer 
Teil unseres lvirtschaftslebens lediglich auf Krebit, auf 
Vertrauen, also auf Gefühl. Tine Erschütterung des 
Vertrauens hat daher auch ganz unermeßliche wirt 
schaftliche Verluste im Gefolge, die naturgemäß um 
sa größer sind, je größer vorher die Einwirkung des 
Kredits auf die lvertbildung war. Bet waren bringt 
eine Krisis zunächst einen Preissturz, da die Kauf 
kraft der Masse abnimmt, und viele Warenlager ver 
schleudert werden müssen, aber bald folgt durch Ein 
schränkung der Produktion ein gewisser Ñusgleich, der 
langsam zur Überwindung der Krisis führt. Die größ 
ten Katastrophen treten dort ein, wo der Kredit ge 
radezu einen Faktor der Preisbildung darstellt, näm 
lich beim spekulativen Grundbesitz. Line Ware kann 
sich nie lange im werte von ihrer Herstellungsbasis ent 
fernen, wenn schon diese sich natürlich bedeutend ver 
schieben kann,' auch der landwirtschaftliche Grund und 
Boden wird in einem ungefähren Verhältnis zu seinem 
Ertrag bleiben,' aber in den spekulativen werten un 
serer Großstädte kann die Erschütterung des Vertrauens 
Entwertungen herbeiführen, die alles bisher Dagewesene 
in den Schatten stellen. Denn hier handelt es sich um 
gänzlich eingebildete werte, wenn ein Mietshaus in 
Berlin 35000 Mark Miete bringt, wird es mit zirka 
500000 Mark bewertet. Davon entfallen zirka 
200 000 Mark auf das Gebäude, 300 000 Mark auf den 
Drund und Boden, bei einer hypothekarischen Belastung,
        <pb n="180" />
        174 
7. Kapitel 
sagen wir, von 400 000 Mark. Das einzige Reelle 
an diesem ganzen Wertobjekte ist das Gebäude mit 
seinen 200 000 Mark. Bet einem Zusammenbruch der 
Grundstückspreise, der es ermöglichen würde, in nicht 
zu großer Entfernung ein Haus von 200000 Mark 
auf einem Bauplatz von 30000 Mark zu errichten, 
würde der Wert der 300000 Mark, die den Boden 
darstellen, nahezu verschwinden- unser ganzes hypo- 
thekenwesen würde bis in die Grundfesten erschüttert, 
und über Tausende von Familien würde Verarmung 
hereinbrechen, weil diese, im Gefühl der Sicherheit, ihre 
habe Banken anvertraut haben, deren Sicherheiten 
auch wieder nur im Gefühl und nicht in realen Werten 
ruhen. 
Linen kleinen Vorgeschmack dessen, was kommen 
kann, hat ein verkauf in Dresden gegeben, wo 
1904 ein mit 287000 Mark belastetes Grundstück auf 
17750 Mark taxiert wurde, und das der hypothekengläu- 
biger der ersten 40000 Mark für 5 00 Mark erstand. 
(Es ist eben einer der schwersten Schäden unseres 
Kreditsystems, angewandt auf den Grund und Boden, 
daß es das Gefühl irre führt, indem es die ver 
gleiche fälscht. 
wenn ein Bauplatz mit schwindelhaften Eintra 
gungen zu schwindelhohem Preise verkauft wird, so 
wirkt dieser preis auf die ganze Gegend. Nach ihm 
bildet sich eine Marktmeinung, und unwillkürlich wirkt 
er auf alle anderen Käufe und Verkäufe zurück. Sie 
würden auf einer ganz anderen Preisbasis stehen, wenn 
nicht der durch Kredit aufgebauschte preis die Mei 
nung ringsumher beeinflußt hätte. 
Nun wird man einwenden können, mit allen den 
Gefühlsirrungen, die solchergestalt bei Zöllen, bei Finanz-
        <pb n="181" />
        175 
Das subjektive Gefühl als wirtschaftlicher $a!tor 
maßregeln, bei Krebitoperationen usw. entstehen, hätte 
die Gesetzgebung nichts zu tun. Wenn die Leute so 
dumm seien, sich von ihrem Gefühl und nicht von 
nüchternen Erwägungen beeinflussen zu lassen, dann 
sei ihnen nicht zu helfen, wir sind darin anderer An 
sicht. Genau so, wie stets der der erfolgreichste Politiker 
sein wird, der verstehen wird, das Gefühl des Volkes auf 
seiner Seite zu haben, genau so wird der die beste 
Wirtschaftspolitik treiben, der auch hier dem subjek 
tiven Gefühl den ihm gebührenden Platz einräumt 
und es bei seinen Maßregeln in Anrechnung setzt. 
Unter diese Rubrik fällt auch der Einfluß, den 
der Geschmack und die Mode auf die Grundrente 
ausüben. 
Wir halten diese Faktoren für mindestens ebenso 
wichtig, wie viele der Spitzfindigkeiten, mit denen 
man die Grundrente zu erklären versucht, das Ge 
setz vom abnehmenden Bodenertrag, die Ungleich 
heit der Fruchtbarkeit, der Lage usw. Auch hier 
steht die durch Geschmack und Mode beeinflußte 
Nachfrage im Ausgangspunkt aller werte. Ein Wein 
berg gibt nur so lange Grundrente, wie die Men 
schen wein trinken,- läge ein solcher Ralkberg in 
mitten eines Weizenfeldes in einer abstinenten welt, 
sa würde an seinem Fuße mit der Fruchtbarkeitsgrenze 
die Grundrente bzw. die Vifferentialrente aufhören, 
aber in einer Wein trinkenden Welt wird gerade 
der Berg die höhere Grundrente geben. In Gegenden, 
wo Weizen- und Roggenbau sowie Weidewirtschaft sich 
treffen, sehen wir eine fortwährende Verschiebung der 
Ģrundrente nach keinem andern Gesetze, als nach 
dem des Begehrs für die verschiedenen Produkte. 
Ein Volk, dessen Geschmack das Roggenbrot verlangt,
        <pb n="182" />
        176 
7. Kapitel 
wird eine ganz andere Grundrente für den zum Roggen 
bau geeigneten Loden haben, als ein solches, dessen 
Geschmack dieses Brot ablehnt, und bei zunehmender 
Liebe für Fleischnahrung steigt die Grundrente sol 
chen Weizenbodens, der sich zur ñnlage von Dauer- 
weiden eignet, ohne daß er deshalb der bessere zu 
sein braucht, während mit dem Übergang eines Volkes 
zum Vegetarismus, oder schon mit einer ausgesprochenen 
Hinneigung dazu, diese Grundrente wieder verschwinden 
würde. 
vor noch nicht 50 Jahren war es weit mehr Mode, 
Rot- als Weißwein zu trinken, und dementsprechend 
war die Grundrente in der Weingegend Frankreichs 
unvergleichlich viel höher als am Rhein und an der 
Mosel, heute, wo die leichteren Weißweine den fran 
zösischen Weinen im Geschmack des Publikums den Rang 
streitig machen, steigt in demselben Maße, wie ihre Be 
liebtheit zunimmt, die Grundrente bei uns und bleibt 
in Frankreich zurück. 
Die Grundrente der Tabakpflanzungen auf Ruba 
ist um ein vielfaches höher als in Brasilien und 
zwar aus keinem anderen Grunde, als daß die Mode 
den Havannatabak vorzieht. Diese Bevorzugung ist 
etwas Unwägbares, Unmeßbares,- aber sie reicht aus, 
um wirtschaftlich höchst einschneidend zu wirken. 
Zollten tonangebende Rreise auf die Idee kommen, 
den Brasiltabak für das vornehmere Rraut zu er 
klären, dann würde die Grundrente in Brasilien steigen, 
auf Ruba sinken. 
Unser heutiger Geschmack für Berggegenden hat der 
Schweiz die ungeheure Grundrente gebracht, die sie nie 
haben würde, wenn die Menschen sich ihren Uatur-
        <pb n="183" />
        bahim an, Laienbrevier. 
177 
12 
Das subjektive Gefühl als wirtschaftlicher Faktor 
schönheiten gegenüber noch so ablehnend verhielten, 
wie unsere Vorväter vor hundert und etlichen Jahren. 
Eine Zunahme des Geschmacks für unsere nordischen 
ļ)eideflächen würde sich sofort in eine erhöhte Grund 
rente dort umsetzen. Ist doch selbst am Rande der 
Wüste Grundrente entstanden, weil manche es schön 
und gesund finden, dort zu wohnen. 
Weil die Menschen immer höhere Ansprüche an 
die Beleuchtung stellen, sind ganze Strecken sandigen 
Küstenlandes in Brasilien zu einer Grundrente ge 
kommen, weil man dort den für die Fabrikation von 
Glühkörpern brauchbaren Mozanitsand entdeckte. 
Venn wir nach alledem auf die Frage „was ist 
Grundrente?" antworten wollten, „Grundrente ist Ge 
schmacksache", so wäre das natürlich verkehrt, aber 
ebenso verkehrt wäre es, an diesem werlbildenden Faktor 
ganz achtlos vorüberzugehen.
        <pb n="184" />
        178 
8. Kapitel 
Schlußfolgerungen 
3n der (Einleitung zu meinen Ausführungen habe 
ich als einzig zulässige, aber auch gar nicht zu um 
gehende, Voraussetzung einer nationalökonomischen 
Wissenschaft den Satz aufgestellt, daß wir die (Ent 
wickelung des Menschengeschlechtes von der Bedürfnis 
losigkeit zu steigenden Bedürfnissen nicht nur als etwas 
Unabänderliches hinnehmen, sondern auch als wünschens 
wert anerkennen. 
Danach sind alle wirtschaftlichen Faktoren darauf 
hin zu untersuchen, ob sie diese Entwickelung hemmen 
oder fördern, und dabei weisen uns die Tatsachen wie 
der auf die zwei Gebiete: a) den kampfleeren Raum, 
das innere Wirtschaftsleben eines Volkes und b) den 
nationalen Staat als wirtschaftliche Einheit und Teil 
eines Völkerkonglomerats, dessen einzige Rechtsgrund 
lage in brutaler Macht ruht. 
(Es ist durchaus nötig, diese Unterscheidung zu 
machen, denn wir haben gesehen, daß die Zunahme 
des Vermögens eines einzelnen bei weitem nicht immer 
Zuwachs des Volksvermögens bedeutet, daß umgekehrt 
ein einzelner Millionen verlieren kann, ohne daß das 
Volksvermögen dadurch abnimmt; ja, es kann sogar 
Fälle geben, wo es eine Zunahme dadurch aufweisen 
würde. 
Untersuchen wir somit an der Hand der bis da 
hin gewonnenen Resultate: 
1. wie kommen wir als Volk, als Summe von
        <pb n="185" />
        S UM 
Militili! ; i i ! 
Schlußfolgerungen 
Individuen, zu immer steigendem Wohlstände und 
höherer Lebensführung, und 
2. wie kommt der einzelne in seinem Volke dazu, 
und welches sind die Vorbedingungen dafür, daß ihm 
bei der bestehenden Arbeitsteilung aus dem Gesamt- 
arbeitsertrage der Nation derjenige Anteil werde, der 
seiner Arbeitsleistung entspricht? 
Betrachten wir zunächst den ersten Fall: 
wir haben als höchstes Wertobjekt den leistungs 
fähigen und bedürfnisfähigen Menschen erkannt. Ich 
gehe hier in der Bewertung des Menschen noch über 
Friedrich List hinaus, der die produktiven Kräfte, werte 
Zu erzeugen, höher schätzt als die werte selbst, ich möchte 
den Nachdruck noch mehr auf bedürfnisfähig, bedürfnis 
heischend als leistungsfähig legen, da, wie wir gesehen 
haben, ja die Bedürfnisse allein den Dingen ihren wert 
verleihen. 
Die englische Nationalökonomie hat das großar 
tige Wort The Standard of Life geprägt, ein Wort, 
das lange nicht genug genannt wird. Man versteht 
darunter bekanntlich eine mittlere Lebenshaltung, eine 
Lebenshaltung, die durch Beispiel der wohlhabenderen 
in den breiten Schichten des Volkes Eingang findet, 
und unter die hinabzusinken der einzelne als Ent 
behrung empfindet. 
Die Hebung dieser mittleren Lebenshaltung in den 
breitesten Schichten, das ist der weg zum Reichtum 
der Völker,' sie bedingt den stets wachsenden Güter 
austausch, die Bewegung, welche wir allein als wert 
bildend anerkennen. Der Reichtum des einzelnen mag 
in Sachobjekten zum Ausdruck kommen, der Reich 
tum eines Volkes ist ein Zustand und keine 
179 12«
        <pb n="186" />
        180 
8. Kapitel 
Sache. Er ist die gesteigerte Lebensäußerung eines 
großen Organismus. 
Erregung wachsender Bedürfnisse nach 
der Richtung gesunden Wohllebens und 
geistiger und sittlicher Vervollkommnung 
und die Befriedigung dieser Bedürfnisse 
durch Ñrbeit in dem Sinne, wie wir sie auf 
fassen, in diesem Kreislauf, in dieser Be 
wegung, liegt der Volkswohlstand - das ist 
Nationalreichtum. 
wir vermehren ihn also zunächst durch wachsende 
Bevölkerungszahl, aber sie muß aus uns heraus kom 
men, aus unseren deutschen Kinderstuben, aus deut 
schen Chen. Einwanderer aus Völkern, die unter un 
serer Lebenshaltung stehen, nützen uns gar nichts, sie 
schaden. Sie sind ein Fremdkörper in unserem Lande, 
der die gesunde Zirkulation stört. In jedem Volke 
bildet sich durch Gewohnheit und allmähliche Anpassung 
ein gewisses Tempo der wirtschaftlichen Wechselwir 
kungen zwischen Produktion und Konsum heraus. Treten 
plötzlich Elemente hinein, die wohl dieselbe Produk 
tions-, aber nicht die Vurchschnittskonsumfähigkeit ha 
ben, so stören sie den Organismus genau so, wie 
eine Pflanze gestört werden würde, wollte man ver 
suchen, in ihr Zellengewebe fremde Zellen einzuführen, 
die ein anderes Tempo der Ñufsaugungs- und Aus 
scheidungsfähigkeit der Säfte haben. Der billige pol 
nische Arbeiter mag bei uns die Produktion heben, aber 
er nimmt den anderen Produzenten nicht einen der na 
tionalen Arbeitsteilung entsprechenden Teil ihrer Güter 
ab, er schafft nicht genügend neue Tauschgelegenheit, 
und im Tausche der Güter, nicht in ihrer Hervor 
bringung, liegt bekanntlich ihr wert.
        <pb n="187" />
        181 
Schlußfolgerungen 
stlfo nicht nur vom Standpunkt der Nassenhygiene, 
sondern auch volkswirtschaftlich, ist die Zuwanderung von 
Menschen mit geringerer als der deutschen Durchschnitts 
lebenshaltung nachteilig. Daran ändert die Tatsache 
gar nichts, daß einzelne im Volke durch die billigen 
fremden Arbeitskräfte einen großen Nutzen haben, ja, 
baß ihre wirtschaftliche Existenz von ihnen abhängt. 
Do letzteres der Fall ist, da ist gerade der Zuzug 
der fremden Arbeit ein Zeichen, daß die Grundlagen 
dieser Existenz krank sind,- denn ein Volk, wie das 
deutsche, sollte doch imstande sein, die zu seiner mittleren 
Lebenshaltung nötige Gütermenge ohne fremde Hilfe 
hervorzubringen, wenn erst einmal die Frage des 
Rechtes auf Arbeit resp. die Arbeitslosenversicherung 
greifbare Formen annehmen wird, wie es ohne Zweifel 
der Fall fein wird, dann kommt kein Kulturvolk um 
die Frage der Einwanderung minderwertiger Elemente 
herum, denn man kann nicht in einem Atemzuge die 
Arbeitsgelegenheiten den deutschen Arbeitern offen hal 
len wollen und sie den fremden Arbeitern ausliefern. 
Hier wird der Zwang der Verhältnisse zu Maß 
regeln führen, wie sie nicht nur den nationalen, son 
dern auch den wirtschaftlichen Forderungen entsprechen, 
nämlich zu einer schärferen Nontrolle minderwertiger 
Einwanderung, wie sie im sogenannten freisten Lande 
der Welt, nämlich Amerika, schon lange besteht, und 
wie England sie auch anfängt, in Angriff zu nehmen. 
Also die Forderung, im Menschen das höchste Wert- 
objekt zu erblicken, bedeutet nicht, daß ein Volk durch 
schrankenlose Zuwanderung reicher werden könne, und 
sei sie körperlich noch so leistungsfähig, der Nachdruck 
liegt eben auf bedürfnisfähig, und das schließt minder 
wertige Elemente aus.
        <pb n="188" />
        182 
8. Kapitel 
Die Erkenntnis von der Bedeutung der kultur 
heischenden Persönlichkeit als höchstes Wertobjekt läßt 
auch die Frauenfrage durchaus klar und durch 
sichtig erscheinen. 
Der höchste Beruf der Frau ist das Rind, 
und alle, die an dessen Wartung und pflege 
teilnehmen, sind werteschaffende Glieder 
ihres Volkes und nicht etwa zehrende. 
Die aber, denen die Ehe oder eigene Kinder ver 
sagt geblieben sind, erfüllen nur eine Pflicht ihrem 
Volke gegenüber, wenn sie ihre Kräfte im Erwerbs 
leben betätigen. So helfen sie doch mit am Produktions 
prozeß und werden selber kaufkräftig. 
Sie tun im Grunde ja auch weiter nichts, als 
was die Frauen und Mädchen früherer Generationen 
getan haben. Diese waren doch auch nicht untätig. 3m 
Hause wurde gesponnen, gewebt und gestrickt,- jeder 
größere Hausstand auf dem Lande buk sein eigenes 
Brot, goß eigene Lichte, kochte eigene Seife. — Da kam 
das Zeitalter der Maschinen und der erhöhten Ar 
beitsteilung- aus allen diesen Gebieten wurde die Frau 
verdrängt, und wenn sie nicht in sich den echt ger 
manischen Trieb der Betätigung gehabt und sich an 
dere Gebiete erobert hätte, so wäre ein großer Teil 
unserer Volkskraft zum Brachliegen verurteilt worden. 
Dabei ist das herausdrängen der ehe- und kinderlosen 
Frau aus dem alten Hausgewerbe in die freien Be 
rufe nicht etwa ein volkswirtschaftlicher Rückschritt, 
sondern umgekehrt. Denn, wenn die Frau sich als 
Lehrerin, Ñrztin usw. betätigt, so leistet sie durch 
Erziehung und Heilung von Menschen weit mehr, als 
wenn sie in Großmutterweise, Seife kochte und Talg- 
lichte gösse.
        <pb n="189" />
        183 
Schlußfolgerungen 
Eine Forderung aber muß unbedingt erhoben wer- 
den, und sie entspricht durchaus unseren Gedanken 
gängen, nämlich: für gleiche Leistungen gleichen Lohn, 
d.h. die Frau im Erwerbsleben soll mit allen ihr zu 
Gebote stehenden Mitteln danach streben, wenn sie das 
selbe leistet, wie der Mann, auch denselben Verdienst 
Zu erzielen, also ihre Arbeit als Tauschobjekt gegen 
eine Zache nicht billiger einzuschätzen, als die gleiche 
ñrbeit des Mannes, sonst macht sie aus Unkenntnis, 
Bescheidenheit, kurz, aus Gefühlsmomenten heraus, 
einen schlechten Tausch, und das ist volkswirtschaftlich 
nicht vorteilhaft. 
Direkt schädlich wäre der Eintritt der Frau in das 
Erwerbsleben allerdings, wenn dadurch die mittlere 
Lebenshaltung des Volkes herabgedrückt würde, aber 
das möchten wir, selbst bei den heutigen Entlohnungs- 
Verhältnissen, doch verneinen. 
Gewiß wird mancher junge Mann gelegentlich durch 
bin junges Mädchen im Kontor, im Laden, an der 
Post verdrängt, oder besser gesagt, neu sich auftuende 
stellen werden ihm streitig gemacht, denn es handelt 
şich bei dem Wettbewerb der beiden Geschlechter meist 
nicht etwa um eine Verdrängung aus alter Position, 
sondern um die Besetzung einer neuen, die unsere Ent 
wickelung mit sich gebracht hat. wenn sich hier der Mann 
bedrängt fühlt, so ist zweierlei zu berücksichtigen, 
l. daß er es gewesen ist, der, wie schon erwähnt, 
bie Frau aus vielen ihrer alten häuslichen Beschäfti 
gungen gedrängt hat. wer spinnt und webt und strickt 
heute? Der Mann,' denn nicht die Mädchen sind es, 
bie die Spindeln bedienen, sondern die Mannesarbeit, 
àie uns die modernen Maschinen herstellt, wer schafft 
Ersatz für die Talglichte, die die Bäuerin früher
        <pb n="190" />
        184 
8. Kapitel 
höchsteigenhändig goß? Der Mann, der Elektrotechniker, 
der Petroleumraffineur. Mer buttert heute? Etwa 
das Bauernmädchen? Nein, der Meierist in der Ge 
nossenschaftsmeierei. Man kann also durchaus nicht 
von einer einseitigen Verdrängung reden, denn man 
bedenke, daß in allen diesen Fällen ein Mann Hun 
derte von Frauen aus dem Erwerbsleben verdrängte, 
während es sich beim Eintreten der Frau in dasselbe 
nur um den Ersatz einer Person durch eine andere 
handelt. Es ist durchaus verkehrt, solche Fragen nach 
Augenblickserscheinungen und aus kleinlichen engherzigen 
Motiven heraus zu beurteilen. Schließlich wird sich auch 
hier wiederholen, was wir überall beobachten können, 
wo immer wir Entwickelung vor uns haben, daß die 
passendste Arbeit zu den passendsten fänden kommt, 
ganz einerlei, ob diese ļ)ände sich an einem männlichen 
oder weiblichen Körper befinden. 
2. ist nicht außer acht zu lassen, daß durch den 
Eintritt von Hunderttausenden von Frauen, auch der 
sogenannten besseren Stände, ins Erwerbsleben die Kauf 
kraft des Volkes erhöht, und anderweitig neue Arbeits 
gelegenheit geschaffen wird auf Gebieten, auf denen 
sich, ihrer Veranlagung nach, nur wieder Männer be 
tätigen können. 
Die Betätigung der Frauen im Arbeitsprozeß des 
Volkes ist also volkswirtschaftlich durchaus gesund und 
richtig,- verkehrt aber ist es, wenn man die so tätige 
Frau ihren Schwestern in der Ehe und der Kinder 
pflege gegenüber als die allein produktive, die volks 
wirtschaftlich nützlichere ansehen wollte. Am höchsten, 
nicht nur ethisch, sondern auch in ihren Wirkungen 
auf die Volkswirtschaft, steht immer die Mutter, und
        <pb n="191" />
        185 
—! I I l_i ¡ I : t i 
lili I I I ! I_ 
Schlußfolgerungen 
sie steht je höher, je mehr sie es versteht, ihr Kind 
über sich hinauszupflanzen. 
Ñus demselben Gedankengange heraus sind die Vil- 
dungs- und Crziehungsfragen zu beurteilen. Da die 
Leistungsfähigkeit eines Volkes auf wirtschaftlichem Ge 
biete sich in ungeahntem Verhältnis zu seiner Bildung 
und seiner Intelligenz steigert, -so geht aus unserem 
Leitsatz ferner hervor, daß alle Aufwendungen, die 
für Erhöhung dieser Faktoren, also für Volksbildung, 
Erziehung, Hygiene, Kunst und Wissenschaft gemacht 
werden, in ganz direkter weise werte schaffend, also 
produktiv sind, allerdings nicht in dem Zinne, wie 
ein Halbfabrikat durch Ñrbeit in kurzer Zeit zu einem 
Hertigfabrikat wird, oder wie ein Kornfeld die 
Düngung im Rlärz schon mit einem Ertrag im August 
iohnt, wohl aber im Zinne einer produktiven Kapital 
anlage für die Zukunft. 
Gemeinhin pflegt man die genannten Aufwen 
dungen unter die Rubrik „für kulturelle Zwecke" zu 
bringen und deutet damit an, daß man innerlich einen 
Unterschied zwischen diesen und anderen staatlichen Ka 
pitalanlagen macht, viele Volksvertreter bewilligen 
diese Zummen für kulturelle Zwecke überhaupt nur 
aus einem gewissen Idealismus heraus; andere halten 
sie sogar für ein vom Bildungsfanatiker erfundenes 
notwendiges übel. 
Es gibt Volksvertreter, die dem Staate freudig 
Dlillionen bewilligen zur Aufforstung von Gdländereien, 
weil sie eine solche Kapitalanlage für produktiv hal 
ten, die aber sehr saure Gesichter machen, wenn man 
solche Summen für Zchulzwecke fordert, weil sie mei 
nen, hierbei handle es sich nicht um reale, sondern 
nur um ideelle werte.
        <pb n="192" />
        186 
8.' Kapitel 
varan, daß der Wald erst in einem Menschen 
alter anfängt, sein Kapital zu verzinsen, nimmt man 
keinen Anstoß, weil man etwas wachsen sieht, das ge 
wohnheitsmäßig als wertvoll gilt, wenn der tatsäch 
liche Ertrag auch erst in ferner Zeit zu erwarten steht. 
Viesen Wechsel auf die Zukunft hält man aber bei den 
Aufwendungen für Bildungszwecke nicht für recht sicher, 
wie heißt es doch im „Faust" von dem gelehrten Herrn? 
was er nicht tastet, steht ihm meilenfern, 
was er nicht faßt, das fehlt ihm ganz und gar, 
was er nicht rechnet, glaubt er, sei nicht wahr. 
Und doch ist das Geld, das der Staat zum hervor 
bringen, hüten und pflegen von Intelligenzen 
ausgibt, nach einem Menschenalter weit produktiver, 
als das, was zur Hervorbringung von Kiefern und 
Föhren verausgabt worden ist, um so viel mehr, 
als der Geist höher steht als die Materie. Man ge 
wöhne sich einmal daran, nicht nur die grobsinnlich 
wahrnehmbaren materiellen Dinge als einzig reale 
werte, als ein volkswirtschaftlich abschätzbares Etwas 
anzusehen. Auch Geist und Geschmack sind durchaus 
reale werte, die sogar täglich in Mark und Pfennigen 
umgesetzt werden können. 
Sie bilden Objekte, die im Austausch mit materiellen 
Gütern, wie wir gesehen haben, genau so gut das volks- 
vermögen vermehren, wie der Tausch von Sache gegen 
Sache. 
Betrachten wir von diesem Gesichtspunkte, der 
höheren Bedeutung des Konsums im vergleich zur 
Produktion, noch zwei weitere Fragen, dasBestreben 
auf Verkürzung der Arbeitszeit und die 
soziale Gesetzgebung.
        <pb n="193" />
        : ; ' ri 1 
187 
Schlußfolgerungen 
Wir wollen die Frage, ob ein Arbeiter in der 
achtstündigen Arbeitszeit ebensoviel leistet wie in einer 
Zehnstündigen, hier unerörtert lassen, wir wollen nur 
darauf Hinweisen, daß die Zeit, die der Arbeiter der 
Lohnarbeit sich entzieht, in irgendeiner Weise ausgefüllt 
werden muß, denn daß der Deutsche die Zeit nur zum 
^uhen und Dahindämmern wie der Südländer ver 
wenden wird, scheint uns ausgeschlossen. Auch der Fall, 
daß die Arbeiter die so ersparte Zeit nur zum Rneipen- 
gehen, Schnapstrinken und lüderlichen Bummeln ver 
wenden sollten, scheidet national-ökonomisch aus. Denn 
GS muß immer wieder betont werden- die National 
ökonomie hat sich nicht damit zu befassen, wie die 
Menschen gebessert oder erzogen werden können- dafür 
wögen die Lthiker und Hygieniker sorgen- sie hat sich 
nur darum zu kümmern, wie sich der Gütererzeugungs 
und -verteilungsprozeß in gerechtester Meise in einem 
^olke vollzieht, in dem wenigstens die Mehr 
heit einem edlen Lebensgenüsse zustrebt. 
Einem Volke von Trunkenbolden und Lotterbuben kann 
selbst die beste Nationalökonomie nicht zu Glück und 
Wohlstand verhelfen. 
Nun mag es ja auch in unserem vaterlande Ele 
mente geben, die ihre Erholung mehr in gesundheits 
schädlichem und kulturwidrigem Lebensgenuß suchen, 
aber die Regel ist es nicht. Die Mußestunden der ver 
kürzten Arbeitszeit wird die Mehrzahl entweder durch 
Eigenbeschäftigung in Haus und Garten oder durch 
Lesen und Aufnahme neuer Eindrücke oder durch er 
zieherische Einwirkung auf die Rinder ausfüllen. Und 
alle diese Fälle wirken in höherem Maße Wohlstand 
vermehrend, als die in hohen Arbeitsstunden geleistete 
übermüdete mechanische Arbeit, in Hervorbringung von
        <pb n="194" />
        8. Kapitel 
Dingen, für die der Konsum häufig noch nicht einmal 
sicher ist. 
verkürzte Arbeitszeit braucht nicht verminderte 
Produktion zu bedeuten, sie bedeutet aber jeden 
falls in irgendeiner Form erhöhten Innen 
konsum, und das ist volkswirtschaftlich entschieden 
von Vorteil. 
Lin Einwand, daß es nach diesem Prinzip besser 
wäre, es würde gar nicht gearbeitet, sondern nur kon 
sumiert und gefeiert, wäre töricht, da es einen solchen 
Zustand gar nicht geben kann - aber unumstößlich richtig 
ist das eine: wenn jeder, der, ohne seine Lebenshaltung 
herabstimmen zu müssen, feiern will und kann, auch 
feiert, der konsumieren will und kann, auch konsumiert, 
dann wird sich die Produktion ganz von selber finden, 
immer vorausgesetzt natürlich, sie sei nicht künstlich 
gehemmt. 
ñuch in unserer sozialen Gesetzgebung liegt 
ein wertbildender Faktor. Leider herrscht noch häufig die 
Meinung vor, die Opfer, die unsere Arbeitgeber für 
die großen sozialen Versicherungen brächten, seien eine 
Belastung unseres ganzen Wirtschaftskörpers im ver 
gleich zum Auslande, das diese Abgaben nicht kenne. Das 
Umgekehrte ist der Fall. Gewiß, ist für den ein 
zelnen die Last oft drückend, aber, wie schon oft hervor 
gehoben, laufen die Interessen des Individuums häufig 
denen des Allgemeinwohls scheinbar schnurstracks zu 
wider. Letzteres hat einen unverkennbaren Vorteil, denn 
indem Millionen von Menschen in einer Kaufkraft 
erhalten werden, die sie ohne die soziale Gesetzgebung 
jedenfalls nicht haben würden, bescheiden wie sie sein 
mag, leisten sie durch Hebung des Gesamtkonsums un 
serer Industrie und Landwirtschaft einen Dienst, der
        <pb n="195" />
        Sä 
» 
m 
5k 
189 
•i 
Schlußfolgerungen 
volkswirtschaftlich die dafür gebrachten Dpfer bei wei 
tem aufwiegt. 
Die Hebung der Konsumfähigkeit, des Standard of 
Life ist eben erste Bedingung wirtschaftlichen Ñuf- 
schwunges. 
Sowie nun ein Volk durch die Gunst der natür 
lichen Verhältnisse oder die Geschicklichkeit seiner Men 
schen gewisse Überschußwerte erzeugt und die mittlere 
Lebenshaltung zu ihrer Befriedigung Produkte erfordert, 
die nur unter anderen klimatischen Verhältnissen zu 
erzeugen sind, findet der internationale Güter 
austausch statt, und damit tritt ein zweites gewaltiges 
Moment zur Hebung der Wohlfahrt und des Reichtums 
der Völker in die Erscheinung. 
Zunächst auf dem Gebiete des reinen Tausches 
von Sachgütern, wir haben schon gesehen, daß auch 
der internationale Tausch stets für beide der aus 
tauschenden Nationen vor Vorteil sein muß. Je reger 
also zwischen zwei Völkern der Warenaustausch, je 
wohlhabender werden beide, immer vorausgesetzt, der 
tausch sei frei. 
Nun schiebt sich aber bekanntlich in diese Frei 
heit die menschliche Willkür in $orm des Schutzzoll 
systems, und da kaum irgend etwas zu größeren wissen 
schaftlichen und politischen Meinungsverschiedenheiten 
geführt hat, als der Kampf um die Zölle, so wollen 
wir untersuchen, wie diese hochwichtige Frage sich an der 
Hand unserer Gedankengänge ausnimmt, wir werden 
dann zur Einsicht kommen, daß es sich hierbei nicht 
um eine Prinzipien-, sondern um eine Gpportunitäts- 
frage handelt, die so weit geht, daß jemand mit vollem
        <pb n="196" />
        190 
8. Kapitel 
Rechte erklären kann, wie seinerzeit der englische 
Premierminister Balfour: „Ich erstrebe den Schutz 
zoll, weil ich Freihändler bin." 
Den Schlüssel hierzu bietet der Kampfeszustand 
der Nationen. 
Im kampfleeren Raum, also innerhalb der na 
tionalen Nlachtsphäre, ist die Notwendigkeit des freien 
Güteraustausches so allgemein anerkannt, daß man kein 
Wort darüber zu verlieren braucht. Nein Volk denkt dar 
an, innerhalb seines Machtbereiches Zollschranken zu er 
richten, selbst die vereinigten Staaten nicht, trotzdem die 
einzelnen Glieder dieses Staatenbundes die verschieden 
artigsten wirtschaftlichen Verhältnisse aufweisen und 
an sich ungeheure Produktionsgebiete bilden, wären 
Schutzzölle an sich etwas Wünschenswertes, dann wären 
sie Z.B. zwischen Pensplvanien und Kalifornien viel be 
rechtigter als zwischen Deutschland und Ästerreich. Cs ist 
eine eigentümliche Ironie der wirtschaftspolitischen Ge 
schichte, daß das schutzzöllnerischste Land der Welt, die 
vereinigten Staaten, zwischen den einzelnen Gliedern 
absoluten Freihandel hat, während im britischen Welt 
reich, an dessen Spitze das Freihandelsland par excel 
lence, England, steht, zwischen den einzelnen Kolonien 
Schutzzollschranken, selbst gegen das Mutterland aufge 
richtet worden sind. Kanada, Ñustralien, Kapland sind 
vollständig autonome Schutzzollgebiete. Die Erklärung 
hierfür ist ungeheuer einfach. Bei der menschlichen 
Selbstsucht, die, wenn sie nur irgend kann, die Freiheit 
des Tausches zu ihren Gunsten zu beeinflussen sucht, 
kann diese nur durch Übereinkommen, in letzter Linie 
also durch Macht, aufrecht erhalten werden. Dieses 
geschieht im nationalen Staat und kann geschehen! In 
den Vereinigten Staaten ist auch die Macht vorhanden,' in
        <pb n="197" />
        191 
Schlußfolgerungen 
England nicht. Die Kolonien stehen in einem so 
lockeren Verhältnis zum Mutterlande, daß Sir wilfr. 
Courier z. B. im kanadischen Parlament erklären konnte, 
daß Kanada bei einem etwaigen Kriege Englands gegen 
eine Großmacht sich neutral erklären würde, was im 
Gründe ja eine umschriebene Unabhängigkeitserklä 
rung ist. 
England macht die allergrößten Anstrengungen, um 
wit den Kolonien zu einem Zollverein zu kommen, aber 
bisher ist er noch immer an der Selbstsucht der ein 
zelnen gescheitert, und das Mutterland hat nicht die 
Wacht, diese Selbstsucht zu brechen. 
Mas hier von einem Reiche gilt, an dessen Spitze 
die gewaltigste Seemacht der Welt steht, das gilt 
natürlich noch in sehr viel höherem Maße dort, 
wo sich die einzelnen Mächte völlig gleich gegen 
über stehen, hier wird jede Macht bemüht sein, 
den freien Ñustausch der Güter zu ihren Gunsten 
Zu beeinflussen. Db ihr das wirklich gelingt, ob sie 
dadurch, daß sie die Harmonie der Dinge stört und ihrem 
bißchen verstand mehr zutraut, als den natürlichen 
Wechselwirkungen, wirklich einen Vorteil hat oder nicht, 
ist hierbei gleichgültig. Der Glaube genügt, um eine 
Wirkung hervorzurufen, die eine Gegenwirkung fordert. 
Denn, wenn wir uns über den Nutzen auch nicht klar 
sein mögen, den der Schutzzoll einem Lande zu bringen 
vermag, eine Wirkung hat er unter allen Umständen, 
er schädigt den Nachbar. 
Wenn wir z.B. gegen Rußland einen noch höheren 
ņoggenzoll erheben würden, als heute, so könnten 
wir die Einfuhr nach Deutschland gänzlich hemmen, 
und da kein anderes Land der Welt den Roggen haben 
will, so wird er einfach wertlos. Das russische Na-
        <pb n="198" />
        192 
8. Kapitel 
tionalvermögen kann also durch den deutschen Zoll um 
Hunderte von Millionen geschädigt werden, eine un 
leugbare Tatsache, aus der manche den voreiligen Schluß 
gezogen haben, daß eben das Ñusland den Zoll be 
zahle. Das wäre auch richtig, wenn Deutschland die 
Millionen, die Rußland verliert, bekäme. Das ist 
aber nicht der Fall, wir haben wohl durch den Zoll 
die Kraft, Rußland zu schädigen, es um viele Mil 
lionen ärmer zu machen, aber nicht die Kraft, diese 
werte in unser Wirtschaftsgebiet überzuführen. Sie 
werden nutzlos vernichtet, wenn man von „bezahlen" 
redet, so muß es einen Zahler und einen Empfänger 
geben- hier fehlt aber der zweite, denn wir emp 
fangen nichts. 
Dadurch, daß wir das russische Getreide aus 
schließen, wird das Korn bei uns um nichts billiger, 
im Gegenteil! Der Ausfall muß anderweitig gedeckt 
werden und wird im Weltmarktpreis in einer Erhöhung 
zum Ausdruck kommen. 
Also im Schutzzoll liegt eine Waffe, und so über 
flüssig diese im kampfleeren Raum ist, so unvermeidlich 
ist sie dort, wo nur die Macht den Ausschlag gibt, 
also in den internationalen Reziehungen. 
Der Schutzzoll stellt den internationalen Waren 
austausch, anstatt unter die natürlichen wirtschaftlichen 
Gesetze, unter die der Selbstsucht, und da hat jede 
Nation, so sehr sie auch aus Prinzip die natürliche 
Entwickelung vorziehen mag, die Verpflichtung, der 
fremden Selbstsucht die eigene entgegenzusetzen. 
Allerdings ist hier wohl zu überlegen, ob die Selbst 
sucht nicht etwa auf Selbsttäuschung beruht, ob die 
Waffe, die man führt, nicht ebensowohl ins eigene 
Fleisch, als in das fremde, schneidet. Aber es kann
        <pb n="199" />
        Schlußfolgerungen 
Halle geben, wo selbst die Erkenntnis einer Schädigung 
der eigenen Wirtschaft ein Volk nicht von der Ein 
führung eines Zolles abhalten darf, nämlich dann, wenn 
dadurch eine noch größere Schädigung durch einen bös 
willigen Nachbarn vermieden werden kann, silfo in 
den internationalen Beziehungen ist der Schutzzoll eine 
Dpportunitäts- und keine Prinzipienfrage. 
Ñber freilich ist die Erkenntnis der Opportuni 
tät wieder abhängig von der richtigen Ñuffassung wirt 
schaftlicher Zusammenhänge, wer z. B. die Import 
uni) Exportzahlen verkehrt liest, wird zu einem andern 
Schluß ln bezug auf die Opportunität eines Zollkrieges 
kommen als der, der sie richtig versteht, und wer 
den internationalen Warenaustausch in unserem Sinne 
für beiderseitig nutzbringend hält, wird anders handeln 
als der, der darin einen einseitigen Vorteil derer er 
blickt, die mit uns tauschen wollen. 
Gar zu leicht siegt hier der kleinbürgerliche Be 
griff, daß es eine Ersparnis sei, wenn wir vom Ñus- 
lande möglichst wenig zu uns hereinführen. Wan argu 
mentiert: wenn wir von Brasilien für 100 Millionen 
klkark Kaffee einführen und könnten durch Verzicht auf 
den Kaffee diese Ziffer auf 0 Herabdrücken, während 
unser Export nach Brasilien unverändert bliebe, so 
müßte doch Deutschland jedes Jahr 100 Millionen 
klkark sparen. 
hierzu sei zunächst bemerkt, daß es nicht die Ñuf- 
gabe eines Volkes ist, zu sparen, sondern zu leben, 
und wenn der Genuß von Kaffee oder eines ähnlichen, 
Nerven anregenden Getränkes zur mittleren Lebens 
haltung gehört, dann wird man aller Wahrscheinlich 
keit nach in anderen Getränken, wie Kakao, Tee, usw. 
Ersatz finden, wenn man auf den Kaffee verzichtet. 
Po hl man, Laienbrevier. 193 13
        <pb n="200" />
        194 
8. Kapitel 
In diesem Falle wäre also von einer Ersparnis gar 
keine Rede, und die gesundheitliche Seite der Frage, 
ob es besser sei, Kakao anstatt Kaffee zu trinken, in 
teressiert uns nicht volkswirtschaftlich oder höchstens 
sehr indirekt. Zollte man aber wirklich auf alle der 
artigen Getränke in hohe von 100 Millionen ver 
zichten, so würde das die Herunterstimmung der mitt 
leren Lebenshaltung bedeuten, zu der keinerlei Ver 
anlassung vorliegt, so lange eben die 100 Millionen 
aus dem jährlichen Ñrbeitsertrage eingetauscht werden. 
Können wir das nicht mehr, reicht unser Export nicht 
aus, um diese Genußmittel zu uns herüberzuziehen, 
dann kommt die Einschränkung ganz von selbst. 
Run ist aber ein Zustand, daß wir einem Lande 
unsere Produkte senden, dagegen die Haupttauschware, 
die es hat, unsererseits ablehnen, auf die Dauer über 
haupt undenkbar. Das verschwinden eines Rbsahmark- 
tes, wie des deutschen, würde die Kaufkraft Brasiliens 
so schwächen, daß der Export aus unseren Häfen dahin 
schon aus diesem Grunde bald auf einen ganz minimalen 
Rest herabsinken würde, und selbst dieser würde noch 
durch den Frachtvorteil verschwinden, den andere Ex 
portländer über uns haben würden. 
Unseren Schiffen nach Brasilien würde die Rück 
fracht fehlen, die unsere Reeder auf die ñusfracht 
schlagen müßten, und dieser Unterschied würde genügen, 
um einen großen Teil des Handels von unseren Häfen 
abzulenken. 
Nichts ist verkehrter im Wirtschaftsleben, als Eng 
herzigkeit und kleinbürgerliche Ruffassung. Leben und 
lebenlassen ist erste Bedingung, und man bedenke, 
daß Leute, die nichts haben, die nichts verdienen, uns 
auch nichts abkaufen können. Es hat eine Zeit ge-
        <pb n="201" />
        ; 
III ; 
195 
13* 
Schlußfolgerungen 
geben, too man das Glück eines Volkes am besten ge 
sichert hielt, wenn alle anderen arm, schwach und 
elend waren. Das Umgekehrte ist der $alí ! Je besser 
die Verhältnisse unserer Nachbarn, je reicher sie sind, 
desto besser wird es auch uns ergehen. 
Über die Bedeutung des internationalen Tausches 
von Sachgütern gegen Rechte möge genügen, was 
wir in Kapitel 5 C gesagt haben. Die einzige Schluß 
folgerung daraus ist die, daß die von gesunder Selbst 
sucht geleitete Wirtschaftspolitik eines jeden Volkes da 
hin streben muß, möglichst viele solcher Rechte einzu 
tauschen, aber keine zu vergeben. — 
Run zu den Schlußfolgerungen, die sich aus un 
seren Leitsätzen für die Güterverteilung innerhalb 
eines Wirtschaftsgebietes ergeben. 
ļ)ier lautet die Fragestellung: 
1. wie kommt der einzelne in seinem Volke zu 
immer steigendem Wohlstände und höherer Le 
bensführung, und 
2. welches find die Vorbedingungen dafür, daß 
ihm bei der bestehenden Arbeitsteilung aus dem 
Gesamtarbeitsertrage der Ration derjenige ñn- 
teil werde, der seiner Arbeitsleistung entspricht? 
Für den ersteren Fall müssen wir die Arbeit als 
einzige legitime Quelle ansehen, wenn sie es auch, 
wie wir gesehen haben, nicht immer ist, Arbeit in jeder 
ñrt und Form- und die Vorbedingung zum zweiten 
ist das Recht auf den vollen Arbeitsertrag. Tng ver 
knüpft hiermit ist das Recht auf Arbeit - ihm schein 
bar entgegen aber steht das Recht auf Existenz, das
        <pb n="202" />
        196 
8. Kapitel 
wir doch schließlich auch jedem Menschen zuerkennen 
müssen, selbst wenn er nicht imstande ist, zu arbeiten. 
Letzteres ist jedenfalls das weitgehendste Recht, und 
wenn wir es anerkennen, so bedeutet das gleichzeitig die 
ñnerkennung des Rechtes auf Ñrbeit, denn, wenn 
eine Gesellschaft ihren Mitgliedern die Existenz garan 
tieren soll, so wird sie es natürlich vorziehen, es 
auf dem Wege über die Ñrbeit zu tun, als umgekehrt. 
Ich habe nun schon im Kapitel über Ñrbeit angedeutet, 
daß die beiden sich scheinbar ausschließenden Rechte 
auf den vollen Ñrbeitsertrag sowie das auf Existenz 
durchaus miteinander vereinbar sind, und daß die Lö 
sung in der Grundrente liegt, wie nachgewiesen wer 
den wird. 
wir werden also beide erörtern und zwar zu 
nächst das Recht auf den vollen Ñrbeitsertrag. 
Schon in dem Worte liegt in aller Deutlichkeit 
ausgesprochen, daß die aus andern Quellen als aus 
der Ñrbeit entspringenden Erträge ausgeschlossen sind, 
Ñrbeit in dem Sinne, wie in Kapitel 2 niedergelegt. 
Das sind die Erträge die einzelne aus Rechten 
beziehen, Erträge, für die keine in der Person des 
Beziehers ruhende Gegenleistung geschieht. Rur wenn 
wir hier scharf unterscheiden, können wir zur Klar 
heit über das ganze Problem kommen. Das Durchein 
anderwirbeln von Erträgen aus Ñrbeit und aus Rechten 
ist es, das auf dem Grunde aller jener Theorien vom 
Mehrwert, von der ausbeutenden Macht des Maschinen 
kapitals usw. ruht. hier liegt unseres Erachtens nach 
der Kernpunkt der ganzen sozialen Frage. 
Wenn wir die aus Rechten entspringenden Erträge, 
wie es sich gehört, aus dem Güterverteilungsprozeß 
ausschalten, dann regelt sich das Recht auf den vollen
        <pb n="203" />
        Schlußfolgerungen 
Arbeitsertrag bei völliger wirtschaftlicher Freiheit ganz 
von selbst. Und die Grenzlinie zwischen diesen beiden 
Erträgen ist nicht etwa eine willkürlich gezogene, künst 
liche, sondern haarscharf definierbar. 
Alle durch Arbeit erzielten Erträge bereichern neben 
dem, der sie erzielt, auch das Volksvermögen, die durch 
Rechte erzielten nicht. Sie bereichern zwar die ein 
zelnen, aber auf Kosten der andern, die für ihr Sach- 
opfer keinerlei Gegenleistung empfangen oder nur solche, 
die unter allen Umständen, auch ohne Dazwischentreten 
des die Rechte ausübenden, vorhanden wäre. 
Wenn heute der Staat einem Privatmanne das 
Recht übertragen wollte, auf einer gewissen Wegstrecke 
eine Abgabe von den Passanten zu erheben, so würde 
dieser Mann sehr schnell einen großen Zuwachs seines 
Vermögens erfahren, aber selbst die kühnste Phantasie 
wird darin nicht eine Zunahme des Volksvermögens 
erblicken können, sonst hätten wir ja in der Sperrung 
sämtlicher Straßen durch Schlagbäume das herrlichste 
Rkittel, es zu erhöhen. 
Nun wird man einwenden, solcher Unsinn käme bei 
uns gar nicht vor. Gemach, mein lieber Leser, er kommt 
tagtäglich vor, wenn auch bei uns in Deutschland 
Zum Glück im geringsten Maße. Jede Ronzessionierung 
einer Eisenbahn, einer Straßenbahn und dgl. an das 
Privatkapital ist eine solche Weggerechtsame. Die Schie 
nen und Lokomotiven sind nur Nebensache. Die Haupt 
sache ist, daß mit dem Besitz des Weges die Macht verknüpft 
ist, daß, auch über die für Benutzung der Schienen, 
R)agen und Lokomotiven hinausgehende Entloh- 
uung, eine Abgabe von allen erhoben werden kann, die 
diesen Weg benutzen wollen ober müssen. Der Hin 
weis, daß niemand gezwungen sei, sich der Lahn zu
        <pb n="204" />
        198 
8. Kapitel 
bedienen, da es auch andere Wege gebe, ist durchaus 
nicht stichhaltig. Mt demselben Rechte hätte der Raub 
ritter am Rhein, der von den Schiffern einen Zoll 
erpreßte, argumentieren können, das feien vollständig 
freiwillige Leistungen, denn den Leuten ständen ja die 
Wege durchs Gebirge ohne weiteres offen. 
Die Wegefreiheit bedeutet nicht, daß man über 
haupt auf wegen oder gar querfeldein laufen darf, 
sondern daß einem die, dem jeweiligen Rulturzustand 
entsprechenden, besten Wege ohne weiteres offen stehen, 
d. h. ohne Entgelt für das Recht, den Weg zu benutzen, 
wenn schon die Leistung für die Beförderung auf diesem 
Wege nicht bestritten werden kann. 
Zu welchen ungeheuerlichen Konsequenzen die her 
gäbe solcher wegerechte an private führt, sehen wir 
in den vereinigten Staaten. Die heute kaum abzu 
schätzenden Rockefellerschen Milliarden stammen ledig 
lich aus dieser Quelle, also aus Rechten, und wenn 
eine Volkswirtschaftslehre sich abquälen will, zu er 
gründen, wie die so gewonnenen Erträge unter dem 
Gesichtspunkte des Rechtes auf den vollen Ñrbeitser- 
trag unterzubringen sind, dann kann man sich nicht wun 
dern, wenn sie zu keinem Resultate kommt. 
Genau so, wie bei dem Wegerecht, liegt es nun bei 
dem Rechte der Bodennutzung überhaupt. Wir haben 
gesehen, daß eigentlich nur der Staat, die Summe von 
Individuen, die durch ihr Zusammenwirken den ruhigen 
Besitz des Landes sichern, in dem sie wohnen, ein Recht 
hat, die Benutzung zu verleihen. 
Im ñugenblick, wo der Staat dieses Recht auf 
private übertragbar machte, hätte er sich den 
Teil des Sachopfers aus dieser Übertragung, diesem 
Tausche einer Sache gegen ein Recht, ausbedingen müs-
        <pb n="205" />
        199 
Schlußfolgerungen 
sen, der zur Erfüllung seiner staatlichen Ausgaben not 
wendig war. 
Das hat er nicht getan. Im Gegenteil, er hat 
durch staatliche Aufwendungen auf den verschiedenen 
Gebieten den bedingungslos weggegebenen Rechten einen 
stetig wachsenden Wert verliehen, ohne sich hieran einen 
entsprechenden Anteil zu sichern. So ist es gekommen, 
daß ein Teil des Volkes ungeheure Einnahmen aus 
Rechten schöpft, die ihm in dieser bedingungslosen Form 
nie hätten gewährt werden dürfen, die keinen Arbeits 
ertrag darstellen, und die deshalb auch bei der Erör 
terung des Rechtes auf den vollen Arbeitsertrag nur 
insofern zu berücksichtigen sind, als sie ausgeschaltet 
werden müßten. 
Was sich durch Vermögensbildung aus Rechten 
ansammelt, ist nicht der Ertrag der eigenen Arbeit, 
sondern ein, durch ein verliehenes Recht oder durch Miß 
brauch eines solchen, möglicher Gewinn aus der Arbeit 
anderer. 
Es ist sonnenklar, daß, so lange diese Möglichkeit 
bleibt, von einer Lösung des Problems des Rechtes auf 
den vollen Arbeitsertrag nicht die Rede sein kann. 
Ebenso klar ist, daß, wenn sich diese Bezüge aus 
Rechten als das einzig störende Moment ausweisen 
sollten, mit ihrer Beseitigung die Frage des Rechts 
auf den vollen Arbeitsertrag gelöst sein würde. 
Die Marxistische Lehre legt das störende Moment 
in das Rapita! überhaupt, auch in das der Maschinen 
und glaubt deshalb durch den Übergang sämtlicher 
Produktionsmittel an den Staat, die allein gerechte 
Verteilung des Arbeitsertrages herbeizuführen. 
Wir haben bereits bei Besprechung des Lohn 
problems gezeigt, daß die Maschine an sich keine
        <pb n="206" />
        200 
8. Kapitel 
Kraft hat, die sie bedienenden Arbeiter zu übervor 
teilen, solange der Tausch van Zache gegen Arbeit 
ein freier ist. wir haben ferner gesehen, daß die Ma 
schine kristallisierte und zum Teil sehr hohe geistige 
Arbeit darstellt, und daß sie somit ebenso, wie die 
körperliche Arbeit, ein Anrecht aus den vollen Arbeits 
ertrag hat. Das Verhältnis dieser beiden Faktoren 
zu einander aber aus deduktivem Wege zu ermitteln 
und danach rein verstandesgemäß zu regulieren, wird 
für immer alle menschlichen Fähigkeiten überschreiten. 
Auch hier kann nur der freie Vertrag zu einem ge 
rechten Ausgleich führen. 
wenn jemand seine ganze Trfindergabe und Arbeit 
in eine Maschine gesteckt hat, die soviel leistet, wie 
sonst 10 Arbeiter, dann hat er genau so gut ein Recht 
auf den vollen Arbeitsertrag wie jene. Dieses zugunsten 
der 10 Arbeiter verweigern, hieße nicht das Prinzip 
erfüllen, sondern es verletzen. 
Der ļ)ang, der in der Maschine kristallisierten 
Arbeit ein geringeres Recht als der Lohnarbeit zuzu 
sprechen, kommt daher, daß man Fälle konstatieren 
konnte, wo tatsächlich die Besitzer des Maschinenkapitals 
eine arbeitslose Rente genießen. 
wenn z. B. ein russischer Beamter mit 100 000 Mark, 
die er durch Mißbrauch seiner Amtsgewalt „verdient" 
hat, an einem Fabrikunternehmen als Aktionär be 
teiligt ist, so gibt ihm die Maschine allerdings eine 
arbeitslose Rente, vorausgesetzt natürlich, es werde eine 
Dividende verteilt,' aber diese Rente kommt doch nicht 
aus der Maschine, sondern aus einem mangelhaften 
Rechtszustande, der den arbeitslosen Verdienst der 
100000 Mark zuläßt. Und wenn diese statt durch Kor 
ruption aus einer arbeitslosen Terrainspekulation stam-
        <pb n="207" />
        201 
i ' i-* 
Schlußfolgerungen 
Wen, also aus dem Mißbrauch eines Bodenrechtes, dann 
liegt wirtschaftlich genau derselbe Fall vor. 
Wenn sich aber ein Arbeiter, der sich 1000 Mark 
erarbeitet hat, mit diesem Kapital an der Gründung 
einer Fabrik beteiligt und 5 °/o Dividende erhält, so 
kann das doch niemand eine arbeitslose Rente nennen, 
denn es ist seine kristallisierte ñrbeit, die weiter wirkt, 
ñlso nicht in der Tatsache, daß sich jemand an einem 
erfolgreichen industriellen Unternehmen beteiligt, liegt 
die arbeitslose Rente, sondern in dem Ursprung des 
Kapitals, woraus folgt, daß hier die Sonde angelegt 
werden muß. Der einwandsfreie Ursprung ruht 
da, wo die ñrbeit die Quelle der Rapitalbildung ist. 
Der verwerfliche und zu bekämpfende dort, wo das 
Kapital aus mißbrauchten Rechten entspringt. Gb diese 
einen historischen Hintergrund haben, und ob ihr Miß 
brauch gesetzlich erlaubt war oder nicht, kommt bei einer 
ñnalyse rein volkswirtschaftlicher Probleme 
nicht in Betracht. 
R)ie aber, könnte man einwenden, wenn nun diese 
Kechte durch ehrliche ñrbeit erworben worden sind? 
Denn der Ñrbeiter, der sich 1000 Mark erübrigt hat, 
dafür das Recht auf ein Stück Land eintauschen will, 
soll denn das nicht erlaubt sein? Gewiß, nur müssen 
die älteren Rechte des Staates in vollem Um- 
fange an diesem Lande zur Anerkennung 
kommen, d. h. dieses Stück Land muß dem seinem 
Derte entsprechenden Anteil zur Erhaltung des Staates 
beisteuern, was dann noch bleibt, möge gern dem 
einzelnen als Recht gegen eine Sache eingetauscht werden. 
D. h. in anderen Worten: es können wohl Rechte 
vergeben werden, aber der Staat hat darüber zu wachen, 
daß mit ihnen kein Mißbrauch getrieben werden kann.
        <pb n="208" />
        202 
8. Kapitel 
Die Erkenntnis, was hier Mißbrauch ist, wird also aus 
dem Grunde aller Reformarbeit stehen, und dasjenige 
Volk, welches den stärksten Begriff hiervon hat, wird 
aus der Stufe des Wohlergehens am höchsten stehen. 
So muß im öffentlichen Bewußtsein endlich einmal 
der Wahn beseitigt werden, daß hohe Bodenpreise Volks 
reichtum bedeuten. Sofern sie, wie bei uns, künstlich 
gesteigert sind, bedeuten sie sogar eine schwere Be 
lastung des Erwerbslebens. 
Der nackte Grund und Boden Berlins, also ohne 
Gebäude, wird heute auf ca. 6 Milliarden Mark ge 
schätzt. Das bedeutet, daß alle, die in Berlin zu leben 
gezwungen sind, die dort geistig und körperlich arbeiten, 
jährlich in ihrer Miete für das Recht der Bodennutzung 
allein 240 Millionen Mark bezahlen müssen. Ange 
nommen, der Grund und Boden Berlins sei nur 600 
Millionen wert, also den zehnten Teil, so wäre das 
doch für die Bewohner ein ungeheurer Vorteil, denn 
sie würden dann jährlich statt 240 Millionen, nur 24 Mil 
lionen aufzubringen haben, also 216,Millic&gt;nen sparen. 
hierauf werden viele geneigt sein zu antworten, 
daß es müßig sei, solche Hypothesen aufzustellen, denn 
das sei eine Unmöglichkeit, der preis des Grund und 
Bodens stehe eben im Verhältnis zur Bevölkerungs 
zahl, und die 6 Milliarden entsprächen eben diesem 
Verhältnis. 
Die Antwort auf diesen Einwand gibt London, 
wenn es richtig wäre, daß sich ohne weiteres der Boden 
preis nach der Bevolkerungsziffer richtet, dann müßte 
dieser preis in Groß-London, das heute 7 Millionen 
Seelen zählt, doppelt so hoch sein als der Berliner, 
da Groß-Berlin auf ca. 3 Millionen geschätzt werden 
kann, wir sehen aber das Umgekehrte. Der Grund-
        <pb n="209" />
        203 
Schlußfolgerungen 
unò Ladenpreis Londons ist, mit Ausnahme der Citi) 
u n£&gt; einiger ganz bevorzugter Geschäftsgegenden, nur 
bor zehnte Teil des Berliner; also ein Engländer zahlt 
für das Recht, in seiner Landeshauptstadt leben und ar 
beiten zu dürfen, jährlich nur 100 Mark, wo der 
Deutsche 1000 Mark aufzubringen hat *). 
Man vergegenwärtige sich, was eine solche Er 
sparnis seitens Englands volkswirtschaftlich bedeutet. 
Die Sachgüter, die im Tausche gegen ein Recht er 
spart werden, werden frei zum Tausche von Sache 
gegen Sache oder gegen Arbeit, in andern Worten, 
bie ersparten Millionen werden frei zur Beschaffung 
besserer Nahrung, Rleidung und Wohnung und heben 
damit wieder Handel, Industrie und Landwirtschaft. 
Der Einwand, den Mehrausgaben der Berliner 
Bevölkerung in Form von Miete ständen auf der 
Ñrundbesitzerseite doch auch Mehreinnahmen gegen 
über, das Geld bleibe gewissermaßen im Lande, und auf 
diese weise entständen doch auch wieder nützliche ver- 
mögensbildungen, die ihrerseits die Raufkraft des 
Dolkes erhöhten, hält vor der Rritik nicht stand, denn 
EL kommt nicht darauf an, daß in einem Volke von 
irgend jemandem etwas verdient wird, daß sich ver- 
vwgensbildungen vollziehen, sondern darauf, daß diese 
volkswirtschaftlich einwandfrei sind, d. h. in der privaten 
Dermögensbildung muß auch eine Zunahme des Volks 
vermögens enthalten sein. 
x ) Rein rechnerisch kommt das natürlich nicht in dieser 
Ichroffen Form zum Ñusdruck, weil die Engländer, statt wie 
wlr übereinander, nebeneinander wohnen, sodaß sich weniger 
Personen in die für eine gegebene Fläche aufzubringende Grund 
rente zu teilen haben; aber die volkswirtschaftliche Wirkung 
^ņtspricht durchaus dem obigen Verhältnis, da der standard 
°f life sich den wohnungsbedingungen entsprechend gestaltet.
        <pb n="210" />
        204 
8. Kapitel 
Wohin obige Anschauung von der kritiklosen Nütz' 
lichkeit des verdienens und der Vermögensbildung führt, 
zeigt ein Argument, welches dem Verfasser einmal jen 
seits des großen Teiches bei Besprechung der Beamten- 
korruption begegnet ist. Man wollte sie nicht gerade 
verteidigen, aber doch entschuldigen, und namentlich 
hervorheben, daß sie wohl moralisch verwerflich wäre, 
die Volkswirtschaft eines Landes aber nicht schädige, 
denn, hieß es, das Geld bliebe doch im Lande, viele 
Beamte würden reiche Leute, die dann ihr vermögen 
wieder vererbten, so hebe sich die Kaufkraft des Volkes, 
der eine verdiene doch, was der andere verlöre usw. 
Nach diesem Argument müßte somit das Volk am 
schnellsten zu Wohlstand kommen, in dem am meisten 
gestohlen würde. 
Die Absurdität dieses Falles wird jeder einsehen, 
und man wird sofort mit der Antwort bei der k)and 
sein, daß das eben eine gesetzwidrige und damit ver 
werfliche Vermögensbildung sei. Nun hat aber die 
Volkswirtschaftslehre ihr Urteil über den wert oder 
Unwert einer Vermögensbildung nicht nach dem zu 
richten, was gesetzlich erlaubt ist oder nicht, denn die 
Gesetzgebung ist etwas Wandelbares, und sie hat sich 
viel mehr nach den Ergebnissen nationalökonomischer 
Forschungen zu richten, als diese nach ihr. Die Gesetz 
mäßigkeit einer Vermögensbildung kann nie und 
nimmer über ihren volkswirtschaftlichen wert oder Un 
wert entscheiden,' sonst käme man zu folgendem Ne- 
sultat: Gewinnt ein Preuße in der erlaubten preußischen 
Lotterie 100 000 Mark, so hat er sein Volksvermögen 
vermehrt, gewinnt er sie in der verbotenen braun 
schweigischen Lotterie, dann nicht- und dabei liegt es
        <pb n="211" />
        Schlußfolgerungen 
hier zufällig gerade umgekehrt, wirtschaftlich gewinnt 
Preußen durch den verbotenen Fall 100000 Mark, durch 
den erlaubten gar nichts. 
wenn uns also die nationalökonomische Forschung 
Zeigt, daß in der Steigerung der Ladenpreise und der 
daraus entstehenden Vermögensbildung etwas wirt 
schaftlich Ungesundes liegt, und nicht etwas Erstrebens 
wertes, wie bisher häufig angenommen, dann muß die 
Gesetzgebung die Konsequenzen daraus ziehen und diese 
Steigerung nicht länger fördern, sondern hindern. 
Nur der gesetzgeberischen Förderung verdanken wir 
die ungesunden Ladenpreise in unseren Städten und 
auf dem Lande,' sie sind nichts Natürliches, sondern 
etwas Künstliches, wir haben bei Besprechung der ver 
schiedenartigen Wirkung gesetzgeberischer und wirtschaft- 
licher Faktoren auf waren- und Ladenpreise hervor 
gehoben, daß der Kredit waren verbilligt, dagegen 
Ladenpreise erhöht. Nun haben wir in Deutschland das 
juristisch vollkommenste Realkreditsystem, und aus diesem 
Gründe die ungeheuren Ladenpreise,' denn in dem 
selben Maße, wie der Ladenpreis durch den leichten 
Kredit steigt, wird er wieder höher beleihbar, dadurch 
wieder erhöhter preis usw., ad infinitum, die verhäng 
nisvollste Wechselwirkung, die die Wirtschaftsgeschichte 
der Völker aufzuweisen hat. 
Der Realkredit ist es, der unsern Grund und Boden 
Mobilisiert, d. h. der den Tausch von Sachgütern gegen 
Lochte zum System erhebt, das durchaus einseitig nutz 
bringend ist. 
Die Mängel des englischen Realkredits und die 
damit verknüpfte schwere Beweglichkeit des Grundstück 
handels sind es, die den englischen Städten ihren billigen 
Loden erhalten haben.
        <pb n="212" />
        206 
8. Kapitel 
Der Tausch von Zachgütern gegen Rechte ist dort 
daher sehr eingeschränkt, und wo er stattfindet, ver» 
hältnismäßig gesund, weil in der großen Mehrzahl der 
Fälle die Rechte zeitlich begrenzt sind. 
Grund und Roden zu Wohnzwecken auf ewige Zeit 
zu erwerben, wie bei uns, ist dort verhältnismäßig 
selten möglich. Im billigen Grund und Roden und 
seiner geringen Releihbarkeit liegt ein Teil der eng 
lischen Finanzkraft. Die Ersparnisse des deutschen Volkes 
werden zum größten Teil absorbiert durch die Milliarden 
von Pfandbriefen und Hypotheken, denen unsere hohen 
Ladenpreise als Deckung dienen. Diese Dinge spielen 
in England nur eine untergeordnete Rolle, Pfandbriefe 
gibt es überhaupt nicht- daher wird das englische 
Kapital genötigt, sich den Staatsanleihen, der Industrie 
und überseeischen Unternehmungen zuzuwenden,- alles 
Dinge, die viel nützlicher sind, als dem eigenen Volke 
das Nutzungsrecht an seinem Grund und Roden zu ver 
teuern. 
hierüber sollte weit mehr nachgedacht werden, als 
es geschieht,- denn es ist doch nicht einerlei, ob sich die 
Rapitalkraft eines Volkes erschöpft im Erwerb von 
Rechten aus dem Arbeitsertrag der eigenen Volks 
genossen, oder ob sie werbend in die Welt hinausgeht 
und sich Rechte aus dem Arbeitsgebiete anderer 
Völker zu sichern sucht. 
Es ist also, wie wir aus obigem ersehen, verkehrt, 
kritiklos jede Rapitalbildung als wünschenswert zu be 
zeichnen. Ñber was soll der Staat machen, soll er 
die Vermögensbildung aus Rechten überhaupt ver 
bieten? Ganz gewiß nicht, das kann er überhaupt gar 
nicht, denn der Tausch von Sachen gegen Rechte ist 
ein integrierender Teil unseres Wirtschaftslebens. Zur
        <pb n="213" />
        Schlußfolgerungen 
Herstellung gesunder wirtschaftlicher Verhältnisse ge 
nügt zweierlei: 
1. die Beseitigung aller wirtschaftspolitischen Maß 
regeln, die den wert solcher Rechte künstlich erhöhen, 
in erster Linie organische Überführung des Realkredits 
in die öffentliche Hand und Schließung des Grundbuches 
gegen das Privatkapital, von allen wirtschaftspolitischen 
Maßnahmen ist unser Hypothekensystem das verhäng 
nisvollste gewesen, denn, war es schon schlimm, daß 
man dem Rapita! schrankenlose Bodenrechte überlieferte, 
so war es noch schlimmer, daß man hierauf sogar 
noch ein besonderes Vorrecht, die Priorität, aufbaute. 
2. schrittweise Ausdehnung und Wahrung der Rechte, 
die die Allgemeinheit an der Grundrente ihres Landes hat. 
Manche befürworten zu diesem Zwecke eine Ver 
staatlichung des Grund und Bodens. Das wäre aber 
der umständlichste weg, und der Vorschlag beruht zum 
Teil auf einer Verkennung des Begriffs Verstaatlichung. 
Tewiß, hin und wieder werden Staat und Gemeinden 
gezwungen sein, von einem ausgedehnten Tnteignungs- 
recht Gebrauch zu machen- aber in der Hauptsache 
wird eine Neuregelung der Grundsteuerverhältnisse zum 
gewünschten Ziele führen. 
Der Staat hat sein älteres Recht am Grund und 
Loden noch nie ganz aufgegeben. (Es ist eine Täuschung, 
wenn wir das meinen, und wenn wirmeinen, wir könnten 
ihn durch eine Verstaatlichung wieder in Rechte einsetzen, 
die er nicht mehr hat. Das ist nicht dermal!. Im Grunde 
ist der Staat, die Allgemeinheit, noch genau so der 
Herr seines Grund und Bodens, wie zu den ersten Zei 
ten. Die Grundsteuer, die jeder bezahlt, der ein Stück 
^and besitzt, ist gewissermaßen die Pacht dafür. Unter 
läßt er, sie zu zahlen, so nimmt der Staat sein Land
        <pb n="214" />
        208 
8. Kapitel 
zurück, und ebenso macht er es, wenn er es zu Bahn 
bauten, Kanälen usw. braucht. 
Rlso täuschen wir uns nicht, das Recht ist nie 
erloschen, nur hat er einen Teil daran zu Bedingungen 
weggegeben, die für ihn ungünstig sind und Macht- 
befugnisse in die Hände einzelner gelegt, die nie hätten 
gegeben werden müssen. Dieselbe Machtstelle, die die 
alten Bedingungen schuf, kann aber auch neue machen. 
wenn von Verstaatlichung die Bede ist, so muß man 
sich vor allem klar machen, was dieses Wort in der Wirk 
lichkeit bedeuten würde. Man kann damit nur meinen, 
der Staat solle an die hergäbe des Landes an die 
Nutznießer andere Rechtsgrundsätze und andere Be 
dingungen knüpfen, als es heute der Fall ist. 
wenn alles Land heute verstaatlicht würde, und 
die Menschen bekämen es überall gegen eine kleine 
Grundsteuer oder zu 1,50 Mark für 2180 000 qm Rohlen- 
feld ausgeliefert wie heute, dann wären wir eben 
soweit wie vorher. Nicht darauf kommt es an, dem 
Staate die Macht zurückzuerwerben, über seinen Grund 
und Boden zu verfügen, denn diese Macht hat er über 
haupt nie verloren, sondern es kommt darauf an, daß 
sie in richtiger weise ausgeübt werde, daß die Rechte 
und Einnahmen, die man im Laufe der Jahrhunderte 
weggegeben hat, langsam und organisch zurückgewonnen 
werden. 
Nur so kann das störende Element in der Güter 
verteilung beseitigt werden, und wir bekommen die 
wunderbare Wechselwirkung, daß, indem die Rllgemein- 
heit wieder in ihre Rechte und Einnahmen eintritt, die 
ihr gebühren, zugleich der illegitimen Rapitalbildung 
durch Rechte der Nährboden entzogen wird, so daß nur 
die durch kristallisierte ñrbeit übrig bleibt.
        <pb n="215" />
        Schlußfolgerungen 
Und wenn wir erst einen solchen Zustand haben, 
dann ist jede andere Reglementierung nicht nur über- 
flüssig, sondern schädlich, denn dann bedeutet Frei 
heit des Tausches zugleich den höchstmöglichsten Zu 
stand gerechter Güterverteilung, gerechter, als je ein 
ausgeklügeltes System ihn einzuführen imstande sein 
wird. 
Nichts ist leichter, als sich in Spekulationen über 
eine rein verstandesgemäß geordnete Volkswirtschaft 
zu ergehen. Bei der Bedeutung, die das Gefühl im 
Wirtschaftsleben spielt, fallen alle solche Systeme in 
sich zusammen, weil eben das Gefühl unberechenbar 
ist. Ls ist ebenso unmöglich, das Wirtschaftsleben eines 
Volkes rein verstandesgemäß zu regeln, wie es einem 
Menschen unmöglich ist, seine inneren Drgane durch 
seinen verstand zu beeinflussen. Ls braucht in einem 
kommunistischen Staat nur einmal der Fall einzutreten, 
daß die öffentliche Meinung rein gefühlsmäßig eine 
andere Ñnsicht hätte von der mutmaßlich ausreichen 
den Versorgung mit Subsistenzmitteln als die leitende 
stelle, die mit der verstandesmäßigen Regelung der 
Volksernährung betraut ist, um die gewaltigste politische 
und wirtschaftliche Erschütterung herbeizuführen. 
Die künstliche Regelung des Wirtschaftslebens über 
steigt jede menschliche Fähigkeit. Ls genügt auch voll 
ständig, wenn der Staat darüber wacht, daß jedem das 
beine werde, der geistigen und körperlichen Ñrbeit der 
Teil, der ihr nach ihren Leistungen auf dem Wege freien 
Tausches zukommt, und dem Staate das, was ihm allein 
für seinen Teil der nationalen ñrbeitsleistung ge 
bührt. Und wollte man einwenden, diese sei überhaupt 
eine Einheit, und die beiden Gebiete ließen sich nicht 
trennen, so erwidern wir, daß sie wohl nach außen 
bvhlman, Laienbrcvier. 
209 
14
        <pb n="216" />
        210 
8. Kapitel 
eine Einheit darstellt, aber nicht im Innern des Staats- 
organismus, und daß dort die Grenze der Arbeitsteilung 
ganz scharf gezogen werden kann. 
Wenn der Staat die Arbeitsleistung des Verkehrs, 
der Post, der Schulen, des Kultus usw. übernimmt, 
so ist das nicht notwendigerweise Staatsgebiet. 
Es gibt Länder, wo man diese Dinge ruhig der Privat 
initiative überläßt. Wo der Staat diese Funktion über 
nommen hat, geschieht es aus Zweckmäßigkeitsgründen, 
und er bekommt, wie jeder Privatmann, dafür direkte 
Bezahlung. 
Schule, Universitäten, Eisenbahnen, Post, Telegraph 
lassen sich ohne weiteres als privatunternehmen denken, 
nie und nimmer aber Rechtspflege und Landes 
verteidigung. 
Diese Dienste in der Teilung der nationalen 
Arbeit kann nur der Staat leisten, somit gebührt 
ihm auch hierfür ein entsprechender Anteil am 
Gesamtarbeitsertrage und zwar der, der seinen 
Leistungen entspricht, d. h. der in der Grundrente zum 
Ausdruck kommt. Denn diese Grundrente ist ohne ihn 
nicht vorhanden. Sie ist so gut sein werk und nur 
sein werk, sein Eigentum, wie ein Kunstwerk Eigen 
tum seines Schöpfers ist. Nimmt die Allgemeinheit 
etwas aus dem Eigentum des einzelnen, so nimmt 
sie etwas, was nicht ihr gehört, nimmt sie aber die 
Grundrente, so nimmt sie nur das, was ihr eigen ist. 
An diesen Einnahmequellen haben aber auch die 
Erwerbsunfähigen ein Recht, als Glieder eben dieses 
Staates und, indem der Staat zu ihrer Erhaltung 
aus der Grundrente schöpft, entzieht er der Arbeit keinen 
Pfennig von dem, was ihr zukommt. 
Die Fürsorge für die Alten und Schwachen
        <pb n="217" />
        1 
211 
14* 
Schlußfolgerungen 
verliert, wenn aus derGrundrente gespeist, 
den Charakter des Ñlmosens, denn niemand 
bringt für sie ein Opfer. Ihre Erhaltung wird zu 
einem Rechte, denn die Rechte des Gesamtorganismus 
machen nicht vor den Arbeitsunfähigen halt. Man kann 
sie ebensowenig davon ausschließen, wie wir unserm 
Ohrläppchen oder unserem kleinen Finger die Mt- 
ernährung verweigern können, weil sie nicht direkt 
Zum Nahrungserwerb beitragen. 
Der Staat ist ein Organismus wie jeder andere, 
und an dem, was er als solcher schafft, hat jeder 
seiner Teile ein Recht, ganz einerlei, ob er arbeits 
fähig oder -unfähig ist. ñber an dem, was der einzelne 
erarbeitet, hat nur dieser ein Recht. In dieser ein 
fachen Formel liegt die Lösung des Problems, wie jedem 
der volle Ñrbeitsertrag garantiert und zugleich das 
Recht auf Existenz proklamiert werden kann. 
Und wie ist dieses Ziel zu erreichen? 
Zunächst, indem wir vergangenes vergangen sein 
lassen und alles, was unter alten Rechtsformen er 
worben ist, als zu Recht bestehend hinnehmen, in Zu 
kunft aber den Widersinn vermeiden, der im Tausche 
einer vergänglichen Sache gegen ein ewiges Recht liegt. 
Die hergäbe des Grund und Rodens gegen 
eine Sache muß zeitlich begrenzt sein. Vas 
ist aber nicht so zu verstehen, daß von nun ab Land 
nur verpachtet oder auf bestimmte Zeit verkauft werden 
dürfe. Mt unserem Grund und Boden sind so viele 
und mannigfaltige Meliorationen verknüpft, die wir 
durchaus als Sachgüter ansprechen müssen, daß es wer-
        <pb n="218" />
        212 
8. Kapitel 
kehrt wäre, hier dem Tausche von Zache gegen Zache 
die Freiheit beschränken zu wollen, die allein ihn nutz 
bringend macht. Ulan braucht, um unsere Forderung 
zu erfüllen, keinen Käufer zu verhindern, diese Melio- 
rationen auf ewige Zeiten, d. h. so lange sie eben 
dauern, zu erwerben. Ulan braucht nur dem Staate 
von dem sogenannten „unverdienten Wertzuwachs" sei 
nes Grund und Lodens einen möglichst großen Anteil 
zur Einziehung bei verkauf oder Erbteilung oder, bei 
unpersönlichem Eigentum, in gewissen Perioden, vor 
zubehalten, sowie eine progressive Besteuerung der 
jenigen werte vorzunehmen, die sich jährlich in der 
Grundrente verdichten und im Verkaufspreis des Lan 
des, abzüglich aller Verbesserungen, zum Ausdruck 
kommen. 
Auf diese weise genießt das, was am Grund und 
Boden vergänglich ist, nämlich die durch Menschen ge 
schaffenen Meliorationen, vollste Tauschfreiheit, aber 
jene Rechte, die mit der ewigen unvergänglichen Sub 
stanz des Grund und Bodens verknüpft find, werden 
zeitlich begrenzt und die Allgemeinheit erhält für ihre 
Leistung die ihr allein gebührende Gegenleistung. 
In diesen Vorschlägen liegt nichts Künstliches, Uto» 
pistisches, Zukunftsstaatliches; es handelt sich um die 
einfache Etablierung wirtschaftlicher Gerechtigkeit nach 
klarer Erkenntnis der Gesetze, die das Wirtschaftsleben 
der Völker beherrschen. 
was sich sonst noch von Schlußfolgerungen aus 
unseren Prämissen ergibt, ist nebensächlich zu dem 
vorangegangenen. Ls war ja auch nicht viel mehr be 
absichtigt, als einige einfachste Wahrheitssätze zu for-
        <pb n="219" />
        Schlußfolgerungen 
mulleren und es dem Leser zu überlassen, selber die 
notwendigen und zwingenden Schlußfolgerungen dar 
aus zu ziehen. 
Wenn wir behaupten, das höchste Wertobjekt eines 
Volkes ist der leistungsfähige und bedürfnisheischende 
Mensch, hat dann jemand den Mut zu sagen: „Das 
ist nicht wahr?" 
Wir stellen das „bedürfnisheischend" über das 
„leistungsfähig", das erstere natürlich immer nur, nach 
der Richtung einer höheren sittlichen und materiellen 
Rultur. wer das leugnet, muß logischerweise die Ñr- 
beit des Winzers in seinem Weinberg auch dann noch 
für nutzbringend halten, wenn niemand Wein mehr 
trinkt. 
wir sagen: nur diejenige menschliche Tätigkeit ist 
„Ñrbeit" im volkswirtschaftlichen Zinne, in der, neben 
dem Nutzen für den einzelnen, auch ein Dienst für die 
ñllgemeinheit enthalten ist. 
Wir sagen: nicht die Menge der Güter macht den 
Wohlstand des Landes aus, sondern ihre Bewegung zum 
verbrauch oder Genuß - er ist ein Zustand, keine Sache. 
Dhne ihre Bewegung kann ein Volk bei allen seinen 
Gütern verarmen und verhungern. 
Wir sagen: der Zweck der Güter ist nicht ihre 
l)ervorbringung, sondern ihre Vernichtung, entweder 
durch sofortigen Ronsum oder durch langsamen Gebrauch. 
Sn anderen Worten: Tine Ware hat erst dann ihren 
vollen Wert, wenn sie dahin kommt, wo man sie braucht. 
Daher ist der Güterverteilungsprozeß volkswirtschaftlich 
genau so wertbildend, wie der Produktionsprozeß. 
wir behaupten, daß infolgedessen bei freiem
        <pb n="220" />
        214 
8. Kapitel 
Tausche zwischen Gütern und Gütern einerseits, Gütern 
und Arbeit andererseits, bis zur Vollendung des Kon 
sums, jeder den Genuß seines vollen Arbeitsertrages 
haben würde, daß es also nicht in der Natur unserer 
kapitalistischen Entwickelung liegt, sondern auf mensch 
lichen Eingriffen in diese Freiheit beruht, wenn dem 
nicht so ist. 
Dieser störende menschliche Eingriff ist erfolgt, in 
dem sich private, kraft ihrer politischen Macht, ohne 
entsprechende Gegenleistung, Rechte angeeignet haben, 
deren Erträge, ihrer Natur nach, nur der Gesamtheit 
gehören durften. 
In demselben Maße nun, wie die Schicht derjenigen 
wächst, die an der Beseitigung dieser Rechte ein In 
teresse haben, und ihre politische Macht zunimmt, wird 
auch die Rechtsform sich verändern, und zwar um 
so mehr zugunsten der Allgemeinheit, je mehr die 
herrschende Schicht ihre Repräsentantin ist. 
Die fortgesetzte Arbeitsteilung auf der einen Seite, 
und die wachsende Aufsaugung der Bodenrechte durch 
das Kapital auf der anderen, bringen es mit sich, 
daß die oben genannte Schicht in nicht zu ferner Zeit 
die erdrückende Majorität bilden wird gegenüber der, 
die die Bodenrechte inne hat. Daran ändert der 
weitverzweigte Kleinbesitz bei uns nichts, weil er zum 
großen Teil nur nominell ist. Unsere ländliche Grund 
rente gehört schon lange nicht mehr den Millionen bäuer 
licher Existenzen, sondern einigen großen Kreditinsti 
tuten, die sich immer mehr konzentrieren. Ähnlich in 
unseren Großstädten; da stehen den wenigen großen 
Hypothekenbanken nicht nur die Millionen der Mieter 
gegenüber, sondern auch jene gewerbsmäßigen Hausbe 
sitzer, die von diesem Kapital abhängig sind; und
        <pb n="221" />
        215 
Schlußfolgerungen 
auf 60 Millionen Uohlenkonsumenten kommen nur we 
nige Tausende, die die Bergwerksrente einstreichen. Ñlso 
die Zahl derer, die unter unserem heutigen Bodenbesitz 
recht leiden, nimmt täglich zu, und die, die ein Interesse 
an seiner Erhaltung haben, nehmen ab. Somit drängt 
die Entwickelung entschieden nach der Seite einer Än 
derung. Hauptsache ist nur, daß man sich des rechten 
Weges bewußt ist, den man dabei einzuschlagen hat. 
Daß hierzu die richtige Erkenntnis wirtschaftlicher 
Zusammenhänge erste Vorbedingung ist, ist selbstver 
ständlich, und dieser Erkenntnis durch gemeinverständ 
liche Darstellung der grundlegenden Gesetze zu dienen, 
die das Wirtschaftsleben regieren, ist der Zweck die 
ser Ñrbeit. 
Ich wiederhole, daß ich nicht beanspruche, hier 
etwas Erschöpfendes gegeben zu haben, wer das wollte, 
müßte über jedes einzelne Kapitel ein Buch schreiben, 
denn Stoff genug wäre vorhanden. Ñber damit wäre 
der Zweck wieder verfehlt, denn der Laie hätte keine 
Zeit, diese Bücher zu lesen. Es ist aber wichtiger, daß 
Tausende mit der einfachen Formulierung einer Wahr 
heit bekannt werden, als daß diese, wenn auch in aus 
führlichster Begründung, auf einige wenige Kreise be 
schränkt bleibt. 
ñuch hier auf geistigem Gebiete gilt das Gesetz 
von der Wertbildung durch Bewegung. Line Erkenntnis, 
die in engem Kreise bleibt, hat wenig wirtschaftlichen 
Wert. Erst indem sie weiteste Verbreitung findet und 
in den geistigen Besitzstand einer breiten Bildungs 
schicht übergeht, kann sie sich auswirken. 
Dazu ist aber nötig, daß sie knapp und klar dar 
gestellt werde, und dieses habe ich im vorliegenden 
Buche versucht.
        <pb n="222" />
        Ñnzeige 
Wer sich über die in dem vorliegenden Buche entwickelten 
Gedankengänge und über die Kämpfe zu ihrer Überführung 
in die Praxis unterrichten will, den verweisen wir auf die 
im Verlag der Bodenreform G. m. b. Í}. in Berlin, Lessing 
straße 11, erscheinende reiche Literatur der deutschen Boden 
reform-Bewegung mit Beiträgen von Adolph Wagner, 
Karl Bücher, ñdmiral Boeters, Landeshauptmann von 
Francois, Heinrich Freese, Professor Gruber, Professor 
Kein u. a. Besonders heben wir hervor: A. pohlman: „Die 
Kot der deutschen Landwirtschaft und die Bodenreform." 
2. Auflage und „Bergbaufreiheit und Staatsinteresse." Gin 
Beitrag zur Bergswerksfrage je —.50 Kit. 
Über den Gang der Entwicklung in allen Kulturstaaten 
berichtet die populär-volkswirtschaftliche Halbmonatsschrift 
Bodenreform 
Herausgeber: Adolf Damaschke, preis KK. 1.50 vierteljähr 
lich, bei jeder Post und Buchhandlung, auch direkt durch die Ge 
schäftsstelle des Bundes deutscher Bodenreformer, Berlin N W.» 
die auchFlugblätter gern jederzeit kostenfrei versendet. 
Line zusammenhängende Darstellung der Lehren der 
deutschen Bewegung gibt das Werk: 
Die Bodenreform, 
Grundsätzliches und Geschichtliches zur Erkenntnis und Über 
windung der sozialen Kot von A. Damaschke. 4. Auflage, 
preis 2.50 lïïf. (Buchverlag der „Hilfe", Berlin-Schöneberg.) 
Inhalt: 1. Weder Kapitalismus noch Kommunismus. — 
2. Die Bodenreform in den Städten. — 3. Die Bodenreform und 
das Agrarproblem. — 4. Die Bodenreform und Israel. — 5. Die 
Bodenreform in Griechenland. —6. Die Bodenreform in Kom.— 
7. Henry George. — 8. Die hohenzollern und die Bodenreform. 
Die Stellung der Bodenreform-Bewegung in der Ent 
wicklung der nationalökonomischen Theorien zeigt die 
Geschichte der Nationalökonomie. 
Eine erste Einführung von A. Damaschke. 2. Auflage, 
preis 2.50 KTî. (Verlag von G. Fischer, Jena.) 
Die praktische Anwendung bodenreformerischer Lehren 
zeigen 
Ñ. Damaschkes „Ñufgaben der Gemeindepolitik" 
5. Auflage. 288 S. Preis 1.50 Klk. (Verlag von Gustav 
Fischer, Zena).
        <pb n="223" />
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        <pb n="228" />
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        <pb n="229" />
        190 
lèi* 
S82 
PFrüifi? 
8. Kapitel 
Kampfesaußanb 
Hni ? m ^p/leeren Raum, also innerhalb der na- 
à len àchtsphare, ist die Notwendigkeit des freien 
uteraustausches so allgemein anerkannt, daß man kein 
Wort darüber zu verlieren braucht. Rein Volk denkt dar- 
an innerhalb seines Machtbereiches Zollschranken zu er 
richten, selbst die vereinigten Staaten nicht, trotzdem die 
einzelnen Glieder dieses Staatenbundes die verschieden 
artigsten wirtschaftlichen Verhältnisse aufweisen und 
an sich ungeheure Produktionsgebiete bilden, wären 
Schutzzölle an sich etwas Wünschenswertes, dann wären 
eschen Pensylvanien und Ralifornien viel be 
rechtigter als zwischen Deutschland und Ssterreich. Cs ist 
kTI^elgentümliche Ironie der wirtschaftspolitischen Ge- 
Ichlchte, daß das schutzzöllnerischste Land der Welt, die 
erermgten Staaten, zwischen den einzelnen Gliedern 
absoluten Freihandel hat, während im britischen welt- 
eich, an dessen Spitze das Freihandelsland par excel- 
enee, England, steht, zwischen den einzelnen Rolonien 
-^tzZo schranken, selbst gegen das Mutterland aufge- 
2! Worden sind. Ranada, australien, Rapland sind 
vollständig autonome Schutzzollgebiete. Die Erklärung 
îst ungeheuer einfach. Bei der menschlichen 
Selbstsucht, die, wenn sie nur irgend kann, die Freiheit 
aes Tausches zu ihren Gunsten zu beeinflussen sucht, 
ann diese nur durch Übereinkommen, in letzter Linie 
also durch Macht, aufrecht erhalten werden. Dieses 
geschieht im nationalen Staat und kann geschehen! In 
en vereinigten Staaten ist auch die Macht vorhanden,- in
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
