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        <title>Laienbrevier der National-Ökonomie</title>
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            <forname>Adolf</forname>
            <surname>Pohlman</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
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            <idno>861689208</idno>
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        Eigentum
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INSTITUTS
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WELTWIRTSCHAFT
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        A.  Pohlmaņ-Hohenaspe
Làbrevier
der
Nottoml-Ökonomie
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        Mesa  i  i  initiiiim

Laienbrevier
der
National-Gkonomie

von

Ñ.  Pohlman-hohenaspe

Motto:  Linfluß  auf  weite  Kreis«  können
nur  einfache  Vorstellungen  gewinnen,
lfouston  St.  Chamberlain.

±  z  fm-^eipzig
  •  R.  Voigtländer-  Verlag  •  1908

\jXSC  hg.

Mill  SO.  JUIi.  19H--
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        rn  M  i  m  n  m  i  ^-LL

T  4'£4'4  2

alle  Rechte  vorbehalten

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b.Vi-  ÄV»  r
Bibliothek  ^

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2&amp;gt;  Kle\

Druck  von  Oscar  Brandstetter  in  Leipzig.
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        Gewidmet  dem  freunde,
dem  ich  den  Erfolg  meines  Lebens  verdanke,
Herrn  Hermann  Fortlage,
London
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        i  iis  §  mim  m  i
        <pb n="9" />
        haben  wir  eine  Wissenschaft  der  Nationalökonomie? ­
  —  Vorbedingungen  einer  solchen.  —
3f)re  Voraussetzungslosigkeit.

Das  höchste  Wertobjekt  der  Mensch.  —  Wann
hat  eine  Ware  ihren  höchsten  Wert?  —  Der  Zweck
fcer  Ware  ist  nicht  ihre  Hervorbringung,  sondern  ihre
Vernichtung  durch  Konsum  oder  allmählichen  verbrauch. ­
  —  Der  Wille  zum  Konsum  die  Hauptsache.  —
Wertbildung  durch  Erregung  dieses  Willens.  —  Bedeutung ­
  der  Kunst  für  die  Wertbildung.  —  Die
Bewegung  als  Basis  aller  Werte.  —  Nicht  die  geleistete, ­
  sondern  die  ersparte  Ñrbeit  als  Wertmesser. ­
  —  Resümee.
3.  Kapitel,  ñrbeit  und  Eigentum  42
ñrbeit  und  Gewalt  als  Eigentum^quellen.  —
®te  Ñrbeit  in  ihrer  einfachsten  Form.  —  Welche
menschliche  Tätigkeit  nennen  wir  produktiv?  —
Bienen  und  Drohnen.  —  Kampf  und  Ñrbeit.  —
Eigentumserwerb  durch  Ñrbeit.  —  Die  Macht  als
Elvelle  des  Grundeigentums.
4.  Kapitel.  Arbeitsteilung  und  Kapitalbildung  55
îvas  nennen  wir  Kapital?  —  Arbeitsteilung  und
Kapitalbildung.  —  Das  Kapital  als  kristallisierte
Arbeit.  —  Berechtigung  des  Zinses  in  diesem
Falle.  —  Falsche  Kapitalbildung.  —  Durch  Gewaltete ­
  oder  politische  Macht.  —  Das  ausbeutende
Kapital.  —  Das  Börsenpapier  als  Repräsentant  des
Kapitals.  —  Ursprung  des  falschen  Kapitals  aus
Grundrente.
        <pb n="10" />
        6

Inhalt

5.  Kapitel.  Die  Bedeutung  des  Tausches  im  "  '
Arbsits-  und  Wertbildungsprozeß  72
Der  Tausch  als  wichtigstes  Korrelat  der  Arbeitsteilung. ­
  —  Freiheit  des  Tausches  und  ihre  Folgen.  —
Die  Arten  des  Tausches:
A.  Tausch  einer  Sache  gegen  eine  andere....  74
was  ist  eine  Sache?  Das  Sombartsche  Argument
über  die  Unproduktivität  des  Handels.  —  Der
Tausch  als  vollendender  Faktor  des  Wertbildungsprozesses. ­
  —  Erleichterung  des  Tausches  durch
Handelskapital.  —  Sein  wesen.  —  Seine  räumliche
und  zeitliche  Funktion.  —  Die  Selbstsucht  als  wertbildender ­
  Faktor.  —  Wirtschaftlicher  Zwang  und
Handelskapital.  —  Zahlenmäßiger  Nachweis  des
beiderseitigen  und  auch  volkswirtschaftlichen  Nutzens
des  Tausches.  —  Der  Erfolg  des  Einzelnen  bei
Warenaustausch  gleichbedeutend  mit  einer  Zunahme
des  Volksvermögens.  —  Der  internationale  Tausch.  —
Die  „günstige"  und  „ungünstige"  Handelsbilanz.  —
Einfuhr—Einnahme,  Ausfuhr—Ausgabe  einesvolkes.
—  Folgen  gegenteiliger  Auffassung.  —  Die  „günstige"
Handelsbilanz  der  vereinigten  Staaten.  —  Die  Zukunft ­
  des  internationalen  Güteraustauschprozesses.
B.  Tausch  einer  Sache  gegen  Arbeit,  das  Lohnproblem ­
  101
Auch  hier,  bei  volle  Freiheit,  gegenseitiger  Vorteil ­
  und  keine  Ausbeutung.  —  Vorteil  eher  auf
seiten  des  Arbeitnehmers.  —  Die  wirtschaftliche
Wirkung  bei  voller  Tauschfreiheit.  —  Der  absolute
und  relative  Anteil  am  Arbeitserträge.  —  Das  scheinbar ­
  arbeitslose  Einkommen  aus  Kapitalbesitz.  —
Das  Verhältnis  von  Erfinder,  Arbeiter,  Kapitalist
und  Bodeneigentümer  in  einem  konkreten  Falle.  —
Das  eherne  Lohngesetz  Lassalles.  —  Die  Mehrwerttheorie ­
  und  das  Akkumulationsgesetz.  —  Die
        <pb n="11" />
        7

Inhalt

Lohnfondtheorie.  —  ver  wirtschaftliche  Zwang.  —
Tausch  einer  Zache  gegen  geistige  Arbeit,  Bildung
und  Erholung.  —  Ihre  Produktivität.  —  Monomischer ­
  Wert  der  Kunstschätze.  —  Der  internationale ­
  Tausch.
C.  vom  Tausch  einer  Zache  gegen  ein  Recht,
oder  der  Grund  und  Boden  als  Duelle  der
Arbeit  124
Grund  und  Boden  weder  Zache  noch  Ware.  —
Der  Warenbegriff.  —  Die  drei  Kategorien  von
Käuflichkeiten:  Arbeit,  Waren  und  Rechte.  —  Unterschiedliche ­
  Bedeutung  der  Vorenthaltung  eines  Rechtes
und  einer  Ware.—Herbert  Spencers  Urteil.  —  Leistung
und  Gegenleistung  bei  beiden  Kategorien.  —  Die
verschiedenartige  Wirkung  von  Steuern  und  Beleihbarkeit
  auf  beide.  —  historische  Begründung  und
Entwicklung  der  Grundrente.  —  Die  Macht  als  letzte
Rechtsquelle.  —  Leistung  und  Gegenleistung.  —
Grundrente  ursprünglich  keine  Vergütung  für  den
Besitz,  sondern  für  die  Sicherheit  des  Besitzes.  —
Die  Grundrente  als  (Quelle  größerer  Kapitalbildung.—
historischer  Überblick.  —  Zunahme  der  Leistung,
aber  Abnahme  der  Gegenleistung.  —  Monopolisierung ­
  der  Grundrente  durch  Adel,  Klerus  und
Krone.  —  Die  Herrschaft  des  dritten  Standes  und
die  Mobilisierung  des  Grund  und  Bodens.  —  Erleichterung ­
  des  Tausches  von  Sache  gegen  Rechte.  —
Ungleichheit  und  Unfreiheit  dieses  Tausches.  —
Die  Grundrente  geht  stets  mit  der  herrschenden
Schicht.  —  Die  Folgen  dieser  Iatsache.  —  Der  internationale ­
  Tausch.  —  Seine  Vorteile  und  Gefahren.
6.Kapitel.  Vas  Geld  als  Hilfsmittel  des  Tausches  145
vom  Kaufen,  verkaufen  und  Bezahlen.  —  Alles
noch  Tausch.  —  Wann  nennen  wir  den  Tausch  Kauf
        <pb n="12" />
        8

Inhalt
und  verkauf?  —  Was  heißt  bezahlen?  —  Das  Gold  Seite
als  Münze.—  Metallgeld  oder  Papiergeld?  —  Geld
ist,  was  gilt.  —  Der  Stempel  macht  das  Geld,  nicht
die  Substanz,  auf  der  er  sich  befindet.  —  Das  Papiergeld ­
  in  allen  Kulturländern  das  Geld  an  sich.  —
Wir  haben  Goldwährung,  aber  Papiergeld.  —
Goldmünzen,  ein  Luxus  wohlhabender  Völker.  —
Die  Bedeutungslosigkeit  des  Goldes  als  Zahlungsmittel. ­
  -i-  Unser  Scheidemünz-Spstem.  —  Ist  die
Substanz  des  Umlaufsmittels  gleichgiltig,  aberMetalldeckung
  notwendig?  —  Die  Goldbasis.  —  Ihre
Zweckmäßigkeit  als  nationales  Betriebskapital.  —
Nachteile  ungenügenden  Kapitals.  —  Entwertung
der  Valuta  keine  unzertrennliche  Begleiterscheinung
der  Papierwährung.  —  Wohl  aber  Schwankungen.  —
Versuchung  zu  übermäßiger  Notenausgabe  bei  fehlender
Metallbasis.  —  Die  Goldbasis  nicht  die  einzig  mögliche, ­
  aber  die  zweckmäßigste.  —  Erleichterung  der
internationalen  Warenliquidation.  —  Die  Frage  der
Doppelwährung.
7.  Kapitel.  Vas  subjektive  Gefühl  als  wirtschaftlicher ­
  Faktor  162
Die  veränderte  Reihenfolge  von  Ursache  und
Wirkung.—  Gefühl  contra  Tatsache.  —  Wirtschaftspolitik ­
  und  Gefühl.  —  Marktmeinung.  —  Vas  alte
und  moderne  Geschäftsprinzip.  —  vertrauen  und
Kolonialarbeit.  —  Das  vertrauen  als  Krisenüberwinder. ­
  —  Die  Wirkung  der  Krediterschütterung  auf
Bodenpreise,  als  der  empfindlichsten  Stelle.  —  Einfluß ­
  von  Geschmack  und  Mode  auf  die  Grundrente.
8.  Kapitel.  Schlußfolgerungen  178
Scheidung  von  nationaler  und  internationaler
Wirtschaftspolitik.  —  Der  standard  of  life.  —  Reichtum ­
  eines  Volkes  ein  Zustand  und  keine  Sache.  —
        <pb n="13" />
        9

Inhalt

Fremdkörper.  —  Die  Frau  im  Wirtschaftsleben.  —
Bildung  und  Erziehung  ökonomische  Werte.  —
Ökonomische  Bewertung  verkürzter  Arbeitszeit  und
sozialer  Gesetzgebung.  —  Der  internationale
Warenaustausch.  —  Die  Zölle.  —  Wer  zahlt
sie?  —  Scheinbare  Ersparnisse.—  Der  internationale
Austausch  von  Sachen  gegen  Rechte.  —  Die  Güterverteilung ­
  innerhalb  des  nationalen  Wirtschaftsgebietes. ­
  —  Das  Recht  auf  den  vollen
Arbeitsertrag.  —  Ausschaltung  der  nicht  durch
Arbeit,  sondern  durch  Rechte  erworbenen  Erträge.—
Beispiel  der  Wegerechte.  —  Der  Nutzen  aus  verkauf
von  Rechten  keine  Vermehrung  des  Volksvermögens.—
Darf  sich  das  legitime  Kapital  Bodenrechte  aneignen? ­
  —  hohe  Bodenpreise  nicht  gleichbedeutend  mit
Volksreichtum.  —  Die  Londoner  Grundrente  1 / l0  der
Berliner.  —  Vorteile  des  billigen  Bodens.  —  Kapitalbildung
  allein  nicht  maßgebend  für  ihren  ökonomischen
Wert.  —  Gleichnis:  Beamtenkorruption.  —  Schädliche
Einwirkung  des  Rentkredits  auf  die  Bodenpreise.  —
Abhilfe.  —  Was  heißt  Verstaatlichung  des  Bodens?  —
Wirkung  der  zurückgewonnenen  Grundrente  auf  die
legitime  Kapitalbildung.  —  Unzweckmäßigkeit,  Schädlichkeit ­
  und  Unmöglichkeit  künstlicher  Regulierung  des
Wirtschaftslebens.  —  Das  Recht  auf  Existenz.  —
Rekapitulation.  —  Wohin  weist  die  Entwicklung?
        <pb n="14" />
        11

1.  Kapitel
(Einleitung

„The  dismal  science“,  nennt  die  englisch  sprechende
Welt  das  StuMum  der  Nationalökonomie,  „die  trübselige, ­
  traurige  Wissenschaft".  —  Überblickt  man  die
wirtschaftspolitische  Geschichte  der  Kulturvölker,  soweit
sie  einigermaßen  verständlich  vor  uns  liegt,  dann  ist
es  in  der  Tat  betrübend,  zu  sehen,  von  welcher  Fülle
von  Irrtum,  Kurzsichtigkeit,  krassem  Egoismus  und
Unkenntnis  der  einfachsten  Gesetze  der  Volkswirtschaft
sie  beherrscht  wurde.
Das  vetrübendste  aber  ist,  daß  es  heute  noch  kaum
viel  besser  geworden  ist.  Statt  Verfolgung  klar  gesteckter ­
  Ziele,  aus  klar  erkannten  Gründen,  sehen  wir
überall  ein  unsicheres  hin-  und  Hertasten,  Experimentieren, ­
  Umsatteln  und  Lreitmachen  kurzsichtigster  Interessenpolitik. ­
  Und  wie  könnte  es  anders  sein?  —
Sind  sich  doch  selbst  die  Gelehrten  noch  nicht  einmal
über  die  fundamentalsten  Grundsätze  der  Nationalökonomie ­
  einig,  so  daß  wohl  von  hohem  und  ernstem  Studium ­
  aber  noch  nicht  von  einer  Wissenschaft  der
Nationalökonomie  die  Rede  sein  kann,  in  dem  Sinne
wenigstens,  wie  wir  von  der  Mathematik  oder  der
Naturwissenschaft  sprechen.
Klan  forscht,  man  ordnet,  sammelt  und  sichtet
ungeheures  Material,  sucht  die  komplizierten  Hergänge
des  Wirtschaftslebens  nach  immer  neuen  Methoden  zu
analysieren,  aber  über  das  Einmaleins  desselben  hat
man  es  noch  zu  keiner  Verständigung  gebracht.
        <pb n="15" />
        1.  Kapitel

Wir  wissen,  was  Rdam  Smith,  Stuart  Will,  Malthus, ­
  Rodbertus,  Ricardo,  Carey,  Marx,  Henry  George
u.  a.  lehren,  aber  eine  allgemeingültige  Erkenntnis ­
  hat  die  Welt  daraus  noch  nicht  zu  gewinnen  vermocht. ­
  —  3a,  wie  sehr  unser  nationalökonomisches
wissen  noch  in  den  Kinderschuhen  steckt,  beweist,  daß
wir  das  Tatsachenmaterial,  das  uns  durch  das  Studium
der  Geschichte  und  der  Statistik  vorliegt,  noch  nicht  einmal ­
  nach  einer  einheitlichen  Ruffassung  zu  lesen  verstehen. ­
  Ich  erinnere  an  die  Import-  und  Lxportzahlen
der  Handelsstatistik,  während  die  einen  den  wachsenden ­
  Überschuß  der  Importziffern  als  ein  Zeichen  wirtschaftlichen ­
  Rufschwungs  ansehen,  erblicken  andere  darin
ein  Symptom  des  Niedergangs.  Wan  denke  sich:  zwei
Weteorologen  ständen  vor  einem  Barometer  und  wären ­
  sich  noch  nicht  einig  darüber,  ob  sein  Steigen  gut
oder  schlecht  Wetter,  erhöhten  oder  verminderten  Luftdruck, ­
  bedeutet  1
Oder  man  vergegenwärtige  sich  den  Zustand  einer
„Wissenschaft",  in  dem  die  Gelehrten  sich  noch  nicht
einig  darüber  sind,  was  in  einem  Lande,  vom  rein
volkswirtschaftlichen  Standpunkte  aus,  vorteilhafter  ist,
die  Geburt  eines  Menschen  oder  die  eines  Ferkels.
Das  Schwein  bereichert  das  Nationalvermögen,  im
Menschen  wird  ein  neuer  Lohndrücker  geboren.  Das
ist  die  Konsequenz  der  Lehre  des  Malthus,  die  zur
ewigen  Schmach  unserer  zünftigen  Nationalökonomie
jahrzehntelang  ihre  Rnschauung  beherrscht  hat  und
zum  Teil  noch  beherrscht.
Das  ist  in  der  Tat  eine  „dismal  science",  eine
„trübselige"  Wissenschaft,  und  bei  diesem  Chaos  unter
den  führenden  Köpfen  soll  nun  das  Laienelement  kraft
seines  Wahlrechtes  über  gesetzgeberische  Maßregeln  ent-
        <pb n="16" />
        (Einleitung

scheiden,  die,  wenn  sie  zum  Segen  gereichen  sollen,
ein  hohes  Maß  von  nationalökonomischer  Kenntnis  und
von  festen  Prinzipien  voraussetzen.
Das  scheint  beinahe  ein  unmögliches  verlangen.
3um  Glück  befinden  sich  aber  ziemlich  alle  Völker  in
der  gleichen  Lage,  und  die  Fehler  des  einen  werden
durch  die  des  andern  ausgeglichen.
Derjenigen  Nation  aber,  die  an  der  Spitze  nationalökonomischer ­
  Erkenntnis  marschieren  wird,  wird
sich  mit  der  Zeit  auch  die  handelspolitische  Führung
zuwenden,  wenn  sonst  die  ökonomischen  Vorbedingungen
gegeben  sind,  und  da  ist  es  ein  erfreuliches  Zeichen,  mit
welchem  Interesse  und  welcher  Gründlichkeit  sich  fast
alle  Schichten  gerade  unseres  Volkes  mit  den  nationalökonomischen
  Problemen  beschäftigen.  Man  will  lernen, ­
  man  will  sich  orientieren,  denn  es  geht  den
Gewissenhaften  im  Volke  gegen  den  Strich,  daß  sie  an
der  Wahlurne  für  Gesetze  eintreten  sollen,  über  deren
Richtigkeit  und  Tragweite  sie  sich  selbst  keine  Rechenschaft ­
  zu  geben  imstande  sind.
Diesem  Wissensdrange  türmen  sich  nun  zwei  ungeheure ­
  Schwierigkeiten  entgegen.  Erstens  ist  es  den
im  Berufsleben  Stehenden  ganz  unmöglich,  sich  eingehend ­
  mit  den  Werken  der  großen  Nationalökonomen
zu  beschäftigen  und  sich  aus  ihren  Schriften  selbst  zu
orientieren.  Dazu  sind  die  Themata  viel  zu  tiefgründig
behandelt,  und  auch  die  Widersprüche  zu  groß,  denn
vieles,  was  der  eine  mit  vieler  Geistesschärfe  aufbaut,
reißt  der  andere  wieder  ein.  ļ)ier  ist  eine  sichere  Orientierung ­
  ganz  ausgeschlossen,  und  die  sogenannten  populären ­
  Schriften,  sowie  die  Tagesliteratur,  befassen  sich
weist  mit  Einzelfragen,  geben  dem  Laien  aber  nichts
Prinzipielles,  Grundlegendes.  Man  sucht  ihm  gewisser-
        <pb n="17" />
        14

1.  Kapitel

maßen  Logarithmentafeln  zu  erklären,  unter  möglichst
sorgfältiger  Umgehung  des  Einmaleins.
Das  zweite  große  Hemmnis  ist  die  scheinbare  Unmöglichkeit, ­
  daß  nationalökonomische  Fragen  gänzlich
unvoreingenommen,  d.  h.  von  jeder  Interessenpolitik
losgelöst,  behandelt  werden  können.  Der  großen  Masse
ist  nur  der  der  wahre  Prophet,  der  gerade  das  beweist,
was  ihr  in  den  Rram  paßt,  was  in  seinen  Ronsequenzen
  zu  einer  Bevorzugung  des  lieben  „Ich"  führt.
Nur  so  ist  es  erklärlich,  daß  wir  nicht  weniger  als
drei  nationalökonomische  Grundanschauungen  haben,  die
manchesterliche,  agrarische  und  sozialistische.  Jede  behauptet ­
  von  sich,  die  Wissenschaft  auf  ihrer  Seite  zu
haben-  das  kann  aber  ebensowenig  der  Fall  sein,  wie
es  eine  besondere  manchesterliche,  agrarische  oder  sozialistische ­
  Astronomie  geben  kann.
Line  Wissenschaft,  die  darauf  ausgeht,  zu  beweisen,
was  jemand  aus  materiellem  oder  politischem  Interesse
gern  bewiesen  sehen  möchte,  verdient  nicht  den  Namen,
sie  ist  eine  Sünde  wider  den  heiligen  Geist.
Erst  wenn  es  in  der  Nationalökonomie  gelingt,
allgemeingültige  Fundamentalsätze  herauszuarbeiten,
die  sowohl  die  Nlanchesterleute,  wie  die  Agrarier  und
Sozialisten  anerkennen  müssen,  erst  dann  kann  unserer ­
  Ansicht  nach  von  den  Grundlagen  zu  einer  „Wissenschaft" ­
  die  Rede  sein,  und  erst  dann  werden  sich  die
Anschauungen  der  Öffentlichkeit  klären,  wenn  jeder  Laie,
gestützt  auf  solche  Fundamentallehren,  in  eigener
Gedankenarbeit  alle  weiteren  Konsequenzen  zu  ziehen
imstande  sein  wird.
hierzu  ist  vor  allem  nötig,  daß  auf  die  einfachsten
Hergänge  des  Wirtschaftslebens  zurückgegriffen  werde,
wir  halten  es  für  ein  Verhängnis,  daß  unsere  zünftige
        <pb n="18" />
        Einleitung

Nationalökonomie  ihre  Beobachtungen  fast  ausschließlich ­
  an  dem  ungeheuer  komplizierten  Organismus  unserer ­
  modernen  Entwickelung  anstellt  und  aus  verhältnismäßig ­
  kurzen  Epochen  und  engen  Forschungsgebieten ­
  die  schwerwiegendsten  Schlüsse  zieht.  So  spie-9eln
  die  Marxistischen  Deduktionen,  mit  Ausnahme  der
großen  historischen  Überblicke,  nur  das  wieder,  was
eine  kurze  Epoche  der  englischen  industriellen  Entwickelung ­
  zu  lehren  schien.  Hätte  Marx  zwanzig  Jahre
länger  gelebt,  und  zwar  in  Deutschland  oder  Amerika
statt  in  England,  er  hätte  wahrscheinlich  viel  „Grundlegendes" ­
  in  seinen  Schriften  selbst  wieder  hinauskorrigiert. ­

Mir  halten  es  ferner  für  einen  verhängnisvollen
Fehler,  in  den  auch  Marx  verfallen  ist,  daß  unsere
kapitalistische  Entwickelung  als  eine  ganz  besondere  Erscheinung ­
  hingestellt  wird,  die  ihre  eigenen  Gesetze  habe
und  auf  die  die  Prinzipien  der  einfachen  Wirtschaftsformen ­
  keine  Anwendung  finden  können.  Dabei  ist
der  Kapitalismus  doch  im  Grunde  weiter  nichts,  wie
das  Produkt  der  fortgesetzten  Arbeitsteilung, ­
  bei  der  sich  diejenige  Klasse  der  Bevölkerung,
die  zufällig  die  politische  Macht  in  fänden  hat,  den
angenehmsten  Teil,  die  Verfügung  über  das  Kapital,
Zu  sichern  gewußt  hat.
Natürlich,  ein  Kind  muß  anders  ernährt  werden
uls  ein  Mann,  und  somit  kann  man  wohl  von  gesonderten ­
  Epochen  und  ihren  Gesetzen  reden,  aber,  was
uns  zunächst  zu  wissen  not  tut,  wenn  wir  etwas
Grundlegendes  erörtern  wollen,  das  ist,  nach  welchen ­
  Gesetzen  sich  überhaupt  ein  Organismus  bildet
und  entwickelt,  vom  Kinde  bis  zum  Manne.  Im
Wirtschaftsleben  gibt  es  ebensowenig  plötzliche  Über-
        <pb n="19" />
        16

1.  Kapitel

gänge  wie  beim  lebenden  Organismus.  Lines  entwickelt ­
  sich  harmonisch  aus  dem  andern,  und  ebenso,
wie  es  gewisse  Grundgesetze  der  Wärme,  der  Erhaltung
der  Kraft,  der  Bewegung  gibt,  die  für  alle  Lebewesen
gleich  sind,  sollte  es  Gesetze  geben,  die  das  Wohlergehen
der  Summe  aller  Individuen  in  materieller  Beziehung,
also  in  ihren  wirtschaftlichen  Verhältnissen  beeinflussen,
Gesetze,  die  für  die  einfachste  Gemeinde  genau  ebenso
viel  Gültigkeit  haben  wie  für  den  kompliziertesten  Industriestaat, ­
  für  die  Südseeinsulaner  wie  für  die  Nordamerikaner, ­
  für  China  sowohl  wie  für  Europa.
wo  aber  wären  diese  leichter  zu  ergründen  als
eben  am  einfachsten  Organismus,  und  wir  sollten  meinen, ­
  daß  keine  nationalökonomische  Forschung  vollkommen ­
  wäre,  die  sich  nicht  der  Mühe  unterzogen  hätte,  die
Volkswirtschaft  an  ihrer  Quelle  zu  untersuchen,  dort,
wo  in  Ländern  mit  primitiven  Wirtschaftsformen  die
ñnfangsstadien  der  Entwickelung  zu  beobachten  find.
wenn  der  Verfasser  hier  den  versuch  macht,  einige
allgemeine  einfachste  Leitsätze  der  Nationalökonomie  zusammenzustellen, ­
  so  geschieht  es  eben,  weil  er  in  seiner
Karriere  Gelegenheit  hatte,  wirtschaftliches  Leben  von
seiner  ersten  Stufe  bis  zum  einstweilen  letzten  Stadium,
der  Trustbildung,  nicht  nur  zu  beobachten,  sondern  mitzuerleben. ­
  Ein  vergleich  seiner  Erfahrungen  mit  den
Ergebnissen  der  herrschenden  nationalökonomischen  Forschung ­
  überzeugte  ihn,  daß  wohl  eine  ungeheure  Denkarbeit ­
  von  den  führenden  Geistern  geleistet  worden
ist  und  noch  geleistet  wird,  daß  aber  aus  der  unendlichen ­
  Fülle  des  Gebotenen  und  sich  widersprechenden ­
  eine  wirkliche  Klärung  der  öffentlichen  Meinung
selbst  über  die  fundamentalsten  Wahrheiten  gar  nicht
        <pb n="20" />
        Einleitung

ZU  erwarten  ist.  Eine  Volkswirtschaftslehre,  die  das
erreichen  will,  muß  den  îïïut  haben
1.  zur  rücksichtslosen  Kritik  alles  historisch  Gewordenen, ­

2.  sie  muß  voraussetzungslos  sein,  soweit  überhaupt
unsere  europäische  Kultur  als  etwas  Erstrebenswertes ­
  betrachtet  wird,
3.  sie  muß  zurückgreifen  bis  auf  die  Rechte,  die
mit  uns  geboren  werden,
4.  sie  muß  von  einfachsten  Verhältnissen  ausgehen ­
  und
5.  sie  muß  Selbstverständliches  zu  sagen  wagen.
Keine  der  herrschenden  wirtschaftslehren  entspricht
diesen  fünf  notwendigen  Voraussetzungen.  Die  meisten,
mit  Ñusnahme  der  sozialistischen,  nehmen  das  historisch
Gewordene  kritiklos  als  das  allein  volkswirtschaftlich
vernünftige  hin.  lveil  z.  B.  die  Gewohnheit  dahin  geführt ­
  hat,  den  lvarenbegrifs  auf  Rechte  auszudehnen,
ist  dieser  Zustand  für  sie  die  Voraussetzung  aller  weiteren ­
  Deduktionen.  Die  sozialdemokratische  Lehre  aber
hat  den  Lohnarbeiterstand  und  die  spezifisch  industrielle
Entwickelung  zur  Voraussetzung,  sie  versagt  in  allen
anderen  Fällen.  Sie  ist  ein  dialektischer  Kunstbau  auf
willkürlich  konstruierter  Unterlage.
Die  Gesetze  aber,  nach  denen  sich  das  materielle
^Dohl  und  wehe  aller  Völker  richtet,  müssen  notwendigerweise ­
  allgemeiner  und  daher  auch  einfachster
Ratur  sein.  Unsere  komplizierte  Wirtschaftsform  verschleiert ­
  sie  nur,  aber  hebt  sie  nie  auf.  Die  meisten
herrschenden  „Grundanschauungen"  kranken  an  dem
Fehler,  daß  sie  die  Fälle,  auf  die  sie  zugeschnitten  sind,
als  die  allein  herrschenden  ansehen  und  die  RUnoşiohiman,
  Laienbrevier.

17

2
        <pb n="21" />
        18

1.  Kapitel

ritäten  unbeachtet  lassen.  Sie  sind  Schablonen  für
Dinge,  die  jeder  Schablone  spotten,  und  daher  lösen
sie  sich  gegenseitig  ab,  je  nachdem  sich  die  Lnwickelung
der  einen  oder  anderen  Schablone  um  einiges  nähert.
Das  IVirtschaftsleben  aber  ist  etwas  Fließendes,  sich
gegenseitig  Durchdringendes.
Nie  wird  es  z.  B.  eine  Reinkultur  der  Lohnarbeit
geben,  sie  wird  stets  mit  Elementen  individuellen  Schaffens ­
  durchsetzt  sein,  daher  ist  die  Erforschung  der  Gesetze,
nach  denen  die  Lohnarbeit  zu  ihrem  Rechte  kommt,  nur
ein  Teil  des  Problems  und  kann  nie  Anspruch  auf  universelle ­
  Geltung  erheben.  Nicht  das  ist  die  Frage:
welche  wirtschaftlichen  Prinzipien  sind  die  richtigen
für  den  Lohnarbeiter  oder  für  den  Landmann  oder
für  den  Unternehmer,  sondern  wie  kommt  jede  ehrliche
Arbeit  zu  ihrem  Recht,  und  wie  wird  sie  zum  Segen
für  die  Gesamtheit?  —
wenn  in  nachstehendem  der  versuch  gemacht  wird,
einzelne  solcher  Gesetze  zu  formulieren,  so  wird  kein
Anspruch  darauf  erhoben,  daß  alles  das  nun  etwas
absulut  Neues  sei,  wenn  schon  manches  für  manchen
Leser  neu  sein  wird.  Es  wäre  vermessen  zu  sagen,
ein  Gedanke,  den  man  ausspricht,  sei  nicht  schon  irgendwann ­
  einmal  gedacht  worden-  was  aber  behauptet
werden  kann,  ist,  daß  es  in  dieser  Form  und  in  diesem ­
  Zusammenhange  noch  nicht  geschehen  ist.  Manches ­
  wird  vielleicht  reichlich  selbstverständlich  erscheinen. ­
  Aber  eben  dieses  muß  einmal  gesagt  werden.
Um  seine  Bedeutung  zu  erkennen,  ist  es  nur  nötig,  aus
diesen  Selbstverständlichkeiten  die  eisernen  Konsequenzen ­
  zu  ziehen,  in  rücksichtsloser  Logik,  unbekümmert,  ob
irgend  ein  (meist  nur  scheinbares)  Interesse  dadurch  verletzt ­
  werden  könnte.
        <pb n="22" />
        19

2*

Einleitung

Besonders  liegt  dem  Verfasser  an  einfachster
Formulierung  der  Grundgedanken.  Dabei  braucht  der
Leser  nicht  zu  fürchten,  daß  ihm  nur  ein  mehr  oder  minder ­
  kurzer  Extrakt  aus  allen  möglichen  Lehren  und
Systemen  der  großen  Nationalökonomen  vorgesetzt  wird.
Was  dieses  Buch  bietet,  ist  Lelbstbeobachtetes  —  Erlebtes
  und  —  Erlerntes,  geläutert  durch  das  Ztudium
der  großen  Theoretiker.

The  wir  zu  unserem  eigentlichen  Thema  übergehen,
wuß  ferner  noch  über  zwei  Punkte  Klarheit  geschaffen
werden.
^ch  habe  absichtlich  der  Forderung  der  Voraussetzungslosigkeit ­
  der  nationalökonomischen  Wissenschaft
den  beschränkenden  5atz  hinzugefügt,  „soweit  überhaupt
unsere  europäische  Kultur  als  etwas  Erstrebenswertes
betrachtet  wird."
Da  die  Nationalökonomie  die  Lehre  ist  von  der
Erzeugung  von  werten  und  ihrer  gerechtesten  und
Zweckmäßigsten  Anwendung,  so  ist  es  klar,  daß  es  für
Leute,  die  Bedürfnislosigkeit  predigen,  denen  unsere ­
  ganze  moderne  Entwickelung  mit  den  stets  steigenden ­
  Ansprüchen,  dem  weltumspannenden  Verkehr  und
Warenaustausch  ein  Greuel  ist,  eine  Volkswirtschaftslehre ­
  überhaupt  nicht  zu  geben  braucht.
Darüber  werde  sich  jeder  im  voraus  klar:  hält
er  es  für  wünschenswert,  daß  die  Niasse  unserer  Bevölkerung ­
  immer  besser  genährt,  bekleidet,  „behaust"
werde,  wenn  ich  den  Nusdruck  gebrauchen  darf,  oder
sieht  er  das  Glück  der  Menschen  in  Anspruchslosigkeit
und  der  herunter  st  immung  ihrer  Bedürfnisse.
Ts  läßt  sich  wohl  darüber  streiten,  ob  nicht  manche
        <pb n="23" />
        20

1.  Kapitel

wilden  Völkerschaften  in  ihrer  Bedürfnislosigkeit  mehr
an  innerem  Glück  genießen  als  der  ewig  unbefriedigte ­
  Kulturmensch.  Ñber  über  die  verloren  gegangene
Bedürfnislosigkeit  zu  klagen,  ist  ebenso  müßig  wie
die  Klage  über  die  entschwundene  Kindheit.
wir  stehen  heute  vor  vollendeten  Tatsachen,  wögen ­
  unsere  Tthiker  und  Moralphilosophen  versuchen,
die  Menschen  auf  andere  Bahnen  zu  lenken,  wenn
sie  es  für  recht  erkennen,'  unsere,  der  Nationalökonomen, ­
  Aufgabe  ist  es  nicht,  zu  untersuchen,  wie
das  absolut  größte  Glück  der  Menschen  zu  erreichen
ist,  sondern  wie  das  größtmögliche  materielle  Wohlergehen ­
  unterdengegebenenverhältnissen  erzielt ­
  werden  kann.  Somit  können  bei  aller  Voraussetzungslosigkeit ­
  eben  diese  doch  nur  die  alleinige  Voraussetzung ­
  abgeben.
        <pb n="24" />
        21

..  2.  Kapitel
Über  ökonomische  Werte

Eine  ungeheure  Literatur  dreht  sich  um  diesen
begriff.  Ihre  lfervorbringung,  Verteilung,  der  sogenannte ­
  Mehrwert,  die  damit  zusammenhängende  Kapitalbildung, ­
  stehen  im  Vordergründe  fast  aller  nationalökonomischen ­
  Betrachtungen,  und  das  ganze  Schwergewicht ­
  der  Argumentation  wird  auf  die  Güter  geļegt,
  die  toten  werte,  die  der  Mensch  hervorbringt.
Da  scheint  es  an  der  Zeit,  einmal  daran  zu  erinnern, ­
  daß  das  höchste  lvertobjekt  unter
allen  Umständen  der  Mensch  selb  st  ist,  der
leistungsfähige  und  bedürfnisfähige  oder  besser  noch
bedürfnisheischende  Mensch.
Das  ist  schon  oft  ausgesprochen  worden,  so  in
Voltaires  trefflichen  Worten:
„Der  Reichtum  eines  Staates  beruht  auf  der  Zahl
seiner  Einwohner  und  ihrer  Arbeit."  „Der  Zweck  jeder
vernünftigen  Regierung  ist:  Bevölkerung  und  Tätigķeit.
  „Der  beste  Staat  ist  der,  welcher  die  geringste
Zahl  von  unnützen  Menschen  enthält."
Aber  unter  dem  Wust  nationalökonomischer  Detail,
Forschung  wird  diese  Wahrheit  immer  wieder  vergessen,
und  es  hat  nahezu  ein  Jahrhundert  lang  eine  Lehre
bie  Nationalökonomie  beherrschen  können,  die  die  Erzeugnisse ­
  der  Menschen  höher  bewertete  als  ihn  selbst,
bie  schon  erwähnte  Lehre  des  Malthus.
Zwar  in  vielfach  entstellter  Form  verbreitet,  ist
ber  Niederschlag  aus  dieser  Lehre  in  der  öffentlichen
Üleinung  doch  der  gewesen,  daß  man,  wo  immer  sich
        <pb n="25" />
        22

2.  Kapitel

traurige  soziale  Verhältnisse  zeigten,  die  Ursache  in
einer  zu  dichten  Bevölkerung  suchte.  Es  lag  scheinbar
nach  dem  ewig  unabänderlichen  Gesetz  von  Angebot
und  Nachfrage  auf  der  Hand,  daß  bei  einem  Verhältnis ­
  angebotener  Stellen  zu  Stellensuchenden  von
1:10  Lohndrückerei  und  Arbeitslosigkeit  eintreten  mußten. ­
  Die  9  Leute,  die  die  eine  Stelle  nicht  bekommen
konnten,  waren  eben  zu  viel  auf  der  Welt.  Zu  untersuchen, ­
  warum  denn  überhaupt  10  Geschöpfe  bei  einem
ihrer  Mitgeschöpfe  um  „Stellen"  betteln  müssen,  fiel
den  wenigsten  ein.  Zwar  die  Vögel  unter  dem  Himmel
und  die  Tiere  auf  dem  Felde  betteln  nicht  um  „Stellen",
und  ihr  himmlischer  Vater  ernähret  sie  doch.  Aber
der  Mensch  ist  nicht  so  gut  daran,  er  braucht  „Stellen",
das  ist  nun  mal  so!  Und  wie  bequem  war  diese
Lehre  für  alle  die,  die  die  Verantwortung  für  die
Gesetzgebung  trugen.  Jedem  Notschrei  von  unten  begegnete ­
  man  mit  der  süffisanten  Frage:  „warum
vermehrt  ihr  euch  so?  Ihr  seid  selbst  schuld  an  eurem
Elend,  von  euch  und  euresgleichen  sind  eben  zu  viele
auf  der  Welt."  hatte  man  doch  die  „Wissenschaft"  auf
seiner  Seite,  wenn  man  so  dachte  und  redete.  Ja,  und
es  gibt  heute  noch  Nationalökonomen,  die  eine  Herabminderung ­
  der  Rinderzahl  der  unteren  Schichten  für
die  einzige  Erlösung  aus  sozialer  Not  ansehen  und
dementsprechend  lehren.
Natürlich  ist  nicht  gesagt,  daß  jeder  Zuwachs  der
Bevölkerung  auch  eine  Bereicherung  darstellt,  wir  kommen ­
  hieraus  noch  bei  Besprechung  der  Einwanderung
fremder  minderwertiger  Elemente  zurück.
Niemand  wird  in  einem  idiotischen  und  verwahrlosten ­
  Rindersegen  ein  Glück  für  ein  Volk  erblicken,
aber  wenn  wir  uns  aus  dem  Grunde,  daß  uner-
        <pb n="26" />
        23

Über  ökonomische  Verte

wünschte  Existenzen  ans  Licht  kommen  könnten,  gegen
den  sprudelnden  Quell  neuer  Existenzen  überhaupt  verschließen ­
  wollten,  dann  hieße  das,  das  Rind  mit
dem  Bade  ausschütten  oder  mit  anderen  Worten  alles,
was  geboren  wird,  für  minderwertig  erklären.
Ein  Volk  aber,  das  das  herrliche  Wort  Nietzsches
empfangen  hat:  „Nicht  fort  euch  zu  pflanzen,
sondern  hinauf,  dazu  verhelfe  euch  der  Garten  der
Ehe",  darf  nicht  diesen  kleinlichen  Standpunkt  einnehmen. ­
  Wir  müssen  die  Hoffnung  haben,  daß  die,  die
neu  in  unser  Volk  hineingeboren  werden,  in  ihrer
Mehrzahl  noch  in  höherem  Nlaße,  als  wir  es  sind,
leistungs-  und  bedürfnisfähige  Menschen  werden,  und
diese  sollen  wir  nicht  mit  Neid  betrachten  als  unnütze
Ülitesser  am  gedeckten  Tische  der  Natur,  sondern  mit
Freuden  begrüßen,  als  solche,  die  wohl  mitessen  wollen,
die  aber  auch  dafür  sorgen  werden,  daß  etwas  auf
den  Tisch  kommt,  namentlich  dann,  wenn  wir  Riten
ņîcht  mehr  dafür  zu  sorgen  imstande  sind.
Rein  theorethisch  könnte  es  scheinen,  als  ob  Malthus ­
  mit  seinen  Rnsichten  doch  zuweilen  recht  hätte.
Ruf  einer  eng  umgrenzten  Fläche,  sagen  wir  in  einer
unwirtlichen  Gebirgsgegend,  oder  in  einem  politisch
streng  abgesonderten  Gemeinwesen,  kann  es  tatsächlich
Zu  viel  Menschen  geben;  aber  deren  Notlage
entspringt  doch  nicht  aus  einem  unabänderlichen  wirtschaftlichen ­
  Gesetz,  sondern  aus  mangelnder  Bewegungsfreiheit ­
  oder  mangelnder  Intelligenz.  —  Wir  dürfen
àoch  nicht  politische  Hemmungen  mit  Naturgesetzen  verwechseln, ­
  und  wenn  wir  vom  „Menschen"  reden,  so  müssen ­
  wir  den  kraftvollen,  tätigen,  intelligenten  und
aufstrebenden  Typus  zum  Rusgangspunkte  unserer  Deduktionen ­
  machen,  nie  den  energielosen,  dummen  und
        <pb n="27" />
        24

2.  Kapitel

faulen,  denn  er  wird  selbst  dort  darben,  wo  die  Natur
reichlich  zu  spenden  gewillt  ist.  Der  russische  Lauer
hungert  aus  demselben  Lande,  auf  dem  sein  Nachbar,
der  deutsche  Kolonist,  reiche  Crnte  zieht.
Gewiß,  es  lassen  sich  Fälle  denken,  daß  Völker'
oder  Stämme  durch  ein  Mißverhältnis  der  vorhandenen
Menschen  zu  den  Subsistenzmitteln  zugrunde  gehen,
aber  dann  liegt  es  daran,  daß  sie  entweder  nicht
mehr  die  politische  Kraft  haben,  sich  einen  besseren
Platz  an  der  Sonne  zu  sichern,  oder  daß  sie  nicht
intelligent  genug  sind,  die  eigenen  Hilfsquellen  auszunutzen ­
  oder  sich  die  außerhalb  ihrer  Grenzen  liegenden ­
  nutzbar  zu  machen.
Für  die  Menschheit  und  die  bewohnbare  Erde
im  ganzen  bleibt  die  Malthuslehre  praktisch  wie  theoretisch ­
  genommen  ein  Unsinn.
wer  sich  der  Iahre  vor  den  großen  deutschen
Kriegen  entsinnen  kann,  wird  wissen,  mit  welchem
Pessimismus  damals  gerade  die  Gebildetsten  der  Nation ­
  unter  dem  Banne  des  Malthusianismus  in  die
wirtschaftliche  Zukunft  ihres  Vaterlandes  schauten.  Das
stehende  Argument  damals  war:  Deutschland  ist  ein
armes  Land,  es  kann  seine  38  Millionen  Menschen
nicht  mehr  ernähren.  Gleichgültig,  ja  oft  mit  einer
gewissen  Befriedigung,  sah  man  die  Hunderttausende
übers  Meer  ziehen.  Da  gab  es  doch  Luft  für  die  Zurückbleibenden. ­
  Man  sah  das  Volksvermögen  als  eine
gegebene  Größe  an  und  war  der  Meinung,  je  weniger
Menschen  sich  in  dieses  vermögen  zu  teilen  hätten,
um  so  wohlhabender  werde  der  einzelne,  eine  Anschauung, ­
  die  heute  noch  die  öffentliche  Meinung  Frankreichs ­
  beherrscht.  Man  übertrug  kleinbürgerliche  Begriffe ­
  auf  die  Volkswirtschaft,  ein  Fehler,  der  immer
        <pb n="28" />
        25

Über  ökonomische  Werte
wieder  gemacht  wird,  und  vor  dem  nicht  genug  gewarnt ­
  werden  kann.  Indem  man  von  der  Auswanderung ­
  eine  Besserung  der  einheimischen  Verhältnisse
erhoffte,  sah  man  nicht,  daß  mit  der  Person  jedes
Auswanderers  ein  Stück  Volksvermögen  hinausgestoßen
wurde,  höchstens  rechnete  man  aus,  wieviel  Geld  die
Leute  mit  sich  übers  Meer  nahmen  und  bemaß  danach ­
  in  wahrhaft  kindlicher  Weise  den  von  Deutschland ­
  erlittenen  Verlust.  Man  hielt  eben  das,  was  der
Mensch  mitnahm,  seine  paar  armseligen  Güter  für  wertvoll, ­
  ihn  selbst  für  überflüssig,  also  für  wertlos.
Zum  Glück  ist  das  jetzt  etwas  besser  geworden,'
aber  die  letzten  Konsequenzen  aus  der  Wertschätzung
des  leistungs-  und  bedürfnisfähigen  Menschen  ziehen  noch
die  wenigsten.  So  erblicken  die  meisten  in  der  Familie
ein  zehrendes  Element  und  nennen  nur  den  Arbeiter, ­
  der  Korn  und  Fleisch,  Steine  und  Zement,  Kleider ­
  und  Schuhe,  Gische  und  Betten  hervorbringt,  produktiv. ­

Das  mag  privatwirtschaftlich  richtig  sein,  volkswirtschaftlich ­
  ist  es  eine  durchaus  irrige  Auffassung.
In  den  Kinder  st  üben  wachsen  die  Werte
der  Zukunft!  Allerdings  nicht  solche,  die,  wie  Kartoffeln ­
  und  Rüben,  in  einem  Sommer  reifen,  sondern
solche,  die  ein  halbes  Menschenalter  zu  ihrer  Entwickelung ­
  brauchen.
Nun  braucht  ein  Eichwald  noch  länger,  ehe  er
von  Nutzen  ist,  aber  niemandem  wird  es  einfallen,
die  zu  seiner  Anlage  und  pflege  verwendeten  Gelder
für  unproduktiv  zu  erklären,  warum  sollten  denn
die  für  die  kjervorbringung  und  Erziehung  von  Menschen ­
  gemachten  Aufwendungen  unproduktiv  d.  h.  zehrend ­
  sein?
        <pb n="29" />
        26

2.  Kapitel

3m  Gegenteil,  die  Ñufwendungen,  die  ein  Staat
zur  Förderung  der  Familien  macht,  sind  die  produktivsten, ­
  die  es  gibt,  ein  Punkt,  auf  den  wir  bei
Erörterung  der  Bildungsfrage  und  der  Bedeutung  der
Frau  im  Wirtschaftsleben  noch  näher  zu  sprechen
kommen.
Line  Mutter,  die  ein  gut  gepflegtes  und  erzogenes, ­
  leistungsfähiges  und  mit  kulturellen  Bedürfnissen
ausgestattetes  Menschenkind  aus  ihrem  Hause  in  die
Welt  entläßt,  gibt  ihrem  vaterlande  ein  größeres  Wertobjekt
  als  hundert  Arbeiter,  die  lOOOO  Portemonnaies
anfertigen.
worin  besteht  denn  überhaupt  eigentlich  der  wert
aller  dieser  von  Menschenhand  erzeugten  Güter,  um  die
sich  die  moderne  Nationalökonomie  wie  um  eine  unverrückbare ­
  Achse  dreht?  Nehmen  wir  einmal  den  hauptbedarfsartikel,
  das  Korn,  wann  hat  es  seinen  höchsten
„wert",  von  dem  immer  die  Rede  ist?  —  3st  es,
wenn  der  Landmann  es  in  seine  Scheune  fährt,  oder
wenn  es  im  Speicher  des  Händlers  lagert,  oder  wenn
es  als  Mehl  von  der  Mühle  kommt,  oder  als  Brot
auf  dem  Ladentisch  des  Bäckers  liegt?
3n  keiner  dieser  Phasen,  sondern,  wenn  es  vernichtet ­
  wird,  wenn  es  seinen  Zweck  erfüllt,
und  in  die  Muskel-,  Nerven-  und  Gehirnfubstanz
  eines  Menschen  übergeht.
Oder  nehmen  wir  einen  Gebrauchsgegenstand,  ein
paar  Wasserstiefel.  Erst  an  den  Füßen  des  Landmannes, ­
  den  sie  bei  seiner  Arbeit  in  Feld,  Wald
und  wiese  vor  nassen  Füßen  und  Erkältung  schützen,
haben  sie  ihren  höchsten,  dann  allerdings  auch  schnell
abnehmenden,  wert,  aber  noch  lange  nicht  im  Schau-
        <pb n="30" />
        27

Über  ökonomische  Werte

fenster  des  Schuhwarenhändlers  und  erst  recht  nicht,
wenn  sie  aus  der  Stiefelfabrik  hervorgehen.
Der  Zweck  der  Ware  ist  nicht  ihre  Hervorbringung,
sondern,  um  es  kraß  auszudrücken,  ihre  Vernichtung
durch  Gebrauch,  Abnutzung  oder  sofortigen  Konsum.
3n  anderen  Worten  :  eineSachehat  erst  dann
ihren  vollen  wert,  wenn  sie  dahin  kommt,
wo  man  sie  braucht.
Die  Tatsache,  daß  sie  produziert  worden  ist,
bedeutet  noch  gar  nichts.
Was  heißt  überhaupt  produktiv?  Das  Wort,
auf  menschliche  Tätigkeit  angewandt,  ist  ohne  den
Hintergrund  menschlicher  Bedürfnisse  gänzlich  inhaltlos. ­

Ein  Winzer  z.  B.,  der  seinen  Weinberg  pflegt,
ist  produktiv,  solange  die  Nlenschen  wein  trinken.  Dieselbe ­
  Arbeit  wird  unproduktiv  in  dem  Augenblick,  wo
das  Weintrinken  aus  der  Mode  kommt.
Das  ist  der  Grundzug,  der  den  ganzen  Produktionsprozeß ­
  beherrscht.  Der  Wille  zum  Konsum  ist
unter  allen  Umständen  der  maßgebende
Faktor.
Wollte  ein  türkischer  Staatsmann  die  Papierindustrie ­
  seines  Landes  fördern,  so  würde  der  weg  über
Prämien  und  Schutzzölle  nie  zum  Ziele  führen,  wohl
aber  der  über  Volksbildung,  Aufklärung,  Preßfreiheit
und  der  damit  entstehenden  Nachfrage  nach  Papier.
fördert  man  den  Konsum,  so  hebt  sich  die  Produktion ­
  von  selbst.  Die  mathematische  Gewißheit,  daß
sich  durch  Förderung  der  Produktion  auch  der  Konsum
ļ)ebt,  hat  man  aber  nicht.
Diejenigen  Volker  erfreuen  sich  des  größten  Fortschrittes ­
  und  Wohlstandes,  die  den  größten  INasfen-
        <pb n="31" />
        28

2.  Kapitel

konsum  haben,  vergleichen  wir  einmal  die  Entwickelung ­
  zweier  großer  Staatengebilde  der  Neuen  Welt
miteinander,  die  von  ziemlich  gleicher  Größe  ungefähr
zu  gleicher  Zeit  der  europäischen  Einwanderung  erschlossen ­
  worden  sind,  und  die  in  bezug  auf  Fruchtbarkeit ­
  des  Bodens,  Reichtum  an  RUneralschützen  usw.
kaum  voneinander  differieren,  wir  meinen  die  vereinigten ­
  Staaten  von  Nordamerika  und  die  verschiedenen ­
  Staatengebiete  Südamerikas.  —  Wie  läßt  sich
die  ungeheure  Verschiedenheit  in  der  Entwickelung  dieser ­
  Länder  erklären?
Die  einen  sehr  langsam  fortschreitend,  teilweise
sogar  stagnierend,  durchschnittlich  arm,  trotz  großer
Exportziffern  und  Beherrschung  des  Weltmarktes  in
großen  Stapelartikeln,  wie  Kaffee  und  Kautschuk-  das
andere  mit  Riesenschritten  auf  der  Bahn  wirtschaftlicher ­
  und  politischer  Größe  fortstürmend,  Wertakkumulationen ­
  aufweisend,  wie  die  Welt  sie  noch  nicht
gesehen  hat.  Die  Tatsache,  daß  die  südamerikanischen
Länder  zum  größten  Teil  der  tropischen,  die  Union
dagegen  mehr  der  gemäßigten  Zone  angehört,  kann
den  ungeheuren  Unterschied  nicht  erklären,  denn  Argentinien ­
  und  Chile  liegen  gänzlich  in  der  gemäßigten
Zone.
von  Kennern  der  südamerikanischen  Republiken
hört  man  fast  durchweg  die  Ansicht:  In  diesen  herrlichen ­
  Ländern  müßte  eine  andere  Rasse  herrschen,
dann  würde  sie  der  Welt  ein  zweites  Nordamerika
zeigen  können.  Das  bedeutet  im  Grunde  nicht,  daß
diese  Völker  unintelligent  und  ohne  jegliche  Unternehmungslust ­
  seien,  oder  daß  die  Regierungsform  mit  ihrer
Begleiterscheinung,  der  Korruption,  sie  zu  Loden  drückte,
denn  letztere  ist  in  den  nordamerikanischen  Staaten  min-
        <pb n="32" />
        29

Über  ökonomische  Werte

bestens  ebenso  groß.  Das  hauptcharakteristische  ist,  daß
diese  Völker  in  ihren  Massenschichten  weniger  Bedürfnisse ­
  haben,  viele  Unternehmen,  die  in  Nordamerika ­
  zu  Aufschwung  und  Reichtum  führen,  stagnieren
im  Lüden,  weil  ihnen  der  Resonanzboden  des  Massenkonsums
  fehlt.  Nur,  wo  letzterer  im  Auslande  liegt,
wie  bei  Raffee,  Gummi,  Getreide,  Metallen  usw.  ist  von
einem  blühenden  Handel  und  von  solidem  materiellem
Wohlergehen  die  Rede.
Einem  Nordamerikaner,  der  einen  neuen  Pflug,
ein  neues,  bequemes  Stück  Möbel  konstruiert  hat,  eine
besonders  gute  Rasse  Geflügel  oder  eine  schöne  Blume
Züchtet,  strecken  sich  gleich  Tausende  von  Händen  entgegen, ­
  die  ein  Bedürfnis  nach  diesen  Dingen  empfinden, ­
  dem  Züdamerikaner  kaum  einige  wenige.  Lein
Unternehmen  stirbt  an  der  Gleichgültigkeit  der  Ronsumenten,
  und  dadurch  erstirbt  auch  er  wieder  dem
Üonsum.  Diese  Wechselwirkung  setzt  sich  durch  alle
Schichten  fort,  und  daher  der  Mangel  an  Aufschwung.
Der  einzelne  wird  eben  nicht  dadurch  konsumfähig, ­
  daß  er  etwas  produziert,  sondern
dadurch,  daß  ihm  andere  seine  Erzeugnisse
abzunehmen  gewillt  und  imstande  sind.
Also  an  der  Lpitze  aller  Entwickelung  steht  der  bedürfnisfähige ­
  und  bedürfnisheischende  Mensch.
Daraus  ergibt  sich,  daß  die  Hebung  der  Lebenshaltung, ­
  also  die  Erregung  von  Bedürfnissen,  der  wertbildende ­
  Faktor  an  sich  ist,  und  hier  tritt  deutlich,  abgesehen ­
  von  ihrem  ethischen  werte,  die  ungeheure,
nationalökonomische  Bedeutung  der  Runst  zutage,  die
bisher  meist  in  sehr  kurzsichtiger  weise  verkannt  worden ­
  ist,  weil  man  sie  in  kein  Wertsystem  einzureihen
vermochte.
        <pb n="33" />
        30

2.  Kapitel

Indem  der  Künstler  Schönheit  oder  Geist  oder,
was  es  sei,  in  sein  Werk  hineinlegt,  das  in  dem  Beschauer ­
  den  Wunsch  rege  macht,  es  zu  besitzen,  oder
indem  er  durch  seine  Werke  die  Sinne  seines  Volkes
in  eine  höhere  Geschmacksrichtung  lenkt,  schafft  er
gleichzeitig  mit  einem  Gegenstände  auch  die
Nachfrage  danach.  (Er  wirkt  in  doppelter  weise
wertbildend.
Dasselbe  gilt  vom  Kunstgewerbe,  wenn  z.  B.  in
der  Keramik  eine  Fabrik  mit  neuen,  schönen  Vasen,
Majoliken  usw.  hervortritt,  so  erregt  sie  durch  die
Schönheit  ihrer  Fabrikate  in  Tausenden  den  Wunsch,
sie  zu  besitzen.
Die  Menschen  waren  bis  dahin  vollständig  glücklich ­
  und  zufrieden  ohne  diese  Dinge,  aber  mit  ihrem
Erscheinen  schuf  der  Künstler,  der  sie  formte,  zugleich ­
  den  Begehr  danach,  und  der  wert,  den  sie  infolgedessen ­
  haben,  hat  volkswirtschaftlich  eine  viel
höhere  Bedeutung,  als  die  in  jenen  Artikeln  nach  alter
Auffassung  vorhanden  sein  sollenden  sogenannten  Normalarbeitstage. ­

Diese  Erregung  des  Begehrs  kann  nun  in  die
Gegenstände  selbst  hineingelegt  sein,  wie  bei  Kunstwerken ­
  und  Erzeugnissen  des  Kunstgewerbes,  oder  sie
kann  auf  dem  Wege  der  Reklame,  durch  Schaustellungen,
kaufmännische  Propaganda  usw.  erregt  werden,  immer ­
  haben  wir  es  mit  durchaus  reellen,  meßbaren
werten  zu  tun.
Nehmen  wir  z.  B.  jene  zahlreichen  medizinischen
Präparate,  oder  jene  bekannte,  neu  eingeführte  „Maggiwürze" ­
  !  hiervon  wäre  ein  Lager  von  10  000  Flaschen
vollkommen  wertlos,  wenn  es  dem  Fabrikanten  nicht
gelänge,  durch  geschickte  Reklame  den  Begehr  danach
        <pb n="34" />
        Über  ökonomische  Werte

zu  schaffen  und  aufrechtzuerhalten.  Allein  durch  diese
entsteht  jener  Wert,  der  bei  jeder  Steuerdeklaration
zu  berücksichtigen  ist,  und  der  als  Teil  des  Volksverwögens
  statistisch  eingestellt  wird.
lvenn  wir  nun  sehen,  daß  unter  allen  Umständen
erst  der  Konsum  den  Dingen  ihren  Wert  verleiht,  daß
letzterer  wohl  mit  ihrer  Herstellung  beginnt,  aber  nicht
vollendet  wird,  so  ergibt  sich,  daß  überhaupt  das  Wertbildende ­
  in  der  Bewegung  liegt,  die  die  Dinge  nach
dem  Ziele  ihrer  zweckmäßigen  Vernichtung  ausführen.
§omit  liegt  der  Wert  eines  Gegenstandes
nicht  in  seinem  Vorhandensein,  nicht  in  der
Tatsache,  daß  man  ihn  produziert  hat,  sondern ­
  in  seiner  Bewegung,  ebenso  wie  das
Biu *  im  menschlichen  Körper  nicht  deshalb
wertvoll  ist,  weil  es  vorhanden  ist,  sondern
weil  es  sich  bewegt!
Diese  Bewegung  kann  zweifacher  Natur  sein.  Entweder ­
  die  Dinge  kommen  zu  den  Nlenschen,  oder  der
Ülensch  geht  zu  den  Dingen,  ñls  selbstverständlich  setzen
Wir  voraus,  daß  nur  von  einer  solchen  Bewegung  die
Vede  sein  kann,  die  dem  Zwecke  entspricht,  zu  dem  der
Ģegenstand  geschaffen  wurde,  oder  zu  dem  er  benutzt
Werden  kann.
Tin  Sack  Korn,  der  vergessen  auf  dem  Boden
des  Landmannes  liegt,  bis  er  verfault,  war  nur  so
lange  ein  Wertobjekt,  als  man  ihn  produzierte,  mit
dem  Vergessenwerden,  seiner  Bewegungslosigkeit,  schaltete ­
  er  als  Wertobjekt  aus.  Ein  Stück  Möbel,  zu  dem
Wir  uns  täglich  hinbewegen,  welches  wir  benutzen,
ist  wertvoll,  ein  Stück,  das  verlassen  auf  dem  Boden
steht,  ist  im  volkswirtschaftlichen  Sinne  wertlos,  bis  wir
e§  wieder  benutzen  oder  es  verkaufen,  also  Bewegung
        <pb n="35" />
        2.  Kapitel
hervorrufen.  (Ein  Haus,  an  dem  täglich  zehntausend
Menschen  vorbeigehen,  ist  ungemein  viel  wertvoller,
als  ein  solches,  dessen  Türen  nur  von  Hunderten
passiert  werden,  und  ein  solches,  zu  dem  nie  ein  Mensch
kommt,  ist  ein  toter  wertloser  Gegenstand.
In  diesen  Tatsachen  liegt  das  Geheimnis  des  ungeheuren ­
  wirtschaftlichen  Ñufschwungs  der  Völker  seit
der  Erleichterung  des  Verkehrs  durch  Eisenbahnen  und
Schiffahrt.
wir  spüren  diese  Wirkung  auch  im  kleinen,  wenn
einmal  zu  einer  pfingstwoche  schlechtes  Wetter  gewesen
ist,  das  die  Menschen  zu  Hause  hielt,  dann  klagt  ein
jeder,  der  im  Erwerbsleben  steht,  über  schlechte  Zeiten,
während,  wenn  das  Wetter  gut  war,  und  alle  Menschen
durcheinanderwirbeln  ließ,  jeder  vergnügt  und  zufrieden ­
  ist,  denn  man  hat  verdient.
Nach  der  altmodischen  nationalökonomischen  Ñuffassung
  ist  ein  verregnetes  Pfingstfest  für  den  Nationalwohlstand ­
  besser,  als  ein  lustiges,  denn  die  Leute  bleiben
zu  Hause,  sparen  ihr  Geld,  und  alle  die  Hunderte  von
Zentnern  an  Ruchen,  Raffee,  Fleisch,  Brot  und  Butter,
die  in  den  Gasthäusern  über  den  täglichen  Bedarf
hinaus  verzehrt  werden,  bleiben  dem  Lande  als  Wertobjekt ­
  erhalten!  wir  sagen:  erst  indem  alle  diese  Dinge
in  Bewegung  gesetzt  und  vernichtet  worden  sind,  wurden ­
  sie  zu  werten  und  wurden  alle  die,  durch  deren
Hände  sie  gingen,  reicher.  Daher  die  leicht  erklärliche
Zufriedenheit.
wir  lachen  heute  über  den  dummen  Bauern  von
ehemals,  der  sein  Geld  lieber  im  Strumpfe  und  im  Bettstroh ­
  aufbewahrte,  anstatt  es  auf  die  Sparkasse  zu  tun,
und  wir  begründen  unser  Lachen  meist  damit,  daß
wir  an  die  Zinsen  denken,  die  der  Bauer  verliert,
32
        <pb n="36" />
        Über  ökonomische  Werte

indem  wir  letztere  als  etwas  ganz  Selbstverständliches
hinnehmen,  Hier  tritt  aber  schon  das  Problem  der
Bewegung  deutlich  zutage.  Indem  die  Sparkassen  alle
jene  lang  verborgen  gehaltenen,  völlig  toten  Spargroschen ­
  in  Bewegung  setzten,  schufen  sie  neue  Werte,
und  vermochten  Zinsen  zu  zahlen.
Ñn  dem  Wahne,  daß  ein  Volk  schon  allein  durch
den  Besitz  großer  Gold-  und  Silberschätze  reich  werden
könne,  sind  ganze  Staaten  wirtschaftlich  zugrunde  gegangen. ­

In  Spanien  strömten  zu  Philipps  Zeiten  die  Edelmetalle ­
  schiffsladungsweise  ins  Land;  man  glaubte  es
damit  unendlich  reich  gemacht  zu  haben,  und  es  ist
bezeichnend,  daß  gerade  zu  jener  Zeit  Spaniens  verfall ­
  beginnt.  Man  ließ  die  Schätze  unfruchtbar  liegen,
oder  brauchte  sie  zu  zerstörenden  Zwecken  und  wütete
mit  $euer  und  Schwert  gegen  das  höchste  Wertobjekt,
das  man  hatte,  den  Menschen.
ñuch  die  großen  Goldansammlungen  in  unseren
sanken  sind  nur  deshalb  von  bedeutendem  volkswirtfchaftlichen
  Nutzen,  weil  sie  die  Grundlage  zur  Notenausgabe ­
  bilden,  und  sich  somit  in  dieser  Form  lebhaft ­
  bewegen.
Die  relative  Bewegung  der  Dinge  zu  den  Menschen ­
  oder  der  Menschen  zu  den  Dingen  ist  es  auch,
^&amp;gt;ie  den  Monumentalbauten  früherer  Jahrhunderte  und
^en  in  einem  Volke  angesammelten  Kunstschätzen  ihren
ökonomischen  wert  verleiht.
Für  Italien  bilden  seine  alten  Kirchen,  Paläste,
Ükuseen  und  Galerien  ein  Wertobjekt,  das  sich  mit
jeder  Verkehrserleichterung  dahin  steigert.  Für  das
italienische  Wirtschaftsgebiet  ist  die  durch  die  Bewegung ­
  der  Menschen  zu  seinen  Kunstschätzen  erzeugte
pohlman,  Laienbrevier.

33

3
        <pb n="37" />
        2.  Kapitel

Wertbildung  genau  so  wichtig,  wie  die,  die  durch
den  Fleiß  seiner  Bauern  und  Fabrikarbeiter  entsteht.
Das  verbot  der  ñusfuhr  bedeutender,  nicht  wieder
zu  ersetzender  Kunstschätze  aus  Italien  ist  daher  eine
ungemein  kluge  Maßregel,  und  die  Erhaltung  der  wunderbaren ­
  Baudenkmäler  ist  eine  Lebensfrage  für  Italien.
Mit  dem  Campanile  in  Venedig  stürzte  mehr  zusammen,
als  ein  schöner  Turm.  Im  verwittern  und  vergehen
der  Baudenkmäler  liegt  das,  was  wir  den  Konsum
nennen,  die  Vernichtung,  zu  der  sie  bestimmt  sind.
Indem  sie  den  Menschen  ein  Dbjekt  des  Schauens
und  des  Bewunderns  find,  gehen  sie  langsam  ihrer
Auflösung  entgegen,  und  in  diesem  wechselseitigen  Prozeß ­
  liegt  ihr  großer  volkswirtschaftlicher  Wert-  d.  h.
ihre  Auflösung  ist  die  unerwünschte,  aber  unerbittliche ­
  Begleiterscheinung  des  Gebrauches  durch  Schauen
und  Bewundern.  Je  mehr  dieser  Prozeß  verlangsamt
werden  kann,  um  so  besser,  aber  es  darf  nicht  auf
Kosten  des  Schauens  geschehen,  sonst  wird  der  Zweck
des  Kunstwerkes  nicht  erreicht.
Mir  können  das  Gbengesagte  demnach  dahin  präzisieren, ­
  daß  der  Konsum  allein  der  wertbildende ­
  Faktor  ist,  und  daß  dieser  Wert  durch
die  Bewegung  der  Dinge  nach  diesem  Konsum ­
  hin  seinen  volkswirtschaftlichen  Ausdruck ­
  findet.
Wenn  wir  nun  die  Verteilung  der  in  einem  Volke
entstehenden  Werte  untersuchen  wollen,  so  müssen  wir
natürlich  einen  Maßstab  haben,  nachdem  wir  diese
Werte  messen  können.  Das  kann  selbstverständlich  nur
durch  vergleich  geschehen,  denn  ebenso  wie  eine  Sache
nur  an  einer  anderen  gemessen  werden  kann,  braucht
        <pb n="38" />
        35

3*

Über  ökonomische  werte

ein  Wert  einen  anderen,  um  zum  Ausdruck  zu  kommen. ­
  Da  man  nun  die  menschliche  Arbeit  als  hervorbringerin
  aller  Dinge  ansah,  die  je  zu  Werten  werden ­
  können,  so  lag  es  nahe,  sie  als  die  Einheit  anzunehmen, ­
  und  man  konstruierte  schlankweg  die  zur
Herstellung  eines  Gegenstandes  nötige  Normalarbeits-Zeit
  als  den  einzig  zuverlässigen  Maßstab.
Ülit  dieser  Bewertung  kommt  man  aber  aus  Widersprüchen ­
  und  Ausnahmen  gar  nicht  heraus.
Viel  einfacher  liegt  die  Sache,  wenn  wir  die  Wertbildung ­
  zugrunde  legen,  wie  sie  entsteht,  wenn  wir
den  Tauschwert  einer  Sache  gegen  Arbeit  festzustellen ­
  vermögen.*)
hier  scheint  uns  in  der  Tat  der  Schlüssel  zur
ganzen  Werttheorie  zu  liegen,  die  dann  allerdings
etwas  anders  aussieht,  als  die  bisher  übliche.

Sehen  wir  uns  daher  einmal  ein  solches  Beispiel ­
  des  Tausches  einer  Ware  gegen  eine  Arbeitsleistung ­
  an.  Wenn  wir  alles  auf  diese  reduzieren
wollen,  müssen  wir  sie  einmal  da  beobachten,  wo  sie
sich  in  ihrer  einfachsten  Form  darstellt,  und  wo  dieser
Tausch  ein  absolut  freier  ist.
Vie  Familie  eines  afrikanischen  Eingeborenen
braucht  zu  ihrer  Erhaltung  durch  Ackerbau  eine  Arbeitsleistung, ­
  sagen  wir,  von  50  Tagen.  Diese  zur  Erhaltung
, r  uormalen  Lebensführung  des  „standard  of  life",
nötige  Arbeit  ist  das  absolut  Notwendige,'  daher  kann
auch  hier  nur  das  Wertmaß  alles  dessen  gesucht  werden,
das  über  das  Notwendige  hinausgeht'  ferner  ergibt  sich
..  *)  Das  Nähere  über  den  Charakter  dieses  Tausches
&amp;gt;lehe  nap.  4.
        <pb n="39" />
        36

2.  Kapitel

daraus,  daß  in  dem  Maße,  wie  die  Ñuffassung  vom
Notwendigen  in  den  verschiedenen  Völkern  und  den
verschiedenen  Zeiten  wechselt,  der  Maßstab  schwankt.
Angenommen,  zur  Erhaltung  unseres  Negers  sind
50  Tage  Arbeit  nötig,  die  er  selbst  zu  leisten  pflegt.
Da  werden  von  einer  durchziehenden  Expedition  Trägerdienste ­
  gesucht,  und  man  bietet  für  40  Tage  einen
Ballen  Baumwollzeug.  Nach  welchem  Maßstab  wird
unser  Neger  diesen  Ballen  bewerten?
Können  wir  das  klar  herausschälen,  dann  haben
wir  auch  die  Basis  für  den  Tauschwert  aller  übrigen
Güter  gefunden,  was  wird  den  Schwarzen  zunächst  zur
Annahme  oder  Ablehnung  des  angebotenen  Tausches  gegen ­
  seine  Arbeitskraft  veranlassen?  Sein  subjektives  Gefühl, ­
  wie  viel  Tage  seiner  gewohnten  Arbeit  er  wohl
darum  geben  würde,  um  in  den  Besitz  des  gewünschten
Gegenstandes  zu  kommen,  ein  Urteil,  das  sich  meist
darauf  stützt,  daß  man  bei  anderen  dieselben  Ansichten
voraussetzt.
Glaubt  der  Schwarze,  daß  er  von  seinen  Nebenmenschen ­
  für  das  in  Aussicht  gestellte  Zeug  nur  soviel ­
  Lebensmittel  wird  eintauschen  können,  wie  er
selbst  schon  in  30  Tagen  herzustellen  imstande  wäre,
so  wird  er  den  40  tägigen  Trägerdienst!  ausschlagen,
glaubt  er  aber  seinerseits  das  Arbeitsresultat  von
60  Tagen  dagegen  zu  erzielen,  wird  er  den  angebotenen
Lohn  und  den  Dienst  annehmen.  Natürlich  sind  das
nur  gefühlsmäßige,  nicht  rechnerisch  gefundene  Entschlüsse. ­

wenn  er  nun  mit  dem  erworbenen  Ballen  in  sein
Dorf  zurückkehrt,  was  ist  dann  dessen  wert?  Ganz
gewiß  nicht  die  40  tägige  Arbeit,  die  er  als  Träger
hineingesteckt  hat,  um  ihn  zu  gewinnen,  denn  für  seinen
        <pb n="40" />
        Über  ökonomische  Werte

Wert  ist  es  ganz  gleichgültig,  ob  er  ihn  gefunden,
geraubt  oder  erarbeitet  hat.  Der  Wert  ist  die  Arbeit,
ie  ihm  ein  anderer  dafür  leistet  aus  der  Summe
^  3 ur  normalen  Erhaltung  seiner  Familie  nötigen
eit.  In  anderen  Worten:  es  ist  die  Arbeitszeit,  die
er  sich  durch  den  Besitz  dieser  Sache  erspart  hat,
nicht,  die  er  hineingesteckt  hat,  und  das  ist  auch  psychologisch ­
  durchaus  folgerichtig.  Wert  hat  nur  etwas,
as  man  erstrebt,-  Arbeit  selbst  erstrebt  man  nicht,
ste  hat  demnach  an  sich  keinen  Wert,  kann  also  auch
anderen  Dingen  keinen  Wert  verleihen,  aber  Ñreitsersparnis
  hat  einen  Wert,  weil  ein  jeder
sie  begehrt.  Daher  haben  wir  in  ihr  den  Wertmesser
und  nicht  in  der  Arbeit  selbst.
Henry  George  formuliert  dieses  Problem  in  seiner
Science  of  Political  öconomy  S.  246  wie  folgt:
"Wcht  die  Arbeit,  die  ein  Gegenstand  herzustellen
gekostet  hat,  bestimmt  seinen  Wert.  Lr  mag  viel  Mühe
und  Arbeit  enthalten  und  kann  deshalb  doch  vollständig ­
  wertlos  sein,  während  umgekehrt  in  einem  sehr
wertvollen  Artikel  nur  sehr  wenig  Arbeit  zu  stecken
raucht.  Der  Wert  wird  bestimmt  durch  die  Arbeit,
ie  andere  in  diesem  Augenblicke  in  direkter  oder  inirekter
  Weise  gewillt  sind,  dem  Eigentümer  im  Ñusausch
  gegen  den  bezahlten  Gegenstand  zu  ersparen.
Sie  geben  ihm  ihr  Arbeitsresultat  und  entheben  ihn
somit  der  Anstrengung,  die  notwendigerweise  mit  der
Arbeit  verknüpft  ist.  (Db  ich  einen  Diamanten  durch
jahrelange  harte  Arbeit  ans  Licht  befördere,  oder  ob
ìch  wich  einfach  bücke,  um  ihn  aufzuheben,  hat  nichts
wit  feinem  Werte  zu  tun.  Letzteres  kann  gar  nicht
einmal  Arbeit  genannt  werden,  da  in  dem  Bücken
nur  die  Befriedigung  einer  Neugierde  liegt,  also  keine
        <pb n="41" />
        2.  Kapitel

Mühewaltung.  Der  Wert  des  Diamanten  hängt  von  der
Summe  der  Arbeitsleistung  ab,  der  sich  andere  zu
meinen  Gunsten  im  Austausch  dagegen  unterziehen
wollen,  oder,  was  auf  dasselbe  hinausläuft,  sie  geben
mir  Dinge  im  Austausch  gegen  meinen  Diamanten,
für  die  andere  mir  die  Mühewaltung  abzunehmen
gewillt  sind,  die  ich  sonst  selbst  zur  Befriedigung  meiner
Bedürfnisse  aufwenden  müßte.  Was  ohne  Mühe  und
Arbeit  erreichbar  ist,  hat  keinen  Wert!  Lin  Gegenstand,
in  dessen  Besitz  zu  gelangen  sich  niemand  einer  Anstrengung ­
  unterziehen  würde,  hat  gleichfalls  keinen
wert.  Aber  alles,  was  einen  wert  hat,  hat  ihn  nur
dadurch,  und  insoweit,  als  durch  den  Austausch,  ohne
Anstrengung  seitens  des  Eigentümers,  ein  Wunsch  befriedigt ­
  wird,  der  sonst  eine  Mühewaltung  erfordern
würde.
In  anderen  Worten:  Der  Wert  einer  Zache
ist  die  Summe  von  Arbeit,  die  der  Besitz  dem
Besitzer  zu  ersparen  imstande  ist."
In  welchen  Nebel  von  Sophistereien  und  ausgeklügelten ­
  Spitzfindigkeiten  gerät  man  bei  der  Theorie
von  der  Wertbildung,  durch  die  in  eine  Sache  hineingelegte ­
  sogenannte  Normalarbeitsleistung  sowie  es  sich
um  Ausnahmefälle  handelte,  wie  bei  Kunstwerken,  Naritäten
  usw.  Ls  ist  ja  klar,  daß  man  den  wert  eines
echten  Rembrandt  oder  einer  Stradivariusgeige  nicht
nach  der  darauf  verwandten  Normalarbeitsleistung  bemessen ­
  kann.  Schon  bei  Erzeugnissen  des  Gewerbefleißes,
die  höchste  Intelligenz  voraussetzen,  u.  dergl.,  gerät
man  in  schwere  Bedrängnis.  Da  müssen  denn,  wo
Begriffe  fehlen,  werte  helfen.
Man  konstruiert  Seltenheitswerte,  Runstwerte,
Liebhaberwerte  usw.  als  ob  man  Sinn  in  eine  Sache
        <pb n="42" />
        39

Über  ökonomische  Verte

bringen  könnte,  mit  Worten,  die  selbst  keinen  Zinn
haben,  wenigstens  nicht  in  nationalökonomischer  Anwendung. ­

Wie  klar  liegen  dagegen  die  Verhältnisse  vor  unseren ­
  ñugen,  wenn  wir  die  ersparte  Arbeit  als
Wertmesser  annehmen.
Wenn  Lenbach  für  eines  seiner  berühmten  Porträts ­
  lOOOO  Mark  bekam,  so  brauchen  wir  keine
Kunststücke  aufzuführen,  um  diesen  Wert  zu  erklären.
Angenommen  der  Künstler  habe  eine  Lebenshaltung ­
  von  jährlich  20000  Mark  gehabt,  dann  bedeutet ­
  ein  solches  Bild  die  Bestreitung  der  Hälfte  dieses ­
  Aufwandes.  Nun  wollen  wir  ganz  von  der  Frage
absehen,  ob  ein  Kunstwerk  Selbstzweck  sei  oder  nicht.
Jedenfalls  enthebt  das  Werk  den  Künstler  einfach  der
borge,  sich  alle  die  tausenderlei  Dinge,  die  er  zu  seiner
Lebenshaltung  nötig  hat,  selbst  zu  beschaffen,-  denn
das  Leben  ist  die  Hauptsache,  nicht  das  Bild.  Wenn  ihm
jemand  10000  Mark  für  das  Bild  zahlte,  so  heißt
bas  in  anderen  Worten:  hiermit  nehmen  dir  andere
Wenschen  in  mittelbarer  oder  unmittelbarer  Weise  die
Arbeit  ab,  die  dazu  gehört,  dich  ein  halbes  Jahr
Zu  nähren,  zu  kleiden  und  alles  zu  beschaffen,  was
bu  zu  deiner  Lebenshaltung  brauchst.  Zie  schlachten
sür  dich  die  Gchsen,  bauen  für  dich  das  Korn,  backen
bein  Brot,  drehen  deine  Zigarren,  alles  Dinge,  die
bu  eigentlich,  wenn  du  sie  genießen  willst,  selbst  Herstellen ­
  müßtest.  Diese  ganze  Arbeitsleistung  nimmt  dir
dein  Bild  ab,  folglich,  sagen  wir,  ist  diese  ersparte
Arbeit  sein  wert.
Daher  sind  auch  solche  Preise,  wie  sie  hin  und
wieder  in  unserer  Zeit  für  Kunstwerke  und  Liebhabereien ­
  gezahlt  werden,  nur  möglich  im  Zeitalter  der
        <pb n="43" />
        40

2.  Kapitel

arbeitsparenden  Maschine,  denn  nur,  wo  solche
Ersparnisse  sich  anhäufen,  sind  solche  Wertbildungen
möglich.
Dasselbe  gilt  vom  Grund  und  Loden.  Mt  diesem
ist  bei  der  Bewertung  einer  Zache  nach  der  darin
enthaltenen  oder  zu  ihrer  Herstellung  notwendigen
Arbeitszeit  gar  nichts  anzufangen-  denn  er  ist  weder
eine  Sache,  noch  liegt  in  ihm  irgendwelche  Arbeitszeit. ­
  Dennoch  vollzieht  sich  alltäglich  in  der  Praxis  seine
Wertbestimmung  in  gleicher  weise,  wie  bei  den  Sachen.
Greifen  wir  aber  das  Problem  von  der  anderen
Seite  an,  und  lassen  die  Arbeit  als  Maßstab  gelten,
die  der  Besitz  an  Grund  und  Boden  seinem  Besitzer  zu
ersparen  imstande  ist,  dann  wird  uns  sofort  die  ökonomische ­
  Bewertung  nicht  nur  des  städtischen,  sondern
auch  des  ländlichen  Grund  und  Bodens  viel  klarer
als  vorher.
Ein  Acker,  der  durch  die  Güte  seines  Bodens  50  Zentner ­
  Getreide  liefert,  wo  ein  anderer  nur  25  hergibt,
erspart  dem  Besitzer  die  Arbeit,  diese  25  Zentner  anderweitig ­
  zu  beschaffen,  und  folglich  ist  seine  Grundrente
um  diese  ersparte  Arbeit  höher  als  die  des  ersten.
Sehr  deutlich  läßt  sich  die  Richtigkeit  dieser  Bewertung ­
  nachweisen  bei  ländlichen  Meliorationen.
wenn  ein  Landmann  100  Tage  Arbeitszeit  daran
gewandt  hat,  den  Ertrag  eines  Ackers  von  25  Zentnern
auf  50  Zentner  Getreide  zu  erhöhen,  dann  ist  letzterer
nicht  etwa  um  die  hineingesteckte  Normalarbeitsleistung
wertvoller  geworden,  sondern  um  so  viel  als  Arbeit
erspart  wird,  um  den  Überschuß  von  25  Zentnern
Korn  anderweitig  herzustellen.
Genau  so  verhält  es  sich  mit  dem  steigenden  Grundwerte ­
  an  neuen  Straßen,  Eisenbahnen  und  Kanälen.
        <pb n="44" />
        41

Über  ökonomische  Werte
ļ)at  jemand  einen  Steinbruch,  der  ihn  nötigt  5  ñrbeiter
  200  Tage  zu  beschäftigen,  um  den  Transport
Zur  nächsten  Verbrauchsstelle  zu  bewerkstelligen,  und
es  wird  ein  Kanal  gebaut,  der  es  einem  Arbeiter
ermöglicht,  in  derselben  Zeit  die  gleiche  Arbeit  zu  leisten,
dann  ist  die  Grundrente  des  Steinbruchs  um  die  ersparten ­
  4  mal  200  —  800  Tagesarbeiten  gestiegen.
Bei  der  städtischen  Grundrente  ist  der  Hergang
etwas  komplizierter,  aber  er  ist  überall  nachweisbar.
So  ist  z.  B.  der  Mietwert  und  somit  die  Grundrente
eines  Ladens  in  der  Leipziger  Straße  in  Berlin  gleich
der  Arbeit,  die  seine  Lage  dem  Besitzer  erspart  in
der  Aufsuchung  all  der  tausend  Käufer,  die  hier  ohne
seine  Arbeitsleistung  über  seine  Schwelle  kommen.
Resümee:
RHr  haben  also  gesehen,  daß  an  der
spitze  aller  Werte  der  Bedürfnis  habende
und  leistungsfähige  Mensch  steht,  daß  eine
Mare  erst  dann  ihren  vollen  Wert  hat,  wenn
sie  dahin  kommt,  wo  man  sie  braucht,  daß
dieser  Wert  nicht  in  ihrem  Vorhandensein,
sondern  durch  ihre  Bewegung  zum  flus»
ŗuck  kommt,  und  daß  sein  Maßstab  die  Ñ  r  -
deitsleistung  ist,  die  ihr  Lefitz  dem  Besitzer
des  betreffenden  Gegenstandes  zu  ersparen
imstande  ist,  resp.  die  ein  anderer  ihm  dafür
  direkt  oder  indirekt  zu  lei  st  en  gewillt ­
  ist.
Damit  kommen  wir  zur  Untersuchung  über  das
Wesen  der  Arbeit  selbst.
        <pb n="45" />
        42

3.  Kapitel
Arbeit  und  (Eigentum

Wenn  man  sagt  :  Nur  durch  Arbeit  kann  der
Mensch  seine  Bedürfnisse  befriedigen,  so  ist  das  falsch.
Wenn  man  sagt:  Nur  durch  Arbeit  kann  die  Menschheit ­
  ihre  Bedürfnisse  befriedigen,  so  ist  es  richtig.
Die  Menschheit  als  Ganzes  kann,  ohne  daß  gearbeitet ­
  wird,  nicht  eine  Woche  bestehen,  aber  der
Mensch,  als  Einzelwesen  oder  als  Gruppe  von  Individuen, ­
  kann  sehr  wohl  ohne  Arbeit  leben,  wenn  er
nämlich  stark  genug  ist,  einem  andern  den  Ertrag  seiner ­
  Arbeit  einfach  wegzunehmen  oder  ihn  zu  zwingen
für  ihn  zu  arbeiten.
Da  wir  durchaus  mit  Henry  George  übereinstimmen, ­
  daß  der  Mensch  seine  Bedürfnisse  stets  auf  dem
Wege  der  für  ihn  leichtesten  Mühewaltung  zu  befriedigen ­
  sucht,  so  darf  obige  Tatsache  bei  der  Untersuchung ­
  nationalökonomischer  Probleme  nicht  einfach
ignoriert  werden,  wie  es  meist  geschieht.  In  seinen
volkswirtschaftlichen  folgen  ist  es  nämlich
ganz  gleich,  ob  jemand  seine  Mitmenschen
einfach  durchbrutale  Kraft  be  raubt,  oder  ob
er,  Kraft  seiner  politischen  Machtstellung,
Gesetze  macht,  die  es  ihm  gestatten,  aus  dem
Arbeitserträge  eines  andern  ein  arbeitsloses ­
  Einkommen  zu  entnehmen,  ebenso  wie
es  für  die  Volkshygiene  gleich  schädlich  ist,  ob  die  Milchverfälschung, ­
  wie  bei  uns,  ein  gesetzlich  verbotenes,
oder  wie  in  Amerika,  ein  geduldetes  Gewerbe  ist.
Analysieren  wir  einmal,  um  den  brutalen  Raub
        <pb n="46" />
        43

Arbeit  und  Eigentum

oòer  die  Vergewaltigung  eines  Menschen  durch  den
andern  zur  Fronarbeit,  mit  nationalökonomischen  Hergängen ­
  vergleichen  zu  können,  was  Raub  und  vergewaltigung
  zum  Zwecke  des  arbeitslosen  Erwerbes  im
Gründe  bedeuten.
Jemandem  die  Früchte  seiner  Arbeit,  oder  auch  nur
einen  Teil  derselben,  zur  Befriedigung  eigener  Bedürfnisse ­
  mit  Gewalt  abnehmen,  heißt,  ihm  keine  Gegenleistung ­
  aus  eigener  Arbeit  bieten,  sondern ­
  etwas,  das  zu  genießen  der  andere
ohne  weiteres  als  Mensch  ein  Recht  hat.
Der  Räuber,  der  vom  Reisenden  seine  Börse  oder
sein  Leben  fordert,  nimmt  diesem  den  Ertrag  seiner
Arbeit  und  gewährt  ihm  etwas  dafür,  wozu  der  andere
so  wie  so  ein  Recht  hat,  nämlich  sein  Leben.
Der  Sklavenhalter,  der  den  Sklaven  bei  Androhung ­
  von  Peitschenhieben  zur  Arbeit  zwingt,  gewährt
ihm  als  Gegenleistung  für  seine  Arbeit  eine  Schmerzļosigkeit,
  aus  die  der  andere  als  Mensch  vom  Mitmenschen ­
  so  wie  so  ein  unbestrittenes  Recht  hat.
Diese  Definition  ist  sehr  viel  wichtiger,  als  sie
ouf  den  ersten  Blick  erscheint,'  sie  zeigt  haarscharf  die
renzlinie  zwischen  einem  gerechten  und  ungerechten
auschş  zwischen  einem  Tausch,  der  beiderseitig  nutzsingend
  ist,  und  der  demnach  das  Volksvermögen  vermehrt, ­
  und  einem  solchen,  der  nur  einseitigen  Vorteil
tetet  und  somit  den  gerechten  Güterverteilungsprozeß
stört.
Wir  werden  beim  Rapite!  über  den  Tausch  sehen,
mn  wie  eigentümliches  Schlaglicht  hierdurch  auf  manche
Hergänge  unseres  Wirtschaftslebens  fällt,  die  uns  heute
ņoch  als  durchaus  einwandfrei  gelten.
        <pb n="47" />
        44

3.  Kapitel

(Es  ist  ohne  weiteres  klar,  daß,  bei  einer  Untersuchung ­
  über  die  Entstehung  von  Werten  durch  Arbeit
und  ihre  Verteilung  durch  Tausch,  alle  Fälle  ausschalten ­
  müssen,  wo  der  eine  sie  dem  andern  einfach  wegnimmt, ­
  d.  h.  wo  der  eine  dem  andern  für  sein  erarbeitetes ­
  Tauschobjekt  etwas  bietet,  das  auch  ohne
fein  Dazwischentreten  vorhanden  wäre,  das  aber  der
andere  kraft  der  größeren  Macht  des  ersteren  gezwungen
ist,  als  vollwertiges  Tauschobjekt  anzunehmen.  Also
Arbeit  und  Raub  stehen  sich  nicht  nur  ethisch  sondern
auch  volkswirtschaftlich  schroff  gegenüber.
Was  wir  aber  nicht  von  der  Arbeit  trennen  können, ­
  ist  die  menschliche  Tätigkeit  zur  Verhütung
jedes  Raubes  oder  jeder  Ungerechtigkeit,  wie  aus  der
weiteren  Untersuchung  hervorgehen  wird.
Wollen  wir  einen  klaren  Einblick  in  das  wesen
der  Arbeit  gewinnen,  müssen  wir  auf  ihre  ursprünglichste
  Form  zurückgreifen.
Unter  den  einfachsten  Verhältnissen  stellt  sie  sich
so  dar,  daß  der  Mensch  seine  Nahrung  sucht,  wenn
er  hungrig  ist,  daß  er  unter  den  Gaben  der  Natur
das  passendste  aussucht,  um  sich  durch  Kleidung  oder
Wohnung  gegen  die  Unbilden  der  Witterung  ZU
schützen,  und  daß  er  sich  verteidigt,  wenn  ein
anderes  Lebewesen,  Tier  oder  Mensch,  ihn*
die  erworbenen  Güter  streitig  machen  will-Schon
  diese  primitivste  Arbeit  enthält  also  sowohl
geistige  wie  körperliche  Anstrengung,  und  Verteidigung^
kämpf.  Lin  zwecklos  ausgeführter  Gang  in  eine  Gegend,
  wo  erfahrungsgemäß  keine  Nahrungsmittel  Z"
erwarten  find,  ist  keine  Arbeit  im  volkswirtschaftlichen
Sinne,  ebensowenig,  wie  die  unintelligente  Auswahl
eines  Stoffes  zur  Kleidung,  der  diesen  Zweck  nicht  er-
        <pb n="48" />
        45

Arbeit  und  (Eigentum

füllt,  und  auch  der  Kampf  gegen  Tier  und  Ulensch
Zur  Erhaltung  des  Erworbenen  ist  mindestens  so  notwendlg,
  wie  der  Erwerb  selbst.
Arbeit  umfaßt  also  körperliche  und  gei-Tätigkeit
  und  Verteidigungskampf.
Es  ist  außerordentlich  wichtig  festzustellen,  daß
3  Faktoren  schon  in  der  Arbeit  in  ihrer  einfachs
  en  Form  vorhanden  sind,  wo  manche  Üationalo.onomen
  der  Welt  glauben  machen  wollen,  nur  die
vrperliche  Tätigkeit  sei  Arbeit  an  sich,  und  wo  die
sozialistische  Schule  die  Aufwendungen  zum  Schuh  von
e  en  und  Eigentum  als  unproduktiv  klassifiziert.  Wenn
Zur  Zeit  einfachster  Wirtschaftsformen  die  Verbindung
?on  geistiger  und  körperlicher  Tätigkeit  in  einer  Person ­
  unbedingt  zum  Begriff  Arbeit  gehört,  so  ist  es  doch
9anz  unerfindlich,  weshalb  es  anders  fein  soll,  sowie
! td)  Zwei  Individuen  in  diese  Tätigkeit  teilen.  Ls
h  ein  Verhängnis,  daß  viele  unserer  Nationalökouomen,
  irregeführt  durch  die  ins  Ungeheure  poten-Zler
  e  Arbeitsteilung  und  im  Bestreben  immer  tief-Gt-unoiger
  sein  zu  wollen  als  ihre  Vorgänger,  Unterseidungen
  machen  und  Grenzen  aufführen,  wo  es
9ar  keine  gibt.

Gewiß,  diejenigen,  die  nicht  mit  der  Hand  tätig
Bņ  ,  sondern  nur  geistig  arbeiten,  müssen  sich  aus
em  Gütervorrat  derer  nähren  und  kleiden,  die  ihn
orperlich  hervorbringen,  aber  dieser  Gütervorrat  wäre
ohne  ihre  Mitwirkung  gar  nicht  da.  Sie  sind  Mitschopfer
  desselben.
Venn  sein  eigener  verstand  einem  klugen  Tischcr
  Zeigt,  wie  er  in  einer  gegebenen  Zeit  zwei  Stühle
wachen  kann,  statt  wie  früher  nur  einen,  so  ist  dieser
edanke  doch  unmittelbar  am  Gütererzeugungsprozeß
        <pb n="49" />
        46

3.  Kapitel

beteiligt,  warum  soll  er  aufhören  es  zu  sein,  wenn
er  zufällig  im  Ropfe  eines  anderen  Menschen  entspringt,
der  nicht  Handarbeiter  ist?
Auch  die  Gütermenge,  ganz  abgesehen  von  ihrem
wert,  ist  immer  das  Produkt  der  Gesamtleistung  aller.
Lin  Schulmann,  der  seine  Lebensarbeit  daran  setzt,
sein  Volk  zu  höherer  Bildung,  erweiterten  Kenntnissen
und  Fähigkeiten  zu  verhelfen,  ist,  nach  der  Auffassung
dieser  Nationalökonomen,  unproduktiv'  und  doch,  wenn
aus  seinen  Hörsälen  irgendein  junger  Kopf  Anregung ­
  empfangen  hat  zur  Erfindung  einer  Arbeit  sparenden ­
  Maschine  oder  eines  neuen  nützlichen  Bedarfsartikels, ­
  so  hat  dieser  stille  Gelehrte  mehr  geleistet,
ist  produktiver  gewesen,  als  der  fleißigste  Arbeiter  in
irgendeinem  Steinbruch.
Nach  der  Sombartschen  Theorie  z.  B.  leistet  ein
Mann,  der  durch  Vorträge  oder  dergleichen  für  die
geistige  Unterhaltung  Erwachsener  sorgt,  keine
Arbeit,  er  ist  nicht  produktiv,  da  er,  wörtlich,  „keine
im  Arbeitsprozeß  der  Gütererzeugung  unmittelbar ­
  tätige  Person  ist",  aber  ein  Arbeiter
der  Spielwarenbranche,  der  für  die  Unterhaltung
der  Rinder  sorgt,  ist  produktiv,  weil  er  unmittelbar
an  der  Herstellung  von  Gütern  beteiligt  ist,  nämlich
von  Spielwaren.  Dder  sind  das  keine  Güter?  Dann
möchten  wir  uns  einmal  eine  „wissenschaftliche"  Liste
der  Dinge  erbitten,  die  Güter  genannt  zu  werden
verdienen,  und  welche  nicht.  Friedrich  List,  an  den  ich
mich  in  dieser  Beziehung  durchaus  anlehne,  hat  das
wie  folgt  ironisiert:
„wer  Schweine  erzieht  ist  ein  produktives,  wer
Menschen  erzieht,  ein  unproduktives  Mitglied  der  Gesellschaft. ­
        <pb n="50" />
        47

Arbeit  und  Eigentum

Der  Arzt,  welcher  seine  Patienten  rettet,  gehört
nicht  in  die  produktive  Klaffe,  wohl  aber  der  Apothekerjunge, ­
  obgleich  die  Tauschwerte  oder  die  Pillen,
die  er  produziert,  nur  wenige  Minuten  existieren  mögen, ­
  bevor  sie  ins  Wertlose  übergehen.  Tin  Newton,
ein  Watt,  ein  Kepler  ist  nicht  so  produktiv,  wie  ein
Esel,  ein  Pferd  oder  ein  pflugstier,  welche  Arbeiter
in  neuerer  Zeit  von  Herrn  M.  Lulloch  in  die  Reihe
der  produktiven  Mitglieder  der  menschlischen  Gesellschaft ­
  eingeführt  worden  sind."
Es  gibt  nur  einen  Begriff  der  Arbeit,  nämlich
den,  der  alles  das  umfaßt,  was  an  menschlicher  Tätigkeit
  zur  Befriedigung  menschlicher  Bedürfnisse  geleistet ­
  wird,  sei  es  auf  geistigem  wie  auf  körperlichem
Debiete,  sei  es  durch  Erfindung,  Hervorbringung  oder
Verteilung  von  Gebrauchsgütern.
Der  Erfinder  in  seiner  Ztudierstube,  der  Arbeiter
an  der  Drehbank,  der  Kaufmann,  der  dafür  sorgt,
oaß  die  Ware  dahin  kommt,  wo  man  sie  braucht,
sie  alle  sind  gleich  produktiv,  d.  h.  solange  sie  die
ìhnen  obliegenden  Pflichten  erfüllen.
Der  einzige  Maßstab,  nach  dem  die  menschliche
Tätigkeit  in  der  $rage,  ob  produktiv  oder  nicht,  bewertet ­
  werden  kann,  ist  nicht,  ob  sie  geistig  oder  körperlich ­
  ist,  sondern  ob  sie  einem  Zwecke  dient,  ob
ìeser  Zweck  ein  vernünftiger  ist,  und  ob  in  ihr
gleichzeitig  ein  Dienst  für  die  Allgemeinheit
enthalten  ist.  Ls  genügt  doch  nicht,  daß  sich  jemand
òrperlich  anstrengt,  um  ein  nützliches  Mitglied  der
Menschlichen  Gesellschaft  zu  sein.
Untätigkeit  ist  schlimm,  aber  zwecklose  oder  zweckwidrige ­
  Tätigkeit  noch  schlimmer.  Die  Drohnen  im
Bienenstöcke  sind  sprichwörtlich  geworden,  aber  sie  sind
        <pb n="51" />
        48

3.  Kapitel

harmlose  Geschöpfe  gegen  eine  Art,  die  sich  einfallen
ließe,  bloß  um  körperlich  fleißig  zu  sein,  um  von  den
Gelehrten  „Arbeiter"  genannt  werden  zu  können,  die
Honigzellen  so  zu  „verbessern",  daß  der  Honig  herausflösse. ­

In  bezug  auf  Bienen  und  Drohnen  in  der  menschlichen ­
  Gesellschaft  hat  selbst  ein  Mann  wie  Bismarck
die  eigentümlichsten  Anschauungen  geäußert.  In  seinen
Augen  waren  nur  die  Landleute,  Unternehmer,  Arbeiter,
Handwerker  „Bienen",  alle  anderen  Stände,  Beamte,
Arzte,  Lehrer,  Kaufleute  usw.,  unproduktive  Existenzen,'
und  doch  ist  nichts  sonnenklarer,  als  daß  ein  Arzt,  der
seinen  Beruf  ausfüllt,  d.  h.  der  die  ihm  anvertrauten ­
  Kranken  wirklich  heilt,  weit  produktiver  ist,  als
ein  Landmann,  der  verkehrt  wirtschaftet,  und  wenn
letzterer  auch  von  morgens  früh  bis  abends  spät  hinter
dem  Pfluge  ginge.
Angenommen,  ein  Handwerker,  der  täglich  ein  paar
Schuhe  herzustellen  imstande  ist,  erkrankte,  seine  Krankheit ­
  würde  ohne  ärztliche  Hilfe  30  Gage  dauern,  mit
ärztlicher  nur  10,  dann  hat  der  Arzt  auf  dem  Umwege ­
  durch  den  Schuster  20  paar  Schuhe  hergestellt,
und  das  volkswirtschaftliche  Resultat  ist  genau  so  gut,
als  ob  er  sie  selbst  fabriziert  hätte.
Der  Arzt  ist  aber  noch  in  einem  weiteren  Sinne
produktiv,  nämlich  indem  er  die  Daseinsdauer  des
höchsten  Wertobjektes  verlängert,  das  es  gibt,  nämlich
des  Menschen.
Lin  Teil  unserer  Uationalökonomen  nennt  den  Arbeiter, ­
  der  einen  alten  Dampfkessel  ausflickt,  so  daß
er  noch  ein  paar  Jahre  gebrauchsfähig  bleibt,  „produktiv", ­
  den  Arzt,  der  einem  Menschen  sein  Leben,
        <pb n="52" />
        Arbeit  und  (Eigentum

uni»  damit  seine  Arbeitskraft  verlängert,  „unpro*
unto  .  Kann  man  sich  einen  größeren  Widersinn
enken?  Wann  wird  der  Arzt  unproduktiv?  wenn
"  şàen  Beruf  mangelhaft  erfüllt,  wenn  er  durch
Kurpfuscherei  den  Schuster,  anstatt  30  Tage,  40  Tage
? ns  Krankenbett  fesselt,  so  daß  10  Paar  Schuhe  veroren
  gehen,  oder  wenn  er  dem  Arbeiter  sein  Leben
verkürzt,  anstatt  es  zu  verlängern.
Und  wann  hört  der  Landmann  auf,  produktiv
Zu  sein,  selbst  wenn  er  von  morgens  bis  abends  ar-Cl
 , e *  ?  îvenn  er  durch  verkehrte  Behandlung  des  Viehs,
untntelligente  Wahl  der  Fruchtfolgen  seinen  Besitz  herun
  erwirtschaftet,  oder  wenn  er  sich  aus  alter  Gewohnheit ­
  darauf  versteift,  Dinge  herzustellen,  die  ein
°!f»f CrCr  besser  und  billiger  liefern  kann.  Ģtet
9 l  es  allerdings  eine  ziemlich  breite  neutrale  Zone,
wo  produktiv  und  unproduktiv  in  einander  übergehen,
et  das  Wort  „billig"  und  „besser"  sehr  dehnbare
egrtffe  sind-  aber  jeder,  der  im  Erwerbsleben  steht,
Arbeiten  oft  ein  sehr  teueres  Vergnügen
^  es  Tausende  gibt,  die  unermüdlich  tätig  sind
n  doch  nichts  vor  sich  bringen,  ja  häufig  mit  uneyeurem
  „Fleiß"  ein  großes  vermögen  verwirtschaften,
°n  dem  sie  als  Müßiggänger  bequem  hätten  leben

.  ähnlich  widersprechend  sind  auch  noch  die  An-Och
  en  über  die  volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  wehrhafte ­
  zu  Wasser  und  zu  Lande,  wir  haben  schon  oben
arauf  hingewiesen,  daß  nicht  Arbeit  allein,  sondern
amps  nnb  Arbeit  zur  Befriedigung  unserer  Bedürfhlie
  gehören.  Das  wird  leider  von  vielen  Nationalökoļ
  OHEN  übersehen,  die  ihre  rein  theoretisch  oder  diae
  ì'â)  gewonnenen  Anschauungen  zur  Geltung  bringen
vohlmann,  Laienbrevier.

49
        <pb n="53" />
        50

3.  Kapitel

wollen,  in  einer  Welt,  die  es  gar  nicht  gibt,  nämlich
in  einer  Welt  ewigen  Friedens.
Lin  Physiker  mag  seine  versuche  im  luftleeren
Raum  ausführen-  will  er  aber  Schlüsse  daraus  ziehen
und  danach  das  Verhalten  der  Menschen  beeinflussen,
was  doch  im  Grunde  der  Zweck  jeder  Wissenschaft
ist,  so  muß  er  die  Naturgewalten  berücksichtigen,  die
jenseits  des  luftleeren  Raumes  herrschen,  sonst  wird
seine  Lehre  ein  wissenschaftliches  Zerrbild.
Ebenso  kann  der  Nationalökonom  getrost  seine  Beobachtungen ­
  anstellen  an  Vorgängen,  wie  sie  sich  abspielen ­
  in  „kampfleeren"  Räumen,  ja,  er  kann  gar
nicht  anders-  aber  bei  seinen  Schlußfolgerungen  muß
er  den  Rampf  berücksichtigen,  ohne  den  wir  uns  die
Welt  einstweilen  ja  gar  nicht  denken  können.  Denn
die  Rampf-  und  NIachtfragen  sind  nationalökonomisch
nicht  weniger  wichtig,  als  die  Ñrbeitsfrage.  Ñus  ihnen
entspringt  z.  B.,  wie  wir  später  sehen  werden,  die
Grundrente,  einer  der  wichtigsten  Faktoren  des  modernen ­
  Wirtschaftslebens.
Ñuherdem  fließen  Rampf  und  Ñrbeit  so  ineinander ­
  über,  daß  ihre  Grenzen  häufig  kaum  zu  erkennen ­
  sind,  und  man  sich  die  Frage  vorlegen  muß,
ob  sie  volkswirtschaftlich  überhaupt  zu  trennen  sind,
so  scharf  und  klar  ihre  Grenzen  auf  ethischem  Gebiete ­
  auch  vor  uns  liegen.
Wir  fragen:  welcher  erkennbare  Unterschied  besteht ­
  in  bezug  auf  wirtschaftliche  Ronsequenzen  zwischen
den  Naturgewalten,  wie  sie  sich  in  wind  und  Wetter,
Rälte  und  Hitze,  der  stillzerstörenden  ñrbeit  der  Infusorien, ­
  der  Gier  des  Raubtieres,  der  verwüstenden
Rraft  des  Reilers  oder  in  den  menschlichen  Leidenschaften ­
  offenbaren?  Nicht  der  geringste-  und
        <pb n="54" />
        51

4*

"ŅsM  t  i  ï  rrrrri  i  i  n  i  wmf  as*  ;  u

Arbeit  und  (Eigentum
àoch  konstruiert  man  ganz  willkürlich  einen  volkswirtschaftlichen ­
  Unterschied  zwischen  den  Ñufwendungen,  die
die  Menschen  zur  Bekämpfung  des  einen  oder  des  andren ­
  machen,  wer  sich  gegen  wind  und  Wetter  durch
nfertigung  eines  Rockes  zu  schützen  sucht,  ist  prouktiv-
  der  Gärtner,  der  seine  Dbstbäume  vor  parará ­
  durch  Ralken  schützt,  leistet  eine  produktive  Arbeit, ­
  denn  ohne  diese  Tätigkeit  ist  alle  seine  Mühe
vergebens,-  der  Geflügelzüchter,  der  1000  Mark  aufttenöet,
  um  seinen  Tierbestand  durch  Stallungen  und
wfriedigungen  gegen  Raubzeug  zu  schützen,  handelt
produktiv'  wenn  er  aber  einen  Steuerbeitrag  zur  Erhaltung ­
  der  Polizeigewalt  leisten  soll,  die  seinen  Stall
vor  dem  Raubtier  Mensch  wirksamer  schützt,  als  alle
attenzäune,  dann  nennt  man  diese  Ñufwendungen  unproduktiv, ­
  und  erst  recht,  wo  es  sich  um  Heer  und
5  otte,  also  um  den  Schutz  des  ganzen  Landes  handelt.
Das  Gewehr,  das  der  afrikanische  Farmer  führt
Zum  Schutze  seiner  Werden  gegen  Raubzeug  in  Tierno ­
  Menschengestalt,  wird  doch  jeder  verständige
Eņsch  genau  so  gut  zu  seinen  Produktionsmitteln
rechnen,  wie  seinen  Pflug  und  seine  Sense-  aber  die
ulionen  Gewehre,  die  ein  ganzes  Volk  sich  leistet
gegen  seine  Feinde,  darf  man  bei  Leibe
nicht  so  nennen.  Darin  liegt  doch  gar  keine  Logik,
ein,  die  Ñufwendungen  zum  Schutze  des  Landes  für
rdnung  und  Sicherheit  find  genau  so  produktiv,  wie
ìe  zur  Abwehr  schädlicher  Einflüsse,  immer  vorausgesetzt, ­
  sie  seien  notwendig  und  zweckentsprechend.
Die  Deichbauten,  die  ein  Land  gegen  die  Elementargewalten ­
  des  Wassers  schützen,  nennt  jeder  Mensch
produktive  Ñnlagen,'  die  Festungswälle  und  panzerurme,
  die  gegen  Überschwemmung  des  Landes  durch
        <pb n="55" />
        52

3.  Kapitel

verheerende  Menschenströme  errichtet  werden,  sind  dagegen ­
  in  der  herrschenden  Meinung  unproduktiv.
wir  sagen:  nur  das  Unzweckmäßige  ist  es,
nur  die  verkehrt  angelegten  Dämme,  die  mangelhaften
Befestigungen,  Soldaten,  die  nicht  schießen  können,  Beamte, ­
  die  überflüssig  sind,  Ärzte,  die  nicht  zu  heilen
verstehen,  Bauern,  die  ihre  Äcker  nicht  pflegen,  usw.
Alles  das  ist  unproduktiv.

Durch  die  Arbeit  in  ihrer  einfachsten  Form  will
der  Mensch  natürlich  zunächst  seine  eigenen  Bedürfnisse ­
  und  die  seiner  Familie  befriedigen,  und  da  erscheint ­
  es  als  erster  Grundsatz,  daß  das,  was  er  erarbeitet, ­
  auch  sein  Eigentum  sei.
Nun  habe  ich  oben  die  Ansicht  ausgesprochen,  daß
Eigentumserwerb  sowohl  durch  Kampf  als  durch  Arbeit ­
  stattfinden  kann.
was  folgt  daraus?  Daß  dort,  wo  in  einem  Volke
durch  Konsolidierung  des  Staates  der  brutale  Kampf
aller  gegen  alle  ausgeschaltet  worden  ist,  auch  der
Ligentumserwerb  durch  Kampf  ausschaltet,  und  nur
der  durch  Arbeit  übrig  bleibt  oder  übrig  bleiben
sollte.  In  den  Beziehungen  von  Volk  zu  Volk  dagegen ­
  bilden  heute  noch  Kampf  und  Macht  die  einzigen ­
  Rechtstitel  des  Eigentums,  was  am  deutlichsten
zutage  tritt,  wo  es  sich  um  Landbesitz  handelt.
Ebensowenig  wie  ein  einzelnes  Individuum,  kann
ein  Volk  sagen:  „dieses  Land  ist  mein",  solange  ein
stärkeres  denselben  Anspruch  erhebt.
Das  ist  eine  Tatsache,  von  der  sich  gar  nichts
wegdisputieren  läßt.
Nur  die  vereinten  Kraftanstrengungen  eines  Volkes ­
  haben  den  Boden,  auf  dem  es  lebt,  erworben,  nur
        <pb n="56" />
        53

Arbeit  und  (Eigentum

^îese  können  ihn  erhalten  und  daraus  ergibt  sich,
daß  auch  nur  das  Volk  in  seiner  Gesamtheit  ein
Eigentumsrecht  an  diesem  Grund  und  Boden  beanspruchen ­
  kann.
Wie  lächerlich  es  ist,  wenn  einzelne  sich  solches
anmaßen,  sehen  wir  an  einer  Erscheinung,  wie  die  des
t-ebaudy,  des  „Kaisers  der  Sahara",  hätte  er  Macht
9enug  gehabt,  seinen  Ansprächen  Geltung  zu  verschaffen,
würde  niemand  lachen.  Dann  wäre  er  vielleicht  der
egründer  einer  neuen  Dynastie,  zu  der  künftige  3eien
  in  Bewunderung  emporgeschaut  hätten.
Ganz  anders  liegt  es  nun  dort,  wo  in  einem
Dolke  der  Kampf  ausgeschaltet  ist,  wo  also  die
.beit  die  einzige  Quelle  des  Eigentums  ist  oder  wenigstens ­
  sein  müßte,  hier  hat  jeder  unstreitig  das
^echt,  zu  sagen:  dieses  habe  ich  hervorgebracht,  dies
m  mein,  und  er  kann  sein  Eigentumsrecht  dadurch
ekunden,  daß  er  sein  Werk  wieder  zerstört,  wenn
man  es  ihm  zu  nehmen  gesonnen  wäre.
Wir  glauben  nicht,  daß  Menschen  je  dieses  innerste ­
  Eigentumsrecht,  nämlich  das  des  Schöpfers  an
seinem  Werk,  aufgeben  und  zugunsten  der  Gesellschaft
n  treten  werden.  Daß  sie  es  hin  und  wieder  unter
em  Zwange  religiöser  Anschauungen  getan  haben,  beweist ­
  nichts.  Das  find  minimale  Ausnahmen  geblieben.
ensogut  konnte  man  aus  der  Tatsache,  daß  es  Mönche
und  Nonnen  gibt,  den  Schluß  ziehen  wollen,  die  ganze
Şlt  könne  ein  Klosterleben  führen.
Der  Mensch  will  den  Ertrag  seiner  Arbeit  für
şich  und  die  Seinen,  d.  h.  seine  engere  Familie,  und
das  Recht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag  bildet  somit
auch  einen  der  Ecksteine  volkswirtschaftlicher  und  so-Zmlwissenschaftlicher
  Untersuchungen.
        <pb n="57" />
        64

z.  Kapitel
Scheinbar  steht  aber  diese  Forderung  in  Widerspruch ­
  mit  einem  anderen  Rechte,  nämlich  dem  auf  die
Existenz  überhaupt.
Beide  scheinen  sich  auszuschließen,  denn  es  erscheint ­
  klar,  daß,  wenn  wir  das  Recht  auf  Existenz
anerkennen,  wir  denen,  die  nicht  mehr  arbeiten  können, ­
  etwas  geben  müssen  aus  den  Erträgnissen  derer,
die  arbeiten,  so  daß  diesen  also  ihr  Recht  auf.  den
vollen  Arbeitsertrag  gekürzt  wird.
wir  werden  später  sehen,  wie  dieser  scheinbare
Widerspruch  in  der  Grund-  und  Bodenfrage  seine  vollkommene ­
  Lösung  findet,  so  daß  wir  jedem  das  Recht
auf  den  vollen  Arbeitsertrag  zubilligen  und  ebenso
das  Recht  auf  Existenz  anerkennen  können.
wir  müssen  eben  nur  genau  feststellen,  wieviel
von  der  Gesamtleistung  eines  Volkes  an  Arbeit  und
Kampf  auf  Konto  des  Individuums  und  wieviel  auf  das
der  Allgemeinheit  fällt.  Die  letztere  hat  genau  so  gut
das  Recht,  den  vollen  Ertrag  der  Arbeit  zu  fordern,
die  sie  leistet,  wie  das  Individuum,  und  nur  in  diesem
Sinne  kann  das  Recht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag
vernünftigerweise  verstanden  werden.
Also  Arbeit  im  volkswirtschaftlichen  Sinne  ist  jede
menschliche  Tätigkeit,  die  den  Zweck  der  Befriedigung
menschlicher  Bedürfnisse  nach  der  Richtung  einer  immer
höheren  Kultur  und  Gesittung  erfüllt,  und  sie  ist
um  so  produktiver,  nicht  etwa  je  schwerer  sie  ist,
sondern  (um  es  kraß  auszudrücken),  je  leichter  sie  ist,
d.  h.  die  Arbeit  ist  die  produktivste,  die  ihren  Zweck
mit  den  möglichst  einfachsten  Mitteln,  der  größten  Ersparnis ­
  an  Zeit  und  Energieverbrauch  erreicht.
Dies  wird  erzielt  durch  die  fortgesetzte  Arbeitsteilung. ­
        <pb n="58" />
        55

4.  Kapitel
Arbeitsteilung
und  Kapitalbildung

Wenn  wir  von  der  Kapitalbildung  durch  Arbeitsteilung ­
  reden  wollen,  müssen  wir  zunächst  leider  wieder ­
  feststellen,  was  wir  unter  Kapital  verstehen.
Es  ist  bezeichnend  für  die  unwissenschaftliche  Methode ­
  unserer  Nationalökonomie,  daß  beinahe  jeder,  der
über  Kapital  schreibt,  erst  erklären  muß,  was  er  darunter ­
  versteht.  Der  richtige  Weg  wäre  doch  der,  daß
unsere  Gelehrten  sich  einigten,  was  sie  denn  unter
Kapital  verstehen  wollen,-  aber,  meines  Wissens,  ist
hierzu  nicht  einmal  der  Versuch  gemacht  worden.  Wenn
àer  eine  unter  Kapital  nur  jene  wirtschaftlichen  Güter
versteht,  die  als  Mittel  des  Gütererwerbes  bestimmt
sind,  während  der  andere  den  Grund  und  Boden  mit
feinen  schätzen,  und  wieder  ein  anderer  die  ganze  Welt
als  Kapital  anspricht,  dann  führt  das  natürlich  zu
en  unfruchtbarsten  Auseinandersetzungen,  genau  so,
u^ie  wenn  sich  zwei  Naturforscher  über  die  Eigenschaften
cs  Wuchses  streiten  wollten,  indem  der  eine  das  so
Genannte  Pferd,  der  andere  den  Meister  Neinecke  dovei ­
  im  Auge  hätte.
Um  solche  Mißverständnisse  zu  vermeiden,  beschreiten ­
  die  Naturforscher  den  einzig  richtigen  und
wissenschaftlich  möglichen  weg,  sich  über  die  Namen
ihrer  Beobachtungsobjekte  zu  verständigen.  Nur  die
Uationalökonomie  verfährt  umgekehrt.  Erst  hat  sie
einen  Namen,  und  nun  wird  mit  ungeheurem  Aufwand
von  Geistesschärfe  zu  definieren  gesucht,  was  der  Name
        <pb n="59" />
        56

4.  Kapitel

denn  eigentlich  bedeutet,  wobei  jeder  genau  so  definiert, ­
  wie  es  seiner  vorgefaßten  Meinung  in  den
Kram  paßt.
Betrachten  wir  doch  einmal  die  folgenden  ganz
scharf  abgegrenzten  Kategorien:  wir  haben
1.  Naturgüter:  jene  Schätze  der  Natur,  die  noch
durch  keines  Menschen  Arbeit  eine  Umformung
oder  Wesensänderung  erfahren  haben.
2.  wirtschaftliche  Güter  oder  Sachgüter,
d.  h.  durch  menschliche  Arbeitsleistung  zu  Gebrauchsgegenständen ­
  oder  zu  Kraftquellen  umgeformte ­
  Naturschätze,  mit  der  Unterabteilung
a)  solche  vinge,  die  zum  direkten  verbrauch
dienen  (Gebrauchsgüter)  und
b)  solche,  die,  gewissermaßen  kristallisierte  Arbeit ­
  darstellend,  zur  Erleichterung  des  Produktions- ­
  und  Güterverteilungsprozesses
dienen.
Für  diese  letztere  Kategorie  hat  der  Sprachgebrauch ­
  kein  anderes  wort  gefunden  als  das  Kapital.
Man  könnte  von  Verwertungsgütern  reden,  aber
es  ist  kein  Grund  vorhanden,  weshalb  man  sich  hierfür
nicht  auch  auf  das  wort  Kapital  einigen  könnte,
wer  dann  etwas  anderes  darunter  verstehen  will,
dem  ist  es  nicht  benommen,  auch  ein  anderes  wort
für  seinen  neuen  Begriff  zu  prägen.  Nur  müßten  die
Begriffe  einmal  reinlich  geschieden  werden.
wir  verstehen  unter  Kapital  also  bis  auf  weiteres ­
  den  in  2d  niedergelegten  Begriff.
Nach  dieser  Klarstellung  wollen  wir  nun  das  wesen ­
  der  Arbeitsteilung  prüfen,  und  da  müssen  wir
uns  zunächst  die  Verhältnisse  ansehen,  wo  sie  noch
        <pb n="60" />
        Arbeitsteilung  und  Kapitalbildung

nicht  besteht,  also  eine  einfachste  Wirtschaftsform,  wie
sie  noch  in  manchen  Gegenden  Afrikas,  den  Südseelnfeln
  und  unter  den  Indianern  Brasiliens  vorherrscht,
und  wie  sie  vor  noch  nicht  2000  Jahren  bei  uns  bestanden ­
  hat.  Die  Familie  lebt  von  Iagd,  Fischfang
oder  den  Früchten  des  Waldes.  hier  besteht  die  Ñreitsleistung
  darin,  daß  der  Mensch  und  seine  Bedürfuisse
  sich  finden,  d.  h.  daß  entweder  der  Mensch  sich
Zu  den  Nahrungsmitteln  bewegt,  oder  diese  zu  ihm
rammen.
Nuf  dieser  Stufe  der  Entwickelung  spielt  die  Güterproduktion
  noch  kaum  eine  Nolle,  und  als  Hauptmoment ­
  der  Arbeitsleistung  tritt  in  aller  Deutlichkeit
ie  Güterverteilung  hervor,  d.  h.  die  Notwendigkeit,
aß  sich  Gebrauchsgegenstände  und  Nosument
linden.  Und  was  hier  für  die  einfachste  Form  gilt,
Zilt  auch  für  die  höchst  entwickelte.
Ñuf  einer  etwas  höheren  Stufe,  nämlich  beim
ckerbau,  tritt  der  Produktionsprozeß  in  Erscheinung.
Der  Mensch  findet,  daß  es  für  ihn  unter  gewissen ­
  Bedingungen  leichter  ist,  die  Pflanzen  und  die
^ŗe,  die  ihm  die  Nahrung  liefern,  in  seiner  unmittelbaren ­
  Nähe  künstlich  zu  züchten,  anstatt  sie  dort  zu
suchen,  wo  die  Natur  sie  gerade  beut.  hier  vermnigen
  sich  in  einer  Person  alle  Funktionen,  die  späauf
  ungezählte  Individuen  übergehen.  Der  eine
Ņann  ist  zunächst  Denker-  ihm  liegt  die  Wahl  der
w^ere  und  Pflanzen  ob,  die  sich  zur  Zucht  eignen,  die
^ahl  des  passendsten  Landes  zu  ihrer  Hervorbringung
und  die  Erkenntnis  der  besten  Nulturmethoden,  alsdann
er  arbeiten,  denn  ohne  Arbeit  beugt  sich  die
Natur  nicht  seiner  Absicht,  die  Früchte  gerade  dort
m  genügender  Fülle  hervorzubringen,  wo  er  sie  braucht.
        <pb n="61" />
        58

4.  Kapitel

In  dieser  Rrbeit  liegen  also  hervorbringungs-  und
Güterverteilungsprozeß  vereinigt.
Dieser  Mann  ist  alles  in  einer  Person,  Bauer  auf
seinem  Lande,  Baumeister  seiner  fjüttc,  sein  eigener
Handwerker,  Ñrzt,  Lehrer,  Raufmann,  Polizist  und
Soldat.
Infolgedessen  wird  ihm  auch  der  unverkürzte  Arbeitsertrag. ­

In  einer  sehr  frühen  Periode  wird  sich  aber  schon
die  erste  Arbeitsteilung  vollzogen  haben.
Lin  findiger  Ropf  gelangt  durch  Nachdenken  und
Geschicklichkeit  zur  Bearbeitung  des  Feuersteins  oder
zur  Herstellung  von  Pfeil  und  Bogen,  und  nachdem  der
Jäger  den  Wert  dieser  Dinge  erkannt  hat,  wird  er
einen  Teil  seiner  Beute  für  ihren  Besitz  hergeben.
Ls  entsteht  der  erste  freie  Tausch,  bei  dem  beide  Teile
ihren  Vorteil  haben,  denn  dem  Bogenfabrikanten  nützen
seine  überzähligen  Bogen  nichts,  wenn  sie  niemand
begehrt,  ebensowenig  wie  dem  Jäger  der  Überschuß
des  Fleisches,  das  er  infolge  der  verbesserten  Jagdgeräte ­
  gewinnt.  Mit  dem  durch  diese  Arbeitsteilung
entstehenden  Tausch  entsteht  auch  der  erste  „Vorteil",
der  volkswirtschaftlich  um  so  größer  ist,  als  die  menschliche ­
  Natur  in  Dingen,  die  „ihr  liegen",  d.  h.  für  die
sie  Interesse  und  Talent  hat,  eine  ungleich  höhere
Produktionsfähigkeit  entwickelt  als  auf  Gebieten,  die
ihr  gleichgültig  sind,  eine  Produktionsfähigkeit,  die
sich  noch  mit  der  fortwährenden  Beschäftigung  mit  einer
und  derselben  Sache  steigert.
Dadurch  ist  auch  ohne  weiters  klar,  daß  jeder,
der  einen  Gebrauchsgegenstand  auf  diese  weise  herstellt, ­
  und  zum  Tausch  anbietet,  dadurch  nicht  nur
sich,  sondern  auch  seinen  Nächsten  einen  Dienst  er-
        <pb n="62" />
        59

Arbeitsteilung  und  Kapitalbildung

ihmï'  ^ enn  ^îese  erhalten  einen  gewünschten  Gegenfprr
  mit  tDeni 9 er  Ņhe,  als  womit  sie  ihn  selbst  an-Tertigen
  können.
führte»  ^^mehrt  sich  durch  jede  zweckmäßig  ausgenur
  d  ^ŗoeit  und  jeden  zweckmäßigen  Tausch  nicht
som'ş  T  ^ enc, t  Indern  auch  das  Volksvermögen,  und
lick?  o  en  *vir  hier  das  Hauptmerkmal  jeder  wirk-Y)
  A  nämlich  daß  in  ihr  neben  dem  eigenen
ett  +  ïT  r° UC ^  e * n  Dî?nst  für  die  Allgemeinheit
enthalten  ist.

sck?n  n  erübrigt  es  sich,  noch  die  Beziehungen  zwi-^
  ŗbertsteilung  und  Kapitalbildung  zu  beleuchten,
ŗ  ^nbe  beim  Kapital  über  werte  die  Ansicht
nick?ê  şi^En,  daß  unser  heutiger  Kapitalismus  gar
sond  Absolut  Neues  in  der  Weltgeschichte  darstellt,
sei  ^^n  nur  das  Produkt  fortgesetzter  Arbeitsteilung
*Do  ei  sich  der  jeweilige  herrschende  Stanò  den
habe"^^^EN  Teil,  nämlich  das  Kapital,  vorbehalten
befind^  Museum  für  nordische  Altertümer  in  Kiel
der  verschiedene  Exemplare  alter  Einbäume,
nord's^Eŗşnļ)ŗzeuge  unserer  Altvordern,  die  in  den
FnvfL  ^  Mooren  gelegen  haben,  bis  der  Spaten  des
I  auern  sie  ans  Licht  beförderte.
5a  ort  ist  auch  jenes  alte  wickingerschiff  zu  sehen,
Waşş^oŗ  ôîŗka  70  Jahren  mit  allen  Werkzeugen  und
teü  seiner  Bemannung,  als  einer  der  interessana
  ^unde  dieser  Art,  in  einem  schleswigschen  Moore
a  '"ņoen  wurde-  und  tritt  man  aus  dem  Museum  herdann
  schaukeln  sich  auf  den  Wellen  des  Kieler
ens  Kauffahrteischiffe  aus  aller  Herren  Länder  vom
        <pb n="63" />
        60

4.  Kapitel

Segelboot  bis  zum  stolzen  Passagierdampfer,  sowie  die
Kolosse  unserer  Kriegspanzer  in  ihrer  grauen  Majestät.
Ģier  haben  wir  in  einem  Blick  eine  ununterbrochene ­
  Kette  der  Entwickelung  vor  uns,  und  wir
behaupten,  daß,  als  der  alte  Germane  seinen  Linbaum
aushöhlte,  dieser  genau  so  gut  sein  „Kapital"  darstellte, ­
  wie  heute  die  stolzen  Schiffe  der  Hamburger
und  Bremer  Gesellschaften  Kapital  sind.  Er  zimmerte
das  Fahrzeug,  um  den  Ertrag  seines  Fischfanges  zu
erhöhen  und  um  Flüsse  und  Seen  damit  dem  Verkehr
zu  erschließen.
Dieses  sein  Kapital  gab  ihm  sofort  ein  Übergewicht ­
  über  seine  kapitallosen  Stammesgenossen.  Er
konnte  damit  die  fischreicheren  Stellen  der  Flüsse  und
Seen  aufsuchen,  und  wenn  wir  nur  die  Verdoppelung
des  Ertrages  rechnen,  so  können  wir  uns  schon  ein
ganz  hübsches  schematisches  Bild  von  der  Bedeutung
dieser  einfachsten  Kapitalbildung,  dieser  ersten  kristallisierten ­
  Ñrbeit,  machen.
Angenommen  der  vurchschnittsertrag  des  Fischfanges ­
  sei  vorher  10  Fische  per  Tag  gewesen,  er  steigere ­
  sich  durch  Benutzung  des  Bootes  auf  20,  und  der
Fischer  habe  aus  seiner  sonst  dem  Fischfang  gewidmeten ­
  Zeit  so  viel  Stunden  zur  Anfertigung  des  Einbaums ­
  verwendet,  daß  auf  dessen  Anfertigung  100
Tage  zu  rechnen  wären,  dann  hätten  wir  folgendes
Resultat:
Herstellungskosten  des  Bootes  100  Tage  Arbeit,
also  1000  Fische.  Wirkung:  täglich  10  Fische  mehr  aus
die  Lebensdauer  des  Linbaums,  die  wir  auf  20  Jahre
schätzen  wollen,  —  20  x  3650  —  73  000  Fische.
Natürlich  deckt  sich  die  volkswirtschaftliche  Wirkung ­
  nicht  mit  diesem  Schema,  denn  der  Ertrag  richtet
        <pb n="64" />
        __  Arbeitsteilung  urtò  Kapitalbildung
şiâ)  nicht  nach  dem,  was  der  Fischer  fangen,  sondern
chehr  nach  dem,  was  er  absetzen  kann-  aber  was
lmmer  er  aus  diesem  Mehrbeträge  für  Hergäbe  seines
ootes  zu  erzielen  imstande  ist,  ist  doch  unzweifelhaft ­
  wohlverdienter  Lohn  für  seinen  Fleiß,  für  die
ristallisierte  ñrbeit,  die  er  in  sein  Werk  hineingelegt
Ohne  seine  ñrbeit  wäre  der  Mehrertrag  von
àîschen  gar  nicht  vorhanden.
Entweder  kann  er  nun  selbst  sein  Kapital  aus»
nu £ en  àann  wird  es  sich  bemerkbar  machen  durch
erhöhte  Prosperität  seines  Betriebes  seinen  Stammesöenvssen
  gegenüber,  denn  wo  diese  nur  1  Fisch  fangen,
ÎQttÇjt  er  2;  oder  er  kann  jemanden  anstellen,  der
,  îhņ  den  Fischfang  besorgt,  indem  er  ihm  als  Lohn
TrlT  Ertrag  der  Ausbeute  zusagt,  während  er
e  şi  ^as  Risiko  läuft,  oder  aber  er  tritt  sein  Boot
einen  anderen  ab  gegen  die  Zusage  der  Rückerstat-^ņg
  und  eines  festen  Anteils  am  Ertrage,  während  der
? n  ere  das  Risiko  der  größeren  oder  geringeren  Aus»
c ute  läuft-  oder  aber  er  gestattet  der  Gesamtheit
emer  Stammesgenossen  gegen  eine  angemessene  ver-3u
  ung  den  Gebrauch  seines  Bootes  zu  Kriegszwecken.
Ģer  haben  wir  die  4  Arten  der  Kapitalbetätigung
.  Oŗer  einfachsten  Form:  Eigenbetrieb,  Lohnverhält-Zinsverhältnis
  zwischen  privaten  und  Staatsdar-Ehn,
  und  in  den  3  letzten  Gruppen  tritt  ganz  deutlich
p. cr  Eharakter  des  Kapitols  als  eines  Zweiges  der
ŗ  eitsteilung  hervor.  Im  ersteren  Falle  war  der
esltzer  des  Einbaums  noch  Kapitalist  und  Arbeiter  in
wer  Person,  in  den  3  weiteren  ist  er  dagegen  schon  ganz
apttalist  im  modernsten  Sinne.  Er  beschäftigt  Lohnweiter
  oder  nimmt  Zahlung  für  Darleihung  seines
Q Pitals,  des  Bootes.  Mögen  die  andern  nun  in  wind
        <pb n="65" />
        62

4.  Kapitel

und  Wetter  auf  den  See  fahren  und  sich  abmühen,
er  bekommt  seinen  ñnteil  an  Fischen  sehr  viel  müheloser, ­
  denn  er  hat  sich  beim  Arbeitsteilungsprozeß,  kraft
seines  Nachdenkens  und  seiner  Geschicklichkeit,  den  angenehmsten ­
  Teil,  das  Kapital,  reserviert.
Da  nun  der  Mehrbetrag  in  Fischen  lediglich  seiner ­
  100  tägigen  ñrbeit  bei  Herstellung  des  Kahnes
zu  verdanken  ist,  so  kann  man  dem  so  entstandenen
Kapital  doch  unmöglich  die  Berechtigung  absprechen,
aus  dem  durch  sein  Vorhandensein  entstehenden  erhöhten ­
  Arbeitsertrag  in  Form  von  Unternehmergewinn
oder  Zins  einen  entsprechenden  ñnteil  zu  verlangen.
wenn  jemand  100  Tage  für  einen  andern  arbeitet,
so  sind  sich  alle  Gelehrten  einig,  daß  er  eine  Gegenleistung, ­
  nämlich  einen  Lohn  verlangen  kann-  hat
aber  jemand  100  Tage  zur  Schaffung  eines  Kapitals
verwandt,  wie  in  unserem  Falle  zur  Schaffung  des
Tinbaums,  und  er  verlangt  von  seinem  Nächsten  oder
vom  Staate  für  hergäbe  dieser  seiner  kristallisierten
Ñrbeit  einen  Lohn,  nämlich  einen  Zins,  dann  sind
sich  die  Gelehrten  über  die  Berechtigung  dieser  Forderung ­
  nicht  einig.
Diese  heillose  Verwirrung  kommt  daher,  daß  man
die  eine  wahre  Quelle  der  Kapitalbildung  zusammengewürfelt ­
  hat  mit  einer  anderen  gänzlich  unberechtigten,
aber  leider  häufigsten,  nämlich  der  durch  Gewaltakte ­
  und  politische  Macht  entstandenen,  woraus
wir  später  noch  zu  sprechen  kommen.
Buch  ein  anderes  Moment  tritt  bei  diesem  Beispiel ­
  schon  deutlich  zutage,  nämlich  das,  daß  der  Eigentümer ­
  des  Tinbaums,  trotzdem  er  im  Grunde  ja  nur
für  sich  sorgte,  und  trotzdem  er  einen  möglichst  hohen
Zins  für  sich  herauszuschlagen  sucht,  dennoch  durch
        <pb n="66" />
        Arbeitsteilung  und  Kapitalbildung

seine  Tätigkeit  auch  der  Allgemeinheit  einen  Dienst
leistete,  was  wir  stets  von  neuem  als  das  Charakteristische ­
  wahrer  Arbeit,  also  auch  der  kristallisierten,
Zeichnen.  Nicht  allein,  daß  das  Vorhandensein  dieser ­
  Fahrzeuges  für  die  ganze  Nachbarschaft  einen  Gewinn ­
  bedeutet,  auch  der  Nlehrertrag  an  Fischen  vergibt ­
  dem  Eigentümer  nur  dann  in  seinem  ganzen
mfange,  wenn  er  selber  den  Fang  ausübt,'  tritt  er
Qs  Fahrzeug  an  feine  Nachbarn  ab,  so  werden  sie
stch  dessen  nur  bedienen,  wenn  auch  sie  daraus  einen
orteil  über  den  bisherigen  Ertrag  ihrer  Arbeit  hinaus
flehen  können.  Ģier  wirkt  also  das  als  kristallisierte
rbeit  in  die  Erscheinung  tretende  Kapitel  nach  jeder
Achtung  hin  wohltätig,  und  von  einer  Ausbeutung
^  einen  Menschen  durch  einen  anderen  kann  beim
besten  willen  nicht  die  Rede  sein.
ll)a§  in  einem  solchen  Falle  der  Besitzer,  anscheinend ­
  ohne  selbst  weiter  körperlich  tätig  zu  sein,  durch
arleihung  seines  Besitzes  erzielt,  ist  Lohn  für  früheren
elß,  geistige  Arbeit  und  Erfindungsgabe.
Diesen  Faktoren  durch  irgendwelche  gesetzgeberische
^griffe  die  nachwirkende  Kraft  nehmen  zu  wollen,
im  3U  ^gesellschaftlichen,  hieße  jeden  Fortschritt
Keim  ersticken,  denn  der  Zweck  jeder  Erfindung  ist
0  )  der,  dem  Erfinder  durch  eine  konzentrierte  ñr-01
  sleistung  zukünftige  Arbeit  zu  ersparen,  wird  dieses
w  versperrt,  hört  die  Erfindung  einfach  aus.  Der
Mnweis,  daß  auch  jetzt  Menschen  mitunter,  nur  vom
brgeiz  getrieben,  zu  Erfindern  werden,  und  daß  sich
s  in  einer  zukünftigen  idealen  Gesellschaft  einfach
rallgemeinern  würde,  paßt  so  wenig  wie  der  Schluß,
^b'  weil  es  hin  und  wieder  Leute  gibt,  die  für  ihren
        <pb n="67" />
        64

4.  Kapitel

Glauben  zu  sterben  gewillt  sind,  dieses  von  allen
Menschen  ohne  weiteres  vorauszusetzen  sei.
Nun  beruht  unsere  ganze  moderne  Entwickelung
auf  einer  Anhäufung  von  Erfindungen,  von  der  Dampfmaschine ­
  an  zur  Nlassenbereitung  des  Stahls,  von  der
ersten  primitivsten  Spinnmaschine  zum  Iaquardwebstuhl,
vom  elektrischen  Experimentierobjekte  zur  Schnellbahn,
zu  Telephon  und  Funkentelegraphie,  von  der  Nüböllampe
zum  Ñuerschen  Glühlicht,  und  ein  großer  Teil  der
„Rente",  die  die  Produktionsmittel  nach  sozialistischer
Auffassung  zu  erzielen  imstande  sein  sollen,  besteht
eben  im  Lohn  für  die  in  den  Erfindungen  liegende
geistige  Arbeit.
Wie  sehr  diese  notwendig  ist,  beweist  der  schnelle
Niedergang  mancher  industriellen  Unternehmungen,  die
sich  nicht  durch  Nutzbarmachung  jeder  Neuerfindung
auf  der  höhe  zu  halten  verstehen.  Selbst  ein  Niesenbetrieb, ­
  wie  Krupp,  kann,  trotz  allen  Fleißes  seiner
Arbeiter,  in  wenigen  Jahren  an  den  Nand  des  Abgrunds ­
  gelangen,  wenn  eine  andere  Fabrik  einen  Stahl
erfinden  würde,  den  Krupp  nicht  in  gleicher  Güte
und  Billigkeit  herzustellen  imstande  wäre.  —  Dann
würde  der  Kruppsche  Betrieb  bald  keine,  der  andere
eine  hohe  Dividende  geben;  aber  letztere  wäre  nur
der  wohlverdiente  Lohn  für  die  geistige  Arbeit,  die  in
der  Erfindung  lag,  denn  die  körperliche  Leistungsfähigkeit ­
  der  Arbeiter  auf  den  beiden  Betrieben  hat  auf
das  Resultat  einen  ganz  sekundären  Einfluß.
Wie  schon  oben  erwähnt,  kommt  die  Auffassung
vom  ausbeutenden  Kapital  daher,  daß  man  das  durch
geistige  und  körperliche  Arbeit  entstandene  Kapital  einfach ­
  zusammenwürfelt  mit  einem  anderen,  das  leider
nur  zu  häufig  nicht  in  kristallisierter  Arbeit,  sondern
        <pb n="68" />
        Arbeitsteilung  und  Kapitalbilbung

in  Gewalttaten  und  in  politischer  Macht  seinen  Ursprung ­
  hat.
Angenommen,  unser  Fischer  habe  seinen  Linbaum
nicht  erarbeitet,  sondern  gestohlen,  und  er  ließe  sich
für  seine  Darleihung  den  größten  Teil  des  Ertrages
an  Fischen  geben-  dann  wäre  diese  Einnahme  allerdings ­
  eine  vollständig  arbeitslose  Rente,  eine  Fortsetzung ­
  des  alten  Raubes.
Dder  er  habe  einen  andern  durch  Anwendung
brutaler  Gewalt  gezwungen,  ihm  den  Linbaum  anzufertigen, ­
  oder  er  habe  seine  politische  Macht  in  der
Gemeinde  in  irgendeiner  Form  benutzt,  sich  von  anderen
  die  Mittel  zur  Herstellung  desselben  zu  verschaffen- ­
  in  allen  diesen  Fällen  würde  die  Ausbeutung
klar  zutage  treten,  aber  dann  läge  sie  nicht  in  der
Tatsache  des  Vorhandenseins  von  Rapital,  in  diesem
Falle  des  Linbaums,  sondern  darin,  daß  es  keine  kristallisierte ­
  Arbeit  darstellt.
Die  Ronstatierung  dieser  Tatsache  scheint  mir  genau ­
  so  wichtig,  wie  die  Untersuchung  des  Lhemikers,
ob  die  Substanzen,  mit  denen  er  operiert,  auch  chemisch ­
  rein  sind,  wenn  man  bedenkt,  wie  peinlich  genau
man  bei  chemischen,  physikalischen,  bakteriologischen
Untersuchungen  in  bezug  auf  Reinheit  der  Versuchsobjekte ­
  und  schärfste  Definition  verfährt,  dann  muß  man
staunen,  mit  welcher  Leichtigkeit  man  in  der  Nationalökonomie ­
  grundsätzlichste  Unterschiede  einfach  als  quantité ­
  négligeable  behandelt,  während  man  ganz  nebensächliche ­
  häufig  aufbauscht.
Welche  Autorität  würden  die  Untersuchungen  eines
Bakteriologen  beanspruchen  können,  dem  sich  nachweisen
kieße,  daß  zu  seinen  Experimenten  statt  destilliertem
öas  erste  beste  Pfützenwasser  gedient  habe?
bohlmann,  Laienbrevier.  65  6
        <pb n="69" />
        66

4.  Kapitel

Nun  sind  aber  alle  Untersuchungen  über  das  Wesen
des  Kapitals  in  unseren  heutigen  Verhältnissen,  solange ­
  wir  nicht  das  legitime  vom  illegitimen  scheiden, ­
  d.  h.  solange  wir  nicht  seinen  Ursprung  berücksichtigen, ­
  Beobachtungen  an  verunreinigten  Objekten
und  daher  unzulässig.
Eine  besondere  Erschwerung  der  Untersuchung  liegt
darin,  daß  unsere  modernen  Verhältnisse  die  an  sich
einfachen  Hergänge  stark  verschleiern.  Die  meisten  nehmen ­
  an,  jemand  bezöge  eine  arbeitslose  vente,  wenn
er  z.  B.  an  der  Börse  irgendein  Industriepapier  kaufe,
das  ihm  eine  gute  Dividende  einbringt.
Selbst  wenn  das  Geld,  mit  dem  man  dieses  Papier
kauft,  erarbeitetes  Kapital  ist,  sieht  man  die  daraus ­
  fließenden  Zinsen  für  arbeitslosen  Erwerb  an,
weil  der  betreffende  zufällig  selbst  nicht  tätig  ist,
sondern  Betriebsleiter,  Direktoren,  lverkmeister  und
Arbeiter  sich  anstrengen  müssen,  das  Kapital  zu  verzinsen. ­

hier  tritt  eine  gründliche  Verkennung  des  Prinzips ­
  der  Arbeitsteilung  zutage,  und  daher  wollen  wir
den  Fall  einmal  analysieren.
Zunächst  müssen  wir  feststellen,  was  denn  eigentlich ­
  eine  moderne  Aktiengesellschaft  im  Grunde  bedeutet, ­
  denn  hier  stolpern  schon  die  meisten.  Ulan  nimmt
gemeiniglich  an,  die  Aktionäre  seien  die  eigentlichen
Unternehmer,  und  da  sie  zum  größten  Teil  der  Betriebsleitung ­
  mehr  oder  minder  fern  stehen,  so  glaubt
man  hier  ein  neues  Argument  von  der  arbeitslosen
Rente  zu  finden.  Man  spottet  über  diese  „Unternehmer", ­
  die  das  Unternehmen  mitunter  nie  zu  Gesicht
bekommen.  In  Wirklichkeit  sind  die  leitenden  Persönlichkeiten, ­
  die  Erfinder,  die  Direktoren  usw.,  die  Unter-
        <pb n="70" />
        67

5*

Arbeitsteilung  und  Kapitalbildung

nehmer,  denen  die  anderen  nur  ihr  Geld  leihen.  Die
Aktiengesellschaft  ist  nur  die  moderne  Rechtsform
  für  dieses  Darlehnsgeschäft.
Das  5ystem,  irgendeinem  tüchtigen  Unternehmer
oder  Erfinder  die  Kapitalien,  die  er  braucht,  persönlich
Zur  freien  Verfügung  zu  stellen,  kommt  wegen  der
damit  verbundenen  Rechtsunsicherheit  und  Schwierigkeit ­
  der  Beaufsichtigung  mehr  und  mehr  ab,  und  die
Form  tritt  an  die  Stelle,  daß  der  Unternehmer  als
Angestellter  des  Kapitals  erscheint.  Das  ändert  aber
nichts  an  der  Tatsache,  daß  er  der  Unternehmer  bleibt,
und  dieser  Charakter  nicht  auf  die  Kapitalisten  übergeht. ­
  Gb  diese  Rechtsform  es  nicht,  bei  dem  großen
Prozentsatz  des  nicht  als  kristallisierte  Arbeit  vorhandenen ­
  Kapitals,  mit  sich  bringt,  daß  das  heutige  Unternehmertum ­
  mehr  als  gebührlich  vom  Kapital  abhängig
wird,  ist  eine  Frage,  die  auf  einem  anderen  Blatte  steht
Unsere  Aufgabe  ist  es  nicht,  festzustellen,  wie  das
heutige  Kapital  wirkt.  Denn  das  hierbei  Ausbeutung ­
  unterläuft,  erkennen  wir  vollständig  an.  lvir
wollen  nur  einmal  in  möglichster  Klarheit  herausschälen, ­
  wie  die  Wechselwirkungen  sind  zwischen  Arbeit, ­
  Unternehmertum  und  dem  Kapital  in  seiner
Zeinen  Form  als  kristallisierte  Arbeit,  denn  nur  so
läßt  sich  die  Richtigkeit  von  Maßregeln  ermessen,  die
wan  ergreifen  kann,  um  den  Auswüchsen  des  Kapitalismus ­
  zu  begegnen.
Tatsächlich  vollzieht  sich  die  Beteiligung  des  modernen ­
  Kapitals,  wenn  in  Form  von  Aktienkapital  auftretend, ­
  doch  ungefähr  wie  folgt:  Tin  erfolgreicher
Fabrikant  will  seinen  Betrieb  ausdehnen  oder  sein
Risiko  vermindern,  oder  ein  Erfinder  sucht  Kapital
Zur  Ausnützung  seiner  Erfindung,  oder  jemand  gibt
        <pb n="71" />
        68

4.  Kapitel

sein  (Belò  in  eine  Bank,  die  nun  ihrerseits  die  Kapitalanlage ­
  macht.
Im  letzteren  Falle  scheint  diese  am  unpersönlichsten,
am  arbeitslosesten,  und  doch  liegt  hier  wieder  nur  eine
Arbeitsteilung  vor,  indem  die  Bank  die  befähigtere
Instanz  ist,  gute  Chancen  von  schlechten  zu  unterscheiden, ­
  und  indem  der  Durchgang  des  Kapitals  durch
die  Bank  an  die  Aktienunternehmungen  eine  Versicherung ­
  gegen  Verluste  bedeutet.  Aber  selbst  dieser  unpersönlichste ­
  Fall  ändert  gar  nichts  an  der  Tatsache,
daß  in  der  hergäbe  solchen  Kapitals  eine  Dienstleistung
für  andere  liegt,  und  daß  der  Gewinn  aus  dieser  Dienstleistung, ­
  die  Dividende,  weiter  nichts  ist,  als  der  Lohn
für  geliehene  kristallisierte  Arbeit,  immer  vorausgesetzt,
das  Kapital  entspräche  dieser  Forderung.
Jemand  hat  eine  Erfindung  gemacht,  zu  deren
Verwirklichung  er  gewisse  Maschinen  braucht;  bei
nicht  vorhandener  Arbeitsteilung  würde  er  gezwungen
sein,  diese  selbst  herzustellen  und  vielleicht  einige  Jahre
seines  Lebens  daran  zu  setzen.  In  diesem  Falle  würde
niemand  seinen  schließlichen  Verdienst  eine  arbeitslose
Rente  nennen.  Wenn  nun  ein  anderer  zufällig  solche
Maschinen  durch  seiner  Hände  Arbeit  hergestellt  hat
und  sie  ihm  leiht,  so  ist  doch  kein  plausibler  Grund
vorhanden,  warum  das  ausbedungene  Entgelt  für
dieses  Darlehn  eine  arbeitslose  Rente  darstellen  soll.
Die  beiden  bilden  gewissermaßen  eine  Person,  und
dasselbe  ist  der  Fall,  wenn  jemand  dem  Erfinder
nicht  die  Maschine  selbst,  wohl  aber  das  Geld  zu  dieser
Maschine  leiht,  falls  er  solches  ehrlich  erarbeitet  hat.
In  ihrer  volkswirtschaftlichen  Bedeutung  steht  die
hergäbe  der  Erfindung  und  die  hergäbe  des  Kapitals ­
  zu  ihrer  Ausführung  auf  ganz  gleicher  Stufe,
        <pb n="72" />
        69

Arbeitsteilung  und  Kapitalbildung

ja,  sie  stehen  auch  ethisch  vollkommen  gleich,  sobald
das  Kapital  eben  kristallisierte  geistige  Arbeit  in
reinster  $om  darstellt.
Wenn  z.  B.  zwei  Gelehrte  eine  Erfindung  X  gemeinsam ­
  lösen,  so  gebührt  beiden  der  gleiche  Verdienst, ­
  der  nicht  geschmälert  wird,  wenn  der  eine  sich
erst  auf  dem  Umwege  einer  anderen  Erfindung,  die
wir  I)  nennen  wollen,  die  Mittel  verschafft,  um  seinem
freunde  die  Ausführung  von  X  zu  ermöglichen.
Eine  Erfindung,  die  nicht  zur  Ausführung  kommt,
existiert  volkswirtschaftlich  nicht,  sie  ist  gänzlich  wertlos, ­
  und  wenn  sie  nur  auf  einem  Umwege  erreicht
werden  kann,  so  ist  dieser  genau  so  wichtig  wie  sie
selbst.
hier  liegt  ein  einfacher  Akt  zweckmäßiger  Arbeitsteilung ­
  vor.  Das  Kapital  gibt  dem  Erfinder  die  Mittel
Zur  sofortigen  Nutzbarmachung  seiner  Erfindung,  es
leiht  ihm  gewissermaßen  die  Maschine,  und  als  Leihschein
dient  die  Aktie,  wenn  nun  jemand  durch  die  Umstände ­
  gezwungen  wird,  seinen  Aktienbesitz  zu  verkaufen, ­
  so  heißt  das  in  anderen  Worten,  daß  er  nicht
wehr  in  der  Lage  ist,  seine  Leistung  dem  Erfinder
gegenüber  zu  erfüllen,  er  will  seinen  Anteil  an  der
Waschine  zurückhaben,  was  natürlich  den  Betrieb  stören
würde.  Somit  tritt  durch  den  Verkauf  der  Aktie  ein
anderer  an  seine  Stelle,  und  dieser  leistet  durch
ihren  Ankauf  dem  Erfinder  genau  so  gut
einen  Dien  st  wie  jener,  der  ihm  zuerst  die
Wittel  zur  Ausnützung  seiner  Erfindung  zur
Verfügung  stellte.
Das  Verhältnis  der  Arbeit  zum  Kapital  bleibt
durch  diese  Übertragungen  ganz  unberührt,  und  der
Zweite  und  dritte  Besitzer  der  Aktie  beuten  sie  ebenso-
        <pb n="73" />
        70

4.  Kapitel

wenig  aus  wie  der  erste,  der  überhaupt  das  Unternehmen ­
  erst  in  der  modernen  Form  ermöglichte.

Aber  wie  schon  vorhin  erwähnt,  i'st  das  Bild
ein  anderes,  wenn  dieses  Kapital  nicht  aus  der  Arbeit
stammt,  sondern  aus  Gewalttaten  und  Rechten,  und
hier  hat  Sombart  unbedingt  recht,  wenn  er  den  größten ­
  Teil  des  modernen  Kapitals  als  historisch  aus  dem
Sammelbecken  der  Grundrente  entstehend  erklärt,  d.  h.
also  aus  durch  Macht  gefestigten  Rechten.
Gewiß  hat  es,  solange  es  Arbeitsteilung  gibt,  auch
Kapitalbildung  durch  Arbeit  gegeben,  aber  die  jeweiligen ­
  Machthaber  wußten,  in  direkter  wie  indirekter
Weise,  aus  diesen  (Huellen  durch  Ansichreißen  der  Grundrente ­
  so  wirkungsvoll  für  sich  zu  schöpfen,  daß  dauernde
Wertbildungen  nur  bei  ihnen  angetroffen  werden.
Venn  die  Kirche,  und  nicht  nur  die  Kirche,  sondern ­
  auch  das  allgemeine  Gefühl  bis  ins  hohe  Mittelalter ­
  hinein  den  Zins  als  etwas  Unberechtigtes  verurteilte, ­
  so  war  das  nur  konsequent'  denn  damals  war
die  Kapitalbildung  nur  zum  geringsten  Teil  kristallisierte ­
  Arbeit,-  bei  der  großen  Mehrzahl  der  Fälle
lag  ihr  Ursprung  in  Gewalt  und  Willkürakten  der
jeweiligen  Machthaber,  oder  sie  war  durch  Umgehung
der  von  eben  diesen  Machthabern  geschaffenen  Gesetze ­
  auf  Schleichwegen  entstanden-  wir  erinnern
nur  an  die  Rolle  des  Judentums  im  Mittelalter.  Somit ­
  haftete,  dem  Gefühl  nach,  dem  Kapital  stets  etwas
Unreines  an,  und  wenn  man  dann  diesem  selben  Kapital
auch  noch  das  Recht  zugestand,  Zinsen  zu  tragen,  so  hieß
das  gewissermaßen  einUnrecht  in  Permanenz  erklären.
Reben  dem  direkten  Raube  zieht  sich  nun  noch
durch  die  ganze  Geschichte  der  indirekte.  Da  werden
        <pb n="74" />
        71

Arbeitsteilung  und  Kopitalbilbung

Fronden  auferlegt,  Zölle  erhoben,  Privilegien  verteilt,
Staatseinkünfte  verpachtet  usw.  Wie  wir  später  bei
Besprechung  der  Grundrente  sehen  werden,  fließt  alles
das  in  diesem  einen  großen  Sammelbecken  zusammen,  und
aus  ihm  schöpfen  die,  die  die  Macht  in  Händen  haben,
auf  Grund  von  Rechtsformen,  die  sie  zu  ihren  Gunsten
schaffen,  ein  Prozeß,  der  sich  noch  heute  fortsetzt.
Wenn  nun  solches  Rapita!  zum  Maschinenkapital
wird,  dann  ist  es  allerdings  klar,  daß  es  ausbeutend ­
  wirkt,  weil  feine  Verzinsung  eine  Fortsetzung
ist  alten  Unrechts,'  aber  das  ist  denn  doch  nicht  die
schuld  der  Maschine,  sondern  der  alten  Formen  wirtschaftlicher ­
  Ungerechtigkeit.
Die  Tatsache,  daß  das  erarbeitete  und  das  aus
angemaßten  Rechten  stammende,  also  das  legitime  und
das  illegitime  Kapital,  im  Laufe  der  Entwickelung  so
verschmolzen  sind,  daß  heute  eine  Trennung  unmögļich
  ist,  muß  natürlich  anerkannt  werden.  Aber  was
folgt  daraus?  Doch  nur,  daß  wir  das  vergangene  vergangenes ­
  sein  lassen  müssen,  aber  nicht,  daß  wir  ein
wirtschaftliches  Unrecht,  das  wir  als  solches  anerkannt ­
  haben,  auch  noch  in  die  Zukunft  verlängern
und  kritiklos  als  etwas  Unabänderliches  hinnehmen.
Wir  treiben  doch  nicht  Nationalökonomie,  um  das
historisch  Gewordene  zu  registrieren,  sondern  um  Leitsätze ­
  für  eine  vernunftgemäße  und  gerechte  Regelung
unseres  Wirtschaftslebens  zu  finden,  und  wenn  wir
dabei  irgendeine  Unstimmigkeit  entdecken,  so  haben  wir
uns  nicht  dabei  zu  beruhigen,  daß  das  nun  einmal
so  sei,  sondern  wir  haben  zu  untersuchen,  wo  sie
iiegt,  und  je  nachdem  wir  hierbei  das  -Richtige  oder
Derkehrte  treffen,  werden  wir  zu  richtigen  oder  verkehrten ­
  Schlüssen  kommen.
        <pb n="75" />
        5.  Kapitel
Die  Bedeutung  des  Tausches  im
Arbeits-  undlvertbildungsprozetz

Bei  Behandlung  der  Arbeitsteilung  habe  ich  absichtlich ­
  jene  Wirkungen  nur  ganz  kurz  gestreift,  die
sie  auf  Erleichterung  der  Arbeit,  Zeitersparnis,  Vervollkommnung ­
  in  der  Arbeitsleistung  usw.  ausübt,  alles
Dinge,  über  die  man  in  jedem  Konversationslexikon
oder  Wörterbuch  der  Volkswirtschaftslehre  nachlesen
kann.  Woraus  aber  verhältnismäßig  wenig  Gewicht
gelegt  wird,  und  worin  uns  dennoch  einer  der  wesentlichsten ­
  Vorteile  der  Arbeitsteilung  zu  liegen  scheint,  das
ist,  daß  sie  den  „Tausch"  bedingt;  denn  weil  der  Klensch
zur  Befriedigung  seiner  Bedürfnisse  ja  nicht  irgendeine
Einzelheit  des  Gütererzeugungsprozesses  braucht,  sondern ­
  einen  möglichst  vielseitigen  Anteil,  so  muß  das,
was  in  der  Arbeitsteilung  auseinanderstrebt,  sich  irgendwie ­
  wieder  zusammen  finden,  und  diesen  Ausgleichsprozeß ­
  besorgt  der  Tausch.
3n  diesem  Tausche  sehen  wir  bei  weitem  das  gewaltigste ­
  Moment  im  Arbeitsteilungsprozeß,  denn  die
dem  Tausch  anhaftende  Eigentümlichkeit,  daß  es  in
seinem  Wesen  liegt,  für  beide  Teile  von  Vorteil ­
  zu  sein,  bildet  gewissermaßen  die  wirtschaftliche
Zelle,  aus  der  sich  unsere  gesamte  kulturelle  Entwickelung, ­
  soweit  sie  auf  materieller  Grundlage  steht,
aufbaut.
Natürlich  ist  erste  Vorbedingung  hierfür,  daß  der
Tausch  frei  sei.  Ist  er  das,  dann  folgt  daraus  mit
        <pb n="76" />
        Die  Bedeutung  des  Tausches  im  Ñrbeits-  u.  Wertbildungsprozeß

der  absoluten  Sicherheit  eines  Uettenschlusses  das  folgende: ­

1.  Lr  ist  unter  allen  Umständen  nach  beiden  Seiten
vorteilhaft,  denn  niemand  wird  freiwillig  einen
tausch  eingehen,  bei  dem  er  keinen  Vorteil  hat.
2.  Handel  und  Verkehr,  die  dem  Austausche  der
Güter  dienen,  sind  infolgedessen  genau  so  wertbildend ­
  wie  die  Hervorbringung  derselben,  was  sich  wieder ­
  mit  unserer  Behauptung  deckt,  daß  die  Bewegung
der  Güter  den  Reichtum  eines  Landes  ausmacht,  nicht
allein  ihr  Vorhandensein.  Also  je  reger  der  Tausch,
je  schneller  geht  die  lvertbildung  vor  sich.
3.  Tritt  irgendeine  menschliche  Tätigkeit  dennoch
  irgendwo  nachweislich  einseitig  wertbildend  auf,
b-  h.  eignet  sie  sich  vom  Arbeitserträge  eines
andern  einen  mehr  oder  weniger  großen  Teil,  ohne
entsprechende  Gegenleistung  an,  so  folgt  daraus,  daß
der  „Tausch"  nicht  frei  ist.
Diese  Unfreiheit  kann  nun  zunächst  entstehen  durch
einen  wirtschaftlichen  Zwang,  wo  die  Wahl  des
kleineren  Übels  zur  Triebfeder  des  Tausches  wird,  zweikens
  durch  auf  Wacht  gestützte  Willkür.
Entkleiden  wir  nun  den  wirtschaftlichen  Zwang
aller  menschlichen  Willkür,  so  werden  wir  sehen,  daß
àie  Unfreiheit,  die  dann  noch  verbleibt,  kein  Rlo-Ment
  darstellt,  das  den  Grundgedanken  vom  freien
und  dabei  beiderseitig  vorteilhaften  Tausch  aufhebt,
daß  dieses  nur  dort  der  Fall  ist,  wo  wir  es  mit
Menschlichen  Eingriffen  in  diese  Freiheit  zu  tun  haben.
Ñm  klarsten  wird  uns  das  werden,  wenn  wir  uns
die  verschiedenen  Formen  ansehen,  die  der  Tausch  anzunehmen ­
  imstande  ist,  er  kann  auftreten
        <pb n="77" />
        74

5.  Kapitel

1.  als  Tausch  einer  Sache  gegen  eine  anbete,
2.  als  Tausch  einer  Zache  gegen  Arbeit,
3.  als  Tausch  einer  Sache  gegen  Rechte,
und  in  allen  Fällen  haben  mir  es  mit  2  Unterabteilungen ­
  zu  tun,  nämlich
a)  im  nationalen,
b)  im  internationalen  Verkehr,  in  anbeten  u)or  en
a)  im  kampfleeren  Raume  unb
b)  bort,  wo  brutale  Machtfragen  am  Lnbe  aller
Argumentationen  stehen.
A.  Tausch  einer  Sache  gegen  eine  anbete.
Sehen  wir  uns  zunächst  biesen  Fall  an.  Bei  ihm,
ben  wir  gemeinhin  tOareni)anbei  nennen,  läßt  sich
klarsten  unb  einfachsten  seine  nach  allen  Seiten  hin  wer  -
bilbenbe  Eigenschaft  nachweisen.
Allerbings  müssen  wir  hierbei  erst  einmal  fes  '
stellen,  was  benn  eigentlich  unter  einer  Sache  zu  verstehen ­
  ist.  hier  hat  bie  fortwährend  Anmenbung  ber
römisch  rechtlichen  Definition  ben  klaren  Begriff  einer
Sache  leibet  so  verwirrt,  baß  wir  ihn  erst  einma
roieber  herausschälen  müssen.
Dem  römischen  Bürger  —  unb  somit  bem  römischen ­
  Rechte  —  war,  wenigstens  in  seiner  späten  (beschichte, ­
  alles  außer  ber  freien  Persönlichkeit
„Sache",  b.  h.  ein  Ding,  mit  bem  er  nach  freiem
Ermessen  Gebrauch  unb  Mißbrauch  treiben  konnte.
Sein  Haus,  seine  Frau,  seine  Rinber,  seine  Sklaven,
seine  Maren,  sein  Lanbbesitz,  alles  war  ihm  5ache.
Fortschreitenbe  Erkenntnis  unb  nicht  zum  minbesten
  germanische  Rechtsbegriffe  haben  mit  ber  Seit
tDeib,  Rinber  unb  Sklaven  aus  bem  Sachregister  gestrichen, ­
  aber  unsere  Juristen  befinieren  heute  noch
        <pb n="78" />
        75

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  ñrbeits-  u.  Wertbildungsprozeß
eine  Zache  als  „ein  räumlich  begrenztes  Ztück  der  körperlichen ­
  Welt,  dessen  Begrenzung  durch  die  Natur
oder  durch  menschliche  Willkür  gegeben  ist".
Diese  Definition  läßt  es  ganz  offen,  ob  nicht  auch
gelegentlich  der  Nlensch  als  ein  räumlich  begrenztes
btück  der  körperlichen  Welt  zur  Sache  werden  kann,
jedenfalls  macht  sie  den  Grund  und  Boden  dazu,  und
hier  liegt  der  Widersinn.
Wenn  jedes  durch  menschliche  Willkür  abgegrenzte
5tück  der  körperlichen  Welt  „Zache"  ist,  dann  sind  ganze
Länder  weiter  nichts  als  Sachen,  dann  ist  Amerika
eine  Zache,  Europa  eine  Sache,  ja,  schließlich  sind  alle
vom  Nleer  umspülten  Erdteile  eine  Zache.  Das  ist  doch
ohne  Zinn.  Eine  Definition  hat  doch  den  Zweck,
unterscheidende  Merkmale  aufzustellen,  nicht  neue
Worte  für  alte  Begriffe  zu  konstruieren,  wenn  alles,
was  es  gibt,  Zache  ist,  dann  brauchen  wir  das  Wort
ja  gar  nicht.  Der  Sprachgebrauch  hat  es  geschaffen,
um  etwas  zu  bezeichnen,  was  im  Gegensatz  zu  der
den  Menschen  umgebenden  Natur  steht.
Viel  besser  ist  in  dieser  Einsicht  das  alte  Preußische ­
  Allgemeine  Landrecht,  indem  es  I,  2,  §  3  eine
bache  definiert  als  „einen  Gegenstand,  welchem  entweder ­
  von  Natur  oder  durch  die  Übereinkunft  der
Wenschen  eine  Zelbständigkeit  zukommt,  vermöge  deren
er  Objekt  eines  dauernden  Rechtes  fein  kann",  nur
iaucht  hier  wieder  die  Frage  auf:  was  ist  unter  Gegenstand ­
  zu  verstehen,  sind  100  ha  Land,  sind  ganze  Provinzen, ­
  Reiche,  Erdteile  Gegenstände?  Je  nachdem  man
dieses  bejaht  oder  verneint,  ist  die  Definition  richtig
oder  verkehrt.
Wir  sollten  meinen,  daß  eine  Zache  am  einfachsten
und  klarsten  wie  folgt  zu  definieren  sei:  „ein  räum-
        <pb n="79" />
        76

5.  Kapitel

lid)  begrenztes  Stüd  der  körperlichen  Welt,  das  durch
menschliche  Tätigkeit  räumlich  oder  im  wesen
beeinflußt  worden  ist".
Cin  Kohlenstoß  unter  der  Erde  ist  noch  ferne
Sache;  erst  das  Stück  Kohle,  das  der  Bergmann  daraus
loslöst,  ist  es.
Ein  Diamant,  der  noch  auf  dem  südafrikanischen
Felde  liegt,  ist  noch  keine  Sache,  sondern  ein  Stück
des  Kosmos.  Indem  der  Finder  ihn  aufhebt  und
zu  seinen  Zwecken  zu  verwenden  sucht,  wird  er  Sache.
Ein  Baum  im  Urwald  ist  keine  Sache,  wohl  aber
der  gefällte  und  der  von  Menschenhänden  zu  einem  bestimmten ­
  Zwecke  gepflanzte  Baum.
Ein  Feld  jungfräulichen  Bodens  ist  keine  bache,
wohl  aber  das  urbare  Feld,  aber  auch  nur  seine  im
wesen  veränderte  Humusschicht.  Nie  und  nimmer  kann
seine  Lage  zu  einer  Sache  werden;  wohl  zu  einem
wertobjekt,  aber  nie  zu  einer  Sache.
Wan  kann  die  Begriffe  auch  wie  folgt  trennen.
Der  Begriff  Sache  umfaßt  das,  was  wir  in  Kap.  4
mit  wirtschaftlichem  Gut  oder  Sachgut  bezeichnet  haben.
Er  greift  insofern  etwas  darüber  hinaus,  als  es  auch
Sachen  geben  kann,  die  kein  wirtschaftliches  Gut  darstellen, ­
  aber  der  Teil,  der  über  diesen  Begriff  hinausgeht, ­
  interessiert  uns  wolkswirtschaftlich  nicht.  Für
uns  kommen  nur  die  Sachen  in  Betracht,  die  einen
Tauschwert  haben.
Dieser  Tausch  nun,  behaupten  wir,  ist  unter  allen
Umständen  wertbildend,  er  zehrt  nicht  aus  irgendeiner
mysteriösen  Wertquelle,  sondern  er  ist  ein  integrierender
Teil  des  Wertbildungsprozesses.
Um  schnellsten  und  sichersten  kommen  wir  zu  dieser ­
  Erkenntnis,  wenn  wir  ein  Argument  der  Gegner
        <pb n="80" />
        77

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  Ñrbeits-  u.  Wertbildungsprozeß

dieser  Auffassung  beleuchten,  das  das  Gegenteil  beweisen ­
  soll.
Die  nationalökonomische  Schule,  die  über  Marx
Zu  Sombart  reicht,  behauptet,  daß  die  Werterzeugung
nur  in  der  körperlichen  Arbeit  liege.  Line  Steigerung
der  absoluten  Produktivität  der  Arbeit  durch  den
Tausch,  also  den  Handel,  gibt  Sombart  zu,  aber  er
schließt:  „Konfusionare  haben  auf  dieser  Tatsache
die  Theorie  von  der  Produktivität  des  Kapitals
aufgebaut."
Nun  sollte  in  diesem  Falle  eigentlich  die  „absolute ­
  Produktivität"  das  maßgebende  sein  und  vollständig ­
  genügen,  aber  Sombart  führt  ein  Beispiel  an,
das  beweisen  soll,  wie  im  Grunde  doch  das  Kapital
aus  dem  Arbeitserträge  der  sogenannten  Produzenten ­
  zehre.
3u  diesem  Zwecke  läßt  er  die  Lrde  von
2  Handwerkern  und  1  Händler  bevölkert  sein  und
leitet  daraus  die  Grundlehre  ab:  „Lin  Kaufmann,
der  die  waren  zweier  Handwerker  austauscht,  kann
immer  nur  einen  Profit  einheimsen,  wenn  ihm  jeder
der  beiden  Produzenten  eine  Quote  des  Arbeitsertrages
abtritt".  Vas  scheint  sehr  einleuchtend  und  ist  doch
verkehrt.
So  sehr  wir  dafür  sind,  nationalökonomische  Grundsätze ­
  aus  den  einfachsten  Fällen  herzuleiten,  so  verkehrt ­
  ist  es,  Zustände  zum  Ausgangspunkt  von  Deduktionen ­
  zu  nehmen,  die  es  nie  gegeben  hat  noch  je
geben  wird.  Venn  wir  wollen  doch  nicht  untersuchen,
wie  es  in  irgend  einer  abstrakt  gedachten  Welt,  sondern ­
  in  der  unsrigen  hergeht.  Genau  so  gut  könnte
wan  eine  Drohnenexistenz  eines  Kartoffelbauern  damit
beweisen  wollen,  daß  man  die  Lrde  nur  von  zwei
        <pb n="81" />
        78

5.  Kapitel

Menschen  bevölkert  sein  läßt,  die  beide  keine  Rartoffeln ­
  essen.  Dann  wäre  der  Dauer  natürlich  überflüssig, ­
  und  ebenso  überflüssig  wäre  ein  Händler
in  unserem  Falle,  weil  zwei  Handwerker,  die  nebeneinander ­
  wohnen,  niemanden  brauchen  zum  Austausch
ihrer  Güter.  Aber  will  man  aus  solchen  Beispielen
große  fundamentale  Grundsätze  ableiten,  so  muß  man
sie  auch  zu  Ende  denken.
Angenommen,  der  eine  wäre  ein  Schmied,  im  bergisch-märkischen
  Lande,  um  einmal  bei  diesem  unmöglichen ­
  Fall  zu  bleiben,  und  der  andere  ein  Weber  im
sächsischen  Erzgebirge,  dann  brauchen  sie  wohl  einen
Händler  zum  Austausch  ihrer  Güter,  einmal  um  sich
überhaupt  zu  finden  (Aufsuchen  der  Märkte)  und  dann
zur  Vermittlung  des  Verkehrs.  Entweder  muß  der
Schmied  zum  Weber  oder  der  Weber  zum  Schmied  kommen, ­
  oder  beide  treffen  sich  halbwegs.
Angenommen,  der  Weber  produziere  täglich  2  m
Tuch,  er  brauche  10  Tage,  um  zum  Schmied  zu  kommen,
und  der  Händler  nähme  ihm  diese  Arbeit  ab,  dann
ist  der  letztere  genau  so  gut  produktiv  wie
der  Weber  am  Webstuhl.  Um  die  20  m  Tuch,
die  der  Weber  in  der  Zeit  herstellt,  die  er  nicht  auf
die  Tätigkeit  des  Tausches  zu  verwenden  braucht,  ist
der  Gütervorrat  der  Welt  vermehrt,  durch  dieTätigkeit
  des  Händlers.  Er  ist  also  direkt  produktiv
gewesen.  Sombart  macht  hier,  wie  so  viele,  die  von
Marx  beeinflußt  sind,  den  Fehler,  daß  er  den  wertbildungsprozeß
  mit  der  Herstellung  des  Gegenstandes ­
  in  der  Hauptsache  als  abgeschlossen  ansieht.
Dann  hätte  er  Recht,  wenn  er  argumentierte:  durch
die  Arbeitsteilung  von  Schmied  und  Händler  wird  zwar
die  absolute  Produktion  erhöht,  immerhin  aber  wird
        <pb n="82" />
        79

Eie  Bedeutung  des  Tausches  im  Ñrbeits-  u.  Wertbildungsprozeß

das,  was  der  Handel  sich  aneignet,  aus  den  von  den
Handwerkern  erzeugten  Werten  entnommen.  Das  wäre
unstreitig  richtig,  wenn  das  schon  volle  Werte
wären,  was  der  Weber  und  der  Schmied  dort  in
ihrer  Einsamkeit  anfertigen.  Das  sind  ja  aber  erst
Anfänge  zu  Werten,  der  Tausch  macht  sie
erst  dazu.  Der  Schmied  kann  bei  allen  seinen  Werten ­
  von  Äxten,  Hufeisen,  Nägeln  usw.  verhungern,
wenn  er  diese  Dinge  nicht  selbst  eintauscht  oder  den
Tausch  durch  einen  anderen  besorgen  läßt.
Wir  müssen  eben  das  Sombartsche  Beispiel  so
nehmen,  wie  es  sich  in  der  Wirklichkeit  abspielen
würde.  Eine  Welt  mit  nur  zwei  Handwerkern  und
einem  Händler  ist  ein  Unsinn,  aber  wohl  ist  ein  Fall
denkbar,  daß  sich  Schmied  und  Weber  in  einer  ganz
einsamen  unfruchtbaren  Gegend  befinden.  Sehen  wir
uns  einmal  diesen  Fall  an.  Der  Weber  webt  seine
2  m  Tuch  täglich.  Der  Schmied  macht  in  derselben
3eit  2  Äxte,  hacken  oder  sonst  was,  aber  damit  haben
sie  noch  nichts  zu  essen.  Denn  in  ihrer  Gegend  gedeiht
nichts.  Somit  müssen  sie  sich  allwöchentlich  2  Tage
auf  die  Reise  machen,  um  den  nächsten  Rlarkt  aufzusuchen, ­
  wo  Lebensmittel  feilgeboten  werden.  Mitunter ­
  tauschen  sie  viel,  mitunter  weniger  Lebensmittel
gegen  ihre  waren  ein,  denn  der  Rlarkt  ist  nur  beschränkt ­
  und  die  Nachfrage  nicht  immer  gleich,  häufig
wüssen  sie  einen  Teil  ihrer  Waren  wieder  mit  nach
Hause  nehmen,  weil  die  Bauern  schon  genügend  mit
Tuchen  und  hacken  versehen  sind.
Rlit  Besorgnis  sehen  sie  auf  ihren  wachsenden
Vorrat,  der  sich  je  mehr  entwertet,  je  fleißiger ­
  sie  sind,  weil  er  nicht  in  Bewegung
kommen  kann.
        <pb n="83" />
        80

6.  Kapitel

Schließlich  kommt  ein  Händler  in  die  Gegend.  Gr
kennt  nicht  nur  den  einen,  sondern  alle  Märkte,  auch
in  entlegeneren  Ländern.  Gr  sieht  den  Vorrat  von  Cuchen
und  Pickäxten  und  erinnert  sich,  daß  in  einer  Goldgräbersiedlung ­
  im  Hochgebirge  Mangel  an  beiden
herrscht.  Nun  beginnt  des  klustausch,  der  lveber  und
der  Schmied  bekommen  für  ihre  Waren  Gold  und
finden,  wie  sie  ersteres  zu  Markte  bringen,  daß  sie
jetzt  für  3  m  Tuch  oder  3  Äxte  schon  so  viel  Lebensmittel ­
  und  Bedarfsartikel  eintauschen  können,  wie
früher  für  das  doppelte.  Sie  bekommen  auch  Mut,
mehr  zu  produzieren,  da  sie  mehr  klbsatz  finden  für
den  Fleiß  ihrer  Hände,  und  sie  übertragen  dem  Händler ­
  auch  noch  den  Einkauf  auf  dem  Markte,  denn  die
ersparten  2  Tage,  die  sie  für  den  weg  verwenden
müßten,  bedeuten  für  sie  weitere  4  m  Tuch  oder  4  Äxte,
also  wachsenden  Wohlstand,  selbst  wenn  sie  dem
Händler  die  Hälfte  des  Ertrages  abzugeben  genötigt
wären.
Dabei  ist  es  keineswegs  einerlei,  ob  der  Tausch
ein  guter  oder  schlechter  ist,  ob  der  Schmied  für
ein  Messer  ein  oder  zwei  Stücf  Brot  erhält.  Man
vergesse  doch  nie,  daß  die  Herstellung  der  Eisenwaren
für  den  Mann  nicht  Selbstzweck  ist,  sondern  daß  er  sich
dadurch  Nahrung  und  Kleidung  erarbeiten  will.
Der  wahre  wert  seiner  Messer,  Äxte  usw.  besteht  also
nicht  in  ihrer  klnzahl,  sondern  in  den  Subsistenzeinheiten,
  die  darin  enthalten  sind.  Repräsentierte
vor  Eingreifen  des  Händlers  ins  Wirtschaftsleben  des
Schmiedes  eine  Ñxt  eine  Subsistenzeinheit,  so  hatte  er
bei  10  vorrätigen  Äxten  10  Subsistenzeinheiten  im  vermögen. ­
  Gelingt  es  dagegen  dem  Händler  durch  klufsuchen
besserer  Tauschgelegenheit,  dem  Schmied  für  eine  klxt  2
        <pb n="84" />
        Die  Bedeutung  des  Tausches  im  Ñrbeits-  u.  lvertbildungsprozeß
solcher  Einheiten  zu  verschaffen,  so.  hat  letzterer  in
seinem  Vorrat  an  ñxten  20  Subsistenzeinheiten  liegen.
Der  Händler  nimmt  also  nichts  aus  dem  Wertbestand
des  Schmiedes,  sondern  er  bringt  etwas  hinein,
und  wenn  er  sich  von  diesen  Einheiten  5  Stück  für  seinen
Dienst  ausbedingt,  so  kann  man  doch  nicht  sagen,  er
habe  als  Schmarotzer  vom  ñrbeitsertrag  eines  andern
gelebt.
Tritt  nun  gar  noch  ein  zweiter  Händler  auf  den
Plan,  der  einen  noch  besseren  Nlarkt  für  die  waren
weiß  oder  sich  mit  noch  geringerem  Nutzen  für  den
vermittelten  Tausch  begnügt,  so  hat  sowohl  Weber
wie  Schmied  von  diesem  neuen  „Parasiten",  wie  ihn
lombari  nennt,  nicht  nur  keinen  Nachteil,  sondern
abermals  einen  weiteren  Nutzen.
Nun  kann  sich  dieser  einfachste  Handel  in  den  folgenden ­
  Formen  vollziehen:
1.  Der  Weber  vertraut  dem  Händler  einen  Teil
seiner  Ware  an  und  wartet,  bis  er  ihm  den  Ertrag ­
  des  Tausches  aus  dem  Goldgräberlager  zurückbringt, ­
  oder  umgekehrt  die  Goldgräber  vertrauen  ihm
einen  Teil  ihres  Produktes  an,  bis  der  Händler  ihnen
die  gewünschten  àxte  und  Tuche  mitbringt.
hier  haben  wir  die  einfachste  Form  der  Nreditgebung,
  und  sie  ist  bis  auf  den  heutigen-Tag  noch
die  Basis  aller  sogenannten  Nonsignations-  und  Nommissionsgeschäfte. ­

2.  Der  Händler  ist  Besitzer  irgendeiner  Tauschware, ­
  die  gleichmäßig  vom  Weber  und  von  den  Goldgräbern ­
  geschätzt  wird,-  dann  hat  er  nicht  nur  einen
persönlichen  Vorteil  über  den,  der  solcher  Tauschware
entbehrt,  sondern  es  ergeben  sich  auch  neue  Momente
poh  Im  an,  Laienbrevier.

81
        <pb n="85" />
        5.  Kapitel

82

der  rascheren  Wertakkumulation  im  Wirtschaftskörper:
das  Handelskapital  beginnt  seine  befruchtende
Tätigkeit.
was  haben  wir  im  Grunde  hierunter  zu  verstehen^
Die  Ansammlung  von  Wertgegenständen  in  einer  Hand
zum  Zwecke  des  Austausches,  die  die  Eigenschaft  haben,
daß  sie  unter  allen  Umständen  von  jedermann  an
jedem  Drt  und  zu  jeder  Zeit  begehrt  werden.
heute  ist  die  Tauschware  par  excellence  das  Gold,
warum?  weil  es,  einmal  in  Kulturländer  gelangt,  nie
den  Drt  zu  suchen  braucht,  wo  man  es  begehrt.
Ls  ist  überall  am  Drte  seiner  höchsten  Nachfrage.  Dann
kommt  die  Stufenleiter  aller  übrigen  Gebrauchsgegenstände ­
  als  kaufmännisches  Kapital,  deren  wert  sich
genau  nach  der  Schnelligkeit  und  Sicherheit  richtet,  mit
der  diese  Dinge  zum  selben  Ziele  gelangen.  Lin  Bei»
spiel  wird  dieses  sofort  erklären.
Lin  Kaufmann,  der  200000  Nlark  Gold  besitzt
und  150000  Mark  Verbindlichkeiten  hat,  ist  unter  allen
Umständen  solvent,  d.  h.  man  wird  ihm  ohne  weiteres ­
  zugestehen,  daß  er  ein  vermögen  von  50  000  Nlark
habe.  Nun  ist  es  aber  nicht  Aufgabe  des  Kaufmannes,
sein  vermögen  in  bar  Geld  liegen  zu  lassen;  es  soll
arbeiten,  d.  h.  er  soll  es  gegen  andere  waren  tauschen. ­
  Angenommen  er  legt  die  200000  Nlark  in
Kupfer-  oder  Bleibarren  an.  Alsdann  wird  er  im  gewöhnlichen ­
  Laufe  der  Dinge  einem  Kreditgeber  gegenüber ­
  noch  durchaus  solide  und  sicher  dastehen,  denn  man
hat  das  vertrauen  zu  ihm,  daß  er  die  Barren  nicht  gekauft ­
  haben  würde,  wenn  er  nicht  die  sichere  Erwartung
hegte,  sie  dahin  bringen  zu  können,  wo  man  sie  braucht,
wird  dieser  Glaube  erschüttert,  so  geht  es  in  dem
        <pb n="86" />
        83

6*

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  Ñrbeits-  u.  lvertbildungsprozeß

Nlaße  mit  seiner  Zahlungsfähigkeit  bergab,  wie  die
Schwierigkeit  steigt,  das  Verbrauchsfeld  der  Barren
zu  finden.  In  guten  Zeiten  ist  das  nun  verhältnismäßig
leicht,  aber  in  einer  Krisis  nur  mit  großen  werteinbußen
  möglich.
Noch  deutlicher  tritt  die  Schwierigkeit  hervor  bei
Dingen,  die  dem  verderben  oder  der  Mode  ausgesetzt
sind.  Wenn  mir  jemand  versichert,  er  habe  ein  Geschäftskapital ­
  von  50  000  Mark,  denn  feine  Verbindlichkeiten
beliefen  sich  nur  auf  150000  Mark,  dagegen  habe  er  ein
Lager  von  Damenhüten  im  werte  von  200  000  Mark,
so  würde  ich  dem  Manne  sehr  viel  skeptischer  gegenüberstehen, ­
  als  dem  Besitzer  des  Goldes  oder  des  Rupfers,
lvarum?  vielleicht  ist  er  sogar  der  Reichere.  Das  kann
sein-  aber  vom  Golde  weiß  ich,  daß  sofort  jemand
Zur  Hand  ist,  der  es  nimmt,  wenn  man  es  ihm  anbietet,
beim  Rupfer  hat  man  die  Hoffnung,  daß  man  bald
jemand  finden  wird,  aber  bei  den  Damenhüten  stellen
sich  die  Schwierigkeiten  des  Findens  ungleich  größer
dar.  wenn  es  den  kleinen  Röpsen,  für  die  sie  bestimmt ­
  sind,  einfällt,  daß  ihnen  eine  etwas  größere
Form  etwas  besser  stehe,  so  ist  die  Unmöglichkeit  des
Findens  und  damit  die  Entwertung  da.  Und  diese  Wertverminderung ­
  ist  nicht  etwa  etwas  Fingiertes,  Eingebildetes, ­
  sondern  etwas  durchaus  Reales,  viel  Realeres
als  wenn  z.  B.  an  einem  Grundstück  100000  Mark  verloren ­
  werden.  Letzteres  ist  nur  für  den  Betreffenden  ein
Derlust,  für  das  Nationalvermögen  nicht,  denn  was
der  eine  verliert,  gewinnt  der  andere  dadurch,  daß
er  für  dieses  Stück  Land  100000  Mark  Rapital  weniger
Zu  verzinsen  hat.  In  der  Entwertung  der  Damenhüte
aber  steckt  verlorene  ñrbeit,  und  daher  ist  der  Verlust ­
  allgemein.
        <pb n="87" />
        84

5.  Kapitel

Ich  habe  mit  Absicht  diese  extremen  Fälle  gewählt, ­
  um  die  Dehnbarkeit  des  Begriffes  Handelskaprtal
  zu  beleuchten,  eine  Dehnbarkeit,  die  soweit  geht,
daß  in  vielen  Fällen  Kapital  van  Kredit  gar  mcht
zu  unterscheiden  ist.  ,
Hier  spielt  das  subjektive  Gefühl  eme  groß
Rolle,  dem  überhaupt  noch  ein  besonderes  Kapitel
gewidmet  werden  soll,  weil  es  im  Wirtschaft  e  en
bei  Behandlung  nationalökonomischer  Probleme,  unserer
Ansicht  nach,  lange  nicht  genug  mit  in  Rechnung  gestellt

Haben  wir  nun  einen  Blick  in  das  Wesen  des
Handelskapitals  gewonnen,  dann  wollen  wir  an  der
Hand  unseres  alten  Beispiels  vom  Weber  und  Zchmie
einmal  seine  Funktion  beleuchten.
Zunächst  ist  ohne  weiteres  klar,  daß  das  Vorhandensein ­
  eines  Handelskapitals  für  seine  Besitzer  von
großem  Rutzen  sein  muß,  denn  sonst  würden  sie  es
nicht  anwenden.  Was  uns  aber  weit  mehr  interessiert,
ist  der  volkswirtschaftliche  Rutzen,  den  es  dadurch ­
  stiftet,  daß  es  eine  notwendige  Funktion  im
Güterverteilungsprozeß  erfüllt  und  zwar  in  zweifacher
Hinsicht,  in  räumlicher  und  zeitlicher.
Klit  der  Entfernung,  die  bei  Gütern  zwischen  dem
Cntstehungs-  und  dem  Konsumorte  liegt,  wächst  die
Gefahr,  daß  etwas  beim  Austausche  verloren  geht,
nicht  nur  durch  force  majeure,  sondern  es  kann  ebensogut ­
  durch  menschliche  Unehrlichkeit  geschehen,  die
wir  nun  einmal  als  vorhanden  annehmen  müssen.  Wenn
in  unserem  Falle  Schmied  und  Weber  dem  Händler
Waren  anvertrauen,  bis  er  ihnen  den  Gegenwert  nach
längerer  Fahrt  bringt,  werden  sie  häufig  Verluste  er-
        <pb n="88" />
        85

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  Ñrbeits-  u.  lvertbildungsprozeß
leiden,  die  die  Subsistenzeinheiten,  die  sie  für  ihre  Waren
erhoffen,  bedenklich  zu  schmälern  imstande  sind.
Die  Erfahrung  wird  ihnen  daher  als  klug  erscheinen ­
  lassen,  einem  Händler,  der  ihnen  aus  seinem
Handelskapital  heraus  die  Tauschwaren,  die  sie  brauchen ­
  sofort  ausliefert,  den  Vorrang  zu  geben  vor
einem  solchen,  der  ihnen  diese  Dinge  erst  nach  langer
Ñeisc  zu  bringen  verspricht.
hier  liegt  wieder  eine  Ñrbeitsteilung  vor,  die  den
Güterverteilungsprozeß  wesentlich  abkürzt,  denn  wir
Essen  immer  im  ñuge  behalten,  daß  des  Schmiedes
Ñrbeit  ja  im  Grunde  darauf  gerichtet  ist,  Eßwaren
Zu  erlangen,  daß  die  Herstellung  der  Äxte  nur  Mittel
zum  Zweck  ist.
Je  leichter  nun  der  einzelne  den  Zweck  seiner
ñrbeit  erreicht,  desto  besser  für  den  ganzen  Wirtschaftskörper. ­

In  dem  Vorhandensein  des  Handelskapitals  liegt
ferner  der  Vorteil,  Ñngebot  und  Nachfrage  zeitlich
auszugleichen.  Nur  bei  den  alltäglichsten  vedürfuissen
  wird  es  der  Fall  sein,  daß  Produktion  und
llauschgelegenheit  zusammenfallen.
Sonst  wird  es  mehr  die  Regel  sein,  daß  sie  sich
uicht  decken.  So  kann  es  kommen,  daß  der  Schmied,
der  doch  zu  leben  gezwungen  ist,  gleich  nach  Herstellung ­
  seiner  Äxte  sehr  viel  weniger  Subsistenzeinheiten
  anzunehmen  gezwungen  werden  könnte,  als  wenn
kr  einige  Wochen  bis  zur  Ernte  zu  warten  vermöchte.
übernimmt  das  Kapital  des  Händlers  diese
Wartezeit  und  sichert  damit  auch  den  zeitlich  besten
Ñlarkt.
Ñuch  hier  ist  der  Nutzen,  den  das  Kapital  einstreicht ­
  ein  durchaus  begründeter  Lohn  dafür,  daß  es  den
        <pb n="89" />
        86

5.  Kapitel

Produzenten  durch  Arbeitsteilung  der  Mühe  enthebt,
sich  den  zeitlich  und  räumlich  besten  Markt  für  seine
Produkte  selbst  zu  suchen.
Ein  fernerer  Vorteil  dieser  Vermittlung  des  Tausches ­
  durch  das  Kapital  ist  darin  zu  suchen,  daß  die
Zelbstsucht  in  diesem  Falle  ein  durchaus  wertbildender
Faktor  ist.  wer  einfach  die  Zachen  Dritter  umtauscht,
wie  unser  kapitalloser  Händler  zwischen  Zchmied  und
Goldgräber,  wird  viel  weniger  eifrig  darauf  bedacht ­
  sein,  daß  der  Tausch  ein  guter  sei,  als  der,
der  die  zu  tauschenden  Waren  erst  seinem  eigenen
Handelskapital  einverleibt.
Tr  wird  allerdings  beim  Ankauf  den  Produzenten
auch  nach  unten  zu  drücken  suchen,  aber  bei  voller
Freiheit  des  Handels  findet  diese  Art  der  Benachteiligung ­
  ihr  Korrektiv  durch  die  Konkurrenz.
Nun  könnte  man  einwenden,  daß  von  Freiheit  bei
unserem  Beispiele  nicht  die  Rede  sein  könnte,  denn
Weber  und  Zchmied  ständen  unter  einem  wirtschaftlichen ­
  Zwange,  nämlich  dem,  daß  sie  von  der  Natur  in
eine  Gegend  versetzt  worden  seien,  wo  der  Ackerboden
so  arm,  daß  er  zu  den  einfachsten  menschlichen  Ernährungsformen, ­
  nämlich  zur  direkten  Herstellung  von
Nahrungsmitteln,  ohne  den  Umweg  über  die  Arbeitsteilung, ­
  nicht  genügt,  so  daß  sie  wirtschaftlich  zu  diesem ­
  Erwerbszweig  gezwungen  und  damit  auch  der  Ausbeutung ­
  durch  das  handelnde  Kapital  ausgeliefert  seien.
Viesen  Kampf  um  ihr  eigenes  Interesse  teilen
sie  aber  mit  allen  Menschen  gleichmäßig,  und  wenn
sie  vom  Zchicksal  in  eine  unwirtliche  Gegend  gepflanzt
worden  sind,  so  ist  das  auch  nichts  Besonderes,  sondern ­
  etwas  rein  Menschliches,  wollte  man  darin  eine
wirtschaftliche  Ungerechtigkeit  erblicken,  so  müßte  man
        <pb n="90" />
        87

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  Ñrbeits-  u.  Wertbildungsprozeß

es  in  viel  höherem  Maße  tun  bei  der  Verschiedenheit
der  individuellen  Begabung  unter  den  Menschen.  Ein
minder  begabter  Mensch  kann  aus  seiner  haut  nicht
heraus-  die  in  dürftiger  Gegend  Geborenen  haben  immerhin ­
  die  Möglichkeit  herauszukommen,  wenn  nicht
politischer  Zwang  und  Verhältnisse,  die  außerhalb  des
Wirtschaftsgebietes  liegen,  sie  daran  hindern.  Jedenfalls
wird  man  nie  den  Vorwurf  erheben  können,  daß  das
Kapital  an  sich  in  diesem  Falle  wirtschaftlichen  Zwang
verursachte,  denn  die  Notlage  war  schon  vorhanden,
ehe  es  auf  der  Bildfläche  erschien,  viel  eher  als  zu
einer  Verschlechterung  hat  es  zu  einer  Verbesserung
der  Lage  der  Ñrbeit  geführt.  Das  Handelskapital  ist
also  nicht  arbeitfeindlich,  sondern  -freundlich.
Um  einmal  ganz  besonders  anschaulich  zu  machen,
wie  durch  Tausch  ganz  reale  Werte  entstehen,  und
wie'  sich  solche  ziffernmäßig  feststellen  lassen,  wähle
ich  noch  ein  scharf  ausgeprägtes  Beispiel,  das  aber
durchaus  im  Rahmen  der  Wirklichkeit  liegt.
Ein  armer  Geiger  erbt  von  seiner  Mutter  eine
Nähmaschine  und  ein  armes  Nähmädchen  von  ihrem
Dater  eine  Geige.
Für  jeden  von  ihnen  sind  diese  Dinge  nahezu
wertlos,  sie  tauschen,  und  sind  beide  reicher.
Warum?  weil  die  verschiedenen  Dinge  eben  bei  den
verschiedenen  Menschen  verschiedenen  Wert  haben,  der
sich  volkswirtschaftlich  noch  mit  dem  Grad  der  Befähigung ­
  steigert,  mit  dem  der  eine  oder  andere  die
Dinge  zu  benutzen  versteht.
3um  Tausch  dieser  beiden  Instrumente  ist  es  nun
nötig,  daß  sich  die  beiden  Besitzer  in  irgend  einer  weise
finden.  Dann  läßt  sich  der  wert  dieses  Findens  durch-
        <pb n="91" />
        88

5.  Kapitel
aus  einwandfrei  durch  eine  Zahl,  einen  Geldwert,  ausdrücken. ­

Der  funge  Geiger  würde  vielleicht  gern  50  Mark
für  eine  Violine  ausgeben,  und  die  Näherin  dasselbe ­
  für  eine  Nähmaschine,  aber  beide  haben  nur
je  10  Mark  im  Portemonnaie.  N)ohl  hat  letztere
die  hübsche  Geige,  aber  ginge  sie  damit  zum  Nähmaschinenhändler, ­
  um  eine  Maschine  dafür  einzutauschen, ­
  so  würde  er  sie  einfach  auslachen,  und
wenn  sie  einmal  ihre  Brotrechnung  damit,  selbst  in
Höhe  eines  viel  geringeren  Preises,  würde  begleichen
wollen,  würde  der  Bäcker  bedauernd  die  Achseln  zucken.
Genau  so  würde  es  dem  jungen  Geiger  in  seinem
Falle  mit  der  Nähmaschine  gehen.
Schließlich  gehen  sie  zu  einem  Trödler,  d.  h.  zu
einer  beiden  Teilen  bekannten  Stelle,  wo  sich  Angebot ­
  und  Nachfrage  in  derlei  Zachen  zu  treffen  pflegen
und  bieten  ihm  die  Dinge  zum  verkauf  an.  Je  nachdem ­
  dieser  nun  die  Möglichkeit  abschätzt,  sie  wieder
an  den  Mann  zu  bringen,  wird  er  dafür  bezahlen,
d.  h.  wird  er  diese  Dinge  seinem  Napitalbestand  einfügen, ­
  und  selbst  wenn  er  den  Betreffenden  nur  20  Mark
für  ihre  Gegenstände  bezahlt  und  sie  wieder  zu
30  Mark  verkauft,  wird  sich  das  Volksvermögen  durch
diese  Mittelhand  wie  folgt  vermehrt  haben:
1.  Stand  des  Vermögens  vor  Kauf  und  Verkauf:
Geiger  10  M.  bar  und  1  Nähmaschine,  für  ihn  wertlos,
also  0  M.  zusammen  10  TU.  ;  Näherin  10  M.  bar
und  1  Geige,  für  sie  wertlos,  also  0  M.  zusammen
10  M.
Trödler  40  M.  bar,  die  er  für  Nähmaschine  und
Geige  geben  würde,  wenn  man  sie  ihm  brächte.  Vermögensstand ­
  zusammen  60  M.
        <pb n="92" />
        89

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  ñrbeits-  u.  Wertbildungsprozeß
2.  Nach  Rauf  und  verkauf:
Ģeiger  30  IÏÏ.  Wert  des  Instrumentes
Näherin  30  „  „  der  Nähmaschine
Trödler  60  „  „  (Erlös  a.  d.  verkauften  Gegenständen.
T20ÎÌÎ.
Der  gesamte  Wohlstand  hat  sich  demnach  verdoppelt,
und  dieser  Wertzuwachs  ist  nicht  etwa  etwas  Eingebildetes, ­
  sondern  durchaus  Reelles.  Lr  bildet  die  Grundige ­
  unserer  gesamten  Vermögensstatistik.  Ein  Zeitungsverleger ­
  z.  B.,  der  eine  Rotationsmaschine  zu
20  000  Mark  einstellt,  ist  verpflichtet,  sie  mit  dieser
Summe,  solange  sie  neu  ist,  in  seinem  Vermögensstand
unzugeben,  aber  keine  Gesetzgebung  wird  dieses  von
einem  Handwerker  verlangen,  der  vielleicht  gezwungen
war,  eine  solche  Maschine  als  schlechte  Schuld  zu  übernehmen ­
  und  sie  auf  dem  Boden  herumstehen  hat.  In
seinen  fänden  wird  der  Wert  der  Maschine,  selbst
wenn  neu,  den  des  alten  Eisens  nicht  viel  überschreiten,
bis  sich  wieder  jemand  findet,  der  sie  braucht.  Erst
dann  tritt  sie  wieder  in  ihren  alten  volkswirtschaftlichen ­
  Wert,  und  der  Händler,  der  das  vermittelt,  ist
somit  direkt  wertbildend.
Nun  scheint  uns  im  obigen  Falle  der  Verdienst
bes  Trödlers  vielleicht  für  die  geringe  Mühe,  die  er
gehabt  hat,  reichlich  hoch.  Gewiß,  aber  bei  freier  Ronkurrenz
  wird  dieser  Verdienst  immer  im  Verhältnis
Zur  Schwierigkeit  des  Wiederverkaufes  stehen,  und  unter
ber  gleichen  Voraussetzung  wird  auch  der  Nutzen
bes  Raufmannes  im  gleichen  Verhältnis  zum  Nutzen
stehen,  den  er  der  Allgemeinheit  leistet,  so  paradox
bas  klingen  mag-  denn  für  gewöhnlich  ist  man  vom
Gegenteil  überzeugt.  Man  meint,  je  weniger  ein  Rauf-
        <pb n="93" />
        5.  Kapitel

mann  verdiente,  desto  besser  sei  es  für  die  Allgemein«
heit,  wir  sagen  nicht,  daß  der  Kaufmann,  der
seine  waren  am  teuersten  verkauft,  der  nützlichste
ist,  denn  dieses  Verfahren  führt,  sobald  die  Leistung,
die  wirkliche  oder  eingebildete,  nicht  der  Gegenleistung ­
  entspricht,  schnell  genug  zum  Stillstand,  wohl
aber,  daß  der  Kaufmann,  der  die  waren  dahin  schafft,
wo  er  am  meisten  verdient,  nämlich,  wo  sie  am  teuersten ­
  sind,  volkswirtschaftlich  weit  nützlicher  ist,  als
einer,  der  sie  mit  wenig  Verdienst  an  einem  billigen
Grt  verschleudert.
Denn  der  teure  Drt  zeigt  durch  seine  Preise  an,
daß  er  die  waren  haben  will,  während  sie  am  billigen
Orte  bereits  in  Überfluß  vorhanden  sind.
Im  Aufsuchen  des  höchsten  Begehrs  nach  einer
Sache  liegt  fa  eben  der  wert  des  Handels,  und  je
erfolgreicher  er  in  dieser  Beziehung  für  sich  selbst  ist,
je  mehr  wird  er  auch  zur  Wertakkumulation  in  seinem
Volke  beitragen.

Am  deutlichsten  zeigt  sich  das  bei  der  Besprechung ­
  des  Tausches  auf  internationalem  Gebiete, ­
  zu  der  wir  jetzt  übergehen.
Bei  Behandlung  dieser  weitreichenden  und  wichtigen ­
  Frage  können  wir  es  nur  zur  Klarheit  bringen,
wenn  wir  uns  die  einzelnen  Staaten  als  in  sich  geschlossene ­
  Organismen,  gewissermaßen  als  Personen
denken.  Das,  was  sich  zu  einem  Staate  oder  zu  einer
wirtschaftlichen  Interessengemeinschaft  mit  einer  gemeinsamen ­
  Spitze  und  damit  einem  gemeinsamen  willen ­
  zusammengetan  hat,  ist  etwas  durchaus  Einheitliches, ­
  ein  Organismus,  wie  jeder  andere  selbständige
        <pb n="94" />
        &amp;gt;  i

JJ  Issili  in  lin  ff  fi  lilt;

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  Ñrbeits-  u.  lvertbildungsprozeß
Organismus.  Daraus  folgt,  daß,  ebenso  wie  der  Warenaustausch ­
  zwischen  zwei  Individuen  stets  vorteilhaft
nach  beiden  Zeiten  ist,  dasselbe  auch  beim  Warenaustausch ­
  zweier  Völker  der  Fall  sein  muß.  Vas  ist  auch
ahne  weiteres  ersichtlich.  (Es  liegt  in  der  Natur  der
Dinge,  daß  unter  dem  Einflüsse  von  Klima  und  Loden
in  den  verschiedenen  Ländern  gewisse  Erzeugnisse  des
Ülenschenfleißes  so  überreichlich  gedeihen,  daß  die  Ernten
sehr  schnell  eine  größere  Fülle  geben,  als  die  zu
verzehren  imstande  sind,  die  die  Zaat  streuen,  und  wenn
sie  auch  noch  so  viel  zu  konsumieren  sich  anschicken.
Dieses  in  einem  solchen  Gebiete  entstehende  plus
ist  nun  ohne  Tauschmöglichkeit  tatsächlich  vollständig
wertlos.  So  stellt  ein  Land  wie  Brasilien  einen  Überschuß ­
  an  Kaffee  her,  ein  Land  wie  Deutschland  einen
solchen  von  allen  möglichen  Fertigfabrikaten,  kunstgewerblichen ­
  Gegenständen  und  dgl.,  die  nach  Sättigung
des  heimischen  Bedarfes  ebenfalls  nur  minimalen  wert
haben.
Die  Natur  schafft  in  solchen  Fällen  zeitweilig  tatsächlich ­
  „Überproduktion",  so  vorsichtig  man  auch  sonst
wit  dem  Worte  sein  muß,  denn  all  die  tausend
Dinge,  die  zwischen  den  Fingern  der  Menschen  wachsen,
sind  genau  so  gut  Naturprodukte,  wie  das,  was  auf
dem  Felde  wächst,  und  ob  die  Natur  sich  fruchtbar
im  Felde  oder  im  Nlenschengeiste  offenbart,  ist  für
das  Endergebnis  das  gleiche.
Für  Deutschland  ist  nun  der  Kaffee  ein  wertabejkt,
  denn  die  Gesamtarbeitskraft  des  Volkes  würde
nicht  hinreichen,  auch  nur  einen  Sack  davon  hervorzubringen. ­
  Ebenso  sind  für  die  Bewohner  Brasiliens
all  die  tausenderlei  bei  uns  hergestellten  Kleinigkeiten
und  Fertigfabrikate,  die  bei  uns  überflüssig  sind,  wert-
        <pb n="95" />
        92

5.  Kapitel

objekte.  Denn  in  dieser  von  uns  gebotenen  Güte
und  Form  kann  das  Land  selbst  sie  nicht  hervorbringen. ­

Der  Tausch  dieser  Dinge  —  Kaffee  gegen  Fertigfabrikate ­
  —  macht  nun  beide  Länder  mit  einem  Schlage
reicher,  denn  nun  kommen  die  Dinge  erst  dahin,  wo
man  sie  braucht,  der  Merterzeugungsprozeß  findet  seinen ­
  Abschluß.
Daraus  geht  nun  ohne  weiteres  hervor,  daß  die
Einfuhrwerte  eines  Landes  stets  höher  sein  müssen,  als
die  Ausfuhrwerte,  sofern  sich  überhaupt  ein  sicherer  Ausdruck ­
  dafür  finden  läßt,  und  dennoch  haben  gerade  auf
diesem  Gebiete  die  merkwürdigsten  Anschauungen  geherrscht ­
  und  herrschen  zum  Teil  heute  noch.
Klan  übersieht,  daß  es  sich  auch  im  internationalen
Verkehr  immer  nur  um  Tausch  handelt,  und  um  nichts
anderes  als  Tausch,  und  daß,  wenn  ein  Land,  wie
Deutschland,  im  Jahre  1904  für  zirka  6  Milliarden
ein-  und  für  5  Milliarden  ausführte,  das  einfach
die  Tatsache  bedeutet,  daß  Deutschland  für  Maren,
die  ihm  5  Milliarden  wert  waren,  andere  eingetauscht ­
  hatte,  die  es  mit  6  Milliarden  bewertete.  Das
Land  rechnet  also  den  durch  seinen  Warenaustausch  gemachten ­
  Nutzen  ziffermäßig  auf  1  Milliarde.
Der  Nachweis,  daß  diese  handelsstatistischen  Erhebungen ­
  in  den  verschiedenen  Ländern  nicht  gleichmäßig ­
  stattfinden,  und  daß  dabei  viele  freiwilligen
und  unfreiwilligen  Fehler  mit  unterlaufen,  ändert  an
dem  Gesamtresultat  nichts.  Man  mag  mit  ungeheurem
Fleiß  aus  dem  unendlichen  Zahlenmaterial  nachweisen,
daß  hin  und  wieder  Posten  in  den  Ein-  und  Ausfuhr-Ziffern
  enthalten  sind,  die  nicht  hineingehören,  ihr
        <pb n="96" />
        93

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  Ñrbeits-  u.  wertbildungsprozeß

Grundcharakter  läßt  sich  nicht  umstoßen,  er  läßt  sich
auf  die  einfache  Formel  bringen:
Die  Einfuhr  ist  die  Einnahme,
die  Ñusfuhr  ist  die  Ausgabe
eines  Volkes.  Und  da  man  nur  reicher  werden  kann
durch  ein  plus  der  Einnahmen  über  die  Ausgaben,
so  kann  ein  Volk  auch  nur  reicher  werden  durch  ein
Plus  der  Einfuhr  über  die  Ausfuhr.
Es  hat  eine  Zeit  gegeben,  und  sie-ist  sogar  heute
noch  nicht  ganz  überwunden,  wo  man  in  Gelehrtenwie
  Laienkreisen  in  ganz  unglaublicher  Verkennung
der  volkswirtschaftlichen  Bedeutung  der  Worte  „kaufen",
„verkaufen"  und  „bezahlen"  (wir  kommen  bei  Besprechung ­
  des  Geldes  noch  darauf  zurück)  folgendermaßen ­
  argumentierte:
Wenn  Deutschlands  Ausfuhrziffer  5  Milliarden  und
die  Einfuhr  6  Milliarden  ist,  dann  hat  Deutschland
für  5  Milliarden  ver  kauft  und  bezahlt  erhalten,
aber  für  6  Milliarden  gekauft  und  bezahlt,  und,
vom  kleinbürgerlichen  Begriffe  des  Geldes  ausgehend,
schien  es  sonnenklar,  daß  ein  Land  in  kurzer  Zeit
ruiniert  werden  müßte,  wenn  es  dauernd  l  Milliarde
mehr  ausgäbe  als  einnähme.
Ja,  diese  Auffassung  ist  so  allgemein  gewesen,
daß  die  Bezeichnung  von  „günstiger"  und  „ungünstiger"
Handelsbilanz  in  diesem  Zinne  noch  immer  nicht  aus
unserer  Tagesliteratur  verschwunden  ist.
wenn  es  bei  Bekanntwerden  der  Handelsbilanzen
verschiedener  Völker  heißt,  daß  z.  B.  Indien  einen
Ausfuhrüberschuß  von  800  Millionen  Mark,  Belgien
dagegen  einen  Einfuhrüberschuß  von  450  Millionen
habe,  dann  gibt  es  immer  noch  Leute,  die  bei  aller
Anmaßung,  das  Publikum  orientieren  zu  wollen,  in
        <pb n="97" />
        94

5.  Kapitel

ersterem  Fall  von  einer  „günstigen",  im  letzteren  von
einer  „ungünstigen"  Handelsbilanz  fabulieren.  Man
kann  sich  denken,  wie  dann  die  Schlußfolgerungen  aus
solchen  Prämissen  aussehen.
Die  Tatsache,  daß  gerade  die  reichsten  Länder  es
sind,  die  andauernd  eine  sogenannte  ungünstige  Handelsbilanz ­
  haben,  hätte  doch  stutzig  machen  müssen,  ob
die  Ñnschauungen,  die  man  da  verbreitete,  auch  wirklich ­
  stimmten.
Ñn  der  Spitze  aller  dieser  Staaten  steht  England
mit  einem  Überschuß  der  Einfuhr  über  die  Ausfuhr
im  Jahre  1904  von  180  Millionen  Pfund,  gleich
3600  Millionen  Mark.
Märe  die  Theorie  richtig,  daß  diese  ungeheure  warenmenge
  wirklich  jedes  Jahr  im  kleinbürgerlichen  Sinne
bezahlt  werden  müßte,  dann  stände  man  allerdings
vor  einem  Rätsel,  weil  sich  der  ganze  Barbestand  der
Bank  von  England  nur  zwischen  700  und  1000  Millionen
Mark  bewegt,  wo  sollte  dann  all'  das  Geld  Herkommen?
Schließlich  suchte  man  sich,  um  nur  bei  Leibe  die  liebe
Theorie  nicht  umzustoßen,  damit  zu  helfen,  daß  man
diesen  Überschuß  zu  erklären  suchte  durch  Frachteinnahmen, ­
  Zinsen  auf  in  der  Fremde  angelegte  Rapitalien ­
  usw.  In  diesen  so  eingehenden  Summen  sah
man  allerdings  eine  Bereicherung  des  Landes,'  aber
da  die  Transportkosten  doch  nur  ein  absolut  unzertrennlicher ­
  Teil  des  Güterverteilungsprozesses  sind,  so
ist  der  versuch,  hieraus  eine  Vermehrung,  aus
den  andern  Importziffern  aber  eine  Verminderung
des  Volksvermögens  konstruieren  zu  wollen,  nur  erklärlich ­
  durch  die  sehr  undankbare  ñufgabe,  unliebsame ­
  Tatsachen  mit  einer  liebgewonnenen  Theorie  in
Einklang  zu  bringen,  welche  Unlogik  in  dieser  künst-
        <pb n="98" />
        95

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  ñrbeits-  u.  Wertbildungsprozeß

lichen  Definition  und  willkürlichen  Konstruktion  liegt,
geht  daraus  hervor,  daß  dieselben  Leute,  die  stets  von
internationalem  Bezahlen  reden,  hier  auf  einmal
eine  eingeführte  Warenmenge  als  „Zahlung"  gelten
lassen.  Line  Zahlung  ist  doch  aber  unlöslich  mit  dem
ßcgriff  „Geld"  verknüpft  oder  wenigstens  Geldversprechen. ­
  wenn  mir  jemand  für  ein  Buch  statt  baren
Geldes  einen  Zack  Kartoffel  anbietet,  und  ich  bin  damit ­
  einverstanden,  dann  hat  er  mir  das  Buch  nicht
bezahlt,  sondern  ich  habe  es  gegen  einen  Zack  Kartoffeln ­
  eingetauscht.
Und  wenn  nach  England  für  480  000  000  &amp;amp;,  waren
eingeführt  worden  sind,  so  sind  sie  eben  als  Tauschware ­
  gekommen,  einerlei,  ob  Edelmetall  sich  darunter
befindet  oder  nicht.
Das  Land  hat  sie  eingetauscht  gegen  die  300  000  000  F,
die  es  der  Welt  in  seiner  Ausfuhr  zum  Tausche  angeboten ­
  hat,-  nur  dürfen  wir  den  Tausch  natürlich
nicht  auf  die  Rubrik  von  Zache  gegen  Zache  beschränken, ­
  sondern  müssen  die  ganze  vorhin  genannte
5kala  bis  zum  Tausche  einer  Zache  gegen  Rechte  berücksichtigen. ­

Welche  Absurditäten  sich  bei  gegenteiliger  Ruffassung ­
  ergeben  können,  möge  folgendes  Beispiel  zeigen.
Ein  Hamburger  Exporteur  schickt  für  100000  Mark
lVerke  deutschen  Kunstgewerbes  nach  Brasilien,  d.  h.
er  hält  sie  in  Hamburg  so  viel  wert,  so  daß  sie  mit
dieser  Zumme  in  der  Exportdeklaration  erscheinen.  Da
er  gleichzeitig  Importeur  ist,  ersucht  er  seinen  Korrespondenten ­
  in  Brasilien,  ihm  für  den  Erlös  eine
^affeesendung  nach  Hamburg  zu  machen,  hier  haben
wir  den  einfachsten  internationalen  Tausch,  der  heute
noch,  wenn  auch  wesentlich  durch  Arbeitsteilung  ver-
        <pb n="99" />
        96

5.  Kapitel

schoben,  auf  dem  letzten  Grunde  aller  Handelsbeziehungen ­
  liegt.
Welche  Eventualitäten  können  nun  eintreten?  Da
die  Fracht-  und  Bssekuranzkosten  den  klaren  Überblick
nur  verwirren,  wollen  wir  sie  einmal  ganz  unberücksichtigt ­
  lassen.
Betrachten  wir  die  Waren  als  unversicherten
Ballast.
1.  Die  kunstgewerblichen  Gegenstände  sind  mit  wenig
Geschmack  ausgeführt  oder  unreell  gearbeitet,  kurz,  sie  befriedigen ­
  das  brasilianische  Publikum  nicht  und  müssen
infolgedessen  mit  80000  Mark  statt,  wie  erhofft,  mit
100000  oder  mehr  Mark  verkauft  werden.
Der  Korrespondent  kann  daher  auch  nur  für
80000  Mark  Kaffee  dafür  nach  Hamburg  schicken.  Resultat ­
  der  Handelsstatistik:  Busfuhr  100000  ÎÏÏarÌ,
Einfuhr  80  000  Mark.
20000  Mark  Bbnahme  des  Volksvermögens  wegen
unreeller  Brbeit,  sagen  wir;
20000  Mark  Zunahme  aus  gleichem  Grunde,  sagen
die  Gegner  dieser  Auffassung.
2.  Die  Waren  sind  mit  ganz  besonderem  Geschmack
gewählt  und  bestehen  aus  in  ihrer  Brt  vollendeten
Gegenständen,  und  es  gelingt,  sie  in  Brasilien  zu
150000  Mark  zu  verkaufen.  Blsdann  kann  der  brasilianische ­
  Freund  seinem  Hamburger  Hause  für
150000  Mark  Kaffee  schicken,  und  die  Hamburger
Statistik  wird  sich,  wie  folgt,  lesen:
Busfuhr  100000  Mark,  Einfuhr  150  000  Mark.
Wir  sagen,  hier  hat  sich  das  deutsche  Volksvermögen ­
  durch  die  Geschicklichkeit,  die  Sorgfalt  und  den
Fleiß  seiner  Künstler,  Techniker  und  Arbeiter  um
50  000  Mark  vermehrt.  Die  Gegner  unserer  Bn-
        <pb n="100" />
        Uohlman,  Laienbrevier.

97

7

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  ñrbeits-  u.  Wertbildungsprozeß

schauung  aber  sagen:  Nein,  es  hat  sich  vermindert,
denn  wir  haben  vom  Ausland  laut  Statistik  für  150000
Mark  „gekauft",  aber  nur  für  100000  „verkauft".
Nach  dieser  Logik  führen  also  Fleiß,  Sorgfalt,
Runst,  Güte  der  Arbeit  im  internationalen  Verkehr
Zum  wirtschaftlichen  Ruin,  dagegen  Geschmacklosigkeit,
Unachtsamkeit,  Lottrigkeit  zum  wirtschaftlichen  Aufschwünge. ­

Der  beste  Fall  ist  schließlich  noch  der  dritte:
Angenommen,  das  Schiff  mit  den  ausgehenden
Maren  komme  überhaupt  nicht  im  Bestimmungshafen
an,  es  werde  von  einer  kriegführenden  Macht  gekapert
und  versenkt.  In  diesem  Falle  ist  der  Zuwachs  des  Volksvermögens ­
  nach  jener  Auffassung  am  allergrößten,  denn
nun  kann  der  Brasilianer  gar  keinen  Raffee  schicken,
und  die  Handelsstatistik  in  Hamburg  liest  sich  wie  folgt:
Ausfuhr  100  000  Mark,  Einfuhr  0  Mark.
Um  Irrtümer  zu  vermeiden,  wollen  wir  hier  nur
gleich  erwähnen,  daß  es  sich  bei  Ein-  und  Ausfuhrziffern ­
  der  Handelsstatistik  selbstredend  immer  nur  um
die  relative  Zunahme  oder  Abnahme  des  Volksvermögens ­
  handelt,  soweit  diese  sich  auf  den  internationalen ­
  Verkehr  beziehen.
Die  hauptwerte  erzeugt  ein  Volk  in  sich,  und
daher  kann  es  sogar  bei  einer  wirklich  ungünstigen
Handelsbilanz  in  unserem  Sinne  dennoch  reicher  und
reicher  werden.  Das  beweist  Nordamerika.  Dort  übersteigt ­
  die  Ausfuhr  die  Einfuhr  seit  langer  Zeit  um
ein  Beträchtliches,  im  Jahre  1904  um  82  Millionen
Pfund  —  1640  Millionen  Mark,  aber  günstig  ist  das
vicht,  denn  hierin  liegen  ungeheure  Warenmengen,  die
unter  die  Rubrik  vom  Tausche  von  Sachen  gegen  Rechte
fallen.
        <pb n="101" />
        98

5.  Kapitel

Der  größte  Grundeigentümer  Heuqorfs,  also  der
Bezieher  einer  ungeheuren  Grundrente,  W.  Ñstor,  z.  B.
wohnt  in  England,  gleichfalls  der  große  Stahltrustkönig
  Carnegie,  viele  amerikanische  Millionenerbinnen
haben  englische  Lords  und  europäische  Prinzen  geheiratet, ­
  während  englische  Kapitalisten  gewaltige  Gebiete ­
  im  Innern  der  Union  besitzen,  deren  Unsiedler
ihnen  tributpflichtig  sind.  Außerdem  ist  das  englische
Kapital  in  ganz  bedeutender  weise  an  den  amerikanischen ­
  Bahnen,  den  Staatsschulden  usw.  beteiligt.  Allein
das,  was  die  amerikanischen  Reisenden  alljährlich  nach
Europa  nehmen,  wurde  von  einer  amerikanischen  Zeitschrift ­
  kürzlich  auf  400  Millionen  Mark  geschätzt.  Das
mag  reichlich  hoch  sein,  aber  daß  es  keine  geringen
Summen  sind,  ist  klar,  ebenso  daß  die  Reisenden  diese
werte  nicht  in  bar  Geld  mit  sich  führen,  sondern  meist
in  Form  von  Krediten,  welche  einmal  durch  Warensendungen ­
  beglichen  werden  müssen.  Alle  diese  Beträge ­
  können  also  gar  nicht  anders  als  in  einer  erhöhten ­
  Ausfuhr  zum  Ausdruck  kommen,  aber  niemand
wird  in  dieser  Tatsache  etwas  Erfreuliches  für  das
Land  erblicken  können.
Rur  als  Sympton  der  hohen  Produktivität  ist  eine
hohe  Exportziffer  erfreulich.
Run  wäre  es  durchaus  verkehrt,  aus  dem  Gbigen
den  Schluß  ziehen  zu  wollen,  die  Politik  eines  jeden
Staates  müsse  darauf  gerichtet  sein,  die  Exportziffern
herunterzustimmen.  Ganz  gewiß  nicht!  wir  wünschen
immer  steigende  Zahlen  zu  sehen,  aber  die  Importzahlen ­
  müssen  die  größeren  sein,  wo  sie  es  nicht  sind,
wird  man  bald  finden,  daß  die  Völker  etwas  weggeben, ­
  für  das  sie  keine  vollwertige  Gegenleistung  eintauschen. ­
        <pb n="102" />
        99

7*

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  Ñrbeits-  u.  Wertbildungsprozeß

Und  wenn  ein  Volk  bei  Einfuhrüberschuß  dennoch
wirtschaftlich  zurückgeht,  wie  es  immerhin  vorkommen
kann,  dann  liegt  es  daran,  daß  es  gegen  diese  seine
Einnahme  anstatt  Zachen  Rechte  zu  tauschen  genötigt
ist,  worauf  wir  in  Rap.  5  C  noch  zu  sprechen  kommen.
Der  internationale  Warenaustausch  läßt  uns  auch
noch  einen  Blick  tun  in  das  Gebiet,  das  durch  die
fortgesetzte  Ñrbeitsteilung  der  Völker  erschlossen  wird.
Es  gibt  Pessimisten,  die  der  Ñnsicht  sind,  daß
ein  beiderseitig  erfolgreicher  Warenaustausch  nur  möglich ­
  sei  zwischen  Völkern,  von  denen  das  eine  vorwiegend
agrarisch,  das  andere  vorwiegend  industriell  sei,  und
die  befürchten,  daß  mit  der  fortschreitenden  Industrialisierung ­
  der  sämtlichen  Rulturvölker  eine  Stagnation
eintreten  werde,  da  jedes  Volk  alle  seine  Bedürfnisse
selbst  herzustellen  in  der  Lage  sein  werde.
vor  einer  solchen  Zukunft  bewahrt  uns  der  Ģang
der  Menschen  nach  Ñrbeitsteilung,  nach  Befriedigung ­
  ihrer  Bedürfnisse  auf  dem  möglichst
leichten  Wege,  zumal  die  Natur  selbst  auf  Ñrbeitsteilung ­
  hinweist.
Die  klimatischen  Verhältnisse  der  Erdoberfläche
sind  so  verschieden,  und  die  Bedürfnisse,  die  der  Rulturmensch
  verlangt,  gleichfalls,  daß  es  immer  irgendwo
in  der  Welt  eine  Gegend  geben  wird,  wo  irgendein
Bedarfsartikel  mit  besonderer  Leichtigkeit  hervorgebracht
werden  kann.
Ñuch  sind  die  Befähigungen  der  Volker  so  verschieden, ­
  daß  sich  zur  Herstellung  irgendeiner  Gruppe
von  Bedarfsgegenständen  stets  immer  ein  besonderes
Volk  als  das  geeignetste  erweisen  wird.
Man  hat  aus  der  Industrialisierung  fremder  Völker ­
  und  der  unleugbaren  Tatsache,  daß  gewisse  Fabri-
        <pb n="103" />
        5.  Kapitel

fate,  die  wir  ihnen  bisher  lieferten,  nunmehr  von
ihnen  selbst  hergestellt  werden,  den  düstren  Schluß  gezogen, ­
  daß  es  bald  auf  allen  Gebieten  so  gehen  werde
und  hat  namentlich  dadurch  vor  dem  Industrialismus
warnen  wollen.
Tatsache  ist  ja,  daß  z.  B.  Brasilien,  das  früher
alle  groben  Baumwollwaren  nur  aus  England  und
Deutschland  bezog,  jetzt  diese  Dinge  selbst  anfertigt.
Dieser  Erwerbszweig  der  deutschen  Industrie  ist  allerdings ­
  abgestorben,  aber  hat  sich  dadurch  der  Tauschprozeß
  im  allgemeinen  vermindert?  Gewiß  nicht!  Die
Gebiete  verschieben  sich  nur.
Man  übersieht  eben,  daß  durch  die  Industrialisierung ­
  des  fremden  Landes  zahlreiche  neue  Existenzen ­
  zur  Konsumfähigkeit  heranwachsen,  und,  während
sie  uns  auf  den  Gebieten  der  groben  Manufaktur
Konkurrenz  machen,  um  so  willigere  Käufer  für  die
feineren  lvaren  werden.
Ts  ist  ja  auch  in  der  Tat  ein  Unsinn,  wenn
ein  Land  wie  Brasilien,  seine  Baumwolle  nach  Deutschland ­
  sendet,  damit  sie  dort  gesponnen  und  gewebt
und  dann  als  Baumwollzeug  zurücktransportiert  werde.
Solche  unnatürlichen  Gebilde  müssen  absterben.
Das  ist  ja  gerade  die  Ñufgabe  des  Handels,  hierüber ­
  zu  wachen,  zu  erspähen,  wo  wirtschaftlicher  Unsinn ­
  liegt,  wo  etwas  sterben  muß,  und  wo  die  Vorbedingungen ­
  zu  neuem  Tausche  vorhanden  sind.
Ein  schlagendes  Beispiel  für  die  angedeutete
Entwickelung  haben  wir  in  unseren  Beziehungen  zu
England,  vor  50  Jahren  sandte  Deutschland  seine
landwirtschaftlichen  Produkte  nach  England,  und  dieses ­
  wiederum  versorgte  uns  mit  Industriewaren.
Mit  Besorgnis  sahen  die  Engländer  bei  uns  die
        <pb n="104" />
        Die  Bedeutung  des  Tausches  int  Ñrbeits-  u.  tvertbildungsprozef;

Keime  einer  deutschen  Industrie  entstehen.  Venn  sie
meinten,  nur  der  alte  Ñustausch  sei  der  allein  mögliche- ­
  mit  der  Industrialisierung  Deutschlands  werde
der  deutsch-englische  Handel  absterben.
Diese  Industrialisierung  hat  sich  nun  doch  vollzogen, ­
  und  mit  welchem  Resultat?
Der  deutsch-englische  Handel  hat  Dimensionen  angenommen, ­
  wie  sie  sich  die  kühnste  Phantasie  früher
nicht  auszumalen  wagte.
Ruch  hier  das  fruchtbringende  Resultat  der  fortgesetzten ­
  Rrbeitsteiiung  und  der  damit  stetig  steigenden ­
  Tauschgelegenheit.
Somit  hätten  wir  den  Tausch  von  Sache  zu  Sache
in  nationaler  und  internationaler  Hinsicht  beleuchtet. ­

Wie  steht  es  nun  um  den  Tausch  einer  Sache
gegen  Arbeit?
hierin  liegt  das  Lohnproblem.

B.  Tausch  einer  Sache  gegen  Arbeit.
(Lohnverhältnis.)
Mt  derselben  mathematischen  Gewißheit,  wie  ein
Tausch  von  Sache  gegen  Sache  stets  für  beide  Teile
vorteilhaft  sein  muß,  wenn  die  Kontrahenten  aus  freier
Wahl  tauschen,  muß  auch  der  Tausch  von  Sache,  vulgo
Lohn,  gegen  Arbeit  nach  beiden  Seiten  von  Vorteil  sein,
wenn  sich  freie  Männer  hierbei  gegenüberstehen.
Für  die  theoretische  Erörterung  des  Verhältnisses
von  Kapital  zur  Lohnarbeit  ist  dieser  Gesichtspunkt  von
Wichtigkeit,  denn  er  beweist,  daß  im  Kapital  selbst
als  solchem,  nicht  die  ihm  vielfach  angedichtete,  die
Arbeit  ausbeutende  Macht  liegt,  sondern  daß  dieser
        <pb n="105" />
        102

■BÜR

5.  Kapitel
Ausbeutung,  wo  sie  nachgewiesen  werden  kann,  stets
andere  Faktoren  zugrunde  liegen.  Voraus  sich  weiter
ergibt,  daß  demnach  der  Ausbeutung  nur  durch  Beseitigung ­
  eben  dieser  Faktoren  begegnet  werden  kann  und
nicht  durch  einen  Eingriff  in  die  Funktion  des  Kapitals.
Betrachten  wir  einen  Fall,«wo  vollständig  freie
Menschen  mit  dem  modernen  Kapital  in  Berührung
kommen.  Leider  müssen  wir  zu  diesem  Zwecke  wieder
in  die  Wildnis  fliehen,  zu  den  einfachen  Verhältnissen,
namentlich  dorthin,  wo  die  Grundrente  noch  nicht  ihren
störenden  Einfluß  ausübt,  und  den  einzelnen  der  freie
Zugang  zum  Grund  und  Boden  noch  nicht  verschlossen ­
  ist.
Die  Schwierigkeiten  mit  der  Beschaffung  von  Arbeitern, ­
  die  unsere  Plantagengesellschaften  in  unseren
afrikanischen  Kolonien  haben,  sind  sattsam  bekannt,
ebenso  daß  die  Engländer  gezwungen  gewesen  sind,
chinesische  Arbeiter  nach  Transvaal  zu  importieren,
um  die  Minen  überhaupt  nur  betreiben  zu  können.
Warum?  Gibt  es  im  Lande  keine  Menschen,  die  arbeiten ­
  können?  Gewiß,  im  Überfluß;  aber  sie  wollen
nicht  für  Lohn  arbeiten.  Vas  heißt  denn  das?  Zn
9  Fällen  von  10  heißt  das  nicht,  daß  sie  überhaupt
nicht  wollen,  sondern  daß  sie  es  nur  zu  einem
Lohn  wollen,  der  es  dem  Kapital  nicht  ermöglicht, ­
  eine  Verzinsung  zu  erzielen.
Da  schilt  man  denn  über  die  Faulheit  des
schwarzen  und  vergißt,  daß  er  als  Mensch  seine  Bedürfnisse ­
  auf  die  ihm  leichteste  Art  zu  befriedigen
sucht  und  sich  nur  dann  freiwillig  in  den  Dienst  des
Kapitals  stellt,  wenn  er  einen  Vorteil  gegen  seine  bisherige ­
  Lebensgewohnheit  darin  findet.
Genau  so,  wie  wir  über  die  Schwarzen  klagen,
        <pb n="106" />
        103

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  ñrbeits-  u.  Wertbildungsprozeß

werden  die  alten  Römer  über  die  Faulheit  jener  Germanenstämme ­
  geklagt  haben,  bei  denen  ihnen  keine
Zwangsmittel  zur  Verfügung  standen.  Schon  Tacitus
berichtet,  daß  sie  auf  ihren  Bärenhäuten  gelegen
und  mehr  Interesse  für  das  Methorn  als  für  römische ­
  Straßenbauten  und  Limes  gezeigt  hätten.
Diese  Faulheit  bedeutete  weiter  nichts,  als  daß
sie  noch  freie  Wahl  hatten,  ob  sie  ihre  Arbeitskraft
gegen  eine  Sache  eintauschen  wollten  oder  nicht.
In  demselben  Maße  aber,  wie  die  alten  germanischen
Dorfgemeinden  ihr  Land  verloren,  verloren  sie  auch
diese  Freiheit  des  Tausches.  Sie  kamen  unter  politischen
Zwang,  der  heute  noch  alle  Verhältnisse  in  so  hohem
Grade  beherrscht  und  verschleiert,  daß  man  auf  einfachste
Formen  zurückgreifen  muß,  will  man  überhaupt  den
inneren  Zusammenhang  der  Dinge  verstehen.
Der  freie  afrikanische  Schwarze  bietet,  wie  gesagt, ­
  noch  solch  ein  Bild,  solange  ihm  sein  heimatlicher
Grund  und  Boden  zur  uneingeschränkten  Verfügung
steht.  Wenn  er  sich  dem  Kapital  unterordnen  und  zur
Plantagenarbeit  entschließen  soll,  so  muß  ihm  etwas
geboten  werden,  was  ihn  anreizt,  entweder  muß  er
von  einem  Gegenstand  seiner  bisherigen  Produktionssphäre ­
  für  eine  Tagesarbeit  so  viel  Lohn  erhalten,  wie  er
sonst  nur  in  zwei  und  mehr  Tagen  zu  erwerben  imstande ­
  gewesen  ist,  oder  es  müssen  neue  Bedürfnisse  in
ihm  geweckt  werden,  die  so  mächtig  sind,  daß  sie  ihm
den  Tausch  der  angebotenen  Dinge  gegen  eine  bestimmte
Zeit  seiner  Arbeit  wünschenswert  erscheinen  lassen.  Sonst
arbeitet  er  eben  auf  seinem  Lande.  Immer  bleibt  seine
Wahl  eine  freie,  und  wenn  von  irgend  einem  einseitigen
Vorteil  die  Rede  sein  kann,  so  liegt  er  in  diesem  Stadium
entschieden  noch  auf  Seiten  des  Arbeitnehmers,
        <pb n="107" />
        104

5.  Kapitel

denn  er  hat  es  in  der  Hand,  die  Substanz  seiner  Arbeit,
nachdem  der  Arbeitsvertrag  eingegangen  ist,  nicht  unwesentlich ­
  zu  ändern,  eine  Tatsache,  die  die  Quelle  vieler
Lohnstreitigkeiten  ist.
Der  Arbeitgeber  bietet  einen  bestimmten  Wert  in
Erwartung  einer  bestimmten  Leistung.  Da  letztere,  ohne
mala  fide  zu  sein,  immerhin  bis  zu  einem  gewissen
Grade  dehnbar  ist,  und  die  Menschen  gemeinhin  lieber
weniger  als  zu  viel  arbeiten,  so  ist  der  Arbeitgeber
im  eigenen  Interesse  gezwungen,  stets  einen  moralischen
Druck  auf  den  Arbeitnehmer  auszuüben,  ihn  zur
höchsten  Leistung  anspornend,  wo  immer  ein  festes
Lohnverhältnis  vorliegt.  Es  treten  eben  die  bekannten
Meinungsverschiedenheiten  über  die  relative  Bewertung ­
  von  Leistung  und  Gegenleistung  auf.
Untersuchen  wir  einmal  einen  solchen  Fall  vollster ­
  Tauschfreiheit  in  allen  seinen  volkswirtschaftlichen
Wirkungen.
Ein  Neger  hat  seit  urdenklichen  Zeiten  Zuckerrohr ­
  gepflanzt,  den  Saft  auf  einer  kleinen  Handmühle
ausgequetscht  und  nach  50  tägiger  Arbeit  im  Felde  und
50  tägiger  in  der  Mühle  aus  1000  Zentnern  Nohr
100  Zentner  Zucker  hergestellt,  genug,  um  im  Eintausch
dafür  den  Lebensunterhalt  seiner  Familie  zu  bestreiten. ­
  Nun  etabliert  sich  dort  eine  moderne  Zuckerfabrik, ­
  die  schon  aus  500  Zentnern  Zuckerrohr  so  viel
Zucker  herstellt  als  der  Neger  aus  1000  Zentnern
zu  gewinnen  vermochte,  welche  Wirkung  übt  sie  auf
unseren  Pflanzer?
Zunächst  bei  gleichbleibendem  Konsum,  weil
100  Zentner  Zucker  den  Bedarf  der  Gegend  decken,
die  Ausbeute  sich  aber  durch  das  in  den  Maschinen
angelegte  Kapital  verdoppelt,  so  braucht  die  Fabrik
        <pb n="108" />
        105

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  ñrbeits-  u.  Wertbildungsprozeß

nur  500  Zentner  Rohr,  d.  h.  der  Neger  braucht  nur
25  Tage  volkswirtschaftlich  tätig  zu  sein,  um  das  für
den  Konsum  nötige  Quantum  an  Rohmaterial  zu  erzeugen. ­
  was  er  darüber  hinaus  pflanzt,  ist  wertlos.
Run  ist  die  Maschine  aber  nicht  nur  Ertrag  steigernd, ­
  sondern  auch  in  hohem  Maße  Arbeit  sparend.
Wenn  der  Neger  vorher  50  Tage  auf  die  Fabrikation
verwandte,  und  die  Maschine  das  in  10  Tagen  bewältigt, ­
  welches  sind  dann  die  Redingungsgrenzen  nach
oben  und  unten,  zu  denen  der  Neger  diese  10  tägige
Arbeit  zu  leisten  bereit  sein  wird?
Ñls  er  allein  war,  hatte  er  den  ganzen  Ertrag  von
100  Zentner,  wofür  er  aber  100  Tage  arbeiten  mußte.
Daß  er  für  die  35  Tage,  die  er  jetzt  zu  arbeiten  hat,
(25  Tage  Pflanzen,  10  Tage  Maschinenarbeit)  nicht  die
ganzen  100  Zentner  verlangen  kann,  ist  klar-  denn  der
Eigentümer  der  Maschine  will  für  seine  kristallisierte
Rrbeit,  der  allein  ja  die  Ersparnis  zuzuschreiben  ist,
auch  seinen  Anteil  an  diesen  100  Zentnern  haben.  Für
weniger  als  seine  frühere  Tagesleistung,  nämlich  1  Zentner ­
  pro  Tag  —35  Zentner,  wird  er  auch  nicht  arbeiten,
denn  sonst  hätte  er  beim  alten  Verfahren  bleiben  können. ­
  Aber  alles  was  er  über  diese  Rate  hinaus  bekommt, ­
  ist  der  Nutzen,  den  er  aus  dem  Tausch  von
bache  gegen  Arbeit  zieht.  Angenommen,  die  Fabrik
gäbe  ihm  aus  dem  Gesamtarbeitsertrage  von  100  Zentnern ­
  für  sein  Rohr  und  seine  Arbeit  50  Zentner  Zucker,
dann  würde  das  für  ihn  bedeuten,  daß  er  für  eine
35  tägige  Tätigkeit  so  viel  bekommen  hätte,  wie  sonst
für  eine  50  tägige.  Er  hätte  also  15  Tage  gespart,
denn  für  die  50  Zentner  kann  er  bekanntlich  die  5ubfistenzmittel
  für  ein  halbes  Jahr  eintauschen,  während ­
  er  die  andere  Hälfte  durch  50  tägige  Arbeit  auf
        <pb n="109" />
        5.  Kapitel

anderem  Gebiete  erreicht.  Für  seinen  Iahresbedarf
hat  er  also  tatsächlich  nur  85  Tage  gearbeitet.  Die
Quote  dieses  Tauschnutzens  wird  sich  nun,  genau  wie
beim  Tausch  von  Zache  gegen  Zache,  je  nach  Angebot
und  Nachfrage  regulieren,  aber  es  ist  klar,  daß  sie
bei  normalen  Verhältnissen  nie  dauernd  über  die  beiden ­
  Grenzen  hinausgehen  kann.  Die  Nlaschine  wird
stillstehen,  wenn  die  Arbeit  zu  viel  verlangt,  und  die
Arbeit  wird  zu  einem  anderen  Gebiete  übergehen,
wenn  die  Nlaschine  ihr  nicht  mindestens  etwas  mehr
gewährt,  als  was  sie  vor  der  Berührung  mit
ihr  zu  erwerben  imstande  war.
Nun  ist  der  Fall  stillstehenden  Konsums  der  denkbar ­
  ungünstigste.
Angenommen,  die  Fabrik  habe  Absatz  für  jedes
von  ihr  hergestellte  Quantum,  dann  fällt  noch  der
wirtschaftliche  Zwang  fort,  der  den  Neger  zur  Einschränkung ­
  bes  Nohranbaues  nötigte.  &amp;lt;Er  kann  sich  ganz
der  Pflanzung  widmen  und  ist  noch  unabhängiger  als
vorher.
Nuf  keinen  Fall  wird  die  Nlaschine  ihn  unter
sein  früheres  Existenzniveau  herunterzudrücken  vermögen, ­
  denn  ihm  bleibt  immer  die  Nlöglichkeit,  seine
Zubsistenzmittel  auf  anderem  lvege  zu  erlangen.
hier  reden  die  Goldminen  Transvaals,  wie  gesagt,
eine  deutliche  Zprache.  Der  Vorteil,  den  dort  die  freien
Koffern  aus  dem  Tausch  von  Arbeit  gegen  Sache  haben ­
  wollen,  ist  so  groß,  daß  er  den  wert  dessen
übersteigt,  was  die  von  ihnen  zu  bedienenden  Nlaschinen
zu  erzeugen  imstande  sind,  obgleich  es  sich  um  die
Produktion  des  begehrtesten  Wertobjektes,  des  Goldes
selbst,  handelt.
Klan  kann  wohl  sagen,  daß,  wo  immer  zuerst
106
        <pb n="110" />
        107

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  Arbeits-  u.  lvertbildungsprozeß
der  Tausch  von  Ware  gegen  Arbeit  auftritt,  der  Vorteil ­
  eher  auf  seiten  der  Arbeit  gewesen  ist,  als  auf
feiten  des  Kapitals.  Vas  letztere  ist  fast  immer  noch
als  das  Arbeit  werbende  erschienen,  und  wenn  seine
Tewinnrate  im  vergleich  zum  Arbeitserträge  des  einzelnen ­
  Arbeiters  auch  häufig  übergroß  erscheint,  so
wird  man,  den  gänzlich  freien  Arbeitsvertrag  vorausgesetzt, ­
  immer  nur  ein  absolutes,  selten  ein  relatives
Übergewicht  konstatieren  können.  Vas  erstere  liegt  in
der  Natur  der  Sache.
Lin  Schuhmacher  hat  täglich  ein  paar  Stiefel
angefertigt,  und  sein  Nachbar  erfindet  eine  Maschine,
mit  der  in  derselben  Zeit  10  paar  hergestellt  werden
können.  Ersterer  fürchtet  die  Konkurrenz  und  tritt
als  Arbeiter  beim  Erfinder  ein.  Auf  wieviel  Paar
Stiefel  hat  er  dann  da  eigentlich  Anspruch?  Doch  im
Ģrunde  nur  auf  eins,  denn  die  andern  neun  fertigt
der  Erfinder.  Es  ist  doch  sein  in  der  Maschine  niedergelegter ­
  Geist,  der  durch  die  Hand  des  Arbeiters  die  überschüssigen ­
  9  Paar  herstellt.  Erst  wenn  dieser  durch  geschickte ­
  Handhabung  der  Maschine  12  anstatt  10  paar
schuhe  anfertigt,  hat  er  Anrecht  auf  einen  Überschuß.
6ei  diesem,  und  nicht  nur  bei  diesem,  durchaus  gerechten
relativen  Verhältnis  des  Erwerbs  zur  Leistung,  wird
natürlich  die  absolute  Einnahme  des  Erfinders  eine
größere  fein,  als  die  des  Handarbeiters.  Das  ist  aber
doch  nicht  mehr  als  gerecht.  Der  Geist  hat  ebensogut
ein  Necht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag  wie  die  Hand,
und  wenn  er  10  Gegenstände  hervorzaubern  kann,
wo  die  Hand  es  nur  zu  einem  bringt,  so  hat  er  ein
Üecht  auf  den  10  fachen  Ertrag.  Dem  Geiste  den  vollen
Materiellen  Erfolg  seiner  Betätigung  nehmen,  heißt,
ihn  in  die  Gebiete  der  abstrakten  Spekulationen  ver-
        <pb n="111" />
        108

i.  Kapitel

bannen  (too  der  deutsche  sich  leider  in  früheren  Jahrhunderten ­
  viel  zu  reichlich  getummelt  hat)  und  vom
Erwerbsleben  ausschließen.  Gewiß  würden  manche  auch
noch  aus  Ehrgeiz  Großes  leisten,  ohne  auf  Entlohnung ­
  dafür  zu  sehen,  aber  dem  Fortschritt  die  Triebfeder ­
  der  Selbstsucht  nehmen,  heißt,  ihn  in  dem  Maße
verlangsamen,  in  welchem  die  Selbstsucht  verbreiteter
ist,  als  der  Ehrgeiz.
Außerdem  sorgt  schon  der  Wettbewerb  auf  geistigem
Gebiete  dafür,  daß  der  Erfinderlohn  kein  allzu  großes
Übergewicht  über  den  Arbeitslohn  erlangt-  ja  die
Patentgesetzgebung  in  allen  Kulturländern  beweist,
daß  er  ohne  besonderen  Schutz  nicht  einmal  auf  der  höhe
gehalten  werden  kann,  die  dem  Gefühl  einer  gerechten ­
  Entlohnung  für  die  geleistete  geistige  Arbeit  entspricht. ­

Also,  wo  der  Erfinder  seine  Maschinen  in  direkter
weise  der  Landarbeit  zur  Verfügung  stellt,  kann  von
einer  Ausbeutung  der  letzteren  zugunsten  des  ersteren
keine  Rede  sein,  und  dasselbe  gilt  demnach  von  jeder
kristallisierten  Arbeit.
hieran  ändert  die  Tatsache  gar  nichts,  daß  diese
heute  zum  größten  Teil  als  ganz  abstraktes  Kapital
auftritt.  Dadurch  werden  die  Wechselwirkungen  des
Tausches  von  Sache  gegen  Arbeit  im  modernen  Betriebe
wohl  außerordentlich  dicht  verschleiert,  aber  doch  nicht
aufgehoben.
Man  begegnet  immer  wieder  der  Ansicht,  daß,  wenn
sich  jemand  an  der  Börse  eine  Industrieaktie  kauft,
und  die  Dividende  genießt,  dieses  im  Grunde  genau  so
gut  eine  arbeitslose  Rente  darstelle,  wie  sie  ohne
Zweifel  aus  dem  Besitz  des  Grund  und  Bodens  fließt.
Gewiß,  wenn  der  Gewinn  des  industriellen  Unter-
        <pb n="112" />
        109

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  Ñrbeits-  u.  lvertbilduugsprozeß

nehmens,  wie  es  in  sehr  vielen  Fällen  vorkommt,
aus  Grundrente  fließt,  wie  bei  Bergwerksaktien  usw.
haben  wir  es  auch  hier  zum  Teil  mit  arbeitsloser  Rente
ZU  tun,  aber  beim  Gewinn  aus  der  Zusammenwirkung
von  ñrbeit,  Lrfindergabe  und  Kapital  nicht,  im-Nler
  unter  der  Voraussetzung  natürlich,  daß  letzteres
kristallisierte,  geistige  und  (oder)  körperliche  Ñrbeit  darstellt ­
  und  nicht  an  sich  schon  arbeitslos  entstanden  ist.
Analysieren  wir  einmal  einen  solchen  Fall,  wozu
uns  eine  gerade  jetzt  sich  anbahnende  Entwickelung
ganz  besonders  gut  Gelegenheit  bietet.
Wie  bekannt,  haben  die  Chemiker  ein  Verfahren
entdeckt,  der  Luft  den  Stickstoff  zu  entziehen,  um  ihn  zu
Düngerzwecken  zu  verwenden,  und,  bei  vorhandenen  billigen ­
  Wasserkräften  zur  Erzeugung  der  nötigen  elektrischen ­
  Energie,  soll  sich  die  Herstellung  dieses  neuen
Dungstoffes  bezahlt  machen,  d.  h.  sie  soll  dem  Kapital ­
  eine  etwas  höhere  Verzinsung  in  Aussicht  stellen,
als  den  landesüblichen  Zinsfuß,  als  Kisikogewinn  für
etwaige  Verluste.
Zusammen  wirken  die  4  Personen:  E,  der  Erfinder,
K,  der  Kapitalist,  A,  der  Arbeiter  und  B,  der  Besitzer
der  Wasserkraft  mit  seinen  Ufergeländen.
E  hat  erfunden,  der  Luft  durch  Elektrizität  den
Stickstoff  in  genügender  Menge  zu  entziehen,  so  daß  ein
Betrieb  im  Großen  Erfolg  zu  versprechen  scheint.  Er
allein  ist  aber  nicht  imstande,  hieraus  Nutzen  zu  ziehen,
da  ihm  die  Mittel  fehlen,  die  nötigen  Maschinen  anzuschaffen. ­
  Kann  er  verlangen,  daß  irgend  jemand  sie
ihm  ohne  weiteres  zur  Verfügung  stellt?  Gewiß  nicht!
Dder  gar,  daß  der  Staat  es  tue?  Auch  nicht,  denn
dieser  kann  unmöglich  Richter  sein  über  den  wert
oder  Unwert  einer  Erfindung  und  würde  die  Mittel
        <pb n="113" />
        5.  Kapitel
der  Allgemeinheit  verschleudern,  wenn  er  sie  jeder
Erfindung  zur  Verfügung  stellen  wollte.  E  hat  kein
anderes  Recht  vom  Staate  zu  verlangen,  als  daß  man
ihm  die  Sicherheit  gibt,  seine  Erfindung  ohne  Störung
zu  verwirklichen.
Sn  einer  noch  nicht  durch  Arbeitsteilung  komplizierten ­
  Welt  müßte  er  die  hierzu  nötigen  Apparate
selbst  Herstellen.  Dazu  würde  seine  Lebensdauer
kaum  ausreichen,  somit  sucht  er  sich  fjilfe  von  seinen
Mitmenschen  und  findet  sie  entweder  darin,  daß  ihm
andere  ihre  Arbeitskraft  zur  Verfügung  stellen  oder
einen  Fond  von  kristallisierter  Arbeit,  nämlich  Kapital.
hierzu  ist  aber  Vorbedingung,  daß  die  Besitzer
dieser  beiden  Faktoren  vertrauen  zu  der  Erfindung
haben.  Sie  müssen  überzeugt  sein,  daß  ihrer  Arbeit
ein  Lohn  wird,  d.  h.  daß  sie,  wenn  auch  in  entfernter ­
  Zeit  ein  Eauschobjekt  dafür  erhalten.  Weil
nun  die  kristallisierte  Arbeit,  das  Kapital,  in  viel
höherem  Maße  befähigt  ist,  auf  das  Resultat  warten
und  eventuell  ganz  darauf  verzichten  zu  können,  als
die  Lohnarbeit,  so  ist  seine  Mithilfe  dem  Erfinder  die
nützlichste,  und  sie  ist  es  auch  volkswirtschaftlich.
Also  der  Erfinder  überzeugt  eine  Anzahl  von  Menschen, ­
  die  über  die  nötigen  Mittel  verfügen,  von  der  Vorzüglichkeit ­
  seiner  Erfindung,  und  die  Verbindung  von
Erfinder  und  Kapital  geschieht  in  Form  einer  Ñktiensellschaft,
  deren  Wesen  wir  in  Kap.  4  näher  beleuchtet
haben.
Wollen  wir  nun  die  Wirkung  dieses  Kapitals  auf
die  Arbeit  ergründen,  so  dürfen  wir  nicht  den  Fall
annehmen,  daß  das  Unternehmen  seine  Arbeitskräfte
von  außen  bezieht,  sondern  daß  es  sie  aus  dem  Lande
und  aus  der  Umgebung  sucht,  wo  es  ins  Leben  tritt.

HO
        <pb n="114" />
        111

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  ñrbeits-  u.  Wertbildungsprozeß

Unter  welchen  Umständen  wird  sich  da  der  Tausch
von  Zache  gegen  Ñrbeit  vollziehen,  d.  h.  wann  wird
die  einheimische  Bevölkerung  bereit  sein,  ihre  Arbeitskraft ­
  in  den  Dienst  des  Unternehmens  zu  stellen?
Doch  nur,  wenn  sie  gegen  ihre  frühere
Lebenshaltung  einen  Vorteil  davon  hat.
Diese  Lebensbedingungen  mögen  nun  die  denkbar  ungünstigsten ­
  gewesen  sein,  und  sie  mögen  auch  nach
Etablierung  der  Fabrik  noch  ungünstig  bleiben.  Tatsache ­
  ist  aber  doch,  daß  hieran  nicht  das  Fabrikkapital ­
  die  Zchuld  trägt,  ja,  daß  es  die  Arbeitsverhältnisse ­
  unter  allen  Umständen  gebessert  hat.  Bei
erfolgreicher  Ausdehnung  des  Betriebes  wird  sogar  die
Wahrscheinlichkeit  eintreten,  daß  ohne  Zuzug  von
außen  viel  eher  Arbeitermangel  als  -Überfluß  vorhanden
sein  wird,  so  daß  die  Arbeiter  bei  vollkommener  politischer
  Freiheit  es  in  der  Hand  haben  werden  zu  erklären,
einen  wie  hohen  Anteil  sie  aus  dem  Betriebe  beanspruchen ­
  bis  zu  seiner  Erschöpfung.
Also  in  diesem  Falle  kann  doch  unmöglich  von
irgendeiner  Ausbeutung  der  Arbeit  durch  das  Maschinenkapital ­
  die  Rede  sein.
Anders  gestaltet  sich  aber  die  Lage,  sowie
wir  den  4.  Faktor  ins  Bereich  der  Erwägung  ziehen,
das  Recht  über  die  Verfügung  der  lvasserkräfte.
Wie  verlautet,  geht  die  Ztickstoffabrikation  nach
Skandinavien,  weil  man  dort  noch  die  billige  Wasserkraft ­
  zu  erhalten  hofft,  die  die  Ausnützung  der  Erfindung ­
  überhaupt  ermöglicht.
Daraus  erhellt,  daß  vom  Rechte  der  Benutzung
dieser  Rräfte  das  ganze  Unternehmen  abhängig  ist,
ja,  daß  der  heutige  Besitzer  dieser  Rechte  es  in  der
Hand  hat,  zu  bestimmen,  wie  hoch  sein  Anteil  am
        <pb n="115" />
        112

5.  Kapitel

Unternehmen  sein  soll.  Tritt  er  seine  Rechte  nicht  in
Form  einer  hohen  Verkaufssumme  an  K  ab,  sondern
behält  sich  ein  kündbares  Pachtverhältnis  vor,  dann
können  A  und  K  bei  allem  Fleiß  nie  mehr  als  das
Notdürftigste  verdienen.  Jeden  Rlehrverdienst  wird  sich
B  durch  Pachterhöhung  aneignen.
von  den  4  Personen  E,  A,  K  und  B  hat  letztere
also  die  bei  weitem  wirtschaftlich  stärkere  Position.
K  ist  in  unserem  Falle  vollkommen  machtlos,  erst
wenn  er  in  Form  von  B  auftritt,  erhält  er  ausbeutende ­
  wacht.  wo  immer  also  schlechte  und  ungerechte ­
  Verhältnisse  zu  konstatieren  sind,  ist  es  klar,  daß
sie  nicht  in  einem  ungleichen  Tausch  wischen  K  und  A
zu  suchen  sind,  also  zwischen  Zache  gegen  Arbeit,  sondern ­
  Zache  gegen  Rechte.
weil  man  dieses  nicht  auseinanderzuhalten  gewußt ­
  hat,  daher  die  Verwirrung  und  namentlich  die
vielen  verschiedenen  Theorien,  durch  welche  man  der
aufstrebenden  Rrbeiterschaft  das  Lohnproblem  zu  erklären ­
  versucht  hat,  Theorien,  die  fast  alle  von  der
Entwickelung  Lügen  gestraft  worden  sind.
Da  ist  das  Lasallesche  „eherne  Lohngesetz",  das
er  mit  einer  Überhebung  sondergleichen  verkündete,
so  daß  er  jeden,  der  es  nicht  anerkennen  wollte,  für
einen  Bösewicht  oder  Dummkopf  erklärte,  und  das  doch
nur  in  einem  Teil  richtig  ist  und  zwar  in  dem  Teil,
der  gar  nichts  mit  der  Lösung  des  Lohnproblems  zu
tun  hat.
Lasalle  behauptete  bekanntlich,  daß  nach  dem
Gesetz  von  Angebot  und  Nachfrage  der  durchschnittliche
Arbeitslohn  immer  auf  den  notwendigen  Lebensunterhalt ­
  reduziert  werden  wird,  der  in  einem  Volke  ge-
        <pb n="116" />
        Die  Bedeutung  des  Tausches  im  ñrbeits-  u.  tvertbildungsprozeß

wohnheitsmäßig  zur  Zristung  der  Existenz  und  zur
Fortpflanzung  erforderlich  ist.
Daß  es  in  jedem  Volke  stets  eine  Unterschicht  geben
wird,  die  an  der  Grenze  des  notwendigen  Lebens-Unterhaltes
  stehen  wird,  ist  klar-  ja,  gerade  diesen,
oder  was  dasselbe  besagen  will,  die  zu  seiner  Erzielung ­
  notwendige  Arbeitsleistung,  erkennen  wir
ohne  weiteres  als  die  Grundlage  aller  lvertbemessung
an,  und  die  am  wenigsten  geistige  Tätigkeit  erfordernde ­
  Lohnarbeit  wird  sich  nie  über  diesen  Zustand ­
  erheben  können,  das  ist  ebenso  klar.  Soweit
hat  Lasalle  recht-  aber  damit  ist  doch  nicht  gesagt,
daß  sich  nicht  dieser  ganze  Zustand  selbst  heben ­
  kann.  Er  braucht  doch  nicht  einer  des  Elends
und  des  Verhungerns  zu  sein.
So  stellt  ihn  aber  Lasalle  dar,  und  hier  liegt  das
verkehrte  Ende  seiner  Theorie.  Sein  Argument  ist  ungefähr ­
  das  folgende.  Vas  Angebot  von  Arbeitskräften
wird  stets  so  stark  sein,  daß  der  Lohn  durch  Konkurrenz
so  weit  herabgedrückt  wird,  daß  die  Menschen  nur
noch  eben  imstande  sind,  zu  leben  und  sich  fortzupflanzen.
Geht  es  ihnen  zeitweilig  besser,  so  vermehren  sie  sich
zu  viel,  daher  neues  Angebot  von  Arbeitskräften,  neue
Konkurrenz  und  neuer  Lohndruck,  dann  wieder  Einschränkung ­
  der  Vermehrung  durch  Elend  usw.,  stets
um  das  Existenzminimum  herum.  In  der  Tat  ein
„ehernes",  unerbittliches  Gesetz,  diese  Mischung  des  Malthusianismus ­
  mit  dem  Gesetz  des  Angebots  und  der
Nachfrage.
lvie  einleuchtend  einfach  und  verständlich  scheint
nicht  alles  in  dieser  Theorie,  wie  absolut  logisch  geht
es  her  in  dieser  gedachten  lvelt?  3n  der  wirklichen ­
  aber  hat  die  Erfahrung  längst  gezeigt,  daß
Pohlman,  Laienbrevier.

113

8
        <pb n="117" />
        m

5.  Kapitel

die  Zu-  und  Abnahme  dsr  Bevölkerung  wohl  im  Zusammenhang ­
  steht  mit  den  Lrnährungsverhältnissen
der  Menschen,  aber  nicht  im  Lasalleschen  Zinne,  sondern ­
  im  umgekehrten.  Die  unterernährten  Schichten ­
  des  Volkes  vermehren  sich  stärker  als  diejenigen
mit  höherer  Lebenshaltung.  ÎÏÏit  letzterer  wächst  also
nicht  das  Ñngebot  von  Lohn  suchenden  Menschen,  sondern ­
  vermindert  sich.  Vieser  Teil  des  ehernen  Lohngesetzes ­
  ist  also  weiter  nichts  als  ein  Phantasiegemälde, ­
  und  doch  haben  sich  jahrzehntelang  die  Menschen
die  Köpfe  darüber  zerbrochen  und  es  als  der  Weisheit ­
  letzten  Schluß  gefeiert.

Ähnlich  verhält  es  sich  mit  den  Marxistischen  Theorien ­
  vom  Mehrwert  und  der  Akkumulation.  Beide  sind
heute  so  gut  wie  überwunden,  sie  sind  nur  noch  Dogmen ­
  für  Gläubige,  nicht  Lehrsätze  der  Wissenschaft.
Abgesehen  davon,  daß  es  ungeheuer  naiv  erscheint,
das  Verhältnis  der  heutigen  Lohnarbeit  als  die  letzte
Stufe  der  Entwickelung  anzusehen,  über  die  hinaus
es  nur  die  eine  Form  wirtschaftlicher  Zusammenarbeit
geben  soll,  nämlich  die  des  Staatsbetriebes,  so  ist  es
auch  klar,  daß  mit  der  richtigen  Bemessung  des  Wertes
der  Dinge,  nicht  nach  der  in  sie  hineingelegten  Arbeit,
sondern  nach  der  Arbeit,  die  ein  anderer  dafür  zu
leisten  gewillt  ist,  der  angeblich  durch  Arbeit  hervorgerufene ­
  Mehrwert  verschwindet.
-  Wenn  man  erkannt  hat,  daß  die  Arbeit  wohl  allen
Dingen  als  Maßstab  des  Wertes  dient,  ihn  aber  nicht
selbst  hervorbringt,  kann  sie  auch  keinen  Mehrwert
schaffen.
Was  man  Mehrwert  nennt,  ist  eben  nur  einseitige ­
  Unfreiheit  des  Tausches  von  Arbeit  gegen  Sache.
        <pb n="118" />
        Die  Bedeutung  des  Tausches  im  Ñrbeits-  u.  Wertbildungsprozeß

Auch  die  Marxistische  Akkumulationstheorie  ist  schon
so  gründlich  durch  die  Tatsachen  widerlegt  worden,
daß  sie  auf  Wissenschaftlichkeit  keinen  Anspruch  mehr
erheben  kann.
Karl  Marx  behauptet:  „Die  kapitalistische  Akkumulation ­
  produziert...  und  zwar  im  Verhältnis  zu  ihrer
Energie  und  ihrem  Umfange  beständig  eine  relative,
d.  h.  für  die  mittleren  Verwertungsbedürfnisse  des
Kapitals  überschüssige,  daher  überflüssige  oder  Zuschußarbeiterbevölkerung." ­

hier  wird  also  dem  Maschinenkapital  zur  Last
gelegt,  daß  es  überflüssige  Menschen  schaffe,  die
durch  Not  gezwungen  werden,  ihre  Arbeitskraft  dem
Kapital  billiger  zu  verkaufen,  als  sie  bei  mittlerer ­
  Verwertung  dafür  getan  haben  würden.  Dadurch ­
  neue  Kapitalakkumulation,  neuer  Druck  auf'die
Arbeit  usw.  ad  infinitum.
Solange  die  industrielle  Entwickelung  noch  zu  jung
war,  um  selbst  eine  Antwort  auf  diese  Theorie  zu  geben,
hatte  man  darin  einen  herrlichen  Tummelplatz  für  geistige ­
  Iongleurkünste.  Man  wollte  beweisen,  daß  das
Maschinenkapital  der  Feind  der  Arbeiter  sei,  und  was
konnte  besser  dazu  dienen,  als  dieser  Lehrsatz,  der
nebenbei  außerordentlich  plausibel  schien,  wenn  ein
Schuhmacher  1  paar  Stiefel  täglich  anfertigte  und  eine
von  einer  Person  bediente  Maschine  deren  10,  so  war
es  sonnenklar,  daß  9  Schuhmacher  überflüssig,  brotlos
und  gezwungen  wurden,  sich  zu  irgendeinem  Lohne  bei
der  Maschine  zu  verdingen.  Man  hatte  den  herrlichsten
Beweis  für  die  Verelendungstheorie.  Man  übersah  eben
ganz,  daß  die  Produktion  einer  Maschine  gar  nicht
davon  abhängt,  was  sie  leisten  kann,  sondern  davon, ­
  wieviel  ihr  der  Konsum  abzunehmen  imstande

115

8*
        <pb n="119" />
        116

5.  Kapitel

ist.  Gewiß  mag  zeitweilig  eine  Überproduktion  da
sein,  aber  das  ist  selbst  bei  der  sogenannten  anarchischen ­
  Produktionsweise,  wie  man  sie  dem  Kapitalismus ­
  vorwirft,  nur  die  Ausnahme,  nicht  die  Regel.
Wenn  nur  Absatz  für  5  paar  Stiefel  täglich  vorhanden ­
  ist,  wird  die  Maschine,  selbst  wenn  sie  es  kann,
nicht  dauernd  10  paar  Herstellen,  sondern  nur  5.  3n
erster  Linie  werden  also  nicht  9  Schuhmacher  überflüssig,
sondern  nur  4,  und  selbst  dies  ist  noch  verkehrt,  denn  die
Sache  liegt  gerade  umgekehrt.  Wenn  ein  Bedarf  von
5  paar  Stiefeln  vorhanden  war,  wie  der  Absatz  der  Maschinenfabrikate
  beweist,  und  nur  1  Schuhmacher,  so  waren ­
  eben  vorher  4  Schuhmacher  zu  wenig  da.  Die  Maschine ­
  hat  eben  nur  eine  Lücke  ergänzt.  Wenn  der  eine
Schuhmacher  vorher  den  Bedarf  decken  konnte,  so  lag
das  nicht  daran,  das  nicht  etwa  5  Paar  Stiefel  begehrt
wurden,  oh  nein,  die  Nachfrage  danach  war  schon  vorhanden, ­
  die  Stiefel  waren  den  Leuten  nur
zu  teuer.
Indem  die  Maschine  die  Stiefel  verbilligte,  löste
sie  den  Konsum  aus,  denn  das  ist  ja  eben  das  Großartigste ­
  an  ihr,  daß  sie  nicht  nur  die  Produktion  hebt,
sondern  auch  den  Konsum.
Aber  die  Widerlegung  der  Marxistischen  Akkumulationstheorie ­
  hat  die  Geschichte  schon  viel  gründlicher
besorgt,  als  alle  Argumente  es  vermögen.  Man  sehe
sich  einmal  unseren  industriellen  westen  an.  Das  Land
der  Maschine,  das  nach  Marx  einen  im  Verhältnis  zu
seiner  Energie,  also  einen  ungeheuren  Arbeiter  ü  b  e  rschuß
  aufweisen  müßte,  hat  Millionen  von  Arbeitern
aus  dem  maschinenlosen  Osten  in  den  Dienst  gestellt.
Man  denke  sich  den  deutschen  Westen  mit  einer,  wie
Marx  es  ausdrückt,  „für  die  mittleren  verwertungs-
        <pb n="120" />
        117

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  Ñrbeits-  u.  Wertbildungsprozeß

bcòürfniffc  ausreichenden  Arbeiterschaft"  ohne  den
Zuzug  aus  dem  Osten,  und  dann  frage  man  sich,  ob  das
Maschinenkapital  bei  voller  Koalitionsfreiheit  der  Arbeiter, ­
  nicht  viel  mehr  von  diesen  abhängig  sein  würde
als  umgekehrt,  wenn  die  Maschine  heute  im  Westen
einen  Druck  auszuüben  imstande  ist,  so  ist  das  nicht
in  ihrem  Wesen  bedingt,  sondern  es  liegt  an  den
Landverhältnissen  im  Osten,  weil  den  östlichen  Arbeitern ­
  bei  den  dort  eigenen  Grundbesitzverhältnissen
der  Zugang  zum  Grund  und  Boden  verschlossen  ist,
deshalb  die  scheinbar  ausbeutende  Kraft  der  Maschinen
im  Westen.  Karl  Marx  hat  das  auch  ganz  wohl  eingesehen, ­
  denn  er  schreibt,  „Die  Expropriation  der  ländlichen ­
  Produzenten,  der  Bauern  vom  Grund  und  Boden
bildet  die  Grundlage  des  ganzen  Prozesses".
Ja,  wenn  das  die  Grundlage  ist,  dann  versteht
man  gar  nicht,  daß  ein  solcher  Denker  wie  Marx  nicht
bei  dieser  Grundlage  bleibt.
Mit  diesem  seinem  Bekenntnis  macht  er  doch  tatsächlich ­
  einen  dicken  Strich  durch  seine  eigene  mit  ungeheurem ­
  Bienenfleiß  aufgebaute  Theorie  von  der  ausbeutenden ­
  Macht  des  Maschinenkapitals.

Bleibt  noch  die  Lohnfondtheorie,  aus  der  viele
die  Abhängigkeit  des  Arbeiterstandes  vom  Kapital  zu
erklären  suchen.
Sie  meinen,  der  Arbeiterstand  sei  genötigt,  solange ­
  bis  die  von  ihm  hergestellten  waren  verkaufsfertig ­
  seien,  aus  der  Tasche  des  Unternehmers  zu  leben,
d.  h.  zunächst  erhalte  er  seinen  Lohn,  und  dann  erst
gebe  er  dem  Unternehmer  seine  Gegenleistung.
hier  sehen  wir  wieder  einen  ganz  vereinzelten,
        <pb n="121" />
        118

5.  Kapitel
und  noch  dazu  ungenau  beobachteten  Hergang  im  modernen ­
  Wirtschaftsleben  zu  einer  allgemeinen  Theorie
erweitert  und  die  Übertragung  kleinbürgerlicher  Begriffe ­
  in  die  Volkswirtschaft,  die  nur  verwirren  statt
zu  klären.  Allerdings  werden  in  gewissen  Fällen  z.  B.
bei  verlustbringenden  Unternehmungen  Arbeiter  aus
dem  Kapital,  also  aus  einem  Fond  bezahlt,  den  sie
nicht  selber  hervorbringen,  aber  das  ist  doch  nicht
die  Regel.  Entweder  die  Theorie  des  Lohnfond  besagt: ­
  ohne  ihn  ist  eine  Arbeitsleistung  unter  allen
Umständen  ausgeschlossen,  dann  ist  sie  nicht  wahr,
denn  die  Arbeit  war  eher  da,  als  irgendein  Lohnfond,
oder  sie  sagt:  er  ist  in  gewissen  Fällen  nötig,  dann
ist  sein  theoretischer  Wert  gleich  0.
Wenn  ein  Fabrikant,  sagen  wir  der  Chef  eines
Schienenwalzwerkes,  am  Sonnabend  in  seine  Kasse  greift,
um  die  Löhne  zu  zahlen,  so  hält  er  das  meist  für
einen  Vorschuß,  den  er  den  Arbeitern  gewährt,'  sein
Geld  kommt  ihm  wie  ein  Fond  vor,  aus  dem  die
Arbeit  gespeist  wird,  und  doch  sind  es  die  Arbeiter,
die  ihm  in  den  6  Tagen  der  Woche  einen  Vorschuß
durch  ihre  Leistungen  gegeben  haben.  Sie  haben  mit
jedem  Tage  sein  Kapital  vermehrt,  denn  es  ist  durchaus ­
  irrig,  nur  das  Geld  als  Kapital  anzusehen.  Seine
sämtlichen  Warenbestände  gehören  dazu.  Diese  aber
haben  durch  die  Arbeiter  täglich  an  Wert  zugenommen,
und  wenn  der  Fabrikant  schließlich  am  Sonnabend  die
Löhne  auszahlt,  gibt  er  den  Arbeitern  nur,  was  diese
ihm  vorher  gegeben  haben.
Wenn  täglich  eine  Geschäftsbilanz  aufgemacht
würde,  so  würde  diese  Tatsache  auch  rechnerisch  klar
zum  Ausdruck  kommen.  Kein  verständiger  Buchhalter
wird  den  Wert  des  Schienenlagers  bei  ununterbroche-
        <pb n="122" />
        119

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  ñrbeits-  u.  lvertbildungsprozeß
ner  Arbeit  am  Mittwoch  mit  derselben  Zahl  einsetzen,  die
es  am  Montag  hatte,  und  zwar  muß  in  diesem  Wert
der  volle  Lohn  enthalten  sein,  der  erst  am  Sonnabend
Zur  Auszahlung  kommen  soll.  Sonst  ist  die  Bilanz
falsch-  denn  niemand  kann  eine  Zahlung,  die  er  erst
in  einigen  Tagen  leisten  will,  als  bereits  geschehen
eintragen.
Also  die  kaufmännische  Rechnung  deckt  sich  durchaus ­
  mit  der  richtigen  volkswirtschaftlichen  Auffassung.
Für  den  Raufmann  ist  sein  Warenbestand  genau  so  wertvoll ­
  wie  sein  Rassenbestand.  Erst  nationalökonomische
Tifteleien  haben  hier  aus  dem  einen  Teil  einen  Lohnfond ­
  gemacht  und  damit  dem  anderen  Teil  gewissermaßen ­
  seinen  wert  abgesprochen.  Gewiß  hat  eine  Ware
erst  dann  ihren  höchsten  wert,  wenn  sie  dahin  kommt,
wo  man  sie  braucht,  aber  auf  jeder  Etappe  der  Reise
dahin  hat  sie  unter  normalen  Verhältnissen,  d.  h.  wo
der  wertbildende  Ronsum  als  sicher  vorausgesetzt  wird,
den  der  Entfernung  von  diesem  Ziele  entsprechenden
Wert.  Also  hat  die  Arbeit  diesen  Werten  mit  jedem
Tage  etwas  hinzugefügt,  und  wenn  sich  der  Tausch
von  Sache  gegen  Arbeit  vollzieht,  erhält  letztere  nur,
was  sie  selbst  erst  gab?)
Selbst  bei  den  großen  staatlichen  Unternehmungen
Lahnbauten,  Ranalbauten  usw.  kann  von  einem  Lohnes ­
  Man  könnte  hierbei  auf  den  Gedanken  kommen,  daß
im  Grunde  der  Austausch  von  Arbeit  gegen  Lache  auch  nichts
anderes  sei,  als  der  einer  Sache  gegen  eine  andere,  nur,  daß
es  sich  im  ersteren  Falle  mehr  um  ein  Tauschversprechen
handelt.  Gewiß  ließe  sich  auch  auf  dieser  Basis  das  Lohnproblem ­
  behandeln,  und  wir  würden  zu  demselben  Endresultate
kommen,  aber  wir  würden  die  Frage  dadurch  unnötig  komplizieren. ­
  —  Die  Lohnarbeit  ist  ein  so  scharf  definierter  Begriff, ­
  daß  sich  sehr  gut  mit  ihm  als  mit  einer  abgegrenzten
Dröße  rechnen  läßt.
        <pb n="123" />
        120

5.  Kapitel

fond  keine  Rede  sein,  so  sehr  es  hier  den  Anschein
hat,'  denn  das  zu  diesen  Zwecken  vorhandene  Geld
stammt  doch  auch  erst  aus  der  Arbeit.  Mittels  der  direkten ­
  und  namentlich  der  indirekten  Steuern  haben  die
Arbeiter  aus  ihrem  früheren  Arbeitsertrag  den  Fond
zu  schaffen  geholfen,  aus  dem  sie  nun  entlohnt  werden.
Also  wer  beweisen  will,  daß  die  häufig  konstatierte
schlechte  Entlohnung  aus  einem  schwankenden  Lohnfond
zu  erklären  sei,  d.  h.  aus  Ursachen,  die  in  der  Natur  der
Lohnarbeit  selbst  liegen  sollen,  wird  zur  Rlärung  des
Lohnproblems  schwerlich  beitragen,  denn  er  argumentiert ­
  mit  Dingen,  die  nur  in  der  Einbildung  existieren.
Für  uns  liegt  die  Erklärung  augenscheinlicher  wirtschaftlicher ­
  Ungerechtigkeiten  nie  in  angeblich  ewigen
wirtschaftlichen  Gesetzen  und  Theorien,  sondern  wir
fragen  umgekehrt:  wo  steckt  irgendeine  Verletzung ­
  wirtschaftlicher  Gesetze,  irgendeine
Unfreiheit,  eine  menschliche  Willkür?  Denn
wir  sehen,  daß  bei  voller  Freiheit  auch  der  Tausch  von
Sache  gegen  Arbeit  stets  nach  beiden  Seiten  vorteilhaft ­
  ist.
Nun  könnte  man  einwenden,  die  volle  Tauschfreiheit
sei  nirgends  vorhanden.  Selbst  wenn  die  politische
Freiheit  bestände,  so  bliebe  doch  der  wirtschaftliche
Zwang  bestehen,  der  den  Arbeiter  dem  Rapita!  gegenüber ­
  in  Nachteil  versetze,-  also  beim  Tausch  von  Arbeit
gegen  Sache  sei  erstere  nicht  frei.
Das  mag  historisch  richtig  sein,  beweist  aber  nichts
gegen  unsere  Theorie.  Denn  wir  haben  an  anderer
Stelle  gesehen,  daß  der  wirtschaftliche  Zwang,  soweit
er  volkswirtschaftlich  in  Betracht  kommt,  auch  wieder
erst  durch  willkürliche  Eingriffe  der  Menschen  in  den
Gang  der  Entwickelung  hervorgerufen  worden  ist.  Tat-
        <pb n="124" />
        4

121

2o¡£siixiixsizzekx

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  Ñrbeits-  u.  Wertbildungsprozeß
sache  ist  jedenfalls,  daß  das  moderne  Rapi.
tal  diesen  wirtschaftlichen  Zwang  nicht  geschaffen, ­
  sondern  vorgefunden  hat.  Ñlso  kann
man  es  auch  nicht  dafür  verantwortlich  machen,  wie
viele  es  tun.  wenn  und  wo  immer  die  Menschen  ihre
Ñrbeit  dem  Kapital  zur  Verfügung  stellten,  taten  sie
es  zu  Bedingungen,  die  jedenfalls  besser  waren  als
die,  unter  denen  sie  vorher  gelebt  hatten.  Diese  Verhältnisse ­
  aber  waren  nicht  Folgen  eines  unerbittlichen
wirtschaftlichen  Gesetzes,  sondern  waren  entstanden  durch
jahrhundertelangen  Mißbrauch  politischer  Macht  seitens
einer  die  Grundrente  beherrschenden  Minorität,  wie  wir
bei  Besprechung  des  Tausches  von  Zachen  gegen  Rechte
sehen  werden.
Mit  der  Beseitigung  dieses  Druckes  ist  also  wohl
eine  volle  Tauschfreiheit  zwischen  Arbeit  und  Zache
und  damit  ein  gesundes  Lohnverhältnis  möglich,  ohne
Eingriffe  des  Staates  in  den  Lohnvertrag  oder  Kontrolle ­
  der  Produktionsmittel.
wenn  wir  also  erkennen,  daß  bei  freiem  Tausch
von  Zache  gegen  Arbeit  der  vorteil  eher  auf  seiten
der  Arbeit  liegt,  und  daß  dieses  Verhältnis  nur  gestört ­
  werden  kann  durch  politischen  oder  wirtschaftlichen ­
  Zwang,  daß  letzterer  aber  auch  seinen  Ursprung
lediglich  in  früherem  Mißbrauch  politischer  Macht  hat,
dann  wird  es  ohne  weiteres  klar,  daß,  um  eine  gerechte ­
  Güterverteilung  herbeizuführen,  der  weg  nicht
über  die  Verstaatlichung  des  produktiven  Kapitals
geht,  sondern  daß  es  nur  notig  ist,  diejenigen  Fälle
zu  beseitigen,  wo  ein  Mißbrauch  politischer  Macht  zutage
  tritt.
wirtschaftliche  Gerechtigkeit  bedeutet  auch  wirtschaftliche ­
  Freiheit.
        <pb n="125" />
        122

5.  Kapitel

3um  Schluß  bliebe  noch  der  Tausch  einer  Sache
gegen  geistige  Arbeit,  wie  sie  in  Verbreitung  von
Bildung  und  Erholung  liegt,  zu  beleuchten.  Die  ethische
Seite  der  Frage  hat  uns  hier  nicht  zu  beschäftigen,
sondern  nur  die  volkswirtschaftliche,  und  da  erblicken
wir  in  diesem  Tausch  die  gewaltigste  Vermehrung  des
Volksvermögens,  die  wir  haben,  wenn  auch  der  zahlenmäßige ­
  Nachweis  sich  erst  nach  Jahrzehnten  führen
läßt.
Die  Aufwendungen  für  Volksbildung,  für  alle  Lehranstalten, ­
  von  der  letzten  Dorfschule  bis  zum  höchsten
wissenschaftlichen  Lehrstuhl,  sind  die  produktivsten,  die
es  überhaupt  gibt.  Den  hierfür  in  den  letzten  Dezennien ­
  gebrachten  Sachopfern  hat  Deutschland  nicht
zum  mindesten  den  beispiellosen  Fortschritt  zu  verdanken, ­
  den  es  in  materieller  Hinsicht  aufzuweisen  hat.
Aber  auch  hier  ist  der  volle  Gegenwert  nur  bei  vollster
Lehrfreiheit  zu  erreichen,  lvo  für  die  angewandten
Mittel  nur  staatlich  oder  parteipolitisch  patentierte
Weisheit  verabfolgt  wird,  oder  gar  auf  Volksverdummung ­
  und  Beschränkung  der  freien  Forschung  hingearbeitet ­
  wird,  da  sind  alle  Aufwendungen  unproduktiv,
und  man  wird  bald  die  Folgen  am  wirtschaftlichen
Niedergang  spüren.
Auch  hier  steht,  wie  bei  den  Sachen,  der  Wert
der  Dinge  in  direktem  Verhältnis  zu  ihrer  Bewegung
zum  Menschen,  nur  muß  sich  in  diesem  Falle  der
Mensch  zu  den  Dingen  bewegen.  Tine  Hochschule,  die
niemand  besucht,  eine  Bibliothek,  in  der  niemand  liest,
ein  Gewerbemuseum,  das  nicht  durchgearbeitet  wird,
sind  alles  vollständig  wertlose  Dinge;  aber  in  dem
TtTa^e,  wie  Menschen  durch  sie  hindurchströmen,  steigert
        <pb n="126" />
        123

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  ñrbeits-  u.  Wertbildungsprozeß

sich  ihr  volkswirtschaftlicher  Wert.  Die  Bewegung  tut
es,  nicht  das  Vorhandensein.
Italiens  Runstschätze  sind  heute  eine  Quelle  ungeheurer ­
  materieller  Einkünfte  für  das  Land  geworden,
obgleich  sie  lediglich  zu  Zwecken  der  ñndacht  und  des
Lebensgenusses  geschaffen  wurden,  warum?
Weil  sich  jährlich  Millionen  von  Menschen  an
ihnen  vorbeibewegen,  die  alle  Sachwerte  gegen  Kunstgenuß ­
  und  Erholung  eintauschen.
Etwaige  alte  römische  Volkswirtschaftler  werden ­
  die  römischen  Runstdenkmäler  ihrer  Zeit  wahrscheinlich ­
  für  höchst  unproduktive  Schöpfungen  angesehen ­
  haben,  dagegen  das  Aquädukt  als  eine  produktive
Anlage.  Das  ist  es  auch  gewiß  gewesen,'  aber  heute
sind  die  Kunstwerke  eine  unerschöpfliche  Quelle  nationaler ­
  Einnahmen,  und  das  Aquädukt  ist  es  nur  noch
durch  die  Schönheit  seiner  Trümmer.  f)icr  haben
wir  ein  schlagendes  Beispiel,  daß  volkswirtschaftliche
Grundgedanken  nicht  durch  die  Erfahrung  aus  kurzen
Epochen  und  die  Beobachtung  innerhalb  enger  Grenzen
gewonnen  werden  können,  sondern  nur  durch  einen  Blick
auf  den  allgemeinen  Zusammenhang  der  Dinge.

Bei  Beurteilung  des  internationalen  Tausches
von  Sache  gegen  Arbeit  ist  insofern  Vorsicht  geboten,  als
hier  die  Arbeit  meist  in  Verbindung  mit  Rechten  auftritt, ­
  worauf  wir  noch  unter  Abteilung  C  zu  sprechen
kommen.  Selbst,  wo  scheinbar  ein  reiner  Tausch  stattfindet, ­
  z.  B.  da,  wo  ausländische  Saisonarbeiter  in
ein  Land  geholt  werden,  um  nach  getaner  Arbeit  wieder
in  ihre  Heimat  zurückzukehren,  kann  man  nur  privatwirtschaftlich ­
  von  einem  beiderseitigen  Vorteil  des  Tau-
        <pb n="127" />
        124

5.  Kapitel

sches  reden  und  volkswirtschaftlich  nur  dann,  wenn  die
Fremden,  die  ins  Land  geholt  werden,  denselben  standard ­
  of  life  haben  wie  die  heimischen  Arbeiter.  Gewiß, ­
  wenn  ein  ostpreußischer  Rittergutsbesitzer
10000  Mark  gegen  polnische  Arbeit  eintauscht,  so  ist
er  um  die  Differenz  reicher,  die  zwischen  den  deutschen
und  polnischen  Arbeitslöhnen  liegt-  ebenso  ist  der  Pole
um  das  reicher,  was  er  mehr  verdient  als  in  seiner
Heimat.  Aber  Verdienst  und  Verlust  der  einzelnen
sind,  wie  schon  einmal  erwähnt,  nicht  gleichbedeutend
mit  Zunahme  und  Abnahme  des  Volksvermögens,  und
bei  dem  erwähnten  Tausch  ist  der  volkswirtschaftliche
Vorteil  entschieden  auf  seiten  des  Landes,  das  die  Arbeit ­
  stellt.  Denn,  wenn  eine  solche  polnische  Arbeitertruppe ­
  durch  Verzicht  auf  alle  dem  deutschen  Arbeiter ­
  eigentümlichen  Bedürfnisse,  5000  Mark  mit  über
die  Grenze  nimmt,  dann  entzieht  sie  dem  deutschen
Ivirtschaflsgebiet  ein  Ivertobjekt,  das  bei  deutscher  Arbeit ­
  im  Lande  geblieben  wäre  und  zur  Hebung  des  Konsums ­
  beigetragen  hätte,  der  Hauptsache  und  nicht  Nebensache ­
  ist.
3nt  Zchlußkapitel  kommen  wir  noch  auf  dieses
Eindringen  eines  Fremdkörpers  in  den  nationalen
Produktions-  und  Konsumtionsprozeß  zu  sprechen.
C.  Dom  Tausche  einer  Zache  gegen  ein  Recht,
oder
der  Grund  und  Boden  als  Huelle  der  Arbeit.
Wir  haben  gesehen,  daß  der  volkswirtschaftliche
Wert  des  Tausches  darin  liegt,  daß  Dinge  und  Menschen,
die  sich  gegenseitig  brauchen  und  ergänzen,  zueinander
kommen.
3u  den  wichtigsten  und  unentbehrlichsten  Dingen,
        <pb n="128" />
        125

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  Ñrbeits-  u.  tvertbildungsprozeß

die  der  Mensch  braucht,  gehört  aber  der  Grund  und
Loden  als  Wohn-  und  Werkstätte,  und  somit  ist  es,
vom  Ñugenblick  der  Arbeitsteilung  an,  unbedingt  notwendig, ­
  daß  auch  durch  irgendeinen  Tausch  die  passendsten ­
  Menschen  in  den  Besitz  des  passendsten  Stück  Landes ­
  kommen  können.
Wäre  nun  der  Grund  und  Loden  eine  Sache,  d.h.
ein  Stück  der  körperlichen  Welt,  das  durch  menschliche
Tätigkeit  in  seinem  Wesen  oder  in  seine  Lage  verändert,
  also  produziert  werden  kann,  wie  in  5  A  definiert, ­
  dann  brauchten  wir  seine  Stellung  im  Wirtschaftsleben ­
  gar  nicht  näher  zu  untersuchen.  Sein  Austausch ­
  mit  jeder  andern  Sache  wäre  dann  ebenso  einwandfrei ­
  wie  in  5  A  beschrieben.
Aber  das  ist  er  eben  nicht,  und  wenn  man  einwendet, ­
  das  sei  wesenlos,  eine  Ware  sei  er  immerhin,
denn  man  treibe  Handel  mit  ihm  und  müsse  Handel
damit  treiben,  wenn  wir  nicht  wirtschaftlich  stagnieren
wollten,  so  beweist  das  nur,  daß  man  auf  jede  exakte
wissenschaftliche  Methode  verzichtet,  sowie  sich  unliebsame ­
  Konsequenzen  daraus  ergeben.
Man  kann  doch  nicht  etwas  als  zu  einer  gewissen
Kategorie  gehörig  bezeichnen,  das  der  Hauptmerkmale
derselben  entbehrt.
Was  würde  man  zu  einem  Naturforscher  sagen,  der
ein  Dbjekt  ins  Tierreich  einreihen  würde,  das  weder
bewegungs-  noch  fortpflanzungsfähig  wäre?
Dieses  Kunststück  leistet  sich  aber  jeder,  der  etwas
ins  Bereich  der  Ware  verweist,  was  nicht  beweglich
und  nicht  durch  menschliche  Arbeit  herstellbar  ist,  denn
darin  liegt  das  Charakteristikum  jeder  Ware.  (Beweglich
ist  hier  im  weitesten  Sinne  zu  nehmen,  so  wie  Kant
es  definiert  hat:  Alles  aber  was  zerstört  werden  kann,
        <pb n="129" />
        126

5.  Kapitel
ein  Baum,  Haus  usw.  ist  jwenigstens  der  Materie
nach)  beweglich).
Ja,  wenn  alles  was  mit  Geld  bezahlt  wird,
alles  was  verkäuflich  ist,  Ware  wäre,  wenn  wir  gar
keine  anderen  Kategorien  hätten,  dann  wäre  die  Zache
noch  entschuldbar,  aber  wir  haben  sie,  denn  niemand
wird  behaupten  wollen,  daß  ein  Patentrecht,  ein  Verlagsrecht, ­
  ein  Platz  im  Theater  oder  im  O-Zuge  oder
ein  Lotteriebillet  Ware  sei,  oder  gar  die  Konzession
zu  einer  ñpotheke  oder  einer  Zchankwirtschaft,  obgleich
sie  mitunter  teuer  bezahlt  werden.
Wenn  jemand  ein  Patent,  eine  Apotheken-  oder
Zchankkonzession  verkauft,  so  tritt  er  ein  ihm  von
einem  gegebenen  Machtzentrum  verliehenes  Recht  ab.
Wir  haben  also  drei  scharf  von  einander  getrennte
Kategorien  von  Käuflichkeiten:  Arbeit,  waren  und
Red)te,  und  wenn  wir  nun  untersuchen  wollen,  unter
welche  dieser  beiden  letzteren  der  Handel  in  Grund  und
Boden  fällt,  so  kann  es  nur  geschehen  auf  dem  Wege  des
Vergleiches.  Da  drängt  sich  denn  ohne  weiteres  die
größere  Ähnlichkeit  des  Erwerbs  eines  Grundstückes  mit
dem  eines  Platzes  im  Theater  oder  im  Zuge  auf,  also
mit  dem  Erwerb  eines  Rechtes.
Ein  wesentlicher  Unterschied  zwischen  Waren  und
Rechten  ist  auch  der,  daß  der  Beginn  der  Wertbildung
bei  ersteren  stets  in  einer  persönlichen  Leistung  ruht;
ein  Recht  dagegen,  das  jemand  besitzt,  setzt  als  letzten
Ursprung  immer  ein  Machtzentrum  voraus,  das
außerhalb  der  Person  steht,  die  es  inne  hat.
Und  dies  ist  in  aller  Deutlichkeit  der  Fall  beim
Grund  und  Boden.
Wenn  eine  südafrikanische  Konzessionsgesellschaft
an  einen  deutschen  Ansiedler  gegen  sein  gutes  Geld,
        <pb n="130" />
        127

vie  Bedeutung  des  Tausches  im  Ñrbeits-  u.  lvertbildungsprozeß

fein  Zachgut,  10000  ha  Land  abtritt,  so  wird  doch
niemand  behaupten  wollen,  hier  liege  ein  Tausch  von
Mare  gegen  Ware  vor.  Die  Gesellschaft  gibt  nur  ein
Recht  weiter,  das  ihr  nie  hätte  gegeben  werden  dürfen.
Nun  wäre  auch  diese  Erkenntnis  noch  von  keiner
volkswirtschaftlichen  Bedeutung,  wenn  Waren  und  Rechte
auf  alle  Handlungen,  die  der  Mensch  mit  ihnen  vornimmt, ­
  gleichartig  reagierten.  Das  ist  aber  nicht  der
Fall.  Die  Wirkungen  sind  gänzlich  verschieden.
Zunächst  ist  es  nicht  einerlei,  ob  ich  jemandem
eine  Ware  vorenthalte  oder  ein  Recht.  Für  jede  Ware
läßt  sich  Ersatz  finden,  aber  welchen  Ersatz  gibt  es  für
einen  Menschen,  dem  man  das  Recht  der  Benutzung
des  Grund  und  Bodens  verweigert?
Niemand  schädigt  seinen  Mitmenschen  dadurch,  daß
er  ihm  eine  Zache  vorenthält,  die  er  hervorgebracht  hat;
denn  sonst  müßte  dieser  sogar  das  Nichthervorbringen
einer  Zache  übelnehmen  können;  wer  aber  seinen  Mitmenschen ­
  den  weg  zu  den  Quellen  der  Ñrbeit  versperrt,
die  er  selbst  nicht  zu  nutzen  imstande  ist  oder  nicht  nutzen
will,  der  schädigt  nicht  nur  seinen  Nächsten,  sondern
sein  ganzes  Volk.  Ebenso  wie  die  Freiheit  des  Tun
und  Handelns  nur  soweit  reicht,  als  die  Freiheit  anderer
dadurch  nicht  beeinträchtigt  wird,  kann  die  Freiheit
der  Benutzung  des  Grund  und  Bodens  zur  Befriedigung
eigener  Bedürfnisse  nur  unter  der  Voraussetzung  anerkannt ­
  werden,  daß  anderen  dieselbe  Freiheit  nicht
verkümmert  wird.  5o  ungefähr  hat  der  englische  Philosoph ­
  Herbert  Spencer  in  seinem  Social  Statics  den
Grundsatz  formuliert.
Niemand  wird  bestreiten  wollen,  daß  jemand,  der
eine  Ware  kauft,  damit  machen  kann,  was  er  will.
Tr  erwirbt  sowohl  das  Recht  des  Gebrauches  wie  das  des
        <pb n="131" />
        128

5.  Kapitel

Mißbrauches,-  aber  indem  er  das  letztere  ausübt,  ist
der  Schaden,  den  er  sich  selber  als  Eigentümer  der
Ware  zufügt,  in  der  Regel  weit  größer,  als  der,  den
er  seinen  Nächsten  antut.  Schon  der  Ligennutz  wird
also  hier  hemmend  wirken.  Und  wenn  jemand  seinen
Mitbürgern  waren  vorenthält,  so  findet  das  sehr  schnell
sein  Rorrektiv  in  der  Neuproduktion  solcher  waren,
sowie  in  ihrer  Beweglichkeit,  wenn  heute  ein  Ring
von  Rornhändlern  versuchen  wollte,  seine  Speichervorräte ­
  dem  Berliner  Publikum  so  lange  vorzuenthalten,
bis  er  eine  Preiserhöhung  von  50  %  durchgesetzt  hätte,
so  würde  man  höchstens  darüber  lachen,  wenn  aber
ein  Ring  von  Terrainspekulanten  um  Berlin  herum
das  gleiche  mit  seinen  Grundbesitz  beschlösse,  so  wäre
das  eine  sehr  ernste  Sache  und  würde  Tausende  in  ihrem
Erwerbsleben  beeinträchtigen,  genau  so,  wie  eine  Schädigung ­
  Dritter  eintreten  würde,  wenn  jemand  sich  zur  Zeit
der  Reisesaison  das  alleinige  Recht  auf  die  Badezüge
sichern  und  nun  mit  dem  Wiederverkauf  der  Fahrkarten
Spekulation  treiben  wollte.
Die  Hergäbe  einer  Ware  bedeutet  immer,  daß  der
Räufer  eine  Leistung  empfängt,  die  ohne  Zutun  des
Verkäufers  in  dem  Moment  nicht  vorhanden  wäre.
Ñber  der  Grund  und  Boden  ist  unter  allen  Umständen
vorhanden,  wo  man  ihn  braucht,  wer  immer  sich
zwischen  den  Urbesitzer  eines  Grundstückes  und  einen
mutmaßlichen  Räufer  drängt,  um  an  dem  Handel  zu
verdienen,  leistet  dadurch  dem  Räufer  nicht  nur  keinen
Dienst,  er  schädigt  ihn  sogar.
Eine  gewisse  Leistung  mag  in  der  Vermittlung
eines  Verkaufes  liegen,  damit  Räufer  und  Verkäufer ­
  sich  finden.  Ñber  nicht  im  Handel  selbst,
weshalb  auch  durch  solchen  keinerlei  volkswirt-
        <pb n="132" />
        Pohlman,  Laienbrevier.

129

s

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  Ñrbeits-  u.  wertbildungsprozcß

schaftliche  werte  entstehen,  wenn  jemand  daran
100000  ÎÏÏarf  verdient,  so  ist  er  wohl  um  diese  Summe
reicher  geworden,  das  Volksvermögen  aber  hat  ebensowenig ­
  zugenommen,  wie  etwa  dadurch,  daß  jemand  das
große  Los  gewinnt.
(Ein  Gewinn  von  100  000  Mark  in  waren  ist
aber  nur  möglich,  wenn  jemand  sie  dahin  bringt,  wo
sie  diesen  wert  haben,  wo  der  Konsum  durch  den
hohen  preis  anzeigte,  daß  er  sie  braucht.  Dem  Gewinn
des  einzelnen  steht  demnach  auch  eine  Vermehrung
des  Gesamtwertbestandes  in  Gütern  gegenüber.
Der  Kaufmann  hat  ein  Warenquantum,  das  in
einem  Hafen,  sagen  wir  300000  Mark  wert  war,
dadurch,  daß  er  es  an  einen  anderen  Platz  schaffte,
in  ein  Wertobjekt  von  400000  Mark  verwandelt.
Beim  Terrainverkauf  ist  aber,  abgesehen  von  Meliorationen, ­
  die  unter  die  Kategorie  von  waren
fallen,  von  einer  solchen  werterhöhenden  Tätigkeit  gar
keine  Rede.

(Ein  fernerer  wesentlicher  Unterschied  zwischen
Waren  und  Rechten  tritt  zutage  in  der  Wirkung,  die
die  Besteuerung  und  die  Beleihbarkeit  auf  beide
ausüben.
(Ein  Recht,  welches  besteuert  wird,  verliert  an
Wert,  eine  Ware,  die  besteuert  wird,  erhöht  sich  im
Preise.  Die  Beleihbarkeit  einer  Ware  verbilligt  sie,
aber  die  des  Grund  und  Bodens  erhöht  seinen  preis.
Wenn  ein  Fabrikant  weiß,  daß  er  für  sein  Fertigfabrikat
leichten  Kredit  findet,  ist  er  viel  eher  geneigt,  seine
Fabrikation  auszudehnen,  als  umgekehrt,  und  diese  Produktionserhöhung ­
  drückt  sehr  viel  mehr  auf  den  Markt,
als  seine  durch  billigen  Kredit  erworbene  Fähigkeit,
        <pb n="133" />
        5.  Kapitel

die  Ware  eine  Zeitlang  vom  verkaufe  zurückhalten
zu  können,  die  Preise  nach  oben  beeinflußt.  Die  Veleihbarkeit
  des  Grund  und  Lodens  dagegen  erhöht  seinen
Tauschwert  unter  allen  Umständen,  sie  vermehrt  die
Zahl  der  Bewerber  und  ermöglicht  den  Besitzern  das
warten  auf  einen  Konjunkturgewinn.  Die  hohen  preise
unserer  städtischen  Bauterrains  wären  gar  nicht  denkbar, ­
  wenn  die  Erwerber  sie  bar  bezahlen,  oder  aus
ihren  Personalkredit  hin  kaufen  müßten.
wenn  in  der  Themie  zwei  Substanzen  so  verschiedenartig ­
  auf  eine  Säure  reagieren,  wie  hier  Ware  und
Grund  und  Boden  in  ihren  Beziehungen  zu  den  verschiedenen ­
  wirtschaftlichen  und  gesetzgeberischen  Faktoren, ­
  so  wird  es  wohl  keinen  Chemiker  geben,  der  dennoch
schließt,  er  habe  es  mit  ein  und  derselben  Substanz
zu  tun.
Solches  Kunststück  bleibt,  wie  gesagt,  der  Volkswirtschaft ­
  vorbehalten,  die  behauptet,  Ware  und  Grund
und  Boden  seien  gleichartig  und  demnach  wirtschaftlich
gleich  zu  behandeln.
Deshalb  können  wir  uns  nicht  scharf  genug  gegen
diese  Ruffassung  wenden.
Nur  bei  völliger  Klarheit  über  die  wesensunter?
schiede,  die  wir  hier  zu  formulieren  versucht  haben,
ist  es  möglich,  zu  allgemein  gültigen  Schlußfolgerungen
zu  kommen.
haben  wir  also  erkannt,  daß  der  Grund  und  Boden
weder  Sache  noch  Ware  ist,  daß  seine  Benutzung  nur
ein  Necht  darstellt,  so  wollen  wir  nun  dieses  Recht
zunächst  einmal  historisch  verfolgen.
Sn  den  einfachsten  Verhältnissen  braucht  der  Nlensch
dieses  Recht  nicht  erst  zu  erwerben,  es  ist  ohne  weiteres
        <pb n="134" />
        Die  Bedeutung  des  Tausches  im  ñrbeits-  u.  Wertbildungsprozeß

für  ihn  so  gut  vorhanden,  wie  für  bas  Tier  des  Waldes,
er  kann  nehmen,  was  ihm  beliebt,  aber  er  hat,  wie
heute  der  afrikanische  wilde,  nicht  die  Gewißheit,  daß
nicht  ein  Stärkerer  über  ihn  kommt  und  ihm  alles
nimmt,  was  er  besitzt.  Bei  Jäger-  und  Nomadenvölkern
spielt  nun  das  Recht  auf  den  Grund  und  Boden  noch
keine  so  wichtige  Rolle,  aber  vom  Augenblicke  an,  wo  der
Rkensch  sich  dem  Ackerbau  zuwendet  ist  die  Frage:  behalte
ich  das  Stück  Land  auch,  in  das  ich  meine  Ñrbeit  und
meine  Saat  hineingelegt?  von  entscheidender  Bedeutung.
Die  Sicherung  dieses  Besitzstandes,  also  die  Ñnsammlung
  der  nötigen  wacht,  um  ihn  gegen  äußere
feinde  zu  schützen,  hat  jedenfalls  zu  den  ersten  Bildungen ­
  von  Dorfgemeinden  und  Stammesgenossenschaften ­
  geführt,  in  denen  die  Reime  der  modernen
Staatenbildung  ruhen.  Tine  Gemeinde  oder  ein  Stamm
war  von  seinen  Nachbarn  schwerer  zu  vergewaltigen,
als  ein  einzelner,  er  bildete  die  Gewähr  des  ruhigen
Besitzes,  bis  diese  Gewähr  mit  der  fortschreitenden
5taatenbildung  auf  immer  größere  Gruppen  überging,
bis  zu  den  heute  in  Waffen  starrenden  Großmächten.
Tin  innerer  Unterschied  in  der  Funktion  dieser
primitivsten  und  modernsten  Organisationen  besteht
nicht  -  nur  der  Umfang  des  Stück  Landes  ist  verschieden,
dessen  ruhigen  Besitz  ihre  wacht  ihren  Bürgern  sichert.
Daraus  geht  hervor,  daß  auch  nur  diese  Organisationen ­
  allein  ein  wirkliches  Recht  haben,  über  den
Grund  und  Boden  zu  verfügen.  Der  einzelne  kann
ein  Recht  der  Nutzung  nur  aus  dieser  ersten  Quelle
des  Rechtes  schöpfen,  wan  kann  in  Lavelepes  „Ureigentum"
  nachlesen,  in  welcher  weise  die  verschiedenen
Völker  diese  Aufgabe  der  Benutzung  des  Grund  und

131

9*
        <pb n="135" />
        132

5.  Kapitel

Bodens  durch  den  einzelnen  unter  dem  Schutze  der
Gesamtheit  gelöst  haben.
Zunächst,  solange  noch  Land  in  hülle  und  Fülle
vorhanden  war,  und  jeder  Stammesgenosse  auch  dem
Waffenhandwerk  obliegen  mutzte,  ist  die  Verteilung
des  Nutzungsrechtes  eine  sehr  einfache  und  auch  unentgeltliche ­
  gewesen.  Aber  mit  der  Arbeitsteilung  stellen
sich  die  ersten  Schwierigkeiten  ein.
Vas  Waffenhandwerk,  der  Schutz  des  Landes  gegen
innere  und  äußere  Feinde,  gleitet  langsam,  um  bei
der  germanischen  Entwicklung  zu  bleiben,  auf  eine  bevorzugte ­
  Klasse  über,  und  die  eigentümlichen  politischen ­
  Verhältnisse  bedingen  es,  daß  die,  die  den  Boden
beackern  und  bebauen,  eines  zwiefachen  Schutzes  bedürfen, ­
  einmal  nach  außen  durch  ein  noch  wenig  konsolidiertes ­
  Reich  und  dann  im  Innern  durch  kleinere  Machtzentren, ­
  da  das  große  nicht  ausreichte,  um  auch  den
inneren  Frieden  zu  sichern.  So  sehen  wir,  daß  die
Könige  ihre  Vasallen  für  die  Gegenleistung  der  heeresfolge
  mit  Land  belehnen,  und  diese  wieder,  zusammen
mit  den  Klöstern,  der  Arbeit  den  unbedingt  nötigen
inneren  Schutz  angedeihen  lassen,  so  mangelhaft  er
auch  in  manchen  Fällen  nach  unseren  Begriffen  gewesen ­
  sein  mag.  Jedenfalls  waren  diese  Machtfaktoren
die  einzigen  Kechtsquellen,  aus  denen  die  hergäbe  des
Grund  und  Bodens  fließen  konnte,  denn  ohne  sie  war
Chaos,  und  wenn  sie  sich  für  die  hergäbe  des  Landes
einen  Teil  seines  Ertrages  ausbedangen,  also  die  Grundrente, ­
  so  lag  hierin  jedenfalls  Vernunft,  denn  hier
war  Leistung  und  Gegenleistung  vorhanden,'  namentlich
bei  den  Klöstern,  die  aus  den  Einkünften  noch  die  Ñrmenund
  Krankenpflege  bestritten,  Wege  bauten,  Schulen
unterhielten,  über  Sitte  und  Ordnung  wachten  usw.
        <pb n="136" />
        133

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  Ñrbeits-  u.  Wertbildungsprozeß
hierliegtderUrsprungderGrundrente,
heute  so  viel  Kopfzerbrechen  macht:  sie  hat  eben,
wie  Ñdam  Smith  schon  sehr  richtig  erkannt  hat,  einen
politischen  und  nicht  einen  wirtschaftlichen  Hintergrund. ­
  verfolgen  wir  sie  einmal  von  dieser  ihrer
Quelle  bis  zur  Bildung  des  allgewaltigen  und  allverschlingenden ­
  Stromes,  vor  dessen  Wirkungen  wir
heute  ratlos  stehen.
Es  ist  ohne  weiteres  klar,  daß  in  diesem  frühesten
Stadium  der  Grundrente  von  einer  Freiheit  des  Tausches
einer  Zache  gegen  das  Recht,  ein  gewisses  Stück  Land
benutzen  zu  dürfen,  keine  Rede  sein  konnte,  denn  die
Vorenthaltung  dieses  Rechtes  bedeutete  junger  und
Schutzlosigkeit.  Somit  war  auch  dieser  Tausch  durchaus
einseitig  vorteilhaft.  Rlan  ließ  der  Ñrbeit  nur  so  viel,
als  sie  zur  Fristung  ihres  jämmerlichen  Daseins
brauchte.  Rur  in  den  Klöstern  und  auf  geistlichen
Besitztümern,  wo  immerhin  eine  gewisse  Milde  und
nicht  krasser  Egoismus  die  Grundrente  diktierte,  waren
die  Nutznießer  des  Landes  besser  gestellt,  als  der  Durchschnitt. ­
  Daher  das  wort,  daß  es  sich  unterm  Krummstabe ­
  gut  leben  lasse.  Dennoch  sammelte  sich  dort  und
in  den  Burgen  der  Feudalherrn,  was  überhaupt  an
Merten  jener  Zeit  erzeugt  wurde.
Mit  dem  hochkommen  der  freien  Städte  tritt  insofern ­
  eine  gewisse  Verschiebung  ein,  als  die  Vermögensbildung ­
  durch  die  Grundrente  eine  breitere  wird,  und
auch  beim  Tausch  von  Sache  gegen  Bodennutzungsrecht
eine  gerechtere  Verteilung  einsetzt,  weil  der  Tausch  freier
wird.  Das  kommt  daher,  weil  die  Personen,  die  über  den
Grund  und  Boden  als  Herren  verfügen,  zum  Teil  dieselben ­
  sind,  die  ihn  auch  als  Werkstätte  benutzen.  Die
städtischen  Machthaber  hatten  ein  Interesse  daran,  den
        <pb n="137" />
        5.  Kapitel

Grund  urlò  Loden  möglichst  vielen  zugängig  zu  machen,
weil  sie  als  Bürger  in  die  Lage  kommen  konnten,  ihn
zu  brauchen,  zumal  er  für  die  Wohlhabenden  die  einzige
Möglichkeit  bot,  aus  ihrem  Verdienst  eine  Rente  zu
ziehen.  Tausend  Gulden  auf  Zinsen  auszuleihen,  galt
gegen  Zitte  und  Kirchenrecht,  aber  für  Tausend  Gulden
Land  kaufen  und  daraus  Pacht  und  Rente  zu  ziehen,
war  vornehm.  Infolgedessen,  und  in  Anbetracht  der
rein  aus  Grundrente  fließenden  vermögen  der  Klöster
und  Feudalherrn,  kann  man  auch  getrost  behaupten,
daß  die  ganze  Rapitalbildung  des  Mittelalters  aus
der  Grundrente  geflossen  sei.  wenn  auch  Vermögensbildungen ­
  durch  Handel  und  Gewerbe  und  zum  guten
Teil  auch  durch  Raub  entstanden  sind,  so  war  doch  die
Konservierung  dieser  Reichtümer  nur  auf  dem  Wege
der  Grundrente  möglich.  So  spielte  z.  B.  die  Bergwerksrente ­
  bekanntlich  bei  den  Riesenvermögen  der  Fugger
und  Welser  eine  große  Rolle.
Ñm  deutlichsten  sehen  wir  den  politischen  Einfluß
auf  die  Verteilung  der  Grundrente  bei  jenen  bäuerlichen ­
  Freistaaten,  wie  der  Schweiz  und  Dithmarschen.
Während  wir  dort,  wo  der  einzelne  Feudalherr  oder
das  Kloster  den  Schutz  ausübt,  auf  der  einen  Seite
unverhältnismäßig  großen  Reichtum,  auf  der  andern
die  bitterste  Ñrmut  sehen,  ist  der  breite  Bauernstand
dort,  wo  er  den  Schutz  des  Landes  in  die  eigene  Hand
genommen  hat,  auch  der  Bezieher  der  Grundrente,  und
der  daraus  fließende  Wohlstand  ist  allgemein.
In  allen  Fällen  aber  floß  die  Grundrente ­
  ursprünglich  dahin,  von  wo  die  Gegenlei ­
  stung  des  Schutzes  von  Leben  und  Eigentum ­
  ausging,  und  wir  sehen  aus  ihrem  Entstehen, ­
  daß  sie  im  Grunde  keine  Bezahlung
        <pb n="138" />
        135

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  Ñrbeits-  u.  Wertbildungsprozeß

darstellt  für  die  Benutzung  eines  Stück  Landes, ­
  sondern  für  die  Rechtssicherheit,  es  ungestört ­
  zu  besitzen  und  seine  Früchte  zu  genießen. ­

Es  ist  sehr  wichtig,  das  im  Rüge  zu  behalten,  wenn
wir  die  weitere  Entwicklung  verfolgen,  denn  der  Schutz
für  Leben  und  Eigentum,  die  Last  der  Landesverteidigung,
der  Rechtspflege,  der  Rrmen-  und  Rrankenunterstützung
gleitet  mehr  und  mehr  von  den  alten  Grundrentenbeziehern ­
  auf  eine  immer  mehr  und  mehr  erstarkende  Zentralgewalt ­
  -aberdieEinziehungderRentedurch
die  alten  Bezieher  dauert  fort.  Das  hätte  nun
nichts  weiter  auf  sich  gehabt,  wenn  die  Staatsgewalt
die  Rosten  für  Übernahme  aller  dieser  Funktionen  von
den  Grundrentenbeziehern  genommen  hätte,  aber  diese,
der  hohe  ñdel  und  der  Rlerus,  waren  Rraft  ihrer  im
Grundbesitz  wurzelnden  Stellung  in  der  Lage,  die  Gesetzgebung ­
  derart  zu  beeinflussen,  daß  die  Lasten  auf  alle
andern  Schultern,  nur  nicht  auf  ihre  gelegt  wurden.
Somit  behielten  sie  die  Leistung  ohne  jegliche  Gegenleistung,- ­
  die  übrige  Bevölkerung  aber  mußte  für  einen
Dienst,  der  eigentlich  durch  die  Grundrente  entlohnt
sein  sollte,  noch  einmal  auf  dem  Wege  der  Besteuerung ­
  bezahlen.
Diese  Verhältnisse  drücken  namentlich  dem  Jahrhundert ­
  vor  der  französischen  Revolution  ihren  Stempel
auf.
wir  sehen  fast  die  gesamte  Grundrente  in  die
Hände  des  Rlerus,  des  hohen  Rdels  und  der  absoluten
Fürsten,  als  der  ersten  Rdligen  ihrer  Reiche  und  Besitzer
ungeheurer  Rrongüter,  fließen.  Die  Landbevölkerung
verarmt  mit  Rusnahme  der  freien  Bauernschaften,  die
sich  die  Grundrente  zu  erhalten  gewußt  hatten,-  das
        <pb n="139" />
        136

5.  Kapitel

Bürgertum,  weil  mit  Ausnahme  von  ein  paar  Handelsstädten, ­
  von  der  Landbevölkerung  lebend,  z.  T.  selbst
Ackerbau  treibend,  fristet  ein  kümmerliches,  in  kleinlichsten ­
  Verhältnissen  dahinfließendes  Ceben;  die  Abteien,
die  Klöster,  die  Bischofspaläste  aber  strotzen  von  Reichtum, ­
  und  der  hohe  Adel  und  die  Höfe  treiben  einen  an
Wahnsinn  grenzenden  Luxus.  In  ihren  Händen  und
denen  ihrer  Parasiten  vollzieht  sich  die  einzig  nennenswerte ­
  Vermögensbildung  jener  Zeit.  Und  ängstlich
wahren  sie  das  Privilegium  des  Landbesitzes.  Nach
allen  Seiten  sucht  man  ihn  auszudehnen,  häufig  sogar
unter  Anwendung  schwerer  Rechtsbeugungen,  und  die
hergäbe  an  andere  geschieht  meist  nur  auf  dem  Wege
der  Pacht,  so  daß  es  dem  breiten  Mittelstand  immer
schwerer  wird,  ein  Stück  seines  vaterländischen  Bodens
zu  besitzen,  zumal  die  ganze  durch  Adel  und  Klerus
beeinflußte  Gesetzgebung  die  Erhaltung  dieses  Zustandes
begünstigt.
Da  bricht  mit  der  französischen  Revolution  die
.Herrschaft  des  dritten  Standes  an,  und  neben  den  politischen ­
  Rechten  steht  der  Kampf  um  den  Grund  und
Boden  in  erster  Linie.  Der  Landhunger  war  so  groß,  daß
man  die  Stimmen  der  physiokraten  überhörte,  die  vor
der  schrankenlosen  Freigabe  des  Grund  und  Bodens
warnten.  Man  wollte  niemanden  mehr  zwischen  sich
und  dem  Landbesitz  haben,  selbst  den  Staat  nicht.  Das,
um  was  man  den  Adel  und  den  Klerus  so  lange  beneidet
hatte,  wollte  man  selbst  besitzen,  der  vaterländische  Boden ­
  sollte  allen  zugänglich  sein,  und  der  Weg,  den  man
beschritt,  war  die  Aufhebung  aller  Beschränkungen  der
Bodenbesitzverhältnisse  und  seine  schrankenlose  Mobilisierung. ­

Wenn  wir  diese  verschiedenen  Abschnitte  machen,  so
        <pb n="140" />
        Die  Bedeutung  des  Tausches  im  Ñrbeits-  u.  Ivertbildungsprozeß

ist  es  selbstverständlich  nicht  so  aufzufassen,  als  ob  es
sich  um  scharf  abgegrenzte  Epochen  handelte,  wie  etwa
Kapitel  in  einem  Buche,  und  daß,  wenn  ich  von  Mobilisierung ­
  des  Grund  und  Bodens  spreche,  dieser  nicht
auch  schon  vorher  in  gewissem  Zinne  mobil  gewesen
wäre.  Hiles  fließt,  alles  wirbelt  durcheinander,  ebenso
wie  wir  heute  bei  uns  noch  die  äußerste  Gebundenheit
der  Zcholle  in  den  Latifundien  gleichzeitig  mit  der
größten  Mobilisierung  in  der  Terrainspekulation  erleben, ­
  die  ein  Grundstück  an  einem  Tage  zwei-  bis
dreimal  umsetzt.  Der  Übergang  von  einer  Epoche  in  die
andere  ist  nur  so  zu  verstehen,  daß  zur  Regel  wird,
was  sonst  nur  Ausnahme  war.
Es  sollte  also  hinfort  der  Grund  und  Boden  so
frei  käuflich  und  verkäuflich,  beleihbar  und  verpfändbar
sein,  wie  jede  andere  Ware,'  man  gab  ihm  künstlich
den  Tharakter  einer  Zache,  um  ihn  desto  leichter  gegen
Zachen  eintauschbar  zu  machen,'  aber  indem  man  die
alten  Privilegien  zerbrach,  bei  denen  der  Vorteil  des
Tausches  von  Zache  gegen  Rechte  ganz  auf  seiten  der
Privilegierten  lag,  schlug  nun  auf  einmal  das  Verhältnis ­
  des  Tausches  in  das  Gegenteil  um;  nun  ging
der  Vorteil  ganz  in  die  Hände  derer,  die  gegen  Zachgüter
  Bodenrechte  eintauschten.
Die  alten  privilegierten  landbesitzenden  Klassen
gaben  in  der  Regel  kein  Land  her  im  verkauf  auf
ewige  Zeiten,  und  in  England  ist  das  heute  noch  der
Meistens  geschah  es  auf  dem  kvege  der  Pacht,
d.  h.  sie  gaben  gegen  Zachen  oder  Arbeit  nur  ein
Zeitlich  scharfbegrenztes  Bodenrecht  in  Tausch,  wobei
sie  stets  die  Mächtigeren  blieben.  Bei  diesem  Prinzip
ist  der  Vorteil  natürlich  auf  Seite  derer,  die  die  Rechte
gewähren.  Das  ändert  sich  aber  sofort,  wenn  Land  auf
        <pb n="141" />
        138

[5.  Kapitel

eonge  Zeit  verkauft  wird,  denn  nun  stehen  sich
zwei  ganz  ungleiche  Tauschobjekte  gegenüber,  auf  der
einen  Seite  eine  Sache,  auf  der  anderen  ein  Recht,
das  Recht  auf  ein  Stück  Land  auf  ewige  Zeiten,'  auf
der  einen  Seite  ein  klarumgrenztes  Wertobjekt,  auf
der  anderen  ein  Recht,  dessen  Wert,  weil
bis  in  die  Ewigkeiten  gesteigert,  jedes
menschlichen  Abwägungsvermögens  spottet.
Solange  nun  der  Wert  dieses  Rechtes  eine  ziemlich
konstante  Größe  bildete,  wie  noch  bis  in  den  Anfang
des  vorigen  Jahrhunderts  hinein,  hatte  der  Unsinn,
der  in  einem  solchen  ungleichen  Tausch  liegt,  keine
ernsteren  wirtschaftlichen  Nachteile.  Als  aber  mit  der
fortschreitenden  Arbeitsteilung  und  der  Erleichterung
des  Verkehrs  durch  die  Rahnen,  d.  h.  durch  die  erhöhte
Bewegung  der  Menschen  in  bezug  auf  ein  Gbjekt,  der
Wert  dieser  gegen  Sachgüter  erworbenen  Bodenrechte
sich  sehr  schnell  vermehrte,  da  wurde  dieser  Tausch  zu
einem  einseitig  ungeheuren  Vorteil  für  die,  die  die
5achgüter  hergaben  und  solche  Rechte  erwarben.
Freilich  suchten  die  Verkäufer  der  Rechte,  d.  h.
des  Bodens  sich  dadurch  schadlos  zu  halten,  daß  sie
hohe  Preise  forderten,  sogenannte  Zukunftswerte,  aber
diese  Zukunft  hat  schließlich  doch  ganz  anders  ausgesehen, ­
  als  jene  Verkäufer  sich  träumen  ließen,  und  viele
ältere  Leute  werden  heute  mit  Schmerz  zurückdenken  an
Verkäufe  von  Grund  und  Boden,  die  sie  vor  40  bis
50  Jahren  abgeschlossen,  und  bei  denen  sie  glaubten,  die
Zukunft  voll  eskomptiert  zu  haben.
Da  nun  der  zur  Herrschaft  gekommene  dritte  Stand,
der  zugleich  Träger  der  Sachgütererzeugung  war,  sehr
schnell  erkannte,  welche  ungeahnte  Tauschgelegenheit
sich  ihm  hier  bot,  beeinflußte  er  die  Gesetzgebung  und
        <pb n="142" />
        139

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  Ñrbeits-  u.  Wertbildungsprozeß

die  öffentliche  Meinung  dahin,  diesen  Tausch  mit  allen
Mitteln  zu  erleichtern.  So  wurde  die  Mobilisierung
des  Grund  und  Lodens  immer  weiter  ausgebaut.  Man
hielt  es  für  einen  Gewinn,  wenn  ein  Stück  Land  mit
derselben  Leichtigkeit  gekauft,  verkauft  und  beliehen
werden  konnte  wie  eine  Mare,  ja  man  sicherte  die
Beleihung  noch  über  das  bei  Maren  mögliche  Maß
hinaus.
Dadurch  glitt  in  allen  Ländern,  wo  diese  Wirtschaftsauffassung ­
  die  Gesetze  beeinflußte,  die  Grundrente ­
  sehr  schnell  in  die  Hände  derer,  die  die  Sachgüter
Zu  vergeben  hatten,  also  in  die  des  mobilen  Kapitals,
während  sie  dort,  wo  man  die  Mobilisierung  nicht
mitmachte,  z.  B.  in  England,  zum  größten  Teil  noch
in  die  Hände  der  alten  Feudalherrn  fließt.
Sn  keinem  Falle  ist  der  Tausch  einer  Sache  gegen
Bodenrechte  wirklich  frei.  Diese  Freiheit  ist  nur  scheinbar, ­
  denn  das  Tauschobjekt  auf  der  einen  Seite  ist  ein
solches,  das  seinen  wert  aus  der  freien  Betätigung
menschlichen  Fleißes  schöpft,  während  der  wert
des  anderen  von  den  Rechtsformen  abhängig
ist,  die  von  einer  herrschenden  Klasse  zu
ihren  Gunsten  geschaffen  werden.
was  die  Beeinflussung  der  Gesetzgebung  in  dieser
Einsicht  bedeutet,  zeigen  unsere  Bergwerksverhältnisse.
Bis  zum  1.  Oktober  1865  konnte  der  preußische  Staat  sich
alle  Kohlenfelder,  die  er  brauchte,  durch  bloße  Erklärung ­
  der  Bergbaubehörden  sichern,  und  selbst  bei  den  an
Private  verliehenen  Rechten  zeigte  sich  die  Ñnerkennung
seines  Eigentumsrechtes  durch  die  hohen  ñbgaben,  Vio
bis  fast  Vs  des  Ertrages,  die  er  erhob.  Er  führte  genaueste ­
  Kontrolle  über  den  Betrieb  und  erklärte  alle
Drüben  wieder  als  in  das  landesherrliche  Regal  ver-
        <pb n="143" />
        140

5.  Kapitel

fallen,  die  ohne  ausdrückliche  Genehmigung  ihren  Betrieb ­
  einstellten.
Da  erzwangen  die  liberal-manchesterlichen  Gruppen
das  Berggesetz  vom  24.  Juni  1865,  und  dadurch  wurde
mit  einem  Schlage  die  ganze  industrielle  Zukunft  Deutschlands ­
  in  die  Hände  derjenigen  gelegt,  deren  Interessen
durch  dieses  Gesetz  gefördert  wurden.
Der  Zugang  zum  Grund  und  Boden  und  seinen
Schätzen  sollte  für  jeden  frei  sein,  das  klang  sehr  plausibel
und  verführerisch,  als  man  das  Gesetz  einbrachte,-  aber
was  nützte  diese  Freiheit  dem  Gelehrten,  dem  Beamten,
dem  Kleinbürger,  dem  Rrbeiter?  Gar  nichts!  Wohl
aber  denen,  die  wußten,  weshalb  sie  solche  Gesetze
wollten.  Nun  hatten  sie  Gelegenheit,  für  ein  weniges
ungeheure  Rechte  einzutauschen,  Rechte,  die  ganz  unabsehbar ­
  waren.  Freilich  meinte  der  Staat,  als  er  sie
weggab,  damit  nur  Rechte  des  Gebrauchs,  der  Nutznießung,- ­
  aber  kaum  ist  ein  Nlenschenalter  verflossen,
und  wir  sehen  durch  mächtige  Kapitalorganisationen
das  Prinzip,  andere  vom  Rechte  auf  den  Grund  und
Boden  auszuschließen,  also  das  Recht  der  Nichtbenutzung ­
  zum  System  erhoben  und  zu  einer  Stärkung
des  Kapitals  führen,  die  das  Recht  der  Benutzung  allein
nicht  zu  geben  vermag.  Denn  wenn  das  Gesetz  von
1865  nicht  erschienen  wäre,  hätte  der  Staat  das  Recht,
noch  nicht  erschlossene  Kohlenfelder  selbst  auszubeuten
und  dadurch  die  Möglichkeit,  der  Macht  der  Syndikate
jede  gefährliche  Spitze  zu  nehmen.
Ruch  auf  anderen  Gebieten  sehen  wir  die  deutliche
Tendenz  der  Gesetzgebung  seit  dem  Einsetzen  der  liberalen, ­
  manchesterlichen  Ära,  alles  zu  tun,  was  den
Wert  der  Rechte  am  Grund  und  Boden  zu  erhöhen
vermochte.  Möglichste  Zurückdrängung  der  Grund-
        <pb n="144" />
        141

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  ñrbeits-  u.  Wertbildungsprozeß

steuern,  Aufhebung  der  Bergwerksabgaben,  Ablösung
der  bäuerlichen  Lasten,  Erleichterung  und  Verbilligung
des  Kredites,  alles  Maßregeln,  die  zu  keiner  dauernden
wirtschaftlichen  Erleichterung  für  die  auf  den  Boden
gewandte  Arbeit  führten,  der  sie  angeblich  nützen  sollten,
sondern  die  nur  den  wert  des  Rechtes  am  Boden  als
Tauschobjekt  erhöhten.
In  diese  Kategorie  gehört  auch  die  Zollgesetzgebung.
Sic  ist  der  letzte  Schritt  jenes  Prozesses,  durch  den
sich  die  Bezieher  der  Grundrente  ihres  Teiles  der  Beiträge ­
  zur  Landesverteidigung  entziehen  und  die  Lasten
dafür  auf  die  breiten  nichtbesitzenden  Massen  abwälzen.
wir  sehen  also,  wie  die  Gesetzgebung,  beeinflußt
durch  eine  herrschende  Klasse,  den  wert  von  Bodenrechten
  ganz  willkürlich  erhöhen  oder  verringern  kann,
woraus  mit  unerbittlicher  Logik  folgt,  daß  der  Handel
mit  diesen  Rechten  nicht  unter  allgemein  gültige  wirtschaftliche ­
  Gesetze  fällt,  sondern,  daß  sich  stets
der  Tausch  zwischen  Zache  und  Bodenrechten
so  gestalten  wird,  wie  es  die  herrschende
5  chichi  für  ihre  Zonderinteressen  verlangt.
Je  kleiner  dieser  Kreis,  je  konzentrierter  die  Kapitalbildung ­
  aus  der  Grundrente  in  wenigen  fänden,  desto
größer  der  Abstand  zwischen  arm  und  reich,'  je  breiter
die  Zchicht,  je  verteilter  die  Grundrente,  desto  allgemeiner ­
  der  Wohlstand,  daher  am  höchsten  da,  wo  gesetzlich ­
  alle  partizipieren.
Während  wir  also  prinzipiell  für  höchst  mögliche
Freiheit  eintreten,  wo  immer  es  sich  um  Tausch  von
bache  gegen  Zache  oder  von  solcher  gegen  Arbeit  handelt,
weil  diese  Freiheit  allein  eine  gerechte  Verteilung  der
erzeugten  werte  gewährleistet,  müssen  wir  erkennen
lernen,  daß  es  beim  Tausch  von  Zachen  gegen  Rechte
        <pb n="145" />
        142

5.  Kapitel

eine  solche  alles  regulierende  Freiheit  nicht  gibt,  und
daß  hier  nur  die  Gesetzgebung  für  Gerechtigkeit  sorgen
kann.
Gerechtigkeit  auf  diesem  Gebiete  heißt
aber  unter  allen  Umständen:  gesetzliche  Fürsorge, ­
  daß  die  zum  Tausch  aus  st  ehendenRechte
der  Bodennutzung  keine  schädigenden  Momente ­
  enthalten,  für  alle  die,  die  solche
Rechte  nicht  zu  erwerben  in  der  Lage  sind
oder  nicht  erwerben  wollen,  aber  doch  auf
diesem  Grund  und  Boden  leben  müssen.

von  großer  Bedeutung  ist  auch  der  internationale ­
  Tausch  von  Zache  gegen  Rechte,  denn  hier  haben
wir  die  Quelle  ungeheurer  Reichtümer  einiger  Völker  und
wirtschaftlicher  Schwäche  anderer.  Ñus  diesem  Tausch
ziehen  die  Engländer  und  Franzosen  gewaltige  Renten,
namentlich  die  ersteren  in  ungeheurem  Maße.  Zeit
Jahrhunderten  hat  sich  das  englische  Kapital  Grundbesitzrechte
  gesichert  in  fast  allen  überseeischen  Ländern.
Ts  gab  etwas  Pulver  und  Blei,  Gewehre  und  alte
Wolldecken  hin  und  erwarb  dafür  ewige  Rechte  am
Boden,  wo  immer  sie  zu  haben  waren.  ļ)eute  noch
gehören  weite  Gebiete  in  den  vereinigten  Staaten  englischen ­
  Lords,  die  daraus  Rieseneinkünfte  ziehen,  Einkünfte, ­
  die  der  amerikanische  Export  zu  befriedigen
hat  und  für  den  keinerlei  Gegenwert  wieder  ins  Land
geht,  was  die  in  Ñfrika  erworbenen  Minenrechte  für
das  englische  Kapital  bedeuten,  braucht  nicht  erst  erörtert ­
  zu  werden.  Ñuch  die  Wegerechte  hat  es,  wo
immer  angängig,  gegen  sein  Kapital,  also  gegen  seine
Zachgüter,  einzutauschen  verstanden.  Fast  alle  Lisen-
        <pb n="146" />
        143

Die  Bedeutung  des  Tausches  im  Krbeits-  u.  Wertbildungsprozeß

bahnen,  Straßenbahnen  usw.  über  See  sind  mit  englischem ­
  Gelde  gebaut,  und  die  Entlohnung  hierfür  ist,
sowie  sie  die  normale  Verzinsung  und  Amortisation
überschreitet,  nicht  etwa  eine  Vergütung  für  die  Transportleistung,
  sondern  ein  Ausfluß  des  Rechtes,  daß
niemand  anders  diesen  Weg  benutzen  kann,  als  die
Desellschaft,  die  den  Betrieb  inne  hat.
Dadurch  sind  die  überseeischen  Länder  wirtschaftlich ­
  schwer  belastet,  und  das  entspringt  ganz  einfach
aus  der  Ungleichheit  des  Tausches,  den  sie  eingegangen
sind.  Sie  gaben,  um  mit  Nietzsche  zu  reden,  „ein  Ewiges
für  ein  Heute  hin".
Darin  liegt  der  Fehler.  Wären  diese  Rechte  des
Rodenbesitzes  und  des  Weges  zeitlich  begrenzt  gewesen, ­
  so  wäre  der  Tausch,  anstatt  wie  heute  einseitig
nutzbringend,  auf  beiden  Seiten  so  gewesen.
Wenn  es  schon  unter  Volksgenossen  schädlich  ist,
ewige  Rechte  gegen  einen  vorübergehenden  Vorteil
hinzugeben,  so  ist  es  für  ein  Volk  einem  anderen
gegenüber  geradezu  ein  verbrechen  an  seinem  nationalen ­
  Leben,  wenn  es  so  handelt.  Alle  Naturvölker
haben  dieses  auch  immer  gefühlsmäßig  zu  vermeiden
gesucht.  Erst  wo  der  römisch  rechtliche  Sachbegriff  die
llöpfe  verwirrt  hat,  ist  jener  Tausch  entstanden,  den
die  wirtschaftlich  und  politisch  stärkeren  Völker  nur  zu
bereitwillig  benutzen,  um  andere  schwächere  sich  tributpflichtig ­
  zu  machen.
Sn  der  Verkennung  dieser  Tatsache  liegt  auch  für
uns  eine  große  nationale  Gefahr.  Wir  haben  kein  Gesetz,
das  es  z.  B.  dem  englischen  oder  amerikanischen  Rapita!
verbietet,  sich  unserer  gesamten  Rohlen-  und  Ralischätze
Zu  bemächtigen,  und  es  wird  ein  furchtbares  Erwachen
fein,  wenn  es  einmal  geschehen  sollte.  Rlan  vergesse
        <pb n="147" />
        144

5.  Kapitel

nicht,  daß  der  internationale  Charakter  des  Kapitals
im  raschen  Schwinden  begriffen  ist.  Die  Internationalität ­
  des  Kapitals  ist  nur  noch  eine  sozialdemokratische
Phrase.  Der  englische  und  amerikanische  Großkapitalist
verfolgt  absolut  nationale  Zwecke.  Ihm  liegt  am  Gelde
selbst  nichts  mehr,  denn  das  hat  er  im  Überfluß.  Cr
sucht  Macht  und  Einfluß,  und  indem  er  sein  Kapital  in
den  Dienst  seines  Volkes  stellt,  sichert  er  sich  dessen
Unterstützung,  wenn  seine  Interessen  gefährdet  erscheinen.
Man  nennt  das  pénétration  pacifique.
        <pb n="148" />
        6.  Kapitel
Das  Geld  als  Hilfsmittel
des  Tausches

Statt  vom  Tauschen,  sprechen  wir  heute  gemeinhin
nur  vom  Kaufen,  verkaufen  und  Bezahlen,  und  weil
diese  Dinge  uns  etwas  Alltägliches  find,  so  halten  wir
es  nicht  für  der  Mühe  wert,  sie  auf  ihr  Wesen  hin  zu
prüfen,  wir  sprechen  vom  Tauschhandel,  wie  er  sich
in  fernen,  noch  unerschlossenen  Weltteilen  vollzieht,
als  von  etwas  uns  Fremdem,  Eigentümlichem;  und  doch
ist  aller  Handel,  jedes  Geschäft,  das  nationale  wie  das
internationale,  heute  genau  so  gut  ein  Tausch,  wie
jener  primitive  Tausch  zwischen  Europäern  und  wilden,
oder  wie  der  Tauschhandel  unserer  Vorväter  vor  tausend
Jahren.
Hier  hat  selbst  ein  Denker,  wie  Marx,  Zchiffbruch
gelitten.  Er  anerkennt  wohl  den  Tharakter  des  Tausches ­
  bei  den  internationalen  Beziehungen  der  Völker,
sieht  aber  den  Prozeß  des  Kausens,  verkaufens  und
Bezahlens  innerhalb  eines  volksganzen  als  etwas
wesentlich  vom  Tausche  verschiedenes  an.
Ts  kann  nie  genug  wiederholt  werden,  daß  die
wirtschaftliche  Entwicklung  keine  Sprünge  macht,'  ebensowenig ­
  wie  die  Natur.  Ebenso  sicher,  wie  der  erste
Handel  der  Menschheit  Tauschhandel  war,  ist  er  es
ņoch  heute,  er  hat  wohl  seine  Form,  aber  nicht  sein
iDesen  geändert.  Nosen  bleiben  Rosen,  und  wenn
sie  so  verschieden  aussehen  wie  eine  Heckenrose  und
eine  Gloire  de  Dijon,  aber  nie  werden  plötzlich  Lilien
  daraus.
Pohlman,  Laienbrevier.  145  10
        <pb n="149" />
        6.  Kapitel

Der  Unterschied  zwischen  Tausch  und  Kauf  besteht
nur  darin,  daß  im  ersteren  $alle  beide  Kontrahenten
sich  über  die  zu  tauschenden  Gegenstände  sofort  einigen,
während  beim  Kauf  sich  der  eine  Teil  die  U)ahl  des
in  Eintausch  zu  erwerbenden  Objektes  vorbehält,  sowie
die  Zeit,  wann,  und  den  Drt,  wo  er  den  Tausch  vollziehen ­
  will.  Und  selbst  das  ist  nur  der  $aK  bei
Zahlungen  durch  Papiergeld,  Scheidemünze  oder  durch
Geldsurrogate-  denn  derjenige,  der  einen  Gegenstand
gegen  Barzahlung  in  Gold  verkauft,  tauscht  im  buchstäblichen ­
  Sinne  des  Wortes  ein  Tauschobjekt,  nämlich
seine  Ware,  gegen  ein  anderes,  nämlich  gegen  ein  Stück
Edelmetall.
Wenn  ein  Landmann  zum  Dorfhändler  kommt  und
zu  ihm  sagt:  hier  habe  ich  einen  Sack  Hafer,  gib  mir
dafür  10  Zentner  Kohlen,  so  ist  das  ein  Tausch,-sagt
  er  dagegen:  gib  mir  dafür  entweder  10  Zentner
Kohlen,  oder  5  Zentner  Kunstdünger,  oder  10  Pfund
Kaffee,  ich  will  mir  noch  überlegen,  welches  von  diesen
Dingen  ich  brauche,  so  ist  das  ein  verkauf-  und  wenn
ihm  der  Krämer  einen  Schein  ausstellt,  wonach  der
Landmann  berechtigt  ist,  einen  dieser  Gegenstände  jederzeit ­
  abzuholen,  so  ist  dieser  Schein  „Geld",  wenn  auch
nur  in  Surrogatform.
Wenn  ich  von  jemandem  eine  Uhr  „kaufe"  und
„bezahle"  sie  mit  einem  20-Warkschein,  so  heißt  das
mit  anderen  Worten:  hier  gebe  ich  dir  in  Umtausch
gegen  deine  Uhr  entweder  20  Zentner  Kohlen,  oder
20  Pfund  Kaffee,  oder  10  Pfund  Tee,  oder  einen  neuen
Kock,  oder  zwei  paar  Schuhe,  kurz  alle  Dinge,  die
heute  an  diesem  Grte  gegen  Auslieferung  dieses  Scheines
zu  haben  sind.  Wenn  du  sofort  wählst,  kann  ich  sie
dir  auch  in  natura  liefern-  willst  du  aber  warten,  so
        <pb n="150" />
        147

io*

Das  Geld  als  Hilfsmittel  des  Tausches

kann  ich  nicht  versprechen,  daß  der  Gegenstand  deiner
Wahl  später  noch  gegen  diesen  Schein  zu  haben  sein
wird-  was  ich  aber  sicher  versprechen  kann,  ist,  daß
du  dagegen  jederzeit  8  g  Gold  von  einer  ganz  bestimmten ­
  Legierung  bekommen  kannst,  denn  darüber
haben  wir  uns  alle  in  Deutschland  geeinigt,  und  der
Bequemlichkeit  halber  halten  die  Regierungen,  und  unsere
großen  Ranken,  eine  große  Ñnzahl  solcher  Stückchen
Gold  sorgfältig  abgewogen  in  Vorrat,  wenn  du  willst,
hole  ich  dir  eins.  Dann  tauschen  wir  eben  die  Uhr
nicht  gegen  20  Zentner  Rahlen  oder  20  Pfund  Raffee,
sondern  gegen  8  g  Gold.  Nachzuwiegen  brauchst  du
das  Stückchen  nicht,  denn  der  Stempel  der  Regierung
bürgt  für  volles  Gewicht,  und  weil  eben  diese  Stückchen
für  20  Nlark  jederzeit  zu  haben  sind,  so  hat  man  auch
gleich  20  Nlark  daraufgestempelt  *).
Dder  nehmen  wir  einen  anderen  Fall,  und  zwar
aus  einem  Gebiete,  wo  der  reine  Tauschhandel  in  die
moderne  Wirtschaftswelt  übergreift.  (Ein  Europäer
tauscht  von  einem  schwarzen  Häuptling  einen  Elefanten-Zahn
  ein  gegen  einen  Ballen  Baumwollzeug,  das  für
ihn  den  wert  von  20  Mark  repräsentiert,  hier  sehen
wir  doch  den  Tausch  in  seiner  reinsten  Form.  Diesen
Charakter  bewahrt  das  Geschäft  auch  dann  noch,  wenn
der  Häuptling  dem  Händler  für  sein  Baumwollenzeug,
anstatt  eines  Elefantenzahnes,  ein  Rlümpchen  Gold,
sagen  wir  von  8  g  Schwere,  zum  Tausch  anbieten
würde,  und  es  ist  ganz  unerfindlich,  weshalb  es  diesen
i)  Unser  einheimischer  Handel  verliert  den  Charakter
des  Tausches  dadurch,  daß  der  Verkäufer  sich  durch  Ñnnahme
des  Papiergeldes  die  Wahl  der  Tauschobjekte  für  später
vorbehält,  ebensowenig,  wie  eine  Partie  Schach  aufhört,
Schach  zu  sein,  weil  die  Spielenden  nicht  an  einem  Tische
sitzen,  sondern  eine  Uorrespondenzpartie  spielen.
        <pb n="151" />
        148

6.  Kapitel

Charakter  verlieren  soll,  wenn  sich  auf  diesem  Klümpchen ­
  Gold  zufällig  der  deutsche  Münzstempel  befinden
sollte.
Das  ist  doch  alles  so  natürlich  und  einfach,  daß
man  kaum  versieht,  wie  man  einen  Unterschied  zwischen
Kaufen  und  Tauschen  überhaupt  nationalökonomisch  hat
herauskonstruieren  können.
Man  reitet  zumeist  darauf  herum,  daß  das  Gold,
indem  die  Menschen  es  zu  Münzzwecken  verwenden,
einen  wert  erhalten  habe,  den  es  sonst  nicht  hätte.
Gewiß  hat  es  dadurch,  daß  es  ein  überall  begehrtes
Zahlungsmittel  ist,  den  Vorteil,  daß  es  als  Ware,
wenn  einmal  in  Menschenhände  gekommen,  nie  die
Stätte  seines  Verbrauchs  zu  suchen  hat,  wie
alle  anderen  waren,  daß  man  es  nimmt,  wo
immer  es  erscheint,  daßesdadurchstetsundüberall
  seinen  höchsten  wert  hat,  während  andere
Waren  in  demselben  Verhältnis  im  preise  sinken,  wie
sie  von  der  Stätte  ihres  Konsums  entfernt  und  dem
verderben  ausgesetzt  sind,-  aber  unter  gleichen  Bedingungen, ­
  also  an  gemeinsamen  Verbrauchsstätten  sind
1000  Mark  Gold  nicht  mehr  wert  als  1000  Mark
Kupfer  oder  1000  Mark  Weizen,  wer  anders  argumentiert, ­
  wird  logischerweise  1  kg  Federn  für  leichter
halten  müssen  als  1  kg  Blei.  —
Die  übertriebene  Auffassung  vom  „höheren"  werte
des  Goldes  beruht  zum  großen  Teil  auf  alten  Gefühlsmomenten, ­
  die  wir  immer  noch  nicht  ganz  haben  abschütteln ­
  können.  „Vach  Golde  drängt,  am  Golde  hängt
doch  alles!  Ñch,  wir  Armen!"
Einem  Kaufmanne  sind  jedenfalls  1000  Mark
waren  auf  seinem  Speicher,  solange  er  weiß,  daß  er
sie  an  den  Mann  bringen  kann,  lieber  als  1000  Mark
        <pb n="152" />
        Das  Geld  als  Hilfsmittel  des  Tausches

Doli»  in  seinem  Geldschranke,  denn  sonst  würde  er  die
Maren  nicht  für  sein  Gold  eingetauscht  haben.
Ñus  obigem  erhellt,  daß,  je  größer  die  Verkehrserleichterungen ­
  sind,  die  die  Menschen  einrichten,  je
schneller  und  billiger  man  jede  beliebige  Ware  an  den
Drt  ihres  Verbrauches,  also  zu  ihrem  höchsten  werte
führen  kann,  desto  mehr  die  Bedeutung  des  Goldes  als
Haupttauschware  abnimmt.
Noch  mehr  aber  wird  dieser  höhere  Wert  illusorisch ­
  dadurch,  daß  fast  alle  handeltreibenden  Volker
sich  Geldsurrogate  in  Form  von  wechseln,  Schecks  usw.
geschaffen  haben,  und  fast  alle  Rulturvolker  zum
Papiergelde  übergegangen  sind.
(Es  ist  eine  Fiktion,  wenn  wir  meinen,  wir  hätten
heute  noch  Metallgeld,  und  weil  diese  Fiktion  eine
Quelle  allergrößter  Mißverständnisse  ist,  so  ist  es  nötig,
an  diese  Frage  einmal  gänzlich  unvoreingenommen  heranzutreten. ­

Geld  ist  das  „Geltende",  das,  was  in  einem  Lande
„gilt",  ein  Wertzeichen,  welches  entweder  durch  Regierungsakte ­
  oder  nach  Gewohnheitsrecht  von  jedem
Bürger,  sowie  von  den  Regierungskassen  jederzeit  in
Zahlung  genommen  wird,  ganz  einerlei,  ob  sich
dieses  Wertzeichen  auf  Gold,  Silber,  Nickel
oder  Papier  befindet,  ij  e  u  t  e  macht  der  Stempel ­
  das  Geld,  nicht  die  Substanz,  auf  der  er
sich  befindet.
(Es  ist  durchaus  irrig,  nur  das  gemünzte  Geld  als
Geld  schlechthin  anzusehen  und  vom  Papiergeld  als
Surrogat  zu  sprechen.  Surrogate  sind  Schecks,  Wechsel,
Privatbanknoten,  Girokonten  usw.,  alles  Dinge,  deren
sich  jemand  bedienen  kann,  wenn  er  will,  zu  deren
Benutzung  ihn  aber  weder  Gesetz  noch  Gebrauch  zwingen.
        <pb n="153" />
        150

6.  Kapitel

Wir  wissen  ganz  gut,  daß  in  Deutschland  niemand
zur  Annahme  der  Reichsbanknoten,  ja  nicht  einmal  der
Reichskassenscheine  gezwungen  werden  kann,  aber  das
Gewohnheitsrecht  ist  hier  stärker  als  das  geschriebene.
Wir  möchten  das  Gesicht  eines  preußischen  Amtsrichters
sehen,  wenn  bei  Liquidation  eines  Zwangsverkaufes
der  Empfänger  die  Reichsbank-  und  Reichskassenscheine
zurückweisen  und  Gold  verlangen  würde.
Tatsächlich  wird  auch  unser  Papiergeld  dadurch,
daß  alle  Behörden  und  Staatskassen  es  annehmen  und
z.  T.  anzunehmen  gezwungen  sind,  zum  gesetzlichen  Zahlungsmittel, ­
  und  es  ist  nur  eine  Fiktion,  wenn  wir
es  anders  auffassen.
Wollen  wir  Klarheit  in  die  heutigen  Währungsund ­
  Geldverhältnisse  bringen,  dann  müssen  wir  vor
allem  das  Wesen  vom  Schein  unterscheiden  lernen.
Wie  belanglos  überhaupt  das  Recht  des  Staatsbürgers ­
  ist,  im  Privatverkehr  die  Annahme  von  Kassenscheinen ­
  und  Banknoten  verweigern  zu  dürfen,  geht
daraus  hervor,  daß  in  ruhigen,  geordneten  Zeiten  niemand ­
  von  diesem  Rechte  Gebrauch  macht,  daß  aber
noch  alle  Staaten  in  Krisenzeiten  und  bei  großen  Erschütterungen ­
  den  Zwangskurs  des  umlaufenden  Papiergeldes ­
  eingeführt  haben.  Also  im  einzigen  Falle,
wo  dem  Bürger  sein  Recht  auf  Verweigerung
des  Papiergeldes  etwas  nützt,  hat  er  es  nicht
mehr.
viel  konsequenter  ist  man  da  in  England,  wo
ein  für  alle  mal  die  Roten  der  Bank  of  England
„legal  tender“  sind,  d.  h.  gesetzliche  Zahlungsmittel,
die  jeder  verpflichtet  ist  anzunehmen.
Wir  haben  in  Deutschland  dieses  Recht  nicht,  aber
wir  haben  seine  Substanz.  Gewohnheitsmäßig  ist  in
        <pb n="154" />
        Das  Geld  als  Hilfsmittel  des  Tausches

fast  allen  Kulturländern  das  Papiergeld  genau  so  gut
gesetzliches  Zahlungsmittel,  wie  in  England,  trotz  aller
Klauseln  und  Reservationen?)
vom  Ñugenblick  an  aber,  wo  ein  Volk  beschließt,
ein  Münzversprechen  für  die  Münze  selbst  in  Umlauf
Zu  setzen  und  anzunehmen  (oí)  durch  Gesetz  oder  freiwillig, ­
  ist  ganz  gleichgültig),  von  diesem  Ñugenblick
an  wird  das  Münzversprechen,  d.  h.  das  Papiergeld,
„das  Geld  an  sich"  und  das  Edelmetall  sinkt  zurück
zur  Mare.
Der  Übergang  ist  ein  ebenso  radikaler,  wie  wenn
ein  afrikanischer  Negerstamm  sein  Kaurimuschelgeld  aufgibt ­
  und  zu  Maria  Theresiatalern  übergeht.
In  allen  Kulturländern  ist  heute  das  Papiergeld ­
  das  Geld  an  sich.
Wir  haben  wohl  Goldwährung,  aber  Papiergeld. ­
  Geld  ist  das  Umlaufsmittel,  die  Währung  ist  das
Verhältnis,  in  dem  dieses  zu  irgendeinem  Edelmetalle
steht.  Wo  ein  solches  nicht  vorliegt,  sprechen  wir  von
Papierwährung.  Das  in  Umlauf  befindliche  Goldgeld  ist
ein  Luxus,  den  sich  wohlhabende  Völker  leisten-  es  ist
keine  Notwendigkeit.
Handel  und  Verkehr  würden  nicht  im  geringsten
leiden,  wenn  alles  Gold,  das  in  der  deutschen  Volkswirtschaft ­
  steckt,  ungemünzt  in  den  großen  Banken
läge,  und  wir  entweder  nur  Papiergeld  hätten  oder
handliche  ñluminiumstücke  mit  den  verschiedenen  Nennwerten. ­


i)  flm  deutlichsten  kommt  dieses  in  Frankreich  zum  ñusdruck.
  In  England  löst  jedenfalls  jede  Bank  im  gewöhnlichen ­
  Verkehr  einen  präsentierten  Scheck  auf  Wunsch  in  Gold
ein.  In  den  französischen  Banken  bekommt  man  als  Begel
nur  Papier,  Gold  dagegen  nur  unter  vielen  Schwierigkeiten.
        <pb n="155" />
        152

6.  Kapitel
Der  oft  gehörte  Einwand,  daß  eine  möglichst  weite
Verteilung  von  Goldmünzen  im  Lande  wünschenswert
sei,  um  die  Elastizität  des  Umlaufsmittels  zu  wahren
und  im  Falle  einer  Krisis  und  eines  Krieges  als  Reservefond ­
  zu  dienen,  ist  durchaus  nicht  stichhaltig,  wer
Gelegenheit  gehabt  hat,  zu  beobachten,  mit  welcher
unheimlichen  Geschwindigkeit  das  im  Umlauf  befindliche ­
  Metallgeld  aus  einem  Lande  verschwindet,  sowie
die  Währung  durch  einen  Krieg  oder  eine  Krisis  erschüttert ­
  wird,  der  kommt  zur  Erkenntnis,  daß  es  rationeller ­
  ist,  wenn  dieses  Geld  irgendwo  konzentriert  als
Deckung  von  Notenausgaben  und  dergleichen  vorhanden
ist,  als  indem  es  verzettelt  von  Millionen  vielleicht  in
der  aller  irrationellsten  weise  verwendet  wird,  aufgespeichert, ­
  versteckt  ober  exportiert.
Unser  deutsches  System  mit  viel  Gold  und  wenig
Banknoten  in  Umlauf  ist  vornehm  und  schon,-  das
französische  aber  mit  viel  Banknoten  und  wenig  Gold
ist  ungleich  wirtschaftlicher.  —
Wie  bedeutungslos  die  Funktion  des  Goldes  als
Geld  überhaupt  ist,  geht  daraus  hervor,  daß  die  Banque
de  France  z.  B.  im  Jahre  1886  hat  konstatieren  lassen,
daß  von  allen  Zahlungsoperationen  des  Jahres  43%°/»
in  Geldsurrogaten,  Wechseln  und  Schecks,  52%  in  Papiergeld ­
  und  nur  4  Vs  o/o  in  Gold  und  Silber  stattgefunden ­
  haben.  Line  noch  überraschendere  Tatsache
ergab  sich  bei  der  Bank  of  England.  Bei  einer  durchschnittlichen ­
  täglichen  Zahlung  von  4  445  000  £  geschahen ­
  87Vg"/o  in  Schecks  und  wechseln,  \2 s / i °/ 0  in
Banknoten  und  nur  %  %  in  Gold.  Ja,  an  einem  Tage
betrug  bei  einer  Gesamtzahlung  von  4775  593  £  die
Barzahlung  nur  4632  £.
hätten  wir  keine  Geldsurrogate,  namentlich  aber
        <pb n="156" />
        153

Vas  Geld  als  Hilfsmittel  des  Tausches

kein  Papiergeld,  sondern  nur  Goldgeld,  dann  wären
allerdings  die  Argumente  der  Bimetallisten  über  die
Zu  kurze  Golddecke  berechtigt,  und  unter  diesen  Umständen ­
  hätten  auch  die  sonst  tiefsinnigen  und  richtigen
Ñrgumente  Flürscheims  und  anderer  in  bezug  auf
Warengeld  volle  Berechtigung.  Diese  Gegner  unseres
heutigen  Geldsystems  übersehen  aber,  daß  das,  was
sie  mit  allen  Argumenten  herbeizuführen  wünschen,  bereits ­
  vorhanden  ist,  und  daß  wir  das  von  ihnen  erhoffte ­
  Warengeld  heute  schon  haben.  Da  mögen  noch
einige  Modifikationen  erwünscht  sein,  im  Prinzip  ist
es  vorhanden.
wenn  das  Gold  wirklich,  wie  seine  Feinde  behaupten, ­
  durch  die  Tatsache,  daß  man  es  zur  Prägung
von  Münzen  und  als  Umlaufmittel  benutzt,  einen  Ausnahmewert ­
  vor  allen  anderen  Substanzen  erhält,  so
war  das  früher  der  Fall,  als  man  noch  kein  Papiergeld ­
  hatte,-  mit  seiner  Lntmonetisierung  wurde  es  zur
Ware  wie  jede  andere,  nur  daß  sie  in  kostbareren
Uankgewälben  liegt,  anstatt  auf  ordinären  Speichern.
Daß  der  Stempel  das  „Geld"  macht,  und  nicht  die
Substanz,  auf  die  er  gesetzt  ist,  beweist  auch  unsere
Scheidemünze,  bei  der  es  gänzlich  überflüssig  ist,  daß
man  sich  zu  ihrer  Herstellung  des  Silbers,  also  eines
Edelmetalls,  bedient.
Wenn  man  auf  ein  Stück  Metall,  das  nur  3  Mark
wert  ist,  den  Stempel  von  5  Mark  setzt,  so  wie  es
heute  geschieht,  so  ist  es  vollständig  unerfindlich,  weshalb ­
  man  nicht  ein  Stück  Metall  nimmt,  das  nur
20  pfg.  kostet,  vorausgesetzt,  es  entspricht  den  Bedingungen, ­
  die  man  sonst  an  eine  Münze  stellt,  nämlich
geringer  Abnutzung,  Reinlichkeit  usw.
Unser  Silbergeld  ist  ein  Anachronismus  sonder-
        <pb n="157" />
        154

6.  Kapitel

gleichen,  und  Deutschland  hat  seinerzeit  bei  Einführung
der  Goldbasis  einen  großen  Fehler  gemacht,  daß  es
damals  nicht  jede  Gelegenheit  benutzte,  um  das  vorhandene ­
  Silber  abzustoßen.
Tïïaît  fürchtete  den  dadurch  unbedingt  erfolgenden
Preissturz  und  übersah  ganz,  daß  durch  künstliche  Hochhaltung
  des  Silberwertes  die  Produktion  so  angeregt
werden  würde,  daß  der  Preisrückgang  doch  einmal  eintreten ­
  mußte  und  zwar  in  verschärfter  Form.
Es  ist  heute,  wie  gesagt,  gar  kein  Grund  mehr
vorhanden,  weshalb  wir  uns  zum  prägen  des  Geldes
noch  des  Edelmetalls  bedienen.  Jede  andere  Substanz
tut  dieselben  Dienste,  es  sind  nur  drei  Bedingungen
zu  erfüllen:  die  Prägung  muß  die  höchstmöglichste
Sicherheit  gegen  Fälschung  geben,  die  Substanz  muß
reinlich,  dauerhaft  und  nicht  zu  voluminös  fein,  und
dasGeldmuß  jederzeit  gegen  ein  bestimmtes
Quantum  einer  allgemein  beliebten  Ware
einzutauschen  sein.
Ñls  geeignetste  hat  sich  hierfür  im  Laufe  der  Jahrhunderte ­
  das  Gold  herausgestellt,  und  damit  kommen
wir  zu  einer  Erörterung  über  die  viel  umstrittene
G  old  basis.
Das  Goldgeld  haben  wir  für  überflüssig  erklärt,
aber  wie  steht  es  mit  der  Goldbasis  für  unser  Papiergeld? ­

Es  gibt  Nationalökonomen,  die  auch  die  Notwendigkeit ­
  dieser  Basis  leugnen.  Sie  ist  unzählige  Male  angefochten ­
  worden.  In  der  Tat  gibt  es  auch  eine  Reihe
sonst  hoch  entwickelter  Länder  ohne  eine  Edelmetallbasis,
d.  h.  mit  reiner  Papiergeldwährung,  und  teilweise  er-
        <pb n="158" />
        155

Das  Geld  als  Hilfsmittel  des  Tausches

freuen  sie  sich  sogar  eines  leidlichen  Wohlergehens.
Ñlso  es  geht  auch  ohne  Gold  und  Silber.  Die  Basis
ist  nicht  notwendig,  aber  sie  ist  außerordentlich
Zweckmäßig.
Dieses  wird  uns  sofort  klar  werden,  wenn  wir
uns  die  Funktion  vergegenwärtigen,  die  das  Edelmetall ­
  im  Wirtschaftsleben  erfüllt.  Je  entwickelter  und
je  fester  organisiert  ein  Staat  ist,  um  so  mehr  trägt
er  den  Charakter  einer  in  sich  abgeschlossenen  Produktions- ­
  und  Konsumgenossenschaft.  Gr  ist  im  Großen
das,  was  jeder  Wirtschaftsbetrieb  im  Kleinen  ist.  Nun
%  wenn  auch  nicht  die  conditio  sine  qua  non,  so
doch  jedenfalls  die  Vorbedingung  einer  gedeihlichen  Entwickelung ­
  eines  jeden  modernen  Betriebes  das  Vorhandensein ­
  eines  gewissen  Betriebskapitals,  d.  h.  es
genügt  nicht,  daß  ein  Betrieb  über  wertvolle  Maschinen, ­
  tüchtige  Kräfte,  genügende  Nohstoffe  usw.  verfüge, ­
  er  muß,  um  in  einem  lebhaften,  nutzbringenden
Ģeschäftsaustausch  mit  allen  seinen  Nachbarn  bleiben
Zu  können,  einen  Vorrat  von  werten  haben,  die  diese
Nachbarn  jederzeit  anzunehmen  gewillt  sind,  ja,  zu
deren  ñnnahme  sie  eventuell  gezwungen  werden  können.
Diese  Funktion  erfüllt  innerhalb  einer  Volksgenossenschaft ­
  das  Geld  mit  seinen  Surrogaten.  Ls  versagt
aber  seinen  Dienst,  sowie  es  sich  um  Regelung  der
internationalen  Beziehungen  der  großen  Volksgemeinschaften ­
  untereinander  handelt,  weil  es  heutzutage ­
  ja  nur  den  Charakter  von  Papiergeld  trägt.
Daher  verlangt  es  die  glatte,  verlustfreie  Regelung
  des  internationalen  Güteraustausches,  daß  jedes
Dolk  ein  seiner  Bedeutung  entsprechendes  Betriebskapital ­
  habe  in  einer  Form,  durch  die  jeder  Nachbar ­
  sofort  befriedigt  werden  kann.
        <pb n="159" />
        6.  Kapitel

Der  Ldelmetallbestand  in  den  großen  Lanken
Deutschlands,  Englands,  Frankreichs  ist  eben  das  Betriebskapital ­
  dieser  Länder  in  der  zweckentsprechendsten ­
  Form.
Länder,  die  solche  Betriebskapitalien  nicht  haben,
denen  also  die  Goldbasis  fehlt,  leiden  daher  an  genau
den  analogen  Schwierigkeiten,  an  denen  Privatunternehmer ­
  unter  gleichen  Bedingungen  zu  laborieren
haben,  bis  zu  dem  Punkte,  daß  sie  ihren  Bankerott
erklären  müssen.
Wenn  ein  großes  Handelshaus  nicht  genügend
flüssiges  Betriebskapital  hat,  um  jederzeit  seinen  Verpflichtungen ­
  nachkommen  zu  können,  so  kommt  es  in
die  Zwangslage,  werte  angreifen  zu  müssen,  die  es
gern  behalten  hätte,  und  die  die  Grundlage  des  Geschäftes ­
  bilden.
Dadurch  erhält  der  Betrieb  etwas  Unsicheres  und
verliert  die  Konkurrenzfähigkeit  gegenüber  solchen,  die
nicht  zu  diesen  Mitteln  zu  greifen  brauchen.  Genau
so  bei  den  großen  Betriebsgenossenschaften,  die  wir
Staaten  nennen.  Solange  diese  ihren  internationalen
Verpflichtungen  durch  Schiebungen  des  Goldbestandes,
also  mit  dem  vorhandenen  Betriebskapital,  erfüllen
können,  werden  die  Verhältnisse  gesund  und  stabil
bleiben.  Dabei  ist  es  gar  nicht  immer  nötig,  daß
das  Gold  zur  Begleichung  der  Zahlungsbilanz  wirklich
hin-  und  hergeschoben  wird.  Das  Vorhandensein  des
Betriebsfond  genügt  in  den  meisten  Fällen,  die  Nachbarn ­
  zu  veranlassen,  sich  mit  Surrogaten  zu  begnügen.
Erweist  sich  der  Betriebsfond  aber  als  ungenügend, ­
  oder  fehlt  er  ganz,  wie  bei  Ländern  mit  Papierwährung, ­
  dann  sind  diese  häufig  gezwungen,  um  ihren
internationalen  Verpflichtungen  nachzukommen,  ent-
        <pb n="160" />
        157

Das  Geld  als  Hilfsmittel  des  Tausches

weder  produktive  werte,  oder  Grundbesitz  und  Monopolrechte ­
  an  Verkehrsmitteln  usw.  zu  veräußern,  oder  zu
fremden  Anleihen  zu  greifen,  alles  Dinge,  die  finanzielle
Dpfer  erfordern  und  die  überaus  verhängnisvollen
Schwankungen  der  Valuta  hervorrufen,  die  wir  bei
den  Papierwährungsländern  beobachten  können.
Meistens  geht  hiermit  auch  eine  Entwertung
der  Valuta  Hand  in  Hand  -  und  weil  dem  so  ist,  hat  sich
der  Glaube  eingebürgert,  daß  diese  ein  unzertrennliches
Korrelat  jeder  Papierwährung  sei.
Das  ist  aber  nicht  der  Hall.  Der  Verfasser  hat
in  Brasilien  im  Jahre  1889  eine  Periode  durchlebt,
in  der  das  brasilianische  Papiergeld  höher  im  werte
stand  als  Gold,  und  wo  bei  Ankäufen  von  Landesprodukten ­
  den  Pflanzern  zur  Bedingung  gemacht  wurde,
Dold  anstatt  Papiergeld  zu  nehmen,  weil  der  Handel
seinen  Vorteil  dabei  fand.
Lin  Land  mit  großen  natürlichen  Hilfsquellen,
mit  geordneten  Verhältnissen  und  ehrlicher  Verwaltung ­
  wird  eine  dauernde  Entwertung  seiner  Papiervaluta ­
  wohl  verhindern  können  (eine  Erkenntnis,  die
viele  veranlaßt,  der  letzteren  das  Wort  zu  reden  und  die
Doldbasis  überhaupt  für  überflüssig  zu  erklären),  was
über  ohne  Gold  nie  verhindert  werden  kann,  sind  die
großen  Schwankungen  der  Valuta.
Auch  unsere  Valuta  schwankt  natürlich  bis  zu  einem
gewissen  Grade,  aber  dieser  liegt  in  ziemlich  engen
Ñrenzen,  nämlich  den  Eransportkosten  auf  Goldsendungen
  und  den  Bankdiskontdifferenzen.
In  Papierwährungsländern,  wo  das  Geld  nicht
jederzeit  gegen  eine  bestimmte  Menge  Gold  eintauschbar ­
  ist,  sondern  nur  gegen  bestimmte  Mengen  von
Waren,  je  nach  deren  Marktwert,  schwankt  es  natür-
        <pb n="161" />
        158

6.  Kapitel

ltd)  mit  diesem,  und  nicht  allein  hiermit,  sondern  auä)
noch  mit  jeder  richtigen  oder  verkehrten  wirtschaftspolitischen ­
  Maßnahme  der  betreffenden  Regierungen,
sowie  mit  jeder  Vermehrung  oder  Verminderung  des
Papiergeldes  selbst.
Der  Papiergeldausgabe  ohne  Ldelmetallbafis  fehlt
eben  die  fidlere  Norm  ihres  Umfanges.  Einer  Regierung, ­
  die  ehrlich  bestrebt  ist,  ihr  versprechen  zu
halten,  jederzeit  gegen  einen  Zwanzigmarkschein  8  g
Gold  auszuliefern,  ist  ein  auf  Wahrscheinlichkeitsrechnung ­
  beruhender  Notenumlauf  durch  die  Erfahrung
vorgeschrieben,  wo  diese  Bafts  fehlt,  gewinnen  zu
leicht  jene  Rnschauungen  überhand,  daß  man  wirtschaftliche ­
  Notstände  einfach  durch  Papiergeldausgabe
beseitigen  könne,  ungefähr  nach  demselben  Rezept,  wie
man  den  Warenbestand  vermehren  könnte,  indem  man
Maß  und  Gewicht  verkleinert,  womit  nicht  gesagt  sein
soll,  daß  nicht  gern  eine  gewisse  Elastizität  der  Umlaufsmittel ­
  eintreten  kann.  Theoretisch  ist  es  natürlich ­
  einerlei,  ob  ein  Edelmetall  oder  eine  andere
Ware  als  Basis  des  Notenumlaufs  dient.  Das  Betriebskapital ­
  der  Volker  braucht  auch  gar  nicht  in  gemünztem ­
  Golde  zu  bestehen.  Einfache  Gold-  oder
Silberbarren  würden  vollständig  genügen,  wie  seiner
Zeit  in  Hamburg,  ebenso  Rupferbarren,  wie  heute
noch  im  nördlichen  China.  Ruch  Nickel  und  Lisen  könnte
man  nehmen.  Rber  das  führende  Volk  der  modernen
Handelswelt,  England,  wählte  Gold  als  die  Ware,  die
ihm  die  Zweckmäßigste  schien,  und  so  mußten  die  übrigen
handeltreibenden  Länder  wohl  oder  übel  folgen,  wenn
sie  nicht  fortgesetzt  Verluste  erleiden  wollten.
Der  Hergang,  der  zu  diesem  Zwange  führt,  ist
ja  auch  der  denkbar  einfachste,'  man  muß  sich  nur
        <pb n="162" />
        159

Das  Geld  als  Hilfsmittel  des  Tausches

vergegenwärtigen,  daß  alle  internationalen  Beziehungen,
so  großartig  das  Kreditsystem  auch  ausgebildet  sein
mag,  und  so  häufig  auch  vorübergehend  mit  Bezugsrechten, ­
  Ñnteilscheinen,  Ztaatspapieren  operiert  werden
mag,  schließlich  einmal  in  waren  liquidiert  werden
müssen.
Der  tatsächliche  Warenaustausch  steht  stets  am  Ende
aller  Handelsbeziehungen-  oder  besser  gesagt,  wenn  die
Zahlungsbilanz  zwischen  zwei  Völkern  den  Kredit  übersteigt, ­
  den  das  eine  dem  andern  zu  gewähren  in  der
tage  ist,  dann  müssen  Warenlieferungen  stattfinden,
oder  es  müssen  Rechte  veräußert  werden.
Nun  lauten  fast  alle  Zahlungsversprechen  im  internationalen ­
  Verkehr  auf  Gold.  Diejenigen  Völker  also,
die  bei  Regelung  ihrer  Zahlungsbilanz  auf  dieses  RIetall
selbst  als  Exportware  zurückgreifen  können,  werden  ohne
weiteren  Verlust  ihre  Verbindlichkeiten  erfüllen  können.
Diejenigen  aber,  die  nicht  dazu  in  der  Lage  sind,  die,
wie  Indien  und  Mexiko,  in  Silber,  wie  Brasilien  in  Kaffee
und  Gummi  ihre  Zahlungsbilanz  begleichen  müssen,  sind
genötigt,  sich  den  Bedingungen  zu  unterwerfen,  zu
denen  das  Gläubigerland  ihre  waren  anzunehmen  gewillt ­
  ist.  Cs  ist  genau  dasselbe  Verhältnis  wie  zwischen ­
  zwei  Privatpersonen,  von  denen  der  eine  des
anderen  Guthaben  nicht  in  kuranter  Münze  zu  begleichen ­
  vermag.  Zucht  er  den  andern  auf  andere
tDeife,  also  durch  Ñbtretung  gewisser  waren  oder  Gebrauchsgegenstände, ­
  zu  befriedigen,  so  geschieht  es  fast
ausnahmslos  mit  Verlust  für  ihn,  da  der  Gläubiger
in  der  Lage  ist,  den  preis  zu  bestimmen,  zu  dem  er
die  ihm  angebotenen  Dinge  nehmen  will.
Der  Warenaustausch  verliert  dadurch  seinen  freien
        <pb n="163" />
        160

6.  Kapitel

Charakter  und  gleichzeitig  den,  nach  beiden  Zeiten  hin
vorteilhaft  zu  sein.
In  anderen  Worten:  Völker,  die  nicht
ihre  eigene  Valuta  auf  den  von  den  stärk  st  en
Handelsnationen  gewünschten  Tauschwaren
aufbauen,  werden  stets  im  Handel  mit  ihnen
Verluste  erleiden.
Daher  die  Zweckmäßigkeit  der  heutigen  Goldwährung, ­
  womit  nicht  gesagt  sein  soll,  daß  es  keine  Silberwährung
  geben  könnte,  wenn  die  großen  Handelsnationen ­
  sich  darüber  verständigten.
Nur  eine  Doppelwährung  ist  ausgeschlossen,
denn  ebensowenig  wie  alle  Negierungen  der  Welt  die
höhe  von  Cbbe  und  Flut  regeln  können,  sind  sie  imstande, ­
  das  relative  Wertverhältnis  zweier  Waren  festzulegen. ­
  Für  einen  Ñugenblick  wohl,  aber  nicht  für
die  Dauer.
Wenn  durch  internationales  Übereinkommen  vom
1.  Januar,  der  relative  Wert  von  Gold  und  Silber
festgelegt  worden  ist,  so  wird  vom  2.  Januar  ab
schon  für  das  eine  oder  andere  Metall  ein  ñgio  vorhanden ­
  sein.
Niemand  kann  ein  Volk  zwingen,  nicht  einem  der
beiden  Metalle  stillschweigend  einen  Vorzug  zu  gewähren, ­
  und  unmerklich  aber  sicher  wird  das  vom
wirtschaftlich  stärksten  Volke  bevorzugte  Metall  die  Basis
abgeben,  zu  der  das  andere  in  ein  fluktuierendes  Verhältnis ­
  tritt.
hat  sich  aber  einmal  wieder,  wie  bei  unserem
Zilbergeld  ein  Unterschied  zwischen  Nenn-  und  intrinsischem ­
  wert  der  Münzen  herausgebildet,  gilt  also
der  Stempel  mehr  als  das,  worauf  er  gedruckt  ist,
dann  fällt  ja  wieder  der  Grund  fort,  ein  Edelmetall
        <pb n="164" />
        Po  him  an,  Laienbrevier.

161

11

Vas  Geld  als  Hilfsmittel  des  Tausches

zum  Träger  des  Geldstempels  zu  machen.  Aluminium
oder  Papier  würde  dieselben  Dienste  leisten.
Also  wenn  die  Völker  dahin  kommen,  selbst  minderwertige
  Zilbermünzen,  nur  weil  sie  den  gemeinsam
anerkannten  Ztempel  tragen,  für  voll  anzunehmen,
dann  brauchten  sie  überhaupt  keine  Metallbasis  mehr
und  würden  mit  internationalem  Papiergeld  auskommen. ­

Das  aber  scheint  auf  absehbare  Zeit  ausgeschlossen,
und  somit  wird  das  heutige  Zystem  des  nationalen
Papiergeldes  mit  Goldbasis  wohl  noch  lange  das  herrschende ­
  bleiben,  weil  das  vernünftigste  und  zweckmäßigste: ­
  das  Gold  als  internationale  Tauschware, ­
  das  Papiergeld  als  nationaler  Tauschvermittler, ­
  und  beides  in  zweckmäßigster  Wechselwirkung ­
  zueinander,  so  daß  der  Inhaber  des  nationalen
Papiergeldes  auch  gleichzeitig  die  Gewißheit  hat,  das
Zur  Begleichung  etwaiger  internationaler  Verpflichtungen ­
  nötige  Edelmetall  ohne  weiteres  in  der  Hand
Zu  haben.
        <pb n="165" />
        162

7.  Kapitel
Das  subjektive  Gefühl  als  wirtschaftlicher ­
  Faktor

wenn  wir  die  menschlichen  Handlungen  auf  ihre
Motive  prüfen,  dann  scheinen  die  beiden,  das  kaufmännische ­
  Rechenexempel  und  das  subjektive  Gefühl,
zwei  so  verschiedenen  Gebieten  anzugehören,  daß  ihre
gegenseitige  Beeinflussung  beinahe  so  unmöglich  erscheint, ­
  wie  die  Addition  von  2  Äpfeln  und  2  geringen.
Da  nun  das  Studium  der  Volkswirtschaft  namentlich ­
  mit  Zahlenmaterial  zu  rechnen  hat,  und,  nur  auf
Zahlen  gestützt,  sichere  Grundlagen  gefunden  werden
können,  so  verfällt  man  zu  leicht  in  den  Fehler,  zu
glauben,  daß  sie  im  Wirtschaftsleben  allein  ausschlaggebend ­
  seien,  und  man  behandelt  das  andere  Motiv
menschlichen  Handelns,  das  subjektive  Gefühl,  als  eine
quantité  négligeable.
Und  doch  ist  es  Tatsache,  daß  nichts  sich  schneller
in  Zahlen  umzusetzen  vermag  wie  das  Gefühl,  daß
es  in  ganz  hervorragender  weise  das  Wirtschaftsleben
beeinflußt,  und  daß  nur  der  das  letztere  richtig  zu
beurteilen  vermag,  der  diesen  Faktor  in  sein  Betrachtungsfeld ­
  zieht.
Zunächst  schon  bei  der  Beurteilung  wirtschaftlicher
Wechselwirkungen  ist  es  wichtig  zu  erkennen,  daß  hier
die  natürliche  Reihenfolge  von  Ursache  und
Wirkung,  wie  wir  sie  auf  allen  anderen  Gebieten
haben,  eben  durch  menschliche  Voraussicht  und  Gefühlsmomente ­
  aufgehoben  wird.  Ja,  man  kann  getrost ­
  sagen,  daß  es  im  Wirtschaftsleben  bei  allen  offen-
        <pb n="166" />
        Vas  subjektive  Gefühl  als  wirtschaftlicher  Faktor

kundigen  Ursachen  vielmehr  die  Regel  als  die  ÑUS'
nähme  ist,  daß  ihre  Wirkungen  ihnen  vorauseilen, ­
  und  die  Bedeutung  dieser  Tatsache  steigert  sich
im  selben  Maße,  wie  sich  Verkehr  und  Nachrichtendienst ­
  entwickeln.
wenn  in  Deutschland  z.  B.  im  (Oktober  eine  große
Rübenernte  in  Ñussicht  steht,  dann  müßten  bei  normaler ­
  Reihenfolge  von  Ursache  und  Wirkung  die  Zuckerpreise ­
  im  November  anfangen  herunterzugehen.  Sie
tun  das  aber  schon  in  den  Monaten  vorher,  und  würden ­
  es  auch  tun  ohne  die  Baisse-Spekulation,  einfach
weil  jeder,  der  mit  dem  Artikel  zu  tun  hat,  die  große
Ernte  „eskomptiert"  wie  der  börsentechnische  Ausdruck
heißt.
wer  weiß,  oder  zu  glauben  berechtigt  ist,  daß
im  November  Überschuß  an  einer  Ware  vorhanden
sein  wird,  wäre  ein  Narr,  wenn  er  im  Juli  noch
ohne  zwingende  Notwendigkeit  zu  alten  Preisen  kaufen
wollte,  und  alle,  die  diese  Ware  zu  verkaufen  haben,
versuchen  natürlich,  sie  vor  Eintreffen  der  großen  neuen
Zufuhren  los  zu  werden.
Umgekehrt  liegt  die  Sache  bei  einer  zu  erwartenden
schlechten  Ernte;  dann  wird  der  preis  schon  steigen,
ehe  die  Ware  tatsächlich  knapp  ist,  weil  jeder,  der
sie  hat,  sie  zurückhält,  während  jeder,  der  sie  nicht
hat,  sich  zu  versorgen  sucht.  So  verschieben  sich  Angebot ­
  und  Nachfrage  schon  vor  Eintreten  der  Tatsache, ­
  die  sie  verursacht.
Daraus  erklärt  sich  auch  die  dem  Laien  oft  unbegreifliche ­
  Erscheinung,  daß  mitunter  mitten  in  einer
großen  Ernte  die  Preise  in  die  höhe  gehen  und  in
einer  kleinen  sinken.
wenn  eben  der  Preissturz  oder  die  Steigerung  vor-
        <pb n="167" />
        7.  Kapitel

her  zu  stark  war,  wenn  zu  viel  „eskomptiert"  worden
ist,  dann  kann  ein  Punkt  kommen,  wo  die  Leute  ihren
Irrtum  korrigieren  müssen,-  die,  die  zu  lange  gewartet
haben,  müssen  kaufen,  und  die,  die  zu  viel  gekauft  haben,
finden,  daß  andere  mit  ihnen  denselben  Fehler  gemacht
haben,  und  nun  mehr  Vorräte  vorhanden  sind,  als  man
tragen  kann.  Ihr  Gefühl  hat  sie  eben  betrogen  und  setzt
sich  für  sie  in  sehr  unliebsamer  weise  in  Zahlen  um.
Dazu  kommt  noch  das  Verhängnisvolle,  daß  der  Glaube
ansteckend  wirkt.  (Es  wird  nur  wenige  geben,  die  sich
der  allgemeinen  Tendenz  zu  entziehen  vermögen,  wer
es  aber  kann,  wer  die  moralische  Kraft  hat,  zeitweilig ­
  gegen  die  allgemeine  Meinung  zu  operieren,
der  wird  im  Wirtschaftsleben  der  Erfolgreichste  fein;
eben  der,  der  den  Glauben,  das  subjektive  Gefühl
seiner  Mitmenschen,  auszunutzen  versteht,  während  er
selbst  kühl  berechnend  bleibt.
Bei  der  Wechselwirkung  zwischen  Preisbildung  und
Produktion  ist  es  nun  nicht  einmal  nötig,  daß  die
Tatsachen  schließlich  genau  den  gehegten  Erwartungen
entsprechen;  es  genügt  häufig  der  Glaube  daran.
So  können  in  Zeiten  langjähriger  Depression  sehr
starke  Tatsachen  nur  eine  ganz  geringe  Wirkung  ausüben, ­
  wenn  einmal  das  vertrauen  fehlt,  während  in
lebhaften  Zeiten  ganz  nebensächliche  Tatsachen,  ganz
bedeutende  Wirkungen  Hervorrufen  können.  —
Ich  erinnere  mich  eines  Falles  zu  Ende  der
80  er  Jahre,  da  verursachten  einige  mäßige  Rübenernten, ­
  zusammen  mit  dem  Ñnwachsen  des  Konsums,
eine  so  gespannte  statistische  Lage  des  Zuckers,  daß
gewisse  Interessentenkreise  ausrechneten,  daß  vor  Eintreffen ­
  der  neuen  Rübenernten  alle  Weltvorräte  bis
auf  ein  Minimum  erschöpft  sein  würden;  ja  einige
        <pb n="168" />
        U

165

Das  subjektive  Gefühl  als  wirtschaftlicher  Faktor
Heißsporne  gingen  soweit,  zu  behaupten,  daß  der  Konsum
  überhaupt  nicht  würde  befriedigt  werden  können,
es  sei  denn  zu  nie  dagewesenen  Preisen.
Aber  diese  Berechnungen  und  Prophezeiungen  fielen
in  eine  Zeit,  wo  die  Spekulation  in  Zucker  durch  jahrelange ­
  Mißerfolge  total  entmutigt  war,  man  glaubte
einfach  diesen  Zahlenreihen  nicht,  und  merkwürdigerweise
behielt  in  dieser  Divergenz  zwischen  bewußter  Berechnung ­
  und  unbewußtem  Gefühl  das  letztere  Recht.  Man
konnte  die  Zahlen  nicht  mit  Zahlen  widerlegen,  aber
das  Gefühl  sagte,  daß  ein  Zustand  völliger  vorratslosigkeit
  in  einem  so  großen  Artikel  wie  Zucker  gar
nicht  vorkommen  kann,  es  verließ  sich  auf  die  vielen
Smpoderabilien  im  Wirtschaftsleben,  auf  die  überall
verteilten  unsichtbaren  Vorräte,  und  diese  halfen  dann
auch  den  offenkundigen  über  eine  Erschöpfung  hinweg.
Man  sieht,  es  kommt  nicht  immer  auf  das  Tatsachenmaterial ­
  an,  sondern  der  Glaube  daran,  die  sogenannte ­
  Meinung  spielt  eine  hervorragende  Rolle,  und
da  sie  in  durchaus  greifbaren  Resultaten  in  Mark
und  Pfennigen  zum  Ausdruck  kommt,  so  erscheint  sie
als  wirtschaftlicher  Faktor  von  nahezu  gleicher  Bedeutung ­
  wie  das  Tatsachenmaterial.
Ähnliche  Anschauungen  bringt  ein  so  gründlicher
Beobachter  der  Weltmarktverhältnisse,  wie  Professor
Ruhland,  für  Getreide  zum  Ausdruck,  indem  er  sich
im  „Entwickelungsprogramm  der  Preisbildung  für  Getreide" ­
  wie  folgt,  äußert:  „Die  Preisbildung  für  Getreide ­
  nach  Angebot  und  Nachfrage  ist  heute  keine  Tatsache, ­
  sondern  ein  Programm.  Die  Riesenmassen,  welche
täglich  auf  der  Erde  in  Getreide  umgesetzt  werden,  sind
keinem  körperlichen  Auge  sichtbar.  Deshalb  tritt  heute
an  Stelle  der  früher  auf  dem  Lokalmarkte  gewohnten
        <pb n="169" />
        166

7.  Kapitel

persönlichen  Augenscheinnahme  der  angebotenen  Ware
die  Nachricht  über  die  Ware.  Die  Gesamtheit  der
im  Nlarkt  bekannt  werdenden  Nachrichten  bildet  die
Marktmeinung.  Und  die  Nlarktmeinung  bestimmt
den  Marktpreis,  wenn  —  wie  zu  Ñnfang  der
90  er  Jahre  des  letzten  Jahrhunderts  —  alle  Welt
an  eine  „riesige  Überproduktion  an  Getreide"  glaubt,  so
kommt  es  zu  einer  wesentlichen  Getreideentwertung  auch
dann,  wenn  tatsächlich  von  Überproduktion  in  Getreide
gar  nicht  die  Rede  sein  kann."
Genau  so  preisbildend  kann  der  Glaube,  das  Gefühl, ­
  sein,  wenn  es  sich  um  Eingriffe  des  Staates
ins  Wirtschaftsleben  handelt,  wie  z.  B.  bei  der  Frage
der  Zölle.
hier  haben  wir  eine  Wirkung  des  Gefühls  nach
zwei  Seiten,  einmal  nach  der  der  Produzenten,  dann
nach  der  der  Konsumenten.
Die  landwirtschaftlichen  Zölle  und  die  verschärften
Grenzsperren  haben,  nach  Ñusspruch  kompetenter  Persönlichkeiten ­
  und  nach  den  über  Güterbewegung  veröffentlichen ­
  Zahlen,  eine  Preissteigerung  landwirtschaftlicher ­
  Besitzungen  hervorgerufen,  die  weit  über  das
Maß  der  Wirkung  der  Zölle  hinausgeht.  Ja,  es  gibt
Stimmen,  die  besagen,  daß  der  durch  die  Zollpolitik
erzielte  Mehrertrag  überhaupt  illusorisch  sei.  —  Dennoch ­
  ist  die  Erhöhung  der  Landpreise  etwas  durchaus
Reales  und  psychologisch  durchaus  erklärlich,  wenn
eine  Interessengruppe  sich  ganz  in  den  Gedanken  hineingelebt ­
  hat,  daß  ein  Zoll  ihre  Verhältnisse  bessern,
ihre  Erträge  steigern  werde,  wenn  dieses  Ziel  mit
allen  Mitteln  des  politischen  Kampfes  erstrebt  und
dann  endlich  erreicht  wird,  dann  ist  der  Glaube  an
den  Erfolg  so  stark,  daß  er  die  einzelnen  handeln
        <pb n="170" />
        167

Das  subjektive  Gefühl  als  wirtschaftlicher  Faktor

läßt,  als  ob  das  von  ihnen  Erhoffte  Tatsache  wäre,
selbst  wenn  es  nicht  der  Fall  ist.
Daß  ein  so  irregeleitetes  Gefühl  eventuell  durch
die  harten  Tatsachen  korrigiert  wird,  mag  sein,  aber
inzwischen  ist  es  volkswirtschaftlich  nicht  einerlei  gewesen,
ob  lediglich  aus  Gefühlsmomenten  heraus  für  das  Recht
der  Bodennutzung  1  oder  2  Milliarden  Sachgüter  mehr
hergegeben  worden  sind,  als  sonst  der  Fall  gewesen  wäre.
Ähnlich  wirkt  der  Glaube  an  den  Zollschutz,  resp.
die  Grenzsperre,  nach  der  Konsumentenseite.
Es  mag  hundertmal  von  interessierter  Seite  nachgewiesen ­
  und  mit  dem  überzeugendsten  Zahlenmaterial
belegt  werden,  daß  im  Grunde  die  Grenzen  für  Fleisch
gar  nicht  gesperrt  seien,  weil  ja  die  Nachbarländer,
Österreich  und  Rußland,  noch  nicht  einmal  ihr  erlaubtes ­
  Kontingent  zu  uns  herübersenden,-  es  mag  nachgewiesen ­
  werden,  daß  es  sich  bei  der  gegenwärtigen
Teurung  um  eine  Weltkonjunktur  handle,-  das  Gefühl,
daß  die  Grenzen  gesperrt  seien,  genügt  vollständig,  um
einen  anderen  Preisstand  hervorzurufen  als  den,  den
wir  haben  würden,  wenn  es  nicht  vorhanden  wäre.
Ls  liegt  nicht  so,  daß  die  Konsumenten,  die  doch
die  Leidtragenden  sind,  nun  freiwillig  höhere  Preise
zahlten.  Das  Hauptmoment  liegt  in  der  Stärkung  der
Hausse-Spekulation,  wer  waren  zu  verkaufen  hat,
wird  naturgemäß  eine  andere  Haltung  annehmen,  wenn
das  allgemeine  Gefühl  vorherrscht,  daß  ihm  von  außen
keine  Konkurrenz  gemacht  werden  kann,  als  wenn  er
weiß,  die  Grenzen  sind  offen,  und  aus  irgend  einem
Winkel  der  Erde  kann  plötzlich  ein  so  starkes  Angebot
auftauchen,  daß  er  mit  seinen  teuren  Vorräten  sitzen
bleibt.  Venn  der  ungehinderte  Handel  weiß  mit  unglaublicher ­
  Schnelligkeit  auszufinden,  wohin  es  sich
        <pb n="171" />
        168

7.  Kapitel

lohnt,  waren  zu  schicken,  und  oft  kommt  es  so,  daß
gerade  dort,  wo  die  Preise  am  höchsten  waren,  ein
Preissturz  früher  einsetzt  als  anderswo.
Natürlich  kommt  bei  allem  Einfluß  des  Gefühls
immer  einmal  ein  Punkt,  wo  die  Tatsachen  stärker  sind
und  ersteres  korrigieren.
Line  Ware  kann  dauernd  nicht  unter  ihrem  Produktionskostenpreis ­
  verkauft  werden,  wobei  allerdings
zu  berücksichtigen  ist,  daß  dieser  nach  unten  hin  außerordentlich ­
  dehnbar  ist-  auf  der  andern  Seite  kann  auch
die  stärkste  Hausse-Meinung  keinen  Zusammenbruch  der
Preise  verhüten,  wenn  eine  Gegenmine  auftritt,  bei
der  sich  die  Meinung  mit  den  Tatsachen  einer  Überproduktion, ­
  resp.  eines  Unterkonsumes,  deckt.  Ģter  reden
die  Trümmer  aller  verkrachten  „Torner",  von  denen  die
Kaufmannswelt  zu  reden  weiß,  eine  deutliche  Sprache.
Gerade  an  diesem  Gegenspiel  zwischen  Hausse-  und
Baisse-Spekulation  kann  man  sehen,  daß  es  sich  im  Grunde
vielmehr  um  einen  Handel  in  Meinungen  als  in  waren
handelt.  Und  wenn  hiergegen  eingewandt  wird,  daß
sei  eigentlich  gar  kein  legitimer  Handel  mehr,  so  muß
hervorgehoben  werden,  daß  er  sehr  viel  solider  ist,  als
der  alte  legitime  Handel  es  je  war.
Der  altmodische  Kaufmann  vor  70—80  Jahren
kaufte  z.  B.  Baumwolle  in  Neuorleans,  befrachtete
ein  Schiff  und  sandte  die  Ware  zum  verkauf  nach
Liverpool,  Hamburg,  Havre  oder  wo  immer  er  glaubte,
einen  guten  Markt  zu  haben.
Damit  war  er  allen  Zwischenfällen  ausgesetzt,  die
sich  in  den  8  bis  10  Wochen  ereignen  konnten,  während
die  Baumwolle  auf  dem  Gzean  schwamm,  ja,  der  Zeitraum ­
  des  Risikos  war  noch  größer,  denn  seine  Einkaufspreise ­
  waren  nach  Notierungen  aus  den  Konsum-
        <pb n="172" />
        169

Das  subjektive  Gefühl  als  wirtschaftlicher  Faktor

ländern  kalkuliert,  die  auch  schon  4—6  Wochen  alt
waren.
hatte  er  nun  günstig  eingekauft,  und  ging  alles
gut,  so  war  wohl  ein  hübscher  Verdienst  zu  erzielen,-traten
  aber  unvorhergesehene  politische  Störungen  ein
oder  Handelsstockungen,  oder  war  zufällig  gerade  viel
Baumwolle  aus  anderen  Ländern  angekommen,  dann
konnten  die  Verluste  einen  Umfang  annehmen,  den
heute  jeder  einigermaßen  solide  Kaufmann  zu  vermeiden ­
  sucht.
Dieses  legitime  Warengeschäft,  wo  noch  tatsächlich ­
  mit  waren  gehandelt  wurde,  war  also  in  hohem
Nkaße  spekulativ  und  gefährlich.
Vergleichen  wir  einmal  damit  den  heutigen  Handel
in  Meinungen!  Dem  Neuorleans-Kaufmann  stehen
die  Nachrichten  über  sämtliche  Baumwollernten  und
Verschiffungen  der  ganzen  Welt  zur  Verfügung,  hieraus ­
  bildet  er  sich  eine  Meinung  über  die  mutmaßliche ­
  Bewegung  der  Preise  im  Laufe  der  nächsten  Monate,
und  ferner  ist  er  über  die  Chancen  seines  eigenen
Viarktes  durch  enge  Verbindung  mit  den  Baumwollproduzenten
  aufs  beste  unterrichtet.  Je  nachdem  er
nun  ein  Weichen  oder  Steigen  der  Preise  erwartet,
wird  er  entweder  als  Käufer  auftreten,  oder  er  wird
an  den  Terminbörsen  das  häufig  von  Laienkreisen  in
verständnislosester  weise  abgeurteilte  Blankogeschäft
Machen,  d.  h.  er  wird  Baumwolle  auf  Lieferung  in
2—3  Monaten  verkaufen,  ohne  sie  zu  haben,  in  der
sicheren  Voraussetzung,  daß  er  sie  bekommen  wird.
Jedenfalls  hat  er  es  immer  in  der  Hand,  sein  Risiko
durch  Cindeckung  an  der  Börse  abzugrenzen,  während
der  alte  Kaufmann  bei  seinem  sogenannten  legitimen
        <pb n="173" />
        170

7.  Kapitel

Geschäft  hoffnungslos  den  Chancen  des  Marktes  aus*
geliefert  war.
So  stellt  der  Handel  mit  Meinungen  tatsächlich  eine
höhere  Stufe  des  Wirtschaftslebens  dar  als  der  alte
in  tatsächlicher  Ware.

Lin  anderes  Beispiel,  wie  das  Gefühl  in  direkter
weife  auf  die  wirtschaftliche  Entwickelung  eines  volkes
  einwirken  kann,  haben  wir  in  Deutschlands  jüngster
Vergangenheit.
wir  alle  sind  Zeugen  der  Unlust  für  koloniale
Unternehmungen  gewesen,  die  unser  Volk  im  Gegensatz ­
  zu  Engländern,  Franzosen  und  Amerikanern  gezeigt ­
  hat.  welche  Ursachen  dieser  Unlust  zugrunde
lagen,  ist  einerlei,-  Tatsache  ist,  daß  das  Auftreten  einer
starken  Persönlichkeit  die  Meinung  über  koloniale  Dinge
merklich  zu  beeinflussen  beginnt,  warum  denn?  hat
sich  irgend  etwas  in  den  wirtschaftlichen  Verhältnissen
der  Kolonien  geändert?  Sind  neue  Entdeckungen  gemacht ­
  worden,  neue  Zahlen  bekannt  geworden?  Alles
nicht.  Nur  ein  kluger  Kopf  weiß  die  alten  Zahlen
in  ein  neues  Licht  zu  rücken,  vertrauen  zu  erwecken,
kurz  das  Gefühl  zu  beeinflussen.
Nun  ist  es  nicht  unmöglich,  daß  diese  Beeinflussung
zu  einer  energischen  Kulturarbeit  in  den  Kolonien
führt,  und  diese  dadurch  tatsächlich  ein  Jahrzehnt  früher
zur  Blüte  gelangen,  als  es  sonst  der  Fall  gewesen  wäre.
Ja,  ohne  diese  neue  Energieentfaltung  wären  vielleicht ­
  die  bis  dahin  gebrachten  Opfer  überhaupt  verloren, ­
  die  daraus  entstehende  gesteigerte  Unlust  würde
möglicherweise  sogar  zu  einer  Abtretung  der  Kolonien ­
  an  stärkere  Hände  geführt  haben,  und  das  deutsche
        <pb n="174" />
        171

Das  subjektive  Gefühl  als  wirtschaftlicher  Faktor

Dolksvermögen  wäre  um  Hunderte  von  Millionen  geschädigt. ­

Wir  sagen  nicht,  daß  mit  dem  erhöhten  Interesse
nun  auch  der  Aufschwung  kommen  wird-  aber  wenn
er  kommt,  wenn  dann  unserer  Volkswirtschaft  hieraus ­
  ganz  direkte,  zahlenmäßig  nachweisbare  Vorteile
erwachsen,  wem  sind  sie  zu  verdanken?  Doch  lediglich ­
  dem  durch  einen  starken  Willen  beeinflußten
Gefühl.
Von  der  größten  wirtschaftlichen  Wirkung  kann
das  Gefühl  fein  in  Zeiten  der  Arisen.  Ñls  Ende  der
80  er  Jahre  die  Brasilianische  Valuta  infolge  von  maßlvser
  Papiergeldausgabe  und  wahnsinniger  Finanzwirtschaft ­
  stark  ins  Weichen  geriet,  suchte  man  durch  periodische ­
  Einziehung  und  Vernichtung  großer  Mengen
von  Papiergeld  dessen  Entwertung  zu  hemmen.
Obgleich  nun  tatsächlich  die  Einäscherung  von  Tausenden ­
  von  Tontos  Noten  erfolgte,  so  blieb  die  Maßregel ­
  doch  ohne  jegliche  Wirkung,  warum?  weil  der
Glaube  fehlte.  Man  konnte  sich  wohl  von  der  Tatsache ­
  der  Einäscherung  der  Noten  überzeugen,  aber  man
war  nicht  sicher,  ob  nicht  das  Ganze  eine  Romödie  war,
und  ob  nicht  im  geheimen,  um  das  gähnende  Defizit
Zu  decken,  ebenso  viele  neue  Noten  in  Umlauf  gesetzt ­
  wurden.  Also  die  Tatsache  blieb  ohne  Wirkung.
Damals  standen  sich  zwei  Meinungen  schroff  gegenüber. ­
  Die  eine  prophezeite  mit  mathematischer  Sicherheit ­
  den  baldigen  Staatsbankrott,  die  andere  glaubte
an  die  Zukunft.  Rein  zahlenmäßig  war  ohne  Zweifel
der  Staatsbankrott  vorhanden,  gar  nicht  abzuwenden,-dennoch
  war  der  Glaube,  daß  das  Land  die  Krisis  überstehen ­
  werde,  stärker  als  die  Zahlen,  wäre  das  nicht
der  Fall  gewesen,  so  hätten  durch  die  Einstellung  der
        <pb n="175" />
        172

1  I  I  ■  tsn

7.  Kapitel
Zinszahlung  Tausende  ihr  vermögen  verloren,  unzählige ­
  Familien  wären  an  den  Bettelstab  gebracht  worden.
So  half  der  Kredit  über  die  Krisis  hinweg  und
führte  zu  einer  Gesundung  der  Verhältnisse,  die  heute
noch  andauert.
Dhne  den  Glauben  der  englischen  Hochfinanz  an
die  Zukunft  des  Landes  hätte,  zwischen  der  Zeit  der
beginnenden  Krisis  und  heute,  für  alle,  die  mit  Brasilien ­
  zu  tun  hatten,  eine  Zeit  ungeheurer  Verluste  gelegen, ­
  die  nun  einfach  vermieden  worden  ist.
Ganz  ähnlich  liegen  die  Verhältnisse  heute  mit  dem
russischen  Kredit.  (Es  mag  mit  den  dicksten  Büchern,  mit
ungeheurem  Zahlenmaterial  hundertmal  nachgewiesen
werden,  Rußland  sei  eigentlich  bankrott-  so  lange  die
Nerven  der  pariser  Bankiers  aushalten,  ist  noch  gar  nicht
gesagt,  daß  nun  auch  der  Zusammenbruch  erfolgen  wird.
Db  nun  der  Glaube  in  den  Pariser  Kreisen  ein  fester
oder  verzweifelter  ist,  ob  bei  ihnen  der  Wunsch  der
Vater  des  Gedankens  ist  oder  nicht,  hat  nur  relative
Bedeutung,-  es  genügt,  daß  er  besteht.  Bricht  er  zusammen, ­
  kann  Rußland  unter  keinen  Umständen  auf
neue  Ñnleihen  rechnen,  so  verlieren  Tausende  ihr  vermögen, ­
  und  es  ist  nicht  abzusehen,  wie  weit  eine  solche
Erschütterung  der  Kaufkraft  des  französischen  Volkes
wirken  würde.
hält  er  stand  bis  zu  einer  Zeit,  wo  die  Verhältnisse ­
  sich  bessern,  dann  wird  das  ganze  wirtschaftliche ­
  Elend  vermieden,  das  ein  solcher  Zusammenbruch
mit  sich  bringt.  Die  Frage,  ob  jemand  heute  10  000  Mark
Einnahme  aus  Russenpapieren  hat  oder  keine,  liegt
also  viel  weniger  in  den  tatsächlichen  Verhältnissen
des  Landes,  denn  diese  sind  wirklich  ungünstig  genug,
sondern  darin,  ob  bei  den  leitenden  Finanzkreisen,
        <pb n="176" />
        173

Das  subjektive  Gefühl  als  wirtschaftlicher  Faktor

häufig  nur  bei  einigen  führenden  Persönlichkeiten,  das
Defühl  des  Vertrauens  bestehen  bleibt  oder  zerbricht.
Einen  Faktor  aber,  der  so  mächtig  wirken  kann,  wird
man  wohl  berechtigt  sein,  als  einen  wirtschaftlichen
anzusprechen.
In  der  Tat  beruht  ja  auch  heute  ein  ganz  großer
Teil  unseres  lvirtschaftslebens  lediglich  auf  Krebit,  auf
Vertrauen,  also  auf  Gefühl.  Tine  Erschütterung  des
Vertrauens  hat  daher  auch  ganz  unermeßliche  wirtschaftliche ­
  Verluste  im  Gefolge,  die  naturgemäß  um
sa  größer  sind,  je  größer  vorher  die  Einwirkung  des
Kredits  auf  die  lvertbildung  war.  Bet  waren  bringt
eine  Krisis  zunächst  einen  Preissturz,  da  die  Kaufkraft ­
  der  Masse  abnimmt,  und  viele  Warenlager  verschleudert ­
  werden  müssen,  aber  bald  folgt  durch  Einschränkung ­
  der  Produktion  ein  gewisser  Ñusgleich,  der
langsam  zur  Überwindung  der  Krisis  führt.  Die  größten ­
  Katastrophen  treten  dort  ein,  wo  der  Kredit  geradezu ­
  einen  Faktor  der  Preisbildung  darstellt,  nämlich ­
  beim  spekulativen  Grundbesitz.  Line  Ware  kann
sich  nie  lange  im  werte  von  ihrer  Herstellungsbasis  entfernen, ­
  wenn  schon  diese  sich  natürlich  bedeutend  verschieben ­
  kann,'  auch  der  landwirtschaftliche  Grund  und
Boden  wird  in  einem  ungefähren  Verhältnis  zu  seinem
Ertrag  bleiben,'  aber  in  den  spekulativen  werten  unserer ­
  Großstädte  kann  die  Erschütterung  des  Vertrauens
Entwertungen  herbeiführen,  die  alles  bisher  Dagewesene
in  den  Schatten  stellen.  Denn  hier  handelt  es  sich  um
gänzlich  eingebildete  werte,  wenn  ein  Mietshaus  in
Berlin  35000  Mark  Miete  bringt,  wird  es  mit  zirka
500000  Mark  bewertet.  Davon  entfallen  zirka
200  000  Mark  auf  das  Gebäude,  300  000  Mark  auf  den
Drund  und  Boden,  bei  einer  hypothekarischen  Belastung,
        <pb n="177" />
        174

7.  Kapitel

sagen  wir,  von  400  000  Mark.  Das  einzige  Reelle
an  diesem  ganzen  Wertobjekte  ist  das  Gebäude  mit
seinen  200  000  Mark.  Bet  einem  Zusammenbruch  der
Grundstückspreise,  der  es  ermöglichen  würde,  in  nicht
zu  großer  Entfernung  ein  Haus  von  200000  Mark
auf  einem  Bauplatz  von  30000  Mark  zu  errichten,
würde  der  Wert  der  300000  Mark,  die  den  Boden
darstellen,  nahezu  verschwinden-  unser  ganzes  hypothekenwesen
  würde  bis  in  die  Grundfesten  erschüttert,
und  über  Tausende  von  Familien  würde  Verarmung
hereinbrechen,  weil  diese,  im  Gefühl  der  Sicherheit,  ihre
habe  Banken  anvertraut  haben,  deren  Sicherheiten
auch  wieder  nur  im  Gefühl  und  nicht  in  realen  Werten
ruhen.
Linen  kleinen  Vorgeschmack  dessen,  was  kommen
kann,  hat  ein  verkauf  in  Dresden  gegeben,  wo
1904  ein  mit  287000  Mark  belastetes  Grundstück  auf
17750  Mark  taxiert  wurde,  und  das  der  hypothekengläubiger
  der  ersten  40000  Mark  für  5  00  Mark  erstand.
(Es  ist  eben  einer  der  schwersten  Schäden  unseres
Kreditsystems,  angewandt  auf  den  Grund  und  Boden,
daß  es  das  Gefühl  irre  führt,  indem  es  die  vergleiche ­
  fälscht.
wenn  ein  Bauplatz  mit  schwindelhaften  Eintragungen ­
  zu  schwindelhohem  Preise  verkauft  wird,  so
wirkt  dieser  preis  auf  die  ganze  Gegend.  Nach  ihm
bildet  sich  eine  Marktmeinung,  und  unwillkürlich  wirkt
er  auf  alle  anderen  Käufe  und  Verkäufe  zurück.  Sie
würden  auf  einer  ganz  anderen  Preisbasis  stehen,  wenn
nicht  der  durch  Kredit  aufgebauschte  preis  die  Meinung ­
  ringsumher  beeinflußt  hätte.
Nun  wird  man  einwenden  können,  mit  allen  den
Gefühlsirrungen,  die  solchergestalt  bei  Zöllen,  bei  Finanz-
        <pb n="178" />
        175

Das  subjektive  Gefühl  als  wirtschaftlicher  $a!tor

maßregeln,  bei  Krebitoperationen  usw.  entstehen,  hätte
die  Gesetzgebung  nichts  zu  tun.  Wenn  die  Leute  so
dumm  seien,  sich  von  ihrem  Gefühl  und  nicht  von
nüchternen  Erwägungen  beeinflussen  zu  lassen,  dann
sei  ihnen  nicht  zu  helfen,  wir  sind  darin  anderer  Ansicht. ­
  Genau  so,  wie  stets  der  der  erfolgreichste  Politiker
sein  wird,  der  verstehen  wird,  das  Gefühl  des  Volkes  auf
seiner  Seite  zu  haben,  genau  so  wird  der  die  beste
Wirtschaftspolitik  treiben,  der  auch  hier  dem  subjektiven ­
  Gefühl  den  ihm  gebührenden  Platz  einräumt
und  es  bei  seinen  Maßregeln  in  Anrechnung  setzt.
Unter  diese  Rubrik  fällt  auch  der  Einfluß,  den
der  Geschmack  und  die  Mode  auf  die  Grundrente
ausüben.
Wir  halten  diese  Faktoren  für  mindestens  ebenso
wichtig,  wie  viele  der  Spitzfindigkeiten,  mit  denen
man  die  Grundrente  zu  erklären  versucht,  das  Gesetz ­
  vom  abnehmenden  Bodenertrag,  die  Ungleichheit ­
  der  Fruchtbarkeit,  der  Lage  usw.  Auch  hier
steht  die  durch  Geschmack  und  Mode  beeinflußte
Nachfrage  im  Ausgangspunkt  aller  werte.  Ein  Weinberg ­
  gibt  nur  so  lange  Grundrente,  wie  die  Menschen ­
  wein  trinken,-  läge  ein  solcher  Ralkberg  inmitten ­
  eines  Weizenfeldes  in  einer  abstinenten  welt,
sa  würde  an  seinem  Fuße  mit  der  Fruchtbarkeitsgrenze
die  Grundrente  bzw.  die  Vifferentialrente  aufhören,
aber  in  einer  Wein  trinkenden  Welt  wird  gerade
der  Berg  die  höhere  Grundrente  geben.  In  Gegenden,
wo  Weizen-  und  Roggenbau  sowie  Weidewirtschaft  sich
treffen,  sehen  wir  eine  fortwährende  Verschiebung  der
Ģrundrente  nach  keinem  andern  Gesetze,  als  nach
dem  des  Begehrs  für  die  verschiedenen  Produkte.
Ein  Volk,  dessen  Geschmack  das  Roggenbrot  verlangt,
        <pb n="179" />
        176

7.  Kapitel

wird  eine  ganz  andere  Grundrente  für  den  zum  Roggenbau ­
  geeigneten  Loden  haben,  als  ein  solches,  dessen
Geschmack  dieses  Brot  ablehnt,  und  bei  zunehmender
Liebe  für  Fleischnahrung  steigt  die  Grundrente  solchen ­
  Weizenbodens,  der  sich  zur  ñnlage  von  Dauerweiden
  eignet,  ohne  daß  er  deshalb  der  bessere  zu
sein  braucht,  während  mit  dem  Übergang  eines  Volkes
zum  Vegetarismus,  oder  schon  mit  einer  ausgesprochenen
Hinneigung  dazu,  diese  Grundrente  wieder  verschwinden
würde.
vor  noch  nicht  50  Jahren  war  es  weit  mehr  Mode,
Rot-  als  Weißwein  zu  trinken,  und  dementsprechend
war  die  Grundrente  in  der  Weingegend  Frankreichs
unvergleichlich  viel  höher  als  am  Rhein  und  an  der
Mosel,  heute,  wo  die  leichteren  Weißweine  den  französischen ­
  Weinen  im  Geschmack  des  Publikums  den  Rang
streitig  machen,  steigt  in  demselben  Maße,  wie  ihre  Beliebtheit ­
  zunimmt,  die  Grundrente  bei  uns  und  bleibt
in  Frankreich  zurück.
Die  Grundrente  der  Tabakpflanzungen  auf  Ruba
ist  um  ein  vielfaches  höher  als  in  Brasilien  und
zwar  aus  keinem  anderen  Grunde,  als  daß  die  Mode
den  Havannatabak  vorzieht.  Diese  Bevorzugung  ist
etwas  Unwägbares,  Unmeßbares,-  aber  sie  reicht  aus,
um  wirtschaftlich  höchst  einschneidend  zu  wirken.
Zollten  tonangebende  Rreise  auf  die  Idee  kommen,
den  Brasiltabak  für  das  vornehmere  Rraut  zu  erklären, ­
  dann  würde  die  Grundrente  in  Brasilien  steigen,
auf  Ruba  sinken.
Unser  heutiger  Geschmack  für  Berggegenden  hat  der
Schweiz  die  ungeheure  Grundrente  gebracht,  die  sie  nie
haben  würde,  wenn  die  Menschen  sich  ihren  Uatur-
        <pb n="180" />
        bahim  an,  Laienbrevier.

177

12

Das  subjektive  Gefühl  als  wirtschaftlicher  Faktor

schönheiten  gegenüber  noch  so  ablehnend  verhielten,
wie  unsere  Vorväter  vor  hundert  und  etlichen  Jahren.
Eine  Zunahme  des  Geschmacks  für  unsere  nordischen
ļ)eideflächen  würde  sich  sofort  in  eine  erhöhte  Grundrente ­
  dort  umsetzen.  Ist  doch  selbst  am  Rande  der
Wüste  Grundrente  entstanden,  weil  manche  es  schön
und  gesund  finden,  dort  zu  wohnen.
Weil  die  Menschen  immer  höhere  Ansprüche  an
die  Beleuchtung  stellen,  sind  ganze  Strecken  sandigen
Küstenlandes  in  Brasilien  zu  einer  Grundrente  gekommen, ­
  weil  man  dort  den  für  die  Fabrikation  von
Glühkörpern  brauchbaren  Mozanitsand  entdeckte.
Venn  wir  nach  alledem  auf  die  Frage  „was  ist
Grundrente?"  antworten  wollten,  „Grundrente  ist  Geschmacksache", ­
  so  wäre  das  natürlich  verkehrt,  aber
ebenso  verkehrt  wäre  es,  an  diesem  werlbildenden  Faktor
ganz  achtlos  vorüberzugehen.
        <pb n="181" />
        178

8.  Kapitel
Schlußfolgerungen

3n  der  (Einleitung  zu  meinen  Ausführungen  habe
ich  als  einzig  zulässige,  aber  auch  gar  nicht  zu  umgehende, ­
  Voraussetzung  einer  nationalökonomischen
Wissenschaft  den  Satz  aufgestellt,  daß  wir  die  (Entwickelung ­
  des  Menschengeschlechtes  von  der  Bedürfnislosigkeit ­
  zu  steigenden  Bedürfnissen  nicht  nur  als  etwas
Unabänderliches  hinnehmen,  sondern  auch  als  wünschenswert ­
  anerkennen.
Danach  sind  alle  wirtschaftlichen  Faktoren  daraufhin ­
  zu  untersuchen,  ob  sie  diese  Entwickelung  hemmen
oder  fördern,  und  dabei  weisen  uns  die  Tatsachen  wieder ­
  auf  die  zwei  Gebiete:  a)  den  kampfleeren  Raum,
das  innere  Wirtschaftsleben  eines  Volkes  und  b)  den
nationalen  Staat  als  wirtschaftliche  Einheit  und  Teil
eines  Völkerkonglomerats,  dessen  einzige  Rechtsgrundlage ­
  in  brutaler  Macht  ruht.
(Es  ist  durchaus  nötig,  diese  Unterscheidung  zu
machen,  denn  wir  haben  gesehen,  daß  die  Zunahme
des  Vermögens  eines  einzelnen  bei  weitem  nicht  immer
Zuwachs  des  Volksvermögens  bedeutet,  daß  umgekehrt
ein  einzelner  Millionen  verlieren  kann,  ohne  daß  das
Volksvermögen  dadurch  abnimmt;  ja,  es  kann  sogar
Fälle  geben,  wo  es  eine  Zunahme  dadurch  aufweisen
würde.
Untersuchen  wir  somit  an  der  Hand  der  bis  dahin ­
  gewonnenen  Resultate:
1.  wie  kommen  wir  als  Volk,  als  Summe  von
        <pb n="182" />
        S  UM

Militili!  ;  i  i  !

Schlußfolgerungen
Individuen,  zu  immer  steigendem  Wohlstände  und
höherer  Lebensführung,  und
2.  wie  kommt  der  einzelne  in  seinem  Volke  dazu,
und  welches  sind  die  Vorbedingungen  dafür,  daß  ihm
bei  der  bestehenden  Arbeitsteilung  aus  dem  Gesamtarbeitsertrage
  der  Nation  derjenige  Anteil  werde,  der
seiner  Arbeitsleistung  entspricht?
Betrachten  wir  zunächst  den  ersten  Fall:
wir  haben  als  höchstes  Wertobjekt  den  leistungsfähigen ­
  und  bedürfnisfähigen  Menschen  erkannt.  Ich
gehe  hier  in  der  Bewertung  des  Menschen  noch  über
Friedrich  List  hinaus,  der  die  produktiven  Kräfte,  werte
Zu  erzeugen,  höher  schätzt  als  die  werte  selbst,  ich  möchte
den  Nachdruck  noch  mehr  auf  bedürfnisfähig,  bedürfnisheischend ­
  als  leistungsfähig  legen,  da,  wie  wir  gesehen
haben,  ja  die  Bedürfnisse  allein  den  Dingen  ihren  wert
verleihen.
Die  englische  Nationalökonomie  hat  das  großartige ­
  Wort  The  Standard  of  Life  geprägt,  ein  Wort,
das  lange  nicht  genug  genannt  wird.  Man  versteht
darunter  bekanntlich  eine  mittlere  Lebenshaltung,  eine
Lebenshaltung,  die  durch  Beispiel  der  wohlhabenderen
in  den  breiten  Schichten  des  Volkes  Eingang  findet,
und  unter  die  hinabzusinken  der  einzelne  als  Entbehrung ­
  empfindet.
Die  Hebung  dieser  mittleren  Lebenshaltung  in  den
breitesten  Schichten,  das  ist  der  weg  zum  Reichtum
der  Völker,'  sie  bedingt  den  stets  wachsenden  Güteraustausch, ­
  die  Bewegung,  welche  wir  allein  als  wertbildend ­
  anerkennen.  Der  Reichtum  des  einzelnen  mag
in  Sachobjekten  zum  Ausdruck  kommen,  der  Reichtum ­
  eines  Volkes  ist  ein  Zustand  und  keine
179  12«
        <pb n="183" />
        180

8.  Kapitel

Sache.  Er  ist  die  gesteigerte  Lebensäußerung  eines
großen  Organismus.
Erregung  wachsender  Bedürfnisse  nach
der  Richtung  gesunden  Wohllebens  und
geistiger  und  sittlicher  Vervollkommnung
und  die  Befriedigung  dieser  Bedürfnisse
durch  Ñrbeit  in  dem  Sinne,  wie  wir  sie  auffassen, ­
  in  diesem  Kreislauf,  in  dieser  Bewegung, ­
  liegt  der  Volkswohlstand  -  das  ist
Nationalreichtum.
wir  vermehren  ihn  also  zunächst  durch  wachsende
Bevölkerungszahl,  aber  sie  muß  aus  uns  heraus  kommen, ­
  aus  unseren  deutschen  Kinderstuben,  aus  deutschen ­
  Chen.  Einwanderer  aus  Völkern,  die  unter  unserer ­
  Lebenshaltung  stehen,  nützen  uns  gar  nichts,  sie
schaden.  Sie  sind  ein  Fremdkörper  in  unserem  Lande,
der  die  gesunde  Zirkulation  stört.  In  jedem  Volke
bildet  sich  durch  Gewohnheit  und  allmähliche  Anpassung
ein  gewisses  Tempo  der  wirtschaftlichen  Wechselwirkungen ­
  zwischen  Produktion  und  Konsum  heraus.  Treten
plötzlich  Elemente  hinein,  die  wohl  dieselbe  Produktions-, ­
  aber  nicht  die  Vurchschnittskonsumfähigkeit  haben, ­
  so  stören  sie  den  Organismus  genau  so,  wie
eine  Pflanze  gestört  werden  würde,  wollte  man  versuchen, ­
  in  ihr  Zellengewebe  fremde  Zellen  einzuführen,
die  ein  anderes  Tempo  der  Ñufsaugungs-  und  Ausscheidungsfähigkeit ­
  der  Säfte  haben.  Der  billige  polnische ­
  Arbeiter  mag  bei  uns  die  Produktion  heben,  aber
er  nimmt  den  anderen  Produzenten  nicht  einen  der  nationalen ­
  Arbeitsteilung  entsprechenden  Teil  ihrer  Güter
ab,  er  schafft  nicht  genügend  neue  Tauschgelegenheit,
und  im  Tausche  der  Güter,  nicht  in  ihrer  Hervorbringung, ­
  liegt  bekanntlich  ihr  wert.
        <pb n="184" />
        181

Schlußfolgerungen
stlfo  nicht  nur  vom  Standpunkt  der  Nassenhygiene,
sondern  auch  volkswirtschaftlich,  ist  die  Zuwanderung  von
Menschen  mit  geringerer  als  der  deutschen  Durchschnittslebenshaltung ­
  nachteilig.  Daran  ändert  die  Tatsache
gar  nichts,  daß  einzelne  im  Volke  durch  die  billigen
fremden  Arbeitskräfte  einen  großen  Nutzen  haben,  ja,
baß  ihre  wirtschaftliche  Existenz  von  ihnen  abhängt.
Do  letzteres  der  Fall  ist,  da  ist  gerade  der  Zuzug
der  fremden  Arbeit  ein  Zeichen,  daß  die  Grundlagen
dieser  Existenz  krank  sind,-  denn  ein  Volk,  wie  das
deutsche,  sollte  doch  imstande  sein,  die  zu  seiner  mittleren
Lebenshaltung  nötige  Gütermenge  ohne  fremde  Hilfe
hervorzubringen,  wenn  erst  einmal  die  Frage  des
Rechtes  auf  Arbeit  resp.  die  Arbeitslosenversicherung
greifbare  Formen  annehmen  wird,  wie  es  ohne  Zweifel
der  Fall  fein  wird,  dann  kommt  kein  Kulturvolk  um
die  Frage  der  Einwanderung  minderwertiger  Elemente
herum,  denn  man  kann  nicht  in  einem  Atemzuge  die
Arbeitsgelegenheiten  den  deutschen  Arbeitern  offen  hallen ­
  wollen  und  sie  den  fremden  Arbeitern  ausliefern.
Hier  wird  der  Zwang  der  Verhältnisse  zu  Maßregeln ­
  führen,  wie  sie  nicht  nur  den  nationalen,  sondern ­
  auch  den  wirtschaftlichen  Forderungen  entsprechen,
nämlich  zu  einer  schärferen  Nontrolle  minderwertiger
Einwanderung,  wie  sie  im  sogenannten  freisten  Lande
der  Welt,  nämlich  Amerika,  schon  lange  besteht,  und
wie  England  sie  auch  anfängt,  in  Angriff  zu  nehmen.
Also  die  Forderung,  im  Menschen  das  höchste  Wertobjekt
  zu  erblicken,  bedeutet  nicht,  daß  ein  Volk  durch
schrankenlose  Zuwanderung  reicher  werden  könne,  und
sei  sie  körperlich  noch  so  leistungsfähig,  der  Nachdruck
liegt  eben  auf  bedürfnisfähig,  und  das  schließt  minderwertige ­
  Elemente  aus.
        <pb n="185" />
        182

8.  Kapitel

Die  Erkenntnis  von  der  Bedeutung  der  kulturheischenden ­
  Persönlichkeit  als  höchstes  Wertobjekt  läßt
auch  die  Frauenfrage  durchaus  klar  und  durchsichtig ­
  erscheinen.
Der  höchste  Beruf  der  Frau  ist  das  Rind,
und  alle,  die  an  dessen  Wartung  und  pflege
teilnehmen,  sind  werteschaffende  Glieder
ihres  Volkes  und  nicht  etwa  zehrende.
Die  aber,  denen  die  Ehe  oder  eigene  Kinder  versagt ­
  geblieben  sind,  erfüllen  nur  eine  Pflicht  ihrem
Volke  gegenüber,  wenn  sie  ihre  Kräfte  im  Erwerbsleben ­
  betätigen.  So  helfen  sie  doch  mit  am  Produktionsprozeß ­
  und  werden  selber  kaufkräftig.
Sie  tun  im  Grunde  ja  auch  weiter  nichts,  als
was  die  Frauen  und  Mädchen  früherer  Generationen
getan  haben.  Diese  waren  doch  auch  nicht  untätig.  3m
Hause  wurde  gesponnen,  gewebt  und  gestrickt,-  jeder
größere  Hausstand  auf  dem  Lande  buk  sein  eigenes
Brot,  goß  eigene  Lichte,  kochte  eigene  Seife.  —  Da  kam
das  Zeitalter  der  Maschinen  und  der  erhöhten  Arbeitsteilung- ­
  aus  allen  diesen  Gebieten  wurde  die  Frau
verdrängt,  und  wenn  sie  nicht  in  sich  den  echt  germanischen ­
  Trieb  der  Betätigung  gehabt  und  sich  andere ­
  Gebiete  erobert  hätte,  so  wäre  ein  großer  Teil
unserer  Volkskraft  zum  Brachliegen  verurteilt  worden.
Dabei  ist  das  herausdrängen  der  ehe-  und  kinderlosen
Frau  aus  dem  alten  Hausgewerbe  in  die  freien  Berufe ­
  nicht  etwa  ein  volkswirtschaftlicher  Rückschritt,
sondern  umgekehrt.  Denn,  wenn  die  Frau  sich  als
Lehrerin,  Ñrztin  usw.  betätigt,  so  leistet  sie  durch
Erziehung  und  Heilung  von  Menschen  weit  mehr,  als
wenn  sie  in  Großmutterweise,  Seife  kochte  und  Talglichte
  gösse.
        <pb n="186" />
        183

Schlußfolgerungen

Eine  Forderung  aber  muß  unbedingt  erhoben  werden,
  und  sie  entspricht  durchaus  unseren  Gedankengängen, ­
  nämlich:  für  gleiche  Leistungen  gleichen  Lohn,
d.h.  die  Frau  im  Erwerbsleben  soll  mit  allen  ihr  zu
Gebote  stehenden  Mitteln  danach  streben,  wenn  sie  dasselbe ­
  leistet,  wie  der  Mann,  auch  denselben  Verdienst
Zu  erzielen,  also  ihre  Arbeit  als  Tauschobjekt  gegen
eine  Zache  nicht  billiger  einzuschätzen,  als  die  gleiche
ñrbeit  des  Mannes,  sonst  macht  sie  aus  Unkenntnis,
Bescheidenheit,  kurz,  aus  Gefühlsmomenten  heraus,
einen  schlechten  Tausch,  und  das  ist  volkswirtschaftlich
nicht  vorteilhaft.
Direkt  schädlich  wäre  der  Eintritt  der  Frau  in  das
Erwerbsleben  allerdings,  wenn  dadurch  die  mittlere
Lebenshaltung  des  Volkes  herabgedrückt  würde,  aber
das  möchten  wir,  selbst  bei  den  heutigen  Entlohnungs-Verhältnissen,
  doch  verneinen.
Gewiß  wird  mancher  junge  Mann  gelegentlich  durch
bin  junges  Mädchen  im  Kontor,  im  Laden,  an  der
Post  verdrängt,  oder  besser  gesagt,  neu  sich  auftuende
stellen  werden  ihm  streitig  gemacht,  denn  es  handelt
şich  bei  dem  Wettbewerb  der  beiden  Geschlechter  meist
nicht  etwa  um  eine  Verdrängung  aus  alter  Position,
sondern  um  die  Besetzung  einer  neuen,  die  unsere  Entwickelung ­
  mit  sich  gebracht  hat.  wenn  sich  hier  der  Mann
bedrängt  fühlt,  so  ist  zweierlei  zu  berücksichtigen,
l.  daß  er  es  gewesen  ist,  der,  wie  schon  erwähnt,
bie  Frau  aus  vielen  ihrer  alten  häuslichen  Beschäftigungen ­
  gedrängt  hat.  wer  spinnt  und  webt  und  strickt
heute?  Der  Mann,'  denn  nicht  die  Mädchen  sind  es,
bie  die  Spindeln  bedienen,  sondern  die  Mannesarbeit,
àie  uns  die  modernen  Maschinen  herstellt,  wer  schafft
Ersatz  für  die  Talglichte,  die  die  Bäuerin  früher
        <pb n="187" />
        184

8.  Kapitel

höchsteigenhändig  goß?  Der  Mann,  der  Elektrotechniker,
der  Petroleumraffineur.  Mer  buttert  heute?  Etwa
das  Bauernmädchen?  Nein,  der  Meierist  in  der  Genossenschaftsmeierei. ­
  Man  kann  also  durchaus  nicht
von  einer  einseitigen  Verdrängung  reden,  denn  man
bedenke,  daß  in  allen  diesen  Fällen  ein  Mann  Hunderte ­
  von  Frauen  aus  dem  Erwerbsleben  verdrängte,
während  es  sich  beim  Eintreten  der  Frau  in  dasselbe
nur  um  den  Ersatz  einer  Person  durch  eine  andere
handelt.  Es  ist  durchaus  verkehrt,  solche  Fragen  nach
Augenblickserscheinungen  und  aus  kleinlichen  engherzigen
Motiven  heraus  zu  beurteilen.  Schließlich  wird  sich  auch
hier  wiederholen,  was  wir  überall  beobachten  können,
wo  immer  wir  Entwickelung  vor  uns  haben,  daß  die
passendste  Arbeit  zu  den  passendsten  fänden  kommt,
ganz  einerlei,  ob  diese  ļ)ände  sich  an  einem  männlichen
oder  weiblichen  Körper  befinden.
2.  ist  nicht  außer  acht  zu  lassen,  daß  durch  den
Eintritt  von  Hunderttausenden  von  Frauen,  auch  der
sogenannten  besseren  Stände,  ins  Erwerbsleben  die  Kaufkraft ­
  des  Volkes  erhöht,  und  anderweitig  neue  Arbeitsgelegenheit ­
  geschaffen  wird  auf  Gebieten,  auf  denen
sich,  ihrer  Veranlagung  nach,  nur  wieder  Männer  betätigen ­
  können.
Die  Betätigung  der  Frauen  im  Arbeitsprozeß  des
Volkes  ist  also  volkswirtschaftlich  durchaus  gesund  und
richtig,-  verkehrt  aber  ist  es,  wenn  man  die  so  tätige
Frau  ihren  Schwestern  in  der  Ehe  und  der  Kinderpflege ­
  gegenüber  als  die  allein  produktive,  die  volkswirtschaftlich ­
  nützlichere  ansehen  wollte.  Am  höchsten,
nicht  nur  ethisch,  sondern  auch  in  ihren  Wirkungen
auf  die  Volkswirtschaft,  steht  immer  die  Mutter,  und
        <pb n="188" />
        185

—!  I  I  l_i  ¡  I  :  t  i

lili  I  I  I  !  I_

Schlußfolgerungen
sie  steht  je  höher,  je  mehr  sie  es  versteht,  ihr  Kind
über  sich  hinauszupflanzen.
Ñus  demselben  Gedankengange  heraus  sind  die  Vildungs-
  und  Crziehungsfragen  zu  beurteilen.  Da  die
Leistungsfähigkeit  eines  Volkes  auf  wirtschaftlichem  Gebiete ­
  sich  in  ungeahntem  Verhältnis  zu  seiner  Bildung
und  seiner  Intelligenz  steigert,  -so  geht  aus  unserem
Leitsatz  ferner  hervor,  daß  alle  Aufwendungen,  die
für  Erhöhung  dieser  Faktoren,  also  für  Volksbildung,
Erziehung,  Hygiene,  Kunst  und  Wissenschaft  gemacht
werden,  in  ganz  direkter  weise  werte  schaffend,  also
produktiv  sind,  allerdings  nicht  in  dem  Zinne,  wie
ein  Halbfabrikat  durch  Ñrbeit  in  kurzer  Zeit  zu  einem
Hertigfabrikat  wird,  oder  wie  ein  Kornfeld  die
Düngung  im  Rlärz  schon  mit  einem  Ertrag  im  August
iohnt,  wohl  aber  im  Zinne  einer  produktiven  Kapitalanlage ­
  für  die  Zukunft.
Gemeinhin  pflegt  man  die  genannten  Aufwendungen ­
  unter  die  Rubrik  „für  kulturelle  Zwecke"  zu
bringen  und  deutet  damit  an,  daß  man  innerlich  einen
Unterschied  zwischen  diesen  und  anderen  staatlichen  Kapitalanlagen ­
  macht,  viele  Volksvertreter  bewilligen
diese  Zummen  für  kulturelle  Zwecke  überhaupt  nur
aus  einem  gewissen  Idealismus  heraus;  andere  halten
sie  sogar  für  ein  vom  Bildungsfanatiker  erfundenes
notwendiges  übel.
Es  gibt  Volksvertreter,  die  dem  Staate  freudig
Dlillionen  bewilligen  zur  Aufforstung  von  Gdländereien,
weil  sie  eine  solche  Kapitalanlage  für  produktiv  halten, ­
  die  aber  sehr  saure  Gesichter  machen,  wenn  man
solche  Summen  für  Zchulzwecke  fordert,  weil  sie  meinen, ­
  hierbei  handle  es  sich  nicht  um  reale,  sondern
nur  um  ideelle  werte.
        <pb n="189" />
        186

8.'  Kapitel

varan,  daß  der  Wald  erst  in  einem  Menschenalter ­
  anfängt,  sein  Kapital  zu  verzinsen,  nimmt  man
keinen  Anstoß,  weil  man  etwas  wachsen  sieht,  das  gewohnheitsmäßig ­
  als  wertvoll  gilt,  wenn  der  tatsächliche ­
  Ertrag  auch  erst  in  ferner  Zeit  zu  erwarten  steht.
Viesen  Wechsel  auf  die  Zukunft  hält  man  aber  bei  den
Aufwendungen  für  Bildungszwecke  nicht  für  recht  sicher,
wie  heißt  es  doch  im  „Faust"  von  dem  gelehrten  Herrn?
was  er  nicht  tastet,  steht  ihm  meilenfern,
was  er  nicht  faßt,  das  fehlt  ihm  ganz  und  gar,
was  er  nicht  rechnet,  glaubt  er,  sei  nicht  wahr.
Und  doch  ist  das  Geld,  das  der  Staat  zum  hervorbringen, ­
  hüten  und  pflegen  von  Intelligenzen
ausgibt,  nach  einem  Menschenalter  weit  produktiver,
als  das,  was  zur  Hervorbringung  von  Kiefern  und
Föhren  verausgabt  worden  ist,  um  so  viel  mehr,
als  der  Geist  höher  steht  als  die  Materie.  Man  gewöhne ­
  sich  einmal  daran,  nicht  nur  die  grobsinnlich
wahrnehmbaren  materiellen  Dinge  als  einzig  reale
werte,  als  ein  volkswirtschaftlich  abschätzbares  Etwas
anzusehen.  Auch  Geist  und  Geschmack  sind  durchaus
reale  werte,  die  sogar  täglich  in  Mark  und  Pfennigen
umgesetzt  werden  können.
Sie  bilden  Objekte,  die  im  Austausch  mit  materiellen
Gütern,  wie  wir  gesehen  haben,  genau  so  gut  das  volksvermögen
  vermehren,  wie  der  Tausch  von  Sache  gegen
Sache.
Betrachten  wir  von  diesem  Gesichtspunkte,  der
höheren  Bedeutung  des  Konsums  im  vergleich  zur
Produktion,  noch  zwei  weitere  Fragen,  dasBestreben
auf  Verkürzung  der  Arbeitszeit  und  die
soziale  Gesetzgebung.
        <pb n="190" />
        :  ;  '  ri  1

187

Schlußfolgerungen
Wir  wollen  die  Frage,  ob  ein  Arbeiter  in  der
achtstündigen  Arbeitszeit  ebensoviel  leistet  wie  in  einer
Zehnstündigen,  hier  unerörtert  lassen,  wir  wollen  nur
darauf  Hinweisen,  daß  die  Zeit,  die  der  Arbeiter  der
Lohnarbeit  sich  entzieht,  in  irgendeiner  Weise  ausgefüllt
werden  muß,  denn  daß  der  Deutsche  die  Zeit  nur  zum
^uhen  und  Dahindämmern  wie  der  Südländer  verwenden ­
  wird,  scheint  uns  ausgeschlossen.  Auch  der  Fall,
daß  die  Arbeiter  die  so  ersparte  Zeit  nur  zum  Rneipengehen,
  Schnapstrinken  und  lüderlichen  Bummeln  verwenden ­
  sollten,  scheidet  national-ökonomisch  aus.  Denn
GS  muß  immer  wieder  betont  werden-  die  Nationalökonomie ­
  hat  sich  nicht  damit  zu  befassen,  wie  die
Menschen  gebessert  oder  erzogen  werden  können-  dafür
wögen  die  Lthiker  und  Hygieniker  sorgen-  sie  hat  sich
nur  darum  zu  kümmern,  wie  sich  der  Gütererzeugungsund ­
  -verteilungsprozeß  in  gerechtester  Meise  in  einem
^olke  vollzieht,  in  dem  wenigstens  die  Mehrheit ­
  einem  edlen  Lebensgenüsse  zustrebt.
Einem  Volke  von  Trunkenbolden  und  Lotterbuben  kann
selbst  die  beste  Nationalökonomie  nicht  zu  Glück  und
Wohlstand  verhelfen.
Nun  mag  es  ja  auch  in  unserem  vaterlande  Elemente ­
  geben,  die  ihre  Erholung  mehr  in  gesundheitsschädlichem ­
  und  kulturwidrigem  Lebensgenuß  suchen,
aber  die  Regel  ist  es  nicht.  Die  Mußestunden  der  verkürzten ­
  Arbeitszeit  wird  die  Mehrzahl  entweder  durch
Eigenbeschäftigung  in  Haus  und  Garten  oder  durch
Lesen  und  Aufnahme  neuer  Eindrücke  oder  durch  erzieherische ­
  Einwirkung  auf  die  Rinder  ausfüllen.  Und
alle  diese  Fälle  wirken  in  höherem  Maße  Wohlstand
vermehrend,  als  die  in  hohen  Arbeitsstunden  geleistete
übermüdete  mechanische  Arbeit,  in  Hervorbringung  von
        <pb n="191" />
        8.  Kapitel

Dingen,  für  die  der  Konsum  häufig  noch  nicht  einmal
sicher  ist.
verkürzte  Arbeitszeit  braucht  nicht  verminderte
Produktion  zu  bedeuten,  sie  bedeutet  aber  jedenfalls ­
  in  irgendeiner  Form  erhöhten  Innenkonsum, ­
  und  das  ist  volkswirtschaftlich  entschieden
von  Vorteil.
Lin  Einwand,  daß  es  nach  diesem  Prinzip  besser
wäre,  es  würde  gar  nicht  gearbeitet,  sondern  nur  konsumiert ­
  und  gefeiert,  wäre  töricht,  da  es  einen  solchen
Zustand  gar  nicht  geben  kann  -  aber  unumstößlich  richtig
ist  das  eine:  wenn  jeder,  der,  ohne  seine  Lebenshaltung
herabstimmen  zu  müssen,  feiern  will  und  kann,  auch
feiert,  der  konsumieren  will  und  kann,  auch  konsumiert,
dann  wird  sich  die  Produktion  ganz  von  selber  finden,
immer  vorausgesetzt  natürlich,  sie  sei  nicht  künstlich
gehemmt.
ñuch  in  unserer  sozialen  Gesetzgebung  liegt
ein  wertbildender  Faktor.  Leider  herrscht  noch  häufig  die
Meinung  vor,  die  Opfer,  die  unsere  Arbeitgeber  für
die  großen  sozialen  Versicherungen  brächten,  seien  eine
Belastung  unseres  ganzen  Wirtschaftskörpers  im  vergleich ­
  zum  Auslande,  das  diese  Abgaben  nicht  kenne.  Das
Umgekehrte  ist  der  Fall.  Gewiß,  ist  für  den  einzelnen ­
  die  Last  oft  drückend,  aber,  wie  schon  oft  hervorgehoben, ­
  laufen  die  Interessen  des  Individuums  häufig
denen  des  Allgemeinwohls  scheinbar  schnurstracks  zuwider. ­
  Letzteres  hat  einen  unverkennbaren  Vorteil,  denn
indem  Millionen  von  Menschen  in  einer  Kaufkraft
erhalten  werden,  die  sie  ohne  die  soziale  Gesetzgebung
jedenfalls  nicht  haben  würden,  bescheiden  wie  sie  sein
mag,  leisten  sie  durch  Hebung  des  Gesamtkonsums  unserer ­
  Industrie  und  Landwirtschaft  einen  Dienst,  der
        <pb n="192" />
        Sä

»

m

5k

189

•i

Schlußfolgerungen

volkswirtschaftlich  die  dafür  gebrachten  Dpfer  bei  weitem ­
  aufwiegt.
Die  Hebung  der  Konsumfähigkeit,  des  Standard  of
Life  ist  eben  erste  Bedingung  wirtschaftlichen  Ñufschwunges.


Sowie  nun  ein  Volk  durch  die  Gunst  der  natürlichen ­
  Verhältnisse  oder  die  Geschicklichkeit  seiner  Menschen ­
  gewisse  Überschußwerte  erzeugt  und  die  mittlere
Lebenshaltung  zu  ihrer  Befriedigung  Produkte  erfordert,
die  nur  unter  anderen  klimatischen  Verhältnissen  zu
erzeugen  sind,  findet  der  internationale  Güteraustausch ­
  statt,  und  damit  tritt  ein  zweites  gewaltiges
Moment  zur  Hebung  der  Wohlfahrt  und  des  Reichtums
der  Völker  in  die  Erscheinung.
Zunächst  auf  dem  Gebiete  des  reinen  Tausches
von  Sachgütern,  wir  haben  schon  gesehen,  daß  auch
der  internationale  Tausch  stets  für  beide  der  austauschenden ­
  Nationen  vor  Vorteil  sein  muß.  Je  reger
also  zwischen  zwei  Völkern  der  Warenaustausch,  je
wohlhabender  werden  beide,  immer  vorausgesetzt,  der
tausch  sei  frei.
Nun  schiebt  sich  aber  bekanntlich  in  diese  Freiheit ­
  die  menschliche  Willkür  in  $orm  des  Schutzzollsystems, ­
  und  da  kaum  irgend  etwas  zu  größeren  wissenschaftlichen ­
  und  politischen  Meinungsverschiedenheiten
geführt  hat,  als  der  Kampf  um  die  Zölle,  so  wollen
wir  untersuchen,  wie  diese  hochwichtige  Frage  sich  an  der
Hand  unserer  Gedankengänge  ausnimmt,  wir  werden
dann  zur  Einsicht  kommen,  daß  es  sich  hierbei  nicht
um  eine  Prinzipien-,  sondern  um  eine  Gpportunitätsfrage
  handelt,  die  so  weit  geht,  daß  jemand  mit  vollem
        <pb n="193" />
        190

8.  Kapitel

Rechte  erklären  kann,  wie  seinerzeit  der  englische
Premierminister  Balfour:  „Ich  erstrebe  den  Schutzzoll, ­
  weil  ich  Freihändler  bin."
Den  Schlüssel  hierzu  bietet  der  Kampfeszustand
der  Nationen.
Im  kampfleeren  Raum,  also  innerhalb  der  nationalen ­
  Nlachtsphäre,  ist  die  Notwendigkeit  des  freien
Güteraustausches  so  allgemein  anerkannt,  daß  man  kein
Wort  darüber  zu  verlieren  braucht.  Nein  Volk  denkt  daran, ­
  innerhalb  seines  Machtbereiches  Zollschranken  zu  errichten, ­
  selbst  die  vereinigten  Staaten  nicht,  trotzdem  die
einzelnen  Glieder  dieses  Staatenbundes  die  verschiedenartigsten ­
  wirtschaftlichen  Verhältnisse  aufweisen  und
an  sich  ungeheure  Produktionsgebiete  bilden,  wären
Schutzzölle  an  sich  etwas  Wünschenswertes,  dann  wären
sie  Z.B.  zwischen  Pensplvanien  und  Kalifornien  viel  berechtigter ­
  als  zwischen  Deutschland  und  Ästerreich.  Cs  ist
eine  eigentümliche  Ironie  der  wirtschaftspolitischen  Geschichte, ­
  daß  das  schutzzöllnerischste  Land  der  Welt,  die
vereinigten  Staaten,  zwischen  den  einzelnen  Gliedern
absoluten  Freihandel  hat,  während  im  britischen  Weltreich, ­
  an  dessen  Spitze  das  Freihandelsland  par  excellence, ­
  England,  steht,  zwischen  den  einzelnen  Kolonien
Schutzzollschranken,  selbst  gegen  das  Mutterland  aufgerichtet ­
  worden  sind.  Kanada,  Ñustralien,  Kapland  sind
vollständig  autonome  Schutzzollgebiete.  Die  Erklärung
hierfür  ist  ungeheuer  einfach.  Bei  der  menschlichen
Selbstsucht,  die,  wenn  sie  nur  irgend  kann,  die  Freiheit
des  Tausches  zu  ihren  Gunsten  zu  beeinflussen  sucht,
kann  diese  nur  durch  Übereinkommen,  in  letzter  Linie
also  durch  Macht,  aufrecht  erhalten  werden.  Dieses
geschieht  im  nationalen  Staat  und  kann  geschehen!  In
den  Vereinigten  Staaten  ist  auch  die  Macht  vorhanden,'  in
        <pb n="194" />
        191

Schlußfolgerungen
England  nicht.  Die  Kolonien  stehen  in  einem  so
lockeren  Verhältnis  zum  Mutterlande,  daß  Sir  wilfr.
Courier  z.  B.  im  kanadischen  Parlament  erklären  konnte,
daß  Kanada  bei  einem  etwaigen  Kriege  Englands  gegen
eine  Großmacht  sich  neutral  erklären  würde,  was  im
Gründe  ja  eine  umschriebene  Unabhängigkeitserklärung ­
  ist.
England  macht  die  allergrößten  Anstrengungen,  um
wit  den  Kolonien  zu  einem  Zollverein  zu  kommen,  aber
bisher  ist  er  noch  immer  an  der  Selbstsucht  der  einzelnen ­
  gescheitert,  und  das  Mutterland  hat  nicht  die
Wacht,  diese  Selbstsucht  zu  brechen.
Mas  hier  von  einem  Reiche  gilt,  an  dessen  Spitze
die  gewaltigste  Seemacht  der  Welt  steht,  das  gilt
natürlich  noch  in  sehr  viel  höherem  Maße  dort,
wo  sich  die  einzelnen  Mächte  völlig  gleich  gegenüber ­
  stehen,  hier  wird  jede  Macht  bemüht  sein,
den  freien  Ñustausch  der  Güter  zu  ihren  Gunsten
Zu  beeinflussen.  Db  ihr  das  wirklich  gelingt,  ob  sie
dadurch,  daß  sie  die  Harmonie  der  Dinge  stört  und  ihrem
bißchen  verstand  mehr  zutraut,  als  den  natürlichen
Wechselwirkungen,  wirklich  einen  Vorteil  hat  oder  nicht,
ist  hierbei  gleichgültig.  Der  Glaube  genügt,  um  eine
Wirkung  hervorzurufen,  die  eine  Gegenwirkung  fordert.
Denn,  wenn  wir  uns  über  den  Nutzen  auch  nicht  klar
sein  mögen,  den  der  Schutzzoll  einem  Lande  zu  bringen
vermag,  eine  Wirkung  hat  er  unter  allen  Umständen,
er  schädigt  den  Nachbar.
Wenn  wir  z.B.  gegen  Rußland  einen  noch  höheren
ņoggenzoll  erheben  würden,  als  heute,  so  könnten
wir  die  Einfuhr  nach  Deutschland  gänzlich  hemmen,
und  da  kein  anderes  Land  der  Welt  den  Roggen  haben
will,  so  wird  er  einfach  wertlos.  Das  russische  Na-
        <pb n="195" />
        192

8.  Kapitel
tionalvermögen  kann  also  durch  den  deutschen  Zoll  um
Hunderte  von  Millionen  geschädigt  werden,  eine  unleugbare ­
  Tatsache,  aus  der  manche  den  voreiligen  Schluß
gezogen  haben,  daß  eben  das  Ñusland  den  Zoll  bezahle. ­
  Das  wäre  auch  richtig,  wenn  Deutschland  die
Millionen,  die  Rußland  verliert,  bekäme.  Das  ist
aber  nicht  der  Fall,  wir  haben  wohl  durch  den  Zoll
die  Kraft,  Rußland  zu  schädigen,  es  um  viele  Millionen ­
  ärmer  zu  machen,  aber  nicht  die  Kraft,  diese
werte  in  unser  Wirtschaftsgebiet  überzuführen.  Sie
werden  nutzlos  vernichtet,  wenn  man  von  „bezahlen"
redet,  so  muß  es  einen  Zahler  und  einen  Empfänger
geben-  hier  fehlt  aber  der  zweite,  denn  wir  empfangen ­
  nichts.
Dadurch,  daß  wir  das  russische  Getreide  ausschließen, ­
  wird  das  Korn  bei  uns  um  nichts  billiger,
im  Gegenteil!  Der  Ausfall  muß  anderweitig  gedeckt
werden  und  wird  im  Weltmarktpreis  in  einer  Erhöhung
zum  Ausdruck  kommen.
Also  im  Schutzzoll  liegt  eine  Waffe,  und  so  überflüssig ­
  diese  im  kampfleeren  Raum  ist,  so  unvermeidlich
ist  sie  dort,  wo  nur  die  Macht  den  Ausschlag  gibt,
also  in  den  internationalen  Reziehungen.
Der  Schutzzoll  stellt  den  internationalen  Warenaustausch, ­
  anstatt  unter  die  natürlichen  wirtschaftlichen
Gesetze,  unter  die  der  Selbstsucht,  und  da  hat  jede
Nation,  so  sehr  sie  auch  aus  Prinzip  die  natürliche
Entwickelung  vorziehen  mag,  die  Verpflichtung,  der
fremden  Selbstsucht  die  eigene  entgegenzusetzen.
Allerdings  ist  hier  wohl  zu  überlegen,  ob  die  Selbstsucht ­
  nicht  etwa  auf  Selbsttäuschung  beruht,  ob  die
Waffe,  die  man  führt,  nicht  ebensowohl  ins  eigene
Fleisch,  als  in  das  fremde,  schneidet.  Aber  es  kann
        <pb n="196" />
        Schlußfolgerungen

Halle  geben,  wo  selbst  die  Erkenntnis  einer  Schädigung
der  eigenen  Wirtschaft  ein  Volk  nicht  von  der  Einführung ­
  eines  Zolles  abhalten  darf,  nämlich  dann,  wenn
dadurch  eine  noch  größere  Schädigung  durch  einen  böswilligen ­
  Nachbarn  vermieden  werden  kann,  silfo  in
den  internationalen  Beziehungen  ist  der  Schutzzoll  eine
Dpportunitäts-  und  keine  Prinzipienfrage.
Ñber  freilich  ist  die  Erkenntnis  der  Opportunität ­
  wieder  abhängig  von  der  richtigen  Ñuffassung  wirtschaftlicher ­
  Zusammenhänge,  wer  z.  B.  die  Importuni) ­
  Exportzahlen  verkehrt  liest,  wird  zu  einem  andern
Schluß  ln  bezug  auf  die  Opportunität  eines  Zollkrieges
kommen  als  der,  der  sie  richtig  versteht,  und  wer
den  internationalen  Warenaustausch  in  unserem  Sinne
für  beiderseitig  nutzbringend  hält,  wird  anders  handeln
als  der,  der  darin  einen  einseitigen  Vorteil  derer  erblickt, ­
  die  mit  uns  tauschen  wollen.
Gar  zu  leicht  siegt  hier  der  kleinbürgerliche  Begriff, ­
  daß  es  eine  Ersparnis  sei,  wenn  wir  vom  Ñuslande
  möglichst  wenig  zu  uns  hereinführen.  Wan  argumentiert: ­
  wenn  wir  von  Brasilien  für  100  Millionen
klkark  Kaffee  einführen  und  könnten  durch  Verzicht  auf
den  Kaffee  diese  Ziffer  auf  0  Herabdrücken,  während
unser  Export  nach  Brasilien  unverändert  bliebe,  so
müßte  doch  Deutschland  jedes  Jahr  100  Millionen
klkark  sparen.
hierzu  sei  zunächst  bemerkt,  daß  es  nicht  die  Ñufgabe
  eines  Volkes  ist,  zu  sparen,  sondern  zu  leben,
und  wenn  der  Genuß  von  Kaffee  oder  eines  ähnlichen,
Nerven  anregenden  Getränkes  zur  mittleren  Lebenshaltung ­
  gehört,  dann  wird  man  aller  Wahrscheinlichkeit ­
  nach  in  anderen  Getränken,  wie  Kakao,  Tee,  usw.
Ersatz  finden,  wenn  man  auf  den  Kaffee  verzichtet.
Po  hl  man,  Laienbrevier.  193  13
        <pb n="197" />
        194

8.  Kapitel

In  diesem  Falle  wäre  also  von  einer  Ersparnis  gar
keine  Rede,  und  die  gesundheitliche  Seite  der  Frage,
ob  es  besser  sei,  Kakao  anstatt  Kaffee  zu  trinken,  interessiert ­
  uns  nicht  volkswirtschaftlich  oder  höchstens
sehr  indirekt.  Zollte  man  aber  wirklich  auf  alle  derartigen ­
  Getränke  in  hohe  von  100  Millionen  verzichten, ­
  so  würde  das  die  Herunterstimmung  der  mittleren ­
  Lebenshaltung  bedeuten,  zu  der  keinerlei  Veranlassung ­
  vorliegt,  so  lange  eben  die  100  Millionen
aus  dem  jährlichen  Ñrbeitsertrage  eingetauscht  werden.
Können  wir  das  nicht  mehr,  reicht  unser  Export  nicht
aus,  um  diese  Genußmittel  zu  uns  herüberzuziehen,
dann  kommt  die  Einschränkung  ganz  von  selbst.
Run  ist  aber  ein  Zustand,  daß  wir  einem  Lande
unsere  Produkte  senden,  dagegen  die  Haupttauschware,
die  es  hat,  unsererseits  ablehnen,  auf  die  Dauer  überhaupt ­
  undenkbar.  Das  verschwinden  eines  Rbsahmarktes,
  wie  des  deutschen,  würde  die  Kaufkraft  Brasiliens
so  schwächen,  daß  der  Export  aus  unseren  Häfen  dahin
schon  aus  diesem  Grunde  bald  auf  einen  ganz  minimalen
Rest  herabsinken  würde,  und  selbst  dieser  würde  noch
durch  den  Frachtvorteil  verschwinden,  den  andere  Exportländer ­
  über  uns  haben  würden.
Unseren  Schiffen  nach  Brasilien  würde  die  Rückfracht ­
  fehlen,  die  unsere  Reeder  auf  die  ñusfracht
schlagen  müßten,  und  dieser  Unterschied  würde  genügen,
um  einen  großen  Teil  des  Handels  von  unseren  Häfen
abzulenken.
Nichts  ist  verkehrter  im  Wirtschaftsleben,  als  Engherzigkeit ­
  und  kleinbürgerliche  Ruffassung.  Leben  und
lebenlassen  ist  erste  Bedingung,  und  man  bedenke,
daß  Leute,  die  nichts  haben,  die  nichts  verdienen,  uns
auch  nichts  abkaufen  können.  Es  hat  eine  Zeit  ge-
        <pb n="198" />
        ;

III  ;

195

13*

Schlußfolgerungen
geben,  too  man  das  Glück  eines  Volkes  am  besten  gesichert ­
  hielt,  wenn  alle  anderen  arm,  schwach  und
elend  waren.  Das  Umgekehrte  ist  der  $alí  !  Je  besser
die  Verhältnisse  unserer  Nachbarn,  je  reicher  sie  sind,
desto  besser  wird  es  auch  uns  ergehen.

Über  die  Bedeutung  des  internationalen  Tausches
von  Sachgütern  gegen  Rechte  möge  genügen,  was
wir  in  Kapitel  5  C  gesagt  haben.  Die  einzige  Schlußfolgerung ­
  daraus  ist  die,  daß  die  von  gesunder  Selbstsucht ­
  geleitete  Wirtschaftspolitik  eines  jeden  Volkes  dahin ­
  streben  muß,  möglichst  viele  solcher  Rechte  einzutauschen, ­
  aber  keine  zu  vergeben.  —

Run  zu  den  Schlußfolgerungen,  die  sich  aus  unseren ­
  Leitsätzen  für  die  Güterverteilung  innerhalb
eines  Wirtschaftsgebietes  ergeben.
ļ)ier  lautet  die  Fragestellung:
1.  wie  kommt  der  einzelne  in  seinem  Volke  zu
immer  steigendem  Wohlstände  und  höherer  Lebensführung, ­
  und
2.  welches  find  die  Vorbedingungen  dafür,  daß
ihm  bei  der  bestehenden  Arbeitsteilung  aus  dem
Gesamtarbeitsertrage  der  Ration  derjenige  ñnteil
  werde,  der  seiner  Arbeitsleistung  entspricht?
Für  den  ersteren  Fall  müssen  wir  die  Arbeit  als
einzige  legitime  Quelle  ansehen,  wenn  sie  es  auch,
wie  wir  gesehen  haben,  nicht  immer  ist,  Arbeit  in  jeder
ñrt  und  Form-  und  die  Vorbedingung  zum  zweiten
ist  das  Recht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag.  Tng  verknüpft ­
  hiermit  ist  das  Recht  auf  Arbeit  -  ihm  scheinbar ­
  entgegen  aber  steht  das  Recht  auf  Existenz,  das
        <pb n="199" />
        196

8.  Kapitel

wir  doch  schließlich  auch  jedem  Menschen  zuerkennen
müssen,  selbst  wenn  er  nicht  imstande  ist,  zu  arbeiten.
Letzteres  ist  jedenfalls  das  weitgehendste  Recht,  und
wenn  wir  es  anerkennen,  so  bedeutet  das  gleichzeitig  die
ñnerkennung  des  Rechtes  auf  Ñrbeit,  denn,  wenn
eine  Gesellschaft  ihren  Mitgliedern  die  Existenz  garantieren ­
  soll,  so  wird  sie  es  natürlich  vorziehen,  es
auf  dem  Wege  über  die  Ñrbeit  zu  tun,  als  umgekehrt.
Ich  habe  nun  schon  im  Kapitel  über  Ñrbeit  angedeutet,
daß  die  beiden  sich  scheinbar  ausschließenden  Rechte
auf  den  vollen  Ñrbeitsertrag  sowie  das  auf  Existenz
durchaus  miteinander  vereinbar  sind,  und  daß  die  Lösung ­
  in  der  Grundrente  liegt,  wie  nachgewiesen  werden ­
  wird.
wir  werden  also  beide  erörtern  und  zwar  zunächst ­
  das  Recht  auf  den  vollen  Ñrbeitsertrag.
Schon  in  dem  Worte  liegt  in  aller  Deutlichkeit
ausgesprochen,  daß  die  aus  andern  Quellen  als  aus
der  Ñrbeit  entspringenden  Erträge  ausgeschlossen  sind,
Ñrbeit  in  dem  Sinne,  wie  in  Kapitel  2  niedergelegt.
Das  sind  die  Erträge  die  einzelne  aus  Rechten
beziehen,  Erträge,  für  die  keine  in  der  Person  des
Beziehers  ruhende  Gegenleistung  geschieht.  Rur  wenn
wir  hier  scharf  unterscheiden,  können  wir  zur  Klarheit ­
  über  das  ganze  Problem  kommen.  Das  Durcheinanderwirbeln ­
  von  Erträgen  aus  Ñrbeit  und  aus  Rechten
ist  es,  das  auf  dem  Grunde  aller  jener  Theorien  vom
Mehrwert,  von  der  ausbeutenden  Macht  des  Maschinenkapitals ­
  usw.  ruht.  hier  liegt  unseres  Erachtens  nach
der  Kernpunkt  der  ganzen  sozialen  Frage.
Wenn  wir  die  aus  Rechten  entspringenden  Erträge,
wie  es  sich  gehört,  aus  dem  Güterverteilungsprozeß
ausschalten,  dann  regelt  sich  das  Recht  auf  den  vollen
        <pb n="200" />
        Schlußfolgerungen
Arbeitsertrag  bei  völliger  wirtschaftlicher  Freiheit  ganz
von  selbst.  Und  die  Grenzlinie  zwischen  diesen  beiden
Erträgen  ist  nicht  etwa  eine  willkürlich  gezogene,  künstliche, ­
  sondern  haarscharf  definierbar.
Alle  durch  Arbeit  erzielten  Erträge  bereichern  neben
dem,  der  sie  erzielt,  auch  das  Volksvermögen,  die  durch
Rechte  erzielten  nicht.  Sie  bereichern  zwar  die  einzelnen, ­
  aber  auf  Kosten  der  andern,  die  für  ihr  Sachopfer
  keinerlei  Gegenleistung  empfangen  oder  nur  solche,
die  unter  allen  Umständen,  auch  ohne  Dazwischentreten
des  die  Rechte  ausübenden,  vorhanden  wäre.
Wenn  heute  der  Staat  einem  Privatmanne  das
Recht  übertragen  wollte,  auf  einer  gewissen  Wegstrecke
eine  Abgabe  von  den  Passanten  zu  erheben,  so  würde
dieser  Mann  sehr  schnell  einen  großen  Zuwachs  seines
Vermögens  erfahren,  aber  selbst  die  kühnste  Phantasie
wird  darin  nicht  eine  Zunahme  des  Volksvermögens
erblicken  können,  sonst  hätten  wir  ja  in  der  Sperrung
sämtlicher  Straßen  durch  Schlagbäume  das  herrlichste
Rkittel,  es  zu  erhöhen.
Nun  wird  man  einwenden,  solcher  Unsinn  käme  bei
uns  gar  nicht  vor.  Gemach,  mein  lieber  Leser,  er  kommt
tagtäglich  vor,  wenn  auch  bei  uns  in  Deutschland
Zum  Glück  im  geringsten  Maße.  Jede  Ronzessionierung
einer  Eisenbahn,  einer  Straßenbahn  und  dgl.  an  das
Privatkapital  ist  eine  solche  Weggerechtsame.  Die  Schienen ­
  und  Lokomotiven  sind  nur  Nebensache.  Die  Hauptsache ­
  ist,  daß  mit  dem  Besitz  des  Weges  die  Macht  verknüpft
ist,  daß,  auch  über  die  für  Benutzung  der  Schienen,
R)agen  und  Lokomotiven  hinausgehende  Entlohuung,
  eine  Abgabe  von  allen  erhoben  werden  kann,  die
diesen  Weg  benutzen  wollen  ober  müssen.  Der  Hinweis, ­
  daß  niemand  gezwungen  sei,  sich  der  Lahn  zu
        <pb n="201" />
        198

8.  Kapitel

bedienen,  da  es  auch  andere  Wege  gebe,  ist  durchaus
nicht  stichhaltig.  Mt  demselben  Rechte  hätte  der  Raubritter ­
  am  Rhein,  der  von  den  Schiffern  einen  Zoll
erpreßte,  argumentieren  können,  das  feien  vollständig
freiwillige  Leistungen,  denn  den  Leuten  ständen  ja  die
Wege  durchs  Gebirge  ohne  weiteres  offen.
Die  Wegefreiheit  bedeutet  nicht,  daß  man  überhaupt ­
  auf  wegen  oder  gar  querfeldein  laufen  darf,
sondern  daß  einem  die,  dem  jeweiligen  Rulturzustand
entsprechenden,  besten  Wege  ohne  weiteres  offen  stehen,
d.  h.  ohne  Entgelt  für  das  Recht,  den  Weg  zu  benutzen,
wenn  schon  die  Leistung  für  die  Beförderung  auf  diesem
Wege  nicht  bestritten  werden  kann.
Zu  welchen  ungeheuerlichen  Konsequenzen  die  hergäbe ­
  solcher  wegerechte  an  private  führt,  sehen  wir
in  den  vereinigten  Staaten.  Die  heute  kaum  abzuschätzenden ­
  Rockefellerschen  Milliarden  stammen  lediglich ­
  aus  dieser  Quelle,  also  aus  Rechten,  und  wenn
eine  Volkswirtschaftslehre  sich  abquälen  will,  zu  ergründen, ­
  wie  die  so  gewonnenen  Erträge  unter  dem
Gesichtspunkte  des  Rechtes  auf  den  vollen  Ñrbeitsertrag
  unterzubringen  sind,  dann  kann  man  sich  nicht  wundern, ­
  wenn  sie  zu  keinem  Resultate  kommt.
Genau  so,  wie  bei  dem  Wegerecht,  liegt  es  nun  bei
dem  Rechte  der  Bodennutzung  überhaupt.  Wir  haben
gesehen,  daß  eigentlich  nur  der  Staat,  die  Summe  von
Individuen,  die  durch  ihr  Zusammenwirken  den  ruhigen
Besitz  des  Landes  sichern,  in  dem  sie  wohnen,  ein  Recht
hat,  die  Benutzung  zu  verleihen.
Im  ñugenblick,  wo  der  Staat  dieses  Recht  auf
private  übertragbar  machte,  hätte  er  sich  den
Teil  des  Sachopfers  aus  dieser  Übertragung,  diesem
Tausche  einer  Sache  gegen  ein  Recht,  ausbedingen  müs-
        <pb n="202" />
        199

Schlußfolgerungen

sen,  der  zur  Erfüllung  seiner  staatlichen  Ausgaben  notwendig ­
  war.
Das  hat  er  nicht  getan.  Im  Gegenteil,  er  hat
durch  staatliche  Aufwendungen  auf  den  verschiedenen
Gebieten  den  bedingungslos  weggegebenen  Rechten  einen
stetig  wachsenden  Wert  verliehen,  ohne  sich  hieran  einen
entsprechenden  Anteil  zu  sichern.  So  ist  es  gekommen,
daß  ein  Teil  des  Volkes  ungeheure  Einnahmen  aus
Rechten  schöpft,  die  ihm  in  dieser  bedingungslosen  Form
nie  hätten  gewährt  werden  dürfen,  die  keinen  Arbeitsertrag ­
  darstellen,  und  die  deshalb  auch  bei  der  Erörterung ­
  des  Rechtes  auf  den  vollen  Arbeitsertrag  nur
insofern  zu  berücksichtigen  sind,  als  sie  ausgeschaltet
werden  müßten.
Was  sich  durch  Vermögensbildung  aus  Rechten
ansammelt,  ist  nicht  der  Ertrag  der  eigenen  Arbeit,
sondern  ein,  durch  ein  verliehenes  Recht  oder  durch  Mißbrauch ­
  eines  solchen,  möglicher  Gewinn  aus  der  Arbeit
anderer.
Es  ist  sonnenklar,  daß,  so  lange  diese  Möglichkeit
bleibt,  von  einer  Lösung  des  Problems  des  Rechtes  auf
den  vollen  Arbeitsertrag  nicht  die  Rede  sein  kann.
Ebenso  klar  ist,  daß,  wenn  sich  diese  Bezüge  aus
Rechten  als  das  einzig  störende  Moment  ausweisen
sollten,  mit  ihrer  Beseitigung  die  Frage  des  Rechts
auf  den  vollen  Arbeitsertrag  gelöst  sein  würde.
Die  Marxistische  Lehre  legt  das  störende  Moment
in  das  Rapita!  überhaupt,  auch  in  das  der  Maschinen
und  glaubt  deshalb  durch  den  Übergang  sämtlicher
Produktionsmittel  an  den  Staat,  die  allein  gerechte
Verteilung  des  Arbeitsertrages  herbeizuführen.
Wir  haben  bereits  bei  Besprechung  des  Lohnproblems ­
  gezeigt,  daß  die  Maschine  an  sich  keine
        <pb n="203" />
        200

8.  Kapitel

Kraft  hat,  die  sie  bedienenden  Arbeiter  zu  übervorteilen, ­
  solange  der  Tausch  van  Zache  gegen  Arbeit
ein  freier  ist.  wir  haben  ferner  gesehen,  daß  die  Maschine ­
  kristallisierte  und  zum  Teil  sehr  hohe  geistige
Arbeit  darstellt,  und  daß  sie  somit  ebenso,  wie  die
körperliche  Arbeit,  ein  Anrecht  aus  den  vollen  Arbeitsertrag ­
  hat.  Das  Verhältnis  dieser  beiden  Faktoren
zu  einander  aber  aus  deduktivem  Wege  zu  ermitteln
und  danach  rein  verstandesgemäß  zu  regulieren,  wird
für  immer  alle  menschlichen  Fähigkeiten  überschreiten.
Auch  hier  kann  nur  der  freie  Vertrag  zu  einem  gerechten ­
  Ausgleich  führen.
wenn  jemand  seine  ganze  Trfindergabe  und  Arbeit
in  eine  Maschine  gesteckt  hat,  die  soviel  leistet,  wie
sonst  10  Arbeiter,  dann  hat  er  genau  so  gut  ein  Recht
auf  den  vollen  Arbeitsertrag  wie  jene.  Dieses  zugunsten
der  10  Arbeiter  verweigern,  hieße  nicht  das  Prinzip
erfüllen,  sondern  es  verletzen.
Der  ļ)ang,  der  in  der  Maschine  kristallisierten
Arbeit  ein  geringeres  Recht  als  der  Lohnarbeit  zuzusprechen, ­
  kommt  daher,  daß  man  Fälle  konstatieren
konnte,  wo  tatsächlich  die  Besitzer  des  Maschinenkapitals
eine  arbeitslose  Rente  genießen.
wenn  z.  B.  ein  russischer  Beamter  mit  100  000  Mark,
die  er  durch  Mißbrauch  seiner  Amtsgewalt  „verdient"
hat,  an  einem  Fabrikunternehmen  als  Aktionär  beteiligt ­
  ist,  so  gibt  ihm  die  Maschine  allerdings  eine
arbeitslose  Rente,  vorausgesetzt  natürlich,  es  werde  eine
Dividende  verteilt,'  aber  diese  Rente  kommt  doch  nicht
aus  der  Maschine,  sondern  aus  einem  mangelhaften
Rechtszustande,  der  den  arbeitslosen  Verdienst  der
100000  Mark  zuläßt.  Und  wenn  diese  statt  durch  Korruption ­
  aus  einer  arbeitslosen  Terrainspekulation  stam-
        <pb n="204" />
        201

i  '  i-*

Schlußfolgerungen
Wen,  also  aus  dem  Mißbrauch  eines  Bodenrechtes,  dann
liegt  wirtschaftlich  genau  derselbe  Fall  vor.
Wenn  sich  aber  ein  Arbeiter,  der  sich  1000  Mark
erarbeitet  hat,  mit  diesem  Kapital  an  der  Gründung
einer  Fabrik  beteiligt  und  5  °/o  Dividende  erhält,  so
kann  das  doch  niemand  eine  arbeitslose  Rente  nennen,
denn  es  ist  seine  kristallisierte  ñrbeit,  die  weiter  wirkt,
ñlso  nicht  in  der  Tatsache,  daß  sich  jemand  an  einem
erfolgreichen  industriellen  Unternehmen  beteiligt,  liegt
die  arbeitslose  Rente,  sondern  in  dem  Ursprung  des
Kapitals,  woraus  folgt,  daß  hier  die  Sonde  angelegt
werden  muß.  Der  einwandsfreie  Ursprung  ruht
da,  wo  die  ñrbeit  die  Quelle  der  Rapitalbildung  ist.
Der  verwerfliche  und  zu  bekämpfende  dort,  wo  das
Kapital  aus  mißbrauchten  Rechten  entspringt.  Gb  diese
einen  historischen  Hintergrund  haben,  und  ob  ihr  Mißbrauch ­
  gesetzlich  erlaubt  war  oder  nicht,  kommt  bei  einer
ñnalyse  rein  volkswirtschaftlicher  Probleme
nicht  in  Betracht.
R)ie  aber,  könnte  man  einwenden,  wenn  nun  diese
Kechte  durch  ehrliche  ñrbeit  erworben  worden  sind?
Denn  der  Ñrbeiter,  der  sich  1000  Mark  erübrigt  hat,
dafür  das  Recht  auf  ein  Stück  Land  eintauschen  will,
soll  denn  das  nicht  erlaubt  sein?  Gewiß,  nur  müssen
die  älteren  Rechte  des  Staates  in  vollem  Umfange
  an  diesem  Lande  zur  Anerkennung
kommen,  d.  h.  dieses  Stück  Land  muß  dem  seinem
Derte  entsprechenden  Anteil  zur  Erhaltung  des  Staates
beisteuern,  was  dann  noch  bleibt,  möge  gern  dem
einzelnen  als  Recht  gegen  eine  Sache  eingetauscht  werden.
D.  h.  in  anderen  Worten:  es  können  wohl  Rechte
vergeben  werden,  aber  der  Staat  hat  darüber  zu  wachen,
daß  mit  ihnen  kein  Mißbrauch  getrieben  werden  kann.
        <pb n="205" />
        202

8.  Kapitel

Die  Erkenntnis,  was  hier  Mißbrauch  ist,  wird  also  aus
dem  Grunde  aller  Reformarbeit  stehen,  und  dasjenige
Volk,  welches  den  stärksten  Begriff  hiervon  hat,  wird
aus  der  Stufe  des  Wohlergehens  am  höchsten  stehen.
So  muß  im  öffentlichen  Bewußtsein  endlich  einmal
der  Wahn  beseitigt  werden,  daß  hohe  Bodenpreise  Volksreichtum ­
  bedeuten.  Sofern  sie,  wie  bei  uns,  künstlich
gesteigert  sind,  bedeuten  sie  sogar  eine  schwere  Belastung ­
  des  Erwerbslebens.
Der  nackte  Grund  und  Boden  Berlins,  also  ohne
Gebäude,  wird  heute  auf  ca.  6  Milliarden  Mark  geschätzt. ­
  Das  bedeutet,  daß  alle,  die  in  Berlin  zu  leben
gezwungen  sind,  die  dort  geistig  und  körperlich  arbeiten,
jährlich  in  ihrer  Miete  für  das  Recht  der  Bodennutzung
allein  240  Millionen  Mark  bezahlen  müssen.  Angenommen, ­
  der  Grund  und  Boden  Berlins  sei  nur  600
Millionen  wert,  also  den  zehnten  Teil,  so  wäre  das
doch  für  die  Bewohner  ein  ungeheurer  Vorteil,  denn
sie  würden  dann  jährlich  statt  240  Millionen,  nur  24  Millionen ­
  aufzubringen  haben,  also  216,Millic&amp;gt;nen  sparen.
hierauf  werden  viele  geneigt  sein  zu  antworten,
daß  es  müßig  sei,  solche  Hypothesen  aufzustellen,  denn
das  sei  eine  Unmöglichkeit,  der  preis  des  Grund  und
Bodens  stehe  eben  im  Verhältnis  zur  Bevölkerungszahl, ­
  und  die  6  Milliarden  entsprächen  eben  diesem
Verhältnis.
Die  Antwort  auf  diesen  Einwand  gibt  London,
wenn  es  richtig  wäre,  daß  sich  ohne  weiteres  der  Bodenpreis ­
  nach  der  Bevolkerungsziffer  richtet,  dann  müßte
dieser  preis  in  Groß-London,  das  heute  7  Millionen
Seelen  zählt,  doppelt  so  hoch  sein  als  der  Berliner,
da  Groß-Berlin  auf  ca.  3  Millionen  geschätzt  werden
kann,  wir  sehen  aber  das  Umgekehrte.  Der  Grund-
        <pb n="206" />
        203

Schlußfolgerungen

unò  Ladenpreis  Londons  ist,  mit  Ausnahme  der  Citi)
u n£&amp;gt;  einiger  ganz  bevorzugter  Geschäftsgegenden,  nur
bor  zehnte  Teil  des  Berliner;  also  ein  Engländer  zahlt
für  das  Recht,  in  seiner  Landeshauptstadt  leben  und  arbeiten ­
  zu  dürfen,  jährlich  nur  100  Mark,  wo  der
Deutsche  1000  Mark  aufzubringen  hat  *).
Man  vergegenwärtige  sich,  was  eine  solche  Ersparnis ­
  seitens  Englands  volkswirtschaftlich  bedeutet.
Die  Sachgüter,  die  im  Tausche  gegen  ein  Recht  erspart ­
  werden,  werden  frei  zum  Tausche  von  Sache
gegen  Sache  oder  gegen  Arbeit,  in  andern  Worten,
bie  ersparten  Millionen  werden  frei  zur  Beschaffung
besserer  Nahrung,  Rleidung  und  Wohnung  und  heben
damit  wieder  Handel,  Industrie  und  Landwirtschaft.
Der  Einwand,  den  Mehrausgaben  der  Berliner
Bevölkerung  in  Form  von  Miete  ständen  auf  der
Ñrundbesitzerseite  doch  auch  Mehreinnahmen  gegenüber, ­
  das  Geld  bleibe  gewissermaßen  im  Lande,  und  auf
diese  weise  entständen  doch  auch  wieder  nützliche  vermögensbildungen,
  die  ihrerseits  die  Raufkraft  des
Dolkes  erhöhten,  hält  vor  der  Rritik  nicht  stand,  denn
EL  kommt  nicht  darauf  an,  daß  in  einem  Volke  von
irgend  jemandem  etwas  verdient  wird,  daß  sich  vervwgensbildungen
  vollziehen,  sondern  darauf,  daß  diese
volkswirtschaftlich  einwandfrei  sind,  d.  h.  in  der  privaten
Dermögensbildung  muß  auch  eine  Zunahme  des  Volksvermögens ­
  enthalten  sein.
x )  Rein  rechnerisch  kommt  das  natürlich  nicht  in  dieser
Ichroffen  Form  zum  Ñusdruck,  weil  die  Engländer,  statt  wie
wlr  übereinander,  nebeneinander  wohnen,  sodaß  sich  weniger
Personen  in  die  für  eine  gegebene  Fläche  aufzubringende  Grundrente ­
  zu  teilen  haben;  aber  die  volkswirtschaftliche  Wirkung
^ņtspricht  durchaus  dem  obigen  Verhältnis,  da  der  standard
°f  life  sich  den  wohnungsbedingungen  entsprechend  gestaltet.
        <pb n="207" />
        204

8.  Kapitel

Wohin  obige  Anschauung  von  der  kritiklosen  Nütz'
lichkeit  des  verdienens  und  der  Vermögensbildung  führt,
zeigt  ein  Argument,  welches  dem  Verfasser  einmal  jenseits ­
  des  großen  Teiches  bei  Besprechung  der  Beamtenkorruption
  begegnet  ist.  Man  wollte  sie  nicht  gerade
verteidigen,  aber  doch  entschuldigen,  und  namentlich
hervorheben,  daß  sie  wohl  moralisch  verwerflich  wäre,
die  Volkswirtschaft  eines  Landes  aber  nicht  schädige,
denn,  hieß  es,  das  Geld  bliebe  doch  im  Lande,  viele
Beamte  würden  reiche  Leute,  die  dann  ihr  vermögen
wieder  vererbten,  so  hebe  sich  die  Kaufkraft  des  Volkes,
der  eine  verdiene  doch,  was  der  andere  verlöre  usw.
Nach  diesem  Argument  müßte  somit  das  Volk  am
schnellsten  zu  Wohlstand  kommen,  in  dem  am  meisten
gestohlen  würde.
Die  Absurdität  dieses  Falles  wird  jeder  einsehen,
und  man  wird  sofort  mit  der  Antwort  bei  der  k)and
sein,  daß  das  eben  eine  gesetzwidrige  und  damit  verwerfliche ­
  Vermögensbildung  sei.  Nun  hat  aber  die
Volkswirtschaftslehre  ihr  Urteil  über  den  wert  oder
Unwert  einer  Vermögensbildung  nicht  nach  dem  zu
richten,  was  gesetzlich  erlaubt  ist  oder  nicht,  denn  die
Gesetzgebung  ist  etwas  Wandelbares,  und  sie  hat  sich
viel  mehr  nach  den  Ergebnissen  nationalökonomischer
Forschungen  zu  richten,  als  diese  nach  ihr.  Die  Gesetzmäßigkeit ­
  einer  Vermögensbildung  kann  nie  und
nimmer  über  ihren  volkswirtschaftlichen  wert  oder  Unwert ­
  entscheiden,'  sonst  käme  man  zu  folgendem  Nesultat:
  Gewinnt  ein  Preuße  in  der  erlaubten  preußischen
Lotterie  100  000  Mark,  so  hat  er  sein  Volksvermögen
vermehrt,  gewinnt  er  sie  in  der  verbotenen  braunschweigischen ­
  Lotterie,  dann  nicht-  und  dabei  liegt  es
        <pb n="208" />
        Schlußfolgerungen
hier  zufällig  gerade  umgekehrt,  wirtschaftlich  gewinnt
Preußen  durch  den  verbotenen  Fall  100000  Mark,  durch
den  erlaubten  gar  nichts.
wenn  uns  also  die  nationalökonomische  Forschung
Zeigt,  daß  in  der  Steigerung  der  Ladenpreise  und  der
daraus  entstehenden  Vermögensbildung  etwas  wirtschaftlich ­
  Ungesundes  liegt,  und  nicht  etwas  Erstrebenswertes, ­
  wie  bisher  häufig  angenommen,  dann  muß  die
Gesetzgebung  die  Konsequenzen  daraus  ziehen  und  diese
Steigerung  nicht  länger  fördern,  sondern  hindern.
Nur  der  gesetzgeberischen  Förderung  verdanken  wir
die  ungesunden  Ladenpreise  in  unseren  Städten  und
auf  dem  Lande,'  sie  sind  nichts  Natürliches,  sondern
etwas  Künstliches,  wir  haben  bei  Besprechung  der  verschiedenartigen ­
  Wirkung  gesetzgeberischer  und  wirtschaftlicher
  Faktoren  auf  waren-  und  Ladenpreise  hervorgehoben, ­
  daß  der  Kredit  waren  verbilligt,  dagegen
Ladenpreise  erhöht.  Nun  haben  wir  in  Deutschland  das
juristisch  vollkommenste  Realkreditsystem,  und  aus  diesem
Gründe  die  ungeheuren  Ladenpreise,'  denn  in  demselben ­
  Maße,  wie  der  Ladenpreis  durch  den  leichten
Kredit  steigt,  wird  er  wieder  höher  beleihbar,  dadurch
wieder  erhöhter  preis  usw.,  ad  infinitum,  die  verhängnisvollste ­
  Wechselwirkung,  die  die  Wirtschaftsgeschichte
der  Völker  aufzuweisen  hat.
Der  Realkredit  ist  es,  der  unsern  Grund  und  Boden
Mobilisiert,  d.  h.  der  den  Tausch  von  Sachgütern  gegen
Lochte  zum  System  erhebt,  das  durchaus  einseitig  nutzbringend ­
  ist.
Die  Mängel  des  englischen  Realkredits  und  die
damit  verknüpfte  schwere  Beweglichkeit  des  Grundstückhandels ­
  sind  es,  die  den  englischen  Städten  ihren  billigen
Loden  erhalten  haben.
        <pb n="209" />
        206

8.  Kapitel

Der  Tausch  von  Zachgütern  gegen  Rechte  ist  dort
daher  sehr  eingeschränkt,  und  wo  er  stattfindet,  ver»
hältnismäßig  gesund,  weil  in  der  großen  Mehrzahl  der
Fälle  die  Rechte  zeitlich  begrenzt  sind.
Grund  und  Roden  zu  Wohnzwecken  auf  ewige  Zeit
zu  erwerben,  wie  bei  uns,  ist  dort  verhältnismäßig
selten  möglich.  Im  billigen  Grund  und  Roden  und
seiner  geringen  Releihbarkeit  liegt  ein  Teil  der  englischen ­
  Finanzkraft.  Die  Ersparnisse  des  deutschen  Volkes
werden  zum  größten  Teil  absorbiert  durch  die  Milliarden
von  Pfandbriefen  und  Hypotheken,  denen  unsere  hohen
Ladenpreise  als  Deckung  dienen.  Diese  Dinge  spielen
in  England  nur  eine  untergeordnete  Rolle,  Pfandbriefe
gibt  es  überhaupt  nicht-  daher  wird  das  englische
Kapital  genötigt,  sich  den  Staatsanleihen,  der  Industrie
und  überseeischen  Unternehmungen  zuzuwenden,-  alles
Dinge,  die  viel  nützlicher  sind,  als  dem  eigenen  Volke
das  Nutzungsrecht  an  seinem  Grund  und  Roden  zu  verteuern. ­

hierüber  sollte  weit  mehr  nachgedacht  werden,  als
es  geschieht,-  denn  es  ist  doch  nicht  einerlei,  ob  sich  die
Rapitalkraft  eines  Volkes  erschöpft  im  Erwerb  von
Rechten  aus  dem  Arbeitsertrag  der  eigenen  Volksgenossen, ­
  oder  ob  sie  werbend  in  die  Welt  hinausgeht
und  sich  Rechte  aus  dem  Arbeitsgebiete  anderer
Völker  zu  sichern  sucht.
Es  ist  also,  wie  wir  aus  obigem  ersehen,  verkehrt,
kritiklos  jede  Rapitalbildung  als  wünschenswert  zu  bezeichnen. ­
  Ñber  was  soll  der  Staat  machen,  soll  er
die  Vermögensbildung  aus  Rechten  überhaupt  verbieten? ­
  Ganz  gewiß  nicht,  das  kann  er  überhaupt  gar
nicht,  denn  der  Tausch  von  Sachen  gegen  Rechte  ist
ein  integrierender  Teil  unseres  Wirtschaftslebens.  Zur
        <pb n="210" />
        Schlußfolgerungen

Herstellung  gesunder  wirtschaftlicher  Verhältnisse  genügt ­
  zweierlei:
1.  die  Beseitigung  aller  wirtschaftspolitischen  Maßregeln, ­
  die  den  wert  solcher  Rechte  künstlich  erhöhen,
in  erster  Linie  organische  Überführung  des  Realkredits
in  die  öffentliche  Hand  und  Schließung  des  Grundbuches
gegen  das  Privatkapital,  von  allen  wirtschaftspolitischen
Maßnahmen  ist  unser  Hypothekensystem  das  verhängnisvollste ­
  gewesen,  denn,  war  es  schon  schlimm,  daß
man  dem  Rapita!  schrankenlose  Bodenrechte  überlieferte,
so  war  es  noch  schlimmer,  daß  man  hierauf  sogar
noch  ein  besonderes  Vorrecht,  die  Priorität,  aufbaute.
2.  schrittweise  Ausdehnung  und  Wahrung  der  Rechte,
die  die  Allgemeinheit  an  der  Grundrente  ihres  Landes  hat.
Manche  befürworten  zu  diesem  Zwecke  eine  Verstaatlichung ­
  des  Grund  und  Bodens.  Das  wäre  aber
der  umständlichste  weg,  und  der  Vorschlag  beruht  zum
Teil  auf  einer  Verkennung  des  Begriffs  Verstaatlichung.
Tewiß,  hin  und  wieder  werden  Staat  und  Gemeinden
gezwungen  sein,  von  einem  ausgedehnten  Tnteignungsrecht
  Gebrauch  zu  machen-  aber  in  der  Hauptsache
wird  eine  Neuregelung  der  Grundsteuerverhältnisse  zum
gewünschten  Ziele  führen.
Der  Staat  hat  sein  älteres  Recht  am  Grund  und
Loden  noch  nie  ganz  aufgegeben.  (Es  ist  eine  Täuschung,
wenn  wir  das  meinen,  und  wenn  wirmeinen,  wir  könnten
ihn  durch  eine  Verstaatlichung  wieder  in  Rechte  einsetzen,
die  er  nicht  mehr  hat.  Das  ist  nicht  dermal!.  Im  Grunde
ist  der  Staat,  die  Allgemeinheit,  noch  genau  so  der
Herr  seines  Grund  und  Bodens,  wie  zu  den  ersten  Zeiten. ­
  Die  Grundsteuer,  die  jeder  bezahlt,  der  ein  Stück
^and  besitzt,  ist  gewissermaßen  die  Pacht  dafür.  Unterläßt ­
  er,  sie  zu  zahlen,  so  nimmt  der  Staat  sein  Land
        <pb n="211" />
        208

8.  Kapitel

zurück,  und  ebenso  macht  er  es,  wenn  er  es  zu  Bahnbauten, ­
  Kanälen  usw.  braucht.
Rlso  täuschen  wir  uns  nicht,  das  Recht  ist  nie
erloschen,  nur  hat  er  einen  Teil  daran  zu  Bedingungen
weggegeben,  die  für  ihn  ungünstig  sind  und  Machtbefugnisse
  in  die  Hände  einzelner  gelegt,  die  nie  hätten
gegeben  werden  müssen.  Dieselbe  Machtstelle,  die  die
alten  Bedingungen  schuf,  kann  aber  auch  neue  machen.
wenn  von  Verstaatlichung  die  Bede  ist,  so  muß  man
sich  vor  allem  klar  machen,  was  dieses  Wort  in  der  Wirklichkeit ­
  bedeuten  würde.  Man  kann  damit  nur  meinen,
der  Staat  solle  an  die  hergäbe  des  Landes  an  die
Nutznießer  andere  Rechtsgrundsätze  und  andere  Bedingungen ­
  knüpfen,  als  es  heute  der  Fall  ist.
wenn  alles  Land  heute  verstaatlicht  würde,  und
die  Menschen  bekämen  es  überall  gegen  eine  kleine
Grundsteuer  oder  zu  1,50  Mark  für  2180  000  qm  Rohlenfeld
  ausgeliefert  wie  heute,  dann  wären  wir  ebensoweit ­
  wie  vorher.  Nicht  darauf  kommt  es  an,  dem
Staate  die  Macht  zurückzuerwerben,  über  seinen  Grund
und  Boden  zu  verfügen,  denn  diese  Macht  hat  er  überhaupt ­
  nie  verloren,  sondern  es  kommt  darauf  an,  daß
sie  in  richtiger  weise  ausgeübt  werde,  daß  die  Rechte
und  Einnahmen,  die  man  im  Laufe  der  Jahrhunderte
weggegeben  hat,  langsam  und  organisch  zurückgewonnen
werden.
Nur  so  kann  das  störende  Element  in  der  Güterverteilung ­
  beseitigt  werden,  und  wir  bekommen  die
wunderbare  Wechselwirkung,  daß,  indem  die  Rllgemeinheit
  wieder  in  ihre  Rechte  und  Einnahmen  eintritt,  die
ihr  gebühren,  zugleich  der  illegitimen  Rapitalbildung
durch  Rechte  der  Nährboden  entzogen  wird,  so  daß  nur
die  durch  kristallisierte  ñrbeit  übrig  bleibt.
        <pb n="212" />
        Schlußfolgerungen

Und  wenn  wir  erst  einen  solchen  Zustand  haben,
dann  ist  jede  andere  Reglementierung  nicht  nur  überflüssig,
  sondern  schädlich,  denn  dann  bedeutet  Freiheit ­
  des  Tausches  zugleich  den  höchstmöglichsten  Zustand ­
  gerechter  Güterverteilung,  gerechter,  als  je  ein
ausgeklügeltes  System  ihn  einzuführen  imstande  sein
wird.
Nichts  ist  leichter,  als  sich  in  Spekulationen  über
eine  rein  verstandesgemäß  geordnete  Volkswirtschaft
zu  ergehen.  Bei  der  Bedeutung,  die  das  Gefühl  im
Wirtschaftsleben  spielt,  fallen  alle  solche  Systeme  in
sich  zusammen,  weil  eben  das  Gefühl  unberechenbar
ist.  Ls  ist  ebenso  unmöglich,  das  Wirtschaftsleben  eines
Volkes  rein  verstandesgemäß  zu  regeln,  wie  es  einem
Menschen  unmöglich  ist,  seine  inneren  Drgane  durch
seinen  verstand  zu  beeinflussen.  Ls  braucht  in  einem
kommunistischen  Staat  nur  einmal  der  Fall  einzutreten,
daß  die  öffentliche  Meinung  rein  gefühlsmäßig  eine
andere  Ñnsicht  hätte  von  der  mutmaßlich  ausreichenden ­
  Versorgung  mit  Subsistenzmitteln  als  die  leitende
stelle,  die  mit  der  verstandesmäßigen  Regelung  der
Volksernährung  betraut  ist,  um  die  gewaltigste  politische
und  wirtschaftliche  Erschütterung  herbeizuführen.
Die  künstliche  Regelung  des  Wirtschaftslebens  übersteigt ­
  jede  menschliche  Fähigkeit.  Ls  genügt  auch  vollständig, ­
  wenn  der  Staat  darüber  wacht,  daß  jedem  das
beine  werde,  der  geistigen  und  körperlichen  Ñrbeit  der
Teil,  der  ihr  nach  ihren  Leistungen  auf  dem  Wege  freien
Tausches  zukommt,  und  dem  Staate  das,  was  ihm  allein
für  seinen  Teil  der  nationalen  ñrbeitsleistung  gebührt. ­
  Und  wollte  man  einwenden,  diese  sei  überhaupt
eine  Einheit,  und  die  beiden  Gebiete  ließen  sich  nicht
trennen,  so  erwidern  wir,  daß  sie  wohl  nach  außen
bvhlman,  Laienbrcvier.

209

14
        <pb n="213" />
        210

8.  Kapitel

eine  Einheit  darstellt,  aber  nicht  im  Innern  des  Staatsorganismus,
  und  daß  dort  die  Grenze  der  Arbeitsteilung
ganz  scharf  gezogen  werden  kann.
Wenn  der  Staat  die  Arbeitsleistung  des  Verkehrs,
der  Post,  der  Schulen,  des  Kultus  usw.  übernimmt,
so  ist  das  nicht  notwendigerweise  Staatsgebiet.
Es  gibt  Länder,  wo  man  diese  Dinge  ruhig  der  Privatinitiative ­
  überläßt.  Wo  der  Staat  diese  Funktion  übernommen ­
  hat,  geschieht  es  aus  Zweckmäßigkeitsgründen,
und  er  bekommt,  wie  jeder  Privatmann,  dafür  direkte
Bezahlung.
Schule,  Universitäten,  Eisenbahnen,  Post,  Telegraph
lassen  sich  ohne  weiteres  als  privatunternehmen  denken,
nie  und  nimmer  aber  Rechtspflege  und  Landesverteidigung. ­

Diese  Dienste  in  der  Teilung  der  nationalen
Arbeit  kann  nur  der  Staat  leisten,  somit  gebührt
ihm  auch  hierfür  ein  entsprechender  Anteil  am
Gesamtarbeitsertrage  und  zwar  der,  der  seinen
Leistungen  entspricht,  d.  h.  der  in  der  Grundrente  zum
Ausdruck  kommt.  Denn  diese  Grundrente  ist  ohne  ihn
nicht  vorhanden.  Sie  ist  so  gut  sein  werk  und  nur
sein  werk,  sein  Eigentum,  wie  ein  Kunstwerk  Eigentum ­
  seines  Schöpfers  ist.  Nimmt  die  Allgemeinheit
etwas  aus  dem  Eigentum  des  einzelnen,  so  nimmt
sie  etwas,  was  nicht  ihr  gehört,  nimmt  sie  aber  die
Grundrente,  so  nimmt  sie  nur  das,  was  ihr  eigen  ist.
An  diesen  Einnahmequellen  haben  aber  auch  die
Erwerbsunfähigen  ein  Recht,  als  Glieder  eben  dieses
Staates  und,  indem  der  Staat  zu  ihrer  Erhaltung
aus  der  Grundrente  schöpft,  entzieht  er  der  Arbeit  keinen
Pfennig  von  dem,  was  ihr  zukommt.
Die  Fürsorge  für  die  Alten  und  Schwachen
        <pb n="214" />
        1

211

14*

Schlußfolgerungen

verliert,  wenn  aus  derGrundrente  gespeist,
den  Charakter  des  Ñlmosens,  denn  niemand
bringt  für  sie  ein  Opfer.  Ihre  Erhaltung  wird  zu
einem  Rechte,  denn  die  Rechte  des  Gesamtorganismus
machen  nicht  vor  den  Arbeitsunfähigen  halt.  Man  kann
sie  ebensowenig  davon  ausschließen,  wie  wir  unserm
Ohrläppchen  oder  unserem  kleinen  Finger  die  Mternährung
  verweigern  können,  weil  sie  nicht  direkt
Zum  Nahrungserwerb  beitragen.
Der  Staat  ist  ein  Organismus  wie  jeder  andere,
und  an  dem,  was  er  als  solcher  schafft,  hat  jeder
seiner  Teile  ein  Recht,  ganz  einerlei,  ob  er  arbeitsfähig ­
  oder  -unfähig  ist.  ñber  an  dem,  was  der  einzelne
erarbeitet,  hat  nur  dieser  ein  Recht.  In  dieser  einfachen ­
  Formel  liegt  die  Lösung  des  Problems,  wie  jedem
der  volle  Ñrbeitsertrag  garantiert  und  zugleich  das
Recht  auf  Existenz  proklamiert  werden  kann.

Und  wie  ist  dieses  Ziel  zu  erreichen?
Zunächst,  indem  wir  vergangenes  vergangen  sein
lassen  und  alles,  was  unter  alten  Rechtsformen  erworben ­
  ist,  als  zu  Recht  bestehend  hinnehmen,  in  Zukunft ­
  aber  den  Widersinn  vermeiden,  der  im  Tausche
einer  vergänglichen  Sache  gegen  ein  ewiges  Recht  liegt.
Die  hergäbe  des  Grund  und  Rodens  gegen
eine  Sache  muß  zeitlich  begrenzt  sein.  Vas
ist  aber  nicht  so  zu  verstehen,  daß  von  nun  ab  Land
nur  verpachtet  oder  auf  bestimmte  Zeit  verkauft  werden
dürfe.  Mt  unserem  Grund  und  Boden  sind  so  viele
und  mannigfaltige  Meliorationen  verknüpft,  die  wir
durchaus  als  Sachgüter  ansprechen  müssen,  daß  es  wer-
        <pb n="215" />
        212

8.  Kapitel

kehrt  wäre,  hier  dem  Tausche  von  Zache  gegen  Zache
die  Freiheit  beschränken  zu  wollen,  die  allein  ihn  nutzbringend ­
  macht.  Ulan  braucht,  um  unsere  Forderung
zu  erfüllen,  keinen  Käufer  zu  verhindern,  diese  Meliorationen
  auf  ewige  Zeiten,  d.  h.  so  lange  sie  eben
dauern,  zu  erwerben.  Ulan  braucht  nur  dem  Staate
von  dem  sogenannten  „unverdienten  Wertzuwachs"  seines ­
  Grund  und  Lodens  einen  möglichst  großen  Anteil
zur  Einziehung  bei  verkauf  oder  Erbteilung  oder,  bei
unpersönlichem  Eigentum,  in  gewissen  Perioden,  vorzubehalten, ­
  sowie  eine  progressive  Besteuerung  derjenigen ­
  werte  vorzunehmen,  die  sich  jährlich  in  der
Grundrente  verdichten  und  im  Verkaufspreis  des  Landes, ­
  abzüglich  aller  Verbesserungen,  zum  Ausdruck
kommen.
Auf  diese  weise  genießt  das,  was  am  Grund  und
Boden  vergänglich  ist,  nämlich  die  durch  Menschen  geschaffenen ­
  Meliorationen,  vollste  Tauschfreiheit,  aber
jene  Rechte,  die  mit  der  ewigen  unvergänglichen  Substanz ­
  des  Grund  und  Bodens  verknüpft  find,  werden
zeitlich  begrenzt  und  die  Allgemeinheit  erhält  für  ihre
Leistung  die  ihr  allein  gebührende  Gegenleistung.
In  diesen  Vorschlägen  liegt  nichts  Künstliches,  Uto»
pistisches,  Zukunftsstaatliches;  es  handelt  sich  um  die
einfache  Etablierung  wirtschaftlicher  Gerechtigkeit  nach
klarer  Erkenntnis  der  Gesetze,  die  das  Wirtschaftsleben
der  Völker  beherrschen.

was  sich  sonst  noch  von  Schlußfolgerungen  aus
unseren  Prämissen  ergibt,  ist  nebensächlich  zu  dem
vorangegangenen.  Ls  war  ja  auch  nicht  viel  mehr  beabsichtigt, ­
  als  einige  einfachste  Wahrheitssätze  zu  for-
        <pb n="216" />
        Schlußfolgerungen

mulleren  und  es  dem  Leser  zu  überlassen,  selber  die
notwendigen  und  zwingenden  Schlußfolgerungen  daraus ­
  zu  ziehen.

Wenn  wir  behaupten,  das  höchste  Wertobjekt  eines
Volkes  ist  der  leistungsfähige  und  bedürfnisheischende
Mensch,  hat  dann  jemand  den  Mut  zu  sagen:  „Das
ist  nicht  wahr?"
Wir  stellen  das  „bedürfnisheischend"  über  das
„leistungsfähig",  das  erstere  natürlich  immer  nur,  nach
der  Richtung  einer  höheren  sittlichen  und  materiellen
Rultur.  wer  das  leugnet,  muß  logischerweise  die  Ñrbeit
  des  Winzers  in  seinem  Weinberg  auch  dann  noch
für  nutzbringend  halten,  wenn  niemand  Wein  mehr
trinkt.
wir  sagen:  nur  diejenige  menschliche  Tätigkeit  ist
„Ñrbeit"  im  volkswirtschaftlichen  Zinne,  in  der,  neben
dem  Nutzen  für  den  einzelnen,  auch  ein  Dienst  für  die
ñllgemeinheit  enthalten  ist.
Wir  sagen:  nicht  die  Menge  der  Güter  macht  den
Wohlstand  des  Landes  aus,  sondern  ihre  Bewegung  zum
verbrauch  oder  Genuß  -  er  ist  ein  Zustand,  keine  Sache.
Dhne  ihre  Bewegung  kann  ein  Volk  bei  allen  seinen
Gütern  verarmen  und  verhungern.
Wir  sagen:  der  Zweck  der  Güter  ist  nicht  ihre
l)ervorbringung,  sondern  ihre  Vernichtung,  entweder
durch  sofortigen  Ronsum  oder  durch  langsamen  Gebrauch.
Sn  anderen  Worten:  Tine  Ware  hat  erst  dann  ihren
vollen  Wert,  wenn  sie  dahin  kommt,  wo  man  sie  braucht.
Daher  ist  der  Güterverteilungsprozeß  volkswirtschaftlich
genau  so  wertbildend,  wie  der  Produktionsprozeß.
wir  behaupten,  daß  infolgedessen  bei  freiem
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        214

8.  Kapitel

Tausche  zwischen  Gütern  und  Gütern  einerseits,  Gütern
und  Arbeit  andererseits,  bis  zur  Vollendung  des  Konsums, ­
  jeder  den  Genuß  seines  vollen  Arbeitsertrages
haben  würde,  daß  es  also  nicht  in  der  Natur  unserer
kapitalistischen  Entwickelung  liegt,  sondern  auf  menschlichen ­
  Eingriffen  in  diese  Freiheit  beruht,  wenn  dem
nicht  so  ist.
Dieser  störende  menschliche  Eingriff  ist  erfolgt,  indem ­
  sich  private,  kraft  ihrer  politischen  Macht,  ohne
entsprechende  Gegenleistung,  Rechte  angeeignet  haben,
deren  Erträge,  ihrer  Natur  nach,  nur  der  Gesamtheit
gehören  durften.
In  demselben  Maße  nun,  wie  die  Schicht  derjenigen
wächst,  die  an  der  Beseitigung  dieser  Rechte  ein  Interesse ­
  haben,  und  ihre  politische  Macht  zunimmt,  wird
auch  die  Rechtsform  sich  verändern,  und  zwar  um
so  mehr  zugunsten  der  Allgemeinheit,  je  mehr  die
herrschende  Schicht  ihre  Repräsentantin  ist.
Die  fortgesetzte  Arbeitsteilung  auf  der  einen  Seite,
und  die  wachsende  Aufsaugung  der  Bodenrechte  durch
das  Kapital  auf  der  anderen,  bringen  es  mit  sich,
daß  die  oben  genannte  Schicht  in  nicht  zu  ferner  Zeit
die  erdrückende  Majorität  bilden  wird  gegenüber  der,
die  die  Bodenrechte  inne  hat.  Daran  ändert  der
weitverzweigte  Kleinbesitz  bei  uns  nichts,  weil  er  zum
großen  Teil  nur  nominell  ist.  Unsere  ländliche  Grundrente ­
  gehört  schon  lange  nicht  mehr  den  Millionen  bäuerlicher ­
  Existenzen,  sondern  einigen  großen  Kreditinstituten, ­
  die  sich  immer  mehr  konzentrieren.  Ähnlich  in
unseren  Großstädten;  da  stehen  den  wenigen  großen
Hypothekenbanken  nicht  nur  die  Millionen  der  Mieter
gegenüber,  sondern  auch  jene  gewerbsmäßigen  Hausbesitzer, ­
  die  von  diesem  Kapital  abhängig  sind;  und
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        215

Schlußfolgerungen

auf  60  Millionen  Uohlenkonsumenten  kommen  nur  wenige ­
  Tausende,  die  die  Bergwerksrente  einstreichen.  Ñlso
die  Zahl  derer,  die  unter  unserem  heutigen  Bodenbesitzrecht ­
  leiden,  nimmt  täglich  zu,  und  die,  die  ein  Interesse
an  seiner  Erhaltung  haben,  nehmen  ab.  Somit  drängt
die  Entwickelung  entschieden  nach  der  Seite  einer  Änderung. ­
  Hauptsache  ist  nur,  daß  man  sich  des  rechten
Weges  bewußt  ist,  den  man  dabei  einzuschlagen  hat.
Daß  hierzu  die  richtige  Erkenntnis  wirtschaftlicher
Zusammenhänge  erste  Vorbedingung  ist,  ist  selbstverständlich, ­
  und  dieser  Erkenntnis  durch  gemeinverständliche ­
  Darstellung  der  grundlegenden  Gesetze  zu  dienen,
die  das  Wirtschaftsleben  regieren,  ist  der  Zweck  dieser ­
  Ñrbeit.
Ich  wiederhole,  daß  ich  nicht  beanspruche,  hier
etwas  Erschöpfendes  gegeben  zu  haben,  wer  das  wollte,
müßte  über  jedes  einzelne  Kapitel  ein  Buch  schreiben,
denn  Stoff  genug  wäre  vorhanden.  Ñber  damit  wäre
der  Zweck  wieder  verfehlt,  denn  der  Laie  hätte  keine
Zeit,  diese  Bücher  zu  lesen.  Es  ist  aber  wichtiger,  daß
Tausende  mit  der  einfachen  Formulierung  einer  Wahrheit ­
  bekannt  werden,  als  daß  diese,  wenn  auch  in  ausführlichster ­
  Begründung,  auf  einige  wenige  Kreise  beschränkt ­
  bleibt.
ñuch  hier  auf  geistigem  Gebiete  gilt  das  Gesetz
von  der  Wertbildung  durch  Bewegung.  Line  Erkenntnis,
die  in  engem  Kreise  bleibt,  hat  wenig  wirtschaftlichen
Wert.  Erst  indem  sie  weiteste  Verbreitung  findet  und
in  den  geistigen  Besitzstand  einer  breiten  Bildungsschicht ­
  übergeht,  kann  sie  sich  auswirken.
Dazu  ist  aber  nötig,  daß  sie  knapp  und  klar  dargestellt ­
  werde,  und  dieses  habe  ich  im  vorliegenden
Buche  versucht.
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        Ñnzeige

Wer  sich  über  die  in  dem  vorliegenden  Buche  entwickelten
Gedankengänge  und  über  die  Kämpfe  zu  ihrer  Überführung
in  die  Praxis  unterrichten  will,  den  verweisen  wir  auf  die
im  Verlag  der  Bodenreform  G.  m.  b.  Í}.  in  Berlin,  Lessingstraße ­
  11,  erscheinende  reiche  Literatur  der  deutschen  Bodenreform-Bewegung ­
  mit  Beiträgen  von  Adolph  Wagner,
Karl  Bücher,  ñdmiral  Boeters,  Landeshauptmann  von
Francois,  Heinrich  Freese,  Professor  Gruber,  Professor
Kein  u.  a.  Besonders  heben  wir  hervor:  A.  pohlman:  „Die
Kot  der  deutschen  Landwirtschaft  und  die  Bodenreform."
2.  Auflage  und  „Bergbaufreiheit  und  Staatsinteresse."  Gin
Beitrag  zur  Bergswerksfrage  je  —.50  Kit.
Über  den  Gang  der  Entwicklung  in  allen  Kulturstaaten
berichtet  die  populär-volkswirtschaftliche  Halbmonatsschrift
Bodenreform
Herausgeber:  Adolf  Damaschke,  preis  KK.  1.50  vierteljährlich, ­
  bei  jeder  Post  und  Buchhandlung,  auch  direkt  durch  die  Geschäftsstelle ­
  des  Bundes  deutscher  Bodenreformer,  Berlin  N  W.»
die  auchFlugblätter  gern  jederzeit  kostenfrei  versendet.
Line  zusammenhängende  Darstellung  der  Lehren  der
deutschen  Bewegung  gibt  das  Werk:
Die  Bodenreform,
Grundsätzliches  und  Geschichtliches  zur  Erkenntnis  und  Überwindung ­
  der  sozialen  Kot  von  A.  Damaschke.  4.  Auflage,
preis  2.50  lïïf.  (Buchverlag  der  „Hilfe",  Berlin-Schöneberg.)
Inhalt:  1.  Weder  Kapitalismus  noch  Kommunismus.  —
2.  Die  Bodenreform  in  den  Städten.  —  3.  Die  Bodenreform  und
das  Agrarproblem.  —  4.  Die  Bodenreform  und  Israel.  —  5.  Die
Bodenreform  in  Griechenland.  —6.  Die  Bodenreform  in  Kom.—
7.  Henry  George.  —  8.  Die  hohenzollern  und  die  Bodenreform.
Die  Stellung  der  Bodenreform-Bewegung  in  der  Entwicklung ­
  der  nationalökonomischen  Theorien  zeigt  die
Geschichte  der  Nationalökonomie.
Eine  erste  Einführung  von  A.  Damaschke.  2.  Auflage,
preis  2.50  KTî.  (Verlag  von  G.  Fischer,  Jena.)
Die  praktische  Anwendung  bodenreformerischer  Lehren
zeigen
Ñ.  Damaschkes  „Ñufgaben  der  Gemeindepolitik"
5.  Auflage.  288  S.  Preis  1.50  Klk.  (Verlag  von  Gustav
Fischer,  Zena).
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8.  Kapitel
Kampfesaußanb
Hni ? m  ^p/leeren  Raum,  also  innerhalb  der  naà
  len  àchtsphare,  ist  die  Notwendigkeit  des  freien
uteraustausches  so  allgemein  anerkannt,  daß  man  kein
Wort  darüber  zu  verlieren  braucht.  Rein  Volk  denkt  daran
  innerhalb  seines  Machtbereiches  Zollschranken  zu  errichten, ­
  selbst  die  vereinigten  Staaten  nicht,  trotzdem  die
einzelnen  Glieder  dieses  Staatenbundes  die  verschiedenartigsten ­
  wirtschaftlichen  Verhältnisse  aufweisen  und
an  sich  ungeheure  Produktionsgebiete  bilden,  wären
Schutzzölle  an  sich  etwas  Wünschenswertes,  dann  wären
eschen  Pensylvanien  und  Ralifornien  viel  berechtigter ­
  als  zwischen  Deutschland  und  Ssterreich.  Cs  ist
kTI^elgentümliche  Ironie  der  wirtschaftspolitischen  Ge-Ichlchte,
  daß  das  schutzzöllnerischste  Land  der  Welt,  die
erermgten  Staaten,  zwischen  den  einzelnen  Gliedern
absoluten  Freihandel  hat,  während  im  britischen  welteich,
  an  dessen  Spitze  das  Freihandelsland  par  excelenee,
  England,  steht,  zwischen  den  einzelnen  Rolonien
-^tzZo  schranken,  selbst  gegen  das  Mutterland  aufge-2!
  Worden  sind.  Ranada,  australien,  Rapland  sind
vollständig  autonome  Schutzzollgebiete.  Die  Erklärung
îst  ungeheuer  einfach.  Bei  der  menschlichen
Selbstsucht,  die,  wenn  sie  nur  irgend  kann,  die  Freiheit
aes  Tausches  zu  ihren  Gunsten  zu  beeinflussen  sucht,
ann  diese  nur  durch  Übereinkommen,  in  letzter  Linie
also  durch  Macht,  aufrecht  erhalten  werden.  Dieses
geschieht  im  nationalen  Staat  und  kann  geschehen!  In
en  vereinigten  Staaten  ist  auch  die  Macht  vorhanden,-  in
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