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        <title>Die Entwickelung zum Socialismus</title>
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            <forname>Emile</forname>
            <surname>Vandervelde</surname>
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EIGENTUM 
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INSTITUTS 
FÜR 
WELTWIRTSCHAFT 
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B 86300
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        Pie Entwickelung 
zum ^ocialismus 
von Professor Emile 
Vandervelde
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        Die Entwickelung 
zum Socialismus
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        Die Entwickelung 
zum Socialismus 
Von 
Emile ‘Vandervelde 
ehern. Professor an der Neuen Universität zu Brüssel 
und Mitglied der belgischen Abgeordnetenkammer 
Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen 
von 
Dr. Albert Südekum 
Mitglied des Deutschen Reichstags 
1902 
■ a5 si-¡8*- 1 ' 5 
Verlag der Socialistischen Monatshefte 
Berlin W. 35. 
B 86300
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        —— 
Se timas ch inen satz und Druck von Pass &amp; Garleb, Berlin W. 35.
        <pb n="11" />
        Seinem Freunde ** 
Ernest Solvay 
Der Verfasser ***
        <pb n="12" />
        wwma
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        7.5.69. 
Baf 1587 
Weltwirtschaft 
Kiel 
Inhalt 
(Die Ziffern bedeuten die Seitenzahlen) 
Vorwort des Verfassers 11 
Vorwort des Uebersetzers 13 
Einleitung 17—24 
Erster Teil 
Die capitalistische Concentration 
[25—104] 
I. Capitel: Der Untergang des persönlichen Eigen 
tums 37—66 
§ 1. Die bäuerlichen Besitzer 38 
§ 2. Die Handwerker 48 
§ 3. Die Kleinhändler 56 
§ 4. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen . 61 
II. Capitel: Die Entwickelung des capitalistischen 
Eigentums 67—86 
§ 1. Die Actiengesellschaften 67 
§ 2. Die capitalistischen Monopole 75 
I. Die Cartelle 76 
II. Die Trusts 79 
III. Capitel: Die Einwendungen 87—104 
§ 1. Die Ersparnisse der Arbeiter 90 
§ 2. Die Demokratisierung des Capitals ... 91 
§ 3. Die Vermehrung der kleinen Unter 
nehmungen 95
        <pb n="14" />
        — 8 — 
1. Handelsunternehmungen 96 
2. Landwirtschaftliche Betriebe .... 96 
3. Industrielle Betriebe 98 
§ 4. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen . 100 
Zweiter Teil 
Die Vergesellschaftung der Productions^ und 
Austauschmittel 
[105-231] 
I. Capitel: Die drei Elemente des Profites . . 111—125 
§ 1. Die Risicoprämie 112 
§ 2. Der Entbehrungslohn 114 
§ 3. Der Lohn für die Leitung 117 
§ 4. Mehrwert und Profit 122 
§ I- 
II. Capitel: Die Vorzüge des gesellschaftlichen 
Eigentums 126—147 
Die Ueberschüsse der öffentlichen Unter 
nehmungen 128 
§ 2. Die Lage der Angestellten 130 
§ 3. Der Einkauf der Rohmaterialien . . . . 132 
§ 4. Der Preis der Producte und der Dienst 
leistungen 134 
§ 5. Die Qualität der Producte 139 
§ 6. Das Interesse der kommenden Generationen 143 
§ 7. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen . 145 
III. Capitel: Die Verwaltungsfragen. 148—162 
§ 1. Die Eroberung der-politischen Macht durch 
das Proletariat 149 
§ 2. Staatswirtschaft und Volkswirtschaft . . . 151 
§ 3. Die Decentralisation der gesellschaftlichen 
. Unternehmungen 157 
§ 4. Der Zukunftsstaat 160 
IV. Capitel: Die Regeln der Verteilung .... 163—178 
§ 1. Das Recht auf den vollen Arbeitsertrag . 167 
§ 2. Das Recht auf Existenz 170 
§ 3. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen . 174
        <pb n="15" />
        — 9 — 
V. Capitel: Die Mittel zur Verwirklichung . . 179—201 
§ 1. Die Expropriation ohne Entschädigung . . 179 
§ 2. Die Expropriation mit Entschädigung . . 183 
§ 3. Die Expropriation mittels Entschädigung der 
Lebenden 185 
A. Die Productivassociationen 188 
B. Das System des „Eindringens“ .... 191 
C. Die vollständige Vergesellschaftung der 
Industrien 196 
§ 4. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen . 198 
VI. Capitel: Die Einwendungen 202—231 
§ 1. Der Socialismus und die persönliche Initiative 204 
§ 2. Der Socialismus und die Freiheit . . . . 213 
§ 3. Der Socialismus und die Kunst .... 223
        <pb n="16" />
        • i
        <pb n="17" />
        Vorwort des Verfassers. 
Nicht ohne Bedenken unterbreite ich dieses kleine Buch 
dem Urteil meiner deutschen Parteigenossen; es will nichts 
anderes, als Theorieen, die ihnen seit langer Zeit in Fleisch und 
Blut übergegangen sind, so klar wie möglich zusammenfassen. 
In den Ländern französischer Zunge sollte diese Publication 
eine Lücke ausfüllen: es fehlt da an einem neueren Werke über 
den Collectivismus, das etwas mehr als eine blosse Agitations 
broschüre und doch nicht ein umfangreicher, nichteingeweihten 
Lesern schwer zugänglicher Wälzer ist. Aber bei der Ueber- 
fülle und dem Reichtum der deutschen socialistischen Lite 
ratur — Ueberfülle und Reichtum, die unseren Neid erregen 
würden, wenn wir Nationalisten wären, und die unseren Stolz 
ausmachen, weil wir Internationalisten sind — verhehle ich 
mir nicht, dass ein derartiges Werk in den Ländern jenseits 
des Rheins nicht dieselbe Existenzberechtigung hat und nicht 
gleichen Bedürfnissen entgegenkommt. 
Indessen ist es vielleicht doch nicht unnützlich, eine Ueber- 
setzung herauszugeben, sei es auch nur deshalb, um unseren 
deutschen Lesern die Verschiedenheit der Gesichtspuncte und 
besonders der Darstellungsweise zu zeigen, die bei aller Gleich 
heit der Lehre doch notwendig aus der Verschiedenheit des 
Milieus und der socialistischen Traditionen entstehen muss. 
So ist es z. B. unvermeidlich, dass in einem Lande wie 
Belgien, wo infolge des Zusammenwirkens genugsam bekannter 
Umstände das socialistische Genossenschaftswesen eine so be 
deutende Rolle spielt, die Erfahrungen, die Lehren, die Ideale, 
die aus der genossenschaftlichen Praxis erwachsen, einen er 
heblichen Einfluss auf die Zukunftsperspectiven der Theore 
tiker und besonders auf die Beispiele ausüben, die sie wählen,
        <pb n="18" />
        um das Verständnis für die socialistische Lehre zu erleichtern. 
Ich brauche aber kaum ausdrücklich darauf hinzuweisen, 
dass diese Abweichungen in der Form und in Einzelheiten 
nicht der Art sind und sein können, dass sie die Einheit der 
Anschauungen gefährdeten, jene Einheit, die existiert und in, 
dem Masse wächst, wie sich die Beziehungen zwischen den 
verschiedenen Teilen der internationalen Socialdemokratie 
mehren. 
Von diesem Gesichtspuncte aus ist der internationale Ge 
dankenaustausch unzweifelhaft nützlich, und ich bin meinem 
lieben Genossen Dr. Südekum aufrichtig dankbar dafür, dass 
er sich der Mühe unterzogen hat, mein Buch durch eine Ueber- 
setzung in Deutschland bekannt zu machen. 
Brüssel, am 9. April 1902. 
Emile Vandervelde.
        <pb n="19" />
        Vorwort des Uebersetzers. 
In seiner knappen und klaren Art hat Vandervelde in den 
vorausgehenden Zeilen auf den Wert und die Bedeutung des 
internationalen Gedankenaustausches hingewiesen. Ich stimme 
ihm darin vollständig zu. Aber ich glaube, dass sein Buch 
für uns deutsche Socialdemokraten auch sonst noch von Nutzen 
sein kann. 
Trotz des von Vandervclde gerühmten Reichtums der 
deutschen socialistischen Litteratur fehlt auch bei uns ein kurzes 
Werk, das die Entwickelung zum Socialismus zum 
Gegenstand hat. Die Thätigkeit unserer Theoretiker bestand 
in den letzten Jahren wesentlich in kritischen Auseinander 
setzungen, "und seit Kautskys bekanntem Buche über das Er 
furter Programm, das nun auch schon zehn Jahre alt ist, 
haben wir unseren Parteigenossen keine Schrift mehr in die 
Hand gegeben, die ihnen als Einführung in die Gedanken 
welt des Socialismus dienen könnte. Aber gerade in den letzten 
Jahren ist das Bedürfnis nach einem solchen Buche immer 
mehr gewachsen : man kann, zumal in den Kreisen älterer 
Parteigenossen, die Klage über die mangelhafte theoretische 
Vor- und Durchbildung der „Recruten der Socialdemokratie“ 
immer wieder hören. Man hat die Schuld daran oft dem 
Anwachsen der Tagespresse und der Zeitschriftenlitteratur zu 
geschrieben, das neben seinem unleugbaren Nutzen doch auch 
den Nachteil gehabt habe, der Buchlectüre, dem Studium um 
fassenderer Werke abträglich zu sein. Gewiss liegt darin etwas 
Wahres. Aber ebenso wahr ist auf der anderen Seite, dass 
wir thatsächlich der geeigneten Bücher entbehrten. Das Be 
dürfnis nach theoretischer Schulung ist nicht geringer geworden 
und scheint — soweit ein einzelner das beobachten kann — 
neuerdings in erfreulicher Weise zu wachsen. Die Frage nach
        <pb n="20" />
        14 
dem „Endziel“ unserer Bewegung ist nur vorübergehend durch 
die Erörterung von Augenblicksproblemen in den Hintergrund 
gedrängt worden. Sie bewegt die Massen nach wie vor im 
Innersten. Und trotz alledem und alledem ist das „Endziel“ 
die eigentlich werbende Kraft unserer Bewegung. 
Fest auf dem Boden der Lehre vom Classenkampfe stehend, 
zeigt Vandervelde die Entwickelung unserer Wirtschaft zum 
Socialismus und widerlegt mit glänzender Schlagfertigkeit die 
Einwendungen unserer Gegner. Gerade dieser Teil seiner Arbeit 
wird unseren Genossen in den bevorstehenden Wahlkämpfen 
gute Dienste leisten können. „Unsere Partei hat begriffen“, 
so sagt Liebknecht in der Einleitung zu der neuen Ausgabe des 
Leipziger Hochverratsprocesses, „dass mit blinder Leidenschaft 
ebensowenig, wie mit stumpfem Cadavergehorsam der Befreiungs 
kampf des Proletariats zu siegreichem Ende geführt werden 
kann. Auf allen Gebieten ist die Socialdemokratie bemüht, zu 
bilden und zu erziehen.“ Ein Bildungs- und Erziehungsmittel 
ist aber dieses Buch. Und zugleich ein Werbemittel. 
Werben, unablässig werben müssen wir aber, weil „dieEman- 
cipation der Arbeit nicht das Werk einer Min 
derheit sein kann, der die Mehrheit des Volkes 
entgegensteht“. „Auf die Lohnarbeiter beschränkt, wäre 
die Socialdemokratie unfähig zu siegen. Von dem gesamten 
arbeitenden Volk und den Edelsten der Nation begriffen und 
umfasst, hat sie gesiegt. Warum mussten wir die Verfolgung 
unserer Feinde jetzt tragen? Warum unterwirft man uns den 
empörendsten Unwürdigkeiten? Weil wir noch schwach sind. 
Und warum sind wir schwach ? Weil nur ein kleiner Bruchteil (des 
Volkes sich zur socialdemokratischen Lehre bekennt. Und da 
sollten wir, die zu schwach sind, unsere Schwäche vergrössern, 
indem wir Tausende von uns stossen, weil sie zufällig nicht 
als Glieder einer bestimmten Gesellschaftsgruppe auf die Welt 
gekommen sind? Die Dummheit wäre ein Verrat an der Partei. 
Nicht beschränken — ausdehnen sei die Parole. Immer mehr 
muss der Kreis der Socialdemokratie ausgedehnt werden, bis 
wir die Mehrheit unserer Feinde entweder in Freunde und 
Genossen verwandelt oder wenigstens entwaffnet haben. Und 
die indifferente Masse, welche in ruhigen Zeiten kein Gewicht 
in die politische Wagschale legt, aber in Zeiten der Aufregung
        <pb n="21" />
        den Ausschlag giebt, muss über die Ziele und das 
Wesen unserer Partei so weit aufgeklärt wer 
den, dass sie die Furcht vor derselben verliert 
und sich nicht mehr als Meute bei einer Hetze 
gegen uns gebrauchen lässt.“ 
Diesem Propaganda- und Erziehungswerke, dem der wackere 
alte Präceptor seine besten Kräfte je und je gewidmet hat, 
soll auch dieses Werk dienen. Seit den schweren Tagen, da 
Liebknecht jene Worte geschrieben hat, hat der socialistische 
Gedanke in Deutschland ausserordentliche Fortschritte gemacht. 
Vieles ist gethan worden, aber mehr bleibt uns noch zu thunl 
Dass das vorliegende Buch von einem unserer Brüder jen 
seits des Rheins stammt, dass es den trefflichen Führer der 
kampfesmutigen belgischen Socialdemokratie zum Verfasser hat, 
wird, wie ich hoffe, das Interesse unserer deutschen Partei 
genossen an ihm noch erhöhen. 
Dresden, zu Pfingsten 1902. 
Albert Südekum.
        <pb n="22" />
        «t-'T' 
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Uv . 
ÆÊ^^^W9ÊKKKKf^ÊÊÊÊKfifaKÊÊÊKfUÊIIÊKÊÊÊÊtSÊBÊÊÊÊÊÊÊÊIIBÊÊiKÊÊB M
        <pb n="23" />
        Einleitung 
„Ich glaube, das, was ist, enthält wie ein Grab eine 
Zusammenfassung dessen, was war, und wie eine Wiege 
den Keim dessen, was sein wird.“ 
Enfantin. 
Vandervelde: Die Entwickelung zum Socialismus. 
2
        <pb n="24" />
        ■
        <pb n="25" />
        2 
Der glückliche Zufall, der die Civilisation möglich 
gemacht hat, so etwa sagt Rodbertus irgendwo, besteht 
darin, dass die gemeinsame Arbeit productiver ist, als 
die isolierte. 
Auf sich allein angewiesen würde der Mensch kaum 
genug zum Leben producieren. 
Wenn er aber eingegliedert ist in eine sociale Organi 
sation, dann wächst die Productivität seiner Arbeit in dem 
Masse, wie die Arbeitsteilung, die Arbeitsvereinigung und 
die Verbesserung der Werkzeuge seine Macht über die 
Dinge vermehren. 
In jeder Gesellschaft, wie auch sonst immer ihre Struc- 
tuf sein mag, ob auf freier oder auf Sclavenarbeit aufge 
baut, ob capitalistisch oder communistisch organisiert, pro- 
duciert die gesellschaftliche Arbeit einen Ueberschuss, einen 
Mehrwert, d. h. einen Wert, der grösser ist, als der 
Wert der persönlichen Arbeitsleistungen und der sach 
lichen Zuthaten aller Art, die während des Productions- 
processes aufgebraucht wurden. 
Während dieser Wertüberschuss aber unter einem 
communistischen Wirtschaftssystem zu aller Nutzen ver 
wendet werden würde, kommt der durch die Arbeit er 
zeugte Mehrwert in der capitalistischen — durch die mehr 
oder weniger vollständig durchgeführte Trennung von Be 
sitz und Arbeit gekennzeichneten — Gesellschaft nicht 
der Arbeit zu gute. Er wird vielmehr in der Form des 
Profits allein von den Besitzern der Productions- und 
Austauschmittel in Beschlag genommen.
        <pb n="26" />
        Anton Monger, Professor der Rechtswissenschaft an 
der Universität Wien, stellt das mit folgenden Worten 
dar :*) 
„Unser heutiges Vermögensrecht, dessen Mittelpunct 
das Privateigentum bildet, gewährleistet dem Arbeiter nicht 
den vollen Arbeitsertrag. Indem nämlich unser Privatrecht 
die vorhandenen Vermögensobjecte, namentlich die Pro- 
ductionsmittel, einzelnen Personen zu beliebiger Benutzung 
überweist, verleiht es diesen eine Machtstellung, kraft 
welcher sie ohne eigene Arbeit ein Einkommen beziehen 
und zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse verwenden können. 
Dieses Einkommen, welches die von der Rechtsordnung 
begünstigten Personen ohne persönliche Gegenleistung an 
die Gesellschaft empfangen, bezeichnen die Saint- 
Simonisten, die Anhänger von Bûchez und Rodbertus als 
Rente, Thompson und Marx als Mehrwert; ich werde 
es das arbeitslose Einkommen nennen.“ 
So haben also dank dem Privateigentum am Capital 
die Besitzer ,der Productions- und Austauschmittel das 
erbliche Recht, sich den durch die Arbeit anderer 
geschaffenen Mehrwert anzueignen. Sie können ihn gänz 
nach ihrem Belieben productiv oder unproductiv verwen 
den, ihn in wüsten Orgien vergeuden, oder ihn aufspeichern, 
um die Ausbeutung der Arbeit in um so grösserem Stile 
zu betreiben. Als Herren leiten sie die Werkstätten und 
Fabriken, vorausgesetzt, dass sie nicht vorziehen, an ihre 
Stelle bezahlte Directoren zu setzen. Und sie werfen, 
sei es direct, sei es durch eingeschobene Mittelspersonen, 
Waren, Tauschwerte auf den nationalen oder internatio 
nalen Markt mit der einzigen Absicht, nicht etwa Be 
dürfnisse zu befriedigen, sondern Profite zu erzielen. 
*) Anton Menger: Das Recht auf den vollen Arbeits 
ertrag (Stuttgart, 1891). II. Aufl., pag. 2 und 3. 
Vergl. über die Marxsche Theorie des Mehrwerts auch 
die von Charles Andlér geschriebene Einleitung zu der fran 
zösischen Uebersetzung des Mengerschen Buches (Paris, Giard 
et Brière, 1900), pag. XXXIII ff.
        <pb n="27" />
        — 21 — 
Kurz, was vom Standpunct der Production und der 
Verteilung die heutige Wirtschaftsordnung kennzeichnet 
•— trotz der Ueberbleibsel der Vergangenheit und der 
Keime der Zukunft, die sie enthält — das ist die Allmacht 
des Capitals, des Capitals, das kein anderes Ziel kennt 
als den Profit, keine andere sociale Regel als die Con 
current, keine andere Beschränkung als die Organisation 
der Arbeiter und den nur allzuoft illusorisch gemachten 
Eingriff der Gesetzgebung. 
Das Endziel des Socialismus ist dagegen das Gemein 
eigentum an den Productions- und Austausçhmitteln, die 
gesellschaftliche Organisierung der Arbeit, die Verteilung 
des Mehrwerts unter die Arbeitenden — abzüglich des 
für die allgemeinen Bedürfnisse der Gesellschaft not 
wendigen Teils. 
Unter der Herrschaft des reinen Collectivismus — 
vorausgesetzt, was wir nicht Voraussagen können, dass 
diese Wirtschaftsordnung eines Tages Wirklichkeit werden 
wird — würden also der Grund und Boden, die Bergwerke, 
die Fabrikanlagen, die Creditanstalten, die Circulations- 
und Verkehrsmittel der Gesamtheit gehören; nur die 
Gegenstände des persönlichen Verbrauchs würden per 
sönliches Eigentum bleiben. 
Die Leitung der Geschäfte würde nicht wie heute 
monarchisch oder oligarchisch sein, sondern die republi- 
canische Form annehmen; anstatt durch Erbrecht oder 
durch das Recht der Eroberung concurrierenden oder 
coalierten Capitalisten ausgeliefert zu sein, würde sie 
nicht dem Staate, wie man fälschlich sagt und immer 
wiederholt, sondern autonomen öffentlichen Corporationen 
unter der Controle des Staates zufallen. 
Nach Schaeffle müsste das collective Capital ein für 
allemal durch specielle Organe der Gesamtheit den ver 
schiedenen localen und professionellen Gruppen übereignet 
werden; diese Organe der Gesamtheit wären entweder auf 
gesetzlicher Grundlage zu schaffende Verwaltungsbehör-
        <pb n="28" />
        den oder Führer des Volkes mit lediglich moralischer 
Autorität. Diese selben Organe hätten für Erneuerung 
und Vermehrung der Productionsmittel zu sorgen. Diese 
Leitung und Verwaltung der Volkswirtschaft würde also eine 
öffentliche und centralisierte Angelegenheit und nicht das 
Werk concurrierender Capitalisten sein.*) 
Vom Standpunct der Verteilung aus betrachtet, würde 
endlich der auf Profit abzielende Warenhandel durch die 
Verteilung von Bedarfsmitteln, von Gebrauchswerten zur 
Befriedigung allgemeiner oder persönlicher Bedürfnisse 
ersetzt werden. Die Entlohnung der Arbeiter würde nicht 
mehr durch die Productionskosten ihrer Arbeitskraft be 
stimmt werden, während der Mehrwert den Capitalisten 
verbleibt, sondern würde sich, sei es nach ihren Bedürf 
nissen, sei es nach dem Werte der Producte ihrer Arbeit 
richten. In einem späteren Capitel werden wir das noch 
weiter auszuführen haben. Hier können wir uns auf die 
Feststellung beschränken, dass die Verwirklichung des 
reinen Collectivismus nicht nur — wie man nach gewissen 
allzukurzen Definitionen zu glauben geneigt sein könnte 
— in der Vergesellschaftung der Productionsmittel be 
steht, sondern in einer vollständigen Umwälzung des Pro 
ductions- und Verteilungssystems. 
Schon aus der gewaltigen Grösse dieser Umwandlung 
ergiebt sich, dass sie nur das Ergebnis einer langen und 
umfassenden Reihe von Teilveränderungen sein kann: die 
tiefgehenden Umwandlungen würden nicht plötzlich ein- 
treten können; die plötzlichen Umwandlungen würden 
nicht tiefgehend sein können. 
Aber schon heute stecken wir mitten in der socialen 
Revolution, denn der Socialismus ist nichts anderes als die 
theoretische Weiterführung und zugleich das organische 
*) Vergl. A. Schaeffle: Die Quintessenz des Socialis 
mus. Ferner den Artikel: Collectivisme in der Revue sociale et 
politique, 1893, pag. 294.
        <pb n="29" />
        2 3 
^I 
Endziel heute schon wirksamer Tendenzen: die ganze Ent 
wickelung der capitalistischen Production im Sinne der 
Socialisierung der Arbeit fördert und bedingt die Sociali- 
sierung des Eigentums. 
Von diesem Standpuncte der Entwickelung der Pro 
duction wollen wir in erster Linie bei unserer Abhandlung 
ausgehen.*) 
Es würde in der That wenig genug bedeuten, dass 
unsere Grundsätze der Verteilung gerechter wären, als die 
heutigen, wenn ihre Anwendung eine Stockung oder gar 
einen Stillstand in der Entwickelung der Productionsfor- 
men mit sich brächten. 
Die Grundthatsache, die sich aus der ganzen ökono 
mischen Geschichte der Welt ergiebt, ist diese: niemals 
verschwindet ein Productionssystem — welche Ungerech 
tigkeiten es auch immer mit sich bringe, welche Wider 
sprüche es hervorrufe, welche Revolten es errege — es 
sei denn, dass es einem besseren Productionssystem erliege, 
besser nicht nur vom Standpuncte der abstracten Gerech 
tigkeit, sondern auch und ganz besonders vom Standpuncte 
der socialen Productivität. 
Die Sclaverei und die Hörigkeit, die seit Jahrhun 
derten von den Moralisten verdammt worden waren, ver 
schwanden in den Ländern der christlichen Civilisation 
erst dann, als die Bedürfnisse der Production die for 
melle Befreiung der Arbeit erheischten. 
So würden auch alle gefühlvollen Betrachtungen, die 
man zu gunsten des Socialismus anstellen kann, die that- 
sächliche Befreiung der Arbeit nicht bewirken können, 
*) Selbstverständlich müssen wir, wenn wir diesen Stand- 
punct wählen, auch den erheblichen und unverkennbaren Ein 
fluss beachten, den die Fortschritte auf dem Gebiete der Ver 
teilung ihrerseits auf die Productivität der gesellschaftlichen 
Arbeit ausüben. Vergl. W. Sombart: Ideale der Social 
politik (Archiv für sociale Gesetzgebung und Statistik, 1895, 
Pag. 45)- Auch Solvay: Le productivisme social (Annales 
de l'Institut des sciences sociales, December 1898, pag. 415).
        <pb n="30" />
        wenn der Socialismus nicht berufen wäre, kraft seiner 
höheren Productivität das capitalistische System zu be 
siegen. 
Diese ökonomische Ueberlegenheit des Socialismus 
zu zeigen, ist das Ziel, das wir uns gesteckt haben. Daher 
werden wir die Folgen der Concentration des Capitals dar 
stellen, die Ergebnisse der wachsenden Ausdehnung der 
Staatsbetriebe und die Probleme, die sich sowohl aus 
der demokratischen Organisation der Arbeit, wie aus der 
Verteilung der Arbeitsproducte ergeben.
        <pb n="31" />
        Erster Teil 
Die 
capitalistische Concentration 
„Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle 
Productivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, 
und neue höhere Produclionsverhältnisse treten nie an ihre 
Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben 
im Schosse der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden 
sind.“ 
Karl Marx.
        <pb n="32" />
        — 
fé-
        <pb n="33" />
        In dem Masse, wie die gesellschaftliche Entwickelung 
fortschreitet, wie sich die Beziehungen zwischen den Men 
schen mehren, wie die Communication unter ihnen leichter 
und häufiger wird, in demselben Masse wächst die Ar 
beitsteilung. 
Während man in einer auf der Stufe des Ackerbaues 
stehenden Gesellschaft kaum ein halbes Dutzend unter 
schiedlicher Gewerbe findet, führt die deutsche Gewerbe 
zählung von 1895 10397 Gewerbsbenennungen an, von 
denen 5506 in das Gebiet der Industrie im engeren Sinne 
gehören. 
Der grösste Teil dieser Gewerbe zerfällt natürlich 
wieder in Teiloperationen, die von verschiedenen Ar 
beitern ausgeführt werden. 
So stellte Levasseur*) bei einem Vergleich der moder 
nen Schuhfabrication mit der primitiven Schusterei fest, 
dass in den Fabriken von Lynns (Massachusetts) zweiund 
fünfzig Arbeiter und Arbeiterinnen an der Herstellung 
eines Damenstiefels beteiligt sind — so zwar, dass' jeder 
Handgriff, den sie ausüben, kaum einige Secunden dauert 
und sich im Laufe desselben Tages tausend und tausend 
mal wiederholt. 
Aber wegen dieser unendlichen Teilung und Unter 
teilung der gesellschaftlichen Arbeit wächst auch not 
wendigerweise die wechselseitige Abhängigkeit der Ar 
beiter voneinander. Landwirte, Händler, Industrielle, Werk 
stattgenossen, Arbeiter, die ihr ganzes Leben lang densel 
ben Knopf annähen oder dasselbe Knopfloch ausstechen, 
') Journal de la société de statistique de Paris. Januar 1900.
        <pb n="34" />
        28 
schliessen sich um so enger an andere Producenten an, 
jemehr ihre sociale Function specialisiert ist. Dem Pro 
cess der Arbeitsteilung entsprechen auf der anderen Seite 
Processe der technischen und socialen Vereinigung, die 
auf einer breiteren Grundlage die Einheit der Gewerbe 
und die Solidarität der verschiedenen Productionszweige 
wiederherstellen. 
Vom Standpuncte der Technik aus betrachtet, setzt 
die moderne Fabrik an die Stelle des individuellen Ar 
beiters einen Collectivarbeiter, einen riesigen Automaten, 
der ebenfalls die Gesamtheit der zur Production notwen 
digen Operationen durchführt: die Arbeitsteilung selbst 
bedingt und ermöglicht die Socialisierung der Arbeit. 
Von der socialen Seite betrachtet, stellt sich das so 
dar: die zu eng gewordenen Organisationsformen, deren 
Bande der technische Fortschritt zersprengt hat, werden 
durch neue, den neuen Productionsformen angepasste Ge 
bilde ersetzt. 
Die geschlossene Hauswirtschaft, die alle Gebrauchs 
gegenstände für den eigenen Bedarf der Producenten her 
stellt, macht der Tauschwirtschaft mit ihren drei auf 
einander folgenden Formen Platz: der Stadtwirtschaft, der 
Volkswirtschaft und der Weltwirtschaft.*) 
I. Die geschlossene Hauswirtschaft. 
Solange die Arbeitsteilung noch in ihren Anfängen 
steckt, bildet die Familie im weiten Sinne des Wortes, 
d. h. die Gemeinschaft der unter demselben Dache 
Wohnenden oder, wie der mittelalterliche Ausdruck lautet, 
„am selben Löffel und selben Topf Sitzenden“, die ökono- 
*) W. Sombart: Die gewerbliche Arbeit und ihre 
Organisation. (Archiv für sociale Gesetzgebung und Statistik 
1899, HI. und IV. Heft.)
        <pb n="35" />
        29 
mische Einheit.*) So z. B. die primitive römische 
familia, die bäuerliche Hausgemeinschaft des Mittel 
alters, die Zadruga der Südslaven. Alle diese Hauswirt 
schaften, gleichgiltig wie gross die oft beträchtliche Zahl 
ihrer Teilnehmer ist, haben das gemeinsame Merkmal, 
dass sie mit Ausnahme weniger Producte (wie z. B. Eisen 
und im Binnenlande Salz) ihren gesamten Bedarf durch, 
eigene Arbeit decken; — dass sie den ähnlichen Wirt 
schaften entgegengesetzt, nicht mit ihnen verbunden sind, 
sondern zu ihnen nur in sehr oberflächlicher Verbindung 
stehen : sie sind wirkliche sociale Zellen, fast ohne 
Communication mit der Aussenwelt, sie producieren alles, 
was sie verzehren und verzehren alles, was sie produ 
cieren. 
Es braucht kaum betont zu werden, dass die Pro- 
ductivität der Arbeit auf dieser Entwickelungsstufe ausser 
ordentlich gering ist. 
II. Die Tauschwirtschaft. 
A. Die Stadtwirtschaft. 
Auf der Grenze zwischen der geschlossenen Haus 
wirtschaft und den höheren ökonomischen Formen be 
ginnen sich die Production und die Consumption vonein 
ander zu scheiden; die Beziehungen zum Zwecke des 
Austausches werden zahlreicher; die Gewerbe spalten sich 
von dem Landbau ab; in den Städten bilden sich die 
gewerblichen Corporationen ; die Stadt mit ihrer länd 
lichen Umgebung wird zur ökonomischen Einheit. 
„Wenn wir eine Karte des alten deutschen Reiches 
zur Hand nehmen,“ so sagt Karl Bücher, „und auf der 
selben die Orte bezeichnen, welchen bis zu Ende des 
*) Eine gute Beschreibung dieser Zustände im mittelalter 
lichen England findet man bei H. W. Thurston: Economics 
and industrial history. (Chicago, Scott, 1899.)
        <pb n="36" />
        / ^ 
— 3° — 
I 
I 
Mittelalters Stadtrecht verliehen worden ist (es mögen 
ihrer etwa 3000 gewesen sein), so erblicken wir das ganze 
Land in Abständen von durchschnittlich 4—5 Wegstunden 
im Süden und Westen, von 7—8 Stunden im Norden 
und Osten mit Städten übersäet. Nicht alle haben gleiche 
Bedeutung gehabt; aber die meisten waren doch zu ihrer 
Zeit (oder bemühten sich wenigstens zu sein) die Mittel- 
puncte territorialer Wirtschaftsgebiete, welche ebenso ein 
für sich abgeschlossenes Leben führten, wie früher der 
Frohnhof. Um von der Grösse dieser Gebiete eine Vor 
stellung zu gewinnen, denken wir uns das gesamte Terri 
torium gleichmässig auf die vorhandenen Stadtrechte ver 
teilt. Es kommen dann im Südwesten von Deutschland 
durchschnittlich 2—21/2 Quadratmeilen auf eine Stadt, im 
mittelsten und nordwestlichen Deutschland 3—4, im öst 
lichen 5—8. Stellen wir uns die Stadt immer im Mittel- 
puncte eines solchen Gebietsabschnittes vor, so über 
zeugen wir uns, dass fast überall in Deutschland der Bauer 
aus der entferntesten ländlicnen Niederlassung den städti 
schen Markt in einem Tage erreichen und am Abend 
wieder zurück sein konnte.“*) 
So verliert also infolge einer langsamen Umwandlung, 
die Jahrhunderte lang gedauert hat und heute noch nicht 
abgeschlossen ist, die Hausgemeinschaft einen Teil ihrer 
Unabhängigkeit. 
Aber während der ganzen Periode der Stadtwirtschaft 
bleiben die alten familiär-communistischen Formen be 
stehen ; die meisten Lebensbedürfnisse werden immer noch 
in der Wirtschaft hergestellt, in der sie verzehrt werden; 
die Arbeitsteilung ist noch wenig entwickelt; der nationale 
und internationale Handel befasst sich nur mit einer kleinen 
Zahl von Waren: so mit den Gewürzen und Früchten 
des Südens, mit den getrockneten und gesalzenen Fischen 
*) K. Bücher, Entstehung der Volkswirtschaft, I. Aufl. 
pag. 49—50.
        <pb n="37" />
        zur Ernährung des Volkes, mit den Pelzwaren, den feinen 
Gewändern und, in den nördlichen Ländern, mit dem 
Wein. 
Aber mit den grossen überseeischen Entdeckungen er 
weitern sich die Märkte, die Manufactur tritt auf : die 
Arbeitsteilung, die im Mittelalter lediglich in einer Schei 
dung der einzelnen Gewerbe bestand, zerlegt nunmehr 
den Productionsprocess, der auf Herstellung einer be 
stimmten Ware abzielt, in einzelne Teile. Inferior in Hin 
sicht auf die Productivität, geht das Zunftwesen seinem 
Ende entgegen. Die capitalistische Aera bricht an. 
B. Volkswirtschaft und Weltwirtschaft. 
Im Anfang reproduciert die protectionistische und 
mercantilistische Volkswirtschaft thatsächlich nur auf 
breiterer Basis und unter Bewahrung eines grossen Teils 
der alten Formen die alte Zunftordnung. 
Die industriellen und Handel treibenden Classen 
stellen selbst in den am weitesten vorgeschrittenen Län 
dern nur erst einen kleinen Bruchteil der Gesamtbevöl 
kerung. In England gab es z. B. nach den Berech 
nungen von Gregory King für 1688 4265000 Landwirte 
gegen nur 240000 in der Industrie und 246000 im Handel 
beschäftigte Personen. Aber im Jahre 1769, weniger als 
ein Jahrhundert später, haben diese Verhältnisse bereits 
grundstürzende Aenderungen erfahren : nach Young zählen 
die landbautreibenden Schichten nur noch 3 600 00 Men 
schen, die Manufactur beschäftigt drei Millionen, die 
anderen Gewerbe 1 900 000. 
Jetzt setzt sich die industrielle Revolution mit unge 
meiner Schnelligkeit durch. Es bildet sich der Weltmarkt, 
das Netz der Verkehrswege entwickelt sich, die Mineral 
schätze des Bodens werden gehoben, die Machinofactur 
tritt an Stelle der Manufactur, die fabriksmässige Industrie 
trägt den Sieg über die anderen Arten der Production
        <pb n="38" />
        davon, ein wirklicher Kampf um die Existenz beginnt, 
ein Kampf auf Leben und Tod auf einem unbegrenzten 
Schlachtfelde unter den verschiedenen Formen der Unter 
nehmungen. 
Die socialen Folgen dieser Entwickelung hat Karl 
Marx in den berühmten Capiteln am Schluss des ersten 
Bandes des Capitals geschildert : 
Das moderne Grosscapital, so sagt er dem Sinne nach, 
entsteht aus der Vernichtung des kleinen Eigentums (der 
kleinen Handwerker und Bauern), bei dem Arbeit und 
Besitz thatsächlich vereint waren und bei dem der Ar 
beiter auch der wirkliche Besitzer seiner Productions- 
mittel und des Productes seiner Arbeit war. Diese 
adäquate classische Form des Privateigentums, wo der 
Arbeiter freier Privateigentümer seiner von ihm selbst 
gehandhabten Arbeitsbedingungen ist — der Bauer des 
Ackers, den er bestellt, der Handwerker des Instruments, 
worauf er als Virtuose spielt — diese für ihre Zeit glück 
liche, den Forderungen der Gerechtigkeit entsprechende 
und Arbeit und Besitz identificierende Form hatte den 
grossen Nachteil, die Zersplitterung des Bodens und der 
übrigen Productionsmittel zu unterstellen : diese Zer 
splitterung hinwiederum hatte zur Folge eine Schädigung 
der Productivität und eine Verminderung der Mittel wirt 
schaftlichen Fortschritts. Auf einem gewissen Höhegrad 
der Entwickelung musste das kleine Eigentum an diesem 
Fehler zu Grunde gehen, und was von ihm übrig blieb 
(Kleinhandwerker und Kleinbauern) kommt von Tag zu 
Tag mehr zurück, sintemalen diese Eigentumsform ge 
zwungen ist, der Macht des agrarischen und industriellen 
Grosscapitals zu weichen. 
„Das selbst erarbeitete, sozusagen auf Verwachsung 
des einzelnen, unabhängigen Arbeitsindividuums mit seinen 
Arbeitsbedingungen beruhende Privateigentum wird ver 
drängt durch das capitalictische Privateigentum, welches
        <pb n="39" />
        33 
auf Exploitation fremder (aber formell freier) Arbeit 
beruht. 
Sobald dieser Umwandlungsprocess nach Tiefe ünd 
Umfang die alte Gesellschaft hinreichend zersetzt hat, 
sobald die Arbeiter in Proletarier, ihre Arbeitsbedingungen 
in Capital verwandelt sind, sobald die capitalistische Pro- 
ductionsweise auf eigenen Füssen steht, gewinnt die weitere 
Vergesellschaftung der Arbeit und weitere Verwandlung 
der Erde und anderer Productionsmittel in gesellschaftlich 
ausgebeutete, also gemeinschaftliche Productionsmittel, da 
her die weitere Expropriation der Privateigentümer, eine 
neue Form.“ Das Grosscapital — auf seiner zweiten Ent 
wickelungsstufe — vernichtet den Kleincapitalisten. 
Dank der fortgesetzten Concentration der Productions 
mittel in den grossen Industrieen tötet ein Capital viele 
andere; aber Hand in Hand damit entwickelt sich im 
Bereiche des grossen Privatcapitals die cooperative Form 
des Arbeitsprocesses auf stets wachsender Stufenleiter, die 
bewusste technische Anwendung der Wissenschaft, die 
planmässige Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der 
Arbeitsmittel in nur gemeinsam verwendbare Arbeits 
mittel, die Verschlingung aller Völker in das Netz des 
Weltmarkts. 
Aber „mit der beständig abnehmenden Zahl der 
Capitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses Umwand 
lungsprocesses usurpieren und monopolisieren, wächst die 
Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der 
Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung 
der stets anschwellenden und durch den Mechanismus 
des capitalistischen Productionsprocesses selbst geschulten, 
vereinten und organisierten Arbeiterclasse. Das Capital- 
monopol wird zur Fessel der Productionsweise, die mit 
ihm und unter ihm aufgeblüht ist. Die Centralisation der 
Productionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit 
erreichen einen Punct, wo sie unverträglich werden mit 
ihrer capitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die 
Vandervelde: Die Entwickelung zum Socialismns. 3
        <pb n="40" />
        34 
Stunde des capitalistischen Privateigentums schlägt. Die 
Expropriateurs werden expropriiert.“ 
Wir haben absichtlich diese grossartige Stelle aus 
führlich wiedergegeben, um zu zeigen, wie sehr der dem 
Socialismus häufig gemachte Vorwurf unberechtigt ist, 
er beschäftige sich vorzugsweise mit den Ungerechtigkeiten 
in der Verteilung und gäbe sich keine Rechenschaft über 
die Bedürfnisse der Production. 
Im Gegenteil stützt sich die Marxsche Lehre auf den 
Fundamentalsatz, dass die Entwickelung des persönlichen 
Eigentums in capitalistisches Eigentum und des capitalisti 
schen Eigentums in sociales Eigentum vorzugsweise be 
wirkt wird durch die productive Ueberlegenheit des 
Capitalismus über die Einzelproduction, des Socialismus 
über die capitalistische Production. 
Wenn die selbständigen Producenten, die Handwerker 
und Kleinbauern, mit einem Wort alle diejenigen, die für 
sich selbst arbeiten, ohne den Ertrag ihrer Arbeit mit 
anderen zu teilen, die Tendenz zeigen, aus der Volkswirt 
schaft zu verschwinden, so geschieht das vor allem des 
halb, weil ihre Arbeitsenergie nicht hinreicht, um die 
Vorteile der socialisierten Arbeit zu ersetzen. 
Wenn die Zahl der Betriebe abnimmt — wenigstens 
in gewissen Industriezweigen —, während die Zahl der 
beschäftigten Arbeiter ununterbrochen zunimmt, so ge 
schieht das, weil die grossen Unternehmungen in der 
Regel productiver sind, als die kleinen. 
Und endlich, wenn eines Tages das gesellschaftliche 
Eigentum an Stelle des capitalistischen Eigentums treten 
muss, so geschieht auch das, weil die Unterdrückung 
der Privatmonopole, der erblichen Privilegien, des arbeits 
losen Einkommens, kurz aller Schranken, die das 
capitalistische Eigentum der Ausdehnung der produc 
tiven Kräfte setzt, die Productivität der gesellschaftlichen 
Arbeit in unerhörtem Masse steigern würde.
        <pb n="41" />
        WÊÊtÊÊÊÊtSÊtÊ 
— 35 — 
Wir behaupten natürlich keineswegs, dass dieses 
Schema, das die ganze Entwickelung des modernen Eigen 
tums in einer notwendigerweise allzu einfachen Formel 
darzustellen sucht — persönliches Eigentum, capitalisti- 
sches Eigentum, sociales Eigentum —, sich streng und 
für alle Fälle zutreffend an die ausserordentliche Ver 
schiedenheit der Phänomene anpasst. 
Wir sind die ersten, die zugestehen, dass die Marxsche 
Lehre von der wachsenden Verelendung des Proletariats 
lediglich eine Tendenz darstellt, die auf gehalten werden 
kann und häufig auf gehalten wird durch Tendenzen, die ihr 
entgegen wirken.*) Was aber festgestellt werden muss, be 
vor wir, mehr ins einzelne gehend, den capitalistischen 
Concentrationsprocess darlegen, das ist der organische 
Charakter der Anschauung, die den collectivistischen 
Theorieen zur Grundlage dient. 
Dass es bei Marx z. B. im Communistischen Manifest 
noch vereinzelte Stellen giebt, wo man die Spur der 
Katastrophenutopieen wiederfindet, die das Manifest 
gerade bekämpfen sollte, mehr oder weniger zahlreiche 
Ueberbleibsel der Gewalttheorie, nach der die Revolution 
tn die modernen Gesellschaften hineinbrechen sollte, wie 
der „Dieb bei der Nacht“, das wollen wir gar nicht be 
streiten;**) aber es bleibt darum doch nicht minder wahr, 
dass die Marxsche Theorie im ganzen diesen Lehren 
diametral entgegengesetzt ist: die Vergesellschaftlichung 
der Productionsmittel und der Austauschmittel zum 
Nutzen der Gesamtheit erscheint in ihr als die letzte Stufe 
der Entwickelung des Capitalismus selbst, als die Consé- 
quenz der vorausgesagten Expropriation der Kleinprodu 
zenten durch die Grossen. 
*) Karl Kautsky: Bernstein und das socialdemo 
kratische Programm (Stuttgart 1899), pag. 114—128. 
**) Vergl. dazu Ed. Bernstein: Die Voraussetzungen 
des Socialismus und die Aufgaben der Socialdemokratie (Stutt 
gart 1899), II. Cap.
        <pb n="42" />
        — 36 — 
Es bleibt nun zu untersuchen, ob es wahr ist, dass in 
allen Zweigen der Production und des Austausches das 
persönliche Eigentum, das Arbeitsmittel des selbständigen 
Producenten, die Tendenz zeigt, vor dem capitalistis'chen 
Eigentum, dem Mittel zur Ausbeutung des gegen Lohn 
arbeitenden Producenten, zu verschwinden.
        <pb n="43" />
        I. Capitel. 
Der Untergang des persönlichen Eigentums. 
„Das Eigentum ist Fremdtum geworden.“ 
Ferdinand Lassalle. 
Die charakteristischen Repräsentanten des persön 
lichen Eigentums, die wir noch in den heutigen capitalisti- 
schen Gesellschaften vorfinden, sind: der Kleinbauer, der 
Handwerker und, soweit er das Eigentum an seinem Inven 
tar bewahrt hat, der kleine Händler. 
Der Kleinbauer, der mit den Mitgliedern seiner 
Familie eigenen Besitz bewirtschaftet, reproduciert heut 
zutage die dem modernen Milieu mehr oder weniger an 
gepasste geschlossene Hauswirtschaft, die ländliche Wirt 
schaftsgemeinschaft des Mittelalters. 
Der Handwerker, der seine Arbeitsinstrumente selbst 
besitzt und das selbst verkauft, was er fabriciert, repräsen 
tiert die Stadtwirtschaff und das Zunftwesen der stadt 
wirtschaftlichen Epoche. 
Was den kleinen Händler betrifft und den Zwischen- 
meister, der heute in fast allen Zweigen der Production 
auftaucht, so sehen wir ihn erst in dem Augenblicke 
erscheinen, wo die Fortschritte der Arbeitsteilung und die 
Ausbreitung der Märkte seinem Dazwischen treten im Aus 
tauschgeschäft günstig werden. 
„Seit dem Jahre 1830,“ so Sagt de Greef, „hat sich 
(in Belgien) der Detail- und Grosshandel besonders ent 
wickelt. Die im Handel beschäftigte Bevölkerung hob
        <pb n="44" />
        sich von 103696 im Jahre 1846 auf 156803 im Jahre 1856, 
d. h. das Anwachsen der Zahl der Zwischenhändler war 
während dieser Periode schneller, als das der Gesamt 
bevölkerung. Während diese um weniger als 1 % im 
Jahre zunahm, wuchs die Zahl der Händler jährlich um 
nahezu 5 0/0.“*) 
So sehen wir schon hier, dass die Entwickelung des 
Capitalismus und die industrielle Concentration die Ver 
mehrung kleiner Unternehmungen in anderen Branchen, 
besonders im Handel, als Gegengewicht haben kann. Wir 
werden aber zu untersuchen haben, in welchem Masse diese 
kleinen Unternehmungen thatsächlich das persönliche 
Eigentum derer bilden, die sie ausbeuten. 
§ I. 
Die bäuerlichen Besitzer. 
Da die Landwirtschaft die wenigst differenzierte der 
grossen Industrien ist, so findet man hier besonders die 
alten Formen des Eigentums und der Production vor. 
Solche sind die Gemeinländereien, die den Gemeinden 
gehören, aber ihren Gliedern zur individuellen Benutzung 
*) Das Anwachsen der handeltreibenden Bevölkerung Bel 
giens kann man ungefähr aus folgenden Daten erkennen : 
Zahl der vom 
Handel lebenden Personen 
Zahl der eigent 
lichen Händler 
1846 
1856 
1866 
1880 
1890 
289 013 
335 915 
400 000 (?) 
523 000 
700 000 
103 696 
156 803 
200 000 (?) 
244 247 
327 091 
Man sieht, dass die Zunahme nicht mehr 5 0/0, wie in den 
ersten beiden Perioden, sondern nur noch wenig mehr als 3 0/0 
beträgt. Vergl. de Greef: Le crédit commercial et la Banque 
nationale de Belgique (Brüssel, Mayolez, 1899), pag. 223.
        <pb n="45" />
        39 
überlassen sind, die Latifundien feudalen Ursprungs, die 
Domainen, die aus dem Eigentum der Fürsten in das des 
Staates übergegangen sind, und endlich die besondere 
Form des persönlichen Eigentums, den bäuerlichen Klein 
besitz, der direct vom Bauern mit Hilfe seiner Familien 
mitglieder ausgebeutet wird und fast alles hervorbringt, 
was im Haushalt verbraucht wird.*) 
Selbstverständlich sind diese Lebensformen in unseren 
Ländern, in denen die capitalistische Production herrscht, 
bereits stark alteriert; um sie noch in ihrer Unberührt 
heit studieren zu können — mit ihrer Arbeitsteilung, die 
lediglich nach der Verschiedenheit der Geschlechter durch 
geführt ist —, musä man z. B. die agrarischen Verhält 
nisse in Südosteuropa studieren. „Im kleinen Kreise der 
Familie,“ sagt Karl Bücher, „oder doch innerhalb der 
engen Dorfgrenzen besorgt der Bukowinaer Landbewohner 
sich alle seine Lebensbedürfnisse selbst. Beim Bau des 
Hauses versteht es der Mann in der Regel, die Arbeiten 
des Zimmermanns, Dachdeckers und dergl. zu versehen, 
während das Weib das Bemörteln der geflochtenen und 
gestockten Wände oder dasi Dichten der Blockwand 
fugen mit Moos, das Stampfen des Fussbodens und viele 
andere einschlägige Arbeiten übernehmen muss. Vom 
Anbau der Gespinstpflanze oder der Aufzucht des Schafes 
an bis zur Fertigstellung der Bett- und Kleidungsstücke 
aus Leinen, Wolle oder Pelz werk, Leder, Filz oder Stroh 
geflecht erzeugt ferner das Bukowinaer Landvolk alles, 
selbst die Farbstoffe aus eigens gezogenen Pflanzen, sowie 
die nötigen, allerdings höchst primitiven Handwerkzeuge. 
Und so ist es im allgemeinen auch mit der Nahrung. Mit 
Aufwand ziemlich bedeutender Mühe pflegt der Bauer 
sein Maisfeld, stellt auf der Handmühle das Kukuruz 
mehl her, das er zum Backen seiner Hauptkost (Mamaliga, 
*) Wegen der Definitionen des Begriffs bäuerlicher Be 
sitz vergleiche man das erste Buch von A. Souchon: La 
propriété paysanne (Paris, Larose, 1899).
        <pb n="46" />
        — 40 
der Polenta ähnlich) verwendet. Auch seine einfachen 
Ackerwerkzeuge, die Gefässe und Gerätschaften für die 
Küche und die Wirtschaft weiss er selbst herzustellen, 
oder es versteht das wenigstens ein Autodidakt im Dorfe. 
Nur die Bearbeitung des Eisens, welches Material die 
eingeborene Bevölkerung in äusserst geringen Mengen 
verbraucht, überlässt er im allgemeinen den im Lande zer 
streut lebenden Zigeunern.“*) 
Auf dieser Entwickelungsstufe finden wir so gut wie 
nichts vom Handel, Geld, Credit, Capital und allen 
den sogenannten ewigen Kategorieen der bürgerlichen 
Oekonomie. 
Aber von dem Augenblick ab, wo die Arbeitsteilung 
beginnt, wo sich die Güterherstellung immer mehr und 
mehr von der Hauswirtschaft absondert und zu eigenen 
Zweigen der Volkswirtschaft wird, unterliegt auch das 
bäuerliche Eigentum starken Veränderungen, selbst wenn 
es nicht, wie in gewissen Gegenden Englands, durch 
brutale und blutige Expropriation ganz vernichtet wurde.**) 
Die Entwickelung der Industrie in den Städten tötet 
die hauswirtschaftliche Arbeit — das Brotbacken, die Holz 
arbeiten, das Spinnen und das Handweben für die Be 
dürfnisse der Familie — langsam und sicher oder speciali- 
siert sie und verwandelt sie in jene Hausindustrieen, die, 
miserabel bezahlt, noch in den hohen Thälern bergiger 
Districte und in gewissen Teilen des platten Landes 
existieren. 
Die Ausdehnung der Ackerwirtschaft, die durch die 
wachsende Nachfrage nach Nahrungsmitteln infolge des 
Anwachsens der städtischen und industriellen Bevölkerung 
hervorgerufen wird, führt zur Unterdrückung der Brach 
ländereien, zur Abholzung, zum Verkaufe und zur Teilung 
*) Karl Bücher in der Revue d’Economie politique 
1892, pag. 630. 
**) L. Brentano: Erbrecht und Bauernstand in Eng 
land 2. Gesammelte Aufsätze I. (Stuttgart 1899.)
        <pb n="47" />
        4i 
der Allmende und damit zur Unterdrückung der Weide 
gerechtsame, die für die Wirtschaft der Kleinbauern so 
ausserordentlich wichtig waren. 
„Die Gemeindeweiden,“ so sagten im Jahre 1847 die 
Abgeordneten der Provinz Luxemburg in der belgischen 
Kammer, „sind die sichersten Hilfsmittel für die Armen. 
Sie erlauben ihnen einige Stück Vieh auf der Gemein 
weide zu halten, geben ihnen Futter für dies Vieh, das 
Dach für ihre Hütten und mancher Orten ausserdem 
ein Stück Räutland, das ihnen einen Teil des zum Unter 
halte der Familie notwendige Brot trägt.“ 
Ihres Gemeinbesitzes beraubt — abgesehen von weni 
gen Gegenden, wo noch viel unbebauter Boden vorhanden 
ist, — zum Gebrauche von Geld gezwungen, um das zu 
kaufen, was die Hausarbeit nicht mehr produciert, um 
die immer härter werdenden Staatslasten zu bezahlen, um 
Personal zu lohnen, das ihre durch die Industrie oder 
den Heeresdienst dem Hause entführten Kinder er 
setzen muss, sind die Kleinbauern gezwungen, Tauschwerte 
herzustellen, ihren persönlichen Verbrauch auf ein Mini 
mum einzuschränken, americanisches Schweineschmalz und 
Mehl zu essen, während sie ihre Butter, ihre Eier, ihr 
Rindvieh, ihr Schweinefleisch, sei es auf dem Markte 
der nächsten Stadt, sei es an Zwischenhändler, verkaufen, 
die nur zu oft sie ausbeuten und in Schulden bringen. 
Wenn ferner die Entwickelung der internationalen 
Beziehungen, die Verbesserung der Verkehrsmittel, das 
Pindringen der Cerealien und anderer Landesproducte 
aus überseeischen Ländern die Landwirtschaft allen 
Schwankungen des Weltmarktes ausliefem, dann sehen 
sich die Bauern gezwungen, ihre Productionsmittel zu 
verbessern und die Culturen, die sich nicht mehr lohnen, 
ln lohnende umzugestalten. 
Der Anblick des Landes ändert sich. Das Getreide 
verliert seine althergebrachte Vorherrschaft, es räumt den 
industriellen und gärtnerischen Culturen einen breiten
        <pb n="48" />
        Raum ein, ebenso wie der Milchwirtschaft und der Auf 
zucht von Fettvieh. Die Weide verwandelt sich in künst 
liche Wiesen, das Brachland verschwindet, Drainagen und 
Wasserleitungen berieseln den Boden. 
Nur muss man, um so die Landwirtschaft zu 
industrialisieren, Geld haben, Capitalien, und die meisten 
Landwirte haben das nicht. Deshalb sind viele von ihnen 
gezwungen, Schulden zu machen, drückende Lasten auf 
zunehmen, ihr Gut mit Hypotheken zu beladen oder über 
haupt auf eigenen Besitz zu verzichten und den Pächter 
zu spielen. 
Diese Gründe erklären zum guten Teil den bemer 
kenswerten Rückgang des bäuerlichen Eigentums in Bel 
gien seit der Agrarkrise und besonders in dem Zeitraum 
zwischen den Gewerbezählungen von 1880—1895. 
Im Jahre 1880 wurden von 100 Hectar Ackerland 
66 in Pacht gegen 34 im eigenen Besitz bewirtschaftet. 
Im Jahre 1895 betrug die Eigenwirtschaft nur noch 
31 gegen 69.*) 
Und dazu muss! besonders bemerkt werden, dass sich 
der Eigenbesitz nur in den ärmsten Gegenden seine Bedeu 
tung bewahrt, so in dem Heideland der Campine, auf den 
*) In Deutschland sind von 5 276 344 landwirtschaftlichen 
Betrieben 15,70/0 Pachtungen, 63,60/0 Eigenwirtschaft, 20,70/0 
teils Pachtung, teils Eigenwirtschaft. Die Pachtungen nehmen 
nur 14,68 0/0 der landwirtschaftlichen Fläche ein. Aber „neuer 
dings scheint das Verhältnis der Pachtungen an den Selbst 
bewirtschaftungen zu steigen.“ (Blondel: Etudes sur le? 
populations rurales de l’Allemagne, Paris, Larose, 1897). — In 
Frankreich sind nach der Enquête von 1892 von 5618317 land 
wirtschaftlichen Betrieben 4190725 in directer, 1 437 522 in in- 
directer Bewirtschaftung. Das allgemeine Verhältnis beider Be 
wirtschaftungsarten ist ungefähr wie 3:1. — In England haben 
wir nach Schaeffle (Kern- und Zeitfragen, Berlin 1895, pag. 193) 
sechsmal so viel Pacht- als Eigenwirtschaften. — Demnach 
ist das Verhältnis der Eigenwirtschaften zu den Pachtwirt 
schaften in Deutschland und Frankreich, wo die ackerbauende 
Bevölkerung noch die Hälfte der Gesamtbevölkerung ausmacht, 
viel grösser, als in England und Belgien, wo die industrielle 
und commercielle Bevölkerung die grosse Mehrheit bildet.
        <pb n="49" />
        Hohenmooren der Ardennen, in den Walddistricten 
zwischen Sambre und Maass. Dagegen herrscht das 
capitalistische Eigentum, die Bewirtschaftung durch Päch 
ter, ohne Ausnahme in den reichsten Gegenden, so dass 
ein conservativer Schriftsteller, de Lavallée-Poussin, sagen 
konnte:*) „Die Entwickelung des bäuerischen Eigentums 
steht im umgekehrten Verhältnis zu dem Werte des Grund 
und Bodens. Dort, wo der Boden hoch im Preise steht, 
überwiegt das Pachtsystem; nur sehr wenig Besitzer be 
wirtschaften ihren eigenen Besitz und die meisten Bauern 
sind Pächter. Umgekehrt ist es in den Gegenden, wo 
der Grund und Boden geringen Wert hat, und je geringer 
der Wert ist, umsomehr ist die Eigenwirtschaft des Be 
sitzers vorherrschend.“ 
Das Anwachsen der Bevölkerung, die Entwickelung 
der Städte, die Ausdehnung der Industriecentren, die 
Fortschritte der intensiven Cultur, alle diese Tendenzen, 
die auf eine Wertsteigerung des Grund und Bodens hin 
wirken, sind zugleich Tendenzen zur Scheidung des Be 
sitzes von der Arbeit, zur Ersetzung der Eigenwirtschaft 
und des persönlichen Eigentums durch die Pachtwirt 
schaft und das capitalistische Eigentum. 
Schon Marx hat darauf hingewiesen, dass unter der 
Herrschaft der capitalistischen Production die Trennung 
des selbstwirtschaftenden Besitzers in zwei Persónen, näm 
lich in den Besitzer und den Unternehmer, eine notwendige 
Consequenz des Privateigentums von Grund und Boden 
ist. In dem Augenblick aber, wo diese Scheidung sich 
vollzieht, beginnt die Ausbeutung des Arbeiters. 
Dabei spielt es nur eine sehr geringe Rolle, ob Gross 
betrieb oder Kleinbetrieb vorherrscht. 
In den Gegenden mit capitalistischer Landwirtschaft 
im strengen Sinne des Wortes — gekennzeichnet durch 
*) La propriété paysanne (Revue sociale catholique vom 
I. Februar 1898, pag. 10).
        <pb n="50" />
        die Scheidung von Grundbesitzern, Pächtern und länd 
lichen Arbeitern — ist die Ausbeutung der Arbeiter im 
grossen und ganzen weniger excessiv, als in den Ländern 
mit Kleinbetrieb, in denen der Pächter in Wriklichkeit 
nur ein auf das Existenzminimum gesetzter Parzellen 
arbeiter ist. 
Es kann uns genügen, dafür das gewiss unverdächtige 
Zeugnis von Paul Leroy-Beaulieu anzurufen: „Die Zer 
schlagung der Domainen in ganz kleine Lose wie in einigen 
sehr dicht bevölkerten Landstrichen, in Flandern und in 
der Terra di lavoro im Königreich Neapel oder auch 
dort, wo eine notleidende Bevölkerung sitzt, wie in Irland, 
kann den Besitzern vorteilhaft sein; aber andererseits 
bringt sie doch oft sociale Uebel mit sich und auch 
wirtschaftliche Nachteile. Die starke Concurrenz der 
kleinen Pächter treibt in normalen Zeiten den Pachtpreis 
stark in die Höhe; der Besitzer, der so eine leichte und 
in Zeiten der Prosperität immer steigende Rente findet, ver 
liert das Interesse an seinen Grund und Boden. In diesem 
besonderen Falle beruhen die hohen Pachterträge auf dem 
Elend und der weitestgetriebenen Bedürfniseinschränkung 
der Pächter. Einige englische Schriftsteller haben dem 
System den Namen Concurrenzpachtungen gegeben.“*) 
Wenn wir einmal annehmen, was Sering in seiner 
Kritik der Kautskyschen Agrarfrage nachweisen will,**) 
dass nämlich der Fortschritt der intensiven Cultur im 
allgemeinen zu einer Vermehrung der kleinen und mitt 
leren Unternehmungen führt — was wir später noch 
untersuchen werden — so würde sich daraus immer noch 
nicht ergeben, dass die Ausbeutung der ländlichen Ar 
beiter weniger stark und weniger ungerechtfertigt sei. Was 
aber schon jetzt als nachgewiesen gelten kann, das ist die 
*) Leroy-Beaulieu: Traité théorique et pratique 
d’économie politique (Paris, Guillaumin, 1896) II. Teil, pag. 24. 
**) Sering: Die Agrarfrage und der Socialismus. 
(Schmollers Jahrbuch, 1899.)
        <pb n="51" />
        45 
mehr oder weniger rasche und mehr oder weniger voll 
ständige Decadenz des bäuerlichen Eigentums überall dort, 
wo sich die capitalistische Wirtschaft entwickelt. 
Selbst wenn die Familiengüter erhalten bleiben und 
der Ueberlastung mit Hypotheken entgehen, so geraten 
sie doch, ihres primitiven Charakters entkleidet, ihrer 
Selbständigkeit beraubt, eingefügt in den ungeheuren 
Organismus der Tauschwirtschaft in Abhängigkeit von 
den Kornhändlern, den Mehlhändlern, den Zuckerfabri- 
canten oder anderer grosser agrarischer Industriebarone. 
In dem Masse ferner, in dem sich die Bevölkerung 
vermehrt und speciell in den Ländern der gleichen Teilung 
— vorausgesetzt, dass nicht das Zweikindersystem mit 
seinen demoralisierenden Folgen zur Herrschaft gelangt 
— werden die immer mehr geteilten, mit Erblasten über 
häuften Parcellen derartig klein, dass sie nicht mehr zum 
Lebensunterhalt ihrer Besitzer genügen. 
Man erinnert sich der Verwünschungen des alten 
Friedensrichters Clousier in Balsacs Dorfpastor gegen das 
Erbrecht des französischen Code: „Dieses Stampfwerk,“ 
so ruft er aus, „dessen ununterbrochene Arbeit das Land 
zertrümmert, die Vermögen zerteilt, indem es ihnen die 
notwendige Stabilität raubt, das stets auseinander schlägt, 
ohne jemals etwas wieder zusammenzufügen, wird einmal 
Frankreich zu Grunde richten.“ Zum mindesten trägt es 
im hohen Masse dazu bei, das bäuerliche Eigentum, sei es 
zu gunsten des capitalistischen, sei es zu gunsten des 
Parcellenbesitzes zu zerstören.*) 
*) Wir betrachten, wohlverstanden, die Ersetzung des 
Systems der gleichen Teilung durch das Anerbenrecht oder jedes 
andere Zwangssystem, durch das eines der Kinder auf Kosten 
der anderen bevorzugt wird, als ein Heilmittel, das schlimmer 
ist, denn das Uebel; wird doch bei einem derartigen System 
die Consolidierung des bäuerlichen Besitzes zu gunsten des 
bevorrechteten Erben nur durch die um so schnellere Proletari 
sierung der zurückgesetzten Erben erreicht. Wir verweisen 
sierung der zurückgesetzten Erben erreicht. Wir verweisen hier 
zu auf die schönen Studien Brentanos, vereinigt unter dem 
Titel: Gesammelte Aufsätze. Erbrechtspolitik (Stuttgart 1899).
        <pb n="52" />
        46 
Im ersten Fall werden die Bauern durch Pächter 
ersetzt. 
Im zweiten Fall sind sie genötigt, andere Existenz 
mittel zu suchen, die anfangs einen Zuschuss zu ihren 
Einnahmen bilden, schliesslich aber die Hauptquellen ihres 
Einkommens abgeben.*) 
Die einen — und das ist notwendigerweise eine 
geringe Minderzahl — eröffnen einen Kleinhandel, werden 
Kaufleute, Schankwirte, Vieh-, Geflügel- oder Dünger 
händler. 
Die anderen — losgelöst von der mütterlichen Scholle 
•— überlassen ihren Frauen oder Familienmitgliedern die 
Bewirtschaftung ihrer Parcelle und gehen während der 
guten Jahreszeit ins Ausland, um dort bei der Getreide 
oder Zuckerrübenernte zu helfen, sich als Ziegler zu ver 
dingen und eine Reihe anderer Arbeiten zu übernehmen; 
im Herbst bringen sie dann einige hundert Franken mit 
heim, die ihnen über den Winter hinweghelfen. 
Wieder andere endlich behalten zwar ein Fleckchen 
Erde, lassen es aber in der Regel von einem benachbarten 
Pächter bearbeiten, statt es wie früher in Spatencultur zu 
nehmen, und werden selbst industrielle oder landwirt 
schaftliche Arbeiter. 
Gerade in Belgien gehen, dank der geringen Ent 
fernungen zwischen den Centren der Bevölkerung und 
dank der Einführung von Arbeiterzügen, deren Tarif 
zehnmal niedriger ist, als der der gewöhnlichen Eisen 
bahnfahrten, täglich mehr als einhunderttausend Land 
leute, unter denen sich viele Zwergbauern oder Söhne 
von Bauern befinden, mit der Eisenbahn in die Fabriken 
*) Nach der deutschen Berufs- und Gewerbezählung vom 
14. Juni 1895 sind von 100 landwirtschaftlichen Betrieben 40,35 
in Händen von Leuten, die in erster Linie ein nichtlandwirt 
schaftliches Gewerbe ausüben. Ueber die Details siehe : R a u c h- 
berg: Die Berufs- und Gewerbezählung im Deutschen Reiche 
(Brauns Archiv für sociale Gesetzgebung, 1900, pag. 166 ff.).
        <pb n="53" />
        oder Kohlenbergwerke zur Arbeit und zwar häufig auf 
geradezu unwahrscheinliche Entfernungen von ihren 
Wohnsitzen.*) 
Vor einiger Zeit z. B. befanden wir uns in Assche, 
einem friedlichen flämischen Marktflecken, nordwestlich 
von Brüssel, mehr als 60 Kilometer vom Kohlengebiet. 
Als wir dort unter den Landleuten, die sich, angezogen 
durch die Klänge unseres socialistischen Musikcorps, auf 
dem Marktplatz versammelt hatten, mehrere bemerkten, 
die in dem Gesichte die für Bergwerksarbeiter so 
charakteristischen blauen Pulverspuren trugen, erfuhren 
wir auf unsere Frage, ob sie früher in den Kohlenberg 
werken gearbeitet hätten, die Antwort : „Wir arbeiten noch 
dort ! Wir fahren jeden Morgen von Assche nach Brüssel- 
Nord, von Brüssel-Nord mit der Ringbahn nach Brüssel- 
Midi und von Brüssel-Midi nach Charleroi, und alle Abend 
kehren wir auf demselben Weg nach Hause zurück.“ 
Nach der Auskunft, die uns das Eisenbahnministerium 
gegeben hat, giebt es im Arrondissement Brüssel und be 
sonders im Arrondissement Alost (Ost-Flandern) Tausende 
von Arbeitern, die ungefähr unter denselben Bedingungen 
leben: io Stunden im Bergwerk, 2 Stunden Eisenbahn 
fahrt des Morgens zur Arbeitsstätte, 2 Stunden mit dem 
Zuge wieder zurück und häufig noch einen längeren Fuss- 
marsch bis zu ihrem Dorfe. 
Man fragt sich mit Entsetzen, was denn bei einem 
solchen Leben noch von Menschlichkeit und Menschen 
würde übrig bleiben kann, wenn jeder Augenblick dem 
Broterwerbe gewidmet sein muss. Und doch tragen solche 
Leute, unbewusste Prometheen, den Funken heim, den sie 
vom socialistischen Herdfeuer nahmen, entzünden sie bis 
in das letzte Dorf hinein die grosse Flamme der Hoffnung 
auf eine bessere Zukunft. 
*) Vergl. meinen Artikel: Les villes tentaculaires (Revue 
d’Economie politique, April 1899).
        <pb n="54" />
        48 
§ 2. 
Die Handwerker. 
Unter den von der Hauswirtschaft abgezweigten 
Teilen der Production spielt das Handwerk — im Mittel- 
alter die herrschende ökonomische Form — in der 
capitalistischen Wirtschaftsordnung nur eine mehr und 
mehr secundare Rolle. 
Der Handwerker, der seine Productionsmittel selbst 
besitzt, für den Localmarkt arbeitet und seine Erzeugnisse 
selbst an den Kunden absetzt, findet sich nur noch in 
Gegenden und in Industriezweigen, in denen etwelche 
Hindernisse der Ausdehnung des Marktes und der Ent 
wickelung der Arbeitsteilung entgegenstehen. 
Das ist besonders der Fall bei den ländlichen Hand 
werken, bei den Luxusindustrieen und in jenen, deren 
Producte einer raschen Veränderung unterworfen sind, 
den Transport nicht vertragen und an Ort und Stelle keine 
hinreichende Zahl von Käufern finden. 
Als allgemeine Regel kann man, wie Marousbem 
sagt, den Satz hinstellen, dass dann, wenn die Märkte 
klein sind, sich auf die Nachbarschaft oder auf eine 
sehr wenig zahlreiche Kategorie der Bevölkerung be 
schränken (Bäckerei, Luxustischlerei) die kleinen selbst 
ständigen Handwerker in der Mehrheit bleiben; dass aber 
im Gegenteil dann, wenn sich die Absatzgebiete ausdehnen 
und zu nationalen oder zu internationalen werden, einander 
die grossen Fabriken oder die Hausindustrie den Markt 
streitig machen; die Hausindustrie hält sich dann, wenn 
sie durch den billigen Preis der Handarbeit gegen die 
technischen Fortschritte concurrieren kann. 
„Darnach finden wir die Kleinindustrie noch in den 
Gruppen der Nahrungsmittelbereitung : Bäcker, Con- 
ditoren, Fleischer, Wurstler; in der Textilindustrie und in 
der Verarbeitung der Stoffe: Schneider, Schneiderinnen, 
Weissnäherinnen, Modistinnen u. s. w.; in der Leder-
        <pb n="55" />
        49 
industrie: Saffiangerber, Futteralarbeiter, Portefeuillisten 
u. s. w.; in der Holzindustrie: beinahe die ganze Gruppe 
der Kunsttischler, Täfler u. s. w. ; in. einer Reihe von 
gewöhnlichen oder kostbaren Metallarbeiten.“ 
Aber sogar in diesen Productionszweigen zeigt das 
eine sehr häufige Annäherung an das Fabriksystem neben 
abhängigkeit der Producenten, die individualistische Or 
ganisation der Werkstatt und mehr noch der Unter 
nehmungen, die Tendenz zu verschwinden. 
Bald ist es die Grossindustrie, die Bresche legt, die 
Manufactur und die Fabrik, die dem Handwerk eine sieg 
hafte Concurrenz bereiten : die Brotfabrik ersetzt den 
Bäcker, die Möbelfabrication versclavt den selbständigen 
Kunsttischler.*) 
Bald halten sich die alten Productionsformen durch 
eine sehr häufige Annäherung an das Fabriksystem neben 
den neuen. Die Handarbeit bleibt bestehen, der kleine 
Handwerker behält seine Werkstatt allein oder mit seiner 
Familie oder mit einer oder zwei Hilfskräften; aber infolge 
der Ausdehnung des Marktes schiebt sich ein Zwischen 
händler zwischen den Producenten und den Consumenten, 
das Handwerk verwandelt sich in Hausindustrie, in 
Collectivfabrication.**) 
Vom technischen Gesichtspuncte aus ist nichts oder 
so gut wie nichts geändert worden. Vom socialen Gesichts 
puncte aus bedeutet das eine vollständige Umwälzung: 
an Stelle der unabhängigen Producenten, die für eigene 
*) In der Revue du Travail vom December 1899 heisst 
cs auf Seite 1293 in einem Berichte aus Soignies (Hennegau): 
„Die Tischlerei in der Provinz klagt sehr stark über die Ver 
mehrung der Brüsseler Concurrenz; in Brüssel werden die Möbel 
fabriken immer zahlreicher, und die Maschinen werden immer 
mehr vervollkommnet.“ 
**) Leplay versteht unter Collectivfabrik jene Organisations 
form „der Grossindustrie, bei der der Unternehmer den Vertrieb 
der Producte centralisiert, die von einer industriellen Bevöl 
kerung für Rechnung dieses Unternehmers in besonderen Werk 
stätten oder im Hause hergestellt werden.“ 
Vandervelile: Die Entwickelung znm Socialismus. 4
        <pb n="56" />
        r 
50 
Rechnung arbeiten und über das Gesamtproduct ihrer 
Arbeit verfügen können, sehen wir Proletarier, die für 
die Rechnung eines Capitalisten, eines Zwischenhändlers 
arbeiten, der den Handel mit den Producenten centralisiez 
und ihnen sehr häufig die Modelle, die Rohstoffe und 
oft auch die Werkzeuge oder Werkzeugmaschinen, deren 
sie benötigen, liefert. 
In unseren Tagen hat diese rückläufige Bewegung des 
Handwerks einen so allgemeinen Charakter angenommen, 
dass man unsere Zeit das Zeitalter der Fabrik und der 
Hausindustrie nennen konnte. 
Nicht alle Heimarbeiter sind, wohlgemerkt, ehe 
malige Handwerksmeister, die in das Proletariat hinab 
gesunken sind. In seinen zahlreichen Studien über die 
Hausindustrie zeigt Sch wiedland sehr gut, dass die Haus 
industrie spontan und direct entstehen kann, ohne dass 
eine andere Form nicht nur des Handwerks, sondern über 
haupt irgend einer früheren industriellen Production vor 
ausgegangen wäre. 
Schwiedland hält im allgemeinen die Zersetzung der 
städtischen Gewerbe für den Hauptentstehungsgrund der 
Collectivfabrication in den städtischen Bezirken. Aber die 
Umwandlung und Zersetzung des Gewerbes ist nicht an 
die Stadt geknüpft, ebensowenig, wie die Ableitung und 
Entwickelung der Hausindustrie an eine Umformung des 
Gewerbes. Alle Formen der industriellen Production sind 
dieser Umwandlung in Collectivfabrication unterworfen. 
In den Dörfern, den Weilern und Gehöften der Bauern 
sehen wir die häusliche Arbeit zur Hausindustrie, Collectiv- 
fabrik, werden. Ebenso verhält es sich mit der Stör, 
die früher ebenfalls eine bedeutende Wirtschaftsform war; 
und sogar die modernste Exploitationsform, die Fabrik, 
verwandelt sich, wie man an mehreren Beispielen nach- 
weisen kann, in hausindustrielle Betriebe.*) 
*) Vergl. dazu Schwiedland: La répression du travail 
en chambre ^ in der Revue d’Economie politique, 1897, pag. 580.
        <pb n="57" />
        I 
4 
— 51 — 
Die Beispiele dieser letzten Art, die einen Rück 
schritt, eine Rückkehr zu niederen Formen darstellt, 
sind indessen mindestens zweifelhaft und sicherlich sel 
ten.*) Häufig entsteht vielmehr im Gegenteil die Collec- 
tivfabrik aus der capitalistischen Umformung der Haus 
und Tagelöhnerarbeit. 
Das ist z. B. der Fall bei der Strohflechterei in 
Toscana und im Geerthal, bei der Spielwarenfabrication 
des Thüringer Oberlandes, bei der Spitzenweberei in 
Flandern, bei der Holzschuhfabrication in Waes und 
fast überall bei der Leinen- und Wollweberei. 
So finden wir neben den ehemaligen „Meistern“ — 
Messerschmieden von Namur, Kunsttischlern von Paris, 
Hauswebern (Canuts) von Croix-Rousse, die die herrlichen 
Seidenwebereien fertigen, — neben versclavten ehemals 
selbständigen Unternehmern, wie Schneidern, Schustern, 
Webern, Cigarrenmachern, die noch in ihrer eigenen 
Werkstatt aber für die Rechnung eines Capitalisten 
arbeiten, eine Menge von Heimarbeitern, die von 
dem Unternehmer direct eingestellt worden sind, jeden 
falls aber nicht vom Handwerk zur Heimarbeit gekommen 
sind. 
Wie aber auch immer der Ursprung der Hausindustrie 
sein mag, was sie in jedem Fall charakterisiert, das ist die 
Abhängigkeit der Arbeiter in Bezug auf den Absatz ihrer 
Producte, eine Abhängigkeit, die im allgemeinen zum 
Wohlstand des Unternehmers und zum Elend, oder, wenn 
sie noch etwas zu verlieren haben, zum Ruin der Pro 
ducenten führt. 
Ununterbrochene Lohndrückerei, erzwungene Arbeits 
losigkeit während der toten Saison — die man so nennen 
kann, weil der Hungertod da seine Ernte hält — über 
mässige Arbeit während der Zeit lebhaften Geschäfts- 
*) Vergl. z. B. Kowalewsky: Le régime économique 
de la Russie (Paris Giard et Brière, 1898), pag. 173 ff.
        <pb n="58" />
        52 
ganges, das kennzeichnet fast immer die bedauernswerte 
Lage des Heimarbeiters, und ganz besonders von dem 
Augenblick ab, wo die Maschine ihm Concurrenz macht. 
Man sagt, er sei Herr über seine Zeit: es existiert 
keine Arbeitsordnung, die ihm Vorschriften macht ; kein 
Meister überwacht ihn. Aber was nützt die Unabhängig 
keit von einem Meister denjenigen, die den Hunger als 
Galeerenwächter über sich haben; was nützt den Leuten, 
die ohne Rast und Ruhe Tag und Nacht arbeiten müssen, 
dass sie nicht durch eine Fabrikordnung gebunden sind?*) 
Steinlen führt uns in einer seiner Zeichnungen (Die 
Freuden des Sommers) eine Schneiderin vor, die beim Er 
wachen des Tages, während die ersten Strahlen der 
Morgensonne in ihre Mansarde fallen, die Lampe aus 
löscht und ¡die göttliche Klarheit des Morgenhimmels mit 
den bitteren Worten begrüsst : „Endlich wird es F rüh- 
jahr und ich kann jeden Tag drei Stunden Petroleum 
sparen I“ Wäre für diese Unglückselige nicht besser, wenn 
sie in einer Fabrik arbeitete und dort zur harten, aber 
wenigstens durch Gesetz und Fabrikordnung beschränkten 
Arbeit verpflichtet wäre ? 
Nirgends, mit Ausnahme vielleicht der bäuerlichen 
*) Office du Travail. L’industrie du vêtement à Paris, 
1896, pag. 501: „Vor dem Gesetz vom 2. November 1892 über 
die Arbeitszeit der Frauen und Bergarbeiter .... war in der 
stillen Zeit der zehnstündige, in der lebhafteren Zeit der zwölf- 
stündige Arbeitstag die Regel. Infolge der herrischen Phantasie' 
der Kunden, der Gleichgiltigkeit der Unternehmer und der 
Parteilichkeit der Directricen konnte man manchmal sogar 44 
Arbeitsstunden in drei Tagen (12 Stunden — 20 Stunden — 12 
Stunden) nachweisen. Die Arbeitsbücher, die genaue Angaben 
über eine achtjährige Arbeitsleistung von Arbeiterinnen ent 
halten, gestatten die Feststellung des Arbeitsmaximums in 
mehreren der bekanntesten Geschäfte. Da und dort stösst man 
auf einen Arbeitstag von 16 Stunden, aber die bedeutendste 
wöchentliche Arbeitsleistung dürfte 76 Stunden betragen. Ueber 
die Arbeit, die sich die Arbeiterinnen danach noch mit nach Hause 
nehmen (die „seconde veillée“), geben diese Arbeitsbücher keine 
Auskunft. Das ist eine besonders traurige Seite der Heimarbeit.“
        <pb n="59" />
        53 
Familien, die für einen Bazar arbeiten, sind die Löhne 
so niedrig, die Arbeitszeit so lang, die capitalistische Aus 
beutung so schamlos, wie in Heimwerkstätten der grossen 
Städte, die in der officiellen Statistik als ebensoviele 
verschiedene und selbständige Unternehmen aufgeführt 
werden. Es mag genügen, an die Schrecknisse des sweating 
Systems im Eastend von London, an die „Höllen“ von 
New York zu erinnern und an alle jene zahlreichen Ar 
beitslöcher, in denen ganze Familien, die in erzwungener 
Promiscuität leben, ihre Tage in Ueberarbeitung und einer 
vergifteten Atmosphäre hinbringen.*) 
Denn vergessen wir nicht — und diese Ueberlegung 
wird ohne Zweifel auch auf die philanthropischen Bewun 
derer der Heimarbeit ihren Eindruck nicht verfehlen — 
*) Ueber die Lage der Heimarbeit vergleiche man be 
sonders : 
England: First Report from the Select Committee of the 
House of Lords on the sweating system (1888). — D. F. 
Schloss: The sweating system in the United Kingdom. 
(Journal of Social Science, October 1892.) 
Deutschland: Weber: Das Sweatingsystem in der 
Confection und die Vorschläge der Commission für Arbeiter 
statistik (Archiv für sociale Gesetzgebung, X. Band, 4. Heft, 
Berlin 1897). — Timm: Neuere Untersuchungen über die 
Lage der deutschen Confectionsarbeiter. (Die Neue Zeit, 
5. November 1898.) 
Oesterreich: Schwiedland: Kleingewerbe und 
Hausindustrie in Oesterreich (Leipzig 1894). — Bauer: Die 
Heimarbeit und ihre geplante Regelung in Oesterreich (Archiv 
für sociale Gesetzgebung, X. Band, 2. Heft 1897). 
Vereinigte Staaten: H. White: The sweating system 
(Bulletin of the department of labor, Mai 1896). 
Frankreich: Office du Travail. Rapp. Du 
Maroussem: La petite industrie, Band 1 und 2 (Paris, Im 
primerie nationale, 1893 und 1896). 
Belgien: Office du Travail: Les industries à domi 
cile en Belgique; ferner besonders die trefflichen Monographieen 
von Génart (L’industrie coutelière de Gembloux) und 
A n s i a u X (L’industrie armurière liégeoise et l’industrie du 
tressage de la paille dans la vallée de Geer). 
Schweiz: Swaine: Die Arbeits- und Wirtschaftsver 
hältnisse der Einzelsticker in der Nordostschweiz und Vorarlberg 
(Strassburg, Trübner, 1895).
        <pb n="60" />
        diese Stätten des Elends für die Producenten, sind ebenso- 
viele Stätten der Ansteckung für die Consumenten. 
Der Hygieniker Fouquet sagt : „Ganz unzweifelhaft 
entstehen durch die Vermittelung der Waren zwischen den 
verschiedenen Classen der Gesellschaft die zahlreichsten 
Beziehungen; und wenn man die Verunreinigungen der 
Producte bei der Hausarbeit in Betracht zieht, so kann 
man sich keineswegs darüber freuen, dass „diese Art 
von Arbeit dem Familienvater und der Mutter erlaubt, 
an der Seite ihres erkrankten Kindes zu wachen, ohne 
ihre Arbeit zu unterbrechen“. Eine Absonderung dieser 
Kranken ist nicht möglich, und bei diesen armen Leuten 
werden die Kleidungsstücke, die sie in Arbeit haben, sehr 
häufig als Decken benutzt; gerade sie sind aber be 
sonders geeignet, die Keime ansteckender Krankheiten 
aufzunehmen und weiter zu tragen.“*) 
Es hiesse ohne Zweifel ein ohnehin schon düsteres 
Gemälde noch mehr verdüstern, wenn man diese Gefahr, 
diese Missbräuche, diese verhängnisvollen Consequenzen 
allen Arten von Heimarbeitern zuschreiben wollte. Der 
belgische Handschuharbeiter z. B., der durch eine strenge, 
an die alten Innungsformen erinnernde gewerkschaftliche 
Organisation geschützt wird, kennt das Elend der Schuster 
und Schneider noch nicht.**) Aber deshalb bleibt doch 
nicht minder wahr, dass in der Mehrzahl der Fälle die 
Heimarbeiter schlechter behandelt werden, als die Fabrik 
arbeiter; und was wir hier von den Heimarbeitern in 
den Städten gesagt haben, das gilt auch gleichermassen 
und häufig noch mit einer Verschärfung des Elends für 
die Heimarbeiter auf dem Lande. 
*) Sch wiedland: Travail en chambre et police sani 
taire. (Revue d’Economie politique, 1900, pag. 230.) 
**) Ueber die Organisation der „collectivité des gantiers“ 
in Brüssel vergl. mein Buch : Enquête sur les associations 
professionelles d’artisans et d’ouvriers en Belgique (Brüssel, 
Office de publicité, 1891). Band I, pag. 55 ff.
        <pb n="61" />
        Ein liberaler Abgeordneter sagte im österreichischen 
Parlament, dass sich dort der Pauperismus rascher aus 
dehne, als in der Heimindustrie in den Städten ; dort 
erreiche der Arbeitstag 18 Stunden, und sein Ertrag reiche 
doch nur aus, um den Arbeiter höchstens mit Kartoffeln 
zu versorgen ; dort richteten die Anämie und die an 
steckenden Krankheiten ganze Thäler zu Grunde.*) 
Wenn sich also die Collectivfabrik, oder besser gesagt 
die Collectivmanufactur, noch erhält, wenn sie trotz ihrer 
technischen Unvollkommenheit der furchtbaren Con- 
currenz der centralisierten Fabrik widersteht, dann ge 
schieht das auf Kosten einer Degradation und einer tiefen 
Demoralisation der von ihr beschäftigten Arbeiter. Daher 
muss man den Uebergang von diesen degenerierten For 
men der individuellen Production zu den höheren Formen 
der gemeinschaftlichen Production nicht nur begrüssen, 
sondern sogar durch gesetzgeberische Massnahmen 
fördern.**) 
Optimistisch veranlagte Naturen könnten meinen, diese 
Umformung werde das Werk von Genossenschaften sein, 
die die Heimarbeiter organisierten und ihnen geeignete 
Werkzeuge zur Verfügung stellten, damit sie den Kampf 
gegen die capitalistische Industrie erfolgreich zu führen 
vermöchten. Aber in den unendlich zahlreichen Fällen, 
wo einem solche Hoffnungen als vollkommen chimärisch 
erscheinen, müsste man doch noch als einen thatsäch- 
lichen technischen und socialen Fortschritt betrachten, 
wenn die Ausbeutung der Heimarbeiter durch das kauf 
männische Capital der Ausbeutung der Arbeiter durch 
das industrielle Capital in Werkstätten oder Fabriken 
Platz machte. 
*) Schwiedland: La repression du travail en chambre 
(Revue d’Economic politique, 1897, pag. 580). 
**) Ueber die vorgeschlagenen Massnahmen zur Unter 
drückung der Heimarbeit siehe: Schwiedland: Ziele und 
Wege der Heimarbeitergesetzgebung (Wien, 1899).
        <pb n="62" />
        aas 
V- 1 -- - 
* 
— 56 
§ 3. 
Die Kleinhändler. 
Trotz der Ausbreitung der grossen Magazine, die Zola 
in seinem Roman : Zum Paradies der Damen mit so souve 
räner Meisterschaft in ihrer wunderbaren, für die be 
nachbarten Krämer so verhängnisvollen, Entwickelung ge 
schildert hat, nimmt idle Zahl der Detaillisten, der Klein 
händler aller Art, nicht nur nicht ab, sondern scheint sich 
nach den Ergebnissen der Berufsstatistik beständig zu 
vermehren. 
In den Verhandlungen des Vereins für Socialpolitik 
(Breslau 1899) lieferte Werner Sombart den durch Zahlen 
unterstützten Nachweis, dass sich ihre Zahl rascher ver 
grössere, als die der Bevölkerung.*) 
An Stelle eines von ihnen, der durch die capitalistischen 
Bazare ruiniert wird und 1 verschwindet, treten in anderen 
Zweigen, in anderen Localitäten, auf dem Lande oder in 
den Vororten grosser Städte zehn andere. 
Im allgemeinen sind es ehemalige Domestiken, Ar 
beiter, die über einige Ersparnisse verfügen, oder auch 
Handwerker, deren Geschäft zurückgegangen ist, und auf 
den Dörfern Bauern, die ganz oder teilweise auf die Be 
bauung ihres Feldes verzichtet haben. 
Dazu kommt noch eine grosse Zahl von Handlungs 
gehilfen, die entweder stellenlos sind, oder heiraten wollen 
und sich oft mit ersichtlich ungenügenden Mitteln selbst 
ständig machen. Nach Borgius entsteht die Uebersetzung 
gewisser Branchen mit unsoliden Unternehmungen, die be 
sonders in den Zeiten der Krise aufspriessen wie Pilze 
*) Die deutsche "Berufszählung von 1882 ergiebt 1364 
Kaufleute auf 100000 Seelen; die von 1895 ergiebt ihrer 1502. 
In sehr vielen Städten hat sich die Verhältniszahl seit 1870 
fast verdoppelt. — Ueber die numerische Vermehrung der 
kaufmännischen Unternehmungen vergl. Bernstein: Die 
Voraussetzungen des Socialismus, pag. 66 ff. — Berner: Die 
Concentrierung der Betriebe in Oesterreich (Die Neue Zeit, 
22. Juli 1899).
        <pb n="63" />
        57 
nach dem Regen, um nach einem oder zwei Jahren wieder 
zu verschwinden, infolge der durch die Concurrenz ver 
ursachten leichten Warenbeschaffung auf Credit.*) 
Kurz, der Kleinhandel ist der bevorzugte Unterschlupf 
für alle vom Capitalismus Niedergeworfenen, für alle die 
jenigen, die der harten Arbeit in der Fabrik den mageren 
Verdienst des Zwischenhändlers vorziehen oder für diejeni 
gen, die in Industrie und Landwirtschaft kein genügendes 
Auskommen finden und sich dadurch zu helfen suchen, dass 
sie irgend eine Budike aufmachen. Das erklärt besonders 
die Vermehrung, das Aufspriessen der kleinen Wirts 
häuser ; denn von allen Arten des Zwischenhandels ist 
eine kleine Kneipe am leichtesten und mit den geringsten 
Mitteln aufzuthun. 
Aber es wäre ein schwerer Irrtum, wenn man an 
nehmen wollte, dass diese Zwerguntemehmungen — die 
von der officiellen Statistik als selbständig gezählt werden 
— im allgemeinen als das persönliche Eigentum ihrer 
Inhaber betrachtet werden könnten. Eine grosse und mit 
der Entwickelung des capitalistischen Systems beständig 
wachsende Zahl von ihnen hat nur den Schein von Un 
abhängigkeit und ist thatsächlich mehr oder weniger direct 
in den Händen einiger industrieller oder commercieller 
Grosscapitalisten. 
Mit sehr wenigen Ausnahmen besitzen alle Brauereien 
von einiger Bedeutung zur besseren Verbreitung ihres 
Productes eine mehr oder weniger grosse Zahl von Kneipen 
und in Belgien sogar von socialistischen Volkshäusern. 
Und da die Erfahrung bald gelehrt hat, dass der 
Verkauf von Schnaps für diese Häuser viel vorteilhafter 
ist, als der von Bier, so sind eine Anzahl von Brauereien 
zugleich Grosshändler mit Liqueuren. 
*) Vergl. W. Borgius: Wandlungen im modernen Detail 
handel (Archiv für sociale Gesetzgebung, 1898, 1. Heft).
        <pb n="64" />
        Das erklärt die parodox erscheinende Thatsache, dass 
unlängst in Brügge die Brauer energisch die Abschaffung 
der Concessionspflicht für Schnapshändler verlangten, wäh 
rend sie doch auf den ersten Blick alles Interesse an 
derartigen Massnahmen haben sollten, die die Einschrän 
kung des Schnapsgenusses bezwecken und dadurch gleich 
zeitig den Bierconsum heben. 
Der zwischen der thatsächlichen und der anscheinen 
den Lage der Kneipenwirte bestehende Gegensatz vom 
Standpuncte des Entwickelungsgrades der capitalistischen 
Concentration, findet sich auch in vielen anderen Zweigen 
des Kleinhandels wieder. 
In den holländischen Städten z. B. sind die meisten 
Bäckereien nichts anderes als Depots von capitalisti 
schen Fabriken. Macrosty constatiert in einem Artikel 
der Contemporary Review vom März 1899, dass sich die 
meisten Restaurants in London in den Händen von vier 
oder fünf Firmen befinden; ebenso steht es mit dem 
Milchhandel. Die Apotheken und die Cigarrenhandlungen 
unterliegen einem ähnlichen Schicksal: eine einzige Ge 
sellschaft besitzt hundert Cigarrenläden.*) 
So kann man also die unzähligen Handelsunter 
nehmungen, die in den officiellen Gewerbezählungen 
figurieren, in drei Classen einteilen: 
1. solche, die zwar statistisch Einheiten darstellen, in 
Wirklichkeit aber nur Depots, Filialen von capitalisti 
schen oder genossenschaftlichen Grossunternehmun 
gen sind; 
2. solche, die ihrem Inhaber nur einen Zuschuss zu 
seinem Einkommen oder Lohn bringen; 
3. endlich solche, die thatsächlich unabhängige Unter 
nehmungen sind und deren Inventar das persönliche 
Eigentum des Kleinhändlers ist. 
*) Kautsky: Bernstein und das socialdemokratische Pro 
gramm, pag. 65.
        <pb n="65" />
        59 
Wenn also auch sicherlich die Gesamtzahl der Han- 
delsuntemehmungen wächst, so ist weniger sicher, dass 
die Unternehmungen der dritten Kategorie eine Tendenz 
zur Vermehrung zeigen, und diese allein interessieren uns 
in Hinsicht auf den Zusammenhang des Besitzes und der 
Arbeit. 
Sicherlich wächst ihre Zahl mit der gewerblichen 
Specialisierung in den Gegenden, wo sich die Verkehrs 
wirtschaft auf Kosten hauswirtschaftlicher Productions- 
formen ausbreitet. Ein Dorf, das früher ausschliesslich 
Landwirtschaft betrieb, dessen Einwohner ihr Brot selbst 
buken und ihre Butter und Eier gegen Ware bei den 
Händlern der nächsten Stadt austauschten, besitzt jetzt 
seine Bäckerei, seinen Händler, oder wenigstens eins von 
diesen Universalmagazinen, wo man zu gleicher Zeit 
Ellenwaren und Colonialproducte, Töpfe und Calender, 
Wichse und saure Heringe, Corsets und Strohhüte ver 
kauft. Aber wenn sich in den ländlichen Districten die 
Differenzierung des Handels mehr und mehr durchsetzt, 
wenn sich dort die Zahl der kleinen Läden vermehrt, so 
bringt umgekehrt in den städtischen Bezirken die Ent 
wickelung der Genossenschaften und besonders der Bazare 
und Grossmagazine — von denen einige, wie der Bon 
Marché oder der Louvre in Paris, mehrere Tausend An 
gestellte beschäftigen — den kleinen Händlern Nachteil, 
der sich zuerst in der Verminderung ihres Profits, dann 
aber in gewissen Zweigen in der Verminderung ihrer Zahl 
bemerkbar macht. 
Es unterliegt indessen keinem Zweifel, und das ist 
eine der schwersten Unzuträglichkeiten des heutigen 
Wirtschaftssystems, dass die Kleinhändler eine zahlen- 
mässige Wichtigkeit haben, die ausser Verhältnis mit ihren 
den Consumenten geleisteten Diensten steht. 
Welche schlagenden Beispiele hat man nicht dafür 
beigebracht, was der Parasitismus der Zwischenhändler 
dem Publicum kostet : die normännischen Kartoffeln
        <pb n="66" />
        6o 
kosten in Paris 60 Mal mehr als am Productionsorte ; 
das Liter südfranzösischen Weines bringt dem Weinberg 
besitzer 15 Centimes ein und kostet beim Weinhändler 
70 oder 80 Centimes.*) Noch unlängst konnte man im 
Economiste Français lesen, dass der Preis von 50 Kilo 
Kaffee, der 1893 103 F raneen betrug, 1899 auf 39 Francen 
gesunken sei; diese Preissenkung um zwei Drittel hat 
aber nicht den mindesten Einfluss auf die Gestaltung 
des Detailpreises gehabt; einzig und allein die Zwischen 
händler haben daran profitiert. „Der brasilianische Kaffee, 
der in Frankreich mit allen Lasten auf nicht mehr als 
2,50 Francs zu stehen kommt, wird im Kleinverkauf mit 
4—5 Francen verkauft und dabei ist seine Reinheit nicht 
einmal gesichert. Der Verdienst der Zwischenhändler ver 
teuert diesen Artikel mehr als der Fiscus.“**) 
Und trotz diesem, für die Kundschaft so drückenden 
Verdienste, sind die Kleinhändler so zahlreich, dass be 
sonders in den vom Grosshandel occupierten Branchen 
Tausende von ihnen an der Schwelle des Bankrotts stehen. 
Ganz recht sagt Gide: „Wenn jeder Bäcker nur einen 
Sack Mehl pro Tag verbackt und von diesem Sack leben, 
sein Logis, seine Steuern, seine Gesellen bezahlen muss, 
dann muss er notwendigerweise den Preis jedes Brotes 
aufschlagen und kann dabei doch nur ein elendes Leben 
führen. Das beweist, dass der Mechanismus Schäden in 
sich trägt und rechtfertigt die strenge Verurteilung, die die 
Socialisten der phalansterischen Schule schon gegen die 
unnötige Menge der Kleinhändler aussprachen.“ „Der 
Handel,“ so sagt Considérant, „ist nur nützlich, wenn er 
dem Bedürfnis der Production und der Consumtion dient; 
er muss der Handlanger der beiden anderen Berufs 
zweige sein. ... Er spielt eine untergeordnete Rolle. 
*) Gide: La coopération (Paris, Larose, 1900) pag. 284. 
**) Ueber das Verhältnis von Grosspreisen zu Detailpreisen 
vergl. Newman: Wholesale and retail prices (Economic 
Journal, September 1897).
        <pb n="67" />
        Seiner Natur nach unproductiv, fügt er weder der Quanti 
tät noch der Qualität der Gegenstände, die durch seine 
Hände gehen, irgend etwas hinzu: seine Operationen 
müssen also mit der möglichst kleinen Anzahl von Hilfs 
kräften ausgeführt werden. Das kann aber nur geschehen 
mittels einer Organisation, die den Producenten direct 
mit dem Consumenten in Verbindung bringt und alle 
diebischen, betrügerischen und parasitischen Zwischen 
händler ausschaltet.“ 
§ 4- 
Zusammenfassungund Schlussfolgerungen. 
Trotz der wachsenden Vorherrschaft der capitalisti- 
schen Wirtschaftsstructur, finden wir auch heute noch 
zahlreiche und wichtige Ueberbleibsel früherer socialer 
Ordnungen und vorcapitalistischer Productionsformen. 
Das bäuerliche Privateigentum, das Handwerk, der 
unabhängige Kleinhandel, stehen keineswegs auf dem 
Puñete zu verschwinden und da, wo sie sich erhalten 
haben — wo sie die Einheit des Eigentums und der 
Arbeit darstellen —, da denkt der Socialismus gar nicht 
daran, sie zwangsweise zu socialisieren.*) 
Aber so zahlreich auch in gewissen Ländern, ge 
wissen Gegenden und gewissen Industriezweigen die Zeu 
gen früherer Epochen sein mögen, so bleibt doch nicht 
minder wahr, dass im allgemeinen die Entwickelung des 
Capitalismus die Tendenz zeigt, die selbständigen Produ 
centen zu decapitalisieren, oder ihnen mehr oder weniger 
ihre ursprüngliche Unabhängigkeit zu nehmen und sie 
zu versclaven. 
*) Vergl. Kautsky: Das Erfurter Programm (Stuttgart, 
1892) pag. 150 ff. — Fr. Engels: Die'Bauernfrage in Frank 
reich und Deutschland. (Die Neue Zeit, 1894—95, No. 10).
        <pb n="68" />
        Von dem Augenblick ab, wo der Markt eine ge 
nügende Ausdehnung nimmt, reichen die Vorteile, die die 
Beaufsichtigung durch den Meister, die handwerksmässige 
Geschicklichkeit und die durch das directe und persön 
liche Interesse des Producenten gesteigerte Arbeitslust mit 
sich bringen, nicht mehr aus, um die Vorteile der höheren 
Productivität der Arbeitsteilung, der genauen Marktkennt 
nis und der Verwendung eines grösseren Capitals wett zu 
machen. Besonders ist das der Fall in den immer zahl 
reicher werdenden Productionszweigen, wo die Fortschritte 
der Technik die Herrschaft der Maschine begründen. 
Nichts ist dafür beweiskräftiger als die vortreffliche 
americanische Untersuchung vom Jahre 1898 über die 
Productivität der Handarbeit im Vergleich mit der Ma 
schinenarbeit.*) Diese mit einer wirklich bewunderswerten 
Genauigkeit durchgeführten Untersuchungen haben sich 
auf 672 industrielle und landwirtschaftliche Producten- 
arten erstreckt. Jede Art ist in dem Bericht von Carroll 
D. Wright minutiös analysiert, und zwar unter dem vier 
fachen Gesichtspuncte der Zahl der Arbeiter, der 
Operationen, der Arbeitsstunden und der bezahlten Löhne 
I. für die Production der Producteneinheit mit der Hand 
und 2. für die Production mit der Maschine. 
Wir beschränken uns hier darauf, einige typische Bei 
spiele anzuführen, die die furchtbare Ueberlegenheit der 
Maschinerie schlagend beweisen : 
I. Fabrication von zehn Pflügen: 
a) mit der Hand: 2 Arbeiter, die 11 verschiedene 
Handgriffe leisten, arbeiteten 1180 Stunden und 
erhielten 54,46 Dollars, 
b) mit der Maschine: 52 Arbeiter machten 97 Opera 
tionen, arbeiteten im ganzen 37,28 Stunden und 
erhielten 7,90 Dollars. 
*) Hand and machine labor. Thirteenth Annual Report of 
the Commissioner of labor, 1898. (Washington, 1899.)
        <pb n="69" />
        2. Herstellung von fünfhundert Pfund Butter: 
a) mit der Hand: 3 Arbeiter; 7 Operationen; 125 
Stunden; 10,6 Dollars; 
b) mit der Maschine: 7 Arbeiter; 8 Operationen; 
12,30 Stunden; 1,78 Dollars. 
3. Fabrication von hundert Uhrwerken: 
a) mit der Hand: 14 Arbeiter; 453 Operationen; 
341866 Stunden; 8082 Dollars ; 
b) mit der Maschine: X Arbeiter; 1088 Operationen; 
8343 Stunden; 1799 Dollars. 
4. Fabrication von fünfhundert Yards Baumwollgarn: 
a) mit der Hand: 3 Arbeiter; 19 Operationen ; 7534 
Stunden; 135,61 Dollars; 
b) mit der Maschine: 252 Arbeiter; 43 Operationen; 
84 Stunden; 6,81 Dollars. 
5. Fabrication von hundert Paaren billiger Schuhe: 
a) mit der Hand: 2 Arbeiter, 83 Operationen; 1438 
Stunden; 408,50 Dollars; 
b) mit der Maschine: 113 Arbeiter; 122 Operationen; 
154 Stunden; 35,40 Dollars. 
6. Fabrication von 1000 Pfund Brot in Pfundbroten: 
a) mit der Hand: 1 Arbeiter; 11 Operationen; 28 
Stunden; 5,80 Dollars; 
b) mit der Maschine: 12 Arbeiter, 16 Operationen, 
8,56 Stunden; 1,55 Dollars. 
7. Fabrication von sieben Dutzend Jaquettes für Männer: 
a) mit der Hand: 1 Arbeiter; 4 Operationen; 840 
Stunden; 50,40 Dollars; 
b) mit der Maschine: 11 Arbeiter; 8 Operationen; 
97,15 Stunden; 12,80 Dollars. 
Solche Ziffern bedürfen keines Commentars : sie 
malen mit feurigen Zügen das Schicksal der Schneider, 
Schuster, Weber, Bäcker, Uhrmacher und anderer Hand 
werker, die nicht entweder Specialitäten oder Luxusartikel 
herstellen. 
Trotz der verzweifelten Anstrengungen der Klèin-
        <pb n="70" />
        r 
64 — 
bourgeoisie, sich wenigstens einen Schatten von Unab 
hängigkeit zu erhalten, muss die handwerksmässige Pro 
duction bei allen Artikeln des Massenconsums mehr und 
mehr vor der mechanischen das Feld räumen, die sich 
eine wachsende Zahl von Lohnarbeitern dienstbar macht. 
In Deutschland hat z. B. in den Jahren von 1882 
bis 1895 die Zahl der unabhängigen Unternehmer in der 
eigentlichen Industrie um 139382 abgenommen, während 
die Gesamtzahl der industriellen Arbeiter um 861 468 stieg. 
Wenn man die gesamte Industrie, den Handel und 
die Landwirtschaft betrachtet, so ergiebt sich seit 1882 
eine absolute Vermehrung der selbständigen Unternehmer 
oder sogenannten Unternehmer, ebenso wie die der An 
gestellten und der Arbeiter; während aber diese Ver 
mehrung der selbständigen Unternehmer nur 5 0/0 aus 
macht, beträgt sie bei den Arbeitern 20 0/0 und bei den 
Angestellten 100 0/0. Mehr als drei Viertel der neu in 
das Leben der Arbeit Eingetretenen gehören zur Arbeiter- 
classe ; und selbst in der Gesamtheit der Berufe überwiegt 
die Zahl der Angestellten und Arbeiter sichtlich die Zu 
nahme der selbständigen Unternehmer.*) 
Das geht auch deutlich aus folgender Uebersicht her 
vor, die wir der Arbeit von Rauchberg entnehmen : 
Auf hundert gewerbthätige Personen kamen im 
Deutschen Reiche 1882 und 1895: 
Landwirtschaft 
Industrie . . 
Handel . . 
Zusammen 
Selbständige 
Unternehmer 
Arbeiter 
und Angestellte 
1882 
27,78 
34,41 
44,67 
32,03 
1892 
30.90 
24.90 
36,07 
28,94 
1882 
72,22 
65,59 
55,35 
67,97 
1892 
69,02 
75,10 
63,93 
71,06 
*) Vergl. Rauchberg: Die Berufs- und Gewerbezählung 
im Deutschen Reiche vom 15. Juni 1895. (Archiv für sociale 
Gesetzgebung, 1899, pag. uff.
        <pb n="71" />
        — 65 — 
Trotz der Abnahme bei den ländlichen Arbeitern, 
bei den Tagelöhnern, die von den Gressstädten aufgesogen 
werden, wächst die relative Bedeutung des Proletariats 
beständig. 
Bedeutet das, dass alle selbständigen Unternehmer 
mit Naturnotwendigkeit und unwiderstehlich dazu ver 
urteilt sind, sich in einer mehr oder weniger nahen Zu 
kunft in Lohnarbeiter zu verwandeln und eine der Leidens 
stationen des Capitalismos nach der anderen zu durch 
schreiten? Das ist nicht unsere Ansicht. 
Wir haben schon an einem anderen Orte gesagt, 
dass man verschiedene Entwickelungsgänge nachweisen 
kann, dass das persönliche Eigentum sich in genossen 
schaftliches oder sociales verwandeln kann, ohne not 
wendigerweise durch die capitalistische Phase hindurch 
gegangen zu sein.*) 
Anderenteils erscheint auch klar erwiesen, dass, wenn 
in einer grossen Anzahl von Berufszweigen das persön 
liche Eigentum die Tendenz zeigt zu verschwinden, die 
höheren Formen der capitalistischen Production — trotz 
der Vorteile, die sie vom Gesichtspunct einer rationellen 
Wirtschaft darbieten, — keineswegs im stände sind, die 
niederen, starren, elenden Formen der Hausindustrie, der 
Parcellencultur und des Kleinhandels zu vernichten. 
Es scheint, dass die durch den Capitalismos erzeugten 
Schäden: der Parasitismus der Zwischenhändler, die Ver 
schwendung in den Luxusgewerben, die Schändlichkeiten 
des sweating-Systems, die Zerschlagung der Landparcellen 
mit ihren „Besitzern mit 15 oder 25 Centimes Rente“ 
so lange dauern sollen, wie das capitalistische System 
selbst. 
*) In dem von Destrée und mir dem Congress von 
Warenne unterbreiteten Bericht über das ländliche Kleineigen 
tum. Siehe: Le Socialisme en Belgique, (Paris, Giard et Brière, 
1898) pag. 359 ff. 
Vandervelde: Die Entwickelung zum Socialismus. 
5
        <pb n="72" />
        Vielleicht sind sogar einzelne Zweige der selbständigen 
Production, einzelne Formen des bäuerlichen Eigentums 
bestimmt, dieses System noch zu überleben. Nichts hindert 
in der That einen socialistischen Gesellschaftszustand an 
zunehmen, in dem individuelles Eigentum und individuelle 
Arbeit neben dem Collectiveigentum und der Collectiv- 
arbeit weiter bestehen. 
Aber wie dem auch sei, fest steht die Thatsache, dass 
in den hauptsächlichsten Industrieen, denjenigen, die die 
allgemeinsten und ausgedehntesten Bedürfnisse befriedi 
gen, die productive Ueberlegenheit der Maschine und 
der Grossunternehmung, die Tendenz hervorruft, das 
persönliche Eigentum und die isolierte Production aus 
zuschalten. Da diese Ursachen beständig ihre Wirkungen 
steigern, so zeigen die capitalistische Production und Aus 
tauschformen, die heute unsere Wirtschaftsordnung 
kennzeichnen, — wie wir noch sehen werden — eine 
wachsende Tendenz zur Concentration und Socialisation.
        <pb n="73" />
        II. Capitel. 
Die Entviekelung des eapitalistisehen Eigentums. 
„Das Monopol bläht sich immer mehr und mehr auf, 
bis dass es endlich platzt.“ 
P. J. Proudhon. 
Den ersten Phasen des eapitalistisehen Concentrations- 
processes — Expropriation der unabhängigen Produ 
centen, Umformung der Handwerke in collective oder 
centralisierte Fabriken, Ersatz der Manufactur durch die 
,Machinofactur — folgt eine neue Phase, die durch den 
Kampf der grossen Capitalisten gegen die kleinen gekenn 
zeichnet wird. 
In den am weitesten entwickelten Industrie- und 
Handelszweigen nimmt die Zahl der Unternehmungen ab 
in demselben Masse, wie die wirtschaftliche Macht der 
bestehen bleibenden zunimmt. Die Collectivproduction 
tritt an Stelle der individuellen ; capitalistische Gesell 
schaften ersetzen die einzelnen Capitalisten: das ist das 
Zeitalter der Actiengesellschaften, der Vereinigung von 
Actiengesellschaften, der industriellen Syndicate — Car 
telle, Pools, Trusts — die zur Gründung gigantischer 
nationaler oder internationaler Monopole führen. 
§ I. 
Die Actiengesellschaften. 
Man findet heute Actiengesellschaften in fast* allen 
Industriezweigen, und doch fällte am Ausgang des
        <pb n="74" />
        68 
XVIII. Jahrhunderts Adam Smith über sie in einer be 
kannten Stelle seines Werkes genau dieselben Urteile, 
wie man sie heute über die Vergesellschaftung der Gross- 
industrieen zu hören bekommt. 
Er sagte: „Die einzigen Geschäfte, die, wie es scheint, 
eine Actiengesellschaft ohne ausschliessliches! Privileg mit 
Erfolg betreiben kann, sind diejenigen, deren Operationen, 
wie man zu sagen pflegt, auf Routine, d. h. auf eine solche 
Gleichförmigkeit zurückgeführt werden können, die wenig 
oder gar keine Veränderungen zulässt. Hierher gehören: 
I. das Bankgeschäft, 2. das Versicherungswesen gegen 
Feuer-, See- und Kapereigefahren; 3. der Bau und die 
Instandhaltung von Canälen und Durchstichen und 4. 
ähnliche Unternehmungen zur Wasserversorgung grosser 
Städte.“*) 
Bankgeschäfte, Versicherungswesen, Eröffnung von 
Schiffahrtsstrassen, Trinkwasseranlagen, das alles sind In 
dustrieen, die heute schon in den Bereich der Staats 
wirtschaft fallen oder doch demnächst fallen werden, wäh 
rend sich die Actiengesellschaften weit über die engen 
Grenzen ausdehnen, die ihnen Adam Smith gezogen. Es 
ist und bleibt wahr: eine Utopie von heute wird häufig 
zu einer Wirklichkeit von morgen. Deshalb ist es nicht 
ohne Nutzen, daran zu erinnern, dass die Gründe, die man 
heute gegen den Collectivismus ins Feld führt, genau die 
selben sind, mit denen man einstmals die Actiengesell 
schaften bekämpfte. 
Zu jener Zeit, als eine Anzahl von Actienbanken (joint 
stock banks) in England gegründet wurde, brachte ein 
Engländer, der selbst Banquier war, Lord Overstone, Zwei 
fel an ihrem Erfolg vor, die in ihrer Begründung eine 
frappante Aehnlichkeit mit den heutigen Einwendungen 
gegen Staatsbanken hatten: „Ich glaube,“ so sagte er, „dass 
*) Adam Smith: Natur und Ursachen des Volkswohl 
standes. V. Buch, Capitel 1.
        <pb n="75" />
        69 
alles, was zu einer guten Leitung eines Bankgeschäfts 
gehört, mit Ausnahme der grösseren Verteilung der Ver 
antwortlichkeit, den Actienbanken mangelt. Die Ge 
schäfte einer Bank erfordern die ununterbrochene und 
tägliche Anwesenheit von Personen, die aufmerksam alle 
Einzelheiten verfolgen und sorgfältig von Stunde zu Stunde 
über alle Angelegenheiten wachen, wie das in keiner 
anderen Art des Handels nötig ist. Auch müssen plötzliche 
Entschlüsse gefasst werden, je nachdem, wie sich die 
Umstände gestalten, und in sehr vielen Fällen sind diese 
Entschliessungen so dringender Natur, dass es' fast un 
möglich ist, sie aufzuschieben, um sich erst Rat zu holen ; 
übrigens erfordert jeder besondere Umstand auch eine 
besondere Behandlung. Die Actienbanken werden ge 
nötigt sein, ihre Geschäfte Angestellten zu überlassen, 
die an allgemeine Regeln gebunden sind; diese Ange 
stellten können nicht, wie der einzelne Bankier so handeln, 
wie die fast unmerklichen Verschiebungen in der Ge 
schäftslage erfordern; sie können auch nicht auf sich 
nehmen, den Credit zu regeln, den man zeitweise not- 
leidenden Häusern gewähren muss, weil sie nicht in der 
Lage «sein werden, mit genügender Sicherheit die gün 
stigen oder ungünstigen Chancen, die jedes Geschäft dar 
bietet, gegeneinander abzuwägen.“*) 
Trotz dieser auf den ersten Blick so einleuchtenden 
Gegengründe tragen die Actienbanken, dank der Ueber- 
legenheit, die ihnen ein sehr grosses Capital gewährt, 
mehr und mehr den Sieg über die kleineren Privatbank 
häuser davon: im Jahre 1896 gab es in England 102 
joint stock banks mit 2695 Filialen und Comptoiren, 455 
Millionen Pfund Sterling Depots und einem Actiencapital 
von mehr als 43 Millionen Pfund; auf der anderen Seite 
war die Zahl der Privatbanken von 204 im Jahre 1844 
*) Citiert von Leroy-Beaulieu: Traité d’économie 
politique. (Paris, 1896.) IV. pag. 499.
        <pb n="76" />
        auf 38 mit 70 Millionen Depotgeldern und einem Capital 
von weniger als 12 Millionen Pfund Sterling zurückge 
gangen.*) 
Dieselbe Entwickelung finden wir übrigens in allen 
industriellen Ländern, wie in allen Hauptzweigen der Pro 
duction und des Handels. Ueberall breiten sich die 
Actiengesellschaften und die Grossindustrie auf Kosten der 
Privatfirmen und der Kleinindustrie aus. 
Für Deutschland ergiebt sich das mit der grössten 
Deutlichkeit aus einer Vergleichung der Gewerbezählungen 
von 1882 und 1895.**) 
In England hat sich nach dem Bericht des Joint stock 
year book die Zahl der Actiengesellschaften seit 1895 fast 
verdreifacht. Ganze Industrieen sind von der individuellen 
zur gesellschaftlichen Verfassung übergegangen. Beson 
ders war das der Fall bei der Brauerei, deren fast voll 
ständige Umwandlung sich in dem Zeitraum von drei 
Jahren, 1886—89, vollzog.***) 
*) Vergl. Steele: Bank Amalgamations. (The economic 
Journal, December 1896.) 
**) Berufs- und Gewerbezählung im Deutschen Reiche 
(5. Juni 1882 und 15. Juni 1895). Ueber die Auslegung der ge 
wonnenen Zahlen in Rücksicht auf die industrielle Concentration 
vergl. K a u t s k y : Bernstein und das socialdemokratische Pro 
gramm, pag. 49—80. 
***) Siehe in der Fortnightly Review (Mai 1900) den inter 
essanten Artikel von John B. C. Kershaw: Joint stock 
enterprise and our manufacturing industries. 
Zu den Gründen der Ueberführung einer grossen Zahl 
von Privatbetrieben in Gesellschaftsbetriebe zählt der Autor : 
I. das Aufkommen berufsmässiger Gründer; 2. das Sinken 
des Profits während der wirtschaftlichen Depression: viele In 
dustrielle, die constatierten, dass die Zeit der grossen Profite 
vorüber sei, haben sich bemüht, die Unternehmungen, von 
den sie den Rahm abgeschöpft haben, in Actiengesellschaften 
umzuwandeln; 3. die wachsende Macht der Gewerkschaften; 
die Industriechefs haben begriffen, dass die Vermehrung der Zahl 
der an der Industrie interessierten Bourgeois das beste Mittel 
ist, das Publikum von allzugrosser Sympathisierung mit den 
Forderungen der Arbeiter abzuhalten : „Ein grosser und wachsen 
der Teil des Publikums ist heute bei allen Kämpfen zwischen
        <pb n="77" />
        In den Vereinigten Staaten liefern die von den Arbeits 
ämtern veröffentlichten Census den Beweis für das Vor 
handensein gleicher Tendenzen. Im Staate Massachusetts 
z. B. stieg die Zahl der Privatfirmen in der Gesamtindustrie 
während der zehnjährigen Periode von 1885—95 nur um 
9,33 %, während die Vermehrung der Actiengesellschaften 
77 0/0 überstieg. 
Und in den neun Hauptindustrieen, die für sich allein 
mehr als 47 o/ 0 des Gesamtwertes der fabricierten Waren 
herstellen, ist die Entwickelung der gesellschaftlichen Pro- 
ductionsformen von einer merklichen Verminderung der 
Privatfirmen begleitet gewesen.*) 
Man kann das aus der Tabelle auf Seite 73 ersehen. 
Es ergiebt sich aus der Tabelle, die sich auf eines 
der industriereichsten Länder der Erde bezieht, auch, dass 
sich die Concentration des Capitals in den verschiedenen 
Productionszweigen ungleich vollzieht. 
Ueberall, wo der Capitalismus eindringt, zeigt sich 
der Kampf ums Dasein zwischen den Unternehmungen. 
Die mit weniger guten Werkzeugen Ausgerüsteten 
leisten mit der Kraft der Verzweiflung Widerstand. Sie 
machen übermenschliche Anstrengungen, um dem 
Bankerott zu entgehen und sparen, um die technischen 
Vorteile der anderen wett zu machen, an Arbeitslöhnen, 
oder verlängern die Arbeitsdauer bis über die Grenzen 
des für Menschen Erträglichen und Erlaubten. 
Auf dieser Entwickelungsstufe ist die Production voll 
ständig anarchisch, und die Unverantwortlichkeit der Ein 
zelpersonen ergiebt sich ganz klar. 
Capital und Arbeit interessiert, und unsere Industriellen behaup 
ten, die Gefahr, dass die Arbeiter bei ihren Forderungen nach 
kürzerer Arbeitszeit und höherem Lohne durch eine starke und 
enthusiastische öffentliche Meinung unterstützt werden, existiere 
jetzt nicht mehr.“ (pag. 821.) 
*) The annual Statistics of Manufactures. 1897. (12. Report 
m dem Bulletin of the Department of Labor. September 1899. 
Washington 1899.)
        <pb n="78" />
        Ein politisches Ereignis irgendwo am anderen Ende 
der Welt, ein Krieg, eine Missernte, eine technische Revo 
lution, ein Wechsel im Steuer- oder Zollsystem, kann von 
einem zum anderen Tage den intelligentesten und vor 
sichtigsten Industriellen ruinieren. 
Die Boeren belagern Kimberley : das bedeutet ein 
Unglück für die Diamantschleifer und Diamanthändler in 
Amsterdam und Antwerpen. 
Die americanische Baumwolle schlägt pro Kilo um 
25 Pf. auf (November 1899): sofort bricht mitten in der 
Hochconjunctur eine Krise für die Baumwollspinnereien 
herein. 
Die Schutzzollpolitik Mebnes triumphiert : mit einem 
Schlage verlieren die Weinzüchter in d’Hoeylaett-lez- 
Bruxelles, die besonders die französischen Tafeln mit 
frischen Weintrauben aus ihren Gewächshäusern versor 
gen, ihren Hauptabsatzmarkt. 
Setzen wir den Fall, dass morgen die continentale!! 
Länder die Zölle und Exportprämien, die sie den Zucker- 
fabricanten bewilligen und durch die sie uns zwingen, 
diese Ware zweimal teurer als die Engländer zu kaufen, 
aufheben, so bedeutet das den Ruin für die englischen 
Bisquit-, Confitüren-, Syrup- und Marmeladenfabriken, die 
von dem billigen Preis des! Zuckers auf dem Londoner 
Markt profitieren. 
Setzen wir nun umgekehrt den Fall, dass! die angel 
sächsischen Imperialisten zum Schutze der Zuckerrohr- 
production in den englischen Colonicen hohe Eingangszölle 
auf die in Europa hergestellten Rübenzucker legen, so 
bedeutet das den Zusammenbruch der continentalen 
Zuckerindustrie. 
Die Capitalisten werden also beständig von un vor 
her zu sehenden Gefahren bedroht, und, waä den Gipfel 
der industriellen Anarchie bildet, stehr häufig entschliessen 
sich die Mächtigsten von ihnen, diejenigen, die das grösste 
Portemonnaie haben, sich zu Alleinherrschern aufzuwerfen.
        <pb n="79" />
        — 73 
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        ihre Concurrenten zu vernichten, indem sie für einige Zeit 
ihre Ware unter dem Erstehungspreise auf den Markt 
werfen. Man kennt z. B. die Geschichte jener beiden 
americanischen Eisenbahnlinien, die durch wechselseitige 
Herabsetzung ihrer Tarife den Viehtransport zu monopoli 
sieren suchten. Endlich konnte die eine von ihnen, so 
erzählt der Ingenieur Stevart,*) mit den Tarifen nicht mehr 
herabgehen; da kaufte sie unter der Hand das ganze 
Vieh in dem Gebiete auf und liess es durch ihre Rivalin 
transportieren. 
Aehnlich machte es John D. Rockefeller, einer der 
Petroleumkönige, um sich in den Besitz der Eisenberg 
werke am Oberen See zu setzen. Nachdem er die reichsten 
Lager erworben hatte, wendete er die vollkommensten 
technischen Hilfsmittel an und machte den benachbarten 
Gruben eine furchtbare Concurrenz. Unterlagen diese in 
dem Kampfe, so kaufte er sie, wenn sie ihm reich genug 
schienen, zu billigem Preise auf. „Leisteten sie zu lange 
Widerstand, dann wandte er gegen sie das Mittel des 
underselling, des Unterbietens an; er verkaufte unter 
dem Tagespreise und zwang sie auf diese Weise, ihre 
Preise ebenfalls so herabzusetzen, dass sie sich ruinieren 
mussten; das Verfahren wandte er so lange an, bis ent 
weder der Zusammenbruch oder die freiwillige Unter 
werfung seine Concurrenten niederzwang. Er konnte ohne 
Schwierigkeit mehrere Monate lang, wenn es nötig war, 
bei jeder Tonne Mineral zulegen, er besass den grössten 
Geldbeutel (the longer purse), er wusste, dass derjenige 
seiner Concurrenten eher erschöpft war, als der 
seinige.“ **) 
Mit solchen mehr oder weniger brutalen Mitteln gehen 
die Capitalisten täglich gegen einander vor. 
*) Bulletin de l’Association des ingénieurs sortis de l’Ecole 
de Lièges, 1898, pag. 106. 
**) Paul de Rousiers: Les industries monopolisées aux 
Etats-Unis (Paris, 1898), pag. 188.
        <pb n="81" />
        75 
Vielleicht, so wird man sagen, hat der Consument 
den Nutzen davon: 
„Corsaires à corsaires, 
L’un l’autre s’attaquant, ne font pas leurs affaires !" 
Ja, bis zu dem Augenblicke, wo die Sieger, die sich 
ihrer Rivalen entledigt haben, ihre Verluste mehr als 
wieder einbringen, indem sie dem Publikum die Kriegs 
kosten auf erlegen. 
Proudhon sagt: „Die Concurrenz vernichtet die Con 
çu rrenz.“ / 
Früher oder später kommt ein Augenblick, wo die 
Nachteile dieses Systems, dieser permanenten Anarchie, 
so gross werden, dass sich die Capitalisten bemühen, ihnen 
durch gütliches Abkommen ein Ende zu bereiten. Wenn 
nur noch eine kleine Anzahl wohlgerüsteter und unbesieg 
barer Concurrenten übrig bleibt und einander gegenüber 
steht, dann schlägt man den Weg der Verhandlungen ein, 
lässt von einem unnützen und kostspieligen Krieg ab und 
verträgt sich mit denen, die man nicht vernichten konnte. 
Dann beginnt eine neue Phase der capitalistischen 
Entwickelung: die Herrschaft der Car teile und der Trusts. 
8 2 - 
Die capitalistischen Monopole. 
Der Uebergang von der industriellen Anarchie zu 
den Monopolen vollzieht sich in zwei aufeinanderfolgenden 
Stufen: die eine bildet die unvollständige Fusion (Car 
telle, Ringe, Pools), die andere die vollständige Fusion 
industrieller oder commercieller Unternehmungen 
(Trusts).*) 
*) Lief mann: Les caractères et modalités des cartels. 
(Revue d’Economie politique, Juli 1899.)
        <pb n="82" />
        - 
- 76 - 
I. Die Cartelle. 
Das Car tell ist eine freie und vertragliche Verbindung 
zwischen Unternehmern desselben Industriezweiges zum 
Zwecke der Monopolisierung des gemeinschaftlichen 
Marktes, bei der die einzelnen Unternehmungen eine mehr 
oder weniger grosse Selbständigkeit bewahren. 
Man kann von den einfachsten bis zu den compli- 
ciertesten vier Arten von Cartelle unterscheiden : Preis 
cartelle, Productionscartelle, Absatzcartelle und Verkaufs 
cartelle. 
a) Die Preiscartelle. 
Das Preiseartell ist die einfachste Form: es ist das 
Bündnis oder das Abkommen, durch das sich eine gewisse 
Anzahl oder die Gesamtheit der Industriellen eines Pro- 
ductionszweiges zusammenthun, um entweder zu einem 
gleichen Preise die Rohproducte einzukaufen oder zu 
einem verabredeten Preise ihre Ware abzusetzen. 
Als Beispiel für das Einkauf car teil erinnern wir an 
die Zuckerfabricanten (in Belgien), die den Landwirten 
einen Einheitspreis! für die Zuckerrüben vorschreiben. 
Was die Verkauf scarteile anlangt, so haben sie sich 
seit einigen Jahren sehr vermehrt. Besonders für die 
Massengüter, deren Transport kostspielig ist und die des 
halb ausserhalb eines bestimmten Gebietes nicht mehr 
mit Vorteil verkauft werden können. Die Producenten 
haben den Vorteil, dass' sie ihre Preise heraufsetzen können, 
ohne eine wirksame Concurrenz durch das Dazwischen 
treten weiter entfernt wohnender Industriellen fürchten zu 
müssen. 
Jedermann kennt z. B. die Coaks- und Kohlencartelle, 
die heute in allen Ländern existieren. In Belgien besteht 
seit einer langen Reihe von Jahren bereits' ein Abkommen 
über die Preise der Hausbrandkohle. Auch für den Ver 
kauf der Fettkohle — des Schwarzbrotes der Industrie 
— haben die Kohlenbaugesellschaften unlängst Syndicate
        <pb n="83" />
        gegründet, die den anderen industriellen Betrieben schwere 
Lasten auferlegen. 
Um den übertriebenen Forderungen der Kohlenbarone 
entgegenzuwirken, entschloss sich die Verwaltung der 
Eisenbahnen, ihren Kohlenbedarf in England zu decken, 
und die sénatoriale Industriecommission forderte — ein 
charakteristisches Zeichen der Zeit — den Erwerb und 
die Ausbeutung einer Anzahl von Kohlengruben durch 
den Staat, um ähnlichen Dingen für die Zukunft vorzu 
beugen. 
b) Die Productionscartelle. 
Das Productionscartell ist ein Abkommen, durch das 
sich die Unternehmer verpflichten, ihre Production in 
einem bestimmten MasSc einzuschränken. 
Diese Form der Cartelle findet sich sehr häufig in der 
Glasindustrie, Zuckerindustrie, Brennerei u. s. w. 
Im Laufe des November 1899 verfügte das belgische 
Baumwollenspinnercartell über 760000 von 886000 über 
haupt vorhandenen Spindeln. 
„Um der durch das Vorhandensein eines ungewöhn 
lich grossen und daher preissenkenden Vorrats entstande 
nen Krise entgegenzuwirken,“ so lesen wir in der Revue 
du Travail,*) „und um einen Stillstand der Fabrication 
hintenan zu halten, einen Stillstand, der in näherer oder 
fernerer Zukunft unbedingt ein treten müsste, hat die Ge 
sellschaft der belgischen Baumwollspinner beschlossen, 
dass* eine grosse Zahl der Spinnereien die Arbeitszeit ver 
kürzt („short time“ macht), damit die Production um 
ein Sechstel eingeschränkt werde.“ 
Abmachungen dieser Art sind die logische Folge, ja 
geradezu die Existenzbedingung für die Preisöartelle : so 
lange die Production nicht beschränkt wird, können die 
Preisabmachungen nicht von Dauer Sein. 
*) December 1899, pag. 1293.
        <pb n="84" />
        — 7% — 
Im allgemeinen kann man sagen, dass die Verbin 
dungen der Industriellen, die immer durch die Concurrenz 
der Aussenstehenden und durch Verrat im Innern bedroht 
werden, in jedem Fall von den einfachsten zu complicierte- 
ren Formen fortschreiten müssen. 
! 
c) Die Absatzcartelle. 
Das Abäatzcartell beschränkt sich nicht auf die Fest 
setzung der Preise und auf die Beschränkung der Pro 
duction : es wird besonders charakterisiert durch die Auf 
teilung des Absatzgebietes und der Bestellungen nach 
geographischen Grenzen. Man setzt für jeden Industriellen 
„Interessensphären“ fest: in seinem Gebiete kann jeder 
machen, was er will, aber er darf nicht in das* Gebiet 
seines: Nachbars einbrechen. 
Der bemerkenswerteste Typus dieser Carteilform — 
die sich besonders in der Kohlen- und Metallindustrie 
immer weiter ausbreitet — ist das Rheinisch-Westfälische 
Kohlensyndikat. Wer direct oder indirect rheinisch-west 
fälische Kohle kaufen will, befindet sich nicht concurrieren- 
den Gesellschaften gegenüber, sondern einer einzigen Ge 
sellschaft, die von dem Syndikat besonders bestellt wird, 
um den Auftrag auszuführen. Wir haben hier also eine 
Verteilung der Aufträge nach ihrem Ursprungsbrt, aber 
noch nicht, was wir bei der am meisten entwickelten 
Form der Cartelle finden: Verteilung der Profite. 
d) Beteiligungscartelle. 
Die Beteiligungscartelle, die unter den Namen Pools 
in England und America bekannt sind, lassen die Unter 
nehmungen selbständig bestehen und gewähren ihren Mit 
gliedern eine gewisse Autonomie, aber die Gewinne werden 
pro rata des verwendeten Capitals verteilt. 
Als Typus dieser Form eines Syndikats kann man 
die Dynamit Trust Company anführen, die den grössten
        <pb n="85" />
        79 
Teil der deutschen und englischen Dynamitfabriken ver 
einigt und ausserdem mit den anderen Dynamit- und 
Schiesspulverfabriken dieser Länder eine Preisconvontion 
abgeschlossen hat. 
In den Cartellen dieser Art ist die Socialisierung 
der Industrie fast vollkommen durchgeführt; aber so 
mächtig, so stark organisiert diese gewaltigen Productions- 
stätten sein mögen, so bleibt doch immer eine Klippe, 
an der sie scheitern können, und das ist neben den inneren 
Streitigkeiten, die mächtige Concurrenz neuer Gesellschaf 
ten. Besonders in den verschiedenen Zweigen des Handels, 
wo der grössere Teil des Capitals circuliert, anstatt wie 
in der Industrie festgelegt zu sein, können solche Con- 
currenzuntemehmungen von einem Tag zum andern ent 
stehen. Deshalb ist es nötig, solchen möglicherweise auf 
tretenden Concurrenten eine so feste Organisation, so 
übermächtige Capitalien entgegenzustellen, dass die Ver 
nichtung neuer Unternehmungen jederzeit möglich ist. 
II. Die Trusts. 
Wir kommen so fast unmerklich zu jener Ent 
wickelungsstufe, wo die mehr und mehr complicierten 
Cartelle zu Trusts werden, d. h. wo wir uns vor einer 
Verschmelzung der verbündeten Unternehmungen sehen. 
Man weiss, dass das heute in den Vereinigten Staaten, 
wo die Entwickelung des Capitalismus nicht das Hindernis 
der Ueberbleibsel früherer socialer Ordnungen zu über 
winden hatte, die herrschende Form ist. 
„Alles wird allmählich in Trusts organisiert/“ so sagte 
ein Bürger von Chicago zu Paul de Rousiers, als dieser in 
America das Material für sein Buch über die monopoli 
sierten Industrieen in den Vereinigten Staaten sammelte. 
„Sieben Sie sich diese ungeheuren Magazine an (Depart 
ment Stores), die Küchengeschirr und Schuhwerk, Möbel 
und Wäsche verkaufen; sie töten den Kleinhandel, machen
        <pb n="86" />
        •.¿V 
8o — 
die Concurrenz unmöglich und zwingen die Leute, die das 
Zeug zu einer unabhängigen Stellung gehabt hätten, zur 
Thätigkeit von Angestellten. Sehen Sie diese ungeheuren 
Häuser aus Eisen und Ziegelsteinen, die Business Build 
ings mit ihren 20 Etagen, in denen Tausende von 
Bureaus, Comptoiren und Banken zusammengedrängt sind ; 
diese Concentration giebt dem Grund und Boden, auf dem 
die Riesenhäuser stehen und ebenso den benachbarten 
Terrains einen ungeheuren Wert, zum Nachteil anderer 
Landstriche, die keinen Käufer finden, wegen der miss 
bräuchlichen Etagenzusammenhäufung in dem Handels- 
cenirum der Stadt. Sehen Sie diese Riesenschlachthäuser, 
diese Packing - houses, in denen die Schlachterei und 
Fleischconservierung betrieben wird. Der Ladenschlächter 
ist bei uns verschwunden ; die Gefrierwagen liefern die 
Rinderviertel (Pressed beef) nach allen Städten der Union, 
wo sogenannte Fleischhändler sie auspfunden. Vier 
Männer, die Big Four, zerstören den Schlächtereibetrieb 
in dem freien America. Und nun betrachten sie die grossen 
Mühlen von Minneapolis, die die Mehlfabrication des Nord 
westen centralisieren. Betrachten Sie unsere grossen 
Eisenbahngesellschaften, die die kleinen, rivalisierenden 
Linien vernichten oder aufsaugen ; betrachten Sie das 
Petroleum, den Zucker, den Whisky, die Tauwerkfabrica- 
tion, die Kohle, Stärke, Stahl, Leinen, Baumwolle, Oel, 
Kautschuk u. s. w., u. s. w., alles ist durdh wenige Menschen 
monopolisiert worden.“*) 
Nach dem Jahrbuche des Journal of commerce and 
commercial bulletin von New York (März 1899) gab es zu 
jener Zeit in Nordamerica 353 Trusts von verschiedener 
Bedeutung mit einem Capital von 5 832 882 842 Dollars. 
Die kolossalsten von diesen Trusts waren: The joint 
traffic Association mit 7020 Millionen Francs Capital; 
*) Paul de Rousiers: Les industries monopolisées aux 
Etats-Unis, (Paris, Colin, 1898), pag. 2.
        <pb n="87" />
        8i 
die Reading Coal Company ,mit 750 Millionen; die Western 
Union Telegraph Company mit 477 Millionen; die Ameri 
can Sugar refining Company mit 375 Millionen; die Stand 
ard Oil Company mit 500 Millionen; die Wholesale 
Grocers Association of New England mit 375 Millionen; 
die Central Lumber Company mit 350 Millionen u. s. w. 
Seit März 1899 sind viele neue Trusts gegründet 
worden, sodass im Mai 1900 der Verfasser eines in der 
Revue des Revues veröffentlichten Artikels zu dem Schluss 
gelangen konnte, „dass, wenn man die Capitalien der ver 
schiedenen, fast überall thätigen, aber in den Vereinigten 
Staaten ordnungsgemäss registrierten Trusts zusammen 
zählt, eine Summe von wenig unter 50 Milliarden heraus 
kommt, also zehnmal so viel, wie Deutschland nach der 
Niederlage von 1870 Frankreich als Kriegskosten auf 
erlegte.“ 
Die merkwürdigsten unter diesen riesigen Or 
ganisationen, die allen anderen als Vorbilder gedient haben, 
sind sicherlich die Petroleum-, Zucker- und Stahltrusts.*) 
*) Vergl. R o u s i e r s , pag. 16—77, 130—183. Die Schluss 
folgerungen, die Rousiers in seinem materialreichen Buche zieht, 
sind entschieden von den socialistischen abweichend. Der Ver 
fasser schreibt in der That die Entwickelung der Trusts teils 
den besonderen Existenzbedingungen gewisser Industrieen 
(Pctroleumraffinerie), teils dem Einfluss der Schutzzölle zu 
(Zuckerraffinerie etc.). Eine Widerlegung dieser Ansicht gab ein 
nichtsocialistischer Gelehrter, nämlich Professor W. J. Ashley 
in seiner Rede in der British Economic Association vom 
22. März 1899. (The American trusts. Economic Journal, Juni 
1899.) Nachdem er constatiert hat, dass sich die Tendenz zur 
Monopolbildung in verschiedenem Masse in allen industriellen 
Ländern findet und keineswegs ein specielles Merkmal der 
Vereinigten Staaten ist, schliesst Ashley: „Lange bevor wir 
zum socialistischen Staate gekommen sein werden — vorausge 
setzt, dass wir überhaupt dahin kommen — drängt sich die 
Hau’ptschwicrigkeit des Socialismus, die Verteilung des socialen 
Arbcitsproductes ohne Hilfe der Concurrenz, in der einen oder 
anderen Form den praktischen Politikern als Problem auf." 
Der Redner betont dann die Notwendigkeit, die Monopolisation 
der englischen Grossindustrieen zu studieren; denn trotz der 
Vandervelde: Die Entwickelung zum Socialismus. 6
        <pb n="88" />
        — 82 — 
Der Petroleumtrust (The Standard Oil Company), der 
aus dem Jahre 1872 stammt, besitzt alle Röhrenleitungen 
(Pipe lins), die manchmal in einer Länge von 5 bis 600 
Kilometer die Productionsstätten in Pennsylvanien und 
Ohio mit den am Atlantischen Ocean oder an den grossen 
Seeen gelegenen Raffinerieen verbinden. Alle diese 
Raffinerieen stehen im Besitze des Trusts. Neun Personen 
besitzen das riesige Capital, das in diesem Unternehmen 
angelegt ist: 400 Millionen Mark. Ihr Monopol, an dem 
alle repressiven Gesetze gescheitert sind, ist so gut wie 
vollständig. Man sagt übrigens, dass der americanische 
Trust, um über ein noch grösseres Gebiet zu verfügen, mit 
den Petroleumkönigen von Galizien und Kaukasien ein 
Abkommen getroffen habe. Das wäre ein neuer Dreibund, 
durch den sich die Rockefeller, die Londoner und die 
Wiener Rothschilds in die Petroleumversorgung Europas 
geteilt hätten. 
Der Zuckertrust, oder richtiger gesagt, der Trust der 
Zuckerraffinerieen (The American sugar refining Com 
pany), der unter dem Schutze einer überstiegenen Zoll 
protection abgeschlossen wurde, monopolisiert heute die 
ganze Fabrication, während es noch im Jahre 1880 in den 
Vereinigten Staaten 49 selbständige Firmen gab ; er ver 
fügt über ein Capital von 27V2 Millionen Dollars. Um 
sein Monopol zu befestigen, hat der Trust Eisenbahnen 
und Fabriken aller Arten angekauft ; er ist an einer ganzen 
Menge anderer Unternehmungen interessiert, wie z. B. 
an den Mehltrusts der Staaten New York und Minnesota, 
an dem Magazintrust von Brooklyn, an den Strassen- 
bahnen von Providence, an verschiedenen Eisenbahnlinien 
und einer Anzahl Banken. 
Ueberfülle von Thatsachen ist die Litteratur über diesen Gegen 
stand sehr arm. Vergl. indessen den Artikel von Macrosty: 
The Growth of Monopoly in British Industry (Contemporary 
Review, März 1899),
        <pb n="89" />
        6 
«3 
Was den Stahltrust anlangt, so verdanken wir seine 
Gründung zu Anfang des Jahres 1897 einer Verbindung 
zwischen dem bekannten Pittsburger Eisenindustriellen 
Carnegie und dem Petroleum- und Minenkönig Rockefeller. 
Carnegie stand bereits an der Spitze aller Fabricanten 
von Bessemer Stahl ; seine Fabriken lagen im Centrum der 
reichsten Kohlenbassins von Pennsylvanien, dieses gelobten 
Landes der Kohlenproduction. Wenn es ihm gelang, die 
Mineralien vom Oberen See ebenso billig nach Pittsburg 
wie nach Chicago oder nach Cleveland zu transportieren, 
dann war es um seine Concurrenten geschehen. 
Wir haben bereits gesehen, dass Rockefeller seinerseits 
die grossartigen Erzlager am Oberen See an sich gerissen 
hatte. Er hatte Eisenbahnen gebaut, Docks gegründet, 
eine ganze Flotte von riesigen Transportschiffen eigens 
für Mineralien bauen lassen. Ende 1896 war diese Flotte 
im stände, den vernichtenden Concurrenzkampf gegen die 
früheren Einrichtungen zum Mineralientransport zu eröff 
nen. „Der Minenkönig,“ so sagt Rousiers, „konnte seine 
Hand dem Stahlkönig reichen und mit ihm zusammen 
jeder Coalition die Spitze bieten.“ So entstand die Rocke 
feller-Carnegie Combination: die Minengesell 
schaft vom Oberen See vermietete auf 50 Jahre ihre 
Gruben und ihre Transportflotte an die Gesellschaft 
Carnegie, die sich auf die Weise zur unumschränkten Be 
herrscherin des Marktes aufschwang. 
Die Folgen dieser Concentration sind natürlich für 
die anderen Producenten verhängnisvoll, aber man kann 
doch nicht behaupten, dass sie auch für die Consumenten 
schlecht gewesen wären; obschon sie ungeheure Profite 
einsteckten, konnten doch Carnegie und Rockefeiler ihre 
Preise ermässigen und sogar an die Eroberung des europäi 
schen Marktes denken. 
Im allgemeinen werden die schweren politischen und 
socialen Nachteile solcher grosser Monopole zum Teil 
wieder wett gemacht, durch die Vorteile der Socialisierung
        <pb n="90" />
        der Arbeit, der technischen Ueberlegenheit auf einer höhe 
ren Stufe. Das mangelhafte Werkzeug, die überlebten 
Methoden, die alten Formen der Industrie verschwinden, 
entweder weil sie durch die Concurrenz vernichtet werden, 
oder weil die Leitung des Trusts sie selbst systematisch 
abschafft. So schloss z. B. der Whiskytrust, der 80 Fabri 
ken umfasste, auf der Stelle 68 davon aus, um die Produc 
tion in den 12 anderen, die selbstverständlich mit allen Ver 
besserungen der modernen Technik ausgerüstet waren, 
zu concentrieren.*) 
Dank dieser künstlichen Zuchtwahl, die in erster Linie 
auf eine Verminderung der Productionskosten hinaus 
läuft, kommen die Trusts, die ursprünglich gegründet 
waren, um eine Preiserhöhung durchzusetzen, häufig gar 
zu einer Preisermässigung. Aber es bleibt deshalb nicht 
minder wahr, dass die Consumenten anfangs mehr zahlen 
als früher — unsere Hausfrauen haben diese Erfahrung 
beim Petroleum gemacht — und dass sie später, wenn die 
Vorteile der Grossproduction sich auch für sie bemerkbar 
machen, noch immer mehr zahlen müssen, als wenn die 
Producte nicht zum Profit der capitalistischen Monopole 
mit schweren Lasten belegt wären. 
Unlängst sagte eine americanische Zeitung, man könne 
bald nicht mehr trinken, essen, sich keinen Anzug mehr 
anziehen, kurz, überhaupt gar nichts mehr kaufen, ohne 
irgend einem Trust seinen Obolus zu entrichten. 
Nehmen wir z. B. an, Sie gingen in irgend ein Restau 
rant in New York oder Philadelphia: „Der Kellner bringt 
zunächst ein Erfrischungsgetränk, den Cocktail, dessen 
Hauptbestandteil, der Whisky, sich unter der Controle des 
Whiskytrust (35 Millionen Dollar Capital) befindet. Die 
Suppe kann nicht ohne den Beef Trust von Chicago her 
gestellt werden (100 Millionen Dollar Capital) ; die Austern 
*) Siehe: Lief mann, a. a. O. (Revue d’Economie 
politique, 1899, pag. 657).
        <pb n="91" />
        85 
liefert der neulich gegründete Oyster Trust (5 Millionen 
Dollar). Wenn Sie einige hors d’oeuvres verlangen — 
Radieschen, Sellerie, Oliven —, dann richten Sie sich 
nur gleich auf eine Abgabe an den Farm and daily product 
Trust ein (15 Millionen Dollar). Beim Fisch erscheint 
der Fischtrust (10 Mill. Dollar); beim Braten der Fowls 
Trust (20 Millionen Dollar). Nun kommen wir zum 
Dessert : Der Pudding ist das Product der American 
Flour Company (120 Millionen Dollar). Die Früchte liefert 
die American Fruit Company; die Bisquits der National 
Bisquit Trust, die Schlagsahne die American Ice Cream 
Company. Wenn Sie nun noch Lust haben, eine Tasse 
Kaffee zu trinken oder eine Cigarre zu rauchen, dann 
vergessen Sie nicht das Kaffeesyndicat (60 Millionen 
Dollar) und den Tabaktrust (75 Millionen Dollar). Das 
ergiebt eine ganz stattliche Menge von Trusts auf ein 
mal.“ 
Und was für die Tafel richtig ist, das gilt eben 
auch für die anderen Lebensbedürfnisse. Mit einer 
wachsenden Geschwindigkeit umfassen die Trusts, dank 
ihrer höheren Productivität alle Industriezweige und be 
festigen ohne Unterlass ihre dreifache Herrschaft auf 
ökonomischem, socialem und wirtschaftlichem Gebiete. 
Denn es sind nicht allein die Consumenten, sondern auch, 
und zwar ganz besonders, die Arbeiter, vom socialen Ge- 
sichtspuncte aus, und die grosse Masse der Staatsbürger, 
vom politischen Gesichtspuncte aus, die die vielfachen 
Schäden eines Systems zu erdulden haben, bei dem alles 
darauf hinausgeht, die Herrschaft der ganz Reichen zu be 
gründen. 
Es ist in der That nicht zweifelhaft, dass die durch 
die Trusts bewirkte Concentration, die einmal den Zu 
sammenhang zwischen den Unternehmern bestärkt und 
andermal die industrielle Reservearmee vermehrt, um 
ebensoviel die relative Kraft der Arbeiterorganisationen 
schwächt.
        <pb n="92" />
        Wenn sich anderenteils die Arbeiter der politischen 
Bewegung zuwenden, nachdem sie erkannt haben, dass die 
ökonomischen Mittel allein nicht mehr ausreichen, um 
ihnen den Sieg zu sichern, dann befinden sie sich der Pluto- 
kratie der herrschenden Classe gegenüber, die alle Aemter 
im Besitz hat, die mit allen Mandaten Schacher treibt 
und alle Beschlüsse einem nur gar zu oft servilen und 
corrumpierten parlamentarischen und administrativen Per 
sonale inspiriert. Die Trusts regieren im Weissen Hause, 
haben ihre Sitze in den Kammern, regeln nach ihrem 
Vorteil die Zollgesetzgebung und entscheiden in letzter 
Linie über die auswärtige Politik. 
Aber so hassenswert auch ihre Tyrannei sein mag, wie 
revoltierend auch die Missbrauche dieser capitalistischen 
Concentration wirken mögen, man darf darüber doch nicht 
vergessen, dass die grossen Monopole das Zustande 
kommen einer neuen Gesellschaftsordnung vorbereiten und 
erleichtern, indem sie die Productivkräfte centralisieren. 
Ihre Entwickelung aufhalten zu wollen, das hiesse, die 
Ausdehnung der Industrie selbst aufhalten; das Ziel, das 
man erstreben muss, ist, ihre Vorteile zu socialisieren. 
Ein americanischer Collectivist, Daniel de Léon, hat 
das sehr gut mit folgenden Worten ausgedrückt: „Die 
Leiter, auf der die Menschheit zur Civilisation emporge 
stiegen ist, ist der Fortschritt der Arbeitsmethoden und 
das immer vollkommener werdende Werkzeug (the ever 
more powerful tool of production). Der Trust steht auf 
der obersten Stufe der Leiter, um ihn fegen die Stürme 
der modernen socialen Ordnung. Die capitalistischen 
Classen möchten ihn zu ihrem eigenen ausschliesslichen 
Nutzen erhalten. Der Mittelstand möchte ihn zertrümmern, 
würde aber damit gleichzeitig den Fortschritt der Civili 
sation aufhalten. Das Proletariat endlich will ihn erhalten 
und zugleich verbessern und seine Vorteile allen zu gute 
kommen lassen.“
        <pb n="93" />
        III. Capitel. 
Die Einwendungen 
„Opportet haereses esse.“ 
Ter tullían. 
Wenn wir die industrielle Entwickelung, die wir eben 
beschrieben haben, mit einem Blick zu überschauen ver 
suchen, so stellt sie sich uns dar als eine durch die 
Jahrhunderte hindurchgehende gigantische und unaufhalt 
same Tendenz zur Vergesellschaftung der Arbeit durch die 
Concentration der Arbeits- und Austauschmittel. 
Diese Concentration erscheint in zwei verschiedenen, 
aber im allgemeinen zusammenhängenden und aufeinander 
wirkenden Arten : Concentration der Werkstätten und Con 
centration der Unternehmungen. 
Auf der einen Seite verschwinden in einer 
ganzen Reihe von Industriezweigen die Einzelwerkstätten 
infolge ihrer technisch mangelhaften Einrichtungen, oder 
spielen doch wenigstens nur noch eine locale und beiläufige 
Rolle: die Nibelungenschmiede macht den Grosseisenwerk 
stätten von Seraing, den Fabriken von Pittsburg, den 
Kanonengiessereien von Essen oder von Creusot Platz. 
Auf der anderen Seite erweitern die individuellen 
Unternehmungen immer mehr den Kreis ihrer Geschäfte 
und kommen auf diese Weise schliesslich dazu, ihren Platz 
Actiengesellschaften oder Genossenschaften zu räumen, die
        <pb n="94" />
        allein im stände sind, das zur Production grossen Stils 
notwendige Capital zusammenzubringen. Dann kommen 
die Coalitionen, die Cartelle und endlich der Trust, das 
vollkommene Monopol, die mehr oder weniger streng 
durchgeführte einheitliche Organisation der Warenverferti 
gung und des Austausches. 
Das ist bereits der mehr oder weniger ausgebildete 
Stand der Hauptindustrieen — im weitesten Sinne des 
Wortes —, die man so nennt, weil sie entweder uns mit 
den hauptsächlichsten Lebensbedürfnissen versehen, oder 
weil sie die Rohstoffe für andere Industriezweige liefern, 
oder endlich, weil sie der Allgemeinheit Dienste von solch 
allgemeinem Charakter leisten, dass man sie fast wie 
Staatseinrichtungen anzusehen geneigt ist. 
Dahin gehören z. B. : Eisenbahnen, Kanäle, Emissions 
und Escomptebanken, Post, Telegraph und Telephon, Ver 
sicherungsanstalten,— mit einem Wort die Centralorgane 
der grossen Einrichtungen, die den Circulationsprocess 
der Güter und die Beziehungen zwischen den Menschen 
sichern, erleichtern, beschleunigen, oder regulieren. 
Ferner unter den Rohstoffindustrieen diejenigen, die 
die anderen Industriezweige mit Kohlen, Eisen, Holz oder 
Steinen versorgen. 
Endlich solche, die diejenigen Lebensbedürfnisse, nach 
denen in allen Schichten der Bevölkerung Nachfrage 
herrscht, fabricieren oder vertreiben: Brot, Wasser, Salz 
und Zucker, Petroleum und Leuchtgas, Tabak und Alkohol, 
Kleider, Schuhwerk und in kleinerem Umfang auch: Milch, 
Butter, Margarine, Fleisch, Colonialwaren, pharma- 
ceutische Producto u. s. w. 
Diese verschiedenen Industriezweige beschäftigen ganz 
unleugbar die grosse Masse der Arbeiterbevölkerung. 
Wenn sie verstaatlicht würden, dann würde das Gebiet der 
Privatindustrie nur noch einen kleinen Raum einnehmen. 
Heutzutage ist aber schon eine grosse Anzahl von ihnen, 
sei es ganz, sei es teilweise, socialisiert : wir haben Salz-,
        <pb n="95" />
        Tabak- und Alkoholmonopole; staatlichen Betrieb der 
Eisenbahnen, Posten, Telegraphen und Telephone; die 
mehr oder weniger streng durchgeführte Verstaatlichung 
der Emissionsbanken, mit Gewinnbeteiligung des Staates; 
wir haben die Verstadtlichung des Wassers, des Gases und 
der Elektricität, der Strassenbahnen und der Schlacht 
häuser; wir haben collectives oder communales Eigentum 
an Forsten, Bergwerken, Canälen und Strassen. 
Diejenigen Hauptindustrieen, die noch in der Sphäre 
des Privatcapitals verbleiben, zeigen fast alle — genau im 
Verhältnis der Grossproduction, die die Grösse ihres Ab 
satzgebietes erheischt — einen hohen Grad capitalistischer 
Concentration: in den Vereinigten Staaten sind die Tele 
graphenlinien in den Händen zweier Gesellschaften; einige 
grosse Lebensversicherungsanstalten teilen die Welt unter 
sich auf ; die grossen Centralemissionsbanken schaffen eine 
Leere um sich her, obschon sie kein eigentliches Monopol 
haben; der Dreibund des Petroleums, die Zucker- und 
Whiskytruste sichern die Herrschaft einer Handvoll Capi- 
talisten; die Metallindustrie, Kohlenindustrie und Textil 
industrie stellen die vollkommensten Typen der Gross 
industrie dar. Und selbst in den Nahrungsmittelindustrieen 
oder in der Bekleidungsindustrie, die eine Ausnahme von 
der Regel zu machen scheinen, beginnen jetzt die grossen 
Magazine, die Genossenschaften, die verschiedenen Formen 
der technischen und commerciellen Concentration, eine 
grosse Zahl von Kleinhändlern entweder ganz auszuschalten 
oder vollkommen zu versclaven. 
Wie gross demnach auch die Zahl der Hilfsindustrieen 
sein mag, die infolge der wachsenden Arbeitsteilung auf- 
spriessen, so kann doch keinem Zweifel unterliegen, dass 
alle Hauptindustrieen, wenigstens vom Standpunct der 
Production aus, in einer nahen Zukunft socialisiert sein 
werden. Und dieses Streben nach Centralisation tritt mit 
einer solchen Deutlichkeit auf, dass sogar die Gegner des 
Socialismus nicht daran denken können, es abzuleugnen;
        <pb n="96" />
        90 
aber sie bestreiten die allgemeine Bedeutung der That- 
sache, lehnen die Schlussfolgerungen ab, die man daraus 
zieht und stellen — darin mit einigen Socialisten überein 
stimmend — dem, was sie das Dogma der capitalistischen 
Concentration nennen, eine Reihe von Einwendungen ent 
gegen, deren wichtigsten die folgenden sind : 
I. Die Zahl der Kleinbetriebe nimmt wenigstens im 
Handel und der Landwirtschaft zu, statt ab : man kann 
demnach nicht von einem allgemeinen Gesetze der 
capitalistischen Concentration in allen Productions- 
zweigen sprechen. 
2’. Ferner bedeutet die Concentration der Betriebe nicht 
auch eine Concentration der Vermögen; weit entfernt, 
sich zu gunsten einiger Capitalmagnaten zu vermin 
dern, zeigt die Zahl der Besitzenden viel mehr eine 
Tendenz zur Zunahme; die Actiengesellschaften 
demokratisieren das Capital. 
3. In der Arbeiterclasse selbst erneut die Entwickelung 
des Sparens das kleine Eigentum in einer anderen 
Form. 
Deshalb ist nicht wahr, dass die Entwickelung des 
Capitalismus schliesslich dazu führt, zwei entgegen 
gesetzte Classen zu schaffen, von denen die eine durch 
den arbeitslosen Besitz, die andere durch die besitz 
lose Arbeit gekennzeichnet wird. 
Wir werden kurz untersuchen, was wahres an die 
sen verschiedenen Einwendungen ist. 
§ I. 
Die Ersparnisse der Arbeiter. 
Die belgische Enquete vom Jahre 1892 über die Löhne 
und Haushaltungsrechnungen der Arbeiter gestattet uns, 
die Wichtigkeit des „capitalistischen Eigentums“, das das 
Proletariat in den Sparcassen sammelt, auf seinen wahren 
Wert zu prüfen. Thatsächlich stellt sie fest, dass bei der
        <pb n="97" />
        Gesamtheit der von den Arbeitsräten beobachteten Arbeiter 
haushalten das Einkommen aus anderen Quellen als aus 
dem Lohne oder der öffentlichen Armenunterstützung nur 
i,8 o/o ausmacht.*) 
Gewiss bedeuten die 532 Millionen, die 1898 bei den 
Sparcassen eingelegt waren, eine grosse Summe. Mehr 
als eine halbe Milliarde, so hört man sagen, das ist doch 
etwas! Freilich, aber man darf nicht vergessen, dass 
diese halbe Milliarde sich auf 1 500000 Sparcassenbücher 
verteilt, dass die grössten Sparcassenbücher nicht Arbeiter 
familien gehören und dass die Durchschnittssumme der 
Depots nur 372,87 Francs beträgt, was einem jährlichen 
Zinseinkommen von 13,05 Francs gleichkommt! 
Von 100 Sparcassenbüchern lauteten 42,2 auf 1—20 
Francs; 19,2 auf 21—100 Francs; 18,7 auf 101—500 
Francs; 6,9 auf 501—1000 Francs; 13,0 auf 1001 Francs 
und mehr. 
Mehr als 60 von 100 Sparcassenbüchern lauteten also 
auf weniger als 100 Francs. Selbst wenn man nun noch 
den Inhalt der Sparbüchsen und der bekannten Spar 
strümpfe hinzunimmt, die Summen, die in Privatsparcassen 
festgelegt sind, sie Mittel der Arbeitergenossenschaften, 
die auf die Häuser der Wohngenossenschaften eingetrage 
nen Capitalien, so muss man doch immer noch der Schluss 
folgerung beistimmen, dass es eine bittere Ironie ist, wenn 
man die Proletarier als kleine Capitalisten bezeichnen will. 
§ 2. 
Die Demokratisierung des Capitals. 
„In der Socialdemokratie herrscht die Vorstellung 
vor oder drängt sich doch immer wieder dem Geiste 
auf, dass der Concentration der industriellen Unternehmun 
gen eine Concentration der Vermögen parallel läuft. Das 
*) Budgets ouvriers pour le moi d’avril 1891 (Brüssel, 
Weissenbruch, 1892), pag. 433 ff.
        <pb n="98" />
        ist aber keineswegs der Fall. Die Form der Actiengesell- 
schaft wirkt der Tendenz: Centralisation der Vermögen 
durch Centralisation der Betriebe in sehr bedeutendem 
Masse entgegen. Sie erlaubt eine weitgehende Spaltung 
schon concentrierter Capitale und macht Aneignung von 
Capitulen durch einzelne Magnaten zum Zwecke der Con- 
centrierung gewerblicher Unternehmen überflüssig.“*) 
Wir wollen nicht bestreiten, dass diese Bemerkungen 
ein Körnchen Wahrheit enthalten. Aber es würde ein 
grober Irrtum sein, diese beiden Erscheinungen: Concen 
tration des Eigentums und Concentration der Production 
zu identificieren. 
Das Eigentum an Grund und Boden z. B. kann sich 
concentrieren, während der Betrieb zersplittert wird. 
Andernteils bedeutet die Schaffung grosser Unternehmun 
gen in der Form von Actiengesellschaften an sich noch 
nicht, dass die Vermögensconcentration mit der Concen 
tration der Productionsmittel gleichen Schritt hält; aber 
noch weniger darf man daraus, wie Bernstein vielfach 
zu thun scheint, schliessen, dass die Centralisation der 
Capitale in der Form der Actiengesellschaften Hand in 
Hand geht mit einer Vermögensdecentralisation in der 
Form von Actien und Obligationen. 
In seiner Antwort auf Bernstein zeigt im Gegenteil 
Karl Kautsky sehr klar, dass die zur Unterstützung dieser 
Vermutung herangezogenen Gründe entweder ohne Be 
weiskraft oder direct irrig sind.**) 
Dass die Entwickelung der Grossproduction die abso 
lute Zahl der Capitalisten, die ein arbeitsloses Einkommen 
gemessen, vergrössert, ist unbestreitbar; aber zu gleicher 
Zeit vermehrt sich die Zahl der Proletarier in viel grösserem 
Massstabe, und diese doppelte Bewegung geschieht auf 
*) Bernstein: Die Voraussetzungen des Socialismus, 
Pag. 47- 
**) Kautsky: Bernstein und das socialdemokratische Pro 
gramm, pag. 80 ff.
        <pb n="99" />
        Kosten der verschiedenen Kategorieen selbständiger Ge 
werbetreibender, Handwerker, Fabricanten und bäuerlicher 
Besitzer. 
Man nimmt nun freilich die Einkommensteuerlisten 
zur Hilfe, um darzuthun, dass die Zahl der Besitzenden in 
den Mittelschichten, in der kleinen oder mittleren 
Bourgeoisie zunimmt, statt abzunehmen. Aber selbst wenn 
wir annehmen, dass diese Statistiken das Vertrauen ver 
dienen, das man ihnen entgegenbringt, so ist doch die 
Zunahme der Zahl der Einkommen, die das Existenz 
minimum überschreiten, in aller Welt noch kein Beweis 
für die Zunahme der Zahl capitalistischer Eigentümer. 
Diese Einkommen können in der That aus der Arbeit 
und nicht aus dem Besitze entspringen. Für Sachsen 
hat z. B. Herkner nach den Steuerlisten von 1879 und 
1894 bewiesen, dass die beiden Schichten der Bevölkerung, 
deren relative Zunahme am bedeutendsten ist, aus Ar 
beitern in mittleren Lebensumständen auf der einen Seite, 
und aus Millionären auf der anderen Seite bestehen.*) 
Die enorme Steigerung der Productivität übt natür 
lich, trotz zahlreicher beklagenswerter Ausnahmen, einen 
Einfluss auf den allgemeinen Lebensstand aus; sie erhöht 
in einem gewissen Masse den Durchschnitt der Löhne und 
*) Nachstehend die von Kautsky auf Seite 88 seines 
Buches angeführte Uebersicht : 
Personen 
mit 
einem Einkommen von 
1879 
18R4 
Zunahme 
procentual absolut 
bis 800 Mark 
800— 1 000 „ 
1 600— 3 300 „ 
3 300- 9 600 „ 
9 600—54 000 ' „ 
mehr als 54 000 „ 
828 686 
165 362 
61 810 
24 072 
4 683 
238 
972 257 
357 974 
106 136 
41 890 
10 518 
886 
143 571 
192 612 
44 326 
17818 
5 835 
648 
17,3 
116.4 
71,6 
74,0 
154.4 
272,0
        <pb n="100" />
        94 
Gehälter ; sie begünstigt aber in viel höherem Grade 
noch die Centralisation der Vermögen in den Händen 
grosser Capitalisten : Das XIX. Jahrhundert ist nicht nur 
das Jahrhundert der Arbeiter gewesen, sondern man wird 
es auch das Jahrhundert der Milliardäre nennen. 
Die Actiengesellschaften ermöglichen in der That die 
Schaffung grosser Unternehmungen durch das Zusammen 
fassen kleiner Capitalien; aber weit davon entfernt, die 
Zersplitterung bereits concentrierter Capitalien zu begün 
stigen, zeigen sie vielmehr die Tendenz, ihre Concentration 
noch zu steigern. Mit Hilfe von Actiengesellschaften 
können freilich Tausende von kleinen Leuten sich an 
den Geschäften des Panamacanals oder der Goldminen 
Transvaals beteiligen; aber wer wollte wohl behaupten, 
dass diese Verwendung, diese Ausgiessung der kleinen 
Sparcapitalien eine gleichmässigere Verteilung der Ver 
mögen bewirkte ? Ist nicht vielmehr ganz klar, dass die 
armen Teufel von Actionären und Obligationären, die 
bei ihrer Geschäftsungewandtheit allen Gefahren ausge 
setzt sind und häufig alles auf eine einzige Karte gesetzt 
haben, weit mehr riskieren, als die Capitalmagnaten, die 
sich doch irrfmer die besten Bissen, den Löwenanteil, 
sichern und immer Sorge tragen, die ungünstigen Chancen 
dadurch zu neutralisieren, dass sie „nicht alle Eier in 
dieselbe Schürze nehmen“ ? 
Die Vermehrung der Zahl der Actionäre bedeutet 
also keine Vermehrung der Zahl der Besitzenden und 
noch weniger die Zerteilung der grossen Vermögen : sie 
beweist nur, dass die Actienform mehr und mehr zur 
herrschenden Form des Eigentums wird.*) 
*) In England hat sich z. B. die Zahl der Joint Stock 
Companies von 9344 im Jahre 1885 auf 25267 im Jahre 1898 
vergrössert. Nach Kershaw (Joint stock enterprise and our 
manufacturing industry) repräsentieren aber kaum 10 0/0 dieser 
Gesellschaften neue Unternehmungen; die anderen entstanden 
durch Umwandlungen von Privatunternehmungen in Actienunter- 
nehmungen. (The Fortnightly Review, Mai 1900, pag. 816.)
        <pb n="101" />
        — 95 — 
*) Bernstein: Die Voraussetzungen des Socialismus 
Pag. 57- 
Die Vermehrung der kleinen Unter 
nehmungen. 
Eduard Bernstein hat sich, übrigens nicht ohne Grund, 
bemüht, die etwas naiven Illusionen gewisser Socialisten 
über die Schnelligkeit und die Grösse des Fortschritts 
der industriellen Concentration zu zerstören. „Wenn der 
unablässige Fortschritt der Technik und Centralisation der 
Betriebe,“ so sagt er, „in einer zunehmenden Zahl von 
Industriezweigen eine Wahrheit ist, deren Bedeutung sich 
heute kaum noch verbohrte Reactionäre verschweigen, so 
ist es eine nicht minder feststehende Wahrheit, dass in 
einer ganzen Reihe von Gewerbszweigen kleinere und 
Mittelbetriebe sich neben Grossbetrieben durchaus lebens 
fähig erweisen.“*) 
Wir haben gesehen, dass diese Lebenskraft der kleinen 
Betriebe nur allzu häufig auf der übermässigen Ausbeutung 
der Kleinbauern und der Heimarbeiter beruht. Wenn 
man sich freilich ohne weiteres nur an die Statistiken 
hält, dann ist nicht zweifelhaft, dass Bernstein mit den 
Ziffern in der Hand recht behält. 
In den meisten Handelszweigen nimmt die Zahl der 
kleinen Läden, trotz der Grossmagazine, beständig zu. 
In vielen landwirtschaftlichen Gegenden geht die Grösse 
der Unternehmungen zurück, statt sich auszudehnen, wenn 
nämlich die Cultur intensiver wird und infolgedessen mehr 
Capitalien beansprucht. In der eigentlichen Industrie end 
lich nehmen nur die Zwergbetriebe, die alleinarbeitenden 
Handwerker, relativ und absolut ab, während sich die 
kleinen und mittleren Unternehmungen vermehren, aller 
dings weniger rasch, als die grossen Unternehmungen. 
Während also die Zahl der kleinen Betriebe in gewissen
        <pb n="102" />
        96 
Gegenden oder gewissen Geschäftszweigen infolge der 
capitalistischen Concentration abnimmt, nimmt sie in 
anderen Gegenden oder anderen Geschäftszweigen wieder 
zu, infolge der steigenden Arbeitsteilung, so zwar, dass 
häufig diese Zunahme, jene Abnahme wett macht. 
I. Handelsunternehmungen. 
Wir wissen, dass es gerade die Fortschritte der Gross 
industrie sind, die die Handelsunternehmungen vermehren; 
einmal dadurch, dass sie die Masse der Tauschbeziehungen 
vermehren, dann dadurch, dass sie die früher selbständigen 
Producenten in den Detailhandel hinabschleudern, endlich 
dadurch, dass Tausende von Arbeitern in der Schaffung 
eines kleinen Handels z. B. in der Eröffnung einer Schnaps 
bude, ein geringes Nebeneinkommen suchen. 
Der industriellen Centralisation entspricht also — bis 
zu der im allgemeinen später eintretenden Einführung der 
grossen Magazine — eine Periode der Decentralisation 
im Handel. Im allgemeinen sind aber die zahllosen 
Zwischenhändler, die gar keine neuen Werte producieren 
und so reichlich zur Preisverteuerung der Waren bei 
tragen, im Grunde nichts anderes, als Beauftragte der 
capitalistischen Industrie, die für die Vertreibung der 
Waren zu sorgen haben. 
2. Landwirtschaftliche Betriebe. 
Die Einwirkung des Capitalismus auf die Landwirt 
schaft durch die Vermehrung der industriellen und Handel 
treibenden Bevölkerung in ländlichen Districten begünstigt 
die Verkleinerung der Betriebe — was eine Erhöhung 
der Pachtsummen ermöglicht — und das Aufkommen von 
Parzellenwirtschaften, die die Arbeiterfamilien mit Gemüse 
und Kartoffeln versorgen. 
An einer anderen Stelle haben wir einmal, ebenso 
wie Karl Kautsky in einem der Capitel seines Buches
        <pb n="103" />
        97 
über die Agrarfrage,*) die ökonomischen und technischen 
Ursachen auseinandergesetzt, die heute den Fortschritt 
des Grossbetriebes in der Landwirtschaft hindern : Die 
Unzulänglichkeit und der hohe Preis der Arbeitskräfte, 
die mehr und mehr von den Städten und den Industrie- 
centren aufgesogen werden; die Einwirkung der aus 
ländischen Concurrenz, die auf dem vor allem Tausch 
werte producierenden Grossgrundbesitzer schwerer lastet, 
als auf den meistenteils Gebrauchswerte producierenden 
Bauern; der fast vollständige Mangel von Interesse beim 
Pächter, Meliorationen einzuführen, die doch nur dem 
Besitzer des Grund und Bodens zu gute kommen und 
schliesslich noch zu einer Pachterhöhung führen könnten 
u. s. w. Aber trot,z aller dieser Hindernisse kann man 
doch in verschiedenen Ländern, wie z. B. in Belgien, 
wo die Entwickelung des Capitalismus anfänglich ent 
gegengesetzte Erscheinungen gezeitigt hatte, feststellen, 
dass die Zahl der Grossbetriebe wächst, während die der 
Kleinbetriebe abnimmt. 
Das statistische Jahrbuch von Belgien für das Jahr 
1900 äussert sich dazu mit folgenden Worten: „Nur die 
Betriebe mit weniger als 5 Hektaren und besonders die 
mit weniger als 2 Hektaren haben abgenommen (84569); 
dagegen haben die Betriebe mit über 10 Hektaren und 
ganz besonders die mit über 50 Hektaren um 3789 zu 
genommen. Die Concentration des Grundeigentums, die 
mit der Entwickelung des Grossbetriebes und der Massen- 
production an Schlachtvieh Hand in Hand geht, zeigt 
sich hier sehr deutlich. Seit dem Jahre 1880 beobachten 
wir eine Bewegung, die der von 1866 bis 1880 gerade ent- 
*) Kautsky: Die Agrarfrage, Cap. 7. Siehe auch über 
die relativen Vorteile der kleinen, mittleren und grossen Cultur 
Sombart: Vergleichung des Gross-, Mittel- und Kleingrund 
besitzes mit .Bezug auf ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. 
(Sonderabdruck aus der Zeitschrift der Landwirtschaftskammer 
für die Provinz Schlesien.) 
Vandervelde: Die Entwickelung zum Socialismus. 'j
        <pb n="104" />
        9 8 
gegengesetzt ist : damals hatte die Zahl der Kleinbetriebe 
beträchtlich zugenommen, während die der Grossbetriebe 
sehr abgenommen hatte; jetzt verschwindet das länd 
liche Kleineigentum vor dem Grossbetriebe.“*) 
Wir behaupten natürlich nicht, dass diese Betriebs- 
concentration eine allgemeine Erscheinung sei. Die Agrar 
statistik von Deutschland ergiebt z. B. ganz entgegen 
gesetzte Resultate.**) Aber wir haben doch gesehen, dass 
in allen Ländern, selbst wenn die Zahl der Kleinbetriebe 
zunimmt, die Zahl der unabhängigen Kleinbauern, der 
bäuerlichen Grundbesitzer, unaufhörlich abnimmt. 
3. Industrielle Betriebe. 
Die industrielle Concentration schliesst die Klein 
producenten von den Hauptindustriezweigen aus und ver 
weist und verbannt sie in diejenigen Industrieen, deren 
localer, specieller, künstlerischer oder Luxuscharakter die 
Teilung der Arbeit, die Einführung von Maschinen und das 
Zusammenwirken vieler Arbeiter nicht gestattet oder noch 
nicht gestattet. Aber andernteils ist nicht zweifelhaft, dass 
die Entwickelung des Capitalismus die Zahl dieser In 
dustrieen und ihrer Betriebe vermehrt. 
Zuerst werden auf dem Lande die kleinen Producenten, 
die Handwerker, die für den localen Markt arbeiten, not 
wendigerweise zahlreicher und zwar in dem Masse, wie 
die Production der Gebrauchswerte für den häuslichen 
Gebrauch der Production von Tauschwerten Platz macht. 
Zweitens lässt die Specialisierung der Arbeit, während 
die grossen Industrieen sich concentrieren, immer neue 
Industrieen emporspriessen, gleichsam Ableger von dem 
Hauptstamm der Production. So finden wir z. B. in der 
letzten Gewerbezählung der Provinz Hennegau neben der 
*) Einleitung, pag XLI (Brüssel, 1900). 
**) Hertz: Die agrarischen Fragen im Verhältnis zum 
Socialismus (Wien, 1899), pag. 53 ff.
        <pb n="105" />
        7* * 
99 
Glasfabrication, der Metallindustrie, der Kohlenindustrie 
eine ganze Anzahl von neuen, ganz specialisierten Ge 
werben, wie z. B. die Fabrication von Feueranzündern 
aus Korkspähnen, von Riemen für Holzschuhe, von Leder 
hüten für die Bergleute, von Rosenkränzen, von Holzsohlen 
für die Galoschen, von Confetti, von Filtertüchem und 
allen möglichen anderen Gegenständen.*) Eine ganze 
Reihe von diesen Industrieen hat dank ihrer Specialität 
oder ihrer Neuheit die ersten Phasen ihrer Entwickelung 
noch nicht überschritten und vermehrt so die Zahl der 
Kleinbetriebe. 
Endlich begünstigt der zunehmende Reichtum der 
Capitalistenclasse, die einen grossen Teil ihrer Profite 
für unproductive Zwecke ausgiebt, die Entstehung von 
Kunst- und Luxusgewerben und sonstigen Industriezweigen, 
die das Ueberflüssige für eine Minorität herstellen, wäh 
rend ein grosser Teil des Volkes des Notwendigsten er 
mangelt. Denn fast alle diese Luxusgegenstände werden, 
wenigstens im Anfang, durch Plandarbeit, sei es im Hause, 
sei es in den Werkstätten der kleinen oder mittleren 
Industrie hergestellt. 
Kurz, in allen Teilen des wirtschaftlichen Lebens con 
sintieren wir, dass die Concentration und Automatisation, 
die sich in einzelnen Zweigen durchsetzen, die unablässige 
Bildung neuer Unternehmungen, die eine kleine Zahl von 
Arbeitern beschäftigen, nicht nur nicht hindern, sondern 
oft sogar fördern.**) 
Aber zwischen diesen Kleinbetrieben neuer Art und 
den Kleinbetrieben früherer Zeiten besteht derselbe Unter- 
*) Allgemeine Industrie- und Gewerbezählung vom 
31. October 1896. (Recensement général des industries et des 
métiers. Brüssel, H ayez, 1899.) 
**) Ueber die Ursachen der Erhaltung der Kleinindustric 
in gewissen Branchen vergl. Gönner: The survival of domestic 
industries (The Economic Journal, März 1893), ferner: 
Kowalewsky: Le régime économique de la Russie (Paris, 
Giard et Brière, 1898), 5. Capitel.
        <pb n="106" />
        IOO 
schied, wie zwischen den Zweigen, die die Bäume eines 
Waldes krönen, und denen, die ein Gebüsch um einen 
Baumstumpf bilden. 
Die ersten entlehnen ihre Lebenskraft, alle ihre 
Existenzbedingungen dem grossen Baume der capitalisti- 
schen Production : er ist es, der ihnen das Leben giebt, 
von ihm sind sie vollkommen abhängig.*) 
Die anderen dagegen kämpfen um ihr Leben gegen 
den Riesen, dessen Wurzeln und dichte Belaubung sie 
der nährenden Kraft der Erde und der belebenden Strahlen 
der Sonne berauben: sie bewahren ihre Selbständigkeit,, 
aber sie vegetieren nur und mühen sich vergeblich ab, 
mit der sicheren Aussicht, doch eines Tages vollständig 
zu verschwinden. 
§4- 
Zusammenfassungun d Schlussfolgerungen. 
Was wir schliesslich von den Einwürfen, die wir haben 
Revue passieren lassen, festhalten müssen, das ist folgen 
des : die capitalistische Concentration, die aus der höheren 
Productivität der gemeinschaftlichen Arbeit resultiert, setzt 
sich nicht mit der Schnelligkeit und der Einfachheit durch, 
wie man glauben könnte, wenn man einseitig nur die 
Hauptindustrieen zum Gegenstand seiner Beobachtungen 
macht. 
Im allgemeinen ist es nicht zweifelhaft, dass die Eigen- 
production für die häuslichen Bedürfnisse abnimmt, dass 
das Plandwerk sich in die Fabrik verwandelt, die collective 
Fabrik in die concentrierte. Aber aus der Thatsache, dass 
*) Kowalewsky, a. a. O., pag. 173: ,,Es ist ein be 
sonderer und eigentümlicher Zug unserer Kleinindustrie, die die 
Russen Kustarnaja promyschlenost nennen, indem sie sie mit 
einem Bäumchen vergleichen, dass sie nicht nur die natürliche 
Entwickelung der ursprünglichen hauswirtschaftlichen Industrie, 
sondern auch eine Abzweigung der capitalistischen Gross 
industrie ist.“
        <pb n="107" />
        IOI 
die grosse maschinelle Production unzweifelhaft und trotz 
aller Widerstände, die sich ihrer Ausdehnung entgegen 
stellen, an Boden gewinnt, folgt nicht notwendig, dass, 
wenn man die Gesamtheit der Industriezweige eines Landes 
überschaut, die Heimarbeiter und die kleinen selbständigen 
Producenten an Zahl abnehmen. 
Es kann vielmehr geschehen — und es trifft that- 
sächlich zu —, dass, während die maschinelle In 
dustrie in gewissen Erwerbszweigen auf Kosten der Haus 
industrie fortschreitet, in anderen Zweigen die Hausin 
dustrie diesen Ausfall mehr als wettmacht, indem sie 
Arbeiter aus den untergehenden Gewerben und aus länd 
lichen Industrien an sich zieht. 
Es kann ferner geschehen — und es trifft auch zu — 
dass, während in gewissen Gegenden die concentrierte 
oder collective Fabrikindustrie die unabhängigen und 
widerstandsfähigen Producenten aufsaugt oder versclavt, 
sich in anderen, weniger vorgeschrittenen Gegenden das 
Handwerk auf Kosten des Eigenbetriebes für die ge 
schlossene Hausarbeit, deren Gebiet immer mehr ein 
schrumpft, vermehrt. 
Gerade dieser unwiderstehliche Rückgang der ge 
schlossenen Hauswirtschaft, die für sich und durch sich 
allein lebt, giebt uns den Schlüssel zur Lösung des an 
scheinenden Widerspruches zwischen den Gesamtresultaten 
der Statistik und der ganz unleugbaren Thatsache der Ex 
propriation der kleinen Producenten durch die grossen : 
trotz der industriellen Concentration kann sich die Zahl 
der Heimarbeiter, in manchen Fällen sogar der Hand 
werker, halten oder noch vermehren, weil die Zahl der 
von den Familienmitgliedern im Rahmen der Hauswirt 
schaft geleisteten Arbeiten immer mehr abnimmt. 
Aber wie dem auch sei : in dem Masse, wie die 
geschlossene Hauswirtschaft der Tauschwirtschaft Platz 
macht und die Arbeitsteilung die Beziehungen zwischen
        <pb n="108" />
        den Producenten vermehrt, in dem Masse nimmt die 
politische und sociale Vorherrschaft des Grosshandels und 
der Grossindustrie zu. 
Was bedeutet denn in der That die mehr oder weniger 
grosse Zahl der selbständigen Betriebe in den Local- oder 
in den Hilfsgewerben, in den neuen oder Specialindustrieen 
von dem Augenblick an, wo der Capitalismus über die 
wesentlichen Organe der Production und des Austausches 
verfügt ? 
Was vermögen die Parcellenbesitzer, die Kleinhändler, 
die kleinen Unternehmer des Kunst- und Luxushandwerks 
gegen die allmächtigen Verbindungen der grossen Unter 
nehmungen, die die Banken beherrschen, die Transporte 
bewältigen, die Bergwerke ausbeuten, über den grössten 
Teil der ländlichen Producte verfügen, alle Artikel des 
täglichen Bedarfes herstellen oder vertreiben und die 
Arbeitsteilung und Arbeitsvereinigung mehr und mehr aus 
bilden ? 
Selbst wenn die alten Formen noch bestehen bleiben, 
so werden doch die independenten Producenten zu 
interdependenten Producenten. Direct oder in 
direct arbeiten sie alle an einem gemeinsamen Werke; 
und gerade dieser nationalen und internationalen Zusam 
menarbeit ist die riesige Ausdehnung der Productivkräfte 
seit dem Beginn der capitalistischen Aera zuzuschreiben. 
Nur hat in einer derartigen erzwungenen, mechani 
schen und zumeist unbewussten Association die grosse 
Mehrheit der darin Beschäftigten gar kein Interesse daran, 
den Ertrag der gemeinsamen Arbeit zu vermehren. Die 
Leitung steht, manchmal kraft des Rechts der Er 
oberung, häufiger aber kraft des Geburtsrechtes, allein 
der besitzenden Classe zu. Die Zusammenarbeit der Kräfte 
bleibt vollkommen ungenügend. Der heisse Concurrenz- 
kampf stellt der LIerrschaft der Solidarität zwischen den
        <pb n="109" />
        ios 
Menschen und den Völkern immer neue Hindernisse ent 
gegen. Die niederen Formen der Production und des Aus 
tausches verewigen sich und sind um so widerstandsfähiger, 
je elender ihre Lage ist. Die Zahl der Parasiten, der 
Arbeitsscheuen oder Arbeitslosen nimmt beständig zu und 
die Fortschritte des Capitalismus selbst machen seine 
innersten und tiefen Widersprüche mehr und mehr deut 
lich. Darüber mag man die ersten Seiten des Com- 
munistischen Manifests von Marx und Engels nachlesen. 
Die zunehmende Socialisierung der Production erhöht 
das Ergebnis der Arbeit und verkleinert so die Vorteile und 
vergrössert die Nachteile des Privateigentums, indem sie 
die Zahl der Arbeiter ohne Capital und der Capitalisten 
ohne Arbeit vermehrt. 
Die Entwickelung des Handels, der freie Austausch 
der Ideen der Menschen und der Waren, die Verallge 
meinerung des Militairdienstes selbst machen den Krieg 
seltener, auf der anderen Seite aber vermehren das Miss 
verhältnis zwischen Production und Consumtion, das fieber 
hafte Streben nach neuen Märkten, die Eroberung von 
Colonialländern — dieses Zukunftsstaates der bürgerlichen 
Gesellschaft — die Ursachen von Conflicten, verstärken 
die Lasten des bewaffneten Friedens, des immobilen 
Krieges, des Krieges mit Goldstücken, wie Bismarck einmal 
sagte, und vermehren die Schrecken des offenen Krieges 
an den Grenzen der civilisierten Welt, während zugleich 
alle Welt bedrückt wird von dem Gedanken an einen allge 
meinen Weltkrieg. 
Während endlich die Tendenz auf Senkung der Löhne 
bis zum Minimum, auf Verlängerung des Arbeitstages bis 
zu seinem äusserst erträglichen Maximum, auf Ersatz des 
Arbeiters durch die Maschine, des erwachsenen Mannes 
durch seine Frau oder seine Kinder, um unablässig den 
Profit zu mehren, der herrschende, unvermeidliche Ge 
danke der capitalistischen Production bleibt, erzeugt sie
        <pb n="110" />
        doch zu gleicher Zeit, sie, die ihre eigene Totengräberin 
ist, in ihrem Schosse die revolutionären Kräfte, die sich 
organisieren, zum Bewusstsein ihrer Macht und ihrer Ziele 
gelangen und so heute im Schosse der modernen Gesell 
schaft den mächtigen Embryo der socialistischen Gesell 
schaft bilden.
        <pb n="111" />
        Zweiter Teil 
Die Vergesellschaftung der 
Productions- und Austausch 
mittel 
„Der Reichtum, der gesellschaftlich seinem Ursprünge 
nach ist, muss es auch seiner Verwendung nach sein.“ 
Pierre Lafitte.
        <pb n="112" />
        —-——
        <pb n="113" />
        Der Grundfehler der capitalistischen Wirtschafts 
ordnung, und zwar nicht nur in Hinsicht auf die Ver 
teilung, sondern auch in Hinsicht auf die Productivität der 
gesellschaftlichen Arbeit, beruht — wie ganz natürlich 
ist — darin, dass die besitzende Classe den von den Werk 
tätigen Classen erzeugten Mehrwert für sich mit Beschlag 
belegt. 
Es wäre gewiss eine verkehrte Auffassung — die man 
aber fälschlich den Socialisten zuschreibt —, einzig und 
allein die Handarbeit als productiv zu betrachten und 
folglich in allen Einkommensformen, die nicht im engen 
Sinne des Wortes einen Lohn bilden, nur eine unerlaubte 
Bereicherung zu sehen.*) 
Im Gegenteil leuchtet ein, dass alle, die eine nützliche 
Arbeit verrichten, die wirklich an dem gesellschaftlichen 
Werke teilnehmen, von den Ingenieuren und Fabrik- 
directoren bis zu den Gelehrten und Künstlern, die eine 
notwendige Ergänzung zu der reinen Production schaffen, 
mit vollem Rechte ein Gehalt beziehen und ihren Teil 
von den Producten nehmen, die sie erzeugen helfen. 
*) Vergl. dazu besonders, was Marx im 23. Capitel des 
III. Bandes seines Capital über die Arbeit der Leitung sagt: 
Wenn ein Capitalist sein Unternehmen selbst leitet, so „schafft er 
Mehrwert, nicht weil er als Capitalist arbeitet, sondern weil 
er, abgesehen von seiner Eigenschaft als Capitalist, auch 
arbeitet. Dieser Teil des Mehrwerts ist also gar nicht mehr Mehr 
wert, sondern sein Gegenteil, Aequivalent für vollbrachte Arbeit.“ 
(Das Capital, III. Band, pag. 368.) Und weiterhin (pag. 373): 
„Dass nicht die individuellen Capitalisten, sondern die industriel 
len managers ,die Seele unseres Industriesystems' sind, hat schon 
Herr Ure bemerkt.“
        <pb n="114" />
        So kann man in der heutigen Gesellschaft das arbeits 
lose Einkommen rechtfertigen, das dem Dichter, dem 
Philosophen, dem Erfinder Musse verstauet.*) Aber wenn 
wir selbst diese durch eine freiwillige Arbeit gerechtfertig 
ten (Einkommen der Summe der übrigen Arbeitseinkommen 
zurechnen, wenn wir als gerechten Lohn betrachten alle 
Bezahlungen, alle Beteiligungen, alle Entschädigungen, die, 
unter welcher Form auch immer, allen directen oder in- 
directen, materiellen oder immateriellen Producenten zu 
gebilligt werden — wenn wir das alles zusammennehmen, 
dann bleibt doch immer noch ein Ueberschuss, ein Mehr- 
product, ein Mehrwert, den die verschiedenen Gruppen 
von Capitalisten, die Industriellen, die Händler, die Grund 
besitzer nicht kraft irgend welcher geleisteten Arbeit, son 
dern einzig und allein kraft ihres Eigentumsrechts an den 
Productions- und Austauschmitteln — quia nominor leo 
— mit Beschlag belegen. 
Das ist die wesentliche Thatsache, die allen socialisti- 
schen Forderungen zu Grunde liegt. Das leuchtet jedem 
mehr oder weniger klar ein, der sich die Mühe giebt, den 
Dingen nachzudenken; und die scharfsinnigen Analysen, 
die Marx, gestützt auf die Werke seiner Vorgänger, in 
seinem Meisterwerke coordiniert und synthetisiert hat, 
haben im grossen und ganzen nur die wissenschaftliche 
Formel für die Ausbeutung des Proletariats durch die 
Capitalisten gegeben. 
Diese Ausbeutung ist unbestreitbar, da es Leute giebt, 
die nicht von ihrer eigenen Arbeit leben, also notwendiger 
weise auf Kosten der Arbeit anderer leben müssen. Aber 
das will nicht besagen, und die Socialisten haben es auch 
niemals behauptet, dass in jedem Unternehmen der von 
der Arbeit geschaffene Mehrwert direct und sozusagen 
automatisch dem individuellen Capitalisten zufällt. 
*) Siehe über diesen Gegenstand die Studie von 
A. Fouillée: Le travail mental et le collectivisme matérialiste 
im Mai-Heft der Revue des Deux Mondes 1900.
        <pb n="115" />
        Um diese Dinge in ihrer wahren Natur zu erkennen, 
muss man sie in ihrer Gesamtheit überschauen. Auf diesen 
Standpunct stellt sich auch Marx, wenn er zeigt, wie sich 
der im Productionsprocesse geschaffene Mehrwert in Profit 
wandelt, um sich im Circulationsprocess endlich in der 
Form des Durchschnittsprofits zu realisieren.*) 
Abgesehen von Ausnahmefällen, so sagt Marx dem 
Sinne nach, erhalten die Capitalisten beim Verkauf ihrer 
Waren nicht den in ihrer Productionssphäre geschaffenen 
Mehrwert. Sie lösen vielmehr nur soviel Mehrwert und 
daher Profit ein, als vom Gesamtmehrwert oder Gesamt 
profit, der vom Gesamtcapital der Gesellschaft in allen 
Productionssphären zusammengenommen in einem ge 
gebenen Zeitabschnitt produciert wird, bei gleicher Ver 
teilung auf jeden aliquoten Teil des Gesamtcapitals fällt. 
„Die verschiedenen Capitalisten verhalten sich hier, soweit 
der Profit in Betracht kommt, als blosse Actionäre einer 
Actiengesellschaft, worin die Anteile am Profite gleich- 
mässig verteilt werden“, pro rata ihres eingeschossenen 
Capitals. 
Je (mehr sich die Vorherrschaft der capitalistischen Pro 
duction durchsetzt, je mehr sich der Besitz mobilisiert und 
in Verkehrswerte verwandelt, um so mehr suchen sich 
auch die Profite in den verschiedenen Branchen aus 
zugleichen, — wobei natürlich die Verschiedenheit des 
Risicos und der Einfluss der Monopole und der vorüber 
gehenden Schwankungen des Marktes in Rechnung zu 
stellen sind. Wenn in der That in einem Zweige der 
Production oder des Handels die Profite längere Zeit hin 
durch das Mittel übersteigen, dann strömen dorthin die 
Capitalien zu und senken durch ihre Concurrenz, ent 
sprechend den Gesetzen von Angebot und Nachfrage, die 
Profite wieder; wenn sie umgekehrt längere Zeit hindurch 
*) Siehe Marx: Das Capital, III. Band: Der Gesamt- 
process der capitalistischen Production, §1, 119. (Hamburg, Otto 
Meissner, 1894.)
        <pb n="116" />
        unter dem Mittel bleiben, dann wenden sich die Capitalien 
ab, fliessen anderen Branchen zu, und die Profite steigen 
folglich wieder. 
Es versteht sich von selbst, dass trotz dieser, übrigens 
vielfach gehemmten, Nivellierungstendenz die von jedem 
Unternehmer individuell erzielten Profite erheblich 
variieren können; sie können eine phantastische Höhe 
erreichen, ebensogut aber auch auf Null, selbst unter 
Null reduciert werden. Wie gross indessen der Einfluss 
dieser glücklichen oder unglücklichen Zufälle für die be 
günstigten oder unterlegenen Capitalisten sein mag, so 
bleibt doch wahr, dass, im ganzen genommen, die capi- 
talistische Classe in ihrer Eigenschaft als Besitzerin der 
Productions- und Austauschmittel den von den Hand 
oder Kopfarbeitern geschaffenen Mehrwert in Form von 
Profit mit Beschlag belegt und unter sich aufteilt. 
Man müht sich thatsächlich ab, diese Beschlagnahme, 
— die der grossen Masse der Arbeiter jedes directe 
Interesse an der Steigerung der Productivität der gesell 
schaftlichen Arbeit raubt — zu rechtfertigen, indem man 
behauptet, die Profite der capitalistischen Classe seien der 
Nerv der Production, die notwendige und gerechte Be 
lohnung für die angelegten Capitalien und die durch die 
Leitung der Unternehmungen geleistete Arbeit. 
Wir müssen also in kurzen Zügen diese Argumentation 
darlegen.
        <pb n="117" />
        I. Capitel. 
Die drei Elemente des Profites. 
„Ich lieg' und besitze, 
Lass mich schlafen!“ 
Richard Wagner. 
In irgend einer Unternehmung besteht der Profit 
eines Industriellen, der gleichzeitig Capitalist und Besitzer 
des Bodens ist, den er benutzt, in der Differenz zwischen 
dem Verkaufspreis seiner Waren und den Productions- 
kosten. 
Nehmen wir als Beispiel eine Baumwollspinnerei: Um 
ioooo Pfund Gespinst No. 40, deren Preis im Juni 1900 
10750 Francs betrug, zu fabricieren, giebt der Unter 
nehmer 1300 Francs Lohn für das Personal aus, 6750 
Francs zum Ankauf des Rohmaterials (Baumwolle), 
250 Francs für die Hilfsmittel der Production (Kohlen, 
Leuchtgas u. s. w.), 650 Francs für die Abnutzung seiner 
Grundstücke und seiner Maschinen und andere Ausgaben, 
im ganzen also 8950 Francs, die seine Productionskosten 
darstellen; sein Profit ist gleich der Differenz zwischen 
10750 und 8950 = 1800 Francs. 
Um diesen Profit zu rechtfertigen, hat man mit mehr 
oder weniger Entschiedenheit auf die drei Elemente hin 
gewiesen, aus denen er sich zusammensetzt: 
I. den Lohn für die Arbeit des Unternehmers,
        <pb n="118" />
        2. die Verzinsung des angelegten Capitals (einschliess 
lich der Grundrente, wenn der Unternehmer zugleich 
Besitzer des Grundstückes ist), 
3. die Risicoprämie. 
Bei anderen Nationalökonomen, die sich bemühen, 
die Capitalisten in Lohnarbeiter zu verwandeln, in der 
Hoffnung, dadurch zu vermeiden, dass durch die Um 
wandlung des capitalistischen Eigentums in Gemeineigen 
tum die Lohnarbeiter in Capitalisten verwandelt werden, 
finden wir die Sache mit anderen Ausdrücken dargestellt: 
Risicoprämie, Entbehrungslohn remuneration of the 
abstinence) und Untemehmerlohn (wages of superinten 
dence). 
§ I. 
Die Risicoprämie. 
Man behauptet erstens, dass die Extraprofite, die 
einzelnen Capitalisten zufallen, eine Entschädigung für 
die hohen Gefahren darstellen, denen sie ausgesetzt sind. 
„Die Erfahrung lehrt uns,“ so sagt Leroy-Beaulieu, „dass 
von 10 Unternehmern in der Industrie oder im Handel, 
2 oder 3 Bankerott machen oder in Zahlungsschwierig 
keiten geraten, 5 oder 6 höchstens ihren Lebensunterhalt 
verdienen, nur eine bescheidene Entlohnung für ihre Arbeit 
gewinnen und kaum ihre Habe bei einander halten oder 
doch nur in sehr bescheidenen Grenzen vermehren können, 
und dass endlich höchstens einer oder zwei ein irgendwie 
beträchtliches Vermögen erwerben.“*) 
Wenn es also Unternehmer giebt, die sehr viel ver 
dienen und selbst zu viel zu verdienen scheinen, so darf 
man nicht vergessen, dass ein anderer Teil mit Verlust 
arbeitet. Das zeigen auch die Ziffern von 2254 deutschen 
Actiengesellschaften, deren Bilanzen für 1891-92 van der 
Borght mitgeteilt hat: 
') Traité d’économie politique, IL, pag. 207.
        <pb n="119" />
        Bibliothek des Instituts 
für Weltwirtschaft Kiel 
— 113 — 
471 arbeiteten mit Deficit 
888 verteilten keine Dividende 
641 gaben o—5 0/0 
734 „ 5—10 % 
149 „ 10—150/0 
64 „ 15—20 0/0 
39 „ 20—30 0/0 
18 „ 30—40 o/o 
21 „ mehr als 40 0/0,*) 
so z. B. die Kohlenbergwerksgesellschaft Arenberg 
(Essen) 80 0/0, die Zuckerfabrik Göttingen 831/2 %, die 
Transportgesellschaft in Dresden 100 0/0, die ober 
schlesische Actiengesellschaft für Holzstofffabrication 
120 0/0 ! 
Was man also zur Rechtfertigung der enormen Pro 
fite einzelner Capitalisten anführt, das ist, dass ihnen auf 
der anderen Seite der Zusammenbruch oder Bankerott 
ihrer unglücklichen Concurrenten gegenübersteht. Aber 
das spricht in unseren Augen gerade gegen ein System 
socialer Unsolidarität, das einigen wenigen Riesengewinne 
sichert, während es nicht nur die mehr oder weniger für 
ihre Thaten verantwortlichen Unternehmer, sondern auch 
die beschäftigten Arbeiter allen Zufälligkeiten der Con- 
currenz, der Agiotage und der Speculation aussetzt. 
Dass unter der heutigen Wirtschaftsordnung die Profite 
der Capitalisten notwendigerweise eine Risicoprämie ein- 
schliessen, wollen wir nicht bestreiten ; wir behaupten 
nur und können das leicht beweisen, dass diese Risico 
prämie ihre Existenzberechtigung in einer socialen Or 
ganisation der Arbeit verlieren würde. 
Wenn heute) in der That diese oder jene Unternehmung 
unzweifelhaft Gefahr läuft, mit Verlust zu arbeiten, so 
*)VanderBorght: Die deutschen Actiengesellschaften 
im Jahre 1891—92. (Jahrbücher für Nationalökonomie und 
Statistik, 1893, pag. 575.) 
Vandervelde: Die Entwickelung zum Socialismus. s
        <pb n="120" />
        — 114 — 
kommt es doch äusserst selten vor, dass eine ganze 
Industrie keine Gewinne abwirft, und wenn man von einer 
wirklichen industriellen Katastrophe absieht, so kann man 
behaupten, dass die Capitalisten als Classe niemals mit 
Verlust arbeiten. 
Die 2254 Actiengesellschaften, über die van der Borght 
die genauen und vollständigen Zahlen mitteilen konnte, 
haben doch in dem Geschäftsjahr 1891-92, trotz der angeb 
lichen erheblichen'Verluste einer Anzahl von ihnen, einen 
durchschnittlichen Gewinn von 8,8 &lt;y 0 ihres nominellen 
Capitals erzielt und 6,1 &lt;y 0 Dividende verteilt. 
Aehnliche Ergebnisse findet man bei den industriellen 
Gesellschaften, deren Gewinn- und Verlustaufstellungen 
jedes Jahr im officiellen Jahrbuche Belgiens angegeben 
werden.*) 
Wir können deshalb mit Recht schliessen, dass die 
Besitzer der Productions- und Austauschmittel in guten 
und schlechten Jahren eine Menge Profit, umgewandelten 
Mehrwert, erzielen, dessen Grösse schwankt, aber für die 
Gesamtheit der Unternehmungen niemals auf Null zurück 
geht. 
§ 2- 
Der Entbehrungslohn. 
Als zweites Element des Profites finden wir die Ver 
zinsung des angelegten Capitals. 
Solange dies Capital Privatleuten gehört, ist es ganz 
natürlich, dass diese eine Entschädigung dafür verlangen, 
*) Im Jahre 1898 hatten die dem Gesetze vom 18. Mai 1873 
entsprechenden belgischen Gesellschaften ein Capital von 
2045722000 Francs. Die Reingewinne von 948 von ihnen 
betrugen 197 041 000 Francs; die Verluste von 112 dagegen 
3394000; ergiebt also einen Gewinnüberschuss von 193647000 
Francs, d. h. von 9,4 0/0 des nominellen, im allgemeinen 
zu hoch bewerteten Capitals. 
Ueber die schweren Nachteile der Uebercapitalisierung 
(overcapitalisation) in den meisten Actiengesellschaften vergl. 
Kershaw: Joint stock enterprise and our manufacturing 
industries. (The Fortnightly Review, Mai 1900.)
        <pb n="121" />
        wenn sie sich seiner begeben und es der Production zur 
Verfügung stellen: wer einmal das Privateigentum an den 
Productionsmitteln billigt, muss auch die Consequenzen 
davon in den Kauf nehmen. 
Aber man geht noch weiter und behauptet, dass diese 
Entschädigung das einzig wirksame Mittel sei, um das 
Capital zu dieser wichtigen Function zu veranlassen: näm 
lich zur Anhäufung der zur Production notwendigen Capi 
talien durch das Sparen. 
„Neben dem berechtigten Arbeitslohn steht ein ebenso 
berechtigter Factor, das ist der Capitalzins,“ so schrieb ein 
Schüler von Schulze-Delitzsch, Jules Faucher; „dieser 
Zins ist nichts weiter, als der Lohn für die bewiesene Ent 
haltsamkeit; wer Capital sammelt, hat sich Entbehrungen 
auferlegt, er hat die von ihm erworbenen Mittel nicht ver 
braucht, sondern sie in verbesserten Werkzeugen, Vor 
räten und dergl. angelegt, und er ist dadurch in 
den Besitz von Capitalien gelangt, die der Allgemeinheit 
zu gute kommen; dafür, dass er seinen Vorrat, die Früchte 
seiner Enthaltsamkeit, hergicbt, muss er belohnt werden, 
und das geschieht durch die Zahlung von Zinsen, denn 
diese Entbehrung ist so viel und oft mehr wert, als die 
Arbeit selbst. Es ist daher nicht möglich, dass der Arbeits 
lohn auf Kosten des Entbehrungslohns sich erhöht.“*) 
Lassalle moquiert sich in seiner berühmten Streit 
schrift gegen Schulze-Delitzsch nicht schlecht über diese 
armen Capitalisten, Asketen, indische Büsser, Säulen 
heilige, die auf einem Bein auf einer Säule stehen, mit 
weit vorgebogenem Arm und Oberleib und blassen Mienen 
einen Teller ins Volk streckend, um den Lohn ihrer Ent 
behrungen einzusammeln ! 
Selbst in England, wo der Entbehrungslohn (remunera- 
*) Jules Faucher in der Berliner Reform. Citiert bei 
L a s s a 11 e : Herr Bastiat-Schulze von Delitzsch (Gesamtaus 
gabe, III. Band, pag. 122).
        <pb n="122" />
        tion for the abstinence) seit den Tagen Seniors in der 
Nationalökonomie eine Rolle gespielt hatte, erkennen heute 
Nationalökonomen, wie Sidgewick, die Berechtigung der 
so.cialistischen Kritik an dieser angeblichen Rechtfertigung 
des arbeitslosen Einkommens an. „In Wirklichkeit,“ so 
sagt Sidgewick, „ist der Anteil des Arbeiters an den 
Arbeitsproducten aus zwei sehr verschiedenen Gründen 
geringer, als er sein würde, wenn die Productivität seiner 
Arbeit ebenso hoch sein könnte, ohne dass er Arbeits 
instrumente nötig hätte: i. weil er einen Teil seiner Zeit 
zur Fabrication dieser Instrumente verwenden muss; 
2. weil er einen anderen Teil seiner Zeit verwenden muss, 
um Consumtionsgüter herzustellen, die der Besitzer des 
Capitals als Zins einnimmt und verschwendet, anstatt sie 
zu sparen.“*) 
In einer socialistischen Wirtschaftsordnung würde nur 
der erste dieser Gründe existieren : die Gesamtheit müsste 
sich Beschränkungen auferlegen und einen Teil ihres 
Arbeitsproductes zur Unterhaltung und Erneuerung des 
gesellschaftlichen Capitals aufsparen und verwenden ; aber 
darüber hinaus brauchte sie nichts mehr zu zahlen, um 
die Capitalisten anzureizen, sich Beschränkungen aufzuer 
legen und Ersparnisse zu machen, anstatt ihr gesamtes 
Einkommen zu verzehren. 
So wird es übrigens heute schon in den Genossenschaf 
ten und den Staatsbetrieben in Beziehung auf den Teil 
des Capitals gemacht, der nicht aus Anleihen besteht. 
Die Gesellschaft, der Staat oder die Gemeinde nehmen von 
den Erträgnissen des Unternehmens oder von den Bei 
trägen und Steuern ihrer Mitglieder das, was zur Ver 
besserung des Werkzeugs und zum Betriebe des Unter 
nehmens nötig ist. Das Sparen wird somit eine collective, 
anstatt eine individuelle Angelegenheit. Es ist eine sociale 
*) The economic lessons of socialism. (The Economic 
Journal, 1895, pag. 343.)
        <pb n="123" />
        Function, ausgeübt von allen im Interesse aller, anstatt 
wie heute den Suggestionen des Privatinteresses, der freien 
Phantasie der Capitalisten überlassen zu sein, die immer 
zwischen dem Wunsch, ihre Einkünfte zu vermehren, und 
dem anderen Wunsche, ihre Ausgaben zu steigern, hin 
und her schwanken. 
Denn vergessen wir nicht, dass die besitzende Classe 
ihre capitalistische Function, die ihr unter der heutigen 
Ordnung auferlegt ist, nur mit einer enormen Verschwen 
dung von Kraft und Reichtum ausübt. Neben das, was 
sie productiv aufspeichert, um die Ausbeutung der Arbeit 
intensiver zu gestalten, muss man das setzen, was sie 
unproductiv ausgiebt; und diese Verschwendung ist fast 
immer dumm, eitel, unmoralisch, um einen rein äusserlichen 
Luxus zu treiben, um die Tausende von Arbeitern, die 
dieser Luxus beschäftigt, zu bezahlen — Fourier hat sie 
mit Recht die Agenten der negativen Production genannt 
— und um endlich jene Legionen untergeordneter Para 
siten — Kammerdiener, Jockeys, Gelegenheitsmacher, 
Croupiers, Komödianten und Prostituierte — durchzu 
füttern, die wie Würmer auf dem capitalistischen Dünger 
haufen herumkriechen. 
Abgesehen natürlich noch von den stehenden Heeren, 
die notwendig sind, um die Stipendiaten des Entbehrungs 
lohns gegen diejenigen zu verteidigen, die die Not zur 
Zahlung dieses „Entbehrungslohns“ zwingt ! 
§3- 
Der Lohn für die Leitung. 
Den Unternehmerlohn, den Lohn für die Leitung, 
das letzte Element des Profites, benutzt man heutzutage 
vorzugsweise, um die Unternehmerprofite zu rechtfertigen. 
In den Profiten und besonders in den grossen Profiten 
eines Capitalisten, so sagt Leroy-Beaulieu, steckt noch 
etwas anderes, als die Verzinsung seiner Capitalien, als 
die Risicoprämie und selbst als die einfache Entlohnung
        <pb n="124" />
        i iS 
für seine Directionsthätigkeit, der Lohn, den man einem 
Director oder einem Angestellten zahlt. Die Quelle, die 
wahre Quelle der grossen industriellen Profite ist die über 
legene Combinationsgabe, die Geschicklichkeit, die Compe 
tent, die mehr oder weniger grosse Genialität der industriel 
len Führer. „Es kommt wenig darauf an, ob der Unter 
nehmer selbst die Combination gefunden hat oder ob 
er lediglich durch seine intelligente Geschicklichkeit, durch 
seine rasche Auffassung oder durch seine natürliche Fähig 
keit die glückliche Combination eines anderen ausgeführt 
hat. Zu den wesentlichen Functionen des Unternehmers 
gehört nicht nur die Wahl der Materialien, der 
Installationen, der Maschinen und der Arbeiter, sondern 
auch die aller seiner Angestellten und Mitarbeiter. Er 
verwendet menschliche Fähigkeiten ebenso wie Rohpro- 
ducte. Er braucht gar nicht selbst Ingenieur und Erfinder 
zu sein; was not thut, ist nur, dass er entweder aus sich 
selbst oder durch andere Menschen, die er in seinen Dienst 
stellt, in jedem Augenblick der Production die wirksamste 
Organisation zu geben weiss ; er muss die Gabe der frucht 
bringenden Anpassung besitzen.“*) 
Deutlicher könnte man überhaupt gar nicht dar 
stellen, dass die Extraprofite des Unternehmers vor allen 
Dingen aus seiner besonderen Geschicklichkeit in der 
Kunst, die Arbeit anderer auszubeuten, ent- 
spriesst. 
Mögen die genialen Erfinder auf dem Stroh zu Grunde 
gehen, mag das Gelehrtenproletariat in Hunger verkom 
men, mögen die Handarbeiter die Kraft ihrer Hände für 
erbärmliche Löhne hingeben : die Riesenprofite sind des 
halb nicht weniger eine rechtmässige Entschädigung für 
den geschickten Unternehmer, der sein capitalistisches 
Monopol dazu benutzt, um sie anzustellen, sie dienstbar zu 
machen und sie auszupressen ! 
*) Leroy-Beaulieu; Traite d’économie politique, IL, 
pag. 196.
        <pb n="125" />
        Man könnte einwenden, dieser Satz sei vielleicht über 
trieben. Aber in jener Darlegung fällt besonders auf, wie 
wenig Gewicht sie der Grundthatsache beimisst: der Aus 
breitung der Actiengesellschaften in allen grossen In 
dustrien und dem Ersätze selbständiger Capitalisten durch 
bezahlte Directoren. 
Wir verstehen vollkommen, dass man den socialisti- 
schen Nörglern die Sorge überlässt, die schlechten Seiten 
des Capitalismos ans Licht zu zerren und dafür lieber 
die Geschicklichkeit, die fieberhafte Thätigkeit, das Or 
ganisationstalent, den eisernen Fleiss rühmt, den ein Unter 
nehmer besitzen muss, um den Sieg über seine Concurren- 
ten davonzutragen. Aber was bedeutet denn dieser Lob 
gesang, wenn es sich um passive Capitalisten handelt, um 
die Obligationäre oder Actionäre von anonymen Gesell 
schaften, die ihre Macht einem Generaldirector über 
tragen? Ist es nicht in einem solchen Falle — und was 
ehemals Ausnahme war, das wird heute mehr und 
mehr zur Regel — vollkommen und offensichtlich aus 
geschlossen, die Profite dadurch zu legitimieren, dass man 
behauptet, sie seien eine Belohnung für die Directions- 
thätigkeit ? 
Waxweiler sagt bei der Beantwortung der Frage, wie 
es sich in den Actiengesellschaften mit den Profiten ver 
hält, ganz richtig: ,,Nach der Versorgung der Reserve 
wird der Gewinn unter die Actionäre aufgeteilt, das heisst, 
er fällt gerade jenen Factoren der Production zu, die auch 
nicht eine einzige der vielfachen Functionen des Eigen 
unternehmers ausüben; alle diejenigen, die in der That 
die verschiedenen verantwortlichen Posten in der allge 
meinen Direction, in der Buchführung, in der technischen 
und commercicllen Leitung, in der financiellen Controle 
tragen, sind mit festem Gehalt angestellt. Die Actionäre 
sind nicht einmal alleinige Besitzer der Capitalien, da die 
Hälfte des gesellschaftlichen Vermögens in dem speciellen
        <pb n="126" />
        Falle, den wir hier im Auge haben, Obligationären gehört, 
die nur eine feste Rente beziehen. Wo ist also die Gleich 
artigkeit zwischen dem Actionär und dem Unternehmer, 
auf der man die erbliche Beteiligung des Actionärs an 
dem Rechte auf Mehrwert begründen könnte? Sie beruht 
unzweifelhaft auf jener passiven Rolle des Unternehmers, 
die wir gezeichnet haben, indem wir sagten, dass er das 
Risico des Unternehmers trüge. Das ist also einzig und 
allein die ökonomische Function, die durch den Profit 
bezahlt wird: mit ihrem wahren Namen heisst sie Spe 
cula t i o n.“*) 
So verschwindet unter der Herrschaft der Actien- 
gesellschaft, wenn man absieht von den dem Directions- 
personal bewilligten Tantièmen, jedes Arbeitselement aus 
dem Profite. Die individuelle Initiative macht einer bureau- 
kratischen Organisation Platz, die nichtsthuenden Könige 
des Capitalismos überlassen die Regierung der Unterneh 
mungen ihren Hausmeiern. 
Man spricht fortwährend von den Nachteilen aller 
Art, die aus der beständigen Abwesenheit der Besitzer 
in agrarischen Ländern entstehen. Aber dieser Absentis 
mus herrscht nicht nur in der Landwirtschaft : auch in der 
Industrie wird er zur Regel von dem Augenblick ab, wo 
die Herrschaft der Actiengesellschaften sich zu verallge 
meinern beginnt. 
Ein grosser Capitalist z. B., der sein Geld — um das 
Risico nach dem Gesetz der grossen Zahlen zu ver 
mindern, — in einer ganzen Reihe von Unternehmungen 
anlegt, verliert allmählich ebensosehr das Interesse 
an diesen Unternehmungen wie an den Landgütern, die 
er ebenfalls kauft, um sein Geld sicher zu stellen. In 
demselben Masse, wie der Capitalismus sich entwickelt, 
wird der Absentismus des Actionärs vollkommener, werden 
*) Waxweiler: La participation aux bénéfices (Paris, 
Rousseau, 1898), pag. 85.
        <pb n="127" />
        121 
die Beziehungen zwischen dem Besitzer und dem Besitz 
unpersönlicher und lockerer. 
Ein belgisches Journal, der Moniteur, schrieb einmal: 
„Die alten Leute erinnern sich noch der Zeit, wo nur die 
Bewohner von Lüttich und dem Hennegau Kohlenberg - 
werksactien besassen. Als zum erstenmal die Flamländer 
solche Actien kauften, erregte das allgemeines Erstaunen. 
Seit der Zeit hat sich alle Welt diesten Werten zuge 
wandt, und die Kohlenpapiere sind im Inland wie im 
Ausland courantes Geld. Mit den exotischen Werten ist 
es gerade so. Es ist kaum 15 Jahre her, dass das In 
land — übrigens ohne Gewinn — die Staats- und Schuld 
papiere Südamericas kaufte, die man vorher nur in Ant 
werpen kannte und handelte. Andererseits hat sich Ant 
werpen dem Handel mit Industriepapieren zugewandt, den 
es vorher vollkommen vernachlässigt hatte. An Stelle zweier 
verschiedener und häufig einander entgegenarbeitender 
Märkte, Antwerpen und Brüssel, haben wir heute nur 
noch einen einzigen für belgisches Capital.“ 
Wenn zwischen die Capitalisten und die Arbeiter, die 
für sie arbeiten, ein Director, ein Manager, der selbst 
Lohnarbeiter ist und unter dessen Commando die Arbeiter 
stehen, tritt, dann hört jedes Zusammenarbeiten, jedej 
Zusammenwirken an einem gemeinsamen Werke auf. 
Die Trennung des Eigentums und der Arbeit geschieht 
ebenso in der Industrie wie in der Landwirtschaft. Der 
Actionär als Actionär ist nichts, als ein Geldmann, der 
sein Geld mehr oder weniger geschickt, mehr oder weniger 
glücklich anlegt. Die Ausbeutung des Menschen durch den 
Menschen wird aller Hüllen entkleidet, die sie noch be 
deckten, solange der capitalistische Besitzer auch gleich 
zeitig Unternehmer war; und wie der sagenhafte Drache 
in seiner tiefen Höhle auf dem Rheingold sitzt, so lebt 
der passive Capitalist, auf seinen Reichtümern sitzend, in 
fernen Gegenden, unbeweglich und immer in Furcht vor
        <pb n="128" />
        122 
Revolten, ohne Kenntnis und unbekümmert um das 
schreckliche Elend eines ihm unbekannten Proletariats. 
Ich lieg’ und besitze, 
Lass mich schlafen ! 
§ 4- 
Mehrwert und Profit. 
Je nach dem Gesichtspuncte, von dem wir ausgehen, 
erscheinen uns demnach die Profite in zwei sehr verschie 
denen Gestalten. 
Einmal stellen sie — wenn wir absehen von dem 
Lohne für die Leitung, für Erfindung und für die Organi 
sation der Unternehmungen — die Masse des Mehrwertes 
dar, den die Capitalistenclasse kraft ihres Eigentumsrechtes 
aus den von ihr abhängigen Handarbeitern und Geistes 
arbeitern herauszieht. 
Betrachtet man auf der anderen Seite die Verteilung 
der Profite unter die verschiedenen Individuen, so bilden 
sie den stärksten, um nicht zu sagen, einzigen Motor 
der capitalistischen Production. 
Die Sucht nach Profiten veranlasst die Accumulation 
des Capitals, treibt die Unternehmer auf das Schlacht 
feld der Concurrenz, erzeugt in dem Fieber der kühnen 
und gar zu oft unrechtmässigen Speculationen — inter 
stercus et urinam nascitur homo — das mannigfaltige 
und grossartige Aufblühen der Unternehmungen, die wir 
in den letzten Jahren auf der ganzen Erde zu bewundern 
Gelegenheit hatten. Aber während auf der einen Seite 
die activen Capitalisten, die Männer der Initiative, die 
modernen Conquistadoren, mit einer Energie, der meistens 
nur ihre Scrupellosigkcit gleichkommt, unablässig neue 
Unternehmungen schaffen und neue Länder aufteilen, ent 
wickelt sich auf der anderen Seite der passive Capitalis- 
mus, dieses tote Gewicht der modernen Production. Und 
dank dem Mechanismus der Actiengesellschaften, der alle
        <pb n="129" />
        — 123 — 
Formen des Arbeitslohnes ganz scharf von den passiv 
erworbenen Profiten der Actionäre scheidet, ergiebt sich 
ganz klar, dass der Profit dieser’ Actionäre mit irgend 
welcher gegenwärtigen Arbeit gar nichts zu schaffen hat 
und nichts anderes ist, als das Erzeugnis der Agiotage, 
die Frucht des Privateigentums an den Capitalien. 
Aber, so wird man sagen, um die socialistischen 
Schlussfolgerungen zu rechtfertigen, müsste erst noch nach 
gewiesen werden, dass dieses Eigentum selbst nicht legitim 
ist. Wenn die Profite kein Entgelt für gegenwärtig ge 
leistete Arbeit sind, so sind sie doch vielleicht eine Ent 
schädigung für frühere Arbeit. Wenn es passive Capita- 
listen giebt, Eigentümer, die nicht arbeiten, so deshalb, weil 
sie in der Regel gearbeitet haben, weil sie sich durch 
Aufwendung von Arbeit und Intelligenz, durch die Be 
tätigung aussergewöhnlicher Eigenschaften als Erfinder 
und Organisatoren und durch ihre Initiative bei der 
Schaffung ihres Vermögens das Recht erworben haben, 
hinfort nichts mehr zu thun. 
-Gegen diese Argumentation liesse sich sehr viel ein 
wenden. Der Nachweis wäre übrigens leicht, dass fast 
immer die Quellen der grossen Vermögen keineswegs so 
krystallklar gewesen sind. Die Geschichte des Grundeigen 
tums wie des capitalistischen Eigentums lehrt uns viel 
mehr eine Reihe anderer Ursachen der Bereicherung: 
Verschleuderung der Staatsdomainen; brutale oder betrü 
gerische Expropriation der Gemeinländereien und des 
bäuerlichen Eigentums; billiger Kauf der Kirchengüter; 
Bergwerks- oder Eisenbahnconcessionen, die für ein Butter 
brot gegeben und sehr häufig später weit über ihren 
Wert zurückgekauft worden sind; Wucher; verdächtige 
Speculation; Börsenspiel; Corner, d. h. monopolisti 
scher Aufkauf notwendiger Verbrauchsgegenstände zur 
Preisverteuerung; unerlaubte Coalition; ferner das von 
selbst entstehende und automatische Anwachsen der Grund 
rente infolge der Vermehrung der Bevölkerung und der
        <pb n="130" />
        124 
Entwickelung der Industrie; Aneignung des von den 
Arbeitern geschaffenen Mehrwerts durch die Capitalisten ; 
schamlose Ausbeutung des Genies der Erfinder, die die 
Kräfte Ihres Gehirnes verkaufen mussten, um nicht 
Hungers zu sterben. So könnte man diese Liste noch 
ins Unendliche fortsetzen. 
Nehmen wir indessen einmal an, es sei anders. Nehmen 
wir für einen Augenblick — obschon die Thatsache dem 
entschieden widerspricht — an, dass alle Capitalisten die 
Söhne ihrer Thaten seien, dass diese Thaten selbst legitim 
seien und dass die Besitzer der Productionsmittel ihr Ver 
mögen einzig und allein ihrer persönlichen Arbeit ver 
danken : dann wäre das immer noch kein zureichender 
Grund, dass die Gesellschaft ihnen einen ewigen und 
übertragbaren Besitztitel an der Arbeit anderer gäbe; es 
wäre immer noch kein zureichender Grund, dass ihre 
Kinder und Kindeskinder von Generation zu Generation 
diesen so geschaffenen Reichtum erbten und nichts als 
eben Erben wären.*) 
Wenn man das durch persönliche Arbeit erworbene 
Eigentum für legitim erklärt, das ererbte Eigentum ist 
es zweifellos nicht. 
Man behauptet freilich, das Erbrecht erfülle eine 
sociale Mission, weil es diejenigen zur Arbeit antreibe, 
die ihre Kinder und Erben reich machen wollen. 
Dieses Argument mag einige Berechtigung haben, 
wenn es sich um den Erbgang in directer Linie oder selbst 
um das testamentarische Erbrecht handelt, das auch die 
Socialisten im allgemeinen nur beschränken, nicht aber 
unterdrücken wollen.**) Aber will man etwa behaupten, 
dass es sich mit der Collateralerbschaft, dem letzten und 
seit langem ungerechtfertigten Ueberbleibsel aus der Zeit, 
wo die „grosse Familie“ noch Wirklichkeit war, ebenso 
verhält? Und ist es nicht andererseits unendlich viel wahr- 
*) Héritiers, sans labeur, des champs fumés de morts! 
**) Siehe z. B. Colins: La science sociale, V. Band, 
pag. 320 ff. Schaeffle: Die Quintessenz des Socialismus.
        <pb n="131" />
        — 125 — 
scheinlicher, dass die tiefe Ungerechtigkeit, die einigen 
wenigen erlaubt, andere für sich arbeiten zu lassen, anstatt 
selbst zu arbeiten, der Productivität der socialen Arbeit 
einen viel grösseren Schaden zufügt, als eine selbst über 
triebene Beschränkung des testamentarischen oder Intestat 
erbrechtes ihr zufügen könnte ? 
Es ist unsere feste Ueberzeugung, dass die Productiv 
kraft der modernen Gesellschaft bedeutend wachsen würde, 
wenn die Vergesellschaftung der Hauptindustrieen das 
arbeitslose, aus dem kapitalistischen Eigentum erwachsende 
Einkommen entweder ganz unterdrückte oder stark be 
schränkte.
        <pb n="132" />
        IL Capitel. 
Die Vorzüge des gesellschaftlichen Eigentums 
„We are all socialists now.“ 
Sir William Harcourt. 
Wenn die Socialisten, gestützt auf die fortschreitende 
capitalistische Concentration und ihre Consequenzen in 
Hinsicht auf die Ausbeutung der Arbeit, die Socialisierung 
der bereits für den Collectivismus reifen Industrieen for 
dern, so thun sie schliesslich nichts anderes, als die Ten 
denz zu verstärken und zu verallgemeinern, die sich bereits 
im Schosse der heutigen bürgerlichen Gesellschaft selbst 
durchsetzt. 
Wir wollen gar nicht von der seit Jahrhunderten 
socialisierten Justizpflege sprechen, oder von dem Unter 
richt, der trotz des Widerstandes der Kirche mehr und 
mehr zu einem öffentlichen Dienste wird: es ist unbestreit 
bar, dass auch in der wirtschaftlichen Ordnung der Collec 
tivismus die Tendenz zu immer weiterer Verbreitung zeigt. 
„Die Verstaatlichung gewisser Betriebe,“ so sagt Hamilton, 
„ist bereits so vollkommen durchgeführt, dass die Rück 
kehr zum Privatbetriebe gar nicht mehr in Frage kommen 
würde, z. B. im Münzwesen, bei der Post, bei den Land 
strassen u. s. w. Die Gründe dafür sind leicht zu begreifen : 
Je mehr die Civilisation fortschreitet, um so mehr müssen 
derartige Institutionen im grossen Masse betrieben werden, 
einheitlich und mit Beziehung aufeinander. Wenn sie 
Privatpersonen oder Gesellschaften anvertraut wären, so 
müsste doch ihr Betrieb mit einem Personal durchgeführt 
werden, das dem der Staatsanstalten gleichkäme und folg-
        <pb n="133" />
        lieh nicht den persönlichen Anreiz hätte, der auf anderen 
Gebieten den Vorteil der privaten Unternehmungen aus 
macht. Wenn eine Concurrenz existiert, so kann der Zweck 
dieser Einrichtungen nur unvollkommen und weniger spar 
sam erreicht werden, z. B. in dem Falle, dass sich mehrere 
Eisenbahnlinien Concurrenz machen. Wenn aber anderer 
seits diese Concurrenz unter den Privatunternehmern fehlt, 
dann leidet das Publicum nach verschiedener Richtung 
hin Schaden, und die Privatinteressen der Besitzer machen 
sich tyrannisch fühlbar. So zeigen sich sowohl vom Ge- 
sichtspuncte der Production als auch von dem der Ver 
teilung des Reichtums aus deutlich Vorteile der socialen 
Organisation derartiger Unternehmungen.“*) 
Diese Vorteile solcher durch den Staat oder durch 
andere öffentliche Institutionen, wie z. B. die Provinzen 
oder besonders die Städte,**) betriebenen Unternehmungen 
sind sehr verschiedener Natur: Einmal dienen die ge 
wonnenen Ueberschüsse dazu, die Steuerlasten zu ver 
mindern, anstatt einigen Actionären zuzufliessen; sodann 
wird der Betrieb nicht ganz und gar, oder wenigstens 
nicht in dem Masse, von dem Gesichtspunct aus geleitet, 
den höchsten Profit zu erzielen, wie das bei den capitalisti- 
schen Unternehmungen der Fall ist — ausgenommen 
selbstverständlich den Fall, wo es sich um fiscalische 
Monopole handelt — ; im Regiebetriebe pflegt man leichter 
der öffentlichen Meinung Rechnung zu tragen, besonders, 
wenn es sich um die Lage der Angestellten handelt 
oder um den Ankauf der Rohmaterialien, um den Preis 
und die Qualität der Products oder der Dienste und end 
lich um das Interesse der kommenden Generationen. 
*) Graf von Hamilton: Le développement des 
fonctions de l’Etat, dans leurs rapports avec le droit con 
stitutionnel/ (Revue d’économie politique, 1891, pag. 140 ff.) 
**) Ueber die jüngsten Fortschritte des Municipalsocialismus 
in England siehe Harrison: Municipal trading. (Economie 
Journal, Juni 1900.)
        <pb n="134" />
        ■Hi 
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■ • 
— 128 ■— 
§ I. 
Die Ueberschüsse der öffentlichen Unter 
nehmungen. 
Die vergesellschafteten Industrieen und im besonderen 
die natürlichen oder künstlichen Monopole können zunächst 
für die Gesamtheit, die sie ausbeutet, eine Einnahme 
quelle abgeben. In Brüssel wirft z. B. das Gas allein 
nahezu 2 Millionen Ueberschuss im Jahre ab. In Frank 
reich bringt das Tabakmonopol, das den Preis des Pro 
ductos um das Sechsfache erhöht, dem Staatsschatz in 
guten wie in schlechten Jahren mehr als 300 Millionen ein. 
Es versteht sich von selbst, dass im grossen und ganzen 
diese Ueberschüsse nichts anderes als indirecte Steuern 
sind.' Wenn eine öffentliche Verwaltung ihre Producte nicht 
zum Selbstkostenpreis liefert, so tragen die Ueber 
schüsse, die sie macht, notwendigerweise einen fiscalischen 
Charakter. Und in einer collectivistischen Gesellschaft 
würden an die Stelle der heutigen Steuern die Vorweg 
nehmungen treten, die die Gemeinschaft für die allge 
meinen Bedürfnisse ausführt, bevor sie an die individuelle 
Aufteilung geht. Wenn es sich aber um- Producte wie 
Tabak oder Branntwein handelt, die mit Recht als Steuer 
träger angesehen werden können, dann ist es etwas anderes, 
als z. B. mit Wasser und Leuchtgas, die nicht durch 
Aufschläge verteuert werden sollten, weil sie notwendige 
Bedürfnisse befriedigen. 
Schon heute geben übrigens einzelne Gemeindever 
waltungen Wasser und Gas teils zum Selbstkostenpreis, 
teils unter dem Selbstkostenpreis, teils sogar kostenlos ab. 
In seinem Buche über den Socialismus in England 
erwähnt Métin zwei kleine Städte, die das Gas gratis 
an ihre Einwohner abgeben.*) 
*) Métin: Le socialisme en Angleterre (Paris, Alcan, 
1897), pag. 226.
        <pb n="135" />
        129 
In Schaerbeeck, einem der wichtigsten Vororte 
Brüssels, wird das absichtlich herbeigeführte Deficit des 
Wasserwerkes durch eine besondere progressive Ein 
kommensteuer gedeckt.*) 
In Genf, das seit 1896 das Wasserwerk, das Gas- und 
Elektricitätswerk wieder selbst übernommen hat, macht 
man beim Leuchtgas und bei dem Gebrauchswasser einen 
kleinen Ueberschuss; dafür giebt man aber die hydrau 
lische und elektrische Motorkraft, die durch zwei mächtige 
Werke auà der Rhone gewonnen wird, genau zum Selbst 
kostenpreis ab.**) 
Dieselbe Tendenz zur systematischen Senkung der 
Ueberschüsse finden wir bei den meisten englischen Ge 
meinden, und man kann dazu im allgemeinen sagen, dass 
überall dort, wo der socialistische Geist an Ausdehnung 
gewinnt, der fiscalische Charakter öffentlicher Unter 
nehmungen gemildert wird. „Keine Stadt ist in der 
municipalen Organisation so weit vorgeschritten wie 
Glasgow, keine Stadt steht aber auch, was ihre Ver 
waltungen und das Niveau des öffentlichen Geistes anlangt, 
auf einer so hohen Stufe; nirgends anderswo sind die 
Lasten der öffentlichen Betriebe in ihrer Gesamtheit so 
niedrig, nirgendswo hat man aber auch mit der gleichen 
Consequenz das „System der kleinen Ueberschüsse“ ge- 
handhabt.“***) 
Wenn man anders handelt und aus den öffentlichen, 
dem Gemeinwohle dienenden Einrichtungen grosse Ueber- 
*) Vergl. den Bericht von Louis Bertrand, Kämme 
rer von Schaerbeeck, an den Gemeinderat. 
**) Achard: Les finances et les services industriels de la 
ville de Genève (Revue d’économie politique, August und Sep 
tember 1899). 
***) Donald: Municipal trading and profits. (Economie 
Journal, September 1899, pag. 383.) Ferner: La b rióla: Sul 
socialismo municipale. (Critica sociale, Juni 1900.) Dagegen: 
E. Cannau: Ought municipal enterprises to be allowed to yield 
a profit? (Economic Journal, März 1899.) 
Vandervelde: Die Entwickelung zum Socialismus. 
9
        <pb n="136" />
        130 
schüsse herauswirtschaften will, dann heisst das die Un 
zuträglichkeiten der Verzehrssteuern, die man mit Recht 
die progressive Besteuerung des Elendes genannt hat, in 
anderer Form wieder einführen. 
Will man die Vorteile der Socialisierung in das rechte 
Licht stellen, dann muss man nach unserer Ansicht mehr 
Gewicht auf das Interesse des Personals und der Oeffent- 
lichkeit, als auf die etwa zu gewinnenden Profite legen. 
§2. 
. Die Lage der Angestellten. 
Im allgemeinen sind die. Existenz- und Arbeits 
bedingungen des niederen Personals in den Staats- oder 
Communalbetrieben besser, als in den Privatunter 
nehmungen. „Die Privatgesellschaften,“ so sagt der 
schweizerische Bundesrat in seiner Botschaft über den 
Rückkauf der schweizerischen Eisenbahnen, „haben das 
natürliche Bestreben, die Kosten des Personals auf das 
Mindestmass herabzudrücken ; alle verfolgen ersichtlich 
das Princip, einige obere Posten sehr gut zu bezahlen 
und dafür an den Gehältern und den Löhnen der unteren 
Angestellten zu sparen, da sie die grosse Masse bilden, 
auch die grösste Ausgabe erheischen.“*) In den öffent 
lichen Unternehmungen macht sich vielmehr die entgegen 
gesetzte Tendenz bemerkbar. 
Nicht, als ob die Bezahlung der Oberen nicht zu 
einer anständigen Lebensführung ausreiche ; das niedere 
Personal wird sie sogar in der Regel für überreichlich 
halten; aber alles ist relativ und häufig ist die Bezahlung 
dieser Posten der von der Privatindustrie gewährten so 
sehr unterlegen, dass es dieser gelingt, die besten Beamten, 
die tüchtigsten Männer und berühmtesten Techniker den 
öffentlichen Betrieben abspenstig zu machen. 
*) Botschaft des Bundesrats über die Hauptlinien der 
schweizerischen Eisenbahnen vom 25. März 1897, pag. 58.
        <pb n="137" />
        — 13 1 — 
Erst unlängst noch verzichtete ein glänzender Beamter 
aus dem belgischen Arbeitsministerium auf seinen Posten, 
um an die Spitze einer grossen Handelsgesellschaft zu 
treten. 
Wenn trotzdem dem Beamtenkörper neben tadelns 
werten und lästigen Kostgängern, eine grosse Zahl ener 
gischer und tüchtiger Männer angehört, so hat das seinen 
Grund vorzugsweise in dem Ueberangebot der geistigen 
Arbeit. Aber es bleibt darum doch nicht minder wahr, 
dass die Staatsindustrie in einer socialen Ordnung wie 
der heutigen, in der das Geld fast den einzigen Anreiz 
zur Arbeit und die einzige Entschädigung für die Arbeit 
bildet, hervorragende Leiter nur dann haben kann, wenn 
sie ihnen dieselben Gehälter bezahlt, wie die Privatindustrie. 
Was die Handarbeiter und die kleinen Beamten an 
langt, so werden sie zwar oft, aber doch nicht immer 
in den Staatsbetrieben besser bezahlt als in den Privat 
betrieben : der belgische Staat zahlt z. B. seine Maschinisten 
sehr viel schlechter, als die grossen französischen Eisen 
bahngesellschaften. 
Trotzdem ist nicht zweifelhaft, dass in einem demo 
kratischen Staat, in einem Staat mit parlamentarischer 
Regierung, wo die Masse des Volkes an den Wahlen teil 
nimmt, die Leute immer noch leichter bei einer beab 
sichtigten Verbesserung ihrer Lage zum Ziele gelangen, 
wenn es sich um Staatsbetriebe handelt als in Privat 
betrieben, weil der Staat der öffentlichen Meinung viel 
mehr Rechnung tragen muss, als die Gesellschaften, die 
der öffentlichen Controle so gut wie ganz entzogen sind. 
Wenn übrigens die Nominallöhne des Personals in 
Staatsbetrieben niedriger sind, als die in privaten Betrieben 
gezahlten, so gewinnen doch die Arbeiter an Sicherheit, 
was sie an Geld weniger erhalten. Sie begnügen sich mit 
weniger Lohn aus demselben Grunde, aus dem sich die 
Besitzer von Staatspapieren mit einer niedrigeren Rente 
begnügen. Die Sicherheit und Dauer ihres Arbeitsverhält- 
9*
        <pb n="138" />
        w 
— 132 — 
nisses entschädigt sie für die Niedrigkeit der Löhne. Sie 
sind gegen die Gefahr der Arbeitslosigkeit, der Invali 
dität, der Arbeitsunfähigkeit infolge eines Unfalls 
oder des Alters, die wie ein dr ohender Schatten 
so oft das Leben der Arbeiter umdüstert, besser ge 
schützt;*) und diese Garantie, diese Sicherheit des täg 
lichen Brotes, bildet einen so wesentlichen Vorteil, dass 
für ihn die Staatsarbeiter mit unendlicher Geduld alle 
Chicanen ertragen, ebenso wie alle Beschränkungen, die 
die Disciplin ihrer politischen Freiheit, der Ausübung ihrer 
staatsbürgerlichen Rechte und besonders ihrem Coalitions- 
recht auf erlegt. 
Es darf auf keinen Fall übersehen werden, dass von 
diesem Gesichtspuncte aus in der That der Despotismus 
des Unternehmers Staat nicht besser ist, als der Despo 
tismus, der in den meisten Fabriken der Privatindustrie 
herrscht ; und es ist unvermeidlich, dass dieser Zustand 
so lange währt, wie sich die Leitung der öffentlichen An 
gelegenheiten und die staatliche Macht in den Händen 
der Geschäftsträger der capitalistischen Classe befindet. 
§3. 
Der Einkauf der Rohmaterialien. 
Unter der Herrschaft der capitalistischen Ausbeutung 
sind die kleinen Producenten und besonders die Klein 
bauern, die den grossen ländlichen Industrieen die Roh 
materialien liefern, den Schwankungen der Preise unter 
worfen, die aus der industriellen Anarchie resultieren, oder 
den eisernen Preiscontracten, die ihnen die Cartelle der 
Zuckerfabricanten, der Tabakfabricanten, der Cichorien- 
*) Revue du Travail 1899, pag. 1266. Dort heisst es in 
einer Notiz über die Möbelindustrie in Malines: „Einige Unter 
nehmen klagen über die Schwierigkeiten, die ihnen das Staats 
arsenal in Malines bei der Anwerbung von Arbeitern bereitet; 
viele gute Arbeiter gehen nämlich dorthin, um für ihre alten 
Tage einen sicheren Platz zu haben.“
        <pb n="139" />
        133 
oder Schnapsfabricanten und wie sie sonst alle heissen, 
auf zwingen. 
Wenn sich eine oder die andere dieser Industrieen 
dagegen in den Händen des Staates befindet, so kann 
er beim Einkauf der Rohmaterialien, einen bedeutenden 
Einfluss auf den Preis der Producte und die Arbeitsbe 
dingungen der Producenten ausüben. 
Dieser Einfluss bedeutet sicherlich eine erhebliche 
Gefahr, wenn die öffentliche Gewalt in den Händen einer 
Coterie, einer Partei oder einer Classe liegt; wenn sie 
aber umgekehrt das Allgemeinwohl im Auge hat, dann 
kann sie für die Producenten der Rohmaterialien ausser 
ordentlich günstige Wirkung haben. 
In der Schweiz leistet z. B. die Verwaltung des Alkohol 
monopols — die man deshalb sehr ungerechter Weise 
beschuldigt hat, sie treibe eine „Kartoffelwahlpolitik“*) 
— armen Cantonen sehr erhebliche Dienste, indem sie 
zur Destillation die von jenen gebauten Kartoffeln benutzt, 
anstelle von Mais und anderen ausländischen Cerealien, 
die die Privatdestillateure früher verwendeten. 
In Frankreich vermeidet man, dank der Einrichtung 
des Tabakmonopols, das nach der Grösse des Verbrauches 
die Grösse des Anbaues regelt, die Ueberproduction, die 
Unstetigkeit des Preises und die schweren Krisen, unter 
denen in diesen letzten Jahren die belgischen Tabakbauern 
so ¡erheblich zu leiden hatten. Wie ¡Adolph Wagner schreibt, 
wird der geerntete Tabak von der Regieverwaltung auf 
gekauft und zwar zu Preisen, die der Finanzminister im 
voraus für die verschiedenen Tabaksqualitäten festsetzt. 
Auf diese Weise erzielt der Pflanzer nicht nur einen aus 
kömmlichen Preis, sondern auch einen von Jahr zu Jahr 
fast gleichbleibenden. Er gewinnt somit, — und darin besteht 
ein Hauptvorzug dieses Verfahrens vor dem „freien Handel 
*) D r o z : Essais économiques. Le monopole de l’aîcool 
en Suisse (Paris, Alcan, 1896), pag. 577.
        <pb n="140" />
        134 
# 
— eine solide Basis für die Verwertung jener Producte, 
was eine wahre Wohlthat für den Bauern ist.“*) 
Aehnlich könnte man es auch mit dem Zuckerrüben 
bau machen, wenn die Verstaatlichung der Zuckerindustrie 
die Landwirtschaft von der oft abscheulichen Ausbeutung 
durch die Zuckerbarone — die man wegen der häufigen fal- 
schenWägungen in Belgien die „Ritter von der Tara und der 
Wage“ genannt hat — befreien würde. Die Verstaatlichung 
dieser Industrie und die Expropriation ihrer Besitzer hätte 
übrigens noch den Vorteil, dass sie die elende Lage ¡des 
Proletariats in den Zuckerfabriken besserte und ein wirk 
sames Mittel gegen die Betrügereien bei dem Gewichte, 
bei der Tara und bei dem Zuckergehalt bildete ; heute 
werden nämlich die Kleinbauern, denen jedes Mittel wirk 
samer Controle fehlt, bei der Lieferung der Zuckerrüben 
in den Fabriken in der Regel schamlos über das Ohr ge 
hauen.**) 
Man kann ganz im allgemeinen sagen, dass mit der 
Verstaatlichung der Productions- und Austauschmittel die 
Betrügereien, Verfälschungen und Veruntreuungen aller 
Art verschwinden würden, die die Profitwut unter der 
Herrschaft des Capitalisions beinahe notwendigerweise 
erzeugt. 
§ 4- 
Der Preis der Producte und der Dienst 
leistungen. 
Wir haben schon darauf hingewiesen, dass die öffent 
lichen Unternehmungen neuerdings die Tendenz zeigen, 
die ursprünglich herrschenden fiscalischen Allüren abzu 
legen und sich mehr und mehr der communistischen Ver- 
*) Wagner: Lehr- und Handbuch der politischen 
Oekonomie. (Leipzig, 1889.) IV. Hauptabteilung. Finanzwirt 
schaft. III. Teil: Tabakmonopol, pag. 725 ff. 
**) Vergl. dazu meine Rede in der belgischen Kammer 
vom 25. Mai 1897 und die Broschüre: Les vols sur les betteraves 
et les sucres (Brüssel, rue des Sables 35, 1900).
        <pb n="141" />
        teilung oder wenigstens dem Verkauf zum Selbstkosten 
preis zu nähern. Wo immer dagegen die monopolisierten 
Industrieen ihren capitalistischen Charakter bewahrt haben, 
da wird die Erhöhung der Preise zu einer directen 
Schädigung des Publicums oder der Producenten, die von 
diesen Industrieen abhängen. 
In Paris liefert z. B. die Gasgesellschaft — deren 
Monopol der von den Kleinbürgern neu gewählte Stadt 
rat zweifellos erneuern wird*) — das Leuchtgas zum Preise 
von 30 Centimes für den Kubikmeter, während die Con- 
sumenten in den englischen Städten den städtischen Gas 
fabriken nur 8—10 Centimes bezahlen. 
Die Nachteile der Monopolisierung und die Vorteile 
der Socialisierung in Hinsicht auf Preise und Tarife er 
reichen natürlich ihren Höhepunct dann, wenn es sich um 
solche Industrieen handelt, von denen alle anderen ab 
hängig sind, wie z. B. die Bergwerksindustrie und die 
Transporteinrichtungen. 
Wir sind die ersten, die zugeben, dass der Betrieb 
der Staatsbahnen wie er z. B. in Belgien oder in Deutsch 
land organisiert ist, zu vielen und gerechten Kritiken An 
lass giebt. Aber sowohl in Hinsicht auf die Tarife, als 
auch in Hinsicht auf die der Industrie im allgemeinen 
bewilligten Vorteile, ist er unzweifelhaft dem Privatbetrieb 
der Eisenbahnen überlegen. Mit Recht constatierte die 
Botschaft des schweizerischen Bundesrates,**) die denRück- 
kauf der Eisenbahnen empfahl, dass die Privatgesell 
schaften vor allen Dingen die guten Linien ausbeuten 
und sich beim Bau und Betriebe der unrentablen auf 
das Allernotwendigste beschränken. Manchmal leisten sie 
nur eben das Minimum, das in den Concessionen vorge- 
*) Sie bietet nur eine Ermässigung des Gaspreises auf 
22 Centimes an, wenn ihr die Concession verlängert wird. Ueber 
die Unsummen, die die Gesellschaft bei einem solchen Geschäft 
verdienen würde, siehe Charnay: L’éclairage au gaz à Paris 
(Revue socialiste, Juni 1899, pag. 704 ff.) 
**) a. a. O., pag. 34 ff.
        <pb n="142" />
        136 
schrieben ist, weil es ihnen ausschliesslich auf die Ge 
winnung hoher Dividende ankommt. Wolfe sagt : „Es 
giebt ganze Gegenden in England und besonders in Ir 
land und Schottland, die ohne alle Eisenbahnen sind, 
weil deren Bau den Gesellschaften nicht rentabel er 
scheint.“*) 
Der Staat hingegen hat die moralische Pflicht, einen 
Teil seiner Gewinne zum Bau von Eisenbahnen auch in 
den weniger guten Gegenden zu verwenden. In Deutsch 
land, Oesterreich und Belgien giebt es eine ganze An 
zahl von Linien, die nur aus diesem Grunde erbaut 
worden sind. 
Und trotz dieser im allgemeinen Interesse geleisteten 
Aufwendungen, trotz der höheren Ausgaben bei der Be 
soldung des unteren Personals sind doch die Güter- und 
Personentarife in den Ländern mit staatlichen Eisenbahnen 
niedriger, als in Frankreich und besonders in England. 
Das constatierte im Jahre 1899 einer der ersten eng 
lischen Ingenieure T. Forster Brown, als er vor der wissen 
schaftlichen Gesellschaft in London die Lage der Kohlen 
industrie in Hinsicht auf internationale Concurrenz unter 
suchte: „Heute,“ so sagte er, „sind Deutschland und 
Belgien die ernstesten Con currenten Englands. Die 
deutschen Staatsbahnen haben die Tarife auf die Hälfte 
dessen herabgesetzt, was man in England zahlt und da 
durch den Kohlenhandel im In- und Auslande stark 
gefördert.“**) 
Der Vorteil ist noch umso bedeutender, als die Ver 
einigung aller Linien in den Händen des Staates die 
Möglichkeit gewährt, alle industriellen Gegenden des 
Landes gleichmässig zu berücksichtigen. 
Vorzugsweise war es denn auch die Ueberlegung 
dieser Art, die die schweizerische Regierung bewogen hat, 
*) A. G. W o 1 f e : The nationalisation of the railway system, 
pag. 6 und 7. (London, The twentieth century press, 1894.) 
**) Revue Universelle des Mines, Januar 1900, pag. 96 ff.
        <pb n="143" />
        137 
fast das ganze Netz der auf schweizerischem Gebiete be 
stehenden Eisenbahnen auf einmal zurückzukaufen.*) 
Und ebenso stützte sich darauf der frühere belgische 
Eisenbahnminister Vandenpeereboom, als er den Plan des 
Rückkaufs der grossen centralen Bahnen verteidigte; mit 
folgenden Worten trat er für das Princip des Staatsbe 
triebes ein: „Wenn man die leichteste Lösung vom ver 
waltungstechnischen Standpuncte aus suchte, so würde 
man zweifellos die Eisenbahnen verkaufen. Sie haben 
1400 Millionen gekostet und sind heute 2000 Millionen 
wert. Wenn man diesen Verkauf durchgeführt hätte, so 
würde man sich nicht mehr um die Zukunft unseres 
Budgets zu sorgen haben, da die ganze belgische Staats 
schuld beinahe davon gezahlt werden könnte, und man 
hätte ausserdem keine Schwierigkeiten mehr mit der 
Organisation einer so grossen Verwaltung. Aber es giebt 
einen höheren Gesichtspunct : das Interesse der Industrie 
und des Handels ! Man kann ohne Zweifel behaupten : 
der ungeheure volkswirtschaftliche Aufschwung, den Sie 
vor Augen sehen und der nicht nur in unserer Geschichte, 
sondern vielleicht in der Geschichte aller Völker ohne 
gleichen ist, beruht zum grössten Teil auf diesem ge 
waltigen Arbeitsmittel, das in den Händen des Staates 
ist. Meine Vorgänger und ich, wir haben seit 30 Jahren 
bei unserer Geschäftsführung nur die Entwickelung der 
Industrie im Auge gehabt. Heutzutage scheint man zu 
bedauern, dass die Verwaltung nicht in den Händen von 
Industriellen gelegen hat, die daraus mehrere Millionen 
Profite gezogen hätten . . . Wenn erst einmal alle Eisen 
bahnlinien im Besitz des Staates sind, dann kann ja die 
Kammer darüber entscheiden, ob der Staat selbst die 
Bahnen betreiben soll, oder ob er den Betrieb an Gesell 
schaften abtreten soll ; aber ich wiederhole, dass an dem 
Tage, an den man diesen Beschluss gefasst haben wird, 
*) Botschaft des schweizerischen Bundesrats, pag. 42—73.
        <pb n="144" />
        die Stunde des Niederganges unserer Industrie und unseres 
Handels geschlagen haben wird.“*) 
Wir brauchen kaum darauf hinzuweisen, dass man 
diese Gründe, die einen starken Eindruck auf die Kammer 
machten, mutatis mutandis auf alle anderen Zweige der 
Industrie und des Transportwesens anwenden kann. Was 
für die Eisenbahnen gilt, das gilt auch ebensogut für die 
Strassenbahnen, und während die Herrschaft der Privat 
gesellschaften und der Trusts in Frankreich und Nord 
america geradezu beklagenswerte Resultate liefert, kann 
man sagen, dass die Versuche der Verstadtlichung des 
Strassenbahnwesens in England zu glänzenden Resultaten 
geführt haben. Es mag genügen, um den Beweis für diese 
Worte zu liefern, eine Stelle aus dem städtischen Jahr 
buch ((Municipal (Year Book) für ¡1899 zu eitleren : „Während 
des letzten Jahres hat kein Zweig der communalen Unter 
nehmungen so rasche Fortschritte gemacht, wie der 
Strassenbahnbetrieb. Fast alle grossen Städte haben die 
Strassenbahnen verstadtlicht oder stehen im Begriff es zu 
thun. Der Ablauf der Verträge mit den Gesellschaften 
fällt mit der Einführung eines neuen Betriebsystems zu 
sammen, und in wenigen Jahren wird der Strassenbahn 
betrieb in allen grossen Centren vollständig revolutioniert 
sein. Viele Städte, die die Strassenbahnen sobald wie 
möglich unter ihre Controle stellen wollen, warten nicht 
einmal den Ablauf der Concessionen ab, sondern kaufen 
die concessionierten Linien direct zurück. Es ist heute 
allgemein anerkannt, dass die Strassenbahnen nur dann 
der Bevölkerung den grössten Nutzen gewähren können, 
wenn sie im Besitz und dem Betriebe der Stadtgemeinden 
stehen.“ 
Diejenigen, die noch Zweifel an der Wahrheit dieses 
Satzes haben, mögen einmal die scheusslichen Ungetüme, 
*) Armales parlementaires 1896—1897, pag. 1663 (Sitzung 
vom 15. Juni 1897).
        <pb n="145" />
        die die Strassen von Paris verunzieren, mit den eleganten 
Wagen vergleichen, die, mit dem Wappen der Stadt ge 
schmückt, den Reisenden in Edinburgh oder Glasgow 
transportieren; und dabei bezahlt man auf den vorsünd- 
flutlichen Gefährten in Paris 30 Centimes, während man 
in Glasgow und Edinburgh für 5 Centimes nach allen 
vier Ecken der Stadt fahren kann. Hier hat man den Beweis 
dafür, dass der Regiebetrieb der Strassenbahnen den 
Monopolen von Privatgesellschaften nicht nur in Rück 
sicht auf die Tarife, sondern auch in Bezug auf die Quali 
tät der geleisteten Dienste überlegen ist, und das führt 
uns zu einer neuen Reihe von Vorzügen der Socialisierung. 
§ 5- 
Die Qualität der Product e. 
Auch die den Staatsmonopolen am schroffsten gegen 
überstehenden Nationalökonomen müssen anerkennen, 
dass sie im allgemeinen den Consumenten reinere Pro- 
ducte liefern, als die Privatindustrie. „Wenn man sehr 
hohe Abgaben erhebt,“ so sagt Leroy-Beaulieu, „dann ist 
das Staatsmonopol der einzige Weg, um den Consumenten 
ordentliche, gesunde und nicht verfälschte Waren zu 
liefern. Diese Thatsache steht ausser Zweifel. Als der 
Deutsche Reichstag im Jahre 1877-78 über die Tabak 
steuer beriet, da sagte Herr von Stauffenberg, damals 
Vicepräsident dieser Körperschaft : wir Raucher wissen 
wohl, dass wir rauchen, aber wir sind weit entfernt da 
von zu wissen, was wir rauchen ; die Verwendung von 
Zuthaten zum Tabak hat einen solchen Umfang ange 
nommen, dass man ein förmliches Studium der Botanik 
darauf verwenden müsste, um alle die Pflanzen zu be 
schreiben, die sich in unserem Tabak und unseren Cigarren 
vorfinden, von den Rübenblättern bis zu den Kirsch 
blättern; und was würde erst alles im Tabak vorhanden 
sein, wenn die Abgaben von 40 auf 60 Mark gesteigert
        <pb n="146" />
        — 140 — 
würden? Die Belastung des Tabaks ist in Frankreich 
viel höher, als die, von der Herr von Stauffenberg im 
Reichstage sprach, und doch sind die Producte rein: das 
ist ein sehr schwer wiegendes Argument zu gunsten des 
Monopols.*) 
Dasselbe Argument könnte man zu gunsten des Alko 
holmonopols anführen, wenn in der That, wie man früher 
glaubte, die Reinheit des Trinkalkohols einen wesent 
lichen Factor im Kampfe gegen den Alkoholismus bildete. 
Man weiss in der That, dass nach der Einführung des 
Alkoholmonopols in der Schweiz die unter der Herrschaft 
der Hausdestillation so arg vernachlässigte Rectification 
so vorzüglich gestaltet worden ist, dass die Eidgenossen 
schaft ihrem Schnaps, um ihn den Consumenten, denen er 
zu fade erschien, mundgerecht zu machen, 1V2 pro Mille 
Fusel heimischen musste, eine Menge, die übrigens als 
unschädlich betrachtet wird.**) 
Wir wollen übrigens nicht zu bemerken unterlassen, 
dass wir aus anderen Gründen und besonders, um die Be 
schränkung des Consums zu erleichtern, Anhänger des 
Fabrications- und Verkaufsmonopols beim Alkohol sind; 
es ist nämlich festgestellt worden, dass auch der voll 
kommen gereinigte Alkohol ebenso giftig ist, wie der 
fuselhaltige. 
Was auf der anderen Seite die Lebensmittel anlangt, 
wie Brot, Butter, Milch, Colonialwaren, kurz alle die 
jenigen Producte, deren Verkauf einer ebenso lästigen, 
wie häufig unwirksamen staatlichen Controle unterstellt 
ist, so ist klar, dass bei ihnen allen für eine Socialisierung 
durch den Staat oder die Gemeinde, besonders das Argu 
ment, spricht, dass die Qualität der Producte dadurch 
verbessert wird. 
*) Leroy-Beaulieu: Traité de la science des finances. 
(Paris, Guillaumin, 1892.) I., pag. 701. 
**) Berry er: Le monopole de l’alcool (Lüttich, 1898), 
pag. 216.
        <pb n="147" />
        Heute stehen die Colonialwarenhändler in dem Rufe, 
Fälscher zu sein, und ehrenvolle Ausnahmen können an 
diesem allgemeinen Urteile nichts ändern. Die Milch 
händlerinnen wollen trotz der polizeilichen Ueberwachung 
von der verderblichen Gewohnheit, ihre Milch zu taufen, 
nicht ablassen. Die grossen, wie die kleinen Butterfabri- 
canten stehen z. B. in Belgien so häufig in Beziehung zu 
Margarinefabricanten, dass diese in ihren Prospecten ele 
gante Attrappen anpreisen, mit deren Hilfe die Margarine 
in die Molkereien gebracht werden kann, ohne dass da 
durch die Aufmerksamkeit des Publicums oder der Poli 
zeibeamten erregt wird.*) 
Wenn man sich endlich einen Begriff machen will 
von den (abscheulichen Zuständen in den kleinen Bäckereien 
und über die Qualität ihrer Producte, dann mag man die 
Schilderungen nachlesen, die der Freiherr Friedrich von 
Weichs-Glon in einer Studie über die Verstadtlichung 
der Bäckereien in der Revue d’Economie politique ge 
geben hat. 
„Wir wollen einmal,“ sa sagt er, „in irgend eine der 
Backstuben unserer Bäcker eintreten; ein heftiger Ekel 
vor dem, was sich dort, entgegen den elementarsten Regeln 
der Hygiene abspielt, wird sich unserer bemächtigen. Fast 
alle liegen sie in düsteren, feuchten Gelassen, die tiefer 
*) „Die Verpackung giebt zu erheblichen Missständen 
Anlass. Eine bedeutende Menge Margarine wird den Detaillisten 
in den verschiedensten Gefässen verkauft, als da sind Luxus 
körbe, Haushaltungs- und Küchengegenstände u. s. w. Die 
Preise, zu denen diese Verpackungen abgelassen werden, be 
weisen, dass sie mindestens ebenso oft dazu dienen sollen, die 
Ware zu verbergen, als sie zu beherbergen; manchmal, ist man 
thatsächlich überrascht von der Menge von Margarine, die 
irgend ein Händler in seinem Keller oder einem Hintergelass 
liegen hat, den man nach der Auslage in seinem Schaufenster 
für einen Klempner oder Korbmacher halten möchte.“ Bericht 
von Mérode über den Gesetzentwurf zur Verhinderung des Be 
trugs mit Margarine. (Belgische Kammer der Abgeordneten, 
7. März 1900.)
        <pb n="148" />
        142 
sind als das Strassenniveau; nur auf einer halsbrecheri 
schen Treppe oder Leiter gelangt man in diese venti 
lationslosen Keller, die sogar am Tage künstlich erleuchtet 
werden müssen, in diese schmierigen Räume, die von 
einer undefinierbaren Moderluft gefüllt sind. Fussboden, 
Decke und Wände werden nur selten oder nie gereinigt, 
die Bedürfnisanstalten starren von Schmutz, haben keine 
Wasserspülung und liegen oft direct im Backraum. Wasch 
gelegenheit fehlt, es giebt keine Taschentücher und keine 
Spucknäpfe, ebensowenig wie Ausgüsse unter der Wasser 
leitung. Die Backtröge dienen als Betten, und in. den 
Backeimern wäscht man Wäsche, mit dem schmutzigen 
Wasser behandelt man sogar das Gebäck. Die Luft wird 
nur selten oder niemals erneuert, besonders im Winter, 
um Heizmaterial zu sparen ; daher kommt eine erstickende 
Atmosphäre, gesättigt mit Wasserdampf, Kohlenrauch, 
Tabakqualm, Gärungserzeugnissen und menschlichem 
Schweissgeruch.“ 
Wir wollen gewiss nicht behaupten, dass es in allen 
Bäckereien so aussieht und dass das ganze Bäckergewerbe 
überall unter solch traurigen Bedingungen wie in Oester 
reich produciert ; aber auf alle Fälle ist doch unbestreitbar, 
dass die Brodfabrication in den grossen Genossenschafts 
bäckereien auf das glücklichste von diesem abscheulichen 
Gemälde absticht.*) Und so zielen denn die Bestrebungen, 
das (Bäckergewerbe zu verstadtlichen oder zu verstaatlichen, 
zum Teil gerade darauf ab, die Vorteile dieser vorbild 
lichen Fabriken zu verallgemeinern. 
Aus Gründen der Hygiene und gleichzeitig, um eine 
beklagenswerte Verschwendung von Zeit und Kräften aus 
der Welt zu schaffen, hat auch der Stadtrat von Glasgow 
*) Von Weichs-Glon: La municipalisation de la 
boulangerie. (Revue d’Economie politique, October-November 
1897). Ferner: Till: L’étatisation de la boulangerie. (Eben 
dort, April 1897.)
        <pb n="149" />
        "H " 
— 143 — 
Untersuchungen über ein bequemes Milchversorgungs 
system anstellen lassen, wobei die Milch vorher durch 
städtische Angestellte analysiert und sterilisiert werden 
soll. Die Urheber dieses Planes weisen in einer Broschüre, 
die den Titel: Die Milchfrau und der Postbote trägt, aus 
drücklich auf die Thatsache hin, dass man, ganz ab 
gesehen von dem hygienischen Vorteile einer communalen 
Milchversorgung, auch die ganze Zeit einsparen würde, 
die heute die Milchhändlerinnen beim Austragen der Milch 
in die Häuser verschwenden: für die Milchverteilung 
reichten einige Angestellte aus, die die Milch von Thür 
zu Thür tragen, gerade so, wie die Briefträger die Briefe 
und Zeitungen verteilen. 
Wir wollen nicht unnötig die Beispiele vermehren 
und stellen deshalb dies fest: es unterliegt keinem Zweifel, 
dass der Staats- oder Gemeindebtrieb, wenn er nicht aus 
schliesslich durch die Rücksicht auf den Profit geleitet 
wird, wenigstens den einen Vorteil hat, dass das Publicum 
mit Producten versorgt wird, deren Reinheit und Echtheit 
von niemanden in Zweifel gestellt werden kann. Die 
Ausdehnung der Socialisierung bringt also einen un 
zweifelhaften Fortschritt in der Moralität der wirtschaft 
lichen Beziehungen mit sich. 
§ 6. 
DasInteressederkommendenGenerationen. 
Neben den unmittelbaren Vorteilen, die das Publicum 
aus der Socialisierung zieht, muss man auch beachten, 
dass der gesellschaftliche Betrieb die Erhaltung und ra 
tionelle Verwendung der Reichtümer des Bodens und des 
Untergrundes in ganz anderer Weise als der capitalistische 
Betrieb garantiert. 
Die Geschichte der belgischen Eisenbergwerke, die 
der Ausbeutung durch ihre Concessionäre ausgeliefert sind, 
ist ein schmerzlich lehrreiches Beispiel, und man kann die
        <pb n="150" />
        144 
herbe Kritik, die wir in der Allgemeinen Bergwerkszeitung*) 
über die Ausbeutung der englischen Kohlengruben finden, 
auch auf andere Länder anwenden : „Während die Kohlen 
bassins Englands so reich sind, dass sie die jetzige Steige 
rung der Ausbeute bis zu 1200 Meter Tiefe noch aüjf 3 Jahr 
hunderte sichern würden, „rahmen“ die Bergwerksbesitzer 
diesen Reichtum in einer solchen Weise ab, dass man in 
50 Jahren nur noch mit einer wesentlich verteuerten Aus 
beutung und infolgedessen auch mit wesentlich höheren 
Kohlenpreisen rechnen kann.“ 
Als die transvaalische Regierung im Anfang des süd- 
africanischen Krieges die Goldminen des Randes im Besitz 
nahm, um sie zum eigenen Vorteil auszubeuten, machten 
ihre Ingenieure ganz ähnliche Erfahrungen : „An vielen 
Orten,“ so schrieb der mit der Direction der Rose deep 
Mine beauftragte Ingenieur Kubale, „hatte ich den Ein 
druck, dass die Minen von den früheren Directoren nur 
abgegrast waren, d. h., dass man nur das stark goldhaltige 
Mineral herausgeschafft hatte, ohne auf eine vernünftige 
Ausbeutung der Minen Bedacht zu nehmen und dem Be 
triebe einen ordentlichen Plan zu Grunde zu legen.“**) 
Die nämliche Unbekümmertheit um die Zukunft sehen 
wir mit noch grösserer Brutalität und mit viel grösserer 
unmittelbarer Gefahr in dem Raubbau, den die meisten 
Waldbesitzer mit ihren Gehölzen betreiben. „Früher oder 
später,“ so lesen wir in dem Blatte der Centralforst 
gesellschaft von Belgien, „laufen die Privatwälder Gefahr, 
verwüstet zu werden oder doch nicht mehr die Rolle zu 
spielen, die ihnen im allgemeinen Interesse zufällt. Der 
Besitzer kümmert sich nicht um die Wirkungen, die die 
Abholzung für das Klima, für die Wasserverhältnisse und 
für die locale Industrie haben kann, er hat nur das eigene 
Interesse im Auge.“***) 
*) Revue Universelle des Mines (Januar 1900). 
**) Economiste français vom 10. März 1900, pag. 305. 
***) La diminution du domaine boisé. (Bulletin de la Société 
forestière, Juli 1896, pag. 507.)
        <pb n="151" />
        Aus diesen Gründen treten alle Forstmänner der Ver 
waltung und der grösste Teil der Nationalökonomen für 
die Erhaltung, Wiederaufforstung und Ausdehnung der 
Staatswaldungen ein; und fast alle diese Ueberlegungen, 
die sie anstellen, kann man, wie bemerkt zu werden ver 
dient, im vollen Umfange auch auf die anderen Reich- 
tümer des Bodens oder des Erdinnem anwenden, die im 
Interesse der kommenden Generationen geschont werden 
müssen. 
§ 7- 
Zusammenfassung und Schlussfolgerungen. 
Die Vorteile, die wir hier geschildert, haben, wenig 
stens in gewissen Industriezweigen, eine so erhebliche Be 
deutung, dass sich die Bewegung im Sinne einer Aus 
dehnung des Staatsbetriebes oder Gemeindebetriebes in 
allen demokratischen Ländern mit immer wachsender 
Macht durchsetzt, und zwar trotz der Vorurteile, der In 
teressengegensätze und selbst der bedeutungsvollen Gründe, 
die man den Betrieben des capitalistischen Staates ent 
gegenhalten kann. 
Selbst die erbittersten Gegner des Collectivismus wer 
den durch die Macht der Umstände gezwungen, dem Col 
lectivismus, ohne es zu wissen, oder ohne es zu wollen, 
Rechnung zu tragen. „Der individualistische Stadtrat,“ 
so sagt Sidney Webb geistreich, „geht auf städtischem 
Pflaster, das durch städtisches Gas erleuchtet und mit 
städtischen Besen, mit städtischem Wasser gereinigt wird. 
Er sieht auf die städtische Uhr der städtischen Markthalle 
und erkennt, dass es noch zu früh ist, um seine Kinder zu 
treffen, die aus der städtischen Schule kommen, einer 
Schule, die neben dem Provinzialwaisenhaus und neben 
dem städtischen Hospital liegt. Er bedient sich deshalb 
des staatlichen Telegraphs, um seinen Kindern mitzu 
teilen, sie ¡möchten nicht in den Stadtpark kommen, sondern 
die städtische Strassenbahn benutzen, um ihn im städti- 
Vandervelde: Die Entwickelung zum Socialismus. 
10
        <pb n="152" />
        146 
sehen Lesesaal der Stadtbibliothek oder dem städtischen 
Museum zu treffen, wo er einige Regierungserlasse an 
schauen will, um sich auf eine Rede vorzubereiten, die er 
demnächst in der Stadthalle zu gunsten der Canalisation 
und der Ausdehnung der Staatscontrole über die Eisen 
bahnen zu halten gedenkt.“ 
Wir erklären schon hier ausdrücklich und werden 
den Beweis dafür noch liefern, dass sich dieser frag 
mentarische Collectivismus, diese Verstadtlichung oder 
Verstaatlichung der öffentlichen Dienste unter der Herr 
schaft des capitalistischen Staates sehr wesentlich und tief 
von dem eigentlichen Collectivismus unterscheidet und 
dass seine Ausdehnung in einzelnen Industriezweigen mehr 
Nachteile als Vorteile mit sich bringen würde. 
Bisher haben wir nur von den Vorteilen gesprochen, 
die im allgemeinen auf eine einzige Ursache zurückgeführt 
werden können: die öffentliche Verwaltung, die nicht von 
der für die capitalistische Ausbeutung charakteristischen 
Profitwut beherrscht wird, nimmt mehr Rücksicht auf das 
Allgemeininteresse und ist eher geneigt, anderen Erwä 
gungen als denen der blossen Plusmacherei Rechnung 
zu tragen. 
Es versteht sich ganz von selbst, dass die fest ange- 
stellten Beamten, die an dem Profite einer Unternehmung 
gar nicht interessiert sind, nicht dieselben Gründe, wie die 
auf der Jagd nach dem Vermögen befindlichen Privat 
unternehmer, haben, um die Löhne zu drücken, die Ar 
beitszeit auszudehnen, die Consumcnten auszubeuten, die 
Producte zu verfälschen oder die natürlichen Reichtümer, 
die den Gemeinbesitz der Generation bilden, zu verschwen 
den. Aber anderenteils, und das ist die Kehrseite der 
Medaille, muss der Bureaukratismus und die Interesse 
losigkeit, die financielle Unabhängigkeit von dem Ge 
deihen der Unternehmungen, einen ungünstigen Einfluss 
auf die Initiative und die Energie der Productionsleiter 
ausüben, und zwar in einem Gesellschaftszustande, wo
        <pb n="153" />
        V 
— 147 — 
10* 
alles dazu beiträgt, die Bedeutung der altruistischen 
Facturen zu mindern. 
Die productive Ueberlegenheit der Vereinheitlichung 
der Unternehmungen, der Socialisierung der Arbeit, wird 
teilweise wett gemacht durch die Interesselosigkeit, den 
Geist der Routine, die vielen Schreibereien, die verschwen 
derischen Angewohnheiten, die Vernachlässigung der 
Wünsche des Publicums, die man mit gar zu vielem 
Recht der modernen Bureaukratie vorwirft. Und wenn 
man auf den Betrieb städtischer Unternehmungen in 
manchen demokratischen Gemeinden mit Recht als auf 
Musterbetriebe hinweisen kann, so beschränkt sich das, was 
man zu gunsten der meisten Staatsbetriebe sagen kann, 
darauf, dass die Vorteile der Verstaatlichung nicht von 
den Nachteilen in Hinsicht auf die Production übertroffen 
werden, jener Nachteile, die ähnlich auch bei den grossen 
Privatgesellschaften Vorkommen. 
Wie dem auch immer sei, so kann man doch nicht oft 
genug darauf hinweisen, dass es ein grober Fehler ist, 
wenn man den Collectivismus einfach als eine Weiter 
ausdehnung der heutigen Staatsbetriebe betrachtet. So 
lange die sociale Herrschaft der Bourgeosie andauert, so 
lange bleiben die öffentlichen Unternehmungen in der 
That notwendigerweise capitalistische Unternehmungen, 
die durch den Staat als Unternehmer betrieben werden, 
wenn nicht ausschliesslich im Interesse der herrschenden 
Classe, so doch unter weitgehender Berücksichtigung 
dieser Interessen.
        <pb n="154" />
        ID. Capitel. 
Die Verwaltungsfragen. 
„Wenn jedermann Beamter sein wird, dann wird es 
keine Beamten mehr geben.“ 
Jean Jaurès. 
Obschon alle socialistischen Theoretiker hundertmal 
dagegen protestiert haben, so beharren doch die Gegner 
des Socialismus bei der Behauptung, der Collectivismus 
hätte zur Formel: Alles verstaatlichen! 
Eine solche Formel aufstellen heisst offenbar mit der 
doppelten Anwendung des Wortes Staat spielen und der 
Zweideutigkeit Thür und Thor öffnen. 
Im weiten Sinne des Wortes kann Staat jede wie 
immer beschaffene sociale Ordnung bedeuten; aber es 
kann damit auch der Pickelhaubenstaat, der Polizei- und 
Bureaukratenstaat gemeint sein, das Herrschaftsinstru 
ment, das wesentlich dazu dient, die Gesamtheit der In 
teressen der besitzenden Classe zu schützen. 
Durch eine unglaubliche Entstellung der socialisti 
schen Lehre kommt man zu der Behauptung, dass es 
dieser Zuchthausstaat, dieser Staat in seiner heutigen Form 
sei, dem wir die Leitung aller Unternehmungen, das 
Monopol aller Industrieen, die oberste Entscheidung über 
alle Zweige der Production und des Austausches über 
tragen wollten. 
Wenn es sich wirklich so verhielte, dann hätte der 
Socialismus keine schärferen Gegner als die Socialisten 
selbst.
        <pb n="155" />
        Wir sind die ersten, die anerkennen, dass ein solcher 
Staat, sowohl für die persönliche Freiheit, als auch für 
die Productivität der gesellschaftlichen Arbeit die schwer 
sten Gefahren mit sich brächte. Was man nur vergisst 
oder was man zu vergessen heuchelt, ist der wesentliche 
Umstand, dass der Socialismus mit der Vergesellschaft- 
lichung des Eigentums zugleich eine von der heute ihrem 
Wesen nach verschiedene Organisation der Arbeit er 
strebt. 
Damit aber diese socialistische Organisation der Arbeit 
eingeführt werden kann, müssen eine Reihe von Um 
formungen nicht nur auf moralischem und intellectuellem, 
sondern auch auf politisch-socialem Gebiete vorausgehen : 
vor allen Dingen die Eroberung der politischen Macht 
durch das organisierte Proletariat, die Trennung von 
Staatswirtschaft und Volkswirtschaft, die Decentralisierung 
der gesellschaftlichen Unternehmungen, die heute gerade 
durch eine weit getriebene Centralisation gekennzeichnet 
werden. 
Die Eroberungder politischen Macht durch 
das Proletariat. 
Der grundlegende Unterschied zwischen dem Betriebe 
grosser Gesellschaften und den Staats- oder Gemeinde 
betrieben oder dem Betriebe anderer öffentlicher Institu 
tionen liegt in der Bildung des leitenden Willens. 
Im ersten Falle entspringt er der Versammlung der 
Actionäre und bethätigt sich consequenterweise aus 
schliesslich in deren Privatinteresse. 
Im zweiten Falle entspringt er dagegen, wenigstens 
theoretisch, der Allgemeinheit der Bürger, die den Staat 
oder die Gemeinde bilden und bethätigt sich deshalb in 
dem Masse, in dem die Bürger thatsächlich an der Hand 
habung der Macht beteiligt sind, im allgemeinen Interesse.
        <pb n="156" />
        150 
Aber es 'braucht gar nicht gesagt zu werden, dass, wenn 
die Macht in den Händen eines absoluten Monarchen oder 
einer herrschenden Oligarchie ruht, der Betrieb der öffent 
lichen Dienste dem allgemeinen Interesse, dem Interesse 
der grössten Masse, gerade entgegenlaufen und ausschliess 
lich, sei es dem Souverän, sei es der herrschenden Classe, 
dienen kann. Daher kommt es sehr häufig, dass sich in 
einem monarchisch-militairischen Staate die Socialisten 
selbst mit der grössten Energie gegen gewisse Ausdeh 
nungen des Staatsbetriebes aussprechen. 
So standen z. B. die deutschen Socialdemokraten in 
der ersten Reihe der Opposition gegen das von Bismarck 
vorgeschlagene Tabakmonopol, gegen den Antrag Kanitz 
über die Verstaatlichung des Getreidehandels und noch 
zuletzt gegen die Vorschläge der Agrarier, die darauf 
abzielten, die Reichsbank in eine Staatsbank umzuformen. 
Schoenlank führte im Februar 1899 im Reichstage mit 
Recht aus, dass die Gründung einer Staatsbank heute 
nur den Junkern Waffen in die Hände liefere und ihre 
Wucherpläne fördere, was die Fortschritte der modernen 
Production auf das Schwerste bedrohen Messe.*) 
Ebenso erklärt sich Karl Kautsky in seinem Buche 
über die Agrarfrage entschieden gegen die bürgerlichen 
Bodenreformpläne; die Verstaatlichung des Bodens würde 
in der That in einer absolutistischen Monarchie wie 
Deutschland nur die Zahl der vom Staate abhängigen 
Pächter vermehren und dem Staate selbst Hilfsmittel zur 
Fabrication von Kanonen, zum Bau von Festungen, zur 
Construction von Panzerschiffen verschaffen, ihm mit 
einem Wort die Möglichkeit geben, enorme Summen ohne 
*) Stenographische Berichte über die Verhandlungen des 
Reichstags vom 8. Februar 1899, pag. 725 ff. Diese Rede 
ist wiedergegeben worden in de Greef: Le crédit commercial 
et la banque nationale de Belgique (Brüssel, Mayolez, 1899), 
pag. 159.
        <pb n="157" />
        Controle des Reichstages für unproductive Zwecke aus 
zugeben.*) 
Wenn das Collectiveigentum zum Nutzen für die An 
gehörigen eines Staates ausschlagen soll, so ist, kurz ge 
sagt, die notwendige Voraussetzung, dass der Staat in 
den Händen des Volkes selbst ist.**) 
Und wenn wirklich in den mehr oder weniger demo 
kratischen Staaten das Proletariat heute schon einen 
solchen Einfluss ausübt, dass in der Ausbeutung gewisser 
Staatsmonopole das sociale Interesse überwiegt, so kann 
doch das, was heute eine Ausnahme ist, nur zur Regel 
werden, an dem Tage, wo die vollständige Eroberung der 
politischen Macht die entgiltige politische Befreiung der 
Arbeiterclasse besiegeln wird. 
Aber so tiefgreifend auch diese Umformung der Macht 
verhältnisse sein mag, so würde sie allein nicht zur Auf 
hebung der vielen Schäden ausreichen, die wir in den 
Betrieben des Staates in seiner heutigen Form vor uns 
sehen. 
Die meisten dieser Nachteile entspringen thatsächlich 
der zu weit getriebenen Centralisation und der fast überall 
existierenden Vermischung der Verwaltungsfunctionen des 
Staates und seiner ökonomischen Functionen oder — 
wie Schäffle das nennt — der Staatswirtschaft und Volks 
wirtschaft oder — wie Saint-Simon mit einem treffenden 
Ausdrucke sagt — der Regierung der Menschen und der 
Verwaltung der Dinge. 
§ 2. 
Staats Wirtschaft und Volkswirtschaft. 
Der moderne Staat ist kein Individuum, sondern eine 
complicierte, vielformige und verschieden zusammenge- 
*) Kautsky: Die Agrarfrage, pag. 321 ff. 
**) Kautsky: Das Erfurter Programm, pag. 129 ff. 
(Stuttgart, 1892).
        <pb n="158" />
        — 152 — 
setzte Menge von Menschen, die die allerverschiedensten 
Functionen ausüben. 
Wir finden in ihm, einander entgegengesetzt, krie 
gerische, jahrhundertealte Formationen und moderne in 
dustrielle Formationen. 
Repräsentiert durch seine Minister ist der heutige 
Staat zu gleicher Zeit General, Grosskanzler der Uni 
versitäten, oberste Spitze der Verwaltung, Vorsitzender 
der Polizei, und auf der anderen Seite Leiter der Post, 
der Telegraphen, der Telephone, der Eisenbahnen, 
Brücken- und Wegebauer, Gewerbe- und Bergwerks-In 
spector, Beschützer der Landwirtschaft, Geldfabrikant und 
anderes. 
„In Frankreich,“ so sagt E. de Laveleye, „verfügen 
die Minister zusammen über eine Summe von 3 Mil 
liarden, die die Grundsteuer bringt, ferner controlieren 
sie das Budget der Gemeinden, der Departements und 
der Wohlthätigkeitsanstalten, das ebenfalls eine gute Mil 
liarde ausmacht. Sie unterhalten, regeln und inspicieren 
die öffentlichen Schulen aller Art und auf allen Stufen; 
sie ernennen die Bischöfe und zahlen mit der einen Hand 
das Gehalt der Pfarrer, mit der anderen Hand das der 
kurzgeschürzten Tänzerinnen, die in der Grossen Oper 
ihre Reize zur Schau stellen; sie unterhalten die Institute, 
die Akademieen und die Observatorien u. s. w; sie be 
stimmen, wie viele Hektar mit Tabak bepflanzt werden 
sollen, wie viele Pflanzen auf jeden Hektar kommen sollen 
und wieviel Blätter jede Pflanze tragen soll, ja, sie er 
nennen besondere Inspectoren, die diese Blätter nach 
zählen müssen; sie verkaufen dieses Verdummungsmittel 
in den privilegierten Läden, deren unzählige und über 
das ganze Land verbreiteten Inhaber sie ernennen; sie 
vermitteln den Brief-, Telegramm- und Zeitungsverkehr, 
der wieder eine ganze Legion von Angestellten erfordert; 
sie bauen Wege und Eisenbaimen, schlagen Brücken und 
graben Kanäle; sie beuten die Staatswälder aus, lassen
        <pb n="159" />
        die Berge wieder aufforsten und überwachen die Wälder 
der Privatpersonen ; sie fabricieren Porcellan in Sèvres 
und Teppiche in Gobelin ; durch die Zölle, die Gefälle 
und die an begünstigte Industrieen gezahlten Prämien 
bestimmen sie die Arbeitsteilung in allen Zweigen der 
Production.“*) 
Und zur höchsten Leitung aller dieser vielen Dienste, 
die thatsächlich von sachkundigen, aber unverantwort 
lichen Beamten dirigiert werden, wählt man eine gewisse 
Zahl von verantwortlichen, aber nicht sachkundigen 
Politikern. 
Während die Leitung der privaten Eisenbahngesell 
schaften ein Lebensberuf ist, und während eigentlich selbst 
verständlich wäre, an die Spitze der Staatseisenbahnen 
Ingenieure, Techniker, kurzum Fachmänner zu setzen, die 
der Politik fern stehen, macht man es in der That so, dass 
man in irgend einer Provinz Advocaten, Politiker aussucht, 
die keinen anderen Anspruch auf die Leitung der Staats 
maschine haben, als etwa die Dienste, die sie ihrer Partei 
leisteten. 
Derselbe Minister lenkt manchmal, wie es z. B. in 
Belgien bei Vandenpeereboom der Fall war, die Eisen 
bahnen und den Staatskarren. 
Wenn er eine politische Niederlage erleidet, dann ver 
zichtet er gleichzeitig auch auf seine technische Function ; 
aber gerade diese Vermischung, diese Unzuständigkeit und 
Unstetigkeit der Minister, dieses Ragout von wider 
sprechenden und unvereinbaren Functionen liefert den 
liberalen [Nationalökonomen den besten ihrer Gründe gegen 
dön Socialismus. 
Ganz nach dem beliebten Beispiel der Spartaner mit 
dem betrunkenen Heloten verweist man uns auf den 
Bourgeoisstaat mit seinem bureaukratischen Parasitismus, 
seiner überstiegenen Centralisation, seiner chicanösen 
*) De Laveleye in der Revue des Deux Mondes vom 
15. December 1882.
        <pb n="160" />
        % 
154 
Reglementiererei, seiner verschwenderischen Verwaltung 
und ruft uns dann zu: Das ist also) die Ordnung, die Ihr 
verallgemeinern wollt! In Wirklichkeit ist das gerade 
Gegenteil wahr. 
Der Collectivismus besteht nicht allein in der Ver 
gesellschaftung der Productions- und Austauschmittel. Er 
erstrebt unter anderem auch die Differenzierung des 
politischen Staates, der ein Organ der Verwaltung ist, 
und des industriellen Staates, der als Banquier, Trans 
portunternehmer u. s. w. ein Organ des wirtschaftlichen 
Lebens der Gesellschaft ist. 
Wir sagen Differenzierung, nicht Trennung, denn 
wenn auch die industriellen Dienste, die ökonomischen 
Organe, eine selbständige Existenz führen sollen, die zu 
ihrer guten Leitung unbedingt notwendig ist, so können 
sie doch nicht vom Staate losgelöst werden, insofern dieser 
der Träger des Gesamtwillens ist. 
Die gesetzgeberische Thätigkeit, die sich jetzt in der 
Beschränkung der Arbeitszeit und der Arbeiterver 
sicherung, in dem Schutze der Arbeiter gegen den Miss 
brauch der Unternehmergewalt zeigt, würde natürlich nicht 
aufhören, wenn die Unternehmungen öffentlichen Charak 
ters wären. Aber in dem Masse, wie sich die Socialisierung 
ausdehnen wird, wird auch die Notwendigkeit einer 
Differenzierung der politischen und ökonomischen Func 
tionen des Staates deutlicher werden ; diese Differenzierung 
wird ebenso tiefgreifend sein, wie diejenige, die in dem 
Organismus des Einzelmenschen zwischen der Ernährung, 
der Verdauung, der Blutcirculation auf der einen Seite, 
und den Functionen des Nervensystems und des Gehirns 
auf der anderen Seite bestehen. 
Uebrigens zeigt sich die Tendenz dazu ohne alle plan- 
mässige Gestaltung heute schon in allen Ländern unter 
dem Druck der Verhältnisse. Ueberall fordert und ver 
wirklicht man in der That eine mehr oder weniger durch 
greifende Scheidung der Politik und der Verwaltung.
        <pb n="161" />
        Im Jahre 1898 beklagte sich z. B. die Vereinigung 
der Industrie- und Handelsgesellschaften in Belgien, ob 
mit Recht oder mit Unrecht, das mag dahingestellt bleiben, 
über gewisse Missstände in den Eisenbahntarifen und 
sagte, „dass diese Missstände so lange andauern werden, 
wie die Eisenbahnen vom Staat betrieben und von einem 
Politiker geleitet werden, der immer allen möglichen Bitten 
und Drängen ausgesetzt sei.“ Sie forderte deshalb, „die 
Bildung eines Tarif rates, zusammengesetzt aus Eisenbahn 
fachmännern, Parlamentsmitgliedern und Vertretern des 
belgischen Handels und der Industrie, den der Minister 
zu hören verpflichtet sein soll, bevor er neue Tarife erlässt 
oder die alten abändert.“ 
Ein ähnlicher Vorschlag bildet Gegenstand parlamen 
tarischer Verhandlungen in Frankreich. 
Unlängst sprach sich Leroy-Beaulieu in den Artikeln, 
die er über die „Postanarchie“ in Frankreich veröffentlicht 
hat, — einer Anarchie, die er übrigens erheblich über 
trieben zu haben scheint, — ebenfalls für Trennung des 
eigentlichen Staates von dem Staate als Leiter des Bahn 
wesens aus. „Man kann sich fragen,“ so sagt er, „ob man 
gut beraten war, als man den Postdienst „parlamentari 
sche“, d. h. einen Unterstaatssecretär, einen Abgeordneten 
oder Senator an seine Spitze stellte. Die Verwaltung der 
Post hat absolut nichts mit der Politik zu thun ; sie kann 
nur von einem Manne geleitet werden, der sich in einer 
Reihe von Dienstjahren eine gewisse technische Competenz 
erworben hat. Warum stellt man also eine lediglich decora 
tive, notwendigerweise sachunkundige und laienhafte Per 
son an die Spitze?“*) 
Und warum denn, so können wir, diese ganz richtigen 
Bemerkungen verallgemeinernd, fragen, stellt man der 
artige Personen an die Spitze der anderen öffentlichen 
Dienste, besonders der Transportanstalten, die mehr und 
*) Economiste français vom 13. Januar 1900.
        <pb n="162" />
        w 
— 156 — 
mehr zum Staatsmonopol werden ? Warum ahmt man 
nicht das Beispiel der schweizerischen Regierung nach, 
die sowohl in einem Project für die Errichtung einer 
Nationalbank, ßlsiauch in dem Gesetz^über die Organisation 
der 1898 zurückgekauften Eisenbahnen sorgsam eine 
trennende Schranke zwischen der Politik und der Leitung 
der Staatsbetriebe aufgerichtet hat ? 
Die Verwaltung der schweizerischen Eisenbahnen steht 
in der That der politischen Centralgewalt vollständig unab 
hängig gegenüber. Die Mitglieder des Directionsrates 
werden zum Teil vom Bundesrat, zum Teil vom Nationalrat 
und zum Teil von den verschiedenen Cantonen ernannt. 
Ihre Functionen sind unvereinbar mit politischen und 
administrativen Functionen. Sie sind unpolitische Berufs 
männer, anstatt berufsmässige Politiker zu sein.*) 
Dasselbe System der Selbständigkeit in der Verwal 
tung hat in den meisten englischen Colonicen Australiens 
bei den Eisenbahnen,**) in den Vereinigten Staaten bei 
den Arbeitsämtern und dem öffentlichen Unterricht,***) 
in Belgien bei der Sparcasse und den communalen Credit-' 
anstalten — Staatsinstituten, aber mit dem Rechte von 
juristischen Personen ausgestattet und von den reinen 
Staatsanstalten unterschieden —, in England auf dem Ge 
biete der Stadtverwaltung, bei den Schulämtern, den Ge 
sundheitsräten u. s. w., u s. w.,f) ausgezeichnete Erfolge 
gehabt. 
Wenn man dieses System auf alle öffentlichen Dienste 
ausdehnen würde, dann würde man auch eine Unzahl von 
Missständen abschaffen, die aus der Unzuständigkeit und 
*) Botschaft des Bunderraths vom 25. März 1897. Capitel V 
Organisation der Staatsbahnen, pag. 141—154. 
**) W. M. Acworth: Governement railways in a democratic 
state. (Economie journal, December 1892.) 
***) De Laveleye: Le gouvernement dans la démocratie. 
(Paris, Alcan, 1891) II, pag. 121. 
f) Vauthier: Le gouvernement local de l’Angleterre, 
(Paris, Rousseau, 1895) Cap. VII u. IX.
        <pb n="163" />
        157 
der Unstetigkeit der Ministerien und aus den missbräuch 
lichen Eingriffen der Staatsgewalt in das Gebiet der Pro 
duction entstehen. Aber für sich allein würde diese Re 
form durchaus ungenügend sein: sie könnte den organi 
schen Fehlern, dße der heutigen Form der Staatsver 
waltungen anhaften, nicht abhelfen. 
§ 3- 
Die Decentralisation der gesellschaft 
lichen Unternehmungen. 
Das Kennzeichen des heutigen Systems sowohl in der 
Verwaltung als in der Politik ist die auf den Gipfel 
getriebene Centralisation. 
In jedem Verwaltungszweige herrscht von unten bis 
oben ein System der Controle, das mehr auf den Beschluss 
als auf die Ausführung achtet, die Initiative vermindert 
und das Verantwortlichkeitsgefühl unterdrückt. Bei den 
belgischen Staatsbahnen — und was von Belgien gilt, 
das gilt ebenso von anderen Ländern — kann z. B. ein 
Betriebsingenieur unter keinen Umständen die Art oder 
das System des Dienstes, der ihm direct unterstellt ist, 
ohne die Genehmigung seines Chefs abändern ; dieser Chef 
muss hinwiederum die Erlaubnis von der Direction haben, 
die selbst in den meisten Fällen noch die Billigung des 
Verwaltungsrates einzuholen hat. 
Kurz, jede Initiative muss erst drei Instanzen durch 
laufen, bei denen sie natürlich in vielen Fälllen auf das 
Hindernis der Routine, der Unwissenheit oder der Feind 
seligkeit stösst. Ein Mann von starker Willenskraft wird 
seinen Plänen vielleicht den Sieg verschaffen ; aber da 
solche Leute die Ausnahme bilden, so gelangt die Initiative 
thatsächlich selten an ihr Ziel und wird häufig in kurzer 
Zeit ganz unterdrückt. Auf der anderen Seite hat dieser 
Instanzenzug — dessen Zweck darin besteht, alles der
        <pb n="164" />
        Centralinstanz zuzuführen — die Unterdrückung des Ver 
antwortlichkeitsgefühls zur notwendigen Folge. Da der 
Minister in der Regel nichts von der Sache versteht, so 
liegt die Controle der Verwaltung zumeist in den Händen 
des Verwaltungsrates, der eine Art Repräsentation der 
Allgemeinheit bildet. 
Aber an wen soll er sich halten, wenn irgend eine 
Massregel schlecht war? An die Direction? Unmöglich! 
Weil die Direction nichts bestimmt und nichts zu bestim 
men hat ohne die Bewilligung des Rates. Und Direction, 
Betriebschef, Ingenieur, keiner von allen diesen fühlt sich 
versucht, diese Controle im öffentlichen Interesse vorzu 
nehmen, weil ja keine Massregel ergriffen worden ist, ohne 
dass von vornherein die Verantwortlichkeit aller dabei 
engagiert gewesen wäre. 
Dieses System hat so tief Wurzeln geschlagen, dass 
die Controle in den öffentlichen Verwaltungen nicht mehr 
vom wirtschaftlichen, sondern nur noch vom formalisti 
schen Standpunct aps vorgenommen wird. Die grosse 
Frage ist, zu wissen, ob die Genehmigung in dem hierarchi 
schen Instanzenzug richtig eingeholt und erteilt worden ist. 
Die Kosten des Ergebnisses spielen dabei gar keine Rolle. 
Kein Werkstattdirector, kein Betriebsdirector, kein Ver- 
waltungsdirector macht eine genaue wirtschaftliche Auf 
stellung. Die Berichte des Eisenbahnministers beweisen 
das ebenso klar, wie die Antworten, die auf die Anfragen 
in der Kammer erteilt werden. Die wenigen Zahlen, die 
man mitteilt und die man nur mitteilen kann, sind runde 
Zahlen, die lediglich Budgetzwecken dienen. 
An Stelle eines solchen Systems müsste das System 
der Decentralisation, d. h. das System der Selbständigkeit 
und Verantwortlichkeit gesetzt werden; nichts würde einer 
solchen Reform heute schon im Wege stehen, und sie 
wäre eine ausgezeichnete Vorbereitung für die förderalisti- 
sche Organisation, die die heutige ablösen wird. 
Die Bourgeoisie versteht übrigens das von uns
        <pb n="165" />
        angestrebte System in seiner ganzen Ausdehnung aus 
gezeichnet anzuwenden, wann und wo seine directen Inter 
essen im Spiele sind. In vielen industriellen Gesellschaften 
ist in Fragen der Technik und des Umsatzes der Director 
vollständig unabhängig vom Aufsichtsrat. Als Repräsen 
tant der Actionäre controliert der Aufsichtsrat vor allen 
Dingen die Resultate ; er greift aber nicht in die Ent 
scheidungen und Ausführungen ein, ausser in Fällen, wo 
das auf dem Spiele stehende Interesse sehr bedeutend 
ist oder wo man für angebracht hält, eine vorherige 
Controle auszuüben. 
Je umfangreicher eine solche Gesellschaft ist, umso 
strenger ist das Princip der Decentralisation durchgeführt. 
In den Cockerillschen Werken zu Seraing giebt es z. B. 
einen Director für die Kohlenbergwerke, einen für die 
Hochöfen und Walzwerke, einen für die Stahl Werkstätten, 
einen für die Constructionen, einen für den Vertrieb; und 
obschon sich alle ihre Werkstätten, Hochöfen, Lager an 
demselben Orte befinden, obschon sie alle mit dem Gelde 
und für den Geldbeutel derselben Actionäre arbeiten, so 
ist doch ein jeder vollkommen unabhängig von dem 
andern. Das Walzeisen, das der Director der Hochöfen 
und Walzwerke hergestellt hat, wandert nicht notwendiger 
weise in die Werkstätten des Directors der Constructionen. 
Wenn der erste teurer verkaufen oder der zweite billiger 
auswärts einkaufen kann, dann exportiert der Director 
der Hochöfen, und sein College importiert nach dem Werke. 
Ebenso geschieht es mit den Producten der Kohlenberg 
werke und der Stahlfabrication. 
Ein ähnliches System findet sich bei den Eisenbahn 
gesellschaften. Bei der französischen Nordbahn besorgt 
z. B. der Locomotivendienst die Zugkraft für den Be 
triebsdienst und stellt diesem die Locomotivstunden, die 
er geleistet hat, in Rechnung. Der Director des Locomotiv- 
wesens ist seiner Gesellschaft für die Kosten der Unter-
        <pb n="166" />
        haltung der Locomotiven verantwortlich und der Betriebs- 
director für die Kosten der Beförderung der Züge.*) 
Bei den Staatsbahnen existiert etwas derartiges nicht, 
schon deshalb nicht, weil in der heutigen Organisation 
des Staates alles von der Vorstellung ausgeht, er sei 
allmächtig und allwissend. 
(Jul die Vorteile der Unabhängigkeit der öffentlichen 
Dienste von der eigentlichen Staatsgewalt zu vervollstän 
digen, müsste man also jedem dieser Dienste eine decen- 
tralisierte Organisation geben ; die Competenzen müssten 
genau abgegrenzt, der eigenen Bewegung des Räderwerkes 
aber möglichst freier Spielraum gelassen werden. Unter 
diesen Umständen würde die Verantwortlichkeit des ein 
zelnen nicht unbestimmt und schwankend sein, sondern 
thatsächlich und leicht festzustellen ; die persönliche 
Initiative würde ermutigt ; die Organisation der Staats 
betriebe würde jene Leichtigkeit und Freiheit erlangen, 
die ihr heute vollkommen abgehen: indem man alle Vor 
teile der Verstaatlichung bewahrte, würde man zugleich 
auch die organisatorische Ueberlegenheit der grossen 
Gesellschaften erwerben. 
§ 4- 
Der Zukunftsstaat. 
Diè unmittelbaren Reformen, die ausgeführt werden 
können, um die Vorteile des Staatsbetriebes öffentlicher 
Dienste zu mehren und die Nachteile zu mindern, sind 
offenbar nur der Anfang und Ausgangspunct für viel 
tiefergreifende Umwandlungen in der heutigen Organi 
sation des Staates. 
Ob friedlich oder revolutionär, ob durch eine Reihe 
unmerklicher Veränderungen oder durch mehr oder 
weniger gewaltsame Ausschaltungen, — die Regierungs 
functionen des Staates werden immer mehr abnehmen, 
*) Mitteilung des Rédacteurs Lux vom Brüsseler Peuple,
        <pb n="167" />
        — 161 — 
während seine Verwaltungsfunctionen eine immer grössere 
Bedeutung erlangen. 
Der Gegensatz zwischen Staatswirtschaft und Volks 
wirtschaft ist im Grunde genommen nichts anderes, als 
der Reflex des Gegensatzes zwischen der militairischen 
und der industriellen Structur der Gesellschaft. Und wenn 
man den Dingen auf den Grund geht, so kann man wohl 
sagen, dass trotz der unvermeidlichen, vorübergehenden 
und teilweisen Rückschläge die Eroberung der politischen 
Macht durch das Proletariat, die Entwickelung seiner inter 
nationalen Organisation, die mehr oder weniger rasch und 
vollständig durchgeführte Ersetzung des capitalistischen 
durch das collective Eigentum eine Verminderung der 
Kriegsursachen zwischen den Menschen und den Nationen 
zur Folge haben werden und infolgedessen auch eine 
zunehmende Verminderung der Bedeutung aller auf den 
Zwang gegründeten Staatseinrichtungen. 
Aber zu gleicher Zeit wächst die Bedeutung der decen- 
tralisierten und verselbständigten Verwaltungseinrich 
tungen, deren Zweck die Verwirklichung der socialen 
Solidarität und der Betrieb der immer weiter ausgreifen 
den Staatseinrichtungen im öffentlichen Interesse ist. 
Wenn man diese beiden Tendenzen m die Zukunft 
hinein fortgesetzt denkt, dann stösst man auf ein System, 
dass auf der freiwilligen Zusammenarbeit begründet ist 
und in dem, wie Engels meint, die Staatsmaschinerie neben 
dem Spinnrocken und dem Broncebeil im Altertumsmuseum 
seinen Platz finden wird; an Stelle des heutigen Staats 
tritt eine staatliche Verwaltung, die nichts anderes ist, 
als der Inbegriff der Functionen und Organe, die darauf 
abzielen, die grösstmögliche Production und die gerechteste 
Verteilung der Reichtümer zu sichern. 
Das ist die gemeinsame Anschauung aller grossen Theo 
retiker des Socialismus, vom Anarchisten Proudhom bis 
zu seinen feindlichen Brüdern aus der marxistischen 
Schule, von den Anhängern Saint - Simons bis zu den 
Vandervelde: Die Entwickelung zum Socialismus. 11
        <pb n="168" />
        Schülern Fouriers.*) Sie alle könnten in diesem Puñete 
die Schlussfolgerungen annehmen, die Considérant bei der 
Auseinandersetzung ' seiner phalansterischen Lehre in 
seinem Buche Destinée sociale (Das Schicksal der Gesell 
schaft) gezogen hat : „Wenn die Staaten so umgewandelt 
worden sind, in den verschiedenen hierarchischen Stufen 
die Bewegungen des Handels und des Geldmarkts regeln, 
und die äusseren industriellen Beziehungen der verschie 
denen Bevölkerungscentren leiten, dann sind sie nur noch 
Geschäftsträger, ernannt von den mehr oder weniger zahl 
reichen Associationen und getragen von dem Vertrauen 
derjenigen, die sie gewählt haben. Es giebt keine Macht 
mehr, die über eine Armee, eine Gendarmerie oder Polizei 
verfügen könnte; Despotismus und Usurpation sind un 
möglich — die die Völker immer zu fürchten haben, so 
lange sie genötigt sein werden, Säbel zu fabricieren.“ 
*) Proudhon:-Du principe fédératif, (Paris, 1863) Erster Teil, 
Cap. XI und Capacité politique des classes ouvrières, (Paris, 1865). 
2. Teil. Cap. XV. Engels: Der Ursprung der Familie, des 
Privateigentums und des Staates, Cap. IX gegen Schluss. Doc 
trine de Saint-Simon: Exposition, 1828—29. 7. Vorlesung. 
(Paris, 1830), Considérant: Destinée sociale (Paris 1834, 1838).
        <pb n="169" />
        11 
IV. Capitel. 
Die Regeln der Verteilung. 
„Die Sache ist ... die, dass mit der Beschränkung des 
Individualismus durch Communismus die Gesellschaft über 
haupt erst beginnt, dass deren Wesen gerade der Commu 
nismus ist, dass endlich der geschichtliche Verlauf in nichts 
als der Verallgemeinerung des Communismus be 
steht.“ 
Carl Rodbertus. 
Wir haben auseinandergesetzt, dass die Organisation 
der Arbeit in der socialistischen Wirtschaftsordnung viel 
mehr von der Organisation der Staatsmonopole abweichen 
werde, als diese von der Organisation capitalistischer 
Privatunternehmungen differieren. Aber wir müssen noch 
länger bei der tiefen, wesentlichen Veränderung — ein 
Fourierist würde sagen: der Veränderung, um die sich 
alles dreht, — verweilen, die die Vergesellschaftung der 
Productionsmittel sowohl in Hinsicht auf die Production 
als auch auf die Verteilung mit sich bringen würde. 
Was, wie wir schon auseinandergesetzt haben, das 
capitalistische System besonders kennzeichnet, ist die 
Production von Waren, von Tauschwerten in der Absicht, 
Profite zu erzielen. Unter der Herrschaft des Privateigen 
tums arbeitet man, wie Rodbertus ausführt, niemals für 
den natürlichen und gesellschaftlichen Bedarf. Man 
arbeitet für den Markt, für die Nachfrage, die sich in 
Geldofferten umsetzt. Grosse Notstände können existieren;
        <pb n="170" />
        wenn die Notleidenden keine Tauschwerte zur Verfügung 
haben, wird nichts gethan werden, um sie zu beheben. Ge 
sellschaftliche Arbeit wird nur zum Profit der Besitzenden 
geleistet. Wenn wir nun annehmen, dass das Eigentum 
Gemeineigentum wird, dann wird die gesellschaftliche 
Arbeit zum Nutzen der Gemeineigentümer geleistet werden. 
Anstatt Profite zu schaffen, wird man zur Befriedi 
gung von Bedürfnissen producieren. Anstatt un 
nütze oder überflüssige Dinge zu fabricieren, während 
Tausende von Arbeitern Plunger leiden, wird man zunächst 
das Dringendste besorgen; man wird zunächst erst ein 
mal für Nahrung, Hausung, Kleidung und Unterricht 
sorgen, ehe man den Kräfteüberschuss für feinere Arbeiten 
verwendet. Kurz, mit einer anscheinenden Rück 
kehr zu primitiven Formen wird die Production für den 
Tausch der Production von Gebrauchswerten Platz machen, 
nun aber für die Gesellschaft, und nicht mehr, wie 
früher, für die Hausgemeinschaft. 
Von der Bedeutung dieser Wandlung, dieser Revo 
lution, kann man sich in einem gewissen Umfange — 
si parva licet componere magnis — ein praktisches Bild 
machen, wenn man die Organisation einer capitalistischen 
Actiengesellschaft mit der einer socialistischen Genossen 
schaft, etwa des Vooruit in Gent oder der Maison du 
Peuple in Brüssel vergleicht. 
Die Actiengesellschaft arbeitet in der That für den 
nationalen oder internationalen Markt ; sie produciert 
Tauschwerte mit der einzigen Absicht — für die be 
schränkte Gesamtheit ihrer Actionäre — die ergiebigste 
Profitquelle zu erschliessen. 
Man verallgemeinere diesen Associationstypus mit 
seinen Actionären ohne Arbeit und seinen Arbeitern ohne 
Actien, und man hat die Organisation der capitalistischen 
Gesellschaft. 
Die Genossenschaft — deren Ideal wäre, alle ihre 
Mitglieder bei der Production ihrer Bedarfsgegenstände
        <pb n="171" />
        í65 
zu beschäftigen, — arbeitet dagegen in erster Linie für 
die ihr angeschlossenen Familien und strebt, wenn sie 
ihrem Principe treu bleibt, viel weniger die Schaffung von 
Dividenden als die Production eines Maximums von Vor 
teilen für ihre Mitglieder an. 
Man verallgemeinere diesen Associationstypus und 
man hat, wenn auch sehr unvollkommen und rudimentär, 
eine Idee davon, was die socialistische Wirtschaftsordnung 
sein würde, oder was sie vielmehr sein könnte. 
Es wäre gewiss höchst lächerlich, in diesen zarten 
Embryonen, die den Mutterschoss des Capitalismos noch 
nicht verlassen haben, die noch in ihrer Structur und 
Existenz vom Capitalismos abhängen, das verkleinerte Ab 
bild der zukünftigen Welt zu sehen. Wir glauben aber 
doch, das beste Mittel, die socialistische Productionsweise 
in begreiflicher und concrete: Weise zu erfassen, ist dieses, 
dass man ihre Vorspiele in der heutigen Ordnung, so 
unvollkommen sie auch sein mögen, als Anknüpfungs- 
puncte nimmt; man eliminiere nur in Gedanken alle capi- 
talistischen Ueberbleibsel, die ihnen noch anhaften und 
stelle sich — beispielsweise nach dem Muster der grossen 
belgischen Genossenschaften — eine riesige Cooperativ- 
genossenschaft vor, der alle Bürger eines Landes ange 
hören oder die auf einem mehr oder weniger grossen 
Gebiete alle Arbeitsmittel, zum mindesten die Arbeitsmittel 
in den grossen Industrieen, als Gemeineigentum besitzt; 
eine Genossenschaft, in der alle Mitglieder, gleichzeitig 
Producenten und Consumenten, ihre geistige und körper 
liche Arbeit zur Verfügung stellen würden, in der sie 
direct oder indirect ihre Verwalter oder Leiter wählen 
und alle Gebrauchsgegenstände zur Befriedigung ihrer 
Bedürfnisse herstellen würden. 
In einer derartigen Gesellschaft würde nach unseren 
Gegnern und Kritikern die Verteilung dasjenige Pro 
blem sein, dessen Schwierigkeiten sich schon aus dem
        <pb n="172" />
        Widerspruch der zu seiner Lösung vorgeschlagenen 
Formeln ergäbe. 
Wie gross nun auch immer diese Schwierigkeiten 
sein mögen — und wir gedenken ihnen nicht aus dem 
Wege zu gehen — so muss man doch bemerken, dass 
man sehr wohl eine collectivistische Gesellschaft, sowohl 
vom Standpunct des Eigentums als der Production, vor 
stellen kann, in der man sich auf eine stufenweise Ver 
besserung und Vervollkommnung der in der heutigen Ge 
sellschaft üblichen Entlohnungsarten beschränken würde. 
Geradeso wie die socialistischen Genossenschaften 
Lohnarbeiter beschäftigen, ihnen aber ein Lohnminimum 
garantieren, einen Anteil an den Ueberschüssen, einen 
achtstündigen Arbeitstag — wenigstens in Brüssel — eine 
feste und dauernde Beschäftigung, eine Menge von Vor 
teilen im Falle von Krankheit, Alter, Arbeitsunfähigkeit, 
geradeso könnten in der grossen Cooperative, die schliess 
lich eine collectivistische Gesellschaft sein würde, in einem 
gewissen Umfange die heutigen Formen der Entlohnung 
beibehalten werden. 
Dieser Teilcollectivismus — wir würden sagen: dieser 
„capitalistische Collectivismus“, wenn die beiden Worte 
nicht beim Zusammentreffen aufschrieen — diese Mittel 
form zwischen Socialismus und Individualismus würde und 
könnte, wie wir gleich bemerken wollen, nur ein Ueber- 
gang zum reinen Collectivismus sein. Deshalb entbindet 
das uns auch nicht von der Pflicht, die von den verschie 
denen socialistischen Schulen vorgeschlagenen Verteilungs 
formeln durchzuprüfen. 
So zahlreich diese Formeln übrigens auch sein mögen, 
man kann sie alle auf zwei Grundprinzipien zurückführen : 
das zu befriedigende Bedürfnis oder die geleistete Arbeit 
—■ das Recht auf Existenz oder das Recht auf den vollen 
Arbeitsertrag. 
Ausgehend von dem Begriff des Bedürfnisses — des 
Gebrauchswerts — und sich auf das Recht auf
        <pb n="173" />
        ■ 
— 167 — 
Existenz stützend, sagen die Communisten : jedem nach 
seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen. Aus 
gehend von dem Begriff der Arbeit — vont T auschwert 
— sagen dagegen die Collectivisten, im weiten Sinne des 
Wortes: jedem Arbeiter sein voller Arbeitsertrag. 
Auf den ersten Anschein widersprechen sich diese 
beiden Formeln vollkommen. Wir glauben indessen, dass 
man sie miteinander vereinigen und die eine durch die 
andere ergänzen kann und muss. 
§ I. 
Das Recht auf den vollen Arbeitsertrag. 
Das Recht auf den vollen Arbeitsertrag findet seine 
vollständige Verwirklichung entweder auf der einsamen 
Insel Robinsons oder in einer solchen gesellschaftlichen 
Ordnung, wo zwar das Eigentum collectivistisch ist, die 
Benutzung des allgemeinen Eigentums dagegen individua 
listisch bleibt. Das ist der Fall z. B. in einer ländlichen 
Gemeinschaft, in der, wenn auch nicht jeder Arbeiter, 
so doch jede ökonomische Einheit, jeder Haushalt, sein 
Los erhält und alles, was er herstellt selbst verzehrt, 
und auch alles verzehrt, was er selbst herstellt. 
Von dem Augenblick ab, wo die Production, unter 
welcher Form immer, gesellschaftliche Production wird, 
wo die gemeinsame Arbeit an Stelle der individuellen 
Arbeit tritt, kann aber nicht mehr die Rede davon sein, 
dass man jedem Arbeiter sein Arbeitsproduct in 
natura giebt, sondern nur den Wert des Arbeits 
produktes, das Aequivalent für die im gemeinsamen 
Werke verausgabte Arbeitskraft. Und dann erhebt sich 
das Problem, zu wissen, was es mit der Hauptformel, mit 
dem Leitmotiv aller socialistischen Programme als Ver- 
teilungsprincip auf sich hat: jedem Arbeiter das Product 
seiner Arbeit. 
Wie schon Anton Menger*) bemerkt, hat das Recht 
*) A. Menger: Das Recht auf den vollen Arbeitsertrag.
        <pb n="174" />
        auf den vollen Arbeitsertrag in den socialistischen 
Theorieen zwei scharf von einander getrennte Functionen: 
eine positive und eine n^ative. Nach der einen erscheint 
das mit dem Privateigentum an den Capitalien notwendig 
verbundene Einkommen ohne Arbeit, als eine Ungerechtig 
keit, die verschwinden piuss. Nach der anderen muss 
jeder Arbeiter von dem Gesamterträge der Arbeit so viel 
Werte zurückerhalten, wie er selbst durch seine Arbeit 
geschaffen hat. 
Dass es unter dem capitalistischen Systeme nicht der 
Fall ist, ergiebt sich unbestreitbar aus all den Darlegungen, 
die wir gemacht haben. 
Sobald der Grund und Boden Privateigentum wird, 
verlangt, wie Adam Smith sagt, der Eigentümer einen 
Teil von jedem Product, das der Arbeiter darauf ziehen 
oder ernten kann. Seine Rente ist der erste Abzug von 
dem Product der auf die Cultur des Boden verwendeten 
Arbeit. Das Product fast aller anderen Arbeit ist Gegen 
stand desselben Abzugs zu gunsten des Profits. 
Damit es anders werde, müssen die Arbeiter Eigen 
tümer ihrer Arbeitsmittel werden und selbst die Producte 
ihrer Arbeit verzehren oder das genaue Aequivalent dafür 
erhalten. 
Wollte man die Verallgemeinerung eines solchen Zu 
standes auf der Basis des individuellen Eigentums er 
hoffen — wir haben das in unserer Ausführung über 
die industrielle Concentration gezeigt — so wäre das die 
rückschrittlichste aller Utopieen. Ist aber andererseits mög 
lich, dass die Formel des Rechts der Arbeiter auf den 
vollen Ertrag ihrer Arbeit in einem socialistischen Staate 
auf der Basis des gesellschaftlichen Eigentums ihre Ver 
wirklichung erfährt? Und gesetzt den Fall, es sei möglich, 
entspräche dann diese Verteilungsformel der Gerechtig 
keit? Das sind die beiden schwierigen Fragen, die sich 
vor uns erheben.
        <pb n="175" />
        — 169 — 
Damit jeder Arbeiter unter der Herrschaft der socia- 
listischen Productionsordnung den vollen Ertrag seiner 
Arbeit empfange, müsste man dies Product isolieren, den 
Teil, den es an dem Gesamtproduct der gemeinsamen 
Arbeit ausmacht, feststellen können. Das ist eine der 
schwierigsten Einwendungen, die man gegen den Col- 
lectivismus machen zu können glaubt. Nach den un 
zähligen Discussionen, die dieses Problem hervorgerufen 
hat, brauchen wir kaum zu sagen, dass eine solche Fest 
stellung an unübersteiglich erscheinenden Schwierigkeiten 
scheitert. 
Wenn man nicht die Wertbestimmungen nur so oben 
hin vornehmen will oder allen Arbeitstagen — der Arbeit 
der skilled und unskilled — denselben Wert beimessen 
will wie will man dann den Wert der von allen indi 
viduellen Arbeitskräften, den Geistesarbeitern wie den 
Handarbeitern, den Ausführenden wie den Leitenden, die 
bei der Gewinnung, Fabrication und dem Umtrieb eines 
Productes beteiligt sind, geleisteten Arbeit bestimmen? 
Den Anteil der individuellen Arbeitsleistung am ge 
meinsamen Arbeitserträge feststellen wollen, das hiesse 
in den meisten Fällen eine Nadel in einem grossen Heu 
haufen suchen. 
Wenn wir aber auch annehmen, es gäbe ein gemein 
sames Mass zur Wertbestimmung aller individuellen Ar 
beiten, so wäre es immer noch nicht gerecht, das Ge 
samtproduct der gemeinsamen Arbeit unter die directen 
Producenten aufzuteilen. Das hiesse nämlich das Recht 
der indirecten Producenten vernachlässigen, aller jener, 
deren immaterielle Mithilfe dem gemeinsamen Werke eine 
unerlässliche Unterstüzung bringt; das hiesse ferner den 
Schwachen, den Arbeitsunfähigen, denen die geboren wer 
den, um zu leiden, das Recht auf Existenz absprechen. 
Und das hiesse endlich den Individuen, aus denen sich 
die Gesellschaft zusammensetzt, die von der Gesellschaft 
selbst erzielten Resultate zuschreiben.
        <pb n="176" />
        170 
Die Arbeit des einzelnen wird, wie Rodbertus sehr tref 
fend ausführt,*) zu einem grossen Teil nur durch die ge 
meinschaftliche Arbeit fruchtbar. Wie käme also dem ein 
zelnen das zu, was er gar nicht geschaffen hat? Die 
Gesamtheit, durch deren Anstrengung einzig die Er 
gebnisse nutzbringend gestaltet, hat auch ein Recht auf 
einen Teil des gesellschaftlichen Productes. 
In dem Augenblicke also, wo die gesellschaftliche 
Production an Stelle der individuellen tritt, darf die Formel 
des Rechtes auf den gleichen Arbeitsertrag nicht mehr 
in ihrem individualistischen Sinne genommen werden. Sie 
bedeutet nur, dass die Gesamtheit der Arbeiter dien vollen 
Genuss von den Früchten der gemeinsamen Arbeit haben 
muss, ohne dass von dem Privatbesitzer der Productions- 
mittel irgend etwas davon weggenommen werden könnte. 
Aber das sagt uns noch nicht, was denn von den 
durch die gemeinsame Arbeit erzeugten Reichtümern, an 
deren Erzeugung er mitgeholfen hat, auf jeden Arbeiter 
entfällt; und hier glauben ja unsere Gegner — die den 
Gegensatz zwischen dem Recht auf Existenz und dem 
Recht auf den vollen Arbeitsertrag unterstreichen — den 
Stein gefunden zu haben, an dem der Socialismus scheitern 
muss. 
Der Socialismus, so sagt man, hat keine Formel für 
die Verteilung. Nationalökonomen wie Leroy-Beaulieu, 
stimmen in diesem Puñete mit anarchistischen Com- 
munisten wie Kropotkin überein, die der collectivistischen 
Formel das communitäre Princip entgegenstellen: Jedem 
nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürf 
nissen. 
§ 2. 
Das Recht auf Existenz. 
In seinem Buche: Der Wohlstand für alle, in dem 
er die Formel des Rechtes auf Existenz oder vielmehr 
*) Vergl. Rodbertus: Das Capital (Berlin, 1884).
        <pb n="177" />
        des Rechtes auf Wohlstand entwickelt, erklärt Kropotkin, 
das einzige Verteilungsprincip, das in einer communisti- 
schen Gesellschaft angenommen werden könnte, sei jenes 
Princip, welches jetzt schon von den Agrargemeinschaften 
in Europa angenommen sei. 
Wenn eine solche Gemeinschaft z. B. einen Wald be 
sitzt, so kann sich jeder, solange das Kleinholz nicht 
mangelt, so viel davon nehmen, wie er will, ohne eine 
andere Controle, als die öffentliche Meinung seiner Nach 
barn. 
Ebenso steht es mit den gemeinschaftlichen Wiesen. 
Solange es genug giebt für die Gemeinschaft, fragt keiner 
darnach, was die Kühe jedes Haushaltes gefressen haben, 
oder wie viele Kühe auf den Wiesen geweidet haben. Zur 
Aufteilung oder zur Zumessung schreitet man nur, wenn 
die Wiesen nicht zureichen. 
Wenn man nach den osteuropäischen Ländern kommt, 
wo der Wald den Einwohnern zur freien Verfügung steht, 
und Land genug vorhanden ist, sieht man, wie die Bauern 
ganz nach Bedarf in den Wäldern Holz fällen und so viel 
Boden bestellen, wie sie nötig haben, ohne daran zu 
denken, das Holz zuzumessen und das Land in Parcellen 
zu teilen. Aber sobald an einem oder dem anderen Mangel 
eintritt, wie es jetzt schon in Russland der Fall ist, wird 
das Holz und das Land nach den Bedürfnissen jeder 
Familie aufgeteilt. 
Mit einem Worte: freie Verfügung über das, 
was man im Ueberflusse besitzt; Zumessung von dem, 
was gemessen, geteilt werden muss. Von den 350 Mil 
lionen Menschen, die Europa bewohnen, leben 200 noch 
nach diesen Sitten, die ihre Wurzeln tief in der Natur 
des Menschen haben.*) 
Wir müssen indes bemerken, dass sich diese pri 
mitiven Verteilungsarten am häufigsten bei natürlichen 
h ) Kropotkin: Der Wohlstand für alle. (Zürich, 1896).
        <pb n="178" />
        172 — 
Reichtümern finden, deren Production keine Arbeit er 
fordert. In dem Augenblicke aber, wo das Element Arbeit 
in die Erscheinung tritt, wo sich die Notwendigkeit einer 
productiven Anstrengung bemerkbar macht, stösst im all 
gemeinen die Anwendung des communistischen Princips 
auf unübersteigliche Hindernisse. Man ist ferner zu der 
Frage berechtigt, welche Stärke die altruistischen Gefühle 
der Arbeiter haben müssen, wenn nicht ihre productive 
Energie durch die Abwesenheit jedes unmittelbaren und 
persönlichen Interesses vermindert werden soll. 
Bei aller Anerkennung der communistischen Ten 
denzen, die sich schon heute in den modernen Gesell 
schaften zeigen, — Tendenzen, die natürlich in einer so- 
cialistischen Wirtschaftsordnung bedeutend an Kraft ge 
winnen würden, — bei aller dieser Anerkennung, in der 
wir uns mit Kropotkin eins wissen, scheint uns doch un 
möglich, anzunehmen, dass man bei der Verteilung des 
gemeinsamen Arbeitsproductes allein nach dem Bedürfnis 
jedes Menschen gehen und von der Arbeitsleistung ganz 
absehen könne, ebenso wie uns unmöglich scheint, dass 
man lediglich nach der Arbeitsleistung gehen und hin 
wiederum von dem Bedürfnis absehe. 
Im Grunde genommen stellen diese beiden Formeln 
— jeder nach seiner Arbeit und jeder nach seinem Be 
dürfnis — den Anfangspunct und den Endpunct einer 
Entwickelung dar, die aus der heutigen Wirtschaftsord 
nung die unvollkommensten Formen des Collectivismus 
ableitet, um schliesslich zu den freiesten und reinsten 
Formen des Communismus emporzusteigen. 
In diesem Punct befinden wir uns in Uebereinstim- 
mung mit gewissen und nicht den geringsten unter den 
communistischen Anarchisten. „Wenn die Völker,“ so 
sagt E. Carpenter, „die Lehre des Commercialismus 
und der Concurrenz so gut begriffen haben, wie die heuti 
gen die Lehre des Jeder für sich, dann bedarf es auch 
der Zeit, um sie wieder zu vergessen. Das Gefühl für 
if'r« '*1,1 Cf,
        <pb n="179" />
        gemeinsames Leben, das so lange erstickt und unterdrückt 
worden ist, wird wachsen und sich von neuem ausdehnen, 
aber langsam. Man muss also zugeben, dass man durch 
die Zwischenstationen des Collectivismus hindurchgehen 
muss, um den neuen Ideen und den neuen Lebensgewohn 
heiten Zeit zur Entwickelung zu lassen. Formeln, wie die 
von der Verstaatlichung des Grund und Bodens und aller 
Productionsmittel, so vage sie auch sein mögen und so 
unmöglich es scheinen mag, sie mit aller Schärfe an 
zuwenden, werden doch zur Entfaltung dieses Gefühls 
beitragen, ihre allmähliche Verwirklichung wird den Men 
schen an gemeinsame Arbeit und an die Idee des ge 
meinsamen Werkes gewöhnen.“*) So verschwindet also 
der scheinbare Gegensatz zwischen den Lehren der ver 
schiedenen socialistischen Schulen, sobald man annimmt, 
dass sie verschiedene Stadien der socialen Entwickelung 
ausdrücken. 
Unser aller Ideal, unser Endziel ist der Communismus, 
und schon jetzt finden wir ihn teilweise verwirklicht bei 
einer immer wachsenden Zahl von öffentlichen Diensten. 
Das ist z. B. der Fall beim unentgeltlichen Unterricht, 
bei der Ernährung der Schulkinder in den von socialisti 
schen Gemeindevertretungen geleiteten Schulen (Schul 
cantinen), bei der Anerkennung der Existenzgarantieen 
für Kranke, Greise und Invalide, die wir wenigstens in 
einzelnen Ländern finden. 
Vielleicht kommt die Zeit, wo die Fortschritte der 
Moral und der allgemeinen Solidarität, die Ueberfülle 
der Production, die Missstände und Schwierigkeiten jeder 
anderen Art der Verteilung der Reichtümer eine all 
gemeinere Anwendung des communistischen Princips zur 
Folge haben werden. 
Unter den heutigen Zuständen müssen wir aber mit 
*) E. Carpenter: Etapes vers la liberté. L’Humanité Nouvelle, 
Januar 1889.)
        <pb n="180" />
        dem Egoismus, mit dem engen persönlichen Interesse 
rechnen, soweit es nötig ist, um der gesellschaftlichen 
Arbeit das Maximum der Productivität zu sichern. 
§ 3- 
ZusammenfassungundSchlussfolgerungen. 
Wir stellen also fest, dass es unmöglich ist, ein für 
alle Stufen der socialen Entwickelung allgemein anwend 
bares Verteilungsprincip zu formulieren. Die immer nur 
relative und transitorische Ueberlegenheit dieser oder 
jener Formel hängt im letzten Grunde davon ab, ob sie 
besser als andere geeignet ist, in einem gegebenen Mo 
ment die grösste Ausdehnung der Productivkräfte, den 
grössten Ertrag der Gesamtproduction zu sichern. 
Wir bemerken übrigens, dass in einem socialistischen 
Staate diese Verteilungsfragen nicht die wesentliche Be 
deutung haben werden, die sie heute besitzen und die die 
bürgerlichen Nationalökonomen, wenn sie sich einmal 
theoretisch in einen anderen Gesellschaftszustand hinein 
denken, ihr gerade aus diesem Grunde beizumessen be 
lieben. 
Heute wird der ganze Mehrwert in der That zwischen 
den Besitzern des Capitals aufgeteilt ; erst nach dieser Auf 
teilung wird ein Teil des Mehrwertes — derjenige, der 
nicht unproductiv verzehrt worden ist — dazu benutzt, 
die Productionsmittel zu verbessern, die indirecten Mit 
helfer der Production zu bezahlen oder zu den öffent 
lichen Ausgaben beizutragen. 
In der socialistischen Wirtschaftsordnung würde da 
gegen nur bei einem verhältnismässig kleinen Bruchteil 
des von der socialen Arbeit erzeugten Mehrwertes von 
Verteilung die Rede sein. Vor jeder Verteilung dieses 
Mehrwertes unter die einzelnen würde die Allgemeinheit 
die Mittel zur grösstmöglichen Entwickelung der Pro 
duction, zur Bezahlung der Arbeiter, die nicht direct an
        <pb n="181" />
        175 
der materiellen Production teilgenommen haben, und zur 
Unterhaltung der allen Bürgern kostenlos zur Verfügung 
gestellten öffentlichen Dienste vorwegnehmen. 
In einem solchen socialen Staate, wo der Einfluss 
der communistischen Principien fortwährend wachsen 
würde, würden diese unter allgemeiner Zustimmung vor 
weggenommenen Anteile das Gebiet der individuellen Auf 
teilung mehr und mehr verkleinern. 
Stellen wir uns einmal als Beispiel eine Gesellschaft 
vor, die durch allgemeine Beschlüsse die Entwickelung 
ihrer Productionsmittel regele, die allen Arbeitern, ebenso 
wie den Invaliden der Arbeit ein gleiches Recht zur Be 
friedigung ihrer wesentlichen Bedürfnisse zubilligen würde ; 
die auf allgemeine Kosten den Unterricht und die Unter 
haltung der Kinder, die Beleuchtung und Heizung, die 
Wasserversorgung, den Transport der Briefe, Reisenden 
und Producte, mit einem Worte alle Functionen des so 
cialen Lebens, die allgemeinen Bedürfnissen entsprechen 
und offensichtlich für alle Mitglieder gleich sind, aus 
führen würde : ist nicht einleuchtend, dass in einer solchen, 
ganz vom Communismus durchtränkten Gesellschaft das 
Problem der individuellen Verteilung — z. B. nach der 
Quantität oder der Qualität der geleisteten Arbeit — nur 
noch eine verhältnismässig geringe Bedeutung haben 
würde ? 
In einem gewissen Masse — wir kommen darauf 
noch einmal zurück, um diesen Gedanken recht deutlich 
zu machen, — besteht ein solcher Verteilungsmodus be 
reits in den socialistischen Genossenschaften. 
In dem Volkshause zu Brüssel z. B. garantieren die 
Statuten, bevor irgendwie an eine Verteilung der Ueber- 
schüsse gedacht wird, den angestellten Arbeitern einen 
Normallohn, den Gruppen der Arbeiterpartei ein Unter 
kommen, freie Heizung und Licht, den kranken Mit 
gliedern das tägliche Brot und freien Arzt und Apotheke, 
den Sectionen für Kunst, Wissenschaft, Erziehung und
        <pb n="182" />
        Propaganda Unterstützungen, deren Grösse nach dem vor 
handenen Ueberschusse von der Generalversammlung der 
Mitglieder bestimmt wird; und erst, nachdem alle diese 
Aufgaben vorher gelöst worden sind, nachdem man ferner 
die Summen bestimmt hat, die in Reserve gelegt werden 
oder zur Amortisation und Verbesserung der gemein 
samen Arbeitsmittel dienen sollen, — erst nachher ver 
teilt man den Rest des Ueberschusses an die Mitglieder. 
Geradeso würde in einem socialistischen Staate erst 
nach der Versorgung der Bedürfnisse allgemeinen In 
teresses, erst nach der Sicherung des Existenzminimums 
für alle Mitglieder der Gesellschaft der Ueberschuss der 
Producte, oder vielmehr der producierten Sachgüter, zum 
Gegenstand einer differenzierten Verteilung werden. 
In dem Masse, wie es vom Standpuncte der Production 
aus social nützlich sein würde, einzelnen Arbeitern oder 
Arbeitergruppen besondere Vorteile zuzuwenden, um ihre 
Arbeitslust und Arbeitskraft zu steigern, würde auch eine 
collectivistische Gesellschaft mutatis mutandis die Unter 
schiede in der Entlohnung aufrecht erhalten können, die 
wir heute schon bei den öffentlichen Diensten finden. 
Der Collectivismus erfordert also keineswegs not 
wendig die Gleichheit der Entlohnung. 
Und das gestattet uns zugleich die Antwort auf die 
lächerliche Einwendung, in einer socialistischen Gesell 
schaft würden alle nur die angenehmsten und leichtesten 
Arbeiten verrichten wollen. Es müsste also, so sagt man, 
Zwang angewendet werden, um eine richtige Verteilung 
der Arbeitskräfte durchzusetzen ; das Cloakenreinigen 
müsse obligatorisch gemacht werden, wie heute der Mi 
litärdienst. 
Dagegen haben wir zunächst zu bemerken, dass man 
an dem Tage, wo es so sein würde, schnell die nötigen 
Erfindungen gemacht haben würde, um die „abstossenden 
Arbeiten“ auf das geringste Mass zu reducieren. Aber 
um diesen Einwurf mit voller Kraft zurückzuweisen mit
        <pb n="183" />
        der Gewichtigkeit, die man ihm beilegt, bemerken wir fol 
gendes: Sieht man denn nicht, dass von diesem Gesichts- 
puncte aus das collectivistische System über dieselben 
Hilfsmittel wie das capitalistische verfügen würde? 
Was geschieht denn heute, wenn es in einem In 
dustriezweig zu viele Arbeiter giebt ? Die Löhne sinken. 
Und sie steigen andererseits, wenn es zu wenige giebt. 
Dasselbe Gesetz würde auch in einer collectivistischen 
Gesellschaftsordnung wirken : nachdem die notwendigen 
Unkosten und die an jedem zu zahlenden Minimallöhne 
gedeckt sind, würde in jedem Productionszweig der Teil 
des Ueberschusses, der auf den einzelnen entfiele, um so 
kleiner sein, je mehr Teilhaber daran vorhanden wären. 
Folglich würden die beliebtesten Gewerbszweige verhält 
nismässig am wenigsten einbringen; die unbeliebten Ge 
werbe, die undankbaren und gefährlichen Arbeiten würden 
eine erheblich bessere Bezahlung erhalten. Es würde 
nur ein einziger Unterschied, allerdings ganz und gar zu 
gunsten des Collectivismus bestehen : heute ist infolge 
des mangelhaften gewerblichen Unterrichtes der Ueber 
gang aus einer Branche in die andere mit fast unüber- 
steiglichen Hindernissen verknüpft, während man das in 
einem socialistischen Staate ganz anders einrichten könnte. 
Sollen wir noch näher die Probleme untersuchen, die 
die Organisation der Arbeit in der collectivistischen Ord 
nung darbietet? Sollen wir z. B. untersuchen, wie und 
in welchem Masse die vereinigten Arbeiter an der Leitung 
der Unternehmungen und an der Auswahl des leitenden 
Personals beteiligt sein würden ? Das hiesse vollständig 
übersehen, dass derartige Lösungen notwendigerweise nach 
Zeit, Art, Industriezweigen, nach dem Grade der intel- 
lectuellen und moralischen Entwickelung der Producenten 
verschieden sein müssen. 
So notwendig es ist, präcise und praktisch zu sein, 
wenn es sich darum handelt, Massnahmen von einem 
Tage zum andern zu treffen, so kühn und phantastisch 
Vandervelde: Die Entwickelung zum Socialismus. 
12
        <pb n="184" />
        i 7 8 
wäre es nach unserer Meinung, wenn man im einzelnen 
den Plan einer Organisation entwerfen wollte, von der 
nur erst die grossen Züge am socialen Horizont erscheinen. 
Wir verweisen übrigens diejenigen, deren Geist an 
dieser Art von Hypothesen Gefallen findet, auf die vielen 
Beschreibungen des „Zukunftsstaates“, die seit io Jahren 
entstanden sind. Sie haben die allergrösste Auswahl und 
können sich für die wissenschaftliche Präcision eines 
Schäffle,*) für die Erfindungsgabe eines Bellamy**) oder 
für die köstlich-poetische Phantasie eines William Mor 
ris***) entscheiden ; wenn sie die Masse dieser heutigen 
Utopieen durchgelesen haben, dann wird ihnen die Ver 
schiedenheit dieser idealen Constructionen selbst schon 
den wesentlich subjectiven Charakter solcher Schilderun 
gen gezeigt haben. 
Wir sind übrigens weit entfernt, die thatsächliche 
Nützlichkeit solcher literarischen Productionen zu ver 
kennen: sie concretisieren auf die angenehmste Art die 
Abstraction der Systeme; sie antworten auf tausend kleine 
praktische Einwendungen, die von den Lippen der Feinde 
aller Neuerungen kommen. Sie gewöhnen unseren Geist 
daran, sich frei und unabhängig ausserhalb der histori 
schen Formen der bürgerlichen Welt zu bewegen; aber 
wenn sie uns geholfen haben, unsere Träume zu präci- 
sieren, dann müssen wir wieder mit der Wirklichkeit Füh 
lung suchen, die Hindernisse abmessen, die uns von dem 
gelobten Lande trennen, und Mittel suchen, mit denen 
die Völker, die auf dem Wege zu einer besseren Zukunft 
sind, dorthin gelangen können. 
*) Schäffle: Die Quintessenz des Socialismus. 
**) Bellamy: Ein Rückblick. (Leipzig, Reclam.) 
***) Morris: Neues aus Nirgendland. (Leipzig, Herrn. See 
mann Nachf.)
        <pb n="185" />
        12 
mmm 
V. Capitel. 
Die Mittel zur Verwirklichung. 
„Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo.“ 
Vergil. 
In allen Zweigen der Production und des Austausches, 
in denen die capitalistische Concentration ihr Werk ge- 
than, das persönliche Eigentum vernichtet oder versclavt 
hat, zeigt sich die Expropriation der Expropriateure als 
das einzige wirksame Mittel, um auf einer breiten Basis 
die Einheit des Eigentums und der Arbeit wieder her 
zustellen. Aber wenn alle Socialisten in diesem Puñete 
übereinstimmen, so weichen sie in den Mitteln, die man 
anwenden muss, um dies Resultat zu erreichen, von ein 
ander ab. 
Die von den verschiedenen Schulen vorgeschlagenen 
Pläne zur Socialisierung kann man in drei Gruppen ein 
teilen, je nachdem sie die Expropriation der Arbeitsmittel 
ohne Entschädigung, mit voller Entschädigung oder mit 
Entschädigung auf Lebenszeit vorschlagen. 
Die Expropriation ohne Entschädigung. 
Diejenigen, die die einfache Confiscation des capi- 
talistischen Eigentums verlangen, können sich auf
        <pb n="186" />
        historische Beispiele berufen, von denen das bekannteste 
zweifellos die ohne Entschädigung durchgeführte Auf 
hebung der Feudalrechte im Jahre 1789 ist. 
In seinem Buche über den Socialismus und die fran 
zösische Revolution hat André Lichtenberger klargelegt, 
dass die Argumente, die zur Rechtfertigung der Ex 
propriation von der Bourgeoisie ins Feld geführt wurden, 
ebenso auf die Expropriation der Bourgeoisie selbst an 
gewendet werden können und dass folglich jemand, der 
sich für die Ungiltigkeit der Privilegien von 1789 be 
geistert, wenig Grund hat, sich im Jahre 1900 auf den 
geheiligten Charakter der heutigen Privilegien zu berufen. 
„Ohne Zweifel viel weniger bedroht, als die Feudal 
privilegien im Jahre 1789,“ so sagt Lichtenberger, „hat das 
Capital heutzutage mit jenen Privilegien gemeinsam, dass 
es nur in den Augen eines gewissen Bruchteils der Nation 
als legitimes Eigentum gilt ; daher könnte es, wie es mit 
den Feudalrechten geschehen, ernstlich in Frage gestellt 
werden an dem Tage, wo dieser eigentumsfeindliche Teil 
des Volkes, zur Herrschaft gelangt, eine Definition des 
Eigentums geben würde, in der es nicht mit enthalten ist. 
Schliesslich kann man nicht sagen, dass theoretisch eine 
solche Massregel einen stärkeren Eingriff in das Eigen 
tumsrecht bedeuten würde, als die von 1789. In dem 
Augenblicke, wo der gesetzliche Schutz des Eigentums 
fallen würde, kann man sich sehr wohl eine Politik vor 
stellen, die mit dem Capital gerade so verfährt, wie man 
mit den Feudalrechten verfahren ist. Bei den Feudal 
rechten unterschied man solche, die von der toten Hand 
herrührten und deshalb unterdrückt werden mussten und 
solche, die einfach aus dem Eigentum entsprangen, und 
deshalb ablösbar sein mussten. Ebenso würde man bei dem 
Capital einen Unterschied machen zwischen dem, das aus 
der Accumulation des Arbeitsproductes entstanden ist und 
dem anderen, das allein der Arbeit des Geldes sein Dasein 
verdankt : das letztere würde für illegitim angesehen und
        <pb n="187" />
        confisciert werden, das erstere dagegen erhalten bleiben oder 
durch Anweisung auf Verzehrungsgüter ersetzt werden. 
Und wenn alle Art Feudalprivilegien schliesslich ohne Ent 
schädigung aufgehoben worden sind, dank der Feind 
seligkeit der Aristokraten gegen die neue Ordnung und 
den Notwendigkeiten des öffentlichen Wohles, warum 
sollte dann nicht jede Art von Capital aus ähnlichen Grün 
den ein ähnliches Geschick erleiden, indem man die An 
weisung auf Verzehrsgüter nicht bezahlt?“*) 
Kein Mensch kann in der That sagen, ob der Wider 
stand der besitzenden Classen nicht eines Tages dieselben 
Folgen haben wird, wie die am Ende des XVIII. Jahr 
hunderts, ob die lange sorgfältig erwogenen Pläne fried 
licher und gradweiser Expropriation nicht dasselbe Ge 
schick erleiden werden, wie ähnliche Projecte, die Turgot 
und Condorcet vor der französischen Revolution ausge 
arbeitet hatten. 
Damit aber die Confiscation des capitalistischen Eigen 
tums, die Expropriation ohne Entschädigung überhaupt 
begreiflich erscheinen kann — wir sehen von der Frage 
ab, ob sie legitim sein würde —, muss man in der 
Hypothese notwendigerweise die gleichzeitige 
Unterdrückung aller Rententitel, des Grundeigentums und 
capitalistischen Eigentums annehmen. 
Denn wie Kropotkin mit Recht feststellt, existieren in 
unserer Gesellschaft Beziehungen, die man thatsächlich 
unmöglich abändern kann, wenn man nur einen Teil davon 
angreift. 
„Nehmen wir einmal an,“ so sagt er, „in einer be 
stimmten Gegend würde eine begrenzte Expropriation vor 
genommen : man beschränkte sich z. B. auf die Ent 
eignung der grossen Grundherren, ohne die Fabriken 
anzurühren, wie Henry George fordert; in irgend einer 
*) Lichtenberger: Le socialisme et la révolution française 
(Paris, Alcan 1899), pag. 234 ff.
        <pb n="188" />
        — i82 — 
Stadt expropriiert man nur die Häuser, ohne auch die 
Lebensmittel in Gemeineigentum überzuführen; oder end 
lich enteignet man in irgend einer industriellen Gegend 
die Fabriken, aber ohne den Grossgrundbesitz anzufassen. 
Das Ergebnis wird immer dasselbe sein : eine ungeheure 
Verwirrung des ökonomischen Lebens, ohne dass man die 
Mittel hätte, dies ökonomische Leben auf neuen Grund 
lagen wieder aufzubauen; Stillstand der Industrie und 
des Handels ohne die Rückkehr zu den Principien der 
Gerechtigkeit; Unmöglichkeit für die Gesellschaft, ein 
harmonisches Ganze wieder herzustellen.“*) 
Diese Ueberlegung — die wir bei Deslinières wieder 
finden**) — erscheint unwiderleglich. Die Expropriation 
ohne Entschädigung wird allgemein sein, oder sie wird 
nicht sein. 
Damit aber andererseits diese Expropriation nicht auf 
unübersteigliche Hindernisse treffe, müsste ganz offen 
bar die capitalistische Concentration zur höchsten Stufe ge 
diehen sein, müsste das persönliche Eigentum nur noch 
in der Erinnerung existieren und die ungeheure Mehrzahl 
der Bürger sich aus Proletariern zusammensetzen, die 
nichts anderes zu verlieren hätten, als ihre Ketten! 
Und selbst unter dieser Annahme, deren Verwirk 
lichung mindestens in sehr weiter Ferne zu liegen scheint, 
ist es nicht zweifelhaft, dass die Enteignung ohne Ent 
schädigung schliesslich die kostspieligste Methode 
sein würde, wenn man die Widerstände, die Wirren und 
die blutigen Kämpfe, die es sicherlich dabei absetzen 
würde, bedenkt. 
Engels schrieb im Jahre 1894, dass wir die Ent 
schädigung der Besitzenden unter keinen Umständen als 
eine Unmöglichkeit ansähen; und Marx hat oft die 
Meinung ausgesprochen, dass das Auskaufen der ganzen 
*) Kropotkin: Der Wohlstand für alle. 
**) Deslinières: Esquisse du régime collectiviste.
        <pb n="189" />
        I83 
Capitalistengesellschaft noch das billigste Mittel sei, sich 
ihrer zu entledigen. 
Untersuchen wir also, ob der Rückkauf ausführbar 
sein würde, wenn wir den Capitalisten das zubilligen, was 
die belgische Verfassung eine „gerechte und vorher fest 
zusetzende Entschädigung“ nennt. 
§ 2. 
Die Expropriation mit Entschädigung. 
Expropriationen mit Entschädigung führen auch die 
heutigen Verwaltungen durch, wenn sie z. B. eine Eisen- 
bahnconcession zurückkaufen. 
Der Staat borgt die nötigen Summen, um den Rück 
kauf durchzuführen, und die expropriierten Capitalisten 
empfangen im grossen und ganzen den Gegenwert für 
das, was sie aufgeben. In den meisten Fällen übersteigt 
sogar die Entschädigung, die man ihnen zahlt, den Wert 
der Güter, die in den allgemeinen Besitz übergehen ; aber 
nehmen wir selbst an, dass das nicht geschehe und dass 
der Rückkauf unter normalen Umständen durchgeführt 
werde, so sieht man doch leicht ein, dass eine derartige 
Enteignung keineswegs das Problem der Unterdrückung 
des arbeitslosen Einkommens lösen würde. 
Man hebt zwar die Dividende der Actionäre auf, 
giebt ihnen dafür aber Staatsrenten. Man vermehrt zwar 
den collectiven Besitz, steigert aber auch in gleichem 
Masse die öffentliche Schuld. Darüber sagt Einet in einer 
interessanten Broschüre : „Diejenigen, die Anleihe machen, 
um einen nationalen Besitz zu schaffen, handeln gegen 
das Interesse der Allgemeinheit und zum Vorteil der 
Capitalisten, solange diese ihre Zinsen erhalten. Sie kaufen 
ihnen ihre Güter zu einem höheren Preise ab, als sie 
sie selbst gekostet haben, und belasten den Staat mi: 
Unternehmungen, die in sehr vielen Fällen nicht so viel
        <pb n="190" />
        einbringen, dass man die Schuldzinsen damit decken 
kann.“*) 
Diese Kritik leidet offenbar einigermassen an Ueber- 
treibung. Trotz des ausserordentlich hohen Rückkauf 
preises war z. B. die Vereinheitlichung der belgischen 
Eisenbahnen — ganz abgesehen von den Vorteilen, die 
daraus für das Publicum und für das Personal entspringen 
— vom finanziellen Gesichtspuncte aus keine unvorteilhafte 
Massnahme.**) Aber trotzdem bleibt doch wahr, dass 
der Rückkauf der Productionsmittel dann, wenn er das 
Wachsen der öffentlichen Schuld als Gegenstück hat, der 
Existenz einer Classe von Rentnern, die dank der Aus 
beutung fremder Arbeit ohne eigene Arbeit leben können, 
kein Ziel setzt. Und unter diesen Umständen kann man 
die Unterdrückung dieser Classe von Parasiten nur von 
einem Bankerott oder von der Amortisation erwarten. Eins 
von beiden muss geschehen: entweder müsste sich der 
Staat weigern oder sich in der Unmöglichkeit befinden, 
seinen Verpflichtungen nachzukommen — was doch auf 
indirectem Wege wieder zu der Hypothese der Enteignung 
ohne Entschädigung führt —, oder der Staat führte eine 
stufenweise Amortisation der öffentlichen Schuld durch. 
Um indessen zu amortisieren, muss man Mittel haben, 
und diese Mittel müssen notwendigerweise entweder von 
der Arbeit oder von erworbenem Vermögen gefordert 
werden. Und das führt uns auf die Untersuchung, durch 
*) Finet: Le régime financier de la Belgique. Nécessité d’un 
budget du domaine collectif (Brüssel, 1894), pag 19. 
**) Die Rückkäufe sind durch Uebereinkommen oder auf Grund 
von Clauseln in den Concessionen durchgeführt worden. Die Ex 
propriation im öffentlichen Interesse, die sich auf Art. 545 des Code 
civil und Art. 11 der belgischen Verlassung stützt, bezieht sich 
zwar auf alle Arten des Eigentums, ist aber praktisch nur beim Grund 
eigentum organisiert worden. Ueber die Notwendigkeit eines allge 
meinen Gesetzes über die Expropriation im öffentlichen Interesse 
siehe Faider: De l’extension en toutes matières du droit d’expro 
priation. (Lüttich, Desoer, 1897.)
        <pb n="191" />
        ámmm 
— 185 — 
welche Mittel die Allgemeinheit eine Entschädigung der 
lebenden Capitalisten einführen könnte, während sie die 
toten Capitalisten ohne Entschädigung expropriiert. 
§ 3- 
Die Expropriation mittels Entschädigung 
der Lebenden. 
Unter den Vorschlägen zur Expropriation nach dieser 
Formel giebt es einige, die — ebenso wie die Expropriation 
ohne Entschädigung — den unvermittelten und vollstän 
digen Uebergang vom capitalistischen zum collectivi- 
stischen Regime voraussetzen ; andere aber auch, die sich 
mit einer allmählichen und sogar beschränkten Umformung 
begnügen. 
In seiner Broschüre: Die Quintessenz des Socialismus 
charakterisiert Schäffle die Systeme der ersten Gruppe 
wie folgt : 
„Der Bourgeois mag ein Recht haben auf das, was 
er unter dem bisherigen Productionszustand erworben hat, 
und wir können ihm sein Privatcapital ablösen, wie er 
das Feudalrecht abgelöst hat. Aber er hat gar kein Recht, 
in alle Zukunft hinein die Hintanhaltung der besseren 
Productionsweise zu verlangen. Letztere kann im Namen 
des Volkes als neuer Rechtszustand in jedem Augenblick 
proclamiert werden. Alsdann kann der Capitalist allein 
seinen Grossbetrieb nicht besorgen. Er mu$s und wird 
sogar froh sein, wenn man ihm und seinen Kindern das 
Privatcapital durch Genussmittelraten ablöst, welche eine 
Zeit lang dauern, bis alle in denselben neuen Zustand 
hineingelebt sein werden. Er wird sich dem Recht, das 
von der Mehrheit des eigentlichen Volkes proclamiert wird, 
ebenso beugen, wie der Adel vor dem durch das Bürger 
tum proclamierten neuen Volksrechte sich beugen und 
mit der Ablösung der feudalen Rentenquellen zufrieden 
sein musste.“
        <pb n="192" />
        186 
Wenn man zu einem solchen Vorgehen griffe, dann 
müsste sich eine Familie, die z. B. Productionsmittel im 
Werte von ioo Millionen besässe, als hinlänglich ent 
schädigt betrachten, wenn man ihr im Verlauf von 30, 
40 oder 50 Jahren den escomptierten Wert dieser 
100 Millionen in Jahreszahlungen in der Form von Ver 
zehrsgütern, Luxusgegenständen und dergl. geben würde. 
Das setzt aber, um es noch einmal zu sagen, die 
gleichzeitige Unterdrückung aller Formen des privaten 
Capitals voraus. Es wäre ganz unzulässig, dass einzelne 
Besitzer nur eine zeitlich beschränkte Jahresrente em 
pfingen, während andere im Genüsse einer dauernden 
Rente blieben. Folglich wird die Formel der Entschädi 
gung der Lebenden unanwendbar von dem Augenblicke 
ab, wo es sich — auf der Linie des geringsten Wider 
standes — um einen stufen weisen Uebergang vom capi- 
talistischen zum Collectiveigentum handelt. Dieser Socia- 
lisierungsprocess kann normaler Weise nur durchgeführt 
werden, wenn man dieselben Regeln überall anwendet,, 
ohne verschiedene Arten für die verschiedenen Arten von 
Capitalisten zu schaffen. 
„Die neue sociale Organisation, deren Dasein auf der 
Gerechtigkeit beruht, muss sich ohne eine einzige Un 
gerechtigkeit durchsetzen.“ (Colins.) 
Das kann man erreichen, wenn man ein System an 
wendet, das nach dem Worte Bazards „darin besteht, 
dem Staate, der zu einer Association der Arbeiter geworden 
ist, das Erbrecht zu übertragen, das heute auf die Familie 
beschränkt ist.“*) 
Von den unzähligen Systemen, die auf eine Beschrän 
kung des gesetzlichen oder testamentarischen Erbrechts 
abzielen, wollen wir nur als Beispiel die Mittel anführen, 
die Colins in seiner Allgemeinen Theorie der Organisation 
des Eigentums vorschlägt : 
*) Doctrine de Saint-Simon. Esposition 1828—1829. 7. Sitzung 
(Paris, 1830), pag. 187.
        <pb n="193" />
        „i. Die Erbschaft ohne Testament. 
Die einzige Erbschaft ohne Testament, die als Anreiz 
zur Arbeit notwendig ist, ist die directe Erbschaft. Jede 
andere ist zu diesem Anreiz überflüssig, solange das Recht 
des Testamentes besteht. 
Daher fordern wir gesetzliche Abschaffung des Erb 
rechtes in der Seitenlinie; Uebergang alles Eigentums 
in öffentlichen Besitz, wenn ein directer Erbe fehlt und 
kein Testament vorhanden ist. 
2. Das testamentarische Erbrecht. 
Das testamentarische Erbrecht ist als Anreiz zur 
Arbeit, als erster socialer Motor nötig. 
In Wahrheit führt diese Form des Erbrechtes fort 
während zur Verminderung des Collectivbesitzes und zur 
Vermehrung des Einzelbesitzes, folglich zum Pauperismus 
der Massen. 
Aber die Gesellschaft, die allein die Eigentumsord 
nung und die Organisation der Familie garantiert, kann 
auf diese Art von Erbschaft eine möglichst hohe Abgabe 
legen, und zwar so hoch, dass sie nicht gerade den Anreiz 
zur Arbeit erstickt. 
Wir wollen diese Abgabe auf nur 25 0/0 festsetzen. 
„Es ist klar, dass jemand, der durch ein Testament 
100000 Francs erbt, beim Erhalt von 75000 Francs keine 
Ungerechtigkeit zu erdulden glaubt, wenn er weiss, dass 
er selbst an seinem Teil bei allen testamentarischen Erb 
schaften ausnahmslos ebenfalls Anteil hat. 
Also fordern wir Schaffung einer Erbschaftssteuer 
von 25 % auf alle testamentarischen Erbschaften.“ 
Es versteht sich von selbst, dass die Höhe dieser 
Abgabe, die Möglichkeit ihrer sofortigen Einführung und, 
um es mit einem Worte zu sagen, der Radicalismus dieser 
Reform des Erbrechtes in hohem Masse von ähnlichen 
Fortschritten der Gesetzgebung in den benachbarten 
Ländern und von einer Menge anderer Umstände, die 
hier aufzuführen zu weitläufig wäre, abhängig sein würde.
        <pb n="194" />
        — 188 — 
Wie es aber auch damit immer sein mag, man wird nicht 
leugnen können, dass die mehr oder weniger weitgehende 
Beschränkung des Erbrechtes eines der wirksamsten Mittel 
ist, um dem Staate — oder genauer gesagt der Allgemein 
heit — die nötigen Mittel zu einer stufenweise zu voll 
ziehenden Vergesellschaftung der Productionsmittel zu 
liefern. 
Nun bleibt noch zu untersuchen, wie diese Mittel 
am besten zu diesem Zwecke angewendet werden könnten. 
Wir stossen hier auf drei Hauptsysteme, auf die man 
in letzter Linie alle anderen zurückführen kann: 
1. Schaffung von Productivgenossenschaften mit 
Staatscredit, 
2. Eindringen des Staates in die bereits bestehenden 
oder in die in der Entstehung begriffenen Unterneh 
mungen, 
3. vollständige Socialisierung gewisser Industrieen 
durch Rückkauf. 
A. Die Productivassociationen. 
Diesem System, das Menger den societären Socialis 
mus nennt, haben Louis Blanc und Ferdinand Lassalle 
gehuldigt. 
Als Lassalle vom Staate hundert Millionen Thaler 
forderte, um in ganz Deutschland Arbeiterproductivge 
nossenschaften zu unterstützen, griff er im grossen und 
ganzen nur die Reformpläne wieder auf, die Louis Blanc 
während der Revolution von 1848 ausgearbeitet hatte. 
In seinem Buche über die Organisation der Arbeit 
(Organisation du travail) und Im vierten Bande seiner 
Fragen von heute und morgen (Questions d’aujourd’hui et 
de demain) ging Louis Blanc auf eine Idee der Fourieristen 
zurück und schlug die Schaffung eines Ministeriums des 
Fortschritts vor, dessen Hauptaufgabe darin bestehen 
sollte, durch immer weitergreifende Reformen das Prole 
tariat verschwinden zu lassen. Der Controle dieses Ministe-
        <pb n="195" />
        H 
1 
— 189 — 
riums sollten die Eisenbahnen und Bergwerke, die Emis 
sionsbank und die Versicherungsanstalten unterstellt sein; 
es sollte Bazare für den Kleinhandel und Niederlagen für 
den Grosshandel einrichten mit dem Recht, je nach dem 
Werte der eingelegten Waren, eine Art Warengeld auszu 
geben. Der Profit, den der Staat aus allen diesen Unter 
nehmungen ziehen würde, sollte zunächst zur Zahlung des 
Capitals und der Zinsen für die bei diesen Operationen be 
nötigten Mittel dienen ; mit dem, was übrig blieb, sollte das 
Arbeiterbudget dotiert werden (Budget ouvrier).*) 
Dieses Budget sollte zur Schaffung von ländlichen und 
industriellen Arbeiterassociationen dienen, denen der Staat 
durch Creditgarantieen den Kauf von Productionsmitteln 
ermöglichte. 
„Da diese Einrichtung,“ so sagt Louis Blanc, „be 
deutende Mittel erfordert, so würde die Zahl der Werk 
stätten zunächst streng begrenzt werden ; aber gerade 
durch ihre Organisation würde ihnen eine ungeheure Aus 
dehnungsfähigkeit innewohnen. 
Da der Staat als der alleinige Gründer der gesell 
schaftlichen Productionsstätten (ateliers sociaux) ange 
sehen wird, so würde er die Statuten bestimmen. Von 
der Volksvertretung durchberaten und beschlossen, hätten 
diese Vorschriften Form und Kraft von Gesetzen. 
Zur Arbeit in den Nationalwerkstätten würden, bis 
zum Betrage des zunächst zum Ankauf der Productions- 
mittel gesammelten Capitals, alle Arbeiter berufen werden, 
die moralische Garanticen böten. 
Da die verkehrte und antisociale Erziehung der heu 
tigen Generation kein anderes Mittel zur Steigerung des 
Wetteifers und des Mutes wirksam sein lässt, als dio 
höhere Bezahlung, so würde die Verschiedenheit der Löhne 
der Verschiedenheit der Functionen angepasst werden. 
Eine ganz neue Erziehungsmethode muss in diesem Puñete 
*) Vergl. Menger: Das Recht auf den vollen Arbeitsertrag.
        <pb n="196" />
        die Anschauungen und Sitten wandeln. Selbstverständlich 
müsste der Lohn auf alle Fälle den Arbeitern ein aus 
giebiges Existenzminimum gewährleisten.“*) 
Nach der Meinung ihres Schöpfers müssten diese 
socialen Werkstätten vom Gesichtspunct der Productivität 
der Arbeit aus eine solche Ueberlegenheit über die capi- 
talistischen Werkstätten zeigen, dass diese notwendiger 
weise gezwungen wären, einzugehen oder sich in sociale 
Werkstätten zu verwandeln. 
„Anstatt, wie heute jeder Grosscapitalist, Herr und 
Tyrann des Marktes zu sein, würde die Regierung sein 
Regulator sein. Sie würde sich der Waffe der Concurrenz 
nicht zum gewaltsamen Umsturz der Privatindustrie be 
dienen, den sie vielmehr unter allen Umständen zu ver 
meiden ein Interesse hätte, sondern zur unmerklichen 
Ueberführung in die höhere Form. Denn sobald in irgend 
einer Industriebranche eine sociale Werkstatt eröffnet 
würde, würde man wegen der Vorteile, die sie ihren Teil 
nehmern bietet, Arbeiter und Capitalisten dorthin strömen 
sehen. Nach Ablauf einer gewissen Zeit würde man sich 
ohne Usurpation, ohne Ungerechtigkeit, ohne unersetz 
lichen Schaden und zu gunsten des Associationsprincips 
die Erscheinung vollziehen sehen, die sich heute so be 
klagenswert, durch die Tyrannei und zu gunsten des indi 
viduellen Egoismus vollzieht. Heute kann ein sehr reicher 
Industrieller seine Concurrenten durch einen grossen 
Schlag tot auf dem Platze lassen und einen ganzen 
Industriezweig monopolisieren. In unserem System würde 
sich der Staat allmählich zum Herrn der Industrie machen, 
und wir würden als Erfolg nicht das Monopol, sondern 
die Abschaffung der Concurrenz zu verzeichnen haben: 
die Association.“ 
Gegen diesen Plan zur Organisation der Arbeit gäbe 
es vieles einzuwenden, denn im grossen und ganzen setzt 
*) Louis Blanc: Organisation du travail. (Brüssel, 1852) 
pag. 117 ff.
        <pb n="197" />
        I 
sEsinss 
— 191 — 
er das corporative Monopol an Stelle des capitalistischen 
Privilegiums und gelangt nur dadurch zur Abschaffung 
der Concurrenz in den verschiedenen Productionsbranchen, 
dass er sie in den Beziehungen jeder Industriebranche 
unter sich verschärft. Aber abgesehen von diesen prin- 
cipiellen Erwägungen, wäre es bei dem heutigen Stande 
der capitalistischen Entwickelung eine wunderliche Illusion, 
wenn man annehmen wollte, solche Cooperativassociationen 
könnten, selbst mit Unterstützung des Staates, den grossen 
Unternehmungen, die den Markt in der Hand haben und 
beherrschen, eine siegreiche Concurrenz machen und sie 
zum Weichen bringen. 
Nur in den Productionszweigen, in denen die capi- 
talistische Entwickelung noch in den Anfängen steht — 
z. B. in den meisten ländlichen Industrieen — könnte 
nach unserer Meinung das System der Productivassocia 
tionen den Uebergang zu einer reinen Socialisierung ver 
mitteln. 
B. Das System des „Eindringens“. 
Anstatt neue Unternehmungen zu schaffen, deren 
Concurrenz die capitalistischen Unternehmungen ab 
schaffen soll, strebt der moderne Socialismus vielmehr 
danach, die bestehenden Unternehmungen zu vergesell 
schaften, sei es auf dem Wege der Expropriation oder 
durch (die Beteiligung des Staates. Auf dieses zweite System 
bezieht sich der Plan der „freien Socialisierung“, den E. 
Solvay am 27. December 1899 dem belgischen Senate 
unterbreitet hat. 
In der Absicht, dem Staate Mittel zu verschaffen, ohne 
sie der Arbeit zu nehmen, gleichzeitig möglichst viel zu 
vergesellschaften, ohne die Freiheit und die persönliche 
Initiative zu gefährden, schlägt Solvay eine Reihe von 
Massregeln vor, die er wie folgt zusammenfasst : 
„Zunächst müsste man an eine Revision der Gesetze 
über die Gesellschaften (Actiengesellschaften etc.) gehen,
        <pb n="198" />
        um für die Zukunft die fast immer zu gunsten der 
„Gründer“ und auf Kosten der Actionäre durchgeführten 
„Gründungen“ zu erschweren. Man könnte z. B. be 
stimmen, dass jeder Gründer an seiner Gründung fünf 
oder zehn Jahre beteiligt bleiben müsste; die Einlagen 
dürften nach Verteilung einer gewissen Dividende zurück 
gezahlt werden u. s. w. Die Massnahmen dieser Art müssen 
offenbar noch näher geprüft werden, auf jeden Fall aber 
und ganz abgesehen von dem von mir entwickelten all 
gemeinen Plane darf die Revision der bestehenden Ge 
setzgebung nicht aufgeschoben werden. 
Die Zahl der faulen Gründungen auf industriellem, 
und commerciellem Gebiete würde dadurch beträchtlich 
und commerciellem Gebiete wurde dadurch beträchtlich 
vermindert, und da auf der anderen Seite die periodisch 
geprüfte Prosperität der Länder wie Belgien, Deutsch 
land, England . . . fortwährend wächst, so würde jemand, 
der über genügend Capitalien verfügt, um sich gleich 
zeitig — und wäre es blindlings — an allen Gründungen 
zu beteiligen, ganz sicher verdienen, und zwar nach dem 
Gesetze der grossen Zahl, das mit Erfolg von den Ver 
sicherungsgesellschaften aller Art ihren Geschäften zu 
Grunde gelegt wird. 
Kraft eines Gesetzes sollte nun nach meiner Meinung 
der Staat dieser Generalteilhaber an allen im Lande 
gegründeten Unternehmungen sein. Er könnte den 
Bürgern sagen: bringt mir so viel Geld, wie ihr wollt, 
zu einem Zinsfusse, der ungefähr dem der Staatsanleihen 
entspricht; ich nehme es, um es als beinahe passiver 
Actionär iri allen Geschäften, die gegründet oder ver- 
grössert werden, anzulegen. — Diese Anlage müsste natür 
lich nach festgestellten Regeln geschehen. 
Unter diesen Bedingungen würden die eigene Thätig- 
keit des Staates ganz unbedeutend und die Verwaltungs 
kosten ausserordentlich gering sein; er würde also fast 
die ganze Differenz zwischen der Verzinsung der einge 
legten Capitalien und der mittleren Dividende aus allen
        <pb n="199" />
        Unternehmungen, an denen er beteiligt ist, verdienen. 
Je mehr Geld man ihm zur Verfügung stellen würde, 
um so mehr würde er seine Beteiligungen ausdehnen. 
Die Privatinitiative, die schöpferische Kraft in den Unter 
nehmungen, würde ganz und gar erhalten bleiben, 
nicht einmal berührt werden, und der Staat würde doch, 
soviel sich ihm Gelegenheit dazu böte, den Socialisierungs- 
process fördern. Man kann so weit gehen, sich einen 
theoretischen Socialstaat vorzustellen, der aus der fort 
gesetzten Anwendung dieses Princips der Freiheit hervor 
geht, wenn nämlich schliesslich alle Unternehmungen ver 
gesellschaftet sind. Die Privatinitiative würde immer voll 
kommen gewahrt bleiben und sich in diesem letzten 
Stadium nur noch zu dem einen Zweck bethätigen, eine 
höhere Bezahlung der Arbeit, ein industrielles oder com- 
mercielles Gehalt, statt eines einfachen Beamtengehalts, 
zu erlangen. 
Mir scheint, dass hierin ein wertvolles Princip steckt. 
Mir kommt es wie die lang gesuchte Lösung des Problems 
der Ueberwindung und Beschränkung der socialdemo 
kratischen Bewegung und zu gleicher Zeit der Vergesell 
schaftung der Unternehmungen vor; der ganze Complex 
dieser Fragen würde thatsächlich und ohne viele Worte 
durch die Nation dem Staate übertragen, der sie löst, 
ohne der vollkommenen Freiheit irgend welchen Zwang 
anzuthun.“ 
Kurz gesagt: der Staat soll zum gewöhnlichen Zins- 
fuss so viel Geld aufnehmen, als man ihm zur Verfügung 
stellen will, und dieses Geld dann nach gewissen Regeln 
zur Beteiligung an allen ernsthaften Unternehmungen 
verwenden. 
Was uns neu und wirklich originell an dem Solvay- 
schen Plane erscheint, das ist nicht die Idee, die „Ver 
gesellschaftung der Unternehmungen“ durch die Beteili 
gung an den von Privaten geleiteten Unternehmungen 
durchzuführen. Für solche Beteiligungen kann man in 
Vandervelde: Die Entwickelung zum Socialismus. 
13
        <pb n="200" />
        194 
der That eine ganze Menge von Beispielen anführen : 
der preussische Staat war früher Actionär der preussi- 
schen Bank, und der belgische Staat ist mit einer Menge 
von Privatleuten zusammen Actionär der Kleinbahngesell 
schaft. Die thätsächliche Originalität des Systems beruht 
nach unserer Meinung vielmehr in seiner Verall 
gemeinerung, in der scharfen Betonung der unbestreit 
baren Thatsache, dass die Gesamtheit der capitalistischen 
Unternehmungen notwendigerweise Ueberschüsse und 
zwar stets wachsende Ueberschüsse machen muss, wenn 
auch und während die einzelnen Capitalisten dem Risico 
des Verlustes ausgesetzt sind. 
Wenn also eine physische oder juristische Person 
existierte, die financiell kräftig genug wäre, sich an allen 
gegründeten Unternehmungen zu beteiligen, so müsste sie 
nach dem Gesetze der grossen Zahl mit mathematischer 
Sicherheit Geld verdienen. 
Der Staat kann diese Rolle spielen, indem er sich 
zum Banquier für jedermann macht, zum Vermittler 
zwischen allen denen, die Geld anlegen, und denen, die 
ein gesundes Geschäft begründen wollen. Und unter diesen 
Umständen würde ihm die Differenz zwischen den Zinsen 
für die dargeliehenen Summen und der mittleren Dividende 
aus allen Unternehmungen, an denen er sich beteiligte, 
zufliessen. 
Wir müssen indessen bemerken, dass diese Differenz 
gleich Null oder beinahe gleich Null sein würde, wenn 
sich der Staat an alten, seit einer gewissen Zeit bestehenden 
und sozusagen auf dem Beharrungszustand angelangten 
Unternehmungen beteiligen würde ; denn er müsste die 
Actien nicht zu ihrem Nominal-, sondern zu ihrem Cours 
werte erwerben, und dieser Wert würde wenig Aussicht 
auf ¡'Steigerung in der Zukunft bieten. Die Staatsbeteiligung 
an den Geschäften einer schon lange bestehenden Gesell 
schaft könnte also nur den Sinn haben, ihre vollständige 
Expropriation vorzubereiten und zu erleichtern — eine Ex-
        <pb n="201" />
        13* 
195 
propriation, die man aus anderen Gründen für vorteilhaft 
halten würde.*) 
Wenn es sich um neue Unternehmungen handelt, 
kann dagegen das von Solvay empfohlene „Eindringungs“- 
oder Beteiligungssystem sehr verführerisch erscheinen, den 
Staat an allen Unternehmungen zu interessieren und den 
Uebergang von der capitalistischen zu einer rein socialisti- 
schen Ordnung zu erleichtern. 
Nur können wir uns damit nicht einverstanden er 
klären, dass nach Solvay der Staat, der in alle neuen oder 
erweiterten Unternehmungen eintritt, nichts anderes sein 
*) Vor einigen Jahren hat die schweizerische Regierung 
unter den folgenden Umständen dieses Verfahren angewandt: 
„Bis zum Verfalltage im Jahre 1898 konnte von einem Rück 
kauf (der schweizerischen Eisenbahnen) durch Kündigung der 
Concessionen nicht mehr die Rede sein. Der Bundesrat ver 
suchte es also mit einem anderen Mittel, das man das System 
der Beteiligung, System der Penetration, genannt hat, weil es 
darin bestand, dass die Eidgenossenschaft durch allmählichen 
Kauf grosser Actienmengen an den Gesellschaften beteiligt 
werden sollte, um auf diese Weise zunächst einen entscheiden 
den Einfluss in den Generalversammlungen ausüben und sie 
sodann möglicherweise zum Rückkauf auf Grund gütlichen 
Uebereinkommens bestimmen zu können.“ (Le rachat des 
chemins de fer en Suisse. Circular des Musée social, No. 18 
vom 25. Mai 1898.) 
Zu diesem Zwecke erwarb der Bundesrat am 27. Juni 
1890 30000 Actien der Jura-Bern-Luzern-Linie; im selben und 
im folgenden Jahre sodann 47090 Actien der Jura-Simplon- 
Gesellschaft, die sich gerade mit der obengenannten fusioniert 
hatte. Ende 1891 war die Eidgenossenschaft also Besitzerin von 
77090 Actien der Gesellschaft, die im ganzen 104000 Prioritäts 
und 245 000 Stammactien ausgegeben hatte. 
Anfang 1891 bot ein Bankenconsortium der Eidgenossen 
schaft 50000 von 100000 Actien der Centralbahn an. Aber 
die Verwaltung der Centralbahn erklärte sich bereit, das ganze 
Netz abzutreten. Die schweizerischen Kammern sprachen sich 
in diesem Sinne aus, der Vorschlag wurde aber beim Referendum 
verworfen, zum Teil, weil man fand, dass die Eidgenossenschaft 
die Actien der Centralbahn über ihrem reellen Werte bezahlte. 
Das Votum von 1891 machte der Eindringungspolitik, wie über 
haupt jedem Versuche des freihändigen Rückkaufs ein Ende.
        <pb n="202" />
        — 196 —• 
könnte und sollte, als ein fast passiver Actionär, der als 
einzige Function die Gewinnbeteiligung hätte. 
Schon durch diese Beteiligung würde die Gesamt 
heit eine moralische Verpflichtung gegen das Personal 
dieser Unternehmungen auf sich nehmen; als Actionär 
und Teilhaber am Gewinn würde sie die Macht und die 
Pflicht haben, darauf zu sehen, dass die Dauer der 
Arbeitszeit, die Höhe der Löhne, die Organisation der 
Versicherungen den gebieterischen Forderungen der öffent 
lichen Meinung entsprächen; und in dem Masse, wie 
die Anteile des Staates wüchsen, würden auch sein Ein 
fluss und seine Verpflichtungen wachsen. 
So zwar, dass in letzter Linie E. Solvays System 
der „freien Vergesellschaftung“ zu denselben Consequen- 
zen führen würde, wie die in den socialistischen Pro 
grammen geforderte vollständige Vergesellschaftung der 
grossen Industrieen. 
C. DievollständigeVergesellschaftungder 
Industrieen. 
Stellt man sich hypothetisch eine collect ivisti- 
sche Politik vor, die die allmähliche Uebernahmfe 
der Hauptindustrieen durch die Gemeinden oder den 
demokratischen, decentralisierten und von den rein 
autoritären Machtorganen differenzierten Staat zum Ziel 
hat, dann müsste man sich offenbar — auf der Linie 
des geringsten Widerstandes — zunächst gegen die natür 
lichen oder durch die capitalistische Concentration künst 
lich geschaffenen Monopole wenden. 
Wenn es sich um die monopolisierten Industrieen 
handelt, dann fallen in der That alle Argumente der 
Gegner des Socialismus zu gunsten der persönlichen 
Initiative und der aus der Concurrenz entspringenden Vor 
teile platt zu Boden. Denn da nun einmal gar keine Con 
currenz existiert, kann sie nicht wirksam sein; ferner ist
        <pb n="203" />
        auch nicht einzusehen, warum die persönliche Initiative 
der Privat angestellten unter der Herrschaft des 
anonymen Capitals, der Actiengesellschaften, grösser sein 
soll, als das der Staats angestellten, — vorausgesetzt 
natürlich, dass man diesen dieselben materiellen Vorteile 
und dieselbe Actionsfreiheit gewährt, wie jenen. 
Aber wir wollen gleich hinzufügen, dass es das Feld 
des Collectivismus gar zu eng umgrenzen hiesse, wenn man 
ihn auf die alten, concentrierten, automatisierten In 
dustrien beschränken wollte, deren Betrieb so sehr zur 
Routine und Einförmigkeit geworden ist, dass ihre Aus 
beutung durch die öffentliche Gewalt auch schon in ihrer 
heutigen Organisation vorteilhaft wäre. In dem Masse, 
wie ihre Organisation vervollkommnet wird, verlieren die 
Einwendungen, die man berechtigterweise gegen die 
Uebernahme anderer Industrieen machen kann, an Be 
deutung. 
Dass in der heutigen Ordnung sowohl der industrielle 
als auch der collective Betrieb vom Standpunct der Pro 
duction aus Nachteile und Vorteile hat, das zeigt sich 
mit um so grösserer Deutlichkeit, wenn man die beiden ein 
ander am stärksten entgegengesetzten Betriebsarten, das 
Handwerk und das Staatsmonopol, gegen einander hält. 
Während aber die Vorteile, die dem eigentlich individuellen 
Betriebe eigen sind — und denen die Kunst- und Luxus 
industrien die Dauer ihrer Existenz verdanken —, mit dem 
Fortschritt der capitalistischen Concentration und mit der 
Weiterverbreitung anonymer Capitalorganisationen immer 
mehr abnehmen, wachsen im Gegenteil die Vorteile und 
Vorzüge des Collectivbetriebes mit dem Fortschritt der 
politischen und socialen Organisation. 
Anfangs haben wir es mit dem Pickelhaubenstaat zu 
thun, der, plötzlich in einen Industriellen oder Kaufmann 
verwandelt, seine ganze Brutalität, seine waldursprüngliche 
Grobheit bewahrt, sein Personal beinahe so schlecht be 
handelt, wie die schlimmsten capitalistischen Sclavenhalter,
        <pb n="204" />
        ic;8 
Und nicht sociale Erwägungen, sondern fiscalische Plus 
macherei zum Betriebsprincip macht. 
Sobald aber das Eingreifen des Proletariats in die 
öffentlichen Angelegenheiten wirksam wird, sobald sich die 
Politik und die Wirtschaft zu differenzieren beginnen, die 
Staatswirtschaft ihre Unabhängigkeit von der Regierungs 
gewalt erringt, wird der decentralisierte und „entbureau- 
kratisierte“ Collectivbetrieb mehr und mehr der Vorzüge 
des Betriebes industrieller Gesellschaften teilhaftig, indem 
er aber zugleich die Vorzüge der Vergesellschaftung be 
wahrt. 
Und schliesslich würde in einer socialistischen Ge 
meinschaft die Productivität der gesellschaftlichen Arbeit 
einen um so grösseren Aufschwung nehmen, je vollkom 
mener das Ineinandergreifen der Kräfte sein würde; zu 
mal doch auch alle, gleichzeitig Producenten und Con- 
sumenten, das gleiche Interesse an der Vergrösserung 
der Masse der Arbeitsprodukte haben würden. 
§4- 
Zusammenfassungun d Schlussfolgerungen. 
Die verschiedenen Arten der Vergesellschaftung, die 
wir hier betrachtet haben — Expropriation der grossen 
Industrieen, Beteiligung des Staates an neuen Unterneh 
mungen, Schaffung von Productivassociationen mit oder 
ohne Staatshilfe — schliessen einander offenbar nicht 
aus. Es ist vielmehr höchst wahrscheinlich, dass sich 
die Vergesellschaftung der Production, die uns als das 
unvermeidliche Ende der industriellen Entwickelung er 
scheint, nicht einförmig und durch die Anwendung eines 
einzigen Systems verwirklichen wird, sondern vielmehr 
durch die Combinierung aller Massnahmen, aller Kräfte, 
aller Pläne, die auf dasselbe Endziel: die Unterdrückung 
des arbeitslosen Einkommens und die Vergesellschaftung 
der Productionsmittel hinwirken.
        <pb n="205" />
        199 
So bemerkt auch Sidney Webb in einem der interes 
santen von der Fabian Society (Gesellschaft der Fabier) 
veröffentlichten Tracts (Abhandlungen), „dass es keinen 
vernünftigen Socialisten giebt, der die unmittelbare Ueber- 
nahme aller Krämerläden durch die Gesamtheit für durch 
führbar hält. Die Demokratisierung des Detailhandels 
und mancher anderen Industriezweige kann — wie wir 
an schlagenden Beispielen sehen — durch die Waren 
häuser und Bazare viel eher durchgeführt werden, als 
ein Staat oder eine Ortsverwaltung sich damit zu befassen 
beschliesst.“*) 
In England, diesem gelobten Lande des Genossen 
schaftswesens, entwickelt sich der Gemeindesocialismus 
viel rascher als das Genossenschaftswesen. Die von den 
öffentlichen Gewalten allein in der Gasfabrication an 
gelegten Capitalien sind grösser, als das gesamte Ge 
sellschaftsvermögen der 1767 Genossenschaften des Ver 
einigten Königreichs.**) 
Die Eroberung der grossen Productionsmittel von der 
privaten Vereinigung der Arbeiter erhoffen, das heisst 
sich und das Proletariat in chimärische Hoffnungen ein 
wiegen. Die Cooperation kann dem Socialismus Vorar 
beiten, ihn aber nicht verwirklichen. Nur die Expro 
priation der capitalistischen Classe durch collective Wil 
lensacte kann die volle Emancipation der Producenten 
sichern. 
Was die Art und Weise dieser Expropriation an 
langt — ob sie allmählich oder plötzlich, friedlich oder 
revolutionär, mit oder ohne Entschädigung erfolgen soll 
*) Sidney Webb: English progress towards social demo 
cracy. Fabian Tract No. 15. (London, Fabian Society, 276, 
Strand W. C.) 
**) Die von englischen Gemeinden in der Gasfabrication an 
gelegten Capitalien betrugen 1899 28600000 Lstr., die Capi 
talien der Genossenschaften mit Einschluss der Wholesales be 
trugen 25800000 Lstr. Näheres siehe Harrison: Municipal 
trading (Economic Journal, Juni 1900, pag. 251) und Zeo: La 
coopération en 1898 (Avenir Social, Februar 1900.)
        <pb n="206" />
        200 
— so sind das Fragen, die leider viel weniger von unserem 
eigenen Belieben, als von den socialen Verhältnissen ab- 
hängen. 
Gewiss wird jeder fühlende Mensch — selbst ohne 
alle Aussicht — wünschen, dass die Befreiung der Ar 
beiter nicht so viel Blut und Thränen kosten möge, wie 
die Bürgerkriege und die internationalen Metzeleien, die 
den Aufstieg des dritten Standes gekennzeichnet 
haben. Wenn man aber den blinden, erbitterten, wilden 
Widerstand sieht, den die privilegierten Classen immer 
auch den bescheidensten Forderungen der grossen Masse 
entgegensetzen, dann muss man unwillkürlich an die Worte 
denken, die Schiller seinem Wallenstein in den Mund 
legt: 
„Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit, 
Leicht bei einander wohnen die Gedanken, 
Doch hart im Raume stossen sich die Sachen; 
Wo eines Platz nimmt, muss das andre rücken, 
Wer nicht vertrieben sein will, muss vertreiben; 
Da herrscht der Streit, und nur die Stärke siegt.“ 
Diese Stärke, diese Macht, die Herrin der Welt, muss 
das Proletariat erobern. Die Arbeiter müssen den Wahl 
spruch der Internationale zur Wahrheit machen, das in 
ihnen schlummernde Classenbewusstsein erwecken, durch 
unablässige Propaganda die alte Disciplin zerstören, die 
den Armeen den passiven Gehorsam einpflanzt, und sich 
mit eiserner Geduld an die Eroberung der Rechte und 
der öffentlichen Gewalt machen. Sie müssen sich durch 
unablässige Arbeit an sich selbst zur intellectuellen und 
moralischen Höhe ihrer Hoffnungen erheben und durch 
die Entwickelung der freien und freiwilligen Organisation 
der Arbeiterclasse Generationen heranbilden, die für die 
republicanische Organisation der gesellschaftlichen Arbeit 
reif sind. Mit einem Worte : der socialistische Gedanke 
muss alle Einrichtungen durchdringen, alle Köpfe er 
füllen, alle Widerstände überwinden.
        <pb n="207" />
        r 
— 201 — 
Diese Entwickelung geht heute mit Riesenschritten 
vorwärts, und der Socialismus kann sich, nach dem ei 
genen Zugeständnis der schärfsten Gegner, die Worte zu 
eigen machen, die zwei Jahrhunderte nach Christi Tod 
Tertullian den Mächten des untergehenden Heidentums 
ins Gesicht schleuderte: „Wir sind erst von gestern und 
doch erfüllen wir schon euere ganze Welt: euere Städte, 
euere Festen, euere Flecken, euere Versammlungen, so 
gar euere Armeen, die Tribus, die Decurien, den Palatin, 
den Senat, das Forum: wir lassen euch nichts als euere 
Tempel!“ 
Und selbst diese Tempel beginnen zu veröden.
        <pb n="208" />
        VI. Capitel. 
Die Einwendungen. 
„Die Beschränkungen der Freiheit, die der Com- 
munismus mit sich bringt, würden die Freiheit selbst sein 
im Vergleich mit dem heutigen Zustand der meisten zum 
Menschengeschlechte gehörenden Wesen.“ 
Stuart Mül. 
„Alle Menschen werden frei und ungleich geboren. 
Das Ziel des Socialismus ist, diese natürliche Ungleich 
heit zu erhalten und daraus den grösstmöglichen Vorteil 
zu ziehen.“*) Mit diesen Worten beginnt Grant Allen 
eine schöne und eindringliche Studie, in der er folgendes 
zeigt : Indem der Socialismus die Gleichheit bei der 
Geburt durch Unterdrückung der erblichen Privilegien, 
die die industrielle und sociale Vorherrschaft so vielen 
mittelmässigen und ungeeigneten Menschen zuschanzen, 
einführt, ist er weit entfernt, alle Menschen auf dasselbe 
Niveau herabzudrücken, sondern würde vielmehr die Vor 
herrschaft der höchsten moralischen und intellectuellen 
Werte sichern. 
Dadurch, dass er allen Menschen die Möglichkeit 
einer Entwickelung aller ihrer Fähigkeiten giebt, dass er 
Tausende von hohen Intelligenzen der Unwissenheit und 
dem Elend entreisst, Intelligenzen, denen nichts als ein 
*) L’inégalité naturelle (L’Humanité Nouvelle, Juli 1898).
        <pb n="209" />
        Bisschen Wohlstand und Licht zur Entfaltung marigelt, 
dadurch, dass er durch eine systematische Organisation 
die allgemeine und technische Fähigkeit aller Arbeiter 
steigert, — dadurch würde der Socialismus das Wissen 
der Menschen, ihre Macht über die Naturkräfte und 
folglich ihre Freiheit im besten und höchsten Sinne 
des Wortes auf das Maximum bringen. 
Da dies gleichzeitig Ziel und notwendiges Ergebnis 
der Emancipation des Proletariats ist und sein muss, so 
fragt man sich, durch welches wunderliche Missverständ 
nis Menschen, an deren gutem Glauben man zu zweifeln 
keinen Anlass hat, dazu kommen können, im Socialis 
mus eine Lehre der absoluten Gleichmacherei und eine 
ernstliche Gefahr für die Rechte des Individuums zu 
sehen. 
In seiner Education sentimentale schildert uns z. B. 
Flaubert eine seiner antipathischesten Personen, den Re 
petitor Sénécal, als eine Art lebender Synthese der col- 
lectivistischen Systeme : „er kannte Mably, Morelly, 
Fouriór, Saint-Simon, Gabet, Louis Blanc, den schweren 
Karren voll socialistischer Schriftsteller, die die Mensch 
heit auf das Niveau der Casernen herabdrücken wollen, 
die sie in einem Lupanar ergötzen oder auf einen Comptoir 
schemel zwingen möchten; und aus dem Gemengsel aller 
dieser Lehren hatte er sich das Ideal der tugendhaften 
Demokratie geschaffen, die, halb Landgut, halb Spinnerei, 
eine Art americanisches Lakedämon darstellen würde, in 
dem das Individuum nur für die Gesellschaft existieren 
würde, für die Gesellschaft, die mächtiger, absoluter, un 
fehlbarer und göttlicher sein würde, als die grossen Lamas 
oder die Nebukadnezars.“*) 
Hier haben wir also mit ebensoviel Kraft wie Un 
gerechtigkeit den Haupteinwand, den man gegen den 
Socialismus erhebt; deshalb ist es auch unnötig, aus den 
") Flaubert: L’éducation sentimentale, pag. 167.
        <pb n="210" />
        Spencers und den Leroy-Beaulieus noch mehr gleichartige, 
aber weniger starke Belegstellen anzuführen. Allgewalt 
des Staates, Verwandlung aller Bürger in Staatsange 
stellte, Sclaven der Centralgewalt, und folglich Unter 
drückung der individuellen Initiative; Zerstörung der Frei 
heit; Vernichtung alles dessen, was den Reiz und die 
Schönheit des Lebens ausmacht, von den Raffinements 
des privaten Luxus bis zu den köstlichen Blüten der Kunst, 
die zu zart sind, als dass sie in einer Casernenluft ge 
deihen könnten. 
Unsere Auseinandersetzung der wesentlichen Grund 
sätze des Socialismus zeigt bereits, dass diese Einwendun 
gen falsch sind und einzig und allein auf einer groben 
Verwechselung der Betriebe des capitalistischen Staates 
mit der Verwendung des Gemeineigentums durch die Ge 
samtheit der Arbeiter beruhen. Aber trotzdem ist es viel 
leicht nützlich, dabei ein wenig zu verharren und noch 
einmal zu zeigen, dass die socialistische Organisation der 
Arbeit — entgegen der in den Spiesserkreisen herrschen 
den Meinung — die individuelle Initiative steigern, die 
Ausdehnung der menschlichen Freiheit kräftig fördern, 
der Gesamtproduction in der Industrie, der Wissenschaft 
und der Kunst einen neuen Aufschwung verleihen würde. 
§ I. 
Der Socialismus und die persönliche 
Initiative. 
Die Verteidiger der heutigen Ordnung, die da be 
haupten, eine socialistische Organisation der Production 
und Arbeit würde die persönliche Initiative ertöten und 
die schöpferische Energie vernichten, indem sie den Stachel 
des privaten Interesses vernichtet, verfehlen niemals, gegen 
den „Sclaven der socialistischen Gesellschaft“ den freien 
Mann, den freien Bauern, den unabhängigen Handwerker, 
kurz alle diejenigen aufmarschieren zu lassen, die für
        <pb n="211" />
        205 
sich selbst arbeiten und ein directes und unmittelbares 
Interesse daran haben, so viel wie möglich zu leisten. 
Darauf haben wir zunächst zu erwidern, dass dieser 
Vergleich — so günstig man ihn auch für die unabhängigen 
Producenten hinzustellen beliebt — gar nichts beweist: 
die Socialisten denken gar nicht daran, Arbeit und Besitz 
zu trennen, wenn sie vereint sind, sondern im Gegenteil 
sie zu vereinen, wenn sie getrennt sind ; sie erstreben 
lediglich die Expropriation des capitalistischen Eigentums 
und beabsichtigen keineswegs den Inhabern des per 
sönlichen Eigentums eine Cooperation aufzuzwingen, wenn 
diese nichts davon wissen möchten. 
Nur constatieren sie — und die capitalistische Con 
centration bezeugt die Richtigkeit dieser Feststellung — 
die Inferiorität der Einzelunternehmungen in den meisten 
Productionszweigen, in allen Industrieen, die der Befriedi 
gung der allgemeinsten und ausgedehntesten Bedürfnisse 
dienen. 
So herrlich die Blüten der persönlichen Initiative sein 
mögen, sie verkümmern wie die jungen Pflanzen im 
Schatten grosser Bäume, sobald die capitalistische Pro 
duction die Arbeit in mechanische Teiloperationen zer 
legt, den Wert der Fachausbildung auf ein Minimum 
reduciert und den Lohnarbeitern keinen anderen Anreiz 
zur Arbeit mehr lässt, als die Furcht vor Entlassung oder 
vor Strafe, wenn sie im Tagelohn, vor verminderter, unter 
das Existenzminimum herabgehender Einnahme, wenn sie 
im Accord schaffen. 
Auf dieser Stufe der Entwickelung concentriert sich 
die persönliche Initiative gerade so, wie das Eigentum und 
die Production. 
Sie fällt fast ganz und allein dem Capitalisten zu, 
solange er selbst das Unternehmen leitet und die Leitung 
nicht Angestellten überträgt. 
Er heimst alle Profite ein, trägt aber auch alle Ver 
antwortung, und wenn er, was nur gar zu häufig vor-
        <pb n="212" />
        kommt, seine souveränen Rechte missbraucht, dann könnte 
man ihn, ohne den Thatsachen Gewalt anzuthun, klipp 
und klar als einen Parasiten bezeichnen. 
„Der Unternehmer ist in der heutigen Wirtschafts 
ordnung,“ so sagt Charles Gide, „nicht einfach Händler 
mit Arbeitskraft : er organisiert die Arbeit, was eine ganz 
eminente productive Thätigkeit ist, er weist ihr ihre Auf 
gabe zu und giebt ihr den höchsten Grad der Wirksam 
keit. Und nicht nur die Arbeitskraft der Arbeiter, nein, 
alle die verschiedenen zerstreuten Productionsfactoren, die 
Capitalien, den Grund und Boden, die Gebäude — die 
ihm häufig gar nicht oder nur zu einem Teile gehören — 
vereinigt er in seiner Hand und leitet sie zu demselben 
Vorgesetzten Zwecke. Den Bedarf vorauszusehen, Pro 
duction und Consumption in Einklang zu bringen, der 
Arbeit und den Capitalien eines Landes den richtigen 
Weg vorzuschreiben, das ist so recht eigentlich die Auf 
gabe des Unternehmers.“*) 
Dass diese Aufgabe erfüllt werden muss, leuchtet 
ohne weiteres ein. 
Aber wir haben gesehen, dass die Capitalisten mehr 
und mehr nach dem Beispiele der Grossgrundbesitzer 
diese Unternehmerfunction bezahlten Directoren über 
tragen. 
Schon im Jahre 1836 hat Ure, der Pindar der eng 
lischen Fabricanten, wie Marx ihn nannte, festgestellt, 
dass nicht die Capitalisten, sondern ihre Managers 
„die Seele unseres industriellen Systems“ sind. Und heute, 
wo die Actiengesellschaft in den meisten Industriezweigen 
solche Fortschritte gemacht hat, ist das noch weit mehr 
der Fall. 
Bei der Begründung jedes Vermögens, jeder Unter 
nehmung finden wir gewiss auch heute noch einen Wil- 
*) Charles Gide: Principes d’économie politique (Paris, 
Larose, 1896), pag. 377.
        <pb n="213" />
        20 7 
lensact, mag er nun anständig oder unanständig sein; 
ist aber einmal das Vermögen geschaffen, die Unter 
nehmung gegründet, dann entwickeln sie sich durch die 
ihnen innewohnende Kraft, durch die Macht der capi- 
falistischen Accumulation, durch die Ausbeutung der 
Arbeit und Fähigkeiten anderer ; und wenn sie gar im 
Erbgange auf andere übergehen, dann wird die persön 
liche Initiative der Capitalbesitzer schliesslich vollkommen 
durch die bureaukratische Verwaltung der Actiengesell- 
schaft ersetzt. 
Und gerade, wenn es sich so verhält, dann bietet 
die Vergesellschaftung das Maximum von Vorteilen, und 
man stimmt dann im allgemeinen darin überein, dass 
unter sothanen Verhältnissen die Privatunternehmungen 
den öffentlichen Unternehmungen nicht notwendig 
überlegen sein müssen. 
„Alles, was in der Freiheit nur durch capitalistische 
Gesellschaften ausgeführt werden kann,“ so sagt Stuart 
Mill, „würde häufig ebensogut und manchmal besser ge 
macht, wenn der Staat die Arbeit selbst übernehmen 
würde. Der spielerische Charakter, der Mangel an Sorg 
falt und Fähigkeit bei den Staatsunternehmungen sind 
sprichwörtlich geworden; aber bei der Verwaltung der 
grossen Gesellschaften haben wir dieselben Merkmale ge 
sehen. Es ist wahr, dass die Directoren einer Gesell 
schaft (im damaligen England. Anm. des Uebers.) immer 
Actionäre sind; aber die Mitglieder der Regierung sind 
auch Steuerzahler, und mag es sich nun um Directoren 
oder Staatsbeamte handeln, so ist ihr Vorteil bei einer 
guten Führung der Geschäfte nicht dem Interesse gleich, 
das sie an einer schlechten Führung haben können, ganz 
zu schweigen von ihrem Ruhebedürfnis.“*) 
Kurz, in der heutigen capitalistischen Ordnung sind 
die Staatsuntemehmungen — so fehlerhaft auch immer 
*) Mill: Principles of political economic, IV. Buch.
        <pb n="214" />
        4 
2o8 
ihre Organisation sein mag — im allgemeinen vom i n - 
dustriellen Gesichtspuncte aus nicht schlechter, als 
die Privatgesellschaften. Diese haben nur vom com- 
merciellen Gesichtspuncte aus Vorzüge : wenn die Con- 
currenz zur Kundenjagd zwingt, wenn es sich darum 
handelt, eine fortwährende Reclame zu organisieren, ir 
gend welche Kniffe anzuwenden oder Unsummen hinaus 
zuwerfen, um sich eine Kundschaft zu erhalten oder sie 
einem Rivalen abspenstig zu machen, dann ist der Staat 
unzweifelhaft weniger auf der Höhe, als die Privatgesell 
schaften. 
Dazu ist aber folgendes zu bemerken: Diese Inferiori 
tät mag sehr bedenklich sein, wenn es sich darum handelt, 
das Maximum von Profiten zu ergattern, sie hat aber 
nur eine zweifelhafte Bedeutung, wenn es sich darum 
handelt, den Consumenten das Maximum von Vorteilen 
zu sichern. Nun wissen wir aber, dass die gesellschaft 
liche Arbeit im socialistischen Staate keineswegs mehr 
die Schaffung von Tauschwerten bezwecken würde, son 
dern die Erzeugung von Gebrauchswerten zur directen 
Bedürfnisbefriedigung der Producenten selbst. Wenn also 
schon heute die Staatsunternehmungen als Productions- 
organismen den Vergleich mit den Privatunternehmungen 
aushalten können, so können wir a fortiori leicht nach- 
weisen, dass eine socialistische Organisation der Arbeit, 
weit entfernt, die productive Energie und die persönliche 
Initiative herabzumindern, sie vielmehr in weit höherem 
Masse anreizen würde, als die heutige Ordnung. 
Um diesen Nachweis zu liefern, betrachten wir nach 
einander die ausführende und die leitende Thätigkeit. 
Was zunächst die ausführende Thätigkeit 
anlangt, so versteht sich von selbst, dass alle die Mittel, 
die man heute zur Erhöhung ihres Ertrages verwendet 
— Prämien, Stücklohn, Accordarbeit u. s. w. — mit der 
grössten Leichtigkeit in der socialistischen Ordnung ihre
        <pb n="215" />
        ák 
— 209 — 
Gegenstücke finden könnten, wenn es nötig sein sollte, 
ein derartiges Verfahren anzuwenden. 
Diese Mittel können übrigens nur in beschränktem 
Umfange angewendet werden. Accordarbeit und Stück 
lohn stossen bekanntlich in den meisten Industrieen auf 
technische Schwierigkeiten oder auf einen Widerstand, 
der infolge mannigfacher Missbrauche berechtigt erscheint. 
Der Tagelohn bleibt die herrschende Lohnform, und wenn 
es so ist, dann muss ein jeder zugeben, dass der Arbeiter 
in den capitalistischen Unternehmungen, der zu einer ein 
fachen Maschine zur Erzeugung von Mehrwert degradiert 
ist, keinen anderen Anreiz zur Arbeit kennt als die Furcht 
vor Entlassung oder Strafe. Im allgemeinen arbeitet er ge 
rade so viel, dass er nicht auf die Strasse geworfen oder 
bestraft wird. Aber gerade in den Productionszweigen, 
wo die Ueberwachung schwierig ist — z. B. bei den 
ländlichen Arbeiten —, zeigen sich die beklagenswerten 
Consequenzen in Hinsicht auf die Productivität der heuti 
gen Zustände in aller Klarheit. 
„Wenn man die Dinge nimmt, wie sie sind,“ so sagt 
Piret, „so kann man gar nicht erwarten, dass der Arbeiter 
mehr arbeitet, als nur eben um Vorwürfe zu vermeiden. 
Dieses Minimum von Thätigkeit verallgemeinert sich bei 
den Arbeitern im Verhältnis zu der Ueberwachung und 
den gewöhnlichen Anforderungen der Meister und wird 
schliesslich so sehr zur Gewohnheit, dass man es als 
Regel ansieht. Bei dem häuslichen Gesinde ist es noch 
schlimmer: da es, abgesehen von ganz schweren Fällen, 
nicht zu fürchten braucht, Knall und Fall entlassen zu 
werden, und da es ferner für seine ganze Dienstzeit be 
zahlt wird, so hat es gar kein Interesse daran, in einer 
gegebenen Zeit die höchstmögliche Arbeitsleistung zu 
liefern; ihm kommt es nur darauf an, mit einer Lang 
samkeit zu arbeiten, die lediglich danach eingerichtet ist, 
dass es sich nicht gar zu heftigem Tadel aussetzt; anstatt 
daher seine Arbeit mit Fleiss und Aufmersamkeit zu ver- 
Vandervelde: Die Entwickelung zum Socialismus. 
14
        <pb n="216" />
        210 
richten, begnügt es sich damit, die Zeit durch einen ge 
schäftigen Müssiggang totzuschlagen.“*) 
Um das zu beobachten, braucht man übrigens nicht 
aufs Land hinaus zu gehen. Man schaue sich nur um, 
wenn man im Hause Reparatur- oder Verschönerungs 
arbeiten auszuführen hat. Mit welcher majestätischen Ruhe 
führt der Anstreicher seinen Pinsel, mit welcher morbi- 
dezza pfeift er sein Liedchen, wenn er eine Façade malt; 
dabei kann man ganz deutlich sehen — und zwar mit dem 
geschärften Auge des am Geldbeutel Gepackten, wenn es 
sich um ein eigenes Haus handelt —, wohin der Mangel 
eines persönlichen oder höheren Interesses die für die 
Rechnung eines Unternehmers Arbeitenden führt. 
Wer aber das Gegenstück zu diesem bekannten Ge 
mälde haben will, wer sehen will, wie gross der Arbeits 
eifer in einer Gesellschaft sein würde, die alle ihre Mit 
glieder moralisch und materiell am allgemeinen Wohl 
interessiert, der gehe z. B. in eine der socialistischen 
Bäckereien zu Brüssel, in diese luftigen und hellen, mit 
den neuesten Verbesserungen ausgerüsteten Brotfabriken, 
die eine Art Vorahnung von den Werkstätten der Zu 
kunft geben können. Dort findet man freie Männer, ohne 
andere als die gegenseitige Controle. Sie verdienen fünf 
Francs am Tage, arbeiten nur acht Stunden am Tage, 
während die „weisseh Bergleute“ der kleinen Bäckereien 
zwölf, dreizehn, vierzehn Stunden in dunkelen Kellern 
schuften müssen. Aber während der acht Stunden arbeiten 
die socialistischen Mannschaften mit höchster Anspannung, 
mit heiligem Eifer und verrichten freudig für ihre Brüder 
und sich selbst das modernisierte Wunder der Verviel 
fältigung der Brote. 
Ist das nicht der schlagende, der lebendige Beweis 
dafür, dass die collectivistische Ordnung — d. h. in letzter 
*) Piret: Traité d’économie rurale (Brüssel, 1890) II., pag. 
187 und 189.
        <pb n="217" />
        Linie die erweiterte, allgemeine Cooperation — in der 
ausführenden Arbeit der heutigen Ordnung unbestreitbar 
überlegen sein würde ? 
Aber, so wendet man ein, wie steht’s mit der leiten 
den Arbeit! Wo wird man die energischen Männer, die 
Industriecapitäne, die heute die capitalistischen Unter 
nehmungen dirigieren, zur Leitung der gesellschaftlichen 
Unternehmungen finden? 
Die Antwort ist sehr einfach. Ganz abgesehen von 
den neuen Capacitäten, die bei einem wirklich durch 
greifenden Unterrichtssystem emporschiessen würden, 
würden doch die jetzigen immer da sein ; sie würden 
bleiben, was sie sind, und wenn man zur Anregung ihres 
Eifers die heutigen Mittel anwenden müsste, so ist gar 
nicht einzusehen, warum das neue Regime nicht zu ihnen 
greifen sollte. 
Alles was ein Trust thun kann — durch eine decen- 
tralisierte Organisation, durch Beteiligungen, durch Be 
förderungen —, um die Initiative und das Verantwortlich 
keitsgefühl seiner JDirectoren oder Angestellten zu ver 
mehren, könnte, wie wir gesehen haben, die Allgemein 
heit auch thun. 
Immerhin wollen wir gleich bemerken, dass die Mög 
lichkeit der Beibehaltung dieser Ungleichheiten in der 
Bezahlung noch nicht die Notwendigkeit bedeutet. 
Alles lässt im Gegenteil darauf schliessen, dass sie in 
einem socialistischen Gemeinwesen die Tendenz zur fort 
gesetzten Verringerung, wenn nicht zum Verschwinden 
zeigen würden, weil sie nicht mehr nötig sein würden, 
um geistige Arbeiter zur Leistung des Maximums an Ini 
tiative und Thätigkeit zu reizen. 
Dass es heute anders ist, ist leicht begreiflich. Man 
arbeitet vor allem, um Geld zu verdienen, denn Geld 
giebt gesellschaftliches Ansehen, Sicherheit und Unab 
hängigkeit, ist das einzige Mittel, um die meisten An 
nehmlichkeiten des Lebens, selbst die geistigen, zu er- 
14*
        <pb n="218" />
        — 212 — 
langen; sobald aber diese metallene Herrschaft gestürzt, 
sobald das Gemeineigentum einem jeden das geistige und 
leibliche Wohl — panem et circenses — gewährleisten 
würde, würde auch die Liebe zum Gelde anderen psycho 
logischen Factoren weichen, das pecuniäre Interesse 
anderen, weniger niedrigen Formen des persönlichen 
Interesses Platz machen. 
Es ist gar nicht zweifelhaft, dass der Ehrgeiz, der 
Wunsch, die höchsten Posten in der Hierarchie der Arbeit 
einzunehmen, in der That fortwährend in demselben Masse 
wachsen würde, wie der materielle Kampf ums Dasein 
seine Schärfe verlöre. 
Und andererseits hiesse es die menschliche Natur 
beleidigen, wenn man die zunehmende Bedeutung der 
rein altruistischen Factoren in einer Gesellschaft verkennen 
wollte, in der die Interessen solidarisch, statt einander 
entgegengesetzt sein würden. Sieht man denn das nicht 
schon heute in den socialistischen Genossenschaften ? 
Männer wie Anseele oder andere, die weniger bedeutend, 
aber ebenso begeistert sind, begnügen sich mit dem Lohne 
eines einfachen Arbeiters und verrichten dabei Wunder 
an Energie, Intelligenz und oftmals kaufmännischer Genia 
lität ; denn deren bedurfte es, um in Belgien den mächtigen 
Organismus der Genossenschaften zu begründen. 
Ja, so wird man uns einwenden, das sind Ausnahmen I 
Und man hat kein Recht bei der Besorgung der laufenden 
alltäglichen Geschäfte und bei der Leitung der gesell 
schaftlichen Arbeit auf Ausnahmen, auf die Selbstverleug 
nung und die Hingebung von Aposteln und Gründern 
einer neuen Religion zu zählen! 
Gut! Nehmen wir ein anderes Beispiel. 
Man wird uns gewiss gerne zugestehen, dass die Berufs 
soldaten, die Officiere unserer Armeeen im ganzen durch 
Moralität, Selbstverleugnung und Opfermut den anderen 
Classen nicht merklich überlegen sind. Wenn man ihnen 
aber sagt, dass das Vaterland in Gefahr ist, die Ehre
        <pb n="219" />
        À «A 
— 213 — 
der Fahne auf deiml Spiele steht, der Krieg erklärt worden 
ist, dann fliegen sie an die Grenze, sind einmütig bereit, 
ihr Leben für diese Fahne, für dieses Vaterland, für diesen 
oft hassenswerten Und ungerechten Krieg hinzugeben. 
Wenn solche Empfindungen solche Wirkungen ‘zei 
tigen können, brauchen wir dann auch nur einen einzigen 
Augenblick im Zweifel zu sein, dass sich dieselbe Energie, 
dieselbe Willenskraft und Entsagung auch bei den (Difi 
rieren und Generälen der industriellen Armee für Werke 
des Lebens entwickeln wird, wie heute bei den Officieren 
und Generälen der Armeeen für Werke des Todes ? Und 
wo sich so viele Menschen bereit finden, ihr Leben zu 
opfern, wenn es sich darum handelt, ihresgleichen eine 
Bleikugel zu senden, da sollten sie sich nicht ebenso 
bereit finden, wenn es sich darum handelt, den Neben 
menschen Brot zu geben? 
Wir wissen wohl, dass die kriegerische Exaltation 
eines Augenblicks und die andauernde friedliche Arbeit 
eines ganzen Lebens zweierlei sind ; aber wir wollen doch 
auch nicht vergessen, dass die moralischen Factoren, deren 
Stärke wir eben gezeigt haben, zu den anderen weniger 
hohen Stimulantien, die auch in der socialistischen Ord 
nung fortwirken könnten, hinzutreten, nicht sie er 
setzen würden. 
Wir können also mit Recht schliessen, dass in der 
ausführenden wie leitenden Arbeit die persönliche Initiative 
und folglich auch die gesellschaftliche Productivität alles 
zu gewinnen und nichts zu verlieren hätten, wenn sich 
der Kampf ums Dasein zwischen den Menschen in ihre 
Vereinigung zum Kampfe gegen die Natur wandeln 
würde. 
§ 2. 
Der Socialismus und die Freiheit. 
„Der Socialismus und die menschliche Freiheit sind 
unvereinbar miteinander.“
        <pb n="220" />
        214 
Welche Variationen dieses Themas haben wir über 
uns ergehen lassen müssen, von den unbeholfenen Pam 
phleten Eugen Richters bis zu den feinen und geistreichen 
Malaiischen Briefen Paul Adams, in denen er uns «ine 
ikarische Gesellschaft dort hinter irgendwo in Insulindien 
beschreibt, die zwar wundervoll geordnet ist, in der aber 
die Freiheit nur noch im Herzen eines alten, an ihren 
Strand verschlagenen, spanischen Diplomaten wohnt! 
Der Pariser Figaro brachte einmal zum i. Mai eine 
Nummer heraus, in der die drei grossen Gesellschafts 
ordnungen der Vergangenheit, der Gegenwart und der 
Zukunft in sehr pittoresker Weise carikiert wurden: die 
absolute Monarchie, die bürgerliche Republik und die 
collectivistische Gesellschaft. 
Wahrscheinlich nach dem Vorbilde der Menschen 
fresser auf den Fidschiinseln, die ihre menschlichen 
Schlachtopfer mit dem Namen lange Schweine bezeichnen, 
hatte der Zeichner seine Trilogie in die Welt der 
Schweine verlegt. 
Die absolute Monarchie wurde dargestellt von einem 
mächtigen fetten Eber, der vor einem ungeheueren Troge 
sass ; auf dem Kopfe trug er die königliche Krone, reicher 
Schmuck und Ordensbänder zogen sich um den Leib, und 
ein grosses Gefolge umgab ihn, andere, weniger grosse 
Schweine, die ihn gegen die eventuellen Angriffe der 
mageren und hungrigen Schar plebejischer Schweine 
schützten. 
Dann kam die bürgerliche Gesellschaftsordnung, das 
Regime des Laissez faire, laissez passer: geöffnet waren 
die Barrièren, umgestürzt die Gehege, und das Schweine 
volk stürzte sich in wilder Gier auf den königlichen Futter 
trog, wobei die Grossen die Kleinen zur Seite drängten, 
die Stärkeren die Schwächeren niedertrampelten. 
Und endlich, durch seine ruhige Symmetrie mit diesem 
wilden Gewirre contrastierend, der Zukunftsstaat : eine 
Reihe von Schweinen gleicher Grösse, das Ringelschwänz-
        <pb n="221" />
        eben genau gleich tragend, sass vor kleinen Trögen, die 
durch ganz gleiche Wände voneinander geschieden waren. 
Wenn zufällig Leute ihren Blick auf diese Zeichnung 
geworfen hätten, deren „Trog“ leer war, dann haben sie 
sich vielleicht gedacht, dass sie die socialistische Organi 
sation doch dem königlichen Monopole und dem bürger 
lichen Wirrwarr vorziehen möchten, weil sie doch wenig 
stens die Magenfrage lösen würde. Und wenn sie 
weiter nachgedacht hätten, dann würden sie wohl darauf 
gekommen sein, dass die schönsten Freiheiten der Welt 
vor der Lösung der Magenfrage für das Proletariat 
doch schliesslich auf eine einzige hinauslaufen, nämlich 
auf die — Freiheit, Hungers zu sterben! 
Um frei zu sein genügt nicht eine Verfassung; dazu 
gehört auch noch ein Eigentum, persönliches oder 
gesellschaftliches. Wer nichts hat, kann nichts. Der 
Arbeiter, der nicht in irgend einem thatsächlichen 
Recht jenes „Bisschen Verfassung“ findet, das Lassalle 
allen geschriebenen Charten vorzog, der bleibt politisch 
und social unter der absoluten Gewalt der Käufer seiner 
Arbeitskraft. 
Wenn man wissen will, wie es mit seiner Freiheit 
bestellt ist, dann denke man gefälligst daran, was sich 
ereignet, wenn er am Tage der Wahl von seinem „souve 
ränen Rechte“ Gebrauch machen will. 
Wie oft hat man nicht in Frankreich, wo das Wahl 
geheimnis schlecht gewahrt ist, an Wahltagen Hunderte 
von Arbeitern in den Industriecentren unter der Aufsicht 
ihrer Meister und unter der drohenden Aussicht auf so 
fortigen Verlust der Arbeit den Stimmzettel für ihren 
„Brotherren“ in die Urne werfen sehen! 
In Belgien, wo die gesetzlichen Wahlvorschriften die 
Freiheit der Wähler mehr schützen, hat das souveräne 
Volk wenigstens das Recht, sich zu verbergen. 
Hinter einem Isolierschirm markiert der Wähler den 
ihm vom Wahlvorsteher ausgehändigten Zettel. Schön,
        <pb n="222" />
        2i6 
verbirg Dich nur hinter dem Schirm, Freundchen! Kein 
Mensch kann Dich dort sehen, weder Pfaff, noch Unter 
nehmer, noch Bürgermeister. Verbirg Dich, als wolltest 
Du ein Verbrechen begehen. Du bist mit Deinem Ge 
wissen allein. Du bist frei, einmal alle vier Jahre! 
Aber ist denn nicht diese, — übrigens so kostbare 
— Minute der Freiheit der beste Beweis für die dauernde 
Sclaverei? Zeigt sie nicht schlagend, dass in der heutigen 
Ordnung der Dinge nur diejenigen ihre Meinung frei 
heraussagen, ihre politische Ueberzeugung darthun, ihre 
religiösen oder philosophischen Ansichten öffentlich be 
kennen dürfen, die, wie man zu sagen pflegt, eine „unab 
hängige Situation“ haben, die im persönlichen Eigentum 
die Garantie ihrer Freiheit besitzen? 
Folglich ist dies das einzige Mittel, allen die Freiheit 
zu geben, dass man allen Eigentum giebt. Unter der Herr 
schaft der Grossindustrie geht das aber nur auf dem 
Wege der Vergesellschaftung der Productions- und Aus 
tauschmittel. 
Nun wendet man freilich ein, das Heilmittel sei 
schlimmer als das Uebel; man behauptet, die persön 
liche Freiheit würde unter der auf das Gemeineigentum 
gegründeten Souveränität des Volkes noch mehr leiden, 
als unter der auf dem Privateigentum beruhenden Souve 
ränität der Capitalisten. Und um diese Behauptung zu 
stützen, beruft man sich nacheinander auf das Interesse 
der Bürger als Producenten wie als Consumenten. 
Was zunächst vom Standpuncte der Producenten die 
Arbeiter anlangt, die heute in capitalistischen Unterneh 
mungen schaffen müssen und später in vergesellschafteten 
Unternehmungen beschäftigt sein würden, so haben wir 
das Recht, zu sagen, dass sie in puncto Freiheit nichts 
als ihre Ketten zu verlieren haben würden ; nicht einmal 
der Despotismus des heutigen Staats als Unternehmer, 
der durch den wachsenden Einfluss der Demokratie fort 
während gemildert wird, wäre schlimmer, als der Des-
        <pb n="223" />
        217 
potismus der privaten Unternehmer, angenommen einmal, 
die heutige Staatsform würde überhaupt bestehen bleiben. 
Setzen wir nun aber den Fall, dass collectivistische 
System breite sich aus, die autoritären Functionen des 
Staates gingen infolge der Vermischung der Classen auf 
ein Minimum zurück, in den decentralisierten und auto 
nomen öffentlichen Unternehmungen nehme jedermann 
an dem gemeinsamen Werke der Production teil: wie 
kann man da nun behaupten, die Freiheit der Produ 
centen würde vermindert, weil sie ihre eigenen Meister, 
ihre eigenen Unternehmer geworden wären ? ! 
Indessen, man bleibt dabei nicht stehen. Man malt 
uns die schreckliche Lage eines Arbeiters aus, der aus 
Gründen, die vielleicht das Licht des Tages zu scheüen 
hätten, aus den gesellschaftlichen Werkstätten vertrieben, 
mit dem grossen industriellen Bannflüche belegt und auf 
das Pflaster geworfen würde, ohne dass ihm möglich 
wäre, irgendwo Arbeit zu finden.*) Aber sieht man denn 
nicht, dass sich in der capitalistischen Wirtschaftsordnung 
dergleichen alle Tage ereignet ? Dagegen wäre ein solcher 
Bannfluch in einer Gesellschaft mit allgemeiner Arbeits 
pflicht, folglich und selbstverständlich auch mit dem all 
gemeinen Recht auf Arbeit, moralisch unmöglich. 
Geradeso wie es undenkbar wäre, dass in der heutigen 
Ordnung der Staat als Eisenbahnuntemehmer den Trans 
port irgend eines Reisenden ablehnt, gerade so absurd 
ist die Annahme, in einer socialistischen Gesellschaft werde 
man jemanden an der Arbeit hindern. Und wenn man 
uns sagt, der Ausschluss aus einer Werkstatt würde not 
wendigerweise den Ausschluss aus allen Werkstätten be 
deuten, so ist das gerade so als ob man sagen wollte, 
wenn heute eine Gemeinde kraft ihrer Autonomie irgend 
jemanden nicht als Lehrer anstellen will — z. B. aus Rück- 
*) Spencer: Von der Freiheit zur Knechtschaft (Pro 
bleme der Moral und Sociologie).
        <pb n="224" />
        sicht auf seine politische Gesinnung — so könnte der 
Mann nirgendswo mehr eine Stelle finden. 
Ebenso spricht man mit allen Anzeichen des 
Schreckens von den Unzuträglichkeiten, die die Regie- 
mentation der gesellschaftlichen Arbeit für die persön 
liche Freiheit mit sich bringen werde.*) Aber, wir wieder 
holen, wie kann man denn übersehen, dass eine derartige 
Réglementation — in den Arbeiterschutzgesetzen und den 
gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitsordnungen — schon 
jetzt unter dem capitalistischen System bestehe? 
Die vollständige Freiheit der Arbeit ist nur in den 
Einzelunternehmungen möglich, wenn man unter Freiheit 
der Arbeit wohlgemerkt einzig und allein ihre Unter 
werfung unter die Naturgesetze versteht, eine Unter 
werfung, die umso grösser ist, je isolierter die Arbeit. 
Von dem Moment ab dagegen, wo die Arbeit, ganz gleich 
zunächst welcher Art sie ist, die Eingliederung des Indi 
viduums in ein Ganzes, in einen wirtschaftlichen Organis 
mus, erfordert, unterliegt die Freiheit notwendigerweise 
Beschränkungen. Der Chef eines Hospitals, der zu regel 
mässigen Krankenbesuchen verpflichtet ist, der Professor, 
der seine Collégien lesen muss, sind ihnen genau so unter 
worfen, wie der Arbeiter einer Fabrikordnung. 
Diese zum ordnungsmässigen Gange der Arbeit un 
bedingt nötige Réglementation würde der Socialismus 
selbstverständlich nicht abschaffen. Nur würde sie an 
statt das persönliche und ausschliessliche Werk eines 
Unternehmers, dessen Interessen denen der Arbeiter ent 
gegengesetzt sind, der Willensausdruck der Arbeiter selbst 
werden, die dieselben Rechte und Interessen haben. 
Würde diese Réglementation im Namen und im In 
teresse der Allgemeinheit der Freiheit der Producenten 
nicht offenbar mehr Rechnung tragen als die heutige 
Réglementation, die allen im Interesse einiger weniger 
*) Ebenfalls Spencer.
        <pb n="225" />
        aufgezwungen wird ? Ganz abgesehen davon, dass sie 
infolge einer besseren Arbeitseinteilung und einer viel 
regeren Teilnahme aller Bürger am gesellschaftlichen 
Werke notwendig eintretende Verkürzung der Arbeitszeit 
allen die schönste, die herrlichste Freiheit bringen würde: 
die Möglichkeit, zu arbeiten, um zu leben, und nicht mehr 
zu leben, um zu arbeiten, das Recht, ausreichende Musse- 
stunden freien Arbeiten oder dem Genüsse zu widmen, 
nach der täglichen Arbeit jene Freuden des Familien 
lebens oder der Geselligkeit auszukosten, die heute der 
ungeheuren Mehrzahl der Handarbeiter unbarmherzig ver 
schlossen sind.*) 
So glauben wir bewiesen zu haben, dass vom Stand- 
punct der Producenten aus der Socialismus, indem er die 
Freiheit der Ausbeutung unterdrückt, die Freiheit der 
Arbeit aufblühen lassen würde. Aber wir wollen nicht 
vergessen, dass man sich auch noch auf einen anderen 
Standpunct stellt und sich auf das Interesse der Con- 
sumenten, des Publicums, der Bürger im allgemeinen, 
beruft. 
Für sie fürchtet man ganz besonders — oder man 
thut wenigstens so, als ob man fürchtete — die All 
gewalt des Collect!vwillens. 
Was würde aus der Pressfreiheit, aus der Freizügig 
keit, aus der freien Bedürfnisbefriedigung in einer Ge 
sellschaft, in der die Gesamtheit, die nach Belieben über 
alle Producte und Einrichtungen verfügt, widerspenstige 
Minoritäten boykottieren könnte? Und ernsthafte Männer 
führen uns, ohne zu lachen, die unglückseligen Bürger 
des „Zukunftsstaates“ vor, die dazu verdammt sind, aus 
schliesslich officielle Zeitungen zu lesen, ihr ganzes Leben 
lang in denselben Räumen desselben Phalansteriums zu 
*) Siehe K a u t s k y : Das Erfurter Programm (Stuttgart, 
1892) pag. 166 ff.
        <pb n="226" />
        wohnen und sich aus derselben Küche wie alle anderen 
Bewohner ihres Quartiers zu beköstigen. 
„In einem socialistischen Staate,“ so rief letzthin in 
einer Wahlversammlung ein junger strebsamer Liberaler 
aus, „würden wir alle verpflichtet sein, Kleider nach dem 
selben von der Regierung vorgeschriebenen Schnitte zu 
tragen I“ 
— „Aber,“ so unterbrach ihn ein Arbeiter, den in 
seiner schlechten Kleidung jener Ausblick nicht gerade 
übermässig erschreckt zu haben schien, — „— sind Sie 
denn nicht ein überzeugter Anhänger des kostenlosen 
weltlichen und obligatorischen Schulunterrichts?“ 
— „Natürlich!“ 
— „Na, warum finden Sie es denn so fürchterlich, dass 
der Staat den Schnitt unserer Röcke festsetzt, wenn Sie 
es für ganz in der Ordnung halten, dass er dem Geiste 
unserer Kinder den Schnitt giebt ? Wer fähig und ge 
eignet ist, den Unterricht zu leiten, ist auch fähig, Kleidung 
und Nahrung zu liefern.“ 
Auf dieses argumentum ad hominem wusste unser Li 
beraler nichts zu entgegnen; aber man wird ohne Zweifel 
an seiner Stelle antworten, dass die Allgewalt des Staates 
in Sachen des Unterrichts nicht besser wäre als die All 
gewalt der Gesellschaft in Sachen der Nahrung oder 
Kleidung. Wir sind damit ganz einverstanden und wollen, 
ohne uns mit einem Protest gegen die alberne Idee, dass 
die Vergesellschaftung der Arbeitsmittel die Bürger zum 
Tragen derselben Uniform, zur Benutzung derselben 
Schüssel — wie es in der Carmagnole heisst — nötigen 
müsste, nur folgendes feststellen: wenn der Collectivismus 
die Wirkung haben müsste, die Macht des Bureaukraten- 
staates, die Gewalt des Pickelhaubenstaates zu mehren, 
wenn er die Polizeischnüffelei in das Privatleben und 
den persönlichen Consum hinein beförderte, dann wären 
wir die ersten, die sagten, dass es sich wahrlich nicht
        <pb n="227" />
        der Mühe lohnen würde, die Tyrannei der Gesamtheit 
an Stelle der Tyrannei der Unternehmer zu setzen. 
Deshalb haben wir gerade so nachdrücklich auf die 
dringende Notwendigkeit hingewiesen, den Staat als Unter 
nehmer von dem Staat als rein politischer Organisation 
zu differenzieren und der ökonomischen Organisation die 
vollständige Unabhängigkeit von der politischen Organi 
sation der Gesellschaft zu sichern. Denn solange die 
Vermischung zwischen diesen beiden Gebieten besteht, 
kann eine Regierung — das sehen wir alle Tage — zum 
Nutzen ihrer Vorurteile oder ihrer politischen Interessen 
die ökonomische Macht, die ihr die Verwaltung der öffent 
lichen Dienste in die Hand giebt, missbrauchen. 
Um nur ein Beispiel anzuführen: In dem constitutio- 
nellen Belgien, wo die Pressfreiheit fast unbeschränkt ist, 
masst sich der Eisenbahnminister das Recht an, den Ver 
kauf socialistischer Zeitungen auf den Bahnhöfen und in 
anderen Dienstgebäuden zu untersagen. 
Man muss aber hinzufügen: Wenn sich dieser selbe 
Minister anstatt dieser praktisch bedeutungslosen Chicane 
einfallen liesse, einen stärkeren Angriff auf die bürger 
lichen Freiheiten zu unternehmen, wenn er z. B. gewisse 
Arten von Zeitungen vom Transport und der Verbreitung 
durch die Post ausschliessen würde, dann würde er unfehl 
bar durch eine allgemeine Auflehnung der öffentlichen 
Meinung gestürzt werden. 
Man kann sagen, dass heute die Gewohnheiten und 
Traditionen der Freiheit stark genug sind, um manchen 
Kraftproben stand zu halten. 
Und in weit stärkerem Masse würde das in einem 
Gesellschaftszustande der Fall sein, in dem die Rechte 
besser ausgeglichen undjjene fundamentale Unterscheidung 
zwischen der Regierung der Menschen und der Leitung 
der wirtschaftlichen Angelegenheiten streng durchgeführt 
sein würde. Heute dient der Regierungsapparat im wesent 
lichen dazu, die capitalistische Ordnung aufrecht zu er-
        <pb n="228" />
        halten; je mehr sie die neue Ordnung entwickelt, um 
so geringer würde also die Bedeutung dieses Apparates 
werden. 
Unter diesen Umständen fragen wir alle Menschen, 
die die Dinge bona fide ansehen, wie denn die Freiheit 
gefährdet werden könnte, weil eine wachsende Zahl auto 
nomer öffentlicher Dienste von Gesellschafts wegen be 
trieben werden würde, statt, wie jetzt, der privaten Aus 
beutung überantwortet zu sein? 
Ist heute schon das Publicum weniger frei, wenn es 
auf einer Staatsbahn als wenn es auf einer Privatbahn 
reist? Ist es weniger frei, wenn es Wasser aus der 
städtischen Leitung trinkt oder den Hahn einer städti 
schen Gasleitung aufdreht, anstatt Wasser oder Gas von 
privaten Gesellschaften zu entnehmen? Ist nicht ganz 
offenbar die Vergesellschaftung der capitalistischen Mono 
pole durch die Bürger einer Demokratie sogar die Vor 
bedingung wirklicher Freiheit? 
Wir behaupten gewiss nicht, dass jede Ausdehnung 
der öffentlichen Wirksamkeit ein Wachsen der Freiheit 
zur notwendigen Folge haben müsse. Im Gegenteil können 
unzweifelhaft etwelche von den herrschenden Classen in 
ihrem Interesse vorgenommenen Verstaatlichungen, sei es 
zu den fiscalischen Monopolen der europäischen 
Monarchieen, sei es zu patriarchalischem Communismus 
der Jesuiten in Paraguay, oder endlich zu dem autoritären 
Collectivismus jenes chineschen Kaisers führen, der so 
lange schon für die bürgerliche Presse einen Gegenstand 
des Entzückens bildet. Diejenigen aber, die mit solchen 
Argumenten gegen den demokratischen SocialiSmus zu 
Felde ziehen, sollten doch folgendes bedenken: um sein 
Ziel zu erreichen, um im Interesse der Gesamtheit das 
capitalistische Eigentum in gesellschaftliches Eigentum 
umzuformen, wird das Proletariat eine solche organisa 
torische Kraft aufwenden, solche moralischen und intellec- 
tuellen Fortschritte realisieren müssen, dass die Annahme,
        <pb n="229" />
        die in einer solchen Schule herangebildeten Generationen 
würden auch nur einen einzigen Augenblick irgendwelche 
Beschränkung ihrer vollen Freiheit ertragen, einfach 
lächerlich ist. 
§ 3- 
Der Socialismus und die Kunst. 
Aus dem Munde der unthätigsten Capitalisten hört man 
besonders oft den Vorwurf, der Socialismus schwäche die 
persönliche Initiative ; die starrsten Despoten bekämpfen 
ihn mit dem Schlagwort von Freiheit und Humanität: da 
ist es denn ganz in der Ordnung, dass gerade die geistig 
unfreisten Spiessbürger die Verteidigung der Künstler 
gegen die „unwissende Menge“, „die modernen Bar 
baren“ übernehmen. 
Doch wollen wir gleich hinzufügen, dass sie nicht 
vereinzelt sind. Auch geistvolle und gelehrte Philosophen, 
wie A. Fouillée, äussern sich besorgt über das Schicksal, 
das in einer „Gesellschaft von Communisten und Materia 
listen“ den Dichtern, Künstlern, Philosophen drohen 
könnte. 
Würde man sie nicht, selbst ohne ihnen den Lorbeer 
gereicht zu haben, aus dem Lande der Freiheit jagen? 
Und wenn man sie selbst ruhig leben und schaffen lässt, 
„wie will die socialistische Zukunftsgesellschaft die philo 
sophische Arbeit organisieren, die bis an die höchsten 
Wipfel und an die fernsten Grenzen des Daseins reicht, 
ja, bis ins Jenseits dringt? Lässt sich etwa die Arbeit 
des Denkers auf dem Verwaltungswege regeln ? Kann man 
ihr den achtstündigen Maximalarbeitstag dictieren und 
einem Victor Hugo befehlen, seine poetische Erleuchtung 
Punct sieben Uhr morgens zu haben und sich um neun 
Uhr auszuruhen? Und wie wird man diese Arbeit be 
werten? Der Gedanke eines genialen Menschen ist nicht 
auf Mark und Pfennige abzuschätzen .... Hätten etwa, 
als Galilei die Satelliten des Jupiter entdeckte, die Ge-
        <pb n="230" />
        schäftsführer eines communistischen Staates vorher sagen 
können, dass diese Satelliten einst die Herstellung besserer 
Karten ermöglichen und diese Karten die Handelsflotte 
vor drohenden Schiffbrüchen bewahren würden? Musse 
und Müssiggang haben, so verhasst sie dem Handarbeiter 
(bei anderen Leuten) sind, neben ihren Nachteilen doch 
auch Vorzüge; sie bringen nicht selten Nutzen, sind sogar 
eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Wenn die ganze 
Welt im Joch stöhnte, hätten wir keine idealen Schwärmer, 
fehlten uns die scheinbar müssigen Träumer, wie man die 
Sokrates, Archimedes, Laplace ebenso wie die Dante, 
Shakespeare, Lamartine nennt.“*) 
Kurz und gut: nach Fouillées Ansicht wird eine 
socialistische Gesellschaft zwar Kohl bauen, sich aber 
wenig um die Rosenzucht kümmern. Ihre ganze Kraft 
würde in der Sorge für die Production verzehrt werden. 
Jeder hätte gewiss, was er unbedingt braucht, aber keiner 
den holden Ueberfluss. Und gerade vom Ueberfluss der 
Reichen leben ja die Künstler, gerade das arbeitslose Ein 
kommen giebt den Poeten Musse; die Abschaffung des 
capitalistischen Reichtums (bedeutet also die Herab 
drückung der zukünftigen Aesthetik auf das traurige 
Niveau officieller Kunst. 
Bevor ich auf diese kritischen Bemerkungen antworte, 
muss ich einen grundsätzlichen Irrtum beseitigen. 
Alle Socialisten, sogar die „materialistischen“, würden 
gemeinsam mit Fouillée die bis zur Banalität zweifellose 
Wahrheit anerkennen, „dass eine collectivistische Gesell 
schaft, die versuchte, die geistige Arbeit ebenso wie die 
Handarbeit administrativ und bureaukratisch zu regeln, 
jede Regung des Erfindergeistes, jeden socialen, aber 
zugleich auch jeden wirtschaftlichen Fortschritt hemmen 
würde.“ Zu unserem Bedauern stimmt aber Fouillée darin 
*) Fouillée: Le travail mental et le collectiviste maté 
rialiste (Revue des Deux Mondes, Mai 1900, pag. 121 und 122).
        <pb n="231" />
        nicht mit uns überein, dass ein solcher Gedanke niemals 
im Hirn irgend eines socialistischen Theoretikers ge 
lebt hat. 
Die Leser der Revue des Deux-Mondes mögen sich 
beruhigen: die Victor Hugo der Zukunft werden keiner 
Fabrikordnung unterworfen sein, und die Shakespeare des 
XX. Jahrhunderts werden — wenn sie sich nicht 
besser ernähren können — immer noch auf der Bühne 
kleiner Matrosentheater ihr Leben fristen können. Und 
man darf sogar hoffen, dass die Astronomen, Dichter, 
Mathematiker und Philosophen unter socialistischer Herr 
schaft nicht wie Galilei ins Gefängnis gesperrt, wie 
Dante verbannt, wie Archimedes getötet, wie Sokrates 
vergiftet werden. Wirklich — um ernsthaft auf einen ernst 
haften Einwand zu antworten —, Leuchten der Philo 
sophie, wie Fouillée brauchten sich nicht zu bemühen, um 
zu beweisen, was selbst der beschränkteste Collectivist 
nie bestritten hat : dass Philosophie und Kunst vor allem 
der Freiheit, der ungehemmten Entwickelung bedürfen. 
Die Frage ist einfach, ob Dichter, Philosophen und andere 
uneigennützige Geistesarbeiter in einer socialistischen Ge 
sellschaft nicht ebenso viel oder sogar mehr wirkliche Frei 
heit haben würden, als jetzt. 
Es ist doch klar, dass keine Gesellschaftsform der 
Kunst und Philosophie ungünstiger sein kann, als der 
Classenstaat der Bourgeoisie, die ganz in Geld und Profit 
interessen aufgeht. 
Wenn auf den Ruinen der Vergangenheit, auf dem 
schwankenden Moorgrunde der Gegenwart, auf ver 
witterten Trümmern und auf Gipfeln, von denen schon die 
Strahlen der aufsteigenden Morgenröte die kommende 
Zukunft ahnen lassen, trotz alledem die Kunst weiterblüht, 
so dankt sie diese Blüte einem Trieb, der ebenso unauf 
haltsam ist, wie die Keimkraft der Pflanze in altem Ge 
mäuer, in den Fugen des Pflasters, in der kümmerlichen 
Ackerkrume des dürrsten Bodens. Aber trotz dieser un- 
Vandervelde: Die Entwickelung zum Socialismus. 
15
        <pb n="232" />
        \ 
226 
bezwinglichen Lebenskraft leidet das ästhetische Schaffen 
— und man kann genau dasselbe vom philosophischen 
sagen — kläglich unter den ungünstigen Lebensbedingun 
gen, denen es sich heutzutage fügen muss. 
Für die Mehrheit und selbst für die Vorkämpfer 
der bürgerlichen Gedankenwelt ist das ästhetische Ver 
gnügen nur ein Spiel, eine Zerstreuung, ein Luxusgenuss. 
Nach Spencers Wort ist es dadurch charakterisiert, dass 
es nicht mit den Lebensfunctionen verknüpft ist, dass 
es keinen in Ziffern umzuwertenden Vorteil bringt ; das 
Vergnügen an Tönen, an Farben und süssen Düften, sagt 
er, ist nichts als eine Uebung, ein Spiel dieses oder jenes 
Organs, ein Spiel ohne sichtbaren Nutzen; es ist, mit 
einem Wort, ein Luxusgenuss. Und bei einem socialen 
Zustande, der die grosse Mehrheit der Menschen zwingt, 
ihre ganze Kraft im Kampf um das tägliche Brot zu 
verbrauchen, kann dieser Luxusgenuss natürlich nur einer 
winzigen Minderzahl Vorbehalten bleiben. 
Das war zu den Zeiten Ludwigs XIV. hauptsächlich 
der Hof. Später waren es die „vornehmen Leute“ der 
aristokratischen Salons. Heute ist es fast ausschliesslich 
die Bourgeoisie oder vielmehr jener verschwindende Bruch 
teil der Bourgeoisie, der noch andere Interessen hat als das, 
möglichst hohe Mehrwerte aus der Arbeit der Proletarier 
herauszupressen. 
Wenn man von den allzu seltenen wirklichen geistigen 
Genüssen absieht, die die Gesamtheit heute schon allen 
bietet und von denen übrigens leider die meisten dem 
Handarbeiter nach seinem Bildungsgrade noch unzugäng 
lich sind, so kann man wohl ruhig sagen, dass nur die 
Bourgeoisie, die Classe der Reichen oder mindestens 
Wohlhabenden, Zeit und Geld hat, um Bibliotheken oder 
Theater zu besuchen oder sich gar Bücher, Bilder, Statuen 
oder andere Tauschwerte anzuschaffen, in denen sich die 
Schönheit verkörpert. Und dieses geistige und wirtschaft 
liche Monopol giebt ihr — und nur ihr — auch die
        <pb n="233" />
        Macht, unmittelbar oder durch Vermittelung des Staates 
allen Künstlern, die keine anderen Unterhaltsmittel .haben, 
Gesetze zu dictieren: sie müssen ihr dienen oder Hungers 
sterben. 
Das erklärt auch sowohl die Mittelmässigkeit derer, 
die sich unterwerfen, als die Erbitterung der anderen, 
die sich aufbäumen; denn allen Künstlern, die sich durch 
persönliche Hilfsquellen oder dadurch, dass sie sich harte 
Entbehrungen auferlegen, eine gewisse Unabhängigkeit 
gesichert haben, ist die tiefwurzelnde Abneigung gegen die 
bourgeoise Tyrannei und die bourgeoisen Ideale ge 
meinsam. 
Eine Gruppe schöpft aus dieser Abneigung Kraft 
und zwingt der Empörung grosse Werke ab. So schrieb 
Balzac die Comédie humaine, spie Flaubert den 
lärmenden Junisiegern des Jahres 1848 seine Verachtung 
ins Antlitz, brandmarkte Victor Hugo das zweite Kaiser 
reich, schuf Zola seinen Germinal. 
Eine zweite Gruppe treibt der Ekel aus der Gegen 
wart in den Elfenbeinturm der Elitedichter, sie singen, 
wie Mallarmé, das Lied von der romanischen Décadence, 
setzen sich „auf alle Kreuzwege, wo man dem Leben den 
Rücken wendet“, oder flüchten in die Vergangenheit und 
suchen in den grossen Jahrhunderten des Christentums 
die Inspiration, die ihnen die moderne Welt schuldig 
bleibt. 
Und wieder andere, deren Zahl von Tag zu Tag 
wächst, suchen eine Stütze in der erwachenden Massen 
psyche und verkünden, mit Wagner, den nahenden Sieg des 
Bundes der Kunst mit der Revolution. Doch wie schön, 
wie erhaben ihre Werke auch sein mögen: sie sind nur 
Vorläufer, können nichts anderes sein. Damit eine neue 
Kunst erblühen kann, eine Kunst, gross und machtvoll 
wie die Menschheit selbst, muss die Menschheit nach 
dem Kampf Frieden, nach rastloser Arbeit Musse, nach
        <pb n="234" />
        wilden Interessenkämpfen und Zänkereien um die Beute 
endlich die Einheit der Herzen und Seelen kennen, ge 
messen lernen. 
* * 
* 
Zeiten des Uebergangs, der Kritik, der Revolutio- 
nierung, wie die unsere, können nur gequälte und unvoll 
kommene Werke zu Tage fördern. Was war, ist tot. Was 
kommen wird, lebt noch nicht. Traum und Wirklichkeit 
sind nicht zu vereinen. Die den Baugrund zu Neuem legen,, 
haben keine Zpit, an anderes zu denken; und die Künst 
ler, die zu einem noch unterjochten Volke reden, warten 
nur allzu oft vergebens auf einen Widerhall ihrer rufenden 
Stimme. Wenn einst aber das befreite Proletariat ein 
wahrhaft menschenwürdiges Leben führen, wenn alle Ar 
beiter geistig und seelisch so cultiviert sein werden, dass 
sie Kunst künstlerisch empfinden können, wenn nach der 
Arbeit alle die Musse haben, deren sociale Notwendigkeit 
auch Fouillée anerkennt, dann — und nur dann — wird 
das ästhetische Vergnügen nicht mehr ein Luxusgenuss 
sein, sondern ein Bedürfnis der Gesamtheit werden, dann 
erst — und nur dann — werden grosse Werke von voll 
endeter Schönheit entstehen aus der fruchtbaren Ver 
bindung „des schöpferischen Individuums, das sicher ist, 
verstanden zu werden, und der lebensvollen Gesamtheit, 
die sicher ist, ihn zu verstehen.“ 
Was wäre denn, nach dem herrlichen Wort der George 
Sand, die Kunst ohne die Herzen und die Geister, in die 
man sie pflanzt ? Eine Sonne, die kein Licht spenden, 
kein Leben schaffen könnte I 
Wie anders wird die Welt aussehen, wenn die Massen 
ihre Augen dem Licht öffnen und selbst auf ihre be 
scheidensten Arbeiten noch ein Strahl des glänzenden 
Gestirns herniederleuchtet ! 
Man wendet allerdings dagegen ein, die ästhetische
        <pb n="235" />
        mmk 
— 229 — 
Entwickelung werde gehemmt werden, da die Künstler 
in einem sozialistischen Staat der Hilfsquellen beraubt 
wären, die ihnen in der Zeit des Privateigentums die 
Gunst fürstlicher oder bürgerlicher Mäcene erschloss; 
gerade von diesem Luxus der Reichen, so sagt man, 
leben sie ja. 
Und doch ist der Ein wand nur komisch. Er stammt 
von Bewunderern der bourgeoisen Gesellschaftsordnung. 
Die Bourgeoisie als aima mater der geistigen Arbeiter ! 
Muss man wirklich erst daran erinnern, zu welchen 
Mitteln die meisten Geistesarbeiter heute ihre Zuflucht 
nehmen müssen, um sich das Stück trockenen Brotes zu 
verschaffen, das sich Berlioz am Denkmal Heinrichs IV. 
mit einer Hand voll trockener Rosinen versüsste ? Schiller 
war Professor der Geschichte. Balzac bekam kaum ein 
paar lumpige tausend Francs für seine zehntausend Seiten 
füllende Comödie der Menschheit. Ehe Ludwig II. in 
Wagners Leben eingriff, war der Meister gezwungen, eine 
Begleitung „für zwei Cornets à Piston“ zur Favoritin zu 
schreiben. Beethoven schrieb am Ende seines Lebens 
an seinen Freund Ries über eine Sonate, sie sei unter 
den elendesten Verhältnissen entstanden; denn es sei 
traurig, für das liebe Brot schreiben zu müssen. „Und 
so weit bin ich nun!“ Unter den grössten Schöpfern 
verdankt die weitaus grösste Zahl derer, die nicht im 
schwärzesten Elend lebten, ihre Existenz entweder einer 
Beschäftigung, die ihrer Kunst fern lag, einem einträg 
lichen Nebenamt oder der späten Gunst des immer nach 
hinkenden Publicums. 
Nach jeder Richtung würde die collectivistische der 
heutigen Gesellschaft überlegen sein. 
Die neben ihrer Kunst einen andern Beruf ausüben 
müssten, hätten die ausgedehnteste Musse. Die jetzt für 
irgend einen bürgerlichen oder königlichen Mäcen ar 
beiten, würden dann — wie einst Rembrandt und Hals — 
für Gemeinschaften, Gruppen, öffentliche Anstalten thätig
        <pb n="236" />
        sein, deren Collectivluxus die Eitelkeit und Knauserei' 
des privaten Luxus überstrahlen würde. Und die end 
lich, die mit amtlichen Sphären nichts zu thun haben 
wollen und sich lieber direct an das Publicum wenden, 
könnten dann von dem Ertrag ihres Pinsels oder ihrer 
Feder viel leichter und besser leben, weil sie ein viel 
grösseres, reiferes und verständigeres Publicum hätten 
als jetzt. 
Ganz thöricht wäre der Einwand, die Menge werde 
ein schlechter Richter sein und die glänzende, ins Auge 
fallende Mittelmässigkeit der schlichten Grösse des ur 
sprünglichen Talents vorziehen. Lehrt die Erfahrung nicht, 
dass der hartnäckigste Widerstand gegen die neuen Kunst 
formen nicht von der Masse, sondern im Gegenteil von 
den privilegierten Gasten ausgeht ? Als Walter Stolzing 
von den Meistersingern zurückgewiesen wird, wendet er 
sich an die guten Nürnberger. Nicht im Hôtel Ram 
bouillet, sondern bei der Masse siegte Corneille mit seinem 
Polyeucte. Die wirklich grossen Schöpfungen, die eines 
ganzen Volkes Seele widerspiegeln, wurden stets zuerst 
von dem Volk selbst oder mindestens doch von dem 
Bruchteil des Volkes verstanden, der noch nicht ganz 
von der Macht der Finsternis unterjocht war. 
Und um so mehr wird das der Fall sein, wenn alle 
die Einheiten, aus denen sich die Massenpsyche zusammen 
setzt, bewusste Einheiten sein werden, wenn alle mensch 
lichen Glieder der menschlichen Familie, anstatt wie jetzt 
gegen einander zu stehen, auf einer viel breiteren Basis 
jenes Gefühl moralischer Zusammengehörigkeit, jene 
fruchtbare Solidarität wieder zurückerobern werden, die 
einst in den antiken Stadtstaaten und in der mittelalter 
lichen Stadtgemeinde herrschten. Und wie jene beiden 
grossen Epochen, die im ewigen Weben und Werden 
der Geschichte ruhmvoll bis in unsre Tage leuchten, so 
wird auch der Socialismus sein Werk mit einer neuen 
Aesthetik krönen.
        <pb n="237" />
        Man hat oft gesagt, die Kunst sei nichts anderes, 
als der mehr oder weniger verunstaltete, aber immer ge 
treue Spiegel der Gesellschaft. Heute zeigt er uns die 
schlaffe Mutlosigkeit der sterbenden Bourgeoisie, die 
Sorgen und Qualen, aber auch die Hoffnungen des im 
Leid lebenden, im Leid erstarkenden Proletariats. Morgen 
wird er die ruhige Heiterkeit glücklicher Geschlechter 
widerstrahlen, die dem Sumpf des Elends entronnen sind 
und durch die Kraft ihres Fleisses, ihres mutigen Mühens 
die souveräne Herrschaft der Arbeit und das Reich der 
Solidarität begründet haben. 
* * * 
Victor Hugo zeigt uns in einem seiner herrlichsten 
Gedichte den bocksfüssigen Waldgott auf des Olympos 
Höhe, wie er struppig und schwarz in der stolzen Ver 
sammlung der Götter auftaucht. Man höhnt ihn mit sar 
kastischen Worten. Er antwortet mit einem herausfordern 
den Lied. Mercur giebt ihm seine Flöte. Bezwungen reicht 
ihm Apollo seine Leier. Der revolutionäre Gesang schallt 
mit wachsender Gewalt bis ans Gewölbe der Himmels 
feste, und auch der Sänger wächst, während er singt, 
bis sein dunkeier Schatten den unendlichen Raum er 
füllt. Die ganze Welt steht auf und stürzt Jupiters Thron. 
. . Ist der Socialismus nicht der Satyr dieses Ge 
dichtes ? Wie jener anfangs struppig und schmutzig, beim 
ersten Auftauchen verachtet, im Wachsen gefürchtet. Doch 
er wächst noch höher, greift nach der Flöte Mercurs, nach 
Apollos Leier, nützt alles, was die Kunst an Schönheit 
bietet, bedient gerade der Schönheit sich als seiner Waffe, 
reckt sich hoch und stolz vor denen auf, die sich unsterb 
lich dünken, und wird ihnen bald, während er auf ihren 
Thron den Erobererfuss setzt, in der Vollkraft seines 
Siegerbewusstseins zurufen: „Raum für alle ! Ich bin Pan! 
Auf die Knie mit Dir, Allvater Zeus 1“ 
Verlag der Socialistischen Monatshefte (M. Mundt) in Berlin W. 35
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Zu beziehen durch jede Buchhandlung, sowie durch den 
Verlag der Socialistischen Monatshefte, Berlin W. 35.
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        Zum Abonnement empfohlen: 
Monats- Documente des Socialismus, «oo«*«, Das 
Hefte für Geschichte, Urkunden und ^Heft" 6 
Bibliographie des Socialismus, ooooooo M. 1 -25. 
Herausgegeben von Ed. Bernstein, oooooooooooo Ein 
Die Documente des Socialismus wollen ein leicht Quartals 
zugängliches übersichtliches Archiv für alle 
wichtigeren Documente des Socialis- ^ 375 
mus, sowie eine laufende, schnell Bericht 
gebende Informationsstelle für die neuen Quartals- 
Erscheinungen der socialistischen und den Abonne- 
Socialismus behandelnden Litteratur des In-mentcom- 
und Auslandes bilden. 00000000oooooooooooo000000 biniert 
mit den 
Ferner enthält die ältere Litteratur des 
Socia- 
Socialismus noch viele ungehobene Schätze, listischen 
aufgespeichert in Büchern, die heute nur wenigen Monats 
zugänglich sind und als Sonderpublicationen Jochen 
wieder in der Masse der Tageserscheinungen 1 
verschwinden würden. Das Wertvollste von 
ihnen herauszuheben und zur Würdigung zu 
bringen, bildet ebenfalls eine der Aufgaben 
der Documente des Socialismus. Es ist dabei 
unter anderm auch an Biograp hi een ver 
gessener oder ungenügend bekannter Vertreter 
des Socialismus gedacht. 00000000000000000000000 
Schliesslich sind die Documente des Socialismus 
auch der Schilderung und kritischen Be 
leuchtung wichtiger Vorgänge in der 
Geschichte des Socialismus gewidmet, 
sind also zugleich Materialiensammlung, Chronik 
der Tageslitteratur und Hilfsmittel, sowie Er 
gänzung der zusammenfassenden socialistischen 
Geschichtsschreibung. 0000000000000000000000000000 
Probe-Hefte sind kostenfrei zu beziehen 
durch den Verlag. 00000000000000000000000000000000 
Zu beziehen durch jede Buchhandlung, sowie durch den 
Verlag der Socialistischen Monatshefte, Berlin W. 35.
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        Zur Anschaffung empfohlen seien folgende Schriften: 
4. bis 10. 
Tausend 
Novität 
Dritte 
Auflage 
Aller, Ignaz: Von Gotha bis Wyden. O ooo geh. 
In dieser kleinen Schrift giebt Ignaz Auer eine 0-20 
ergreifende Schilderung jenes Abschnitts aus 
der Geschichte der deutschen Socialdemokratie, 
da die Schrecken des Socialistengesetzes 
die noch junge Organisation überfielen, ooooo 
Bebel, August: Akademiker und Socialismus. 
Die Frage, ob die Akademiker für den 
Socialismus gewonnen werden können 
und sollen, wird bekanntlich, auch innerhalb 
der Socialdemokratie selbst, durchaus verschieden 
beurteilt. Die vorliegende Broschüre aus der 
Feder von August Bebel dürfte daher von 
besonderem Interesse sein, oooooooooooooooaoooooooo 
geh. 
M. 0.50 
Bernstein, Eduard: Die heutige Einkommens- geh. 
bewegung und die Aufgabe der Volks- ^ ^ 
wir tsch aft. ooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo 
Diese Schrift bildet eine wichtige Ergänzung 
der Voraussetzungen des Socialismus. 
Sie behandeltdie heutige Einkommensverteilung, 
die Concentrierung der Unternehmungen bei 
Decentralisierung der Eigentumstitel und die 
daraus sich ergebende Aufgabe der Volks 
wirtschaft. 0000000000003000000000000000000000000000 
Bernstein, Eduard: Wie ist Wissenschaft- geh. 
lieber Socialismus möglich? oooooooooooo 1-— 
Der bekannte Vortrag Ed. Bernsteins im Berliner M ë ' 2 ^_ ' 
Socialwissenschaftlichen Studentenverein, der 
den Anlass zur Bernstein-Debatte auf dem 
Lübecker Parteitage der deutschen Socialdemo 
kratie abgegeben hat. oooooooooooooooooooooooooooo 
Bernstein, Eduard: Zur Frage: Social- M ge J; 50 
liberalismos oder Collectivismus? °°°° 
Bernstein setzt sich in dieser kleinen Schrift 
mit dem ,,Socialliberalismus" auseinander, 
vornehmlich mit Franz Oppenheimer, oooooooo 
Zu beziehen durch jede Buchhandlung, sowie durch den 
Verlag der Socialistischen Monatshefte, Berlin W. 35.
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        Zur Anschaffung empfohlen seien folgende Schriften: 
Dritte 
Auflage 
Zweite 
Auflage 
Dritte 
Auflage 
Novität 
Bernstein, Eduard: Zur Geschichte und 
Theorie des Socialismus, oooooooooooooooo 
Diese hochbedeutsame, umfangreiche Publication 
des socialistischen Theoretikers zerfällt in drei 
Abschnitte: I. Ex cathedra. II. Probleme des 
Socialismus: III. Waffengänge für freie Wissen 
schaft im Socialismus, ooooooooooooooooooooooooooo 
geh. 
M. 5.— 
eleg. geb. 
M. 7.50 
BÖlsche, Wilhelm: Die Eroberung des 
Menschen, oooooooooooooooooooooooooooooooooooooo 
Eine Sylvesterpredigt zum neuen Jahrhundert. 
Das Büchlein versucht das Kunststück, auf 
wenigen Seiten das ganze Neue zusammenzu 
drängen, was das neunzehnte Jahrhundert über 
das Rätsel des Menschen hinzugebracht hat. 
Das geschieht nicht in trockener Aufzählung, 
sondern in lebendigen Bildern, cooooooooooooooo 
nur 
eleg. cart. 
M. 2.— 
BÖlsche, Wilhelm: Goethe im 20. Jahr- ^geh. 
hundert. oooooooo(x&gt;c«xxxxxyx&gt;ooooooooooc&gt;ooooooooooo 
Bölsches Schrift entwirft von Goethe ein Bild cleg. geb. 
als höchste bisher sichtbar gewordene Leistung M- 2. 
der Menschheitsseele. Goethe wird geschildert 
als äusserster Jahresring, der alle Epochen 
der Culturgeschichte in sich umschliesst, — 
zugleich als erster Spross einer neuen Geistes 
epoche durch den Entwickelungsgedanken, der 
in ihm zuerst das ganze Denken und Bilden 
zu beherrschen beginnt, cooooooooooooooooooooooo 
Cal wer, Richard : Die Meistbegünstigung der ^^2 
Vereinigten Staaten von Nordamerica. 
Der Verfasser untersucht die Wirkung des M ^ e ?' 
zur Zeit bestehenden handelspolitischen J ' *" 
Verhältnisses mit den Vereinigten 
Staaten auf die deutsche Industrie und 
namentlich den Arbeitsmarkt. Im Hinblick 
auf die bevorstehende Neugestaltung der 
Handelspolitik macht Cal wer Vorschläge für 
eine zuträglichere Regelung des Meistbegün 
stigungsvertrages. OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOODOOOOOOOOOO 
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        Zur Anschaffung empfohlen seien folgende Schriften: 
In David, Dr. Eduard: Socialismus und Land- 
process und die Productivitätsentwickelung. oooo 
Der Verfasser geht aus von einer allgemeinen 
Darlegung des Wesensunterschiedes 
zwischen dem landwirtschaftlichen und dem 
industriellen Productionsvorgang und leitet 
daraus die hauptsächlichsten Eigenarten der 
landwirtschaftlichen Betriebs- und Arbeits 
verhältnisse ab. 
Culturglossen ooooooooooocoooooooooooooooooooooooooo 
Das Buch giebt eine Sammlung von Stimmungs- e leg. geh. 
bildern aus dem ersten Jahrzehnt des M. 4.50 
»neuen Curses". Es zerfällt in drei Teile: 
Zur Politik, Literarisches, Maskenspiel. Von 
den behandelten Fragen ist keine erledigt und 
auch keine ihrem Interesse nach erloschen. 
Was in ihnen an actueller Lebendigkeit heute 
etwa vermindert sein möchte, wird ersetzt 
durch das klärende Gefühl der Distanz, das 
den Vergleich des Damals mit dem Jetzt erzeugt. 
Der bekannte Vorkämpfer der deutschen Consum- 
genossenschaftsbewegung giebt in dieser kleinen 
Schrift ein Bild des machtvoll aufstrebenden 
Genossenschaftswesens aller Culturländer. 
Die Broschüre ist sowohl zur Information, 
wie für Propagandazwecke gleich wertvoll. 
ire, Paul: Vom Socialismus zum 
Liberalismus. oo&lt;»ckx&gt;oooooooooc»oooooooooooooooo 
Wandlungen der Nationalsocialen, oooooooooooo 
Paul Göhre stellt in dieser Schrift die vielfachen 
Wandlungen dar, die die nationalsociale 
Partei in der kurzen Zeit ihres Bestehens 
bereits durchgemacht hat. Seine Ausführungen 
werden für jeden, der die Psychologie der 
politischen und socialen Gruppierungen der 
Gegenwart studiert, von hohem Interesse sein. 
Vor 
bereitung 
Novität Eisner, Kurt: Taggeist. 
0O0O0O0O0OCX500O0000O00000O 
11. v bis lö.von Elm, Adolph: Die Genossenschafts- 
Tausend 
geh. 
M. 0.20 
Zu beziehen durch jede Buchhandlung, sowie durch den 
Verlag der Socialistischen Monatshefte, Berlin W. 35.
        <pb n="243" />
        Zur Anschaffung empfohlen seien folgende Schriften: 
Dritte 
Auflage 
Gumplowicz, Dr. Ladislaus: Ehe und freie 
Liebe. oooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo&gt; 
geh. 
M. 1.— 
Umschlag-Zeichnung von Käthe Kollwitz. eleg.geb 
Gumplowicz giebt eine Darstellung der ver- M. 2.— 
schiedenen Formen der freien Liebe in der 
Gegenwart und geht dann auf die Stellung 
der Frau in der Zukunft ein; seine Schrift 
bildet gewissermassen einen ergänzenden Nach 
trag zu Bebels viel gelesener Frau, oooooooooooo 
GystrOW, Dr. Ernst: Die Sociologie des 
Genies. 
geh. 
M. 0.75 
Mit der Erkenntnis, dass auch die psychischen 
Geschehnisse nicht ausserhalb der Causalitäts- 
reihe liegen können, ist die Möglichkeit einer 
Erforschung der Biologie und Socio 
logie des Genies, der compliciertesten 
psychischen Erscheinung, zugegeben. Einen 
Streifzug auf dieses Gebiet hat der in den 
Kreisen der Moderne rühmlichst bekannte Autor 
Unternommen. ooooooooooooooooooooooooooooooooooooi 
Zweite 
Auflage 
Heine, Wolfgang: Die Socialdemokratie und geh. 
die Schichten der Studierten, oooooooooooo 0.5 
Die kleine Schrift des bekannten Reichstags- 
Abgeordneten bietet in allerKürze eine zusammen 
fassende Darstellung des Marxismus und 
der wichtigsten Gedankengänge des Socialismus. 
Hertz, Friedrich: Agrarfrage und Socialismus, geh. 
Die vorliegende Schrift’ des als Specialist auf 
dem Gebiete der Agrarfrage viel beachteten, 
viel eiferten und viel angegriffenen Verfassers 
behandelt zunächst theoretisch sechs Grund 
fragen der Landpolitik und stellt dann 
ein positives Agrarprogramm auf. oooooooooooo 
Novität Hertz, Friedrich: Recht und Unrecht im geh. 
Boerenkriege. ooooooooooooooocoooooooooooooooooo 
Die vorliegende Schrift unterscheidet sich von cleg. geb. 
der Hochflut der Boerenlitteratur durch ihre M- 2.— 
Anwendung der historisch-wissenschaft 
lichen Methode. Das reiche und zürn grossen 
Teil neue Material, sowie der eigenartige Stand- 
punetdes Verfassers verdient allseitige Beachtung. 
Zu beziehen durch jede Buchhandlung, sowie durch den 
Verlag der Socialistischen Monatshefte, Berlin W. 35.
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        Zur Anschaffung empfohlen seien folgende Schriften: 
Novität JaiireS, Jean: Aus Theorie und Praxis. ^^3 _ 
Der Vorkämpfer des französischen Socialismus 
giebt in diesem Buche eine Sammlung von^eg. geb. 
Abhandlungen, die sich auf die mehr theo- M- 4.50 
retischen Streitfragen des Socialismus 
beziehen. Nach einer Einleitung, welche die 
Frage der Methode, und einem Vorwort, das 
den Zusammenhang zwischen Republik und 
Socialismus erörtert, behandelt der Verfasser 
folgende Fragen: Die Agrarfrage; Zur Taktik 
der Socialdemokratie; Revolutionäre Evolution; 
Vom Endziel; Menschenrechte; Vom Privat 
eigentum. 00000000000000000000000000000000000000000000 
Kampffmeyer, Paul: Wohin steuert die 
ökonomische und staatliche Ent 
wickelung ? 000000000000000000000000000000000000 
In dieser interessanten Publication, die in 7 Ab 
schnitte zerfällt, weist Kampffmeyer, bei ent 
schiedener Zurückweisung der „Zusammen 
bruchstheorie“, nach, wie überall in der capi- 
talistischen Gegenwartsgesellschaft sich bereits 
heute die Keime der socialistischen 
Zukunftsgesellschaft zeigen, 
geh. 
M. 1.— 
eleg. geb. 
M. 2.— 
Novität Lang, Otto: Der Socialismus in der Schweiz. ^075 
Eine Monographie über die schweizerische 
Arbeiterbewegung, ihre socialen und 
geistigen Ursachen, ihren Verlauf und ihren 
gegenwärtigen Stand aus der Feder eines 
ihrer Vorkämpfer. 00000000000000000000000000000000000 
Novität LawrOW, Peter: Historische Briefe. 00000000 geh. 
Mit einer Einleitung von Dr. Ch. Rappoport M- 3.50 
und zwei Portraits von Lawrow. 0000000000000000 geb. 
Die Historischen Briefe Lawrows — die hier m. 5.— 
zum ersten Male in deutscher Sprache vor 
liegen — bezeichnen neben den Werken 
Tschernyschewskijs den Höhepunct der so 
cialistischen Bewegung im russischen 
Reiche der sechziger Jahre; sie sind das 
Document einer geistigen Entwickelung, die 
unabhängig, wenn auch nicht unberührt, von 
Marx und Engels zu socialistischen Gedanken- 
conceptionen führte. 0000000000000000000000000000000 
Zu beziehen durch jede Buchhandlung, sowie durch den 
Verlag der Socialistischen Monatshefte, Berlin W. 35.
        <pb n="245" />
        Zur Anschaffung empfohlen seien folgende Schriften: 
6. bis 10. Legien, Carl: Die deutsche Gewerk- geh. 
Tausend 
Schaftsbewegung, oooooooooowoooooooooooooooc 0-20 
Der Vorsitzende der Generalcommission der 
Gewerkschaften Deutschlands giebt in dieser 
Broschüre eine gedrängte Darstellung der 
deutschen Gewerkschaftsbewegung, ihrer 
Anfänge, ihres Verlaufs und ihrer Erfolge. 
Diese „interessante Streitschrift, voll Geist und eleg. geb. 
Wissen, Sachlichkeit und feiner Ironie", wie M. 3.— 
der Vorwärts sie nennt, behandelt das Recht 
des Weibes, am geistigen Leben unserer Zeit teil 
zunehmen, und wendet sich scharf gegen die Aus 
führungen von Möbius und Laura Ma rholm, 
die ein geistiges Dämmerleben des Weibes 
für normal und im Sinne der Entwickelung 
unerlässlich erachten, cooooooooooooooooooooooooooo 
Oppenheimer, Dr. Franz: Die sociale geh. 
Bedeutung der Genossenschaft, oooooooo M- 0.50 
Der Verfasser untersucht die verschiedenen 
Formen des Genossenschaftswesens und er 
örtert die Aussichten und die Bedeutung 
einer jeden für die Umgestaltung unseres 
Gesellschaftszustandes, oooooooooooooooooooooooooooo 
Der Hauptzweck der Schrift besteht darin, die geb. 
verschiedenen handelspolitischen Strömungen M. 7.50 
des letzten Jahrhunderts darzustellen als Folge- 
und Begleiterscheinungen tieferer wirtschafts 
geschichtlicher Ursachen und Um 
wälzungen und der dadurch geschaffenen 
wechselnden socialen Interessengruppierungen. 
Besondere Aufmerksamkeit ist naturgemäss der 
internationalen Agrarkrisis der letzten zwei 
Jahrzehnte und ihrem Rückschlag auf die 
mitteleuropäische Politik gewidmet, oooooooooooo 
Novität Olberg, Oda: Das Weib und der Intellec- geh. 
tUaliSmUS.OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO 
Zweite ^ 
Auflage 
Zu beziehen durch jede Buchhandlung, sowie durch den 
Verlag der Socialistischen Monatshefte, Berlin W. 35.
        <pb n="246" />
        Zur Anschaffung empfohlen: 
Jahrbuch Handel und Wandel. JahresberichteJederBand 
über den Wirtschafts- und Arbeits- ßädeker- 
markt für Volkswirte, Geschäftsleute, hand 
. ~ ■ . M. 10.— 
Arbeitgeber- und Arbeiter - Organi- Hal ^ rz 
sationen. OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO© 12. 
Herausgegeben von Richard Calwer, Mit 
glied des Reichstags. oooooooooooooooooooooooooooo 
Die Jahresberichte wollen einem Bedürfnis der 
Geschäftswelt, wie der Wirtschafts- und Social 
politiker entgegenkommen : auf knappem Raume 
das Wissenswerteste vom Wirtschafts- und 
Arbeitsmarkte vereinigt und vom einheit 
lichen Gesichtspuncte aus gesammelt und dar 
gestellt zu erhalten. Der Name des Heraus 
gebers bürgt für die Objectivität und Gediegen 
heit der Darstellung, ooooooooooooooooooooooooooo 
Bisher sind 2 Bände erschienen, die die 
Jahre 1900 und 1901 umfassen, oooooooooooooooo 
Jahrbuch Uebersichten der Weltwirtschaft. Band i 
Begründet von Prof. Dr. F. X. von Neu- ^ g'Z 
mann-Spallart. Fortgesetzt von Prof. Dr. Band II 
Franz von Jur as che k. oooooooooooooooo ooooooooi desgi. 
Diese Publication kann wegen der Vergleichung 111 
längerer Productions- und Handelsbewegungs-^b.M.io.— 
Perioden sowie der symptomatischen Schlüsse Band iv 
aus vergangenen auf zukünftige Wirtschafts- geh. M.io.— 
fahre, nach dem Urteil des Handwörterbuchs geb n M . 1 ^; - 
der Staatswissenschaften, einen bleibenden Wert ge h.M.i2.- 
beanspruchen. Als statistisches Nach-geb.M. 14.50 
schlagebuch hat es, wie das Hamburger Band vi 
Handelsblatt schreibt, sich einen europäischen 
Ruf errungen. Es ist jedem unentbehrlich, 8 
der sich über die Ursachen und Bewegungen 
der internationalen Wirtschaft orientieren will. 
Bisher sind 6 Bände erschienen, die den 
Zeitraum von 1878 bis 1895 umfassen, oooooooo 
Zu beziehen durch jede Buchhandlung, sowie durch den 
Verlag der Socialistischen Monatshefte, Berlin W .35.
        <pb n="247" />
        Zur Anschaffung empfohlen: 
Bro 
schüren- 
Serie 
Am Anfang des Jahrhunderts. 
Die Serie erscheint in zwanglosen Heften; sie 
will in gemeinverständlichen ^Abhand 
lungen die Fortschritte auf den einzelnen 
Gebieten behandeln, die Ergebnisse des 
19. Jahrhunderts darstellen und Ausblicke 
auf das 20. Jahrhundert geben. Mitarbeiter 
sind u. a. Prof. Dr. F. von Liszt, Dr. Leo Arons, 
Prof. Dr. G. Simmel, Prof. Dr. Wilh. Foerster, 
Ed. Bernstein, Paul Göhre, Dr. J. Jastrow, 
Prof Dr. K- Breysig, Dr. Ed. David, Rieh. 
Cal wer, Friedr. Hertz, Dr. C. Grottewitz, Dr. 
Franz Oppenheimer, Oda Olberg. Jedes Heft 
ist etwa 64 Seiten stark und enthält, wo der 
Stoff es erheischt, Abbildungen im Text. Bisher 
sind 15 dieser Hefte erschienen, oooooooooooooo o 
]. Culturelle Umwälzungen im 19. Jahrhundert. 
Von Dr. Bruno Borchardt. 
2. Die Entwickelungslehre im 19. Jahrhundert. 
Von Wilhelm Bölsche. 
3. Die sociale Gesetzgebung im 19. Jahr 
hundert. Von Paul Hirsch. 
4. Der Militarismus im 19. Jahrhundert. Von 
Carl Bleibtreu. 
5. Die Kirche im 19. Jahrhundert. Von 
Paul Göhre. 
6. Die Weltwirtschaft im 19. Jahrhundert. 
Von Richard Cal wer. 
7. Nationalismus und Internationalismus im 
19. Jahrhundert. Von Dr. Ladislaus 
Gumplowicz. 
8. Die Naturgeschichte im 19. Jahrhundert. 
Von Dr. Curt Grottewitz. 
9. Die hygienische Cultur im 19. Jahrhundert. 
Von Dr. Alfred Grotjahn. 
10. Die Medicin im 19. Jahrhundert. Von Dr. 
Ignaz Zadek. 
11. Liebe und Liebesieben im 19. Jahrhundert. 
Von Dr. Ernst Gystrow. 
12. Die Prostitution im 19. Jahrhundert. Von 
Dr. Alfred Blaschko. 
13. Die Frau im 19. Jahrhundert. Von 
Therese Schlesinger-Eckstein. 
14. Aberglaube und Mystik im 19. Jahrhundert. 
Von Julius Becker. 
15. Die Sociologie im 19. Jahrhundert. Von 
Dr. Casimir von Kelles-Krauz. 
Weitere Hefte folgen demnächst. ooooooooooooooo 0 
Zu beziehen durch jede Buchhandlung, sowie durch den 
Verlag der Socialistischen Monatshefte, Berlin W. 35.
        <pb n="248" />
        Druck von Pass &amp; Garleb, Berlin W. 35. 
eder, der sich für Neuerscheinungen aus ' : 
dem Gebiet der Socialwissenschaften 
und des Socialismus interessiert, wird 
gebeten, vom Unterzeichneten Verlage ein Verlags- 
Verzeichnis zu verlangen. Das selbe wird ihm 
kostenfrei übersandt werden. 
Verlag der Socialistischen Monatshefte 
BERLIN W. 35. * LÜTZOW St. 85 A
        <pb n="249" />
        m
        <pb n="250" />
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"MIM
        <pb n="251" />
        <pb n="252" />
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— 218 — 
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sicht auf seine politische Gesinnung — so könnte der 
Mann nirgendswo mehr eine Stelle finden. 
Ebenso spricht man mit allen Anzeichen des 
Schreckens von den Unzuträglichkeiten, die die Regie- 
mentation der gesellschaftlichen Arbeit für die persön 
liche Freiheit mit sich bringen werde.*) Aber, wir wieder 
holen, wie kann man denn übersehen, dass eine derartige 
Réglementation — in den Arbeiterschutzgesetzen und den 
gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitsordnungen — schon 
jetzt unter dem capitalistischen System bestehe? 
Die vollständige Freiheit der Arbeit ist nur in den 
Einzelunternehmungen möglich, wenn man unter Freiheit 
der Arbeit wohlgemerkt einzig und allein ihre Unter 
werfung unter die Naturgesetze versteht, eine Unter 
werfung, die umso grösser ist, je isolierter die Arbeit. 
Von dem Moment ab dagegen, wo die Arbeit, ganz gleich 
zunächst welcher Art sie ist, die Eingliederung des Indi 
viduums in ein Ganzes, in einen wirtschaftlichen Organis 
mus, erfordert, unterliegt die Freiheit notwendigerweise 
Beschränkungen. Der Chef eines Hospitals, der zu regel 
mässigen Krankenbesuchen verpflichtet ist, der Professor, 
der seine Collégien lesen muss, sind ihnen genau so unter 
worfen, wie der Arbeiter einer Fabrikordnung. 
Diese zum ordnungsmässigen Gange der Arbeit un 
bedingt nötige Réglementation würde der Socialismus 
selbstverständlich nicht abschaffen. Nur würde sie an 
statt das persönliche und ausschliessliche Werk eines 
Unternehmers, dessen Interessen denen der Arbeiter ent 
gegengesetzt sind, der Willensausdruck der Arbeiter selbst 
werden, die dieselben Rechte und Interessen haben. 
Würde diese Réglementation im Namen und im In 
teresse der Allgemeinheit der Freiheit der Producenten 
nicht offenbar mehr Rechnung tragen als die heutige 
Réglementation, die allen im Interesse einiger weniger 
*) Ebenfalls Spencer.
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  </text>
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