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        <title>Die Entwickelung zum Socialismus</title>
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            <forname>Emile</forname>
            <surname>Vandervelde</surname>
          </persName>
        </author>
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EIGENTUM
DES
INSTITUTS
FÜR
WELTWIRTSCHAFT
KIEL

iiftüOTHEK

B  86300
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        Pie  Entwickelung
zum  ^ocialismus

von  Professor  Emile
Vandervelde
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        Die  Entwickelung
zum  Socialismus
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        Die  Entwickelung
zum  Socialismus

Von
Emile  ‘Vandervelde
ehern.  Professor  an  der  Neuen  Universität  zu  Brüssel
und  Mitglied  der  belgischen  Abgeordnetenkammer

Autorisierte  Uebersetzung  aus  dem  Französischen
von
Dr.  Albert  Südekum
Mitglied  des  Deutschen  Reichstags

1902

■  a5 si-¡8*- 1 ' 5

Verlag  der  Socialistischen  Monatshefte
Berlin  W.  35.

B  86300
        <pb n="9" />
        ——

Se  timas  ch  inen  satz  und  Druck  von  Pass  &amp;amp;  Garleb,  Berlin  W.  35.
        <pb n="10" />
        Seinem  Freunde  **
Ernest  Solvay

Der  Verfasser  ***
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        7.5.69.

Baf  1587

Weltwirtschaft
Kiel

Inhalt
(Die  Ziffern  bedeuten  die  Seitenzahlen)

Vorwort  des  Verfassers  11
Vorwort  des  Uebersetzers  13
Einleitung  17—24

Erster  Teil
Die  capitalistische  Concentration
[25—104]

I.  Capitel:  Der  Untergang  des  persönlichen  Eigentums ­
  37—66
§  1.  Die  bäuerlichen  Besitzer  38
§  2.  Die  Handwerker  48
§  3.  Die  Kleinhändler  56
§  4.  Zusammenfassung  und  Schlussfolgerungen  .  61
II.  Capitel:  Die  Entwickelung  des  capitalistischen
Eigentums  67—86
§  1.  Die  Actiengesellschaften  67
§  2.  Die  capitalistischen  Monopole  75
I.  Die  Cartelle  76
II.  Die  Trusts  79
III.  Capitel:  Die  Einwendungen  87—104
§  1.  Die  Ersparnisse  der  Arbeiter  90
§  2.  Die  Demokratisierung  des  Capitals  ...  91
§  3.  Die  Vermehrung  der  kleinen  Unternehmungen ­
  95
        <pb n="13" />
        —  8  —

1.  Handelsunternehmungen  96
2.  Landwirtschaftliche  Betriebe  ....  96
3.  Industrielle  Betriebe  98
§  4.  Zusammenfassung  und  Schlussfolgerungen  .  100
Zweiter  Teil
Die  Vergesellschaftung  der  Productions^  und
Austauschmittel
[105-231]
I.  Capitel:  Die  drei  Elemente  des  Profites  .  .  111—125
§  1.  Die  Risicoprämie  112
§  2.  Der  Entbehrungslohn  114
§  3.  Der  Lohn  für  die  Leitung  117
§  4.  Mehrwert  und  Profit  122

§  I-II.

  Capitel:  Die  Vorzüge  des  gesellschaftlichen
Eigentums  126—147
Die  Ueberschüsse  der  öffentlichen  Unternehmungen ­
  128
§  2.  Die  Lage  der  Angestellten  130
§  3.  Der  Einkauf  der  Rohmaterialien  .  .  .  .  132
§  4.  Der  Preis  der  Producte  und  der  Dienstleistungen ­
  134
§  5.  Die  Qualität  der  Producte  139
§  6.  Das  Interesse  der  kommenden  Generationen  143
§  7.  Zusammenfassung  und  Schlussfolgerungen  .  145
III.  Capitel:  Die  Verwaltungsfragen.  148—162
§  1.  Die  Eroberung  der-politischen  Macht  durch
das  Proletariat  149
§  2.  Staatswirtschaft  und  Volkswirtschaft  .  .  .  151
§  3.  Die  Decentralisation  der  gesellschaftlichen
.  Unternehmungen  157
§  4.  Der  Zukunftsstaat  160
IV.  Capitel:  Die  Regeln  der  Verteilung  ....  163—178
§  1.  Das  Recht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag  .  167
§  2.  Das  Recht  auf  Existenz  170
§  3.  Zusammenfassung  und  Schlussfolgerungen  .  174
        <pb n="14" />
        —  9  —
V.  Capitel:  Die  Mittel  zur  Verwirklichung  .  .  179—201
§  1.  Die  Expropriation  ohne  Entschädigung  .  .  179
§  2.  Die  Expropriation  mit  Entschädigung  .  .  183
§  3.  Die  Expropriation  mittels  Entschädigung  der
Lebenden  185
A.  Die  Productivassociationen  188
B.  Das  System  des  „Eindringens“  ....  191
C.  Die  vollständige  Vergesellschaftung  der
Industrien  196
§  4.  Zusammenfassung  und  Schlussfolgerungen  .  198
VI.  Capitel:  Die  Einwendungen  202—231
§  1.  Der  Socialismus  und  die  persönliche  Initiative  204
§  2.  Der  Socialismus  und  die  Freiheit  .  .  .  .  213
§  3.  Der  Socialismus  und  die  Kunst  ....  223
        <pb n="15" />
        •  i
        <pb n="16" />
        Vorwort  des  Verfassers.

Nicht  ohne  Bedenken  unterbreite  ich  dieses  kleine  Buch
dem  Urteil  meiner  deutschen  Parteigenossen;  es  will  nichts
anderes,  als  Theorieen,  die  ihnen  seit  langer  Zeit  in  Fleisch  und
Blut  übergegangen  sind,  so  klar  wie  möglich  zusammenfassen.
In  den  Ländern  französischer  Zunge  sollte  diese  Publication
eine  Lücke  ausfüllen:  es  fehlt  da  an  einem  neueren  Werke  über
den  Collectivismus,  das  etwas  mehr  als  eine  blosse  Agitationsbroschüre ­
  und  doch  nicht  ein  umfangreicher,  nichteingeweihten
Lesern  schwer  zugänglicher  Wälzer  ist.  Aber  bei  der  Ueberfülle
  und  dem  Reichtum  der  deutschen  socialistischen  Literatur ­
  —  Ueberfülle  und  Reichtum,  die  unseren  Neid  erregen
würden,  wenn  wir  Nationalisten  wären,  und  die  unseren  Stolz
ausmachen,  weil  wir  Internationalisten  sind  —  verhehle  ich
mir  nicht,  dass  ein  derartiges  Werk  in  den  Ländern  jenseits
des  Rheins  nicht  dieselbe  Existenzberechtigung  hat  und  nicht
gleichen  Bedürfnissen  entgegenkommt.
Indessen  ist  es  vielleicht  doch  nicht  unnützlich,  eine  Uebersetzung
  herauszugeben,  sei  es  auch  nur  deshalb,  um  unseren
deutschen  Lesern  die  Verschiedenheit  der  Gesichtspuncte  und
besonders  der  Darstellungsweise  zu  zeigen,  die  bei  aller  Gleichheit ­
  der  Lehre  doch  notwendig  aus  der  Verschiedenheit  des
Milieus  und  der  socialistischen  Traditionen  entstehen  muss.
So  ist  es  z.  B.  unvermeidlich,  dass  in  einem  Lande  wie
Belgien,  wo  infolge  des  Zusammenwirkens  genugsam  bekannter
Umstände  das  socialistische  Genossenschaftswesen  eine  so  bedeutende ­
  Rolle  spielt,  die  Erfahrungen,  die  Lehren,  die  Ideale,
die  aus  der  genossenschaftlichen  Praxis  erwachsen,  einen  erheblichen ­
  Einfluss  auf  die  Zukunftsperspectiven  der  Theoretiker ­
  und  besonders  auf  die  Beispiele  ausüben,  die  sie  wählen,
        <pb n="17" />
        um  das  Verständnis  für  die  socialistische  Lehre  zu  erleichtern.
Ich  brauche  aber  kaum  ausdrücklich  darauf  hinzuweisen,
dass  diese  Abweichungen  in  der  Form  und  in  Einzelheiten
nicht  der  Art  sind  und  sein  können,  dass  sie  die  Einheit  der
Anschauungen  gefährdeten,  jene  Einheit,  die  existiert  und  in,
dem  Masse  wächst,  wie  sich  die  Beziehungen  zwischen  den
verschiedenen  Teilen  der  internationalen  Socialdemokratie
mehren.
Von  diesem  Gesichtspuncte  aus  ist  der  internationale  Gedankenaustausch ­
  unzweifelhaft  nützlich,  und  ich  bin  meinem
lieben  Genossen  Dr.  Südekum  aufrichtig  dankbar  dafür,  dass
er  sich  der  Mühe  unterzogen  hat,  mein  Buch  durch  eine  Uebersetzung
  in  Deutschland  bekannt  zu  machen.
Brüssel,  am  9.  April  1902.

Emile  Vandervelde.
        <pb n="18" />
        Vorwort  des  Uebersetzers.
In  seiner  knappen  und  klaren  Art  hat  Vandervelde  in  den
vorausgehenden  Zeilen  auf  den  Wert  und  die  Bedeutung  des
internationalen  Gedankenaustausches  hingewiesen.  Ich  stimme
ihm  darin  vollständig  zu.  Aber  ich  glaube,  dass  sein  Buch
für  uns  deutsche  Socialdemokraten  auch  sonst  noch  von  Nutzen
sein  kann.
Trotz  des  von  Vandervclde  gerühmten  Reichtums  der
deutschen  socialistischen  Litteratur  fehlt  auch  bei  uns  ein  kurzes
Werk,  das  die  Entwickelung  zum  Socialismus  zum
Gegenstand  hat.  Die  Thätigkeit  unserer  Theoretiker  bestand
in  den  letzten  Jahren  wesentlich  in  kritischen  Auseinandersetzungen, ­
  "und  seit  Kautskys  bekanntem  Buche  über  das  Erfurter ­
  Programm,  das  nun  auch  schon  zehn  Jahre  alt  ist,
haben  wir  unseren  Parteigenossen  keine  Schrift  mehr  in  die
Hand  gegeben,  die  ihnen  als  Einführung  in  die  Gedankenwelt ­
  des  Socialismus  dienen  könnte.  Aber  gerade  in  den  letzten
Jahren  ist  das  Bedürfnis  nach  einem  solchen  Buche  immer
mehr  gewachsen  :  man  kann,  zumal  in  den  Kreisen  älterer
Parteigenossen,  die  Klage  über  die  mangelhafte  theoretische
Vor-  und  Durchbildung  der  „Recruten  der  Socialdemokratie“
immer  wieder  hören.  Man  hat  die  Schuld  daran  oft  dem
Anwachsen  der  Tagespresse  und  der  Zeitschriftenlitteratur  zugeschrieben, ­
  das  neben  seinem  unleugbaren  Nutzen  doch  auch
den  Nachteil  gehabt  habe,  der  Buchlectüre,  dem  Studium  umfassenderer ­
  Werke  abträglich  zu  sein.  Gewiss  liegt  darin  etwas
Wahres.  Aber  ebenso  wahr  ist  auf  der  anderen  Seite,  dass
wir  thatsächlich  der  geeigneten  Bücher  entbehrten.  Das  Bedürfnis ­
  nach  theoretischer  Schulung  ist  nicht  geringer  geworden
und  scheint  —  soweit  ein  einzelner  das  beobachten  kann  —
neuerdings  in  erfreulicher  Weise  zu  wachsen.  Die  Frage  nach
        <pb n="19" />
        14

dem  „Endziel“  unserer  Bewegung  ist  nur  vorübergehend  durch
die  Erörterung  von  Augenblicksproblemen  in  den  Hintergrund
gedrängt  worden.  Sie  bewegt  die  Massen  nach  wie  vor  im
Innersten.  Und  trotz  alledem  und  alledem  ist  das  „Endziel“
die  eigentlich  werbende  Kraft  unserer  Bewegung.
Fest  auf  dem  Boden  der  Lehre  vom  Classenkampfe  stehend,
zeigt  Vandervelde  die  Entwickelung  unserer  Wirtschaft  zum
Socialismus  und  widerlegt  mit  glänzender  Schlagfertigkeit  die
Einwendungen  unserer  Gegner.  Gerade  dieser  Teil  seiner  Arbeit
wird  unseren  Genossen  in  den  bevorstehenden  Wahlkämpfen
gute  Dienste  leisten  können.  „Unsere  Partei  hat  begriffen“,
so  sagt  Liebknecht  in  der  Einleitung  zu  der  neuen  Ausgabe  des
Leipziger  Hochverratsprocesses,  „dass  mit  blinder  Leidenschaft
ebensowenig,  wie  mit  stumpfem  Cadavergehorsam  der  Befreiungskampf ­
  des  Proletariats  zu  siegreichem  Ende  geführt  werden
kann.  Auf  allen  Gebieten  ist  die  Socialdemokratie  bemüht,  zu
bilden  und  zu  erziehen.“  Ein  Bildungs-  und  Erziehungsmittel
ist  aber  dieses  Buch.  Und  zugleich  ein  Werbemittel.
Werben,  unablässig  werben  müssen  wir  aber,  weil  „dieEmancipation
  der  Arbeit  nicht  das  Werk  einer  Minderheit ­
  sein  kann,  der  die  Mehrheit  des  Volkes
entgegensteht“.  „Auf  die  Lohnarbeiter  beschränkt,  wäre
die  Socialdemokratie  unfähig  zu  siegen.  Von  dem  gesamten
arbeitenden  Volk  und  den  Edelsten  der  Nation  begriffen  und
umfasst,  hat  sie  gesiegt.  Warum  mussten  wir  die  Verfolgung
unserer  Feinde  jetzt  tragen?  Warum  unterwirft  man  uns  den
empörendsten  Unwürdigkeiten?  Weil  wir  noch  schwach  sind.
Und  warum  sind  wir  schwach  ?  Weil  nur  ein  kleiner  Bruchteil  (des
Volkes  sich  zur  socialdemokratischen  Lehre  bekennt.  Und  da
sollten  wir,  die  zu  schwach  sind,  unsere  Schwäche  vergrössern,
indem  wir  Tausende  von  uns  stossen,  weil  sie  zufällig  nicht
als  Glieder  einer  bestimmten  Gesellschaftsgruppe  auf  die  Welt
gekommen  sind?  Die  Dummheit  wäre  ein  Verrat  an  der  Partei.
Nicht  beschränken  —  ausdehnen  sei  die  Parole.  Immer  mehr
muss  der  Kreis  der  Socialdemokratie  ausgedehnt  werden,  bis
wir  die  Mehrheit  unserer  Feinde  entweder  in  Freunde  und
Genossen  verwandelt  oder  wenigstens  entwaffnet  haben.  Und
die  indifferente  Masse,  welche  in  ruhigen  Zeiten  kein  Gewicht
in  die  politische  Wagschale  legt,  aber  in  Zeiten  der  Aufregung
        <pb n="20" />
        den  Ausschlag  giebt,  muss  über  die  Ziele  und  das
Wesen  unserer  Partei  so  weit  aufgeklärt  werden, ­
  dass  sie  die  Furcht  vor  derselben  verliert
und  sich  nicht  mehr  als  Meute  bei  einer  Hetze
gegen  uns  gebrauchen  lässt.“
Diesem  Propaganda-  und  Erziehungswerke,  dem  der  wackere
alte  Präceptor  seine  besten  Kräfte  je  und  je  gewidmet  hat,
soll  auch  dieses  Werk  dienen.  Seit  den  schweren  Tagen,  da
Liebknecht  jene  Worte  geschrieben  hat,  hat  der  socialistische
Gedanke  in  Deutschland  ausserordentliche  Fortschritte  gemacht.
Vieles  ist  gethan  worden,  aber  mehr  bleibt  uns  noch  zu  thunl
Dass  das  vorliegende  Buch  von  einem  unserer  Brüder  jenseits ­
  des  Rheins  stammt,  dass  es  den  trefflichen  Führer  der
kampfesmutigen  belgischen  Socialdemokratie  zum  Verfasser  hat,
wird,  wie  ich  hoffe,  das  Interesse  unserer  deutschen  Parteigenossen ­
  an  ihm  noch  erhöhen.
Dresden,  zu  Pfingsten  1902.

Albert  Südekum.
        <pb n="21" />
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        <pb n="22" />
        Einleitung

„Ich  glaube,  das,  was  ist,  enthält  wie  ein  Grab  eine
Zusammenfassung  dessen,  was  war,  und  wie  eine  Wiege
den  Keim  dessen,  was  sein  wird.“
Enfantin.

Vandervelde:  Die  Entwickelung  zum  Socialismus.

2
        <pb n="23" />
        ■
        <pb n="24" />
        2

Der  glückliche  Zufall,  der  die  Civilisation  möglich
gemacht  hat,  so  etwa  sagt  Rodbertus  irgendwo,  besteht
darin,  dass  die  gemeinsame  Arbeit  productiver  ist,  als
die  isolierte.
Auf  sich  allein  angewiesen  würde  der  Mensch  kaum
genug  zum  Leben  producieren.
Wenn  er  aber  eingegliedert  ist  in  eine  sociale  Organisation, ­
  dann  wächst  die  Productivität  seiner  Arbeit  in  dem
Masse,  wie  die  Arbeitsteilung,  die  Arbeitsvereinigung  und
die  Verbesserung  der  Werkzeuge  seine  Macht  über  die
Dinge  vermehren.
In  jeder  Gesellschaft,  wie  auch  sonst  immer  ihre  Structuf
  sein  mag,  ob  auf  freier  oder  auf  Sclavenarbeit  aufgebaut, ­
  ob  capitalistisch  oder  communistisch  organisiert,  produciert
  die  gesellschaftliche  Arbeit  einen  Ueberschuss,  einen
Mehrwert,  d.  h.  einen  Wert,  der  grösser  ist,  als  der
Wert  der  persönlichen  Arbeitsleistungen  und  der  sachlichen ­
  Zuthaten  aller  Art,  die  während  des  Productionsprocesses
  aufgebraucht  wurden.
Während  dieser  Wertüberschuss  aber  unter  einem
communistischen  Wirtschaftssystem  zu  aller  Nutzen  verwendet ­
  werden  würde,  kommt  der  durch  die  Arbeit  erzeugte ­
  Mehrwert  in  der  capitalistischen  —  durch  die  mehr
oder  weniger  vollständig  durchgeführte  Trennung  von  Besitz ­
  und  Arbeit  gekennzeichneten  —  Gesellschaft  nicht
der  Arbeit  zu  gute.  Er  wird  vielmehr  in  der  Form  des
Profits  allein  von  den  Besitzern  der  Productions-  und
Austauschmittel  in  Beschlag  genommen.
        <pb n="25" />
        Anton  Monger,  Professor  der  Rechtswissenschaft  an
der  Universität  Wien,  stellt  das  mit  folgenden  Worten
dar  :*)
„Unser  heutiges  Vermögensrecht,  dessen  Mittelpunct
das  Privateigentum  bildet,  gewährleistet  dem  Arbeiter  nicht
den  vollen  Arbeitsertrag.  Indem  nämlich  unser  Privatrecht
die  vorhandenen  Vermögensobjecte,  namentlich  die  Productionsmittel,
  einzelnen  Personen  zu  beliebiger  Benutzung
überweist,  verleiht  es  diesen  eine  Machtstellung,  kraft
welcher  sie  ohne  eigene  Arbeit  ein  Einkommen  beziehen
und  zur  Befriedigung  ihrer  Bedürfnisse  verwenden  können.
Dieses  Einkommen,  welches  die  von  der  Rechtsordnung
begünstigten  Personen  ohne  persönliche  Gegenleistung  an
die  Gesellschaft  empfangen,  bezeichnen  die  Saint-Simonisten,
  die  Anhänger  von  Bûchez  und  Rodbertus  als
Rente,  Thompson  und  Marx  als  Mehrwert;  ich  werde
es  das  arbeitslose  Einkommen  nennen.“
So  haben  also  dank  dem  Privateigentum  am  Capital
die  Besitzer  ,der  Productions-  und  Austauschmittel  das
erbliche  Recht,  sich  den  durch  die  Arbeit  anderer
geschaffenen  Mehrwert  anzueignen.  Sie  können  ihn  gänz
nach  ihrem  Belieben  productiv  oder  unproductiv  verwenden, ­
  ihn  in  wüsten  Orgien  vergeuden,  oder  ihn  aufspeichern,
um  die  Ausbeutung  der  Arbeit  in  um  so  grösserem  Stile
zu  betreiben.  Als  Herren  leiten  sie  die  Werkstätten  und
Fabriken,  vorausgesetzt,  dass  sie  nicht  vorziehen,  an  ihre
Stelle  bezahlte  Directoren  zu  setzen.  Und  sie  werfen,
sei  es  direct,  sei  es  durch  eingeschobene  Mittelspersonen,
Waren,  Tauschwerte  auf  den  nationalen  oder  internationalen ­
  Markt  mit  der  einzigen  Absicht,  nicht  etwa  Bedürfnisse ­
  zu  befriedigen,  sondern  Profite  zu  erzielen.
*)  Anton  Menger:  Das  Recht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag ­
  (Stuttgart,  1891).  II.  Aufl.,  pag.  2  und  3.
Vergl.  über  die  Marxsche  Theorie  des  Mehrwerts  auch
die  von  Charles  Andlér  geschriebene  Einleitung  zu  der  französischen ­
  Uebersetzung  des  Mengerschen  Buches  (Paris,  Giard
et  Brière,  1900),  pag.  XXXIII  ff.
        <pb n="26" />
        —  21  —

Kurz,  was  vom  Standpunct  der  Production  und  der
Verteilung  die  heutige  Wirtschaftsordnung  kennzeichnet
•—  trotz  der  Ueberbleibsel  der  Vergangenheit  und  der
Keime  der  Zukunft,  die  sie  enthält  —  das  ist  die  Allmacht
des  Capitals,  des  Capitals,  das  kein  anderes  Ziel  kennt
als  den  Profit,  keine  andere  sociale  Regel  als  die  Concurrent, ­
  keine  andere  Beschränkung  als  die  Organisation
der  Arbeiter  und  den  nur  allzuoft  illusorisch  gemachten
Eingriff  der  Gesetzgebung.
Das  Endziel  des  Socialismus  ist  dagegen  das  Gemeineigentum ­
  an  den  Productions-  und  Austausçhmitteln,  die
gesellschaftliche  Organisierung  der  Arbeit,  die  Verteilung
des  Mehrwerts  unter  die  Arbeitenden  —  abzüglich  des
für  die  allgemeinen  Bedürfnisse  der  Gesellschaft  notwendigen ­
  Teils.
Unter  der  Herrschaft  des  reinen  Collectivismus  —
vorausgesetzt,  was  wir  nicht  Voraussagen  können,  dass
diese  Wirtschaftsordnung  eines  Tages  Wirklichkeit  werden
wird  —  würden  also  der  Grund  und  Boden,  die  Bergwerke,
die  Fabrikanlagen,  die  Creditanstalten,  die  Circulationsund
  Verkehrsmittel  der  Gesamtheit  gehören;  nur  die
Gegenstände  des  persönlichen  Verbrauchs  würden  persönliches ­
  Eigentum  bleiben.
Die  Leitung  der  Geschäfte  würde  nicht  wie  heute
monarchisch  oder  oligarchisch  sein,  sondern  die  republicanische
  Form  annehmen;  anstatt  durch  Erbrecht  oder
durch  das  Recht  der  Eroberung  concurrierenden  oder
coalierten  Capitalisten  ausgeliefert  zu  sein,  würde  sie
nicht  dem  Staate,  wie  man  fälschlich  sagt  und  immer
wiederholt,  sondern  autonomen  öffentlichen  Corporationen
unter  der  Controle  des  Staates  zufallen.
Nach  Schaeffle  müsste  das  collective  Capital  ein  für
allemal  durch  specielle  Organe  der  Gesamtheit  den  verschiedenen ­
  localen  und  professionellen  Gruppen  übereignet
werden;  diese  Organe  der  Gesamtheit  wären  entweder  auf
gesetzlicher  Grundlage  zu  schaffende  Verwaltungsbehör-
        <pb n="27" />
        den  oder  Führer  des  Volkes  mit  lediglich  moralischer
Autorität.  Diese  selben  Organe  hätten  für  Erneuerung
und  Vermehrung  der  Productionsmittel  zu  sorgen.  Diese
Leitung  und  Verwaltung  der  Volkswirtschaft  würde  also  eine
öffentliche  und  centralisierte  Angelegenheit  und  nicht  das
Werk  concurrierender  Capitalisten  sein.*)
Vom  Standpunct  der  Verteilung  aus  betrachtet,  würde
endlich  der  auf  Profit  abzielende  Warenhandel  durch  die
Verteilung  von  Bedarfsmitteln,  von  Gebrauchswerten  zur
Befriedigung  allgemeiner  oder  persönlicher  Bedürfnisse
ersetzt  werden.  Die  Entlohnung  der  Arbeiter  würde  nicht
mehr  durch  die  Productionskosten  ihrer  Arbeitskraft  bestimmt ­
  werden,  während  der  Mehrwert  den  Capitalisten
verbleibt,  sondern  würde  sich,  sei  es  nach  ihren  Bedürfnissen, ­
  sei  es  nach  dem  Werte  der  Producte  ihrer  Arbeit
richten.  In  einem  späteren  Capitel  werden  wir  das  noch
weiter  auszuführen  haben.  Hier  können  wir  uns  auf  die
Feststellung  beschränken,  dass  die  Verwirklichung  des
reinen  Collectivismus  nicht  nur  —  wie  man  nach  gewissen
allzukurzen  Definitionen  zu  glauben  geneigt  sein  könnte
—  in  der  Vergesellschaftung  der  Productionsmittel  besteht, ­
  sondern  in  einer  vollständigen  Umwälzung  des  Productions- ­
  und  Verteilungssystems.
Schon  aus  der  gewaltigen  Grösse  dieser  Umwandlung
ergiebt  sich,  dass  sie  nur  das  Ergebnis  einer  langen  und
umfassenden  Reihe  von  Teilveränderungen  sein  kann:  die
tiefgehenden  Umwandlungen  würden  nicht  plötzlich  eintreten
  können;  die  plötzlichen  Umwandlungen  würden
nicht  tiefgehend  sein  können.
Aber  schon  heute  stecken  wir  mitten  in  der  socialen
Revolution,  denn  der  Socialismus  ist  nichts  anderes  als  die
theoretische  Weiterführung  und  zugleich  das  organische

*)  Vergl.  A.  Schaeffle:  Die  Quintessenz  des  Socialismus. ­
  Ferner  den  Artikel:  Collectivisme  in  der  Revue  sociale  et
politique,  1893,  pag.  294.
        <pb n="28" />
        2  3

^I

Endziel  heute  schon  wirksamer  Tendenzen:  die  ganze  Entwickelung ­
  der  capitalistischen  Production  im  Sinne  der
Socialisierung  der  Arbeit  fördert  und  bedingt  die  Socialisierung
  des  Eigentums.
Von  diesem  Standpuncte  der  Entwickelung  der  Production ­
  wollen  wir  in  erster  Linie  bei  unserer  Abhandlung
ausgehen.*)
Es  würde  in  der  That  wenig  genug  bedeuten,  dass
unsere  Grundsätze  der  Verteilung  gerechter  wären,  als  die
heutigen,  wenn  ihre  Anwendung  eine  Stockung  oder  gar
einen  Stillstand  in  der  Entwickelung  der  Productionsformen
  mit  sich  brächten.
Die  Grundthatsache,  die  sich  aus  der  ganzen  ökonomischen ­
  Geschichte  der  Welt  ergiebt,  ist  diese:  niemals
verschwindet  ein  Productionssystem  —  welche  Ungerechtigkeiten ­
  es  auch  immer  mit  sich  bringe,  welche  Widersprüche ­
  es  hervorrufe,  welche  Revolten  es  errege  —  es
sei  denn,  dass  es  einem  besseren  Productionssystem  erliege,
besser  nicht  nur  vom  Standpuncte  der  abstracten  Gerechtigkeit, ­
  sondern  auch  und  ganz  besonders  vom  Standpuncte
der  socialen  Productivität.
Die  Sclaverei  und  die  Hörigkeit,  die  seit  Jahrhunderten ­
  von  den  Moralisten  verdammt  worden  waren,  verschwanden ­
  in  den  Ländern  der  christlichen  Civilisation
erst  dann,  als  die  Bedürfnisse  der  Production  die  formelle ­
  Befreiung  der  Arbeit  erheischten.
So  würden  auch  alle  gefühlvollen  Betrachtungen,  die
man  zu  gunsten  des  Socialismus  anstellen  kann,  die  thatsächliche
  Befreiung  der  Arbeit  nicht  bewirken  können,
*)  Selbstverständlich  müssen  wir,  wenn  wir  diesen  Standpunct
  wählen,  auch  den  erheblichen  und  unverkennbaren  Einfluss ­
  beachten,  den  die  Fortschritte  auf  dem  Gebiete  der  Verteilung ­
  ihrerseits  auf  die  Productivität  der  gesellschaftlichen
Arbeit  ausüben.  Vergl.  W.  Sombart:  Ideale  der  Socialpolitik ­
  (Archiv  für  sociale  Gesetzgebung  und  Statistik,  1895,
Pag.  45)-  Auch  Solvay:  Le  productivisme  social  (Annales
de  l'Institut  des  sciences  sociales,  December  1898,  pag.  415).
        <pb n="29" />
        wenn  der  Socialismus  nicht  berufen  wäre,  kraft  seiner
höheren  Productivität  das  capitalistische  System  zu  besiegen. ­

Diese  ökonomische  Ueberlegenheit  des  Socialismus
zu  zeigen,  ist  das  Ziel,  das  wir  uns  gesteckt  haben.  Daher
werden  wir  die  Folgen  der  Concentration  des  Capitals  darstellen, ­
  die  Ergebnisse  der  wachsenden  Ausdehnung  der
Staatsbetriebe  und  die  Probleme,  die  sich  sowohl  aus
der  demokratischen  Organisation  der  Arbeit,  wie  aus  der
Verteilung  der  Arbeitsproducte  ergeben.
        <pb n="30" />
        Erster  Teil

Die
capitalistische  Concentration

„Eine  Gesellschaftsformation  geht  nie  unter,  bevor  alle
Productivkräfte  entwickelt  sind,  für  die  sie  weit  genug  ist,
und  neue  höhere  Produclionsverhältnisse  treten  nie  an  ihre
Stelle,  bevor  die  materiellen  Existenzbedingungen  derselben
im  Schosse  der  alten  Gesellschaft  selbst  ausgebrütet  worden
sind.“

Karl  Marx.
        <pb n="31" />
        —

fé-
        <pb n="32" />
        In  dem  Masse,  wie  die  gesellschaftliche  Entwickelung
fortschreitet,  wie  sich  die  Beziehungen  zwischen  den  Menschen ­
  mehren,  wie  die  Communication  unter  ihnen  leichter
und  häufiger  wird,  in  demselben  Masse  wächst  die  Arbeitsteilung. ­

Während  man  in  einer  auf  der  Stufe  des  Ackerbaues
stehenden  Gesellschaft  kaum  ein  halbes  Dutzend  unterschiedlicher ­
  Gewerbe  findet,  führt  die  deutsche  Gewerbezählung ­
  von  1895  10397  Gewerbsbenennungen  an,  von
denen  5506  in  das  Gebiet  der  Industrie  im  engeren  Sinne
gehören.
Der  grösste  Teil  dieser  Gewerbe  zerfällt  natürlich
wieder  in  Teiloperationen,  die  von  verschiedenen  Arbeitern ­
  ausgeführt  werden.
So  stellte  Levasseur*)  bei  einem  Vergleich  der  modernen ­
  Schuhfabrication  mit  der  primitiven  Schusterei  fest,
dass  in  den  Fabriken  von  Lynns  (Massachusetts)  zweiundfünfzig ­
  Arbeiter  und  Arbeiterinnen  an  der  Herstellung
eines  Damenstiefels  beteiligt  sind  —  so  zwar,  dass'  jeder
Handgriff,  den  sie  ausüben,  kaum  einige  Secunden  dauert
und  sich  im  Laufe  desselben  Tages  tausend  und  tausendmal ­
  wiederholt.
Aber  wegen  dieser  unendlichen  Teilung  und  Unterteilung ­
  der  gesellschaftlichen  Arbeit  wächst  auch  notwendigerweise ­
  die  wechselseitige  Abhängigkeit  der  Arbeiter ­
  voneinander.  Landwirte,  Händler,  Industrielle,  Werkstattgenossen, ­
  Arbeiter,  die  ihr  ganzes  Leben  lang  denselben ­
  Knopf  annähen  oder  dasselbe  Knopfloch  ausstechen,

')  Journal  de  la  société  de  statistique  de  Paris.  Januar  1900.
        <pb n="33" />
        28

schliessen  sich  um  so  enger  an  andere  Producenten  an,
jemehr  ihre  sociale  Function  specialisiert  ist.  Dem  Process ­
  der  Arbeitsteilung  entsprechen  auf  der  anderen  Seite
Processe  der  technischen  und  socialen  Vereinigung,  die
auf  einer  breiteren  Grundlage  die  Einheit  der  Gewerbe
und  die  Solidarität  der  verschiedenen  Productionszweige
wiederherstellen.
Vom  Standpuncte  der  Technik  aus  betrachtet,  setzt
die  moderne  Fabrik  an  die  Stelle  des  individuellen  Arbeiters ­
  einen  Collectivarbeiter,  einen  riesigen  Automaten,
der  ebenfalls  die  Gesamtheit  der  zur  Production  notwendigen ­
  Operationen  durchführt:  die  Arbeitsteilung  selbst
bedingt  und  ermöglicht  die  Socialisierung  der  Arbeit.
Von  der  socialen  Seite  betrachtet,  stellt  sich  das  so
dar:  die  zu  eng  gewordenen  Organisationsformen,  deren
Bande  der  technische  Fortschritt  zersprengt  hat,  werden
durch  neue,  den  neuen  Productionsformen  angepasste  Gebilde ­
  ersetzt.
Die  geschlossene  Hauswirtschaft,  die  alle  Gebrauchsgegenstände ­
  für  den  eigenen  Bedarf  der  Producenten  herstellt, ­
  macht  der  Tauschwirtschaft  mit  ihren  drei  aufeinander ­
  folgenden  Formen  Platz:  der  Stadtwirtschaft,  der
Volkswirtschaft  und  der  Weltwirtschaft.*)

I.  Die  geschlossene  Hauswirtschaft.
Solange  die  Arbeitsteilung  noch  in  ihren  Anfängen
steckt,  bildet  die  Familie  im  weiten  Sinne  des  Wortes,
d.  h.  die  Gemeinschaft  der  unter  demselben  Dache
Wohnenden  oder,  wie  der  mittelalterliche  Ausdruck  lautet,
„am  selben  Löffel  und  selben  Topf  Sitzenden“,  die  ökono-*)

  W.  Sombart:  Die  gewerbliche  Arbeit  und  ihre
Organisation.  (Archiv  für  sociale  Gesetzgebung  und  Statistik
1899,  HI.  und  IV.  Heft.)
        <pb n="34" />
        29

mische  Einheit.*)  So  z.  B.  die  primitive  römische
familia,  die  bäuerliche  Hausgemeinschaft  des  Mittelalters, ­
  die  Zadruga  der  Südslaven.  Alle  diese  Hauswirtschaften, ­
  gleichgiltig  wie  gross  die  oft  beträchtliche  Zahl
ihrer  Teilnehmer  ist,  haben  das  gemeinsame  Merkmal,
dass  sie  mit  Ausnahme  weniger  Producte  (wie  z.  B.  Eisen
und  im  Binnenlande  Salz)  ihren  gesamten  Bedarf  durch,
eigene  Arbeit  decken;  —  dass  sie  den  ähnlichen  Wirtschaften ­
  entgegengesetzt,  nicht  mit  ihnen  verbunden  sind,
sondern  zu  ihnen  nur  in  sehr  oberflächlicher  Verbindung
stehen  :  sie  sind  wirkliche  sociale  Zellen,  fast  ohne
Communication  mit  der  Aussenwelt,  sie  producieren  alles,
was  sie  verzehren  und  verzehren  alles,  was  sie  producieren. ­

Es  braucht  kaum  betont  zu  werden,  dass  die  Productivität
  der  Arbeit  auf  dieser  Entwickelungsstufe  ausserordentlich ­
  gering  ist.
II.  Die  Tauschwirtschaft.
A.  Die  Stadtwirtschaft.
Auf  der  Grenze  zwischen  der  geschlossenen  Hauswirtschaft ­
  und  den  höheren  ökonomischen  Formen  beginnen ­
  sich  die  Production  und  die  Consumption  voneinander ­
  zu  scheiden;  die  Beziehungen  zum  Zwecke  des
Austausches  werden  zahlreicher;  die  Gewerbe  spalten  sich
von  dem  Landbau  ab;  in  den  Städten  bilden  sich  die
gewerblichen  Corporationen  ;  die  Stadt  mit  ihrer  ländlichen ­
  Umgebung  wird  zur  ökonomischen  Einheit.
„Wenn  wir  eine  Karte  des  alten  deutschen  Reiches
zur  Hand  nehmen,“  so  sagt  Karl  Bücher,  „und  auf  derselben ­
  die  Orte  bezeichnen,  welchen  bis  zu  Ende  des

*)  Eine  gute  Beschreibung  dieser  Zustände  im  mittelalterlichen ­
  England  findet  man  bei  H.  W.  Thurston:  Economics
and  industrial  history.  (Chicago,  Scott,  1899.)
        <pb n="35" />
        /  ^

—  3°  —

I

I

Mittelalters  Stadtrecht  verliehen  worden  ist  (es  mögen
ihrer  etwa  3000  gewesen  sein),  so  erblicken  wir  das  ganze
Land  in  Abständen  von  durchschnittlich  4—5  Wegstunden
im  Süden  und  Westen,  von  7—8  Stunden  im  Norden
und  Osten  mit  Städten  übersäet.  Nicht  alle  haben  gleiche
Bedeutung  gehabt;  aber  die  meisten  waren  doch  zu  ihrer
Zeit  (oder  bemühten  sich  wenigstens  zu  sein)  die  Mittelpuncte
  territorialer  Wirtschaftsgebiete,  welche  ebenso  ein
für  sich  abgeschlossenes  Leben  führten,  wie  früher  der
Frohnhof.  Um  von  der  Grösse  dieser  Gebiete  eine  Vorstellung ­
  zu  gewinnen,  denken  wir  uns  das  gesamte  Territorium ­
  gleichmässig  auf  die  vorhandenen  Stadtrechte  verteilt. ­
  Es  kommen  dann  im  Südwesten  von  Deutschland
durchschnittlich  2—21/2  Quadratmeilen  auf  eine  Stadt,  im
mittelsten  und  nordwestlichen  Deutschland  3—4,  im  östlichen ­
  5—8.  Stellen  wir  uns  die  Stadt  immer  im  Mittelpuncte
  eines  solchen  Gebietsabschnittes  vor,  so  überzeugen ­
  wir  uns,  dass  fast  überall  in  Deutschland  der  Bauer
aus  der  entferntesten  ländlicnen  Niederlassung  den  städtischen ­
  Markt  in  einem  Tage  erreichen  und  am  Abend
wieder  zurück  sein  konnte.“*)
So  verliert  also  infolge  einer  langsamen  Umwandlung,
die  Jahrhunderte  lang  gedauert  hat  und  heute  noch  nicht
abgeschlossen  ist,  die  Hausgemeinschaft  einen  Teil  ihrer
Unabhängigkeit.
Aber  während  der  ganzen  Periode  der  Stadtwirtschaft
bleiben  die  alten  familiär-communistischen  Formen  bestehen ­
  ;  die  meisten  Lebensbedürfnisse  werden  immer  noch
in  der  Wirtschaft  hergestellt,  in  der  sie  verzehrt  werden;
die  Arbeitsteilung  ist  noch  wenig  entwickelt;  der  nationale
und  internationale  Handel  befasst  sich  nur  mit  einer  kleinen
Zahl  von  Waren:  so  mit  den  Gewürzen  und  Früchten
des  Südens,  mit  den  getrockneten  und  gesalzenen  Fischen

*)  K.  Bücher,  Entstehung  der  Volkswirtschaft,  I.  Aufl.
pag.  49—50.
        <pb n="36" />
        zur  Ernährung  des  Volkes,  mit  den  Pelzwaren,  den  feinen
Gewändern  und,  in  den  nördlichen  Ländern,  mit  dem
Wein.
Aber  mit  den  grossen  überseeischen  Entdeckungen  erweitern ­
  sich  die  Märkte,  die  Manufactur  tritt  auf  :  die
Arbeitsteilung,  die  im  Mittelalter  lediglich  in  einer  Scheidung ­
  der  einzelnen  Gewerbe  bestand,  zerlegt  nunmehr
den  Productionsprocess,  der  auf  Herstellung  einer  bestimmten ­
  Ware  abzielt,  in  einzelne  Teile.  Inferior  in  Hinsicht ­
  auf  die  Productivität,  geht  das  Zunftwesen  seinem
Ende  entgegen.  Die  capitalistische  Aera  bricht  an.
B.  Volkswirtschaft  und  Weltwirtschaft.
Im  Anfang  reproduciert  die  protectionistische  und
mercantilistische  Volkswirtschaft  thatsächlich  nur  auf
breiterer  Basis  und  unter  Bewahrung  eines  grossen  Teils
der  alten  Formen  die  alte  Zunftordnung.
Die  industriellen  und  Handel  treibenden  Classen
stellen  selbst  in  den  am  weitesten  vorgeschrittenen  Ländern ­
  nur  erst  einen  kleinen  Bruchteil  der  Gesamtbevölkerung. ­
  In  England  gab  es  z.  B.  nach  den  Berechnungen ­
  von  Gregory  King  für  1688  4265000  Landwirte
gegen  nur  240000  in  der  Industrie  und  246000  im  Handel
beschäftigte  Personen.  Aber  im  Jahre  1769,  weniger  als
ein  Jahrhundert  später,  haben  diese  Verhältnisse  bereits
grundstürzende  Aenderungen  erfahren  :  nach  Young  zählen
die  landbautreibenden  Schichten  nur  noch  3  600  00  Menschen, ­
  die  Manufactur  beschäftigt  drei  Millionen,  die
anderen  Gewerbe  1  900  000.
Jetzt  setzt  sich  die  industrielle  Revolution  mit  ungemeiner ­
  Schnelligkeit  durch.  Es  bildet  sich  der  Weltmarkt,
das  Netz  der  Verkehrswege  entwickelt  sich,  die  Mineralschätze ­
  des  Bodens  werden  gehoben,  die  Machinofactur
tritt  an  Stelle  der  Manufactur,  die  fabriksmässige  Industrie
trägt  den  Sieg  über  die  anderen  Arten  der  Production
        <pb n="37" />
        davon,  ein  wirklicher  Kampf  um  die  Existenz  beginnt,
ein  Kampf  auf  Leben  und  Tod  auf  einem  unbegrenzten
Schlachtfelde  unter  den  verschiedenen  Formen  der  Unternehmungen. ­

Die  socialen  Folgen  dieser  Entwickelung  hat  Karl
Marx  in  den  berühmten  Capiteln  am  Schluss  des  ersten
Bandes  des  Capitals  geschildert  :
Das  moderne  Grosscapital,  so  sagt  er  dem  Sinne  nach,
entsteht  aus  der  Vernichtung  des  kleinen  Eigentums  (der
kleinen  Handwerker  und  Bauern),  bei  dem  Arbeit  und
Besitz  thatsächlich  vereint  waren  und  bei  dem  der  Arbeiter ­
  auch  der  wirkliche  Besitzer  seiner  Productionsmittel
  und  des  Productes  seiner  Arbeit  war.  Diese
adäquate  classische  Form  des  Privateigentums,  wo  der
Arbeiter  freier  Privateigentümer  seiner  von  ihm  selbst
gehandhabten  Arbeitsbedingungen  ist  —  der  Bauer  des
Ackers,  den  er  bestellt,  der  Handwerker  des  Instruments,
worauf  er  als  Virtuose  spielt  —  diese  für  ihre  Zeit  glückliche, ­
  den  Forderungen  der  Gerechtigkeit  entsprechende
und  Arbeit  und  Besitz  identificierende  Form  hatte  den
grossen  Nachteil,  die  Zersplitterung  des  Bodens  und  der
übrigen  Productionsmittel  zu  unterstellen  :  diese  Zersplitterung ­
  hinwiederum  hatte  zur  Folge  eine  Schädigung
der  Productivität  und  eine  Verminderung  der  Mittel  wirtschaftlichen ­
  Fortschritts.  Auf  einem  gewissen  Höhegrad
der  Entwickelung  musste  das  kleine  Eigentum  an  diesem
Fehler  zu  Grunde  gehen,  und  was  von  ihm  übrig  blieb
(Kleinhandwerker  und  Kleinbauern)  kommt  von  Tag  zu
Tag  mehr  zurück,  sintemalen  diese  Eigentumsform  gezwungen ­
  ist,  der  Macht  des  agrarischen  und  industriellen
Grosscapitals  zu  weichen.
„Das  selbst  erarbeitete,  sozusagen  auf  Verwachsung
des  einzelnen,  unabhängigen  Arbeitsindividuums  mit  seinen
Arbeitsbedingungen  beruhende  Privateigentum  wird  verdrängt ­
  durch  das  capitalictische  Privateigentum,  welches
        <pb n="38" />
        33

auf  Exploitation  fremder  (aber  formell  freier)  Arbeit
beruht.
Sobald  dieser  Umwandlungsprocess  nach  Tiefe  ünd
Umfang  die  alte  Gesellschaft  hinreichend  zersetzt  hat,
sobald  die  Arbeiter  in  Proletarier,  ihre  Arbeitsbedingungen
in  Capital  verwandelt  sind,  sobald  die  capitalistische  Productionsweise
  auf  eigenen  Füssen  steht,  gewinnt  die  weitere
Vergesellschaftung  der  Arbeit  und  weitere  Verwandlung
der  Erde  und  anderer  Productionsmittel  in  gesellschaftlich
ausgebeutete,  also  gemeinschaftliche  Productionsmittel,  daher ­
  die  weitere  Expropriation  der  Privateigentümer,  eine
neue  Form.“  Das  Grosscapital  —  auf  seiner  zweiten  Entwickelungsstufe ­
  —  vernichtet  den  Kleincapitalisten.
Dank  der  fortgesetzten  Concentration  der  Productionsmittel ­
  in  den  grossen  Industrieen  tötet  ein  Capital  viele
andere;  aber  Hand  in  Hand  damit  entwickelt  sich  im
Bereiche  des  grossen  Privatcapitals  die  cooperative  Form
des  Arbeitsprocesses  auf  stets  wachsender  Stufenleiter,  die
bewusste  technische  Anwendung  der  Wissenschaft,  die
planmässige  Ausbeutung  der  Erde,  die  Verwandlung  der
Arbeitsmittel  in  nur  gemeinsam  verwendbare  Arbeitsmittel, ­
  die  Verschlingung  aller  Völker  in  das  Netz  des
Weltmarkts.
Aber  „mit  der  beständig  abnehmenden  Zahl  der
Capitalmagnaten,  welche  alle  Vorteile  dieses  Umwand
lungsprocesses  usurpieren  und  monopolisieren,  wächst  die
Masse  des  Elends,  des  Drucks,  der  Knechtschaft,  der
Entartung,  der  Ausbeutung,  aber  auch  die  Empörung
der  stets  anschwellenden  und  durch  den  Mechanismus
des  capitalistischen  Productionsprocesses  selbst  geschulten,
vereinten  und  organisierten  Arbeiterclasse.  Das  Capitalmonopol
  wird  zur  Fessel  der  Productionsweise,  die  mit
ihm  und  unter  ihm  aufgeblüht  ist.  Die  Centralisation  der
Productionsmittel  und  die  Vergesellschaftung  der  Arbeit
erreichen  einen  Punct,  wo  sie  unverträglich  werden  mit
ihrer  capitalistischen  Hülle.  Sie  wird  gesprengt.  Die
Vandervelde:  Die  Entwickelung  zum  Socialismns.  3
        <pb n="39" />
        34

Stunde  des  capitalistischen  Privateigentums  schlägt.  Die
Expropriateurs  werden  expropriiert.“
Wir  haben  absichtlich  diese  grossartige  Stelle  ausführlich ­
  wiedergegeben,  um  zu  zeigen,  wie  sehr  der  dem
Socialismus  häufig  gemachte  Vorwurf  unberechtigt  ist,
er  beschäftige  sich  vorzugsweise  mit  den  Ungerechtigkeiten
in  der  Verteilung  und  gäbe  sich  keine  Rechenschaft  über
die  Bedürfnisse  der  Production.
Im  Gegenteil  stützt  sich  die  Marxsche  Lehre  auf  den
Fundamentalsatz,  dass  die  Entwickelung  des  persönlichen
Eigentums  in  capitalistisches  Eigentum  und  des  capitalistischen ­
  Eigentums  in  sociales  Eigentum  vorzugsweise  bewirkt ­
  wird  durch  die  productive  Ueberlegenheit  des
Capitalismus  über  die  Einzelproduction,  des  Socialismus
über  die  capitalistische  Production.
Wenn  die  selbständigen  Producenten,  die  Handwerker
und  Kleinbauern,  mit  einem  Wort  alle  diejenigen,  die  für
sich  selbst  arbeiten,  ohne  den  Ertrag  ihrer  Arbeit  mit
anderen  zu  teilen,  die  Tendenz  zeigen,  aus  der  Volkswirtschaft ­
  zu  verschwinden,  so  geschieht  das  vor  allem  deshalb, ­
  weil  ihre  Arbeitsenergie  nicht  hinreicht,  um  die
Vorteile  der  socialisierten  Arbeit  zu  ersetzen.
Wenn  die  Zahl  der  Betriebe  abnimmt  —  wenigstens
in  gewissen  Industriezweigen  —,  während  die  Zahl  der
beschäftigten  Arbeiter  ununterbrochen  zunimmt,  so  geschieht ­
  das,  weil  die  grossen  Unternehmungen  in  der
Regel  productiver  sind,  als  die  kleinen.
Und  endlich,  wenn  eines  Tages  das  gesellschaftliche
Eigentum  an  Stelle  des  capitalistischen  Eigentums  treten
muss,  so  geschieht  auch  das,  weil  die  Unterdrückung
der  Privatmonopole,  der  erblichen  Privilegien,  des  arbeitslosen ­
  Einkommens,  kurz  aller  Schranken,  die  das
capitalistische  Eigentum  der  Ausdehnung  der  productiven ­
  Kräfte  setzt,  die  Productivität  der  gesellschaftlichen
Arbeit  in  unerhörtem  Masse  steigern  würde.
        <pb n="40" />
        WÊÊtÊÊÊÊtSÊtÊ

—  35  —
Wir  behaupten  natürlich  keineswegs,  dass  dieses
Schema,  das  die  ganze  Entwickelung  des  modernen  Eigentums ­
  in  einer  notwendigerweise  allzu  einfachen  Formel
darzustellen  sucht  —  persönliches  Eigentum,  capitalistisches
  Eigentum,  sociales  Eigentum  —,  sich  streng  und
für  alle  Fälle  zutreffend  an  die  ausserordentliche  Verschiedenheit ­
  der  Phänomene  anpasst.
Wir  sind  die  ersten,  die  zugestehen,  dass  die  Marxsche
Lehre  von  der  wachsenden  Verelendung  des  Proletariats
lediglich  eine  Tendenz  darstellt,  die  auf  gehalten  werden
kann  und  häufig  auf  gehalten  wird  durch  Tendenzen,  die  ihr
entgegen  wirken.*)  Was  aber  festgestellt  werden  muss,  bevor ­
  wir,  mehr  ins  einzelne  gehend,  den  capitalistischen
Concentrationsprocess  darlegen,  das  ist  der  organische
Charakter  der  Anschauung,  die  den  collectivistischen
Theorieen  zur  Grundlage  dient.
Dass  es  bei  Marx  z.  B.  im  Communistischen  Manifest
noch  vereinzelte  Stellen  giebt,  wo  man  die  Spur  der
Katastrophenutopieen  wiederfindet,  die  das  Manifest
gerade  bekämpfen  sollte,  mehr  oder  weniger  zahlreiche
Ueberbleibsel  der  Gewalttheorie,  nach  der  die  Revolution
tn  die  modernen  Gesellschaften  hineinbrechen  sollte,  wie
der  „Dieb  bei  der  Nacht“,  das  wollen  wir  gar  nicht  bestreiten;**) ­
  aber  es  bleibt  darum  doch  nicht  minder  wahr,
dass  die  Marxsche  Theorie  im  ganzen  diesen  Lehren
diametral  entgegengesetzt  ist:  die  Vergesellschaftlichung
der  Productionsmittel  und  der  Austauschmittel  zum
Nutzen  der  Gesamtheit  erscheint  in  ihr  als  die  letzte  Stufe
der  Entwickelung  des  Capitalismus  selbst,  als  die  Conséquenz
  der  vorausgesagten  Expropriation  der  Kleinproduzenten ­
  durch  die  Grossen.

*)  Karl  Kautsky:  Bernstein  und  das  socialdemokratische ­
  Programm  (Stuttgart  1899),  pag.  114—128.
**)  Vergl.  dazu  Ed.  Bernstein:  Die  Voraussetzungen
des  Socialismus  und  die  Aufgaben  der  Socialdemokratie  (Stuttgart ­
  1899),  II.  Cap.
        <pb n="41" />
        —  36  —
Es  bleibt  nun  zu  untersuchen,  ob  es  wahr  ist,  dass  in
allen  Zweigen  der  Production  und  des  Austausches  das
persönliche  Eigentum,  das  Arbeitsmittel  des  selbständigen
Producenten,  die  Tendenz  zeigt,  vor  dem  capitalistis'chen
Eigentum,  dem  Mittel  zur  Ausbeutung  des  gegen  Lohn
arbeitenden  Producenten,  zu  verschwinden.
        <pb n="42" />
        I.  Capitel.

Der  Untergang  des  persönlichen  Eigentums.
„Das  Eigentum  ist  Fremdtum  geworden.“
Ferdinand  Lassalle.
Die  charakteristischen  Repräsentanten  des  persönlichen ­
  Eigentums,  die  wir  noch  in  den  heutigen  capitalistischen
  Gesellschaften  vorfinden,  sind:  der  Kleinbauer,  der
Handwerker  und,  soweit  er  das  Eigentum  an  seinem  Inventar ­
  bewahrt  hat,  der  kleine  Händler.
Der  Kleinbauer,  der  mit  den  Mitgliedern  seiner
Familie  eigenen  Besitz  bewirtschaftet,  reproduciert  heutzutage ­
  die  dem  modernen  Milieu  mehr  oder  weniger  angepasste ­
  geschlossene  Hauswirtschaft,  die  ländliche  Wirtschaftsgemeinschaft ­
  des  Mittelalters.
Der  Handwerker,  der  seine  Arbeitsinstrumente  selbst
besitzt  und  das  selbst  verkauft,  was  er  fabriciert,  repräsentiert ­
  die  Stadtwirtschaff  und  das  Zunftwesen  der  stadtwirtschaftlichen ­
  Epoche.
Was  den  kleinen  Händler  betrifft  und  den  Zwischenmeister,
  der  heute  in  fast  allen  Zweigen  der  Production
auftaucht,  so  sehen  wir  ihn  erst  in  dem  Augenblicke
erscheinen,  wo  die  Fortschritte  der  Arbeitsteilung  und  die
Ausbreitung  der  Märkte  seinem  Dazwischen  treten  im  Austauschgeschäft ­
  günstig  werden.
„Seit  dem  Jahre  1830,“  so  Sagt  de  Greef,  „hat  sich
(in  Belgien)  der  Detail-  und  Grosshandel  besonders  entwickelt. ­
  Die  im  Handel  beschäftigte  Bevölkerung  hob
        <pb n="43" />
        sich  von  103696  im  Jahre  1846  auf  156803  im  Jahre  1856,
d.  h.  das  Anwachsen  der  Zahl  der  Zwischenhändler  war
während  dieser  Periode  schneller,  als  das  der  Gesamtbevölkerung. ­
  Während  diese  um  weniger  als  1  %  im
Jahre  zunahm,  wuchs  die  Zahl  der  Händler  jährlich  um
nahezu  5  0/0.“*)
So  sehen  wir  schon  hier,  dass  die  Entwickelung  des
Capitalismus  und  die  industrielle  Concentration  die  Vermehrung ­
  kleiner  Unternehmungen  in  anderen  Branchen,
besonders  im  Handel,  als  Gegengewicht  haben  kann.  Wir
werden  aber  zu  untersuchen  haben,  in  welchem  Masse  diese
kleinen  Unternehmungen  thatsächlich  das  persönliche
Eigentum  derer  bilden,  die  sie  ausbeuten.

§  I.
Die  bäuerlichen  Besitzer.
Da  die  Landwirtschaft  die  wenigst  differenzierte  der
grossen  Industrien  ist,  so  findet  man  hier  besonders  die
alten  Formen  des  Eigentums  und  der  Production  vor.
Solche  sind  die  Gemeinländereien,  die  den  Gemeinden
gehören,  aber  ihren  Gliedern  zur  individuellen  Benutzung

*)  Das  Anwachsen  der  handeltreibenden  Bevölkerung  Bel
giens  kann  man  ungefähr  aus  folgenden  Daten  erkennen  :

Zahl  der  vom
Handel  lebenden  Personen

Zahl  der  eigentlichen ­
  Händler

1846
1856
1866
1880
1890

289  013
335  915
400  000  (?)
523  000
700  000

103  696
156  803
200  000  (?)
244  247
327  091

Man  sieht,  dass  die  Zunahme  nicht  mehr  5  0/0,  wie  in  den
ersten  beiden  Perioden,  sondern  nur  noch  wenig  mehr  als  3  0/0
beträgt.  Vergl.  de  Greef:  Le  crédit  commercial  et  la  Banque
nationale  de  Belgique  (Brüssel,  Mayolez,  1899),  pag.  223.
        <pb n="44" />
        39

überlassen  sind,  die  Latifundien  feudalen  Ursprungs,  die
Domainen,  die  aus  dem  Eigentum  der  Fürsten  in  das  des
Staates  übergegangen  sind,  und  endlich  die  besondere
Form  des  persönlichen  Eigentums,  den  bäuerlichen  Kleinbesitz, ­
  der  direct  vom  Bauern  mit  Hilfe  seiner  Familienmitglieder ­
  ausgebeutet  wird  und  fast  alles  hervorbringt,
was  im  Haushalt  verbraucht  wird.*)
Selbstverständlich  sind  diese  Lebensformen  in  unseren
Ländern,  in  denen  die  capitalistische  Production  herrscht,
bereits  stark  alteriert;  um  sie  noch  in  ihrer  Unberührtheit ­
  studieren  zu  können  —  mit  ihrer  Arbeitsteilung,  die
lediglich  nach  der  Verschiedenheit  der  Geschlechter  durchgeführt ­
  ist  —,  musä  man  z.  B.  die  agrarischen  Verhältnisse ­
  in  Südosteuropa  studieren.  „Im  kleinen  Kreise  der
Familie,“  sagt  Karl  Bücher,  „oder  doch  innerhalb  der
engen  Dorfgrenzen  besorgt  der  Bukowinaer  Landbewohner
sich  alle  seine  Lebensbedürfnisse  selbst.  Beim  Bau  des
Hauses  versteht  es  der  Mann  in  der  Regel,  die  Arbeiten
des  Zimmermanns,  Dachdeckers  und  dergl.  zu  versehen,
während  das  Weib  das  Bemörteln  der  geflochtenen  und
gestockten  Wände  oder  dasi  Dichten  der  Blockwandfugen ­
  mit  Moos,  das  Stampfen  des  Fussbodens  und  viele
andere  einschlägige  Arbeiten  übernehmen  muss.  Vom
Anbau  der  Gespinstpflanze  oder  der  Aufzucht  des  Schafes
an  bis  zur  Fertigstellung  der  Bett-  und  Kleidungsstücke
aus  Leinen,  Wolle  oder  Pelz  werk,  Leder,  Filz  oder  Strohgeflecht ­
  erzeugt  ferner  das  Bukowinaer  Landvolk  alles,
selbst  die  Farbstoffe  aus  eigens  gezogenen  Pflanzen,  sowie
die  nötigen,  allerdings  höchst  primitiven  Handwerkzeuge.
Und  so  ist  es  im  allgemeinen  auch  mit  der  Nahrung.  Mit
Aufwand  ziemlich  bedeutender  Mühe  pflegt  der  Bauer
sein  Maisfeld,  stellt  auf  der  Handmühle  das  Kukuruzmehl ­
  her,  das  er  zum  Backen  seiner  Hauptkost  (Mamaliga,
*)  Wegen  der  Definitionen  des  Begriffs  bäuerlicher  Besitz ­
  vergleiche  man  das  erste  Buch  von  A.  Souchon:  La
propriété  paysanne  (Paris,  Larose,  1899).
        <pb n="45" />
        —  40

der  Polenta  ähnlich)  verwendet.  Auch  seine  einfachen
Ackerwerkzeuge,  die  Gefässe  und  Gerätschaften  für  die
Küche  und  die  Wirtschaft  weiss  er  selbst  herzustellen,
oder  es  versteht  das  wenigstens  ein  Autodidakt  im  Dorfe.
Nur  die  Bearbeitung  des  Eisens,  welches  Material  die
eingeborene  Bevölkerung  in  äusserst  geringen  Mengen
verbraucht,  überlässt  er  im  allgemeinen  den  im  Lande  zerstreut ­
  lebenden  Zigeunern.“*)
Auf  dieser  Entwickelungsstufe  finden  wir  so  gut  wie
nichts  vom  Handel,  Geld,  Credit,  Capital  und  allen
den  sogenannten  ewigen  Kategorieen  der  bürgerlichen
Oekonomie.
Aber  von  dem  Augenblick  ab,  wo  die  Arbeitsteilung
beginnt,  wo  sich  die  Güterherstellung  immer  mehr  und
mehr  von  der  Hauswirtschaft  absondert  und  zu  eigenen
Zweigen  der  Volkswirtschaft  wird,  unterliegt  auch  das
bäuerliche  Eigentum  starken  Veränderungen,  selbst  wenn
es  nicht,  wie  in  gewissen  Gegenden  Englands,  durch
brutale  und  blutige  Expropriation  ganz  vernichtet  wurde.**)
Die  Entwickelung  der  Industrie  in  den  Städten  tötet
die  hauswirtschaftliche  Arbeit  —  das  Brotbacken,  die  Holzarbeiten, ­
  das  Spinnen  und  das  Handweben  für  die  Bedürfnisse ­
  der  Familie  —  langsam  und  sicher  oder  specialisiert
  sie  und  verwandelt  sie  in  jene  Hausindustrieen,  die,
miserabel  bezahlt,  noch  in  den  hohen  Thälern  bergiger
Districte  und  in  gewissen  Teilen  des  platten  Landes
existieren.
Die  Ausdehnung  der  Ackerwirtschaft,  die  durch  die
wachsende  Nachfrage  nach  Nahrungsmitteln  infolge  des
Anwachsens  der  städtischen  und  industriellen  Bevölkerung
hervorgerufen  wird,  führt  zur  Unterdrückung  der  Brachländereien, ­
  zur  Abholzung,  zum  Verkaufe  und  zur  Teilung

*)  Karl  Bücher  in  der  Revue  d’Economie  politique
1892,  pag.  630.
**)  L.  Brentano:  Erbrecht  und  Bauernstand  in  England ­
  2.  Gesammelte  Aufsätze  I.  (Stuttgart  1899.)
        <pb n="46" />
        4i

der  Allmende  und  damit  zur  Unterdrückung  der  Weidegerechtsame, ­
  die  für  die  Wirtschaft  der  Kleinbauern  so
ausserordentlich  wichtig  waren.
„Die  Gemeindeweiden,“  so  sagten  im  Jahre  1847  die
Abgeordneten  der  Provinz  Luxemburg  in  der  belgischen
Kammer,  „sind  die  sichersten  Hilfsmittel  für  die  Armen.
Sie  erlauben  ihnen  einige  Stück  Vieh  auf  der  Gemeinweide ­
  zu  halten,  geben  ihnen  Futter  für  dies  Vieh,  das
Dach  für  ihre  Hütten  und  mancher  Orten  ausserdem
ein  Stück  Räutland,  das  ihnen  einen  Teil  des  zum  Unterhalte ­
  der  Familie  notwendige  Brot  trägt.“
Ihres  Gemeinbesitzes  beraubt  —  abgesehen  von  wenigen ­
  Gegenden,  wo  noch  viel  unbebauter  Boden  vorhanden
ist,  —  zum  Gebrauche  von  Geld  gezwungen,  um  das  zu
kaufen,  was  die  Hausarbeit  nicht  mehr  produciert,  um
die  immer  härter  werdenden  Staatslasten  zu  bezahlen,  um
Personal  zu  lohnen,  das  ihre  durch  die  Industrie  oder
den  Heeresdienst  dem  Hause  entführten  Kinder  ersetzen ­
  muss,  sind  die  Kleinbauern  gezwungen,  Tauschwerte
herzustellen,  ihren  persönlichen  Verbrauch  auf  ein  Minimum ­
  einzuschränken,  americanisches  Schweineschmalz  und
Mehl  zu  essen,  während  sie  ihre  Butter,  ihre  Eier,  ihr
Rindvieh,  ihr  Schweinefleisch,  sei  es  auf  dem  Markte
der  nächsten  Stadt,  sei  es  an  Zwischenhändler,  verkaufen,
die  nur  zu  oft  sie  ausbeuten  und  in  Schulden  bringen.
Wenn  ferner  die  Entwickelung  der  internationalen
Beziehungen,  die  Verbesserung  der  Verkehrsmittel,  das
Pindringen  der  Cerealien  und  anderer  Landesproducte
aus  überseeischen  Ländern  die  Landwirtschaft  allen
Schwankungen  des  Weltmarktes  ausliefem,  dann  sehen
sich  die  Bauern  gezwungen,  ihre  Productionsmittel  zu
verbessern  und  die  Culturen,  die  sich  nicht  mehr  lohnen,
ln  lohnende  umzugestalten.
Der  Anblick  des  Landes  ändert  sich.  Das  Getreide
verliert  seine  althergebrachte  Vorherrschaft,  es  räumt  den
industriellen  und  gärtnerischen  Culturen  einen  breiten
        <pb n="47" />
        Raum  ein,  ebenso  wie  der  Milchwirtschaft  und  der  Aufzucht ­
  von  Fettvieh.  Die  Weide  verwandelt  sich  in  künstliche ­
  Wiesen,  das  Brachland  verschwindet,  Drainagen  und
Wasserleitungen  berieseln  den  Boden.
Nur  muss  man,  um  so  die  Landwirtschaft  zu
industrialisieren,  Geld  haben,  Capitalien,  und  die  meisten
Landwirte  haben  das  nicht.  Deshalb  sind  viele  von  ihnen
gezwungen,  Schulden  zu  machen,  drückende  Lasten  aufzunehmen, ­
  ihr  Gut  mit  Hypotheken  zu  beladen  oder  überhaupt ­
  auf  eigenen  Besitz  zu  verzichten  und  den  Pächter
zu  spielen.
Diese  Gründe  erklären  zum  guten  Teil  den  bemerkenswerten ­
  Rückgang  des  bäuerlichen  Eigentums  in  Belgien ­
  seit  der  Agrarkrise  und  besonders  in  dem  Zeitraum
zwischen  den  Gewerbezählungen  von  1880—1895.
Im  Jahre  1880  wurden  von  100  Hectar  Ackerland
66  in  Pacht  gegen  34  im  eigenen  Besitz  bewirtschaftet.
Im  Jahre  1895  betrug  die  Eigenwirtschaft  nur  noch
31  gegen  69.*)
Und  dazu  muss!  besonders  bemerkt  werden,  dass  sich
der  Eigenbesitz  nur  in  den  ärmsten  Gegenden  seine  Bedeutung ­
  bewahrt,  so  in  dem  Heideland  der  Campine,  auf  den
*)  In  Deutschland  sind  von  5  276  344  landwirtschaftlichen
Betrieben  15,70/0  Pachtungen,  63,60/0  Eigenwirtschaft,  20,70/0
teils  Pachtung,  teils  Eigenwirtschaft.  Die  Pachtungen  nehmen
nur  14,68  0/0  der  landwirtschaftlichen  Fläche  ein.  Aber  „neuerdings ­
  scheint  das  Verhältnis  der  Pachtungen  an  den  Selbstbewirtschaftungen ­
  zu  steigen.“  (Blondel:  Etudes  sur  le?
populations  rurales  de  l’Allemagne,  Paris,  Larose,  1897).  —  In
Frankreich  sind  nach  der  Enquête  von  1892  von  5618317  landwirtschaftlichen ­
  Betrieben  4190725  in  directer,  1  437  522  in  indirecter
  Bewirtschaftung.  Das  allgemeine  Verhältnis  beider  Bewirtschaftungsarten ­
  ist  ungefähr  wie  3:1.  —  In  England  haben
wir  nach  Schaeffle  (Kern-  und  Zeitfragen,  Berlin  1895,  pag.  193)
sechsmal  so  viel  Pacht-  als  Eigenwirtschaften.  —  Demnach
ist  das  Verhältnis  der  Eigenwirtschaften  zu  den  Pachtwirtschaften ­
  in  Deutschland  und  Frankreich,  wo  die  ackerbauende
Bevölkerung  noch  die  Hälfte  der  Gesamtbevölkerung  ausmacht,
viel  grösser,  als  in  England  und  Belgien,  wo  die  industrielle
und  commercielle  Bevölkerung  die  grosse  Mehrheit  bildet.
        <pb n="48" />
        Hohenmooren  der  Ardennen,  in  den  Walddistricten
zwischen  Sambre  und  Maass.  Dagegen  herrscht  das
capitalistische  Eigentum,  die  Bewirtschaftung  durch  Pächter, ­
  ohne  Ausnahme  in  den  reichsten  Gegenden,  so  dass
ein  conservativer  Schriftsteller,  de  Lavallée-Poussin,  sagen
konnte:*)  „Die  Entwickelung  des  bäuerischen  Eigentums
steht  im  umgekehrten  Verhältnis  zu  dem  Werte  des  Grund
und  Bodens.  Dort,  wo  der  Boden  hoch  im  Preise  steht,
überwiegt  das  Pachtsystem;  nur  sehr  wenig  Besitzer  bewirtschaften ­
  ihren  eigenen  Besitz  und  die  meisten  Bauern
sind  Pächter.  Umgekehrt  ist  es  in  den  Gegenden,  wo
der  Grund  und  Boden  geringen  Wert  hat,  und  je  geringer
der  Wert  ist,  umsomehr  ist  die  Eigenwirtschaft  des  Besitzers ­
  vorherrschend.“
Das  Anwachsen  der  Bevölkerung,  die  Entwickelung
der  Städte,  die  Ausdehnung  der  Industriecentren,  die
Fortschritte  der  intensiven  Cultur,  alle  diese  Tendenzen,
die  auf  eine  Wertsteigerung  des  Grund  und  Bodens  hinwirken, ­
  sind  zugleich  Tendenzen  zur  Scheidung  des  Besitzes ­
  von  der  Arbeit,  zur  Ersetzung  der  Eigenwirtschaft
und  des  persönlichen  Eigentums  durch  die  Pachtwirtschaft ­
  und  das  capitalistische  Eigentum.
Schon  Marx  hat  darauf  hingewiesen,  dass  unter  der
Herrschaft  der  capitalistischen  Production  die  Trennung
des  selbstwirtschaftenden  Besitzers  in  zwei  Persónen,  nämlich ­
  in  den  Besitzer  und  den  Unternehmer,  eine  notwendige
Consequenz  des  Privateigentums  von  Grund  und  Boden
ist.  In  dem  Augenblick  aber,  wo  diese  Scheidung  sich
vollzieht,  beginnt  die  Ausbeutung  des  Arbeiters.
Dabei  spielt  es  nur  eine  sehr  geringe  Rolle,  ob  Grossbetrieb ­
  oder  Kleinbetrieb  vorherrscht.
In  den  Gegenden  mit  capitalistischer  Landwirtschaft
im  strengen  Sinne  des  Wortes  —  gekennzeichnet  durch

*)  La  propriété  paysanne  (Revue  sociale  catholique  vom
I.  Februar  1898,  pag.  10).
        <pb n="49" />
        die  Scheidung  von  Grundbesitzern,  Pächtern  und  ländlichen ­
  Arbeitern  —  ist  die  Ausbeutung  der  Arbeiter  im
grossen  und  ganzen  weniger  excessiv,  als  in  den  Ländern
mit  Kleinbetrieb,  in  denen  der  Pächter  in  Wriklichkeit
nur  ein  auf  das  Existenzminimum  gesetzter  Parzellenarbeiter ­
  ist.
Es  kann  uns  genügen,  dafür  das  gewiss  unverdächtige
Zeugnis  von  Paul  Leroy-Beaulieu  anzurufen:  „Die  Zerschlagung ­
  der  Domainen  in  ganz  kleine  Lose  wie  in  einigen
sehr  dicht  bevölkerten  Landstrichen,  in  Flandern  und  in
der  Terra  di  lavoro  im  Königreich  Neapel  oder  auch
dort,  wo  eine  notleidende  Bevölkerung  sitzt,  wie  in  Irland,
kann  den  Besitzern  vorteilhaft  sein;  aber  andererseits
bringt  sie  doch  oft  sociale  Uebel  mit  sich  und  auch
wirtschaftliche  Nachteile.  Die  starke  Concurrenz  der
kleinen  Pächter  treibt  in  normalen  Zeiten  den  Pachtpreis
stark  in  die  Höhe;  der  Besitzer,  der  so  eine  leichte  und
in  Zeiten  der  Prosperität  immer  steigende  Rente  findet,  verliert ­
  das  Interesse  an  seinen  Grund  und  Boden.  In  diesem
besonderen  Falle  beruhen  die  hohen  Pachterträge  auf  dem
Elend  und  der  weitestgetriebenen  Bedürfniseinschränkung
der  Pächter.  Einige  englische  Schriftsteller  haben  dem
System  den  Namen  Concurrenzpachtungen  gegeben.“*)
Wenn  wir  einmal  annehmen,  was  Sering  in  seiner
Kritik  der  Kautskyschen  Agrarfrage  nachweisen  will,**)
dass  nämlich  der  Fortschritt  der  intensiven  Cultur  im
allgemeinen  zu  einer  Vermehrung  der  kleinen  und  mittleren ­
  Unternehmungen  führt  —  was  wir  später  noch
untersuchen  werden  —  so  würde  sich  daraus  immer  noch
nicht  ergeben,  dass  die  Ausbeutung  der  ländlichen  Arbeiter ­
  weniger  stark  und  weniger  ungerechtfertigt  sei.  Was
aber  schon  jetzt  als  nachgewiesen  gelten  kann,  das  ist  die
*)  Leroy-Beaulieu:  Traité  théorique  et  pratique
d’économie  politique  (Paris,  Guillaumin,  1896)  II.  Teil,  pag.  24.
**)  Sering:  Die  Agrarfrage  und  der  Socialismus.
(Schmollers  Jahrbuch,  1899.)
        <pb n="50" />
        45

mehr  oder  weniger  rasche  und  mehr  oder  weniger  vollständige ­
  Decadenz  des  bäuerlichen  Eigentums  überall  dort,
wo  sich  die  capitalistische  Wirtschaft  entwickelt.
Selbst  wenn  die  Familiengüter  erhalten  bleiben  und
der  Ueberlastung  mit  Hypotheken  entgehen,  so  geraten
sie  doch,  ihres  primitiven  Charakters  entkleidet,  ihrer
Selbständigkeit  beraubt,  eingefügt  in  den  ungeheuren
Organismus  der  Tauschwirtschaft  in  Abhängigkeit  von
den  Kornhändlern,  den  Mehlhändlern,  den  Zuckerfabricanten
  oder  anderer  grosser  agrarischer  Industriebarone.
In  dem  Masse  ferner,  in  dem  sich  die  Bevölkerung
vermehrt  und  speciell  in  den  Ländern  der  gleichen  Teilung
—  vorausgesetzt,  dass  nicht  das  Zweikindersystem  mit
seinen  demoralisierenden  Folgen  zur  Herrschaft  gelangt
—  werden  die  immer  mehr  geteilten,  mit  Erblasten  überhäuften ­
  Parcellen  derartig  klein,  dass  sie  nicht  mehr  zum
Lebensunterhalt  ihrer  Besitzer  genügen.
Man  erinnert  sich  der  Verwünschungen  des  alten
Friedensrichters  Clousier  in  Balsacs  Dorfpastor  gegen  das
Erbrecht  des  französischen  Code:  „Dieses  Stampfwerk,“
so  ruft  er  aus,  „dessen  ununterbrochene  Arbeit  das  Land
zertrümmert,  die  Vermögen  zerteilt,  indem  es  ihnen  die
notwendige  Stabilität  raubt,  das  stets  auseinander  schlägt,
ohne  jemals  etwas  wieder  zusammenzufügen,  wird  einmal
Frankreich  zu  Grunde  richten.“  Zum  mindesten  trägt  es
im  hohen  Masse  dazu  bei,  das  bäuerliche  Eigentum,  sei  es
zu  gunsten  des  capitalistischen,  sei  es  zu  gunsten  des
Parcellenbesitzes  zu  zerstören.*)
*)  Wir  betrachten,  wohlverstanden,  die  Ersetzung  des
Systems  der  gleichen  Teilung  durch  das  Anerbenrecht  oder  jedes
andere  Zwangssystem,  durch  das  eines  der  Kinder  auf  Kosten
der  anderen  bevorzugt  wird,  als  ein  Heilmittel,  das  schlimmer
ist,  denn  das  Uebel;  wird  doch  bei  einem  derartigen  System
die  Consolidierung  des  bäuerlichen  Besitzes  zu  gunsten  des
bevorrechteten  Erben  nur  durch  die  um  so  schnellere  Proletarisierung ­
  der  zurückgesetzten  Erben  erreicht.  Wir  verweisen
sierung  der  zurückgesetzten  Erben  erreicht.  Wir  verweisen  hierzu ­
  auf  die  schönen  Studien  Brentanos,  vereinigt  unter  dem
Titel:  Gesammelte  Aufsätze.  Erbrechtspolitik  (Stuttgart  1899).
        <pb n="51" />
        46

Im  ersten  Fall  werden  die  Bauern  durch  Pächter
ersetzt.
Im  zweiten  Fall  sind  sie  genötigt,  andere  Existenzmittel ­
  zu  suchen,  die  anfangs  einen  Zuschuss  zu  ihren
Einnahmen  bilden,  schliesslich  aber  die  Hauptquellen  ihres
Einkommens  abgeben.*)
Die  einen  —  und  das  ist  notwendigerweise  eine
geringe  Minderzahl  —  eröffnen  einen  Kleinhandel,  werden
Kaufleute,  Schankwirte,  Vieh-,  Geflügel-  oder  Düngerhändler. ­

Die  anderen  —  losgelöst  von  der  mütterlichen  Scholle
•—  überlassen  ihren  Frauen  oder  Familienmitgliedern  die
Bewirtschaftung  ihrer  Parcelle  und  gehen  während  der
guten  Jahreszeit  ins  Ausland,  um  dort  bei  der  Getreideoder ­
  Zuckerrübenernte  zu  helfen,  sich  als  Ziegler  zu  verdingen ­
  und  eine  Reihe  anderer  Arbeiten  zu  übernehmen;
im  Herbst  bringen  sie  dann  einige  hundert  Franken  mit
heim,  die  ihnen  über  den  Winter  hinweghelfen.
Wieder  andere  endlich  behalten  zwar  ein  Fleckchen
Erde,  lassen  es  aber  in  der  Regel  von  einem  benachbarten
Pächter  bearbeiten,  statt  es  wie  früher  in  Spatencultur  zu
nehmen,  und  werden  selbst  industrielle  oder  landwirtschaftliche ­
  Arbeiter.
Gerade  in  Belgien  gehen,  dank  der  geringen  Entfernungen ­
  zwischen  den  Centren  der  Bevölkerung  und
dank  der  Einführung  von  Arbeiterzügen,  deren  Tarif
zehnmal  niedriger  ist,  als  der  der  gewöhnlichen  Eisenbahnfahrten, ­
  täglich  mehr  als  einhunderttausend  Landleute, ­
  unter  denen  sich  viele  Zwergbauern  oder  Söhne
von  Bauern  befinden,  mit  der  Eisenbahn  in  die  Fabriken

*)  Nach  der  deutschen  Berufs-  und  Gewerbezählung  vom
14.  Juni  1895  sind  von  100  landwirtschaftlichen  Betrieben  40,35
in  Händen  von  Leuten,  die  in  erster  Linie  ein  nichtlandwirtschaftliches ­
  Gewerbe  ausüben.  Ueber  die  Details  siehe  :  R  a  u  c  hberg:
  Die  Berufs-  und  Gewerbezählung  im  Deutschen  Reiche
(Brauns  Archiv  für  sociale  Gesetzgebung,  1900,  pag.  166  ff.).
        <pb n="52" />
        oder  Kohlenbergwerke  zur  Arbeit  und  zwar  häufig  auf
geradezu  unwahrscheinliche  Entfernungen  von  ihren
Wohnsitzen.*)
Vor  einiger  Zeit  z.  B.  befanden  wir  uns  in  Assche,
einem  friedlichen  flämischen  Marktflecken,  nordwestlich
von  Brüssel,  mehr  als  60  Kilometer  vom  Kohlengebiet.
Als  wir  dort  unter  den  Landleuten,  die  sich,  angezogen
durch  die  Klänge  unseres  socialistischen  Musikcorps,  auf
dem  Marktplatz  versammelt  hatten,  mehrere  bemerkten,
die  in  dem  Gesichte  die  für  Bergwerksarbeiter  so
charakteristischen  blauen  Pulverspuren  trugen,  erfuhren
wir  auf  unsere  Frage,  ob  sie  früher  in  den  Kohlenbergwerken ­
  gearbeitet  hätten,  die  Antwort  :  „Wir  arbeiten  noch
dort  !  Wir  fahren  jeden  Morgen  von  Assche  nach  Brüssel-Nord,
  von  Brüssel-Nord  mit  der  Ringbahn  nach  Brüssel-Midi
  und  von  Brüssel-Midi  nach  Charleroi,  und  alle  Abend
kehren  wir  auf  demselben  Weg  nach  Hause  zurück.“
Nach  der  Auskunft,  die  uns  das  Eisenbahnministerium
gegeben  hat,  giebt  es  im  Arrondissement  Brüssel  und  besonders ­
  im  Arrondissement  Alost  (Ost-Flandern)  Tausende
von  Arbeitern,  die  ungefähr  unter  denselben  Bedingungen
leben:  io  Stunden  im  Bergwerk,  2  Stunden  Eisenbahnfahrt ­
  des  Morgens  zur  Arbeitsstätte,  2  Stunden  mit  dem
Zuge  wieder  zurück  und  häufig  noch  einen  längeren  Fussmarsch
  bis  zu  ihrem  Dorfe.
Man  fragt  sich  mit  Entsetzen,  was  denn  bei  einem
solchen  Leben  noch  von  Menschlichkeit  und  Menschenwürde ­
  übrig  bleiben  kann,  wenn  jeder  Augenblick  dem
Broterwerbe  gewidmet  sein  muss.  Und  doch  tragen  solche
Leute,  unbewusste  Prometheen,  den  Funken  heim,  den  sie
vom  socialistischen  Herdfeuer  nahmen,  entzünden  sie  bis
in  das  letzte  Dorf  hinein  die  grosse  Flamme  der  Hoffnung
auf  eine  bessere  Zukunft.

*)  Vergl.  meinen  Artikel:  Les  villes  tentaculaires  (Revue
d’Economie  politique,  April  1899).
        <pb n="53" />
        48

§  2.
Die  Handwerker.
Unter  den  von  der  Hauswirtschaft  abgezweigten
Teilen  der  Production  spielt  das  Handwerk  —  im  Mittelalter
  die  herrschende  ökonomische  Form  —  in  der
capitalistischen  Wirtschaftsordnung  nur  eine  mehr  und
mehr  secundare  Rolle.
Der  Handwerker,  der  seine  Productionsmittel  selbst
besitzt,  für  den  Localmarkt  arbeitet  und  seine  Erzeugnisse
selbst  an  den  Kunden  absetzt,  findet  sich  nur  noch  in
Gegenden  und  in  Industriezweigen,  in  denen  etwelche
Hindernisse  der  Ausdehnung  des  Marktes  und  der  Entwickelung ­
  der  Arbeitsteilung  entgegenstehen.
Das  ist  besonders  der  Fall  bei  den  ländlichen  Handwerken, ­
  bei  den  Luxusindustrieen  und  in  jenen,  deren
Producte  einer  raschen  Veränderung  unterworfen  sind,
den  Transport  nicht  vertragen  und  an  Ort  und  Stelle  keine
hinreichende  Zahl  von  Käufern  finden.
Als  allgemeine  Regel  kann  man,  wie  Marousbem
sagt,  den  Satz  hinstellen,  dass  dann,  wenn  die  Märkte
klein  sind,  sich  auf  die  Nachbarschaft  oder  auf  eine
sehr  wenig  zahlreiche  Kategorie  der  Bevölkerung  beschränken ­
  (Bäckerei,  Luxustischlerei)  die  kleinen  selbstständigen ­
  Handwerker  in  der  Mehrheit  bleiben;  dass  aber
im  Gegenteil  dann,  wenn  sich  die  Absatzgebiete  ausdehnen
und  zu  nationalen  oder  zu  internationalen  werden,  einander
die  grossen  Fabriken  oder  die  Hausindustrie  den  Markt
streitig  machen;  die  Hausindustrie  hält  sich  dann,  wenn
sie  durch  den  billigen  Preis  der  Handarbeit  gegen  die
technischen  Fortschritte  concurrieren  kann.
„Darnach  finden  wir  die  Kleinindustrie  noch  in  den
Gruppen  der  Nahrungsmittelbereitung  :  Bäcker,  Conditoren,
  Fleischer,  Wurstler;  in  der  Textilindustrie  und  in
der  Verarbeitung  der  Stoffe:  Schneider,  Schneiderinnen,
Weissnäherinnen,  Modistinnen  u.  s.  w.;  in  der  Leder-
        <pb n="54" />
        49

industrie:  Saffiangerber,  Futteralarbeiter,  Portefeuillisten
u.  s.  w.;  in  der  Holzindustrie:  beinahe  die  ganze  Gruppe
der  Kunsttischler,  Täfler  u.  s.  w.  ;  in.  einer  Reihe  von
gewöhnlichen  oder  kostbaren  Metallarbeiten.“
Aber  sogar  in  diesen  Productionszweigen  zeigt  das
eine  sehr  häufige  Annäherung  an  das  Fabriksystem  neben
abhängigkeit  der  Producenten,  die  individualistische  Organisation ­
  der  Werkstatt  und  mehr  noch  der  Unternehmungen, ­
  die  Tendenz  zu  verschwinden.
Bald  ist  es  die  Grossindustrie,  die  Bresche  legt,  die
Manufactur  und  die  Fabrik,  die  dem  Handwerk  eine  sieghafte ­
  Concurrenz  bereiten  :  die  Brotfabrik  ersetzt  den
Bäcker,  die  Möbelfabrication  versclavt  den  selbständigen
Kunsttischler.*)
Bald  halten  sich  die  alten  Productionsformen  durch
eine  sehr  häufige  Annäherung  an  das  Fabriksystem  neben
den  neuen.  Die  Handarbeit  bleibt  bestehen,  der  kleine
Handwerker  behält  seine  Werkstatt  allein  oder  mit  seiner
Familie  oder  mit  einer  oder  zwei  Hilfskräften;  aber  infolge
der  Ausdehnung  des  Marktes  schiebt  sich  ein  Zwischenhändler ­
  zwischen  den  Producenten  und  den  Consumenten,
das  Handwerk  verwandelt  sich  in  Hausindustrie,  in
Collectivfabrication.**)
Vom  technischen  Gesichtspuncte  aus  ist  nichts  oder
so  gut  wie  nichts  geändert  worden.  Vom  socialen  Gesichtspuncte ­
  aus  bedeutet  das  eine  vollständige  Umwälzung:
an  Stelle  der  unabhängigen  Producenten,  die  für  eigene
*)  In  der  Revue  du  Travail  vom  December  1899  heisst
cs  auf  Seite  1293  in  einem  Berichte  aus  Soignies  (Hennegau):
„Die  Tischlerei  in  der  Provinz  klagt  sehr  stark  über  die  Vermehrung ­
  der  Brüsseler  Concurrenz;  in  Brüssel  werden  die  Möbelfabriken ­
  immer  zahlreicher,  und  die  Maschinen  werden  immer
mehr  vervollkommnet.“
**)  Leplay  versteht  unter  Collectivfabrik  jene  Organisationsform ­
  „der  Grossindustrie,  bei  der  der  Unternehmer  den  Vertrieb
der  Producte  centralisiert,  die  von  einer  industriellen  Bevölkerung ­
  für  Rechnung  dieses  Unternehmers  in  besonderen  Werkstätten ­
  oder  im  Hause  hergestellt  werden.“
Vandervelile:  Die  Entwickelung  znm  Socialismus.  4
        <pb n="55" />
        r

50

Rechnung  arbeiten  und  über  das  Gesamtproduct  ihrer
Arbeit  verfügen  können,  sehen  wir  Proletarier,  die  für
die  Rechnung  eines  Capitalisten,  eines  Zwischenhändlers
arbeiten,  der  den  Handel  mit  den  Producenten  centralisiez
und  ihnen  sehr  häufig  die  Modelle,  die  Rohstoffe  und
oft  auch  die  Werkzeuge  oder  Werkzeugmaschinen,  deren
sie  benötigen,  liefert.
In  unseren  Tagen  hat  diese  rückläufige  Bewegung  des
Handwerks  einen  so  allgemeinen  Charakter  angenommen,
dass  man  unsere  Zeit  das  Zeitalter  der  Fabrik  und  der
Hausindustrie  nennen  konnte.
Nicht  alle  Heimarbeiter  sind,  wohlgemerkt,  ehemalige ­
  Handwerksmeister,  die  in  das  Proletariat  hinabgesunken ­
  sind.  In  seinen  zahlreichen  Studien  über  die
Hausindustrie  zeigt  Sch  wiedland  sehr  gut,  dass  die  Hausindustrie ­
  spontan  und  direct  entstehen  kann,  ohne  dass
eine  andere  Form  nicht  nur  des  Handwerks,  sondern  überhaupt ­
  irgend  einer  früheren  industriellen  Production  vorausgegangen ­
  wäre.
Schwiedland  hält  im  allgemeinen  die  Zersetzung  der
städtischen  Gewerbe  für  den  Hauptentstehungsgrund  der
Collectivfabrication  in  den  städtischen  Bezirken.  Aber  die
Umwandlung  und  Zersetzung  des  Gewerbes  ist  nicht  an
die  Stadt  geknüpft,  ebensowenig,  wie  die  Ableitung  und
Entwickelung  der  Hausindustrie  an  eine  Umformung  des
Gewerbes.  Alle  Formen  der  industriellen  Production  sind
dieser  Umwandlung  in  Collectivfabrication  unterworfen.
In  den  Dörfern,  den  Weilern  und  Gehöften  der  Bauern
sehen  wir  die  häusliche  Arbeit  zur  Hausindustrie,  Collectivfabrik,
  werden.  Ebenso  verhält  es  sich  mit  der  Stör,
die  früher  ebenfalls  eine  bedeutende  Wirtschaftsform  war;
und  sogar  die  modernste  Exploitationsform,  die  Fabrik,
verwandelt  sich,  wie  man  an  mehreren  Beispielen  nachweisen
  kann,  in  hausindustrielle  Betriebe.*)
*)  Vergl.  dazu  Schwiedland:  La  répression  du  travail
en  chambre  ^  in  der  Revue  d’Economie  politique,  1897,  pag.  580.
        <pb n="56" />
        I

4

—  51  —
Die  Beispiele  dieser  letzten  Art,  die  einen  Rückschritt, ­
  eine  Rückkehr  zu  niederen  Formen  darstellt,
sind  indessen  mindestens  zweifelhaft  und  sicherlich  selten.*) ­
  Häufig  entsteht  vielmehr  im  Gegenteil  die  Collectivfabrik
  aus  der  capitalistischen  Umformung  der  Hausund ­
  Tagelöhnerarbeit.
Das  ist  z.  B.  der  Fall  bei  der  Strohflechterei  in
Toscana  und  im  Geerthal,  bei  der  Spielwarenfabrication
des  Thüringer  Oberlandes,  bei  der  Spitzenweberei  in
Flandern,  bei  der  Holzschuhfabrication  in  Waes  und
fast  überall  bei  der  Leinen-  und  Wollweberei.
So  finden  wir  neben  den  ehemaligen  „Meistern“  —
Messerschmieden  von  Namur,  Kunsttischlern  von  Paris,
Hauswebern  (Canuts)  von  Croix-Rousse,  die  die  herrlichen
Seidenwebereien  fertigen,  —  neben  versclavten  ehemals
selbständigen  Unternehmern,  wie  Schneidern,  Schustern,
Webern,  Cigarrenmachern,  die  noch  in  ihrer  eigenen
Werkstatt  aber  für  die  Rechnung  eines  Capitalisten
arbeiten,  eine  Menge  von  Heimarbeitern,  die  von
dem  Unternehmer  direct  eingestellt  worden  sind,  jedenfalls ­
  aber  nicht  vom  Handwerk  zur  Heimarbeit  gekommen
sind.
Wie  aber  auch  immer  der  Ursprung  der  Hausindustrie
sein  mag,  was  sie  in  jedem  Fall  charakterisiert,  das  ist  die
Abhängigkeit  der  Arbeiter  in  Bezug  auf  den  Absatz  ihrer
Producte,  eine  Abhängigkeit,  die  im  allgemeinen  zum
Wohlstand  des  Unternehmers  und  zum  Elend,  oder,  wenn
sie  noch  etwas  zu  verlieren  haben,  zum  Ruin  der  Producenten ­
  führt.
Ununterbrochene  Lohndrückerei,  erzwungene  Arbeitslosigkeit ­
  während  der  toten  Saison  —  die  man  so  nennen
kann,  weil  der  Hungertod  da  seine  Ernte  hält  —  übermässige ­
  Arbeit  während  der  Zeit  lebhaften  Geschäfts-*)

  Vergl.  z.  B.  Kowalewsky:  Le  régime  économique
de  la  Russie  (Paris  Giard  et  Brière,  1898),  pag.  173  ff.
        <pb n="57" />
        52

ganges,  das  kennzeichnet  fast  immer  die  bedauernswerte
Lage  des  Heimarbeiters,  und  ganz  besonders  von  dem
Augenblick  ab,  wo  die  Maschine  ihm  Concurrenz  macht.
Man  sagt,  er  sei  Herr  über  seine  Zeit:  es  existiert
keine  Arbeitsordnung,  die  ihm  Vorschriften  macht  ;  kein
Meister  überwacht  ihn.  Aber  was  nützt  die  Unabhängigkeit ­
  von  einem  Meister  denjenigen,  die  den  Hunger  als
Galeerenwächter  über  sich  haben;  was  nützt  den  Leuten,
die  ohne  Rast  und  Ruhe  Tag  und  Nacht  arbeiten  müssen,
dass  sie  nicht  durch  eine  Fabrikordnung  gebunden  sind?*)
Steinlen  führt  uns  in  einer  seiner  Zeichnungen  (Die
Freuden  des  Sommers)  eine  Schneiderin  vor,  die  beim  Erwachen ­
  des  Tages,  während  die  ersten  Strahlen  der
Morgensonne  in  ihre  Mansarde  fallen,  die  Lampe  auslöscht ­
  und  ¡die  göttliche  Klarheit  des  Morgenhimmels  mit
den  bitteren  Worten  begrüsst  :  „Endlich  wird  es  F  rühjahr
  und  ich  kann  jeden  Tag  drei  Stunden  Petroleum
sparen  I“  Wäre  für  diese  Unglückselige  nicht  besser,  wenn
sie  in  einer  Fabrik  arbeitete  und  dort  zur  harten,  aber
wenigstens  durch  Gesetz  und  Fabrikordnung  beschränkten
Arbeit  verpflichtet  wäre  ?
Nirgends,  mit  Ausnahme  vielleicht  der  bäuerlichen

*)  Office  du  Travail.  L’industrie  du  vêtement  à  Paris,
1896,  pag.  501:  „Vor  dem  Gesetz  vom  2.  November  1892  über
die  Arbeitszeit  der  Frauen  und  Bergarbeiter  ....  war  in  der
stillen  Zeit  der  zehnstündige,  in  der  lebhafteren  Zeit  der  zwölfstündige
  Arbeitstag  die  Regel.  Infolge  der  herrischen  Phantasie'
der  Kunden,  der  Gleichgiltigkeit  der  Unternehmer  und  der
Parteilichkeit  der  Directricen  konnte  man  manchmal  sogar  44
Arbeitsstunden  in  drei  Tagen  (12  Stunden  —  20  Stunden  —  12
Stunden)  nachweisen.  Die  Arbeitsbücher,  die  genaue  Angaben
über  eine  achtjährige  Arbeitsleistung  von  Arbeiterinnen  enthalten, ­
  gestatten  die  Feststellung  des  Arbeitsmaximums  in
mehreren  der  bekanntesten  Geschäfte.  Da  und  dort  stösst  man
auf  einen  Arbeitstag  von  16  Stunden,  aber  die  bedeutendste
wöchentliche  Arbeitsleistung  dürfte  76  Stunden  betragen.  Ueber
die  Arbeit,  die  sich  die  Arbeiterinnen  danach  noch  mit  nach  Hause
nehmen  (die  „seconde  veillée“),  geben  diese  Arbeitsbücher  keine
Auskunft.  Das  ist  eine  besonders  traurige  Seite  der  Heimarbeit.“
        <pb n="58" />
        53

Familien,  die  für  einen  Bazar  arbeiten,  sind  die  Löhne
so  niedrig,  die  Arbeitszeit  so  lang,  die  capitalistische  Ausbeutung ­
  so  schamlos,  wie  in  Heimwerkstätten  der  grossen
Städte,  die  in  der  officiellen  Statistik  als  ebensoviele
verschiedene  und  selbständige  Unternehmen  aufgeführt
werden.  Es  mag  genügen,  an  die  Schrecknisse  des  sweating
Systems  im  Eastend  von  London,  an  die  „Höllen“  von
New  York  zu  erinnern  und  an  alle  jene  zahlreichen  Arbeitslöcher, ­
  in  denen  ganze  Familien,  die  in  erzwungener
Promiscuität  leben,  ihre  Tage  in  Ueberarbeitung  und  einer
vergifteten  Atmosphäre  hinbringen.*)
Denn  vergessen  wir  nicht  —  und  diese  Ueberlegung
wird  ohne  Zweifel  auch  auf  die  philanthropischen  Bewunderer ­
  der  Heimarbeit  ihren  Eindruck  nicht  verfehlen  —

*)  Ueber  die  Lage  der  Heimarbeit  vergleiche  man  besonders ­
  :
England:  First  Report  from  the  Select  Committee  of  the
House  of  Lords  on  the  sweating  system  (1888).  —  D.  F.
Schloss:  The  sweating  system  in  the  United  Kingdom.
(Journal  of  Social  Science,  October  1892.)
Deutschland:  Weber:  Das  Sweatingsystem  in  der
Confection  und  die  Vorschläge  der  Commission  für  Arbeiterstatistik ­
  (Archiv  für  sociale  Gesetzgebung,  X.  Band,  4.  Heft,
Berlin  1897).  —  Timm:  Neuere  Untersuchungen  über  die
Lage  der  deutschen  Confectionsarbeiter.  (Die  Neue  Zeit,
5.  November  1898.)
Oesterreich:  Schwiedland:  Kleingewerbe  und
Hausindustrie  in  Oesterreich  (Leipzig  1894).  —  Bauer:  Die
Heimarbeit  und  ihre  geplante  Regelung  in  Oesterreich  (Archiv
für  sociale  Gesetzgebung,  X.  Band,  2.  Heft  1897).
Vereinigte  Staaten:  H.  White:  The  sweating  system
(Bulletin  of  the  department  of  labor,  Mai  1896).
Frankreich:  Office  du  Travail.  Rapp.  Du
Maroussem:  La  petite  industrie,  Band  1  und  2  (Paris,  Imprimerie ­
  nationale,  1893  und  1896).
Belgien:  Office  du  Travail:  Les  industries  à  domicile ­
  en  Belgique;  ferner  besonders  die  trefflichen  Monographieen
von  Génart  (L’industrie  coutelière  de  Gembloux)  und
A  n  s  i  a  u  X  (L’industrie  armurière  liégeoise  et  l’industrie  du
tressage  de  la  paille  dans  la  vallée  de  Geer).
Schweiz:  Swaine:  Die  Arbeits-  und  Wirtschaftsverhältnisse ­
  der  Einzelsticker  in  der  Nordostschweiz  und  Vorarlberg
(Strassburg,  Trübner,  1895).
        <pb n="59" />
        diese  Stätten  des  Elends  für  die  Producenten,  sind  ebensoviele
  Stätten  der  Ansteckung  für  die  Consumenten.
Der  Hygieniker  Fouquet  sagt  :  „Ganz  unzweifelhaft
entstehen  durch  die  Vermittelung  der  Waren  zwischen  den
verschiedenen  Classen  der  Gesellschaft  die  zahlreichsten
Beziehungen;  und  wenn  man  die  Verunreinigungen  der
Producte  bei  der  Hausarbeit  in  Betracht  zieht,  so  kann
man  sich  keineswegs  darüber  freuen,  dass  „diese  Art
von  Arbeit  dem  Familienvater  und  der  Mutter  erlaubt,
an  der  Seite  ihres  erkrankten  Kindes  zu  wachen,  ohne
ihre  Arbeit  zu  unterbrechen“.  Eine  Absonderung  dieser
Kranken  ist  nicht  möglich,  und  bei  diesen  armen  Leuten
werden  die  Kleidungsstücke,  die  sie  in  Arbeit  haben,  sehr
häufig  als  Decken  benutzt;  gerade  sie  sind  aber  besonders ­
  geeignet,  die  Keime  ansteckender  Krankheiten
aufzunehmen  und  weiter  zu  tragen.“*)
Es  hiesse  ohne  Zweifel  ein  ohnehin  schon  düsteres
Gemälde  noch  mehr  verdüstern,  wenn  man  diese  Gefahr,
diese  Missbräuche,  diese  verhängnisvollen  Consequenzen
allen  Arten  von  Heimarbeitern  zuschreiben  wollte.  Der
belgische  Handschuharbeiter  z.  B.,  der  durch  eine  strenge,
an  die  alten  Innungsformen  erinnernde  gewerkschaftliche
Organisation  geschützt  wird,  kennt  das  Elend  der  Schuster
und  Schneider  noch  nicht.**)  Aber  deshalb  bleibt  doch
nicht  minder  wahr,  dass  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  die
Heimarbeiter  schlechter  behandelt  werden,  als  die  Fabrikarbeiter; ­
  und  was  wir  hier  von  den  Heimarbeitern  in
den  Städten  gesagt  haben,  das  gilt  auch  gleichermassen
und  häufig  noch  mit  einer  Verschärfung  des  Elends  für
die  Heimarbeiter  auf  dem  Lande.

*)  Sch  wiedland:  Travail  en  chambre  et  police  sanitaire. ­
  (Revue  d’Economie  politique,  1900,  pag.  230.)
**)  Ueber  die  Organisation  der  „collectivité  des  gantiers“
in  Brüssel  vergl.  mein  Buch  :  Enquête  sur  les  associations
professionelles  d’artisans  et  d’ouvriers  en  Belgique  (Brüssel,
Office  de  publicité,  1891).  Band  I,  pag.  55  ff.
        <pb n="60" />
        Ein  liberaler  Abgeordneter  sagte  im  österreichischen
Parlament,  dass  sich  dort  der  Pauperismus  rascher  ausdehne, ­
  als  in  der  Heimindustrie  in  den  Städten  ;  dort
erreiche  der  Arbeitstag  18  Stunden,  und  sein  Ertrag  reiche
doch  nur  aus,  um  den  Arbeiter  höchstens  mit  Kartoffeln
zu  versorgen  ;  dort  richteten  die  Anämie  und  die  ansteckenden ­
  Krankheiten  ganze  Thäler  zu  Grunde.*)
Wenn  sich  also  die  Collectivfabrik,  oder  besser  gesagt
die  Collectivmanufactur,  noch  erhält,  wenn  sie  trotz  ihrer
technischen  Unvollkommenheit  der  furchtbaren  Concurrenz
  der  centralisierten  Fabrik  widersteht,  dann  geschieht ­
  das  auf  Kosten  einer  Degradation  und  einer  tiefen
Demoralisation  der  von  ihr  beschäftigten  Arbeiter.  Daher
muss  man  den  Uebergang  von  diesen  degenerierten  Formen ­
  der  individuellen  Production  zu  den  höheren  Formen
der  gemeinschaftlichen  Production  nicht  nur  begrüssen,
sondern  sogar  durch  gesetzgeberische  Massnahmen
fördern.**)
Optimistisch  veranlagte  Naturen  könnten  meinen,  diese
Umformung  werde  das  Werk  von  Genossenschaften  sein,
die  die  Heimarbeiter  organisierten  und  ihnen  geeignete
Werkzeuge  zur  Verfügung  stellten,  damit  sie  den  Kampf
gegen  die  capitalistische  Industrie  erfolgreich  zu  führen
vermöchten.  Aber  in  den  unendlich  zahlreichen  Fällen,
wo  einem  solche  Hoffnungen  als  vollkommen  chimärisch
erscheinen,  müsste  man  doch  noch  als  einen  thatsächlichen
  technischen  und  socialen  Fortschritt  betrachten,
wenn  die  Ausbeutung  der  Heimarbeiter  durch  das  kaufmännische ­
  Capital  der  Ausbeutung  der  Arbeiter  durch
das  industrielle  Capital  in  Werkstätten  oder  Fabriken
Platz  machte.

*)  Schwiedland:  La  repression  du  travail  en  chambre
(Revue  d’Economic  politique,  1897,  pag.  580).
**)  Ueber  die  vorgeschlagenen  Massnahmen  zur  Unterdrückung ­
  der  Heimarbeit  siehe:  Schwiedland:  Ziele  und
Wege  der  Heimarbeitergesetzgebung  (Wien,  1899).
        <pb n="61" />
        aas

V- 1 --  -
*

—  56
§  3.
Die  Kleinhändler.
Trotz  der  Ausbreitung  der  grossen  Magazine,  die  Zola
in  seinem  Roman  :  Zum  Paradies  der  Damen  mit  so  souveräner ­
  Meisterschaft  in  ihrer  wunderbaren,  für  die  benachbarten ­
  Krämer  so  verhängnisvollen,  Entwickelung  geschildert ­
  hat,  nimmt  idle  Zahl  der  Detaillisten,  der  Kleinhändler ­
  aller  Art,  nicht  nur  nicht  ab,  sondern  scheint  sich
nach  den  Ergebnissen  der  Berufsstatistik  beständig  zu
vermehren.
In  den  Verhandlungen  des  Vereins  für  Socialpolitik
(Breslau  1899)  lieferte  Werner  Sombart  den  durch  Zahlen
unterstützten  Nachweis,  dass  sich  ihre  Zahl  rascher  ver
grössere,  als  die  der  Bevölkerung.*)
An  Stelle  eines  von  ihnen,  der  durch  die  capitalistischen
Bazare  ruiniert  wird  und 1  verschwindet,  treten  in  anderen
Zweigen,  in  anderen  Localitäten,  auf  dem  Lande  oder  in
den  Vororten  grosser  Städte  zehn  andere.
Im  allgemeinen  sind  es  ehemalige  Domestiken,  Arbeiter, ­
  die  über  einige  Ersparnisse  verfügen,  oder  auch
Handwerker,  deren  Geschäft  zurückgegangen  ist,  und  auf
den  Dörfern  Bauern,  die  ganz  oder  teilweise  auf  die  Bebauung ­
  ihres  Feldes  verzichtet  haben.
Dazu  kommt  noch  eine  grosse  Zahl  von  Handlungsgehilfen, ­
  die  entweder  stellenlos  sind,  oder  heiraten  wollen
und  sich  oft  mit  ersichtlich  ungenügenden  Mitteln  selbstständig ­
  machen.  Nach  Borgius  entsteht  die  Uebersetzung
gewisser  Branchen  mit  unsoliden  Unternehmungen,  die  besonders ­
  in  den  Zeiten  der  Krise  aufspriessen  wie  Pilze
*)  Die  deutsche  "Berufszählung  von  1882  ergiebt  1364
Kaufleute  auf  100000  Seelen;  die  von  1895  ergiebt  ihrer  1502.
In  sehr  vielen  Städten  hat  sich  die  Verhältniszahl  seit  1870
fast  verdoppelt.  —  Ueber  die  numerische  Vermehrung  der
kaufmännischen  Unternehmungen  vergl.  Bernstein:  Die
Voraussetzungen  des  Socialismus,  pag.  66  ff.  —  Berner:  Die
Concentrierung  der  Betriebe  in  Oesterreich  (Die  Neue  Zeit,
22.  Juli  1899).
        <pb n="62" />
        57

nach  dem  Regen,  um  nach  einem  oder  zwei  Jahren  wieder
zu  verschwinden,  infolge  der  durch  die  Concurrenz  verursachten ­
  leichten  Warenbeschaffung  auf  Credit.*)
Kurz,  der  Kleinhandel  ist  der  bevorzugte  Unterschlupf
für  alle  vom  Capitalismus  Niedergeworfenen,  für  alle  diejenigen, ­
  die  der  harten  Arbeit  in  der  Fabrik  den  mageren
Verdienst  des  Zwischenhändlers  vorziehen  oder  für  diejenigen, ­
  die  in  Industrie  und  Landwirtschaft  kein  genügendes
Auskommen  finden  und  sich  dadurch  zu  helfen  suchen,  dass
sie  irgend  eine  Budike  aufmachen.  Das  erklärt  besonders
die  Vermehrung,  das  Aufspriessen  der  kleinen  Wirtshäuser ­
  ;  denn  von  allen  Arten  des  Zwischenhandels  ist
eine  kleine  Kneipe  am  leichtesten  und  mit  den  geringsten
Mitteln  aufzuthun.
Aber  es  wäre  ein  schwerer  Irrtum,  wenn  man  annehmen ­
  wollte,  dass  diese  Zwerguntemehmungen  —  die
von  der  officiellen  Statistik  als  selbständig  gezählt  werden
—  im  allgemeinen  als  das  persönliche  Eigentum  ihrer
Inhaber  betrachtet  werden  könnten.  Eine  grosse  und  mit
der  Entwickelung  des  capitalistischen  Systems  beständig
wachsende  Zahl  von  ihnen  hat  nur  den  Schein  von  Unabhängigkeit ­
  und  ist  thatsächlich  mehr  oder  weniger  direct
in  den  Händen  einiger  industrieller  oder  commercieller
Grosscapitalisten.
Mit  sehr  wenigen  Ausnahmen  besitzen  alle  Brauereien
von  einiger  Bedeutung  zur  besseren  Verbreitung  ihres
Productes  eine  mehr  oder  weniger  grosse  Zahl  von  Kneipen
und  in  Belgien  sogar  von  socialistischen  Volkshäusern.
Und  da  die  Erfahrung  bald  gelehrt  hat,  dass  der
Verkauf  von  Schnaps  für  diese  Häuser  viel  vorteilhafter
ist,  als  der  von  Bier,  so  sind  eine  Anzahl  von  Brauereien
zugleich  Grosshändler  mit  Liqueuren.

*)  Vergl.  W.  Borgius:  Wandlungen  im  modernen  Detailhandel ­
  (Archiv  für  sociale  Gesetzgebung,  1898,  1.  Heft).
        <pb n="63" />
        Das  erklärt  die  parodox  erscheinende  Thatsache,  dass
unlängst  in  Brügge  die  Brauer  energisch  die  Abschaffung
der  Concessionspflicht  für  Schnapshändler  verlangten,  während ­
  sie  doch  auf  den  ersten  Blick  alles  Interesse  an
derartigen  Massnahmen  haben  sollten,  die  die  Einschränkung ­
  des  Schnapsgenusses  bezwecken  und  dadurch  gleichzeitig ­
  den  Bierconsum  heben.
Der  zwischen  der  thatsächlichen  und  der  anscheinenden ­
  Lage  der  Kneipenwirte  bestehende  Gegensatz  vom
Standpuncte  des  Entwickelungsgrades  der  capitalistischen
Concentration,  findet  sich  auch  in  vielen  anderen  Zweigen
des  Kleinhandels  wieder.
In  den  holländischen  Städten  z.  B.  sind  die  meisten
Bäckereien  nichts  anderes  als  Depots  von  capitalistischen ­
  Fabriken.  Macrosty  constatiert  in  einem  Artikel
der  Contemporary  Review  vom  März  1899,  dass  sich  die
meisten  Restaurants  in  London  in  den  Händen  von  vier
oder  fünf  Firmen  befinden;  ebenso  steht  es  mit  dem
Milchhandel.  Die  Apotheken  und  die  Cigarrenhandlungen
unterliegen  einem  ähnlichen  Schicksal:  eine  einzige  Gesellschaft ­
  besitzt  hundert  Cigarrenläden.*)
So  kann  man  also  die  unzähligen  Handelsunternehmungen, ­
  die  in  den  officiellen  Gewerbezählungen
figurieren,  in  drei  Classen  einteilen:
1.  solche,  die  zwar  statistisch  Einheiten  darstellen,  in
Wirklichkeit  aber  nur  Depots,  Filialen  von  capitalistischen ­
  oder  genossenschaftlichen  Grossunternehmungen ­
  sind;
2.  solche,  die  ihrem  Inhaber  nur  einen  Zuschuss  zu
seinem  Einkommen  oder  Lohn  bringen;
3.  endlich  solche,  die  thatsächlich  unabhängige  Unternehmungen ­
  sind  und  deren  Inventar  das  persönliche
Eigentum  des  Kleinhändlers  ist.

*)  Kautsky:  Bernstein  und  das  socialdemokratische  Programm, ­
  pag.  65.
        <pb n="64" />
        59

Wenn  also  auch  sicherlich  die  Gesamtzahl  der  Handelsuntemehmungen
  wächst,  so  ist  weniger  sicher,  dass
die  Unternehmungen  der  dritten  Kategorie  eine  Tendenz
zur  Vermehrung  zeigen,  und  diese  allein  interessieren  uns
in  Hinsicht  auf  den  Zusammenhang  des  Besitzes  und  der
Arbeit.
Sicherlich  wächst  ihre  Zahl  mit  der  gewerblichen
Specialisierung  in  den  Gegenden,  wo  sich  die  Verkehrswirtschaft ­
  auf  Kosten  hauswirtschaftlicher  Productionsformen
  ausbreitet.  Ein  Dorf,  das  früher  ausschliesslich
Landwirtschaft  betrieb,  dessen  Einwohner  ihr  Brot  selbst
buken  und  ihre  Butter  und  Eier  gegen  Ware  bei  den
Händlern  der  nächsten  Stadt  austauschten,  besitzt  jetzt
seine  Bäckerei,  seinen  Händler,  oder  wenigstens  eins  von
diesen  Universalmagazinen,  wo  man  zu  gleicher  Zeit
Ellenwaren  und  Colonialproducte,  Töpfe  und  Calender,
Wichse  und  saure  Heringe,  Corsets  und  Strohhüte  verkauft. ­
  Aber  wenn  sich  in  den  ländlichen  Districten  die
Differenzierung  des  Handels  mehr  und  mehr  durchsetzt,
wenn  sich  dort  die  Zahl  der  kleinen  Läden  vermehrt,  so
bringt  umgekehrt  in  den  städtischen  Bezirken  die  Entwickelung ­
  der  Genossenschaften  und  besonders  der  Bazare
und  Grossmagazine  —  von  denen  einige,  wie  der  Bon
Marché  oder  der  Louvre  in  Paris,  mehrere  Tausend  Angestellte ­
  beschäftigen  —  den  kleinen  Händlern  Nachteil,
der  sich  zuerst  in  der  Verminderung  ihres  Profits,  dann
aber  in  gewissen  Zweigen  in  der  Verminderung  ihrer  Zahl
bemerkbar  macht.
Es  unterliegt  indessen  keinem  Zweifel,  und  das  ist
eine  der  schwersten  Unzuträglichkeiten  des  heutigen
Wirtschaftssystems,  dass  die  Kleinhändler  eine  zahlenmässige
  Wichtigkeit  haben,  die  ausser  Verhältnis  mit  ihren
den  Consumenten  geleisteten  Diensten  steht.
Welche  schlagenden  Beispiele  hat  man  nicht  dafür
beigebracht,  was  der  Parasitismus  der  Zwischenhändler
dem  Publicum  kostet  :  die  normännischen  Kartoffeln
        <pb n="65" />
        6o

kosten  in  Paris  60  Mal  mehr  als  am  Productionsorte  ;
das  Liter  südfranzösischen  Weines  bringt  dem  Weinbergbesitzer ­
  15  Centimes  ein  und  kostet  beim  Weinhändler
70  oder  80  Centimes.*)  Noch  unlängst  konnte  man  im
Economiste  Français  lesen,  dass  der  Preis  von  50  Kilo
Kaffee,  der  1893  103  F  raneen  betrug,  1899  auf  39  Francen
gesunken  sei;  diese  Preissenkung  um  zwei  Drittel  hat
aber  nicht  den  mindesten  Einfluss  auf  die  Gestaltung
des  Detailpreises  gehabt;  einzig  und  allein  die  Zwischenhändler ­
  haben  daran  profitiert.  „Der  brasilianische  Kaffee,
der  in  Frankreich  mit  allen  Lasten  auf  nicht  mehr  als
2,50  Francs  zu  stehen  kommt,  wird  im  Kleinverkauf  mit
4—5  Francen  verkauft  und  dabei  ist  seine  Reinheit  nicht
einmal  gesichert.  Der  Verdienst  der  Zwischenhändler  verteuert ­
  diesen  Artikel  mehr  als  der  Fiscus.“**)
Und  trotz  diesem,  für  die  Kundschaft  so  drückenden
Verdienste,  sind  die  Kleinhändler  so  zahlreich,  dass  besonders ­
  in  den  vom  Grosshandel  occupierten  Branchen
Tausende  von  ihnen  an  der  Schwelle  des  Bankrotts  stehen.
Ganz  recht  sagt  Gide:  „Wenn  jeder  Bäcker  nur  einen
Sack  Mehl  pro  Tag  verbackt  und  von  diesem  Sack  leben,
sein  Logis,  seine  Steuern,  seine  Gesellen  bezahlen  muss,
dann  muss  er  notwendigerweise  den  Preis  jedes  Brotes
aufschlagen  und  kann  dabei  doch  nur  ein  elendes  Leben
führen.  Das  beweist,  dass  der  Mechanismus  Schäden  in
sich  trägt  und  rechtfertigt  die  strenge  Verurteilung,  die  die
Socialisten  der  phalansterischen  Schule  schon  gegen  die
unnötige  Menge  der  Kleinhändler  aussprachen.“  „Der
Handel,“  so  sagt  Considérant,  „ist  nur  nützlich,  wenn  er
dem  Bedürfnis  der  Production  und  der  Consumtion  dient;
er  muss  der  Handlanger  der  beiden  anderen  Berufszweige ­
  sein.  ...  Er  spielt  eine  untergeordnete  Rolle.
*)  Gide:  La  coopération  (Paris,  Larose,  1900)  pag.  284.
**)  Ueber  das  Verhältnis  von  Grosspreisen  zu  Detailpreisen
vergl.  Newman:  Wholesale  and  retail  prices  (Economic
Journal,  September  1897).
        <pb n="66" />
        Seiner  Natur  nach  unproductiv,  fügt  er  weder  der  Quantität ­
  noch  der  Qualität  der  Gegenstände,  die  durch  seine
Hände  gehen,  irgend  etwas  hinzu:  seine  Operationen
müssen  also  mit  der  möglichst  kleinen  Anzahl  von  Hilfskräften ­
  ausgeführt  werden.  Das  kann  aber  nur  geschehen
mittels  einer  Organisation,  die  den  Producenten  direct
mit  dem  Consumenten  in  Verbindung  bringt  und  alle
diebischen,  betrügerischen  und  parasitischen  Zwischenhändler ­
  ausschaltet.“

§  4-Zusammenfassungund
  Schlussfolgerungen.
Trotz  der  wachsenden  Vorherrschaft  der  capitalistischen
  Wirtschaftsstructur,  finden  wir  auch  heute  noch
zahlreiche  und  wichtige  Ueberbleibsel  früherer  socialer
Ordnungen  und  vorcapitalistischer  Productionsformen.
Das  bäuerliche  Privateigentum,  das  Handwerk,  der
unabhängige  Kleinhandel,  stehen  keineswegs  auf  dem
Puñete  zu  verschwinden  und  da,  wo  sie  sich  erhalten
haben  —  wo  sie  die  Einheit  des  Eigentums  und  der
Arbeit  darstellen  —,  da  denkt  der  Socialismus  gar  nicht
daran,  sie  zwangsweise  zu  socialisieren.*)
Aber  so  zahlreich  auch  in  gewissen  Ländern,  gewissen ­
  Gegenden  und  gewissen  Industriezweigen  die  Zeugen ­
  früherer  Epochen  sein  mögen,  so  bleibt  doch  nicht
minder  wahr,  dass  im  allgemeinen  die  Entwickelung  des
Capitalismus  die  Tendenz  zeigt,  die  selbständigen  Producenten ­
  zu  decapitalisieren,  oder  ihnen  mehr  oder  weniger
ihre  ursprüngliche  Unabhängigkeit  zu  nehmen  und  sie
zu  versclaven.

*)  Vergl.  Kautsky:  Das  Erfurter  Programm  (Stuttgart,
1892)  pag.  150  ff.  —  Fr.  Engels:  Die'Bauernfrage  in  Frankreich ­
  und  Deutschland.  (Die  Neue  Zeit,  1894—95,  No.  10).
        <pb n="67" />
        Von  dem  Augenblick  ab,  wo  der  Markt  eine  genügende ­
  Ausdehnung  nimmt,  reichen  die  Vorteile,  die  die
Beaufsichtigung  durch  den  Meister,  die  handwerksmässige
Geschicklichkeit  und  die  durch  das  directe  und  persönliche ­
  Interesse  des  Producenten  gesteigerte  Arbeitslust  mit
sich  bringen,  nicht  mehr  aus,  um  die  Vorteile  der  höheren
Productivität  der  Arbeitsteilung,  der  genauen  Marktkenntnis ­
  und  der  Verwendung  eines  grösseren  Capitals  wett  zu
machen.  Besonders  ist  das  der  Fall  in  den  immer  zahlreicher ­
  werdenden  Productionszweigen,  wo  die  Fortschritte
der  Technik  die  Herrschaft  der  Maschine  begründen.
Nichts  ist  dafür  beweiskräftiger  als  die  vortreffliche
americanische  Untersuchung  vom  Jahre  1898  über  die
Productivität  der  Handarbeit  im  Vergleich  mit  der  Maschinenarbeit.*) ­
  Diese  mit  einer  wirklich  bewunderswerten
Genauigkeit  durchgeführten  Untersuchungen  haben  sich
auf  672  industrielle  und  landwirtschaftliche  Productenarten
  erstreckt.  Jede  Art  ist  in  dem  Bericht  von  Carroll
D.  Wright  minutiös  analysiert,  und  zwar  unter  dem  vierfachen ­
  Gesichtspuncte  der  Zahl  der  Arbeiter,  der
Operationen,  der  Arbeitsstunden  und  der  bezahlten  Löhne
I.  für  die  Production  der  Producteneinheit  mit  der  Hand
und  2.  für  die  Production  mit  der  Maschine.
Wir  beschränken  uns  hier  darauf,  einige  typische  Beispiele ­
  anzuführen,  die  die  furchtbare  Ueberlegenheit  der
Maschinerie  schlagend  beweisen  :
I.  Fabrication  von  zehn  Pflügen:
a)  mit  der  Hand:  2  Arbeiter,  die  11  verschiedene
Handgriffe  leisten,  arbeiteten  1180  Stunden  und
erhielten  54,46  Dollars,
b)  mit  der  Maschine:  52  Arbeiter  machten  97  Operationen, ­
  arbeiteten  im  ganzen  37,28  Stunden  und
erhielten  7,90  Dollars.
*)  Hand  and  machine  labor.  Thirteenth  Annual  Report  of
the  Commissioner  of  labor,  1898.  (Washington,  1899.)
        <pb n="68" />
        2.  Herstellung  von  fünfhundert  Pfund  Butter:
a)  mit  der  Hand:  3  Arbeiter;  7  Operationen;  125
Stunden;  10,6  Dollars;
b)  mit  der  Maschine:  7  Arbeiter;  8  Operationen;
12,30  Stunden;  1,78  Dollars.
3.  Fabrication  von  hundert  Uhrwerken:
a)  mit  der  Hand:  14  Arbeiter;  453  Operationen;
341866  Stunden;  8082  Dollars  ;
b)  mit  der  Maschine:  X  Arbeiter;  1088  Operationen;
8343  Stunden;  1799  Dollars.
4.  Fabrication  von  fünfhundert  Yards  Baumwollgarn:
a)  mit  der  Hand:  3  Arbeiter;  19  Operationen  ;  7534
Stunden;  135,61  Dollars;
b)  mit  der  Maschine:  252  Arbeiter;  43  Operationen;
84  Stunden;  6,81  Dollars.
5.  Fabrication  von  hundert  Paaren  billiger  Schuhe:
a)  mit  der  Hand:  2  Arbeiter,  83  Operationen;  1438
Stunden;  408,50  Dollars;
b)  mit  der  Maschine:  113  Arbeiter;  122  Operationen;
154  Stunden;  35,40  Dollars.
6.  Fabrication  von  1000  Pfund  Brot  in  Pfundbroten:
a)  mit  der  Hand:  1  Arbeiter;  11  Operationen;  28
Stunden;  5,80  Dollars;
b)  mit  der  Maschine:  12  Arbeiter,  16  Operationen,
8,56  Stunden;  1,55  Dollars.
7.  Fabrication  von  sieben  Dutzend  Jaquettes  für  Männer:
a)  mit  der  Hand:  1  Arbeiter;  4  Operationen;  840
Stunden;  50,40  Dollars;
b)  mit  der  Maschine:  11  Arbeiter;  8  Operationen;
97,15  Stunden;  12,80  Dollars.
Solche  Ziffern  bedürfen  keines  Commentars  :  sie
malen  mit  feurigen  Zügen  das  Schicksal  der  Schneider,
Schuster,  Weber,  Bäcker,  Uhrmacher  und  anderer  Handwerker, ­
  die  nicht  entweder  Specialitäten  oder  Luxusartikel
herstellen.
Trotz  der  verzweifelten  Anstrengungen  der  Klèin-
        <pb n="69" />
        r

64  —

bourgeoisie,  sich  wenigstens  einen  Schatten  von  Unabhängigkeit ­
  zu  erhalten,  muss  die  handwerksmässige  Production ­
  bei  allen  Artikeln  des  Massenconsums  mehr  und
mehr  vor  der  mechanischen  das  Feld  räumen,  die  sich
eine  wachsende  Zahl  von  Lohnarbeitern  dienstbar  macht.
In  Deutschland  hat  z.  B.  in  den  Jahren  von  1882
bis  1895  die  Zahl  der  unabhängigen  Unternehmer  in  der
eigentlichen  Industrie  um  139382  abgenommen,  während
die  Gesamtzahl  der  industriellen  Arbeiter  um  861  468  stieg.
Wenn  man  die  gesamte  Industrie,  den  Handel  und
die  Landwirtschaft  betrachtet,  so  ergiebt  sich  seit  1882
eine  absolute  Vermehrung  der  selbständigen  Unternehmer
oder  sogenannten  Unternehmer,  ebenso  wie  die  der  Angestellten ­
  und  der  Arbeiter;  während  aber  diese  Vermehrung ­
  der  selbständigen  Unternehmer  nur  5  0/0  ausmacht, ­
  beträgt  sie  bei  den  Arbeitern  20  0/0  und  bei  den
Angestellten  100  0/0.  Mehr  als  drei  Viertel  der  neu  in
das  Leben  der  Arbeit  Eingetretenen  gehören  zur  Arbeiterclasse
  ;  und  selbst  in  der  Gesamtheit  der  Berufe  überwiegt
die  Zahl  der  Angestellten  und  Arbeiter  sichtlich  die  Zunahme ­
  der  selbständigen  Unternehmer.*)
Das  geht  auch  deutlich  aus  folgender  Uebersicht  hervor, ­
  die  wir  der  Arbeit  von  Rauchberg  entnehmen  :
Auf  hundert  gewerbthätige  Personen  kamen  im
Deutschen  Reiche  1882  und  1895:

Landwirtschaft
Industrie  .  .
Handel  .  .
Zusammen

Selbständige
Unternehmer

Arbeiter
und  Angestellte

1882
27,78
34,41
44,67
32,03

1892
30.90
24.90
36,07
28,94

1882
72,22
65,59
55,35
67,97

1892
69,02
75,10
63,93
71,06

*)  Vergl.  Rauchberg:  Die  Berufs-  und  Gewerbezählung
im  Deutschen  Reiche  vom  15.  Juni  1895.  (Archiv  für  sociale
Gesetzgebung,  1899,  pag.  uff.
        <pb n="70" />
        —  65  —
Trotz  der  Abnahme  bei  den  ländlichen  Arbeitern,
bei  den  Tagelöhnern,  die  von  den  Gressstädten  aufgesogen
werden,  wächst  die  relative  Bedeutung  des  Proletariats
beständig.
Bedeutet  das,  dass  alle  selbständigen  Unternehmer
mit  Naturnotwendigkeit  und  unwiderstehlich  dazu  verurteilt ­
  sind,  sich  in  einer  mehr  oder  weniger  nahen  Zukunft ­
  in  Lohnarbeiter  zu  verwandeln  und  eine  der  Leidensstationen ­
  des  Capitalismos  nach  der  anderen  zu  durchschreiten? ­
  Das  ist  nicht  unsere  Ansicht.
Wir  haben  schon  an  einem  anderen  Orte  gesagt,
dass  man  verschiedene  Entwickelungsgänge  nachweisen
kann,  dass  das  persönliche  Eigentum  sich  in  genossenschaftliches ­
  oder  sociales  verwandeln  kann,  ohne  notwendigerweise ­
  durch  die  capitalistische  Phase  hindurchgegangen ­
  zu  sein.*)
Anderenteils  erscheint  auch  klar  erwiesen,  dass,  wenn
in  einer  grossen  Anzahl  von  Berufszweigen  das  persönliche ­
  Eigentum  die  Tendenz  zeigt  zu  verschwinden,  die
höheren  Formen  der  capitalistischen  Production  —  trotz
der  Vorteile,  die  sie  vom  Gesichtspunct  einer  rationellen
Wirtschaft  darbieten,  —  keineswegs  im  stände  sind,  die
niederen,  starren,  elenden  Formen  der  Hausindustrie,  der
Parcellencultur  und  des  Kleinhandels  zu  vernichten.
Es  scheint,  dass  die  durch  den  Capitalismos  erzeugten
Schäden:  der  Parasitismus  der  Zwischenhändler,  die  Verschwendung ­
  in  den  Luxusgewerben,  die  Schändlichkeiten
des  sweating-Systems,  die  Zerschlagung  der  Landparcellen
mit  ihren  „Besitzern  mit  15  oder  25  Centimes  Rente“
so  lange  dauern  sollen,  wie  das  capitalistische  System
selbst.

*)  In  dem  von  Destrée  und  mir  dem  Congress  von
Warenne  unterbreiteten  Bericht  über  das  ländliche  Kleineigentum. ­
  Siehe:  Le  Socialisme  en  Belgique,  (Paris,  Giard  et  Brière,
1898)  pag.  359  ff.
Vandervelde:  Die  Entwickelung  zum  Socialismus.

5
        <pb n="71" />
        Vielleicht  sind  sogar  einzelne  Zweige  der  selbständigen
Production,  einzelne  Formen  des  bäuerlichen  Eigentums
bestimmt,  dieses  System  noch  zu  überleben.  Nichts  hindert
in  der  That  einen  socialistischen  Gesellschaftszustand  anzunehmen, ­
  in  dem  individuelles  Eigentum  und  individuelle
Arbeit  neben  dem  Collectiveigentum  und  der  Collectivarbeit
  weiter  bestehen.
Aber  wie  dem  auch  sei,  fest  steht  die  Thatsache,  dass
in  den  hauptsächlichsten  Industrieen,  denjenigen,  die  die
allgemeinsten  und  ausgedehntesten  Bedürfnisse  befriedigen, ­
  die  productive  Ueberlegenheit  der  Maschine  und
der  Grossunternehmung,  die  Tendenz  hervorruft,  das
persönliche  Eigentum  und  die  isolierte  Production  auszuschalten. ­
  Da  diese  Ursachen  beständig  ihre  Wirkungen
steigern,  so  zeigen  die  capitalistische  Production  und  Austauschformen, ­
  die  heute  unsere  Wirtschaftsordnung
kennzeichnen,  —  wie  wir  noch  sehen  werden  —  eine
wachsende  Tendenz  zur  Concentration  und  Socialisation.
        <pb n="72" />
        II.  Capitel.
Die  Entviekelung  des  eapitalistisehen  Eigentums.

„Das  Monopol  bläht  sich  immer  mehr  und  mehr  auf,
bis  dass  es  endlich  platzt.“

P.  J.  Proudhon.

Den  ersten  Phasen  des  eapitalistisehen  Concentrationsprocesses
  —  Expropriation  der  unabhängigen  Producenten, ­
  Umformung  der  Handwerke  in  collective  oder
centralisierte  Fabriken,  Ersatz  der  Manufactur  durch  die
,Machinofactur  —  folgt  eine  neue  Phase,  die  durch  den
Kampf  der  grossen  Capitalisten  gegen  die  kleinen  gekennzeichnet ­
  wird.
In  den  am  weitesten  entwickelten  Industrie-  und
Handelszweigen  nimmt  die  Zahl  der  Unternehmungen  ab
in  demselben  Masse,  wie  die  wirtschaftliche  Macht  der
bestehen  bleibenden  zunimmt.  Die  Collectivproduction
tritt  an  Stelle  der  individuellen  ;  capitalistische  Gesellschaften ­
  ersetzen  die  einzelnen  Capitalisten:  das  ist  das
Zeitalter  der  Actiengesellschaften,  der  Vereinigung  von
Actiengesellschaften,  der  industriellen  Syndicate  —  Cartelle, ­
  Pools,  Trusts  —  die  zur  Gründung  gigantischer
nationaler  oder  internationaler  Monopole  führen.
§  I.
Die  Actiengesellschaften.
Man  findet  heute  Actiengesellschaften  in  fast*  allen
Industriezweigen,  und  doch  fällte  am  Ausgang  des
        <pb n="73" />
        68

XVIII.  Jahrhunderts  Adam  Smith  über  sie  in  einer  bekannten ­
  Stelle  seines  Werkes  genau  dieselben  Urteile,
wie  man  sie  heute  über  die  Vergesellschaftung  der  Grossindustrieen
  zu  hören  bekommt.
Er  sagte:  „Die  einzigen  Geschäfte,  die,  wie  es  scheint,
eine  Actiengesellschaft  ohne  ausschliessliches!  Privileg  mit
Erfolg  betreiben  kann,  sind  diejenigen,  deren  Operationen,
wie  man  zu  sagen  pflegt,  auf  Routine,  d.  h.  auf  eine  solche
Gleichförmigkeit  zurückgeführt  werden  können,  die  wenig
oder  gar  keine  Veränderungen  zulässt.  Hierher  gehören:
I.  das  Bankgeschäft,  2.  das  Versicherungswesen  gegen
Feuer-,  See-  und  Kapereigefahren;  3.  der  Bau  und  die
Instandhaltung  von  Canälen  und  Durchstichen  und  4.
ähnliche  Unternehmungen  zur  Wasserversorgung  grosser
Städte.“*)
Bankgeschäfte,  Versicherungswesen,  Eröffnung  von
Schiffahrtsstrassen,  Trinkwasseranlagen,  das  alles  sind  Industrieen, ­
  die  heute  schon  in  den  Bereich  der  Staatswirtschaft ­
  fallen  oder  doch  demnächst  fallen  werden,  während ­
  sich  die  Actiengesellschaften  weit  über  die  engen
Grenzen  ausdehnen,  die  ihnen  Adam  Smith  gezogen.  Es
ist  und  bleibt  wahr:  eine  Utopie  von  heute  wird  häufig
zu  einer  Wirklichkeit  von  morgen.  Deshalb  ist  es  nicht
ohne  Nutzen,  daran  zu  erinnern,  dass  die  Gründe,  die  man
heute  gegen  den  Collectivismus  ins  Feld  führt,  genau  dieselben ­
  sind,  mit  denen  man  einstmals  die  Actiengesellschaften ­
  bekämpfte.
Zu  jener  Zeit,  als  eine  Anzahl  von  Actienbanken  (joint
stock  banks)  in  England  gegründet  wurde,  brachte  ein
Engländer,  der  selbst  Banquier  war,  Lord  Overstone,  Zweifel ­
  an  ihrem  Erfolg  vor,  die  in  ihrer  Begründung  eine
frappante  Aehnlichkeit  mit  den  heutigen  Einwendungen
gegen  Staatsbanken  hatten:  „Ich  glaube,“  so  sagte  er,  „dass

*)  Adam  Smith:  Natur  und  Ursachen  des  Volkswohlstandes. ­
  V.  Buch,  Capitel  1.
        <pb n="74" />
        69

alles,  was  zu  einer  guten  Leitung  eines  Bankgeschäfts
gehört,  mit  Ausnahme  der  grösseren  Verteilung  der  Verantwortlichkeit, ­
  den  Actienbanken  mangelt.  Die  Geschäfte ­
  einer  Bank  erfordern  die  ununterbrochene  und
tägliche  Anwesenheit  von  Personen,  die  aufmerksam  alle
Einzelheiten  verfolgen  und  sorgfältig  von  Stunde  zu  Stunde
über  alle  Angelegenheiten  wachen,  wie  das  in  keiner
anderen  Art  des  Handels  nötig  ist.  Auch  müssen  plötzliche
Entschlüsse  gefasst  werden,  je  nachdem,  wie  sich  die
Umstände  gestalten,  und  in  sehr  vielen  Fällen  sind  diese
Entschliessungen  so  dringender  Natur,  dass  es'  fast  unmöglich ­
  ist,  sie  aufzuschieben,  um  sich  erst  Rat  zu  holen  ;
übrigens  erfordert  jeder  besondere  Umstand  auch  eine
besondere  Behandlung.  Die  Actienbanken  werden  genötigt ­
  sein,  ihre  Geschäfte  Angestellten  zu  überlassen,
die  an  allgemeine  Regeln  gebunden  sind;  diese  Angestellten ­
  können  nicht,  wie  der  einzelne  Bankier  so  handeln,
wie  die  fast  unmerklichen  Verschiebungen  in  der  Geschäftslage ­
  erfordern;  sie  können  auch  nicht  auf  sich
nehmen,  den  Credit  zu  regeln,  den  man  zeitweise  notleidenden
  Häusern  gewähren  muss,  weil  sie  nicht  in  der
Lage  «sein  werden,  mit  genügender  Sicherheit  die  günstigen ­
  oder  ungünstigen  Chancen,  die  jedes  Geschäft  darbietet, ­
  gegeneinander  abzuwägen.“*)
Trotz  dieser  auf  den  ersten  Blick  so  einleuchtenden
Gegengründe  tragen  die  Actienbanken,  dank  der  Ueberlegenheit,
  die  ihnen  ein  sehr  grosses  Capital  gewährt,
mehr  und  mehr  den  Sieg  über  die  kleineren  Privatbankhäuser ­
  davon:  im  Jahre  1896  gab  es  in  England  102
joint  stock  banks  mit  2695  Filialen  und  Comptoiren,  455
Millionen  Pfund  Sterling  Depots  und  einem  Actiencapital
von  mehr  als  43  Millionen  Pfund;  auf  der  anderen  Seite
war  die  Zahl  der  Privatbanken  von  204  im  Jahre  1844

*)  Citiert  von  Leroy-Beaulieu:  Traité  d’économie
politique.  (Paris,  1896.)  IV.  pag.  499.
        <pb n="75" />
        auf  38  mit  70  Millionen  Depotgeldern  und  einem  Capital
von  weniger  als  12  Millionen  Pfund  Sterling  zurückgegangen.*) ­

Dieselbe  Entwickelung  finden  wir  übrigens  in  allen
industriellen  Ländern,  wie  in  allen  Hauptzweigen  der  Production ­
  und  des  Handels.  Ueberall  breiten  sich  die
Actiengesellschaften  und  die  Grossindustrie  auf  Kosten  der
Privatfirmen  und  der  Kleinindustrie  aus.
Für  Deutschland  ergiebt  sich  das  mit  der  grössten
Deutlichkeit  aus  einer  Vergleichung  der  Gewerbezählungen
von  1882  und  1895.**)
In  England  hat  sich  nach  dem  Bericht  des  Joint  stock
year  book  die  Zahl  der  Actiengesellschaften  seit  1895  fast
verdreifacht.  Ganze  Industrieen  sind  von  der  individuellen
zur  gesellschaftlichen  Verfassung  übergegangen.  Besonders ­
  war  das  der  Fall  bei  der  Brauerei,  deren  fast  vollständige ­
  Umwandlung  sich  in  dem  Zeitraum  von  drei
Jahren,  1886—89,  vollzog.***)

*)  Vergl.  Steele:  Bank  Amalgamations.  (The  economic
Journal,  December  1896.)
**)  Berufs-  und  Gewerbezählung  im  Deutschen  Reiche
(5.  Juni  1882  und  15.  Juni  1895).  Ueber  die  Auslegung  der  gewonnenen ­
  Zahlen  in  Rücksicht  auf  die  industrielle  Concentration
vergl.  K  a  u  t  s  k  y  :  Bernstein  und  das  socialdemokratische  Programm, ­
  pag.  49—80.
***)  Siehe  in  der  Fortnightly  Review  (Mai  1900)  den  interessanten ­
  Artikel  von  John  B.  C.  Kershaw:  Joint  stock
enterprise  and  our  manufacturing  industries.
Zu  den  Gründen  der  Ueberführung  einer  grossen  Zahl
von  Privatbetrieben  in  Gesellschaftsbetriebe  zählt  der  Autor  :
I.  das  Aufkommen  berufsmässiger  Gründer;  2.  das  Sinken
des  Profits  während  der  wirtschaftlichen  Depression:  viele  Industrielle, ­
  die  constatierten,  dass  die  Zeit  der  grossen  Profite
vorüber  sei,  haben  sich  bemüht,  die  Unternehmungen,  von
den  sie  den  Rahm  abgeschöpft  haben,  in  Actiengesellschaften
umzuwandeln;  3.  die  wachsende  Macht  der  Gewerkschaften;
die  Industriechefs  haben  begriffen,  dass  die  Vermehrung  der  Zahl
der  an  der  Industrie  interessierten  Bourgeois  das  beste  Mittel
ist,  das  Publikum  von  allzugrosser  Sympathisierung  mit  den
Forderungen  der  Arbeiter  abzuhalten  :  „Ein  grosser  und  wachsender ­
  Teil  des  Publikums  ist  heute  bei  allen  Kämpfen  zwischen
        <pb n="76" />
        In  den  Vereinigten  Staaten  liefern  die  von  den  Arbeitsämtern ­
  veröffentlichten  Census  den  Beweis  für  das  Vorhandensein ­
  gleicher  Tendenzen.  Im  Staate  Massachusetts
z.  B.  stieg  die  Zahl  der  Privatfirmen  in  der  Gesamtindustrie
während  der  zehnjährigen  Periode  von  1885—95  nur  um
9,33  %,  während  die  Vermehrung  der  Actiengesellschaften
77  0/0  überstieg.
Und  in  den  neun  Hauptindustrieen,  die  für  sich  allein
mehr  als  47  o/ 0  des  Gesamtwertes  der  fabricierten  Waren
herstellen,  ist  die  Entwickelung  der  gesellschaftlichen  Productionsformen
  von  einer  merklichen  Verminderung  der
Privatfirmen  begleitet  gewesen.*)
Man  kann  das  aus  der  Tabelle  auf  Seite  73  ersehen.
Es  ergiebt  sich  aus  der  Tabelle,  die  sich  auf  eines
der  industriereichsten  Länder  der  Erde  bezieht,  auch,  dass
sich  die  Concentration  des  Capitals  in  den  verschiedenen
Productionszweigen  ungleich  vollzieht.
Ueberall,  wo  der  Capitalismus  eindringt,  zeigt  sich
der  Kampf  ums  Dasein  zwischen  den  Unternehmungen.
Die  mit  weniger  guten  Werkzeugen  Ausgerüsteten
leisten  mit  der  Kraft  der  Verzweiflung  Widerstand.  Sie
machen  übermenschliche  Anstrengungen,  um  dem
Bankerott  zu  entgehen  und  sparen,  um  die  technischen
Vorteile  der  anderen  wett  zu  machen,  an  Arbeitslöhnen,
oder  verlängern  die  Arbeitsdauer  bis  über  die  Grenzen
des  für  Menschen  Erträglichen  und  Erlaubten.
Auf  dieser  Entwickelungsstufe  ist  die  Production  vollständig ­
  anarchisch,  und  die  Unverantwortlichkeit  der  Einzelpersonen ­
  ergiebt  sich  ganz  klar.
Capital  und  Arbeit  interessiert,  und  unsere  Industriellen  behaupten, ­
  die  Gefahr,  dass  die  Arbeiter  bei  ihren  Forderungen  nach
kürzerer  Arbeitszeit  und  höherem  Lohne  durch  eine  starke  und
enthusiastische  öffentliche  Meinung  unterstützt  werden,  existiere
jetzt  nicht  mehr.“  (pag.  821.)
*)  The  annual  Statistics  of  Manufactures.  1897.  (12.  Report
m  dem  Bulletin  of  the  Department  of  Labor.  September  1899.
Washington  1899.)
        <pb n="77" />
        Ein  politisches  Ereignis  irgendwo  am  anderen  Ende
der  Welt,  ein  Krieg,  eine  Missernte,  eine  technische  Revolution, ­
  ein  Wechsel  im  Steuer-  oder  Zollsystem,  kann  von
einem  zum  anderen  Tage  den  intelligentesten  und  vorsichtigsten ­
  Industriellen  ruinieren.
Die  Boeren  belagern  Kimberley  :  das  bedeutet  ein
Unglück  für  die  Diamantschleifer  und  Diamanthändler  in
Amsterdam  und  Antwerpen.
Die  americanische  Baumwolle  schlägt  pro  Kilo  um
25  Pf.  auf  (November  1899):  sofort  bricht  mitten  in  der
Hochconjunctur  eine  Krise  für  die  Baumwollspinnereien
herein.
Die  Schutzzollpolitik  Mebnes  triumphiert  :  mit  einem
Schlage  verlieren  die  Weinzüchter  in  d’Hoeylaett-lez-Bruxelles,
  die  besonders  die  französischen  Tafeln  mit
frischen  Weintrauben  aus  ihren  Gewächshäusern  versorgen, ­
  ihren  Hauptabsatzmarkt.
Setzen  wir  den  Fall,  dass  morgen  die  continentale!!
Länder  die  Zölle  und  Exportprämien,  die  sie  den  Zuckerfabricanten
  bewilligen  und  durch  die  sie  uns  zwingen,
diese  Ware  zweimal  teurer  als  die  Engländer  zu  kaufen,
aufheben,  so  bedeutet  das  den  Ruin  für  die  englischen
Bisquit-,  Confitüren-,  Syrup-  und  Marmeladenfabriken,  die
von  dem  billigen  Preis  des!  Zuckers  auf  dem  Londoner
Markt  profitieren.
Setzen  wir  nun  umgekehrt  den  Fall,  dass!  die  angelsächsischen ­
  Imperialisten  zum  Schutze  der  Zuckerrohrproduction
  in  den  englischen  Colonicen  hohe  Eingangszölle
auf  die  in  Europa  hergestellten  Rübenzucker  legen,  so
bedeutet  das  den  Zusammenbruch  der  continentalen
Zuckerindustrie.
Die  Capitalisten  werden  also  beständig  von  un  vorher ­
  zu  sehenden  Gefahren  bedroht,  und,  waä  den  Gipfel
der  industriellen  Anarchie  bildet,  stehr  häufig  entschliessen
sich  die  Mächtigsten  von  ihnen,  diejenigen,  die  das  grösste
Portemonnaie  haben,  sich  zu  Alleinherrschern  aufzuwerfen.
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        —  73

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        ihre  Concurrenten  zu  vernichten,  indem  sie  für  einige  Zeit
ihre  Ware  unter  dem  Erstehungspreise  auf  den  Markt
werfen.  Man  kennt  z.  B.  die  Geschichte  jener  beiden
americanischen  Eisenbahnlinien,  die  durch  wechselseitige
Herabsetzung  ihrer  Tarife  den  Viehtransport  zu  monopolisieren ­
  suchten.  Endlich  konnte  die  eine  von  ihnen,  so
erzählt  der  Ingenieur  Stevart,*)  mit  den  Tarifen  nicht  mehr
herabgehen;  da  kaufte  sie  unter  der  Hand  das  ganze
Vieh  in  dem  Gebiete  auf  und  liess  es  durch  ihre  Rivalin
transportieren.
Aehnlich  machte  es  John  D.  Rockefeller,  einer  der
Petroleumkönige,  um  sich  in  den  Besitz  der  Eisenbergwerke ­
  am  Oberen  See  zu  setzen.  Nachdem  er  die  reichsten
Lager  erworben  hatte,  wendete  er  die  vollkommensten
technischen  Hilfsmittel  an  und  machte  den  benachbarten
Gruben  eine  furchtbare  Concurrenz.  Unterlagen  diese  in
dem  Kampfe,  so  kaufte  er  sie,  wenn  sie  ihm  reich  genug
schienen,  zu  billigem  Preise  auf.  „Leisteten  sie  zu  lange
Widerstand,  dann  wandte  er  gegen  sie  das  Mittel  des
underselling,  des  Unterbietens  an;  er  verkaufte  unter
dem  Tagespreise  und  zwang  sie  auf  diese  Weise,  ihre
Preise  ebenfalls  so  herabzusetzen,  dass  sie  sich  ruinieren
mussten;  das  Verfahren  wandte  er  so  lange  an,  bis  entweder ­
  der  Zusammenbruch  oder  die  freiwillige  Unterwerfung ­
  seine  Concurrenten  niederzwang.  Er  konnte  ohne
Schwierigkeit  mehrere  Monate  lang,  wenn  es  nötig  war,
bei  jeder  Tonne  Mineral  zulegen,  er  besass  den  grössten
Geldbeutel  (the  longer  purse),  er  wusste,  dass  derjenige
seiner  Concurrenten  eher  erschöpft  war,  als  der
seinige.“  **)
Mit  solchen  mehr  oder  weniger  brutalen  Mitteln  gehen
die  Capitalisten  täglich  gegen  einander  vor.
*)  Bulletin  de  l’Association  des  ingénieurs  sortis  de  l’Ecole
de  Lièges,  1898,  pag.  106.
**)  Paul  de  Rousiers:  Les  industries  monopolisées  aux
Etats-Unis  (Paris,  1898),  pag.  188.
        <pb n="80" />
        75

Vielleicht,  so  wird  man  sagen,  hat  der  Consument
den  Nutzen  davon:
„Corsaires  à  corsaires,
L’un  l’autre  s’attaquant,  ne  font  pas  leurs  affaires  !"
Ja,  bis  zu  dem  Augenblicke,  wo  die  Sieger,  die  sich
ihrer  Rivalen  entledigt  haben,  ihre  Verluste  mehr  als
wieder  einbringen,  indem  sie  dem  Publikum  die  Kriegskosten ­
  auf  erlegen.
Proudhon  sagt:  „Die  Concurrenz  vernichtet  die  Conçu ­
  rrenz.“  /
Früher  oder  später  kommt  ein  Augenblick,  wo  die
Nachteile  dieses  Systems,  dieser  permanenten  Anarchie,
so  gross  werden,  dass  sich  die  Capitalisten  bemühen,  ihnen
durch  gütliches  Abkommen  ein  Ende  zu  bereiten.  Wenn
nur  noch  eine  kleine  Anzahl  wohlgerüsteter  und  unbesiegbarer ­
  Concurrenten  übrig  bleibt  und  einander  gegenübersteht, ­
  dann  schlägt  man  den  Weg  der  Verhandlungen  ein,
lässt  von  einem  unnützen  und  kostspieligen  Krieg  ab  und
verträgt  sich  mit  denen,  die  man  nicht  vernichten  konnte.
Dann  beginnt  eine  neue  Phase  der  capitalistischen
Entwickelung:  die  Herrschaft  der  Car  teile  und  der  Trusts.

8  2 -
Die  capitalistischen  Monopole.
Der  Uebergang  von  der  industriellen  Anarchie  zu
den  Monopolen  vollzieht  sich  in  zwei  aufeinanderfolgenden
Stufen:  die  eine  bildet  die  unvollständige  Fusion  (Cartelle, ­
  Ringe,  Pools),  die  andere  die  vollständige  Fusion
industrieller  oder  commercieller  Unternehmungen
(Trusts).*)

*)  Lief  mann:  Les  caractères  et  modalités  des  cartels.
(Revue  d’Economie  politique,  Juli  1899.)
        <pb n="81" />
        -

-  76  -
I.  Die  Cartelle.
Das  Car  tell  ist  eine  freie  und  vertragliche  Verbindung
zwischen  Unternehmern  desselben  Industriezweiges  zum
Zwecke  der  Monopolisierung  des  gemeinschaftlichen
Marktes,  bei  der  die  einzelnen  Unternehmungen  eine  mehr
oder  weniger  grosse  Selbständigkeit  bewahren.
Man  kann  von  den  einfachsten  bis  zu  den  compliciertesten
  vier  Arten  von  Cartelle  unterscheiden  :  Preiscartelle, ­
  Productionscartelle,  Absatzcartelle  und  Verkaufscartelle. ­

a)  Die  Preiscartelle.
Das  Preiseartell  ist  die  einfachste  Form:  es  ist  das
Bündnis  oder  das  Abkommen,  durch  das  sich  eine  gewisse
Anzahl  oder  die  Gesamtheit  der  Industriellen  eines  Productionszweiges
  zusammenthun,  um  entweder  zu  einem
gleichen  Preise  die  Rohproducte  einzukaufen  oder  zu
einem  verabredeten  Preise  ihre  Ware  abzusetzen.
Als  Beispiel  für  das  Einkauf  car  teil  erinnern  wir  an
die  Zuckerfabricanten  (in  Belgien),  die  den  Landwirten
einen  Einheitspreis!  für  die  Zuckerrüben  vorschreiben.
Was  die  Verkauf  scarteile  anlangt,  so  haben  sie  sich
seit  einigen  Jahren  sehr  vermehrt.  Besonders  für  die
Massengüter,  deren  Transport  kostspielig  ist  und  die  deshalb ­
  ausserhalb  eines  bestimmten  Gebietes  nicht  mehr
mit  Vorteil  verkauft  werden  können.  Die  Producenten
haben  den  Vorteil,  dass'  sie  ihre  Preise  heraufsetzen  können,
ohne  eine  wirksame  Concurrenz  durch  das  Dazwischentreten ­
  weiter  entfernt  wohnender  Industriellen  fürchten  zu
müssen.
Jedermann  kennt  z.  B.  die  Coaks-  und  Kohlencartelle,
die  heute  in  allen  Ländern  existieren.  In  Belgien  besteht
seit  einer  langen  Reihe  von  Jahren  bereits'  ein  Abkommen
über  die  Preise  der  Hausbrandkohle.  Auch  für  den  Verkauf ­
  der  Fettkohle  —  des  Schwarzbrotes  der  Industrie
—  haben  die  Kohlenbaugesellschaften  unlängst  Syndicate
        <pb n="82" />
        gegründet,  die  den  anderen  industriellen  Betrieben  schwere
Lasten  auferlegen.
Um  den  übertriebenen  Forderungen  der  Kohlenbarone
entgegenzuwirken,  entschloss  sich  die  Verwaltung  der
Eisenbahnen,  ihren  Kohlenbedarf  in  England  zu  decken,
und  die  sénatoriale  Industriecommission  forderte  —  ein
charakteristisches  Zeichen  der  Zeit  —  den  Erwerb  und
die  Ausbeutung  einer  Anzahl  von  Kohlengruben  durch
den  Staat,  um  ähnlichen  Dingen  für  die  Zukunft  vorzubeugen. ­

b)  Die  Productionscartelle.
Das  Productionscartell  ist  ein  Abkommen,  durch  das
sich  die  Unternehmer  verpflichten,  ihre  Production  in
einem  bestimmten  MasSc  einzuschränken.
Diese  Form  der  Cartelle  findet  sich  sehr  häufig  in  der
Glasindustrie,  Zuckerindustrie,  Brennerei  u.  s.  w.
Im  Laufe  des  November  1899  verfügte  das  belgische
Baumwollenspinnercartell  über  760000  von  886000  überhaupt ­
  vorhandenen  Spindeln.
„Um  der  durch  das  Vorhandensein  eines  ungewöhnlich ­
  grossen  und  daher  preissenkenden  Vorrats  entstandenen ­
  Krise  entgegenzuwirken,“  so  lesen  wir  in  der  Revue
du  Travail,*)  „und  um  einen  Stillstand  der  Fabrication
hintenan  zu  halten,  einen  Stillstand,  der  in  näherer  oder
fernerer  Zukunft  unbedingt  ein  treten  müsste,  hat  die  Gesellschaft ­
  der  belgischen  Baumwollspinner  beschlossen,
dass*  eine  grosse  Zahl  der  Spinnereien  die  Arbeitszeit  verkürzt ­
  („short  time“  macht),  damit  die  Production  um
ein  Sechstel  eingeschränkt  werde.“
Abmachungen  dieser  Art  sind  die  logische  Folge,  ja
geradezu  die  Existenzbedingung  für  die  Preisöartelle  :  so
lange  die  Production  nicht  beschränkt  wird,  können  die
Preisabmachungen  nicht  von  Dauer  Sein.

*)  December  1899,  pag.  1293.
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        —  7%  —
Im  allgemeinen  kann  man  sagen,  dass  die  Verbindungen ­
  der  Industriellen,  die  immer  durch  die  Concurrenz
der  Aussenstehenden  und  durch  Verrat  im  Innern  bedroht
werden,  in  jedem  Fall  von  den  einfachsten  zu  complicierteren
  Formen  fortschreiten  müssen.
!
c)  Die  Absatzcartelle.
Das  Abäatzcartell  beschränkt  sich  nicht  auf  die  Festsetzung ­
  der  Preise  und  auf  die  Beschränkung  der  Production ­
  :  es  wird  besonders  charakterisiert  durch  die  Aufteilung ­
  des  Absatzgebietes  und  der  Bestellungen  nach
geographischen  Grenzen.  Man  setzt  für  jeden  Industriellen
„Interessensphären“  fest:  in  seinem  Gebiete  kann  jeder
machen,  was  er  will,  aber  er  darf  nicht  in  das*  Gebiet
seines:  Nachbars  einbrechen.
Der  bemerkenswerteste  Typus  dieser  Carteilform  —
die  sich  besonders  in  der  Kohlen-  und  Metallindustrie
immer  weiter  ausbreitet  —  ist  das  Rheinisch-Westfälische
Kohlensyndikat.  Wer  direct  oder  indirect  rheinisch-westfälische ­
  Kohle  kaufen  will,  befindet  sich  nicht  concurrierenden
  Gesellschaften  gegenüber,  sondern  einer  einzigen  Gesellschaft, ­
  die  von  dem  Syndikat  besonders  bestellt  wird,
um  den  Auftrag  auszuführen.  Wir  haben  hier  also  eine
Verteilung  der  Aufträge  nach  ihrem  Ursprungsbrt,  aber
noch  nicht,  was  wir  bei  der  am  meisten  entwickelten
Form  der  Cartelle  finden:  Verteilung  der  Profite.
d)  Beteiligungscartelle.
Die  Beteiligungscartelle,  die  unter  den  Namen  Pools
in  England  und  America  bekannt  sind,  lassen  die  Unternehmungen ­
  selbständig  bestehen  und  gewähren  ihren  Mitgliedern ­
  eine  gewisse  Autonomie,  aber  die  Gewinne  werden
pro  rata  des  verwendeten  Capitals  verteilt.
Als  Typus  dieser  Form  eines  Syndikats  kann  man
die  Dynamit  Trust  Company  anführen,  die  den  grössten
        <pb n="84" />
        79

Teil  der  deutschen  und  englischen  Dynamitfabriken  vereinigt ­
  und  ausserdem  mit  den  anderen  Dynamit-  und
Schiesspulverfabriken  dieser  Länder  eine  Preisconvontion
abgeschlossen  hat.
In  den  Cartellen  dieser  Art  ist  die  Socialisierung
der  Industrie  fast  vollkommen  durchgeführt;  aber  so
mächtig,  so  stark  organisiert  diese  gewaltigen  Productionsstätten
  sein  mögen,  so  bleibt  doch  immer  eine  Klippe,
an  der  sie  scheitern  können,  und  das  ist  neben  den  inneren
Streitigkeiten,  die  mächtige  Concurrenz  neuer  Gesellschaften. ­
  Besonders  in  den  verschiedenen  Zweigen  des  Handels,
wo  der  grössere  Teil  des  Capitals  circuliert,  anstatt  wie
in  der  Industrie  festgelegt  zu  sein,  können  solche  Concurrenzuntemehmungen
  von  einem  Tag  zum  andern  entstehen. ­
  Deshalb  ist  es  nötig,  solchen  möglicherweise  auftretenden ­
  Concurrenten  eine  so  feste  Organisation,  so
übermächtige  Capitalien  entgegenzustellen,  dass  die  Vernichtung ­
  neuer  Unternehmungen  jederzeit  möglich  ist.
II.  Die  Trusts.
Wir  kommen  so  fast  unmerklich  zu  jener  Entwickelungsstufe, ­
  wo  die  mehr  und  mehr  complicierten
Cartelle  zu  Trusts  werden,  d.  h.  wo  wir  uns  vor  einer
Verschmelzung  der  verbündeten  Unternehmungen  sehen.
Man  weiss,  dass  das  heute  in  den  Vereinigten  Staaten,
wo  die  Entwickelung  des  Capitalismus  nicht  das  Hindernis
der  Ueberbleibsel  früherer  socialer  Ordnungen  zu  überwinden ­
  hatte,  die  herrschende  Form  ist.
„Alles  wird  allmählich  in  Trusts  organisiert/“  so  sagte
ein  Bürger  von  Chicago  zu  Paul  de  Rousiers,  als  dieser  in
America  das  Material  für  sein  Buch  über  die  monopolisierten ­
  Industrieen  in  den  Vereinigten  Staaten  sammelte.
„Sieben  Sie  sich  diese  ungeheuren  Magazine  an  (Department ­
  Stores),  die  Küchengeschirr  und  Schuhwerk,  Möbel
und  Wäsche  verkaufen;  sie  töten  den  Kleinhandel,  machen
        <pb n="85" />
        •.¿V

8o  —

die  Concurrenz  unmöglich  und  zwingen  die  Leute,  die  das
Zeug  zu  einer  unabhängigen  Stellung  gehabt  hätten,  zur
Thätigkeit  von  Angestellten.  Sehen  Sie  diese  ungeheuren
Häuser  aus  Eisen  und  Ziegelsteinen,  die  Business  Buildings ­
  mit  ihren  20  Etagen,  in  denen  Tausende  von
Bureaus,  Comptoiren  und  Banken  zusammengedrängt  sind  ;
diese  Concentration  giebt  dem  Grund  und  Boden,  auf  dem
die  Riesenhäuser  stehen  und  ebenso  den  benachbarten
Terrains  einen  ungeheuren  Wert,  zum  Nachteil  anderer
Landstriche,  die  keinen  Käufer  finden,  wegen  der  missbräuchlichen ­
  Etagenzusammenhäufung  in  dem  Handelscenirum
  der  Stadt.  Sehen  Sie  diese  Riesenschlachthäuser,
diese  Packing  -  houses,  in  denen  die  Schlachterei  und
Fleischconservierung  betrieben  wird.  Der  Ladenschlächter
ist  bei  uns  verschwunden  ;  die  Gefrierwagen  liefern  die
Rinderviertel  (Pressed  beef)  nach  allen  Städten  der  Union,
wo  sogenannte  Fleischhändler  sie  auspfunden.  Vier
Männer,  die  Big  Four,  zerstören  den  Schlächtereibetrieb
in  dem  freien  America.  Und  nun  betrachten  sie  die  grossen
Mühlen  von  Minneapolis,  die  die  Mehlfabrication  des  Nordwesten ­
  centralisieren.  Betrachten  Sie  unsere  grossen
Eisenbahngesellschaften,  die  die  kleinen,  rivalisierenden
Linien  vernichten  oder  aufsaugen  ;  betrachten  Sie  das
Petroleum,  den  Zucker,  den  Whisky,  die  Tauwerkfabrication,
  die  Kohle,  Stärke,  Stahl,  Leinen,  Baumwolle,  Oel,
Kautschuk  u.  s.  w.,  u.  s.  w.,  alles  ist  durdh  wenige  Menschen
monopolisiert  worden.“*)
Nach  dem  Jahrbuche  des  Journal  of  commerce  and
commercial  bulletin  von  New  York  (März  1899)  gab  es  zu
jener  Zeit  in  Nordamerica  353  Trusts  von  verschiedener
Bedeutung  mit  einem  Capital  von  5  832  882  842  Dollars.
Die  kolossalsten  von  diesen  Trusts  waren:  The  joint
traffic  Association  mit  7020  Millionen  Francs  Capital;

*)  Paul  de  Rousiers:  Les  industries  monopolisées  aux
Etats-Unis,  (Paris,  Colin,  1898),  pag.  2.
        <pb n="86" />
        8i

die  Reading  Coal  Company  ,mit  750  Millionen;  die  Western
Union  Telegraph  Company  mit  477  Millionen;  die  American ­
  Sugar  refining  Company  mit  375  Millionen;  die  Standard ­
  Oil  Company  mit  500  Millionen;  die  Wholesale
Grocers  Association  of  New  England  mit  375  Millionen;
die  Central  Lumber  Company  mit  350  Millionen  u.  s.  w.
Seit  März  1899  sind  viele  neue  Trusts  gegründet
worden,  sodass  im  Mai  1900  der  Verfasser  eines  in  der
Revue  des  Revues  veröffentlichten  Artikels  zu  dem  Schluss
gelangen  konnte,  „dass,  wenn  man  die  Capitalien  der  verschiedenen, ­
  fast  überall  thätigen,  aber  in  den  Vereinigten
Staaten  ordnungsgemäss  registrierten  Trusts  zusammenzählt, ­
  eine  Summe  von  wenig  unter  50  Milliarden  herauskommt, ­
  also  zehnmal  so  viel,  wie  Deutschland  nach  der
Niederlage  von  1870  Frankreich  als  Kriegskosten  auferlegte.“ ­

Die  merkwürdigsten  unter  diesen  riesigen  Organisationen, ­
  die  allen  anderen  als  Vorbilder  gedient  haben,
sind  sicherlich  die  Petroleum-,  Zucker-  und  Stahltrusts.*)

*)  Vergl.  R  o  u  s  i  e  r  s  ,  pag.  16—77,  130—183.  Die  Schlussfolgerungen, ­
  die  Rousiers  in  seinem  materialreichen  Buche  zieht,
sind  entschieden  von  den  socialistischen  abweichend.  Der  Verfasser ­
  schreibt  in  der  That  die  Entwickelung  der  Trusts  teils
den  besonderen  Existenzbedingungen  gewisser  Industrieen
(Pctroleumraffinerie),  teils  dem  Einfluss  der  Schutzzölle  zu
(Zuckerraffinerie  etc.).  Eine  Widerlegung  dieser  Ansicht  gab  ein
nichtsocialistischer  Gelehrter,  nämlich  Professor  W.  J.  Ashley
in  seiner  Rede  in  der  British  Economic  Association  vom
22.  März  1899.  (The  American  trusts.  Economic  Journal,  Juni
1899.)  Nachdem  er  constatiert  hat,  dass  sich  die  Tendenz  zur
Monopolbildung  in  verschiedenem  Masse  in  allen  industriellen
Ländern  findet  und  keineswegs  ein  specielles  Merkmal  der
Vereinigten  Staaten  ist,  schliesst  Ashley:  „Lange  bevor  wir
zum  socialistischen  Staate  gekommen  sein  werden  —  vorausgesetzt, ­
  dass  wir  überhaupt  dahin  kommen  —  drängt  sich  die
Hau’ptschwicrigkeit  des  Socialismus,  die  Verteilung  des  socialen
Arbcitsproductes  ohne  Hilfe  der  Concurrenz,  in  der  einen  oder
anderen  Form  den  praktischen  Politikern  als  Problem  auf."
Der  Redner  betont  dann  die  Notwendigkeit,  die  Monopolisation
der  englischen  Grossindustrieen  zu  studieren;  denn  trotz  der
Vandervelde:  Die  Entwickelung  zum  Socialismus.  6
        <pb n="87" />
        —  82  —

Der  Petroleumtrust  (The  Standard  Oil  Company),  der
aus  dem  Jahre  1872  stammt,  besitzt  alle  Röhrenleitungen
(Pipe  lins),  die  manchmal  in  einer  Länge  von  5  bis  600
Kilometer  die  Productionsstätten  in  Pennsylvanien  und
Ohio  mit  den  am  Atlantischen  Ocean  oder  an  den  grossen
Seeen  gelegenen  Raffinerieen  verbinden.  Alle  diese
Raffinerieen  stehen  im  Besitze  des  Trusts.  Neun  Personen
besitzen  das  riesige  Capital,  das  in  diesem  Unternehmen
angelegt  ist:  400  Millionen  Mark.  Ihr  Monopol,  an  dem
alle  repressiven  Gesetze  gescheitert  sind,  ist  so  gut  wie
vollständig.  Man  sagt  übrigens,  dass  der  americanische
Trust,  um  über  ein  noch  grösseres  Gebiet  zu  verfügen,  mit
den  Petroleumkönigen  von  Galizien  und  Kaukasien  ein
Abkommen  getroffen  habe.  Das  wäre  ein  neuer  Dreibund,
durch  den  sich  die  Rockefeller,  die  Londoner  und  die
Wiener  Rothschilds  in  die  Petroleumversorgung  Europas
geteilt  hätten.
Der  Zuckertrust,  oder  richtiger  gesagt,  der  Trust  der
Zuckerraffinerieen  (The  American  sugar  refining  Company), ­
  der  unter  dem  Schutze  einer  überstiegenen  Zollprotection ­
  abgeschlossen  wurde,  monopolisiert  heute  die
ganze  Fabrication,  während  es  noch  im  Jahre  1880  in  den
Vereinigten  Staaten  49  selbständige  Firmen  gab  ;  er  verfügt ­
  über  ein  Capital  von  27V2  Millionen  Dollars.  Um
sein  Monopol  zu  befestigen,  hat  der  Trust  Eisenbahnen
und  Fabriken  aller  Arten  angekauft  ;  er  ist  an  einer  ganzen
Menge  anderer  Unternehmungen  interessiert,  wie  z.  B.
an  den  Mehltrusts  der  Staaten  New  York  und  Minnesota,
an  dem  Magazintrust  von  Brooklyn,  an  den  Strassenbahnen
  von  Providence,  an  verschiedenen  Eisenbahnlinien
und  einer  Anzahl  Banken.

Ueberfülle  von  Thatsachen  ist  die  Litteratur  über  diesen  Gegenstand ­
  sehr  arm.  Vergl.  indessen  den  Artikel  von  Macrosty:
The  Growth  of  Monopoly  in  British  Industry  (Contemporary
Review,  März  1899),
        <pb n="88" />
        6

«3

Was  den  Stahltrust  anlangt,  so  verdanken  wir  seine
Gründung  zu  Anfang  des  Jahres  1897  einer  Verbindung
zwischen  dem  bekannten  Pittsburger  Eisenindustriellen
Carnegie  und  dem  Petroleum-  und  Minenkönig  Rockefeller.
Carnegie  stand  bereits  an  der  Spitze  aller  Fabricanten
von  Bessemer  Stahl  ;  seine  Fabriken  lagen  im  Centrum  der
reichsten  Kohlenbassins  von  Pennsylvanien,  dieses  gelobten
Landes  der  Kohlenproduction.  Wenn  es  ihm  gelang,  die
Mineralien  vom  Oberen  See  ebenso  billig  nach  Pittsburg
wie  nach  Chicago  oder  nach  Cleveland  zu  transportieren,
dann  war  es  um  seine  Concurrenten  geschehen.
Wir  haben  bereits  gesehen,  dass  Rockefeller  seinerseits
die  grossartigen  Erzlager  am  Oberen  See  an  sich  gerissen
hatte.  Er  hatte  Eisenbahnen  gebaut,  Docks  gegründet,
eine  ganze  Flotte  von  riesigen  Transportschiffen  eigens
für  Mineralien  bauen  lassen.  Ende  1896  war  diese  Flotte
im  stände,  den  vernichtenden  Concurrenzkampf  gegen  die
früheren  Einrichtungen  zum  Mineralientransport  zu  eröffnen. ­
  „Der  Minenkönig,“  so  sagt  Rousiers,  „konnte  seine
Hand  dem  Stahlkönig  reichen  und  mit  ihm  zusammen
jeder  Coalition  die  Spitze  bieten.“  So  entstand  die  Rockefeller-Carnegie ­
  Combination:  die  Minengesellschaft ­
  vom  Oberen  See  vermietete  auf  50  Jahre  ihre
Gruben  und  ihre  Transportflotte  an  die  Gesellschaft
Carnegie,  die  sich  auf  die  Weise  zur  unumschränkten  Beherrscherin ­
  des  Marktes  aufschwang.
Die  Folgen  dieser  Concentration  sind  natürlich  für
die  anderen  Producenten  verhängnisvoll,  aber  man  kann
doch  nicht  behaupten,  dass  sie  auch  für  die  Consumenten
schlecht  gewesen  wären;  obschon  sie  ungeheure  Profite
einsteckten,  konnten  doch  Carnegie  und  Rockefeiler  ihre
Preise  ermässigen  und  sogar  an  die  Eroberung  des  europäischen ­
  Marktes  denken.
Im  allgemeinen  werden  die  schweren  politischen  und
socialen  Nachteile  solcher  grosser  Monopole  zum  Teil
wieder  wett  gemacht,  durch  die  Vorteile  der  Socialisierung
        <pb n="89" />
        der  Arbeit,  der  technischen  Ueberlegenheit  auf  einer  höheren ­
  Stufe.  Das  mangelhafte  Werkzeug,  die  überlebten
Methoden,  die  alten  Formen  der  Industrie  verschwinden,
entweder  weil  sie  durch  die  Concurrenz  vernichtet  werden,
oder  weil  die  Leitung  des  Trusts  sie  selbst  systematisch
abschafft.  So  schloss  z.  B.  der  Whiskytrust,  der  80  Fabriken ­
  umfasste,  auf  der  Stelle  68  davon  aus,  um  die  Production ­
  in  den  12  anderen,  die  selbstverständlich  mit  allen  Verbesserungen ­
  der  modernen  Technik  ausgerüstet  waren,
zu  concentrieren.*)
Dank  dieser  künstlichen  Zuchtwahl,  die  in  erster  Linie
auf  eine  Verminderung  der  Productionskosten  hinausläuft, ­
  kommen  die  Trusts,  die  ursprünglich  gegründet
waren,  um  eine  Preiserhöhung  durchzusetzen,  häufig  gar
zu  einer  Preisermässigung.  Aber  es  bleibt  deshalb  nicht
minder  wahr,  dass  die  Consumenten  anfangs  mehr  zahlen
als  früher  —  unsere  Hausfrauen  haben  diese  Erfahrung
beim  Petroleum  gemacht  —  und  dass  sie  später,  wenn  die
Vorteile  der  Grossproduction  sich  auch  für  sie  bemerkbar
machen,  noch  immer  mehr  zahlen  müssen,  als  wenn  die
Producte  nicht  zum  Profit  der  capitalistischen  Monopole
mit  schweren  Lasten  belegt  wären.
Unlängst  sagte  eine  americanische  Zeitung,  man  könne
bald  nicht  mehr  trinken,  essen,  sich  keinen  Anzug  mehr
anziehen,  kurz,  überhaupt  gar  nichts  mehr  kaufen,  ohne
irgend  einem  Trust  seinen  Obolus  zu  entrichten.
Nehmen  wir  z.  B.  an,  Sie  gingen  in  irgend  ein  Restaurant ­
  in  New  York  oder  Philadelphia:  „Der  Kellner  bringt
zunächst  ein  Erfrischungsgetränk,  den  Cocktail,  dessen
Hauptbestandteil,  der  Whisky,  sich  unter  der  Controle  des
Whiskytrust  (35  Millionen  Dollar  Capital)  befindet.  Die
Suppe  kann  nicht  ohne  den  Beef  Trust  von  Chicago  hergestellt ­
  werden  (100  Millionen  Dollar  Capital)  ;  die  Austern

*)  Siehe:  Lief  mann,  a.  a.  O.  (Revue  d’Economie
politique,  1899,  pag.  657).
        <pb n="90" />
        85

liefert  der  neulich  gegründete  Oyster  Trust  (5  Millionen
Dollar).  Wenn  Sie  einige  hors  d’oeuvres  verlangen  —
Radieschen,  Sellerie,  Oliven  —,  dann  richten  Sie  sich
nur  gleich  auf  eine  Abgabe  an  den  Farm  and  daily  product
Trust  ein  (15  Millionen  Dollar).  Beim  Fisch  erscheint
der  Fischtrust  (10  Mill.  Dollar);  beim  Braten  der  Fowls
Trust  (20  Millionen  Dollar).  Nun  kommen  wir  zum
Dessert  :  Der  Pudding  ist  das  Product  der  American
Flour  Company  (120  Millionen  Dollar).  Die  Früchte  liefert
die  American  Fruit  Company;  die  Bisquits  der  National
Bisquit  Trust,  die  Schlagsahne  die  American  Ice  Cream
Company.  Wenn  Sie  nun  noch  Lust  haben,  eine  Tasse
Kaffee  zu  trinken  oder  eine  Cigarre  zu  rauchen,  dann
vergessen  Sie  nicht  das  Kaffeesyndicat  (60  Millionen
Dollar)  und  den  Tabaktrust  (75  Millionen  Dollar).  Das
ergiebt  eine  ganz  stattliche  Menge  von  Trusts  auf  einmal.“ ­

Und  was  für  die  Tafel  richtig  ist,  das  gilt  eben
auch  für  die  anderen  Lebensbedürfnisse.  Mit  einer
wachsenden  Geschwindigkeit  umfassen  die  Trusts,  dank
ihrer  höheren  Productivität  alle  Industriezweige  und  befestigen ­
  ohne  Unterlass  ihre  dreifache  Herrschaft  auf
ökonomischem,  socialem  und  wirtschaftlichem  Gebiete.
Denn  es  sind  nicht  allein  die  Consumenten,  sondern  auch,
und  zwar  ganz  besonders,  die  Arbeiter,  vom  socialen  Gesichtspuncte
  aus,  und  die  grosse  Masse  der  Staatsbürger,
vom  politischen  Gesichtspuncte  aus,  die  die  vielfachen
Schäden  eines  Systems  zu  erdulden  haben,  bei  dem  alles
darauf  hinausgeht,  die  Herrschaft  der  ganz  Reichen  zu  begründen. ­

Es  ist  in  der  That  nicht  zweifelhaft,  dass  die  durch
die  Trusts  bewirkte  Concentration,  die  einmal  den  Zusammenhang ­
  zwischen  den  Unternehmern  bestärkt  und
andermal  die  industrielle  Reservearmee  vermehrt,  um
ebensoviel  die  relative  Kraft  der  Arbeiterorganisationen
schwächt.
        <pb n="91" />
        Wenn  sich  anderenteils  die  Arbeiter  der  politischen
Bewegung  zuwenden,  nachdem  sie  erkannt  haben,  dass  die
ökonomischen  Mittel  allein  nicht  mehr  ausreichen,  um
ihnen  den  Sieg  zu  sichern,  dann  befinden  sie  sich  der  Plutokratie
  der  herrschenden  Classe  gegenüber,  die  alle  Aemter
im  Besitz  hat,  die  mit  allen  Mandaten  Schacher  treibt
und  alle  Beschlüsse  einem  nur  gar  zu  oft  servilen  und
corrumpierten  parlamentarischen  und  administrativen  Personale ­
  inspiriert.  Die  Trusts  regieren  im  Weissen  Hause,
haben  ihre  Sitze  in  den  Kammern,  regeln  nach  ihrem
Vorteil  die  Zollgesetzgebung  und  entscheiden  in  letzter
Linie  über  die  auswärtige  Politik.
Aber  so  hassenswert  auch  ihre  Tyrannei  sein  mag,  wie
revoltierend  auch  die  Missbrauche  dieser  capitalistischen
Concentration  wirken  mögen,  man  darf  darüber  doch  nicht
vergessen,  dass  die  grossen  Monopole  das  Zustandekommen ­
  einer  neuen  Gesellschaftsordnung  vorbereiten  und
erleichtern,  indem  sie  die  Productivkräfte  centralisieren.
Ihre  Entwickelung  aufhalten  zu  wollen,  das  hiesse,  die
Ausdehnung  der  Industrie  selbst  aufhalten;  das  Ziel,  das
man  erstreben  muss,  ist,  ihre  Vorteile  zu  socialisieren.
Ein  americanischer  Collectivist,  Daniel  de  Léon,  hat
das  sehr  gut  mit  folgenden  Worten  ausgedrückt:  „Die
Leiter,  auf  der  die  Menschheit  zur  Civilisation  emporgestiegen ­
  ist,  ist  der  Fortschritt  der  Arbeitsmethoden  und
das  immer  vollkommener  werdende  Werkzeug  (the  ever
more  powerful  tool  of  production).  Der  Trust  steht  auf
der  obersten  Stufe  der  Leiter,  um  ihn  fegen  die  Stürme
der  modernen  socialen  Ordnung.  Die  capitalistischen
Classen  möchten  ihn  zu  ihrem  eigenen  ausschliesslichen
Nutzen  erhalten.  Der  Mittelstand  möchte  ihn  zertrümmern,
würde  aber  damit  gleichzeitig  den  Fortschritt  der  Civilisation ­
  aufhalten.  Das  Proletariat  endlich  will  ihn  erhalten
und  zugleich  verbessern  und  seine  Vorteile  allen  zu  gute
kommen  lassen.“
        <pb n="92" />
        III.  Capitel.
Die  Einwendungen

„Opportet  haereses  esse.“
Ter  tullían.
Wenn  wir  die  industrielle  Entwickelung,  die  wir  eben
beschrieben  haben,  mit  einem  Blick  zu  überschauen  versuchen, ­
  so  stellt  sie  sich  uns  dar  als  eine  durch  die
Jahrhunderte  hindurchgehende  gigantische  und  unaufhaltsame ­
  Tendenz  zur  Vergesellschaftung  der  Arbeit  durch  die
Concentration  der  Arbeits-  und  Austauschmittel.
Diese  Concentration  erscheint  in  zwei  verschiedenen,
aber  im  allgemeinen  zusammenhängenden  und  aufeinander
wirkenden  Arten  :  Concentration  der  Werkstätten  und  Concentration ­
  der  Unternehmungen.
Auf  der  einen  Seite  verschwinden  in  einer
ganzen  Reihe  von  Industriezweigen  die  Einzelwerkstätten
infolge  ihrer  technisch  mangelhaften  Einrichtungen,  oder
spielen  doch  wenigstens  nur  noch  eine  locale  und  beiläufige
Rolle:  die  Nibelungenschmiede  macht  den  Grosseisenwerkstätten ­
  von  Seraing,  den  Fabriken  von  Pittsburg,  den
Kanonengiessereien  von  Essen  oder  von  Creusot  Platz.
Auf  der  anderen  Seite  erweitern  die  individuellen
Unternehmungen  immer  mehr  den  Kreis  ihrer  Geschäfte
und  kommen  auf  diese  Weise  schliesslich  dazu,  ihren  Platz
Actiengesellschaften  oder  Genossenschaften  zu  räumen,  die
        <pb n="93" />
        allein  im  stände  sind,  das  zur  Production  grossen  Stils
notwendige  Capital  zusammenzubringen.  Dann  kommen
die  Coalitionen,  die  Cartelle  und  endlich  der  Trust,  das
vollkommene  Monopol,  die  mehr  oder  weniger  streng
durchgeführte  einheitliche  Organisation  der  Warenverfertigung ­
  und  des  Austausches.
Das  ist  bereits  der  mehr  oder  weniger  ausgebildete
Stand  der  Hauptindustrieen  —  im  weitesten  Sinne  des
Wortes  —,  die  man  so  nennt,  weil  sie  entweder  uns  mit
den  hauptsächlichsten  Lebensbedürfnissen  versehen,  oder
weil  sie  die  Rohstoffe  für  andere  Industriezweige  liefern,
oder  endlich,  weil  sie  der  Allgemeinheit  Dienste  von  solch
allgemeinem  Charakter  leisten,  dass  man  sie  fast  wie
Staatseinrichtungen  anzusehen  geneigt  ist.
Dahin  gehören  z.  B.  :  Eisenbahnen,  Kanäle,  Emissionsund ­
  Escomptebanken,  Post,  Telegraph  und  Telephon,  Versicherungsanstalten,— ­
  mit  einem  Wort  die  Centralorgane
der  grossen  Einrichtungen,  die  den  Circulationsprocess
der  Güter  und  die  Beziehungen  zwischen  den  Menschen
sichern,  erleichtern,  beschleunigen,  oder  regulieren.
Ferner  unter  den  Rohstoffindustrieen  diejenigen,  die
die  anderen  Industriezweige  mit  Kohlen,  Eisen,  Holz  oder
Steinen  versorgen.
Endlich  solche,  die  diejenigen  Lebensbedürfnisse,  nach
denen  in  allen  Schichten  der  Bevölkerung  Nachfrage
herrscht,  fabricieren  oder  vertreiben:  Brot,  Wasser,  Salz
und  Zucker,  Petroleum  und  Leuchtgas,  Tabak  und  Alkohol,
Kleider,  Schuhwerk  und  in  kleinerem  Umfang  auch:  Milch,
Butter,  Margarine,  Fleisch,  Colonialwaren,  pharmaceutische
  Producto  u.  s.  w.
Diese  verschiedenen  Industriezweige  beschäftigen  ganz
unleugbar  die  grosse  Masse  der  Arbeiterbevölkerung.
Wenn  sie  verstaatlicht  würden,  dann  würde  das  Gebiet  der
Privatindustrie  nur  noch  einen  kleinen  Raum  einnehmen.
Heutzutage  ist  aber  schon  eine  grosse  Anzahl  von  ihnen,
sei  es  ganz,  sei  es  teilweise,  socialisiert  :  wir  haben  Salz-,
        <pb n="94" />
        Tabak-  und  Alkoholmonopole;  staatlichen  Betrieb  der
Eisenbahnen,  Posten,  Telegraphen  und  Telephone;  die
mehr  oder  weniger  streng  durchgeführte  Verstaatlichung
der  Emissionsbanken,  mit  Gewinnbeteiligung  des  Staates;
wir  haben  die  Verstadtlichung  des  Wassers,  des  Gases  und
der  Elektricität,  der  Strassenbahnen  und  der  Schlachthäuser; ­
  wir  haben  collectives  oder  communales  Eigentum
an  Forsten,  Bergwerken,  Canälen  und  Strassen.
Diejenigen  Hauptindustrieen,  die  noch  in  der  Sphäre
des  Privatcapitals  verbleiben,  zeigen  fast  alle  —  genau  im
Verhältnis  der  Grossproduction,  die  die  Grösse  ihres  Absatzgebietes ­
  erheischt  —  einen  hohen  Grad  capitalistischer
Concentration:  in  den  Vereinigten  Staaten  sind  die  Telegraphenlinien ­
  in  den  Händen  zweier  Gesellschaften;  einige
grosse  Lebensversicherungsanstalten  teilen  die  Welt  unter
sich  auf  ;  die  grossen  Centralemissionsbanken  schaffen  eine
Leere  um  sich  her,  obschon  sie  kein  eigentliches  Monopol
haben;  der  Dreibund  des  Petroleums,  die  Zucker-  und
Whiskytruste  sichern  die  Herrschaft  einer  Handvoll  Capitalisten;
  die  Metallindustrie,  Kohlenindustrie  und  Textilindustrie ­
  stellen  die  vollkommensten  Typen  der  Grossindustrie ­
  dar.  Und  selbst  in  den  Nahrungsmittelindustrieen
oder  in  der  Bekleidungsindustrie,  die  eine  Ausnahme  von
der  Regel  zu  machen  scheinen,  beginnen  jetzt  die  grossen
Magazine,  die  Genossenschaften,  die  verschiedenen  Formen
der  technischen  und  commerciellen  Concentration,  eine
grosse  Zahl  von  Kleinhändlern  entweder  ganz  auszuschalten
oder  vollkommen  zu  versclaven.
Wie  gross  demnach  auch  die  Zahl  der  Hilfsindustrieen
sein  mag,  die  infolge  der  wachsenden  Arbeitsteilung  aufspriessen,
  so  kann  doch  keinem  Zweifel  unterliegen,  dass
alle  Hauptindustrieen,  wenigstens  vom  Standpunct  der
Production  aus,  in  einer  nahen  Zukunft  socialisiert  sein
werden.  Und  dieses  Streben  nach  Centralisation  tritt  mit
einer  solchen  Deutlichkeit  auf,  dass  sogar  die  Gegner  des
Socialismus  nicht  daran  denken  können,  es  abzuleugnen;
        <pb n="95" />
        90

aber  sie  bestreiten  die  allgemeine  Bedeutung  der  Thatsache,
  lehnen  die  Schlussfolgerungen  ab,  die  man  daraus
zieht  und  stellen  —  darin  mit  einigen  Socialisten  übereinstimmend ­
  —  dem,  was  sie  das  Dogma  der  capitalistischen
Concentration  nennen,  eine  Reihe  von  Einwendungen  entgegen, ­
  deren  wichtigsten  die  folgenden  sind  :
I.  Die  Zahl  der  Kleinbetriebe  nimmt  wenigstens  im
Handel  und  der  Landwirtschaft  zu,  statt  ab  :  man  kann
demnach  nicht  von  einem  allgemeinen  Gesetze  der
capitalistischen  Concentration  in  allen  Productionszweigen
  sprechen.
2’.  Ferner  bedeutet  die  Concentration  der  Betriebe  nicht
auch  eine  Concentration  der  Vermögen;  weit  entfernt,
sich  zu  gunsten  einiger  Capitalmagnaten  zu  vermindern, ­
  zeigt  die  Zahl  der  Besitzenden  viel  mehr  eine
Tendenz  zur  Zunahme;  die  Actiengesellschaften
demokratisieren  das  Capital.
3.  In  der  Arbeiterclasse  selbst  erneut  die  Entwickelung
des  Sparens  das  kleine  Eigentum  in  einer  anderen
Form.
Deshalb  ist  nicht  wahr,  dass  die  Entwickelung  des
Capitalismus  schliesslich  dazu  führt,  zwei  entgegengesetzte ­
  Classen  zu  schaffen,  von  denen  die  eine  durch
den  arbeitslosen  Besitz,  die  andere  durch  die  besitzlose ­
  Arbeit  gekennzeichnet  wird.
Wir  werden  kurz  untersuchen,  was  wahres  an  diesen ­
  verschiedenen  Einwendungen  ist.

§  I.
Die  Ersparnisse  der  Arbeiter.
Die  belgische  Enquete  vom  Jahre  1892  über  die  Löhne
und  Haushaltungsrechnungen  der  Arbeiter  gestattet  uns,
die  Wichtigkeit  des  „capitalistischen  Eigentums“,  das  das
Proletariat  in  den  Sparcassen  sammelt,  auf  seinen  wahren
Wert  zu  prüfen.  Thatsächlich  stellt  sie  fest,  dass  bei  der
        <pb n="96" />
        Gesamtheit  der  von  den  Arbeitsräten  beobachteten  Arbeiterhaushalten ­
  das  Einkommen  aus  anderen  Quellen  als  aus
dem  Lohne  oder  der  öffentlichen  Armenunterstützung  nur
i,8  o/o  ausmacht.*)
Gewiss  bedeuten  die  532  Millionen,  die  1898  bei  den
Sparcassen  eingelegt  waren,  eine  grosse  Summe.  Mehr
als  eine  halbe  Milliarde,  so  hört  man  sagen,  das  ist  doch
etwas!  Freilich,  aber  man  darf  nicht  vergessen,  dass
diese  halbe  Milliarde  sich  auf  1  500000  Sparcassenbücher
verteilt,  dass  die  grössten  Sparcassenbücher  nicht  Arbeiterfamilien ­
  gehören  und  dass  die  Durchschnittssumme  der
Depots  nur  372,87  Francs  beträgt,  was  einem  jährlichen
Zinseinkommen  von  13,05  Francs  gleichkommt!
Von  100  Sparcassenbüchern  lauteten  42,2  auf  1—20
Francs;  19,2  auf  21—100  Francs;  18,7  auf  101—500
Francs;  6,9  auf  501—1000  Francs;  13,0  auf  1001  Francs
und  mehr.
Mehr  als  60  von  100  Sparcassenbüchern  lauteten  also
auf  weniger  als  100  Francs.  Selbst  wenn  man  nun  noch
den  Inhalt  der  Sparbüchsen  und  der  bekannten  Sparstrümpfe ­
  hinzunimmt,  die  Summen,  die  in  Privatsparcassen
festgelegt  sind,  sie  Mittel  der  Arbeitergenossenschaften,
die  auf  die  Häuser  der  Wohngenossenschaften  eingetragenen ­
  Capitalien,  so  muss  man  doch  immer  noch  der  Schlussfolgerung ­
  beistimmen,  dass  es  eine  bittere  Ironie  ist,  wenn
man  die  Proletarier  als  kleine  Capitalisten  bezeichnen  will.
§  2.
Die  Demokratisierung  des  Capitals.
„In  der  Socialdemokratie  herrscht  die  Vorstellung
vor  oder  drängt  sich  doch  immer  wieder  dem  Geiste
auf,  dass  der  Concentration  der  industriellen  Unternehmungen ­
  eine  Concentration  der  Vermögen  parallel  läuft.  Das
*)  Budgets  ouvriers  pour  le  moi  d’avril  1891  (Brüssel,
Weissenbruch,  1892),  pag.  433  ff.
        <pb n="97" />
        ist  aber  keineswegs  der  Fall.  Die  Form  der  Actiengesellschaft
  wirkt  der  Tendenz:  Centralisation  der  Vermögen
durch  Centralisation  der  Betriebe  in  sehr  bedeutendem
Masse  entgegen.  Sie  erlaubt  eine  weitgehende  Spaltung
schon  concentrierter  Capitale  und  macht  Aneignung  von
Capitulen  durch  einzelne  Magnaten  zum  Zwecke  der  Concentrierung
  gewerblicher  Unternehmen  überflüssig.“*)
Wir  wollen  nicht  bestreiten,  dass  diese  Bemerkungen
ein  Körnchen  Wahrheit  enthalten.  Aber  es  würde  ein
grober  Irrtum  sein,  diese  beiden  Erscheinungen:  Concentration ­
  des  Eigentums  und  Concentration  der  Production
zu  identificieren.
Das  Eigentum  an  Grund  und  Boden  z.  B.  kann  sich
concentrieren,  während  der  Betrieb  zersplittert  wird.
Andernteils  bedeutet  die  Schaffung  grosser  Unternehmungen ­
  in  der  Form  von  Actiengesellschaften  an  sich  noch
nicht,  dass  die  Vermögensconcentration  mit  der  Concentration ­
  der  Productionsmittel  gleichen  Schritt  hält;  aber
noch  weniger  darf  man  daraus,  wie  Bernstein  vielfach
zu  thun  scheint,  schliessen,  dass  die  Centralisation  der
Capitale  in  der  Form  der  Actiengesellschaften  Hand  in
Hand  geht  mit  einer  Vermögensdecentralisation  in  der
Form  von  Actien  und  Obligationen.
In  seiner  Antwort  auf  Bernstein  zeigt  im  Gegenteil
Karl  Kautsky  sehr  klar,  dass  die  zur  Unterstützung  dieser
Vermutung  herangezogenen  Gründe  entweder  ohne  Beweiskraft ­
  oder  direct  irrig  sind.**)
Dass  die  Entwickelung  der  Grossproduction  die  absolute ­
  Zahl  der  Capitalisten,  die  ein  arbeitsloses  Einkommen
gemessen,  vergrössert,  ist  unbestreitbar;  aber  zu  gleicher
Zeit  vermehrt  sich  die  Zahl  der  Proletarier  in  viel  grösserem
Massstabe,  und  diese  doppelte  Bewegung  geschieht  auf

*)  Bernstein:  Die  Voraussetzungen  des  Socialismus,
Pag.  47-**)
  Kautsky:  Bernstein  und  das  socialdemokratische  Programm, ­
  pag.  80  ff.
        <pb n="98" />
        Kosten  der  verschiedenen  Kategorieen  selbständiger  Gewerbetreibender, ­
  Handwerker,  Fabricanten  und  bäuerlicher
Besitzer.
Man  nimmt  nun  freilich  die  Einkommensteuerlisten
zur  Hilfe,  um  darzuthun,  dass  die  Zahl  der  Besitzenden  in
den  Mittelschichten,  in  der  kleinen  oder  mittleren
Bourgeoisie  zunimmt,  statt  abzunehmen.  Aber  selbst  wenn
wir  annehmen,  dass  diese  Statistiken  das  Vertrauen  verdienen, ­
  das  man  ihnen  entgegenbringt,  so  ist  doch  die
Zunahme  der  Zahl  der  Einkommen,  die  das  Existenzminimum ­
  überschreiten,  in  aller  Welt  noch  kein  Beweis
für  die  Zunahme  der  Zahl  capitalistischer  Eigentümer.
Diese  Einkommen  können  in  der  That  aus  der  Arbeit
und  nicht  aus  dem  Besitze  entspringen.  Für  Sachsen
hat  z.  B.  Herkner  nach  den  Steuerlisten  von  1879  und
1894  bewiesen,  dass  die  beiden  Schichten  der  Bevölkerung,
deren  relative  Zunahme  am  bedeutendsten  ist,  aus  Arbeitern ­
  in  mittleren  Lebensumständen  auf  der  einen  Seite,
und  aus  Millionären  auf  der  anderen  Seite  bestehen.*)
Die  enorme  Steigerung  der  Productivität  übt  natürlich, ­
  trotz  zahlreicher  beklagenswerter  Ausnahmen,  einen
Einfluss  auf  den  allgemeinen  Lebensstand  aus;  sie  erhöht
in  einem  gewissen  Masse  den  Durchschnitt  der  Löhne  und
*)  Nachstehend  die  von  Kautsky  auf  Seite  88  seines
Buches  angeführte  Uebersicht  :

Personen
mit
einem  Einkommen  von

1879

18R4

Zunahme
procentual  absolut

bis  800  Mark
800—  1  000  „
1  600—  3  300  „
3  300-  9  600  „
9  600—54  000  '  „
mehr  als  54  000  „

828  686
165  362
61  810
24  072
4  683
238

972  257
357  974
106  136
41  890
10  518
886

143  571
192  612
44  326
17818
5  835
648

17,3
116.4
71,6
74,0
154.4
272,0
        <pb n="99" />
        94

Gehälter  ;  sie  begünstigt  aber  in  viel  höherem  Grade
noch  die  Centralisation  der  Vermögen  in  den  Händen
grosser  Capitalisten  :  Das  XIX.  Jahrhundert  ist  nicht  nur
das  Jahrhundert  der  Arbeiter  gewesen,  sondern  man  wird
es  auch  das  Jahrhundert  der  Milliardäre  nennen.
Die  Actiengesellschaften  ermöglichen  in  der  That  die
Schaffung  grosser  Unternehmungen  durch  das  Zusammenfassen ­
  kleiner  Capitalien;  aber  weit  davon  entfernt,  die
Zersplitterung  bereits  concentrierter  Capitalien  zu  begünstigen, ­
  zeigen  sie  vielmehr  die  Tendenz,  ihre  Concentration
noch  zu  steigern.  Mit  Hilfe  von  Actiengesellschaften
können  freilich  Tausende  von  kleinen  Leuten  sich  an
den  Geschäften  des  Panamacanals  oder  der  Goldminen
Transvaals  beteiligen;  aber  wer  wollte  wohl  behaupten,
dass  diese  Verwendung,  diese  Ausgiessung  der  kleinen
Sparcapitalien  eine  gleichmässigere  Verteilung  der  Vermögen ­
  bewirkte  ?  Ist  nicht  vielmehr  ganz  klar,  dass  die
armen  Teufel  von  Actionären  und  Obligationären,  die
bei  ihrer  Geschäftsungewandtheit  allen  Gefahren  ausgesetzt ­
  sind  und  häufig  alles  auf  eine  einzige  Karte  gesetzt
haben,  weit  mehr  riskieren,  als  die  Capitalmagnaten,  die
sich  doch  irrfmer  die  besten  Bissen,  den  Löwenanteil,
sichern  und  immer  Sorge  tragen,  die  ungünstigen  Chancen
dadurch  zu  neutralisieren,  dass  sie  „nicht  alle  Eier  in
dieselbe  Schürze  nehmen“  ?
Die  Vermehrung  der  Zahl  der  Actionäre  bedeutet
also  keine  Vermehrung  der  Zahl  der  Besitzenden  und
noch  weniger  die  Zerteilung  der  grossen  Vermögen  :  sie
beweist  nur,  dass  die  Actienform  mehr  und  mehr  zur
herrschenden  Form  des  Eigentums  wird.*)
*)  In  England  hat  sich  z.  B.  die  Zahl  der  Joint  Stock
Companies  von  9344  im  Jahre  1885  auf  25267  im  Jahre  1898
vergrössert.  Nach  Kershaw  (Joint  stock  enterprise  and  our
manufacturing  industry)  repräsentieren  aber  kaum  10  0/0  dieser
Gesellschaften  neue  Unternehmungen;  die  anderen  entstanden
durch  Umwandlungen  von  Privatunternehmungen  in  Actienunternehmungen.
  (The  Fortnightly  Review,  Mai  1900,  pag.  816.)
        <pb n="100" />
        —  95  —

*)  Bernstein:  Die  Voraussetzungen  des  Socialismus
Pag.  57-Die

  Vermehrung  der  kleinen  Unternehmungen. ­

Eduard  Bernstein  hat  sich,  übrigens  nicht  ohne  Grund,
bemüht,  die  etwas  naiven  Illusionen  gewisser  Socialisten
über  die  Schnelligkeit  und  die  Grösse  des  Fortschritts
der  industriellen  Concentration  zu  zerstören.  „Wenn  der
unablässige  Fortschritt  der  Technik  und  Centralisation  der
Betriebe,“  so  sagt  er,  „in  einer  zunehmenden  Zahl  von
Industriezweigen  eine  Wahrheit  ist,  deren  Bedeutung  sich
heute  kaum  noch  verbohrte  Reactionäre  verschweigen,  so
ist  es  eine  nicht  minder  feststehende  Wahrheit,  dass  in
einer  ganzen  Reihe  von  Gewerbszweigen  kleinere  und
Mittelbetriebe  sich  neben  Grossbetrieben  durchaus  lebensfähig ­
  erweisen.“*)
Wir  haben  gesehen,  dass  diese  Lebenskraft  der  kleinen
Betriebe  nur  allzu  häufig  auf  der  übermässigen  Ausbeutung
der  Kleinbauern  und  der  Heimarbeiter  beruht.  Wenn
man  sich  freilich  ohne  weiteres  nur  an  die  Statistiken
hält,  dann  ist  nicht  zweifelhaft,  dass  Bernstein  mit  den
Ziffern  in  der  Hand  recht  behält.
In  den  meisten  Handelszweigen  nimmt  die  Zahl  der
kleinen  Läden,  trotz  der  Grossmagazine,  beständig  zu.
In  vielen  landwirtschaftlichen  Gegenden  geht  die  Grösse
der  Unternehmungen  zurück,  statt  sich  auszudehnen,  wenn
nämlich  die  Cultur  intensiver  wird  und  infolgedessen  mehr
Capitalien  beansprucht.  In  der  eigentlichen  Industrie  endlich ­
  nehmen  nur  die  Zwergbetriebe,  die  alleinarbeitenden
Handwerker,  relativ  und  absolut  ab,  während  sich  die
kleinen  und  mittleren  Unternehmungen  vermehren,  allerdings ­
  weniger  rasch,  als  die  grossen  Unternehmungen.
Während  also  die  Zahl  der  kleinen  Betriebe  in  gewissen
        <pb n="101" />
        96

Gegenden  oder  gewissen  Geschäftszweigen  infolge  der
capitalistischen  Concentration  abnimmt,  nimmt  sie  in
anderen  Gegenden  oder  anderen  Geschäftszweigen  wieder
zu,  infolge  der  steigenden  Arbeitsteilung,  so  zwar,  dass
häufig  diese  Zunahme,  jene  Abnahme  wett  macht.
I.  Handelsunternehmungen.
Wir  wissen,  dass  es  gerade  die  Fortschritte  der  Grossindustrie ­
  sind,  die  die  Handelsunternehmungen  vermehren;
einmal  dadurch,  dass  sie  die  Masse  der  Tauschbeziehungen
vermehren,  dann  dadurch,  dass  sie  die  früher  selbständigen
Producenten  in  den  Detailhandel  hinabschleudern,  endlich
dadurch,  dass  Tausende  von  Arbeitern  in  der  Schaffung
eines  kleinen  Handels  z.  B.  in  der  Eröffnung  einer  Schnapsbude, ­
  ein  geringes  Nebeneinkommen  suchen.
Der  industriellen  Centralisation  entspricht  also  —  bis
zu  der  im  allgemeinen  später  eintretenden  Einführung  der
grossen  Magazine  —  eine  Periode  der  Decentralisation
im  Handel.  Im  allgemeinen  sind  aber  die  zahllosen
Zwischenhändler,  die  gar  keine  neuen  Werte  producieren
und  so  reichlich  zur  Preisverteuerung  der  Waren  beitragen, ­
  im  Grunde  nichts  anderes,  als  Beauftragte  der
capitalistischen  Industrie,  die  für  die  Vertreibung  der
Waren  zu  sorgen  haben.
2.  Landwirtschaftliche  Betriebe.
Die  Einwirkung  des  Capitalismus  auf  die  Landwirtschaft ­
  durch  die  Vermehrung  der  industriellen  und  Handel
treibenden  Bevölkerung  in  ländlichen  Districten  begünstigt
die  Verkleinerung  der  Betriebe  —  was  eine  Erhöhung
der  Pachtsummen  ermöglicht  —  und  das  Aufkommen  von
Parzellenwirtschaften,  die  die  Arbeiterfamilien  mit  Gemüse
und  Kartoffeln  versorgen.
An  einer  anderen  Stelle  haben  wir  einmal,  ebenso
wie  Karl  Kautsky  in  einem  der  Capitel  seines  Buches
        <pb n="102" />
        97

über  die  Agrarfrage,*)  die  ökonomischen  und  technischen
Ursachen  auseinandergesetzt,  die  heute  den  Fortschritt
des  Grossbetriebes  in  der  Landwirtschaft  hindern  :  Die
Unzulänglichkeit  und  der  hohe  Preis  der  Arbeitskräfte,
die  mehr  und  mehr  von  den  Städten  und  den  Industriecentren
  aufgesogen  werden;  die  Einwirkung  der  ausländischen ­
  Concurrenz,  die  auf  dem  vor  allem  Tauschwerte ­
  producierenden  Grossgrundbesitzer  schwerer  lastet,
als  auf  den  meistenteils  Gebrauchswerte  producierenden
Bauern;  der  fast  vollständige  Mangel  von  Interesse  beim
Pächter,  Meliorationen  einzuführen,  die  doch  nur  dem
Besitzer  des  Grund  und  Bodens  zu  gute  kommen  und
schliesslich  noch  zu  einer  Pachterhöhung  führen  könnten
u.  s.  w.  Aber  trot,z  aller  dieser  Hindernisse  kann  man
doch  in  verschiedenen  Ländern,  wie  z.  B.  in  Belgien,
wo  die  Entwickelung  des  Capitalismus  anfänglich  entgegengesetzte ­
  Erscheinungen  gezeitigt  hatte,  feststellen,
dass  die  Zahl  der  Grossbetriebe  wächst,  während  die  der
Kleinbetriebe  abnimmt.
Das  statistische  Jahrbuch  von  Belgien  für  das  Jahr
1900  äussert  sich  dazu  mit  folgenden  Worten:  „Nur  die
Betriebe  mit  weniger  als  5  Hektaren  und  besonders  die
mit  weniger  als  2  Hektaren  haben  abgenommen  (84569);
dagegen  haben  die  Betriebe  mit  über  10  Hektaren  und
ganz  besonders  die  mit  über  50  Hektaren  um  3789  zugenommen. ­
  Die  Concentration  des  Grundeigentums,  die
mit  der  Entwickelung  des  Grossbetriebes  und  der  Massenproduction
  an  Schlachtvieh  Hand  in  Hand  geht,  zeigt
sich  hier  sehr  deutlich.  Seit  dem  Jahre  1880  beobachten
wir  eine  Bewegung,  die  der  von  1866  bis  1880  gerade  ent-*)

  Kautsky:  Die  Agrarfrage,  Cap.  7.  Siehe  auch  über
die  relativen  Vorteile  der  kleinen,  mittleren  und  grossen  Cultur
Sombart:  Vergleichung  des  Gross-,  Mittel-  und  Kleingrundbesitzes ­
  mit  .Bezug  auf  ihre  wirtschaftliche  Leistungsfähigkeit.
(Sonderabdruck  aus  der  Zeitschrift  der  Landwirtschaftskammer
für  die  Provinz  Schlesien.)
Vandervelde:  Die  Entwickelung  zum  Socialismus.  'j
        <pb n="103" />
        9 8

gegengesetzt  ist  :  damals  hatte  die  Zahl  der  Kleinbetriebe
beträchtlich  zugenommen,  während  die  der  Grossbetriebe
sehr  abgenommen  hatte;  jetzt  verschwindet  das  ländliche ­
  Kleineigentum  vor  dem  Grossbetriebe.“*)
Wir  behaupten  natürlich  nicht,  dass  diese  Betriebsconcentration
  eine  allgemeine  Erscheinung  sei.  Die  Agrarstatistik ­
  von  Deutschland  ergiebt  z.  B.  ganz  entgegengesetzte ­
  Resultate.**)  Aber  wir  haben  doch  gesehen,  dass
in  allen  Ländern,  selbst  wenn  die  Zahl  der  Kleinbetriebe
zunimmt,  die  Zahl  der  unabhängigen  Kleinbauern,  der
bäuerlichen  Grundbesitzer,  unaufhörlich  abnimmt.
3.  Industrielle  Betriebe.
Die  industrielle  Concentration  schliesst  die  Kleinproducenten ­
  von  den  Hauptindustriezweigen  aus  und  verweist ­
  und  verbannt  sie  in  diejenigen  Industrieen,  deren
localer,  specieller,  künstlerischer  oder  Luxuscharakter  die
Teilung  der  Arbeit,  die  Einführung  von  Maschinen  und  das
Zusammenwirken  vieler  Arbeiter  nicht  gestattet  oder  noch
nicht  gestattet.  Aber  andernteils  ist  nicht  zweifelhaft,  dass
die  Entwickelung  des  Capitalismus  die  Zahl  dieser  Industrieen ­
  und  ihrer  Betriebe  vermehrt.
Zuerst  werden  auf  dem  Lande  die  kleinen  Producenten,
die  Handwerker,  die  für  den  localen  Markt  arbeiten,  notwendigerweise ­
  zahlreicher  und  zwar  in  dem  Masse,  wie
die  Production  der  Gebrauchswerte  für  den  häuslichen
Gebrauch  der  Production  von  Tauschwerten  Platz  macht.
Zweitens  lässt  die  Specialisierung  der  Arbeit,  während
die  grossen  Industrieen  sich  concentrieren,  immer  neue
Industrieen  emporspriessen,  gleichsam  Ableger  von  dem
Hauptstamm  der  Production.  So  finden  wir  z.  B.  in  der
letzten  Gewerbezählung  der  Provinz  Hennegau  neben  der

*)  Einleitung,  pag  XLI  (Brüssel,  1900).
**)  Hertz:  Die  agrarischen  Fragen  im  Verhältnis  zum
Socialismus  (Wien,  1899),  pag.  53  ff.
        <pb n="104" />
        7*  *

99

Glasfabrication,  der  Metallindustrie,  der  Kohlenindustrie
eine  ganze  Anzahl  von  neuen,  ganz  specialisierten  Gewerben, ­
  wie  z.  B.  die  Fabrication  von  Feueranzündern
aus  Korkspähnen,  von  Riemen  für  Holzschuhe,  von  Lederhüten ­
  für  die  Bergleute,  von  Rosenkränzen,  von  Holzsohlen
für  die  Galoschen,  von  Confetti,  von  Filtertüchem  und
allen  möglichen  anderen  Gegenständen.*)  Eine  ganze
Reihe  von  diesen  Industrieen  hat  dank  ihrer  Specialität
oder  ihrer  Neuheit  die  ersten  Phasen  ihrer  Entwickelung
noch  nicht  überschritten  und  vermehrt  so  die  Zahl  der
Kleinbetriebe.
Endlich  begünstigt  der  zunehmende  Reichtum  der
Capitalistenclasse,  die  einen  grossen  Teil  ihrer  Profite
für  unproductive  Zwecke  ausgiebt,  die  Entstehung  von
Kunst-  und  Luxusgewerben  und  sonstigen  Industriezweigen,
die  das  Ueberflüssige  für  eine  Minorität  herstellen,  während ­
  ein  grosser  Teil  des  Volkes  des  Notwendigsten  ermangelt. ­
  Denn  fast  alle  diese  Luxusgegenstände  werden,
wenigstens  im  Anfang,  durch  Plandarbeit,  sei  es  im  Hause,
sei  es  in  den  Werkstätten  der  kleinen  oder  mittleren
Industrie  hergestellt.
Kurz,  in  allen  Teilen  des  wirtschaftlichen  Lebens  consintieren ­
  wir,  dass  die  Concentration  und  Automatisation,
die  sich  in  einzelnen  Zweigen  durchsetzen,  die  unablässige
Bildung  neuer  Unternehmungen,  die  eine  kleine  Zahl  von
Arbeitern  beschäftigen,  nicht  nur  nicht  hindern,  sondern
oft  sogar  fördern.**)
Aber  zwischen  diesen  Kleinbetrieben  neuer  Art  und
den  Kleinbetrieben  früherer  Zeiten  besteht  derselbe  Unter-*)

  Allgemeine  Industrie-  und  Gewerbezählung  vom
31.  October  1896.  (Recensement  général  des  industries  et  des
métiers.  Brüssel,  H  ayez,  1899.)
**)  Ueber  die  Ursachen  der  Erhaltung  der  Kleinindustric
in  gewissen  Branchen  vergl.  Gönner:  The  survival  of  domestic
industries  (The  Economic  Journal,  März  1893),  ferner:
Kowalewsky:  Le  régime  économique  de  la  Russie  (Paris,
Giard  et  Brière,  1898),  5.  Capitel.
        <pb n="105" />
        IOO

schied,  wie  zwischen  den  Zweigen,  die  die  Bäume  eines
Waldes  krönen,  und  denen,  die  ein  Gebüsch  um  einen
Baumstumpf  bilden.
Die  ersten  entlehnen  ihre  Lebenskraft,  alle  ihre
Existenzbedingungen  dem  grossen  Baume  der  capitalistischen
  Production  :  er  ist  es,  der  ihnen  das  Leben  giebt,
von  ihm  sind  sie  vollkommen  abhängig.*)
Die  anderen  dagegen  kämpfen  um  ihr  Leben  gegen
den  Riesen,  dessen  Wurzeln  und  dichte  Belaubung  sie
der  nährenden  Kraft  der  Erde  und  der  belebenden  Strahlen
der  Sonne  berauben:  sie  bewahren  ihre  Selbständigkeit,,
aber  sie  vegetieren  nur  und  mühen  sich  vergeblich  ab,
mit  der  sicheren  Aussicht,  doch  eines  Tages  vollständig
zu  verschwinden.

§4-Zusammenfassungun

  d  Schlussfolgerungen.

Was  wir  schliesslich  von  den  Einwürfen,  die  wir  haben
Revue  passieren  lassen,  festhalten  müssen,  das  ist  folgendes ­
  :  die  capitalistische  Concentration,  die  aus  der  höheren
Productivität  der  gemeinschaftlichen  Arbeit  resultiert,  setzt
sich  nicht  mit  der  Schnelligkeit  und  der  Einfachheit  durch,
wie  man  glauben  könnte,  wenn  man  einseitig  nur  die
Hauptindustrieen  zum  Gegenstand  seiner  Beobachtungen
macht.
Im  allgemeinen  ist  es  nicht  zweifelhaft,  dass  die  Eigenproduction
  für  die  häuslichen  Bedürfnisse  abnimmt,  dass
das  Plandwerk  sich  in  die  Fabrik  verwandelt,  die  collective
Fabrik  in  die  concentrierte.  Aber  aus  der  Thatsache,  dass

*)  Kowalewsky,  a.  a.  O.,  pag.  173:  ,,Es  ist  ein  besonderer ­
  und  eigentümlicher  Zug  unserer  Kleinindustrie,  die  die
Russen  Kustarnaja  promyschlenost  nennen,  indem  sie  sie  mit
einem  Bäumchen  vergleichen,  dass  sie  nicht  nur  die  natürliche
Entwickelung  der  ursprünglichen  hauswirtschaftlichen  Industrie,
sondern  auch  eine  Abzweigung  der  capitalistischen  Grossindustrie ­
  ist.“
        <pb n="106" />
        IOI

die  grosse  maschinelle  Production  unzweifelhaft  und  trotz
aller  Widerstände,  die  sich  ihrer  Ausdehnung  entgegenstellen, ­
  an  Boden  gewinnt,  folgt  nicht  notwendig,  dass,
wenn  man  die  Gesamtheit  der  Industriezweige  eines  Landes
überschaut,  die  Heimarbeiter  und  die  kleinen  selbständigen
Producenten  an  Zahl  abnehmen.
Es  kann  vielmehr  geschehen  —  und  es  trifft  thatsächlich
  zu  —,  dass,  während  die  maschinelle  Industrie ­
  in  gewissen  Erwerbszweigen  auf  Kosten  der  Hausindustrie ­
  fortschreitet,  in  anderen  Zweigen  die  Hausindustrie ­
  diesen  Ausfall  mehr  als  wettmacht,  indem  sie
Arbeiter  aus  den  untergehenden  Gewerben  und  aus  ländlichen ­
  Industrien  an  sich  zieht.
Es  kann  ferner  geschehen  —  und  es  trifft  auch  zu  —
dass,  während  in  gewissen  Gegenden  die  concentrierte
oder  collective  Fabrikindustrie  die  unabhängigen  und
widerstandsfähigen  Producenten  aufsaugt  oder  versclavt,
sich  in  anderen,  weniger  vorgeschrittenen  Gegenden  das
Handwerk  auf  Kosten  des  Eigenbetriebes  für  die  geschlossene ­
  Hausarbeit,  deren  Gebiet  immer  mehr  einschrumpft, ­
  vermehrt.
Gerade  dieser  unwiderstehliche  Rückgang  der  geschlossenen ­
  Hauswirtschaft,  die  für  sich  und  durch  sich
allein  lebt,  giebt  uns  den  Schlüssel  zur  Lösung  des  anscheinenden ­
  Widerspruches  zwischen  den  Gesamtresultaten
der  Statistik  und  der  ganz  unleugbaren  Thatsache  der  Expropriation ­
  der  kleinen  Producenten  durch  die  grossen  :
trotz  der  industriellen  Concentration  kann  sich  die  Zahl
der  Heimarbeiter,  in  manchen  Fällen  sogar  der  Handwerker, ­
  halten  oder  noch  vermehren,  weil  die  Zahl  der
von  den  Familienmitgliedern  im  Rahmen  der  Hauswirtschaft ­
  geleisteten  Arbeiten  immer  mehr  abnimmt.
Aber  wie  dem  auch  sei  :  in  dem  Masse,  wie  die
geschlossene  Hauswirtschaft  der  Tauschwirtschaft  Platz
macht  und  die  Arbeitsteilung  die  Beziehungen  zwischen
        <pb n="107" />
        den  Producenten  vermehrt,  in  dem  Masse  nimmt  die
politische  und  sociale  Vorherrschaft  des  Grosshandels  und
der  Grossindustrie  zu.
Was  bedeutet  denn  in  der  That  die  mehr  oder  weniger
grosse  Zahl  der  selbständigen  Betriebe  in  den  Local-  oder
in  den  Hilfsgewerben,  in  den  neuen  oder  Specialindustrieen
von  dem  Augenblick  an,  wo  der  Capitalismus  über  die
wesentlichen  Organe  der  Production  und  des  Austausches
verfügt  ?
Was  vermögen  die  Parcellenbesitzer,  die  Kleinhändler,
die  kleinen  Unternehmer  des  Kunst-  und  Luxushandwerks
gegen  die  allmächtigen  Verbindungen  der  grossen  Unternehmungen, ­
  die  die  Banken  beherrschen,  die  Transporte
bewältigen,  die  Bergwerke  ausbeuten,  über  den  grössten
Teil  der  ländlichen  Producte  verfügen,  alle  Artikel  des
täglichen  Bedarfes  herstellen  oder  vertreiben  und  die
Arbeitsteilung  und  Arbeitsvereinigung  mehr  und  mehr  ausbilden ­
  ?
Selbst  wenn  die  alten  Formen  noch  bestehen  bleiben,
so  werden  doch  die  independenten  Producenten  zu
interdependenten  Producenten.  Direct  oder  indirect ­
  arbeiten  sie  alle  an  einem  gemeinsamen  Werke;
und  gerade  dieser  nationalen  und  internationalen  Zusammenarbeit ­
  ist  die  riesige  Ausdehnung  der  Productivkräfte
seit  dem  Beginn  der  capitalistischen  Aera  zuzuschreiben.
Nur  hat  in  einer  derartigen  erzwungenen,  mechanischen ­
  und  zumeist  unbewussten  Association  die  grosse
Mehrheit  der  darin  Beschäftigten  gar  kein  Interesse  daran,
den  Ertrag  der  gemeinsamen  Arbeit  zu  vermehren.  Die
Leitung  steht,  manchmal  kraft  des  Rechts  der  Eroberung, ­
  häufiger  aber  kraft  des  Geburtsrechtes,  allein
der  besitzenden  Classe  zu.  Die  Zusammenarbeit  der  Kräfte
bleibt  vollkommen  ungenügend.  Der  heisse  Concurrenzkampf
  stellt  der  LIerrschaft  der  Solidarität  zwischen  den
        <pb n="108" />
        ios

Menschen  und  den  Völkern  immer  neue  Hindernisse  entgegen. ­
  Die  niederen  Formen  der  Production  und  des  Austausches ­
  verewigen  sich  und  sind  um  so  widerstandsfähiger,
je  elender  ihre  Lage  ist.  Die  Zahl  der  Parasiten,  der
Arbeitsscheuen  oder  Arbeitslosen  nimmt  beständig  zu  und
die  Fortschritte  des  Capitalismus  selbst  machen  seine
innersten  und  tiefen  Widersprüche  mehr  und  mehr  deutlich. ­
  Darüber  mag  man  die  ersten  Seiten  des  Communistischen
  Manifests  von  Marx  und  Engels  nachlesen.
Die  zunehmende  Socialisierung  der  Production  erhöht
das  Ergebnis  der  Arbeit  und  verkleinert  so  die  Vorteile  und
vergrössert  die  Nachteile  des  Privateigentums,  indem  sie
die  Zahl  der  Arbeiter  ohne  Capital  und  der  Capitalisten
ohne  Arbeit  vermehrt.
Die  Entwickelung  des  Handels,  der  freie  Austausch
der  Ideen  der  Menschen  und  der  Waren,  die  Verallgemeinerung ­
  des  Militairdienstes  selbst  machen  den  Krieg
seltener,  auf  der  anderen  Seite  aber  vermehren  das  Missverhältnis ­
  zwischen  Production  und  Consumtion,  das  fieberhafte ­
  Streben  nach  neuen  Märkten,  die  Eroberung  von
Colonialländern  —  dieses  Zukunftsstaates  der  bürgerlichen
Gesellschaft  —  die  Ursachen  von  Conflicten,  verstärken
die  Lasten  des  bewaffneten  Friedens,  des  immobilen
Krieges,  des  Krieges  mit  Goldstücken,  wie  Bismarck  einmal
sagte,  und  vermehren  die  Schrecken  des  offenen  Krieges
an  den  Grenzen  der  civilisierten  Welt,  während  zugleich
alle  Welt  bedrückt  wird  von  dem  Gedanken  an  einen  allgemeinen ­
  Weltkrieg.
Während  endlich  die  Tendenz  auf  Senkung  der  Löhne
bis  zum  Minimum,  auf  Verlängerung  des  Arbeitstages  bis
zu  seinem  äusserst  erträglichen  Maximum,  auf  Ersatz  des
Arbeiters  durch  die  Maschine,  des  erwachsenen  Mannes
durch  seine  Frau  oder  seine  Kinder,  um  unablässig  den
Profit  zu  mehren,  der  herrschende,  unvermeidliche  Gedanke ­
  der  capitalistischen  Production  bleibt,  erzeugt  sie
        <pb n="109" />
        doch  zu  gleicher  Zeit,  sie,  die  ihre  eigene  Totengräberin
ist,  in  ihrem  Schosse  die  revolutionären  Kräfte,  die  sich
organisieren,  zum  Bewusstsein  ihrer  Macht  und  ihrer  Ziele
gelangen  und  so  heute  im  Schosse  der  modernen  Gesellschaft ­
  den  mächtigen  Embryo  der  socialistischen  Gesellschaft ­
  bilden.
        <pb n="110" />
        Zweiter  Teil
Die  Vergesellschaftung  der
Productions-  und  Austausch
mittel

„Der  Reichtum,  der  gesellschaftlich  seinem  Ursprünge
nach  ist,  muss  es  auch  seiner  Verwendung  nach  sein.“
Pierre  Lafitte.
        <pb n="111" />
        —-——
        <pb n="112" />
        Der  Grundfehler  der  capitalistischen  Wirtschaftsordnung, ­
  und  zwar  nicht  nur  in  Hinsicht  auf  die  Verteilung, ­
  sondern  auch  in  Hinsicht  auf  die  Productivität  der
gesellschaftlichen  Arbeit,  beruht  —  wie  ganz  natürlich
ist  —  darin,  dass  die  besitzende  Classe  den  von  den  Werktätigen ­
  Classen  erzeugten  Mehrwert  für  sich  mit  Beschlag
belegt.
Es  wäre  gewiss  eine  verkehrte  Auffassung  —  die  man
aber  fälschlich  den  Socialisten  zuschreibt  —,  einzig  und
allein  die  Handarbeit  als  productiv  zu  betrachten  und
folglich  in  allen  Einkommensformen,  die  nicht  im  engen
Sinne  des  Wortes  einen  Lohn  bilden,  nur  eine  unerlaubte
Bereicherung  zu  sehen.*)
Im  Gegenteil  leuchtet  ein,  dass  alle,  die  eine  nützliche
Arbeit  verrichten,  die  wirklich  an  dem  gesellschaftlichen
Werke  teilnehmen,  von  den  Ingenieuren  und  Fabrikdirectoren
  bis  zu  den  Gelehrten  und  Künstlern,  die  eine
notwendige  Ergänzung  zu  der  reinen  Production  schaffen,
mit  vollem  Rechte  ein  Gehalt  beziehen  und  ihren  Teil
von  den  Producten  nehmen,  die  sie  erzeugen  helfen.

*)  Vergl.  dazu  besonders,  was  Marx  im  23.  Capitel  des
III.  Bandes  seines  Capital  über  die  Arbeit  der  Leitung  sagt:
Wenn  ein  Capitalist  sein  Unternehmen  selbst  leitet,  so  „schafft  er
Mehrwert,  nicht  weil  er  als  Capitalist  arbeitet,  sondern  weil
er,  abgesehen  von  seiner  Eigenschaft  als  Capitalist,  auch
arbeitet.  Dieser  Teil  des  Mehrwerts  ist  also  gar  nicht  mehr  Mehrwert, ­
  sondern  sein  Gegenteil,  Aequivalent  für  vollbrachte  Arbeit.“
(Das  Capital,  III.  Band,  pag.  368.)  Und  weiterhin  (pag.  373):
„Dass  nicht  die  individuellen  Capitalisten,  sondern  die  industriellen ­
  managers  ,die  Seele  unseres  Industriesystems'  sind,  hat  schon
Herr  Ure  bemerkt.“
        <pb n="113" />
        So  kann  man  in  der  heutigen  Gesellschaft  das  arbeitslose ­
  Einkommen  rechtfertigen,  das  dem  Dichter,  dem
Philosophen,  dem  Erfinder  Musse  verstauet.*)  Aber  wenn
wir  selbst  diese  durch  eine  freiwillige  Arbeit  gerechtfertigten ­
  (Einkommen  der  Summe  der  übrigen  Arbeitseinkommen
zurechnen,  wenn  wir  als  gerechten  Lohn  betrachten  alle
Bezahlungen,  alle  Beteiligungen,  alle  Entschädigungen,  die,
unter  welcher  Form  auch  immer,  allen  directen  oder  indirecten,
  materiellen  oder  immateriellen  Producenten  zugebilligt ­
  werden  —  wenn  wir  das  alles  zusammennehmen,
dann  bleibt  doch  immer  noch  ein  Ueberschuss,  ein  Mehrproduct,
  ein  Mehrwert,  den  die  verschiedenen  Gruppen
von  Capitalisten,  die  Industriellen,  die  Händler,  die  Grundbesitzer ­
  nicht  kraft  irgend  welcher  geleisteten  Arbeit,  sondern ­
  einzig  und  allein  kraft  ihres  Eigentumsrechts  an  den
Productions-  und  Austauschmitteln  —  quia  nominor  leo
—  mit  Beschlag  belegen.
Das  ist  die  wesentliche  Thatsache,  die  allen  socialistischen
  Forderungen  zu  Grunde  liegt.  Das  leuchtet  jedem
mehr  oder  weniger  klar  ein,  der  sich  die  Mühe  giebt,  den
Dingen  nachzudenken;  und  die  scharfsinnigen  Analysen,
die  Marx,  gestützt  auf  die  Werke  seiner  Vorgänger,  in
seinem  Meisterwerke  coordiniert  und  synthetisiert  hat,
haben  im  grossen  und  ganzen  nur  die  wissenschaftliche
Formel  für  die  Ausbeutung  des  Proletariats  durch  die
Capitalisten  gegeben.
Diese  Ausbeutung  ist  unbestreitbar,  da  es  Leute  giebt,
die  nicht  von  ihrer  eigenen  Arbeit  leben,  also  notwendigerweise ­
  auf  Kosten  der  Arbeit  anderer  leben  müssen.  Aber
das  will  nicht  besagen,  und  die  Socialisten  haben  es  auch
niemals  behauptet,  dass  in  jedem  Unternehmen  der  von
der  Arbeit  geschaffene  Mehrwert  direct  und  sozusagen
automatisch  dem  individuellen  Capitalisten  zufällt.
*)  Siehe  über  diesen  Gegenstand  die  Studie  von
A.  Fouillée:  Le  travail  mental  et  le  collectivisme  matérialiste
im  Mai-Heft  der  Revue  des  Deux  Mondes  1900.
        <pb n="114" />
        Um  diese  Dinge  in  ihrer  wahren  Natur  zu  erkennen,
muss  man  sie  in  ihrer  Gesamtheit  überschauen.  Auf  diesen
Standpunct  stellt  sich  auch  Marx,  wenn  er  zeigt,  wie  sich
der  im  Productionsprocesse  geschaffene  Mehrwert  in  Profit
wandelt,  um  sich  im  Circulationsprocess  endlich  in  der
Form  des  Durchschnittsprofits  zu  realisieren.*)
Abgesehen  von  Ausnahmefällen,  so  sagt  Marx  dem
Sinne  nach,  erhalten  die  Capitalisten  beim  Verkauf  ihrer
Waren  nicht  den  in  ihrer  Productionssphäre  geschaffenen
Mehrwert.  Sie  lösen  vielmehr  nur  soviel  Mehrwert  und
daher  Profit  ein,  als  vom  Gesamtmehrwert  oder  Gesamtprofit, ­
  der  vom  Gesamtcapital  der  Gesellschaft  in  allen
Productionssphären  zusammengenommen  in  einem  gegebenen ­
  Zeitabschnitt  produciert  wird,  bei  gleicher  Verteilung ­
  auf  jeden  aliquoten  Teil  des  Gesamtcapitals  fällt.
„Die  verschiedenen  Capitalisten  verhalten  sich  hier,  soweit
der  Profit  in  Betracht  kommt,  als  blosse  Actionäre  einer
Actiengesellschaft,  worin  die  Anteile  am  Profite  gleichmässig
  verteilt  werden“,  pro  rata  ihres  eingeschossenen
Capitals.
Je  (mehr  sich  die  Vorherrschaft  der  capitalistischen  Production ­
  durchsetzt,  je  mehr  sich  der  Besitz  mobilisiert  und
in  Verkehrswerte  verwandelt,  um  so  mehr  suchen  sich
auch  die  Profite  in  den  verschiedenen  Branchen  auszugleichen, ­
  —  wobei  natürlich  die  Verschiedenheit  des
Risicos  und  der  Einfluss  der  Monopole  und  der  vorübergehenden ­
  Schwankungen  des  Marktes  in  Rechnung  zu
stellen  sind.  Wenn  in  der  That  in  einem  Zweige  der
Production  oder  des  Handels  die  Profite  längere  Zeit  hindurch ­
  das  Mittel  übersteigen,  dann  strömen  dorthin  die
Capitalien  zu  und  senken  durch  ihre  Concurrenz,  entsprechend ­
  den  Gesetzen  von  Angebot  und  Nachfrage,  die
Profite  wieder;  wenn  sie  umgekehrt  längere  Zeit  hindurch
*)  Siehe  Marx:  Das  Capital,  III.  Band:  Der  Gesamtprocess
  der  capitalistischen  Production,  §1,  119.  (Hamburg,  Otto
Meissner,  1894.)
        <pb n="115" />
        unter  dem  Mittel  bleiben,  dann  wenden  sich  die  Capitalien
ab,  fliessen  anderen  Branchen  zu,  und  die  Profite  steigen
folglich  wieder.
Es  versteht  sich  von  selbst,  dass  trotz  dieser,  übrigens
vielfach  gehemmten,  Nivellierungstendenz  die  von  jedem
Unternehmer  individuell  erzielten  Profite  erheblich
variieren  können;  sie  können  eine  phantastische  Höhe
erreichen,  ebensogut  aber  auch  auf  Null,  selbst  unter
Null  reduciert  werden.  Wie  gross  indessen  der  Einfluss
dieser  glücklichen  oder  unglücklichen  Zufälle  für  die  begünstigten ­
  oder  unterlegenen  Capitalisten  sein  mag,  so
bleibt  doch  wahr,  dass,  im  ganzen  genommen,  die  capitalistische
  Classe  in  ihrer  Eigenschaft  als  Besitzerin  der
Productions-  und  Austauschmittel  den  von  den  Handoder ­
  Kopfarbeitern  geschaffenen  Mehrwert  in  Form  von
Profit  mit  Beschlag  belegt  und  unter  sich  aufteilt.
Man  müht  sich  thatsächlich  ab,  diese  Beschlagnahme,
—  die  der  grossen  Masse  der  Arbeiter  jedes  directe
Interesse  an  der  Steigerung  der  Productivität  der  gesellschaftlichen ­
  Arbeit  raubt  —  zu  rechtfertigen,  indem  man
behauptet,  die  Profite  der  capitalistischen  Classe  seien  der
Nerv  der  Production,  die  notwendige  und  gerechte  Belohnung ­
  für  die  angelegten  Capitalien  und  die  durch  die
Leitung  der  Unternehmungen  geleistete  Arbeit.
Wir  müssen  also  in  kurzen  Zügen  diese  Argumentation
darlegen.
        <pb n="116" />
        I.  Capitel.
Die  drei  Elemente  des  Profites.

„Ich  lieg'  und  besitze,
Lass  mich  schlafen!“
Richard  Wagner.
In  irgend  einer  Unternehmung  besteht  der  Profit
eines  Industriellen,  der  gleichzeitig  Capitalist  und  Besitzer
des  Bodens  ist,  den  er  benutzt,  in  der  Differenz  zwischen
dem  Verkaufspreis  seiner  Waren  und  den  Productionskosten.

Nehmen  wir  als  Beispiel  eine  Baumwollspinnerei:  Um
ioooo  Pfund  Gespinst  No.  40,  deren  Preis  im  Juni  1900
10750  Francs  betrug,  zu  fabricieren,  giebt  der  Unternehmer ­
  1300  Francs  Lohn  für  das  Personal  aus,  6750
Francs  zum  Ankauf  des  Rohmaterials  (Baumwolle),
250  Francs  für  die  Hilfsmittel  der  Production  (Kohlen,
Leuchtgas  u.  s.  w.),  650  Francs  für  die  Abnutzung  seiner
Grundstücke  und  seiner  Maschinen  und  andere  Ausgaben,
im  ganzen  also  8950  Francs,  die  seine  Productionskosten
darstellen;  sein  Profit  ist  gleich  der  Differenz  zwischen
10750  und  8950  =  1800  Francs.
Um  diesen  Profit  zu  rechtfertigen,  hat  man  mit  mehr
oder  weniger  Entschiedenheit  auf  die  drei  Elemente  hingewiesen, ­
  aus  denen  er  sich  zusammensetzt:
I.  den  Lohn  für  die  Arbeit  des  Unternehmers,
        <pb n="117" />
        2.  die  Verzinsung  des  angelegten  Capitals  (einschliesslich ­
  der  Grundrente,  wenn  der  Unternehmer  zugleich
Besitzer  des  Grundstückes  ist),
3.  die  Risicoprämie.
Bei  anderen  Nationalökonomen,  die  sich  bemühen,
die  Capitalisten  in  Lohnarbeiter  zu  verwandeln,  in  der
Hoffnung,  dadurch  zu  vermeiden,  dass  durch  die  Umwandlung ­
  des  capitalistischen  Eigentums  in  Gemeineigentum ­
  die  Lohnarbeiter  in  Capitalisten  verwandelt  werden,
finden  wir  die  Sache  mit  anderen  Ausdrücken  dargestellt:
Risicoprämie,  Entbehrungslohn  remuneration  of  the
abstinence)  und  Untemehmerlohn  (wages  of  superintendence). ­

§  I.
Die  Risicoprämie.
Man  behauptet  erstens,  dass  die  Extraprofite,  die
einzelnen  Capitalisten  zufallen,  eine  Entschädigung  für
die  hohen  Gefahren  darstellen,  denen  sie  ausgesetzt  sind.
„Die  Erfahrung  lehrt  uns,“  so  sagt  Leroy-Beaulieu,  „dass
von  10  Unternehmern  in  der  Industrie  oder  im  Handel,
2  oder  3  Bankerott  machen  oder  in  Zahlungsschwierigkeiten ­
  geraten,  5  oder  6  höchstens  ihren  Lebensunterhalt
verdienen,  nur  eine  bescheidene  Entlohnung  für  ihre  Arbeit
gewinnen  und  kaum  ihre  Habe  bei  einander  halten  oder
doch  nur  in  sehr  bescheidenen  Grenzen  vermehren  können,
und  dass  endlich  höchstens  einer  oder  zwei  ein  irgendwie
beträchtliches  Vermögen  erwerben.“*)
Wenn  es  also  Unternehmer  giebt,  die  sehr  viel  verdienen ­
  und  selbst  zu  viel  zu  verdienen  scheinen,  so  darf
man  nicht  vergessen,  dass  ein  anderer  Teil  mit  Verlust
arbeitet.  Das  zeigen  auch  die  Ziffern  von  2254  deutschen
Actiengesellschaften,  deren  Bilanzen  für  1891-92  van  der
Borght  mitgeteilt  hat:

')  Traité  d’économie  politique,  IL,  pag.  207.
        <pb n="118" />
        Bibliothek  des  Instituts
für  Weltwirtschaft  Kiel

—  113  —

471  arbeiteten  mit  Deficit
888  verteilten  keine  Dividende
641  gaben  o—5  0/0
734  „  5—10  %
149  „  10—150/0
64  „  15—20  0/0

39  „  20—30  0/0
18  „  30—40  o/o
21  „  mehr  als  40  0/0,*)
so  z.  B.  die  Kohlenbergwerksgesellschaft  Arenberg
(Essen)  80  0/0,  die  Zuckerfabrik  Göttingen  831/2  %,  die
Transportgesellschaft  in  Dresden  100  0/0,  die  oberschlesische ­
  Actiengesellschaft  für  Holzstofffabrication
120  0/0  !
Was  man  also  zur  Rechtfertigung  der  enormen  Profite ­
  einzelner  Capitalisten  anführt,  das  ist,  dass  ihnen  auf
der  anderen  Seite  der  Zusammenbruch  oder  Bankerott
ihrer  unglücklichen  Concurrenten  gegenübersteht.  Aber
das  spricht  in  unseren  Augen  gerade  gegen  ein  System
socialer  Unsolidarität,  das  einigen  wenigen  Riesengewinne
sichert,  während  es  nicht  nur  die  mehr  oder  weniger  für
ihre  Thaten  verantwortlichen  Unternehmer,  sondern  auch
die  beschäftigten  Arbeiter  allen  Zufälligkeiten  der  Concurrenz,
  der  Agiotage  und  der  Speculation  aussetzt.
Dass  unter  der  heutigen  Wirtschaftsordnung  die  Profite
der  Capitalisten  notwendigerweise  eine  Risicoprämie  einschliessen,
  wollen  wir  nicht  bestreiten  ;  wir  behaupten
nur  und  können  das  leicht  beweisen,  dass  diese  Risicoprämie ­
  ihre  Existenzberechtigung  in  einer  socialen  Organisation ­
  der  Arbeit  verlieren  würde.
Wenn  heute)  in  der  That  diese  oder  jene  Unternehmung
unzweifelhaft  Gefahr  läuft,  mit  Verlust  zu  arbeiten,  so

*)VanderBorght:  Die  deutschen  Actiengesellschaften
im  Jahre  1891—92.  (Jahrbücher  für  Nationalökonomie  und
Statistik,  1893,  pag.  575.)
Vandervelde:  Die  Entwickelung  zum  Socialismus.  s
        <pb n="119" />
        —  114  —

kommt  es  doch  äusserst  selten  vor,  dass  eine  ganze
Industrie  keine  Gewinne  abwirft,  und  wenn  man  von  einer
wirklichen  industriellen  Katastrophe  absieht,  so  kann  man
behaupten,  dass  die  Capitalisten  als  Classe  niemals  mit
Verlust  arbeiten.
Die  2254  Actiengesellschaften,  über  die  van  der  Borght
die  genauen  und  vollständigen  Zahlen  mitteilen  konnte,
haben  doch  in  dem  Geschäftsjahr  1891-92,  trotz  der  angeblichen ­
  erheblichen'Verluste  einer  Anzahl  von  ihnen,  einen
durchschnittlichen  Gewinn  von  8,8  &amp;lt;y 0  ihres  nominellen
Capitals  erzielt  und  6,1  &amp;lt;y 0  Dividende  verteilt.
Aehnliche  Ergebnisse  findet  man  bei  den  industriellen
Gesellschaften,  deren  Gewinn-  und  Verlustaufstellungen
jedes  Jahr  im  officiellen  Jahrbuche  Belgiens  angegeben
werden.*)
Wir  können  deshalb  mit  Recht  schliessen,  dass  die
Besitzer  der  Productions-  und  Austauschmittel  in  guten
und  schlechten  Jahren  eine  Menge  Profit,  umgewandelten
Mehrwert,  erzielen,  dessen  Grösse  schwankt,  aber  für  die
Gesamtheit  der  Unternehmungen  niemals  auf  Null  zurückgeht. ­

§  2-Der
  Entbehrungslohn.
Als  zweites  Element  des  Profites  finden  wir  die  Verzinsung ­
  des  angelegten  Capitals.
Solange  dies  Capital  Privatleuten  gehört,  ist  es  ganz
natürlich,  dass  diese  eine  Entschädigung  dafür  verlangen,
*)  Im  Jahre  1898  hatten  die  dem  Gesetze  vom  18.  Mai  1873
entsprechenden  belgischen  Gesellschaften  ein  Capital  von
2045722000  Francs.  Die  Reingewinne  von  948  von  ihnen
betrugen  197  041  000  Francs;  die  Verluste  von  112  dagegen
3394000;  ergiebt  also  einen  Gewinnüberschuss  von  193647000
Francs,  d.  h.  von  9,4  0/0  des  nominellen,  im  allgemeinen
zu  hoch  bewerteten  Capitals.
Ueber  die  schweren  Nachteile  der  Uebercapitalisierung
(overcapitalisation)  in  den  meisten  Actiengesellschaften  vergl.
Kershaw:  Joint  stock  enterprise  and  our  manufacturing
industries.  (The  Fortnightly  Review,  Mai  1900.)
        <pb n="120" />
        wenn  sie  sich  seiner  begeben  und  es  der  Production  zur
Verfügung  stellen:  wer  einmal  das  Privateigentum  an  den
Productionsmitteln  billigt,  muss  auch  die  Consequenzen
davon  in  den  Kauf  nehmen.
Aber  man  geht  noch  weiter  und  behauptet,  dass  diese
Entschädigung  das  einzig  wirksame  Mittel  sei,  um  das
Capital  zu  dieser  wichtigen  Function  zu  veranlassen:  nämlich ­
  zur  Anhäufung  der  zur  Production  notwendigen  Capitalien ­
  durch  das  Sparen.
„Neben  dem  berechtigten  Arbeitslohn  steht  ein  ebenso
berechtigter  Factor,  das  ist  der  Capitalzins,“  so  schrieb  ein
Schüler  von  Schulze-Delitzsch,  Jules  Faucher;  „dieser
Zins  ist  nichts  weiter,  als  der  Lohn  für  die  bewiesene  Enthaltsamkeit; ­
  wer  Capital  sammelt,  hat  sich  Entbehrungen
auferlegt,  er  hat  die  von  ihm  erworbenen  Mittel  nicht  verbraucht, ­
  sondern  sie  in  verbesserten  Werkzeugen,  Vorräten ­
  und  dergl.  angelegt,  und  er  ist  dadurch  in
den  Besitz  von  Capitalien  gelangt,  die  der  Allgemeinheit
zu  gute  kommen;  dafür,  dass  er  seinen  Vorrat,  die  Früchte
seiner  Enthaltsamkeit,  hergicbt,  muss  er  belohnt  werden,
und  das  geschieht  durch  die  Zahlung  von  Zinsen,  denn
diese  Entbehrung  ist  so  viel  und  oft  mehr  wert,  als  die
Arbeit  selbst.  Es  ist  daher  nicht  möglich,  dass  der  Arbeitslohn ­
  auf  Kosten  des  Entbehrungslohns  sich  erhöht.“*)
Lassalle  moquiert  sich  in  seiner  berühmten  Streitschrift ­
  gegen  Schulze-Delitzsch  nicht  schlecht  über  diese
armen  Capitalisten,  Asketen,  indische  Büsser,  Säulenheilige, ­
  die  auf  einem  Bein  auf  einer  Säule  stehen,  mit
weit  vorgebogenem  Arm  und  Oberleib  und  blassen  Mienen
einen  Teller  ins  Volk  streckend,  um  den  Lohn  ihrer  Entbehrungen ­
  einzusammeln  !
Selbst  in  England,  wo  der  Entbehrungslohn  (remunera-*)

  Jules  Faucher  in  der  Berliner  Reform.  Citiert  bei
L  a  s  s  a  11  e  :  Herr  Bastiat-Schulze  von  Delitzsch  (Gesamtausgabe, ­
  III.  Band,  pag.  122).
        <pb n="121" />
        tion  for  the  abstinence)  seit  den  Tagen  Seniors  in  der
Nationalökonomie  eine  Rolle  gespielt  hatte,  erkennen  heute
Nationalökonomen,  wie  Sidgewick,  die  Berechtigung  der
so.cialistischen  Kritik  an  dieser  angeblichen  Rechtfertigung
des  arbeitslosen  Einkommens  an.  „In  Wirklichkeit,“  so
sagt  Sidgewick,  „ist  der  Anteil  des  Arbeiters  an  den
Arbeitsproducten  aus  zwei  sehr  verschiedenen  Gründen
geringer,  als  er  sein  würde,  wenn  die  Productivität  seiner
Arbeit  ebenso  hoch  sein  könnte,  ohne  dass  er  Arbeitsinstrumente ­
  nötig  hätte:  i.  weil  er  einen  Teil  seiner  Zeit
zur  Fabrication  dieser  Instrumente  verwenden  muss;
2.  weil  er  einen  anderen  Teil  seiner  Zeit  verwenden  muss,
um  Consumtionsgüter  herzustellen,  die  der  Besitzer  des
Capitals  als  Zins  einnimmt  und  verschwendet,  anstatt  sie
zu  sparen.“*)
In  einer  socialistischen  Wirtschaftsordnung  würde  nur
der  erste  dieser  Gründe  existieren  :  die  Gesamtheit  müsste
sich  Beschränkungen  auferlegen  und  einen  Teil  ihres
Arbeitsproductes  zur  Unterhaltung  und  Erneuerung  des
gesellschaftlichen  Capitals  aufsparen  und  verwenden  ;  aber
darüber  hinaus  brauchte  sie  nichts  mehr  zu  zahlen,  um
die  Capitalisten  anzureizen,  sich  Beschränkungen  aufzuerlegen ­
  und  Ersparnisse  zu  machen,  anstatt  ihr  gesamtes
Einkommen  zu  verzehren.
So  wird  es  übrigens  heute  schon  in  den  Genossenschaften ­
  und  den  Staatsbetrieben  in  Beziehung  auf  den  Teil
des  Capitals  gemacht,  der  nicht  aus  Anleihen  besteht.
Die  Gesellschaft,  der  Staat  oder  die  Gemeinde  nehmen  von
den  Erträgnissen  des  Unternehmens  oder  von  den  Beiträgen ­
  und  Steuern  ihrer  Mitglieder  das,  was  zur  Verbesserung ­
  des  Werkzeugs  und  zum  Betriebe  des  Unternehmens ­
  nötig  ist.  Das  Sparen  wird  somit  eine  collective,
anstatt  eine  individuelle  Angelegenheit.  Es  ist  eine  sociale

*)  The  economic  lessons  of  socialism.  (The  Economic
Journal,  1895,  pag.  343.)
        <pb n="122" />
        Function,  ausgeübt  von  allen  im  Interesse  aller,  anstatt
wie  heute  den  Suggestionen  des  Privatinteresses,  der  freien
Phantasie  der  Capitalisten  überlassen  zu  sein,  die  immer
zwischen  dem  Wunsch,  ihre  Einkünfte  zu  vermehren,  und
dem  anderen  Wunsche,  ihre  Ausgaben  zu  steigern,  hin
und  her  schwanken.
Denn  vergessen  wir  nicht,  dass  die  besitzende  Classe
ihre  capitalistische  Function,  die  ihr  unter  der  heutigen
Ordnung  auferlegt  ist,  nur  mit  einer  enormen  Verschwendung ­
  von  Kraft  und  Reichtum  ausübt.  Neben  das,  was
sie  productiv  aufspeichert,  um  die  Ausbeutung  der  Arbeit
intensiver  zu  gestalten,  muss  man  das  setzen,  was  sie
unproductiv  ausgiebt;  und  diese  Verschwendung  ist  fast
immer  dumm,  eitel,  unmoralisch,  um  einen  rein  äusserlichen
Luxus  zu  treiben,  um  die  Tausende  von  Arbeitern,  die
dieser  Luxus  beschäftigt,  zu  bezahlen  —  Fourier  hat  sie
mit  Recht  die  Agenten  der  negativen  Production  genannt
—  und  um  endlich  jene  Legionen  untergeordneter  Parasiten ­
  —  Kammerdiener,  Jockeys,  Gelegenheitsmacher,
Croupiers,  Komödianten  und  Prostituierte  —  durchzufüttern, ­
  die  wie  Würmer  auf  dem  capitalistischen  Düngerhaufen ­
  herumkriechen.
Abgesehen  natürlich  noch  von  den  stehenden  Heeren,
die  notwendig  sind,  um  die  Stipendiaten  des  Entbehrungslohns ­
  gegen  diejenigen  zu  verteidigen,  die  die  Not  zur
Zahlung  dieses  „Entbehrungslohns“  zwingt  !
§3-Der
  Lohn  für  die  Leitung.
Den  Unternehmerlohn,  den  Lohn  für  die  Leitung,
das  letzte  Element  des  Profites,  benutzt  man  heutzutage
vorzugsweise,  um  die  Unternehmerprofite  zu  rechtfertigen.
In  den  Profiten  und  besonders  in  den  grossen  Profiten
eines  Capitalisten,  so  sagt  Leroy-Beaulieu,  steckt  noch
etwas  anderes,  als  die  Verzinsung  seiner  Capitalien,  als
die  Risicoprämie  und  selbst  als  die  einfache  Entlohnung
        <pb n="123" />
        i  iS

für  seine  Directionsthätigkeit,  der  Lohn,  den  man  einem
Director  oder  einem  Angestellten  zahlt.  Die  Quelle,  die
wahre  Quelle  der  grossen  industriellen  Profite  ist  die  überlegene ­
  Combinationsgabe,  die  Geschicklichkeit,  die  Competent, ­
  die  mehr  oder  weniger  grosse  Genialität  der  industriellen ­
  Führer.  „Es  kommt  wenig  darauf  an,  ob  der  Unternehmer ­
  selbst  die  Combination  gefunden  hat  oder  ob
er  lediglich  durch  seine  intelligente  Geschicklichkeit,  durch
seine  rasche  Auffassung  oder  durch  seine  natürliche  Fähigkeit ­
  die  glückliche  Combination  eines  anderen  ausgeführt
hat.  Zu  den  wesentlichen  Functionen  des  Unternehmers
gehört  nicht  nur  die  Wahl  der  Materialien,  der
Installationen,  der  Maschinen  und  der  Arbeiter,  sondern
auch  die  aller  seiner  Angestellten  und  Mitarbeiter.  Er
verwendet  menschliche  Fähigkeiten  ebenso  wie  Rohproducte.
  Er  braucht  gar  nicht  selbst  Ingenieur  und  Erfinder
zu  sein;  was  not  thut,  ist  nur,  dass  er  entweder  aus  sich
selbst  oder  durch  andere  Menschen,  die  er  in  seinen  Dienst
stellt,  in  jedem  Augenblick  der  Production  die  wirksamste
Organisation  zu  geben  weiss  ;  er  muss  die  Gabe  der  fruchtbringenden ­
  Anpassung  besitzen.“*)
Deutlicher  könnte  man  überhaupt  gar  nicht  darstellen, ­
  dass  die  Extraprofite  des  Unternehmers  vor  allen
Dingen  aus  seiner  besonderen  Geschicklichkeit  in  der
Kunst,  die  Arbeit  anderer  auszubeuten,  entspriesst.

Mögen  die  genialen  Erfinder  auf  dem  Stroh  zu  Grunde
gehen,  mag  das  Gelehrtenproletariat  in  Hunger  verkommen, ­
  mögen  die  Handarbeiter  die  Kraft  ihrer  Hände  für
erbärmliche  Löhne  hingeben  :  die  Riesenprofite  sind  deshalb ­
  nicht  weniger  eine  rechtmässige  Entschädigung  für
den  geschickten  Unternehmer,  der  sein  capitalistisches
Monopol  dazu  benutzt,  um  sie  anzustellen,  sie  dienstbar  zu
machen  und  sie  auszupressen  !
*)  Leroy-Beaulieu;  Traite  d’économie  politique,  IL,
pag.  196.
        <pb n="124" />
        Man  könnte  einwenden,  dieser  Satz  sei  vielleicht  übertrieben. ­
  Aber  in  jener  Darlegung  fällt  besonders  auf,  wie
wenig  Gewicht  sie  der  Grundthatsache  beimisst:  der  Ausbreitung ­
  der  Actiengesellschaften  in  allen  grossen  Industrien ­
  und  dem  Ersätze  selbständiger  Capitalisten  durch
bezahlte  Directoren.
Wir  verstehen  vollkommen,  dass  man  den  socialistischen
  Nörglern  die  Sorge  überlässt,  die  schlechten  Seiten
des  Capitalismos  ans  Licht  zu  zerren  und  dafür  lieber
die  Geschicklichkeit,  die  fieberhafte  Thätigkeit,  das  Organisationstalent, ­
  den  eisernen  Fleiss  rühmt,  den  ein  Unternehmer ­
  besitzen  muss,  um  den  Sieg  über  seine  Concurrenten
  davonzutragen.  Aber  was  bedeutet  denn  dieser  Lobgesang, ­
  wenn  es  sich  um  passive  Capitalisten  handelt,  um
die  Obligationäre  oder  Actionäre  von  anonymen  Gesellschaften, ­
  die  ihre  Macht  einem  Generaldirector  übertragen? ­
  Ist  es  nicht  in  einem  solchen  Falle  —  und  was
ehemals  Ausnahme  war,  das  wird  heute  mehr  und
mehr  zur  Regel  —  vollkommen  und  offensichtlich  ausgeschlossen, ­
  die  Profite  dadurch  zu  legitimieren,  dass  man
behauptet,  sie  seien  eine  Belohnung  für  die  Directionsthätigkeit
  ?
Waxweiler  sagt  bei  der  Beantwortung  der  Frage,  wie
es  sich  in  den  Actiengesellschaften  mit  den  Profiten  verhält, ­
  ganz  richtig:  ,,Nach  der  Versorgung  der  Reserve
wird  der  Gewinn  unter  die  Actionäre  aufgeteilt,  das  heisst,
er  fällt  gerade  jenen  Factoren  der  Production  zu,  die  auch
nicht  eine  einzige  der  vielfachen  Functionen  des  Eigenunternehmers ­
  ausüben;  alle  diejenigen,  die  in  der  That
die  verschiedenen  verantwortlichen  Posten  in  der  allgemeinen ­
  Direction,  in  der  Buchführung,  in  der  technischen
und  commercicllen  Leitung,  in  der  financiellen  Controle
tragen,  sind  mit  festem  Gehalt  angestellt.  Die  Actionäre
sind  nicht  einmal  alleinige  Besitzer  der  Capitalien,  da  die
Hälfte  des  gesellschaftlichen  Vermögens  in  dem  speciellen
        <pb n="125" />
        Falle,  den  wir  hier  im  Auge  haben,  Obligationären  gehört,
die  nur  eine  feste  Rente  beziehen.  Wo  ist  also  die  Gleichartigkeit ­
  zwischen  dem  Actionär  und  dem  Unternehmer,
auf  der  man  die  erbliche  Beteiligung  des  Actionärs  an
dem  Rechte  auf  Mehrwert  begründen  könnte?  Sie  beruht
unzweifelhaft  auf  jener  passiven  Rolle  des  Unternehmers,
die  wir  gezeichnet  haben,  indem  wir  sagten,  dass  er  das
Risico  des  Unternehmers  trüge.  Das  ist  also  einzig  und
allein  die  ökonomische  Function,  die  durch  den  Profit
bezahlt  wird:  mit  ihrem  wahren  Namen  heisst  sie  Specula ­
  t  i  o  n.“*)
So  verschwindet  unter  der  Herrschaft  der  Actiengesellschaft,
  wenn  man  absieht  von  den  dem  Directionspersonal
  bewilligten  Tantièmen,  jedes  Arbeitselement  aus
dem  Profite.  Die  individuelle  Initiative  macht  einer  bureaukratischen
  Organisation  Platz,  die  nichtsthuenden  Könige
des  Capitalismos  überlassen  die  Regierung  der  Unternehmungen ­
  ihren  Hausmeiern.
Man  spricht  fortwährend  von  den  Nachteilen  aller
Art,  die  aus  der  beständigen  Abwesenheit  der  Besitzer
in  agrarischen  Ländern  entstehen.  Aber  dieser  Absentismus ­
  herrscht  nicht  nur  in  der  Landwirtschaft  :  auch  in  der
Industrie  wird  er  zur  Regel  von  dem  Augenblick  ab,  wo
die  Herrschaft  der  Actiengesellschaften  sich  zu  verallgemeinern ­
  beginnt.
Ein  grosser  Capitalist  z.  B.,  der  sein  Geld  —  um  das
Risico  nach  dem  Gesetz  der  grossen  Zahlen  zu  vermindern, ­
  —  in  einer  ganzen  Reihe  von  Unternehmungen
anlegt,  verliert  allmählich  ebensosehr  das  Interesse
an  diesen  Unternehmungen  wie  an  den  Landgütern,  die
er  ebenfalls  kauft,  um  sein  Geld  sicher  zu  stellen.  In
demselben  Masse,  wie  der  Capitalismus  sich  entwickelt,
wird  der  Absentismus  des  Actionärs  vollkommener,  werden

*)  Waxweiler:  La  participation  aux  bénéfices  (Paris,
Rousseau,  1898),  pag.  85.
        <pb n="126" />
        121

die  Beziehungen  zwischen  dem  Besitzer  und  dem  Besitz
unpersönlicher  und  lockerer.
Ein  belgisches  Journal,  der  Moniteur,  schrieb  einmal:
„Die  alten  Leute  erinnern  sich  noch  der  Zeit,  wo  nur  die
Bewohner  von  Lüttich  und  dem  Hennegau  Kohlenberg  -
werksactien  besassen.  Als  zum  erstenmal  die  Flamländer
solche  Actien  kauften,  erregte  das  allgemeines  Erstaunen.
Seit  der  Zeit  hat  sich  alle  Welt  diesten  Werten  zugewandt, ­
  und  die  Kohlenpapiere  sind  im  Inland  wie  im
Ausland  courantes  Geld.  Mit  den  exotischen  Werten  ist
es  gerade  so.  Es  ist  kaum  15  Jahre  her,  dass  das  Inland ­
  —  übrigens  ohne  Gewinn  —  die  Staats-  und  Schuldpapiere ­
  Südamericas  kaufte,  die  man  vorher  nur  in  Antwerpen ­
  kannte  und  handelte.  Andererseits  hat  sich  Antwerpen ­
  dem  Handel  mit  Industriepapieren  zugewandt,  den
es  vorher  vollkommen  vernachlässigt  hatte.  An  Stelle  zweier
verschiedener  und  häufig  einander  entgegenarbeitender
Märkte,  Antwerpen  und  Brüssel,  haben  wir  heute  nur
noch  einen  einzigen  für  belgisches  Capital.“
Wenn  zwischen  die  Capitalisten  und  die  Arbeiter,  die
für  sie  arbeiten,  ein  Director,  ein  Manager,  der  selbst
Lohnarbeiter  ist  und  unter  dessen  Commando  die  Arbeiter
stehen,  tritt,  dann  hört  jedes  Zusammenarbeiten,  jedej
Zusammenwirken  an  einem  gemeinsamen  Werke  auf.
Die  Trennung  des  Eigentums  und  der  Arbeit  geschieht
ebenso  in  der  Industrie  wie  in  der  Landwirtschaft.  Der
Actionär  als  Actionär  ist  nichts,  als  ein  Geldmann,  der
sein  Geld  mehr  oder  weniger  geschickt,  mehr  oder  weniger
glücklich  anlegt.  Die  Ausbeutung  des  Menschen  durch  den
Menschen  wird  aller  Hüllen  entkleidet,  die  sie  noch  bedeckten, ­
  solange  der  capitalistische  Besitzer  auch  gleichzeitig ­
  Unternehmer  war;  und  wie  der  sagenhafte  Drache
in  seiner  tiefen  Höhle  auf  dem  Rheingold  sitzt,  so  lebt
der  passive  Capitalist,  auf  seinen  Reichtümern  sitzend,  in
fernen  Gegenden,  unbeweglich  und  immer  in  Furcht  vor
        <pb n="127" />
        122

Revolten,  ohne  Kenntnis  und  unbekümmert  um  das
schreckliche  Elend  eines  ihm  unbekannten  Proletariats.
Ich  lieg’  und  besitze,
Lass  mich  schlafen  !

§  4-Mehrwert
  und  Profit.
Je  nach  dem  Gesichtspuncte,  von  dem  wir  ausgehen,
erscheinen  uns  demnach  die  Profite  in  zwei  sehr  verschiedenen ­
  Gestalten.
Einmal  stellen  sie  —  wenn  wir  absehen  von  dem
Lohne  für  die  Leitung,  für  Erfindung  und  für  die  Organisation ­
  der  Unternehmungen  —  die  Masse  des  Mehrwertes
dar,  den  die  Capitalistenclasse  kraft  ihres  Eigentumsrechtes
aus  den  von  ihr  abhängigen  Handarbeitern  und  Geistesarbeitern ­
  herauszieht.
Betrachtet  man  auf  der  anderen  Seite  die  Verteilung
der  Profite  unter  die  verschiedenen  Individuen,  so  bilden
sie  den  stärksten,  um  nicht  zu  sagen,  einzigen  Motor
der  capitalistischen  Production.
Die  Sucht  nach  Profiten  veranlasst  die  Accumulation
des  Capitals,  treibt  die  Unternehmer  auf  das  Schlachtfeld ­
  der  Concurrenz,  erzeugt  in  dem  Fieber  der  kühnen
und  gar  zu  oft  unrechtmässigen  Speculationen  —  inter
stercus  et  urinam  nascitur  homo  —  das  mannigfaltige
und  grossartige  Aufblühen  der  Unternehmungen,  die  wir
in  den  letzten  Jahren  auf  der  ganzen  Erde  zu  bewundern
Gelegenheit  hatten.  Aber  während  auf  der  einen  Seite
die  activen  Capitalisten,  die  Männer  der  Initiative,  die
modernen  Conquistadoren,  mit  einer  Energie,  der  meistens
nur  ihre  Scrupellosigkcit  gleichkommt,  unablässig  neue
Unternehmungen  schaffen  und  neue  Länder  aufteilen,  entwickelt ­
  sich  auf  der  anderen  Seite  der  passive  Capitalismus,
  dieses  tote  Gewicht  der  modernen  Production.  Und
dank  dem  Mechanismus  der  Actiengesellschaften,  der  alle
        <pb n="128" />
        —  123  —

Formen  des  Arbeitslohnes  ganz  scharf  von  den  passiv
erworbenen  Profiten  der  Actionäre  scheidet,  ergiebt  sich
ganz  klar,  dass  der  Profit  dieser’  Actionäre  mit  irgend
welcher  gegenwärtigen  Arbeit  gar  nichts  zu  schaffen  hat
und  nichts  anderes  ist,  als  das  Erzeugnis  der  Agiotage,
die  Frucht  des  Privateigentums  an  den  Capitalien.
Aber,  so  wird  man  sagen,  um  die  socialistischen
Schlussfolgerungen  zu  rechtfertigen,  müsste  erst  noch  nachgewiesen ­
  werden,  dass  dieses  Eigentum  selbst  nicht  legitim
ist.  Wenn  die  Profite  kein  Entgelt  für  gegenwärtig  geleistete ­
  Arbeit  sind,  so  sind  sie  doch  vielleicht  eine  Entschädigung ­
  für  frühere  Arbeit.  Wenn  es  passive  Capitalisten
  giebt,  Eigentümer,  die  nicht  arbeiten,  so  deshalb,  weil
sie  in  der  Regel  gearbeitet  haben,  weil  sie  sich  durch
Aufwendung  von  Arbeit  und  Intelligenz,  durch  die  Betätigung ­
  aussergewöhnlicher  Eigenschaften  als  Erfinder
und  Organisatoren  und  durch  ihre  Initiative  bei  der
Schaffung  ihres  Vermögens  das  Recht  erworben  haben,
hinfort  nichts  mehr  zu  thun.
-Gegen  diese  Argumentation  liesse  sich  sehr  viel  einwenden. ­
  Der  Nachweis  wäre  übrigens  leicht,  dass  fast
immer  die  Quellen  der  grossen  Vermögen  keineswegs  so
krystallklar  gewesen  sind.  Die  Geschichte  des  Grundeigentums ­
  wie  des  capitalistischen  Eigentums  lehrt  uns  vielmehr ­
  eine  Reihe  anderer  Ursachen  der  Bereicherung:
Verschleuderung  der  Staatsdomainen;  brutale  oder  betrügerische ­
  Expropriation  der  Gemeinländereien  und  des
bäuerlichen  Eigentums;  billiger  Kauf  der  Kirchengüter;
Bergwerks-  oder  Eisenbahnconcessionen,  die  für  ein  Butterbrot ­
  gegeben  und  sehr  häufig  später  weit  über  ihren
Wert  zurückgekauft  worden  sind;  Wucher;  verdächtige
Speculation;  Börsenspiel;  Corner,  d.  h.  monopolistischer ­
  Aufkauf  notwendiger  Verbrauchsgegenstände  zur
Preisverteuerung;  unerlaubte  Coalition;  ferner  das  von
selbst  entstehende  und  automatische  Anwachsen  der  Grundrente ­
  infolge  der  Vermehrung  der  Bevölkerung  und  der
        <pb n="129" />
        124

Entwickelung  der  Industrie;  Aneignung  des  von  den
Arbeitern  geschaffenen  Mehrwerts  durch  die  Capitalisten  ;
schamlose  Ausbeutung  des  Genies  der  Erfinder,  die  die
Kräfte  Ihres  Gehirnes  verkaufen  mussten,  um  nicht
Hungers  zu  sterben.  So  könnte  man  diese  Liste  noch
ins  Unendliche  fortsetzen.
Nehmen  wir  indessen  einmal  an,  es  sei  anders.  Nehmen
wir  für  einen  Augenblick  —  obschon  die  Thatsache  dem
entschieden  widerspricht  —  an,  dass  alle  Capitalisten  die
Söhne  ihrer  Thaten  seien,  dass  diese  Thaten  selbst  legitim
seien  und  dass  die  Besitzer  der  Productionsmittel  ihr  Vermögen ­
  einzig  und  allein  ihrer  persönlichen  Arbeit  verdanken ­
  :  dann  wäre  das  immer  noch  kein  zureichender
Grund,  dass  die  Gesellschaft  ihnen  einen  ewigen  und
übertragbaren  Besitztitel  an  der  Arbeit  anderer  gäbe;  es
wäre  immer  noch  kein  zureichender  Grund,  dass  ihre
Kinder  und  Kindeskinder  von  Generation  zu  Generation
diesen  so  geschaffenen  Reichtum  erbten  und  nichts  als
eben  Erben  wären.*)
Wenn  man  das  durch  persönliche  Arbeit  erworbene
Eigentum  für  legitim  erklärt,  das  ererbte  Eigentum  ist
es  zweifellos  nicht.
Man  behauptet  freilich,  das  Erbrecht  erfülle  eine
sociale  Mission,  weil  es  diejenigen  zur  Arbeit  antreibe,
die  ihre  Kinder  und  Erben  reich  machen  wollen.
Dieses  Argument  mag  einige  Berechtigung  haben,
wenn  es  sich  um  den  Erbgang  in  directer  Linie  oder  selbst
um  das  testamentarische  Erbrecht  handelt,  das  auch  die
Socialisten  im  allgemeinen  nur  beschränken,  nicht  aber
unterdrücken  wollen.**)  Aber  will  man  etwa  behaupten,
dass  es  sich  mit  der  Collateralerbschaft,  dem  letzten  und
seit  langem  ungerechtfertigten  Ueberbleibsel  aus  der  Zeit,
wo  die  „grosse  Familie“  noch  Wirklichkeit  war,  ebenso
verhält?  Und  ist  es  nicht  andererseits  unendlich  viel  wahr-*)
  Héritiers,  sans  labeur,  des  champs  fumés  de  morts!
**)  Siehe  z.  B.  Colins:  La  science  sociale,  V.  Band,
pag.  320  ff.  Schaeffle:  Die  Quintessenz  des  Socialismus.
        <pb n="130" />
        —  125  —
scheinlicher,  dass  die  tiefe  Ungerechtigkeit,  die  einigen
wenigen  erlaubt,  andere  für  sich  arbeiten  zu  lassen,  anstatt
selbst  zu  arbeiten,  der  Productivität  der  socialen  Arbeit
einen  viel  grösseren  Schaden  zufügt,  als  eine  selbst  übertriebene ­
  Beschränkung  des  testamentarischen  oder  Intestaterbrechtes ­
  ihr  zufügen  könnte  ?
Es  ist  unsere  feste  Ueberzeugung,  dass  die  Productivkraft ­
  der  modernen  Gesellschaft  bedeutend  wachsen  würde,
wenn  die  Vergesellschaftung  der  Hauptindustrieen  das
arbeitslose,  aus  dem  kapitalistischen  Eigentum  erwachsende
Einkommen  entweder  ganz  unterdrückte  oder  stark  beschränkte. ­
        <pb n="131" />
        IL  Capitel.
Die  Vorzüge  des  gesellschaftlichen  Eigentums

„We  are  all  socialists  now.“
Sir  William  Harcourt.
Wenn  die  Socialisten,  gestützt  auf  die  fortschreitende
capitalistische  Concentration  und  ihre  Consequenzen  in
Hinsicht  auf  die  Ausbeutung  der  Arbeit,  die  Socialisierung
der  bereits  für  den  Collectivismus  reifen  Industrieen  fordern, ­
  so  thun  sie  schliesslich  nichts  anderes,  als  die  Tendenz ­
  zu  verstärken  und  zu  verallgemeinern,  die  sich  bereits
im  Schosse  der  heutigen  bürgerlichen  Gesellschaft  selbst
durchsetzt.
Wir  wollen  gar  nicht  von  der  seit  Jahrhunderten
socialisierten  Justizpflege  sprechen,  oder  von  dem  Unterricht, ­
  der  trotz  des  Widerstandes  der  Kirche  mehr  und
mehr  zu  einem  öffentlichen  Dienste  wird:  es  ist  unbestreitbar, ­
  dass  auch  in  der  wirtschaftlichen  Ordnung  der  Collectivismus ­
  die  Tendenz  zu  immer  weiterer  Verbreitung  zeigt.
„Die  Verstaatlichung  gewisser  Betriebe,“  so  sagt  Hamilton,
„ist  bereits  so  vollkommen  durchgeführt,  dass  die  Rückkehr ­
  zum  Privatbetriebe  gar  nicht  mehr  in  Frage  kommen
würde,  z.  B.  im  Münzwesen,  bei  der  Post,  bei  den  Landstrassen ­
  u.  s.  w.  Die  Gründe  dafür  sind  leicht  zu  begreifen  :
Je  mehr  die  Civilisation  fortschreitet,  um  so  mehr  müssen
derartige  Institutionen  im  grossen  Masse  betrieben  werden,
einheitlich  und  mit  Beziehung  aufeinander.  Wenn  sie
Privatpersonen  oder  Gesellschaften  anvertraut  wären,  so
müsste  doch  ihr  Betrieb  mit  einem  Personal  durchgeführt
werden,  das  dem  der  Staatsanstalten  gleichkäme  und  folg-
        <pb n="132" />
        lieh  nicht  den  persönlichen  Anreiz  hätte,  der  auf  anderen
Gebieten  den  Vorteil  der  privaten  Unternehmungen  ausmacht. ­
  Wenn  eine  Concurrenz  existiert,  so  kann  der  Zweck
dieser  Einrichtungen  nur  unvollkommen  und  weniger  sparsam ­
  erreicht  werden,  z.  B.  in  dem  Falle,  dass  sich  mehrere
Eisenbahnlinien  Concurrenz  machen.  Wenn  aber  andererseits ­
  diese  Concurrenz  unter  den  Privatunternehmern  fehlt,
dann  leidet  das  Publicum  nach  verschiedener  Richtung
hin  Schaden,  und  die  Privatinteressen  der  Besitzer  machen
sich  tyrannisch  fühlbar.  So  zeigen  sich  sowohl  vom  Gesichtspuncte
  der  Production  als  auch  von  dem  der  Verteilung ­
  des  Reichtums  aus  deutlich  Vorteile  der  socialen
Organisation  derartiger  Unternehmungen.“*)
Diese  Vorteile  solcher  durch  den  Staat  oder  durch
andere  öffentliche  Institutionen,  wie  z.  B.  die  Provinzen
oder  besonders  die  Städte,**)  betriebenen  Unternehmungen
sind  sehr  verschiedener  Natur:  Einmal  dienen  die  gewonnenen ­
  Ueberschüsse  dazu,  die  Steuerlasten  zu  vermindern, ­
  anstatt  einigen  Actionären  zuzufliessen;  sodann
wird  der  Betrieb  nicht  ganz  und  gar,  oder  wenigstens
nicht  in  dem  Masse,  von  dem  Gesichtspunct  aus  geleitet,
den  höchsten  Profit  zu  erzielen,  wie  das  bei  den  capitalistischen
  Unternehmungen  der  Fall  ist  —  ausgenommen
selbstverständlich  den  Fall,  wo  es  sich  um  fiscalische
Monopole  handelt  —  ;  im  Regiebetriebe  pflegt  man  leichter
der  öffentlichen  Meinung  Rechnung  zu  tragen,  besonders,
wenn  es  sich  um  die  Lage  der  Angestellten  handelt
oder  um  den  Ankauf  der  Rohmaterialien,  um  den  Preis
und  die  Qualität  der  Products  oder  der  Dienste  und  endlich ­
  um  das  Interesse  der  kommenden  Generationen.

*)  Graf  von  Hamilton:  Le  développement  des
fonctions  de  l’Etat,  dans  leurs  rapports  avec  le  droit  constitutionnel/ ­
  (Revue  d’économie  politique,  1891,  pag.  140  ff.)
**)  Ueber  die  jüngsten  Fortschritte  des  Municipalsocialismus
in  England  siehe  Harrison:  Municipal  trading.  (Economie
Journal,  Juni  1900.)
        <pb n="133" />
        ■Hi

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—  128  ■—

§  I.
Die  Ueberschüsse  der  öffentlichen  Unternehmungen. ­

Die  vergesellschafteten  Industrieen  und  im  besonderen
die  natürlichen  oder  künstlichen  Monopole  können  zunächst
für  die  Gesamtheit,  die  sie  ausbeutet,  eine  Einnahmequelle ­
  abgeben.  In  Brüssel  wirft  z.  B.  das  Gas  allein
nahezu  2  Millionen  Ueberschuss  im  Jahre  ab.  In  Frankreich ­
  bringt  das  Tabakmonopol,  das  den  Preis  des  Productos ­
  um  das  Sechsfache  erhöht,  dem  Staatsschatz  in
guten  wie  in  schlechten  Jahren  mehr  als  300  Millionen  ein.
Es  versteht  sich  von  selbst,  dass  im  grossen  und  ganzen
diese  Ueberschüsse  nichts  anderes  als  indirecte  Steuern
sind.'  Wenn  eine  öffentliche  Verwaltung  ihre  Producte  nicht
zum  Selbstkostenpreis  liefert,  so  tragen  die  Ueberschüsse, ­
  die  sie  macht,  notwendigerweise  einen  fiscalischen
Charakter.  Und  in  einer  collectivistischen  Gesellschaft
würden  an  die  Stelle  der  heutigen  Steuern  die  Vorwegnehmungen ­
  treten,  die  die  Gemeinschaft  für  die  allgemeinen ­
  Bedürfnisse  ausführt,  bevor  sie  an  die  individuelle
Aufteilung  geht.  Wenn  es  sich  aber  um-  Producte  wie
Tabak  oder  Branntwein  handelt,  die  mit  Recht  als  Steuerträger ­
  angesehen  werden  können,  dann  ist  es  etwas  anderes,
als  z.  B.  mit  Wasser  und  Leuchtgas,  die  nicht  durch
Aufschläge  verteuert  werden  sollten,  weil  sie  notwendige
Bedürfnisse  befriedigen.
Schon  heute  geben  übrigens  einzelne  Gemeindeverwaltungen ­
  Wasser  und  Gas  teils  zum  Selbstkostenpreis,
teils  unter  dem  Selbstkostenpreis,  teils  sogar  kostenlos  ab.
In  seinem  Buche  über  den  Socialismus  in  England
erwähnt  Métin  zwei  kleine  Städte,  die  das  Gas  gratis
an  ihre  Einwohner  abgeben.*)

*)  Métin:  Le  socialisme  en  Angleterre  (Paris,  Alcan,
1897),  pag.  226.
        <pb n="134" />
        129

In  Schaerbeeck,  einem  der  wichtigsten  Vororte
Brüssels,  wird  das  absichtlich  herbeigeführte  Deficit  des
Wasserwerkes  durch  eine  besondere  progressive  Einkommensteuer ­
  gedeckt.*)
In  Genf,  das  seit  1896  das  Wasserwerk,  das  Gas-  und
Elektricitätswerk  wieder  selbst  übernommen  hat,  macht
man  beim  Leuchtgas  und  bei  dem  Gebrauchswasser  einen
kleinen  Ueberschuss;  dafür  giebt  man  aber  die  hydraulische ­
  und  elektrische  Motorkraft,  die  durch  zwei  mächtige
Werke  auà  der  Rhone  gewonnen  wird,  genau  zum  Selbstkostenpreis ­
  ab.**)
Dieselbe  Tendenz  zur  systematischen  Senkung  der
Ueberschüsse  finden  wir  bei  den  meisten  englischen  Gemeinden, ­
  und  man  kann  dazu  im  allgemeinen  sagen,  dass
überall  dort,  wo  der  socialistische  Geist  an  Ausdehnung
gewinnt,  der  fiscalische  Charakter  öffentlicher  Unternehmungen ­
  gemildert  wird.  „Keine  Stadt  ist  in  der
municipalen  Organisation  so  weit  vorgeschritten  wie
Glasgow,  keine  Stadt  steht  aber  auch,  was  ihre  Verwaltungen ­
  und  das  Niveau  des  öffentlichen  Geistes  anlangt,
auf  einer  so  hohen  Stufe;  nirgends  anderswo  sind  die
Lasten  der  öffentlichen  Betriebe  in  ihrer  Gesamtheit  so
niedrig,  nirgendswo  hat  man  aber  auch  mit  der  gleichen
Consequenz  das  „System  der  kleinen  Ueberschüsse“  gehandhabt.“***)

Wenn  man  anders  handelt  und  aus  den  öffentlichen,
dem  Gemeinwohle  dienenden  Einrichtungen  grosse  Ueber-*)

  Vergl.  den  Bericht  von  Louis  Bertrand,  Kämmerer ­
  von  Schaerbeeck,  an  den  Gemeinderat.
**)  Achard:  Les  finances  et  les  services  industriels  de  la
ville  de  Genève  (Revue  d’économie  politique,  August  und  September ­
  1899).
***)  Donald:  Municipal  trading  and  profits.  (Economie
Journal,  September  1899,  pag.  383.)  Ferner:  La  b  rióla:  Sul
socialismo  municipale.  (Critica  sociale,  Juni  1900.)  Dagegen:
E.  Cannau:  Ought  municipal  enterprises  to  be  allowed  to  yield
a  profit?  (Economic  Journal,  März  1899.)
Vandervelde:  Die  Entwickelung  zum  Socialismus.

9
        <pb n="135" />
        130

schüsse  herauswirtschaften  will,  dann  heisst  das  die  Unzuträglichkeiten ­
  der  Verzehrssteuern,  die  man  mit  Recht
die  progressive  Besteuerung  des  Elendes  genannt  hat,  in
anderer  Form  wieder  einführen.
Will  man  die  Vorteile  der  Socialisierung  in  das  rechte
Licht  stellen,  dann  muss  man  nach  unserer  Ansicht  mehr
Gewicht  auf  das  Interesse  des  Personals  und  der  Oeffentlichkeit,
  als  auf  die  etwa  zu  gewinnenden  Profite  legen.
§2.
.  Die  Lage  der  Angestellten.
Im  allgemeinen  sind  die.  Existenz-  und  Arbeitsbedingungen ­
  des  niederen  Personals  in  den  Staats-  oder
Communalbetrieben  besser,  als  in  den  Privatunternehmungen. ­
  „Die  Privatgesellschaften,“  so  sagt  der
schweizerische  Bundesrat  in  seiner  Botschaft  über  den
Rückkauf  der  schweizerischen  Eisenbahnen,  „haben  das
natürliche  Bestreben,  die  Kosten  des  Personals  auf  das
Mindestmass  herabzudrücken  ;  alle  verfolgen  ersichtlich
das  Princip,  einige  obere  Posten  sehr  gut  zu  bezahlen
und  dafür  an  den  Gehältern  und  den  Löhnen  der  unteren
Angestellten  zu  sparen,  da  sie  die  grosse  Masse  bilden,
auch  die  grösste  Ausgabe  erheischen.“*)  In  den  öffentlichen ­
  Unternehmungen  macht  sich  vielmehr  die  entgegengesetzte ­
  Tendenz  bemerkbar.
Nicht,  als  ob  die  Bezahlung  der  Oberen  nicht  zu
einer  anständigen  Lebensführung  ausreiche  ;  das  niedere
Personal  wird  sie  sogar  in  der  Regel  für  überreichlich
halten;  aber  alles  ist  relativ  und  häufig  ist  die  Bezahlung
dieser  Posten  der  von  der  Privatindustrie  gewährten  so
sehr  unterlegen,  dass  es  dieser  gelingt,  die  besten  Beamten,
die  tüchtigsten  Männer  und  berühmtesten  Techniker  den
öffentlichen  Betrieben  abspenstig  zu  machen.
*)  Botschaft  des  Bundesrats  über  die  Hauptlinien  der
schweizerischen  Eisenbahnen  vom  25.  März  1897,  pag.  58.
        <pb n="136" />
        —  13 1  —
Erst  unlängst  noch  verzichtete  ein  glänzender  Beamter
aus  dem  belgischen  Arbeitsministerium  auf  seinen  Posten,
um  an  die  Spitze  einer  grossen  Handelsgesellschaft  zu
treten.
Wenn  trotzdem  dem  Beamtenkörper  neben  tadelnswerten ­
  und  lästigen  Kostgängern,  eine  grosse  Zahl  energischer ­
  und  tüchtiger  Männer  angehört,  so  hat  das  seinen
Grund  vorzugsweise  in  dem  Ueberangebot  der  geistigen
Arbeit.  Aber  es  bleibt  darum  doch  nicht  minder  wahr,
dass  die  Staatsindustrie  in  einer  socialen  Ordnung  wie
der  heutigen,  in  der  das  Geld  fast  den  einzigen  Anreiz
zur  Arbeit  und  die  einzige  Entschädigung  für  die  Arbeit
bildet,  hervorragende  Leiter  nur  dann  haben  kann,  wenn
sie  ihnen  dieselben  Gehälter  bezahlt,  wie  die  Privatindustrie.
Was  die  Handarbeiter  und  die  kleinen  Beamten  anlangt, ­
  so  werden  sie  zwar  oft,  aber  doch  nicht  immer
in  den  Staatsbetrieben  besser  bezahlt  als  in  den  Privatbetrieben ­
  :  der  belgische  Staat  zahlt  z.  B.  seine  Maschinisten
sehr  viel  schlechter,  als  die  grossen  französischen  Eisenbahngesellschaften. ­

Trotzdem  ist  nicht  zweifelhaft,  dass  in  einem  demokratischen ­
  Staat,  in  einem  Staat  mit  parlamentarischer
Regierung,  wo  die  Masse  des  Volkes  an  den  Wahlen  teilnimmt, ­
  die  Leute  immer  noch  leichter  bei  einer  beabsichtigten ­
  Verbesserung  ihrer  Lage  zum  Ziele  gelangen,
wenn  es  sich  um  Staatsbetriebe  handelt  als  in  Privatbetrieben, ­
  weil  der  Staat  der  öffentlichen  Meinung  viel
mehr  Rechnung  tragen  muss,  als  die  Gesellschaften,  die
der  öffentlichen  Controle  so  gut  wie  ganz  entzogen  sind.
Wenn  übrigens  die  Nominallöhne  des  Personals  in
Staatsbetrieben  niedriger  sind,  als  die  in  privaten  Betrieben
gezahlten,  so  gewinnen  doch  die  Arbeiter  an  Sicherheit,
was  sie  an  Geld  weniger  erhalten.  Sie  begnügen  sich  mit
weniger  Lohn  aus  demselben  Grunde,  aus  dem  sich  die
Besitzer  von  Staatspapieren  mit  einer  niedrigeren  Rente
begnügen.  Die  Sicherheit  und  Dauer  ihres  Arbeitsverhält-9*
        <pb n="137" />
        w

—  132  —

nisses  entschädigt  sie  für  die  Niedrigkeit  der  Löhne.  Sie
sind  gegen  die  Gefahr  der  Arbeitslosigkeit,  der  Invalidität, ­
  der  Arbeitsunfähigkeit  infolge  eines  Unfalls
oder  des  Alters,  die  wie  ein  dr  ohender  Schatten
so  oft  das  Leben  der  Arbeiter  umdüstert,  besser  geschützt;*) ­
  und  diese  Garantie,  diese  Sicherheit  des  täglichen ­
  Brotes,  bildet  einen  so  wesentlichen  Vorteil,  dass
für  ihn  die  Staatsarbeiter  mit  unendlicher  Geduld  alle
Chicanen  ertragen,  ebenso  wie  alle  Beschränkungen,  die
die  Disciplin  ihrer  politischen  Freiheit,  der  Ausübung  ihrer
staatsbürgerlichen  Rechte  und  besonders  ihrem  Coalitionsrecht
  auf  erlegt.
Es  darf  auf  keinen  Fall  übersehen  werden,  dass  von
diesem  Gesichtspuncte  aus  in  der  That  der  Despotismus
des  Unternehmers  Staat  nicht  besser  ist,  als  der  Despotismus, ­
  der  in  den  meisten  Fabriken  der  Privatindustrie
herrscht  ;  und  es  ist  unvermeidlich,  dass  dieser  Zustand
so  lange  währt,  wie  sich  die  Leitung  der  öffentlichen  Angelegenheiten ­
  und  die  staatliche  Macht  in  den  Händen
der  Geschäftsträger  der  capitalistischen  Classe  befindet.
§3.
Der  Einkauf  der  Rohmaterialien.
Unter  der  Herrschaft  der  capitalistischen  Ausbeutung
sind  die  kleinen  Producenten  und  besonders  die  Kleinbauern, ­
  die  den  grossen  ländlichen  Industrieen  die  Rohmaterialien ­
  liefern,  den  Schwankungen  der  Preise  unterworfen, ­
  die  aus  der  industriellen  Anarchie  resultieren,  oder
den  eisernen  Preiscontracten,  die  ihnen  die  Cartelle  der
Zuckerfabricanten,  der  Tabakfabricanten,  der  Cichorien-*)

  Revue  du  Travail  1899,  pag.  1266.  Dort  heisst  es  in
einer  Notiz  über  die  Möbelindustrie  in  Malines:  „Einige  Unternehmen ­
  klagen  über  die  Schwierigkeiten,  die  ihnen  das  Staatsarsenal ­
  in  Malines  bei  der  Anwerbung  von  Arbeitern  bereitet;
viele  gute  Arbeiter  gehen  nämlich  dorthin,  um  für  ihre  alten
Tage  einen  sicheren  Platz  zu  haben.“
        <pb n="138" />
        133

oder  Schnapsfabricanten  und  wie  sie  sonst  alle  heissen,
auf  zwingen.
Wenn  sich  eine  oder  die  andere  dieser  Industrieen
dagegen  in  den  Händen  des  Staates  befindet,  so  kann
er  beim  Einkauf  der  Rohmaterialien,  einen  bedeutenden
Einfluss  auf  den  Preis  der  Producte  und  die  Arbeitsbedingungen ­
  der  Producenten  ausüben.
Dieser  Einfluss  bedeutet  sicherlich  eine  erhebliche
Gefahr,  wenn  die  öffentliche  Gewalt  in  den  Händen  einer
Coterie,  einer  Partei  oder  einer  Classe  liegt;  wenn  sie
aber  umgekehrt  das  Allgemeinwohl  im  Auge  hat,  dann
kann  sie  für  die  Producenten  der  Rohmaterialien  ausserordentlich ­
  günstige  Wirkung  haben.
In  der  Schweiz  leistet  z.  B.  die  Verwaltung  des  Alkoholmonopols ­
  —  die  man  deshalb  sehr  ungerechter  Weise
beschuldigt  hat,  sie  treibe  eine  „Kartoffelwahlpolitik“*)
—  armen  Cantonen  sehr  erhebliche  Dienste,  indem  sie
zur  Destillation  die  von  jenen  gebauten  Kartoffeln  benutzt,
anstelle  von  Mais  und  anderen  ausländischen  Cerealien,
die  die  Privatdestillateure  früher  verwendeten.
In  Frankreich  vermeidet  man,  dank  der  Einrichtung
des  Tabakmonopols,  das  nach  der  Grösse  des  Verbrauches
die  Grösse  des  Anbaues  regelt,  die  Ueberproduction,  die
Unstetigkeit  des  Preises  und  die  schweren  Krisen,  unter
denen  in  diesen  letzten  Jahren  die  belgischen  Tabakbauern
so  ¡erheblich  zu  leiden  hatten.  Wie  ¡Adolph  Wagner  schreibt,
wird  der  geerntete  Tabak  von  der  Regieverwaltung  aufgekauft ­
  und  zwar  zu  Preisen,  die  der  Finanzminister  im
voraus  für  die  verschiedenen  Tabaksqualitäten  festsetzt.
Auf  diese  Weise  erzielt  der  Pflanzer  nicht  nur  einen  auskömmlichen ­
  Preis,  sondern  auch  einen  von  Jahr  zu  Jahr
fast  gleichbleibenden.  Er  gewinnt  somit,  —  und  darin  besteht
ein  Hauptvorzug  dieses  Verfahrens  vor  dem  „freien  Handel

*)  D  r  o  z  :  Essais  économiques.  Le  monopole  de  l’aîcool
en  Suisse  (Paris,  Alcan,  1896),  pag.  577.
        <pb n="139" />
        134

#

—  eine  solide  Basis  für  die  Verwertung  jener  Producte,
was  eine  wahre  Wohlthat  für  den  Bauern  ist.“*)
Aehnlich  könnte  man  es  auch  mit  dem  Zuckerrübenbau ­
  machen,  wenn  die  Verstaatlichung  der  Zuckerindustrie
die  Landwirtschaft  von  der  oft  abscheulichen  Ausbeutung
durch  die  Zuckerbarone  —  die  man  wegen  der  häufigen  falschenWägungen
  in  Belgien  die  „Ritter  von  der  Tara  und  der
Wage“  genannt  hat  —  befreien  würde.  Die  Verstaatlichung
dieser  Industrie  und  die  Expropriation  ihrer  Besitzer  hätte
übrigens  noch  den  Vorteil,  dass  sie  die  elende  Lage  ¡des
Proletariats  in  den  Zuckerfabriken  besserte  und  ein  wirksames ­
  Mittel  gegen  die  Betrügereien  bei  dem  Gewichte,
bei  der  Tara  und  bei  dem  Zuckergehalt  bildete  ;  heute
werden  nämlich  die  Kleinbauern,  denen  jedes  Mittel  wirksamer ­
  Controle  fehlt,  bei  der  Lieferung  der  Zuckerrüben
in  den  Fabriken  in  der  Regel  schamlos  über  das  Ohr  gehauen.**) ­

Man  kann  ganz  im  allgemeinen  sagen,  dass  mit  der
Verstaatlichung  der  Productions-  und  Austauschmittel  die
Betrügereien,  Verfälschungen  und  Veruntreuungen  aller
Art  verschwinden  würden,  die  die  Profitwut  unter  der
Herrschaft  des  Capitalisions  beinahe  notwendigerweise
erzeugt.
§  4-Der
  Preis  der  Producte  und  der  Dienstleistungen. ­

Wir  haben  schon  darauf  hingewiesen,  dass  die  öffentlichen ­
  Unternehmungen  neuerdings  die  Tendenz  zeigen,
die  ursprünglich  herrschenden  fiscalischen  Allüren  abzulegen ­
  und  sich  mehr  und  mehr  der  communistischen  Ver-*)
  Wagner:  Lehr-  und  Handbuch  der  politischen
Oekonomie.  (Leipzig,  1889.)  IV.  Hauptabteilung.  Finanzwirtschaft. ­
  III.  Teil:  Tabakmonopol,  pag.  725  ff.
**)  Vergl.  dazu  meine  Rede  in  der  belgischen  Kammer
vom  25.  Mai  1897  und  die  Broschüre:  Les  vols  sur  les  betteraves
et  les  sucres  (Brüssel,  rue  des  Sables  35,  1900).
        <pb n="140" />
        teilung  oder  wenigstens  dem  Verkauf  zum  Selbstkostenpreis ­
  zu  nähern.  Wo  immer  dagegen  die  monopolisierten
Industrieen  ihren  capitalistischen  Charakter  bewahrt  haben,
da  wird  die  Erhöhung  der  Preise  zu  einer  directen
Schädigung  des  Publicums  oder  der  Producenten,  die  von
diesen  Industrieen  abhängen.
In  Paris  liefert  z.  B.  die  Gasgesellschaft  —  deren
Monopol  der  von  den  Kleinbürgern  neu  gewählte  Stadtrat ­
  zweifellos  erneuern  wird*)  —  das  Leuchtgas  zum  Preise
von  30  Centimes  für  den  Kubikmeter,  während  die  Consumenten
  in  den  englischen  Städten  den  städtischen  Gasfabriken ­
  nur  8—10  Centimes  bezahlen.
Die  Nachteile  der  Monopolisierung  und  die  Vorteile
der  Socialisierung  in  Hinsicht  auf  Preise  und  Tarife  erreichen ­
  natürlich  ihren  Höhepunct  dann,  wenn  es  sich  um
solche  Industrieen  handelt,  von  denen  alle  anderen  abhängig ­
  sind,  wie  z.  B.  die  Bergwerksindustrie  und  die
Transporteinrichtungen.
Wir  sind  die  ersten,  die  zugeben,  dass  der  Betrieb
der  Staatsbahnen  wie  er  z.  B.  in  Belgien  oder  in  Deutschland ­
  organisiert  ist,  zu  vielen  und  gerechten  Kritiken  Anlass ­
  giebt.  Aber  sowohl  in  Hinsicht  auf  die  Tarife,  als
auch  in  Hinsicht  auf  die  der  Industrie  im  allgemeinen
bewilligten  Vorteile,  ist  er  unzweifelhaft  dem  Privatbetrieb
der  Eisenbahnen  überlegen.  Mit  Recht  constatierte  die
Botschaft  des  schweizerischen  Bundesrates,**)  die  denRückkauf
  der  Eisenbahnen  empfahl,  dass  die  Privatgesellschaften ­
  vor  allen  Dingen  die  guten  Linien  ausbeuten
und  sich  beim  Bau  und  Betriebe  der  unrentablen  auf
das  Allernotwendigste  beschränken.  Manchmal  leisten  sie
nur  eben  das  Minimum,  das  in  den  Concessionen  vorge-*)
  Sie  bietet  nur  eine  Ermässigung  des  Gaspreises  auf
22  Centimes  an,  wenn  ihr  die  Concession  verlängert  wird.  Ueber
die  Unsummen,  die  die  Gesellschaft  bei  einem  solchen  Geschäft
verdienen  würde,  siehe  Charnay:  L’éclairage  au  gaz  à  Paris
(Revue  socialiste,  Juni  1899,  pag.  704  ff.)
**)  a.  a.  O.,  pag.  34  ff.
        <pb n="141" />
        136

schrieben  ist,  weil  es  ihnen  ausschliesslich  auf  die  Gewinnung ­
  hoher  Dividende  ankommt.  Wolfe  sagt  :  „Es
giebt  ganze  Gegenden  in  England  und  besonders  in  Irland ­
  und  Schottland,  die  ohne  alle  Eisenbahnen  sind,
weil  deren  Bau  den  Gesellschaften  nicht  rentabel  erscheint.“*) ­

Der  Staat  hingegen  hat  die  moralische  Pflicht,  einen
Teil  seiner  Gewinne  zum  Bau  von  Eisenbahnen  auch  in
den  weniger  guten  Gegenden  zu  verwenden.  In  Deutschland, ­
  Oesterreich  und  Belgien  giebt  es  eine  ganze  Anzahl ­
  von  Linien,  die  nur  aus  diesem  Grunde  erbaut
worden  sind.
Und  trotz  dieser  im  allgemeinen  Interesse  geleisteten
Aufwendungen,  trotz  der  höheren  Ausgaben  bei  der  Besoldung ­
  des  unteren  Personals  sind  doch  die  Güter-  und
Personentarife  in  den  Ländern  mit  staatlichen  Eisenbahnen
niedriger,  als  in  Frankreich  und  besonders  in  England.
Das  constatierte  im  Jahre  1899  einer  der  ersten  englischen ­
  Ingenieure  T.  Forster  Brown,  als  er  vor  der  wissenschaftlichen ­
  Gesellschaft  in  London  die  Lage  der  Kohlenindustrie ­
  in  Hinsicht  auf  internationale  Concurrenz  untersuchte: ­
  „Heute,“  so  sagte  er,  „sind  Deutschland  und
Belgien  die  ernstesten  Con  currenten  Englands.  Die
deutschen  Staatsbahnen  haben  die  Tarife  auf  die  Hälfte
dessen  herabgesetzt,  was  man  in  England  zahlt  und  dadurch ­
  den  Kohlenhandel  im  In-  und  Auslande  stark
gefördert.“**)
Der  Vorteil  ist  noch  umso  bedeutender,  als  die  Vereinigung ­
  aller  Linien  in  den  Händen  des  Staates  die
Möglichkeit  gewährt,  alle  industriellen  Gegenden  des
Landes  gleichmässig  zu  berücksichtigen.
Vorzugsweise  war  es  denn  auch  die  Ueberlegung
dieser  Art,  die  die  schweizerische  Regierung  bewogen  hat,
*)  A.  G.  W  o  1  f  e  :  The  nationalisation  of  the  railway  system,
pag.  6  und  7.  (London,  The  twentieth  century  press,  1894.)
**)  Revue  Universelle  des  Mines,  Januar  1900,  pag.  96  ff.
        <pb n="142" />
        137

fast  das  ganze  Netz  der  auf  schweizerischem  Gebiete  bestehenden ­
  Eisenbahnen  auf  einmal  zurückzukaufen.*)
Und  ebenso  stützte  sich  darauf  der  frühere  belgische
Eisenbahnminister  Vandenpeereboom,  als  er  den  Plan  des
Rückkaufs  der  grossen  centralen  Bahnen  verteidigte;  mit
folgenden  Worten  trat  er  für  das  Princip  des  Staatsbetriebes ­
  ein:  „Wenn  man  die  leichteste  Lösung  vom  verwaltungstechnischen ­
  Standpuncte  aus  suchte,  so  würde
man  zweifellos  die  Eisenbahnen  verkaufen.  Sie  haben
1400  Millionen  gekostet  und  sind  heute  2000  Millionen
wert.  Wenn  man  diesen  Verkauf  durchgeführt  hätte,  so
würde  man  sich  nicht  mehr  um  die  Zukunft  unseres
Budgets  zu  sorgen  haben,  da  die  ganze  belgische  Staatsschuld ­
  beinahe  davon  gezahlt  werden  könnte,  und  man
hätte  ausserdem  keine  Schwierigkeiten  mehr  mit  der
Organisation  einer  so  grossen  Verwaltung.  Aber  es  giebt
einen  höheren  Gesichtspunct  :  das  Interesse  der  Industrie
und  des  Handels  !  Man  kann  ohne  Zweifel  behaupten  :
der  ungeheure  volkswirtschaftliche  Aufschwung,  den  Sie
vor  Augen  sehen  und  der  nicht  nur  in  unserer  Geschichte,
sondern  vielleicht  in  der  Geschichte  aller  Völker  ohnegleichen ­
  ist,  beruht  zum  grössten  Teil  auf  diesem  gewaltigen ­
  Arbeitsmittel,  das  in  den  Händen  des  Staates
ist.  Meine  Vorgänger  und  ich,  wir  haben  seit  30  Jahren
bei  unserer  Geschäftsführung  nur  die  Entwickelung  der
Industrie  im  Auge  gehabt.  Heutzutage  scheint  man  zu
bedauern,  dass  die  Verwaltung  nicht  in  den  Händen  von
Industriellen  gelegen  hat,  die  daraus  mehrere  Millionen
Profite  gezogen  hätten  .  .  .  Wenn  erst  einmal  alle  Eisenbahnlinien ­
  im  Besitz  des  Staates  sind,  dann  kann  ja  die
Kammer  darüber  entscheiden,  ob  der  Staat  selbst  die
Bahnen  betreiben  soll,  oder  ob  er  den  Betrieb  an  Gesellschaften ­
  abtreten  soll  ;  aber  ich  wiederhole,  dass  an  dem
Tage,  an  den  man  diesen  Beschluss  gefasst  haben  wird,

*)  Botschaft  des  schweizerischen  Bundesrats,  pag.  42—73.
        <pb n="143" />
        die  Stunde  des  Niederganges  unserer  Industrie  und  unseres
Handels  geschlagen  haben  wird.“*)
Wir  brauchen  kaum  darauf  hinzuweisen,  dass  man
diese  Gründe,  die  einen  starken  Eindruck  auf  die  Kammer
machten,  mutatis  mutandis  auf  alle  anderen  Zweige  der
Industrie  und  des  Transportwesens  anwenden  kann.  Was
für  die  Eisenbahnen  gilt,  das  gilt  auch  ebensogut  für  die
Strassenbahnen,  und  während  die  Herrschaft  der  Privatgesellschaften ­
  und  der  Trusts  in  Frankreich  und  Nordamerica ­
  geradezu  beklagenswerte  Resultate  liefert,  kann
man  sagen,  dass  die  Versuche  der  Verstadtlichung  des
Strassenbahnwesens  in  England  zu  glänzenden  Resultaten
geführt  haben.  Es  mag  genügen,  um  den  Beweis  für  diese
Worte  zu  liefern,  eine  Stelle  aus  dem  städtischen  Jahrbuch ­
  ((Municipal  (Year  Book)  für  ¡1899  zu  eitleren  :  „Während
des  letzten  Jahres  hat  kein  Zweig  der  communalen  Unternehmungen ­
  so  rasche  Fortschritte  gemacht,  wie  der
Strassenbahnbetrieb.  Fast  alle  grossen  Städte  haben  die
Strassenbahnen  verstadtlicht  oder  stehen  im  Begriff  es  zu
thun.  Der  Ablauf  der  Verträge  mit  den  Gesellschaften
fällt  mit  der  Einführung  eines  neuen  Betriebsystems  zusammen, ­
  und  in  wenigen  Jahren  wird  der  Strassenbahnbetrieb ­
  in  allen  grossen  Centren  vollständig  revolutioniert
sein.  Viele  Städte,  die  die  Strassenbahnen  sobald  wie
möglich  unter  ihre  Controle  stellen  wollen,  warten  nicht
einmal  den  Ablauf  der  Concessionen  ab,  sondern  kaufen
die  concessionierten  Linien  direct  zurück.  Es  ist  heute
allgemein  anerkannt,  dass  die  Strassenbahnen  nur  dann
der  Bevölkerung  den  grössten  Nutzen  gewähren  können,
wenn  sie  im  Besitz  und  dem  Betriebe  der  Stadtgemeinden
stehen.“
Diejenigen,  die  noch  Zweifel  an  der  Wahrheit  dieses
Satzes  haben,  mögen  einmal  die  scheusslichen  Ungetüme,

*)  Armales  parlementaires  1896—1897,  pag.  1663  (Sitzung
vom  15.  Juni  1897).
        <pb n="144" />
        die  die  Strassen  von  Paris  verunzieren,  mit  den  eleganten
Wagen  vergleichen,  die,  mit  dem  Wappen  der  Stadt  geschmückt, ­
  den  Reisenden  in  Edinburgh  oder  Glasgow
transportieren;  und  dabei  bezahlt  man  auf  den  vorsündflutlichen
  Gefährten  in  Paris  30  Centimes,  während  man
in  Glasgow  und  Edinburgh  für  5  Centimes  nach  allen
vier  Ecken  der  Stadt  fahren  kann.  Hier  hat  man  den  Beweis
dafür,  dass  der  Regiebetrieb  der  Strassenbahnen  den
Monopolen  von  Privatgesellschaften  nicht  nur  in  Rücksicht ­
  auf  die  Tarife,  sondern  auch  in  Bezug  auf  die  Qualität ­
  der  geleisteten  Dienste  überlegen  ist,  und  das  führt
uns  zu  einer  neuen  Reihe  von  Vorzügen  der  Socialisierung.
§  5-Die
  Qualität  der  Product  e.
Auch  die  den  Staatsmonopolen  am  schroffsten  gegenüberstehenden ­
  Nationalökonomen  müssen  anerkennen,
dass  sie  im  allgemeinen  den  Consumenten  reinere  Producte
  liefern,  als  die  Privatindustrie.  „Wenn  man  sehr
hohe  Abgaben  erhebt,“  so  sagt  Leroy-Beaulieu,  „dann  ist
das  Staatsmonopol  der  einzige  Weg,  um  den  Consumenten
ordentliche,  gesunde  und  nicht  verfälschte  Waren  zu
liefern.  Diese  Thatsache  steht  ausser  Zweifel.  Als  der
Deutsche  Reichstag  im  Jahre  1877-78  über  die  Tabaksteuer ­
  beriet,  da  sagte  Herr  von  Stauffenberg,  damals
Vicepräsident  dieser  Körperschaft  :  wir  Raucher  wissen
wohl,  dass  wir  rauchen,  aber  wir  sind  weit  entfernt  davon ­
  zu  wissen,  was  wir  rauchen  ;  die  Verwendung  von
Zuthaten  zum  Tabak  hat  einen  solchen  Umfang  angenommen, ­
  dass  man  ein  förmliches  Studium  der  Botanik
darauf  verwenden  müsste,  um  alle  die  Pflanzen  zu  beschreiben, ­
  die  sich  in  unserem  Tabak  und  unseren  Cigarren
vorfinden,  von  den  Rübenblättern  bis  zu  den  Kirschblättern; ­
  und  was  würde  erst  alles  im  Tabak  vorhanden
sein,  wenn  die  Abgaben  von  40  auf  60  Mark  gesteigert
        <pb n="145" />
        —  140  —

würden?  Die  Belastung  des  Tabaks  ist  in  Frankreich
viel  höher,  als  die,  von  der  Herr  von  Stauffenberg  im
Reichstage  sprach,  und  doch  sind  die  Producte  rein:  das
ist  ein  sehr  schwer  wiegendes  Argument  zu  gunsten  des
Monopols.*)
Dasselbe  Argument  könnte  man  zu  gunsten  des  Alkoholmonopols ­
  anführen,  wenn  in  der  That,  wie  man  früher
glaubte,  die  Reinheit  des  Trinkalkohols  einen  wesentlichen ­
  Factor  im  Kampfe  gegen  den  Alkoholismus  bildete.
Man  weiss  in  der  That,  dass  nach  der  Einführung  des
Alkoholmonopols  in  der  Schweiz  die  unter  der  Herrschaft
der  Hausdestillation  so  arg  vernachlässigte  Rectification
so  vorzüglich  gestaltet  worden  ist,  dass  die  Eidgenossenschaft ­
  ihrem  Schnaps,  um  ihn  den  Consumenten,  denen  er
zu  fade  erschien,  mundgerecht  zu  machen,  1V2  pro  Mille
Fusel  heimischen  musste,  eine  Menge,  die  übrigens  als
unschädlich  betrachtet  wird.**)
Wir  wollen  übrigens  nicht  zu  bemerken  unterlassen,
dass  wir  aus  anderen  Gründen  und  besonders,  um  die  Beschränkung ­
  des  Consums  zu  erleichtern,  Anhänger  des
Fabrications-  und  Verkaufsmonopols  beim  Alkohol  sind;
es  ist  nämlich  festgestellt  worden,  dass  auch  der  vollkommen ­
  gereinigte  Alkohol  ebenso  giftig  ist,  wie  der
fuselhaltige.
Was  auf  der  anderen  Seite  die  Lebensmittel  anlangt,
wie  Brot,  Butter,  Milch,  Colonialwaren,  kurz  alle  diejenigen ­
  Producte,  deren  Verkauf  einer  ebenso  lästigen,
wie  häufig  unwirksamen  staatlichen  Controle  unterstellt
ist,  so  ist  klar,  dass  bei  ihnen  allen  für  eine  Socialisierung
durch  den  Staat  oder  die  Gemeinde,  besonders  das  Argument, ­
  spricht,  dass  die  Qualität  der  Producte  dadurch
verbessert  wird.

*)  Leroy-Beaulieu:  Traité  de  la  science  des  finances.
(Paris,  Guillaumin,  1892.)  I.,  pag.  701.
**)  Berry  er:  Le  monopole  de  l’alcool  (Lüttich,  1898),
pag.  216.
        <pb n="146" />
        Heute  stehen  die  Colonialwarenhändler  in  dem  Rufe,
Fälscher  zu  sein,  und  ehrenvolle  Ausnahmen  können  an
diesem  allgemeinen  Urteile  nichts  ändern.  Die  Milchhändlerinnen ­
  wollen  trotz  der  polizeilichen  Ueberwachung
von  der  verderblichen  Gewohnheit,  ihre  Milch  zu  taufen,
nicht  ablassen.  Die  grossen,  wie  die  kleinen  Butterfabricanten
  stehen  z.  B.  in  Belgien  so  häufig  in  Beziehung  zu
Margarinefabricanten,  dass  diese  in  ihren  Prospecten  elegante ­
  Attrappen  anpreisen,  mit  deren  Hilfe  die  Margarine
in  die  Molkereien  gebracht  werden  kann,  ohne  dass  dadurch ­
  die  Aufmerksamkeit  des  Publicums  oder  der  Polizeibeamten ­
  erregt  wird.*)
Wenn  man  sich  endlich  einen  Begriff  machen  will
von  den  (abscheulichen  Zuständen  in  den  kleinen  Bäckereien
und  über  die  Qualität  ihrer  Producte,  dann  mag  man  die
Schilderungen  nachlesen,  die  der  Freiherr  Friedrich  von
Weichs-Glon  in  einer  Studie  über  die  Verstadtlichung
der  Bäckereien  in  der  Revue  d’Economie  politique  gegeben ­
  hat.
„Wir  wollen  einmal,“  sa  sagt  er,  „in  irgend  eine  der
Backstuben  unserer  Bäcker  eintreten;  ein  heftiger  Ekel
vor  dem,  was  sich  dort,  entgegen  den  elementarsten  Regeln
der  Hygiene  abspielt,  wird  sich  unserer  bemächtigen.  Fast
alle  liegen  sie  in  düsteren,  feuchten  Gelassen,  die  tiefer

*)  „Die  Verpackung  giebt  zu  erheblichen  Missständen
Anlass.  Eine  bedeutende  Menge  Margarine  wird  den  Detaillisten
in  den  verschiedensten  Gefässen  verkauft,  als  da  sind  Luxuskörbe, ­
  Haushaltungs-  und  Küchengegenstände  u.  s.  w.  Die
Preise,  zu  denen  diese  Verpackungen  abgelassen  werden,  beweisen, ­
  dass  sie  mindestens  ebenso  oft  dazu  dienen  sollen,  die
Ware  zu  verbergen,  als  sie  zu  beherbergen;  manchmal,  ist  man
thatsächlich  überrascht  von  der  Menge  von  Margarine,  die
irgend  ein  Händler  in  seinem  Keller  oder  einem  Hintergelass
liegen  hat,  den  man  nach  der  Auslage  in  seinem  Schaufenster
für  einen  Klempner  oder  Korbmacher  halten  möchte.“  Bericht
von  Mérode  über  den  Gesetzentwurf  zur  Verhinderung  des  Betrugs ­
  mit  Margarine.  (Belgische  Kammer  der  Abgeordneten,
7.  März  1900.)
        <pb n="147" />
        142

sind  als  das  Strassenniveau;  nur  auf  einer  halsbrecherischen ­
  Treppe  oder  Leiter  gelangt  man  in  diese  ventilationslosen ­
  Keller,  die  sogar  am  Tage  künstlich  erleuchtet
werden  müssen,  in  diese  schmierigen  Räume,  die  von
einer  undefinierbaren  Moderluft  gefüllt  sind.  Fussboden,
Decke  und  Wände  werden  nur  selten  oder  nie  gereinigt,
die  Bedürfnisanstalten  starren  von  Schmutz,  haben  keine
Wasserspülung  und  liegen  oft  direct  im  Backraum.  Waschgelegenheit ­
  fehlt,  es  giebt  keine  Taschentücher  und  keine
Spucknäpfe,  ebensowenig  wie  Ausgüsse  unter  der  Wasserleitung. ­
  Die  Backtröge  dienen  als  Betten,  und  in.  den
Backeimern  wäscht  man  Wäsche,  mit  dem  schmutzigen
Wasser  behandelt  man  sogar  das  Gebäck.  Die  Luft  wird
nur  selten  oder  niemals  erneuert,  besonders  im  Winter,
um  Heizmaterial  zu  sparen  ;  daher  kommt  eine  erstickende
Atmosphäre,  gesättigt  mit  Wasserdampf,  Kohlenrauch,
Tabakqualm,  Gärungserzeugnissen  und  menschlichem
Schweissgeruch.“
Wir  wollen  gewiss  nicht  behaupten,  dass  es  in  allen
Bäckereien  so  aussieht  und  dass  das  ganze  Bäckergewerbe
überall  unter  solch  traurigen  Bedingungen  wie  in  Oesterreich ­
  produciert  ;  aber  auf  alle  Fälle  ist  doch  unbestreitbar,
dass  die  Brodfabrication  in  den  grossen  Genossenschaftsbäckereien ­
  auf  das  glücklichste  von  diesem  abscheulichen
Gemälde  absticht.*)  Und  so  zielen  denn  die  Bestrebungen,
das  (Bäckergewerbe  zu  verstadtlichen  oder  zu  verstaatlichen,
zum  Teil  gerade  darauf  ab,  die  Vorteile  dieser  vorbildlichen ­
  Fabriken  zu  verallgemeinern.
Aus  Gründen  der  Hygiene  und  gleichzeitig,  um  eine
beklagenswerte  Verschwendung  von  Zeit  und  Kräften  aus
der  Welt  zu  schaffen,  hat  auch  der  Stadtrat  von  Glasgow

*)  Von  Weichs-Glon:  La  municipalisation  de  la
boulangerie.  (Revue  d’Economie  politique,  October-November
1897).  Ferner:  Till:  L’étatisation  de  la  boulangerie.  (Ebendort, ­
  April  1897.)
        <pb n="148" />
        "H  "

—  143  —
Untersuchungen  über  ein  bequemes  Milchversorgungssystem ­
  anstellen  lassen,  wobei  die  Milch  vorher  durch
städtische  Angestellte  analysiert  und  sterilisiert  werden
soll.  Die  Urheber  dieses  Planes  weisen  in  einer  Broschüre,
die  den  Titel:  Die  Milchfrau  und  der  Postbote  trägt,  ausdrücklich ­
  auf  die  Thatsache  hin,  dass  man,  ganz  abgesehen ­
  von  dem  hygienischen  Vorteile  einer  communalen
Milchversorgung,  auch  die  ganze  Zeit  einsparen  würde,
die  heute  die  Milchhändlerinnen  beim  Austragen  der  Milch
in  die  Häuser  verschwenden:  für  die  Milchverteilung
reichten  einige  Angestellte  aus,  die  die  Milch  von  Thür
zu  Thür  tragen,  gerade  so,  wie  die  Briefträger  die  Briefe
und  Zeitungen  verteilen.
Wir  wollen  nicht  unnötig  die  Beispiele  vermehren
und  stellen  deshalb  dies  fest:  es  unterliegt  keinem  Zweifel,
dass  der  Staats-  oder  Gemeindebtrieb,  wenn  er  nicht  ausschliesslich ­
  durch  die  Rücksicht  auf  den  Profit  geleitet
wird,  wenigstens  den  einen  Vorteil  hat,  dass  das  Publicum
mit  Producten  versorgt  wird,  deren  Reinheit  und  Echtheit
von  niemanden  in  Zweifel  gestellt  werden  kann.  Die
Ausdehnung  der  Socialisierung  bringt  also  einen  unzweifelhaften ­
  Fortschritt  in  der  Moralität  der  wirtschaftlichen ­
  Beziehungen  mit  sich.
§  6.
DasInteressederkommendenGenerationen.
Neben  den  unmittelbaren  Vorteilen,  die  das  Publicum
aus  der  Socialisierung  zieht,  muss  man  auch  beachten,
dass  der  gesellschaftliche  Betrieb  die  Erhaltung  und  rationelle ­
  Verwendung  der  Reichtümer  des  Bodens  und  des
Untergrundes  in  ganz  anderer  Weise  als  der  capitalistische
Betrieb  garantiert.
Die  Geschichte  der  belgischen  Eisenbergwerke,  die
der  Ausbeutung  durch  ihre  Concessionäre  ausgeliefert  sind,
ist  ein  schmerzlich  lehrreiches  Beispiel,  und  man  kann  die
        <pb n="149" />
        144

herbe  Kritik,  die  wir  in  der  Allgemeinen  Bergwerkszeitung*)
über  die  Ausbeutung  der  englischen  Kohlengruben  finden,
auch  auf  andere  Länder  anwenden  :  „Während  die  Kohlenbassins ­
  Englands  so  reich  sind,  dass  sie  die  jetzige  Steigerung ­
  der  Ausbeute  bis  zu  1200  Meter  Tiefe  noch  aüjf  3  Jahrhunderte ­
  sichern  würden,  „rahmen“  die  Bergwerksbesitzer
diesen  Reichtum  in  einer  solchen  Weise  ab,  dass  man  in
50  Jahren  nur  noch  mit  einer  wesentlich  verteuerten  Ausbeutung ­
  und  infolgedessen  auch  mit  wesentlich  höheren
Kohlenpreisen  rechnen  kann.“
Als  die  transvaalische  Regierung  im  Anfang  des  südafricanischen
  Krieges  die  Goldminen  des  Randes  im  Besitz
nahm,  um  sie  zum  eigenen  Vorteil  auszubeuten,  machten
ihre  Ingenieure  ganz  ähnliche  Erfahrungen  :  „An  vielen
Orten,“  so  schrieb  der  mit  der  Direction  der  Rose  deep
Mine  beauftragte  Ingenieur  Kubale,  „hatte  ich  den  Eindruck, ­
  dass  die  Minen  von  den  früheren  Directoren  nur
abgegrast  waren,  d.  h.,  dass  man  nur  das  stark  goldhaltige
Mineral  herausgeschafft  hatte,  ohne  auf  eine  vernünftige
Ausbeutung  der  Minen  Bedacht  zu  nehmen  und  dem  Betriebe ­
  einen  ordentlichen  Plan  zu  Grunde  zu  legen.“**)
Die  nämliche  Unbekümmertheit  um  die  Zukunft  sehen
wir  mit  noch  grösserer  Brutalität  und  mit  viel  grösserer
unmittelbarer  Gefahr  in  dem  Raubbau,  den  die  meisten
Waldbesitzer  mit  ihren  Gehölzen  betreiben.  „Früher  oder
später,“  so  lesen  wir  in  dem  Blatte  der  Centralforstgesellschaft ­
  von  Belgien,  „laufen  die  Privatwälder  Gefahr,
verwüstet  zu  werden  oder  doch  nicht  mehr  die  Rolle  zu
spielen,  die  ihnen  im  allgemeinen  Interesse  zufällt.  Der
Besitzer  kümmert  sich  nicht  um  die  Wirkungen,  die  die
Abholzung  für  das  Klima,  für  die  Wasserverhältnisse  und
für  die  locale  Industrie  haben  kann,  er  hat  nur  das  eigene
Interesse  im  Auge.“***)
*)  Revue  Universelle  des  Mines  (Januar  1900).
**)  Economiste  français  vom  10.  März  1900,  pag.  305.
***)  La  diminution  du  domaine  boisé.  (Bulletin  de  la  Société
forestière,  Juli  1896,  pag.  507.)
        <pb n="150" />
        Aus  diesen  Gründen  treten  alle  Forstmänner  der  Verwaltung ­
  und  der  grösste  Teil  der  Nationalökonomen  für
die  Erhaltung,  Wiederaufforstung  und  Ausdehnung  der
Staatswaldungen  ein;  und  fast  alle  diese  Ueberlegungen,
die  sie  anstellen,  kann  man,  wie  bemerkt  zu  werden  verdient, ­
  im  vollen  Umfange  auch  auf  die  anderen  Reichtümer
  des  Bodens  oder  des  Erdinnem  anwenden,  die  im
Interesse  der  kommenden  Generationen  geschont  werden
müssen.
§  7-Zusammenfassung
  und  Schlussfolgerungen.
Die  Vorteile,  die  wir  hier  geschildert,  haben,  wenigstens ­
  in  gewissen  Industriezweigen,  eine  so  erhebliche  Bedeutung, ­
  dass  sich  die  Bewegung  im  Sinne  einer  Ausdehnung ­
  des  Staatsbetriebes  oder  Gemeindebetriebes  in
allen  demokratischen  Ländern  mit  immer  wachsender
Macht  durchsetzt,  und  zwar  trotz  der  Vorurteile,  der  Interessengegensätze ­
  und  selbst  der  bedeutungsvollen  Gründe,
die  man  den  Betrieben  des  capitalistischen  Staates  entgegenhalten ­
  kann.
Selbst  die  erbittersten  Gegner  des  Collectivismus  werden ­
  durch  die  Macht  der  Umstände  gezwungen,  dem  Collectivismus, ­
  ohne  es  zu  wissen,  oder  ohne  es  zu  wollen,
Rechnung  zu  tragen.  „Der  individualistische  Stadtrat,“
so  sagt  Sidney  Webb  geistreich,  „geht  auf  städtischem
Pflaster,  das  durch  städtisches  Gas  erleuchtet  und  mit
städtischen  Besen,  mit  städtischem  Wasser  gereinigt  wird.
Er  sieht  auf  die  städtische  Uhr  der  städtischen  Markthalle
und  erkennt,  dass  es  noch  zu  früh  ist,  um  seine  Kinder  zu
treffen,  die  aus  der  städtischen  Schule  kommen,  einer
Schule,  die  neben  dem  Provinzialwaisenhaus  und  neben
dem  städtischen  Hospital  liegt.  Er  bedient  sich  deshalb
des  staatlichen  Telegraphs,  um  seinen  Kindern  mitzuteilen, ­
  sie  ¡möchten  nicht  in  den  Stadtpark  kommen,  sondern
die  städtische  Strassenbahn  benutzen,  um  ihn  im  städti-Vandervelde:
  Die  Entwickelung  zum  Socialismus.

10
        <pb n="151" />
        146

sehen  Lesesaal  der  Stadtbibliothek  oder  dem  städtischen
Museum  zu  treffen,  wo  er  einige  Regierungserlasse  anschauen ­
  will,  um  sich  auf  eine  Rede  vorzubereiten,  die  er
demnächst  in  der  Stadthalle  zu  gunsten  der  Canalisation
und  der  Ausdehnung  der  Staatscontrole  über  die  Eisenbahnen ­
  zu  halten  gedenkt.“
Wir  erklären  schon  hier  ausdrücklich  und  werden
den  Beweis  dafür  noch  liefern,  dass  sich  dieser  fragmentarische ­
  Collectivismus,  diese  Verstadtlichung  oder
Verstaatlichung  der  öffentlichen  Dienste  unter  der  Herrschaft ­
  des  capitalistischen  Staates  sehr  wesentlich  und  tief
von  dem  eigentlichen  Collectivismus  unterscheidet  und
dass  seine  Ausdehnung  in  einzelnen  Industriezweigen  mehr
Nachteile  als  Vorteile  mit  sich  bringen  würde.
Bisher  haben  wir  nur  von  den  Vorteilen  gesprochen,
die  im  allgemeinen  auf  eine  einzige  Ursache  zurückgeführt
werden  können:  die  öffentliche  Verwaltung,  die  nicht  von
der  für  die  capitalistische  Ausbeutung  charakteristischen
Profitwut  beherrscht  wird,  nimmt  mehr  Rücksicht  auf  das
Allgemeininteresse  und  ist  eher  geneigt,  anderen  Erwägungen ­
  als  denen  der  blossen  Plusmacherei  Rechnung
zu  tragen.
Es  versteht  sich  ganz  von  selbst,  dass  die  fest  angestellten
  Beamten,  die  an  dem  Profite  einer  Unternehmung
gar  nicht  interessiert  sind,  nicht  dieselben  Gründe,  wie  die
auf  der  Jagd  nach  dem  Vermögen  befindlichen  Privatunternehmer, ­
  haben,  um  die  Löhne  zu  drücken,  die  Arbeitszeit ­
  auszudehnen,  die  Consumcnten  auszubeuten,  die
Producte  zu  verfälschen  oder  die  natürlichen  Reichtümer,
die  den  Gemeinbesitz  der  Generation  bilden,  zu  verschwenden. ­
  Aber  anderenteils,  und  das  ist  die  Kehrseite  der
Medaille,  muss  der  Bureaukratismus  und  die  Interesselosigkeit, ­
  die  financielle  Unabhängigkeit  von  dem  Gedeihen ­
  der  Unternehmungen,  einen  ungünstigen  Einfluss
auf  die  Initiative  und  die  Energie  der  Productionsleiter
ausüben,  und  zwar  in  einem  Gesellschaftszustande,  wo
        <pb n="152" />
        V

—  147  —

10*

alles  dazu  beiträgt,  die  Bedeutung  der  altruistischen
Facturen  zu  mindern.
Die  productive  Ueberlegenheit  der  Vereinheitlichung
der  Unternehmungen,  der  Socialisierung  der  Arbeit,  wird
teilweise  wett  gemacht  durch  die  Interesselosigkeit,  den
Geist  der  Routine,  die  vielen  Schreibereien,  die  verschwenderischen ­
  Angewohnheiten,  die  Vernachlässigung  der
Wünsche  des  Publicums,  die  man  mit  gar  zu  vielem
Recht  der  modernen  Bureaukratie  vorwirft.  Und  wenn
man  auf  den  Betrieb  städtischer  Unternehmungen  in
manchen  demokratischen  Gemeinden  mit  Recht  als  auf
Musterbetriebe  hinweisen  kann,  so  beschränkt  sich  das,  was
man  zu  gunsten  der  meisten  Staatsbetriebe  sagen  kann,
darauf,  dass  die  Vorteile  der  Verstaatlichung  nicht  von
den  Nachteilen  in  Hinsicht  auf  die  Production  übertroffen
werden,  jener  Nachteile,  die  ähnlich  auch  bei  den  grossen
Privatgesellschaften  Vorkommen.
Wie  dem  auch  immer  sei,  so  kann  man  doch  nicht  oft
genug  darauf  hinweisen,  dass  es  ein  grober  Fehler  ist,
wenn  man  den  Collectivismus  einfach  als  eine  Weiterausdehnung ­
  der  heutigen  Staatsbetriebe  betrachtet.  Solange ­
  die  sociale  Herrschaft  der  Bourgeosie  andauert,  solange ­
  bleiben  die  öffentlichen  Unternehmungen  in  der
That  notwendigerweise  capitalistische  Unternehmungen,
die  durch  den  Staat  als  Unternehmer  betrieben  werden,
wenn  nicht  ausschliesslich  im  Interesse  der  herrschenden
Classe,  so  doch  unter  weitgehender  Berücksichtigung
dieser  Interessen.
        <pb n="153" />
        ID.  Capitel.
Die  Verwaltungsfragen.

„Wenn  jedermann  Beamter  sein  wird,  dann  wird  es
keine  Beamten  mehr  geben.“

Jean  Jaurès.

Obschon  alle  socialistischen  Theoretiker  hundertmal
dagegen  protestiert  haben,  so  beharren  doch  die  Gegner
des  Socialismus  bei  der  Behauptung,  der  Collectivismus
hätte  zur  Formel:  Alles  verstaatlichen!
Eine  solche  Formel  aufstellen  heisst  offenbar  mit  der
doppelten  Anwendung  des  Wortes  Staat  spielen  und  der
Zweideutigkeit  Thür  und  Thor  öffnen.
Im  weiten  Sinne  des  Wortes  kann  Staat  jede  wie
immer  beschaffene  sociale  Ordnung  bedeuten;  aber  es
kann  damit  auch  der  Pickelhaubenstaat,  der  Polizei-  und
Bureaukratenstaat  gemeint  sein,  das  Herrschaftsinstrument, ­
  das  wesentlich  dazu  dient,  die  Gesamtheit  der  Interessen ­
  der  besitzenden  Classe  zu  schützen.
Durch  eine  unglaubliche  Entstellung  der  socialistischen ­
  Lehre  kommt  man  zu  der  Behauptung,  dass  es
dieser  Zuchthausstaat,  dieser  Staat  in  seiner  heutigen  Form
sei,  dem  wir  die  Leitung  aller  Unternehmungen,  das
Monopol  aller  Industrieen,  die  oberste  Entscheidung  über
alle  Zweige  der  Production  und  des  Austausches  übertragen ­
  wollten.
Wenn  es  sich  wirklich  so  verhielte,  dann  hätte  der
Socialismus  keine  schärferen  Gegner  als  die  Socialisten
selbst.
        <pb n="154" />
        Wir  sind  die  ersten,  die  anerkennen,  dass  ein  solcher
Staat,  sowohl  für  die  persönliche  Freiheit,  als  auch  für
die  Productivität  der  gesellschaftlichen  Arbeit  die  schwersten ­
  Gefahren  mit  sich  brächte.  Was  man  nur  vergisst
oder  was  man  zu  vergessen  heuchelt,  ist  der  wesentliche
Umstand,  dass  der  Socialismus  mit  der  Vergesellschaftlichung
  des  Eigentums  zugleich  eine  von  der  heute  ihrem
Wesen  nach  verschiedene  Organisation  der  Arbeit  erstrebt. ­

Damit  aber  diese  socialistische  Organisation  der  Arbeit
eingeführt  werden  kann,  müssen  eine  Reihe  von  Umformungen ­
  nicht  nur  auf  moralischem  und  intellectuellem,
sondern  auch  auf  politisch-socialem  Gebiete  vorausgehen  :
vor  allen  Dingen  die  Eroberung  der  politischen  Macht
durch  das  organisierte  Proletariat,  die  Trennung  von
Staatswirtschaft  und  Volkswirtschaft,  die  Decentralisierung
der  gesellschaftlichen  Unternehmungen,  die  heute  gerade
durch  eine  weit  getriebene  Centralisation  gekennzeichnet
werden.

Die  Eroberungder  politischen  Macht  durch
das  Proletariat.
Der  grundlegende  Unterschied  zwischen  dem  Betriebe
grosser  Gesellschaften  und  den  Staats-  oder  Gemeindebetrieben ­
  oder  dem  Betriebe  anderer  öffentlicher  Institutionen ­
  liegt  in  der  Bildung  des  leitenden  Willens.
Im  ersten  Falle  entspringt  er  der  Versammlung  der
Actionäre  und  bethätigt  sich  consequenterweise  ausschliesslich ­
  in  deren  Privatinteresse.
Im  zweiten  Falle  entspringt  er  dagegen,  wenigstens
theoretisch,  der  Allgemeinheit  der  Bürger,  die  den  Staat
oder  die  Gemeinde  bilden  und  bethätigt  sich  deshalb  in
dem  Masse,  in  dem  die  Bürger  thatsächlich  an  der  Handhabung ­
  der  Macht  beteiligt  sind,  im  allgemeinen  Interesse.
        <pb n="155" />
        150

Aber  es  'braucht  gar  nicht  gesagt  zu  werden,  dass,  wenn
die  Macht  in  den  Händen  eines  absoluten  Monarchen  oder
einer  herrschenden  Oligarchie  ruht,  der  Betrieb  der  öffentlichen ­
  Dienste  dem  allgemeinen  Interesse,  dem  Interesse
der  grössten  Masse,  gerade  entgegenlaufen  und  ausschliesslich, ­
  sei  es  dem  Souverän,  sei  es  der  herrschenden  Classe,
dienen  kann.  Daher  kommt  es  sehr  häufig,  dass  sich  in
einem  monarchisch-militairischen  Staate  die  Socialisten
selbst  mit  der  grössten  Energie  gegen  gewisse  Ausdehnungen ­
  des  Staatsbetriebes  aussprechen.
So  standen  z.  B.  die  deutschen  Socialdemokraten  in
der  ersten  Reihe  der  Opposition  gegen  das  von  Bismarck
vorgeschlagene  Tabakmonopol,  gegen  den  Antrag  Kanitz
über  die  Verstaatlichung  des  Getreidehandels  und  noch
zuletzt  gegen  die  Vorschläge  der  Agrarier,  die  darauf
abzielten,  die  Reichsbank  in  eine  Staatsbank  umzuformen.
Schoenlank  führte  im  Februar  1899  im  Reichstage  mit
Recht  aus,  dass  die  Gründung  einer  Staatsbank  heute
nur  den  Junkern  Waffen  in  die  Hände  liefere  und  ihre
Wucherpläne  fördere,  was  die  Fortschritte  der  modernen
Production  auf  das  Schwerste  bedrohen  Messe.*)
Ebenso  erklärt  sich  Karl  Kautsky  in  seinem  Buche
über  die  Agrarfrage  entschieden  gegen  die  bürgerlichen
Bodenreformpläne;  die  Verstaatlichung  des  Bodens  würde
in  der  That  in  einer  absolutistischen  Monarchie  wie
Deutschland  nur  die  Zahl  der  vom  Staate  abhängigen
Pächter  vermehren  und  dem  Staate  selbst  Hilfsmittel  zur
Fabrication  von  Kanonen,  zum  Bau  von  Festungen,  zur
Construction  von  Panzerschiffen  verschaffen,  ihm  mit
einem  Wort  die  Möglichkeit  geben,  enorme  Summen  ohne

*)  Stenographische  Berichte  über  die  Verhandlungen  des
Reichstags  vom  8.  Februar  1899,  pag.  725  ff.  Diese  Rede
ist  wiedergegeben  worden  in  de  Greef:  Le  crédit  commercial
et  la  banque  nationale  de  Belgique  (Brüssel,  Mayolez,  1899),
pag.  159.
        <pb n="156" />
        Controle  des  Reichstages  für  unproductive  Zwecke  auszugeben.*) ­

Wenn  das  Collectiveigentum  zum  Nutzen  für  die  Angehörigen ­
  eines  Staates  ausschlagen  soll,  so  ist,  kurz  gesagt, ­
  die  notwendige  Voraussetzung,  dass  der  Staat  in
den  Händen  des  Volkes  selbst  ist.**)
Und  wenn  wirklich  in  den  mehr  oder  weniger  demokratischen ­
  Staaten  das  Proletariat  heute  schon  einen
solchen  Einfluss  ausübt,  dass  in  der  Ausbeutung  gewisser
Staatsmonopole  das  sociale  Interesse  überwiegt,  so  kann
doch  das,  was  heute  eine  Ausnahme  ist,  nur  zur  Regel
werden,  an  dem  Tage,  wo  die  vollständige  Eroberung  der
politischen  Macht  die  entgiltige  politische  Befreiung  der
Arbeiterclasse  besiegeln  wird.
Aber  so  tiefgreifend  auch  diese  Umformung  der  Machtverhältnisse ­
  sein  mag,  so  würde  sie  allein  nicht  zur  Aufhebung ­
  der  vielen  Schäden  ausreichen,  die  wir  in  den
Betrieben  des  Staates  in  seiner  heutigen  Form  vor  uns
sehen.
Die  meisten  dieser  Nachteile  entspringen  thatsächlich
der  zu  weit  getriebenen  Centralisation  und  der  fast  überall
existierenden  Vermischung  der  Verwaltungsfunctionen  des
Staates  und  seiner  ökonomischen  Functionen  oder  —
wie  Schäffle  das  nennt  —  der  Staatswirtschaft  und  Volkswirtschaft ­
  oder  —  wie  Saint-Simon  mit  einem  treffenden
Ausdrucke  sagt  —  der  Regierung  der  Menschen  und  der
Verwaltung  der  Dinge.

§  2.
Staats  Wirtschaft  und  Volkswirtschaft.
Der  moderne  Staat  ist  kein  Individuum,  sondern  eine
complicierte,  vielformige  und  verschieden  zusammenge-*)
  Kautsky:  Die  Agrarfrage,  pag.  321  ff.
**)  Kautsky:  Das  Erfurter  Programm,  pag.  129  ff.
(Stuttgart,  1892).
        <pb n="157" />
        —  152  —

setzte  Menge  von  Menschen,  die  die  allerverschiedensten
Functionen  ausüben.
Wir  finden  in  ihm,  einander  entgegengesetzt,  kriegerische, ­
  jahrhundertealte  Formationen  und  moderne  industrielle ­
  Formationen.
Repräsentiert  durch  seine  Minister  ist  der  heutige
Staat  zu  gleicher  Zeit  General,  Grosskanzler  der  Universitäten, ­
  oberste  Spitze  der  Verwaltung,  Vorsitzender
der  Polizei,  und  auf  der  anderen  Seite  Leiter  der  Post,
der  Telegraphen,  der  Telephone,  der  Eisenbahnen,
Brücken-  und  Wegebauer,  Gewerbe-  und  Bergwerks-Inspector, ­
  Beschützer  der  Landwirtschaft,  Geldfabrikant  und
anderes.
„In  Frankreich,“  so  sagt  E.  de  Laveleye,  „verfügen
die  Minister  zusammen  über  eine  Summe  von  3  Milliarden, ­
  die  die  Grundsteuer  bringt,  ferner  controlieren
sie  das  Budget  der  Gemeinden,  der  Departements  und
der  Wohlthätigkeitsanstalten,  das  ebenfalls  eine  gute  Milliarde ­
  ausmacht.  Sie  unterhalten,  regeln  und  inspicieren
die  öffentlichen  Schulen  aller  Art  und  auf  allen  Stufen;
sie  ernennen  die  Bischöfe  und  zahlen  mit  der  einen  Hand
das  Gehalt  der  Pfarrer,  mit  der  anderen  Hand  das  der
kurzgeschürzten  Tänzerinnen,  die  in  der  Grossen  Oper
ihre  Reize  zur  Schau  stellen;  sie  unterhalten  die  Institute,
die  Akademieen  und  die  Observatorien  u.  s.  w;  sie  bestimmen, ­
  wie  viele  Hektar  mit  Tabak  bepflanzt  werden
sollen,  wie  viele  Pflanzen  auf  jeden  Hektar  kommen  sollen
und  wieviel  Blätter  jede  Pflanze  tragen  soll,  ja,  sie  ernennen ­
  besondere  Inspectoren,  die  diese  Blätter  nachzählen ­
  müssen;  sie  verkaufen  dieses  Verdummungsmittel
in  den  privilegierten  Läden,  deren  unzählige  und  über
das  ganze  Land  verbreiteten  Inhaber  sie  ernennen;  sie
vermitteln  den  Brief-,  Telegramm-  und  Zeitungsverkehr,
der  wieder  eine  ganze  Legion  von  Angestellten  erfordert;
sie  bauen  Wege  und  Eisenbaimen,  schlagen  Brücken  und
graben  Kanäle;  sie  beuten  die  Staatswälder  aus,  lassen
        <pb n="158" />
        die  Berge  wieder  aufforsten  und  überwachen  die  Wälder
der  Privatpersonen  ;  sie  fabricieren  Porcellan  in  Sèvres
und  Teppiche  in  Gobelin  ;  durch  die  Zölle,  die  Gefälle
und  die  an  begünstigte  Industrieen  gezahlten  Prämien
bestimmen  sie  die  Arbeitsteilung  in  allen  Zweigen  der
Production.“*)
Und  zur  höchsten  Leitung  aller  dieser  vielen  Dienste,
die  thatsächlich  von  sachkundigen,  aber  unverantwortlichen ­
  Beamten  dirigiert  werden,  wählt  man  eine  gewisse
Zahl  von  verantwortlichen,  aber  nicht  sachkundigen
Politikern.
Während  die  Leitung  der  privaten  Eisenbahngesellschaften ­
  ein  Lebensberuf  ist,  und  während  eigentlich  selbstverständlich ­
  wäre,  an  die  Spitze  der  Staatseisenbahnen
Ingenieure,  Techniker,  kurzum  Fachmänner  zu  setzen,  die
der  Politik  fern  stehen,  macht  man  es  in  der  That  so,  dass
man  in  irgend  einer  Provinz  Advocaten,  Politiker  aussucht,
die  keinen  anderen  Anspruch  auf  die  Leitung  der  Staatsmaschine ­
  haben,  als  etwa  die  Dienste,  die  sie  ihrer  Partei
leisteten.
Derselbe  Minister  lenkt  manchmal,  wie  es  z.  B.  in
Belgien  bei  Vandenpeereboom  der  Fall  war,  die  Eisenbahnen ­
  und  den  Staatskarren.
Wenn  er  eine  politische  Niederlage  erleidet,  dann  verzichtet ­
  er  gleichzeitig  auch  auf  seine  technische  Function  ;
aber  gerade  diese  Vermischung,  diese  Unzuständigkeit  und
Unstetigkeit  der  Minister,  dieses  Ragout  von  widersprechenden ­
  und  unvereinbaren  Functionen  liefert  den
liberalen  [Nationalökonomen  den  besten  ihrer  Gründe  gegen
dön  Socialismus.
Ganz  nach  dem  beliebten  Beispiel  der  Spartaner  mit
dem  betrunkenen  Heloten  verweist  man  uns  auf  den
Bourgeoisstaat  mit  seinem  bureaukratischen  Parasitismus,
seiner  überstiegenen  Centralisation,  seiner  chicanösen
*)  De  Laveleye  in  der  Revue  des  Deux  Mondes  vom
15.  December  1882.
        <pb n="159" />
        %

154

Reglementiererei,  seiner  verschwenderischen  Verwaltung
und  ruft  uns  dann  zu:  Das  ist  also)  die  Ordnung,  die  Ihr
verallgemeinern  wollt!  In  Wirklichkeit  ist  das  gerade
Gegenteil  wahr.
Der  Collectivismus  besteht  nicht  allein  in  der  Vergesellschaftung ­
  der  Productions-  und  Austauschmittel.  Er
erstrebt  unter  anderem  auch  die  Differenzierung  des
politischen  Staates,  der  ein  Organ  der  Verwaltung  ist,
und  des  industriellen  Staates,  der  als  Banquier,  Transportunternehmer ­
  u.  s.  w.  ein  Organ  des  wirtschaftlichen
Lebens  der  Gesellschaft  ist.
Wir  sagen  Differenzierung,  nicht  Trennung,  denn
wenn  auch  die  industriellen  Dienste,  die  ökonomischen
Organe,  eine  selbständige  Existenz  führen  sollen,  die  zu
ihrer  guten  Leitung  unbedingt  notwendig  ist,  so  können
sie  doch  nicht  vom  Staate  losgelöst  werden,  insofern  dieser
der  Träger  des  Gesamtwillens  ist.
Die  gesetzgeberische  Thätigkeit,  die  sich  jetzt  in  der
Beschränkung  der  Arbeitszeit  und  der  Arbeiterversicherung, ­
  in  dem  Schutze  der  Arbeiter  gegen  den  Missbrauch ­
  der  Unternehmergewalt  zeigt,  würde  natürlich  nicht
aufhören,  wenn  die  Unternehmungen  öffentlichen  Charakters ­
  wären.  Aber  in  dem  Masse,  wie  sich  die  Socialisierung
ausdehnen  wird,  wird  auch  die  Notwendigkeit  einer
Differenzierung  der  politischen  und  ökonomischen  Functionen ­
  des  Staates  deutlicher  werden  ;  diese  Differenzierung
wird  ebenso  tiefgreifend  sein,  wie  diejenige,  die  in  dem
Organismus  des  Einzelmenschen  zwischen  der  Ernährung,
der  Verdauung,  der  Blutcirculation  auf  der  einen  Seite,
und  den  Functionen  des  Nervensystems  und  des  Gehirns
auf  der  anderen  Seite  bestehen.
Uebrigens  zeigt  sich  die  Tendenz  dazu  ohne  alle  planmässige
  Gestaltung  heute  schon  in  allen  Ländern  unter
dem  Druck  der  Verhältnisse.  Ueberall  fordert  und  verwirklicht ­
  man  in  der  That  eine  mehr  oder  weniger  durchgreifende ­
  Scheidung  der  Politik  und  der  Verwaltung.
        <pb n="160" />
        Im  Jahre  1898  beklagte  sich  z.  B.  die  Vereinigung
der  Industrie-  und  Handelsgesellschaften  in  Belgien,  ob
mit  Recht  oder  mit  Unrecht,  das  mag  dahingestellt  bleiben,
über  gewisse  Missstände  in  den  Eisenbahntarifen  und
sagte,  „dass  diese  Missstände  so  lange  andauern  werden,
wie  die  Eisenbahnen  vom  Staat  betrieben  und  von  einem
Politiker  geleitet  werden,  der  immer  allen  möglichen  Bitten
und  Drängen  ausgesetzt  sei.“  Sie  forderte  deshalb,  „die
Bildung  eines  Tarif  rates,  zusammengesetzt  aus  Eisenbahnfachmännern, ­
  Parlamentsmitgliedern  und  Vertretern  des
belgischen  Handels  und  der  Industrie,  den  der  Minister
zu  hören  verpflichtet  sein  soll,  bevor  er  neue  Tarife  erlässt
oder  die  alten  abändert.“
Ein  ähnlicher  Vorschlag  bildet  Gegenstand  parlamentarischer ­
  Verhandlungen  in  Frankreich.
Unlängst  sprach  sich  Leroy-Beaulieu  in  den  Artikeln,
die  er  über  die  „Postanarchie“  in  Frankreich  veröffentlicht
hat,  —  einer  Anarchie,  die  er  übrigens  erheblich  übertrieben ­
  zu  haben  scheint,  —  ebenfalls  für  Trennung  des
eigentlichen  Staates  von  dem  Staate  als  Leiter  des  Bahnwesens ­
  aus.  „Man  kann  sich  fragen,“  so  sagt  er,  „ob  man
gut  beraten  war,  als  man  den  Postdienst  „parlamentarische“, ­
  d.  h.  einen  Unterstaatssecretär,  einen  Abgeordneten
oder  Senator  an  seine  Spitze  stellte.  Die  Verwaltung  der
Post  hat  absolut  nichts  mit  der  Politik  zu  thun  ;  sie  kann
nur  von  einem  Manne  geleitet  werden,  der  sich  in  einer
Reihe  von  Dienstjahren  eine  gewisse  technische  Competenz
erworben  hat.  Warum  stellt  man  also  eine  lediglich  decorative, ­
  notwendigerweise  sachunkundige  und  laienhafte  Person ­
  an  die  Spitze?“*)
Und  warum  denn,  so  können  wir,  diese  ganz  richtigen
Bemerkungen  verallgemeinernd,  fragen,  stellt  man  derartige ­
  Personen  an  die  Spitze  der  anderen  öffentlichen
Dienste,  besonders  der  Transportanstalten,  die  mehr  und

*)  Economiste  français  vom  13.  Januar  1900.
        <pb n="161" />
        w

—  156  —

mehr  zum  Staatsmonopol  werden  ?  Warum  ahmt  man
nicht  das  Beispiel  der  schweizerischen  Regierung  nach,
die  sowohl  in  einem  Project  für  die  Errichtung  einer
Nationalbank,  ßlsiauch  in  dem  Gesetz^über  die  Organisation
der  1898  zurückgekauften  Eisenbahnen  sorgsam  eine
trennende  Schranke  zwischen  der  Politik  und  der  Leitung
der  Staatsbetriebe  aufgerichtet  hat  ?
Die  Verwaltung  der  schweizerischen  Eisenbahnen  steht
in  der  That  der  politischen  Centralgewalt  vollständig  unabhängig ­
  gegenüber.  Die  Mitglieder  des  Directionsrates
werden  zum  Teil  vom  Bundesrat,  zum  Teil  vom  Nationalrat
und  zum  Teil  von  den  verschiedenen  Cantonen  ernannt.
Ihre  Functionen  sind  unvereinbar  mit  politischen  und
administrativen  Functionen.  Sie  sind  unpolitische  Berufsmänner, ­
  anstatt  berufsmässige  Politiker  zu  sein.*)
Dasselbe  System  der  Selbständigkeit  in  der  Verwaltung ­
  hat  in  den  meisten  englischen  Colonicen  Australiens
bei  den  Eisenbahnen,**)  in  den  Vereinigten  Staaten  bei
den  Arbeitsämtern  und  dem  öffentlichen  Unterricht,***)
in  Belgien  bei  der  Sparcasse  und  den  communalen  Credit-'
anstalten  —  Staatsinstituten,  aber  mit  dem  Rechte  von
juristischen  Personen  ausgestattet  und  von  den  reinen
Staatsanstalten  unterschieden  —,  in  England  auf  dem  Gebiete ­
  der  Stadtverwaltung,  bei  den  Schulämtern,  den  Gesundheitsräten ­
  u.  s.  w.,  u  s.  w.,f)  ausgezeichnete  Erfolge
gehabt.
Wenn  man  dieses  System  auf  alle  öffentlichen  Dienste
ausdehnen  würde,  dann  würde  man  auch  eine  Unzahl  von
Missständen  abschaffen,  die  aus  der  Unzuständigkeit  und

*)  Botschaft  des  Bunderraths  vom  25.  März  1897.  Capitel  V
Organisation  der  Staatsbahnen,  pag.  141—154.
**)  W.  M.  Acworth:  Governement  railways  in  a  democratic
state.  (Economie  journal,  December  1892.)
***)  De  Laveleye:  Le  gouvernement  dans  la  démocratie.
(Paris,  Alcan,  1891)  II,  pag.  121.
f)  Vauthier:  Le  gouvernement  local  de  l’Angleterre,
(Paris,  Rousseau,  1895)  Cap.  VII  u.  IX.
        <pb n="162" />
        157

der  Unstetigkeit  der  Ministerien  und  aus  den  missbräuchlichen ­
  Eingriffen  der  Staatsgewalt  in  das  Gebiet  der  Production ­
  entstehen.  Aber  für  sich  allein  würde  diese  Reform ­
  durchaus  ungenügend  sein:  sie  könnte  den  organischen ­
  Fehlern,  dße  der  heutigen  Form  der  Staatsverwaltungen ­
  anhaften,  nicht  abhelfen.
§  3-Die
  Decentralisation  der  gesellschaftlichen ­
  Unternehmungen.
Das  Kennzeichen  des  heutigen  Systems  sowohl  in  der
Verwaltung  als  in  der  Politik  ist  die  auf  den  Gipfel
getriebene  Centralisation.
In  jedem  Verwaltungszweige  herrscht  von  unten  bis
oben  ein  System  der  Controle,  das  mehr  auf  den  Beschluss
als  auf  die  Ausführung  achtet,  die  Initiative  vermindert
und  das  Verantwortlichkeitsgefühl  unterdrückt.  Bei  den
belgischen  Staatsbahnen  —  und  was  von  Belgien  gilt,
das  gilt  ebenso  von  anderen  Ländern  —  kann  z.  B.  ein
Betriebsingenieur  unter  keinen  Umständen  die  Art  oder
das  System  des  Dienstes,  der  ihm  direct  unterstellt  ist,
ohne  die  Genehmigung  seines  Chefs  abändern  ;  dieser  Chef
muss  hinwiederum  die  Erlaubnis  von  der  Direction  haben,
die  selbst  in  den  meisten  Fällen  noch  die  Billigung  des
Verwaltungsrates  einzuholen  hat.
Kurz,  jede  Initiative  muss  erst  drei  Instanzen  durchlaufen, ­
  bei  denen  sie  natürlich  in  vielen  Fälllen  auf  das
Hindernis  der  Routine,  der  Unwissenheit  oder  der  Feindseligkeit ­
  stösst.  Ein  Mann  von  starker  Willenskraft  wird
seinen  Plänen  vielleicht  den  Sieg  verschaffen  ;  aber  da
solche  Leute  die  Ausnahme  bilden,  so  gelangt  die  Initiative
thatsächlich  selten  an  ihr  Ziel  und  wird  häufig  in  kurzer
Zeit  ganz  unterdrückt.  Auf  der  anderen  Seite  hat  dieser
Instanzenzug  —  dessen  Zweck  darin  besteht,  alles  der
        <pb n="163" />
        Centralinstanz  zuzuführen  —  die  Unterdrückung  des  Verantwortlichkeitsgefühls ­
  zur  notwendigen  Folge.  Da  der
Minister  in  der  Regel  nichts  von  der  Sache  versteht,  so
liegt  die  Controle  der  Verwaltung  zumeist  in  den  Händen
des  Verwaltungsrates,  der  eine  Art  Repräsentation  der
Allgemeinheit  bildet.
Aber  an  wen  soll  er  sich  halten,  wenn  irgend  eine
Massregel  schlecht  war?  An  die  Direction?  Unmöglich!
Weil  die  Direction  nichts  bestimmt  und  nichts  zu  bestimmen ­
  hat  ohne  die  Bewilligung  des  Rates.  Und  Direction,
Betriebschef,  Ingenieur,  keiner  von  allen  diesen  fühlt  sich
versucht,  diese  Controle  im  öffentlichen  Interesse  vorzunehmen, ­
  weil  ja  keine  Massregel  ergriffen  worden  ist,  ohne
dass  von  vornherein  die  Verantwortlichkeit  aller  dabei
engagiert  gewesen  wäre.
Dieses  System  hat  so  tief  Wurzeln  geschlagen,  dass
die  Controle  in  den  öffentlichen  Verwaltungen  nicht  mehr
vom  wirtschaftlichen,  sondern  nur  noch  vom  formalistischen ­
  Standpunct  aps  vorgenommen  wird.  Die  grosse
Frage  ist,  zu  wissen,  ob  die  Genehmigung  in  dem  hierarchischen ­
  Instanzenzug  richtig  eingeholt  und  erteilt  worden  ist.
Die  Kosten  des  Ergebnisses  spielen  dabei  gar  keine  Rolle.
Kein  Werkstattdirector,  kein  Betriebsdirector,  kein  Verwaltungsdirector
  macht  eine  genaue  wirtschaftliche  Aufstellung. ­
  Die  Berichte  des  Eisenbahnministers  beweisen
das  ebenso  klar,  wie  die  Antworten,  die  auf  die  Anfragen
in  der  Kammer  erteilt  werden.  Die  wenigen  Zahlen,  die
man  mitteilt  und  die  man  nur  mitteilen  kann,  sind  runde
Zahlen,  die  lediglich  Budgetzwecken  dienen.
An  Stelle  eines  solchen  Systems  müsste  das  System
der  Decentralisation,  d.  h.  das  System  der  Selbständigkeit
und  Verantwortlichkeit  gesetzt  werden;  nichts  würde  einer
solchen  Reform  heute  schon  im  Wege  stehen,  und  sie
wäre  eine  ausgezeichnete  Vorbereitung  für  die  förderalistische
  Organisation,  die  die  heutige  ablösen  wird.
Die  Bourgeoisie  versteht  übrigens  das  von  uns
        <pb n="164" />
        angestrebte  System  in  seiner  ganzen  Ausdehnung  ausgezeichnet ­
  anzuwenden,  wann  und  wo  seine  directen  Interessen ­
  im  Spiele  sind.  In  vielen  industriellen  Gesellschaften
ist  in  Fragen  der  Technik  und  des  Umsatzes  der  Director
vollständig  unabhängig  vom  Aufsichtsrat.  Als  Repräsentant ­
  der  Actionäre  controliert  der  Aufsichtsrat  vor  allen
Dingen  die  Resultate  ;  er  greift  aber  nicht  in  die  Entscheidungen ­
  und  Ausführungen  ein,  ausser  in  Fällen,  wo
das  auf  dem  Spiele  stehende  Interesse  sehr  bedeutend
ist  oder  wo  man  für  angebracht  hält,  eine  vorherige
Controle  auszuüben.
Je  umfangreicher  eine  solche  Gesellschaft  ist,  umso
strenger  ist  das  Princip  der  Decentralisation  durchgeführt.
In  den  Cockerillschen  Werken  zu  Seraing  giebt  es  z.  B.
einen  Director  für  die  Kohlenbergwerke,  einen  für  die
Hochöfen  und  Walzwerke,  einen  für  die  Stahl  Werkstätten,
einen  für  die  Constructionen,  einen  für  den  Vertrieb;  und
obschon  sich  alle  ihre  Werkstätten,  Hochöfen,  Lager  an
demselben  Orte  befinden,  obschon  sie  alle  mit  dem  Gelde
und  für  den  Geldbeutel  derselben  Actionäre  arbeiten,  so
ist  doch  ein  jeder  vollkommen  unabhängig  von  dem
andern.  Das  Walzeisen,  das  der  Director  der  Hochöfen
und  Walzwerke  hergestellt  hat,  wandert  nicht  notwendigerweise ­
  in  die  Werkstätten  des  Directors  der  Constructionen.
Wenn  der  erste  teurer  verkaufen  oder  der  zweite  billiger
auswärts  einkaufen  kann,  dann  exportiert  der  Director
der  Hochöfen,  und  sein  College  importiert  nach  dem  Werke.
Ebenso  geschieht  es  mit  den  Producten  der  Kohlenbergwerke ­
  und  der  Stahlfabrication.
Ein  ähnliches  System  findet  sich  bei  den  Eisenbahngesellschaften. ­
  Bei  der  französischen  Nordbahn  besorgt
z.  B.  der  Locomotivendienst  die  Zugkraft  für  den  Betriebsdienst ­
  und  stellt  diesem  die  Locomotivstunden,  die
er  geleistet  hat,  in  Rechnung.  Der  Director  des  Locomotivwesens
  ist  seiner  Gesellschaft  für  die  Kosten  der  Unter-
        <pb n="165" />
        haltung  der  Locomotiven  verantwortlich  und  der  Betriebsdirector
  für  die  Kosten  der  Beförderung  der  Züge.*)
Bei  den  Staatsbahnen  existiert  etwas  derartiges  nicht,
schon  deshalb  nicht,  weil  in  der  heutigen  Organisation
des  Staates  alles  von  der  Vorstellung  ausgeht,  er  sei
allmächtig  und  allwissend.
(Jul  die  Vorteile  der  Unabhängigkeit  der  öffentlichen
Dienste  von  der  eigentlichen  Staatsgewalt  zu  vervollständigen, ­
  müsste  man  also  jedem  dieser  Dienste  eine  decentralisierte
  Organisation  geben  ;  die  Competenzen  müssten
genau  abgegrenzt,  der  eigenen  Bewegung  des  Räderwerkes
aber  möglichst  freier  Spielraum  gelassen  werden.  Unter
diesen  Umständen  würde  die  Verantwortlichkeit  des  einzelnen ­
  nicht  unbestimmt  und  schwankend  sein,  sondern
thatsächlich  und  leicht  festzustellen  ;  die  persönliche
Initiative  würde  ermutigt  ;  die  Organisation  der  Staatsbetriebe ­
  würde  jene  Leichtigkeit  und  Freiheit  erlangen,
die  ihr  heute  vollkommen  abgehen:  indem  man  alle  Vorteile ­
  der  Verstaatlichung  bewahrte,  würde  man  zugleich
auch  die  organisatorische  Ueberlegenheit  der  grossen
Gesellschaften  erwerben.
§  4-Der
  Zukunftsstaat.
Diè  unmittelbaren  Reformen,  die  ausgeführt  werden
können,  um  die  Vorteile  des  Staatsbetriebes  öffentlicher
Dienste  zu  mehren  und  die  Nachteile  zu  mindern,  sind
offenbar  nur  der  Anfang  und  Ausgangspunct  für  viel
tiefergreifende  Umwandlungen  in  der  heutigen  Organi
sation  des  Staates.
Ob  friedlich  oder  revolutionär,  ob  durch  eine  Reihe
unmerklicher  Veränderungen  oder  durch  mehr  oder
weniger  gewaltsame  Ausschaltungen,  —  die  Regierungsfunctionen ­
  des  Staates  werden  immer  mehr  abnehmen,
*)  Mitteilung  des  Rédacteurs  Lux  vom  Brüsseler  Peuple,
        <pb n="166" />
        —  161  —

während  seine  Verwaltungsfunctionen  eine  immer  grössere
Bedeutung  erlangen.
Der  Gegensatz  zwischen  Staatswirtschaft  und  Volkswirtschaft ­
  ist  im  Grunde  genommen  nichts  anderes,  als
der  Reflex  des  Gegensatzes  zwischen  der  militairischen
und  der  industriellen  Structur  der  Gesellschaft.  Und  wenn
man  den  Dingen  auf  den  Grund  geht,  so  kann  man  wohl
sagen,  dass  trotz  der  unvermeidlichen,  vorübergehenden
und  teilweisen  Rückschläge  die  Eroberung  der  politischen
Macht  durch  das  Proletariat,  die  Entwickelung  seiner  internationalen ­
  Organisation,  die  mehr  oder  weniger  rasch  und
vollständig  durchgeführte  Ersetzung  des  capitalistischen
durch  das  collective  Eigentum  eine  Verminderung  der
Kriegsursachen  zwischen  den  Menschen  und  den  Nationen
zur  Folge  haben  werden  und  infolgedessen  auch  eine
zunehmende  Verminderung  der  Bedeutung  aller  auf  den
Zwang  gegründeten  Staatseinrichtungen.
Aber  zu  gleicher  Zeit  wächst  die  Bedeutung  der  decentralisierten
  und  verselbständigten  Verwaltungseinrichtungen, ­
  deren  Zweck  die  Verwirklichung  der  socialen
Solidarität  und  der  Betrieb  der  immer  weiter  ausgreifenden ­
  Staatseinrichtungen  im  öffentlichen  Interesse  ist.
Wenn  man  diese  beiden  Tendenzen  m  die  Zukunft
hinein  fortgesetzt  denkt,  dann  stösst  man  auf  ein  System,
dass  auf  der  freiwilligen  Zusammenarbeit  begründet  ist
und  in  dem,  wie  Engels  meint,  die  Staatsmaschinerie  neben
dem  Spinnrocken  und  dem  Broncebeil  im  Altertumsmuseum
seinen  Platz  finden  wird;  an  Stelle  des  heutigen  Staats
tritt  eine  staatliche  Verwaltung,  die  nichts  anderes  ist,
als  der  Inbegriff  der  Functionen  und  Organe,  die  darauf
abzielen,  die  grösstmögliche  Production  und  die  gerechteste
Verteilung  der  Reichtümer  zu  sichern.
Das  ist  die  gemeinsame  Anschauung  aller  grossen  Theoretiker ­
  des  Socialismus,  vom  Anarchisten  Proudhom  bis
zu  seinen  feindlichen  Brüdern  aus  der  marxistischen
Schule,  von  den  Anhängern  Saint  -  Simons  bis  zu  den
Vandervelde:  Die  Entwickelung  zum  Socialismus.  11
        <pb n="167" />
        Schülern  Fouriers.*)  Sie  alle  könnten  in  diesem  Puñete
die  Schlussfolgerungen  annehmen,  die  Considérant  bei  der
Auseinandersetzung  '  seiner  phalansterischen  Lehre  in
seinem  Buche  Destinée  sociale  (Das  Schicksal  der  Gesellschaft) ­
  gezogen  hat  :  „Wenn  die  Staaten  so  umgewandelt
worden  sind,  in  den  verschiedenen  hierarchischen  Stufen
die  Bewegungen  des  Handels  und  des  Geldmarkts  regeln,
und  die  äusseren  industriellen  Beziehungen  der  verschiedenen ­
  Bevölkerungscentren  leiten,  dann  sind  sie  nur  noch
Geschäftsträger,  ernannt  von  den  mehr  oder  weniger  zahlreichen ­
  Associationen  und  getragen  von  dem  Vertrauen
derjenigen,  die  sie  gewählt  haben.  Es  giebt  keine  Macht
mehr,  die  über  eine  Armee,  eine  Gendarmerie  oder  Polizei
verfügen  könnte;  Despotismus  und  Usurpation  sind  unmöglich ­
  —  die  die  Völker  immer  zu  fürchten  haben,  solange ­
  sie  genötigt  sein  werden,  Säbel  zu  fabricieren.“

*)  Proudhon:-Du  principe  fédératif,  (Paris,  1863)  Erster  Teil,
Cap.  XI  und  Capacité  politique  des  classes  ouvrières,  (Paris,  1865).
2.  Teil.  Cap.  XV.  Engels:  Der  Ursprung  der  Familie,  des
Privateigentums  und  des  Staates,  Cap.  IX  gegen  Schluss.  Doctrine ­
  de  Saint-Simon:  Exposition,  1828—29.  7.  Vorlesung.
(Paris,  1830),  Considérant:  Destinée  sociale  (Paris  1834,  1838).
        <pb n="168" />
        11

IV.  Capitel.
Die  Regeln  der  Verteilung.

„Die  Sache  ist  ...  die,  dass  mit  der  Beschränkung  des
Individualismus  durch  Communismus  die  Gesellschaft  überhaupt ­
  erst  beginnt,  dass  deren  Wesen  gerade  der  Communismus ­
  ist,  dass  endlich  der  geschichtliche  Verlauf  in  nichts
als  der  Verallgemeinerung  des  Communismus  besteht.“ ­

Carl  Rodbertus.
Wir  haben  auseinandergesetzt,  dass  die  Organisation
der  Arbeit  in  der  socialistischen  Wirtschaftsordnung  viel
mehr  von  der  Organisation  der  Staatsmonopole  abweichen
werde,  als  diese  von  der  Organisation  capitalistischer
Privatunternehmungen  differieren.  Aber  wir  müssen  noch
länger  bei  der  tiefen,  wesentlichen  Veränderung  —  ein
Fourierist  würde  sagen:  der  Veränderung,  um  die  sich
alles  dreht,  —  verweilen,  die  die  Vergesellschaftung  der
Productionsmittel  sowohl  in  Hinsicht  auf  die  Production
als  auch  auf  die  Verteilung  mit  sich  bringen  würde.
Was,  wie  wir  schon  auseinandergesetzt  haben,  das
capitalistische  System  besonders  kennzeichnet,  ist  die
Production  von  Waren,  von  Tauschwerten  in  der  Absicht,
Profite  zu  erzielen.  Unter  der  Herrschaft  des  Privateigentums ­
  arbeitet  man,  wie  Rodbertus  ausführt,  niemals  für
den  natürlichen  und  gesellschaftlichen  Bedarf.  Man
arbeitet  für  den  Markt,  für  die  Nachfrage,  die  sich  in
Geldofferten  umsetzt.  Grosse  Notstände  können  existieren;
        <pb n="169" />
        wenn  die  Notleidenden  keine  Tauschwerte  zur  Verfügung
haben,  wird  nichts  gethan  werden,  um  sie  zu  beheben.  Gesellschaftliche ­
  Arbeit  wird  nur  zum  Profit  der  Besitzenden
geleistet.  Wenn  wir  nun  annehmen,  dass  das  Eigentum
Gemeineigentum  wird,  dann  wird  die  gesellschaftliche
Arbeit  zum  Nutzen  der  Gemeineigentümer  geleistet  werden.
Anstatt  Profite  zu  schaffen,  wird  man  zur  Befriedigung ­
  von  Bedürfnissen  producieren.  Anstatt  unnütze ­
  oder  überflüssige  Dinge  zu  fabricieren,  während
Tausende  von  Arbeitern  Plunger  leiden,  wird  man  zunächst
das  Dringendste  besorgen;  man  wird  zunächst  erst  einmal ­
  für  Nahrung,  Hausung,  Kleidung  und  Unterricht
sorgen,  ehe  man  den  Kräfteüberschuss  für  feinere  Arbeiten
verwendet.  Kurz,  mit  einer  anscheinenden  Rückkehr ­
  zu  primitiven  Formen  wird  die  Production  für  den
Tausch  der  Production  von  Gebrauchswerten  Platz  machen,
nun  aber  für  die  Gesellschaft,  und  nicht  mehr,  wie
früher,  für  die  Hausgemeinschaft.
Von  der  Bedeutung  dieser  Wandlung,  dieser  Revolution, ­
  kann  man  sich  in  einem  gewissen  Umfange  —
si  parva  licet  componere  magnis  —  ein  praktisches  Bild
machen,  wenn  man  die  Organisation  einer  capitalistischen
Actiengesellschaft  mit  der  einer  socialistischen  Genossenschaft, ­
  etwa  des  Vooruit  in  Gent  oder  der  Maison  du
Peuple  in  Brüssel  vergleicht.
Die  Actiengesellschaft  arbeitet  in  der  That  für  den
nationalen  oder  internationalen  Markt  ;  sie  produciert
Tauschwerte  mit  der  einzigen  Absicht  —  für  die  beschränkte ­
  Gesamtheit  ihrer  Actionäre  —  die  ergiebigste
Profitquelle  zu  erschliessen.
Man  verallgemeinere  diesen  Associationstypus  mit
seinen  Actionären  ohne  Arbeit  und  seinen  Arbeitern  ohne
Actien,  und  man  hat  die  Organisation  der  capitalistischen
Gesellschaft.
Die  Genossenschaft  —  deren  Ideal  wäre,  alle  ihre
Mitglieder  bei  der  Production  ihrer  Bedarfsgegenstände
        <pb n="170" />
        í65

zu  beschäftigen,  —  arbeitet  dagegen  in  erster  Linie  für
die  ihr  angeschlossenen  Familien  und  strebt,  wenn  sie
ihrem  Principe  treu  bleibt,  viel  weniger  die  Schaffung  von
Dividenden  als  die  Production  eines  Maximums  von  Vorteilen ­
  für  ihre  Mitglieder  an.
Man  verallgemeinere  diesen  Associationstypus  und
man  hat,  wenn  auch  sehr  unvollkommen  und  rudimentär,
eine  Idee  davon,  was  die  socialistische  Wirtschaftsordnung
sein  würde,  oder  was  sie  vielmehr  sein  könnte.
Es  wäre  gewiss  höchst  lächerlich,  in  diesen  zarten
Embryonen,  die  den  Mutterschoss  des  Capitalismos  noch
nicht  verlassen  haben,  die  noch  in  ihrer  Structur  und
Existenz  vom  Capitalismos  abhängen,  das  verkleinerte  Abbild ­
  der  zukünftigen  Welt  zu  sehen.  Wir  glauben  aber
doch,  das  beste  Mittel,  die  socialistische  Productionsweise
in  begreiflicher  und  concrete:  Weise  zu  erfassen,  ist  dieses,
dass  man  ihre  Vorspiele  in  der  heutigen  Ordnung,  so
unvollkommen  sie  auch  sein  mögen,  als  Anknüpfungspuncte
  nimmt;  man  eliminiere  nur  in  Gedanken  alle  capitalistischen
  Ueberbleibsel,  die  ihnen  noch  anhaften  und
stelle  sich  —  beispielsweise  nach  dem  Muster  der  grossen
belgischen  Genossenschaften  —  eine  riesige  Cooperativgenossenschaft
  vor,  der  alle  Bürger  eines  Landes  angehören ­
  oder  die  auf  einem  mehr  oder  weniger  grossen
Gebiete  alle  Arbeitsmittel,  zum  mindesten  die  Arbeitsmittel
in  den  grossen  Industrieen,  als  Gemeineigentum  besitzt;
eine  Genossenschaft,  in  der  alle  Mitglieder,  gleichzeitig
Producenten  und  Consumenten,  ihre  geistige  und  körperliche ­
  Arbeit  zur  Verfügung  stellen  würden,  in  der  sie
direct  oder  indirect  ihre  Verwalter  oder  Leiter  wählen
und  alle  Gebrauchsgegenstände  zur  Befriedigung  ihrer
Bedürfnisse  herstellen  würden.
In  einer  derartigen  Gesellschaft  würde  nach  unseren
Gegnern  und  Kritikern  die  Verteilung  dasjenige  Problem ­
  sein,  dessen  Schwierigkeiten  sich  schon  aus  dem
        <pb n="171" />
        Widerspruch  der  zu  seiner  Lösung  vorgeschlagenen
Formeln  ergäbe.
Wie  gross  nun  auch  immer  diese  Schwierigkeiten
sein  mögen  —  und  wir  gedenken  ihnen  nicht  aus  dem
Wege  zu  gehen  —  so  muss  man  doch  bemerken,  dass
man  sehr  wohl  eine  collectivistische  Gesellschaft,  sowohl
vom  Standpunct  des  Eigentums  als  der  Production,  vorstellen ­
  kann,  in  der  man  sich  auf  eine  stufenweise  Verbesserung ­
  und  Vervollkommnung  der  in  der  heutigen  Gesellschaft ­
  üblichen  Entlohnungsarten  beschränken  würde.
Geradeso  wie  die  socialistischen  Genossenschaften
Lohnarbeiter  beschäftigen,  ihnen  aber  ein  Lohnminimum
garantieren,  einen  Anteil  an  den  Ueberschüssen,  einen
achtstündigen  Arbeitstag  —  wenigstens  in  Brüssel  —  eine
feste  und  dauernde  Beschäftigung,  eine  Menge  von  Vorteilen ­
  im  Falle  von  Krankheit,  Alter,  Arbeitsunfähigkeit,
geradeso  könnten  in  der  grossen  Cooperative,  die  schliesslich ­
  eine  collectivistische  Gesellschaft  sein  würde,  in  einem
gewissen  Umfange  die  heutigen  Formen  der  Entlohnung
beibehalten  werden.
Dieser  Teilcollectivismus  —  wir  würden  sagen:  dieser
„capitalistische  Collectivismus“,  wenn  die  beiden  Worte
nicht  beim  Zusammentreffen  aufschrieen  —  diese  Mittelform ­
  zwischen  Socialismus  und  Individualismus  würde  und
könnte,  wie  wir  gleich  bemerken  wollen,  nur  ein  Uebergang
  zum  reinen  Collectivismus  sein.  Deshalb  entbindet
das  uns  auch  nicht  von  der  Pflicht,  die  von  den  verschiedenen ­
  socialistischen  Schulen  vorgeschlagenen  Verteilungsformeln ­
  durchzuprüfen.
So  zahlreich  diese  Formeln  übrigens  auch  sein  mögen,
man  kann  sie  alle  auf  zwei  Grundprinzipien  zurückführen  :
das  zu  befriedigende  Bedürfnis  oder  die  geleistete  Arbeit
—■  das  Recht  auf  Existenz  oder  das  Recht  auf  den  vollen
Arbeitsertrag.
Ausgehend  von  dem  Begriff  des  Bedürfnisses  —  des
Gebrauchswerts  —  und  sich  auf  das  Recht  auf
        <pb n="172" />
        ■

—  167  —

Existenz  stützend,  sagen  die  Communisten  :  jedem  nach
seinen  Fähigkeiten,  jedem  nach  seinen  Bedürfnissen.  Ausgehend ­
  von  dem  Begriff  der  Arbeit  —  vont  T  auschwert
—  sagen  dagegen  die  Collectivisten,  im  weiten  Sinne  des
Wortes:  jedem  Arbeiter  sein  voller  Arbeitsertrag.
Auf  den  ersten  Anschein  widersprechen  sich  diese
beiden  Formeln  vollkommen.  Wir  glauben  indessen,  dass
man  sie  miteinander  vereinigen  und  die  eine  durch  die
andere  ergänzen  kann  und  muss.
§  I.
Das  Recht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag.
Das  Recht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag  findet  seine
vollständige  Verwirklichung  entweder  auf  der  einsamen
Insel  Robinsons  oder  in  einer  solchen  gesellschaftlichen
Ordnung,  wo  zwar  das  Eigentum  collectivistisch  ist,  die
Benutzung  des  allgemeinen  Eigentums  dagegen  individualistisch ­
  bleibt.  Das  ist  der  Fall  z.  B.  in  einer  ländlichen
Gemeinschaft,  in  der,  wenn  auch  nicht  jeder  Arbeiter,
so  doch  jede  ökonomische  Einheit,  jeder  Haushalt,  sein
Los  erhält  und  alles,  was  er  herstellt  selbst  verzehrt,
und  auch  alles  verzehrt,  was  er  selbst  herstellt.
Von  dem  Augenblick  ab,  wo  die  Production,  unter
welcher  Form  immer,  gesellschaftliche  Production  wird,
wo  die  gemeinsame  Arbeit  an  Stelle  der  individuellen
Arbeit  tritt,  kann  aber  nicht  mehr  die  Rede  davon  sein,
dass  man  jedem  Arbeiter  sein  Arbeitsproduct  in
natura  giebt,  sondern  nur  den  Wert  des  Arbeitsproduktes, ­
  das  Aequivalent  für  die  im  gemeinsamen
Werke  verausgabte  Arbeitskraft.  Und  dann  erhebt  sich
das  Problem,  zu  wissen,  was  es  mit  der  Hauptformel,  mit
dem  Leitmotiv  aller  socialistischen  Programme  als  Verteilungsprincip
  auf  sich  hat:  jedem  Arbeiter  das  Product
seiner  Arbeit.
Wie  schon  Anton  Menger*)  bemerkt,  hat  das  Recht
*)  A.  Menger:  Das  Recht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag.
        <pb n="173" />
        auf  den  vollen  Arbeitsertrag  in  den  socialistischen
Theorieen  zwei  scharf  von  einander  getrennte  Functionen:
eine  positive  und  eine  n^ative.  Nach  der  einen  erscheint
das  mit  dem  Privateigentum  an  den  Capitalien  notwendig
verbundene  Einkommen  ohne  Arbeit,  als  eine  Ungerechtigkeit, ­
  die  verschwinden  piuss.  Nach  der  anderen  muss
jeder  Arbeiter  von  dem  Gesamterträge  der  Arbeit  so  viel
Werte  zurückerhalten,  wie  er  selbst  durch  seine  Arbeit
geschaffen  hat.
Dass  es  unter  dem  capitalistischen  Systeme  nicht  der
Fall  ist,  ergiebt  sich  unbestreitbar  aus  all  den  Darlegungen,
die  wir  gemacht  haben.
Sobald  der  Grund  und  Boden  Privateigentum  wird,
verlangt,  wie  Adam  Smith  sagt,  der  Eigentümer  einen
Teil  von  jedem  Product,  das  der  Arbeiter  darauf  ziehen
oder  ernten  kann.  Seine  Rente  ist  der  erste  Abzug  von
dem  Product  der  auf  die  Cultur  des  Boden  verwendeten
Arbeit.  Das  Product  fast  aller  anderen  Arbeit  ist  Gegenstand ­
  desselben  Abzugs  zu  gunsten  des  Profits.
Damit  es  anders  werde,  müssen  die  Arbeiter  Eigentümer ­
  ihrer  Arbeitsmittel  werden  und  selbst  die  Producte
ihrer  Arbeit  verzehren  oder  das  genaue  Aequivalent  dafür
erhalten.
Wollte  man  die  Verallgemeinerung  eines  solchen  Zustandes ­
  auf  der  Basis  des  individuellen  Eigentums  erhoffen ­
  —  wir  haben  das  in  unserer  Ausführung  über
die  industrielle  Concentration  gezeigt  —  so  wäre  das  die
rückschrittlichste  aller  Utopieen.  Ist  aber  andererseits  möglich, ­
  dass  die  Formel  des  Rechts  der  Arbeiter  auf  den
vollen  Ertrag  ihrer  Arbeit  in  einem  socialistischen  Staate
auf  der  Basis  des  gesellschaftlichen  Eigentums  ihre  Verwirklichung ­
  erfährt?  Und  gesetzt  den  Fall,  es  sei  möglich,
entspräche  dann  diese  Verteilungsformel  der  Gerechtigkeit? ­
  Das  sind  die  beiden  schwierigen  Fragen,  die  sich
vor  uns  erheben.
        <pb n="174" />
        —  169  —

Damit  jeder  Arbeiter  unter  der  Herrschaft  der  socialistischen
  Productionsordnung  den  vollen  Ertrag  seiner
Arbeit  empfange,  müsste  man  dies  Product  isolieren,  den
Teil,  den  es  an  dem  Gesamtproduct  der  gemeinsamen
Arbeit  ausmacht,  feststellen  können.  Das  ist  eine  der
schwierigsten  Einwendungen,  die  man  gegen  den  Collectivismus
  machen  zu  können  glaubt.  Nach  den  unzähligen ­
  Discussionen,  die  dieses  Problem  hervorgerufen
hat,  brauchen  wir  kaum  zu  sagen,  dass  eine  solche  Feststellung ­
  an  unübersteiglich  erscheinenden  Schwierigkeiten
scheitert.
Wenn  man  nicht  die  Wertbestimmungen  nur  so  obenhin ­
  vornehmen  will  oder  allen  Arbeitstagen  —  der  Arbeit
der  skilled  und  unskilled  —  denselben  Wert  beimessen
will  wie  will  man  dann  den  Wert  der  von  allen  individuellen ­
  Arbeitskräften,  den  Geistesarbeitern  wie  den
Handarbeitern,  den  Ausführenden  wie  den  Leitenden,  die
bei  der  Gewinnung,  Fabrication  und  dem  Umtrieb  eines
Productes  beteiligt  sind,  geleisteten  Arbeit  bestimmen?
Den  Anteil  der  individuellen  Arbeitsleistung  am  gemeinsamen ­
  Arbeitserträge  feststellen  wollen,  das  hiesse
in  den  meisten  Fällen  eine  Nadel  in  einem  grossen  Heuhaufen ­
  suchen.
Wenn  wir  aber  auch  annehmen,  es  gäbe  ein  gemeinsames ­
  Mass  zur  Wertbestimmung  aller  individuellen  Arbeiten, ­
  so  wäre  es  immer  noch  nicht  gerecht,  das  Gesamtproduct ­
  der  gemeinsamen  Arbeit  unter  die  directen
Producenten  aufzuteilen.  Das  hiesse  nämlich  das  Recht
der  indirecten  Producenten  vernachlässigen,  aller  jener,
deren  immaterielle  Mithilfe  dem  gemeinsamen  Werke  eine
unerlässliche  Unterstüzung  bringt;  das  hiesse  ferner  den
Schwachen,  den  Arbeitsunfähigen,  denen  die  geboren  werden, ­
  um  zu  leiden,  das  Recht  auf  Existenz  absprechen.
Und  das  hiesse  endlich  den  Individuen,  aus  denen  sich
die  Gesellschaft  zusammensetzt,  die  von  der  Gesellschaft
selbst  erzielten  Resultate  zuschreiben.
        <pb n="175" />
        170

Die  Arbeit  des  einzelnen  wird,  wie  Rodbertus  sehr  treffend ­
  ausführt,*)  zu  einem  grossen  Teil  nur  durch  die  gemeinschaftliche ­
  Arbeit  fruchtbar.  Wie  käme  also  dem  einzelnen ­
  das  zu,  was  er  gar  nicht  geschaffen  hat?  Die
Gesamtheit,  durch  deren  Anstrengung  einzig  die  Ergebnisse ­
  nutzbringend  gestaltet,  hat  auch  ein  Recht  auf
einen  Teil  des  gesellschaftlichen  Productes.
In  dem  Augenblicke  also,  wo  die  gesellschaftliche
Production  an  Stelle  der  individuellen  tritt,  darf  die  Formel
des  Rechtes  auf  den  gleichen  Arbeitsertrag  nicht  mehr
in  ihrem  individualistischen  Sinne  genommen  werden.  Sie
bedeutet  nur,  dass  die  Gesamtheit  der  Arbeiter  dien  vollen
Genuss  von  den  Früchten  der  gemeinsamen  Arbeit  haben
muss,  ohne  dass  von  dem  Privatbesitzer  der  Productionsmittel
  irgend  etwas  davon  weggenommen  werden  könnte.
Aber  das  sagt  uns  noch  nicht,  was  denn  von  den
durch  die  gemeinsame  Arbeit  erzeugten  Reichtümern,  an
deren  Erzeugung  er  mitgeholfen  hat,  auf  jeden  Arbeiter
entfällt;  und  hier  glauben  ja  unsere  Gegner  —  die  den
Gegensatz  zwischen  dem  Recht  auf  Existenz  und  dem
Recht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag  unterstreichen  —  den
Stein  gefunden  zu  haben,  an  dem  der  Socialismus  scheitern
muss.
Der  Socialismus,  so  sagt  man,  hat  keine  Formel  für
die  Verteilung.  Nationalökonomen  wie  Leroy-Beaulieu,
stimmen  in  diesem  Puñete  mit  anarchistischen  Communisten
  wie  Kropotkin  überein,  die  der  collectivistischen
Formel  das  communitäre  Princip  entgegenstellen:  Jedem
nach  seinen  Fähigkeiten,  jedem  nach  seinen  Bedürfnissen. ­

§  2.
Das  Recht  auf  Existenz.
In  seinem  Buche:  Der  Wohlstand  für  alle,  in  dem
er  die  Formel  des  Rechtes  auf  Existenz  oder  vielmehr
*)  Vergl.  Rodbertus:  Das  Capital  (Berlin,  1884).
        <pb n="176" />
        des  Rechtes  auf  Wohlstand  entwickelt,  erklärt  Kropotkin,
das  einzige  Verteilungsprincip,  das  in  einer  communistischen
  Gesellschaft  angenommen  werden  könnte,  sei  jenes
Princip,  welches  jetzt  schon  von  den  Agrargemeinschaften
in  Europa  angenommen  sei.
Wenn  eine  solche  Gemeinschaft  z.  B.  einen  Wald  besitzt, ­
  so  kann  sich  jeder,  solange  das  Kleinholz  nicht
mangelt,  so  viel  davon  nehmen,  wie  er  will,  ohne  eine
andere  Controle,  als  die  öffentliche  Meinung  seiner  Nachbarn. ­

Ebenso  steht  es  mit  den  gemeinschaftlichen  Wiesen.
Solange  es  genug  giebt  für  die  Gemeinschaft,  fragt  keiner
darnach,  was  die  Kühe  jedes  Haushaltes  gefressen  haben,
oder  wie  viele  Kühe  auf  den  Wiesen  geweidet  haben.  Zur
Aufteilung  oder  zur  Zumessung  schreitet  man  nur,  wenn
die  Wiesen  nicht  zureichen.
Wenn  man  nach  den  osteuropäischen  Ländern  kommt,
wo  der  Wald  den  Einwohnern  zur  freien  Verfügung  steht,
und  Land  genug  vorhanden  ist,  sieht  man,  wie  die  Bauern
ganz  nach  Bedarf  in  den  Wäldern  Holz  fällen  und  so  viel
Boden  bestellen,  wie  sie  nötig  haben,  ohne  daran  zu
denken,  das  Holz  zuzumessen  und  das  Land  in  Parcellen
zu  teilen.  Aber  sobald  an  einem  oder  dem  anderen  Mangel
eintritt,  wie  es  jetzt  schon  in  Russland  der  Fall  ist,  wird
das  Holz  und  das  Land  nach  den  Bedürfnissen  jeder
Familie  aufgeteilt.
Mit  einem  Worte:  freie  Verfügung  über  das,
was  man  im  Ueberflusse  besitzt;  Zumessung  von  dem,
was  gemessen,  geteilt  werden  muss.  Von  den  350  Millionen ­
  Menschen,  die  Europa  bewohnen,  leben  200  noch
nach  diesen  Sitten,  die  ihre  Wurzeln  tief  in  der  Natur
des  Menschen  haben.*)
Wir  müssen  indes  bemerken,  dass  sich  diese  primitiven ­
  Verteilungsarten  am  häufigsten  bei  natürlichen

h )  Kropotkin:  Der  Wohlstand  für  alle.  (Zürich,  1896).
        <pb n="177" />
        172  —

Reichtümern  finden,  deren  Production  keine  Arbeit  erfordert. ­
  In  dem  Augenblicke  aber,  wo  das  Element  Arbeit
in  die  Erscheinung  tritt,  wo  sich  die  Notwendigkeit  einer
productiven  Anstrengung  bemerkbar  macht,  stösst  im  allgemeinen ­
  die  Anwendung  des  communistischen  Princips
auf  unübersteigliche  Hindernisse.  Man  ist  ferner  zu  der
Frage  berechtigt,  welche  Stärke  die  altruistischen  Gefühle
der  Arbeiter  haben  müssen,  wenn  nicht  ihre  productive
Energie  durch  die  Abwesenheit  jedes  unmittelbaren  und
persönlichen  Interesses  vermindert  werden  soll.
Bei  aller  Anerkennung  der  communistischen  Tendenzen, ­
  die  sich  schon  heute  in  den  modernen  Gesellschaften ­
  zeigen,  —  Tendenzen,  die  natürlich  in  einer  socialistischen
  Wirtschaftsordnung  bedeutend  an  Kraft  gewinnen ­
  würden,  —  bei  aller  dieser  Anerkennung,  in  der
wir  uns  mit  Kropotkin  eins  wissen,  scheint  uns  doch  unmöglich, ­
  anzunehmen,  dass  man  bei  der  Verteilung  des
gemeinsamen  Arbeitsproductes  allein  nach  dem  Bedürfnis
jedes  Menschen  gehen  und  von  der  Arbeitsleistung  ganz
absehen  könne,  ebenso  wie  uns  unmöglich  scheint,  dass
man  lediglich  nach  der  Arbeitsleistung  gehen  und  hinwiederum ­
  von  dem  Bedürfnis  absehe.
Im  Grunde  genommen  stellen  diese  beiden  Formeln
—  jeder  nach  seiner  Arbeit  und  jeder  nach  seinem  Bedürfnis ­
  —  den  Anfangspunct  und  den  Endpunct  einer
Entwickelung  dar,  die  aus  der  heutigen  Wirtschaftsordnung ­
  die  unvollkommensten  Formen  des  Collectivismus
ableitet,  um  schliesslich  zu  den  freiesten  und  reinsten
Formen  des  Communismus  emporzusteigen.
In  diesem  Punct  befinden  wir  uns  in  Uebereinstimmung
  mit  gewissen  und  nicht  den  geringsten  unter  den
communistischen  Anarchisten.  „Wenn  die  Völker,“  so
sagt  E.  Carpenter,  „die  Lehre  des  Commercialismus
und  der  Concurrenz  so  gut  begriffen  haben,  wie  die  heutigen ­
  die  Lehre  des  Jeder  für  sich,  dann  bedarf  es  auch
der  Zeit,  um  sie  wieder  zu  vergessen.  Das  Gefühl  für

if'r«  '*1,1  Cf,
        <pb n="178" />
        gemeinsames  Leben,  das  so  lange  erstickt  und  unterdrückt
worden  ist,  wird  wachsen  und  sich  von  neuem  ausdehnen,
aber  langsam.  Man  muss  also  zugeben,  dass  man  durch
die  Zwischenstationen  des  Collectivismus  hindurchgehen
muss,  um  den  neuen  Ideen  und  den  neuen  Lebensgewohnheiten ­
  Zeit  zur  Entwickelung  zu  lassen.  Formeln,  wie  die
von  der  Verstaatlichung  des  Grund  und  Bodens  und  aller
Productionsmittel,  so  vage  sie  auch  sein  mögen  und  so
unmöglich  es  scheinen  mag,  sie  mit  aller  Schärfe  anzuwenden, ­
  werden  doch  zur  Entfaltung  dieses  Gefühls
beitragen,  ihre  allmähliche  Verwirklichung  wird  den  Menschen ­
  an  gemeinsame  Arbeit  und  an  die  Idee  des  gemeinsamen ­
  Werkes  gewöhnen.“*)  So  verschwindet  also
der  scheinbare  Gegensatz  zwischen  den  Lehren  der  verschiedenen ­
  socialistischen  Schulen,  sobald  man  annimmt,
dass  sie  verschiedene  Stadien  der  socialen  Entwickelung
ausdrücken.
Unser  aller  Ideal,  unser  Endziel  ist  der  Communismus,
und  schon  jetzt  finden  wir  ihn  teilweise  verwirklicht  bei
einer  immer  wachsenden  Zahl  von  öffentlichen  Diensten.
Das  ist  z.  B.  der  Fall  beim  unentgeltlichen  Unterricht,
bei  der  Ernährung  der  Schulkinder  in  den  von  socialistischen ­
  Gemeindevertretungen  geleiteten  Schulen  (Schulcantinen), ­
  bei  der  Anerkennung  der  Existenzgarantieen
für  Kranke,  Greise  und  Invalide,  die  wir  wenigstens  in
einzelnen  Ländern  finden.
Vielleicht  kommt  die  Zeit,  wo  die  Fortschritte  der
Moral  und  der  allgemeinen  Solidarität,  die  Ueberfülle
der  Production,  die  Missstände  und  Schwierigkeiten  jeder
anderen  Art  der  Verteilung  der  Reichtümer  eine  allgemeinere ­
  Anwendung  des  communistischen  Princips  zur
Folge  haben  werden.
Unter  den  heutigen  Zuständen  müssen  wir  aber  mit

*)  E.  Carpenter:  Etapes  vers  la  liberté.  L’Humanité  Nouvelle,
Januar  1889.)
        <pb n="179" />
        dem  Egoismus,  mit  dem  engen  persönlichen  Interesse
rechnen,  soweit  es  nötig  ist,  um  der  gesellschaftlichen
Arbeit  das  Maximum  der  Productivität  zu  sichern.
§  3-ZusammenfassungundSchlussfolgerungen.

Wir  stellen  also  fest,  dass  es  unmöglich  ist,  ein  für
alle  Stufen  der  socialen  Entwickelung  allgemein  anwendbares ­
  Verteilungsprincip  zu  formulieren.  Die  immer  nur
relative  und  transitorische  Ueberlegenheit  dieser  oder
jener  Formel  hängt  im  letzten  Grunde  davon  ab,  ob  sie
besser  als  andere  geeignet  ist,  in  einem  gegebenen  Moment ­
  die  grösste  Ausdehnung  der  Productivkräfte,  den
grössten  Ertrag  der  Gesamtproduction  zu  sichern.
Wir  bemerken  übrigens,  dass  in  einem  socialistischen
Staate  diese  Verteilungsfragen  nicht  die  wesentliche  Bedeutung ­
  haben  werden,  die  sie  heute  besitzen  und  die  die
bürgerlichen  Nationalökonomen,  wenn  sie  sich  einmal
theoretisch  in  einen  anderen  Gesellschaftszustand  hineindenken, ­
  ihr  gerade  aus  diesem  Grunde  beizumessen  belieben. ­

Heute  wird  der  ganze  Mehrwert  in  der  That  zwischen
den  Besitzern  des  Capitals  aufgeteilt  ;  erst  nach  dieser  Aufteilung ­
  wird  ein  Teil  des  Mehrwertes  —  derjenige,  der
nicht  unproductiv  verzehrt  worden  ist  —  dazu  benutzt,
die  Productionsmittel  zu  verbessern,  die  indirecten  Mithelfer ­
  der  Production  zu  bezahlen  oder  zu  den  öffentlichen ­
  Ausgaben  beizutragen.
In  der  socialistischen  Wirtschaftsordnung  würde  dagegen ­
  nur  bei  einem  verhältnismässig  kleinen  Bruchteil
des  von  der  socialen  Arbeit  erzeugten  Mehrwertes  von
Verteilung  die  Rede  sein.  Vor  jeder  Verteilung  dieses
Mehrwertes  unter  die  einzelnen  würde  die  Allgemeinheit
die  Mittel  zur  grösstmöglichen  Entwickelung  der  Production, ­
  zur  Bezahlung  der  Arbeiter,  die  nicht  direct  an
        <pb n="180" />
        175

der  materiellen  Production  teilgenommen  haben,  und  zur
Unterhaltung  der  allen  Bürgern  kostenlos  zur  Verfügung
gestellten  öffentlichen  Dienste  vorwegnehmen.
In  einem  solchen  socialen  Staate,  wo  der  Einfluss
der  communistischen  Principien  fortwährend  wachsen
würde,  würden  diese  unter  allgemeiner  Zustimmung  vorweggenommenen ­
  Anteile  das  Gebiet  der  individuellen  Aufteilung ­
  mehr  und  mehr  verkleinern.
Stellen  wir  uns  einmal  als  Beispiel  eine  Gesellschaft
vor,  die  durch  allgemeine  Beschlüsse  die  Entwickelung
ihrer  Productionsmittel  regele,  die  allen  Arbeitern,  ebenso
wie  den  Invaliden  der  Arbeit  ein  gleiches  Recht  zur  Befriedigung ­
  ihrer  wesentlichen  Bedürfnisse  zubilligen  würde  ;
die  auf  allgemeine  Kosten  den  Unterricht  und  die  Unterhaltung ­
  der  Kinder,  die  Beleuchtung  und  Heizung,  die
Wasserversorgung,  den  Transport  der  Briefe,  Reisenden
und  Producte,  mit  einem  Worte  alle  Functionen  des  socialen ­
  Lebens,  die  allgemeinen  Bedürfnissen  entsprechen
und  offensichtlich  für  alle  Mitglieder  gleich  sind,  ausführen ­
  würde  :  ist  nicht  einleuchtend,  dass  in  einer  solchen,
ganz  vom  Communismus  durchtränkten  Gesellschaft  das
Problem  der  individuellen  Verteilung  —  z.  B.  nach  der
Quantität  oder  der  Qualität  der  geleisteten  Arbeit  —  nur
noch  eine  verhältnismässig  geringe  Bedeutung  haben
würde  ?
In  einem  gewissen  Masse  —  wir  kommen  darauf
noch  einmal  zurück,  um  diesen  Gedanken  recht  deutlich
zu  machen,  —  besteht  ein  solcher  Verteilungsmodus  bereits ­
  in  den  socialistischen  Genossenschaften.
In  dem  Volkshause  zu  Brüssel  z.  B.  garantieren  die
Statuten,  bevor  irgendwie  an  eine  Verteilung  der  Ueberschüsse
  gedacht  wird,  den  angestellten  Arbeitern  einen
Normallohn,  den  Gruppen  der  Arbeiterpartei  ein  Unterkommen, ­
  freie  Heizung  und  Licht,  den  kranken  Mitgliedern ­
  das  tägliche  Brot  und  freien  Arzt  und  Apotheke,
den  Sectionen  für  Kunst,  Wissenschaft,  Erziehung  und
        <pb n="181" />
        Propaganda  Unterstützungen,  deren  Grösse  nach  dem  vorhandenen ­
  Ueberschusse  von  der  Generalversammlung  der
Mitglieder  bestimmt  wird;  und  erst,  nachdem  alle  diese
Aufgaben  vorher  gelöst  worden  sind,  nachdem  man  ferner
die  Summen  bestimmt  hat,  die  in  Reserve  gelegt  werden
oder  zur  Amortisation  und  Verbesserung  der  gemeinsamen ­
  Arbeitsmittel  dienen  sollen,  —  erst  nachher  verteilt ­
  man  den  Rest  des  Ueberschusses  an  die  Mitglieder.
Geradeso  würde  in  einem  socialistischen  Staate  erst
nach  der  Versorgung  der  Bedürfnisse  allgemeinen  Interesses, ­
  erst  nach  der  Sicherung  des  Existenzminimums
für  alle  Mitglieder  der  Gesellschaft  der  Ueberschuss  der
Producte,  oder  vielmehr  der  producierten  Sachgüter,  zum
Gegenstand  einer  differenzierten  Verteilung  werden.
In  dem  Masse,  wie  es  vom  Standpuncte  der  Production
aus  social  nützlich  sein  würde,  einzelnen  Arbeitern  oder
Arbeitergruppen  besondere  Vorteile  zuzuwenden,  um  ihre
Arbeitslust  und  Arbeitskraft  zu  steigern,  würde  auch  eine
collectivistische  Gesellschaft  mutatis  mutandis  die  Unterschiede ­
  in  der  Entlohnung  aufrecht  erhalten  können,  die
wir  heute  schon  bei  den  öffentlichen  Diensten  finden.
Der  Collectivismus  erfordert  also  keineswegs  notwendig ­
  die  Gleichheit  der  Entlohnung.
Und  das  gestattet  uns  zugleich  die  Antwort  auf  die
lächerliche  Einwendung,  in  einer  socialistischen  Gesellschaft ­
  würden  alle  nur  die  angenehmsten  und  leichtesten
Arbeiten  verrichten  wollen.  Es  müsste  also,  so  sagt  man,
Zwang  angewendet  werden,  um  eine  richtige  Verteilung
der  Arbeitskräfte  durchzusetzen  ;  das  Cloakenreinigen
müsse  obligatorisch  gemacht  werden,  wie  heute  der  Militärdienst. ­

Dagegen  haben  wir  zunächst  zu  bemerken,  dass  man
an  dem  Tage,  wo  es  so  sein  würde,  schnell  die  nötigen
Erfindungen  gemacht  haben  würde,  um  die  „abstossenden
Arbeiten“  auf  das  geringste  Mass  zu  reducieren.  Aber
um  diesen  Einwurf  mit  voller  Kraft  zurückzuweisen  mit
        <pb n="182" />
        der  Gewichtigkeit,  die  man  ihm  beilegt,  bemerken  wir  folgendes: ­
  Sieht  man  denn  nicht,  dass  von  diesem  Gesichtspuncte
  aus  das  collectivistische  System  über  dieselben
Hilfsmittel  wie  das  capitalistische  verfügen  würde?
Was  geschieht  denn  heute,  wenn  es  in  einem  Industriezweig ­
  zu  viele  Arbeiter  giebt  ?  Die  Löhne  sinken.
Und  sie  steigen  andererseits,  wenn  es  zu  wenige  giebt.
Dasselbe  Gesetz  würde  auch  in  einer  collectivistischen
Gesellschaftsordnung  wirken  :  nachdem  die  notwendigen
Unkosten  und  die  an  jedem  zu  zahlenden  Minimallöhne
gedeckt  sind,  würde  in  jedem  Productionszweig  der  Teil
des  Ueberschusses,  der  auf  den  einzelnen  entfiele,  um  so
kleiner  sein,  je  mehr  Teilhaber  daran  vorhanden  wären.
Folglich  würden  die  beliebtesten  Gewerbszweige  verhältnismässig ­
  am  wenigsten  einbringen;  die  unbeliebten  Gewerbe, ­
  die  undankbaren  und  gefährlichen  Arbeiten  würden
eine  erheblich  bessere  Bezahlung  erhalten.  Es  würde
nur  ein  einziger  Unterschied,  allerdings  ganz  und  gar  zu
gunsten  des  Collectivismus  bestehen  :  heute  ist  infolge
des  mangelhaften  gewerblichen  Unterrichtes  der  Uebergang ­
  aus  einer  Branche  in  die  andere  mit  fast  unübersteiglichen
  Hindernissen  verknüpft,  während  man  das  in
einem  socialistischen  Staate  ganz  anders  einrichten  könnte.
Sollen  wir  noch  näher  die  Probleme  untersuchen,  die
die  Organisation  der  Arbeit  in  der  collectivistischen  Ordnung ­
  darbietet?  Sollen  wir  z.  B.  untersuchen,  wie  und
in  welchem  Masse  die  vereinigten  Arbeiter  an  der  Leitung
der  Unternehmungen  und  an  der  Auswahl  des  leitenden
Personals  beteiligt  sein  würden  ?  Das  hiesse  vollständig
übersehen,  dass  derartige  Lösungen  notwendigerweise  nach
Zeit,  Art,  Industriezweigen,  nach  dem  Grade  der  intellectuellen
  und  moralischen  Entwickelung  der  Producenten
verschieden  sein  müssen.
So  notwendig  es  ist,  präcise  und  praktisch  zu  sein,
wenn  es  sich  darum  handelt,  Massnahmen  von  einem
Tage  zum  andern  zu  treffen,  so  kühn  und  phantastisch
Vandervelde:  Die  Entwickelung  zum  Socialismus.

12
        <pb n="183" />
        i 7 8

wäre  es  nach  unserer  Meinung,  wenn  man  im  einzelnen
den  Plan  einer  Organisation  entwerfen  wollte,  von  der
nur  erst  die  grossen  Züge  am  socialen  Horizont  erscheinen.
Wir  verweisen  übrigens  diejenigen,  deren  Geist  an
dieser  Art  von  Hypothesen  Gefallen  findet,  auf  die  vielen
Beschreibungen  des  „Zukunftsstaates“,  die  seit  io  Jahren
entstanden  sind.  Sie  haben  die  allergrösste  Auswahl  und
können  sich  für  die  wissenschaftliche  Präcision  eines
Schäffle,*)  für  die  Erfindungsgabe  eines  Bellamy**)  oder
für  die  köstlich-poetische  Phantasie  eines  William  Morris***) ­
  entscheiden  ;  wenn  sie  die  Masse  dieser  heutigen
Utopieen  durchgelesen  haben,  dann  wird  ihnen  die  Verschiedenheit ­
  dieser  idealen  Constructionen  selbst  schon
den  wesentlich  subjectiven  Charakter  solcher  Schilderungen ­
  gezeigt  haben.
Wir  sind  übrigens  weit  entfernt,  die  thatsächliche
Nützlichkeit  solcher  literarischen  Productionen  zu  verkennen: ­
  sie  concretisieren  auf  die  angenehmste  Art  die
Abstraction  der  Systeme;  sie  antworten  auf  tausend  kleine
praktische  Einwendungen,  die  von  den  Lippen  der  Feinde
aller  Neuerungen  kommen.  Sie  gewöhnen  unseren  Geist
daran,  sich  frei  und  unabhängig  ausserhalb  der  historischen ­
  Formen  der  bürgerlichen  Welt  zu  bewegen;  aber
wenn  sie  uns  geholfen  haben,  unsere  Träume  zu  präcisieren,
  dann  müssen  wir  wieder  mit  der  Wirklichkeit  Fühlung ­
  suchen,  die  Hindernisse  abmessen,  die  uns  von  dem
gelobten  Lande  trennen,  und  Mittel  suchen,  mit  denen
die  Völker,  die  auf  dem  Wege  zu  einer  besseren  Zukunft
sind,  dorthin  gelangen  können.

*)  Schäffle:  Die  Quintessenz  des  Socialismus.
**)  Bellamy:  Ein  Rückblick.  (Leipzig,  Reclam.)
***)  Morris:  Neues  aus  Nirgendland.  (Leipzig,  Herrn.  Seemann ­
  Nachf.)
        <pb n="184" />
        12

mmm

V.  Capitel.
Die  Mittel  zur  Verwirklichung.
„Flectere  si  nequeo  superos,  Acheronta  movebo.“
Vergil.
In  allen  Zweigen  der  Production  und  des  Austausches,
in  denen  die  capitalistische  Concentration  ihr  Werk  gethan,
  das  persönliche  Eigentum  vernichtet  oder  versclavt
hat,  zeigt  sich  die  Expropriation  der  Expropriateure  als
das  einzige  wirksame  Mittel,  um  auf  einer  breiten  Basis
die  Einheit  des  Eigentums  und  der  Arbeit  wieder  herzustellen. ­
  Aber  wenn  alle  Socialisten  in  diesem  Puñete
übereinstimmen,  so  weichen  sie  in  den  Mitteln,  die  man
anwenden  muss,  um  dies  Resultat  zu  erreichen,  von  einander ­
  ab.
Die  von  den  verschiedenen  Schulen  vorgeschlagenen
Pläne  zur  Socialisierung  kann  man  in  drei  Gruppen  einteilen, ­
  je  nachdem  sie  die  Expropriation  der  Arbeitsmittel
ohne  Entschädigung,  mit  voller  Entschädigung  oder  mit
Entschädigung  auf  Lebenszeit  vorschlagen.

Die  Expropriation  ohne  Entschädigung.
Diejenigen,  die  die  einfache  Confiscation  des  capitalistischen
  Eigentums  verlangen,  können  sich  auf
        <pb n="185" />
        historische  Beispiele  berufen,  von  denen  das  bekannteste
zweifellos  die  ohne  Entschädigung  durchgeführte  Aufhebung ­
  der  Feudalrechte  im  Jahre  1789  ist.
In  seinem  Buche  über  den  Socialismus  und  die  französische ­
  Revolution  hat  André  Lichtenberger  klargelegt,
dass  die  Argumente,  die  zur  Rechtfertigung  der  Expropriation ­
  von  der  Bourgeoisie  ins  Feld  geführt  wurden,
ebenso  auf  die  Expropriation  der  Bourgeoisie  selbst  angewendet ­
  werden  können  und  dass  folglich  jemand,  der
sich  für  die  Ungiltigkeit  der  Privilegien  von  1789  begeistert, ­
  wenig  Grund  hat,  sich  im  Jahre  1900  auf  den
geheiligten  Charakter  der  heutigen  Privilegien  zu  berufen.
„Ohne  Zweifel  viel  weniger  bedroht,  als  die  Feudalprivilegien ­
  im  Jahre  1789,“  so  sagt  Lichtenberger,  „hat  das
Capital  heutzutage  mit  jenen  Privilegien  gemeinsam,  dass
es  nur  in  den  Augen  eines  gewissen  Bruchteils  der  Nation
als  legitimes  Eigentum  gilt  ;  daher  könnte  es,  wie  es  mit
den  Feudalrechten  geschehen,  ernstlich  in  Frage  gestellt
werden  an  dem  Tage,  wo  dieser  eigentumsfeindliche  Teil
des  Volkes,  zur  Herrschaft  gelangt,  eine  Definition  des
Eigentums  geben  würde,  in  der  es  nicht  mit  enthalten  ist.
Schliesslich  kann  man  nicht  sagen,  dass  theoretisch  eine
solche  Massregel  einen  stärkeren  Eingriff  in  das  Eigentumsrecht ­
  bedeuten  würde,  als  die  von  1789.  In  dem
Augenblicke,  wo  der  gesetzliche  Schutz  des  Eigentums
fallen  würde,  kann  man  sich  sehr  wohl  eine  Politik  vorstellen, ­
  die  mit  dem  Capital  gerade  so  verfährt,  wie  man
mit  den  Feudalrechten  verfahren  ist.  Bei  den  Feudalrechten ­
  unterschied  man  solche,  die  von  der  toten  Hand
herrührten  und  deshalb  unterdrückt  werden  mussten  und
solche,  die  einfach  aus  dem  Eigentum  entsprangen,  und
deshalb  ablösbar  sein  mussten.  Ebenso  würde  man  bei  dem
Capital  einen  Unterschied  machen  zwischen  dem,  das  aus
der  Accumulation  des  Arbeitsproductes  entstanden  ist  und
dem  anderen,  das  allein  der  Arbeit  des  Geldes  sein  Dasein
verdankt  :  das  letztere  würde  für  illegitim  angesehen  und
        <pb n="186" />
        confisciert  werden,  das  erstere  dagegen  erhalten  bleiben  oder
durch  Anweisung  auf  Verzehrungsgüter  ersetzt  werden.
Und  wenn  alle  Art  Feudalprivilegien  schliesslich  ohne  Entschädigung ­
  aufgehoben  worden  sind,  dank  der  Feindseligkeit ­
  der  Aristokraten  gegen  die  neue  Ordnung  und
den  Notwendigkeiten  des  öffentlichen  Wohles,  warum
sollte  dann  nicht  jede  Art  von  Capital  aus  ähnlichen  Gründen ­
  ein  ähnliches  Geschick  erleiden,  indem  man  die  Anweisung ­
  auf  Verzehrsgüter  nicht  bezahlt?“*)
Kein  Mensch  kann  in  der  That  sagen,  ob  der  Widerstand ­
  der  besitzenden  Classen  nicht  eines  Tages  dieselben
Folgen  haben  wird,  wie  die  am  Ende  des  XVIII.  Jahrhunderts, ­
  ob  die  lange  sorgfältig  erwogenen  Pläne  friedlicher ­
  und  gradweiser  Expropriation  nicht  dasselbe  Geschick ­
  erleiden  werden,  wie  ähnliche  Projecte,  die  Turgot
und  Condorcet  vor  der  französischen  Revolution  ausgearbeitet ­
  hatten.
Damit  aber  die  Confiscation  des  capitalistischen  Eigentums, ­
  die  Expropriation  ohne  Entschädigung  überhaupt
begreiflich  erscheinen  kann  —  wir  sehen  von  der  Frage
ab,  ob  sie  legitim  sein  würde  —,  muss  man  in  der
Hypothese  notwendigerweise  die  gleichzeitige
Unterdrückung  aller  Rententitel,  des  Grundeigentums  und
capitalistischen  Eigentums  annehmen.
Denn  wie  Kropotkin  mit  Recht  feststellt,  existieren  in
unserer  Gesellschaft  Beziehungen,  die  man  thatsächlich
unmöglich  abändern  kann,  wenn  man  nur  einen  Teil  davon
angreift.
„Nehmen  wir  einmal  an,“  so  sagt  er,  „in  einer  bestimmten ­
  Gegend  würde  eine  begrenzte  Expropriation  vorgenommen ­
  :  man  beschränkte  sich  z.  B.  auf  die  Enteignung ­
  der  grossen  Grundherren,  ohne  die  Fabriken
anzurühren,  wie  Henry  George  fordert;  in  irgend  einer

*)  Lichtenberger:  Le  socialisme  et  la  révolution  française
(Paris,  Alcan  1899),  pag.  234  ff.
        <pb n="187" />
        —  i82  —

Stadt  expropriiert  man  nur  die  Häuser,  ohne  auch  die
Lebensmittel  in  Gemeineigentum  überzuführen;  oder  endlich ­
  enteignet  man  in  irgend  einer  industriellen  Gegend
die  Fabriken,  aber  ohne  den  Grossgrundbesitz  anzufassen.
Das  Ergebnis  wird  immer  dasselbe  sein  :  eine  ungeheure
Verwirrung  des  ökonomischen  Lebens,  ohne  dass  man  die
Mittel  hätte,  dies  ökonomische  Leben  auf  neuen  Grundlagen ­
  wieder  aufzubauen;  Stillstand  der  Industrie  und
des  Handels  ohne  die  Rückkehr  zu  den  Principien  der
Gerechtigkeit;  Unmöglichkeit  für  die  Gesellschaft,  ein
harmonisches  Ganze  wieder  herzustellen.“*)
Diese  Ueberlegung  —  die  wir  bei  Deslinières  wiederfinden**) ­
  —  erscheint  unwiderleglich.  Die  Expropriation
ohne  Entschädigung  wird  allgemein  sein,  oder  sie  wird
nicht  sein.
Damit  aber  andererseits  diese  Expropriation  nicht  auf
unübersteigliche  Hindernisse  treffe,  müsste  ganz  offenbar ­
  die  capitalistische  Concentration  zur  höchsten  Stufe  gediehen ­
  sein,  müsste  das  persönliche  Eigentum  nur  noch
in  der  Erinnerung  existieren  und  die  ungeheure  Mehrzahl
der  Bürger  sich  aus  Proletariern  zusammensetzen,  die
nichts  anderes  zu  verlieren  hätten,  als  ihre  Ketten!
Und  selbst  unter  dieser  Annahme,  deren  Verwirklichung ­
  mindestens  in  sehr  weiter  Ferne  zu  liegen  scheint,
ist  es  nicht  zweifelhaft,  dass  die  Enteignung  ohne  Entschädigung ­
  schliesslich  die  kostspieligste  Methode
sein  würde,  wenn  man  die  Widerstände,  die  Wirren  und
die  blutigen  Kämpfe,  die  es  sicherlich  dabei  absetzen
würde,  bedenkt.
Engels  schrieb  im  Jahre  1894,  dass  wir  die  Entschädigung ­
  der  Besitzenden  unter  keinen  Umständen  als
eine  Unmöglichkeit  ansähen;  und  Marx  hat  oft  die
Meinung  ausgesprochen,  dass  das  Auskaufen  der  ganzen

*)  Kropotkin:  Der  Wohlstand  für  alle.
**)  Deslinières:  Esquisse  du  régime  collectiviste.
        <pb n="188" />
        I83

Capitalistengesellschaft  noch  das  billigste  Mittel  sei,  sich
ihrer  zu  entledigen.
Untersuchen  wir  also,  ob  der  Rückkauf  ausführbar
sein  würde,  wenn  wir  den  Capitalisten  das  zubilligen,  was
die  belgische  Verfassung  eine  „gerechte  und  vorher  festzusetzende ­
  Entschädigung“  nennt.

§  2.
Die  Expropriation  mit  Entschädigung.
Expropriationen  mit  Entschädigung  führen  auch  die
heutigen  Verwaltungen  durch,  wenn  sie  z.  B.  eine  Eisenbahnconcession
  zurückkaufen.
Der  Staat  borgt  die  nötigen  Summen,  um  den  Rückkauf ­
  durchzuführen,  und  die  expropriierten  Capitalisten
empfangen  im  grossen  und  ganzen  den  Gegenwert  für
das,  was  sie  aufgeben.  In  den  meisten  Fällen  übersteigt
sogar  die  Entschädigung,  die  man  ihnen  zahlt,  den  Wert
der  Güter,  die  in  den  allgemeinen  Besitz  übergehen  ;  aber
nehmen  wir  selbst  an,  dass  das  nicht  geschehe  und  dass
der  Rückkauf  unter  normalen  Umständen  durchgeführt
werde,  so  sieht  man  doch  leicht  ein,  dass  eine  derartige
Enteignung  keineswegs  das  Problem  der  Unterdrückung
des  arbeitslosen  Einkommens  lösen  würde.
Man  hebt  zwar  die  Dividende  der  Actionäre  auf,
giebt  ihnen  dafür  aber  Staatsrenten.  Man  vermehrt  zwar
den  collectiven  Besitz,  steigert  aber  auch  in  gleichem
Masse  die  öffentliche  Schuld.  Darüber  sagt  Einet  in  einer
interessanten  Broschüre  :  „Diejenigen,  die  Anleihe  machen,
um  einen  nationalen  Besitz  zu  schaffen,  handeln  gegen
das  Interesse  der  Allgemeinheit  und  zum  Vorteil  der
Capitalisten,  solange  diese  ihre  Zinsen  erhalten.  Sie  kaufen
ihnen  ihre  Güter  zu  einem  höheren  Preise  ab,  als  sie
sie  selbst  gekostet  haben,  und  belasten  den  Staat  mi:
Unternehmungen,  die  in  sehr  vielen  Fällen  nicht  so  viel
        <pb n="189" />
        einbringen,  dass  man  die  Schuldzinsen  damit  decken
kann.“*)
Diese  Kritik  leidet  offenbar  einigermassen  an  Uebertreibung.
  Trotz  des  ausserordentlich  hohen  Rückkaufpreises ­
  war  z.  B.  die  Vereinheitlichung  der  belgischen
Eisenbahnen  —  ganz  abgesehen  von  den  Vorteilen,  die
daraus  für  das  Publicum  und  für  das  Personal  entspringen
—  vom  finanziellen  Gesichtspuncte  aus  keine  unvorteilhafte
Massnahme.**)  Aber  trotzdem  bleibt  doch  wahr,  dass
der  Rückkauf  der  Productionsmittel  dann,  wenn  er  das
Wachsen  der  öffentlichen  Schuld  als  Gegenstück  hat,  der
Existenz  einer  Classe  von  Rentnern,  die  dank  der  Ausbeutung ­
  fremder  Arbeit  ohne  eigene  Arbeit  leben  können,
kein  Ziel  setzt.  Und  unter  diesen  Umständen  kann  man
die  Unterdrückung  dieser  Classe  von  Parasiten  nur  von
einem  Bankerott  oder  von  der  Amortisation  erwarten.  Eins
von  beiden  muss  geschehen:  entweder  müsste  sich  der
Staat  weigern  oder  sich  in  der  Unmöglichkeit  befinden,
seinen  Verpflichtungen  nachzukommen  —  was  doch  auf
indirectem  Wege  wieder  zu  der  Hypothese  der  Enteignung
ohne  Entschädigung  führt  —,  oder  der  Staat  führte  eine
stufenweise  Amortisation  der  öffentlichen  Schuld  durch.
Um  indessen  zu  amortisieren,  muss  man  Mittel  haben,
und  diese  Mittel  müssen  notwendigerweise  entweder  von
der  Arbeit  oder  von  erworbenem  Vermögen  gefordert
werden.  Und  das  führt  uns  auf  die  Untersuchung,  durch

*)  Finet:  Le  régime  financier  de  la  Belgique.  Nécessité  d’un
budget  du  domaine  collectif  (Brüssel,  1894),  pag  19.
**)  Die  Rückkäufe  sind  durch  Uebereinkommen  oder  auf  Grund
von  Clauseln  in  den  Concessionen  durchgeführt  worden.  Die  Expropriation ­
  im  öffentlichen  Interesse,  die  sich  auf  Art.  545  des  Code
civil  und  Art.  11  der  belgischen  Verlassung  stützt,  bezieht  sich
zwar  auf  alle  Arten  des  Eigentums,  ist  aber  praktisch  nur  beim  Grundeigentum ­
  organisiert  worden.  Ueber  die  Notwendigkeit  eines  allgemeinen ­
  Gesetzes  über  die  Expropriation  im  öffentlichen  Interesse
siehe  Faider:  De  l’extension  en  toutes  matières  du  droit  d’expropriation. ­
  (Lüttich,  Desoer,  1897.)
        <pb n="190" />
        ámmm

—  185  —
welche  Mittel  die  Allgemeinheit  eine  Entschädigung  der
lebenden  Capitalisten  einführen  könnte,  während  sie  die
toten  Capitalisten  ohne  Entschädigung  expropriiert.

§  3-Die

  Expropriation  mittels  Entschädigung
der  Lebenden.

Unter  den  Vorschlägen  zur  Expropriation  nach  dieser
Formel  giebt  es  einige,  die  —  ebenso  wie  die  Expropriation
ohne  Entschädigung  —  den  unvermittelten  und  vollständigen ­
  Uebergang  vom  capitalistischen  zum  collectivistischen
  Regime  voraussetzen  ;  andere  aber  auch,  die  sich
mit  einer  allmählichen  und  sogar  beschränkten  Umformung
begnügen.
In  seiner  Broschüre:  Die  Quintessenz  des  Socialismus
charakterisiert  Schäffle  die  Systeme  der  ersten  Gruppe
wie  folgt  :
„Der  Bourgeois  mag  ein  Recht  haben  auf  das,  was
er  unter  dem  bisherigen  Productionszustand  erworben  hat,
und  wir  können  ihm  sein  Privatcapital  ablösen,  wie  er
das  Feudalrecht  abgelöst  hat.  Aber  er  hat  gar  kein  Recht,
in  alle  Zukunft  hinein  die  Hintanhaltung  der  besseren
Productionsweise  zu  verlangen.  Letztere  kann  im  Namen
des  Volkes  als  neuer  Rechtszustand  in  jedem  Augenblick
proclamiert  werden.  Alsdann  kann  der  Capitalist  allein
seinen  Grossbetrieb  nicht  besorgen.  Er  mu$s  und  wird
sogar  froh  sein,  wenn  man  ihm  und  seinen  Kindern  das
Privatcapital  durch  Genussmittelraten  ablöst,  welche  eine
Zeit  lang  dauern,  bis  alle  in  denselben  neuen  Zustand
hineingelebt  sein  werden.  Er  wird  sich  dem  Recht,  das
von  der  Mehrheit  des  eigentlichen  Volkes  proclamiert  wird,
ebenso  beugen,  wie  der  Adel  vor  dem  durch  das  Bürgertum ­
  proclamierten  neuen  Volksrechte  sich  beugen  und
mit  der  Ablösung  der  feudalen  Rentenquellen  zufrieden
sein  musste.“
        <pb n="191" />
        186

Wenn  man  zu  einem  solchen  Vorgehen  griffe,  dann
müsste  sich  eine  Familie,  die  z.  B.  Productionsmittel  im
Werte  von  ioo  Millionen  besässe,  als  hinlänglich  entschädigt ­
  betrachten,  wenn  man  ihr  im  Verlauf  von  30,
40  oder  50  Jahren  den  escomptierten  Wert  dieser
100  Millionen  in  Jahreszahlungen  in  der  Form  von  Verzehrsgütern, ­
  Luxusgegenständen  und  dergl.  geben  würde.
Das  setzt  aber,  um  es  noch  einmal  zu  sagen,  die
gleichzeitige  Unterdrückung  aller  Formen  des  privaten
Capitals  voraus.  Es  wäre  ganz  unzulässig,  dass  einzelne
Besitzer  nur  eine  zeitlich  beschränkte  Jahresrente  empfingen, ­
  während  andere  im  Genüsse  einer  dauernden
Rente  blieben.  Folglich  wird  die  Formel  der  Entschädigung ­
  der  Lebenden  unanwendbar  von  dem  Augenblicke
ab,  wo  es  sich  —  auf  der  Linie  des  geringsten  Widerstandes ­
  —  um  einen  stufen  weisen  Uebergang  vom  capitalistischen
  zum  Collectiveigentum  handelt.  Dieser  Socialisierungsprocess
  kann  normaler  Weise  nur  durchgeführt
werden,  wenn  man  dieselben  Regeln  überall  anwendet,,
ohne  verschiedene  Arten  für  die  verschiedenen  Arten  von
Capitalisten  zu  schaffen.
„Die  neue  sociale  Organisation,  deren  Dasein  auf  der
Gerechtigkeit  beruht,  muss  sich  ohne  eine  einzige  Ungerechtigkeit ­
  durchsetzen.“  (Colins.)
Das  kann  man  erreichen,  wenn  man  ein  System  anwendet, ­
  das  nach  dem  Worte  Bazards  „darin  besteht,
dem  Staate,  der  zu  einer  Association  der  Arbeiter  geworden
ist,  das  Erbrecht  zu  übertragen,  das  heute  auf  die  Familie
beschränkt  ist.“*)
Von  den  unzähligen  Systemen,  die  auf  eine  Beschränkung ­
  des  gesetzlichen  oder  testamentarischen  Erbrechts
abzielen,  wollen  wir  nur  als  Beispiel  die  Mittel  anführen,
die  Colins  in  seiner  Allgemeinen  Theorie  der  Organisation
des  Eigentums  vorschlägt  :
*)  Doctrine  de  Saint-Simon.  Esposition  1828—1829.  7.  Sitzung
(Paris,  1830),  pag.  187.
        <pb n="192" />
        „i.  Die  Erbschaft  ohne  Testament.
Die  einzige  Erbschaft  ohne  Testament,  die  als  Anreiz
zur  Arbeit  notwendig  ist,  ist  die  directe  Erbschaft.  Jede
andere  ist  zu  diesem  Anreiz  überflüssig,  solange  das  Recht
des  Testamentes  besteht.
Daher  fordern  wir  gesetzliche  Abschaffung  des  Erbrechtes ­
  in  der  Seitenlinie;  Uebergang  alles  Eigentums
in  öffentlichen  Besitz,  wenn  ein  directer  Erbe  fehlt  und
kein  Testament  vorhanden  ist.
2.  Das  testamentarische  Erbrecht.
Das  testamentarische  Erbrecht  ist  als  Anreiz  zur
Arbeit,  als  erster  socialer  Motor  nötig.
In  Wahrheit  führt  diese  Form  des  Erbrechtes  fortwährend ­
  zur  Verminderung  des  Collectivbesitzes  und  zur
Vermehrung  des  Einzelbesitzes,  folglich  zum  Pauperismus
der  Massen.
Aber  die  Gesellschaft,  die  allein  die  Eigentumsordnung ­
  und  die  Organisation  der  Familie  garantiert,  kann
auf  diese  Art  von  Erbschaft  eine  möglichst  hohe  Abgabe
legen,  und  zwar  so  hoch,  dass  sie  nicht  gerade  den  Anreiz
zur  Arbeit  erstickt.
Wir  wollen  diese  Abgabe  auf  nur  25  0/0  festsetzen.
„Es  ist  klar,  dass  jemand,  der  durch  ein  Testament
100000  Francs  erbt,  beim  Erhalt  von  75000  Francs  keine
Ungerechtigkeit  zu  erdulden  glaubt,  wenn  er  weiss,  dass
er  selbst  an  seinem  Teil  bei  allen  testamentarischen  Erbschaften ­
  ausnahmslos  ebenfalls  Anteil  hat.
Also  fordern  wir  Schaffung  einer  Erbschaftssteuer
von  25  %  auf  alle  testamentarischen  Erbschaften.“
Es  versteht  sich  von  selbst,  dass  die  Höhe  dieser
Abgabe,  die  Möglichkeit  ihrer  sofortigen  Einführung  und,
um  es  mit  einem  Worte  zu  sagen,  der  Radicalismus  dieser
Reform  des  Erbrechtes  in  hohem  Masse  von  ähnlichen
Fortschritten  der  Gesetzgebung  in  den  benachbarten
Ländern  und  von  einer  Menge  anderer  Umstände,  die
hier  aufzuführen  zu  weitläufig  wäre,  abhängig  sein  würde.
        <pb n="193" />
        —  188  —

Wie  es  aber  auch  damit  immer  sein  mag,  man  wird  nicht
leugnen  können,  dass  die  mehr  oder  weniger  weitgehende
Beschränkung  des  Erbrechtes  eines  der  wirksamsten  Mittel
ist,  um  dem  Staate  —  oder  genauer  gesagt  der  Allgemeinheit ­
  —  die  nötigen  Mittel  zu  einer  stufenweise  zu  vollziehenden ­
  Vergesellschaftung  der  Productionsmittel  zu
liefern.
Nun  bleibt  noch  zu  untersuchen,  wie  diese  Mittel
am  besten  zu  diesem  Zwecke  angewendet  werden  könnten.
Wir  stossen  hier  auf  drei  Hauptsysteme,  auf  die  man
in  letzter  Linie  alle  anderen  zurückführen  kann:
1.  Schaffung  von  Productivgenossenschaften  mit
Staatscredit,
2.  Eindringen  des  Staates  in  die  bereits  bestehenden
oder  in  die  in  der  Entstehung  begriffenen  Unternehmungen, ­

3.  vollständige  Socialisierung  gewisser  Industrieen
durch  Rückkauf.
A.  Die  Productivassociationen.
Diesem  System,  das  Menger  den  societären  Socialismus ­
  nennt,  haben  Louis  Blanc  und  Ferdinand  Lassalle
gehuldigt.
Als  Lassalle  vom  Staate  hundert  Millionen  Thaler
forderte,  um  in  ganz  Deutschland  Arbeiterproductivgenossenschaften ­
  zu  unterstützen,  griff  er  im  grossen  und
ganzen  nur  die  Reformpläne  wieder  auf,  die  Louis  Blanc
während  der  Revolution  von  1848  ausgearbeitet  hatte.
In  seinem  Buche  über  die  Organisation  der  Arbeit
(Organisation  du  travail)  und  Im  vierten  Bande  seiner
Fragen  von  heute  und  morgen  (Questions  d’aujourd’hui  et
de  demain)  ging  Louis  Blanc  auf  eine  Idee  der  Fourieristen
zurück  und  schlug  die  Schaffung  eines  Ministeriums  des
Fortschritts  vor,  dessen  Hauptaufgabe  darin  bestehen
sollte,  durch  immer  weitergreifende  Reformen  das  Proletariat ­
  verschwinden  zu  lassen.  Der  Controle  dieses  Ministe-
        <pb n="194" />
        H

1

—  189  —

riums  sollten  die  Eisenbahnen  und  Bergwerke,  die  Emissionsbank ­
  und  die  Versicherungsanstalten  unterstellt  sein;
es  sollte  Bazare  für  den  Kleinhandel  und  Niederlagen  für
den  Grosshandel  einrichten  mit  dem  Recht,  je  nach  dem
Werte  der  eingelegten  Waren,  eine  Art  Warengeld  auszugeben. ­
  Der  Profit,  den  der  Staat  aus  allen  diesen  Unternehmungen ­
  ziehen  würde,  sollte  zunächst  zur  Zahlung  des
Capitals  und  der  Zinsen  für  die  bei  diesen  Operationen  benötigten ­
  Mittel  dienen  ;  mit  dem,  was  übrig  blieb,  sollte  das
Arbeiterbudget  dotiert  werden  (Budget  ouvrier).*)
Dieses  Budget  sollte  zur  Schaffung  von  ländlichen  und
industriellen  Arbeiterassociationen  dienen,  denen  der  Staat
durch  Creditgarantieen  den  Kauf  von  Productionsmitteln
ermöglichte.
„Da  diese  Einrichtung,“  so  sagt  Louis  Blanc,  „bedeutende ­
  Mittel  erfordert,  so  würde  die  Zahl  der  Werkstätten ­
  zunächst  streng  begrenzt  werden  ;  aber  gerade
durch  ihre  Organisation  würde  ihnen  eine  ungeheure  Ausdehnungsfähigkeit ­
  innewohnen.
Da  der  Staat  als  der  alleinige  Gründer  der  gesellschaftlichen ­
  Productionsstätten  (ateliers  sociaux)  angesehen ­
  wird,  so  würde  er  die  Statuten  bestimmen.  Von
der  Volksvertretung  durchberaten  und  beschlossen,  hätten
diese  Vorschriften  Form  und  Kraft  von  Gesetzen.
Zur  Arbeit  in  den  Nationalwerkstätten  würden,  bis
zum  Betrage  des  zunächst  zum  Ankauf  der  Productionsmittel
  gesammelten  Capitals,  alle  Arbeiter  berufen  werden,
die  moralische  Garanticen  böten.
Da  die  verkehrte  und  antisociale  Erziehung  der  heutigen ­
  Generation  kein  anderes  Mittel  zur  Steigerung  des
Wetteifers  und  des  Mutes  wirksam  sein  lässt,  als  dio
höhere  Bezahlung,  so  würde  die  Verschiedenheit  der  Löhne
der  Verschiedenheit  der  Functionen  angepasst  werden.
Eine  ganz  neue  Erziehungsmethode  muss  in  diesem  Puñete

*)  Vergl.  Menger:  Das  Recht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag.
        <pb n="195" />
        die  Anschauungen  und  Sitten  wandeln.  Selbstverständlich
müsste  der  Lohn  auf  alle  Fälle  den  Arbeitern  ein  ausgiebiges ­
  Existenzminimum  gewährleisten.“*)
Nach  der  Meinung  ihres  Schöpfers  müssten  diese
socialen  Werkstätten  vom  Gesichtspunct  der  Productivität
der  Arbeit  aus  eine  solche  Ueberlegenheit  über  die  capitalistischen
  Werkstätten  zeigen,  dass  diese  notwendigerweise ­
  gezwungen  wären,  einzugehen  oder  sich  in  sociale
Werkstätten  zu  verwandeln.
„Anstatt,  wie  heute  jeder  Grosscapitalist,  Herr  und
Tyrann  des  Marktes  zu  sein,  würde  die  Regierung  sein
Regulator  sein.  Sie  würde  sich  der  Waffe  der  Concurrenz
nicht  zum  gewaltsamen  Umsturz  der  Privatindustrie  bedienen, ­
  den  sie  vielmehr  unter  allen  Umständen  zu  vermeiden ­
  ein  Interesse  hätte,  sondern  zur  unmerklichen
Ueberführung  in  die  höhere  Form.  Denn  sobald  in  irgend
einer  Industriebranche  eine  sociale  Werkstatt  eröffnet
würde,  würde  man  wegen  der  Vorteile,  die  sie  ihren  Teilnehmern ­
  bietet,  Arbeiter  und  Capitalisten  dorthin  strömen
sehen.  Nach  Ablauf  einer  gewissen  Zeit  würde  man  sich
ohne  Usurpation,  ohne  Ungerechtigkeit,  ohne  unersetzlichen ­
  Schaden  und  zu  gunsten  des  Associationsprincips
die  Erscheinung  vollziehen  sehen,  die  sich  heute  so  beklagenswert, ­
  durch  die  Tyrannei  und  zu  gunsten  des  individuellen ­
  Egoismus  vollzieht.  Heute  kann  ein  sehr  reicher
Industrieller  seine  Concurrenten  durch  einen  grossen
Schlag  tot  auf  dem  Platze  lassen  und  einen  ganzen
Industriezweig  monopolisieren.  In  unserem  System  würde
sich  der  Staat  allmählich  zum  Herrn  der  Industrie  machen,
und  wir  würden  als  Erfolg  nicht  das  Monopol,  sondern
die  Abschaffung  der  Concurrenz  zu  verzeichnen  haben:
die  Association.“
Gegen  diesen  Plan  zur  Organisation  der  Arbeit  gäbe
es  vieles  einzuwenden,  denn  im  grossen  und  ganzen  setzt

*)  Louis  Blanc:  Organisation  du  travail.  (Brüssel,  1852)
pag.  117  ff.
        <pb n="196" />
        I

sEsinss

—  191  —
er  das  corporative  Monopol  an  Stelle  des  capitalistischen
Privilegiums  und  gelangt  nur  dadurch  zur  Abschaffung
der  Concurrenz  in  den  verschiedenen  Productionsbranchen,
dass  er  sie  in  den  Beziehungen  jeder  Industriebranche
unter  sich  verschärft.  Aber  abgesehen  von  diesen  principiellen
  Erwägungen,  wäre  es  bei  dem  heutigen  Stande
der  capitalistischen  Entwickelung  eine  wunderliche  Illusion,
wenn  man  annehmen  wollte,  solche  Cooperativassociationen
könnten,  selbst  mit  Unterstützung  des  Staates,  den  grossen
Unternehmungen,  die  den  Markt  in  der  Hand  haben  und
beherrschen,  eine  siegreiche  Concurrenz  machen  und  sie
zum  Weichen  bringen.
Nur  in  den  Productionszweigen,  in  denen  die  capitalistische
  Entwickelung  noch  in  den  Anfängen  steht  —
z.  B.  in  den  meisten  ländlichen  Industrieen  —  könnte
nach  unserer  Meinung  das  System  der  Productivassociationen ­
  den  Uebergang  zu  einer  reinen  Socialisierung  vermitteln. ­


B.  Das  System  des  „Eindringens“.
Anstatt  neue  Unternehmungen  zu  schaffen,  deren
Concurrenz  die  capitalistischen  Unternehmungen  abschaffen ­
  soll,  strebt  der  moderne  Socialismus  vielmehr
danach,  die  bestehenden  Unternehmungen  zu  vergesellschaften, ­
  sei  es  auf  dem  Wege  der  Expropriation  oder
durch  (die  Beteiligung  des  Staates.  Auf  dieses  zweite  System
bezieht  sich  der  Plan  der  „freien  Socialisierung“,  den  E.
Solvay  am  27.  December  1899  dem  belgischen  Senate
unterbreitet  hat.
In  der  Absicht,  dem  Staate  Mittel  zu  verschaffen,  ohne
sie  der  Arbeit  zu  nehmen,  gleichzeitig  möglichst  viel  zu
vergesellschaften,  ohne  die  Freiheit  und  die  persönliche
Initiative  zu  gefährden,  schlägt  Solvay  eine  Reihe  von
Massregeln  vor,  die  er  wie  folgt  zusammenfasst  :
„Zunächst  müsste  man  an  eine  Revision  der  Gesetze
über  die  Gesellschaften  (Actiengesellschaften  etc.)  gehen,
        <pb n="197" />
        um  für  die  Zukunft  die  fast  immer  zu  gunsten  der
„Gründer“  und  auf  Kosten  der  Actionäre  durchgeführten
„Gründungen“  zu  erschweren.  Man  könnte  z.  B.  bestimmen, ­
  dass  jeder  Gründer  an  seiner  Gründung  fünf
oder  zehn  Jahre  beteiligt  bleiben  müsste;  die  Einlagen
dürften  nach  Verteilung  einer  gewissen  Dividende  zurückgezahlt ­
  werden  u.  s.  w.  Die  Massnahmen  dieser  Art  müssen
offenbar  noch  näher  geprüft  werden,  auf  jeden  Fall  aber
und  ganz  abgesehen  von  dem  von  mir  entwickelten  allgemeinen ­
  Plane  darf  die  Revision  der  bestehenden  Gesetzgebung ­
  nicht  aufgeschoben  werden.
Die  Zahl  der  faulen  Gründungen  auf  industriellem,
und  commerciellem  Gebiete  würde  dadurch  beträchtlich
und  commerciellem  Gebiete  wurde  dadurch  beträchtlich
vermindert,  und  da  auf  der  anderen  Seite  die  periodisch
geprüfte  Prosperität  der  Länder  wie  Belgien,  Deutschland, ­
  England  .  .  .  fortwährend  wächst,  so  würde  jemand,
der  über  genügend  Capitalien  verfügt,  um  sich  gleichzeitig ­
  —  und  wäre  es  blindlings  —  an  allen  Gründungen
zu  beteiligen,  ganz  sicher  verdienen,  und  zwar  nach  dem
Gesetze  der  grossen  Zahl,  das  mit  Erfolg  von  den  Versicherungsgesellschaften ­
  aller  Art  ihren  Geschäften  zu
Grunde  gelegt  wird.
Kraft  eines  Gesetzes  sollte  nun  nach  meiner  Meinung
der  Staat  dieser  Generalteilhaber  an  allen  im  Lande
gegründeten  Unternehmungen  sein.  Er  könnte  den
Bürgern  sagen:  bringt  mir  so  viel  Geld,  wie  ihr  wollt,
zu  einem  Zinsfusse,  der  ungefähr  dem  der  Staatsanleihen
entspricht;  ich  nehme  es,  um  es  als  beinahe  passiver
Actionär  iri  allen  Geschäften,  die  gegründet  oder  vergrössert
  werden,  anzulegen.  —  Diese  Anlage  müsste  natürlich ­
  nach  festgestellten  Regeln  geschehen.
Unter  diesen  Bedingungen  würden  die  eigene  Thätigkeit
  des  Staates  ganz  unbedeutend  und  die  Verwaltungskosten ­
  ausserordentlich  gering  sein;  er  würde  also  fast
die  ganze  Differenz  zwischen  der  Verzinsung  der  eingelegten ­
  Capitalien  und  der  mittleren  Dividende  aus  allen
        <pb n="198" />
        Unternehmungen,  an  denen  er  beteiligt  ist,  verdienen.
Je  mehr  Geld  man  ihm  zur  Verfügung  stellen  würde,
um  so  mehr  würde  er  seine  Beteiligungen  ausdehnen.
Die  Privatinitiative,  die  schöpferische  Kraft  in  den  Unternehmungen, ­
  würde  ganz  und  gar  erhalten  bleiben,
nicht  einmal  berührt  werden,  und  der  Staat  würde  doch,
soviel  sich  ihm  Gelegenheit  dazu  böte,  den  Socialisierungsprocess
  fördern.  Man  kann  so  weit  gehen,  sich  einen
theoretischen  Socialstaat  vorzustellen,  der  aus  der  fortgesetzten ­
  Anwendung  dieses  Princips  der  Freiheit  hervorgeht, ­
  wenn  nämlich  schliesslich  alle  Unternehmungen  vergesellschaftet ­
  sind.  Die  Privatinitiative  würde  immer  vollkommen ­
  gewahrt  bleiben  und  sich  in  diesem  letzten
Stadium  nur  noch  zu  dem  einen  Zweck  bethätigen,  eine
höhere  Bezahlung  der  Arbeit,  ein  industrielles  oder  commercielles
  Gehalt,  statt  eines  einfachen  Beamtengehalts,
zu  erlangen.
Mir  scheint,  dass  hierin  ein  wertvolles  Princip  steckt.
Mir  kommt  es  wie  die  lang  gesuchte  Lösung  des  Problems
der  Ueberwindung  und  Beschränkung  der  socialdemokratischen ­
  Bewegung  und  zu  gleicher  Zeit  der  Vergesellschaftung ­
  der  Unternehmungen  vor;  der  ganze  Complex
dieser  Fragen  würde  thatsächlich  und  ohne  viele  Worte
durch  die  Nation  dem  Staate  übertragen,  der  sie  löst,
ohne  der  vollkommenen  Freiheit  irgend  welchen  Zwang
anzuthun.“
Kurz  gesagt:  der  Staat  soll  zum  gewöhnlichen  Zinsfuss
  so  viel  Geld  aufnehmen,  als  man  ihm  zur  Verfügung
stellen  will,  und  dieses  Geld  dann  nach  gewissen  Regeln
zur  Beteiligung  an  allen  ernsthaften  Unternehmungen
verwenden.
Was  uns  neu  und  wirklich  originell  an  dem  Solvayschen
  Plane  erscheint,  das  ist  nicht  die  Idee,  die  „Vergesellschaftung ­
  der  Unternehmungen“  durch  die  Beteiligung ­
  an  den  von  Privaten  geleiteten  Unternehmungen
durchzuführen.  Für  solche  Beteiligungen  kann  man  in
Vandervelde:  Die  Entwickelung  zum  Socialismus.

13
        <pb n="199" />
        194

der  That  eine  ganze  Menge  von  Beispielen  anführen  :
der  preussische  Staat  war  früher  Actionär  der  preussischen
  Bank,  und  der  belgische  Staat  ist  mit  einer  Menge
von  Privatleuten  zusammen  Actionär  der  Kleinbahngesellschaft. ­
  Die  thätsächliche  Originalität  des  Systems  beruht
nach  unserer  Meinung  vielmehr  in  seiner  Verallgemeinerung, ­
  in  der  scharfen  Betonung  der  unbestreitbaren ­
  Thatsache,  dass  die  Gesamtheit  der  capitalistischen
Unternehmungen  notwendigerweise  Ueberschüsse  und
zwar  stets  wachsende  Ueberschüsse  machen  muss,  wenn
auch  und  während  die  einzelnen  Capitalisten  dem  Risico
des  Verlustes  ausgesetzt  sind.
Wenn  also  eine  physische  oder  juristische  Person
existierte,  die  financiell  kräftig  genug  wäre,  sich  an  allen
gegründeten  Unternehmungen  zu  beteiligen,  so  müsste  sie
nach  dem  Gesetze  der  grossen  Zahl  mit  mathematischer
Sicherheit  Geld  verdienen.
Der  Staat  kann  diese  Rolle  spielen,  indem  er  sich
zum  Banquier  für  jedermann  macht,  zum  Vermittler
zwischen  allen  denen,  die  Geld  anlegen,  und  denen,  die
ein  gesundes  Geschäft  begründen  wollen.  Und  unter  diesen
Umständen  würde  ihm  die  Differenz  zwischen  den  Zinsen
für  die  dargeliehenen  Summen  und  der  mittleren  Dividende
aus  allen  Unternehmungen,  an  denen  er  sich  beteiligte,
zufliessen.
Wir  müssen  indessen  bemerken,  dass  diese  Differenz
gleich  Null  oder  beinahe  gleich  Null  sein  würde,  wenn
sich  der  Staat  an  alten,  seit  einer  gewissen  Zeit  bestehenden
und  sozusagen  auf  dem  Beharrungszustand  angelangten
Unternehmungen  beteiligen  würde  ;  denn  er  müsste  die
Actien  nicht  zu  ihrem  Nominal-,  sondern  zu  ihrem  Courswerte ­
  erwerben,  und  dieser  Wert  würde  wenig  Aussicht
auf  ¡'Steigerung  in  der  Zukunft  bieten.  Die  Staatsbeteiligung
an  den  Geschäften  einer  schon  lange  bestehenden  Gesellschaft ­
  könnte  also  nur  den  Sinn  haben,  ihre  vollständige
Expropriation  vorzubereiten  und  zu  erleichtern  —  eine  Ex-
        <pb n="200" />
        13*

195

propriation,  die  man  aus  anderen  Gründen  für  vorteilhaft
halten  würde.*)
Wenn  es  sich  um  neue  Unternehmungen  handelt,
kann  dagegen  das  von  Solvay  empfohlene  „Eindringungs“-oder
  Beteiligungssystem  sehr  verführerisch  erscheinen,  den
Staat  an  allen  Unternehmungen  zu  interessieren  und  den
Uebergang  von  der  capitalistischen  zu  einer  rein  socialistischen
  Ordnung  zu  erleichtern.
Nur  können  wir  uns  damit  nicht  einverstanden  erklären, ­
  dass  nach  Solvay  der  Staat,  der  in  alle  neuen  oder
erweiterten  Unternehmungen  eintritt,  nichts  anderes  sein

*)  Vor  einigen  Jahren  hat  die  schweizerische  Regierung
unter  den  folgenden  Umständen  dieses  Verfahren  angewandt:
„Bis  zum  Verfalltage  im  Jahre  1898  konnte  von  einem  Rückkauf ­
  (der  schweizerischen  Eisenbahnen)  durch  Kündigung  der
Concessionen  nicht  mehr  die  Rede  sein.  Der  Bundesrat  versuchte ­
  es  also  mit  einem  anderen  Mittel,  das  man  das  System
der  Beteiligung,  System  der  Penetration,  genannt  hat,  weil  es
darin  bestand,  dass  die  Eidgenossenschaft  durch  allmählichen
Kauf  grosser  Actienmengen  an  den  Gesellschaften  beteiligt
werden  sollte,  um  auf  diese  Weise  zunächst  einen  entscheidenden ­
  Einfluss  in  den  Generalversammlungen  ausüben  und  sie
sodann  möglicherweise  zum  Rückkauf  auf  Grund  gütlichen
Uebereinkommens  bestimmen  zu  können.“  (Le  rachat  des
chemins  de  fer  en  Suisse.  Circular  des  Musée  social,  No.  18
vom  25.  Mai  1898.)
Zu  diesem  Zwecke  erwarb  der  Bundesrat  am  27.  Juni
1890  30000  Actien  der  Jura-Bern-Luzern-Linie;  im  selben  und
im  folgenden  Jahre  sodann  47090  Actien  der  Jura-Simplon-Gesellschaft,
  die  sich  gerade  mit  der  obengenannten  fusioniert
hatte.  Ende  1891  war  die  Eidgenossenschaft  also  Besitzerin  von
77090  Actien  der  Gesellschaft,  die  im  ganzen  104000  Prioritätsund ­
  245  000  Stammactien  ausgegeben  hatte.
Anfang  1891  bot  ein  Bankenconsortium  der  Eidgenossenschaft ­
  50000  von  100000  Actien  der  Centralbahn  an.  Aber
die  Verwaltung  der  Centralbahn  erklärte  sich  bereit,  das  ganze
Netz  abzutreten.  Die  schweizerischen  Kammern  sprachen  sich
in  diesem  Sinne  aus,  der  Vorschlag  wurde  aber  beim  Referendum
verworfen,  zum  Teil,  weil  man  fand,  dass  die  Eidgenossenschaft
die  Actien  der  Centralbahn  über  ihrem  reellen  Werte  bezahlte.
Das  Votum  von  1891  machte  der  Eindringungspolitik,  wie  überhaupt ­
  jedem  Versuche  des  freihändigen  Rückkaufs  ein  Ende.
        <pb n="201" />
        —  196  —•
könnte  und  sollte,  als  ein  fast  passiver  Actionär,  der  als
einzige  Function  die  Gewinnbeteiligung  hätte.
Schon  durch  diese  Beteiligung  würde  die  Gesamtheit ­
  eine  moralische  Verpflichtung  gegen  das  Personal
dieser  Unternehmungen  auf  sich  nehmen;  als  Actionär
und  Teilhaber  am  Gewinn  würde  sie  die  Macht  und  die
Pflicht  haben,  darauf  zu  sehen,  dass  die  Dauer  der
Arbeitszeit,  die  Höhe  der  Löhne,  die  Organisation  der
Versicherungen  den  gebieterischen  Forderungen  der  öffentlichen ­
  Meinung  entsprächen;  und  in  dem  Masse,  wie
die  Anteile  des  Staates  wüchsen,  würden  auch  sein  Einfluss ­
  und  seine  Verpflichtungen  wachsen.
So  zwar,  dass  in  letzter  Linie  E.  Solvays  System
der  „freien  Vergesellschaftung“  zu  denselben  Consequenzen
  führen  würde,  wie  die  in  den  socialistischen  Programmen ­
  geforderte  vollständige  Vergesellschaftung  der
grossen  Industrieen.
C.  DievollständigeVergesellschaftungder
Industrieen.
Stellt  man  sich  hypothetisch  eine  collect  ivistische
  Politik  vor,  die  die  allmähliche  Uebernahmfe
der  Hauptindustrieen  durch  die  Gemeinden  oder  den
demokratischen,  decentralisierten  und  von  den  rein
autoritären  Machtorganen  differenzierten  Staat  zum  Ziel
hat,  dann  müsste  man  sich  offenbar  —  auf  der  Linie
des  geringsten  Widerstandes  —  zunächst  gegen  die  natürlichen ­
  oder  durch  die  capitalistische  Concentration  künstlich ­
  geschaffenen  Monopole  wenden.
Wenn  es  sich  um  die  monopolisierten  Industrieen
handelt,  dann  fallen  in  der  That  alle  Argumente  der
Gegner  des  Socialismus  zu  gunsten  der  persönlichen
Initiative  und  der  aus  der  Concurrenz  entspringenden  Vorteile ­
  platt  zu  Boden.  Denn  da  nun  einmal  gar  keine  Concurrenz ­
  existiert,  kann  sie  nicht  wirksam  sein;  ferner  ist
        <pb n="202" />
        auch  nicht  einzusehen,  warum  die  persönliche  Initiative
der  Privat  angestellten  unter  der  Herrschaft  des
anonymen  Capitals,  der  Actiengesellschaften,  grösser  sein
soll,  als  das  der  Staats  angestellten,  —  vorausgesetzt
natürlich,  dass  man  diesen  dieselben  materiellen  Vorteile
und  dieselbe  Actionsfreiheit  gewährt,  wie  jenen.
Aber  wir  wollen  gleich  hinzufügen,  dass  es  das  Feld
des  Collectivismus  gar  zu  eng  umgrenzen  hiesse,  wenn  man
ihn  auf  die  alten,  concentrierten,  automatisierten  Industrien ­
  beschränken  wollte,  deren  Betrieb  so  sehr  zur
Routine  und  Einförmigkeit  geworden  ist,  dass  ihre  Ausbeutung ­
  durch  die  öffentliche  Gewalt  auch  schon  in  ihrer
heutigen  Organisation  vorteilhaft  wäre.  In  dem  Masse,
wie  ihre  Organisation  vervollkommnet  wird,  verlieren  die
Einwendungen,  die  man  berechtigterweise  gegen  die
Uebernahme  anderer  Industrieen  machen  kann,  an  Bedeutung. ­

Dass  in  der  heutigen  Ordnung  sowohl  der  industrielle
als  auch  der  collective  Betrieb  vom  Standpunct  der  Production ­
  aus  Nachteile  und  Vorteile  hat,  das  zeigt  sich
mit  um  so  grösserer  Deutlichkeit,  wenn  man  die  beiden  einander ­
  am  stärksten  entgegengesetzten  Betriebsarten,  das
Handwerk  und  das  Staatsmonopol,  gegen  einander  hält.
Während  aber  die  Vorteile,  die  dem  eigentlich  individuellen
Betriebe  eigen  sind  —  und  denen  die  Kunst-  und  Luxusindustrien ­
  die  Dauer  ihrer  Existenz  verdanken  —,  mit  dem
Fortschritt  der  capitalistischen  Concentration  und  mit  der
Weiterverbreitung  anonymer  Capitalorganisationen  immer
mehr  abnehmen,  wachsen  im  Gegenteil  die  Vorteile  und
Vorzüge  des  Collectivbetriebes  mit  dem  Fortschritt  der
politischen  und  socialen  Organisation.
Anfangs  haben  wir  es  mit  dem  Pickelhaubenstaat  zu
thun,  der,  plötzlich  in  einen  Industriellen  oder  Kaufmann
verwandelt,  seine  ganze  Brutalität,  seine  waldursprüngliche
Grobheit  bewahrt,  sein  Personal  beinahe  so  schlecht  behandelt, ­
  wie  die  schlimmsten  capitalistischen  Sclavenhalter,
        <pb n="203" />
        ic;8

Und  nicht  sociale  Erwägungen,  sondern  fiscalische  Plusmacherei ­
  zum  Betriebsprincip  macht.
Sobald  aber  das  Eingreifen  des  Proletariats  in  die
öffentlichen  Angelegenheiten  wirksam  wird,  sobald  sich  die
Politik  und  die  Wirtschaft  zu  differenzieren  beginnen,  die
Staatswirtschaft  ihre  Unabhängigkeit  von  der  Regierungsgewalt ­
  erringt,  wird  der  decentralisierte  und  „entbureaukratisierte“
  Collectivbetrieb  mehr  und  mehr  der  Vorzüge
des  Betriebes  industrieller  Gesellschaften  teilhaftig,  indem
er  aber  zugleich  die  Vorzüge  der  Vergesellschaftung  bewahrt. ­

Und  schliesslich  würde  in  einer  socialistischen  Gemeinschaft ­
  die  Productivität  der  gesellschaftlichen  Arbeit
einen  um  so  grösseren  Aufschwung  nehmen,  je  vollkommener ­
  das  Ineinandergreifen  der  Kräfte  sein  würde;  zumal ­
  doch  auch  alle,  gleichzeitig  Producenten  und  Consumenten,
  das  gleiche  Interesse  an  der  Vergrösserung
der  Masse  der  Arbeitsprodukte  haben  würden.
§4-Zusammenfassungun
  d  Schlussfolgerungen.
Die  verschiedenen  Arten  der  Vergesellschaftung,  die
wir  hier  betrachtet  haben  —  Expropriation  der  grossen
Industrieen,  Beteiligung  des  Staates  an  neuen  Unternehmungen, ­
  Schaffung  von  Productivassociationen  mit  oder
ohne  Staatshilfe  —  schliessen  einander  offenbar  nicht
aus.  Es  ist  vielmehr  höchst  wahrscheinlich,  dass  sich
die  Vergesellschaftung  der  Production,  die  uns  als  das
unvermeidliche  Ende  der  industriellen  Entwickelung  erscheint, ­
  nicht  einförmig  und  durch  die  Anwendung  eines
einzigen  Systems  verwirklichen  wird,  sondern  vielmehr
durch  die  Combinierung  aller  Massnahmen,  aller  Kräfte,
aller  Pläne,  die  auf  dasselbe  Endziel:  die  Unterdrückung
des  arbeitslosen  Einkommens  und  die  Vergesellschaftung
der  Productionsmittel  hinwirken.
        <pb n="204" />
        199

So  bemerkt  auch  Sidney  Webb  in  einem  der  interessanten ­
  von  der  Fabian  Society  (Gesellschaft  der  Fabier)
veröffentlichten  Tracts  (Abhandlungen),  „dass  es  keinen
vernünftigen  Socialisten  giebt,  der  die  unmittelbare  Uebernahme
  aller  Krämerläden  durch  die  Gesamtheit  für  durchführbar ­
  hält.  Die  Demokratisierung  des  Detailhandels
und  mancher  anderen  Industriezweige  kann  —  wie  wir
an  schlagenden  Beispielen  sehen  —  durch  die  Warenhäuser ­
  und  Bazare  viel  eher  durchgeführt  werden,  als
ein  Staat  oder  eine  Ortsverwaltung  sich  damit  zu  befassen
beschliesst.“*)
In  England,  diesem  gelobten  Lande  des  Genossenschaftswesens, ­
  entwickelt  sich  der  Gemeindesocialismus
viel  rascher  als  das  Genossenschaftswesen.  Die  von  den
öffentlichen  Gewalten  allein  in  der  Gasfabrication  angelegten ­
  Capitalien  sind  grösser,  als  das  gesamte  Gesellschaftsvermögen ­
  der  1767  Genossenschaften  des  Vereinigten ­
  Königreichs.**)
Die  Eroberung  der  grossen  Productionsmittel  von  der
privaten  Vereinigung  der  Arbeiter  erhoffen,  das  heisst
sich  und  das  Proletariat  in  chimärische  Hoffnungen  einwiegen. ­
  Die  Cooperation  kann  dem  Socialismus  Vorarbeiten, ­
  ihn  aber  nicht  verwirklichen.  Nur  die  Expropriation ­
  der  capitalistischen  Classe  durch  collective  Willensacte ­
  kann  die  volle  Emancipation  der  Producenten
sichern.
Was  die  Art  und  Weise  dieser  Expropriation  anlangt ­
  —  ob  sie  allmählich  oder  plötzlich,  friedlich  oder
revolutionär,  mit  oder  ohne  Entschädigung  erfolgen  soll
*)  Sidney  Webb:  English  progress  towards  social  democracy. ­
  Fabian  Tract  No.  15.  (London,  Fabian  Society,  276,
Strand  W.  C.)
**)  Die  von  englischen  Gemeinden  in  der  Gasfabrication  angelegten ­
  Capitalien  betrugen  1899  28600000  Lstr.,  die  Capitalien ­
  der  Genossenschaften  mit  Einschluss  der  Wholesales  betrugen ­
  25800000  Lstr.  Näheres  siehe  Harrison:  Municipal
trading  (Economic  Journal,  Juni  1900,  pag.  251)  und  Zeo:  La
coopération  en  1898  (Avenir  Social,  Februar  1900.)
        <pb n="205" />
        200

—  so  sind  das  Fragen,  die  leider  viel  weniger  von  unserem
eigenen  Belieben,  als  von  den  socialen  Verhältnissen  abhängen.

Gewiss  wird  jeder  fühlende  Mensch  —  selbst  ohne
alle  Aussicht  —  wünschen,  dass  die  Befreiung  der  Arbeiter ­
  nicht  so  viel  Blut  und  Thränen  kosten  möge,  wie
die  Bürgerkriege  und  die  internationalen  Metzeleien,  die
den  Aufstieg  des  dritten  Standes  gekennzeichnet
haben.  Wenn  man  aber  den  blinden,  erbitterten,  wilden
Widerstand  sieht,  den  die  privilegierten  Classen  immer
auch  den  bescheidensten  Forderungen  der  grossen  Masse
entgegensetzen,  dann  muss  man  unwillkürlich  an  die  Worte
denken,  die  Schiller  seinem  Wallenstein  in  den  Mund
legt:
„Eng  ist  die  Welt,  und  das  Gehirn  ist  weit,
Leicht  bei  einander  wohnen  die  Gedanken,
Doch  hart  im  Raume  stossen  sich  die  Sachen;
Wo  eines  Platz  nimmt,  muss  das  andre  rücken,
Wer  nicht  vertrieben  sein  will,  muss  vertreiben;
Da  herrscht  der  Streit,  und  nur  die  Stärke  siegt.“
Diese  Stärke,  diese  Macht,  die  Herrin  der  Welt,  muss
das  Proletariat  erobern.  Die  Arbeiter  müssen  den  Wahlspruch ­
  der  Internationale  zur  Wahrheit  machen,  das  in
ihnen  schlummernde  Classenbewusstsein  erwecken,  durch
unablässige  Propaganda  die  alte  Disciplin  zerstören,  die
den  Armeen  den  passiven  Gehorsam  einpflanzt,  und  sich
mit  eiserner  Geduld  an  die  Eroberung  der  Rechte  und
der  öffentlichen  Gewalt  machen.  Sie  müssen  sich  durch
unablässige  Arbeit  an  sich  selbst  zur  intellectuellen  und
moralischen  Höhe  ihrer  Hoffnungen  erheben  und  durch
die  Entwickelung  der  freien  und  freiwilligen  Organisation
der  Arbeiterclasse  Generationen  heranbilden,  die  für  die
republicanische  Organisation  der  gesellschaftlichen  Arbeit
reif  sind.  Mit  einem  Worte  :  der  socialistische  Gedanke
muss  alle  Einrichtungen  durchdringen,  alle  Köpfe  erfüllen, ­
  alle  Widerstände  überwinden.
        <pb n="206" />
        r

—  201  —
Diese  Entwickelung  geht  heute  mit  Riesenschritten
vorwärts,  und  der  Socialismus  kann  sich,  nach  dem  eigenen ­
  Zugeständnis  der  schärfsten  Gegner,  die  Worte  zu
eigen  machen,  die  zwei  Jahrhunderte  nach  Christi  Tod
Tertullian  den  Mächten  des  untergehenden  Heidentums
ins  Gesicht  schleuderte:  „Wir  sind  erst  von  gestern  und
doch  erfüllen  wir  schon  euere  ganze  Welt:  euere  Städte,
euere  Festen,  euere  Flecken,  euere  Versammlungen,  sogar ­
  euere  Armeen,  die  Tribus,  die  Decurien,  den  Palatin,
den  Senat,  das  Forum:  wir  lassen  euch  nichts  als  euere
Tempel!“
Und  selbst  diese  Tempel  beginnen  zu  veröden.
        <pb n="207" />
        VI.  Capitel.
Die  Einwendungen.
„Die  Beschränkungen  der  Freiheit,  die  der  Communismus
  mit  sich  bringt,  würden  die  Freiheit  selbst  sein
im  Vergleich  mit  dem  heutigen  Zustand  der  meisten  zum
Menschengeschlechte  gehörenden  Wesen.“
Stuart  Mül.
„Alle  Menschen  werden  frei  und  ungleich  geboren.
Das  Ziel  des  Socialismus  ist,  diese  natürliche  Ungleichheit ­
  zu  erhalten  und  daraus  den  grösstmöglichen  Vorteil
zu  ziehen.“*)  Mit  diesen  Worten  beginnt  Grant  Allen
eine  schöne  und  eindringliche  Studie,  in  der  er  folgendes
zeigt  :  Indem  der  Socialismus  die  Gleichheit  bei  der
Geburt  durch  Unterdrückung  der  erblichen  Privilegien,
die  die  industrielle  und  sociale  Vorherrschaft  so  vielen
mittelmässigen  und  ungeeigneten  Menschen  zuschanzen,
einführt,  ist  er  weit  entfernt,  alle  Menschen  auf  dasselbe
Niveau  herabzudrücken,  sondern  würde  vielmehr  die  Vorherrschaft ­
  der  höchsten  moralischen  und  intellectuellen
Werte  sichern.
Dadurch,  dass  er  allen  Menschen  die  Möglichkeit
einer  Entwickelung  aller  ihrer  Fähigkeiten  giebt,  dass  er
Tausende  von  hohen  Intelligenzen  der  Unwissenheit  und
dem  Elend  entreisst,  Intelligenzen,  denen  nichts  als  ein

*)  L’inégalité  naturelle  (L’Humanité  Nouvelle,  Juli  1898).
        <pb n="208" />
        Bisschen  Wohlstand  und  Licht  zur  Entfaltung  marigelt,
dadurch,  dass  er  durch  eine  systematische  Organisation
die  allgemeine  und  technische  Fähigkeit  aller  Arbeiter
steigert,  —  dadurch  würde  der  Socialismus  das  Wissen
der  Menschen,  ihre  Macht  über  die  Naturkräfte  und
folglich  ihre  Freiheit  im  besten  und  höchsten  Sinne
des  Wortes  auf  das  Maximum  bringen.
Da  dies  gleichzeitig  Ziel  und  notwendiges  Ergebnis
der  Emancipation  des  Proletariats  ist  und  sein  muss,  so
fragt  man  sich,  durch  welches  wunderliche  Missverständnis ­
  Menschen,  an  deren  gutem  Glauben  man  zu  zweifeln
keinen  Anlass  hat,  dazu  kommen  können,  im  Socialismus ­
  eine  Lehre  der  absoluten  Gleichmacherei  und  eine
ernstliche  Gefahr  für  die  Rechte  des  Individuums  zu
sehen.
In  seiner  Education  sentimentale  schildert  uns  z.  B.
Flaubert  eine  seiner  antipathischesten  Personen,  den  Repetitor ­
  Sénécal,  als  eine  Art  lebender  Synthese  der  collectivistischen
  Systeme  :  „er  kannte  Mably,  Morelly,
Fouriór,  Saint-Simon,  Gabet,  Louis  Blanc,  den  schweren
Karren  voll  socialistischer  Schriftsteller,  die  die  Menschheit ­
  auf  das  Niveau  der  Casernen  herabdrücken  wollen,
die  sie  in  einem  Lupanar  ergötzen  oder  auf  einen  Comptoirschemel ­
  zwingen  möchten;  und  aus  dem  Gemengsel  aller
dieser  Lehren  hatte  er  sich  das  Ideal  der  tugendhaften
Demokratie  geschaffen,  die,  halb  Landgut,  halb  Spinnerei,
eine  Art  americanisches  Lakedämon  darstellen  würde,  in
dem  das  Individuum  nur  für  die  Gesellschaft  existieren
würde,  für  die  Gesellschaft,  die  mächtiger,  absoluter,  unfehlbarer ­
  und  göttlicher  sein  würde,  als  die  grossen  Lamas
oder  die  Nebukadnezars.“*)
Hier  haben  wir  also  mit  ebensoviel  Kraft  wie  Ungerechtigkeit ­
  den  Haupteinwand,  den  man  gegen  den
Socialismus  erhebt;  deshalb  ist  es  auch  unnötig,  aus  den

")  Flaubert:  L’éducation  sentimentale,  pag.  167.
        <pb n="209" />
        Spencers  und  den  Leroy-Beaulieus  noch  mehr  gleichartige,
aber  weniger  starke  Belegstellen  anzuführen.  Allgewalt
des  Staates,  Verwandlung  aller  Bürger  in  Staatsangestellte, ­
  Sclaven  der  Centralgewalt,  und  folglich  Unterdrückung ­
  der  individuellen  Initiative;  Zerstörung  der  Freiheit; ­
  Vernichtung  alles  dessen,  was  den  Reiz  und  die
Schönheit  des  Lebens  ausmacht,  von  den  Raffinements
des  privaten  Luxus  bis  zu  den  köstlichen  Blüten  der  Kunst,
die  zu  zart  sind,  als  dass  sie  in  einer  Casernenluft  gedeihen ­
  könnten.
Unsere  Auseinandersetzung  der  wesentlichen  Grundsätze ­
  des  Socialismus  zeigt  bereits,  dass  diese  Einwendungen ­
  falsch  sind  und  einzig  und  allein  auf  einer  groben
Verwechselung  der  Betriebe  des  capitalistischen  Staates
mit  der  Verwendung  des  Gemeineigentums  durch  die  Gesamtheit ­
  der  Arbeiter  beruhen.  Aber  trotzdem  ist  es  vielleicht ­
  nützlich,  dabei  ein  wenig  zu  verharren  und  noch
einmal  zu  zeigen,  dass  die  socialistische  Organisation  der
Arbeit  —  entgegen  der  in  den  Spiesserkreisen  herrschenden ­
  Meinung  —  die  individuelle  Initiative  steigern,  die
Ausdehnung  der  menschlichen  Freiheit  kräftig  fördern,
der  Gesamtproduction  in  der  Industrie,  der  Wissenschaft
und  der  Kunst  einen  neuen  Aufschwung  verleihen  würde.
§  I.
Der  Socialismus  und  die  persönliche
Initiative.
Die  Verteidiger  der  heutigen  Ordnung,  die  da  behaupten, ­
  eine  socialistische  Organisation  der  Production
und  Arbeit  würde  die  persönliche  Initiative  ertöten  und
die  schöpferische  Energie  vernichten,  indem  sie  den  Stachel
des  privaten  Interesses  vernichtet,  verfehlen  niemals,  gegen
den  „Sclaven  der  socialistischen  Gesellschaft“  den  freien
Mann,  den  freien  Bauern,  den  unabhängigen  Handwerker,
kurz  alle  diejenigen  aufmarschieren  zu  lassen,  die  für
        <pb n="210" />
        205

sich  selbst  arbeiten  und  ein  directes  und  unmittelbares
Interesse  daran  haben,  so  viel  wie  möglich  zu  leisten.
Darauf  haben  wir  zunächst  zu  erwidern,  dass  dieser
Vergleich  —  so  günstig  man  ihn  auch  für  die  unabhängigen
Producenten  hinzustellen  beliebt  —  gar  nichts  beweist:
die  Socialisten  denken  gar  nicht  daran,  Arbeit  und  Besitz
zu  trennen,  wenn  sie  vereint  sind,  sondern  im  Gegenteil
sie  zu  vereinen,  wenn  sie  getrennt  sind  ;  sie  erstreben
lediglich  die  Expropriation  des  capitalistischen  Eigentums
und  beabsichtigen  keineswegs  den  Inhabern  des  persönlichen ­
  Eigentums  eine  Cooperation  aufzuzwingen,  wenn
diese  nichts  davon  wissen  möchten.
Nur  constatieren  sie  —  und  die  capitalistische  Concentration ­
  bezeugt  die  Richtigkeit  dieser  Feststellung  —
die  Inferiorität  der  Einzelunternehmungen  in  den  meisten
Productionszweigen,  in  allen  Industrieen,  die  der  Befriedigung ­
  der  allgemeinsten  und  ausgedehntesten  Bedürfnisse
dienen.
So  herrlich  die  Blüten  der  persönlichen  Initiative  sein
mögen,  sie  verkümmern  wie  die  jungen  Pflanzen  im
Schatten  grosser  Bäume,  sobald  die  capitalistische  Production ­
  die  Arbeit  in  mechanische  Teiloperationen  zerlegt, ­
  den  Wert  der  Fachausbildung  auf  ein  Minimum
reduciert  und  den  Lohnarbeitern  keinen  anderen  Anreiz
zur  Arbeit  mehr  lässt,  als  die  Furcht  vor  Entlassung  oder
vor  Strafe,  wenn  sie  im  Tagelohn,  vor  verminderter,  unter
das  Existenzminimum  herabgehender  Einnahme,  wenn  sie
im  Accord  schaffen.
Auf  dieser  Stufe  der  Entwickelung  concentriert  sich
die  persönliche  Initiative  gerade  so,  wie  das  Eigentum  und
die  Production.
Sie  fällt  fast  ganz  und  allein  dem  Capitalisten  zu,
solange  er  selbst  das  Unternehmen  leitet  und  die  Leitung
nicht  Angestellten  überträgt.
Er  heimst  alle  Profite  ein,  trägt  aber  auch  alle  Verantwortung, ­
  und  wenn  er,  was  nur  gar  zu  häufig  vor-
        <pb n="211" />
        kommt,  seine  souveränen  Rechte  missbraucht,  dann  könnte
man  ihn,  ohne  den  Thatsachen  Gewalt  anzuthun,  klipp
und  klar  als  einen  Parasiten  bezeichnen.
„Der  Unternehmer  ist  in  der  heutigen  Wirtschaftsordnung,“ ­
  so  sagt  Charles  Gide,  „nicht  einfach  Händler
mit  Arbeitskraft  :  er  organisiert  die  Arbeit,  was  eine  ganz
eminente  productive  Thätigkeit  ist,  er  weist  ihr  ihre  Aufgabe ­
  zu  und  giebt  ihr  den  höchsten  Grad  der  Wirksamkeit. ­
  Und  nicht  nur  die  Arbeitskraft  der  Arbeiter,  nein,
alle  die  verschiedenen  zerstreuten  Productionsfactoren,  die
Capitalien,  den  Grund  und  Boden,  die  Gebäude  —  die
ihm  häufig  gar  nicht  oder  nur  zu  einem  Teile  gehören  —
vereinigt  er  in  seiner  Hand  und  leitet  sie  zu  demselben
Vorgesetzten  Zwecke.  Den  Bedarf  vorauszusehen,  Production ­
  und  Consumption  in  Einklang  zu  bringen,  der
Arbeit  und  den  Capitalien  eines  Landes  den  richtigen
Weg  vorzuschreiben,  das  ist  so  recht  eigentlich  die  Aufgabe ­
  des  Unternehmers.“*)
Dass  diese  Aufgabe  erfüllt  werden  muss,  leuchtet
ohne  weiteres  ein.
Aber  wir  haben  gesehen,  dass  die  Capitalisten  mehr
und  mehr  nach  dem  Beispiele  der  Grossgrundbesitzer
diese  Unternehmerfunction  bezahlten  Directoren  übertragen. ­

Schon  im  Jahre  1836  hat  Ure,  der  Pindar  der  englischen ­
  Fabricanten,  wie  Marx  ihn  nannte,  festgestellt,
dass  nicht  die  Capitalisten,  sondern  ihre  Managers
„die  Seele  unseres  industriellen  Systems“  sind.  Und  heute,
wo  die  Actiengesellschaft  in  den  meisten  Industriezweigen
solche  Fortschritte  gemacht  hat,  ist  das  noch  weit  mehr
der  Fall.
Bei  der  Begründung  jedes  Vermögens,  jeder  Unternehmung ­
  finden  wir  gewiss  auch  heute  noch  einen  Wil-*)

  Charles  Gide:  Principes  d’économie  politique  (Paris,
Larose,  1896),  pag.  377.
        <pb n="212" />
        20  7

lensact,  mag  er  nun  anständig  oder  unanständig  sein;
ist  aber  einmal  das  Vermögen  geschaffen,  die  Unternehmung ­
  gegründet,  dann  entwickeln  sie  sich  durch  die
ihnen  innewohnende  Kraft,  durch  die  Macht  der  capifalistischen
  Accumulation,  durch  die  Ausbeutung  der
Arbeit  und  Fähigkeiten  anderer  ;  und  wenn  sie  gar  im
Erbgange  auf  andere  übergehen,  dann  wird  die  persönliche ­
  Initiative  der  Capitalbesitzer  schliesslich  vollkommen
durch  die  bureaukratische  Verwaltung  der  Actiengesellschaft
  ersetzt.
Und  gerade,  wenn  es  sich  so  verhält,  dann  bietet
die  Vergesellschaftung  das  Maximum  von  Vorteilen,  und
man  stimmt  dann  im  allgemeinen  darin  überein,  dass
unter  sothanen  Verhältnissen  die  Privatunternehmungen
den  öffentlichen  Unternehmungen  nicht  notwendig
überlegen  sein  müssen.
„Alles,  was  in  der  Freiheit  nur  durch  capitalistische
Gesellschaften  ausgeführt  werden  kann,“  so  sagt  Stuart
Mill,  „würde  häufig  ebensogut  und  manchmal  besser  gemacht, ­
  wenn  der  Staat  die  Arbeit  selbst  übernehmen
würde.  Der  spielerische  Charakter,  der  Mangel  an  Sorgfalt ­
  und  Fähigkeit  bei  den  Staatsunternehmungen  sind
sprichwörtlich  geworden;  aber  bei  der  Verwaltung  der
grossen  Gesellschaften  haben  wir  dieselben  Merkmale  gesehen. ­
  Es  ist  wahr,  dass  die  Directoren  einer  Gesellschaft ­
  (im  damaligen  England.  Anm.  des  Uebers.)  immer
Actionäre  sind;  aber  die  Mitglieder  der  Regierung  sind
auch  Steuerzahler,  und  mag  es  sich  nun  um  Directoren
oder  Staatsbeamte  handeln,  so  ist  ihr  Vorteil  bei  einer
guten  Führung  der  Geschäfte  nicht  dem  Interesse  gleich,
das  sie  an  einer  schlechten  Führung  haben  können,  ganz
zu  schweigen  von  ihrem  Ruhebedürfnis.“*)
Kurz,  in  der  heutigen  capitalistischen  Ordnung  sind
die  Staatsuntemehmungen  —  so  fehlerhaft  auch  immer

*)  Mill:  Principles  of  political  economic,  IV.  Buch.
        <pb n="213" />
        4

2o8

ihre  Organisation  sein  mag  —  im  allgemeinen  vom  i  n  -
dustriellen  Gesichtspuncte  aus  nicht  schlechter,  als
die  Privatgesellschaften.  Diese  haben  nur  vom  commerciellen
  Gesichtspuncte  aus  Vorzüge  :  wenn  die  Concurrenz
  zur  Kundenjagd  zwingt,  wenn  es  sich  darum
handelt,  eine  fortwährende  Reclame  zu  organisieren,  irgend ­
  welche  Kniffe  anzuwenden  oder  Unsummen  hinauszuwerfen, ­
  um  sich  eine  Kundschaft  zu  erhalten  oder  sie
einem  Rivalen  abspenstig  zu  machen,  dann  ist  der  Staat
unzweifelhaft  weniger  auf  der  Höhe,  als  die  Privatgesellschaften. ­

Dazu  ist  aber  folgendes  zu  bemerken:  Diese  Inferiorität ­
  mag  sehr  bedenklich  sein,  wenn  es  sich  darum  handelt,
das  Maximum  von  Profiten  zu  ergattern,  sie  hat  aber
nur  eine  zweifelhafte  Bedeutung,  wenn  es  sich  darum
handelt,  den  Consumenten  das  Maximum  von  Vorteilen
zu  sichern.  Nun  wissen  wir  aber,  dass  die  gesellschaftliche ­
  Arbeit  im  socialistischen  Staate  keineswegs  mehr
die  Schaffung  von  Tauschwerten  bezwecken  würde,  sondern ­
  die  Erzeugung  von  Gebrauchswerten  zur  directen
Bedürfnisbefriedigung  der  Producenten  selbst.  Wenn  also
schon  heute  die  Staatsunternehmungen  als  Productionsorganismen
  den  Vergleich  mit  den  Privatunternehmungen
aushalten  können,  so  können  wir  a  fortiori  leicht  nachweisen,
  dass  eine  socialistische  Organisation  der  Arbeit,
weit  entfernt,  die  productive  Energie  und  die  persönliche
Initiative  herabzumindern,  sie  vielmehr  in  weit  höherem
Masse  anreizen  würde,  als  die  heutige  Ordnung.
Um  diesen  Nachweis  zu  liefern,  betrachten  wir  nacheinander ­
  die  ausführende  und  die  leitende  Thätigkeit.
Was  zunächst  die  ausführende  Thätigkeit
anlangt,  so  versteht  sich  von  selbst,  dass  alle  die  Mittel,
die  man  heute  zur  Erhöhung  ihres  Ertrages  verwendet
—  Prämien,  Stücklohn,  Accordarbeit  u.  s.  w.  —  mit  der
grössten  Leichtigkeit  in  der  socialistischen  Ordnung  ihre
        <pb n="214" />
        ák

—  209  —
Gegenstücke  finden  könnten,  wenn  es  nötig  sein  sollte,
ein  derartiges  Verfahren  anzuwenden.
Diese  Mittel  können  übrigens  nur  in  beschränktem
Umfange  angewendet  werden.  Accordarbeit  und  Stücklohn ­
  stossen  bekanntlich  in  den  meisten  Industrieen  auf
technische  Schwierigkeiten  oder  auf  einen  Widerstand,
der  infolge  mannigfacher  Missbrauche  berechtigt  erscheint.
Der  Tagelohn  bleibt  die  herrschende  Lohnform,  und  wenn
es  so  ist,  dann  muss  ein  jeder  zugeben,  dass  der  Arbeiter
in  den  capitalistischen  Unternehmungen,  der  zu  einer  einfachen ­
  Maschine  zur  Erzeugung  von  Mehrwert  degradiert
ist,  keinen  anderen  Anreiz  zur  Arbeit  kennt  als  die  Furcht
vor  Entlassung  oder  Strafe.  Im  allgemeinen  arbeitet  er  gerade ­
  so  viel,  dass  er  nicht  auf  die  Strasse  geworfen  oder
bestraft  wird.  Aber  gerade  in  den  Productionszweigen,
wo  die  Ueberwachung  schwierig  ist  —  z.  B.  bei  den
ländlichen  Arbeiten  —,  zeigen  sich  die  beklagenswerten
Consequenzen  in  Hinsicht  auf  die  Productivität  der  heutigen ­
  Zustände  in  aller  Klarheit.
„Wenn  man  die  Dinge  nimmt,  wie  sie  sind,“  so  sagt
Piret,  „so  kann  man  gar  nicht  erwarten,  dass  der  Arbeiter
mehr  arbeitet,  als  nur  eben  um  Vorwürfe  zu  vermeiden.
Dieses  Minimum  von  Thätigkeit  verallgemeinert  sich  bei
den  Arbeitern  im  Verhältnis  zu  der  Ueberwachung  und
den  gewöhnlichen  Anforderungen  der  Meister  und  wird
schliesslich  so  sehr  zur  Gewohnheit,  dass  man  es  als
Regel  ansieht.  Bei  dem  häuslichen  Gesinde  ist  es  noch
schlimmer:  da  es,  abgesehen  von  ganz  schweren  Fällen,
nicht  zu  fürchten  braucht,  Knall  und  Fall  entlassen  zu
werden,  und  da  es  ferner  für  seine  ganze  Dienstzeit  bezahlt ­
  wird,  so  hat  es  gar  kein  Interesse  daran,  in  einer
gegebenen  Zeit  die  höchstmögliche  Arbeitsleistung  zu
liefern;  ihm  kommt  es  nur  darauf  an,  mit  einer  Langsamkeit ­
  zu  arbeiten,  die  lediglich  danach  eingerichtet  ist,
dass  es  sich  nicht  gar  zu  heftigem  Tadel  aussetzt;  anstatt
daher  seine  Arbeit  mit  Fleiss  und  Aufmersamkeit  zu  ver-Vandervelde:
  Die  Entwickelung  zum  Socialismus.

14
        <pb n="215" />
        210

richten,  begnügt  es  sich  damit,  die  Zeit  durch  einen  geschäftigen ­
  Müssiggang  totzuschlagen.“*)
Um  das  zu  beobachten,  braucht  man  übrigens  nicht
aufs  Land  hinaus  zu  gehen.  Man  schaue  sich  nur  um,
wenn  man  im  Hause  Reparatur-  oder  Verschönerungsarbeiten ­
  auszuführen  hat.  Mit  welcher  majestätischen  Ruhe
führt  der  Anstreicher  seinen  Pinsel,  mit  welcher  morbidezza
  pfeift  er  sein  Liedchen,  wenn  er  eine  Façade  malt;
dabei  kann  man  ganz  deutlich  sehen  —  und  zwar  mit  dem
geschärften  Auge  des  am  Geldbeutel  Gepackten,  wenn  es
sich  um  ein  eigenes  Haus  handelt  —,  wohin  der  Mangel
eines  persönlichen  oder  höheren  Interesses  die  für  die
Rechnung  eines  Unternehmers  Arbeitenden  führt.
Wer  aber  das  Gegenstück  zu  diesem  bekannten  Gemälde ­
  haben  will,  wer  sehen  will,  wie  gross  der  Arbeitseifer ­
  in  einer  Gesellschaft  sein  würde,  die  alle  ihre  Mitglieder ­
  moralisch  und  materiell  am  allgemeinen  Wohl
interessiert,  der  gehe  z.  B.  in  eine  der  socialistischen
Bäckereien  zu  Brüssel,  in  diese  luftigen  und  hellen,  mit
den  neuesten  Verbesserungen  ausgerüsteten  Brotfabriken,
die  eine  Art  Vorahnung  von  den  Werkstätten  der  Zukunft ­
  geben  können.  Dort  findet  man  freie  Männer,  ohne
andere  als  die  gegenseitige  Controle.  Sie  verdienen  fünf
Francs  am  Tage,  arbeiten  nur  acht  Stunden  am  Tage,
während  die  „weisseh  Bergleute“  der  kleinen  Bäckereien
zwölf,  dreizehn,  vierzehn  Stunden  in  dunkelen  Kellern
schuften  müssen.  Aber  während  der  acht  Stunden  arbeiten
die  socialistischen  Mannschaften  mit  höchster  Anspannung,
mit  heiligem  Eifer  und  verrichten  freudig  für  ihre  Brüder
und  sich  selbst  das  modernisierte  Wunder  der  Vervielfältigung ­
  der  Brote.
Ist  das  nicht  der  schlagende,  der  lebendige  Beweis
dafür,  dass  die  collectivistische  Ordnung  —  d.  h.  in  letzter

*)  Piret:  Traité  d’économie  rurale  (Brüssel,  1890)  II.,  pag.
187  und  189.
        <pb n="216" />
        Linie  die  erweiterte,  allgemeine  Cooperation  —  in  der
ausführenden  Arbeit  der  heutigen  Ordnung  unbestreitbar
überlegen  sein  würde  ?
Aber,  so  wendet  man  ein,  wie  steht’s  mit  der  leitenden ­
  Arbeit!  Wo  wird  man  die  energischen  Männer,  die
Industriecapitäne,  die  heute  die  capitalistischen  Unternehmungen ­
  dirigieren,  zur  Leitung  der  gesellschaftlichen
Unternehmungen  finden?
Die  Antwort  ist  sehr  einfach.  Ganz  abgesehen  von
den  neuen  Capacitäten,  die  bei  einem  wirklich  durchgreifenden ­
  Unterrichtssystem  emporschiessen  würden,
würden  doch  die  jetzigen  immer  da  sein  ;  sie  würden
bleiben,  was  sie  sind,  und  wenn  man  zur  Anregung  ihres
Eifers  die  heutigen  Mittel  anwenden  müsste,  so  ist  gar
nicht  einzusehen,  warum  das  neue  Regime  nicht  zu  ihnen
greifen  sollte.
Alles  was  ein  Trust  thun  kann  —  durch  eine  decentralisierte
  Organisation,  durch  Beteiligungen,  durch  Beförderungen ­
  —,  um  die  Initiative  und  das  Verantwortlichkeitsgefühl ­
  seiner  JDirectoren  oder  Angestellten  zu  vermehren, ­
  könnte,  wie  wir  gesehen  haben,  die  Allgemeinheit ­
  auch  thun.
Immerhin  wollen  wir  gleich  bemerken,  dass  die  Möglichkeit ­
  der  Beibehaltung  dieser  Ungleichheiten  in  der
Bezahlung  noch  nicht  die  Notwendigkeit  bedeutet.
Alles  lässt  im  Gegenteil  darauf  schliessen,  dass  sie  in
einem  socialistischen  Gemeinwesen  die  Tendenz  zur  fortgesetzten ­
  Verringerung,  wenn  nicht  zum  Verschwinden
zeigen  würden,  weil  sie  nicht  mehr  nötig  sein  würden,
um  geistige  Arbeiter  zur  Leistung  des  Maximums  an  Initiative ­
  und  Thätigkeit  zu  reizen.
Dass  es  heute  anders  ist,  ist  leicht  begreiflich.  Man
arbeitet  vor  allem,  um  Geld  zu  verdienen,  denn  Geld
giebt  gesellschaftliches  Ansehen,  Sicherheit  und  Unabhängigkeit, ­
  ist  das  einzige  Mittel,  um  die  meisten  Annehmlichkeiten ­
  des  Lebens,  selbst  die  geistigen,  zu  er-14*
        <pb n="217" />
        —  212  —

langen;  sobald  aber  diese  metallene  Herrschaft  gestürzt,
sobald  das  Gemeineigentum  einem  jeden  das  geistige  und
leibliche  Wohl  —  panem  et  circenses  —  gewährleisten
würde,  würde  auch  die  Liebe  zum  Gelde  anderen  psychologischen ­
  Factoren  weichen,  das  pecuniäre  Interesse
anderen,  weniger  niedrigen  Formen  des  persönlichen
Interesses  Platz  machen.
Es  ist  gar  nicht  zweifelhaft,  dass  der  Ehrgeiz,  der
Wunsch,  die  höchsten  Posten  in  der  Hierarchie  der  Arbeit
einzunehmen,  in  der  That  fortwährend  in  demselben  Masse
wachsen  würde,  wie  der  materielle  Kampf  ums  Dasein
seine  Schärfe  verlöre.
Und  andererseits  hiesse  es  die  menschliche  Natur
beleidigen,  wenn  man  die  zunehmende  Bedeutung  der
rein  altruistischen  Factoren  in  einer  Gesellschaft  verkennen
wollte,  in  der  die  Interessen  solidarisch,  statt  einander
entgegengesetzt  sein  würden.  Sieht  man  denn  das  nicht
schon  heute  in  den  socialistischen  Genossenschaften  ?
Männer  wie  Anseele  oder  andere,  die  weniger  bedeutend,
aber  ebenso  begeistert  sind,  begnügen  sich  mit  dem  Lohne
eines  einfachen  Arbeiters  und  verrichten  dabei  Wunder
an  Energie,  Intelligenz  und  oftmals  kaufmännischer  Genialität ­
  ;  denn  deren  bedurfte  es,  um  in  Belgien  den  mächtigen
Organismus  der  Genossenschaften  zu  begründen.
Ja,  so  wird  man  uns  einwenden,  das  sind  Ausnahmen  I
Und  man  hat  kein  Recht  bei  der  Besorgung  der  laufenden
alltäglichen  Geschäfte  und  bei  der  Leitung  der  gesellschaftlichen ­
  Arbeit  auf  Ausnahmen,  auf  die  Selbstverleugnung ­
  und  die  Hingebung  von  Aposteln  und  Gründern
einer  neuen  Religion  zu  zählen!
Gut!  Nehmen  wir  ein  anderes  Beispiel.
Man  wird  uns  gewiss  gerne  zugestehen,  dass  die  Berufssoldaten, ­
  die  Officiere  unserer  Armeeen  im  ganzen  durch
Moralität,  Selbstverleugnung  und  Opfermut  den  anderen
Classen  nicht  merklich  überlegen  sind.  Wenn  man  ihnen
aber  sagt,  dass  das  Vaterland  in  Gefahr  ist,  die  Ehre
        <pb n="218" />
        À  «A

—  213  —
der  Fahne  auf  deiml  Spiele  steht,  der  Krieg  erklärt  worden
ist,  dann  fliegen  sie  an  die  Grenze,  sind  einmütig  bereit,
ihr  Leben  für  diese  Fahne,  für  dieses  Vaterland,  für  diesen
oft  hassenswerten  Und  ungerechten  Krieg  hinzugeben.
Wenn  solche  Empfindungen  solche  Wirkungen  ‘zeitigen ­
  können,  brauchen  wir  dann  auch  nur  einen  einzigen
Augenblick  im  Zweifel  zu  sein,  dass  sich  dieselbe  Energie,
dieselbe  Willenskraft  und  Entsagung  auch  bei  den  (Difirieren ­
  und  Generälen  der  industriellen  Armee  für  Werke
des  Lebens  entwickeln  wird,  wie  heute  bei  den  Officieren
und  Generälen  der  Armeeen  für  Werke  des  Todes  ?  Und
wo  sich  so  viele  Menschen  bereit  finden,  ihr  Leben  zu
opfern,  wenn  es  sich  darum  handelt,  ihresgleichen  eine
Bleikugel  zu  senden,  da  sollten  sie  sich  nicht  ebenso
bereit  finden,  wenn  es  sich  darum  handelt,  den  Nebenmenschen ­
  Brot  zu  geben?
Wir  wissen  wohl,  dass  die  kriegerische  Exaltation
eines  Augenblicks  und  die  andauernde  friedliche  Arbeit
eines  ganzen  Lebens  zweierlei  sind  ;  aber  wir  wollen  doch
auch  nicht  vergessen,  dass  die  moralischen  Factoren,  deren
Stärke  wir  eben  gezeigt  haben,  zu  den  anderen  weniger
hohen  Stimulantien,  die  auch  in  der  socialistischen  Ordnung ­
  fortwirken  könnten,  hinzutreten,  nicht  sie  ersetzen ­
  würden.
Wir  können  also  mit  Recht  schliessen,  dass  in  der
ausführenden  wie  leitenden  Arbeit  die  persönliche  Initiative
und  folglich  auch  die  gesellschaftliche  Productivität  alles
zu  gewinnen  und  nichts  zu  verlieren  hätten,  wenn  sich
der  Kampf  ums  Dasein  zwischen  den  Menschen  in  ihre
Vereinigung  zum  Kampfe  gegen  die  Natur  wandeln
würde.
§  2.
Der  Socialismus  und  die  Freiheit.
„Der  Socialismus  und  die  menschliche  Freiheit  sind
unvereinbar  miteinander.“
        <pb n="219" />
        214

Welche  Variationen  dieses  Themas  haben  wir  über
uns  ergehen  lassen  müssen,  von  den  unbeholfenen  Pamphleten ­
  Eugen  Richters  bis  zu  den  feinen  und  geistreichen
Malaiischen  Briefen  Paul  Adams,  in  denen  er  uns  «ine
ikarische  Gesellschaft  dort  hinter  irgendwo  in  Insulindien
beschreibt,  die  zwar  wundervoll  geordnet  ist,  in  der  aber
die  Freiheit  nur  noch  im  Herzen  eines  alten,  an  ihren
Strand  verschlagenen,  spanischen  Diplomaten  wohnt!
Der  Pariser  Figaro  brachte  einmal  zum  i.  Mai  eine
Nummer  heraus,  in  der  die  drei  grossen  Gesellschaftsordnungen ­
  der  Vergangenheit,  der  Gegenwart  und  der
Zukunft  in  sehr  pittoresker  Weise  carikiert  wurden:  die
absolute  Monarchie,  die  bürgerliche  Republik  und  die
collectivistische  Gesellschaft.
Wahrscheinlich  nach  dem  Vorbilde  der  Menschenfresser ­
  auf  den  Fidschiinseln,  die  ihre  menschlichen
Schlachtopfer  mit  dem  Namen  lange  Schweine  bezeichnen,
hatte  der  Zeichner  seine  Trilogie  in  die  Welt  der
Schweine  verlegt.
Die  absolute  Monarchie  wurde  dargestellt  von  einem
mächtigen  fetten  Eber,  der  vor  einem  ungeheueren  Troge
sass  ;  auf  dem  Kopfe  trug  er  die  königliche  Krone,  reicher
Schmuck  und  Ordensbänder  zogen  sich  um  den  Leib,  und
ein  grosses  Gefolge  umgab  ihn,  andere,  weniger  grosse
Schweine,  die  ihn  gegen  die  eventuellen  Angriffe  der
mageren  und  hungrigen  Schar  plebejischer  Schweine
schützten.
Dann  kam  die  bürgerliche  Gesellschaftsordnung,  das
Regime  des  Laissez  faire,  laissez  passer:  geöffnet  waren
die  Barrièren,  umgestürzt  die  Gehege,  und  das  Schweinevolk ­
  stürzte  sich  in  wilder  Gier  auf  den  königlichen  Futtertrog, ­
  wobei  die  Grossen  die  Kleinen  zur  Seite  drängten,
die  Stärkeren  die  Schwächeren  niedertrampelten.
Und  endlich,  durch  seine  ruhige  Symmetrie  mit  diesem
wilden  Gewirre  contrastierend,  der  Zukunftsstaat  :  eine
Reihe  von  Schweinen  gleicher  Grösse,  das  Ringelschwänz-
        <pb n="220" />
        eben  genau  gleich  tragend,  sass  vor  kleinen  Trögen,  die
durch  ganz  gleiche  Wände  voneinander  geschieden  waren.
Wenn  zufällig  Leute  ihren  Blick  auf  diese  Zeichnung
geworfen  hätten,  deren  „Trog“  leer  war,  dann  haben  sie
sich  vielleicht  gedacht,  dass  sie  die  socialistische  Organisation ­
  doch  dem  königlichen  Monopole  und  dem  bürgerlichen ­
  Wirrwarr  vorziehen  möchten,  weil  sie  doch  wenigstens ­
  die  Magenfrage  lösen  würde.  Und  wenn  sie
weiter  nachgedacht  hätten,  dann  würden  sie  wohl  darauf
gekommen  sein,  dass  die  schönsten  Freiheiten  der  Welt
vor  der  Lösung  der  Magenfrage  für  das  Proletariat
doch  schliesslich  auf  eine  einzige  hinauslaufen,  nämlich
auf  die  —  Freiheit,  Hungers  zu  sterben!
Um  frei  zu  sein  genügt  nicht  eine  Verfassung;  dazu
gehört  auch  noch  ein  Eigentum,  persönliches  oder
gesellschaftliches.  Wer  nichts  hat,  kann  nichts.  Der
Arbeiter,  der  nicht  in  irgend  einem  thatsächlichen
Recht  jenes  „Bisschen  Verfassung“  findet,  das  Lassalle
allen  geschriebenen  Charten  vorzog,  der  bleibt  politisch
und  social  unter  der  absoluten  Gewalt  der  Käufer  seiner
Arbeitskraft.
Wenn  man  wissen  will,  wie  es  mit  seiner  Freiheit
bestellt  ist,  dann  denke  man  gefälligst  daran,  was  sich
ereignet,  wenn  er  am  Tage  der  Wahl  von  seinem  „souveränen ­
  Rechte“  Gebrauch  machen  will.
Wie  oft  hat  man  nicht  in  Frankreich,  wo  das  Wahlgeheimnis ­
  schlecht  gewahrt  ist,  an  Wahltagen  Hunderte
von  Arbeitern  in  den  Industriecentren  unter  der  Aufsicht
ihrer  Meister  und  unter  der  drohenden  Aussicht  auf  sofortigen ­
  Verlust  der  Arbeit  den  Stimmzettel  für  ihren
„Brotherren“  in  die  Urne  werfen  sehen!
In  Belgien,  wo  die  gesetzlichen  Wahlvorschriften  die
Freiheit  der  Wähler  mehr  schützen,  hat  das  souveräne
Volk  wenigstens  das  Recht,  sich  zu  verbergen.
Hinter  einem  Isolierschirm  markiert  der  Wähler  den
ihm  vom  Wahlvorsteher  ausgehändigten  Zettel.  Schön,
        <pb n="221" />
        2i6

verbirg  Dich  nur  hinter  dem  Schirm,  Freundchen!  Kein
Mensch  kann  Dich  dort  sehen,  weder  Pfaff,  noch  Unternehmer, ­
  noch  Bürgermeister.  Verbirg  Dich,  als  wolltest
Du  ein  Verbrechen  begehen.  Du  bist  mit  Deinem  Gewissen ­
  allein.  Du  bist  frei,  einmal  alle  vier  Jahre!
Aber  ist  denn  nicht  diese,  —  übrigens  so  kostbare
—  Minute  der  Freiheit  der  beste  Beweis  für  die  dauernde
Sclaverei?  Zeigt  sie  nicht  schlagend,  dass  in  der  heutigen
Ordnung  der  Dinge  nur  diejenigen  ihre  Meinung  frei
heraussagen,  ihre  politische  Ueberzeugung  darthun,  ihre
religiösen  oder  philosophischen  Ansichten  öffentlich  bekennen ­
  dürfen,  die,  wie  man  zu  sagen  pflegt,  eine  „unabhängige ­
  Situation“  haben,  die  im  persönlichen  Eigentum
die  Garantie  ihrer  Freiheit  besitzen?
Folglich  ist  dies  das  einzige  Mittel,  allen  die  Freiheit
zu  geben,  dass  man  allen  Eigentum  giebt.  Unter  der  Herrschaft ­
  der  Grossindustrie  geht  das  aber  nur  auf  dem
Wege  der  Vergesellschaftung  der  Productions-  und  Austauschmittel. ­

Nun  wendet  man  freilich  ein,  das  Heilmittel  sei
schlimmer  als  das  Uebel;  man  behauptet,  die  persönliche ­
  Freiheit  würde  unter  der  auf  das  Gemeineigentum
gegründeten  Souveränität  des  Volkes  noch  mehr  leiden,
als  unter  der  auf  dem  Privateigentum  beruhenden  Souveränität ­
  der  Capitalisten.  Und  um  diese  Behauptung  zu
stützen,  beruft  man  sich  nacheinander  auf  das  Interesse
der  Bürger  als  Producenten  wie  als  Consumenten.
Was  zunächst  vom  Standpuncte  der  Producenten  die
Arbeiter  anlangt,  die  heute  in  capitalistischen  Unternehmungen ­
  schaffen  müssen  und  später  in  vergesellschafteten
Unternehmungen  beschäftigt  sein  würden,  so  haben  wir
das  Recht,  zu  sagen,  dass  sie  in  puncto  Freiheit  nichts
als  ihre  Ketten  zu  verlieren  haben  würden  ;  nicht  einmal
der  Despotismus  des  heutigen  Staats  als  Unternehmer,
der  durch  den  wachsenden  Einfluss  der  Demokratie  fortwährend ­
  gemildert  wird,  wäre  schlimmer,  als  der  Des-
        <pb n="222" />
        217

potismus  der  privaten  Unternehmer,  angenommen  einmal,
die  heutige  Staatsform  würde  überhaupt  bestehen  bleiben.
Setzen  wir  nun  aber  den  Fall,  dass  collectivistische
System  breite  sich  aus,  die  autoritären  Functionen  des
Staates  gingen  infolge  der  Vermischung  der  Classen  auf
ein  Minimum  zurück,  in  den  decentralisierten  und  autonomen ­
  öffentlichen  Unternehmungen  nehme  jedermann
an  dem  gemeinsamen  Werke  der  Production  teil:  wie
kann  man  da  nun  behaupten,  die  Freiheit  der  Producenten ­
  würde  vermindert,  weil  sie  ihre  eigenen  Meister,
ihre  eigenen  Unternehmer  geworden  wären  ?  !
Indessen,  man  bleibt  dabei  nicht  stehen.  Man  malt
uns  die  schreckliche  Lage  eines  Arbeiters  aus,  der  aus
Gründen,  die  vielleicht  das  Licht  des  Tages  zu  scheüen
hätten,  aus  den  gesellschaftlichen  Werkstätten  vertrieben,
mit  dem  grossen  industriellen  Bannflüche  belegt  und  auf
das  Pflaster  geworfen  würde,  ohne  dass  ihm  möglich
wäre,  irgendwo  Arbeit  zu  finden.*)  Aber  sieht  man  denn
nicht,  dass  sich  in  der  capitalistischen  Wirtschaftsordnung
dergleichen  alle  Tage  ereignet  ?  Dagegen  wäre  ein  solcher
Bannfluch  in  einer  Gesellschaft  mit  allgemeiner  Arbeitspflicht, ­
  folglich  und  selbstverständlich  auch  mit  dem  allgemeinen ­
  Recht  auf  Arbeit,  moralisch  unmöglich.
Geradeso  wie  es  undenkbar  wäre,  dass  in  der  heutigen
Ordnung  der  Staat  als  Eisenbahnuntemehmer  den  Transport ­
  irgend  eines  Reisenden  ablehnt,  gerade  so  absurd
ist  die  Annahme,  in  einer  socialistischen  Gesellschaft  werde
man  jemanden  an  der  Arbeit  hindern.  Und  wenn  man
uns  sagt,  der  Ausschluss  aus  einer  Werkstatt  würde  notwendigerweise ­
  den  Ausschluss  aus  allen  Werkstätten  bedeuten, ­
  so  ist  das  gerade  so  als  ob  man  sagen  wollte,
wenn  heute  eine  Gemeinde  kraft  ihrer  Autonomie  irgend
jemanden  nicht  als  Lehrer  anstellen  will  —  z.  B.  aus  Rück-*)

  Spencer:  Von  der  Freiheit  zur  Knechtschaft  (Probleme ­
  der  Moral  und  Sociologie).
        <pb n="223" />
        sicht  auf  seine  politische  Gesinnung  —  so  könnte  der
Mann  nirgendswo  mehr  eine  Stelle  finden.
Ebenso  spricht  man  mit  allen  Anzeichen  des
Schreckens  von  den  Unzuträglichkeiten,  die  die  Regiementation
  der  gesellschaftlichen  Arbeit  für  die  persönliche ­
  Freiheit  mit  sich  bringen  werde.*)  Aber,  wir  wiederholen, ­
  wie  kann  man  denn  übersehen,  dass  eine  derartige
Réglementation  —  in  den  Arbeiterschutzgesetzen  und  den
gesetzlich  vorgeschriebenen  Arbeitsordnungen  —  schon
jetzt  unter  dem  capitalistischen  System  bestehe?
Die  vollständige  Freiheit  der  Arbeit  ist  nur  in  den
Einzelunternehmungen  möglich,  wenn  man  unter  Freiheit
der  Arbeit  wohlgemerkt  einzig  und  allein  ihre  Unterwerfung ­
  unter  die  Naturgesetze  versteht,  eine  Unterwerfung, ­
  die  umso  grösser  ist,  je  isolierter  die  Arbeit.
Von  dem  Moment  ab  dagegen,  wo  die  Arbeit,  ganz  gleich
zunächst  welcher  Art  sie  ist,  die  Eingliederung  des  Individuums ­
  in  ein  Ganzes,  in  einen  wirtschaftlichen  Organismus, ­
  erfordert,  unterliegt  die  Freiheit  notwendigerweise
Beschränkungen.  Der  Chef  eines  Hospitals,  der  zu  regelmässigen ­
  Krankenbesuchen  verpflichtet  ist,  der  Professor,
der  seine  Collégien  lesen  muss,  sind  ihnen  genau  so  unterworfen, ­
  wie  der  Arbeiter  einer  Fabrikordnung.
Diese  zum  ordnungsmässigen  Gange  der  Arbeit  unbedingt ­
  nötige  Réglementation  würde  der  Socialismus
selbstverständlich  nicht  abschaffen.  Nur  würde  sie  anstatt ­
  das  persönliche  und  ausschliessliche  Werk  eines
Unternehmers,  dessen  Interessen  denen  der  Arbeiter  entgegengesetzt ­
  sind,  der  Willensausdruck  der  Arbeiter  selbst
werden,  die  dieselben  Rechte  und  Interessen  haben.
Würde  diese  Réglementation  im  Namen  und  im  Interesse ­
  der  Allgemeinheit  der  Freiheit  der  Producenten
nicht  offenbar  mehr  Rechnung  tragen  als  die  heutige
Réglementation,  die  allen  im  Interesse  einiger  weniger

*)  Ebenfalls  Spencer.
        <pb n="224" />
        aufgezwungen  wird  ?  Ganz  abgesehen  davon,  dass  sie
infolge  einer  besseren  Arbeitseinteilung  und  einer  viel
regeren  Teilnahme  aller  Bürger  am  gesellschaftlichen
Werke  notwendig  eintretende  Verkürzung  der  Arbeitszeit
allen  die  schönste,  die  herrlichste  Freiheit  bringen  würde:
die  Möglichkeit,  zu  arbeiten,  um  zu  leben,  und  nicht  mehr
zu  leben,  um  zu  arbeiten,  das  Recht,  ausreichende  Mussestunden
  freien  Arbeiten  oder  dem  Genüsse  zu  widmen,
nach  der  täglichen  Arbeit  jene  Freuden  des  Familienlebens ­
  oder  der  Geselligkeit  auszukosten,  die  heute  der
ungeheuren  Mehrzahl  der  Handarbeiter  unbarmherzig  verschlossen ­
  sind.*)
So  glauben  wir  bewiesen  zu  haben,  dass  vom  Standpunct
  der  Producenten  aus  der  Socialismus,  indem  er  die
Freiheit  der  Ausbeutung  unterdrückt,  die  Freiheit  der
Arbeit  aufblühen  lassen  würde.  Aber  wir  wollen  nicht
vergessen,  dass  man  sich  auch  noch  auf  einen  anderen
Standpunct  stellt  und  sich  auf  das  Interesse  der  Consumenten,
  des  Publicums,  der  Bürger  im  allgemeinen,
beruft.
Für  sie  fürchtet  man  ganz  besonders  —  oder  man
thut  wenigstens  so,  als  ob  man  fürchtete  —  die  Allgewalt ­
  des  Collect!vwillens.
Was  würde  aus  der  Pressfreiheit,  aus  der  Freizügigkeit, ­
  aus  der  freien  Bedürfnisbefriedigung  in  einer  Gesellschaft, ­
  in  der  die  Gesamtheit,  die  nach  Belieben  über
alle  Producte  und  Einrichtungen  verfügt,  widerspenstige
Minoritäten  boykottieren  könnte?  Und  ernsthafte  Männer
führen  uns,  ohne  zu  lachen,  die  unglückseligen  Bürger
des  „Zukunftsstaates“  vor,  die  dazu  verdammt  sind,  ausschliesslich ­
  officielle  Zeitungen  zu  lesen,  ihr  ganzes  Leben
lang  in  denselben  Räumen  desselben  Phalansteriums  zu

*)  Siehe  K  a  u  t  s  k  y  :  Das  Erfurter  Programm  (Stuttgart,
1892)  pag.  166  ff.
        <pb n="225" />
        wohnen  und  sich  aus  derselben  Küche  wie  alle  anderen
Bewohner  ihres  Quartiers  zu  beköstigen.
„In  einem  socialistischen  Staate,“  so  rief  letzthin  in
einer  Wahlversammlung  ein  junger  strebsamer  Liberaler
aus,  „würden  wir  alle  verpflichtet  sein,  Kleider  nach  demselben ­
  von  der  Regierung  vorgeschriebenen  Schnitte  zu
tragen  I“
—  „Aber,“  so  unterbrach  ihn  ein  Arbeiter,  den  in
seiner  schlechten  Kleidung  jener  Ausblick  nicht  gerade
übermässig  erschreckt  zu  haben  schien,  —  „—  sind  Sie
denn  nicht  ein  überzeugter  Anhänger  des  kostenlosen
weltlichen  und  obligatorischen  Schulunterrichts?“
—  „Natürlich!“
—  „Na,  warum  finden  Sie  es  denn  so  fürchterlich,  dass
der  Staat  den  Schnitt  unserer  Röcke  festsetzt,  wenn  Sie
es  für  ganz  in  der  Ordnung  halten,  dass  er  dem  Geiste
unserer  Kinder  den  Schnitt  giebt  ?  Wer  fähig  und  geeignet ­
  ist,  den  Unterricht  zu  leiten,  ist  auch  fähig,  Kleidung
und  Nahrung  zu  liefern.“
Auf  dieses  argumentum  ad  hominem  wusste  unser  Liberaler ­
  nichts  zu  entgegnen;  aber  man  wird  ohne  Zweifel
an  seiner  Stelle  antworten,  dass  die  Allgewalt  des  Staates
in  Sachen  des  Unterrichts  nicht  besser  wäre  als  die  Allgewalt ­
  der  Gesellschaft  in  Sachen  der  Nahrung  oder
Kleidung.  Wir  sind  damit  ganz  einverstanden  und  wollen,
ohne  uns  mit  einem  Protest  gegen  die  alberne  Idee,  dass
die  Vergesellschaftung  der  Arbeitsmittel  die  Bürger  zum
Tragen  derselben  Uniform,  zur  Benutzung  derselben
Schüssel  —  wie  es  in  der  Carmagnole  heisst  —  nötigen
müsste,  nur  folgendes  feststellen:  wenn  der  Collectivismus
die  Wirkung  haben  müsste,  die  Macht  des  Bureaukratenstaates,
  die  Gewalt  des  Pickelhaubenstaates  zu  mehren,
wenn  er  die  Polizeischnüffelei  in  das  Privatleben  und
den  persönlichen  Consum  hinein  beförderte,  dann  wären
wir  die  ersten,  die  sagten,  dass  es  sich  wahrlich  nicht
        <pb n="226" />
        der  Mühe  lohnen  würde,  die  Tyrannei  der  Gesamtheit
an  Stelle  der  Tyrannei  der  Unternehmer  zu  setzen.
Deshalb  haben  wir  gerade  so  nachdrücklich  auf  die
dringende  Notwendigkeit  hingewiesen,  den  Staat  als  Unternehmer ­
  von  dem  Staat  als  rein  politischer  Organisation
zu  differenzieren  und  der  ökonomischen  Organisation  die
vollständige  Unabhängigkeit  von  der  politischen  Organisation ­
  der  Gesellschaft  zu  sichern.  Denn  solange  die
Vermischung  zwischen  diesen  beiden  Gebieten  besteht,
kann  eine  Regierung  —  das  sehen  wir  alle  Tage  —  zum
Nutzen  ihrer  Vorurteile  oder  ihrer  politischen  Interessen
die  ökonomische  Macht,  die  ihr  die  Verwaltung  der  öffentlichen ­
  Dienste  in  die  Hand  giebt,  missbrauchen.
Um  nur  ein  Beispiel  anzuführen:  In  dem  constitutionellen
  Belgien,  wo  die  Pressfreiheit  fast  unbeschränkt  ist,
masst  sich  der  Eisenbahnminister  das  Recht  an,  den  Verkauf ­
  socialistischer  Zeitungen  auf  den  Bahnhöfen  und  in
anderen  Dienstgebäuden  zu  untersagen.
Man  muss  aber  hinzufügen:  Wenn  sich  dieser  selbe
Minister  anstatt  dieser  praktisch  bedeutungslosen  Chicane
einfallen  liesse,  einen  stärkeren  Angriff  auf  die  bürgerlichen ­
  Freiheiten  zu  unternehmen,  wenn  er  z.  B.  gewisse
Arten  von  Zeitungen  vom  Transport  und  der  Verbreitung
durch  die  Post  ausschliessen  würde,  dann  würde  er  unfehlbar ­
  durch  eine  allgemeine  Auflehnung  der  öffentlichen
Meinung  gestürzt  werden.
Man  kann  sagen,  dass  heute  die  Gewohnheiten  und
Traditionen  der  Freiheit  stark  genug  sind,  um  manchen
Kraftproben  stand  zu  halten.
Und  in  weit  stärkerem  Masse  würde  das  in  einem
Gesellschaftszustande  der  Fall  sein,  in  dem  die  Rechte
besser  ausgeglichen  undjjene  fundamentale  Unterscheidung
zwischen  der  Regierung  der  Menschen  und  der  Leitung
der  wirtschaftlichen  Angelegenheiten  streng  durchgeführt
sein  würde.  Heute  dient  der  Regierungsapparat  im  wesentlichen ­
  dazu,  die  capitalistische  Ordnung  aufrecht  zu  er-
        <pb n="227" />
        halten;  je  mehr  sie  die  neue  Ordnung  entwickelt,  um
so  geringer  würde  also  die  Bedeutung  dieses  Apparates
werden.
Unter  diesen  Umständen  fragen  wir  alle  Menschen,
die  die  Dinge  bona  fide  ansehen,  wie  denn  die  Freiheit
gefährdet  werden  könnte,  weil  eine  wachsende  Zahl  autonomer ­
  öffentlicher  Dienste  von  Gesellschafts  wegen  betrieben ­
  werden  würde,  statt,  wie  jetzt,  der  privaten  Ausbeutung ­
  überantwortet  zu  sein?
Ist  heute  schon  das  Publicum  weniger  frei,  wenn  es
auf  einer  Staatsbahn  als  wenn  es  auf  einer  Privatbahn
reist?  Ist  es  weniger  frei,  wenn  es  Wasser  aus  der
städtischen  Leitung  trinkt  oder  den  Hahn  einer  städtischen ­
  Gasleitung  aufdreht,  anstatt  Wasser  oder  Gas  von
privaten  Gesellschaften  zu  entnehmen?  Ist  nicht  ganz
offenbar  die  Vergesellschaftung  der  capitalistischen  Monopole ­
  durch  die  Bürger  einer  Demokratie  sogar  die  Vorbedingung ­
  wirklicher  Freiheit?
Wir  behaupten  gewiss  nicht,  dass  jede  Ausdehnung
der  öffentlichen  Wirksamkeit  ein  Wachsen  der  Freiheit
zur  notwendigen  Folge  haben  müsse.  Im  Gegenteil  können
unzweifelhaft  etwelche  von  den  herrschenden  Classen  in
ihrem  Interesse  vorgenommenen  Verstaatlichungen,  sei  es
zu  den  fiscalischen  Monopolen  der  europäischen
Monarchieen,  sei  es  zu  patriarchalischem  Communismus
der  Jesuiten  in  Paraguay,  oder  endlich  zu  dem  autoritären
Collectivismus  jenes  chineschen  Kaisers  führen,  der  so
lange  schon  für  die  bürgerliche  Presse  einen  Gegenstand
des  Entzückens  bildet.  Diejenigen  aber,  die  mit  solchen
Argumenten  gegen  den  demokratischen  SocialiSmus  zu
Felde  ziehen,  sollten  doch  folgendes  bedenken:  um  sein
Ziel  zu  erreichen,  um  im  Interesse  der  Gesamtheit  das
capitalistische  Eigentum  in  gesellschaftliches  Eigentum
umzuformen,  wird  das  Proletariat  eine  solche  organisatorische ­
  Kraft  aufwenden,  solche  moralischen  und  intellectuellen
  Fortschritte  realisieren  müssen,  dass  die  Annahme,
        <pb n="228" />
        die  in  einer  solchen  Schule  herangebildeten  Generationen
würden  auch  nur  einen  einzigen  Augenblick  irgendwelche
Beschränkung  ihrer  vollen  Freiheit  ertragen,  einfach
lächerlich  ist.
§  3-Der
  Socialismus  und  die  Kunst.
Aus  dem  Munde  der  unthätigsten  Capitalisten  hört  man
besonders  oft  den  Vorwurf,  der  Socialismus  schwäche  die
persönliche  Initiative  ;  die  starrsten  Despoten  bekämpfen
ihn  mit  dem  Schlagwort  von  Freiheit  und  Humanität:  da
ist  es  denn  ganz  in  der  Ordnung,  dass  gerade  die  geistig
unfreisten  Spiessbürger  die  Verteidigung  der  Künstler
gegen  die  „unwissende  Menge“,  „die  modernen  Barbaren“ ­
  übernehmen.
Doch  wollen  wir  gleich  hinzufügen,  dass  sie  nicht
vereinzelt  sind.  Auch  geistvolle  und  gelehrte  Philosophen,
wie  A.  Fouillée,  äussern  sich  besorgt  über  das  Schicksal,
das  in  einer  „Gesellschaft  von  Communisten  und  Materialisten“ ­
  den  Dichtern,  Künstlern,  Philosophen  drohen
könnte.
Würde  man  sie  nicht,  selbst  ohne  ihnen  den  Lorbeer
gereicht  zu  haben,  aus  dem  Lande  der  Freiheit  jagen?
Und  wenn  man  sie  selbst  ruhig  leben  und  schaffen  lässt,
„wie  will  die  socialistische  Zukunftsgesellschaft  die  philosophische ­
  Arbeit  organisieren,  die  bis  an  die  höchsten
Wipfel  und  an  die  fernsten  Grenzen  des  Daseins  reicht,
ja,  bis  ins  Jenseits  dringt?  Lässt  sich  etwa  die  Arbeit
des  Denkers  auf  dem  Verwaltungswege  regeln  ?  Kann  man
ihr  den  achtstündigen  Maximalarbeitstag  dictieren  und
einem  Victor  Hugo  befehlen,  seine  poetische  Erleuchtung
Punct  sieben  Uhr  morgens  zu  haben  und  sich  um  neun
Uhr  auszuruhen?  Und  wie  wird  man  diese  Arbeit  bewerten? ­
  Der  Gedanke  eines  genialen  Menschen  ist  nicht
auf  Mark  und  Pfennige  abzuschätzen  ....  Hätten  etwa,
als  Galilei  die  Satelliten  des  Jupiter  entdeckte,  die  Ge-
        <pb n="229" />
        schäftsführer  eines  communistischen  Staates  vorher  sagen
können,  dass  diese  Satelliten  einst  die  Herstellung  besserer
Karten  ermöglichen  und  diese  Karten  die  Handelsflotte
vor  drohenden  Schiffbrüchen  bewahren  würden?  Musse
und  Müssiggang  haben,  so  verhasst  sie  dem  Handarbeiter
(bei  anderen  Leuten)  sind,  neben  ihren  Nachteilen  doch
auch  Vorzüge;  sie  bringen  nicht  selten  Nutzen,  sind  sogar
eine  gesellschaftliche  Notwendigkeit.  Wenn  die  ganze
Welt  im  Joch  stöhnte,  hätten  wir  keine  idealen  Schwärmer,
fehlten  uns  die  scheinbar  müssigen  Träumer,  wie  man  die
Sokrates,  Archimedes,  Laplace  ebenso  wie  die  Dante,
Shakespeare,  Lamartine  nennt.“*)
Kurz  und  gut:  nach  Fouillées  Ansicht  wird  eine
socialistische  Gesellschaft  zwar  Kohl  bauen,  sich  aber
wenig  um  die  Rosenzucht  kümmern.  Ihre  ganze  Kraft
würde  in  der  Sorge  für  die  Production  verzehrt  werden.
Jeder  hätte  gewiss,  was  er  unbedingt  braucht,  aber  keiner
den  holden  Ueberfluss.  Und  gerade  vom  Ueberfluss  der
Reichen  leben  ja  die  Künstler,  gerade  das  arbeitslose  Einkommen ­
  giebt  den  Poeten  Musse;  die  Abschaffung  des
capitalistischen  Reichtums  (bedeutet  also  die  Herabdrückung ­
  der  zukünftigen  Aesthetik  auf  das  traurige
Niveau  officieller  Kunst.
Bevor  ich  auf  diese  kritischen  Bemerkungen  antworte,
muss  ich  einen  grundsätzlichen  Irrtum  beseitigen.
Alle  Socialisten,  sogar  die  „materialistischen“,  würden
gemeinsam  mit  Fouillée  die  bis  zur  Banalität  zweifellose
Wahrheit  anerkennen,  „dass  eine  collectivistische  Gesellschaft, ­
  die  versuchte,  die  geistige  Arbeit  ebenso  wie  die
Handarbeit  administrativ  und  bureaukratisch  zu  regeln,
jede  Regung  des  Erfindergeistes,  jeden  socialen,  aber
zugleich  auch  jeden  wirtschaftlichen  Fortschritt  hemmen
würde.“  Zu  unserem  Bedauern  stimmt  aber  Fouillée  darin

*)  Fouillée:  Le  travail  mental  et  le  collectiviste  matérialiste ­
  (Revue  des  Deux  Mondes,  Mai  1900,  pag.  121  und  122).
        <pb n="230" />
        nicht  mit  uns  überein,  dass  ein  solcher  Gedanke  niemals
im  Hirn  irgend  eines  socialistischen  Theoretikers  gelebt ­
  hat.
Die  Leser  der  Revue  des  Deux-Mondes  mögen  sich
beruhigen:  die  Victor  Hugo  der  Zukunft  werden  keiner
Fabrikordnung  unterworfen  sein,  und  die  Shakespeare  des
XX.  Jahrhunderts  werden  —  wenn  sie  sich  nicht
besser  ernähren  können  —  immer  noch  auf  der  Bühne
kleiner  Matrosentheater  ihr  Leben  fristen  können.  Und
man  darf  sogar  hoffen,  dass  die  Astronomen,  Dichter,
Mathematiker  und  Philosophen  unter  socialistischer  Herrschaft ­
  nicht  wie  Galilei  ins  Gefängnis  gesperrt,  wie
Dante  verbannt,  wie  Archimedes  getötet,  wie  Sokrates
vergiftet  werden.  Wirklich  —  um  ernsthaft  auf  einen  ernsthaften ­
  Einwand  zu  antworten  —,  Leuchten  der  Philosophie, ­
  wie  Fouillée  brauchten  sich  nicht  zu  bemühen,  um
zu  beweisen,  was  selbst  der  beschränkteste  Collectivist
nie  bestritten  hat  :  dass  Philosophie  und  Kunst  vor  allem
der  Freiheit,  der  ungehemmten  Entwickelung  bedürfen.
Die  Frage  ist  einfach,  ob  Dichter,  Philosophen  und  andere
uneigennützige  Geistesarbeiter  in  einer  socialistischen  Gesellschaft ­
  nicht  ebenso  viel  oder  sogar  mehr  wirkliche  Freiheit ­
  haben  würden,  als  jetzt.
Es  ist  doch  klar,  dass  keine  Gesellschaftsform  der
Kunst  und  Philosophie  ungünstiger  sein  kann,  als  der
Classenstaat  der  Bourgeoisie,  die  ganz  in  Geld  und  Profitinteressen ­
  aufgeht.
Wenn  auf  den  Ruinen  der  Vergangenheit,  auf  dem
schwankenden  Moorgrunde  der  Gegenwart,  auf  verwitterten ­
  Trümmern  und  auf  Gipfeln,  von  denen  schon  die
Strahlen  der  aufsteigenden  Morgenröte  die  kommende
Zukunft  ahnen  lassen,  trotz  alledem  die  Kunst  weiterblüht,
so  dankt  sie  diese  Blüte  einem  Trieb,  der  ebenso  unaufhaltsam ­
  ist,  wie  die  Keimkraft  der  Pflanze  in  altem  Gemäuer, ­
  in  den  Fugen  des  Pflasters,  in  der  kümmerlichen
Ackerkrume  des  dürrsten  Bodens.  Aber  trotz  dieser  un-Vandervelde:

  Die  Entwickelung  zum  Socialismus.

15
        <pb n="231" />
        \

226

bezwinglichen  Lebenskraft  leidet  das  ästhetische  Schaffen
—  und  man  kann  genau  dasselbe  vom  philosophischen
sagen  —  kläglich  unter  den  ungünstigen  Lebensbedingungen, ­
  denen  es  sich  heutzutage  fügen  muss.
Für  die  Mehrheit  und  selbst  für  die  Vorkämpfer
der  bürgerlichen  Gedankenwelt  ist  das  ästhetische  Vergnügen ­
  nur  ein  Spiel,  eine  Zerstreuung,  ein  Luxusgenuss.
Nach  Spencers  Wort  ist  es  dadurch  charakterisiert,  dass
es  nicht  mit  den  Lebensfunctionen  verknüpft  ist,  dass
es  keinen  in  Ziffern  umzuwertenden  Vorteil  bringt  ;  das
Vergnügen  an  Tönen,  an  Farben  und  süssen  Düften,  sagt
er,  ist  nichts  als  eine  Uebung,  ein  Spiel  dieses  oder  jenes
Organs,  ein  Spiel  ohne  sichtbaren  Nutzen;  es  ist,  mit
einem  Wort,  ein  Luxusgenuss.  Und  bei  einem  socialen
Zustande,  der  die  grosse  Mehrheit  der  Menschen  zwingt,
ihre  ganze  Kraft  im  Kampf  um  das  tägliche  Brot  zu
verbrauchen,  kann  dieser  Luxusgenuss  natürlich  nur  einer
winzigen  Minderzahl  Vorbehalten  bleiben.
Das  war  zu  den  Zeiten  Ludwigs  XIV.  hauptsächlich
der  Hof.  Später  waren  es  die  „vornehmen  Leute“  der
aristokratischen  Salons.  Heute  ist  es  fast  ausschliesslich
die  Bourgeoisie  oder  vielmehr  jener  verschwindende  Bruchteil ­
  der  Bourgeoisie,  der  noch  andere  Interessen  hat  als  das,
möglichst  hohe  Mehrwerte  aus  der  Arbeit  der  Proletarier
herauszupressen.
Wenn  man  von  den  allzu  seltenen  wirklichen  geistigen
Genüssen  absieht,  die  die  Gesamtheit  heute  schon  allen
bietet  und  von  denen  übrigens  leider  die  meisten  dem
Handarbeiter  nach  seinem  Bildungsgrade  noch  unzugänglich ­
  sind,  so  kann  man  wohl  ruhig  sagen,  dass  nur  die
Bourgeoisie,  die  Classe  der  Reichen  oder  mindestens
Wohlhabenden,  Zeit  und  Geld  hat,  um  Bibliotheken  oder
Theater  zu  besuchen  oder  sich  gar  Bücher,  Bilder,  Statuen
oder  andere  Tauschwerte  anzuschaffen,  in  denen  sich  die
Schönheit  verkörpert.  Und  dieses  geistige  und  wirtschaftliche ­
  Monopol  giebt  ihr  —  und  nur  ihr  —  auch  die
        <pb n="232" />
        Macht,  unmittelbar  oder  durch  Vermittelung  des  Staates
allen  Künstlern,  die  keine  anderen  Unterhaltsmittel  .haben,
Gesetze  zu  dictieren:  sie  müssen  ihr  dienen  oder  Hungers
sterben.
Das  erklärt  auch  sowohl  die  Mittelmässigkeit  derer,
die  sich  unterwerfen,  als  die  Erbitterung  der  anderen,
die  sich  aufbäumen;  denn  allen  Künstlern,  die  sich  durch
persönliche  Hilfsquellen  oder  dadurch,  dass  sie  sich  harte
Entbehrungen  auferlegen,  eine  gewisse  Unabhängigkeit
gesichert  haben,  ist  die  tiefwurzelnde  Abneigung  gegen  die
bourgeoise  Tyrannei  und  die  bourgeoisen  Ideale  gemeinsam. ­

Eine  Gruppe  schöpft  aus  dieser  Abneigung  Kraft
und  zwingt  der  Empörung  grosse  Werke  ab.  So  schrieb
Balzac  die  Comédie  humaine,  spie  Flaubert  den
lärmenden  Junisiegern  des  Jahres  1848  seine  Verachtung
ins  Antlitz,  brandmarkte  Victor  Hugo  das  zweite  Kaiserreich, ­
  schuf  Zola  seinen  Germinal.
Eine  zweite  Gruppe  treibt  der  Ekel  aus  der  Gegenwart ­
  in  den  Elfenbeinturm  der  Elitedichter,  sie  singen,
wie  Mallarmé,  das  Lied  von  der  romanischen  Décadence,
setzen  sich  „auf  alle  Kreuzwege,  wo  man  dem  Leben  den
Rücken  wendet“,  oder  flüchten  in  die  Vergangenheit  und
suchen  in  den  grossen  Jahrhunderten  des  Christentums
die  Inspiration,  die  ihnen  die  moderne  Welt  schuldig
bleibt.
Und  wieder  andere,  deren  Zahl  von  Tag  zu  Tag
wächst,  suchen  eine  Stütze  in  der  erwachenden  Massenpsyche ­
  und  verkünden,  mit  Wagner,  den  nahenden  Sieg  des
Bundes  der  Kunst  mit  der  Revolution.  Doch  wie  schön,
wie  erhaben  ihre  Werke  auch  sein  mögen:  sie  sind  nur
Vorläufer,  können  nichts  anderes  sein.  Damit  eine  neue
Kunst  erblühen  kann,  eine  Kunst,  gross  und  machtvoll
wie  die  Menschheit  selbst,  muss  die  Menschheit  nach
dem  Kampf  Frieden,  nach  rastloser  Arbeit  Musse,  nach
        <pb n="233" />
        wilden  Interessenkämpfen  und  Zänkereien  um  die  Beute
endlich  die  Einheit  der  Herzen  und  Seelen  kennen,  gemessen ­
  lernen.
*  *
*
Zeiten  des  Uebergangs,  der  Kritik,  der  Revolutionierung,
  wie  die  unsere,  können  nur  gequälte  und  unvollkommene ­
  Werke  zu  Tage  fördern.  Was  war,  ist  tot.  Was
kommen  wird,  lebt  noch  nicht.  Traum  und  Wirklichkeit
sind  nicht  zu  vereinen.  Die  den  Baugrund  zu  Neuem  legen,,
haben  keine  Zpit,  an  anderes  zu  denken;  und  die  Künstler, ­
  die  zu  einem  noch  unterjochten  Volke  reden,  warten
nur  allzu  oft  vergebens  auf  einen  Widerhall  ihrer  rufenden
Stimme.  Wenn  einst  aber  das  befreite  Proletariat  ein
wahrhaft  menschenwürdiges  Leben  führen,  wenn  alle  Arbeiter ­
  geistig  und  seelisch  so  cultiviert  sein  werden,  dass
sie  Kunst  künstlerisch  empfinden  können,  wenn  nach  der
Arbeit  alle  die  Musse  haben,  deren  sociale  Notwendigkeit
auch  Fouillée  anerkennt,  dann  —  und  nur  dann  —  wird
das  ästhetische  Vergnügen  nicht  mehr  ein  Luxusgenuss
sein,  sondern  ein  Bedürfnis  der  Gesamtheit  werden,  dann
erst  —  und  nur  dann  —  werden  grosse  Werke  von  vollendeter ­
  Schönheit  entstehen  aus  der  fruchtbaren  Verbindung ­
  „des  schöpferischen  Individuums,  das  sicher  ist,
verstanden  zu  werden,  und  der  lebensvollen  Gesamtheit,
die  sicher  ist,  ihn  zu  verstehen.“
Was  wäre  denn,  nach  dem  herrlichen  Wort  der  George
Sand,  die  Kunst  ohne  die  Herzen  und  die  Geister,  in  die
man  sie  pflanzt  ?  Eine  Sonne,  die  kein  Licht  spenden,
kein  Leben  schaffen  könnte  I
Wie  anders  wird  die  Welt  aussehen,  wenn  die  Massen
ihre  Augen  dem  Licht  öffnen  und  selbst  auf  ihre  bescheidensten ­
  Arbeiten  noch  ein  Strahl  des  glänzenden
Gestirns  herniederleuchtet  !
Man  wendet  allerdings  dagegen  ein,  die  ästhetische
        <pb n="234" />
        mmk

—  229  —
Entwickelung  werde  gehemmt  werden,  da  die  Künstler
in  einem  sozialistischen  Staat  der  Hilfsquellen  beraubt
wären,  die  ihnen  in  der  Zeit  des  Privateigentums  die
Gunst  fürstlicher  oder  bürgerlicher  Mäcene  erschloss;
gerade  von  diesem  Luxus  der  Reichen,  so  sagt  man,
leben  sie  ja.
Und  doch  ist  der  Ein  wand  nur  komisch.  Er  stammt
von  Bewunderern  der  bourgeoisen  Gesellschaftsordnung.
Die  Bourgeoisie  als  aima  mater  der  geistigen  Arbeiter  !
Muss  man  wirklich  erst  daran  erinnern,  zu  welchen
Mitteln  die  meisten  Geistesarbeiter  heute  ihre  Zuflucht
nehmen  müssen,  um  sich  das  Stück  trockenen  Brotes  zu
verschaffen,  das  sich  Berlioz  am  Denkmal  Heinrichs  IV.
mit  einer  Hand  voll  trockener  Rosinen  versüsste  ?  Schiller
war  Professor  der  Geschichte.  Balzac  bekam  kaum  ein
paar  lumpige  tausend  Francs  für  seine  zehntausend  Seiten
füllende  Comödie  der  Menschheit.  Ehe  Ludwig  II.  in
Wagners  Leben  eingriff,  war  der  Meister  gezwungen,  eine
Begleitung  „für  zwei  Cornets  à  Piston“  zur  Favoritin  zu
schreiben.  Beethoven  schrieb  am  Ende  seines  Lebens
an  seinen  Freund  Ries  über  eine  Sonate,  sie  sei  unter
den  elendesten  Verhältnissen  entstanden;  denn  es  sei
traurig,  für  das  liebe  Brot  schreiben  zu  müssen.  „Und
so  weit  bin  ich  nun!“  Unter  den  grössten  Schöpfern
verdankt  die  weitaus  grösste  Zahl  derer,  die  nicht  im
schwärzesten  Elend  lebten,  ihre  Existenz  entweder  einer
Beschäftigung,  die  ihrer  Kunst  fern  lag,  einem  einträglichen ­
  Nebenamt  oder  der  späten  Gunst  des  immer  nachhinkenden ­
  Publicums.
Nach  jeder  Richtung  würde  die  collectivistische  der
heutigen  Gesellschaft  überlegen  sein.
Die  neben  ihrer  Kunst  einen  andern  Beruf  ausüben
müssten,  hätten  die  ausgedehnteste  Musse.  Die  jetzt  für
irgend  einen  bürgerlichen  oder  königlichen  Mäcen  arbeiten, ­
  würden  dann  —  wie  einst  Rembrandt  und  Hals  —
für  Gemeinschaften,  Gruppen,  öffentliche  Anstalten  thätig
        <pb n="235" />
        sein,  deren  Collectivluxus  die  Eitelkeit  und  Knauserei'
des  privaten  Luxus  überstrahlen  würde.  Und  die  endlich, ­
  die  mit  amtlichen  Sphären  nichts  zu  thun  haben
wollen  und  sich  lieber  direct  an  das  Publicum  wenden,
könnten  dann  von  dem  Ertrag  ihres  Pinsels  oder  ihrer
Feder  viel  leichter  und  besser  leben,  weil  sie  ein  viel
grösseres,  reiferes  und  verständigeres  Publicum  hätten
als  jetzt.
Ganz  thöricht  wäre  der  Einwand,  die  Menge  werde
ein  schlechter  Richter  sein  und  die  glänzende,  ins  Auge
fallende  Mittelmässigkeit  der  schlichten  Grösse  des  ursprünglichen ­
  Talents  vorziehen.  Lehrt  die  Erfahrung  nicht,
dass  der  hartnäckigste  Widerstand  gegen  die  neuen  Kunstformen ­
  nicht  von  der  Masse,  sondern  im  Gegenteil  von
den  privilegierten  Gasten  ausgeht  ?  Als  Walter  Stolzing
von  den  Meistersingern  zurückgewiesen  wird,  wendet  er
sich  an  die  guten  Nürnberger.  Nicht  im  Hôtel  Rambouillet, ­
  sondern  bei  der  Masse  siegte  Corneille  mit  seinem
Polyeucte.  Die  wirklich  grossen  Schöpfungen,  die  eines
ganzen  Volkes  Seele  widerspiegeln,  wurden  stets  zuerst
von  dem  Volk  selbst  oder  mindestens  doch  von  dem
Bruchteil  des  Volkes  verstanden,  der  noch  nicht  ganz
von  der  Macht  der  Finsternis  unterjocht  war.
Und  um  so  mehr  wird  das  der  Fall  sein,  wenn  alle
die  Einheiten,  aus  denen  sich  die  Massenpsyche  zusammensetzt, ­
  bewusste  Einheiten  sein  werden,  wenn  alle  menschlichen ­
  Glieder  der  menschlichen  Familie,  anstatt  wie  jetzt
gegen  einander  zu  stehen,  auf  einer  viel  breiteren  Basis
jenes  Gefühl  moralischer  Zusammengehörigkeit,  jene
fruchtbare  Solidarität  wieder  zurückerobern  werden,  die
einst  in  den  antiken  Stadtstaaten  und  in  der  mittelalterlichen ­
  Stadtgemeinde  herrschten.  Und  wie  jene  beiden
grossen  Epochen,  die  im  ewigen  Weben  und  Werden
der  Geschichte  ruhmvoll  bis  in  unsre  Tage  leuchten,  so
wird  auch  der  Socialismus  sein  Werk  mit  einer  neuen
Aesthetik  krönen.
        <pb n="236" />
        Man  hat  oft  gesagt,  die  Kunst  sei  nichts  anderes,
als  der  mehr  oder  weniger  verunstaltete,  aber  immer  getreue ­
  Spiegel  der  Gesellschaft.  Heute  zeigt  er  uns  die
schlaffe  Mutlosigkeit  der  sterbenden  Bourgeoisie,  die
Sorgen  und  Qualen,  aber  auch  die  Hoffnungen  des  im
Leid  lebenden,  im  Leid  erstarkenden  Proletariats.  Morgen
wird  er  die  ruhige  Heiterkeit  glücklicher  Geschlechter
widerstrahlen,  die  dem  Sumpf  des  Elends  entronnen  sind
und  durch  die  Kraft  ihres  Fleisses,  ihres  mutigen  Mühens
die  souveräne  Herrschaft  der  Arbeit  und  das  Reich  der
Solidarität  begründet  haben.
*  *  *
Victor  Hugo  zeigt  uns  in  einem  seiner  herrlichsten
Gedichte  den  bocksfüssigen  Waldgott  auf  des  Olympos
Höhe,  wie  er  struppig  und  schwarz  in  der  stolzen  Versammlung ­
  der  Götter  auftaucht.  Man  höhnt  ihn  mit  sarkastischen ­
  Worten.  Er  antwortet  mit  einem  herausfordernden ­
  Lied.  Mercur  giebt  ihm  seine  Flöte.  Bezwungen  reicht
ihm  Apollo  seine  Leier.  Der  revolutionäre  Gesang  schallt
mit  wachsender  Gewalt  bis  ans  Gewölbe  der  Himmelsfeste, ­
  und  auch  der  Sänger  wächst,  während  er  singt,
bis  sein  dunkeier  Schatten  den  unendlichen  Raum  erfüllt. ­
  Die  ganze  Welt  steht  auf  und  stürzt  Jupiters  Thron.
.  .  Ist  der  Socialismus  nicht  der  Satyr  dieses  Gedichtes ­
  ?  Wie  jener  anfangs  struppig  und  schmutzig,  beim
ersten  Auftauchen  verachtet,  im  Wachsen  gefürchtet.  Doch
er  wächst  noch  höher,  greift  nach  der  Flöte  Mercurs,  nach
Apollos  Leier,  nützt  alles,  was  die  Kunst  an  Schönheit
bietet,  bedient  gerade  der  Schönheit  sich  als  seiner  Waffe,
reckt  sich  hoch  und  stolz  vor  denen  auf,  die  sich  unsterblich ­
  dünken,  und  wird  ihnen  bald,  während  er  auf  ihren
Thron  den  Erobererfuss  setzt,  in  der  Vollkraft  seines
Siegerbewusstseins  zurufen:  „Raum  für  alle  !  Ich  bin  Pan!
Auf  die  Knie  mit  Dir,  Allvater  Zeus  1“

Verlag  der  Socialistischen  Monatshefte  (M.  Mundt)  in  Berlin  W.  35
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alismus  mit,  namhafte  Vertreter  der  Wissen-  m jt  den
Schaft  und  der  Kunst,  wie  Dr.  Leo  Arons,  q ocu .
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Besonderen  Wert  legen  die  Socialistischen
Monatshefte  auf  eine  sorgfältige  Behandlung
der  Rundschau,  die  eine  Uebersicht  geben
soll  über  unser  öffentlich  es  Leb  en  —  im  speciellen
über  den  Socialisierungsprocess  innerhalb  der
gegenwärtigen  Gesellschaft  —,  über  die  Fortschritte ­
  der  Wissenschaft  und  der  Kunst.  Die
einzelnen  Rubriken  werden  von  Fachleuten
bearbeitet.  Beigegeben  werden  Portraits  der
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Teil  nach  Zeichnungen  erster  Künstler,  oooooo
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aufgespeichert  in  Büchern,  die  heute  nur  wenigen  Monatszugänglich ­
  sind  und  als  Sonderpublicationen  Jochen
wieder  in  der  Masse  der  Tageserscheinungen  1
verschwinden  würden.  Das  Wertvollste  von
ihnen  herauszuheben  und  zur  Würdigung  zu
bringen,  bildet  ebenfalls  eine  der  Aufgaben
der  Documente  des  Socialismus.  Es  ist  dabei
unter  anderm  auch  an  Biograp  hi  een  vergessener ­
  oder  ungenügend  bekannter  Vertreter
des  Socialismus  gedacht.  00000000000000000000000
Schliesslich  sind  die  Documente  des  Socialismus
auch  der  Schilderung  und  kritischen  Beleuchtung ­
  wichtiger  Vorgänge  in  der
Geschichte  des  Socialismus  gewidmet,
sind  also  zugleich  Materialiensammlung,  Chronik
der  Tageslitteratur  und  Hilfsmittel,  sowie  Ergänzung ­
  der  zusammenfassenden  socialistischen
Geschichtsschreibung.  0000000000000000000000000000
Probe-Hefte  sind  kostenfrei  zu  beziehen
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4.  bis  10.
Tausend

Novität

Dritte
Auflage

Aller,  Ignaz:  Von  Gotha  bis  Wyden.  O ooo  geh.
In  dieser  kleinen  Schrift  giebt  Ignaz  Auer  eine  0-20
ergreifende  Schilderung  jenes  Abschnitts  aus
der  Geschichte  der  deutschen  Socialdemokratie,
da  die  Schrecken  des  Socialistengesetzes
die  noch  junge  Organisation  überfielen,  ooooo

Bebel,  August:  Akademiker  und  Socialismus.
Die  Frage,  ob  die  Akademiker  für  den
Socialismus  gewonnen  werden  können
und  sollen,  wird  bekanntlich,  auch  innerhalb
der  Socialdemokratie  selbst,  durchaus  verschieden
beurteilt.  Die  vorliegende  Broschüre  aus  der
Feder  von  August  Bebel  dürfte  daher  von
besonderem  Interesse  sein,  oooooooooooooooaoooooooo

geh.
M.  0.50

Bernstein,  Eduard:  Die  heutige  Einkommens-  geh.
bewegung  und  die  Aufgabe  der  Volks-  ^  ^
wir  tsch  aft.  ooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo
Diese  Schrift  bildet  eine  wichtige  Ergänzung
der  Voraussetzungen  des  Socialismus.
Sie  behandeltdie  heutige  Einkommensverteilung,
die  Concentrierung  der  Unternehmungen  bei
Decentralisierung  der  Eigentumstitel  und  die
daraus  sich  ergebende  Aufgabe  der  Volkswirtschaft. ­
  0000000000003000000000000000000000000000

Bernstein,  Eduard:  Wie  ist  Wissenschaft-  geh.
lieber  Socialismus  möglich?  oooooooooooo  1-—
Der  bekannte  Vortrag  Ed.  Bernsteins  im  Berliner  M ë ' 2 ^_  '
Socialwissenschaftlichen  Studentenverein,  der
den  Anlass  zur  Bernstein-Debatte  auf  dem
Lübecker  Parteitage  der  deutschen  Socialdemokratie ­
  abgegeben  hat.  oooooooooooooooooooooooooooo

Bernstein,  Eduard:  Zur  Frage:  Social-  M ge J; 50
liberalismos  oder  Collectivismus?  °°°°
Bernstein  setzt  sich  in  dieser  kleinen  Schrift
mit  dem  ,,Socialliberalismus"  auseinander,
vornehmlich  mit  Franz  Oppenheimer,  oooooooo

Zu  beziehen  durch  jede  Buchhandlung,  sowie  durch  den
Verlag  der  Socialistischen  Monatshefte,  Berlin  W.  35.
        <pb n="240" />
        Zur  Anschaffung  empfohlen  seien  folgende  Schriften:

Dritte
Auflage

Zweite
Auflage

Dritte
Auflage

Novität

Bernstein,  Eduard:  Zur  Geschichte  und
Theorie  des  Socialismus,  oooooooooooooooo
Diese  hochbedeutsame,  umfangreiche  Publication
des  socialistischen  Theoretikers  zerfällt  in  drei
Abschnitte:  I.  Ex  cathedra.  II.  Probleme  des
Socialismus:  III.  Waffengänge  für  freie  Wissenschaft ­
  im  Socialismus,  ooooooooooooooooooooooooooo

geh.
M.  5.—

eleg.  geb.

M.  7.50

BÖlsche,  Wilhelm:  Die  Eroberung  des
Menschen,  oooooooooooooooooooooooooooooooooooooo
Eine  Sylvesterpredigt  zum  neuen  Jahrhundert.
Das  Büchlein  versucht  das  Kunststück,  auf
wenigen  Seiten  das  ganze  Neue  zusammenzudrängen, ­
  was  das  neunzehnte  Jahrhundert  über
das  Rätsel  des  Menschen  hinzugebracht  hat.
Das  geschieht  nicht  in  trockener  Aufzählung,
sondern  in  lebendigen  Bildern,  cooooooooooooooo

nur
eleg.  cart.
M.  2.—

BÖlsche,  Wilhelm:  Goethe  im  20.  Jahr-  ^geh.
hundert.  oooooooo(x&amp;gt;c«xxxxxyx&amp;gt;ooooooooooc&amp;gt;ooooooooooo
Bölsches  Schrift  entwirft  von  Goethe  ein  Bild  cleg.  geb.
als  höchste  bisher  sichtbar  gewordene  Leistung  M-  2.
der  Menschheitsseele.  Goethe  wird  geschildert
als  äusserster  Jahresring,  der  alle  Epochen
der  Culturgeschichte  in  sich  umschliesst,  —
zugleich  als  erster  Spross  einer  neuen  Geistesepoche ­
  durch  den  Entwickelungsgedanken,  der
in  ihm  zuerst  das  ganze  Denken  und  Bilden
zu  beherrschen  beginnt,  cooooooooooooooooooooooo

Cal  wer,  Richard  :  Die  Meistbegünstigung  der  ^^2
Vereinigten  Staaten  von  Nordamerica.
Der  Verfasser  untersucht  die  Wirkung  des  M ^ e ?'
zur  Zeit  bestehenden  handelspolitischen  J  '  *"
Verhältnisses  mit  den  Vereinigten
Staaten  auf  die  deutsche  Industrie  und
namentlich  den  Arbeitsmarkt.  Im  Hinblick
auf  die  bevorstehende  Neugestaltung  der
Handelspolitik  macht  Cal  wer  Vorschläge  für
eine  zuträglichere  Regelung  des  Meistbegünstigungsvertrages. ­
  OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOODOOOOOOOOOO

Zu  beziehen  durch  jede  Buchhandlung,  sowie  durch  den
Verlag  der  Socialistischen  Monatshefte,  Berlin  W.  35.
        <pb n="241" />
        Zur  Anschaffung  empfohlen  seien  folgende  Schriften:

In  David,  Dr.  Eduard:  Socialismus  und  Landprocess

  und  die  Productivitätsentwickelung.  oooo
Der  Verfasser  geht  aus  von  einer  allgemeinen
Darlegung  des  Wesensunterschiedes
zwischen  dem  landwirtschaftlichen  und  dem
industriellen  Productionsvorgang  und  leitet
daraus  die  hauptsächlichsten  Eigenarten  der
landwirtschaftlichen  Betriebs-  und  Arbeitsverhältnisse ­
  ab.

Culturglossen  ooooooooooocoooooooooooooooooooooooooo

Das  Buch  giebt  eine  Sammlung  von  Stimmungs-  e leg.  geh.
bildern  aus  dem  ersten  Jahrzehnt  des  M.  4.50
»neuen  Curses".  Es  zerfällt  in  drei  Teile:
Zur  Politik,  Literarisches,  Maskenspiel.  Von
den  behandelten  Fragen  ist  keine  erledigt  und
auch  keine  ihrem  Interesse  nach  erloschen.
Was  in  ihnen  an  actueller  Lebendigkeit  heute
etwa  vermindert  sein  möchte,  wird  ersetzt
durch  das  klärende  Gefühl  der  Distanz,  das
den  Vergleich  des  Damals  mit  dem  Jetzt  erzeugt.

Der  bekannte  Vorkämpfer  der  deutschen  Consumgenossenschaftsbewegung
  giebt  in  dieser  kleinen
Schrift  ein  Bild  des  machtvoll  aufstrebenden
Genossenschaftswesens  aller  Culturländer.
Die  Broschüre  ist  sowohl  zur  Information,
wie  für  Propagandazwecke  gleich  wertvoll.
ire,  Paul:  Vom  Socialismus  zum
Liberalismus.  oo&amp;lt;»ckx&amp;gt;oooooooooc»oooooooooooooooo
Wandlungen  der  Nationalsocialen,  oooooooooooo
Paul  Göhre  stellt  in  dieser  Schrift  die  vielfachen
Wandlungen  dar,  die  die  nationalsociale
Partei  in  der  kurzen  Zeit  ihres  Bestehens
bereits  durchgemacht  hat.  Seine  Ausführungen
werden  für  jeden,  der  die  Psychologie  der
politischen  und  socialen  Gruppierungen  der
Gegenwart  studiert,  von  hohem  Interesse  sein.

Vorbereitung ­



Novität  Eisner,  Kurt:  Taggeist.

0O0O0O0O0OCX500O0000O00000O

11. v bis  lö.von  Elm,  Adolph:  Die  Genossenschafts-Tausend



geh.
M.  0.20

Zu  beziehen  durch  jede  Buchhandlung,  sowie  durch  den
Verlag  der  Socialistischen  Monatshefte,  Berlin  W.  35.
        <pb n="242" />
        Zur  Anschaffung  empfohlen  seien  folgende  Schriften:

Dritte
Auflage

Gumplowicz,  Dr.  Ladislaus:  Ehe  und  freie
Liebe.  oooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo&amp;gt;

geh.

M.  1.—

Umschlag-Zeichnung  von  Käthe  Kollwitz.  eleg.geb
Gumplowicz  giebt  eine  Darstellung  der  ver-  M.  2.—
schiedenen  Formen  der  freien  Liebe  in  der
Gegenwart  und  geht  dann  auf  die  Stellung
der  Frau  in  der  Zukunft  ein;  seine  Schrift
bildet  gewissermassen  einen  ergänzenden  Nachtrag ­
  zu  Bebels  viel  gelesener  Frau,  oooooooooooo

GystrOW,  Dr.  Ernst:  Die  Sociologie  des
Genies.

geh.
M.  0.75

Mit  der  Erkenntnis,  dass  auch  die  psychischen
Geschehnisse  nicht  ausserhalb  der  Causalitätsreihe
  liegen  können,  ist  die  Möglichkeit  einer
Erforschung  der  Biologie  und  Sociologie ­
  des  Genies,  der  compliciertesten
psychischen  Erscheinung,  zugegeben.  Einen
Streifzug  auf  dieses  Gebiet  hat  der  in  den
Kreisen  der  Moderne  rühmlichst  bekannte  Autor
Unternommen.  ooooooooooooooooooooooooooooooooooooi

Zweite
Auflage

Heine,  Wolfgang:  Die  Socialdemokratie  und  geh.
die  Schichten  der  Studierten,  oooooooooooo  0.5
Die  kleine  Schrift  des  bekannten  Reichstags-Abgeordneten
  bietet  in  allerKürze  eine  zusammenfassende ­
  Darstellung  des  Marxismus  und
der  wichtigsten  Gedankengänge  des  Socialismus.

Hertz,  Friedrich:  Agrarfrage  und  Socialismus,  geh.
Die  vorliegende  Schrift’  des  als  Specialist  auf
dem  Gebiete  der  Agrarfrage  viel  beachteten,
viel  eiferten  und  viel  angegriffenen  Verfassers
behandelt  zunächst  theoretisch  sechs  Grundfragen ­
  der  Landpolitik  und  stellt  dann
ein  positives  Agrarprogramm  auf.  oooooooooooo

Novität  Hertz,  Friedrich:  Recht  und  Unrecht  im  geh.
Boerenkriege.  ooooooooooooooocoooooooooooooooooo
Die  vorliegende  Schrift  unterscheidet  sich  von  cleg.  geb.
der  Hochflut  der  Boerenlitteratur  durch  ihre  M-  2.—
Anwendung  der  historisch-wissenschaftlichen ­
  Methode.  Das  reiche  und  zürn  grossen
Teil  neue  Material,  sowie  der  eigenartige  Standpunetdes
  Verfassers  verdient  allseitige  Beachtung.

Zu  beziehen  durch  jede  Buchhandlung,  sowie  durch  den
Verlag  der  Socialistischen  Monatshefte,  Berlin  W.  35.
        <pb n="243" />
        Zur  Anschaffung  empfohlen  seien  folgende  Schriften:

Novität  JaiireS,  Jean:  Aus  Theorie  und  Praxis.  ^^3  _
Der  Vorkämpfer  des  französischen  Socialismus
giebt  in  diesem  Buche  eine  Sammlung  von^eg.  geb.
Abhandlungen,  die  sich  auf  die  mehr  theo-  M-  4.50
retischen  Streitfragen  des  Socialismus
beziehen.  Nach  einer  Einleitung,  welche  die
Frage  der  Methode,  und  einem  Vorwort,  das
den  Zusammenhang  zwischen  Republik  und
Socialismus  erörtert,  behandelt  der  Verfasser
folgende  Fragen:  Die  Agrarfrage;  Zur  Taktik
der  Socialdemokratie;  Revolutionäre  Evolution;
Vom  Endziel;  Menschenrechte;  Vom  Privateigentum. ­
  00000000000000000000000000000000000000000000

Kampffmeyer,  Paul:  Wohin  steuert  die
ökonomische  und  staatliche  Entwickelung ­
  ?  000000000000000000000000000000000000
In  dieser  interessanten  Publication,  die  in  7  Abschnitte ­
  zerfällt,  weist  Kampffmeyer,  bei  entschiedener ­
  Zurückweisung  der  „Zusammenbruchstheorie“, ­
  nach,  wie  überall  in  der  capitalistischen
  Gegenwartsgesellschaft  sich  bereits
heute  die  Keime  der  socialistischen
Zukunftsgesellschaft  zeigen,

geh.

M.  1.—

eleg.  geb.
M.  2.—

Novität  Lang,  Otto:  Der  Socialismus  in  der  Schweiz.  ^075
Eine  Monographie  über  die  schweizerische
Arbeiterbewegung,  ihre  socialen  und
geistigen  Ursachen,  ihren  Verlauf  und  ihren
gegenwärtigen  Stand  aus  der  Feder  eines
ihrer  Vorkämpfer.  00000000000000000000000000000000000
Novität  LawrOW,  Peter:  Historische  Briefe.  00000000  geh.
Mit  einer  Einleitung  von  Dr.  Ch.  Rappoport  M-  3.50
und  zwei  Portraits  von  Lawrow.  0000000000000000  geb.
Die  Historischen  Briefe  Lawrows  —  die  hier  m.  5.—
zum  ersten  Male  in  deutscher  Sprache  vorliegen ­
  —  bezeichnen  neben  den  Werken
Tschernyschewskijs  den  Höhepunct  der  socialistischen ­
  Bewegung  im  russischen
Reiche  der  sechziger  Jahre;  sie  sind  das
Document  einer  geistigen  Entwickelung,  die
unabhängig,  wenn  auch  nicht  unberührt,  von
Marx  und  Engels  zu  socialistischen  Gedankenconceptionen
  führte.  0000000000000000000000000000000

Zu  beziehen  durch  jede  Buchhandlung,  sowie  durch  den
Verlag  der  Socialistischen  Monatshefte,  Berlin  W.  35.
        <pb n="244" />
        Zur  Anschaffung  empfohlen  seien  folgende  Schriften:

6.  bis  10.  Legien,  Carl:  Die  deutsche  Gewerk-  geh.

Tausend

Schaftsbewegung,  oooooooooowoooooooooooooooc  0-20

Der  Vorsitzende  der  Generalcommission  der
Gewerkschaften  Deutschlands  giebt  in  dieser
Broschüre  eine  gedrängte  Darstellung  der
deutschen  Gewerkschaftsbewegung,  ihrer
Anfänge,  ihres  Verlaufs  und  ihrer  Erfolge.

Diese  „interessante  Streitschrift,  voll  Geist  und  eleg.  geb.
Wissen,  Sachlichkeit  und  feiner  Ironie",  wie  M.  3.—
der  Vorwärts  sie  nennt,  behandelt  das  Recht
des  Weibes,  am  geistigen  Leben  unserer  Zeit  teilzunehmen, ­
  und  wendet  sich  scharf  gegen  die  Ausführungen ­
  von  Möbius  und  Laura  Ma  rholm,
die  ein  geistiges  Dämmerleben  des  Weibes
für  normal  und  im  Sinne  der  Entwickelung
unerlässlich  erachten,  cooooooooooooooooooooooooooo

Oppenheimer,  Dr.  Franz:  Die  sociale  geh.
Bedeutung  der  Genossenschaft,  oooooooo  M-  0.50
Der  Verfasser  untersucht  die  verschiedenen
Formen  des  Genossenschaftswesens  und  erörtert ­
  die  Aussichten  und  die  Bedeutung
einer  jeden  für  die  Umgestaltung  unseres
Gesellschaftszustandes,  oooooooooooooooooooooooooooo

Der  Hauptzweck  der  Schrift  besteht  darin,  die  geb.
verschiedenen  handelspolitischen  Strömungen  M.  7.50
des  letzten  Jahrhunderts  darzustellen  als  Folgeund
  Begleiterscheinungen  tieferer  wirtschaftsgeschichtlicher ­
  Ursachen  und  Umwälzungen ­
  und  der  dadurch  geschaffenen
wechselnden  socialen  Interessengruppierungen.
Besondere  Aufmerksamkeit  ist  naturgemäss  der
internationalen  Agrarkrisis  der  letzten  zwei
Jahrzehnte  und  ihrem  Rückschlag  auf  die
mitteleuropäische  Politik  gewidmet,  oooooooooooo

Novität  Olberg,  Oda:  Das  Weib  und  der  Intellec-  geh.

tUaliSmUS.OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO

Zweite  ^
Auflage

Zu  beziehen  durch  jede  Buchhandlung,  sowie  durch  den
Verlag  der  Socialistischen  Monatshefte,  Berlin  W.  35.
        <pb n="245" />
        Zur  Anschaffung  empfohlen:

Jahrbuch  Handel  und  Wandel.  JahresberichteJederBand
über  den  Wirtschafts-  und  Arbeits-  ßädekermarkt
  für  Volkswirte,  Geschäftsleute,  hand
.  ~  ■  .  M.  10.—
Arbeitgeber-  und  Arbeiter  -  Organi-  Hal ^ rz
sationen.  OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO©  12.
Herausgegeben  von  Richard  Calwer,  Mitglied ­
  des  Reichstags.  oooooooooooooooooooooooooooo
Die  Jahresberichte  wollen  einem  Bedürfnis  der
Geschäftswelt,  wie  der  Wirtschafts-  und  Socialpolitiker ­
  entgegenkommen  :  auf  knappem  Raume
das  Wissenswerteste  vom  Wirtschafts-  und
Arbeitsmarkte  vereinigt  und  vom  einheitlichen ­
  Gesichtspuncte  aus  gesammelt  und  dargestellt ­
  zu  erhalten.  Der  Name  des  Herausgebers ­
  bürgt  für  die  Objectivität  und  Gediegenheit ­
  der  Darstellung,  ooooooooooooooooooooooooooo
Bisher  sind  2  Bände  erschienen,  die  die
Jahre  1900  und  1901  umfassen,  oooooooooooooooo
Jahrbuch  Uebersichten  der  Weltwirtschaft.  Band  i
Begründet  von  Prof.  Dr.  F.  X.  von  Neu-  ^  g'Z
mann-Spallart.  Fortgesetzt  von  Prof.  Dr.  Band  II
Franz  von  Jur  as  che  k.  oooooooooooooooo  ooooooooi  desgi.
Diese  Publication  kann  wegen  der  Vergleichung  111
längerer  Productions-  und  Handelsbewegungs-^b.M.io.—
Perioden  sowie  der  symptomatischen  Schlüsse  Band  iv
aus  vergangenen  auf  zukünftige  Wirtschafts-  geh.  M.io.—
fahre,  nach  dem  Urteil  des  Handwörterbuchs  geb n M . 1 ^; -
der  Staatswissenschaften,  einen  bleibenden  Wert  ge h.M.i2.-beanspruchen.
  Als  statistisches  Nach-geb.M.  14.50
schlagebuch  hat  es,  wie  das  Hamburger  Band  vi
Handelsblatt  schreibt,  sich  einen  europäischen
Ruf  errungen.  Es  ist  jedem  unentbehrlich, 8
der  sich  über  die  Ursachen  und  Bewegungen
der  internationalen  Wirtschaft  orientieren  will.
Bisher  sind  6  Bände  erschienen,  die  den
Zeitraum  von  1878  bis  1895  umfassen,  oooooooo

Zu  beziehen  durch  jede  Buchhandlung,  sowie  durch  den
Verlag  der  Socialistischen  Monatshefte,  Berlin  W  .35.
        <pb n="246" />
        Zur  Anschaffung  empfohlen:

Broschüren- ­



Am  Anfang  des  Jahrhunderts.
Die  Serie  erscheint  in  zwanglosen  Heften;  sie
will  in  gemeinverständlichen  ^Abhandlungen ­
  die  Fortschritte  auf  den  einzelnen
Gebieten  behandeln,  die  Ergebnisse  des
19.  Jahrhunderts  darstellen  und  Ausblicke
auf  das  20.  Jahrhundert  geben.  Mitarbeiter
sind  u.  a.  Prof.  Dr.  F.  von  Liszt,  Dr.  Leo  Arons,
Prof.  Dr.  G.  Simmel,  Prof.  Dr.  Wilh.  Foerster,
Ed.  Bernstein,  Paul  Göhre,  Dr.  J.  Jastrow,
Prof  Dr.  K-  Breysig,  Dr.  Ed.  David,  Rieh.
Cal  wer,  Friedr.  Hertz,  Dr.  C.  Grottewitz,  Dr.
Franz  Oppenheimer,  Oda  Olberg.  Jedes  Heft
ist  etwa  64  Seiten  stark  und  enthält,  wo  der
Stoff  es  erheischt,  Abbildungen  im  Text.  Bisher
sind  15  dieser  Hefte  erschienen,  oooooooooooooo  o
].  Culturelle  Umwälzungen  im  19.  Jahrhundert.
Von  Dr.  Bruno  Borchardt.
2.  Die  Entwickelungslehre  im  19.  Jahrhundert.
Von  Wilhelm  Bölsche.
3.  Die  sociale  Gesetzgebung  im  19.  Jahrhundert. ­
  Von  Paul  Hirsch.
4.  Der  Militarismus  im  19.  Jahrhundert.  Von
Carl  Bleibtreu.
5.  Die  Kirche  im  19.  Jahrhundert.  Von
Paul  Göhre.
6.  Die  Weltwirtschaft  im  19.  Jahrhundert.
Von  Richard  Cal  wer.
7.  Nationalismus  und  Internationalismus  im
19.  Jahrhundert.  Von  Dr.  Ladislaus
Gumplowicz.
8.  Die  Naturgeschichte  im  19.  Jahrhundert.
Von  Dr.  Curt  Grottewitz.
9.  Die  hygienische  Cultur  im  19.  Jahrhundert.
Von  Dr.  Alfred  Grotjahn.
10.  Die  Medicin  im  19.  Jahrhundert.  Von  Dr.
Ignaz  Zadek.
11.  Liebe  und  Liebesieben  im  19.  Jahrhundert.
Von  Dr.  Ernst  Gystrow.
12.  Die  Prostitution  im  19.  Jahrhundert.  Von
Dr.  Alfred  Blaschko.
13.  Die  Frau  im  19.  Jahrhundert.  Von
Therese  Schlesinger-Eckstein.
14.  Aberglaube  und  Mystik  im  19.  Jahrhundert.
Von  Julius  Becker.
15.  Die  Sociologie  im  19.  Jahrhundert.  Von
Dr.  Casimir  von  Kelles-Krauz.
Weitere  Hefte  folgen  demnächst.  ooooooooooooooo 0

Zu  beziehen  durch  jede  Buchhandlung,  sowie  durch  den
Verlag  der  Socialistischen  Monatshefte,  Berlin  W.  35.
        <pb n="247" />
        Druck  von  Pass  &amp;amp;  Garleb,  Berlin  W.  35.

eder,  der  sich  für  Neuerscheinungen  aus  '  :
dem  Gebiet  der  Socialwissenschaften
und  des  Socialismus  interessiert,  wird
gebeten,  vom  Unterzeichneten  Verlage  ein  Verlags-Verzeichnis
  zu  verlangen.  Das  selbe  wird  ihm
kostenfrei  übersandt  werden.
Verlag  der  Socialistischen  Monatshefte
BERLIN  W.  35.  *  LÜTZOW  St.  85 A
        <pb n="248" />
        m
        <pb n="249" />
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        <pb n="251" />
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—  218  —
\
sicht  auf  seine  politische  Gesinnung  —  so  könnte  der
Mann  nirgendswo  mehr  eine  Stelle  finden.
Ebenso  spricht  man  mit  allen  Anzeichen  des
Schreckens  von  den  Unzuträglichkeiten,  die  die  Regiementation
  der  gesellschaftlichen  Arbeit  für  die  persönliche ­
  Freiheit  mit  sich  bringen  werde.*)  Aber,  wir  wiederholen, ­
  wie  kann  man  denn  übersehen,  dass  eine  derartige
Réglementation  —  in  den  Arbeiterschutzgesetzen  und  den
gesetzlich  vorgeschriebenen  Arbeitsordnungen  —  schon
jetzt  unter  dem  capitalistischen  System  bestehe?
Die  vollständige  Freiheit  der  Arbeit  ist  nur  in  den
Einzelunternehmungen  möglich,  wenn  man  unter  Freiheit
der  Arbeit  wohlgemerkt  einzig  und  allein  ihre  Unterwerfung ­
  unter  die  Naturgesetze  versteht,  eine  Unterwerfung, ­
  die  umso  grösser  ist,  je  isolierter  die  Arbeit.
Von  dem  Moment  ab  dagegen,  wo  die  Arbeit,  ganz  gleich
zunächst  welcher  Art  sie  ist,  die  Eingliederung  des  Individuums ­
  in  ein  Ganzes,  in  einen  wirtschaftlichen  Organismus, ­
  erfordert,  unterliegt  die  Freiheit  notwendigerweise
Beschränkungen.  Der  Chef  eines  Hospitals,  der  zu  regelmässigen ­
  Krankenbesuchen  verpflichtet  ist,  der  Professor,
der  seine  Collégien  lesen  muss,  sind  ihnen  genau  so  unterworfen, ­
  wie  der  Arbeiter  einer  Fabrikordnung.
Diese  zum  ordnungsmässigen  Gange  der  Arbeit  unbedingt ­
  nötige  Réglementation  würde  der  Socialismus
selbstverständlich  nicht  abschaffen.  Nur  würde  sie  anstatt ­
  das  persönliche  und  ausschliessliche  Werk  eines
Unternehmers,  dessen  Interessen  denen  der  Arbeiter  entgegengesetzt ­
  sind,  der  Willensausdruck  der  Arbeiter  selbst
werden,  die  dieselben  Rechte  und  Interessen  haben.
Würde  diese  Réglementation  im  Namen  und  im  Interesse ­
  der  Allgemeinheit  der  Freiheit  der  Producenten
nicht  offenbar  mehr  Rechnung  tragen  als  die  heutige
Réglementation,  die  allen  im  Interesse  einiger  weniger

*)  Ebenfalls  Spencer.
        <pb n="252" />
        <pb n="253" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
