Florschütz,  Unterricht  in  Versicherungsmedizin.

21

als  sie  am  Krankenbette,  in  der  Einzelbeobachtung  des  praktischen
Lebens  gewonnen  werden;  sie  verlangen  ein  eingehendes  Studium,
eine  andauernde  Beschäftigung  mit  den  Versicherungsgrundlagen
selbst.  Und  doch  sind  das  nur  die  einfachsten  Aufgaben,  die  die
Versicherungen  von  heute  an  die  Ärzte  stellen.  Weit  schwieriger
sind  die,  die  sie  an  ihre  Wissenschaft,  die  Medizin,  selbst  richten,
denn  diese  soll  zum  großen  Teil  erst  die  Unterlagen  schaffen,  wonach
jene  urteilen  können.  Die  Grenze  z.  B.,  welche  die  Auswahl  des
lediglich  Gesunden  der  Weiterentwicklung  der  Lebensversicherung
steckt,  ist  dieser  schon  längst  zu  eng  geworden.  Auch  der  gesundheitlich ­
  Minderwertige  hat  eine  Lebensprognose,  und  kennt  die
Lebensversicherung  diese,  so  hat  sie  auch  die  Mittel,  ihren  Aufnahmekreis ­
  zu  erweitern  und  auch  ihm  ihre  Pforten  zu  öffnen.
Aber  wie  soll  die  Medizin  von  heute  ihr  diese  verschaffen,  wo  die
Prognosenstellung  über  das  Krankenbett  hinaus  noch  so  im  argen
liegt,  daß  unzählig  allein  die  prognostischen  Gebiete  sind,  innerhalb
deren  man  mit  ebenso  vielem  Recht  einen  Antragsteller  heute  noch
als  gesund  versichern  oder  als  gefährdet  abweisen  kann.  Hier  wird
eine  Aufgabe  der  Medizin  gestellt,  die  sie  aus  sich  heraus  nicht  zu
lösen  vermag,  die  aber  von  ihr  gelöst  werden  kann,  wenn  sie  sich
mit  der  Versicherungsmathematik  zur  gemeinsamen  Arbeit
verbindet,  denn  da  kommt  als  mächtiger  helfender  Faktor  die
Prognose  als  Abstraktion  aus  dem  ungeheuren  statistischen  Material
der  Gesellschaften  hinzu,  und  in  dieser  Vereinigung  wird  als  Versicherungsmedizin ­
  die  Medizin  erst  das,  was  die  Lebensversicherung
von  ihr  erwartet:  die  Lehrmeisterin  und  Führerin  auf  dem  Wege
des  täglich  dringender  werdenden  Fortschritts.  Und  ähnliche  Aufgaben, ­
  wie  hier  für  die  Lebensversicherung,  sind  der  Versicherungsmedizin ­
  auch  für  die  Unfall-  und  Invalidenversicherung  erwachsen.
Aber  nur  mit  Hilfe  von  oft  wiederholten  und  systematisch
geordneten  Beobachtungen  und  nur  unter  Mitwirkung  vieler  Kräfte
sind  sie  zu  lösen,  und  deshalb  haben  wir  uns  hier  vereinigt,  und
deshalb  ist  die  Fachabteilung  für  Versicherungsmedizin  ins  Leben  gerufen ­
  worden.«
Zwei  Aufgaben  sind  es  danach,  die  der  Versicherungsmedizin
gestellt  sind:  auf  der  einen  Seite  hat  sie  als  Wissenschaft  zu
erforschen,  d.  h.  die  Unterlagen  zu  schaffen,  die  eine  schärfere
Diagnose  und  eine  weitergehende  Prognosenstellung  als  heute  gestatten, ­
  auf  der  anderen  Seite  hat  sie  das  Erforschte  als  Lehrgegenstand ­
  für  eine  bessere  Vor-  und  Ausbildung  der  die  Vorarbeit ­
  leistenden  Ärzte,  der  Vertrauensärzte,  zu  verwerten.
Die  erste  Aufgabe  ist  lediglich  eine  interne  Angelegenheit  der
Versicherungsgesellschaften,  der  Fachabteilung,  selbst,  denn  sie  betrifft
nur  die  Ärzte,  die  an  Direktionsstelle  arbeiten  oder  sich  sonst  wissenschaftlich ­
  mit  der  Versicherungsmedizin  beschäftigen.  Ihnen  liegt  mit
dem  Mathematiker  ob,  die  Grundlagen  zu  schaffen,  auf  denen  ein
gedeihlicher  Fortschritt  der  wissenschaftlichen  Lebensversicherung
sich  ermöglichen  läßt.  Sie  haben  erst  festzustellen,  welchen  Einfluß
bestimmte  Krankheiten,  Krankheitsanlagen,  die  Erblichkeit,  der  Beruf