2*

19

Mittelstandes  kein  Gewicht  gelegt  wird.  Für  ruhig  denkende  Beobachter  ist  das
nie  ein  Geheimnis,  für  den  gewerblichen  Mittelstand  aber  ist  die  ministerielle
Bemerkung  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  ein  Rippenstoß  zur  rechten  Zeit  gewesen. ­
  Sie  allein  war  vielleicht  geeignet  viele  aus  dem  Schlafe  aufzuschrecken,
in  welchen  sie  im  Laufe  der  liberalen  Ara  durch  das  Rattenfängerlied  der
manchesterlichen  Presse  vom  freien  Spiel  der  Kräfte  eingelullt  waren,  als
existiere  ein  einziger  großer  Handels-  und  Gewerbestand,  dessen  Interessen  für
alle  großen  und  kleinen  Angehörigen  solidarisch  wären.  Den  Taktstock  hat  zu
dem  Lied  das  internationale  Großkapital  geschwungen.  Es  hat  sich  dabei  durch
Verwandlung  ungezählter  Großbetriebe  in  Aktiengesellschaften  einen  ungeheuren
Verdienst  und  in  den  Aufsichtsratstellen  dauernden  Einfluß  auf  den  Gang  der
Geschäfte  verschafft.  Jetzt  ist  es  darangegangen,  durch  Gründungen  von  Warenhäusern ­
  auch  den  Kleinhandel  für  sich  unter  dem  Motto  zu  monopolisieren:
Die  Kleinbetriebe  hätten  keine  Existenzberechtigung  mehr.  Man  sieht,
die  Herren  sind  noch  nicht  einmal  erfinderisch.  Sie  schlagen  alles  über  einem
Leisten  kaput.
Bei  solchen  Erwägungen  sieht  man,  daß  das  Wort  von  der  Intelligenz
der  Warenhäuser  ganz  zur  rechten  Zeit  gefallen  ist.  Als  geflügeltes  hat  es
schnell  seinen  Weg  durch  die  Lande  gemacht.  Es  ist  nun  Pflicht,  ihm  die  Flügel
abzulösen.  Es  muß  überall  eine  bleibende  Statt  erlangen,  damit  aus  dem
Schmerz,  den  es  verursacht  hat,  die  Heilung  eines  großen  Volksschadens  erblühe.
Denn  wie  der  Schmerz  der  Wächter  der  Gesundheit  für  den  Körper  ist,  so  kann,
er  auch  im  Wirtschaftsleben  eines  Volkes  diese  Rolle  übernehmen.
Und  wehe  getan  hat  das  Wort  Sr.  Exzellenz  wirklich  den  Angehörigen
des  gewerblichen  Mittelstandes,  obwohl  sie  durch  ihre  manchesterlichen  Leiborgane,
  wie  wir  oben  gesehen  haben,  wahrlich  nicht  verwöhnt  waren.
Aber  auch  hier  heißt  es:  Wenn  zwei  dasselbe  tun,  so  ist  es  nicht  dasselbe.
Was  man  sich  von  einem  alten  dreisten  Bekannten  im  Schlafrock  an  den  Kopf
werfen  läßt,  ohne  es  zu  beachten,  das  macht  aus  dem  offiziellen  Munde  eines
Ministers  stutzig,  zumal  wenn  dabei  eine  Anspielung  auf  persönliche  Minderbegabung ­
  mit  unterläuft.
So  ist  es  gekommen,  daß  seit  dem  17.  Februar  1904  eine  gewisse  Bewegung ­
  in  der  größeren  Masse  der  Angehörigen  des  gewerblichen  Mittelstandes
zu  bemerken  ist.
§  11.
Bei  vielen  bisher  agrarisch  sogar  sehr  verärgerten  gewerblichen  Mittelstandsleuten
  hat  auch  die  schonendste  Einflößung  der  ministeriellen  Pille  durch  ^wachmig^  Mina
die  freisinnigen  Zeitungsspalten  wie  ein  explosiver  seelischer  Gärungserreger  ge-  stand,
wirkt  und  dabei  den  oben  geschilderten  tragischen  Konflikt  mit  einem  Ruck  zur
Lösung  gebracht.