87

kommen  Zusätze  und  geschehen  Abstriche.  Weshalb  sollen  die  Gewerbestenergesctze
hiervon  eine  Ausnahme  machen?  Die  Herren  berufen  sich  ja  bei  ihrer  Definition
don  dem  Wesen  und  Ziel  der  moderneit  Entwickelung  so  schön  darauf,  daß  wir  uns
die  Natur  untertan  machen  müßten.  Fangen  wir  also  gleich  an,  die  Methode
der  naturwissenschaftlichen  Forschung  anzuwenden,  durch  welche  die  Naturkenntnis
so  außerordentlich  gefördert  worden  ist.  Es  ist  die  Methode  des  Experiments.
Die  Kleinarbeit  dieser  bewährten  naturwissenschaftlichen  Methode  muß  Gemeingut ­
  auch  des  politischen  Denkens  werden,  oder  mit  anderen  Worten:  Die  Vorgänge ­
  des  innerpolitischen  Lebens,  welche  durch  die  gesetzgebenden  Faktoren
ausgelöst  tverden,  müssen  von  den  einzelnen  Parteien  in  voller  Deutlichkeit  unter
dem  Gesichtspunkt  des  Experiments  eingeleitet,  beobachtet  und  beurteilt  werden.
8ür  diese  Auffassung  der  politischeil  Handlungen  spricht  aber  auch  so  viel,  sie
ist  so  leicht  und  so  durchsichtig,  so  selbstverständlich,  daß  eigentlich  nur  auf  sie
hingewiesen  zu  werden  braucht,  um  mit  ihrer  Nennung  zugleich  auch  den  Beweis
von  der  Notwendigkeit  ihrer  Beachtung  erbracht  zu  haben.  Bei  der  Betonung
der  Auffassung  der  innerpolitischen  Maßnahmen  als  volkswirtschaftlicher  Experinlente
  —  nicht  etlva  des  Experimentierens!  —  würde  immer  klar  sein,  daß
die  zutreffenden  Bestimmungen  zwar  bei  der  Beratung  über  ihre  Einführung
der  spekulativen  Beurteilung  unterliegen,  daß  aber  über  den  eigentlichen  Wert
oder  Unwert  für  die  Gesamtheit  erst  der  Verlaus  der  Dinge  zu  entscheiden  hat,
dessen  Urteil  sich  alle  Parteien  zu  beugen  haben,  ohne  ihrer  Würde  etlvas  vergeben
zu  müssen.  Dieses  dauernde  Hinblicken  nach  der  auch  dem  Gesetzgeber  übergeordneten
  Instanz,  nämlich  nach  dem  Ausfall  des  Experiments,  würde  dem
inneren  Staatsleben  in  mehr  als  einer  Beziehung  zum  Vorteil  gereichen.  So
lvürdc  manche  unnötige  Schärfe  aus  der  Diskussion  verschwinden,  und  wir  würden
nicht  solche  überflüssige  Rederei,  wie  die  von  der  Ungerechtigkeit  gegen  die  Warenhäuser, ­
  zu  hören  brauchen,  wo  es  sich  um  Beseitigung  von  Schädigungen  handelt,
welche  durch  die  Warenhäuser  einem  großen  Teil  des  Volkes  zugefügt  iverdcu.
Die  Gerechtigkeit,  meine  Herren  Warenhäusler,  welche  die  Grundlage  jedes
Staates  ist,  kommt  nicht  nur  von  oben,  wie  die  Sonne  voln  Himmelsgewölbe.
Selbstverständlich  kaun  diese  von  obenher,  vorn  Könige,  vonl  Gericht,  von  der
Verwaltung  herkommende  Gerechtigkeit  nicht  entbehrt  werden.  Sie  haben  wir
auch  in  Deutschland.  Mindestens  gleichwertig,  wenn  nicht  noch  wichtiger  aber
ist,  daß  in  allen  Schichten  des  Volkes  der  Sinn  für  Gerechtigkeit
kebendig  ist.  Diese  nicht  bei  abstrakten  Gerichtsbeschlüssen  zutage  geklaubte  Gerechtigkeit, ­
  sondern  die  bodenständige,  lebendige,  stündlich  von  Person  zu  Person
umgehende  Gerechtigkeitsbetätiguug,  welche  als  Lebensftinktion  der  völkischen  Gemeinschaft ­
  wie  der  Blutkreislauf  in  unserem  Körper  wohl  einmal  eine  kurze
Stockung,  aber  keine  dauernde  Unterbrechung  vertragen  kann,  und  welche  sich