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        <title>Schutz- und Trutz-Waffen für den gewerblichen Mittelstand in seiner Notwehr gegen die Konsumvereine und Warenhäuser</title>
        <author>
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            <forname>Emil</forname>
            <surname>Suchsland</surname>
          </persName>
        </author>
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            <idno>861898249</idno>
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Ichutz-  und  Trutz-Masten  -ļzļfür



den  gewerblichen  Mittelstand
in  seiner  llotwehr  gegen  die  Konsumvereine  und  Warenhäuser.

von

Prof.  Dr.  G.  Suchsland,
Oberlehrer  an  der  Lateinischen  Hauptschule  der  Lranckeschen  Stiftungen
zu  ñ»alle  a.  S.

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Kasse  a.  S.
Verlag  der  Buchhandlung  des  Waisenhauses.
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        Alle  Rechte  vorbehalten

er
        <pb n="4" />
        Dem  gewerblichen  Mittelstände
Deutschlands

mit  dem  innigen  Wunsche  für  seine  Erhaltung

gewidmet

vom  Verfasser.
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        me
        <pb n="6" />
        Vorwort.

Die  schon  alte  Bewegung  gegen  die  Konsumvereine  und  die  jüngere  gegen
die  Warenhäuser  befinden  sich  beide  augenblicklich  in  einem  außerordentlich
wichtigen  Stadium.  Es  wird  gekennzeichnet  durch  das  besonders  hohe  Maß  von
Interesse,  welches  alle  Schichten  des  Volkes  jeder  eine  der  beiden  Geschäftsformen
berührenden  Frage  entgegenbringen.
Das  hat  sich  erst  in  den  letzten  Wochen  wieder  so  recht  deutlich  beim
Bekanntwerden  des  Erlasses  gezeigt,  in  welchem  Exzellenz  v.  Budde  den  Preußischen ­
  Eisenbahndirektionen  seine  Ansicht  über  die  volkswirtschaftlich  wünschenswerteste ­
  praktische  Stellungnahme  der  Beamten  seines  Ressorts  zu  den  Geschäften
des  gewerblichen  Mittelstandes  zum  Ausdruck  gebracht  hatte.  Denn  obwohl  sich
die  Verfügung  doch  nur  auf  einen  ganz  bestimmten  Beamtenkreis  bezieht,  gibt
es  wohl  keine  Zeitung,  die  sich  nicht  zu  ihr  geäußert  hätte,  und  für  zahllose  Privatgespräche ­
  hat  sie  den  ausgiebigsten  Unterhaltungsstoff  geboten.
Dieses  allgemeine  Interesse  an  Konsumvereins-  und  Warenhausfragen
kann  allen,  denen  eine  Heilung  der  durch  beide  Warenvermittelungsformen  eingeleiteten ­
  und  bereits  zu  einem  großen  Umfang  gediehenen  Schäden  am  Herzen
liegt,  nur  willkommen  sein.  Denn  allein  im  Lichtbade  vollster  Öffentlichkeit  ist
solche  Heilung  möglich.  Daher  müssen  sowohl  die  Freunde  des  gewerblichen
Mittelstandes  als  auch  die  Mittelstandsangehörigen  selbst  alles  tun,  das  Interesse
nicht  nur  wach  zu  erhalten,  sondern  sie  müssen  auch  in  Benutzung  seiner  Existenz
durch  Wort  und  Schrift  den  lauen  Freunden  und  heftigen  Feinden  des  gewerblichen ­
  Mittelstandes  auf  das  entschiedenste  entgegentreten,  damit  deren  Versuchen,
eine  Verdunkelung  der  natürlichen  Lehre  von  der  wirtschaftlichen  Interessengemeinschaft ­
  aller  Stände  eines  Volkes  herbeizuführen,  ein  schleuniges  Ende
bereitet  wird.
Leider  geschieht  das  namentlich  von  den  Angehörigen  des  gewerblichen
Mittelstandes  noch  viel  zu  wenig.  Man  kann  öffentlichen  Versammlungen,  in
denen  die  betreffenden  Fragen  behandelt  werden,  zehnmal  beiwohnen,  ehe  man
einmal  sieht,  daß  ein  Kaufmann  oder  Handwerker  für  seine  bedrohte  Existenz  das
Wort  ergreift.  Wo  das  geschieht,  ist  es  nur  eine  rühmliche  Ausnahme.  Im  all-
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        6

gemeinen  ist  das  Bild  so,  daß  über  die  Köpfe  der  angegriffenen  Mittelstandsexistenzen ­
  die  Werbereden  der  sozialdemokratischen  Konsumvereinsapostel  hinwegtosen ­
  und  die  wässerigen  Rinnsale  der  für  den  neuen  Mittelstand  schwärmenden
freisinnigen  Gelegenheitsredner  dahinplätschern,  ohne  daß  eine  Widerrede  aus
ihren  Reihen  erfolgt.  Ein  merkwürdiges  Schauspiel!
Oft  habe  ich  mich  vergeblich  gefragt,  wie  diese  Erscheinung  zu  erklären  ist.
Jetzt  weiß  ich  es.
Es  liegt  zum  größten  Teil  daran,  daß  die  Konsumvereine  und  Warenhäuser
über  eine  große  Zahl  gut  bezahlter  und  tüchtig  eingefuchster  Redner  verfügen,
welche  mit  einem  Schwall  volltönender  Worte  und  sieben-  bis  achtstelliger  Zahlen
die  Zuhörer  für  den  Augenblick  so  einsangen,  daß  die  ungeübten  Gegner  nichts
darauf  zu  sagen  wagen.  Das  muß  anders  werden  und  kann  anders  werden.
Deshalb  habe  ich  mich  der  Arbeit  unterzogen,  das  geistige  Rüstzeug
der  konsumvereinlichen  und  warenhäuslichen  Schutztruppe  unter  die  Lupe  zu
nehmen  und  es  auf  seinen  Inhalt  zu  prüfen.  Die  Resultate  der  Prüfung  liegen
in  den  Abschnitten  „Schutzwaffen  gegen  Konsumvereine  und  Warenhäuser"  vor.
Jeder  kann  hier  sehen,  daß  alle  Behauptungen,  mit  denen  die  sozialdemokratischen
Hetzer  und  deren  freisinnige  sowie  liberale  Schleppenträger  für  die  modernen
Geschäftsformen  eintreten,  entweder  hohl  oder  direkt  falsch  sind.  Alle  lassen  sich
in  ein  Nichts  zerpflücken.  Ich  habe  es  mit  vielen  in  öffentlichen  Versammlungen
auch  schon  oft  getan  und  habe  bis  jetzt  immer  die  Genugtuung  erlebt,  daß  sich
die  Widerlegungen  als  sehr  wirkungsvoll  erwiesen  haben.  Wenn  sich  daher  die
Angehörigen  des  gewerblichen  Mittelstandes  die  Beweisführungen  ihrer  Gegner
so  genau  vorher  überlegen,  wie  es  die  bezahlten  Agitatoren ­
  mit  ihrem  Pensum  tun,  sich  dazu  die  hier  gebotenen  Widerlegungen ­
  zu  eigen  machen  und  sie  mit  passenden  Erfahrungen  aus
ihrer  lokalen  Umgebung  verschmelzen,  so  müßte  die  Wahrheit
gar  keine  Macht  mehr  über  die  Gemüter  besitzen,  wenn  nicht  jede  Versammlung
mit  einem  Fiasko  der  Konsunwereins-  und  Warenhaussöldlinge  endete.
So  wichtig  aber  auch  die  Widerlegung  der  Gegner  in  öffentlichen  Versammlungen ­
  ist,  es  bleiben  die  dortigen  Redeturniere  immer  nur  Vorpostengefechte  in
dem  großen  wirtschaftlichen  Kampfe  der  Gegenwart.  Die  Gros  der  streitenden
Armeen  befinden  sich  draußen  im  Tirailleurgefecht  des  täglichen  Lebens.  Hier
gilt  es,  neben  den  Schutzwaffen  gegen  die  feindlichen  Angriffe  auch  Trutzwaffen
für  das  Zurückerobern  des  bereits  verloren  gegangenen  Geländes  zu  führen,
zumal  der  Angriff  immer  zugleich  die  beste  Verteidigung  gewesen  ist.  Zu  dem
Zweck  sind  den  Schutzwaffen  auch  noch  eine  Anzahl  Trutzwasfen  beigegeben.
Natürlich  ist  bei  ihrer  Auswahl  streng  darauf  gesehen,  daß  sie  alle  tadellos
sind,  frei  von  jedem  Rostfleck  der  Unehre  und  Hinterlist.  Sie  sollen  offen  geführt
werden.  Niemand  wird  sich  ihrer  zu  schämen  brauchen.  Bei  den  meisten  ist  sogar
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        7

Bedacht  darauf  genommen,  daß  sie  mehr  heilen  als  verwunden,  keine  wird  bei
vernünftigen  Menschen  einen  Stachel  der  Verbitterung  zurücklassen,  denn  ich
weiß  wohl,  daß  man  wirtschaftlich  entfremdete  Stände  eher  zusammenbittet
als  zusammenzankt.
Scheue  niemand  die  nicht  unerhebliche  Arbeit,  welche  damit  verbunden  ist,
sich  mit  der  Führung  der  Waffen  vertraut  zu  machen.  Es  ist  ein  Aberglaube,  sich
einzubilden,  daß  eine  gerechte  Sache  die  richtigen  Gedanken  und  Worte  in  den
Versammlungen  selbst  ihren  Vertretern  eingeben  müßte.  Dazu  spielen  sich  alle
Vorgänge  zu  schnell  ab,  und  es  ist  oft  sehr  schwer  einen  geschickt  vorgetragenen
Scheingrund  so  zu  beleuchten,  daß  seine  Unrichtigkeit  scharf  hervortritt.  Viel
besser  ist  es,  man  geht  wohlvorbereitet  in  eine  gegnerische
Versammlung»  Das  wird  aber  jeder  tun,  wenn  er  sich  den  Inhalt  der
Schußwaffen  zu  eigen  gemacht  hat;  denn  ich  glaube  nicht,  daß  mir  viele  Punkte
entgangen  sind,  welche  die  Klopffechter  für  die  Interessen  der  Konsumvereine  und
Warenhäuser  für  ihre  Auftraggeber  anzuführen  pflegen.  Ich  habe  viele  von
ihnen  bis  zu  2 1 / 2  Stunden  reden  hören,  und  es  war  fast  immer  derselbe  Inhalt,
der  aufgetischt  wurde,  auch  wenn  sogenannte  Größen  angesagt  waren.  Freilich
waren  die  meisten  Redner  sozialdemokratische  Reichstagsabgeordnete.  Für  sie
bildet  das  Gebiet  jetzt  die  ergiebigste  Einnahmequelle.  Die  Konsumvereine  bezahlen ­
  ihre  Herolde  gut,  und  da  durchqueren  namentlich  die  Genossen  zweiter  und
dritter  Ordnung,  welche  im  Reichstag  nur  rednerische  Lückenbüßer  sind  und  bloß
bei  Abstimmungen  gebraucht  werden,  auf  einträglichen  Reisen  das  Land  und
erhalten  nebenbei  ihre  Lungen  bei  guter  Kraft.  Aber  selbst  eine  „Wissenschaftliche
  Größe",  welche  ich  gehört  habe,  ein  Doktor  der  Staatswissenschaften,  hat
auch  nichts  weiter  vorgebracht  als  die  sozialdemokratischen  Praktiker.  Ich  vermute ­
  also,  daß  man  nichts  anderes  zu  sagen  weiß.  Etwas  Richtiges  kann  es  jedenfalls ­
  nicht  sein.  Es  könnte  sich  höchstens  um  die  Einführung  des  einen  oder
anderen  Versammlungstricks  handeln,  wie  sie  in  einem  in  Eisenach  gegen  mich
verbreiteten  Flugblatt  angegeben  waren,  daß  der  Vorsitzende  dem  unbequemen
Redner  das  Wort  entziehen  sollte,  oder  daß  bestimmte  Punkte,  wie  z.  B.  die
Haupttatsache  von  der  sozialdemokratischen  Tendenz  der  Konsumvereinsbestrebungen,
  einer  Erörterung  nicht  unterzogen  werden  dürsten  usw.  Solchen  Vergewaltigungen
  ist  dadurch  vorzubeugen,  daß  stets  möglichst  viele  Angehörige  des
gewerblichen  Mittelstandes  zur  Stelle  sind.  Der  Redner  muß  unbedingt  in  der
Versammlung  genügende  Gesinnungsgenossen  besitzen,  welche  den  sozialdemokratischen ­
  Freunden  der  Herren  Reichstagsabgeordneten  das  Gegengewicht  halten
und  bei  einer  Bureauwahl  auf  einer  Vertretung  im  Bureau  bestehen.
Wird  überall  nach  diesem  Rat  gehandelt,  so  dürften  die  öffentlichen  Werbeversammlungen ­
  der  Konsunwereine  bald  eingestellt  werden  und  man  könnte  umgekehrt ­
  zu  aufklärenden  Versammlungen  über  die  Schäden  der  Konsumvereine
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        8

und  Warenhäuser  übergehen.  Den  Rednern  wird  im  Nachstehenden  für  ihre
Referate  genügender  Stoff  geboten.  Wer  noch  weitere  Anregungen  wünscht,  dem
empfehle  ich  außer  meinen  auf  dem  Umschlag  dieses  Buches  verzeichneten
Broschüren  noch  die  sehr  lesenswerten  Abhandlungen:
1.  Die  Konsnmvereinsgefahr.  Bon  Rechtsanwalt  Hennig  -  Dessau.  Kommissionsverlag ­
  von  Jüstel  u.  Göttel,  Leipzig.  Preis  25  Pfg.
2.  Im  Paradies  der  Damen.  Verlag  der  hanseatischen  Druck-  und  Verlagsanstalt. ­
  Hamburg.  Preis  75  Pfg.
3.  Uber  das  Rabattsparwesen.  Von  Dr.  M.  Kandt,  Bromberg.  Verlag  der
Mittlerschen  Buchhandlung  A.  Fromm.  Preis  60  Pfg.
4.  Das  gemeinnützige  Rabatt-Sparvereinswesen,  von  Heinrich  Beythien,  Verlag ­
  des  Verbandes  der  Rabatt-Sparvereine  Deutschlands  (Sitz  in  Bremen).
Preis  50  Pfg.
Von  gegnerischen  Schriften  nenne  ich:
1.  Unsere  Englandreise.
2.  Von  Schulze-Delitzsch  bis  Kreuznach,  von  Professor  Dr.  Staudinger.
3.  Die  Genossenschaftsbewegung  in  Nord-  und  Osteuropa.
4.  Die  Genossenschaftsbewegung  in  Westeuropa.
5.  Zur  Abwehr,  von  Prof.  Dr.  Staudinger.
6.  Die  Umsatzsteuer  im  Herzogtum  Braunschweig,  von  Dr.  Reinhold  Riehn.
Sie  sind  sämtlich  in  der  Verlagsanstalt  des  Zentralverbandes  deutscher
Konsumvereine  erschienen,  kosten  Stück  für  Stück  20  Pfennige  und  führen  den
gemeinschaftlichen  Locktitel  „Genossenschaftliche  Volksbücher".  Einige  von  ihnen
zu  lesen,  ist  immerhin  für  Männer,  welche  öffentlich  auftreten  wollen,  sehr  ratsam,
da  sie  für  die  sozialdemokratischen  Wanderredner  die  Quellen  sind  und  jeder  durch
ihre  Lektüre  am  besten  mit  dem  protzigen  Ton  bekannt  wird,  der  alle  diese  Weltverbesserer ­
  auszeichnet.
Dazu  versäume  man  nicht,  durch  Einsicht  in  die  Jahresberichte  der  Konsumvereine ­
  seiner  Umgebung  und  durch  öfteren  Kontrollbezug  von  Lockartikeln  aus
Warenhäusern  sich  stets  auf  dem  Laufenden  über  örtliche  Vorkommnisse  zu  halten.
Auch  die  Preisbewegungen  in  Konsumvereinen  verfolge  man.  Es  wird  sich  dabei
mehrfach  zeigen,  daß  man  hier  zum  Teil  sehr  gelehrige  Schüler  der  Ramschbasare
vor  sich  hat.
Aber  für  alles,  was  der  einzelne  liest,  hört,  sieht  oder  sonstwie  erfährt,  muß
oberste  Regel  sein,  daß  er  es  nicht  in  seinem  Busen  bewahrt  und  mit  der  Faust
in  der  Tasche  herumläuft,  sondern  er  muß  auftreten  und  reden.
„Sprich,  daß  ich  dich  sehe!"  lautet  ein  berühmtes  Wort  aus  dem  klassischen
Altertum.  Man  gebrauchte  es,  wenn  man  zum  Ausdruck  bringen  wollte,  daß  wir
einen  Menschen  erst  vollständig  kennen,  wenn  er  uns  durch  die  Sprache  seine
Gedanken  offenbart  hat.  Das  ist  gewiß  sehr  richtig  und  gilt  auch  noch  jetzt.  Aber
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        \
—  9  —
auch  die  nicht  übertragene,  sondern  die  greifbare  Grundbedeutung  der  einzelnen
Worte  hat  ihren  wichtigen  und  guten  Sinn.  Er  geht  dahin,  daß  wir  jemand,  der
nie  seinen  Mund  auftut,  schließlich  gar  nicht  mehr  sehen.
Wenn  das  bei  dem  einzelnen  schon  geschieht,  dem  doch  noch  seine  sinnfällige
körperliche  Erscheinung  helfend  zur  Seite  steht,  wie  vielmehr  trifft  es  bei  Ständen
zu,  die  sich  zwar  aus  physischen  Personen  zusammensetzen,  aber  immerhin  doch  zu
ihrer  anschaulichen  Erfassung  eine  abstrahierende  Tätigkeit  des  Geistes  in  Anspruch ­
  nehmen.  Für  sie  ist  ein  Übersehenwerden  besonders  leicht  und  ein  Sichbemerklichmachen
  wichtig.  Viele  sehen  den  gewerblichen  Mittelstand  nicht  mehr,
weil  sie  ihn  nicht  hören;  damit  das  anders  wird,  rufe  ich  ihm  zu:
Sprich,  daß  man  dich  sieht!
Halle  a.  S.,  den  8.  August  1904.

Suchsland.
        <pb n="11" />
        Allgemeine  Lage
des  gewerblichen
Mittelstandes.

I.  Abschnitt.
Reflexionen  über  Stimmungs-  und  Siluationsbilder  ans  dem  Leben
des  gewerblichen  Mittelstandes.
§  l.
Tiefe  Niedergeschlagenheit  ist  gegenwärtig  die  Signatur  für  das  Erwerbsleben ­
  des  geschäftlichen  Mittelstandes  in  Stadt  und  Land.  Sie  kann  niemand
verborgen  bleiben,  der  es  nur  der  Mühe  wert  erachtet,  sich  über  die  Stimmung
in  den  betreffenden  Kreisen  zu  orientieren.
Und  es  ist  schon  der  Mühe  wert,  zu  wissen,  wie  die  vielen  Millionen  Kaufleute ­
  und  Handwerker  denken  und  fühlen,  welche  in  ihrer  Gesamtheit  durch  die
Wucht  ihrer  Zahl  für  den  Bestand  unseres  Staatswesens  bei  befriedigenden
Wirtschaftsverhältnissen  gegen  den  sozialdemokratischen  Ansturm  ein  unüberwindliches ­
  Bollwerk  sind,  bei  zerstörter  Wohlfahrt  aber  zu  einer  doppelt  gefährlichen ­
  nivellierenden  Triebsandbank  werden  müssen.
Es  ist  auch  gar  nicht  schwer,  die  Stimmung  zu  erfahren  und  zu  verstehen,
ja  es  ist  fast  unmöglich,  sich  der  Kenntnis  und  dem  Mitgefühl  zu  entziehen.
Denn  einerseits  gibt  es  Zeitungen  genug,  welche  in  aller  Offenheit  Tag  für  Tag
von  der  unheilvollen  Lage  des  gewerblichen  Mittelstandes  berichten,  und  andrerseits ­
  hat  doch  auch  jeder  andauernd  selbst  Gelegenheit,  die  sich  stetig  vermehrenden
und  in  ihrem  Betriebe  anwachsenden  offenbaren  Schädlinge  des  freien  Gewerbeverkehrs, ­
  wie  sie  allerorten  in  Konsumvereinen  und  Warenhäusern  entstehen,
mit  eigenen  Augen  zu  sehen,  und  kann  sich  bei  einiger  Überlegung  sagen,  daß
solche  enormen  Geschäftsverschiebungen  einen  unheilvollen  Zerstörungsprozeß
zahlreicher  wirtschaftlicher  Existenzen  auslösen  und  die  davon  Betroffenen  mit
Angst  und  Bitterkeit  erfüllen  müssen.
§2.
So  ist  denn  auch  in  der  Tat  die  verzweifelte  Lage  des  gewerblichen  Mittelstandes
  als  solche  kein  Geheilnnis,  sie  tvird  nirgends  und  von  niemand  bestritten,
Ä^gewerbttchm^ber  das  Verhalten  zu  ihr  ist  sehr  verschieden.
Mittelstmides.  Bei  den  Männern  schwankt  es  je  nach  der  Parteistellung  der  einzelnen
zwischen  der  aufrichtigen  Schadenfreude,  vereinigt  mit  dem  Streben,  die  Not-
        <pb n="12" />
        läge  noch  zu  vergrößern,  und  zwischen  dem  ernstesten  Bemühen,  sie  durch  energische
Mittel  schnell  zu  beseitigen.  Mitteninne  stehen  in  allen  Schattierungen  die
langen  Reihen  Gleichgültiger  von  dem  selbstzufriedenen  Gelehrten  an,  der  mit
herzloser  Ruhe  und  drapiert  mit  dem  Mantel  der  Wissenschaft  als  pflichteifriger
Statistiker  die  bankerotten  Existenzen  zählt  und  prüft,  ob  seine  Theorie  stimmt,
hinweg  über  den  politisierenden  Manchestermann,  der  bei  eigener  guter  Position
dem  freien  Spiel  der  Kräfte  unter  keiner  Bedingung  entgegentreten  will,  bis
zu  dem  pfiffigen  spießbürgerlichen  Profitjäger,  der  denkt  etwas  verdient  zu
haben,  wenn  er  im  Warenhaus  eine  Sache  mit  63  Pfennigen  bezahlt  hat,  die  er
in  jedem  anderen  Geschäft  für  60  hätte  haben  können.
Bei  den  Frauen  ist  das  Verhalten  gleichmäßiger,  weil  hier  politische  Gründe
oder  doktrinäre  Gesichtspunkte  nur  verhältnismäßig  selten  eine  Rolle  spielen;
leider  aber  ist  es  dem  gewerblichen  Mittelstand  sehr  ungünstig,  und  das  fällt  um
so  mehr  in  die  Wagschale,  als  der  Einkauf  des  weitaus  größten  Teiles  der  Wirtschaftsbedürsnisse
  in  den  Händen  der  Frauen  liegt.  Manche  meinen  sogar,  daß
dieser  Umstand  die  Lösung  der  ganzen  Frage  besonders  schwierig,  wenn  nicht
unmöglich  mache.  Diese  Schwarzseher  werden  offenbar  von  dem  Gefühl  geleitet,
daß  die  mit  der  inneren  Hauswirtschaft  zusammenhängenden  Besorgungen  der
souveränen  Machtbefugnis  der  Frau  unterworfen  sind,  und  daß  auch  nur  der
Versuch  einer  Einschränkung  dieses  Hoheitsrechtes  zu  den  schwersten  Verwickelungen ­
  führen  müßte.
Ich  stimme  dem  nur  insofern  zu,  als  auch  ich  der  Ansicht  bin,  daß  der  Frau
beim  Einkauf  der  Wirtschaftsbedürfnisse  die  weitgehendste  Selbständigkeit  geehrt
bleiben  muß,  bestreite  aber  entschieden,  daß  die  Diskussion  über  die  Berechtigung
der  E  x  i  st  e  n  z  von  Bezugsmöglichkeiten  mit  der  Frage  der  Bezugsfreiheit  zusammenhängt. ­
  Solange  Konsumvereine  und  Warenhäuser  bestehen,  ist  es  selbstverständlich ­
  eine  Beschränkung  der  Freiheit  der  Frauen,  wenn  sie  verhindert
werden,  die  Benutzung  dieser  Einrichtungen  in  Erwägung  zu  ziehen  und  je  nach
ihren  Entschlüssen  dorthin  zu  gehen  oder  andere  Geschäfte  zu  besuchen,  ebenso
wie  es  kein  Zeichen  der  Selbstbestimmung  einer  Frau  ist,  wenn  sie  von  ihrem
Mann  genötigt  wird,  ihre  Wirtschaftsbedürfnisse  prinzipiell  in  einem  Konsum-Verein
  oder  Warenhaus  zu  decken;  wenn  aber  aus  Gründen  der  Staatserhaltung
in  die  Erörterung  eingetreten  werden  muß,  ob  die  Existenz  der  Konsumvereine
und  Warenhäuser  unter  den  gegenwärtigen  Bedingungen  überhaupt  weiter  geduldet ­
  werden  darf  oder  nicht,  so  ist  das  absolut  keine  Frauenfrage,  sondern  eine
Frage  der  allgemeinen  Staatsraison.
Für  sie  gilt  nur  der  Gesichtspunkt,  daß  das  Gesamtwohl  das  höchste
Gesetz  ist.
Zur  möglichst  vollkommenen  Erreichung  des  Gesamtwohles  ist  natürlich
auch  den  Regungen  der  weiblichen  Empfindungen  und  den  Erfahrungen  der
        <pb n="13" />
        12

i

Frauen  Rechnung  zu  tragen.  Daher  wird  bei  etwaiger  Regelung  der  Konsumvereins- ­
  und  Warenhausfrage  zu  prüfen  sein,  welche  Gründe  viele  Frauen  den
beiden  Einrichtungen  so  geneigt  gemacht  haben.  Sind  sie  berechtigt  und  bedeuten
sie  einen  Fortschritt  auf  wirtschaftlichem  Gebiet,  so  ist  zu  erwägen,  auf  welche
Art  die  Frauen  durch  den  freien  Geschäftsverkehr  dieselben  Vorteile  für  ihre
Wirtschaften,  und  diese  womöglich  in  noch  vollkommnerer  Weise,  erreichen  können;
sind  die  Gründe  unberechtigt,  so  verdienen  sie  keine  Berücksichtigung.
In  solcher  Auffassung  liegt  nicht  die  geringste  Unfreundlichkeit  gegen  die
Selbständigkeit  der  Frauen  in  der  Ausübung  ihres  Wirtschaftsberufes,  im  Gegenteil ­
  erhalten  die  Käuferinnen  durch  die  größere  Auswahl  an  Geschäften  einen
erheblichen  Teil  ihrer  Freiheit  zurück,  den  sie  durch  Beschränkung  auf  die  „Großbetriebe ­
  im  Kleinhandel"  mit  Rücksicht  auf  die  vielen  von  ihnen  vorschwebenden
Vorteile  zum  großen  Teil  eingebüßt  hatten.  Mir  ist  auch  gar  nicht  bange  vor
Schwierigkeiten  von  dieser  Seite.  Dafür  hat  die  Frau  als  solche  ein  viel  zu
feines  Verständnis  für  die  Notwendigkeit  der  Erhaltung  eines  geordneten  Staatswesens. ­

§  3.

gewerblichen  Sorge  machen  nür  trotz  gewisser  Anzeichen  aufkeimender  Besserung  ganz
Mittelstand  selbst,  ändere  Leute.  Es  sind  die,  von  denen  man  eigentlich  die  tatbereiteste  Unterstützung ­
  erwarten  sollte,  nämlich  die  bedrohten  Geschäftsleute  in  höchsteigener
Person,  sie,  um  deren  Errettung  es  sich  handelt.  Das  klingt  zwar  sehr  wunderbar
und  eigentümlich,  aber  es  ist  so  und  soll  jetzt,  da  von  niemand  zu  verlangen  ist,
daß  er  die  Behauptung  auf  Treu  und  Glauben  hinnimmt,  erläutert  und  bewiesen
werden.  In  späteren  Zeiten  kann  diese  Sachlage  in  psychologischen  Lehrbiichern
als  Beispiel  dafür  angeführt  werden,  wie  politischer  Doktrinarismus  fähig  ist,
seine  unglücklichen  Opfer  so  zu  verwirren,  daß  diese  lieber  wirtschaftlich  zugrunde
gehen  wollen,  als  durch  offenes  Anerkenntnis  ihres  früheren  Irrtums  ein  Zusammengehen ­
  mit  Anhängern  anderer  Richtungen  anbahnen,  welche  ihnen  sichere
Rettung  zu  bieten  gewillt  und  in  der  Lage  sind.
In  unserem  Fall  haben  die  langjährigen  doktrinären  liberalen  Predigten
von  der  alleinseligmachenden  Eigenschaft  des  freien  Spiels  der  Kräfte  im  Wirtschaftsleben ­
  der  Völker  diese  fast  an  Hypnose  erinnernde  Wirkung  fertig  gebracht,
und  falls  der  liberalen  Presse  aller  Abtönungen  daran  gelegen  ist,  sich  einen
Erfolg  zuerkannt  zu  sehen,  so  kann  ihr  niemand  das  Zeugnis  streitig  machen,
daß  sie  schriftstellerisch  mit  ihrer  Propaganda  für  jenen  manchesterlichen  Grundsatz ­
  einen  geradezu  erstaunlichen  Erfolg  errungen  hat.  Denn  selbst  jetzt  noch
ist  es  ihr  vergönnt,  zu  sehen,  wie  die  größte  Zahl  der  Kaufleute  und  Handwerker
trotz  der  unter  der  Herrschaft  der  schrankenlosen  Gewerbefreiheit  über  sie  hereingebrochenen ­
  Erschütterung  ihrer  wirtschaftlichen  Existenzbedingungen  immer
weiter  an  der  für  sie  so  unheilvollen  Botschaft  mit  einer  Ergebung  hängen,  welche
        <pb n="14" />
        —  13  —
in  solcher  Ausdehnung  und  in  solcher  Losgelöstheit  von  den  Denkgesetzen  der
praktischen  Vernunft  bisher  immer  nur  als  eine  Eigenschaft  der  strenggläubigen
Bekenner  des  Korans  beobachtet  worden  ist.  Die  Tatsache  als  solche  steht  für
ganz  Deutschland  fest  und  stellt  ein  bedeutsames  psychopolitisches  Problem  dar,
dessen  Lösung  auf  alle  Fälle  erstrebt  werden  muß;  denn  die  gegenwärtige  Teilnahmlosigkeit ­
  so  vieler  in  das  wirtschaftliche  Nichts  versinkenden  Gewerbetreibenden ­
  bei  den  zu  ihrer  eigenen  Rettung  unternommenen  Schritten  hat
etwas  Beängstigendes  und  schließt  große  Gefahren  in  sich  ein.
Es  sind  überall  nur  unglaublich  wenige  und,  abgesehen  von  einigen  bewunderungswürdigen ­
  Veteranen,  meist  nur  jüngere  Herren,  welche  eine  erfreuliche ­
  Energie  des  Handelns  an  den  Tag  legen.  Die  meisten  Angehörigen
des  gewerblichen  Mittelstandes  erscheinen  von  einer  unverständlichen  inneren
Zwiespältigkeit  gelähmt,  unter  welcher  gerade  die  eifrigen,  tätigen  Elemente
schwer  zu  leiden  haben.  Vielleicht  finden  sie  im  folgenden  die  Aufklärung  über
die  Gründe  der  Schwierigkeit,  welche  sie  mit  dem  Aufrütteln  ihrer  Kollegen  haben,
und  können  damit  neue  Angriffspunkte  gewinnen  für  das  Einsetzen  der  Hebel
behufs  einer  besseren  Wirkung  bei  ihrer  mühseligen  Arbeit,  sich  und  den  anderen
zu  helfen.  Ich  bitte  sie  deshalb,  meinem  Gedankengang  über  die  allmähliche
Entstehung  der  Teilnahmlosigkeit  so  vieler  Gewerbetreibenden  bei  den  Bemühungen ­
  für  ihre  eigene  Rettung  aufmerksam  zu  folgen.
§  4.
Der  weitaus  größte  Teil  der  in  Frage  kommenden  Gewerbetreibenden  hat
seine  Geschäfte  übernommen,  als  die  heutigen  Geschäftsschädiger  noch  nicht  für  vieler
sie  existierten.  Sie  hatten  allen  Grund  anzunehmen,  daß  sie  in  den  damaligen
Wirtschaftsverhältnissen  vorwärts  kommen  könnten.  Da  war  ihre  Brust  mit
Hoffnung  erfüllt.  Das  Bewußtsein  der  eigenen  Kraft  verlieh  ihnen  das  wohlige
Gefühl  der  Sicherheit  eines  Erfolges,  das  zwar  noch  schöner  ist  als  die  Freude
am  Erfolg  selbst,  diesen  aber  keineswegs  gewährleistet  und  nur  gar  zu  leicht  die
Bedeutung  der  außerhalb  der  eigenen  Person  liegenden  und  etwa  im  Entstehen
begriffenen  Faktoren  unterschätzen  läßt.
Für  solche  Männer  hatte  die  liberale  Lehre  von  dem  freien  Spiel  der
Kräfte  fraglos  etwas  sehr  Verlockendes.  Sic  bot  auch  den  weniger  klar  Sehenden
und  nur  in  den  dunkleren  Regionen  der  Gefühle  Tastenden  von  berühmten
Männern  vorgedacht  in  einer  bequemen  Formel,  was  sie  jede  Faser  ihres
Inneren  als  erwünschteste  Wahrheit  festhalten  hieß,  nämlich  die  Verheißung
einer  glücklichen  Zukunft  als  notwendige  Folge  der  eigenen  Tüchtigkeit.  Daher
kein  Wunder,  daß  Männer,  welche  in  jedem  Augenblick  auf  den  Konkurrenzkampf
angewiesen  waren,  hier  an  die  richtige  Adresse  gekommen  zu  sein  glaubten.
        <pb n="15" />
        14

Geschäftsmann  und  liberal  sein  haben  denn  auch  viele  Jahre  hindurch  bei
uns  für  ganz  gleichbedeutende  Begriffe  gegolten,  liberale  Zeitungen  oder  höchstens
sog.  unparteiische,  in  Wirklichkeit  aber  liberalisierende  Generalanzeiger  bildeten
die  tägliche  Lektüre  der  Geschäftsleute  und  auch  heute  noch  wird  bis  zum  Beweis
des  Gegenteils  zunächst  als  selbstverständlich  angenommen,  daß  ein  Gewerbetreibender ­
  den  Anschauungen  der  liberalen  Partei  von  der  unbeschränkten  und
nie  zu  beschränkenden  Gewerbefreiheit  huldigt.
Solche  „selbstverständliche  Meinung"  ist  nun  aber  eine  gewältige
  Macht  im  öffentlichen  Leben,  vielleicht  die  größte,  die  es  gibt.  Nur
starke  Naturen  und  sehr  selbständig  denkende  Personen  wagen  gegen  ihren
Stachel  zu  lecken.  Das  Gros  stimmt,  solange  es  keine  Unbequemlichkeit  von  ihr
fühlt,  laut  zu,  bis  zu  einem  recht  erheblichen  Grad  nimmt  es  aber  auch  noch
zutage  tretende  Unstimmigkeiten  ruhig  hin,  und  selbst  bei  direkten  Widersprüchen
oder  gar  Schädigungen  duldet  es  stumm  den  Druck  des  zwar  nicht  sichtbaren,
aber  doch  allgegenwärtigen  Tyrannen.
In  dieser  Lage  befinden  sich  gegenwärtig  in  Deutsch,
land  weite  Kreise  des  städtischen  gewerblichen  Mittelst
  a  n  d  e  s.
§  5.
bKtd&amp;amp;tcU  ber  Wo  gibt  es  wohl  bei  uns  einen  Angehörigen  des  gewerblichen  Mittelstandes,
"°cktehenben  Er-  ber  nicht  durch  eigene  Wahrnehmungen  erfahren  hätte,  welche  nachteilige  Folgen
die  liberale  Lehre  von  der  absoluten  Gewerbefreiheit  in  der  Praxis  für  ihn  und
seine  Standesgenossen  hat,  wo  gibt  es  jemand,  der  das  unter  vier  Augen  nicht
ohne  weiteres  zugäbe,  und  wo  gibt  es  jemand,  der  nicht  speziell  die  Konsunwereine
und  Warenhäuser  als  geradezu  gefährliche  Auswüchse  der  Gewerbefreiheit
bezeichnete?
Dazu  kann  man  noch  oft  von  Gewerbetreibenden  Klagen  über  Spezialitäten
von  Geschäftsschädigungen  hören,  die  je  nach  dem  Charakter  der  einzelnen
Branchen  verschieden  sind.  Da  klagt  der  eine  über  unlautere  Konkurrenz  der
Freibank,  der  andere  zetert  über  den  Magistrat,  der  den  Kastellanen  der  einzelnen
Schulen  den  Verkauf  von  Schreibutensilien  gestattet,  ein  dritter  macht  darauf
aufmerksam,  daß  es  ungehörig  sei,  in  der  Post  eine  öffentliche  Verkaufstelle  für
Briefmarken  einzurichten,  deren  Bedienung  eine  junge  Verkäuferin  deswegen
unentgeltlich  versieht,  weil  ihr  gestattet  ist,  Ansichtspostkarten  mit  zu  vertreiben;
Kohlenhändler  beschweren  sich  bitter  über  die  jetzt  sehr  überhandnehmenden
Kohleneinkaufsvereine  und  deren  Förderung  durch  Grubenverwaltungen,  und  so
geht  es  weiter.  Und  doch  bekommt  man,  wenn  man  nach  Anhören  der  Litaneien
mit  dürren  Worten  auf  die  Wurzel  aller  dieser  Übel  aufmerksam  macht  und  direkt
auf  die  zügellose  Gewerbefreiheit  als  die  liberale  Quelle  der  aufsteigenden  Nöte
        <pb n="16" />
        15

hinweist,  fast  immer  die  Antwort:  Ja,  das  sei  richtig,  aber  daran  lasse  sich  bei
dem  herrschenden  Zeitgei  st  leider  nichts  ändern.
Da  haben  wir  den  Tyrannen!
Der  Zeitgeist  will  es  nicht,  und  darum  ist  nichts  zu
machen.
Nein!
Der  Herren  eigener  Geist  geniert  sich  offen  einzugestehen,  daß  es  im
Grunde  ein  starker  Irrtum  war,  dem  man  zum  Opfer  gefallen  ist,  als
man  Jahrzehnte  hindurch  gejubelt  hat  über  den  Fall  aller  Schranken,  welche
unsere  Vorfahren  allmählich  zum  Schutze  des  Erwerbslebens  aufgerichtet  hatten,
er  geniert  sich,  indirekt  zu  bekennen,  daß  es  unrecht  gewesen  ist  und  ein  Zeichen
kurzsichtigen  Vertrauens  auf  die  eigene  unzulängliche  Kraft,  den  unter  dem  Drucke
des  börsenjobbernden  Großkapitals  seufzenden  und  nach  Staatshilfe  rufenden
großen  Erwerbstand  der  Landwirte  über  ein  Jahrzehnt  zu  verhöhnen  und  auf
die  Selbsthilfe  zu  verweisen,  während  die  Not  desselben  durch  Staatsgesetze
hervorgerufen  war,  und  er  geniert  sich  endlich,  die  Hilfe  nun  gerade  nur  von
den  Parteien  in  Aussicht  gestellt  zu  sehen,  gegen'  deren  Angehörige  durch  die
unaufhörlichen  Hetzereien  der  liberalen  und  freisinnigen  Zeitungen  bei  ihm  selbst
zum  Teil  das  Gefühl  des  Hasses  und  der  Mißachtung  erzeugt  ist.

§  6.
Wenn  man  sich  das  alles  recht  lebendig  vergegenwärtigt,  so  kann  man
nicht  anders  als  sagen,  daß  hier  ein  tragisches  Massengeschick  eines  ganzen
Standes  vorliegt.  Es  läßt  sich  definieren  als:  „Akuter  innerer  Widerstreit  der
gegenwärtigen  Lebensinteressen  mit  einem  falschen,  aber  durch  Parteifanatismus
verankerten  allgemeinen  wirtschaftlichen  Grundsatz."
Daß  eine  solche  Lage  sehr  schwierig  ist,  wird  jeder  fühlen,  nicht  aber  sofort
verstehen,  wie  es  möglich  gewesen  ist,  daß  sie  einen  solchen  Umfang  hat  annehmen
können.  Der  Grund  hierfür  liegt  in  dem  andauernden  intensiven  Wirken  der
liberalen  Presse  im  allgemeinen  und  der  freisinnigen  im  besonderen.  Sie  hat
das  Beweisthema  für  den  Niedergang  des  gewerblichen  Mittelstandes  dauernd
in  frivoler  Weise  verschoben  und  durch  ganz  systematische  Schürerei  zwischen
Stadt  und  Land  eine  Feindschaft  erweckt,  durch  deren  Ausnutzung  es  ihr  gelungen
ist,  den  Blick  des  städtischen  gewerblichen  Mittelstandes  so  zu  trüben,  daß  dieser
aus  der  künstlich  erzeugten  Abneigung  heraus  glaubte,  die  ihn  bedrückenden  Wirt.
schaftlichen  Schwierigkeiten  stammten  von  den  bösen  Agrariern,  während  sie  in
Wahrheit  nur  von  der  dem  internationalen  Großkapital  dienenden  absoluten
Gewerbefreiheit  kamen.
§  7.
Die  liberale  und  freisinnige  Presse  hat  von  jeher  vor  allen  Dingen  in
erster  Linie  die  Interessen  des  mobilen  internationalen  Großkapitals  vertreten,

Tragischer  Konflikt
im  gewerblichen
Mittelstand.

Einseitige  Parteinahme ­
  der
liberalen  und  frei-
        <pb n="17" />
        1(3

J« 0 1  it  ternati  o- T  şiê  şich  beim  internationalen  Großhandel  jeder  Art  verkörpern.  Um  ihm
nalenGroßhandel,  politischen  Einfluß  zu  verschaffen,  mußten  Wähler  gewonnen  werden,  und  diese
waren  am  sichersten  aus  den  Reihen  der  begrifflich  nächststehenden  Wirtschaftsgruppen ­
  zu  holen.  Daher  sind  von  ihr  immer  die  Interessen  von  Handel  und
Gewerbe  als  zusammengehörig  hingestellt  worden,  ganz  gleichgültig,  ob  von  Großund
  Kleinhandel  oder  Groß-  und  Kleingewerbe  die  Rede  war.  Die  Gewerbefreiheit ­
  sollte  allen  zugleich  nützen.
Dieser  Stimmenfang  ist  auch  durchaus  gelungen.
Schon  sehr  bald  aber  zeigten  sich  Spuren  der  Unrichtigkeit  dieser  Ansicht.
Erst  langsam,  dann  immer  schneller  erwiesen  sich  im  Zeitalter  der  Gewerbefreiheit ­
  die  Großbetriebe  den  Kleinbetrieben  als  überlegene  Konkurrenten.  Der
Unterschied  ließ  sich  im  Konkurrenzkampf  auf  die  Dauer  nicht  verschleiern,  und
da  haben  sich  die  angeblich  für  den  ganzen  Handel  und  das  ganze  Gewerbe  besorgten ­
  Blätter  nicht  lange  besonnen  und  haben  sich  ihrem  inneren  Drange  und
Ihrer  äußeren  Bestimmung  folgend  rücksichtslos  in  den  Dienst  des  internationalen
Großkapitals  gestellt.  Dieselbe  Wandlung  hat  sich  mit  den  liberalen  und  freisinnigen ­
  Volksvertretern  in  den  Parlamenten  vollzogen.  Das  Resultat  derselben
hat  sich  allmählich  in  der  zum  Überdruß  bis  auf  den  heutigen  Tag  wiederholten  und
für  die  Konsumvereine  und  Warenhäuser  eine  besondere  Rolle  spielenden  Formel
verdichtet:  Die  Großbetriebe  sind  den  Kleinbetrieben  überlegen,  deshalb  haben
die  Kleinbetriebe,  oder,  wie  man  sich  oft  verächtlich  ausdrückt,  die  Zwergbetriebe
keine  Existenzberechtigung  mehr.  Die  Eile  des  Schließend  ist  köstlich!
Man  merkt  es  ihr  an,  daß  es  den  Zeichendeutern  mehr  darauf  angekommen  ist,
an  einem  voraus  bestimmten  Ziele  anzugelangen,  als  mit  überlegender  Ruhe  ans
den  Erscheinungen  allein  die  zulässigen  Folgerungen  zu  ziehen.

§  8.
DiksManchkster-  Welches  ist  die  hier  in  Frage  kommende  Tatsache?  Doch  offenbar  die,
lä&amp;gt;sic,t  die  Rechte  daß  bei  der  jetzt  gültigen  Wirtschaftsordnung  eine  Anzahl  Großbetriebe  in  der
sonen  gegenüber  Konkurrenz  gewissen  Kleinbetrieben  iiberlegen  ist.  Daraus  darf  man  vor-BNmişi
  dcr^Ge-  sichtigerweise  doch  nur  schließen,  daß  diese  Kleinbetriebe  in  längerer  oder  kürzerer
'  e ’  Zeit  eingehen  werden,  tvenn  die  Produktionsbedingungen  sich  nicht  ändern.  Gleich
zu  sagen,  daß  die  Kleinbetriebe  überhaupt  nicht  mehr  e  x  i  st  e  n  z  b  e  r  e  ch  t  i  g  t  sind,
geht  viel  zu  weit.  Es  liegt  diesem  Schluß  außer  anderen  der  Fehler  zugrunde,
daß  der  strittige  Punkt  von  der  Nichtigkeit  des  Prinzips  der  unbedingten  Gewerbesreiheit
  von  liberaler  Seite  als  ausgemachte  ewige  Wahrheit  hingestellt
wird.  Es  gibt  aber  sehr  viele  Leute,  welche  im  Gegenteil  behaupten,  daß  das
absolut  freie  Spiel  der  Kräfte  keine  Berechtigung  in  einem  Staatswesen  hat,
dessen  Bürger  nicht  gegen,  sondern  mit  und  für  einander  leben  sollen.
        <pb n="18" />
        17

Auch  muß  gerügt  werden,  daß  mit  einer  offensichtlichen  Geflissenheit  fast
immer  nur  von  unpersönlichen  Betriebsformen  geredet  wird,  ohne  von
den  Personen  zu  sprechen,  die  handelnd  hinter  diesen  Betriebsformen  stehen,
ja  ohne  welche  diese  Betriebsformen  gar  nicht  denkbar  sind.
Die  Existenzberechtigung  einer  Betriebsform  hangt  also  sehr  eng  zusammen
mit  der  Berechtigung  der  Existenz  von  physischen  Personen.  Die  Kleinbetriebe
sind  Wohl  nie  im  Besitz  von  Aktiengesellschaften,  sie  können  nicht  einfach  abgeschrieben ­
  und  damit  aus  der  Welt  geschafft  werden.  Sie  sind  meist  Besitz--tümer
  von  lebenden  Menschen,  welche  durch  sie  eine  bestimmte  Position  im
Staate  einnehmen.  Von  diesen  Menschen  reden  die  Herren  Liberalen  und
freisinnigen  also  meist  nicht.  Fragt  man  sie,  was  die  anfangen  sollen,  so  erhält
man  die  Antwort:  Etwas  anderes!  Was  .  .  .  wird  nicht  gesagt.  Etwas  Besseres,
als  sie  früher  hatten,  würde  es  wohl  nicht  sein,  und  jemand  zu  etwas  Schlechterem
raten,  wäre  weder  liberal  noch  freisinnig.  Damit  aber  ist  den  Besitzern  der
Kleinbetriebe  nicht  geholfen,  denn  sie  existieren  und  haben  auf  Grund  dieser
ihrer  Existenz  das  Recht  auch  weiter  zu  existieren,  ja  sie  haben  sogar  fraglos
ein  gutes  Recht  darauf,  daß  ihnen  ihre  die  physische  Existenz  erst  ermöglichende
wirtschaftliche  Existenz  nicht  durch  starres  Festhalten  an  verhängnisvollen  gesetzlichen ­
  Maßnahmen  entzogen,  oder  technisch  ausgedrückt,  daß  sie  nicht  ohne  Entschädigung ­
  expropriiert  werden.  Einer  Expropriation  aber  kommt  es  für  zahlreiche ­
  Gewerbetreibende  gleich,  wenn  durch  die  Gesetzgebung  Einrichtungen  wie
Konsumvereine  und  Warenhäuser  geschaffen  sind  und  geduldet  bleiben,  welche
ihnen  die  Kundschaft  mit  Gewalt  entziehen.  Analog  den  Gesetzen  über  die
Expropriation  kann  daher  jeder  Gewerbetreibende  fordern,  daß  nicht  sein  durch
das  starre  Festhalten  an  der  Gewerbefreiheit  in  Aussicht  stehender  Ruin  einfach
als  neuer  Beweis  für  die  Uberflüssigkeit  seines  Betriebes  registriert  werde,
sondern  daß  umgekehrt  in  eine  prinzipielle  Erörterung  über  die  Nützlichkeit  des
eingeführten  Prinzips  vom  freien  Spiel  der  Kräfte  an  der  Hand  der  nunmehr
zahlreich  vorliegenden  Erfahrungen  eingetreten  werde.
§  9.
Von  seiten  der  Landwirtschaft  sind  solche  Forderungen  auch  gestellt  worden,  W'N
und  zwar  mit  großer  Einmütigkeit  und  logischer  Folgerichtigkeit,  da  die  Inter-  »wtswcn^Stadt  u.
essen  von  Groß-  und  Kleinbetrieb  sich  hier  decken.  Trotz  des  unglaublichsten
Widerstandes  der  gesamten  manchesterlichen  Presse  ist  wenigstens  auf  dem  Gebiete ­
  der  Börsengesetzgebung  sowie  des  veterinären  und  sanitären  Grenzschutzes
eine  bemerkenswerte  Einschränkung  des  freien  Spieles  der  Kräfte  zum  Segen
der  Volkswohlfahrt  erfolgt.
Leider  ist  als  Niederschlag  der  langen  Kämpfe  eine  tiefgehende  Erbitterung
zwischen  dem  städtischen  gewerblichen  Mittelstand  und  der  Landwirtschaft  ent-Such»land,
  Schutz-  und  Trutz-Waffen.  2
        <pb n="19" />
        18

standen,  da  es  der  manchesterlichen  Presse  gelungen  war,  die  Interessen'  der
Börse  als  identisch  mit  denen  des  gesamten  Handels  hinzustellen.
Diese  Feindschaft  besteht  noch  und  wird  mit  großer  Virtuosität  von  der
linksstehenden  Presse  zur  Verdunkelung  von  Tatsachen  benutzt,  um  ihre  Leser
von  den  wahren  Gründen  des  sich  immer  deutlicher  einstellenden  Niederganges
des  gewerblichen  Mittelstandes  abzulenken  und  die  Massen  des  gewerblichen
Mittelstandes  als  willigen  Vorspann  für  Wahlen  im  Sinne  des  internationalen
Großhandels  weiter  zu  benutzen.

§10.

Unvermutete  Hilfe
für  den  gewerblichen ­
  Mittelstand.

Wer  weiß  nun,  wie  lange  noch  die  unnatürliche  Symbiose  von  dem  internationalen ­
  Großkapital  und  dem  national  gerichteten  gewerblichen  Mittelstand
angedauert  hätte,  wenn  nicht  der  Preußische  Handelsminister  Möller  den
prinzipiellen  Unterschied  zwischen  Groß-  und  Kleinbetrieben  in  besonders
drastischer  Weise  zum  Ausdruck  gebracht  und  dadurch  wie  mit  einem  Scheinwerfer ­
  den  Angehörigen  des  gewerblichen  Mittelstandes  in  einer  vollendeten
Deutlichkeit  die  Kluft  beleuchtet  hätte,  welche  zwischen  Groß-  und  Kleinbetrieb ­
  gähnt.
Es  ist  das  geschehen  durch  die  bekannte  Bemerkung  Sr.  Exzellenz  im
Preußischen  Abgeordnetenhaus,  wo  der  Herr  Handelsminister  am  17.  Februar
1904  unter  dem  Beifall  der  linken  Seite  des  Hauses  in  bezug  aus  die  Ausdehnung ­
  der  Warenhäuser  gesagt  hat:  Ich  glaube,  es  ist  ein  vergebliches  Bemühen, ­
  dieser  Bewegung  Einhalt  tun  zu  wollen.  Ich  halte  es  auch  für  durchaus
verfehlt,  dazu  übergehen  zu  wollen,  die  Intelligenz  zu  besteuern.  (Sehr  richtig!
links.)

,  Von  vielen  Seiten  ist  Exzellenz  Möller  wegen  seiner  Bemerkung  angegriffen ­
  worden.  Ich  finde,  er  verdient  Dank  wegen  seiner  bewiesenen  Gerade
heit  und  Offenheit.  In  staatlichen  Dingen  ist  Geradheit  besonders  wünschenswert, ­
  auch  wenn  sie  zunächst  nicht  angenehm  klingt.  Sie  allein  kann  uns  den
Weg  zum  wirklichen  Fortschritt  in  der  Entwickelung  realer  Verhältnisse  zeigen.
Aus  ihr  sind  wenigstens  sichere  Schlüsse  zu  ziehen  möglich.
Auch  hier  können  wir  deshalb  fragen:  Was  bedeutet  im  Munde  von
Exzellenz  Möller  die  Äußerung,  daß  die  Warenhäuser  Stätten  der  Intelligenz
seien?  Sie  besagt  weiter  nichts,  als  daß  der  Herr  Handelsminister  die  Ansichten ­
  der  Lobredner  der  Großbetriebe  teilt.  Da  er  nun  selbst  aus  einem
Großbetrieb  heraus  auf  den  Ministerposten  berufen  ist  und  in  seiner  Eigenschaft
als  langjähriger  nationalliberaler  Parlamentarier  auf  diesem  Standpunkt  gestanden ­
  hat,  so  ist  das  an  sich  keineswegs  verwunderlich,  sondern  zeigt  nur
sozusagen  ex  cathedra  die  Anschauung  des  Großhandels  und  der  Großindustrie
als  dahin  gerichtet,  daß  von  ihrer  Seite  auf  die  Erhaltung  des  gewerblichen
        <pb n="20" />
        2*

19

Mittelstandes  kein  Gewicht  gelegt  wird.  Für  ruhig  denkende  Beobachter  ist  das
nie  ein  Geheimnis,  für  den  gewerblichen  Mittelstand  aber  ist  die  ministerielle
Bemerkung  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  ein  Rippenstoß  zur  rechten  Zeit  gewesen. ­
  Sie  allein  war  vielleicht  geeignet  viele  aus  dem  Schlafe  aufzuschrecken,
in  welchen  sie  im  Laufe  der  liberalen  Ara  durch  das  Rattenfängerlied  der
manchesterlichen  Presse  vom  freien  Spiel  der  Kräfte  eingelullt  waren,  als
existiere  ein  einziger  großer  Handels-  und  Gewerbestand,  dessen  Interessen  für
alle  großen  und  kleinen  Angehörigen  solidarisch  wären.  Den  Taktstock  hat  zu
dem  Lied  das  internationale  Großkapital  geschwungen.  Es  hat  sich  dabei  durch
Verwandlung  ungezählter  Großbetriebe  in  Aktiengesellschaften  einen  ungeheuren
Verdienst  und  in  den  Aufsichtsratstellen  dauernden  Einfluß  auf  den  Gang  der
Geschäfte  verschafft.  Jetzt  ist  es  darangegangen,  durch  Gründungen  von  Warenhäusern ­
  auch  den  Kleinhandel  für  sich  unter  dem  Motto  zu  monopolisieren:
Die  Kleinbetriebe  hätten  keine  Existenzberechtigung  mehr.  Man  sieht,
die  Herren  sind  noch  nicht  einmal  erfinderisch.  Sie  schlagen  alles  über  einem
Leisten  kaput.
Bei  solchen  Erwägungen  sieht  man,  daß  das  Wort  von  der  Intelligenz
der  Warenhäuser  ganz  zur  rechten  Zeit  gefallen  ist.  Als  geflügeltes  hat  es
schnell  seinen  Weg  durch  die  Lande  gemacht.  Es  ist  nun  Pflicht,  ihm  die  Flügel
abzulösen.  Es  muß  überall  eine  bleibende  Statt  erlangen,  damit  aus  dem
Schmerz,  den  es  verursacht  hat,  die  Heilung  eines  großen  Volksschadens  erblühe.
Denn  wie  der  Schmerz  der  Wächter  der  Gesundheit  für  den  Körper  ist,  so  kann,
er  auch  im  Wirtschaftsleben  eines  Volkes  diese  Rolle  übernehmen.
Und  wehe  getan  hat  das  Wort  Sr.  Exzellenz  wirklich  den  Angehörigen
des  gewerblichen  Mittelstandes,  obwohl  sie  durch  ihre  manchesterlichen  Leiborgane,
  wie  wir  oben  gesehen  haben,  wahrlich  nicht  verwöhnt  waren.
Aber  auch  hier  heißt  es:  Wenn  zwei  dasselbe  tun,  so  ist  es  nicht  dasselbe.
Was  man  sich  von  einem  alten  dreisten  Bekannten  im  Schlafrock  an  den  Kopf
werfen  läßt,  ohne  es  zu  beachten,  das  macht  aus  dem  offiziellen  Munde  eines
Ministers  stutzig,  zumal  wenn  dabei  eine  Anspielung  auf  persönliche  Minderbegabung ­
  mit  unterläuft.
So  ist  es  gekommen,  daß  seit  dem  17.  Februar  1904  eine  gewisse  Bewegung ­
  in  der  größeren  Masse  der  Angehörigen  des  gewerblichen  Mittelstandes
zu  bemerken  ist.
§  11.
Bei  vielen  bisher  agrarisch  sogar  sehr  verärgerten  gewerblichen  Mittelstandsleuten
  hat  auch  die  schonendste  Einflößung  der  ministeriellen  Pille  durch  ^wachmig^  Mina
die  freisinnigen  Zeitungsspalten  wie  ein  explosiver  seelischer  Gärungserreger  ge-  stand,
wirkt  und  dabei  den  oben  geschilderten  tragischen  Konflikt  mit  einem  Ruck  zur
Lösung  gebracht.
        <pb n="21" />
        —  20  —
In  Halle  a.  S.  z.  B.  ist  das  Wunder  geschehen,  daß  von  nationalliberaler
und  freisinniger  Seite  eine  öffentliche  Versammlung  behufs  Stellungnahme  zur
Warenhausfrage  einberufen  worden  ist,  in  welcher  bei  unerhört  starkem  Besuche
nur  gegen  wenige  sozialdemokratische  Warenhaustrabanten  unter  lautem  Beifall
eine  für  eine  hohe  Warenhausumsatzsteuer  gerichtete  Resolution  angenommen
wurde,  während  dieselben  Herren  sich  bei  der  ein  halbes  Jahr  früher  statt-,
gefundenen  Landtagswahl  noch  mit  dem  manchesterlichen  Gewäsch  des  laissez
faire,  laissez  aller  hatten  abspeisen  lassen.
Außerdem  haben  im  Anschluß  an  diese  Versammlung  sich  sehr  viele  Geschäftsleute ­
  endlich  dazu  aufgerafft,  der  freisinnigen  Saalezeitung  den  Laufpaß
zu  geben.  Als  Augen-  und  Ohrenzeugen  der  Vorgänge  in  der  Versammlung
erkannten  sie  nämlich  am  anderen  Tage  bei  der  Lektüre  des  Referats,  welche
Virtuosität  dieses  Blatt  im  Verdrehen  von  Tatsachen  hat,  wenn  es  sich  darum
handelt,  den  Wünschen  des  gewerblichen  Mittelstandes  für  seine  Erhaltung  Ausdruck ­
  zu  geben.  Die  Herren  sahen  an  einem  Musterbeispiel,  wie  recht  ich  habe,
wenn  ich  bei  jeder  Gelegenheit  sage,  daß  es  mit  den  Verhältnissen  des  gewerblichen ­
  Mittelstandes  nicht  eher  besser  werden  kann,  als  bis  die  liberalen,  freisinnigen ­
  und  sog.  unparteiischen  Zeitungen  ans  den  Häusern  des  Mittelstandes
verschwunden  sind.  Möchten  noch  recht  viele  ihren  Ernst  in  ihren  Bestrebungen
um  die  Besserung  ihrer  wirtschaftlichen  Lage  durch  Abbestellen  der  manchesterlichen ­
  Zeitungen,  unter  denen  die  Saalezeitung  eine  der  schlimmsten  Sünderinnen
ist,  umgehend  beweisen!
Nun  geht  ja  vielleicht  der  seelische  Fermentationsprozeß  nicht  überall  so
stürmisch  vor  sich  wie  bei  meinen  Hallischen  temperamentvollen  freisinnigen  Mitbürgern, ­
  welche  noch  dazu  durch  zwei  große  Warenhäuser  und  vier  Konsum-Vereine
  mit  zirka  17  000  Mitgliedern  geschäftlich  unglaublich  drangsaliert  werden,
es  ist  möglich,  daß  er  an  anderen  Orten  langsamer  verläuft,  aber  eintreten  wird
er  sicher  überall,  und  dann  wird  als  gemeinsames  Ergebnis  desselben  die  Erklärung ­
  des  gewerblichen  Mittelstandes  zum  Vorschein  kommen,  daß  er  nicht
gewillt  ist,  um  der  schönen  Glasaugen  der  Großbetriebe  willen  in  tatenlosem
Warten  das  Harakiri  an  sich  zu  vollziehen,  sondern  in  der  ernstesten  Sorge  um
seine  Existenz  die  Kraft  gefunden  hat,  die  gesetzlichen  Grundlagen  des  Wirtschaftslebens, ­
  welche  seinen  Niedergang  verschuldet  haben,  einer  Revision  zu  unterziehen. ­

§12.
Eine  solche  Revision  braucht  keineswegs  alles  jetzt  geltende  Recht  über
Gewerbefreiheit.  Bord  zu  werfen.  Das  wäre  ebenso  verkehrt,  wie  es  die  Niederreißung  der  sänitlichen
  Schranken  des  früheren  Gewerbelebens  gewesen  ist.  Es  soll  nur  dev
doktrinäre  Absolutismus  der  gegenwärtigen,  zügellosen  und  gewalttätigen  Gewerbefreiheit ­
  gebrochen  werden.  In  bezug  auf  die  Warenhäuser  ist  ja  schon

Gesichtspunkte  für
eine  Revision  der
        <pb n="22" />
        21

durch  Einführung  der  Umsatzsteuer  die  Richtung  angedeutet,  in  welcher  eine  Abhilfe ­
  erfolgen  kann.  Man  gehe  noch  einen  Schritt  weiter  und  führe  sowohl  für
die  Konsumvereine  als  auch  für  die  Warenhäuser  die  Konzessionspflicht
ein.  Bei  den  Warenhäusern  rechtfertigt  sie  sich  durch  die  Erwägung,  daß  diese
Institute  eigentlich  stehende  Jahrmärkte  sind,  und  bei  den  Konsumvereinen  durch
den  Nachweis,  den  ich  in  meinen  „Klippen  des  sozialen  Friedens"  erbracht  habe,
daß  die  Konsumvereine  eigentlich  gar  keine  auf  Selbsthilfe  beruhenden  Genossenschaften ­
  sind,  sondern  nur  durch  einen  Irrtum  von  Schulze-Delitzsch  in  dem
Genossenschastsgesetz  Aufnahme  gefunden  haben.  Damit  würde  schon  sehr  viel
geholfen  sein.  Bei  solcher  und  ähnlicher  Revision  braucht  kein  Gewerbetreibender
seine  Mithilfe  zu  versagen.  Er  wird  dabei  in  keiner  Weise  entwürdigt.  Es
schändet  niemand,  wenn  er  einen  Irrtum  bekennt.  Im  Gegenteil  ehrt  solches
Verhalten  und  gehört  zu  denjenigen  hochherzigen  Taten,  die  von  der  Natur
dadurch  besonders  ausgezeichnet  und  geadelt  erscheinen,  daß  sie  als  Lohn  für  die
bewiesene  Selbstüberwindung  ein  eigenartiges  erhebendes  Gefühl  der  Befreiung
erzeugen.  Es  ist  das  der  Ausgleich  der  bis  dahin  vorhandenen  Spannung  des
inneren  Empfindens  mit  den  realen  Forderungen  der  Wirklichkeit.
Als  objektive  Erscheinung  zeigt  sich  zugleich  auch  wieder  tatenfroher  Mut
anstatt  der  bleiernen  Niedergeschlagenheit.
§13.
Grundbedingung  für  alles  dies  ist  aber  die  Einsicht  des  Irrtums  auf  seiten
des  gewerbetreibenden  Mittelstandes  in  seiner  bisherigen  Stellung  zur  Unantastbarkeit
  der  absoluten  Gewerbefreiheit.  Diese  Einsicht  befördern,  heißt  eigener  Sacke,
unserem  ganzen  Staatsleben  einen  großen  Dienst  leisten.  Nach  meinen  Kräften
dazu  beizutragen,  ist  der  Zweck  dieses  Buches.  Er  wird  nach  meinen  Erfahrungen
am  besten  erreicht  werden,  wenn  wir  die  beiden  großen  Schädlinge  des  Handelund
  Gewerbestandes,  die  Konsumvereine  und  Warenhäuser,  an  der  Hand  der
Lobreden  ihrer  Freunde  einer  kritischen  Betrachtung  unterwerfen.  Solcher
Lobreden  liegen  jetzt  schon  eine  ganze  Anzahl  gedruckt  vor.  Sie  sind  alle  auf
denselben  Ton  der  Überschwenglichkeit  abgestimmt  und  unterscheiden  sich  nur  durch
größere  oder  geringere  Ausführlichkeit  in  der  Aufzählung  der  Wundereigenschaften
der  voluminösen  Sprößlinge  aus  denn  fruchtbaren  Schoß  der  Gewerbefreiheit.
Dabei  muß  freilich  gleich  von  vorneherein  auf  eine  merkwürdige  Erscheinung ­
  aufmerksam  gemacht  werden,  die  an  sich  schon  zu  ernsten  Zweifeln  über
die  be^n^Meit  Segnungen  der  beiden  Wunderkinder  anregen  muß.  Sie  besteht
darin,  daß  zwischen  den  Konsumvereinen  und  Warenhäusern  nichts  weniger  als
ein  geschwisterliches  Verhältnis  besteht.  Beide  leben  auf  sehr  gespanntem  Fuße,
wenn  sie  sich  in  ihren  Interessensphären  begegnen,  und  jedes  Kind  behauptet
von  dem  anderen,  daß  es  dem  Gemeinwesen  schade.  Wir  sind  in  der  Lage,  in
        <pb n="23" />
        diesem  einen  Punkte  beiden  zustimmen  zu  können,  so  sehr  wir  auch  in  allen
anderen  Behauptungen  von  ihnen  abweichen.  Zugleich  aber  wird  es  auch  verständlich, ­
  daß  keine  Lobrede,  welche  auf  die  Konsumvereine  und  Warenhäuser  als
Auftraggeber  zurückgeht,  den  angeblichen  Nutzen  beider  Geschäftsformen  auf
einmal  hervorhebt.  Und  doch  scheinen  mir  Schriften  von  direkt  interessierter
Seite  am  besten  geeignet,  zur  Unterlage  einer  Kritik  der  Konsumvereine  und
Warenhäuser  zu  dienen.  Denn  eine  Besorgnis,  daß  etwa  übertriebene  Bescheidenheit ­
  wirkliche  oder  eingebildete  Vorzüge  verschweigen  könnte,  liegt  nicht
vor.  Wir  haben  daher  bei  Benutzung  solcher  Schriften  die  sichere  Gewähr  für
Vollständigkeit  der  in  Frage  kommenden  Punkte.
Als  offiziell  und  direkt  approbiert  können  in  dieser  Beziehung  angesehen
werden:
1.  Zur  Abwehr!  Von  F.  Staudinger.  Hamburg  1904.
2.  Die  wirtschaftliche  und  soziale  Bedeutung  der  Warenhäuser  in  der
modernen  Volkswirtschaft.  Von  Dr.  I.  Wernicke.  Berlin  1904.
Denn  die  erste  Schrift  ist  in  der  Bibliothek  der  genossenschaftlichen  Volksbücher ­
  im  Verlag  des  Zentralverbandes  deutscher  Konsumvereine  erschienen,  und
die  zweite  wird  in  Warenhäusern  an  die  Kunden  zur  gefälligen  Beachtung
verteilt.
Zur  Benutzung  der  ersten  Schrift  werde  ich  außerdem  noch  durch  eine  persönliche ­
  Beziehung  genötigt.  Es  befindet  sich  nämlich  in  ihr  ein  „offener  Brief"
an  meine  Adresse.  Ich  habe  hierauf  bisher  nur  sozusagen  auf  einer  „offenen
Postkarte"  geantwortet,  welche  auf  den  Innenseiten  der  Umschläge  meiner  beiden
Broschüren  „Los  von  den  Konsumvereinen  und  Warenhäusern!"  und  „Die
Klippen  des  sozialen  Friedens"  abgedruckt  ist.  Durch  sie  wollte  ich  vor  allen
Dingen  erfahren,  wer  denn  eigentlich  der  Briefschreiber  wäre.  Aus  dem  bloßen
Namen  konnte  ich  es  nicht  ersehen,  und  zugeschickt  war  mir  der  Brief  nicht,  wie
das  sonst  üblich  ist.  Ich  habe  ihn  erst  durch  dritte  Hand  erhalten.  Inzwischen
bin  ich  nun  orientiert  worden.  Ich  weiß  jetzt,  daß  der  Verfasser  ein  hessischer
Oberlehrer  und  eifriger  Anhänger  der  Genossenschaftsidee  ist.  Er  scheint,  durch
philosophische  Spekulationen  auf  die  schiefe  Ebene  des  politischen  Radikalismus
geführt  zu  sein,  und  ist  mir  in  einer  öffentlichen  Konsumvereinsversammlung  zu
Weiden  auf  meine  Anfrage  von  einem  offiziellen  Agitationsredner  der  Hamburger
Großeinkaufsgesellschaft  der  Konsumvereine  als  verdienstvollster  Vorkämpfer  der
Konsumvereinsbewegung  und  als  scharfsinnigster  Darsteller  ihres  Wesens  bezeichnet
  worden.  Das  ist  also  offenbar  der  rechte  Manu,  vou  dem  man  das
Beste  über  die  Konsumvereine  hören  kann.,  T-aher  erfüllt  die  Absolvierung
meiner  Pflicht,  den  offenen  Brief  von  Herrn  Staudinger  zu  beantworten,  zugleich
einen  Teil  meines  Wunsches  den  Interessen  des  gewerblichen  Mittelstandes  zu
dienen,  indem  ich  die  Konsumvereine  und  Warenhäuser  an  der  Hand  der  besten
        <pb n="24" />
        23

für  sie  geschriebenen  Lobreden  einer  eingehenden  Kritik  unterziehen  wollte,  wenn
ich  alle  persönlichen  Anzapfungen,  welche  mit  der  Sache  nicht  in  Beziehung  stehen,
gebührend  ignoriere.  Das  werde  ich  tun.
Damit  aber  wird  die  Antwort  an  Herrn  Staudinger  zur  Sammlung  von
„  S  ch  u  tz  w  a  f  f  e  n  "  gegen  die  Konsunwereine  für  jeden,  der  in  die  Lage  kommt,
den  gewerblichen  Mittelstand  gegen  einen  Lobredner  der  Konsumvereine  zu
verteidigen.

II.  Abschnitt.
Schutzwaffen  gegen  die  Konsumvereine.
§11
Schon  der  Titel  gibt  Anlaß  zu  Bemerkungen.  „Zur  Abwehr!"  hat  Herr  veá/habe^den
Staudinger  als  gemeinsamen  Namen  für  die  drei  Einzelabhandlungen  gewählt,  ^cKprt
welche  in  dem  uns  zur  Unterlage  für  unsere  Kritik  der  Konsumvereine  dienenden
Hest  der  genossenschaftlichen  Volksbücherei  vereinigt  sind.
Soweit  damit  gesagt  werden  soll,  daß  die  Konsumvereine  in  einem  Kamps
stehen,  ist  nichts  dagegen  zu  erinnern,  soweit  aber  aus  den  zwei  Worten  herausklingt, ­
  daß  die  Konsumvereine  der  angegriffene  Teil  der  miteinander  streitenden
Parteien  sei,  muß  zur  Verhütung  von  Legendenbildungen  energischer  Protest
eingelegt  werden.
Die  Konsumvereine  sind  es,  welche  den  wirtschaftlichen  Frieden  weiter
gewerblicher  Kreise  unseres  Vaterlandes  gestört  haben,  indem  die  Mehrzahl  von
ihnen  ganz  planmäßig  von  egoistischen  und  vielfach  auch  umstürzlerischen  Elementen
  aus  kleinen  Ansängen  heraus  in  bewußter  Weise  zu  Kampsorganisationen
gegen  die  bestehende  Ordnung  weitergebildet  ist.  S  i  e  sind  also  die  Angreifer.
Aus  dem  berühmten  Genossenschaststag  zu  Kreuznach  anfangs  September
1902  hat  der  Verbandsanwalt  Dr.  Krüger  diese  Tatsache  für  einen  großen  Teil
der  Konsumvereine  ossiziell  konstatiert,  und  daraufhin  sind  98  von  ihnen  aus  dem
Verband  ausgeschlossen  worden.  Das  ist  aktenmäßig  festgelegt  und  daran  kann
nicht  gerüttelt  werden.  Die  damals  anwesenden  Vertreter  der  ausgeschlossenen
Vereine  haben  dann,  wie  Herr  Staudinger  in  einer  anderen  von  ihm  verfaßten
Broschüre  „Von  Schulze-Delitzsch  bis  Kreitznach"  selbst  erzählt,  sofort  die
Führung  behufs  Gründung  eines  neuen  Verbandes  übernommen.  Der  neue
Verband  ist  auch  ins  Leben  getreten  und  hat  von  allen  Konsumvereinen  gleichen
Geistes  einen  sehr  starken  Zulauf  erhalten.  Seine  aktive  Spitze  ist  die  Großeinkaufsgesellschaft ­
  deutscher  Konsumvereine  in  Hamburg.  Es  ist  also  klar,  daß  hier  der
Generalstab  der  Vernichter  des  gewerblichen  Mittelstandes  sitzt.  Herr  Staudinger
        <pb n="25" />
        24

wirkt  in  seiner  schriftstellerischen  Abteilung.  Wie  es  scheint,  gehört  zu  seinen
Aufgaben  die  verschleiernde  Taktik  der  Tatsachen,  und  daher  wohl  die  Wahl  des
irreführenden  Titels.
§  15.
Aber  auch  Herr  Stalldinger  hat  an  dem  Titel  meiner  zuerst  erschienenen
Schrift  etwas  auszusetzen.  Ihm  gefällt  der  Ruf  „Los  von  den  Konsumvereinen
und  Warenhäusern!"  ganz  und  gar  nicht.  Er  ist  ihm  zu  ausdrucksvoll,  zu  vollmundig, ­
  und  dann  ist  ihm  auch  die  Verkoppelung  der  Konsumvereine  mit  den
Warenhäusern  anstößig.  Er  meint,  es  könnte  für  das  Gemeinwohl  doch  sehr
nachteilig  sein,  wenn  meine  Leser  für  beide  so  gänzlich  entgegengesetzte  Gebilde
die  gleiche  Abneigung  eingeflößt  erhielten.  Die  Warenhäuser  gibt  er  preis,  da
warnt  er  selbst  davor,  aber  in  bezug  auf  die  Konsumvereine  schlägt  er  sogar  vor,
allen  Schichten  der  arbeitenden  Bevölkerung  zuzurufen:  Los  von  den  Vorurteilen ­
  gegen  die  Konsumvereine!
Über  das  Ausdrucksvolle  des  Titels  will  ich  nicht  weiter  rechten.  Ich  kann
es  nicht  bestreiten,  daß  der  Weckruf  gut  in  das  Ohr  fällt.  Das  sollte  er  auch.
Um  so  mehr  muß  ich  aber  der  Behauptung  widersprechen,  daß  Konsumvereine
und  Warenhäuser  so  gänzlich  entgegengesetzte  Gebilde  wären.  Sie  sind  vielmehr
einander  in  so  vielen  Punkten  gleich,  daß  man  von  den  einen  nie  sprechen  sollte,
ohne  die  anderen  zu  nennen.  Ich  habe  es  früher  nicht  immer  getan  und  bin
erst  durch  meine  Magdeburger  Freunde  dazu  veranlaßt  worden,  als  ich  mit
ihnen  über  das  Thema  eines  Vortrags  verhandelte.  Ich  spreche  diesen  hiermit
meinen  besten  Dank  aus,  denn  ich  bin  dadurch  wesentlich  in  meiner  Erkenntnis
der  beiden  Mittelstandsschädlinge  gefördert  worden.  Herr  Staudinger  fühlt
wohl  auch  instinktiv,  daß  durch  die  Nebeneinanderstellung  seiner  Schützlinge  mit
den  auch  ihm  anrüchigen  anderen  „Modernen"  aus  der  Handelsbranche  bald
eine  Gemeinsamkeit  der  Gesichtszüge  gefunden  werden  könnte,  die  zu  nachteiligen
Ri'lckschlüssen  im  Publikum  führen  müßte.  Vielleicht  überlegt  er  sich  selbst  einmal,
ob  z.  B.  nicht  sowohl  die  Konsumvereine  wie  die  Warenhäuser  häufig  das  Gemeinsame
  haben,  daß  sie  durch  egoistische  Bestrebungen  einzelner  Personen  ins
Leben  gerufen  werden.  Bei  den  Warenhäusern  konstatiert  er  die  Tatsache  selbst,
bei  den  Konsumvereinen  freilich  wird  immer  mit  dem  Brustton  der  Überzeugung
behauptet,  daß  sie  ihr  Entstehen  einem  M  a  s  s  en  t  r  i  e  b  verdankten.  Weit  gefehlt!
Jeder  Kenner  weiß,  daß  die  treibende  Kraft  fast  stets  in  dem  Wunsch  einzelner
Personen  liegt,  sich  gute  Posten  und  größeren  politischen  Einfluß  zu  verschaffen.
Als  schriftlichen  mir  gerade  zur  Hand  liegenden  Beweis  hierfür  führe  ich  ein
gewiß  unverdächtiges  Zeugnis  an.  Ich  entnehme  es  dem  sozialdemokratischen
Hallischen  Volksblatt  vom  15.  Juli  1904,  wo  es  bei  einer  polemischen  Auseinandersetzung ­
  zwischen  den  Genossen  des  Merseburger  Konsumvereins  heißt:
„  da  den  meisten  Mitgliedern  bekannt  ist,  daß  der  Verein  ins  Leben
        <pb n="26" />
        25

gerufen  wurde,  um  einem  Manne,  der  auch  für  die  Partei  tätig  sein  soll,  eine
unabhängige  Stellung  zu  verschaffen."  Außerdem  aber  erinnere  ich  daran,  daß
augenblicklich  ein  ganzer  Stab  von  Agitatoren  von  Hamburg  aus  durch  Deutschland ­
  zieht,  um  die  Konsumvereinsbewegung,  wie  es  heißt,  anzufachen.  Es  kommt
also  die  Bewegung  nicht  aus  den  einzelnen  Orten  heraus,  wie  es  sich  Schulze-Delitzsch
  dachte,  sondern  in  die  Orte  hinein.  Alles  wie  bei  den  Warenhäusern.
Ferner  möchte  ich  Herrn  Staudinger  darauf  aufmerksam  machen,  daß  den
Konsumvereinen  und  Warenhäusern  das  gemeinsam  ist,  daß  beide  ihren  Geschäftsbetrieb ­
  insofern  auf  einen  nicht  schönen  Wettbewerb  mit  den  anderen
Handeltreibenden  ausbauen,  daß  sie  im  Vertrauen  darauf,  daß  ihre  Käufer  alle
Waren,  welche  zu  führen  ihnen  zu  unbequem  oder  zu  kostspielig  ist,  in  den  anderen
offenen  Geschäften  erhalten  können,  besonders  nur  sog.  Brotartikel  führen,  wodurch ­
  sie  wohl  einen  flotten  Umsatz  bekommen,  aber  den  anderen  gerade  den
Verdienst  nehmen.
Drittens  kolportieren  Konsunwereine  und  Warenhäuser  die  gemeinsame
Behauptung,  daß  man  bei  ihnen  billiger  kaufe  als  in  anderen  Geschäften.  Das
ist  nicht  richtig.  Abgesehen  von  einigen  Lockartikeln  sind  andere  Waren  auch
nicht  billiger,  viele  aber  teurer.  Davon  kann  sich  jeder  in  Warenhäusern  selbst
überzeugen.  Für  Konsunwereine  habe  ich  es  durch  Kontrollkäufe  an  mehreren
Orten  bestätigt  gefunden.  Um  jeden  Einwand  auszuschließen,  nenne  ich  nur
Artikel,  die  überall  in  Originalpackung  verkauft  werden.  So  wurde  in  Halle
Kneippkafsee  12 1 / z °/ 0  und  in  Weiden  Franck  -  Zichorie  10  %  in  den  Konsumvereinen ­
  teurer  geführt  als  in  den  freien  Geschäften.
Gemeinsam  ist  auch  beiden  Gebilden  der  ungeheure  Druck,  den  sie  sowohl
auf  ihre  Lieferanten  als  auch  auf  ihre  Angestellten  ausüben,  und  endlich  die
Verödung  des  Geschäftslebens  in  ihren  Umgebungen.
Spaßig  ist,  daß  Herr  Staudinger  den  Ruf  für  nötig  erachtet  „Los  von
den  Vorurteilen  gegen  die  Konsumvereine!"  Ich  glaube,  hier  ist  er  selbst  ein
Opfer  des  ausdrucksvollen  Titels  geworden,  dessen  werbende  Kraft  er  für  seine
Sonderbestrebungen  ausnützen  möchte.  Andere  Leute  können  von  einem  in
breiten  Volksschichten  gegen  die  Konsumvereine  herrschenden  Vorurteil  mit  dem
besten  Willen  nichts  bemerken  Sprechen  denn  die  Mitgliederzahlen  der  Vereine
von  Breslau  85  000,  von  Leipzig  34  000,  von  Magdeburg  23  000,  von  Halle
17  000  nicht  deutlich  genug?  Oder  ist  es  ein  Zeichen  von  Vorurteil,  daß  fast
in  jedem  Dorf,  wo  einigermaßen  Industrie  ist,  sich  ein  Konsumverein  befindet?
Auch  liest  man  in  den  Konsumvereinsschriften  sonst  anders.  Hier  jagt  eine
Jubelhymne  über  steigenden  Umsatz  der  Großeinkaufsgesellschaft  die  andere,  und
auch  in  seinen  eigenen  Werken  dürfte  Herr  Staudinger  öfter  das  Gegenteil  von
der  dem  Lehnruf  „Los  von  den  Vorurteilen  gegen  die  Konsumvereine!"  zugrunde
        <pb n="27" />
        26

liegenden  pessimistischen  Ansicht  finden.  Ich  empfehle  ihm  deshalb  die  Lektüre
seiner  eigenen  Schriften,  z.  B.  „Von  Schulze-Delitzsch  bis  Kreuznach",  Seite  75
Zeile  4—7  von  oben.
§16.
^Bonvuris'der^  Nachdem  Herr  Staudinger  den  Titel  meiner  Broschüre  glaubt  abgetan  zu
Leichtfentgiett.  haben,  sucht  er  durch  bramarbasierende  Ankündigung  der  schärfsten  Prüfung  ihres
Inhaltes  seine  Leser  auf  den  Beginn  der  sachlichen  Vernichtung  meiner  Verteidigungsgründe ­
  für  den  freien  Handelsbetrieb  vorzubereiten.  Kurz  und  bündig
erklärt  er:  Sie  haben  eine  wichtige  und  schwerwiegende  Frage  in  unerlaubt  leichtfertiger ­
  Weise  behandelt.
Das  wird  jeder  glauben,  daß  ich  von  den  Konsumvereinsschwärmern  nie
die  Erlaubnis  erhalten  würde,  etwas  gegen  ihre  einträgliche  Tätigkeit  zu  sagen
oder  zu  schreiben,  selbst  wenn  ich  verspräche  den  salbadernden  Ton  des  Herrn
Staudinger  nachzuahmen,  den  er  auch  in  einer  neuen  Schrift  „Wie  der  Drache
kämpft"  anzuwenden  für  gut  befunden  hat.  Ich  muß  dann  wohl  schon  so  frei
sein,  ohne  die  allerhöchste  Genehmigung  der  Konsumvereinstribunen  zur  Feder
zu  greifen.  Aber  daß  ich  das  in  leichtfertiger  Weise  getan  hätte,  ist  eine  aus  Unkenntnis ­
  des  Kritikers  beruhende  Behauptung.
Ich  bin  so  glücklich,  eine  große  Zahl  objektiv  denkender  Freunde  aus  allen
Berufskreisen  zu  besitzen,  und  ich  kann,  ohne  die  Grenzen  der  Bescheidenheit  zu
verlassen,  von  mir  sagen,  daß  ich  sachlicher  Kritik  nicht  nur  leicht  zugänglich  bin,
sondern  solche  sogar  eifrig  suche.  Da  ist  es  mir  nicht  schwer  geworden,  meine
Ausführungen  vor  der  Veröffentlichung  wiederholt  mit  sachkundigen  Herren  durch-Kusprechen
  und  über  zweifelhafte  Punkte  eine  objektive  Klärung  herbeizuführen.
Die  Folge  ist  auch  gewesen,  daß  ich  unzählige  Zustimmungen  erhalten  habe  und
über  eine  Zahl  günstiger  Besprechungen  verfüge,  wie  vielleicht  nur  wenige
Autoren.  Nur  ganz  vereinzelt  sind  von  direkt  interessierter  Seite  hämische  Anzapfungen ­
  erfolgt.  Die  umfangreichste  davon  ist  die  Staudingersche.  Ich  hoffe
aber,  daß  er  in  stillen  Stunden  bei  der  Lektüre  dieser  Entgegnung  sich  selbst  sagt,
daß  er  unüberlegt  und  übereilt  gehandelt  hat,  so  ungereimtes  Zeug  zusammengeschrieben
  zu  haben.  Denn  es  wird  ihm  Punkt  für  Punkt  nachgewiesen  werden,
daß  alles,  was  er  für  die  Konsumvereine  sagt,  falsch  ist,  und  sich  meine  Anschauungen ­
  auf  dem  Boden  einer  gesunden,  vernünftigeil  Logik  der  realen  Verhältnisse ­
  bewegen.
§17.
Angebliche  Aus-  Wie  soll  ich  es  milder  denn  als  unüberlegt  und  übereilt  bezeichnen,  wenn  Herr
des  Mittelstandes  Staudinger  auf  Seite  5  schreibt,  er  gestehe  mir  gern  zu,  daß  ich  in  gutem  Glauben
handele,  und  Seite  6  nur  27  Zeilen  weiter  unter  einer  zwar  sehr  gekünstelten
Form,  aber  doch  in  äußerst  durchsichtiger  Absicht  mir  unterschiebt,  daß  ich  die
        <pb n="28" />
        27

Konsumvereinsfrage  nur  in  Angriff  genommen  hätte,  um  in  kaufmännischen  Kreisen
für  die  konservative  Partei  einen  Fischzug  zu  tun?
Deshalb  sei  hiermit  das  Tatsächliche  der  politischen  Frage  erörtert.
Zu  der  Zeit,  als  der  hiesige  konservative  Verein  den  Beschluß  faßte,  mit
aller  Energie  an  die  Aufklärungsarbeit  über  die  dem  Staate  von  den  Konsum-Vereinen
  drohenden  Gefahren  zu  gehen,  und  als  dann  von  dem  Vorstand  des
hiesigen  4000  Mitglieder  zählenden  Beamtenkonsumvereins  ein  äußerst  gehässiger
Angriff  gegen  mich  persönlich  gerichtet  wurde,  da  ist  mir  oft  von  wohlmeinenden
Herren  der  Rat  gegeben  worden,  die  Konsumvereinsfrage  nicht  weiter  zu  verfolgen, ­
  weil  sonst  die  Erstarkung  der  konservativen  Partei  in  der  Stadt  Halle
sehr  gefährdet  werde.  Ich  würde  nur  erreichen,  daß  ein  großer  Teil  der  sonst
konservativ  wählenden  Beamten  als  Konsumvereinsmitglieder  sich  von  uns  abwenden ­
  würde,  ohne  daß  der  Verlust  durch  Zuzug  aus  den  Reihen  der  freisinnig
gestimmten  Kaufmannschaft  wettgemacht  würde.  Dem  habe  ich  ganz  zugestimmt.
Wir  hatten  es  uns  in  den  Vorstandssitzungen  des  konservativen  Vereins  selbst
schon  gesagt.  Aber  wir  waren  uns  auch  darüber  klar,  daß  es  unwürdig  und
unpatriotisch  sei,  lieber  bei  untergehendem  Mittelstand  einen  kleinen  Wahlersolg
zu  haben,  als  bei  erstarkendem  eine  gründliche  Niederlage.  Es  wurde  daher
einstimmig  beschlossen,  auf  die  uns  abtrünnig  werdenden  Beamten  keine  Rücksicht
zu  nehmen,  sondern  sie  laufen  zu  lassen.  Solche  Konsumvereinsfanatiker  hatten
uns  mit  ihrem  Herzen  so  wie  so  nie  gehört.  Ein  echt  konservativer  Mann  kann
wohl  aus  Unkenntnis  und  Kurzsichtigkeit  Mitglied  eines  Konsumvereins  sein,  aber
wenn  nach  Aufklärung  die  Frage  der  Wahl  zwischen  dem  einen  und  dem  anderen
an  ihn  herantritt,  so  zögert  er  keinen  Augenblick,  dem  Konsumverein  den  Rücken
zu  wenden.  Solche  Beispiele  haben  wir  auch  mit  Freuden  zu  verzeichnen  gehabt,
mehr  freilich  sind  abgeschwenkt.  Nun  gut.  Es  hat  uns  keinen  Augenblick  gereut.
Wir  wußten  es,  daß  es  so  kommen  wiirde.  Wir  haben  uns  auch  nicht  gewundert,
daß  außer  einer  kleinen  Zahl  allerdings  sehr  schätzenswerter  neuer  Mitglieder  uns
kein  Zuwachs  von  Stimmen  aus  gewerblichen  Kreisen  zugeflossen  ist,  auch  nicht,
obgleich  ich  durch  den  Kartellbruch  der  Nationalliberalen  persönlich  eine  Kandidatur ­
  zum  Preußischen  Landtag  zu  übernehmen  gezwungen  war.  Das  hat  uns  so
wenig  altcriert,  daß  wir  an  demselben  Abend,  als  das  im  Gegensatz  zur  günstigen
Situation  auf  dem  Lande  äußerst  ungünstige  Wahlresultat  der  Stadt  bekannt
gegeben  wurde,  mit  unseren  kaufmännischen  Freunden  eine  Sitzung  behufs
Förderung  der  Verhältnisse  des  gewerblichen  Mittelstandes  abgehalten  haben.
Von  einem  politischen  Fischzug  war  da  keine  Rede.  Die  freisinnigen  und  nationalliberalen ­
  Wahlkarpfen  waren  in  ihren  Fraktionsteichen  geborgen,  und  wir  Konservativen ­
  machten  für  die  Wähler,  welche  mich  gegen  ihre  eigenen  Interessen
abgelehnt  hatten,  im  stillen  die  Arbeit  zur  Aufbesserung  ihrer  wirtschaftlichen
Verhältnisse.  Ich  denke,  das  ist  ehrliche  Arbeit.
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        28

Natürlich  werden  wir  nie  einem  früher  liberalen  Geschäftsmann  den  Zutritt ­
  zum  konservativen  Verein  verweigern,  wenn  er  eingesehen  hat,  daß  hier  seine
Interessen  als  Teilinteressen  des  Wohles  der  Gesamtheit  am  besten  wahrgenommen
werden,  aber  nicht  um  dieses  Kommens  willen  bearbeiten  wir  die  Konsumvereinsfrage, ­
  sondern  um  der  Erhaltung  des  Staates  willen.  Die  Anstrengungen ­
  hierbei  sind  oft  so  groß,  daß  nur  ein  wahrhaft  großes  und  hohes
Ziel  die  Kraft  zu  ihrer  Bewältigung  geben  kann,  zumal  wenn  man  noch  seine
volle  Berufsarbeit  zu  erfüllen  hat.
Nun  wird  wohl  aber  auch  der  weltferne  Sinn  des  Herrn  Staudinger
begreifen,  daß  einzelne  Menschen,  und  wären  sie  noch  so  eifrig,  allein  in  dieser
schwierigen  Sache  gegen  den  Egoismus  der  Konsumvereinler  nichts  ausrichten
können,  sie  müssen  sich  fest  an  vorhandene,  dieselben  Ziele  verfolgende  größere
Gruppen  von  Personen  anlehnen.  Da  bietet  uns  überall  im  deutschen  Vaterland
vor  allen  Dingen  die  deutsch-konservative  Partei  freudige  Hilfe.  Auch  die  Mitglieder ­
  des  Zentrums,  der  deutsch-sozialen  Reformpartei  und  des  Bundes  der
Landwirte  sind  zuverlässige  Bundesgenossen.  Wir  denken  nicht  daran,  die  großen
Verdienste,  welche  alle  diese  Parteien  um  den  gewerblichen  Mittelstand  haben,  in
irgend  einer  Beziehung  verdunkeln  zu  wollen.  Also  auch  nach  dieser  Richtung  hin
kann  von  einem  Fischzug  nicht  gesprochen  werden.  Weshalb  aber  spricht  Herr
Staudinger  doch  davon?
§18.
Die  Parteistellung  Weil  er  für  seine  linken  und  linksten  Parteifreunde  ein  böses  Gewissen  hat.
Staudillger.  Denn  um  diese  ist  es  mit  dem  Schutz  für  den  gewerblichen  Mittelstand  sehr
Jfüu  und  übel  bestellt.  Am  übelsten  aber  sind  die  Personen,  welche  sich,  wie  Herr
Staudinger,  zu  keiner  Partei  rechnen,  sondern  als  steifbeinige  Einspänner  in
hochmütiger  Verblendung  sich  selbst  genügen  und  mit  einem  Wust  von  Worten
so  tun,  als  ob  ihr  Verhalten  der  Ausfluß  höchster  Weisheit  sei.  Solche  Leute
sind  sehr  gefährlich,  weil  sich  in  den  tausend  Falten  und  Fältchen  ihres  Mischmasches ­
  mit  Vorliebe  die  unlautersten  Elemente  verbergen  und  von  hier  aus  den
größten  Schaden  anrichten.
Herr  Staudinger  orakelt  über  seine  politische  Stellung  folgendermaßen:
„Ich  für  meinen  Teil  gehöre  keiner  Partei  im  engeren  Wortsinne  an,  sondern
vertrete  nur  den  weiteren  Parteibegriff,  daß  jede  Maßregel  und  jede  Handlung
darauf  anzusehen  sei,  ob  sie  erstlich  die  verfassungsmäßig  zu  Recht  bestehende
Freiheit  von  Tributen  und  Fronden  einzelner  an  einzelne,  zweitens
aber  die  ebenfalls  verfassungsrechtliche  Gleichheit  vor  dem  Gesetz  zu  fördern  und
durchzuführen  geeignet  ist.  Da  ich  nun  zu  sehen  glaube,  daß  diese  verfassungsrechtlichen ­
  Grundsätze  fortwährend  durch  unsere  kapitalistische  Entwickelung  bedroht
und  untergraben  werden,  so  bin  ich  Freund  des  Genossenschaftsgedankens  ge-
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        29

worden.  Er  allein  scheint  mir  geeignet,  die  Befreiung  von  der  brutalen  Anwendung ­
  des  Großkapitals  zu  ermöglichen."
Was  soll  das  heißen:  „ich  vertrete  nur  den  weiteren  Parteibegriff"?  So
etwas  gibt  es  doch  höchstens  in  Wölkenkuckucksheim.  Hier  auf  unserer  Erde  sagt
man  in  solchem  Falle:  Dieser  weitere  Parteibegriff  ist  ein  Widerspruch  in  sich
selbst,  und  der  Träger  desselben  darf  stolz  sagen  „meine  Partei,  das  bin  ich".
Denn  jede  größere  Mitgliederzahl  würde  bedingen,  daß  Mitgliederbeiträge  festgesetzt ­
  und  Ämter  eingerichtet  würden.  Das  erstere  könnte  leicht  als  „verfassungsmäßig ­
  nicht  zu  Recht  bestehender  Tribut  eines  einzelnen  an  einzelne",  das  zweite
als  Verstoß  gegen  die  „Gleichheit  vor  dem  Gesetz"  angesehen  werden,  da  der
Vereinsvorsitzende  vor  Gericht  eine  andere  Verantwortlichkeit  hat  als  ein  Mitglied.
Davon,  daß  das  Bestehen  aller  menschlichen  Gemeinschaften  von  jedem  noch
Opfer  an  persönlicher  Freiheit  fordert,  welche  nicht  in  der  Verfassung  stehen,  und
daß  diese  ungeschriebenen  Gesetze  oft  stärker  sind  und  mehr  bedeuten  als  die
Verfassungsparagraphen,  davon  scheint  Herr  Staudinger  keinen  Begriff  zu  haben,
wenn  er  immer  mit  der  Verfassung  als  Probierstein  für  seine  und  anderer
Handlungen  herumläuft.  In  welchem  engen  Horizont  muß  sich  doch  das  Leben
„solcher  Parteigröße"  abspielen!
Und  solcher  Mann  will  einen  anderen,  der  in  offenster  und  loyalster  Weise
seinen  von  vielen  Hunderttausenden  vertretenen  Standpunkt  kennzeichnet,  der
politischen  Unredlichkeit  zeihen?
§19.
Natürlich  hat  nun  der  papierne  Herr  Verfassungsoberkontrolleur  aus  der
Klause  seines  Einsiedlerkrebstums  heraus  gar  nicht  gemerkt,  daß  er  mit  seinem
blindwütigen  Streben  die  verfaffungsrechtlichen  Grundsätze  hochnotpeinlich  zu
wahren,  bei  den  Konsumvereinen  an  die  ganz  falsche  Adresse  gekommen  ist  und
von  diesen  Aftergenossenschaften  auf  das  gröblichste  gemißbraucht  wird.
An  sich  ist  sein  Gedanke,  daß  das  Genossenschaftsprinzip  eine  große  Hilfe
gegen  die  brutale  Anwendung  des  Großkapitals  werden  und  sein  kann,  gar  nicht
übel,  nur  hätte  er  als  Philosoph  nicht  unbesehen  alle  die  im  §  1  des  Genossenschaftsgesetzes ­
  aufgezählten  Vereinigungen,  einfach  weil  sie  dort  friedlich  zusammengesperrt ­
  sind,  als  gleichwertig  hinnehmen  sollen.  Wenn  der  Gesetzgeber
einen  Stieglitz  und  einen  Finken  gleichmäßig  schützt,  so  ist  doch  ein  Finke  noch  lange
kein  Stieglitz,  und  da  Herr  Staudinger  angeblich  jede  Maßregel  und  jede  Handlung ­
  prüft,  hätte  ihm  doch  nicht  entgehen  dürfen,  daß  die  große  Genossenschaftssamilie,
  die  in  §  1  heimatberechtigt  ist,  sehr  verschiedenartige  Glieder  in  sich
begreift.  Er  mußte  als  Freund  und  also  auch  wohl  als  Kenner  des  Genossenschastsgedankens
  vor  allen  Dingen  wissen,  daß  Schulze-Delitzsch  in  einem  Vortrag,
den  er  über  „Soziale  Rechte  und  Pflichten"  am  14.  Februar  1866

Das  Wesen  der
Konsumvereine
widerspricht  dem
genossenschaftlichen ­
  Grundsatz
der  Selbsthilfe.
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        30

in  Berlin  gehalten  hat,  sich  sehr  eingehend  über  das  Wesen  und  die  Zwecke  der
menschlichen  Gesellschaft  ausgesprochen  hat  und  dabei  zur  Normierung  von  drei
fundamentalen  Geboten  gekommen  ist,  ohne  deren  Befolgung  keine  menschliche
Gesellschaft  bestehen  kann.  Sie  lauten:
I.  Gebot  (mehr  ein  Verbot).  Keinem  anderen  zu  tun,  was
wir  nicht  wollen,  daß  er  uns  tue.
II.  Gebot.  Den  Neben  manschen  brüderlich  beizuspringen ­
  und  alles  zu  tun,  sie  in  ihren  Lebenszwecken  zu
fördern.
III.  Oberster  Grundsatz.  Kein  Teil  der  Gesamtheit  darf
die  Existenzbedingungen  des  anderen  verletzen.
Durch  diese  drei  Kennzeichen  ist  der  Geist  aufs  beste  umschrieben,  der  in
den  Schulze-Delitzschen  Genossenschaften  herrschen  muß,  wenn  sie  nützlich  sein
sollen,  der  also  allein  ihre  Einführung  in  den  wirtschaftlichen  Organismus  eines
Volkes  rechtfertigt.  Es  sind  mit  einem  Wort  die  Kennzeichen  der  wahren  und
zulässigen  Selbsthilfe.  Sie  passen  nicht  auf  die  Konsumvereine.  Daher  zeigen
diese  nicht  einen  staatserhaltenden,  sondern  einen  staatsauflösenden
  Charakter.
Es  ist  sehr  zu  bedauern,  daß  die  wirtschaftliche  Selbsthilfe  nicht  durch  diese
Kennzeichen  gesetzlich  definiert  worden  ist.  Es  sollte  so  bald  wie  möglich  nachgeholt ­
  werden.  Dann  würde  der  Unfug  der  Nochdaler  Dunkelmänner  bald  aus
Deutschland  verschwinden.  Wenn  ihn  die  Engländer  weiter  dulden  wollen,  so
mögen  sie  es  tun,  darüber  haben  wir  uns  den  Kopf  nicht  zu  zerbrechen.  Wir
sind  sozialpolitisch  zu  fortgeschritten  dazu.  Ein  Volk,  das  eine  so  auf  Gegenseitig,
keit  beruhende  Arbeiterwohlfahrtgesetzgebung  besitzt,  wie  wir  sie  haben,  wo  in
jeder  Weise  versucht  ist,  die  sonst  vielleicht  divergierenden  Interessen  der  Stände
durch  eine  ganze  Reihe  der  edelsten  und  besten  Einrichtungen  zugunsten  der
wirtschaftlich  Schwachen  auszugleichen,  ein  solches  Volk  darf  nicht  dulden,  daß
kurzsichtige  und  unreife  Experimente  katilinarischer  Existenzen  von  einem  fremden
Boden  ans  dem  unsrigen  fortgesetzt  werden,  nachdem  sich  herausgestellt  hat,  daß
der  Geist  der  fremdländischen  Einrichtungen  die  Grundlagen  des  gewerblichen
Mittelstandes  zerstört,  in  dem  zu  einem  Hauptteile  die  Wurzeln  des  sozialen
Friedens  ruhen.
Wenn  das  bis  jetzt  geschehen  ist,  so  ist  das  kein  Grund,  daß  wir  in  dem
Experiment  fortfahren,  nachdem  seine  Gefahren  erkannt  sind.  Die  Einfügung
der  Konsumvereine  in  die  Genossenschaften  war  ein  Irrtum.  Er  ist  für  Schulze-Delitzsch
  verzeihlich,  da  er  bei  der  Neuheit  der  ganzen  Materie  und  bei  ihrem
Umfang  nicht  alle  Konsequenzen  übersehen  und  deshalb  nicht  ahnen  konnte,  daß
        <pb n="32" />
        31

Konsumvereine  sich  zum  Gegenteil  von  dem  auswachsen  würden,  wozu  sie  gedacht
waren.  Jetzt,  wo  wir  es  wissen,  muß  Remedur  eintreten.
§20.
Die  letzte  Ursache  für  die  frühere  Möglichkeit  der  Zulassung  der  Konsum-  Notwendigkett^r
vereine  liegt  in  der  Unterlassung  einer  scharfen  juristischen  Deşinition  für  den  Definition  des  «e-Begriff
  der  Selbsthilfe  auf  wirtschaftlichem  Gebiet.  Man  hätte  wohl  darin  vor-  uchc  Selbsthilfe-,
sichtiger  sein  können,  denn  auf  rechtlichem  Gebiet  ist  der  Begriff  genau  festgelegt
und  seine  Betätigung  auf  das  schärfste  verboten,  abgesehen  von  ganz  bestimmten
Fällen  der  Notwehr.  Das  geht  hier  so  weit,  daß  erst  vor  wenigen  Monaten  eine
allgemeine  Erregung  durch  Deutschland  brauste,  als  man  hörte,  ein  Beamter  in
Spandau  sei  deswegen  zu  Strafe  und  Schmerzensgeld  verurteilt,  weil  er  dem
Schänder  seiner  minderjährigen  Tochter  auf  frischer  Tat  eine  tüchtige  Tracht
Prügel  verabfolgt  hatte.  So  streng  ist  das  Verbot  der  Selbsthilfe  auf  dem  Gebiete
des  Rechts.
Ließ  sich  bei  dieser  Grundlage  unseres  Rechtsstaates  nicht  erwarten,  daß  bei
vollständig  Undefiniertem  Begriff  der  Selbsthilfe  durch  Schaffung  so  vieler  auf
Selbsthilfe  beruhender  Genossenschaften  Schwierigkeiten  vorkommen  müßten?
Die  Schwierigkeiten  liegen  bei  den  Konsumvereinen  vor  aller  Augen.  Sie
sind  entstanden,  weil  durch  diese  Vereinigungen  der  oberste  Grundsatz  von  Schulze-Delitzsch
  nicht  beachtet  ist:  Kein  Teil  der  Gesamtheit  darf  die
Existenzbedingungen  eines  anderen  verletzen!  Auf  Kosten
der  Existenz  eines  anderen  soll  sich  niemand  helfen.  Das  ist  keine  Selbsthilfe,
das  ist  Raub.  Wenn  hundert  Leute  sich  zusammentun  und  sich  auf  Kosten  von
zehn  anderen  helfen,  so  ist  das  auch  keine  Selbsthilfe,  sondern  Faustrecht,  und  an  die
Zeiten  desselben  erinnert  auch  die  Geschästspraxis  der  Konsumvereine.  Hier  wie
dort  sind  die  Geschäftsleute  die  Hauptleidtragenden.
Nationalökonomisch  ist  die  Richtigkeit  des  Satzes  auch  sofort  einleuchtend.
Denn  wie  kann  ein  Volk  vorwärts  kommen,  wenn  sich  die
Volksgenossen  gegenseitig  ruinieren?
Dieses  ABC  der  Nationalökonomie  muß  jeder  anerkennen.  Es  wird  doch
auch  kein  Mensch  reicher,  wenn  er  sein  Geld  aus  der  rechten  in  die  linke  Hosentasche ­
  steckt.  Ebensowenig  wird  ein  Volk  reicher,  wenn  Teile  von  ihm  sich  auf
Kosten  von  anderen  Vorteile  verschaffen,'  das  Volk  kommt  aber  direkt  zurück,  wenn
durch  planmäßige  Organisation  zahlreiche  Existenzen  ruiniert  oder,  um  mit  Herrn
Staudinger  zu  reden,  zu  „Fronden"  an  andere  genötigt  werden.  Wenn  Herr
Staudinger  logisch  denkt  und  entsprechend  handeln  will,  so  muß  er  von  diesem
Gesichtspunkt  aus  sofort  der  größte  Gegner  der  Konsumvereine  werden  und  mit-
        <pb n="33" />
        32

helfen,  diese  aus  der  Reihe  der  auf  Selbsthilfe  beruhenden  Genossenschaften  zu
streichen.
Was  wirklich  allgemein  nützliche,  auf  Selbsthilfe  beruhende  Genossenschaften
sind,  wird  einem  sofort  klar,  wenn  man  an  Molkereien  und  Häuteverwertungsgenossenschaften ­
  denkt.  Hier  erfolgt  durch  gemeinschaftliches  Bearbeiten  von  gleichartigen ­
  Stoffen  eine  bedeutende  Wertsteigerung  der  Produkte.  Auf  diese  Weise
wird  nicht  nur  der  Wohlstand  von  einzelnen  gehoben,  sondern  auch  der  Nationalreichtum ­
  wird  gefördert,  niemand  wird  geschädigt.  Also  der  Grundgedanke  der
Genossenschaft  ist  ein  sehr  guter,  nur  muß  man  ihn  nicht  falsch  anwenden.  —,
Nach  diesen  Darlegungen  mag  Herr  Staudinger  selbst  entscheiden,  ob  ich  versucht
habe,  die  nötige  Einsicht  bei  der  Beurteilung  genossenschaftlicher  Dinge  zu  erwerben,
  wie  er  mich  höhnisch  fragt.  Ich  glaube  doch,  daß  ich  tiefer  in  das  Verständnis ­
  des  Genossenschaftswesens  eingedrungen  bin  als  er.  Er  hat  einfach  vor
der  Firma  Halt  gemacht,  meint  Genossenschaft  ist  Geirossenschaft  und  verzichtet  auf
selbständiges  Durchdenken  des  Grundbegriffs.
§21
Der  @taubtnger=  Eine  Scheu  vor  der  Berührung  mit  den  Fundamenten  einer  Sache  scheint
Kapirals.  mir  überhaupt  zu  den  Wesenseigenschaften  meines  verehrten  Kritikers  und  scharfsinnigsten ­
  Vertreters  der  Genossenschaftsidee  zu  gehören.  Sie  zeigt  sich  auch  bei
seiner  nun  folgenden  Definition  des  Begriffs  „Kapital".
Obwohl  er  nämlich  mit  mir  darin  einig  ist,  daß  die  brutale  Anwendung
des  Großkapitals  fiir  viele  Schäden  im  Staate  Germania  verantwortlich
ist,  vermißt  er  eine  Definition  meinerseits  von  dem,  was  ich  unter  Kapital
verstanden  wissen  wollte.  Es  sei  solche  Definition  nötig,  weil  fast  jeder  heute
etwas  anderes  darunter  verstünde.  Er  selbst  sagt  für  sich:
„Kapital  ist  ein  Vermögen  oder  Gut  nicht  an  sich,  sondern  nur  sofern
es  sich  im  heutigen  Wirtschaftsgetriebe  durch  fremde  nicht  durch  eigene  Arbeit
mehrt,  indem  es  den  Ertrag  der  Arbeit  oder  das  Gut  des  Minderbesitzenden
in  die  Taschen  des  Vielbesitzenden  destillieren  kann."
Mit  dieser  Definition  des  Kapitals  unter  Zuhilfenahme  des  stimmungsvollen
  Bildes  einer  Destille  dürfte  wohl  Herr  Staudinger  ebenso  isoliert  dastehen
wie  als  politischer  Parteimann.
Erstens  ist  es  eine  unerhörte  Beschränkung  in  der  Definition  eines  Begriffs, ­
  wenn  man  diese  nur  für  eine  kurze  Spanne  Zeit  bemißt.  Herr  Staudinger
faßt  nur  die  heutigen  Wirtschaftsgetriebe  ins  Auge.  Und  dann  macht  er  das
Wesen  einer  Sache  von  dem  relativen  Besitzverhältnis  abhängig,  in  dem  zwei
wirtschaftlich  miteinander  Ringende  zueinander  stehen.  Nur  der  Mehrbesitzende
hat  „Kapital"  im  Staudingerschen  Sinne.  Das  ist  sehr  komisch.
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        33

Man  denke  sich  drei  Personen  A.,  B.  und  C.  A  habe  ein  Vermögen  von
2000  Mk.,  B.  von  50  000  Mk.  und  C.  von  70  000  Mk.  An  sich  hat  nach
Staudinger  keiner  dieser  Leute  „Kapital".  Nun  schickt  jeder  sein  Geld  auf  Arbeit,
was  durch  Anlegen  in  Grund  und  Boden,  durch  Ausleihen  oder  sonstwie  geschehen
kann.  Gesetzt  den  Fall,  B.  destilliert  dem  A.  seine  2000  Mark  ab,  so  sind  die
50  000  Mk.  Kapital,  werden  aber  dem  B.  von  C.  seine  50  000  Mk.  mit  Hilfe  der
70  000  Mk.  abdestilliert,  so  sind  die  50  000  Mk.  kein  Kapital.  Ist  das  eine  Begriffsbestimmung ­
  zu  nennen,  wonach  dieselbe  Sache  bald  etwas  ist  und  bald  etwas
nicht  ist?  Ist  eine  Drossel  in  dem  Augenblick,  wo  sie  von  einem  Habicht
gefressen  wird,  keine  Drossel  mehr,  während  sie  eine  solche  beim  Verspeisen  eines
Regenwurms  ist?
Erklärt  mir,  Örindur,  diesen  Zwiespalt  der  Natur!
Angesichts  solcher  Definitionsleistungen  verzichte  ich  auf  ein  Konkurrenzunternehmen, ­
  zumal  ich  glaube,  daß  die  allgemeine  Unklarheit  über  den  Kapitalbegriff
  nur  in  der  Einbildung  des  Herrn  Staudinger  besteht  und  bloß  seiner
eigenen  Schöpfung  zuliebe  von  ihm  behauptet  wird.
Das  ist  die  richtige  eingebildete  Gelehrtenmanier,  Unklarheiten  erst  zu
schaffen,  damit  auf  diesem  künstlichen  Hintergrund  das  eigene  Wissen  um  so
schöner  leuchte!
Wie  weit  er  mit  seiner  welterschütternden  Definition  gekommen  ist,  wird
er  vielleicht  selbst  ahnen,  wenn  ich  ihn  bitte,  doch  einmal  seinen  Schützlingen,
den  Konsumvereinen,  auf  die  Finger  zu  sehen  und  aufzumerken,  was  die  eigentlich
treiben.  Er  mag  einmal  die  Bäcker,  Fleischer  und  sonstige  Lieferanten  der
Konsumvereine  fragen,  wer  ihnen  durch  Rabatterpressungen  und  andere  unschöne
Handlungsweisen  ihre  Goldfüchse  abdestilliert  hat,  und  er  wird  als  gemeinsame
Antwort  erhalten:  Das  sind  die  Konsumvereine  gewesen!  Nun  will  ja  aber
Herr  Staudinger  das  Destillieren  abstellen.  Weshalb  erhitzt  er  denn  die  Destillierblase ­
  der  Konsumvereine  noch  durch  das  Feuer  seiner  Begeisterung  bis  zur
Rotglut?
Also  auch  in  diesem  Fall  ist  Herr  Staudinger  mit  dem  Bemühen,  das  von
ihn:  als  wahr  Erkannte  in  die  Tat  umzusetzen,  bei  den  Konsumvereinen  nicht  an
die  richtige  Adresse  gekommen.
§  22.
Ich  wäre  nun  durchaus  geneigt,  wegen  dieses  eigenartigen  Mißgeschicks,
den  Esel  dauernd  am  Schwanz  aufzäumen  zu  müssen,  Herrn  Staudinger  zu
bedauern,  wenn  nicht  die  nächsten  von  ihm  im  Fortgang  seiner  Kritik  getanen
Äußerungen  zeigten,  daß  er  auf  seine  rückschrittliche  Tätigkeit  noch  besonders  stolz
Suchsland,  Schutz-  und  Trutzwaffrn.  -  Z
        <pb n="35" />
        34

ist.  Hier  kommt  er  ganz  im  Geiste  der  Freisinnigen  und  Sozialdemokraten  auf
die  Würdigung  der  gegenwärtigen  Wirtschaftsordnung  zu  sprechen.  Er  lacht
darüber,  daß  ich  diese  alte  Wirtschaftsordnung  erhalten  und  gerade  durch  den
alten  Mittelstand  retten  wolle,  der  nach  meiner  eigenen  Meinung  durch  die
vorhandene  Ordnung  so  schweren  Leiden  ausgesetzt  sei,  während  ein  neuer  Mittelstand ­
  in  den  Fabrikbeamten  und  besser  entlohnten  Arbeitern  heranwüchse.  Er
kann  sich  gar  nicht  genug  tun  über  die  darin  liegende  Torheit  und  sucht  deshalb
nach  mildernden  Umständen.  Die  findet  er  in  meiner  von  ihm  sich  zurechtgelegten
Anschauung  über  das  heute  vorteilhafteste  Erwerbssystem,  das  ich  mir  nach
Großväterart  vorstelle.  Ich  hätte  die  neue  Zeit  verschlafen  und  betrachtete  sie
wie  die  Eule  das  Tageslicht.  Da  sähe  ich  nicht,  daß  die  Auswüchse  des  Großkapitals ­
  Erscheinungen  einer  notwendigen  Entwickelungsform  wären,  und  nur
durch  Zusammenschluß  der  einzelnen  in  Genossenschaften  zu  bekämpfen  seien.
Wie  die  Siebenschläfer  gestorben  seien,  als  sie  erfahren  hätten,  welche  ungeheure
Zeit  fie  verschlafen  hätten,  so  müßten  die  vergangenen  Ideen  sterben  in  der  Luft
der  neuen  Zeit.  Ich  bin  ihm  der  erste  Anwärter  auf  die  nächstfällige  Todeskandidatur. ­

Na,  schön!  Vorläufig  lebe  ich  indessen  noch.  Wenn  ich  aber  doch  bald
sterben  sollte,  so  würde  ich  keinesfalls  aus  Schreck  darüber  sterben,  daß  ich  meine
Zeit  verschlafen  hätte.  Gerade  sein  heftiger  Angriff  auf  mich  ist  ein  sprechender
Beweis  einer  vorausgegangenen  Tätigkeit  von  mir,  welche  keineswegs  die  eines
Schlaftrunkenen  gewesen  sein  kann.  Sonst  hätte  er  sich  nicht  so  aufzuregen
brauchen.  Er  benutzt  also,  in  der  Absicht  mich  zu  kränken,  ein  ganz  schiefes  Bild
und  verfährt  dabei  um  so  unverantwortlicher,  als  er  statt  meiner  die  alten  Heiligen
beleidigt.  Er  mag  sich  die  betreffende  Legende  von  einem  Konfirmanden  genauer
erzählen  lassen.  Ich  habe  dafür  hier  keinen  Platz  und  kann  nur  das  streifen,
daß  umgekehrt  die  Siebenschläfer  nicht  als  Toren  betrachtet  werden,  sondern
durch  ein  Wunder  lebendig  erhalten  sind  und  erweckt  wurden,  um  späteren  Geschlechtern ­
  Zeugnis  von  wichtigen  Vorgängen  längst  entschwundener  Zeiten  zu
berichten,  deren  Kenntnis  den  Lebenden  zum  Segen  gereichen  sollte.  Als  die
Siebenschläfer  diese  Mission  erfüllt  hatten,  legten  sie  sich  zur  ewigen  Ruhe
nieder?)
In  diesem  wahren  Sinn  der  Legende  will  ich  den  Vergleich  mit  den  Siebenschläfern ­
  gern  annehmen  und  ohne  Furcht  Zeugnis  ablegen  für  den  Wert  von
mancherlei  Altem  in  unserem  Staatswesen,  mag  auch  der  unhistorische  Sinn  der
Sozialdemokratie  mit  ihrer  Vorfrucht  dagegen  anrennen.

1)  Die  Siebenschläferlegende,  ihr  Ursprung  und  ihre  Verbreitung,  von  John  Koch,
Leipzig.  Verlag  von  Karl  Reißner  1883.
        <pb n="36" />
        3

35

§  23.
Da  ist  zunächst  der  alte  Mittelstand.  Seine  Bedeutung  für  ein  Staatswesen
  erhellt  am  besten  aus  einem  Beispiel.  müeißanbea.
Wir  wollen  einen  Klempnermeister  mit  einem  Warenhausangestellten  vergleichen. ­
  Beide  mögen  2400  Mk.  Einkommen  haben.  Da  macht  es  für  den
Steuererheber  allerdings  nichts  aus,  ob  er  seinen  Betrag  der  Einkommensteuer
für  2400  Mk.  Einkommen  bei  einem  Klempnermeister  oder  bei  einem  Angestellten
eines  Warenhauses  holt.  Jeder  hat  in  Preußen  für  2400  Mk.  Einkommen
44  Mk.  Steuer  pro  Jahr  zu  bezahlen,  aber  die  2400  Mk.  des  Klempnermeisters
setzen  sich  nicht  aus  zwölf  monatlichen  Nettozahlungen  von  200  Mk.  zusammen,
sondern  sie  sind  der  Unterschied  einer  Gesamteinnahme  und  einer  Gesamtausgabe,
sagen  wir,  sie  sind  der  Überschuß  von  10  000  Mk.  Einnahme  über  7600  Mk.
Ausgabe.  In  den  7600  Mk.  Ausgabe  stecken  nun  Löhne  und  Preise  für  Rohmaterialien, ­
  Halbfabrikate  und  fertige  Waren.  Wer  weiß,  in  wieviel  Hände  sie
übergegangen  sind  und  wieviel  wirtschaftlichen  Nutzen  sie  gestiftet  haben.  Dieser
stellt  den  Mehrwert  des  volkswirtschaftlichen  Nutzens  einer  alten  Mittelstandsexistenz
  gegenüber  einer  modernen  Mittelstandserscheinung  dar.
Wie  greifbar  dieser  Mehrwert  ist,  sieht  man  ein,  wenn  man  sich  z.  B.  vergegenwärtigt,
  daß  der  Klempnermeister  etwa  5  Gesellen  hielte,  deren  jeder  1050  Mk.
Lohn  bezieht.  Jeder  Geselle  hat  wieder  9  Mk.  Einkommensteuer  zu  zahlen.  Da
5.9  —  45  ist,  so  erhält  der  Staat  mehr  Steuern  durch  die  Ausgaben  des  Meisters
als  durch  seine  Einnahmen.  Damit  ist  aber  der  Nutzen  der  Ausgaben  noch  nicht
erschöpft.  Einmal  fehlt  noch  der  Betrag  von  2350  Mk.  an  Materialienunkosten
und  anderen  Dingen,  und  dann  behalten  die  Gesellen  ihren  Lohn  nicht  für  sich.
Sie  müssen  selbst  wieder  Ausgaben  machen  usw.
Aus  solchen  Erwägungen  kann  jeder  Urteilsfähige  ermessen,  was  der  gesamte
alte  gewerbliche  Mittelstand  in  Stadt  und  Land  für  einen  eminenten  volkswirtschaftlichen ­
  Wert  hat,  und  jeder  mag  selbst  sagen,  ob  die,  wie  feinste  Nerven  den
Volkskörper  durchsetzenden,  millionenfachen  wechselseitigen  Beziehungen  des  geschäftlichen ­
  Verkehrs,  der  sich  organisch  im  Lause  der  Zeit  gebildet  hat,  so  bequem
durch  neue  Mittelstandspuppen  zu  ersetzen  sind,  wie  das  die  linksstehenden
Parteien  sich  selbst  vorspiegeln.
Rechnen  wir  noch  dazu  die  Einsicht  des  Klempnermeisters  als  Arbeitgeber,
seine  Erfahrung  als  selbständiger  Geschäftsmann,  seine  Leistungen  in  Ehrenämtern, ­
  die  ein  abhängiger  Angestellter  gar  nicht  übernehmen  kann,  seine  größere
Seßhaftigkeit  usw.,  so  ist  klar,  daß  dadurch  einer  alten  gewerblichen  Mittelstandsexistenz
  außer  den  steuertechnischen  noch  viele  wertsteigernde  Faktoren  für  die
Stabilität  des  Staates  zugebilligt  werden  müssen  gegenüber  den  schematischen
und  absolut  abhängigen  neuen  Mittelstandsleuten.
        <pb n="37" />
        36

Dementsprechend  ist  die  alte,  gegenwärtig  noch  zum  größten  Teil  herrschende
Wirtschaftsordnung,  in  welcher  zahlreiche  selbständige  Existenzen  vorhanden  sind,
viel  besser  als  die  angestrebte  neue,  in  der  alle  Produktion  und  Konsumtion
zentralisiert  sind.
Auch  in  der  Natur  baut  sich  das  Leben  alles  Organischen  aus  Verbänden
von  kleinsten  widerstandsfähigen  Zellen  und  nicht  aus  Anhäufungen  riesiger
Einheiten  auf,  die  bei  geringem  Druck  zusammenbrechen.

§24.
más  Beispiels  Das  von  mir  gewählte  Beispiel  von  der  Gegenüberstellung  eines  Klempnerstandsexistenz.
  ureisters  und  eines  Warenhausangestellten  ärgert  Herrn  Staudinger  außerordentlich. ­
  Er  geht  deshalb  ausführlich  auf  dasselbe  ein  und  führt  nicht  weniger
als  drei  Gründe  für  seine  Unhaltbarkeit  an:
„Erstlich  arbeitet  der  Klempnermeister  in  der  Produktionsabteilung  der
Volkswirtschaft,  er  könnte  also  richtigerweise  nur  etwa  einem  Großfabrikanten
gegenübergestellt  werden,  während  den:  distributiven  Warenhaus  der  Kleinkaufmann
  gegenüberzustehen  hat.  Zweitens  ist  gar  nicht  gesagt,  wieviel  Arbeit
der  Klempnermeister  direkt  oder  indirekt  auch  durch  das  Warenhaus  erhält.
Und  drittens  haben  Sie  den  fünf  Gesellen  des  Klempnermeisters  doch  wohl
auch  die  sämtlichen  Arbeiter  und  Angestellten  des  Warenhauses  in  rechtem
Verhältnis  gegenüberzustellen,  nicht  einen  einzelnen  Beamten,  der  zufällig
ebensoviel  verdient  wie  der  Klempnermeister.  Wenn  Sie  nur  diese  Momente,
ganz  abgesehen  von  weiteren  wirtschaftlichen  Zusammenhängen,  berücksichtigen
wollten,  so  würden  Sie  Ihr  —  verzeihen  Sie  —  kindliches  Beispiel  nicht
wählen."
Alle  drei  Gründe  sind  hinfällig..
„Der  Klempner  arbeitet  in  der  Produktionsabteilung,  deshalb  muß  er
einem  Großfabrikanten  gegenübergestellt  werden."  Nein!  Es  handelt  sich  um
den  Vergleich  der  Wertigkeit  der  alten  und  neuen  Mittelstandsexistenzen,  daher
sind  solche  Existenzen  heranzuziehen  und  nicht  Großfabrikanten.  In  welchem
Revier  seiner  nationalökonomischen  Kaserne  Herr  Staudinger  die  Leute  sonst
unterbringen  will,  kommt  nicht  in  Betracht.
„Auch  das  Warenhaus  gebe  dem  Klempner  zu  verdienen."  Mag  sein,  aber
jedenfalls  weniger  als  50  andere  Kaufleute,  deren  Dächer  usw.  eine  größere
Fläche  darbieten,  als  das  eine  Dach  des  Warenhauses,  das  den  großen  dauernden
Jahrmarkt  unter  sich  beschattet.
„Die  fünf  Gesellen  müßten  im  rechten  Verhältnis  den  sämtlichen  Abgestellten ­
  und  Arbeitern  des  Warenhauses  gegenübergestellt  werden."
        <pb n="38" />
        37

Das  würde  ich  auch  getan  haben,  wenn  ich  die  beschäftigten  Arbeitskräfte
der  alten  und  neuen  Mittelstandsexistenzen  miteinander  hätte  vergleichen  wollen.
Der  Warenhausangestellte  bezahlt  aber  keine  Arbeitskräfte  im  Betrieb,  und  wenn
Herr  Staudinger  durchaus  die  Arbeitskräfte  miteinander  verglichen  haben  will,
so  brauchen  wir  die  Warenhausinhaber  nur  selbst  reden  zu  lassen,  und  wir  werden
erfahren,  daß  sie  immer  hervorheben,  daß  durch  den  Warenhausbetrieb  Arbeitskräfte ­
  erspart  werden  und  daher  die  Waren  billiger  seien.  Die  Preisermäßigung
geht  also  auf  Kosten  der  Arbeitsgelegenheit.  Deshalb  kommen  auf  die  fünf
Gesellen  jedenfalls  weniger  Arbeitskräfte  im  Warenhaus,  und  der  Klempnereibetrieb
  ist  für  die  Ernährung  des  Volkes  anteilig  wichtiger  als  das  Warenhaus
§25.
Was  nun  so  Komisches  dabei  sein  soll,  daß  ich  einerseits  augenblicklich  à"darZiel
vorhandene  und  den  gewerblichen  Mittelstand  bedrückende  Übel  der  gegenwärtigen  hinausschießen.
Wirtschaftsordnung  sehr  beklage  und  zur  Befreiung  gerade  die  leidenden  Volksschichten ­
  aufrufe,  ist  erst  recht  nicht  einzusehen.  Mir  scheint  nichts  natürlicher
als  dies.  Sie  haben  das  größte  Interesse  an  der  Abstellung  der  Auswüchse,
aber  es  liegt  gar  keine  Veranlassung  vor,  über  die  Beseitigung  der  Nöte  hinauszugehen. ­
  Das  wäre  ein  Sprung  ins  Dunkle.  Wozu  die  ganze  Wirtschaftsordnung ­
  ändern,  wie  es  die  sozialdemokratischen  Freunde  des  Herrn  Staudinger
wollen,  und  wie  es  ihm  selbst  nicht  unerwünscht  scheint?  Schneiden  wir  denn,
wenn  uns  ein  Hühnerauge  schmerzt,  den  ganzen  Zeh  ab,  oder  gar  das  Bein?
Das  würde  bald  ein  tolles  Gehumpel  im  neugeeinten  Deutschen  Reich  werden!
Oder  lassen  wir  uns  bei  eintretenden  Zahnschmerzen  eine  Kugel  in  die  Kinnlade
jagen  nach  Doktor  Eisenbart?
So  wollen  wir  auch  nicht  im  Wirtschaftsleben  gleich  alles  über  den  Haufen
werfen,  wenn  sich  auch  noch  so  große  Schäden  an  einer  Stelle  zeigen.  Wir
wollen  die  Schäden  beseitigen.  Das  geht  sehr  gut,  auch  wenn  es  großkapitalistische
Wucherungen  sind.  Hat  nicht  das  Börsentermingesetz  der  Landwirtschaft  schon
ganz  erhebliche  Vorteile  gebracht  und  den  Markt  von  dem  dort  umgehenden
Papierweizen  und  anderen  unnatürlichen  Erzeugnissen  der  spekulierenden  Börsenjobber ­
  befreit?  Auch  ist  das  tuberkulöse  und  finnige  Büchsenfleisch,  welches
früher  zum  Wohle  des  internationalen  Großkapitals  so  massenhaft  eingeführt
wurde,  durch  das  Fleischbeschaugesetz  aus  den  Grenzen  Deutschlands  verschwunden.
Diese  Gesetze  stammen  nicht  aus  Großmütterchens  Handkorb,  sondern  sind  aus
modernen  Anschauungen  heraus  geboren  und  erweisen  sich  als  nützlich.  Nebenher
verachte  ich  die  Anwendung  des  Genossenschaftsgedankens  gar  nicht.  Das  ist  aber
nur  ein  Mittel  neben  anderen.  In  den  Konsumvereinen  lebt  er  jedoch  nicht,
wie  immer  wieder  hervorgehoben  werden  muß.
        <pb n="39" />
        38

Die
Konsumvereine

§26.
Daß  Herr  Staudinger  sich  so  auf  Konsumvereine  verbissen  hat,  ist  sein

grohkapitaltstische  P^ch.  Er  will  das  Großkapital  bekämpfen  und  sitzt  mitten  drin.  Denn  die
Auswüchse.  Konsumvereine  sind  vielfach  selbst  großkapitalistische  Auswüchse  geworden,  und
wenn  man  das  zweifelhafte  Vergnügen  hat,  einen  Konsumvereinsagitator  zu  hören,
so  weiß  man,  daß  die  Millionen  dann  nur  so  herumfliegen.  Die  Herren  sind
faktisch  vom  Golde  berauscht.  In  neuster  Zeit  ist  als  Haupttrick  die  Parole  ausgegeben, ­
  namentlich  den  Hörerinnen  weiszumachen,  daß  die  Vereinsmitglieder
alle  Herren  dieser  Millionen  wären.  Sie  reden  von  Gründungen  der  mannigfachsten ­
  Zentralfabriken,  und  jeder  soll  sich  als  Fabrikbesitzer,  Plantagenbesitzer,
Reedereiinhaber  fühlen.  Mit  einer  Seifenfabrik  in  Aken  a.  E.  wird  begonnen
werden,  Flotten  von  Transportschiffen  sind  in  Aussicht  genommen  und  anderes
mehr.  Man  sieht,  die  Herren  haben  bei  der  Bekämpfung  des  Großkapitalismus
etwas  gelernt,  und  ich  fürchte,  daß  schließlich  die  Vorstände  und  Aufsichtsräte
in  den  Verwaltungen  dieser  Millionen,  zu  deren  leitenden  Stellen  merkwürdigerweise ­
  fast  nur  waschechte  Sozialdemokraten  für  befähigt  erachtet  werden,  ihren
Lehrmeistern  nach  probeweisem  Einstecken  von  Millionen  schließlich  auch  noch
den  persönlichen  Geschmack  an  der  Verwendung  der  Gelder  ablernen  und  dann
die  Konsumvereinsmitglieder  nach  dem  Gelingen  der  Konzentration  des  größten
Teiles  des  Handels  im  Zentralverband  deutscher  Konsumvereine  durch  alle  die
unlauteren  Machenschaften  bedrücken  werden,  welche  sie  jetzt  nicht  genug  beklagen
können.  Den  Teufel  durch  Beelzebub  auszutreiben,  ist  immer  eine  gefährliche
Manipulation  gewesen,  und  in  solchem  Verhältnis  steht  der  Konsumvereinsgedanke
zum  internationalen  Großkapitalismus.

wahren  Freiheit  und  Unabhängigkeit  von  direkter  und  indirekter  Fron-  und
Tributpflicht  der  geknechteten  Arbeiterschaft  durch  die  Pforten  der  Konsumvereinshallen ­
  führt,  an  deren  Hinterfronten  sich  die  eigenen  Produktionsstätten  für  alle

Bon  der  Freiheit  Mit  verhältnismäßig  wenia  Galle  aeaen  meine

§  27.
Mit  verhältnismäßig  wenia  Galle  aeaen  meine  Person  hat  Herr  Staudinger

Nach  einer  grau  in  grau  gemalten  Schilderung  über  das  jetzige  unwürdige
Sklaven-  und  Herrenverhältnis,  das  sich  durch  die  Notwendigkeit  des  Erwerbes
für  den  Arbeitnehmer  gebildet  habe,  sucht  er  nachzuweisen,  daß  der  Weg  zur

Gebrauchsgegenstände  anschließen.  Entsprechend  dem  in  den  sozialdemokratischen
Konsumvereinsprojekten  augenblicklich  dominierenden  Phantasiegebilde  der  projektierten ­
  Akener  Seifenfabrik  versucht  Herr  Staudinger  an  dem  Beispiel  der
Seifenfabrikation,  die  Knechtschaft  der  jetzigen  Seifensieder  im  Gegensatz  zu  dem
        <pb n="40" />
        39

Wohlleben  ihrer  in  Ringen  zusammengeschlossenen  Herren  zu  erläutern,  um
danach  zu  einer  Jubelouvertüre  über  das  paradiesische  Dasein  aller  Beteiligten
überzugehen,  welches  verwirklicht  sein  wird,  wenn  durch  Vermittelung  der  Konsumvereine ­
  die  Arbeiter  auch  die  Produktion  aller  der  zur  Befriedigung  ihrer  Wirtschaftsbedürfnisse
  nötigen  Gegenstände  in  die  Hand  genommen  haben  werden.
Aller  Prosit,  den  der  beutegierige  Kapitalist  jetzt  einstecke,  werde  ausgeschaltet. ­
  Er  komme  den  Arbeitern  zugute  entweder  in  Form  höheren  Lohnes
oder  billigerer  Ware.  Die  Existenz  der  in  ihren  eigenen  Betrieben  tätigen
Arbeiter  sei  eine  sicherere  als  jetzt,  und  außerdem  erhielte  jeder  bessere  Ware.
Von  alledem  kann  ich  nur  die  verurteilende  Bemerkung  über  die  Ringbildungen
  vieler  Fabrikanten  als  zum  Teil  berechtigt  anerkennen.  Manche  dieser
Gebilde  treiben  eine  nichtswürdige,  vaterlandsschädliche  Sonderinteressenpolitik,
anderen  wieder  kann  man  das  nicht  nachsagen,  und  einige  werden  sogar  gelobt
werden  müssen.  Alles,  was  sich  aber  nicht  auf  die  Ringe  bezieht,  ist  von  Herrn
Staudinger  in  einseitig  übertriebener  und  öfter  direkt  falscher  Weise  geschildert
worden.  Er  steht  hier  ganz  auf  sozialdemokratischem  Boden.  Ob  man  den  Brief
liest  oder  einen  sozialdemokratischen  Hetzer  hört,  ist  ganz  gleich.
Was  soll  es  heißen,  daß  unser  heutiges  Arbeitsverhältnis  tatsächlich  nur
Fron-  und  Tributpflichten  einschließt  und  mit  unseren  moralischen  und  rechtlichen
Grundsätzen  in  unausgleichbarem  Widerspruch  steht?  Gewiß  existiert  in  Arbeiterkreisen ­
  jetzt  vielfach  eine  früher  unerhörte  Sklaverei  und  ein  haarsträubender
Terrorismus.  Diese  rühren  aber  nicht  von  den  Arbeitgebern  her,  sondern  von
den  sozialdemokratischen  Führern,  welche  mit  Hilfe  der  „freien  Gewerkschaften"
zugleich  Herren  der  Arbeitnehmer  und  Arbeitgeber  werden  nwchten.  Diese
sozialdemokratischen  Aufwiegler  tragen  hauptsächlich  die  unseren  „moralischen  und
rechtlichen  Grundsätzen"  widersprechenden  Momente  in  das  Arbeitsverhältnis
hinein.  Sie  verlangen  behufs  Aufregung  der  Massen  alle  Rechte  für  sich  und
alle  Pflichten  für  die  Arbeitgeber.  Treu  und  Glauben  kennen  sie  nicht  mehr.
Streiks  brechen  sie  vom  Zaun  wie  Hagebutten,  und  wenn  sie  dann  nach  der  übermütigsten ­
  Verhöhnung  der  Arbeitgeber  und  nach  eitler  Prahlerei  niedergeworfen
sind,  wie  in  Crimmitschau,  dann  verlangen  sie  noch  dreist  als  selbstverständlich
die  Einstellung  aller  Streikenden  und  die  Entlassung  der  Arbeitswilligen,  um
das  beim  Streik  gesammelte  Geld  für  sich  behalten  zu  können.  In  Crimmitschau
hat  der  Reingewinn  der  Streikkasse  Summen  betragen,  die  man  sich  scheut  nachzusprechen. ­
  Dabei  berufen  sie  sich  nicht  selten  auf  Vorschriften  christlicher  Nächstenliebe,
  die  sie  selbst  nur  kennen,  wenn  sie  ihnen  Vorteile  bringt.
In  diesem  Wirrwarr  von  Ansichten,  die  in  den  Köpfen  aller  Sozialdemokraten, ­
  also  auch  in  denen  der  zu  Hamburg  an  der  Krippe  der  Zentral-
        <pb n="41" />
        40

einkaufsstelle  deutscher  Konsumvereine  Schmausenden,  ihr  Unwesen  treiben,  einige
Ordnung  zu  bringen,  das  sollte  sich  Herr  Staudinger  angelegen  sein  lassen.  Aber
freilich  würde  dann  der  Verlag  der  Hamburger  Großeinkaufsgesellschaft  die
Staudingerschen  Schriften  nicht  drucken  lassen.  Das  würde  auch  nicht  geschehen,
wenn  er  die  Wahrheit  über  das  jetzt  herrschende  Verhältnis  zwischen  Arbeitgeber ­
  und  -nehmer  berichtete,  daß  nämlich  in  bei  weitem  den  meisten  Fällen  die
Arbeitgeber  von  ihren  Arbeitern  abhängen,  daß  sich  kaum  ein  Arbeiter  von
„seinem  Herrn,  bei  dem  er  frondet"  etwas  sagen  läßt,  ohne  ihm  die  Arbeit
sofort  vor  die  Füße  zu  werfen,  und  daß  die  Arbeitgeber  und  unser  Staat,  also
auch  Leute,  die  mit  dem  Arbeitsverhältnis  direkt  gar  nichts  zu  tun  haben,  in  den
wunderbaren  Einrichtungen  der  Krankenkassen-,  Invaliden-,  Altersversicherungsund ­
  Unfallgesetzgebung  so  großartig,  liebenswürdig  und  moralisch  für  die  „Sklaven"
sorgen,  wie  es  seit  Menschengedenken  nirgends  vorgekommen  ist.
An  und  für  sich  gönnte  ich  den  Staudingerschen  „Sklaven"  einmal,  daß
sie  in  größerem  Umfang  die  Seligkeit  der  Zuchthausfreiheit  in  dem  genossenschaftlichen ­
  Rattenkönig  von  konsumvereinlichen  Fabrikkomplexen  ohne  die  jetzt
vorhandene  Rückendeckung  durch  viele  bürgerliche  Betriebe  genießen  könnten.  Ich
glaube,  sie  würden  bald  von  dem  Wahne  geheilt  sein,  daß  sie  sich  verbessert
hätten.
Von  der  Behandlung  will  ich  gar  nicht  reden.  Einiges  lassen  ja  die  jetzt
gerade  in  Blüte  stehenden  Konsumvereinszänkereien  schon  ahnen.  Es  wird  aber
um  so  schlimmer,  je  sicherer  sich  die  Alleinherrscher  fühlen.  Sie  würden  die
Masse,  welche  ja  immer  nur  in  rachsüchtigen  Urteilssprüchen  wahre  Befriedigung
findet,  schon  zu  kitzeln  wissen.  Das  ist  im  alten  Athen  und  Rom  so  gewesen,
das  lesen  wir  von  der  fürchterlichen  französischen  Revolution  vom  Ende  des
vorvorigen  Jahrhundert,  das  haben  wir  von  der  Kommuneerhebung  1871  gehört,
und  das  haben  wir  1903  auf  dem  sozialdemokratischen  Parteitag  in  Dresden
erlebt.
Solange  freilich  noch  das  Wort  „wer  nicht  pariert,  fliegt  hinaus"  angewendet
  werden  kann,  weil  die  jetzige  Ordnung  der  Dinge  noch  genügenden
Raum  für  Flugbahnen  gewährt,  ist  die  Sache  nicht  schlimm.  Wenn  aber  der
Unfug  mit  den  Produktivgenossenschaften  der  Konsunwereine  gesiegt  haben  würde,
wo  soll  denn  da  jemand  hin  fliegen?  Dann  würde  er  nur  in  eine  Zwangsabteilung ­
  kommen  können,  für  deren  Einrichtung  in  dem  „freien"  Produktionsstaate ­
  bald  gesorgt  werden  würde.  Vielleicht  würde  sogar  Herr  Staudinger  zum
„Direktor  dieser  Fronabteilung"  ernannt  werden.  Er  hat  ja  das  Unglück,  von
den  Konsumvereinlern  immer  da  benutzt  zu  werden,  wo  seine  Taten  mit  seinen
theoretischen  Ansichten  im  schreiendsten  Widerspruch  stehen.
        <pb n="42" />
        41

§  28.
In  dieser  Stellung  als  Direktor  der  Fronabteilung  in  den  Produktiv-  Eventuà  Folgen
genossenschaften  würde  Herr  Staudinger  auch  genügende  Muße  haben,  den  Wert  Maffengründung
seiner  jetzigen  Anschauungen  über  die  neuen  ungeheuren  materiellen  Vorteile  der
Arbeiter  zu  ergründen.  Jetzt  scheint  er  das  nicht  zu  können.  Er  mag  daher  mit  meinen
Fingerzeigen  fürlieb  nehmen.  Ich  werde  mich  zuerst  der  bei  den  Konsumvereinen
sozialdemokratischer  Richtung  auf  der  Tagesordnung  stehenden  Seifenfabrik  in
Aken  a.  E.  zuwenden.
Nehmen  wir  an,  sie  sei  gegründet  und  in  flottem  Betrieb.  Alle  sozialdemokratischen ­
  Konsumvereine  reißen  sich  um  ihre  Produkte,  alle  roten  Säuglinge ­
  lassen  sich  nur  mit  Akener  Seife  waschen.  Dann  verringert  sich  offenbar
der  Absatz  bei  den  bisherigen  Fabriken,  und  sie  entlassen  Arbeiter.  Wenn  die
Fabrikanten  vernünftig  sind,  werden  sie  solche  Arbeiter  entlassen,  welche  einem
Konsumverein  angehören;  denn  als  Mitglieder  dieser  sind  sie  selbst  mit  an  dem
Rückgang  ihrer  Fabrik  schuld.  Nach  den  eigenen  Ausführungen  der  Genossen
stellt  nun  aber  der  Riesenbetrieb  Aken  mit,  sagen  wir,  200  Arbeitern,  viel  mehr
Seife  her  als  in  den  kleineren  Fabriken  von  200  Arbeitern  fabriziert  werden
kann.  Vielleicht  werden  also  400  Arbeiter  brotlos.  Was  machen  diese?  Einige
werden  nach  Aken  wandern  und  dort  um  Beschäftigung  anklopfen.  Aber  da
werden  sie  schön  ankommen.  Eine  Anzahl  würde  zunächst  bei  den  weiteren  Neueinrichtungen ­
  Beschäftigung  finden  können,  wenn  aber  auch  durch  diese  Schuh-,
Möbel-,  Mehl-  usw.  Fabriken  in  steigendem  Verhältnis  immer  mehr  Arbeitskräfte
brach  gelegt  werden,  dann  werden  die  Weisen  der  Konsumvereinshierarchie  ihnen
schließlich  zurufen  müssen:  Ja,  habt  ihr  denn  seinerzeit  nicht  gehört,  daß  wir
ganz  offen  immer  erklärt  haben,  es  wären  in  den  Zwergbetrieben  viel  zu  viel
Arbeitskräfte  beschäftigt  und  daher  kämen  die  hohen  Preise?  Wir  haben  stets
gesagt,  daß  zur  Verbilligung  der  Waren  Arbeitskräfte  ausgeschaltet  werden
müßten,  da  habt  ihr  wie  unsinnig  Bravo  gerufen  und  die  Gegner,  welche  euch
auf  eure  spätere  Arbeitslosigkeit  hinwiesen,  habt  ihr  niedergeschrieen.  Uns  könnt
ihr  keinen  Vorwurf  machen,  wir  würden  unsere  Hände  in  Unschuld  waschen,
wenn  wir  nicht  die  herrliche  Akener  Seife  so  massenhaft  und  so  nahe  hätten.
Und  dann  werden  die  also  Belehrten  unter  Benutzung  einiger  hier  unterdrückten
kräftigen  Kosenamen  aus  dem  offiziellen  Schmeicheleienverzeichnis  des  Dresdener
sozialdemokratischen  Parteitags  mit  Bremer  Nachtrag  sagen:  Den  Unsinn  haben
wir  damals  nicht  verstanden,  wie  überhaupt  den  sozialdemokratischen  Quatsch
niemand  versteht,  aber  jetzt  sehen  wir,  daß  ihr  uns  an  der  Nase  herumgeführt
habt.  Hoffentlich  vernünftig  geworden,  kehren  sie  den  Konsumvereinen  den
Rücken  und  lassen  die  Herren  Massenfabrikanten  in  Aken  a.  E.  stehen.  Sie
        <pb n="43" />
        42

selbst  aber  berichten  in  ihren  Heimatsorten  das  Gesehene  und  Gehörte.  Auch
ohne  Worte  demonstrieren  sie  bloß  durch  ihre  Anwesenheit  und  die  dadurch  bewirkte
Konkurrenz  auf  dem  Arbeitsmarkt  ihren  früheren  Genossen  in  den  Konsum-Vereinen
  an  deren  eigenem  Leibe,  was  es  heißt,  wenn  Tausende  von  Arbeitskräften ­
  durch  frivole  Gründungen  von  Fabriken  auf  die  Straße
gesetzt  werden.  Ein  allgemeiner  Rückgang  in  den  Löhnen  wird  die  Folge  sein,
und  statt  des  erträumten  Vorteils  wird  von  Aken  her  nur  Unheil  ausgehen.
§29.
Abschliebun"à  Wie  ungereimt  gar  die  Meinung  ist,  daß  in  dem  Maße,  als  immer  mehr
Arbeiter  ihre  eigenen  Produzenten  werden  und  immer  mehr  der  Prosit  Dritter
ausgeschaltet  wird,  auch  der  Vorteil  der  Arbeiter  wächst,  das  erkennt  man  am
klarsten  aus  dem  Grenzfall,  den  man  erhält,  wenn  man  sich  auf  die  Kuppel
des  Staudingerschen  Luftschlosses  versetzt  und  sich  vergegenwärtigt,  daß  der
Ring  geschlossen  ist  und  alle  Arbeiter  ihre  eigenen  Produzenten  sind.  Bei
diesen  Arbeitern  unter  sich,  bei  diesen  destillierten  Konsumproduzenten,
die  keinem  anderen  etwas  abkaufen  und  also  auch  selbst  keine  außerhalb  ihres
Ringes  stehenden  Abnehmer  verlangen  können,  wird  sich  dann  folgende  Erscheinung ­
  zeigen:  Die  Einnahmen  der  Fabriken  sind  der  Erlös  für  die  an  ihre
Arbeiter  gelieferten  Waren  und  die  Einnahmen  der  Arbeiter  sind  das  Geld,  das
die  Fabriken  von  den  Arbeitern  erhalten  haben.  Der  Kreislauf  ist  kurz,  aller
Prosit  Dritter  ist  ausgeschaltet.  Das  wirtschaftliche  Kolumbusei  ist  im  Nest  zu
Aken  von  den  Entdeckern  der  neuen  Wirtschaftsordnung  auf  genossenschaftlichem
Wege  gelegt  worden!  Ich  fürchte  aber,  dieses  Ei  wird  bald  auf  sehr  ungenossenschaftlichem
  Wege  in  den  Retorten  der  Akener  Stammfabrik  mit  Ätznatron  und
dito  Kali  verseift  werden.  Denn  es  ist  etwas  sehr  faul  an  ihm.  Woher  kommen
nämlich  die  Rohmaterialien  zur  Seifen-,  Schuh-,  Möbel-,  Mehl-  usw.  Fabrikation?
Sie  müssen  bezogen  werden,  und  das  kostet  Geld.  Daher  muß  jede  Woche
aus  der  Genossenschaft  Geld  verschwinden,  neues  kommt  nicht  hinein,  da  die
Genossen  nur  unter  sich  sind,  und  so  wird  das  Ende  zu  Aken,  wenn  die  Wünsche
der  Konsumvereinsenthusiasten  erfüllt  sind,  ein  großes  Armenhaus  sein.  Und
das  kommt  in  letzter  Instanz  daher,  daß  man  eine  verkehrte  Welt  einrichten  wollte.
Die  genossenschaftlichen  Kolumbuseierfabrikanten  haben  in  ihrem  Konsumvereinsdünkel
  den  Konsum  an  die  erste  Stelle  gesetzt  und  davon  die  Produktion
abhängig  gemacht.  Man  muß  doch  aber  erst  etwas  produzieren,  ehe  man  es
konsumieren  kann.  Solches  Denken  steht  auf  derselben  Höhe  wie  die  Bewunderung ­
  des  Mannes,  der  da  meinte,  das  Haus  hinge  am  aufsteigenden  Rauch.
Ja,  ja,  das  große  Problem  vom  Zusammenhang  der  Wirkung  und  Ursache.
        <pb n="44" />
        43

§  30.
Ich  weiß  wohl,  daß  man  versuchen  wird,  diese  Schlußfolgerungen  unter  Adumv-Hinweis
  auf  die  „Riesenerfolge"  den  den  englischen  Konsumvereinen  ange-  genosiemchaften
schlossenen  Produktivgenossenschaften  als  falsch  zu  bezeichnen.  Man  wird  „die  Konsumverà.
Resultate"  der  Beobachtungen  hervorholen,  welche  neun  Konsumvereinsabgesandte
1899  in  England  gemacht  und  in  einer  Broschüre  „Unsere  Englandreise!"  niedergelegt ­
  haben.  Wenn  nur  das  Aufsperren  von  Mund  und  Nase  von  Leuten  aus
Orten  wie  Zeitz  und  Schedewitz,  welche  nach  einer  sehr  „ausgiebigen"  stürmischen
Seereise  in  rasendem  Tempo  durch  die  Großbetriebe  der  Riesenstädte  Manchester,
Liverpool,  London  geschleppt  sind,  als  wissenschaftliches  Ergebnis
anerkannt  werden  könnte!  An  Bauchrutschen  vor  den  englischen  Hundertmillionenzahlen ­
  und  an  Wünschen,  es  doch  in  Deutschland  auch  bald  so  weit  zu  bringen,
in  solchen  Goldbergen  herumwühlen  zu  können,  während  sich  bis  jetzt  die  armen
Vorstände  der  Hamburger  Großeinkaufsgesellschaft  bloß  20  Millionen  durch  die
Hände  laufen  lassen  dürfen,  fehlt  es  in  dem  Bericht  freilich  nicht,  und  wie  wunschbedürftig ­
  sich  in  England  die  Konsumvereinsmissionare  vorgekommen  sind,  erkennt
man  aus  dem  Gruppenbilde  der  Herren,  das  in  sinniger  Weise  die  erste  Seite
des  bedeutungsvollen  Berichts  schmückt.  Dabei  sind  sie  in  dem  Augenblick,  wo
sie  auf  der  photographischen  Platte  verewigt  wurden,  noch  von  der  relativen
Größe  ihrer  persönlichen  Wichtigkeit  als  Abgesandte  auch  großer  Konsumvereine
durchdrungen  gewesen  und  haben  noch  nicht  die  bitteren  Pillen  verschlucken  müssen,
die  ihnen  an  keiner  Stelle  erspart  wurden,  daß  nämlich  ihre  englischen  Freunde
von  dem  ganzen  deutschen  Konsumvereinswesen  gar  nichts  wußten  und  nicht
einmal  von  dem  Stolz  der  deutschen  Genossen,  vom  Breslauer  und  Plagwitzer
Konsunwerein,  etwas  gehört  hatten.
Um  so  mehr  wollen  sie  die  Kenntnis  des  bildungsfähigeren  deutschen  Volkes
über  englische  Konsumvereinserfolge  fördern  und  überschlagen  sich  in  den  aufgeschnappten ­
  Zahlen.
Nur  am  Schluß  finden  sich  zusammenhängende  Daten,  welche  aus  dem  für
eineil  in  Liverpool  abgehaltenen  Kongreß  bestimmten  Bericht  stammen.  Dieses
einzige  wissenschaftliche  Material  zeigt  aber,  wenn  man  es  sich  genau  ansieht,
eine  ganz  andere  Lage  von  der  Eigenproduktion,  als  sie  dem  seesturmbewegten
Blut  auf  den  wankelmütigen  Wasserbeinen  erschienen  und  in  der  erhitzten
Phantasie  haften  geblieben  ist.  Die  „gewaltige"  Entwickelung  der  Eigenproduktion ­
  zeigt  nämlich  in  den  Jahren  von  1897—1901  folgenden  riesenhaften ­
  Aufschwung:  Es  waren  beteiligt
1897  von  1465564  Konsumvereinsmitgliedern  anProduktivgenossenschaften  35784  d.h.  2,4  °/o
1898  „  1535119  „  „  „  31890  „  2,1  „
1900  „  1709371  „  „  „  33149  „  1,9  „
1901  „  1793770  „  „  „  32434  „  1,8  „
        <pb n="45" />
        44

Nennen  die  Herren  2,4  %,  2,1%/  1/9%,  1,8%  eine  aufsteigende  Bewegung? ­

Die  Zahlen  zeigen  vielmehr  deutlich,  daß  die  Eigenproduktion  der  Konsumvereine ­
  in  England  in  absolutem  Sinn  eine  geringe  ist  und  sogar  schon  wieder
abflaut.  Von  100  Konsum  verein  lern  sind  noch  nicht  zwei  bei
der  Eigenproduktion  beteiligt!  Und  da  kommt  Herr  Staudinger
und  will  im  „rückständigen  Deutschland"  den  Arbeitern  vormachen,  daß  sie  nur
glücklicher  werden  können,  wenn  sie,  wie  in  England,  möglichst  alle  ihre  eigenen
Produzenten  werden.
Die  Betriebsleiter  und  Vorsteher  der  Geldzentralen  würden  sich  allerdings
sehr  gut  stehen.  Daran  zweifle  ich  nicht,  den  Arbeitern  aber  kann  man  nach
den  Gesetzen  der  Logik  und  auf  Grund  der  englischen  Zahlen  nur  zurufen:  Finger
weg  von  den  Produktivgenossenschaften!  Ihr  ruiniert  eure  eigenen  bisherigen
Arbeitsstätten,  ohne  in  den  neuen  genügenden  Ersatz  zu  finden.
§  81.
Kaufmannsstand  Den  Haupttrumpf  glaubt  Herr  Staudinger  auf  den  nächsten  Seiten  seines
ìşsetnem  Unglück'  Briefes  ausspielen  zu  können.  Ich  habe  ihn  schon  öfter  in  sozialdemokratischen
schuld.  Versammlungen  zu  hören  bekommen.  Die  Leute  reden  alle  dasselbe,  ob  sie  in
Bremen,  Magdeburg,  Halle,  Leipzig,  Eisenach  oder  sonstwo  auftreten,  es  ist  immer
der  gleiche  Quark,  der  mit  Selbstgefälligkeit  breitgetreten  wird.  Man  hat  es
eben  mit  Konsumware  zu  tun.  Das  Kommen  des  Haupttrllmpfes  kündigen  sie
auch  stets  mit  demselben  breiten  Lächeln  des  wohlwollenden  Henkers  an,  der
süßlich  flüstert:  Bitte,  nehmen  Sie  Platz!  Selbst  Herr  Staudinger  wird  dabei
liebenswürdig  und  ist  zugleich  sehr  moralisch,  worauf  er  bei  Gegnern  großes
Gewicht  legt.  Er  redet  nicht  nur  von  den  Toten  Gutes,  sondern  läßt  diese  Wohltat ­
  als  eine  Art  beneficiam  Polyphemi  schon  mir  als  Sterbendem  zugute  kommen.
Er  ist  ja  seiner  Sache,  mich  umzubringen,  auch  so  sicher!  Denn  jetzt  läßt  er  zu
mir,  dem  konservativen  Heißsporn,  einen  Kgl.  Sächsischen  konservativen  Minister-Präsidenten
  sprechen.  Dieser  wird  mir  beweisen,  daß  der  Kaufmannsstand  selbst
an  seinem  Unglück  schuld  ist.
Aus  einem  Dekret  Sr.  Exzellenz  des  Herrn  v.  Metzsch  vom  28.  Februar  1902
Seite  13  zitiert  er:
„So  ist  der  Kleinhandel  das  große  Sammelbecken  geworden  für  zahlreiche ­
  Personen,  die  daran  verzweifeln,  auf  anderem  Wege  ihr  Auskommen  zu
finden.  Solange  der  Kleinhandel  den  breiten  Strom  aller  dieser  Existenzen
in  sich  aufzunehmen  hat,  wird  seine  Lage  trotz  Ausnahmebesteuerung  der  Großgeschäfte ­
  eine  schwierige  bleiben  ....  Einen  Teil  der  Schuld  an  der  übermäßigen ­
  Vermehrung  der  Kleinhandlungen  tragen  viele  Hausbesitzer  größerer
        <pb n="46" />
        45

Städte,  die  im  Hinblick  auf  die  höheren  Erträgnisse  von  Läden  im  Erdgeschosse
Läden  einzurichten  pflegen.  Jeder  solche  neu  hergestellte  Ladenraum  wirkt  wie
eine  Aufforderung,  in  diesem  Raume  ein  Handelsgeschäft  zu  beginnen  .  .  .
Mir  steht  der  ganze  Erlaß  des  Sächsischen  Ministerpräsidenten  nicht  zur
Verfügung.  Ich  weiß  also  nicht,  ob  der  Herr  Ministerpräsident  nicht  an  anderen
Stellen  Dinge  sagt,  die  gegen  Herrn  Staudinger  sprechen,  aber  ich  denke,  daß  ich
auch  aus  eigener  Kraft  die  in  diesem  Bruchstück  sich  wahrscheinlich  schief  darstellenden
  und  deshalb  so  dargebotenen  Ansichten  des  Erlasses  über  die  Selbstschuld
  des  Handels  an  seiner  Notlage  widerlegen  kann.
Daß  der  Kleinhandel  das  große  Sammelbecken  geworden  ist,  daran  sind
mitnichten  die  in  ihm  beschäftigten  gelernten  Kaufleute  schuld,  sondern  die
liberalen  Heißsporne,  welche  alle  Schutzschranken  der  einzelnen  Stände  durch  die
absolute  Gewerbefreiheit  niedergerissen  haben.  Seit  jener  liberalen  Ära  ist  es
erst  an  der  Tagesordnung,  daß  sich  alle  möglichen  ungelernten  Personen  als
Händler  etablieren  und  zum  Schaden  des  ehrbaren  Kaufmanns  ihr  Unwesen
treiben.  Die  schlimm  st  en  von  allen  sind  die  mei  st  auch  ungelernten ­
  Vorstände  und  Lagerhalter  der  Konsumvereine!
Sie  treten  rudelweise  auf,  und  es  macht  auch  das  Zitieren  des  Metzschen  Erlasses
der  Logik  des  Herrn  Staudinger  wieder  keine  Ehre,  indem  er  das  Bestehen  der
Konsunwereine  damit  zu  rechtfertigen  sucht,  daß  er  einen  tadelnden  Hinweis  des
Sächsischen  Ministerpräsidenten  auf  den  Zufluß  der  ungelernten  Elemente  in  den
Kaufmannsstand  anführt  und  gar  nicht  fühlt,  daß  dieser  Vorwurf  erst  recht  die
mit  Maurer-,  Schneider-,  Ziegeldeckerleitungen  begnadeten  Konsumvereine  selbst
trifft.  Es  ist  vielmehr  so  zu  folgern:  Weil  der  Kaufmannsstand  schon  so  wie  so
von  einzelnen  Pfuschern  zu  leiden  hat,  deshalb  ist  die  Oberpfuscherei  von  Konsum-Vereinen
  eine  tausendfach  gefährliche  und  ganz  zu  verbieten.  Ist  es  nicht  auch
eigentiimlich,  daß  jedem  Beamten  einzeln  und  für  seine
Familienangehörigen  verboten  ist,  kaufmännische  Geschäfte ­
  zu  betreiben,  aber  zu  Tausenden  zusammengeschlossendürfensiees?
  Wo  bleibt  da  der  gesunde  Mens  chenverstand?
  Diesen  Gesichtspunkt  empfehle  ich  bei  der  Beurteilung  der  Waren-Häuser
  für  deutsche  Beamte  und  für  die  deutsche  Armee  und  Marine.
Nichtig  ist  dagegen,  daß  die  häusige  Einrichtung  von  Läden  in  Neubauten
unverkennbar  eine  nicht  wirkungslose  stumme  Aufforderung  zum  Beginn  manches
neuen  Geschäftes  ist.  Wie  das  aber  die  Konsumvereine  von  dem  Vorwurf  des
ruinösen  Treibens  entlasten  soll,  ist  unverständlich.  Denn  durch  den  Hinweis  auf
den  groben  Unfug  eines  anderen  wird  ein  Unfug  von  mir  nicht  ungeschehen  oder
in  das  Gegenteil  verwandelt.  Außerdem  sind  die  hinter  den  Konsumvereinen  im
allgemeinen  und  hinter  den  Staudingerschen  im  besonderen  stehenden  Sozialdemo-
        <pb n="47" />
        46

kraten  insofern  an  der  Unsitte  des  Ladeneinrichtens  indirekt  beteiligt,  als  sie  ein
Hauptkontingent  zur  Schutztruppe  des  internationalen  Großkapitals  stellen,  welches
durch  Bodenspekulationen  in  den  Städten  die  Bauplätze  verteuert  und  die  Bauunternehmer ­
  zwingt,  behufs  Erzielung  einer  leidlichen  Rente  fast  nur  Häuser  mit
Läden  zu  bauen.
In  manchen  Städten  ist  auch  übereilt  eingeführte  Großindustrie  die  Ursache
für  die  Misere  kleiner  Läden.  So  hat  in  Eisenach  die  dortige  Fahrzeugfabrik
in  einzelnen  Jahren  1600  Arbeiter  beschäftigt.  Die  meisten  waren  von  auswärts
zugezogen.  Als  nun  die  Fabrik  nicht  mehr  prosperierte,  sind  ca.  1000  Arbeiter
entlassen  worden.  Von  ihnen  haben  viele,  wie  Sattler,  Schlosser,  Tischler  usw.
als  Gewerbetreibende  in  Eisenach  sich  niedergelassen.  Den  Effekt  kann  sich  jeder
ausmalen.  Trotzdem  hat  sich  dort  vor  einigen  Jahren  ein  Konsunwerein  gebildet,
und  ich  habe  selbst  in  Eisenach  von  einenr  „berühmten"  Konsumvereinsförderer
die  vielen  kleinen  Läden  als  einen  Entschuldigungsgrund  für  die  Existenz  der
Konsumvereine  mit  anhören  müssen.  Da  weiß  man  doch  nicht,  ob  man  seinen
Ohren  trauen  darf.  Daß  diese  kleinen  Geschäfte  nur  selten  erstklassige  Waren
führen,  ist  bekannt,  sie  bestehen  meist  auch  nicht  lange,  sondern  sie  werden  von  den
Mitgliedern  der  Konsumvereine  aufgezehrt,  indem  diese  dort  borgen,  wenn  ihnen
im  Konsumverein  wegen  fehlenden  Geldes  oder  zu  hoher  Kreide  keine  Ware  mehr
abgegeben  wird.  Jedenfalls  können  die  besseren  Geschäfte  gelernter  Kaufleute
nichts  dafür,  daß  solche  Budiker  öfter  nicht  gute  Ware  führen,  und  für  die
Konsumvereinsmitglieder  ist  auch  die  mittelmäßigste  Ware  noch  gut  genug,  da  sie
meist  nichts  bezahlen.  So  können  sich  die  Konsumvereine  auch  nicht  hinter  dem
Zipfel  verstecken,  den  Herr  Staudinger  als  Mann  des  Gesetzes  aus  dem  Kgl.
Sächsischen  ministeriellen  Dekret  herausgerissen  hat.
§  32.
Alle  Stände  leiden  Wird  es  den  Konsumvereinen  besser  gelingen,  Deckung  zu  sinden  hinter  dem
Konsumvereine,  geschnörkelten  Gerippe  einer  Kalkulation,  welche  Herr  Staudinger  auf  Grund
der  Behauptung  von  mir  angestellt  hat,  daß  die  Konsunwereine  den  Arbeitern
schädlich  würden  und  überhaupt  allen  Ständen,  nicht  bloß  dem  der  Gewerbetreibenden? ­

Meine  diesbezüglichen  Ausführungen  lauten:
Es  wird  bald  keine  Familie  mehr  sein,  welche  nicht  durch  die  direkten  oder
indirekten  Folgen  der  Konsumvereinswirtschaft  zu  leiden  hat,  insbesondere  mache
ich  auf  das  Nachdrücklichste  darauf  aufmerksam,  daß  auch  die  Arbeiter  zu  den
Leidtragenden  nicht  nur  gehören  werden,  sondern  bereits  jetzt  zu  ihnen  zählen.
Ich  weiß  wohl,  daß  diese  Behauptung  etwas  sehr  Auffallendes  hat-  denn  ich  bin
noch  niemand  begegnet,  der  bei  einer  Unterhaltung  über  die  Frage  nach  der
        <pb n="48" />
        47

Berechtigung  der  Beteiligung  an  Konsumvereinen  nicht  gesagt  hätte:  „Na,  den
Arbeitern  und  den  kleinen  Beamten  kann  man  den  Beitritt  zu  Konsumvereinen
doch  nicht  verdenken."  Selbst  Kaufleute  stehen  auf  diesem  Standpunkt,  und  in
einer  mir  kürzlich  zugegangenen  Nummer  des  Hannoverschen  Couriers  (Morgenausgabe ­
  vom  5.  April  1903)  wird  bei  einer  Darlegung  der  nationalliberalen
Mittelstandspolitik  ausdrücklich  gesagt,  daß  gegen  die  Konsumvereine  nichts  zu
machen  sei,  weil  in  ihnen  hauptsächlich  bedürftige  Leute  durch  den  Zwang  der
Barzahlung  nicht  unbedeutenden  wirtschaftlichen  Nutzen  hätten.
Ich  fasse  die  Sache  anders  auf.
Durch  die  Konsumvereine  werden  Zehntausende  von  Geschäften  verkümmert
oder  ganz  ruiniert.  Dadurch  werden  ebensoviele  Arbeitskräfte,  welche  in  den  sonst
blühenden  Geschäften  gute  Stellungen  hatten,  brotlos.  Ihnen  gesellen  sich  die
ruinierten  kleinen  Geschäftsinhaber  zu.  Was  sollen  sie  tun?  Sie  gehen  auf  den
Arbeitsmarkt  und  vermehren  dort  das  Angebot.  Das  weitere  kann  sich  jeder
selbst  ausmalen.  Haben  also  die  Arbeiter  unbedingt  Vorteil  von  den  Konsum-Vereinen?

Aber,  halt,  so  höre  ich  sagen,  die  Konsumvereine  brauchen  doch  auch  Leute!
Gewiß,  aber  wie  viele  denn?  Bei  der  außerordentlichen  Zentralisation  der  Betriebe ­
  und  der  Einführung  der  sog.  Lieferantengeschäfte  findet  nur  verhältnismäßig
wenig  männliches  und  in  den  Verkaufsstellen  fast  ausschließlich  mangelhaft  bezahltes ­
  weibliches  Personal  Beschäftigung.  Klagen  über  Arbeitsüberbürdung  ertönen ­
  fortwährend  fast  aus  allen  Konsumvereinen.  Ein  ungefähres  Bild  über  den
Ausfall  von  Arbeitsgelegenheit  mögen  Sie  aus  folgenden  Daten  entnehmen:
Im  11.  Geschäftsbericht  des  Allgemeinen  Konsumvereins  in  Halle  ist  angegeben, ­
  daß  der  Verein  im  Jahre  1900/01  23  männliche  und  56  weibliche  Angestellte, ­
  zusammen  also  79  Personen  beschäftigt  hat.  Da  der  Gesamtumsatz  des
Vereins  über  4  Millionen  betragen  hat,  so  entspricht  dies  dem  Warenumsatz  von
100  Geschäften  mit  je  40  000  Mk.  Schlecht  gerechnet  fänden  in  diesen  100  Geschäften ­
  außer  den  100  Inhabern  mit  ihren  Frauen  mindestens  100  männliche
und  100  weibliche  Hilfen  Beschäftigung  als  Markthelfer,  Austräger,  Scheuerhilfen,
Lehrlinge,  Kommis  usw.  So  ergibt  sich  als  Gegenüberstellung:  Im  Konsumverein
sind  79  Personen  gegen  400  im  freien  Geschäftsverkehr.  Wo  stecken  jetzt  die
321  Verdrängten?  Vielleicht  haben  s  i  e  Stellungen,  aber  eine  Anzahl  Mitglieder
des  Konsumvereins,  der  sie  brotlos  machte,  ist  selbst  arbeitslos  geworden.
Wer  Ohren  hat  zu  hören,  der  höre!!
Hinaus  also  ihr  Arbeiter  aus  den  Konsumvereinen  um  Euer  selbst  willen!
Ihr  habt  keinen  dauernden  Nutzen  von  ihnen!  Nur  die  Aufsichtsräte  und
Vorstände  lassen  es  sich  behaglich  sein  an  den  vollen  Krippen  ihrer  Stellen.
        <pb n="49" />
        48

Ganz  ähnlich  steht  es  mit  dem  Vorteil,  den  die  angeblich  armen  Beamten
von  den  Konsumvereinen  haben.  Die  aus  ihren  Läden  und  Kontoren  verdrängten
Kaufleute  werden  die  schärfsten  Konkurrenten  in  vielen  Berufen.  Meist  gewandt
im  persönlichen  Auftreten  und  mit  der  Feder  werden  sie  leicht  bei  Stellenbewerbungen ­
  und  aus  Mitleid  überall  da  den  Vorrang  gewinnen,  wo  nicht  eine
ganz  bestimmte  Vorbildung  vorgeschrieben  ist,  also  namentlich  im  Privatdienst  und
in  vielen  städtischen  Posten.  Für  die  mittleren  und  höheren  Staatsstellungen
kommen  namentlich  die  Kinder  der  schwer  bedrängten  Kaufleute  in  Betracht.  Sie,
die  früher  die  Geschäfte  ihrer  Eltern  übernahmen,  sind  nun  auf  das  Einschlagen
einer  Beamtenlaufbahn  angewiesen.  Damit  ist  eine  bedeutende  Vergrößerung  der
Konkurrenz  um  alle  Anstellungen  eingetreten.  Wenn  daher  Beamtenväter  klagen,
daß  ihre  Söhne  jetzt  so  lange  auf  Anstellung  warten  müssen,  so  mögen  sie  sich
bei  ihren  Frauen  Trost  holen,  welche  durch  ihre  kurzsichtige  Bevorzugung  der
Konsumvereine  und  Warenhäuser  ihren  Sprößlingen  die  unerwünschte  Konkurrenz
selbst  geschaffen  haben.
Ich  bezweifle,  ob  die  50  Mk.  Dividende,  welche  die  Frau  Mama  jährlich
aus  dem  Konsumverein  erhält  und  sicher,  wenn  irgend  möglich  in  ein  Warenhaus
trägt,  denn  die  Konsumschwestern  sind  die  sichersten  Kunden  der  Warenhäuser,
gleich  und  gleich  gesellt  sich  ja  auch  gern,  ich  bezweifle,  sage  ich,  ob  die  50  Mk.
jährliche  Dividende  der  Frau  Mama  den  Herrn  Papa  über  die  mehr  aufzuwendenden
  Unterhaltungskosten  in  der  gegen  früher  viel  längeren  Wartezeit  des
neugebackenen  Assessors  hinwegtrösten  wird.
Für  Handwerker,  welche  in  einem  Konsunwerein  sind,  verfüge  ich  zu  meinem
Bedauern  über  keinen  parlamentarischen  Ausdruck.  Deshalb  frage  ich  hier  nur:
Sehen  denn  die  Schlosser  nicht,  daß  vor  100  Türen  mehr  Schlösser  gehören  als
vor  10,  und  daß  100  wohlgefüllte  Kassen  besser  verschlossen  zu  werden  pflegen
als  100  leere?
Kann  sich  denn  nicht  jeder  Schneider  sagen,  daß  100  Kaufleute,  welche  sich
dem  Publikum  anständig  präsentieren  müssen,  bessere  Kunden  sind  als  10  Lagerhalter, ­
  welche  sich  in  den  meist  versteckt  angelegten  Verkaufsbuden  der  Konsum-Vereine
  herumtreiben?
Der  auf  ein  glattes  Kinn,  einen  wohl  zugestutzten  Schnurrbart  und  eine
elegante  Frisur  seit  Jahrhunderten  haltende  jüngere  Teil  der  mit  dem  Publikum
verkehrenden  Kaufmannschaft  dürfte  den  Barbieren  und  Friseuren  doch  außerordentlich ­
  fehlen,  wenn  die  wenigen  den  Konsumvereinen  noch  trotzenden  Geschäfte
zu  weiblicher  Bedienung  oder  zum  Altenherrenbetrieb  übergingen.
Doch  wozu  soll  ich  weitere  Berufszweige  anführen,  da  sich  jeder  Handwerker
die  Einzelheiten  selbst  am  besten  sagen  kann.  Mir  gleicht  ein  Handwerker,  welcher
        <pb n="50" />
        49

einem  Konsumverein  angehört,  einem  Manne,  der  mit  emsigern  Bemühen  den  Ast
absägt,  auf  dem  er  lange  sicher  gesessen  hat.
Hausbesitzer  und  Rentner  oder  überhaupt  alle,  welche  durch  Häuserhypotheken ­
  an  Grundstücken  interessiert  sind,  werden  durch  die  Ausdehnung  der  Konsum-Vereine
  aus  das  schwerste  bedroht.  Die  Rentabilitätsberechnung  vieler  Häuser  ist
aus  eine  hohe  Ladenmiete  gegründet.  Wenn  der  Laden  leer  bleibt  und  zur
Wohnung  eingerichtet  werden  muß,  fällt  der  Mietsertrag  des  Hauses  leicht  um
400  Mk.  Das  entspricht  einem  Kapitalverlust  von  10  000  Mk.  Um  ihn  sinkt
der  Wert  des  Hauses,  und  wellenartig  dehnt  sich  dieser  Preissturz  auf  die  Nachbarhäuser ­
  aus.  Ist  nun  ein  solches  Haus  von  etwa  50  000  Mk.  Taxe  mit  40  000  Mk.
Hypotheken  beliehen,  so  wird  der  letzte  Hypothekengläubiger  leicht  kündigen,  und
der  Hausbesitzer  kommt  in  die  größte  Verlegenheit.  Aber,  auch  wenn  der  erste
Hypothekengläubiger  kündigt,  wird  es  schwer  halten,  das  nötige  Geld  zu  beschaffen, ­
  und  da  kann  leicht  der  Konkurs  hereinbrechen,  in  welchem  nun  der  letzte
Hypothekengläubiger  entweder  ausfällt  oder  selbst  das  Grundstück  erwerben  muß.
Dann  hat  er  die  Beschaffung  der  ersten  Hypothek  auf  dem  Halse,  und  es  sind
nicht  viele  so  gestellt,  daß  sie  ohne  weiteres  große  Kapitalien  flüssig  machen  können.
Wer  das  nicht  kann,  verliert  leicht  das,  was  er  hat.  Daher  seien  alle  Hausbesitzer
und  alle  kleineren  Rentiers  eindringlich  gewarnt.  Sie  mögen  ihren  Frauen  auf
die  Finger  sehen,  wo  sie  einkaufen.  Konsumvereine  und  Warenhäuser  müssen  für
sie  ausgeschlossen  sein.  Die  Sicherheit  einer  Hypothek  liegt  nicht  allein  in  dem
beliehenen  Grundstück,  sondern  ruht  in  der  Stabilität  der  gesamten  wirtschaftlichen
Verhältnisse.  Alles,  was  diese  bedroht,  muß  ein  weitsehender  Kapitalist  bekämpfen. ­
  Daher  auch  für  sie:  Weg  mit  den  Konsumvereinen!
Wer  bleibt  denn  da  eigentlich  noch  übrig,  der  ein  Interesse  an  den  Konsum-Vereinen
  haben  könnte?  —  Die  Großkaufleute  als  Lieferanten!
Einige  machen  ja  jetzt  noch  ganz  gute  Geschäfte  mit  den  Konsumvereinen.
Erstens  ist  ihre  Zahl  aber  sehr  gering,  zweitens  ist  das  Geschäft  wegen  der
Brutalität  der  meist  am  Größenwahn  leidenden  Geschäftsführer  äußerst  unangenehm ­
  für  jeden  kaufmännisch  feinfühlenden  Mann,  und  drittens  ist  die
Sicherheit  des  Geschäfts  höchst  fraglich.  Schon  bestehen  Großeinkaufsgenossenschaften ­
  unter  den  Konsumvereinen,  und  wie  lange  wird  es  dauern,  bis  durch
den  weiteren  Zusammenschluß  auch  die  Handelsherren  in  Bremen  und  Hamburg
aus  dem  Lieferungsgeschäft  der  Konsumvereine  ausgeschaltet  sind?
Sonst  spricht  man  von  der  belebenden  Kraft  des  Handels.  Seine  Wege
waren  früher  bezeichnet  durch  das  Aufblühen  von  Städten  und  Ländern.  Wo  sich
die  Konsumwirtschaft  zeigt,  herrscht  die  Ruhe  des  Kirchhofs.  Ist  dies  das  Ziel  des
modernen  Handels?
Gegen  die  Schäden  der  anderen  Stände  hat  auch  Herr  Staudinger  weiter
Suchsland,  Schutz-  und  Trutz-Waffen.  4
        <pb n="51" />
        50

nichts  einzuwenden,  als  daß  er  sagt,  ich  riefe  den  Eigennutz  aller  Stände  gegen  die
Konsumvereine  auf.
Man  höre  und  staune!
Der  Verfechter  des  Konsumvereinseigennutzes  und  Schürer  des  sozialen
Unfriedens  durch  Beförderung  des  Ruins  des  gewerblichen  Mittelstandes  macht
mir  zum  Vorwurf,  den  Eigennutz  derer  aufzustacheln,  die  ich  durch  Hinweis  auf
die  ihnen  drohenden  Schäden  zu  schützen  suche!  Darüber  kann  jeder  nur  lachen,
aber  seine  Zahlen  gegen  meine  Behauptung  betreffs  der  Arbeiter  werden  nicht
mit  Lachen  beseitigt.  Gegen  sie  müssen  rechnerische  Batterien  aufgefahren
werden.

§38.

Durch  die  Dividenden ­
  der  Kon-Zunächst

  hat  Herr  Staudinger  das  Wort.  Er  sagt:  „Ich  will  Ihnen  zeigen,
ş"keinàeneàņ  wie  die  durch  die  Konsumvereine  geschädigten  Kaufleute  einen  Ausweg  finden  und
Bewegungàgesetzt.  Arbeiter  nicht  Konkurrenz  erhalten.
Sie  haben  selbst  hervorgehoben,  daß  die  Frau  Mama,  die  50  Mk.  Konsumvereinsrückvergütung ­
  erhalten  hat,  diese  nicht  auf  die  hohe  Kante  zu  legen  pflegt.
Sie  meinen  sogar,  sie  trage  sie  ins  Warenhaus.  Nun,  in  unserem  Falle  kümmern
wir  uns  zunächst  gar  nicht  darum,  ob  sie  sie  ins  Warenhaus,  zum  Möbelhändler,
Kleiderhändler,  Delikatessenhändler  oder  wieder  in  den  Konsunwerein  bringt.
Nehmen  wir,  um  ganz  neutral  zu  sein,  an,  sie  bestelle  irgendwo  ein  Kleid  oder
einen  Hausrat  für  50  Mk.  Nun  ist  doch  ganz  offenbar,  daß  ein  Produzent
diesen  Hausrat  und  den  Verdienst  an  ihm  nicht  gemacht  hätte,  wenn  Frau  Mama
die  50  Mk.  von  vornherein  an  einen  unproduktiven  Händler  hätte  geben  müssen.
Denn  dann  hätte  auch  der  Händler  selbst  noch  von  der  vorher  vorhandenen ­
  Produktion  leben  müssen,  an  deren  Verteilung  ja  gerade  die
50  Mk.  erspart  sind.  Die  Frau  Mama  hat  also  doch  mit  ihren  50  Mk.  Ersparnis
neue  produktive  Tätigkeit  erzeugt  und  belohnt,  nicht  bloß  unnütze  Drohnen
gefüttert.
Und  nun  führen  Sie  selbst,  Verehrtester,  Ihr  eigenes  Beispiel  weiter.
Wenn  nicht  bloß  eine  Mama,  sondern  50  Manias  je  30  bis  50  Mk.  so  erübrigen,
denken  Sie  doch:  Da  kann  ja  für  einen  brotlos  gewordenen  Händler  schon  ein
ganzer  Handwerker  oder  Fabrikarbeiter  jahraus,  jahrein  reichlich  beschäftigt
werden.  Und  im  letzteren  Falle  profitiert  noch  Fabrikant  und  Händler.  Indes
50  X  50,  das  sind  ja  erst  2500  Mk.  Rückvergütung.  Nun  aber  sehen  Sie  sich
einmal  den  Jahresbericht  z.  B.  des  Dresdner  Konsumvereins  „Vorwärts"  an.
Derselbe  verteilt  400  000  Mk.,  gibt  also,  wenn  es  Ihrer  Annahme  entspricht,
160  Handwerkern  oder  Arbeitern,  oder,  da  das  Durchschnittsprodukt  eines
Arbeiters  1700  bis  2000  Mk.  an  Wert  betragen  soll,  200  und  mehr  Leuten
indirekt  produktive  Arbeit.  Und  der  Leipzig-Plagwitzer  Verein,  der  schon  direkt
        <pb n="52" />
        51

734  Personen  beschäftigt  und  eine  Million  an  Rückvergütung  auszahlt,  gibt  außerdem ­
  noch  indirekt  ca.  500  Menschen,  im  ganzen  also  über  1200  Menschen  Beschäftigung ­
  und  Brot,  d.  h.  25  Personen  ernähren  hier  schon  je  einen  extra."
Welche  zauberwirkende  Kraft  doch  so  eine  Konsumvereinsdividende  nicht
hat!  Aus  400  000  Mk.  Dividende  des  Vorwärts  in  Dresden  und  1000  000  Mk.
des  großen  Plagwitzer  Vereins  erstehen  im  Handumdrehen  200  resp.  500  neue,
absolut  neue  Arbeitsgelegenheiten.  Natürlich  könnte  dann,  wenn  das  richtig
wäre,  von  einer  arbeiterfeindlichen  Tendenz  der  Konsumvereine  nicht  die  Rede
sein.  Leider  muß  ich  Herrn  Staudinger  auch  diese  Illusion  zerstören  und
ihn  eines  zwar  niedlichen,  aber  in  den  ernsten  Rahmen  einer  nationalökonomischen
Betrachtung  nicht  hineingehörenden  Taschenspielerkunststückes  zeihen.  Ich  will
die  Männer  erzeugende  Saat  des  Vorwärts  zu  Dresden  in  Höhe  von  400  000  Mk.
auf  ihre  Keimfähigkeit  prüfen.
Wo  waren  denn,  als  der  Konsumverein  Vorwärts  noch  nicht  bestand,  die
400  000  Mk.?  Doch  offenbar  in  den  Händen  der  Kaufleute!  Hier  fanden  sie
sich  aber  nicht  auf  einmal  ein,  sondern  im  Laufe  des  Jahres  nacheinander,  wie
sie  auch  in  den  Kassen  der  Vorwärtsläden  allmählich  eingehen.  Steckten  nun
wohl  die  Kaufleute  das  Geld  in  die  Strümpfe?  Mehrere  werden  davon  etwas
gespart  haben,  ganz  ebenso  wie  es  mit  der  Dividende  geschehen  wird,  im  allgemeinen ­
  jedoch  wurde  ein  Teil  des  Geldes  als  Geschäftsunkosten  (Rollgeld,
Ladenmiete,  Annoncen,  Auslagen  an  Handwerker,  Beleuchtung,..  .  .)  sofort  wieder
nach  der  Melodie  „Taler,  Taler  du  mußt  wandern"  auf  Reisen  geschickt  in  den
Verkehr,  der  überschießende  Teil  setzte  durch  die  eigene  Lebenshaltung  der  Kaufleute ­
  eine  entsprechende  Anzahl  von  Arbeitskräften  in  Bewegung.  Jetzt,  wo  die
400  000  Mk.  statt  in  den  Taschen  der  Kaufleute  in  denen  der  Konsumvereinler
sind,  erhöhen  sie  deren  Lebenshaltung  und  lassen  genau  dieselben  Arbeitskräfte,
welche  früher  für  die  Kaufleute  schafften,  nun  für  die  Konsunwereinler  „fronen".
Das  hebt  sich  also.  Was  machen  aber  die  kaufmännischen  Arbeitskräfte?  Die
bleiben  zur  freien  Disposition  und  müssen,  um  nicht  zu  verhungern,  mit  den
vorhandenen  Arbeitskräften  in  Konkurrenz  treten,  sie  vergrößern  das  Angebot
der  Arbeiter,  der  Lohn  wird  geringer,  und  der  Schaden  ist  so  da,  wie  ich  ihn
geschildert  habe.
Ganz  kürzlich  hatte  ich  Gelegenheit  ein  höchst  interessantes  Kolleg  eines
hiesigen  Physiologen  mit  anhören  zu  dürfen.  Es  wurde  die  Funktion  der  Galle
behandelt.  Von  diesem  bei  manchen  in  keinem  guten  Geruch  stehenden  Sekret
sagte  der  Dozent  am  Schluß  seiner  geistvollen  Deduktion  zusammenfassend,  daß
es  das  Hauptlösungsmittel  des  Organismus  sei.  Nur  durch  die  Galle  sei  es
möglich,  einige  sonst  unlösliche  und  für  den  Körper  sehr  gefährliche  Stoffe  in
den  flüssigen  Zustand  überzuführen  und  aus  ihren  Ablagerungsstätten  zu  ent-4*
        <pb n="53" />
        52

fernen.  Was  die  Galle  als  Lösungsmittel  für  den  Einzelkörper  ist,  das  ist  die
Wahrheit  für  den  Volkskörper.  Es  gibt  keine  Schwierigkeit,  die  nicht  durch  sie
beseitigt  werden  könnte.  Freilich  ist  sie  vielen  auch  bitter.  Wenn  man  sich  aber
in  ihrem  Gebrauch  übt,  gewöhnt  man  sich  schon  an  sie.  Also  bezwingen  Sie  Sich
nur,  Herr  Staudinger,  und  seien  Sie  recht  freundlich!  Ich  bin  ja  auch  mit  der
Anwendung  dieser  Medizin  für  Ihren  Persönlichen  Gebrauch,  soweit  er  durch
Ihren  offenen  Brief  bedingt  ist,  fertig.
§  34.
Barzahlung"  Nur  eine  kleine  Nachkur  müssen  Sie  Sich  noch  gefallen  lassen.  Ich  sehe  da
ber ö errtneî*”*  nämlich  soeben  noch  auf  Seite  13,  daß  Sie  von  den  Konsumvereinen  behaupten,
sie  bezahlten  ihre  Lieferanten  stets  bar,  und  dadurch  gewährten  sie  ihren  Arbeitern
eine  Erhöhung  der  Lebenshaltung.  Da  diese  Renommisterei  ebenso  wie  die
andere,  daß  die  Erziehung  der  Arbeiter  zur  Barzahlung  durch  die  Konsunwereine
zum  eisernen  Bestand  der  Konsumvereinspropheten  gehört  und  eine  Widerlegung
dieser  Unwahrheiten  also  öfter  geboten  sein  wird,  will  ich  sie  hier  durch  das
hygienische  Lösungsmittel  der  den  Konsumvereinen  galligen  Wahrheit  in  das  ihnen
gebührende  Nichts  auflösen.  Es  dauert  nicht  lange.  Vor  mir  liegt  das
offizielle  Jahrbuch  des  Allgemeinen  Verbandes  der  auf  Selbsthilfe  beruhenden
deutschen  Erwerbs-  und  Wirtschaftsgenossenschaften  für  1901."  Eine  neuere  Auflage ­
  gibt  es,  glaube  ich,  noch  nicht.  In  ihm  befinden  sich  auf  den  Seiten  174
bis  269  die  Rechnungsabschlüsse  von  638  der  dem  allgemeinen  Verbände  damals
angehörenden  Konsumvereine.  Die  Abschlüsse  sind  von  den  Vereinen  selbst  eingeschickt ­
  und  geben  Auskunft  über  46  Punkte.  Kolumne  11  bezieht  sich  auf  den
Warenbestand,  Kolumne  24  ist  überschrieben  „Warenschulden  der  Genossenschaft",
Kolumne  15  bezieht  sich  auf  Außenstände  bei  den  Mitgliedern  und  Kolumne  30  a
auf  den  Umsatz  im  Genossenschaftslager.  Hören  wir,  was  dieses  Quartett  von
Kolumnen  für  ein  Liedlein  von  den  berühmten  Barzahlungen  der  Konsum-Vereine
  singt!
Von  den  638  Vereinen  haben  nur  221  keine  Geschäftsschulden,  die  417
anderen  Vereine  sind  mit  solchen  belastet.  Nun  sind  die  Summen  bei  einer
ganzen  Anzahl  allerdings  sehr  klein,  zum  Teil  verschwindend,  aber  bei  außerordentlich
  vielen  sind  sie  wieder  enorm  hoch,  bei  einigen  liegt  Überschuldung  vor.
So  hat  Lindhorst  105  Proz.,  Nixdorf  112  Proz.,  Osterholz-Scharmbeck  125  Proz.
Warenschulden.  Der  sozialdemokratische  Konsumverein  in  Dessau  hat  37,5  Proz.
Warenschulden,  und  trotzdem  hatte  am  2.  Juli  der  sozialdemokratische  Reichstagsabgeordnete
  Peus-Dessau  in  einer  öffentlichen  Versammlung  zu  Eisenach  die
Stirn  zu  behaupten,  daß  die  Konsumvereine  wegen  ihrer  Barzahlung  beim  Einkauf
von  Waren  ihren  Mitgliedern  ganz  besondere  Vorteile  gewähren  könnten.  Alle
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        53

Puinpiers  kann  ich  natürlich  nicht  besprechen,  ich  nenne  nur  einige,  wie  sie  zufällig
dastehen.  Es  haben  Geschäftsschulden  gehabt:  Hamburg  60  Praz.,  Hemelingen
40  Proz.,  Hildesheim  90  Proz.,  Kiel  64  Praz.  usw.  usw.  Von  Hunderten  von
Vereinen  ist  in  einem  Anhang  gesagt,  daß  die  hohen,  oft  auch  die  sehr
hohen  Warenschulden  nicht  erläutert  seien.
Auf  ähnlich  schwachen  Füßen  wie  die  Behauptung  von  der  Barzahlung  der
Konsumvereine  steht  die  analoge  von  der  Erziehung  der  Mitglieder  zur  Barzahlung. ­
  Von  den  638  Vereinen  haben  290  Außenstände  bei  ihren  Mitgliedern,
bei  einigen  Vereinen  betragen  sie  7  Proz.  und  mehr.  Man  hat  öfter  den  Eindruck, ­
  daß  man  im  Kredit  der  einzelnen  bis  zur  Höhe  der  vermutlichen  Dividende  zu
gehen  gewillt  ist.  Freilich  muß  dann  gefragt  werden,  was  erwarten  eigentlich
die  Mitglieder  von  ihrer  Teilnahme  an  dem  Verein?  Dividende  erhalten  sie
nicht,  die  Waren  müssen  sie  nehmen,  wie  sie  ihnen  hingeschoben  werden,  mucksen
dürfen  sie  nicht.  Sollte  gar  das  Borgen  eine  Strippe  sein,  an  der  die  Mitglieder
beim  Verein  gehalten  werden?  Und  dann  räsonieren  die  Wanderredner  der
Konsumvereine  auf  die  borgenden  Kleinkrämer!
Was  sagen  Sie,  Herr  Staudinger,  zu  der  Durchführung  des  Prinzips  der
Barzahlung?
Orientieren  Sie  Sich  gefälligst  erst  an  den  Quellen,  ehe  Sie  etwas  schreiben
und  den  Kaufleuten  Vorwürfe  machen,  daß  bei  ihnen  durch  ein  naturwidriges
Kreditsystem  die  Waren  verteuert  würden  zum  Schaden  der  Konsumenten.
Bei  solchem  Stand  der  Mißwirtschaft  wundert  es  mich  auch  gar  nicht,  daß
man  hört,  viele  Vereine  bezahlten  mit  Akzepten  und  ließen  oft  Wechsel  prolongieren. ­

Das  ist  auch  wahrscheinlich  der  Grund,  weshalb  die  sozialdemokratischen
Schreier  in  so  beweglichen  Worten  die  Werbetrommel  für  Erhöhung  der  Anteile
in  den  Vereinen  rühren.  Die  Herren  haben  aus  den  Prozessen  der  Kasseler
Trebertrocknungsgesellschaft,  der  Leipziger  Bank,  der  Pommernbank  u.  a.  gesehen,
wie  es  gemacht  wird,  um  einer  drohenden  Ebbe  in  den  Kassen  vorzubeugen.
Erhöhung  des  Aktienkapitals  lautete  dort  das  Zauberwort,  Er»
höhun.g  der  Geschäftsanteile  tönt  es  hier!
Taschen  zu!  rufe  ich  den  Genossen  zu,  die  Konsumbüchse  geht  um  für
notleidende  Vorstände  und  Aufsichtsräte.
Damit  will  ich  meine  Antwort  auf  den  Brief  des  Herrn  Staudinger  an
meine  Wenigkeit  für  geschlossen  erklären.  Sollte  er  eine  Fortsetzung  des  Briefwechsels ­
  wünschen,  so  werde  ich  ihm  die  Antwort  nicht  schuldig  bleiben.  Vielleicht
besteht  er  sogar  darauf;  denn  ebenso  wie  meine  sozialdemokratischen  Freunde
gebraucht  er  die  Verlegenheitsredensart,  daß  mein  Auftreten  für  die  Förderung
der  Konsumvereine  sehr  gut  sei.  Nur  begreife  ich  dann  die  große  Erregung  über
        <pb n="55" />
        54

mich  nicht.  Die  Herren  sollten  mir  in  diesem  Fall  dankbar  sein.  Dankbarkeit
aber  scheint  kein  gangbarer  Artikel  in  Konsunwereinen  zu  sein.
§35.
àschrîharàr  Eine  echte  und  rechte  Mohrenwäsche  ist  es,  was  Staudinger  in  der  dritten
der^Konsum-  Abhandlung  seiner  Abwehr  —  auf  die  zweite  gehe  ich  in  den  Trutzwaffen  ein  —
den  Lesern  bietet.  Sie  ist  überschrieben  „die  verleumderische  Verfolgung  der
Konsumgenossenschaften".
Wir  lernen  hier  die  Konsumvereine  als  unschuldige,  verfolgte  Lämmlein
kennen,  die  weiß  wie  Schnee  niemand  kränken  und  gar  nicht  ahnen,  wie  es
kommt,  daß  sie  so  schrecklichen  Schmähungen  ausgesetzt  sind.  Immer  wieder
erheben  die  Gegner  nämlich  den  Vorwurf,  daß  die  Kons  um  vereinesozialdemokratisch ­
  wären.
Wie  kann  man  aber  auch  nur  so  etwas  sagen!  In  dem  Genossenschastsgesetz
  steht  doch  mit  klaren  Worten  geschrieben,  daß  eine  Genossenschaft  sich  absolut
nicht  mit  politischen  Bestrebungen  befassen  darf,  und  also  geschieht  so  etwas  auch
nicht.  Das  ist  die  Beweisführung  des  Herrn  Staudinger!
Es  gehört  wirklich  eine  dreiste  Stirn  oder  eine  polizeiwidrige  Harmlosigkeit
dazu,  um  Hörern  oder  Lesern  zuzumuten,  daß  sie  so  etwas  glauben  sollen.  Sehen
wir  einfach  zu,  wie  die  Sozialdemokratie  bis  in  die  neuste  Zeit  gedacht  unb
gehandelt  hat.
In*)  einem  Artikel:  „Republik  und  Sozialismus"  im  Maihest  der  Sozialistischen
  Monatshefte  von  1902  schreibt  Jaurès:
«Ich  wurde  also  stets  von  dem  geleitet,  was  Marx  so  vortrefflich  die
revolutionäre  Evolution  nennt.  Diese  besteht  meiner  Meinung  nach  darin,  in
die  heutige  Gesellschaft  Eigentumsformen  einzuführen,  die  ihr  widersprechen
und  über  ihren  Rahmen  hinausgehen,  die  die  neue  Gesellschaft  ankündigen  und
vorbereiten  und  durch  ihre  organische  Kraft  die  Auflösung  der  alten  Welt
beschleunigen.  Die  Reformen  sind  in  meinen  Augen  nicht  nur  Linderungsmittel,
  sie  sind  und  sollen  sein  Vorbereitungen."
Und  an  einer  anderen  Stelle  heißt  es:
„Ich  wollte  hauptsächlich  in  die  heutige  Gesellschaft  neue,  zugleich  staatliche
und  genossenschaftliche,  kommunistische  und  proletarische  Formen  des  Eigentums
einführen,  die  allmählich  den  Nahmen  des  Kapitalismus  sprengen  sollten."
Kampffmeyer  in  einem  Aufsatz  (ebendaselbst)  „Historisches  und  Theoretisches
zur  sozialdemokratischen  Revisionsbewegung"  bemerkt:
1)  Jahrbuch  des  Allgemeinen  Verbandes  der  auf  Selbsthilfe  beruhenden  deutschen
Erwerbs-  und  Wirtschaftsgenossenschaften  für  1901,  Berlin  1902,  I.  Guttentag,  Verlagshandlung, ­
  Seite  IX  und  X.
        <pb n="56" />
        55

„Es  ist  richtig,  die  Bernsteinianer  haben  sich  in  letzter  Zeit  ruhig  verhalten, ­
  ruhig  nicht  etwa,  weil  sie  nichts  mehr  zu  sagen  wußten,  sondern  weil
sie,  des  Wortstreites  müde,  zu  Taten  ausgriffen.  Sie  verstanden  die  ernste
Mahnung  der  Genossen:  Wirkt  euch  aus,  handelt,  und  sie  sprachen  zu  sich
selbst:  Im  Anfang  war  die  Tat.  Bernstein  ging  unter  die  Parlamentarier,
Elm  wirkt  in  noch  verstärkterem  Maße  als  bisher  in  der  Gewerkschafts-  und
Genossenschaftsbewegung,  David  tummelt  sein  Streitrößlein  unermüdlich  in  der
Hessischen  Kammer  und  vollendet  sein  großes  Agrarwerk."
Die  Genossenschafts-  und  Gewerkschaftsbewegung  werden  in  dem  Lichte  der
Bernsteinschen  Betrachtung  als  eine  notwendige  Voraussetzung  des  Sozialismus
bezeichnet.
„Es  handelt  sich,  soll  der  Sozialismus  über  den  Kapitalismus  triumphieren, ­
  um  eine  systematische  Erweiterung  der  ökonomischen  und  politischen
Einflußsphäre  der  sozialdemokratischen  Arbeiterschaft.  Und  diese  Taktik  befolgt
seit  Jahrzehnten  klar  die  deutsche  Sozialdemokratie.  Sie  dringt  in  alle  wirtschaftlichen ­
  und  politischen  Einrichtungen  ein.  Sie  setzt  die  Basis  des  Staates
in  den  Millionen  von  Staatsarbeitern  und  Unterbeamten  zusammen^  sie  lebt
ihren  gemeinwirtschaftlichen  Geist  in  der  Gemeinde  und  in  der  Genossenschaft
aus,  sie  schasst  sich  in  den  Großbetrieben  eine  mächtige  Vertreterschaft,  kurz,
in  allen  Institutionen  richtet  sie  starke  Bollwerke  auf.  Da  sich  ökonomische
Macht  wegen  des  untrennbaren  Zusammenhanges  von  Ökonomie  und  Politik
allmählich  in  staatliche  Machtorganisation  umsetzt,  verstärkt  sich  in  wachsendem
Maße  die  staatliche  Position  der  Arbeiterklasse."
Was  soll  angesichts  dieser  klaren  Ausdrucksweise  in  den  maßgebenden  Zeitschriften ­
  der  Sozialdemokratie  das  Versteckenspielen?  Es  ist  das  Konsumvereinswesen, ­
  mittels  dessen  die  Sozialdemokratie  hofft,  die  sogenannte  evolutionistische
Bewegung  durchführen  zu  können.  Das  zeigt  sich  auch  in  der  Praxis  ganz  genau,
und  dem  widerspricht  die  Tatsache,  daß  sich  auch  kurzsichtige  Geheimräte  dem
Konsumvereinsfanatismus  ergeben  haben,  gar  nicht.  Sie  bilden  den  besten  Vorspann
  für  die  umstürzlerische  Arbeit  der  Sozialdemokratie,  deren  Krallen  man  in
der  konsumvereinlichen  Propaganda  allerorten  wahrnimmt.  Das  zeigt  sich  vom
Konsumverein  auf  dem  kleinsten  Dorf  bis  zu  der  obengenannten  Reisekommission,
welche  1899  ihre  Studiensahrt  behufs  Besichtigung  der  Wunderwerke  der  Konsumvereinstaten ­
  nach  England  unternahm.
§  36.
Wer  wissen  will,  wo  der  eifrigste  sozialdemokratische  Hetzer  auf  einem  Dorfe
haust,  der  muß  fragen,  wo  der  Konsumverein  ist,  und  wer  den  Geist  der  Reiseteilnehmer
  nach  England  kennen  lernen  will,  der  braucht  nur  die  Namen  unter

Weitere  Beweise
für  den  sozialdemokratischen ­

Charakter  der
Konsumvereine.
        <pb n="57" />
        56

dem  Gruppenbild  zu  lesen,  welches,  wie  schon  erwähnt,  die  erste  Seite  des  Reiseberichts ­
  schmückt.  Er  findet  dort  E.  Bernstein,  sozialdemokratischen  Reichstagsabgeordneten. ­
  Das  ist  der  Mann,  von  dem  es  in  den  oben  zitierten  Auslassungen
sozialdemokratischer  Schriftsteller  heißt,  er  sei  des  Wortstreites  müde  und  wäre
zur  Tat  übergegangen.  Kann  es  eine  treffendere  Illustration  zu  diesem  Satze
geben,  als  das  Gruppenbild  der  Konsumvereinsabgesandten  mit  E.  Bernstein  im
Hintergrund?
Sogar  die  Schiffe,  welche  die  englische  Großeinkaufsgenossenschaft  der
Konsumvereine  besitzt,  können  dazu  dienen,  den  dort  herrschenden  sozialdemokratischen ­
  Geist  zu  offenbaren.  Drei  von  ihnen  heißen  „Freiheit",  „Gleichheit",
„Brüderlichkeit",  und  die  deutschen  Genossen  haben  es  als  einen  Akt  besonderer
Höflichkeit  angesehen,  daß  ihnen  die  „Freiheit"  für  die  Überfahrt  nach  England
zur  Verfügung  gestellt  war,  wenn  sie  als  praktische  Leute  natürlich  auch  noch  Wert
darauf  legten,  daß  die  ihnen  so  wie  so  schon  als  sehr  vieldeutig  bekannte
„Freiheit"  in  diesem  Fall  auch  Freiheit  von  Uberfahrtsgebühren  in  sich  schloß.
§37.
^ber  Ronjumi 18  Auch  in  der  lausenden  Agitation  schämt  man  sich  im  Handeln  des  Zuderrrnsagitation.
  sammenhanges  der  Konsumvereine  mit  der  Sozialdemokratie  nicht,  nur  wird  man
merkwürdig  nervös,  sobald  darauf  aufmerksam  gemacht  wird.  So  lautete  das
Thema  zu  einer  vom  Hallischen  sozialdemokratischen  Verein  einberufenen  Versammlung: ­
  „Unsere  Waffen  im  Befreiungskämpfe  der  Arbeiter"  unter  besonderer
Berücksichtigung  der  Konsumvereinsbewegung.  Als  Referent  war  der  im  Konsumvereinswesen ­
  hervorragend  tätige  sozialdemokratische  Reichstagsabgeordnete  v.  Elm
genannt,  und  ich  war  sowohl  privatim  brieflich  als  auch  öffentlich  durch  Anschlag
an  den  Litfaßsäulen  zu  dieser  Versammlung  eingeladen  worden.  In  der  Versammlung ­
  war  als  Ersatzmann  für  den  verhinderten  Herrn  v.  Elm  der  sozialdemokratische ­
  Reichstagsabgeordnete  Dr.  David  anwesend,  welcher  auch  als  Konsumvereinsschriftsteller ­
  unter  seinen  Genossen  hohes  Ansehen  genießt  und  noch  dadurch
eine  hervorragende  Rolle  spielt,  daß  seine  Gattin  ihn  schriftstellerisch  unterstützt.
Denn  geteilter  literarischer  Ruhm  bedeutet  nach  genossenschaftlichen  Grundsätzen
doppelten  Ruhm.
Als  ersten  Beweis  von  seiner  geistigen  Leistungsfähigkeit  erbrachte  auch
Herr  David  den  jetzt  üblichen  Beweis  von  der  Niedertracht  der  konsumvereinsfeindlichen
  Gegner,  welche  die  Konsumvereine  als  sozialdemokratische  Einrichtungen
verächtlich  machen  wollten.  Die  Versammlung  war  mit  dem  Eiertanzeinführungsmenuett ­
  des  Herrn  Doktors  natürlich  sehr  zufrieden  und  tat  sehr  erstaunt,  als
ich  sie  auf  den  haarsträubenden  Mißbrauch  der  deutschen  Sprache  und  der  doch
von  der  Versammlung  hoffentlich  nicht  ausgeschlossenen  Vernunft  aufmerksam
        <pb n="58" />
        57

machte,  welcher  soeben  durch  Ableugnung  der  sozialdemokratischen  Tendenzen  der
Konsunwereine  angesichts  der  Tatsache  verübt  sei,  daß  wir  in  einem  sozialdemokratischen ­
  Verein  über  das  Thema  „Unsere,  d.  h.  doch  sozialdemokratischen,  Waffen
im  Befreiungskämpfe  der  Arbeiter  unter  besonderer  Berücksichtigung  der  Konsum-Vereine"
  verhandelten.
Jeder  erkennt,  daß  die  Davidsche  Leistung  mit  der  Staudingerschen  auf  ganz
gleicher  Stufe  steht.
Da  drei  immer  ein  Kollegium  ausmachen  und  in  dem  jetzigen  sozialdemokratischen ­
  Agitationsplan  für  die  Konsumvereine  die  Ableugnung  des  sozialdemokratischen ­
  Charakters  der  Konsumvereine  eine  Hauptrolle  spielt,  will  ich  noch
einen  anderen  offiziellen  Trick  anführen,  den  die  Genossen  zur  Erreichung  ihres
Zwecks  gebrauchen,  und  den  ich  kürzlich  zu  hören  Gelegenheit  hatte.
Sehen  Sie,  sagte  der  Trapezkünstler  am  Schluß  seiner  2 x / 4  stimmigen
Dauerrede,  ich  habe  in  meinem  ganzen  Vortrag  das  Wort  Sozialdemokratie  nicht
ein  einziges  Mal  gebraucht.  Was  beweist  das?  Offenbar,  daß  die  Konsumvereine ­
  mit  der  Sozialdemokratie  gar  nichts  zu  tun  haben!
Beifall  der  Genossen  lohnte  den  erfolgreichen  Schweiger,  der  2 x / 4  Stunde
seinen  Mund  nicht  hatte  überfließen  lassen,  wovon  das  Herz  des  natürlich  sozialdemokratischen ­
  Reichstagsabgeordneten  so  voll  war.  Es  ist  doch  eigenartig,  daß
die  sozialdemokratischen  Reichstagsabgeordneten  sich  so  für  eine  Sache  ins  Zeug
legen,  die  so  wenig  mit  der  Sozialdemokratie  zu  tun  hat,  daß  dieses  süße  Wort
bei  der  ganzen  Betrachtung  nicht  einmal  dem  Zaun  der  Zähne  entschlüpft!
Wie  ist  das  doch  gleich?  Setzt  sich  denn  eigentlich  ein  Vogelsteller  offen
neben  das  Netz,  mit  dem  er  Gimpel  fangen  will,  oder  versteckt  er  sich?
Und  Ivas  macht  doch  ein  Angler,  der  einen  Fisch  haben  möchte?  Versteckt
er  nicht  den  Angelhaken  unter  dem  Wurm,  den  er  liebenswürdig,  wie  er  ist,
darüberzieht?
Auch  vom  Kuckuck  wissen  wir,  daß  er  seinen  Namen  nur  laut  ruft,  wenn
er  oben  auf  dem  Baume  sitzt,  aber  ganz  still  ist  und  so  tut,  als  ob  er  solche
verwerflichen  Machinationen  gar  nicht  kennte,  wenn  er  seine  Eier  anderen  Vögeln
zum  Verderben  ins  Nest  legt.
Und  wie  soll  doch  der  Sage  nach  das  lang  belagerte  Troja  schließlich  in  die
Gewalt  der  Feinde  gekommen  sein?  Hatten  sich  nicht  die  Griechen  auf  Rat
des  schlauen  Odysseus,  der  auch  später  beim  Kyklopen  mit  einer  Namensfälschung
gute  Geschäfte  machen  sollte,  in  dem  Bauch  eines  hölzernen  Pferdes  versteckt,
welches  die  Trojaner  in  unverständlicher  Verblendung  über  ihre  Sicherheit  selbst
in  die  Stadt  zogen?
So  verstecken  sich  jetzt  die  Sozii,  fühlen  sich  in  den  Bäuchen  der  Konsumvereine
  sehr  wohl  und  warten  nur  darauf,  daß  sie  die  Klappe  zum  Überfall  auf-
        <pb n="59" />
        58

Der  Erlaß  des
Herrn  Eisenbahnministers. ­


machen  können.  Die  Geheimräte  aber  an  der  Spitze  der  Beamtenkonsumvereine
ziehen  das  trojanische  Pferd  mit  in  das  gefährdete  Gemeinwesen.  Sie  sollten
ihre  staatsauflösende  Tätigkeit  je  eher,  desto  besser  einstellen.
§38.
Von  diesem  Gesichtspunkt  aus  hat  sich  Exzellenz  v.  Budde  ein  nicht  hoch
genug  zu  schätzendes  Verdienst  um  den  Staat  erworben,  indem  er  seine  vortreffliche ­
  Verfügung  betreffs  der  Normen  erließ,  unter  denen  sich  Eisenbahnbeamte
nur  an  der  Verwaltung  von  Konsumvereinen  beteiligen  dürfen.  Da  dieser  Erlaß
für  alle  Zeiten  ein  wichtiges  Dokument  echt  staatsmännischen
Denkens  und  Handelns  bleiben  wird,  auf  welches  der  gewerbliche  Mittelstand ­
  überall  in  deutschen  Landen  voll  berechtigter  Hoffnung  auf  einen  Umschwung
der  Regierungsanschauungen  über  die  Gefahren  der  Konsumvereine  in  herzlichster
Dankbarkeit  hinblickt,  so  möge  er  hier  im  Wortlaut  folgen:
„In  dem  Erlasse  vom  20.  November  1900  ist  schon  darauf  hingewiesen,  daß
kein  Anlaß  vorliegt,  Beamten  der  Staatseisenbahnverwaltung  die  Beteiligung
an  der  Verwaltung  von  Konsumvereinen,  soweit  diese  sich  auf  die  Verfolgung
lediglich  privatwirtschaftlicher  Zwecke  in  einer  für  Beamte  angemessenen  Form
beschränken,  zu  untersagen;  nur  dürfe  §en  Beamten  in  Rücksicht  auf  solche  Nebenämter ­
  eine  Einschränkung  ihrer  dienstlichen  Aufgaben  nicht  zugestanden,  insbesondere ­
  auch  nicht  gestattet  werden,  während  der  Dienststunden  im  Interesse
der  Konsumvereine  tätig  zu  sein.  Auch  solle,  soweit  Beamtenkonsumvereinen  von
der  Staatseisenbahnverwaltung  ausnahmsweise  fiskalische  Räumlichkeiten  zum
Geschäftsbetriebe  überlassen  sind,  eine  ortsübliche  Vergütung  ausbedungen  werden.
Im  Anschluß  hieran  bemerke  ich,  daß  es  im  allgemeinen  erwünscht  ist,
wenn  der  Warenbezug  seitens  der  Bediensteten  der  Staatseisenbahnverwaltung
möglichst  überall  durch  Vermittelung  des  Klein-  und  Zwischenhandels  vor  sich
geht.  Hierbei  lassen  sich  zur  Erreichung  ähnlicher  Vorteile,  wie  die  Konsumvereine ­
  ihren  Mitgliedern  gewähren,  in  geeigneten  Fällen  Vereinbarungen  mit
Kaufleuten  dahingehend  treffen,  daß  den  Beamten  beim  Bezüge  gewisser  Mengen
oder  bei  Erfüllung  gewisser  anderer  Bedingungen  Preisnachlässe  gewährt  werden
sRabatt-Spar-Vereine).  Derartige  Abmachungen  sind  zurzeit  schon  mehrfach,
insbesondere  im  Anschluß  an  die  bestehenden  Eisenbahnvereine  geschlossen  worden
und  haben  sich  für  beide  Teile  als  durchaus  vorteilhaft  erwiesen.
Im  übrigen  ist  es  selbstverständlich  den  Beamten  iiberlassen,  ob  sie  einem
Konsumvereine,  der  die  eingangs  erwähnten  Bedingungen  erfüllt,  beitreten  wollen.
Ich  mache  indes  daraus  aufmerksam,  daß  die  Genehmigung  zur  Übernahme  von
Ämtern  in  Vorstand  und  Aufsichtsrat  durch  Beamte  der  Staatseisenbahnverwaltung ­
  und  die  Hergäbe  fiskalischer  Räumlichkeiten  zum  Geschäftsbetriebe  der
        <pb n="60" />
        59

Konsumvereine  nur  in  Frage  kommen  kann,  wenn  für  die  Schaffung  bezw.  das
Vorhandensein  der  Konsumvereine  ein  unabweisbares  Bedürfnis  besteht.  Ein
solches  vermag  ich  im  allgemeinen  nur  dann  anzuerkennen,  wenn:
1.  den  Bediensteten  in  größerer  Anzahl  wegen  weiter  Entfernung  ihrer
Wohnstätten  von  den  geschäftlichen  Mittelpunkten  (entlegene  Kolonien  bei  Rangierbahnhöfen, ­
  Werkstätten  usw.)  die  Gelegenheit  zum  Einkauf  von  Lebensmitteln
und  sonstigen  Bedürfnissen  des  täglichen  Lebens  sehr  erschwert  ist;
2.  an  den  betreffenden  Orten  unverhältnismäßige  Teuerungsverhältnisse
nicht  nur  vorübergehender  Natur  herrschen;
3.  zu  befürchten  ist,  daß  die  Bediensteten  anderenfalls  ihr  Bedürfnis  nach
billigem  Warenbezüge  auf  andere,  weniger  ersprießliche  Weise,  z.  B.  durch  den
Beitritt  zu  Konsumvereinen  befriedigen  werden,  die  tatsächlich  nicht  auf  privatwirtschaftliche ­
  Zwecke  allein  gerichtet  sind.
In  den  Fällen  2  und  3  empfiehlt  es  sich,  vor  der  Entscheidung  die  Kommunalbehörden ­
  zu  befragen,  auch  dem  zuständigen  Regierungspräsidenten  Gelegenheit
zur  Äußerung  zu  geben.  Jedenfalls  erwarte  ich,  daß  die  Genehmigung  zur  Übernahme ­
  von  Ämtern  in  den  Konsumvereinen  den  Beamten  dann  versagt  und
die  schon  erteilte  Genehmigung  wieder  zurückgenommen  wird,  wenn  die  den  Beamten ­
  gewährte  Entschädigung  und  das  Maß  ihrer  Tätigkeit  für  die  Konsum-Vereine
  eine  solche  Höhe  erreichen,  daß  davon  eine  ungünstige  Einwirkung  auf
ihre  dienstliche  Tätigkeit  zu  befürchten  ist.
Ferner  bestimme  ich,  daß  für  die  Genehmigung  von  Anträgen  auf  Hergäbe
fiskalischer  Räumlichkeiten  zum  Geschäftsbetriebe  von  Konsumvereinen  künftig  nur
noch  die  Königlichen  Eisenbahndirektionen  selbst  zuständig  sind.  Die  Genehmigung
ist  nur  ausnahmsweise  zu  erteilen,  wenn  anderenfalls  die  berechtigten  Bedürfnisse
der  diesseitigen  Bediensteten  nicht  würden  befriedigt  werden  können.
Die  Königlichen  Eisenbahndirektionen  wollen  hiernach  die  Verhältnisse  der
Konsumvereine  ihres  Bezirkes,  an  deren  Verwaltung  Staatseisenbahnbeamte  beteiligt ­
  sind,  einer  erneuten  Prüfung  unterziehen  und  gegebenen  Falles  das
Weitere  im  Sinne  dieses  Erlasses  veranlassen.
Sollten  in  einzelnen  Fällen  Zweifel  auftreten,  so  ist  meine  Entscheidung
einzuholen."
Von  sozialdemokratischer  und  liberaler  Seite  ist  an  diesem  Erlaß  weidlich
herumgenörgelt  worden.  Das  wird  Herr  v.  Budde  nicht  anders  erwartet  haben,
und  für  den  gewerblichen  Mittelstand  hätten  diese  Preßstimmen  sogar  den  Wert
haben  können,  ihm  an  einem  Momentbild  zu  zeigen,  wo  seine  Freunde  sitzen,
wenn  nicht  die  Kreuzzeitung  durch  eine  steifleinene  doktrinär-historische  Betrachtung ­
  einen  die  wahre  Situation  verschleiernden  Schlagschatten  in  das  Bild
insofern  gebracht  hätte,  als  sie  nicht  wie  alle  anderen  rechtsstehenden
        <pb n="61" />
        60

Zeitungen  den  Empfindungen  der  konservativen  Bevölkerung  gemäß  dem  Buddeschen
  Erlaß  die  vollste  Anerkennung  gezollt,  sondern  ihrer  Meinung  mit  allerhand
geschraubten  Wendungen  und  Vorbehalten  Ausdruck  verliehen  hat.  Es  ist  das
sehr  bedauerlich,  hat  aber  bei  genauerer  Überlegung  doch  nicht  so  viel  zu  bedeuten, ­
  als  es  zuerst  scheint.  Denn  erstens  zeigt  die  exaltierte  Freude  der
manchesterlichen  Presse  über  die  Extratour  der  Kreuzzeitung,  daß  die  jetzige  Auffassung ­
  der  Konsumvereinsfrage  mit  deren  sonstiger  Haltung  nicht  übereinstimmt,
zweitens  ist  auch  die  mittelstandsfreundliche  Haltung  des  Blattes  über  jeden
Zweifel  erhaben,  und  drittens  weicht  gerade  das  Urteil  der  Kreuzzeitung  über  den
Buddeschen  Erlaß  in  einem  sehr  wichtigen  Punkt  von  dem  der  Manchesterpresse
ab,  indem  die  Kreuzzeitung  das  Recht  des  Ministers,  seinen  Beamten  Vorschriften
über  die  Annahme  von  Ämtern  in  Konsumvereinen  zu  machen,  ausdrücklich  anerkennt, ­
  während  die  Manchesterpresse  jedes  Einmischen  des  Ministers  in  die
wirtschaftlichen  Verhältnisse  der  Beamten  auf  das  schärfste  geißelt.  Nach  ihr  soll
ein  Beamter  in  seiner  Freizeit  tun  und  lassen  dürfen,  was  ihm  beliebt.  Das
kann  er  aber  gar  nicht.
Schon  nach  einer  Kabinettsorder  von  1839  hat  der  Herr  Minister  darüber
zu  besinden,  wie  weit  Beamte  seines  Ressorts  Nebenämter  bekleiden  dürfen,  welche
mit  regelmäßigen  Nebeneinnahmen  verknüpft  sind,  und  dieser  Fall  liegt  bei
Konsumvereinsämtern  vor.  Dazu  kommt,  daß  durch  ein  Konsumvereinsamt  sehr
leicht  die  Betriebssicherheit  der  Bahnen  gefährdet  wird.  Um  eine
Richtung  anzudeuten,  in  welcher  die  Gefahren  liegen,  will  ich  einen  Fall  berichten,
der  mir  neulich  von  zuverlässiger  Seite  erzählt  worden  ist.
Ein  Reisender  für  ein  Konfitürengeschäft  wollte  sich  auf  einer  kleineren
Station  eine  Fahrkarte  lösen.  Der  Schalter  war  geöffnet,  aber  der  Beamte  nicht
zu  sehen.  Als  dem  Wartenden  die  Zeit  zu  lang  wurde,  sah  er  durch  das  Fenster
in  den  Dienstraum,  und  was  erblickte  er  da?  Den  diensthabenden  Beamten,
wie  er  mit  einem  ihm  bekannten  Konkurrenten  Geschäfte  für  den  Konsumverein
abschloß,  dessen  Vorstandsmitglied  er  ist.
Solcher  Fall  ist  typisch,  und  seine  Wiederholung,  ja  sein  tägliches  Vorkommen
  liegt  auf  der  Hand.  Denn  es  ist  ganz  natürlich,  daß  Reisende  häufig
auf  solchen  Stationen,  deren  Inspektoren  oder  sonstige  Beamte  Vorstandsmitglieder ­
  von  Konsumvereinen  sind,  Züge  überspringen,  um  irgend  ein  Geschäft
in  Heringen,  Pflaumen,  sauren  Gurken  oder  sonst  einem  Artikel  abzuschließen.
Die  Zeit  drängt.  Da  wird  nicht  lange  gewartet.  Die  Reisenden  machen  sich
an  den  betreffenden  Beamten  heran  und  zerstreuen  ihn.  Wer  will  immer
konstatieren,  ob  das  leise  geführte  Gespräch  amtlichen  Charakter  hat  oder  ein
privates  Geschäft  betrifft?  Wie  leicht  können  da  Signale  übersehen  und  überhört
  werden!
        <pb n="62" />
        61

In  großen  Beamtenkonsumvereinen  sind  allerdings  meist  Jnnenbeamte  die
Träger  der  Konsumvereinsämter,  aber  auf  kleinen  Stationen  sind  auch  Außenbeamte ­
  dabei  beteiligt,  und  für  die  Reisenden,  die  totgefahren  oder  zu  Krüppeln
gemacht  werden,  ist  es  ebenso  unangenehm,  ob  dies  auf  einer  kleinen  oder  großen
Station  geschieht.  Hier  heißt  es  vorbeugen!
Das  reisende  Publikum  kann  es  Sr.  Exzellenz  v.  Budde  nur  Dank  wissen,
daß  er  auch  nach  dieser  Seite  hin  einen  vorausschauenden  Blick  an  den  Tag
legt.  Große  Handelsgeschäfte  treiben  und  im  kleinen  aufpassen,  verträgt  sich
einmal  nicht  miteinander,  und  wer  sich  ernstlich  überlegt,  wie  er  für  Tausende
oder  Zehntausende  von  Mark  Warenabschlüsse  machen  soll,  den  verlassen  diese
Geschäfte  nicht  auf  Kommando  mit  Antritt  des  Dienstes,  den  bewegen  sie  auch
im  Dienst,  und  das  ist  störend  für  einen  so  wichtigen  Betrieb,  wo  jeden  Augenblick
Lebensgefahr  heraufbeschworen  werden  kann.
Die  Freisinnigen  und  Sozialdemokraten  rechnen  freilich  nicht  mit  Menschen
aus  Fleisch  und  Blut,  sie  operieren  mit  schematischen  Gebilden  oder  tun  wenigstens
so.  Auf  solche  verworrenen  Sachen  kann  sich  aber  ein  Minister  nicht  einlassen,
und  daher  ist  es  mit  Freuden  zu  begrüßen,  daß  Exzellenz  v.  Budde  sich  so  geäußert ­
  hat,  wie  es  geschehen  ist.
§  39.
Spaßhaft  ist  noch  zu  sehen,  wie  in  der  Hitze  des  Gefechts  die  Untergenossen,^  Şoziàmowelche
  nicht  so  stubenrein  sind  wie  die  Reichstagsabgeordneten  und  nicht  ^^der^K°n-2
 x / 4  Stunden  reden  können,  ohne  das  Wort  Sozialdemokratie  fallen  zu  lassen,
unvorschriftsmäßige  Seitensprünge  machen  und  in  drei  Zeilen  mehr  ausplappern
als  in  stundenlangen  Eiertänzen  von  den  Obergenossen  wieder  verwischt  werden
kann.  Solcher  Fall  liegt  in  dem  oben  schon  einmal  benutzten  Zitat  aus  dem
Hallischen  Volksblatt  vom  15.  Juli  vor,  wo  von  den  Merseburger  Genossen
schlankweg  geschrieben  und  von  den  Volksblattredakteuren  durchgelassen  ist:
„.  .  .  .  da  den  meisten  Mitgliedern  bekannt  ist,  daß  der  Verein  ins  Leben  gerufen
  wurde,  um  einem  Manne,  der  auch  für  die  Partei  tätig  sein  soll,  eine
unabhängige  Stellung  zu  verschaffen.  Das  Bestreben  aller  geht  nun  dahin,  daß
ein  ehrlicher  und  geschäftsgewandter  Mann  in  leitender  Stellung  sein  soll,  der
gemeinschaftlich  mit  der  Verwaltung  zum  Wohle  des  Vereins  und  auch  der  Partei
arbeitet."
Was  hier  als  selbstverständliche  Personalunion  zwischen  Konsumvereinsleitung ­
  und  sozialdemokratischer  Agitation  für  Merseburg  gefordert  wird,  ist  für
fast  alle  Orte  praktische  Übung.  Sollte  das  eigentlich  nicht  ausreichen ­
  zurFeststellungdes  Tatbe  st  andes  behufs  Auflösung
der  Vereine  nach  §  81  des  Genossenschaftsgesetzes?
        <pb n="63" />
        62

Daß  die  Herren  auch  Personen  anderer  politischer  Parteirichtungen  gern
in  Konsumvereinen  sehen,  ist  natürlich.  Dadurch  vergrößert  sich  das  Geschäft,
und  die  zerstörende  Kraft  wird  stärker.  Bei  der  Leitung  des  Vereins  haben
sie  nichts  zu  sagen.  Denn  das  Vertrauen  für  die  Leitung  haben  nur  Genossen.
Das  weiß  man  in  Versammlungen  schon  so  zu  dirigieren.  Es  wird  gewiß  viele
Leser  interessieren,  wie  das  geschieht.  Ich  habe  es  von  einem  Genossen  erfahren,
der  selbst  bei  solchen  Theatercoups  mitgewirkt  hat.
Alle  Befehle  für  die  Verwaltung  eines  sozialdemokratischen  Konsumvereins
kommen,  so  sagte  mir  mein  Gewährsmann,  von  der  politischen  Partei.  In  ge-Heimen
  Versammlungen  werden  die  Rollen  für  die  Generalversammlungen  genau
einstudiert.  Die  Antragsteller  werden  im  Saal  verteilt,  und  für  die  genügende
Majorität  von  Soziis  ist  gesorgt.  Der  Mechanismus  versagt  fast  nie.  Tritt
dieser  Fall  wider  Erwarten  ein,  so  werden  die  Opponenten  ausgeschlossen.  Ein
klassisches  Beispiel  dafür  ist  hier  in  Halle  passiert.  Ich  erzähle  es  genauer,  weil
seine  Nachwirkungen  noch  zu  der  sehr  interessanten  gerichtlichen  Feststellung
geführt  haben,  daß  ein  so  Ausgeschlossener  absolut  rechtlos  ist.  Die  Nutzanwendung ­
  wird  am  Schluß  gegeben  werden.  Ihre  Verbreitung  dürfte  viele
Konsumvereinsmitglieder  zum  Nachdenken  anregen.
Im  hiesigen  Allgemeinen  Konsumverein  war  man  schon  lange  bestrebt
gewesen,  eine  eigene  Bäckerei  einzurichten.  Die  Meinungen  über  die  Nützlichkeit
des  Unternehmens  waren  aber  geteilt.  Eine  Anzahl  Mitglieder  wollte  die
Bäckerei,  eine  andere  nicht.  Und  das  war  ihr  gutes  Recht.  Die  Mitglieder,
welche  nicht  mit  der  Bäckerei  einverstanden  waren,  eröffneten  eine  Agitation,
und  es  gelang  ihnen  auch,  das  Projekt  mehrfach  zu  Fall  zu  bringen.  Wie  alle
sozialdemokratischen  Befehlshaber  die  Majorität  nicht  respektieren,
wenn  diese  sich  gegen  sie  selbst  wendet,  so  machten  sie  es  auch  hier.  Sie  nörgelten
immer  weiter  und  beschlossen,  die  widerspenstigen  Leute  fliegen  zu  lassen.  Und  wie
haben  sie  das  gemacht?
Die  Gegner  der  Bäckerei  hatten  eines  Tages  eine  Versammlung  nach
einem  Lokal  in  der  oberen  Königstraße  einberufen.  Vor  der  Eröffnung  spielten
mehrere  Billard,  und  da  schlängelte  sich  auch  ein  Unbekannter,  der  großes  Interesse
für  den  Konsunwerein  zeigte,  an  die  Herren  heran.  Er  wurde  freundlichst  mit
zum  Spiel  eingeladen  und  biederte  sich  dabei  weiter  an.  Als  es  zur  Sitzung
gehen  sollte,  fragte  man  ihn,  ob  er  Mitglied  sei;  denn  in  einem  so  großen  Verein
kennen  sich  natürlich  nicht  alle  Mitglieder.  Er  bejahte  und  erhielt  Zutritt.
Aber  o  weh!  Am  andern  Morgen  stand  im  hiesigen  Volksblatt  ein  wutschnaubender ­
  Schmähartikel  über  die  Verschwörer,  deren  Nest  ausgehoben  sei  usw.
Was  die  Herren  vom  Volksblatt  bei  anderen  einen  Spitzel  nennen,  hatten  sie
selbst  für  sich  als  eine  sehr  praktische,  und,  wie  es  scheint,  geläufige  Einrichtung
        <pb n="64" />
        benutzt.  Für  die  fünf  Herren,  deren  Namen  sich  in  dem  gedächtnisschwachen
Kopfe  des  Horchers  eingeprägt  hatten,  wurde  der  Ausschluß  beantragt.  Er
wurde  auch  durchgedrückt  und  unter  wüsten  Szenen  und  unter  dem  allgemeinen
Schreck  der  Bau  der  Bäckerei  beschlossen.
Ob  nun  die  Bäckerei  zum  Segen  gereicht,  oder  ob  die  Herren  an  Hypothekennöten ­
  ersticken  werden,  ist  eine  andere  Frage.  Sie  gehört  nicht  hierher.  Wohl
aber  gehört  noch  die  Fortsetzung  der  Geschichte  hierher,  weil  sie  die  rechtlose ­
  Stellung  der  Mitglieder  in  Konsumvereinen  sehr
trefflich  i  l  l  u  st  r  i  e  r  t.  Die  fünf  ausgeschlossenen  Herren  kamen  nämlich
zu  mir  und  baten  mich  um  Rat.  Was  wollen  Sie  eigentlich?  fragte  ich.  Wir
wollen  auf  Wiederaufnahme  klagen.  Um  Gottes  willen,  entgegnete  ich,  ich  bin
froh,  daß  Sie  heraus  sind.  Wir  auch,  meinten  sie,  aber  wir  wollen  durch  eine
Gerichtsverhandlung  den  skandalösen  Terrorismus  und  die  Spitzelwirtschaft  der
hiesigen  Sozialdemokratie  festnageln.  So,  das  ist  etwas  anderes,  erwiderte  ich,
da  will  ich  Ihnen  helfen.  Ich  besorgte  also  den  Herren  einen  unentgeltlichen
Rechtsbeistand,  und  nun  ging  die  Sache  beim  Landgericht  los.  Aber  was  ergab
sich  da?  Die  Verhandlung  ist  wohl  sehr  kurz  gewesen.
Das  Gericht  fragte:  Sie  sind  ausgeschlossen?  Ja!  War  denn  die  Versammlung ­
  rechtzeitig,  d.  h.  acht  Tage  vorher  bekanntgemacht?  Ja!  Waren  sonst
alle  Formalitäten  erfüllt?  War  das  Bureau  konstituiert,  Stimmenzähler  ernannt ­
  usw.?  Ja!  Dann  ist  Ihnen  nicht  zu  helfen!  Wir  haben  aber  gar  kein
Unrecht  begangen,  wir  haben  nur  unsere  Rechte  gewahrt,  wir  haben  nur  gegen
die  Bäckerei  opponiert,  weil  dadurch  der  Verein  bankerott  wird.  Das  geht  uns
nichts  an,  sagte  das  Gericht.  Wenn  die  Versammlung  rechtzeitig  angemeldet  war
und  Sie  durch  die  Mehrheit  ausgeschlossen  sind,  dann  ist  das  eine  interne  Angelegenheit ­
  des  Vereins,  das  Gericht  kann  nichts  dagegen  tun.
Welches  ist  die  Tragweite  dieses  Gerichtserkenntnisses?  Es  bedeutet  die
Legalisierung  der  Gewaltherrschaft  in  den  Konsumvereinen.  Durch  nichts  kann
das  Wesen  der  Konsumvereine  treffender  charakterisiert  werden.  Jeder  einzelne,
dessen  Nase  dem  Vorstand  nicht  gefällt,  wird  ausgeschlossen.  Das  ist  eine  interne
Angelegenheit  des  Vereins.  Kein  Gericht  kann  ihm  helfen.  Die  Konsumvereine
sind  Inseln  der  Rechtlosigkeit  im  Rechtsstaate  Deutschland.  Dadurch  kann
folgende  Sachlage  geschaffen  werden:  Wenn  in  irgend  einem  Orte  alle  Kolonial-Warenhändler
  ruiniert  sind,  und  das  kann  auch  in  einer  großen  Stadt  passieren,
denn  in  Görlitz  gibt  es  nur  noch  3—4  Kolonialwarengeschäste,  wenn  also  in  einem
Orte  alle  Kolonialwarenhändler  ruiniert  worden  sind,  und  jemand  aus  dem
Konsumverein  ausgeschlossen  ist,  so  bekommt  er  weder  Mehl,  noch  Kaffee,  noch
Reis  usw.  Es  darf  ihm  auch  kein  Mitglied  solche  Waren  aus  dem  Konsunwerein
ablassen.  Da  hilft  ihm  nichts,  er  muß  vom  Ort  wegziehen,  er  ist  boykottiert.
        <pb n="65" />
        64

Lob  der  Warenhäuser. ­


Das  ist  die  Gefahr  der  Konsumvereine  als  Boykottanstalten!  Nur  der  freie
Handel  kann  dagegen  schützen!
Wer  das  nicht  einsieht,  daß  sozialdemokratisch  Trumpf  ist  in  den  Konsum-Vereinen,
  dem  ist  nicht  zu  helfen.  Er  ist  entweder  von  Natur  blind,  oder  er
will  nicht  sehen,  und  diese  letzte  Blindheit  ist  die  unheilbarste.
Wenn  die  Bezeichnung  „blinder  Hesse"  nicht  ein  Lob  wäre,  würde  ich  sie
auf  Herrn  Staudinger  anwenden,  der  so  weit  geht,  daß  er  droht,  jeden  zu  verklagen, ­
  der  die  Konsumvereine  als  sozialdemokratische  Anstalten  bezeichnet.  Aber
loben  kann  ich  beim  besten  Willen  seine  Tätigkeit  nicht,  welche  er  durch  seine
Loblieder  auf  die  Konsumvereine  leistet,  auch  nicht-  wenn  er  sich  bei  seinem
Urteil  über  den  Anschluß  der  hessischen  Beamten  an  die  Konsumvereine  im
Einklang  mit  seiner  Regierung  weiß.  Wenn  die  Haltung  der  hessischen  Regierung ­
  wirklich  den  Konsumvereinen  so  günstig  ist,  wie  er  sagt,  so  hängt  das
vielleicht  mit  der  Hoffähigkeit  der  Sozialdemokratie  im  Hessenlande  zusammen.
In  den  meisten  größeren  Bundesstaaten  ist  man  noch  nicht  so  weit  vorgeschritten
Dort  kennt  man  die  sozialdemokratische  Gefahr  und  ist  nicht  geneigt,  den  gewerblichen ­
  Mittelstand  dem  sozialdemokratischen  Meuchelmord  durch  die  in  den
Konsumvereinen  etablierte  sozialdemokratische  Herrschaft  auszuliefern.

III.  Abschnitt.
Schutzwaffen  gegen  die  Warenhäuser.
§  40.
Wie  Staudinger  in  Darmstadt  als  schönste  Blüten  am  Baume  der  wirtschaftlichen ­
  Entwickelung  unseres  Volkes  die  Konsunwereine  ansieht,  so  erkennt
ein  Herr  Dr.  Wernicke  aus  Berlin  den  höchsten  Preis  für  die  vorzüglichsten
Leistungen  in  der  modernen  Volkswirtschaft  den  Warenhäusern  zu,  und  man
kann  nicht  leugnen,  daß  er  sich  bemüht  hat,  zum  Lobe  seiner  Schützlinge  alles
zusammenzustellen,  was  wohl  je  in  dieser  Richtung  gesagt  und  geschrieben  worden
ist.  Die  Warenhausinhaber  müssen,  wenn  sie  nur  einen  Schimmer  von  Dankbarkeitsregungen ­
  in  ihrem  Herzen  zu  spüren  fähig  sind,  vor  Wonne  übergeflossen
sein,  als  sie  hier  schwarz  auf  weiß  gelesen  haben,  welche  Wohltäter  in  ihnen
dem  deutschen  Volke  erstanden  sind.
Das  nennt  man  doch  noch  Verständnis  für  sein  stilles  Wirken  am  Webstuhl ­
  der  Zeit!  Und  wenn  nun  den  Mittelstandsrettern  nicht  der  Mund  gestopft
ist,  so  ist  überhaupt  zu  bezweifeln,  daß  das  auf  literarischem  Wege  möglich  sein
        <pb n="66" />
        65

wird.  Ich  persönlich  verstehe  Wohl,  daß  die  Warenhäuser  sich  beeilt  haben,  nach
dem  Erscheinen  der  Broschüre  jedem  Käufer  und  jeder  Käuferin  anstatt  eines
Luftballons  oder  eines  Drachens  ein  Exemplar  dieser  Schrift  „zur  gefälligen
Orientierung"  mit  ans  den  Weg  zu  geben.
In  der  Kürze  läßt  sich  der  Inhalt  so  formulieren,  daß  im  Eingang  als
wesentlichster  Punkt  der  neuzeitlichen  Volkswirtschaft  der  „Zug  ins  Große"
konstatiert  wird.  Das  sähe  man  auf  allen  Gebieten  und  erkenne  es  auch  willig
an.  Nur  auf  dem  Gebiete  des  Detailhandels  wolle  man  es  nicht  nur  nicht  als
notwendig  und  nützlich  zugeben,  sondern  man  stelle  es  sogar  als  schädlich  hin.
Nun  folgt  eine  lange  Reihe  von  oft  erhobenen  Vorwürfen  gegen  die  verkannten
Warenhäuser  mit  Versuchen  solche  zu  widerlegen.  Hieraus  wird  eine  Definition
der  modernen  Staatsentwickelung  nach  ihrem  Wesen  und  ihrem  Ziel  gegeben
und  eine  Prüfung  der  Warenhäuser  auf  ihre  Stellung  in  der  dieser  Entwickelung
dienenden  Kette  von  Betriebsformen  vorgenommen.  Es  zeigt  sich,  daß  die
Warenhäuser  vom  Besten  das  Beste  leisten.  Sie  find  eben  nicht  willkürliche
Gebilde  einer  vorübergehenden  Laune  einzelner,  sondern  ihr  Entstehen  verdanken
sie  dem  doppelt  gebieterischen  Verlangen  der  Massenproduktion  und  des  Massenkonsums. ­
  Sie  liefern  billiger  als  andere  Geschäfte,  sie  helfen  Zeit  ersparen,
sie  machen  die  Fabrikanten  leistungsfähiger,  sie  verbessern  den  Geschmack,  sie  unterstützen ­
  den  Exporthandel  und  schränken  den  Import  ein,  sie  erhöhen  das  Einkommen ­
  der  breiten  Massen,  sie  erziehen  zur  Barzahlung,  sie  schaffen  einen
neuen  Mittelstand  in  Handel  und  Industrie,  sie  bilden  ein  wirksames  Gegengewicht ­
  gegen  Kartelle,  Preiskonventionen  und  Syndikate  und  werden  in  der
Zukunft  der  einzige  Schutz  gegen  Ringe  und  Trusts  sein.  Es  ist  daher  eines
einsichtigen  Politikers  unwiirdig  und  eine  nicht  zu  verzeihende  Kurzsichtigkeit  des
Staates,  solche  vielseitigen  Hilfen  der  modernen  Entwicklung  durch  ungerechte
Maßnahmen  zu  beschweren.  Die  Weltmachtstellung  Deutschlands  steht  durch
solche  verkehrte  Wirtschaftspolitik  auf  dem  Spiele.  Daher:  Cavcant  cónsules!
d.  h.  verdolmetscht:  Die  Staatslenker  mögen  sich  in  acht  nehmen!
Da  haben  die  Minister  ihre  regelrechte  Verwarnung.  Sonst  sagte  man
videant  cónsules!  Angen  auf,  Ihr  Staatsmänner!  wenn  man  die  Spitzen  des
Staatswesens  bei  nahender  Gefahr  zu  besonderer  Aufmerksamkeit  anspornen
wollte.  Doch  über  diese  kleine  Differenz  käme  man  schon  hinweg.  Sie  würde
eine  Einigung  nicht  verhindern,  wenn  nur  nicht  so  ziemlich  alles  auf  den  Kopf
gestellt  wäre,  was  mit  der  Warenhausfrage  in  Verbindung  gebracht  ist,  um  zur
Entsühnung  oder  Verherrlichung  dieser  so  viel  geschmähten  und  doch  so  nützlichen
Gebilde  der  Volkswirtschaft  zu  dienen.

Suchsland.  Schutz-  und  Trutz-Waffen.

5
        <pb n="67" />
        66

§  41.
^de/ñapitals  à  Als  erste  Beispiele  für  die  fortschreitende  segensreiche  Konzentration  des
"nützlichĢ'be-îņ  Ķapitals  werden  die  Bildungen  von  taufcnb  und  aber  tausend  großen  Latifundien
hauptet  wird,  iņ  der  Landwirtschaft  und  die  Vergrößerungen  der  Bergwerksunternehmungen
angeführt.
Beides  ist  recht  unglücklich  gewählt.  Denn  trotz  der  der  Landwirtschaft
und  dem  Bergbau  eigentümlichen  und  großen  technischen  Vorzüge,  wenn  sie  als
Großbetriebe  dastehen,  wird  von  keiner  Seite  verkannt,  daß  hier  auch  der  K  l  e  i  n  -
betrieb  seine  eminente  volkswirtschaftliche  Bedeutung  hat.
Diese  Erkenntnis  ist  so  gefestigt,  daß  bereits  seit  vielen  Jahren  für  den
Osten  unseres  Vaterlandes  ein  ausgedehntes  Kolonisationswcrk  durch  die  Ansicdelungskommission
  in  Angriff  genommen  ist,  um  gegen  das  vordringende  Polentum
  einen  widerstandsfähigen  seßhaften  Mittelstand  zu  schaffen.
Da  sehen  wir,  wie  schwer  es  ist,  dieses  wichtige  Boll^
werk  neu  aufzurichten!
Manche  verzweifeln  an  dem  Gelingen  des  großen  Werkes.  Mag  doch
jeder  hieraus  die  naheliegende  Lehre  für  den  städtischen  selbständigen  gewerblichen ­
  Mittelstand  ziehen!
Wo  sollte  man  ihn  überhaupt  her  kounnen  lassen?
Darum  wollen  wir  ihn  schützen,  solange  er  da  ist.  Denn
was  der  Dichter  den  alten  Niesen  auf  Burg  Nideck  zweimal  in  steigender  Erregung ­
  vom  Bauer  sagen  läßt,  als  er  seine  Tochter  den  aufgegriffenen  Landmann
mit  Pferd  und  Pflug  auf  bent  Tisch  aufbauen  sieht,  und  was  er  warnend  in
die  treffenden  Worte  kleidet,  „der  Bauer  ist  kein  Spielzeug!"  das  gilt  vom  ganzen
gewerblichen  Mittelstand,  vom  Kaufmann  und  vom  Handwerker  mit.
Und  was  den  Bergbau  betrifft,  so  hat  wohl  der  Herr  Verfasser  beim
Anstimmen  seines  Lobliedes  auf  die  Warenhäuser  ganz  den  Sturm  der  Entrüstung ­
  überhört,  der  durch  Deutschland  gegangen  ist,  als  bekannt  wurde,  daß
aus  reinen  Spekulationsgründen  so  viele  kleine  Nuhrzechen  stillgelegt  lverdert
sollten?  Auch  hier  betrachtete  das  „akkumulierte  Großkapital"  den  Bergbau  nur
als  Sache.  Man  hatte  beim  Kauf  der  Gruben  nur  auf  die  Fördernngsrechte
geachtet,  die  an  den  Gruben  als  künstliche  Ringmachenschaften  hingen,  und
dekretierte  mit  einem  Federstrich  diese  Rechte  von  den  kleinen  Gruben  weg  zu
den  größeren,  dabei  sich  auf  das  moderne  Prinzip  stützend:  „Zwergbetriebe
sind  nicht  mehr  existenzberechtigt."  Aber  siehe,  da  zeigte  sich  die  unangenehme
Tatsache,  daß  hinter  dem  Bergbau  lebendige  Menschen  standen,  welche  schrieen,
als  die  trustigen  Töchter  des  Kapitalsriesen  oder  des  Riesenkapitals  sie  nach
berühmten  Mustern  in  ihre  papiernen  Dividendenschürzen  auflesen  wollten,  und
sagten,  daß  sie  nicht  bestehen  könnten,  wenn  so  ohne  weiteres  die  Zechen  still-
        <pb n="68" />
        67

gelegt  würden.  Sie  hätten  Häuser  und  Land  und  könnten  nicht  wegziehen,  da
die  Grundstücke  wertlos  würden.
Ist  das  nicht  derselbe  Vorgang,  der  sich  in  den  Städten  vollzieht,  wo  sich
die  Warenhäuser  etablieren?  Wir  können  sogar  die  Bezeichnung  „Stillegen"
akzeptieren.  Sie  paßt  vortrefflich  auf  die  Grabesruhe,  welche  in  den  meisten
Geschäften  entsteht,  wenn  ein  Warenhaus  seine  Pforten  aufgetan  hat  und  seine
Reklametrommel  rührt.
Der  Anwalt  der  Warenhäuser  behauptet  freilich  schlankweg  das  Gegenteil.
Er  findet,  daß  die  Läden  in  der  Nähe  der  Warenhäuser  besonders  gesucht  sind,  da
große  Spezialgeschäfte  sich  gern  in  ihnen  etablieren.  Ich  kann  nur  bezeugen,  daß
ich  viele  Geschäftsleute  habe  laut  auflachen  hören,  als  ich  ihnen  diese  Behauptung
zur  Prüfuug  auf  ihre  Richtigkeit  unterbreitete.  Sie  steht  aber  in  ihrer  Kühnheit
lange  nicht  allein.
Es  wird,  nur  um  die  Warenhäuser  in  gute  Gesellschaft  zu  bringen,  beklagt,
daß  sich  in  unserem  Vaterland  eine  starke  Strömung  geltend  mache,  welche  das
Wesen  und  die  Notwendigkeit  der  Konzentration  des  Kapitals  verkenne  und  nicht
einsehe,  daß  hierauf  die  handelspolitische  Macht  und  die  finanzielle  Kraft  Eng^
lands  und  Amerikas  beruhe.
In  Wahrheit  verkennt  kein  Mensch  den  Vorteil  einer  Konzentration,  aber
es  gibt,  wie  sich  jeder  sagen  kann,  eine  Grenze  für  die  Nützlichkeit  der  Konzentration, ­
  wo  diese  anfängt  unproduktiv  zu  werden  und  schädlich.  Diese  Grenzen
sind  für  alle  Berufe  verschieden.  Für  die  Konzentration  des  Kleinhandels ­
  liegt  sie  da,  wo  sie  als  Zerstörerin  eines  historisch
gewordenen  Standes  auftritt.  Das  ist  so  klar,  daß  darüber  kein  Wort
weiter  verloren  zu  werden  braucht.  Denn  wie  überall,  so  geben  auch  in  der
Volkswirtschaft  die  Früchte  das  beste  Kennzeichen  für  den  Wert  oder  Unwert
einer  Sache  ab,  und  diese  Fruchtprobe  fällt  für  die  Warenhäuser  vernichtend  aus.
§  42.
Als  unrichtig  ist  auch  die  oft  wiederholte  Schilderung  der  Kleinbetriebe  Warmhäu^sind
als  selbstverständliche  Heimstätten  der  Rückständigkeit,  der  schmucklosen  Öde,  der  Märkte  anzusehen.
Liederlichkeit,  Bummelei,  Pumpwirtschaft,  Faulheit  und  Überteuerung  zu  kennzeichnen. ­

Der  Mangel  eines  Fahrstuhles  ist  noch  lange  kein  Zeichen  der  Rückständig,
feit.  Wer  nicht  vier  Treppen  hoch  Verkaufsräume  angelegt  hat,  braucht  kein
solches  Vehikel.  Von  schmuckloser  Öde  kann  nur  sprechen,  wer  in  kleinere  Geschäfte ­
  seit  Kindesbeinen  nicht  mehr  hineingekommen  ist.  Ich  finde  überall  das
Bestreben,  auf  die  einzelnen  Branchen  durch  gefällige  und  oft  künstlerische  Schaustellungen ­
  das  Publikum  aufmerksam  zu  machen.  Daß  dies  in  diskreter  und
3
        <pb n="69" />
        68

nicht  so  aufdringlicher  Weise  geschieht,  wie  in  den  Warenhäusern,  ist  nur  311
loben.  Es  hat  das  außer  anderem  noch  den  Vorteil,  daß  die  Käuferinnen  nicht
zu  Gelegenheitsdiebstählen  verführt  werden,  durch  welche  schon  unsägliches  Unheil
in  ehrenwerte  Familien  gebracht  ist.  Spricht  man  doch  jetzt  von  einer  Art
Stehlsucht,  die  durch  scheinbar  achtlose,  aber  sehr  sorgfältig  kontrollierte  Art  des
Auslegens  in  den  Warenhäusern  gezüchtet  ist.  In  ganz  hinterlistiger  Weise  wird
das  Publikum  erst  angelockt,  dann  in  Versuchung  geführt  und  endlich  ertappt.
Auch  Verkäuferinnen  werden  oft  auf  diese  Weise  unglücklich  gemacht.  Man
könnte  eher  hier  von  einer  Liederlichkeit  und  Bummelei  reden,  müßte  allerdings
noch  „organisiert"  zufügen.  O,  diese  Organisten  können  alles!  Nur  auf  eins
lassen  sie  sich  nicht  ein,  auf  Borgen,  d.  h.  auf  Borgen  an  das  Publikum,  sie  selbst
borgen  ganz  tüchtig,  wie  bei  den  immer  häufiger  werdenden  Konkursen  zutage
tritt  und  auch  sonst  durch  Klagen  der  Lieferanten  bekannt  wird.  Aber  dem
Publikum  borgen  sie  nicht,  das  ist  richtig.  Das  ist  auch  sehr  weise  und  nützlich
für  die  Warenhäuser;  ob  es  aber  auch  für  die  Frauen  nützlich  ist  und  weise  von
ihnen,  wenn  sie  nur,  „um  mal  zu  sehen",  in  ein  Warenhaus  gehen  und  dann
verlockt  durch  die  scheinbare  Billigkeit,  ihre  Ruhe  verlieren  und  kaufen,  kaufen,
kaufen,  bis  sie  ihre  gesamte  Barschaft  losgeworden  sind,  das  ist  eine  andere  Frage.
Diese  Fälle  der  plötzlich  und  trotz  festester  Vorsätze  auftretenden  Kaufmanie  sind
gar  nicht  selten.  Man  fand  sie  früher  auf  Jahrmärkten,  wo  durch  Musik,
Spiel  und  den  Genuß  geistiger  Getränke  die  Besonnenheit  der  Käufer  ins
Wanken  gebracht  wurde.  Und  mit  einem  Jahrmarkt  Haben  in  der  Tat  viele
Warenhäuser  die  größte  Ähnlichkeit.  Sie  unterscheiden  sich  im  wesentlichen  nur
durch  ihre  Dauer  das  ganze  Jahr  hindurch,  durch  die  größere  Wetterbeständigkeit
ihrer  Überdachung  und  durch  die  in  die  Höhe  gehende  Ausdehnung  ihrer  Auslagen.
Musik,  Darbietungen  von  Speisen  und  Getränken,  auch  sonstige  Jahrmärkten ­
  öden  sind  vorhanden.  Sollte  das  nicht  dazu  anregen,  den  Warenhäusern
dieselben  Schranken  wie  den  Jahrmärkten  aufzuerlegen  in  Gestalt
von  Konzessionsverpflichtung  und  Extrabesteuerung?
§43.
loiulcn^oMtab*  Zum  Trost  für  die  unverdiente  und  kurzsichtige  Anfeindung,  der  die
ş'Grobbetricbcn°"  Màuser  als  Großbetriebe  von  seiten  der  Mittelstandsfrennde  ausgesetzt  sind,  und
zugleich  zum  abschreckenden  Beispiel  für  ein  Nachfolgen  alls  diesem  Wege  wird  in
einer  Fußnote  der  Fluch  der  Lächerlichkeit  erwähnt,  dem  die  verfallen  sein  sollen,
welche  zu  Beginn  der  Maschinenära  die  Fabriken  bekämpft  hätten  und  sogar  den
Bau  von  Eisenbahnen  und  Straßenbahnen  hätten  verhindern  wollen.  —  Es
klingt  immer  sehr  gut,  wenn  das  gesagt  wird.  In  öffentlichen  Versammlungen
und  am  Biertisch  wirkt  solche  Beweisführung  meist  schlagend.  Sie  gehört  daher
        <pb n="70" />
        69

zu  den  Argumentationen,  die  bei  den  Verteidigern  der  Warenhäuser  besonders
beliebt  sind.  In  Wirklichkeit  ist  sie  hohl  und  sagt  gar  nichts,  weil  sie  zuviel  sagen
will.  Sie  setzt  voraus,  daß  alle  Fabriken,  alle  Eisenbahnen  und  alle  Straßenbahnen ­
  immer  und  für  jedermann  nützlich  tvären,  und  daß  ihr  Vorteil  so  sonnenklar ­
  sei,  daß  nur  komplette  Narren  sich  dieser  Einsicht  verschließen  könnten.  Das
ist  aber  ganz  falsch.
Die  Einführung  der  mechanischen  Webstühle  hat  ungezählte  Weberfamilien
in  schwere  Bedrängnis  gebracht,  ganze  Landstriche  arm  gemacht.  Noch  heute
kann  man  in  den  verschiedensten  Gegenden  Schlesiens,  Thüringens  und  Sachsens
die  Nachwirkungen  der  damaligen  Erschütterung  im  volkswirtschaftlichen  Gleichgewicht ­
  eines  großen  Berufsstandes  sehen.  In  zahlreichen  Zeitungen  stehen
täglich  Bitten  um  Hilfe  für  die  Weber  der  einzelnen  Reviere  durch  Zuwendung
von  Arbeit  zu  lesen.  Es  war  also  gar  nicht  töricht,  wenn  die  Weber  damals  über
die  neue  Erfindung  ebenso  klagten,  wie  es  heute  die  „fortgeschrittenen"  Buchdruckergehilfen ­
  über  die  geistvoll  konstruierte  Setzmaschine  tun,  indem  sie  zum  Teil
durch  Streik  ihre  Einstellung  an  einigen  Orten  verhindert  haben,  vder  die  eisernen
Kollegen  nur  in  einer  verhältnismäßig  stipulierten  Anzahl  dulden.
Auch  die  Eisenbahnen  sind  nicht  für  jedermann,  nicht  für  alle  Stadtgegenden ­
  und  nicht  für  alle  Städte  zum  Segen  geworden.
Gastwirte,  welche  früher  in  Städten  ohne  Bahnverbindung  ein  glänzendes
Geschäft  machten,  weil  viele  Reisende  über  Nacht  blieben,  sehen  jetzt  ihre  alten
Kunden  früh  mit  der  Bahn  kommen  und  nachmittags  wieder  abfahren,  Kaufleute,
tvelche  früher  in  allen  Artikeln  guten  Umsatz  hatten,  werden  viel  beschränkt,  weil
ein  großer  Teil  des  Publikums,  um  sich  einmal  zu  amüsieren,  verreist  und  bei
dieser  Gelegenheit  auswärts  kauft,  Arbeitgeber,  welche  sonst  zufriedene  und  zum
Wohlstand  gelangende  Arbeiter  hatten,  sehen  dieselben  Leute  jetzt  mit  Arbeiterzügen ­
  nach  auswärts  dampfen  und  haben  erst  Gelegenheit,  sie  als  Invaliden
wieder  in  Arbeit  zu  nehmen,  wenn  sie  sich  nicht  dem  Vorwurf  der  Hartherzigkeit
aussetzen  wollen.
In  Halle  führt  eine  Stadtgegend  den  Namen  Klaustorvorstadt.  Sie  war
früher  die  beste  Geschäftsgegend,  da  ein  sehr  starker  Landverkehr  durch  sie  nach
der  Stadt  führte.  Die  Eröffnung  der  Halle-Kasseler  Bahn  hat  das  ganz  geändert. ­
  Es  ist  eine  allgemeine  Entwertung  der  Gegend  eingetreten.  Sollten  nun
die  Bewohner  aller  der  betreffenden  Straßenzüge  so  furchtbar  erbaut  sein  von
der  Ausführung  der  Halle-Kasseler  Bahn?  Sie  hatten  an  sich  gegen  die  Bahn
nichts,  aber  ihre  Einmündungsstelle  in  Hatte  war  doch  für  sie  verhängnisvoll.
Eine  ganze  Anzahl  Städte  ist  durch  die  Eisenbahn  direkt  geschädigt  worden,  wenn
auch  viele  und  vielleicht  die  meisten  große  Vorteile  gehabt  haben.
        <pb n="71" />
        70

Die  Warenhäuser
Ichüdiqen  fast  alle
Branchen  des
Handels  n.  Handwerks. ­


Mit  den  Straßenbahnen  kann  ich  mich  kürzer  fassen.  Die  Unternehmer
haben  wohl  alle  dabei  verdient,  aber  viele  Aktionäre  seufzen  bei  Nennung  mancher
Bahnen  schwer.
Also,  so  töricht  ist  es  gar  nicht,  wie  es  Herr  Dr.  Wernicke  hinstellt,  gelegentlich ­
  gegen  eine  Eisenbahn  und  auch  einmal  gegen«  eine  Fabrik  zu
sprechen.  Es  kommt  dabei  sehr  auf  jeden  besonderen  Fall  an,  und  so  ist  auch  zu
prüfen,  ob  die  Warenhäuser  nützlich  oder  schädlich  sind.
Einfach  zu  sagen,  daß  sie  nützlich  sind,  weil  sie  Großbetriebe  darstellen,  ist
ungereimt.  Ungereimt  wäre  es  auch  zu  sagen,  sie  seien  schädlich,  weil  sie  Großbetriebe ­
  sind.  Das  tut  aber  auch  kein  Mittelstandsfreund.  Richtig  ist  es  allein,
sie  auf  ihre  Wirkung  zu  prüfen  und  sich  dabei  zu  vergegenwärtigen,  daß  sie  im
Gegensatz  zu  der  exportierenden  Industrie  nur  lokalen  Absatz  suchen
und  stets  ein  Überangebot  in  Waren  verursachen,  deren  Beschaffung ­
  früher  in  den  Händen  ortsangesessener  Kaufleute  lag.
Erweisen  sie  sich  als  schädlich,  so  sind  sie  auf  das  Maß  zurückzuführen,  wo
sie  nicht  mehr  schaden.  Das  ist  vernünftig,  aber  auch  zu  tun  nötig,  denn  notwendig ­
  und  vernünftig  muß  im  Wirtschaftsleben  zusammenfallen.
§  44.
Die  Wirkung  der  Warenhäuser  auf  den  gewerblichen  Mittelstand  ist  nun
ersichtlich  eine  absolut  ruinöse.  Vielleicht  gibt  es  einige  Branchen,  welche  noch
nicht  zu  leiden  haben,  aber  deren  Zahl  tvird  immer  kleiner;  denn  ein  Gewerbe
nach  dem  anderen  wird  den  „Großbetrieben  im  Kleinhandel"  angegliedert.  Ein
Warenhaus  sucht  darin  das  andere  zu  übertreffen.  Nach  den  Konditoreien  sind  die
Restaurationen  eingeführt  worden,  photographische  Ateliers  und  Nasierstuben
sind  schon  lange  etwas  Alltägliches,  und  jetzt  fühlen  sogar  auch  die  Apotheken
das  Eingreifen  der  Polypenarme  in  ihre  Artikel  durch  Schleudern  mit  Verbandrollen ­
  und  ähnlichen  Dingen.  Es  bleibt  gewiß  niemand  verschont,  deshalb  sollen
sich  alle  Gewerbe  beizeiten  zur  einheitlichen  Abwehr  der  Gefahr  anschicken  und  sich
nicht  durch  Behauptungen  blenden  lassen,  die  sich  durch  nichts  als  durch  ihre
Dreistigkeit  auszeichnen.  Mehrere  davon  sind  schon  im  Vorstehenden  auf  ihren
nichtssagenden  Inhalt  zurückgeführt  tvorden,  aber  noch  öfter  muß  ich  mich  dieser
auflösenden  Aufgabe  unterziehen.
So  sehe  ich  als  positive  Angabe  des  Herrn  Wernicke  vor  mir  stehen,  daß
z.  B.  Tischlereien,  Sattlereien,  Täschnereien  und  Likörfabriken  nicht  von  Warenhäusern ­
  zu  leiden  hätten.  Ich  habe  mich  sofort  aufgemacht,  um  mich  in  einschlägigen
  Geschäften  nach  der  wirklichen  Sachlage  zu  erkundigen.  Mehrere
Geschäftsinhaber  waren  empört,  als  sie  den  betreffenden  Abschnitt  der  Wernicke
schen  Broschüre  lasen.
        <pb n="72" />
        71

Der  Tischlermeister  sagte  mir,  daß  durch  die  Ausstellung  von  allerhand
minderwertigen  Möbeln  mit  angeschriebenen  Lockpreisen  die  Wertschätzung  eines
guten  Stückes  so  im  Publikum  verloren  gegangen  wäre,  daß  es  kaum  möglich  sei,
bei  Abschluß  eines  Geschäftes  für  ein  solid  gearbeitetes  Stück  auf  die  Kosten
zu  kommen,  der  Sattler  und  Täschner  zeigte  mir,  wie  durch  genaue  aber  minderwertige
  Imitation  dauerhafter  und  früher  gangbarer  Ware  die  guten  Artikel
schwer  verkäuflich  würden,  und  so  ist  es  weitergegangen.
§  45.
Es  wird  nicht  wundernehmen,  wenn  ich  anführe,  daß  Herr  Wernicke  durch
fortwährendes  Untereinanderwerfen  der  verschiedenen  Begriffe  vom  alten,  neuen
und  dem  ganzen  Mittelstand  auf  einmal  zu  dem  Resultat  gelangt,  daß  nicht  eine
Vernichtung,  sondern  eine  eminente  Erstarkung  des  Mittelstandes  die  Physiognomie ­
  der  neuzeitlichen  wirtschaftlichen  Entwickelung  sei.  Er  sucht  hierdurch
den  Schein  zu  erwecken,  als  ob  die  Warenhäuser  dabei  auch  mitgeholfen  hätten.
Gewiß  gibt  es  viele  durchaus  sicher  dastehende  Mittelstandsexistenzen  im
Veamtenstand,  im  gehobenen  Arbeiterstand,  im  Bauhandwerk,  unter  den  Fabrikanten, ­
  Agenten  usw.,  aber  die  sind  nicht  auf  das  Konto  der  Warenhäuser  zu  setzen.
Die  Warenhäuser  haben  den  Nationalwohlstand  nicht  vermehrt,  und  der  einem
Huhn  etwa  verbliebene  Fettansatz  ist  nie  als  ein  Verdienst  des  Fuchses  angesehen
worden,  der  sich  alle  Mühe  gegeben  hat  das  Federvieh  zu  rupfen.  Dem  Mittelstand ­
  als  solchem  haben  die  Warenhäuser  überall,  wo  sie  aufgetaucht  sind,  geschadet, ­
  indem  sie  einen  Hauptteil  von  ihm,  den  gewerblichen  Mittelstand,  lahmgelegt ­
  haben.  Daß  der  Niedergang  nicht  allgemein  wird,  das  muß  so  schnell  wie
möglich  verhindert  werden.  Die  Zahlen  des  Umsatzes  der  Warenhäuser  in
Frankreich  und  England  mahnen  dazu.  Sie  beweisen  die  ungeheuren  Expansionsbestrebnngen
  der  einzelnen  Betriebe,  da  allein  drei  Warenhäuser  in  Paris
einen  dreimal  so  großen  Umsatz  haben  wie  die  73  jetzt  in  Preußen  existierenden.
Aber  alle  die  Riesenzahlen  dienen  den  Warenhausanhängern  nicht  entfernt
dazu,  ihr  Gebaren,  den  Handel  an  sich  zu  reißen,  in  etwas  einzudämmen.  Herr
Dr.  Wernicke  macht  vielmehr  ganz  wie  Herr  Staudinger  in  seinem  Konsumvereinsfanatismus ­
  den  Versuch,  den  Kaufmannsstand  selbst  für  die  Überfülle  des
Angebots  verantwortlich  zu  machen.  Ich  könnte  eigentlich  zur  Widerlegung  der
hier  auftretenden  Trugschlüsse  ans  den  bezüglichen  Passus  im  zweiten  Abschnitt
verweisen,  will  aber  doch  die  doppelte  Mühe  der  zweimaligen  Zerpslückung  des
zweimal  auftretenden  Vorwurfs  nicht  scheuen,  da  im  Unterlassungsfall  leicht  schädliches ­
  Triumphgeschrei  der  Warenhänsler  über  mein  Schweigen  angestimmt  werden
könnte,  zumal  Herr  Dr.  Wernicke  anderes  Zahlenmaterial  benutzt.

BerunglückterVcrsuch,
  die  Warenhäuser ­
  als  Ursache
deswirtschaftltchen
Aufschwungs  und
die  Kaufleute  als
selbstschuldig  für
ihren  Ruin  hinzustellen. ­
        <pb n="73" />
        72

Herr  Wernicke  baut  seinen  Beweis  für  die  Selbstschuld  des  Handelsstandes
an  seiner  Notlage  durch  eigene  Überfüllung  auf  folgenden  Daten  ans:
„Nach  Sombart  „Die  deutsche  Volkswirtschaft  im  19.  Jahrhundert"  wurden
im  Königreich  Preußen  im  Handel  auf  10  000  Einwohner  gezählt  1843  97,  1895
240.  Selbst  in  dem  hochentwickelten  Königreich  Sachsen  loaren  vor  50  Jahren
von  10  000  überhaupt  Erwerbstätigen  erst  256,  1895  dagegen  637  Handeltreibende. ­
  Und  in  einer  Stadt  wie  Breslau  betrug  deren  Anteil  an  der  Gesamtbevölkerung
  1846  3,1  Proz.,  1895  aber  6  Proz.  Auch  von  1882  bis  1895  hat
sich  die  Händlerschaft  im  Deutschen  Reiche  wiederum  rascher  als  die  Bevölkerung
vermehrt,  so  daß  1882  erst  jeder  sechzigste  Mensch,  1895  aber  schon  jeder  neununddreißigste ­
  ein  Händler  war.  Daß  es  sich  dabei  großenteils  um  Vermehrung
der  Detaillisten  handelt,  ersehen  wir  daraus,  daß  in  ländlichen  oder  kleinstädtische ­
  n  Gebieten,  wo  der  Großhandel  an  Bedeutung  zurücktritt,  die  Zunahme ­
  besonders  stark  ist.  So  kam  beispielsweise  in  26  Landorten  des  Handelskammerbezirks
  Villingen  in  Baden  ein  Handelsgeschäft  1886  auf  je  357,  1897  schon
auf  je  182  Einwohner,  in  14  Kleinstädten  desselben  Bezirks  auf  180,6  und  91,7
Einwohner.
Auch  die  amtliche  Denkschrift  der  sächsischen  Regierung  über  die  Besteuerung
der  Großbetriebe  im  Kleinhandel  aus  dem  Jahre  1902  bringt  einiges  Material
über  diese  Frage.  Nach  der  arntlichen  Erhebung  ist  die  Zahl  der  Manufaktur-,
Mode-  und  Schllittwarenhandlnngen  in  Dresden  voll  1890  bis  1899  unl  232  Proz.
gewachsen,  während  die  Bevölkerung  innerhalb  dieser  Zeit  nur  um  40  Proz.  stieg,
so  daß  ans  jede  solche  Handlung  im  Jahre  1890  noch  2905,  1899  aber  nur  noch
1228  Einwohner  entfielen.
In  Chemnitz  war  nach  der  Denkschrift  bereits  1886  die  Zahl  der  Kolonialwarenhalldlungen
  viel  zu  groß,  nämlich  auf  je  311  Einwohner  kam  eine.  Dies
war  etwa  das  Fünffache  dessen,  was  auf  Leipzig,  und  das  Doppelte  dessell,  lvas
ans  Dresden  kam.  Trotzdem  ist  die  Zahl  bis  zum  Jahre  1896  noch  weiter  bedenklich ­
  gestiegen,  nämlich  auf  das  Verhältnis  von  292:1.  Auch  die  Zahl  der
Bäcker  und  der  Modewarenhandlungen  ist  dort  über  Gebühr  gewachsen.
In  Brauns  Archiv  hat  Dr.  Borgius  festgestellt,  daß  in  Breslau  in  den
sieben  Jahren  von  1892  bis  1898  50  Handlungen  für  Haus-  und  Küchengeräte
entstanden  und  36  eingegangen  sind,  und  zwar  waren  es  von  jenen  50  27,  die
im  selben  Zeiträume  verkrachten.  11  dieser  Geschäfte  haben  sogar  nur  ein  Jahr
oder  noch  kürzere  Zeit  bestanden.
Die  Handelskammer  in  Braunschweig  hat  ermittelt,  daß  von  den  in  dieser
Stadt  bestehenden  Kolonialwarenhandlungen  eilt  immer  kleiner  werdender  Teil
durch  kaufmännisch  vorgebildete  Inhaber  geleitet  wurde,  nämlich  im  Jahre
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        73

1887  von  145  Handlungen  97  =  67  °/o
1892  „  192  „  108  =  56  %
1896  „  220  „  102  =  46  %
1901  „  276  „  94---34  °/,
Sehr  drastisch  hat  sich  auf  der  Jahresversammlung  von  Direktoren  und
Lehrern  der  sächsischen  Handelsschulen  ein  Referent  geäußert,  nämlich:  Der
kaufinännische  Beruf  wird  von  vielen  als  ein  Stand  angesehen,  für  den  die
Überschrift  passend  wäre:  Hier  kann  Schutt  abgeladen  werden."
Nach  diesen  Worten  ruft  Herr  Dr.  Wernicke:
Die  Kleinhändler  mögen  also,  ehe  sie  die  Warenhäuser  für  ihre  schwierige
Lage  verantwortlich  machen,  erst  in  ihren  eigenen  Kreisen  die  Schäden  beseitigen! ­

Von  allen  diesen  Zitaten  soll  nichts  angezweifelt  werden.  Es  ist  sicher  alles
richtig.  Aber  wie  hätte  ein  vorsichtiger  und  vorurteilsfreier  Mann  bei  ihrer
Lektüre  zu  denken?
Er  hätte  sich  zunächst  zu  fragen,  woher  diese  auffälligen  Erscheinungen
kommen.  Da  würde  er  bald  gefunden  haben,  daß  zwischen  1843  und  1895  die
schrankenlose  Gewerbefreiheit  eingeführt  worden  ist,  welche  jedem  gestattet,  außer
einigen  qualifizierten  Berufen  jedes  Gewerbe  zu  betreiben.
Ist  es  da  ein  Wunder,  wenn  sich  unquatisizierte  Leute  in  den  Kaufmannsstand ­
  eingedrängt  haben  und  die  Zahl  der  Geschäfte  größer  geworden  ist?  Das
ist  Schuld  der  Gesetzgebung,  kommt  also  auf  Rechnung  der  Gesamtheit,  und  es
ist  daher  ihre  Pflicht,  auch  für  die  Beseitigung  der  von  ihr  ermöglichten  Auswüchse
zu  sorgen.  Sie  hat  zu  veranlassen,  daß  die  von  Herrn  Wernicke  zitierte  entehrende ­
  Überschrift  „Hier  kann  Schutt  abgeladen  werden"  übertüncht ­
  wird  und  als  neue  Aufschrift  die  Worte  Platz  finden:  „Der  Handel
gehört  dem  ehrbaren  Kaufmann."
Jetzt  ist  in  unserer  verkehrten  Welt  gerade  dem  ehrbaren  Kaufmann  der
Zutritt  zur  selbständigen  Betätigung  seines  Berufes  am  schwersten  oder  unmöglich
gemacht,  tvenn  er  nicht  durch  besonders  glückliche  Umstände  an  einem  alten
Geschäft  beteiligt  ist.  Leichtfertige  Menschen  oder  vorgeschobene  Personen  sind
bald  im  Handelsregister  eingetragen.  Geht  die  Sache  nicht,  so  wird  Konkurs
gemacht  und  dabei  unter  Umständen  noch  gut  verdient.  Der  Mann,  der  etwas
auf  seinen  Namen  hält,  besinnt  sich  öfter,  ehe  er  es  wagt,  sich  selbständig  zu  machen.
Natiirlich  geht  da  die  Zahl  der  gelernten  Kaufleute  zurück.  Es  ist  daher  Sache  des
Staates,  seinen  früheren  Fehler  wieder  gutzumachen.  Das  geschieht  aber  nicht
durch  den  hinterlistigen  Schluß  der  Herren  Warenhüusler,  welche  sagen:  Weil
so  viele  Geschäfte  da  sind,  die  offenbar  schon  lange  ihr  Auskommen  gehabt  haben,
»vollen  wir  ein  recht  großes  ausmachen  und  allen  den  Verdienst  wegnehmen,
        <pb n="75" />
        74

sondern  durch  den  logischen  Gedankengong:  Weil  die  vorhandenen  Geschäfte  durch
ungelernte  Konkurrenz  zu  leiden  haben,  darf  das  Übel  nicht  noch  durch  eine
potenzierte  unlautere  Konkurrenz  zum  plötzlichen  Ruin  so  vieler  wirtschaftlicher
Existenzen  gesteigert  werden.
§46.
c  So  denkt  z.  B.  die  Braunschweigische  Regierung.  Auch  der  Preußische
-  Landtag  ist  in  seiner  Majorität  von  dieser  Stinunung  beseelt.  Hoffentlich  erfreut
die  Preußische  Regierung  den  gewerblichen  Mittelstand  gleichfalls  mit  einer  der
Landtagsstimnlung  kongenialen  Auffassung  der  Warenhausfrage!
Die  Braunschweigische  Regierung  ist  den  Warenhausfreunden  natürlich  ein
Typus  des  schrecklichsten  Rückschrittes.  Nur  eine  Stelle  in  der  allgemeinen  Begründung ­
  des  Braunschweigischen  Gesetzentwurfes  hat  Gnade  gesunden  vor  den
Argusaugen  der  Wächter  an  den  Pforten  der  Warenhäuser.  Es  ist  der  Satz:
„Vielleicht  tvar  es  die  Aufgabe  der  Warenhäuser,  der  Konsumvereine  usw.,  dein
Kleinhandel  diese  Erkenntnis  zur  vollen  Überzeugung  zu  bringen,  ihn  zu  zwingen,
weil  er  es  nicht  aus  eigner  Erkenntnis  vermochte,  daß  er  durch  Fortentwicklung
seiner  inneren  Struktur  sich  den  gesteigerten  Anforderungen,  die  an  den  modernen
Handelsbetrieb  gestellt  werden,  anpassen  muß."
Diese  vorsichtig  ausgesprochene  Vermutung  Liber  die  Stellung  der  dem
gewerblichen  Mittelstand  schädlichen  Betriebe  in  der  höheren  Weltordnung  saßt
Herr  Wernicke  als  ein  unbändiges  Lob  der  Warenhäuser  auf  und  beeilt  sich  sofort
aus  dem  Eigenen  hinzuzufügen,  was  die  treffliche  Fassung  der  Regierungsbegründnng
  auch  nicht  andeutet,  eine  behördliche  Bescheinigung  für  die  Rührigkeit,  die
Tatkraft,  die  Wohltat  der  festen  Preise  usw.
Ich  würde  nicht  gewissenhaft  handeln,  wenn  ich  nicht  auch  diese  eine  Illusion
der  Warenhäusler  über  das  gesetzgeberische  Erzeugnis  aus  den  Braunschweigischen
Landen  zerstörte.  Es  könnten  sonst  gelegentlich  einmal  weitgehende  Folgerungen
aus  dieser  durchgelassenen  Selbsttäuschung  gezogen  werden.
Der  Verfasser  der  Begründung  ist  offenbar  ein  sehr  streng  logischer  Kopf,
der  die  ganze  Frage  aus  beni  ss  kennt.  Er  ist  von  der  Überzeugung  durchdrungen,
daß  die  Warenhäuser,  Konsumvereine  usw.  wirtschaftliche  Übel  sind.  Aber  er
räumt  in  der  sittlichen  Weltvrdnung  auch  Übeln  eine  manchen  Fortschritt  bedingende ­
  Stellung  ein.  So  war  die  Cholera  in  Hamburg  1892  die  akute  Veranlassung ­
  zur  besseren  Herrichtung  der  Wasserleitung,  an  deren  schlechtem  Wasser
sonst  chronisch  und  unauffällig  viel  mehr  Menschen  gestvrben  wären,  als  während
der  Epidemie  dem  Tode  verfallen  sind.  Und  wie  oft  ist  nicht  ein  großer  Brand
die  Ursache  für  das  schönere  Erstehen  einer  Stadt  gewesen!  In  diesem  Sinn
hat  der  scharfsinnige  und  auf  hoher  geistiger  Warte  stehende  Braunschweigische
Referent  offenbar  die  Warenhäuser  und  Konsumvereine  charakterisieren  wollen,
        <pb n="76" />
        75

als  einen  Teil  der  Kraft,  welche  das  Böse  zlvar  will,  aber  das  Gute  schafft.  Von
einem  Lob  kann  da  keine  Rede  sein.  Vor  einem  solchen  Irrtum  hätte  schon  die
in  der  Einzelbegründung  des  §  1  enthaltene  ausgiebige  Zusammenstellung  von
wenig  schmeichelhaften  Bezeichnungen,  wie  marktschreierisch,  lügnerisch,  gewissenlos, ­
  Mangel  an  geschäftlicher  Moral  und  anderen  mehr,  die,  die  es  angeht,  bewahren ­
  sollen.  Und  um  ihre  Benutzung  kommt  man  nicht  herum,  wenn  es  gilt,
durch  das  Gestrüpp  der  warenhäuslichen  Machenschaften  zu  dem  Kern  der  in  den
Warenhäusern  installierten  Intelligenz  dnrchzudringen.
§  47.
Denn  es  ist  ganz  richtig,  was  in  der  Braunschweigischen  Begründung  betont  ^«stcsw"dci^
wird,  und  was  Herr  Wernicke  wiederholt  verschleiern  will,  daß  es  nicht  die  Warenhäusern,
großkapitalistische  Form  des  Betriebes  ist,  auch  nicht  der  aus  eigener  Kraft
erwachsene  Umfang  der  Geschäfte,  welche  die  so  in  die  Breite  gehende  Unmutsbewegnng
  gegen  die  Warenhäuser  entfacht  haben,  sondern  der  ganze  Geist,  welcher
unter  dem  Scheine  der  Wohltaten  für  das  kaufende  Publikum  in  einer  bis  vor
knrzem  unbekannten  brutalen  Rücksichtslosigkeit  verheerend  in  das  Gewerbeleben
eingebrochen  ist.
Ans  großkapitalistische  Betriebe,  wie  den  von  Rudolph  Hertzog,  sehen  auch
kleinere  Konkurrenzgeschäfte  mit  Stolz.  Obwohl  auch  diese  Geschäfte  durch  die
Warenhäuser  zur  Aufnahme  von  Artikeln  gedrängt  sind,  an  die  sie  früher  nie
gedacht  haben,  ist  in  ihren  Grundsätzen  immer  der  soziale  Sinn  lebendig  geblieben,
dessen  gänzlicher  Mangel  in  den  Warenhäusern  diese  für  das  Geschäftsleben  so
gefährlich  macht.  Kein  Volk  schätzt  geschäftliche  Erfolge,  die  sich  auf  reeller
Tüchtigkeit  aufgebaut  haben,  höher  als  das  deutsche.  Von  dieser  Achtung  ist
keine  Branche  ansgenommen.  Neid  und  Mißgunst  haben  da  keine  Stätte,  und
es  ist  eine  Unwahrheit  und  tendenziöse  Entstellung,  wenn  das  Gegenteil  behauptet
wird.  Niemand  soll  es  fürderhin  in  Deutschland  benommen  sein,  durch
Ehrlichkeit  und  Tüchtigkeit  vorwärts  zu  kommen,  aber  damit  hat  der  Warenhausgeist ­
  nichts  zu  schassen.
Er  sondiert  aus  dem  Hinterhalt  in  irgend  einer  Stadt  das  Terrain,
kalkuliert  den  Umsatz  der  einzelnen  Geschäfte  in  bestimmten  Gegenden,  sieht  sich
nach  einem  geeigneten  Banplatz  um  und  tritt  dann  an  das  Großkapital  heran,
welches  von  Banken  oder  Konsortien  künstlich  zusammengehäuft  nach  „Arbeit"
sucht,  wenn  er  nicht  an  sich  schon  als  Spion  von  diesem  ausgesandt  war.  Mit
diesem  fremden  Geld  wird  die  Einrichtung  besorgt  und  das  Geschäft  eröffnet.
Nun  hat  der  „Geist"  seinen  Körper  und  kann  sich  auswirken.  Das  geschieht
überall  nach  demselben  Schema.  Von  Intelligenz  kann  dabei  nicht  gesprochen
werden.  Den  ersten  Erfinder  der  einzelnen  Kniffe  mag  man  meinetwegen  noch
        <pb n="77" />
        76

schlau  und  verschlagen  nennen,  aber  die  Nachtreter  haben  nicht  einmal  auf  diese
Bezeichnung  Anspruch.  Sie  stehen  zu  jenem  in  demselben  Verhältnis,  wie  der
Werfer  einer  Höllenmaschine  zu  deren  Verfertiger.
Ganz  mechanisch  werden  täglich  die  Inseratenteile  meist  der  linksstehenden
und  besonders  der  sozialdemokratischen  Zeitungen  gefüllt,  ganz  mechanisch  werden
die  Fenster  mit  Anpreisungen  von  Zugaben,  von  Brand-  oder  Wasserschadenartikeln, ­
  besonders  und  ganz  besonders  vorteilhaften  Ausnahmeangeboten  von
oben  bis  unten  beklebt,  und  ganz  mechanisch  werden  bei  Auszeichnungen  runde
Zahlen  vermieden  und  sogenannte  krumme  Lockzahlen  angeschrieben.
Die  Bedeutung  dieser  letzten  Einrichtung  erhellt  am  besten  aus  einer  Antwort, ­
  welche  ein  vielfach  mit  Warenhäusern  arbeitender  Reisender  jüngst  einem
Geschäftsmann  aus  dessen  Bedenken  gab,  daß  50  Pfg.  für  einen  Artikel  vom
Publikum  für  zu  teuer  gehalten  werden  würde,  indem  er  erwiderte:  Ei,  was!
Wenn  Sie  das  glauben,  dann  müssen  Sie  den  Artikel  mit  53  Pfg.  auszeichnen,
dann  ist  er  sicher  nicht  zu  teuer.  Auch  charakterisiert  der  Konfektionär,  ein
Blatt,  welches  über  den  Verdacht  der  Feindschaft  gegen  die  Warenhäuser  eiffelturmhoch ­
  erhaben  ist,  die  den  krummen  Zahlen  zugrunde  liegende  Tendenz  in  der
16.  Beilage  zu  Nr.  14  vom  2.  April  1903,  wenn  auch  nur  unwillkürlich,  so  doch
um  so  treffender  in  dem  Satz:  „Die  Methode  der  Warenhäuser,  den  Pfennig
wieder  zu  Ehren  zu  bringen,  genau  nach  den  Einkaufspreisen  zu  kalkulieren
od  er  d  o  ch  w  e  n  ig  st  e  ns  s  o  zu  tun,  legte  die  erste  Bresche  in  die  bequemere
Preislage."
Die  sechs  Worte:  „oder  doch  wenigstens  so  zu  tun",  sprechen
Bände.  Das  Prinzip  des  Schleuderns  ist  in  den  Warenhäusern  zu  einer  erschreckenden ­
  ständigen  Einrichtung  geworden,  wobei  durch  die  große  Zahl  der
geführten  Waren  eine  für  alle  Branchen  gefährliche  aber  für  die  Warenhäuser
sehr  abwechselungsreiche  und  wirkungsvolle  Reklame  erzielt  wird.  Es  ist  gar
nicht  selten,  daß  faktisch  miter  Preis  ausgeboten  wird.  Da  denken  nun  manche,
daß  dabei  die  Warenhäuser  bankerott  werden  müßten.  Das  müßten  sie  and;,
wenn  sie  nicht  solche  unter  Preis  ausgebotene  Artikel  nur  in  sehr  beschränkten
Quantitäten  zur  Verfügung  des  Publikums  stellten.  Kürzlich  waren  in  einem
Hallischen  Warenhaus  für  die  dritte  Juliwoche  unter  anderem  Mondamin,
Reismehl  und  Kaffee  in  Portionen  von  sechs  und  sieben  Pfund  nngeheuer  billig
angepriesen.  Ein  mir  bekannter  Herr  ließ  von  diesen  Stoffen  zur  Kontrolle  holen.
Einmal  bekam  er  sie,  und  nach  ganz  kurzer  Zeit  seine  halbe  Stunde)  wurden  sie
nicht  mehr  abgegeben,  sie  waren  vergriffen.
So  sichern  sich  diese  Leute  schon,  wenn  sie  den  Mund  auch  noch  so  weit
aufreißen.  Es  sind  die  billigen  Artikel  nur  Locksachen.  Als  Wohltäter  der
Menschheit  wollen  sie  dem  Publikum  billige  Ware  liefern,  und  dann  besteht  das
        <pb n="78" />
        77

Publikum  aus  einer  Person,  die  noch  dazu  vielleicht  die  Waren  als  Scheinkäuferin
wieder  abzuliefern  hat.  Das  ist  die  „technisch  bessere  Form  des  Warenhausbetriebs". ­

Wer  aufpaßt,  wird  z.  B.  auch  finden,  daß  billige  Massenangebote,  welche  nur
den  Zweck  haben,  glauben  zu  machen,  daß  auch  andere  nicht  ausgezeichnete  Artikel
so  billig  seien,  dadurch  vor  Kauf  geschützt  werden,  daß  man  Offerten  macht  zu
einer  Zeit,  in  der  man  ziemlich  sicher  ist,  daß  die  Gegenstände  wenig  gefragt
werden.  Bei  lange  anhaltender  Trockenheit  stellt  man  billige  Regenschirme,  bei
langer  Regendauer  billige  Sonnenschirme  aus.  Ändert  sich  das  Wetter,  so  werden
die  ausstehenden  Schirme  flugs  hineingenommen,  und  die  sich  einstellenden
Käuferinnen  hören,  daß  die  gefragten  Gegenstände  viel  teurer  geworden  sind,  weil
die  Gelegenheitskäufe  schon  Liebhaber  gefunden  haben.
§  48.
Ganz  besonders  niederträchtig  ist  die  Art,  bestimmte  Geschäfte  durch  dauernd
auffällig  billiges  Auszeichnen  einzelner  Gegenstände  in  den  Augen  des  Publikums  Warenhausgeisics.
als  teuer  zu  diskreditieren.  Diese  heimtückische  Manier  mag  durch  folgende  Geschichte ­
  illustriert  werden:
In  irgend  einem  Schaufenster  sieht  eine  Frau  eine  Bluse.  Sie  gefällt  ihr,
aber  sie  ist  mit  8  Mk.  ausgezeichnet,  und  das  stimmt  nicht  mit  dem  Etat.  Da
bleibt  sie  vor  dem  Fenster  eines  Warenhauses  stehen.  Wer  beschreibt  ihren  freudigen ­
  Schreck!  Dieselbe  Bluse  in  Form,  Stoss  und  Größe!  Und  was  steht  daran?
5  Mark!  Rein,  so  ein  Glück!  Diesen  Betrag  hat  sie;  also  hinein  in  das  süße
Geschäft!  Klopfenden  Herzens  fragt  sie  nach  dem  Gegenstand,  der  bald  das  unruhige ­
  Ding  in  der  Brust  selbst  bergen  soll.  In  der  Tat,  es  stimmt,  es  ist  kein
Schreibfehler.  „Freilich  ist  man  wie  überhaupt  sehr  billig  im  Auszeichnen  gewesen", ­
  aber  für  5  Mk.  kann  die  Bluse  abgegeben  werden.  Was  schadet  es,  daß
der  Stoff  vielleicht  minderwertig  oder  ein  kleiner  Schnittfehler  daran  ist.  Das
Geschäft  wird  abgemacht.  Ob  nicht  noch  anderes  gefällig  ist?  Einige  Kleinigkeiten
werden  aus  augenblicklicher  Dankbarkeit,  größere  Posten  später  mitgenommen. ­
  Außerdem  ist  eine  Heroldin  für  die  Solidität  des  Warenhauses  gewonnen, ­
  wie  es  eine  Annonee  für  100  Mk.  nimmermehr  ist.
Ja,  fragen  wir,  hat  denn  die  Frau  nicht  recht,  ihr  Erlebnis  überall  zu
verbreiten?  Sie  glaubt  es  gewiß,  und  doch  ist  sie  die  Verbreiterin  eines  empörenden ­
  Betrugs.
Wenn  die  Modewarengeschäfte  des  Ortes  ihre  neuen  Ausstellungen  in  den
Schaufenstern  gemacht  haben,  dann  gehen  einige  Rayonchefs  oder  jüngere  Vertrauensleute ­
  einiger  Warenhäuser  hin  und  sehen  zu,  ob  sie  nicht  ähnliche  oderganz
  gleiche  Gegenstände  haben,  wie  sie  dort  ausstehen.  Ist  dies  der  Fall,  und
        <pb n="79" />
        was  hätten  die  Leute  nicht  alles,  dann  kommt  derselbe  Gegenstand  in  das  Schaufenster ­
  des  Warenhauses,  aber  mit  viel  niedrigerem  Preis.  Wie  sieht  jetzt
die  ganze  Sache  aus?  Unlauterer  Wettbewerb  in  der  verwerflichsten  Fornì!
Es  ist  unmöglich,  alle  die  Tricks  aufzuzählen,  deren  sich  Warenhäuser  sonst  noch  zur
Anlockung  von  Kunden  bedienen,  wie  die  Ankündigung  von  Nestertagen,  Ausnahmetagen, ­
  ganz  besonders  billigen  Tagen,  am  Montag  für  Quirle,
am  Dienstag  für  Seife,  am  Donnerstag  für  Konserven.  Am  Mittwoch  sind  dann
plötzlich  alle  Schilder  abgemacht,  und  die  erstaunten  Kunden  erfahren  auf  einmal,
daß  es  Ausnahnlen  von  den  Ausnahmetagen  gibt,  und  hören  mit  verdutzten  Gesichtern ­
  die  welterschütternde  Neuigkeit,  daß  ohne  Verdienst,  und  zwar  ohne  großen
Verdienst,  auch  das  größte  Warenhaus  nicht  bestehen  kann.  Eine  lückenlose
Aufzählung  aller  Kunstgriffe  ist  aber  auch  gar  nicht  nötig,  ja  sogar  schädlich,
weil  in  ihr  trotz  der  großen  Zahl  der  Knisfe  eine  geisttötende,  ermüdende  Einförmigkeit ­
  herrscht.  Alle  sind  nur  Variationen  des  einen  Themas:  Vorspiegelung
unzutreffender  Tatsachen  mit  unverfrorener  Spekulation  auf  die  Urteilslosigkeit
der  breiten  Masse.
Die  meisten  Mogeleien  fallen  sozusagen  in  das  innere  Ressort  der  Waren
Häuser.  Daß  man  aber  auch  Rayonchefs  des  Äußeren  für  diese  gewinnbringende
Tätigkeit  hat,  davon  mag  eine  Erfahrung  Zeugnis  ablegen,  die  ich  selbst,  aber
natürlich  nicht  in  einem  Warenhaus,  gemacht  habe;  denn  ich  selbst  habe  noch  nie
ein  solches  betreten.
Eines  Tages  int  Jahre  1895  wurde  mir  gemeldet,  daß  eine  alte  Frau  mit
zwei  großen  Leinwandstücken  vor  der  Korridortür  stehe  und  auf  das  dringendste
bäte,  ihr  die  Ware  abzunehmen.  „Sie  wissen  doch",  entgeguete  ich  dem  Mädchen,
„daß  wir  von  Hausierern,  die  meist  im  Aufträge  von  Ramschbasaren  herumlaufen,
nichts  kaufen."  „Jawohl,  aber  die  Frau  bittet  so  sehr  und  will  nicht  gehen.  Sie
tut  mir  leid."  Das  rührte  mich.  Ich  ging  hin,  und  nun  entwickelte  sich  folgendes
Gespräch:
„Guten  Tag,  meine  Verehrte,  für  welches  Ramschgeschäft  schleppen  Sie  denn
da  die  Leinwand  herum?"
„Ach  du  lieber  Gott",  seufzte  die  Frau,  „ich  und  für  andere  herumlaufen!
Ich  bin  immer  eine  ehrliche  Frau  gewesen,  wir  wohnen  in  einem  Dorfe  bei
Frankenhausen  am  Kyfshäuser.  Mein  Mann  ist  schon  lange  tot,  und  nun  hat  mein
Sohn  den  Webstuhl,  und  da  arbeiten  wir  alle  mit.  Nun  wird  zu  Ostern  unser
Ältester  konfirmiert,  und  da  haben  wir  ein  Schreiben  von  Herrn  ....  shier
nannte  sie  den  Namen  eines  Hallischen  Warenhausinhabers)  bekommen.  Wir
sollten  ihm  unsere  Winterarbeit  bringen,  er  würde  sie  gut  bezahlen,  und  dann
könnten  wir  auch  gleich  alle  Konfirmationssachen  mitnehmen.  Sehen  Sie,  lieber
Herr,  wenn  Sie  mir  die  Sachen  nicht  abkaufen,  daun  muß  ich  in  das  Geschäft,  und
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        79

da  kriege  ich  für  die  Leinwand  wenig,  und  die  anderen  Sachen  muß  ich  teuer  bezahlen, ­
  und  unser  Dorfschneider  hat  wieder  nichts  zu  tun."
Angesichts  dieses  Musterbeispiels  von  Warenhausanreißerei  wurde  ich  gauz
starr.  In  dem  armen  Mütterchen  verkörperte  sich  mir  das
ganze  Elend  des  gewerblichen  Mittel  st  andes  durch  den  u  n  -
lautern  Wettbewerb  der  Warenhäuser.
„Aber,  meine  liebe  Frau",  sagte  ich,  „woher  weiß  denn  der  Herr  so  und  so,
daß  Euer  Enkel  konfirmiert  wird?  Er  ist  doch  nicht  allwissend."
„Nein,  das  ist  er  nicht,  aber  der  Herr  Lehrer  schreibt's  ihm  immer,  und
da  kriegen  alle  Eltern  von  Konfirmanden  jedes  Weihnachten  solche  Briefe."
Herr  Gott  im  Himmel,  was  ist  doch  alle  nationalökonomische  Kathederweisheit ­
  gegen  diese  klare  Kenntnis  der  Vorgänge  intimsten  Geschäftslebens  bei  dem
alten  Mütterchen  vom  Fuße  des  Kyffhäusers!  Doch  wozu  soll  ich  weitere  Einzelheiten ­
  berichten?  Meine  Frau  kaufte  die  ganze  Leinwand.  Mit  Freudentränen
verließ  uns  das  Mütterchen,  um  ihren  Erlös  den  heimischen  Gewerbetreibenden
zugute  kommen  zu  lassen.
Was  sagt  man  zu  dem  Bilde?  Auf  der  Spitze  des  sagenumwobenen  Kyffhäusers ­
  das  hehre  Denkmal  des  Deutschen  Kriegerbundes  für  die  schwer  errungene
deutsche  Einheit,  im  Grunde  tief  unten  durch  die  Dörfer  schleichend  das  volkszerstörende ­
  Prinzip  der  Warenhäuser:  Großer  Umsatz  bei  kleinstem  Verdienst!
Ist  noch  jemand,  dem  dabei  nicht  schauert  vor  unserer  Zukunft?
Weg  daher  aus  den  Warenhäusern  ihr  deutschen  Frauen  und  Jungfrauen,
weg  aus  ihnen  ihr  deutschen  Männer  und  Jünglinge!  Zurück  zu  den  Geschäften
des  Mittelstandes,  die  sonst  dem  Untergang  entgegengehen  und  euch  mit  in  das
Verderben  reißen!
§  49.
Dabei  darf  aber  auch  nicht  verschwiegen  werden,  daß  es  zum  großen  Teil  Muelstand"»
Angehörige  des  werktätigen  Mittelstandes  selbst  sind,  welche  zu  den  besten  Kunden  'Çjjjaï"
der  Warenhäuser  gehören.
Landwirte,  die  mit  Recht  so  bitter  klagen,  daß  der  deutsche  Handel  ihre
Produkte  so  sehr  gegen  ausländische  vernachlässigt,  strömen  scharenweise  in  die
Warenhäuser  mit  ihrem  undeutschen  Gebaren.  Schlosser,  Glaser,  Buchbinder,
Photographen  und  wie  sie  alle  heißen,  die  sich  nicht  genugtun  können  in  beweglichen ­
  Schilderungen  der  ihnen  durch  Warenhäuser  zugefügten  Schäden,  finden  gar
nichts  dabei,  wenn  sie  mit  Frau  und  Kindern  einen  Osterspaziergang  machen,  bei
dem  sie  alle  ausschließlich  Kleider  und  Schuhe  tragen,  welche  einem  Warenhaus
entstammen.
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        80

Ist  das  nicht  ein  Hohn  auf  den  alten  schönen  Spruch:  „Gott  segne  das
ehrbare  Handwerk"?  Wenn  die  Sache  nicht  so  ernst  loare,  man  müßte  bersten
vor  Lachen!  Aber  sie  ist  die  ernsteste  von  der  Welt,  darum  nicht  lachen,  sondern
sich  aufmachen  und  den  Angehörigen  des  schwer  bedrohten  Mittelstandes  klarmachen, ­
  daß  sie  trotz  aller  Schwäche  und  wirtschaftlichen  Unsicherheit  in  ihrer
Gesamtheit  stark  genug  sind,  sich  gegen  die  Warenhäuser  zu  schützen,  lvenn  sie
nämlich  nur  unter  sich  kaufen.
Die  Ungeheuer  verraten  ja  selbst  durch  ihr  Geschäftsprinzip,  wo  ihre  schwache
Stelle  ist,  wo  sie  verwundbar  sind.
Großen  Umsatz  wollen  sie  machen,  und  großen  Umsatz  m  ü  s  s  e  n
sie  auch  machen,  wenn  ihre  granitnen  Kartenhäuser  nicht  zusammenfallen  sollen.
Die  Tagesspesen  sind  enorm.
Verhelft  also  Ihr,  soviel  an  Euch  ist,  den  Leuten  nicht  dazu,  die  Umsätze
zu  steigern!  Der  neugegründete  Bund  der  Handwerker,  dem  ich  rechtes  Gedeihen
lvünsche,  die  alten  großen  Schutzvereinignngen  für  Handel  und  Gewerbe,  der  die
Mittelstandsinteressen  so  warm  vertretende  Bund  der  Landwirte,  sie  alle  mögen
ihre  Wanderredner  instruieren  also  zu  sprechen:  „Laßt  doch  die  Warenhäuser
ihre  Pforten  noch  so  weit  öffnen,  laßt  sie  ihre  Pfannkuchen  noch  so  billig  verkaufen,
laßt  ihre  Musikkapellen  noch  so  schöne  Weisen  spielen  ....  aber  geht  Ihr
Handwerker,  Ihr  Kaufleute,  Ihr  Landwirte  nicht  hin  und  haltet  Eure  Frauen
und  Töchter  ab  hinzugehen,  auch  schon  deshalb,  damit  Ihr  sie  nicht  eines
Tages  vom  Feuer  gebraten,  oder  durch  den  Schimpf  des  Diebstahls  gebrandmarkt
wiedererhaltet,  dann,  ja  dann  wird  Euch  allen  sofort  wesentlich  geholfen  sein!"
Schon  eine  Saison-Warenhaussperre  würde  jedem
zeigen,  welche  Wunder  eine  gesunde  Mittelstandsp  olitik
durch  den  Mittelstand  selber  verrichten  kann!
Laßt  die  Frauen  der  roten  Brüder  mit  den  Damen  der  goldenen  Internationale ­
  dort  ungestört  allein!  Denn  es  sei  ferne  von  mir,  den  Leuten  alle
Kunden  wegnehmen  zu  wollen.  S  i  e  mögen  die  weiten  Hallen  füllen,  wenn  sie
können!  Euer  Geld  aber  soll  Euch  nützen!
Das  ist  eine  Art  wirtschaftlicher  Monroedoktrin.  Ihre  Geltung  will  ich
natürlich  nicht  für  alle  Zeiten  befürworten.  Das  hieße  auch  den  Teufel  austreiben
dirrch  Beelzebub.  Sie  ist  nur  für  die  Zeit  der  jetzigen  Not.  Ein  Rezept  für  die
schwere  Krankheitszeit.  So  wie  auch  ein  Kranker  isoliert  wird,  daß  er  erst
Genesung  şinde  und  wieder  Kräfte  sammele,  seinen  sonstigen  Pflichten  nachzukommen, ­
  so  soll  sich  der  Mittelstand  in  seinen  Geschäftsansgaben  ans  sich  beschränken ­
  und  seine  Kräfte  nicht  an  seine  Peiniger,  die  Konsumvereine  und  Warenhäuser, ­
  vergeuden.  Führen  ihm  dann  noch  einsichtsvolle  Volksgenossen  neues  Blut
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        81

durch  Wiederanknüpfung  von  abgerissenen  Geschäftsbeziehungen  zu,  so  ist  ihm
geholfen  und  dem  sozialen  Frieden.  Dafür  können  wir  auch  ruhig
ein  paar  Pfennige  mehr  ausgeben.  Denn  wenn  wirklich  der  Bezug
unserer  Kleidung,  unserer  Eßware,  unserer  Buchbinderartikel,  unserer  Glaswaren
und  wie  die  Dinge  alle  heißen  mögen,  die  wir  zum  täglichen  Lebensbedarf
brauchen,  eine  kleine  Extraausgabe  fordert,  so  mag  jeder  bedenken,  daß  die  Beiträge
zu  den  vielerlei  V  e  r  s  i  ch  e  r  u  n  g  s  m  a  r  k  e  n,  welche  den  Fonds  für  die
soziale  Reform  bilden,  nicht  eine  Ablösung  aller  anderen  sinanziellen  Pflichten
für  Heraufführung  des  sozialen  Friedens  ist.  Es  stellen  die  Auslagen  hierfür  nur
ein  Minimum  des  Allernötig  st  en  dar.  Die  selbständigen  Handwerker
und  Kaufleute  gehören  nicht  zu  der  Zwangsversicherung,  sie  müssen  selbst  für  ihr
Alter  sparen,  das  geschieht  aber  nicht,  wie  der  brutale  Grundsatz  der
Warenhäuser  verkündet,  durch  kleinsten  Verdienst,  sondern  durch
a  n  g  e  m  e  s  s  e  n  e  n  Verdienst.  Dafür  müssen  auch  die  Kaufleute  und  die  Handwerker ­
  alles  aufbieten,  um  ihre  Kundschaft  zufriedenzu  st  elle  n.
Jede  Klage  über  Unpünktlichkeit  und  Unzuverlässigkeit  muß  verschwinden.  Viele
sind  nur  allzu  berechtigt.  Es  ist  auf  beiden  Seiten  gesündigt
worden.  Das  hat  es  den  Schmarotzern  besonders  leicht  gemacht,  sich  einzunisten.  Gehe
jeder  Mann  und  jede  Frau  in  sich,  dann  brechen  das  K'onsumvereinswesen
und  das  Warenhaussystem  in  sich  zusammen,  diese  Klippen  des  sozialen
Friedens  stürzen  ein  und  begraben  die  auf  ihnen  hausenden
R  i  f  f  p  i  r  a  t  e  n,  n  ä  m  l  i  ch  die  s  o  z  i  a  l  d  e  m  o  k  r  a  t  i  s  ch  e  n  Hetzer,  zum
Heile  unseres  Vaterlandes  unter  ihren  T  r  ü  m  m  e  r  n.

§  50.
Die  Schäden,  welche  für  jeden  einzelnen  im  Volk  durch  die  Warenhäuser  Die  gvàuu»  der
entstehen,  für  den  Arbeiter  sowohl  wie  für  die  Beamten,  Hausbesitzer,  Handtverker,  Wickelungen
Rentiers  usw.  sind  genau  dieselben,  welche  bei  den  Kvnsunwereinen  im  §  32  Warenhäuser,
aufgezählt  sind.  Ich  bitte  sie  dort  nachzulesen.
Die  Warenhäuser  sind  also  hemmende  Gebilde  für  die  Entwickelung  unseres
Volkes,  und  es  muß  als  ein  durch  imb  durch  verunglückter  Versuch  des  Herrn
Dr.  Wernicke  bezeichnet  werden,  das  Gegenteil  haben  beweisen  zu  wollen.
Ich  lasse  hier  die  eigenen  Ausführungen  des  Herrn  Dr.  Wernicke  folgen  und
setze  die  Richtigstellungen  der  Einfachheit  und  Übersichtlichkeit  wegen  gleich  daneben.

Was  ist,  so  lautet  die  bombastische  Frage,  die  moderne  Entwickelung,  was
ist  ihr  Wesen  und  ihr  Ziel?
Such'sland,  Schutz-  und  Trutz-Waffe».

0
        <pb n="83" />
        82

Der  Mensch  ist  Wesen,  Inhalt
und  Ziel  aller  Kultur,  darum  kann
Wesen  und  Ziel  aller  modernen  Entwickelung ­
  nur  sein  die  Schaffung
freier,  humaner  Menschen  als  voller
Beherrscher  der  Natur  unter  Ausbildung ­
  aller  in  ihnen  schlummernden ­
  Kräfte  und  Fähigkeiten.
Wodurch  unterscheidet  sich  nun
das  moderne  Zeitalter  von  dem  früheren? ­
  Durch  die  Aufklärung,  die
Humanität,  die  freiheitliche  und
enorme  Entwickelung  der  Wissenschaften, ­
  der  Technik  und  des  Kapitals. ­
  Das  sind  die  Faktoren  und  die
Triebkräfte  der  modernen  Zivilisation.

Es  ist  ein  gewaltiges  Streben
auf  allen  Gebieten  vom  Kleinen  zum
Großen.
Aus  allen  Gebieten  ist  das  Verständnis ­
  für  die  ungeheure  Bedeutung
der  ökonomischen  Grundregel  der  Wirtschaftlichkeit ­
  geweckt.  Diese  besagt,  daß
die  allgemeine  Wohlfahrt  am  besten
gefördert  wird,  wenn  sich  alle  bestreben ­
  mit  der  Aufwendung  möglichst
  geringer  Mittel  möglichst
viel  zu  erreichen.
Der  Zweck  aller  Entwickelung  und
Organisation  geht  dahin,  immer  mehr
die  wirksamsten  Mittel  anzuwenden
unter  möglichster  Ersparung  von
Arbeit  und  Kapital.  Dadurch  wer-Dieses

  Ziel  suchen  die  Warenhäusler ­
  zu  erreichen,  indem  sie  die
Gewerbetreibenden  frei  machen  von
dem  lästigen  Verkehr  mit  ihrer  Kundschaft, ­
  sind  selbst  dabei  sehr  human,
indem  sie  Hunderten  ihre  Erwerbsquellen ­
  abgraben,  und  wecken  im  Publikum ­
  alle  schlummernden  Triebe
eines  krankhaften  Egoismus.
Der  Beitrag  der  Warenhäuser  in
der  Aufklärung  besteht  in  der  durch
die  Schleuderpreise  betriebenen  Verleumdung ­
  der  sämtlichen  Detailgeschäfte ­
  als  Überteurer,  die  Humanität
  in  dem  Brotlosmachen  von  zahllosen ­
  Existenzen,  die  Förderung  der
Wissenschaften  zeigt  sich  im  Auslegen
von  unsittlichen  Romanen,  die  der
Technik  in  ihren  Mustereinrichtungen
für  Ventilation  bei  Bränden.
Tritt  zutage,  wenn  die  Schutzleute ­
  das  zu  den  Warenhäusern  strebende ­
  Publikum  überwachen.
Die  Warenhäuser  werden  diesern
ökonomischen  Grundsatz  gerecht,  indem
sie  durch  Zusammentrommeln  von
möglichst  großen  finanziellen
Mitteln  bei  der  sich  ergebenden  Bilanz ­
  möglichst  wenig  Reingewinn
produzieren,  um  an  den  Fiskus  und
die  Städte  möglichst  wenig  Abgaben
entrichten  zu  müssen.
Als  wirksamste  Mittel  benutzen ­
  die  Warenhäuser  Schleuderei
und  Erregung  der  Nerven  durch  übermäßiges ­
  Schaustellen.  Ob  sie  auf
Ersparung  von  Arbeitszeit  be-
        <pb n="84" />
        83

den  immer  höhere  Leistungen  erzielt,
die  Produktion  wird  verbilligt  bezw.
die  Arbeit  wird  besser  entlohnt,
das  Einkommen  steigt,  die  allgemeine
Lebenshaltung  wird  erhöht,  und
die  Arbeitszeit  wird  verkürzt.  Auf
diese  Weise  wird  mehr  und  mehr  auch
die  Lage  der  unteren  Volksklassen  gebessert. ­
  Der  Mensch  wird  frei,  und
ist  nicht  mehr  ein  bloßer  Sklave  seiner
Arbeit.

Die  geistige  und  moralische
Ausbildung  der  Menschen  wird  gehoben. ­
  So  sind  Kapital,  Technik  und
Wissenschaften  die  Hebel  der  Kultur.
Das  vielgeschmähte  und  angefeindete
Kapital  wird  der  Wohltäter  der  Menschheit. ­
  Es  kommt  auch  denen  zugute,
die  selbst  nicht  in  seinem  Besitz  sind,
und  wird  nur  noch  von  denen  geschmäht,
  die  in  ihrem  ganzen  Denken
und  in  ihrer  Tätigkeit  und  Arbeit
rückständig  und  nicht  fähig  sind,  sich
der  modernen  Entwickelung  anzupassen ­
  und  sie  sich  zunutze  zu
machen.

dacht  sind,  mögen  die  Angestellten  entscheiden. ­
  Über  den  Druck  der  Warenhäusler ­
  auf  die  Verbilligung  der
Produktion  wissen  die  Fabrikanten  ein
Lied  zu  singen,  für  die  bessere  Entlohnung ­
  und  ErhöhungderLebenshaltung
  treten  die  Mantelnäherinnen
als  klassische  Zeuginnen  auf.  Die
Freiheit  der  Angestellten  im  Warenhaus ­
  wird  durch  jährlich  fünf  Tage
Urlaub  bewiesen.  Der  Gehalt  wird
nicht  gekürzt,  wenn  sie  noch  %  Jahr
dableiben.  Sonst  wird  er  zurückgezahlt ­
  auch  bei  Kündigung  durch  den
Prinzipal.
In  einem  Warenhaus  der  Provinz ­
  Sachsen  erklärte  der  liebenswürdige ­
  Chef  bei  der  Eröffnung  des
Geschäfts  den  Angestellten  beim  Generalappell, ­
  daß  er  sie  nicht  in  die
Ortskrankenkasse,  sondern  in  ein  Privatinstitut ­
  eingekauft  habe,  weil  dort
die  Damen  für  zehn  Wochen  Krankengeld
  erhielten,  auch  wenn  sie  sich
mal  zurückziehen  müßten,  und  das
könnte  doch,  so  fügte  er  unter  schalkhaftem ­
  Lächeln  zu,  jeder  passieren.
So  fördert  das  Warenhaus  die  M  o  r  a  l,
indem  ein  Chef  den  Weg,  auf  dem
man  am  besten  die  Folgen  sittlicher
Verfehlungen  ausgleicht,  nett  andeutet,
sich  der  modernen  Entwicklung  anpaßt ­
  und  sie  sich  zunutze  macht.

§  51.
Sehr  unglücklich  ist  der  Hinweis  zu  nennen,  daß  der  Kleinhandel  in  ben
früheren  Zeiten  der  Zollmanern,  des  Jnnungszwanges  und  der  Bannmeile  nur  der  Warenhüuier.
der  Stadtwirtschaft  gedient  habe,  an  deren  Stelle  jetzt  durch  den  Bezug  der
Massenartikel  von  auswärts  die  Weltwirtschaft  des  Warenhauses  getreten  sei.
0*
        <pb n="85" />
        84

An  wen  verkaufen  denn  die  Warenhäuser  ihre  Sachen  und  Sächelchen?
Doch  an  die  Städter  und  an  die  Bewohner  der  Umgebung,  welche  sonst  die
einzelnen  Geschäfte  besuchten.  Ist  das  nicht  auch  nur  Stadtwirtschaft?  Durch
diesen  rein  lokalen  Absah  unterscheiden  sich  die  Warenhäuser  sehr  zu  ihrem
Nachteil  von  den  Großbetrieben  der  Industrie,  welche  ihre  Fabrikate  auch
exportiert  und  dadurch  Geld  ins  Land  und  in  die  Stadt  bringt,  während  die
Warenhäuser  durch  ihren  Weltbezug  eine  Stadt  nur  auspowern.  Der  Vergleich
der  Warenhäuser  mit  den  industriellen  Großbetrieben  hinkt  also  auf  beiden
Seiten.
Auch  die  stark  vermehrte  Zahl  der  Arten  der  Artikel,  die  wechselnde  Mode,
die  Ansprüche  des  Publikums  an  die  Qualität  der  Ware,  den  gesteigerten  Massenkonsum, ­
  die  Zeitersparnis  beim  Einkauf  in  den  Warenhäusern,  die  Schaffung
eines  ziemlich  breiten  industriellen  Mittelstandes,  den  Schutz  des  Publikums  vor
Uberteuerung  durch  Kartelle,  Preiskonventionen  und  Syndikate,  alle  diese
Momente  zählen  die  Verteidiger  der  Warenhäuser  zu  Unrecht  als  ebenso  viele
Gründe  für  die  Notwendigkeit  des  Bestehens  dieser  Großgebilde  im  Kleinhandel ­
  auf.
Denn  jedes  alte  Geschäft  hat  sich  stets  gefreut,  sein  Lager  mit  einem  neuen
Artikel  bereichern  zu  können,  der  wechselnden  Mode  können  viele  Geschäfte,
wenn  sie  Abnehmer  haben,  ebenso  folgen  wie  ein  Jahrmarkt,  und  wie  die  Qualität,
falls  die  gute  gemeint  ist,  ein  Hindernis  für  den  Verschleiß  einer  Ware  durch
Spezialgeschäfte  sein  soll,  das  verstehe,  wer  es  kann.  Die  Verbreitung  geringer
und  geringster  Qualitäten  macht  man  den  Warenhäusern  mit  Recht  zum  Vorwurf.
Ein  ganz  unklarer  und  auf  Täuschung  berechneter  Begriff  ist  das,  was  man  mit
dem  Wort  Massenkonsum  mehr  fühlen  läßt  als  deutlich  sagen  kann.  Er  ist
entstanden  durch  die  umfangreiche,  schematische  Herstellung  von  Gebrauchsartikeln,
deren  Absatz  an  die  einzelnen  Bevölkerungsgruppen  den  Eindruck  einer  langweiligen ­
  Gleichförmigkeit  erzeugt  und  dadurch  auf  die  Nerven  fällt.  Indem
man  immer  dieselben  Regenschirme,  dieselben  Gehstöcke,  dieselben  Hüte  sicht,  wird
man  immer  wieder  daran  erinnert,  daß  alle  diese  Sachen  nach  Schema  F  bei
eine  m  Fabrikanten  hergestellt  werden,  und  das  erweckt  den  Anschein  des  Massenhaften ­
  als  Erzeugnis  einer  Fabrik.  In  Summa  sind  vielleicht  gar  nicht  mehr
von  diesen  Gegenständen  vorhanden,  als  dasein  würden,  wenn  größere  Mannigfaltigkeit ­
  herrschte.  Es  ist  also  ganz  falsch,  wenn  man  die  Eintönigkeit  für  ein
Zeichen  des  allgemein  vermehrten  Umsatzes  hält  und  sie  für  eine  Quelle  größeren
Produktionsbedürfnisses  ansieht.  Dafür  haben  eben  die  anderen  Geschäfte  keinen
Umsatz  gehabt.
Auch  die  Zeitersparnis  ist  zumeist  nicht  vorhanden.  Wie  lange  dauert  es
oft,  ehe  ein  Kunde  die  Abteilungen  findet,  in  welchen  die  gewünschten  Waren
        <pb n="86" />
        85

aufgestapelt  sind.  In  der  Zeit  wäre  er  bei  einer  Bewegung  in  freier  Luft
bequem  aus  einem  Laden  in  den  anderen  gegangen.  Und  welcher  Käufer  hat
immer  einen  Hundertmarkschein  in  der  Tasche,  den  er  auf  alle  Fälle  in  Waren
umsetzen  muß?  Vielfach  handelt  es  sich  doch  nur  um  den  Einkauf  einiger  Gegenstände, ­
  an  deren  Bezugsquellen  die  Käuferinnen  erst  vorbei  laufen  oder  -fahren,
um  in  ein  Warenhaus  zu  gelangen.  Das  Sitzen  in  den  Erfrischungsräumen  der
Warenhäuser  kann  auch  nicht  als  Zeitersparnis  gebucht  werden,  ist  zudem  nicht
immer  gefahrlos.  In  Halle  sind  z.  B.  einmal  zahlreiche  Kundinnen  und  Verkäuferinnen ­
  durch  den  Genuß  von  sog.  Erfrischungen  in  einem  Warenhause  so
krank  geworden,  daß  sie  mit  Droschken  haben  nach  Hause  gefahren  werden  müssen.
Wo  der  von  den  Warenhäusern  geschaffene,  ziemlich  breite  industrielle
Mittelstand  wohnt,  ist  wohl  Geschäftsgeheimnis  der  Erzeuger  dieser  Papiermachäeristenzen.
  Sonst  liest  man  sehr  häufig  Klagen  über  den  Preisdruck  durch
Warenhauschefs.
Ein  bekannter  Ukas,  welcher  vielfach  zur  Illustration  des  Benehmens  von
Warenhausfirmen  durch  die  Presse  ging,  lautet  unter  Weglassung  der  Namen:
„Uns  liegt  —  schreibt  die  „Leipz.  Kolonialw.-Ztg."  —  eine  Korrespondenz
des  Warenhauses  von  £.  in  Berlin  vor  —  einer  Firma,  mit  deren
„Nobligkeit"  die  Warenhauspresse  gern  renommiert  —,  die  genannte  Firma
mit  einem  kleinen  Fabrikanten,  also  einem  richtigen  Mittelstandsangehörigen,
geführt  hat.  Erst  fordert  1.  die  billigste  Offerte  ein,  wobei  er  schon,
unter  Angabe  seines  bisherigen  angeblichen  Bezugspreises  dem  kleinen  Fabrikanten ­
  die  Erlangung  eines  Auftrages  nur  zu  diesem  gedrückten  Preise  in
Aussicht  stellt  —-  und  bemerkt  dabei,  daß  seine  Konditionen  „drei  Prozent
Umsatz  und  zwei  Prozent  Kassa  franko  Berlin"  wären.  Als  der  kleine  Fabrikant
diese  Umsatzprovision  von  drei  Prozent  für  völlig  unannehmbar  erklärt,  erteilt
£.  einen  Probeauftrag  mit  dem  gleichzeitigen  Bemerken,  daß  er  von  den
festgesetzten  Konditionen,  drei  Prozent  Umsatzbons  und  zwei  Prozent  Kassaskonto, ­
  nicht  abgehen  könne,  da  sie  einheitlich  durchgeführt  würden;  er
hoffe  bestiunnt,  der  kleine  Fabrikant  werde  diese  Konditionen  bestätigen."
Diesem  Briefe  lag  der  Probeauftrag  bei,  der  aber  noch  weitergehende
Konditionen  enthält,  die  wie  folgt  lauten:
Zahlbar  30  Tage  nach  Schluß  des  Liefermonats  mit  15  Prozent
Waren-,  drei  Prozent  Umsatz-,  zwei  Prozent  Kassaskonto,  nur  gegen  Monatsauszug, ­
  alle  Skonti  vorbehalten,  falls  Monatsauszug  ausbleibt.
Alle  Fakturen  ab  24.  gelten  für  den  nächsten  Monat.
Ob  wohl  einer  von  den  Herren,  die,  gleichviel  ob  in  der  Presse,  im  Reichsoder ­
  im  Landtage,  siir  die  Warenhäuser  und  gegen  eine  besondere  Besteuerung
dieser  Betriebe  eintreten,  eine  Ahnung  von  dieser  Art  unerhörter  Bedrückung
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        86

unserer  Kleinindustrie  durch  die  Warenhäuser  hat?  Sie  müßten  doch  wahrhaftig ­
  die  Siinde  fürchten,  unter  solchen  Umständen  noch  das  Loblied  der
Warenhäuser  zu  singen,  von  ihrer  besonderen  „Intelligenz",  ihrem  „Fleiß"  usw.
zu  sprechen.  Eine  Umsatzsteuer  von  zwei  oder  drei  Prozent  soll  eine  „Erdrosselungssteuer" ­
  sein  und  Abkürzungen  von  16  Prozent  -j-  3  Prozent  —
18  Prozent  außer  dem  Kassenskonto  von  zwei  Prozent,  sozusagen  aus  zwei
Mvnate,  gleich  zwölf  Prozent  pro  anno  —  finden  die  Warenhäusler  durchaus
angemessen!  Man  sollte  jedem  gedankenlosen  Verteidiger  der  Warenhäuser
diese  Tatsachen  an  den  Kopf  werfen,  der  sich  so  lebhaft  gegen  die  von  der
Mehrheit  des  Preußischen  Abgeordnetenhauses  geforderte  Erhöhung  der  Warenhausumsatzsteuer ­
  sträubt."
Wie  kann  bei  solchen  Bedingungen  ein  Arbeiterstand  gedeihen?
Lächerlich  ist  es,  die  Warenhäuser  als  Beschützer  vor  Syndikaten  usw.  zu
empfehlen,  sie,  die  selbst  in'sich  große  Trusts  und  Geschäftsmonopole  darstellen.
Hat  man  schon  jemals  gehört,  daß  sich  Katzen  am  besten  zu  Vorsitzenden  vou
Vogelschutzvereinen  eignen?  Wehe,  wenn  erst  die  mittlere  und  kleine  Konkurrenz
ganz  verschwunden  ist!

(Stnistc  Gedanken
über  Gesetze,  deren
Einbrittñunñ  und
Abänderung.

§5%
Diese  Zumutung  an  den  Einfältigkeitsglauben  ernster  Patrioten  wird  nur
durch  den  eigenen  Glauben  an  die  Wirkungsmöglichkeit  der  beweglichen  Klage
übertroffen,  in  der  sich  die  Warenhausinhaber  ergehen,  wenn  sie  an  die  vorgeschlagene ­
  und  zum  Teil  schon  zur  Anwendung  gekommene  Abwehrmaßregel
gegen  die  Ausbreitung  der  Warenhäuser  denken.
In  allen  Sprachen  schreien  sie:  Gerechtigkeit  ist  die  Grundlage  jedes
Staates!
Das  wissen  wir  alle  genau,  uns  ist  aber  auch  bekannt,  daß  die  Warenhäuser
durch  ihre  Handelspraktiken  nie  einen  Beitrag  zur  Bereicherung  dieses  Erfahrungsgrundsatzes ­
  geliefert  haben.  Diese  Shylocks  verlangen  für  sich  alles
Fleisch  des  gewerblichen  Mittelstandes  und  würden  mit  Behagen  obendrein  auch
das  kraftführende  Herzblut  des  deutschen  Volkes  in  den  Sand  rinnen  sehen.  Das
ist  zuviel!
Die  Gesetze,  innerhalb  deren  Rahmen  sich  das  wirtschaftliche  Leben
eines  Volkes  abspielt,  sind  doch  keine  unabänderlichen  Naturgesetze,  n  a  ch  denen
die  Wandlungen  der  unbelebten  Natur  ill  unaufhaltsamer  Folge  sich  abspielen.
An  den  Wirkungen  einer  Schwerkraft  läßt  sich  nichts  ändern.  Sie  fordert  ihren
Tribut  auch  von  dem  schnell  aufsteigenden  Körper.  Aber  die  Gesetze,  die  wir
uns  selbst  gegeben  haben,  können  wir  nicht  nur,  sondern  müssen  wir  sogar  abändern, ­
  wenn  sich  zeigt,  daß  sie  zum  Nilin  des  Volkes  führen.  In  der  Tat  sehen
wir  auch,  daß  in  jedem  Jahre  Gesetzesänderungen  vorgenomulen  lverden.  Es
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        87

kommen  Zusätze  und  geschehen  Abstriche.  Weshalb  sollen  die  Gewerbestenergesctze
hiervon  eine  Ausnahme  machen?  Die  Herren  berufen  sich  ja  bei  ihrer  Definition
don  dem  Wesen  und  Ziel  der  moderneit  Entwickelung  so  schön  darauf,  daß  wir  uns
die  Natur  untertan  machen  müßten.  Fangen  wir  also  gleich  an,  die  Methode
der  naturwissenschaftlichen  Forschung  anzuwenden,  durch  welche  die  Naturkenntnis
so  außerordentlich  gefördert  worden  ist.  Es  ist  die  Methode  des  Experiments.
Die  Kleinarbeit  dieser  bewährten  naturwissenschaftlichen  Methode  muß  Gemeingut ­
  auch  des  politischen  Denkens  werden,  oder  mit  anderen  Worten:  Die  Vorgänge ­
  des  innerpolitischen  Lebens,  welche  durch  die  gesetzgebenden  Faktoren
ausgelöst  tverden,  müssen  von  den  einzelnen  Parteien  in  voller  Deutlichkeit  unter
dem  Gesichtspunkt  des  Experiments  eingeleitet,  beobachtet  und  beurteilt  werden.
8ür  diese  Auffassung  der  politischeil  Handlungen  spricht  aber  auch  so  viel,  sie
ist  so  leicht  und  so  durchsichtig,  so  selbstverständlich,  daß  eigentlich  nur  auf  sie
hingewiesen  zu  werden  braucht,  um  mit  ihrer  Nennung  zugleich  auch  den  Beweis
von  der  Notwendigkeit  ihrer  Beachtung  erbracht  zu  haben.  Bei  der  Betonung
der  Auffassung  der  innerpolitischen  Maßnahmen  als  volkswirtschaftlicher  Experinlente
  —  nicht  etlva  des  Experimentierens!  —  würde  immer  klar  sein,  daß
die  zutreffenden  Bestimmungen  zwar  bei  der  Beratung  über  ihre  Einführung
der  spekulativen  Beurteilung  unterliegen,  daß  aber  über  den  eigentlichen  Wert
oder  Unwert  für  die  Gesamtheit  erst  der  Verlaus  der  Dinge  zu  entscheiden  hat,
dessen  Urteil  sich  alle  Parteien  zu  beugen  haben,  ohne  ihrer  Würde  etlvas  vergeben
zu  müssen.  Dieses  dauernde  Hinblicken  nach  der  auch  dem  Gesetzgeber  übergeordneten
  Instanz,  nämlich  nach  dem  Ausfall  des  Experiments,  würde  dem
inneren  Staatsleben  in  mehr  als  einer  Beziehung  zum  Vorteil  gereichen.  So
lvürdc  manche  unnötige  Schärfe  aus  der  Diskussion  verschwinden,  und  wir  würden
nicht  solche  überflüssige  Rederei,  wie  die  von  der  Ungerechtigkeit  gegen  die  Warenhäuser, ­
  zu  hören  brauchen,  wo  es  sich  um  Beseitigung  von  Schädigungen  handelt,
welche  durch  die  Warenhäuser  einem  großen  Teil  des  Volkes  zugefügt  iverdcu.
Die  Gerechtigkeit,  meine  Herren  Warenhäusler,  welche  die  Grundlage  jedes
Staates  ist,  kommt  nicht  nur  von  oben,  wie  die  Sonne  voln  Himmelsgewölbe.
Selbstverständlich  kaun  diese  von  obenher,  vorn  Könige,  vonl  Gericht,  von  der
Verwaltung  herkommende  Gerechtigkeit  nicht  entbehrt  werden.  Sie  haben  wir
auch  in  Deutschland.  Mindestens  gleichwertig,  wenn  nicht  noch  wichtiger  aber
ist,  daß  in  allen  Schichten  des  Volkes  der  Sinn  für  Gerechtigkeit
kebendig  ist.  Diese  nicht  bei  abstrakten  Gerichtsbeschlüssen  zutage  geklaubte  Gerechtigkeit, ­
  sondern  die  bodenständige,  lebendige,  stündlich  von  Person  zu  Person
umgehende  Gerechtigkeitsbetätiguug,  welche  als  Lebensftinktion  der  völkischen  Gemeinschaft ­
  wie  der  Blutkreislauf  in  unserem  Körper  wohl  einmal  eine  kurze
Stockung,  aber  keine  dauernde  Unterbrechung  vertragen  kann,  und  welche  sich
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gerade  in  den  wirtschaftlichen  Maßnahmen  der  einzelnen  äußert,  diese  Gerechtigkeit
gehört  vor  allen  Dingen  zur  Grundlage  eines  jeden  Staates;  denn  sie  ist  die
Voraussetzung  jedes  menschlichen  Zusammenlebens,  sie  ist  die  Seele  des
sozialen  Seins.  Auch  von  ihr  gilt  das  hehre  Wort:  Was  hülfe  es  einem
Volke,  wenn  es  mit  Großindustrie  und  Großhandel  die  ganze  Welt  gewönne  und
nähme  doch  Schaden  an  der  Grundbedingung  seines  Daseins,  welche  in  einem
tvohlwollenden  gegenseitigen  Verkehr  der  einzelnen  Volksgenossen  untereinander
besteht  und  seit  alters  in  der  Losung  zusammengefaßt  worden  ist:  Leben  und  leben
lassen!
§53.
X  WarcnhÄs!  Gegen  diese  Losung  verstoßen  die  Warenhäuser  in  der  unbeschränkten  Gesind
  Werbefreiheit  auf  das  gröblichste.  Wie  ein  fremder  Zug  geht  es  in  ihnen  durch
das  Geschäftsleben,  und  da  darf  es  auch  nicht  unausgesprochen  bleiben,  daß  die
Träger  des  Warenhausprinzips  fast  ausschließlich  jüdischer  Abstammung  sind.
Das  ist  eine  Notwahr&amp;gt;heit.  Sie  nicht  auszusprechen  käme  einer  Verschleierung ­
  des  Tatbestandes  gleich,  deren  sich  Herr  Dr.  Wernicke  auch  schuldig
gemacht  hat.  Er  wird  ja  wissen,  weshalb  er  über  diesen  heiklen  Punkt  den
Schleier  eisigen  Schweigens  gedeckt  hat.  Und  doch  ist  es  wohl  mehr  als  ein
.  Zufall,  daß  auch  Shakespeare  zum  Vertreter  des  den  Kaufmann  bedrückenden  hartherzigen ­
  Standesgenossen  einen  Juden  gewählt  hat.  So  etwas  sollten  sich  die
Warenhausgründer  gesagt  fein  lassen.  Ich  weiß  natürlich,  daß  sie  und  ihre
Schntztruppensöldlinge  über  mich  wegen  dieser  Bemerkung  als  bösen  Antisemiten
Zetermordio  schreien  werden.  Mögen  sie  schreien!  Sie  haben  den  Anlaß  zu
dem  Hinweis  gegeben.  Die  Warenhausfrage  besprechen  und  den  Umstand  nicht
betonen,  daß  die  Juden  die  Hauptträger  der  Warenhansidee  sind,  wäre  dieselbe
Torheit,  als  wenn  jemand  über  die  Cholera  einen  Vortrag  halten  und  vom
Kommabazillus  nichts  sagen  wollte.  Darauf  kann  ich  mich  nicht  einlassen,  und
so  konstatiere  ich  die  Tatsache,  daß  die  Verwüstung  im  deutschen  gewerblichen
Mittelstand,  soweit  sie  von  den  Warenhäusern  verursacht  wird,  hauptsächlich
durch  unsere  Mitbürger  mosaischen  Glaubens  oder  mosaischer  Abstammung  hervorgerufen ­
  ist.  Das  gesamte  Judentum  hat  daher  alle  Veranlassung,  seinen
weitgehenden  Einfluß  dahin  geltend  zu  machen,  daß  die  ihnen  angehörigen  Handeltreibenden ­
  von  den  Bedrängungen  des  deutschen  Volkes  durch  Warenhäuser
prinzipiellen  Abstand  nehmen.  Auf  die  Dauer  läßt  sich  keine  Majorität  von  einer
verschwindenden  Minorität  knechten.  Keine  Spitzfindigkeiten  helfen  da  herum.
§  54.
Vom  Kampfplatz  Wenn  nun  Herr  Dr.  Wernicke  sagt,  daß  die  Warenhausstener  in  Frankreich
öe0en  fteuer.  °  und  England  nichts  geholfen,  sondern  das  Übel  nur  beschleunigt  hat,  nun  so  muß
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man  weitergehen,  ganz  abgesehen  davon,  daß  es  dann  nicht  zu  verstehen  ist,
weshalb  die  Herren  so  gegen  die  Umsatzsteuer  Sturm  laufen,  wenn  sie  ihnen
nützt.  Bis  jetzt  haben  sie  es  allerdings  meisterlich  verstanden,  die  Steuer  abzuschwächen. ­
  Ihre  Schliche  sind  aber  erkannt.  Für  die,  welche  in  sie  noch  nicht
eingeweiht  sein  sollten,  führe  ich  den  Hauptkniff  an.  Er  knüpft  an  die  Bestimmung
des  Gesetzes  an,  welche  besagt,  daß  die  berechnete  Umsatzsteuer  nicht  mehr  als
20%  des  für  das  betreffende  Steuerjahr  in  Betracht  kommenden  Ertrags  der
Gewerbesteuer  ausmachen  soll.  Ist  dies  der  Fall,  so  wird  die  Warenhaussteuer
auf  diese  Summe  heruntergesetzt,  die  aber  nicht  geringer  als  die  Hälfte  der
berechneten  Umsatzsteuer  sein  darf.  Auf  diese  Hälfte  verstehen  es  nun  viele
Warenhäusler  ihre  Abgaben  herunterzubringen.  Dies  geschieht  so:  Es  wird
dem  in  den  Warenhäusern  „arbeitenden"  Kapital  das  Fett  vorher  abgeschöpft.
In  die  Warenhäuser  selbst  wird  ein  Strohmann  gesetzt.  Er  hat  nichts,  muß
aber  alle  Waren  von  dem  Zentrallager  kaufen.  Dabei  verdienen  die  Herren.
Der  Firmeninhaber  schleudert  und  hat  geringen  Reingewinn,  deshalb  kann  dann
die  Steuerschraube  noch  so  sehr  angezogen  werden,  sie  versagt  ihren  Druck,  weil
auch  100  %  von  Null  immer  nur  Null  ist.  Daher  ist  es  richtig,  daß  iu  den
Abänderungen  des  Umsatzsteuergesetzes  nur  der  Umsatz  in  Betracht  kommt.  Das
wird  schon  helfen!
In  Amerika,  auf  das  sich  die  Herren  immer  und  auch  hier  so  gern  beziehen,
ist  man  viel  praktischer  in  der  Gesetzgebung.  Dort  herrscht  das  naturwissenschaftliche ­
  Prinzip  der  Tatsachen,  und  es  darf  dort  im  eigenen  Lande  nicht  gehandelt ­
  werden  nur  um  des  Handels  willen.  Das  ist  einfach  nicht  wahr.  Wie
man  dort  schon  lange  den  inländischen  Verkauf  von  Borsleisch  und  minderwertiger ­
  Margarine  verboten  hatte,  als  bei  uns  noch  Jahr  und  Tag  darüber
gestritten  wurde,  vb  man  den  Amerikanern  diese  Dinge  nicht  doch  abnehmen
konnte,  so  würde  man  dort  auch  nicht  dulden,  daß  ein  so  wichtiger  Stand  des
Volkes,  wie  es  bei  uns  der  gewerbliche  Mittelstand  ist,  einigen  wenigen  Personen
zum  Opfer  fiele.
Amerika  den  Amerikanern,  sagen  sie,  und  nicht  einigen  Amerikanern,  so
wollen  auch  wir  sagen:  Der  Handel  den  Kaufleuten  und  nicht  einigen  wenigen
Kaufleuten!  Den  Weg  dazu  deutet  Herr  Dr.  Wernicke  unbewußt  selbst  an,  wenn
er  höhnisch  sagt,  die  Kaufleute  sollten  doch  erst  in  ihren  Reihen  Ordnung  schassen,
ehe  sie  die  Warenhäuser  für  ihre  Leiden  verantwortlich  machten.  Wohlan,  frisch
auf  zur  Tat!  Die  Gewerbetreibenden  mögen  eine  Revision  der  schrankenlosen
Gewerbesreiheit  fordern  und  bei  dieser  Gelegenheit  die  Auswüchse  des  Warenhausunwesens ­
  mit  beseitigen!
Man  kümmere  sich  dabei  nicht  in  falscher  Sentimentalität  um  das  Geschrei
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der  Warenhaustrabanten,  in  welchem  Herr  Dr.  Wernicke  am  Schluß  seiner
Broschüre  also  anhebt:
„Das  ewige  Rufen  bestimmter  kleiner  Kreise  nach  Staatshilfe  und  steuerlicher ­
  Totmachung  der  Konkurrenz  ist  ein  Zeichen  geistiger  Armut  und  Dekadenze,
  aber  auch  von  völlig  gesunkenem  Ncchtsgcfühl.  Denn  ob  ich  meinen
Konkurrenten  absichtlich  durch  eine  Steuer  so  schädige,  das;  er  wirtschaftlich ­
  ruiniert  wird,  oder  ob  ich  ihm  sein  Hab  und  Gut  gewaltsam  raube,
wo  ist  da  noch  ein  Unterschied!
Und  zugunsten  solcher  Elemente  will  man  den  Erwerb  ehrlicher
Bürger  ruinieren,  den  Fortschritt  und  die  Entwickelung  aufhalten  und
bestrafen!
Es  ist  hohe  Zeit,  daß  in  Deutschland  den  maßgebenden  Kreisen  endlich
die  Augen  über  diese  Gefahren  geöffnet  werden  und  man  endlich  davon  zurückkommt, ­
  durch  gänzlich  ungeeignete  und  moralisch  nicht  zu  rechtfertigende  Mittel
weiten  Schichten  und  der  Allgemeinheit  Schaden  zuzufügen,  ohne  daß  irgend
jemand  davon  Nutzen  hat."
Man  bedenke,  so  jammern  über  den  gefürchteten  kleinen  Aderlaß  die,  welche
täglich  1000  andere  totmachen,  so  schreien  über  den  eigenen  Ruin  die,  welche
täglich  1000  andere  ruinieren,  so  stecken  den  ehrlichen  Bürger  heraus  die,  welche
1000  andere  täglich  als  Überteurer  und  Betrüger  hinstellen,  wenn  sie  sich  bemühen, ­
  als  ehrliche  Bürger  durchs  Leben  zu  kommen.
Ja  es  ist  hohe  Zeit,  daß  in  Deutschland  allen  Kreisen
endlich  die  Augen  aufgehen!

IV.  A  b  s  ch  n  i  t  t.
Trutzwaffen  gegen  die  Konsumvereine  und  Warenhäuser.
§65.
Auf  zur  Tlit!  An  einer  Stelle  der  vorhergehenden  Ausführungen  habe  ich  den  Ausdruck
„beneficium  Polyphemi“  gebraucht.  Er  ist  vielleicht  nicht  allen  Lesern  geläufig.
Da  will  ich  ihn  hier  erläutern  und  das  dort  Versäumte  nachholen.  Ich  bitte,
mir  zu  dem  Zweck  aus  einen  Augenblick  in  die  Sagenwelt  des  alten  Griechenlands
zu  folgen.  Wir  besuchen  den  edlen  Dulder  Odysseus,  als  er  gefangen  vom
Kyklopen  Polyphem  in  dessen  Höhle  sitzt  und  zusehen  muß,  tvie  dieses  Ungeheuer
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täglich  zwei  seiner  Gefährten  verspeist.  Eines  Tages  trat  der  nnglückliche  Held
an  den  brutalen  Logiswirt  heran  mit  einem  Schlauch  alten  Weins,  den  er  aus
seinem  Schiff  mitgebracht  und  bis  dahin  unter  dem  reichlich  aufgespeicherten
Dünger  verborgen  gehalten  hatte.  Er  sagte:  Heil  Dir,  Polyphem!  Darf  ich
Dir  einmal  von  dem  göttlichen  Getränk  geben,  das  ich  hier  habe?  Es  schmeckt
zu  Menschenfleisch  ganz  besonders  trefflich.  Gib  her,  antwortete  der  Angeredete,
als  er  wie  gewöhnlich  wieder  zwei  Griechen  auf  den  Boden  geworfen  hatte
und  sich  daranmachte  sie  zu  verzehren.  Schnell  kredenzte  der  neu  ernannte
Mundschenk  sein  nicht  alkoholfreies  Getränk.  Odysseus  hatte  recht  gehabt,  es
schmeckte,  und  jeder  Bissen  wurde  nun  mit  dem  herrlichen  Saft  die  weite  Gurgel
hinuntergespült.  Die  Wirkung  blieb  nicht  aus.  Es  wurde  laut  in  der  weiten
Höhle  vom  behaglichen  Grunzen  des  Schmausenden.  Da  hielt  Odysseus  den
Augenblick  für  gekommen,  um  sich  eine  Gnade  auszubitten,  und  fragte  schüchtern
den  Trunkenen,  was  er  wohl  als  Gegengabe  für  diese  köstliche  Labung  erwarten
dürfte.  Daß  ich  Dich  zuletzt  von  Deinen  Gefährten  auffresse,  war  unter  Hohnlachen ­
  die  prompte  Antwort.  Dies  „Zuletztauffressen"  ist  es,  was  man  das
Gastgeschenk  des  Polyphem  nennt,  das  beneficium  Polyphemi.
Sind  die  Konsumvereine  und  Warenhäuser  nicht  auch  fleißig  dabei,  die
Mittelstandsexistcnzen  aufzufressen?  Und  doch  haben  sogar  viele  von  ihnen,
namentlich  aber  die  Fleischer  und  Bäcker,  die  Konsumvereine  erst  groß  gefüttert,
indem  sie  so  töricht  »varen,  pränuinerando  die  hohen  Rabatte  zu  zahlen,  so  daß
die  kapitalarmen  Vereine  fremdes  zinsfreies  Geld  hatten,  um  Waren  zu  kaufen
und  einen  Betrieb  zu  etablieren,  den  sie  sonst  nie  hätten  zustande  bringen  können.
So  halfen  diese  kurzsichtigen  Sente  erst  ihre  Mittelstandsgenossen  verzehren  imb
nun  kommen  sie  selbst  dran,  nachdem  die  hinterlistigen  Genossenschaften  sich
eigene  Bäckereien  und  auch  an  manchen  Orten  schon  Fleischereien  angelegt  haben.
Würde  man  so  ettvas  nicht  auch  für  sagenhaft  halten,  wenn  man  es  nicht
in  vielen  Orten  sehen  könnte?
Aber  nein,  es  ist  »vahrhaftig  so.  Und  alle  Geschäfte  werden  schließlich
verschwinden.  Wer  zuletzt  dran  kommt,  das  »vird  sich  zeigen,  »venn  nicht  Einhalt
geboten  »vird,  und  dazu  muß  vor  allen  Dingen  jeder  Gelverbctreibende  mithelfen.
Nur  die  Tat  hat  schließlich  Odysseus  mit  feiner  Nestschar  befreit.  So  sollen
auch  die  deutschen  Gewerbetreibenden  nicht  nur  klagen  und  stumm  verztveifelnd
»varten,  bis  sie  vom  Ruin  erfaßt  werden,  sondern  sie  müssen  alle  Mittel  ergreifen,
um  aus  der  Bedrängnis  herauszukommen,  zunächst  und  sogleich  die  schnellen
Waffen  der  Selbsthilfe,  tvelche  überall  bereit  liegen,  dann  die  langsamer  in  Bcivegung
  zu  setzenden  Waffen  der  Rechtsprechung  und  endlich  die  wuchtigen  Waffen
der  Gesetzgebung.
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        92

§  56.
Aufklärung.  Als  erstes  Mittel  der  Selbsthilfe  ist  die  Aufklärung  31t  nennen.  Dieselbe
hat  stets  zu  betonen,  daß  es  sich  bei  dem  Ruin  des  gewerblichen  Mittelstandes
um  eins  der  Fundamente  unseres  Staates  handelt.  Das  ist  nicht  in  jeder  Situation
möglich,  weil  dazu  ein  weiteres  Ausgreifen  auf  nationalökonomische  und  politische
Gebiete  nötig  ist.  Auch  gehört  dazu  eine  genaue  persönliche  Bekanntschaft.  Deshalb ­
  ist  es  besser,  wenn  der  schriftliche  Weg  betreten  wird,  und  dazu  sind  au,
besten  Broschüren  geeignet.  Solche  Lektüre  wirkt  nachhaltiger  als  das  gesprochene ­
  Wort  und  kann  jedem  leicht  ins  Haus  geschickt  werden.  Man  denke  aber
bei  der  Auswahl  der  Adressaten  ja  nicht  nur  an  Konsumvereinsmitglieder  oderbekannte
  Warenhausläufer.
Es  ist  durchaus  unpraktisch,  eine  schwere  Arbeit  am  schwierigsten  Ende
anzllfassen.  Ein  Knaul  wickelt  sich  am  besten  von  da  auf,  wo  sich  das  Ende
einem  von  selbst  entgegenstreckt.  Man  sende  vor  allem  passende  Broschüren  an
treue  Kunden  und  verständige  Familien.  Bei  dieser  Gelegenheit  danke  man
ihnen  und  bitte  sie,  auch  ferner  im  freien  Geschäftsverkehr  zu  bleiben.  Das  ist
nötig,  weil  täglich  viele  Versucher  auch  an  Wohlgesinnte  herantreten.  Durch
Zusendung  von  Dankschreiben  aber  werden  nicht  nur  die  alten  Kunden  erhalten,
was  das  Wichtigste  und  Leichteste  ist,  sondern  diese  werden  auch  zu  Bundesgenossen ­
  und  Helfern  in  dem  Kampfe  des  gewerblichen  Mittelstandes,  weil  ihnen
durch  die  Lektüre  neue  Gesichtspunkte  und  klare  Tatsachen  für  die  Unterstützung
und  begriffliche  Erfassung  ihrer  ihnen  öfter  nur  dunkel  vorschwebenden  wohlmeinenden ­
  Gesinnung  geboten  werden.  Geeignete  Anschreiben  erhalten  solche
Gewerbetreibende,  welche  die  von  mir  verfaßten  Broschüren  als  Aufklärungsschriften ­
  verschicken  wollen,  von  der  Buchhandlung  des  Waisenhauses  in  Halle
gratis  in  der  gewünschten  Anzahl.
Bekannte  und  fanatische  Konsumvereinsmitglieder  verschone  man  überhaupt
mit  Zusendungen.  Es  ist  schade  um  das  Porto  und  um  die  Broschüren.  Sie
halten  den  Konsumverein  auch  nicht,  wenn  das  Gros  der  nicht  Fauatisierteu
belehrt  dem  Verein  den  Rücken  gekehrt  hat.  Denn  die  Fanatiker  wollen  nicht
durch  sich,  sondern  durch  die  anderen  verdienen,  indem  sie  Stellenjägerei  betreiben. ­
  Sie  ekeln  sich  später  allein  aus  dem  Verein  heraus.  Nur  die  recht
und  billig  Denkenden  berücksichtige  man  bei  einer  Schriftenverteilung.  Auch  sie
werden  am  besten  in  einem  Begleitschreiben  angeredet.  Hierfür  passende  Begleitschreiben ­
  stehen  gleichfalls  gratis  für  meine  Broschüren  zur  Verfügung.
Eine  gut  ausgestattete  Broschüre  ist  viel  besser  als  ein  vergängliches  Flugblatt. ­
  Flugblätter  nützen  gar  nichts,  namentlich  nicht  kurzgefaßte,  mit  einigen
Schlagworten  versehene.  Sie  verbittern  bloß  und  lösen  die  Frage  nicht,  können
        <pb n="94" />
        93

sie  gar  nicht  lösen,  da  die  Frage  zu  uinsangreich  ist.  Wenn  man  nicht  mindestens
eine  Stunde  Zeit  für  die  Konsumvereins-  und  Warenhausfrage  hat,  rühre  man
sie  überhaupt  auch  mündlich  nicht  an.  Am  wenigsten  zwischen  Tür  und  Angel.
Eine  Broschüre,  namentlich  wenn  sie  elegant  aussieht,  wird  aufgehoben  und  wenn
nicht  gleich,  so  später  sicher  gelesen.  Es  gibt  viel  mehr  recht  und  billig  denkende
Menschen,  als  die  geschädigten  Geschäftsleute  gemeiniglich  anzunehmen  geneigt
sind.  Sie  müssen  nur  aufgeklärt  werden.  Ich  habe  in  dieser  Beziehung  höchst
erfreuliche  Erfahrungen  gemacht.  Die  schönste  ist  die,  daß  mir  einmal  ein  Pastor
sagen  ließ,  er  hätte  eigentlich  mit  anderen  Herren  einen  Konsumverein  gründen
wollen,  nach  der  Lektüre  einer  meiner  Broschüren  hätten  sämtliche  Herren  davon
Abstand  genommen.
Wegen  eines  Verteilungsplanes  bitte  ich,  sich  direkt  an  mich  zu  wenden.
Endlich  versäume  man  nicht,  aufklärende  Schriften  in  Gasthäusern  aufzuhängen.
Hier  regen  sie  zur  Unterhaltung  über  die  wichtige  Frage  an.
§57.
Für  die  mündliche  Behandlung  einiger  Gesichtspunkte,  die  weiter  unten
aufgeführt  sind,  ist  es  nötig,  sich  ein  Verzeichnis  der  Konsumvereinsmitglieder
am  Ort  zu  verschaffen.  Ein  solches  erhält  man  am  besten  auf  Antrag  bei  dem
zuständigen  Amtsgericht,  welches  zur  Führung  der  Genossenschaftsregister  verpflichtet ­
  ist.  Es  sind  dafür  die  üblichen  Schreibgebühren  zu  zahlen.  Auch
hat  jeder  das  Recht,  innerhalb  der  Dienststunden  die  Regi ­
  st  e  r  mit  Beilagen  einzusehen.  Es  ist  das  eine  sehr  interessante
Lektüre!  Da  findet  man  manchen  Geschäftsfreund,  der  glaubt,  als  verborgenes
Veilchen  unerkannt  als  Konsumpflanze  sein  Dasein  verbringen  zu  können.
Schutzvereine  können  das  Verzeichnis  drucken  und  unter  ihre  Mitglieder
verteilen  lassen.  Als  Begleitschreiben  empfehle  ich  das  nachstehende  Muster,
welches  vom  Rabatt-Spar-Verein  Halle  an  seine  Mitglieder  versandt  ist  und
zugleich  Winke  gibt  für  die  praktische  Benutzung  der  Liste  beim  mündlichen  Verkehr. ­
  Das  Rundschreiben  lautet:
An  unsere  Mitglieder!
Hiermit  überreichen  wir  Ihnen  ergebenst  einen  Auszug  aus  den  hiesigen
Konsumvereinslisten.  Das  Verzeichnis  ist  das  Resultat  einer  sehr  umfassenden
und  zeitraubenden  Arbeit.  Ihre  Vorstände  haben  sich  aber  nicht  gescheut,  sich
der  außerordentlichen  Mühewaltung  dieser  Aufstellung  zu  unterziehen,  weil  sie
überzeugt  find,  daß  der  richtige  Gebrauch  des  Verzeichnisses  einen  äußerst
wichtigen  Schritt  auf  dem  Wege  der  Selbsthilfe  für  jeden  Geschäftsinhaber
bedeutet.  Wie  wir  uns  den  Gebrauch  denken,  wird  weiter  unten  dargelegt
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        94

werden.  Vorher  möchten  wir  erst  allen  denen,  welche  uns  auf  unsere  Bitte
vorn  15.  Oktober  1903  mit  Geldmitteln  zur  Durchführung  einer  energischen
Agitation  gegen  die  Konsumvereine  unterstützt  haben,  unseren  herzlichsten  Dank
aussprechen.  Wir  sind  durch  die  reichlichen  Spenden  in  den  Stand  gesetzt
worden,  zunächst  eine  umfassende  Verteilung  der  Broschüre  des  Herrn  Professor
Suchsland,  welche  den  Titel:  „Los  von  den  Konsumvereinen  und  Warenhäusern!" ­
  führt,  planvoll  vorzunehmen.  1200  Exemplare  sind  an  Angehörige ­
  aller  Stände  verschickt  worden.  Da  schon  früher  von  Freunden
unserer  Bestrebungen  viele  hundert  Stück  dieser  Schrift  und  über  zwanzigtausend ­
  Flugblätter  verteilt  waren,  welche  auf  die  im  Konsumvereinswesen
liegende  Unbilligkeit  und  die  durch  die  Konsumvereine  dem  Staatswesen
drohende  Gefahr  aufmerksam  gemacht  haben,  so  ist  anzunehmen,  daß  alle  diejenigen ­
  unserer  Mitbürger,  welche  überhaupt  auf  öffentliche  Vorgänge  achten,
jetzt  wissen,  wie  schwer  die  Geschäftswelt  durch  die  Konsumvereine  leidet.  Diejenigen, ­
  welche  sich  trotzdem  nicht  von  dem  Konsumvereinsunwesen  zurückziehen,
müssen  unserer  Meinung  nach  persönlich  hierzu  aufgefordert  werden,  und  hierzu
eignen  sich  zunächst  diejenigen,  mit  denen  wir  Geschäftsleute  am  ehesten  in
Berührung  kommen,  weil  sie  selbst  ein  Gewerbe  treiben.  Sie  werden  sich
wundern,  wie  groß  die  Zahl  der  auf  wirtschaftlichen  Abwegen  Wandelnden
aus  dem  Kreise  des  werktätigen  Mittelstandes  ist.  Es  ist  klar,  daß  deren
Ausscheiden  aus  den  Konsumvereinen  daselbst  eine  empfindliche  Lücke  hervorbringen ­
  wird.  Ihre  Sache  ist  es,  hier  mitzuhelfen.  Zu  dem  Zwecke  versäumen
Sie  cs  nie,  wenn  Sie  die  Hilfe  eines  Handwerkers  brauchen,  oder  wenn  Sie
irgendeinen  Artikel  einkaufen  wollen,  nachzusehen,  ob  der,  an  den  Sie  sich
wenden  wollen,  in  dem  beiliegenden  Verzeichnisse  steht.  Ist  er  hier  aufgeführt,
so  reden  Sie  ihn  nach  gemachter  Bestellung  auf  seine  Zugehörigkeit  zu  einem
Konsumvereine  an  und  bitten  ihn,  doch  in  den  freien  Geschäftsverkehr  zurückzukehren. ­
  Halten  Sie  ihm  vor,  wie  bitter  er  selbst  es  empfinden  würde,  wenn
seine  Kunden  sich  von  ihm  abtuenden  würden,  und  betonen  sie  stets,  daß  leben
und  leben  lassen  die  Grundlage  alles  sozialen  Friedens  sei.  Finden  Sie  Zustimmung,
  so  fragen  Sie,  ob  er  sich  nicht  abmelden  wolle.  Zur  Erleichterung
dieses  für  viele  unbequemen  Geschäfts  bieten  Sie  dem  Bereitwilligen  eins  der
beiliegenden  Abmeldeformulare  an.  Die  Unterschrift  vollzieht  das  Konsumvereinsmitglied ­
  selbst;  die  Adresse  und  Frankatur  übernehmen  Sie.
Auch  ist  es  sehr  zu  empfehlen  und  rechtlich  absolut  einwandfrei,  wenn
bei  Ausschreibungen  von  größeren  Arbeiten,  bei  deren  Vergebung  unsere  Mitglieder ­
  Einfluß  haben,  ausdriicklich  in  der  Bekanntmachung  gesagt  wird:  „Angehörige ­
  von  Konsumvereinen  sind  von  der  Bewerbung  ausgeschlossen."
Das  Verzeichnis  ist  nur  für  den  Gebrauch  unserer  Mitglieder  hergestellt.
        <pb n="96" />
        95

Nachdruck  ist  verboten!  Wir  hoffen,  später  auch  noch  an  Angehörige  anderer
Stände,  welche  Mitglieder  eines  Konsumvereins  sind,,  in  ähnlicher  Weise
herantreten  zu  können,  um  sie  zu  bitten,  den  Konsunwereinen  den  Rücken
zu  kehren.
Endlich  bemerken  wir  noch  eins:  Obwohl  alle  in  dem  Verzeichnis  aufgesührten
  Namen  aus  den  Listen  der  Konsumvereine  stammen,  ist  es  doch
möglich,  das;  der  eine  oder  der  andere  nicht  mehr  einem  Konsumvereine  angehört, ­
  weil  er  sich  seit  Herstellung  unserer  Listen  abgemeldet  hat.  Um  in
dieser  Beziehung  keinen  Mißgriff  zu  begehen,  bitten  wir  Sie,  sich  bei  der  Anknüpfung ­
  Ihres  Gespräches  der  Frageform  zu  bedienen  und  sich  so  zu  vergewissern, ­
  ob  der  Betreffende  Mitglied  ist.  Fragen  Sie  also  zunächst,  wie
lange  er  schon  Mitglied  sei,  und  ob  er  es  noch  wäre.
Es  müßte  doch  merkwürdig  zugehen,  wenn  durch  ein  geschlossenes  derartiges ­
  Auftreten  unserer  Mitglieder  nicht  sehr  bald  alle  Geschäftsleute  und
Handwerker  aus  den  Konsumvereinen  verschwänden.
Bei  aller  Liebenswürdigkeit  im  Auftreten  ist  doch  auch  für  uns  alle  eine
gewisse  Entschiedenheit  im  Handeln  geboten,  wenn  wir  mit  Personen  zusammentreffen, ­
  welche  uns  gegenüber  rücksichtslos  sind.  Wir  sind  überzeugt,  daß  keins
unserer  Mitglieder  es  weder  an  jener  Liebenswürdigkeit,  noch  an  dieser  Entschlossenheit ­
  wird  fehlen  lassen.
Hochachtungsvoll
Rabatt  -  Spar  -  Verein  e.  V.
Rabatt  -  Verein  der  Bäckermeister.
Fleischer-Innung.
Ich  füge  noch  hinzu,  daß  cs  angezeigt  ist,  Mitgliedern  von  Konsumvereinen,
wenn  sie  Waren  holen,  die  nicht  im  Konsumverein  geführt  wcrdeu,  höflichst  zu
bedeuten,  daß  die  Kaufleute  nicht  zu  Lückenbüßern  für  Waren  da  sind,  welche
dem  Konsumverein  nicht  passen,  weil  sie  zu  halten  ihm  zu  teuer  ist.  So  könnten
auch  die  Kaufleute  solche  Artikel  nur  au  Personen  abgeben,  welche  andere  Waren
beziehen.
Jedes  Geschäft  ist  doch  als  ein  Ganzes  anzusehen,  in  welchem  die  Waren
je  nach  der  Kundschaft  kalkuliert  werden  müssen.  In  dem  einen  Geschäft  geht
der  eine  Artikel  mehr,  in  dem  anderen  ein  anderer.  Sache  des  Kaufmanns  ist
es,  seine  Preise  so  zu  normieren,  daß  seine  Kunden  bei  der  G  esami  la  ge
der  Waren  an:  b  e  st  e  n  und  günstigsten  bei  ihm  kaufen  und  er  dabei
befriedigend  be  st  e  he  n  kann.  Es  ist  nicht  nur  leicht  möglich,  daß  die
Preise  bei  deu  einzelneu  Kaufleuten  zum  Teil  verschieden  sind,  sondern  sie
        <pb n="97" />
        96

Gemeinnützige
Rabattsparvereine. ­


müssen  es  sein.  Das  läßt  sich  nicht  schematisieren.  Wenn  nun  jemand  in
einer  Stadt  herumläuft  und  überall  nur  das  kauft,  was  gerade  am  billigsten
ist,  so  tut  er  dasselbe  wie  ein  Junge,  der  seinen  Geschwistern  die  Rosinen  aus
dem  Kuchen  knaupelt,  er  ist  ein  detaillierter  Freibeuter.  Ein  Regiment  solcher
Freibeuter  stellen  die  Mitglieder  eines  Konsunlvereins  dar.  Dieser  hat  sich  die
sog.  Brotartikel  der  Kaufleute  ausgesucht  und  überläßt  es  ihnen,  die  nicht  gangbaren ­
  Waren,  an  denen  zum  Teil  zugesetzt  wird,  für  seine  Mitglieder  zu  führen.
Es  ist  das  ganz  hinterlistig,  und  bei  solchen  Waren  die  Mitglieder  ihr  Unrecht
immer  wieder  fühlen  zu  lassen  und  sie  ihnen  auch  gelegentlich  zu  verweigern,
ist  ein  Akt  praktischer  Unterweisung.
Daß  es  Kaufleute  gibt,  welche  Konsumvereinsmitgliedern  borgen,  wenn
ihnen  der  Kredit  im  Vereinslokal  gesperrt  ist,  verstehe  ich  nicht.  Solchen  Geschäftsleuten ­
  ist  es  recht,  wenn  sie  obendrein  noch  verhöhnt  werden.
Für  sehr  nachahmenswert  halte  ich  auch  ein  in  einer  Stadt  angeregtes
Zurückhalten  der  Gewerbetreibenden  in  der  Annahme  und  Führung  von  städtischen
Ehrenämtern,  wenn  sich  die  städtischen  Beamten  nüt  dem  Bürgermeister  an
der  Spitze  dem  Konsumvereinssanatismus  ergeben  haben.  Wenn  nur  das  gesetzlich ­
  Nötige  geleistet  wird,  werden  die  Herren  am  eigenen  Leibe  durch  Auf-Wendung
  von  mühseliger  Arbeit  des  Suchens  nach  passenden  Personen  schon
spüren,  wie  sehr  bei  einer  geordneten  Verwaltung  auf  die  freiwillige  Leistung
des  gewerblichen  Mittelstandes  gerechnet  ist.  Die  Herren  müssen  sich  sowieso
bald  darauf  einrichten,  diese  Hilfe  nicht  mehr  zu  haben,  wenn  der  Konsumvereinsnnd
  Warenhausunfug  so  tveitergeht  wie  bisher.
§  58.
Am  wirksamsten  ist  selbstverständlich  sowohl  die  Schutz-  als  auch  die  Trutzwehr, ­
  wenn  sich  die  Gewerbetreibenden  zu  einem  gemeinsamen  Handeln  entschließen. ­
  Das  ist  in  vielen  Orten  durch  Bildung  von  Schutzvereinen  für
Handel  und  Gewerbe,  oder  von  kaufmännischen  Vereinen  und  von  Gewerbevereinen ­
  geschehen.  Es  ist  dies  nur  zu  lobeu,  geuügt  aber  nicht,  weil  hier  leicht
Unterströmungen  entstehen,  welche  nach  außen  ein  geschlossenes  aktives  Vorgehen
verhindern  oder  schwächen.  Die  einen  denken,  daß  ihre  Branchen  noch  nicht  gefährdet ­
  sind  und  wollen  deshalb  ja  bei  niemand  anstoßen,  die  anderen  stehen
mit  Konsumvereinen  in  Geschäftsverbindung  und  fürchten  deren  Kundschaft
verlieren  —  als  ob  die  nicht  doch  über  lang  oder  kurz  nach  Hamburg  ginge!  —
ein  dritter  hat  sich  gar  schon,  wie  ich  es  von  einem  Dessauer  Vorsichtsrat  gehört
habe,  Rückendeckung  verschafft,  indem  er  bei  Konsumvereinsgewaltigen  wegen
einer  eventuellen  Übernahme  eines  Lagerhalterpostens  vorstellig  geworden  ist  usw.
Wie  soll  da  etwas  Energisches  zustande  kommen?
        <pb n="98" />
        97

Auch  sind  immer  leicht  ängstliche  Gemüter  da,  welche  nach  dem  freisinnigen
Rezept  des  Nichtstuns  rufen:  Das  ist  Politik,  und  Politik  dürfen  wir  hier  nicht
treiben!  Ei,  was,  Politik  ist  es  natürlich,  wenn  man  seine  Interessen  vertritt,
ohne  Politik  kann  man  ebensowenig  leben,  wie  ein  Fisch  ohne  Wasser,  aber  dazu
gehört  einiger  Mut,  und  den  muß  man  in  einem  Kampf  haben,  in  einem  Kampf
aber  stehen  die  Gewerbetreibenden.  Das  mögen  sich  auch  die  Herren  Jnnungsmeister
  gesagt  sein  lassen!
Als  ein  großartiger  Fortschritt  muß  es  bei  dieser  Sachlage  in  den  verschiedenen ­
  Schutzvereinigungen  angesehen  werden,  daß  neben  diesen  in  vielen
Städten  nach  dem  Muster  von  Hannover  noch  besondere  Vereine  gegründet  worden
sind,  welche  den  gemeinsamen  Namen  Rabatt-Spar-Vereine  angenommen  haben
und  in  einem  Verband  der  Rabatt-Spar-Vereine  Deutschlands  mit  dem  Sitz
Bremen  zu  einer  sehr  wirksamen  Zentralorganisation  verbunden  sind.
Der  Gedanke  stammt,  wie  gesagt,  aus  Hannover  und  verwandelt  in  einer
genialen  Weise  das,  was  von  sindigen  Köpfen  zum  Druck  für  die  Geschäfte  und  zur
Aussaugung  des  Publikums  erdacht  war,  in  ein  Heilmittel  für  die  schweren  Schäden
des  gewerblichen  Mittelstandes.  Da  ich  zu  meiner  Überraschung  gesehen  habe,
daß  der  Grundgedanke  dieser  gemeinnützigen  Rabatt-Spar-Vereine  von  Geschäftsleuten ­
  nicht  überall  bekannt  ist,  will  ich  ihn  zunächst  erläutern.
Möglichst  viele  Geschäftsleute  eines  Ortes  oder  mehrerer  Orte  treten  zusammen ­
  und  errichten  für  den  von  ihnen  in  gleichmäßiger  Höhe  bewilligten
Rabatt  eine  gemeinschaftliche  Zahlstelle.  Kein  Dritter  wäscht  sich  dabei  die  Hände,
weder  direkt  noch  indirekt  durch  etwaige  Lieferung  von  Rabattwaren.  Der  Rabatt
wird  in  bar  dem  Käufer  ausgehändigt,  wenn  er  eine  bestimmte  Höhe  erreicht  hat.
Zur  Durchführung  der  Idee  werden  Marken  im  Warenwert  ausgegeben  und
bestehen  in  den  drei  Sorten  à  20  Pfg.,  I  Mk.  und  10  Mk.  Für  Käufe  unter
20Pfg.  gibt  es  keinen  Rabatt.  Die  Marken  werden  von  der  Geschäftsstelle  bezogen, ­
  welche  in  manchen  Orten  die  Sparkasse  geworden  ist.  Sie  sind  in  Umschlügen
  mit  200  Mk.  Nennwert  verpackt.  Bei  5%  Rabatt  kostet  also  jeder
Umschlag  10  Mk.  Jeder  Käufer  erhält  nun  ein  Buch  mit  20  Seiten  à  1  Mk.
Vordruck.  In  dieses  klebt  er  die  Marken  ein.  Ist  es  voll,  so  zahlt  die  Geschäftsstelle ­
  dafür  10  Mk.  aus.  Statt  Sammelbücher  für  10  Mk.  kann  man  auch
solche  mit  5Mk.  oder  20  Mk.  Herstellen.
Für  Bücher  mit  5Mk.  ist  an  manchen  Orten  jetzt  eine  gewisse  Stimmung
vorhanden.  Ich  halte  sie  für  nachteilig,  weil  sie  dem  Hauptlockmittel  und,  wie
ich  zufügen  muß,  dem  sehr  gesunden  und  einem  großen  Bedürfnis  des  Publikums
entgegenkommenden  Lockmittel  der  Konsumvereine,  für  Weihnachten  eine  größere
Summe  in  Form  der  Dividende  bereitzustellen,  nicht  energisch  genug  entgegentritt,
sondern  verwässernd  wirkt.  Je  mehr  man  in  den  Rabatt-Spar-Vereinen  dahin
Suchsland,  Schutz-  und  Trutz-Waffen.  7
        <pb n="99" />
        kommt,  die  Käufer  zu  veranlassen,  die  Sparsumme  für  Weihnachten  zu  reservieren,
um  so  größer  wird  ihr  Gegengewicht  gegen  die  Konsumvereine  werden.  Ich
habe  versucht,  diese  Idee  in  der  später  zu  beschreibenden,  von  mir  vorgeschlagenen
und  für  Halle  mit  Umgegend  in  der  Ausführung  begriffenen  Rabatt-Prämienverlosung ­
  zu  realisieren,  indem  die  Anteilnahme  an  der  Verlosung  an  die  Bedingung ­
  der  Aufsparung  von  mindestens  30  Mk.  pro  Jahr  geknüpft  ist.  Da  ich
aber  auch  nicht  verkenne,  daß  es  Situationen  gibt,  welche  es  wünschenswert
machen  tonnen,  schon  gelegentlich  geringere  Sparsummen  zur  Auszahlung  zu
bringen,  so  ist  vielleicht  das  gemischte  System  richtig,  daß  einerseits  kleinere
Bücher  ausgegeben  werden,  aber  andererseits  durch  die  Bedingung  bei  der  Rabatt-Prämienverlosung
  ein  gewisser  Druck  für  das  Sammelaufsparen  der  Rabatte
geübt  wird.
Auf  alle  Fälle  ist  die  Bildung  von  Rabatt-Spar-  Vereinen ­
  in  allen  Städten  mit  den  umliegenden  Dörfern  eine  absolute ­
  Notwendigkeit  für  die  Gewerbetreibenden.  Durch
Einbeziehung  der  Dörfer  werden  die  Landbewohner  auf  die  Benutzung  der  den
Rabatt-Spar-Vereinen  angehörenden  Geschäfte  der  Städte  hingewiesen,  um  ihre
auf  den  Dörfern  begonnenen  Bücher  zu  füllen,  und  es  werden  die  Konsumvereine
auf  den  Dörfern  zur  Auflösung  gebracht.  Dadurch  vollzieht  sich  eine  Befreiung
von  dem  sozialdemokratischen  Druck,  der  durch  die  Lagerhalter  der  Konsumvereine  auf
der  Bevölkerung  lastet.  Wie  sehr  die  Sozialdemokratie  die  Rabatt-Spar-Vereine
fürchtet,  kann  man  aus  ihrem  andauernden  Wutgeschrei  gegen  diese  gemeinnützigen
Einrichtungen  ersehen,  und  wie  stark  die  Anziehungskraft  der  Rabatt-Spar-Vereine
  ist,  erhellt  aus  deren  Benutzung  auch  von  seiten  der  erpichtesten  Konsumvereinspropheten. ­
  So  hatte  ich  in  Eisenach  am  2.  Juli  Gelegenheit,  einen  sozialdemokratischen ­
  Reichstagsabgeordneten  aus  Dessau  in  einer  öffentlichen  Versammlung ­
  zu  hören,  welcher  sich  nicht  genug  tun  konnte  in  dem  Beschimpfen  der
Rabatt-Spar-Vereine  und  jeden  auf  das  heftigste  verurteilte,  der  sich  von  diesen
Verirrungen  des  gewerblichen  Lebens  verlocken  ließe  in  Geschäften  zu  kaufen,
welche  einem  Rabatt-Spar-Verein  angehören.  Aber  siehe,  am  10.  Juli  erhielt
ich  durch  meine  Dessauer  Freunde  Zeitungen  zugeschickt,  in  denen  der  Rabatt-Spar-Verein
  Dessau  die  überraschende  Mitteilung  brachte,  daß  Herr  ....  aus
Dessau  zu  den  eifrigen  Sammlern  der  Rabattsparmarken  gehört,  wie  aus  den
zur  Vernichtung  eingereichten  Sparbüchern  hervorgegangen  war.  Auf  Agitationsreisen ­
  wird  auf  das  geschimpft,  was  man  selbst  zu  Hause  tut.  Wenn  ich  das
doch  schon  am  2.  Juli  gewußt  hätte!  Ich  hatte  auch  so  schon  genug  Material
gegen  den  Herrn,  aber  es  wäre  doch  interessant  gewesen,  eine  persönliche  Aufklärung ­
  über  den  zutage  getretenen  Zwiespalt  zwischen  dem  Handeln  und  Reden
des  vielseitigen  Herrn  zu  erhalten.  Vielleicht  hätte  er  dasselbe  geantwortet,  was
        <pb n="100" />
        99

im  sozialdemokratischen  Anhaltischen  Blatt  steht,  daß  es  nämlich  sehr  ungehörig
sei,  Privatverhältnisse  einer  Familie  in  die  Öffentlichkeit  zu  ziehen.  Die  sozialdemokratischen ­
  Hörer  würden  auch  dazu  geklatscht  haben,  denn  so  etwas  tut  die
Sozialdemokratie  nie!
Für  die  Gewerbetreibenden  ist  dies  alles  ein  Grund  mehr,  recht  flott  mit  der
Gründung  von  Rabatt-Spar-Vereinen  vorzugehen,  und  in  ihrem  Betrieb  j  a  n  i  ch  t
kleinlich  zu  sein.  Es  muß  für  jedes  Geschäft  Ehrensache  werden,  allen
Käufern  Sparmarken  anzubieten,  ja  sie  ihnen  aufzunötigen.  Der  Rabatt  ist  nicht
als  Geschenk  anzusehen,  sondern  als  notwendiges  Glied  in  der  Berechnung.  Ein
Geschäft,  das  sich  öfter  erinnern  läßt,  den  Rabatt  zu  geben,  muß  aus  dem  Verein
ausgeschlossen  werden.
Herr  Staudinger  bezeichnet  „die  Händler-Rabatt-Spar-Vereine  als  eine
Fäulniserscheinung  am  sozialen  Körper.  Alle  niedrigen  Triebe  der  Menschen--seele,
  die  die  Dummheit,  die  Eitelkeit,  die  Gewinnsucht  zu  egoistischer  Täuschung
und  Ausbeutung  der  Nebenmenschen  benutzen,  würden  hierdurch  geradezu
systematisch  großgezogen".  Die  Rabatte  würden  auf  die  Ware  vorher  aufgeschlagen, ­
  bei  den  Konsumvereinen  aber  nicht.  Was  sind  denn  die  Dividenden
der  Konsumvereine  anders,  als  vorher  aufgeschlagene  Prozente?  Kann  denn
überhaupt  ein  Geschäftsmann  von  etwas  anderem  leben  als  vom  Profit?  Es
kommt  nur  darauf  an,  daß  dieser  sich  in  passenden  Grenzen  bewegt.
Darauf  müssen  die  Geschäftsleute  schon  wegen  der  Konkurrenz  halten.  Die
Konsumvereine  haben  aber  oft  keine  Konkurrenz  und  daher  schlagen  sie  tüchtig  auf,
um  nachher  hohe  Dividenden  geben  zu  können.  Wird  dann  10%  oder  15%
bekanntgemacht,  so  sind  alle  im  Augenblick  zufrieden,  und  niemand  sieht  den
Geschäftsführern  auf  die  Finger,  obwohl  sie  sich  oft  durch  betrügerische  Manipulationen ­
  bereichern.  Ich  habe  das  in  meinen  „Notwahrheiten  über  Konsum-Vereine"
  eingehender  erörtert,  und  deshalb  sind  die  Konsumvereinsvorstände  sehr
wütend  auf  mich.  Denn  nichts  schadet  den  Konsumvereinen  mehr,  als  wenn  die
Mitglieder  einmal  schwarz  auf  weiß  sehen,  wie  es  von  vielen  Verwaltungen  getrieben ­
  wird.  Ahnen  tun  es  ja  viele  Mitglieder  selbst  schon;  denn  als  ich  in
der  den  „Notwahrheiten"  zugrunde  liegenden  sozialdemokratischen  Versammlung
die  Worte  spracht):  „Die  Herren  Vorstände  in  vielen  Konsumvereinen  haben
nämlich  auch  Taschen"  usw.,  da  blinzelten  sich  an  den  meisten  Tischen  die  Zuhörer
an,  und  ich  vernahm  von  mehreren  Tischen  in  meiner  Nähe  die  Worte:  „Da  hat
er  recht,"  die  Lagerhalter  aber  und  Obergenossen  liefen  kirschrot  an  und  wurden
ganz  rabiat.  Wie  weit  Herr  Staudinger  in  diese  Verhältnisse  eingeweiht  ist,
weiß  ich  nicht.  Es  mag  aber  zu  seiner  Belehrung  dienen,  daß  in  der  General-1)

  Seite  23.

7*
        <pb n="101" />
        100

Versammlung  vom  9.  3.  1903  des  Konsumvereins  der  Eisenbahnbeamten  in

daß  zur  Bekämpfung  des  Rabatt-Spar-Vereins  5  %  Dividende  ausgezahlt  werden
könnten.  Ist  das  kein  Aufschlag?
Verschenken  können  die  Konsumvereine  auch  nichts,  und  von  nichts  kommt
nichts;  das  ist  immer  so  gewesen.
Für  das  Publikum  ist  das  Sammeln  der  Rabattsparmarken  eine  sehr
sympathische  Einrichtung.  Es  freut  sich  darüber,  indem  es  einerseits  sieht,  daß
ihm  die  wichtige,  sonst  so  schwierige  Arbeit  des  pfennigweisen  Sparens  durch  die
Gewerbetreibenden  leicht  gemacht  wird,  und  andererseits  das  angenehme  Gefühl
hat,  seine  Volksgenossen  aus  einer  Misere  zu  befreien,  die  ihm  selbst  hätte  verhängnisvoll ­
  werden  können.

dazu,  daß  es  |icg  empfiehlt,  bei  Neugrunoungen  ourcy  einen  Aufdruck  auf
bie  Marken  gleich  von  vornherein  anzugeben,  wann  die  Marken  ihre  Gültigkeit ­
  verlieren.  Es  ist  das  für  die  Verwaltung  des  Vereins  wichtig.  Vier  Jahre
Laufzeit  dürfte  wohl  das  richtige  sein.  Durch  Farben  lassen  sich  die  Jahrgänge
leicht  übersichtlich  gestalten.  Auch  älteren  Vereinen  rate  ich  dringend,  dieser
Einrichtung  umgehend  näher  zu  treten. 1 )

Der  Rabatt-Spar-Verein  Halle  a.  S.  hat  seinen  Sitz  in  Halle  a.  S.  und
verfolgt  den  Zweck,  Kaufleute  und  Gewerbetreibende,  welche  ihrer  Kundschaft  bei
Bareinkäufen  einen  Rabatt  nach  einem  bestimmten  Verfahren  durch  Ausgabe
von  Marken  gewähren  wollen,  zusammenzuschließen,  die  Rabattabgabe  an  das
Publikum  einheitlich  zu  regeln,  die  allgemeinen  und  gemeinsamen  Interessen  seiner
Mitglieder  zu  vertreten  und  zu  schützen,  alle  Unreellität  und  Unlauterkeit  im
Geschäftsbetriebe,  sowie  den  unsoliden  Schleuderverkauf  jeder  Art  und  alles
schwindelhafte,  auf  Täuschung  des  Publikums  berechnete  Reklamewesen  zu  bekämpfen. ­

1)  Übrigens  erteilt  der  „Verband  der  Rabatt-Spar-Vereine  Deutschlands",  Sitz
Bremen,  gern  Ratschläge  für  Neugründungen  von  Rabatt-Spar-Vereinen.

Magdeburg  der  Beschluß  gefaßt  wurde,  die  Preise  der  Waren  so  zu  erhöhen,

§59.
Zur  bequemen  Orientierung  für  die  Einrichtung  eines  Rabatt-Spar-Vereins

Salzungen  des  Rabatt-Spar-Vereins  Halle  a.  S.
(Eingetragener  Verein.)

Name,  Sitz  und  Zweck.
§  1.
        <pb n="102" />
        101

Der  Verein  soll  in  das  Vereins-Register  eingetragen  werden.
Nach  erfolgter  Eintragung  führt  der  Verein  den  Namen:  „Rabatt-Spar-Verein
  Halle  a.  S.,  eingetragener  Verein."
Mitgliedschaft.
§  2.
Mitglied  des  Vereins  können  ansässige  Kaufleute  und  Gewerbetreibende
von  Halle  a.  S.  und  dessen  Umgegend  werden,  welche  die  in  der  Satzung  festgelegten ­
  Verbindlichkeiten  zu  erfüllen  sich  bereit  erklären  und  keinem  Konsum-Verein
  angehören.
Über  die  Aufnahme  entscheidet  der  Vorstand.  Gegen  einen  ablehnenden
Beschluß  kann  innerhalb  einer  Woche  Berufung  an  den  Mitglieder-Ausschuß  eingelegt ­
  werden.
§3.
Als  Eintrittsgeld  entrichtet  jedes  Mitglied  10  bezw.  20  bezw.  40  bezw.
80  Mk.  entsprechend  den  Gewerbesteuerklassen  1  bis  4  für  jede  seiner  Geschäftsstellen. ­

Bei  neugegründeten  Geschäften  entscheidet  der  Vorstand,  welche  Klasse  in
Anrechnung  zu  bringen  ist.
Für  die  alljährlich  neu  auszustellende  Mitgliedskarte,  welche  allein  zum
Bezüge  der  Marken  berechtigt,  ist  eine  jedesmalige  Gebühr  von  50  Pfg.  zu
entrichten.
Der  Austritt  muß  mindestens  drei  Monate  vor  Schluß  des  Geschäftsjahres
dem  Vorstande  schriftlich  angezeigt  werden.
Beim  Verkauf  des  Geschäfts  muß  der  Erwerbende  die  Mitgliedschaft  neu
nachsuchen.
§  4.
Die  Mitglieder  verpflichten  sich  zur  Befolgung  aller  zur  Erreichung  des
Zweckes  notwendigen  und  in  der  Geschäftsordnung  gegebenen  Vorschriften,  sowie
zu  einer  ehrlichen,  den  guten  Sitten  entsprechenden  Geschäftsführung.  Wer  dagegen ­
  verstößt,  kann  auf  Beschluß  des  Vorstandes  ausgeschlossen  werden  und  geht
dadurch  aller  Ansprüche  auf  das  etwaige  Vereinsvermögen  verlustig.
Bei  Verstoß  gegen  die  Geschäftsordnung  kann  vom  Vorstand  auf  Ausschluß
  erst  dann  erkannt  tverden,  wenn  eine  erfolglose  Verwarnung  vorausgegangen ­
  ist.
Gegen  einen  Beschluß  auf  Ausschluß,  der  dem  Betreffenden  vom  Vorstande
schriftlich  mitzuteilen  ist,  kann  innerhalb  einer  Woche  Berufung  an  die  nächste
Mitglieder-Versammlung  eingelegt  werden.
        <pb n="103" />
        102

Organe.
a)  Vorstand.
§  5.
Der  Vorstand  besteht  aus  neun  Vereinsmitgliedern,  welche  durch  die
Mitglieder-Versammlung  gewählt  werden.
Die  Wahl  geschieht  durch  Zuruf,  wenn  nicht  von  irgend  einer  Seite  dagegen ­
  Widerspruch  erfolgt,  sonst  geheim  durch  Abgabe  von  Stimmzetteln.
§6.
Die  Dauer  der  Vorstands-Mitgliedschaft  erstreckt  sich  auf  den  Zeitraum
von  drei  Jahren.  Mit  jeder  ordentlichen  Mitglieder-Versammlung  scheiden  nach
dem  Dienstalter  die  drei  ältesten  Vorstandsmitglieder  aus.  Bei  gleichem  Dienstalter ­
  entscheidet  das  Los.  Wiederwahl  ist  zulässig.
Die  Vorstandsmitglieder  können,  wenn  wichtige  Gründe,  insbesondere  grobe
Pflichtverletzung  oder  Unfähigkeit  zur  Ausübung  des  Amtes  dazu,  vorliegen,
jederzeit  ihrer  Stellung  auf  Beschluß  der  Mitglieder-Versammlung  enthoben
werden.
§  7.
Der  Vorstand  wählt  unter  sich  einen  Vorsitzenden,  einen  Schriftführer
und  einen  Kassenführer,  sowie  je  einen  Stellvertreter.  Der  Vorsitzende  oder
dessen  Stellvertreter,  bei  dessen  Behinderung  ein  anderes  Vorstandsmitglied,  hat
alle  Versammlungen  zu  leiten,  während  der  Schriftführer  oder  ein  vorstandsseitig
Beauftragter  die  schriftlichen  Arbeiten  zu  erledigen  hat.  Uber  alle  Sitzungen  ist
ein  Protokoll  zu  führen,  welches  vom  Vorsitzenden  und  dem  Schriftführer  zu
unterzeichnen  und  in  der  nächstfolgenden  Sitzung  zu  verlesen  ist.
Die  Einladungen  zu  den  Vorstandssitzungen  sind  aus  schriftlichem  Wege  zu
bewirken.
Der  Vorstand  ist  beschlußfähig,  wenn  fünf  seiner  Mitglieder,  worunter  sich
der  Vorsitzende  oder  dessen  Stellvertreter  besinden  muß,  anwesend  sind.  Er  tritt
zusammen,  so  oft  es  die  Geschüftsverhältnisse  erforderlich  erscheinen  lassen  oder
zwei  seiner  Mitglieder  eine  Sitzung  schriftlich  unter  Angabe  der  Gründe  verlangen. ­

Scheidet  im  Laufe  des  Vereinsjahres  ein  Vorstandsmitglied  aus  oder  ist
dasselbe  dauernd  behindert,  so  kann  der  Mitglieder-Ausschuß  den  Vorstand  durch
Zuwahl  ergänzen.  Die  nächste  Mitglieder-Versammlung  hat  aber  die  Wahl  zu
genehmigen.
        <pb n="104" />
        103

§8.
Der  Vorstand  leitet  den  Verein  und  vertritt  ihn  in  allen  gerichtlichen  und
außergerichtlichen  Angelegenheiten  nach  innen  und  außen  unbeschränkt.
Er  zeichnet  für  den  Verein,  indem  zu  dessen  Namen  die  eigenhändige  Unterschrift ­
  des  Vorsitzenden  oder  dessen  Stellvertreters  und  mindestens  die  noch  eines
weiteren  Vorstandsmitgliedes  hinzugefügt  wird.
§  9.
Ter  Vorstand  ist  insbesondere  verpflichtet:
1.  Ein  Mitgliederverzeichnis  zu  führen  und  stets  auf  dem  Laufenden  zu
erhalten,  sowie  für  die  Veröffentlichung  von  Neueintritten  und  Ausschlüssen  zu
sorgen.
2.  Für  Buchführung  zu  sorgen,  soweit  solche  für  die  Zwecke  des  Vereins
erforderlich.
3.  Der  ordentlichen  Mitglieder-Versammlung  Jahresbericht  und  Rechnungsablage ­
  für  das  verflossene  Jahr  zu  erstatten.
4.  Die  Akten  des  Vereins  sorgfältig  zu  führen  und  aufzubewahren.
5.  Die  nach  der  Satzung  nötigen  Maßregeln  und  Anordnungen  vorzunehmen
und  für  die  Veröffentlichung  derselben,  soweit  vorgeschrieben,  Sorge  zu  tragen,
überhaupt  Beschlüsse  der  Vereinsorgane,  soweit  vorgeschrieben,  in  geeigneter
Weise  zur  öffentlichen  Kenntnis  zu  bringen.
Der  Vorstand  ist  ermächtigt,  nach  seinem  Ermessen  die  notwendigen  Sparmarken ­
  und  Sparbücher  für  Rechnung  des  Vereins  anzuschaffen.  Sonstige  Ausgaben ­
  für  den  Verein  kann  der  Vorstand  selbständig  für  jeden  einzelnen  Fall  bis
zu  150  Mk.  beschließen,  bei  höheren  Beträgen  ist  die  Zustimmung  des  Mitglieder»
Ausschusses  erforderlich.

b)  Mitglieder-Ausschutz.
§  10.
Zur  Unterstützung  der  Geschäftsführung  des  Vorstandes  wird  ein  Mitglieder-Ausschuß,
  bestehend  aus  12  Vereins-Mitgliedern,  von  der  Mitglieder-Versammlung ­
  gewählt,  welcher  nur  gemeinsam  mit  dem  Vorstand  beraten  und  beschließen ­
  kann.
Die  Wahl  erfolgt  auf  drei  Jahre,  Wiederwahl  ist  zulässig.  Scheidet  im
Laufe  des  Geschäftsjahres  ein  Ausschußmitglied  aus,  so  kann  der  Ausschuß  sich
durch  Zuwahl  ergänzen.  Diese  Zuwahl  gilt  jedoch  nur  bis  zur  nächsten  Mitglieder.
Versammlung.
        <pb n="105" />
        104

§  11-Der
  Mitglieder-Ausschuß,  welcher  bei  allen  wichtigen  Gelegenheiten  und
bei  besonderen  Ausgaben  von  mehr  als  150  Mk.  zu  hören  ist,  wird  vom  Vorsitzenden ­
  des  Vorstandes  unter  Angabe  der  Tagesordnung  schriftlich  zusammen
mit  dem  Vorstand  berufen,  so  oft  es  nötig  ist,  mindestens  aber  alle  sechs  Monate.
Bei  Beschlüssen  entscheidet  die  einfache  Mehrheit  der  Erschienenen.
c)  Mitglieder-Versammlung.
§  12.
Die  Mitglieder-Versammlung  ist  entweder  ordentlich  oder  außerordentlich.
Die  ordentliche  findet  alljährlich  in  der  Zeit  vom  15.  Februar  bis  31.  März
statt.  Sie  ist  vom  Vorstand  zu  berufen,  und  zwar  durch  Bekanntmachung  in
der  Saale-Zeitung,  der  Halleschen  Zeitung  und  im  General-Anzeiger  unter
Mitteilung  der  Tagesordnung  mindestens  drei  Tage  vor  dem  Versammlungstage.
Hinsichtlich  der  Zeitungen  ist  dem  Vorstande  eine  Änderung  überlassen.
Außerordentliche  Mitglieder-Versammlungen  kann  der  Vorstand  jederzeit
berufen,  in  derselben  Weise  wie  ordentliche.
Der  Vorstand  muß  eine  außerordentliche  Mitglieder-Versammlung  berufen,
wenn  50  Mitglieder  unter  Angabe  des  Zweckes  eine  solche  beim  Vorstand  schriftlich ­
  beantragen.
Anträge  müssen  auf  die  Tagesordnung  der  Mitglieder-Versammlung  gesetzt
werden,  wenn  sie  mindestens  14  Tage  vorher  beim  Vorstände  eingereicht  sind.
Vertretung  von  Mitgliedern  in  der  Mitglieder-Versammlung  ist  nicht  gestattet.
Jedes  Mitglied  hat  eine  Stimme.
Sind  mehrere  Personen  Inhaber  eines  Geschäfts,  so  ist  einer  der  Inhaber
zur  Abgabe  der  Stimme  zu  bevollmächtigen.
Es  wird  nach  Mehrheit  der  erschienenen  Stimmberechtigten  abgestimmt.
Nur  bei  Satzungsänderungen  ist  Dreiviertel-Mehrheit  erforderlich.
Anträge,  Abstimmungen  und  Beschlüsse  sind  in  ein  Buch  einzuschreiben.
Die  Niederschrift  ist  zu  verlesen  und  vom  Vorsitzenden  und  Schriftführer  zu
unterzeichnen.
§  13.
Die  ordentliche  Mitglieder-Versammlung  nimmt  die  satzungsgemäß  erforderlichen
  Wahlen,  auch  der  Rechnungsprüfer  vor,  Ersatzwahlen  auch  die  außerordentliche ­
  Mitglieder-Versammlung.  Die  ordentliche  Mitglieder-Versammlung
nimmt  den  Jahresbericht  und  die  Abrechnung  entgegen,  hat  Entlastung  zu  erteilen ­
  und  setzt  die  Verteilung  eines  Überschusses  fest.
        <pb n="106" />
        Der  Beschlußfassung  der  Mitglieder-Versammlung  unterliegen  insbesoàre:
1.  Anträge  des  Vorstandes  und  der  Mitglieder.
2.  Berufungen  der  Mitglieder  gegen  Ausschlußbeschlüsse  des  Vorstandes.
3.  Satzungsänderungen  und  Auflösung  des  Vereins.
Geschäftsjahr.
§  14.
Der  Verein  ist  am  6.  Juni  1902  gegründet  worden.
Dos  Geschäftsjahr  des  Vereins  fällt  mit  dem  Kalenderjahr  zusammen.
Geschäftsordnung.
§  15.
Durch  eine  besondere  vom  Vorstande  ausgearbeitete  und  von  der  Mitglieder-Versammlung ­
  genehmigte  Geschäftsordnung  werden  alle  Einzelheiten,  als
Abgabe  und  Beaufsichtigung  der  Rabattmarken,  Auszahlung  der  Sparbücher  und
dergl.  geregelt.
Falls  sich  nachträglich  Änderungen  der  Geschäftsordnung  als  notwendig
erweisen  sollten,  ist  der  Vorstand  mit  Genehmigung  des  Mitglieder-Ausschusses
befugt  solche  vorzunehmen.  Die  Mitglieder  sind  innerhalb  einer  Woche  davon
in  Kenntnis  zu  setzen.
Satzungsänderung.
§  16.
Über  Satzungsänderungen  hat  die  Mitglieder-Versammlung  zu  beschließen.
Zur  Gültigkeit  dieser  Beschlüsse  ist  es  erforderlich,  daß  dreiviertel  der  anwesenden ­
  stimmberechtigten  Mitglieder  dafür  stimmen.
Auflösung.
§  17.
Der  Verein  kann  nur  durch  Beschluß  der  Mitglieder-Versammlung  aufgelöst
  werden.
Anträge  auf  Auflösung  des  Vereins  können  vom  Vorstande  oder  von
mindestens  50  Mitgliedern  gestellt  werden.
Die  beantragte  Auflösung  ist  den  Mitgliedern  vom  Vorstande  schriftlich
mitzuteilen.
Die  entscheidenden  Beschlüsse  müssen  sodann  in  zwei  Mitglieder-Versammlungen
  gefaßt  werden,  zwischen  denen  eine  vierzehntägige  Pause  liegen  muß,
und  muß  der  Beschluß  zur  Auflösung  in  jeder  dieser  Versammlungen  eine
Mehrheit  von  drei  Viertel  der  anwesenden  stimmberechtigten  Mitglieder  gefunden
haben.
        <pb n="107" />
        106

Die  letzte  der  Versammlungen  hat  auch  über  das  Vereinsvermögen  zu  entscheiden. ­

Halle  a.  S.,  den  8.Mai  1903.
Der  Vorstand.
Oswald  Weise,  Vorsitzender.  Willy  Berndt,  stellvertr.  Vorsitzender.
G.  Nürnberger,  Schriftführer.  Julius  Ritter,  stellvertr.  Schriftführer.
Alfred  Apelt,  Kassierer.  Paul  Voigt,  stellvertr.  Kassierer.
Beisitzer:
August  Nauendorf.  Paul  Pietsch.  Gustav  Reichardt.
Es  wird  bescheinigt,  daß  unter  Nr.  55  des  Vereins-Registers  der  Verein:
Rabatt-Spar-Verein  Halle  a.  S.  mit  dem  Sitze  zu  Halle  a.  S.  eingetragen
worden  ist.
Halle  a.  S.,  den  26.  Juni  1903.
(L.  S.)  Königl.  Amtsgericht,  Abt.  19.
Trappe.

Geschäftsordnung.
§  1.
Der  Vorstand  läßt  Sparmarken  im  Nennwert  von  10  Mk.,  1  Mk.  und  von
20  Pfg.  herstellen.  Dieselben  werden  zu  je  100  Stück  à  20  Pfg.  oder  200  Stück
à  1  Mk.  oder  20  Stück  à  10  Mk.  in  Umschläge  verpackt  und  zu  5  Proz.  des
Nennwertes,  also  für  je  10  Mk.  von  der  Städtischen  Sparkasse  nur  an  Mitglieder
gegen  bar  und  Vorzeigung  der  Mitgliedskarte  ausgegeben.
§2.
Die  Mitglieder  verpflichten  sich,  ihrer  Kundschaft  bei  Barzahlung  nur
Marken  des  Rabatt-Sparvereins  Halle  a.  S.  zu  geben  und  solche  jederzeit  im
Geschäftslokal  vorrätig  zu  halten.
Den  Mitgliedern  ist  nicht  gestattet,  Konsumvereins-Marken  zu  führen,
jedes  Mitglied,  welches  dagegen  verstößt,  verfällt  in  eine  Vertragstrafe  von
50  Mk.  Im  Wiederholungsfälle  erfolgt  ohne  weiteres  Ausschluß.
Auch  sonstiger  Rabatt  in  irgendwelcher  Form  ist  unzulässig.
§  3.
Der  gleichmäßig  auf  5  Proz.  festgesetzte  Rabatt  beträgt  bei  Einkäufen  von
20—39  Pfg  1  Pfg.
40—59  ,,  .  ...  2  ,,
        <pb n="108" />
        107

60-79  Psg  3  Psg.
80—99  „  ....  4  „
100—119  „  ....  5  w  ujttt.
§  4.
Tie  Mitglieder  sind  verpflichtet,  durch  Anschlag  im  Geschäftslokal  der  Kundschaft ­
  anzuzeigen,  welche  Waren  (Nebenartikel)  netto  verkauft  werden.
§  5.
Die  Umschläge  der  verausgabten  Marken  sind  aufzubewahren  und  zwecks
der  Verrechnung  und  Rückzahlung  etwaiger  Überschüsse  bis  Ende  Januar  jedes
Jahres  dem  Vorstand  gegen  Quittung  zu  übergeben.
§  6.
Die  verausgabten  Marken  werden  von  der  Kundschaft  in  Rabatt-Sparbücher
bis  zum  Nennwert  von  200  Mk.  eingeklebt.  Die  vollgeklebten  Sparbücher  werden
sodann  von  der  Städtischen  Sparkasse  oder  bei  anderen  namhaft  zu  machenden
Stellen  mit  10  Mt.  eingelöst.
Bücher,  welche  nicht  ordnungsmäßig  eingeliefert  werden,  können  zurückgewiesen ­
  werden.
§  7.
«Rabatt-Sparbücher  sind  nicht  übertragbar  und  werden  den  Mitgliedern
zu  der  aus  den  Büchern  verzeichneten  Gebühr  von  den  Vorstandsmitgliedern  abgegeben. ­
  Die  Ausgabe  der  Bücher  an  die  Kundschaft  erfolgt  durch  die  Mitglieder.
8  8.
Nabatt-Sparmarken  sind  nur  als  Rabatt  zu  verabfolgen  und  dürfen  nicht
gegen  bar  verkauft  werden.
Wer  Nichtmitgliedern  Sparmarken  anders  als  Rabatt  abgibt,  verfällt  in
eine  Vertragstrase  von  100  Mk.  zugunsten  der  Vereinskasse.
8  9.
Die  Vereinsschilder  sind  Eigentum  des  Vereins  und  werden  an  die  Mitglieder ­
  das  erste  kostenlos,  jedes  weitere  gegen  eine  Gebühr  von  50  Pfg.  leihweise
abgegeben.  Beim  Austritt  oder  nach  erfolgtem  Ausschluß  sind  Schilder  und  Mitgliedskarte ­
  ohne  Entschädigung  zurückzugeben.

§60.
Nach  sorgfältiger  persönlicher  Erwägung,  nach  eingehender  Beratung  mit
zahlreichen  Herren  aus  den  verschiedensten  Berufskreisen  und  nach  Rücksprache

Prämien-Lerlosungî-System.
        <pb n="109" />
        108

mit  hervorragenden  Juristen  und  Verwaltungsbeamten  glaube  ich  nun  endlich
in  der  Lage  zu  sein  mit  der  Hoffnung  auf  gutes  Gelingen,  der  breiten
Öffentlichkeit  einen  neuen  Vorschlag  zur  Förderung  des  gewerblichen  Mittelstandes ­
  machen  zu  können.  Er  ruht  ganz  auf  der  Basis  der
Selbsthilfe,  füllt  eine  Lücke  aus,  welche  das  Rabatt-Spar-System  bisher  noch
hatte  und  macht  auch  den  letzten  Vorwurf  verstummen,  welcher  mit  einem  Schein
der  Berechtigung  gegen  das  Markenkleben  vorgebracht  werden  konnte  und  faktisch
oft  vorgebracht  worden  ist.  Es  ist  der  Vorschlag  für  die  allgemeine
Einführung  einer  jährlichen  Rabatt-Prämien-Verlosung
im  Bezirk  jedes  einzelnen  Rabatt-Spar-Vereins.
Der  Gedanke  hierfür  gründet  sich  auf  die  Tatsache,  daß  bei  dem  Markensystem ­
  der  Rabatt-Spar-Vereine  eine  nicht  unerhebliche  Zahl  von  Marken  verloren ­
  geht.  Solche  Verluste  der  Inhaber  von  Papierwertzeichen  kommen  überall
vor.  Es  gehen  auch  Hundertmark-  und  Tausendmarkscheine  verloren.  Nun  liegen
zwar  genaue  Erhebungen  für  die  Rabattmarken  noch  nicht  vor,  daraus  kann  aber
auch  nicht  gewartet  werden.  Verloren  gehen  sicher  viele.  Durch  Feststellungen
in  Bremen  hat  sich  gezeigt,  daß  man  mit  der  Annahme  von  einem  zweiprozentigen
Verlust  des  Barwertes  der  Marken  der  Wahrheit  sehr  nahe  kommt.  2%  des
Barwerts  der  Marken  machen  aber  bei  5°/ 0  Rabatt  zwei  Hundertstel  von  fünf
Hundertstel  des  Warenumsatzes,  das  sind  1% 0  oder  V 10 %,  aus.  Das  würde
heißen:  Bei  einer  Million  Warenumsatz  gehen  1000  Mk.  an  Rabattmarkenwerten
verloren.  Diese  Summe  wird  aus  der  Kasse  der  Geschäftsstelle  nicht  abgehoben.
Für  den  Umsatz  der  Rabattspargeschäfte  in  Halle  beträgt  die  Gesamtsumme  pro
Jahr  über  12  000  Mk.  Was  soll  damit  werden?  Sie  könnten  als  Dividende
an  die  Mitglieder  verteilt  werden.  Das  wäre  an  sich  durchaus  berechtigt  und
zwar  nach  Maßgabe  der  bezogenen  Kuverte,  in  denen  die  Rabattmarken  abgegeben ­
  werden.
Da  nun  aber  gegen  1000  Gewerbetreibende  Mitglieder  des  Rabattspar-Vereins
  sind,  so  würde  der  Vorteil  für  den  einzelnen  nicht  viel  bedeuten,  und  es
bliebe  immer  die  unangenehme  Tatsache  bestehen,  daß  das  Geld  aus  Verlusten
herrührt.  Viel  besser  ist  es,  dies  Geld  erstens  denen  zukommen  zu  lassen,  die  es
verloren  haben,  und  zweitens  es  noch  zur  Hebung  des  an  sich  schon  großen  Interesses
  am  Rabattsparwesen  zu  verwenden.  Beide  Zwecke  werden  durch
eine  Prämienverlosung  erreicht.  Wiederholt  ist  mir  gesagt  worden,
daß  dieser  Gedanke  dem  Scherlschen  Sparsystem  entnommen  wäre.  Wenn  es  so
wäre,  wiirde  es  auch  nichts  schaden,  und  ich  glaube  Herr  Scherl  wäre  der  letzte,
der  sich  ärgerte,  daß  aus  seiner  Idee  ein  Nutzen  für  den  schwer  bedrängten  Mittelstand ­
  erwüchse.  Er  sagt  ja  immer,  daß  er  um  des  Wohles  der  Gesamtheit  willen
gearbeitet  habe.  Aber  der  Gedanke  hat,  soweit  ich  sehe,  mit  dem  Scherlschen  gar
        <pb n="110" />
        —

109

nichts  zu  tun.  Weder  werden  Beiträge  von  den  Käufern  erhoben,  noch  wird  ein
Blatt  gegründet.  Es  werden,  ohne  daß  jemand  einen  Pfennig  für  ein  Los  ausgibt, ­
  einer  gewissen  Jnteressentengruppe  viele  tausend  Mark  behufs  Ausspielung
zur  Verfügung  gestellt.  Denn  an  der  Prämienverlosung  kann  sich  jeder  beitragsfrei
  beteiligen,  wenn  er  nur  im  Laufe  des  Jahres  drei  Bücher  des  Rabatt-Spar-Vereins
  vollgeklebt  und  die  Gegenwerte  der  Bücher  bis  zum  1.  Dezember  nicht
abgehoben  hat.  Solche  entgegenkommende  Verlosung  hat  wohl  überhaupt  noch  nicht
stattgefunden.  Die  Einzelheiten  verlaufen  im  großen  und  ganzen  so:  An  der
Geschäftsstelle  werden  Sammelsparbücher  vorrätig  gehalten.  Kommt  nun  jemand
und  präsentiert  sein  vollgeklebtes  Sparbuch,  so  wird  er  gefragt,  ob  er  diesen
Betrag  bar  haben  oder  zur  Prämienverlosung  anmelden  will.  Im  ersten  Fall
erhält  er  seine  10  Mk.,  im  zweiten  werden  sie  in  das  Sammelsparbuch  eingetragen. ­
  Bei  der  dritten  Eintragung  bekommt  der  Käufer  zugleich  die  gerade
fällige  Losnummer;  sie  sei  90.  Unter  Nr.  90  wird  dann  in  einer  Nebenliste  der
Name  des  Inhabers  vermerkt.  Bei  Einreichung  des  sechsten  Buches  erhält  er
wieder  die  aus  der  Reihenfolge  sich  ergebende  Nummer,  bei  Ablieferung  des
neunten  Buches  desgl.  usw.  Vom  1.  Dezember  ab  kann  das  Geld  in  Empfang
genommen  werden.  Bringt  es  jemand,  weil  er  nur  wenig  in  den  Rabatt-Spar-Geschäften
  kauft,  nicht  bis  zu  drei  Büchern,  oder  hat  er  vier,  fünf,  sieben,  acht  usw.,
dann  werden  die  überschüssigen  Bücher  in  das  nächste  Jahr  übertragen,  so  daß
kein  Buch  für  die  Verlosung  verloren  geht,  wenn  es  im  Sammelsparbuch ­
  angemeldet  steht.
Als  höchster  Gewinn  muß  stets  eine  respektable  Summe  ausgeworfen  sein,
die  kleinsten  dürfen  nie  weniger  als  20  Mk.  betragen.  Auch  ist  streng  zu  beachten, ­
  daß  die  Berechtigung  zur  Teilnahme  an  den  Nachweis  vom  Einkauf  für
mindestens  600  Mk.  geknüpft  wird.  Man  lasse  sich  ja  nicht  zu  der  Ansicht  derleiten,
  daß  der  Besitz  von  einem  Buch  für  200  Mk.  Ware  genügen  könnte,  weil
ja  ein  Besitzer  von  zwei,  drei  usw.  Büchern  entsprechend  mehr  Gewinnchancen
hätte,  als  ein  Besitzer  von  einem  Buch.  Dies  letztere  ist  nicht  zu  bestreiten,  aber
darauf  kommt  es  gar  nicht  an.  Die  Sache  ist  vielmehr  so:  Die  Prämienverlosung
ist  ein  Kampfmittel  gegen  die  Konsumvereine  und  Warenhäuser,  wenn  auch  ein
sehr  liebenswürdiges.  Die  Prämien  sollen  denen  zugute  kommen,  welche  die
Rabatt-Spar-Geschäfte  in  ihrer  Allgemeinheit  fleißig  benutzt  haben.  Wenn  nun
denen,  die  nur  e  i  n  Buch  vollgeklebt  haben,  schon  gestattet  wird,  an  der  Verlosung
teilzunehmen,  so  kann  das  schon  jeder,  wenn  er  nur  sein  Brot  bei  einem  Bäcker
kauft,  der  im  Rabatt-Spar-Verein  ist.  Denn  auch  nur  eine  mäßig  große  Familie
verbraucht  täglich  leicht  für  60  Pfg.  Backwaren  und  das  macht  schon  ein  Buch
aus.  Wenn  den  Bäckern  gestattet  wird  10%  zu  geben,  werden  foga*  zwei
Bücher  voll.  Es  kann  dann  ein  solcher  Käufer  ruhig  noch  im  Konsumverein
        <pb n="111" />
        110

bleiben  und  doch  an  der  Prämienverlosung  teilnehmen.  Schelmisch,  wie  nun
einmal  Fortuna  ist,  wird  sie  dann  gerade  den  Konsumvereinlern  die  Gewinne  in
den  Schoß  werfen.  Bei  der  großen  Zahl  der  Mitglieder  werden  diese  sogar  sicher
sehr  reich  bedacht  werden,  und  die  Geschäfte  haben  zum  Schaden  noch  den  Spott.
Drei  Bücher  ist  die  geringste  Zahl,  auf  die  herabgegangen  werden  kann.
So  viel  kann  jede  Familie  vollkleben,  wenn  sie  nur  in  den  Rabatt-Spar-Geschäften
ihre  Wirtschaftsbedürfnisse  einkauft,  und  für  andere  Geschäfte  zu  sorgen  hat  der
Rabatt-Spar-Verein  keine  Veranlassung.  Es  kann  sich  ein  jedes  Geschäft  anschließen. ­
  Schleudergeschäfte  und  Warenhäuser  werden  natürlich  nicht  aufgenommen. ­

Mit  dem  30.  November  wird  die  Anmeldeliste  für  die  Prämienverlosung
geschlossen.  Nach  Zusammenstellung  der  Anmeldungen  erfolgt  eine  öffentliche
Auslegung  der  Anmeldeliste.  Sie  bildet  die  rechtliche
Grundlage  der  Verlosung,  welche  am  besten  in  der  zweiten  Februarwoche ­
  des  nächsten  Jahres  vor  sich  geht.
Von  vielen  Seiten  wurde  mir  in  den  vertraulichen  Besprechungen  das
Bedenken  entgegengehalten,  daß  dieses  Prämienverlosungssystem  ein  zweischneidiges
Schwert  werden  könnte,  weil  auch  die  Konsumvereine  dasselbe  einführen  und  noch
viel  größere  Mittel  zur  Verfügung  stellen  könnten.  Ich  habe  nichts  lieber  gehört
als  diesen  Einwand.  Er  zeigte  mir,  für  wie  wirksam  das  Mittel  gehalten  wurde;
denn  die  Konsumvereine  dürfen  gesetzlich  eine  solche  Verlosung  gar  nicht  veranstalten. ­
  Nach  §  1  des  Genossenschaftsgesetzes  sind  Konsumvereine  „Gesellschaften, ­
  welche  die  Förderung  des  Erwerbes  oder  der  Wirtschaft  ihrer  Mitglieder
mittels  gemeinschaftlichen  Geschäftsbetriebes  bezwecken".  Also  nur  mittels  gemeinschaftlichen ­
  Geschäftsbetriebes  darf  eine  Förderung  des  Erwerbes ­
  und  der  Wirtschaft  der  Konsumvereinsmitglieder  stattşinden  und  wie  jeder
Kommentar  sagt,  darf  die  Förderung  nur  durch  w  i  r  t  sch  a  f  t  l  i  ch  e  Mittel  vor  sich
gehen.  Eine  Verlosung  aber  ist  so  wenig  ein  wirtschaftliches  Mittel,  daß  viele  eine  solche
überhaupt  für  verwerflich  halten,  wenn  zu  ihrer  Ve  ran  st  alt  ung  Bei"
träge  gesammelt  werden.  Nun  würden  aber  den  Konsumvereinsmitgliedern ­
  sogar  zwangsweise  Beiträge  von  ihrem  Dividendenfonds  gekürzt  lverden,
sie  möchten  wollen  oder  nicht.  Das  wäre  Wohl  das  Tollste,  was  bisher  auf  dem
Gebiete  der  Verlosung  geleistet  wäre,  während  die  Prämienverlosung  des  Rabatt-Spar-Vereins
  das  Beste  ist,  was  geboten  werden  kann,  nämlich  eine  auf  vollster
Freiwilligkeit  begründete  Art  der  Auslosung  ohne  jeden  Beitrag  von  seiten  der
Losenden,  eine  Verlosung  gefundenen  Geldes.  Keine  Behörde
würde  die  Verlosung  der  Konsumvereine  genehmigen  können,  wogegen  jede
Behörde  sich  freuen  wird,  einem  so  schönen  Mittel  der  Selbsthilfe  des  gewerblichen ­
  Mittelstandes  die  Genehmigung  zu  erteilen.  Ein  Gesichtspunkt  ist
aber  noch  zu  erwähnen.
        <pb n="112" />
        Ill

Es  ist  nämlich  wohl  denkbar,  daß  keine  Marke  verloren  geht;  woher
sollen  da  die  Mittel  zur  Verlosung  kommen?  Diese  denkbare  Möglichkeit ­
  würde  es  leicht  der  zuständigen  Behörde  nahelegen  können,  ihre  Zustimmung
zu  verweigern,  weil  sie  in  der  Einrichtung  nur  eine  vorübergehende  Lockung  erblicken ­
  könnte.  Deshalb  müssen  die  Nabatt-Spar-Vereine  das  Zustandekommen
des  Prämienfonds  sichern,  indem  sie  einen  Prämiengarantiefonds
bilden.  Zu  dem  Zweck  zahlt  jeder  beim  Abholen  der  Markenkuverte  an  der
Geschäftsstelle  anstatt  10  Mk.  für  jedes  Kuvert  10  Mk.  und  20  Pfg.  ein.  Die
20  Pfg.  bilden  1 / 10  Proz.  des  Umsatzes  und  wandern  in  den  P  r  à  m  i  e  n  v  e  r  -
losungsgarantiefonds.
Dann  ist  das  Geld  immer  da,  indem  es  sich  automatisch  von  selbst  reguliert,
und  der  in  der  Kasse  verbleibende  Überschuß  kann  nun  als  Dividende  verteilt
werden.  So  ist  alles  bestens  geordnet.  Die  Aufbringung  des  Fonds  kann  auch
so  vor  sich  gehen,  daß  in  jedem  Kuvert  für  20  Pfg.  Marken  (das  sind  bei  5  Proz.
Rabatt  4Mk.  Warenwert)  fehlen.  Diese  Art  ist  vom  Hallischen  Rabatt-Spar-Verein
  in  Aussicht  genommen.  Mir  behagt  die  erste  besser.  Aber  das  ist
Geschmackssache,  wichtig  ist  nur,  daß  der  Fonds  gesichert  ist.  Zugleich  bildet  die
Hinterlegung  der  20  Pfg.  einen  Riegel  gegen  ein  Selbstvollkleben  von  Büchern
durch  Geschäftsleute  behufs  Gewinnung  von  Losen.  Denn  dieser  Betrag  inkl.
des  Preises  von  10  Pfg.  für  ein  Sparbuch  bringt  jedes  Los  für  einen  Mogelanten
auf  die  Kosten  von  90  Pfg.  Als  Muster  für  vorzunehmende  Änderungen  der
Statuten  oder  der  Geschäftsordnung  lasse  ich  nachstehende  Paragraphen  folgen:
Nachtrag  zur  Geschäftsordnung  oder  znm  Statut.
§  1.
Der  Verein  ruft  behufs  rationeller  Verteilung  des  Gegenwertes  für  nicht
zur  Einlösung  gelangende  Rabatt-Spar-Marken  und  zum  Zweck  einer  weiteren
Anregung  des  öffentlichen  Interesses  an  dem  Gedeihen  des  freien  Handels  sowie
zur  Förderung  des  Sparsinns  der  Bevölkerung  eine  jährlich  stattfindende  bei«
tragsfreie  Prämienverlosung  ins  Leben.
§  2.
Die  zur  Verteilung  kommende  Summe  richtet  sich  nach  dem  jedesmaligen
Jahresumsatz  an  Rabatt-Spar-Marken  in  der  Zeit  vom  2.  Januar  bis.31.  Dezember ­
  an  der  Verkaufsstelle  der  gefüllten  Umschläge  und  beträgt  y i0  Proz.  des
Nominalwertes  dieses  Umsatzes.
§3-Der
  höchste  Gewinn  soll  stets  1000  Mk.  sein,  der  niedrigste  darf  nicht
        <pb n="113" />
        112

unter  20  Mk.  heruntergehen.  Die  Abstufungen  der  Gewinne  bestimmt  der
Vorstand.
§  4.
Zur  Teilnahme  an  der  Prämienverlosung  berechtigt  der  Besitz  von  mindestens ­
  drei  ordnungsmäßig  vollgeklebten  Rabatt-Spar-Büchern  unseres  Vereins
derart,  daß  auf  je  drei  Sparbücher  ein  Los  gewährt  wird,  wenn  der  Gegenwert
der  Bücher  bis  zum  1.  Dezember  des  betreffenden  Jahres  nicht  abgehoben,  sondern
behufs  Anteilnahme  an  der  Prämienvcrlosung  in  ein  eigens  dazu  angelegtes
Sammelsparbuch  eingetragen  worden  ist.
Die  die  Zahl  drei  oder  deren  Vielfache  übersteigenden  Nabatt-Spar-Bücher
werden  für  die  nächste  Prämienverlosung  übertragen,  falls  ihre  Gegenwerte  bis
zum  1.  Dezember  des  nächsten  Jahres  nicht  abgehoben  werden,  sondern  im  Sammelsparbuch
  stehen  bleiben.
§5.
Die  Verlosung  findet  stets  in  der  ersten  Woche  des  Februars  in  Gegenwart
eines  Notars  und  zweier  Vorstandsmitglieder  statt.
§  6.
Zur  Sicherstellung  des  Prämienfonds  zahlen  die  Mitglieder  auf  jeden  von
ihnen  entnommenen  Umschlag  y i0  Proz.  des  Nominalwertes,  nämlich  20  Pfg.,
beim  Bezug  der  Marken  ein.  Diese  Beträge  werden  zu  einem  besonderen
Prämiengarantiefonds  angesammelt.  Der  nicht  für  die  Verlosung  in
Anspruch  genommene  Teil  desselben  wird  später  im  Verhältnis  der  Aufbringungsquoten ­
  an  die  Mitglieder  als  Dividende  zurückgezahlt.
§  7.
Vor  jeder  Verlosung  wird  eine  Prämienverlosungsliste  aufgestellt.  In  ihr
sind  die  Teilnehmer  mit  den  ihnen  zugeteilten  Losnummern  verzeichnet.
Diese  Li  st  e  bildet  die  Grundlage  der  Verlosung.
Sie  wird  nach  geschehener  Bekanntmachung  acht  Tage  öffentlich  zur  Einsicht ­
  der  Beteiligten  ausgelegt.  Etwaige  Einsprüche  regelt  endgültig  der  Vorstand.
Nach  Ablauf  des  festgesetzten  Termins  sind  Einwendungen  nicht  mehr  zulässig.
§  8.
Die  Auszahlung  der  Gewinne  erfolgt  gegen  Rückgabe  der  Lose  an  der  Geschäftsstelle
  in  den  Bureaustunden.  Bis  zum  1.  Dezember  nicht  abgehobene  Ge-Winne
  fallen  zugunsten  der  nächsten  Prämienverlosung  an  den  Verein  zurück.
§9.
Alle  weiteren  Einzelheiten  bestimmt  der  Vorstand.
        <pb n="114" />
        113

§  61.
Als  ein  sehr  wichtiges  Mittel  für  den  Gewerbestand,  sich  gegen  einige  Anniffm^desGeerhebliche
  Bedrückungen  durch  Konsumvereine  zu  wehren,  muß  ich  die  Beschreitung  Ràubedàng
des  Prozeßweges  nennen.  Eine  solche  sollte  nirgends  unterlassen  werden,  wo  verá
sich  die  Konsumvereine  einer  Überschreitung  des  Genossenschaftsgesetzes  schuldig
machen.  Ein  sorgfältiges  Studium  desselben  kann  leicht  eine  Handhabe  dafür
bieten,  namentlich  bei  Konsumvereinen  unter  sozialdemokratischer  Leitung.
Ganz  generell  möchte  ich  nun  hier  vorschlagen,  daß  in  allen  Orten,  wo
Konsumvereine  den  Gewerbestand  durch  sogenannte  Lieferantenverträge  mit
Rabattmarken  bedrücken,  Prozesse  anhängig  gemacht  werden,  um  diesem  Unwesen
zu  steuern.  Meiner  Meinung  nach  ist  diese  Rabatterpressung  ein  grober
Verstoß  gegen  das  Genossenschaftsgesetz.  Wenn  sie  eingestellt
wird,  so  geht  die  Dividende  der  Konsumvereine  erheblich  zurück,  und  damit
schwindet  ein  Hauptlockmittel  für  den  Beitritt.  Auch  viele  Juristen,  mit  denen
ich  gesprochen  habe,  halten  meine  Ansicht  für  richtig,  aber  die  Frage  liegt  manchen
sehr  fern,  und  da  gehört  immer  erst  eine  positive  Anregung  dazu,  um  die  einschlägigen ­
  Punkte  zu  erfassen.  Diese  Anregung  müssen  die  Gewerbetreibenden
geben,  indem  sie  den  Beschwerdeweg  beschreiten.  Der  Beschwerdeweg  ist  auch
ziemlich  einfach,  da  man  außer  in  der  letzten  Instanz  keinen  Rechtsanwalt  braucht,
obwohl  ich  immer  raten  würde,  sich  der  Hilfe  eines  solchen  von  Anfang  an
zu  bedienen.  Die  entstehenden  Kosten  können  ja  von  dem  betreffenden  Schutzverein
  für  Handel  und  Gewerbe  getragen  werden.  Zur  Hilfe  für  die  Einarbeitung ­
  in  die  Materie  stelle  ich  weiter  unten  einen  sorgfältig  ausgearbeiteten
Strafantrag  zur  Verfügung.  Derselbe  kann  direkt  für  die  Einleitung ­
  der  Aktion  benutzt  werden.  Es  sind  nur  die  Namen  auszufüllen. ­
  Die  Ausarbeitung  stammt  von  fachmännischer  Seite  und  ist
das  Resultat  einer  eingehenden  praktischen  Studie.
Wenn  in  irgend  einem  Ort  die  hier  in  Frage  kommenden  Rabattbedrückungen
vorliegen,  so  hat  jeder  Geschäftsmann  das  Recht,  die  Beschwerde  einzureichen, ­
  wenn  er  sich  durch  die  Einrichtung  geschädigt  fühlt,  auch  weil  ihm
dadurch  Kunden  entzogen  werden.  Er  schreibt  dann  die  Eingabe  ab  und  reicht
sie  bei  der  zuständigen  Staatsantvaltschaft  ein.  Erhebt  diese  die  Klage,  so  ist  es
gnt,  erhält  der  Antragsteller  ablehnenden  Bescheid,  so  ist  eine  Beschwerde  an  den
Oberstaatsanwalt  zu  richten.  Gegen  dessen  eventuellen  ablehnenden  Bescheid
ist  die  Anrufung  des  Oberlandesgerichts  zulässig.  Dazu  muß  man  sich  der  Hilfe
eines  Anwalts  bedienen.  Dieser  wird  schon  die  nötigen  Ratschläge  geben,  ich
möchte  aber  doch  nicht  versäumen,  hier  ausdrücklich  darauf  aufmerksam  zu  machen,
daß  die  Kläger  jeden  Richter  als  befangen  ablehnen  mögen,
welcher  Mitglied  eines  Konsumvereins  ist  oder  gewesen
Suche  land,  Schutz-  und  Trutz-Waffen.  8
        <pb n="115" />
        i  st.  Das  Warenhaus  fiir  Armee  und  Marine  muß  hierin  einem  Konsumverein
als  gleichwertig  erachtet  werden.
Es  kann  nicht  ausbleiben,  daß  die  griindliche  Erörterung  der  hier  in  Betracht
kommenden  Rechtsfragen  an  vielen  Gerichten  ganz  allgemein  das  Verständnis
für  die  durch  die  Rabatte  erfolgenden  Bedriickungen  schärft,  und  ich  hoffe  dadurch
sicher  auf  eine  baldige  Abhilfe.
Der  Antrag  selbst  lautet:

(Ort)  ,

(Datum)  19

Antrag
des
auf  Bestrafung  des  Vorstandes  des  Konsumvereins
(Firma)
zu
(Ortsname)
aus  §  149  des  Reichsgesetzes  betreffend  die  Erwerbsund ­
  Wirtschaflsgenossenschaften  vom  1.  Mai  1889  in
der  Fassung  vom  14.  Juni  1898.

An  die  Staatsanwaltschaft ­
  des  Landgerichts ­


zu

Ich,  der  Endesunterzeichnete,  beantrage ­
  die  strafrechtliche  Verfolgung  des
Vorstandes  des  Konsum-Vereins,
  E.  G.  m.  b.  H.  zu
auf  Grund  folgenden  Sachverhalts:
I.  In  besteht  ein
Konsumverein  mit  der  Firma
E.  G.  m.  b.  H.  Vorstandsmitglieder ­
  desselben  sind:
1
2
3.
Dieser  Konsumverein  bedrückt  das
wirtschaftliche  Leben  der  hiesigen  Geschäftswelt ­
  iil  einer  solchen  Weise,  daß
man  kaum  einen  Geschäftstreibenden
trifft,  der  nicht  mit  großer  Bitterkeit
von  seiner  ruinösen  Tätigkeit  spricht.
Das  Gefühl  der  wirtschaftlichen  Sicher-
        <pb n="116" />
        115

heit  ist  in  mehreren  Geschäftsbranchen  durch  den  Konsumverein  vollständig ­
  geschwunden,  und  es  ist  bereits  so  weit  gekommen,  daß  zahlreiche ­
  Gewerbetreibende  bei  politischen  und  kommunalen  Wahlen
unter  offener  Berufung  auf  ihre  wirtschaftliche  Schwächung  durch
den  Konsumverein  entweder  der  umstürzlerischen  Partei  der  Sozialdemokraten ­
  direkt  ihre  Stimme  geben,  oder  sich  zugunsten  derselben
der  Abstimmung  enthalten.
Der  genossenschaftliche  Grundgedanke  der  segensreichen  Selbsthilfe ­
  des  wirtschaftlich  Schwachen,  wie  er  sowohl  bei  der  ersten
Preußischen  Gesetzgebung  als  auch  bei  der  späteren  reichsgesetzlichen
Festlegung  des  Genossenschaftswesens  von  den  Vertretern  der  Genossenschaften ­
  zum  Ausdruck  gebracht  ist,  scheint  bei  dem  Konsum-Verein
  den  Mitgliedern  ganz  aus  dem  Sinn  gekommen  zu  sein.
Denn  abgesehen  davon,  daß  sehr  viele  wohlhabende  Privatpersonen
dem  Konsumverein  als  Mitglieder  angehören,  hat  der  Konsumverein
seinen  Charakter  als  Schutz  verein  längst  abgelegt  und  ist  zu  einer
Trutz  körperschaft  geworden,  welche  unter  Berufung  auf  ihre  große
Zahl  von  Mitgliedern  viele  Angehörige  der  Gewerbestände  zu  hohen
Rabattsätzen  nötigt.
Diese  Tätigkeit  des  Konsumvereins  hat  schon  lange  sozialen
Unfrieden  erzeugt.  Oft  ist  daher  auch  schon  von  Gewerbetreibenden
die  Frage  aufgeworfen  worden,  ob  denn  die  Konsumvereine  gesetzlich
berechtigt  sind,  dergleichen  Bedrückungen  der  werktätigen  Stände
vorzunehmen.  Die  Furcht  vor  der  Macht  der  Konsumvereine  als
Arbeitgeber  ist  aber  lange  Zeit  so  groß  gewesen,  daß  Gewerbetreibende ­
  nicht  gewagt  haben  klagend  vorzugehen.  Daher  hat  die
Bedrückung  weiter  stattgefunden  und  eine  große  Schar  Unzufriedener
erzeugt.  Die  Erregung  dieser  Unzufriedenen  richtet  sich  naturgemäß
besonders  auch  gegen  den  Staat  als  solchen.  Der  soziale  Friede
wird  daher  auf  das  tiefste  durch  die  Rabattdrückerei  der  Konsum-Vereine
  erschüttert,  und  es  wird  beantragt,  da  das  Rabattsystem  der
Konsunwereine  ungesetzlich  ist,  die  Vorstände  der  Konsumvereine
wegen  Übertretung  des  §  149  des  Reichsgesetzes  betreffend  die
Erwerbs-  und  Wirtschaftsgenossenschaften  vom  1.  Mai  1889  (R.G.Bl.
1898  Nr.  25,  ausgegeben  am  14.  Juni  1898)  zu  bestrafen  und  ihnen
die  Fortsetzung  des  Markensystems  zu  verbieten.
Das  verderbliche  Nabattsystem  charakterisiert  sich  als  ein
Markensystem.  Die  Konsumvereine  verkaufen  an  Gewerbetreibende
verschiedener  Art  gegen  Zahlung  des  vereinbarten  Rabatts  Marken.
8*
        <pb n="117" />
        116

Z.B.:  Ein  Bäcker,  der  14  Proz.  Rabatt  geben  sott,  zahlt  14  Mk.
bar  für  100  Mk.  nominale  Rabattmarken,  ein  Fleischer,  der  8  Proz.
Rabatt  geben  soll,  zahlt  8  Mk.  bar  für  100  Mk.  nominale  Rabattmarken ­
  usw.  Diese  Marken  geben  dann  die  Gewerbetreibenden  an
diejenigen  Mitglieder  des  Konsumvereins,  welche  bei  ihnen  einkaufen, ­
  als  Unterlage  für  die  später  auszuzahlende  Dividende,  indem
die  Mitglieder  durch  Einreichung  der  Marken  ihren  Anspruch  auf
den  Bäcker-  und  Fleischer-Rabatt  begründen.  Aus  diesem  Sachverhältnis
  ist  ersichtlich,  daß  der  Konsumverein  in  dieser  Tätigkeit
lediglich  eine  Vermittlerrolle  übt,  welche  als  ein  Geschäftsbetrieb  im
Sinne  des  Gesetzes  in  keiner  Weise  aufgefaßt  werden  kann.
Als  Beweis  für  die  richtige  Schilderung  des  Markensystems
berufe  ich  mich  auf  das  Zeugnis  der  Obermeister  der  Innungen,
aber  auch  die  Vorstandsmitglieder  des  Konsumvereins  werden  diesen
Tatbestand  nicht  in  Abrede  nehmen,  wenn  sie  vernommen  werden.
II.  Dieses  vorstehend  gekennzeichnete  Markensystem  ist  gesetzwidrig, ­
  es  verstößt  gegen  §  1  und  §  149  des  Genossenschaftsgesetzes,
und  der  Vorstand  des  Konsumvereins,  der  dieses  Markensystem  übt,
ist  nach  den  angezogenen  gesetzlichen  Bestimmungen  strafbar.
In  wohlerwogener  gesetzgeberischer  Absicht  hat  das  Genossenschaftsgesetz ­
  in  seinem  §  1  bestimmt,  daß  nur  solche  Gesellschaften  in
der  Rechtsform  der  Genossenschaft  geschäftlich  tätig  werden  dürfen,
die  mittels  gemeinschaftlichen  Geschäftsbetriebs
die  Förderung  des  Erwerbes  oder  der  Wirtschaft  ihrer  Mitglieder
bezwecken.  Es  kommt  also  in  vorliegenden!  Falle  daraus  an,  zu
prüfen,  ob  das  Markensystem,  wodurch  die  Konsumvereine  die  Gewerbetreibenden ­
  bedrücken,  einen  gemeinschaftlichen  Geschäftsbetrieb
darstellt.  Davon  kann  aber  aus  zwei  Gründen  keine  Rede  sein.
Erstens  zeigt  eine  einfache  Überlegung  der  sogenannten  Lieferanteneinrichtung ­
  bei  deni  Konsumverein,  daß  hierbei  ein  gemeinschaftlicher ­
  Geschäftsbetrieb  gar  nicht  in  Frage  kommt.  Weil  der
Konsumverein  diese  Geschäfte  nicht  betreiben  will,  deshalb  hat  er
die  betreffenden  Rabattmarken  eingeführt.
„Der  gemeinschaftliche  Geschäftsbetrieb",  den  §  1  des  Genossenschaftsgesetzes ­
  als  allgemeines  Erfordernis  für  den  Begriff
und  die  Tätigkeit  einer  jeden  Genossenschaft  aufstellt,  erfordert  aber
gerade,  daß  der  Konsumverein  durch  seine  Tätigkeit  einen  Austausch
zweier  wirtschaftlichen  Leistungen  unter  Verkäufern  und  Käufern
selbst  bewirkt.
        <pb n="118" />
        117

Also  liegt  dem  Rabattmarkensystem  Meder  ein  Geschäft,
noch  eine  Gemeinschaft  zugrunde  im  Sinne  des  §  1  des  Genossenschaftsgesetzes. ­
  Es  ist  kein  gemeinschaftlicher  Geschäftsbetrieb ­
  durch  dasselbe  realisiert,  folglich  ist  auch  kein
in  §  1  erlaubter  Zweck  mit  ihm  verfolgt  worden,  und  die  es  doch
tun,  sind  strafbar.
Zweitens  spricht  sich  aber  auch  der  Gesetzgeber  in  einer
selten  klaren  Weise  darüber  aus,  daß  die  Markenkonsumtätigkeit ­
  in  ihrem  ganzen  Umfange  kein  erlaubter  Geschäftsbetrieb ­
  im  Sinn  des  Genossenschaftsgesetzes  ist.
In  den  Motiven  des  Preußischen  Negierungsentwurfs  vom
11.  November  1866  (Drucksachen  Nr.  86  des  Hauses  der  Abgeordneten ­
  Seite  20  Zeile  3,  4  und  5)  steht  nämlich  zu  §  1  wörtlich:
„Die  sogenannten  Marken-Konsum-Vereine  gehören  deshalb  nicht
hierher,  weil  bei  denselben  ein  gemeinschaftlicher  Geschäftsbetrieb*) ­
  ihrer  Mitglieder  überhaupt  nicht  stattfindet."
Mit  dieser  Auffassung  des  Begriffes  Geschäftsbetrieb  von  Genossenschaften ­
  hat  sich  die  Kommission  des  Abgeordnetenhauses  ausdrücklich ­
  einverstanden  erklärt,  wie  man  aus  den  Verhandlungen
des  Hauses  vom  17.  Dezember  1866  Seite  1202  Zeile  19  bis  22  von
unten  ersieht.  Denn  dort  sagt  der  Berichterstatter  Lasker  wörtlich:
„Auch  in  per  Definition  über  den  Zweck  und  die  wesentlichen ­
  Erfordernisse  für  das  Gedeihen  der  einzelnen  Genossenschaften
sind  die  Regierung  und  Ihre  Kommission  einig."  Überall,  wo  in
den  Verhandlungen  von  Konsumvereinen  gesprochen  wird,  ist  nur
von  Einkauf  und  Verkauf  des  Brotes  und  anderer  Dinge  die  Rede.
Ein  Zweifel,  daß  die  Konsumvereine  nur  einen  faktischen
Güteraustausch  bewirken  sollen,  kann  dem  Leser  der  damaligen
Verhandlungen  gar  nicht  kommen.  Es  ist  daher  eine  höchst  merkwürdige ­
  Erscheinung,  daß  die  Konsumvereine  überhaupt  gewagt
haben,  angesichts  der  klaren  Stellungnahme  der  gesetzgebenden
Körperschaften  das  Markensystem  aufzugreifen.  Gerade  dieses  Aufgreifen ­
  des  Markensystems  macht  die  Genossenschaften  strafbar,  weil
das  Markensystem  keinen  gemeinschaftlichen  Geschäftsbetrieb  darstellt.
Und  noch  mehr.  Es  wird  vom  Gesetzgeber  gesagt,  weshalb  er
die  Markenkonsumvereine  nicht  haben  will,  nämlich  weil  die  Basis,
auf  der  sie  handeln  und  sich  wirtschaftliche  Vorteile  verschaffen,  kein
gemeinschaftlicher  Geschäftsbetrieb  ist.

1)  Auch  im  Gesetzentwurf  gesperrt  gedruckt.
        <pb n="119" />
        118

Daraus  folgt,  daß  sich  keine  andere  irgendwie ­
  eingetragene  Genossenschaftmitdem  Markensy
  stem  befassen  darf.
So  ist  die  Rechtslage  für  das  Gesetz  vom  27.  März  1867  und
für  das  Gesetz  vom  4.  Juli  1868,  da  auch  der  dritte  gesetzgebende
Faktor,  das  Herrenhaus,  den  Beschlüssen  des  Abgeordnetenhauses
beigetreten  ist.  Denn  in  den  bezüglichen  Verhandlungen  ist  nichts
gesagt,  was  irgendwie  der  Übereinstimmung  von  Regierung  und
Abgeordnetenhaus  widerspräche.
Aber  auch  für  die  Rechtslage  des  §  1  des  Reichsgesetzes  ist
alles  dasselbe  geblieben.
Denn  in  der  besonderen  Begründung  des  Entwurfs  vom
27.  November  1888  (Drucksache  Nr.  28  S.  59)  lautet  der  Eingang  zu
§  1:  »Die  Bezeichnung  des  wirtschaftlichen  Zweckes  der  Genossenschaften ­
  ist  ohne  wesentliche  Änderung  aus  dem  früheren  Gesetz
übernommen."
Bei  diesem  direkt  negativen  und  ausschließenden
Verhalten  der  gesetzgebenden  Körperschaften  gegen  das  Marken-Konsum-System,
  welches  das  Charakteristische  der  Marken-Konsum-Vereine
  ist,  hat  der  Umstand,  daß  das  Wort  „namentlich"  in  §  1  die
später  folgende  Aufzählung  von  Genossenschaften  nur  als  Erläuterung
von  eintragungsfähigen  Beispielen  von  Genossenschaften  angesehen
wissen  will,  für  die  vorliegende  Rechtsfrage  gar  keine  Bedeutung.
Es  wird  diesseits  nicht  im  mindesten  bestritten,  daß  noch  viele
Genossenschaften  außer  denen  unter  Nr.  1  bis  7  aufgeführten  eintragungsfähig ­
  sind,  und  daß  noch  viele  geschäftlichen  Zwecke  von  den
eingetragenen  Genossenschaften  verfolgt  werden  dürfen;  aber  das
wird  bestritten,  daß  die  Zwecke  auf  Grund  von  K  o  n  su  mmarken
erreicht  werden  dürfen,  weil  durch  sie  nach  dem  Willen  des  Gesetzgebers ­
  kein  gemeinschaftlicher  Geschäftsbetrieb
realisiert  wird.
Obwohl  dies  an  sich  klar  ist,  möchte  ich  diese  Auffassung  des
„namentlich"  noch  weiter  durch  Hinweis  auf  die  Motive  zum  Reichsgesetz
  stützen.  Hier  heißt  es  Seite  59  zu  Beginn  des  zweiten  Absatzes ­
  zu  §1:  „Die  einzelnen  in  §  1  aufgeführten  Arten  von  Genossenschaften ­
  haben  ztvar  nur  die  Bedeutung  von  Beispielen,  sollen
aber  doch  die  wichtigeren  Genossenschaftsgattungen,  die  sich  im
Verkehr  ausgebildet  haben,  in  annähernder  Vollständigkeit  wiedergeben." ­
        <pb n="120" />
        119

Der  Gesetzgeber  hat  also  vollständig  sein  wollen.  Tatsächlich
hat  er  auch  eine  siebente  Gattung  im  Gesetz  zugefügt,  während  im
Entwurf  nur  sechs  stehen.  Die  Marken-Konsum-Vereine  hat  er
gekannt,  er  hat  sie  nicht  nur  nicht  zugefügt,  sondern  schließt  sich  den
früheren  Motiven,  die  sie  für  unpassend  erklären,  an.  Wie  könnte
man  da  die  Tätigkeit  der  abgewiesenen  Vereine,  die  doch  ihre  Hauptsache ­
  ist,  immanent  legalisieren,  indem  man  die  Zwecke  derselben  für
erlaubt  hält,  weil  es  geschäftliche  Zwecke  wären.  Nein,  geschäftliche
Zwecke  im  Sinne  von  §  1  sind  es,  wie  mehrfach  gezeigt  ist,  nicht,
weil  man  mit  Konsummarken  keinen  gemeinschaftlichen ­
  Geschäftsbetrieb  im  Sinne  des  Gesetzes
führen  kann.
III.  Daß  der  Reichsgesetzgeber  auch  tatsächlich  die  unter  II
gekennzeichnete  Beschränkung  gewollt  hat,  geht  außer  anderem  daraus
hervor,  daß  es  in  den  Motiven  Seite  59  der  Drucksache  Nr.  28
Zeile  24  heißt:  „In  der  Nr.  4*)  (Konsumvereine)  ist  neben  dem
Einkauf  von  Lebensbedürfnissen  auch  die  Anschaffung  von  Wirtschaftsbedürfnissen ­
  erwähnt"  usw.  Hier  kommt  direkt  das  Wort
Einkauf  vor  und  nicht  Vermittlung  oder  so  etwas  Ähnliches.
Der  Gesetzgeber  mußte  es  aber  auch  wollen.  Denn  niemand
kann  verkennen,  und  dem  ist  auch  öfter  in  den  Verhandlungen  Ausdruck ­
  gegeben,  daß,  wenn  es  den  Konsumvereinen  gestattet  sein  soll,
insbesondere  die  großen  Kategorien  von  Beamten  als  wirtschaftliche
Konkurrenten  gegenüber  dem  einzelnen  selbständigen  Kaufmann  wirtschaftlich ­
  zusannnenzufassen,  allein  schon  darin  eine  große  Gefahr
für  die  einzelne  selbständige  Existenz  liegt.  Diese  Gefahr  wird  aber
in  der  Tat  bis  zur  Unerträglichkeit  gesteigert,  wenn  so  buntscheckige
Jnteressentengruppen,  wie  sie  im  Beamtenkonsumverein  aus  hohen
Beamten  und  Eisenbahnarbeitern  zusammengewürfelt  sind,  sich  nun
nicht  darauf  beschränken,  wirtschaftlich  wie  jeder  selbständige  Kaufmann
  tätig  zu  fein,  d.  h.  einen  Güteraustausch  des  Erwerbslebens ­
  als  Käufer  oder  Verkäufer  herbeizuführen,  sondern
auch  noch  dazu  übergehen,  quasi  Agenturen  zu  betreiben,  bei  denen
sie  es  in  der  Hand  haben,  durch  die  ungeheure  Anzahl  ihrer  Mitglieder ­
  die  einzelnen  Geschäfte  durch  Ausschluß  von  ihrer  Kundschaft ­
  so  gut  wie  zu  boykottieren.
1)  Ist  später  umnumeriert  wegen  der  oben  erwähnten  Einschiebung  einer  noch  bekannt ­
  gewordenen  Genossenschaftsgattung.
        <pb n="121" />
        120

Alle  diese  Unzuträglichkeiten  hat  der  Gesetzgeber  vorausgesehen ­
  und  ihnen  durch  den  ausdrücklichen  Ausschluß ­
  des  Markensystems  vorbeugen  wollen.
Welche  sozialen  Mißstände  sich  entwickeln  werden,  wenn  der  Bedrückung ­
  der  Geschäftswelt  durch  dies  Markensystem  kein  Riegel  vorgeschoben ­
  wird,  kann  ganz  genau  vorausgesagt  werden.  Bis  jetzt
haben  die  Konsulnvereine  durch  das  Markensystem  schon  einen
Schaden  von  über  ....  Millionen  Mark  den  Geschäftsleuten  zugefügt; ­
  viele  Hunderte  von  Existenzen  sind  wankend,  viele  Tausende
unzufrieden  geworden.
IV.  Hervorgehoben  soll  insbesondere  noch  werden,  daß  die
Straflosigkeit  der  Übung  des  Marken-  und  Rabattsystems  auch  nicht
aus  dem  Gesichtspunkt  hergeleitet  werden  kann,  daß  der  Vorstand
des  Konsumvereins  derartige  Vertragsabschlüsse  über  Rabattbezug
seiner  Mitglieder  nur  gewissermaßen  neben  seiner  Haupttätigkeit
vornähme,  die  zweifellos  auf  Förderung  des  Erwerbes  und  der
Wirtschaft  seiner  Mitglieder  mittels  gemeinschaftlichen  Geschäftsbetriebes ­
  gerichtet  sei.
Wenn  auch  nicht  jede  einzelne  Handlung  oder  Maßnahme  des
Vorstandes  an  sich  als  ein  gemeinschaftlicher  Geschäftsbetrieb  sich
darstellen  muß,  um  im  Sinne  des  §  1  des  Genossenschaftsgesetzes  als
erlaubt  zu  gelten,  so  muß  dieses  Erfordernis  allerdings  zweifellos
an  diejenigen  Handlungen  und  geschäftlichen  Maßnahmen  des  Vorstandes ­
  gestellt  werden,  die  sich  ständig  wiederholen  und
die  deshalb  in  ihrer  Gesamtheit  und  bei  großem
Umfang  sozusagen  einen  besonderen  Geschäftszweig ­
  darstellen,  der  auch  wegen  seiner  wirtschaftlichen  Bedeutung
  den  Anforderungen  des  §  1  des  mehrgedachten  Gesetzes  entsprechen ­
  muß.
Daß  aber  dieses  sogenannte  Rabatt-  und  Markensystem  eine
große  wirtschaftliche  Bedeutung  hat,  kann  mit  Fug  nicht  bestritten
werden,  daß  es  den  Erfordernissen  des  §  1  des  Genossenschaftsgesetzes
nicht  entspricht,  ist  vorstehend  eingehend  gezeigt.
Damit  zeichne  ich  hochachtungsvoll  als  der  Staatsanwaltschaft ­


gehorsamster
        <pb n="122" />
        121

§6%
Endlich  fordert  die  Logik  der  Notwehr  von  dem  in  den  Kampf  gedrängten
  gewerblichen  Mittelstand  noch  eins.  Dies  besteht  in  dem  Geltendmachen  àn^MMeiseines
  Rechts  auf  Existenz  bei  allen  öffentlichen  Gelegenheiten,  die  sich  darbieten. ­

Die  Orte,  wo  das  geschehen  kann  und  muß,  sind  naturgemäß:
1.  die  Kommunalverwaltungen,
2.  die  Einzel  landtage,
3.  der  Reichstag.
Sitzen  hier  Angehörige  des  gewerblichen  Mittelstandes  als  Mitglieder,  so
haben  sie  unter  Zurückstellung  aller  persönlichen  Empfindungen,  die  es  ihnen
unangenehm  erscheinen  lassen  könnten,  für  eigene  Interessen  öffentlich  aufzutreten,
so  oft  es  geht,  auf  die  Notlage  ihres  Standes  hinzuweisen  und  die  Gefahren  zu
betonen,  denen  unser  Staat  entgegengeht,  wenn  namentlich  die  Auswüchse  der
beiden  Hauptschädlinge  des  Gewerbes,  der  Konsumvereine  und  der  Warenhäuser,
nicht  beseitigt  werden.
Es  ist  gewiß  nicht  leicht  in  diesem  Sinn  zu  wirken,  und  bei  der  Rücksichtslosigkeit ­
  der  Gegner  auch  für  einen  Geschäftsmann  nicht  ungefährlich.  Beides
weiß  ich  wohl  zu  würdigen,  es  muß  aber  geschehen,  und  wer  es  nicht  tun  kann,
soll  lieber  eine  Wahl  nicht  annehmen.  Denn  es  ist  besser,  wenn  der  gewerbliche
Mittelstand  gar  nicht  in  den  drei  Körperschaften  vertreten  ist,  als  durch  Schweiger.
Ihr  negatives  Verhalten  schädigt  nach  mehreren  Seiten  hin.  Erstens  gibt  es  den
Feinden  des  gewerblichen  Mittelstandes  einen  Scheingrund,  das  Schweigen  als
Zustimmung  für  das  von  ihnen  behauptete  Nichtvorhandensein  einer  Notlage  zu
deuten,  und  zweitens  entmutigt  es  die  geplagten  Standesgenossen  noch  mehr,  als
sie  es  schon  waren,  weil  sie  sehen,  daß  sie  auch  von  ihren  gewählten  Vertretern  im
Stich  gelassen  werden.
Nun  ist  es  eine  alte  und  aus  allen  Landesteilen  gehörte  Klage,  daß  es  sehr
schwer  ist,  aus  dem  gewerblichen  Mittelstand  passende  Männer  für  die  öffentlichen
Kommunal-  und  Volksvertretungen  zu  finden.  Bei  den  Neichstagswahlen  wird  die
Schuld  immer  auf  den  Mangel  an  Diäten  zurückgeführt.
Mit  Unrecht.
Es  liegt  vielmehr  daran,  daß  ein  Gewerbetreibender  nicht  lange  aus  seinem
Geschäft  abwesend  sein  kann,  ohne  es  empfindlich  zu  schädigen.  Auch  die  höchsten
Diäten  können  seine  Abwesenheit  vom  Geschäft  nicht  ersetzen.  Mit  dieser
Tatsache  muß  gerechnet  werden.
Sie  ist  im  Wesen  des  gewerblichen  Mittelstandes  begründet.  Denn  eine
selbständige  gewerbliche  Mittelstandsexistenz  charakterisiert  sich  dadurch,  daß  sich
        <pb n="123" />
        122

in  ihr  ein  mäßiges  Kapital  mit  einer  persönlichen  Arbeitskraft  zu  einer  auskömmlichen ­
  wirtschaftlichen  Einheit  verschmelzt,  deren  Ertragswert  weit  höher  ist,
als  die  Summe  jeder  einzelnen  Komponente.  Geht  das  Kapital  verloren,  so  sinkt
der  Mann  zum  Lohnarbeiter  oder  noch  tiefer  herab,  fehlt  die  leitende  Arbeitskraft
aus  irgend  einem  Grund,  so  tritt  eine  sehr  verhängnisvolle  Lähmung  des  Geschäfts ­
  ein.  Das  soll  man  sich  nur  recht  klar  machen,  und  man  wird  zugeben,  daß
der  gewerbliche  Mittelstand  in  einem  parlamentarisch  regierten  Staat  im  allgemeinen ­
  auf  eine  Vertretung  aus  seinen  eigenen  aktiven  Reihen  verzichten  muß.
Er  ist  daher  aus  Hilfe  von  den  Angehörigen  der  anderen  Stände  angewiesen.
Bei  seiner  außerordentlichen  Bedeutung  für  jedes  Staatswesen  hätte  auch  jeder
andere  Stand  das  dringendste  Interesse  daran,  auf  das  Wohlergehen  des  gewerblichen ­
  Mittelstandes  mit  der  gleichen  Sorgfalt  zu  achten  wie  auf  das  Wohl  des
eigenen  Standes,  die  Arbeiter,  denen  die  Hoffnung  auf  Einrücken  in  ihn  ihre
eigene  Befreiung  aus  bent  dauernden  Abhängigkeitsverhältnis  der  Lohnarbeiter
verheißt,  ebensogut  wie  die  Großkaufleute,  die  in  seiner  Existenz  den  besten  Schutz
für  die  Stabilität  ihrer  Unternehmungen  sehen  müssen.  Leider  sind  wir  aber  bei
der  gegenwärtigen  Verhetzung  des  Arbeiterstandes  sowohl  wie  bei  dem  Liebäugeln ­
  des  Handels  und  der  Industrie  mit  dem  internationalen  Großkapital  weit
von  dem  Ideal  der  sachlichen  Wertschätzung  des  gewerblichen  Mittelstandes  entfernt, ­
  und  so  bleibt  diesem  nichts  anderes  übrig  als  diejenigen,  denen  er  die
Vertretung  seiner  Interessen  anvertrauen  will,  vorher  genau  anzusehen.  Nach  den
bisher  vorliegenden  Leistungen  auf  dem  parlamentarischen  Gebiet  ist  es  keineswegs ­
  schwer,  sich  für  die  richtigen  Leute  zu  entscheiden.  Sie  sitzen  nicht  bei  den
linksstehenden  Parteien.  Hier  sind  entweder  direkte  Feinde  oder  sehr  laue
Freunde.  Daher  kann  bei  jeder  Wahl  die  Parole  für  den  gewerblichen  Mittelstand
nur  lauten:  Los  vom  Liberalismus  im  allgemeinen  und  vom  Freisinn  im  besonderen!

Ein  Angehöriger  des  gewerblichen  Mittelstandes  kann  je  nach  seiner  sonstigen
persönlichen  Stellung  oder  nach  den  Parteioerhältnissen  seines  Wahlkreises  vernünftigerweise ­
  seinen  Vertreter  nur  entnehmen  aus  den  Reihen
1.  der  Deutsch-Konservativen,
2.  des  Zentrums,
3.  der  deutsch-sozialen  Reformpartei,
4.  des  Bundes  der  Landwirte.
Andere  Parteien  darf  es  für  ihn  nicht  geben.  Als  Prüfsteine  für  die  einzelnen ­
  Kandidaten  schlage  ich  je  nach  der  Kompetenz  der  in  Frage  kommenden
Körperschaft  die  nachstehenden  Punkte  vor:
1.  Bei  Kommunalwahlen  haben  sich  die  Kandidaten  darüber  zu  erklären,
wie  sie  sich  bei  eventuellen  Gehaltsaufbesserungen  für  kommunale  Beamte  stellen
        <pb n="124" />
        123

wollen,  wenn  diese  einem  Konsumverein  angehören.  Nur  bei  strikter  Verweigerung ­
  jeder  Gehaltsaufbesserung  an  solche  Leute,  welche  dem  elementarsten
Grundsatz  des  Zusammenwohnens  „Leben  und  leben  lassen!"  zuwiderhandeln,
haben  Angehörige  des  durch  die  Konsumvereine  geschädigten  Mittelstandes  ihre
Stimmen  dem  Kandidaten  zu  geben.  Denn  es  ist  ein  unsinniges  Verlangen,  daß
Beamte  auch  noch  durch  die  Steuern  derer,  die  sie  selbst  schädigen,  neue  Mittel
erhalten  sollen,  um  ihre  Schädigungen  noch  weiter  ausdehnen  zu  können.
In  bezug  aus  die  Warenhäuser  sind  die  Kandidaten  zu  fragen,  ob  sie  ihren
Einfluß  jederzeit  für  Einführung  einer  stark  progressiven  Umsatzsteuer,  für
Durchführung  von  strengen  baupolizeilichen  Vorschriften  und  für  Abschaffung
der  Lehrlingszüchterei  in  Warenhäusern  geltend  machen  wollen.
2.  Bei  Landtagswahlen  ist  die  Stellung  der  Kandidaten  zu  einem  Verbot
der  Zugehörigkeit  von  Beamten  zu  Konsumvereinen  festzulegen.  Zu  einem
solchen  Verbot  sind  die  Landtage  durchaus  berechtigt.  Denn  die  Landtage  haben
mit  ihren  Regierungen  im  eigensten  Interesse  der  Beamten  dafür  zu  sorgen,  daß
die  Hilfsquellen  der  Länder  in  gesundem  Zustand  bleiben.  Wer  soll  sonst  später
die  Gehälter  bezahlen,  wenn  die  zahlreichen  Steuerzahler  des  gewerblichen  Mittelstandes ­
  ruiniert  sind?  Es  müßten  dann  die  Beamtengehälter  herabgesetzt
werden,  was  sich  viele  Beamten  gar  nicht  klarmachen.  Diese  denken  zumeist,
Gehälter  können  nur  erhöht  werden.
Da  die  Gewerbefreiheit  zur  Kompetenz  des  Reiches  gehört,  so  können  in
den  Landtagen  nur  Umsatzsteuern  für  die  Warenhäuser  beschlossen  werden.  Bei
ihrer  Normierung  sollte  man  sich  überall  an  die  Beschlüsse  halten,  welche  die
verstärkte  Kommission  des  Preußischen  Abgeordnetenhauses  für  Handel  und  Gewerbe ­
  mit  großer  Majorität  gegen  die  Stimmen  der  Freisinnigen,  der
Nationalliberalen  und  der  Freikonservativen  gefaßt  hat.  Es
ist  die  untere  Grenze  der  Besteuerung  auf  200  000  Mk.  Umsatz  herabzusetzen.
Die  Steuer  beginnt  mit  1  Proz.,  steigt  aber  sowohl  nach  dem  Umsatz  als
auch  nach  der  Anzahl  von  Warengruppen  bis  zu  5  Proz.  Ferner  ist  keine  Bestimmung ­
  für  eine  Höchstbesteuerung  einzufügen,  welche  etwa  vom  Reingewinn
abhängig  gemacht  wird.  Die  Umsatzsteuer  ist  stets  in  voller  Höhe  zu  entrichten,
die  Warenhäuser  weisen  ja  mit  ihrem  Grundsatz:  „Größter  Umsatz  bei  kleinstem
Verdienst"  selbst  darauf  hin.
3.  Bei  Neichstagstvahlen  unterhalte  man  sich  mit  den  Herren  Kandidaten
vor  allem  über  die  Ausschließung  der  Konsumvereine  aus  der
Reihe  der  Genosse  us  chasten.  Oben  ist  streng  nachgewiesen,  daß  das
Wesen  der  Konsunwereine  dem  Geist  des  Genossenschaftsprinzips
der  Selbsthilfe  widerspricht.  Die  Konsumvereine  haben  eine
        <pb n="125" />
        124

staatsauf  löse  nd  e  Tendenz.  Sie  sind  also  von  den  Vorteilen  des
Genossenschaftsgesetzes  auszuschließen.
Die  Warenhäuser  sind  der  Konzession  zu  unterwerfen,
da  sie  als  dauernde  Jahrmärkte  angesehen  werden  müssen.  Bei  bestehenden
Warenhäusern  ist  jeder  Anbau  konzessionspflichtig.  Die  Konzession  ist  von  der
Bedürfnisfrage  abhängig  zu  machen.
Endlich  gelte  als  oberster  politischer  Leitsatz:
Es  sind  wohl  Versammlungen  für  Angehörige  des  gewerblichen ­
  Mittel  st  andes  anzuberaumen,  um  311  den  verschiedenen ­
  Fragen  Stellung  zu  nehmen,  aber  es  ist  von
jeder  Gründung  einer  Mittel  st  andspartei  abzusehen.  Bei
Wahlen  hat  bisher  stets  der  dem  Mittelstand  feindliche  Liberalismus  oder  die
Sozialdemokratie  den  Vorteil  von  solchen  Mittelstandsgründungen  gehabt.  Die
Mittelstandsangehörigen  sind  vielmehr  dringend  zum  Eintritt  in  eine  der  obengenannten ­
  vier  bestehenden  politischen  Parteien  zu  ermahnen.
Bei  Jnnehaltung  solcher  Marschroute  kann  und  wird  dem  gewerblichen ­
  Mittelstand  geholfen  werden  zum  Heile  unseres  schönen,  großen  Vaterlandes! ­
        <pb n="126" />
        Sachregister

Die  Zahlen  bedeuten  die  Seiten.

Aufklärung,  Bedeutung  der  92
Ausbeutung,  Angebliche  politische,  der  Not
des  Mittelstandes  26—29.
Barzahlung  von  und  in  den  Konsumvereinen,
Märchen  von  der  52,  53
Beneficium  Polyphemi  90,  91
Bergbau,  Kleinbetriebe  im  66,  67
Brief,  Offener,  des  Prof.  Staudinger  an
mich  22
v.  Budde,  Erlast  des  Herrn  58.
Diäten,  Nutzlosigkeit  der,  für  Mittelstandskandidaten
  121,  122
Diskreditierung,  Niederträchtige,  einzelner
Geschäfte  durch  Warenhäuser  77
Dividende,  Unfruchtbarkeit  der  Konsum-Vereins-
  51.
Ehrenämter,  Städtische  96
Eisenbahnen,  Betriebssicherheit  der  60
—  Schattenseiten  von  69
Eiseubartklir,  Wirtschaftliche,  der  Sozii  37
Englandreise,  Wert  der  43
Englandreisenden,  Gruppenbild  der  56
Entwickelung  der  Menschheit,  Bedeutung
der  Warenhäuser  für  die  82,  83
Erdrosselungsgeschrci  der  Warenhäusler  90
Experiment,  Bedeutung  für  die  Gesetzgebung ­
  87.
Fabriken,  Folgen  ihrer  Massengründung  41
Faustrecht  im  Wirtschaftsleben  31
Feindschaft  zwischen  Stadt  und  Land  15
Fermentationsprozest,  seelischer  19,  20.

Freiheit  in  den  Konsumvereinen  38,  39
Friedens,  Störer  des  wirtschaftlichen  23
Fronabteilung  im  Genossenschaftsstaat  40
Fühlfäden,  Geheime,  sür  Ne  Dörfer  78,  79.
Genossenschaftsregister,  Einsicht  in  das  93
Genossenschaststag,  Kreuznacher  23
Gerechtigkeit  als  Grundlage  des  Staates
86,  87
Gerichtsbeschluß,  Wichtiger  63
Geschäftsanteile,  Zweck  ihrer  Erhöhung  in
Konsumvereinen  53
Geschäftsbetrieb,  Gemeinschaftlicher,  im  Sinn
des  Genossenschaftsgesetzes  116
Gesetzwidrigkeit  einer  Verlosung  durch  Konsumvereine ­
  110
Gcwaltstreich  eines  Hallischen  Konsumvereins ­
  62
Gewerbefreiheit,  Revision  der  21
Gewerblicher  Mittelstand,  Allgemeine  Lage
des  10
als  Publikum  in  den  Warenhäusern ­
  79
Alter  35
Expropriation  des  17
Grundbedingung  der  Heilung  seiner
Nöte  21
Meuchelmord  des  64
Äquivalent  des,  sür  die  Arbeiterschutzgesetzgebung ­
  81
Stellung  der  Frauen  zu  ihm  11,12
Teilnahmlosigkeit  des  13
Tragischer  Konflikt  im  15
Zeitgeist  im  15
Grostkapitalismus  der  Konsumvereine  38.
        <pb n="127" />
        126

Handel,  Der,  Besitztum  des  ehrbaren  Kaufmanns ­
  73
Hintansetzung  der  Menschen  hinter  die
Kalkulation  16
Hinterhalt,  Sozialdemokratischer  57.
Illusion,  Unglückliche,  der  Warenhäuser  74
Industrieller  Mittelstand,  Angebliche  Schaffung ­
  des,  durch  die  Warenhäuser  85
Innungen,  Stadtwirtschaft  der  83
Intelligenz  der  Warenhäuser  18
Juden  als  Hauptträger  des  Warenhausprinzips ­
  88.
Kapital,  Definition  nach  Staudinger  32
Kaserne,  Nationalökonomische,  Staudingers
36
Kleinbetriebe,  Existenzberechtigung  der  16,17
Kleinhandel  als  Sammelbecken  44
Klippen  des  sozialen  Friedens  81
Kolumbusei,  Wirtschaftliches  42
Kommunalwahlen,  Verhallen  bei  122
Konsumvereine  als  Absauger  des  Kapitals
des  Mittelstandes  33
—  als  Boykottanstalten  64
—  als  sozialdemokratische  Waffen  55,  56
—  Einige  Mitgliederzahlen  der  25
Konzentration,  Mtzlichkeitsgrcnze  im  Kleinhandel ­
  67
KonzessionsPflicht  der  Konsumvereine  und
Warenhäuser  21,  124
Kreuznacher  Genossenschaftstag  23
Kreuzzeitung,  Verhalten  der  59.
Lagerhalter  als  Haupthetzer  der  Sozii  auf
den  Dörfern  55
Landtagswahlen,  Verhalten  bei  123
Landwirtschaft,  Kleinbetriebe  in  der  66,  67
Liberale  Lehre  vom  freien  Spiel  der  Kräfte,
Hypnotisierende  Wirkung  der  12
—  Presse  als  Dienerin  des  internationalen
Großhandels  16
Schuld  der  15
Listen  der  Konsumvereinsmitglieder  93
Literaturangabe  8
Lückenbüßer,  Kaufleute  als  95.

Markensystem,  Unzulässigkeit  des  115
Mehrwert,  Wirtschaftlicher,  einer  alten  Mittelstandsexistenz ­
  über  eine  neue  35
Meuchelmord  des  gewerblichen  Mittelstandes
64
Mittelstandsexistenz,  Gewerbliche,  Definition
der  121,  122
Mittelstandsfeinde  28
Mittelstandsvernichter,  Generalstab  der  23
Mittelstand,  Industrieller,  Seine  angebliche
Schaffung  durch  die  Warenhäuser  85
Mode,  Wechselnde  84
Möller,  Nutzen  der  Offenheit  von  Exz.  18,  19
Monroedoktrin,  Wirtschaftliche  80
Musterantrag  für  Beschwerde  wegen  Rabattbedrückung ­
  durch  Konsumvereine  114  bis
120.
Nächstenliebe,  Christliche  39
Nebenämter,  Kabinettsorder  über  60.
Öffentliche  Meinung,  Macht  der  14.
Parteien,  Mittelstandsfreundliche  28,  122
Personalunion  zwischen  Konsumvereins-  und
sozialdemokratischer  Leitung  61
Prämienverlosungsgarantiefonds  111
Produktivgenossenschaften  der  Konsumvereine
39-44
Produktivgenossenschaften,  Wahres  Gesicht
der  englischen  43
Profit,  Ausschaltung  des  großkapitalistischen
39
Prüfsteine  bei  Wahlen  für  die  Mittelstandskandidaten ­
  123.
Rabatt-Prämien-Verlosung  108—112
Rabatt-Spar-Bücher  zu  10  oder  5  Mark
97
Rabatt-  Spar  -  Vereine,  Grundgedanke  der  97
—  Ausdehnung  der,  auf  umliegende  Dörfer
98
—  Musterstatut  für  100  -107
—  Ratschläge  für  Neugründungen  100
—  Halle,  Rundschreiben  des  93—95
Rachsucht  der  Masse  40
Ratschläge  für  die  praktische  Agitationsarbeit
92,  93
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        127

Rechtlosigkeit  der  Konsumvereinsmitglieder  63
Rechtsweg  als  Hilfsmittel  gegen  Konsumvereine ­
  113—120
Reichstagswahlcn,  Verhalten  bei  123
Rochdaler  Dunkelmänner  30.

Terrorisierung  der  Arbeiter  durch  die  Sozii
39,  40
Tragischer  Konflikt  im  gewerblichen  Mittelstand ­
  15
Lösung  des  19.

Saalezeitung,  als  größte  freisinnige  Sünderin
20
Sammelbecken,  Der  Kleinhandel  als  44
Schädigungen  der  einzelnen  Stände  durch
Konsumvereine  und  Warenhäuser  46  ff.
a)  der  Arbeiter.47
b)  der  Beamten  48
c)  der  Großkaufleutc  49
d)  der  Handwerker  48
e)  der  Hausbesitzer  49
f)  der  Rentner  49
Schiffsnamen  der  englischen  Konsumvereine
56
Selbsthilfe,  Definition  der  31
—  Wirkliche  32
Selbstschuld,  Angebliche,  der  Kaufleute  an
ihrer  Not  44,  71—73
Siebenschläferlegende  im  Frondienst  der  Konsumvereine ­
  34
Sozialdemokratie,  Herrschaft  der,  in  Konsum-Vereinen
  54  ff.
Sozialen  Friedens,  Klippen  des  81
Soziale  Rechte  und  Pflichten  29
Staudinger,  Seine  politische  Parteistellung
28,  29
—  Unüberlegtheit  des  Herrn  26.
Taschenspielerkunststück  der  Konsumvereinlcr
51

Umsatzsteuer,  Verbesserung  der  89
Unterströmungen  in  einigen  Schutzvereinen
für  Handel  und  Gewerbe  96.
Verbesserung  der  Umsatzsteuer  89
Versammlungsbesuch,  Bedeutung  der  Anwesenheit ­
  und  des  Auftretens  7
—  Notwendigkeit  der  Vorbereitung  dafür  6
Versteckenspielen  der  Sozii  57.
Warenhaus  für  Armee  und  Marine  45
—  für  Beamte  45
Warenhäuser  als  Dauerjahrmärkte  68
—  als  Schutzmittel  gegen  Syndikate  86
—  Ausnahmetage  der  78
—  Geist  der  75
—  Konditionen  der  85
—  Konzessionspflicht  der  21,  124
—  Ruinöse  Wirkung  der  70
—  Schäden  der,  für  jeden  Stand  81
—  Selbstlob  der  64,  65
—  Weltwirtschaft  der  83
—  Zeitersparnis  in  84
Warenverweigerung  an  Konsumvereinsmitglieder ­
  96
Weltordnung,  Nutzen  eines  Übels  vom  Gesichtspunkt ­
  einer  höheren  74

Züge,  Gemeinsame,  zwischen  Konsumvereinen
"V,  und  Warenhäusern  24

der  Konsume\t



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Tendenz,  Staatsanflösendc,
vereine  30

Buchdruckerei  des  Waisenhauses  in  Halle  a.  S.
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        the  scale  towards

92

Aufklärung

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§  56.
21I§  erstes  Mittel  der  Selbsthilfe  ist  die  Aufklärung  zu  nennen.  Dieselbe
hat  stets  zu  betonen,  daß  es  sich  bei  dem  Ruin  des  gewerblichelt  Mittelstandes
um  eins  der  Fundamente  unseres  Staates  handelt.  Das  ist  nicht  in  jeder  Situation
möglich,  weil  dazu  ein  weiteres  Ausgreifen  auf  nationalökonomische  und  politische
Gebiete  nötig  ist.  Auch  gehört  dazu  eine  genaue  persönliche  Bekanntschaft.  Deshalb ­
  ist  es  besser,  wenn  der  schriftliche  Weg  betreten  wird,  und  dazu  sind  am
besten  Broschüren  geeignet.  Solche  Lektüre  wirkt  nachhaltiger  als  das  gesprochene ­
  Wort  und  kann  jedem  leicht  ins  Haus  geschickt  werden.  Man  denke  aber
bei  der  Auswahl  der  Adressaten  ja  nicht  nur  an  Konsumvereinsmitglieder  oder
bekannte  Warenhausläufer.
Es  ist  durchaus  unpraktisch,  eine  schwere  Arbeit  am  schwierigsten  Ende
anzufassen.  Ein  Knaul  wickelt  sich  am  besten  von  da  auf,  wo  sich  das  Ende
einenl  von  selbst  entgegenstreckt.  Man  sende  vor  allem  passende  Broschüren  an
treue  Kunden  und  verständige  Familien.  Bei  dieser  Gelegenheit  danke  man
ihnen  und  bitte  sie,  auch  ferner  im  freien  Geschäftsverkehr  zu  bleiben.  Das  ist
nötig,  weil  täglich  viele  Versucher  auch  an  Wohlgesinnte  herantreten.  Durch
Zusendung  von  Dankschreiben  aber  werden  nicht  nur  die  alten  Kunden  erhalten,
was  das  Wichtigste  und  Leichteste  ist,  sondern  diese  werden  auch  zu  Bundesgenossen ­
  und  Helfern  in  dem  Kampfe  des  gewerblichen  Mittelstandes,  weil  ihnen
durch  die  Lektüre  neue  Gesichtspunkte  und  klare  Tatsachen  für  die  Unterstützung
und  begriffliche  Erfassung  ihrer  ihnen  öfter  nur  dunkel  vorschwebenden  wohlmeinenden ­
  Gesinnung  geboten  werden.  Geeignete  Anschreiben  erhalten  solche
Gewerbetreibende,  welche  die  von  mir  verfaßten  Broschüren  als  Aufklärungsschriften ­
  verschicken  wollen,  von  der  Buchhandlung  des  Waisenhauses  in  Halle
gratis  in  der  gewiinschten  Anzahl.
Bekannte  und  fanatische  Konsumvereinsmitglieder  verschone  man  überhaupt
mit  Zusendungen.  Es  ist  schade  um  das  Porto  und  um  die  Broschüren.  Sie
halten  den  Konsumverein  auch  nicht,  wenn  das  Gros  der  nicht  Fanatisierten
belehrt  dem  Verein  den  Rücken  gekehrt  hat.  Denn  die  Fanatiker  wollen  nicht
durch  sich,  sondern  durch  die  anderen  verdienen,  indem  sie  Stellenjägerei  betreiben. ­
  Sie  ekeln  sich  später  allein  aus  dem  Verein  heraus.  Rur  die  recht
und  billig  Denkenden  berücksichtige  man  bei  einer  Schristenverteilung.  Auch  sie
werden  am  besten  in  einem  Begleitschreiben  angeredet.  Hiersiir  passende  Begleitschreiben ­
  stehen  gleichfalls  gratis  für  meine  Broschüren  zur  Verfügung.
Eine  gut  ausgestattete  Broschüre  ist  viel  besser  als  ein  vergängliches  Flugblatt. ­
  Flugblätter  nützen  gar  nichts,  namentlich  nicht  kurzgefaßte,  mit  einigen
Schlagworten  versehene.  Sie  verbittern  bloß  und  lösen  die  Frage  nicht,  können

3
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