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        <title>Antike Wirtschaftsgeschichte</title>
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            <forname>Otto</forname>
            <surname>Neurath</surname>
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        </author>
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        —  ——-

Aus  Natur  und  Geisteswelt
Lamvàng  wissenschaftlich  -gemsiiwrrständlicher  Darstellungen

O.  Neurach

ñntike  Wirtschaftsgeschichte

Verlag  von  B.  G.  Teulmer  in  Leipzig
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Ein  vollständiges  Verzeichnis  der  Sammlung  „Ñus  Natur
und  Geisteswelt"  befindet  sich  am  Schluß  dieses  Bandes.

fltluffi  alla.  400:109.
        <pb n="3" />
        Die  Sammlung
„Ñus  Natur  und  Geisteswelt"
die  nunmehr  auf  ein  mehr  denn  zehnjähriges  Bestehen  zurückblicken
darf  und  jetzt  über  275Bände  umfaßt,  von  denen  60  bereits  in  zweiter
bis  vierter  Auflage  vorliegen,  verdankt  ihr  Entstehen  dem  Wunsche,
au  der  Erfüllung  einer  bedeutsamen  sozialen  Aufgabe  mitzuwirken.
Sie  soll  an  ihrem  Teil  der  unserer  Kultur  aus  der  Scheidung  in
Kasten  drohender  Gefahr  begegnen  helfen,  soll  dem  Gelehrten  es
ermöglichen,  sich  an  weitere  Kreise  zu  wenden,  dem  materiell  arbeitenden ­
  Menschen  Gelegenheit  bieten,  mit  den  geistigen  Errungenschaften ­
  in  Fühlung  zu  bleiben,  ver  Gefahr,  der  Halbbildung  zu
dienen,  begegnet  sie,  indem  sie  nicht  in  der  Vorführung  einer  Fülle
von  Lehrstoff  und  Lehrsätzen  oder  etwa  gar  unerwiesenen  Hypothesen ­
  ihre  Ñufgabe  sucht,  sondern  darin,  dem  Leser  Verständnis
dafür  zu  vermitteln,  wie  die  moderne  Wissenschaft  es  erreicht  hat,
über  wichtige  Fragen  von  allgemeinstem  Interesse  Licht  zu  verbreiten. ­
  So  lehrt  sie  nicht  nur  die  zurzeit  auf  jene  Fragen  erzielten ­
  Antworten  kennen,  sondern  zugleich  durch  Begreifen  der  zur
Lösung  verwandten  Methoden  ein  selbständiges  Urteil  gewinnen
über  den  Grad  der  Zuverlässigkeit  jener  Antworten.
Ls  ist  gewiß  durchaus  unmöglich  und  unnötig,  daß  alle  Welt
sich  mit  geschichtlichen,  naturwissenschaftlichen  und  philosophischen
Studien  befasse.  (Es  kommt  nur  darauf  an,  daß  jeder  Mensch  an
einem  Punkte  sich  über  den  engen  Kreis,  in  den  ihn  heute  meist
der  Beruf  einschließt,  erhebt,  an  einem  Punkte  die  Freiheit  und
Selbständigkeit  des  geistigen  Lebens  gewinnt.  In  diesem  Sinne
bieten  die  einzelnen,  in  sich  abgeschlossenen  Schriften  gerade  dem
„Laien"  auf  dem  betreffenden  Gebiete  in  voller  Anschaulichkeit  und
lebendiger  Frische  eine  gedrängte,  aber  anregende  Übersicht.
Freilich  kann  diese  gute  und  allein  berechtigte  Art  der  Popularisierung ­
  der  Wissenschaft  nur  von  den  ersten  Kräften  geleistet
werden;  in  den  vienst  der  mit  der  Sammlung  verfolgten  Aufgaben ­
  haben  sich  denn  aber  auch  in  dankenswertester  weise  von
Anfang  an  die  besten  Namen  gestellt,  und  die  Sammlung  hat  sich
dieser  Teilnahme  dauernd  zu  erfreuen  gehabt.
So  wollen  die  schmucken,  gehaltvollen  Bände  die  Freude
am  Buche  wecken,  sie  wollen  daran  gewöhnen,  einen  kleinen  Betrag, ­
  den  man  für  Erfüllung  körperlicher  Bedürfnisse  nicht  anzusehen ­
  pflegt,  auch  für  die  Befriedigung  geistiger  anzuwenden.  Durch
den  billigen  preis  ermöglichen  sie  es  tatsächlich  jedem,  auch  dem
wenig  Begüterten,  sich  eine  kleine  Bibliothek  zu  schaffen,  die  das
für  ihn  wertvollste  „Aus  Natur  und  Geisteswelt"  vereinigt.
Leipzig,  1909.  .  '  B.G.Teubner.
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        Ñus  Natur  und  Geisteswelt
Sammlung  wissenschaftlich  -  gemeinverständlicher  Darstellungen
■  258.  Vändchen  '  —

Ñntike  Wirtschaftsgeschichte

von

Dr.  Otto  Neurath
in  Mn

Druck  und  Verlag  von  D.  G.  Teubner  in  Leipzig  1909
«
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        Inhaltsverzeichnis.

Vorwort

Seite
in

Einleitung:  Die  Entwicklung  der  antiken  Wirtschaftsgeschichte  .  1
Erstes  Kapitel:  Übersicht  über  die  wirtschaftliche  Entwicklung  des
Orients  bis  zur  Schaffung  des  griechisch-orientalischen  Wirtschaftssystems ­
  (bis  Ende  4.  Jahrh.  v.  Chr.)  8
Zweites  Kapitel:  Das  Zeitalter  des  Schatzhandels  in  Griechenland ­
  (bis  Mitte  8.  Jahrh.  v.  Chr.)  25
Drittes  Kapitel:  Das  Zeitalter  der  griechischen  Kolonisation
(Mitte  8.  Jahrh.  v.  Chr.  bis  Ende  L.  Jahrh.  v.  Chr.)  ....  32
Viertes  Kapitel:  Das  griechische  Wirtschaftssystem  (Ende  6.  Jahrh.
v.  Chr.  bis  Ende  4.  Jahrh.  v.  Chr.)  51
Fünftes  Kapitel:  Das  griechisch-orientalische  Wirtschaftssystem
(Ende  4.  Jahrh.  v.  Chr.  bis  Mitte  2.  Jahrh.  v.  Chr.)  ....  79
Sechstes  Kapitel:  Die  Entwicklung  der  römischen  Weltwirtschaft
(bis  Ende  1.  Jahrh.  v.  Chr.)  93
Siebentes  Kapitel:  Das  römische  Reich  als  Wirtschaftskörper
(Ende  der  Republik  und  Beginn  der  Kaiserzeit)  114
Achtes  Kapitel:  Ausbau  und  Ende  der  antiken  Weltwirtschaft
(von  Ende  1.  Jahrh.  v.  Chr.)  128
Überblick  165

stile  Rechte,  einschließlich  ^des  Übersetzungsrechts,  vorbehalten.
        <pb n="7" />
        Vorwort.

Wenn  auch  die  bisherigen  Forschungsergebnisse  nicht  ausreichen,
eine  vollständige  Schilderung  der  antiken  Wirtschaft  zu  geben,  so
ist  es  doch  schon  möglich,  die  wichtigsten  Typen  der  wirtschaftlichen
Organisationen,  die  das  Altertum  hervorgebracht  hat,  in  Umrissen
zu  skizzieren.  Die  neuere  Literatur  zu  zitieren,  habe  ich  unterlassen, ­
  da  ich  dann  Abweichungen  hätte  begründen  und  den  ohnehin ­
  beschränkten  Raum  noch  weiter  hätte  verkürzen  müssen.  Hingegen ­
  habe  ich  manches  durch  Stellen  aus  den  alten  Autoren,  die
vielen  Lesern  leicht  zugänglich  sind,  belegt  und  hoffe,  so  dazu  beitragen ­
  zu  können,  daß  man  den  alten  Autoren  in  weiteren  Kreisen
mehr  Aufmerksamkeit  schenkt,  als  dies  vielfach  üblich  ist,  woran
unsere  Schulen  nicht  an  letzter  Stelle  die  Schuld  tragen.  Ich  habe  es
im  allgemeinen  vermieden,  Kontroversen  zu  berühren,  und  lieber
manchmal  eine  etwas  verschwommene  Ausdrucksweise  gewählt  oder
gewisse  Punkte  gar  nicht  erwähnt.  Hingegen  habe  ich  mich  nicht
gescheut,  eine  bestimmte  Meinung  auszusprechen,  wenn  mir  dieselbe
als  die  richtige  erschien,  ohne  die  gegenstehende  zu  erwähnen,  da
ich  in  der  vorliegenden  Darstellung  in  erster  Linie  ein  einheitliches ­
  Bild  geben  wollte.
Um  meine  Darstellung  nicht  zu  sehr  mit  Details  zu  belasten,
habe  ich  typische  Staaten  und  Institutionen  etwas  ausführlicher
behandelt,  anderes  dafür  ganz  weggelassen.  Das  Gesamtbild  der
Wirtschaftsverhältnisse  —  und  ein  solches  zu  geben,  warmein
Ziel  —  wird  dadurch  wenig  verschoben,  und  wer  Einblick  in  die
Staatenbeziehungen  gewinnen  will,  wird  sich  an  andere  Bücher
wenden.
Das  eigentliche  Thema  wird  in  Kapitel  III  bis  VII  behandelt,
während  die  ersten  beiden  Kapitel  und  das  VIII.  Kapitel  als  Ergänzung ­
  anzusehen  sind,  die  ich  nicht  immer  in  derselben  Weise
vorwiegend  quellenmäßig  behandelt  habe.
Die  Einleitung  kann  ohne  weiteren  Schaden  für  die  Lektüre
überschlagen  werden.  Gewisse  Materien,  so  metrologische,  habe  ich
ganz  ausgeschaltet.  Wenn  wir  auch  die  ausgezeichneten  Unter-
        <pb n="8" />
        IV

Vorwort.

suchungen  Belochs  über  die  antike  Bevölkerung  besitzen,  deren
Gesamtergebnissen  ich  in  vielem  gefolgt  bin,  so  ist  doch  noch  so
vieles  kontrovers,  daß  ich  von  einer  Verwertung  der  einzelnen
Zahlenergebnisse  in  einer  Gesamtdarstellung  absehen  zu  müssen
glaubte.  Auch  Geldsummen  habe  ich  nicht  angeführt,  da  die  Metallbestimmung ­
  vielfach  strittig  ist  und  überdies  dem  Leser,  wie  ich
glaube,  wenig  damit  gedient  ist,  wenn  die  antiken  Summen  nach
manchmal  recht  bedenklichen  Methoden  in  Mark  umgerechnet  werden,
und  wenn  nicht  gleichzeitig  eingehende  Mitteilungen  über  die  Kaufkraft ­
  des  Geldes,  Verteilung  der  Vermögen  und  ähnliches  gemacht
werden.
Denjenigen,  welche  den  Zusammenhang  der  Wirtschaftsverhältnisse ­
  mit  den  politischen  weiter  verfolgen  wollen,  sei:  Ed.  Meyers
Geschichte  des  Altertums.  Belochs  Griechische  Geschichte  und
Mommsens  Römische  Geschichte  empfohlen;  sowie  zur  Ergänzung
Schillers  Geschichte  der  römischen  Kaiserzeit.
Ed.  Meyer  behandelt  die  Geschichte  des  ganzen  Mittelmeerbeckens ­
  bis  zum  Beginn  der  hellenistischen  Zeit,  Beloch  die  Geschichte ­
  der  griechischen  Welt,  mit  Ausblicken  auf  die  römische  und
orientalische  Geschichte,  bis  zum  Ausgang  der  hellenistischen  Zeit.
Mommsen  schildert  in  Bd.  I—III  die  gesamte  römische  Geschichte
bis  zum  Ende  der  Republik  und  in  Bd.  V  die  Provinzialgeschichte
bis  Diokletian,  Bd.  IV  fehlt.  Schillers  Werk  umfaßt  die  gesamte
Kaiserzeit.
Ausreichendes  kartographisches  Material  findet  sich  in  dem  bei
Perthes  erschienenen  kleinen  atlas  antiquus.
Es  bleibt  mir  nur  noch  übrig,  Herrn  Eduard  Meyer  (Berlin)
für  die  von  ihm  während  meiner  Studien  empfangenen  zahlreichen
Anregungen  sowie  den  Herren  W.  Max  Müller  (Philadelphia),
Paul  Stengel  (Berlin)  und  Carl  Wessely  (Wien)  für  freundliche
Winke  zu  danken.
Wien  1909.

Der  Verfasser.
        <pb n="9" />
        Einleitung.
Die  Entwicklung  der  antiker:
Wirtschaftsgeschichte.
Es  ist  cine  allgemeine  Unmöglichkeit,  von  vornherein
das  System  von  Beobachtungen  auszubilden,  das  geeignet ­
  wäre,  jeder  positiven  Theorie  als  unmittelbare
Grundlage  zu  dienen.
Comte,  Darstellung  der  positiven  Philosophie.
Die  Weisen  der  Griechen  und  Römer  haben  jahrhundertelang
um  das  Bildungsideal  gekämpft;  während  die  einen  im  Glauben
an  ein  höchstes  Gut  den  Weg  zu  diesem  zeigen  wollten,  bemühten
sich  andre,  die  an  einem  allgemeinen  Ideal  zweifelten,  nur  die
Kräfte  der  Jünglinge  zu  üben,  damit  diese  jedes  beliebige  Ziel
erreichen  könnten.  Macht  und  politischer  Einfluß  erschienen  zuweilen ­
  beiden  Richtungen,  vor  allem  aber  letzterer  erstrebenswert.
Als  im  römischen  Kaiserreich  die  politischen  Gegensätze  iminer  mehr
in  den  Hintergrund  traten,  wurden  aus  den  früheren  Kämpfern
bloße  Konkurrenten,  von  denen  jeder  auf  seine  Art  Bildung
vermitteln  wollte,  eine  Bildung  freilich,  die  jener  der  alten  Philosophen ­
  und  Sophisten  gleich  unähnlich  war.  Daneben  traten  die
ernsteren  Reformatoren  wenig  hervor,  und  die  großen  Umwälzungen
am  Ende  der  Antike  sind  weder  auf  heidnischer,  noch  auf  christlicher
Seite  vorwiegend  durch  die  offiziellen  Träger  der  Bildung  bewirkt
worden.  Ehe  das  alte  Heidentum  unterging,  faßte  es  all  das
zusammen,  was  es  für  den  Inbegriff  der  Bildung  hielt  —  es  war
wenig  genug  —,  dann  starb  es.  Das  junge  Christentum  eignete
sich  diesen  Bildungsstoff  bereits  früh  an,  zumal  viele  Verkündiger
der  neuen  Lehre  der  alten  Weisheit  kundig  waren.  Im  6.  Jahrhundert, ­
  als  das  Erwachen  des  Heidentums  nicht  mehr  befürchtet
wurde,  verband  man  bereits  recht  eng  die  weltliche  Bildung  mit
der  geistlichen.  Es  war  das  Bildungssystem  der  sieben  freien
Künste,  welches  vorwiegend  auf  diesem  Wege  vom  Mittelalter
übernommen  wurde.  Die  römisch-katholische  Kirche  vermittelte  so
den  germanischen  und  romanischen  Völkern  die  Antike,  aber  auch
ANuG  258:  Neurath,  antike  Wirtschaftsgeschichte.  1
        <pb n="10" />
        2  Einleitung.  Entwicklung  der  antiken  Wirtschaftsgeschichte.
die  byzantinische  Welt  pflegte  die  antike  Wissenschaft  und  brachte
den  westlichen  Völkern  mannigfache  Anregung.
Im  Rahmen  dieser  Bildung  war  wenig  Raum  für  die  Überlieferung ­
  antiker  Wirtschaftsverhältnisse.  Am  ehesten  beschäftigte ­
  man  sich  noch  mit  ihnen,  wenn  man  einmal  ernstlich
daran  dachte,  einen  antiken  Autor  zu  interpretieren  oder  die
Meinung  eines  Theologen  durch  antike  Argumente  zu  stützen.  Viel
Anregung  gewährten  die  Agrarschriftsteller  der  Römer,  die
man  in  der  Praxis  bis  ins  18.  Jahrhundert  benutzte  und  sorgfältig ­
  studierte.  Daneben  enthielten  die  Schriften  der  Juristen
für  den  mittelalterlichen  Menschen  manches  aus  der  Wirtschaftsgeschichte. ­
  Aber  all  diese  mehr  oder  weniger  vereinzelten  Kenntnisse ­
  regten  nickt  zu  einem  systematischen  Studium  an,  da  die
schöpferische  Kraft  der  europäischen  Völker  von  religiösen  Reflexionen
absorbiert  war  und  manche  Wirrnisse  die  Menschen  in  Anspruch
nahmen,  so  daß  man  über  eine  kritiklose  Rezeption  des  antiken
Stoffes,  der  ja  recht  ärmlich  war,  meist  nicht  hinauskam.
Erst  der  Betrieb  der  Philologie,  wie  er  sich  am  Ende  des
Mittelalters  auszubilden  begann,  trug  wesentlich  dazu  bei,  ernsthaft ­
  die  Frage  auszuwerfen,  wie  denn  die  Wirtschaft  der
Alten  eigentlich  beschaffen  gewesen  sei.  Doch  nicht  nur  die
Philologen  interessierten  sich  damals  für  die  Antike,  sondern  auch
die  Historiker  und  Staatsmänner.  Von  diesen  wurde  bis
ins  17.  Jahrhundert  hinein,  indem  sie  dem  Beispiele  Mac  chiavellis
  folgten,  mehrfach  der  Versuch  gemacht,  die  politischen  Erfahrungen ­
  der  Antike  für  die  Gegenwart  zu  verwerten,  wobei  die
wirtschaftlichen  Fragen  auch  eine  gewisse  Berücksichtigung  fanden.
In  diesen  Zeiten  trugen  auch  juristische  Werke,  z.  B.  die  des  Sigonius
  einen  historischen  Charakter  und  förderten  das  Verständnis ­
  antiker  wirtschaftlicher  und  sozialer  Zustände.  Daß  es  zu
keiner  Zusammenfassung  des  wirtschaftshistorischen  Materials  kam,
hing  sowohl  mit  der  mangelhaften  Überlieferung  als  auch  mit  der
ungenügenden  volkswirtschaftlichen  Bildung  zusammen.  Der
sich  um  diese  Zeit  entwickelnde  Merkantilismus,  der  die  Beeinflussung ­
  der  sozialen  und  wirtschaftlichen  Verhältnisse  durch  den
Staat  predigte,  untersuchte  die  antiken  Autoren  vom  praktischen
Gesichtspunkte  aus;  so  finden  wir,  daß  Bodinus  in  seinem  Werke
über  den  Staat  auf  die  Antike  besonders  in  den  Beispielen  Rücksicht ­
  nahm.  Nicht  die  theoretischen  Betrachtungen  der  Alten,
welche  die  früheren  Forscher  gefesselt  hatten,  so  z.  B.  den  heiligen
        <pb n="11" />
        Mittelalter,  Renaissance.

3

Thomas  die  Urteile  des  Aristoteles  über  den  Wucher,  zog  Bodinus
vorwiegend  heran,  sondern  die  überlieferten  Tatbestände,  indem
er  zeitgenössische  Wirtschaftsverhältnisse  durch  antike  beleuchtete.
Die  Niederländer,  die  sich  in  der  Folgezeit  mit  Wirtschaftsfragen
sehr  viel  theoretisch  beschäftigten,  haben  die  Antike  zur  Erläuterung ­
  vielfach  benutzt,  auch  antike  Probleme  speziell  behandelt.  Die
so  oft  erörterte  Frage  von  der  Erlanbtheit  des  Zinsennehmens
rief  zu  Anfang  des  17.  Jahrhunderts  eine  große  Literatur  hervor,
in  der  die  Antike  eingehend  berücksichtigt  wurde  und  zum  Teil
Resultate  von  bleibendem,  wissenschaftlichem  Werte  erzielt  wurden.
Doch  können  wir  von  da  ab  einen  Stillstand  in  der  Entwicklung
der  wirtschaftshistorischen  Untersuchungen  konstatieren,  der  Humanismus, ­
  der  die  konkreten  Verhältnisse  oft  in  so  glücklicher  Weise
mit  der  Antike  verband,  begann  seine  Kraft  einzubüßen,  und  die
Philologie  verknöcherte.  Die  wenigen  Philologen,  die  mit  kritischem ­
  Blick  die  alte  Geschichte  durchforschten,  waren  keine  Wirtschaftshistoriker. ­

Im  18.  Jahrhundert  machten  oppositionell  gesinnte  Geister  den
Versuch,die  Zustände  der  Gegenwart  in  antikem  oder  orientalischem
Gewände  zu  schildern  und  zu  tadeln.  Eine  ganze  Literatur  dieser
Art  knüpfte  an  FenelonsTelemach  an.  Man  gewöhnte  sich  daran,
die  eigenen  Verhältnisse  mit  fremden  zu  vergleichen,  und  was  anfangs ­
  nur  tendenziös  geschah,  führte  bald  zu  einer  objektiveren
Behandlungsweise.  Es  bedurfte  nur  einer  kleinen  Wendung,  und
inan  benutzte  die  Erfahrungen  der  Gegenwart  dazu,  die  Frenlde
und  die  Vergangenheit  zu  verstehn.  Die  „Persischen  Briefe"
stammten  von  demselben  Montesquieu,  der  das  für  die  Entwicklung ­
  der  Geschichtswissenschaften  bedeutsame  Werk  „Der
Geist  der  Gesetze"  schrieb,  dem  Voltaires  Studien  „über  die  Sitten
und  den  Geist  der  Nationen"  an  die  Seite  zu  stellen  wären.  Während
aber  letzteres  Buch  vorwiegend  der  Kritik  der  Gegenwart  diente,
ist  ersteres  im  wesentlichen  objektiv.  Montesquieu  zeigte  darin
ebenso  wie  in  seinem  Werke  „über  die  Ursachen  von  der  Größe
der  Römer  und  ihrem  Verfall"  die  Fähigkeit,  vergangene  Verhältnisse ­
  dadurch  zu  erfassen,  daß  er  die  der  Gegenwart  verstand.
Näher  als  Montesquieu  stand  der  Philologie  ein  englischer  Forscher
jener  Zeit:  Gibbon,  der  für  wirtschaftliche  und  soziale  Fragen
ebenso  wie  Montesquieu  großes  Interesse  hatte.  Beim  Franzosen
ist  dies  aus  der  intensiven  Beschäftigung  mit  politischen  und  sozialen ­
  Fragen  zu  erklären,  welche  der  Revolution  vorausging,
1*
        <pb n="12" />
        4  Einleitung.  Entwicklung  der  antiken  Wirtschaftsgeschichte.
beim  Engländer  aus  der  traditionellen  politischen  Schulung  und
dem  gesunden  Menschenverstand,  den  diese  Nation  für  wirtschaftliche ­
  Fragen  immer  gehabt  hat,  und  den  wir  z.  B.  bei  Hume,
Ferguson  und  Smith  beobachten  können,  wenn  sie  antike  Verhältnisse ­
  besprechen.  Dies  steigende  Interesse  für  die  sozialen  und
politischen  Verhältnisse  des  Altertums  wurde  in  glücklichster  Weise
durch  die  Philologie  ergänzt.
Als  die  Philologie  eine  Spezialwissenschaft  geworden  war,  beschäftigte ­
  sie  sich  nur  noch  in  beschränktem  Maße  mit  wirtschaftlichen ­
  Problemen,  wenn  auch  umfangreiche  Stoffsammlungen  aller
Art  angelegt  wurden,  die  viel  Schätzenswertes  zutage  förderten.
Auch  finden  wir  zu  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  gelegentlich
Spezialuntersuchungen  auf  unserem  Gebiet,  aber  es  fehlte  ein  einheitlicher ­
  Zug.  Im  Mittelalter  war  das,  was  man  aus  dem  Altertum ­
  gerettet  hatte,  um  weniges  vermehrt,  der  Inbegriff  alles
Wissens  überhaupt  gewesen.  Tie  Renaissance  wollte  sich  nicht  mit
den  paar  Brocken  begnügen,  sondern  die  Antike  als  Ganzes  wieder
beleben,  um  den  Inbegriff  aller  Schönheit  und  Weisheit  jedem
bedeutenden  Geist  zugänglich  zu  machen.  Doch  der  in  jener  Zeit
einsetzende  Fortschritt  der  Wissenschaften,  besonders  der  Naturwissenschaften, ­
  zwang  bald  die  Menschen,  auf  jenes  Kulturideal  zu
verzichten,  das  so  viele  hervorragende  Männer  als  das  ihrige  erklärt ­
  hatten:  Alle  Anlagen,  die  man  besitzt,  ausbilden  und  an
allem,  was  der  Menschengeist  erringt,  Anteil  haben.  Welch  böse
Folgen  die  nun  sich  entwickelnde  Spezialisierung  mit  der  Zeit  für
die  Philologie  hatte,  haben  wir  erwähnt.  In  der  zweiten  Hälfte
des  18.  Jahrhunderts  entstand  für  die  Philologie  ein  neues  Ideal,
das  die  Entwicklung  der  antiken  Wirtschaftsgeschichte  entscheidend
beeinflußte.  War  es  den  Alten  möglich  gewesen,  ihre  Zeit  zu  umspannen, ­
  warum  sollte  es  dem  neuen  Menschen,  der  zwar  seine
Zeit  nicht  mehr  umfassen  konnte,  nicht  wenigstens  möglich  sein,
die  Antike  in  ihrer  Totalität  zu  begreifen?  Es  war  Friedrich  August
Wolf,  der  die  Kenntnis  der  antiken  Menschheit  als  das  Ziel
seiner  Arbeiten  erklärte.  Alle  Studien,  die  sich  auf  antike  Verhältnisse ­
  bezogen,  darunter  auch  die  über  Wirtschaftsverhältnisse,
sollten  in  einem  System  zusammengefaßt  werden.  Heyne,  dem
Wolf  viel  zu  verdanken  hatte,  zu  dem  er  aber  oft  auch  im  Gegensatz ­
  stand,  hatte  die  wirtschaftliche  Forschung  schon  früher  viel
stärker  als  Wolf  gefördert.  Die  Begründung  der  modernen  antiken
Wirtschaftsgeschichte  war  erst  einem  Schüler  Wolfs  vorbehalten:
        <pb n="13" />
        Neuzeit.

o

August  Böckh,  der  den  enzyklopädischen  Charakter  der  Philologie
betonte  und  auf  den  verschiedensten  Gebieten  seine  Tätigkeit  entfaltete. ­
  Sein  berühmtes  Werk  „Die  Staatshaushallung  der  Athener" ­
  (1817),  das  noch  heute  von  Wert  ist,  zeichnet  sich  besonders
durch  umfassende  Benutzung  der  griechischen  Inschriften  aus,  denen
Böckh  als  Schöpfer  der  modernen  griechischen  Epigraphik  sein  Augenmerk ­
  zuwandte.  Für  jene  Zeiten  bedeutete  die  Erschließung  der
Jnschriftenschätze  ähnlich  viel,  wie  für  die  letzten  Jahrzehnte  die
Entwicklung  der  Papyrusforschung.  Zwar  hatte  Böckh  auf  dem
Gebiet  der  Wirtschaftsgeschichte  schon  Vorgänger  gehabt,  von  denen
besonders  Heeren  zu  nennen  wäre,  der  mit  dem  ihm  bekannten
Material  überaus  viel  leistete  und  in  der  Handelsgeschichte  vielfach ­
  zu  ausgezeichneten  Resultaten  kam,  aber  in  gewissem  Sinne
den  Abschluß  einer  Epoche  darstellte,  während  Böckh  einen  Beginn
repräsentierte.  Seine  Schrift  hat  Böckh  einem  andern  großen
Forscher  auf  dem  Gebiete  der  antiken  Wirtschaftsgeschichte  gewidmet: ­
  Bartold  Georg  Niebuhr.  Niebuhr  war  praktischer  Politiker ­
  gewesen  und  hatte  sich  erst  später  auf  dem  Gebiete  der  alten
und  neueren  Geschichte  in  grundlegender  Weise  als  Forscher  betätigt. ­
  Es  war  ihm  überaus  nützlich,  zur  Erklärung  antiker  Verhältnisse ­
  die  Erscheinungen  der  neueren  Entwicklung  heranziehen
zu  können.  Daß  der  für  die  Wirtschaftsgeschichte  des  modernen
Staatensystems  geschärfte  Blick  die  Erforschung  der  Antike  fördere,
hat  man  bei  vielen  Forschern  beobachten  können,  freilich  ist  die
Gefahr  nicht  gering,  daß  die  Vergleiche  allzu  leichtfertig  angestellt
werden  und  eine  vorzeitige  Schematisierung  das  Urteil  lähmt.
Von  den  Gelehrten,  die  neben  der  Antike  andere  Epochen  behandelten, ­
  wären  z.  B.  K.  W.  Nitzsch  und  Droysen  zu  nennen,  von
denen,  die  der  Politik  nahestanden  und  dadurch  viel  Anregung
erhielten,  Grote  (gest.  1871)  und  vor  allem  Mommsen,  in  dem
sich  viele  Anlagen  in  seltener  Weise  vereinigten.  Wie  wir  schon
oben  erwähnten,  haben  juristische  Forschungen  schon  früh  die  antiken ­
  Wirtschaftsverhältnisse  berücksichtigt,  dies  hat  nie  ganz  aufgehört, ­
  aber  eine  besondere  Bedeutung  gewonnen,  als  die  rechtshistorischen ­
  Studien  im  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  einen  neuen
Aufschwung  nahmen.  Männer  wie  Savigny  haben  überaus  viel
für  die  wirtschaftshistorische  Forschung  geleistet.  Das  Interesse,
die  Konstruktion  gewisser  Rechtsinstilute  klar  herauszuarbeiten,
trieb  einen  Huschke  z.  B.  an,  sich  mit  wirtschaftshistorisch  wichtigen ­
  Prolemen  zu  besassen.  Doch  all  diese  verschiedenen  Unter-
        <pb n="14" />
        6  Einleitung.  Entwicklung  der  antiken  Wirtschaftsgeschichte.
suchungen  blieben  verhältnismäßig  unabhängig  voneinander,  bis
Mommsen  die  philologische  Forschung  mit  der  staatsrechtlichen ­
  und  politischen  verband  und  durch  seine  Bemühungen
die  sozialen  und  wirtschaftlichen  Verhältnisse  Roms  in  der  ganzen
Entwicklungszeit  aufhellen  half.  Wie  Böckh  überaus  viel  für  die
griechischen  Inschriften  tat,  so  hat  er  Hervorragendes  für  die  lateinischen ­
  geleistet  und  so  die  Behandlung  vieler  Probleme  umgestaltet ­
  oder  überhaupt  erst  ermöglicht.  Nationalökonomen  haben
sich  verhältnismäßig  wenig  mit  der  alten  Wirtschaftsgeschichte  beschäftigt ­
  und  wenn,  so  meist  nur  gelegentlich,  wie  z.  B.  der  praktische
Politiker  Rodbertus.  Ausblicke  auf  die  Antike  hingegen  treffen
wir  häufig  an.  Daß  Roscher  sich  mit  der  Antike  beschäftigte,  mag
hier  deshalb  besonders  hervorgehoben  werden,  weil  die  historische
Schule  späterhin  sich  im  allgemeinen  auf  die  mittelalterliche  und
neuere  Entwicklung  beschränkte.
Die  wirtschaftshistorischen  Interessen  erhielten  in  der  zweiten
Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  eine  besondere  Förderung,  als  immer
allgemeiner,  zum  Teil  unter  dem  Einfluß  der  marxistischen  Geschichtsphilosophie, ­
  der  Zusammenhang  zwischen  Politik  und  Wirtschaft ­
  untersucht  wurde.  Vor  allem  berücksichtigten  die  Historiker
die  Wirtschaftsgeschichte  immer  mehr,  aber  auch  Nationalökonomen
wandten  sich  zuweilen  der  Analyse  mancher  Erscheinungen  zu,  so
beschäftigte  sich  z.  B.  Bücher  eingehend  mit  der  Taxordnung  Diokletians. ­
  Die  Entzifferung  und  Deutung  der  Papyrus-  und  Tonscherbenfunde ­
  trug  viel  dazu  bei,  ein  lebendiges  Bild  von  antikem
Wirtschaftsleben,  besonders  dem  Ägyptens  in  der  hellenistischen
Epoche  sowie  in  der  Kaiserzeit  zu  schaffen.  Während  man  sonst
zu  den  allgemein  gehaltenen  Berichten  die  Details  suchen  mußte,
war  hier  die  Aufgabe  gestellt,  aus  einzelnen  Details  ein  Ganzes
zu  schaffen.  Es  wurde  so  das  Interesse  für  viele  wirtschaftliche
Einzelheiten,  für  die  einzelnen  Organisationsformen,  Buchführung,
Tätigkeit  der  Banken  und  ähnliches  geweckt.  Vor  allem  ist  so  die
Möglichkeit  vorhanden,  die  Häufigkeit  mancher  Erscheinungen  abzuschätzen. ­
  Dies  hat  besondere  Bedeutung  durch  eine  Streitfrage
bekommen,  welche  mit  allgemeineren  geschichtsphilosophischen  Betrachtungen ­
  zusammenhängt.
Während  viele  die  Ansicht  vertraten,  die  Entwicklung  der  Menschheit ­
  gehe  stufenweise  von  der  Antike  bis  zur  Gegenwart  vor  sich,
meinten  andere,  daß  die  antike  Entwicklung  allein  alle  jene  Stufen
aufweise,  welche  wirkn  der  mittelalterlichen  und  neuzeitlichen  kennen,
        <pb n="15" />
        Neuzeit.

7

so  daß  man  von  einem  griechischen  Mittelalter  sprechen  könne.
Letztere  Anschauung  wurde  von  manchen  systematisch  ausgebaut
und  einem  größeren  geschichtlichen  Überblick  eingeordnet,  wie  dies
z.  B.  von  Breysig  in  sehr  schematischer  Weise  geschehen  ist.  Der
Streit  wurde  besonders  durch  einen  Vortrag  Eduard  Meyers
über  die  wirtschaftliche  Entwicklung  des  Altertums  neu  belebt,  in
welchem  Bücher  vorgeworfen  wurde,  er  stelle  sich  die  Antike  auf
einer  zu  primitiven  Stufe  vor,  während  die  Antike  durch  viele
Jahrhunderte  Verhältnisse  auswies,  die  den  neuzeitlichen  analog
seien.  Forscher,  die  sonst  auf  anderen  Gebieten  tätig  waren,  begannen, ­
  sich  für  diese  Fragen  zu  interessieren,  und  die  Vergleichung
von  Antike  und  Gegenwart  stand  im  Mittelpunkte  des  Interesses. ­
  Manche  Historiker,  z.  B.  Beloch,  betonten  besonders  die
Ähnlichkeiten.  Es  wurde  auf  diese  Weise  eine  Angleichung  in  der
Behandlung  der  antiken,  der  mittelalterlichen  und  der  neueren
Wirtschaftsgeschichte  erreicht,  indem  in  immer  steigendem  Maße
alle  drei  Zeitabschnitte  der  nationalökonomischen  Betrachtung
unterworfen  wurden.  So  wurden  z.  B.  von  Pöhlmann  Untersuchungen ­
  über  antiken  Sozialismus  und  Kommunismus  angestellt.
Den  Verlauf  der  Einzelforschung  zu  schildern,  ist  hier  nicht
unsere  Aufgabe.
Wir  ersehen  aus  dieser  kurzen  Skizze,  daß  die  antike  Wirtschaftsgeschichte ­
  das  Schicksal  vieler  Wissenschaften  teilte,  indem  sie  keinen
geradlinigen  Weg  zurücklegte,  denn  nur  selten  entwickelt  sich  eine
Wissenschaft  in  der  Weise,  daß  an  der  Beantwortung  einmal  bestimmt ­
  formulierter  Fragen  Jahrhunderte  arbeiten,  meist  wechseln
die  Interessen  während  der  Untersuchung,  und  was  frühere  Zeiten
gefunden,  wird  von  späteren  zu  neuen  Zwecken  verwendet,  andererseits ­
  wird  die  Erkenntnis  oft  durch  Resultate  gefördert,  die  bei
fremden  Untersuchungen  zutage  kamen.  So  bewirkt  die  unstete
Entwicklung  oft,  daß  ein  Gegenstand  von  verschiedenen  Seiten  beleuchtet ­
  wird  und  voneinander  unabhängige  Bemühungen  sich  alsbald ­
  aufs  glücklichste  ergänzen;  einseitige  Anschauungen  werden
so  leichter  vermieden,  großzügige  Entwürfe  ermöglicht,  aber  die
Diskontinuität  hat  auch  ihre  Mängel,  und  so  treten  uns  die  aus
dem  individuellen  Leben  bekannten  Vorzüge  und  Nachteile  des
Spezialistentums  und  der  vielseitigen  Betätigung  auf
dem  Gebiete  der  Wissenschaften  in  großem  Stil  entgegen.
•  Lange  Zeit  diente  die  Erforschung  der  alten  Wirtschaftsverhältnisse
  nur  bestimmten  Zwecken,  erst  am  Ende  des  19.  Jahr-
        <pb n="16" />
        8  Erstes  Kapitel.  Übersicht  über  d.  wirtschaft!.  Entwickl.  d.  Orients  usw.
Hunderts  gelangte  sie  dazu,  eine  selbständige  Disziplin  zu  werden,
in  jener  Epoche,  die  wir  hier  nicht  mehr  schildern  wollen,  weil  sie
bereits  in  die  Gegenwart  und  in  ihre  Kämpfe  hineinragt.  So
schließen  wir  denn  diesen  flüchtigeil  historischen  Überblick,  der  nicht
mit  den  Ideen  bekannt  machen  sollte,  welche  auf  dem  Gebiete  der
alten  Wirtschaftsgeschichte  die  Gelehrten  leiteten  —  das  wäre  ohne
vorhergegangene  Darstellung  des  Gegenstandes  nicht  gut  möglich—,
sondern  nur  zeigen  sollte,  von  welchem  Interesse  die  Forscher
jeweils  geleitet  waren,  wenn  sie  sich  unserem  Gebiete  zuwendeten,
nicht  eine  Geschichte  der  Ideen,  sondern  eine  der  Interessen
sollte  hier  skizziert  werden.
Erstes  Kapitel.
Übersicht  über  die  wirtschaftliche  Entwicklung
des  Orients  bis  zur  Schaffung  des  griechischorientalischen
  W  irtsch  asts  systems.
(Vis  Ende  4.  Jahrhunderts.)
„Herrlich  ist  der  Orient
Übers  Mittelmeer  gedrungen."
Goethe,  West-östlicher  Divan.
Bon  den  Ländern  der  alten  Welt  hat  sich  Ägypten  am  längsten
verhältnismäßig  selbständig  entwickelt.  Die  Wirtschaftsverhältnisse ­
  können  wir  erst  seit  der  Zeit  der  Pyramidenbauer,  die  zu
Anfang  des  dritten  Jahrtausends  regierten,  genauer  verfolgen.
Damals  war  Ägypten  ein  Kulturstaat  mit  einer  im  größten
Stile  planmäßig  geordneten  Naturalwirtschaft.  In  einem
System  von  Magazinen,  die  mit  einem  ausgebildeten  öffentlichen
und  privaten  Verwaltungsapparat  in  Verbindung  standen,  sammelten ­
  die  Herrscher  die  dem  Staate  zukommenden  Leistungen  der
Untertanen,  die  großen  Grundbesitzer  die  Produkte  ihrer  Besitzungen, ­
  von  denen  auch  ein  Teil  an  den  König  abgeführt  werden
mußte.  Diese  Magazine  dienten  überdies  dazu,  Reserven  für  Hungersnöte ­
  aufzusammeln.  Ein  großer  Teil  der  Bevölkerung  empfing ­
  aus  diesen  Magazinen  rentenartige  Naturalbezüge,  sei
es,  daß  einer  Mitglied  der  sehr  zahlreichen  Beamtenschaft  war
oder  einer  Priestergemeinschaft  angehörte,  sei  es,  daß  er  in  dauernder ­
  Abhängigkeit  von  einem  der  großen  Grundbesitzer  stand
oder  auf  Grund  eines  Vertrages,  z.  B.  eines  Lohnvertrages  An-
        <pb n="17" />
        Ägypter,  Giroverkehr  in  Naturalien.

9

sprüche  hatte.  Die  ganze  Beamtenschaft,  welche  die  Hauptstütze
des  Staates  bildete,  stand  ebenso  wie  die  Königsfamilie  beim
Herrscher  in  voller  Naturalverpflegung,  die  durch  einen  umfangreichen ­
  Verrechnungsapparat  in  Ordnung  gehalten  wurde.  Nach
den  erhaltenen  Dokumenten  sah  ein  Detailposten  etwa  folgendermaßen ­
  aus.  Brote  Krüge  Bier  usw.

Königin  ....  10  2
Prinzessin  ...  10  1
Haremsdame  .  .  20  2
Leibgardeosfizier  .  20  2
Richter  ....  10  1

Beamte  mit  Dienerschaft  erhielten  für  diese  ebenfalls  die  volle
Naturalverpflegung.  Unter  diesen  Umständen  spielte  der  marktmäßige ­
  Tausch  von  Ware  gegen  Ware  eine  untergeordnete  Rolle.
Nur  ein  kleiner  Teil  der  Bevölkerung,  der  keiner  Organisation
angehörte,  mag  auf  den  Tauschhandel  angewiesen  gewesen  sein,
etwa  ein  paar  Hirtenstämme  und  die  nicht  sehr  zahlreichen  fremden
Kaufleute.  Daß  aber  für  diesen  geringfügigen  Marktverkehr  der
Tausch  ausreichte,  beweisen  die  Tauschszenen  auf  den  erhaltenen
Grabgemälden.  Fand  der  Kuchenhändler,  daß  die  vom  Käufer  angebotene ­
  Halskette  nicht  ausreichte,  so  fügte  dieser  eben  noch  eine
Sandale  hinzu.  Statt  des  marktmäßigen  Tauschens  wurde  von
den  Rentenberechtigten  die  Überweisung  dieser  Rente  an  Dritte
vorgenommen,  wodurch  der  Kreis  derer,  die  an  dem  Magazinsystem ­
  Anteil  hatten,  bedeutend  erweitert  wurde.  Hatte  etwa  ein
Mensch  Anspruch  auf  eine  Rente,  bestehend  aus  Fleisch,  Brot  usw.,
und  wünschte  er,  daß  ein  Tempel  auf  seinem  Grabe  regelmäßig
Opfer  bringe,  so  überwies  er  der  Priesterschaft  eine  Anzahl  von
jenen  Tagesrationen.  Ähnlich  verfuhren  bei  uns  im  Mittelalter
die  Grundherren,  welche  die  Naturalrente  eines  Bauerngutes
einer  Kirche  schenkten,  damit  diese  Messen  lesen  lasse.  Die  Häufung
derartiger  Überweisungen  führte  zu  einer  Art  Giroverkehr  in
Naturalien.  Die  Bildung  größerer  staatlicher  Organisationen
wurde  durch  die  Verhältnisse  im  Niltal  gefördert,  weil  nur  durch
planmäßiges  Vorgehen  die  Kanal-  und  Dammanlagen  erhalten  werden ­
  konnten,  welche  die  ungeheure  Fruchtbarkeit  des  Landes  garantierten. ­
  Überdies  war  die  Fluktuation  der  Bezugsberechtigten  gering, ­
  da  keine  Tendenz  zur  Auswanderung  bestand;  die  zahlreichen
Handwerker  und  Gewerbetreibenden  waren  wohl  meist  seßhaft,
        <pb n="18" />
        10  Erstes  Kapitel.  Übersicht  über  d.  wirtschaftl.  Entwickl.  d.  Orients  usw.
besaßen  häufig  Land  oder  standen  in  Abhängigkeit  von  einem
Grundbesitzer.  Die  auswärtigen  Beziehungen  waren  im  alten  und
mittleren  Reich,  d.  h.  bis  ins  zweite  Jahrtausend  hinein,  nicht  zahlreich, ­
  und  der  nicht  allzusehr  entwickelte  Außenhandel  trug  deu  Charakter ­
  gelegentlicher  Expeditionen,  die  zum  Teil  —  wie  die  Fahrten
nach  dem  südlich  gelegenen  Lande  Punt,  um  Weihrauch,  Elfenbein,
Ebenholz,  Gold,  Sklaven  usw.,  oder  nach  dem  Libanon,  um  Holz
zu  holen  —  vom  Staate,  d.  h.  damals  vom  Könige,  organisiert
waren.  Das  einzige  ständige  Unternehmen  außerhalb  Ägyptens
scheint  der  Betrieb  von  Kupfergruben  auf  der  Sinaihalbinsel  gewesen ­
  zu  sein.  Im  Süden  brach  man  gelegentlich  in  Nubien  ein
und  schleppte  Vieh  und  Sklaven  mit  sich,  vor  allem  aber  Gold,
auch  trug  man  dafür  Sorge,  daß  Nubien,  eines  der  wichtigsten
Goldländer  des  Altertums,  auch  weiterhin  Gold  lieferte.  Diese  Feldzüge ­
  wurden  bereits  frühzeitig  mit  zu  Hilfenahme  fremder  Truppen
ausgeführt,  unter  welchen  sich  auch  Nubier  halb  gezwungen,  halb
freiwillig  als  Söldner  befanden.  Sklaven  wurden  in  der  Wirtschaft ­
  nur  in  mäßiger  Menge  verwendet.  Die  Felder  wurden  vorwiegend ­
  nur  durch  freie  oder  halbfreie  Arbeiter  bestellt,  wenn  man
nicht,  da  die  Kanalisation  große  Aufmerksamkeit  verlangte,  die
Verpachtung  an  kleine  Leute  vorzog.
Dieser  Beamtenstaat  verwandelte  sich  allmählich  im  Verlauf  des
dritten  Jahrtausends  in  einen  Feudalslaat,  indem  die  Ämter  erblich ­
  wurden  und  die  Großen  des  Reiches  durch  die  Gunst  des
Königs  große  Güter  erhielten  nebst  den  dazu  gehörigen  halbfreien
oder  freien  Bauern  und  Handwerkern.  Prinzipiell  blieb  die  Organisation ­
  der  Wirtschaft  unter  diesen  veränderten  politischen  Verhältnissen ­
  die  gleiche,  es  wurden  sowohl  die  Lebensmittel  als  auch
die  Wertobjekte  systematisch  gesammelt,  nur  erfolgten  die  Lieferungen ­
  der  Untertanen  an  den  König  vielfach  nicht  mehr  direkt.  Die
bureaukratischen  Verrechnungsmethoden  blieben  erhalten,  und  die
Quittungen  und  Überweisungen  wurden  immer  mehrvervollkommnet.
Da  die  Bureaukraten  in  diesem  Staat  viel  zu  bedeuten  hatten,
hielten  sie  sich  für  die  Auslese  der  Gesellschaft  und  hatten  von  den
anderen  Berufen  keine  allzu  hohe  Meinung,  wie  wir  das  überall
sehen,  wo  der  Beamtenstand  die  erste  Rolle  spielt.  Besonders  die
Metallbearbeitung  galt  als  erniedrigend  (S.  86),  aber  auchdiemeisten
anderen  Berufe  ermüdeten  nach  Anschauung  der  Schreiber  den  Körper ­
  zu  sehr  und  ließen  den,  der  sie  ausübte,  in  Armut.  Erst,  als
aus  dem  Stande  der  Gewerbetreibenden  immer  mehr  reiche  Leute
        <pb n="19" />
        Ägypter,  Metalle  als  Tauschmaß.

11

hervorgingen,  dürfte  sich  der  Beamtenstand  mit  diesen,  die  nicht
selbst  Hand  anlegten,  sondern  nur  Unternehmer  waren,  ausgesöhnt
haben.  In  diesem  Feudalstaat  mit  seinem  stark  bureaukratischen
Einschlag  nahmen  die  Metalle  im  Güterverkehr  noch  immer  keine
einzigartige  Rolle  ein,  Gold  und  Kupfer  waren  nur  Waren.  Doch  begannen ­
  sie  allmählich  alsTauschmaß,  wenn  auch  nicht  alsTauschmittel
  zu  dienen.  Wenn  zwei  Menschen  miteinander  tauschen  wollten, ­
  taten  sie  das  nun  in  der  Weise,  daß  sie  die  Waren  in  Kupfer
abschätzten  und  von  ihnen  so  viel  nahmen,  daß  jede  das  gleiche
Metallquantum  repräsentierte.  Unter  diesen  Umständen  konnte  das
Bedürfnis  nach  einer  Vermehrung  des  vorhandenen  Metalls  zu
Zahlungszwecken  nicht  eintreten,  was  in  unserem  Wirtschaftsleben
häufig  Veränderungen  in  der  Kaufkraft  des  Geldes  bewirkt.  Doch
selbst  in  der  folgenden  Periode,  als  das  Metall  bereits  Zahlungsmittel ­
  geworden  war,  spielten  die  Naturalleistungen  in  Ägypten
immer  noch  eine  große  Nolle.
Das  eben  geschilderte  Wirtschaftssystem  wurde  durch  internationale ­
  Beziehungen  umgewandelt.  Die  Feudalordnung  hatte  zu
Verwicklungen  geführt,  die  es  asiatischen  Stämmen  ermöglichten,
in  Ägypten  einzufallen  und  in  einem  Teile  des  Landes  die  sogenannte ­
  Hyksosherrschaft  zu  errichten.  Als  zu  Anfang  des  16.  Jahrhunderts ­
  zur  Zeit  des  neuen  Reichs  die  Hyksos  nach  Asien  vertrieben ­
  worden  waren,  begannen  die  Ägypter,  welche  ihnen  folgten,
Expansionspolitik  zu  treiben.  Die  Kriege  mit  den  Asiaten  brachten
Sklavenmassen  nach  Ägypten,  die  bei  den  großen  Bauten  neben
den  freien  und  halbfreien  Arbeitern  Verwendung  fanden.  Die
Zahl  der  Söldner  wurde  vermehrt,  worin  man  zunächst  wohl  kein
Zeichen  des  Verfalls  sehen  muß,  da  es  sich  ja  um  Kriege  handelte,
welche  vor  allem  den  oberen  Klassen  Vorteil  brachten  und  nicht
etwa  den  untern  neue  Bauernhufen  verschaffen  sollten.  Derartige
Kriege  führt  man  auch  heute  vorwiegend  mit  Söldnern,  so  England ­
  in  seinen  Kolonien,  auch  Deutschland  sucht  sich  ja  in  seinen
Kolonialkriegen  ohne  das  eigentliche  Volksheer  zu  behelfen.  Die
Söldner,  welche  besonders  aus  Libyen  nach  Ägypten  kamen,  wurden ­
  angesiedelt  und  bildeten  eine  erbliche  Kaste,  die  ebenso  wie
die  Priesterkaste,  deren  Bedeutung  immer  mehr  wuchs,  abgabenfreien ­
  Grundbesitz  hatte,  der  teilweise  verpachtet  wurde.  Mit
diesen  Söldnerheeren  kamen  die  Ägypter  bis  an  den  Euphrat.
Die  Völker  Syriens,  die  sich  durch  Handel  und  Industrie  auszeichneten, ­
  unter  ihnen  die  Phöniker,  unterwarfen  sich.  Cypern
        <pb n="20" />
        12  Erstes  Kapitel.  Übersicht  über  b.  wirtschaftl.  Entwickl.  d.  Orients  usw.
sandte  Tribute,  ebenso  das  Land  Kefto  (S.  30),  aus  Assyrien
trafen  Geschenke  ein.  Auf  diese  Länder,  welche  nicht  in  das  Staatsgebiet ­
  eingegliedert  wurden,  sondern  nur  in  lockerer  Abhängigkeit
blieben,  konnte  das  naturalwirtschaftliche  System  nicht  ausgedehnt
werden.  Wenn  ein  Ägypter  durch  ein  Handelsgeschäft  in  den  Besitz ­
  einer  syrischen  Rente  gekommen  wäre,  so  hätte  das  noch  keine
großen  Schwierigkeiten  gemacht,  da  er  sie  etwa  gegen  eine  ägyptische, ­
  die  ein  Syrer  besaß,  hätte  eintauschen  können,  soweit  es  sich
nicht  gerade  um  Exportartikel  handelte.  Aber  abgesehen  davon,  daß
bei  diesen  Völkern  der  Verrechnungsapparat  meist  fehlte,  waren
Kriege  zu  befürchten,  in  denen  Privatrechte  nicht  respektiert  wurden.
Auch  waren  die  Staatsverträge  noch  ungenügend,  weshalb  Anweisungen, ­
  die  Kredit  verlangten,  ausgeschlossen  waren.
Man  mußte  daher  die  Gegenleistung  sofort  in  Empfang  nehmen,
die  vor  allem  in  leicht  transportablen  Gütern,  in  Weihrauch,  seltenen ­
  Hölzern  und  in  Metallen  bestand,  welche  bei  den  Asiaten
bereits  seit  langem  eine  bevorzugte  Rolle  spielten.  Die  Metalle
ersetzten  sichere  internationale  Anweisungen,  indem  man  für  sie
überall  Waren  erhalten  konnte.  Aber  nicht  nur  im  internationalen
Verkehr  benutzen  von  da  ab  die  Ägypter  Metalle,  sie  drangen
auch  in  den  Staatsverband  ein.  Die  früher  übersichtliche  und
planvolle  nationale  Wirtschaft  wurde  durch  eine  weniger ­
  übersichtliche,  ungeregelte  internationale  ersetzt.  Es
war  damals  ausgeschlossen,  auch  in  dieser  das  alte  System  der
Überweisungen  herzustellen  —  fällt  es  doch  unserer  Zeit  überaus
schwer,  die  ein  hochentwickeltes  internationales  Bankwesen  besitzt!
Die  großen  Kornspeicher  blieben  bestehen,  aber  daneben  kam  die
Schatzkammer  des  Königs  als  Kasse  zu  immer  größerer  Bedeutung. ­
  Die  ausgedehnten  Beziehungen  zu  den  asiatischen  Staaten
schufen  einen  ständigen  diplomatischen  Verkehr,  der  sich  auch  mit
wirtschaftlichen  Fragen,  mit  Zöllen,  Handelsgesellschaften  u.  dgl.  beschäftigte. ­
  Eine  große  Rolle  spielten  die  Tributzahlungen.  Der  Austausch ­
  von  Geschenken  unter  den  Staaten  nahm  oft  die  Form  des
Handelsverkehrs  an,  indem  der  schenkende  Fürst  —  zuweilen  in
recht  unverschämter  Weise  —  seine  Wünsche  kundtat.  Als  Geschenke ­
  und  Tribute  kamen  Öle,  wertvolle  Steine,  Gold  und  das
im  Altertum,  besonders  in  den  früheren  Zeiten,  von  denen  wir
hier  sprechen,  überaus  geschätzte  Silber,  Weine,  Geräte,  Sklaven,
Pferde  usw.  nach  Ägypten.  Trotz  der  vielen  Fehden  der  kleineren
Staaten  untereinander  gedieh  der  Handel,  weil  sich  die  Fürsten
        <pb n="21" />
        Ägypter,  Metalle  als  Tauschmittel.

13

meist  darauf  beschränkten,  Durchzugsgelder  zu  erheben,  statt  in  ungeregelter ­
  Weise  zu  rauben.  Der  internationale  Handel  erstreckte
sich  in  diesen  Zeiten  vorwiegend  auf  kostbare  Objekte,  erst  allmählich ­
  kamen  die  Gegenstände  des  täglichen  Lebens  hinzu.  Die
so  nach  Ägypten  strömenden  Reichtümer  kamen  nicht  nur  dem
Staate,  sondern  auch  den  Tempeln  zugute,  die  bald,  da  sie  sich
überdies  direkt  dem  Erwerbe  zuwendeten  —  besonders  dem  Fabrikbetrieb
  —,  eine  nicht  zu  unterschätzende  wirtschaftliche  Macht  darstellten. ­
  Angriffe  der  Cheta,  die  in  Kleinasien  und  Syrien  ein
großes  Reich  innehatten,  der  Lybier  und  anderer  Völker  wurden
zurückgeschlagen  (S.  26).  Die  asiatischen  Besitzungen  blieben  aber
nicht  lange  in  der  Hand  Ägyptens,  das  durch  seine  eigenen  Söldner
unter  eine  Fremdherrschaft  kam.  Es  spaltete  sich  bald  in  einige
Reiche,  die  den  Äthiopen  zufielen,  welche  schon  vorher  die  ägyptische ­
  Kultur  angenommen  hatten.  Diese  scheinen  ihre  Macht  auch
dazu  verwendet  zu  haben,  die  Damin-  und  Kanalbauten  in  Stand
zu  setzen,  so  daß  die  Fruchtbarkeit  Ägyptens  trotz  aller  Unruhen
nicht  allzusehr  gelitten  haben  dürfte  (Herodot  II,  137).  Im  7.  Jahrhundert ­
  wurden  die  Äthiopen  durch  die  Assyrer  verdrängt,  die
ihre  Herrschaft  auch  über  Ägypten  ausdehnten,  bis  Psammetich,  ein
Gaufürst,  es  mit  Hilfe  griechischer  und  karischer  Hilfstruppen  befreite, ­
  die  ihm  der  Lyderkönig  schickte  (S.  17).  Er  nahm  zahlreiche ­
  griechische  Söldner  in  seine  Dienste;  das  gleiche  taten  seine
Nachfolger  (S.  62).  Die  neue  Dynastie  suchte  den  Handel  mit
Asien  zu  fördern.  So  begann  Necho  II.  zu  Anfang  des  6.  Jahrhunderts ­
  einen  Kanal  zu  graben,  der  das  Rote  Meer  mit  dem  Nil
verbinden  sollte  (Hewdot  II,  158).  Angeblich  hat  er  auch  durch
Phöniker  Afrika  umschiffen  lassen  (Herodot  IV,  42).  Er  ließ  auch
zwei  Kriegsflotten  auf  ägyptischen  Werften  erbauen,  um  das  Mittelmeer ­
  und  das  Rote  Meer  befahren  zu  können;  sein  Versuch,  Syrien
wiederzugewinnen,  mißlang  (S.  17).  Mit  den  Griechen  pflegte  er
freundliche  Beziehungen,  indem  er,  was  auch  andere  orientalische
Fürsten  taten,  den  griechischen  Göttern  seine  Ehrfurcht  bezeigte
(Herodot  II,  159).  Die  nächste  Zeit  brachte  kriegerische  Verwicklungen ­
  mit  den  Griechen  von  Kyrene,  denen  aber  bald  ein  friedlicher ­
  Verkehr  folgte  (S.  36)  Ägypten  begann  allmählich  die  Zurückhaltung ­
  den  Griechen  gegenüber  aufzugeben,  die  zum  Teil  damit ­
  zusammenhing,  daß  man  des  Reiches  alte  Herrlichkeit  durch
konservative  Gesinnung  wieder  herstellen  wollte.  Man  räumte  den
Griechen  Stapelplätze  ein  und  trat  mit  ihnen  in  engeren  Verkehr
        <pb n="22" />
        14  Erstes  Kapitel.  Übersicht  über  d.  wirtschaftl.  Entwickl.  d.  Orients  usw.
(S.  50).  Die  Freude  über  die  Befreiung  Ägyptens  von  der  Herrschaft ­
  der  Assyrer  dauerte  nicht  lange,  denn  zu  Ende  des  6.  Jahrhunderts ­
  wurde  Ägypten  und  mit  ihm  Kyrene  vom  Perserkönig
Kanibyses  unterworfen.  Mehrmals  versuchten  es  die  Ägypter,  zum
Teil  mit  griechischer  Hilfe,  sich  zu  befreien,  einmal  gelang  dies  sogar ­
  auf  längere  Zeit,  doch  schließlich  behielten  die  Perser  die  Oberhand, ­
  bis  Alexander  Ägypten  unter  die  Herrschaft  der  Mazedonier
brachte,  von  denen  es  an  die  Römer  fiel  (S.  92).
Als  die  Ägypter  im  16.  Jahrhundert  gegen  Asien  vorrückten,
drangen  sie  in  die  Interessensphären  der  A  s  s  y  r  e  r  und  Babylonier
ein,  die  damals  bereits  hervorragende  Handelsvölker  waren.  Die
Babylonier  waren  seit  langem  daran  gewöhnt,  untereinander  Kauf-,
Miet-,  Darlehns-  und  Pachtverträge  aller  Art  abzuschließen.  Ill
ihrem  Wirtschaftsleben  waren  sie  nur  wenig  durch  staatliche  Eingriffe ­
  beeinflußt,  obzivar  die  Kanal-  und  Dammbauten  ebenso  wie
in  Ägypten  eine  gewisse  staatliche  Regelung  nahelegten  —  war  doch
nur  durch  sie  Babylonien  eine  der  fruchtbarsten  Landschaften  Asiens
bis  in  die  Kalifenzeit  hinein.  Nachdem  König  Hammurabi  viele
Stadtstaaten  im  Reiche  von  Babylon  vereinigt  hatte,  faßte  er  in
einem  Gesetzbuch  das  Ergebnis  der  Wirtschastsentwicklung  des
dritten  Jahrtausends  zusammen.  Es  war  eine  Epoche  des  Übergangs, ­
  in  der  Handel-  und  Kreditverkehr  bereits  eine  große  Rolle
spielten.  Soweit  in  den  Zeiten  der  Naturalwirtschaft  nicht  direkt
getauscht  wurde,  lauteten  wohl  die  meisten  Verträge  auf  Lieferung
von  Teilen  des  Ernteertrags.  Diese  Vertragsform  war  dadurch
bedingt,  daß  die  Witterungsverhältnisse  die  Ernten  erheblich  beeinflußten, ­
  und  daß  andererseits  die  Ernteerträge  allgemein  bekannt
waren  und  Hinterziehungen  in  größerem  Maßstabe  nicht  vorkommen
konnten,  während  im  Handelsverkehr  die  tatsächlichen  Gewinne
nur  kontrollierbar  gewesen  wären,  wenn  die  Buchführung  der
Kaufleute  der  allgemeinen  Einsichtnahme  offengestanden  hätte.  Da
dies  nicht  der  Fall  war,  wurden  frühzeitig  im  Handelsverkehr  Verträge ­
  abgeschlossen,  in  denen  die  Lieferung  eines  bestimmten  Quantums
  einer  Güterart  festgesetzt  lourde.  Zur  Zeit  Hammurabis  galten
Gold  und  Silber  bereits  als  Tauschmittel,  doch  mußten  nicht  alle
Zahluilgen  damit  geleistet  werden.  Besaß  ein  Landwirt  ein  gefülltes ­
  Magazin,  aber  nicht  genug  Metall,  um  seine  Schulden  zu
bezahlen,  so  verfügte  der  Gesetzgeber,  daß  in  einem  solchen  Falle
in  Naturalien  gezahlt  werden  könne,  deren  Wert  nach  einem  offiziellen ­
  Tarif  festgesetzt  wurde  (§  51),  damit  nicht  der  Landwirt
        <pb n="23" />
        Assyrer,  Babylonier.

15

genötigt  war,  sein  Getreide  zu  verschleudern.  Die  Verträge  z.  B.
bei  der  Bestellung  von  Feldern  lauteten  zum  Teil  noch  auf  Anteile
am  Ertrag,  zum  Teil  schon  auf  feste  Mengen  (z.  B.  §  45  und  §  46).
Die  Landwirtschaft  war  hochentwickelt,  und  demgemäß  bestanden
auch  für  sie  die  mannigfachsten  Vertragsformen  und  Bestimmungen.
Die  freie  Veräußerung  von  Grund  und  Boden  war  zum  Teil
durch  die  Lehnsverfassung  beschränkt.  Die  Grundstücke  wurden
meist  in  Parzellen  zerlegt,  soweit  nicht  kleine  Grundbesitzer  vorhanden ­
  waren.  Die  Parzellen  wurden  verpachtet  oder  mit  freien
und  unfreien  Arbeitern  bebaut.  Ähnlich  wie  in  Ägypten  war  auch
hier  infolge  der  großen  Aufmerksamkeit,  welche  die  Bodenbearbeitung ­
  verlangte,  die  Verwendung  von  Sklaven  nicht  allzusehr
verbreitet.  Dafür  wurden  die  Sklaven  zum  Teil  als  Beamte  verwendet, ­
  eine  Einrichtung,  die  wir  bei  straff  organisierten  Staatswesen ­
  nicht  selten  treffen,  da  der  Sklave  in  weit  größerer  Abhängigkeit ­
  steht.  Freilich  wurde  auf  diese  Weise  der  Einfluß  dieser
Sklaven  und  Freigelassenen  sehr  groß,  und  wenn  sie  auch  rechtlich ­
  ungünstiger  gestellt  waren  als  die  Freien,  so  waren  sie  in
ihrer  wirtschaftlichen  Stellung  einem  großen  Teil  derselben  weit
überlegen.
Neben  der  Landwirtschaft  spielen  im  Gesetzbuch  Hammurabis
Handel  und  Industrie  bereits  eine  entscheidende  Nolle.  Die  Regelung
der  Darlehnsgeschäfte  nahm  einen  breiten  Raum  ein,  d.  h.  etwa
den  sechsten  Teil  des  Gesetzbuches,  ein  halbes  Hundert  Paragraphen.
Daß  Darlehn  unter  der  Bevölkerung  nichts  Seltenes  waren,  kann
man  daraus  entnehmen,  daß  eigene  Bestimmungen  im  Eherecht
über  die  Schulden  des  Mannes  und  der  Frau  getroffen  waren.
Die  große  Zahl  der  Handelsbeziehungen  führte  bald  dazu,  Institute ­
  zu  schaffen,  die  es  ermöglichten,  Depots  niederzulegen,
Zahlungen  an  drittem  Ort  zu  leisten,  Forderungen  der  Kunden
untereinander  zu  kompensieren  und  Gelder  einfordern  zu  lassen.
Es  entwickelte  sich  hier  ein  Bankwesen  aus  den  Bedürfnissen  des
Handels  heraus,  während  jenes  im  spätern  Ägypten  sich  mehr  an
die  alten  Verrechnungsinstitute  der  staatlichen  Magazine  anlehnte
(S.  9).  In  dem  Staatsverband,  in  dem  die  Ländergebiete  Vorderasiens ­
  sehr  häufig  vereinigt  waren,  konnte  dies  System  von  Bankhäusern ­
  eine  wichtige  Rolle  spielen,  da  sich  ein  großer  Teil  des
Handels  innerhalb  desselben  Staatsgebietes  abspielte,  während  in
einem  System  kleiner  Staaten,  bei  fehlender  internationaler  Regelung ­
  des  Rechts,  wo  der  größte  Teil  des  Handels  über  die  Grenzen
        <pb n="24" />
        16  Erstes  Kapitel.  Übersicht  über  d.  wirtschaftl.  Entwickl.  d.  Orients  usw.
hinausging  wie  z.  B.  in  der  griechischen  Welt,  die  Banken  nie
jene  Bedeutung  erlangten.  Aber  nicht  nur  das  griechische  Bankwesen ­
  blieb  hinter  dem  asiatischen  —  das  wir  viele  Jahrhunderte
lang  an  Hand  der  erhaltenen  Dokumente  verfolgen  können  —  zurück, ­
  sondern  auch  das  des  römischen  Reichs,  obzwar  hier  die  staatliche ­
  Einheit  gegeben  war  (S.  147).  Der  Handel  Babyloniens  —
vorwiegend  zu  Land,  aber  auch  zu  Wasser  —  erstreckte  sich  auf  alle
umliegenden  Länder,  er  reichte  wohl  frühzeitig  schon  bis  Indien.
Mit  den  Völkern  Arabiens  dürften  immer  Beziehungen  bestanden
haben,  erfolgte  doch  die  allmähliche  Besiedlung  Babyloniens  und
der  nördlichen  Länder  durch  Semiten  von  Arabien  aus,  ja  selbst
heute  noch  kann  man  die  Tendenz  der  Araberstämmme  konstatieren,
in  das  von  der  Türkei  beherrschte  Kulturgebiet  vorzurücken  (S.  24).
Am  meisten  aber  wurden  die  Länder  Syriens  bis  zur  Küste  des
Mittelmeeres  von  dem  Einfluß  der  Babylonier  berührt  (S.  19).
Neben  dem  Reiche  von  Babylon  erhob  sich  bald  jenes  der  Assyrer,
das  mit  ihm  eine  Kulturgemeinschaft  bildete.  Zahlreiche  Kämpfe
erfüllten  die  nächsten  Jahrhunderte,  die  Babylonier  unterlagen
allmählich  dem  Ansturm  der  Assyrer,  die  sich  auch  nach  Norden
und  Osten  ausbreiteten.  Salmanassar  II.  erzwang  im  9.  Jahrhundert ­
  nicht  nur  den  Tribut  der  Phöniker,  sondern  auch  den  des
Königs  Jehu  von  Jerusalem,  der  Silber,  goldene  Schüsseln,  Kannen
und  goldene  Geräte  liefern  mußte,  während  wieder  andere  Fürsten
Pferde  und  Dromedare  schickten  oder  Büffel,  Elephanten,  Affen
und  sonstige  Tiere;  auch  Elfenbein,  kostbare  Stoffe  und  Gewänder
befanden  sich  unter  den  Gaben.  Das  ganze  8.  und  7.  Jahrhundert
ist  mit  derartigen  Kriegszügen  ausgefüllt,  die  den  vorderasiatischen
Kulturkreis  immer  einheitlicher  gestalteten,  da  die  assyrischen  Könige
aus  den  eroberten  Städten  einen  Teil  der  Bewohner  wegzuführen
pflegten  und  dafür  neue  Kolonisten  ansiedelten  (Buch  der  Könige  II,
17,4  ff.).  Auf  diese  Weise  brachte  die  grausame  und  zerstörende
Kriegführung  der  Assyrer  doch  nicht  immer  eine  dauernde  Verwüstung ­
  oder  Entvölkerung  mit  sich,  da  sie  nach  der  Wiederherstellung ­
  des  Friedens  viel  für  die  Neuerbauung  der  zerstörten
Städte  taten  und  den  Handel  innerhalb  ihres  Gebietes  förderten;
waren  doch  die  Händler  von  Ninive  „zahlreicher  als  die  Sterne
am  Himmel"  (Nahum,  3,16).  Der  Sturz  des  assyrischen  Reiches
erfolgte  zum  Teil  durch  den  Ansturm  von  großen  Völkermassen
aus  dem  Norden,  die  im  7.  Jahrhundert  in  Kleinasien  einbrachen ­
  und  sehr  viele  Reiche  vernichteten.  Gyges,  der  König  des
        <pb n="25" />
        Assyrer,  Perser.

17

lydischen  Reiches,  der  sich  in  dieser  Not  an  Assyrien  angeschlossen
hatte,  empörte  sich,  sobald  die  eingefallenen  Völker  wieder  zurückgetrieben ­
  waren,  gleichzeitig  mit  dem  ägyptischen  Fürsten  Psammetich
  (Ş.  13).  Von  da  ab  hatten  die  Assyrer  immer  wieder  mit
aufständischen  Völkern  sowie  mit  einbrechenden  Stämmen  zu  kämpfen, ­
  wodurch  der  syrische  Handel  stark  geschädigt  wurde.  Die  Phöniker
  litten  darunter,  nachdem  schon  vorher  die  assyrische  Expansion ­
  ihre  Kräfte  in  Anspruch  genommen  hatte  (S.  20).  Schließlich ­
  erhoben  sich  Babylonien  und  das  neu  emporgekommene
medische  Reich  am  Ende  des  7.  Jahrhunderts  und  vernichteten
Assyrien  vollständig.  Sämtliche  Städte,  darunter  Ninive,  wurden
zerstört  und  die  vielgehaßte  Nation  vertilgt.  Nur  wenige  Völker
und  Städte  der  alten  Welt  gingen  so  vollständig  unter,  die  meisten
asiatischen  Städte  verfielen  erst  in  viel  späterer  Zeit;  so  ging  die  Bedeutung ­
  Babylons  zunächst  als  Handelszentrum  zurück,  als  Seleucia
und  Ktesiphon  sich  entwickelten,  erst  im  10.  Jahrhundert  n.  Chr.
ist  an  die  Stelle  der  Weltstadt  ein  kleines  Dorf  getreten.  Das
Gebiet  Assyriens  teilten  Babylon  und  Medien  unter  sich,  und  zwar
so,  daß  Medien  den  Norden  erhielt  und  von  da  aus  Lydien  bedrängte, ­
  während  Babylon  vor  allem  in  den  Besitz  von  Syrien
kam.  Hier  stieß  es  mit  Ägypten  zusammen,  da  Necho  II.  Syrien
und  Palästina  wiederzugewinnen  versuchte.  Er  unterlag  dem  babylonischen ­
  König  Nebukadnezar.  „Der  König  von  Ägypten  aber  zog
fortan  nicht  mehr  aus  seinem  Lande  aus,  denn  der  König  von
Babel  hatte  vom  Bach  Ägyptens  an  bis  zum  Euphratstrom  alles
erobert,  was  dem  Könige  von  Ägypten  gehört  hatte"  (Buch  der
Könige  II,  24,  7).  Nebukadnezar  mußte  bald  seine  Aufmerksamkeit
den  Inden  zuwenden,  die  ihn  durch  Aufstände  zwangen,  energisch
gegen  sie  vorzugehen  (S.  22).  In  seinem  Lande  reorganisierte  er
die  Bewässerungsanlagen  und  förderte  ebenso  wie  die  assyrischen
Könige  den  Handel,  zu  dessen  Schutz  er  die  räuberischen  Wüstenstämme ­
  bändigte.  Bald  darauf  fand  auch  das  neubabylonische
Reich  sein  Ende.
Die  Perser  hatten  unter  Cyrus  um  die  Mitte  des  6.  Jahrhunderts ­
  Medien  erobert.  Ein  ungebrochenes  Volk,  das  bis  dahin
von  Landwirtschaft  und  Jagd  gelebt  hatte,  unterwarfen  sie  rasch
das  lydische  Reich,  trotzdem  dies  mit  Sparta,  Babylon  und  Ägypten
verbündet  war,  und  drangen  bis  ans  Ägäiiche  Meer  vor  (S.  37).
Babylon  wurde  bald  darauf  unterworfen,  Ägypten  erst  unter  Kambyses,
  dem  Nachfolger  des  Cyrus,  wobei  diesem  die  Phvniker  und
ANuG  858:  Neurath,  antike  Wirtschaftsgeschichte  2
        <pb n="26" />
        18  Erstes  Kapitel.  Übersicht  über  d.  wirtschaft!.  Entwickl.  d.  Orients  usw.
Polykrates,  der  Tyrann  von  Samos,  mit  Schiffen  behilflich  waren.
Von  da  ab  datiert  der  eigentliche  Bestand  des  persischen  Weltreichs,
das  unter  Darius  einheitlich  organisiert  wurde.  Er  vereinigte  die
orientalischen  Staaten  in  einem  Wirtschaftssystem,  das  im  Notfall
des  wirtschaftlichen  Zusammenhangs  mit  anderen  Verbänden  entbehren ­
  konnte,  da  in  seinem  Bereich  Landwirtschaft  und  Industrie
in  gleicher  Weise  vertreten  waren.  Der  Grundzug  der  Reichsorganisation ­
  bestand  in  der  Vereinigung  der  natural-  und  geldwirtschaftlichen ­
  Finauzverwaltung.  Nur  ein  Teil  der  Lieferungen  der
untertänigen  Völker  erfolgte  im  gesetzlichen  Tauschmittel,  das  in
einigen  Teilen  des  Reiches  in  Münzen  bestand  (S.  42).  Zum  Teil
wurden  die  Abgaben  in  natura  geleistet,  neben  den  kostbaren  Landesprodukten ­
  wie  Elfenbein  oder  Ebenholz  wurden  auch  Pferde  und
Vieh  geliefert,  ebenso  Getreide  für  die  Standquartiere  des  Heeres,
wie  denn  überhaupt  für  die  Armee  und  die  Beamtenschaft  die  Naturalverpflegung ­
  ähnlich  wie  in  Ägypten  angeordnet  war.  Diese
Lieferungen  wurden  entweder  an  die  Zentralmagazine  geleistet,  aus
denen  sie  daun  verteilt  wurden,  oder  es  wurde  eine  bestimmte  Gegend ­
  beauftragt,  alles,  was  die  betreffende  Garnison  brauchte,  zu
liefern.  In  ähnlicher  Weise  war  die  Lieferung  von  Schuhwerk,
Kleidern  usw.  für  die  königliche  Familie  verteilt.  Weitere  Einnahmen
bestanden  in  den  Zöllen  sowie  in  den  Einkünften  aus  den  königlichen ­
  Domänen,  den  Bergwerken  und  bestimmten,  dem  König  reservierten ­
  Betrieben.  Auch  die  Kriegseinnahmen  dürften  einen
großen,  wenn  auch  nicht  konstanten  Posten  gebildet  haben.  Die
persischen  Könige  vermochten  so  riesige  Schätze  anzusanimeln,  Die
Edelmetallmengen  wurden  in  erster  Reihe  für  Kriegszwecke  aufgespart ­
  und  thesauriert,  um  bei  fremden  Staaten  vieles  kaufen
und  Söldner  bezahlen  zu  können,  wenn  letztere  auch  zum  Teil  ihre
volle  Verpflegung  in  natura  erhielten.  Diese  Tendenz  zum  Thesaurieren
  ist  für  die  Finanzverwaltungen  jener  Zeit  überhaupt
charakteristisch.  Sie  hat  bis  zu  einem  gewissen  Ausmaß  im  ganzen
Altertum  bestanden.  Man  suchte  womöglich  nur  die  laufenden  Ausgaben ­
  zu  bestreiten,  im  Notfall  neue  Einnahmen  zu  schaffen  oder
vom  Vorrat  zu  zehren.  Aus  den  Besitz  von  Edelmetall  wurde  ein
besonderes  Gewicht  gelegt,  nicht  etwa  auf  die  Dispositionsfähigkeit
über  dasselbe,  welche  bei  uns  heute  eine  so  große  Rolle  spielt.  Bei
einem  so  großen  Reiche  konnte  es  nicht  fehlen,  daß  die  Steuern
nicht  immer  ganz  zweckmäßig  verteilt  waren  und  vielfach  der  Fehler
gemacht  wurde,  agrarische  Gebiete  mit  einer  Geldstener  zn  belegen,
        <pb n="27" />
        Perser,  Phöniker.

19

während,  wie  wir  schon  bei  Babylon  bemerkten,  für  landwirtschaftliche ­
  Betriebe  die  Leistung  eines  Ertragsanteils  meist  am  angemessensten ­
  war.  So  lastete  diese  Verpflichtung  z.  B.  schwer  auf  dem
Volke  in  Palästina  (Nehemia  V,18).  Viele  mußten  zur  Beschaffung
der  königlichen  Steuer  Geld  auf  ihre  Felder  und  Weinberge  leihen,
wodurch  sie  und  ihre  Kinder  zu  leibeigenen  Knechten  der  Geldgeber
wurden  (Nehemia  V,  4).  Für  die  Handelsverbindungen  tat  Darius
sehr  viel,  im  Süden  arbeitete  er  den  Unternehmungen  der
hellenistischen  und  römischen  Zeit  vor.  So  vollendete  er  den  Nilkanal ­
  Nechos  II.,  der  ähnliche  Zwecke  wie  der  heutige  Suezkanal
verfolgte,  das  wieder  befreite  Ägypten  ließ  ihn  versanden,  Ptolemäus
  II.  stellte  ihn  her,  schließlich  verfiel  er  nochmals.  Nach  mannigfachen ­
  Schicksalen  wurde  er  im  arabischen  Reich  wieder  in  Funktion
gesetzt,  um  die  ägyptischen  Getreideflotten  nach  Arabien  zu  befördern, ­
  aber  um  die  Mitte  des  8.  Jahrhunderts  n.  Chr.  ließ  man  ihn
wieder  verfallen.  Was  Darius  geleistet  hatte,  ging  zum  Teil  unter
seinen  Nachfolgern  verloren,  auch  die  Handelswege  nach  Osten
und  Nordosten,  deren  Benutzung  er  förderte,  gerieten  bald  in  Vergessenheit, ­
  um  teilweise  in  der  Römerzeit  wieder  gefunden  zu
werden;  dann  ging  die  Erinnerung  an  sie  unter,  bis  die  beginnende
Neuzeit  endgültig  den  Handel  nach  Asien  erschloß.  Die  alten  Beziehungen ­
  zu  Indien  wurden  weiterhin  gepflegt,  wodurch  z.  B.
persisches  und  attisches  Geld  in  jene  fernen  Länder  kam  und  dort
benutzt  wurde.  Wenn  das  persische  Reich  mit  seinem  weithin
reichenden  Kultureinfluß  auch  bald  zugrunde  ging,  so  hörte  damit
nicht  alles  auf,  was  es  geschaffen  hatte,  die  Mazedonier  förderten
weiterhin  Kultur  und  Handel,  das  gleiche  taten  die  Römer,  das
zweite  Perserreich  und  auch  die  Araber,  erst  der  Ansturm  der  nordasiatischen ­
  Horden  vernichtete  im  Mittelalter  einen  großen  Teil
der  noch  erhaltenen  alten  Kultur.
Von  den  syrischen  Stämmen,  die,  wie  wir  sahen,  die  Kultur
Ägyptens  und  jene  des  Ostens  miteinander  verbanden,  waren  die
Phöniker  die  wichtigsten.  Sie  haben,  wie  die  anderen  Syrer,  mit
dazu  beigetragen,  daß  ein  vorderasiatischer  Kultnrkreis  sich  bildete
und  u.  a.  ein  auf  gemeinsamer  Grundlage  beruhendes  Maßsystem
geschaffen  wurde.  Schon  im  16.  Jahrhundert  besaßen  diese  Völker
eine  hochentwickelte,  wenn  auch  nur  zum  Teil  originelle  Kultur.
Hier  wurden  viele  Kämpfe  nicht  nur  im  Altertum  und  Mittelalter,
sondern  auch  in  der  Neuzeit  ausgesuchten.  Der  letzte  große  Zusammenstoß ­
  war  der  zwischen  dem  aufständischen  Ägypten  und  der  Türkei
        <pb n="28" />
        20  Erstes  Kapitel.  Übersicht  über  d.  wirtschaft!  Entwickl  d.  Orients  usw.
zu  Anfang  des  19.  Jahrhunderts.  Aber  nicht  nur  den  Handel  zu
Lande  vermittelten  die  Syrer,  sondern  auch  den  zur  See.  Die
Phöniker  fuhren  weit  ins  Mittelmeer  hinaus,  um  Rohstoffe,  vor
allem  Metall  zu  holen,  so  z.  B.  Zinn  und  Silber  aus  den  Westländern, ­
  Kupfer  von  dem  nahegelegenen  Cypern,  Gold  von
Thasos,  einer  Insel  des  Ägäischen  Meeres.  Sie  selber  brachten  den
Völkern,  zu  denen  sie  kamen,  vor  allem  Jndustrieprodukte  und
wohl  nur  ausnahmsweise  Rohstoffe.  Zum  Teil  waren  sie  Zwischenhändler ­
  und  setzten  Waren  aus  allen  Ländern  Vorderasiens  ab,
aber  sie  hatten  auch  eine  eigene  hochentwickelte  Industrie.  So  war
ihre  Purpnrfärberei  berühmt,  zu  der  die  Purpurschnecke  ihrer
Küsten,  aber  auch  die  des  Ägäischen  Meeres  ihnen  den  Rohstoff
beistellte.  Der  Libanon  lieferte  treffliches  Bauholz,  das  sie  teilweise ­
  verhandelten  (S.  22).  Auch  trieben  sie  zu  allen  Zeiten  Fischfang ­
  (S.  23).  Öl  und  Wein  gediehen  in  ausgezeichneter  Qualität,
wenn  auch  nicht  in  großer  Menge,  weshalb  sie  schon  früh  beides
importierten.  Um  ihren  Handel  zu  fördern,  siedelten  sie  sich  im
Bereich  des  ganzen  Mittelmeeres  an,  so  im  Ägäischen  Meere  u.  a.
auf  Cypern,  im  Westen  in  Nordafrika,  wo  sie  neben  anderen  Städten
Karthago  gründeten,  in  Sizilien,  Sardinien  und  Spanien,  das
später  den  Karthagern  im  Kriege  gegen  Rom  als  Operationsbasis
diente  (S.  96).  Die  phönikischen  Stadtstaaten,  unter  ihnen  vor  allen
Tyrus  und  Sidon,  waren  gleich  den  griechischen  zeitweise  zu  Bünden
vereinigt,  die  sich  der  Fremdherrschaft  nur  selten  zu  entziehen  vermochten. ­
  Meist  schadete  ihnen  diese  nicht  allzusehr,  weil  die  unterjochenden ­
  Staaten  an  dem  Handel  der  Phöniker  interessiert  waren,
freilich  kam  es  manchmal  zu  erheblichen  Störungen,  die  viele  Bewohner ­
  zum  Auswandern  veranlaßten  (S.  17).  Auch  die  Niederlassungen ­
  in  Afrika  und  Sizilien  bildeten  keine  einheitliche  Organisation ­
  und  standen  nur  in  einem  lockeren  Abhängigkeitsverhältnis ­
  vom  Mutterlande,  von  dem  sie  immer  mehr  getrennt
wurden,  besonders  seit  sich  die  Griechen  in  Kyrene  niedergelassen
hatten  (S.  36).  Als  ernste  Konflikte  mit  den  europäischen  Mächten
drohten,  vereinigten  sich  erst  die  phönikischen  Städte  des  Westens
unter  der  Führung  Karthagos.  Während  die  Ansiedlungen  der  Griechen ­
  selbständige,  die  der  Römer  vom  Mutterlande  abhängige
Gemeindeorganisationen  waren,  stellte  ein  großer  Teil  der
phönikischen  Faktoreien  dar,  da  die  Phöniker  nur  selten  zur  Auswanderung ­
  gedrängt  wurden  —vermochte  doch  ihre  rege  Industrie
eine  sehr  dichte  Bevölkerung  zu  ernähreu.  Diese  Faktoreien  dienten
        <pb n="29" />
        Phöniker,  Hebräer.

21

gewöhnlich  dazu,  das  Hinterland  dem  Handel  zu  erschließen,  und
bildeten  für  lange  Seefahrten  Zwischenstationen.  Wenn  die  Völker,
mit  denen  die  Phöniker  zu  tun  hatten,  Expansionspolitik  zu  treiben
begannen,  zogen  sich  die  Phöniker  entweder  als  Ansiedler  zurück  und
beschränkten  sich  auf  den  Handel,  oder  sie  erweiterten  ihre  Faktoreien
zu  befestigten  Plätzen,  die  sich  dann  zu  Städten  entwickelten.  Kamen
die  Phöniker  in  Gegenden,  in  die  sie  nicht  mehr  zurückzukehren
beabsichtigten,  so  trieben  sie  zunächst  ein  wenig  Handel,  um  dann
alles  mögliche  zu  rauben,  z.  B.  ein  paar  schöne  Weiber,  die  sie  entweder ­
  selbst  behielten  oder  in  die  Sklaverei  verkauften,  oder  Kinder
aus  guten  Familien,  die  als  Sklaven  hoch  bezahlt  wurden.  Was  man
sonst  durch  Raub  erlangte,  Wertgegenstände  aller  Art,  war  eine
angenehme  Zugabe.  Eine  Verfolgung  war  meist  nicht  zu  befürchten,
da  die  Phöniker  durch  lange  Zeit  die  besten  Schiffe  besaßen  (Odyssee
XV,  414—482).  So  verband  sich  bei  den  seßhaften  Völkern  mit
dem  Begriff  des  Handelsmannes  der  des  Seeräubers  und  Feindes,
und  wenn  diese  Völker  auch  später,  als  sie  selbst  das  Meer  befuhren, ­
  den  Seeraub  schätzen  lernten  (Thucydides  I,  5),  so  blieb
doch  ein  gewisses  Mißtrauen  dem  Kaufmann  gegenüber  bestehen,
das  durch  eine  Reihe  anderer  Momente  noch  vielfach  vermehrt
wurde.  Aber  nicht  nur  wenn  er  als  Räuber  auftrat,  zerstörte  und
schadete  der  phönikische  Kaufmann,  auch  seine  friedliche  Tätigkeit
übte  oft  eine  unheilvolle  Wirkung  aus.  Wo  die  Phöniker  sich  in
agrarischen  Ländern  ansiedelten,  die  sie  allmählich  der  Geldwirtschaft ­
  zuführten,  waren  sie  häufig  die  ersten  Wucherer,  und  der
ungewandte  Landwirt  verfiel  dem  Fremden,  der  von  ihm  feste
Summen  Edelmetalls  verlangte,  wo  jener  höchstens  einen  Teil  der
Ernte  ohne  Schaden  hergeben  konnte.  Die  Phöniker  haben  auch  oft
Schuldknechte  aufgekauft  und  in  ferne  Länder  geführt,  denn  sie
fanden  immer  welche,  „die  für  Geld  den  Rechtschaffenen  verkauften
und  den  Dürftigen  um  ein  paar  Schuhe  willen"  (Amos  2,6).
Eines  der  Völker,  dem  sie  zuweilen  recht  arg  mitspielten,  waren
die  Hebräer.  Sie  waren  etwa  im  12.  Jahrhundert  in  Kanaan  eingerückt, ­
  ein  Nomadenstamm,  der  seßhaft  werden  wollte.  Da  die
Assyrer  und  die  Ägypter  das  Land  gerade  nicht  im  Besitz  hatten,
gelang  es  ihnen,  einen  Teil  der  einheimischen  Bevölkerung  zu  unterwerfen, ­
  doch  blieben  genug  Völker  übrig,  mit  denen  sie  immer
wieder  schwere  Kämpfe  zu  bestehen  hatten.  Die  Küste  des  Mittelmeers ­
  blieb  fast  ausschließlich  im  Besitz  der  Philister  und  der
Phöniker,  die  Küste  des  Roten  Meeres  im  Besitze  der  Edomiter,
        <pb n="30" />
        22  Erstes  Kapitel  Übersicht  über  d.  wirtschaft!.  Entwickl.  d.  Orients  usw.
und  erst  spät  gelang  es  den  Hebräern,  ans  Meer  zu  kommen.  Die
Könige  David  und  Salomo  knüpften  mit  den  Phönikern  Handelsbeziehungen ­
  an,  wobei  die  Hebräer  als  Agrarvolk  Weizen  und  Öl  zu
liefern  hatten  (Könige  I,  5,25).  Die  Könige  empfingen  von  den
unterworfenen  Stämmen  Tribute,  das  Volk  leistete  Frondienste
(Königei,  5,  27  f.)  Die  Phöniker  wurden  in  vielem  die  Lehrmeister
der  Hebräer,  sie  waren  ihnen  bei  ihren  großen  Bauten  behilflich  und
machten  mit  ihnen  gemeinsam  gelegentlich  Handelsfahrten  nach  dem
Süden,  um  Gold,  wertvolle  Hölzer,  Steine  und  Öle  zu  holen  (Könige
I,  10,11).  Zeitweilig  standen  die  Juden  mit  den  Ägyptern  recht  gut,
ein  andermal  wieder  kamen  diese  raubend  und  plündernd  ins  Land
wie  später  die  Assyrer.  Als  letztere  schon  im  Anzug  waren,  schlug  sich
noch  Israel  mit  Damaskus  herum,  einem  mächtigen  Handelsstaat,
der  sogar  den  Assyrern  Widerstand  zu  leisten  vermochte.  Handelspolitische ­
  Interessen  haben  bei  diesen  Kämpfen  ebenso  mitgespielt
wie  bei  den  Versuchen  der  Könige  von  Jerusalem,  die  Karawanenstraße ­
  nach  Gaza  sowie  einen  Hafen  am  Roten  Meer  in  Besitz  zu
bekommen;  hat  doch  der  besiegte  König  von  Damaskus  gestatten
müssen,  daß  die  Hebräer  in  seiner  Hauptstadt  Basare  anlegten,  so
wie  sein  Vater  solche  in  Samaria  gehabt  hatte  (Könige  I,  20,  34).
Aber  im  8.  Jahrhundert  wurde  all  diesen  Versuchen  der  Hebräer,
sich  auch  dem  Handel  zu  widmen,  ein  jähes  Ende  bereitet,  als  die
Assyrer  vorrückten  und  die  Hebräer  ebenso  wie  manche  Araberstämme ­
  bändigten.  Aber  endgültig  gebrochen  wurden  die  Hebräer
erst  im  6.  Jahrhundert,  als  sie  durch  Aufstände  den  König  von
Babylon  zwangen,  die  meisten  von  ihnen  aus  der  Heimat  wegzuführen. ­
  Als  überdies  ein  Teil  der  Übriggebliebenen  nach  Ägypten
zog,  verfiel  das  Land,  in  dem  sich  die  ärmste  Schicht  der  Bevölkerung ­
  über  die  Äcker  der  Reichen  verteilte,  während  gleichzeitig
die  benachbarten  Stämme  eindrangen.  Der  Untergang  des  babylonischen ­
  Reiches  führte  sehr  viele  Hebräer  wieder  in  ihre  Heimat
zurück,  wo  sie  von  den  persischen  Königen  vielfach  gefördert  wurden.
Aber  nur  langsam  konnte  Palästina  wieder  fruchtbar  gemacht  werden,
Not  aller  Art  stellte  sich  ein,  die  durch  die  Geldsteuer  noch  erhöht
wurde,  indem  dadurch  viele  in  Schulden  gestürzt  wurden  (S.  18).
Endlich  kam  Nehemia,  ein  Jude  in  persischen  Diensten,  als  Statthalter ­
  ins  Land,  der  durch  einen  Schulden  Nachlaß  den  Notstand
beheben  wollte.  Über  diese  symptomatische  Behandlung  kam  er
nicht  hinaus,  bildete  doch  ihre  periodische  Durchführung  sowie  die
Rückgängigmachung  der  wichtigsten  Besitzveränderung  schließlich  das
        <pb n="31" />
        Hebräer,  Araber.

23

Ideal  der  wirtschaftlichen  und  sozialen  Spekulation  der  alten  Juden.
Bei  einem  vorwiegend  Landwirtschaft  treibenden  Volke  —  in
Palästina  wurde  Getreide,  Wein,  Feigen  gebaut,  während  die
Lyrischen  Händler  Fische  brachten  (Nehemia  13,15  f.)  —  ist  das
auch  durchaus  begreiflich.  Die  zahlreiche  Priesterschaft  wurde  wie
die  Beamtenschaft  Ägyptens  oder  Persiens  in  natura  verpflegt,
indem  ihr  ein  Anteil  an  den  Erträgen  des  Landes  zugesprochen
wurde.  Vom  5.  Jahrhundert  an  begann  sich  die  Bevölkerung  zum
Teil  durch  Assimilierung  fremder  Elemente  wieder  zu  vermehren
und  drang  vielfach  bis  zur  Küste  vor,  um  sich  am  Handel  zu
beteiligen,  besonders  die  Juden  der  Diaspora  verbreiteten  sich
überallhin  und  stellten  so  ein  Volk  dar,  das  zwischen  den  andern
Völkern  in  den  Provinzen  des  Reiches  zerstreut  lebte  (Esther
3,  8).  Doch  die  Hauptentwicklung  der  Diaspora  fiel  in  die  mazedonische ­
  Zeit,  als  auch  Palästina  hellenisiert  wurde  und  bald  wieder ­
  ein  Kampfobjekt  der  streitenden  Mächte  Syrien  und  Ägypten
war.  In  beiden  Ländern  gelangte  die  Diaspora  zu  großer  Bedeutung, ­
  besonders  in  letzterem,  da  die  Juden  in  Alexandria  eine
große  Gemeinde  mit  vielen  Rechten  bildeten.  Die  Verbreitung  über
das  ganze  Mittelmeerbecken  nimmt  von  da  ab  immer  mehr  zu,  und
wie  der  griechische  Händler  nach  Palästina  kam,  so  der  jüdische
nach  Griechenland.  Die  Kriege  mit  den  Römern  brachten  im  1.  Jahrhundert ­
  viele  kriegsgefangene  Juden  nach  Italien,  wo  sich  große
Judengemeinden  bildeten.  Ihre  Hauptbedeutung  als  Kaufleute
bekamen  sie  aber  erst  nach  dem  Untergang  des  römischen  Reiches,
als  sie  in  den  Kämpfen  der  Byzantiner  mit  ihren  Feinden  als
Neutrale,  die  es  mit  niemandem  hielten,  eine  wichtige  Rblle  spielten.
Von  großer  Bedeutung  —  wenn  auch  nicht  von  jener  der  Phöniker
  —  waren  für  die  Handelsbeziehungen  der  alten  Welt  die
Völker  Arabiens.  Während  der  Süden  oft  Jahrhunderte  hindurch
in  großen  Reichen  zusammengefaßt  war,  die  wie  etwa  das  von
Saba  auch  auf  die  afrikanische  Küste  hinübergriffen,  um  sie  für
ihren  Handel  auszunutzen,  haben  die  nördlicheren  Teile  meist  nur
nomadisierende  Stämme  beherbergt,  die  häufig  in  das  Kulturland
plündernd  einfielen,  oft  aber  auch  seßhaft  wurden  (S.  16).  Sowohl ­
  die  großen  Staatswesen  im  Süden  als  die  einzelnen  Stämme
widmeten  sich  seit  sehr  frühen  Zeiten  dem  Handel,  wenn  es  daneben
auch  reine  Nomaden  gab,  die  nur  der  Viehzucht  lebten.  Eine  ganze
Reihe  von  Wüsteustraßen  durchquerten  Arabien.  Sie  in  Besitz  zu
bekommen,  war  das  Bestreben  der  großen  asiatischen  Reiche,  um
        <pb n="32" />
        24  Erstes  Kapitel.  Übersicht  über  d.  wirtschaftl.  Entwickl.  d.  Orients  usw.
sie  kärnpften  die  Assyrer  mit  den  Babyloniern,  sie  bemühte  sich  der
Perserkönig  in  seine  Hand  zu  bekommen.  Meist  mußte  er  sich  damit ­
  begnügen,  daß  die  Araber  ihm  einen  Weihrauchtribut  leisteten
und  ihm  bei  der  Wasserversorgung  der  Wüstenstraße  nach  Ägypten
behilflich  waren  (Herodot  III,  6—9),  es  ist  aber  niemandem  gelungen, ­
  die  umherschweifenden  Stämme  dauernd  zu  bändigen.  Sie
sind  nur  selten  den  großen  Staaten  gefährlich  geworden,  da  sie
unter  sich  meist  uneins  waren.  Aber  unangenehme  Nachbarn  waren
sie  immer,  und  geeint,  wie  durch  Mohammed,  konnten  sie  eine  gewaltige ­
  Macht  darstellen.  Sie  erhielten  sich  schlagfertig,  indem  sie
den  Getreidebau  vielfach  mit  schweren  Strafen  belegten,  um  ihre
Beweglichkeit  im  Felde  nicht  einzubüßen,  eine  Anschauungsweise,
die  auch  Mohammed  vertrat,  der  gesagt  haben  soll:  „Der  Unterhalt
meiner  Gemeinde  beruht  auf  den  Hufen  ihrer  Rosse  und  den  Spitzen
ihrer  Lanzen,  solange  sie  nicht  den  Acker  bestellen;  wenn  sie  aber
anfangen  das  zu  tun,  so  werden  sie  wie  die  übrigen  Menschen."
Einerseits  pflegten  die  Araber  den  Zwischenhandel  von  den  östlichen ­
  Ländern  zum  Mittelmeer,  andererseits  trieben  sie  auch  selbst
Handel  mit  ihren  Landesprodukten,  die  zum  Teil  einzigartig  waren,
so  der  Weihrauch.  Wenn  sie  nicht  selber  Karawanen  ausrüsteten,
gewährten  sie  den  durchziehenden  Kaufleuten  Schutz  gegen  entsprechend ­
  hohe  Abgaben;  wurden  diese  verweigert,  so  beraubte  man
die  Kaufleute.  Raub  war  überhaupt  bei  den  Arabern,  wie  bei  den
meisten  Handelsvölkern,  eine  wichtige  Nebenbeschäftigung.  Die  arabischen ­
  Karawanen,  welche  zum  Mittelmeer  strebten,  gingen  meistens
nach  Gaza,  aber  auch  in  Syrien  traf  man  arabische  Kaufleute  in
großer  Zahl  an.  Ägypten  wurde  ebenfalls  vielfach  von  ihnen  aufgesucht ­
  (Moses  1,37,25).  Sie  vermittelten  auch  den  Handel  nach
Indien,  und  es  scheinen  schon  früh  von  Saba  aus  nach  Indien  Schiffe
gekommen  zu  sein.  Die  Verbindung  mit  Babylon  wurde  bereits
in  alten  Zeiten  zu  Wasser  und  zu  Lande  hergestellt.  Die  Waren,
vor  allem  Weihrauch  und  Myrrhen  wurden  vielfach  in  der  Weise
zusammengebracht,  daß  die  einzelnen  Stämme  sich  auf  großen
Marktplätzen  auf  kurze  Zeit  vereinigten  und  regelrecht  miteinander
Handel  trieben  (Diodor  XIX,  94).  Ihre  Bedeutung  als  Zwischenhändler ­
  haben  die  Araber  viele  Jahrhunderte  lang  behalten,  ja
sie  besitzen  dieselbe  zum  Teil  heute  noch.  Zeitweise  wurde  ihre
Bedeutung  dadurch  verringert,  daß  die  Ptolemäer  die  direkte  Schifffahrt ­
  nach  Indien  pflegten  (S.  83).  Aber  als  Produzenten  von
Weihrauch  und  vielen  andern  wertvollen  Gegenständen  blieben  sie
        <pb n="33" />
        Araber,  Griechen.

25

immer  unerreicht  (S.  127).  Die  Ägypter  sind  mit  den  Arabern
auch  in  der  Eroberungszeit  nicht  viel  in  Berührung  getreten,  die
Kupfergruben  auf  der  Sinaihalbinsel  haben  sie  wohl  wie  im  alten
Reich  selbst  ausgebeutet,  nur  der  Handel  mit  Balsam,  den  die
Araber  nach  Ägypten  lieferten,  scheint  geblüht  zu  haben.  Bei  der
Sicherung  der  Straßen  nach  dem  Norden  für  Handelsverkehr  und
Heereszüge  kamen  die  Ägypter  mit  den  Arabern  in  Berührung,
wenn  sie  Forts  und  Brunnenstationen  anlegten,  freilich  waren  das
auch  meist  reine  Nomaden  und  nicht  handeltreibende  Stämme.
Ihre  Hauptrolle  in  der  Geschichte  haben  sie  aber  erst  gespielt,  als
sie  die  Begründer  eines  Weltreichs  wurden.
Zur  Beurteilung  der  antiken  Wirtschaftsgeschichte  genügt  diese
kurze  Skizze  der  wirtschaftlichen  Verhältnisse  des  Orients  bis  zur
hellenistischen  Zeit.  Wir  sehen,  wie  die  beiden  Kulturzentren  am
Euphrat  und  am  Nil  durch  eine  Anzahl  kleinerer  Staatswesen
verbunden  erscheinen,  die  für  die  Entwicklung  des  Orients  und
auch  für  die  des  Okzidents  von  großer  Bedeutung  waren.  Gerade
deshalb,  weil  diese  Staatswesen  eine  hohe  kulturelle  Entwicklung
ohne  eine  entsprechende  politische  Macht  aufwiesen,  konnten  sie  befruchtend ­
  wirken,  ohne  zu  unterwerfen,  und  so  eine  erziehende  Wirkung ­
  ausüben,  indem  der  Staatsverband,  mit  dem  sie  in  Berührung
kamen,  allmählich  heranreifen  konnte  und  dabei  seine  politische
Selbständigkeit  bewahrte.  Es  war  so  für  die  Griechen  von  großer
Bedeutung,  daß  sie  mit  dem  Orient  zu  einer  Zeit  in  Berührung
traten,  wo  keines  der  großen  Reiche  seine  volle  politische  Macht
bis  zur  Küste  des  Ägäischen  Meeres  ausgedehnt  hatte.
Zweites  Kapitel.
Das  Zeitalter  des  Schatzhandrls  in  Griechenland.
(Vis  Mitte  8.  Jahrhunderts.)
Schaue  den  Glanz  des  Erzes  ringsum  in  der  fallenden  Wohnung
Und  des  Goldes  und  Silbers,  des  Elfenbeins  und  Elektrons.
Odyssee.
In  der  zweiten  Hälfte  des  zweiten  Jahrtausends  treffen  wir
im  ganzen  Umkreis  des  Ägäischen  Meeres  an  den  Küsten  und  auf
den  Inseln  Griechen  an.  Ins  kleinasiatische  Gebiet  sind  sie  wohl
nach  und  nach  von  Europa  aus  gekommen.  Vom  Mutterlande  waren
diese  Ansiedlungen  von  Anfang  an  unabhängig,  meist  wurde  sogar
der  Zusammenhang  mit  ihm  völlig  vergessen  und  erst  in  späterer
        <pb n="34" />
        26  Zweites  Kapitel.  Zeitalter  des  Schatzhandels  in  Griechenland.
Zeit  mit  Hilfe  von  Sagen  und  ausgeklügelten  Etymologien  rekonstruiert. ­
  Die  Westküste  wies  eine  Ansiedlung  neben  der  andern
auf,  ebenso  die  Inseln,  die  Südküste  nur  wenige,  obzwar  auch  dort
die  Griechen  spater  als  Händler  Eingang  gefunden  haben,  ins
Innere  konnten  sie  der  eingeborenen  Völker  wegen  nur  schwer
vordringen.  Von  diesen  Niederlassungen  waren  nur  gelegentlich
einige  zu  Bünden  zusammengeschlossen.  Die  große  Völkerbewegung
im  Umkreis  des  östlichen  Mittelmeers  hatte  jedoch  durch  die  Besiedlung ­
  Kleinasiens  nicht  ihr  Ende  erreicht,  vielfach  suchten  größere
Gruppen  nach  Süden  vorzurücken,  so  erfahren  wir  aus  ägyptischen
Inschriften,  daß  am  Ende  des  zweiteil  Jahrtausends  von  Nordosten ­
  und  Nordwesten  große  Schwärme  fremder  Völker  heranrückten,
die  von  den  Küsten  und  Inseln  Kleinasiens,  Griechenlands  und
Italiens  gekommen  zu  sein  scheinen  (S.  13).  Solche  Scharen
landeten  einmal  in  der  Nähe  der  späteren  Kolonie  Kyrene  und
marschierten  mit  libyschen  Stämmen  verbündet  gegen  Ägypten,
einige  Zeit  später  kam  eine  zweite  Gruppe  mit  Weib  und  Kind,
ein  Teil  längs  der  Küste  auf  Ochsenkarren,  der  andere  zu  Schiff
von  Syrien  her.  Beide  Male  wurde  der  Ansturm  zurückgeschlagen,
wobei  auf  Seite  der  Ägypter  Angehörige  jener  fremden  Stämme
als  Söldner  fochten,  ähnlich  wie  in  der  Römerzeit  Germanen  gegen
Germanen  (S.  140).  Diese  Leute  waren  offenbar  damit  zufrieden,
als  Kriegsproletarier  ihr  Brot  zu  verdienen,  während  ihre  Herren
auf  diese  Weise  nicht  nur  einen  Teil  der  Gegner  los  wurden,  sondern
auch  den  Rest  mit  ihrer  Hilfe  bekänlpfen  konnten.
Über  die  wirtschaftlichen  und  sozialen  Verhältnisse  der  griechischen ­
  Welt  in  der  zweiten  Hälfte  des  zweiten  Jahrtausends  und
zu  Beginn  des  ersten  Jahrtausends  sind  wir  durch  Ausgrabungen,
Rückschlüsse  aus  späteren  Institutionen  und  Überlieferungen  aller
Art,  sowie  durch  die  homerischen  Epen  nur  ungenügend  orientiert.
Die  letzteren  können  nur  mit  Vorsicht  verwendet  werden,  weil  sic
zum  Teil  die  Entstehuugszeit  der  Lieder,  d.  h.  die  ersten  vier
Jahrhunderte  des  ersten  Jahrtausends  schildern,  zum  Teil  aber
die  Zustände  früherer  Zeiten.  Große  Umwälzungen  am  Ausgang
des  zweiten  Jahrtausends  lassen  uns  nur  schwer  einen  Begriff  von
den  damaligen  Zuständen  gewinnen.  Im  zweiten  Jahrtausend  bestand ­
  in  Griechenland  eine  in  vielfacher  Hinsicht  höhere  Kultur,
als  wir  sie  zu  Beginn  des  ersten  kennen.  Gewaltige  Bauten  legen
von  einem  hoch  enttvickelten  Handwerk  Zeugnis  ab.  Die  großen
Menschenmassen,  die  jene  Niesenmauern  errichteten,  dürften  unter
        <pb n="35" />
        Mykenische  Periode.

27

einer  strengen  Zncht  gestanden  haben,  so  wie  die  Untertanen  im
alten  Ägypten  oder  Assyrien,  die  neben  den  Sklaven  zu  den  großen
Werken  der  Könige  ihre  Kraft  zur  Verfügung  stellen  mußten,  wie
denn  überhaupt  sehr  viel  dafür  spricht,  daß  in  jener  Zeit  in
Griechenland  starke  Königsherrschaften  bestanden.  Wir  besitzen  noch
große  Reste  vom  „manergewaltigen"  Tiryns  (Ilias  II,  559),  von
Mykenae  —  nach  dieser  Stadt,  ans  der  sehr  viele  Funde  stammen,
wird  die  ganze  Kultur  als  die  mykenische  bezeichnet  —  und  von
vielen  andern  Ansiedlnngen  dieser  Zeit  neben  Burg-  und  Grabanlagen
  Kunstgegenstände  und  Geräte;  hierzu  kommen  gewaltige
Straßen,  deren  wohlgefügte  Steinstächen  noch  heute  im  Peloponnes
erhalten  sind.  Vor  allem  finden  wir  derartige  Bauten  auf  dem
europäischen  Festlande,  verwandte  Knnstgegenstände  in  großer
Zahl  aber  auch  auf  den  Inseln,  in  Kleinasien  und  sogar  in  Italien. ­
  Diese  Kultur,  die  sich  an  eine  ältere  anschloß,  die  wir  zum
Teil  ans  den  untern  Schichten  der  trojanischen  Ausgrabungen
kennen,  hat  dem  Orient  sehr  viel  zu  verdanken  gehabt.  Der  Handel ­
  hat  hier  eine  entscheidende  Rolle  als  Kulturträger  gespielt,
durch  ihn  sind  wohl  die  ägyptischen  Skarabäen  und  manches
andere  aus  dem  Orient  in  die  mykenischen  Gräber  gekommen.
Diesen  Beziehungen  zum  Orient  entsprechen  auch  die  Schilderungen
in  den  homerischen  Epen,  mögen  sie  sich  nun  ans  diese  oder  ans
die  nächsten  Jahrhunderte  beziehen.  Das  oft  erwähnte  Elfenbein
ist  orientalischen  Ursprungs  (Odyssee  IV,  73  f.).  Die  Burgbeschreibnngen
  tragen  einen  so  orientalischen  Charakter,  daß  dies
bereits  den  Alten  auffiel  (Dio  v.  Prusa,  Reden,  II  37  ff.).  Die
große  Bedeutung  des  Handels  mit  dem  Orient  mag  man  auch
daraus  entnehmen,  daß  die  dem  Osten  zugewendeten  Küsten
Griechenlands  sich  am  frühesten  kulturell  entwickelt  haben.  Da
die  Ansiedlnngen  der  mykenischen  Zeit  häufig  nicht  allzuweit
vom  Lande  entfernt  waren,  konnte  dort  der  fremde  Kaufmann
leicht  mit  dem  Hinterlande  in  Beziehung  treten,  Rohmaterialien
erlangen  und  dagegen  seine  Waren  an  den  Mann  bringen.  Vielleicht ­
  haben  die  Könige  bereits  diesen  Handel  selbst  in  die  Hand
genommen  und  frühzeitig  Handelsfahrten  unternehmen  lassen.  Die
Produklion  mykenischer  Gefäße  hat  schließlich  eine  solche  Vollkommenheit ­
  erlangt,  daß  dieselben  weithin  transportiert  wurden,
wahrscheinlich  durch  Phöniker,  vielleicht  aber  auch  durch  Griechen. ­
  Diese  Tendenz,  Handel  und  Industrie  zu  treiben,  dürfte  bewirkt ­
  haben,  daß  schon  früh  die  Bewohner  nahe  beieinander  lie
        <pb n="36" />
        28  Zweites  Kapitel.  Zeitalter  des  Schatzhandels  in  Griechenland.
gender  Dorfschaften  zusannnensiedelten  (Strabo,  Vili  3),  sei  es
in  einem  der  bisherigen  Orte,  sei  es  in  einem  neugegründeten
Zentrum,  ein  Vorgang,  der  sich  noch  häufig  in  historischer  Zeit
wiederholte.  Die  gesamte  Griechenheit  hat  sich  aber  damals  ebensowenig ­
  wie  in  den  nächsten  Jahrhunderten  als  Ganzes  organisiert.
Die  Zersplitterung  ist  immer  für  die  Griechen  charakteristisch  geblieben, ­
  sie  förderte  zwar  eine  überaus  nlannigfaltige  und  rege
Kulturentwicklung,  lähmte  aber  die  politische  Widerstandskraft,  so
daß  es  als  ein  glückliches  Zusammentreffen  bezeichnet  werden  muß,
daß  die  heranreifende  griechische  Welt  zunächst  mit  keinem  der
großen  Weltreiche  in  nähere  Berührung  trat.
Zu  Beginn  des  ersten  Jahrtausends  sind  die  großen  Königsherrschaften ­
  der  mykenischen  Epoche  meist  verschwunden.  Wir  finden ­
  nun  neben  dem  Könige  einen  starken  gruudbesitzenden  Adel,
dessen  Macht  sich  immer  mehr  vergrößerte,  bis  schließlich  das
Königtum  im  8.  Jahrhundert  fast  überall  beseitigt  wurde.  Nur
in  Sparta,  das  auch  sonst  eine  eigentümliche  Entwicklung  durchmachte, ­
  treffen  wir  es  in  modifizierter  Form  weit  länger  an
(S.  91).  In  den  Ländern,  die  damals  den  Großgrundbesitz  bereits
kannten,  wurde  der  freie  Bauer,  der  halbfreie  oder  unfreie  Knechte
nicht  in  genügender  Zahl  besaß,  vielfach  genötigt,  sich  mit  der  Bebauung ­
  des  Bodens  zu  befassen,  den  Krieg  und  daher  die  Beute
mußte  er  dem  Adel  überlassen.  Denn  in  den  Krieg  zu  ziehen  war
damals  der  Beute  wegen  in  weit  größerem  Maße  ein  Recht  als
eine  Pflicht.  Die  Zahl  der  Landwirte,  die  nur  ein  kleines  Stück
Land  besaßen  und  nebenbei  Arbeit  für  die  Großen  leisten  mußten,
mag  in  vielen  Ländern  sehr  angewachsen  sein.  Die  Adelsgeschlechter
waren  häufig  die  Leiter  des  Staatswesens,  sie  schirmten  den  kleinen ­
  Mann  und  beuteten  ihn  entsprechend  aus.  Die  Bedeutung
der  Städte,  die  zum  großen  Teil  erst  damals  entstanden,  begann
zu  wachsen,  sie  bildeten  die  politischen  und  wirtschaftlichen  Zentren,
dort  befand  sich  die  Zentralregierung,  dort  wurden  die  Volksversammlungen ­
  abgehalten,  wo  eine  solche  noch  ihre  Bedeutung  bewahrt ­
  hatte,  dort  wurde  Recht  gesprochen.  Nur  wer  neben  seinem
Grund  und  Vieh  ein  Haus  in  der  Stadt  hatte,  konnte  ohne
Schwierigkeit  auf  die  Leitung  des  Gemeinwesens  Einfluß  nehmen,
der  kleine  Bauer  vermochte  nur  selten  hinzukommen  und  wurde
dadurch  noch  weiter  entrechtet.
Neben  den  Freien,  die  rechtlich  oder  tatsächlich  oft  eine  sehr
verschiedene  Stellung  im  Staatswesen  einnahmen,  standen  Halb-
        <pb n="37" />
        Beute,  Sklaven,  Handwerk  und  Handel.

29

freie  verschiedenster  Art,  teils  unterworfene  Stämme,  die  den
Boden  bearbeiteten  oder  Gewerbe  trieben,  teils  Fremde,  die  als
Beisassen  sich  angesiedelt  hatten  und  vielfach  Händler  waren;  sie
alle  hatten  keinen  Anteil  au  den  politischen  Rechten,  genossen  aber
eine  mehr  oder  weniger  beschränkte  Freiheit  und  konnten  unter
gewissen  Bedingungen  ihr  Recht  finden.  Die  nicht  sehr  zahlreichen
Sklaven  wurden  entweder  gekauft,  besonders  von  phönikischen
Händlern  (Odyssee  XV,  482)  oder  im  Kriege  erbeutet  (Ilias
XXI,  102).  Das  Verhältnis  der  Herren  zu  den  Sklaven  war  meist
ein  patriarchalisches,  namentlich,  wenn  der  Sklave  im  Hause  aufgewachsen ­
  oder  gar  vom  Herrn  selbst  mit  einer  Sklavin  erzeugt
worden  war.  Die  Stellung  der  Sklaven  entsprach  vielfach  derjenigen ­
  unserer  Knechte  auf  dem  Lande,  die  gleichfalls  ihr  Lebenlang
ein  und  demselben  Herrn  dienen.  Eine  schlechte  Behandlung  wurde
erst  den  Plantagensklaven,  den  Fabriksklaven  und  den
Bergwerkssklaven  zuteil  (S.  73).
Soweit  nicht  eine  Familie  allein  ein  Gut  bewirtschaftete,  erfolgte
die  Güterverteilung  innerhalb  des  Herrschaftsbereiches  eines  Großgrundbesitzers, ­
  indem  die  Abhängigen  in  voller  Verpflegung  standen. ­
  Zwischen  den  einzelnen  Wirtschaften  kam  es  zu  keinen:  erheblichen ­
  Austausch,  tvenn  auch  mit  Vieh  und  kostbaren  Objekten
gelegentlich  ein  kleines  Geschäft  gemacht  wurde.  Da  die  einzelnen
Ansiedlungen  eine  ständige  Bevölkerung  hatten,  halfen  sich  die
Nachbarn  untereinander  aus,  was  eine  Art  gewohnheitsrechtlichen
Tauschhandels  auf  Kredit  darstellte.  Die  Metalle  konnte  sich  freilich ­
  der  Landwirt  nicht  selbst  erzeugen,  er  mußte  sie  auf  dem  Markte
kaufen,  so  vor  allem  das  Eisen  (Ilias  XXIII,  635).  Auch  wurden
wohl  die  Metalle  der  Heimat  verfrachtet  und  gegen  Metalle  anderer ­
  Gegenden  eingetauscht,  was  aber  erst  zu  Ende  dieser  Epoche
allgemeiner  geworden  sein  dürfte(Odyssee  1,185).  Auch  gab  es  frühzeitig ­
  selbständige  Schmiede  und  bald  auch  andere  Handwerker
neben  jenen,  die  auf  den  großen  Gütern  nur  für  den  Herrn  und
die  unter  seiner  Hut  Stehenden  arbeiteten.  Auch  die  Ärzte  gehörten
dem  Stande  jener  an,  die  sich  jedem  aus  dem  Volke  zur  Verfügung ­
  stellten.  Welche  Wirtschaftsordnung  dieser  mit  Privateigentum, ­
  neben  welchem  Weideland  und  Herden  als  Gemeinschaftsbesitz
nur  vereinzelt  bestanden,  vorausgegangen  ist,  ist  heute  noch  Gegenstand ­
  kontroverser  Vermutungen.
Der  älteste  Handel  scheint  in  Griechenland  der  Handel  mit
Wertgegenständen  gewesen  zu  sein,  die  man  zur  Anlegung  eines
        <pb n="38" />
        30  Zweites  Kapitel.  Zeitalter  des  Schatzhandels  in  Griechenland.
Hortes  verwenden  konnte.  Dies  Hortbilden  hatte,  wie  heute  noch
vielfach  im  Orient,  eine  große  Bedeutung,  wobei  die  aufgesammelten ­
  Schätze  keineswegs  in  erster  Reihe  als  Tauschmittel  gedacht
waren.  Macht  über  Schätze  zu  besitzen,  war  damals  ebenso  erstrebenswert ­
  als  Macht  über  Menschen,  ganz  abgesehen  davon,
daß  dadurch  auch  die  Konsumgüter  des  gemeinen  Lebens  vermehrt ­
  wurden.  Zu  diesen  Hortgegenständen  gehörten:  Gefäße,
Waffen,  Gürtel,  Spangen  usw.  Da  nicht  jede  Gegend  die  für  diese
Gegenstände  nötigen  Rohprodukte  hervorbrachte,  nicht  jede  die
entsprechenden  Kunsthandwerker  besaß,  entwickelte  sich  auf  diesem
Gebiete  zu  allererst  die  internationale  Arbeitsteilung.  Die  orientalischen ­
  Länder,  deren  Produktion  von  Knnstgegenständen  damals
schon  weit  vorgeschritten  war,  fanden  so  für  dieselben  leichten
Absatz  (S.  20).  Solange  die  Griechen  nicht  allzu  anspruchsvoll ­
  waren,  dürften  die  Orientalen  durch  Verkauf  von  Ausschußware ­
  besonders  gute  Geschäfte  gemacht  haben.  Die  Bedeutung,
welche  solche  Schätze  für  die  Griechen  jener  Zeit  hatten,  kann  man
nicht  hoch  genug  anschlagen,  die  Schilderungen  bei  Homer  sind
ein  deutliches  Zeugnis  dafür.  Um  der  Schätze  willen  unternahm
man  Raubfahrten,  um  der  Schätze  willen  setzte  man  sich  Gefahren
aller  Art  aus,  um  ihretwillen  ließ  man  den  meist  gehaßten  fremdländischen ­
  Kaufmann  in  den  Bereich  der  Gemeinde  kommen  und
behandelte  ihn  nur  gerade  so  schlecht,  daß  er  die  Lust  am  Wiederkommen ­
  nicht  ganz  verlor.  Durch  die  Handelsfahrten  der  Asiaten,
wobei  auch  der  Austausch  von  Geschenken  zwischen  den  Fürsten
und  Adligen  verschiedener  Länder  mitgewirkt  haben  mag,  wurde  die
Produktion  der  einzelnen  Völker  aneinander  angeglichen,  da  die
fremden  Erzeugnisse,  sobald  es  ging,  nachgeahmt  wurden.  Als
Vermittler  wirkten  zuerst  die  nicht-griechischen  Völker  Kleinasiens,
Syriens  und  der  Inseln.  Sie  bildeten  die  Brücke  zwischen
Griechenland,  Ägypten  und  Babylon.  Auf  ägyptischen  Bildern ­
  finden  wir  Bewohner  des  Landes  Kefto,  die  prächtige
silberne  und  goldene  Gefäße  bringen,  die  den  mykenischen  nahe
verwandt  sind,  aber  auch  solchen,  die  wir  aus  älteren  Funden  auf
Kreta  kennen.  Dies  seefahrende  Volk  scheint  keine  unbedeutende
Rolle  in  dem  geschilderten  Kulturkreis  gespielt  zu  haben,  ohne
daß  sein  Wohnsitz  bis  jetzt  sicher  festgestellt  wäre,  früher  identifizierte ­
  man  es  mit  den  Phönikern,  manches  spricht  aber  dafür,
daß  es  westlicher  gewohnt  habe,  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  auf
Kreta.  Reben  diesem  Volke  waren  es  vor  allem  die  Phöniker,
        <pb n="39" />
        die  als  Seefahrer  die  Ansiedlungen  an  den  Küsten  des  Ägäischen
Meeres  frühzeitig  miteinander  verbanden.  Wo  sie  vor  den  Griechen
angesiedelt  waren,  mußten  sie  vor  ihnen  zurückweichen,  da  ihre
Faktoreien  nur  soweit  befestigt  waren,  um  Kontore  und  Warenlager ­
  vor  Überfällen  zu  schützen,  nicht  aber,  um  wohlbewaffnete
Griechenscharen  abzuhalten,  die  auszogen,  eine  Kolonie  zu  gründen.
Die  Griechen  dürften  aber  wohl  kaum  von  ihnen  aus  schon  einmal ­
  besetzten  Positionen  verdrängt  worden  sein.  Ein  besonderes
Interesse  hatten  die  Phöniker  anfangs  sicher  nicht  daran,  ihre
Faktorei  als  solche  zu  behaupten,  da  ihnen  als  den  einzigen  Geschäftsleuten ­
  die  neue  griechische  Kolonie  nur  bessere  Absatzmöglichkeiten ­
  und  zunächst  keine  Konkurrenz  bedeutete.  Die  Phöniker
holten  im  Ägäischen  Meere  Rohmaterialien  aller  Art,  so  neben  der
Purpurschnecke  Gold,  Silber  und  Kupfer.  Neben  den  Hortgegenständen ­
  brachten  sie  auch  manche  Rohmaterialien,  so  das  Zinn,
welches  von  den  Griechen  für  die  Bronze  benötigt  wurde.  Daß
die  Phöniker  mit  manchen  Gegenden  in  einem  sehr  regen  Verkehr
standen,  beweisen  die  zahlreichen  Funde  z.  B.  auf  Rhodos,  wo
vielleicht  phönikische  Ansiedlungen  bestanden  haben  mögen.  Sicher
sind  aber  auch  die  Griechen  schon  sehr  früh  dorthin  gekommen
und  haben  dort  einige  Städte  gegründet,  die  mit  einigen  andern
zusammen  einen  Bund  bildeten.  Von  dort  aus  besiedelten  sie  die
umliegenden  Inseln  und  scheinen  auch  mit  Kreta  Beziehungen
fortgesetzt  zu  haben,  die  bereits  in  vorgriechischer  Zeit  bestanden.
Die  Griechen  blieben  nicht  lange  nur  Abnehmer  der  phönikischen
Waren,  um  für  dieselben  Rohmaterialien  zu  liefern,  sondern  erzeugten ­
  allmählich  auch  Waren,  die  im  Orient  Interesse  erregten
und  dort  gekauft  wurden.  Dann  kamen  sie  schließlich  soweit,  nach
der  Vermutung  mancher  schon  in  mykenischer  Zeit,  sie  selbst  zu
exportieren,  und  zwar  nicht  nur  innerhalb  des  griechischen  Bereichs,
sondern  sogar  nach  dem  Orient,  wo  sie  den  Phönikern,  ihren  Lehrmeistern, ­
  bald  Konkurrenz  machten.  Wenn  die  Griechen  auch  sicher
sich  zunächst  selbständig  als  Seefahrer  entwickelten,  so  wie  im  Mittelalter ­
  etwa  die  Normannen,  so  haben  sie  doch  von  den  Phönikern
überaus  viel  gelernt.  Doch  machten  die  Orientalen  auch  fernerhin
gute  Geschäfte,  denn  der  Luxus  steigerte  sich  und  damit  die  Kauflust; ­
  es  gab  orientalische  Waren,  die  immer  begehrt  waren  und
nicht  nachgemacht  werden  konnten.  Immer  mehr  dürften  nun  auch
Gegenstände  des  Massenkonsums  in  den  Handel  gekommen  sein
und  schließlich  den  ganzen  Verkehr  umgewandelt  haben  (S.  43).
        <pb n="40" />
        32  Drittes  Kapitel.  Das  Zeitalter  der  griechischen  Kolonisation.

Drittes  Kapitel.
Das  Zeitalter  der  griechischen  Kolonisation.
(Mitte  6.  Jahrhunderts  bis  Ende  6.  Jahrhunderts.)
Denn  der  ernährenden  Erde  Begrenzung  geh'  ich  zu  schauen.
Ilias.
Die  griechischen  Städte  Kleinasiens,  die  sich  unter  dem  Einflüsse
des  Orients  vom  8.  Jahrhundert  an  stärker  als  jene  Europas  kommerziell ­
  und  industriell  entwickelten,  gründeten  auch  früher  als  diese
Kolonien.  Soweit  diese  nicht  schon  von  Anfang  an  Industrie-  und
Handelsstädte  waren,  entwickelten  sie  sich  bald  zu  solchen.  Von  den
kleinasiatischen  Städten,  die  sich  der  Kolonisation  im  größten  Stil  zuwendeten, ­
  war  Milet  eine  der  ersten.  Diese  Stadt,  die  im  7.  Jahrhundert ­
  den  Lydern  zu  widerstehen  vermochte,  welche  die  anderen
Städte  Kleinasiens  unterwarfen,  war  durch  ihre  Industrie  und  ihren
Handel,  den  sie  mit  dem  kleinasiatischen  Hinterlande  und  mit  dem
Westen  trieb,  eine  der  reichsten  und  mächtigsten  Städte  der  Welt,
„das  Schatzstück  Ioniens"  (Herodot  V,  28).  Vom  8.  Jahrhundert  bis
zum  6.  Jahrhundert  besiedelten  die  Milesier  die  Küsten  der  Propontis ­
  und  des  Schwarzen  Meeres,  wobei  auch  die  übrigen  Griechen
mitwirkten.  Die  Chalkidike  sowie  Thrazien  mit  seinen  vorgelagerten
Inseln  wurde  ebenfalls  bald  von  Griechen  kolonisiert.  Früh  wurde
Thasos  aufgesucht,  das  durch  seine  Goldproduktion  die  Phöniker  in
den  ältesten  Zeiten  angelockt  haben  soll.  Die  Kolonisation  dieser
Gebiete  machte  nicht  allzuviel  Schwierigkeiten,  wenn  man  auch
vielfach  mit  den  eingeborenen  Völkern  kämpfen  mußte.  Das  Interesse ­
  dieser  Völker  an  der  Küste  war  meist  doch  gering,  und  überdies ­
  waren  sie  nur  selten  in  größeren  Reichen  vereinigt.  Das  Gebiet ­
  des  Schwarzen  Meeres  lieferte  Lebensmittel  aller  Art,  besonders
Getreide  und  Fische  und  trieb  die  Griechen  an,  vom  Schatzhandel
zum  Handel  mit  allen  Gegenständen  überzugehen.  Sobald  einmal
der  Getreideimport  größeren  Umfang  annahm,  konnte  sich  die  Industrie ­
  entfalten.  Viele  Kräfte  wurden  frei,  die  Arbeiter  konnten
billig  ernährt  werden,  und  überdies  benötigte  man  Exportartikel,
um  mit  diesen  das  Getreide  zu  bezahlen,  auch  brauchten  die  Griechen
in  den  Niederlassungen  am  Schwarzen  Meere  viele  Jndustrieartikel
zum  eigenen  Gebrauch,  die  sie  selbst  nicht  zu  erzeugen  vermochten.
Die  industrielle  Entwicklung  des  Mutterlandes  wurde  durch  die
Kolonisation  am  Schwarzen  Meer  noch  weiter  gefördert,  weil  von
        <pb n="41" />
        Milet,  Massalia.

33

dorther  Sklaven  in  großer  Zahl  importiert  wurden,  teils  Kriegsgefangene, ­
  welche  die  eingeborenen  Völker  gemacht  hatten  und  so
verwerteten,  oder  gar  Volksgenossen,  welche  sie  an  die  Griechen
verkauft  hatten  (S.  140).  Die  Faktoreien  haben  in  diesem  Gebiet
eine  größere  Rolle  gespielt  als  sonst  in  den  Kolonien  der  Griechen,
wenn  sie  auch  hier  hinter  den  Städten  zurücktraten.  Byzanz,  jene
Stadt,  die  später  eine  so  große  politische  Rolle  spielen  sollte  und
auch  in  der  Handelsgeschichte  immer  viel  bedeutete,  war  eine  Gründung ­
  der  Megarer.  Der  Handel  nach  dem  Norden  wurde  besonders
durch  die  Stadt  Olbia  besorgt.  Durch  ihren  Getreidereichtum  ragten
die  Städte  der  Krim  hervor,  die  sich  zu  hervorragenden  Handelsplätzen ­
  entwickelten,  die  weit  über  das  Altertum  hinaus  ihre  Bedeutung ­
  erhielten  und  z.  B.  im  Mittelalter  von  den  Genuesen  besetzt ­
  wurden,  bis  diese  im  15.  Jahrhundert  von  den  Türken  daraus ­
  vertrieben  wurden.
Weit  wichtiger  als  die  Städte  am  Schwarzen  Meer  waren  die
westlichen  Kolonien  der  Griechen.  Die  westlichste  Kolonie  von  Bedeutung ­
  war  Massalia,  das  heutige  Marseille.  Am  Ende  des
7.  Jahrhunderts  wurde  diese  Stadt  von  Kaufleuten  aus  Phokäa
gegründet,  die  schon  früher  ins  Adriatische  Meer  bis  zur  Poebene
gekommen  waren  und  in  den  Meeren  um  Sardinien  herum  sowie
in  Spanien  den  Phönikern  Konkurrenz  gemacht  hatten  (Herodot
1,163).  Massalia  wurde  bald  selbst  die  Mutter  einer  Reihe  von
Städten,  längs  der  Südküste  Galliens  und  der  Ostküste  Spaniens,
die  aber  nicht  jene  Unabhängigkeit  erreichten,  die  Phokäa  und
Massalia  besaßen,  was  zum  Teil  durch  die  geringe  Entfernung
von  der  Mutterstadt  bedingt  war.  Seine  Kaufleute  schickte  Massalia
tief  ins  Land  hinein  und  sorgte  dafür,  daß  die  Produkte  des
Nordens,  der  Bernstein  und  das  Zinn  (Diodor  V,  22),  auf  seinem
Markte  feilgeboten  wurden.  Da  man  überall  vor  den  Eingeborenen
der  Küstengebiete  auf  der  Hut  sein  mußte,  war  Massalia  und  seine
Kolonien  gut  befestigt,  auch  gingen  die  Kaufleute  meist  nur  in
größeren  Expeditionen  ins  Land  hinaus.  Brachten  die  Griechen
Produkte  ihres  Gewerbfleißes  mit,  so  holten  sie  vor  allein  Rohprodukte, ­
  zum  Teil  auch  Lebensmittel  für  die  Küstenorte,  zumal
für  Massalia,  da  auf  den  felsigen  Abhängen  rings  um  die  Stadt
nur  der  Ölbaum  und  der  Weinstock  gediehen.  Die  Haupthandelsstraße ­
  lief  der  Rhone  entlang,  an  deren  Ufern  Ortschaften,  Befestigungen ­
  und  Faktoreien  der  Griechen  aufeinander  folgten,  die
zum  Teil  neben  den  Ansiedlungen  der  eingeborenen  Völkerschaften
ANuG  258:  Neurath,  antike  Wirtschaftsgeschichte  3
        <pb n="42" />
        34  Drittes  Kapitel.  Das  Zeitalter  der  griechischen  Kolonisation.
errichtet  waren.  Die  überaus  günstige  Lage  der  Rhonelandschaft
fiel  bereits  den  Alten  auf,  und  Strabo,  dem  wir  die  obige  Schilderung ­
  zum  Teil  entnahmen,  glaubt  denn  auch  ein  Werk  der  Vorsehung ­
  darin  erblicken  zu  müssen  (Strabo  IV,  l).  Die  Rhone  selbst,
sowie  ihre  schiffbaren  Nebenflüsse  wurden  vielfach  zum  Transport
verwendet;  wo  die  Flüsse  zu  reißend  waren,  brachte  man  die  Waren
zu  Wagen  stromaufwärts  und  fuhr  mit  der  vielfach  voluminöseren
Rückfracht  zu  Schiff  zur  Küste.  Von  der  Rhone  aus  befuhr  man
den  Arar  (Saône)  und  Dubis  (Doubs),  von  denen  man  über  schmale
Bergketten  zur  Seqnana  (Seine)  und  zum  Liger  (Loire)  gelangte,
welche  die  Fremden  zum  Kanal  und  zum  Atlantischen  Ozean  führten.
Von  der  Nordküste  Galliens  aus  fand  der  griechische  und  später
der  römische  Kaufmann  bald  seinen  Weg  nach  Britannien.  Die
hellenische  Kultur  verbreitete  sich  so  rasch  gegen  Norden,  zumal
die  nördlichen  Stämme  der  Kelten  den  Kaufleuten  freundlicher
gegenüberstanden  als  die  Küstenvölker,  zum  Teil  wohl  deshalb,
weil  sie  eine  kriegerische  Invasion  nicht  zu  fürchten  brauchten.
Nachdem  Massalia  im  Verein  mit  seinen  Kolonien  kleinere  Kämpfe
mit  den  Küstenvölkern  bestanden  hatte,  kam  es  zu  Zusammenstößen
mit  Karthago,  die  für  Massalia  glücklich  endeten  (S.  37).  Mit
Rom  begannen  im  4.  Jahrhundert  freundliche  Beziehungen,  denen
ein  reger  Handelsverkehr  folgte.  Diese  Freundschaft  veranlaßte
auch  Massalia  im  Jahre  218,  als  Hannibal  gegen  Rom  marschierte, ­
  das  Heer  der  Karthager  zu  zwingen,  den  Weg  über  die
Alpen  zu  wählen  statt  des  leichteren  längs  der  Küste.  Die  Niederlage ­
  Karthagos  bedeutete  für  Massalia  einen  neuen  Aufschwung,
bis  schließlich  die  römische  Kolonisation  dauernd  Massalia  hemmte
(S.  118).  Die  Schiffer  dieser  Stadt  waren  gleich  denen  der  Phokäer
durch  ihre  Kühnheit  berühmt,  es  war  auch  ein  Gelehrter  aus
Massalia  —  Pytheas  —  der  zur  Zeit  Alexanders  eine  Entdeckungsfahrt ­
  in  die  nordischen  Meere  unternahm  und  die  nördlichen  Küsten
Britanniens  und  die  Germaniens  jenseits  der  Elbe  besuchte.  Neben
Massalia  sind  nur  wenige  Kolonien  der  kleinasiatischen  Griechen
im  Westmeer  zu  finden.  Nur  die  Rhodier,  die  schon  früh  eine  hervorragende ­
  Seemacht  besaßen,  konnten  im  7.  Jahrhundert  Gela
auf  Sizilien  gründen,  das  selbst  nach  etwas  mehr  als  hundert
Jahren  die  Stadt  Akragas  erbaute.
Die  meisten  anderen  Kolonien  in  Unteritalien  und  auf  Sizilien, ­
  die  seit  der  zweiten  Hälfte  des  8.  Jahrhunderts  entstanden,
waren  europäischen  Ursprungs.  Hier  war  die  Gelegenheit  geboten,
        <pb n="43" />
        Unteritalien,  Sizilien.

35

Stadtstaaten  zu  schaffen,  die  dem  Mutterlande  überlegen  waren,  da
fruchtbare  Ebenen  und  an  Schiffbauholz  reiche  Wälder  vorhanden
waren.  Hier  ließ  sich  die  wirtschaftliche  Selbständigkeit  der  Staaten,
die  nicht  auf  Import  angewiesen  war,  die  Autarkie,  im  Notfall
eher  durchführen  als  im  Mutterland,  da  die  Griechen  in  Sizilien
und  in  Unteritalien,  im  sogenannten  Großgriechenland,  den  Import ­
  fremden  Getreides  nicht  nötig  hatten,  sondern  selbst  solches
exportierten,  daneben  aber  auch  eine  hervorragende  Industrie  besaßen. ­
  Schon  früh  war  die  mykenische  Kultur  hierher  gedrungen,
ob  durch  Vermittlung  griechischer  oder  phönikischer  Seefahrer,  läßt
sich  nicht  entscheiden.  In  Unteritalien  entstand  eine  Reihe  voneinander ­
  unabhängiger  Stadtstaaten.  Unter  den  Städten  war  Sybaris
eine  der  bedeutendsten,  sie  wurde  von  einer  Konkurrentin  gegen
Ende  des  6.  Jahrhunderts  von  Grund  aus  vernichtet,  nachdem  sie
kurz  vorher  selbst  einer  herrlichen  Stadt  das  gleiche  Schicksal  bereitet
hatte.  Mit  den  Städten  des  Ostens,  so  mit  Milet,  stand  sie  in  Handelsbeziehungen. ­
  Von  den  unteritalischen  Städten  gelangte  Tarent  besonders ­
  im  4.  Jahrhundert  zu  hervorragender  Bedeutung,  als  die
anderen  Städte  durch  die  Italiker  arg  geschädigt  wurden  (S.  95).
Sizilien  wurde  zunächst  von  der  euböischen  Stadt  Chalkis  besiedelt. ­
  Von  dort  aus  kamen  Chalkidier  nach  Italien  hinüber  und
gründeten  die  nördlichste  griechische  Stadt  der  Halbinsel,  Kyme,
von  der  aus  das  Hinterland  leicht  zugänglich  war  (S.  52).  Die
Ausbreitung  der  Macht  Euböas  auf  Sizilien  fand  bald  durch  Korinth ­
  ein  Ende.  Es  bestand  eine  alte  Konkurrenz  zwischen  Korinth
und  den  Städten  Euböas,  Chalkis  und  Eretria,  den  drei  ältesten
Kolonialmächten  des  europäischen  Griechenlands.  Schwer  geschädigt
wurden  Eretria  und  Chalkis,  als  zwischen  ihnen  im  7.  Jahrhundert
ein  heftiger  Kampf  entbrannte,  an  dem  die  großen  Handelsstädte
der  Griechen  teilnahmen;  so  half  Korinth  den  Chalkidiern,  während
z.  B.  Milet  und  Ägina  zu  Eretria  hielten.  Man  sieht,  wie  die
internationalen  Beziehungen  sich  infolge  des  regen  Handelsverkehrs
entwickelt  hatten.  Seit  jener  Zeit,  besonders  aber  seit  dem  Beginn
des  6.  Jahrhunderts  ging  die  Bedeutung  Euböas  immer  mehr
zurück.  Im  Norden  des  Ägäischen  Meeres  hatten  Chalkis  und
Eretria  nicht  nur  an  der  thrazischen  Küste  kolonisiert,  sondern  auch
die  Chalkidike  zum  Teil  besetzt.  Bald  darauf  fanden  sich  dort
auch  die  Korinther  ein  und  gründeten  Potidäa.  Korzyra,  das  bald
eine  der  größten  Seemächte  wurde,  nahm  Korinth  den  Eretriern
weg,  als  es  den  Versuch  machte,  im  Adriatischen  Meer  vorzurücken,
!S*
        <pb n="44" />
        36  Drittes  Kapitel.  Das  Zeitalter  der  griechischen  Kolonisation.
zu  welchem  Zweck  längs  der  Küste  Kolonien  gegründet  wurden.
Nun  setzten  sich  die  Korinther  auch  in  Sizilien  fest,  wo  sie  die
Stadt  Syrakus  gründeten,  die  bald  die  Herrschaft  über  Sizilien
und  einen  Teil  Unteritaliens  errang.
Die  Griechen  begnügten  sich  aber  nicht  mit  der  Kolonisation  im
Osten  und  Westen,  sondern  sie  bemühten  sich,  auch  den  Süden  des
Mittelmeergebietes  in  ihre  Hand  zu  bekommen.  In  dem  Gebiete
eines  großen  Staatswesens  wie  Ägypten  konnte  nur  ein  zweiter
Großstaat  mit  Erfolg  vorrücken,  der  westliche  Teil  Nordafrikas
war  in  den  Händen  der  Phöniker,  so  daß  nur  die  zwischen  beiden
Staaten  gelegene  Küstenlandschaft  an  der  kleinen  Syrte  für  eine
Kolonisation  übrigblieb.  Hier  gründeten  die  Griechen  Kyrene
und  einige  andere  kleine  Städte,  die  gleich  jenen  im  Schwarzen
Meer  keine  sehr  große  Einflußsphäre  im  Binnenland  besaßen.
Nachschübe  aus  der  Heimat  ermöglichten  es,  die  Städte  mit  einem
agrarischen  Produktionsgebiet  zu  umgeben.  Eine  rege  Industrie
entstand  sowie  ein  ausgedehnter  Handel  mit  Produkten  Afrikas,
so  mit  der  Silphionpflanze,  die  Straße  von  Kyrene  zur  Amonsoase ­
  unterstützte  diese  Unternehmungen.  Die  industrielle  und  kommerzielle ­
  Entwicklung  machte  dem  Königtum  ein  Ende  und  führte
zur  Demokratie,  diese  vermochte  zwar  den  kleineren,  meist  nicht
verbündeten  Völkerschaften  zu  widerstehen,  sogar  dem  im  6.  Jahrhundert ­
  schwachen  Ägypten  (Herodot  IV,  159),  aber  einer  Großmacht
war  ein  derartiges  Staatswesen  nie  gewachsen,  und  so  fiel  denn
Kyrene  nacheinander  den  Herren  zu,  die  den  Osten  des  Mittelmeerbeckens ­
  unterjochten,  den  Persern  (S.  14),  den  Mazedoniern
(S.  93)  und  den  Römern  (S.  93).  Ihnen  folgten  die  Barbaren,
die  Zerstörer  aus  der  Wüste,  bis  schließlich  die  Araber  die  Stadt
besetzten.  In  den  Übergangszeiten  genoß  der  Staat  zuweilen  eine
gewisse  Freiheit,  aber  die  alte  Größe  litt  unter  dem  neuen  Regiment, ­
  da  die  Großstaaten  neue  Städte  schufen,  die  durch  ihre
Konkurrenz  Kyrene  empfindlich  schwächten.
Im  6.  Jahrhundert  hat  im  allgemeinen  die  Kolonisation  der
Stadtstaatenzeit  ihr  Ende  erreicht,  ein  weiteres  Vorrücken  war
nur  noch  möglich,  wenn  Eroberungspolitik  im  größten  Stil  betrieben ­
  wurde,  und  dazu  gehörte  ein  gewaltiges  Reich  und  eine  gut
organisierte  Heeresmacht.  Im  Westen  und  Süden  stieß  man  bereits
an  drei  Stellen  an  karthagisches  Gebiet:  in  Spanien  von  Massalia
aus,  in  Nordafrika  von  Kyrene  her  und  in  Sizilien.  In  Italien
begannen  sich  die  Nationalstaaten  zu  entwickeln,  und  im  Osten  hatte
        <pb n="45" />
        Kyrene,  Karthago.

37

man  das  Perserreich  neben  sich,  nur  der  wenig  erstrebenswerte
Nordosten  stand  offen.  Die  nächste  Kolonisationsperiode  fällt  daher
mit  der  Zeit  des  hellenistischen  Imperialismus  zusammen,  der  die
Macht  und  auch  die  Energie  besaß,  nach  Osten  einen  Vorstoß  zu
wagen;  als  es  soweit  gekommen  war,  daß  man  auch  an  eine  weitere ­
  Expansion  gegen  Westen  denken  konnte,  erschien  bereits  die
neue  Weltmacht:  Rom.
Die  koloniale  Expansion  der  Griechen  zwang  die  phönikischen
Kolonien  unter  der  Führung  Karthagos  zu  einem  engeren  Zusammenschluß, ­
  da  ihnen  vom  Mutterlande  aus,  das  durch  die  asiatischen ­
  Verhältnisse  genügend  in  Anspruch  genommen  war,  nicht
Hilfe  geleistet  werden  konnte.  Die  Gefahr  bestand,  daß  die  Griechen ­
  Spanien  ganz  okkupierten  und  die  Phöniker  nicht  nur  politisch, ­
  sondern  auch  wirtschaftlich  aus  dem  ganzen  Mittelmeer  verdrängen ­
  könnten.  Wo  die  Phöniker  vor  den  Griechen  da  waren
und  von  ihnen  verdrängt  wurden,  wo  sie  sich  etwa  gleichzeitiz  mit
ihnen  ansiedelten,  läßt  sich  im  westlichen  Teile  des  Mittelmeeres
ebensowenig  wie  im  östlichen  mit  Sicherheit  feststellen.  Im  6.  Jahrhundert ­
  standen  im  Westen  einander  gegenüber:  die  Karthager,
die  Etrusker,  die  Griechen  (aus  Massalia,  Süditalien  und
Sizilien)  und  die  noch  unbedeutenden  nationalen  Verbände
Italiens.  Die  Etrusker,  welche  als  Seemacht  zunächst  mit  den
Karthagern  zusammengestoßen  zu  sein  scheinen,  dürften  sich  mit
diesen  bald  dahin  verständigt  haben,  daß  die  Karthager  sich  mit
Sizilien  und  Sardinien  begnügten,  während  sie  selbst  Korsika  besiedelten, ­
  jedenfalls  sehen  wir  die  beiden  Mächte  gegen  die  Griechen
vereint  vorgehen,  als  die  kühnen  Phokäer  neuerlich  eine  Ansiedlung ­
  innerhalb  des  Machtbereiches  der  beiden  Staaten  versuchten.
Als  in  der  Mitte  des  6.  Jahrhunderts  Phokäa  von  den  Persern
erobert  wurde  (S.  17),  siedelte  ein  Teil  der  Bewohner  nach
Massalia  über,  ein  anderer  nach  Korsika.  Diesen  neuen  Konkurrenten ­
  wollten  die  vereinigten  Mächte  nicht  dulden.  Es  kam  zu
einer  gewaltigen  Seeschlacht,  in  der  die  Phokäer  mit  solchem  Verluste ­
  Sieger  blieben,  daß  sie  es  vorzogen,  sich  in  Unteritalien
niederzulassen  (Herodot  1,165—167).  Diese  Schlacht  war  nur  eine
Episode  in  den  Kämpfen  zwischen  Karthago  und  den  Griechen  um
die  Handelssuprematie  in  Spanien  und  in  den  Meeren  um  Sardinien. ­
  Mit  den  Massalioten  kam  es  ebenfalls  zu  Kämpfen,  die
damit  endigten,  daß  diesen  alle  Handelsstationen  und  Kolonien
nördlich  von  Hemeroscopium  an  der  Ostküste  von  Spanien  blieben
        <pb n="46" />
        38  Drittes  Kapitel.  Das  Zeitalter  der  griechischen  Kolonisation.
und  der  Handel  mit  Spanien  und  Südgallien  weiterbestand.  Nur
die  an  der  Südküste  Spaniens  gelegene  Kolonie  Mänaka  lourde
von  den  Karthagern  von  Grund  auf  zerstört.  Zwischen  Massalia
und  Karthago  scheint  dann  Frieden  geherrscht  zu  haben,  und  da
die  Etrusker  ihr  Augenmerk  Italien  zuwendeten,  standen  als  Hauptgegner ­
  den  Karthagern  nur  noch  die  sizilischen  und  süditalischen
Griechen  gegenüber.  Auf  Sizilien  handelte  es  sich  nicht  nur  um
den  Handel,  sondern  auch  um  Kolonialgebiete  sowie  um  wichtige
Schifsahrtsstationen.
Die  Karthager  suchten  wie  später  die  Römer,  die  dem  Handel
erschlossenen  Gebiete  auch  politisch  zu  unterwerfen,  um  sie  so  dem
Reiche  ein  für  allemal  zu  sichern  und  überdies  die  Truppenmacht
durch  die  Eingeborenen  zu  vergrößern,  eine  Politik,  die  erst  im
2.  Jahrhundert  zur  vollen  Anwendung  gelangte.  Wenn  auch  die
ersten  Zusammenstöße  auf  Sizilien  schon  in  das  6.  Jahrhundert
fallen,  so  werden  wir  sie  doch  besser  erst  bei  den  großen  Kämpfen
der  nächsten  Periode  besprechen  (S.  52).
Während  im  Westen  die  Karthager  mit  den  Griechen  zusammenstießen, ­
  kam  es  im  Osten  auf  dem  Boden  Kleinasiens  zu  Kämpfen,
die  für  die  Griechen  mit  einer  Niederlage  endeten.  Im  6.  Jahrhundert ­
  hatte  sich  das  lydische  Reich  immer  mehr  erweitert,  das
wie  jedes  geschlossene  Staatswesen  den  einzelnen  Griechenstädten
überlegen  war.  Eine  nach  der  andern  mußte  die  Oberhoheit  Lydiens
anerkennen,  nur  Milet  widerstand  trotz  mehrfacher  Niederlagen
und  trat  in  freundschaftliche  Beziehungen  zu  dem  früheren  Gegner.
Wirtschaftlich  bedeutete  diese  Abhängigkeit  für  die  Städte  eher  einen
Vorteil,  denn  wenn  auch  die  Lyderkönige  wohl  mancherlei  Abgaben
erhoben  und  besonders  die  Zölle  zu  ihrem  Vorteil  ausgenutzt  haben
dürften,  so  war  andererseits  der  Verkehr  mit  dem  Hinterlande  nun
ein  überaus  reger,  zumal  die  Lyder  den  Griechen  sehr  entgegenkamen
und  bald  ganz  hellenisiert  waren.  Der  König  Krösus  kam  nicht  dazu,
sein  Reich  auch  auf  die  griechische  Inselwelt  auszudehnen,  da  Cyrus,
der  König  der  Perser,  nachdem  er  Medien  erobert  hatte,  um  die  Mitte
des  6.  Jahrhunderts  Lydien  besetzte  und  die  Griechenstädte,  die  sich
nicht  freiwillig  unterwarfen,  unter  ihnen  Phokäa,  mit  Gewalt  eroberte ­
  (S.  37).  So  waren  die  Perser  bis  ans  Ägäische  Meer  gedrungen, ­
  und  es  konnte  nicht  lange  mehr  dauern,  und  sie  griffen
aufs  Festland"Europas  hinüber  (S.  52).
Die  koloniale  Expansion  der  Griechen  war  zum  Teil  Folge,  zum
Teil  Ursache  einer  gewaltigen  industriellen  und  kommerziellen  Ent-
        <pb n="47" />
        Handel,  Industrie.

39

Wicklung.  Zunächst  hatten  die  Griechen  nur  die  Rohprodukte  ihres
Landes  den  Phönikern  gegen  Schätze  verhandelt,  dann  hatten  sie
in  immer  stärkerem  Maße  Gegenstände  produziert,  welche  von
den  Phönikern  gekauft  wurden,  schließlich  hatten  sie  selbst  Schiffe
bestiegen,  um  Handel  zu  treiben.  Während  sie  zunächst  bei  ihren
Stammesgenoffen  und  auch  bei  fremden  Völkern  jene  Waren  an
den  Mann  zu  bringen  suchten,  die  sie  auch  für  den  eigenen  Gebrauch ­
  verwendeten,  wurde  nun  in  immer  steigendem  Maße  eine
Exportindustrie  betrieben,  welche  Gegenstände  erzeugte,  die  nur
für  den  Käufer  bestimmt  waren  und  dessen  Geschmack  entsprachen,
so  daß  eine  Handelsstadt  nicht  nur  ihre  originellen  Waren  in  einer
andern  Stadt  abzusetzen  suchte,  sondern  auch  den  Waren  dieser
Stadt  an  Ort  und  Stelle  Konkurrenz  machte  (S.  127).  Gleichzeitig ­
  mit  dieser  Ausdehnung  des  Handelsverkehrs  auf  die  Gegenstände ­
  des  täglichen  Gebrauchs,  auf  Kleider,  Tonwaren  usw.,  erfolgte ­
  jene  auf  die  Nahrungsmittel,  nachdem  zuerst  nur  die  Genußmittel ­
  für  die  Tische  der  Neichen  übers  Meer  gebracht  worden
waren.  Diese  kommerzielle  und  industrielle  Entfaltung  brachte  eine
völlige  Umwälzung  der  Staatsordnung  in  jenen  Staaten  mit
sich,  die  sich  der  neuen  Bewegung  anschlössen,  im  Mutterlande  in
Korinth,  Ägina,  Chalkis,  Eretria,  Athen  usw.,  in  Kleinasien,  in
Milet,  in  den  Städten  auf  Rhodus  usw.  und  in  sämtlichen  westlichen ­
  Kolonien.  Nur  einige  Staaten  des  Festlandes  haben  lange
widerstanden,  so  vor  allem  Sparta,  aber  auch  Thessalien  und  Mazedonien. ­

Während  früher  verschiedene  Verbände  innerhalb  des  Staates
von  großer  Wichtigkeit  waren,  so  Blutsverbände  u.  a.,  trat  nun
das  Individuum  immer  mehr  in  den  Vordergrund.  Im  Agrarstaat ­
  waren  nur  selten  arme  Leute  reich  geworden,  soweit  nicht
Neuverteilungen  vorgenommen  wurden  oder  im  Kriege  ein  Gebietszuwachs ­
  erfolgte,  der  aber  oft  nur  den  bevorrechteten  Familien
Vorteil  brachte.  War  in  der  Königszeit  noch  die  Möglichkeit  vorhanden, ­
  durch  die  Huld  des  Herrschers  zu  Macht  und  Ansehen  zu
kommen,  so  hat  die  Zeit  der  Adelsherrschaft  auch  diese  Möglichkeit
beseitigt.  Die  Entwicklung  von  Handel  und  Industrie  brachte  nun
den  Sturz  der  Adelsherrschaft  und  dann  den  der  Herrschaft  des
Großgrundbesitzes.  Freilich  war  dies  das  Resultat  einer  langwährenden ­
  Umwandlung,  die  nicht  überall  gleichzeitig  erfolgte.  Der
Sturz  der  bevorrechteten  Klassen  erfolgte  vor  allem  deshalb  nur
langsam,  weil  diese  die  neuen  Möglichkeiten  ausnutzten  und  sich
        <pb n="48" />
        40  Drittes  Kapitel.  Das  Zeitalter  der  griechischen  Kolonisation.
dem  Handel  und  der  Industrie  zuwendeten.  Die  Grundbesitzer  spielten
noch  immer  die  erste  Rolle,  unter  ihnen  aber  vor  allem  jene,  welche
auch  andere  Geschäfte  betrieben.  Aber  neben  dem  alten  Grundadel
gab  es  nun  schon  viele  Bürger,  die  durch  Handel  und  Gewerbe
große  Reichtümer  erworben  hatten  und  nun  eine  Stellung  beanspruchten, ­
  die  ihrem  Grundbesitz  allein  nicht  entsprach.  Die  Umwälzungen ­
  des  6.  Jahrhunderts  schufen  so  die  Bourgeoisie,  die
sich  deutlich  vom  Arbeiter-  und  Handwerkerstande  abhob.  Während
bis  dahin  große  und  kleine  Handwerker  mit  den  Lohnarbeitern  in
einer  Klasse  vereinigt  waren,  sonderten  sich  nun  die  Unternehmer
immer  mehr  ab,  um  erst  mit  den  kleinen  Bauern  und  schließlich  mit
den  Großgrundbesitzern  in  derselben  sozialen  Klasse  zu  rangieren.
Nachdem  fast  in  ganz  Griechenland  das  Königtum  gestürzt  war
(S.  28),  wurden  in  der  folgenden  Zeit  die  Vorrechte  des  Adels
beseitigt,  obzwar  er  auch  nachher  tatsächlich  in  vielen  Staaten  die
Macht  in  der  Hand  hatte.  Einer  der  ersten  Erfolge  gegen  den  Adel
bestand  darin,  daß  die  Rechtsprechung  geregelt  und  ein  geschriebenes
Gesetz  geschaffen  wurde.
Die  weiteren  Bewegungen  des  Volkes  gegen  die  Adelsherrschaft
brachten  in  vielen  Städten  Tyrannen  in  die  Höhe,  die  oft  dem
Adel  angehörten.  Im  6.  Jahrhundert  war  die  Tyrannis  über
die  ganze  griechische  Welt  verbreitet.  Im  Osten  war  Polykrates
von  Samos  einer  der  mächtigsten  und  berühmtesten  (Herodot  III,  39).
Er  schloß  sich  an  die  Perser  an  und  stellte  ihnen  seine  ausgezeichnete ­
  Flotte,  die  er  sonst  zu  Raubfahrten  im  ganzen  Ägäischen  Meere
verwendet  hatte,  gegen  die  Ägypter  zur  Verfügung,  mit  denen  er
früher  gute  Beziehungen  gepflegt  hatte  (S.  18).  Ein  Tyrann
war  es  auch,  der  die  Verteidigung  Milets  gegen  die  Lyder  leitete
(S.  32).  In  Athen  warf  sich  Pisistratus,  der  die  koloniale  Expansion ­
  seiner  Vaterstadt  einleitete,  zum  Tyrannen  auf.  So  besetzte
er  zuerst  oder  von  neuem  Sigeon  auf  dem  südlichen  Vorgebirge
des  Hellesponteinganges.  Das  nördliche  Vorgebirge  wurde  von
dem  Athener  Miltiades  I  besetzt,  der  auf  dem  thrazischen  Chersones
ein  Fürstentum  gründete  und  sich  mit  Athen  gut  stellte.  Der  Eingang ­
  zum  Hellespont  war  so  in  den  Händen  Athens,  wodurch  die
Getreidezufuhr  aus  dem  Schwarzen  Meer  schon  wesentlich  gesichert
war.  Zu  einer  bedeutenden  Vergrößerung  der  Flotte  kam  es  aber
nicht,  da  Pisistratus  sonst  dem  Landvolk  sehr  freundlich  gesinnt
war  und  viel  für  dasselbe  tat,  jedoch  gelang  es  ihm,  den  Einfluß
Athens  auf  Delphi  zu  sichern,  ¡ber  im  lnächsten  Jahrhundert  von
        <pb n="49" />
        Allgemeines  Zahlungsmittel.

41

entscheidender  Bedeutung  war.  Des  Pisistratus  Sohn  Hippias
wurde  von  den  Athenern  vertrieben  und  flüchtete  sich  nach  Sigeon,
ihm  liehen  die  Perser,  die  in  Kleinasien  aus  politischen  Gründen
die  Tyrannis  unterstützten,  ihre  Hilfe  (S.  51).  Am  Ende  des
6.  Jahrhunderts  hat  auf  dem  griechischen  Festland  die  Tyrannis
ihr  Ende  erreicht.  Nach  ihrer  Beseitigung  kam  nicht  mehr  der
Adel,  sondern  in  vielen  Staaten  das  Volk  zur  Herrschaft.  Die
Vorrechte  des  Grundbesitzes,  die  besonders  in  bezug  auf  das
passive  Wahlrecht  auch  nach  der  Beseitigung  des  Adels  bestehen
blieben  und  den  Grundbesitzern  die  wichtigsten  Ämter  in  die  Hand
gaben,  wurden  allmählich,  zum  Teil  erst  in  der  nächsten  Epoche,
beseitigt,  bis  schließlich  in  bezug  auf  alle  politischen  Angelegenheiten ­
  die  Gleichheit  vor  dem  Gesetze  durchgeführt  wurde,  was  für
die  Antike  den  Inbegriff  der  Demokratie  ausmachte.  Freilich  gab
es  daneben  auch  radikale  Theoretiker,  die  wirtschaftliche  Vorrechte
ebenfalls  beseitigt  wissen  wollten,  und  es  kam  auch  gelegentlich  zu
Revolutionen,  in  denen  kommunistische  Forderungen  aufgestellt
wurden,  aber  eine  allgemeine  Bewegung,  unserer  Sozialdemokratie
etwa  vergleichbar,  kannte  das  Altertum  nicht.
In  der  Epoche  der  Kolonisation  kamen  die  allgemeinen  Tauschund ­
  Zahlungsmittel  zur  Herrschaft.  Während  früher  von  dem
freien  Bürger  nur  angenommen  wurde,  daß  er  Vieh  besaß,  weshalb ­
  Strafsätze  noch  lange  in  Vieh  angesetzt  wurden,  wurde  nun
immer  häufiger  der  Besitz  von  Hortgegenständen  und  Metall  vorausgesetzt. ­
  Früh  zeigte  sich  bereits  der  Unterschied  zwischen  Metallen ­
  für  den  internationalen  und  für  den  lokalen  Verkehr,  zu
letzteren  gehörten  vor  allem  solche,  aus  denen  man  Geräte  und
Waffen  fabrizierte,  also  Kupfer  und  Eisen,  zu  ersteren  die  Hortmetalle ­
  Silber  und  Gold  und  eine  Mischung  aus  beiden,  das
Elektron.  Während  früher  der  eine  Teil  der  Bevölkerung  beim
andern  in  voller  Naturalverpflegung  stand,  nahm  nun  die  Zuweisung ­
  von  Metallmengen  immer  mehr  überhand,  mit  denen  sich
der  Arbeiter,  der  Handwerker  selbst  beköstigen  sollte.  Während  zur
Zeit  der  Naturalwirtschaft  der  Herr  mit  überflüssigen  Lebensmitteln ­
  nicht  immer  etwas  anzufangen  wußte  und  selten  mit  ihnen
knauserte,  konnte  jedes  Metallstück,  das  für  den  Armen  Brot  bedeutete, ­
  ihm  irgendeinen  Luxus  verschaffen,  weshalb  er  am  Lohn
zu  sparen  suchte,  was  die  Lage  der  abhängigen  Klassen  verschlimmerte. ­
  Die  Methoden  des  internationalen  Verkehrs  beherrschten  nun
auch  den  lokalen  Markt.  An  die  Stelle  der  einigermaßen  überseh-
        <pb n="50" />
        42  Drittes  Kapitel.  Das  Zeitalter  der  griechischen  Kolonisation.
baren  und  geregelten  Wirtschaft  des  kleinen  Kreises  trat  nun  ohne
Übergang  die  vielfach  planlose  der  damaligen  Welt,  während,  wie
wir  sahen,  auch  ganze  Reiche  nach  dem  alten  System  wirtschaften
konnten  (S.  8).  Luxus  und  Bildung  hoben  sich  allgemein,  freilich ­
  wuchs  auch  vielfach  die  Menge  der  Entrechteten.  Die  neue
Wirtschaftsordnung  entsprach  in  erster  Reihe  den  Bedürfnissen  des
Weltkaufmannes,  sie  brachte  dem  Landwirt,  dem  Handwerker,  dem
Lohnarbeiter,  aber  schließlich  auch  dem  Industriellen  viel  Leid  und
Elend.
Im  7.  Jahrhundert  wurde,  wie  es  scheint,  in  Lydien,  eine  wichtige ­
  verkehrstechnische  Erfindung,  die  der  Münze  gemacht,  die  zunächst ­
  keine  wesentliche  Änderung  des  Wirtschaftslebens  im  Gefolge
hatte.  Ihre  Bedeutung  erlangte  sie  eigentlich  erst  in  der  modernen
Entwicklung.  Die  wichtigsten  Umwälzungen  waren  bereits  im  Orient
schon  seit  langem,  in  Griechenland  erst  seit  kurzem  erfolgt,  sie  waren
an  die  Einführung  eines  allgemeinen  Tausche  und  Zahlungsmittels,
an  das  Überwiegen  von  Verträgen,  die  die  Leistung  einer  bestimmten
Menge  des  Zahlungsmittels  festsetzten,  geknüpft,  wozu  die  Erfindung ­
  der  Münze,  wie  wir  oben  sahen,  nicht  nötig  war.  Die
neue  Erfindung  ersparte  vielfach  Wage  und  Probierstift,  da  der
Staat  Feingehalt  und  Gewicht  garantierte,  was  nicht  viel  bedeutete, ­
  da  es  bei  den  größeren  Geschäften  weit  weniger  Mühe  machte,
die  Edelmetalle  als  die  zu  kaufende  Ware  zu  prüfen,  im  Kleinverkehr ­
  kommt  man  aber  mit  Wage  und  Stift  schließlich  aus,  wie
heute  noch  manche  außereuropäischen  Märkte  beweisen.  Bei  jedem
größeren  Betrag  mußten  aber  die  Münzen  ebenso  wie  heute  geprüft ­
  werden,  da  Fälschungen  vorkamen.  Die  Wirtschaftsordnung
des  Orients  stand  aus  einer  höheren  Stufe  als  die  Griechenlands,
obzwar  man  dort  mit  Barren  rechnete,  und  es  änderte  sich  denn
auch  nichts  wesentliches,  als  an  die  Stelle  der  Barren  Münzen
traten,  was  nur  sehr  langsam  geschah,  weil  die  orientalischen  Handelsvölker ­
  sich  gar  nicht  beeilten,  die  Münzen  einzuführen,  deren  Vorteile ­
  sie  nicht  hoch  einschätzten.  Der  nächste  Fortschritt,  der  nicht
mehr  verkehrstechnischer,  sondern  wirtschaftlicher  Art  war,  bestand
darin,  daß  derStaat  seinen  Stempel  auf  nicht  vollwertige
Münzen  setzte,  wodurch  man  sich  dem  modernen  Geldwesen
näherte.  Die  Antike  hat  den  Schritt  zur  Prägung  nicht  vollwertiger ­
  Münzen  früh  genug  gemacht,  aber  im  allgemeinen  nur
zu  rein  fiskalischen  Zwecken.  Nur  gelegentlich  schuf  man  wirkliches ­
  Kreditgeld,  indem  der  Staat  die  minderwertigen  Münzen
        <pb n="51" />
        Münze,  Getreideimpvrt.

43

gegen  vollwertige  auslöste,  wenn  er  wieder  bei  Kasse  war.  Doch
kamen  die  Alten  nie  dazu,  eine  Regelung  der  Menge  der  Zahlungsmittel ­
  durch  Vermehrung  minderwertiger  Münzen  durchzuführen
oder  eine  Münzpolitik  in  der  Art  zu  treiben,  wie  wir  sie  z.  B.  beim
Papiergeld  kennen.  Die  fiskalische  Ausbeutung  der  Münzverschlechterung ­
  hat  meist  nur,  wie  im  Mittelalter,  Verwirrung  gestiftet. ­
  Von  jener  großen  Bedeutung  wie  die  Einführung  allgemeiner ­
  Zahlungsmittel  war  die  der  Münze  im  Altertum ­
  nicht,  doch  hat  sie  indirekt  die  Verbreitung  allgemeiner  Zahlungsmittel ­
  sehr  erleichtert.  Die  Münzprägung  stand  meist  den
Gemeinden  zu  und  war  keineswegs  immer  den  Staaten  vorbehalten. ­
  Im  allgemeinen  hingen  die  Münzsysteme  im  Bereiche  des
Mittelmeerbeckens  untereinander  und  mit  den  orientalischen  Maßsystemen ­
  zusammen.  Die  Erforschung  der  Gewichtsbeziehungen
allein  ist  heute  schon  Gegenstand  eines  eigenen  wissenschaftlichen
Betriebes.  Die  Ergebnisse  dieser  Forschungen  lassen  manche  Rückschlüsse ­
  auf  Handelsbeziehungen  zu,  indem  die  gleiche  Währung
oft  auf  einen  engeren  Zusammenhang  zwischen  zwei  Staaten  hinweist, ­
  die  Abschaffung  einer  bestimmten  Währung  häufig  mit  einer
handelspolitischen  Reform  verknüpft  war  (S.  53).
Indem  die  Grundbesitzer,  wie  wir  sahen,  in  immer  stärkerer
Weise  Handel  trieben,  verzichteten  sie  oft  darauf,  selbst  Getreide
zu  bauen,  wenn  in  ihrem  Lande  fremdes  Getreide  billiger  zu
haben  war.  Sie  wendeten  sich  vielfach  dem  Ölbau,  der  Weidwirtschaft ­
  oder  der  Industrie  zu.  Vom  individualwirtschaftlichen
Standpunkt  aus  schien  es  überaus  rentabel,  die  landwirtschaftliche
Produktion  eines  Landes  ganz  eingehen  zu  lassen,  während  die
staatlichen  Interessen  dadurch  oft  überaus  gefährdet  wurden;  ganz
abgesehen  davon,  daß  es  in  normalen  Zeiten  leicht  zu  Hungersnöten ­
  kommen  konnte  oder  mindestens  zu  Teuerungen,  bestand  in
Kriegszeiten  die  eminente  Gefahr,  von  der  Getreidezufuhr  abgeschnitten ­
  zu  werden,  wenn  man  nicht  eine  ausgezeichnete  Flotte
besaß.  Die  Unterstützung  des  Getreidebaus  durch  alle  möglichen
Mittel  wäre  daher  für  manche  Staaten,  die  ihre  wirtschaftliche
und  zum  Teil  auch  ihre  politische  Selbständigkeit  wahren  wollten,
damals  oft  geboten  gewesen.  Zu  einer  agrarischen  Schutzzollpolitik
konnten  sich  die  antiken  Stadtstaaten  in  dieser  Periode  nicht  entschließen, ­
  da  sie  schon  stark  demokratisch  gefärbt  waren  und  in  erster
Reihe  den  weiten  Kreisen  der  Bevölkerung  billiges  Brot  verschaffen
wollten.  Die  Industriellen  ihrerseits  hatten  alles  Interesse  daran,
        <pb n="52" />
        44  Drittes  Kapitel.  Das  Zeitalter  der  griechischen  Kolonisation.
die  Arbeitskräfte  möglichst  billig  zu  ernähren,  und  da  die  Agrarier
selbst  in  immer  stärkerer  Weise  mit  größeren  Massen  von  Arbeitern
und  Sklaven  kostbare  Bodenprodukte  erzeugten,  so  war  das  Resultat ­
  in  vielen  Stadtstaaten  ein  Zugrundegehen  des  Ackerbaus;
doch  hätte  der  eigene  Landbau  auch  dann  kaum  ausgereicht,  wenn
er  gut  gepflegt  worden  wäre,  da  das  Zusammenströmen  gewaltiger
Menschenmassen  in  den  Städten  und  die  Zuwanderung  überaus
groß  war,  dennoch  wäre  das  Mißverhältnis  nicht  so  groß  geworden. ­
  Die  wirtschaftliche  Isoliertheit  —  Autarkie—,  die  Fähigkeit,
alles,  was  benötigt  wurde,  im  eigenen  Staatsgebiet  zu  erzeugen,
fehlte  am  Ausgang  dieser  Epoche  in  sehr  vielen  griechischen  Staaten
nicht  nur  in  normalen  Zeiten,  sondern  war  nicht  einmal  in  den
Kriegszeiten  notdürftig  durchführbar.  Das  Resultat  war,  daß
es  z.  B.  die  Athener  in  der  Periode  nach  den  Perserkriegen  selbstverständlich ­
  fanden,  daß  man  das  platte  Land  dem  Feinde  preisgab ­
  und  lieber  alles  aufwendete,  um  eine  Flotte  in  der  Stärke
zu  haben,  daß  die  Zufuhr  garantiert  werde.  Diese  volle  Entwicklung ­
  der  internationalen  Arbeitsteilung  derart,  daß  die  einen  Gebiete ­
  vorwiegend  industriell,  die  andern  agrarisch  tätig  waren,  fällt
in  diese  sowie  in  die  nächste  Epoche.  Die  Länder,  welche  Getreide
produzierten,  waren  entweder,  wie  in  Unteritalien,  von  den  Griechen ­
  unterworfen  und  wurden  von  halbfreien  oder  unfreien  Stämmen ­
  bebaut,  oder  sie  standen,  ohne  direkt  unterworfen  zu  sein,  wie
viele  Länder  am  Schwarzen  Meer,  auf  einer  niedern  Kulturstufe.
In  Attika  machte  sich  der  Getreidebedarf  etwa  im  6.  Jahrhundert
schon  fühlbar,  und  Solon  soll  schon  die  Ausfuhr  von  Getreide  verboten ­
  haben  (Plutarch,  Solon  24).  Dies  Mittel  kann  freilich  nur
momentan  gewirkt  haben,  solange  noch  genügend  Getreideproduzenten
da  waren,  aber  diese  waren  dadurch  in  keiner  Weise  geschützt,  solange ­
  man  sich  nicht  gegen  die  fremde  Einfuhr  abschloß,  was,
wie  es  scheint,  unterblieb,  war  doch  eine  der  wichtigsten  Aufgaben
des  antiken  Staates  die  Beschaffung  billigen  Getreides  für  die
großen  Massen.
Wie  wir  schon  mehr  mehrfach  gesehen  haben,  war  die  Geld  wirtschaft, ­
  wie  sie  der  Handel  mit  sich  brachte,  für  den  Bauern  mit
Nachteilen  verbunden,  weil  er  selten  in  der  Lage  war,  sicher  und
rasch  einmal  festgesetzte  Beträge  zu  zahlen.  Insbesondere  bei  Darlehen ­
  zu  Ameliorationszwecken  war  er  kaum  in  der  Lage,  die  zurückzuzahlende ­
  Darlehnssumme  samt  den  Zinsen  dem  vermehrten
Reinertrag  zu  entnehmen,  da  dieser  oft  erst  einige  Jahre  später
        <pb n="53" />
        Autarkie,  Geldwirtschaft.

45

entsprechend  stieg.  Dabei  stand  der  Zinsfuß  hoch,  dem  Außenhandel,
nicht  der  Landwirtschaft  angemessen.  Bestand  nun  nicht  die  Möglichkeit, ­
  in  kleineren  Beträgen  als  Amortisationsquoten  die  Schuld  abzutragen ­
  oder  überhaupt  nur  eine  ewige  Rente  zu  zahlen,  so  war  bei
einem  entsprechend  strengen  Schuldrecht  sein  wirtschaftlicher  Ruin
gewiß.  Wenn  bereits  früh  Gesetzgeber  das  Handwerkszeug  des  Handwerkers ­
  nicht  pfänden  ließen,  so  hat  das  Land  des  Bauern  als
Erwerbswerkzeug  selten  gegolten,  und  die  systematischen  Versuche,
ein  bestimmtes  Landstück,  das  zum  Lebensunterhalt  notwendig  ist,
dem  Bauern  so  zu  erhalten  wie  dem  Handwerker  sein  Handwerkszeug, ­
  sind  in  den  freieren  Wirtschaftsformen  meist  erst  neueren
Datums.  Die  Schuldverhältnisse  der  alten  Zeit  waren  dadurch
besonders  drückend,  daß  der  Schuldner  nicht  nur  Hab  und  Gut
an  den  Gläubiger  verlor,  sondern  in  vielen  Staaten  auch  der  Sklave
des  Gläubigers  wurde,  den  er  an  manchen  Orten  verkaufte,  an
anderen  nur  dazu  verwenden  konnte,  die  Schuld  abzuarbeiten;  in
manchen  Ländern  nahmen  auch  Frau  und  Kinder  an  diesem  Schicksal ­
  teil.  Mit  der  weit  vorgeschrittenen  Verschuldung  der  Bauern
in  Athen  hatte  sich  auch  Solon  befaßt.  In  anderen  Städten  kam
es  ebenfalls  häufig  zu  Reformen  auf  diesem  Gebiet.  Solon  hob
die  landwirtschaftlichen  Schulden  auf,  er  trug  Sorge  dafür,  daß
man  viele  von  den  in  die  Fremde  verkauften  Schuldsklaven  zurückkaufte ­
  und  die  Schuldsklaverei  abgeschafft  wurde  (Plutarch,  Solon ­
  15).  über  eine  derartige  rein  symptomatische  Behandlung  ist
die  Antike  im  wesentlichen  nicht  hinausgekommen  (S.  90),  es  kamen
höchstens  manche  Gelehrte  dazu,  das  Zinsnehmen,  wie  z.  B.  Aristoteles, ­
  zu  verwerfen.  Eine  Regelung  der  Darlehnsgesetzgebung,  welche
kontinuierlich  die  furchtbaren  Folgen  beseitigen  sollte,  wurde  kaum
erwogen,  war  es  doch  bereits  ein  großer  Fortschritt,  daß  man
die  bürgerliche  Vernichtung  des  Verschuldeten  aushob  und  sich
mit  der  wirtschaftlichen  begnügte.  Im  übrigen  blieb  nichts
anderes  übrig,  als  von  Zeit  zu  Zeit,  wenn  die  Sache  zu  arg  wurde,
Schuldnachlässe  zu  bewilligen  oder  nach  einer  Revolution  bis  zu
einer  Neuverteilung  des  Eigentums,  zumal  des  Grund  und  Bodens,
zu  schreiten.  Erst  gegen  Ende  der  Antike,  als  der  Untergang  nahte,
wurde  eine  unzureichende  Reform  der  gesamten  Wirtschaftsordnung
vorgenommen,  die  manche  nicht  unvernünftige  Ideen  enthielt.
Die  Verschuldung  der  bäuerlichen  Bevölkerung  in  Verbindung
mit  der  raschen  Zunahme  der  Volksmenge  trieb  zur  Auswanderung. ­
  Bis  zum  Ende  der  Kolonisationsbewegung  nahmen  die
        <pb n="54" />
        46  Drittes  Kapitel.  Das  Zeitalter  der  griechischen  Kolonisation.
neuerschlossenen  Gebiete  die  Auswanderer  auf,  von  da  ab  ging
ein  immer  größerer  Teil  der  Griechen  als  Söldner  in  die  Fremde
(S.  61).  Seine  volle  Entwicklung  fand  dies  Söldnerwesen  aber
erst  in  den  folgenden  Epochen.
Die  neue  Wirtschaftsordnung  änderte  die  An  schau  ungderverschiedenen
  Bevölkerungsklassen  über  die  einzelnen  Berufsarten. ­
  Während  zu  Beginn  der  Schiffahrtsentwicklung  die
Adligen  sich  gern  dem  Seeraub  ergaben,  kam  dies  allmählich  ab,  nur
Tyrannen  (S.  40)  und  ganze  Staatswesen  betrieben  noch  die  Piraterie ­
  unter  verschiedenem  Namen;  wer  als  einzelner  sich  diesem  Geschäft ­
  ergab,  wurde  als  gemeiner  Verbrecher  behandelt  (S.  92).  Zu
den  ehrenvollsten  Berufen  gehörte  noch  immer  der  des  Kriegers
und  Großgrundbesitzers.  Daher  sehen  wir  denn  auch  den  begüterten
Mittelstand,  der  sich  eine  Rüstung  anschaffen  kann,  bald  im  Heere
kämpfen,  womit  wieder  ein  Vorrecht  des  Adels  gefallen  war.  Aber
wie  der  Adel  sich  bemühte,  Geld  durch  iildustrielle  und  kommerzielle
Betätigung  zu  erwerben  —  er  hat  ja  auch  in  der  modernen  Entwicklung ­
  Schritt  für  Schritt  Vorurteile  abgelegt  und  kann'jetzt  z.  B.
das  Bierbrauen  betreiben,  ohne  sich  etwas  zu  vergeben  —,  so  mühten
sich  andererseits  die  Geldleute,  durch  Ankauf  von  Gütern  jenen  Nimbus ­
  zu  erlangen,  der  mit  dem  Grundbesitz  verknüpft  war,  abgesehen
davon,  daß  der  Besitz  von  Grund  und  Boden  das  Bewußtsein  des
Herrentums  weit  mehr  zur  Entfaltung  bringt,  da  die  Möglichkeit,
selbständig  eingreifen  zu  können,  hier  weit  mehr  als  in  der  Stadt
bestand.  Wir  können  die  gleiche  Erscheinung  auch  heute  beobachten,
wenn  die  Börsenbarone  sich  möglichst  rasch  Grundbesitz  zu  verschaffen ­
  suchen.  Die  politischen  Vorrechte,  die  der  Grundbesitz  noch
lange  genoß,  sind  etwa  den  modernen  vergleichbar,  die  u.  a.  darin
bestehen,  daß  der  Sitz  in  der  ersten  Kammer  vielfach  mit  ihm  in
Beziehung  steht.  Alles  strebte  danach,  Einkommen  und  Ehre  zu
verbinden,  nachdem  nicht  mehr  wie  ehedem  großer  Konsum,  Herrschaftsbesitz ­
  und  Ehre  von  vornherein  zusammenfielen.  Von  den
Erwerbszweigen  waren  so  wie  heute  diejenigen  bevorzugt,  die
nicht  persönliche  Handarbeit  verlangten.  Jeder  suchte,  wenn  irgend
möglich,  sich  und  seine  Kinder  davor  zu  bewahren,  ein  kleiner  Bauer
oder  gar  ein  Handwerker  oder  Tagelöhner  zu  werden.  Die  Bauern
und  Handwerker  ihrerseits  hatten  gleichfalls  ihre  Standesehre  und
sahen  wohl  einander  nicht  als  vollwertig  an;  nur  die  Tagelöhner
haben  sicher  ihren  eigenen  Stand  jedem  anderen  nachgesetzt,  ein
Proletarierstolz  bestand  damals  nicht.  Im  großen  und  ganzen
        <pb n="55" />
        Berufsehre,  Sklaverei.

47

waren  bereits  am  Ende  dieser  Epoche  jene  Anschauungen  über  die
Berufsehre  vorhanden,  wie  wir  sie  auch  in  der  neuzeitlichen  Entwicklung ­
  kennen.  Noch  mehr  näherten  sie  sich  in  der  nächsten  Periode
der  Gegenwart  an.
Zu  Anfang  dieser  Epoche  hat  die  Sklaverei  kaum  mehr  Bedeutung ­
  gehabt  als  in  der  vorhergehenden  (S.  29).  Den  Ackerbau ­
  betrieb  man  am  liebsten  mit  halbfreien  oder  freien  Knechten
und  Mägden,  die  nicht  schwer  zu  bekommen  waren,  sonst  hätten
damals  die  Bauern  ebenso  wie  heute  in  manchen  Gegenden  darauf
gesehen,  daß  die  „Menscher"  viel  Kinder  kriegen,  während  Hesiod,
der  freilich  aus  einer  vorwiegend  agrarischen  Gegend  stammte,  den
Rat  gab,  Knechte  und  Mägde  ohne  Kinder  zu  suchen  (Hesiod,
Werke  und  Tage  601  u.  602).  Der  Zug  zur  Stadt  war  damals
noch  nicht  aktuell.  Die  Sklavenarbeit  hat  auf  den  Landgütern
in  großem  Maßstab  überhaupt  erst  spät  Eingang  gefunden,  in
Massen  wurden  Sklaven  zunächst  im  Fabriks-  und  Bergwerksbetrieb ­
  verwendet,  in  letzterem  vor  allem  deswegen,  weil  es  sich
dort  um  die  widerwärtigste  Arbeit  handelte,  wenn  sich  auch  damals
freie  Männer  fanden,  die  sich  zu  dieser  Tätigkeit  gegen  Lohn  hergaben. ­
  In  den  Betrieben,  welche  eine  regelmäßige  mechanische
Tätigkeit  verlangten,  waren  Sklaven  häufig  brauchbarer  als  freie
Arbeiter,  besonders  wenn  sie  jenen  Grad  von  Stumpfsinn  besaßen,
der  Arbeiten,  die  im  Takt  ausgeführt  werden  mußten,  förderte.
Daneben  wurden  freilich  auch  Sklaven  verwendet,  die  eine  eigene
Ausbildung  genossen  hatten  und  nun  entsprechend  verwertet  werden
konnten.  Erleichterte  die  Zufuhr  auch  die  Verwendung  von  Sklaven, ­
  so  muß  man  immer  im  Auge  behalten,  daß  Sklavenarbeit
keineswegs  immer  billiger  war  als  die  Arbeit  freier  Leute.  Erkrankte ­
  der  freie  Arbeiter,  so  entließ  ihn  der  Herr  ohne  weiteres,
wie  auch  heute  vielfach;  starb  er,  so  war  das  dem  Herrn  völlig
gleichgültig,  ein  anderer  trat  an  seine  Stelle.  Die  Krankheit  des
Sklaven  bedeutete  aber  für  den  Herrn  einen  großen  Verlust  und
erst  recht  dessen  Tod.  Nur  dann,  wenn  innerhalb  der  durchschnittlichen ­
  Lebensdauer  des  Sklaven  sich  die  Anschaffuugssnmme  amortisierte, ­
  war  es  vorteilhafter,  Sklaven  zu  verwenden.  Da  nun  der
unverheiratete  Arbeiter  nicht  viel  mehr  als  feinen  notdürftigen
Lebensunterhalt  als  Lohn  erhielt  und  der  Herr  einen  geringeren
Schaden  von  dessen  Unterernährung  hatte  als  von  jener  des  Sklaven, ­
  so  waren  die  Auslagen  für  den  Sklaven  vielfach  nicht  sehr
viel  niedriger  als  für  den  freien  Arbeiter,  nur  der  freie  Arbeiter
        <pb n="56" />
        48  Drittes  Kapitel.  Das  Zeitalter  der  griechischen  Kolonisation.
mit  Familie  dürste  regelmäßig  mehr  als  der  Sklave  gekostet  haben.
Ebenso,  wie  heute  die  Maschine  den  Arbeiter  überall  dort  nicht
verdrängt,  wo  Handarbeit  billiger  ist  als  Maschinenarbeit,  so  konnte
auch  die  lebendige  Maschine,  der  Sklave,  der  nicht  besser  als  der
freie  Arbeiter  funktionierte,  den  freien  Arbeiter  nicht  rasch  verdrängen. ­
  Dieser  leistete  im  Akkord  sicher  mehr  als  der  Sklave,  der
natürlich  möglichst  faul  war,  wenn  er  nicht  scharf  bewacht  wurde.
Daher  haben  denn  auch  die  Herren,  welche  ihre  Sklaven  zu  höheren
Arbeiten  verwendeten,  diesen  immer  eine  ziemliche  Freiheit  gelassen ­
  (S.  72).  Jetzt  kamen  immer  mehr  Sklaven  nach  Griechenland, ­
  die  einer  weit  niederen  Kultur  angehörten,  oft  die  Sprache
des  Landes  nicht  verstanden,  als  Fremde  häufig  sogar  Abneigung
einflößten  und  so  die  Stellung  aller  Sklaven  verschlimmerten.  Die
Herren  fingen  immer  mehr  an  Unternehmer  zu  werden,  welche  sowohl ­
  in  der  Landwirtschaft  als  auch  besonders  beim  Fabrikbetrieb
das  persönliche  Verhältnis  zu  ihren  Dienern  verloren.  Während
die  Auflösung  des  patriarchalischen  Verhältnisses  bei  den  freien
Arbeitern,  wenn  sie  auf  einer  genügend  hohen  Stufe  stehen,  eine
Hebung  bedeutet,  ist  es  beim  Sklaven  zunächst  mit  einer  Herabdrückung ­
  seines  Niveaus  identisch,  ebenso  wie  für  den  heutigen
Dienstboten  das  Aufhören  des  patriarchalischen  Verhältnisses
ein  Herabsinken  bedeutet,  da  die  Angehörigkeit  zu  einer  bestimmten
Klasse  ihm  noch  nicht  zum  Bewußtsein  gekommen  ist.  Selbstverständlich ­
  sah  man  früh  ein,  daß  durch  die  Verwendung  von  Sklaven
der  freie  Arbeiter  verdrängt  werde,  und  es  wurde  gelegentlich,  wie
auch  späterhin  in  der  Römerzeit,  der  Versuch  gemacht,  die  Verwendung ­
  von  Sklaven  einzuschränken,  ohne  daß  aber  diese  Bemühungen ­
  einen  allgemeineren  Charakter  angenommen  hätten
(S.  107).  Während  die  Sklaven  aus  den  Gebieten  des  Schwarzen
Meeres  vor  allem  durch  griechische  Händler  zur  See  verfrachtet
wurden,  kamen  sie  in  Kleinasien  auf  dem  Landwege  in  griechische
Hände,  syrische,  jüdische  und  ägyptische  Sklaven  brachten  vor  allem
die  Phöniker,  gegen  die  der  Prophet  denn  auch  Jahve  Drohungen ­
  ausstoßen  läßt:  weil  sie  nicht  nur  Silber  und  Gold  geraubt,
sondern  auch  Judäer  und  Jerusalemer  an  die  Ionier  verkauft
hätten  (Joel  4,  1—8).
i-  So  sehn  wir  denn,  wie  sich  im  Zeitalter  der  griechischen  Kolonisation ­
  jene  Faktoren  bildeten,  welche  zu  einer  Weltwirtschaft
im  modernen  Sinne  führten:  Arbeitsteilung  der  Länder,  besonders ­
  Trennung  der  industriellen  und  der  agrarischen  Produktion,
        <pb n="57" />
        Sklaverei,  Welthandel.

49

Vergrößerung  der  Einzelbetriebe.  Die  Einführung  der
Sklaven  in  die  Industrie  übte  auf  die  Arbeiter  und  die  Wirtschaftsordnung ­
  in  vielem  eine  ähnliche  Wirkung  aus  wie  bei  uns  die  Einführung ­
  der  Maschinen,  so  daß  die  Sklaverei  dazu  beitrug,
die  antike  Wirtschaft  der  unsern  ähnlich  zu  machen.  Die
Kräfteverteilung  war  noch  wesentlich  von  jener  in  der  folgenden  Zeit
verschieden,  Kleinasien  und  der  Westen  traten  sehr  hervor,  Athen
stand  noch  nicht  an  der  Spitze,  wenn  es  auch  bereits  Handels-  und
Industriestadt  geworden  war.  Erst  im  6.  Jahrhundert  beginnt  es,
Vasen  ins  Schwarze  Meer  und  nach  andern  Ländern  in  großen
Mengen  zu  exportieren.  Auch  Korinth  war  durch  seine  Tonwaren
berühmt,  die  teils  zum  täglichen  Gebrauch,  teils  als  Prunkstücke
dienten.  Der  Handel  in  Töpferwaren  war  überhaupt  in  jenen
Zeiten  sehr  verbreitet,  und  da  die  Produkte  wenigstens  zum  Teil
noch  erhalten  sind,  können  wir  vielfach  mit  Hilfe  der  Fabrikmarken
und  anderer  Kennzeichen  die  Wege  des  Handels  verfolgen.  Auf
erhaltenen  Tonscherben  finden  wir  Töpferöfen  abgebildet,  die  znm
Brennen  der  verschiedenartigsten  Objekte  im  großen  dienten.  Die
athenisch-korinthische  Tonwarenindustrie  machte  erfolgreich  den
andern  Städten  Konkurrenz.  Milet  vertrieb  seine  Erzeugnisse  im
Gebiete  des  Schwarzen  Meeres  nicht  minder  als  in  Großgriechenland ­
  und  Sizilien.  Auch  Kyrene  hatte  eine  originelle  Tonwarenindustrie, ­
  die  sich  besonders  durch  die  starke  Verwendung  ägyptischer ­
  Anregungen  auszeichnete,  auch  wurden  die  asiatischen  Einflüsse ­
  hier  vielleicht  noch  bemerkbarer  als  an  den  korinthischen
Waren.  Von  den  genannten  Städten  war  Korinth  als  Handelsstadt ­
  unstreitig  die  bedeutendste.  Am  „Kreuzweg  von  Hellas"  gelegen, ­
  vermittelte  es  einen  großen  Teil  des  Handels  zwischen
Süden  und  Norden,  zwischen  Osten  und  Westen  (Dio  v.  Prusa,
Reden  VIII,  5).  Als  gewaltige  Seemacht  war  es  vorbildlich  in
der  Schiffsbaukunst.  Frühzeitig  begann  diese  Stadt  unter  der  Leitung ­
  eines  energischen  Herrschergeschlechtes  ihre  Kolonien  dem
Mutterlande  anzugliedern  (Thucydides  I,  13).  Milet  war  durch
seine  Textilindustrie  ebenfalls  berühmt,  seine  Schafherden  lieferten
die  Wolle,  die  Purpurschnecken  des  Ägäischen  Meeres  den  Farbstoff, ­
  und  so  machten  die  Milesier  bereits  frühzeitig  den  Phönikern
Konkurrenz.  Industrielle  Zentren  befanden  sich  in  den  westlichen
Kolonien,  im  Mutterlande  und  in  Kleinasien,  während  der  Export
von  Lebensmitteln  vor  allem  dem  Schwarzen  Meer,  Sizilien  und,
wie  es  scheint,  Thessalien  zufiel,  das  allein  unter  den  griechischen
ANuG  258:  Neurath,  antike  Wirtschaftsgeschichte.  4
        <pb n="58" />
        50  Drittes  Kapitel.  Das  Zeitalter  der  griechischen  Kolonisation.
Festlandsstaaten  Getreide  zu  exportieren  vermochte.  Diese  Arbeitsteilung ­
  wurde  in  der  nächsten  Epoche  noch  erweitert.  Von  großer
Wichtigkeit  für  die  Griechen  war,  daß  ihnen  nun  in  immer  steigendem ­
  Maße  Ägypten  eröffnet  wurde.  Zwar  waren  griechische  Tongefäße ­
  schon  in  mykenischer  Zeit  nach  Ägypten  gelangt,  aber  wohl
auf  asiatischen  Schiffen.  Die  ägyptische  Interessensphäre  ragte
übrigens  zeitweilig  sehr  weit  ins  Ägäische  Meer  hinein,  als  Ägypten ­
  das  von  Griechen  und  Phönikern  besiedelte  Cypern  beherrschte
(Herodot  H,  182).  Als  in  Naukratis  im  6.  Jahrhundert,  vielleicht
auch  schon  früher,  den  Griechen  Stapelplätze  und  Quartiere  eröffnet ­
  wurden,  konnte  man  deutlich  sehn,  wie  sehr  die  Kolonien
vor  allem  den  Welthandel  in  der  Hand  hatten.  Nur  Ägina  war
von  den  Staaten  des  Mutterlandes  vertreten,  eine  Stadt,  die  fast
ausschließlich  dem  Handel  und  ihrer  günstigen  Lage  im  Saronischen
Golf  ihre  Bedeutung  verdankte  (Herodot  VIH,  6).  Diese  Stadt
suchte  sich  so  dafür  schadlos  zu  halten,  daß  die  Städte  Euböas  und
Korinth  ihr  in  der  Kolonisation  überlegen  waren.  Von  den  kleinasiatischen ­
  Städten  waren  unter  anderen  die  Städte  auf  Rhodus
vertreten,  selbstverständlich  auch  Milet  (Herodot  II,  178).  Kyrene
stand  ebenfalls  mit  den  Ägyptern  in  Handelsbeziehung,  nachdem
es  seine  Unabhängigkeit  bewahrt  hatte  (S.  36).  Diese  internationalen ­
  Beziehungen  wurden  durch  religiöse  Verbände  aller  Art  unterstützt, ­
  die  sich  freilich  wenig  um  die  Politik  kümmerten,  und  deren
größte  politische  Leistung  zunächst  die  Regelung  des  Kriegsrechtes
war,  das  etwas  gemildert  wurde,  sowie  ja  auch  heute  die  internationalen ­
  Regelungen  sich  hauptsächlich  bisher  mit  dieser  unwesentlichsten ­
  Seite  beschäftigt  haben.  Freilich  wurde  so  manche  Beziehung
angebahnt,  wenn  auch  in  dieser  Epoche  die  Griechen  sich  noch  recht
wenig  als  Einheit  fühlen  lernten.  Höchstens  besaß  hier  und  da  eine
Stadt  ein  etwas  größeres  Gebiet,  das  einige  Städte  und  Stämme
umfaßte,  oder  herrschte  über  einige  Kolonialstädte,  meist  aber  war
jede  Stadt  völlig  autonom.  Auch  das  internationale  Privatrecht  war
noch  wenig  entwickelt,  so  daß  Handelsgeschäfte,  bei  denen  die  Gegenleistung ­
  nicht  sofort  erfolgte,  zunächst  zu  den  Seltenheiten  gehörten.
Man  begriff  nur  langsam,  daß  im  kaufmännischen  Leben  Verträge ­
  auf  Kredit  eine  große  Rolle  zu  spielen  haben,  und  daß  ein
gedeihlicher  Handelsverkehr  nur  möglich  sei,  wenn  jedermann
zu  seinem  Recht  kommen  könne.  Die  mächtigen  Staaten  setzten  sich
freilich  für  ihre  Bürger  ein  und  machten  es  wie  die  modernen
Staaten  minder  kultivierten  gegenüber,  wenn  ein  paar  europäische
        <pb n="59" />
        Viertes  Kapitel.  Das  griechische  Wirtschaftssystem.  51
Dattelsäcke  in  Gefahr  sind.  Aber  allmählich  wurden  die  Zustände
unhaltbar,  Repressalien  waren  an  der  Tagesordnung,  wer  sich  benachteiligt ­
  glaubte,  suchte  ein  Pfand  des  Gegners  in  die  Hand  zu
bekommen,  man  hielt  sich  dabei  nicht  nur  an  das  Pfand  desjenigen,
der  in  den  ganzen  Handel  verwickelt  war,  sondern  auch  an  das
Besitztum  seiner  Stammesgenossen,  wodurch  der  gesamte  Handel
gefährdet  wurde.  Man  begann  daher  bereits  Staatsverträge  zu
schließen,  um  eine  gewisse  Regelung  eintreten  zu  lassen,  doch  die
eigentliche  Entwicklung  fällt  in  die  nächste  Periode  (S.  77).
Die  alten  Verbände  waren  unfähig  geworden,  in  der  neuen
Ordnung  etwas  zu  leisten,  die  wichtigsten  Wirtschaftsfaktoren  waren
nun  der  Stadtstaat,  die  entstehenden  größeren  Reiche  und  das
Individuum.  Der  einzelne  ist  unabhängig  geworden,  jeder  beliebige ­
  kann  ihm  Güter  liefern,  deren  er  bedarf,  Planlosigkeit
ist  vielfach  für  diese  neue  Wirtschaftsordnung  charakteristisch,  nur
in  bestimmten  Fällen  greifen  die  Staaten  ein,  so  z.  B.  in  den  Getreideverkehr,
  weil  dieser  für  das  Bestehen  des  Staates  von  entscheidender ­
  Bedeutung  war.  Doch  bildete  sich  durch  die  annähernde
Konstanz  der  Bedürfnisse  auf  dem  gesamten  Weltmärkte  für  die
Produktion  ein  ungefährer  Maßstab  heraus.  In  der  nächsten  Epoche
haben  sich  Produktion  und  Handel  noch  weiter  entwickelt,  immer
stärker  aber  werden  wir  auch  die  Übel  der  neuen  Ordnung  zutage
treten  sehen.
Viertes  Kapitel.
Das  griechische  Wirtschaftssystem.
(Ende  6.  Jahrhunderts  bis  Ende  4.  Jahrhunderts.)
Kauf  und  Verkauf,  um  die  notwendigen  Bedürfnisse
gegenseitig  zu  decken,  kann  beinahe  kein  Staat  entbehren,
und  dies  ist  das  Nächstliegende  in  bezug  auf  die  Autarkie,
um  derentwillen  man  sich  doch  wohl  in  einer  einheitlichen
,  Staatsorganisatiou  zufammengetan  hat.
Aristoteles,  Politik  VII,  5,  2.
Auch  ist  cs  notwendig,  daß  der  Staat,  was  er  nicht  hat,
importiere  und,  was  bei  ihm  im  Überfluß  hervorgebracht
wird,  exportiere.  Aristoteles,  Politik  IV,  5,  4.
Zu  Ende  der  vorigen  Epoche  waren  die  Städte  Kleinasiens
in  immer  engere  Abhängigkeit  vom  Perserkönig  gekommen,  der
auf  das  europäische  Festland  hinübergriff  und  griechische  Fürsten
und  Freistädte  Thraziens  zum  Anschluß  zwang.  Seit  die  Perser
im  Besitze  der  phönikischen  Flotte  waren,  konnten  ihnen  die  Jnselu
        <pb n="60" />
        52  Viertes  Kapitel.  Das  griechische  Wirtschaftssystem.
nicht  nlehr  widerstehen,  und  Rhodus  scheint  z.  B.  schon  früh  Tribut
gezahlt  zu  haben.  Es  waren  in  erster  Reihe  nicht  wirtschaftliche
Faktoren,  welche  die  Perserkriege  hervorriefen,  da  die  abhängigen
Staaten  im  allgemeinen  wirtschaftlich  nicht  schlecht  gestellt  waren
und  z.  B.  die  befreiten  ionischen  Städte,  nachdem  sie  späterhin  die
Herrschaft  der  Athener  und  der  Spartaner  erlebt  hatten,  vielfach
nicht  gerade  ungern  unter  die  Fremdherrschaft  zurückkehrten.  Der
Zusammenstoß  der  Griechen  mit  den  Persern  war  um  so  gefährlicher, ­
  als  gleichzeitig  die  Karthager  mit  dem  Könige  von  Syrakus
kämpften.  Der  Sieg  der  Orientalen  hätte  wahrscheinlich  zur
Schaffung  zweier  großer  Reiche  geführt,  eines  karthagischen  im
Westen,  eines  persischen  im  Osten.  Doch  der  Angriff  mißlang,  im
selben  Jahre  —  480  —  wurden  die  einen  bei  Salamis,  die  andern ­
  an  der  Himera  in  Sizilien  geschlagen.  Die  Kämpfe  mit  den
Karthagern  und  Persern  fanden  damit  nicht  ihr  Ende,  und  wenn
auch  keine  große  Gefahr  mehr  für  die  griechische  Welt  bestand,  so
gelang  es  doch  nicht,  sämtliche  sizilische  Städte  unabhängig  zu
machen  und  die  kleinasiatischen  Griechen  dauernd  von  der  Perserherrschaft ­
  zu  befreien.  Im  Mittelalter  haben  sich  diese  Kämpfe
des  Orients  gegen  Europa  in  ähnlichem  Maßstab  wiederholt,
als  die  Araber,  die  den  Osten,  Süden  und  Westen  des  Mittelmeerbeckens ­
  erobert  hatten,  gegen  Norden  vorrückten.  Zu  Ende  des
5.  Jahrhunderts  versuchten  die  Karthager  nochmals  Sizilien  in
ihre  Hand  zu  bekommen,  vergebens,  denn  die  Westhellenen
waren  unter  der  Herrschaft  des  energischen  Dionys  von  Syrakus
vereinigt  (S.  79).
Von  den  drei  nichtgriechischen  großen  Seemächten  waren  zwei
zurückgeschlagen,  die  dritte,  die  Etrusker,  die  neuerlich  gegen  Kyme
vorrückten  (S.  37),  wurden  von  Hiero  von  Syrakus,  der  den  Einwohnern ­
  von  Kyme  mit  einer  Flotte  zu  Hilfe  kam,  geschlagen.
Die  Kämpfe  der  nächsten  Zeit  spielten  sich  in  erster  Reihe  zwischen
den  Athenern,  Spartanern  und  Syrakusanern  ab;  keine  der  drei
Mächte  war  aber  stark  genug,  die  beiden  andern  in  sich  aufzunehmen,
und  so  fielen  sie  fremden  Gewalten  anheim,  der  Westen  den  Römern, ­
  der  Osten  zunächst  den  Mazedoniern,  bis  schließlich  die  Römer
das  ganze  Mittelmeerbecken  beherrschten.  Daß  aber  Rom  nicht  in
seinen  Anfängen  zugrunde  ging,  verdankte  es  dem  Sieg  bei  Kyme,
durch  den  die  Syrakusaner  ihre  späteren  Herren  von  der  Etruskernot ­
  befreien  halfen.
In  Athen,  das  neben  Korzyra  und  Korinth  int  5.  Jahrhundert
        <pb n="61" />
        Perser,  Athen.

53

wohl  die  größte  Flotte  besaß,  können  wir  nun,  da  es  politisch
immer  mehr  hervortritt,  die  Wirkungen  der  industriellen  und  kommerziellen ­
  Entwicklung  deutlich  beobachten.  Der  Sieg  über  die
Perser  hatte  die  Bedeutung  einer  guten  Flotte  gezeigt  und  deutlich ­
  vor  Augen  geführt,  daß  die  griechischen  Staaten  eine  größere
Macht  repräsentierten,  als  sie  selbst  geahnt  hatten;  ein  einzelner
Staat  konnte  nun  mit  Recht  den  Versuch  wagen,  die  Herrschaft
über  ganz  Hellas  anzutreten.  Die  Notwendigkeit,  die  jonischen  Städte
gegen  die  Perser  dauernd  zu  schützen,  drängte  zur  Schaffung  einer
griechischen  Flotte,  zu  welchem  Zweck  sich  eine  große  Zahl  der  griechischen ­
  Staaten  zum  Delischen  Bunde  vereinigte,  in  dem  Athen  als
erste  Seemacht  die  Leitung  übernahm,  nachdem  sich  Sparta,  das
wesentlich  Landmacht  war,  schon  vorher  zurückgezogen  hatte.  Da
von  den  beteiligten  Staaten  nur  ein  Teil  Schiffe  stellte,  der  andere ­
  lieber  Gelder  zahlte,  die  Athen  verwaltete,  so  trat  die  wirtschaftliche ­
  Übermacht  dieser  Stadt  immer  mehr  hervor.  Alles  geschah, ­
  um  die  Flotte  zu  vermehren  und  den  gewaltigen  Kriegshafen
im  Piräus  auszubauen.  Diese  Machtstellung  im  Ägäischen  und
Schwarzen  Meer  konnte  nur  dann  völlig  gefestigt  werden,  wenn
die  Konkurrenten  entweder  dienstbar  gemacht  oder  vernichtet  wurden.
So  mußte  z.  B.  Ägina  fallen,  das  sich  lange  vor  Athen  kommerziell ­
  entwickelt  hatte  (S.  50).  Es  beherrschte  den  Saronischen  Golf,
so  daß  es  Athen  leicht  gefährlich  werden  konnte  —  auch  konnte,
wer  Ägina  besaß,  den  Handel  von  Korinth  empfindlich  schädigen.
Hatte  Athen  ursprünglich  dasselbe  Münzsystem  wie  Ägina  gehabt,
so  ging  es  im  6.  Jahrhundert,  wohl  vorwiegend  aus  Opposition
gegen  Ägina,  zum  euböischen  über.  Kriegerische  Angriffe  folgten
bald,  in  denen  die  Insel  den  Athenern  oft  übel  mitspielte.  Da  die
Perserkriege  eine  endgültige  Entscheidung  hinderten,  konnte  die
reiche  Handelsstadt  erst  456  überwältigt  werden  und  mußte  als
Mitglied  des  Delischen  Bundes,  der  früheren  Feindschaft  wegen,
die  höchste  Tributsnmme  zahlen.  Da  aus  derartigen  Gründen  die
Tributsummen  häufig  erhöht  wurden,  während  aus  besonderer
Gunst,  oder  weil  man  einen  Abfall  fürchtete,  eine  Herabsetzung  der
Tribute  stattfand,  kann  man  die  vorhandenen  Tributlisten  nur  mit
Vorsicht  zu  einer  genaueren  Charakterisierung  der  damaligen  wirtschaftlichen ­
  Lage  der  einzelnen  Staaten  verwenden.  Nach  weiteren
Konflikten  zwang  Athen  die  Ägineten  auszuwandern  und  besiedelte
die  Insel  mit  attischen  Kolonisten,  wodurch  die  Konkurrentin  radikal ­
  beseitigt  wurde.  Es  half  Ägina  nicht  viel,  daß  es  404  nach
        <pb n="62" />
        54  Viertes  Kapitel.  Das  griechische  Wirtschaftssystem.
der  Niederwerfung  Athens  durch  Sparta  mit  Emigranten  besiedelt
wurde,  die  in  der  Welt  zerstreut  waren.  Die  Spartaner  benutzten
die  Insel  im  4.  Jabrhundert  vor  allem  dazu,  um  von  dort  aus
die  nach  Athen  fahrenden  Getreideschiffe  abzufangen.  Späterhin
kam  Ägina  unter  mazedonische  Herrschaft,  um  dann  in  den  Achäischen
  Bund  einzutreten,  bis  schließlich  die  Römer  erschienen  (Polybius ­
  IX,  42).
Ähnliche  Kämpfe  hatte  Athen  mehrfach  zu  bestehen.  Die  dadurch ­
  entstandenen  Verwicklungen  führten  zwischen  den  griechischen ­
  Staaten  zu  großen  Kriegen,  von  denen  einige  unter  dem
Namen  des  Peloponnesischen  Krieges  zusammengefaßt  werden.
In  diesen  Kämpfen  wurde  die  Macht  Athens  wesentlich  verringert,
doch  auch  die  Kräfte  der  anderen  Staaten  litten  sehr.  Die  Bildung ­
  eines  Attischen  Reiches  gelang  nicht,  da  Athen  weder  den
einzelnen  Staaten  gleiche  Rechte  mit  sich  einräumen  wollte,  was
zu  einem  Bundesstaat  geführt  hätte,  noch  die  fremden  Bürger  mit
seinen  eigenen  gleichstellen  wollte,  was  möglicherweise  die  Bildung
eines  Einheitsstaates  ermöglicht  hätte.  Die  athenische  Herrschaft
bewirkte  einen  regen  Handel,  den  Athen  teilweise  monopolisierte;
so  besaß  es  z.  B.  das  Handelsmonopol  für  Zinnober  auf  Keos.
Eine  große  Einnahme  erhielt  Athen  aus  den  Zöllen  und  Abgaben,
die  es  im  Bundesgebiet  vertragsmäßig  erhob.  Da  alle  fremden
Jndustrieartikel  leicht  zu  beschaffen  waren,  konnte  sich  Athen  Spezialindustrien ­
  zuwenden.  Die  Industrie  trat  besonders  in  den  Vordergrund, ­
  weil  eine  gesicherte  Bodenbebauung  oft  unmöglich  war,  da
nach  damaligem  Kriegsbrauch  jeder  feindliche  Einfall  die  Vernichtung ­
  der  Ernte  und  vieler  Kulturen  bedeutete,  so  der  Öl-  und
Weinpflanzungen,  deren  Erneuerung  immer  lange  Jahre  dauerte.
Man  sah  im  Gegner  selten  den  späteren  Mitbürger,  Untertanen
oder  Konsumenten,  sondern  meist  nur  den  Konkurrenten,  den  man
möglichst  zu  schädigen  suchte.  Vor  allem  sicherte  sich  Athen  die  Zufuhr ­
  von  Lebensmitteln  aus  Ägypten,  Sizilien  und  dem  Schwarzen
Meer  (Xenophon,  Haushaltungskunst  20).  Diese  Produkte  waren
nur  bei  einem  starken  Export  von  Jndustrieartikeln  zu  erlangen.
Um  den  sich  mächtig  entfaltenden  Handel  zu  fördern,  wendete  Athen
sein  Augenmerk  dem  internationalen  Privatrecht  zu  und  setzte  es
durch,  daß  im  Bereich  des  Bundes  ein  Teil  der  Gerichtsbarkeit
ihm  zugewiesen  wurde.  Aber  wenn  auch  nicht  immer  in  Athen
Recht  gesprochen  wurde,  so  rezipierten  doch  wenigstens  viele  Bundesstaaten ­
  athenisches  Recht,  sei  es  freiwillig,  da  Athen  ein  gut  aus-
        <pb n="63" />
        Athen,  Sparta.  55
gebildetes  Privatrecht  besaß,  sei  es  unter  Anwendung  entsprechender ­
  Drohungen.
Während  so  Athen  sich  als  Handels-  und  Industriestaat  entwickelte, ­
  der  zeitweilig  sogar  auf  alle  Landwirtschaft  verzichtete,
blieb  Sparta  lange  reiner  Agrarstaat.  Der  demokratisch  organisierten ­
  Herrenklasse  stand  eine  weit  zahlreichere  unterworfene  Bevölkerung ­
  gegenüber,  Leibeigene,  Heloten  genannt,  die  unter  scharfer
staatlicher  Kontrolle  das  Land  bestellen  mußten  (Aristoteles,  Politik,
ed.  Susem.  II,  6,3),  da  man  immer,  besonders,  wenn  Feinde  heranzogen, ­
  Aufstände  fürchtete.  Das  Verhältnis  der  Herrenklasse  zu
den  Heloten  entsprach  etwa  jenem  der  Grundherren  zu  den  Hörigen,
doch  dürften  die  Heloten  noch  ungünstiger  gestellt  gewesen  sein.
Neben  diesen  Ackersklaven  gab  es  noch  halbfreie  Städte,  die  von
sogenannten  Periöken  bewohnt  waren.  Sie  standen  unter  der  Verwaltung ­
  der  Herrenklasse,  nahmen  an  der  Regierung  in  keiner
Weise  teil,  zahlten  Abgaben  und  leisteten  in  gewissem  Ausmaße
Kriegsdienste,  wurden  aber  sonst  in  ihrem  Treiben,  sie  beschäftigten
sich  zum  Teil  mit  Handel  und  Industrie,  wenig  gestört.  Die  Herrenklasse ­
  war  in  alter  Weise  einheitlich  militärisch  organisiert,  wobei
freilich  manchen  Forderungen  der  entwickelten  Kriegführung  Rechnung ­
  getragen  war.  Diese  Organisation  erstreckte  sich  auch  auf
das  Lebeu  im  Frieden,  so  wurden  die  Mahlzeiten  in  bestimmten
Gruppen  eingenommen  und  strenge  Disziplin  überall  durchgeführt,
um  die  Schlagfertigkeit  der  Vorzeit  zu  erhalten,  was  auch  durch
einige  Jahrhunderte  gelang.  Der  einzelne  Vollbürger  hatte  zur
Bestreitung  gewisser  Ausgaben  seiner  Gruppe  Beiträge  zu  leisten;
war  er  nicht  mehr  imstande,  dieselben  aus  seinen  Besitzungen
herauszuschlagen,  so  schied  er  aus  der  Gruppe  der  Vollberechtigten
aus.  Die  Herrenklasse  schmolz  immer  mehr  zusammen,  u.  a.  infolge ­
  der  vielen  Kriege,  auch  verarmten  immer  mehr  Familien,
zum  Teil  durch  Erbteilung,  zum  Teil  gerade  dadurch,  daß  immer
mehr  Güter  —  vor  allem  durch  Erbschaft  —  in  einer  Hand  vereinigt ­
  wurden  (Aristoteles,  Politik,  Susem.  II,  6,10).  Dabei  verabscheuten ­
  die  Spartaner  im  allgemeinen  eine  Regeneration  durch
Aufnahme  von  Bürgern  aus  den  halbfreien  oder  unfreien  Bewohnern ­
  oder  durch  Zuwanderung  von  Fremden.  Die  Furcht  vor
den  Reformen  der  neuen  Zeit,  vor  der  Industrie  und  dem  Handel,
bewirkte,  daß  die  Spartaner  schließlich  vielfach  ohne  Übergang  mit
allen  Neuerungen  in  Berührung  traten  und,  wie  es  scheint,  weit
stärker  als  jene  Völker,  die  Schritt  für  Schritt  sich  dem  modernen
        <pb n="64" />
        56  Viertes  Kapitel.  Das  griechische  Wirtschaftssystem.
Leben  zuwendeten,  von  Habgier  und  Sucht  nach  Luxus  erfaßt
wurden,  während  früher  ein  prächtiges  Auftreten  in  militärischem
Sinne  überwog.  Daß  sich  Sparta  den  anderen  Staaten  gegenüber
so  lange  überlegen  zeigte,  hing  mit  der  straffen  Disziplin  zusammen
sowie  mit  der  großen  Ausdehnung  seines  zusammenhängenden  Gebietes, ­
  das  alle  andern  Staaten  Griechenlands  an  Flächeninhalt
übertraf.
Weder  die  vorgeschrittenen  industriellen  und  kommerziellen
Staatswesen  wie  Athen  noch  die  konservativen  agrarischen  wie
z.  B.  Sparta  gelangten  dazu,  eine  Staatsordnung  zu  begründen,
die  den  Forderungen  der  Bevölkerung  so  weit  entsprochen  hätte,
daß  mehr  oder  weniger  gewaltsame  Umsturzversuche  vermieden
worden  wären.  In  der  Antike,  besonders  in  Griechenland  war
zeitweilig  der  Umsturz  eine  selbstverständliche  Sache,  und  der  Ruf
nach  Neuverteilung  des  Grundeigentums  oder  nach  Schuldennachlaß ­
  war  nicht  so  selten  wie  etwa  in  unserer  modernen  Entwicklung.
Der  Gedanke,  daß  man  eine  Wirtschaftsordnung  von  heute  auf
morgen  ändern  könne,  mußte  in  vielen  um  so  leichter  Platz  greifen,
als  die  Bevölkerung  meist  ohne  sonderliche  Schwierigkeiten  den
staatlichen  Apparat  übersah  und  sich  eine  geänderte  Situation
wohl  ausmalen  konnte.  Die  zahlreichen  politischen  Kämpfe  in  den
griechischen  Stadtstaaten,  die  weit  häufiger  als  Bürgerkriege  denn
als  Revolutionen  zu  bezeichnen  wären,  da  die  beiden  beteiligten
Parteien  in  ähnlicher  Weise  einen  Teil  der  Souveränität  innehatten, ­
  wurden  häufig  durch  wirtschaftliche  Motive  hervorgerufen.
Dies  führte  antike  Theoretiker  dazu,  anzunehmen,  daß  alle
Aufstände  auf  ökonomischer  Basis  beruhten,  was  von  anderen  bestritten ­
  wurde  (Aristoteles,  Politik,  ed.  Susem.  II,  4).  Doch  obgleich ­
  die  Tendenz  zu  einer  Neuregelung  der  Wirtschaftsordnung
vorhanden  war,  wurde  die  Demokratie  in  vielen  Staaten,  so  z.  B.
in  Athen  nur  auf  politischem  Gebiet  durchgeführt.  Der  Kontrast
zwischen  der  wirtschaftlichen  und  der  politischen  Ordnung  scheint
vielen  Demokraten  damals  nur  ebenso  verschwommen  zum  Bewußtsein ­
  gekommen  zu  sein  wie  so  zahlreichen  Anhängern  der
großen  französischen  Revolution  und  der  von  1848.  Alle  hatten
schließlich  auf  dem  Gebiete  der  Gesetzgebung,  der  Verwaltung  und
der  Rechtsprechung  die  gleichen  Rechte,  und  die  wichtigsten  Beamtenstellen ­
  wurden  sogar  unter  den  Berechtigten  ausgelost.  Daß
es  dabei  zu  keiner  wirtschaftlichen  Neuordnung  in  großem  Stile
kam,  hing  nicht  etwa  mit  einer  besonderen  Achtung  vor  dem  Eigen-
        <pb n="65" />
        Umsturz,  Demokratie.

57

tum  zusammen  —  wir  haben  eben  gehört,  daß  im  Gegenteil  die
Ansichten  über  dasselbe  oft  sehr  revolutionär  waren  —,  sondern
vor  allem  mit  einem  Mangel  an  wirtschaftlicher  Bildung.  Die
Fragen  der  staatlichen  Verfassung  wurden  weit  eingehender  behandelt ­
  als  die  der  Wirtschaftsordnung.  Und  die  wirtschaftlichen
Forderungen  in  den  Neformvorschlägen  suchten  vielfach  mehr  auf
vergangene  Zeiten  zurückzugreifen  als  die  Neuerungen  entsprechend
zu  verwerten.  Gerade  die  eingehenden  Arbeiten  zur  vergleichenden
Verfassungsgeschichte  der  aristotelischen  Schule  dienten  weniger  dazu,
den  neuen  Staat  vorbereiten  zu  helfen  und  so  den  kommenden
Großstaat  auf  eine  neue  wirtschaftliche  Basis  zu  stellen  als  vielmehr ­
  die  Staatsordnung,  wie  sie  z.  B.  in  Athen  bestand,  zu  bekämpfen ­
  und  die  Kleinstaaterei,  die  zum  Teil  schon  überwunden
war,  wieder  voll  durchzuführen.  Die  Demokratie  hatte  politisch  in
Athen  gesiegt,  ehe  sie  sich  noch  soweit  geistig  entfaltet  hatte,  um
als  Opposition  ihre  wirtschaftlichen  Ideen  theoretisch  zu  fundieren.
Da  aber  gerade  die  Opposition  dazu  neigt,  die  theoretische  Ausbildung ­
  zu  fördern,  so  war  es  vor  allem  die  aristokratisch  gefärbte ­
  Gegenströmung,  der  Plato  und  Aristoteles  angehörten,  die
durchgebildete  Staatstheorien  lieferte.  Diese  Staatslehrer  aber
verachteten  alle  Stände,  welche  nun  im  Vordergründe  standen,  den
Kaufmann,  den  Industriellen,  sei  er  Fabrikherr  oder  Handwerker,
den  Arbeiter  und  den  Sklaven.  Sie  dachten  garnicht  daran,  daß
man  diesen  Ständen  im  neuen  Staate  eine  irgendwie  bedeutsame
Stellung  einräumen  könnte.  Wirtschaftliche  Untersuchungen  im
modernen  Sinne,  welche  die  Wirkungen  bestimmter  wirtschaftlicher
Einrichtungen  verfolgt  hätten,  fehlten.  Xenophon  z.  B.  redete,  wenn
er  den  tiefsinnigen  Philosophen  markierte,  nur  über  die  Hauswirtschaft, ­
  hingegen  wußte  er,  wenn  er  sich  auf  den  Staatsmann
hinausspielte,  von  den  großen  internationalen  Beziehungen  zu  erzählen. ­
  Die  andern  dagegen  sammelten  wieder  allerlei  einzelne
Finanzgriffe,  wie  sie  uns  in  der  sogenannten  zweiten  „Ökonomik"
des  Aristoteles  und  zum  Teil  in  den  „Kriegslisten"  des  Polyän
erhalten  sind,  die  an  sich  recht  geistreich  sind,  aber  nicht  auf  ihre
prinzipielle  Bedeutung,  sondern  nur  auf  ihren  augenblicklichen
Erfolg  hin  untersucht  wurden,  den  sie  übrigens  oft  recht  zufälligen
Umständen  verdankten.  Die  Schriften  der  philosophischen  Wirtschaftslehrer ­
  sind  in  manchen  Teilen  recht  kläglich  —  wenn  nicht
ein  überragender  Geist  wie  Aristoteles  geistvolle  Darlegungen  einschob ­
  —  nicht  etwa  weil  damals  die  Finanzleute  und  Kaufleute
        <pb n="66" />
        58  Viertes  Kapitel.  Das  griechische  Wirtschaftssystem.
nicht  groß  angelegte  Wirtschaftsunternehmungen  gekannt  hätten,
sondern  weil  sich  die  Theoretiker  vielfach  für  verpflichtet  hielten,
archaisch  zu  sein  und  von  der  Hauswirtschaft,  die  keinen  ernst
denkenden  Menschen,  der  Geld  verdienen  wollte,  damals  interessierte, ­
  zu  flöten,  wie  etwa  das  18.  Jahrhundert  vom  Naturzustand, ­
  von  dem  es  wohl  ebensoweit  entfernt  war.  Diese  Literatur, ­
  die  besonders  am  Ende  unserer  Epoche  sich  ausbildete,  hat
die  Wirtschaftsverhältnisse  nicht  in  erheblicher  Weise  beeinflußt,
sondern  ist  meist  das  Spezialgebiet  von  einigen  Sonderlingen
geblieben,  die  aneinander  platte  Kritik  übten,  wie  man  dies  aus
der  Schrift  des  Philodemus  über  die  Haushaltungskunst  zur  Genüge ­
  ersehen  kann.  Eine  wirtschaftliche  Reform  mußte  aber  in
dieser  Zeit  in  erster  Reihe  auf  die  weiten  Kreise  der  Bevölkerung
Rücksicht  nehmen,  die  durch  Handel  und  Industrie  ihr  Brot  fanden.
Soweit  man  den  neuen  Gedanken  Rechnung  trug,  wurden  die
überkommenen  Anschauungen  nicht  weiter  respektiert,  und  es  setzten
sich  z.  B.  viele  in  Athen  dafür  ein,  daß  man  die  Fremden,  die
zugelassen  wurden,  die  Metöken,  welche  dem  Staat  durch  ihre  Abgaben ­
  viel  einbrachten,  möglichst  gut  behandle,  soweit  dadurch
nicht  dem  athenischen  Ureinwohner  sein  Recht  gekürzt  wurde.  Man
setzte  sich  sogar  gelegentlich  dafür  ein,  daß  sie  vom  Kriegsdienst
befreit  sein  sollten,  damit  sie,  die  so  treffliche  Steuerzahler  waren,
nicht  in  ihrem  Erwerbsleben  gestört  würden,  freilich  meinte  der
gleiche  Autor,  der  dafür  eintrat,  die  Ehre  der  Metöken  nicht  zu
kränken,  man  solle  ihnen  deshalb  das  Schwert  nicht  anvertrauen,
damit  nicht  „Lyder,  Phryger,  Syrer  und  dergleichen  Fremdländische"
die  Schlachten  schlagen,  was  für  die  Bürger  allein  zu  tun  weit
ehrenvoller  sei  (Xenophon,  Von  den  Staatseinnahmen  der  Athener
II,  4).  Soweit  man  aber,  um  der  Hebung  der  Industrie  und
des  Handels  willen,  auf  eine  gute  Population  sah,  kann  man  diese
Tendenz  mit  jener  der  Merkantilisten  vergleichen,  die  auch  sehr
darauf  bedacht  waren,  arbeitsame  und  steuerkräftige  Leute  ins  Land
zu  bekommen  (Diodor  XI,  43).  Aber  die  Demokratie  hatte  nicht
die  Selbstüberwindung,  diesen  Menschen  ebenfalls  die  vollen
Bürgerrechte  zu  gewähren,  sondern  war  bald  gar  ängstlich  darauf
bedacht,  alle  diese  Förderer  des  Staatswohlstandes  von  Getreidespenden ­
  und  sonstigen  Benefizien  fernzuhalten  und  die  Eintragung
in  die  Bürgerlisten  zu  verhindern.  Sehr  kosmopolitisch  war  die
athenische  Demokratie  nie,  wie  denn  überhaupt  demokratische
Gruppen  meist  nur  in  der  Opposition  kosmopolitisch  gestimmt  sind
        <pb n="67" />
        Fremde,  Athen.

59

Die  Erfolge  der  Athener  bewirkten,  daß  sich  die  wirtschaftliche
Stellung  seit  480  immer  mehr  verbesserte  und  Athen  bald  die
bedeutendste  Stadt  des  Mittelmeerbeckens  wurde.  Die  politische
Machtstellung  Athens  im  Bunde  ermöglichte  es  dem  Staate,  einen
großen  Teil  der  Bevölkerung  zu  besolden  und  so  zu  versorgen,
sei  es,  daß  man  die  Leute  als  Verwaltungsbeamte  oder  Richter
verwendete.  Die  Rechtsprechung  brachte  überhaupt  viele  Vorteile, ­
  indem  durch  sie  direkt  viel  Geld  nach  Athen  strömte  und
überdies  der  Verkehr  gehoben  wurde.  Auch  mußten  die  Untertanen
eines  Bundesstaates  immer  auf  ihrer  Hut  sein,  denn  jeder  athenische ­
  Bürger,  mit  dem  man  zu  tun  hatte,  konnte  demnächst  als
—  nicht  immer  unbeeinflußbarer  —  Richter  fungieren  (Pseudo-Lenophon,
  Verfassung  der  Athener  1.  u.  3.).  Die  Mittel  wurden
vor  allem  den  Abgaben  der  Bundesstädte  und  den  Zöllen  in  deren
Gebiet  entnommen  (Aristoteles,  Verfassung  der  Athener  24).
Soweit  man  die  athenische  Bevölkerung  nicht  mit  Richtersold,
Kriegersold,  Pensionen  oder  sonstigen  Bezügen  bedachte,  suchte
mau  durch  öffentliche  Arbeiten  etwas  für  sie  zu  tun.  Man  bemühte ­
  sich,  Geld  unter  die  Leute  zu  bringen,  indem  man,  den
Tendenzen  des  demokratischen  Staates  entsprechend,  möglichst  viele
Mitglieder  der  freien  arbeitenden  Bevölkerung  an  den  Staatseinkünften ­
  partizipieren  ließ.  Während  Männer  wie  Perikles
dafür  Sorge  trugen,  daß  diese  Gelder  in  Form  von  Löhnen  ausgezahlt ­
  wurden,  indem  man  die  Arbeiter  zur  Errichtung  herrlicher
Kunstwerke  verwendete,  wurde  in  späterer  Zeit  das  Geld  vielfach
direkt  an  das  Volk  ausbezahlt,  ohne  daß  irgendwelche  Werke
entstanden.  Solange  die  Gelder  als  Löhne  zur  Verteilung  kamen,
blühten  Handwerk,  Industrie  und  Handel.  Die  Straßenarbeiter,
die  Steinmetze,  Zimmerleute,  Bildhauer,  Metallarbeiter,  Elfenbeinschnitzer ­
  hatten  zu  tun,  aber  auch  alle  jene,  die  sich  mit  dem
Transport  von  Waren  beschäftigten,  von  Elfenbein,  kostbaren  Hölzern, ­
  Steinen  und  Metallen,  die  Schiffer,  Kaufleute  und  ihre  Arbeiter
  und  Angestellten.  Die  Fabrikanten  und  Handwerkmeister
wurden  an  die  Spitze  großer  Arbeiterheere  gestellt,  die  sich  vor
allem  aus  den  ärmeren  Bevölkerungsschichten  rekrutierten  (Plutarch, ­
  Perikles  12).  Auf  diese  Weise  war  im  Zeitalter  des  Perikles
der  Staat  einer  der  Hauptarbeitgeber.  Aber  er  sorgte  nicht  nur
für  die  Arbeit,  sondern  auch,  und  zwar  in  der  Folgezeit  immer
mehr,  für  den  Opferschniaus,  für  öffentliche  Turnplätze,  Bäder  und
andere  Anlagen  (Pseudo-Xenophon,  Verfassung  der  Athener  2).
        <pb n="68" />
        60  Viertes  Kapitel.  Das  griechische  Wirtschaftssystem.
Diese  Konzentration  großer  Massen  freier  Arbeiter  mußte  in  dieser
Periode  die  Anschauung  hervorrufen,  daß  eigentlich  die  Arbeiter
die  Reichtumschaffenden  seien,  und  wir  finden  denn  auch  gelegentlich ­
  Bemerkungen  darüber,  daß  nicht  die  Leute  aus  den  alten  Patriziergeschlechtern, ­
  sondern  die  Steuermänner  und  die  Arbeiter
auf  den  Werften  Athen  reich  gemacht  hätten  (Pseudo-Xenophon,
Verfassung  der  Athener  1).  Nur  die  Übermacht  zur  See  konnte
den  Athenern  alle  diese  Vorteile  verschaffen,  nur  sie  sicherte
den  Export  und  Import  (Pseudo-Xenophon,  Verfassung  der
Athener  2).
Da  die  Perserkriege  die  Getreideversorgung  Griechenlands ­
  aus  den  Ländern  des  Schwarzen  Meeres  —  fuhren  doch
Getreideflotten  nach  Athen,  Ägina  und  dem  Peloponnes  (Herodot
VII,  147)  —  gestört  hatten,  war  es  eine  der  ersten  Sorgen  der
Griechen,  nach  der  Besiegung  der  Perser  Byzanz  und  damit  den
Bosporus  in  ihre  Gewalt  zu  bekommen.  Die  mannigfachen  Nachteile, ­
  welche  die  Abhängigkeit  vom  Getreideimport  mit  sich  brachte,
wurden  zum  Teil  dadurch  ausgewogen,  daß  man  nun  frei  von
lokalen  Mißernten  war  (Xenophon,  Verfassung  der  Athener  2).
Die  wachsende  Bedeutung  der  Seemacht  ließ  allmählich  immer  mehr
Staaten  an  der  Getreidezufuhr  aus  fremdern  Ländern  teilnehmen,
und  aus  Ägypten  erhielt  nicht  nur  Athen  (Thucydides  Vili,  35),
sondern  gelegentlich  auch  das  im  Felde  stehende  spanische  Heer
Getreide  (Diodor  XIV,  79).  Mit  den  politischen  Staaten  stand
man  derart,  daß  die  athenischen  Getreidehändler  dort  manche  Bevorzugung ­
  genossen  (Jsokrates,  Wechslerrede  19).  Solange  die
Flotte  Athens  stark  genug  war,  konnte  eine  weitgehende  wirtschaftliche ­
  Abhängigkeit  von  der  ausländischen  Produktion  bestehen,
ohne  daß  die  politische  hinzukam,  und  ohne  daß  man  gerade  gezwungen ­
  gewesen  wäre,  die  Herrschaft  über  die  Getreide  produzierenden ­
  Länder  anzutreten.  Es  konnten  Länder  wirtschaftlich  beherrscht ­
  werden,  ohne  daß  man  sie  politisch  unterjochte,  wie  etwa
im  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  das  freie  Amerika  in  stärkster
wirtschaftlicher  Abhängigkeit  von  England  stand.  Eine  Flotte,  die
unerwünschte  Eingriffe  zu  verhindern  wußte,  reichte  im  allgemeinen
aus  und  vermochte  einen  leidlichen  Zustand  zu  einer  Zeit  aufrechtzuerhalten, ­
  da  das  internationale  Privatrecht  noch  unentwickelt ­
  war.  Letzteres  wurde  überhaupt  mehr  Bedürfnis,  als  es
sich  um  zahlreiche  Kaufabschlüsse  und  Kreditgewährungen  im  kleineren ­
  Stil  handelte.  Um  jene  großen  Transaktionen  zu  sichern,
        <pb n="69" />
        Getreideimport,  Bevölkerung.  61
welche  der  internationale  Großhandel  in  Getreide  und  ähnlichen
Produkten  beanspruchte,  genügte  die  Flotte.
Die  Stellung  der  großen  Städte  wie  die  Athens  im  Handel  des
Mittelmeerbeckens  brachte  das  Wesen  der  internationalen  Arbeitsteilung ­
  denkenden  Köpfen  jener  Zeit  zum  Bewußtsein,  nicht
derselbe  Staat  produzierte  Flachs  und  Holz,  auch  konnte  man  nicht
waldreiches  Bergland  in  flachen  Flachsboden  verwandeln,  wenn  das
Bedürfnis  dazu  da  war.  Athen  hatte  nun  ähnlich  wie  England  am
Ende  des  18.  und  zu  Beginn  des  19.  Jahrhunderts  große  Vorteile
von  dieser  Teilung,  indem  es  den  Austausch  vieler  Produkte  in  die
Hand  nahm  und  sich  auf  die  Erzeugung  einiger  Jndnstrieerzeugnisse
in  erster  Reihe  beschränkte,  wie  überhaupt  damals  sehr  häufig  eine
Stadt  vorwiegend  einen  Spezialindustriezweig  betrieb  (Lenophon,
Memorabilien  II,  6  u.  7).  Den  Athenern,  die  die  See  beherrschten,
wurde  alles  zugeführt,  die  Stricke  für  die  Segel  der  Schiffe,  die
Klammern,  welche  diese  zusammenhielten,  das  Holz,  aus  dem  sie
erbaut  wurden,  alles  erhielt  man  von  auswärts,  und  mit  dem,
was  die  fremden  Staaten  lieferten,  wurden  sie  beherrscht  (Pseudo-Lenophon,
  Verfassung  der  Athener  2).  Als  eine  der  Folgen  des
Welthandels  zeigte  sich  in  Athen  eine  gesteigerte  Konsumtion,
besonders  aber  ein  gesteigerter  Luxus.  Was  im  Osten  oder  Westen,
im  Süden  oder  Norden  begehrenswert  war,  Athen  vereinigte  es
auf  seinem  Markte.  Die  Sprache  aller  Schichten  nahm  immer
mehr  Fremdworte  auf,  Sitten  und  Tracht  wurden  international
und  glichen  sich  immer  mehr  denjenigen  der  übrigen  Griechen
und  jenen  der  Ausländer  an  (Pseudo-Xenophon,  Verfassung  der
Athener  2).
Das  Wachstum  der  Bevölkerung  Griechenlands  hielt  im  allgemeinen ­
  bis  in  die  hellenistische  Zeit  an.  Als  die  Kolonisation
allmählich  zum  Stillstand  gelangte,  gingen  viele  als  Söldner  in
fremde  Dienste,  wodurch  meist  eine  ausreichende  Abwanderung  geschaffen ­
  wurde,  auch  die  wachsende  Zahl  der  Sklaven  verdrängte
viele  freie  Bürger  und  nötigte  sie  zur  Auswanderung.  Staaten,
die  ohne  ausgedehnte  Industrie  eine  hohe  Bevölkernngsziffer  aufwiesen, ­
  wie  z.  B.  Arkadien,  waren  unter  den  Söldnern  stark  vertreten. ­
  So  finden  wir  im  6.  Jahrhundert  griechische  Söldner  im
ägyptischen  Heer,  in  das  sie  seit  ältesten  Zeiten  eingetreten  zu  sein
scheinen  (Ş.  26),  unter  ihnen  Rhodier,  die  auch  späterhin  gern
als  Söldner  in  die  Fremde  zogen,  so  befanden  sich  z.  B.  rhodische
nnd  kretische  Schleuderer  im  Heere  des  jüngeren  Cyrus.  Nach
        <pb n="70" />
        62  Viertes  Kapitel.  Das  griechische  Wirtschaftssystemdem
  Aufhören  des  Peloponnesischen  Krieges  wurden  große  Söldnermassen
  frei,  die  nach  Persien  und  Ägypten  wanderten.  Allmählich
kamen  alle  Staaten  dazu,  Söldner  zu  verwenden.  Wenn  ein  Staat
im  wesentlichen  aus  Bauern  bestand  wie  z.  B.  der  römische,  so
war  es  begreiflicherweise  nicht  lange  möglich,  große  Kriege  im
Ausland  zu  führen,  weil  die  Äcker  nicht  bestellt  werden  konnten
(S.  105).  Aber  auch  in  einem  Staate  wie  im  spartanischen,  der
Ackersklaven  zur  Verfügung  hatte,  konnte  man  auf  die  Dauer  ohne
Soldtruppen  nicht  auskotnmen,  weil  die  Herrenklasse  sich  nicht
nur  nicht  entsprechend  vermehrte,  sondern  allmählich  sogar  zusammenschmolz. ­
  Es  ist  bekanntlich  überhaupt  schwierig,  Eroberungspolitik ­
  in  großem  Stil,  wenn  sie  nicht  direkt  zur  Kolonisation  der
überschüssigen  Bevölkerung  dient,  mit  einem  Bürgerheer  zu  treiben,
andererseits  sind  Söldnerheere  immer  gefährlich,  nicht  nur  für
die  Gesamtbevölkerung,  die  unkriegerisch  wird  und  so  der  Soldateska ­
  ausgeliefert  ist,  sondern  auch  für  ihre  Herren,  wie  dies  die
römischen  Kaiser  an  ihren  Prätorianern  oft  genug  erfuhren.  Der
Krieg  unterscheidet  sich  von  den  anderen  Erwerbszweigen  vor  allem
dadurch,  daß  die  Arbeiter  organisiert  werden  müssen,  wenn  sie
brauchbar  sein  sollen,  so  daß  der  Arbeitgeber  selbst  die  Organisation ­
  schaffen  muß,  die  sich  gar  leicht  selbständig  macht.  Wir
sehen  daher  immer  wieder  im  Altertum  Männer  auftreten,  die
für  Bürgerheere  eintraten  und  Soldtruppen  ganz  verwarfen  oder
nur  bedingungsweise  zulassen  wollten,  einen  anderen  Ausweg  sah
man  vielleicht  auch  darin,  daß  man  den  Söldner  wieder  zum
Bürger  machte,  indem  man  ihm  Land  gab  und  so  seine  Interessen
mit  jenen  der  übrigen  Bevölkerung  verband  (S.  88).
Durch  die  erweiterte  politische  Macht  und  die  weitreichende  Fürsorge ­
  vieler  antiker  Staaten  für  die  Bevölkerung  war  eine  ausgedehnte ­
  Finanz  Verwaltung  nötig;  erstreckte  sich  doch  die  Tätigkeit ­
  des  Staates  nicht  nur  auf  Bauten,  Spiele  und  Pensionen
(Äschines,  Gegen  Timarchos  42),  sondern  er  stellte  z.  B.  auch
Stadtärzte  an,  deren  Entgelt  pauschaliert  wurde  (Diodor  XII,  13).
Soweit  diese  Ärzte  nicht  aus  den  allgemeinen-Einnahmen,  sondern
aus  speziellen  Leistungen  bezahlt  wurden,  lag  eine  Art  staatlicher
Krankenversicherung  vor.  Ein  Teil  der  nötigen  Güter  wurde  durch
Naturallieferungen  der  Bürger  und  Untertanen  gedeckt,  zu  denen
auch  die  Kriegsdienstleistung  zu  zählen  wäre,  aber  auch  die  Waffen
mußte  der  einzelne  ursprünglich  selbst  beistellen.  Je  mehr  die  unteren ­
  Schichten  der  Bevölkerung  an  allen  Rechten  und  Pflichten
        <pb n="71" />
        Söldner,  Finanzen,  Beute.

63

Anteil  hatten,  desto  häufiger  ergab  sich  die  Notwendigkeit,  den
Bürgern  Sold  zu  zahlen,  um  auch  den  Minderbemittelten  die
Teilnahme  an  den  Feldzügen  zu  ermöglichen.  Da  mit  dem  Kriegs--dienst
  vielfach  auch  das  oft  sehr  weitgehende  Recht,  Beute  zu
machen,  verbunden  war  sowie  eine  Reihe  anderer  Vorteile,  abgesehen ­
  von  der  militärischen  Ehre,  so  war  der  Kriegsdienst  aus
diesen  und  sonstigen  Gründen  lange  ein  Vorrecht  der  herrschenden
Klassen.  In  der  älteren  Zeit  wurde  an  eine  geregelte  Finanzwirtschaft
überhaupt  nicht  gedacht,  da  der  Staat  im  Notfälle  die  Mittel  aufbrachte ­
  und  sonst  neben  Festen  und  Bauten  wenig  auszuführen
hatte.  Später  freilich,  als  die  Kriege  dauernd  Mittel  beanspruchten,
die  nicht  von  heute  auf  morgen  aufzubringen  waren,  drängte  alles
dazu,  einen  Staatsschatz  aufzuhäufen.  Die  Staatsüberschüsse  wurden
anfänglich  unter  die  Bürger  verteilt,  ohne  daß  Reserven  für  die
Zukunft  angelegt  wurden.  Ein  großer  Teil  dieser  Staatseinnahmen
stammte  bei  vielen  griechischen  Staaten  aus  verschiedenen  Unternehmungen, ­
  so  besonders  aus  Bergwerksbetrieben,  und  es  bedurfte
z.  B.  in  Athen  großer  Bemühungen,  bis  Themistokles  es  durchsetzte, ­
  daß  die  Überschüsse  aus  den  Silberbergwerken  des  athenischen
Staates  nicht  verteilt,  sondern  zur  Erhöhung  der  politischen  Macht
verwendet  würden.  Im  allgemeinen  wurde  jede  Form  der  Geldbeschaffung ­
  jener  durch  direkte  Steuern  vorgezogen,  da  es  meist
als  ein  Zeichen  der  Unterjochung  angesehen  wurde,  wenn  ein  Volk
direkte  Steuern  zahlen  mußte.  Vielfach  wurde  deshalb  die  Form
einer  hohen  Gebühr  gewählt,  um  das  Odium  der  direkten  Steuer
zu  vermeiden,  doch  gab  es  Verpflichtungen,  die  direkten  Steuern
sehr  ähnlich  waren;  so  waren  z.  B.  in  Athen  gewisse  reiche  Familien ­
  verbunden,  dem  Staate  Schiffe  zur  Verfügung  zu  stellen.
Auch  die  Abhaltung  von  Festen  wurde  vielfach  den  Reichsten  im
Staate  überwiesen,  ein  Vorgang  ,  dem  wir  in  der  Antike  immer
wieder  begegnen.  Die  Erhebung  von  außerordentlichen  Steuern
nahm  vielfach  den  Charakter  von  Anleihen  an,  formell,  wenn  der
Staat  die  Rückzahlung  aus  dem  Ergebnis  des  glücklich  geführten
Krieges  zusagte,  tatsächlich,  wenn  die  Kriegsbeute  so  ziemlich  unter
denselben  verteilt  wurde,  die  Steuern  entrichtet  hatten.  Auf  diese
Weise  war  das  Interesse  weiter  Kreise  der  Bevölkerung  viel  mehr
direkt  am  Ausgang  der  Kriege  beteiligt  als  heutzutage,  wo  den
direkten  Gewinn  von  vielen  Kriegen  die  Unternehmer  aller  Art  haben,
während  die  unteren  Klassen  einen  vorwiegend  indirekten  Vorteil
davon  haben,  der  psychologisch  nicht  so  zun:  Bewußtsein  kommt.
        <pb n="72" />
        64  Viertes  Kapitel.  Das  griechische  Wirtschaftssystem.
Soweit  die  Kriegsbeute  nicht  zur  Verteilung  gelangte,  bildete  sie
eine  der  wichtigsten  Einnahmen  für  den  antiken  Staat  (S.  98).
Neben  diesen  außerordentlichen  Einnahmen  aus  Steuern  und  den
ordentlichen  aus  Privatunternehmungen  wären  noch  die  Einnahmen ­
  aus  Zöllen  und  Steuern,  so  besonders  Verkaufssteuern,  zu
nennen  sowie  z.  B.  in  Athen  zur  Zeit  des  Delischen  Bundes  Einnahmen ­
  aus  Tributen,  auch  die  Strafsummen,  die  an  den  Staat  gezahlt ­
  wurden,  und  die  zeitweilig  eine  große  Summe  ausmachenden
Konfiszierungen  gehören  hierher.  Es  gab  in  Athen  Zeiten,  wo  es
allgemein  bekannt  war,  daß  aus  Geldnot  die  Strafe  der  Konfiskation
über  Angeklagte  verhängt  wurde.  Besonders  im  4.  Jahrhundert  war
dieser  Mißbrauch  oft  allgemein.  Da  der  Staat  zunächst  keine  Schätze
aufhäufte,  war  es  sehr  naheliegend,  daß  man  im  Notfälle  andere
Schatzbestände  angriff;  zu  diesen  gehörten  vor  allem  diejenigen  der
Tempel.  Durch  Jahrhunderte  angesammelte  Gaben  in  Geld  und  in
Rohmetall,  neben  kostbaren  Weihgeschenken  und  Kunstwerken,  waren
aufgestapelt,  ohne  daß  die  Volksversammlung  als  solche  eine  Jngerenz
darauf  gehabt  hätte.  Einzelnen  Staatsmännern  war  es  vorbehalten,
diese  Tempelschätze  im  weitesten  Ausmaß  dem  Staat  nutzbar  zu
machen.  Zunächst  lieh  man  von  den  Tempeln  Geld  aus;  dies  war
an  sich  nicht  bemerkenswert,  weil  die  Tempel  überhaupt  Geld  auszuleihen ­
  pflegten  (S.  67),  aber  man  hütete  auch  den  Schatz  und
trug  dafür  Sorge,  daß  er  immer  gefüllt  sei,  so  daß  z.  B.  in  Athen
Tempelschätze  fast  so  wie  ein  ständiger  Staatsschatz  behandelt
wurden.  Perikles  und  seine  Nachfolger  operierten  mit  diesem
Schatz  oft  überaus  geschickt,  mit  ihm  wurde  vor  allem  der  Peloponnesische
  Krieg  geführt,  da  die  Tribute  der  Bundesgenossen
keineswegs  immer  ausreichten.  Die  Einnahmen  aus  den  Bergwerken, ­
  Zöllen  usw.  erhielt  der  Staat  gewöhnlich  in  der  Weise,
daß  er  sie  gegen  eine  Pauschalsumme  verpachtete,  was  allerlei  Mißstände ­
  zur  Folge  hatte  (S.  112).  Man  darf  sich  aber  keineswegs  vorstellen, ­
  daß  die  Finanzverwaltung  immer  so  geregelt  war,  daß  längere
Kriege  anstandslos  geführt  werden  konnten.  Häufig  war  die  Armee ­
  und  die  Flotte  gezwungen,  sich  selbst  nicht  nur  mit  Lebensmitteln, ­
  sondern  auch  mit  Geld  zu  versorgen.  Bei  Freund  und
Feind  suchte  man  dann  auf  jede  Weise  Geld  einzutreiben  (Xenophon, ­
  Geschichte  von  Hellas  I,  1).  Bald  erhob  man  Gelder  als
Kontributionen,  ein  andermal  ließ  sie  sich  der  Feldherr  auszahlen,
damit  er  darauf  verzichte,  die  Soldaten  den  Bürgern  ins  Quartier
zu  legen.  Auch  scheuten  sich  die  Athener  nicht,  während  des  Pelo-
        <pb n="73" />
        Finanzen,  Kleruchen,  Geld.

65

ponnesischen  Krieges  eine  Militärstation  im  Bereich  der  Propontis
anzulegen,  um  den  durchfahrenden  Schiffen  einen  Zoll  abzunehmen.
Die  politische  Machtstellung  bot  für  Athen,  wie  das  im  Altertum ­
  mehrfach  zu  beobachten  ist,  den  Anlaß  zu  einer  Siedlungspolitik, ­
  indem  in  gewisse  Städte,  die  nicht  sicher  schienen,  entweder
nach  Vertreibung  der  früheren  Bewohner  oder  neben  dieselben
athenische  Bürger  verpflanzt  wurden.  Diese  Kolonien,  die  wir
bereits  im  7.  Jahrhundert  antreffen,  unterschieden  sich  prinzipiell
von  den  meisten  andern  (S.  33),  indem  sie  in  dauernder  Abhängigkeit ­
  vom  Mutterlande  blieben,  den  römischen  Ansiedlungen  vergleichbar ­
  (S.  94).  Die  Ansiedler  —  Kleruchen  genannt  —  stellten
in  gewissem  Sinne  vorgeschobene  militärische  Posten  dar,  sie  mußten
auch  dementsprechend  im  Kriegsfall  Athen  Hilfsmannschaft  zur  Verfügung ­
  stellen.  Zum  Teil  dienten  diese  Landverteilungen  besonders
vom  5.  Jahrhundert  an  ebenso  der  allgemeinen  Bereicherung  der
breiten  Schichten  des  Volkes  wie  die  verschiedenen  Geldzahlungen,
die  Spenden  und  vieles  andere,  aber  dies  alles  vermochte  nicht  die
Folgen  der  ungeregelten  Geldwirtschaft  zu  paralysieren.
Die  Einführung  eines  allgemeinen  Zahlungsmittels  hatte
immer  stärker  gezeigt,  daß  die  bequemste  Art,  zu  Macht  zu  gelangen,
der  Besitz  von  Zahlungsmitteln  sei  oder  zum  mindesten  das  Forderungsrecht ­
  auf  Zahlungsmittel.  Da  die  Bedeutung  eines  Quantums ­
  des  allgemeinen  Zahlungsmittels  im  allgemeinen  unabhängig
davon  war,  ob  man  das  Zahlungsmittel  heute  oder  in  einem  Jahr
verwendete,  erschien  es  zweckmäßig,  es  nur  dann  einem  andern
zur  Verfügung  zu  stellen,  wenn  der  andere  mehr  als  die  ausgeliehene ­
  Summe  zurückgab.  Der  Handel  hat  so  in  doppelter  Weise
dazu  beigetragen,  daß  die  Rückzahlung  der  entliehenen  Summe
mit  Zinsen  das  gewöhnliche  wurde,  einerseits,  weil  er  die  Kontrolle ­
  der  Einnahmen  des  Schuldners  erschwerte  und  so  Verträge
auf  Anteile  am  Ertrag,  ohne  Rückzahlung  der  Schuldsumme,  fast
unmöglich  machte  (S.  14),  andererseits,  weil  er  das  allgemeine
Zahlungsmittel  begünstigte  (S.  12),  das,  wie  wir  eben  sahen,
ebenfalls  zur  Einführung  der  Rückzahlung  der  entliehenen  Geldsumme ­
  mit  Zinsen  drängte.
Da  die  verschiedenen  Staaten  meist  nach  verschiedenem  Fuß
prägten  und  überdies  geheime  und  offenkundige  Münzverschlechterungen ­
  häufig  vorkamen,  war  es  für  Kaufleute,  die  nicht  gerade
Rückfracht  nehmen  wollten,  schwierig,  mit  fremdem  Gelde  etwas  zu
kaufen  —  falls  dieses  nicht  wie  z.  B.  das  athenische  vollwertig  war
ANuÄ  258:  Neurath,  amile  Wirtschaftsgeschichte.  5
        <pb n="74" />
        66  Viertes  Kapitel.  Das  griechische  Wirtschaftssystem.
(Xenophon,  Von  den  Staatseinnahmen  der  Athener  HI,  2).  Die
Münzen  auszutauschen,  betrieben  manche  als  Gewerbe,  sie  verlangten ­
  für  diese  Tätigkeit  eine  gewisse  Bezahlung,  die  sie  dadurch
erhielten,  daß  sie  mehr  von  den  Leuten  verlangten,  als  die  Münzen
wert  waren,  und  auf  diese  Weise  oft  große  Geschäfte  machten.  Da
sie  meist  viel  Geld  zu  diesem  Geschäft  benötigten,  um  allen  Anforderungen ­
  genügen  zu  können,  lieh  man  ihnen  vielfach  Geld  gegen
Zinsen,  wie  sie  ihrerseits  wieder  Gelder  verliehen,  auch  wurde  es
mit  der  Zeit  Brauch,  da  sie  sowohl  Gläubiger  als  Schuldner  in
großem  Stil  waren  und  daher  überallhin  Beziehungen  hatten,  ihnen
das  Eintreiben  von  Schulden  zu  übertragen  und  durch  sie  Gelder
an  dritte  Personen  auszahlen  zu  lassen,  d.  h.  sie  entwickelten  sich
vielfach  zu  Vermögensverwaltern  der  Geldbesitzer;  wenn  diese  überdies ­
  ihnen  das  deponierte  Geld  zur  Verwertung  übertrugen,  so
wurde  der  Geldwechsler  zum  Bankier.
Der  Zinsfuß  war  in  Griechenland  ebenso  wie  im  alten  Orient
sehr  hoch,  seine  untere  Grenze  betrug  in  diesen  Zeiten  vielfach
12  0/q.  Die  Gründe  der  Höhe  des  Zinsfußes  waren  mannigfaltig.
Zum  Teil  stellte  der  Zins  einen  Anteil  am  Gewinn  dar,  und  da
die  Handelsgewinne  oft  sehr  groß  toaren,  konnte  der  Geldgeber
auf  einen  hohen  Anteil  rechnen.  Die  Gewinne  im  internationalen
Handel  waren  besonders  dann  hoch,  wenn  man  Ware,  die  im
eigenen  Lande  wohlfeil  war,  zu  andern  Völkern  brachte,  welche
—  auf  einer  niederen  Kulturstufe  stehend,  sie  hoch  bezahlten  und
eventuell  große  Mengen  wertvoller  Rohstoffe  hergaben,  die  sie
selbst  nicht  so  hoch  schätzten  wie  die  zu  ihnen  kommenden  Kaufleute ­
  (Diodor  V,  35).  Je  mehr  die  verschiedene  Wertschätzung  der
Völker  sich  ausglich,  desto  geringer  wurden  die  daraus  entspringenden ­
  Handelsgewinne.  Der  hohe  Zinsfuß  des  internationalen
Handelsverkehrs  wurde  dann  auch  vielfach  auf  den  internen  Verkehr ­
  übertragen.  Andere  Gründe  trugen  mit  dazu  bei,  den  hohen
Zinsfuß  zu  halten.  Zu  diesen  gehörte  das  große  Risiko,  welches
nicht  nur  durch  die  wirtschaftliche  Lage  der  Käufer  bedingt  war,
sondern  ebensosehr  durch  die  damals  noch  sehr  unsichern  Verkehrsverhältnisse, ­
  die  Handelsgeschäfte  in  größerem  Umfange  doch  recht
bedenklich  erscheinen  ließen.  Der  hohe  Zinsfuß  enthielt  so  für  den
Gläubiger  eine  Art  Versicherungsprämie,  indem  die  glücklichen  Geschäfte ­
  den  Ausfall  der  unglücklichen  mit  zu  tragen  hatten.  Überdies ­
  pflegten  die  Beziehungen  zwischen  Gläubiger  und  Schuldner
im  Handelsverkehr  nicht  so  lange  zu  dauern  wie  heutzutage,  was
        <pb n="75" />
        Banken,  Zinsfuß.

67

mit  dazu  beitrug,  die  Unsicherheit  zu  erhöhen,  indem  der  Schuldner,
damals  wohl  öfter  als  heute,  selbst  bei  einem  gut  gehenden  Geschäft
in  die  Lage  kam,  eben  dann  zahlen  zu  müssen,  wenn  ihm  gerade
wenig  Geld  zur  Verfügung  stand.  Besonders  lastete  der  hohe  Zinsfuß ­
  auf  den  bäuerlichen  Besitzungen.  Während  manche  Staaten
öffentliche  Hypothekenbücher  hatten,  halfen  sich  andere  mit  öffentlichem ­
  Ausruf;  in  Athen,  auf  Lemnos,  Naxos  usw.  hingegen  war
es  Brauch,  die  auf  einem  Gut  lastende  Schuld  dadurch  kundzutun,
daß  ein  Stein,  der  die  Schuldsumme  trug,  auf  dem  Gute  aufgestellt ­
  wurde.  Die  Kreditgewährung  war  in  diesem  Zeitalter
noch  wenig  entwickelt  und  meist  nur  auf  kürzere  Zeiträume
gedacht.  Der  Kredit  versah  damals  seltener  als  heute  die  Funktion, ­
  zersplitterte  Gelder  in  einer  Hand  zu  vereinigen  oder  eine
Art  Anteil  am  Geschäftsertrag  sich  auf  die  Dauer  zu  sichern.
Die  Rückzahlung  der  entliehenen  Summe  in  relativ  kurzer  Zeit
stand  im  Vordergrund.  Größere  Kreditoperationen,  die  zuweilen
auch  bei  genügender,  meist  hypothekarischer  Sicherheit  gemacht
wurden,  wurden  vielfach  von  den  großen  Tempeln  ausgeführt,
die  so  ihre  Schätze  verwendeten,  soweit  sie  in  Geld  bestanden.
Man  kann  in  gewissem  Sinne  von  Tempelbanken  sprechen.  So
lieh  der  Tempel  von  Delos  seit  dem  5.  Jahrhundert  bis  weit  ins
2.  Jahrhundert  zu  10  %  Gelder  aus.  Neben  Privaten  begegnen
uns  immer  wieder  in  den  Inschriften  Gemeinden  als  Schuldner.
Vielfach  war  das  Verhältnis  dieser  Tempelkassen  zum  Staate,  in
dessen  Bereich  sie  sich  befanden,  wie  das  der  großen  modernen
Notenbanken  zum  Staat,  soweit  letzterer  Kreditnehmer  ist.  So
entwickelte  sich  der  athenische  Tempelschatz  zu  einer  Art  Staatsschatz ­
  (S.  64),  wobei  freilich  die  Rückzahlung  immer  mehr  die
Form  der  Reservenansammlung  annahm  und  die  Tempelkasse  nur
die  Staatskasse  zur  Aufnahme  von  Reserven  ersetzte,  da  letztere
zu  diesem  Zweck  nicht  eingerichtet  war.  Die  Entwicklung  des  Bankwesens ­
  förderte  jene  Bevölkerungsklassen,  die  entweder  Geld  oder
Unternehmungsgeist  besaßen,  ohne  den  alten  Klassen  anzugehören.
Sklaven,  Freigelassene  und  Fremde  fanden  hier  ein  Feld  der  Betätigung, ­
  und  ehemalige  Sklaven  konnten  es  zu  großen  Bankiers
bringen  und  schließlich,  wenn  sie  die  nötigen  Auslagen  für  öffentliche ­
  Zwecke  nicht  scheuten,  sogar  Bürger  von  Athen  werden,  ein
Vorgang,  der  auch  der  neuern  Entwicklung  nicht  fremd  ist  und
besonders  eine  Analogie  im  Eindringen  der  Juden  in  den  höheren
und  niederen  Adel  findet.
        <pb n="76" />
        68  Viertes  Kapitel.  Das  griechische  Wirtschaftssystem.
Da  die  Banken  zu  immer  höherer  Bedeutung  gelangten,  als
der  Handel  sich  in  dieser  Periode  entfaltete,  treffen  wir  von  nun
ab  immer  häufiger  Vereinigungen  von  Bankiers  zu  gemeinsamen
Geschäften,  wie  sie  bei  Kaufleuten  schon  früher  vorkamen.  Welche
Bedeutung  derartige  Organisationen  hatten,  wissen  wir  nicht,  nur
die  Tatsache  ist  sichergestellt,  daß  es  zur  Bildung  derartiger  Vereinigungen ­
  kam,  die  auf  kaufmännischem  und  industriellem  Gebiet
zuweilen  unsern  Kartellen  zur  Monopolisierung  gewisser  Geschäfte
entsprachen.  Es  gab  neben  ad  hoc  gebildeten  Vereinigungen  solche
von  längerer  Dauer,  eigentliche  Vereine,  die  in  der  römischen
Kaiserzeit  erst  ihre  volle  Bedeutung  erhalten  sollten,  indem  die
staatliche  Anerkennung  derselben  allmählich  im  Steigen  begriffen
war.  Im  übrigen  war  die  Vereinsbildung  dadurch  etwas  gehemmt,
daß  noch  lange  die  alten  Verbände  (S.  39)  manche  Funktionen
übernahmen,  die  später  den  Vereinen  zufielen,  andererseits  haben
die  ehemaligen  Vereinigungen  mit  dazu  beigetragen,  den  Sinn
der  Griechen  dem  Vereinswesen  zugänglich  zu  machen.  Dabei
waren  der  alten  Tradition  entsprechend  die  Vereine  häufig  zu
mehreren  Zwecken  gleichzeitig  gegründet.  Von  großer  Wichtigkeit
für  die  Finanzen  waren  die  Vereinigungen  der  Steuerpächter,
die  ähnlich  wie  in  Rom  bald  einen  mehr  dauernden,  bald  einen
flüchtigeren  Charakter  trugen  (S.  112).  Diese  Art  der  Steuererhebung ­
  war  eine  überaus  häufige.  Da  aber  die  Pachtkontrakte
oft  nur  auf  kurze  Zeit,  z.  B.  auf  ein  Jahr  lauteten,  so  blieben
für  die  Steuerpächter  zwei  Möglichkeiten,  entweder  rücksichtslos
vorzugehen  und  die  Bevölkerung  zu  bedrücken  und  sich  so  häufig
für  später  die  Steuerträger  zu  schädigen  oder  aber  die  geringen
Zahlungen  eines  Jahres  durch  die  Überschüsse  eines  andern  auszugleichen. ­
  Wenn  die  Pachtverträge  auf  mehrere  Jahre  lauteten,
konnte  eher  ein  Ausgleich  erfolgen.  Es  sind  die  Nachteile  kurzer
Pachtverträge  hier  ebenso  zutage  getreten  wie  später  in  Rom  bei
der  landwirtschaftlichen  Pacht  (S.  134).  Der  lange  Pachtvertrag
wurde  zum  Teil  dadurch  ersetzt,  daß  dieselbe  Pächtergesellschaft
immer  wieder  die  Pacht  erstand,  —  wenn  sie  nicht  gestört  wurde
(Plutarch,  Alcibiades  5).  Daß  sich  die  Pachtoereine  untereinander
zusammentaten,  ist  selbstverständlich,  freilich  wurden  diese  Abmachungen ­
  oft  durchbrochen.  Von  größerem  Umfang  waren  in  Athen
die  Korporationen  der  Schiffer  und  Kaufleute.  Erstere  scheinen
manche  Schiffsabgaben  als  Korporation  an  den  Staat  geleistet  zu
haben  an  Stelle  der  Ableistung  durch  das  einzelne  Mitglied.  Der-
        <pb n="77" />
        Organisation,  Spekulation.

69

artige  Vereine  hatten  oft  überschüssige  Gelder  in  ihren  Kassen,  die
sie  gegen  Zinsen  ausliehen.  Der  Grund-  und  Häuserbesitz  der  verschiedenen ­
  Vereinigungen  war  in  Attika  z.  B.  sehr  groß,  woraus
ebenfalls  Einnahmen  bezogen  wurden.  Selbstverständlich  haben
Erwerbsgenossenschaften,  soweit  sie  Industrien  betrieben,  Sklaven
verwendet,  die  in  ihrem  Besitz  waren.  Die  Zwecke  der  Vereine
bestimmten  ihre  Ausgaben.  Ein  Teil  betraf  die  Anschaffung  von
Einnahmequellen,  Grundstücken,  Bauten,  Sklaven  usw.  Daneben
waren  die  regelmäßigen  Ausgaben  für  die  Feste  ein  wichtiger
Posten.  Zu  den  wesentlichen  Vereinszwecken  gehörten  Begräbnisse
der  Mitglieder.
Die  eben  geschilderten  internationalen  Wirtschafts-  und  Kreditverhältnisse
  trugen  dazu  bei,  die  Spekulation  jeder  Art  zu  begünstigen. ­
  Sehr  beliebt  war  die  Spekulation  in  Agrarprodukten.
Besonders  in  einem  Staate  wie  Athen,  der  auf  fremde  Zufuhr
angewiesen  war,  mußten  die  Veränderungen  aller  Art  sofort  zum
Ausdruck  kommen.  Die  Schwankungen  der  Preise  in  den  einzelnen
Produktionsländern  bildeten  immer  ein  ausgezeichnetes  Mittel,  um
den  Absatz  zu  beeinflussen.  Da  der  Nachrichtendienst  nicht  einer
öffentlichen  Kontrolle  unterlag,  so  wurden  alle  möglichen  Manöver
angewendet,  die  ja  auch  unserer  Zeit  nur  zu  wohlbekannt  sind
und  bereits  auf  dem  Gebiete  des  Getreidebandels  manche  Einschränkung ­
  erfahren  haben.  So  ließen  z.  B.  die  Getreidehändler
im  alten  Athen,  wenn  sie  den  Preis  heben  wollten,  die  Nachricht
verbreiten,  daß  die  Getreideschiffe,  die  man  aus  dem  Schwärze«
Meer  erwartete,  in  einem  Sturm  zugrunde  gegangen  seien,  oder
daß  ein  Krieg  begonnen  habe  (Lysias,  Gegen  die  Getreidehändler  14).
Da  der  Terminhandel  nicht  sehr  entwickelt  war,  fehlte  daneben  fast
ganz  die  Tendenz,  die  Preise  zu  senken.  Athen  suchte  deshalb  auch
durch  eine  besondere  Gesetzgebung  diesem  Treiben  zu  steuern  und
Teuerungen  zu  verhindern,  indem  von  fremdem  Getreide  %  in  der
Stadt  bleiben  mußten  und  die  Kornverkäufer  nur  einen  bestimmten
Verdienst  haben  sollten,  was  aber  nur  zum  Teil  durchgesetzt  wurde.
Alle  diese  Umstände  bewirkten,  daß  die  Getreidehändler  überaus
verhaßt  waren;  konnte  doch  selbst  ein  wenig  begabter  Mensch  einsehen, ­
  daß  es  ein  sozialer  Mißstand  sei,  wenn  die  Getreidehändler
zur  Zeit  guter  Ernten  mit  Hilfe  aller  möglichen  Praktiken  hohe
Preise  erzielten.
Ein  überaus  wichtiges  Geschäft,  das  auch  beim  Getreidehandel
häufig  zur  Anwendung  kam,  war  das  sogenannte  Seedarlehu,
        <pb n="78" />
        70  Viertes  Kapitel.  Das  griechische  Wirtschaftssystem.
das,  wie  es  scheint,  aus  dem  Orient  von  den  Griechen  übernommen ­
  wurde;  von  denen  erhielten  es  die  Römer,  diese  haben
es  wieder  uns  überliefert.  Wenn  jemand  mit  fremdem  Geld  ein
Geschäft  über  See  ausführte,  so  fand  vielfach  eine  Teilung  des
Risikos  zwischen  Gläubiger  und  Schuldner  statt.  Während  normalerweise ­
  eine  feste  Summe  vereinbart  wurde,  war  der  Schuldner, ­
  falls  das  Schiff  unterging,  jeder  Verpflichtung  los  und
ledig,  d.  h.  es  war  für  diesen  Fall  der  Vertrag  auf  Anteil  festgesetzt. ­
  Da  das  Risiko  des  Gläubigers  beim  Seedarlehn  groß  war,
nahm  er  einen  höheren  Zins,  der  gewissermaßen  eine  Versicherungsprämie ­
  darstellte.  Wenn  einer  verschiedenen  Schiffern  Geld  lieh,
mußte  er  die  Verluste  bei  einigen  durch  die  höheren  Einnahmen
von  den  anderen  ausgleichen.  Die  Sicherung  des  Gläubigers  für  den
Fall,  daß  das  Schiff  den  Bestimmungsort  erreichte,  war  meist  eine  besonders ­
  gute,  in  erster  Reihe  Realkredit.  Daß  diese  Seedarlehen
dazu  führten,  Schiffe  absichtlich  zum  Scheitern  zu  bringen,  wovon
uns  z.  B.  Demosthenes  berichtet,  und  andere  Gaunerkniffe  zu  versuchen, ­
  an  denen  der  griechische  Erfindungsgeist  so  reich  war,  kann
uns  nicht  wundernehmen.  Auf  diesem  Gebiete  ließ  sich  besonders
viel  Geld  verdienen;  aber  auch  die  Bodenspekulation  war  entwickelt.
Da  die  Metöken,  die  in  Athen  kein  Grundeigentum  erwerben  konnten,
oft  sehr  wohlhabend  waren,  erschien  es  lukrativ,  größere  Zinshäuser
zu  bauen,  daneben  gab  es  selbstverständlich,  sowohl  in  den  größeren
als  auch  in  den  kleineren  Städten,  zahlreiche  Wohnungen  für  Arbeiter ­
  und  Handwerker  (Äschines,  Gegen  Timarchos  50).
Die  im  vorliegenden  Kapitel  erwähnte  Änderung  der  Berufseh ­
  re  nahm  auch  in  dieser  Periode  ihren  Fortgang.  Immer  mehr
wurde  in  den  Handels-  und  Industriestädten  die  Landwirtschaft
zurückgedrängt,  immer  mehr  erschien  die  ihr  erwiesene  Achtung
als  eine  traditionelle  Form.  Auch  in  unsern  Zeiten  kennen  wir
in  Staaten,  die  ein  sehr  starkes  kommerzielles  und  industrielles
Gepräge  tragen,  eine  solche  Wertschätzung  der  Landwirtschaft,  so
nahm  z.  B.  Fürst  Bülow  am  14.  März  1907,  wie  die  Zeitungen
berichteten,  die  Gelegenheit  wahr,  feierlich  zu  erklären:  „Die  Regierungen ­
  verstehn  und  würdigen  die  Bedeutung  der  Landwirtschaft. ­
  Dies  tut  auch  der  Kaiser.  Seine  Söhne  hatten  in  Plön
einen  kleinen  Landwirtschaftsbetrieb;  dort  hatte  ein  Häuschen  die
Inschrift:  „Nichts  ist  besser  und  des  freien  Mannes  würdiger  als
die  Landwirtschaft"  (S.  101).  In  dieser  Gesinnung  erzieht  der  Kaiser
seine  Söhne,  diese  Gesinnung  hegt  er  selbst".  In  der  Demokratie
        <pb n="79" />
        Seedarlehn.  Berufsehre.

71

Athens  loaren  in  unserer  Periode  nicht  mehr  allzu  viele  Leute  vertreten, ­
  die  mit  der  Landwirtschaft  in  Beziehung  standen,  außer
etwa  den  großen  Grundbesitzern.  Den  größten  Teil  der  Bevölkerung
bildeten  diejenigen,  welche  in  einer  vorwiegend  arbeitsteiligen
Wirtschaft  (Plato,  Staat  II,  11)  Industrie  und  Handel  betreiben.
Diese  Bevölkerung  war  nicht  von  jenem  hohen  Geiste  erfüllt,  wie
man  nach  den  gewaltigen  und  herrlichen  Schöpfungen  vermuten
könnte,  die  aus  dem  allgemeinen  Säckel  erbaut  wurden.  Die  Behaglichkeiten ­
  des  Lebens  lähmten  vielfach  das  Entwicklungsstreben,
und  es  ist  sehr  wahrscheinlich,  daß  z.  B.  gegenwärtig  das  ernste
Streben  der  Arbeiterschaft  nach  Kulturgütern  verbreiteter  ist  als
in  der  Bevölkerung  Athens  im  4.  Jahrhundert  trotz  deren  hoher
kulturellen  Stufe.  Dies  führte  dazu,  daß  in  jener  Zeit,  da  die
griechische  Freiheit  ihrem  Ende  sich  näherte,  die  Opposition  für
die  große  Masse  der  Bevölkerung  nur  Verachtung  hatte  (S.  57).
Die  Empörung  Platos  über  die  Demokratie  führte  ihn  dazu,  einen
Jdealstaat  zu  konstruieren,  in  dem  die  Ungleichheit  der  Menschen
prinzipiell  vorausgesetzt  und  die  große  Masse  möglichst  schlecht  behandelt ­
  wird.  Während  heute  viele  gegen  eine  Ausgleichung  der
Güterverteilung  eintreten,  ohne  anzugeben,  nach  welchem  Prinzip
diese  Ungleichheiten  stattfinden  sollen,  hat  Plato  in  seinem  Staatswesen ­
  alle  Ungleichheiten  prinzipiell  zu  begründen  gesucht.  Die
Möglichkeit  einer  Besserung  der  untern  Volksschichten  wurde  von
vielen  Forschern  damals  deshalb  gar  nicht  in  Erwägung  gezogen,
weil  sie  der  Ansicht  waren,  daß  die  Einwirkung  der  handwerksmäßigen ­
  Arbeit,  vor  allem  der  sitzenden,  den  Körper  zugrunde
richte  (Theophrast,  Haushaltungskunst  2)  und  den  Menschen  unfähig ­
  zu  Höherem  mache.  Deshalb  wurden  die  Arbeiter,  nicht
nur  die  Arbeit  als  solche  verachtet.  Überdies  erschien  es  unwürdig, ­
  sich  wie  ein  Arbeiter  dem  fremden  Willen  zu  unterwerfen,
ob  man  dessen  Ziele  für  vernünftig  halte  oder  nicht.  Daß  die
Handwerker  und  Arbeiter  durch  Armut  an  einer  höheren  Ausbildung ­
  gehindert  wurden,  gaben  manche  Autoren  zu,  betonten
aber,  daß  sie  jedenfalls  minderwertiger  seien  (Pseudo-Xenophon,
Verfassung  der  Athener  l).  Während  so  von  vielen  bedeutenden
Philosophen  eine  ganze  Reihe  von  Tätigkeiten,  deren  Verbreitung
und  wirtschaftliche  Bedeutung  unbestritten  war,  mit  einem  Makel
belegt  wurde,  gab  es  daneben  eine  Reihe  von  Beschäftigungen,
die  eines  Nicht-Banausen  für  würdig  erachtet  wurden,  und  von
denen  ein  Teil  später  unter  dem  Namen  der  sieben  freien  Künste
        <pb n="80" />
        72  Viertes  Kapitel.  Das  griechische  Wirtschaftssystem.
zusammengefaßt  wurde.  Da  ihre  Abgrenzung  unabhängig  von
der  Abgrenzung  des  Begriffs  der  banausischen  Tätigkeit  erfolgte,
gab  es  viele  Tätigkeiten,  die  in  keiner  der  beiden  Gruppen  untergebracht ­
  waren.  Daß  die  Abneigung,  ein  Handwerk  zu  betreiben,
mit  der  Kulturstufe  zusammenhänge,  war  schon  Herodot  aufgefallen,
der  die  analoge  Erscheinung  bei  den  verschiedensten  Völkern,  so
den  Persern,  Szytben  und  den  Ägyptern  antraf  und  in  diesem
Falle  nicht  wie  sonst  die  Abhängigkeit  der  Griechen  von  den
Ägyptern  annehmen  konnte.  Unter  den  Griechen  wieder  war  die
Abneigung  am  stärksten  bei  den  eine  Kriegeraristokratie  von  Grundbesitzern ­
  darstellenden  Lazedämoniern,  während  sie  am  wenigsten
bei  den  Industrie  und  Handel  treibenden  Korinthern  anzutreffen
war  (Herodot  II,  167).  Wir  finden  daher  auch  die  Verachtung
des  Handwerks  bei  denjenigen  Autoren  vertreten,  die  Neigung
für  eine  mehr  oder  weniger  exklusive  Aristokratie  zeigten  und  die
Verfassung  der  Landwirtschaft  treibenden  Lazedämonier  im  allgemeinen ­
  schätzten,  wie  z.  B.  Xenophon,  Plato  und  Aristoteles.
Aus  diesen  drei  Autoren  stammen  denn  auch  die  meisten  Stellen,
welche  beweisen  sollen,  daß  die  allgemeine  Meinung  bei  den
Griechen  das  Handwerk  verachtete.  Anfangs  war  der  industrielle
Unternehmer  in  den  Kreisen,  welche  das  Banausentum  verachteten,
ebenso  verachtet  wie  die  Handwerker,  allmählich  aber  bildeten  die
Besitzenden  eine  eigene  Klasse,  die  mit  dem  alten  Adel  wetteiferte.
Die  Stellung  der  Sklaven  änderte  sich  weiterhin  in  der  Weise,
welche  wir  oben  andeuteten.  In  den  Handels-  und  Industriestaaten
wurden  immer  mehr  Sklaven  als  Arbeitskräfte  verwendet  (Äschines,
Gegen  Timarchos  40),  wobei  freilich  Großbetriebe  in  modernem
Sinne  nicht  bestanden  und  eine  Fabrik  mit  50  Sklaven  und  darüber ­
  wohl  nicht  mehr  gewöhnlich  war;  mehr  als  10  mal  so  groß
dürften  kaum  die  größten  Betriebe  gewesen  sein.  Das  hing  zum  Teil
damit  zusammen,  daß  keine  Maschinen  vorhanden  waren  und  die
Sklavenbetriebe  daher  mit  weit  geringerer  Arbeitsteilung  arbeiteten
als  die  modernen  Betriebe.  Während  wir  Fälle  kennen,  wo  ein
Objekt  durch  hundert  Gruppen  von  Handgriffen  hergestellt  wird,
haben  in  der  Antike  die  einzelnen  Arbeiter  meist  größere  Gruppen
von  Handgriffen  als  Individuum  übernehmen  müssen,  so  daß  oft
nur  eine  Art  Nebeneinander  vieler  Handwerker  herauskam,  die
mit  ihren  Gehilfen  arbeiteten,  nur  daß  die  ganze  Gruppe  einem
Herrn  gehörte.  Die  Ausdehnung  der  Handels-  und  Verwaltungstätigkeit ­
  in  dieser  Epoche  trug  dazu  bei,  die  Sklaven  in  steigendem
        <pb n="81" />
        Berufsehre,  Sklaverei.

73

Maße  im  Handels-  und  Bankwesen  sowie  im  Staatsdienst  (Äschines,
Gegen  Timarchos  23)  zu  verwenden.  Hier  mußten  die  Schranken
fallen,  und  es  war  häufig  für  den  Herrn  vorteilhaft,  wenn  er  seinem
Sklaven  Geld  übergab  und  ihn  nur  einen  Teil  des  damit  erworbenen ­
  Gewinnes  abführen  ließ.  Diese  Gewinnbeteiligung  —  wie
wir  sie  in  großen  Betrieben  beim  höheren  kaufmännischen  Personal
jetzt  sehr  häufig  kennen,  bewährte  sich  und  führte  nicht  selten  dazu,
daß  der  Herr  dem  Sklaven  die  Freiheit  schenkte  und  den  neuen
Freigelassenen  zu  seinem  Bankier  machte.  Im  Wirtschaftsorganismus ­
  unterschieden  sich  solche  Sklaven  durch  nichts  von  Freien,
wie  denn  überhaupt  „Sklave"  kein  wirtschaftlicher  Begriff
ist,  sondern  ein  politisch-rechtlicher.  Die  günstige  Stellung
der  Sklaven,  die  in  Athen  auch  zum  Teil  rechtlich  festgelegt  war,
fand  darin  ihren  Ausdruck,  daß  das  Auftreten  vieler  Sklaven  in
der  Öffentlichkeit  sich  durch  nichts  mehr  von  jenem  der  Freien
und  Beisassen  unterschied,  was  natürlich  nur  für  die  höheren
Sklavenkategorien  gilt  und  zum  Teil  in  dem  Sinne  gefaßt  werden
muß,  in  dem  man  heute  sagt,  daß  sich  die  Dienstboten  wie  die
Herrschaft  tragen  (Xenophon,  Verfassung  der  Athener  1).  Aber
daneben  wuchs  auch  die  Zahl  jener  Sklaven,  die  ein  wirklich  elendes ­
  Dasein  führten  und  abteilungsweise  organisiert  in  den  Bergwerken ­
  arbeiteten.  Die  Ausnutzung  der  Sklaven  in  großem  Stil
von  Staats  wegen  für  Bergwerkszwecke  war  sehr  naheliegend
(Xenophon,  Von  den  Staatseinnahmen  der  Athener).  Die  Sklaven
wurden  also  geteilt,  die  stumpferen,  minder  kultivierten  wurden
in  die  Bergwerke  und  in  die  Fabriken  geschickt,  während  die  kultivierteren ­
  und  gebildeteren  in  den  Handelsstand  und  in  die  ökonomische ­
  Verwaltung  eintraten,  wo  die  individuelle  Entschließung
vorwiegt.  Das  intelligentere  Material  stammte  vor  allem  aus  den
zahlreichen  Kriegen  der  Griechen  untereinander  (Diodor  XVI,  34).
Ein  Teil  der  Sklaven  wurde  übrigens  an  vielen  Orten  im  Staatsdienst ­
  verwendet,  bekannt  sind  die  Polizeisklaven  von  Athen.  Diese
haben  mit  dem  Begriff,  den  man  sich  häufig  vom  Sklaven  macht,
ebensowenig  etwas  gemein  wie  die  Nubiersklaven,  die  als  Söldner
in  Ägypten  verwendet  wurden  (S.  10).  Im  allgemeinen  waren
unter  den  Sklaven  mehr  Männer,  doch  darf  man  nicht  vergessen,
daß  manchmal  ein  starker  Zuwachs  von  Frauen  eintrat,  wenn  z.  B.
eine  Stadt  erobert,  die  Frauen  verschont,  die  Männer  aber  getötet
wurden  (Thucydides  IV,  120  ff.),  was  die  Empörung  mancher
Autoren  hervorrief  (Jsokrates,  Panegyrikos  29).  Die  Sklavinnen
        <pb n="82" />
        74

Viertes  Kapitel.  Das  griechische  Wirtschaftssystem.

freilich  machten  selten  den  Sklaven  Konkurrenz,  da  sie  wohl  vorwiegend ­
  im  häuslichen  Dienst  benutzt  oder  zum  Geschlechtsgenuß
verwendet  wurden.  Durch  das  Zuströmen  vieler  Griechen  und  kultivierter ­
  Menschen  wurde  es  natürlich  manchen  klar,  daß  „Sklave"
zu  sein  nicht  in  der  Natur  dieser  Menschen  liegen  könne,  und  so  fing
man  denn  zu  Ende  dieser  Epoche  schon  ernsthaft  an,  die  Sklaverei
zu  bekämpfen  (Aristoteles,  Politik  I,  2,  3).  Andere  Autoren,  besonders ­
  solche,  die  Gegner  der  Demokratie  waren,  sprachen  sich
für  die  Sklaverei  aus,  jedoch  unter  Einschränkung,  so  meint  z.  B.
Plato,  daß  Hellenen  einander  nie  zu  Sklaven  machen  dürften.
Auch  Aristoteles  wollte  den  wirklichen  Sklaven  von  dem  durch
Zufall  gewordenen  abgesondert  wissen,  prinzipiell  sind  aber  beide
für  die  Sklaverei  eingetreten,  und  Aristoteles  meinte,  daß  bei
einem  richtigen  Verhältnis  zwischen  Herrn  und  Sklaven  beiden
genützt  werde,  was  im  Hinblick  auf  ganz  rohe  Menschen  vielleicht
richtig  war,  aber  bei  der  Majorität  mußte  es  klar  sein,  daß  sie
auf  keiner  tieferen  Stufe  standen  als  ein  großer  Teil  des  freien
athenischen  Volkes  —  konsequenter  Weise  erklärte  denn  auch  Aristoteles ­
  den  Haufen  der  Handwerker  und  Arbeiter  für  eine  Sklavenhorde, ­
  die  nur,  statt  einem  zu  dienen,  für  jedermann  Sklavendienste
leisten,  was  man  bei  seiner  Stellungnahme  zur  Sklaverei
wohl  beachten  muß.  Besonders  zahlreich  waren  die  Sklaven  in
den  Handelszentren  Athen,  Korinth,  Korzyra,  Ägina,  denn  die  Leibeigenen ­
  in  den  agrarischen  Ländern,  so  in  Sparta  oder  Thessalien,
darf  man  hier  nicht  erwähnen,  die  nahmen  sowohl  rechtlich  als
auch  wirtschaftlich  eine  andere  Stellung  ein  und  sind  am  ehesten
den  Leibeigenen  des  Mittelalters  vergleichbar.
Als  um  die  Mitte  des  4.  Jahrhunderts  Griechenland  durch  die
vielen  Kriege  stark  heruntergekommen  war  und  Athen  notgedrungen
sich  einer  Friedenspolitik  zuwenden  mußte,  war  es  für  viele  selbstverständlich, ­
  daß  der  Welthandel  nun  die  erste  Rolle  zu  spielen
habe,  um  die  politische  Suprematie  durch  die  wirtschaftliche  zu
ersetzen,  so  sehr  war  die  Bedeutung  des  Handels  und  der  Industrie
im  Verlaufe  der  letzten  Jahrhunderte  zum  Bewußtsein  gekommen.
Man  begann  nun,  die  Meinung  zu  vertreten,  Athen  sei  nicht  dazu
geschaffen,  Krieg  zu  führen,  da  die  Staatseinnahmen  darunter  litten
(S.  76),  der  Friede  sei  unbedingt  nötig,  vor  allem  aber  für  die
Schiffsherren  und  Großkaufleute,  für  die  Getreide-,  Weinund
  Ölhändler,  ebenso  sür  die,  welche  ihre  Goldstücke  vermehren
wollten,  für  die  Geistesarbeiter  nicht  weniger  als  für  die  Hand-
        <pb n="83" />
        Sklaverei,  Welthandel.

75

arbeitet  (Xenophon,  Von  den  Staatseinkünften  der  Athener  V,  3).
Athen  erschien  als  der  Mittelpunkt  des  Erdkreises,  wo  alle  vorbei
mußten,  weshalb  Güter  aus  allen  Himmelsgegenden  nach  Athen
kamen,  vonAthen  nach  allen  Richtungen  Güter  transportiert  wurden.
(Xenophon,  Von  den  Staatseinkünften  der  Athenerl,  7).  Und  es  ist
charakteristisch,  daß  es  Leute  gab,  die  eine  rentable  Ausgabe
darin  erblickten,  zur  Zeit  einer  wirtschaftlichen  Stockung  Basare,
Lagerhäuser,  Hotels  im  Hafen  für  die  ankommenden  Kaufleute
auf  Staatskosten  zu  erbauen,  ebenso  staatliche  Frachtschiffe  zu
bauen  und  zu  vermieten  (Xenophon,  Von  den  Staatseinkünften
der  Athener  III,  12  ff.).  Derartige  Vorschläge  konnten  nur  in
einer  Periode  gemacht  werden,  in  der  selbst  die  kleinsten  Staaten
bereits  einen  regen  Handelsverkehr  besaßen  und  jeder  Staat  etwas
zu  importieren  oder  exportieren  hatte  (Pseudo-Xenophon,  Verfassung
der  Athener  2).  Während  so  die  einen  nur  die  Sucht,  Kriege  zu
führen,  für  die  Mißerfolge  der  Athener  verantwortlich  machten,  gab
es  andere,  die  in  der  Seeherrschaft  sowie  in  dem  allzu  ausgebreiteten
Handel  eine  Gefahr  für  das  Staatswohl  erblickten.  Plato  hat  diesem
Gedanken  ebenso  wie  Aristoteles  oft  Ausdruck  gegeben,  nicht  Salamis
und  Artemisium  hätten  die  Griechen  gerettet,  sondern  Marathon
und  Platää  (Plato,  Gesetze  IV,  707).
Die  Landmacht  Sparta  erschien  mit  ihrer  ehedem  konsolidierten
Verfassung  —  vermehrt  um  einige  Zutaten  der  neuen  Zeit  —
als  das  Ideal  des  Staates.  Die  Moral  des  einzelnen  litt,  wie
Plato  und  Aristoteles  nicht  müde  werden  hervorzuheben,  unter
den  fremden  Einflüssen,  und  die  üblen  Sitten  der  Handelsstadt
hatten  in  einem  kleinen  Reich  wie  Attika  natürlich  ganz  andere
Folgen  als  in  einem  modernen  Großstaat,  in  dem  die  wenigen
Seestädte  eben  doch  nicht  tonangebend  sind  und  die  konservativen
Mächte  mehr  als  genug  Einfluß  haben.  Der  Ausgang  freilich
hat  diesen  Männern  in  gewissem  Sinne  recht  gegeben;  das  Athen,
wie  sie  es  kannten,  war  für  die  Seemacht  nicht  reif  Daß  es  aber
eine  Reife  geben  könne,  die  dazu  berechtigte;  daß  der  Staat  bereits
im  Werden  sei  (Arrian,  Anabasis  VII,  9  f.),  welcher  diese  neue
Form  der  Herrschaft  in  der  griechischen  Welt  begründen  sollte,  daß
diese  neue  Machtform  eine  Zukunft  habe  —  wir  leben  heute  in
einer  Zeit,  die  wesentlich  auf  diese  Art  von  Staaten  aufgebaut  ist,
—  das  ahnten  sie  nicht,  und  so  sind  diese  scharfsinnigen  Forscher
nicht  dazu  gekommen,  ihre  besten  Kräfte  einer  neuen  Staats-  und
Wirtschaftsgestaltung  zuzuwenden  und  ihr  auf  den  neuen  Wegen
        <pb n="84" />
        76  Viertes  Kapitel.  Das  griechische  Wirtschaftssystem.
behilflich  zu  sein,  wie  dies  z.  B.  Adam  Smith  in  der  modernen
Entwicklung  tat.  Griechenland  hat  keinen  Adam  Smith  besessen.
Die  Zerrüttung  der  griechischen  Welt  im  4.  Jahrhundert  wird
durch  nichts  deutlicher  als  durch  die  Tatsache,  daß  nach  verschiedenen ­
  Interventionen  des  Perserkönigs  schließlich  Athen  durch
Drohungen  von  den  Persern  gezwungen  wurde,  einen  großen  Teil
seiner  gezwungenen  Bundesgenossen  im  Jahre  355  fahren  zu
lassen.  Man  begann  jetzt  einzusehen,  daß  nur  ein  einiges  Hellas
den  Krieg  mit  den  Persern  zu  führen  in  der  Lage  sei,  nicht  aber
ein  einzelner  Staat  ohne  Überlegung  sich  in  internationale  Konflikte ­
  stürzen  könnte,  als  ob  es  ihm  durch  die  Götter  verbrieft
sei,  daß  alles  zum  Siege  führen  werde  (Jsokrates,  Über  den
Frieden  3).  Ein  großer  Teil  der  kampffähigen  Bevölkerung  war
gefallen,  ungeheure  Summen  aufgewendet  worden,  um  die  verlorenen ­
  Flotten  zu  bauen,  der  Landbau  war  vernichtet.  Da  schien
die  Friedenspolitik  (S.  74),  die  nur  dem  wirtschaftlichen  Kampfe
sich  widmete,  das  beste  Auskunstsmittel,  das  freilich  nur  zum  Teil
durchführbar  war,  weil  eine  fremde  Macht  entstanden  war,  die
in  die  Sphäre  Athens  immer  schärfer  eingriff  —  Mazedonien. ­
  Damals  haben  aber  nur  wenige  Griechen  die  Bedeutung
dieses  trefflich  organisierten  Staatswesens  begriffen  und  den  Rat
gegeben,  mit  ihm  verbündet  ein  Weltreich  zu  schaffen,  das  den
Orient  politisch  und  wirtschaftlich  den  Griechen  ausliefere.  Es
mußte  erst  neuerlich  zu  Kämpfen  kommen,  ehe  Mazedonien  dies
Programm  durchzuführen  in  der  Lage  war.  Die  Friedenshoffnungen
haben  sich  in  Athen  in  vielem  bewährt,  die  Kaufleute,  welche  zum
Teil  geflohen  waren,  kehrten  wieder  zurück,  Fremde  siedelten  sich
wieder  an,  um  Handel  und  Industrie  zu  treiben,  nicht  mehr  durch
Zölle  in  den  Häfen  der  Bundesgenossen  wollte  man  verdienen,
durch  Monopole,  sondern  vor  allem  durch  Unterstützung  des  Handels ­
  und  Verkehrs.
Die  politische  Selbständigkeit  und  Geschlossenheit  des  antiken
Stadtstaates  war  unabhängig  von  dem,  was  man  vielfach  als
wirtschaftliche  Autarkie,  wirtschaftliche  Selbständigkeit,  erklärt.
Die  politische  Abgeschlossenheit  konnte  scharf  durchgeführt  und
trotzdem  Export  und  Import  voll  entfaltet  sein,  wie  wir  das  in
der  modernen  Zeit  an  England  sehen.  An  diese  wirtschaftliche
Selbständigkeit  der  griechischen  Kleinstaaten,  wie  manche  moderne
Denker  sie  für  ein  Großamerika  für  durchaus  möglich  erklären, ­
  das  ohne  Export  und  Import  alle  seine  Bedürfnisse  selbst
        <pb n="85" />
        Autarkie,  internationales  Privatrecht.

77

befriedigen  könne,  war  garnicht  zudenken.  Und  wenn  Aristoteles
auch  für  die  staatliche  Selbständigkeit  und  harmonische  Geschlossenheit ­
  eintrat  (Aristoteles,  Politik,  ed.  Susem.  I,  1,  8),  so  wußte
er  dabei  sehr  wohl,  daß  die  wirtschaftliche  Abgeschlossenheit  deswegen ­
  doch  nicht  bestehen  müsse,  daß  es  vielmehr  notwendig  sei,
was  der  Staat  nicht  habe,  zu  importieren,  und  was  bei  ihm  im
Überfluß  hervorgebracht  werde,  zu  exportieren  (Aristoteles,  Politik,
ed.  Susem.  IV,  5,  4).  Sogar  die  reaktionäre  antidemokratische
Opposition  sah  ein,  daß  die  starrste  politische  Autarkie  noch  lange
keine  wirtschaftliche  bedeute,  die  den  griechischen  großen  Städten
denn  auch  schon  durch  lange  Zeit  gar  nicht  mehr  bekannt  war.
Wie  stark  aber  auch  der  Welthandel  entwickelt  war,  so  trug  er
dennoch  nicht  in  dem  Maße  wie  heute  dazu  bei,  die  Preise  auszugleichen ­
  und  Weltpreise  zu  schaffen,  was  immerhin  die  lokalen  Gewalten ­
  bedeutsamer  machte.
Selbstverständlich  entwickelte  sich  in  dieser  Epoche  bereits  eine
Art  internationales  Privatrecht.  Daß  die  Beisassen  unter  bestimmten ­
  Modalitäten  zu  ihrem  Rechte  in  der  Stadt  kommen  konnten,
wo  sie  ansässig  waren,  braucht  wohl  nicht  erst  bemerkt  zu  werden.
Die  Beisassen  nahmen  denn  auch  an  den  meisten  Vertragsformen  teil,
wenn  auch  in  manchen  Städten  für  sie  Einschränkungen  bestanden,
so  z.  B.  das  Verbot,  Grundeigentum  zu  erwerben.  Gesetze  der  Art
sind  aber  auch  der  modernen  Entwicklung  keineswegs  unbekannt
und  wurden  gegen  das  Volk,  dessen  Stellung  jener  der  Beisassen
überaus  verwandt  war,  gegen  die  Juden  zur  Anwendung  gebracht.
Die  einzelnen  Staaten  schlossen  überdies  häufig  untereinander  Verträge ­
  ab,  die  Bestimmungen  über  die  Behandlung  der  Untertanen
im  fremden  Staatsgebiet  enthielten.  Es  gab  eigene  Leute,  welche
sich  um  die  Fremden  zu  kümmern  hatten,  eine  Art  Konsuln.  Kurzum, ­
  wir  sehen  überall  die  Wirkungen  des  Welthandels,  der  die
Menschen  in  einer  großen  Gesellschaft  vereinigte  und  die  Entwicklung ­
  des  Menschheitsbegriffes  förderte,  wie  ihn  dann  der  Hellenismus ­
  kannte.
Dem  Athenischen  Seebund  hatte  auch  Rho  dus  angehört.  Bald
hielt  es  treu  zu  Athen,  worauf  die  Tribute  etwas  herabgesetzt
wurden,  bald  revoltierte  es  mit  anderen  gegen  Athen,  worauf
die  Tribute  wieder  entsprechend  erhöht  wurden.  Die  wirtschaftliche
Stellung  von  Rhodus  war  im  5.  Jahrhundert  insofern  nicht  sehr
günstig,  als  der  Zwischenhandel  mit  Syrien  und  Ägypten  infolge
der  politischen  Verhältnisse  darniederlag.  Der  Untergang  der  athe-
        <pb n="86" />
        78  Viertes  Kapitel.  Das  griechische  Wirtschaftssystem.
nischen  Herrschaft  durch  Sparta  brachte  am  Ende  des  5.  Jahrhunderts ­
  die  Aristokratie  wieder  zur  Herrschaft,  die  eine  Zusammensiedlung ­
  der  älteren  rhodischen  Gemeinden  in  der  neuen  Stadt
Rhodus  veranlaßte  (S.  28).  Alle  Erfahrungen  eines  alten  Handelsvolkes ­
  wurden  dabei  verwendet,  herrlicheHafenanlagen,  Mauern
und  Straßen  bildeten  noch  lange  Jahrhunderte  das  Staunen  der
späterer  Geschlechter  (Strabo  XIV,  2),  ebenso  die  herrlichen
Tempel  und  Theater  (Dio  v.  Prusa  XXXI,  146).  Die  Stadt
beherrschte  auch  die  Meerenge  zwischen  Rhodus  und  dem  kleinasiatischen ­
  Festland,  wo  die  großen  Kornflotten  aus  Ägypten  nach
dem  Nordwesten  durchzufahren  pflegten,  die  von  nun  ab  stark  nach
Rhodus  abgelenkt  wurden.  Die  gute  Befestigung  der  Stadt  ermöglichte ­
  den  Rhodiern,  ihre  Selbständigkeit  stärker  zu  wahren  als
viele  andere  Städte,  wobei  ihnen  ihre  starke  Flotte  gute  Dienste
leistete.  Zu  wiederholten  Malen  verwendeten  die  Rhodier  ihre
Flotte  dazu,  die  Seeräuber,  welche  die  Meere  unsicher  machten,
im  Zaume  zu  halten,  wie  denn  überhaupt  Rhodus  mehrfach  die
Interessen  der  übrigen  Handelsstaaten  vertrat  (S.  92).  Wie  sich
Rhodus  von  der  athenischen  Herrschaft  freigemacht  hatte,  so  auch
bald  von  der  spartanischen,  doch  trat  es  wieder  in  freundliche
Beziehungen  zu  Athen  und  schloß  mit  ihm  einen  Bund.
Ebenso  wie  das  Mutterland  entwickelte  sich  auch  Unteritalien
und  Sizilien  immer  mehr,  und  Syrakus  wurde  eine  der  gewaltigsten ­
  Städte  der  Welt.  Die  Kombination  der  agrarischen  und
industriellen  Produktion  ist  für  jene  Gebiete  besonders  charakteristisch, ­
  konnten  doch  z.  B.  sizilische  Städte  Wein  und  Öl  nach
Nordafrika  exportieren  und  dort  wertvolle  Gegenfracht  holen
(Diodor  XIII,  8).  Die  wirtschaftliche  Entwicklung  wurde  durch
eine  große  Handelsflotte  gefördert,  zu  deren  Schutz  eine  gewaltige
Marine  zur  Verfügung  staub.  Beide  Flotten  wurden  zum  Teil
aus  den  Holzschätzen  Siziliens,  zum  Teil  aus  jenen  des  nahen
Unteritalien  gebaut  (Diodor  41,  f.).  Der  Getreideexport  aus
Sizilien  nach  Griechenland  war  übrigens  zeitweilig  so  groß,  daß
es  den  Athenern  dafür  stand,  sich  militärisch  zu  engagieren,
um  die  Zufuhr  nach  dem  Peloponnes  zu  hindern.  (Thucydides
III,  66).  Ähnlich  wie  in  Sizilien  war  in  Unteritalien  ein  fruchtbares ­
  Hinterland  mit  vorgelagerten  Industriestädten  vorhanden.
Da  die  Hafenverhältnisse  im  ganzen  ungünstig  waren,  konnten
einzelne  Städte,  die  einen  besonders  guten  Hafen  hatten,  wie  z.  B.
Tarent  (Polybius  X,  1),  daraus  großen  Vorteil  ziehen.  Tarents
        <pb n="87" />
        Fünftes  Kapitel.  Das  griechisch-orientalische  Wirtschaftssystem.  79
große  Bedeutung  bestand  überdies  zum  Teil  darin,  daß  es  den
Adriahandel  in  der  Hand  hatte,  da  Brundisium  in  dieser  Periode
noch  nicht  gegründet  war.  Karthago  und  den  griechischen  Staaten
standen  Sizilien  und  Unteritalien  als  vollkommen  ebenbürtige
Mächte  gegenüber,  vor  allem  das  auf  beide  Gebiete  sich  erstreckende
Reich  von  Syrakus.
Die  geschilderte  Periode  ist  eine  der  lebhaftesten  wirtschaftlichen ­
  Entwicklung,  neue  Produktions-  und  Absatzgebiete  erschloß ­
  die  vorige  Epoche,  diese  nützte  das  alles  voll  aus.  Die
Sklaverei  förderte  den  wirtschaftlichen  Fortschritt,  indem  Arbeitskräfte ­
  in  großer  Zahl  für  den  Fabrikbetrieb  zur  Verfügung  standen.
In  dieser  Zeit  sowie  gegen  das  Ende  der  römischen  Republik  scheint
die  Sklaverei  für  die  wirtschaftliche  Entwicklung  bedeutsam  getvesen
  zu  sein,  während  man  in  den  anderen  Zeitabschnitten  sich
die  Sklaverei  wegdenken  könute,  ohne  daß  prinzipiell  sich  viel  geändert ­
  hätte.  In  diesen  Zeiten  ist  das  etwas  schwerer,  obwohl
entscheidende  wirtschaftliche  Formen  durch  die  Sklaverei  nicht
bedingt  waren,  jede  genügend  große  industrielle  Arbeitermenge,
die  nicht  koaliert  ist,  verhält  sich  ungefähr  wie  eine  Sklavenmenge,
d.  h.  sie  ist  um  billiges  Geld  zu  haben.
Ähnlich  wie  dieser  griechischen  Entwicklung  die  orientalische
lange  vorausgegangen  war,  so  folgte  ihr  die  Roms  in  gewissem
Abstande  nach.
Fünftes  Kapitel.
Das  griechisch-orientalische  Wirtschaftssystem.
(Ende  4.  Jahrh.  v.  Ähr.  bis  Mitte  2.  Jahrh.  v.  Chr.)
Orient  und  Okzident
Sind  nicht  mehr  zu  trennen.
Sinnig  zwischen  beiden  Welten
Sich  zu  wiegen,  las,  ich  gelten.
Goethe,  Zum  Divan.
Die  Eroberung  des  persischen  Reiches  durch  Alexander  den
Großen  wirkte  auf  die  Länder  des  Mittelmeerbeckens  ähnlich  wie
die  Entdeckung  Amerikas  auf  das  gesamte  Europa.  Die  Kostbarkeiten ­
  des  Orients  reizten  die  Begierden,  und  eine  rege  Industrietätigkeit
  entstand,  um  sich  in  den  Besitz  der  ersehnten  Spezereien
zu  setzen.  Auch  trugen  die  Einkünfte  aus  dem  Orient  dazu  bei,
die  Kaufkraft  zu  stärken.  Neue  Absatzgebiete  waren  für  die  Industrie ­
  erschlossen,  ebenso  viele  Länder,  die  Rohstoffe  liefern  konnten.
        <pb n="88" />
        80  Fünftes  Kapitel.  Das  griechisch-orientalische  Wirtschaftssystem.
Die  Neigung  zum  Luxus  verbreitete  sich  in  dieser  Zeit  ungeheuer
und  erhöhte  den  Warenumsatz.  Für  die  neuen  Absatzgebiete  wurden
vielfach  eigene  Industrien  ins  Leben  gerufen,  ebenso  entstanden
Industrien,  die  sich  im  wesentlichen  nur  mit  der  Verarbeitung
orientalischer  Rohprodukte  befaßten,  z.  B.  mit  der  Anfertigung  von
Salben  und  Ölen.  Der  Zwischenhandel,  der  sich  überaus  mächtig
entwickelte,  förderte  die  Entstehung  neuer  Handelszentren  im  Osten
des  Mittelmeerbeckeus,  die  au  der  Grenze  von  Orient  und  Okzident
gelegen  waren,  und  deren  Einwohnerzahlen  bald  viele  Hunderttausende ­
  betrugen  (Diodor  XVII,  52).  Zu  diesen  Städten  gehörte
vor  allem  Alexandria  (Diodor  I,  50),  aber  auch  einige  der  anderen ­
  großen  Neugründungen,  die  nach  Alexanders  Tode  entstanden. ­
  Sobald  nämlich  die  einzelnen  Fürsten  nach  dem  Zerfall
des  Reiches  ihre  Monarchien  eingerichtet  hatten,  mußten  vorhandene ­
  Städte  erweitert  und  neue  geschaffen  werden,  um  würdige ­
  Residenzen  zu  bilden.  Die  politischen  Machtzentren  und  Verwaltungsstellen ­
  waren  zum  Teil  auch  hervorragende  wirtschaftliche
Metropolen.  So  neben  Antiochia  am  Orontes  und  Seleukia  am
Tigris  die  Hauptstädte  Mazedoniens  und  Thraziens,  Kassandria
und  Lysimachia  (Diodor  XX,  29),  alle  nach  ihren  Gründern  benannt. ­
  Mit  den  zuerst  erwähnten  Städten  konnte  im  Westen  nur
Syrakus  wetteifern,  bis  schließlich  Rom  alle  überflügelte,  als  es
gegen  Ende  der  Republik  eine  Millionenstadt  wurde.  Neben  diesen
Großstädten  entstanden  aber  auch  viele  kleinere  Städte  und  Handelsstationen, ­
  teils  im  mittleren  Asien  und  in  Kleinasien,  teils  an  der
Ostküste  Afrikas.  Wenn  auch  nach  Alexanders  Tod  niemand  mehr
dies  Riesenreich  beherrschen  konnte,  so  hat  sein  Werk  und  das
seiner  Nachfolger  gegen  tausend  Jahre  bestanden;  dann  sind  die
Städte  vor  allem  den  Sarazenen  zum  Opfer  gefallen,  die  im
7.  Jahrhundert  Alexandria  zum  Teil  zerstörten.
Die  Stellung  der  Staaten  Griechenlands  wurde  besonders  durch
diese  Verschiebung  des  Zwischenhandels  nach  Osten  verändert, ­
  nicht  mehr  in  Athen  stauten  sich  die  Schätze  der  ganzen  Welt,
sondern  in  den  Städten  des  Ostens.  Aber  auch  die  griechischen
Staaten  Kleinasiens  hatten  am  Orienthandel  nicht  den  gleichen
Anteil  wie  etwa  Antiochia  oder  gar  Alexandria.  Nur  Rhodus
war  als  Zwischenstation  zwischen  dem  Süden  und  Griechenland
von  hervorragender  Bedeutung.  Dadurch,  daß  die  neuen  Kolonien
zum  Teil  im  Biunenlande  lagen,  bekam  der  Landverkehr  eine
größere  Wichtigkeit,  die  er  in  der  Römerzeit  und  im  Mittelalter
        <pb n="89" />
        Spezereihandel,  Geldwirtschaft.

81

behielt.  So  wurde  z.  B.  die  Seide  auf  dem  Landwege  aus  China
ans  Mittelländische  Meer  gebracht.  In  der  hellenistischen  Zeit
wurden  auch  die  Wüstenstraßen,  welche  den  Nil  mit  dem  Euphrat
verbanden,  besonders  ausgenutzt.  Die  Straßeuanlagen  mit  Raststationen ­
  waren  aber  nur  zum  Teil  eine  Schöpfung  der  hellenistischen ­
  Zeit,  sehr  vieles  hatten  auf  diesem  Gebiete  schon  die
Perser  getan,  die  überhaupt  in  organisatorischer  Hinsicht  den  Mazedoniern ­
  und  den  Römern  kräftig  vorgearbeitet  hatten.
Der  Berkehr  mit  dem  Orient  ist  besonders  durch  den  Spezereihandel ­
  bemerkenswert,  wenn  er  auch  nicht  so  überwog  wie  in  der
älteren  Zeit  der  Schatzhandel.  Die  Spezereien  waren  es,  die  in  erster
Reihe  die  großen  Gewinne  brachten,  um  neuer  Absatzgebiete  willen
zog  kein  griechischer  Kaufmann  nach  Arabien  (Diodor  XIX,  94).
Wie  einst  das  Streben  nach  einem  Hort,  der  sich  auf  Kinder  und
Kindeskinder  vererben  sollte,  den  Handel  wesentlich  beeinflußte,
so  suchte  man  nun  im  Orient  Spezereien,  Elfenbein,  Nashornhörner ­
  und  ähnliches,  und  so  schien  es  denn  auch  den  alten  Erzählern ­
  angemessen,  daß  die  drei  Magier  dem  Christuskinde  als
Gaben  neben  Gold,  Weihrauch  und  Myrrhen  brachten  (Matthäus
2,  12).  Heute  ist  dies  Streben  nach  Schätzen  und  Spezereien  stark
in  den  Hintergrund  getreten,  und  wir  können  uns  nur  schwer  eine
Vorstellung  davon  machen,  wie  wertvoll  diese  Dinge  einst  dem
Menschen  waren.
Der  ausgebreitete  Handel  führte  zu  einer  entwickelten  Geldwirtschaft, ­
  die  etwa  der  modernen  im  18.  Jahrhundert  in  vielem
ähnlich  war  (S.  6).  Es  sind  damals  bereits  jene  Erscheinungen
zutage  getreten,  welche  in  der  modernen  Wirtschaftsentwicklung  so
großes  Aufsehen  gemacht  haben.  Es  konnte  für  Unternehmer  rentabel ­
  erscheinen,  die  Gütermenge  einzuschränken,  obzwar  das  Bedürfnis ­
  nach  den  betreffenden  Gütern  überaus  lebhaft  war,  weil
der  Gesamtertrag  aus  dem  Verkauf  der  kleineren  Menge  größer
war  als  jener  aus  dem  der  größeren.  Strabo  nennt  es  einmal
einen  jüdischen  Kniff,  daß  man  bei  Pflanzensorten,  die  allgemein
benötigt  wurden,  weniger  anpflanze,  um  die  Gesamteinnahme  zu
erhöhen  (Strabo,  XVII,  1).  In  einer  Zeit,  in  der  die  wachsende
Produktion  nicht  mehr  regelmäßig  die  Zunahme  der  Einnahme  bedeutete, ­
  wurden  alle  möglichen  Arten  von  Machinationen  und
Praktiken  immer  häufiger,  von  denen  uns  in  der  pseudoaristotelischen ­
  Wirtschaftslehre  sowie  in  Polyäns  Kriegslisten  zahlreiche,
wenn  auch  nicht  immer  klar  zu  deutende  Beispiele  erhalten  sind.
ANuG  258:  Neurath,  antike  Wirtschaftsgeschichte.  0
        <pb n="90" />
        82  Fünftes  Kapitel.  Das  griechisch-orientalische  Wirtschaftssystem.
Die  Koloniengründungen  dieser  Epoche,  die  zunächst  der
politischen  Macht  zu  dienen  hatten  (Polybius  X,  27),  absorbierten
einen  Teil  der  überschüssigen  Bevölkerung  Griechenlands,  deren
Abnahme  damals  noch  nicht  in  so  großem  Maße  wie  späterhin
(S.  104)  begonnen  hatte,  was  man  zum  Teil  daraus  erkennen
kann,  daß  die  Neigung  der  Griechen,  in  fremden  Sold  zu  treten,
noch  überaus  groß  war,  obgleich  die  heimatliche  Industrie  und  der
Handel  blühte.  Tie  Kolonien  in  Thrazien,  welche  Philipp  gegründet ­
  hatte,  waren  nicht  von  jener  Bedeutung  wie  Alexandria
oder  Antiochia  und  die  große  Zahl  von  Städten  längs  den  Militär- ­
  und  Handelsstraßen  nach  Baktrien  und  Indien,  in  Kleinasien ­
  und  Syrien.  In  Mesopotamien  entwickelten  die  Seleukiden
eine  rege  kolonisatorische  Tätigkeit,  während  die  Ptolemäer  neben
Ptolemais  eigentlich  nur  Militärkolonien  gründeten  (S.  88),  was
zum  Teil  damit  zusammenhing,  daß  ihr  Gebiet  eng  besiedelt  und
hoch  kultiviert  war.  Die  hellenistischen  Kolonien  —  meist  im
Binnenland  gelegen  —  waren  vom  Reich  abhängig  und  haben
in  ihrer  politischen  Stellung  wenig  Ähnlichkeit  mit  jenen  früheren
Kolonien  wie  z,  B.  Massalia  gehabt  (Ş.  33).  An  die  Stelle  der
früher  mehr  zufälligen,  jedesmal  selbständigen  Kolonisation  war
nun  eine  zentralisierte  und  systematische  getreten.  Große  Massen
wurden  durch  diese  Kolonisationen,  durch  Handel  und  Verkehr  in
Bewegung  gesetzt,  ebenso  durch  die  militärische  Dislokation.  Besonders ­
  in  den  großen  Seestädten  entstand  ein  Völkergemisch  mit
all  den  schlechten  Eigentümlichkeiten,  die  die  sokratische  Schule
einst  so  für  Athen  gefürchtet  hatte  (S.  75).  Vor  allem  wurde  die
politische  Einheit  auf  diese  Weise  gefährdet,  so  z.  B.  in  Alexandria ­
  (Strabo  XVII,  1).  Wenn  trotz  all  dieser  Verschiebungen  die
ländliche  Bevölkerung  vielfach  an  Ort  und  Stelle  blieb,  so  hing
das  zum  Teil  damit  zusammen,  daß  sie,  z.  B.  in  Kleinasien,  großenteils ­
  leibeigen  war.  Wie  sehr  dieser  Umstand  das  Zusammenströmen
der  Bevölkerung  in  die  Städte,  wie  wir  es  heute  kennen,  verhinderte, ­
  vermag  man  nicht  zu  ermessen.  Doch  muß  darauf  hingewiesen ­
  werden,  daß  die  Industrie  nicht  im  selben  Maße  wie
heute  Menschen  absorbierte  und  daher  der  Zug  zur  Stadt  etwas
geringer  war.  Freilich  gab  es  dagegen  andere  Anziehungen,  so  die
reichlichen  Spenden  und  Festlichkeiten,  die  den  ärmeren  Klassen  in
ganz  anderer  Weise  als  heute  das  Leben  verschönten.  Gelegentlich
verbrauchten  auch  die  Kriege  große  Bevölkerungsmassen  (Diodor
XVIII,  12)
        <pb n="91" />
        Kolonien,  Orienthcin-el.

83

Die  Handelsbeziehungen  mit  dem  Orient  führten  zu
einem  erheblichen  Abfluß  von  Edelmetall  nach  dem  Osten,  doch
wurde  viel  davon,  besonders  zur  Zeit  Alexanders  des  Großen,  aus
dem  Orient  in  die  griechische  Welt  gebracht  und  der  Abfluß  dadurch
verringert,  daß  ein  großer  Teil  der  orientalischen  Waren  mit  okzidentalischen
  Waren  gezahlt  wurde.  Erst  in  der  römischen  Kaiserzeit
scheint  der  Abfluß  des  Edelmetalls  nach  dem  Osten  den  Verkehr  ungünstig ­
  beeinflußt  zu  haben.  Auch  darf  nicht  vergessen  werden,  daß
die  in  großem  Stil  betriebene  Industrie  in  Verbindung  mit  dem
regen  Zwischenhandel  den  Umlauf  des  Geldes  beschleunigte,  was
ebenfalls  die  üblen  Folgen  des  Abflusses,  soweit  er  den  Zufluß  überstieg, ­
  auszugleichen  geeignet  war.  Die  Höhe  der  Handelsgewinne
scheint  absolut  gestiegen  zu  sein,  indem  weit  mehr  Möglichkeiten
vorhanden  waren,  Güter  umzusetzen,  die  relativen  Gewinne  aber
dürften  in  dieser  Periode  noch  mehr  abgenommen  haben  als  in
der  vorigen,  soweit  eben  nicht  mit  Völkern  Handel  getrieben  wurde,
die  für  billig  zu  erzeugende  Güter  mittelländischer  Provenienz  von
den  Okzidentalen  hochgeschätzte  Güter  herzugeben  bereit  waren.
Aber  die  wichtigsten  Handelsvölker  des  Orients  gehörten  keinesfalls ­
  dazu  und  ließen  sich  ihre  Waren  recht  teuer,  zum  Teil  in
Gold  und  Silber  bezahlen.  Die  relativen  Geschäftsgewinne,  welchen
im  allgemeinen  die  Höhe  des  Zinsfußes  folgte,  nahmen  ab,  und
da  überdies  das  Geschäftsrisiko  sank,  so  fiel  der  Zinsfuß  in  dieser
Periode  bei  sicheren  Anlagen  vielfach  unter  10%.  Die  hellenistische
Kolonisation  eröffnete  auch  nicht,  wie  die  englische  in  Nordamerika,
weite  Gebiete,  in  denen  große  Geldmengen  zur  Anschaffung  rentabler ­
  Unternehmungen  verwendet  werden  konnten,  sondern  es
wurden  in  meist  schon  recht  stark  kultivierten  Gegenden  neue  Zentren ­
  geschaffen.  Das  Resultat  war,  daß  nicht  allzu  viele  neue  Anlagemöglichkeiten ­
  vorhanden  waren,  die  den  Zinsfuß  heben  konnten.
Es  kam  zur  Einführung  eines  staatlichen  Kreditgeldes,  wenn  man
etwa  die  Ausprägung  minderwertiger  Münzen  mit  Zusicherung
der  einmal  zu  erfolgenden  Einlösung  durch  vollwertige  hierher
rechnen  will.  Der  Überweisungsverkehr  der  Banken  war  im
allgemeinen  nicht  sehr  umfangreich,  am  stärksten  wohl  in  Ägypten,
wo  wir  Vorbilder  in  der  naturalwirtschaftlichen  Zeit  kennen  gelernt ­
  haben  (S.  9),  ein  interessantes  Beispiel  dafür,  daß  ein
durchgebildeter  Überweisungsverkehr,  eventuell  sogar  mit  Kreditverkehr ­
  verbunden,  in  einer  hochentwickelten  Naturalwirtschaft
ebenso  möglich  ist  wie  in  einer  hochentwickelten  Geldwirtschaft,
        <pb n="92" />
        84  Fünftes  Kapitel.  Das  griechisch-orientalische  Wirtschaftssystem.

was  darauf  hindeutet,  daß  man  nicht  ohne  weiteres  Naturalwirtschaft, ­
  Geldivirtschaft  und  Kreditwirtschaft  als  drei  Stufen
auffassen  kann.  Wir  sahen,  daß  die  Überweisungs-  und  Kreditwirtschaft ­
  größeren  Stils  in  Ägypten,  so  wie  in  unserer  heutigen
Wirtschaftsordnung,  an  Zentralisation  und  staatliche  Garantie  gebunden ­
  war,  die  sehr  verschieden  gestaltet  sein  kann,  keineswegs
aber  nur  in  einer  Geldwirtschaft  möglich  ist.  Im  Gegensatz  zur
heutigen  Wirtschaftsordnung  bestand  in  der  hellenistischen  Zeit
keine  nähere  Beziehung  zwischen  dem  Bank-  und  dem  Geldwesen.
Dies  war  zum  Teil  auch  die  Ursache,  weshalb  wir  in  diesem  Zeitalter ­
  eine  im  großen  Stil  geregelte  Zentralisation  des  gesamten
Kredit-  und  Geldwesens  vermissen.  Biele  der  sog.  Staatsbanken,
so  z.  B.  in  Ägypten,  waren  im  wesentlichen  nur  Staatskassen,  die
Forderungen  einkassierten,  z.  B.  als  Steuerämter  fungierten,  und
Zahlungen  leisteten,  dabei  eventuell  eine  und  die  andere  bankmäßige
Manipulation  vornahmen,  so  das  Überschreiben  von  Forderungen
von  einem  Konto  auf  ein  anderes.  Aber  die  Kreditgewährung  in
großem  Stil,  die  dauernde  Finanzierung  großer  Unternehmungen
scheint  nicht  von  der  Wichtigkeit  wie  heute  gewesen  zu  sein.  Wieweit ­
  bei  den  einzelnen  Banken  in  Griechenland  und  Ägypten,  die
vor  allem  Girobanken  waren,  neben  dem  Geldwechseln  das  Leihgeschäft ­
  eine  das  Geschäftsleben  entscheidend  beeinflussende  Rolle
spielte,  entzieht  sich  ebenfalls  unserer  Keuntnis.  Jedenfalls  haben
die  Seedarlehen  eine  große  Bedeutung  gehabt,  und  ein  großer
Teil  der  überseeischen  Handelsunternehmungen  dürfte  auf  diesem
Wege  ermöglicht  worden  sein  (S.  70).  Langfristige  Kredite  waren
nicht  allzuhäusig  und  dementsprechend  auch  nicht  Anlagekredite.
Man  muß  sich  daher  vor  einer  Überschätzung  des  antiken  Geldund
  Bankwesens  ebenso  hüten  wie  vor  Unterschätzung.
Die  Finanzverwaltung  der  Staaten  konnte  unter  den  eben
geschilderten  Umständen  kaum  in  erheblicher  Weise  Kreditinstitute
und  Banken  aller  Art  benutzen.  Über  eine  weitgehende  Münzverschlechterungspolitik ­
  kam  man  selten  hinaus,  das  systematische
Aufnehmen  von  Anleihen,  etwa  gar  im  Äusland,  war  nicht  üblich,
doch  waren  derartige  Operationen  nicht  unbekannt  (Appian,  Sizil.
Gesch.  1).  Die  Häufigkeit  der  gewaltsamen  Eingriffe  ließ  die  sehr
ausgebreiteten  internationalen  Beziehungen  nicht  so  dauernd  werden, ­
  wie  dies  heute  der  Fall  ist.  Wenn  auch  die  hellenistische  Finanzverwaltung
  recht  fortgeschritten  war,  so  traf  man  vielfach  erst  Vorkehrungen, ­
  wenn.man  eben  das  Geld  schon  brauchte  (Aristoteles,
        <pb n="93" />
        Finanzen,  Berufsehre.

85

Politik,  ed.  Sus.  1,4,  6),  wobei  man  keineswegs  immer  sein  Augenmerk ­
  darauf  richtete,  rentenabwerfende  Eigentumsobjekte  zu  schonen,
sondern  z.  B.  recht  leichtfertig  beim  Verkauf  von  Staatsländereien
verfuhr.  Auch  trug  es  nicht  zu  einer  regelmäßigen  Finanzgebarung
bei,  daß  bei  größerem  Geldbedarf  die  Vermehrung  der  Konfiskationen ­
  in  dieser  sowohl  als  am  Schluß  der  vorhergehenden  Epoche
(Lysias,  Gegen  Eratosthenes  6)  als  sehr  naheliegend  angesehen
wurde,  wobei  ein  größeres  Bedürfnis  des  Volkes  nach  staatlichen ­
  Geldzuweisungen  oder  sonstigen  Spenden  als  genügende
Ursache  zu  Eingriffen  erschien.  Besonders  in  Athen  war  diese
üble  Praxis  sehr  durchgebildet.  Das  Vorrücken  der  Geldwirtschaft
bewirkte,  daß  viele  Abgaben  nun  in  Geld  statt  in  natura  erhoben
wurden,  auch  der  Naturallohn  der  Truppen  wurde  zum  großen
Teil  in  Geld  ausgezahlt.  Man  nahm  eben  an,  daß  jeder  Besteuerte
in  irgendeiner  Weise  am  Markte  teilnehme,  und  daß  die  reinen
Hauswirtschaften  zur  Ausnahme  gehörten.  Wo  die  Naturalwirtschaft ­
  noch  vorhanden  war,  wurde  selbstverständlich  die  Erhebung
in  natura  vorgenommen,  wie  denn  überhaupt  die  Grundsteuer
vielfach  Naturalsteuer  blieb.
Die  wirtschaftlichen  Vereinigungen  bekamen  in  der  hellenistischen ­
  Periode  eine  noch  größere  Bedeutung  als  in  der  vorhergehenden, ­
  wenn  sich  auch  ihre  Wirksamkeit  im  einzelnen  keineswegs
genau  bestimmen  läßt.  Neben  der  wirtschaftlichen  Organisation  bestand ­
  wie  auch  fernerhin  gleichzeitig  vielfach  eine  religiöse,  besonders,
wenn  alle  Mitglieder  der  Korporation  landfremd  waren  (S.  50).
Denn  nicht  nur  die  Kaufleute  des  Landes  taten  sich  zu  Korporationen ­
  zusammen,  sondern  auch  die  Fremden.  Zu  den  Kaufmanns- ­
  und  Schifferkorporationen  kamen  auch  bald  die  der  Transporteure. ­

Selbstverständlich  war  es  auch  in  dieser  Epoche  das  vornehmste,
reich  zu  sein  und  Güter  zu  besitzen.  Die  Handarbeit  blieb  etwa
in  jenem  Maße  verachtet,  wie  dies  heute  der  Fall  ist.  Wir  können
sogar  in  Gebieten,  welche  bis  dahin  eine  starke  Wertschätzung  der
Handarbeit  aufwiesen,  in  diesem  Zeitalter  ein  Vordringen  der  Anschauung ­
  der  vornehmen  Griechen  konstatieren.  So  haben  bei  den
Juden  maßgebende  Theologen  der  verschiedensten  Zeitalter,  von
denen  viele  ein  Handwerk  ausübten,  sich  für  das  Handwerk  ausgesprochen ­
  (Sprüche  der  Väter  II,  3):  „Löblich  ist  es,  Wissenschaft
mit  einem  Gewerbe  zu  verbinden,  denn  das  Streben  nach  beidem
läßt  die  Sünde  vergessen,  aber  nur  Wissenschaft,  ohne  daß  sie  mit
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        86  Fünftes  Kapitel.  Das  griechisch-orientalische  Wirtschaftssystem.
einer  andern  Beschäftigung  abwechselt,  muß  endlich  aufhören,
Wissenschaft  zu  sein,  und  führt  zu  Verkehrtem."  Abfällige  Äußerungen ­
  finden  sich  bis  zur  Zeit  des  Hellenismus  mehr  andeutungsweise, ­
  unter  seinem  Einfluß  scheinen  sie  allmählich  an  Schärfe  gewonnen ­
  zu  haben.  So  gibt  es  in  den  Sprüchen  Jesus',  Sohn  des
Sirach,  eine  Stelle,  die  den  abfälligsten  Äußerungen  griechischer
Philosophen  an  die  Seite  zu  setzen  wäre,  wobei  aber  gleichzeitig
die  unbedingte  Notwendigkeit  der  Handwerker  anerkannt  wird:
XXXVIII.  24.  Die  Weisheit  des  Schriftgelehrten  stellt  sich  ein  bei  günstiger ­
  Mußezeit,
und  der,  der  kein  Geschäft  hat,  wird  weise  werden.
26.  Wie  kann  weise  werden,  wer  den  Pflug  regiert,
und  der  sich  rühmt,  die  Lanze  des  Ochsenstachels  zu  führen? ­
  —
27.  Ebenso  ist's  mit  irgendeinem  Bauarbeiter  und  Baumeister,
der  ja  bei  Nacht  durcharbeitet  wie  am  Tage;
28.  Ebenso  ist  es  mit  dem  Schmied,  der  nahe  beim  Ambos  sitzt
und  die  eisernen  Werkzeuge  untersucht.
Der  Rauch  der  Feuers  bringt  ihm  sein  Fleisch  zum  Aufspringen,
und  es  wird  ihm  glühendheiß  durch  die  Hitze  des  Ofens.
Das  Getöse  des  Hammers  macht  sein  Ohr  taub,  ....
2'J.  Ebenso  ist's  mit  dem  Töpfer,  der  bei  seiner  Arbeit  sitzt
und  mit  seinen  Füßen  die  Scheibe  dreht,
der  sich  wegen  seiner  Arbeit  immerfort  in  Sorge  befindet,
und  dessen  ganze  Arbeit  sich  um  die  zu  liefernde  Zayl
dreht  ....

31.  Alle  diese  verlassen  sich  auf  ihre  Hände,
und  ein  jeder  versteht  sich  gut  auf  sein  Geschäft.
32.  Ohne  sie  wird  keine  Stadt  gebaut,
und  wenn  sie  sogar  am  fremden  Ort  wohnen,  brauchen
sie  doch  nicht  zu  hungern.
33.  Doch  bei  der  Volksberatung  verlangt  man  sie  nicht,
und  in  der  Gemeindeversammlung  tun  sie  sich  nicht  hervor,
und  auf  den  Gesetzbund  verstehen  sie  sich  nicht,
auf  dem  Stuhle  des  Richters  sitzen  sie  nicht.
Auch  bringen  sie  nicht  Gerechtigkeit  und  Recht  an  den  Tag,
und  bei  weisen  Sprüchen  sind  sie  nicht  zu  finden.
34.  Aber  die  ewige  Schöpfung  erhalten  sie  in  ihrem  Bestand,
und  ihr  Gebet  dreht  sich  um  die  Betreibung  ihres  Gewerbes.
Die  freie  Arbeit  hat  sonst  sowie  fernerhin  in  diesem  Zeitalter ­
  eine  ziemliche  Bedeutung  gehabt.  Sowohl  in  Griechenland,
z.  B.  in  Korinth  (Polybius  XXXVIII,  4)  als  auch  in  Ägypten
war  die  freie  Arbeit  sehr  verbreitet.  Von  großen  Sklaven-
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        Berufsehre,  Sklaverei.

87

Massen  ist  im  allgemeinen  nicht  die  Rede.  Soweit  wir  genauere
Berichte  besitzen,  scheinen  bessere  Haushaltungen  z.  B.  in  Ägypten
1—4  Sklaven  gehabt  zu  haben,  was  ungefähr  dem  heutigen
Bedarf  an  Dienstboten  entspricht.  Nur  im  Fabriksbetriebe,  in
den  Bergwerken  und  im  Handel  nahmen  sie  die  mehrfach  geschilderte ­
  Stellung  ein  (S.  73).  Der  Sklavenzuwachs  in  dieser
Epoche  war  nicht  sehr  groß,  da  die  Feldzüge  Alexanders  z.  B.
lange  nicht  so  viele  Sklaven  lieferten,  als  der  damaligen  Kriegstechnik ­
  entsprochen  hätte.  Er  behandelte  die  Orientalen  im  allgemeinen ­
  mit  Schonung  und  ließ  nur  ausnahmsweise  größere  Massen
in  die  Sklaverei  verkaufen,  so  nach  der  Erstürmung  von  Tyrus
—  nachdem  die  Jungmannschaft  hingerichtet  worden  war  (Diodor
  XVII,  46),  oder  nach  der  von  Gaza  (Arrian,  Anabasis  II,  27).
Zu  den  Ländern,  die  durch  die  hellenistische  Epoche  besonders  gefördert ­
  wurden,  gehörten  Syrien,  Mesopotamien  und  Ägypten,
ohne  daß  es  aber  dabei  zur  Schaffung  eigentlich  neuer  Wirtschaftsformen
  gekommen  wäre.  Die  Stadt  Alexandria  war  schon  durch
ihre  Anlagen  hervorragend,  regelmäßig  gebaute  Quartiere  gaben
ihr  ein  modernes  Aussehen,  ein  prächtiger  Hafen  mit  riesigen
Dämmen  lockte  die  Schiffer  herbei,  gewaltige  Lagerbausanlagen
förderten  den  Großhandel  (Strabo  XVII,  1).  Wie  Antiochia
(S.  80)  den  Handel  mit  Mittelasien  und  Mesopotamien  zum
Teil  in  der  Hand  hatte,  so  beherrschte  Alexandria  den  Handel
mit  Arabien  und  Indien.  Abgesehen  davon,  daß  Alexandria
selbst  zahlreiche  industrielle  Etablissements  in  seinen  Mauern  beherbergte, ­
  verfrachtete  es  die  Zerealienschätze  Ägyptens  sowie  die
auf  dem  stachen  Lande  und  in  den  andern  Städten  erzeugten  Jndustriewaren.
  Dies  wurde  durch  die  überaus  günstige  Lage  am
Nil  unterstützt,  die  in  gewissem  Sinne  einzigartig  war,  da  keine
der  andern  großen  Städte  in  ähnlicher  Weise  an  einem  so  großen
und  als  Verkehrsweg  so  brauchbaren  Flusse  lag.  Hierher  kamen
Waren  aus  dem  ganzen  Okzident  und  Orient  (Küstenfahrt  im
Erythräischen  Meere),  und  so  erschien  Alexandria  als  der  Stapelplatz ­
  für  die  Güter  der  ganzen  Erde,  als  ein  Marktplatz  aller
Nationen  (Dio  v.  Prusa  XXXII,  36).  Die  Ptolemäer  nahmen
"  alte  Traditionen  wieder  auf,  als  sie  den  Kanal  eröffneten,  an  dem
Necho  gebaut  (S.  13)  und  mit  dem  sich  auch  Darius  beschäftigt
hatte.  Es  wurden  Hafenanlagen  errichtet,  so  z.  B.  in  der  Nähe
des  heutigen  Suez  bei  Arsinoë.  Auch  Stapelplätze  und  Faktoreien,
zum  Teil  mit  militärischer  Besatzung,  wurden  an  der  Ostküste
        <pb n="96" />
        88  Fünftes  Kapitel.  Das  griechisch-orientalische  Wirtschaftssystem.
Afrikas  angelegt,  die  sowohl  als  Stationen  dem  Handel  mit  dem
Innern  als  auch  dem  Seehandel  dienen  sollten  und  zur  Römerzeit ­
  für  die  Arabien-  und  Jndienfahrer  von  großer  Bedeutung
wurden  (S.  126).
Da  die  Ptolemäer  im  Gegensatz  zu  Alexander  an  die  Hellenisierung
  Ägyptens  und  nicht  an  eine  Verschmelzung  der  Orientalen
mit  den  Griechen  dachten,  blieb  ihnen  nichts  anderes  übrig,  als
sich  auf  ein  straff  organisiertes  Beamtenheer  und  die  Armee  zu
stützen.  Die  Ptolemäer  siedelten  ihre  Truppen  zum  Teil  in
Ägypten,  meist  auf  bereits  bebautem  Boden,  an  und  vermieden
so  die  Gefahr,  daß  die  entlassenen  Truppenmassen,  zu  Räuberbanden ­
  vereinigt,  weite  Landstrecken  unsicher  machten  (Diodor
XVII,  111)  oder  sofort  zum  Gegner  übergingen.  In  Kriegszeiten
konnten  große  Mengen  von  Söldnern  mit  Hilfe  der  Söldnermärkte
zusammengebracht  werden,  die  es  in  großer  Zahl  im  Bereich  des
Ägäischen  Meeres  gab  (Polybius  V,  63.).  Unter  diesen  Söldnern
fand  man  Athener,  Böoter,  Spartaner,  Arkader,  Achäer  und  Thessaler,
auch  Thrazier,  Syrakusaner,  Pamphyler  und  Galater  (Pausanias,
Beschreibung  von  Griechenland  I,  7).  Die  Soldtruppen  wurden
meist  auf  den  auswärtigen  Posten  verwendet  sowie  zum  Schutze
der  oben  erwähnten  Handelsfaktoreien  (S.87)  oder  um  z.B.  Elephantenjagden ­
  zu  sichern  (Strabo  XVI,  4).  Im  zweiten  Jahrhundert,
als  Syrien  bereits  Ägypten  bedrohte  und  die  Römer  intervenierten
(S.  97),  erhielten  nicht  nur  die  ausgedienten  Soldaten  Land  angewiesen, ­
  sondern,  was  vorher  nur  gelegentlich  geschah,  wie  zur
Pharaonenzeit,  auch  die  im  Dienst  befindlichen.  All  das  trug  dazu
bei,  ein  immer  wüsteres  Völkerchaos  in  Ägypten  zu  schaffen  (S.  82),
aus  dem  dann  später  die  ägyptischen  Legionen  der  Römer  gebildet
wurden.
Die  Aufstellung  großer  Heere,  die  Förderung  von  Handel  und
Verkehr  machten  eine  ausgedehnte  Finanzverwaltung  notwendig, ­
  die  zum  Teil  an  alte  naturalwirtschaftliche  Traditionen
anknüpfen  konnte.  Alexander  übergab  die  ägyptische  Finanzverwaltung ­
  dem  Kleomenes,  der  den  einzelnen  Distrikten  eine  gewisse
Autonomie  lassen  sollte  (Arrian,  Anabasis  III,  5).  Kleomenes
scheint  den  Getreidehandel,  soweit  man  aus  den  Berichten  der
pseudoaristotelischen  Wirtschaftslehre  entnehmen  kann,  derart  zentralisiert ­
  zu  haben,  daß  er  die  Marktverhältnisse  auf  dem  Mittelmeere
  zugunsten  der  Staatskasse  und  der  Ägypter  ausnutzte.  So
rief  er  eine  Stauung  des  Getreides  in  Ägypten  hervor,  wodurch
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        Finanzen,  Kolonisation.

89

die  Inlandspreise  sanken,  während  sie  im  Absatzgebiete,  besonders
in  Griechenland  stiegen.  Große  Einnahmen  sicherte  den  Ptolemäern ­
  der  ausgedehnte  Domänialbesitz,  gewisse  Monopole,  so  das
Salzmonopol  und  ausgedehnte  alte  Fischereirechte,  sowie  die  zahlreichen ­
  Gebühren  und  Steuern.  Die  Steuern  und  Staatsmonopole ­
  wurden  meist,  wie  in  Griechenland  und  Rom,  verpachtet,  der
Pachtvertrag  wurde  gemeinbin  mit  einer  Person  abgeschlossen,
doch  waren  —  die  juristische  Konstruktion  war  eine  verschiedenartige ­
  —  noch  andere  Personen  daran  beteiligt.  Wir  finden  in
Ägypten  Vermögenssteuern,  Grundsteuern,  die  vorwiegend  in  natura
gezahlt  wurden,  Gebäudesteuern,  Gewerbesteuern,  auch  Verkehrsund ­
  Verbrauchssteuern.  Auch  wurden  Steuern  erhoben,  die  den
Charakter  von  Einkommensteuern  halten,  sowie  überdies  mancherlei
Beiträge,  so  zur  Instandhaltung  der  Dämme,  zu  welchem  Zweck
auch  persönliche  Dienstverpflichtungen  bestanden.  Ein  Teil  der
Steuern  wurde  in  natura  erhoben,  und  eigene  Transportgesellschaften ­
  verfrachteten  die  Getreidemassen  der  Staatsspeicher  sowie
jene  der  Privatmagazine.  Selbstverständlich  konnten  alle  diese
Einrichtungen  nur  bei  einer  gut  geführten  Statistik  bestehen.).  Die
ägyptische  Regierungsstatistik  war  denn  auch  mustergültig  und
wurde  sicherlich  von  keinem  Staat  des  Altertums,  vielleicht  in
manchem  noch  nicht  einmal  von  den  modernen  Staaten,  übertroffen. ­
  Die  Personalnachweise  der  Volkszählungen  waren  sehr
weitgehend,  ebenso  war  der  Kataster  ausgezeichnet  ausgearbeitet.
Daß  auch  in  dieser  Zeit  der  Verrechnungsapparat  (S.  9)  trefflich ­
  funktionierte,  entsprach  nur  der  Tradition.  Wir  kennen  Quittungen ­
  aller  Art,  solche  der  Staatskassen  an  die  Steuererheber,
ebenso  solche  der  Steuererheber  an  die  Steuerzahler,  sei  es,  daß
es  sich  um  Zahlung  in  Naturalien  oder  in  Geld  handelte.
Während  in  Ägypten  die  Kolonisation  der  Ptolemäer  infolge
der  dichten  Bevölkerung  nur  gering  sein  konnte,  war  sie  im  Osten
überaus  ausgedehnt,  so  haben  z.  B.  die  Seleukiden  eine  Stadt
nach  der  anderen  gegründet.  (Appian,  Syrische  Geschichte  57).
Dabei  wurden,  wie  denn  die  Antike  überhaupt  altes  Herkommen
wenig  schonte,  Umsiedlungen  aller  Art  vorgenommen,  kurz  vorher
gegründete  Städte  wieder  dem  Untergang  preisgegeben  und  die
Einwohner  in  eine  neue  Stadt  versetzt.  (Diodor  XX,  48).  In
Syrien  und  Mesopotamien  war  mehr  Platz  zum  Kolonisieren,  weil
bisher  die  Städte,  trotz  der  nicht  geringen  Kultur,  nicht  allzudicht
nebeneinander  lagen.  Nach  Medien  und  Parthien  zu  nahm  die
        <pb n="98" />
        90  Fünftes  Kapitel.  Das  griechisch-orientalische  Wirtschaftssystem.
Zahl  der  Kolonien  ab,  doch  reichte  die  Einflußsphäre  des  Hellenismus ­
  jedenfalls  bis  nach  Indien.  Es  dauerte  aber  nicht  lange,
und  ein  weiterer  Zerfall  erfolgte  hier  wie  im  Westen,  auch  schrankte
eine  neue  Macht  das  Vordringen  des  Hellenismus  eiu,  eine  Macht,
die  sich  später  selbst  den  Römern  gewachsen  zeigte  und  die  einzige
Großmacht  neben  ihnen  war:  die  der  Parther.
Die  Bedeutung  der  Städte  des  griechischen  Festlandes
war  in  dieser  Periode  geringer  geworden  (S.  80).  Philipp  beließ
zwar  Athen  einen  Teil  seiner  Kolonien,  so  Samos  und  Lemnos,
auch  blieb  Athens  Bedeutung  als  Handels-  und  Industriemacht
eine  hervorragende,  die  Bauten  früherer  Zeiten  wurden  fortgesetzt,
so  z.  B.  der  Piräus  bedeutend  erweitert,  aber  in  den  Kämpfen
nach  Alexanders  Tode  fand  die  athenische  Flotte  bei  Amorogos
in  einer  Schlacht  gegen  die  mazedonische  ihren  Untergang,  womit
die  Seemacht  Athens  endgültig  gebrochen  war.
In  Sparta  hatten  sich  die  Zustände  der  vorigen  Epoche  nur
noch  weiter  verschärft.  Die  Zahl  der  vollberechtigten  Spartiaten
war  immer  kleiner  geworden,  immer  größere  Reichtümer,  nicht
nur  an  Grundstücken,  sondern  auch  an  Edelmetall  (Plutarch,Agis  3)
sammelten  sich  in  den  Händen  weniger,  die  Geldwirtschaft  mit
allen  ihren  Folgen  für  ein  vorwiegend  agrarisches  Land  stellte
sich  ein.  Die  Verschuldung  der  kleinen  und  großen  Grundbesitzer
nahm  unaufhaltsam  zu  und  ebenso  die  Zahl  der  besitzlosen  Proletarier, ­
  die  auf  die  Revolution  lauerten  (Plutarch,  Agis  5).  Ein
spartanischer  König,  Agis,  war  es,  der  in  der  zweiten  Hälfte  des
3.  Jahrhunderts  hier  eingreifen  wollte.  Die  besitzlosen  Massen
sollten  durch  Güterverteilung  befriedigt  werden,  die  verschuldeten
Güter  durch  einen  Schuldennachlaß  entschuldet  werden,  zwei
Ziele,  die  auch  andere  Reformatoren  verfolgten  (Diodor  XIX,  9),
wodurch  aber  nur  augenblicklich  geholfen  werden,  die  gleichen  Forderungen ­
  für  die  Zukunft  nicht  beseitigt  werden  konnten  (Polybius
XIII,  1).  Durch  die  ebenfalls  beabsichtigte  Neuaufnahme  von
Bürgern  (Plutarch,  Agis  8)  sollte  das  alte  Spartiateutum,  wie
man  das  nannte,  wieder  hergestellt  werden  (Plutarch,  Agis  4).
Trotz  Widerstand  in  den  konservativen  Bevölkerungsschichten  und
bei  den  Geldleuten  fand  der  König  genug  Anhang,  insbesondere
bei  seinen  Verwandten.  Unter  letzteren  war  aber  einer,  dem  es
sehr  gelegen  kam,  seine  Güter  zu  entschulden,  der  aber  gar  kein
Interesse  daran  hatte,  etwas  abzugeben.  Dieser  redete  nun  dem
Könige  zu,  daß  man  Reformen  schrittweise  durchführen  müsse,
        <pb n="99" />
        Sparta,  Rhodus.

91

und  empfahl  ihm,  „damit  die  Staatsumwälzung  nicht  zu  groß
wäre",  mit  dem  Schuldennachlaß  zu  beginnen  und  die  Güteroerteilung ­
  „zunächst"  zu  unterlassen  (Plutarch,  Agis  13).  So  geschah ­
  es,  und  die  Genarrten  waren  das  besitzlose  Proletariat  und
die  Geldleute,  die  hier  beide  zusammen  den  Agrariern  gegenüberstanden. ­
  Diese  Bewegung  fand  bald  darauf  zunächst  ihr
Ende.
Was  Agis  nicht  durchgeführt  hatte,  gelang  dem  spartanischen
König  Kleomenes,  der  nach  glücklich  geführtem  Krieg  einen  Staatsstreich ­
  wagte  und  dann  die  Neuverteilung  des  Grundbesitzes
ebenso  durchsetzte  wie  die  Aufnahme  neuer  Bürger,  freilich  sollten
diese  Reformen  nicht  von  langer  Dauer  sein,  da  die  äußere  Politik
neue  Verwicklungen  brachte  und  Sparta  zum  erstenmal  seit  seinem
Bestände  fremde  Truppen  innerhalb  seiner  Mauern  sah.  Die  Machtverhältnisse ­
  des  Mittelmeerbeckens  wurden  nun  neu  verteilt,  drüben
in  Italien  standen  Rom  und  Karthago  einander  gegenüber,  in
Griechenland  war  Philipp  von  Mazedonien  Herr.  Schon  befanden
sich  römische  Truppen  in  Jllyrien,  und  es  mußte  in  kürzester  Zeit
zum  Zusammenstoß  kommen.
Die  ersten  Verwicklungen  Athens  mit  Philipp  brachten  den
Rhodiern  die  volle  Freiheit,  die  sie  freilich  nicht  lange  nutzen
konnten,  da  sie  dem  Staate  des  Mausollos  in  Kleinasien  angegliedert ­
  wurden  und  von  da  ab  mit  dem  Osten  in  nähere  Beziehung ­
  als  mit  dem  Westen  traten.  Die  Kornschiffe,  die  von
Ägypten  nach  Athen  fuhren,  mußten  in  Rhodus  hohe  Zölle  zahlen,
wodurch  das  Kornmonopol  Alhens  fiel,  das  freilich  auch  bereits
Byzanz  und  andere  Städte  durchbrochen  hatten  (Demosthenes,
Rede  über  den  Frieden).  Als  Persien  durch  Alexander  besiegt  worden
war,  unterwarf  Rhodus  sich  dem  Sieger,  der  die  Entstehung  einergemäßigten
  Demokratie  förderte.  Den  Ruhm  dieser  Demokratie
verkündeten  noch  die  nächsten  Jahrhunderte.  Dabei  behielt  Rhodus
eine  gewisse  Selbständigkeit  und  schlug  z.  B.  eigene  Münzen.  Als
Alexander  gestorben  war,  wurde  Rhodus  wieder  eine  freie  Stadt,
die  keine  mazedonische  Garnison  mehr  in  ihren  Mauern  duldete.
Sie  entwickelte  sich  auf  Kosten  Athens  und  bewirkte,  daß  viele
Städte  ihr  Münzsystem  rezipierten.  Da  Tyrus  durch  Alexander
dauernd  geschädigt  worden  war,  bekam  Rhodus  den  Handel  zwischen
Ägypten  und  Griechenland  fast  allein  in  die  Hand.  Diese  Stellung
konnte  es  im  allgemeinen  nur  bei  strengster  Neutralität  bewahren,
die  aber  nicht  hindern  konnte,  daß  Demetrius,  der  erste  Kriegs-
        <pb n="100" />
        92  Fünftes  Kapitel.  Das  griechisch-orientalische  Wirtschaftssystem.
Maschinenkonstrukteur  seiner  Zeit,  die  Stadt  zu  Wasser  und  zu
Land  belagerte.  Aber  auch  hier  zeigt  sich  die  Größe  von  Rhodus.
Die  Stadt  widerstand  siegreich,  obzwar  sich  die  Seeräuber,  die
von  der  Stadt  so  oft  gezüchtigt  worden  waren,  dem  Demetrius
angeschlossen  hatten.  Dieser  glückliche  Ausgang  hob  das  Ansehen
der  Rhodier  ungeheuer,  und  sie  wußten  es  auf  dem  Weltmärkte
mit  Geschick  in  bare  Münze  umzusetzen.  Im  3.  Jahrhundert  bildete ­
  sich  eine  Art  rhodischer  Hegemonie  heraus,  die  Rhodus  dazu
benutzte,  den  Tempel  von  Delos  und  den  dortigen  Markt  seiner
Machtsphäre  einzugliedern,  was  selbstverständlich  mit  erheblichen
Vorteilen  verknüpft  war.  Die  Rhodier  traten  nun  häufig  als
Schutzmacht  der  übrigen  Handelsstädte  auf,  die  sich  dies  gerne  gegefallen
  ließen.  Als  z.  B.  Byzanz  sich  infolge  großer  Tributzahlungen, ­
  die  es  an  kriegerische  Küstenvölker  zu  leisten  hatte,  am
Ende  des  3.  Jahrhunderts  in  übler  materieller  Lage  befand,  erhob ­
  es,  gestützt  auf  seine  ausgezeichnete  Lage  (Polybius  IV,  38)
am  Ausgange  der  Propontis  einen  Durchfahrtszoll  (Polybius
IV,  46),  wie  das  auch  seinerzeit  die  Athener  mehrfach  getan  hatten
(S.  65).  Unter  Führung  der  Rhodier  erzwangen  die  Handelsstaaten ­
  die  freie  Durchfahrt  (Polybius  IV,  47  ff.).  Dieses  Vorgehen ­
  der  Byzantiner  entsprach  übrigens  ganz  der  damaligen  Art
der  Staaten,  gewaltsame  Eingriffe  vorzunehmen,  sowohl  Bürgern
als  auch  Fremden  gegenüber.  Benötigte  Byzanz  z.  B.  Getreide,  so
zwang  es  einfach  die  durchfahrenden  Kaufleute,  an  die  Gemeinde
Getreide  zu  verkaufen,  das  es  dann  an  die  Bürger  verteilte,  wobei ­
  man  sich  gar  kein  Gewissen  daraus  machte,  das  Geld  noch
überdies  schuldig  zu  bleiben,  andererseits  mußten  die  Kaufleute
noch  froh  sein,  wenn  man  ihnen  die  Schuld  entsprechend  verzinste.
Es  was  dies  eine  etwas  sonderbare  Art,  bei  Landfremden  eine
verzinsliche  Zwangsanleihe  aufzunehmen  (Pseudo-Aristoteles  H,
Wirtschaftslehre  II,  3).
Kyrenewar  den  mazedonischen  Herrschern  ohne  große  Schwierigkeit ­
  zugleich  mit  Ägypten  zugefallen  (Arrian,  Anabasis  VH,  9).
Es  war  nicht  mehr  völlig  auf  jener  Höhe,  die  es  in  der  vorigen
Epoche  noch  innegehabt  hatte.  Die  Entfaltung  der  Industrie  und
des  Handels  machte  Kyrene  zu  einem  Stapelplatz  für  die  Oasen
Nordafrikas,  denen  es  europäische  Waren  zuführte.  Daneben  trieb
es  einen  regen  Export,  so  verkaufte  es  Silphion,  Straußfedern,
Honig,  Wolle,  Felle  und  vieles  andere.  Von  den  Ptolemäern  fiel
Kyrene  durch  ein  Testament  an  die  Römer,  die  es  zunächst  für
        <pb n="101" />
        Sechstes  Kapitel.  Die  Entwicklung  der  römischen  Weltwirtschaft.  93
frei  erklärten,  bis  es  im  1.  Jahrhundert  v.  CH.  eine  römische
Provinz  wurde.  Es  verfiel  nun,  wie  soviel  Städte  seiner  Zeit,
schon  Plinius  weiß  nichts  mehr  von  dem  früher  so  bedeutenden
Silphionhandel  (Naturgeschichte  XIX  3,15).  Unter  Kaiser  Trajan
kam  es  zu  einem  Kampf  zwischen  Juden  und  den  ansässigen  Griechen
und  Römern  (Dio  Cassius  LVIH,  32),  der  mit  dazu  beitrug,  die
Entvölkerung  zu  beschleunigen.  Von  da  ab  ist  Kyrene  das  typische
Bild  der  verfallenden  Grenzstadt.  Unglücksfälle,  die  ein  lebenskräftiges ­
  Volk  ertragen  hätte,  übten  eine  vernichtende  Wirkung,
die  Widerstandskraft  gegen  die  Wüstenstämme  sank,  und  der  Untergang ­
  kam,  als  sich  die  römische  Herrschaft  ihrem  Ende  zuneigte,
Rom  vermochte  das  Erbe  des  Hellenismus  nicht  dauernd  zu  bewahren. ­

Sechstes  Kapitel.
Die  Entwicklung  der  römischen  Weltwirtschaft.
(Vis  Ende  des  1.  Jahrhunderts  v.  Chr.)
Die  Kriegskunst  ist  ein  Teil  der  Erwerbskunst.
Aristoteles,  PolitikI,  3,  8.
Es  ist  schon  Autoren  des  Altertums  aufgefallen,  daß  der  Handel
bereits  in  frühen  Zeiten  der  römischen  Geschichte  eine  Rolle  spielte
(Plutarch,  Erörterungen  über  römische  Gebräuche  41).  Dies  rührt
daher,  daß  wir  Rom  erst  in  einem  weit  späteren  Stadium  als
Griechenland  oder  gar  den  Orient  aus  der  Überlieferung  kennen.
Dabei  hat  sich  in  Rom  die  Bedeutung  der  agrarischen  Kreise  verhältnismäßig ­
  lange  erhalten.  Die  Verbindung  dieser  beiden  Entwicklungen, ­
  der  agrarischen  und  der  geldwirtschaftlichen,  hat  zum
Teil  Roms  Entwicklung  bestimmt.  Der  Ackerbau  Roms  ist  nicht
in  handelspolitischer  Richtung  bedeutsam  geworden,  sondern  dadurch, ­
  daß  die  römischen  Bauern  lange  eine  der  besten  Armeen
der  damaligen  Welt  stellen  konnten.  Diese  militärische  Übermacht
hat  die  wirtschaftliche  begründet,  und  was  die  Bauern  begonnen
hatten,  wurde  später  durch  Proletarier  und  Söldner  vollendet.
Diese  militärische  Macht  bewirkte  es  auch  zum  Teil,  daß  sich  Rom
selbst  nie  zu  einem  Industriezentrum  ersten  Ranges  wie  so  viele
griechische  und  hellenistische  Städte  entwickelte.  Die  Einnahmen
aus  den  eroberten  Provinzen,  aus  den  Geldgeschäften  sowie  die
direkten  Lieferungen  ermöglichten  es  Rom,  dauernd  eine  negative
Handelsbilanz  haben  zu  können.  Durch  Waren  zahlte  Rom  nur
        <pb n="102" />
        94  Sechstes  Kapitel.  Die  Entwicklung  der  römischen  Weltwirtschaft.
einen  Teil  des  Imports.  Die  römische  Expansion  war  zunächst,
wie  es  scheint,  vorwiegend  defensiver  Art,  man  wollte  unruhige
Nachbarn  los  werden,  bald  aber  sah  man  die  Vorteile  ein  und
verwendete  die  Kriege  dazu,  den  Haussöhnen,  die  nicht  Platz  auf
dem  väterlichen  Gute  hatten,  eine  Hufe  zu  verschaffen,  den  Großgrundbesitzern ­
  einen  Zuwachs  zu  ihren  Gütern  zu  gewähren.  Bündnisse ­
  und  Eroberung  vergrößerten  die  römische  Einflußsphäre  überaus ­
  rasch.  Bereits  im  4.  Jahrhundert  mußte  Rom  stark  auf
den  Handel  bedacht  sein,  da  es  Caere,  eine  hervorragende  Handelsstadt, ­
  seinem  Gebiete  angegliedert  hatte.  Die  frühzeitige  Bedeutung
Roms  auf  dem  Gebiete  des  Handels  kann  man  zum  Teil  auch
aus  den  Handelsverträgen  mit  Karthago  entnehmen,  deren  Datierung ­
  freilich  bis  jetzt  nicht  einwandfrei  feststeht  (Polybius  III,  22).
Die  eigene  Handelsflotte  der  Römer  war  zwar  nicht  allzu  groß,
aber  sie  verwendeten  frühzeitig  die  der  unterworfenen  Griechenstädte, ­
  so  im  4.  Jahrhundert  diejenige  Neapels.
Die  Art  und  Weise,  wie  Rom  sich  neue  Gebiete  angliederte,
war  sehr  verschiedenartig,  bald  behandelte  man  gewisse  Gebiete
fast  wie  das  eigene,  nahm  abhängige  Gemeinden  in  den  eigenen
Verband  auf,  bald  wieder  suchte  man  den  früheren  Gegner  völlig
zu  vernichten.  Charakteristisch  für  alle  Zeiten  ist  aber  die  Tendenz, ­
  durch  vorgeschobene  Posten  die  politische  Macht  zu  sichern.
Es  entstanden  so  Kolonien,  welche  den  griechischen  recht  unähnlich ­
  waren  und  am  ehesten  noch  mit  den  Kleruchien  verglichen
werden  könnten.  Mit  den  hellenistischen  Gründungen  haben  sie
insofern  eine  gewisse  Verwandtschaft,  als  auch  diese  im  Reichsverbande
  standen,  doch  waren  sie  nicht  wie  die  römischen  vorwiegend ­
  militärisch.  Die  römischen  Kolonien  sollten  neue  Bauern
und  neue  Soldaten  schaffen  und  Römer  über  das  besetzte  Gebiet
hin  verstreuen.  Daß  damit  zugleich  auch  eine  Ansiedlungspolitik
verbunden  war,  erwähnten  wir  bereits.  Es  läßt  sich  natürlich
nicht  in  jedem  einzelnen  Falle  entscheiden,  wieweit  militärische
Momente,  wieweit  Landhunger  bei  jeder  Gründung  mitspielten.
So  wie  die  militärischen  Interessen  hier  den  agrarischen  begegneten, ­
  so  auch  in  gewissem  Sinne  denen  des  Handels,  indem  für
gute  Straßen  Sorge  getragen  wurde.  So  hatte  die  Straße  von
Rom  nach  Capua,  die  via  Appia,  sowohl  für  den  Krieg  als  auch
für  den  Handelsverkehr  große  Bedeutung.
Die  innere  Entwicklung  war  zunächst  durch  den  Kampf
zwischen  den  Großbauern,  die  vorwiegend  den  alten  Geschlechtern
        <pb n="103" />
        Kolonien,  Expansion

95

angehörten,  und  den  kleinen  Bauern  bedingt.  Schon  vor  dem
4.  Jahrhundert  scheint  ein  Teil  der  bäuerlichen  Bevölkerung,  der
ehemals  wohl  abhängig  war,  zu  vollem  Eigentum  gekommen  zu
sein  und  suchte  nun  Schritt  für  Schritt  die  politische  Macht  der
alten  Geschlechter,  der  Patrizier,  zu  brechen.  Allmählich  traten
neue  Parteien  hervor,  so  die  grundbesitzlosen  Handwerker  und
Arbeiter  auf  der  einen,  die  grnndbesitzlosen  Geldleute  aus  der  andern
Seite.  Am  Ende  des  4.  Jahrhunderts  mußte  auf  diese  Kreise  immer
mehr  Rücksicht  genommen  werden,  wobei  die  agrarische  Opposition
freilich  immer  wieder  große  Erfolge  erzielte  und  manche  kaum
errungene  Position  den  neuen  Klassen  wieder  abnahm.  So  suchte
man  z.  B.  die  Macht  der  Geldbesitzer  und  die  der  Freigelassenen
dadurch  zu  brechen,  daß  man  sie  auf  einige  wenige  Stimmbezirke
verteilte.  Die  Geldwirtschaft  drang  aber  dessenungeachtet  unaufhaltsam ­
  vor,  zum  Teil  deshalb,  weil  die  Großgrundbesitzer  selbst
sich  dem  Geldgeschäft  und  dem  Handel  widmeten  und  weil  die
direkt  politisch  machtlosen  Kreise  der  Geldbesitzer  als  Pachter  von
Zöllen  und  Steuern  indirekt  ihren  Einfluß  geltend  zu  machen
wußten  (Ş.  113).  Im  Zeitalter  der  Punischen  Kriege  sind  die
Handelsinteressen  bereits  sehr  wichtig  (Appian,  Spanische  Geschichte ­
  4).
Nachdem  die  Römer  die  Etruskermacht  völlig  gebrochen  hatten,
die  eingefallenen  Nordvölker  zurückgewiesen  und  Mittelitalien  ihrem
Gebiet  angegliedert  hatten,  kam  es  zum  Kampfe  mit  den  unteritalischen ­
  Griechenstädten,  so  mit  Tarent  (Diodor  XX,  104).
Die  Bauernlegionen  zeigten  sich  den  mit  reichen  Geldmitteln  geworbenen ­
  Söldnerheeren  gewachsen.  Damals  stießen  die  Römer  auch  mit
den  Mächten  des  Ostens  zusammen,  da  Pyrrhus  von  Epirus  in  der
ersten  Hälfte  des  3.  Jahrhunderts  den  Tarentinern  zu  Hilfe  kam.
Da  die  Griechen  und  Pyrrhus  in  Sizilien  und  Unteritalien  gleichzeitig ­
  gegen  Rom  und  Karthago  im  Felde  lagen,  verbündeten  sich
diese  beiden,  wobei  im  Vertrage  Rom  als  Landmacht,  Karthago
als  Seemacht  zur  Geltung  kam.  Die  unteritalischen  Städte
wurden  bald  von  Pyrrhus  verlassen  und  fielen  den  Römern  zu,
damit  war  der  größte  Teil  Italiens  römisch  geworden,  und  es  mußte
die  Entscheidung  fallen,  ob  man  in  Sizilien  die  Karthager  herrschen ­
  lassen  oder  selbst  die  Macht  an  sich  reißen  wolle.  Der  Vorteil, ­
  der  für  den  einzelnen  und  für  die  Gesamtheit  zu  erwarten
war,  entschied  für  den  Krieg  (Polybins  I,  11),  in  dem  die  alte
Handelsstadt  unterlag.
        <pb n="104" />
        96  Sechstes  Kapitel.  Die  Entwicklung  der  römischen  Weltwirtschaft.
r  Als  die  vordringenden  Perser  Phönikien  ihrem  Reiche  einverleibten, ­
  als  die  Griechen  die  phönikischen  Faktoreien  überall
zurückdrängten  und  ihnen  Konkurrenz  machten,  gelang  es  der
Kolonie  Karthago,  die  Hegemonie  im  Westen  an  sich  zu  reißen
und  erfolgreich  Südspanien,  Westsizilien  und  Nordafrika  zu  behaupten ­
  (Ş.  38).  Bei  jeder  Gelegenheit  gab  die  stolze  Handelsstadt ­
  ihrem  Willen  unzweideutig  Ausdruck,  daß  sie  in  ihrem
westlichen  Bereich  fremden  Handel  entweder  gar  nicht  oder  nur
unter  ganz  bestimmten  Kautelen  dulden  wolle,  die  durch  Handelsverträge ­
  genau  festgelegt  wurden  (Polybius  III,  22  f.).  Als  die
Kriege  der  hellenistischen  Periode  immer  mehr  den  Charakter  von
Nationalkriegen  verloren,  kam  das  Söldnerwesen  auf  (S.  88),  das
bereits  frühzeitig  von  den  Karthagern  ausgenutzt  wurde.  Karthago
war  so  eine  reiche  Handelsstadt  mit  einer  regierenden  Schicht  vornehmer ­
  Geschlechter,  die  sich  alle  mit  Geld-  und  Handelsgeschäften
abgaben  (Aristoteles,  Politik,  ed.  Susem.  VIII,  10,  4),  und  einer
Volksmenge,  die  politisch  wenig  zu  bedeuten  hatte.  Die  unterworfenen ­
  Gebiete  aber  standen  unter  einem  schweren  Druck  und  wurden
mit  vollem  Bewußtsein  ausgebeutet.  Die  nordafrikanischen  Gebiete
wurden,  sobald  man  die  Macht  dazu  hatte,  dem  Plantagenbetrieb
erschlossen,  bei  dem  Sklaven  und  freie  Arbeiter  verwendet  wurden.
Durch  Unterjochung  ehedem  freier  Gebiete  schuf  man  eine  Art
Zinsbauern,  die  den  Kleinbetrieb  fortsetzten,  den  wir  auch  in  der
Kaiserzeit  in  diesen  Gegenden  auf  den  ungeheuer  großen  Besitzungen
wieder  antreffen  (S.  132).  Auch  mußten  diese  Landstriche  Soldaten
liefern,  die  an  den  karthagischen  Kriegen  ebenso  wenig  interessiert
waren  wie  die  als  Krieger  verwendeten  Nubiersklaven  an  den
Kriegen  der  Ägypter  (S.  10).  Die  andern  phönikischen  Städte,
die  dem  karthagischen  Staatsverbande  angehörten,  waren  im  großen ­
  und  ganzen  der  Metropole  gleichgestellt  (Diodor  XX,  55).
Zu  den  alten  phönikischen  Kolonien  in  Spanien  (S.  20)  kamen
bald  neue  Handelsplätze,  in  denen  sich  eine  rege  industrielle  Tätigkeit ­
  entwickelte,  wofür  z.  B.  die  zahlreichen  Handwerker  sprechen
(Polybius  X,  17),  doch  drang  man  zunächst  nicht  tiefer  ins  Land
hinein.  Erst  die  Kriege  mit  Rom  änderten  hier  die  Herrschaftspolitik, ­
  indem  man  Spanien  als  Operationsbasis  und  als  Truppenreservoir ­
  benutzen  lernte.  Auch  hier  -in  Spanien,  ebenso  wie
auf  Sizilien  und  Sardinien,  waren  die  Karthager  einerseits  Handelsleute, ­
  andererseits  Großunternehmer,  welche  diesen  Ländern
an  Rohprodukten  entnahmen,  soviel  sie  konnten.  Neben  Zerealien
        <pb n="105" />
        Karthago,  Provinzen.

97

suchten  sie  besonders  Metalle  zu  erlangen.  Eine  der  reichsten  Städte
der  Welt,  konnte  es  Karthago  mit  allen  Staaten  aufnehmen,  standen ­
  doch  dieser  Stadt  ungeheure  Einkünfte  zur  Verfügung.  Daß
Karthago  auf  Grund  der  Friedensverträge  überaus  große  Summen
nach  Nom  ohne  allzu  große  Schwierigkeiten  zahlen  konnte,  charakterisiert ­
  diesen  Reichtum  am  besten.  Ta  Karthago  die  unterworfenen ­
  Gebiete  nicht  dem  Staatsverbande  einzugliedern  suchte,  wie
dies  Rom  gern  tat,  war  seine  Herrschaft  lange  nicht  so  gefestigt.
Am  wenigsten  zeigten  sich  die  Mängel  der  Staats-  und  Heeresverfassung ­
  auf  dem  Gebiete  der  Marine,  da  hier  in  erster  Reihe
die  Schiffe  entscheidend  waren,  die  selbst  jenen  der  Griechen,  selbstverständlich ­
  jenen  der  Römer  vor  dem  Beginn  der  Punischen  Kriege
in  allen  Stücken  überlegen  waren.
Der  Zusammenstoß  zwischen  Rom  und  Karthago  führte  zu
Kämpfen,  die  mehr  als  hundert  Jahre  in  Anspruch  nahmen.  In
dieser  Zeit  wurde  Rom  immer  mehr  in  die  Händel  des  ganzen
Mittelmeerbeckens  verwickelt.  Nachdem  einmal  die  Grenzen
Italiens  überschritten  waren,  gab  es  kein  Halten  mehr.  Zunächst
suchte  Rom,  nachdem  es  im  3.  Jahrhundert  in  Sizilien  die  erste
Provinz  erworben  hatte,  in  der  Zölle  und  Steuern  erhoben  wurden
(Appian,  Sizitische  Geschichte  2),  noch  in  Italien  selbst  sich  weiter
auszudehnen  und  in  der  durch  ihre  Fruchtbarkeit  berühmten  (Cicero,
über  den  Staat  III,  15)  Poebene  festzusetzen,  dann  aber  kümmerte
man  sich  bereits  um  die  illyrischen  Seeräuber,  schützte  Griechenstädte, ­
  rückte  in  Mazedonien  ein,  okkupierte  im  weitern  Verlauf  der
Kämpfe  mit  Karthago  am  Anfang  des  2.  Jahrhunderts  Spanien
und  verkündete  gleichzeitig  die  Freiheit  der  Griechen.  Krieg  auf
Krieg  mit  den  hellenistischen  Reichen  folgte,  bis  schließlich  die  römische ­
  Macht  von  Spanien  bis  nach  Mesopotamien,  von  Nordafrika ­
  bis  nach  Britannien  reichte.  Zwar  gab  es  unter  den  leitenden ­
  Staatsmännern  zur  Zeit  der  Punischen  Kriege  solche,  welche
die  Einrichtung  von  Provinzen  gern  vermieden  hätten,  sie  konnten
aber  die  Entwicklung  nur  hemmen,  nicht  aufhalten.  Darunter  litt
freilich  die  einst  so  straff  organisierte  römische  Einheit,  Bürgerkriege ­
  erschütterten  fast  alle  Länder  des  Mittelmeeres.  Auch  die
Rechtssicherheit  innerhalb  des  Reiches  konnte  zuweilen  nur  unter
Anwendung  schärfster  Gewaltmittel  behauptet  werden.  So  konnten
die  staatsmäßig  organisierten  Seeräuber  Kretas  und  Ziliziens  nur
nach  langjährigen  Kämpfen  gebändigt,  ebenso  die  Sklavenaufstände
nur  durch  bedeutende  Feldherrn  niedergeworfen  werden.  Die
ANuG  258:  Neurath,  antike  Wirtschaftsgeschichte.  7
        <pb n="106" />
        98  Sechstes  Kapitel.  Die  Entwicklung  der  römischen  Weltwirtschaft.
wichtigsten  Aufgaben  der  Pazifizierung  im  Gebiete  des  Mittelmeeres ­
  waren  so  am  Ende  der  Republik  bereits  vollendet.
Die  meisten  dieser  Feldzüge,  welche  leicht  erkennbare  wirtschaftliche ­
  Vorteile  im  Gefolge  hatten,  sind  Musterbeispiele  für  die  Theorie,
die  den  Krieg  unter  die  Erwerbsarten  rechnete  (Aristoteles,  Politik
ed.  Susem.  I,  3,8).  Dieser  Auffassung,  der  viele  Historiker  huldigten
(Dionys  v.  Halikarnaß  VI,  36),  entsprach  auf  dem  Gebiete  der
Privatwirtschaft  die  Koordinierung  von  Handel,  Raub,  Fischerei
und  Jagd  als  Erwerbsarten  (Aristoteles,  Politik,  ed.  Susem.  I,
3,  5).  Da  das  Beutemachen  in  den  Kriegen  der  Antike  Regel  war,
mußte  der  Kriegsdienst  mehr  als  ein  Recht  denn  als  eine  Pflicht
erscheinen.  Während  ursprünglich  die  in  den  Krieg  ziehenden  Klassen
mit  Gewinnbeteiligung  arbeiteten,  wobei  allmählich  gewisse  Klassen
sich  den  Hauptgewinn  aneigneten,  hat  man  späterhin  Kriegsproletarier ­
  angeworben,  das  Unternehmen  kapitalistisch  organisiert  und
die  Beute  den  Soldaten  durch  Tantiemen  zugebilligt,  während  der
Hauptgewinn  dem  Staate  zufiel.
Da  das  Beutemachen  eine  überaus  wichtige  Angelegenheit  war,
wurde  es  systematisch  geregelt  (Polybius  X,  2).  Im  allgemeinen
galt  der  Grundsatz,  daß  das  staatliche  Eigentum  an  den  siegenden
Staat  fiel  (Plutarch,  Marcellus  16),  das  Privateigentum  an
die  Soldaten  oder  die  Bürger  überhaupt.  Die  Autoren  erzählen
oft  sehr  breit  von  den  Streitigkeiten,  die  mit  der  Beuteverteilung
zusammengehangen  haben  sollen  (Livius  V,  20  f.).  Während  zu
Beginn  der  Republik  der  Kriegserwerb  vorwiegend  durch  die  Zentralstelle ­
  verteilt  wurde,  wurden  späterhin  die  einzelnen  Armeen
in  vielem  autonom,  was  auch  im  Interesse  der  Feldherrn  lag,  die
ihre  Armeen  zu  politischen  Zwecken  benötigten  (Plutarch,  Cäsar  17).
Es  scheint  in  Rom  durchschnittlich  jedes  zweite  Jahr  zu  einer  Verteilung ­
  von  Beute  gekommen  zu  sein,  so  daß  der  Kriegserwerb  für
einen  Teil  der  Bevölkerung  sicher  eine  regelmäßige  Einnahme  darstellte ­
  —  wurde  doch  der  Janustempel  bis  Augustus  (Livius  I,  19)
nur  einmal  geschlossen  (Florus  IV,  12).  Zuweilen  wurden  nur  die
siegreichen  Krieger  mit  Beute  bedacht,  die  manchmal  den  halben
Jahressold  und  darüber  betrug  (Livius  XLV,  45)  zuweilen  aber
auch  das  Volk  (Appian,  Bürgerkrieg  II,  102).  Wenn  Kriege  in
beutearmen  Gegenden  geführt  wurden,  so  z.  B.  in  Jllyrien,  mußte
sich  die  Regierung  dazu  verstehen,  auch  den  Siegern  in  diesen  Kämpfen ­
  ein  Beuteäquivalent  auszuzahlen,  so  daß  eine  Art  Minimalbeuteertrag ­
  im  Falle  des  Sieges  für  die  Soldaten  garantiert  wurde.
        <pb n="107" />
        Krieg,  Beute,  Geld,  Handel.

99

Wenn  auch  in  den  früheren  Kriegen  die  Beute  keine  geringe  Rolle
spielte,  so  wurden  insbesondere  die  Kriege  in  Mazedonien  und  Kleinasien ­
  von  den  Kriegern  vorwiegend  als  Beutezüge  angesehen.  Die
Beute  war  für  diese  Armee  nicht  mehr  ein  Zuschuß  zum  sonstigen,
meist  agrarischen  Einkommen,  sondern  bildete  zum  großen  Teil  das
gesamte  Einkommen.  Biele  Veteranen  kehrten  aus  den  Kriegen  geradezu ­
  wohlhabend  heim.  Nicht  der  Patriotismus  begeisterte  immer
die  Römer  (Livius  VIII,  36),  sondern  den  Ausschlag  gab  oft  der
„beutegewohnte  Krieger"  (Livius  X,  17).  Daß  die  Staaten  auf  die
Beute  kein  geringes  Gewicht  legten,  mag  man  daraus  entnehmen,
daß  ihrer  in  Bundesverträgen  gedacht  wurde  (Dionys  v.  Halikarnaß ­
  VI,  95).  Bei  den  andern  Völkern  der  Antike  war  übrigens
die  Beute  von  ähnlicher  Wichtigkeit  (Justinns  XXV,  1  f.).
Die  Ausbreitung  der  römischen  Macht  über  Italien  hatte  bereits
dazu  geführt,  daß  man,  knapp  ehe  man  zur  Ausbreitung  auf  außeritalisches ­
  Gebiet  überging,  das  Silbergeld  einführte,  wodurch
die  Handelsbeziehungen  mit  der  griechischen  Welt  überaus  erleichtert ­
  wurden.  Daneben  blieb  freilich  für  den  Kleinverkehr  das  Kupfergeld ­
  bestehen.  Um  dieselbe  Zeit  wurde  auch  das  Schuldrecht  den
Forderungen  der  neuen  Zeit  mehr  angepaßt.  Die  Struktur  des
Staates  wurde,  nachdem  der  Ständekampf  beendet  war,  umgebildet.
Mit  den  Mächten  des  Ostens  scheint  Rom  zum  erstenmal  in  ausgedehntere ­
  Handelsbeziehungen  getreten  zu  sein,  als  es  gegen  Neapel
vordrang  (S.  94).  Kurz  bevor  es  zum  Kriege  zwischen  Rom  und
Karthago  kam,  waren  die  Römer  mit  Ägypten  in  nähere  Beziehung
getreten  (Livius,  Jnhaltübersicht  v.  XIV),  was  zur  Folge  hatte,  daß
die  Karthager  während  des  Krieges  daselbst  vergeblich  eine  Anleihe
aufzunehmen  suchten  (S.  84).
Diese  politische  Expansion  förderte  vor  allem  den  Handel,  weniger ­
  die  Industrie  Roms.  Die  eroberten  Gebiete  lieferten  reichen
Natural-  und  Geldertrag,  sowohl  an  den  Staat  als  auch  an  einzelne. ­
  Mit  diesem  Gelde,  weniger  mit  Waren  bezahlte  man  den
römischen  Import  aus  den  Provinzen.  Außerhalb  Roms  freilich
wurde  die  Jndustrietätigkeit,  wie  wir  sie  in  Griechenland  kennen
gelernt  haben  (S.  54),  nun  auf  die  übrigen  Länder  verbreitet.
Abgesehen  von  den  Einnahmequellen,  welche  den  Römern  zur  Verfügung ­
  standen,  waren  sie  in  den  Provinzen  auch  schon  frühzeitig
in  mannigfacher  Weise  bevorzugt.  Nachdem  es  einmal  klar  geworden ­
  war,  daß  Rom  nicht  die  Hegemonie  über  eine  Organisation
von  Bundesstaaten  ausüben,  sondern  Zentrum  eines  großen  Reiches
7*
        <pb n="108" />
        100  Sechstes  Kapitel.  Die  Entwicklung  der  römischen  Weltwirtschaft.
sein  werde,  trat  es  als  lokales  Handelszentrum  immer  mehr  zurück,
auch  in  der  Kaiserzeit  ist  es  vor  allem  durch  seinen  Import,  weniger ­
  durch  seinen  Export  und  seine  Produklion  hervorragend.
Die  freien  Handwerker  scheinen  sich  zu  Rom  schon  in  früher
Zeit  in  Vereinigungen  zusammengeschlossen  zu  haben,  deren
Charakter  uns  aber  heute  noch  dunkel  ist.  Daß  sie  neben  religiösen
und  geselligen  Zwecken  auch  wirtschaftliche  verfolgten,  ist  sehr  wahrscheinlich. ­
  Ihre  Bedeutung  ist  in  der  republikanischen  Zeit  nie  sehr
groß  gewesen,  in  der  Kaiserzcit  hingegen  haben  die  zahlreichen  und
wichtigen  Vereinigungen  der  Handwerker  und  Gewerbetreibenden
an  diese  alten  Traditionen  angeknüpft.  Gegen  Ende  der  Republik
und  zu  Anfang  der  Kaiserzeit  hat  die  Regierung  denselben  besondere ­
  Aufmerksamkeit  zugewendet,  da  sie  in  immer  stärkerer  Weise  als
politische  Organisationen  auftraten,  weshalb  man  des  öfteren  an
die  Auflösung  von  Vereinen  ging  und  die  Konzessionierungspflicht
einführte.  Die  Vereinigungen  überhaupt  waren  besonders  dadurch
bedenklich  geworden,  daß  die  zum  Teil  zugelassenen  Sklaven  allmählich ­
  allzuheftig  ihre  Leibeskräfte  bei  den  politischen  Verwicklungen ­
  einzusetzen  pflegten.  Das  so  bedingte  schärfere  Vorgehen  der
Regierung  dürfte  vielfach  auch  reine  Handwerkerkorporationen  getroffen ­
  haben.
Über  die  Berufsehre  hatten  die  vornehmen  Römer  von  den
Panischen  Kriegen  an  ungefähr  dieselben  Anschauungen  wie  die
höheren  Stände  der  griechischen  Welt  vom  5.  Jahrhundert  an
oder  wie  die  gleichen  Kreise  unserer  Zeit,  die  Klassen,  die  sich
durch  Bildung  und  Besitz  auszeichnen,  zum  Teil  sogar  Klassen,
die  keines  von  beiden  aufzuweisen  haben,  aber  durch  Prätensionen
beides  ersetzen.  Während  in  den  ältesten  Zeiten  Roms  der  vornehme ­
  Mann  wohl  selbst  auf  dem  Felde  mit  Hand  anlegte  und
nur  im  Dienste  eines  anderen  zu  stehen  mißachtete,  wird  es  allmählich ­
  üblich,  sich  überhaupt  jeder  physischen  Anstrengung  zu
enthalten.  Es  wurde  damals,  so  wie  heute  in  den  entsprechenden
Kreisen,  als  ein  Unglück  angesehen,  wenn  der  Sohn  einer  besser
situierten  Familie  sich  durch  ein  Handwerk  oder  gar  durch  gewöhnliche ­
  Lohnarbeit  sein  Brot  verdienen  mußte.  Während  man
aber  heute  in  den  Kreisen,  welche  jeden  niedrig  einschätzen,  der
sich  mit  diesen  Dingen  befassen  muß,  vielfach  vorgibt,  prinzipiell
jede  Arbeit  zu  achten,  haben  Vertreter  der  analogen  Interessen
in  Rom  unumwunden  erklärt,  daß  sie  niedere  Arbeiten  und  diejenigen, ­
  welche  sie  ausüben,  niedrig  einzuschätzen  pflegen.  Während
        <pb n="109" />
        Handwerker,  Berufsehre,  Sklaverei.  101
ursprünglich  Geld-  und  Handelsgeschäfte  überhaupt  nicht  für  vornehm ­
  galten,  hat  man  sich  an  die  rentableren  Betriebsformen
gewöhnt  und  sie  im  großen  Stil  für  vereinbar  mit  dem  erklärt,
was  man  von  einem  Manne  der  feinen  Gesellschaft  zu  fordern
berechtigt  sei.  Wenn  sie  auch  in  Rom  ähnlich  wie  in  anderen
Staaten  (Aristoteles,  Politik,  ed.  Susem.  VIII,  10,4),  durch  das
Gesetz  für  gewisse  Klassen  als  unzulässig  erklärt  wurden,  so  gestattete ­
  dennoch  die  Sitte  die  indirekte  Beteiligung.  In  gleicher
Weise  hat  ja  auch  in  der  modernen  Entwicklung  der  Adel  sich  ein
Recht  nach  dem  anderen  errungen,  und  es  kann  heute  jemand  vom
höchsten  Adel  das  Bierbrauen  ebenso  betreiben  wie  ein  Industrieunternehmen, ­
  ohne  sich,  wie  etwa  im  17.  und  18.  Jahrhundert,
deswegen  der  Mißachtung  seiner  Standesgenossen  auszusetzen.
Freilich,  einen  kleinen  Laden  haben,  war  in  Rom  ebensowenig
gentlemanlike  wie  heute.
Es  galt  auch  damals  als  besonders  vornehm,  wenn  man  nicht
als  Kaufmann  sein  Leben  beschloß,  sondern  auf  seinen  Gütern  als
Großgrundbesitzer  (Cicero,  Über  die  Pflichten  1,150),  wobei  nicht
vergessen  werden  darf,  daß  der  Grundbesitz  damals  auch  eine  der
sichersten  Anlagemöglichkeiten  für  Geld  darstellte.  Nur  die  Abkömmlinge ­
  der  unteren  Klassen  trieben  damals,  so  wie  bei  uns,
die  Gewerbe  oder  wendeten  sich  der  Lohnarbeit  zu,  zu  ihnen  kam
noch  ein  Teil  der  Freigelassenen,  soweit  diese  nicht  im  privaten
Verwaltungsdienst  standen  oder  sich  den  Geld-  und  Handelsgeschäften ­
  zuwendeten.  Die  Sklaven  wurden  selbstverständlich  sowohl ­
  als  gemeine  Arbeiter  als  auch  in  den  Geld-  und  Handelsgeschäften ­
  verwendet  (S.  73).  Die  Freigelassenen  wurden  in  jeder
Weise  zurückgesetzt  und  ihnen  das  Vordringen  im  Staatsdienst
und  in  der  Gesellschaft  möglichst  erschwert.  Doch  fanden  die  reich
gewordenen  Freigelassenen  Mittel  und  Wege,  in  die  vornehme
Welt  einzudringen  und  gar  manchem  Mann  von  altem  Geschlecht
den  Rang  abzulaufen.  Sie  benutzten  oft  ihren  Einfluß  und  ihre
Macht  dazu,  ihren  Nachkommen  ein  entsprechende  soziale  Stellung
zu  sichern.
Die  römische  Expansion  förderte  die  industrielle  Entwicklung
des  Mittelmeergebirtes  nicht  nur  dadurch,  daß  Rom  als  Käufer
auftrat,  sondern  auch  durch  die  vermehrte  Sklaven  zufuhr.
Besonders  die  Kriege  mit  den  Karthagern,  dann  mit  den  Griechen ­
  und  Kleinasiaten  sowie  mit  den  Seeräubern  lieferten  überreichliches ­
  Material.  Die  letzten  Jahrhunderte  der  Republik  haben
        <pb n="110" />
        102  Sechstes  Kapitel.  Die  Entwicklung  der  römischen  Weltwirtschaft.
zu  jenen  Zeiten  des  Altertums  gehört,  in  denen  die  Sklaverei
eine  erhebliche  Bedeutung  besessen  hat.  Der  Sklave,  der  dem
Kleingewerbetreibenden  sein  Brot  nahm  und  den  Arbeiter  aufs
Pflaster  warf,  entsprach  in  vielem  unseren  Maschinen.  Im  großen
und  ganzen  wäre  die  antike  Entwicklung  nicht  anders  verlaufen,
wenn  statt  der  Sklaven  eine  vorgeschrittene  Technik  Maschinen
geliefert  hätte.  Daß  die  Verwendung  von  Sklaven  in  Zeiten  industriellen ­
  und  kommerziellen  Aufschwungs  die  Entwicklung  der
Technik  irgendwie  gehemmt  hat,  ist  nicht  sehr  wahrscheinlich,  weil
die  Kombination  von  Maschinen  und  Sklaven  für  die  Unternehmer ­
  jedenfalls  noch  günstiger  gewesen  wäre.  Die  Vermehrung
der  nichtitalischen  Sklaven  (Livius  XXXII,  26),  unter  denen
sich  auch  viele  auf  niederer  Kulturstufe  befanden,  drückte  das  Niveau ­
  der  Sklavenschaft  überhaupt  wie  in  der  analogen  Periode
in  Griechenland  (S.  48),  auch  die  Menge  der  Sklaven  war  für
deren  Behandlung  nicht  gerade  günstig.  Je  seltener  die  Sklaven
zu  einer  Zeit  sind,  um  so  humaner  pflegen  sie  behandelt  zu  werden.
Daß  aber  viele  treffliche  Leute  unter  den  Sklaven  waren,  beweisen ­
  nicht  nur  die  einzelnen  hervorragenden  Männer,  die  aus
ihnen  hervorgegangen  sind.  sondern  vor  allem  die  gut  organisierten
Aufstände,  die  seit  dem  2.  Jahrhundert  zu  wiederholten  Malen
die  römischen  Truppen  und  Feldherren  zur  Aufbietung  ihrer  ganzen
Energie  zwangen  (S.  97).  Besonders  die  Weidewirtschaft  absorbierte ­
  viele  Sklaven  sowie  die  Plantagenbetriebe.  In  Etrurien
z.  B.  bildeten  die  Sklaven  in  der  zweiten  Hälfte  des  2.  Jahrhunderts ­
  einen  Hauptbestandteil  der  ackerbauenden  und  viehzuchttreibenden ­
  Bevölkerung  (Plutarch,  Ti.  Gracchus  8).  Kam  dazu
noch,  wie  in  Unteritalien  in  manchen  Gegenden,  ein  Fallen  der
Bevölkerungszahl,  so  traten  die  Sklaven  noch  mehr  in  den
Vordergrund.
Die  Antike  kannte  ebenso  wie  die  Gegenwart  sowohl  das  Problem ­
  der  Übervölkerung  wie  das  der  Entvölkerung.  Immer
wieder  mußte  gegenüber  der  drohenden  Übervölkerung,  sei  es,  daß
diese  durch  die  natürlichen  Verhältnisse,  sei  es,  daß  sie  durch  die
sozialen  Verhältnisse  bedingt  war,  Abhilfe  geschaffen  werden.  Daneben ­
  wurde  aber  bereits  frühzeitig  in  vielen  Gegenden,  so  besonders ­
  seit  dem  2.  Jahrhundert  ein  Rückgang  der  Bevölkerung
und  eine  Abnahme  des  Bevölkerungszuwachses  konstatiert.  Zum
Teil  war  diese  Entvölkerung  durch  Kriege  bedingt,  die  ja  in  der
Antike  mit  besonderer  Grausamkeit  geführt  wurden,  indem  man
        <pb n="111" />
        Sklaverei,  Bevölkerung.

103

im  Gegner  vielfach  nur  den  Konkurrenten,  nicht  aber  den  zukünftigen
Genosfen  oder  Untertanen  erblickte.  So  haben  z.  B.  die  Bürgerkriege ­
  große  Menschenverluste  verursacht  (Appian,  Bürgerkrieg
II,  102);  so  hat  in  Epirus  der  Krieg  in  erster  Reihe  die  Entvölkerung ­
  besorgt.  Die  epirotischen  Ansiedlnngen,  welche  nur  selten
zu  Städten  im  eigentlichen  Sinne  angewachsen  waren,  konnten
durch  Kriege  derart  vernichtet  werden,  daß  Strabo  oft  nicht  einmal
mehr  ihre  Lage  anzugeben  in  der  Lage  war.  Um  einer  verhältnismäßig ­
  unbedeutenden  Ursache  willen  wurde  dieses  Land,  dessen
Bewohner  sich  vorwiegend  mit  Landbau  und  Viehzucht  (Varro,
Über  die  Landwirtschaft,  Einl.  z.  II)  beschäftigten,  von  den  Römern
im  2.  Jahrhundert  in  der  entsetzlichsten  Weise  behandelt,  indem
Ämilius  Paulus  150000  Einwohner  in  die  Sklaverei  verkaufte
und  70  der  Ansiedlungen  zerstörte;  da  in  den  übriggebliebenen
Ortschaften  Garnisonen  untergebracht  wurden,  konnte  sich  das  Land
bis  Augustus  nicht  erholen.  Diese  Methode  der  Entvölkerung
gewährte  Sicherheit  gegen  Rebellion  und  lieferte  Sklavenmengen
für  Gewerbe  und  Luxus.  Doch  hörte  diese  Art  der  Behandlung
in  der  Kaiserzeit  mit  der  Expansion  im  allgemeinen  auf,  obgleich
ein  ähnliches  Verfahren  noch  gelegentlich  geübt  wurde.  So  lebte
z.  B.  in  der  Zeit  des  Augustus  in  Norditalien  das  freie  Bergvolk
der  Salasser,  das  dem  römischen  Heere  zuweilen  unangenehm
wurde  und  überdies  im  Besitz  einträglicher  Goldwäschereien  war.
Das  Volk  wurde  besiegt,  und  Augustus  verkaufte  ihrer  36  000  in
die  Sklaverei,  wobei  die  Autoren  ausdrücklich  hervorheben,  daß  er
ein  milder  Herr  war  und  nie  schwerere  Strafen  über  ein  Volk
verhängte  als  Verkauf  in  die  Sklaverei  mit  der  Bestimmung,  daß
vor  dreißig  Jahren  keine  Freilassungen  erfolgen  durften  (Sueton,
Augustus  21).  Es  war  dies  ein  ähnliches  Vorgehen  wie  jenes
gegen  Karthago  und  gegen  Korinth.  Zur  Entvölkerung  trug  dies
Verfahren  dadurch  bei,  daß  sich  die  Sklaven  weniger  fortpflanzten
als  die  Freien,  abgesehen  davon,  daß  es  ohne  ausgiebige  Tötung
dabei  nicht  abging.  Zur  direkten  Entvölkerung  durch  Kriege  kam  noch
die  indirekte  durch  Zerstörung  der  Nahrungsquellen,  die  besonders
in  Gegenden,  welche  eine  sorgfältige  Bebauung  verlangten,  von
großer  Bedeutung  war.  Auch  die  von  allen  Kriegen  unabhängige
Bevölkerungsabnahme  spielte  eine  große  Rolle,  die  wir  ja  auch  in
der  modernen  Kulturentwicklung  kennen,  sei  es,  daß  die  natürliche
Fruchtbarkeit  abnahm,  sei  es,  daß  in  ausgiebigerWeiseVorkehrungen
gegen  die  Fortpflanzung  getroffen  wurden.  Zu  einer  Zeit,  da  in
        <pb n="112" />
        104  Sechstes  Kapitel.  Die  Entwicklung  der  römischen  Weltwirtschaft.
Griechenland  keine  Kriege  oder  Krankheiten  wüteten  und  alles  dazu
angetan  war,  die  Wunden  zu  heilen,  die  der  Krieg  geschlagen  hatte,
bemerkte  Polybius  diese  Erscheinung  mit  großem  Erstaunen  (Polybius ­
  XXXVII,  4).  Er  erklärte  dies  ähnlich,  wie  Roosevelt  dies  in
Amerika  tat,  durch  den  überhandnehmenden  Luxus,  doch  kann  dies
nur  die  Bevölkerungsabnahme  in  den  wohlhabenden  Kreisen  erklären. ­
  Diese  kamen  aber  bei  der  Bevölkerungszahl  nicht  wesentlich ­
  in  Betracht,  wenn  auch  dort  die  Erscheinung  besonders  in
die  Augen  fiel.  Aber  gerade  bei  den  weiten  Kreisen  der  Bevölkerung ­
  ist  die  Erscheinung  schwierig  zu  erklären.  Ein  Teil  der  Bevölkerung ­
  ist  sicher  durch  ein  freieres  Leben,  besonders  durch  den
Kriegsdienst,  dem  Familienleben  entfremdet  worden,  bei  einem
andern  wird  man  wohl  auch  eine  durch  den  wirtschaftlichen  Aufschwung ­
  bedingte  Zunahme  des  Einkommens  und  der  kleinen  Ersparnisse ­
  annehmen  müssen.  Bei  diesen  führte  berechtigte  Angst,
daß  die  Kinder,  seien  es  nun  Arbeiter,  Bauern  oder  Handwerker,
in  Not  und  Elend  zurücksinken  könnten,  zur  Einschränkung  der
Fortpflanzung.  Denn  im  allgemeinen  ist  nur  bei  den  Schichten,
die  etwas  zu  verlieren  haben,  diese  Tendenz  entwickelt,  viel  weniger ­
  beim  Proletariat,  das  nichts  zu  verlieren  hat.  Aber  auch  in
diesen  Schichten  dürfte  die  Einschränkung  des  Kinderzuwachses
stärker  verbreitet  gewesen  sein  als  heute.  Neben  der  Verhinderung ­
  der  Befruchtung,  die  meist  eine  höhere  Intelligenz  und
fürsorgende  Tätigkeit  erfordert,  waren  dem  Menschen  der  Antike
im  allgemeinen  zwei  Möglichkeiten  gegeben,  die  heute  beide  verpönt ­
  sind,  Fruchtabtreibung  und  Kindesmord.  Von  diesen
Möglichkeiten  kommt  die  zweite  bei  unserer  Bevölkerungszahl  fast
gar  nicht  in  Betracht,  die  erstere  jedenfalls  nicht  in  dem  Maße
wie  bei  völliger  gesetzlicher  Zulässigkeit,  wie  sie  z.  B.  in  der  republikanischen ­
  Zeit  Roms  vorhanden  war.  Auch  spätere  Gesetze
in  der  römischen  Kaiserzeit,  welche  die  Fruchtabtreibung  verhindern
sollten,  waren  keineswegs  ausreichend.  Die  physische  Degeneration
muß  noch  genannt  werden  sowie  die  familienauflösende  Tendenz
der  Großstädte.  Wieweit  die  einzelnen  Faktoren  mitgewirkt  haben,
läßt  sich  für  die  Antike  nicht  feststellen,  fehlen  doch  selbst  für  die
Gegenwart  diesbezüglich  ausreichende  Untersuchungen.  Die  Bevölkerungsabnahme ­
  scheint  sich  im  2.  Jahrhundert  auf  das  ganze
Mittelmeergebiet  erstreckt  zu  haben  und  zunächst  gewisse  Teile
Italiens,  dann  die  andern  Provinzen  ergriffen  zu  haben.
Die  römische  Expansionspolitik  war,  wie  wir  gesehen  haben,
        <pb n="113" />
        Bevölkerung,  Landwirtschaft.

105

geeignet,  die  verschiedensten  Bevölkerungsklassen  zu  befriedigen
(S.  94).  Es  zeigte  sich  aber  bald,  daß  vorwiegend  die  Reichen
den  Vorteil  behielten,  während  die  ärmeren  Schichten  die  ihnen  zuteil ­
  gewordenen  Vorteile  wieder  einbüßten.  Die  kleinen  Bauern,
welche  als  Soldaten  im  Felde  standen,  mußten  häufig  Schulden
machen,  wobei  die  Wirtschaft  immer  weiter  zurückging,  denn  der
Sold,  der  seitdem  4.  Jahrhundert  gezahlt  wurde  (LiviusIV,  59  f.),
reichte  nicht  aus,  auch  noch  Schulden  zu  bezahlen.  Die  Verschuldung ­
  führte  anfangs  zur  bürgerlichen,  später  nur  noch  zur  völligen ­
  wirtschaftlichen  Vernichtung  (S.  109).  Die  Bauerngüter,
welche  so  frei  wurden,  konnten  selten  wieder  von  freien  Bauern
angekauft  werden,  sondern  fielen  den  Großgrundbesitzern  zu,  die
sie  ihren  Besitzungen  einverleibten.  Aber  auch  wenn  der  Bauer
nicht  verschuldet  war,  verlor  er  häufig  sein  Gut,  wobei  er  sogar
noch,  wenn  es  ihm  abgekauft  wurde,  um  zur  Arrondierung  eines
großen  Güterkomplexes  zu  dienen,  ein  gutes  Geschäft  machen
konnte.  Der  Bauer  vermochte  mit  seinem  Geld  nicht  viel  anzufangen,
und  es  dauerte  selten  länger  als  eine  Generation,  so  war  aus
dem  früheren  selbständigen  Bauerngeschlecht  eine  Proletarierfamilie ­
  geworden.  Diese  Verdrängung  der  freien  Bauern  führte
nun  zunächst  nicht  dazu,  eine  entsprechende  Zahl  freier  Arbeiter
oder  auch  nur  Sklaven  auf  den  Gütern  zu  verwenden,  da  große
Strecken,  zumal  in  Italien,  als  Weideland  verwendet  wurden,
weil  sich  die  Zerealienproduktion  gegenüber  der  trausmarinen
Konkurrenz  vielfach  nicht  mehr  lohnte.  Schon  der  alte  Kato,  der
aus  Prinzip  mit  der  Landwirtschaft  kokettierte,  wußte  recht  gut,
daß  Weide-  und  Fischwirtschaft  reicheren  Ertrag  lieferten.  Und
er  selbst  widmete  sich  denn  auch  indirekt  —  um  keinen  Verstoß
zu  begehen  —  dem  Handel  und  der  Sklavenzucht  (Plutarch,
Kato  d.  Ä.  22).  Für  die  Weidewirtschaft  sprachen  besonders  die  geringen ­
  Kosten.  In  Oberitalien  war  diese  Veränderung  zwar  nicht  so
einschneidend,  aber  die  Gesamtwirkung  doch  die,  daß  weite  Gegenden
eine  Verringerung  der  Bevölkerung  aufwiesen.  Dafür  wuchs  das
Proletariat  in  Rom  an,  wies  im  ganzen  wohl  eine  erhöhte  Sterblichkeit ­
  auf  und  —  entsprechend  dem  eben  Dargelegten  —  wohl  auch
eine  verminderte  Bevölkerungszuuahme.  Frühzeitig  dachte  mau
daran,  von  Staatswegen  der  römischen  Bevölkerung  Getreide  zuzuführen. ­
  Besonders,  als  man  darin  eine  gute  Form  der  politischen
Beeinflussung  in  großem  Stil  fand,  nahmen  die  Getreidespenden
an  das  Volk  zu  und  wurden  eine  ständige  Einrichtung,  die  selbst
        <pb n="114" />
        106  Sechstes  Kapitel.  Die  Entwicklung  der  römischen  Weltwirtschaft.
die  Kaiser  nicht  zu  beseitigen  vermochten  (Sueton,  Augustus  42).
Die  Ädilen,  welche  zunächst  die  Marktpolizei  zu  besorgen  hatten,
waren  auch  dazu  bestimmt,  für  billiges  Getreide  zu  sorgen,  was
in  der  Kaiserzeit  eigenen  Beamten  übertragen  wurde.  In  den
Provinzen  fehlten  analoge  Vorkehrungen,  und  es  bedurfte  manchmal ­
  der  Intervention  der  römischen  Beamten,  damit  nur  das  von
den  Händlern  aufgespeicherte  Getreide  zu  erschwinglichen  Preisen
verkauft  wurde  (Cicero,  An  Attikus  V,  21).  Ein  Teil  des  Getreides,
das  zu  billigen  Preisen  oder  überhaupt  umsonst  nach  Rom  kam,
wurde  entweder  der  Naturalsteuer  der  Provinzen  entnommen  oder
in  den  Provinzen  angekauft,  wo  man  es  bedeutend  billiger  als  in
Italien  erhielt.  Das  Resultat  war,  daß  alle  jene  Bauern,  die  Getreide ­
  für  den  römischen  Markt  produzierten,  wirtschaftlich  ruiniert
wurden;  dagegen  mögen  jene,  die  für  die  Lokalmärkte  des  Binnenlandes, ­
  die  weit  genug  von  Rom  entfernt  waren,  Getreide  lieferten,
wenig  betroffen  worden  sein.  Nur  die  Bauern,  welche  nicht  für  den
Verkauf,  sondern  für  den  eigenen  Bedarf  Getreide  produzierten,  wurden ­
  überhaupt  nicht  von  den  niedrigen  Getreidepreisen  berührt,  soweit ­
  sie  es  nicht  bequemer  fanden,  nach  Rom  zu  gehen  und  sich  dort
das  Getreide  zu  holen.  Das  billige  Getreide  erwies  sich  für  Italien
als  Danaergeschenk,  indem  es  die  wirtschaftliche  und  soziale  Gliederung ­
  überaus  unglücklich  gestaltete;  die  alte  Ordnung  wurde
prinzipiell  beibehalten,  obgleich  neue  Bedingungen  geschaffen  waren.
Es  hätte  besonderer  Vorkehrungen  bedurft,  um  ohne  Schaden  die
Vorteile  der  Getreidezusuhr  zu  verteilen.  Statt  daß  jedem  eine
Art  Existenzminimum  garantiert  worden  wäre,  das  die  Unabhängigkeit ­
  der  Massen  erhöht  hätte,  dienten  die  Getreidespenden,
die  jederzeit  inhibiert  werden  konnten,  dazu,  die  Massen  in  Abhängigkeit ­
  zu  halten  (Plato,  Kato  d.  I  26).  Man  nutzte  die  Getreidespenden ­
  ebenso  wie  die  Landverteilungen  zu  Ende  der  Republik
in  der  rücksichtslosesten  Weise  aus  (Plutarch,  Kato  d.  I.  31).  Diese
Getreidepolitik  verschärfte  noch  die  durch  die  Agrarverhältnisse
geschaffenen  Schwierigkeiten  (S.  109).  Ein  großer  Teil  der  Bevölkerung ­
  Italiens  war  verarmt,  zum  Teil  vernichtet,  überall  ging
man  zwar  mit  Koloniengründungen  vor,  ohne  aber  dauernd  Abhilfe ­
  schassen  zu  können.  Die  zunehmende  Machtfülle  der  Beamten
bewirkte  nicht  nur,  daß  die  Provinzen  schlecht  behandelt  wurden,
sondern  auch  vielfach  die  italischen  Bundesgenossen  und  die  latinischen
Kolonien.  Das  zur  Assignation  zur  Verfügung  stehende  Land  war
in  Italien  schließlich  aufgebraucht,  und  an  die  überseeische  Koloni-
        <pb n="115" />
        Getreideimport,  Reformen.

107

sation  wollte  man  nicht  schreiten.  Schon  die  Kriege  um  die  Mitte
des  2.  Jahrhunderts  konnten  unter  diesen  Umständen  nur  noch
mit  Mühe  geführt  werden.  Reformen  verschiedenster  Art  wurden
versucht,  so  z.  B.  die  Einschränkung  von  Grundbesitz  auf  dem
ager  publions  (Plutarch,  Ti.  Gracchus  8).  Es  sollte  eine  bestimmte ­
  Zahl  der  Knechte  freigeboren  sein  und  ähnliches  mehr
(Appian,  Bürgerkriege  I,  8).  Alles  vergeblich,  die  Ausdehnung
der  wirtschaftlichen  Macht  nahm  zu,  ohne  daß  dadurch  die  untern
Kreise  der  Bevölkerung  gefördert  worden  wären.  Sklavenunruhen
(Appian,  Bürgerkriege  I,  9)  verschärften  nur  die  Schwierigkeiten,
die  ein  Mann  wie  Scipio  für  unlösbar  hielt.  Die  gracchische
Bewegung  setzte  nun  ein.  Es  sollte  eine  eigene  Kommission  —
wie  solches  auch  in  der  griechischen  Welt,  so  z.  B.  im  4.  Jahrhundert ­
  in  Zelea,  einer  Stadt  Kleinasiens,  vorgekommen  war  —
eingesetzt  werden,  die  alles  ehemalige  Staatsland  feststellen  sollte,
um  es  streng  vom  Privatland  zu  sondern  und  dann  ganz  oder
teilweise  zu  verteilen  (Plutarch,  Ti.  Gracchus  9).  Um  diese  neuen
Bauernstellen  zu  sichern,  sollte  eine  Art  Fideikommißgüter  (Appian,
Bürgerkriege  I,  10)  für  Bauern  geschaffen  werden,  wie  dies  ja
auch  heute  von  manchen  gefordert  wird,  indem  die  Güter  unveräußerlich ­
  sein  sollten  und  der  Bauer  eine  Art  Erbpächter  des
Staates.  Selbstverständlich  erregte  dies  bei  allen  Besitzenden  einen
Sturm  der  Entrüstung,  der  zum  Teil  durch  die  Verluste  unrechtmäßigen ­
  Besitzes  hervorgerufen  war  (Plutarch,  Ti.  Gracchus  9),
zum  Teil  aber  auch  durch  die  Empörung  über  die  Störung  wohlbegründeter ­
  Besitzrechte,  war  doch  vielfach  jede  Erinnerung  im
derzeitigen  Besitzer  daran  erloschen,  daß  er  auf  Staatsland  seine
Villen  und  Besitzungen  habe.  Bald  darauf  wurden  auf  Anregung
des  Tiberius  Gelder  ans  Volk  verteilt,  wozu  der  Nachlaß  des
Königs  von  Pergamum,  den  dieser  dem  römischen  Volke  vermacht
hatte,  eine  gute  Gelegenheit  bot.  Trotz  verschiedener  Hindernisse
gingen  die  Äckergesetze  durch,  und  eine  Kommission  wurde  gewählt
(Plutarch,  Ti.  Gracchus  13).  Die  politische  Situation  wurde
dadurch  kompliziert,  daß  Tiberius  Gracchus  die  neue  Klasse  der
Geldleute,  die  Ritter  gegen  die  Aristokratie  zu  verwenden  suchte,
indem  er  ihr  Vorrechte  anbot.  Die  Opposition  der  alten  Äristokratie
  brachte  ihm  133  den  Tod  (Appian,  Bürgerkriege  I,  16).
Die  Ackerkonimission  aber  blieb  in  Täligkeit,  Scipio,  der  sich  ihr
entgegenzustellen  suchte,  wurde  wahrscheinlich  getötet  (Äppian,
Bürgerkriege  I,  20).  Gajus  Gracchus  suchte  die  Politik  seines
        <pb n="116" />
        108  Sechstes  Kapitel.  Die  Entwicklung  der  römischen  Weltwirtschaft.
Bruders  fortzusetzen  und  bemühte  sich  ebenfalls,  das  Proletariat,  die
Kleinbauern  und  die  Geldleute  zu  einem  einheitlichen  Vorgehen
gegen  die  aristokratischen  Großgrundbesitzer  zu  bringen  (Appian,
Bürgerkriege  I,  22),  eine  Konstellation,  wie  wir  sie  in  den  letzten
Revolutionen  in  Mitteleuropa  auch  kennen  gelernt  haben.  Die  Aufteilung ­
  von  Staatsland  in  Italien  und  die  Anlegung  überseeischer
Kolonien,  so  in  Korinth  und  Karthago,  war  eines  der  Ziele  des
Gajus  Gracchus  (Appian,  Bürgerkriege  I,  23).  Daneben  trat  er
für  ausgiebige  Getreideverteilungen  ein  (Appian,  Bürgerkriege  1,21).
In  den  folgenden  Kämpfen  wurde  auch  Gajus  von  der  Senatspartei ­
  erschlagen  (Plutarch,  Gajus  Gracchus  17).  Die  Ackerkommission ­
  wurde  aufgehoben  und  den  neuen  Kolonisten  ein  neues
Recht  gewährt,  mit  dem  man  sie  möglichst  rasch  zugrunde  zu  richten
hoffte,  man  machte  nämlich  alle  Bauernstellen  zu  solchen  vollen
Rechtes,  d.  h.  sie  konnten  frei  veräußert  werden,  worauf  das  bekannte ­
  Schicksal  über  sie  hereinbrach  (Appian,  Bürgerkriege  I,  27).
Dies  alles  besiegelte  den  endgültigen  Untergang  der  freien  Bauernschaft, ­
  die  so  aus  dem  Heere  allmählich  verschwand,  bis  zu  Ende
des  2.  Jahrhunderts  Marius  das  besitzlose  Proletariat  ins  Heer
aufnahm.  Auch  dann  kam  es  wieder  zu  Landverteilungen.  Während
aber  bis  dahin  die  Bauerustelle  einen  Krieger  lieferte,  wenn  das
auch  nicht  gerade  immer  die  Absicht  der  Reformen  war,  so  war
nun  die  Bauernstelle  der  Lohn  für  den  Krieger.  Es  begann  eine
furchtbare  Besiedlungspolitik,  indem  man  schließlich  aus  Städten
und  Ortschaften  die  Einwohner  vertrieb,  um  Platz  für  die  Veteranen ­
  zu  bekommen,  die  so  der  Feldherr  für  seine  künftigen  Pläne
—  oft  gegen  den  Staat  —  zu  seiner  Verfügung  hatte.
Für  die  römischen  Kleinbauern  war  die  Frage  der  Verschuldung ­
  von  großer  Bedeutung.  Die  ältere  Behandlung  des  Zahlungsunfähigen ­
  war  eine  überaus  harte.  Man  scheint  von  dem  Standpunkt ­
  ausgegangen  zu  sein,  daß  derjenige,  der  eine  Schuld  nicht
zurückzahle,  etwa  einem  Dieb  gleichzuhalten  sei,  wie  dies  ja
bei  der  Sachleihe  vielfach  zutrifft.  Wer  einen  entliehenen  Pflug
nicht  zurückgab  unterschied  sich  nicht  viel  vom  Dieb.  Als  aber
die  Zahlungsunfähigkeit  in  wachsendem  Maße  nicht  durch  eigene
Schuld  erzeugt  und  vorwiegend  Geld  geschuldet  wurde,  —  die  Umwandlung ­
  der  Strafsätze  aus  Viehsätzen  in  Geldsätze  war  schon  im
5.  Jahrhundert  erfolgt  —,  trat  das  Schreckliche  eines  Schuldrechtes
hervor,  das  nicht  davor  zurückscheute,  im  äußersten  Falle  den
Schuldner  und  die  Seinen  zu  Sklaven  zu  machen,  sei  es,  daß  der
        <pb n="117" />
        Schuldverhältnisse,  Zinsfuß.  109
Schuldner  in  die  Fremde  verkauft  wurde,  oder  daß  er  in  den
Schuldturm  gesperrt  wurde  und  für  den  Gläubiger  arbeiten  mußte.
Die  schweren  Bestimmungen  des  Zwölftafelrechts  aus  dem  5.  Jahrhundert ­
  —  von  denen  manche  vielleicht  nicht  richtig  überliefert  sind
oder  nicht  in  Anwendung  kamen  (Gellius.  alt.  Nächte  XX,  1,48—52)
—  sind  aus  der  älteren  Auffassung  der  Schuld  zu  erklären,  während
die  durch  den  Verkehr  bedingte  spätere  Gesetzgebung  der  Römer
zwar  auch  ein  scharfes  Vorgehen  gegen  Schuldner  guthieß,  schon
deswegen,  um  den  Kredit  zu  sichern,  aber  vorwiegend  den  Schuldner
mit  seinem  Vermögen,  nicht  mit  seiner  Person  haften  ließ.  Man
begnügte  sich  mit  der  Zerstörung  der  wirtschaftlichen  Existenz  des
Schuldners,  die  ja  auch  heute  üblich  ist,  und  hielt  es  nicht  für
nötig,  ihn  auch  bürgerlich  zu  vernichten.  Am  Ende  des  4.  Jahrhunderts ­
  wurde  die  Schuldknechtschaft  sehr  eingeschränkt,  was  im
Interesse  der  Agrarier  gelegen  war.  So  durfte  z.  B.  der  Schuldner
schwören,  daß  seine  Gütermasse  den  Betrag  wert  sei,  den  er  in
Geld  schulde,  was  ihn  von  der  Schuldknechtschaft,  falls  er  dieser
sonst  verfallen  wäre,  befreien  sollte.  D.  h.  der  Mangel  an  Zahlungsmitteln ­
  bei  genügendem  Vermögen  sollte  nicht  die  härtesten  Folgen
nach  sich  ziehen  (S.  14).  Da  die  Verschuldung  oft  weite  Kreise
ergriff,  war  der  Ruf  nach  Schuldennachlaß,  neben  dem  nach
Güterverteilung,  ebenso  wie  in  Griechenland,  keine  Seltenheit
(Appian,  Bürgerkriege  I,  1).  Zu  einer  irgendwie  systematischen
Entschuldungsaktion  scheint  man  aber  nie  gekommen  zu  sein,  obzwar ­
  gelegentlich  eingegriffen  tvurde,  indem  man  z.  B.  Moratorien
gewährte  und  Abzahlung  der  Schuld  in  Raten  festsetzte,  wobei
eventuell  die  schon  gezahlten  Zinsen  in  Abzug  gebracht  wurden.
Gelegentlich  scheint  der  Staat  auch  die  verschuldeten  Güter  zu
einem  annehmbaren  Schätzungswert  belehnt  zu  haben  oder  sie
dem  freien  Verkauf  entzogen  und  nach  Schätzung  (S.  14)  den
Gläubigern  zugesprochen  zu  haben  (Livius  VII,  21),  was  auch
in  der  Kaiserzeit  wieder  versucht  wurde.  Nur  gelegentlich  wurde
eine  prinzipielle  Regelung  auf  einem  beschränkten  Gebiete  versucht, ­
  so  als  Cäsar  in  seiner  Provinz  die  Schuldverhältnisse  in
der  Weise  regelte,  daß  die  Rückzahlung  nicht  in  festen  Beträgen
zu  erfolgen  habe,  sondern  in  Quoten  des  Einkommens  der  Schuldner^ ­
  womit  alle  zufrieden  gewesen  sein  sollen  (Plutarch,  Cäsar  12).
Über  die  Zinsfußverhältnisse  sind  wir  im  älteren  Rom  nicht
sehr  genau  orientiert.  Daß  Zinsmaxima  und  sonstige  Beschränkungen ­
  vorkamen,  wird  mehrfach  berichtet.  Doch  ist  über  die  tat-
        <pb n="118" />
        110  Sechstes  Kapitel.  Die  Entwicklung  der  römischen  Weltwirtschaft.
sächliche  Wirksamkeit  dieser  Gesetze  nichts  bekannt.  Im  allgemeinen
dürfte  der  Zinsfuß  um  10%  geschwankt  sein.  Seine  Höhe  scheint
weniger  von  den  hohen  Handelsgewinnen  (S.  66)  als  vielmehr
vom  großen  Risiko  abgehangen  zu  haben  sowie  davon,  daß  die  in
jeder  Hinsicht  mächtigere  Klasse  der  Großgrundbesitzer,  welche  ursprünglich ­
  die  Geldgeber  für  die  kleinen  Bauern  waren,  sowie
später  jene  der  Geldleute  ihre  Position  ausnutzte  —  waren  doch
viele  der  Darlehen  reine  Notdarlehen.  Die  Teilnahme  Noms  am
Welthandel  in  der  hellenistischen  Periode  senkte  den  Zinsfuß
(S.  83),  so  daß  er  am  Ende  der  Republik  in  Rom  vielfach  tief
unter  10%  gesunken  ist.  Brachten  glückliche  Feldzüge  viel  Geld
nach  Rom  (S.  98),  so  sank  der  Zinsfuß  dementsprechend  (Dio
Cassius  LI,  21),  während  gleichzeitig  z.  B.  die  Preise  der  Grundstücke ­
  stiegen.  In  den  Provinzen,  wo  rücksichtslose  Statthalter  jede
Gelegenheit  benutzten,  sich  Geld  zu  verschaffen,  waren  hohe  Zinssätze ­
  häufig  nur  eine  bequeme  Form  der  Beraubung.  Die  Höhe  dieser
Zinsen,  die  20  und  mehr  Prozent  erreichte,  ist  natürlich  in  keiner
Weise  von  Angebot  und  Nachfrage,  sondern  im  großen  und  ganzen
nur  von  der  persönlichen  Macht  derjenigen  abhängig,  welche  direkt
oder  indirekt  daran  beteiligt  waren.  Daß  Versuche  des  Senats,  da
Ordnung  zu  schaffen,  gegenüber  den  in  den  Provinzen  allmächligen
Beamten  meist  wirkungslos  blieben,  ist  nach  den  Zuständen,  wie  sie
z.  B.  im  1.  Jahrhundert  v.  Chr.  herrschten,  nicht  wunderzunehmen.
Selbst  wohlwollende  Männer  wie  Cicero  leisteten  nur  schwachen
Widerstand,  wenn  einer  ihrer  Standesgenossen  direkt  oder  indirekt
durch  Strohmänner  eine  Provinz  auf  dem  Wege  des  Darlehns
auswucherte  (Cicero,  An  Attikus  V,  21;  V,  1  f).
Die  gewerbsmäßige  Beschäftigung  mit  Geldgeschäften  scheint
in  Rom  etwa  im  4.  Jahrhundert  v.  Chr.  begonnen  zu  haben.  Die
Bankiers,  welche  sich  in  Rom  ansiedelten,  waren  vielfach  Fremde,
besonders  Griechen.  Zunächst  waren  sie  in  erster  Reihe  Geldwechsler, ­
  die  wegen  der  verschiedenartigen  Währungen  eine  nicht
unwichtige  Rolle  spielten.  Allmählich  aber  erhielt  das  Leihgeschäft
bei  ihnen  eine  immer  größere  Bedeutung.  Daß  sie  daneben  sich
auch  mit  anderen  Geschäften  abgaben,  war  naheliegend  (Cicero,
Über  die  Pflichten  III,  58).  Sie  gewährten  bald  auch  Darlehen.
Dies  veranlaßte  viele,  den  Bankiers  Gelder  zu  übergeben,  damit
diese  damit  Geschäfte  machten  und  dafür  einen  Anteil  an  die
Kunden  abgaben.  Aber  auch  reine  Depots  kamen  vor.  Der  Bankier
führte  bald  auch  in  Rom  all  die  Geschäfte  aus,  die  wir  in
        <pb n="119" />
        Geldgeschäfte,  freiwillige  öffentliche  Dienste.  111
Griechenland  und  im  Orient  kennen  gelernt  haben.  Er  leistete  an
Dritte  Zahlungen  für  seinen  Kunden  und  kassierte  für  ihn  Gelder
ein.  Er  gewährte  dem  Kunden  in  verschiedenster  Weise  Kredit,
leistete  z.  B.  für  ihn  Bürgschaft.  Es  kam  auch  häufig  vor,  daß
der  Bankier  dem  Kunden  Geld  an  einem  auswärtigen  Platze  anwies, ­
  doch  scheint  es  zur  Entstehung  des  Wechsels  nicht  gekommen
zu  sein  oder  so  vereinzelt,  daß  jedenfalls  dadurch  die  Wirtschaftsverhältnisse ­
  nicht  entscheidend  beeinflußt  wurden.  Sobald  sich  der
Kundenkreis  des  Bankiers  erweiterte,  glich  der  Bankier  selbstverständlich ­
  Forderungen  der  Kunden  untereinander  aus.  Obzwar  auf
diese  Weise  das  Bankgeschäft  an  Bedeutung  sehr  gewann,  die  zu
Beginn  der  Kaiserzeit  noch  weiter  wuchs,  so  wurde  doch  nicht
jene  Agilität  und  Ausdehnung  erreicht,  die  wir  heute  kennen.
In  der  modernen  Wirtschaft  werden  die  Güter  und  Dienste,
welche  der  einzelne  der  Gesamtheit  außerhalb  des  Marktes
zur  Verfügung  stellt,  mit  wenig  Ausnahmen  vom  Staate  verwaltet, ­
  einseitige  freiwillige  Leistungen  der  Privaten  sind  selten.
Hierher  wären  vereinzelte  Einrichtungen  wie  etwa  die  freiwilligen
Feuerwehren  zu  rechnen,  auch  allgemein  zugängliche  Bibliotheken,
Parkanlagen  Privater,  sowie  Wohltätigkeitsanstalten.  Im  Altertum ­
  hingegen  gab  es  zahlreiche  Fälle,  wo  Güter  oder  Dlenste  entweder ­
  der  Gesamtheit  von  einzelnen  zur  Verfügung  gestellt  wurden
oder  vom  einzelnen  durch  die  Gesamtheit  in  Anspruch  genommen
wurden,  ohne  daß  es  der  Staat  war,  der  dies  regelte.  Wenn  der
Ädil  regelmäßig  aus  seinem  Sacke  Spiele  veranstaltete  und  für
Spenden  sorgte,  so  ersetzte  er  die  Tätigkeit  des  Staates;  wenn
der  römische  Beamte  mit  Zulassung  der  Regierung  eine  Provinz
auswucherte,  so  stellte  der  geraubte  Betrag  eine  Art  Besoldung  dar,
denn  es  wäre  wirtschaftlich  —  wenn  auch  nicht  juristisch  —
ganz  dasselbe,  wenn  der  Staat  den  gleichen  Betrag  als  Steuer
eingehoben  und  dem  Beamten  überwiesen  hätte.  Zu  jener  Zeit,
da  die  Auswucherung  der  Provinzen  im  vollen  Gange  war,  besonders ­
  im  1.  Jahrhundert  v.  Chr.  war  nur  juristisch  der  Beamte
unbesoldet  —  die  Repräsentationszuschüsse  können  ja  nicht  als
Besoldung  aufgefaßt  werden,  wenn  sie  auch  vielleicht  vor  den
Punischen  Kriegen  mehr  bedeuteten  als  später  (Dionys  v.  Halikarnaß ­
  XVIII,  14)  —  nicht  tatsächlich,  nur  die  Subalternbeamten
bezogen  Gehalt.  Bei  einer  wirtschaftshistorischen  Untersuchung
müssen  wir  aber  die  tatsächlichen  Verhältnisse  auf  dem  Gebiete
der  Güterverschiebung  in  Betracht  ziehen,  unabhängig  von  deren
        <pb n="120" />
        1Ì2  Sechstes  Kapitel.  Die  Entwicklung  der  römischen  Weltwirtschaft.
juristischer  Konstruktion.  Zu  den  tatsächlichen  Leistungen  von  einzelnen ­
  an  die  Gesamtheit  gehörten  Bauten,  Spiele,  Spenden,
Straßenanlagen  (Plutarch,  Cäsar  5)  und  vieles  andere,  und  zwar
nicht  nur  in  Rom,  sondern  vielfach  auch  in  den  Provinzen.  Von
einem  Zwange  des  Staates  war  dabei  nicht  die  Rede,  sondern
von  einem  der  allgemeinen  Meinung.  Vielfach  lag  auch  reine  Berechnung ­
  zugrunde,  der  einzelne  wollte  so  eben  das  Volk  politisch
gewinnen.  Während  die  Ädilen  ursprünglich  nur  die  Aufsicht  bei
den  Spielen  führten,  veranstalteten  sie  später  dieselben  immer  mehr
aus  eigenen  Mitteln  und  hielten  sich  dann  in  den  Provinzen  schadlos. ­
  Daß  unter  diesen  Umständen  gegen  das  Ende  der  Republik
die  meisten  Politiker  von  Ruf  zeitweilig  verschuldet  waren,  kann
uns  nicht  wundern  (Cäsar,  Bürgerkrieg  1,4).  Auch  die  Getreidespenden ­
  waren  in  steigendem  Maße  ein  Agitationsmittel  geworden
(S.  106).  Es  kam  vor,  daß  ein  römischer  Beamter  die  Bereitwilligkeit ­
  einer  Provinz,  ihm  gefällig  zu  sein,  dazu  verwendete,  Rom
aus  dieser  Provinz  mit  billigem  Getreide  zu  versorgen  (Plutarch,
Wo  b.  g.  8).
Eine  wichtige  Einnahmsquelle  für  den  Staat  bildete  die
Verpachtung  von  Staatsländereien,  Weideland,  Wäldern,  weswegen ­
  auch  vorsichtige  Politiker  sich  gegen  die  Verringerung  dieser
Bestände  erklärten  (Cicero,  An  Attikus  II,  18).  Auch  die  Salzund
  Pechgewinnung  wurde  vielfach  verpachtet  (Dionys  v.  Halikarnaß ­
  XX,  6).  Ebenso  brachten  die  Bergwerke  viel  ein.  Aber
nicht  nur  die  Ausnutzung  der  Immobilien  wurde  verpachtet,
sondern,  wie  wir  schon  oben  sahen,  auch  die  staatlicher  Rechte.
Die  Gelder,  welche  in  die  Staatskasse  aus  den  Steuern  der  Provinzen ­
  und  den  Zöllen  flössen,  waren  überaus  groß.  Da  in  den
Zeiten  der  Republik  die  Provinzen  den  Beamten  und  Steuerpächtern ­
  von  Jahrzehnt  zu  Jahrzehnt  mehr  ausgeliefert  wurden,
war  das  Pachten  der  Steuern  ein  sehr  rentables  Geschäft  und
daher  eine  hohe  Pachtsumme  durch  den  Staat  nicht  schwer  zu
erzielen.  Da  die  Provinzialen  unter  solchen  Umständen  oft  in
schwere  Geldverlegenheit  kamen,  mußten  sie  sich  an  Geldleute  um
Hilfe  wenden.  Diese  waren  selbst  wieder  Römer,  die  in  großer
Zahl  Handels-  und  Geldgeschäfte  in  den  Provinzen  trieben  (Plutarch, ­
  Kato  d.  I.  61).  Vielfach  bildeten  sie  Konsortien,  die  systematisch ­
  Geld  erpreßten.  Die  vornehmen  Römer,  die  sich  häufig
nicht  selbst  mit  schmutzigen  Geldgeschäften  abgeben  wollten,  waren
durch  Strohmänner  in  denselben  vertreten  und  liehen  ihre  oder
        <pb n="121" />
        Finanzen,  Recht.

113

ihrer  Standesgenossen  Machtmittel  den  Wucherern  zur  Eintreibung
der  Gelder,  an  denen  sie  selbst  dann  partizipierten.  Dabei  war
die  Rücksichtslosigkeit  gegenüber  den  Provinzialen  vielfach  eine
grenzenlose,  und  man  könnte  mit  Recht  von  einer  Art  Provinzialkoller ­
  sprechen,  so  wie  man  heute  von  einem  Tropenkoller  spricht
(Cicero,  Gegen  Verres).  Betrug  und  Unterschleife  waren  dabei,
sowohl  unter  den  römischen  als  auch  unter  den  einheimischen
Beamten,  etwas  Gewöhnliches  (Cicero,  An  Attikus  VI,  2).  Die
Kaiserherrschaft  war  unter  diesen  Umständen  für  viele  Gebiete
eine  wahre  Erlösung  und  die  Lobreden  oft  wirklich  ernst  gemeint.
Da  die  Verpachtung  der  Steuern  viel  einbrachte,  war  die  Regierung ­
  gegen  die  Steuerpächter  überaus  rücksichtsvoll,  wodurch
die  tatsächliche  Macht  dieser  Leute  vielfach  so  groß  wurde,  daß
hohe  Beamte  sich  ihnen  beugen  mußten.  Neben  den  genannten
Einnahmen  wären  noch  die  Abgaben  bei  der  Freilassung  und
beim  Verkauf  von  Sklaven  zu  erwähnen,  die  keinen  unerheblichen
Ertrag  brachten.
Der  römische  Bürger  zahlte  im  allgemeinen  in  der  Zeit  der
Republik  keine  direkten  Steuern,  doch  kam  es  vor,  daß  er  gelegentlich ­
  eines  Kriegszuges  eine  bestimmte  Abgabe  leisten  mußte,
die  aber  mehr  den  Charakter  einer  Zwangsanleihe  trug,  da  die
Rückzahlung,  wenn  irgend  möglich,  aus  dem  Kriegsertrag,  d.  h.
aus  der  Beute,  aus  dem  Erlös,  der  aus  dem  Verkauf  der  Gefangenen ­
  zustande  gebracht  wurde  usw.,  erfolgte  (Dionys  v.  Halikarnaß ­
  V,  47).  Schon  seit  der  Mitte  des  2.  Jahrhunderts  hörte  die
Erhebung  dieser  Abgabe  im  allgemeinen  auf  (Cicero,  Über  die
Pflichten  II,  76).  Die  Kriegseinnahmen  gehörten  in  der  römischen
Republik  zu  den  wichtigsten  der  Staatskasse  und  waren  ausreichend
regelmäßig.  Erst  die  Friedenszeit  unter  den  Kaisern  ließ  andere
Einnahmequellen  bedeutsamer  werden.  Ein  Teil  dieser  Einnahmen
wurde  häufig  dazu  verwendet,  Tempel  zu  errichten  (Dionys  v.
Halikarnaß  VI,  94).
Die  großartige  Entwicklung  zur  Weltwirtschaft  übte  auch  auf
das  Rechts  leb  en  einen  entscheidenden  Einfluß  aus.  Schon  früh
wurde  jenes  Zeitalter  der  Barbarei  in  Rom  überwunden,  das
den  Fremden  für  rechtlos  erklärte,  indem  man  durch  Gastfreunde
eine  Art  Vertreter  für  ihn  schuf.  Um  die  Mitte  des  3.  Jahrhunderts ­
  v.  Chr.  schuf  man  eine  eigene  Behörde  für  die  Rechtsprechung, ­
  die  Verträge  zwischen  Römern  und  Ausländern  sowie
dieser  untereinander,  indem  für  Streitfälle,  welche  dieselben
NNuG  358:  Neurath,  antike  Wirtschaftsgeschichte.  8
        <pb n="122" />
        114  Siebentes  Kapitel.  Das  römische  Reich  als  Wirtschaftskörper.
betrafen,  ein  eigener  Prätor  neben  dem  Stadtprätor  bestimmt
wurde.  Da  in  den  Provinzen  auf  die  einheimische  Rechtsordnung
immer  Rücksicht  genommen  wurde  und  auch  in  Rom  selbst  gelegentlich ­
  der  verschiedenen  Handelsgeschäfte,  die  ja  vorwiegend  mit
Fremden  abgeschlossen  wurden,  fremde  Rechtsanschauungen  eindrangen, ­
  so  entwickelte  sich  mit  der  Zeit  eine  ganze  Reihe  neuer
Rechtssätze  und  Institutionen,  welche  allmählich  die  römischen  Gebilde ­
  überwucherten.  In  der  Kaiserzeit  wurden  die  altrömischen
Rechtssätze  geradezu  von  den  internationalen  Rechtssätzen  absorbiert. ­
  Ihre  Kodifikation  im  oströmischen  Reiche  stellte  dann  für
die  späteren  Völker  den  Inbegriff  des  römischen  Rechts  dar.  Es
wurde  darin  eine  Menge  von  juristischen  Ideen  verarbeitet,  die
auf  die  einzelnen  Völker,  Römer,  Griechen  und  Orientalen  aufzuteilen ­
  der  Wissenschaft  noch  nicht  gelungen  ist.
Ein  gewaltiges  Reich  war  aus  dem  kleinen  römischen  Gemeindewesen ­
  geworden,  anders  als  bei  den  griechischen  Staaten  der  voralexandrinischen
  Zeit  ging  hier  die  Entwicklung  der  politischen  und
wirtschaftlichen  Macht  parallel.  Die  Weltwirtschaft  wurde
durch  den  Weltstaat  geschaffen.
Siebentes  Kapitel.
Das  römische  Reich  als  Wrrtschaftskörper.
(Ende  der  Republik  und  Beginn  der  Kaiferzeit.)
Und  es  bringt  alle,  die  Kleinen  und  die  Großen,  die
Reichen  und  die  Armen,  die  Freien  und  die  Knechte
dazu,  daß  sie  sich  einen  Stempel  machen  auf  ihrer
rechten  Hand  oder  ihrer  Stirn,  damit  niemand  kaufen
oder  verlaufen  könne,  der  nicht  den  Stempel  habe  mit
dem  Namen  des  Tieres-  Offenbarung  Johannes.
In  den  letzten  Zeiten  der  Republik  vereinigte  das  römische
Reich  alle  Völker  des  Mittelmeerbeckens  „gleichsam  wie  in
einem  Leibe".  Die  Grenzen,  welche  das  Kaiserreich  erreichen  sollte,
waren  an  den  wichtigsten  Punkten  bereits  abgesteckt;  von  den  unbekannten ­
  Welten  konnte  die  Römer  nur  Indien  locken,  dem  sie
sich  durch  Kriege  gegen  das  mächtige  Partherreich  sowie  durch  den
Handel  möglichst  zu  nähern  suchten.  Wie  das  Gold  Amerikas  später
die  Spanier  anzog,  so  die  Westländer  der  Antike  das  Gold  jenes
Indien  (Herodot  III,  94),  wo  die  Natur  alles  in  Fülle  hervorbrachte, ­
  wo  Flüsse  von  Milch  und  Honig,  von  Wein  und  Öl
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        Weltwirtschaft.

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strömen  sollten,  wo  ein  glücklicheres  Geschlecht  ein  friedliches  Dasein ­
  in  lieblichen  Hainen  unter  einem  ewig  blauen  Himmel  führte
(Dio  v.  Prusa  XXXV,  18  f.).  Germanien  dagegen  oder  das  nördliche ­
  Britannien  waren  wenig  begehrenswert,  nur  aus  politischen
Gründen  suchte  man  diese  Länder  teilweise  zu  besetzen.  Nach  Westen
fand  die  Herrschaft  am  Atlantischen  Ozean  ihre  Grenze,  und  wenn
man  jenseits  der  Säulen  des  Herkules  die  Sonne  größer  als  sonst
im  Meere  versinken  sah  und  von  einer  herrlichen  Insel  träumte,
die  fern  im  Westen  liege,  so  fuhr  man  trotzdem  nicht  auf  Entdeckungsfahrten ­
  hinaus  (Diodor  V,  19).
Bis  an  die  Grenzen  der  bewohnten  Welt  waren  die  Römer  vielfach ­
  vorgedrungen  (Appian,  Einleitung  1  f.).  Doch  begnügten  sie
sich  selten  damit,  Länder  gesehen  zu  haben  oder  mit  ihnen  Handel
zu  treiben,  meist  folgten  den  römischen  Reisenden  und  Kaufleuten ­
  die  Kohorten  auf  dem  Fuße.  Und  so  verbreitete  sich  in
Asien,  Afrika,  Germanien,  Gallien  und  Britannien  nicht  nur  der
römische  Name,  sondern  auch  römisches  Blut;  denn  wo  der  römische
Krieger  hinkam,  dort  entstanden  bald  Blutmischungen  aller  Art.
Handel  und  Verkehr  bewirkten,  daß  sich  das  Schauspiel  wiederholte, ­
  das  Italien  im  Kleinen  erlebt  hatte:  alle  Eigenheiten  der
Sitte,  Sprache,  Kleidung  und  Bewaffnung  sowie  der  wirtschaftlichen ­
  Ordnung  vermischten  sich  immer  mehr.  Zu  Ende  der  Republik ­
  traten  jene  Gebiete  zurück,  die  ihren  Bedarf  selbst  produzierten, ­
  bis  gegen  Ende  der  Kaiserzeit  die  eigene  Versorgung  wieder
in  den  Vordergrund  trat  und  der  länderumspannende  Mittelmeerhandel ­
  zusammenschrumpfte.  In  der  Periode  aber,  von  der  wir
hier  sprechen,  war  die  Weltwirtschaft  auf  ihrem  Höhepunkt.  Der
Kaufmann  kam  nicht  nur  in  die  fernen  Länder,  um  dort  zu  holen,
was  jene  zufällig  besaßen,  wie  dies  lange  Zeit  bei  den  Indienfahrern
  der  Fall  war,  sondern  die  fremden  Völker  paßten  in  immer
stärkerem  Maße  diesen  Handel  ihrer  Produktion  an  und  trieben
so  selbst  auf  niedriger  Kulturstufe  ein  regelmäßiges,  einigermaßen
organisiertes  Exportgeschäft.  Von  Gades  bis  zu  den  Küsten  Indiens ­
  gab  es  überall  Städte  und  Ortschaften,  die  mehr  oder  weniger ­
  vom  Handelsverkehr  lebten,  sei  es,  daß  man  Fische  einsalzte
wie  in  einigen  spanischen  Gegenden  und  sie  mit  eiMen  oder
fremden  Schiffen  nach  Rom  schaffte,  sei  es,  daß  man  Weihrauch,
Schildkröten  und  Elfenbein  im.  Osten  sammelte,  um  es""8em  "römischen ­
  Kaufmann'  zu'  übergeben.  Aber  nicht  nur  die  fremden
Handelsplätze  organisierten  ihre  Produktion  für  den  Verlaus,  auch
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        116  Siebentes  Kapitel.  Das  römische  Reich  als  Wirtschaftskörper.

die  Handelszentren  des  römischen  Reiches  begannen,  sich  der  Erportindustrie
  speciell  für  jene  Gegenden  zuzuwenden,  und  traten
so  mit  der  dortigen  Industrie  immer  mehr  in  Konkurrenz;
während  ursprünglich  der  fremde  Kaufmann  ins  freinde  Land
Waren  seiner  Heimat  brachte,  überwog  nun  vielfach  die  Einfuhr ­
  von  Gegenständen,  welche  die  einheimische  Industrie,  allerdings ­
  nicht  so  billig,  herzustellen  vermochte.  Während  das  erste
Stadium  in  erheblichem  Maße  den  Kulturfortschritt  förderte,  indem ­
  fremde  Waren  neue  Bedürfnisse  erzeugten,  wie  dies  z.  B.  die
orientalischen  in  Griechenland  taten  (S.  30),  hatte  dies  zweite
Stadium  nicht  mehr  diese  günstige  Wirkung.  Das  Volk,  welches
dem  römischen  Kaufmann  seine  Schildkröten  verhandelte,  erhielt
Jahr  für  Jahr  dieselben  Tongefäße,  die  früher  seine  eigenen
Handwerker  erzeugten  und  vielfach  trat  dadurch  sogar  ein  Rückgang ­
  in  der  Kultur  ein.
Im  Westen  lag  die  Provinz  Spanien,  die  durch  den  hannibalischen
  Krieg,  am  Ende  des  dritten  Jahrhunderts,  den  Römern
zugefallen  war.  In  erster  Linie  waren  nur  die  Küsten  dem  Handel
erschlossen,  und  Handelsexpeditionen,  besonders  in  die  nordwestlichen
Teile,  blieben  lange  ein  Wagnis.  Die  südlichen,  unter  dem  Namen
Bätica  zusammengefaßten  Distrikte  nahmen  vor  allem  italische
Auswanderer  auf.  Dort  befanden  sich  auch  bereits  seit  längerer
Zeit  römische  Ansiedlungen,  so  z.  B.  Carteia,  das  dadurch  entstanden ­
  war,  daß  die  römischen  Soldaten  mit  eingeborenen  Frauen
Kinder  erzeugten  und  mit  den  Ureinwohnern  zusammen  eine  Kolonie ­
  bildeten.  Immer  mehr  römische  Ansiedlungen  entstanden
zwischen  den  alten  phönikischen,  griechischen  und  karthagischen  Kolonien, ­
  die  ihren  nationalen  Charakter  nicht  bewahrten,  sondern
meist,  wie  z.  B.  Gades,  eine  gemischte  Bevölkerung  in  ihren
Mauern  einschlössen.  Bätica  war  reich  an  Naturschätzen,  viele
Küstenstädte  beschäftigten  sich  mit  dem  Fangen  und  Einsalzen  von
Fischen,  die  in  erster  Reihe  nach  Italien  exportiert  wurden.  Der
Bätis,  dessen  beide  Ufer  intensiv  bebaut  wurden,  konnte  weit
hinauf  mit  Lastschiffen  befahren  werden,  dann  mußte  man  die
Waren  auf  kleinere  Fahrzeuge  umladen,  die  bis  Korduba,  das
spätere  Kordova,  fuhren  (Strabo,  Geographie  III).  Silber,  Kupfer
und  Gold  fand  man  in  Bätica  sowie  in  den  sonst  ärmeren  nördlichen ­
  Gegenden.  Die  Produktion  Südspaniens  an  Zerealien  war
so  groß,  daß  sie  in  großer  Menge  exportiert  werden  konnten,  was
durch  die  Flüsse  sehr  erleichtert  wurde.  Auch  wurden  Kanäle  ge-
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        Spanien,  Gallien.

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schaffen,  um  den  Verkehr  zu  unterstützen,  der  freilich  mit  dazu  beitrug, ­
  die  früher  überaus  niedrigen  lokaleil  Fleisch-  und  Getreidepreise
zu  erhöhen.  Die  Waren,  die  vor  allem  nach  Rom  und  Italien  versendet ­
  wurden,  decken  sich  im  großen  und  ganzen  mit  den  heutigen
Exportartikeln:  Getreide,  Wein,  Öl,  Wachs,  Honig,  Pech,  Wolle,  und
neben  diesen  Rohprodukten  auch  manche  Ganzfabrikate,  so  Eisenwaren, ­
  gewisse  Gewebe  und  vieles  andere.  Die  Waren  wurden
meist  auf  Schiffen  ausgeführt,  die  auf  spanischen  Werften  aus
spanischem  Holz  verfertigt  worden  waren,  so  daß  auch  die  großen
Waldbestände  Verwendung  fanden.  Der  Verkehr  wurde  durch
Straßenbauten  gefördert,  die  zur  Zeit  der  Republik  begonnen  und
von  den  Kaisern  fortgesetzt  wurden.  Sie  dienten  zunächst  militärischen ­
  Zwecken,  wie  ja  auch  heute  viele  Eisenbahnen  und  Straßen,
wurden  aber  selbstverständlich  vom  Handel  benutzt.  Es  war  sogar
eine  Reichsstraße  vorhanden,  welche  die  italisch-gallische  Straße
bis  zum  Ozean  fortsetzte  und  eine  direkte  Verbindung  mit  Rom
schuf.
Die  nordöstlich  an  Spanien  angrenzende  Provinz  Gallien  war
lange  vor  der  politischen  Besitzergreifung  von  den  Römern  wirtschaftlich ­
  ausgebeutet  worden,  nachdem  Massalia  Gallien  dem  Osten
erschlossen  hatte  (S.  33).  Wo  zunächst  nur  der  griechische  Kaufmann ­
  Handel  trieb,  kam  bald  auch  der  römische  hin,  und  diesem
folgten  der  römische  Soldat  und  der  römische  Landwirt.  Nachdem
die  Massalioten,  die  in  ihren  Handelsinteressen  durch  die  umliegenden ­
  Völker  gestört  wurden,  im  2.  Jahrhundert  die  Römer
gerufen  hatten  (Polybius  XXXIII,  4  f.),  halfen  diese,  immer  auf
Erweiterung  ihrer  Macht  bedacht,  gerne  der  militärisch  schwächer«
Stadt  (Strabo  IV,  l),  es  entstanden  römische  Städte,  die  zunächst
Massalia  als  Schutzwehr  umgaben,  bald  aber  als  unerwünschte
Fessel  umklammerten.  Römische  Heere  hatten  immer  in  Gallien
zu  tun,  da  Unruhen  auf  Unruhen  folgten.  Trotzdem  wurden  Kolonisten ­
  und  Kaufleute  nicht  davon  abgehalten,  nach  Gallien  zu
ziehen,  um  entweder  in  den  Städten  des  Südens  eine  Heimstätte
zu  finden  oder  um  im  Norden  auf  weiten  Reisen  Reichtümer  zu
sammeln,  sei  es  auf  dem  Festlande  oder  jenseits  des  Kanals  in
Britannien.  Wenn  auch  die  Römer  der  Stadt  alle  Förderung  angedeihen ­
  ließen,  so  war  der  Verlust  der  Selbständigkeit  doch  nur
eine  Frage  der  Zeit  und  die  Gefahr,  daß  mit  der  politischen  auch
die  wirtschaftliche  Macht,  wie  so  oft,  zugrunde  gehen  könnte,  überaus ­
  naheliegend.  Im  Kampf  zwischen  Pompeius  und  Cäsar  ver-
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        118  Siebentes  Kapitel.  Das  römische  Reich  als  Wirtschaftskörper.
mochte,  wie  es  scheint,  Massalia  nicht  Neutralität  zu  bewahren,
wurde  von  Cäsar  erstürmt  und  der  umliegenden  Gebiete  beraubt,
auf  deren  Boden  bald  römische  Kolonien  entstanden,  die  in  immer
stärkerer  Weise  dem  Handel  Massalias  Konkurrenz  machten.  Doch
behandelte  man  Massalia  mit  Hochachtung,  und  eine  gewisse  politische ­
  Selbständigkeit  blieb  dem  aristokratisch  regierten  Gemeinwesen. ­
  Viele  Massalioten  warfen  sich  auf  das  Studium  der
schönen  Künste  und  lehrten  die  Gallier  in  ihrer  Stadt  die
griechische  Sprache  und  Wissenschaft,  so  daß  die  Hellenisierung
Galliens  mit  der  Römerzeit  nicht  ihr  Ende  fand.  Aber  nicht  nur
den  Galliern  war  Massalia  eine  Kulturstätte,  es  gab  auch  viele
Römer,  die  es  vorzogen,  in  Massalia  statt  in  Athen  ihre  Studien
zu  treiben,  was  mit  dazu  beitrug,  die  Stellung  der  Stadt  zu
festigen.  Bis  weit  in  die  christliche  Zeit  hinein  haben  sich  lebendige ­
  Überreste  dieser  hochentwickelten  antiken  Kultur  dort  erhalten.
Neben  Massalia  gab  es  aber  noch  viele  andere  bedeutende  Handelsstädte, ­
  die  über  ganz  Gallien  zerstreut  waren.  Die  zahlreichen  schiffbaren ­
  Flüsse  unterstützten  den  Handel,  Straßenzüge,  steinerne  und
hölzerne  Brücken  ergänzten  diese  natürlichen  Verkehrswege  zu
einem  zusammenhängenden  System  (Strabo  IV,  1).  Die  Flüsse
selbst  wurden  vielfach  reguliert  und  z.  B.  die  Rhonemündung  so
instand  gesetzt,  daß  Massalia  später  einen  regelmäßigen  Zolldienst ­
  für  importierte  und  exportierte  Waren  einrichten  konnte.
Der  Handel  erstreckte  sich  auf  Agrar-  und  Jndustrieprodukte
(S.  33).  Ganz  Gallien  war  sehr  fruchtbar;  besonders  die  südlichen ­
  Teile,  in  denen  Öl-  und  Feigenbäume,  sowie  auch  Wein,
gepflanzt  wurden  (S.  33).  Zu  einer  intensiven  Bearbeitung  des
Bodens  drängte  die  Dichte  der  Bevölkerung.  Neben  Narbo,  dem
heutigen  Narbonne,  war  im  Süden  besonders  Lugdunum  als  Sitz
des  Statthalters,  als  Münzstätte  und  als  einer  der  Mittelpunkte
des  römischen  Lebens  von  besonderer  Bedeutung.  Das  römische
Steuer-  und  Zollsystem  erstreckte  sich  allmählich  immer  weiter,
und  schließlich  bekamen  auch  die  nördlichen  Distrikte  eine  immer
größere  Wichtigkeit,  bis  das  heutige  Trier  in  der  späteren  Kaiserzeit ­
  eine  der  großen  Regierungezentralen  wurde.  Ursprünglich
trieben  die  nordöstlichen  Gebiete,  so  das  belgische,  vor  allem  Viehzucht ­
  und  exportierten  große  Mengen  von  geselchtem  Schaf-  und
Schweinefleisch  nach  ganz  Italien,  besonders  nach  Rom  (Strabo
IV,  4).  Frühzeitig  trieben  die  Küstengebiete  schon  mit  dem  gegenüberliegenden ­
  Britannien  Handel,  von  wo  sie  Zinn  nach  Narbo
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        Gallien,  Britannien,  Germanien.

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und  Massalia  transportierten.  Später  entwickelte  sich  unter  römischem ­
  Einfluß  in  diesem  nördlichen  Teil  Textilindustrie  und
ein  geregelter  Bergwerksbetrieb  mit  der  damit  verbundenen  Metallbearbeitung. ­
  Die  vorhandenen  Städte  wurden  weiter  ausgebaut ­
  und  die  bestehenden  Zölle  vermehrt.
Die  Beziehungen  zu  Britannien  waren  nicht  sehr  enge,  da  die
römischen  Truppen  dort  nie  recht  festen  Fuß  fassen  konnten.  Nur
die  südlichen  Teile  waren  einigermaßen  unterworfen.  Britannien
exportierte  Getreide,  Vieh  und  Metalle,  daneben  auch  Häute,
Sklaven  und  besonders  Jagdhunde  nach  Gallien,  doch  war  weder
die  Viehzucht  noch  die  Landwirtschaft  sehr  entwickelt.  Export  und
Import  waren  nicht  groß,  doch  jedenfalls  bedeutend  genug,  daß
es  sich  den  Römern  verlohnte,  sowohl  Export  als  auch  Import
mit  Zoll  zu  belegen  (Strabo  IV,  5).'
Germanien  hatte  keine  hervorragende  Bedeutung  für  den  römischen ­
  Handelsverkehr,  zumal  die  fortwährenden  Insurrektionen
den  Verkehr  störten.  Viele  Gebiete  mußten  nur  geringe  Tribute
und  Steuern  zahlen,  dafür  aber  Soldaten  stellen.  Die  einzelnen
Länder  am  Rhein  und  an  der  Donau  sowie  im  Süden  an  der
Save  und  Drave  lieferten  vorwiegend  Naturalien,  während  die
Römer  italische  Waren  importierten  (Strabo  VII,  5).  Für  Germanien ­
  selbst  waren  die  Römer  von  großer  Bedeutung,  weil  die
zahlreichen  städtischen  Ansiedlungen  an  der  Grenze  als  Kulturund
  lokale  Handelszentren  dienten  und  auch  die  Produktion  Germaniens ­
  anregten.  Auch  der  Bernsteinhandel  führte  schon  früh  römische ­
  Kaufleute  in  diese  Länder.
In  Italien  war  der  südliche  Teil  am  stärksten  zu  Ende  der
Republik  und  zu  Anfang  der  Kaiserzeit  der  Weidewirtschaft  gewidmet ­
  worden,  wenn  sie  auch  in  den  übrigen  Teilen  von  nicht
geringer  Bedeutung  war.  So  gab  es  in  der  Poebene  eine  reiche
Wollproduktion,  die  für  die  italische  Kleiderfabrikation  in  erster
Reihe  in  Betracht  kam  (Strabo  V,  1).  Die  Poebene  lieferte  auch
wie  Belgien  Schweinefleisch  nach  Rom.  Daß  der  Viehstand  nicht
übermäßig  groß  war,  scheint  daraus  hervorzugehen,  daß  nach  Aquileia
  Vieh  aus  den  illyrischen  Gegenden  importiert  wurde  (Strabo
V,  1).  Die  Landwirtschaft  lieferte  reiche  Erträge  (Polybius  II,  15),
auch  wurden  die  Wälder  zweckmäßig  verwertet.  In  Mittelitalien
war  es  immer  Kampanien,  das  ausgezeichneten  Weizen  lieferte,
auch  die  Weinproduktion  war  dort  eine  erhebliche,  während  Roms
nächste  Umgegend  dagegen  als  unfruchtbar  erschien.  Der  Handel
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        120  Siebentes  Kapitel  Das  römische  Reich  als  Wirtschaftskörper.
war  vor  allem  in  Rom  konzentriert  sowie  in  den  südlichen  Städten
wie  Puteoli,  Neapel  u.  a.  Die  Wein-  und  Ölproduktion  Italiens
war  so  groß,  daß  Export  möglich  war,  so  z.  B.  nach  Gallien,  bis
Südgallien  erfolgreich  Konkurrenz  zu  machen  in  der  Lage  war.  Importiert ­
  wurden  vor  allem,  neben  den  Zerealien,  Luxusgegenstände
aller  Art  und  Sklaven,  für  deren  Beschaffung  nach  dem  Aufhören
der  großen  Kriege,  so  gut  es  eben  ging,  die  Seeräuber  sorgten,
die  aus  Kleinasien  und  Syrien  das  entsprechende  Menschenmaterial
zusammenbrachten.  Und  wenn  die  so  gewonnenen  Mengen  auch
nicht  den  früheren  vergleichbar  waren,  so  waren  sie  immerhin  bedeutend ­
  genug,  um  viele  einflußreiche  Männer  zu  veranlassen,  die
Bekämpfung  der  Seeräuber  lässig  zu  betreiben.  Da  manchen  Getreideproduktionsländern ­
  der  Export  nur  nach  Italien  gestattet
war,  ließ  sich  hier  viel  Getreide  konzentrieren,  während  der  Export ­
  unbedeutend  war.  Im  Verhältnis  zu  dem  gewaltigen  Reichtum ­
  der  Städte  Italiens,  der  griechischen  im  Süden  und  besonders
Roms,  war  die  Industrie  nicht  groß,  die  Waren  wurden  denn
auch  vorzugsweise  aus  Einnahmen  gekauft,  die  nicht  dem  Warenhandel ­
  entstammten,  sondern  aus  Tributen  oder  Geldgeschäften
flössen.  Wie  bedeutsam  der  Handel  nach  Rom  war,  kann  man
daraus  ersehen,  daß  z.  B.  Cäsar  sich  mit  dem  Gedanken  trug,
den  Lauf  des  Tiberfluffes  zu  regulieren  (Plutarch,  Cäsar  58).
Die  bauliche  Entwicklung  Roms  entsprach  zunächst  dem  Reichtum
in  keiner  Weise,  da  die  Straßen  eng,  die  Bauten  unsicher  waren,
erst  die  Kaiserzeit  schuf  ein  neues  Rom  von  ungeheurer  Pracht.
Da  wie  in  allen  Großstädten  die  Bodenpreise  stiegen,  wurden  die
Häuser  mehrstöckig  gebaut,  eine  Erscheinung,  wie  wir  sie  in  der
modernen  Entwicklung  ebenfalls  kennen  (Juvenal  I,  3,  199).  Den
hohen  Bodenpreisen  entsprachen  auch  die  hohen  Wohnungspreise
in  der  Stadt,  wo  man  für  eine  kleine  Behausung  dasselbe  zahlte
wie  in  kleineren  Landstädten  für  ein  Häuschen  mit  Garten  (Juvenal ­
  I,  3,  225).  Die  Großstadt  übte  damals  wie  heute  ihre
Macht  aus;  ganz  abgesehen  von  den  wirtschaftlichen  Vorteilen,  bot
sie  viele  Anregungen  (Juvenal  1,3,  223).  Die  Reichhaltigkeit  des
Marktes  übertraf  wohl  noch  den  von  Athen  (S.  75).  Von  Rom
gingen  die  Straßen  aus,  die  den  Reisenden  überall  hinführen
konnten.  Privatposten  und  private  Speditionsfirmen  ermöglichten
ein  vielleicht  zuweilen  etwas  umständliches,  aber  jedenfalls  angenehmes ­
  Reisen.  Da  Stationen  zum  Pferdewechsel  systemisiert
waren,  konnten  Reisen  recht  bequem  gemacht  werden,  und  trotz
        <pb n="129" />
        Italien,  Griechenland.

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der  weit  geringeren  Reisegeschwindigkeit  konnte  man  die  damals
in  Betracht  kommende  Welt  ungefähr  in  derselben  Zeit  bereisen
wie  die  heutige  Kulturwelt.  Dabei  war  das  Reisen  nichts  Seltenes,
und  die  Leute,  die  in  der  Welt  weit  herumgekommen  waren,  sind
wohl  verhältnismäßig  nicht  weniger  zahlreich  gewesen  als  heutzutage, ­
  war  es  doch  z.  B.  nichts  Besonderes,  in  Massalia  oder
Athen  studiert  zu  haben.
Die  Einverleibung  Griechenlands  ins  römische  Reich  wurde  im
großen  und  ganzen  mit  Schonung  vorgenommen  und  den  Städten
eine,  wenn  auch  beschränkte,  Autonomie  belassen.  Für  die  Entwicklung ­
  der  einzelnen  Landschaften  geschah  allerlei,  so  suchte  schon
Cäsar  durch  Kolonisation  den  verschiedenen  Gemeinden  zu  helfen.
So  kam  Korinth  wieder  empor  und  trieb  wie  ehedem  Industrie
und  Handel.  Aber  die  Folgen  des  Bürgerkrieges  wurden  in  Griechenland ­
  nicht  vollkommen  überwunden.  Die  Entvölkerung,  welche
in  der  Friedenszeit  begonnen  hatte  (S.  104),  wurde  durch  die  Kriege
begreiflicherweise  nicht  aufgehalten  (Plutarch,  Über  den  Verfall  der
Orakel  8).  Schauerlich  klingt  die  Schilderung,  die  wir  von  einer
Stadt  auf  Euböa  aus  dem  Ende  des  ersten  Jahrhunderts  besitzen.
Zwei  Drittel  der  Felder  lagen  verödet,  vor  allem  wegen  Mangels
an  Arbeitskräften  (Dio  v.  Prusa  VII,  34).  Trotz  aller  Fürsorge,
welche  die  Kaiser  und  reiche  Private  den  Städten  angedeihen  ließen,
fehlte  im  allgemeinen  eine  ausreichende  Verwaltung.  Weder  die
kaiserlichen  Beamten  noch  die  autonomen  Städte  waren  den  sozialen
Problemen  auch  nur  irgendwie  gewachsen.  Mit  Bauten  und  Spenden ­
  allein  war  eben  das  kranke  Land  nicht  zu  heilen.  Es  half  nichts,
daß  z.  B.  Athen  durch  Hadrian  der  Getreidelieferungen  teilhaftig
wurde  sowie  reicher  Stiftungen  zur  Erhaltung  armer  Kinder
(S.  139).  Während  andere  Provinzen  zu  Beginn  der  Kaiserzeit  ihre
beste  Zeit  erlebten,  war  Griechenland  im  großen  und  ganzen  im
Rückschritt  begriffen.  Textilindustrie  und  Kunsthandwerk  bedeuteten
noch  am  meisten.  Der  Zwischenhandel  bewirkte,  daß  in  Athen  und
besonders  in  Korinth  das  Geldgeschäft  blühte,  aber  damit  allein
konnte  kein  Land  in  die  Höhe  kommen.
Die  Bedeutung  der  Gebiete  des  Schwarzen  Meeres  begann
für  das  Mittelmeer  zurückzutreten,  als  die  Römer  ihre  Eroberungspolitik ­
  in  großem  Stil  begannen.  Die  Auswahl  unter  den  getreideproduzierenden ­
  Ländern  war  nun  weit  größer  als  in  den  Zeiten,
die  wir  im  vierten  Kapitel  behandelten,  auch  ging  der  Getreideexport ­
  seit  der  hellenistischen  Zeit  zurück,  und  es  fand  sogar  gelegentlich
        <pb n="130" />
        122  Siebentes  Kapitel.  Das  römische  Reich  als  Wirtschaftskörper.
Import  aus  dem  Westen  statt,  und  die  Krim  exportierte  z.  B.
zu  Strabos  Zeiten  kein  Getreide  mehr  wie  ehedem  (Strabo,  Geographie ­
  VII,  4).  Hingegen  spielte  das  pontische  Vieh  eine  wichtige
Rolle,  auch  wurden  andauernd  Sklaven  in  großen  Mengen  (Tacitus, ­
  Annalen  XII,  17)  aus  dem  Gebiet  des  Schwarzen  Meeres
nach  dem  Westen  exportiert  (Polybius  IV,  38).  Die  eingesalzenen
Fische  bildeten  stets  einen  wichtigen  Handelsartikel  (S.  32),  denn
das  Meer  spendete  immer  reichen  Segen  (Dio  v.  Prusa  XXXV,  25).
Der  Westen  importierte  vor  allem  Wein  und  Öl  und  wie  seit  jeher
Jndustrieartikel  aller  Art,  besonders  Textilwaren  und  Luxusgegenstände ­
  (Polybius  IV,  38).
Kleinasien  hat  auch  in  der  Römerzeit  im  großen  und  ganzen
seine  wirtschaftliche  Struktur  gewahrt,  viele  wohlhabende  Städte
zogen  sich  längs  der  Küste  hin  und  waren  im  Binnenland  verteilt,
die  Stadtstaatenentwicklung  der  griechischen  Zeit  und  die  Erweiterungen ­
  und  Neugründungen  der  hellenistischen  Periode  hatten  in
diesem  Bereich  nicht  zur  Schaffung  alles  beherrschender  Metropolen
geführt.  Hervorragende  Städte  wie  Ephesus,  Pergamum,  Magnesia,
Smyrna,  Tarsus  waren  einander  ungefähr  gewachsen  und  lagen
dauernd  miteinander  in  Streit  (Dio  v.  Prusa  XXXIV,  27).  Eine
alte  Kultur  bewahrte  den  kleinasiatischen  Städten  den  Wohlstand ­
  bis  tief  in  die  Kaiserzeit  hinein,  wenn  auch  die  Piraten
den  Handel  überaus  geschädigt  (S.  97)  und  die  Bürgerkriege  die
Finanzen  schrecklich  in  Verwirrung  gebracht  hatten.  Die  kleinasiatischen ­
  Städte  kamen  zum  Bankerott,  aber  sie  erholten  sich  bald
wieder.  Weit  besser  als  ein  uneingestandener  Bankerott  erwies  sich
hier  der  einmal  zugestandene  und  glatt  durchgeführte.  Nur  das
stolze  Rhodus  hatte  auf  das  Recht  verzichtet,  von  dem  durch  Rom
angeordneten  Schuldennachlaß  Gebrauch  zu  machen  (Dio  v.  Prusa
XXXI,  67),  der  wegen  Zahlungsunfähigkeit  gewährt  wurde  (Dio
v.  Prusa  XXXI,  69),  und  suchte  zugleich  seinen  Kredit  so  noch
fester  zu  gründen,  während  die  andern  Städte  davon  Gebrauch
machten.  Erst  die  beginnende  Völkerwanderung  hat  wie  an  so  vielen
Stellen  auch  hier  nicht  nur  den  Reichtum,  sondern  auch  seine  Quellen
vernichtet.  Der  Reichtum  Kleinasiens  war  mehr  durch  die  Überlieferung ­
  der  kommerziellen  und  industriellen  Einrichtungen  gesichert
als  durch  die  Vorkehrungen  des  römischen  Reiches.  Die  Straßenbauten ­
  erfolgten  auch  hier  mehr  zu  militärischen  als  zu  merkantilen
Zwecken.  Auch  sonst  mischte  sich  die  Regierung  nicht  allzuviel  ein
und  überließ  die  Städte  ihrem  Treiben,  solange  sie  die  recht  hohen
        <pb n="131" />
        Kleinasien,  Syrien.

123

Steuern  zahlten.  Nur  bei  größeren  Unglücksfällen  half  das  Reich,
sonst  war  eine  besondere  Staatsfürsorge  nicht  zu  bemerken.  Industrie ­
  und  Handel  blühten,  auch  Bodenproduktion  kam  hinzu,  ebenso
ein  ausgedehntes  Handwerk  und  fabriksmäßiger  Betrieb.  Der  große
Handel,  wie  ihn  Antiochia  und  besonders  Alexandria  zwischen
Orient  und  Okzident  vermittelten,  kam  für  Kleinasien  weniger  in
Betracht,  doch  bestand  ein  starker  Verkehr  zwischen  Italien  und
Kleinasien.
Die  bauliche  Entwicklung  der  Städte  Kleinasiens  war  in  der
Kaiserzeit  vielfach  eine  großartige  (Dio  v.  Prusa  XL  VII,  15),.
wobei  gleichzeitig  immer  das  Bestreben  vorwaltete,  Fremde  heranzuziehen ­
  und  eine  gute  Population  zu  haben.  Viele  kleinasiatische
Städte  hatten  große  Vorteile  davon,  daß  die  großen,  periodisch  abgehaltenen ­
  Gerichtssitzungen  in  ihren  Mauern  abgehalten  wurden.
Dann  strömte  alles  zusammen,  die  Mitglieder  der  staatlichen  Verwaltung, ­
  Kaufleute,  Handwerker  und  Huren,  alle  Preise  stiegen,
die  Zirkulation  des  Geldes  nahm  zu,  der  Mietzins  stieg  ebenfalls,
und  die  Stadt  bereicherte  sich  auf  Kosten  der  Fremden  (Dio
v.  Prusa  XXXV,  15  f.).  Die  Industrie  und  Handelstätigkeit  der
Städte  Kleinasiens  wurde  vielfach  durch  Rohprodukte  des  eigenen
Landes  sowie  durch  Viehzucht  und  Landwirtschaft  unterstützt  (Dio
v.  Prusa  XXXV,  13).  Wie  reich  die  Städte  gewesen  sein  müssen,
kann  man  daraus  ersehen,  daß  sie  dauernd  hohe  Steuern  zu  zahlen
in  der  Lage  waren  (Dio  v.  Prusa  XXXV,  14).  Die  politische
Herrschaft  rissen  meist  die  wohlhabenden  Klassen  an  sich,  setzten
die  ärmere  Bevölkerung  zurück  und  suchten  nur  Wohlhabenden
das  Bürgerrecht  zu  verleihen  (Dio  v.  Prusa  XXXIV,  23).  Da
Kleinasien  lange  von  größeren  Kriegen  verschont  blieb,  war  die
wirtschaftliche  Lage  eine  überaus  günstige.
Die  bedeutendste  Stadt  Syriens  war  Antiochia,  etwa  vom  Range
Seleucias  oder  Alexandrias  (Strabo,  Geographie  XVI,  2),  ein
wichtiger  Posten  für  die  militärische  Beherrschung  des  umliegenden
Gebietes,  zugleich  aber  auch  für  den  Handel  überaus  günstig  gelegen. ­
  Ähnlich  wie  in  Rom  war  die  Industrie  verhältnismäßig
wenig  entwickelt,  dafür  der  Import  und  der  Zwischenhandel.  Großer
Zerealienimport  war  nicht  nötig,  da  Syrien  seinen  Bedarf  im
wesentlichen  selbst  deckte.  Aber  wenn  es  auch  überaus  fruchtbar
war  und  Getreide-,  Öl-  und  Weinpflanzungen  in  großen  Mengen
bestanden,  so  exportierte  es  doch  davon  nicht  viel.  Auf  dem  Lande
draußen  und  besonders  in  den  kleinen  Städten  waren  Industrien
        <pb n="132" />
        124  Siebentes  Kapitel.  Das  römische  Reich  als  Wirtschaftskörper.
aller  Art,  Textilindustrie,  Glaswarenerzeugung,  zu  finden.  Die
phönikischen  Sitze  der  Industrie  hatten  noch  immer  eine  große  Bedeutung, ­
  so  Tyrus,  wo  die  Rohseide  verarbeitet  wurde,  welche  auf
dem  Landweg  aus  China  kam,  durch  seinen  Purpur.  Der  Handel
des  mittleren  Asien  und  Mesopotamien  ging  wesentlich  über
Syrien,  während  der  Handel  Arabiens  und  Indiens  über  Ägypten
ging  (S.  87).  Dabei  trieben  die  Syrer,  wie  in  früheren  Zeiten,
immer  noch  selbst  Handel  auf  eigenen  Schiffen,  die  in  allen  Häfen
des  Mittelmeers  zu  finden  waren.  Die  Syrer  hatten  eine  Faktorei
in  Ostia,  in  der  sie  sich  ähnlich  wie  die  Griechen  in  Naukratis
(S.  50)  um  ein  Heiligtum  gruppierten.  In  erster  Reihe  war  der
Handel  der  Schöpfer  des  syrischen  Reichtums,  in  zweiter  Linie  erst
die  Industrie.
In  Nordafrika  suchten  die  Römer  die  großen  Verwüstungen
einigermaßen  gutzumachen,  sie  förderten  die  Landwirtschaft  und
Viehzucht,  taten  auch  manches  für  die  Gewerbe.  Tie  großen  Kolonisationen, ­
  besonders  die  Ansiedlung  von  Veteranen  in  der  Kaiserzeit ­
  brachte  manche  Gegenden  wieder  in  die  Höhe.  Besonders  Karthago ­
  war  nach  seiner  Wiedererbauung  bald  ein  großer  Handelsplatz, ­
  der  den  Handel  zwischen  Nordafrika  und  Italien  vermittelte.
Die  dichte  Bevölkerung  wurde  gelichtet,  als  die  Kämpfe  zwischen
den  Throuprätendenten  häufiger  wurden,  und  wie  in  so  vielen
Ländern  begann  auch  in  Nordafrika  damals  der  Untergang,  doch
haben  noch  lange  hervorragende  Männer  dieser  Gegend  als  Kulturträger ­
  gewirkt.
Ägypten  unterstand  direkt  dem  Monarchen.  Die  Verwaltung,
besonders  die  der  Finanzen,  wurde  energisch  zentralisiert  und  in
die  Hände  der  römischen  Beamten  gelegt,  wodurch  die  Überlegenheit ­
  Ägyptens  über  die  andern  Provinzen  gesichert  wurde,  während
die  Kaiser  sonst  den  Gemeinden  eine  gewisse  Autonomie  ließen.
Hier  in  Ägypten  fehlte  aber  die  stadtstaatliche  Tradition  völlig.
Trotz  der  ungeheuern  Fruchtbarkeit  Ägyptens,  trotz  der  Weingärten,
Öl-  und  Dattelpflanzungen  war  die  Bevölkerung  im  ganzen  nicht
allzugut  gestellt;  denn  der  Export  entzog  dem  Lande  den  größten
Teil  seines  Segens,  sei  es,  daß  die  Produkte  durch  die  Verwaltung
oder  den  Handel  aufgesogen  wurden,  denn  letzteres  trug  zum  mindesten ­
  dazu  bei,  die  Getreidepreise  zu  heben,  so  daß  man  den  Ägyptern ­
  Getreidespenden  zuteil  werden  lassen  konnte  wie  den  Römern
(Tacitus,  Annalen  II,  59).  Durch  die  Getreidemagazine  Ägyptens
konnte  der  Kaiser  seine  Römer  sättigen;  sperrte  er  sie,  so  drohte  die
        <pb n="133" />
        Afrika,  Ägypten.

125

Hungersnot.  So  war  es  Usurpator  Vespasians  erster  Gedanke,  die
Kornspeicher  Ägyptens  in  die  Hand  zu  bekommen,  um  Rom  völlig
wehrlos  zu  machen  (Sueton,  Vespasian  3),  da  derjenige  Italien  mit
Hungersnot  überziehen  konnte,  der  „die  Schlüssel  des  Landes  und
der  @ee"  in  die  Hand  bekam,  vermochte  man  sich  doch  in  Alexandria ­
  mit  geringer  Truppenmacht  gegen  Armeen  zu  halten  (Tacitus,
Annalen  II,  59).  Und  so  sehen  wir  die  Geschichte  der  Kaiser  eng
mit  der  Brotversorgung  Roms  und  Italiens  verknüpft.  Die  Getreidelieferungen, ­
  welche  Ägypten  Rom  zur  Verfügung  stellen  mußte,
bewirkten,  daß  man  dieser  Provinz  eine  besondere  Aufmerksamkeit
zuwendete.  Früh  suchte  man  eine  straffe  Angliederung  an  das  Reich
zu  erzwingen  (Tacitus,  Historien  1,11),  war  doch  Ägypten  für  Rom
fast  ebenso  unentbehrlich  wie  später  nach  der  Teilung  des  Reiches
für  Konstantinopel.  Und  die  Ägypter  selbst  scheinen  in  der  Kaiserzeit ­
  übermäßig  betont  zu  haben,  es  hänge  vom  Nil  ab,  ob  man
sich  in  Rom  satt  essen  könne  oder  Hunger  leiden  müsse  (Plinius,
Lobrede  auf  Trajan  31),  was  im  allgemeinen  richtig  war,  da
ja  nur  selten  Dürre  Ägypten  heimsuchte,  so  daß  es  auf  Zufuhr
angewiesen  war  (Plinius,  Lobrede  auf  Trajan  30  f.).  Augustus
sorgte  dafür,  daß  die  Kanalisation  wiederhergestellt  werde,  und  verwendete ­
  zum  Teil  kaiserliche  Truppen  zu  diesem  Zweck.  Die  Einkünfte ­
  aus  Ägypten  wurden  unter  verschiedenen  Titeln  bezogen,
ein  Teil  derselben  stammte  aus  bett  Domänen.  Die  Pächter  mußten
große  Anteile  vom  Ertrag  an  die  Regierung  abführen.  Da  die
Römer  weit  mehr  Getreide  benötigten  als  die  Ptolemäer,  stieg  der
Pachtzins  in  den  ersten  Jahrhunderten  der  Kaiserzeit,  soweit  er  in
natura  gezahlt  wurde,  und  es  wurden  fremde  Pächter  herbeigezogen,
um  eine  noch  intensivere  Bebauung  des  Bodens  zu  erreichen.  Die
Bemühungen  der  Kaiser  waren  auch  von  Erfolg  begleitet,  und
die  treffliche  Kanalisation  bewirkte,  daß  weite  Strecken  Landes,  die
heute  Wüste  sind,  damals  Kulturland  waren.  Die  Kanalisationsbauten ­
  wurden,  soweit  man  nicht  Lohnarbeiter  und  Soldaten
heranzog,  durch  Fronarbeit  bestimmter  Bevölkerungskreise  vollzogen, ­
  von  der  man  sich  aber  durch  eine  Geldzahlung  loskaufen
konnte.
Doch  die  Römer  begnügten  sich  nicht  damit,  dem  Laufe  des  Nil
und  des  Euphrat  zu  folgen,  sie  trachteten  auch  nach  den  Schätzen  O  stafrikas,
  Arabiens  und  Indiens.  Da  eine  Eroberung  nicht  möglich ­
  war,  schob  man,  wo  es  ging,  Militärposten  vor;  aber  selbst  wo
diese  sich  nicht  halten  konnten,  wurden  militärische  Demonstrationen
        <pb n="134" />
        126  Siebentes  Kapitel.  Das  römische  Reich  als  Wirtschaftskörper.
veranstaltet,  um  auch  die  fernsten  Völker  Roms  Größe  fühlen  zu
lassen  (Monument  v.  Ancyra  26).  Da  die  Römer  überdies  den
Handel  der  Araber  schädigten,  wo  sie  konnten,  und  Schiffe  derselben
gerne  von  ihren  Grenzen  durch  Zölle  und  sonstige  Vorkehrungen
fernhielten,  gelang  es  den  Kaufleuten  des  römischen  Reiches,  im
Osten  eine  entscheidende  Rolle  zu  spielen.  Waren  und  Geld  brachten ­
  sie  nach  dem  Süden  und  Osten,  um  Schätze  zu  holen,  die  jene
Gegenden  allein  lieferten.  Die  afrikanischen  Völker,  mit  denen  man
zu  tun  hatte,  und  auch  viele  an  der  arabischen  Küste  standen  vielfach ­
  auf  einer  niedern  Kulturstufe,  wenn  auch  gelegentlich  griechische ­
  Bildung  in  jene  Länder  gedrungen  war  (Küstenfalirt  im
Erythräischen  Meer  5).  Zum  Teil  verfolgten  die  Kaufleute  die
Pfade  der  hellenistischen  Herrscher  Ägyptens  (S.  88).  An  der
Westküste  Afrikas,  an  der  Ost-  und  an  der  Südküste  Arabiens  und
weiterhin  gegen  Indien  zu  gab  es  zahlreiche  Handelsplätze.  Ein
Teil  der  Küstenvölker  traf  geeignete  Veranstaltungen,  um  einen
geregelten  Verkehr  zu  fördern,  andere  wieder  betrachteten  den
Handel  mehr  als  eine  gelegentliche  Unterbrechung  ihres  Daseins.
An  manchen  Handelsplätzen  wurden  die  Waren  des  Binnenlandes
sowie  der  benachbarten  Küstenorte  gesammelt,  um  so  den  römischen
Kaufleuten,  unter  denen  alle  Nationalitäten,  besonders  aber  die
Bewohner  Ägyptens  vertreten  waren,  ihre  Tätigkeit  zu  erleichtern.
Aber  nicht  überall  wurden  die  Kaufleute  freundlich  aufgenommen,
an  manchen  Orten  behandelte  man  sie  mißtrauisch  oder  gar  feindselig, ­
  so  daß  ein  Schiffbruch  für  sie  und  ihre  Leute  die  Sklaverei
bedeutete.  Daß  in  jenen  Gegenden  die  Piratenplage  noch  stärker
war  als  in  den  übrigen  Meeren,  kann  uns  nicht  wundernehmen
(S.  78).  Aber  auch  an  den  Orten,  wo  der  Handelsverkehr  nicht
gehindert  wurde,  mußten  die  Kaufleute  vielfach  Geschenke  für  die
Eingeborenen  und  besonders  für  die  Könige  mitbringen,  wertvolle
Gefäße,  schöne  Kebsweiber,  Gewänder  und  andere  Kostbarkeiten
(Küstenfahrt  im  Erythräischen  Meer  49).  Die  Römer  importierten
vor  allem  Jndustrieprodukte  und  unter  diesen  in  erster  Reihe
Textilwaren,  zum  Teil  waren  es  Objekte,  die  auch  im  Mittelmeerbecken ­
  im  Handel  waren,  zum  Teil  wurden  sie  eigens  für  jene
Gegenden  hergestellt,  dem  Geschmack  derBewohner  angepaßt  (Küstenfahrt ­
  im  Erythräischen  Meer  7).  Von  Rohprodukten  importierte
man  Metalle,  so  Messing  und  Kupfer,  die  als  Geld  und  Schmuck
dienten,  einen  Teil  der  Schätze  des  Ostens  mußte  man  aber  mit
römischem  Gold-  und  Silbergeld  zahlen,  das  in  großen  Mengen
        <pb n="135" />
        Ostafrika,  Arabien,  Indien.

127

nach  Arabien  und  Indien  abfloß.  Ebenso  wurde  Eisen  für  Waffen
nach  dem  Osten  verfrachtet,  wenn  nicht  diese  selbst  sowie  Werkzeuge ­
  aller  Art,  nach  einheimischen  Mustern  gefertigt,  mitgebracht
wurden.  Auch  Öl  und  Wein  wurde  von  manchen  Stämmen  gewünscht. ­
  Zuweilen  kaufte  auch  der  römische  Kaufmann  auf  seiner
Fahrt  in  einem  Orte  Waren  gegen  römische  Produkte,  um  die  erhaltenen ­
  Waren  an  einem  anderen  Orte  des  Ostens  gegen  jene
Dinge  einzutauschen,  die  er  eigentlich  suchte.  In  manchen  der
großen  arabischen  Handelszentren  trafen  sich  auch  die  römischen  Kaufleute ­
  mit  den  indischen,  die  ebenfalls  Metalle  und  Jndustrieartikel
importierten.  Vor  allem  holten  die  Kaufleute  des  römischen  Reichs
Elfenbein,  Schildkröten,  Myrrhe,  Weihrauch  und  Spezereien  aller
Art,  die  damals  ein  überaus  begehrter  Artikel  waren,  auch  lieferten ­
  einige  Gegenden  treffliche  Sklaven.  Während  die  meisten
Stämme  selbst  keine  Schiffe  besaßen  und  die  Römer  erwarteten,
trieben  die  Araber,  so  z.  B.  von  der  im  Südwesten  gelegenen  Stadt
Muza  aus,  einen  regen  Handel  auf  eigenen  Schiffen  sowohl  mit
dem  gegenüberliegenden  Afrika  als  auch  nach  Indien  hin  (Küstenfahrt ­
  im  Erythräischen  Meer  21).  Dieser  rege  Handel  bewirkte,
daß  manche  Produktionszweige  im  großen  organisiert  waren,  so
z.  B.  die  Gewinnung  des  Weihrauchs  (Küstenfahrt  im  Erythräischen
Meer  29).  Aber  die  römischen  Kaufleute  kamen  auch  über  Arabien
hinaus  und  gelangten  nicht  nur  längs  der  Küste,  sondern  in  kühner
Meerfahrt  nach  der  Westküste  von  Indien.  Wenn  auch  manche
Seefahrer  bis  Ceylon  und  gar  bis  China  gelangten,  so  hat  das
nicht  zu  regelmäßigen  Handelsverbindungen  geführt.  Die  Waren
Ostasiens,  die  auf  den  römischen  Markt  kamen,  so  die  chinesische
Seide,  wurden  auf  dem  Landwege,  vielfach  durch  Vermittlung  der
Parther,  zu  den  Römern  gebracht.
Der  Hellenismus  ließ  die  südlichen  und  östlichen  Städte  des
Mittelmeers  emporkommen,  der  Schwerpunkt  des  Wirtschaftslebens ­
  war  stark  gegen  Osten  verschoben  worden.  Dies  änderte
sich  zu  Beginn  der  Kaiserzeit  noch  nicht,  erst  späterhin  sehn
wir  immer  mehr  die  nördlichen  Städte  an  Bedeutung  wachsen;
so  erscheinen  im  4.  Jahrhundert  als  bedeutende  Städte  neben
Rom  nicht  nur  Konstantinopel,  Karthago,  sondern  auch  Trier,
Mailand,  Aquileia.
        <pb n="136" />
        128  Achtes  Kapitel.  Ausbau  und  Ende  der  antiken  Weltwirtschaft.

Achtes  Kapitel.
Ausbau  und  Ende  der  antiken  Weltwirtschaft.
(Vom  Ende  des  1.  Jahrhunderts  v.  Chr.).
Und  ich  sah  ein  weißes  Pserd;  und  der  darauf  saß,
hatte  einen  Bogen,  und  es  ward  ihm  ein  Kranz  gegeben,
und  siegreich  zog  er  hin,  um  zu  siegen.
Und  es  zog  hinaus  ein  anderes  seuerfarbenes  Pserd;
und  dem,  der  darauf  saß,  ward  gegeben,  den  Frieden
hinzunehmen  von  der  Erde.  und  daß  sie  einander  hinschlachten, ­
  und  ward  ihm  gegeben  ein  großes  Schwert.
Und  ich  sah  ein  schwarzes  Pserd,  und  der  darauf  saß,
hielt  eine  Wage  in  der  Hand.  Und  ich  hörte  wie  eine
Stimme  aus  den  vier  Tieren  heraus:  ein  Tagmaß  Weizen
einen  Denar  und  drei  Maß  Gerste  einen  Denar,  und  dem
Öl  und  dem  Weine  tue  nichts.
Und  ich  sah  ein  gelbes  Pferd;  und  der  darauf  saß,  der
hieß  Tod,  und  der  Höllengott  folgte  ihm,  und  es  ward
ihnen  gegeben  Macht  über  das  Viertel  der  Erde,  zu  töten
mit  dem  Schwert  und  mit  Hunger  und  Sterben.
Offenbarung  Johannes.
Die  Darstellung  des  Untergangs  der  Weltwirtschaft  des
Altertums  fällt  nicht  mehr  in  unser  eigentliches  Thema  und  soll
hier  nur  als  Skizze  einen  Platz  finden.  Die  bisherigen  Forschungen ­
  vermochten  noch  keinen  endgültigen  Aufschluß  über  die
Ursachen  des  Untergangs  der  Antike  zu  geben.  Man  muß  im
allgemeinen  zufrieden  sein,  hier  und  da  eine  kurze  Kausalkette
auffinden  zu  können.  Abgesehen  davon,  daß  die  Überlieferung
überaus  mangelhaft  ist,  sind  wir  hier  vor  Probleme  gestellt,  die
selbst  unter  günstigen  Umständen  heute  noch  der  Lösung  harren.
So  scheint  schon  vor  Beginn  der  Kaiserzeit  eine  psychische  und
physische  Depravation  eingesetzt  zu  haben,  die  eventuell  unabhängig
von  den  sozialen  und  wirtschaftlichen  Verhältnissen  war,  diese  aber
entscheidend  beeinflußte.  Dieselben  wirtschaftlichen  Ereignisse  können
einem  geistig  regsamen,  energischen  Volk  zum  Segen  gereichen,
während  sie  für  ein  anderes  den  Untergang  bedeuten.  Das  Verschwinden ­
  des  Genies  ist  z.  B.  eine  Tatsache,  die  entscheidend  für
die  wirtschaftliche  und  soziale  Ordnung  werden  kann.
Das  vorige  Kapitel  hat  uns  gezeigt,  daß  gegen  Ende  der
Republik  und  zu  Anfang  der  Kaiserzeit  das  römische  Reich  ein
gewaltiges  Wirtschaftssystem  darstellte,  das  durch  den  Handel
die  verschiedenen  Nationen  vereinigte,  so  daß  alle  Produkte  eines
Landes  in  jedem  beliebigen  Lande,  wie  es  schien,  entstanden  sein
        <pb n="137" />
        Arm  und  Reich.

129

konnten  (Plinius,  Lobrede  auf  Trajan  29).  Doch  war  der  Verkehr ­
  nicht  besonders  sicher  und  konnte  nicht  immer  aufrechterhalten
werden.  Die  Ordnung  des  Weltreiches  wurde  in  der  Kaiserzeit  in
weit  vollendeterer  Weise  zur  Durchführung  gebracht  als  in  der
Republik,  und  die  Fürsorge  des  Monarchen  wurde  den  Provinzen
z.  B.  weit  stärker  zugewendet.  Für  sie  begann  auch  damals  eine
Zeit  hoher  Kultur.  Die  Beamten  wurden  nun  im  Zaume  gehalten
und  mehr  kontrolliert  (Dio  Cassius  LX,  11),  wie  denn  überhaupt
in  der  Antike  die  Republiken  in  der  Behandlung  unterworfener
Gebiete  vielfach  weit  kurzsichtiger  vorgingen  als  die  Monarchen.
Die  im  Frieden  durch  die  Wirtschaftsordnung  den  Reichen  gewährte
Übermacht  über  die  Armen  wurde  in  jeder  Weise  von  ersteren
ausgenutzt  und  schließlich  ein  Abstand  zwischen  den  Vermögen ­
  erreicht,  den  viele  der  bedeutendsten  Herrscher  vergebens
bekämpften.  So  hat  sich  z.  B.  Tiberius  in  einer  Botschaft  an  den
Senat  über  die  Geld-  und  Bodenmagnaten  in  einer  Weise  geäußert ­
  wie  etwa  Roosevelt  über  die  Trustleute  (Tacitus,  Annalen ­
  III,  53  f.):  „Was  soll  ich  zuerst  einschränken  und  nach  der
Väter  Sitte  wiederherstellen?  Etwa  der  Landgüter  unbegrenztes
Maß?  Der  Sklaven  Zahl?  Die  Mannigfaltigkeit  ihrer  Nationalität? ­
  Die  Silber-  und  Goldmassen?  Des  Erzbildners  und
des  Malers  Wunderwerke?  Was  die  Männer,  ohne  sich  darin
von  Weibern  zu  unterscheiden,  anhaben,  und  all  das,  was  die
Frauen  besitzen,  wodurch  um  einiger  Steine  willen  unser  Geld
zu  fremden,  ja  sogar  oft  feindseligen  Völkern  geht?  Mir  ist  nicht
unbekannt,  daß  man  bei  Gastmählern,  und  wenn  man  sonst
zusammenkommt,  sich  dagegen  wendet  und  Maßhalten  verlangt:
doch  wenn  einer  mit  Gesetzen  kommt,  Strafen  verkündigt,  so  werden ­
  diese  selben  Leute  schreien,  der  Staat  werde  umgewälzt,  die
Vornehmsten  gerade  würden  zugrunde  gerichtet,  niemand  könne
Beschuldigungen  entgehen.  Aber  nicht  einmal  körperliche  Krankheiten, ­
  die  lange  Zeit  zu  ihrer  Entwicklung  hatten,  kann  man  anders ­
  als  durch  harte  und  scharfe  Mittel  bezwingen:  des  Menschen
Seele,  verderbt  und  Verderber  in  einem,  krank  und  begehrend,
kann  nicht  durch  mildere  Medizinen  beruhigt  werden,  als  es  die
Leidenschaften  sind,  die  sie  entzünden.  So  viele  Gesetze,  die  sich  die
Vorfahren  ausdachten,  so  viele,  die  der  göttliche  Augustus  gegeben
hat,  haben  —  jene,  indem  sie  vergessen  wurden,  diese,  was  noch
weit  verbrecherischer  ist,  indem  man  sie  mißachtete  —  den  Luxus
nur  noch  gefestigt.  Denn,  wenn  man  nach  beni  strebt,  was  noch
ANuG  258:  Neurath,  antike  Wirtschaftsgeschichte.  9
        <pb n="138" />
        130  Achtes  Kapitel.  Ausbau  und  Ende  der  antiken  Weltwirtschaft.
nicht  verboten  ist,  so  muß  man  fürchten  daß  es  verboten  werde,
doch  hat  man  erst  einmal  sich  ungestraft  über  Verbote  hinweggesetzt, ­
  so  sind  Furcht  und  Scham  dahin."  Viele  jener  Erscheinungen,
die  in  der  modernen  Entwicklung  aufstelen,  kannte  auch  das  untergehende ­
  Rom:  Massenarmut  bei  gewaltigem  Reichtum,  ungenügende
Befriedigung  der  Lebensnotdurft  auf  der  einen  Seite,  unsinnige
Verschwendung  auf  der  andern.  Rom  hat  die  Tatsache  nicht  beseitigt, ­
  neben  dem  hochentwickelten  Markt  war  das  Verteilungssystem
  ungenügend,  und  die  gewaltigen,  aber  nicht  systematischen
Eingriffe  reichten  keineswegs  aus,  es  zu  reformieren.
Die  internationale  Arbeitsteilung  hatte  früh  dazu  geführt,  die
für  die  Bevölkerung  nötigen  Zerealien  zu  importieren,  und
zwar,  wie  wir  sahen,  zum  Teil  aus  nicht  unterworfenen  Ländern
(S.  43).  In  der  römischen  Kaiserzeit  hingegen  gehörten  die  wichtigsten ­
  Getreideproduktionsgebiete  dem  Reiche  an.  Nichtsdestoweniger ­
  haben  sich  aus  diesem  Import  zahlreiche  Nachteile  ergeben.
Die  agrarische  Bevölkerung,  die  zahlreiche  für  den  Staat  wichtige
Eigenschaften  besaß,  wurde  in  vielen  Gegenden  dadurch  nicht  etwa
in  neue  Erwerbszweige  gedrängt,  sondern  brotlos  gemacht.  Überdies ­
  hat  die  noch  ungenügend  entwickelte  Verkehrstechnik  die  regelmäßige ­
  Versorgung  der  Großstädte  durch  Zerealien  oft  in  Frage
gestellt  (Dio  Cassius  LV  22,  26).  Trotzdem  diente  die  Schifffahrt ­
  in  hervorragender  Weise  einer  Ausgleichung  der  Produktion,
indem  durch  Hungersnot  bedrängten  Provinzen  Getreide  zugeführt
werden  konnte  (Plinius,  Lobrede  auf  Trajan  32).  Eine  besondere ­
  Schwierigkeit  bestand  darin,  daß  nicht  zu  allen  Zeiten  die
See  befahrbar  war;  so  mußten  die  Schiffe  oft  in  fremden  Häfen
überwintern  (Apostelgeschichte  28,  11  ),  da  sie  Stürmen  nicht  gewachsen ­
  waren  (Apostelgeschichte  27,14  f).  Die  Verkehrsschwierigkeiten ­
  bereiteten  denn  auch  den  Kaisern  nicht  geringe  Verlegenheiten, ­
  da  ihre  Popularität  beim  römischen  Volke  vielfach  von  der
Regelmäßigkeit  der  Getreidezufuhr  abhing  und  Störung  in  derselben ­
  leicht  zu  Tumulten,  wohl  gar  zu  Tätlichkeiten  gegen  den
Monarchen  führten  (Sueton,  Claudius  19).  Trat  zur  Winterszeit ­
  Mangel  ein,  so  konnte  nur  bei  besonders  günstiger  Witterung
an  Zufuhr  gedacht  werden,  während  eine  Verproviantierung  zu
Lande  aus  den  Magazinen  Italiens  —  wenn  es  solche  in  genügender ­
  Menge  gegeben  hätte  —  immer  möglich  gewesen  wäre,
hatten  doch  die  Römer  ehedem  ihren  im  Felde  stehenden  Legionen
Korn  geschickt  (Tacitus,  Annalen  XII,  43).  Freilich  war  in  nor-
        <pb n="139" />
        9*

Getreideimport.

131

malen  Zeiten  der  Transport  zu  Wasser  weit  leichter  als  der  zu
Lande.  Diese  Zustände  veranlaßten  einen  Römer  zu  dem  Ausspruch: ­
  „Wir  bebauen  eben  lieber  Afrika  und  Ägypten,  den  Schissen
und  dem  blinden  Ungefähr  ist  die  Existenz  des  römischen  Volkes
ausgeliefert"  (Tacitus,  Annalen  XII,  43).  Die  Gefahr  einer
Hungersnot  war  daher  in  Rom  keine  Seltenheit  (Tacitus,  Historien
IV,  52).  Die  Monarchen  wendeten  den  getreideproduzierenden
Ländern  sowie  dem  Hafen  von  Ostia  (Dio  Cassius  LX,  11)
ihre  besondere  Sorgfalt  zu  (S.  124)  und  bemühten  sich,  auch  den
Transport  zu  sichern,  indem  sie  die  Unternehmer  mit  Privilegien
ausstatteten.  So  veranlaßte  Claudius,  daß  der  Verlust  von  Getreideschiffen ­
  durch  höhere  Gewalt  von  Staatswegen  gutgemacht
würde.  Die  Kaiser  suchten  auch  die  Tendenz  zur  Bildung  wirtschaftlicher ­
  Assoziationen  für  die  Getreidelieferungen  nach  Rom  und
später  nach  Byzanz  auszunutzen,  indem  man  die  Assoziationen
erst  vertragsmäßig  zu  bestimmten  Leistungen  verpflichtete,  später
sie  durch  Zwang  zusammenbrachte  und  durch  Einführung  der
erblichen  Mitgliedschaft  auf  einer  konstanten  Mitgliederhöhe  zu
halten  suchte.  Es  wurden  so  dem  Eigentum  wieder  Pflichten  auferlegt ­
  und  aus  ihm  eine  Art  erbliches  Amt  im  Dienste  der  Gesamtheit ­
  gemacht,  freilich  nur  als  Aushilfsmittel  in  der  höchsten
Not  und  nicht  im  Rahmen  einer  allgemein  durchgebildeten  Reform
der  Staatsordnung.  So  wurde  das  Beamtenpeisonal,  das  man
etwa  nötig  gehabt  hätte,  um  Rom  durch  Getreide  zu  versorgen,
durch  die  Getreidehändler  nebst  allen  dazu  gehörigen  Arbeitern
und  Angestellten  ersetzt,  die  sehr  weitgehende  Verpflichtungen  mehr
oder  weniger  freiwillig  —  das  hing  von  den  Zeitläuften  ab  —
übernehmen  mußten.  Wie  einst  die  großen  Pächtervereinigungen
Rom  mit  Getreide  versorgten  (S.  112),  so  jetzt  die  Vereinigungen
der  Getreidetransporteure,  die  die  Naturalsteuern  nach  Rom
brachten.  Diese  Transportvereinigung  bestand  aber  nicht  etwa  nur
aus  einer  Korporation,  sondern  für  jede  Funktion  wurde  eine
eigene  Gruppe  zum  Vertrag  herangezogen,  es  gab  eine  Korporation ­
  derjenigen,  die  das  Getreide  vermessen  mußten,  so  wie  späterhin, ­
  als  Brotspenden  an  die  Stelle  der  Getreidespenden  traten,
eine  Korporation  der  Bäcker,  und  noch  weitere  Korporationen,
als  Fleischspenden  und  Ölspcnden  hinzukamen.  Ein  Teil  des  für
die  Getreidespenden  nötigen  Getreides  wurde  als  Tribut  oder
Steuer  eingehoben,  ein  Teil  aber  gekauft.
Die  italischen  Grundstücke,  besonders  die  kleineren,  waren  auch  in
        <pb n="140" />
        132  Achtes  Kapitel.  Ausbau  und  Ende  der  antiken  Weltwirtschaft.
der  Kaiserzeit,  soweit  sie  Getreide  für  den  Verkauf  produzierten,  zum
großen  Teile  nicht  konkurrenzfähig.  Die  Latifnndienwirtschaft
in  den  Provinzen  führte  infolge  der  hohen  Geld-  und  Naturalbesteuerung ­
  zunächst  zu  einem  verbesserten  Betrieb,  wodurch  die
Preise  nur  noch  weiter  gesenkt  wurden,  soweit  das  Getreide  nicht
direkt  in  die  Speicher  des  Staates  floß.  In  Nom  suchte  nun  alles
an  der  Getreideverteilung  Anteil  zu  haben,  man  ließ  Sklaven  frei,
nur  um  so  einen  Getreideanteil  für  sie  zu  erhalten,  da  ja  die  Verteilung ­
  nur  für  freie  Bürger  bestimmt  war  (S.  107),  selbstverständlich ­
  nicht  für  Fremde,  wie  ja  auch  unsere  Armenfürsorge  sich
nur  auf  die  eigenen  Bürger  erstreckt.  Daß  vorwiegend  die  ärmeren
Klassen  die  Getreidespenden  ausnutzten,  ist  klar.  Die  großen  Grundbesitzer ­
  hatten  sich  in  Italien  neuen  Erwerbszweigen  zugewendet,
der  Weidewirtschaft,  dem  Handel  und  Geldgeschäft,  und  verwendeten
  einen  Teil  ihrer  Güter  zur  Anlage  von  Parks  und  Villen.
Da  die  Arrondierung  von  Gütern  die  kleinen  Bauern  verdrängte,
wurde  der  Zuzug  nach  Rom  nur  noch  weiter  gesteigert  (S.  105).
Wo  aber  der  Getreidebau  bestehen  blieb,  sowohl  in  Italien  als
auch  in  den  Provinzen,  da  wurde  allmählich  eine  neue  Wirtschaftsweise, ­
  hier  später,  dort  früher,  rentabler,  die  Zerlegung  der
großen  einheitlichen  Betriebe  in  eine  große  Zahl
kleiner,  wobei  meist  nur  ein  Teil  unter  direkter  Verwaltung
des  Eigentümers  blieb,  der  Rest  Pächtern  oder  Angestellten  zugewiesen ­
  wurde.  Die  Sklavenzahl  nahm  nämlich  infolge  des  langen
Friedens  ab,  und  die  intensivere  Bebauung  war  in  vielen  Gegenden ­
  nur  bei  kleinen  Betrieben  möglich  (Plinius,  Briefe  III,  19).
Um  den  Raubbau  zu  verhindern  und  dem  Pächter  gleichzeitig
die  Möglichkeit  zu  geben,  Verluste  wieder  einzubringen,  war  man
auch  vielfach  zur  Erbpacht  übergegangen,  bei  welcher  dem  Pächter,
solange  er  seinen  Pachtzins  zahlte,  nicht  gekündigt  werden  konnte.
Dabei  gab  es  häufig  noch  zwischen  dem  Eigentümer,  der  nicht
selten  seine  Renten  in  Rom  verzehrte,  Großpächter,  die  ihrerseits ­
  erst  an  die  Kleinpächter  weiterverpachteten.  Der  Verpächter
hat  vielfach  eine  wirtschaftliche  Oberleitung  dadurch  behalten,  daß
er  dem  Pächter  z.  B.  Sklaven  oder  Geräte  dauernd  oder  für  gewisse ­
  Zeit  zur  Verfügung  stellte  und  auch  die  Kontrolle  über  die
Art  des  Betriebes  hatte.  Doch  haben  sich  viele  dieser  kleinen  Betriebe ­
  schon  sehr  früh  in  der  Wirtschaftsführung  selbständig  gemacht. ­
  Die  Umwandlung  von  Ackerboden  in  Weideland  hat  dann
keine  große  Rolle  mehr  gespielt.  Die  Latifundien  in  Afrika  z.  B.,
        <pb n="141" />
        Latifundien,  Pachter.

133

die  durch  ihre  ungeheure  Größe  zur  Zeit  Neros  berühmt  waren,
sind  Landgüter  gewesen,  die  in  Parzellenpacht  in  der  eben  geschilderten ­
  Weise  vergeben  waren,  besonders  wenn  es  sich  um
Wein-  und  Ölpflanzungen  handelte.  Diese  kleinen  Betriebe  standen
untereinander  in  Handelsbeziehung,  so  daß  auf  den  großen  Güterkomplexen ­
  eigene  Märkte  entstanden  (Plinius,  Briefe  X,  37),  die
von  den  umliegenden  Gebieten  benutzt  wurden.  Die  gewerbsmäßige ­
  Herstellung  der  Güter  und  die  marktmäßige  Verteilung
durch  freie  Verträge  bestand  so  innerhalb  des  Gutsbetriebes,  wodurch
die  hauswirtschaftliche  Betriebsform  und  die  administrative  Verteilung ­
  häufig  eingeschränkt  wurde.  Die  Grundherrschaft  stellte
nicht  mehr  ein  einheitliches  Wirtschafts-,  sondern  nur  ein  einheitliches ­
  Herrschaftsgebiet  mit  zahlreichen,  relativ  selbständigen  Wirtschaften ­
  dar  (Sueton,  Claudius  12  ).  Freilich  hat  späterhin  die
hauswirtschaftliche  Betriebsform  wieder  mehr  Fuß  gefaßt.  Neben
der  Einführung  des  marktmäßigen  Verkehrs  im  Bereiche  eines
großen  Gutsbezirks  fand  nämlich  andererseits  eine  Verringerung
der  marktmäßigen  Verteilung  dadurch  statt,  daß  die  eigentlichen
Gutsbetriebe  nicht  mehr  alle  ihre  Bedarfsartikel  kauften,  sondern
wenn  der  Bedarf  des  Gutes  groß  genug  schien,  durch  eigene
Handwerker,  die  meist  wohl  Sklaven  waren,  herstellen  ließen.  Von
diesen  beiden  gleichzeitigen  Bewegungen  wurde  die  letztere  immer
bedeutsamer,  je  mehr  sich  die  Antike  ihrem  Ende  näherte.
Da  die  staatlichen  Anforderungen  an  die  Steuerträger  im  späteren
römischen  Reich  immer  mehr  wuchsen  und  viele  Ausgaben  gerade
damals  besonders  hoch  waren,'als  die  Einnahmen  zu  sinken  begannen, ­
  so  bestand  die  Gefahr,  daß  die  großen  Besitzer  ihre  Pächter
immer  mehr  bedrückten,  daß  diese  fliehen  könnten  und  so  die  Zahl
der  Steuerträger  abnehme.  Dies  war  einer  der  Gründe,  aus  denen
sich  der  Staat  zwischen  die  Pächter  und  die  Eigentümer  stellte  und
dafür  Sorge  trug,  daß  das  Schaf,  welches  man  scheren  wollte,  entsprechend ­
  gehegt  wurde.  Man  fesselte  daher  diese  Pächter  an
die  Scholle  und  schützte  sie  gleichzeitig  vor  Überlastung  durch  Natural- ­
  und  Geldleistungen  und  erhielt  so  eine  Art  an  den  Boden
gefesselter  Bauern,  die  an  die  Grundherren  bestimmte  Abgaben  zu
leisten  hatten.  Die  Vererbung  des  Gebundenseins  an  die  Scholle  entsprach ­
  ganz  den  bei  uns  im  Mittelalter  bekannten  Verhältnissen.
Die  Dörfer  und  Ansiedlungen  wurden  dabei  allmählich  in  ihrer
Verwaltung  trotz  der  Bindung  selbständiger  und  zahlten  im
wesentlichen  nur  bestimmte  grundherrliche  Abgaben.  Die  erbliche
        <pb n="142" />
        134  Achtes  Kapitel.  Ausbau  und  Ende  der  antiken  Weltwirtschaft.
Fesselung  der  Pächter  an  ihre  Scholle,  das  sogenannte  Colonat,
hatte  verschiedene  Wurzeln.  Die  Colonen  bestanden  einerseits  aus
herabgedrücklen  freien  Bauern,  darunter  angesiedelte  Soldaten,
aus  früheren  Pächtern,  und  andererseits  aus  Stlaven,  denen  man
eine  freiere  Stellung  eingeräumt  hatte  (S.  141).  Colonen  traten
dem  Wesen  nach  bereits  im  Anfang  der  Kaiserzeit  auf,  indem
sich  viele  freiwillig  in  die  Abhängigkeit  von  einem  Herrn  begaben,
wobei  sie  sich  zu  manchen  Diensten,  Hand-  und  Spanndiensten,
verpflichten  mußten,  wie  solche  ja  auch  in  den  Munizipien,  zum
Teil  seit  alter  Zeit,  verlangt  wurden  (Stadtrecht  von  Urso  98).
Auch  Freigelassene,  die  in  enger  Abhängigkeit  vom  Herrn  standen
und  das  Land  bebauten,  wären  hierher  zu  zählen.  Die  rechtliche ­
  Entwicklung  des  Colonats  scheint  aber  besonders  an  die
massenhafte  Ansiedlung  deutscher  Kriegsgefangener  auf  römischem
Gebiet  anzuknüpfen,  die  seit  Marc  Aurel  üblich  wurde  (Dio
Cassius  LXXI,  ll).  Das  Resultat  dieser  ganzen  Bewegung  war,
daß  die  Zahl  der  kleinen  Eigentümer  zunächst  auf  Kosten  der
Zeitpächter  abnahm,  die  sich  zu  Erbpächtern  und  schließlich  zu
Colonen  umwandelten,  bis  schließlich  wieder  eine  Art  Eigentümer ­
  daraus  wurden,  die  Abgaben  zu  leisten  hatten.  Auch  in
der  modernen  Wirtschaftsgeschichte  kennen  wir  einen  ähnlichen
Kreislauf.
Diese  Entwicklung  hat  viele  Stufen  durchgemacht.  Wir  sahen,
wie  Cäsar  die  feste  Belastung  gelegentlich  in  quotale  Zahlungsverpflichtungen ­
  umwandelte.  Ähnliches  geschah  auch  auf  dem
Gebiete  der  Bodenpacht.  Während  ursprünglich  vielfach  Verträge
mit  festen  Pachtzahlungen  bestanden,  zwangen  die  üblen  wirtschaftlichen ­
  Verhältnisse  bald  viele  Herrn  zu  einem  andern  Verfahren.
Zunächst  hatte  man  nämlich  die  Pächter  wie  andere  Schuldner
behandelt,  und  wenn  sie  mit  ihren  Zahlungen  im  Rückstand  waren,
ausgepfändet.  Das  hatte  zwar  zur  Folge,  daß  keine  Passiven  mehr
da  waren,  aber  die  Pächter  waren  nun  wirtschaftlich  geschwächt
und  konnten  den  Betrieb  noch  weniger  rentabel  gestalten  als  früher,
man  nahm  ihnen  durch  derartige  Auspfändungen  einfach  die  Mittel,
den  Betrieb  weiterzuführen  (Plinius,  Briefe  III,  19).  Zu  Zeiten,
wo  die  Zahl  der  Pachtsuchenden  groß  war,  jagte  der  Herr  einfach ­
  die  Säumigen  weg,  jetzt  aber  kam  eine  Zeit,  wo  er  froh  sein
mußte,  überhaupt  Pächter  zu  haben,  die  ihm  eine  Rente  verschafften ­
  (Plinius,  Briefe  VII,  30).  Er  griff  daher  zu  dem  Mittel,
die  Pächter  durch  Werkzeuge,  Sklaven  und  sonstige  Hilfsmittel  zu
        <pb n="143" />
        Colonat,  Pächter.

135

unterstützen,  aber  auch  dies  wirkte  oft  nur  auf  einige  Zeit  und
garantierte  trotzdem  dem  Pächter  noch  immer  nicht  einen  sicheren
Ertrag,  war  er  dach  von  den  verschiedenen  Umständen  wie  Wetter
und  Marktlage  abhängig.  Derartige  Zufälle  konnte  nur  der  wirtschaftlich ­
  Starke  überstehn,  indem  er  in  den  schlechten  Jahren  aus
Eigenem  zusetzte,  in  guten  hingegen  den  Verlust  wieder  einbrachte.
Da  nun,  wie  wir  sahen,  die  Pächter  wirtschaftlich  geschwächt  waren,
konnte  keine  Unterstützung  ihre  Position  dauernd  verbessern.  Nur
wenn  der  wirtschaftlich  stärkere  Grundeigentümer  das  Risiko  mittrug, ­
  konnte  der  Pächter  einigermaßen  existieren,  was  nun  vielfach ­
  in  der  Weise  geschah,  daß  die  Verträge  nicht  mehr  auf  feste
Geldsummen,  sondern  auf  Ertragsanteile  geschlossen  wurden  (Plinius,
  Briefe  IX,  37).  Freilich  ein  Heilmittel  war  diese  Einführung
allein  nicht,  wenn  der  Ertragsanteil,  der  dem  Pächter  blieb,  so
klein  wurde,  daß  dieser  kaum  zu  existieren  vermochte.  Dies  trat
denn  auch  schließlich  ein,  und  selbst  bei  Verträgen  auf  Anteil  an
der  Ernte  war  die  Landflucht  überaus  verbreitet.  Um  die  dadurch
drohende  Entvölkerung  des  flachen  Landes  zu  verhüten,  wurden
neben  den  angedeuteten  Mitteln  noch  weitere  zur  Anwendung
gebracht.  Wie  man  ehedem  durch  Freigabe  der  Okkupatron  Ansiedler ­
  anzulocken  gesucht  hatte,  so  bestimmte  in  der  Kaiserzeit
am  Ende  des  2.  Jahrhunderts  z.  B.  Kaiser  Pertinax,  daß  jedermann ­
  unbebautes  Land  okkupieren  dürfte.  Der  Besteller  sollte
Eigentümer  werden  und  ihm  Steuerfreiheit  auf  10  Jahre  gewährt
sein  (Herodian,  Kaisergeschichte  II,  4).  Auch  suchte  man  es,  z.  B.
zur  Zeit  des  Tiberius,  zu  erzwingen,  daß  Leute  einen  Teil  ihres
Vermögens  in  Grundstücken  anlegten  (Tacitus,  Annalen  VI,  23).
Die  Verödung  des  römischen  Reiches  war  trotzdem  in  rapider
Zunahme  begriffen.  Wie  sehr  die  Steuerkrast  gesunken  war,  kann
man  aus  den  großen  Steuernachlässen  entnehmen,  die  z.  B  in
Rom  Marc  Aurel  (Dio  Cassius  LXXI,  32)  und  Hadrian  (Dio
Cassius  LIX,  8)  gewährten.  Von  dem  allgemeinen  Niedergang
wurde  schließlich  Sizilien  ebenso  ergriffen  wie  Spanien.  Am  günstigsten ­
  waren  noch  jene  Gegenden  daran,  die  eine  entwickeltere
Industrie  besaßen,  wie  Unteritalien,  Kleinasien  und  Syrien,  obzwar ­
  auch  dort  bald  genug  der  Niedergang  sich  fühlbar  zu  machen
begann.
Während  man  zu  Beginn  der  Kaiserzeit  gegen  die  politischen  Vereinigungen ­
  sehr  energisch  vorging  (S.  100)  scheint  manden  Handwerkervereinigungen ­
  im  allgemeinen  keine  Schwierigkeiten
        <pb n="144" />
        136  Achtes  Kapitel.  Ausbau  und  Ende  der  antiken  Weltwirtschaft.
bereitet,  sie  vielmehr  sogar  gefördert  zu  haben.  Aber  Vorsicht  bestand
allen  Vereinen  gegenüber,  und  die  Unterstützungskassen  wurden  als
Stellen  betrachtet,  wo  man  zu  politischen  Zwecken  Geld  sammeln
könne.  Auch  die  Beitragssammlung  zum  Zwecke  der  Unterstützung
armer  Mitbürger  wurde  nicht  immer  für  einwandfrei  anerkannt
(Plinius,  Briefe  X,  93  f).  Daß  man  bestinnnten  Vereinigungen,
die  sich  z.  B.  mit  der  Verproviantierung  von  Rom  beschäftigten,
Privilegien  gab,  wurde  schon  erwähnt  (S.  131).  Auch  jene  Vereinigungen ­
  von  Handwerkern,  die  der  Militärverwaltung  nützlich
erschienen,  erhielten  Vorrechte  verschiedener  Art  Solche  Vorrechte
wurden  gewährt,  um  zum  Eintritt  in  die  verschiedenen  Vereinigungen ­
  der  Handwerker,  Gewerbetreibenden  und  Kaufleute  anzuspornen ­
  und  so  einen  ausreichenden  Verwaltungsapparat  für  die
Güterproduktion  und  Verteilung  zu  bekommen.  Auch  die  Bankiers
und  diejenigen,  welche  die  Echtheit  und  den  Wert  der  Münzen  zu
prüfen  hatten,  wurden  zu  Korporationen  zusammengefaßt.  Kaufmannsorganisationen ­
  waren  im  römischen  Kaiserreich  sehr  zahlreich, ­
  sie  legten  Zeugnis  von  dem  blühenden  Verkehrsleben  ab.
Die  Organisationen  entwickelten  sich  vielfach  aus  den  Faktoreien
der  älteren  Zeit  (S.  50).  Die  Ansiedlung  mit  ihren  Stapelplätzen, ­
  um  ein  Heiligtum  gruppiert,  wurde  als  religiöse  Gemeinde
aufgefaßt,  bei  der  die  wirtschaftliche  Gemeinschaft  klar  zutage  trat,
wie  denn  überhaupt  viele  Kultvereine  eigentlich  Sterbe-  und
Unterstützungskassen  gewesen  zu  sein  scheinen.  Manchmal  hatten
diese  Korporationen  monopolartige  Privilegien,  so  wahrscheinlich
diejenigen  der  Schiffer  in  manchen  Flußgebieten.  Je  mehr  das
untergehende  Rom  die  Rentabilität  der  Unternehmungen  in  Frage
stellte,  je  mehr  man  sicher  sein  wollte,  daß  die  im  Marktverkehr
übernommenen  Funktionen  ausreichend  besorgt  würden,  desto  stärker
dachte  man  daran,  die  Individuen  in  den  Berufen  festzuhalten
und  die  Berufe  mit  neuen  Mitgliedern  zu  ergänzen.  Soweit  das
durch  Privilegien  und  hohe  Gewinne  nicht  mehr  möglich  war,
wurde  schon  im  3.,  vielleicht  aber  auch  erst  im  4.  Jahrhundert
die  Erblichkeit  der  Mitgliedschaft  allgemein  eingeführt.  Es  wurden
Zwangsmittel  aller  Art  angewendet,  ja  man  ging  zeitweilig
sogar  so  weit,  gesetzlich  festzulegen,  daß,  wer  die  Tochter  eines
Vereinsgenossen  heiratete,  selbst  Vereinsgenosse  wurde.  Wir  sehen
so  im  Altertum  seit  dem  4.  Jahrhundert  viele  jener  Erscheinungen, ­
  die  wir  aus  dem  Mittelalter  kennen.  Die  Genossenschaften ­
  waren  es,  die  der  Regierung  für  die  Steuern  hafteten;
        <pb n="145" />
        Zwangsvrganisationen.

137

wie  sie  dieselben  repartierten,  war  ihre  Angelegenheit.  Von  freiwilligen ­
  Ehrenämtern,  wie  sie  die  Republik  gekannt  hatte,  war
nicht  mehr  die  Rede,  die  leitenden  Gemeindeämter  in  den  einzelnen
Städten  wurden  erblich,  auch  hafteten  die  Inhaber  für  das  Steuerergebnis. ­
  Sogar  die  marktmäßigen  Vorgänge  waren  nun  erzwungene
Pflichten,  man  war  Kaufmann  und  Handwerker,  ähnlich  wie  man
heute  eine  Zeitlang  Soldat  ist,  es  wurde  jedem  zum  Bewußtsein
gebracht,  was  heute  nur  theoretisch  formuliert  zu  werden  pflegt,
daß  alle  die,  welche  produzieren  und  Handel  treiben,  Ämter  im
Dienste  der  Gesamtheit  versehen.  Die  Abschließung  der  Stände
voneinander  nahm  überhand.  Alles  suchte  diesen  Forderungen  zu
entgehen,  was  nur  durch  die  schärfsten  Zwangsmittel  verhindert
werden  konnte.  Die  folgenden  Jahrhunderte  scheinen  an  diesen
Bestimmungen  festgehalten  zu  haben,  dann  dürften  die  Vereinigungen ­
  bei  der  allgemeinen  Auflösung  der  Wirtschaftsordnung
allmählich  von  geringerer  Bedeutung  geworden  sein,  obzwar  sie
immer  wieder  gelegentlich  erwähnt  werden.  Die  Zünfte  des  Mittelalters ­
  lernen  wir  erst  wieder  in  einer  weit  späteren  Zeit  kennen.
Wenn  sich  zwischen  ihnen  und  jenen  Korporationen  der  Antike
auch  manche  Verwandtschaft  nachweisen  läßt,  so  braucht  das  noch
nicht  auf  einen  Zusammenhang  zu  deuten,  da  ja  ähnliche  Institutionen ­
  sogar  durch  ganz  verschiedene  Ursachen  entstanden  sein
können  und  dazu  nicht  einmal  ähnliche  nötig  sind.  Durch  die
zwangmäßige  Organisation  waren  viele  Korporationen  gewissermaßen ­
  verstaatlicht  worden.  Daneben  erweiterte  aber  auch  der
Staat  selbst  den  Kreis  seiner  Unternehmungen,  indem  er  fiskalische ­
  Fabriken  errichtete,  die  er  teils  mit  Sklaven,  teils  mit
freien  Arbeitern,  die  zum  Teil  dazu  gezwungen  wurden,  betrieb.
Die  Stellung  zum  Erwerbsleben  änderte  sich  für  jene
Kreise  nicht,  in  denen  man  sich,  an  die  alten  Traditionen  anknüpfend, ­
  mit  den  sieben  freien  Künsten  beschäftigte;  man  verachtete ­
  die  gemeinen  Gewerbe  ähnlich,  wie  man  es  vorher  tat  und
heute  tut.  Es  erscheint  einem  Dio  v.  Prusa  z.  B.  selbstverständlich,
daß  sich  ein  Monarch  am  Lob  freier  und  edler  Männer  freue,
nicht  aber  an  dem  der  Handarbeiter  und  Handelsleute  (Dio  v.
Prusa  X,  34).  Wenn  die  Bildung  in  jenen  Zeiten  auch  sehr  verflachte, ­
  so  verbreitete  sie  sich  andererseits,  und  die  Lehrer  der  freien
Künste  hatten  erhebliche  Einnahmen,  wenn  sie  an  einer  der  hohen
Schulen  lehrten,  die  großen  Zudrang  aufwiesen.  Viele  der  größeren
Städte  taten  sehr  viel,  um  Fremde  herbeizuziehen;  so  wird  berichtet,
        <pb n="146" />
        138  Achtes  Kapitel.  Ausbau  und  Ende  der  antiken  Weltwirtschaft.
daß  in  Smyrna  für  die  Stadterweiterung  und  -ausschmückung  viel
geschah,  und  ein  Rhetor  dort  Schüler  aus  allerHerren  Ländern,  aus
Europa,  Ionien  und  ganz  Kleinasien  vereinigen  konnte  (Philostratus,
  Sophistenbiographien  II,  26).  Wie  lukrativ  für  die  Rhetoren
dies  Geschäft  war,  kann  man  daraus  entnehmen,  daß  sie  ob  ihrer
Schätze  in  den  sogenannten  Briefen  des  Apollonius  von  Tyana
geschmäht  wurden.  Die  Honorare  waren  nicht  niedrig  (Philostratus,
  Sophistenbiographien  II,  2)  und  nährten  ihren  Mann.
Freilich  brachte  ein  Teil  dieser  Einnahmen  den  Städten  und  der
Bevölkerung  Vorteile,  weil  die  Rhetoren,  sowie  überhaupt  die
vornehmen  Leute,  viel  für  die  öffentliche  Wohlfahrt  taten  und  so
die  Fürsorge  des  Staates  zum  Teil  ersetzten  (Phckostratus,  Sophistenbiographien ­
  II,  23).
Die  Bevölkerungszunahme  beschränkte  sich  in  der  Kaiserzeit
zunächst  nur  auf  die  Großstädte,  während  die  Gesamtbevölkerung
in  Abnahme  begriffen  war,  die  dann  auch  bald  in  den  Städten
konstatiert  werden  konnte.  Die  Menschenmassen,  welche  z.  B.  in
Rom  zusammenströmten,  stammten  aus  aller  Herren  Ländern,  es
waren  Griechen  und  Orientalen,  Gallier  und  Spanier,  Sklaven
und  Freigelassene,  ausgediente  Soldaten  und  junge  Rekruten
(Appian,  Bürgerkriege  II,  20).  Die  Getreidespenden  taten  das
Ihrige,  die  Menschen  anzulocken  (S.  130).  In  Rom  hofften
manche  weiterzukommen,  dort  fanden  sie  auch  überhaupt  erst
die  Möglichkeit  —  und  ähnlich  war  es  in  den  anderen  großen
Städten  —,  mit  ihren  paar  Groschen  sich  einen  guten  Tag  zu
machen.  Außerdem  war  eine  Art  Existenzminimum  durch  die
Spenden  aller  Art  garantiert  sowie  allerlei  Vergnügungen,  die
jedermann  zugänglich  waren.  War  doch  die  Menge  der  Kulturgüter, ­
  die  dem  römischen  Proletarier  zur  Verfügung  stand,  im
ganzen  größer  als  die,  welche  heute  dem  Arbeiter  geboten  wird.
Die  Bevölkerungszahl  blieb  bis  gegen  die  Zeit  Diocletians  konstant. ­
  Als  Rom  nicht  mehr  Hauptstadt  des  Gesamtreiches  war,
begann  jener  Verfall,  der  es  zu  dem  machte,  was  es  im  Anfang
des  Mittelalters  war,  zu  einer  mittelgroßen  Stadt.  Es  war  diese
Entvölkerung  nur  eine  Fortsetzung  der  oben  geschilderten  (S.  104).
Auch  die  unteren  Volksklassen  scheuten  die  Ehe  und  wollten  keine
Kinder  bekommen,  so  daß  z.  B.  die  Ansiedlung  von  Veteranen,
die  in  der  Kaiserzeit  als  Mittel  gegen  die  Entvölkerung  oft  versucht ­
  wurde,  zuweilen  gar  nichts  nutzte  (Tacitus,  Annalen  XIV,  27).
Dabei  suchten  sowohl  die  Kaiser  wie  Nero  und  Trajan  als  auch
        <pb n="147" />
        Berufsehre,  Bevölkerung.

139

viele  Private  (Plinius,  Briefe  VII,  18)  durch  großartige  Stiftungen ­
  armen  Eltern  die  Sorge  um  die  Existenz  ihrer  Kinder
abzunehmen,  indem  Geld  hypothekarisch  angelegt  wurde  und  die
Zinsen  zur  Verfügung  standen;  auch  die  Ehegesetze,  die  Nachteile,
welche  Ehe-  und  Kinderlosen  drohten  (Gains  II,  286),  die  Vorteile, ­
  welche  solchen  gewährt  wurden,  die  Kinder  hatten,  vermochten
nicht  zu  Helsen  (Sueton,  Augustus  46).  Vergeblich;  neben  dem
Rückgang  der  Eheschließungen  und  der  Kinderzahl  in  den  Ehen
hatten  die  Kriege  einigen  Einfluß,  auch  war  die  staatliche  Regelung ­
  der  Getreideversorgung  in  vielen  Gegenden  so  unzureichend,
daß  Mißwachs  große  Menschenmengen  zugrunde  richtete.  Von
schrecklicher  Wirkung  waren  in  der  Kaiserzeit  seit  dem  2.  und
3.  Jahrhundert  die  Seuchen,  da  selbst  nach  ihrem  Aufhören  nicht,
wie  so  oft  in  anderen  Zeiten,  eine  vermehrte  Fruchtbarkeit  rasch
den  Ausfall  wieder  ersetzte.  Besonders  wüteten  die  Seuchen  in
Städten,  die  wie  Rom  in  ungesunder  Umgebung  lagen.  So  sollen
in  Rom  in  der  zweiten  Hälfte  des  2.  Jahrhunderts  Tausende  an
einem  Tage  gestorben  sein  (Dios  LXXII,  14).  Es  waren  ganz
andere  Plagen,  die  auf  dem  Menschen  des  untergehenden  Altertums ­
  lasteten,  als  jene  sind,  unter  denen  die  moderne  Menschheit
leidet.  Als  um  die  Mitte  des  3.  Jahrhunderts  Origenes  den  Opfertod ­
  Jesu  recht  klar  beleuchten  wollte,  verglich  er  ihn  mit  jenen
Männern,  die  für  die  Gesamtheit  starben,  um  die  drei  großen
Plagen  abzuwehren:  Seuchen,  Mißwachs  und  Stürme,  die
den  Handel  gefährdeten  (Origenes,  Gegen  Celsus  I,  31).
Immer  wieder  begegnen  uns  bei  den  verschiedensten  Autoren  die
schrecklichen  Schilderungen  der  Hungersnot,  der  Pest  und  der
Kriege  (Eusebius,  KirchengeschichteIX,  8).  Und  all  diese  Schrecknisse ­
  wüteten  in  demselben  Kaiserreich,  das  zunächst  als  Träger
des  Weltfriedens  Ruhe  und  Ordnung  verbreitet  hatte.
Dieser  Bevölkerungsabnahme  und  den  damit  verbundenen  Umwälzungen ­
  entsprach  auch  die  Veränderung  der  Wehrverfassung.
Das  alte  Bauernheer  war  bereits  durch  die  republikanische  Kriegsführung ­
  zugrunde  gerichtet  worden;  dann  wurden  in  immer  stärkerem
Maße  fremde  Nationen  zum  Heeresdienst  herangezogen,  erst  nur
als  Leichtbewaffnete  zur  Flügeldeckung,  dann  auch  als  selbständige
Körper,  bis  sie  dann  trotz  aller  Bemühungen  der  Kaiser,  so
besonders  des  Augustus,  schließlich  den  Hauptstock  des  Heeres
bildeten.  Die  herrschenden  Schichten  der  italischen  Bevölkerung
waren  dann  nicht  mehr  der  Hauptstamm  der  Armee.  Seit  der
        <pb n="148" />
        140  Achtes  Kapitel.  Ausbau  und  Ende  der  antiken  Weltwirtschaft.
ersten  Hälfte  des  2.  Jahrhunderts  stellten  die  Provinzen  selbst
ihre  Truppenkörper  auf.  In  immer  steigendem  Maße  wurden
die  auf  dem  flachen  Lande  angesiedelten  Barbaren  die  eigentliche
Armee,  sie  waren  die  Retter  des  Vaterlandes,  die  Hüter  der  Ordnung ­
  im  Innern.  Das  Ende  war  eine  wüste  Herrschaft  der  unbotmäßigen ­
  Truppen,  gelegentlich  gezügelt  durch  überragende  Intelligenzen. ­
  Selbst  die  Neuorganisation  durch  Diocletian  konnte
dem  nicht  Halt  gebieten,  das  Volk  war  schließlich  seiner  Armee
ausgeliefert:  Rom  den  Barbaren.
Die  Zahl  der  Sklaven  ging  in  der  Kaiserzeit  zurück,  da  die
Grenzkriege  meist  keine  großen  Erträge  lieferten  und  in  den  großen
Sklavenkriegen  sehr  viel  Sklaven  getötet  worden  waren.  Von  Eroberungen, ­
  wie  sie  in  der  Republik  möglich  waren,  konnte  nicht
mehr  die  Rede  sein.  Da  aber  in  den  Zeiten  der  Republik  sich  alles
an  den  Sklavenbetrieb  in  erheblichem  Ausmaß  gewöhnt  hatte,  suchte
man  sich  zunächst  in  irgendeiner  Weise  zu  helfen.  Es  wurden
Reisende,  Sklaven  und  Freie  auf  offener  Straße  überfallen  und
weggeschleppt.  Ja,  es  bildeten  sich  ganze  Banden,  die  sich  daraus
ein  einträgliches  Geschäft  machten  (Sueton,  Augustus  32).  Auch
kam  es  vor,  daß  sich  Leute  freiwillig  in  die  Sklaverei  begaben,  um
dem  Kriegsdienst  zu  entgehen.  Gegen  diese  Mißbräuche  schritten
sowohl  Augustus  als  auch  Tiberius  ein  (Sueton,  Tiberius  8).
Die  Abnahme  der  Sklavenbestände  wurde  auch  durch  die  zahlreichen ­
  Freilassungen  bewirkt,  die  eigene  Gesetze  einzuschränken
suchten  (Gaius  I,  42  ff).  So  wurde  z.  B.  die  testamentarische
Freilassung  auf  höchstens  100  Sklaven  beschränkt.  Dagegen  waren
die  Fälle,  wo  volle  Unfreiheit  durch  Unterjochung  entstand,  nicht
entsprechend  zahlreich,  wenn  es  auch  sehr  oft  vorkam,  daß  gewisse
Stämme  ihre  Kinder  (Tacitus,  Annalen  IV,  72)  oder  Freie  sich
selbst  in  die  Sklaverei  verkauften.  Daß  unter  diesen  Umständen
die  Sklavenpreise  stiegen  und  die  Verwendung  von  Sklaven  im
großen  häufig  unrentabel  wurde,  ist  einleuchtend.  Die  Plantagenwirtschaft ­
  mit  großen  Sklavenherden  findet  sich  mit  der  Zeit  nur
noch  vereinzelt,  es  wird  immer  häufiger,  daß  man  auf  großen
Gütern  sich  mit  freien  Pächtern  und  freien  Arbeitern  hilft,  zumal
zuweilen  gar  keine  Sklaven  aufzutreiben  sind  (Plinius,  Briefe  HI,
19).  Nachdem  die  Einführung  der  Sklaven  in  den  Wirtschaftsbetrieb ­
  im  großen  Stil  die  Bauern  zugrunde  gerichtet  hatte,  ging
die  Sklavenzahl  regelmäßig  zurück.  Sehr  häufig  wurden  Sklaven
und  Freie  in  ungefähr  der  gleichen  Anzahl  beschäftigt  (Varro,
        <pb n="149" />
        Wehrverfassung,  Sklaverei.

141

Über  die  Landwirtschaft  I,  18).  Es  erscheint  unter  solchen  Umständen ­
  für  die  Herren  am  rentabelsten,  wenn  sie  die  Sklaven  auf
ihren  Gütern  verteilten  und  in  teilweiser  Selbständigkeit  wirtschaften
ließen.  Die  rechtlichen  Bestimmungen  zu  Ansang  der  Kaiserzeit
geben  nicht  das  richtige  Bild  von  den  tatsächlichen  Verhältnissen. ­
  Vielfach  lebten  die  Sklaven  in  monogamischem  Ehebund
auf  bestimmten  Grundstücken,  den  Betrieb  kleiner,  selbständiger
Wirtschaftsorganisationen  leitend,  von  denen  eine  größere  Zahl
einem  Herrn  gehörte.  Die  Gesetzgebung  hat  erst  später  Schritt  für
Schritt  die  Sklavenbande  als  gelockert  anerkannt  und  eine  gemilderte ­
  Abhängigkeit  als  zu  Recht  bestehend  festgesetzt.  Die  Ackersklaven ­
  —  etwa  vom  3.  Jahrhundert  an  —  unterscheiden  sich  immer
weniger  von  Bauern,  die  an  die  Scholle  gefesselt  sind  und  bestimmte
Abgaben  an  ihre  Herrn  zu  leisten  haben.  Der  Herr  verfügt  nicht
mehr  über  jede  einzelne  wirtschaftliche  Handlung,  sondern  nur  noch
über  den  Ertrag.  Diese  Bewegung  begegnet  sich  mit  jener,  die  den
Bauern  an  die  Scholle  zu  fesseln  suchte,  um  neue  Steuerträger
schaffen  zu  können,  die  nicht  weglaufen  (S.  133).  Größere  Sklavenmassen ­
  dürften  nur  in  solchen  Betrieben  noch  verwendet  worden
sein,  in  denen  große  Reinerträge  erzielbar  waren,  so  z.  B.  in  den
Bergwerken,  die  edle  Metalle  lieferten.  Dort  wurde  der  Verlust
von  Sklavenleben  reichlich  durch  die  Mehreinnahme  ersetzt.  Größere
Gruppen  von  Sklaven  wurden  einem  Ausseher  übergeben,  der  ihre
Arbeiten  leitete  (Diodor  V,  36).  Um  möglichst  hohe  Erträge  zu
erzielen,  arbeitete  man  die  Sklaven  zugrunde,  gewährte  ihnen  möglichst ­
  wenig  Ruhepausen,  was  natürlich  nur  unter  Anwendung  von
harten  Strafen  durchführbar  war  (Diodor  V,  38).  Wo  das  Zugrundearbeiten ­
  sich  nicht  lohnte,  war  der  freie  Arbeiter  und  Pächter ­
  vielfach  ungünstiger  gestellt  als  der  Sklave,  da  man  in  ungesunden ­
  Gegenden  Freie  verwendete,  deren  Tod  keinen  Schaden
bedeutete,  die  Sklaven  hingegen  schonte  (Columella  I,  7,  4—6).  Ein
großer  Teil  der  am  elendesten  behandelten  Sklaven  waren  solche,
die  strafweise  Sklaven  waren.
Das  Sinken  der  Sklavenzahl  in  der  Kaiserzeit,  als  sich  sehr  viele
hochgebildete  Menschen,  zum  Teil  von  hervorragender  Bedeutung,
unter  den  Sklaven  befanden,  bewirkte,  daß  sich  der  philosophisch  Gebildete ­
  in  immer  stärkerem  Maße  für  die  Sklaven  einsetzte  und  die
sklavische  Seele,  nicht  den  Sklaven  mißachtete  (Dio  v.  Prusa  XV).
So  tadelte  B.  Plutarch  den  älteren  Kalo,  daß  er  die  abgearbeiteten
Sklaven  auf  ihre  alten  Tage  verkaufte,  statt  ihnen  das  Gnadenbrot  zu
        <pb n="150" />
        142  Achtes  Kapitel.  Ausbau  und  Ende  der  antiken  Weltwirtschaft.
geben;  er  wies  darauf  hin,  daß  nicht  einmal  Tiere,  ja  überhaupt  kein
beseeltes  Wesen  einfach  beiseite  geworfen  werden  dürfe,  weil  es  unbrauchbar ­
  geworden  sei  (Plutarch,  Kato  der  Ältere  5).  Die  Anerkennung ­
  des  Menschentums  im  Sklaven  war  zum  Teil  auch  durch  jene
Strömungen  in  der  antiken  Philosophie  bedingt,  die  alle  Lebewesen
als  eine  große  Familie  anzusehen  geneigt  waren.  Die  in  Griechenland
konstatierte  Trennung  der  Sklaven  in  zwei  Klassen  (S.  73)  trat
auch  in  Rom  ein.  Die  höher  gebildeten  Sklaven  entwickelten  sich
zu  Beamten  und  Angestellten  und  bildeten  zum  Teil  die  erziehende
Intelligenz.  Die  Direktion  des  Münzamts  und  der  Zollverwaltung
wurde  z.  B.  von  Cäsar  zum  Teil  durch  Freigelassene  und  Sklaven
besetzt,  wodurch  die  persönliche  Beziehung  des  Herrschers  zu  diesen
wichtigen  Instituten  so  recht  zum  Ausdruck  kam  (Sueton,  Cäsar  76).
Es  entwickelte  sich  ein  neuer  Stand  von  Beamten  aus  Sklavenblut,
ein  Vorgang,  der  sich  in  der  mittelalterlichen  Geschichte  wiederholte. ­
  Die  Verwendung  der  höheren  Sklavenkategorien  in  der  angegebenen ­
  Weise  blieb  in  der  Kaiserzeit  nicht  immer  bestehen,  wohl
aber  war  ihr  Einfluß  immer  ein  großer.  Sie  waren  dann  nicht
mehr  Beamte,  sondern  Kämmerer  oder  ähnliches.  Diese  Schicht
der  hochentwickelten  Sklaven  und  Freigelassenen  trug  mit  dazu
bei,  die  Anschauungen  über  die  Sklaverei  überhaupt  wesentlich
zu  modifizieren  (Plinius,  Briefe  VIII,  16).  Daß  aber  auch  recht
tiefstehende  Sklavenkategorien  keineswegs  immer  eine  gedrückte
Stellung  innehatten,  kann  man  daraus  entnehmen,  daß  sie  ähnlich
wie  in  Athen  zu  Polizeisoldaten  verwendet  wurden  (Plinius,  Briefe  X,
30  f.),  die  auch  besoldet  wurden  (Plinius,  Briefe  X,  40),  wie  denn
überhaupt  die  Sklavenbesoldung  vielfach  eingeführt  war,  auch  unterschied ­
  sich  ihre  persönliche  Stellung  vielfach  nur  tvenig  von  den
Freien,  wenn  der  Herr  ihre  Testamente,  ihre  Schenkungen  usw.
im  Bereich  des  Hauses  respektierte  (Plinius,  Briefe  VIII,  16).
Die  Sklaven  des  Geld-  und  Handelsstandes  waren  wirtschaftlich
Unternehmer,  die  mit  Kredit  arbeiteten.  Sie  und  die  Freigelassenen
gleicher  Kategorie  waren  eben  vielfach  nicht  viel  abhängiger  von
ihrem  Herrn  als  heute  eine  Gastwirtschaft,  die  von  der  Brauerei
Gnaden  besteht.  Durch  ihre  Reichtümer  zwangen  mit  der  Zeit  die
Freigelassenen  die  vornehmsten  Familien,  ihnen  ihre  Töchter  zu
Weibern  zu  geben,  wodurch  allmählich  eine  ganze  Klasse  von  Emporkömmlingen ­
  entstand,  die  nicht  immer  die  günstigsten  Charaktereigenschaften ­
  aufwiesen.  Ein  großer  Teil  dieser  Freigelassenen
widmete  sich  dem  Handwerk,  und  da  sie  sich  als  Sklaven  oft  etwas
        <pb n="151" />
        Sklaverei,  Finanzen.  143
beiseite  gelegt  hatten,  waren  sie  vielfach  besser  gestellt  als  die  freien
Handwerker.  Die  freiere  Stellung  der  Sklaven  kommt  auch  darin
zum  Ausdruck,  daß  sie  ebenso  wie  die  Freigelassenen  Vereinigungen ­
  bilden  konnten,  die  ursprünglich  nur  für  Freie  berechnet  waren.
Sterbe-  und  Versicherungskassen  waren  nun  auch  den  Sklaven  zugänglich, ­
  und  die  Kassenbestände  dieser  Sklaveuvereine  waren  oft
nicht  unbedeutend,  kurzum  es  standen  ihnen  Organisationen  zur
gegenseitigen  Hilfe  zur  Verfügung,  an  denen  ja  das  ausgehende
Altertum  so  reich  war.
Gegenüber  der  tatsächlich  sehr  weitgehenden  Verbesserung  der
Lage  der  Sklaven  blieb  die  Gesetzgebung  lange  zurück.  Die  so
entscheidenden  Wandlungen  wurden  nur  in  gewissen  Beschränkungen ­
  der  Herrenrechte  zum  Ausdruck  gebracht.  Diese  Sklavengesetze
hatten  eigenllich  nur  die  Geltung  etwa  moderner  Tierschutzgesetze,
praktisch  lief  das  aber  freilich  auf  eine  gewisse  Rechtsgewährung
gegenüber  dem  Sklaven  hinaus,  da  diesem  gestattet  war,  sich  an
die  Behörden  mit  einer  Anzeige  zu  wenden.  Zu  den  Einschränkungen ­
  der  Herrenrechte  gehörte  u.  a.,  daß  die  Tötung  eines  Sklaven ­
  die  Bewilligung  der  Behörden  erforderte,  und  daß  ein  mißhandelter ­
  Sklave  verkauft  werden  mußte.  Auch  wurde  späterhin  ein
Sklave  frei,  wenn  ihn  der  Herr  krank  und  schwach  im  Stiche  gelassen ­
  batte.
Zu  Beginn  der  Kaiserzeit  hat  auch  auf  dem  Gebiet  des  Finanzwesens ­
  die  Geldwirtschaft  Fortschritte  aufzuweisen  gehabt,  die  besonders ­
  auf  juristischem  Gebiet  zum  Ausdruck  kamen,  da  die  Geldbewertung
  vorherrschend  wurde,  wenn  auch  naturale  Elemente
in  großer  Zahl  erhalten  blieben.  Was  nun  die  Behandlung  der
Steuerträger  anlangt,  so  wurden  sie  durch  die  Kaiser  gegenüber
den  herrschenden  Klassen  im  allgemeinen  in  Schutz  genommen,  solange
die  Finanzverhältnisse  nicht  die  Regierung  selbst  zu  schweren
Eingriffen  zwangen.  Schon  früh  kam  es  vor,  daß  die  Tätigkeit
der  Steuerpächter  inhibiert  wurde  und  die  Erhebung  der  Steuer
durch  das  Land  selbst  an  die  Stelle  trat,  auch  nahm  man  auf  Mißwachs ­
  und  sonstiges  Unglück  häufig  ausgiebig  Rücksicht  (Appian,
Bürgerkriege  V,  4).  Auch  wenn  es  nicht  zur  Aufhebung  der  Verpachtung ­
  der  Steuern,  Staatsmonopole  und  Zölle  kam,  wurde
dennoch  die  Kontrolle  verschärft  und  die  ärgsten  Mißstände,  so
unter  Tiberius  (Tacitus,  Annalen  IV,  6)  und  Nero  (Tacitus,
Annalen  XIII,  50  f.)  beseitigt.  Nero  soll  sogar  an  eine  Aufhebung
der  Zölle  gedacht  und  den  Gedanken  nur  deshalb  nicht  aus-
        <pb n="152" />
        144  Achtes  Kapitel.  Ausbau  und  Ende  der  antiken  Weltwirtschaft.
geführt  haben,  weil  der  Staatshaushalt  dadurch  empfindlich  gestört ­
  worden  wäre.  Aber  schließlich  wurde  die  Verpachtung  vielfach ­
  in  den  Hintergrund  gedrängt,  wobei  die  direkte  Erhebung  der
Grundsteuer  zunahm.  Entsprechend  der  ganzen  Umwandlung  der
römischen  Wirtschaftsverhältnisse  gegen  Ende  der  Kaiserzeit,  wurden ­
  die  Steuern  wieder  in  natura  erhoben,  und  zwar  nicht  nur
die  Grundsteuer,  sondern  alle  möglichen  Abgaben.  Die  Leistungen
wurden  in  den  verschiedensten  Gegenständen,  Nahrungsmitteln,
Rohstoffen  und  Ganzfabrikaten  festgesetzt.  Die  Rohstoffe  z.B.  wurden
zum  Teil  für  die  Staatsfabriken,  so  die  Tuchfabriken  verwendet,
die  von  großer  Bedeutung  waren  und  erhebliche  Einnahmen  sicherten. ­
  Die  Spezifikation  der  Naturalsteuern  entsprach  den  Leistungen
des  Staates  an  seine  Bürger,  die  ebenfalls  spezifiziert  erfolgten.
So  erhielten  gegen  das  Ende  der  Kaiserzeit  die  Beamten  Hunderte
von  Gegenständen  zugewiesen,  von  den  Lebensmitteln  und  den
Tragtieren  an  bis  zu  den  Schnallen  und  Beischläferinnen  aus  der
Menge  der  Gefangenen.  Während  manche  Gegenden  Fleisch  an
die  Fleischerkorporation  zu  liefern  hatten,  andere  Getreide  an  die
Bäckerorganisation,  mußten  wieder  bestimmte  Organisationen  Sättel,
Kleider  usw.  an  die  Armeeverwaltung  abführen.  Es  kehrten  Verhältnisse ­
  wieder,  die  in  Ägypten  ein  blühendes  und  mächtiges
Staatswesen  ermöglichten,  während  sie  hier  den  Untergang  nicht
aufzuhalten  vermochten.  Die  eben  geschilderte  Tendenz,  die  Korporationen ­
  für  die  Steuer  haftbar  zu  machen,  führte  allmählich
dazu,  daß  überhaupt  die  eigentlichen  Steuerträger  nicht  mit  dem
Staate  zu  tun  hatten,  sondern  nur  mit  ihren  Genossenschaften.
Da  überdies  die  Einflußnahme  des  einzelnen  auf  die  Höhe  der
Steuer  fehlte,  mußte  der  Druck  besonders  erbittern.  Wir  sahen
bereits  oben  (S.  133),  daß  man  sich  vielfach  der  Last  auf  alle  nur
mögliche  Weise  zu  entziehen  suchte,  und  trotz  aller  Zwangsmittel  —
man  scheute  sogar  vor  der  Prügelstrafe  nicht  zurück  —  kam  es  in
manchen  Distrikten  geradezu  zu  Massendesertionen  der  Steuerpflichtigen. ­
  Sonst  war  alles  mit  Leistungen  verknüpft,  so  mußte
man  z.  B.  bei  Amtsübernahme  Zahlungen  leisten  (Plinius,  Briefe  X,
113).  Alle  diese  Vorkehrungen  kreuzten  sich  mit  andern  Bestrebungen ­
  der  Regierungen,  Ordnung  in  das  Wirtschaftsleben  zu
bringen.  Während  man  auf  der  einen  Seite  schließlich  dazu  kam,
die  Naturalwirtschaft  wieder  einzuführen,  wollte  man  auf  der
andern  die  Geldwirtschaft  regulieren,  und  zwar  durch  das  auch
in  der  neueren  Wirtschaftsentwicklung  anzutreffende  Mittel  der
        <pb n="153" />
        Finanzen,  Preistaxen.

145

Preisfixierung.  Es  sollten  bestimmte  Waren  nur  zu  bestimmten
Preisen  verkauft  werden.  Diocletian  hat  den  Versuch  gemacht,
einen  derartigen  Preistarif  zu  edieren,  der  aber  keine  dauernden
Folgen  gehabt  zu  haben  scheint.  Er  umfaßte  eine  Unmenge  Artikel
mit  weitgehenden  Spezialisierungen  etwa  nach  Art  der  Warenhauskataloge. ­
  Diese  Preisfixierung  sollte  für  alle  Märkte  des  ganzen
Reiches  oder  zum  mindesten  des  Diocletianischen  Herrschaftsbezirks
gelten.  Es  scheint  dabei  der  Regierung  vor  allem  darum  zu  tun
gewesen  zu  sein,  bestimmte  Preise  für  ihren  Bedarf  zu  haben
sowie  für  ihre  Soldaten,  Beamten  usw.  Auch  die  Löhne  für  die
verschiedensten  Arbeiten  und  Gewerbebetriebe  wurden  spezialisiert.
Während  andere  Regenten,  ebenso  wie  früher  die  Ädilen,  nur
gelegentlich  der  Getreide-  und  Brotspenden  bestimmte  Preise  festsetzten, ­
  um  dem  Volke  einen  Vorteil  zuzuwenden,  war  diese  Taxordnung
  Diocletians  dazu  bestimmt,  einen  großen  Teil  aller
Warensätze  zu  regulieren.  Wieweit  die  Interessen  der  Regierung
maßgebend  waren,  wieweit  jene  der  Konsumenten,  ist  nicht  völlig
klar.  Da  viele  Posten  der  Diocletianischen  Taxordnung  auch
Staatsfabrikate  umfaßten,  scheint  sie  über  den  freien  Markt
hinaus  wirksam  gewesen  zu  sein,  vielleicht  auch  die  Umwandlung
von  Geld-  in  Naturalsteuern  geregelt  zu  haben.  Da  nicht  gleichzeitig ­
  Verkaufszwang  bestand,  mußte  das  Edikt'überall  dort  seine
Wirkung  versagen,  wo  die  Leute  erklärten,  unter  diesen  Bedingungen ­
  überhaupt  nicht  produzieren  oder  verkaufen  zu  wollen
(Lactantius,  Wie  die  Christenverfolger  starben  7).
Die  Steuern  wurden  im  römischen  Kaiserreich,  wie  wir  sahen,
immer  mehr  auf  Korporationen  abgewälzt.  Parallel  damit  ging
die  Abwälzung  der  Steuern  auf  die  Gemeinden.  Wenn  auch  ursprünglich ­
  die  Tendenz  vorhanden  war,  das  römische  Reich  als
ein  System  von  Stadtstaaten  zu  konstruieren,  indem  z.  B.  Landbezirke
  als  Gemeinden  konstituiert  oder  Gemeinden  zugewiesen
wurden,  so  sank  doch  die  Bedeutung  der  Gemeinden  immer  mehr,
und  die  teilweise  Autonomie  konnte  keinen  Ersatz  für  die  politische
Bedeutungslosigkeit  darstellen.  Und  wenn  auch  dann  leitende  Mitglieder ­
  der  Gemeinde  an  der  Leitung  des  römischen  Staates  Anteil ­
  hatten,  so  waren  doch  die  einzelnen  Mitglieder  der  Gemeinden
des  römischen  Reiches  am  Gesamtreich  wenig  interessiert.  Dies
stellte  so  weder  ein  einheitliches  Gebilde  dar  —  dazu  waren  die
Nationalitäten  und  Nationen  zu  verschieden  —  noch  einen  straff  organisierten ­
  Bundesstaat.  Diese  Nichteinbeziehung  der  Gemeinden
ANuG  258:  Neurath,  antike  Wirtschaftsgeschichte.  10
        <pb n="154" />
        146  Achtes  Kapitel.  Ausbau  und  Ende  der  antiken  Weltwirtschaft.
in  die  Politische  Leitung,  das  Fehlen  einer  eigentlichen  Volksvertretung ­
  hat  wesentlich  mit  dazu  beigetragen,  den  Untergang  zu
beschleunigen.  Die  Gemeinden  wurden  im  Finanzorganismus  auch
insofern  immer  stärker  belastet,  als  man  ihnen  viele  Leistungen,
für  die  sonst  der  Staat  aufkommen  mußte,  zuschob.
Der  ganze  Prozeß  der  Umwandlung  der  G  eldwirt  s  ch  aftin  eine
Naturalwirtschaft  wurde  gegen  die  Mitte  des  4.  Jahrhunderts
im  Osten  wieder  einigermaßen  zum  Stehen  gebracht,  und  das  byzantinische ­
  Reich  hat  sich  im  wesentlichen  geldwirtschaftlich  entwickelt,
während  im  Westen  der  naturalwirtschaftliche  Einschlag  von
größerer  Bedeutung  war  und  besonders  auf  kirchlichem  Boden  die
Eigenproduktion  von  Gebrauchsgegenständen  zunahm.
Die  Fürsorge  der  Kaiser,  des  Staates  und  der  Gemeinden  für
Bildung  und  Erziehung  stand,  wie  im  Altertum  überhaupt,
meist  hinter  den  Aufwendungen  für  Spiele,  Bäder,  Theater  (Monument ­
  v.  Ancyra  22)  usw.  zurück.  Die  Ausgaben  für  die  Spiele
waren  vielfach  im  Stadtrecht  selbst  festgelegt  (Stadtrecht  v.  Urso
70  ff.).  Ein  Teil  dieser  Ausgaben  wurde  freilich  durch  Privatleute
bestritten,  die  Schulen  und  Museen  vielfach  auf  eigene  Kosten  der
Allgemeinheit  zur  Verfügung  stellten,  wie  ja  auch  heute  z.  B.
die  reichen  Amerikaner  für  Unterrichtsanstalten  viel  tun.  Ebenso
wie  die  Beamten  der  Republik  sorgten  die  Kaiser  und  der  Staat
für  Spenden  und  Gaben  aller  Art  (Monument  v.  Ancyra  14  ff.).
Die  Pensionen  an  die  Soldaten,  die  vor  allem  Augustus  geregelt
hatte,  wurden  lange  Zeit  aus  einer  eigenen  Kasse  bestritten,  die
zum  Teil  durch  die  Erbschaftssteuer  gefüllt  wurde  (Dio  Cassius
XV,  25).  Die  Stiftungen  für  Kinder  armer  Leute  kamen  bei  der
Verschlechterung  der  Finanzen  im  3.  Jahrhundert  in  Vergessenheit, ­
  so  daß  Kaiser  Konstantin  im  4.  Jahrhundert  neuerlich
eingreifen  mußte.  (S.  139.)
Die  Geldverhältnisse  waren  zu  dieser  Zeit  überaus  wirr.  Der
starke  Metallabfluß  nach  dem  Osten,  der  im  Zunehmen  begriffen
war,  sowie  der  Rückgang  der  Edelmetallproduktion  hatte  mit  der
Zeit  im  Mittelmeerbecken  einen  Mangel  an  Edelmetall  zu  Geldzwecken ­
  erzeugt.  Der  Staat  half  sich  damit,  daß  er  minderwertige
Münzen  ausprägte,  wodurch  die  Preise  zu  einer  enormen  Höhe
emporschnellten,  wodurch  er  aber  mit  den  Interessen  der  Exporteure ­
  in  Widerstreit  kam,  für  die  nur  der  Metallgehalt  der  Münzen, ­
  nicht  aber  ihr  Nennwert  von  Bedeutung  war.  Die  Wertverhältnisse
  der  Münzen  waren  besonders  im  Anfang  des  4.  Jahr-
        <pb n="155" />
        Geld,  Kredit.

147

Hunderts  derart  schwankend,  daß  sogar  der  Staat,  soweit  er  nicht
Naturalien  empfing,  sich  Silber-  und  Goldmengen  zahlen  ließ  statt
der  Münzen,  war  doch  ein  Sturz  des  Geldwertes  eingetreten,  wie
er  sonst  nur  bei  papiernen  Zahlungsmitteln  vorzukommen  Pflegt.
Besser  wurden  diese  Verhältnisse  erst  unter  Konstantin  und  dann
im  byzantinischen  Reich,  aber  zu  einer  großzügigen  Münzpolitik
fehlten  alle  Grundlagen.
Wenn  auch  in  den  ersten  zwei  Jahrhunderten  der  Kaiserzeit  das
Geld-  und  Kreditwesen  entwickelt  war,  so  hat  doch  im  Verhältnis ­
  zu  heutederBesitzvonEdelmetallgegenüber  derDispositionskraft
  über  Edelmetall  mehr  zu  bedeuten  gehabt.  Die  großen  Kreditinstitute ­
  mit  ihrem  weitverzweigten  Filialensystem  fehlten,  welche
der  Thesaurierung  heute  so  energisch  entgegenarbeiten.  Daher
treffen  wir  auch  in  der  alten  Literatur  so  häufig  den  Geizkragen
und  Wucherer  an,  der  schmutzig  umhergeht,  zu  Hause  aber
das  Geld  in  Haufen  liegen  hat,  ein  Typus,  der  sich  meist  nur
dann  entwickelt,  wenn  einer  seinen  blanken  Geldstücken  gegenübersteht ­
  (Lucian,  Der  Tyrann  17).
Die  Reformversuche  gegen  das'Ende  der  Antike  haben  nicht
zu  einer  ausgebildeten  Theorie  über  die  Zusammenhänge  der
sozialen  und  wirtschaftlichen  Erscheinungen  geführt  wie  in  der  neuzeitlichen ­
  Entwicklung.  Die  hohe  Entwicklung  der  juristischen
Reflexion  war  relativ  unabhängig  von  der  tieferen  Einsicht  in
wirtschaftliche  Zusammenhänge.  Die  großen  Theoretiker  der
Antike,  die  wir  unter  dem  Gesamtnamen  der  Philosophen  kennen,
haben  in  dieser  Richtung  ebenfalls  wenig  getan.  Wenn  sie  auch
scharfsinnige  Bemerkungen  über  wirtschaftliche  Dinge  machten,  so
fehlte  doch  eine  systematische  Bearbeitung  völlig.  Viele  unter  ihnen
trugen  am  Ausgang  des  Altertums  —  jeder  in  seiner  Weise  —
zur  Destruktion  des  Staates  noch  bei,  die  meisten  freilich  waren
ärmliche  Gesellen  mit  dürren  Seelen.  Mancher  tüchtige  Kopf  suchte
zu  retten,  was  zu  retten  war:  das  Recht  der  Persönlichkeit,  wodurch ­
  viele  ernste  Männer  zur  Abkehr  vom  Staatsgetriebe  bewogen ­
  wurden.  War  doch  bei  den  Griechen  seit  jeher  ein  asketischer ­
  Zug  immer  wieder  zum  Vorschein  gekommen,  der  vielfach
an  weltfeindliche  Lehren  anknüpfte,  da  sie  sich  gerne  mit  finsteren
und  tragischen  Problemen  beschäftigten.
Vor  allem  waren  die  Zyniker  und  ein  Teil  der  Stoiker  in  der
Opposition,  die  die  Ausschweifungen  der  Herrscher  rügten,  wo  sie
konnten  (Dio  Cassius  LX  VI,  13)  und  dann  das  Martyrium  auf
10*
        <pb n="156" />
        148  Achtes  Kapitel.  Ausbau  und  Ende  der  antiken  Weltwirtschaft.
sich  nahmen.  Bei  ihnen  finden  wir  denn  auch  jene  weltfremden
Gestalten,  die  den  Mönchen  und  Einsiedlern  in  gar  vielem  verlvandt
  waren;  sie  waren  teils  Wirkung,  teils  mit  Ursache  der  Auflösung, ­
  wenn  sie  auch  die  Stärkung  des  Pflichtbewußtseins  bewirkten. ­
  Wie  die  Christen  wandten  sich  die  Zyniker  sowohl  an  die
unteren  wie  an  die  oberen  Klassen  der  Gesellschaft,  die  sie  vielfach
dem  Staate  abwendig  machten.  Während  aber  das  Christentum
später  einen  Übergang  zu  einem  Staatsideal  fand,  ist  dies  in
großem  Stil  den  Zynikern  nicht  gelungen.  Solange  weite  Kreise
noch  in  Dumpfheit  und  Unbildung  dahingelebt  hatten,  konnte  sich
die  Philosophie  noch  am  ehesten  für  freien,  heitern  Lebensgenuß
einsetzen,  als  sich  aber  in  der  Kaiserzeit  immer  mehr  Menschen
einem  überaus  gemeinen  Genußleben  Hingaben,  konnte  im  allgemeinen ­
  nur  Abkehr  vom  Leben  noch  eines  wahren  Philosophen
würdig  erscheinen.  Während  in  der  hellenistischen  Epoche  noch  die
milderen  Stoiker  die  Führung  hatten,  konnten  im  2  Jahrhundert
n.  Chr.  wieder  die  Zyniker  mit  ihren  weit  schärferen  Lehren
zur  Geltung  kommen.  Eine  Art  Resignation  war  das  Ziel,  die
durch  den  Kosmopolitismus  nur  wenig  geändert  wurde,  da  sie  bei
den  Zynikern  lange  nicht  jene  begeisternde  Kraft  hatte  wie  später
im  Christentnme.  Es  war  eine  schreckliche  Sprache,  die  von  Christen
und  Heiden  geführt  wurde,  wenn  sie  Roms  Untergang  prophezeiten, ­
  wenn  z.  B.  ein  Mann  wie  Dio  von  Prusa  (XIII,  36)  in
gewaltiger  Rede  Rom  mit  seinen  Schätzen,  die  aus  aller  Welt
zusammengehäuft  seien,  dem  Scheiterhaufen  verglich,  den  Achill
seinem  Patroklus  aufgetürmt  hatte  aus  Holz,  Leichen,  Gewändern ­
  und  Opferfett,  um  dann  den  Wind  herbeizurufen,  der  den
Brand  entzünde  und  hoch  auflodern  lasse.
So  sehen  wir  allenthalben  die  Einrichtungen  der  Antike  in
voller  Auflösung  begriffen,  im  westlichen  Mittelmeerbecken  machte
das  Altertum  neuen  Gebilden  Platz,  die  vor  allem  durch  die  germanischen ­
  Völker  geschaffen  wurden,  im  Osten  dauerte  der  alte
Staatsorganismus  formell  fort,  er  erlitt  aber  eine  tiefgreifende
innere  Umbildung.  In  beiden  Hälften  blieben  noch  lange  gewisse
Institutionen  bestehen,  die  in  des  römischen  Reiches  Herrlichkeit
eine  Rolle  gespielt  hatten,  und  die  einzelnen  Machthaber  legten
vielfach  Gewicht  darauf,  das  Alte  zu  erhalten  und  an  die  Traditionen ­
  anzuknüpfen.  So  haben  z.  B.  im  Westen  die  Getreidespenden
nie  ganz  aufgehört,  und  als  Theoderich  nach  langer  Zerrüttung
wieder  einigermaßen  geordnete  Zustände  geschaffen  hatte,  sorgte
        <pb n="157" />
        Stoiker,  Christen,  Bevölkerung.

149

er  dafür,  daß  Getreide,  Öl  und  Fleisch  an  die  Massen  verteilt
werde,  doch  mußte  man  sich,  da  die  alten  Kornkammern  nicht  mehr
zur  Verfügung  standen,  mit  italischer  Frucht  begnügen.  Wie  sehr
die  Bedeutung  dieser  Spenden  zurückgegangen  war,  kann  man
daraus  entnehmen,  daß  ein  Autor,  um  zu  zeigen,  daß  die  Ehren
bei  einem  Volke  nichts  Beständiges  seien,  darauf  hinwies,  daß  diejenigen, ­
  welche  die  Getreidespenden  einst  beaufsichtigten,  hochgeehrt ­
  waren,  während  es  nun  nicht  mehr  der  Fall  sei  (Boethius,
Die  Tröstungen  der  Philosophie  III,  4).  Das  Prinzip  der  Staatsfürsorge ­
  blieb  lange  erhalten,  und  als  Justinian  wieder  in  Italien
herrschte,  ordnete  er  ebenfalls  Getreidespenden  an.  Aber  nur  im
Osten  vermochten  die  Kaiser  seit  Diokletian  mit  Scharfsinn  und
Energie  das  Gebäude  zu  erhalten,  im  Westen  hat  die  Völkerwanderung ­
  energisch  die  großen  Zusammenhänge  zerschlagen  und
der  Kleinstaaterei  vorgearbeitet.
Wie  einst  die  Griechen  und  dann  die  Römer  ihren  Bevölkerungsüberschuß ­
  durch  Eroberungen  versorgten,  so  taten  es  nun
auch  die  Völker  des  Nordens.  Schritt  für  Schritt  drangen  sie  im
römischen  Reiche  vor,  unter  den  verschiedensten  Titeln  fanden  sie
Unterkunft  innerhalb  der  Reichsgrenzen,  sei  es,  daß  man  sie  als
Gefangene  (S.  134),  sei  es,  daß  man  sie  —  meist  als  Besiegte  —  auf
ihre  Bitten  ansiedelte  (Sueton,  Augustus  21),  sei  es,  daß  man  sie
als  Soldaten  oder  Beamte  in  den  Staatsverband  aufnahm.  Ein
Teil  dieser  fremden  Truppen  wurde  in  Quartier  gelegt  und  erhielt
eine  Art  Ertragsquote  vom  Kostherrn,  ein  anderer  Teil  wurde
als  Grenzer  angesiedelt,  so  in  Europa,  in  Asien  und  Afrika.
Während  anfangs  schlechteres  Land,  das  sonst  nicht  verwendbar
war,  den  Germanen  genügte,  wurden  sie  bald  anspruchsvoller  und
drangen  immer  weiter  vor,  waren  sie  doch  ein  wesentlicher  Teil
der  Kriegsmacht.  Dabei  hielten  die  eingedrungenen  Germanen
immer  daran  fest,  auch  wenn  sie  vollkommen  unbotmäßig  sich  aufführten, ­
  daß  sie  eigentlich  die  Vertreter  des  Monarchen  seien,  wodurch ­
  die  Kontinuation  der  Institutionen  äußerlich  einigermaßen
gewahrt  wurde.  Im  2.  und  3.  Jahrhundert  begannen,  wie  wir
sahen  (S.  134),  mit  den  Germanenkriegen  die  Ansiedlungen  größere
Dimensionen  anzunehmen,  und  von  da  ab  ist  ein  ununterbrochenes
Vordringen  der  Stämme  zu  verzeichnen,  wenn  die  Römer  auch  zu
wiederholten  Malen  siegreich  waren.  Schon  im  3.  Jahrhundert
drangen  germanische  Stämme  in  Mazedonien,  Griechenland  und
Kleinasien  vor  und  richteten  arge  Verwüstungen  an.  Alles  das
        <pb n="158" />
        150  Achtes  Kapitel.  Ausbau  und  Ende  der  antiken  Weltwirtschaft.
zwang  die  Kaiser  immer  wieder  zu  neuen  Steuern,  um  die  Kriege
gegen  die  Eindringlinge  mit  Erfolg  führen  zu  können,  so  daß  die
Bevölkerung  doppelt  geschädigt  war.  Besonders  gefährlich  wurden
diese  Angriffe,  als  im  3.  Jahrhundert  Goten  auf  den  Einfall
kamen,  sich  im  Gebiet  des  Schwarzen  Meeres  Schiffe  zu  beschaffen,
und  nun  eine  Art  Seeräuberkrieg  anfingen  (S.  153).  Zu  den
Germanen  kamen  dann  allmählich  auch  die  Perser,  die  mit  Erfolg
das  oströmische  Reich  bedrängten.  Im  Westen  war  die  Hauptstadt ­
  Rom  immer  mehr  gesunken,  bis  sogar  Norditalien  der  Sitz
der  Kaiser  wurde,  um  schließlich  dem  Ansturm  der  Nordvölker  ausgeliefert ­
  zu  sein,  bald  erobert,  bald  mit  Erfolg  verteidigt.  Da  die
Getreidezufuhr  jederzeit  durch  Besetzung  der  Tibermündung  abgesperrt ­
  werden  konnte,  hatte  z.  B.  ein  Alarich  leichtes  Spiel.
Die  Stellung  des  Christentums  zu  den  wirtschaftlichen  und
sozialen  Verhältnissen  war  ebensowenig  klar  bestimmt  wie  heute.
Viele  christliche  Autoren  der  ersten  Jahrhunderte  berührten  die
Frage  größerer  wirtschaftlicher  Gemeinschaften  überhaupt  nicht
und  legten  nur  Gewicht  darauf,  daß  der  einzelne  ohne  Sünde
sein  Auskommen  finde,  womöglich  als  Handwerker  (Lehre  der  zwölf
Apostel  XII,  3)  oder  indem  er  sein  „Äckerleinchen"  bebaue.  Diese
Ansicht  vertrat  z.  B.  Ambrosius,  der  im  4.  Jahrhundert  Bischof  von
Mailand  war  und  doch  durch  seine  Studien  sowie  durch  seme
Stellung  im  öffentlichen  Dienst  mit  dem  Wirtschaftsleben  im  größeren
Stil  bekannt  geworden  war  (Ambrosius,  Uber  die  Pflichten  I,  26).
Das  wichtigste  für  den  Menschen  sei,  ein  Gotteskämpfer  zu  sein,  und
dazu  genüge  die  bloße  Existenz.  Von  einer  Verachtung  des  Handwerks ­
  war  bei  den  Christengemeinden  keine  Rede,  was  zum  Teil
schon  dadurch  bedingt  war,  daß  sie  sich  vielfach  aus  Proletariern
zusammensetzten.  Unterstützt  wurden  solche  Anschauungen  durch
chiliastische  Ideen;  da  das  irdische  Reich  ohnehin  bald  sein  Ende
finden  sollte,  so  war  all  das  Streben  nach  einer  irdischen  Organisation ­
  ein  eitles  Beginnen.  Auch  kommunistische  Züge  treffen
wir  bei  vielen  Kirchenvätern  an  sowie  die  Tendenz,  alles  Heidnische ­
  abzuweisen  und  sich  von  der  damaligen  Gesellschaft  auszuschließen. ­
  Eine  Annäherung  der  Christen  an  den  bestehenden
Staat  mußte  stattfinden,  als  man  von  einem  irdischen  Gottesreich
zu  träumen  begann,  von  einer  „Gemeine  des  Herrn".  Wie  in  der
theologischen  Erörterung  die  einen  jeden  heidnischen  Gedanken
ablehnten,  die  andern  dagegen  auf  Übereinstimmung  heidnischer
mit  christlichen  Lehren  ein  besonderes  Gewicht  legten,  so  fanden
        <pb n="159" />
        Christentum.

151

sich  auch  allmählich  Autoren,  die  sich  mit  dem  heidnischen  Staat
zunächst  theoretisch  abfanden,  indem  manches  prinzipiell  als  Organisation ­
  zur  Friedensstiftung  gebilligt  wurde,  bis  allmählich  die
Kirche  in  den  Staat  hineinwuchs  und  dann  auch  ein  eigenes
Wirtschaftssystem  bildete.  Aber  dieselben  Autoren,  die  dafür  waren,
sich  der  Friedensordnung  des  Staates  einzufügen,  förderten  auch
manche  Neigung  der  Christen  zu  einem  staatlich  indifferenten  Verhalten. ­
  Man  hatte  der  Stoa  vorgeworfen,  daß  sie  das  Individuum
derart  vom  äußeren  Leid  emanzipiere,  daß  der  Philosoph  den  Tyrannen ­
  ebensowenig  fürchte  wie  etwa  ein  Wahnsinniger.  Auch
vom  Christen  sagte  man,  daß  er  bereit  sei,  furchtlos  der  Staatsgewalt ­
  gegenüberzutreten,  die  so  über  ihn  weniger  Macht  besitze
als  über  die  andern  Untertanen,  wenn  sie  etwas  erzwingen  wolle.
Diese  Fähigkeit  zum  Widerstand  wurde  durch  eine  gewisse  antinationale ­
  Strömung  noch  gefördert.  So  meinte  z.  B.  Augustinus,
daß  es  an  sich  ganz  gleichgültig  sei,  unter  wessen  Herrschaft  man
sich  befinde,  wenn  man  nur  nicht  gezwungen  werde,  etwas  zu  tun,
was  man  verabscheue.  Wenn  der  Wechsel  der  Herren  nicht  durch
Kriege  erfolge,  wäre  an  sich  eigentlich  nichts  dagegen  einzuwenden
(Augustinus,  Von  der  Gemeine  des  Herrn  V,  17).
Die  Organisation  der  finanziellen  Verwaltung  in  der  älteren ­
  Kirche  läßt  sich  mit  der  späteren  kaum  vergleichen.  Erst  handelte
es  sich  im  wesentlichen  um  freie  Beiträge,  die  freilich  nach  einer
gewissen  Ordnung  an  die  Presbyter,  Diakonen  und  Vorleser  zur
Verteilung  gelangten  (Syrische  Didaskalia  9).  Aber  so  entwickelt
auch  vielfach  die  christliche  Gemeindeverwaltung  war,  die  volle
wirtschaftliche  Bedeutung  erlangte  die  Kirche  erst  zu  der  Zeit,  als
sie  seit  dem  4.  Jahrhundert  staatliche  Funktionen  in  größerem
Maßstab  übernahm,  als  Italien  sich  immer  mehr  in  eine  Wüstenei
verwandelte  und  schließlich  im  6.  Jahrhundert  die  Einwohnerzahl
von  Rom  etwa  ein  halbes  Hunderttausend  betrug.  Wenn  auch
um  die  Mitte  des  6.  Jahrhunderts  Justinian  die  Verhältnisse
Italiens  ju  ordnen  sich  bemühte,  so  begann  sich  doch  der  Papst
in  immer  stärkerem  Maße  an  der  Verwaltung  und  Jurisdiktion
in  Rom  zu  beteiligen.  Die  Kirche  verteilte  in  derselben  Weise  Getreide ­
  an  das  Volk,  wie  es  vordem  die  Kaiser  getan  hatten,  oft
gegen  den  Willen  der  Regierung,  die  sich  die  Gewalt  nicht  wollte
entreißen  lassen.  Und  wenn  auch  diese  Getreidespenden  zeitweilig
formell  von  der  Freigebigkeit  eines  Privatmannes,  des  Papstes  abhingen, ­
  so  wurde  dadurch  dennoch  die  kirchliche  Organisation  gestärkt.
        <pb n="160" />
        152  Achtes  Kapitel.  Ausbau  und  Ende  der  antiken  Weltwirtschaft.
Die  Klöster  und  Kirchen,  welche  Güter  besaßen,  erhielten  von  den
Ansiedlern,  Pächtern,  halbfreien  und  unfreien  Kleinbauern,  Colonen
und  Sklaven  einen  Bodenzins,  der  meist  ganz  oder  zum  Teil  in
natura,  in  Quoten  vom  Rohertrag,  später  aber  auch  in  festen
Mengen  Getreide  und  andern  Objekten  bezahlt  wurde.  So  konnte
die  Kirche  die  Kornspeicher  mit  Getreide  füllen,  das  wie  ehedem
aus  Sizilien  kam  und  dort  von  den  Beamten  der  Kirche  zum
Teil  gekauft,  zum  größeren  Teil  von  den  Kirchbauern  eingetrieben
wurde.  Die  an  die  Scholle  gebundenen,  persönlich  freien  Leute
nebst  den  übrigen  Kategorien  der  Unfreien  und  Vollfreien,  die
untereinander  oft  wieder  in  Abhängigkeitsverhältnissen  standen,
bildeten  einen  Grundstock  der  kirchlichen  Wirtschaftsordnung,  die
sich  im  Mittelalter  voll  entfalten  sollte.  Als  das  alte  Reich  sich
auflöste,  bildeten  sich  im  Osten  in  Antiochia  und  Alexandria  und
im  Westen  in  Rom  neue  kirchliche  Organisationen.  Am  Ende  des
8.  Jahrhunderts  sehen  wir  die  zwei  großen  Gewalten  einander
gegenüberstehen,  die  jede  in  ihrer  Art  an  des  römischen  Reiches
Herrlichkeit  anknüpften:  Kaisertum  und  Papsttum.
Wie  wenig  bestimmt  die  Stellung  des  Christentums  zu  wirtschaftlich ­
  sehr  bedeutsamen  Institutionen  war,  kann  man  aus
seinem  Verhältnis  zur  Sklaverei  ersehen.  Wie  die  alten  Heiden
den  geborenen  Knecht  kannten,  indem  sie  angeborene  Defekte  des
Charakters  und  des  Intellekts  annahmen,  so  kannten  die  Christen
einen  angeborenen  moralischen  Defekt.  Daß  ein  ganzer  Menschenschlag ­
  aber  zur  Sklaverei  verdammt  werden  könne,  dafür  war
ein  Bibelwort  leicht  zur  Hand:  die  Verfluchung  Hams  durch
Noah:  1.  Moses  9,  25  „Verflucht  sei  Kanaan!  als  niedrigster
Sklave  soll  er  seinen  Brüdern  dienen!  26.  Dann  sprach  er:
Gepriesen  sei  Jahwe,  der  Gott  Sems;  aber  Kanaan  soll  ihr
Sklave  sein!  27.  Weiten  Raum  schaffte  Gott  für  Japhet,  und
er  wohnte  in  den  Zelten  Sems;  aber  Kanaan  soll  ihr  Sklave
sein!"  Der  Naturzustand  ist  freilich  frei,  führten  manche  aus
(Augustinus,  Von  der  Gemeine  des  Herrn  XIX,  15),  aber  die
Sünde  hat  Sklaven  geschaffen.  Die  Entstehung  der  Sklaverei
wurde  von  manchen  aus  Gottes  Gericht  erklärt,  das  ohne  jede
Ungerechtigkeit  sei.  So  wurde  denn,  in  Übereinstimmung  mit  vielen
Lehren  der  ersten  christlichen  Zeit  verkündet,  daß  der  Sklave
seinem  Herrn  ohne  Falsch  dienen  sollte,  mit  seinem  ganzen  Herzen
und  seiner  ganzen  Seele.  Wie  die  Bibel  manchen  Theologen  dazu
diente,  den  geborenen  Sklaven  zu  beweisen,  so  diente  sie  anderer-
        <pb n="161" />
        Sklaverei,  Byzanz,  Griechen.

153

fetta  auch  immer  dazu,  die  menschliche  Behandlung  der  Sklaven  zu
vertreten.  Der  Hinweis  auf  die  gute  Behandlung  der  Dienenden  durch
die  Patriarchen,  der  Hinweis  auf  die  Haussklaverei  im  Orient  spielten
dabei  eine  große  Rolle  (Augustinus,  Von  der  Gemeine  des  Herrn
XIX,  16).  In  seiner  Ansicht  über  die  Handhabung  der  patriarchalischen ­
  Gewalt  berühren  sich  die  Ansichten  eines  Augustinus  mit  jener
vieler  moderner  Großgrundbesitzer.  Jedenfalls  ergibt  sich  aus  all
dem,  daß  die  Kirche  in  keiner  Weise  ihre  ganze  Autorität  gegen
die  Sklaverei  einsetzte,  sie  hat  sogar  gelegentlich  zu  Anfang  des
Mittelalters  zahlreichen  Freilassungen  durch  die  Klöster  Einhalt
getan.  Die  mildere  Behandlung  der  Sklaven,  die  bereits  in  der
Antike  begonnen  hatte,  wurde  durch  die  Kirche  unterstützt,  was
zum  Teil  damit  zusammenhing,  daß  der  Sklave  nun  regelmäßig
derselben  religiösen  Gemeinschaft  wie  sein  Herr  angehörte,  was  in
der  Antike  nur  gelegentlich  vorgekommen  war.  Doch  dauerte  diese
günstige  Wirkung  nur  so  lange,  als  die  Sklaven  nicht  zu  zahlreich
waren  und  vielfach  eine  Art  Leibeigene  darstellten.  Als  die  wirtschaftlichen ­
  Verhältnisse  die  Zahl  der  Sklaven  vermehrten  und  am
Ende  des  Mittelalters  und  zu  Beginn  der  Neuzeit  die  Kriege  mit
den  orientalischen  Völkern  sowie  die  Sklavenjagden  genug  Material
lieferten,  wurden  die  Sklaven  bedeutend  ärger  behandelt  als  durchschnittlich ­
  in  der  Antike.
Während  Rom  verfiel,  drang  die  byzantinische  Kultur  längs
der  russischen  Flüsse  in  ähnlicher  Weise  vor  wie  die  römische  einst
längs  der  germanischen.  An  den  Handelsstraßen,  die  nach  der  Ostsee ­
  führten,  entwickelten  sich  Handelszentren,  die  zum  Teil  noch
heute  bestehen.  Und  wie  Frankreich  und  Deutschland  an  das  alte
römische  Reich,  so  knüpfte  Rußland  in  der  mannigfachsten  Weise
an  Byzanz  an.
Die  Griechenstädte  im  Gebiete  des  Schwarzen  Meeres  waren
schon  frühzeitig  den  anrückenden  Nordvölkern  ausgeliefert  gewesen.
Bereits  im  3.  Jahrhundert  n.  Chr.  haben  gotische  Scharen  die
pontischen  Handelsstädte  gezwungen,  ihnen  Schiffe  zur  Verfügung
zu  stellen  (S.  150).  Einige  Städte  wurden  bei  diesen  Zügen  niedergebrannt, ­
  aber  andere  erhielten  sich,  so  Chersonesos  auf  der  Krim
in  der  Nähe  des  Hafens  von  Sebastopol,  um  späterhin  ins  byzantinische ­
  Reich  aufgenommen  zu  werden.  Nie  in  starker  Abhängigkeit ­
  von  Rom,  hat  die  Stadt  Cherson  vom  3.  Jahrhundert
ab  eine  selbständige  Stellung  eingenommen.  Es  war  die  letzte
griechischeRepnblik.  Späterhin  war  diese  Stadt,  bes  onders  durch
        <pb n="162" />
        154  Achtes  Kapitel.  Ausbau  und  Ende  der  antiken  Weltwirtschaft.
ihren  Handel  mit  Asien  und  den  Ländern  des  Nordens,  wichtig,
zu  einer  Zeit,  da  die  Türken  bereits  ihre  Macht  entfalteten.  Wenn
auch  das  umliegende  Gebiet,  das  einst  dem  Westen  Getreide  geliefert ­
  hatte,  nicht  mehr  im  Besitze  der  Stadt  war,  sicherte  der
Handel  dennoch  dieser  Griechenstadt  bis  tief  ins  Mittelalter  hinein
ihren  Wohlstand.  Wie  ehedem  tauschte  sie  Felle  und  gesalzene
Fische  gegen  Luxusartikel  und  Jndustriewaren  in  Konstantinopel
ein.  Und  so  sehen  wir  denn,  wie  so  manche  wirtschaftliche  Verbindung ­
  aus  den  Zeiten  der  Antike  im  Mittelalter  noch  bestand.
Der  Ausgang  der  Antike  stellt  vom  Standpunkt  der  Wirtschaftsgeschichte ­
  aus  ein  wechselvolles  Bild  dar.  Die  oströmischen
Besitzungen  besaßen  ein  noch  immer  wohlgeordnetes  System  von
wirtschaftenden  Individuen.  Das  staatliche  Finanzwesen  und  der
Handel  dauerten  trotz  vieler  ernster  Störungen  fort  und  hatten
nie  ganz  aufgehört,  nur  die  Personen  wechselten  allmählich,  und
die  Zentralstellen  wurden  von  neuen  politischen  Faktoren  okkupiert.
Die  weströmischen  Länder  aber  beginnen  stark  zu  zerfallen,  die  einzelnen ­
  Gebiete  können  nicht  mehr  mit  einem  regelmäßigen  Handel
rechnen,  und  es  wird  der  Versuch  gemacht,  wieder  auf  kleinerem
Gebiete  sich  das  zu  schaffen,  was  man  braucht.  Die  Bedürfnisse
sind  für  weite  Kreise  auf  ein  Minimum  gesunken,  sie  können  in
engeren  Wirtschaftsorganisationen  befriedigt  werden.  So  sehen  wir
denn  neben  den  Gemeinden  allenthalben  Grundherrschaften  entstehen, ­
  die  entweder  in  den  neuen  Reichen  aufgingen  oder  selbst
zu  kleinen  Reichen  wurden.  Die  kirchlichen  Zentren  stellten  solche
wirtschaftliche  Mittelpunkte  dar,  hier  setzen  planmäßige  Organisationen ­
  der  Wirtschaft  ein.  Auf  dem  Boden  der  verfallenden ­
  Ordnung  bilden  sich  neue  Organisationen  von  stärkerem  Zusammenhalt, ­
  während  die  wirtschaftliche  Verknüpfung  der  Bewohner
des  Erdkreises  untereinander  stark  zurückgegangen  war.
Nicht  lange,  und  die  Herren  des  Nordens  drangen  immer  mehr
im  weströmischen  Gebiet  vor,  um  schließlich  Italien  in  nächste  Beziehung ­
  zu  den  Wirtschafts-  und  Machtzentren  Mitteleuropas  zu
setzen;  der  Osten  erhielt  lange  seine  Selbständigkeit,  aber  auch
ihm  drohte  das  gleiche  Schicksal,  die  mitteleuropäischen  Wirtschastsmächte
  suchten  neue  Reiche  im  Gebiete  Westroms  zu  gründen,  wir
sehen  Ansturm  auf  Ansturm,  mitteleuropäische  Fürsten  regieren
im  Bereiche  des  untergehenden  oströmischen  Reiches.  Doch  das
glückliche  Schicksal  Italiens  blieb  Ostrom  versagt,  es  wurde  nicht
dem  höher  kultivierten  Mitteleuropa  angegliedert,  sondern  einem
        <pb n="163" />
        Überblick.

155

großen  Eroberungsstaat,  der  zwar  auf  keiner  niederen  Kulturstufe ­
  stand,  aber  sich  nicht  weiter  entfaltete.  Mitteleuropa  bemüht
sich  jetzt  neuerdings,  jene  Gebiete  wirtschaftlich  oder  sogar  Politisch
zu  beherrschen,  um  sie  einem  einheitlichen  mitteleuropäischen  Wirtschaftskreis ­
  anzugliedern,  eine  Bewegung,  die  wir  selbst  miterleben.
Überblick.
Der  Untergang  deS  Altertums  vollzieht  sich
keineswegs  durch  eine  vernichtende  äußere  Umwälzung,
  sondern  durch  die  innere  Zersetzung
einer  völlig  durchgebildeten,  ihrem  Wesen  nach
durchaus  modernen  Kultur.
EduardMeyer,  Die  wirtschaftliche  Entwicklung ­
  des  Altertums.
Fassen  wir  das  Ergebnis  unserer  Darstellung  kurz  zusammen!
Die  administrative  Güterverteilung,  sei  es  auf  patriarchalischer
Grundlage,  sei  es  in  einem  wohlgeordneten  Staatswesen,  hat  im
Bereiche  des  Mittelmeerbeckens  nirgends  das  ganze  Altertum  hindurch ­
  angehalten.  Meist  hat  die  primitive  administrative  Verteilung ­
  und  Verwaltung  der  einzelnen  Organisationen  sich  frühzeitig
in  eine  marktmäßige  umgewandelt.  Nur  in  Ägypten  konnten  wir
die  administrative  Verteilung  zu  einer  hohen  Stufe  der  Vollkommenheit ­
  gelangen  sehen;  erst  später  ist  sie  in  eine  handelsmäßige  Organisation ­
  umgewandelt  worden.  Der  Handel  mit  fremden  Völkern
war  es  in  erster  Linie,  der  überall  die  zentralisierte  Güterverteilung ­
  störte.  Die  vor  allem  dadurch  bedingte  Einführung  allgemeiner ­
  Zahlungsmittel  veranlaßte  eine  Auflösung  der  kleineren
wirtschaftlichen  Verbände.  Besonders  auf  agrarischem  Gebiet
zeigten  sich  die  Folgen  der  handelsmäßigen,  nicht  geregelten  Wirtschaft. ­
  Der  Widerspruch  zwischen  Privatinteresie  und  Gesamtinteresse ­
  entwickelte  sich.  Aber  während  anfangs  wenigstens  der  einzelne
wirtschaftlich  Mächtigere  florierte,  hörte  das  allmählich  auch  auf,  und
es  wirkte  auch  auf  die  Reichen  zurück.  Die  Versuche  der  Kaiserzeit,
wieder  eine  administrative  Güterverwaltung  im  Interesse  der  Allgemeinheit ­
  durchzuführen,  waren  nur  auf  gewisse  Punkte  gerichtet
und  nicht  imstande,  eine  Änderung  zu  bewirken.  Da  überdies
noch  andere  auflösende  Momente  genug  vorhanden  waren,  ging
die  alte  Wirtschaftsordnung  auf  großen  Gebieten  unter.  Die  Versuche, ­
  durch  administrative  Ordnung  Hilfe  zu  schaffen,  hatten  zu
einer  stärkeren  Bindung  des  Individuums  an  die  Gesamtheit  oder
an  bestimmte  Korporationen  geführt,  wovon  vielleicht  manches  ins
        <pb n="164" />
        156

Überblick.

Mittelalter  hinübergerettet  wurde.  Wir  können  so  drei  Perioden
unterscheiden,  die  ursprünglich  administrative,  sei  es  innerhalb
kleiner,  sei  es  innerhalb  großer  Organisationen  mit  geringem  Schatzhandel, ­
  dann  die  marktmäßige,  welche  den  Handel  mit  sämtlichen
Gegenständen  ermöglichte,  zuletzt  eine  dritte,  welche  wieder  zu  administrativen ­
  Vorkehrungen  neigte  und  neue  Organisationen  schuf,
die  im  Osten  von  einem  neuen  Beamtenstaat  aufgesogen  wurden,
während  sie  sich  im  Westen  vielfach  in  kleine,  relativ  selbständige
wirtschaftliche  Gebilde  auflösten.
        <pb n="165" />
        Hus  jVatur  und  Geístcswclt.
'Jeder  Band  geheftet  JVI.  ,  in  Leinwand  gebunden  M.  125.

Zur  Volkswirtschaft  erschienen  u.  a.  in  dieser  Sammlung:
Ñrndt,  p.,  Deutschlands  Stellung  in  der  Weltwirtschaft.  (Bb.  179.)
Bloch,  £.,  Soziale  Kämpfe  im  alten  Rom.  2.  Ñuflage.  (Bb.  22.)
Llaatzen,  W.,  Die  deutsche  Landwirtschaft.  Mit  15  Abbildungen
und  1  Karte.  (Bb.  215.)
Gruber,  Ehr.,  Wirtschaftliche  Erdkunde.  (Bb.  122.)
—  Deutsches  Wirtschaftsleben,  stuf  geographischer  Grundlage  geschildert. ­
  2.  Ñuflage  von  vr.  Hans  Reinlein.  (Bb.  42.)
Haushofer,  ITT.,  Bevölkerungslehre.  (Bb.  50.)
Heil,  B.,  Die  deutschen  Städte  und  Bürger  irn  Mittelalter.  2.  Ñuflage.
(Bb.  43.)
Kainpffineper,  H.,  Die  Gartenstadtbewegung.  (Bb.  259.)
Langenbeck,  W.,  Geschichte  des  deutschen  Handels.  (Bb.  237.)
Laughlin,  3.  L.,  Ñus  dem  amerikanischen  Wirtschaftsleben.  Mit
9  graphischen  Darstellungen.  (Bb.  127.)
Loening,  E-,  Grundzüge  der  Verfassung  des  Deutschen  Reiches.
Sechs  Vorträge.  2.  Ñuflage.  (Bb.  34.)
Lotz,  tO.,  Verkehrsentwicklung  in  Deutschland.  1800—1900.  2.  Ñufl.
(Bb.  15.)
Maier,  G.,  Soziale  Bewegungen  und  Theorien  bis  zur  modernen
Arbeiterbewegung.  3.  Ñuflage.  (Bb.  2.)
Manes,  st.,  Grundzüge  des  Versicherungswesens.  (Bb.  105.)
Otto,  E.,  Das  deutsche  Handwerk  in  seiner  kulturgeschichtlichen  Entwicklung. ­
  Mit  27  Abbildungen.  3.  Ñuflage.  (Bb.  14.)
poensgen,  ©.,  Vas  Wahlrecht.  (Bb.  249.)
Pohle,  L.,  Die  Entwicklung  des  deutschen  Wirtschaftslebens  im  letzten
Jahrhundert.  2.  Auflage.  (Bb.  57.)
Schmidt,  M.  G.,  Geschichte  des  Welthandels.  (Bb.  118.)
Staudinger,  Die  Konsumgenossenschaft.  (Bb.  222.)
Thieß,  K.,  Deutsche  Schiffahrt  und  Schiffahrtspolitik  der  Gegenwart.
(Bb.  169.)
Zwiedineck-Südenhorft,  O.  v.,  Arbeiterschutz  und  Arbeiterversicherung. ­
  (Bb.  78.)

Verlag  von  B.  6.  Ceubner  in  Leipzig  und  Berlin
        <pb n="166" />
        Verlag  von  B.  G.Teubner  in  Leipzig  und  Berlin.

DIE  HELLENISCHE  KULTUR
DARGESTELLT  VON
FRITZ  BAUMGARTEN,  FRANZ  POLAND,  RICHARD  WAGNER
2.  stark  vermehrte  Auflage.  Mit  7  farbigen  Tafeln,  2  Karten
und  gegen  400  Abbildungen  im  Text  und  auf  2  Doppeltafeln.
[XI  u.  630  S.]  gr.  8.  1908.  Geh.  «Æ  10.—,  in  Leinw.  geb.  JC.  12.—
Die  glänzende  Aufnahme,  die  das  Buch  sowohl  bei  der  Kritik
als  auch  in  weiten  Leserkreisen  gefunden  hat,  beweist,  daß  das
Bedürfnis  nach  einer  zusammenfassenden  Darstellung  der  hellenischen ­
  Kultur,  die  auf  der  Höhe  der  heutigen  Forschung  steht,
vorlag,  und  daß  die  Verfasser  ihre  Aufgabe  vortrefflich  gelöst
haben.  In  der  zweiten  Auflage  wird  den  neuen  Entdeckungen  der
letzten  beiden  Jahre  sowie  der  außerordentlichen  Bedeutung  der
Vasenmalerei  für  die  heutige  Forschung  Rechnung  getragen.  Der
schon  außerordentlich  reiche  Bilderschmuck  ist  durch  eine  beträchtliche ­
  weitere  Anzahl  sorgsam  ausgewählter  neuer  Abbildungen
vermehrt.  So  liegt  denn  ein  Werk  vor,  das  nach  Form  und  Inhalt
Vollendetes  leistet.  Nicht  nur  Lehrer  und  Schüler  der  Oberklassen
höherer  Lehranstalten,  sondern  ebenso  Studierende  und  Künstler,
alle  Freunde  des  klassischen  Altertums,  ja  alle  Gebildeten  finden
in  dieser  Darstellung  der  hellenischen  Kultur  die  mustergültige
Grundlage  für  ein  geschichtliches  Verständnis  aller  späteren  kulturellen ­
  Entwicklung.
„Eine  wohlgelungene  Leistung,  die  mit  großer  Gewissenhaftigkeit  gemacht
und  von  reiner  Begeisterung  für  die  Sache  getragen  ist.  Die  Sorgfalt  und  die
Kenntnis  der  Verfasser  verdienen  aufrichtige  Anerkennung:  das  Ergebnis  ist  ein
Buch,  das  ein  glückliches  Muster  populärer  Behandlung  eines  manchmal  recht
spröden  Stoffes  darstellt.  Man  möchte  ihm  recht  weite  Verbreitung  in  den  Kreisen
derjenigen  wünschen,  die  sich  nicht  bloß  mit  dem  konventionellen  'Namen  des
Gebildeten’  zufriedengeben,  sondern  in  Wahrheit  zu  dem  geschichtlichen  Verständnis ­
  unserer  heutigen  geistigen  und  politischen  Lage  vorzudringen  trachten;
und  den  Schülern  der  oberen  Klassen  unserer  Gymnasien  sowohl,  als  auch  den
Studierenden  unserer  Hochschulen,  besonders  den  Anfängern,  wird  das  Werk
Ausgangspunkt  und  eine  solide  Grundlage  für  weitere,  quellenmäßige  Studien  sein.“
(Historische  Vierteljahrschrift.)
„Ich  habe  das  Buch  schon  früher  an  dieser  Stelle  warm  empfohlen  und  kann
nach  vielfacher  Benutzung  des  Werkes  in  der  Zwischenzeit  dieser  Neuauflage
die  wärmste  Empfehlung  für  Schule  und  Haus  mit  auf  den  Wog  geben.  Wir
erhalten  ein  eindringliches,  klares  Bild  von  Land  und  Leuten,  Sprache  und
Religion  des  Volkes,  daran  anschließend  die  Geschichte  seiner  Kultur  und  Kunst,
seines  staatlichen  und  privaten  Lebens,  seines  religiösen  und  geistigen  Empfindens.
Vor  allen  den  Schülern  höherer  Lehranstalten  wird  das  Buch  ein  willkommenes
Geschenk  sein.“  (Der  Türmer.)
        <pb n="167" />
        Verlag  von  B.  G.  Teubner  in  Leipzig  und  Berlin.

DAS
MITTELMEERGEBIET.
SEINE  GEOGRAPHISCHE  UND  KULTURELLE
EIGENART.
Von  Dr.  A.  PHILIPPSON.
PROFESSOR  AN  DER  UNIVERSITÄT  HALLE  A.  S.
2.  verbesserte  Auflage.  Mit  9  Figuren,  13  Ansichten  und  IO  Karten  und
15  Tafeln.  [XII  u.  261  S.]  gr.  8.  1907.  In  Leinwand  geb.  JC.  7.—
„Ein  herrliches  Buch,  das  keineswegs  nur  dem  geographischen  Forscher,
sondern  ebenso  dem  Historiker,  dem  Archäologen,  recht  sehr  auch  dem  Gymnasiallehrer ­
  bei  Erklärung  antiker  Schriftsteller  von  Nutzen  sein  wird,  ja  jedem
gebildeten  Laien  empfohlen  werden  kann,  der  die  Gestade  des  Mittelmeers  bereist ­
  und  genauer  unterrichtet  sein  will  über  das,  was  diese  wunderbaren  Gelände
charakterisiert.“  (Das  humanistische  Gymnasium.)
„Es  ist  in  jeder  Hinsicht  eine  des  Meisters  der  Länderkunde,  Ferd.  v.  Richthofens, ­
  dem  es  gewidmet  ist,  würdige  Gabe.  Die  Aufgabe,  die  sich  der  Verfasser
gesetzt  hatte,  das  Mittelmeergebiet  als  ein  nach  seiner  Entstehung  und  seinen
Charakterzügen  einheitliches  darzustellen,  den  ursächlichen  Zusammenhang  der
Erscheinungen,  soweit  sie  geographisch  bedingt  sind,  herauszuarbeiten  und  überall
auf  dem  festen  Boden  exakter  Beobachtung,  nicht  der  geistreichen  Spekulation,
nachzuweisen,  ist  glänzend  gelöst.  Philippson  enthüllt  hier  ganz  neue  Seiten  seines
Wissens  und  Könnens  und  bietet  auch  dem  Kulturhistoriker  und  dem  Soziologen
sehr  viel.  Methodisch  bedeutsam  ist  auch  die  überall  scharf  durchgeführte  Scheidung
von  Geologie  und  Geographie.“  (Dr.  A.  Petermanns  Geogr.  Mitteilungen.)
„Überall  werden  uns  frische,  in  dem  weiten  Gottesgarten  selbst  gepflückte
Früchte  geboten,  nicht  trockene,  mühsam  im  Lehnstuhle  angequälte  Weisheit.“
(Literarisches  Zentralblatt.)
„Ein  Buch,  das  sich  viele  Freunde  unter  den  Gebildeten  erwerben  und  allen
denen,  die  den  sonnigen  Süden  aufsuchen  wollen  oder  von  dort  zurückgekehrt  sind,
eine  Quelle  echten  Genusses  sein  wird.  Besonders  aber  bietet  es  dem  Lehrer,  der
sich  im  Unterricht  mit  irgendeinem  Gebiete  der  Mittelmeerländer  zu  beschäftigen
hat,  sei  er  Philologe,  Historiker  oder  Geograph,  die  reichste  Anregung.  Gerade
für  die  Bedürfnisse  der  höheren  Schulen  Killt  das  zusammenfassende  Werk  eine
bisher  sehr  empfundene  Lücke  aus.“  (Zeitschrift  f.  d.  Gymnasialwesen.)
„Mit  großer  Genugtuung  darf  man  das  vorliegende  Buch  Philippsons  empfehlen,
es  steht  auf  der  vollen  wissenschaftlichen  Höhe.“  (Die  Umschau.)
„...  Jeder  Mensch,  der  für  dieses  in  kultureller  Beziehung  einzigartige  Meer
Interesse  hegt,  wird  in  dem  Philippsonschen  Werke,  das  insofern  eine  fühlbare  Lücke
ausfüllt,  als  es  bisher  an  einer  derartigen  systematisch  zusammenfassenden  Behandlung ­
  fehlte,  eine  solche  Fülle  von  Belehrung,  Aufklärung,  geistiger  Anregung  und
wahren  Genusses  finden,  daß  wir  die  außerordentlich  ehrenvollen,  ja  zum  Teil  begeisterten ­
  Besprechungen  verstehen,  die  dem  trefflichen  Werke  zuteil  geworden
sind.  Auf  der  hohen  Warte  gediegenster  wissenschaftlicher  Forschung  stehend,  gewährt ­
  der  Verfasser  uns  einen  tiefen  Blick  in  jene  fernliegenden  Zeiten,  da  die
Schönheit  und  Herrlichkeit  des  Mittelmeeres  noch  nicht  bestand;  dann  läßt  er  in
schlichter,  aber  um  so  fesselnderer  Darstellung  jeden  Erdraum  von  so  scharf  geprägtem ­
  Charakter,  wo  die  verschiedenen  geographischen  Faktoren:  Weltstellung,
Oberflächengestalt,  Klima,  Lebewelt,  Menschengeschichte  in  so  klare  einseitige
Wechselwirkung  treten,  in  plastischer  Deutlichkeit  vor  unserem  geistigen  Auge  erstehen.“ ­
  (Zeitschrift  für  den  deutschen  Unterericht.)
        <pb n="168" />
        Verlag  von  B.  G.Teubner  in  Leipzig  und  Berlin.

MITTELMEERBILDER
GESAMMELTE  ABHANDLUNGEN
ZUR  KUNDE  DER  MITTELMEERLÄNDER
VON
Dr.  THEOBALD  FISCHER
GEH.  REG.-RAT,  PROFESSOR  DER  GEOGRAPHIE  AN  DER  UNIVERSITÄT  MARBURG
[VI  u.  480  S.]  gr.  8.  1906.  Geh.  JÍ  6.—,  in  Leinw.  geb.  JÍ  7.—
Neue  Folge  [VI  u.  423  S.]  gr.  8.  1908.  Geh.  JÍ  6.—,
in  Leinwand  geb.  Jt  7.—
„Alle  Freunde  des  Mittelmeergebiets,  der  alten  Heimstatt  unserer  wissenschaftlichen ­
  Bildung,  des  ewig  jungen  Zauberkreises  erfrischender,  neu  anregender
Eindrücke  in  den  Erholungspausen  des  Lebenstagewerks,  werden  es  dem  Verfasser
Dank  wissen,  daß  er,  nachdem  er  die  gewichtigen  Früchte  seiner  planvollen  Forschungen ­
  in  bedeutenden  Werken  und  gehaltvollen  Einzelstudien  niedergelegt,  nun
auch  die  anmutigen  Blüten,  die  er  an  seinen  Wanderpfaden  gepflückt,  und  die  für
die  ganze  gebildete  Welt  bestimmten  Zusammenfassungen  seiner  Eindrücke  von
Ländern  seines  besonderen  Arbeitsfeldes,  Augenblicksbilder  ihrer  Zustände  und
vor-  und  rückwärts  gekehrte  Übersichten  ihrer  Entwicklung  und  ihrer  Bedeutung,
in  einem  stattlichen  und  doch  noch  handlichen  Bande  vereint  hat.  Er  hat  damit
dem  Leser  mehr  geboten,  als  er  selber  plante,  nicht  nur  die  einheitliche  Wirkung
von  Studien,  die  über  33  Jahre  sich  verteilen,  sondern  auch  den  Eindruck  seiner
eignen  Entwicklung  als  Forscher  und  Darsteller  von  den  munteren,  vom  blanken
Spiegel  eines  jungen  wissensdurstigen  Sinnes  in  farbenfrischer  Unbefangenheit
zurückgestrahlten  Wahrnehmungen  der  ersten  Reisen  bis  zu  den  mit  dem  Bewußtsein ­
  methodischer  Verantwortlichkeit,  bedächtigeren  Schrittes,  mit  sorgsam  gedichtetem ­
  Gedankengefüge  und  minder  leichtflüssigem  Satzbau  auftretenden  Essays
des  ausgereiften,  in  seiner  Eigenart  abgeschlossenen  geographischen  Denkers.“
(Dr.  A.  Petermanns  Mitteilungen.)
„...Die  'Mittelmeerbilder'  des  Vaters  der  Mittelmeerkunde  bieten  uns  eine
Reihe  prächtiger  Einzeldarstellungen,  zum  größten  Teil  auf  eigener  Anschauung
begründet,  daher  nicht  allein  von  echt  geographischem  Geiste  getragen,  sondern
auch  lebensvoll  und  farbenreich.  Wie  der  Fachmann,  so  wird  auch  jeder  gebildete
Laie,  der  sich  für  das  Mittelmeer  interessiert,  in  diesem  Buche  nicht  nur  eine
Fülle  von  Belehrung  und  Anregung,  sondern  auch  eine  anziehende,  immer  gehaltund
  geschmackvolle  Lektüre  finden;  ein  Meister  länderkundlicher  Darstellung
spricht  hier  zu  uns,  aber  in  einer  Sprache,  die  sich,  bei  allem  wissenschaftlichen
Ernst,  doch  immer  in  den  Grenzen  allgemeiner  Verständlichkeit  und  allgemeinen
Interesses  hält.  Auch  für  die  Schule  werden  sich  manche  Teile  trefflich  eignen.
So  begrüßen  wir  Th.  Fischers  '  Mittelmeerbilder  '  als  eine  wahre  Zierde  unserer
modernen  geographischen  Literatur.“  (Deutsche  Literaturzeitung.)
„Der  treffliche  Kenner  der  Mittelmeerländer  bietet  vorliegend  besonders
Studien  über  die  Küsten  des  Mittelmeeres,  die  fast  durchaus  auf  Selbstsehen  beruhen ­
  und  besonders  die  geschichtlichen  Beziehungen  zwischen  dem  Wohnraume
und  den  Geschicken  der  Menschen  klarzulegen  bemüht  sind.  Der  vielfache  Besuch,
der  den  Küstenländern  des  Mittelmeeres  zuteil  wird,  macht  diese  Schriften
Theobald  Fischers  besonders  allgemein  anziehend.  Jeder  Gebildete  wird  die
Bücher  mit  Genuß  auf  seinen  Reisen  benutzen.“
(Naturwissenschaftliche  Wochenschrift.)
        <pb n="169" />
        i

Huq  jVatur  und  Gdsteswelt
Sammlung  wissenschaftlich-gemeinverständlicher
Darstellungen  aus  allen  Gebieten  des  Mssens.
Jeder  Band  ist  in  sich  abgeschlossen  und  einzeln  käuflich.

Jeder  Band  geh.  ÍU.  1.—,  in  Leinwand  geb,  tit.  1.25.
Verzeichnis  nach  Stichworten.
Aberglaube  s.  Heilwissenschaft;  verbrechen.
Abstammungslehre.  Abstammungslehre  und  Darwinismus,  von
Professor  Dr.  Richard  Hesse.  3.  Auflage.  Mit  37  Figuren.  (Nr.  39.)
vie  Darstellung  der  großen  Errungenschaft  der  biologischen  Forschung  de;  vorigen  Jahrhunderts,
der  Abstammungslehre,  erörtert  die  zwei  Fragen:  „was  nötigt  uns  zur  Annahme  der  Abstammungslehre?" ­
  und  —  die  viel  schwierigere  —  „wie  geschah  die  Umwandlung  der  Tier-  und
pslanzenarten,  welche  die  Ñbstammungslehre  fordert?"  oder  :  „wie  wird  die  Abstammung  erklärt?"
Algebra  s.  Arithmetik.
Alkoholismus.  Der  Alkoholismus.  Seine  Wirkungen  und  seine  Bekämpfung. ­
  herausgegeben  vom  Zentralverband  zur  Bekämpfung  des
Alkoholismus.  In  3  Bänden,  (tîr.  103.  104.  145.)
vie  drei  Sändchen  sind  ein  kleines  wissenschaftliches  Kompendium  der  Alkoholfrage,  verfaßt ­
  von  den  besten  Nennern  der  mit  ihr  zusammenhängenden  sozial-hygienischen  und  sozialethischen
  Probleme.  Sie  enthalten  eine  Fülle  von  Material  in  übersichtlicher  und  schöner  Vorstellung ­
  und  sind  unentbehrlich  für  alle,  denen  die  Bekämpfung  des  Ñlkoholismus  als  eine  der
wichtigsten  und  bedeutungsvollsten  ausgaben  ernster  sittlicher  und  sozialer  Kulturarbeit  am
Herzen  liegt.
Landl,  ver  Mkohol  und  das  Kind,  von  Professor  vr.  Wilhelm  weygandt.  Vie  ausgaben  der
Schule  im  Kampf  gegen  den  ñlkoholismus.  von  Professor  Martin  Hartmann.  Ver  Ñlkoholismus
und  der  Ñrbeiterstand.  von  vr.  Georg  Keferstein.  Ñlkoholismus  und  Armenpflege,  von
Stadtrat  Emil  Münsterberg.
Land  II.  Einleitung,  von  Professor  vr.  Max  Rubner.  Ñlkoholismus  und  Nervosität,  von
Professor  Dr.  Max  Lähr.  Alkohol  und  Geisteskrankheiten,  von  Dr.  ffitto  Juliusburger.
ñlkoholismus  und  Prostitution,  von  Dr.  (D.  Nosenthal.  ÑIkohol  und  Verkehrswesen,  von
Eisenbahndirektor  de  Terra.
Land  III.  ñlkohol  und  Seelenleben,  von  Professor  Dr.  Aschaffenburg.  ÑIkohol  und  Strafgesetz. ­
  von  Gberarzt  Dr.  Juliusburger.  Einrichtungen  im  Kampf  gegen  den  Ñlkohol.  von
Dr.  med.  Laquer.  Wirkungen  des  Alkohols  auf  die  inneren  Organe,  von  Dr.  med.  Liebe,
ñlkohol  als  Nahrungsmittel,  von  Dr.  med.  et  phil.  R.  D.  Neumann.  Ñlteste  deutsche
Mäßlgkeitsbewegung.  von  Pastor  Dr.  Stubbe.
Altertum.  Rulturbilder  aus  griechischen  Städten,  von  Oberlehrer  Dr.
Erich  Ziebarth.  Mit  22  Abbildungen  im  Text  und  auf  1  Tafel,  (Nr.  131.)
Lucht  ein  anschauliches  Bild  zu  entwerfen  von  dem  Aussehen  einer  altgriechischen  Stadt  und
von  dem  städtischen  Leben  in  ihr,  auf  Grund  von  Ausgrabungen  und  der  inschriftlichen  venkmäler;
  die  altgriechischen  Lergstädte  Thera,  Pergamon,  priene,  Milet,  der  Tempel  von  Vidyma
werden  geschildert.  Stadtpläne  und  Abbildungen  suchen  die  einzelnen  Städtebilder  zu  erläutern.
Antike  Wirtschaftsgeschichte,  von  Dr.  Otto  Neurath.
Schildert  nach  einem  kurzen  Überblick  über  die  wirtschaftshistorische  Erforschung  des  Altertums
unter  steter  Rücksichtnahme  auf  moderne  Verhältnisse  die  Wirtschaftsverhältnisse  des  alten
Orients,  weiterhin  die  im  Mittelmeerbecken  im  mykenischen,  frühgriechischen,  perikleischen  und
hellenistischen  Zeitalter  wie  zur  Zeit  der  römischen  Republik,  des  Anfanges  der  Kaiserzeit
und  verfolgt  die  Entwicklung  bis  zum  Untergang  des  römischen  Kaiserreiches  und  zum  Untergang ­
  der  antiken  Wirtschaft  selbst.
s.  a.  Pompeji;  Rom.
        <pb n="170" />
        2

Ñus  Natur  und  Geisteswett.
Jeder  Land  geheftet  M.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  ITC.  1.25.

ñmeisen.  Oie  Ameisen.  von  Dr.  Friedrich  Knauer.  Mit  61  Figuren.
(Nr.  94.)
Faßt  die  Ergebnisse  der  so  interessanten  Forschungen  über  das  Tun  und  Treiben  einheimischer
und  exotischer  Ñmeisen,  über  die  vielgestaltigleit  der  Formen  im  Ñmeiscnstaate,  über  die
Bautätigkeit,  Brutpflege  und  die  ganze  (bionomie  der  Ñmeisen,  über  ihr  Zusammenleben  mit
anderen  Tieren  und  mit  Pflanzen,  über  die  Sinnestätigkeit  der  Ñmeisen  und  über  andere
interessante  Details  aus  dem  ñmeisenleben  zusammen.
Amerika.  Ñus  dem  amerikanischen  Wirtschaftsleben,  von  Professor
I.  Laurence  Laughlin.  Mit  9  graphischen  Darstellungen.  (Nr.  127.)
(Ein  Amerikaner  behandelt  für  deutsche  Leser  die  Fragen,  die  augenblicklich  im  Vordergründe
des  öffentlichen  Lebens  in  Ñmerika  stehen,  den  Wettbewerb  zwischen  den  vereinigten  Staaten
und  (Europa  —  Schutzzoll  und  Reziprozität  in  den  vereinigten  Staaten  —  Die  Arbeiterfrage
in  den  vereinigten  Staaten  —  Die  amerikanische  Trustfrage  —  Die  (Eisenbahnfrage  in  den
vereinigten  Staaten  —  Die  Lankfrage  in  den  vereinigten  Staaten  —  Die  herrschenden  volkswirtschaftlichen ­
  Ideen  in  den  vereinigten  Staaten.
Geschichte  der  vereinigten  Staaten  von  Ñmerika.  von  Professor
Dr.  Ernst  Daenell.  (tir.  147.)
Gibt  in  grossen  Zügen  eine  übersichtliche  Darstellung  der  geschichtlichen,  kulturgeschichtlichen
und  wirtschaftlichen  (Entwicklung  der  vereinigten  Staaten  von  den  ersten  Kolonisationsverjuchen
  bis  zur  jüngsten  Gegenwart  mit  besonderer  Berücksichtigung  der  verschiedenen  politischen,
ethnographischen,  sozialen  und  wirtschaftlichen  Probleme,  die  zurzeit  die  Amerikaner  besonders ­
  bewegen.
s.  a.  Technische  Hochschulen;  Schulwesen;  Universität.
Ñnatomie.  Die  Anatomie  des  Menschen,  von  Professor  Dr.  Karl  v.
Bardeleben.  In  4  Bänden.  Mit  zahlreichen  Abbildungen.  (Nr.  201.
202.  203.  204.)
I.  Teil:  Allgemeine  Anatomie  und  (Entwicklungsgeschichte.  (Nr.  201.)
II.  Teil:  Vas  Skelett.  (Nr.  202.)
III.  Teil:  Das  Muskel-  und  Gefäßsystem.  (Nr.  203.)
IV.  Teil:  Die  (Eingeweide  (Darm,  ñrmungs-,  Harn-  und  Geschlechtsorgane).  (Nr.  204.)
In  einer  Reihe  von  (4)  Bänden  wird  die  menschliche  Anatomie  in  knappem,  für  gebildete
Laien  leicht  verständlichem  Texte  dargestellt,  wobei  eine  große  Anzahl  sorgfältig  ausgewählter
.Abbildungen  die  Anschaulichkeit  erhöht.  Der  erste,  die  „allgemeine  Anatomie"  behandelnde
Band  enthält  u.  a.  einig  s  aus  der  Geschichte  der  Anatomie,  von  Homer  bis  zur  Neuzeit,
ferner  die  Zellen-  und  Gewebelehre,  die  (Entwicklungsgeschichte  sowie  Formen,  Maß  und
Gewicht  des  Körpers.  Im  zweiten  Band  werden  dann  Skelett,  Knochen  und  die  Gelenke  nebst
einer  Mechanik  der  letzteren,  im  dritten  die  bewegenden  (Organe  des  Körpers,  die  Muskeln,
das  Herz  und  die  Gefäße,  im  vierten  endlich  werden  die  (Eingeweidelehre,  namentlich  der
Darmtraktus  sowie  die  f)arn=  und  Geschlechtsorgane  zur  Darstellung  gebracht.
s.  a.  Auge  ;  heilwisseuschaft  ;  Mensch  ;  Nervensystem  ;  Stimme  ;  Zahnpflege.
Anthropologie  s.  Mensch.
Arbetterschutz.  Arbeiterschutz  und  Arbeiterversicherung,  von  weil.  Professor ­
  Dr.  (Dtto  v.  Zwiedineck-Südenhorst.  (Nr.  78.)
Das  Buch  bietet  eine  gedrängte  Darstellung  des  gemeiniglich  unter  dem  Titel  „Arbeiterfrage" ­
  behandelten  Stoffes;  insbesondere  treten  die  Fragen  der  Notwendigkeit,  Zweckmäßigkeit ­
  und  der  ökonomischen  Begrenzung  der  einzelnen  Schutzmaßnahmen  und  versicherungs-«inrichtungen
  in  den  Vordergrund.
s.  a.  Soziale  Bewegungen;  Versicherung.
Arithmetik  und  Algebra  zum  Selbstunterricht,  von  Professor  Dr.
Paul  Lrantz.  In  2  Bänden.  Mit  Figuren.  (Nr.  120.  205.)
I.  Teil:  Die  Rechnungsarten.  Gleichungen  ersten  Grades  mit  einer  und  mehreren  Unbekannten. ­
  Gleichungen  zweiten  Grades.  Mit  9  Figuren.  (Nr.  120.)
II.  Teil:  Gleichungen.  Arithmetische  und  geometrische  Reihen.  Zinseszins-  und  Rentenrechnung. ­
  Komplexe  Zahlen.  Binomischer  Lehrsatz.  Mit  21  Figuren.  (Nr.  205.)
wlll  in  leicht  faßlicher  und  für  das  Selbststudium  geeigneter  Darstellung  über  die  Anfangsgründe ­
  der  Arithmetik  und  Algebra  unterrichten.  Im  ersten  Band  werüen  die  sieben  Rech-
        <pb n="171" />
        3

1

ñus  Natur  und  Geìsteswelt.
Jeder  Band  geheftet  IN.  I.—,  in  Leinwand  gebunden  IN.  1.25.

nungsarten,  die  Gleichungen  ersten  Grades  mit  einer  und  mehreren  Unbekannten  und  die
Gleichungen  zweiten  Grades  mit  einer  Unbekannten,  und  schließlich  auch  die  Logarithmen
behandelt,  im  zweiten  die  Gleichungen  höheren  Grades,  die  arithmetischen  und  geometrischen
Reihen,  die  Zinseszins-  und  Rentenrechnung,  die  komplexen  Zahlen  und  der  binomische  Lehrsatz, ­
  wobei  überall  die  graphische  Darstellung  eingehende  Berücksichtigung  erfäh-t  und  zahlreiche ­
  in  ausführlicher  Ausrechnung  eingefügte  Beispiele  das  verstäiionis  erleichtern.
Arithmetik  und  ñlgebra  s.  a.  Mathematische  Spiele.
Ästhetik  s.  Lebensanschauungen.
Ñstronomie.  Das  astronomische  Weltbild  im  Wandel  der  Zeit,  von
Professor  Dr.  Samuel  Oppenheim.  Mit  24  Abbildungen.  (Hr.  110.)
Schildert  den  Kampf  der  beiden  hauptsächlichsten  „tveltbilder",  des  die  Grde  und  des  die
Lonne  als  Mittelpunkt  betrachtenden,  der  einen  bedeutungsvollen  Abschnitt  in  der  Kulturgeschichte ­
  der  Menschheit  bildet,  wie  er  schon  im  Altertum  bei  den  Griechen  entstanden  ist,
anderthalb  Jahrtausende  später  zu  Beginn  der  Neuzeit  durch  Kopernikus  von  neuem  aufgenommen ­
  wurde  und  da  erst  mit  einem  Liege  des  heliozentrischen  Systems  schloß.
s.  a.  Kalender;  Mond;  Planeten;  Weltall.
Atome  s.  Molelüle.
Auge.  Das  ctuge  des  Menschen  und  seine  Gesundheitspflege,  von  privatdozent
  Dr.  med.  Georg  Abelsdorff.  Mit  15  Abbildungen.  (Hr.  149.)
Schildert  die  Anatomie  des  menschlichen  Auges  sowie  die  Leistungen  des  Gesichtssinnes,  besonders ­
  soweit  sie  außer  dem  medizinischen  ein  allgemein  wissenschaftliches  oder  ästhetisches
Interesse  beanspruchen  können,  und  behandelt  die  Gesundheitspflege  (Hygiene)  des  Auges,
besonders  Schädigungen,  Erkrankungen  und  Verletzungen  des  Auges,  Kurzsichtigkeit  und  erhebliche ­
  Ñugenkraniheiten  sowie  die  künstliche  Beleuchtung.
Automobil.  Das  Automobil.  Eine  Einführung  in  Bau  und  Betrieb
des  modernen  Kraftwagens,  von  Ing.  Karl  Blau.  Mit83Ñbb.  (Hr.  166.)
Gibt  in  gedrängter  Darstellung  und  leichtfaßlicher  Form  einen  anschaulichen  Überblick  über
das  Gesamtgebiet  des  modernen  Automobilismus,  so  daß  sich  auch  der  Nichttechnikcr  mit  den
Grundprinzipien  rasch  vertraut  machen  kann,  und  behandelt  das  Benzinautomobil,  das
Elektromobil  und  das  vampsautomobil  nach  ihren  Kraftquellen  und  sonstigen  technischen
Einrichtungen  wie  Zündung,  Kühlung,  Bremsen,  Steuerung,  Bereifung  usw.
s.  a.  Wärmekraftmaschinen.
Bakterien.  Die  Bakterien  im  Kreislauf  des  Stoffes  in  der  Hatur  und  im
Haushalt  des  Menschen,  von  Professor  Dr.  Ernst  Gutzeit.  Mit  13  Abbildungen. ­
  (Hr.  233.)
Kochs  Tubcrkelbazillus  und  Lholeravibrio  haben  die  Bakteriologie  populär  gemacht:  kein
lvunder,  daß  Laien  seitdem  Bakterien  und  Krankheiten  identifizieren.  Demgegenüber  sucht
Verfasser  in  gemeinverständlicher  Form  die  allgemeine  Bedeutung  der  Kleiniebewelt  für  den
Kreislauf  des  Stoffes  in  der  Natur  und  den  Haushalt  des  Menschen  auseinanderzusetzen  und
zu  zeigen,  wie  die  zersetzende  und  aufbauende  Wirkung  balteriologischer  Prozesse  den  verschiedensten ­
  Vorgängen  in  der  freien  Natur,  im  landwirtschaftlichen  und  technischen  Gewerbe
und  in  Küche  und  Keller  zugrunde  liegt.
Baukunst.  Deutsche  Baukunst  im  Mittelalter,  von  Professor  Dr.  Ad  alb  ert
Matthaei.  2.  Auflage.  Mit  Abbildungen  und  2  Doppeltafeln.  (Hr.  8  j
Der  Verfasser  will  mit  der  Darstellung  der  Entwicklung  der  deutschen  Baukunst  des  Mittelalters ­
  zugleich  über  das  Wesen  der  Baukunst  als  Kunst'aufkläre»,  indem  er  zeigt,  wie  sich  im
Verlauf  der  Entwicklung  die  Raumvorstellung  klärt  und  vertieft,  wie  das  technische  Können
wächst  und  die  praktischen  Aufgaben  sich  erweitern,  wie  die  romanische  Kunst  geschaffen  und
zur  Gotik  weiter  entwickelt  wird.
s.  st.  Städtebilder;  Theater.
Beethoven  s.  Musik.
Befruchtungsvorgang.  Der  Befruchtungsvorgang,  sein  Wesen  und
seine  Bedeutung,  von  Dr.  Ernst  Teichmann.  Mit  7  Abbildungen  und
4  Doppeltafeln.  (Hr.  70.)
        <pb n="172" />
        4

ñus  Natur  und  Geisteswelt.
Jeder  Band  geheftet  IN.  I.—,  in  Leinwand  gebunden  NI.  1.25.

will  die  Ergebnisse  der  modernen  Forschung,  die  sich  mit  dem  öefruchtungsproblem
befaßt,  darstellen.  Li  und  Samen,  ihre  Genese,  ihre  Reifung  und  ihre  Vereinigung  werden
behandelt  und  im  Chromatin  die  materielle  Grundlage  der  Vererbung  nachgewiesen,  während
die  Bedeutung  des  öefruchtungsvorganges  in  einer  Mischung  der  Qualität  von  zwei  Individuen ­
  zu  sehen  ist.
Vefruchtungsvorgang  s.  a.  Leben.
Beleuchtung.  Die  Beleuchtungsarten  der  Gegenwart,  von  Dr.  phil.
Wilhelm  Brüsch.  Mit  155  Abbildungen.  (Nr.  108.)
Gibt  einen  Überblick  über  ein  gewaltiges  Arbeitsfeld  deutscher  Technik  und  Wissenschaft,
indem  die  technischen  und  wissenschaftlichen  Bedingungen  für  die  Herstellung  einer  wirtschaftlichen
  Lichtquelle  und  die  Methoden  für  die  Beurteilung  ihres  wirklichen  wertes  für  den
Verbraucher,  die  einzelnen  Beleuchtungsarten  sowohl  hinsichtlich  ihrer  physikalischen  und
chemischen  Grundlagen  als  auch  ihrer  Technik  und  Herstellung  behandelt  werden.
Vevölkerungslehre.  von  Professor  Dr.  Max  Haushofer.  (Nr.  50.)
will  in  gedrängter  Form  das  wesentliche  der  Bevölkerungslehre  geben  über  Ermittlung  der
volkszahl,  über  Gliederung  und  Bewegung  der  Bevölkerung,  Verhältnis  der  Bevölkerung  zum
bewohnten  Boden  und  die  Ziele  der  Bevölkerungspolitik.
Bibel.  Der  Text  des  Neuen  Testamentes  nach  seiner  geschichtlichen  Entwicklung. ­
  von  Viv.-Pfarrer  Ñugust  Pott.  Mit  8  Tafeln.  (Nr.  134.)
will  in  die  das  allgemeine  Interesse  an  der  Textkritik  bekundende  Frage:  „Ist  der  ursprüngliche ­
  Text  des  Neuen  Testamentes  überhaupt  noch  herzustellen?"  durch  die  Erörterung  der
Verschiedenheiten  des  Luthertextes  (des  früheren,  revidierten  und  durchgesehenen)  und  seines
Verhältnisses  zum  heutigen  (deutschen)  „berichtigten"  Text,  einführen,  den  „ältesten  Spuren
des  Textes"  nachgehen,  eine  „Einführung  in  die  Handschriften"  wie  die  „ältesten  Übersetzungen"
geben  und  in  „Theorie  und  Praxis"  zeigen,  wie  der  Text  berichtigt  und  rekonstruiert  wird.
s.  a.  Jesus;  Religion.
Blldungswesen.  Vas  deutsche  Bildungswesen  in  seiner  geschichtlichen
Entwickelung,  von  weil.  Professor  Dr.  Friedrich  Paulsen.  (Rr.  100.)
ñus  beschränktem  Raum  löst  der  Verfasser  die  schwierige  Aufgabe,  indem  er  das  Bildungs.
wesen  stets  im  Rahmen  der  allgemeine»  ttulturbewegung  darstellt,  so  daß  die  gesamte  Kultur«
entwicklung  unseres  Volkes  in  der  Darstellung  seines  Sildungswesens  wie  in  einem  verkleinerten
Spiegelbild  zur  Erscheinung  kommt.  So  wird  aus  dem  Büchlein  nicht  nur  für  die  Erkenntnis
der  Vergangenheit,  sondern  auch  für  die  Forderungen  der  Zukunft  reiche  Frucht  erwachsen.
s.  a.  Erziehung;  kftlfsschulwesen;  Hochschulen;  Knabenhandarbeit;
Mädchenschule;  Pädagogik;  Schulwesen;  Universität.
Biologie  s.  Ñbstammungslehre;  Ameisen;  Bakterien;  Befruchtungsvorgang:
Leben;  Meeresforschung;  Organismen;  Pflanzen;  Plankton;  Tierleben.
BjSrnson  s.  Ibsen.
Botanik  s.  Kaffee;  Obstbau;  Pflanzen;  Wald.
Buchgewerbe.  Vas  Buchgewerbe  und  die  Kultur.  Sechs  Vorträge  gehalten
im  Ruftrage  des  Deutschen  Buchgewerbevereins.  Mit  1  Abbildung.  (Rr.  182.)
Inhalt:  Buchgewerbe  und  Wissenschaft:  Professor  Dr.  Rudolf  Focke.  —  Buchgewerbe  und
Literatur:  Professor  Dr.  Georg  Witkowski.  —  Buchgewerbe  und  Kunst:  Professor  Dr.
Rudolf  Kautzsch.  —  Buchgewerbe  und  Religion:  Privatdozent  Lie.  Dr.  ļjeinrich  Hermelink.
  —  Buchgewerbe  und  Staat:  Professor  Dr.  Robert  wuttke.  —  Buchgewerbe  und
Volkswirtschaft:  Professor  Dr.  Heinrich  waentig.
Die  vortrage  sollen  zeigen,  wie  das  Buchgewerbe  nach  allen  Seiten  mit  sämtlichen  Gebieten
deutscher  Kultur  durch  tausend  Fäden  verknüpft  ist,  wie  in  ihm  sich  besonders  eng  die  ideellen
und  materiellen  Bestrebungen  und  Grundlagen  unseres  nationalen  Lebens  miteinander  verbinden. ­
  Sie  wolle»  nicht  nur  bei  den  Angehörigen  dieses  seit  alters  her  bevorzugten  und
geistig  hochstehenden  Gewerbes  neue  Freude  am  Beruf  erwecken  und  erhalten,  sondern  vor
allem  auch  unter  den  mit  ihm  in  Berührung  kommenden  Vertretern  gelehrter  und  anderer
Berufe  verständnisvolle  Freunde  für  seine  Ligenart  erwerben  helfen.  In  diesem  Sinne  werden
ròte  wichtigste»  großen  Kulturgebiete  behandelt.  Der  erste  Vortrag,  über  das  Buchgewerbe
und  die  wissenjchatt  von  Prof.  Dr.  R.  Focke,  dient  zugleich  als  Einleitung  in  Geist  und  Ab«
        <pb n="173" />
        às  Natur  und  Geiftesrvelt.
Jeder  Band  geheftet  IN.  I.—,  in  Leinwand  gebunden  IN.  1.25.

sicht  der  ganzen  Reihe,  und  daran  schließen  sich  dann  in  naturgemäßer  Folge  die  Beziehungen
zur  Literatur  von  Prof.  Dr.  ffi.  Witkowski,  zur  Kunst  von  Prof.  Dr.  R.  Kautzsch,  zur  Religion
von  Privatdozenten  Dr.  H.  Hernielink,  zum  Staat  von  Prof.  Dr.  R.  wuttke  und  zur  Volkswirtschaft ­
  von  Prof.  Dr.  H.  lvaentig.
Buchgewerbe.  Ivie  ein  Buch  entsteht,  von  ProfessorÑrthurv).Unger.
2.  Auflage.  ITTit  7  Tafeln  und  26  Abbildungen.  (Hr.  175.)
(Eine  zusammenhängende  für  weitere  Kreise  berechnete  Darstellung  über  Geschichte,  Herstellung
und  Vertrieb  des  Buches  mit  eingehender  Behandlung  sämtlicher  buchgewerblicher  Techniken.
Damit  will  das  Buch  namentlich  auch  denen,  die  als  „Autoren"  oder  in  irgendeiner  anderen
näheren  Beziehung  zur  Herstellung  des  Buches  stehen,  Anleitung  und  Belehrung  über  das
umfassende  so  außerordentlich  interessante  Gebiet  der  graphischen  Künste,  über  Ausstattung,
Papier,  Satz,  Illustration,  Druck  und  Ginband  des  Buches  geben.  Der  praktische  wert  dieses
Bändchens  wird  erhöht  durch  zahlreiche  Beigaben  von  Papier-,  Schrift-  und  Illustrationsproben.
f.  a.  Illustrationskunst;  Schriftwesen.
Buddha.  Leben  und  Lehre  des  Buddha,  von  Professor  Dr.  Ri  chard  Vischel.
Mit  1  Tafel.  (Nr.  109.)
Gibt  eine  wissenschaftlich  begründete  durchaus  objektive  Darstellung  des  Buddhismus,  dieser
so  oft  mit  dem  Thristentum  verglichenen  Lehre,  die  von  den  einen  auf  Kosten  des  Thristentums
verherrlicht  wird,  während  die  anderen  die  Lehre  Buddhas  weit  tiefer  als  dieses  stellen.
Liner  Übersicht  über  die  Zustände  Indiens  zur  Zeit  des  Buddha  folgt  eine  Darstellung  des
Lebens  des  Buddha,  wobei  besonders  die  Ähnlichkeiten  mit  den  Evangelien  und  die  Frage  der
Möglichkeit  der  Übertragung  buddhistischer  Erzählungen  auf  Jesus  erörtert  werden,  seiner
Stellung  zu  Staat  und  Kirche,  seiner  Lehrweise  sowie  seiner  Lehre,  wobei  die  „vier  edlen
Wahrheiten",  die  „Formel  vom  Kausalnexus"  und  der  populärste  Begriff  des  „Nirvana"
erörtert  werden,  seiner  Ethik  und  der  weiteren  Entwicklung  des  Buddhismus.
Byzanz.  Byzantinische  Tharakterköpfe.  von  Dr.Karl  Dieterich.  Mit
2  Bildnissen.  (Hr.  244.)
Läßt  in  einer  auf  streng  wissenschaftlicher  Forschung  beruhenden  Darstellung  durch  Tharakterisierung
  markanter  Persönlichkeiten,  unter  denen  wir  Vertreter  der  verschiedenen  sozialen
Schichten,  wie  Kaiser,  Staats-  und  Kirchenmänner,  Gelehrte,  Dichter  und  Vertreterinnen  der
Frauenwelt  antreffen,  einen  Einblick  in  das  wirkliche  wesen  des  gemeinhin  so  wenig  bekannten ­
  mittelalterlichen  Byzanz  gewinnen,  das  ebenso  reizvoll  wie  für  die  Erkenntnis  des
Drients  bedeutsam  ist.
Calvin.  Johann  Talvin.  von  Pfarrer  Dr.  G.  Sodeur.  Mit  einem
Bildnis  Talvins.  (Hr.  247.)
Gibt  eine  eingehende,  auf  sorgfältigen  Studien  beruhende  Darstellung  des  Lebens  und  Wirkens ­
  sowie  der  Persönlichkeit  des  Genfer  Reformators,  schildert  zugleich  die  Wirkungen,  welche
von  ihm  ausgingen  und  sucht  dadurch  Verständnis  für  seine  Gröge  und  bleibende  Bedeutung
zu  wecken.
Chemie.  Luft,  Wasser,  Licht  und  Wärme.  Heun  Vorträge  aus  dem
Gebiete  der  Experimental-Themie.  von  Professor  Dr.  Reinhart  Bio  ch  -
mann.  3.  ñuflage.  lÏÏit  zahlreichen  Abbildungen.  (Hr.  5.)
Führt  unter  besonderer  Berücksichtigung  der  alltäglichen  Erscheinungen  des  praktiscben  Lebens
in  das  Verständnis  der  chemischen  Erscheinungen  ein  und  zeigt  die  außerordentliche  Bedeutung
derselben  für  unser  Wohlergehen.
Bilder  aus  der  chemischen  Technik,  von  Dr.  Artur  Müller.  Mit
24  Abbildungen.  (Hr.  191.)
Sucht  unter  Benutzung  lehrreicher  Abbildungen  die  Ziele  und  Hilfsmittel  der  chemischen  Technik
darzulegen,  zu  zeigen,  was  dieses  Arbeitsgebiet  zu  leisten  vermag,  und  in  welcher  Welse
chemische  Prozesse  technisch  durci  geführt  werden,  wobei  zunächst  die  allgemein  verwendeten
Apparate  und  Vorgänge  der  chemischen  Technik  beschrielen,  dann  praktische  Beispiele  für
deren  Verwendung  darg  stellt  und  ausgewählte  Sonderzweige  des  gewaltigen  Gebietes  geschildert
werden.  Insbesondere  werden  so  die  anorganisch-chemische  Großindustrie  (Schwef'Isäure,  Soda,
Thlor,  Salpetersäure  usw.),  ferner  die  Industrien,  die  mit  der  Destillation  organischer  Stoffe
zusammenhängen  (Leuchtgaserzeugung,  Teerdestillation,  künstliche  Farbstoffe  usw.)  behandelt.
        <pb n="174" />
        6

ñus  Natur  und  Geisteswett.
Jeder  Band  geheftet  TTC.  Î.—,  in  Leinwand  gebunden  ITC.  1.25.

Chemie.  Grundlagen  der  Chemie,  von  Dr.  Walter  Löb.
Nach  (Erörterung  des  Wesens  chemischer  Vorgänge  werden  die  Begriffe  der  (Elemente  und  Verbindungen ­
  in  ihrer  gesetzmäßigen  Beziehung  und  Beobachtung  abgeleitet  urtò  molekulartheoretisch
  gedeutet,  weiter  die  Gesetze  der  Aggregatzustände  zunächst  rein  empirisch,  dann  im
Zusammenhang  mit  der  Molekularhypothese  dargestellt;  das  (Energiegesetz  endlich  leitet  zu
den  (Erscheinungskreisen  und  den  wissenschaftlichen  Grundlagen  der  Thermochemie,  Elektrochemie ­
  und  Photochemie  über.
Natürliche  und  künstliche  Pflanzen-  und  Tierstoffe.  Tin  Überblick
über  die  Fortschritte  der  neueren  organischen  Themie.  von  Dr.  B.  Bavink.
ITCit  7  Figuren.  (Nr.  187.)
Gibt,  ausgehend  von  einer  kurzen  Einführung  in  die  Grundlagen  der  Ehemte,  einen  Einblick  in  die
wichtigsten  theoretischen  Kenntnisse  der  organischen  Ehemie,  auf  deren  Leistungen  nächst  der  Einführung ­
  von  Dampf  und  Elektrizität  die  große  Veränderung  unserer  ganzen  Lebenshaltung  beruht, ­
  und  sucht  das  Verständnis  ihrer  darauf  begründeten  praktischen  Erfolge  zu  vermitteln,  wobei
  besonderes  Gewicht  auf  die  für  die  Industrie,  Heilkunde  und  das  tägliche  Leben  wertvollsten
Entdeckungen  und  Erfindungen  gelegt  wird,  andererseits  auf  die  Forschungsergebnisse,  welche  eine
künftige  Losung  des  Stoffwechselproblems  voraussehen  lassen,  wobei  zugleich  eine  Einsicht  in  die
angehende  Kompliziertheit  der  chemischen  Vorzüge  im  lebenden  Organismus  eröffnet  wird.
f.  a.Tlektrochemie;  Haushalt;  Metalle  ;  Pflanzen  ;  Photochemie;  Technik.
Christentum,  ñus  der  Werdezeit  des  Lhriftentums.  Studien  und
Charakteristiken,  von  Professor  Dr.  Johannes  Geffcken.  (Nr.  54.)
Gibt  durch  eine  Reihe  von  Bildern  eine  Vorstellung  von  der  Stimmung  im  alten  Thristentum
  und  von  seiner  inneren  Kraft  und  verschafft  so  ein  Verständnis  für  die  ungeheure  und
vielseitige  welthistorische  kultur-  und  religionsgeschichtliche  Bewegung.
s.  a.  Bibel;  Calvin;  Jesus;  Luther;  Mystik;  Religion.
Dampf  und  Dampfmaschine,  von  Professor  Richard  Vater.  Mit
44  Abbildungen.  (Nr.  63.)
Schildert  die  inneren  Vorgänge  im  Dampfkessel  und  namentlich  im  Zylinder  der  Dampfmaschine, ­
  um  so  ein  richtiges  Verständnis  des  Wesens  der  Dampfmaschine  und  der  in  der
Dampfmaschine  sich  abspielenden  Vorgänge  zu  ermöglichen.
Darwinismus  s.  Abstammungslehre.
Deutschland  s.  Dorf;  Fürstentum;  Geschichte;  Handel;  Kolonien;  Landwirtschaft; ­
  Verfassung;  volksstamme;  Weltwirtschaft;  Wirtschaftsgeschichte.
Dorf.  Vas  deutsche  Dorf,  von  Robert  Mielke.  Mit  51  Abb.  (Hr.  192.)
Schildert,  von  den  Anfängen  der  Siedelungen  in  Deutschland  ausgehend,  wie  sich  mit  dem
Wechsel  der  Wohnsitze  die  Gestaltung  des  Dorfes  änderte,  wie  mit  neuen  wirtschaftlichen,
politischen  und  kulturellen  Verhältnissen  das  Bild  immer  reicher  wurde,  bis  sie  im  Anfange
de;  l9.  Jahrhunderts  ein  fast  wunderbares  Mosaik  ländlicher  Siedelungstypen  darstellte,  und
bringt  so,  von  der  geographischen  Grundlage  als  wichtigerem  Faktor  in  der  Entwicklung  des
Dorfes,  seiner  Häuser,  Gärten  und  Straßen  ausgehend,  politische,  wirtschaftliche  und  künstlerische ­
  Gesichtspunkte  gleichmäßig  zur  Geltung,  durch  ein  Kapitel  über  die  Kultur  des
Dorfes  die  durch  zahlreiche  Abbildungen  belebte  Schilderung  ergänzend.
Drama.  Das  deutsche  Drama  des  neunzehnten  Jahrhunderts.  In  seiner
Entwicklung  dargestellt  von  Professor  Dr.  Georg  Witkowski.  2.  Auflage. ­
  Mit  einem  Bildnis  Hebbels.  (Nr.  51.)
Sucht  in  erster  Linie  aus  historischem  Wege  das  Verständnis  des  Dramas  der  Gegenwart
anzubahnen  und  berücksichtigt  die  drei  Faktoren,  deren  jeweilige  Beschaffenheit  die  Gestaltung
des  Dramas  bedingt:  Kunstanschauung,  Schauspielkunst  und  Publikum.
s.  a.  Hebbel;  Ibsen;  Schiller;  Shakespeare;  Theater.
Dürer.  Albrecht  Dürer,  von  Dr.  Rudolf  Wustmann.  Mit  33  Abbildungen. ­
  (Nr.  97.)
(Eine  schlichte  und  knappe  Erzählung  des  gewaltigen  menschlichen  und  künstlerischen  Entwicklungsganger
  Albrecht  Dürers  und  eine  Darstellung  seiner  Kunst,  in  der  nacheinander
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        ñus  Natur  und  Geisteswelt.
Jeder  Band  geheftet  TTC.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  ITC.  1.25.

seine  Selbst,  und  Angehörigenbildnisse,  die  Zeichnungen  zur  Apokalypse,  die  Darstellungen
von  Mann  und  Weib,  das  Marienleben,  die  Stiftungsgemälde,  die  Radierungen  von  Rittertum,
Trauer  und  Heiligkeit  sowie  die  wichtigsten  Werke  aus  der  Zeit  der  Reife  behandelt  werden.
Ehe.  The  u.Eherecht,  von  Professor  Dr.  Ludwig  wahrmund.  (TCr.115.)
Schildert  in  gedrängter  Fassung  die  historische  Entwicklung  des  Ehrbegriffes  von  den
orientalische»  und  klassischen  Völkern  an  nach  seiner  natürlichen,  sittlichen  und  rechtlichen
Seite  und  untersucht  das  Verhältnis  von  Staat  und  Rirche  auf  dem  Gebiete  des  Eherechtes,
behandelt  darüber  hinaus  aber  auch  alle  jene  Fragen  über  die  rechtliche  Stellung  der  Frau
und  besonders  der  Mutter,  die  immer  lebhafter  die  öffentliche  Meinung  beschäftigen.
Eisenbahnen.  Die  Eisenbahnen,  ihre  Entstehung  und  gegenwärtige
Verbreitung,  von  Professor  Dr.  Friedrich  Hahn.  Mit  zahlreichen  Abbildungen ­
  und  einer  voppeltafel.  (TCr.  71.)
Rach  einem  Rückblick  auf  die  frühesten  Zeiten  des  Lisenbahnbauer  führt  der  Verfasser  di«
moderne  Eisenbahn  im  allgemeinen  nach  ihren  Hauptmerkmalen  vor.  ver  Vau  des  Bahnkörpers, ­
  der  Tunnel,  die  großen  örückenbauten  sowie  der  Setrteb  selbst  werden  besprochen,
ichließlich  ein  Überblick  über  die  geographisch«  Verbreitung  der  Eisenbahnen  gegeben.
Die  technische  Entwicklung  der  Eisenbahnen  der  Gegenwart,  von
Lisenbahnbau-  und  Betriebsinspektor  Ernst  Biedermann.  Mit  zahlreichen ­
  Abbildungen.  (TCr.  144.)
Rach  einem  geschichtlichen  Überblick  über  die  Entwicklung  der  Eisenbahnen  werden  di«  wichtigsten
  Gebiete  der  modernen  Eisenbahntechnik  behandelt,  Dberbau,  Entwicklung  und  Umfang
der  Spurbahnnetze  in  den  verschiedenen  Ländern,  die  Geschichte  des  Lokomotwenwesens  bis
zur  Ausbildung  der  Heißdampflokomotiven  einerseits  und  des  elektrischen  Betrieber  andererseits
sowie  der  Sicherung  des  Betriebes  durch  Stellwerks-  und  Blockanlagen.
s.  a.  Internationalismus;  Technik;  Verkehrsentwicklung.
Eisenhüttenwesen.  Vas  Eifenhüttenwesen.  Erläutert  in  acht  vorträgen
  von  Geh.  Bergrat  Professor  Dr.  Hermann  Ivedding.  3.  Auflage. ­
  Mit  15  Figuren.  (TCr.  20.)
Schildert  in  gemeinfaßlicher  weise,  wie  Eisen,  das  unentbehrlichste  Metall,  erzeugt  und  in
seine  Gebrauchsformen  gebracht  wird.  Besonders  wird  der  Hochofenprozeß  nach  seinen
chemischen,  physikalischen  und  geologischen  Grundlagen  dargestellt  und  die  Erzeugung  der  verschiedenen ­
  Eisenarten  und  die  dabei  in  Betracht  kommenden  Prozesse  erörtert.
s.  a.  Metalle.
Elektrochemie,  von  Professor  Dr.  Kurt  Ñrndt.  Mit  zahlr.  Abbildungen. ­
  (TCr.  234.)
Legt  in  gemeinverständlicher  Fassung  die  Grundsätze  der  Elektrochemie,  des  jüngsten  und
interessantesten  Zweiges  der  chemischen  Wissenschaft  dar  und  gibt  dann  an  der  Hand  zahlreicher ­
  Abbildungen  ein  anschauliches  Bild  der  vielen  auf  ihr  beruhenden  Industriezweige,
deren  Betriebe  viele  Tausende  von  Arbeitern  beschäftigen  und  ein  vermögen  von  zahllosen
Millionen  darstellen,  wobei  auch  das  neueste  Verfahren  zur  Salpetersäuregewinnung  aus
der  Luft  Berücksichtigung  findet.
Elektrotechnik.  Grundlagen  der  Elektrotechnik,  von  Dr.  TCudolf
Blochmann.  Mit  128  Abbildungen.  (TCr.  168.)
Eine  durch  lehrreiche  Abbildungen  unterstützte  Darstellung  der  elektrischen  Erscheinungen,  ihrer
Grundgesetze  und  ihrer  Beziehungen  zum  Magnetismus  sowie  eine  Einführung  in  das  Verständnis ­
  der  zahlreichen  praktischen  Anwendungen  der  Elektrizität  in  den  Maschinen  zur
Rrafterzeugung  wie  in  der  elektrischen  Beleuchtung  und  in  der  Chemie.
s.  a.  Beleuchtungsarten;  Funkentelegraphie;  Telegraphie.
England.  Englands  lveltmacht  in  ihrer  Entwicklung  vom  17.  Jahrhundert
bis  auf  unsere  Tage,  von  Wilhelm  Langenbeck.  Mit  19  Bildnissen.
(TCr.  174.)
Schildert  nach  einem  Überblick  über  das  mittelalterliche  England  die  Anfänge  der  englischen
Rolonialpolitik  im  Zeitalter  der  Rönigin  Elisabeth,  die  innere  politische  Entwicklung  im  17.  und
18.  Jahrhundert,  das  allmähliche  Aufsteigen  zur  Weltmacht,  den  gewaltigen  wirtschaftlichen
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        8

ñus  Natur  und  Geisteswell.
Jeder  Band  geheftet  IN.  I.—,  in  Leinwand  gebunden  IÏÏ.  1.25.

und  maritimen  Aufschwung  sowie  den  Ausbau  des  Kolonialreiches  im  18.  Jahrhundert  und
schließt  mit  einer  Beleuchtung  über  den  gegenwärtige»  Stand  und  die  mutmaßliche  Zukunft
des  britischen  Weltreiches.
Entdeckungen.  Vas  Zeitalter  der  Entdeckungen,  von  Professor  Dr.
Siegmund  Günther.  2.  Ñuflage.  Mit  einer  weltkarte.  (Nr.  26.)
mit  lebendiger  Varstellungsweise  sind  hier  die  großen  weltbewegenden  Ereignisse  der
geographischen  Nenaissancezeit  ansprechend  geschildert,  von  der  Begründung  der  portugiesischen
Kolonialherrschaft  und  den  Zährten  des  Kolumbus  an  bis  zu  dem  Hervortreten  der  französischen,
britischen  und  holländischen  Seefahrer.
s.  a.  Polarforschung.
Erde.  Ñus  der  Vorzeit  der  Erde.  Vorträge  über  allgemeine  Geologie,
von  Professor  Dr.  Fritz  Frech.  In  5  Bänden.  2.  Ñufl.  Mit  zahlr.  Ñbb.
(Nr.  207—211.)
I.  Band:  Gebirgsbau  und  Vulkanismus.  (Nr.  207.)
II.  Sand:  ttohlenbildung  und  Klima  der  Vorzeit.  (Nr.  208.)
III.  Band:  vie  Arbeit  des  fließenden  Wassers.  Line  Einleitung  in  die  physikalische  Geologie.
  Mit  51  Abbildungen  im  Text  und  auf  3  Tafeln.  (Nr.  209.)
IV.  Band:  vie  Werke  des  Wassers  im  Gzean  und  im  Erdinnern.  (Nr.  210.)
V.  Band:  Gletscher  und  Eiszeit.  (Nr.  211.)
3n  5  Bänden  wird  eine  vollständige  Varstellung  der  fragen  der  allgemeinen  Geologie
und  physischen  Erdkunde  gegeben,  wobei  Ubersichtstabellen  die  Zachausdrücke  und  die
Reihenfolge  der  geologischen  Perioden  erläutern  und  auf  neue,  vorwiegend  nach  tvriginal-Photographien
  angefertigte  Abbildungen  und  auf  anschauliche,  lebendige  Schilderung  belonders
  wert  gelegt  ist.
s.  a.  Mensch  und  Erde;  Korallen;  Planeten;  Weltall;  Wirtschaftsgeschichte. ­

Erfindungswesen  s.  Gewerbe.
Ernährung.  Ernährung  und  volksnahrungsmittel.  Lechs  Vorträge
von  weil.  Professor  Dr.  Johannes  Frentzel.  2.  Ñufl.  bearb.  vom  Geh.
Rat  Professor  Dr.  ÏT.  3  untz  in  Berlin.  Mit  6  Ñbbildungen  im  Text  und
2  Tafeln,.  (Nr.  19.)
Gibt  einen  Überblick  über  die  gesamte  Ernährungslehre.  Durch  Erörterung  der  grundlegenden
Begriffe  werden  die  Zubereitung  der  Nahrung  und  der  Verdauungsapparat  besprochen  und  endlich
die  Herstellung  der  einzelnen  Nahrungsmittel,  insbesondere  auch  der  Konserven  behandelt.
s.  a.  ñlkoholismus;  Haushalt;  Kaffee;  Säugling.
Erziehung.  Moderne  Erziehung  in  Haus  und  Schule.  Vorträge  in  der
Humboldt-Ñkademie  zu  Berlin,  von  Johannes  Tews.  (Rr.  159.)
Betrachtet  die  Erziehung  als  Sache  nicht  eines  einzelnen  Berufes,  sondern  der  gesamten
gegenwärtigen  Generation,  zeichnet  scharf  die  Schattenseiten  der  modernen  Erziehung  und
zeigt  Mittel  und  Wege  für  eine  allseitige  Durchdringung  des  Lrziehungsproblems.  In
diesem  Sinne  werden  die  wichtigsten  Erziehungsfragen  behandelt:  Die  Zamilie  und  ihre
pädagogischen  Mängel,  der  Lebensmorgen  des  modernen  Kindes,  Bureaukratie  und  Schematismus, ­
  Persönlichkeitspädagogik,  Sucht  und  Suchtmittel,  die  religiöse  frage,  gemeinsame
Erziehung  der  Geschlechter,  die  Armen  am  Geiste,  Erziehung  der  reiferen  Jugend  usw.
—  s.  a.  Bildungswesen;  Jugendfürsorge:  Kind  (psychologie):  Fortbildungsschulwesen: ­
  Knabenhandarbeit;  Pädagogik;  Schulwesen.
Evolutionismus  f.  Lebensanschauungen.
Farben  s.  Licht.
Fernsprechtechnik  s.  Telegraphie.
Fortbildungsschulwesen.  Das  deutsche  Fortbildungsschulwesen,  von
Dr.  Friedrich  Schilling.
Macht  in  einem  theoretischen  Teil  mit  dem  Prinzip  der  modernen  Zortbildungsschule  vertraut,
während  ein  praktischer  Teil  über  die  zurzeit  bestehenden  Arten  der  Zortbildungsschulen  unterrichtet, ­
  indem  die  historische  Entwicklung  wie  die  wichtigsten  gesetzlichen  Bestimmungen  dargestellt ­
  und  der  derzeitige  Stand  durch  Mitteilung  eines  Driginalberichtes  im  Lichte  der
Entwicklung  einer  hervorragenden  Einzelanstalt  lebensvoll  charakterisiert  wird.
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        9

ñus  Natur  und  Geisteswell.
Jeder  Band  geheftet  IN.  I.—,  in  Leinwand  gebunden  IN.  1.25.

Fortpflanzung.  Die  Fortpflanzung  der  Tiere,  von  privatdozent  Dr.
Richard  Goldschmidt.  INit  77  Abbildungen.  (Nr.  253.)
Sucht  einen  Überblick  über  die  unter  den  Tatsachen  der  Biologie  wechselvollsten  und  oft  überraschendsten ­
  Fortpflanzungserscheinungen  in  allen  Gruppen  sowie  eine  anschauliche  Schilderung ­
  einzelner  besonders  anziehender  Vorgänge  zu  geben,  indem  nach  einer  allgemeinen
Einleitung  über  Fortpflanzung  und  Organisation  die  verschiedenen  Formen  der  tierischen
Fortpflanzung,  ungeschlechtliche  Vermehrung,  geschlechtliche  Fortpflanzung  sowie  gemischte
Fortpflanzungsweise,  weiterhin  die  zur  Erhaltung  und  Verbreitung  der  Nachkommenschaft
vorhandenen  Schutzmittel,  wobei  besonders  die  Brutpflegeinstinkte  eine  eingehende  Behandlung
erfahren,  erörtert  werden.  So  erscheint  das  Bändchen  auch  geeignet,  durch  Verbreitung  exakter
Kenntnisse  über  ein  mit  der  menschlichen  Sittlichkeit-in  so  engem  Zusammenhang  stehendes  Tatsachengebiet, ­
  die  natürliche  und  reine  Betrachtungsweise  in  den  Beziehungen  der  Geschlechter
finden  zu  helfen.
Frankreich  s.  Napoleon.
Frauenarbeit.  Die  Frauenarbeit,  ein  Problem  des  Kapitalismus,  von
Privatdozent  Dr.  Robert  Wilbrandt.  (Hr.  106.)
Vas  Thema  wird  als  eine  der  brennendsten  Fragen  behandelt,  die  uns  durch  den  Kapitalismus ­
  aufgegeben  worden  sind,  und  behandelt  von  dem  Verhältnis  von  Beruf  und  Mutterschaft  aus,
als  dem  zentralen  Problem  der  ganzen  Frage,  die  Ursachen  der  niedrigen  Bezahlung  der
weiblichen  Arbeit,  die  daraus  entstehenden  Schwierigkeiten  in  der  Konkurrenz  der  Frauen
mit  den  Männern,  den  Gegensatz  von  Arbeiterinnenschutz  und  Befreiung  der  weiblichen  Arbeit.
Frauenbewegung.  Die  moderne  Frauenbewegung.  Ein  geschichtlicher ­
  Überblick,  von  Dr.  Käthe  Lchirmacher.  (Nr.  67.)
Gibt  einen  Überblick  über  die  Haupttatsachen  der  modernen  Frauenbewegung  in  allen  Ländern
und  schildert  eingehend  die  Bestrebungen  der  modernen  Frau  auf  dem  Gebiet  der  Bildung,  der
Arbeit,  der  Sittlichkeit,  der  Soziologie  und  Politik.
Frauenkrankheiten.  Gesundheitslehre  für  Frauen.  In  acht  Vorträgen,  von
weil,  privatdozent  Dr.  Roland  Stich  er.  Mit  13  Abbildungen.  (Nr.  171.)
Line  Gesundheitslehre  für  Frauen,  die  über  die  Anlage  des  weiblichen  Organismus  und  seine
pflege  unterrichtet,  zeigt,  wie  diese  bereits  im  Kindcsalter  beginnen  muß,  welche  Bedeutung
die  allgemeine  körperliche  und  geistige  Hygiene  insbesondere  in  der  Zeit  der  Entwicklung  hat,
um  sich  dann  eingehend  mit  dem  Beruf  der  Frau  als  Gattin  und  Mutter  zu  beschäftigen.
s.  a.  Geschlechtskrankheiten.
Frauenleben.  Deutsches  Frauenleben  im  Ivandel  der  Jahrhunderte,
von  Direktor  Dr.  Ed  uard  Gito.  2.Ñufl.  Mit  25  Abbildungen.  (Nr.  45.)
Gibt  ein  Bild  des  deutschen  Frauenlebens  von  der  Urzeit  bis  zum  Beginn  des  19.  Jahrhunderts, ­
  von  Denken  und  Fühlen,  Stellung  und  Wirksamkeit  der  deutschen  Frau,  wie  sie  sich
im  Wandel  der  Jahrhunderte  darstellen.
Friedensbewegung.  Die  moderne  Friedensbewegung,  von  Alfred
h.  Fried.  (Nr.  157.)
Entwickelt  das  Wesen  und  die  Ziele  der  Friedensbewegung,  gibt  dann  eine  Darstellung  der
Schiedsgerichtsbarkeit  in  ihrer  Entwicklung  und  ihrem  gegenwärtigen  Umfang  mit  besonderer
Berücksichtigung  der  hohen  Bedeutung  der  Haager  Friedenskonferenz,  beschäftigt  sich  hierauf  mit
dem  Abrüstungsproblem  und  gibt  zum  Schluß  einen  eingehenden  Überblick  über  die  Geschichte
der  Friedensbewegung  und  eine  chronologische  Darstellung  der  für  sie  bedeutsamen  Ereignisse.
s.  a.  Recht.
Friedrich  der  Grotze.  Lechs  Vorträge  von  privatdozent  Theodor
Bitte  rauf.  Mit  2  Bildnissen.  (Nr.  246.)
Schildert  in  knapper,  wohldurchdachter,  durch  charakteristische  Selbstzcugnisse  und  authentischeÄußerungen
  bedeutender  Zeitgenossen  belebter  Darstellung  des  großen  Königs  Leben  und  wirken,  das
den  Grund  gelegt  hat  für  die  ganze  spätere  geschichtliche  und  kulturelle  Entwicklung  Deutschlands.
Fröbel.  Friedrich  Fröbel.  Sein  Leben  und  sein  wirken,  von  Adele  von
Portugal!.  Mit  5  Tafeln.  (Nr.  82.)
Lehrt  die  grundlegenden  Gedanken  der  Methode  Fröbels  kennen  und  gibt  einen  Überblick
seiner  wichtigsten  Schriften  mit  Betonung  aller  jener  Kernaussprüche,  die  treuen  und  oft  ratlosen
Müttern  als  Wegweiser  in  Ausübung  ihres  hehrsten  und  heiligsten  Berufes  dienen  können.
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        '0

ñus  Natur  und  Geisteswelt.
Jeder  Band  geheftet  ITI.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  IN.  1.25.

Funkentelegraphie.  Die  Funkentelegraphie,  von  Gberpoftpraktikanten
h.  Th  urn.  îTTit  53  Illustrationen.  (ITr.  167.)
Nach  einer  Übersicht  über  die  elektrischen  Vorgänge  bei  der  Funkentelegraphie  und  einer
eingehenden  Darstellung  des  Systems  Telefunken  werden  die  für  die  verschiedenen  Anwendungsgebiete
  erforderlichen  einzelnen  Konstruttionstypen  vorgeführt,  (Schiffsstationen,  Landstationen, ­
  Militärstationen  und  solche  für  den  Lisenbahndienst),  wobei  nach  dem  neuesten
Stand  von  Wissenschaft  und  Technik  in  jüngster  Zeit  ausgeführte  Anlagen  beschrieben  werden.
Danach  wird  der  Einfluß  der  Funkentelegraphie  auf  Wirtschaftsverkehr  und  das  Wirtschaftsleben ­
  (im  Handels-  und  Kriegsseeverkehr,  für  den  Heeresdienst,  für  den  Wetterdienst
usw.)  sowie  im  Anschluß  daran  die  Regelung  der  Funkentelegraphie  im  deutschen  und
internationalen  Verkehr  erörtert.
Fürsorgewesen  s.  Jugendfürsorge.
Fürstentum.  Deutsches  Fürstentum  und  deutsches  Verfassungswesen,
von  Professor  Dr.  Eduard  hubrich.  (Nr.  80.)
Der  Verfasser  zeigt  in  großen  Umrissen  den  weg,  auf  dem  deutsches  Fürstentum  und  deutsche
Volksfreiheit  zu  dem  in  der  Gegenwart  geltenden  wechselseitigen  Ausgleich  gelangt  sind,  unter
besonderer  verücksichtigung  der  preußischen  Verfassungsverhältnisse,  wobei  nach  kürzerer  Beleuchtung ­
  der  älteren  Verfassungszustände  der  Verfasser  die  Begründung  des  fürstlichen  Absolutismus ­
  und  demgegenüber  das  Erwache»,  Fortschreiten  und  Siegen  des  modernen  Konstitutionalismus
  eingehend  bis  zur  Entstehung  der  preußischen  Verfassung  und  zur  Begründung  der  Deutschen
Reiches  schildert.
s.  a.  Geschichte;  Verfassung.
Gartenstadtbewegung,  von  Generalsekr.h  ansKampffmeyer.  (Nr.259.)
Bietet  eine  zusammenfassende,  auf  gründlichem  Studium  der  englischen  Verhältnisse  aufgebaute
Darstellung  der  Gartenstadtbewegung,  indem  es  im  Anschluß  an  eine  allgemeine  volkswirtschaftliche ­
  Einführung  d  e  Geschichte  der  Bewegung  gibt,  sodann  die  praktischen  Linzelfragen,
die  bei  der  Verwirklichung  des  Gartenstadtgedankens  Berücksichtigung  verdienen,  ferner  die
Bedeutung  der  Bewegung  für  Volkswirtschaft,  Volksgesundheit,  Runjt  u.dergl.  erörtert  und  zum
Schluß  an  der  Hand  von  Beispielen  die  Aussichten  der  deutschen  Gartenstadtbewegung  bespricht.
Gartenkunst.  Geschichte  der  Gartenkunst,  von  Bauinspektor  Neg.-Baumeister
  Nanck.  /
Gibt  einen  durch  zahlreiche  Abbildungen  erläuterten  Überblick  über  die  Geschichte  des  Gartens
als  Runstwerk,  insbesondere  den  Garten  im  Altertum  und  Mittelalter,  den  Garten  der
italienischen  Renaisiance,  den  französischen  Garten  der  Zeit  Ludwig  XIV.  und  den  Landschaftsgarten ­
  des  18.  nnd  19.  Jahrhunderts,  während  die  beiden  letzten  Rapitel  sich  mit  den  modernen
Bestrebungen,  die  Haus  und  Garten  wieder,  wie  es  vor  der  Herrschast  des  Landschaftsgartens
war,  zu  einem  einheitlichen  Runstwerke  vereinigen  wollen,  beschäftigen.
Gasmaschinen  s.  Automobil;  Ivärmekraftmaschinen.
Gehirn  s.  Geistesleben.
Geisteskrankheiten,  von  Anstaltsoberarzt  Dr.  Georg  Ilberg.  (Hr.  151.)
Erörtert  das  Wesen  der  Geisteskrankheiten  und  an  eingehend  zur  Darstellung  gelangenden
Beispielen  die  wichtigste»  Formen  geistiger  Erkrankung,  um  so  ihre  Kenntnis  zu  fördern,
die  richtige  Beurteilung  der  Zeichen  geistiger  Erkrankung  und  damit  eine  rechtzeitige  verständnisvolle ­
  Behandlung  derselben  zu  ermöglichen.
Genossenschaftswesen  s.  Konsumgenossenschaften.
Geistesleben.  Die  Mechanik  des  Geisteslebens,  von  Professor  Dr.
Max  verworn.  Mit  11  Figuren.  (Hr.  200.)
will  unsere  modernen  Erfahrungen  und  Anschauungen  über  das  physiologische  Geschehen,  das
sich  bei  den  Vorgängen  des  Geisteslebens  in  unserem  Gehirn  abspielt,  in  großen  Zügen  verständlich ­
  machen,  indem  es  die  Dinge  mit  den  Begriffen  und  den  vergleichen  des  täglichen
Lebens  schildert.  So  wird  im  ersten  Abschnitt:  „Leib  und  Seele"  der  Standpunkt  einer
monistischen  Auffassung  der  Welt,  die  in  einem  streng  wissenschaftlichen  Konditionismus  zum
Ausdruck  kommt,  erörtert,  im  zweiten:  „Die  Vorgänge  in  den  Elementen  des  Nervensystems"
ein  Einblick  in  die  Methodik  zur  Erforschung  der  physiologischen  Vorgänge  in  denselben  sowie
ein  Überblick  über  ihre  Ergebnisse,  im  dritten:  „Die  Bewußtseinsvorgänge"  eine  Analyse  des
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        11

ñus  Natur  und  Geiftesrvett.
Jeder  Band  geheftet  1TÍ.  I.—,  in  Leinwand  gebunden  ITC.  1.25.

Empfindens,  Vorstellens,  Denkens  und  Wollens  unter  Zurückführung  dieser  Tätigkeiten  auf
die  Vorgänge  in  den  Elementen  des  Nervensystems  gegeben.  Der  vierte  und  fünfte  Abschnitt
beschäftigt  sich  in  analoger  weise  mit  den  Vorgängen  des  „Schlafes  und  Traumes"  und  den
scheinbar  so  geheimnisvollen  Tatsachen  der  „Hypnose  und  Suggestion".
Geistesleben  s.  a.  Bildungswesen;  Buchgewerbes  Byzanz;  (Christentum;
Mensch;  Philosophie:  Religion.
Geographie  s.  Dorf:  Entdeckungen:  Japon;  Kolonien:  Mensch:  Palästina;
Polarforschung:  Städte;  Volksstämme;  Wirtschaftsleben.
Geologie  f.  Erde;  Korallen.
Germanen.  Germanische  Kultur  in  der  Urzeit,  von  Professor  Br.  Georg
Steinhaufen.  Mit  17  Abbildungen.  (Nr.  75.)
Vas  Büchlein  beruht  auf  eingehender  (Quellenforschung  und  gibt  in  fesselnder  Darstellung
einen  Überblick  über  germanisches  Leben  von  der  Urzeit  bis  zur  Berührung  der  Germanen
nlit  der  römischen  Kultur.
German.  Mythologie,  von  Dr.  Julius  v.  Regelein.  (Nr.95.)
Der  Verfasser  gibt  ein  Bild  germanischen  Glaubenslebens,  indem  er  die  Äußerungen  religiösen
Lebens  namentlich  auch  im  Kultus  und  in  de»  Gebräuchen  des  Aberglaubens  aufsucht,  sich
überall  bestrebt,  das  zugrunde  liegende  psychologische  Motiv  zu  entdecken,  die  verwirrende
Fülle  mythischer  Tatsachen  und  einzelner  Namen  aber  demgegenüber  zurücktreten  läßt.
Geschichte,  politische  Hauptströmungen  in  Europa  im  19.  Jahrhundert,
von  Professor  Dr.  Karl  Theodor  v.  heigel.  (Ur.  129.)
Bietet  eine  knappe  Darstellung  der  wichtigsten  politischen  Ereignisse  vom  Ausbruche  der  französischen ­
  Resolution  bis  zum  Ausgang  des  14.  Jahrhunderts,  womit  eine  Schilderung  der
politischen  Ideen  Hand  in  Hand  geht,  und  wobei  überall  Ursache  und  Wirkung,  d.  h.  der  innere
Zusammenhang  der  einzelnen  Vorgänge,  dargelegt,  auch  Sinnesart  und  Taten  wenigstens  der
einflußreichsten  Persönlichkeiten  gewürdigt  werden.
von  Luther  zu  Bismarck.  12  Charakterbilder  aus  deutscher  Geschichte. ­
  von  Professor  Dr.  Gttokar  Weber.  2  Bände.  (Nr.  123.124.)
(Ein  knappes  und  doch  eindrucksvolles  Bild  der  nationalen  und  kulturellen  Entwicklung  der
Neuzeit,  das  aus  den  vier  Jahrhunderten  je  drei  Persönlichkeiten  herausgreift,  die  bestimmend
eingegriffen  haben  in  den  Werdegang  deutscher  Geschichte.  Der  große  Reformator,  Regenten
großer  und  kleiner  Staaten,  Generale,  Diplomaten  kommen  zu  Wort,  was  Martin  Luther
einst  geträumt:  ein  nationales  deutsches  Kaiserreich,  unter  Bismarck  steht  es  begründet  da.
1848.  Sechs  Vorträge  von  Professor  Dr.  Gttokar  Weber.  (Nr.53.)
will  eine  richtige  Abschätzung  des  „tollen  Jahres"  in  seiner  geschichtlichen  Bedeutung  ermöglichen, ­
  der  schma  l  vollen  und  doch  so  berausche  d  schönen  Zeit  jenes  völkerf.ühlings,  in  der
alle  Menschen  Brüder  schienen  und  die  „monotone  Welt  des  Schlendrians"  wie  von  einem
elektrische»  Strome  getroffen  wurde,  indem  es  in  kritischer  Darstellung  die  Beweggründe  der
einzelnen  Stände  klarzustellen,  den  rechts  und  links  auftretenden  Extremen  gerecht  zu  werden
sucht  und  besonders  den  großartigen  deutschnationalen  Aufschwung  jenes  Jahres  hervorhebt.
Restauration  und  Revolution.  Skizzen  zur  Entwicklungsgeschichte
der  deutschen  Einheit,  von  Professor  Dr.  Richard  Sch  wem  er.  (Nr.  37.)
Die  Reaktion  und  die  neue  Ära.  Skizzen  zur  Entwicklungsgeschichte
der  Gegenwart,  von  Professor  Dr.  Richard  Schwemer.  (Nr.  101.)
vom  Bund  zum  Reich.  Reue  Skizzen  zur  Entwicklungsgeschichte  der
deutschen  Einheit,  von  Professor  Dr.  Richard  Schwemer.  (Hr.  102.)
Die  3  Lände  geben  zusammen  eine  in  Auffassung  und  Darstellung  durchaus  eigenartige
Geschichte  des  deutschen  Volkes  im  14.  Jahrhundert.  „Restauration  und  Revolution"  behandelt
das  Leben  und  Streben  des  deutschen  Volkes  in  der  ersten  Hälfte  des  14.  Jahrhunderts,  von
dem  ersten  Aufleuchten  des  Gedankens  des  nationalen  Staates  bis  zu  dem  tragischen  Fehlschlagen
aller  Hoffnungen  in  der  Mitte  des  Jahrhunderts.  „Die  Reaktion  und  die  neue  Ara",  beginnend
mit  der  Seit  der  Ermattung  nach  dem  großen  Aufschwung  von  1848,  stellt  in  den  Mittelpunkt
des  Prinzen  von  Preußen  und  Gtto  von  Bismarcks  Schaffen,  „vom  Bund  zum  Reich"  zeigt  uns
Bismarck  mit  sicherer  kjand  die  Grundlage  des  Reiches  vorbereitend  und  dann  immer  entschiedener ­
  allem  Geschehenen  das  Gepräge  seines  Geistes  verleihend.
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        I

ñus  Natur  und  Geisteswelt.
Jeder  Band  geheftet  lit.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  lit.  1.25.

Geschichte  s.  a.  Amerika;  Bildungswesen,-  Byzanz  ;  Calvin  ;  Deutschland  ;  Dorf;
England  ;  Entdeckungen  ;  Frauenleben  ;  Friedrich  der  Große;  Fürstentum;  Germanen; ­
  Handel;  Japan;  Jesuiten;  Ingenieurtechnik;  Kalender;  Kriegswesen;
Kultur;  Kunst;  Literaturgeschichte;  Luther;  Münze;  Musik;  Napoleon;
Österreich;  Palästina;  Philosophie;  Pompeji;  Nom  Schulwesen;  Städtewesen;
Theater;  Uhr;  Verfassung;  Volksstämme;  Wirtschaftsgeschichte.
Geschlechtskrankheiten.  Die  Geschlechtskrankheiten,  ihr  Wesen,  ihre
Verbreitung,  Bekämpfung  und  Verhütung.  Für  die  Gebildeten  aller  Stände
bearbeitet  von  Generaloberarzt  Professor  Dr.Wilhelm  Schumburg.  Mit
Figuren  und  Tafeln.  (Nr.  251.)
Gibt  in  sachlicher,  aber  rückhaltlos  offener  Darlegung  ein  Bild  von  dem  Wesen  der  Geschlechtskrankheiten, ­
  von  ihreit  Erregern,  den  verschiedenartigen  wegen,  die  sie  im  Körper  einschlagen
und  den  Schäden,  die  sich  an  ihre  Zersen  heften,  erörtert  nach  statistischen  Angaben  über  die
Verbreitung  der  Geschlechtskrankheiten  ausführlich  ihre  Bekämpfung  und  Verhütung,  mit  besonderer ­
  Rücksicht  auf  das  gefährliche  Treiben  der  Prostitution  und  der  Kurpfuscher,  auf  die
persönlichen  Schutzmaßregeln  sowie  die  Aussichten  aus  erfolgreiche  Behandlung.
Gesundheilslehre.  Acht  Vorträge  aus  der  Gesundheitslehre,  von
Professor  Dr.  h.  B  u  ch  n  er.  3.  Ñuflage,  besorgt  von  Professor  Dr.  M.  G  rub  e  r.
Mit  zahlreichen  Abbildungen.  (Nr.  1.)
In  klarer  und  überaus  fesselnder  Darstellung  unterrichtet  der  Verfasser  über  die  äußeren  Lebensbeüingungen
  des  Menschen,  über  das  Verhältnis  von  Luft,  Licht  und  Wärme  zum  menschlichen
Körper,  über  Kleidung  und  Wohnung,  Bodenverhältnisse  und  Wasserversorgung,  die  Krankheiten
erzeugenden  Pilze  und  die  Infektionskrankheiten,  kurz  über  wichtige  Zragen  der  Hygiene.
s.  a.  Ñlkoholismus;  Ñnatomie;  Auge;  Bakterien;  Ernährung;
Frauenkrankheiten;  Geisteskrankheiten;  Geschlechtskrankheiten;  Gymnastik;
Haushalt;  Heilwissenschaft;  Heizung  (und  Lüftung);  Hypnotismus;  Krankenpflege; ­
  Mensch;  Nervensystem;  Säugling;  Schulhygiene;  Stimme;  Tuberkulose; ­
  Zahnpflege.
Gewerbe.  Der  gewerbliche  Rechtsschutz  in  Deutschland,  von  Patentanwalt ­
  Bernhard  Tolksdorf.  (Nr.  138.)
Nach  einem  allgemeinen  Überblick  über  Entstehung  und  Entwicklung  des  gewerblichen  Rechtsschutzes ­
  und  einer  Bestimmung  der  Begriffe  Patent  und  Erfindung  wird  zunächst  das  deutsche
Patentrecht  behandelt,  wobei  der  Gegenstand  des  Patentes,  der  patentberechtigte,  das  Verfahren ­
  in  Patentsachen,  die  Rechte  und  Pflichten  des  Patentinhabers,  das  Erlöschen  des
Patentrechtes  und  die  Verletzung  und  Anmaßung  des  Patentschutzes  erörtert  werden.  Sodann
wird  das  Muster-  und  Warenzeichenrecht  dargestellt  und  dabei  besonders  Art  und  Gegenstand
der  Muster,  ihre  Nachbildung,  Eintragung,  Schutzdauer  und  Löschung  klargelegt.  Ein  weiterer
Abschnitt  befaßt  sich  mit  den  internationalen  Verträgen  und  dem  Ausstellungsschutz.  Zum
Schlüsse  wird  noch  die  Stellung  der  Patentanwälte  besprochen.
s.  a.  Buchgewerbe;  Pflanzen;  Technik;  Uhr.
Gqrnnastik  s.  Gesundheitslehre;  Turnen.
Handel.  Geschichte  des  deutschen  Handels,  von  Wilhelm  Langenbeck.

:ser  von  den  primitiven  prähistorischen  Anfängen  bis  zu  der  heutigen  Weltmachtstellung ­
  des  deutschen  Handels,  indem  es  zugleich  durch  stete  Ausweisung  der  bestimmenden
Bedingungen  und  Kräfte  eine  klare  Einsicht  in  den  Gang  dieser  weittragenden  Entwicklung
und  in  die  heutige  Struktur  unseres  weitverzweigten  Welthandels  als  deren  Resultat  vermittelt. ­
  Dabei  tritt  in  der  Neuzeit  zunächst  die  allmähliche  Verdrängung  vom  Welthandel,
die  Hemmung  in  der  Entwicklung  des  Binnenhandels  infolge  der  territorialen  Zersplitterung
hervor,  dann  aber  mündet  die  Darstellung  aus  in  den  durch  das  allmähliche  Erstarken  einzelner
Seehandelsplätze  und  durch  die  Wirtschaftspolitik  des  brandenburgisch-preußischen  Staates
vorbereiteten  gewaltigen  Aufschwung  im  19.  Jahrhundert,  der  endlich  in  der  Wirtschaftspolitik
des  Deutschen  Reiches  seine  Krönung  findet.

Geschichte  des  Welthandels,  von  Dberlehrer  Dr.  Max  Georg
Schmidt.  (Nr.  118.)

12
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        13

Ñus  Natur  und  Geisteswett.
Jeder  Land  geheftet  Kl.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  IR.  1.25.

«Etne  zusammenfassende  Übersicht  der  Entwicklung  des  Handels  führt  von  dem  Altertum  an
über  das  Mittelalter,  in  dem  Konstantinopel,  feit  den  llreuzzügen  Italien  und  Deutschland
den  Weltverkehr  beherrschen,  zur  Neuzeit,  die  mit  der  Auffindung  des  Seewegs  nach  Indien
und  der  Entdeckung  Amerikas  beginnt  und  bis  zur  Gegenwart,  in  der  auch  der  deutsche
Kaufmann  nach  dem  alten  lfansawort  „Mein  Feld  ist  die  Welt"  den  ganzen  Erdball  erobert.
Handel  s.  a.  Altertum  ;  Amerika  ;  Konsumgenossenschaft,-  Weltwirtschaft:
Wirtschaftsgeschichte.
Handfertigkeit  s.  Knabenhandarbeit.
Handwerk.  Das  deutsche  Handwerk  in  seiner  kulturgeschichtlichen  Entwicklung.
  von  Direktor  Dr.  Eduard  Gito.  3.  Auflage.  Mit  27  Abbildungen
auf  8  Tafeln.  (Nr.  14.)
Line  Darstellung  der  Entwicklung  des  deutschen  lsandwerks  bis  in  die  neueste  Zeit,  der  großen
Umwälzung  aller  wirtschaftlichen  Verhältnisse  im  Zeitalter  der  Eisenbahnen  und  Dampfmaschinen ­
  und  der  lfandwerkerbewegungen  des  19.  Jahrhunderts  wie  des  älteren  lfandwerkslebens,
  seiner  Sitten,  Bräuche  und  Dichtung.
Das  deutsche  Haus  und  sein  Hausrat,  von  Professor  Dr.  Ruó  oís
Meringer.  Mit  106  Abbildungen.  (Rr.  116.)
Das  Such  will  das  Interesse  an  dem  deutschen  Haus,  wie  es  geworden  ist,  fördern:  mit  zahlreichen
künstlerischen  Illustrationen  ausgestattet,  behandelt  es  nach  dem  „Herdhaus"  das  oberdeutsche
Haus,  führt  dann  anschaulich  die  Einrichtung  „der  für  dieses  charakteristischen  Stube,  den  Gfen,
den  Tisch,  das  Lßgerät  vor  und  gibt  einen  Überblick  über  die  Herkunft  von  Haus  und  Hausrat.
Kulturgeschichte  des  deutschen  Bauernhauses,  von  Regierungsbaumeister ­
  a.  D.  Christian  Rand.  Mit  70  Abbildungen.  (Rr.  121.)
Der  Verfasser  führt  den  Leser  in  das  Haus  des  germanischen  Landwirtes  und  zeigt  dessen
Entwicklung,  wendet  sich  dann  dem  Hause  der  skandinavischen  Bauern  zu,  um  hierauf  die
Entwicklung  des  deutschen  Bauernhauses  während  des  Mittelalters  darzustellen  und  mit  einer
Schilderung  der  heutigen  Form  des  deutschen  Bauernhauses  zu  schließen.
s.  a.  Baukunst;  Gartenkunst;  Kunst;  Städtewesen.
Haushalt.  Die  Raturwissenschaften  im  Haushalt,  von  Dr.  Johannes
Bongardt.  In  2  Bänden.  Mit  zahlreichen  Abbildungen.  (Rr.  125.  126.)
I.  Teil:  wie  sorgt  die  Hausfrau  für  die  Gesundheit  der  Familie?
II.  Teil:  wie  sorgt  die  Hausfrau  für  gute  Nahrung?
Selbst  gebildete  Hausfrauen  können  sich  fragen  nicht  beantworten  wie  die,  weshalb  sie  z.  B.
kondensierte  Milch  auch  in  der  heißen  Zeit  in  offenen  Gefäßen  aufbewahren  können,  weshalb
sie  hartem  Wasser  Soda  zusetzen,  weshalb  Gbst  im  kupfernen  Kessel  nicht  erkalten  soll.  Da
soll  hier  an  der  Hand  einfacher  Beispiele,  unterstützt  durch  Experimente  und  Abbildungen,
das  naturwissenschaftliche  Denken  der  Leserinnen  so  geschult  werden,  daß  sie  befähigt  werden,
auch  solche  Fragen  selbst  zu  beantworten,  die  das  Buch  unberücksichtigt  läßt.
Chemie  in  Küche  und  Haus,  von  Professor  Dr.  Gustav  Abel.  Mit
Abbildungen  und  einer  mehrfarbigen  Doppeltafel.  (Rr.  76.)
Das  Bändchen  will  Gelegenheit  bieten,  die  in  Küche  und  Haus  täglich  sich  vollziehenden
chemischen  und  physikalischen  Prozesse  richtig  zu  beobachten  und  nutzbringend  zu  verwerten.
So  werden  Heizung  und  Beleuchtung,  vor  allem  aber  die  Ernährung  erörtert,  werden  tierische
und  pflanzliche  Nahrungsmittel,  Genußmittel  und  Getränke  behandelt.
s.  a.  Batterien;  Heizung  (und  Lüftung);  Kaffee.
Haustiere.  Die  Stammesgeschichte  unserer  Haustiere,  von  Professor  Dr.
Tari  Keller.  Mit  28  Abbildungen.  (Rr.  252.)
Um  über  den  Werdegang  unserer  tierischen  Hausgenossen  aufzuklären,  wird  nach  einem  geschichtlichen ­
  Überblick  über  die  Wandlungen  der  Haustierforschung  seit  Linné  an  der  Hand
der  prähistorischen  Forschung  nachgewiesen,  wie  schon  zur  neolithischen  Seit  der  Haustiererwerb
  mit  solchem  Erfolg  einsetzte,  daß  der  späteren  historischen  Zeit  nur  noch  eine  bescheidene ­
  Nachlese  übrigblieb,  wie  dafür  die  gehobene  Kultur  die  Nassen  stark  umgebildet
hat:  sodann  werden  für  die  älteren  und  jüngeren  Haustiere,  Hunde  und  Katzen,  Pferde  und
Esel,  Kinder,  Ziegen  und  Schafe,  Schweine  und  Kaninchen,  wie  Hühner  und  Tauben  im  einzelnen ­
  die  Stammformen  und  die  Bildungsformen  aufgesucht  sowie  die  Verbreitung  der
Nassen  klargelegt.
        <pb n="182" />
        14

ñus  Natur  und  Geisteswelt.
Jeder  Band  geheftet  ITC.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  ITT.  1.25.

Haydn  f.  Musik.
Hebbel.  Friedrich  Hebbel.  von  Dr.  Ñnna  Schapire-Neurath.  Mit
einem  Bildnis  Hebbels.  (Nr.  238.)
Gibt  nach  einer  knappen  Darstellung  des  Lebens-  und  Entwicklungsganges  eine  eindringende
Analyse  des  Werkes  und  der  Weltanschauung  des  großen  deutsche»  Tragikers  und  bewußt  sich,
ohne  harmonisierende  Zusammenhänge  zu  konstruieren,  die  Persönlichkeit  in  ihrer  vollen  Wirklichkeit ­
  zu  erfassen.
Hebezeuge.  Das  heben  fester,  flüssiger  und  luftförmiger  Körper,  von
Professor  Richard  Vater.  Mit  67  Abbildungen.  (Nr.  196.)
will,  ohne  umfangreiche  Kenntnisse  auf  dem  Gebiet  der  Mechanik  vorauszusetzen,  an  der
Hand  zahlreicher  einfacher  Skizzen  das  Verständnis  für  die  Wirkung  der  hebezeuge  einem
weiteren  Kreise  zugänglich  machen.  So  werden  die  Hebe-Vorrichtungen  fester,  flüssiger  und
luftförmiger  Körper  nach  dem  neuesten  Stand  der  Technik  einer  ausführlichen  Betrachtung
unterzogen,  wobei  wichtigere  Ñbschnitte,  wie:  Hebel  und  schiefe  Ebene,  Druckwasserhebevorrichtungen,
  Zentrifugalpumpen,  Gebläse  usw.  besonders  eingehend  behandelt  sind.
Heilrvissenschaft,  Die  moderne.  Wesen  und  Grenzen  des  ärztlichen  Wissens,
von  Dr.  Edmund  Biernacki.  Deutsch  von  Badearzt  Dr.5.  Ebel.  (Nr.25.)
will  in  den  Inhalt  des  ärztlichen  Wissens  und  Könnens  von  einem  allgemeineren  Standpunkte
aus  einführen,  indem  die  geschichtliche  Entwicklung  der  medizinischen  Grundbegriffe,  die  Leistungsfähigkeit ­
  und  die  Fortschritte  der  modernen  Heilkunst,  die  Beziehungen  zwischen  der  Diagnose  und
der  Behandlung  der  Krankheit  sowie  die  Grenzen  der  modernen  Diagnostik  behandelt  werden.
Der  Aberglaube  in  der  Medizin  und  seine  Gefahr  für  Gesundheit
und  Leben,  von  Professor  Dr.  D.  von  hansemann.  (Nr.  83.)
Behandelt  alle  menschlichen  Verhältnisse,  die  in  irgendeiner  Beziehung  zu  Leben  und  Gesundheit
stehen,  besonders  mit  Kü  cksicht  auf  viele  schädliche  ñrten  des  Aberglaubens,  die  geeignet  sind,  Krankheiten ­
  zu  fördern,  die  Gesundheit  herabzusetzen  und  auch  in  moralischer  Beziehung  zu  schädigen.
s.  a.  Anatomie;  Auge;  Bakterien;  Frauenkrankheiten;  Geisteskrankheiten; ­
  Gesundheitslehre;  Hypnotismus;  Krankenpflege;  Nervensystem;
Säugling;  Schulhygiene;  Zahnpflege.
Heizung  und  Lüftung,  von  Ingenieur  Johann  Lugen  Meyer.  Mit
zahlreichen  Figuren.  (Nr.  241.)
will  in  allgemein-verständlicher  Darstellung  über  die  verschiedenen  Lüftnngs-  und  Heizungsarten
  men  chlicher  wohn-  und  Aufenthaltsräume  orientieren  und  zugleich  ein  Bild  von  der
modernen  Lllftungs-  und  Heizungstechnik  geben,  um  dadurch  Interesse  und  Verständnis  für
die  dabei  in  Betracht  kommende»,  oft  so  wenig  beachteten,  aber  in  gesundheitlicher  Beziehung
so  überaus  wichtigen  Gesichtspunkte  zu  erwecken.
Herbart.  Herbarts  Lehren  und  Leben,  von  Pastor  (D.  Flügel.  Mit
1  Bildnisse  Herbarts.  (Nr.  164.)
Herbarts  Lehre  zu  kennen,  ist  für  den  Philosophen  wie  für  den  Pädagogen  gleich  wichtig.
Indes  seine  eigenartige  Terminologie  und  Deduktionsweise  erschwert  das  Einleben  in  seine
Gedankengefilde.  Flügel  versteht  es  mit  musterhaftem  Geschick,  der  Interpret  des  Meisters  zu
sein,  dessen  Werdegang  zu  prüfen,  seine  Philosophie  und  Pädagogik  gemeinverständlich  darzustellen.
Hilfsschulwesen,  vom  Hilfsschulwesen,  von  Rektor  Dr.  B.  Maennel.
(Nr.  73.)
Es  wird  in  kurzen  Zügen  eine  Theorie  und  Praxis  der  Hilfsschulpädagogik  gegeben.  An  Hand
der  vorhandenen  Literatur  und  auf  Grund  von  Erfahrungen  wird  nicht  allein  zusammengestellt, ­
  was  bereits  geleistet  worden  ist,  sondern  auch  hervorgehoben,  was  noch  der  Entwicklung ­
  und  Bearbeitung  harrt.
f.  a.  Geisteskrankheiten;  Jugendfürsorge.
Hochschulen  s.  Technische  Hochschulen.
Hypnotismus  und  Suggestion,  von  Dr.  Ernst  Trömner.  (Nr.  199.)
Bietet  eine  durchaus  sachliche,  von  Vorurteil  und  Sensaiion  gleichweit  entfernte  Darstellung
ber  Lehre  von  Hypnotismus  und  Suegyton,  indem  die  Geschichte  des  Hypnotismus  und
Lessen  Methodik,  die  Frage  der  Hypnotisierbarkeit,  die  vielfach  wunderbaren  Erscheinungen
        <pb n="183" />
        15

ñus  Natur  und  Geistesrvelt.
Jeder  Band  geheftet  IN.  I.—,  in  Leinwand  gebunden  IN.  1.25.

der  Hypnose  in  ihren  verschiedenen  Graden  und  Erscheinungsformen,  wie  Somnambulismus,
Autosuggestion  usw.,  die  psychologische  Erklärung  derselben  und  schließlich  der  Linsluß  der
Suggestion  auf  den  wichtigsten  Kultur-  und  Lebensgebieten  wie  Geistesstörung,  Heilkunde,
verbrechen,  Kunst,  Erziehung  behandelt  werden.
Japan.  Die  Japaner  und  ihre  wirtschaftliche  Entwicklung,  von  Prof.
Dr.  Karl  Rathgen.  (Hr.  72.)
Schildert  auf  Grund  langjähriger  eigener  Erfahrungen  in  Zapan  Land  und  Leute,  Staat  und
Wirtschaftsleben  sowie  die  Stellung  Japans  im  Welwerkehr  und  ermöglicht  so  ein  wirkliches
Verständnis  für  die  staunenswerte  (wirtschaftliche  und  politische)  innere  Neugestaltung  des
Landes  in  den  letzten  Jahrzehnten.
f.  a.  Kunst.
Ibsen,  Henrik  Ibsen,  Björnstjerne  Björnson  und  ihre  Zeitgenossen,
von  Professor  Dr.  B.  Kahle.  (Hr.  193.)  Hlit  7  Bildnissen  auf  4  Tafeln.
Sn  großen  Zügen  wird  die  Entwicklung  und  die  Eigenart  der  beiden  größten  Dichter  Norwegens
dargestellt,  einmal  auf  der  Grundlage  der  Lesonderheiten  des  norwegischen  Volkes,  andererseits ­
  im  Zusammenhang  mit  den  kulturellen  Strömungen  der  zweiten  Hälfte  des  ly.  Zahr-Hunderts,
  durch  die  ergänzende  Schilderung  von  5  anderen  norwegischen  Dichtern  (Lie,
Kielland,  Skram,  Garborg,  Hamsun)  erweitert  sich  die  Darstellung  zu  einem  Bild  der  jüngsten
geistigen  Entwicklung  des  uns  Deutschen  so  nahestehenden  norwegischen  Volkes.
Idealismus  s.  Lebensanschauungen:  Housseau.
Jesuiten.  Die  Jesuiten.  Tine  historische  Zkizze  von  Professor  Dr.
Heinrich  Boehmer.  2.  vermehrte  Auflage.  (Hr.  49.)
Ein  Küchlein  nicht  für  oder  gegen,  sondern  über  die  Jesuiten,  also  der  versuch  einer
gerechten  Würdigung  des  vielgenannten  Ordens,  das  nicht  nur  von  der  sogenannten  Jesuitenmoral
  oder  von  der  Grdensverfassung,  sondern  auch  von  der  Zesuitenschule,  von  den  Leistungen
des  Ordens  auf  dem  Gebiete  der  geistigen  Kultur,  von  dem  Zesuitenstaate  usw.  handelt.
Jesus.  Die  Gleichnisse  Jesu.  Zugleich  Anleitung  zu  einem  quellenmäßigen
Verständnis  der  Evangelien.  Don  Lie.  Prof.Dr.Heinrich  H)einel.  2.  Aufl.
(Hr.  46.)
will  gegenüber  kirchlicher  und  nichtkirchlicher  Ñllegorisierung  der  Gleichnisse  Jesu  mit  ihrer
richtigen,  wörtlichen  Auffassung  bekannt  machen  und  verbindet  damit  eine  Einführung  in  die
Arbeit  der  modernen  Theologie.
Jesus  und  seine  Zeitgenossen,  von  Pastor  Karl  Bonhoff.
(Hr.  89.)
Die  ganze  Herbheit  und  köstliche  Frische  des  Volkskindes,  die  hinreißende  Hochherzigkeit
und  prophetische  Überlegenheit  des  genialen  Volksmannes,  die  reife  Weisheit  des  Jüngerbildners
  und  die  religiöse  Tiefe  und  weite  des  Lvangeliumverkünders  von  Nazareth  wird
erst  empfunden,  wenn  man  ihn  in  seinem  Verkehr  mit  den  ihn  umgebenden  Menschengestalten,
Volks-  und  Parteigruppen  zu  verstehen  sucht,  wie  es  dieses  Küchlein  tun  will.
Wahrheit  und  Dichtung  im  Leben  Jesu.  von  Pfarrer  D.  Paul
IHehlhorn.  (Hr.  137.)
will  zeigen,  was  von  dem  im  Neuen  Testament  uns  überlieferten  Lebe»  Jesu  als  wirklicher
Tatbestand  festzuhalten,  was  als  Sage  oder  Dichtung  zu  betrachten  ist,  durch  Darlegung  der
Grundsätze,  nach  denen  die  Scheidung  des  geschichtlich  Glaubwürdigen  und  der  es  umrankenden
Phantasiegebilde  vorzunehmen  ist  und  durch  Vollziehung  der  so  gekennzeichneten  Nrt  chemischer
Analyse  an  den  wichtigsten  Stoffen  des  „Lebens  Jesu".
s.  a.  Bibel;  Christentum;  Religion.
Illustrationskunst.  Die  deutsche  Illustration,  von  Professor  Dr.  Rudolf
Kautzsch.  Mit  35  Abbildungen.  (Hr.  44.)
Kehandelt  ein  besonders  wichtiges  und  lehrreiches  Gebiet  der  Kunst  und  leistet  zugleich,
indem  es  an  der  Hand  der  Geschichte  das  Tharakteristische  der  Illustration  als  Kunst  zu
erforschen  sucht,  ein  gut  Teil  „Kunsterziehung".
s.  a.  Buchgewerbe.
Industrie,  chemische,  s.  Elektrochemie;  pflanzen;  Technik.
        <pb n="184" />
        ñus  Natur  und  Geisteswelt.
Jeder  Band  geheftet  ITT.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  IÏÏ.  1.25.

Infinitesimalrechnung.  Einführung  in  die  Infinitesimalrechnung  mit
einer  historischen  Übersicht,  von  Professor  Dr.  Gerhard  Kowalewski.
Hitt  18  Fig.  (Hr.  197.)
Bietet  in  allgemeinverständlicher  Form  eine  Einführung  in  die  Infinitesimalrechnung,  ohne
die  heute  eine  streng  wissenschaftliche  Behandlung  der  Naturwissenschaften  unmöglich  ist,
die  nicht  sowohl  in  dem  Kalkül  selbst,  als  vielmehr  in  der  gegenüber  der  Elementarmathematik
veränderten  Betrachtungsweise  unter  den  Gesichtspunkten  der  Kontinuität  und  des  Unendlichen
liegenden  Schwierigkeiten  zu  überwinden  lehren  will.
Ingenieurtechnik.  ^Schöpfungen  der  Ingenieurtechnik  der  Neuzeit.
von.Vaurat  Kurt  merckel.  2.  Ñuflage.  mit  55  Abbildungen  im  Text
und  auf  Tafeln.  (Nr.  28.)
Führt  eine  Reihe  hervorragender  und  interessanter  Ingenieurbauten  nach  ihrer  technischen
und  wirtschaftlichen  Bedeutung  vor:  die  Gebirgsbahnen,  die  Bergbahnen  und  als  deren  Vorläufer ­
  die  bedeutenden  Gebirgsstraßen  der  Schweiz  und  Tirols,  die  großen  Eisenbahnverbindungen ­
  in  Asien,  endlich  die  modernen  Ranal-  und  Hafenbauten.
Bilder  aus  der  Ingenieurtechnik,  von  Baurat  Kurt  merckel.  mit
43  Abbildungen  und  einer  Doppeltafel.  (Nr.  60.)
Zeigt  in  einer  Schilderung  der  Ingenieurbauten  der  Babylonier  und  Assyrer,  der  Ingenieur,
iechnik  der  alten  Ägypter  unter  vergleichsweiser  Behandlung  der  moderne»  Irrigationsanlagen
daselbst,  der  Schöpfungen  der  antiken  griechischen  Ingenieure,  des  Städtebaues  im  Altertum
und  der  römischen  wasserleitungsbauten  die  hohen  Leistungen  der  Völker  des  Altertums.
Internationalismus.  Vas  internationale  Leben  der  Gegenwart,  von
Alfred  h.  Fried,  mit  einer  lithographischen  Tafel.  (Nr.  226.)
Stellt  einen  Führer  dar  in  das  Reich  des  Internationalismus,  gleichsam  einen  „Baedeker  für
das  internationale  Land",  indem  es  durch  eine  Zusammenstellung  der  Vereinbarungen  und
Einrichtungen  nach  ihrem  Umfange  und  ihrer  Lebensfähigkeit,  ihrer  Betätigung  und  Wirksamkeit ­
  in  der  internationalen  Verwaltung  auf  dem  Gebiete  des  Verkehrswesens,  wie  des
Rechts,  des  Handels  wie  der  Sozialpolitik,  der  Politik  und  des  Rriegswesens,  in  den  internationalen ­
  Bandlungen  (Kongressen,  Konferenzen  usw.)  und  in  dem  privaten  Internationalismus ­
  auf  allen  Rulturgebie.en  zu  zeigen  versucht,  wie  weit  der  Zusammenschluß  der  Rultur»
weit  bereits  gediehen  ist,  und  wie  der  moderne  Internationalismus  weit  davon  entfernt,
sich  auf  Rosten  der  Nationen  zu  entwickeln,  im  Gegenteil  durch  ihren  Zusammenschluß  die
Möglichkeit  der  Entwicklung  und  Betätigung  der  Eigenart  jeder  einzelnen  erhöht  und  erweitert.
Israel  s.  Religion.
Jugend-Fürsorge.  von  Direktor  Dr.  Johannes  Petersen.  2Bande.
(Nr.  161.  162.)
Band  I:  Die  öffentliche  Fürsorge  für  die  hilfsbedürftige  Jugend.  (Nr.  161.)
Band  II:  Die  öffentliche  Fürsorge  fur  die  sittlich  gefährdete  und  die  gewerblich  tätige
Jugend.  (Nr.  162.)
Erörtert  alle  das  Fürsorgewesen  betreffenden  Fragen,  deckt  die  ihm  anhaftenden  Mängel  auf,
zeigt  zugleick  aber  auch  die  Mittel  uni&amp;gt;  Wege  zu  ihrer  Beseitigung.  Besonders  eingehend
werden  behandelt  in  dem  l.  Bändchen  das  vormundschaftsrecht,  die  Säuglingssterblichkeit,  die
Fürsorge  für  uneheliche  Rinder,  die  Gemeindewaisenpflege,  die  vor-  und  Nachteile  der
Nnstalts-  und  Familienpflege,  in  dem  2.  Bändchen  die  gewerbliche  Ausnutzung  der  Rinder
und  der  Rinderschutz  im  Gewerbe,  die  Kriminalität  der  Jugend  und  die  Zwangserziehung,
die  Fürsorge  für  die  schulentlassene  Jugend.
Naffee,  Tee,  Nakao  und  die  übrigen  narkotischen  Getränke,  von
Professor  Dr.  Ñrwed  Vieler,  mit  24  Ñbb.  und  1  Karte.  (Nr.  132.)
Behandelt,  durch  zweckentsprechende  Abbildungen  unterstützt,  Rasfee,  Tee  und  Kakao  eingehender, ­
  Mate  und  Kola  kürzer,  in  bezug  auf  die  botanische  Abstammung,  die  natürliche
Verbreitung  der  Stammpflanzen,  die  Verbreitung  ihrer  Rultur,  die  Wachstumsbedingungen
und  die  Rulturmethoden,  die  Erntezeit  und  die  Ernte,  endlich  die  Gewinnung  der  fertigen
Ware,  wie  der  Weltmarkt  sie  aufnimmt,  aus  dem  geernteten  Produkte.
f.  a.  Ernährung;  Haushalt;  pflanzen.
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        ñus  Natur  und  Geisteswelt.
Jeder  Band  geheftet  ITC.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  ITC.  1.25.

Kalender.  Der  Kalender,  von  Professor  Dr.  Walter  F.  wislicenus.
(Nr.  69.)
Erklärt  die  astronomischen  Erscheinungen,  die  für  unsere  Zeitrechnung  von  Bedeutung  sind,
und  schildert  die  historische  Entwicklung  des  Kalenderwesens  vom  römischen  Kalender  ausgehend, ­
  den  Werdegang  der  christlichen  Kalender  bis  auf  die  neueste  Zeit  verfolgend,  setzt
ihre  Einrichtungen  auseinander  und  lehrt  die  Berechnung  kalendarischer  Angaben  für  Vergangenheit ­
  und  Zukunft,  sie  durch  zahlreiche  Beispiele  erläuternd.
Kant.  Immanuel  Kant.  Darstellung  und  Würdigung,  von  Professor
Dr.  Oswald  Külpe.  2.  verb.  Auflage.  Mit  einem  Bildnisse  Kants.
(Nr.  146.)
Kant  hat  durch  seine  grundlegenden  Werke  ein  neues  Fundament  für  die  Philosophie  aller
Völker  und  Zeiten  geschaffen.  Dieses  in  seiner  Tragfähigkeit  für  moderne  Sdeen  darzustellen,
hat  sich  der  Verfasser  zur  Aufgabe  gestellt.  Es  ist  ihm  gelungen,  den  wirklichen  Kant  mit
historischer  Treue  zu  schildern  und  doch  auch  zu  beleuchten,  wie  die  Nachwelt  berufen  ist,
hinauszustreben  über  die  Anschauungen  des  gewaltigen  Denkers,  da  auch  er  ein  Kind  seiner
Zeit  ist  und  manche  seiner  Lehrmeinungen  vergänglicher  Art  sein  müssen.
s.  a.  Philosophie.
Kind,  psychologie  des  Kindes,  von  Professor  Robert  Gaupp.  Mit
18  Abbildungen.  (Hr.  213.)
Behandelt  nach  einem  Überblick  über  die  geschichtliche  Entwicklung  und  Methoden  der  Kinderpsychologie
  zunächst  das  Alter  von  der  Geburt  bis  zu  4  Jahren  unter  Betonung  der  erkenntnistheoretischen
  Eigenart  der  kinderpsychologischen  Untersuchungen,  danach  die  Psychologie  des
Schulkindes  unter  Hinweis  auf  die  Bedeutung  des  psychologischen  Versuchs  für  die  Erkenntnis
der  individuellen  Verschiedenheiten  im  Kindesalter  und  die  Fragen  der  Auffassung,  Gedächtnis
Erlernen  und  vergessen,  Ermüdung  und  Erholung  auf  Grund  der  Tatsachen  der  experimentellen ­
  Psychologie  und  Pädagogik,  während  ein  Anhang  die  Psychologie  des  geistig  abnormen
Kindes  behandelt.
s.  a.  Erziehung;  Jugendfürsorge.
Kinderpflege  s.  Säugling.
Knabenhandarbeit.  Die  Knabenhandarbeit  in  der  heutigen  Erziehung,
von  Seminardirektor  Dr.  stimin  pabst.  Mit21  Abbildungen  und  1  Titelbild. ­
  (TCr.  140.)
Gibt  einen  Überblick  über  die  Geschichte  des  Knabenhandarbeitsunterrichts,  untersucht  seine
Stellung  im  Lichte  der  modernen  pädagogischen  Strömungen  und  erhärtet  seinen  wert  als
Erziehungsmittel,  erörtert  sodann  die  Art  des  Betriebes  in  den  verschiedenen  Schulen  und  gibt
zum  Schlüsse  eine  vergleichende  Darstellung  der  Systeme  in  den  verschiedenen  Ländern.
Kolonien.  Die  deutschen  Kolonien.  (Land  und  Leute.)  von  Dr.  stdolf
heilborn.  2.  verbesserte  und  vermehrte  stuflage.  Mit  vielen  Abbildungen ­
  und  2  Karten.  (Rr.  98.)
Bringt  auf  engem  Baume  eine  durch  Abbildungen  und  Karten  unterstützte  wissenschaftlich
gründliche  Schilderung  der  deutschen  Kolonien  nach  Bodengestaltung  und  -beschaffenheit  und
seine  Bewässerung,  Fruchtbarkeit  und  Wegsamkeit  sowie  ihrer  Bewohner  nach  Nahrung  und
Kleidung,  Haus  und  Gemeindeleben,  Sitte  und  Becht,  Glaube  und  Aberglaube,  Arbeit  und
Vergnügen,  Handel  und  Gewerbe,  Waffen  und  Kampfesweise,  wobei  in  der  Neuauflage  besonders ­
  die  gegenwärtigen  wirtschaftlichen  Verhältnisse  eingehend  berücksichtigt  worden  sind.
s.  a.  England:  Pflanzen.
Konsumgenossenschaft.  Die  Konsumgenossenschaft,  von  Professor
Dr.  Franz  Staudinger.  (TCr.  222.)
Eine  von  sozial-technischen  und  sozial-ethischen  Grundgedanken  ausgehende  Darstellung  der
Konsumgenossenschaft,  deren  zentrale  Stellung  im  Genossenschaftswesen  erörtert,  deren  privatwirtschaftliche, ­
  volkswirtschaftliche,  soziale  und  moralische  Grundfaktoren  und  deren  Entwicklung ­
  geschildert  und  deren  Organisation,  Bechtsverhältnisse  und  Mängel  dargestellt  werden,
während  ein  Hinweis  auf  Art  und  Gründe  der  gegen  sie  geführten  Kämpfe  und  ein  Ausblick ­
  auf  die  technischen  Lntwicklungsmöglichkeiten  der  Genossenschaft  den  Abschluß  bilden.

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        <pb n="186" />
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Ñus  Natur  und  Geiftesrvelt.
Jeder  Band  geheftet  ITI.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  ITC.  1.25.

Korallen.  Korallen  und  andere  gefteinsbildende  Tiere,  van  Professor
Dr.  w.  May.  Mit  45  Abbildungen.  (Nr.  231.)
Schildert  die  gesteinsbildenden  Tiere  nach  Lau,  Lebensweise  und  Vorkommen,  besonders  ausführlich ­
  die  für  den  Bau  der  Erdrinde  so  wichtigen  Korallentiere  und  führt  in  das  von
Zoologen  und  Geologen  vielbehandelte  Problem  der  Entstehung  der  durch  sie  aufgebauten
Riffe  und  Inseln  ein.
Kraftfahrzeuge  s.  Automobil.
Krankenpflege.  Krankenpflege.  Vorträge  gehalten  von  Thefarzt  Dr.
Bruno  Leick.  (Kr.  152.)
Gibt  zunächst  einen  Überblick  über  Vau  und  Funktion  der  inneren  Drgane  des  Körpers  und
deren  hauptsächlichste  Erkrankungen  und  erörtert  dann  die  hierbei  zu  ergreifenden  Maßnahmen.
Lesonders  eingehend  wird  die  Krankenpflege  bei  Infektionskrankheiten  sowie  bei  plötzlichen
Unglücksfällen  und  Erkrankungen  behandelt.
s.  a.  Gesundheitslehre;  Heilwissenschaft.
Kriegswesen,  vom  Kriegswesen  im  19.  Jahrhundert.  Zwanglose
Skizzen  von  Major  CD  11o  von  Lothen.  Mit  9  Übersichtskarten.  (Kr.  59.)
In  einzelnen  Abschnitten  wird  insbesondere  die  Napoleonische  und  Molttesche  Kriegführung  an
Beispielen  (Jena-Königgrätz-Sedan)  dargestellt  und  durch  Kartenskizzen  erläutert.  Damit  Den
bunden  sind  kurze  Schilderungen  der  preußischen  Armee  von  1806  und  nach  den  Befreiungskriegen
sowie  nach  der  Reorganisation  von  1860,  endlich  des  deutschen  Heeres  von  1870  bis  zur  Jetztzeit.
Der  Seekrieg.  Seine  geschichtliche  Entwicklung  vom  Zeitalter  der  Entdeckungen ­
  bis  zur  Gegenwart,  von  Kurt  Freiherr  von  Maltz  ahn,
Vize-Ñdmiral  a.  D.  (Kr.  99.)
Der  verf.  bringt  den  Seekrieg  als  Kriegsmittel  wie  als  Mittel  der  Politik  zur  Darstellung,
indem  er  zunächst  die  Entwicklung  der  Kriegsflotte  und  der  Seekriegsmittel  schildert  und
dann  die  heutigen  Weltwirtschaftsstaaten  und  den  Seekrieg  behandelt,  wobei  er  besonders
das  Abhängigkeitsverhältnis,  in  dem  unsere  Weltwirtschaftsjtaaten  kommerziell  und  politisch
zu  den  Verkehrswegen  der  See  stehen,  darstellt.
Kriminalpsychologie.  Die  Psychologie  des  Verbrechers,  von  Dr.  Paul
pollitz,  Strafanstaltsdirektor.  Mit  Diagrammen.  (Kr.  248).
Gibt  an  einer  reichen  Auswahl  von  Beispielen  auf  Grund  der  Literatur  wie  der  eigenen
Praxis  eine  umfassende  Übersicht  über  unser  wissen  von  der  Psychologie  des  Verbrechers
und  des  Verbrechens,  das  es  nach  einer  Musterung  der  bisher  aufgestellten  Theorien  als
Produkt  sozialer  und  wirtschaftlicher  Verhältnisse,  defekter  geistiger  Anlage,  wie  persönlicher,
verbrecherischer  Tendenz  auffaßt  und  so  in  seiner  Abhängigkeit  von  Geschlecht,  Alter,  Erziehung,
Beruf,  von  Geisteskrankheit,  Alkoholismus,  Prostitution,  wie  in  den  Eigenarten  des  jugendlichen ­
  gewerbs-  und  gewohnheitsmäßigen  Verbrechers  darzustellen  sucht.
Kulturgeschichte.  Die  Anfänge  der  menschlichen  Kultur,  von  Professor
Dr.  Ludwig  Stein.  (Kr.  93.)
Behandelt  in  der  Überzeugung,  daß  die  Kulturprobleme  der  Gegenwart  sich  uns  nur  durch
«inen  tieferen  Einblick  in  ihren  Werdegang  erschließen,  Natur  und  Kultur,  den  vorgeschichtlichen
Menschen,  die  Anfänge  der  Arbeitsteilung,  die  Anfänge  der  Rassenbildung,  ferner  die  Anfänge
der  wirtschaftlichen,  intellektuellen,  moralischen  und  sozialen  Kultur.
s.  a.  Altertum;  Baukunst;  Bildungswesen;  Buchgewerbe;  Lhristentum;
Dorf;  Entdeckungen;  Frauenleben;  Friedensbewegung;  Germanen;  Geschichte;
Handwerk;  Haus;  Münze;  Städtebilder;  Theater;  Tierleben;  Volkskunde.
Kunst.  Bau  und  Leben  der  bildenden  Kunst,  von  Direktor  Dr.  Theodor
voll»ehr.  Mit  44  Abbildungen.  (Kr.  68.)
Zührt  von  einem  neuen  Standpunkte  aus  in  das  Verständnis  des  Wesens  der  bildenden  Kunst
ein,  erörtert  die  Grundlagen  der  menschlichen  Gestaltungskraft  und  zeigt,  wie  das  künstlerische
Interesse  sich  allmählich  weitere  und  immer  weitere  Stoffgebiete  erobert.
        <pb n="187" />
        19

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ñus  Natur  und  Geifteswelt.
Jeder  Band  geheftet  ITT.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  ITT.  1.25.

Kunst.  Deutsche  Kunst  im  täglichen  Leben  bis  zum  Schluffe  des  18.  Jahrhunderts. ­
  von  Professor  Dr.  Bertold  Haendcke.  Mit  63  5lbb.  (TTr.198.)
Zeigt  an  der  kjand  zahlreicher  ñbbildungen,  wie  die  angewandte  Kunst  im  Laufe  der  Jahrhunderte ­
  das  deutsche  Heim  in  Burg,  Schloß  und  haus  behaglich  gemacht  und  geschmückt  hat,
wie  die  Gebrauchs-  und  Luxusgegenstände  des  täglichen  Lebens  entstanden  sind  und  sich  gewandelt ­
  haben,  und  liefert  so  nicht  nur  einen  wichtigen  Beitrag  zur  deutschen  Kulturgeschichte,
sondern  auch  zur  Frage  der  künstlerischen  Erziehung  der  Gegenwart.
Kunstpflege  in  Haus  und  Heimat,  von  Superintendenten  Richard
Bürkner.  Mit  14  Ñbbildungen.  (Nr.  77.)
will,  ausgehend  von  der  Überzeugung,  daß  zu  einem  vollen  Menschensein  und  Volkstum  die
pflege  des  Schönen  unabweisbar  gehört,  die  Augen  zum  rechten  Sehen  öffnen  lehren  und  die
ganze  Lebensführung,  Kleidung  und  Häuslichkeit  ästhetisch  gestalten,  um  so  auch  zur  Erkenntnis
  dessen  zu  führen,  was  an  Heimatkunst  und  Heimatjchatz  zu  hegen  ist,  und  auf  diesem
großen  Gebiete  persönlichen  und  allgemeinen  ästhetischen  Lebens  ein  praktischer  Ratgeber  sein.
Die  ostasiatische  Kunst  und  ihre  Einwirkung  auf  Europa,  von
Direktor  Dr.  Richard  Graul.  Mit  49  ñbb.  und  1  voppeltafel.  (Rr.87.)
Bringt  die  bedeutungsvolle  Einwirkung  der  japanischen  und  chinesischen  Kunst  auf  die
europäische  zur  Darstellung  unter  Mitteilung  eines  reichen  vildermaterials,  den  Einfluß
Lhinas  auf  die  Entwicklung  der  zum  Rokoko  drängenden  freien  Richtungen  in  der  dekorativen
Kunst  des  18.  Jahrhunderts  wie  den  auf  die  Entwicklung  des  19.  Jahrhunderts.  Der  Verfasser ­
  weist  auf  die  Beziehungen  der  Malerei  und  Farbenüruckkunst  Japans  zum  Impressionismus ­
  der  modernen  europäischen  Kunst  hin.
s.  a.  Baukunst;  Buchgewerbe;  Dürer;  Illustrationskunst;  Rembrandt;
Schriftwesen;  Städtewesen;  Theater.
Landwirtschaft.  Die  deutsche  Landwirtschaft,  von  Dr.lvalter  Tlaaßen.
Mit  15  Ñbbildungen  und  1  Karte.  (TTr.  215.)
Behandelt  die  natürlichen  Grundlagen  der  Lodenbereitung,  die  Technik  und  Betriebsorganisation
  des  Acker-,  wiesen-  und  Weidenbaues  und  der  Viehhaltung,  die  volkswirtschaftliche  Bedeutung ­
  des  Landbaues  sowie  die  agrarpolitischen  Fragen  und  schließlich  die  Bedeutung  des
Menschen  als  produktionsfaktor  in  der  Landwirtschaft  und  andererseits  die  Rolle,  die  das
Landvolk  im  Lebensprozesse  der  Nation  spielt.
s.  a.  Obstbau.
Leben.  Die  Erscheinungen  des  Lebens.  Grundprobleme  der  modernen  Biologie. ­
  von  privatüozenten  Dr.  Hugo  Mi  ehe.  Mit  40  Figuren.  (Rr.  130.)
versucht  eine  umfassende  Totalansicht  des  organischen  Lebens  zu  geben,  indem  nach  einer
Erörterung  der  spekulativen  Vorstellungen  über  das  Leben  und  einer  Beschreibung  des  Protoplasmas ­
  und  der  Zelle  die  hauptsächlichsten  Äußerungen  des  Lebens  behandelt  werden,  als
Entwicklung,  Ernährung,  Atmung,  das  Sinnesleben,  die  Fortpflanzung,  der  Tod,  die  Variabilität ­
  und  im  Anschluß  daran  die  Theorien  über  Entstehung  und  Entwicklung  der  Lebewelt
sowie  die  mannigfachen  Beziehungen  der  Lebewesen  untereinander.
s.  a.  Biologie;  Organismen.
Lebensanschauungen.  Sittliche  Lebensanschauungen  der  Gegenwart,
von  Professor  Dr.  Otto  Kirn.  (Nr.  177.)
Übt  verständnisvolle  Kritik  an  den  Lebensanschauungen  des  Naturalismus,  der  sich  wohl
um  die  Gesunderhaltung  der  natürlichen  Grundlagen  des  sittlichen  Lebens  Verdienste  erworben,
aber  seine  Ziele  nicht  zu  begründen  vermag,  des  Utilitarismus,  der  die  Menschheit  wohl
weiter  hinaus  aber  nicht  höher  hinauf  zu  blicken  lehrt,  des  Evolutionismus,  der  auch
seinerseits  den  alten  Streit  zwischen  Egoismus  und  Altruismus  nicht  entscheiden  kann,  an  der
ästhetischen  Lebensauffassung,  deren  Gefahr  in  der  Überschätzung  der  schönen  Form
liegt,  die  nur  als  Kleid  eines  bedeutsamen  Inhalts  Berechtigung  hat,  »m  dann  für  das  über*
legene  Recht  des  sittlichen  Idealismus  einzutreten,  indem  es  dessen  folgerichtige  Durchs
führung  in  der  christlichen  Weltanschauung  aufweist.
s.  a.  Menschenleben;  Iveltanschauung.
Leibesübungen  s.  Turnen.
        <pb n="188" />
        ñus  Natur  und  Geisteswelt.
Jeder  Band  geheftet  IN.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  IN.  1.25.

Licht.  Vas  Licht  und  die  Farben.  Lechs  Vorlesungen,  von  Professor  Dr.
Ludwig  Graetz.  2.  Ñuflage.  Mit  116  Abbildungen.  (Nr.  17.)
Führt,  von  den  einfachsten  optischen  Erscheinungen  ausgehend,  zur  tieferen  Einsicht  in  die
Natur  des  Lichtes  und  der  Farben,  behandelt,  ausgehend  von  der  scheinbar  geradlinigen
Ausbreitung,  Zurückwerfung  und  Brechung  des  Lichtes,  das  Wesen  der  Farben,  die  Beugungserscheinungen ­
  und  die  Photographie.
s.  a.  Beleuchtungsarten:  Themie;  Strahlen.
Literaturgeschichte  s.  Buchgewerbe:  Drama:  Ejebbel;  Ibsen:  Lyrik;  Musik,
Romantik;  Schiller:  Shakespeare;  Theater;  Volkslied.
Luft  f.  Themie.
Lüftung  s.  Heizung.
Luther.  Luther  im  Lichte  der  neueren  Forschung.  Tin  kritischer  Bericht,
von  Professor  Dr.  Heinrich  Boehmer.  (Nr.  113.)
versucht  durch  sorgfältige  historische  Untersuchung  eine  erschöpfende  Darstellung  von  Luthers
Leben  und  Wirken  zu  geben,  die  Persönlichkeit  des  Reformators  aus  ihrer  Seit  heraus  zu
erfassen,  ihre  Schwächen  und  Stärken  beleuchtend  zu  einem  wahrheitsgetreuen  Bilde  zu
gelangen,  und  gibt  so  nicht  nur  ein  psychologisches  Porträt,  sondern  bietet  zugleich  ein
interessantes  Stück  Kulturgeschichte.
s.  a.  Geschichte.
Lyrik.  Geschichte  der  deutschen  Lyrik  seit  Claudius,  von  Dr.  Heinrich
Spierò.  (Nr.  254.)
Gibt  eine  zusammenhängende,  auf  ästhetischer  Grundlage  ruhende  Schilderung  der  Entwicklungsgeschichte ­
  der  deutschen  Lyrik  von  Tlaudius  über  Goethe,  die  Romantik,  de»  Realismus,  bis  zur
Gegenwart,  welche  die  größten  und  feinsten  Meister  voll  hervortreten  läßt  und  versucht  die
lyrische  Form  gerade  der  in  ihrer  Einsamkeit  schwer  zugänglichen  Dichter  in  ihrer  Ligenart
an  der  y  a  nd  wohlgewählter  Proben  zu  analysieren.
s.  a.  Literaturgeschichte;  Romantik;  Volkslied.
Mädchenschule.  Die  höhere  Mädchenschule  in  Deutschland,  von  Gberlehrerin
  Marie  Martin.  (Nr.  65.)
Bietet  aus  berufenster  Feder  eine  Darstellung  der  Ziele,  der  historischen  Entwicklung,  der
»heutigen  Gestalt  und  der  Zukunftsaufgaben  der  höheren  Mädchenschule».
s.  a.  Bildungswesen:  Schulwesen.
Mathematik  s.  Arithmetik;  Infinitesimalrechnung.
Mathematische  Spiele,  von  Dr.  Wilhelm  Ahrens.  Mit  1  Titelbild ­
  und  69  Figuren.  (Nr.  170.)
Sucht  in  das  Verständnis  all  der  Spiele,  die  „ungleich  voll  von  Nachdenken"  vergnügen,  weil
man  bei  ihnen  rechnet,  ohne  Voraussetzung  irgendwelcher  mathematischer  Kenntnisse  einzuführen ­
  und  so  ihren  Reiz  fur  Nachdenkliche  erheblich  zu  erhöhen.  So  werden  unter  Beigabe
von  einfachen,  das  Mitarbeiten  des  Lesers  belebenden  Fragen  wettspringen,  Boß-Puzzle,
Solitär-  oder  Einsiedlerspiel,  Wanderungsspiele,  Vyadische  Spiele,  der  Baguenaudier,  Nim,
der  Rösselsprung  und  die  Magischen  (Quadrate  behandelt.
Mechanik  s.  Hebezeuge;  Technik.
Meeresforschung.  Meeresforschung  und  Meeresleben.  von  Dr.
Gito  Janson.  2.  Auflage.  Mit  41  Figuren.  (Nr.  50.)
Schildert  kurz  und  lebendig  die  Fortschritte  der  modernen  Meeresuntersuchung  auf
geographischem,  physikalisch-chemischem  und  biologischem  Gebiete,  die  Verteilung  von  Wasser
und  Land  auf  der  Erde,  die  Tiefen  des  Meeres,  die  physikalischen  und  chemischen  Verhältnisse
des  Meerwassers,  endlich  die  wichtigsten  Organismen  des  Meeres,  die  Pflanzen  und  Tiere.
f.  a.  Korallen.
        <pb n="189" />
        21

ñus  Natur  und  Geisteswelt.
Jeder  Band  geheftet  TR.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  IN.  1.25.

Mensch.  Der  INensch.  Sechs  Vorlesungen  aus  dem  Gebiete  der  Anthropologie. ­
  vonDr.  Adolf  heilborn.  INitzahlreichen  Abbildungen.  (Hr.62.^
Stellt  die  Lehren  der  „Wissenschaft  aller  Wissenschaften"  streng  sachlich  und  doch  durchaus
volkstümlich  dar:  das  wissen  vom  Ursprung  des  Menschen,  die  Entwicklungsgeschichte  des
Individuums,  die  künstlerische  Betrachtung  der  Proportionen  des  menschlichen  Körpers  und  die
streng  wissenschaftlichen  Meßmethoden  (Schädelmessung  usf.),  behandelt  ferner  die  Menschenrassen, ­
  die  rassenanatomischen  Verschiedenheiten,  den  Tertiärmenjchen.
Bau  und  Tätigkeit  des  menschlichen  Körpers,  von  privatdozenten
Dr.  Heinrich  Sachs.  2.  Auflage.  Mit  37  Abbildungen.  (Nr.  32.)
Gibt  eine  Ueihe  schematischer  Abbildungen,  erläutert  die  Einrichtung  und  die  Tätigkeit  der
einzelnen  Organe  des  Körpers  und  zeigt  dabei  vor  allem,  wie  diese  einzelnen  Organe  in
ihrer  Tätigkeit  aufeinander  einwirken,  miteinander  zusammenhänge»  und  so  den  menschlichen
Körper  zu  einem  einheitlichen  Ganzen,  zu  einem  wohlgeordnete»  Staate  machen.
und  Erde.  Mensch  und  Erde.  Skizzen  von  den  Wechselbeziehungen
zwischen  beiden,  von  Professor  vr.  Alfred  Kirchhofs.  2.  ñufl.  (Nr.  31.)
Zeigt,  wie  die  Ländernatur  auf  den  Menschen  und  seine  Kultur  einwirkt,  durch  Schilderungen
allgemeiner  und  besonderer  Art,  über  Steppen-  und  Wüstenvölker,  über  die  Entstehung  von
Nationen,  wie  Deutschland  und  Thina  u.  a.  m.
und  Tier.  Der  Kampf  zwischen  Mensch  und  Tier,  von  Professor
vr.  Karl  Eckstein.  2.  Auflage.  Mit  51  Figuren.  (Nr.  18.)
Der  hohe  wirtschaftliche  Bedeutung  beanspruchende  Kampf  zwischen  Mensch  und  Tier  erfährt,
eine  eingehende,  ebenso  interessante  wie  lehrreiche  Darstellung;  besonders  ^werden  die  Kampfmittel ­
  beider  Gegner  geschildert:  hier  Schußwaffen,  Zallen,  Gifte  oder  auch  besondere  Wirtschaftsmethoden, ­
  dort  spitzige  Kralle,  scharfer  Zahn,  furchtbares  Gift,  List  und  Gewandtheit,
der  Schutzfärbung  und  Anpassungsfähigkeit  nicht  zu  vergessen.
s.  a.  Anatomie;  Auge;  Frauenkrankheiten;  Geistesleben;  Geschlechtskrankheiten; ­
  Gesundheitrlehre;  Heilwissenschaft:  Kultur;  Nervensystem;
Psychologie;  Säugling;  Seele;  Sinne;  Stimme;  Turnen;  Zahnpflege.
Menschenleben.  Aufgaben  und  Ziele  des  Menschenlebens,  von  Dr.
J.  Unold.  3.  Auflage.  (Nr.  12.)
Beantwortet  die  Frag«:  Gibt  es  kein«  bindenden  Regeln  des  menschlichen  Handelns?  in  zuversichtlich ­
  bejahender,  zugleich  wohl  begründeter  weise  und  entwirft  die  Grundzüge  einer
wissenschaftlich  haltbaren  und  für  eine  nationale  Erziehung  brauchbaren  Lebensanschauung
und  Lebensordnung.
s.  a.  Lebensanschauung;  Weltanschauung.
Metalle.  Die  Metalle,  von  Professor  Dr.  Karl  Scheid.  2.  Auflage..
Mit  16  Abbildungen.  (Nr.  29.)
Behandelt  die  für  Kulturleben  und  Industrie  wichtigen  Metalle,  schildert  die  mutmaßliche
Bildung  der  Erze,  die  Gewinnung  der  Metalle  aus  den  Erzen,  das  Hüttenwesen  mit  seinen
verschiedenen  Systemen,  die  Zundorte  der  Metalle,  ihre  Eigenschaften  und  Verwendung,  unter  Angabe ­
  historischer,  kulturgeschichtlicher  und  statistischer  Daten  sowie  die  Verarbeitung  der  Metalle.
s.  a.  .Eisenhüttenwesen.
Meteorologie  s.  Wetter.
Mietrecht.  Die  Miete  nach  dem  Bürgerlichen  Gesetzbuch.  Ein  handbüchleinr
für  Juristen,  Mieter  und  Vermieter.  I  n  Rechtsanwalt  Dr.  Max  Strautz.
(Nr.  194.)
Gibt  in  der  Absicht,  Mieter  und  Vermieter  über  ihr  gegenseitiges  Verhältnis  aufzuklären  und
so  zur  Vermeidung  vieler  oft  nur  aus  der  Unkenntnis  der  gesetzlichen  Bestimmungen  entspringender ­
  Mietprozesse  beizutragen,  eine  gemeinverständliche  Darstellung  des  Mietrechts,
die  durch  Aufnahme  der  einschlägigen  umfangreichen  Literatur  sowie  der  Entscheidungen
der  höchsten  Gerichtshöfe  auch  dem  praktischen  Juristen  als  Handbuch  zu  dienen  vermag.
        <pb n="190" />
        22

Ñus  Natur  und  Geisteswett.
Jeder  Band  geheftet  IN.  I.—,  in  Leinwand  gebunden  IN.  1.25.

Mikroskop.  Das  Mikroskop,  seine  Optik,  Geschichte  und  Anwendung,  gemeinverständlich ­
  dargestellt.  von  Dr.w.Scheffer.  Mit66Abbildungen.  (Hr.35.)
Nach  Erläuterung  der  optischen  Konstruktion  und  Wirkung  des  Mikroskops  und  Vorstellung
der  historischen  Entwicklung  wird  eine  Beschreibung  der  modernsten  Mikroskoptypen,  ĢUfsapparate
  und  Instrumente  gegeben,  endlich  gezeigt,  wie  die  mikroskopische  Untersuchung  die
Einsicht  in  Naturvorgänge  vertieft.
s.  a.  Optik;  Pflanzen;  Tierwelt.
Mittelalter  s.  a.  Baukunst,  Städtewesen.
Moleküle.  Moleküle  —  Atome  —  Iveltäther.  von  Professor  Dr.  Gustav
Mie.  2.  Auflage.  Mit  27  Figuren.  (Nr.  58.)
Stellt  die  physikalische  Ñtomlehre  als  die  kurze,  logische  Zusammenfassung  einer  großen
Menge  physikalischer  Tatsachen  unter  einem  Begriffe  dar,  die  ausführlich  und  nach  Möglichkeit ­
  als  einzelne  Experimente  geschildert  werden.
Mond.  Der  Mond,  von  Professor  Dr.  3  ult  us  Franz.  Mit  31  Abbildungen ­
  und  2  Doppeltafeln.  (Nr.  90.)
Gibt  die  Ergebnisse  der  neueren  Mondforschuna  wieder,  erörtert  die  Mondbewegung  und  Mondbahn, ­
  bespricht  den  Einfluß  des  Mondes  auf  die  Erde  und  behandelt  die  Frage»  der  tvbe»
flächenbedingungen  des  Mondes  und  die  charakteristischen  Mondgebilüe  anschaulich  zusammengefaßt
  in  „Beobachtungen  eines  Mondbewohners",  endlich  die  Bewohnbarkeit  des  Mondes.
s.  a.  Astronomie;  Kalender;  Planeten;  Weltall.
Mozart  s.  Musik.
Münze.  Die  Münze  als  historisches  Denkmal  sowie  ihre  Bedeutung  im
Rechts-  und  Wirtschaftsleben,  von  Dr.  Arnold  Luschin  v.  Tbengreuth.
Mit  53  Abbildungen  im  Text.  (Nr.  91.)
Zeigt,  wie  Münzen  als  geschichtliche  Überbleibsel  der  Vergangenheit  zur  Ñufhellung  der  wirtschaftlichen ­
  Zustände  und  der  Kechtseinrichtungen  früherer  Zeiten  dienen;  die  verschiedenen
Ñrten  von  Münzen,  ihre  äußeren  und  inneren  Merkmale  sowie  ihre  Herstellung  werden  in
historischer  Entwicklung  dargelegt  und  im  Anschluß  daran  Münzsammlern  beherzigenswert«
winke  gegeben.
Musik.  Geschichte  der  Musik,  von  Dr.  Friedrich  Spiro.  (Hr.  143.)
Gibt  in  großen  Zügen  eine  übersichtliche  äußerst  lebendig  gehaltene  Darstellung  von  der
Entwicklung  der  Musik  vom  ñltertum  bis  zur  Gegenwart  mit  besonderer  Berücksichtigung  der
« renden  Persönlichkeiten  und  der  großen  Strömungen  und  unter  strenger  Nusscheidung  alles
en,  was  für  die  Entwicklung  der  Musik  ohne  Bedeutung  war.
Einführung  in  das  Wesen  der  Musik,  von  Professor  Earl  R.Hennig.
(Nr.  119.)
Vie  hier  gegebene  Ästhetik  der  Tonkunst  untersucht  das  Wesen  des  Tones  als  eines  Kunstmaterials;
  sie  prüft  die  Natur  der  Varstellungsmittel  und  untersucht  die  Dbjekte  der  Darstellung, ­
  indem  sie  klarlegt,  welche  Ideen  im  musikalischen  Kunstwerke  gemäß  der  Natur  des  Tonmateriales ­
  und  der  varstellungsmittcl  in  idealer  Gestaltung  zur  Darstellung  gebracht
werden  können.
Die  Grundlagen  der  Tonkunst,  versuch  einer  genetischen  Darstellung
der  allgemeinen  Musiklehre,  von  Professor  Dr.^einrich  Rietsch.  (Hr.  178.)
In  leichtfaßlicher,  keine  Fachkenntnisse  voraussetzender  Darstellung  rollt  hier  Verfasser  ein
Entwicklungsbild  der  musikalischen  Erscheinungen  auf.  Er  erörtert  zunächst  den  Stoff  der
Tonkunst,  dann  seine  Formung  Nîhythmik,  Harmonik,  Weiterbildung  des  rhythmisch-harmonischen
Tonstoffes),  ferner  die  schriftliche  Auszeichnung  der  Tongebilde  und  behandelt  schließlich  die
Musik  als  Tonsprache,  damit  so  zugleich  auch  die  Grundlagen  einer  Musikästhetik  gebend.
Die  Blütezeit  der  musikalischen  Romantik  in  Deutschland,  von  Dr.
Edgar  3  ft  e  I.  Mit  einer  Silhouette  von  T.  T.  Ñ.  Hoffmann.  (Hr.  239.)
Gibt  zum  ersten  Male  eine  Gesamtdarstellung  der  Epoche  Schuberts  und  Schumanns,  der  an
Persönlichkeiten,  Schöpfungen  und  Anregungen  reichsten  der  deutschen  Musikgeschichte,  der  wir
«ine  Fülle  unserer  schönsten  Tonschöpfungen  verdanken,  in  der  das  deutsche  Lied  den  Höhepunkt
seiner  Entwicklung  erreichte  und  aus  der  sich  das  Musikdrama  Nicharü  Wagners  wie  die  gesamte ­
  moderne  Musik,  nicht  nur  Deutschlands,  entwickelt  hat.
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        23

Ñus  Natur  und  Geisteswelt.
Jeder  Band  geheftet  M.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  Ï1Î.  1.25.

Musik.  Haydn,  Mozart,  Beethoven,  von  Professor  Br.  Tari  Krebs.  Blit
vier  Bildnissen  auf  Tafeln.  (Hr.  92.)
«Eine  Darstellung  des  «Entwicklungsganges  und  der  Bedeutung  eines  jeden  der  drei  großen
Komponisten  für  die  Musikgeschichte.  Sie  gibt  mit  wenigen,  aber  scharfen  Strichen  ein  Bild
der  menschlichen  Persönlichkeit  und  des  künstlerischen  Wesens  der  drei  Heroen  mit  Hervorhebung
dessen,  was  ein  jeder  aus  seiner  Zeit  geschöpft  und  was  er  aus  eignem  hinzugebracht  hat.
Muttersprache.  Entstehung  und  Entwicklung  unserer  Muttersprache,
von  Professor  Dr.  Wilhelm  Uhl.  Mit  vielen  Abbildungen  und  1  Karte.
(Nr.  84.)
«Eine  Zusammenfassung  der  «Ergebnisse  der  sprachlich-wissenschaftlich  lautphysiologischen  wie
der  philologisch-germanistischen  Forschung,  die  Ursprung  und  Grgan,  Lau  und  Bildung,  andererseits ­
  die  Hauptperioden  der  Entwicklung  unserer  Muttersprache  zur  Darstellung  bringt.
Mythologie  s.  Germanen.
Mystik  im  Heidentum  und..Christentum,  von  Dr.  Edvin  Lehmann,
vom  Verfasser  durchgesehene  Übersetzung  von  Anna  Grundtvig  geb.  Quittenbäum.
  (Hr.  217.)
verfolgt  in  glänzender  Darstellung  die  Erscheinungen  der  Mystik,  „dieses  Menschheitsweines,
der  da  erquickt,  aber  auch  berauscht  und  erniedrigt",  von  den  primitivsten  Kulturstufen  durch
die  orientalischen  Religionen  bis  zur  griechischen  Mystik,  erörtert  dan&amp;gt;«  eingehend  die  mystischen
Phänomene  i»  den  christlichen  Kirchen  und  versucht,  die  Mystik  in  der  griechischen  wie  in  der
römischen  Kirche,  bei  Luther  und  den  «puietisten  wie  ihren  Einflug  auf  die  Romantiker  zu
schildern.
Nahrungsmittel  s.  Alkoholismus;  Themie;  Ernährung;  Haushalt;  Kaffee;
Pflanzen.
Napoleon  I.  von  Privatdozenten  Dr.  Theodor  Bitterauf.  Mit  einem
Bildnis  Napoleons.  (Nr.  195.)
will  ans  Grund  der  neuesten  Ergebnisse  der  historischen  Forschung  Napoleon  in  seiner  geschichtlichen ­
  Bedingtheit  verständlich  machen,  ohne  deshalb  seine  persönliche  Verantwortlichkeit
zu  leugnen  und  zeigen,  wie  im  ganzen  seine  Herrschaft  als  eine  noch  in  der  heutigen  Republik
wirksame  Wohltat  angesehen  werden  mutz.
Nautik,  von  Oberlehrer  Dr.  Hans  J.  Möller.  (Nr.  255.)
Erörtert  nach  einer  Beschreibung  der  nautischen  Instrumente  die  Methoden  der  terrestrischen
und  astronomischen  Nautik  (Steuermannkunst),  d.  h.  der  Mittel,  die  dem  Seemann  zur  verfügung
  stehen,  um  sein  Schiff  sicher  und  auf  kürzestem  Wege  über  See  zu  bringen,  die  an  einer
kurzen  Segelschiffsreise  in  der  «vstsee  besonders  veranschaulicht  werden  und  gibt  eine  Übersicht
über  Meeresströmungen  und  meteorologische  Vorgänge,  soweit  sie  die  Schiffahrt  beeinflussen.
s.  a.  Schiffahrt.
Nationalökonomie  s.  Amerika;  Arbeiterschutz;  Bevölkerungslehre:
Deutschland;  Frauenarbeit;  Frauenbewegung:  Japan;  Konsum  enossenschaft;
  Landwirtschaft;  Münze;  Obstbau;  Post;  Schiffahrt;  Soziale  Bewegungen; ­
  Verkehrsentwicklung;  Versicherung;  Welthandel;  Wirtschaftsleben.
Naturalismus  s.  Lebensanschauungen;  Philosophie.
Naturlehre.  Die  Grundbegriffe  der  modernen  Naturlehre,  von  Professor
Dr.  Felix  Auerbach.  2.  Auflage.  Mit  79  Figuren.  (Nr.  40.)
«Eine  zusammenhängende,  für  jeden  Gebildeten  verständliche  Entwicklung  der  in  der  modernen
Raturlehre  eine  allgemeine  und  exakte  Rolle  spielenden  Begriffe  Raum  und  Bewegung,  Kraft
und  Masse  nnd  die  allgemeinen  Eigenschaften  der  Materie,  Arbeit,  «Energie  und  Entropie.
Naturwissenschaften  s.  Abstammungslehre;  Ameisen;  Anatomie;  Astronomie; ­
  Bakterien;  Befruchtungsvorgang;  Botanik;  Ehemie;  Elektrochemie;
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        24

ñus  Natur  und  Geisteswelt.
Jeder  Band  geheftet  IN.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  ÏÏÏ.  1.25

Erde;  Haushalt;  Kaffee;  Korallen;  Leben;  Licht;  Meeresforschung:  Mensch;
Mikroskop;  Moleküle;  Naturlehre;  Obstbau;  Optik;  Organismen;  Pflanzen;
Photochemie;  Plankton;  Religion;  Stereoskop;  Strahlen;  Tierleben;  Vogelleben;
  Ivald;  Wärme;  Weltall;  Wetter.
Nervensystem,  vom  Nervensystem,  seinem  Bau  und  seiner  Bedeutung
für  Leib  und  Seele  im  gesunden  und  kranken  Zustande,  von  Professor
Dr.  Richard  Zander.  Mit  27  Figuren.  (Nr.  48.)
erörtert  die  Bedeutung  der  nervösen  Vorgänge  für  den  Körper,  die  ©eiftestätigfeit  und  das
Seelenleben  und  sucht  klarzulegen,  unter  welchen  Bedingungen  Störungen  der  nervösen  vor-Gänge
  auftreten,  wie  sie  zu  beseitigen  und  zu  vermeiden  sind.
s.  a.  Geistesleben;  Geisteskrankheiten;  Mensch;  Seele;  Sinne.
Nordamerika  s.  ñmerika;  Hochschule;  Schulwesen;  Universität.
Nordische  Dichter  s.  Ibsen.
Obstbau.  Der  Obstbau,  von  Dr.  Ernst  voges.  Mit  lZ  Ñbb.  (Nr.  107.)
will  über  die  wissenschaftlichen  und  technischen  Grundlagen  des  Gbstbaues  sowie  seine
Naturgeschichte  und  große  volkswirtschaftliche  Bedeutung  unterrichten,  vie  Geschichte  des
Obstbaues,  das  Leben  des  Gbftbaumes,  Gbstbaumpflege  und  Gbstbaumschutz,  die  wissenschaftliche ­
  Gbstkunde,  die  Ästhetik  des  Gbstbaues  gelangen  zur  Behandlung.
Optik.  Die  optischen  Instrumente,  von  Dr.  Moritz  von  Rohr.  Mit
84  Abbildungen.  (Nr.  88.)
Gibt  eine  elementare  Darstellung  der  optischen  Instrumente  nach  den  modernen  ñnschauungen,
wobei  weder  das  Ultramikroskop  noch  die  neuen  Apparate  zur  Mikrophotographie  mit
ultraviolettem  Licht  (Monochromate),  weder  die  Prismen-  noch  die  Zielfernrohre,  weder
die  Projektionsapparate  noch  die  stereoskopischen  Entfernungsmesser  und  der  Stereokomparator ­
  fehlen.
s.  a.  Mikroskop;  Stereoskop.
Organismen.  Die  Welt  der  Organismen,  von  Professor  Dr  Kurt
Lampert.  Mit  zahlreichen  Abbildungen.  (Nr.  236.)
Beabsichtigt  einen  allgemeinverständlichen  Überblick  über  die  Gesamtheit  des  Tier-  und  Pflanzenreiches ­
  zu  geben,  indem  es  zunächst  den  Aufbau  der  Drganismen,  die  Lebensgeschichte  der
pflanzen  und  Tiere  sowie  ihre  Abhängigkeit  von  der  äußeren  Umgebung  und  an  einer  Ueihe
von  Beispielen  die  außerordentlich  mannigfaltigen  Wechselbeziehungen  schildert,  die  zwischen
den  einzelnen  Gliedern  der  belebten  Natur  herrschen.
Ostasien  s.  Kunst.
Österreich.  Österreichs  innere  Geschichte  von  1848  bis  1907.  von
Richard  Charmatz.  2  Bände.  (Nr.  242/243.)
Band  I:  Die  Vorherrschaft  der  Deutschen.  (Nr.  242.)  Band  II:  Der  Kampf  der  Nation.
Gibt  zum  ersten  Male  in  lebendiger  und  klarer  Sprache  eine  Gesamtdarstellung  der  Entstehung ­
  des  modernen  Österreich,  seiner  interessanten,  durch  das  Zusammenwirken  der  verschiedensten ­
  Faktoren  bedingten  innerpolitischen  Entwicklung  seit  1848.
Pädagogik.  Allgemeine  Pädagogik,  von  Professor  Dr.  Th.  Ziegler.
2.  Auflage.  (Nr.  33.)
Behandelt  die  großen  Fragen  der  Volkserziehung  in  praktischer,  allgemeinverständlicher  weise
und  in  sittlich-sozialem  Geiste.  Die  Zwecke  und  Motive  der  Erziehung,  das  Erziehungsgeschäft
selbst,  dessen  Organisation  werden  erörtert,  die  verschiedenen  Schulgattungen  dargestellt.
Experimentelle  Pädagogik  mit  besonderer  Rücksicht  auf  die  Erziehung ­
  durch  die  Tat.  von  Dr.  w.  Lap.  Mit  2  Abbildungen.  (Nr.  224.)
        <pb n="193" />
        25

ñus  Natur  und  Geisteswelt.
Jeder  Band  geheftet  IN.  I.—,  in  Leinwand  gebunden  IN.  1.25.

Berichtet  über  die  Geschichte  der  experimentellen  Pädagogik,  über  ihre  biologischen  und  soziologischen ­
  Grundlagen,  über  Wesen  und  Bedeutung  der  experimentellen  Forschungsmethode,
über  die  Aufgaben  und  Ziele  der  experimentellen  Pädagogik,  über  die  praktisch  wichtigen
experimentellen  Untersuchungen  der  in-  und  ausländischen  Forscher,  über  die  Errichtung  pädagogischer ­
  Laboratorien  sowie  auch  über  die  der  experimentellen  Pädagogik  entgegenstehenden
Vorurteile.
Pädagogik  s.  vildungswesen;  Erziehung:  Fortbildungsschulen:  Fräbel;
ļserbart;  Hilfsschulwesen:  Hochschulen;  Jugendfürsorge:  Rind:  Rnabenhandarbeit:
  Mädchenschule;  Pestalozzi;  Rousseau;  Schulhygiene;  Schulwesen;
Turnen;  Universität.
Palästina.  Palästina  und  seine  Geschichte.  Sechs  Vorträge  von  Professor
Dr.  Hermann  Freiherr  von  Soden.  2.  Ruflage.  Mit  2  Karten  und
1  Plan  von  Jerusalem  und  6  Ansichten  des  heiligen  Landes.  (Nr.  6.)
Tin  Bild,  nicht  nur  des  Landes  selbst,  sondern  auch  alles  dessen,  was  aus  ihm  hervor-  oder
über  es  hingegangen  ist  im  Laufe  der  Jahrhunderte  —  ein  wechselvolles,  farbenreiches  Bild,
in  dessen  Verlauf  die  Patriarchen  Israels  und  die  Kreuzfahrer,  David  und  Christus,  die
alten  Assyrer  und  die  Scharen  Mohammeds  einander  ablösen.
Palästina  nach  den  neuesten  Ausgrabungen,  von  Gymnasialoberlehrer
  Dr.  Peter  Thomsen.  (Nr.  260.)
will  die  überraschenden,  bisher  der  Allgemeinheit  so  gut  wie  unbekannt  gebliebenen  Ergebnisse
der  neueren  Forschung  in  Palästina  schildern  und  zugleich  ihre  Bedeutung  für  die  Geschichte
der  Religion  und  Kultur  darlegen  und  sich  so  als  Führer  zu  neuem  und  tieferem  Eindringen
in  die  geschichtlichen  Grundlagen  unserer  Religion  und  in  das  Verständnis  der  alttestament»
lichen  Schriften  darbieten.
Patentrecht  s.  Gewerbe.
Pestalozzi.  Pestalozzi.  Sein  Leben  und  seine  Ideen,  von  Professor
Dr.  Paul  Natorp.  Mit  einem  Bildnis  und  einem  Brieffaksimile.  (Nr.250.)
Stellt  nach  einer  kurzen  Orientierung  über  die  Entwicklungsgeschichte  das  Ganze  der  Lehre
Pestalozzis,  die  Prinzipien  sowohl  wie  deren  Durchführung  systematisch  dar,  deren  tief  philosophischer ­
  Gehalt  sich  uns  mehr  und  mehr  erschlossen  hat,  wobei  sich  ergibt,  daß  gerade  die
Prinzipien  Pestalozzis  auch  strengere  Forderungen  an  Systemeinheit  befriedigen;  während
in  der  weiteren  Durchführung  neben  unzerstörlich  Echtem  auch  ernste  Mängel  und  Fehlgriffe
zutage  treten.  Zugleich  erscheint  dieser  weg  ertragreicher  für  den,  dem  es  am  meisten  darum
zu  tun  sein  mutz,  für  die  gewaltigen  Erziehungsaufgaben,  die  der  Gegenwart  gestellt  sind,
von  den  Großen  der  Vorzeit  etwas  zu  lernen,  wie  fur  den,  den  die  Ideengeschichte,  dentckie
geistige  Geschichte  der  deutschen  Welt  als  solche  interessiert.
pflanzen.  Das  werden  und  vergehen  der  Pflanzen,  von  Professor  Dr.
Paul  Gisevius.  Mit  24  Abbildungen.  (Nr.  173.)
Behandelt  in  leichtfaßlicher  weise  alles,  was  uns  allgemein  an  der  Pflanze  interessiert,  ihre
äußere  Entwicklung,  ihren  inneren  Sau,  die  wichtigsten  Lebensvorgänge,  wie  Nahrungsaufnahme ­
  und  Atmung,  Blühen,  Reifen  und  verwelken,  gibt  eine  Übersicht  über  das  pflanzenreich
  in  Urzeit  und  Gegeinvart  und  unterrichtet  über  Pflanzenvermehrung  und  Pflanzenzüchtung. ­
  Das  Büchlein  stellt  somit  eine  kleine  „Botanik  des  praktischen  Lebens"  dar.
Vermehrung  der  Sexualität  bei  den  Pflanzen,  von  Privatdozenten ­
  Dr.  Ernst  Rüster.  Mit  38  Abbildungen.  (Nr.  112.)
Gibt  eine  kurze  Übersicht  über  die  wichtigsten  Formen  der  vegetativen  Vermehrung  und
beschäftigt  sich  hingehend  mit  der  Sexualität  der  Pflanzen,  deren  überraschend  vielfache  nnd
mannigfaltige  Äußerungen,  ihre  große  Verbreitung  im  Pflanzenreich  und  ihre  in  allen
Einzelheiten  erkennbare  Übereinstimmung  mit  der  Sexualität  der  Tiere  zur  Darstellung  gelangen.
Rolonialbotanik.  von  Privatdozenten  Dr.  Friedrich  Tobler.  Mit
21  Abbildungen.  (Nr.  184.)
Schildert  zunächst  die  allgemeinen  wirtschaftlichen  Grundlagen  tropischer  Landwirtschaft,  ihre
Einrichtungen  und  Methoden,  um  dann  die  bekanntesten  Objekte  der  Kolonialbotanik  wie
Kaffee,  Kakao,  Tee,  Zuckerrohr,  Reis,  Kautschuk,  Guttapercha,  Baumwolle,  Kl-  und  Kokospalme
  einer  eingehenden  Betrachtung  zu  unterziehen.
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        ñus  Natur  und  Geisteswelt.
Jeder  Band  geheftet  M.  l.—,  in  Leinwand  gebunden  IN.  1.25.

Pflanzen,  vie  Pflanzenwelt  des  Mikroskops,  von  Bürgerschullehrer  Ernst
Neukauf.  Mit  100  Abbildungen  in  165  Einzeldarstellungen  nach  Zeichnungen ­
  des  Verfassers.  (Nr.  181.)
«Dill  auch  dem  Unkundigen  einen  Begriff  geben  von  dem  staunenswerten  Formenreichtum  des
mikroskopischen  Pflanzenlebens,  will  den  Blies  besonders  auf  die  dem  unbewaffneten  Ñuge
völlig  verborgenen  Erscheinungsformen  des  Schönen  lenken,  aber  auch  den  Ursachen  der  auffallenden ­
  Lebenserscheinungen  nachzufragen  lehren,  wie  endlich  dem  Praktiker  durch  ausführlichere
Besprechung,  namentlich  der  für  die  Garten-  und  Landwirtschaft  wichtigen  mikroskopischen  Schädlinge ­
  dienen.  Um  auch  zu  selbständigem  Beobachten  und  Forschen  anzuregen,  werden  die
mikroskopischen  Untersuchungen  und  die  Beschaffung  geeigneten  Materials  besonders  behandelt.
Unsere  wichtigsten  Kulturpflanzen  (die  Getreidegräser).  Sechs  Vorträge ­
  aus  der  Pflanzenkunde,  von  Professor  Dr.  Karl  Giesenhagen.
2.  Auflage.  Mit  38  Figuren  im  Text.  (Nr.  10.)
Behandelt  die  Getreidepflanzen  und  ihren  Ñnbau  nach  botanischen  wie  kulturgeschichtlichen  Gesichtspunkten, ­
  damit  zugleich  in  anschaulichster  Form  allgemeine  botanische  Kenntnisse  vermittelnd.
s.  a.  Ehemies  Kaffees  Landwirtschafts  Meeresforschungs  Obstbau;
Organismens  Planktons  Tierleben.
Philosophie,  vie  Philosophie.  Einführung  in  die  Wissenschaft,  ihr  weseil
und  ihre  Probleme,  von  Kealschuldirektor  Hans  Kichert.  (Kr.  186.)
will  vor  allem  als  Einsührung  in  die  wissenschaftliche  Beschäftigung  mit  dem  Studium  der
Philosophie  dienen,  deren  Stellung  im  modernen  Geistesleben  bestimmend  in  der  Behandlung
der  philosophischen  Grundprobleme,  des  der  Erkenntnis,  des  metaphysischen,  des  ethischen  und
ästhetischen  Problems,  die  Lösungsversuchc  gruppieren  und  charakterisieren,  in  die  Literatur
der  betreffenden  Fragen  einführen,  zu  weiterer  Vertiefung  anregen  und  die  richtigen  Wege
zu  ihr  zeigen.
Einführung  in  die  Philosophie.  Sechs  Vorträge  von  Professor
Dr.  Kaoul  Kichter.  (Kr.  155.)
Bietet  eine  gemeinverständliche  Darstellung  der  philosophischen  Hauptprobleme  und  der
Nichtung  ihrer  Lösung,  insbesondere  des  Lrkenntnisproblems  und  nimmt  dabei  zu  den  Standpuniten
  des  Materialismus,  Spiritualismus,  Theismus  und  pantheisiMS  Stellung,  um  zum
Schlüsse  die  religions-  und  moralphilosophischen  Fragen  zu  beleuchten.
Führende  Denker.  Geschichtliche  Einleitung  in  die  Philosophie.
von  Professor  Dr.  Jonas  Lohn.  Mit  6  Bildnissen.  (Kr.  176.)
will  durch  Geschichte  in  die  Philosophie  einleiten,  indem  es  von  sechs  großen  Denkern  das
für  die  Philosophie  dauernd  Bedeutende  herauszuarbeiten  sucht  aus  der  Überzeugung,  daß
die  Philosophie  im  Lause  ihrer  Entwicklung  mehr  als  eine  Summe  geistreicher  Einfälle
hervorgebracht  hat,  und  daß  andererseits  aus  der  Kenntnis  der  Persönlichkeiten  am  besten
das  Verständnis  für  ihre  Gedanken  zu  gewinnen  ist.  So  werde»  die  scheinbar  entlegenen
und  lebensfremden  Gedanken  aus  der  Seele  führender,  die  drei  fruchtbarsten  Zeitalter  in  der
Geschichte  des  philosophischen  Denkens  vertretender  Geisteshelden  heraus  in  ihrer  inneren,
lebendigen  Bedeutung  nahe  zu  bringen  gesucht,  Sokrates  und  Platon,  Descartes  und  Spinoza,
Kant  und  Fichte  in  diesem  Sinne  behandelt.
vie  Philosophie  der  Gegenwart  in  Deutschland.  Line  Eharakteristik
ihrer  Hauptrichtungen.  von  prof.Dr.  Oswald  Külpe.  4.  Ñuflage.  (Kr.41.)
Schildert  die  vier  Hauptrichtungen  der  deutschen  Philosophie  der  Gegenwart,  de»  positlvismus,
  Materialismus,  Naturalismus  und  Idealismus,  nicht  nur  im  allgemeinen,  sondern  auch
durch  eingehendere  Würdigung  einzelner  typischer  Vertreter  wie  Mach  und  Vühring,  Haeckel,
Nietzsche,  Fechner,  Lohe,  v.  Hartmann  und  Wundt.
s.  a.  Buddha;  Herbart;  Kant;  Lebensanschauungen;  Menschenleben;
Mystik;  Keligion;  Komantik;  Rousseau;  Schopenhauer;  Spencer;  Weltanschauung; ­
  Weltproblem.
        <pb n="195" />
        27

Ñus  Natur  und  Geîsteswelt.
Jeder  Band  geheftet  ITC.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  Ï1Î.  1.25.

Photochemie,  von  Professor  Dr.  Gottfried  Kümmell.  TTtit  23  ñbbildungen. ­
  (Nr.  227.)
Erklärt  in  einer  für  jeden  verständlichen  Darstellung  die  chemischen  Vorgänge  und  Gesetze
der  Einwirkung  des  Lichtes  auf  die  verschiedenen  Substanzen  und  ihre  praktische  Anwendung,
besonders  in  der  Photographie,  bis  zu  dem  jüngsten  Verfahren  der  Farbenphotographie.
Physik  s.  Lichts  Mikroskop;  Moleküle;  Naturlehre;  (vptik;  Stereoskop;
strahlen;  Wärme.
Physiologie  s.  Geistesleben;  Mensch.
Planeten.  Die  Planeten,  von  Prof.  Dr.  Bruno  Peter.  Mit  18  Figuren.
(Nr.  240.)
Gibt  eine  nach  dem  heutigen  Stande  unseres  Wissens  orientierte  Schilderung  der  einzelnen
Körper  unseres  Planetensystems,  wobei  Gestalt  und  Dimensionen  der  Planeten,  ihre  Rotations»
Verhältnisse,  die  Topographie  ihrer  Oberfläche  und  auch  die  Beschaffenheit  der  sie  umgebenden
Lufthülle,  ebenso  wie  ihr  Aggregatzustand,  soweit  Spektralanalyse  und  phonometrie  über  sie
Aufschluß  zu  geben  vermögen,  und  die  sie  begleitenden  Trabanten  in  den  Kreis  der  Betrachtung ­
  gezogen  werden  und  wobei  der  weg  angegeben  wird,  der  zur  Erkenntnis  der  Beschaffenheit ­
  der  Himmelskörper  geführt  hat.
Plankton.  Das  Süßwafser-Plankton.  Einführung  in  die  freischwebende
©rganismenwelt  unserer  Teiche,  Flüsse  und  Leebecken,  von  Dr.  ©tío
Zacharias.  Mit  49  Ñbbildungen.  (Nr.  156.)
Gibt  eine  Anleitung  zur  Kenntnis  der  interessantesten  Planktonorganismen,  jener  mikrojkopisch
  kleinen  und  für  die  Existenz  der  höheren  Lebewesen  und  für  die  Naturgeschichte  der
Gewässer  so  wichtigen  Tiere  und  pflanzen.  Die  wichtigsten  Formen  werden  vorgeführt  und
die  merkwürdigen  Lebensverhältnisse  und  -bedingungen  dieser  unsichtbaren  Welt  einfach  und
doch  vielseitig  erörtert.
Polarforschung.  Die  Polarforschung.  Geschichte  der  Entdeckungsreisen
zum  Nord-  und  Südpol  von  den  ältesten  Zeiten  bis  zur  Gegenwart,  von
Professor  Dr.  Kurt  hassert.  2.  umgearbeitete  Auflage.  Mit  6  Karten
auf  2  Tafeln.  (Nr.  38.)
Das  in  der  neuen  Auflage  bis  auf  die  Gegenwart  fortgeführte  und  im  einzelnen  nicht
unerheblich  umgestaltete  Buch  faßt  in  gedrängtem  Überblick  die  Hauptergebnisse  der  Nordund
  Südpolarforschung  zusammen.  Nach  gemeinverständlicher  Erörterung  der  Ziele  arktischer
und  antarktischer  Forschung  werden  die  polarreisen  selbst  von  den  ältesten  Zeiten  bis  zur
Gegenwart  geschildert  unter  besonderer  Berücksichtigung  der  topographischen  Ergebnisse.
Politik  s.  England;  Friedensbewegung;  Geschichte;  Internationalismus.
Pompeji,  eine  hellenistische  Stadt  in  Italien,  von  hofrat  Professor  Dr.
Friedrich  v.  Duhn.  Mit  62  Ñbbildungen  und  1  Tafel.  (Nr.  114.)
Sucht,  durch  zahlreiche  Abbildungen  unterstützt,  an  dem  besonders  greifbaren  Beispiel  Pompejis
die  Übertragung  der  griechischen  Kultur  und  Kunst  nach  Italien,  ihr  werden  zur  Weltkultur
und  woltkunst  verständlich  zu  machen,  wobei  die  Hauptphasen  der  Entwicklung  Pompejis,
immer  im  Hinblick  auf  die  gestaltende  Bedeutung,  die  gerade  der  Hellenismus  für  die  Ausbildung ­
  der  Stadt,  ihrer  Lebens-  und  Kunstformen  gehabt  hat,  zur  Darstellung  gelangen.
Post.  Das  Postwesen,  seine  Entwicklung  und  Bedeutung,  von  postrat
Johannes  Bruns.  (Nr.  165.)
Schildert  immer  unter  besonderer  Berücksichtigung  der  geschichtlichen  Entwicklung  die  Post
als  Ltaatsverkehrsanstalt,  ihre  Organisation  und  ihren  Wirkungskreis,  das  Tarif-  und  Ge.
bührenwesen,  die  Beförderungsmittel,  den  Betriebsdienst,  den  Weltpostverein  sowie  die  deutsch«
Post  im  In-  und  Ausland.
f.  a.  Telegraphie.
Preutzen  f.  Friedrich  der  Große.
Psychologie  s.  Hypnotismus;  Kind;  Kriminalpsychologie;  Mensch;  Nervensystem; ­
  Seele;  verbrechen.
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        ñus  Natur  und  Geisteswelt.
Jeder  Land  geheftet  M.  I.—,  in  Leinwand  gebunden  IN.  1.25.

Reaktion  f.  Geschichte.
Recht.  Moderne  Nechtsprobleme.  Vonprofessor  Josef  Köhler.  (Nr.  128.)
Behandelt  nach  einem  einleitenden  Abschnitte  über  Rechtsphilosophie  die  wichtigsten  und
interessantesten  Probleme  der  modernen  Rechtspflege,  insbesondere  die  des  Strafrechts,  des
Strafprozesses,  des  Genossenschaftsrechts,  der  3ivilprozesses  und  des  Völkerrechtes.
Die  Jurisprudenz  im  häuslichen  Leben.  Für  Familie  und  Haushalt ­
  dargestellt  von  Rechtsanwalt  Paul  Bienengräber.  2  Bände.
(Nr.  219.  220.)
Band  I:  vie  Familie.  (Nr.  219.)
Band  II:  ver  Haushalt.  (Nr.  220.)
Behandelt  in  anregender,  durch  zahlreiche,  dem  täglichen  Leben  entnommene  Beispiele  belebter ­
  Vorstellung  alle  in  Familie  und  Haushalt  vorkommenden  Rechtsfragen  und  Rechtsfälle, ­
  so  Rechtsfähigkeit  der  Ehegatten  und  der  Rinder,  Nnnahme  an  Rinderstatt  und  Erbrecht, ­
  ferner  die  für  Rechtsgeschäfte  geltenden  allgemeinen  Grundsätze  sowie  insbesondere
Besitz  und  Eigentum,  Rauf  und  Varlehen,  Werk-  und  Vienstvertrag  und  namentlich  auch  die
Rechtsverhältnisse  der  Dienstboten.
s.  a.  Lherecht;  Gewerbe;  Kriminalpsychologie;  Mietrecht;  Wahlrecht.
Religion.  Die  Grundzüge  der  israelitischen  Religionsgeschichte,  von
Professor  vr.  Friedrich  Giesebrecht.  2.  Ñuflage.  (Hr.  52.)
Schildert,  wie  Israels  Religion  entsteht,  wie  sie  die  nationale  Schale  sprengt,  um  in  den
Propheten  die  Ansätze  einer  Menschheitsreligion  auszubilden,  wie  auch  dies«  neue  Religion
sich  verpuppt  in  die  Formen  eines  Priesterstaats.
Religion  und  Naturwissenschaft  in  Kampf  und  Frieden.  Ein
geschichtlicher  Rückblick  von  Dr.  Ñugust  pfannkuche.  (Nr.  141.)
will  durch  geschichtliche  Darstellung  der  Beziehungen  beider  Gebiete  eine  vorurteilsfreie  Beurteilung ­
  des  heiß  umstrittenen  Problems  ermöglichen.  Ausgehend  von  der  ursprünglichen
Einheit  von  Religion  und  Naturerkennen  in  den  Naturreligionen  schildert  der  Verfasser  das
Entstehen  der  Naturwissenschaft  in  Griechenland  und  der  Religion  in  Israel,  um  dann  zu
zeigen,  wie  aus  der  verschwisterung  beider  jene  ergreifenden  Ronflikte  erwachsen,  die  sich
besonders  an  die  Namen  von  Ropernikus  und  varwin  knüpfen.
Die  religiösen  Strömungen  der  Gegenwart,  von  Superintendenten
v.  ñugust  Heinrich  Braasch.  (Nr.  66.)
will  die  gegenwärtige  religiös«  Lage  nach  ihren  bedeutsamen  Seiten  hin  darlegen  und  ihr
geschichtliches  Verständnis  verniitteln;  die  markanten  Persönlichkeiten  und  Richtungen,  die  durch
wissenschaftliche  und  wirtschaftliche  Entwicklung  gestellten  Probleme  wie  die  Ergebnisse  der
Forschung,  der  Ultramontanismus  wie  die  christliche  Liebestätigkeit  gelangen  zur  Behandlung.
Die  Stellung  der  Religion  im  Geistesleben,  von  Lie.  Dr.  Paul
Kölroeit.  (Nr.  225.)
will  die  Ligenart  der  R-ligion  und  zugleich  ihren  Zusammenhang  mit  dem  übrigen  Geistesleben, ­
  insbesondere  Wissenschaft,  Sittlichkeit  und  Runst  aufzeigen,  mit  der  Erörterung  der  für
das  Problem  bedeutsamsten  religionsphilosophischen  und  theologischen  Anschauungen,  wobei
Rant,  Fries,  Schleiermacher,  Hegel,  Rierkegaard,  Lohen,  Natorp,  Lucken  u.  a.  Berücksichtigung
finden.
s.  a.  Bibel;  Buchgewerbe;  Buddha;  Lalvin;  Ehristentum;  Germanen;
Jesuiten;  Jesus;  Luther;  Mystik;  Palästina.  ,
Rembrandt,  von  Professor  Dr.  Paul  Schubring.  Mit  einem  Titelbild ­
  und  49  Ñbbildungen.  (Nr.  158.)
Lin«  durch  zahlreich«  Abbildungen  unterstützte  lebensvolle  Schilderung  des  menschlichen  i»id
künstlerischen  Entwicklungsganges  Rembrandts.  Zur  Darstellung  gelangen  seine  personlichen
  Schicksale  bis  1642,  die  Frühzeit,  die  Zeit  bis  zu  Saskias  Lode,  die  Nachtwache,
Rembrandts  Verhältnis  zur  Bibel,  die  Radierungen,  Urkundliches  über  die  Zeit  nach  1642,
die  Periode  des  farbigen  Helldunkels,  die  Gemälde  nach  der  Nachtwache  und  die  Spätzeit.
Beigefügt  find  die  beiden  ältesten  Biographien  Rembrandts.
        <pb n="197" />
        29

ñus  Natur  und  Geisleswelt.
Jeder  Band  geheftet  IN.  Ì.—,  in  Leinwand  gebunden  ITC.  1.25.

Revolution  1848  f.  Geschichte.
Rom.  Soziale  Kämpfe  im  alten  Nom.  von  Privatdozenten  Dr.  Ceo  Bloch.
2.  Auflage.  (Nr.  22.)
Behandelt  die  Sozialgeschichte  Roms,  soweit  sie  mit  Rücksicht  auf  die  die  Gegenwart  bewegenden
Fragen  von  allgemeinem  Interesse  ist.  Insbesondere  gelangen  die  durch  die  Großmachtstellung
Roms  bedingte  Entstehung  neuer  sozialer  Unterschiede,  die  Herrschaft  des  Amtsadels  und  des
Kapitals,  auf  der  anderen  Seite  eines  großstädtischen  Proletariats  zur  Darstellung,  die  ein
Ausblick  auf  di«  Lösung  der  Parteikämpfe  durch  die  Monarchie  beschließt.
s.  a.  Soziale  Bewegungen.
Romantik.  Deutsche  Romantik.  Line  Skizze  von  Professor  Dr.  ©sfar
Z.walzel.  (Hr.  232.)
Gibt  vom  Standpunkte  der  durch  die  neuesten  Forschungsergebnisse  völlig  umgestalteten  Betrachtungsweise ­
  auf  Grund  eigener  Forschungen  des  Verfassers  in  gedrängter,  klarer  Form
ein  Bild  jener  Epoche,  insbesondere  der  sogenannten  Frühromantik,  in  deren  Mittelpunkt
Friedrich  Schlegel  und  Karoline  stehen,  deren  Wichtigkeit  für  das  Bewußtsein  der  Herkunft
unserer  wichtigsten  treibenden  Gedanken  ständig  wächst  und  die  an  Reichtum  der  Gefühle,
Gedanken  und  Erlebnisse  von  keiner  anderen  übertroffen  wird.
s.  a.  Literaturgeschichte  s  IRusik.
Rousseau,  von  Professor  Dr.  Paul  hensel.  Mit  1  Bildnisse  Rousseaus.
(Nr.  180.)
viese  Darstellung  Rousseaus  will  diejenigen  Seiten  der  Lebensarbeit  des  großen  Genfers  hervorheben, ­
  welche  für  die  Entwicklung  des  deutschen  Idealismus  bedeutungsvoll  gewesen  sind,
seine  Bedeutung  darin  erkennen  lassen,  daß  er  für  Goethe,  Schiller,  Herder,  Kant,  Fichte  die
unumgängliche  Voraussetzung  bildet.  In  diesem  Sinne  werden  nach  einer  kurzen  Lharakterskizze
  Rousseaus  die  Geschichtsphilosophie,  die  Rechtsphilosophie,  die  Lrziehungslehre,  der  von
Rousseau  neugeschaffene  Roman  und  die  Religionsphilosophie  dargestellt.
s.  a.  Philosophie.
Säugling.  Der  Säugling,  seine  Ernährung  und  seine  Pflege,  von  Dr.
Walter  Raupe.  Mit  17  Abbildungen.  (Nr.  154.)
will  der  jungen  Mutter  oder  Pflegerin  in  allen  Fragen,  mit  denen  sie  sich  im  Interesse  des
Keinen  Erdenbürgers  beschädigen  müssen,  den  nötigen  Rat  erteilen.  Außer  der  allgemeinen
geistigen  und  körperlichen  Pflege  des  Kindchens  wird  besonders  die  natürliche  und  künstlich«
Ernährung  behaildelt  und  für  alle  diese  Fälle  zugleich  praktische  Anleitung  gegeben.
Schachspiel,  von  Dr.  Max  Lange.
Sucht  durch  eingehende,  leichtverständliche  Einführung  in  die  Spielgesetze  sowie  durch  eine
größere,  mit  Erläuterungen  versehene  Auswahl  interessanter  Schachgänge  berühmter  Meister
diesem  anregendsten  und  geistreichsten  aller  Spiele  neue  Freunde  und  Anhänger  zu  werben.
Schiffahrt.  Deutsche  Schiffahrt  und  Schiffahrtspolitik  der  Gegenwart,
von  Professor  Dr.  Karl  Thieß.  (Nr.  169.)
Verfasser  will  weiteren  Kreisen  eine  genaue  Kenntnis  unserer  Schiffahrt  erschließen,  indem
er  in  leicht  faßlicher  und  doch  erschöpfender  Darstellung  einen  allgemeinen  Überblick  über
das  gesamte  deutsche  Schiffswesen  gibt  mit  besonderer  Berücksichtigung  seiner  geschichtlichen
Entwicklung  und  seiner  großen  volkswirtschaftlichen  Bedeutung.
s.  a.  Nautik.
Schiller,  von  Professor  Dr.  Theodor  Ziegler.  Mit  dem  Bildnis  Schillers
von  Kügelgen  in  Heliogravüre.  (Nr.  74.)
Gedacht  als  eine  Einführung  in  das  Verständnis  von  Schillers  Werdegang  und  Werken,
behandelt  das  Büchlein  vor  allem  die  Dramen  Schillers  und  sein  Leben,  daneben  aber  auch
einzelne  seiner  lyrischen  Gedichte  und  die  historischen  und  die  philosophischen  Studien  als  ein
wichtiges  Glied  in  der  Kette  seiner  Entwicklung.
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        ñus  Natur  und  Geisleswelt.
Jeder  Band  geheftet  IN.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  IN.  1.25.

Schopenhauer.  Seine  Persönlichkeit,  seine  Lehre,  seine  Bedeutung.  Sechs
Vorträge  von  Realschuldirektor  Hans  Richert.  2.  Ruflage.  ITCit  dem
Bildnis  Schopenhauers.  (Rr.  81.)
Unterrichtet  über  Schopenhauer  in  seinem  werden,  seinen  Werken  und  deren  fortwirken,  in
seiner  historischen  Bedingtheit  und  seiner  bleibenden  Bedeutung,  indem  es  eine  gründliche
Einführung  in  die  Schriften  Schopenhauers  und  zugleich  einen  zusammenfassenden  Überblick
über  das  Ganze  seines  philosophischen  Systems  gibt.
s.  a.  Philosophie.
Schriftwesen.  Schrift-  und  Buchwesen  in  alter  und  neuer  Zeit,  von
Professor  Dr.  &amp;lt;v.  Meise.  2.  Ruflage.  Mit  37  Rbbildungen.  (lit.  4.)
verfolgt  durch  mehr  als  vier  Jahrtausende  Schrift-,  Brief-  und  Zeitungswesen,  Buchhandel
und  Bibliotheken;  wir  hören  von  den  Bibliotheken  der  Babylonier,  von  den  Zeitungen  im
alten  Nom,  vor  allem  aber  von  der  großartigen  Entwicklung,  die  „Schrift-  und  Buchwesen"  i»
der  neuesten  Zeit,  insbesondere  seit  Erfindung  der  Buchdruüerkunst  genommen  haben.
s.  a.  Buchgewerbe.
Schulhygiene,  von  Privatdozenten  Dr.  Leo  Burgerstein.  Mit  einem
Bildnis  und  33  Figuren.  (Rr.  96.)
Bietet  eine  auf  den  Forschungen  und  Erfahrungen  in  den  verschiedensten  Kulturländern  beruhende
Darstellung,  die  ebenso  die  Hygiene  des  Unterrichts  und  Schullebens  wie  jene  des  Hauses,
die  im  Zusammenhang  mit  der  Schule  stehenden  modernen  materiellen  Wohlfahrtseinrichtungen, ­
  endlich  die  hygienische  Unterweisung  der  Jugend,  die  Hygiene  des  Lehrers
und  die  Schularztfrage  behandelt.
Geschichte  des  deutschen  Schulwesens,  von  Gberrealschuldirektor
Dr.  Karl  Knabe.  (Rr.  85.)
Stellt  die  Entwicklung  des  deutschen  Schulwesens  in  feinen  Hauptperioden  dar  und  bringt  so
die  Anfänge  des  deutschen  Schulwesens,  Scholastik,  Humanismus.  Ueformation,  Gegenreformation,
neue  Lildungsziele,  Pietismus,  Philanthropismus,  Aufklärung,  Neuhumanismus,  Prinzip  der
allseitigen  Ausbildung  vermittels  einer  Anstalt,  Teilung  der  Arbeit  und  den  nationale»
Humanismus  der  Gegenwart  zur  Darstellung.
Schulkämpfe  der  Gegenwart.  Vorträge  zum  Kampf  um  die
Volksschule  in  Preußen,  gehalten  in  der  humboldt-Rkademie  in  Berlin,
von  Johannes  Tews.  (Rr.  IN.)
Knapp  und  doch  umfassend  stellt  der  Verfasser  die  Probleme  dar,  um  die  es  sich  bei  der
Keorganisation  der  Volksschule  handelt,  deren  Stellung  zu  Staat  und  Kirche,  deren  Abhängigkeit ­
  von  Zeitgeist  und  Zeitbedürfnissen,  deren  Wichtigkeit  für  die  Herausgejtaltung  einer
volksfreundlichen  Gejamtkultur  scharf  beleuchtet  werden.
Schulwesen.  Volksschule  und  Lehrerbildung  der  vereinigten  Staaten  in
ihren  hervortretenden  Zügen.  Reiseeindrücke,  von  Direktor  Dr.  Franz
Küppers.  Mit  einem  Titelbild  und  48  Rbbildungen.  (Rr.  150.)
Schildert  anschaulich  das  Schulwesen  vom  Kindergarten  bis  rur  Hochschule,  überall  das
wesentliche  der  amerikanischen  Erziehungsweise  (die  stete  Erziehung  zum  Leben,  das  Wecken
des  öetätigungstriebes,  das  Hindrängen  auf  praktische  Verwertung  usw.)  hervorhebend  und
unter  dem  Gesichtspunkte  der  Beobachtungen  an  unserer  schulentlassenen  Jugend  in  den  Fortbildungsschulen ­
  zum  vergleich  mit  der  heimischen  Unterrichtsweise  anregend.
s.  a.  Bildungswesen;  Erziehung;  Fortbildungsschulwesen;  Fröbel;
hilfsschulwesen;  Hochschulen;  Jugendfürsorge;  Kind;  Mädchenschule;  Pädagogik; ­
  Pestalozzi;  Schulhygiene;  Universität.
Seekrieg  s.  Kriegswesen.
Seele.  Die  Seele  des  Menschen,  von  Professor  Dr.  Johannes  Rehmke.
2.  Ruflage.  (Nr.  36.)
Behandelt,  von  der  Tatsache  ausgehend,  daß  der  lNensch  eine  Seele  habe,  die  ebenso  gewiß
sei  wie  die  andere,  daß  der  Körper  eine  Gestalt  habe,  das  Seelenwesen  und  das  Seelenleben
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        31

Ñus  Natur  und  Geisleswelt.
Jeder  Band  geheftet  ITC.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  ITC.  1.25.

und  erörtert,  unter  Ñbwehr  der  materialistischen  und  halbmaterialistischen  Ñnschauungen,  von
dem  Standpunkt  aus,  daß  die  Seele  Unkörperliches,  Immaterielles  sei,  nicht  etwa  eine  Bestimmtheit ­
  des  menschlichen  Einzelwesens,  auch  nicht  eine  Wirkung  oder  eine  „Funktion"  des
Gehirns,  die  verschiedenen  Tätigkeitsäußerungen  des  als  Seele  Erkannten.
Shakespeare.  Shakespeare  und  seine  Zeit,  von  Professor  Dr.  Ernst
Step  er.  Mit  3  Tafeln  und  3  Textbildern.  (Hr.  185.)
(Etne  „(Einführung  in  Shakespeare",  die  ein  tieferes  Verständnis  seiner  Werke  aus  der  Kenntnis
der  Seitverhältntsse  wie  des  Lebens  des  Dichters  gewinne»  lassen  will,  die  Lhronologie  der
Dramen  festzustellen,  die  verschiedenen  Perioden  seines  dichterischen  Schaffens  zu  charakterisieren ­
  und  so  zu  einer  Gesamtwürdigung  Shakespeares,  der  Eigenart  und  ethischen  Wirkung
seiner  Dramen  zu  gelangen  sucht.
Sinne.  Die  fünf  Sinne  des  Menschen,  von  Professor  Dr.  Josef  Klemens
Kreibig.  2.  verb.  Ñuflage.  Mit  30  ñbbildungen.  (Nr.  27.)
Beantwortet  die  Fragen  über  die  Bedeutung,  Unzahl,  Benennung  und  Leistungen  der  Sinne
in  gemeinfaßlicher  weise,  indem  das  tvrgan  und  seine  Funktionsweise,  dann  die  als  Beiz
wirkenden  äußeren  Ursachen  und  zuletzt  der  Inhalt,  die  Stärke,  das  räumliche  und  zeitliche
Merkmal  der  Empfindungen  besprochen  werden.
s.  a.  Geistesleben.
Soziale  Bewegungen  und  Theorien  bis  zur  modernen  Arbeiterbewegung,
von  Gustav  Maier.  3.  ñufl.  (Nr.  2.)
In  einer  geschichtlichen  Betrachtung,  die  mit  den  altorientalischen  Kulturvölkern  beginnt,
werden  an  den  zwei  großen  wirtschaftlichen  Schriften  platos  die  Wirtschaft  der  Griechen,
an  der  Gracchischen  Bewegung  die  der  Körner  beleuchtet,  ferner  die  Utopie  des  Thomas  Morus,
andererseits  der  Bauernkrieg  behandelt,  die  Bestrebungen  Tolberts  und  das  Merkantiljystem,
die  physiokraten  und  die  ersten  wissenschaftlichen  Staatswirtschaftslehrer  gewürdigt  und  über
die  Entstehung  des  Sozialismus  und  die  Anfänge  der  neueren  Handels-,  Soll-  und  Verkehrspolitik ­
  aufgeklärt.
s.  a.  Ñrbeiterschutz;  Frauenarbeit;  Internationalismus;  Konsumgenossenschaft; ­
  Frauenbewegung;  Nom.
Spencer.  Herbert  Spencer,  von  Dr.  Karl  Schwarze.  Mit  dem
Bildnis  Spencers.  (Nr.  245.)
Gibt  nach  einer  biographischen  Einleitung  eine  ausführliche  Darstellung  des  auf  dem  Lntwicklungsgedanken
  aufgebauten  Systemes  Herbert  Spencers  nach  seinen  verschiedenen  Leiten,
nämlich  philosophische  Grundlegung,  Biologie,  Psychologie,  Soziologie  und  Ethik,  die  überall
  die  leitenden  Gedanken  scharf  hervortreten  läßt.
Spiele  s.  Mathematik,  Schachspiel.
Sprache  s.  Muttersprache;  Stimme.
Slädtewesen.  Die  Städte.  Geographisch  betrachtet,  von  Professor
Dr.  Kurt  h  assert.  Mit  21  ñbbildungen.  (Nr.  163.)
Behandelt  als  versuch  einer  allgemeinen  Geographie  der  Städte  einen  der  wichtigsten  ñbschnitie
  der  Siedlungskunde,  erörtert  die  Ursache  des  Entstehens,  Wachsens  und  Vergehens
der  Städte,  charakterisiert  ihre  landwirtschaftliche  und  Verkehrs-Bedeutung  als  Grundlage  der
Großstadtbildung  und  schildert  das  Städtebild  als  geographische  Erscheinung.
Deutsche  Städte  und  Bürger  im  Mittelalter,  von  Professor  Dr.
B.  heil.  2.  Ñuflage.  Mit  zahlreichen  ñbbildungen  und  1  voppeltafel.
(Nr.  43.)
Stellt  die  geschichtliche  Entwicklung  dar,  schildert  die  wirtschaftlichen,  sozialen  und  staatsrecht,
lichen  Verhältnisse  und  gibt  ein  zusammenfassendes  Bild  von  der  äußeren  Erscheinung  und
dem  inneren  Leben  der  deutschen  Städte.
historische  Städtebilder  aus  Holland  und  Niederdeutschland.  Vorträge
gehalten  bei  der  Gberschulbehörde  zu  Hamburg,  von  Negierungs-Baumeister ­
  a.  v.  ñlbert  Erbe.  Mit  59  Ñbbildungen.  (Nr.  117.)
        <pb n="200" />
        32

ñus  Natur  und  Geisteswelt.
Jeder  Band  geheftet  III.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  IÎÎ.  1.25.

will  dem  als  Zeichen  wachsenden  Kunstverständnisses  zu  begrüßenden  Sinn  für  die  tîeize  der
alten  malerischen  Städtebilder  durch  eine  mit  Abbildungen  reich  unterstützte  Schilderung  der
so  eigenartigen  und  vielfachen  Herrlichkeit  Ñlt-Hollands  wie  Niederdeutschlands,  ferner  Danzigs,
Lübecks,  Bremens  und  Hamburgs  nicht  nur  vom  rein  künstlerischen,  sondern  auch  vom  kulturgeschichtlichen ­
  Standpunkt  aus  entgegenkommen.
Städtewesen  s.  a.  Altertums  Gartenstadtbewegung;  Pompeji.
Statistik  s.  Bevölkerungslehre.
Stereoskop.  Vas  Stereoskop  und  seine  Anwendungen,  von  Professor
Theodor  Hartwig.  Mit  40  Abbildungen  und  19  stereoskopischen  Tafeln.
(Nr.  135.)
Behandelt  die  verschiedenen  Erscheinungen  und  praktischen  Anwendungen  der  Stereoskopie,  insbesondere ­
  die  stereoskopischen  Himmelsphotographien,  die  stereoskopische  Darstellung  mikroskopischer
  Objekte,  das  Stereoskop  als  Meßinstrument  und  die  Bedeutung  und  Anwendung  des
Stereokomparators,  insbesondere  in  bezug  auf  photogrammetrische  Messungen.  Beigegeben
sind  19  stereoskopische  Tafeln.
s.  a.  Mikroskops  Optik.
Stimme.  Die  menschliche  Stimme  und  ihre  Hygiene.  Sieben  volkstümliche
Vorlesungen,  von  Professor  Dr.  Paul  h.  Gerber.  Mit  20  Abbildungen.
(Nr.  136.)
Nach  den  notwendigsten  Erörterungen  über  das  Zustandekommen  und  über  die  Natur  der
Töne  werden  der  Kehlkopf  des  Menschen,  sein  Vau,  seine  Verrichtungen  und  seine  Funktion  als
musikalisches  Instrument  behandelt;  dann  werden  die  Gesang-  und  die  Sprechstimme,  ihre
Ausbildung,  ihre  Fehler  und  Erkrankungen  sowie  deren  Verhütung  und  Behandlung,  insbesondere ­
  Erkältungskrankheiten,  die  professionelle  Stimmschwäche,  der  Alkoholeinfluß  und
die  Abhärtung  erörtert.
Strahlen.  Sichtbare  und  unsichtbare  Strahlen,  von  Professor  Dr.  Richard
Born  stein  und  Professor  Dr.  ID.  Marckwald.  Mit  82  Abbildungen.
(Hr.  64.)
Schildert  die  verschiedenen  Arten  der  Strahlen,  darunter  die  Kathoden-  und  Nöntgenstrahlen,
die  kjertzschen  Wellen,  die  Strahlungen  der  radioaktiven  Körper  (Uran  und  Nadium)  nach  ihrer
Entstehung  und  Wirkungsweise,  unter  Darstellung  der  charakteristischen  Vorgänge  der  Strahlung.
s.  a.  Licht.
Sützwasser-Plantton  s.  Plankton.
Technik.  Am  sausenden  Ivebstuhl  der  Zeit.  Übersicht  über  die  Wirkungen
der  Entwicklung  der  Naturwissenschaften  und  der  Technik  auf  das  gesamte
Kulturleben,  von  Geh.  Regierungsrat  Professor  Dr.  Wilhelm  Laun-Hardt.
  2.  Auflage.  Mit  16  Abbildungen  und  auf  5  Tafeln.  (Nr.  23).
Ein  geistreicher  Rückblick  auf  die  Entwicklung  der  Naturwissenschaften  und  der  Technik,  der
die  Weltwunder  unserer  Zeit  verdankt  werden.
s.  a.  Automobil;  Beleuchtungsarten;  Buchgewerbe;  Chemie;  Dampf;
Eisenbahnen;  Eisenhüttenwesen;  Elektrochemie;  Elektrotechnik;  Funkentelegraphie; ­
  Gewerbe;  Hebezeuge;  Heizung  (und  Lüftung);  Ingenieurtechnik;
Metalle;  Mikroskop;  Pflanzen;  Post;  Rechtsschutz;  Stereoskop;  Technische
Hochschulen;  Telegraphie;  Uhr;  Wärmekraftmaschinen;  Wasserkraftmaschinen.
Technische  Hochschulen  in  Nordamerika,  von  Professor  Siegmund
Müller.  Mit  zahlreichen  Abbildungen,  einer  Karte  und  einem  Lageplan.
(Nr.  190.)
Gibt,  von  lehrreichen  Abbildungen  unterstützt,  einen  anschaulichen  Überblick  über  Organisation,
Ausstattung  und  Unterrichtsbetrieb  der  amerikanischen  technischen  Hochschulen  unter  besonderer
Hervorhebung  der  sie  kennzeichnenden  Merkmale:  enge  Fühlung  zwischen  Lehrern  und
Studierenden  nnd  vorwiegend  praktische  Tätigkeit  in  Laboratorien  und  Werkstätten.
Tee  s.  Botanik;  Kaffee.
        <pb n="201" />
        ñus  Natur  und  Geîsteswelt.
Jeder  Band  geheftet  ITC.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  M.  1.25.

Telegraphie,  vie  Telegraphie  in  ihrer  Entwicklung  und  Bedeutung,  von
Postrat  Johannes  Bruns.  Mit  4  Figuren.  (Nr.  183.)
Gibt  auf  der  Grundlage  eingehender  praktischer  Kenntnis  der  einschlägigen  Verhältnisse  eine»
Einblick  in  das  für  die  heutige  Kultur  so  bedeutungsvolle  Gebiet  der  Telegraphie  und  seine
großartigen  Fortschritte.  Nach  einem  Überblick  über  die  Entwicklung  dieses  Nachrichtenwesens
aus  seinen  akustischen  und  optischen  Anfängen  werden  zunächst  die  internationalen  und
nationalen  rechtlichen,  danach  die  technischen  Grundlagen  (Stromquellen,  Leitungen,  Apparate  usw.)
behandelt,  sodann  die  (Organisation  des  Fernsprechwesens,  die  Unterseekabel,  die  großen  festländischen ­
  Telegraphenlinien  und  die  einzelnen  Zweige  des  Telegraphen-  und  Fernsprechbetriebsdienstes ­
  erörtert.
Die  Entwicklung  der  Telegraphen-  und  Fernsprechtechnik,  von
Telegrapheninspektor  Helmut  Brick.  Mit  58  Abbildungen.  (Nr.  235.)
Schildert  den  Entwicklungsgang  der  Telegraphen,  und  Fernsprechtechnik  von  Flammenzeichen
und  Kufposten  bis  zum  modernen  Mehrfach-  und  Maschinentelegraphen  und  von  Philipp  Reis'
und  Graham  veils  Erfindung  bis  zur  Einrichtung  unserer  großen  Fernsprechämter.  Sn
kurzen  Abschnitten  wird  auch  die  Anwendung  von  Telegraph  und  Fernsprecher  im  Heere,  im
Eisenbahnbetriebe  u.  a.  m.  besprochen.  Die  für  das  Verständnis  der  Wirkungsweise  von
Apparaten  und  Stromquellen  nötige  Darstellung  der  physikalischen  und  chemischen  Grundlagen
ist  kurz  und  gemeinverständlich  gegeben,  und  ebenso  ist,  ohne  durch  technische  Einzelheiten  zu
ermüden,  bet  allen  Apparaten  und  Schaltungen  das  Prinzip  dargestellt.
s.  a.  Funkentelegraphie.
Theater.  Vas  Theater.  Schauspielhaus  und  Schauspielkunst  vom  griechischen ­
  Altertum  bis  auf  die  Gegenwart,  von  vr.  Christian  Gaehde.
Mit  20  Abbildungen.  (Nr.  230.)
Eine  Darstellung  zugleich  des  Theaterbaus  und  der  Schauspielkunst  vom  griechischen  Altertum
bis  auf  die  Gegenwart,  wobei  ebenso  die  Zusammenhänge  der  klassisch-griechischen  Varstellungskunst ­
  und  Theater-Architektur  mit  dem  Spiel  der  wandernden  Kittn  n  des  Mittelalters  und
dem  Theaterbau  der  Kenaissance  aufgezeigt,  wie  die  ganze  Entwicklung  des  modernen  deutschen
Theaters  von  den  Bestrebungen  der  Neuberin  bis  zum  heutigen  „Impressionismus"  aus  ihren
geschichtlichen  und  psychologischen  Bedingungen  verständlich  zu  machen  gesucht  wird.
Theologie  s.Bibel;  Buddhas  Talvin;  Christentum:  Jesus;  Jesuiten;  Luther;
Mystik;  Palästina:  Religion.
Tierleben.  Tierkunde.  Line  Einführung  in  die  Zoologie,  von  Privatdozent ­
  Dr.  Kurt  Hennings.  Mit  34  Abbildungen.  (Nr.  142.)
Will  die  Einheitlichkeit  des  gesamten  Tierreiches  zum  Ausdruck  bringen,  Bewegung  und  Empfindung,
  Stoffwechsel  und  Fortpflanzung  als  die  charakterisierenden  Eigenschaften  aller  Tiere
darstellen  und  sodann  die  Tätigkeit  des  Tierleibes  aus  seinem  Vau  verständlich  machen,  wobei
der  Schwerpunkt  der  Darstellung  auf  die  Lebensweise  der  Tiere  gelegt  ist.  So  werden  nach
eineyz  vergleich  der  drei  Naturreiche  die  Bestandteile  des  tierischen  Körpers  behandelt,  sodann
ein  Überblick  über  die  sieben  großen  Kreise  des  Tierreiches  gegeben,  ferner  Bewegung  und
Bewegungsorgane,  Aufenthaltsort,  Bewußtsein  und  Empfindung,  Nervensystem  und  Sinnesorgane,
  Stoffwechsel,  Fortpflanzung  und  Entwicklung  erörtert.
Zwiegestalt  der  Geschlechter  in  der  Tierwelt  (Dimorphismus),  von
Dr.  Friedrich  Knauer.  Mit  37  Abbildungen.  (Nr.  148.)
Zeigt,  von  der  ungeschlechtlichen  Fortpflanzung  zahlreicher  niederster  Tiere  ausgehend,  wie
sich  aus  diesem  lsermaphroditismus  allmählich  die  Zweigeschlechtigkeit  herausgebildet  hat  und
sich  bei  verschiedenen  Tierarten  zu  auffälligstem  geschlechtlichem  Dimorphismus  entwickelt,  an
interessanten  Fällen  solcher  Verschiedenheit  zwischen  Männchen  und  Weibchen,  wobei  vielfach
die  Brutpflege  in  der  Tierwelt  und  das  Verhalten  der  Männchen  zu  derselben  erörtert  wird.
Lebensbedingungen  und  Verbreitung  der  Tiere,  von  Professor
Dr.  (Dtto  Maas.  Mit  Karten  und  Abbildungen.  (Nr.  139.)
Lehrt  das  Verhältnis  der  Tierwelt  zur  Gesamtheit  des  Lebens  auf  der  Erde  verständnisvoll
ahnen,  zeigt  die  Tierwelt  als  einen  Teil  des  organischen  Lrdganzen,  die  Abhängigkeit  der
Verbreitung  des  Tieres  nicht  nur  von  dessen  Lebensbedingungen,  sondern  auch  von  der  Erdgeschichte,
  ferner  von  Nahrung,  Temperatur,  Licht,  Luft,  Feuchtigkeit  und  Vegetation,  wie
von  dem  Eingreifen  des  Menschen  und  betrachtet  als  Ergebnis  an  der  Hand  von  Karten  die
geographische  Einteilung  der  Tierwelt  auf  der  Erde  nach  besonderen  Gebieten.
3

33
        <pb n="202" />
        34

ñus  Natur  und  Geisteswelt.
Jeder  Band  geheftet  IÏÏ.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  M.  1.25.

Tierleben.  Die  Tierwelt  des  Mikroslops  (die  Urtiere),  von  privatdozent
Dr.  Richard  Goldschmidt.  Mit  39  Abbildungen.  (Nr.  160.)
Bietet  nach  dem  Grundsatz,  daß  die  Kenntnis  des  Einfachen  grundlegend  zum  Verständnis  des
Komplizierten  ist,  eine  einführende  Darstellung  des  Lebens  und  des  Baues  der  Urtiere,  dieses
mikroskopisch  kleinen,  formenreichen,  unendlich  zahlreichen  Geschlechtes  der  Tierwelt  und  stellt
nicht  nur  eine  anregende  und  durch  klbbildungen  instruktive  Lektüre  dar,  sondern  vermag
namentlich  auch  zu  eigener  Beobachtung  der  wichtigen  und  interessanten  Tatsachen  vom  Bau
und  aus  dem  Leben  der  Urtiere  anzuregen.
Die  Beziehungen  der  Tiere  zueinander  und  zur  Pflanzenwelt,  von
Professor  Dr.  Karl  Kraepelin.  (Nr.  79.)
Stellt  in  großen  Fügen  eine  Fülle  wechselseitiger  Beziehungen  der  (Organismen  zueinander
dar.  Familienleben  und  Staatenbildunq  der  Tiere,  wie  die  interessanten  Beziehungen  der  Tiere
und  pflanzen  zueinander  werden  geschildert.
s.  a.  Ameise;  Bakterien;  Befruchtungsvorgang;  Fortpflanzung;
Haustiere;  Korallen;  Meeresforschung;  Mensch  und  Tier;  pflanzen;
Plankton;  vogelleben.
Tonkunst  s.  Musik.
Tuberkulose.  Die  Tuberkulose,  ihr  Wesen,  ihre  Verbreitung,  Ursache,
Verhütung  und  Heilung.  Gemeinfatzlich  dargestellt  von  Generaloberarzt
Prof.  Dr.  Wilhelm  Schumburg.  Mit  1  Tafel  und  8  Figuren.  (Nr.  47.)
Schildert  nach  einem  Überblick  über  die  Verbreitung  der  Tuberkulose  das  wesen  derselben
beschäftigt  sich  eingehend  mit  dem  Tuberkelbazillus,  bespricht  die  Maßnahmen,  durch  die  man
ihn  von  sich  fernhalten  kann,  und  erörtert  die  Fragen  der  Heilung  der  Tuberkulose,  vor  allem
die  hygienisch-diätetische  Behandlung  i»  Sanatorien  und  Lungenheilstätten.
Turnen.  Deutsches  Ringen  nach  Kraft  und  Schönheit.  Aus  den  literarischen
Zeugnissen  eines  Jahrhunderts  gesammelt,  von  Turninspektor  Karl
Möller.  In  2  Bänden.
I.  Band:  von  Schiller  bis  Lange.  (Nr.  188.)
II.  Band:  3n  Vorbereitung.
will  für  die  die  Gegenwart  bewegenden  Probleme  einer  harmonischen  Tnisaltung  aller
Kräfte  des  Körpers  und  Geistes  die  gewichtigsten  Zeugnisse  aus  de»  Schriften  unserer  führenden
Geister  beibringen.  Vas  erste  Bändchen  enthält  Ñussprüche  und  Uufsätze  von  Schiller,  Goethe,
Jean  Paul,  Gutsmuths,  Iahn,  viesterweg,  Koßmätzler,  Spieß,  Fr.  Th.  vischer  und  Fr.  Ñ.  Lange.
Die  Leibesübungen  und  ihre  Bedeutung  für  die  Gesundheit,  von
Professor  Dr.  Richard  Zander.  2.  Aufl.  Mit  19  Abbildungen.  (Nr.  13.)
will  darüber  aufklären,  weshalb  und  unter  welchen  Umständen  die  Leibesübungen  segensreich
wirken,  indem  es  ihr  Wesen,  andererseits  die  in  Betracht  kommenden  Grgane  bespricht;  erörtert
besonders  die  Wechselbeziehungen  zwischen  körperlicher  und  geistiger  Ñrbeit,  die,Leibesübungen
der  Frauen,  die  Bedeutung  des  Sportes  und  die  Gefahren  der  sportlichen  Übertreibungen.
s.  a.  Gesundheitslehre.
Uhr.  Die  Uhr.  Grundlagen  und  Technik  der  Zeitmessung,  von  Reg.°
Bauführer  a.  D.  h.  Bock.  Mit  47  Abbildungen  im  Text.  (Nr.  216.)
Behandelt  Grundlagen  und  Technik  der  Zeitmessung,  indem  es,  vo»  d  m  astronomischen  Voraussetzungen ­
  der  Zeitbestimmung  und  den  wichtigsten  Meßmethoden  ausgehend,  den  wunderbaren
Mechanismus  der  Zeitmesser  einschließlich  der  feinen  Präzisionsuhren  auseinandersetzt  und
sowohl  die  theoretischen  Grundlagen  wie  die  wichtigsten  Teile  des  M  chanismus  selbst:  die
Hemmung,  die  Ñntriebskraft,  das  Zahnrädersystem,  das  Pendel  und  die  Unruhe  behandelt,
unterstützt  durch  zahlreiche  Zahlenbeispiele  und  technische  Zeichnungen.
Universität.  Die  amerikanische  Universität,  von  Ph.  D.  Tdward
Vaiavan  perry.  Mit  22  Abbildungen.  (Nr.  206.)
Unterrichtet  über  die  Entwicklung  des  gelehrten  Unterrichts  in  Nordamerika,  über  Staatsund ­
  Privat-Universitäten,  beleuchtet  den  Unterschied  zwischen  amerikanischen  und  deutschen
tsochschul  n  der  Wissenschaft,  belehrt  über  die  akademischen  Grade,  würden,  Stipendien  und
baulichen  Einrichtungen,  wie  Laboratorien,  Museen  und  Bibliotheken  und  zeigt  Stätten  und
Leben  der  berühmtesten  amerikanischen  Hochschulen  im  Bilde.
        <pb n="203" />
        ñus  Natur  und  Geisteswett.
Jeder  Band  geheftet  IN.  I.—,  in  Leinwand  gebunden  IN.  1.25.

Unterrichtswesen  s.  Vildungswesen;  Erziehung:  Hilfsschulwesen:  Rnabenhandarbeit;
  Jugendfürsorge:  Mädchenschule:  Pädagogik;  Schulhygiene;
Schulwesen:  Technische  Hochschulen:  Turnen;  Universität.
Utilitarismus  s.  Lebensanschauungen.
verbrechen  und  Aberglaube.  Skizzen  aus  der  volkskundlichen  Rriminaliftik.
  von  Rammergerichtsreferendar  Dr.  Albert  Dellwig.  (Nr.  212.)
Gibt  interessante  Bilder  aus  dem  Gebiete  des  kriminellen  ñberglaubens,  z.  B.  von  modernen
ļfexenprozessen,  dem  vampyrglauben,  von  Besessenen  und  Geisteskranken,  Wechselbälgen,
Sympathiekuren,  Blut  und  Menschenfleisch  als  Heilmittel,  Totenfetische,  verborgene  Schätze,
Meineidszeremonien,  Kinderraub  durch  Zigeuner  u.  a.  mehr.
s.  a.  Rriminalpsychologie.
Verfassung.  Grundzüge  der  Verfassung  des  Deutschen  Reiches.  Sechs
Vorträge  von  Professor  Dr.  Edgar  Loen  in  g.  2.  Auflage.  (Hr.  34.)
Beabsichtigt  in  gemeinverständlicher  Sprache  in  das  verfassungsrecht  des  Deutschen  Reiches
einzuführen,  soweit  dies  für  jeden  Deutschen  erforderlich  ist,  und  durch  Ausweisung  des  3u.
sammenhanges  sowie  durch  geschichtliche  Rückblicke  und  vergleiche  den  richtigen  Standpunkt
für  das  Verständnis  des  geltenden  Rechtes  zu  gewinnen.
f.  a.  Fürstentum.
Verkehrsentwicklung  in  Deutschland.  1800—1900.  Vorträge  über
Deutschlands  Eisenbahnen  und  Binnenwasserstraßen,  ihre  Entwicklung  und
Verwaltung  sowie  ihre  Bedeutung  für  die  heutige  Volkswirtschaft  von
Professor  Dr.  Walter  Lotz.  2.  Auflage.  (Hr.  15.)
Gibt  nach  einer  kurzen  Übersicht  über  die  lsauptsortschritte  in  den  Verkehrsmitteln  und  deren
wirtschaftliche  Wirkungen  eine  Geschichte  des  Eisenbahnwesens,  schildert  den  heutigen  Stand
der  Lisenbahnverfussung,  das  Güter-  und  das  Personentarifwesen,  die  Reformversuche  und  die
Reformfrage,  ferner  die  Bedeutung  der  Binnenwasserstraßen  und  endlich  die  Wirkungen  der
modernen  Verkehrsmittel.
s.  a.  Automobil;  Eisenbahnen;  Funkentelegraphie;  Internationalismus; ­
  Nautik;  Post;  Schiffahrt;  Technik;  Telegraphie.
Versicherung.  Grundzüge  des  Versicherungswesens,  von  Professor  Dr.
Alfred  Manes.  (Hr.  105.)
Behandelt  sowohl  die  Stellung  der  Versicherung  im  Wirtschaftsleben,  die  Entwicklung  der  versicherung,
  die  Drganisation  ihrer  Unternehmungsformen,  den  Geschäftsgang  eines  Versicherungsbetriebs, ­
  die  Versicherungspolitik,  das  Versicherungsvertragsrecht  und  die  versicherunqswissenschaft,
  als  die  einzelnen  Zweige  der  Versicherung,  wie  Lebensversicherung,  Unfallversicherung,
Haftpflichtversicherung,  Transportversicherung,  Feuerversicherung,  ksagelversicherung,  Vieh-Versicherung,
  kleinere  versicherungszweige,  Rückversicherung.
s.  a.  Arbeiterschutz.
vogelleben.  Deutsches  vogelleben,  von  Professor  Dr.  Alwin  Voigt.
(Nr.  221).
Schildert  die  gesamte  deutsche  Vogelwelt  in  der  Verschiedenartigkeit  der  Vaseinsbedingungen
in  den  wechselnden  Landschaften  unserer  deutschen  Heimat,  wobei  besonders  wert  auf  die
Kenntnis  der  vogelftimmen  gelegt  wird,  und  es  führt  so  in  Stadt  und  Dorf,  in  den  Schloßpark,
  in  den  Nadelwald,  aus  Feld  und  Wiesengelände,  ins  Heidemoor  und  den  Kranichbruch,
an  die  Bäche,  Teiche  und  Seen  und  ins  Hochgebirge.
Volkskunde.  Deutsche  Volksfeste  und  Volkssitten,  von  Hermanns.  Rehm.
Mit  11  Abbildungen  im  Text.  (Rr.  214).
Bietet  mit  der  durch  Abbildungen  unterstützten  Schilderung  der  Entstehung  und  Entwicklung
der  Volksfeste  von  seinem  sittlichen  Ernst,  seinem  gesunden  Empfinden  zeugende  Bilder  aus
unserem  Volksleben.  Berücksichtigt  ist  der  ganze  Kreis  der  Feste:  weihnachts-,  &amp;lt;v  ter-  und
Pfingstfest,  Lichtmeß  und  Fasching,  Frühjahrs-  und  Maitest,  Johannis-,  Silvester,  und  Neulahrsfeier,
  Kirchweih-  und  Schützenfest,  Zunftleben  und  Bergmannsbrauch,  wie  Tauf-,  Hochzeits-
  und  Totenbräuche.
s.  st.  Aberglaube;  Dorf;  Haus;  verbrechen.

35

3*
        <pb n="204" />
        36

ñus  Natur  und  Geisteswett.
Jeder  Band  geheftet  lïï.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  IÏÏ.  1.25.

Volkslied.  Das  deutsche  Volkslied.  Über  Wesen  und  Werden  des  deutschen
Volksgesanges,  von  Privatdozent  Br.  I.  W.  Bruinier.  Z.  umgearbeitete
und  vermehrte  ñuflage.  (Nr.  7.)
Handelt  in  schwungvoller  Darstellung  vom  wesen  und  werden  des  deutschen  Volksgesanges,
unterrichtet  über  die  deutsche  Volksliederpflege  in  der  Gegenwart,  über  wesen  und  Ursprung
des  deutschen  Volksgesanges,  Skop  und  Spielmann,  Geschichte  und  Mär,  Leben  und  Liebe.
s.  a.  Lyrik.
Volksschule  s.  Schulwesen.
Volksstämme.  Die  deutschen  Volksstämme  und  Landschaften,  von  Professor
Dr.  (Vskar  Weise.  3.  Auflage.  Mit  29  Abbildungen  irrt  Text  und  auf
15  Tafeln.  (Nr.  16.)
Schildert,  durch  eine  gute  Auswahl  von  Städte-,  Landschafts-  und  anderen  Bildern  unterstützt,
die  Ligenart  der  deutschen  Gaue  und  Stämme,  die  charakteristischen  Ligeniümlichkeiten  der
Landschaft,  den  Einfluß  auf  das  Temperament  und  die  geistige  Anlage  der  Menschen,  die
Leistungen  hervorragender  Männer,  Sitten  und  Gebräuche,  Sagen  und  Märchen,  Besonderheiten ­
  in  der  Sprache  und  Hausetnrichtung  u.  a.  m.
Volkswirtschaftslehre  s.  Altertum  ^  Amerika;  Arbeiterschutz;  Bevölkerungslehre ­
  :  Buchgewerbe;  Deutschland;  England;  Frauenarbeit;  Frauenbewegung;
Handel;  Japan;  Internationalismus;  Konsumgenossenschaft;  Landwirtschaft;
Münze;  Schiffahrt:  Soziale  Bewegungen;  Perkehrsentwicklung;  Versicherung;
Weltwirtschaft;  Wirtschaftsgeschichte.
Wahlrecht.  Das  Wahlrecht,  von  Regierungsrat  Br.  Dskar  poensgen.
(Nr.  249.)
Behandelt  in  gedrängter  und  dabei  doch  allgemein  verständlicher  Form  die  bei  der  Beurteilung
der  wahlrechtssqsteme  maßgebenden  Faktoren  sowie  die  verschiedenen  Arten  der  wahlrechtssqsteme
  selbst,  wobei  an  den  einzelnen  Theorien  eine  von  einseitigem  Parteistanüpunkte  freie,
aber  freimütige,  jeweils  die  vor-  und  Nachteile  objektiv  abwägende  Krttif  geübt  wird  und
schließt  mit  einer  übersichtlichen,  äußerst  lehrreichen  Darstellung  der  Wahlrechte  in  den  deutschen,
den  übrigen  europäischen  sowie  den  wichtigsten  außereuropäischen  Staaten.
Wald.  Der  deutsche  Wald,  von  Professor  Br.  Hans  Hausrath.  Mit
15  Abbildungen  und  2  Karten.  (Nr.  153.)
Schildert  unter  besonderer  Berücksichtigung  der  geschichtlichen  Entwicklung  die  Lebens»
beüingungen  und  den  Zustand  unseres  deutschen  Waldes,  die  Verwendung  seiner  Erzeugnisse
sowie  seine  günstige  Einwirkung  auf  Mima,  Fruchtbarkeit,  Sicherheit  und  Gesundheit  des
Landes  und  erörtert  zum  Schlüsse  die  pflege  des  Waldes  und  die  Aufgaben  seiner  Eigentümer, ­
  ein  Büchlein  also  für  jeden  waldsreund.
warenzeichenrecht  s.  Gewerbe.
Wärme.  Die  Lehre  von  der  Wärme.  Gemeinverständlich  dargestellt  von
Professor  Dr.  Richard  Börnstein.  Mit  33  Abbildungen.  (Nr.  172.)
Bietet  eine  klare,  keine  erheblichen  vorkenntntsse  erfordernde,  alle  vorkommenden  Experimente
in  Worten  und  vielfach  durch  Zeichnungen  schildernde  Darstellung  der  Tatsachen  und  Gesetze
der  Wärmelehre.  So  werden  Ausdehnung  erwärmter  Körper  und  Temperaturmessung,  Wärmemessung ­
  ,  Wärme-  und  Kältequellen,  Wärme  als  Energieform,  Schmelzen  und  Erstarren,
Sieden,  verdampfen  und  verflüssigen,  Verhalten  des  Wasserdampfes  in  der  Atmosphäre,
Dampf-  und  andere  wärmemaschinen  und  schließlich  Bewegung  der  Wärme  behandelt.
s.  a.  Themie.
Wärmekraftmaschinen.  Einführung  in  die  Theorie  und  den  Vau  der
neueren  Wärmekraftmaschinen  (Gasmaschinen),  von  Prof.  Richard  Vater.
2.  Auflage.  Mit  34  Abbildungen.  (Nr.  21.)
will  Interesse  und  Verständnis  für  die  immer  wichtiger  werdenden  Gas-,  Petroleum-  und
Lenzinmaschinen  erwecken.  Nach  einem  einleitenden  Abschnitte  folgt  eine  kurze  Besprechung
der  verschiedenen  Betriebsmittel,  wie  Leuchtgas,  Kraftgas  usw.,  der  Viertakt-  und  Zweitaktwirkung, ­
  woran  sich  dann  das  wichtigste  über  die  Bauarten  der  Gas-,  Benzin-,  Petroleumund
  Spiritusmaschinen  sowie  eine  Darstellung  des  Wärmemotors  Patent  Diesel  anschließt.
        <pb n="205" />
        37

ñus  Natur  und  Geisteswelt.
Zeder  Land  geheftet  IN.  I.—,  in  Leinwand  gebunden  IN.  1.25.

Wärmekraftmaschinen.  Neuere  Fortschritte  auf  dem  Gebiete  der  Wärmekraftmaschinen. ­
  von  Professor  Richard  Vater.  Iltit  48  Abhebungen.  (Nr.86.)
Ohne  den  Streit,  ob  „Lokomobile  oder  Sauggasmaschine",  „Dampfturbine  oder
Großgasmaschine",  entscheiden  zu  wollen,  behandelt  Verfasser  die  einzelnen  Maschinengattungen
  mit  Rücksicht  auf  ihre  Vorteile  und  Nachteile,  wobei  im  zweiten  Teil  der  versuch
unternommen  ist,  eine  möglichst  einfache  und  leichtverständliche  Einführung  in  die  Theorie
und  den  Sau  der  Dampfturbine  zu  geben.
s.  a.  Automobil;  Dampf.
Wasser  s.  Chemie.
Wasserkraftmaschinen.  Die  Ivasserkraftmaschinen  und  die  Ausnützung
der  Wasserkräfte,  von  Geh.  Negierungs-Rat  Albrecht  v.  Ihering.  INit
73  Figuren.  (Nr.  228.)
Führt  de»  Leser  vom  primitiven  Mühlrad  bis  zu  den  großartigen  Anlagen,  mit  denen  die
moderne  .Technik  die  Kraft  des  Wassers  zu  den  gewaltigsten  Leistungen  auszunützen  versteht,
und  vermittelt  an  besonders  typischen  konkreten  Beispielen  modernster  Anlagen  eine»  klaren
Einblick  in  Sau,  Wirkungsweise  und  Wichtigkeit  dieser  modernen  Betriebe.
Weltall.  Der  Bau  des  Weltalls,  von  Professor  Dr.  z.  Scheinet.
3.  Auflage.  INit  24  Figuren  und  einer  Tafel.  (Nr.  24.)
Stellt  nach  einer  Belehrung  über  die  wirklichen  Verhältnisse  von  Raum  und  Zeit  im  weitall
dar,  wie  das  Weltall  von  der  Erde  aus  erscheint,  erörtert  den  inneren  Bau  des  Weltalls,
d.  h.  die  Struktur  der  selbständigen  Himmelskörper  und  schließlich  die  Frage  über  die  äußere
Konstitution  der  Fixsternwelt.
Entstehung  der  Welt  und  der  Erde,  nach  Sage  und  Wissenschaft.
von  Professor  D.  IN.  B.  Weinstein.  (Nr.  223.)
Stellt  die  Lösungen  dar,  die  das  uralte  und  doch  nie  gelöste  Problem  der  Entstehung  der
Welt  und  der  Erde  einmal  in  den  Sagen  aller  Völker  und  Zeiten,  andererseits  in  den  wissenschaftlichen ­
  Theorien,  von  den  jonischen  Naturphilosophen  an  bis  auf  Kant,  Kelvin  und
Arrhenius,  gesunden  hat.
s.  a.  Astronomie.
Weltanschauung.  Die  Weltanschauungen  der  großen  Philosophen  der
Neuzeit,  von  Professor  Dr.  Ludwig  Busse.  3.  Auflage.  (Nr.  56.)
will  mit  den  bedeutendsten  Erscheinungen  der  neueren  Philosophie  bekannt  machen  unter
Beschränkung  auf  die  Darstellung  der  großen  klassischen  Systeme,  die  es  ermöglicht,  die  beherrschenden ­
  und  charakteristischen  Grundgedanken  eines  jeden  scharf  herauszuarbeiten  und
so  ein  möglichst  klares  Gesamtbild  der  in  ihm  enthaltenen  Weltanschauung  zu  entwerfen.
s.  o.Kant;  Lebensanschauung;  Menschenleben;  Philosophie;  Nousseau;
Schopenhauer;  Weltproblem.
Weltäther  s.  Moleküle.
Welthandel  s.  Handel;  Internationalismus;  Verkehrsentwicklung.
Weltproblem.  Das  Weltproblem  von  positivistischem  Standpunkte  aus.
von  Privatdozent  Dr.  Josef  petzoldt.  (Nr.  133.)
Lucht  die  Geschichte  des  Nachdenkens  über  die  Welt  als  eine  sinnvolle  Geschichte  von  Irrtümern
psychologisch  verständlich  zu  machen  im  Dienste  der  von  Schuppe,  Mach  und  Avenarius  vertretenen ­
  Anschauung,  daß  es  keine  Welt  an  sich,  sondern  nur  eine  Welt  für  uns  gibt.  Ihre
Elemente  sind  nicht  Atome  oder  sonstige  absolute  Existenzen,  sondern  Farben-.  Ton-,  Druck-,
Raum-,  Zeit-  usw.  Empfindungen.  Trotzdem  aber  sind  die  Dinge  nicht  bloß  subjektiv,  nicht
bloß  Bewußtseinserscheinungen,  vielmehr  müssen  die  aus  jenen  Empfindungen  zusanimengesetzten
  Bestandteile  unserer  Umgebung  fortexistierend  gedacht  werden,  auch  wenn  wir  sie
nicht  mehr  wahrnehmen.
s.  a.  Philosophie;  Weltanschauung.
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        38

ñus  Natur  und  Geisteswelt.
Jeder  Land  geheftet  ITC.  I.—,  in  Leinwand  gebunden  IN.  1.25.

Weltwirtschaft.  Deutschlands  Stellung  in  der  Weltwirtschaft,  von
Professor  Dr.  Paul  Ñrndt.  (Hr.  179.)
Will  in  das  Wunderwerk  menschlichen  Scharfsinns,  menschlicher  Geschicklichkeit  und  menschlicher
Kühnheit,  das  die  Weltwirtschaft  darstellt,  einführen,  indem  unsere  wirtschaftlichen  Beziehungen
zum  Auslande  dargestellt,  die  Ursachen  der  gegenwärtigen  hervorragenden  Stellung  Deutschlands ­
  in  der  Weltwirtschaft  erörtert,  die  Vorteile  und  Gefahren  dieser  Stellung  eingehend
behandelt  und  endlich  die  vielen  wirtschaftlichen  und  politischen  Aufgaben  skizziert  werden,
die  sich  aus  Deutschlands  internationaler  Stellung  ergeben.
s.  a.  England;  Handel;  Internationalismus;  Wirtschaftsgeschichte.
Wetter,  wind  und  Wetter.  Fünf  votträge  über  die  Grundlagen  und
wichtigeren  Ñufgaben  der  INeteorologie.  von  Professor  Dr.  Leonhard
Weber.  INit  27  Figuren  und  3  Tafeln,  (tir.  55.)
Schildert  die  historischen  wurzeln  der  Meteorologie,  ihre  physikalischen  Grundlagen  und  ihre
Bedeutung  im  gesamten  Gebiete  des  Wissens,  erörtert  die  hauptsächlichsten  Aufgaben,  die  dem
ausübenden  Meteorologen  obliegen,  wie  die  praktische  Anwendung  in  der  Wettervorhersage.
Wirtschaftsgeschichte.  Die  Entwicklung  des  deutschen  Wirtschaftslebens
im  letzten  Jahrhundert,  von  Professor  Dr.  Ludwig  Pohle.  2.  Auflage.
(Nr.  57.)
Gibt  in  gedrängter  Form  einen  Überblick  über  die  gewaltige  Umwälzung,  die  die  deutsche
Volkswirtschaft  im  letzten  Jahrhundert  durchgemacht  hat:  die  Umgestaltung  der  Landwirtschaft,'
die  Lage  von  Handwerk  und  Hausindustrie,'  die  Entstehung  der  Großindustrie  mit  ihren  Begleiterscheinungen; ­
  Kartellbewegung  und  Arbeiterfrage;  die  Umgestaltung  des  Verkehrswesens
und  die  Wandlungen  auf  dem  Gebiete  des  Handels.
Deutsches  Wirtschaftsleben.  Auf  geographischer  Grultdlage  geschildert
von  Professor  Dr.  Christian  Gruber.  Neubearbeitet  von  Dr.  £7ans
Neinlein.  2.  Auflage.  (Nr.  42.)
Beabsichtigt,  ein  gründliches  Verständnis  für  den  sieghaften  Aufschwung  unseres  wirtschaftlichen ­
  Lebens  seit  der  Wiederaufrichtung  des  Ueichs  herbeizuführen  und  darzulegen,  inwieweit
sich  Produktion  und  Verkehrsbewegung  auf  die  natürlichen  Gelegenheiten,  die  geographischen
Vorzüge  unseres  Vaterlandes  stützen  können  und  in  ihnen  sicher  verankert  liegen.
wirtschaftliche  Erdkunde,  von  Professor  Dr.  Christian  Gruber.
(Hr.  122.)
will  die  ursprünglichen  Zusammenhänge  zwischen  der  natürlichen  Ausstattung  der  einzelnen
Länder  und  der  wirtschaftlichen  Kraftäußerung  ihrer  Bewohner  klarmachen  und  das  Verständnis ­
  für  die  wahre  Machtstellung  der  einzelnen  Völker  und  Staaten  eröffnen.  Vas  Weltmeer ­
  als  Hochstraße  des  Weltwirtschaftsverkehrs  und  als  Quelle  der  Völkergröße  —  die
Landmassen  als  Schauplatz  alles  Kulturlebens  und  der  Weltproduktion  —  Europa  nach  seiner
wirtschaftsgeographischen  Veranlagung  und  Bedeutung  —  die  einzelnen  Kulturstaaten  nach
ihrer  wirtschaftlichen  Entfaltung:  all  dies  wird  in  anschaulicher  und  großzügiger  weise
vorgeführt.
s.  a.  Altertums  Amerika;  Bevölkerungslehre;  Deutschland;  Eisenbahnen; ­
  England;  Frauenarbeit;  Geographie;  ļfandel;  Handwerk;  Japan;
Internationalismus;  Konsumgenossenschaft;  Landwirtschaft;  Nom;  Schifffahrt; ­
  Soziale  Bewegungen;  Verkehrsentwicklung;  Weltwirtschaft.
Zahnpflege.  Das  menschliche  Gebiß,  seine  Erkrankung  und  Pflege,  von
Zahnarzt  Fritz  Jäger.  INit  24  Abbildungen  und  einer  Doppeltafel.
(Nr.  229.)
Schildert  die  Entwicklung  und  den  Aufbau  des  menschlichen  Gebisses,  die  Erkrankungen  der
Zähne  an  sich,  die  Wechselbeziehungen  zwischen  Zahnzerstörnis  und  Gesamtorganismus  und
sucht  vor  allem  zu  zeigen,  wie  unserer  Jugend  durch  geeignete  Ernährung  und  Zahnpflege
ein  gesundes  Gebiß  geschaffen  und  erhalten  werden  kaun.
Zoologie  s.  Ameisen;  Bakterien;  Haustiere;  Korallen;  INensch;  Plankton;
Tierleben;  vogelleben.
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        39

ñus  Natur  und  Geisteswelt.
Jeder  Land  geheftet  ITC.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  ITC.  1.25.
Übersicht  nach  Verfassern.

Band-Nr.
Abel,  Ehemie  in  Küche  und  Haus  .  76
Abelsdorff,  Vas  A  ge  ....  149
st  t)  re  ns,  Mathematische  Spiele  .  .  170
Alkoholismus.  d.,  seine  Wirkungen
u.  seine  Bekämpfung,  3  Böe.  103.104.145
strndt,  K.,  Elektrochemie  ....  234
—  p.,  veutschiands  Stellung  in  der
Weltwirtschaft  179
stuerbach,  Die  Grundbegriffe  der
modernen  Naturlehre  40
v.  Bardeleben,  Anatomie  des
Menschen.  4  Bde  201—204
Bao  int,  Natürliche  und  künstliche
Pflanzen  und  Tierstoffe  ....  187
Biedermann,  Die  techir.  Lntwickl.
der  Eisenbahnen  der  Gegenwart  .  144
Bienengräber,  Die  Jurisprudenz
im  Häusl.  Leben.  2  Bde.  .  .  219/20
Bi  er  na  dt,  Die  mod.  Heilwissenschaft  25
Bitterauf,  Napoleon  1  195
—  Friedrich  der  Große  246
Blau,  Das  Automobil  166
Bloch,  Soziale  Kämpfe  im  alten  Rom  22
Blockmann,  Luft,  Wasser,  Licht  und
Wärme  5
—  Grundlagen  der  Elektrotechnik.  .  168
Bock,  vie  Uhr  216
Boehmer,  Jesuiten  49
—  Luther  im  Lichte  der  neueren
Forschungen  113
Bott  g  a  röt,  vie  Naturwissenschaften
im  Haushalt.  2  Bändchen.  125.  126
Bonhofs,  Jesus  u.  seine  Zeitgenossen  89
B  ö  r  n  st  e  i  n,  vie  Lehre  von  d.  Wärme  172
Börnstein  undMardwald,  Sichtbare ­

  und  unsichtbare  Strahlen  .  64
Braasch,  Religiöse  Strömungen.  .  66
Brid,  Lntwidlung  der  Telegraphie  235
Bruinier,  Das  deutsche  Volkslied  .  7
Bruns,  Vie  post  165
—  vie  Telegraphie  183
Brüsch,  vie  Beleuchtungsarten  der
Gegenwart  108
Buchgewerbe  u.  die  Kultur,  (vorträge
  v.  :  Fade,  Hermelink,  Kautzsch,
waentig,  Witkowski  und  wuttke)  182
Bud)iier,  8  Vorträge  aus  der  Gesundheitslehre ­
  1
Burgerstein,  Schulhygiene  ...  96
Bürkner,  Kunstpflege  in  Haus  und
Heimat  77
Busse,  Weltanschauungen  der  großen
Philosophen  56
Tharmatz,  Österreichs  innere  Geschichte ­
  von  1848  bis  1907.  2  Bände  242
TIa  aßen,  vie  dtsche  Landwirtschaft  215
Lohn,  Führende  Denker  176
Lrantz,  Arithmetik  und  Algebra
2  Bände  120.  205
vaenell,  Geschichte  der  ver.  Staaten
von  Amerika  147
Dietrich,  Byzant.  Lharakterköpfe  .  244
v.  vuhn,  Pompeji  114

Band-Nr.
Ldstein,  Der  Kampf  zwischen  Mensch
und  Tier  18
(Erbe,  Historische  Städtebilder  aus
Holland  und  Niederdeutschland  .  117
Flügel,  Herbarts  Lehren  und  Leben  164
Franz,  Der  Mond  90
Frech,  Aus  d.  Vorzeit  d.Lrde.  5Böe.  207/211
Frentzel,  Ernährung  und  Volksnahrungsmittel ­
  19
Fried,  Die  mod.  Friedensbewegung  157
—  Das  internat.  Leben  der  Gegenwart  226
Gaehde,  Vas  Theater  230
ffiaupp,  Psychologie  des  Kindes.  .  213
(5  eff  den,  Aus  der  Werdezeit  des
Christentums  54
Gerber,  Die  menschliche  Stimme  .  136
Giesebrecht,  Die  Grundzüge  der
israelitischen  Religionsgeschichte  .  52
Giesen  Hagen,  Unsere  wichtigsten
Kulturpflanzen  10
Gisev  lus,  werd.  ».vergeh,  d.  pflanz.  173
Goldschmidt,  vieTierwelt  d.Mikrosk.  160
—  Die  Fortpflanzung  der  Tiere  .  .253
Graetz,  Licht  und  Farben  ....  17
Graul,  Dstasiatische  Kunst.  ...  87
Gruber,  Deut^es  Wirtschaftsleben  42
—  wirtschaftliche  Erdkunde....  122
Günther,  Das  Zeitalter  der  Entdedungen
  26
Gutzeit.  Bakterien  233
Hahn,  Die  Eisenbahnen  71
Haendde,  Deutsche  Kunst  im  tägl.
Leben  198
v.  Hansemann,  Der  Aberglaube  in
der  Medizin  83
Hartwig,  Das  Stereoskop....  135
Hassert.  Die  Polarforschung  ...  38
—  Die  deutschen  Städte  163
Haushofer,  Bevölkerungslehre.  .  50
Haus  rath,  Der  deutsche  Wald  .  .  153
Heigel,  politische  Hauptströmungen
in  Europa  im  19.  Jahrhundert  .  129
Heil,  Die  deutschen  Städte  und  Bürger
im  Mittelalter  43
Heilborn,  Die  deutschen  Kolonien.
(Land  und  Leute)  98
—  Der  Mensch  62
Hellwig,  verbrechen  u.  Aberglaube  212
Hennig.Linführ.i.d.Wesen  d.Musik  119
Hennings,  Tierkunde.  Line  Einführung ­
  in  die  Zoologie....  142
Hensel,  Rousseau  180
Hesse,  Abstammungslehre  und  Darwinismus ­
  39
Hubrich,  Deutsches  Fürstentum  und
deutsches  Verfassungswesen  ...  80
Jäger,  Das  menschliche  Gebiß  .  .  229
Janson,  Meeresforsch.u.Meeresleben  30
Ihering,  wasserkraftmaschinen  und
die  Ausnützung  der  Wasserkräfte  228
Jlberg,  Geisteskrankheiten.  .  .  .  151
Ist  el,  Die  Blütezeit  der  musikalischen ­
  Romantik  in  Deutschland  .  239
        <pb n="208" />
        ñus  Natur  und  Geisteswelt.
Jeder  Band  geheftet  IN.  I.—,  in  teinwand  gebunden  IN.  1.25.

Banb.tlr.

Bah  le,  Ibsen,  Björnfon  u.  t.  Zeitgenoss.  193
Kairo  eft,  Die  Stellung  der  Religion
im  Geistesleben  225
Kampffmeyer,  Die  Gartenstadtbewegung
  259
Kaupe,  Der  Säugling  154
Kautzsch,  Die  deutsche  Illustration.  44
Keller,  Die  Stammesgeschichte  unserer ­
  Haustiere  252
Kirchhofs,  Mensch  und  Erde.  .  .  31
Kirn,  Die  sittlichen  Lebenanschauungen ­
  der  Gegenwart  .  .  .  .177
Knabe,  Gesch.  des  deutschen  Schulroes.  85
Kn  au  er,  Zwiegestalt  der  Geschlechter
in  der  Tierwelt  148
—  Die  Ameisen  94
Köhler,  Moderne  Rechtsprobleme  .  128
Kowalewski,  Infinitesimalrechnung  197
Kraepelin,  Die  Beziehungen  der
Tiere  zueinander  79
Krebs,  Haydn,  Mozart,  Beethoven  92
Kreidig,  Die  5  Sinne  des  Menschen  27
Külpe,  Die  Philosophie  d.  Gegenwart  41
—  Immanuel  Kant  146
Kfinimell,  Photochemie  227
Küster,  Vermehrung  und  Sexualität
bei  de»  Pflanzen  112
Küppers,  Volksschule  und  Lehrerbildung ­
  der  ver.  Staaten  .  .  .  150
Comperi,  DieEBeltöer(Organismen  236
Lange,  Schachspiel.-Langenbeck,
  Englands  Weltmacht  174
—  Geschichte  des  deutschen  Handels.  237
Laughlin,  Ñus  dem  amerikanischen
Wirtschaftsleben  127
Launhardt,  ctm  sausenden  Webstuhl ­
  der  Zeit  23
Lay,  Experimentelle  Pädagogik  .  .  229
Lehmann,  Mystik  im  Heidentum  ».
Christentum  217
Leid,  Krankenpflege  152
Läb,  Grundlage»  der  Chemie.  .
Coening,  Grundzüge  der  Verfassung
des  Deutschen  Reiches  34
Lotz,  Verkehrsentwicklung  in  Deutschland. ­
  1800—1900  15
Luschinv.Lbengreuth,  D.Münze  91
Maas,  Lebensbedingungen  der  Tiere  139
M  a  i  e  r,  Soziale  Beweg,  u.  Theorien  2
von  Maltzahn,  Der  Seekrieg  .  .  99
Manes.Grnndz.d.  versicherungswes.  105
Maennel,  vom  Hilfsschulwesen  .  73
Martin,  Die  höhere  Mädchenschule
in  Deutschland  65
Riatti)  a  ei,  Deutsche  Baukunst  im
Mittelalter  8
May,  Korallen  ....  .  .  231
Mayer,  Heizung  und  Lüftung  .  .  241
Mehlharn,  Wahrheit  und  Dichtung
im  Leben  Jesu  137
Merckel,Bildera.d.Ingenieurtechnik  60
—  Schöpfungen  der  Ingenieurtechnik
der  Reuzeit  28
Hier  in  g  er,  Das  deutsche  Haus  und
sein  Hausrat  .  .  .  .116

Band-Rr.

Mie,  Moleküle  —  Atome  —  Weltäther  58
Miehe,  Die  Erscheinungen  des  Lebens  130
Rii  elfe,  Das  deutsche  Dorf  .  .  .192
Möller,  Deutsches  Ringen  nach  Kraft
und  Schönheit.  1  188
Möller,  Nautik  255
Müller,  Techn.Hochschulen  v.Nordam.  190
—  Bilder  aus  der  chemischen  Technik  191
Natarp,  Pestalozzi:  Sein  Leben  und
seine  Ideen  250
v.  tiegelein,  Gemi.  Mythologie  .  95
Neurath,  Antike  Wirtschaftsgeschichte
Oppenheim,  Das  astronomische
Weltbild  im  Wandel  der  Zeit.  .110
Otto,  Das  deutsche  Handwerk.  .  .  14
—  Deutsches  Frauenleben  ....  45
Pabft,  Die  Knabenhandarbeit  .  .  140
Paulsen,  D.  deutsche  Bildungsweseir  100
perry,  Die  amerik.  Universität.  .  206
Peter,  Die.Planeten  240
Petersen,  Öffentliche  Fürsorge  für
die  hilfsbedürftige  Jugend.  .  .  161
—  Öffentliche  Fürsorge  für  die  sittlich
gefährdete  Jugend  162
Petzald,  Das  weltprablem  .  .  .  133
pfannkuche,  Relig.u.Naturwissensch.  141
pischel,  Lebe»  u.  Lehre  des  Buddha  109

Pohle,  Entwicklung  des  deutschen
Wirtschaftslebens  im  19.  Jahrh.  .  57
pallitz,  Psychologie  des  Verbrechers  248

poensgen,  Das  Wahlrecht  .  .  .  249
v.  Portugal!,  Friedrich  Fröbel.  .  82
Pott,  Der  Text  ü.  Neuen  Testaments
nach  seiner  geschichtl.  Liitwicklung  134
Rand,  Kulturgeschichte  des  deutschen
Bauernhauses  121
Rand,  Geschichte  der  Gartenkunst  .
Rath  ge»,  Die  Japaner  72
Rehm,  Dtsch.  Volksfeste  U.  Volkssitten  214
Rehmke,  Die  Seele  des  Menschen  .  36
Reu  kauf,  DiePslanzenweltd.Mikrosk.  181
Richert,  Philosophie  186
—  Schopenhauer  81
Richter,  Einführung  i.  d.  Philosophie  155
Rietsch,  Grundlagen  der  Tonkunst.  178
von  Rohr,  Optische  Instrumente  .  88
Sachs,  Bau  u.  Tätigkeit  des  menschlichen ­
  Körpers  32
Schapire-Neurath,  Friedrich  Hebbel  238
Scheffer,  Das  Mikroskop  ....  35
Scheid,  Die  Rletalle  29
Schilling,  Fortbildungsschulwesei,.
Scheiner,  Der  Bau  des  Weltalls  .  24
Sei)  irrn  ad)  er,  Die  mod.  Frauenbew.  67
Schmidt,  Geschichte  des  Welthandels  118
Schubring,  Rembrandt  ....  158
Schumburg,  Die  Tuberkulose  .  .  47
—  Die  Geschlechtskrankheiten  .  .  .251
Schwarze,  Herbert  Spencer’.  .  .  245
Schwemer,  Restauration  u.  Revalut.  37
—  Die  Reaktion  und  die  neue  Ara  .  101
—  vom  Bund  zum  Reich.  .  .  102
Sieper,  Shakespeare  185
von  Soden,  Palästina  .  ...  6
Sodeur,  Johann  Calvin  .  .  .  .247
        <pb n="209" />
        41

Ñus  Natur  und  Geisteswelt.
Jeder  Band  geheftet  ITC.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  ITC.  1.25.

Band-Nr.

von  Lothen,  vom  Kriegswesen  im
19.  Jahrhundert  59
Spierò,  Geschichte  der  deutschen  Lyrik
seit  Tlaudius  254
Spiro,  Geschichte  der  Musik  .  .  .143
Stau  dinger,  Konsumgenossenschaft  222
Stein,  Vie  Anfänge  d.  menschl.  Kultur  93
Steinhausen,  Germanische  Kultur
in  der  Urzeit  75
Sticher,Line  Gesundheitsl.f.Frauen  171
Strauß,  Mietrecht  194
Teichman  n.D.Besruchtungsvorgang  70
Lews,  Schulkämpfe  der  Gegenwart  111
—  Mod.Erziehung  in  Haus  undSchule  159
Thieß,  Deutsche  Schiffahrt.  ...  159
Thomsen,  Palästina  nach  seinen
neuesten  Ausgrabungen  ....  260
Thurn,  Die  Funkentelegraphie  .  .167
Tobler,  Kolontalbotanik  .  .  .  .184
Tolksdorf,  Gewerblicher  Rechtsschütz
  in  Deutschland  138
Trömner,  Hypnotismus  und  Sug.
gestion  199
Uhl,  Entstehung  und  Entwicklung
unserer  Muttersprache  84
Unger,  wie  ein  Such  entsteht  .  .  175
Unold,  Aufgaben  und  Ziele  des
Menschenlebens  12
Vater,  Hebezeuge  196
—  Theorie  und  Bau  der  neueren
Wärmekraftmaschinen  21
—  Die  neueren  Fortschritte  auf  dem
Gebiete  der  Wärmekraftmaschinen  86

Band-Ur.
Vater,  Dampf  und  Dampfmaschine  63
verwarn,  Mechanikd.Geisteslebens  200
voges,  Der  Dbstbau  107
Voigt,  Deutsches  vogelleben  .  .  .221
volbehr,  Bauu.Lebend.bild.Kunst  68
wahrmund,  Ehe  und  Eherecht.  .  115
walze!,  Deutsche  Uomantik  .  .  .  232
Weber,  wind  und  Wetter.  ...  55
—  von  Luther  zu  Bismarck.  2  Bde.  123.124
—  1848  53
Wedding,  Lisenhüttenwesen  ...  20
weinel,  Die  Gleichnisse  Jesu  .  .  .  46
Weinstein,  Entstehung  der  Welt
und  der  Erde  223
weise,  Schrift-  und  Buchwesen  in
alter  und  neuer  Zeit  4
—  Die  deutschen  Volksstämme  und
Landschaften  16
wieler,  Kaffee,  Tee,  Kakao  und  die
übrigen  narkot.  Aufgußgetränke  .  132
wilbrandt,  Die  Frauenarbeit.  .  106
wislicenus,  Der  Kalender  ...  69
Witkowski,  Das  deutsche  Drama
des  19.  Jahrhunderts  51
wustmann,  Albrecht  Dürer  ...  97
Zacharias,  Süßwasserplankton  .  .  156
Zander,  vom  Nervensystem  ...  48
—  Die  Leibesübungen  13
Ziebarth,  Kulturbild.a.griech.Städt.  131
Siegler,  Allgemeine  Pädagogik.  .  33
—  Schiller  74
v.  Zwiedineck-Südenhorst,  Arbeiterschutz ­
  u.  Arbeiterversicherung  78

Übersicht  nach  Wissenschaften  geordnet.

Allgemeines  vildungswesen.
Erziehung  und  Unterricht.
Das  deutsche  Bildungswesen  in  seiner  geschichtl.
  Entwicklung:  Prof.  Dr.  Fr.  Paulsen.
Allgemeine  Pädagogik:  Prof.  Dr.  Th.  Ziegler.
Experimentelle  Pädagogik:  Dr.  w.  A.  Lay.
Moderne  Erziehung  in  Haus  und  Schul«:
Lehrer  I.  Tews.
Geschichte  des  deutschen  Schulwesens:  vir.
Dr.  K.  Knabe.
SchulkäinpfederGegenwart:  LehrerI.Tews.
vie  höhere  Mädchenschule  in  Deutschland:
Dberlehrerin  M.  Martin,
vom  ksilfsschulwesen:  Rekt.  Dr.  B.  Maennel.
Das  deutsche  Fortbildungsschulwesen:  Dr.
Friedrich  Schilling.
vie  Knabenhandarbeit  in  der  heutigen  Erziehung: ­
  Direktor  Dr.  A.  padst.
Deutsches  Ringen  nach  Kraft  und  Schönheit:
Turninsp.  F.  A.  Möller.  2  Bände.  I.  von
Schiller  bis  Lange.
Schulhygiene:  Professor  Dr.  L.  Burgerstein.
Die  öffentl.  Fürsorge  für  die  hilfsbedürftige
Jugend.  Die  öffentliche  Fürsorge  f.  d.  sittlich ­
  gefährdete  und  die  gewerblich  tätige
Jugend:  Direktor  Dr.  I.  Petersen.  2  Bde.

Die  amerikanische  Universität:  prof.  E.  v.
Perry,  Ph.  D.
Technische  Hochschulen  in  Nordamerika:  prof.
Dr.  S.  Müller.
Volksschule  u.  Lehrerbildung  d.  vereinigten
Staaten:  vir.  Dr.  Fr.  Kuypers.
Pestalozzi:  Sein  Leben  und  seine  Ideen:
Prof.  Dr.  p.  Natorp.
Herbarts  Lehren  u.  Leben:  Pastor  D.  Flügel.
Friedrich  Fröbel:  A.  v.  Portugal!.
Nelļgionswiftenschaft.
Leben  u.Lehre  k  Buddha:  Prof.  Dr.  R.  pischel.
Mystik  im  Heidentum  u.  Thristentum:  voz.
Dr.  Edv.  Lehmann.
Palästina  und  seine  Geschichte:  Prof.  Dr.  H.
Frh.  v.  Soden.
Palästina  nach  den  neuesten  Ausgrabungen:
Gymnasialoberlehrer  Dr.  Peter  Thomsen.
Die  Grundzüge  der  israelitischen  Religionsgeschichte: ­
  Prof.  Dr.  Fr.  Giesebrecht.
Die  Gleichnisse  Jesu:  Prof.  Dr.  H.  weinel.
Wahrheit  und  Dichtung  im  Leben  Jesu:
Pfarrer  Dr.  p.  Mehlhorn.
Jesus  u.  s.  Zeitgenossen:  Pastor  K.  Bonhoff.
Der  Text  des  Reuen  Testaments  nach  seiner  geschichtl.
  Lntwickl.:  Div.-Pfarr.  A.  Pott.
        <pb n="210" />
        42

ñus  Natur  und  Geisleswelt.
Jeder  Band  geheftet  ITC.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  IN.  1.25.

ñus  der  Werdezeit  des  Christentums:  Prof.
Dr.  3-  Eeffcken.
Luther  im  Lichte  der  neueren  Forschung:
Prof.  Dr.  f).  Boehmer.
Johann  Tatuin:  Pfarrer  Dr.  ©.  Sodeur.
Die  Jesuiten:  Prof  Dr.  H.  Soehmer.
Die  religiösen  Strömungen  der  Gegenwart:
Superintendent  Dr.  st.  H.  vraasch.
Die  Stellung  der  Religion  im  Geistesleben:
Dir.  Lie.  Dr.  p.  Kalweit.
Religion  und  Naturwissenschaft  in  Rampf
und  Frieden:  Pastor  Dr.  st.  pfannkuche.
Philosophie  und  Psychologie.
Einführung  in  die  Philosophie:  Prof.  Dr.
R.  Richter.
Philosophie.  Einführung  in  die  wissensch.,  ihr
Wesen  u.  ihre  Probleme:  Direktor  H.Richert.
Führende  Denker:  prof.  Dr.  3-  Tohn.
Die  Weltanschauungen  der  großen  philosophen
  der  Neuzeit:  Prof.  Dr.  L.  Susse.
Die  Philosophie  der  Gegenwart  in  Deutsch»
lanü:  Prof.  Dr.  ®.  Kiilpe.
Rousseau:  Prof.  Dr.  p.  Hensel.
Immanuel  Rant:  prof.  Dr.  ®.  Kiilpe.
Schopenhauer:  Direktor  H.  Richert.
Herbarts  Lehre  u.  Leben:  Pastor  G.  Flügel,
kserbert  Spencer:  Dr.  p.  Schwarze.
Das  Weltproblem  o.  positivistischem  Standpunkt ­
  aus:  privatdozenl  Dr.  3-  Petzoldt.
stufg.  u.  Siele  d.  Menschenleb.:  Dr.  3-  Unold.
Sittliche  Lebensanschauungen  -.Gegenwart:
Prof.  Dr.  ©.  Kirn.
Mechanik  des  Geisteslebens:  Prof.  Dr.  M.
verwarn.
Hypnotismus  und  Suggestion:  Nervenarzt
Dr.  E.  Trömner.
Psychologie  des  Kindes:  Prof.  Dr.  R.  Gaupp.
Psychologie  des  Verbrechers:  Dr.  p.pollitz.
Die  Seele  des  Menschen:  Prof.  Dr.  3.  Rehmke.
Literatur  und  Sprache.
Schrift-  und  Suchwesen:  Prof.  Dr.  ffi.  weise.
Entstehung  u.  Entwicklung  unserer  Muttersprache: ­
  Prof.  Dr.  w.  Uhl.
Das  deutsche  Volkslied:  Dr.  3-  BL  Sruinier.
Friedrich  Hebbel  :  Dr.  stnna  Schapire-Neurath.
Schiller:  Prof.  Dr.  LH.  Siegler.
Deutsch«  Romantik:  Prof.  Dr.  G.  walzel.
Das  deutsche  Drama  des  19.  3«hrh.:  Prof.
Dr.  G.  Witkowski.
Das  Theater:  Dr.  Ehr.  Gaehde.
Geschichte  der  deutschen  Lyrik  seit  Tlaudius:
Dr.  fj.  Spierò.
Henrik  Ibsen,  Sjörnstjerne  vjörnson  u.  ihre
Zeitgenossen:  Prof.  Dr.  v.  Kahle.
Shakespeare:  Prof.  Dr.  E.  Sieper.
Bildende  Kunst  und  Musik.
Bau  und  Leben  der  bildenden  Kunst:  Dir.
Dr.  Th.  volbehr.
Deutsche  Saukunst  im  Mittelalter:  Prof.  Dr.
st.  Mattbaei.
Die  dtsch.  Illustration:  Prof.  Dr.  R.  Kautzsch.

Deutsche  Kunst  im  tägl.  Leben  bis  z.  Schluß
des  18.  3ahrh.  :  Prof.  Dr.  S.  Haendcke.
stlbrecht  Dürer:  Dr.  R.  wustmann.
Rembrandt:  prof.  Dr.  p.  Schubring.
Die  ostasiatische  Kunst:  Dir.  Dr.  R.  Graul.
Kunstpflege  in  Haus  u.  Heimat:  Super.  R.
Sürkner.
Geschichte  der  Musik:  Dr.  Fr.  Spiro.
Haydn,Mozart,Seetboven:  prof.Dr.T.Krebs.
Die  Grundlag.  d.  Tonkunsl:  Prof.  Dr.  H.Rietsch.
Einführung  in  das  Wesen  der  Musik:  Prof.
T.  R.  Hennig.
Die  Blütezeit  der  musikalischen  Romantik  in
Deutschland:  Dr.  E.  Istel.
Geschichte  u.  Kulturgeschichte.
Die  stnfänge  der  menschlichen  Kultur:  Prof.
Dr.  L.  Stein.
Kulturbilüer  aus  griechischen  Städten:  tvber»
lehrer  Dr.  &amp;lt;E.  Siebarth.
Pompeji,  eine  hellenistische  Stadt  in  Italien:
prof.  Dr.  F.  v.  Duhn.
Soziale  Kämpfe  im  alten  Rom:  Priv.-Doz.
Dr.  L.  Bloch.
Byzantinische  Tharakterköpfe:  Dr.  K.
Dieterich.
Germanische  Kultur  in  der  Urzeit:  Prof.
Dr.  ffi.  Steinhausen.
Germanische  Mythologie:  Dozent  Dr.  3-  v.
Regelet».
Kulturgeschichte  des  deutschen  Bauernhauses:
Reg.-Baumeister  Ehr.  Rand.
Das  deutsche  Dorf:  R.  Mielke.
Das  deutsche  Haus  und  sein  Hausrat:  Prof.
Dr.  R.  Meringer.
Deutsche  Städte  und  Bürger  im  Mittelalter:
Prof.  Dr.  B.  Heil.
Deutsche  Volksfeste  u.  Volkssitten:  H.  §.  Rehm.
Historische  Stäütebilüer  aus  Holland  und
Niederdeutschland:  Reg.-Baum.  st.  Erbe.
Das  deutsche  Handwerk  in  seiner  kulturgeschichtl.
  Lntwickl.:  Dir.  Dr.  Ed.  &amp;lt;vtto.
Deutsches  Frauenlsben  im  Wandel  der  3ahrhunderte:
  Dir.  Dr.  Ld.  Otto.
Buchgewerbe  und  die  Kultur:  Professoren
Dr.  R.  Focke,  Dr.  ffi.  Witkowski,  Dr.  R.
Kautzsch,  Dr.  R.  wuttke,  Dr.  H.  waentig,
prioatdozent  Lie.  Dr.  Hermeltnk.
Die  Münze  als  historisches  Denkmal:  Prof.
Dr.  st.  Luschtn  von  Ebengreuth,
von  Luther  zu  Bismarck:  Prof.  Dr.  &amp;lt;v.  Weber.
2  Bände.
politische  Hauptströmungen  in  Europa  im
19.  3ahrhund.:  Prof.  Dr.  K.  Th.  v.  Heigel.
Restauration  u.  Revol.:  Prof.  Dr.  R.Schwemer.
Dte  Reaktion  und  die  neue  stra:  Prof.  Dr.
R.  Schwemer.
vom  Bund  zum  Reich:  Prof.  Dr.  R.  Schwemer.
1848:  Prof.  Dr.  ffl.  Weber.
Das  Zeitalter  der  Entdeckungen  Prof.  Dr.
§.  Günther.
Englands  Weltmacht:  Dr.  w.  Langenbeck.
Napoleon  I.:  Priv.-Doz.  Dr.  Th.  Bitterauf.
Hjterreichs  innere  Geschichte  von  1848  bis
1907.  2  Bände.  R.  Tharmatz.
        <pb n="211" />
        43

ñus  Natur  und  Geisteswelt.
Jeder  Band  geheftet  ITC.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  IN.  1.25.

«beschichte  der  vereinigten  Staaten:  Prof.  Dr.
&amp;lt;E.  Darnell.
vom  Kriegswesen  im  19.  Jahrh.  :  Major  ffl.
v.  Lothen.
Der  Seekrieg:  vizeadmir.  K.  v.  Maltzahn.
Die  mod.  Friedensbewegung:  Ñ.  h.  Fried.
Die  mod.  Frauenbeweg.:  Dr.  K.  Schirmacher.
Der  Kalender:  Prof.  Dr.  tv.  5-  wislicenus.
Rechts-  und  Staatswissenschaft. ­
  Volkswirtschaft.
Deutsches  Fürstentum  und  deutsches  Verfassungswesen: ­
  Prof.  Dr.  (E.  hubrich.
Grundzüge  der  Verfassung  des  Deutschen
Kelches:  Prof.  Dr.  (E.  Loening.
Soziale  Bewegungen:  G.  Maier.
Internat.  Leben  der  Gegenwart:  fl.  h.  Fried.
Geschichte  des  Welthandels:  Dr.  Schmidt.
Geschichte  des  deutschen  Handels:  w.
Langenbeck.
Deutschlands  Stellung  in  der  Weltwirtschaft:
Prof.  Dr.  p.  Arndt.
Deutsches  Wirtschaftsleben:  Dr.  Gruber.
Die  «Entwicklung  des  deutschen  Wirtschaftslebens ­
  im  letzten  Jahrh.  :  Prof.  Dr.  L.  Pohle.
Die  deutsche  Landwirtschaft:  Dr.  w.  Tlaatzen.
flus  dem  amerikanischen  Wirtschaftsleben:
Prof.  Dr.  J.  L.  Laughlin.
Die  Japaner  und  ihre  wirtschaftliche  «Ent«
Wicklung:  Prof.  Dr.  K.  Rathgen.
Die  antike  Wirtschaftsgeschichte:  Dr.  (Dtto
Neurath.
Gartenstadtbewegung  :  Generalsekretär  Hans
Kampffmeyer.
Geschichte  der  Gartenkunst:  Bauinspektor
Reg.-Baumeister  Kaiick.
Bevölkerungslehre:  Prof.  Dr.  M.  Haushofer,
flrbeiterschutz  u.  flrbeiterversicherung:  Prof.
Dr.  ®.  v.  Zwiedineck-Südenhorst.
Konsumgenossenschaft:  Prof.  Dr.  Staudinger.
Frauenarbeit:  privatdoz.  Dr.  R.  wilbrandt.
Grundzüge  des  Versicherungswesens:  Prof.
Dr.  fl.  Manes.
Verkehrsentwicklung  in  Deutschland  1800  bis
1900:  Prof.  Dr.  w.  Latz.
Das  Postwesen:  postrat  J.  Bruns.
Die  Telegraphie:  postrat  J.  Bruns.
Die  Telegraphen-  und  Fernsprechtechnik:
Telegr.-Insp.  h.  Brick.
Deutsche  Schiffahrt  und  Schiffahrtspolitik
der  Gegenwart:  Prof.  Dr.  tt.  Thieh.
Moderne  Rechtsprobleme:  prof.Dr.  J.  Kohler,
verbrechen  ».Aberglaube:  Kammergerichtsreferendar ­
  Dr.  fl.  hellwig.
Die  Jurisprudenz  im  Häusl.  Leben:  Rechtsanwalt ­
  p.  Bienengräber.  2  Bde.  1.  Die
Familie.  II.  Der  Haushalt.
«Ehe  und  Lherecht:  Prof.  Dr.  L.  wahrmund.
Der  gewerbliche  Rechtsschutz:  Patentanwalt
B.  Tolksdorf.
Die  Miete  nach  dem  BGB.:  Rechtsanwalt
Dr.  M.  Strauß.
Das  Wahlrecht:  Reg.-Rat  Dr.  p.  poensgen.

Erdkunde.
Mensch  und  Erde:  Prof.  Dr.  fl.  Kirchhofs.
Wirtschaft!.Erdkunde:  Prof.Dr.Chr.  Gruber.
Die  deutschen  volksstSmme  und  Landschaften:
Prof.  Dr.  ©.  weise.
Die  deutschen  Kolonien.  Land  und  Leute:
Dr.  fl.  heilborn.
Die  Städte,  geogr.  betrachtet:  Prof.  Dr.  K.
h  assert.
Die  Polarforschung:  Prof.  Dr.  K.  hassert.
Meeresforsch,  u.Meeresleben:  Dr.G.Ianson.
Anthropologie.  Heilwissenschaft
  und  Gesundheitslehre.
Der  Mensch:  Dr.  fl.  heilborn.
Die  Anatomie  des  Menschen:  Prof.  Dr.  K.
v.  Bardeleben.  4  Bde.  I.  flllg.  Anatomie
und  Entwicklungsgeschichte.  II  Das  Skelett.
III.  Das  Muskel-  u.  Gefäßsystem.  IV.  Die
Eingeweide.
Bau  und  Tätigkeit  des  menschl.  Körpers:
Privatdozent  Dr.  h.  Lachs.
Acht  Vorträge  aus  der  Gesundheitslehre:
prof.  Dr.  fi.  Buchner.
Di«  moderne  Heilwissenschaft:  Dr.  Biernacki.
Der  Aberglaube  in  der  Medizin:  Prof.  Dr.
D.  v.  Hansemann.
Die  Leibesübungen:  Prof.  Dr.  R.  Zander.
Ernährung  und  Volksnahrungsmittel:  Prof.
Der  fllkoholismus,  seine  Wirkungen  und  sein«
Bekämpfung.  3  Bde.
Krankenpflege:  Ehefarzt  Dr.  B.  Leick.
vom  Nervensystem:  Prof.  Dr.  R.  Zander.
Geisteskrankheiten:  Gberarzt  Dr.  G.  Ilberg.
Die  Geschlechtskrankheiten:  Gen.-®berarzt
Prof.  Dr.  Schumburg.
Die  fünf  Sinne  des  Menschen:  Prof.  Dr.  T.
Kreidig.
Psychologie  des  Kindes:  Prof.  Dr.R.  Gaupp.
Hypnotismus  ».Suggestion:  Dr.E.Trömner.
Das  Auge  des  Menschen:  Privatdozent  Dr.
G.  flbelsdorff.
Die  menschliche  Stimme:  Prof.Dr.  Gerber.
Das  menschl.  Gebiß,  seine  «Erkrankung  und
seine  pflege:  Zahnarzt  Fr.  Jäger.
Die  Tuberkulose:  Gen.-&amp;lt;vberarzt  Prof.  Dr.
w.  Schumburg.
Der  Säugling:  Kinderarzt  Dr.  w.  Kaupe.
Gesundheitslehre  für  Frauen:  privatdoz.
Dr.  R.  Lticher.
Naturwissenschaften.
Mathematik.
Die  Grundbegriffe  der  modernen  Naturlehre  :
Prof.  Dr.  F.  Auerbach.
Moleküle,  Atome,  Weltäther:  Prof.  Dr.  G.Mie.
Das  Licht  u.  die  Farben:  Prof.  Dr.  L.  Graetz.
Sichtbare».  unsichtbareStrahle»:  Professoren
Dr.  R.  Börnstein  u.  Dr.  11).  Marckwald.
Grundlagen  der  Chemie:  Dr.  Walter  Löb.
        <pb n="212" />
        Ñus  Natur  und  GeistesweH.
Jeder  Band  geheftet  IN.  1.—,  in  Leinwand  gebunden  IN.  1.25.

Die  optischen  Instrumente:  Dr.  1ÏÏ.  v.  Rohr.
Das  Mikroskop:  Dr.  w.  Scheffer.
Das  Stereoskop:  Prof.  Th.  Hartwig.
Die  Lehre»,  d.  Wärme:  Prof.  Dr.  R.  Börnstein.
Luft,  Wasser,  Licht  und  Wärme:  Prof.  Dr.
R.  Blochmann.
Natürliche  und  künstliche  pflanzen-  u.  Tierstoffe: ­
  Oberlehrer  Dr.  B.  Bavink.
Die  Erscheinungen  des  Lebens:  privatdoz.
Dr.  Ej.  Miche.
Abstammungslehre  und  Darwinismus:  Prof.
Dr.  R.  Hesse.
Der  Befruchtungsvorg.:  Dr.  E.  Teichmann,
werden  und  vergehen  der  Pflanzen:  Prof.
Dr.  p.  Gisevius.
Vermehrung  u.  Sexualität  b.  d.  pflanzen:
Professor  Dr.  E.  Rüster.
Unsere  wichtigsten  Rulturpflanzen:  Prof.  Dr.
R.  Giesenhagen.
Der  deutsche  Wald:  Prof.  Dr.  H.  Hausrath.
Der  Obstbau:  Dr.  L.  voges.
Rolonialbotanik:  privatdoz.  Dr.  $r.  Tobler.
Raffce,  Tee,  Rafao:  Prof.  Dr.  fl.  wieler.
Die  Pflanzenwelt  des  Mikroskops:  Bürgerschullehrer ­
  L.  Reukauf.
Die  Beziehungen  der  Tiere  zueinander  und
zur  Pflanzenwelt:  Prof.  Dr.  R.  Rraepelin.
Tierkunde.  Einführung  in  die  Zoologie:  Privatdozent ­
  Dr.  &amp;lt;E.  Hennings.
Die  Stammesgeschichte  unserer  Haustiere:
Prof.  Dr.  L.  Relier.
Die  Fortpflanzung  der  Tiere:  Priv.-Doz.
Dr.  Goldschmidt.
Deutsches  Pogelleben:  Prof.  Dr.  fl.  Voigt,
florallen  u.and.  gesteinsbilüende  Tiere:  p  rof.
Dr.  w.  May.
Lebensbedingungen  u.  Verbreitung  der  Tiere  :
Prof.  Dr.  ffl.  Maas.
Die  Tierwelt  d.  Mikroskops  (Urtiere):  Priv.-Doz.
  Dr.  R.  Goldschmidt.
Die  Bakterien:  Prof.  Dr.  &amp;lt;E.  Gutzeit.
Die  Welt  d.  Organismen  :  Prof.  Dr.  Lampert.
Swiegestalt  der  Geschlechter  in  der  Tierwelt:
Dr.  Fr.  Knauer.
Die  Ameisen:  Dr.  Fr.  Rnauer.
Das  Süßwasser  -  Plankton  :  Direktor  Dr.  ©.
Zacharias.
Der  Kampf  zwischen  Mensch  u.  Tler:  Prof.
Dr.  R.  Eckstein.
wind  und  Wetter:  Prof.  Dr.  L.  Weber.
Der  Sau  des  Weltalls:  Prof.  Dr.  I.  Lcheiner.
Die  Entstehung  der  Welt  und  der  Erde  nach
Sage  u.  Wissenschaft:  Geh.  Reg.-Rat  Prof.
D.  M.  B.  Weinstein.
Das  astronomische  Weltbild  im  Wandel  der
Zeit:  Prof.  Dr.  S.  Oppenheim.
Der  Mond:  Prof.  Dr.  I.  Franz.
Der  Ralender:  Prof.  Dr.  w.  F.  wislicenus.
flus  der  Vorzeit  der  Erde:  Prof.  Dr.Fr.Frech.
5  Bände.  l.  Gebirgsbau  und  Vulkanismus.
(In  vorb.)  2.  Rohlenbildung  und  Rlima
der  Vorzeit.  (In  vorb.)  3.  Die  Arbeit  des

fließenden  Wassers.  Eine  Einleitung  in
die  physikalische  Geologie.  Die  Werke
des  Wassers  im  Ozean  und  Erüinnern.
5.  Gletscher  und  Eiszeit.
Arithmetik  und  Algebra:  Prof.  P.  Trantz.
2  Bände.
Einführung  in  die  Infinitesimalrechnung:
Prof.  Dr.  ñ.  Rowalewsky.
Mathematische  Spiele:  Dr.  w.  Ahrens.
Angewandte  Naturwissenschaft. ­
  Technik.
Am  sausenden  Webstuhl  der  Zeit:  Prof.  Dr.
w.  Launhardt.
Die  Uhr.  Grundlagen  und  Technik  der  Zeitmessung ­
  :Regierungs-BauführerIngenieur
H.  Bock.
Bilder  aus  der  Ingenieurtechnik:  Baurat
R.  Merckel.
Schöpfungen  der  Ingenieurtechnik  der  Neuzeit: ­
  Baurat  R.  Merckel.
Das  Eisenhüttenwesen:  Prof.  Dr.  H.  Wedding.
Die  Metalle:  Prof.  Dr.  R.  Scheid.
Hebezeuge:  prof.  R.  Dater.
Dampf  und  Dampfmaschine:  Prof.  R.
Vater.
Einführung  in  die  Theorie  und  den  Bau  der
neueren  Wärmekraftmaschinen:  Prof.  R.
Vater.
Neuere  Fortschritte  auf  dem  Gebiete  der
Wärmekraftmaschinen:  Prof.  R.  Vater,
wasserkrastmaschinen:  Rais.  Geh.  Rat  fl.
».  Ihering.
Die  Eisenbahnen,  ihre  Entstehung  und  gegenwärtige ­
  Verbreitung:  Prof.  Dr.  F.  Hahn.
Heizung  und  Lüftung:  Ingenieur  Johann
Lugen  Mayer.
Die  technisch«  Entwicklung  der  Eisenbahnen:
Lisenbahnbau-Insp.  E.  Biedermann.
Das  Automobil:  Ingenieur  R.  Blau.
Grundlagen  der  Elektrotechnik:  Dr.  R.
Blochmann.
Telegraphie  und  Fernsprechtechnik  in  ihrer
Entwicklung:  Telegraphen-Inspektor  H.
Brick.
Funkentelegraphie:  Ober-Postpraktikant  H.
Thurn.
Nautik:  Oberlehrer  Dr.  H.  I.  Möller.
Die  Beleuchtungsarten  der  Gegenwart:  Dr.
w.  Srüsch.
wie  ein  Buch  entsteht:  Prof.  fl.  w.  Unger.
Natürliche  und  künstliche  pflanzen-  u.  Tierstoffe:
  Oberi.  Dr.  B.  Bavink.
Bilder  aus  der  chemischen  Technik:  Dr.  fl.
Müller.
Photochemie:  Prof.  Dr.  G.  Rümmell.
Elektrochemie:  Prof.  Dr.  R.  Arndt.
Die  Naturwissenschaften  im  Haushalt:  Dr.
3.  Bongardt.  „  .
Lhemie  in  Rüche».  Haus:  Prof.Dr.  G.flbel.
        <pb n="213" />
        45

Verlag  von  B.  G.  Te  übn  er  in  Leipzig  und  Berlin.

Die  Kultur  der  Gegenwart
ihre  Entwicklung  und  ihre  Ziele.
Herausgegeben  von  Prof.  PAUL  HINNEBERG.
In  4  Teilen.  Lex.-8.  Jeder  Teil  zerfällt  in  einzelne  inhaltlich  vollständig ­
 -  in  sich  abgeschlossene  und  einzeln  käufliche  Abteilungen.
Die  „Kultur  der  Gegenwart“  soll  eine  systematisch  aufgebaute,  geschichtlich ­
  begründete  Gesamtdarstellung  unserer  heutigen  Kultur
darbieten,  indem  sie  die  Fundamentalergebnisse  der  einzelnen  Kulturgebiete ­
  nach  ihrer  Bedeutung  für  die  gesamte  Kultur  der  Gegenwart
und  für  deren  Weiterentwicklung  in  großen  Zügen  zur  Darstellung  bringt.
„Wenden  wir  aber  unseren  Blick  zu  den  einzelnen  Leistungen,  die  hier  in  reichlichster
Fülle  geboten  sind,  dann  wissen  wir  in  der  Tat  nicht,  was  wir  herausgreifen  und  nennen
sollen.  Aus  jedem  Gebiete  hat  ja  ein  Meister  seines  Faches  das  Wichtigste  kurz  und
übersichtlich  gegeben,  bald  aus  seiner  Geschichte  das  Wesen  des  behandelten  Gegenstandes ­
  erläuternd,  bald  ihn  in  mehr  prinzipieller  und  schematischer  Form  vor  dem
Leser  ausbreitend.  Abgesehen  von  dem  Wert  der  hervorragenden  Einzelleistungen  erhält
das  ganze  Unternehmen  seinen  besonderen  Wert  dadurch,  daß  es  versucht,  unser
Wissen  und  Können  zu  einer  möglichst  systematischen  Einheit  zu  verarbeiten.  Damit
wird  es  einem  gebieterischen  Bedürfnis  unserer  aus  der  seelischen  Zerklüftung  zur
Einheit  strebenden  Zeit  gerecht.“  (Deutsche  Zeitung.)
Bisher  sind  erschienen:
Teil  I,  Abt.  1:  Die  allgemeinen  Grundlagen  der  Kultur  der
iiPCTPnwiirf  Inhalt:  Das  Wesen  der  Kultur:  W.  Lexis.  —  Das  moderne  Bilucguivvaii.
  dungswesen:  Fr.  Paulsen.  —  Die  wichtigsten  Bildungsmittel.
A.  Schulen  und  Hochschulen.  Das  Volksschulwesen:  G.  Schöppa.  Das  höhere
Knabenschulwesen:  A.  Matthias.  Das  höhere  Mädchenschulwesen:  H.  G  au  dig.
Das  Fach-  und  Fortbildungsschulwesen:  G.  Kersch  enstein  er.  Die  geisteswissenschaftliche ­
  Hochschulausbildung:  Fr.  Paulsen.  Die  naturwissenschaftliche  Hochschulausbildung: ­
  W.  V.  Dyck.  B.  Museen.  Kunst-  und  Kunstgewerbe-Museen:  L.  Pallai.
Naturwissenschaftlich-technische  Museen:  K.  Kraepelin.  C.  Ausstellungen.  Kunstund
  Kunstgewerbe-Ausstellungen:  J.  Les  sing.  Naturwissenschaftlich-technische  Ausstellungen: ­
  N.  0.  Witt.  D.  Die  Musik:  G.  Göhler.  E.  Das  Theater:  P.  S  ch  1  en  th  er.
F.  Das  Zeitungswesen:  K.  Bücher.  0.  Das  Buch:  R.  Pietschmann.  H.  Die  Bibliotheken: ­
  F.  Milkau.  —  Die  Organisation  der  Wissenschaft:  H.  Diels.  [XV  u.  671  S.]
1906.  Geh.  ai.  16.—,  in  Leinwand  geb.  M  18.—.
„Die  berufensten  Fachleute  reden  über  ihr  Spezialgebiet  in  künstlerisch  so  hochstehender,
dabei  dem  Denkenden  so  leicht  zugehender  Sprache,  zudem  mit  einer  solchen  Konzentration ­
  der  Gedanken,  daß  Seite  für  Seite  nicht  nur  hohen  künstlerischen  Genuß  verschafft, ­
  sondern  einen  Einblick  in  die  Einzelgebiete  verstattet,  der  an  Intensität  kaum
von  einem  anderen  Werke  übertreffen  werden  könnte.“  (Nationalzeitung,  Basel.)
Teil  I,  Abt.  3,  1:  Die  orientalischen  Religionen.  à
und  die  Religion  der  primitiven  Völker:  Ed.  Lehmann.  Die  ägyptische  Religion:
A.  Erman.  -  Die  asiatischen  Religionen:  Die  babylonisch-assyrische  Religion:  C.  Bezold.
  —  Die  indische  Religion:  H.  Oldenberg.  —  Die  iranische  Religion:  H.  Otdenberg.
  —  Die  Religion  des  Islams:  J.  G  old  zi  her.  —  Der  Lamaismus:  A.  G.  Grünwedel. ­
  —  Die  Religion  der  Chinesen:  J.  J.  M.  de  Groot.  —  Die  Religion  der  Japaner:
a)  Der  Shintoismus:  K.  Florenz,  b)  Der  Buddhismus:  H.  Haas.  [VH  u.  267  S.]
1906.  Geh.  M.  7.—,  in  Leinwand  geb.  M  9.—.
„Auch  dieser  Band  des  gelehrten  Werkes  ist  zu  inhaltvoll  und  zu  vielseitig,  um  auf
kurzem  Raum  gewürdigt  werden  zu  können.  Auch  er  kommt  den  Interessen  des  bildungsbedürftigen ­
  Publikums  und  der  Gelehrtenwelt  in  gleichem  Maße  entgegen.  .  .  .
Wahr  ist  es,  daß  der  Versuch,  so  junge  Wissensgebiete  wie  die  hier  bearbeiteten  zu
popularisieren,  insofern  gefährlich  bleiben  muß,  als  die  Subjektivität  des  Autors,  der  in
        <pb n="214" />
        Die  Kultur  der  Gegenwart.

diesem  Falle  einem  Laienpublikum  gegenübersteht,  sich  nur  allzu  leicht  eine  schrankenlose ­
  Herrschaft  sichern  kann,  wodurch  Fehler  und  Einseitigkeiten  in  die  weitesten  Kreise
einzudringen  vermögen.  Der  Ton  vornehmer  Zurückhaltung,  der  unser  Buch  durchweht,
mildert  indes  diese  Gefahr,  und  die  regelmäßigen  Verweise  auf  fremde  Leistungen
(Literaturangaben)  drängen  sie  weiter  zurück.  Schließlich  bürgt  die  Zahl  und  der  Klang
der  Namen  aller  beteiligten  Autoren  dafür,  daß  ein  jeder  nur  vom  Besten  das  Beste  zu
geben  bemüht  war.“  (Berliner  Tageblatt.)

Teil  I,  Abt.  4:  Die  christliche  Religion  mit  Einschluß  der
Israelitisch-jüdischen  Religion.  SÄÜ
die  Anfänge  des  Christentums  bis  zum  Nicaenum  (325):  A.  Jülicher.  —  Kirche  und
Staat  bis  zur  Gründung  der  Staatskirche:  A.  Harnack.  —  Griechisch-orthodoxes
Christentum  und  Kirche  in  Mittelalter  und  Neuzeit:  N.  Bonwetsch.  —  Christentum  und
Kirche  Westeuropas  im  Mittelalter:  K.  Müller.  —  Katholisches  Christentum  und  Kirche
in  der  Neuzeit:  F.  X.  Funk.  Protestantisches  Christentum  und  Kirche  in  der  Neuzeit:
E.  Troeltsch.  —  Wesen  der  Religion  und  der  Religionswissenschaft:  E.  Troeltsch.
-Christlich-katholische  Dogmatik:  J.  Pohle.  —  Christlich-katholische  Ethik:  J.  Mausbach, ­
  —  Christlich-katholische  praktische  Theologie  :  C.  Krieg.  —  Christlich-protestantische ­
  Dogmatik:  W.  Herrmann.  —  Christlich-protestantische  Ethik:  R.  Seeberg.  —
Christlich-protestantische  praktische  Theologie:  W.  Faber.  —  Die  Zukunftsaufgaben
der  Religion  und  die  Religionswissenschaft:  H.  J.  Holtz  mann.  [XI  u.  752  S.)  1906.
(2.  Ausl.  1909  unter  der  Presse.)  Geh.  M.  16.—,  in  Leinwand  geb.  M.  18.—.  Auch  in
2  Hälften:  1.  Geschichte  der  christlichen  Religion.  Geh.  M.  9.60,  geb.  M.  11.—.  2.  Systematisch-christliche ­
  Theologie.  Geh.  M.  6.60,  in  Leinwand  geb.  M.  8.—.

„Die  beiden  christlichen  Konfessionen  sind  hier,  vielleicht  zum  erstenmal,  in  voller
Parität  nebeneinander  behandelt,  die  berufenen  Vertreter  der  einzelnen  Disziplinen  hüben
und  drüben  tragen  die  Erkenntnis  ihrer  Wissenschaft  mehr  oder  weniger  überzeugend
vor..  .  .  Forscher  wie  Harnack  und  Wellhausen  schreiben  das  flüssigste  Deutsch,  das
man  sich  wünschen  kann;  ihre  Darstellungen,  die  großen  und  die  kleinen,  lesen  sich,
auch  rein  künstlerisch  betrachtet,  mit  allem  fesselnden  Reiz  abgestimmter  Dichtungen.
Die  Kunst  tut  also  der  Gelehrsamkeit  keinen  Eintrag,  beide  gehen  vielmehr  den  innigsten
Bund  ein.  (Königsberger  Hartungsche  Zeitung.)

Teil  l,  Abt.  5:  Allgemeine  Geschichte  der  Philosophie.
Inhalt:  Die  Anfänge  der  Philosophie  und  die  Philosophie  der  primitiven  Völker:
W.  Wundt.  —  Die  orientalische  Philosophie  des  Altertums,  Mittelalters  und  der  Neuzeit.
Indische  Philosophie:  H.  Oldenberg.  —  Semitische  Philosophie:  J.  Goldziher.  —
Chinesische  Philosophie:  W.  Grube.  —  Japanische  Philosophie  :  Jnouye.  —  Die  europäische ­
  Philosophie:  Altertum:  H.  v.  Arnim.  Mittelalter:  CI.  Baeumker.  Neuzeit:
W.Windelband.  [ca.  25  Bogen.]  1909.  Geh.  ca.  M.  10.—,  in  Leinw.  geb.  ca.  Jt  12.—.
Tell  I,  Abt.  6:  Systematische  Philosophie.
—  Logik  und  Erkenntnistheorie  :  A.  Riehl.  —  Metaphysik:  W.  Wundt.  —  Naturphilosophie: ­
  W.  Ostwald.  —  Psychologie:  H.  Ebbinghaus.  —  Philosophie  der  Geschichte ­
  :  R.  Bücken.  —  Ethik  :  Fr.  Paulsen.  —  Pädagogik  :  W.  Münch.  —  Ästhetik  :
Th.  Li  pp  s.  —  Die  Zukunftsaufgaben  der  Philosophie:  Fr.  Paulsen.  2.  Auflage.
[X  u.  435  S.[  1908.  Geh.  M  10.—,  in  Leinwand  geb.  JÍ  12.—
„Hinter  dem  Rücken  jedes  der  philosophischen  Forscher  steht  Kant,  wie  er  die  Welt  in
ihrer  Totalität  dachte  und  erlebte;  der  f neukantische‘,  rationalisierte  Kant  scheint  in
den  Hintergrund  treten  zu  wollen,  und  in  manchen  Köpfen  geht  bereits  das  Licht  des
gesamten  Weltlebens  auf.  Erfreulicherweise  ringt  sich  die  Ansicht  durch,  Philosophie
sei  und  biete  etwas  anderes  als  die  Einzelwissenschaften  und  das  sog.  unmittelbare
Leben  und  der  positive  Gehalt  der  Philosophie  selbst  müsse  in  der  transzendenten  Realität ­
  oder  wenigstens  in  der  transzendentalen,  auf  methodischem  Wege  gewonnenen
Struktur  der  einzelnen  Weltinhalte  und  Verhaltungsformen  aufgesucht  werden.“
(Archiv  für  systematische  Philosophie.)
Teil  1,  Abt.  7:  Die  orientalischen  Literaturen.  ļâķ"'r  Literatur
und  die  Literatur  der  primitiven  Völker:  E.  Schmidt.  —  Die  ägyptische  Literatur:
A.  Er  man.  —  Die  babylonisch-assyrische  Literatur:  C.  Bezold.  —  Die  israelitische
Literatur:  H.  Gunkel.  —  Die  aramäische  Literatur:  Th.  Nöldeke.  —  Die  äthiopische
Literatur:  Th.  Nöldeke.  —  Die  arabische  Literatur:  M.  J.  de  Goeje.  —  Die  indische
Literatur:  R.  Pischel.  —  Die  aitpersische  Literatur:  K.  Geldner.  —  Die  mittelpersische
        <pb n="215" />
        47

Die  Kultur  der  Gegenwart.

Literatur:  P.  Horn.  —  Die  neupersische  Literatur:  P.  Horn.  —  Die  türkische  Literatur:
P.  Horn.  —  Die  armenische  Literatur:  F.  N.  Finck.  -  Die  georgische  Literatur:  F.N.
Finck.  —  Die  chinesische  Literatur  :  W.  Grube.  —  Die  japanische  Literatur  :  K.Florenz.
[IX  u.  419  S.]  1906.  Geh.  Jl  10.—,  in  Leinwand  geb.  M.  12.—.
„Erich  Schmidt  eröffnet  den  Reigen  mit  einer  einleitenden  Diatribe  über  die  Anfänge  der
Literatur  und  die  Literatur  der  primitiven  Völker,  in  die  Probleme  vortrefflich  einführend.
Erman  behandelt  die  ägyptische  Literatur  sichtlich  aus  feinstem  Verständnis  heraus.  Unter
den  semitischen  Literaturen  trägt  die  israelitische  fast  mühelos  den  Kranz  davon.  Gunkel
behandelt  sie,  ihrer  Formensprache  innig  nachspürend,  und  wieviel  holt  er  so  heraus,  was
geeignet  ist,  uns  das  Alle  Testament  neu  und  lebendig  zu  machen!  Es  ist  Herders  Geist,
und  doch  wie  anders!  Die  babylonisch-assyrische  Literatur  (Bezold),  die  aramäische
und  die  äthiopische  (Nöldeke)  sind  von  Gelehrten  ersten  Ranges  bearbeitet.  Dann  die
arabische  Literatur  von  de  Goeje  in  herrlicher  Darstellung.  Weiter:  die  indische,  all-,
mittel-,  neupersische,  türkische,  armenische,  georgische.  Die  chinesische  und  japanische.
Diese  von  Florenz  in  Tokio,  von  dem  .Einzigen,  der  es  machen  konnte',  wie  mir  ein
Kundiger  sagt.  ...“  (Die  Christi.  Welt.)

Teil  I,  Abt.  8:  Die  griechische  und  lateinische  Literatur  und
Snrache  Inhalt.  I.  Die  griechische  Literatur  und  Sprache.  Die  griechische
r  "  Literatur  des  Altertums:  U.  y.  Wilamowitz-Moellendorff.  —  Die
griechische  Literatur  des  Mittelalters:  K.  Krombach  er.  —  Die  griechische  Sprache:
J.  Wackernagel.  —  II.  Die  lateinische  Literatur  und  Sprache.  Die  römische  Literatur
des  Altertums:  Fr.  Leo.  —  Die  lateinische  Literatur  im  Obergang  vom  Altertum  zum
Mittelaller  :  E.  Norden.  —  Die  lateinische  Sprache:  F.  S  kutsch.  2.  Auflage.  [VIII
u.  494  S.|  Geh.  M.  10.—,  in  Leinwand  geb.  M.  12.—.
i,.  .  .  Wir  erhalten  hier  die  Summe  der  literarischen  und  sprachlichen  Forschung  unserer
Zeit,  in  der  Darstellung  gleich  ausgezeichnet  durch  die  Weite  des  Gesichtskreises  wie
durch  die  Fülle  und  Originalität  der  leitenden  Gesichtspunkte.  Die  Eigenart  der  Darstellung ­
  ist  darin  begründet,  daß  sie  von  philologischem  Detail  gänzlich  absehend  nur
die  Triebkräfte  des  geistigen  Lebens  und  ihre  Entwicklung  verfolgt  und  mit  besonderer
Liebe  bei  der  allgemeinen  Charakteristik  der  hervortretenden  Persönlichkeiten  verweilt.  .  .
Und  hinter  jedem  Abschnitte  steht  eine  geist-  und  temperamentvolle  Persönlichkeit,  die
der  Darstellung  durchweg  den  Stempel  der  Subjektivität  ausdrückt,  am  meisten  natürlich
—  dem  Charakter  ihres  Verfassers  entsprechend  —  in  der  Geschichte  der  griechischen
Literatur  im  Altertum.  .  .  .“  (Literarische  Rundschau.)

Teil  I,  Abt.  9:  Die  osteurop.  Literaturen  und  die  slawischen
Snrarhpn  Inhalt:  Die  slawischen  Sprachen:  V.  von  Jagiö.  —  Die  slawischen
F  ^  "  Literaturen.  I.  Die  russische  Literatur:  A.  Wesselovsky.  II.  Die
polnische  Literatur:  A.  Brückner.  III.  Die  böhmische  Literatur:  J.  Mâchai.  IV.  Die
südslawischen  Literaturen:  M.  Murko.  —  Die  neugriechische  Literatur:  A.  Thumb.  —
Die  finnisch-ugrischen  Literaturen.  I.  Die  ungarische  Literatur:  F.  Riedl.  II.  Die
finnische  Literatur:  E.  Setälä.  III.  Die  esthnische  Literatur:  G.  Suits.  —  Die  litauischlettischen ­
  Literaturen.  I.  Die  litauische  Literatur:  A.  Bezzenberger.  II.  Die  lettische
Literatur:  E.  Wolter.  [Vili  u.  396  S.[  1908.  Geh.  á  10.—,  in  Leinwand  geb.  Ji  12.—.
Der  vorliegende  Band  sucht  ein  Bild  zu  geben  von  der  eigenartigen,  in  einem  besonderen
Verhältnis  des  Gebens  und  Nehmens  zur  westeuropäischen  Kultur  stehenden  Entwicklung
der  osteuropäischen  Literaturen.  Sie  dürfen  das  allgemeinste  Interesse  beanspruchen,
sei  es  die  russische  als  „Beschützerin  der  Lebenswahrheit  in  der  künstlerischen
Darstellung“,  die  „auf  das  reale  Leben  des  Volkes  gestützt,  aus  dem  Volkstum
große  Reichtümer  gehoben“  und  die  durch  ihren  Einfluß  auf  Westeuropa  sich
einen  hervorragenden  Platz  in  der  Weltliteratur  gesichert,  oder  die  ungarische,  deren
charakteristischster  Vertreter  Pelosi,  „eine  der  hinreißendsten  Gestalten  der  Weltliteratur
  ,  ein  „Impressionist  im  höchsten  Sinne  des  Wortes“,  „übervoll  mit  tiefen
Lie  tu  bien  und  Begeisterung  an  Natürlichkeit,  Aufrichtigkeit,  Einfachheit  und  Durchsichtigken
  m.t  dem  Volkslied  wetteifert",  oder  die  finnische,  die  „innerhalb  siebzig  Jahren
die  Entwicklung  vom  Stadium  der  Folklore,  vom  Volksepos  zum  Niveau  der  modernen
Kicbtungen  des  heutigen  Europa  vollzogen  hat“,  in  der  „sich  zu  allen  Zeiten  Leute  aus
aen  tiefsten  Schichten  des  Volkes  mit  am  literarischen  Schaffen  betätigt  haben  und  in
oer  das  Beste  aus  dem  Schoße  des  Volkes  selbst  hervorgegangen  ist“.

Teil  I  Abt.  11,  1:  Die  romanischen  Literaturen  und  Sprachen
Elns u chluß  des  Keltischen.  L
-  -  einen.  H.  Zimmer.  2.  Die  einzelnen  keltischen  Literaturen,  a.  Die  irisch-gälische
K.  Meyer,  b.  Die  schottisch-gälische  und  die  Manx-Literatur.  c.  Die  kym-Literatur:
        <pb n="216" />
        48

Die  Kultur  der  Gegenwart.

rische  (walisische)  Literatur,  d.  Die  komische  und  die  bretonische  Literatur:  Ludwig
Christian  Stern.  II.  Die  romanischen  Literaturen.  1.  Frankreich  bis  zum
Ende  des  15.  Jahrhunderts.  2.  Italien  bis  zum  Ende  des  17.  Jahrhunderts.  3.  Die
kastilische  und  portugiesische  Literatur  bis  zum  Ende  des  17.  Jahrhunderts.  4.  Frankreich ­
  bis  zur  Romantik.  5.  Die  übrige  Romania  bis  zur  Romantik.  6.  Das  19.  Jahrhundert: ­
  H.Morf.  III.  Die  romanischen  Sprachen:  W.  Meyer-Lübke.  [VII  u.
499  S.]  1909.  Geh.  M.  12.—,  in  Leinw.  geb.  Ji  14.—.
Eine  Darstellung  der  romanischen  Literaturen  und  Sprachen  und  ihrer  Geschichte,  aus-§
 ehend  von  den  diesen  untergelagerten  Literaturen  der  keltischen  Stämme  und  ihrer
prachen,  die  heute  ,,halbverdorrte  Reiser  sind  an  einem  einst  gewaltigen  indogermanischen ­
  Sprachstamme,  der  im  3.  Jahrhundert  v.  Chr.  seine  grünen  Äste  vom  Galaterland
in  Kleinasien  über  Mittel-  und  Westeuropa  bis  Kap  Finisterre  in  Spanien  und  an  die
Küsten  Donegals  in  Westirland  ausbreitete“.  Im  Mittelpunkt  steht  die  umfassende  Behandlung ­
  der  Literatur-  und  Sprachgeschichte  der  Romania,  die  neben  dem  germanischen
und  in  steter,  noch  heute  mannigfach  lebendiger  und  fruchtbarer  Wechselwirkung  mit
diesem  den  bedeutendsten  europäischen  Kulturkreis  bildet,  und  unter  dessen  literarischer
Führung  das  Abendland  während  fast  sieben  Jahrhunderten  gestanden  hat.  Und  ist
heute  an  Stelle  dieser  Vormacht  auch  in  die  Literatur  der  freie  Wettbewerb  der  Völker
getreten,  haben  wir  gelernt,  Achtung  vor  dem  Fremden  und  Liebe  zum  Eignen  zu  verbinden, ­
  stehen  wir  heute  zugleich  unter  dem  Zeichen  der  Heimatkunst  und  der  Weltliteratur, ­
  so  darf  eine  Darstellung,  wie  jene  Führung  „erst  beim  mittelalterlichen  Frankreich,
hierauf  beim  Italien  der  Renaissance  war,  und  dann,  nachdem  für  kurze  Zeit  auch  Spanien
im  Gefolge  seiner  Weltmachtstellung  hervorgetreten  war,  zu  Frankreich  zurückkehrte,  dem
Frankreich  des  Klassizismus  und  der  Aufklärung“,  auf  allgemeine  Teilnahme  rechnen.
Teil  II,  Abt.  5,  1:  Staat  und  Gesellschaft  der  neueren  Zeit
bis  zur  französischen  Revolution.
und  Machtverschiebungen,  b)  Der  moderne  Staat  und  die  Reformation,  c)  Die  gesellschaftlichen ­
  Wandlungen  und  die  neue  Geisteskultur:  F.  von  Bezold.  II.  Staat  und  Gesellschaft ­
  des  Zeitalters  der  Gegenreformation:  E.  Gothein.  III.  Staat  und  Gesellschaft
zur  Höhezeit  des  Absolutismus,  a)  Tendenzen,  Erfolge  und  Niederlagen  des  Absolutismus. ­
  b)  Zustände  der  Gesellschaft,  c)  Abwandlungen  des  europäischen  Staatensystems:
R.  Koser.  (VH  u.  349  S.]  1908.  Geh.  M.  9.—,  in  Leinwand  geb.  M.  11.—.
Bietet  eine  Darstellung  der  staatlichen  und  kulturellen  Entwicklung  Westeuropas  von  der
Zeit  der  Reformation,  die  zugleich  „die  Entstehungszeit  der  modernen  Aufklärung  und
Naturwissenschaften“  ist,  deren  „führende  Geister  in  ihrem  Innersten  das  Bewußtsein
einer  neuen  Ära  tragen,  deren  Lauf  mit  ihnen  einsetzt“,  bis  zum  Beginn  der  großen
Revolution  aus  der  Feder  der  wohl  besten  Kenner  der  drei  von  ihr  umfaßten  Epochen,
die  alle  deren  mannigfaltige  Entwicklungstendenzen  zu  jeweils  einem  einheitlichen  Bilde
zusammenfaßt  und  so  ein  wirkliches  Verständnis  dieser  auch  für  die  Gegenwart  noch  so
bedeutsamen  Zeiten  zu  vermitteln  vermag.
Teil  II,  Abt.  8:  Systematische  Rechtswissenschaft.  à  Recht^und
der  Rechtswissenschaft:  R.  Stammler.  —  Die  einzelnen  Teilgebiete:  Privatrecht.  Bürgerliches ­
  Recht:  R.  Sohm.  —  Handels-  und  Wechselrecht:  K.  Gareis.  —  Versicherungsrecht: ­
  V.  Ehrenberg.  —  Internationales  Privatrecht:  L.  v.  Bar.  —  Zivilprozeßrecht:
L.  v.  Seuffert.  —  Strafrecht  und  Strafprozeßrecht:  F.  v.  Liszt.  —  Kirchenrecht:
W.  Kahl.  —  Staatsrecht:  P.  Laband.  —  Verwaltungsrecht.  Justiz  und  Verwaltung:
G.  Anschütz.  —  Polizei-und  Kulturpflege  :  E.  Bernatzik.  —  Völkerrecht:  F.  v.  Mar-  '
titz.  —  Die  Zukunftsaufgaben  des  Rechtes  und  der  Rechtswissenschaft:  R.  Stammler.
[X,  LX  u.  526  S.)  1906.  Geh.  M.  14.—,  in  Leinwand  geb.  M.  16.—.
„Das  in  Deutschland  geltende  Recht  in  der  unermeßlichen  Summe  der  Einzelheiten  darzustellen,
war  nicht  die  Aufgabe,  die  den  Bearbeitern  der  verschiedenen  Zweige  der  Rechtswissenschaft ­
  gestellt  war.  Wohl  aber  kam  es  darauf  an,  aus  den  Einzelheiten  die  beherrschenden
Gedanken  herauszulesen  und  die  Grundsätze  zu  entwickeln,  nach  denen  die  heutige  Welt
ihr  Recht  gestaltet  hat.  Und  da  das  Gewordene  nur  aus  dem  Gewesenen  verstanden  wird
und  im  Gegenwärtigen  die  Keime  des  Kommenden  ruhen,  so  haben  sie  den  Blick  auch  in
die  Vergangenheit  und  Zukunft  gerichtet.  Alle  Meister  auf  ihrem  Gebiete,  haben  sie  auch
hier  kleine  Meisterwerke  geschaffen,  sachlich  wie  stilistisch.“  (Literarisches  Zentralblatt.)

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postfrei  vom  Verlage  B.  Q.Teubner  in  Leipzig.
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        Schaffen  und  Schauen
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Unter  Mitwirkung  von  R.  Bflrïner,  H.vade,  R.Deutsch,  fl.Dominicus,  R.vove,  E.Fuchs,
P.  Klopfer,  &amp;lt;E.  Koerber,  (D.  Lyon,  &amp;lt;L  Maier,  ®.  Maier,  (E.  v.  Maltzahn,  ffl.  v.  Reinhardt,
S.  fl.  Schmidt,  D.  Schnabel,  G.'Steinhaufen,  &amp;lt;E.  Teichmann,  fl.  Thimm,  K.  Vorländer,
fl.  witting,  G.  Wolff,  Th.  Zielinski.
Mit  8  allegorischen  Zeichnungen  von  Alois  Kolb.
Schaffen  und  Schauen  —  es  bildet  den  Inhalt  menschlicher
Lebensarbeit.  Mitschaffen  zu  können  am  Bau  des  Lebens,  schauen
zu  dürfen  die  Wunder  der  Welt,  ist  aber  zugleich  auch  beste  und
höchste  Lebensfreude.  Freilich  bedarf  es,  um  das  empfinden  zu  können,
zweier  Dinge:  offener  Ñugen  und  offenen  Herzens.  Man  muß  sehen
können,  wo  und  wie  es  anzupacken  gilt,  wo  und  wie  „von  dem
goldenen  Überfluß  der  Welt"  zu  trinken  ist.  Dazu  möchte  dieses
Buch  helfen,  es  möchte  in  diesem  Sinne  der  deutschen  Jugend  ein
Führer  sein  ins  Leben,  ihr  die  verständnisvolle  Anteilnahme  an  dem
Schaffen  und  Schauen  unserer  Zeit  ermöglichen,  indem  es  sie  einführt
in  unser  deutsches  Wirtschafts-  und  Staatsleben  und  in  die  Lebensarbeit, ­
  indem  es  ihr  die  Bedingungen  des  leiblichen  und  geistigen
Daseins  des  Menschen  und  menschlicher  Lebensführung  nahezubringen
sucht.  Damit  will  das  Buch  vor  allem  auch  für  die  Berufswahl
nicht  äußerliche  Berechnungen,  sondern  innerliche  Erwägung  maßgebend ­
  werden  lassen,  die  allein  eine  wirklich  befriedigende  Lebensgestaltung ­
  gewährleistet.
Inhaltsübersicht.
X.  Band.  Das  deutsche  Land.  Das  deutsche  Volk.  wie  das  Deutsche  Reich  geworden. ­
  Das  Deutsche  Reich  im  Zeitalter  der  Weltmächte.  —  Die  Grundlagen  der
Volkswirtschaft.  Die  deutsche  Volkswirtschaft  der  Gegenwart.  Land-  und  Forstwirtschaft. ­
  Der  Bergbau.  Die  Industrie.  Die  Technik.  Das  Kunstgewerbe  und  die  Architektur.
Der  Handel.  Das  Verkehrswesen.  —  Der  Staat.  Die  Wehrmacht  des  Staates.  Die
äußere  Vertretung.  Das  Recht.  Das  Bildungswesen.  Sonstige  Verwaltungsausgaben
des  modernen  Staates.  (Organisation  der  Staats-  und  Gemeindeverwaltung,  wirtschaftspolitische ­
  fragen  (Steuerpolitik.  Handelspolitik.  Kolonialpolitik.  Die  Bodenund
  Wohnungsfrage.  Das  Bevölkerungsproblem.  Die  Frauenarbeit.  Sozialpolitik).
Staatsbürgerliche  Bestrebungen  (Politische  Parteien,  wirtschaftliche  vereine.  Soziale
Bestrebungen.  Bildungsbestrebungen.  Frauenbewegung.  Die  Presse).  —  Die  Vorbildung.
Der  Beruf.  Die  wichtigsten  Berufe.
XX.  Band.  Des  Menschen  Herkunft  und  Stellung  in  der  Ratur.  Des  menschlichen
Körpers  Bau  und  Leben.  Des  Menschen  Seele.  Die  Entwicklung  der  geistigen  Kultur.
—  Die  Wissenschaft  und  ihre  Pflege.  Die  mathematischen  Wissenschaften.  Die  Naturwissenschaften. ­
  Die  Geisteswissenschaste».  —  Die  Philosophie.  Die  Kunst.  Die  Religion.
—  Das  Leben.  Der  Beruf.  Volk  und  Staat.  Persönliches  Leben.  Lebensgemeinschaften. ­
  Der  wert  des  Lebens.

Verlag  von  B.6Xeubner  in  Leipzig  und  Berlin

ÑNuG  allg.
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        B.6.€eubners  farbige
Künstler  -  ôteínZeichnungen
(Griginal-Lithographien)  sind  berufen,  für  das  20.  Jahrhundert ­
  die  gewaltige  Aufgabe  zu  erfüllen,  die  der  Holzschnitt ­
  im  15.  und  16.  Jahrhundert  und  der  Kupferstich  im
18.  Jahrhundert  erfüllt  haben.  Die  Künstler-Steinzeichnung
ist  das  einzige  Vervielfältigungsverfahren,  dessen  Erzeugnisse
tatsächlich  Original-Gemälden  vollwertig  entsprechen,  hier
bestimmt  der  Künstler  sein  Werk  von  vornherein  für  die
Technik  des  Steindruckes,  die  eine  Vereinfachung  und  kräftige ­
  Farbenwirkung  ermöglicht,  aber  auch  in  gebrochenen
Farbtönen  den  feinsten  Stimmungen  gerecht  wird.  Er  überträgt ­
  selbst  die  Zeichnung  aus  den  Stein  und  überwacht
den  Druck.  Das  Werk  ist  also  bis  in  alle  Einzelheiten
hinein  das  Werk  des  Künstlers  und  der  unmittelbare  Ausdruck
seiner  Persönlichkeit.  Die  Künstler-Zteinzeichnung  allein
schenkt  uns  die  so  lange  ersehnte  Volkskunst.  Keine  Reproduktion ­
  kann  ihr  gleichkommen  an  künstlerischem
ädert.
Die  Sammlung  enthält  Blätter  der  bedeutendsten  Künstler  wie:  Karl
Bcmtzer,  Karl  Bauer,  Artur  Bendrat,  Karl  Biese,  %  Eichrodt,  CDtto
Fikentscher,  Walter  Georgi,  Franz  Hein,  Franz  Hoch,  Ferd.  Kallmorgen,
Gustav  Kampmann,  Erich  Kuithan,  ©tto  Leiber,  Ernst  Liebermann,
Lmil  Drlik,  Diaria  Drtlieb,  Cornelia  paczka,  E.  Rehm-Vietor,  Sascha
Schneider,  ID.  Strich-Thapell,  Hans  von  Volkmann,  H.  B.  Wieland  u.  a.
Gerade  Werke  echter  ļfeimatkunst,  die  einfache  Motive  ausgestalten,  bieten  nicht  nur
dem  Erwachsenen  wertvolles,  sondern  sind  auch  dem  Rinde  verständlich.  Sie  eignen
sich  deshalb  besonders  für  das  deutsche  ļfaus  und  können  seinen  schönsten  Schmuck
bilden,  ver  versuch  hat  gezeigt,  daß  sie  sich  in  vornehm  ausgestatteten  Räumen  ebensogut ­
  zu  behaupten  vermögen  wie  sie  das  einfachste  Wohnzimmer  schmücken.  Ñuch  in
der  Schule  finden  die  Bilder  immer  mehr  Eingang.  Maßgebende  Pädagogen  haben
den  hohen  wert  der  Bilder  anerkannt,  mehrere  Regierungen  haben  das  Unternehmen
durch  ñnkauf  und  Empfehlung  unterstützt.
Illustrierter  Katalog  150  farbigen  Abbildungen
—  und  beschreibendem  Ce*t  gegen
Einsendung  von  30  Pfennig  vorn  Verlag  B.  G.  Teubner  in  Leipzig,
Poststrcche  3.
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        Urteile  über  B.  6.  Heubners
farbige  Künftler-Steinzeicbnimgen.
„  Doch  wird  man  auch  aus  dieser  nur  einen  beschränkten  Teil  der  vorhandenen ­
  Bilder  umsassenden  Aufzählung  den  Reichtum  des  Dargebotenen  erkennen.
Indessen  es  genügt  nicht,  daß  die  Bilder  da  sind,  sie  müssen  auch  gekauft  werden.
Sie  müssen  vor  allen  Dingen  an  die  richtige  Stelle  gebracht  werden.  Für  öffentliche
Gebäude  und  Schulen  sollte  das  nicht  schwer  halten.  Wenn  Lehrer  und  Geistliche  wollen,
werden  sie  die  mittel  für  einige  solche  Bilder  schon  überwiesen  bekommen.  Dann
sollte  man  sich  vor  allen  Dingen  in  privaten  Rreisen  solche  Bilder  als  willkommene
Geschenke  zu

Weihnachten,
zu  Geburtstagen, ­
  ljochzeitsfestenund

allen  derartigenGelegen-

  merken.
Tine  derartige ­
  große  Lithographie ­
  in
den  dazu  vorrätigenRünst-


  ist  ein
Geschenk,
das  auch  den
verwöhntesten ­
  Geschmack ­

befriedigt,  flit
den  kleinen
Blättern  erhält ­
  man  für
eine  Ausgabe,
die  auch  dem
bescheidensten
Geldbeutel  erschwinglichist, ­

ein  dauernd
wertvolles
Geschenk.“
(Ciirmerļabrbucb.)


7

mm

U

htr

V

4

75x5o

v.  Georai:  Tiroler  Dörfchen

Perlt  farbige  Wiedergabe  der  Drtg^Ltihograptpe.  ^

.(Es  läßt
sich  kaum
noch  etwas
zum  Ruhme
dieser  wirklich
künstlerischen
Steinzeichnungensagen, ­

die  nun  schon
in  den  weitesten ­
  Rreisen
des  Volkes
allen  Beifall
gefunden  und
—  was  ausschlaggebend ­

ist  —  von  den
anspruchsvollsten ­

Runstfreunden
  ebenso  begehrt ­
  werden
wie  von  jenen,
denen  es
längst  ein
vergeblicher
Wunsch  war,
das  lfeim  wenigstens ­
  mit
einem  farbigen ­
  Original
zu  schmücken
(Kunst
für  Hile.)

„von  den  Bilderunternehmungen  der  letzten  Jahre,  die  der  neuen  .ästhetischen
Bewegung'  entsprungen  sind,  begrüßen  wir  eins  mit  ganz  ungetrübter  Freude:  den
.künstlerischen  Wandschmuck  für  Schule  und  ļfaus',  den  die  Firma  ö.  G.  Teubner  in
Leipzig  herausgibt,  wir  haben  hier  wirklich  einmal  ein  aus  warmer  Liebe  zur  guten
Sache  mit  rechtem  Verständnis  in  ehrlichem  Bemühen  geschaffenes  Unternehmen  vor  uns.
Fördern  wir  es,  ihm  und  uns  zu  Nutz,  nach  Kräften."  (Kunstwart.)
„Alt  und  jung  war  begeistert,  geradezu  glücklich  über  die  Rraft  malerischer
Wirkungen,  die  hier  für  verhältnismäßig  billigen  Preis  dargeboten  wird.  Endlich
einmal  etwas,  was  dem  öden  Dldruckbilde  gewöhnlicher  Art  mit  Erfolg  gegenübertreten
  kann."  (Die  fiilfe.)
„Das  aber  ist  und  bleibt  ja  der  Vorzug  aller  echten  Runst  und  somit  auch  dieser
Kunstblätter,  daß  ihr  Eindruck  so  unmittelbar  zu  den  Sinnen  der  Menschen  spricht.
wir  können  sehen  und  miterleben,  was  der  Künstler  sah  und  erlebte  Ls  ist  unseres
Erachtens  wertvoller,  an  dieser  originalen  Runst  sehen  zu  lernen,  als  an  vielen  hundert
mittelmäßigen  Reproduktionen  das  Auge  zu  verbilden  und  totes  Wilsen  zu  lernen,  statt
lebendige  Runst  mitzuerleben."  (Illustrierte  Zeitung.)
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        £2Í

136  Achtes  Kapitel.  Ausbau  und  Ende  der  antiken  Weltwirtschaft.
bereitet,  sie  vielmehr  sogar  gefördert  zu  haben.  Aber  Vorsicht  bestand
allen  Vereinen  gegenüber,  und  die  Unterstützungskassen  wurden  als
Stellen  betrachtet,  wo  man  zu  politischen  Zwecken  Geld  sammeln
könne.  Auch  die  Beitragssammlung  zum  Zwecke  der  Unterstützung
armer  Mitbürger  wurde  nicht  immer  für  einwandfrei  anerkannt
(Plinius,  Briefe  X,  93  f).  Daß  man  bestinunten  Vereinigungen,
die  sich  z  B.  mit  der  Verproviantierung  von  Rom  beschäftigten,
Privilegien  gab,  wurde  schon  erwähnt  (S.  131).  Auch  jene  Vereinigungen ­
  von  Handwerkern,  die  der  Militärverwaltung  nützlich
erschienen,  erhielten  Vorrechte  verschiedener  Art  Solche  Vorrechte
wurden  gewährt,  um  zum  Eintritt  in  die  verschiedenen  Vereinigungen ­
  der  Handwerker,  Gewerbetreibenden  und  Kaufleute  anzuspornen ­
  und  so  einen  ausreichenden  Verwaltuugsapparat  für  die
Güterproduktion  und  Verteilung  zu  bekommen.  Auch  die  Bankiers
und  diejenigen,  welche  die  Echtheit  und  den  Wert  der  Münzen  zu
Prüfen  hatten,  wurden  zu  Korporationen  zusammengefaßt.  Kaufmannsorganisationen ­
  waren  im  römischen  Kaiserreich  sehr  zahlreich, ­
  sie  legten  Zeugnis  von  dem  blühenden  Verkehrsleben  ab.
Die  Organisationen  entwickelten  sich  vielfach  aus  den  Faktoreien
der  älteren  Zeit  (S.  50).  Die  Ansiedlung  mit  ihren  Stapelplätzen, ­
  um  ein  Heiligtum  gruppiert,  wurde  als  religiöse  Gemeinde
aufgefaßt,  bei  der  die  wirtschaftliche  Gemeinschaft  klar  zutage  trat,
wie  denn  überhaupt  viele  Kultvereine  eigentlich  Sterbe-  und
Unterstützungskassen  gewesen  zu  sein  scheinen.  Manchmal  hatten
diese  Korporationen  monopolartige  Privilegien,  so  wahrscheinlich
diejenigen  der  Schiffer  in  manchen  Flußgebieten.  Je  mehr  das
untergehende  Rom  die  Rentabilität  der  Unternehmungen  in  Frage
stellte,  je  mehr  man  sicher  sein  wollte,  daß  die  im  Marktverkehr
übernommenen  Funktionen  ausreichend  besorgt  würden,  desto  stärker
dachte  man  daran,  die  Individuen  in  den  Bernsen  festzuhalten
und  die  Berufe  mit  neuen  Mitgliedern  zu  ergänzen.  Soweit  das
durch  Privilegien  und  hohe  Gewinne  nicht  mehr  möglich  war,
wurde  schon  im  3.,  vielleicht  aber  auch  erst  im  4.  Jahrhundert
die  Erblichkeit  der  Mitgliedschaft  allgemein  eingeführt.  Es  wurden
Zwangsmittel  aller  Art  angewendet,  ja  man  ging  zeitweilig
sogar  so  weit,  gesetzlich  festzulegen,  daß,  wer  die  Tochter  eines
Vereinsgenossen  heiratete,  selbst  Vereinsgenosse  wurde.  Wir  sehen
so  im  Altertum  seit  dem  4.  Jahrhundert  viele  jener  Erscheinungen, ­
  die  wir  aus  dem  Mittelalter  kennen.  Die  Genossenschaften ­
  waren  es,  die  der  Regierung  für  die  Steuern  hafteten;
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    </body>
  </text>
</TEI>
