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        Werner Sombart 
Das LebrnàerK 
von Barl Marx 
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U il, V oi 
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Iena 
Verlag von Gustav Fischer
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        Verlag von Gustav fiîcber in Jena. 
Sozialismus und soziale Beweaunq. L^^nProf. 
— ' —— an der Handelshochschule m Berlm. 
1907. Sechste vermehrte Auflage. 34.-43. Tausend/ Preis: 2 Mk. 50 Pf., geb. 
3 Mk. 20 Pf. Gänzlich umgearbeitet und reich vermehrt, geradezu ein neues Buch. 
Frankfurter Zeitung vom 30. Dezember 19üO - Diese Schrift ist schon so bekannt, daß eine neue 
Auflage kaum noch einer Empfehlung bedarf. Ihr Erfolg ist ein außerordentlicher, und man wird ihn auch dann 
für berechtigt halten, wenn man mit der Grundauffassung vom Wesen des Sozialismus, die Sombart hat, nicht 
übereinstimmt . . . Wenn trotzdem sein Buch, wie gesagt, zu empfehlen ist, so liegt das daran, daß es über die 
Materie vortrefflich orientiert und alle die formalen Vorzüge aufweist, die der DarstellüngSart Sombarts eigen 
sind. Es gibt heute tatsächlich keine bessere gemeinverständliche Schrift über diesen Gegenstand. 
Aorlräqe, Reden und Schriften sozialpolitischen und verwandten Inhalts. 
:— Von ernst Hbbe. (Bildet zugleich den 
dritten Band der „Gesammelten Abhandlungen" von Ernst Abbe.) Mit einem 
Portrait des Verfassers. 1906. Preis: 5 Mk., geb. 6 Mk. 
Die Hitfe, Nr. 37, 1906 : 
Wenn einmal in 100 Jahren einer die Geschichte der deutschen Sozialpolitik schreiben wird, dann darf 
er seinen Ausgang nicht nur von den sozialpolitischen Theoretikern unserer Zeit nehmen, sondern muß an den 
Anfang seiner Geschichte auch die erste Praxis aus dem Gebiet des deutschen Arbeiterschutzes stellen, die mit dem 
Namen Ernst Abbe verknüpft ist. Und das wichtigste Dokument dabei werden ihm die „sozialpolitischen 
Schriften von Ernst Abbe" sein, die soeben sein Freund und Mitarbeiter Professor Czaptki herausge 
geben hat. 
Die Bedeutung der Illusionen für RotitiK und soziales Leben. 
Von Georg Heller. 1904. Preis: 1 Mk. 
Leitfaden zum Studium der Nationalökonomie. Bo^Professo^vr. 
in Halle a. S. Vierte ergänzte Auflage. 1908. Preis: 2 Mk., geb. 2 Mk. 50 Pf. 
Leitfaden zum Studium der DolKsivirtschaftspositiK. Professor 
in Halle a. S. Dritte Auflage. 1908. Preis: 2 Mk. 80 Pf., geb. 3 Mk. 40 Pf. 
jtufflrtlien der GemeiàpoliliK. 
Deutscher Bodenreformer, Berlin. Fünfte, wesentlich erweiterte Auflage. 
13.-20. Tausend. 1904. Preis: 1 Mk. 50 Pf., geb. 2 Mk. 
Inhalt: Einleitung. — Bildungsfragen und Arbeiterfragen. — Mittelstands 
fragen. — Die Zuwachsrente. — Vom Gemeinde-Grundeigentum. — Zur Wohnungs 
frage. — Steuerfragen und Gemeindebetriebe. — Schlußwort. — Anhang: Deutsche 
Gemeindeprogramme. 
Oberbürgermeister Adickes sauf dem Dresdener Städtetage): Dies Buch ist Ihnen wohl allen bekannt! 
Der Beobachter (Stuttgart): Eine geradezu einzigartige Schrift — ein Volksbuch im besten Sinne 
des Wortes. 
Soeben erschien: 
Geschichte der Nationalökonomie. 
Eine erste Einführung von Hdolf 
Damaschile. Dritte erweiterte Auflage. 
Preis: 3 Mk. 20 Pf., geb. 4 Mk. 
Ltirner- anarchilŞe 5oziattheorie. f?« 
Francis Ä. Walker und feine hauptsächlichsten Theorien. 
I. I). Curran, A. M., L. L. B. 1900. Preis: 2 Mk. 50 Pf. 
Aber das Verhältnis uon Wert und Rreis im ökonomischen 
25 jährigen Bestehens des Staatswissenschaftlichen Seminars zu Halle a. S.) 
1898. Preis: 1 Mk.
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        Werner Sombart 
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Das Lebenswerk 
von Karl Marx 
Iena 
Verlag von Gustav Fischer 
1909 
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        Alle Rechte vorbehalten. 
Weimar. - K. Warner 0*4*.
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        I. 
Ivas Marx bei seinem Tode galt 
und was er heute gilt. 
Im Jahre 1908 war ein Vierteljahrhundert seit dem Tode 
Karl Marxens verflossen. Das hat viele Federn nnd viele Münder 
in Tätigkeit gesetzt, die es unternommen haben, ein Fazit der Leistungen 
zu ziehen, die dieser seltsame Mann vollbracht hat. Und es scheint 
fast, als habe dieses Bestreben, sich und der Mitwelt Rechenschaft zu 
geben von dem Lebenswerke Marxens im gegenwärtigen Augenblick 
mehr als die rein äußerliche Bedeutung der Erinnerungsfeier. Täuscht 
nicht alles, so bedeuten diese Jahre auch innerlich für Marx und 
sein Werk eine Epoche: sein Einfluß auf Leben und Wissenschaft hat, 
will mich bedünken, gerade in diesen Zeiten seinen Höhepunkt erreicht 
unb beginnt sich zu mindern. Um das triviale Wort zu gebrauchen: 
Marx ist theoretisch und praktisch „überwunden"; er hat seine eigene 
geschichtliche Mission erfüllt. Wir aber, die wir ein gut Teil unseres 
Lebens hingegeben haben, um für Marx zu kämpfen, sind aus der 
Zeit des leidenschaftlichen Hassens und Liebens heraus und haben 
angefangen, Marx gegenüber Distanz zu gewinnen: sodaß wir ihn 
selber jetzt als eine rein historische Erscheinung objektiv zu werten 
vermögen. Weshalb in der Tat aus subjektiven wie objektiven 
Gründen der Augenblick nicht ungeeignet erscheint, im Zusammen- 
1*
        <pb n="10" />
        hange auszusprechen, worin wir die historische Bedeutung Marxens 
erkennen sollen. 
Will man die Leistungen eines Mannes abschätzen, so wird man 
zunächst nach der äußeren Geltung fragen, die er bei Lebzeiten oder 
nach seinem Tode gewonnen hat. Denn in dieser Geltung kommt 
schon an und für sich ein Teil der geschichtlichen Bedeutung eines 
Menschen zum Ausdruck, sie ist aber dann weiter ein wichtiges Merk 
mal, um diese Bedeutung in ihrer Wahrheit richtig zu erkennen. 
Fragen wir aber, was Marx galt oder gilt, so müssen wir 
immer den Theoretiker Marx von dem Politiker Marx unterscheiden, 
müssen auch immer die vielfach so ganz einander fremden Kreise 
unserer Völker: die bürgerlichen und die proletarischen als besondere 
Geltungsbereiche in Ansehung nehmen. 
Daß Marx äußerlich einen ganz außergewöhnlich großen Kreis 
von Interessen berührt, weiß heute jedermann. Aber es verdient 
wohl der besonderen Hervorhebung, daß dieser Kreis sich erst nach 
dem Tode Marxens im wesentlichen gebildet hat. Um ihn daher 
in seiner ganzen Größe zu ermessen, ist nichts so sehr geeignet als 
ein Vergleich zwischen dem, was Marx bei seinem Tode galt und 
dem, was er heute gilt; genauer: zwischen dem Umkreis von Bewußt 
seinsinhalten, den er damals vor 25 Jahren erfüllte und den er 
\ heute erfüllt. 
Am ehesten wurde Marx, als er starb, noch als national 
ökonomischer Theoretiker gewertet. Die meisten Zeitungsnotizen, die 
seinen Tod anmeldeten, enthielten (wenn überhaupt etwas außer der 
tatsächlichen Todesmeldung) kurze Worte der Anerkennung oder der 
Kritik über die theoretischen Leistungen des Verstorbenen. 
Aber selbst diese Geltung als „Gelehrter": wie beschränkt war 
sie nach außen wie nach innen! Wer las damals Marx überhaupt?
        <pb n="11" />
        5 
Ein paar überspannte Schneidergesellen, die sich ihr bißchen Gehirn 
mit den kabbalistischen Formeln des „Kapitals" in Grund und Boden 
ruinierten und hie und da ein bürgerlicher Berufsnationalökonom. 
Adolph Wagner vielleicht und Schäffle und Adolf Held: ein als 
„Kenner" sozialistischer Literatur seiner Zeit vielbewunderter Ordi 
narius der Nationalökonomie in Bonn. 
Aber was für einen Marx kannten diese wenigen?! Sicher 
nicht den, der Marx selber sein wollte und als der er dann später 
auch wirklich entdeckt wurde. Marx gehörte zu denjenigen Denkern, 
die ihrer eigenen Meinung nach immer mißverstanden wurden. Selbst 
in den Kreisen seiner nächsten Freunde stieß Marx nur auf geringes 
Verständnis. Auch Lassalle, ein immerhin ganz gescheidter Kerl, 
der doch gewiß auch den besten Willen hatte, in den Geist der 
Marx'schen Lehren einzudringen, blieb ohne Erleuchtung: der Ab 
schnitt seiner Schrift gegen Schulze-Delitzsch, worin er die „geistig 
Quintessenz" der Marx'schen Theorie geben wollte, „enthält be 
deutende Mißverständnisse", wie Marx nach Lassalles Tode fest 
zustellen für notwendig erachtete. 
Und gar erst die „Kleinen von den Seinen" ! Als sie 1875 
mit Aufbietung aller ihrer geistigen Kräfte, für die deutsche (geeinte) 
Sozialdemokratie ein Programm aus den Lehren ihres Führers 
Marx herauszudestillieren sich redlich bemühten, bekamen sie die 
Antwort aus London: es sei „ein durchaus verwerfliches und die 
Partei demoralisierendes Programm", was sie da aufstellen wollten und 
dazu eine Kritik, die alle ihre „theoretischen" Ansichten, die Marxisch 
sein wollten, kurz nnd klein schlug. 
Verstanden ihn seine Parteigänger nicht: wie sollten ihn seine 
politischen Gegner verstehen, die er ja samt nnd sonders für Idioten 
erklärte.
        <pb n="12" />
        ; Und die Hauptsache: er hatte Recht. Das Verständnis für 
s die Wesenheit Marx'scher Lehren war äußerst gering: intra muros 
et extra. 
Immer nahm man Marx vor allem „ethisch". Man sah ill 
ihm im wesentlichen nur den Werttheoretiker, und zwar einen ethisch 
orientierten Werttheoretiker, offenbar weil man über die ersten Kapitel 
des Kapitals, jedenfalls aber über dessen ersten Band, nicht hinaus 
gekommen war: weil man noch nicht erkannt hatte, das; viel mehr 
Marx'scher Geist in den kleinen Schriften steckt als in dem Haupt 
werk selbst. 
Ich nannte schon Adolf Held, der sich zu seiner besonderen 
Aufgabe gemacht hatte: die Sozialdemokratie „von innen heraus" 
durch wissenschaftliche Gegengründe zu überwinden. Man muß in 
Helds Schriften lesen, um einzusehell, wie grundverkehrt man damals 
Karl Marx verstand. „Es ist in der Sozialdemokratie zu unter 
scheiden", heißt es in Helds „Grundriß für Vorlesungen über National 
ökonomie", 2. Aufl. 1878, „einerseits das Element des ökonomischen 
Sozialismus, das heißt die Theorie vom Wert und Einkommen, 
welche für sich alleili betrachtet zwar unwahr resp. utopisch, aber 
durchaus würdig ist, diskutiert zu werden, und andererseits das 
politisch-revolntionüreElement und die zugrunde liegende materialistische, 
allen anerkannten Sittengesetzen widerstrebende Tendenz." In dem 
aus oftenbar „sachkundiger" Feder stammenden Nachruf der Kreuz- 
zeitung heißt es: „Marx' Lehren von der Unproduktivität des Geld 
kapitals, von der mangelnden „substantiellen Verbindung zwischen 
Gebrauchs- und Tauschwert", von dem wertbildenden Prinzip der 
Arbeit und von der „gesellschaftlichen Arbeitszeit" als einzigem Maß- 
stabendes Wertes". Diese — und keine anderen! — Lehren ge 
wannen . . . ein Ansehen . . . usw.
        <pb n="13" />
        Faßte man Marx aber nicht rein ökonomisch-ethisch, sondern 
sozialphilosophisch, so wurde er nach dem alten Schulschema den 
„extremen Individualisten" angereiht, von denen die offizielle Wissen 
schaft schlimme Dinge zu berichten wußte. Einzusehen etwa Professor 
Dietzels Buch über Nodbertus aus dem Jahre 1886. 
Dann nach seinem Tode begann man Marx langsam zn 
würdigen: erst im sozialistischen Lager, wo Schön lank, Kautsky 
und andere ihre wissenschaftliche Laufbahn begannen; dann im Kreise 
„bürgerlicher" Nationalökonomen. Der entscheidende Wendepunkt fällt 
in das Jahr 1894. Damals erschien der dritte Band des „Kapitals", 
dessen Besprechung ich mit den Worten begleiten konnte: „Ja, man 
darf sich freuen auf den Kampf, der gerade um den Marxismus, einen 
der exponiertesten Posten der politischen Ökonomie, entbrennen wird. 
Es wird ein fröhliches Jagen entstehen, die Geister, durch die Grenz- 
nützler nun endlich ans ihrem Schlummer erweckt, werden gar heftig 
aufeinander platzen. Aber das gerade ist ja trefflich, in majorem 
scientiae gloriam zu streiten. Es wird manchen Fachgenossen, nament 
lich unter dell Älteren geben, der bei diesen Worten ein Lächeln nicht 
unterdrücken kann: ob es denn wirklich Ernst sei, einen längst Be 
grabenen wie Karl Marx wieder voil den Toten zu erwecken, sein 
zehnmal „widerlegtes" System wieder zum Gegenstände der Kritik 
machen, ja es geradezu in den Mittelpunkt der wissenschaftlichen Dis 
kussion stellen zu wollen. Nun, wir Jüngeren werden schon dafür 
sorgen, daß ihnen das Lachen mälig vergeht. Wir sind der Meinung, 
daß wir nicht am Ende, sondern just am Anfang der Marx-Kritik 
stehen. Und können unser Verwundern nicht ganz unterdrücken, daß 
man überhaupt schon von einer „Kritik" hat reden wollen, ehe — 
das System fertig war." 
Der Lauf der Dinge hat die Richtigkeit dieser Auffassung erwiesen.
        <pb n="14" />
        8 
Im Jahre.1883 galt Marx bei allen Theoretikern bürger 
licher Observanz als längst „widerlegt". Seitdem aber hat die 
Wissenschaft überhaupt erst angefangen, sich mit ihm zu beschäftigen. 
Bis zum Jahre 1883 zähle ich in meiner Marx-Bibliographie 
20 Schriften über Marx: seit diesem Jahre bis 1904 280, von 
denen in das Jahrelft 1884—1894 58, in das Jahrzehnt 1895—1904 
dagegen 214 fallen. Marx ist zum Mittelpunkt aller irgendwie 
ernst zu nehmenden Erörterungen sozialwissenschaftlichen Inhalts ge 
worden. Fast möchte man sagen: er ist auf dem Wege, universitäts 
fähig zu werden. Kostete es einem akademischen Lehrer noch vor 
15 Jahren wenn auch nicht die Stellung, so doch die Karriere: das 
bloße Bekenntnis, daß er Karl Marx für einen sehr großen 
Denker halte, und wurde der, der also bekannte, für einen Sonder 
ling und Halbidioten gehalten: so pfeift es heute jeder belanglose 
Privatdozent vom Katheder: daß niemand, der sich mit National 
ökonomie, Wirtschaftsgeschichte, Sozialphilosophie befaßt, an Karl 
Marx vorbei kann, ohne sich selbst zur Sterilität zu verdammen, 
daß alle, die nicht durch Marx hindurchgegangen und in irgendeiner 
Form mit ihm und seinen Lehren fertig geworden sind, als sozial 
wissenschaftliche Theoretiker einfach nicht mitzählen (wie ein Biologe, 
der an Darwin, ein Optiker, der an Helmholtz, ein Bakteriologe, 
der an Robert Koch Vorbeigehen wollte). Stürbe Marx heute 
erst, so müßte die Wissenschaft bekennen: daß der einzige lebende 
Sozialtheoretiker großen Stils von uns gegangen sei. 
Und wie die Bedeutung Marxens als Theoretiker nach seinem 
Tode erst in weiteren Kreisen anerkannt worden ist, so hat man auch 
seitdem erst recht eigentlich Marx verstehen gelernt. Wir Jüngeren 
(die wir heute schon anfangen zu den Alten zu zählen), gleichgültig 
ob sozialistischer oder bürgerlicher Observanz, die wir für Marx als
        <pb n="15" />
        9 
Denker vor einem halben Menschenalter eintraten, haben ihn, wenn 
ich den Ausdruck gebrauchen darf, als Theoretiker gleichsam erst 
entdecken müssen. Wir hatten die Aufgabe, erst einmal die tausend 
Mißverständnisse „aufzuklären", die um die Marx'schen Theorien 
herumgewachsen waren; wir mußten dann die Marx'schen Lehren selber 
in ein richtiges Verhältnis zueinander bringen und mußten vor allem 
ihrer Seele habhaft zu werden trachten, ehe wir wagen durften (was 
so viele vor uns getan hatten), diese Theorien zu lehren, und, soweit 
sie unhaltbar waren, zu widerlegen. 
* * 
* 
Und was für den wissenschaftlichen Marx gilt, gilt in noch 
höherem Grade für den Politischen: auch als sozialistischer Führer 
mußte er erst nach seinem Tode entdeckt werden. Erst seitdem ist — 
extensiv wie intensiv — die überragende Bedeutung der Marxschen 
Ideen für die soziale Bewegung zu Tage getreten. 
Vergegenwärtigen wir uns doch, was Marx bei seinem Tode 
als sein Werk anzusprechen vermochte. 
Geltung hatte er fast nur innerhalb der deutschen Sozialdemo 
kratie. Im Auslande gab es vor 25 Jahren entweder überhaupt noch 
keine nennenswerte sozialistische Bewegung oder wo sie bestand, war sie 
von ganz anderem Geiste erfüllt als dem. den Marx verbreiten wollte. 
In England war eben die 8. D. F. begründet worden; aber 
wahrscheinlich konnten die überzeugten Sozialdemokraten in einer 
Droschke nach Hause fahren: noch 12 Jahre später — 1895 — 
wurden in ganz Großbritannien für alle Schattierungen des Sozialis 
mus erst 55 000 Stimmen bei den Wahlen abgegeben. In Frank 
reich zählten die Sozialisten im Jahre 1887 erst 47 000 Wahl 
stimmen; unter denen aber gewiß keine 47 Marx'scher Observanz 
waren. Noch beherrschte hier wie in Italien der reine blanquistische
        <pb n="16" />
        10 
Revolutionismus oder ein kleinbürgerlicher Proudhonismus die Geister. 
Und in den übrigen Ländern dasselbe Bild: in der Schweiz 22 063 
Stimmen im Jahre 1886; in Dänemark, dem heute so stark sozialisti 
schen Lande 1881 1689 Stimmen; in Holland (1880) 17 Stimmen 
usw. Nach einer Zusammenstellung, die vor einigen Jahren das 
Internationale Sozialistische Sekretariat gemacht hat, wurden im 
Jahre 1882, dem letzten vor Marxens Tode, in allen Ländern der 
Erde für sozialistische Abgeordnete 428 004 Stimmen abgegeben. 
Davon etwa zwei Drittel in Deutschland. Hier gab es noch am 
meisten modernen Sozialismus. Aber auch da: wie klüglich schaute 
es um jene Zeit in der sozialistischen Welt aus. 
Seit vier Jahren war das Sozialistengesetz in Geltung, und man 
wird nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß gerade im Anfang der 
1880er Jahre der sozialistischen Bewegung die tiefsten Wunden ge 
schlagen waren. Um jene Zeit hatte das Gesetz am meisten zerstört, 
und die neuen Keime, die dann gegen das Ende der 1880er Jahre, 
als es allmülig milder gehandhabt wurde, ansetzten, waren noch 
nicht vorhanden. Eine sozialdemokratische Presse von irgendwelcher 
Bedeutung und irgend ausgeprägter Gesinnung gab cs nicht; das 
Berliner Volksblatt, aus dem dann der Vorwärts erblühen sollte, 
wurde ein Jahr nach Marxens Tode gegründet. Die Zahl der 
sozialdemokratischen Stimmen war im Jahre 1881 auf 312 000 
zurückgegangen: das heißt hinter den Stand des Jahres 1874, irr 
dem 352 000 Stimmen abgegeben loaren; während 1877 schon 
fast bie 9^1(110« (493 000) erre# loar. % ^a^í ber m 
geordneten betrug 12, soviel wie schon 1877 (um dann erst bei den 
Wahlen von 1884 sich zu verdoppeln). Ihre Kongresse konnte die 
sozialdemokratische Partei in Deutschland nicht abhalten: 1880 hatte 
eine Delegiertenversammlìing in Wyden in der Schlveiz getagt; 1883
        <pb n="17" />
        11 
ging man nach Kopenhagen, um sich anszusprechen. Gerade diese 
traurigsten Zeiten, die der Sozialismus überhaupt bisher in Deutsch 
land erlebt hat, waren in die letzten Lebensjahre Marxens gefallen. 
Aber wenn wenigstens in diesem kleinen verfolgten Häuflein 
Marxens Geist in Reinheit geherrscht hatte. Auch das war gewiß 
nicht der Fall. Dazu war dieser Geist selber noch zu wenig geläutert, 
hatte er noch zu wenig in andern Wurzel geschlagen. 
Beweis der Richtigkeit dessen: was ich über die Kritik berichtete, 
die Marx selber über das sog. „Einigungsprogramm" füllte, auf das 
sich im Jahre 1875 die Lassalleaner mit den Eisenachern (Marxianern) 
geeinigt hatten und das bis zum Jahre 1890 das offizielle Partei 
programm der deutschen Sozialdemokratie geblieben ist. 
Was seitdem die sozialistische Bewegung rein äußerlich geworden 
ist, weiß jedermann. Nicht nur in Deutschland, wo die Sozial 
demokratie mit ihren 3 000000 Stimmen heute längst die größte 
Partei bildet: auch und gerade in den übrigen Ländern hat sich in den 
letzten 25 Jahren eine sozialistische Bewegung recht eigentlich erst 
entfaltet. Man zählt heute etwa 5 Millionen sozialistische Wähler 
in den verschiedenen Staaten, hinter denen sicher 20—25 Millionen 
Sozialisten stehen. Und was für uns hier die Hauptsache ist: dieses 
riesige Heer steht unter der geistigen Leitung marxistischer Ideen. 
Das kann schon entnommen werden daraus, daß cs äußerlich sich 
in dem Sinne von Marx zu Einer großen Einheit zusammengeschlossen 
hat: die „Internationale Arbeiterassoziation", die Marx, um sein Pro 
gramm „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!" zur Durchführung 
zu bringen, 1864 gegründet hatte und die in der alten Form sich 
noch zn Lebzeiten Marxens auflöste, ist seitdem zur Wirllichkeit geworden 
Schon am 1. Mai 1890 konnte Engels freudig bewegten 
Herzens ausrufen: „Heute, wo ich diese Zeilen schreibe, hält das
        <pb n="18" />
        europäische und amerikanische Proletariat Heerschau über seine zum 
ersten Male mobil gemachten Streitkräfte, mobil gemacht als Ein Heer- 
unter Einer Fahne und für Ein nächstes Ziel: den schon vom 
Genfer Kongreß der Internationale 1866 und wiederum vom 
Pariser Arbeiterkongreß 1899 proklamierten, gesetzlich festzustellenden 
achtstündigen Normalarbeitstag. Und das Schauspiel des heutigen 
Tages wird den Kapitalisten und Grundherren aller Länder die 
Augen darüber öffnen, daß heute die Proletarier aller Länder in der 
Tat vereinigt sind. Stände nur Marx noch neben mir, dies mit 
eigenen Augen zu sehen!" Seit 1890 aber ist die „neue" Inter 
nationale erst recht zur Entfaltung gelangt: große Internationale 
Sozialistcnkongresse, Internationale Gewerkschaftskongresse, Inter 
nationale Bureaus und anderes legen Zeugnis ab, daß in der Tat 
heute die sozialistischen Proletarier aller Länder vereinigt sind. 
Vereinigt im Namen Karl Marxens. Denn daß der Geist 
dieses Mannes heute noch immer die Köpfe und die Herzen der so 
zialistischen Arbeitermassen erfüllt, darf füglich nicht bezweifelt werden. 
Wenn auch nicht m dem dogmatisch-kirchlichen Sinne, daß nun die 
Lehren des Meisters Wort für Wort in den Programmen der 
sozialistischen Parteien niedergeschlagen wären (man weiß, daß die 
letzten Jahre eine „Krisis des Marxismus", einen „Revisionismus" 
und ähnliche Dinge gebracht haben, durch die der Bestand der posi 
tiven Sätze der Marx'schen Lehren stark vermindert worden ist), 
wohl aber in dem tieferen Sinne: daß die Sozialisten aller Länder 
heute stillschweigend die Grundgedanken der Marx'scheu Welt 
anschauung in sich aufgenommen haben und daß sie ihn wie ihren 
Heiland verehren: nicht nur äußerlich durch Aufstellung seiner Büste 
bei jeder sozialistischen Veranstaltung, sondern vor allem auch inner 
lich: insofern kein einziger Anhänger der sozialistischen Parteien, so
        <pb n="19" />
        13 
ketzerisch seine Gesinnung auch sein mag, sich gegen Marx aufzulehnen 
wagen würde: alle Revisionisten, Reformisten, Revolutionisten, die 
heute in der sozialistischen Kirche Skandal machen, wollen doch nie 
etwas anderes als die Reinheit der Lehre wiederherstellen: sie alle 
wollen die besten Marxisten sein, sowie alle christlichen Sektierer die 
besten Christen sein wollen. 
Stürbe Marx heute erst: er würde von jenen 25 Millionen 
Sozialistenherzen wie ein Vater betrauert werden: wie ein Vater, der 
seinen Kindern das Leben gab und der seine Kinder an seiner starken 
Hand durchs Leben geführt hat. 
* * 
* 
Es entsteht nun die Frage: auf was begründet sich diese un 
geheuer weitreichende Geltung, die Marx im letzten Menschenalter 
sowohl als Theoretiker, wie als sozialistischer Führer gewonnen hat. 
Offenbar sind zwei Dinge möglich: entweder ein Wahn hat die 
Geister ergriffen. Marx gilt so viel, weil so viele sich täuschen ließen: 
wie ein Wunderdoktor in hohem Ansehen bei Millionen Menschen 
stehen kann, obgleich er keiner einzigen Krankheit Herr zu werden vermag. 
Oder aber Marx hat wirklich Großes geleistet: Großes, das den 
Anhängern der sozialistischen Ideale Kraft und Stärke verlieh; Großes, 
das fruchtbar für die wissenschaftliche Erkenntnis der Welt geworden ist. 
Aufgabe der folgenden Betrachtungen soll es sein, diese Frage für 
die beiden Seiten des Marx'schen Lebenswerkes zu beantworten; das 
heißt also seine Bedeutung festzustellen: für die soziale Bewegung 
unserer Zeit und für die soziale Wissenschaft (wobei unerörtert bleibt, 
welche „Bedeutung" für Kultur und Menschheit das eine wie das 
andere Betättgungsgebiet haben mag).
        <pb n="20" />
        IL 
Was Karl Marx für die soziale Bewegung 
bedeutet. 
Auf den ersten Blick erscheint es seltsam, daß gerade Marx'sche 
Ideen es sind, die in den Köpfen der Sozialisten zum Siege ge 
langt sind und alle anderen Ideen fast verdrängt haben. Denn von 
dem, was sonst die starke Sieghaftigkeit von Heilslehren erklärlich 
macht, enthalten die Schriften dieses Mannes nichts. 
Arm sind sie an sozialen Ideen, arm an politischen Gedanken, 
arm an warmen, eindringlichen Tönen. Da wird den Massen kein 
Paradies verheißen; kein Wunderland wird ihnen vor die Sinne ge 
bracht, in denen Milch und Honig fließt, in denen alle Menschen 
Grafen sind und ohne viel Arbeit sich des Lebens und seiner Ge 
nüsse freuen. Wie es etwa Fourier tut oder Weitling. Die alles 
was das Herz des armen Mannes nur erfreuen konnte, in dem 
Lande der Zukunft verwirklicht sahen, in dem das salzige Meer 
wasser in Limonade verwandelt war, die Menschen mit Rosen im 
Haar die tägliche Arbeit tändelnd verrichteten, in heiterem Freundes 
kreise an reichbesetzter Tafel die vielen Mußestunden verbrachten und 
(die Hauptsache!) je drei bis vier schöne Frauen zu ihrer freien 
Verfügung hatten. Alle diese bunten Phantasmagorien fehlen bei 
Marx. Kalt, wuchtig wie Hammerschläge fallen die Worte nieder:
        <pb n="21" />
        15 
„Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten: sie haben j 
eine Welt zu gewinnen." Eine „Welt": etwas ganz Leeres, ganz 
Abstraktes, ganz Unsinnliches. 
Man hört alte jüdische Propheten reden. Aber auch von denen 
hat Marx nichts als die Starrheit der Gesinnung. Nichts von dem 
Schwung ihrer Gefühle, nichts von ihrem großen Pathos. Niemals 
oder fast niemals wendet er sich an die großen Leidenschaften der 
Menschen, niemals ruft er die Massen auf, für die großen Ideale 
der Wahrheit und Gerechtigkeit in den Tod zu gehen; etwa wie es 
die Prinzip gewordenen Helden der Montagne dereinst getan hatten. 
Er spottet eher über die, die diesen Idealen ihr Leben opfern. „Sie 
(die Arbeiterklasse) hat keine Ideale zu verwirklichen; sie hat nur 
die Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich 
bereits im Schoße der zusammenbrechenden Bourgeoisgesellschaft ent 
wickelt haben." Also ein schemenhafter, blutleerer Dogmatismus an 
Stelle blühender, hinreißender, lebendiger Begeisterung. 
Und trotz aller dieser abstoßenden Züge doch diese unerhörte 
Sieghaftigkeit der Marx'schen Doktrin! Wie sollen wir uns das 
erklären?! 
Einem Teil der Gründe bin ich in meiner Schrift „Sozialismus 
und soziale Bewegung'") nachgegangen, auf die ich den Leser für 
alle Einzelheiten verweisen muß. Was ich dort an Gründen für die 
Sieghaftigkeit der Marx'schen Ideenwelt angeführt habe, könnte 
man als die realen Werte der Lehre bezeichnen; weil es diejenigen 
sind, die wirklich vorhanden sind, weil es sich um Gedankenschöpfungen 
handelt, die Marxens eigenstes Werk sind, die auch so wie sie Marx 
gemeint hat, aufgefaßt werden und die auch einer späteren Kritik 
') 6. Aufl., Jena 1908.
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        16 
standgehalten haben. Sie haben teils positive, teils negative Vor 
züge: es sind Gedanken, die teils deshalb wirken, weil sie da sind, 
teils deshalb, weil sie fehlen. 
Des Zusammenhanges wegen will ich hier einige der Ausfüh 
rungen wiederholen, die sich in meiner genannten Schrift mit dem 
Gegenstände beschäftigen. Sie werden auch außerhalb des Zusammen 
hanges, denke ich, in den Hauptzügen deutlich machen, um was es sich 
handelt, wenn wir von den großen Leistungen sprechen, die Marx zu 
den anerkannten Führern des modernen Sozialismus gemacht haben. 
Zunächst und vor allem — was uns jetzt als Binsenwahrheit 
erscheint — ist als Tat ersten Ranges hervorzuheben die historische 
Auffassung der sozialen Bewegung und die Jnbeziehungsetzung der 
„ökonomischen", „sozialen" und „politischen" Erscheinungen und Vor 
gänge. Marx wendet den Entwicklungsgedanken auf die soziale 
Bewegung an: Hatten auch vor Marx hervorragende Männer So 
zialismus und soziale Bewegung im Fluß historischen Lebens zu er 
fassen sich bemüht: Keiner hatte annähernd in so klarer, keiner vor 
allem in so einleuchtender, wirkungsvoller Form diese geschichtlichen 
Beziehungen aufzudecken gewußt. Daß die politischen Revolutionen 
und Bestrebungen im Grunde Machtverschiedenheiten sozialer Klassen 
seien, war auch vor Marx ausgesprochen, aber wiederum von nie 
mand in so eindringlicher Weise. Von den ökonomischen Umwäl 
zungen nimmt er seinen Ausgangspunkt, um die soziale Klassen 
bildung und den Klassenkampf zu erklären und daß „il n’y a jamais 
de mouvement politique qui ne soit social en même temps" hatte 
er in der Misère (175) schon vor dem kommunistischen Manifest 
ausgesprochen. Damit aber wird das Proletariat zum vollen 
Bewußtsein seiner selbst gebracht, daß es sich in seiner ge 
schichtlichen Bedingtheit erkennen lernt.
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        17 
Aus dieser historischen Auffassung nun aber ergeben sich für 
Marx und für das Proletariat mit Sicherheit die Grundzüge des 
Programms und der Taktik der sozialen Bewegung. Sie sind nur 
„allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden 
Klassenkampfes", hatte das kommunistische Manifest in etwas lockerer 
Fassung gesagt. Genauer gesprochen heißt das: Marxens Theorie 
stellte die Verbindung her zwischen dem, was unbewußt, instinktiv 
sich als proletarisches Ideal zu bilden begonnen hatte und dem, was 
in der Wirklichkeit sich als Ergebnis der ökonomischen Entwicklung 
beobachten ließ. Für die Taktik aber wurde der Gedanke bestimmend, 
daß Revolutionen nicht gemacht werden können, sondern an be 
stimmte ökonomische Vorbedingungen geknüpft seien, während der 
Klassenkampf in seinen beiden Formen, — der politischen, von der 
hauptsächlich im kommunistischen Manifest die Rede ist, aber auch 
der ökonomisch-gewerkschaftlichen, für die Marx schon in der Misöre 
eine Lanze gebrochen hatte — als Werkzeug erkannt wird, dessen 
sich das Proletariat bedienen müsse, um in dem ökonomischen Um 
gestaltungsprozesse seine Interessen zu wahren. Er spricht damit 
aus, was jede proletarische Bewegung, die sich ihrer bewußt wurde, 
als leitende Grundsätze anerkennen mußte. Sozialismus als Ziel, 
Klassenkampf als Weg hörten aus, persönliche Meinungen zu sein 
und wurden in ihrer historischen Notwendigkeit begriffen. 
Anerkennen mußte? Warum muß das Ziel, das in der Form 
des Ideals erscheint, für jede proletarische Bewegung notwendig der 
demokratische Kollektivismus, d. h. die Vergesellschaftung der 
Produktivmittel auf demokratischer Grundlage sein? Auf diese Frage 
geben folgende Erwägungen die Antwort: 
Die moderne soziale Bewegung strebt dasjenige an, was man 
in das Schlagwort die „Emanzipation des Proletariats" zusammen - 
Sombart, LebenSwrrk von Karl Marx. 2
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        18 
fassen kann. Diese nun hat zwei Seiten, eine ideale und eine 
materielle. Ideal kann sich eine Klasse selbstverständlich nur dann als 
emanzipiert betrachten, wenn sie als Klasse wirtschaftlich und somit 
politisch herrschend oder mindestens unabhängig geworden ist, das 
Proletariat, das in ökonomischer Abhängigkeit vom Kapital sich be 
findet, also nur, wenn es diese Abhängigkeit vom Kapital aufhebt. 
Man könnte sich vielleicht denken, daß das Proletariat Unternehmer 
als Angestellte unterhielte, die die Produktion als Beauftragte leiteten. 
Dann aber wäre die Leitung ja nicht mehr in den Händen der Unter 
nehmer wie heute, sondern in den Händen des Proletariats, dieses 
also Herr der Situation. Solange diese Herrschaft in irgend welcher 
Form nicht erreicht ist, kann, im Sinne der Klasse gesprochen, von 
einer Emanzipation nicht die Rede sein. Ebenso kann materiell nicht 
die Rede davon sein, solange diejenigen Umstünde weiter wirken, die 
heutzutage vom Standpunkte der Klasse ans als die eigentlichen 
Gründe ihrer sozialen Inferiorität betrachtet und ans dem kapi 
talistischen Wirtschaftssystem abgeleitet werden. Wenn also das Pro 
letariat sich klar ein Ziel setzt, so kann dieses Ziel nur sein, immer 
vom Standpunkte der Klasse aus, die Beseitigung dieses kapitalistischen 
Wirtschaftssystems. Nun ist diese Beseitigung in zwei Formen 
möglich. Sie kann nämlich entweder erfolgen, indem die großen 
Wirtschaftsformen, die die früheren kleinen abgelöst haben, zurückge 
bildet werden zu kleinen Verhältnissen. In diesem Falle bedeutete 
die Beseitigung des kapitalistischen Wirtschaftssystems eine Rückbildung 
in kleinbürgerlichem Sinne. Oder aber es kann dieses System über 
wunden werden in der Weise, daß die bestehenden Formen der Groß 
produktion erhalten werden. Dann kann die Beseitigung nur in 
einer Vergesellschaftung der Produkttonsmittel und gemeinschaftlicher 
Organisation bestehen: ein drittes gibt es nicht. Wenn also das
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        19 
Proletariat nicht den Kapitalismus durch Rückbildung in kleinere 
Formen beseitigen wich so kann es ihn nicht anders beseitigen, als 
indem es an die Stelle der kapitalistischen die sozialistische Organi 
sation setzt. Und weiter: Das Proletariat als solches kann sich selbst 
verständlich nur zu dem letzten Sinne entschließen, weil es ja seinem 
ganzen Wesen nach mit der Großproduktion verknüpft ist; es ist ja 
nichts anderes als der Schatten dieser Großproduktion; es entsteht 
nur dort, wo die Großproduktion herrscht. Deshalb also kann man 
sagen, daß die sozialistische Zielsetzung der sozialen Bewegung in 
ihren Grundzügen sich mit Notwendigkeit aus der wirtschaftlichen 
Lage des Proletariats ergeben muß. 
Warum aber muß der Weg zur Erreichung dieses Ziels der 
Klassenkampf sein? Hierauf werden wir in Kürze dieses zu ant 
worten haben: Die moderne Gesellschaft stellt sich uns als ein kunst 
volles Durcheinander zahlreicher sozialer Klassen dar, d. h. solcher 
Personengruppen, deren Homogenität aus der Interessiertheit an 
einem und demselben Wirtschaftssystem erwächst. Wir unterscheiden 
als Vertreter feudaler Landwirtschaft die Junker von den Vertretern 
des Kapitals, der Bourgeoisie, die Repräsentanten handwerksmäßiger 
Produktion und Verteilung, das Kleinbürgertum von den modernen 
Lohnarbeitern, dem Proletariat uff. Jede dieser Gruppen von wirt 
schaftlichen Interessenten hat ihre besondere Vertreterschaft unter den 
„ideologischen" Elementen der Gesellschaft, d. h. den dem Wirtschafts 
leben fernstehenden Beamten, Gelehrten, Künstlern usw., die sich ihrer 
Stellung und Herkunft nach der einen oder der anderen sozialen 
Klasse angliedern. 
Die Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse wirkt nun bestim 
mend in doppelter Richtung: sie erzeugt zunächst die eigenartige 
Welt- und Lebensauffassung solcher Gruppen von Menschen, deren 
2*
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        20 
Denken und Fühlen durch die Übereinstimmung der beeinflussenden 
äußeren Umstünde einen Zug zur Gleichheit empfängt. Gleiche Wert 
schätzungen, gleiche Ideale bilden sich aus. Sie erzeugt aber ferner 
auch eine bestimmte Willensrichtung auf Wahrung des von der 
Klasse vertretenen Standpunktes: ihrer ökonomischen Position nicht 
minder als ihrer Werte; sie erzeugt das, was wir das Klassen 
interesse nennen mögen. 
Was also überall sich ungezwungen entwickelt, ist zunächst ein 
Klassenunterschied, an ihn knüpft sich ein Klasseninteresse an. Die 
Vertretung dieses Klasseninteresses führt nun überall dort, wo ihm 
andere Interessen entgegenstehen, zum Klassengegensatz. Nicht immer 
muß notwendig die Vertretung des eigenen Klassenstandpunktes mit 
einem anderen Klasseninteresse kollidieren; gewiß kann zeitweise eine 
Jnteressensolidarität entstehen, aber niemals wird diese Übereinstim 
mung sich auf die Dauer erzielen lassen. Das Interesse des Junkers 
muß an einem bestimmten Punkte mit dem des Bourgeois, das des 
Kapitalisten mit dem des Proletariats, das der Handwerker und 
Krämer mit dem des Großbürgertums usf. in Widerstreit treten; 
denn jedes strebt naturgemäß nach Verallgemeinerung und schließt 
damit andere Interessen aus. Dann gilt das Wort: 
„Wo eines Platz nimmt, muß das andere rücken; 
Wer nicht vertrieben sein will, muß vertreiben . . . 
Da herrscht der Streit und nur die Stärke siegt " 
Hier ist es, wo Meinungsverschiedenheiten auftauchen könnten: 
muß es wirklich zum „Streit", zum „Kampfe" kommen? Ist nicht 
zu hoffen, daß — etwa aus Menschenliebe, oder Mitleiden, oder 
Anteilnahme am Gemeinwohl oder aus sonstigen edlen Motiven 
heraus — soziale Klassen sich freiwillig ihrer Vorrechte, die anderen 
im Wege sind, entäußern könnten? Natürlich: wissenschaftlich „be-
        <pb n="27" />
        % 
21 
weisen" läßt sich die Richtigkeit der einen Auffassung ebensowenig 
wie die der anderen, weil die letzten Gründe für den Entscheid des 
einzelnen in den Tiefen der persönlichen Überzeugung ruhen. Was 
aber für die Nichtigkeit des von Marx vertretenen Standpunktes 
immerhin einiges Beweismaterial liefert, ist der Umstand, daß die 
Geschichte uns noch kein Beispiel einer freiwilligen Entäußerung von 
Klassenvorrechten ausweist, zum mindesten will ich sagen: daß wir 
für jeden solcher Fälle, die dafür etwa angeführt werden konnten, 
eine realistische, nüchterne Beweisführung mühelos antreten können. 
Wir haben andererseits unzählige Beispiele in der Geschichte, wo 
irgendwelche Reform von wohlwollenden Menschenfreunden, etwa 
ideologischen Bureaukraten, begonnen wurde, um bald nachher an 
dem rocher de bronce des mächtigen Klasseninteresses der bedrohten 
herrschenden Klasse zu scheitern. So finden wir, als letztes Glied 
in dieser Gedankenentwicklnng, erst Klassenunterschied, dann Klassen- 
illleresse, dann Klassengegensatz, nun endlich den Klassenkampf. 
Bringt man sich dies zum Bewußtsein, daß die Kernpunkte 
der Marx'schen Lehre wirklich nur das aussprcchen, was ist, daß 
fie sagten, was nicht anders sein konnte, daß sie gleichsam das Selbst 
verständliche, das Nächstliegende, nur entdeckten und offenbarten, so 
wird man es begreiflich finden, daß sie der Fels wurden, auf dein 
die Kirche der sozialen Bewegung errichtet werden konnte. Zumal 
wenn man sich ferner klar macht, daß die Marx'sch e Theorie so 
weit gefaßt ist, daß sie die verschiedensten Strömungen in sich 
aufzunehmen vermochte. Weil Marx gar kein bestimmtes Programm 
aufstellte, gar kein deutliches Bild von der erstrebten Zukunft zeichnete, 
auch die Ausführung des Klassenkampfes im einzelnen dem Belieben 
überließ, wurde er befähigt, der Theoretiker der sozialen Bewegung 
schlechthin zu werden, allem Proletariat zwar nur etwas, aber das
        <pb n="28" />
        22 
Wichtigste zu geben: das Bewußtsein seiner selbst und das Vertrauen 
auf seine Kraft, den Glauben an sich und seine Zukunft. Daher er 
denn auch alle Ideale in das rein formale Ideal der Klassenzuge 
hörigkeit verflüchtigt: „die Proletarier haben nichts ... zu verlieren 
als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier 
aller Länder vereinigt Euch!" Aber: auch nur die Proletarier. 
Damit wurde die soziale Bewegung abermals gefestigt und in ihren 
Zielen geklärt. Die deutliche Ausrichtung des Sozialismus auf die 
soziale Klasse des Proletariats, wie sie Marx vornahm, ist nicht 
der letzte Grund, weshalb die marxistischen Lehren allen anderen 
gegenüber so siegreich bleiben. Denn damit schwand die Ver 
schwommenheit, die für die meisten sozialistischen Systeme charakte 
ristisch gewesen war: weil nun nicht mehr derRoupie", das „Volk", 
die „armen Leute" schlechthin oder sonst ein Unbestimmter als Träger 
der sozialen Bewegung angenommen wurde, sondern eine scharf um- 
rissene, gleich interessierte Gesellschaftsgruppe, eben das Proletariat 
im Sinne einer bestimmten sozialen Klasse. 
Kurz zusammengefaßt, was die historische Bedeutung der marxisti 
schen Lehren für die soziale Bewegung ausmacht: Indem Marx als 
deren Ziel die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, als Weg 
den Klassenkampf bezeichnete, richtete er die beiden Grundpfeiler auf, 
auf denen sich die Bewegung aufbauen mußte. Es war genug, um 
sie zu einheitlichem Bewußtsein zu bringen, es war nicht zuviel, um 
die Entfaltung der nationalen und sonstigen Eigenarten zu hemmen. 
Indem er die soziale Bewegung in den Fluß der historischen Eut- 
wicklung stellte, brachte er sie theoretisch in Einklang mit den be 
stimmenden Faktoren der Geschichte, begründete er sie auf die realen 
Bedingungen der Wirtschaft und der Charakterveranlagung der Menschen, 
wies er ihre ökonomische und psychologische Bestimmtheit nach, wurde
        <pb n="29" />
        er der Begründer des historischen (im Gegensatz zum rationalen) oder 
realistischen (im Gegensatz zum utopistischen) Sozialismus. 
Entscheidend wurde dieses; sobald einmal die Zielpunkte der 
proletarischen Bewegung schlechthin festgelegt waren, konnten sich 
darauf „die Proletarier aller Länder" vereinigen. Dem praktischen 
Bedürfnis nach Internationalist der Bewegung tat dieses Minimum 
programm auf das glücklichste Genüge. Auf dieser programmatischen 
Grundlage konnte man nun die Kräfte entfesseln, die in der Idee 
der Jnternationalität noch gebunden waren. Und somit wurde 
die Marx'sehe Lehre sauf Umwegen) doch die Erzeugerin einer neuen 
oder richtiger die Wiederbeleberiu einer alten durchschlagskräftigen 
Idee: die der allgemeinen Menschenverbrüderung, der allgemeinen 
Menschheitsgesellschaft. 
Aber so hoch man nun auch diese realen Werte in der Marx- 
schen Lehre als Erklärung für deren Sieghaftigkeit veranschlagen möge: 
darüber kann kein Zweifel bestehen, daß sie allein niemals genügt 
haben würden, um Marx für ein Menschenalter zum Diktator der 
Massen zu machen. Dazu mußten die Eigenarten seiner Doktrin 
mitwirken, die sich bei genauem Hinsehen als fiktive Werte darstellen, 
weil sie entweder in nichts anderem als einem glücklichen Mißver 
ständnisse des Gläubigen beruhen oder aber Irrtümer sind, die schließ 
lich zwar als solche erkannt wurden, die doch aber Jahrzehnte hin 
durch ihre faszinierende Wirkung auf die Massen der Sozialisten aus 
geübt hatten. Ich erkläre, was ich meine: 
Da ist zum Beispiel seine berühmte und berüchtigte Wertlehre, 
die früher (wie wir schon sahen) häufig als die Marx'sche Theorie 
oder wenigstens als ihr wesentlicher Bestandteil angesehen wurde. 
Ihr Inhalt ist bekanntlich dieser: daß infolge der eigentümlichen Ge 
staltung der Marktverhältnisse in der kapitalistischen Epoche der Lohn-
        <pb n="30" />
        24 
arbeitn nur einen Teil seiner Arbeit im Arbeitslöhne vergütet erhält, 
während ein anderer, immer mehr anwachsender Teil unbezahlt bleibt, 
dessen Ertrag der Unternehmer ohne Entgelt in der Gestalt des 
Mehrwerts sich aneignet. Jeder, der auch nur etwas in den Geist 
des Marx'schen Systems eingedrungen ist, weiß nun, daß dieser 
Feststellung keinerlei ethische Färbung anhaftet, daß Marx sein Wert 
gesetz ganz und gar nicht etwa entwickelt habe, um den Nachweis zu 
führen, daß dem Arbeiter ein Teil seines Arbeitsertrages „nnrecht- 
mäßigerweise" vorenthalten, daß er vom Unternehnler „in scham 
loser Weise" ausgebeutet werde (um daran etwa die sittliche Forderung 
auf den „vollen Arbeitsertrag" zu knüpfen). Weiß, daß in dem ganzen 
Marx'schen System (als solchem) „kein Gran Ethik" steckt; daß 
auch das Wertgesetz keine andere Bedeutung hat als die übrigen 
Lehren, nämlich die: den Beweis für die Behauptung zu führen, daß 
unsere Wirtschaft sich mit Naturnotwendigkeit in einer bestimmten 
Richtullg entwickle, die unausweichlich zum Sozialismus führen 
müsse. Weiß, daß gerade in der Ablehnung aller ethischen Raisonne 
ments die spezifische Eigenart des Marx'schen Denkens liegt, daß 
Marx besonders stolz darauf war, den Sozialismus nicht mit einem 
Appell an die „ewige Gerechtigkeit" (wie Engels spottet), sondern 
mit deul Nachweis eines natürlicheil Verlaufs der Ereignisse be 
gründet zu haben, nicht als ein Soll, sondern als ein Muß; daß 
also in diesem Denkzusammenhangc eine ethisch orientierte Wcrtlehre 
platter Unsinn sein würde. Tut alles nichts. Für sicher einen sehr 
großeil Teil der Marxgläubigen hat der Meister den Nachweis er 
bracht: daß die Arbeiter einen Teil ihrer Arbeit dem Unternehmer- 
unbezahlt zur Verfügung stellen müssen, daß das „Ausbeutung", nieder 
trächtige. gemeine Ausbeutung ist, und daß man die Hunde totschlagen 
müsse. „Von Rechts wegen". Man lese noch heute die sozial-
        <pb n="31" />
        25 
demokratische Presse, die sich streng zum marxistischen Dogma bekennt, 
inan höre die Reden der Agitatoren zweiten und drittel! Ranges, 
die sich in die Brust werfen und dem profanen vulgus zu ihren 
Füßen stolzerhobenen Hauptes erklären: „Ich kenn meinen Marx" —: 
ob man nicht täglich solcherart ethischen Raisonnements in ihren 
Schriften und Reden begegnet, die dem Marxismus so innerlich 
fremd sind wie Nietzsche dem Christentum. Aber da diese schönen 
lind dein Herzen wohltuenden Lehren den Massen als marxische er- 
scheineli, so ist das abermals ein Grund, dem Verkünder dieser Lehren 
zuzujiibeln. Und da erweist sich nun ein anderer Umstand als ganz 
besonders geeignet, die Marxverehrung ins Unermeßliche zu steigern: 
das ist diesmal der wirkliche Geist seiner Lehren, der als ein streng 
ìvissenschaftlicher, das heißt auf die Erforschung der Wahrheit ge 
richteter sich darstellt. Das weiß inan allerwärts, wo Marx ver 
kündet wird: Marx hat ein großes System der Nationalökonomie 
verfaßt. Dieses System ist der Gipfel der Gelehrsainkeit, ist eine 
Fundgrube des Wissens, ein Arsenal des Geistes. Was in btefein 
System niedergelegt ist, ist das Ergebnis rein wissenschaftlicher 
Forschnng: es ist die Wahrheit. Wenn nun in diesem wissen 
schaftlichen Buche der Nachweis geführt war, daß die Arbeiter in 
der kapitalistischen Gesellschaft „ausgebeutet" werden: je nun — was 
konnte noch inehr im Interesse des Sozialismus geleistet werden, 
als das instinktive Empfinden des einzelnen aus der Masse nüt beni 
Glorienschein objektiver Wahrheit zu umkleiden. Daß sich in dieser 
eigenartigen Weise Wissenschaft und Ethik in der Vorstellungswelt 
des gemeinen Mannes verquicken konnten: darin liegt sicherlich eines 
der wesentlichen Geheimnisse verborgen, deren Enthüllung uns die 
Sieghaftigkeit des Marxismus verstehen hilft. 
Aber diese Eigenart der Marx'schen Lehren: den Sozialismus
        <pb n="32" />
        26 
nicht als sittliche Forderung, sondern als notwendiges Entwicklungs- 
Produkt anzusehen, hat noch aus anderen Gründen dazu beigetragen, 
gerade diese Lehren so allgemein beliebt zu machen. Nicht nur, daß 
man das sittliche Bewußtsein stärkte mit dem Hinweis auf die wissen 
schaftliche „Nichtigkeit" seiner Forderungen: man konnte auch weiter 
leben, weiteragitieren, ohne sich immer in einen Zustand sittlicher Ent- 
rüstung versetzen zu müssen. Man war ja seiner Sache so sicher! 
Der Sozialismus mußte kommen: wie ein Naturereignis. Wozu sich 
also in Unkosten stürzen und etwa nach ethischer Begründung Aus 
schau halten. Der gläubige Marxist wandelte seelcnvergnügt umher 
wie der gläubige Christ: er wußte, daß der Glaube selig macht; er 
wußte, daß das Jenseits ihm (oder doch wenigstens seinen Kindern) 
sicher sei: kraft der Verheißung durch Marx. Und er konnte nun 
auch — der gläubige Marxist — allen unbequemen Fragern: wie 
denn der Zukunftsstaat „möglich" sei, mit einem mitleidigen Lächeln 
begegnen, wiederum wie der Christ, den man nach der Einrichtung 
des Himmels fragt. Das wisse er nicht, konnte er antworten, wolle 
er auch nicht wissen, brauche er auch nicht zu wissen: alles Frageir 
beweise nur das Unverständnis des Fragenden. Da der Himmel den 
Gläubigen versprochen sei, so werde er auch wohl „möglich" sein 
müssen. Heute freilich ist der übernatürliche Nimbus, der sich um 
die Lehren Marxens verbreitet hatte, schon wesentlich verringert. 
Man sindct in meinem „Sozialismus" den Nachweis, daß kaum ein 
Bestandteil der Marx'schen Entwicklungslehre (mit der der „natur 
notwendige" Übergang des Kapitalismus in den Sozialismus „be 
wiesen" werden sollte) einer kritischen Prüfung standhält. Mit dem 
Nachweis aber, daß nur eine Lehre Marxens falsch sei, war für die 
' Geltung seines Systems mehr verloren als diese eine Wahrheit: es 
war der Glaube in seine Allgemeingültigkeit, ich möchte sagen: in
        <pb n="33" />
        27 
seinen Offenbarungscharakter zerstört. Es ist dem Marx'schen System 
wie der Bibel ergangen: war erst einmal erwiesen, daß ein einziger 
Satz mit den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung nicht in Einklang 
stehe, also nicht „wahr" sei, so verlor damit das ganze Buch seine 
besondere Beweiskraft. Es war jetzt nicht mehr „die Wahrheit" 
schlechthin, sondern nur eine Darstellung der Dinge neben anderen. 
Mit dem Nachweis, daß Marx geirrt hatte, war das, was man 
stolz „wissenschaftlichen Sozialismus" genannt hatte, überhaupt zer 
stört. Den Sozialismus konnte man nur retten, indem man ihn 
anders als „wissenschaftlich" begründete. Für diese andere Begründung 
aber bietet gerade das Marasche System besonders wenig Anhalts 
punkte. So daß man glauben sollte: in dem Maße, wie das Prestige 
des „wissenschaftlichen Sozialismus" bei den Massen sich verringerte, 
würde auch der Marxismus seine Geltung als die Gemeinlehre des 
Proletariats einbüßen. Weit gefehlt! Gerade in den letzten Jahren, 
die den Zusammenbruch des Marx'schen Lehrgebäudes gesehen haben, 
ist der Marxismus mit großer Wärme wenigstens von einem Teile 
der Sozialisten als einzig wahre Heilslehre verkündet worden: wiederum 
aber in einem neuen Sinne: als Theorie der sozialen Revolution 
schlechthin. 
Es ist in der Tat nicht schwer, aus den Schriften namentlich 
des jungen Marx genügend viel Material zu entnehmen, das vor 
trefflich als Brandstoff dienen kann, um das Feuer einer revolutionären 
Begeisterung zu schüren. 
Bor allem das kommunistische Manifest ist durchglüht von 
einem echt revolutionären Feuer; cs klingt wie ein Hohes Lied der 
Revolution. 
„Auf Deutschland richten die Kommunisten, so schließt es, ihre 
Hauptaufmerksamkeit, weil Deutschland am Vorabend einer bürgen
        <pb n="34" />
        28 
lichen Revolution steht und weil es diese Umwälzung unter fort 
geschritteneren Bedingungen der europäischen Zivilisation überhaupt 
und mit einem viel weiter entwickelten Proletariat vollbringt als 
England im 17. und Frankreich im 18. Jahrhundert, die deutsche 
bürgerliche Revolution also nur das unmittelbare Vorspiel einer 
proletarischen Revolution sein kann. (!) 
Mit einem Wort, die Kommunisten unterstützen überall jede 
revolutionäre Bewegung gegen die bestehenden gesellschaftlichen und 
politischen Zustände. 
Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten uitb Absichten 
zu verheimlichen. Sie erklären es offen, daß ihre Zwecke nur er 
reicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen 
Gesellschaftsordnung. Mögen die herrschenden Klassen vor einer 
kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in 
ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen!" 
Das ist ein herrliches Bum! Bum! und Tschingdara! wie es 
sich der blutrünstige revolutionäre Jüngling und die hysterische re 
volutionäre Jungfrau nicht schöner wünschen können. Und die fran 
zösischen und italienischen Neu-Blanquisten haben sich wahrhaftig keine 
große Mühe zu geben brauchen, um ihre revoluüonären Tiraden aus 
Marxischcn Worten zusammenzustellen. 
Aber derselbe Marx ist es auch gewesen, der in überzeugender 
Weise die Nottvendigkeit einer organischen Umbildung des Gesellschafts 
zustandes und die Sinnlosigkeit jeder gewaltsamen Revolution dar- 
gctan hat, aus dessen Theorien sich ein ökonomisch-sozialer Evolutio- 
nismus ohne alle Schwierigkeit ableiten läßt. 
Damit aber habe ich einen letzten wichttgen Punkt berührt, der
        <pb n="35" />
        29 
uns die große Durchschlagskraft der Marxischen Lehren verständlich 
macht: ich meine ihre außerordentlich große Vielseitigkeit und Viel 
deutigkeit. Darin sind seine Werke nur der Bibel vergleichbar, daß 
in ihnen der geistig verfeinerte Denker ebenso findet, was ihn reizt 
und erfreut wie der grobe Destillenbudiker darin auf Sätze stößt, die 
seinem intellektuellen Niveau entsprechen. Für alle Höhenlagen der 
geistigen Veranlagung hat Marx irgend etwas geschrieben. Und 
ebenso wie seine Werke oder Stücke daraus von Neichen wie Armen 
im Geiste gelesen werden können, so bieten sie auch für Menschen 
der verschiedensten Lebensauffassung Anregung und Beweisstoff. Der 
Revolutionär nimmt aus ihnen ebensogut seine Waffen, wie der 
überzeugte Evolutionist; der naturwissenschaftlich verbildete Ent 
wicklungstheoretiker ebenso wie der Ethiker; der fette Grieche ebenso 
wie der magere Nazarener. 
So daß wir schließlich es gar nicht so wunderbar finden, 
wenn wir eben diese Eigenarten der Marx'scheu Lehre zusammen 
halten, daß sie freilich eine Welt zu erobern die Kraft in sich trugen. 
Daß sie heute anfangen, an Sieghaftigkeit einzubüßen, habe ich schon 
angedeutet. Ich habe auch in meinem „Sozialismus" ausführlich 
dargetan, an welchen Stellen das Gebäude des Marxismus brüchig 
geworden ist, wo es sich als besonders unzulänglich erwiesen hat. 
Hier brauche ich auf diese Seite des Problems nicht näher einzu 
gehen, wo ich nur zusammenfassend sagen wollte, worin die über 
ragende Bedeutung bestehe, die Karl Marx für die soziale Bewe 
gung unserer Tage gehabt hat und wie sie zu erklären sei. 
Damit ist aber das Lebenswerk Marxens erst nach seiner 
einen Seite hin — der praktischen — gewürdigt. Wir wissen, daß 
Marx ein Doppelwesen war: neben dem Sozialisten lebte in ihm 
ein sozialer Denker und wenn wir seinen Gesamtleistungen gerecht
        <pb n="36" />
        — 30 — 
werden wollen, müssen wir ebensosehr fragen, was dieser für die 
Erkenntnis der Welt getan hat, worin die Bedeutung Marxens für 
die Wissenschaft zu suchen sei. Diese Frage versucht der letzte Teil 
dieser Schrift zu beantworten, den ich in ähnlicher Fassung schon an 
anderer Stelle — im Archiv für Sozialwissenschaft und Sozial 
politik, Band 27 — veröffentlicht habe. Nur daß ich einige Punkte 
anders gefaßt und eine Reihe von Ergänzungen hinzugefügt habe.
        <pb n="37" />
        Was Karl Marx für die soziale Wissenschaft 
leistete. 
i. 
Fünfundzwanzig Jahre sind nun seit dem Tode Marxens ver 
flossen und noch immer erscheint die Aufgabe reizvoll: Marxens 
Bedeutung für die soziale Wissenschaft in Worten zum Ausdruck 
zu bringen. Denn so oft der Versuch unternommen worden ist: 
eine befriedigende Lösung hat die Aufgabe ganz gewiß noch nicht 
gefunden. 
Daß Marx eine irgendwelche und wohl auch überragend große 
Bedeutung für unsere Wissenschaft habe, gilt heute, denke ich, als 
eine allgemein anerkannte Wahrheit. Die Sonderlinge und Neid- 
linge, die ihm jede wissenschaftliche Bedeutung abstreiten (weil sie 
immer nocí) zu faul gewesen sind, ihn zu lesen), sterben langsam 
aris. Aber wenn man sich auch allmählich darüber einigt: Marx 
sei einer der ganz großen Denker gewesen, so gehen die Meinungen 
doch noch recht weit auseinander, wo es sich um eine Begründung 
dieses Urteils handelt. Noch immer begegnet man gelegentlich der 
seltsamen Auffassung, die uns unsere Lehrer einst beibrachten: Marxens 
-Größe läge in der „Kritik", die er geübt habe (im Gegensatz zu der 
historischen Schule oder ähnlichen Dingen, denen wir die „positive
        <pb n="38" />
        32 
Weiterbildung" der Sozialwissenschaften danken sollten). Eine Auf 
fassung, die offenbar aus einer Verwechslung der Politik mit der 
Wissenschaft entstanden war. Denn daß in der Wissenschaft Marx 
irgend welche größere kritische Arbeit geleistet Hütte, ist mir nicht be 
kannt (während alles etwa vorhandene Verdienst der „historischen 
Schule" in der „Kritik" der „klassischen" Nationalökonomie allein 
gefunden werden könnte). 
Aber auch dort, wo Marxens wissenschaftliche Leistungen stetes 
außer allem Zweifel standen, wo man ihn für den Newton oder 
sonst etwas ähnliches der Nationalökonomie erklärte: in den Kreisen 
seiner politischen Anhänger scheint mir das Urteil über Marxens 
Oeuvre nicht glücklicher zu sein. Insbesondere das, was Friedrich 
Engels zu sagen wußte, um seinen Freund zu würdigen, und was 
dann immer wieder nachgesprochen und nachgeschrieben ist, läßt ganz 
und gar unbefriedigt. Nicht nur, daß es den Leistungen Marxens 
nicht gerecht wird: es sucht sie in einer Richtung, in der sie gewiß 
nicht liegen. 
Engels hat öfters versucht, Marx die richtige Stellung in 
der Geschichte unserer Wissenschaft anzuweisen. Am ausführlichsten 
wohl dort, wo er Marx gegenüber Rodbcrtus zu rechtfertigen 
unternimmt: in dem Vorwort zum zweiteu Bande des „Kapitals". 
Die bekannten Worte lauten wie folgt im Auszuge: 
„Was hat dann aber M. über den Mehrwert Neues gesagt? 
Wie kommt es, daß Marx' Mehrwertstheorie wie ein Blitz aus 
heiterem Himmel eingeschlagen hat, und das in allen zivilisierten 
Ländern, während die Theorien aller seiner sozialistischen Vorgänger, 
Rodbcrtus eingeschlossen, wirkungslos verpufften? 
Die Geschichte der Chemie kann uns das an einem Beispiel 
zeigen.
        <pb n="39" />
        33 
Noch gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts herrschte be 
kanntlich die phlogistische Theorie (usw.) . . . Diese Theorie reichte 
hin, die meisten damals bekannten chemischen Erscheinungen zu er 
klären . . . Nun stellte 1774 Priestley eine Luftart dar, die er 
so rein oder so frei von Phlogiston fand, daß gewöhnliche Luft im 
Vergleich damit schon verdorben schien. Er nannte sie: dephlogistisierte 
Luft. Kurz nachher stellte Scheele in Schweden dieselbe Luftart 
dar und wies deren Vorhandensein in der Atmosphäre nach . . . 
Priestley wie Scheele hatten den Sauerstoff dargestellt, 
wußten aber nicht, was sie unter der Hand hatten . . . Lavoisier 
untersuchte nun, an der Hand dieser neuen Tatsache, die ganze phlo 
gistische Chemie, entdeckte erst, daß die neue Luftart ein neues 
chemisches Element war, daß in der Verbrennung nicht das geheim 
nisvolle Phlogiston aus dem verbrennenden Körper weggeht, sondern 
dies neue Element sich mit dem Körper verbindet und stellte so die 
ganze Chemie, die in ihrer phlogistischen Form auf dem Kopfe ge 
standen, erst auf die Füße. 
Wie Lavoisier zu Priestley und Scheele, so verhält sich 
Marx zu seinen Vorgängern in der Mehrwertstheorie. Die Existenz 
des Produktenwertteils. den wir jetzt Mehrwert nennen, war fest 
gestellt lange vor Marx; ebenso war mit größerer oder geringerer 
Klarheit ausgesprochen, woraus er besteht, nämlich aus dem Pro 
dukt der Arbeit, für welche der Aneigner kein Äquivalent gezahlt 
hat. Weiter aber kam man nicht . . . 
Da trat Marx auf. Und zwar in direktem Gegensatz zu allen 
seinen Vorgängern. Wo diese eine Lösung gesehen hatten, sah er 
nur ein Problem. Er sah, daß hier weder dephlogistisierte Luft 
vorlag noch Feuerluft, sondern Sauerstoff — daß es sich hier nicht 
handelte, sei es um die bloße Konstatierung einer ökonomischen Tat- 
Sombart, LebenSwrrk von ñarl Marx. 3
        <pb n="40" />
        34 
sache, sei es um den Konflikt dieser Tatsache mit der ewigen Gerech 
tigkeit und der wahren Moral, sondern um eine Tatsache, die be 
rufen war, die ganze Ökonomie umzuwälzen und die für das Ver 
ständnis der gesamten kapitalistischen Produktion den Schlüssel bot 
— für den der ihn zu gebrauchen wußte. An der Hand dieser Tat 
sache untersuchte er die sämtlichen vorgefundenen Kategorien, wie 
Lavoisier an der Hand des Sauerstoffs die Vorgefundenen Kate 
gorien der phlogistischen Chemie untersucht hatte. Um zu wissen, 
was der Mehrwert war, mußte er wissen, was der Wert war" usiv. 
Wollte man nun wirklich unter diesen Gesichtspunkten Marxens 
Größe abschätzen und ihm soviel Bedeutung für die soziale Wissen 
schaft zuerkennen, als er ihr dauernd gültige „Gesetze" formuliert hat, 
so müßte man freilich zu einem ganz anderen Schlüsse kommen als 
Engels, nämlich dem: daß er recht wenig geleistet habe. Denn 
welches von Marx geprägte „Gesetz" ließe sich anführen, das wir 
heute noch in seiner Richtigkeit anerkennen, wie etwa das Ver 
brennungsgesetz ? ! 
Etwa das „Wertgesetz", dem Engels so große Bedeutung 
beimaß? Doch gewiß nicht. Wir wissen heute sehr genau, daß hier 
von einem „Gesetz" in annähernd dem gleichen Sinne wie dem Fall 
gesetz oder dem Verbrennungsgesetz ganz und gar keine Rede ist. 
Am letzten Ende hat Marx selber den Nachweis erbracht, daß das 
„Wertgesetz" niemals in der Welt der Erscheinungen Gültigkeit haben 
kann (da ja die Preise nach dem Kapitalaufwande und nicht nach 
dem Arbeitsaufwande sich bestimmen). Wir wissen, daß wir die 
Marx'sche Formulierung bestenfalls als heuristisches Prinzip für die 
Klarlegung bestimmter ökonomischer Zusammenhänge verwerten können, 
daß sie aber ganz und gar nicht der theoretische Ausdruck für em 
pirisches Geschehen ist. Und wenn wir gar sehen, wie noch Engels
        <pb n="41" />
        35 
versucht, aus dem Wertgesetz den Mehrwert abzuleiten, so können 
wir ein Lächeln nicht unterdrücken angesichts dieser geheimnisvollen 
Wichtigtuerei. Für uns ist die Mehrwertbildung kein Prozeß, der 
einer so komplizierten Erklärung und einer fast mystischen Ableitung 
aus reinen Gedankengebilden (wie dem sog. „Wertgesetz") bedarf, 
sondern der uns ohne weiteres als ein psychologisch und sozial be 
gründeter Vorgang des täglichen Lebens verständlich erscheint. 
Oder ist etwa die „materialistische Geschichtsauffassung", als 
deren Begründer man Marx ansprechen mag, das „Gesetz", dessen 
Formulierung wir ihm verdanken? Auch das läßt sich nicht sagen. 
Wäre es ein „Gesetz" wie das Fallgesctz, so wäre Marx ganz ge 
wiß nicht sein „Entdecker": denn als solchen betrachten wir den, der 
die letzte einwandfreie Formulierung gegeben hat. Und gerade 
diese läßt bei Marx am meisten zu wünschen übrig. Aber es han 
delt sich wiederum gar nicht um irgend ein Gesetz, sondern abermals 
um ein glückliches heuristisches Prinzip, das sich mit Nutzen bei der 
Anordnung historischen Tatsachenmaterials verwenden läßt. 
Oder soll man an die sog. „Entwicklungsgesetze" denken, die 
Marx für den Ablauf der kapitalistischen Wirtschaft aufgestellt hat? 
Mit diesen hat es auch seine eigene Bewandtnis. 
Zum ersten sind es wiederum ganz und gar keine „Gesetze" 
nach Art des Verbrennungsgesetzes, d. h. allgemein gültige Formu 
lierung für immer gleiches Geschehen, sondern dieses Mal nur Aus 
sagen über den wahrscheinlichen Verlauf eines singulären geschicht 
lichen Ablaufs: der modernen kapitalistischen Wirtschaftsepoche. 
Zum anderen sind sie großen Teils heute als falsch erkannt. 
Von den einzelnen Theorien bleibt nur wenig übrig, wenn wir ihnen 
mit der Sonde der wissenschaftlichen Kritik zu Leibe rücken. Ich 
habe in meiner oben genannten Schrift „Sozialismus und soziale 
3*
        <pb n="42" />
        36 
Bewegung" den Nachweis zu führen versucht, daß die Akkumulations 
theorie, die Verelendungstheorie falsch, die Zusammeubruchstheorie 
unbegründet, die Konzentrationstheorie und die Sozialisierungstheorie 
einseitig und unvollständig sind. Daß somit auch die Gesamtthcorie 
der kapitalistischen Evolution haltlos geworden ist, die ja von jenen 
Einzeltheorien getragen wurde. 
Also auch hier ist Marx nicht der Lavoisier der sozialen 
Wissenschaft. Und wollte man nach ähnlichen Leistungen bei Marx 
suchen, wie sie Lavoisier vollbracht hat, so würde das Bild von 
Marxens wissenschaftlicher Bedeutung sich uns recht kümmerlich 
darstellen. Wir müssen, scheint mir, die Sache von einer ganz 
anderen Seite anfassen. 
Gegen den Vergleich zwischen Lavoisier und Marx habe ich 
nicht sowohl einzuwenden, daß er inhaltlich falsch ist, als vielmehr: 
daß er grundsätzlich verfehlt ist. Und zwar deshalb, weil es über 
haupt nicht angängig ist, das wissenschaftliche Oeuvre eines Sozial 
forschers in irgend einen Vergleich zu stellen mit den Leistungen 
eines Naturforschers. Was hier Engels tat, tun andere in weniger 
klaren Worten immer und immer wieder. Und doch scheint mir der 
erste Schritt zu einer Einsicht in das Wesen und die Bedeutung 
denkerischer Leistungen der zu sein: daß man sich erst einmal völlig 
klar wird über die ganz und gar verschiedenen Leistungen und somit 
auch Verdienste derer, die zum Gegenstand ihrer Betrachtung die 
Natur haben und derer (das ist der Gegensatz, wie noch zu zeigen 
sein wird), die den Menschen als beseeltes Wesen erforschen wollen. 
Naturforscher nennen wir jene, Menschenforschcr können wir diese 
nennen.
        <pb n="43" />
        37 
IL 
Die beiden großen Gebiete, in die die Wissenschaft zerfällt, sind 
die Naturforschung und die Menschenforschung, oder wie man auch 
unterscheiden könnte: die Körper- und die Seelenforschung, denn 
natürlich handelt es sich bei der Menschenforschung um jene Wissen 
schaften, die die menschliche Seele zum Objekte haben (während der 
menschliche Körper ja Gegenstand der Naturforschung ist). Diese 
Unterscheidung (die sich im wesentlichen wohl mit der althergebrachten 
in Natur- und Geisteswissenschaften deckt) scheint mir deshalb die 
richtige Einteilung zu geben, weil sie die wesentlichen Verschieden 
heiten des menschlichen Denkens zu klarer Gegenüberstellung bringt. 
Daß diese Wesensverschiedenheit nicht in der Verschiedenheit 
des Erkenntniszweckes oder des Artcharakters der Erkenntnisse be 
gründet liegt, wissen wir. Sorgfältige Untersuchungen haben uns 
in letzter Zeit wieder einmal darüber belehrt, daß wir grundsätzlich 
zwei verschiedene Ziele unserm Erkennen stecken: die Erkenntnis einer 
Einzigheit imi) die Erkenntnis einer Allgemeinheit und der ihr unter 
worfenen Einzelfülle. Ob man jene Erkenntnis als historische, diese 
als naturwissenschaftliche bezeichnen will, ist eine untergeordnete Frage 
rein terminologischen Inhalts. Die Hauptsache ist, zu wissen: daß 
beide Arten wissenschaftlicher Erkenntnis auf jedem Gebiete mensch 
lichen Denkens erstrebt und geschätzt werden. 
Auch die Naturtvissenschaft sucht nach „historischer" Erkenntnis 
(Geschichte der Erde, der Tierwelt auf ihr usw., was natürlich ebenso 
einzige Prozesse sind, wie die Geschichte der Menschheit) und auch 
die Menschenwissenschaft wertet das „naturwissenschaftliche" Erkennen 
(Lehre vom Markte, vom Gelde usw.). 
Wesensunterschiede der beiden Gebiete des menschlichen Denkens 
ergeben sich aber aus der Verschiedenheit des Stoffes. Sei es des-
        <pb n="44" />
        38 
halb, weil wir diesen nach verschiedenen Gesichtspunkten auswählen 
(auf welches Moment ich aber nicht ein so entscheidendes Gewicht 
legen möchte, wie es von anderer Seite jetzt geschieht), sei es weil 
er seiner Natur nach uns eine verschiedene Betrachtungsweise auf 
nötigt. Wir können (oder wollen) die „Natllr" nur als die ewig 
gleiche betrachten. In der von Anbeginn bis zu ihrem Untergang 
dieselben Kräfte wirken, die sich „nach ewigen ehernen Gesetzen" 
entfalten, so mannigfaltig auch die Gestalt sein mag, in der sich uns 
das Natnrgeschehen darstellt. Gewiß ist der „Regen" nichts ewiges. 
Er ist genau so ein historisches Phänomen wie die Preisbildung. 
Aber wir betrachten ihn in seiner (wenn ich so sagen darf) Ewig 
keitsgestalt: als Ausdruck der immer gleichbleibenden Kräfte, als eine 
bestimmte Äußerung eines und desselben chemisch-physikalischen Pro 
zesses, der die Welt erfüllt. 
Daß nun diesen selben Prozessen auch das Menschendasein, auch 
des Menschen Seele unterworfen ist, wollen wir nicht bezweifeln (da 
mir persönlich jede antimonistische „Tendenz" ferne liegt). Aber 
wir können (oder wollen) Menschentun nicht betrachten als Ausfluß 
jener Naturkräfte, weil wir aus diesen die eigentlich wirksame Kraft 
in allem Menschentun nicht zu erklären, nicht aufzubauen vermögen: 
die menschliche Persönlichkeit, die menschliche Seele. Sobald wir 
aber diese nicht aus- oder richtiger einschalten können in den Kausal 
nexus menschlicher Geschichte, so erscheint uns diese als das Werk 
des lebendigen Menschen und somit als das notwendig in seiner 
Gestalt wechselnde Werk, weil von den ewig neu- und andersgestal 
teten menschlichen Persönlichkeiten beeinflußt. Der Ausbruch des 
Vesuvs im Jahre 79 ist ebenso ein einziges historisches Phänomen 
wie die Zerstörung des Tempels im Jahre 70. Jenen aber be 
trachten wir als das Werk ewig gleich wirkender Naturkrüfte, diese als
        <pb n="45" />
        — 39 — 
das Werk einer sonderbar gestimmten, nie wiederkehrenden Betätigung 
menschlicher Charaktere. Die Gestalt ist in beiden Fällen einzig 
(„historisch"): aber „Stoffe" und „Kräfte" setzen wir im einen Falle 
als ewig gleiche, im andern Falle ebenfalls als historisch, das heißt 
in dieser Zusammensetzung einzig gegebene. Man vergleiche zur Übung: 
Preisbildung und Verbrennung! Schwerkraft und Gewinnstreben! 
Diese Unterschiedlichkeit des Objektes bedingt nun aber unmittel 
bar den wie mir scheint bei weitem wichtigsten Unterschied zwischen 
Naturwissenschaft und MenschenwissenschafU die grundverschiedene Art 
dessen, was wir „erkennen" nennen. 
Die Natur erkennen heißt sie beschreiben, heißt die beobachteten 
Vorgänge auf eine Formel bringen, heißt Ursachen Hhpostasieren, 
von deren Wesenheit wir nichts wissen. Den Menschen und sein 
Handeln erkennen, heißt: erklären, heißt deuten aus eigenem Erlebnis, 
heißt Gründe nachweisen, von denen wir aus uns selbst heraus Kunde 
haben, die wir somit kennen. 
Anders ausgedrückt: wirkliche Erkenntnis gibt es nur im Gebiete 
der Geisteswissenschaft; während das, was wir Naturerkennen heißen, 
nichts anderes als eine Umschreibung von Vorgängen bedeutet, von 
deren innerem Zusammenhange wir nichts wissen. 
Ich kenne die letzte Ursache nicht, die den Stein zum Fallen 
bringt; denn wenn ich sie „Schwerkraft" nenne, so setze ich ein Wort 
ein, ohne darum üefer in die Sache einzudringen. Wenn aber jemand 
dem andern den Schädel mit einem Stocke einschlägt, so vermag ich 
hierfür Gründe anzugeben, weil ich die Handlung, die zum Schädel- 
einschlägen geführt hat, aus meiner Seele zu erklären vermag. Wer 
möchte sagen, warum die Erde um die Sonne kreist. Aber warum 
Romeo um Julia, Napoleon um England, der Jobber um die Börse 
kreisen: das weiß ich, denn wiederum habe ichs erlebt.
        <pb n="46" />
        V 
40 
Seltsame Kurzsichtigkeit mancher Menschen, die sichere Erkenntnis 
aus dem Erlebnis durch die naturwissenschaftliche Beschreibung ersetzen 
zu wollen, das heißt bei der Deutung menschlicher Handlungen die 
psychologische Motivierung umgehen, die Persönlichkeit ausschalten 51t 
wollen und alles menschliche Handeln in den unverstandenen und 
unverständlichen Naturprozeß einordnen zu wollen; das heißt: das 
einzig sichere Wissen, das wir von der Welt haben, um einer Mode 
willen preiszugeben. 
Im großen ganzen, wird man sagen dürfen, haben gerade im 
letzten Jahrhundert die beiden Wissenschaften von der Natur und vom 
Menschen immer deutlicher die ihnen spezifische Art zu erkennen aus 
gebildet und sind sich dadurch immer ferner gerückt. 
Was die moderne Naturwissenschaft anstrebt, ist ja doch eben 
die lückenlose Ersetzung der Qualität durch die Quantität, die in 
einer mathematischen Formel ihren letzten und vollkommensten Aus 
druck findet. Worauf alles ausgeht, ist, wie man sagen kann, die 
Entseelung der Natur. Wo ehedem lebendige Wesen, lebendiges 
Wirken angenommen wurden, da soll jetzt ein Wechselspiel toter Kör 
per herrschen. Aufgabe der fortschreitenden Naturerkenntnis ist es 
recht eigentlich, die lebendige Seele aus den Dingen weg zu argu 
mentieren: der horror vacui wird durch die Erfindung des Baro 
meters, das Phlogiston, eine Art Feuerseelchen, wird durch die Ent 
deckung des Sauerstoffs, die Theorie von der vis vivendi wird durch 
die Synthese organischer Körper ans der Welt geschafft usw. 
Genau umgekehrt ist die Entwicklung der „Geistes"Wissenschaften 
verlaufen: in ihnen ist immer mehr die „psychologische" Methode zur 
Geltung gelangt: das heißt: ist das Bestreben immer deutlicher her 
vorgetreten, alle Vorgänge im Bereich der Menschengeschichte seelisch 
' zu motivieren. Beherrscht die Naturwissenschaften die Tendenz zur
        <pb n="47" />
        41 
Entseelung und Quantifizierung, so die Menschheitswissenschaften die 
Tendenz zur Beseelung und Qualifizierung. 
ill. 
Nun möchte ich aber noch ausdrücklich betonen, daß die eben 
geschilderten Eigenarten der Geisteswissenschaften von aller Wissenschaft 
gelten, deren Objekt der Mensch ist. Nicht nur von der „Geschichte", 
sondern ebenso auch von dem, was man etwa die systematischen 
Menschheitswissenschaften nennen kann, wie die Wissenschaft von der 
menschlichen Gesellschaft oder einer ihrer Tcilwissenschaften, wie der 
Nationalökonomie. Auch hier die menschenwissenschaftliche Eigenart 
des Stoffes und seiner Auswahl, auch hier die spezifische Art des 
Erkennens alls dem Erlebnis. Vonl Handwerk und vom Kapitalis 
mus, vom Preise und von der Börse, vom Arbeitslohn und dem 
Ballkdiskont kann ich fein Wort aussagen, ohne daß inneres Erlebnis 
mir die Zunge gelöst hätte (ich sei denn einer der Vielen: ein Papagei, 
der gehörte Worte mechanisch nachplappert). Was die Soziologie oder 
die Nationalökonomie (um an dieser zu beispielen) von der Ge 
schichte unterscheidet, ist die „systematische" Art der Erkenntnis. Aber 
das „System" dient lediglich als ein Hilfsmittel, um den einzigen 
historischen Ablauf der Menschengeschichte besser zu erfassen. Was 
man zur Darstellung bringen möchte, ist Gegenwartsgeschichte und 
wenn möglich Zukunftsgeschichte. Zu diesem Behufe bedient man sich 
eines bisweilen recht kunstvollen Apparates, dessen einzelne Bestand 
teile sich etwa wie folgt beschreiben lassen. 
1. Es wird eine Summe von Begriffen gebildet durch Zu 
sammenstellung der wie man glaubt typischen Merkmale der Wirk 
lichkeit zu einem Gedankenbilde und diese Begriffe werden zu einem 
Systeme zusammengefügt: Oberbegriffen untergeordnet usw.: Stadt,
        <pb n="48" />
        42 
Handwerk, Fabrik, Wirtschaft, Betrieb, Preis, Grundrente, Kapita 
lismus usw. 
2. Es wird eine möglichst große Reihe von Kausalzusammen 
hängen in der Weise gebildet, daß mittels des isolierenden Verfahrens 
die Wirkung bestimmter Ursachen (Motive) konsequent in Gedanken 
verfolgt wird: Preisbildung, Grundrenten-, Lohn-, Profitbildung usw. 
3. Es wird eine tunlichst große Masse von Einzelphänomenen 
in Gedanken zu einer Einheit zusammengefügt entweder dadurch, daß 
sie auf einen Zweck (diese auf andere usw.) bezogen werden: etwa 
Organe des Staats, Funktionen des Handels usw. oder auf Motive 
(diese wieder auf andere) zurückgeführt werden: etwa die Entstehung 
der modernen Stadt aus den Interessen des Kapitalismus usw. 
4. Letztlich werden reale Gestaltungslendenzen auszuweisen ver 
sucht in der Weise, daß regelmäßig wiederkehrende Massenerscheinungen 
auf eine konstant wirkende Triebkraft (etwa das Gewinnstreben des 
kapitalistischen Unternehmers) zurückgeführt und somit (solange die 
selbe Triebkraft weiter wirkt und dieselben Bedingungen auch sonst 
erfüllt sind) als auch in Zukunft sich fortsetzende nachgewiesen werden: 
etwa die Verelendungstheorie, die Akkumulations- oder Konzentrations 
theorie. das „Gesetz" der fallenden Lohn-, der fallenden Export 
quote usw. 
Das „Gesetz" . . . Womit wir dann an das allerdelikateste 
Problem gerührt haben, das die Wissenswissenschaft kennt. Wie 
derum wird in der verschiedenen Bedeutung, die das „Gesetz" für 
Natur- und Menschenwissenschaft hat, deren Grundverschiedenheit 
selbst sich deutlich erkennen lassen. 
Die Naturerforschung gipfelt im Gesetz: das Gesetz ist die Er 
kenntnis. Das Gesetz, das heißt also: eine mathematische Formu 
lierung, die die regelmäßige Aufeinanderfolge von Naturvorgängen
        <pb n="49" />
        ¿-V- -V 
43 
in der Weise durch ziffermäßige Jnbeziehungsetzung meß- oder wäg 
barer Großen zu einer gedanklichen Einheit ordnet, daß kein Phä 
nomen unbeschrieben und eine Unterordnung einzelner Fülle unter 
die allgemeine Regel möglich ist. 
Gibt cs solche Gesetze für die Menschenwelt, sind wir über 
haupt auf dem Wege, sie zu finden, haben wir auch nur den ge 
ringsten Ansatz dazu? Antwort: nein. Was wir an derartigen 
Gesetzen etwa im Bereich der Nationalökonomie haben, sind nur 
verkappte Naturgesetze; wie etwa das Gesetz des abnehmenden Boden 
ertrages. Ein Gesetz, das Menschentun, auf welchem Gebiete es 
auch immer sich betätigen möge, beherrschte, also immer und allge 
mein gültig wäre, gibt es kein einziges. 
Der Grund für diese scheinbar seltsame Tatsache erhellt ohne 
weiteres aus der Eigenart des Wissens vom Menschen, wie wir es 
in seinen Grundzügen kennen gelernt haben. Wie sollte ein „Gesetz" 
von allgemeiner Geltung aufgestellt werden, da doch Objekt (Stoff) 
und Kräfte in der Menschheitsgeschichte unausgesetzt wechseln? Das 
Fallgesetz, das Verbrennungsgesetz stelle ich auf in der stillschweigenden 
Annahme, daß, so lange unsere Jrdischkeit dauert, Stoff und Kräfte 
dieselben bleiben, die den Stein zum Fallen, das Holz zum Brennen 
bringen und daß sie in stets derselben Wirksamkeit andauern werden. 
Preisgesetze aber werden nur gelten: 
1. Wenn und solange Menschen bestimmte gewandelte und 
wandelbare Beziehungen zu einander eingehen (ihre Erzeugnisse auf 
dem Markt gegen einander tauschen). 
2. Wenn und insoweit die kaufenden und verkaufenden Men 
schen eine ganz bestimmte (keineswegs immer vorhandene) Seelen 
stimmung aufweisen. Das Muß des Steinfalles ist doch ein Wesens 
anderes als das Muß des Käufers, einen bestimmten Preis zu 
T 
//(
        <pb n="50" />
        44 
zahlen. Das Essentielle des gesetzmäßigen Naturvorgangs ist die 
mathematisch sich gleichbleibende Kraftwirkung, das Wesentliche des 
Marktvorgangs eine stets vorhandene Ungleichheit der Motivation 
und Handlung der die „Kräfte" bildenden lebendigen Individuen. 
Das „Preisgesctz" ist also nicht nur in seiner Ausdehnung 
(extensiv), sondern ebensosehr und noch mehr in seiner Wirksamkeit 
und somit Bestimmbarkeit (intensiv) beschränkt. 
Seine Bedeutung für die Nationalökonomie ist also grund 
verschieden etwa von der des Fallgesetzes für die Mechanik. In ihm 
kommt jene oben genannte Abstraktionstendenz, deren wir uns als 
Hilfsmittel zur Erkenntnis der Wirklichkeit bedienen, zum Ausdruck. 
Wir verfolgen die mögliche Wirkung eines bestimmten Motivs (den 
Wunsch, möglichst teuer zu verkaufen, möglichst billig zu kaufen) in 
Gedanken und formulieren diese Fiktion zu einem Gesetz, das aber 
möglicherweise überhaupt nie in Wirksamkeit tritt. Diese „Gesetze" 
sind nicht die Erkenntnis, sondern bereiten die Erkenntnis nur vor. 
Wenn ich die Wirkung der Steigerung der Edelmetallproduktion 
„theoretisch" festgestellt habe (z. B. in dem Satze: ist mit der Zu 
nahme der Produktion eine Verminderung der Produktionskosten 
verbunden, so steigen die Preise, im andern Falle nicht) so habe ich 
wirkliche Erkenntnis noch gar keine. Diese gewinne ich erst dadurch, 
daß ich die Wirkung der Entdeckung von Potosi oder Kaliforniens 
usw. in concreto untersuche. Während also die naturwissenschaft 
lichen Gesetze den Bestand an Erkenntnis darstellen, über den die 
Naturwissenschaften verfügen, sind soziale „Gesetze" nichts anderes 
als ein technischer Apparat, um damit Erkenntnisse zu gewinnen. 
Sie sind nicht das Ende, sondern der Anfang der Erkenntnis. 
Neben diesem technischen Hilfsapparat gibt es dann in den 
Geisteswissenschaften noch jene ebenfalls bereits gekennzeichneten
        <pb n="51" />
        „Entwicklungstendenzen", die man gelegentlich auch als Gesetze an 
spricht. Sie tragen nun aber ganz und gar nicht den Charakter 
eines „Gesetzes", wie die Naturwissenschaft ein Gesetz versteht. Vor 
allem deshalb nicht, weil sie gar keine allgemeine Formulierung für 
beliebig sich einstellende Einzelfälle sind, sondern nur den wahr 
scheinlichen Verlauf eines einzigen Vorgangs voraussagen wollen. 
Das „Konzentrationsgcsetz" hat immer nur Geltung für ein einziges 
historisches Milieu: eine zeitlich eng umgrenzte Epoche des Kapitalis 
mus in den modernen Staaten und kann selbst in diesem Milieu 
etwa durch einen bewußten Eingriff der Staatsgewalt oder durch 
die Veränderung des Kräfteverhältnisses (der Willensintensität) der 
beteiligten Personen in jedem Augenblicke aus der Welt geschafft 
werden. Was also soll die Gleichstellung derartiger „Entwicklungs 
tendenzen" (deren Ermittlung nebenbei bemerkt sehr nützlich sein kann) 
mit den „ewigen ehernen Gesetzen", die die Naturforscher für den 
ewig gleichen Ablauf des Naturgeschehens formulieren?! 
IV. 
So ist es kein Wunder, wenn schließlich sich die Geschichte der 
einen und der andern Wissenschaft als etwas ebenfalls grundver 
schiedenes darstellt. 
Die Geschichte der modernen Naturforschung — der modernen, 
das heißt also derjenigen, die auf den Prinzipien der Quantifizierung 
fußt — erscheint uns im wesentlichen als eine immer größer werdende 
Sammlung von Einzelwissen. Am Ende einer Generation ist ein 
bestimmtes Maß gesicherten Wissens vorhanden, das wie Korn in 
der Kornkammer aufgeschüttet liegt und zu dem nun ' die folgende 
Generation ihren Teil hinzuträgt. Man ist stolz, von einer „fort 
schreitenden Erkenntnis" zu sprechen und hat die Vorstellung (auch
        <pb n="52" />
        46 
hier steht der Geist im Banne der quantifizierenden Methode) als 
ob es nur einer immer noch stärkeren Vermehrung des Besitzes an 
Wissen bedürfte, um schließlich zu erkennen: „was die Welt im 
Innersten zusammenhält". So fühlt sich auch jeder Naturforscher 
als ein Glied in einer großen Kette. Er steht auf den Schultern 
seines Vormanns und wer es schließlich erlebt, wird so hoch ge- 
süegen sein, daß er die Sterne greifen kann. Er fühlt sich aber 
auch nur als der (unpersönliche) Mehrer im Reiche seiner Wissenschaft. 
Das Wissen von der Natur wird objektiviert, sobald es zu Tage 
gefördert ist. Die einzelnen Erkenntnisse erscheinen als rein sachliche 
Erkenntnisse ohne jede persönliche Note. Kein Mensch sieht dem 
Fallgesetz an. daß Galilei, dem Verbrennungsgesetz, daß Lavoisier, 
dem Gesetz von der Erhaltung der Kraft, daß Rob. Mayer sein 
Vater ist. 
Ganz das Gegenteil trifft für die Geisteswissenschaften zu. 
Hier trägt jede Leistung einen persönlichen Charakter, und wenn es 
auch nur (wie meist) der Charakter der Stümperei ist. Die großen 
Schöpfungen sind aber höchstpersönliche Werke wie der Moses von 
Michelangelo oder der Fidelio von Beethoven. Sie reihen sich des 
halb auch nicht irgendwo in eine Kette von andern Leistungen ein. 
Sie stehen für sich da, neben andern. Sie fangen von vorn an. ein 
Wissensgebiet zu durchleuchten. Von irgend welchem Ansammeln von 
objektiver Erkenntnis (wenn man von dem Tatsachenmateriale ab 
sieht) ist keine Rede; von einem Weiterbauen ebensowenig. Die 
Geschichte der Wissenschaft vom Menschen stellt sich uns nurmehr 
dar als ein Nach- und Nebeneinander persönlicher Schöpfungen, die 
sich dann von Zeit zu Zeit zu bestimmten Manieren. „Methoden" 
genannt, verhärten, um die ein oft recht unnützer Meinungskampf 
entbrennt. Es sind dann die Kleinen, die sich dieser oder jener
        <pb n="53" />
        ■ 
— 47 — 
Manier eines Meisters bemächtigen und um sie streiten, als käme es 
darauf an, nach welcher „Methode" geschaut wird, während es doch 
nur bedeutsam ist, daß Einer Augen zum Sehen, Ohren zum Hören 
und einen Mund zum guten Aussprechen hat. 
Es ist begreiflich genug, daß die Geschichte der Geisteswissen- 
schaften so verläuft und so grundverschieden von der der Naturwissen 
schaften sich gestaltet. Denn es sind ja immer neue Objekte, die zu 
betrachten sind, immer neue Menschen, die sie anschauen, immer neue 
Bedingungen, unter denen die „Erkenntnis" zu Stande kommt. Man 
wird doch gewiß nicht sagen wollen, daß die „Geschichtswissenschaft" 
von Thucydides zu Tacitus zu Macchiavelli zu Mommsen irgend 
welchen „Fortschritt" gemacht habe, daß unser Wissen vom Leben 
der Völker (unbedeutende Einzelheiten außer Acht gelassen) in drei 
tausend Jahren irgendwie „vermehrt" worden sei. Oder man wird 
doch nicht behaupten wollen, daß die Staatslehre seit Aristoteles oder 
Montesquieu irgendwie „weiter" gefördert sei. Oder man wird doch 
nicht so töricht sein zu glauben, daß unsere Einsicht in den Zu 
sammenhang des Wirtschaftslebens tiefer sei als die Pettys oder 
Cantillons; man wird vielmehr festzustellen haben, daß alles was 
gescheite Merkanülisten gelehrt haben, genau ebenso richtig und ebenso 
falsch war als das, was Quesnay und Adam Smith zu ihrer Zeit 
als die Wahrheit verkündeten und daß deren Wissen ebenso tief ging 
(wenn nicht tiefer) als unseres von heute. 
Diese Betrachtungen gewähren uns nun aber erst die Möglich 
keit, mit Sicherheit den Wert einer Leistung auf dem Gebiete der 
Natur- oder Menschcnwissenschaft zu ermessen; insbesondere auch zu 
entscheiden: wie beschaffen die großen schöpferischen Geister in diesen 
Wissenschaften sein müssen. Alles was wir bisher erkannt haben, 
drängt zu der Annahme, daß große Leistungen in den Natur- und
        <pb n="54" />
        48 
Geisteswissenschaften ganz verschiedenen Charakter tragen, daß große 
Naturforscher und große Menschenforscher aus ganz verschiedenen! 
Holze geschnitzt werden. 
Selbstverständlich werden sie in vielem einander ähneln. Der 
große Denker wird immer bestimmte Züge tragen, die ihn vom 
wissenschaftlichen Schuster ebenso unterscheiden wie von dem bedeu 
tenden Menschen anderer Begabung. Er wird einen umfassenden 
Überblick über alles Tatsächliche haben. Dazu die Fähigkeit der 
Abstraktion und doch eine große sinnliche Schau. Er wird ein 
scharfes Unterscheidungsvermögen und Sinn für das Wesentliche be 
sitzen. Eine große Darstellungskraft und große Arbeitsenergie. Und 
er wird vor allem dadurch von dem gewöhnlichen Handwerker unter 
schieden sein, daß sein bestes Schaffen aus den Tiefen seiner Seele 
ungewollt hervorbricht und unterhalb der Schwelle des Bewußtseins 
sich abspielt. 
Dann aber: wie grundverschieden sind die Aufgaben, die des 
Naturforschers harren, von denen, die der Menschheitsforscher zu lösen 
hat; wie grundverschieden also muß die Begabung der beiden sein, 
damit sie je auf ihrem Gebiete Großes leisten! 
Was den bedeutenden Naturforscher macht, ist die Fähigkeit, 
angefangene Gedankengänge bis zu Ende zu führen, das heißt bis 
zu dem Punkte, wo eine Fülle von Erscheinungen sich durch eine 
denkbar einfache Formel beschreiben läßt. Er ist immer ein Vollender. 
Und was ihn befähigt, dies zu sein, ist seine überragend große Abs- 
traktionskraft. Er muß ein genialer Rechner sein, der mit endlosen 
Zahlenreihen ins Bett geht und am nächsten Morgen im Stande ist, 
dasselbe Zahlen- oder Körperbild unverändert vor seinem geistigen 
Auge erstehen zu lassen. Er muß ein geschickter Kombinator sein, 
der hundert mögliche Gestaltungen sich vorzustellen die Kraft hat,
        <pb n="55" />
        49 
um von ihnen eine als die richtige, die die „Lösung" enthält, zu 
erkennen. 
Vom Menschenforscher erwarten wir keine „Lösungen", man 
könnte vielmehr mit einiger Paradoxie sagen: wir verlangen von 
ihm Problemstellungen. Was ihn vor den andern groß macht, ist 
immer die neue Ansicht vor: der Welt und den Menschen. Auch er 
ist groß als Entdecker. Aber nicht als Entdecker (lies Formulierer) 
von Gesetzen, sondern als Entdecker von Menschen und menschlichem 
Wesen. Was wir an ihm schätzen, ist die Kraft, Menschen lebendig 
zu machen und sie uns in ihrem Denken und Fühlen und Tun 
leibhaftig vor Äugelt zu stellen. Was macht denn, um ein paar 
beliebige Namen aus unserer Zeit zu nennen, Carlyle und Taine, 
Mommsen und Burkhardt, Gneist und Treitschke, Jhering 
und Viktor Hehn zu großen Forschern? Doch nicht, daß sie uns 
irgend ein „Gesetz" formuliert hätten, sondern dieses: daß sie uns 
Menschen schauen ließen. Die einen haben den Revolutionsmenschen 
elltdeckt, die anderlt den Rönrer oder den Renaissancemenschen oder 
den eltglischen Adligen oder den Italiener oder den preußischen 
Bureaukraten des ancien régime usf. Was sichert Mommsen den 
ewigen Ruhm? Ganz gewiß nicht seine 1500 gelehrten Traktate, 
die er mit unübertroffener Akribie und Sachkunde verfaßt hat (aber 
an Akribie und Sachkunde kommt ihm manch ein beliebiger Professor 
gleich). Auch nicht seine Edition des Corpus inscriptionum. Son 
dern er wird fortleben als der Verfasser seiner römischen Geschichte, 
in der er in hellseherischer Klarheit das Römertum geschaut und uns 
mit genialer künstlerischer Gestaltungskraft vor Augen gestellt hat. 
Damit aber der Menschheitsforscher diese von uns allein ge 
wertete Leistung vollbringen könne, braucht er kein großer Rechner, 
kein großer Abstrahist zu sein. Aber was er sein muß: ein großer 
Sombart, Lebenstverk von Karl Marx. 4
        <pb n="56" />
        50 
Erleber. Der Strom des Lebens muß durch ihn t)inburc^ftufceïi ; er 
muß die Menscheuwelt in seinem Innern lebendig werben lassen und 
muß sic iu uns durch die sinnliche Kraft seiner Darstellung ebenfalls 
wieder erwecken, sodaß sie auch uns zum Erlebnis werde. Dazu 
gehört (und dadurch unterscheidet sich der große Forscher vom Pro 
fessor): daß Blut und keine Tinte in seinen Adern fließe. 
Alle „Entwicklung" des Wissens vom Menschen (wenn wir 
schon von Entwicklung sprechen wollen) erschöpft sich in dem immer 
wiederkehrenden Vorgänge: daß von einem großen Schauer Menschell 
eiltdeckt und hingestellt werden, daß dann langsam von den gelehrte« 
Spinnen das Bild so lange durch allerhaud Spezialistentum über- 
sponnen wird, bis es ganz und gar mlkenntlich geworden ist und 
durch eine neue schöpferische Leistung ersetzt werden muß, um lebendig 
zu bleiben. Wo die Schauer fehlen, haben die Schuster zu tuu. 
Und ihr Werk ist es, das Lebendige mit totem Wissenskram zuzu 
decken, den Menschen und sein Wirken durch allerhaud Abstraktionen 
zll ersetzen. Man schaue sich den trostloseil Zustand der Verwahr 
losung an, in dem unsere Geschichtsschreibung heute geraten ist, nach 
dem seit einem Menschenalter kein großer Lebendiger mehr sich an 
der Geschichtsforschung beteiligt. 
Fraglich könnte wiederllm nur sein, ob alles dieses etwa bloß 
für die Geschichtsforschung im engeren Sinne, bagegen nicht auch 
für die systematische Wissenschaft vom Menschen in der Geschichte, 
für Soziologie und ihre Unterwissenschaften wie Nationalökonomie, 
Rechtswissenschaft usw. Geltung habe. Aber ich glaube, daß auf 
dem Gebiete der systematischen Sozialwissenschaften auch immer nur 
die Mämler Großes leisten werden, die stärkstes Erlebnis mit großer 
Darstellungskraft verbinden. Nur daß die Fähigkeit zu erleben eine 
besondere Nuance aufweisen muß: es muß eine Fähigkeit sein, das
        <pb n="57" />
        51 
Typische im Menschenschicksal in sich lebendig werden zu lassen,, 
während der „Historiker" den Sinn für das Einzigartige im Völker 
leben vor allem besitzen muß. Aber auch das Typische im Menschen 
mache ich mir nur durch das Erlebnis zu eigen: wie sollte ich über 
das Handwerk ein Wort aussagen können, ehe ich nicht das spezifisch 
Handwerkerhafte einmal (außerhalb aller begrifflichen Feststellungen) 
in mir erlebt: empfunden, ich möchte sagen geschmeckt habe. Und 
als ein großer Sozialforscher wird uns der gelten, der große wichtige 
Menschentypen entdeckt und ihr Wesen uns übermittelt hat. Voraus 
gesetzt, daß er auch die Fähigkeit besaß, die Einzelbeobachtung in 
einen großen Zusammenhang zu stellen und uns kraft eines glück 
lichen Begriffssystems den Eindruck eines einheitlichen Zusammen- 
stirnmens aller Einzelphünomene zu verschaffen. 
V. 
Ich denke: nun empfindet man schon, wie verfehlt es ist, einem 
Manne wie Marx und seinem wissenschaftlichen Oeuvre dadurch ge 
recht werden zu wollen, daß man ihm — wie einem Naturforscher 
— einen bestimmten Platz in dem Entwicklungsgänge der sozialen 
Wissenschaften einräumt, daß man ihn in Reih und Glied mit feinen 
Vorgängern und Nachfolgern einordnet, daß man das Quantum ob 
jektiven und dauernd gesicherten Wissens aufweist, das wir ihm ver 
danken oder gar die „Gesetze" namhaft macht, die er aufgestellt hat. 
Würde danach die Größe eines Menschheitsforschers ermessen 
werden, so stünde es schlimm um Karl Marx und sein Renommee 
als großer Denker. Denn was wir ihm an neuen „Gesetzen" ver 
danken, sahen wir schon ist herzlich wenig unb nicht zu vergleichen 
mit dem, was uns Geister minderen Ranges — Ricardo, Senior, 
von Thünen, Jevons u.a. — hinterlassen haben. Den technischen * 
4*
        <pb n="58" />
        52 
Hilfsapparat uationalökonomischer Gesetze hat Marx kaum vennehrt. 
Er ist darin über Ricardo nicht wesentlich hinausgekommen: die 
Preisgesetze, die Verteilungsgesetze usw. Ricardos hat er wohl hie 
und da verbessert, aber in ihren Grundzügen unverändert gelassen. 
Seine Versuche, neue „Gesetze" jener Art zu formulieren, sind fast 
durchgängig gescheitert. Die Anläufe, im zweiten Bande des Kapitals, 
Ricardos Lehren für die Fragen des Kapitalumschlags usw. weiter 
zu führen, sind im Sande verlaufen. 
So blasphemisch es den Ohren manchen Marxverehrers klingen 
mag: ich wage es doch auszusprechen, daß Marxen für derartige 
Gesetzesschmiederei offenbar ein notwendiges Requisit fehlte: die 
Abstraktionskraft und in weiterem Sinne — die Verstandesschärfe. 
Ich entsinne mich noch, welches Entsetzen mich damals packte, als 
ich zum ersten Male das Urteil von Roscher über Karl Marx las, 
das ill seinen Hauptsätzen also lautet (Gesch. der Nationalökonomik 
in Deutschland S. 1021): „Theoretisch ist dieser geistreiche, aber nicht 
scharfsimlige Mann wenig geeignet, komplizierte Erscheinungen auf 
ihre einfachen Elemente zurückzuführen ..." Heute scheint mir 
dieses Urteil durchaus das Richtige zu treffen. Denn einem Mangel 
an Verstandesschärfe begegnen wir allerorten in den Marx'scheu 
Schriften. Das zeigt sich gailz besonders auch in der Art und 
Weise, wie er die Begriffe bildet und handhabt. 
Marx definiert fast nie und seine Begriffe sind oft genug 
mehrdeutig imb verschwommen: Wert, Mehrwert, Kapital, Fabrik, 
Betrieb, industrielle Reservearmee, Akkumulation, Konzentraüon, 
Verelendung und viele andere tragende Begriffe in seinem System 
entbehren durchaus der scharfen Prägullg, sodaß manche Parüen des 
„Kapitals" als Seminararbeiten eine ganz schlechte Note verdienten. 
Unsere Schulmeister haben darum auch von Marx eine nur geringe
        <pb n="59" />
        Meinung: diejenigen Leistungen, dican niveau ihres eigenen Fassungs 
Vermögens liegen, sind tatsächlich nicht berühmt. 
Aber sie entscheiden auch ganz gewiß nicht über die geschicht 
liche Bedeutung eines Denkers wie Marx. Zumal in unserer Zeit 
ist die Beschäftigung, die sich auf die Vervollkommnung des tech 
nischen Apparates der sozialen Wissenschaften richtet, zu einer wahren 
Schusterarbeit geworden, die recht und schlecht von einem beliebigen 
Ordinarius der Nationalökonomie ausgeführt werden kann. 
Was aber ist es denn nun in Wirklichkeit, das Marx die 
überragende Größe als Menschheitsforscher verleiht? Nun offenbar 
ein Geist, der in Überlebensgröße sich in diesem Menschen betätigen 
konnte: eine wundersame Fruchtbarkeit an neuen und schöpferischen 
Ideen, on unerhörten Gesichten. 
Kraft dieses Geistes — seines Schaffens selbst völlig unbe- 
wnßt — wurde Marx der Begründer der modernen systematischen' 
Sozialwissenschaft, für die er überhaupt erst die Möglichkeit ge 
schaffen hat. 
Zunächst holte er die Nationalökonomie aus den nebelhaften 
Regionen der Teleologie, in die sie sich verstiegen hatte, herunter 
und stellte sie auf den sicheren Boden einer durchgängig kausalen, 
von allem ethischen oder utilitarischen Beiwerk freien Betrachtungs 
weise. Was das bedeutete, vermögen wir zu ermessen, wenn wir 
die Nationalökonomen, die an Marx vorbeigegangen sind, betrachten: 
wie sie noch heute zwischen Kausalität, apriorischer Teleologie und 
dilettantischer Ethik als orientierende Prinzipien hilflos hin und 
herschwanken. 
Dann aber zeigte er uns, wie man die Einsicht in den histo 
rischen Charakter des Wirtschaftslebens, also seine stete Wandelbarkeit 
im Ablauf der Geschichte vereinigen kann mit einer systematischen
        <pb n="60" />
        54 
Erfassung bet ökonomischen Borgänge. Er vereinigte die Errungen 
schaften der klassischen Nationalökonomie mit den Ergebnissen der 
historischen Schule, indem er den Begriff des Wirtschafts 
systems (wenn auch nicht mit klaren Worten) schuf und ihn 
zum Objekte der uationalökonomischen Wissenschaft machte. 
Damit begründete er gleichzeitig die Nationalökonomie ausdrücklich 
als eine soziale Wissenschaft, deren Objekte die historisch wandelbaren 
Beziehungen von Menschen unter einander sind (und nicht etwa 
irgend welche Naturzusammenhänge ewig gleichen Inhalts, wie man 
vor Marx so oft irrtümlich geglaubt hatte). 
Indem er dann einen bestimmten Zusammenhang zwischen den 
wirtschaftlichen Vorgängen imb allen übrigen Erscheinungen der 
menschlichen Kultur nachwies, zeigte er — so unvollkommen auch 
seine Formulierung sein mag — doch den einzigen Weg. auf dem 
auch eine allgemeine systematische Gesellschaftslehre sich einmal wird 
entwickeln können. 
Das sind seine großen Leistungen als Methodiker und Syste 
matiker, aber es sind noch nicht seine größten Leistungen. Diese 
sind vielmehr Eilldeckertaten allerersten Ranges. 
Wenn ich sagte: er machte eine systematische Betrachtung des 
Wirtschaftslebens auf geschichtlicher Grundlage möglich dadurch, daß 
er das Wirtschaftssystem zum Gegenstand der Untersuchung nahm, 
so muß nun hinzugefügt werden, daß er als Erster das unsere Zeit 
beherrschende Wirtschaftssystem in seiner spezifischen Eigenart erkannte, 
daß er also (wie man mit Recht gesagt hat) zum Entdecker des 
Kapitalismus wurde. 
Diese Entdeckung möchte ich aber noch etwas genauer be 
schreiben lind dann verallgemeinern. 
Was Marx entdeckte, war nicht sowohl eine Summe von
        <pb n="61" />
        Rechtseinrichtungen und Wirtschaftsweisen, wie sie ein Wirtschafts 
system bilden, als vielmehr die hinter diesen Einrichtungen und Vor 
gängen steckenden íebenbtgeii Menschen. Er entdeckte die Subjekte 
des Kapitalismus: die kapitalistischen Unternehmer: die „eminent 
spinners“, die „extensive sausage makers“, und die „influential 
shoe black dealers“, diese eigentümliche Abart des homo sapiens 
und wußte aus ihrer Psyche heraus das ganze große Getüebe der 
'marktmüßig organisierten Wirtschaft zu erklären. 
Damit hatte er aber noch mehr entdeckt: den Menschen, den 
lebendigen Menschen als Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung 
überhaupt. So seltsam es klingt, wenn man es ausspricht: es wird 
doch keinem Zweifel unterzogen werden können, daß Marx als 
Erster, statt voll blutleeren Begriffen, von Menschen in seiner 
Nationalökonomie handelte; oder richtiger ausgedrückt: daß er bei 
seinen begrifflichen Erörterungen jederzeit die Vorstellung des Lebens 
ill uns zu erzeugen lvußte. Da liegt, scheint mir, das Geheimnis: 
weshalb llns die Lektüre einer marxischen Schrift, vor allem natür- 
lich die Lektüre des ersten Bandes des Kapitals immer wieder fort 
reißt wie ein spannender Roman. Die Seelensümmungen. die Marx 
in uns auslöst, sind wcsensandere als die, die irgend ein anderer 
sozialer Denker ill uns erlveckt. Man prüfe sich; vergleiche die 
besten Nationalökonomen vor Marx: etwa Cantillon oder 
Quesnay oder Adam Smith oder Ricardo. Kein einziger 
treibt uns das Blut zunl Herzen wie Marx es tut (und das nicht 
etlva wegen der politischen Tendenz, von der ist keine Rede, sondern 
wegeil der ganz ihm eigenen Erfassung des lebendigen Menschen, 
dell er in greifbarer Gestalt vor uns sich bewegen läßt). 
Dllrch alle mystische Hegelei, durch alle verzopfte Systembildung, 
durch alle scholastische Dogmenregistrierung hindurch schaut uns immer
        <pb n="62" />
        56 
wieder das feiste Gesicht des englischen Mannfakturers an, werden 
wir die ausgemergelte Gestalt des englischen Proletariers der 1840 er 
Jahre gewahr. 
Wo wir auch immer das „Kapital" aufschlagen mögen, immer 
weht uns das frische Leben entgegen: Beliebig herausgegriffene 
Stellen: 
„Um das Gold als Geld festzuhalten und daher als Element 
der Schatzbildung muß es verhindert werden, zu zirkulieren oder als 
Kaufmittel sich in Genußmittel aufzulösen. Der Schatzbildner opfert 
daher dem Goldfetisch seine Fleischeslust. Er macht Ernst mit dem 
Evangelium der Entsagung. Andererseits samt er der Zirkulation 
nur in Geld entziehen, tvas er ihr in Ware gibt. Je mehr er pro 
duziert, desto mehr kann er verkaufen. Arbeitsamkeit, Sparsatnkeit 
und Geiz bilden daher seine Kardinaltugenden ..." 
„Beim Scheiden von dieser Sphäre der einfachen Zirkulation 
oder des Warenaustausches, woraus der Freihändler vulgaris An 
schauungen, Begriffe und Maßstab für sein Urteil über die Gesellschaft 
des Kapitals und der Lohnarbeit entlehnt, verwandelt sich, so scheint 
es, schon in etwas die Physiognomie unserer dramatis personae. 
Der ehemalige Geldbesitzer schreitet voratl als Kapitalist, der Arbeits 
kraftbesitzer folgt ihm nach als sein Arbeiter; der eine bedeutungsvoll 
schmunzelnd und geschäftseifrig, der andere scheu, widerstrebsant, wie 
jemand der seine eigene Haut zu Markt getragen und nun nichts 
anderes zu erwartet: hat als die — Gerberei." 
Und dann der ganze dritte, vierte, fünfte Abschnitt, in betten 
ein tolles Leben pulsiert, wie nicht in hundert anderen Traktaten der 
Nationalökonomie zusammengenommen. 
Damit habe ich denn auch schon die Form berührt, in der uns 
Marx seine Gedanken darbietet. Daß die Darstellungskraft nicht
        <pb n="63" />
        zuletzt ben großen Menschheitssorscher macht, habe ich schon gesagt. 
Nun — welche unerhörte Gewalt steckt in der Ausdrucksweise 
Marxens. Professorale Huzzelmännchen haben an seinem Stil 
herumgemäkelt. Und ganz gewiß enthält der viel Unarten, aber 
Unarten eines Sprachkünstlers ersten Ranges, die wir ihm nachsehen 
müssen, ebenso wie seine Derbheiten und seine schlechten Witze. Wenn 
Marx schreibt, so ist es, wie wenn ein Vulkan Feuer speit; da 
fliegen auch Asche und Steine und Schlamm mit aus dem Krater 
heraus. Wie durchglüht seine Sprache ist; wie sie sich dem Gegen 
stände anzupassen weiß; mit welcher Leidenschaftlichkeit, mit welcher 
Eindringlichkeit die Gedanken entwickelt werden; welches stürmende 
Drängen nach dem Ende einer Schlußreihe! Wie glitzem und gleißen 
die Bilder! Wie sprudelt und quillt das Tatsächliche hervor wie 
aus einem unerschöpflichen Borne! 
Wenn wir dagegen irgend eine Darstellung eines andern auch be 
deutenden Denkers halten, etwa die von Rodb ertus, mit dem ja Marx 
so oft verglichen wird und der viele der Marx'schen Gedankengänge 
vielleicht vor Marx gegangen ist. Wie armselig, wie nüchtern, wie 
dünn ist das alles! Als ob man Moses Mendelsohn gegen Fichte 
oder Hegel hielte oder die Kartons des Cornelius mit dem jüngsten 
Gericht Michelangelos in Parallele- stellte. 
Freilich —in Worten lassen sich die spezifisch künstlerischen Valeurs, 
die das Oeuvre von Marx so über alles Normalmaß emporheben 
ganz gewiß nicht voll zum Ausdruck bringen. Sie müssen selbst 
miterlebt, müssen empfunden, gefühlt, geschaut, geschmeckt werden. 
Wie auch das seltsam Dämonische, das in Marx steckt, der Hann, 
das Michelangeleske, das Titanenhafte in ihm. Wer kann am letzten 
Ende sagen, warum Michelangelo und Beethoven groß sind? So 
wird man auch von den großen Menschheilsforschem nicht alles aus-
        <pb n="64" />
        58 
zusprechen vermögen, was sie über die Menge erhebt. An ihren 
Wirkungen wird man sic erkennen. Und daß Marx schon jetzt un 
endliches Licht verbreitet, unendliches Leben geweckt hat, daran herrscht 
ja kein Zweifel mehr, wie auch die Wirksamkeit seines Werkes in eine 
ferne Zukunft hinein gesichert erscheint. Seine Wirksamkeit als Kunst 
werk, als Zeitenspiegel. So wie heute noch Plutarch und Plato und- 
Tacitus und Caesar wirken. Wer vermöchte einen andern „Gelehrter!" 
zu nennen, der auch nur ganz von ferne soviel Wissen vom sozialen 
Leben unserer Zeit verbreitet hätte wie Karl Marx. Ich wüßte 
keinen. Und nur ein Mann tritt mir vor Augen, den man rieben^ 
Marx stellen könnte als sozialen Schauer: Emile Zola. Wer von 
beiden uns tiefere Einblicke in unser Wirtschaftsleben hat tun lassen, 
größere Fernen unsern Blicken erschlossen hat, rvird schlver zu ent 
scheiden sein. Aber diese beiden bilden sicher eine Klasse für sich. 
Und es ist am Ende gar nicht so wunderbar, wenn wir einen 
ganz großen sozialen Denker nur vergleichen können mit einem sozialen 
„Dichter". Im Grunde ist das, was beide tun, nicht so arg ver 
schieden, wie man oft uns glauben machen möchte. Die Form der 
Mitteilung ist verschieden. Nicht die Sache, von der sie uns Kunde 
geben. Wenn wir uns nur immer bewußt bleiben, daß alle Begriffs- 
f und Systembildung, alle Gesetzesmacherei usw. bei der Erforschung 
der Menschenschicksale nur ein technischer Hilfsapparat sind, so werden 
wir dieser äußeren Form nicht das entscheidende Gewicht beilegen, wie 
es unsere Professoren tun. Wenn nun ein Mann mit geheimnisvoller 
Schau wie Zola in die innersten Zusammenhänge des Bank- und 
Börsenwesens, der Bergwerke und Eisenbahnen, der Warenhäuser und 
Handwerksbetriebe Einblick gewinnt und uns in künstlerischer Form 
mitteilt, was er gesehen hat: ist das nicht tausendmal mehr „Erkennt 
nis" als die sterile Begriffsspielerei, mit der uns ein ausgedörrter
        <pb n="65" />
        59 
Professor in seinem gelehrten Traktate ödet, ohne daß es ihn: 
gelänge, irgend etwas Relevantes voll der Wirklichkeit auszusagen? 
In einsamer Höhe thront Karl Marx. Wer ihm und seinem 
Oeuvre gerecht werden will, wird es nicht vermögen durch Betrach 
tungen, wie sie Friedrich Engels angestellt hat: das haben hoffentlich 
meine Ausführungen erwiesen. Aber freilich auch nicht dadurch, daß 
mau auf die „Irrtümer" hinweist, die er begangen hat und die sicher 
so zahlreich sind, wie die „Wahrheiten", die er ausgesprochen hat. 
Mag von Marxens Oeuvre bald kein einziger Satz mehr der 
Kritik Staild halten: es wird doch in alle Ewigkeit groß und erhaben 
uns vor Augen stehen und seine Schönheiten uns zum Genusse bieten. 
Weil das, was es groß macht, die einzigartige Äußerling einer über 
alles nórmate Maß hinausragenden Persönlichkeit ist, die eine hell 
seherische Schall mit einer gelvaltigen Kraft der Darstellung und 
einer leidenschaftlichen Glut des Gemüts verband. 
Dadurch wurde das Werk ein lebendiges Werk: ein Werk, in dem 
Leben gebunden lvar und das jederzeit wieder Leben in andern aus 
lösen kann. Das Lebendige in ihnen aber ist es, was die Werke der 
Menschheitsforschung wie die Werke der Künstler zur Unsterblichkeit 
erhebt. 
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        Verlag von Gustav fiteher in Iena. 
V. I. Vroudyon. Leine Lehren und sein Leben, à vr. «»rl 
in Königsberg i. Pr. Drei Abteilungen. Preis: 13 Mk. — 1. Die Eigentums- 
nnd Wertieljre. 1888. Preis: 2 Mk- 50 Pf. — 2. Das Saliern der ökonomischen 
Widersprüche, die Lehre von Geld, Kredit, Kapital, Zins, Recht auf Arbeit und 
die übrigen Theorien, sowie die praktischen Vorschläge zur Lösung der sozialen 
Frage. 1890. Preis: 6 Mk. — 3. Lein Leben und seine Lozial'phil'ofophie. 1906. 
Preis: 4 Mk. 50 Pf. 
Aber Sozialismus, Kommunismus und Anarchismus. îşimgen^ 
Von Dr. Karl Diebl, Professor an der Universität Königsberg i. Pr. 1906. 
Preis: 3 Mk. 60 Pf. 
Diese in erster Linie für die akademische Jugend bestimmte, aber ebenso für weitere Kreise der Ge 
bildeten wichtige Schrift ist aus Universitätsvorlesungen des Verfassers hervorgegangen und bietet eine vorzüg 
liche Einführung in den Jdeengang der sozialistischen, kommunistischen und anarchistischen Theorien. 
(Witts Darstellung seines Lebens und seiner Lehre. Von I). Diesel, 
¿Mil ^of. der polit. Õkonouüe a. d. Univ. Bonn. I. Abteilung: 
Darstellung seines Lebens. 1886 Preis: Mk. 2. II. Abteilung: Darstellung 
seiner Sozialphilosophie. 1888. Preis: 4 Mk. 50 Pf. 
"Dit» ^OltûsûUtP Ibre Aufgabe, ihre Lchulen und ihre neuesten Fortschritte. Von 
2 Ņ—1 Hchille Coria. Vorträge, gehalten an der Universität Padua 
im Januar bis Mai 1900. Autorisierte lind vom Verfasser durchgesehene Über 
setzung aus dem Italienischen von Dr. Klemens Heiß. Preis: 1 Mark. 
Haint-Hünon und die ökonomische Keschichtslheorie. ^on şi-ieär. 
Ein Beitrag zu einer Dogmengeschichte des historischen Materialismus. 1906. 
Preis: 1 Mk. 20 Pf. 
Henri de Laint-Himon. 
8 Mk., geb. 9 Mk. 
Die Persönlichkeit und ihr Werk. Bon friedlich 
Mueble, Doktor der Philosophie. 1908. Preis: 
Der Iusammenbrnch der Wirt schaflsfrei heit und der Sic# des 
HtaatsloMlisinus in den Vereinigten Staaten von Amerika. 
Von Dr. jur. e. Herr. 1906. Preis: 3 Mk. 
Die „Ircien" Gewerkschaften seil 1890. «n üb°«ck über q-° o-- 
—— gamsation, ihre Ziele und 
ihr Verhältnis zur sozialdemokratischen Partei. Von Dr. Otto Heilborn, 
Gerichtsassessor. 1907. Preis: 4 Mk. 
De-Oche Sozialgesetzgebung. 
Stier-Somlo in Bonn. 1906. Ermäßigter Preis: 4 Mk., geb. 5 Mk. 
Soziale Medizin und Hygiene, Band I, Heft 4: ... Das auch stilistisch klar und sorgfältig be 
arbeitete Werk kann allen, die sich für die deutsche Gesetzgebung interessieren, zum Studium dringend empfohlen 
werden. 
Preußisches Verivaltungsblatt vom 7. April 1906 : . . . Der Text hat ungefähr den Charakter 
eines Grundrisses und soll den Bedürfnissen derjenigen entsprechen, die zum ersten Male an das große Gebiet 
der Sozialgesetzgebung herantreten. Für tieferes Studium und als Nachschlagebuch dienen die Anmerkungen. 
Damit ist über den Grundriß hinaus ein umfassendes Lehr- und Handbuch gegeben. So ivird das Werk, dessen 
baldige Vollendung dringend zu wünschen ist, eine weitere hochersteuliche Gabe von einem Verfasser sein, der für 
das Verwaltungsrecht schon so viel geleistet hat. 
Kapitalismus und MitteMandspotiliK. 1907 ' 
Walters (ft ut Pit Sein Leben und feine Bedeutung für die Gegenwart. Mit einem 
■ ' - Bildnis Robert Owens. 1905. Von Helene Simon. Preis: 
7 Mk , geb. 8 Mk.
        <pb n="68" />
        Verlag von Gustav fiîcber in Jena 
Wörterbuch der Volkswirtschaft 
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Robert Malthus. Aus dem englischen Original und zwar nach der Ausgabe letzter Hand (6. Slufl. 1*26), 
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Deutsche übertragen von Valentine Dorn und eingeleitet von Prof. Dr. Heinrich Waentig in Halle a. S. 
Erster Band: Der dogmatische Teil der Sozialphilosophie. Preis: « Mk., geb. 6 Mk. 75 Pf. 
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Smith. Unter Zugrundelegung der Übersetzung Max StirnerS, au» dem englischen Original nach der Aus- 
Î abe letzter Hand (4. Aust. 1786) ins Deutsche übertragen von Dr. Ernst Grünfeld und eingeleitet von Prof. 
)r. Heinrich Waentig in Halle a. S. Band I: Preis: 4 Mk., geb. 5 Mk. 
Weiter sind in Aussicht genommen: 
v. THünen, Der isolierte Staat (1826). — Steuart, Inquiry into the principles of po 
litical economy (1767). — Mill, Principles of political economy (1848). — SiSmondi, 
Nouveaux principes d’économie politique (1819). — Quetelet, Sur l’homme (1835). 
Weimar. — Druck von R. Wagner Sohn.
        <pb n="69" />
        <pb n="70" />
        <pb n="71" />
        <pb n="72" />
        206S07975015
        <pb n="73" />
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Seltsame Kurzsichtigkeit mancher Menschen, die sichere Erkenntnis 
aus dem Erlebnis durch die naturwissenschaftliche Beschreibung ersetzen 
zu wollen, das heißt bei der Deutung menschlicher Handlungen die 
psychologische Motivierung umgehen, die Persönlichkeit ausschalten 51t 
wollen und alles menschliche Handeln in den unverstandenen und 
unverständlichen Naturprozeß einordnen zu wollen; das heißt: das 
einzig sichere Wissen, das wir von der Welt haben, um einer Mode 
willen preiszugeben. 
Im großen ganzen, wird man sagen dürfen, haben gerade im 
letzten Jahrhundert die beiden Wissenschaften von der Natur und vom 
Menschen immer deutlicher die ihnen spezifische Art zu erkennen aus 
gebildet und sind sich dadurch immer ferner gerückt. 
Was die moderne Naturwissenschaft anstrebt, ist ja doch eben 
die lückenlose Ersetzung der Qualität durch die Quantität, die in 
einer mathematischen Formel ihren letzten und vollkommensten Aus 
druck findet. Worauf alles ausgeht, ist, wie man sagen kann, die 
Entseelung der Natur. Wo ehedem lebendige Wesen, lebendiges 
Wirken angenommen wurden, da soll jetzt ein Wechselspiel toter Kör 
per herrschen. Aufgabe der fortschreitenden Naturerkenntnis ist es 
recht eigentlich, die lebendige Seele aus den Dingen weg zu argu 
mentieren: der horror vacui wird durch die Erfindung des Baro 
meters, das Phlogiston, eine Art Feuerseelchen, wird durch die Ent 
deckung des Sauerstoffs, die Theorie von der vis vivendi wird durch 
die Synthese organischer Körper ans der Welt geschafft usw. 
Genau umgekehrt ist die Entwicklung der „Geistes"Wissenschaften 
verlaufen: in ihnen ist immer mehr die „psychologische" Methode zur 
Geltung gelangt: das heißt: ist das Bestreben immer deutlicher her 
vorgetreten, alle Vorgänge im Bereich der Menschengeschichte seelisch 
zu motivieren. Beherrscht die Naturwissenschaften die Tendenz zur
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