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        <title>Das Lebenswerk von Karl Marx</title>
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            <forname>Werner</forname>
            <surname>Sombart</surname>
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        </author>
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            <idno>862541646</idno>
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        Werner  Sombart

Das  LebrnàerK
von  Barl  Marx

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Verlag  von  Gustav  Fischer
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        Verlag  von  Gustav  fiîcber  in  Jena.

Sozialismus  und  soziale  Beweaunq.  L^^nProf.
—  '  ——  an  der  Handelshochschule  m  Berlm.
1907.  Sechste  vermehrte  Auflage.  34.-43.  Tausend/  Preis:  2  Mk.  50  Pf.,  geb.
3  Mk.  20  Pf.  Gänzlich  umgearbeitet  und  reich  vermehrt,  geradezu  ein  neues  Buch.
Frankfurter  Zeitung  vom  30.  Dezember  19üO -  Diese  Schrift  ist  schon  so  bekannt,  daß  eine  neue
Auflage  kaum  noch  einer  Empfehlung  bedarf.  Ihr  Erfolg  ist  ein  außerordentlicher,  und  man  wird  ihn  auch  dann
für  berechtigt  halten,  wenn  man  mit  der  Grundauffassung  vom  Wesen  des  Sozialismus,  die  Sombart  hat,  nicht
übereinstimmt  .  .  .  Wenn  trotzdem  sein  Buch,  wie  gesagt,  zu  empfehlen  ist,  so  liegt  das  daran,  daß  es  über  die
Materie  vortrefflich  orientiert  und  alle  die  formalen  Vorzüge  aufweist,  die  der  DarstellüngSart  Sombarts  eigen
sind.  Es  gibt  heute  tatsächlich  keine  bessere  gemeinverständliche  Schrift  über  diesen  Gegenstand.

Aorlräqe,  Reden  und  Schriften  sozialpolitischen  und  verwandten  Inhalts.
:—  Von  ernst  Hbbe.  (Bildet  zugleich  den
dritten  Band  der  „Gesammelten  Abhandlungen"  von  Ernst  Abbe.)  Mit  einem
Portrait  des  Verfassers.  1906.  Preis:  5  Mk.,  geb.  6  Mk.

Die  Hitfe,  Nr.  37,  1906  :
Wenn  einmal  in  100  Jahren  einer  die  Geschichte  der  deutschen  Sozialpolitik  schreiben  wird,  dann  darf
er  seinen  Ausgang  nicht  nur  von  den  sozialpolitischen  Theoretikern  unserer  Zeit  nehmen,  sondern  muß  an  den
Anfang  seiner  Geschichte  auch  die  erste  Praxis  aus  dem  Gebiet  des  deutschen  Arbeiterschutzes  stellen,  die  mit  dem
Namen  Ernst  Abbe  verknüpft  ist.  Und  das  wichtigste  Dokument  dabei  werden  ihm  die  „sozialpolitischen
Schriften  von  Ernst  Abbe"  sein,  die  soeben  sein  Freund  und  Mitarbeiter  Professor  Czaptki  herausgegeben ­
  hat.

Die  Bedeutung  der  Illusionen  für  RotitiK  und  soziales  Leben.
Von  Georg  Heller.  1904.  Preis:  1  Mk.
Leitfaden  zum  Studium  der  Nationalökonomie.  Bo^Professo^vr.
in  Halle  a.  S.  Vierte  ergänzte  Auflage.  1908.  Preis:  2  Mk.,  geb.  2  Mk.  50  Pf.
Leitfaden  zum  Studium  der  DolKsivirtschaftspositiK.  Professor
in  Halle  a.  S.  Dritte  Auflage.  1908.  Preis:  2  Mk.  80  Pf.,  geb.  3  Mk.  40  Pf.

jtufflrtlien  der  GemeiàpoliliK.
Deutscher  Bodenreformer,  Berlin.  Fünfte,  wesentlich  erweiterte  Auflage.
13.-20.  Tausend.  1904.  Preis:  1  Mk.  50  Pf.,  geb.  2  Mk.
Inhalt:  Einleitung.  —  Bildungsfragen  und  Arbeiterfragen.  —  Mittelstandsfragen. ­
  —  Die  Zuwachsrente.  —  Vom  Gemeinde-Grundeigentum.  —  Zur  Wohnungsfrage. ­
  —  Steuerfragen  und  Gemeindebetriebe.  —  Schlußwort.  —  Anhang:  Deutsche
Gemeindeprogramme.

Oberbürgermeister  Adickes  sauf  dem  Dresdener  Städtetage):  Dies  Buch  ist  Ihnen  wohl  allen  bekannt!
Der  Beobachter  (Stuttgart):  Eine  geradezu  einzigartige  Schrift  —  ein  Volksbuch  im  besten  Sinne
des  Wortes.

Soeben  erschien:
Geschichte  der  Nationalökonomie.

Eine  erste  Einführung  von  Hdolf
Damaschile.  Dritte  erweiterte  Auflage.

Preis:  3  Mk.  20  Pf.,  geb.  4  Mk.
Ltirner-  anarchilŞe  5oziattheorie.  f?«
Francis  Ä.  Walker  und  feine  hauptsächlichsten  Theorien.
I.  I).  Curran,  A.  M.,  L.  L.  B.  1900.  Preis:  2  Mk.  50  Pf.
Aber  das  Verhältnis  uon  Wert  und  Rreis  im  ökonomischen
25  jährigen  Bestehens  des  Staatswissenschaftlichen  Seminars  zu  Halle  a.  S.)
1898.  Preis:  1  Mk.
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        Werner  Sombart
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Das  Lebenswerk
von  Karl  Marx

Iena
Verlag  von  Gustav  Fischer
1909

Oliili  iiïjiliiìÌMN«

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        Alle  Rechte  vorbehalten.

Weimar.  -  K.  Warner  0*4*.
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        I.
Ivas  Marx  bei  seinem  Tode  galt
und  was  er  heute  gilt.
Im  Jahre  1908  war  ein  Vierteljahrhundert  seit  dem  Tode
Karl  Marxens  verflossen.  Das  hat  viele  Federn  nnd  viele  Münder
in  Tätigkeit  gesetzt,  die  es  unternommen  haben,  ein  Fazit  der  Leistungen
zu  ziehen,  die  dieser  seltsame  Mann  vollbracht  hat.  Und  es  scheint
fast,  als  habe  dieses  Bestreben,  sich  und  der  Mitwelt  Rechenschaft  zu
geben  von  dem  Lebenswerke  Marxens  im  gegenwärtigen  Augenblick
mehr  als  die  rein  äußerliche  Bedeutung  der  Erinnerungsfeier.  Täuscht
nicht  alles,  so  bedeuten  diese  Jahre  auch  innerlich  für  Marx  und
sein  Werk  eine  Epoche:  sein  Einfluß  auf  Leben  und  Wissenschaft  hat,
will  mich  bedünken,  gerade  in  diesen  Zeiten  seinen  Höhepunkt  erreicht
unb  beginnt  sich  zu  mindern.  Um  das  triviale  Wort  zu  gebrauchen:
Marx  ist  theoretisch  und  praktisch  „überwunden";  er  hat  seine  eigene
geschichtliche  Mission  erfüllt.  Wir  aber,  die  wir  ein  gut  Teil  unseres
Lebens  hingegeben  haben,  um  für  Marx  zu  kämpfen,  sind  aus  der
Zeit  des  leidenschaftlichen  Hassens  und  Liebens  heraus  und  haben
angefangen,  Marx  gegenüber  Distanz  zu  gewinnen:  sodaß  wir  ihn
selber  jetzt  als  eine  rein  historische  Erscheinung  objektiv  zu  werten
vermögen.  Weshalb  in  der  Tat  aus  subjektiven  wie  objektiven
Gründen  der  Augenblick  nicht  ungeeignet  erscheint,  im  Zusammen-1*
        <pb n="9" />
        hange  auszusprechen,  worin  wir  die  historische  Bedeutung  Marxens
erkennen  sollen.
Will  man  die  Leistungen  eines  Mannes  abschätzen,  so  wird  man
zunächst  nach  der  äußeren  Geltung  fragen,  die  er  bei  Lebzeiten  oder
nach  seinem  Tode  gewonnen  hat.  Denn  in  dieser  Geltung  kommt
schon  an  und  für  sich  ein  Teil  der  geschichtlichen  Bedeutung  eines
Menschen  zum  Ausdruck,  sie  ist  aber  dann  weiter  ein  wichtiges  Merkmal, ­
  um  diese  Bedeutung  in  ihrer  Wahrheit  richtig  zu  erkennen.
Fragen  wir  aber,  was  Marx  galt  oder  gilt,  so  müssen  wir
immer  den  Theoretiker  Marx  von  dem  Politiker  Marx  unterscheiden,
müssen  auch  immer  die  vielfach  so  ganz  einander  fremden  Kreise
unserer  Völker:  die  bürgerlichen  und  die  proletarischen  als  besondere
Geltungsbereiche  in  Ansehung  nehmen.
Daß  Marx  äußerlich  einen  ganz  außergewöhnlich  großen  Kreis
von  Interessen  berührt,  weiß  heute  jedermann.  Aber  es  verdient
wohl  der  besonderen  Hervorhebung,  daß  dieser  Kreis  sich  erst  nach
dem  Tode  Marxens  im  wesentlichen  gebildet  hat.  Um  ihn  daher
in  seiner  ganzen  Größe  zu  ermessen,  ist  nichts  so  sehr  geeignet  als
ein  Vergleich  zwischen  dem,  was  Marx  bei  seinem  Tode  galt  und
dem,  was  er  heute  gilt;  genauer:  zwischen  dem  Umkreis  von  Bewußtseinsinhalten, ­
  den  er  damals  vor  25  Jahren  erfüllte  und  den  er
\  heute  erfüllt.
Am  ehesten  wurde  Marx,  als  er  starb,  noch  als  nationalökonomischer ­
  Theoretiker  gewertet.  Die  meisten  Zeitungsnotizen,  die
seinen  Tod  anmeldeten,  enthielten  (wenn  überhaupt  etwas  außer  der
tatsächlichen  Todesmeldung)  kurze  Worte  der  Anerkennung  oder  der
Kritik  über  die  theoretischen  Leistungen  des  Verstorbenen.
Aber  selbst  diese  Geltung  als  „Gelehrter":  wie  beschränkt  war
sie  nach  außen  wie  nach  innen!  Wer  las  damals  Marx  überhaupt?
        <pb n="10" />
        5

Ein  paar  überspannte  Schneidergesellen,  die  sich  ihr  bißchen  Gehirn
mit  den  kabbalistischen  Formeln  des  „Kapitals"  in  Grund  und  Boden
ruinierten  und  hie  und  da  ein  bürgerlicher  Berufsnationalökonom.
Adolph  Wagner  vielleicht  und  Schäffle  und  Adolf  Held:  ein  als
„Kenner"  sozialistischer  Literatur  seiner  Zeit  vielbewunderter  Ordinarius ­
  der  Nationalökonomie  in  Bonn.
Aber  was  für  einen  Marx  kannten  diese  wenigen?!  Sicher
nicht  den,  der  Marx  selber  sein  wollte  und  als  der  er  dann  später
auch  wirklich  entdeckt  wurde.  Marx  gehörte  zu  denjenigen  Denkern,
die  ihrer  eigenen  Meinung  nach  immer  mißverstanden  wurden.  Selbst
in  den  Kreisen  seiner  nächsten  Freunde  stieß  Marx  nur  auf  geringes
Verständnis.  Auch  Lassalle,  ein  immerhin  ganz  gescheidter  Kerl,
der  doch  gewiß  auch  den  besten  Willen  hatte,  in  den  Geist  der
Marx'schen  Lehren  einzudringen,  blieb  ohne  Erleuchtung:  der  Abschnitt ­
  seiner  Schrift  gegen  Schulze-Delitzsch,  worin  er  die  „geistig
Quintessenz"  der  Marx'schen  Theorie  geben  wollte,  „enthält  bedeutende ­
  Mißverständnisse",  wie  Marx  nach  Lassalles  Tode  festzustellen ­
  für  notwendig  erachtete.
Und  gar  erst  die  „Kleinen  von  den  Seinen"  !  Als  sie  1875
mit  Aufbietung  aller  ihrer  geistigen  Kräfte,  für  die  deutsche  (geeinte)
Sozialdemokratie  ein  Programm  aus  den  Lehren  ihres  Führers
Marx  herauszudestillieren  sich  redlich  bemühten,  bekamen  sie  die
Antwort  aus  London:  es  sei  „ein  durchaus  verwerfliches  und  die
Partei  demoralisierendes  Programm",  was  sie  da  aufstellen  wollten  und
dazu  eine  Kritik,  die  alle  ihre  „theoretischen"  Ansichten,  die  Marxisch
sein  wollten,  kurz  nnd  klein  schlug.
Verstanden  ihn  seine  Parteigänger  nicht:  wie  sollten  ihn  seine
politischen  Gegner  verstehen,  die  er  ja  samt  nnd  sonders  für  Idioten
erklärte.
        <pb n="11" />
        ;  Und  die  Hauptsache:  er  hatte  Recht.  Das  Verständnis  für
s  die  Wesenheit  Marx'scher  Lehren  war  äußerst  gering:  intra  muros
et  extra.
Immer  nahm  man  Marx  vor  allem  „ethisch".  Man  sah  ill
ihm  im  wesentlichen  nur  den  Werttheoretiker,  und  zwar  einen  ethisch
orientierten  Werttheoretiker,  offenbar  weil  man  über  die  ersten  Kapitel
des  Kapitals,  jedenfalls  aber  über  dessen  ersten  Band,  nicht  hinausgekommen ­
  war:  weil  man  noch  nicht  erkannt  hatte,  das;  viel  mehr
Marx'scher  Geist  in  den  kleinen  Schriften  steckt  als  in  dem  Hauptwerk ­
  selbst.
Ich  nannte  schon  Adolf  Held,  der  sich  zu  seiner  besonderen
Aufgabe  gemacht  hatte:  die  Sozialdemokratie  „von  innen  heraus"
durch  wissenschaftliche  Gegengründe  zu  überwinden.  Man  muß  in
Helds  Schriften  lesen,  um  einzusehell,  wie  grundverkehrt  man  damals
Karl  Marx  verstand.  „Es  ist  in  der  Sozialdemokratie  zu  unterscheiden", ­
  heißt  es  in  Helds  „Grundriß  für  Vorlesungen  über  Nationalökonomie", ­
  2.  Aufl.  1878,  „einerseits  das  Element  des  ökonomischen
Sozialismus,  das  heißt  die  Theorie  vom  Wert  und  Einkommen,
welche  für  sich  alleili  betrachtet  zwar  unwahr  resp.  utopisch,  aber
durchaus  würdig  ist,  diskutiert  zu  werden,  und  andererseits  das
politisch-revolntionüreElement  und  die  zugrunde  liegende  materialistische,
allen  anerkannten  Sittengesetzen  widerstrebende  Tendenz."  In  dem
aus  oftenbar  „sachkundiger"  Feder  stammenden  Nachruf  der  Kreuzzeitung
  heißt  es:  „Marx'  Lehren  von  der  Unproduktivität  des  Geldkapitals, ­
  von  der  mangelnden  „substantiellen  Verbindung  zwischen
Gebrauchs-  und  Tauschwert",  von  dem  wertbildenden  Prinzip  der
Arbeit  und  von  der  „gesellschaftlichen  Arbeitszeit"  als  einzigem  Maßstabendes
  Wertes".  Diese  —  und  keine  anderen!  —  Lehren  gewannen ­
  .  .  .  ein  Ansehen  .  .  .  usw.
        <pb n="12" />
        Faßte  man  Marx  aber  nicht  rein  ökonomisch-ethisch,  sondern
sozialphilosophisch,  so  wurde  er  nach  dem  alten  Schulschema  den
„extremen  Individualisten"  angereiht,  von  denen  die  offizielle  Wissenschaft ­
  schlimme  Dinge  zu  berichten  wußte.  Einzusehen  etwa  Professor
Dietzels  Buch  über  Nodbertus  aus  dem  Jahre  1886.
Dann  nach  seinem  Tode  begann  man  Marx  langsam  zn
würdigen:  erst  im  sozialistischen  Lager,  wo  Schön  lank,  Kautsky
und  andere  ihre  wissenschaftliche  Laufbahn  begannen;  dann  im  Kreise
„bürgerlicher"  Nationalökonomen.  Der  entscheidende  Wendepunkt  fällt
in  das  Jahr  1894.  Damals  erschien  der  dritte  Band  des  „Kapitals",
dessen  Besprechung  ich  mit  den  Worten  begleiten  konnte:  „Ja,  man
darf  sich  freuen  auf  den  Kampf,  der  gerade  um  den  Marxismus,  einen
der  exponiertesten  Posten  der  politischen  Ökonomie,  entbrennen  wird.
Es  wird  ein  fröhliches  Jagen  entstehen,  die  Geister,  durch  die  Grenznützler
  nun  endlich  ans  ihrem  Schlummer  erweckt,  werden  gar  heftig
aufeinander  platzen.  Aber  das  gerade  ist  ja  trefflich,  in  majorem
scientiae  gloriam  zu  streiten.  Es  wird  manchen  Fachgenossen,  namentlich ­
  unter  dell  Älteren  geben,  der  bei  diesen  Worten  ein  Lächeln  nicht
unterdrücken  kann:  ob  es  denn  wirklich  Ernst  sei,  einen  längst  Begrabenen ­
  wie  Karl  Marx  wieder  voil  den  Toten  zu  erwecken,  sein
zehnmal  „widerlegtes"  System  wieder  zum  Gegenstände  der  Kritik
machen,  ja  es  geradezu  in  den  Mittelpunkt  der  wissenschaftlichen  Diskussion ­
  stellen  zu  wollen.  Nun,  wir  Jüngeren  werden  schon  dafür
sorgen,  daß  ihnen  das  Lachen  mälig  vergeht.  Wir  sind  der  Meinung,
daß  wir  nicht  am  Ende,  sondern  just  am  Anfang  der  Marx-Kritik
stehen.  Und  können  unser  Verwundern  nicht  ganz  unterdrücken,  daß
man  überhaupt  schon  von  einer  „Kritik"  hat  reden  wollen,  ehe  —
das  System  fertig  war."
Der  Lauf  der  Dinge  hat  die  Richtigkeit  dieser  Auffassung  erwiesen.
        <pb n="13" />
        8

Im  Jahre.1883  galt  Marx  bei  allen  Theoretikern  bürgerlicher ­
  Observanz  als  längst  „widerlegt".  Seitdem  aber  hat  die
Wissenschaft  überhaupt  erst  angefangen,  sich  mit  ihm  zu  beschäftigen.
Bis  zum  Jahre  1883  zähle  ich  in  meiner  Marx-Bibliographie
20  Schriften  über  Marx:  seit  diesem  Jahre  bis  1904  280,  von
denen  in  das  Jahrelft  1884—1894  58,  in  das  Jahrzehnt  1895—1904
dagegen  214  fallen.  Marx  ist  zum  Mittelpunkt  aller  irgendwie
ernst  zu  nehmenden  Erörterungen  sozialwissenschaftlichen  Inhalts  geworden. ­
  Fast  möchte  man  sagen:  er  ist  auf  dem  Wege,  universitätsfähig ­
  zu  werden.  Kostete  es  einem  akademischen  Lehrer  noch  vor
15  Jahren  wenn  auch  nicht  die  Stellung,  so  doch  die  Karriere:  das
bloße  Bekenntnis,  daß  er  Karl  Marx  für  einen  sehr  großen
Denker  halte,  und  wurde  der,  der  also  bekannte,  für  einen  Sonderling ­
  und  Halbidioten  gehalten:  so  pfeift  es  heute  jeder  belanglose
Privatdozent  vom  Katheder:  daß  niemand,  der  sich  mit  Nationalökonomie, ­
  Wirtschaftsgeschichte,  Sozialphilosophie  befaßt,  an  Karl
Marx  vorbei  kann,  ohne  sich  selbst  zur  Sterilität  zu  verdammen,
daß  alle,  die  nicht  durch  Marx  hindurchgegangen  und  in  irgendeiner
Form  mit  ihm  und  seinen  Lehren  fertig  geworden  sind,  als  sozialwissenschaftliche ­
  Theoretiker  einfach  nicht  mitzählen  (wie  ein  Biologe,
der  an  Darwin,  ein  Optiker,  der  an  Helmholtz,  ein  Bakteriologe,
der  an  Robert  Koch  Vorbeigehen  wollte).  Stürbe  Marx  heute
erst,  so  müßte  die  Wissenschaft  bekennen:  daß  der  einzige  lebende
Sozialtheoretiker  großen  Stils  von  uns  gegangen  sei.
Und  wie  die  Bedeutung  Marxens  als  Theoretiker  nach  seinem
Tode  erst  in  weiteren  Kreisen  anerkannt  worden  ist,  so  hat  man  auch
seitdem  erst  recht  eigentlich  Marx  verstehen  gelernt.  Wir  Jüngeren
(die  wir  heute  schon  anfangen  zu  den  Alten  zu  zählen),  gleichgültig
ob  sozialistischer  oder  bürgerlicher  Observanz,  die  wir  für  Marx  als
        <pb n="14" />
        9

Denker  vor  einem  halben  Menschenalter  eintraten,  haben  ihn,  wenn
ich  den  Ausdruck  gebrauchen  darf,  als  Theoretiker  gleichsam  erst
entdecken  müssen.  Wir  hatten  die  Aufgabe,  erst  einmal  die  tausend
Mißverständnisse  „aufzuklären",  die  um  die  Marx'schen  Theorien
herumgewachsen  waren;  wir  mußten  dann  die  Marx'schen  Lehren  selber
in  ein  richtiges  Verhältnis  zueinander  bringen  und  mußten  vor  allem
ihrer  Seele  habhaft  zu  werden  trachten,  ehe  wir  wagen  durften  (was
so  viele  vor  uns  getan  hatten),  diese  Theorien  zu  lehren,  und,  soweit
sie  unhaltbar  waren,  zu  widerlegen.
*  *
*
Und  was  für  den  wissenschaftlichen  Marx  gilt,  gilt  in  noch
höherem  Grade  für  den  Politischen:  auch  als  sozialistischer  Führer
mußte  er  erst  nach  seinem  Tode  entdeckt  werden.  Erst  seitdem  ist  —
extensiv  wie  intensiv  —  die  überragende  Bedeutung  der  Marxschen
Ideen  für  die  soziale  Bewegung  zu  Tage  getreten.
Vergegenwärtigen  wir  uns  doch,  was  Marx  bei  seinem  Tode
als  sein  Werk  anzusprechen  vermochte.
Geltung  hatte  er  fast  nur  innerhalb  der  deutschen  Sozialdemokratie. ­
  Im  Auslande  gab  es  vor  25  Jahren  entweder  überhaupt  noch
keine  nennenswerte  sozialistische  Bewegung  oder  wo  sie  bestand,  war  sie
von  ganz  anderem  Geiste  erfüllt  als  dem.  den  Marx  verbreiten  wollte.
In  England  war  eben  die  8.  D.  F.  begründet  worden;  aber
wahrscheinlich  konnten  die  überzeugten  Sozialdemokraten  in  einer
Droschke  nach  Hause  fahren:  noch  12  Jahre  später  —  1895  —
wurden  in  ganz  Großbritannien  für  alle  Schattierungen  des  Sozialismus ­
  erst  55  000  Stimmen  bei  den  Wahlen  abgegeben.  In  Frankreich ­
  zählten  die  Sozialisten  im  Jahre  1887  erst  47  000  Wahlstimmen; ­
  unter  denen  aber  gewiß  keine  47  Marx'scher  Observanz
waren.  Noch  beherrschte  hier  wie  in  Italien  der  reine  blanquistische
        <pb n="15" />
        10

Revolutionismus  oder  ein  kleinbürgerlicher  Proudhonismus  die  Geister.
Und  in  den  übrigen  Ländern  dasselbe  Bild:  in  der  Schweiz  22  063
Stimmen  im  Jahre  1886;  in  Dänemark,  dem  heute  so  stark  sozialistischen ­
  Lande  1881  1689  Stimmen;  in  Holland  (1880)  17  Stimmen
usw.  Nach  einer  Zusammenstellung,  die  vor  einigen  Jahren  das
Internationale  Sozialistische  Sekretariat  gemacht  hat,  wurden  im
Jahre  1882,  dem  letzten  vor  Marxens  Tode,  in  allen  Ländern  der
Erde  für  sozialistische  Abgeordnete  428  004  Stimmen  abgegeben.
Davon  etwa  zwei  Drittel  in  Deutschland.  Hier  gab  es  noch  am
meisten  modernen  Sozialismus.  Aber  auch  da:  wie  klüglich  schaute
es  um  jene  Zeit  in  der  sozialistischen  Welt  aus.
Seit  vier  Jahren  war  das  Sozialistengesetz  in  Geltung,  und  man
wird  nicht  fehlgehen,  wenn  man  annimmt,  daß  gerade  im  Anfang  der
1880er  Jahre  der  sozialistischen  Bewegung  die  tiefsten  Wunden  geschlagen ­
  waren.  Um  jene  Zeit  hatte  das  Gesetz  am  meisten  zerstört,
und  die  neuen  Keime,  die  dann  gegen  das  Ende  der  1880er  Jahre,
als  es  allmülig  milder  gehandhabt  wurde,  ansetzten,  waren  noch
nicht  vorhanden.  Eine  sozialdemokratische  Presse  von  irgendwelcher
Bedeutung  und  irgend  ausgeprägter  Gesinnung  gab  cs  nicht;  das
Berliner  Volksblatt,  aus  dem  dann  der  Vorwärts  erblühen  sollte,
wurde  ein  Jahr  nach  Marxens  Tode  gegründet.  Die  Zahl  der
sozialdemokratischen  Stimmen  war  im  Jahre  1881  auf  312  000
zurückgegangen:  das  heißt  hinter  den  Stand  des  Jahres  1874,  irr
dem  352  000  Stimmen  abgegeben  loaren;  während  1877  schon
fast  bie  9^1(110«  (493  000)  erre#  loar.  %  ^a^í  ber  m
geordneten  betrug  12,  soviel  wie  schon  1877  (um  dann  erst  bei  den
Wahlen  von  1884  sich  zu  verdoppeln).  Ihre  Kongresse  konnte  die
sozialdemokratische  Partei  in  Deutschland  nicht  abhalten:  1880  hatte
eine  Delegiertenversammlìing  in  Wyden  in  der  Schlveiz  getagt;  1883
        <pb n="16" />
        11

ging  man  nach  Kopenhagen,  um  sich  anszusprechen.  Gerade  diese
traurigsten  Zeiten,  die  der  Sozialismus  überhaupt  bisher  in  Deutschland ­
  erlebt  hat,  waren  in  die  letzten  Lebensjahre  Marxens  gefallen.
Aber  wenn  wenigstens  in  diesem  kleinen  verfolgten  Häuflein
Marxens  Geist  in  Reinheit  geherrscht  hatte.  Auch  das  war  gewiß
nicht  der  Fall.  Dazu  war  dieser  Geist  selber  noch  zu  wenig  geläutert,
hatte  er  noch  zu  wenig  in  andern  Wurzel  geschlagen.
Beweis  der  Richtigkeit  dessen:  was  ich  über  die  Kritik  berichtete,
die  Marx  selber  über  das  sog.  „Einigungsprogramm"  füllte,  auf  das
sich  im  Jahre  1875  die  Lassalleaner  mit  den  Eisenachern  (Marxianern)
geeinigt  hatten  und  das  bis  zum  Jahre  1890  das  offizielle  Parteiprogramm ­
  der  deutschen  Sozialdemokratie  geblieben  ist.
Was  seitdem  die  sozialistische  Bewegung  rein  äußerlich  geworden
ist,  weiß  jedermann.  Nicht  nur  in  Deutschland,  wo  die  Sozialdemokratie ­
  mit  ihren  3  000000  Stimmen  heute  längst  die  größte
Partei  bildet:  auch  und  gerade  in  den  übrigen  Ländern  hat  sich  in  den
letzten  25  Jahren  eine  sozialistische  Bewegung  recht  eigentlich  erst
entfaltet.  Man  zählt  heute  etwa  5  Millionen  sozialistische  Wählerin ­
  den  verschiedenen  Staaten,  hinter  denen  sicher  20—25  Millionen
Sozialisten  stehen.  Und  was  für  uns  hier  die  Hauptsache  ist:  dieses
riesige  Heer  steht  unter  der  geistigen  Leitung  marxistischer  Ideen.
Das  kann  schon  entnommen  werden  daraus,  daß  cs  äußerlich  sich
in  dem  Sinne  von  Marx  zu  Einer  großen  Einheit  zusammengeschlossen
hat:  die  „Internationale  Arbeiterassoziation",  die  Marx,  um  sein  Programm ­
  „Proletarier  aller  Länder,  vereinigt  Euch!"  zur  Durchführung
zu  bringen,  1864  gegründet  hatte  und  die  in  der  alten  Form  sich
noch  zn  Lebzeiten  Marxens  auflöste,  ist  seitdem  zur  Wirllichkeit  geworden
Schon  am  1.  Mai  1890  konnte  Engels  freudig  bewegten
Herzens  ausrufen:  „Heute,  wo  ich  diese  Zeilen  schreibe,  hält  das
        <pb n="17" />
        europäische  und  amerikanische  Proletariat  Heerschau  über  seine  zum
ersten  Male  mobil  gemachten  Streitkräfte,  mobil  gemacht  als  Ein  Heerunter
  Einer  Fahne  und  für  Ein  nächstes  Ziel:  den  schon  vom
Genfer  Kongreß  der  Internationale  1866  und  wiederum  vom
Pariser  Arbeiterkongreß  1899  proklamierten,  gesetzlich  festzustellenden
achtstündigen  Normalarbeitstag.  Und  das  Schauspiel  des  heutigen
Tages  wird  den  Kapitalisten  und  Grundherren  aller  Länder  die
Augen  darüber  öffnen,  daß  heute  die  Proletarier  aller  Länder  in  der
Tat  vereinigt  sind.  Stände  nur  Marx  noch  neben  mir,  dies  mit
eigenen  Augen  zu  sehen!"  Seit  1890  aber  ist  die  „neue"  Internationale ­
  erst  recht  zur  Entfaltung  gelangt:  große  Internationale
Sozialistcnkongresse,  Internationale  Gewerkschaftskongresse,  Internationale ­
  Bureaus  und  anderes  legen  Zeugnis  ab,  daß  in  der  Tat
heute  die  sozialistischen  Proletarier  aller  Länder  vereinigt  sind.
Vereinigt  im  Namen  Karl  Marxens.  Denn  daß  der  Geist
dieses  Mannes  heute  noch  immer  die  Köpfe  und  die  Herzen  der  sozialistischen ­
  Arbeitermassen  erfüllt,  darf  füglich  nicht  bezweifelt  werden.
Wenn  auch  nicht  m  dem  dogmatisch-kirchlichen  Sinne,  daß  nun  die
Lehren  des  Meisters  Wort  für  Wort  in  den  Programmen  der
sozialistischen  Parteien  niedergeschlagen  wären  (man  weiß,  daß  die
letzten  Jahre  eine  „Krisis  des  Marxismus",  einen  „Revisionismus"
und  ähnliche  Dinge  gebracht  haben,  durch  die  der  Bestand  der  positiven ­
  Sätze  der  Marx'schen  Lehren  stark  vermindert  worden  ist),
wohl  aber  in  dem  tieferen  Sinne:  daß  die  Sozialisten  aller  Länder
heute  stillschweigend  die  Grundgedanken  der  Marx'scheu  Weltanschauung ­
  in  sich  aufgenommen  haben  und  daß  sie  ihn  wie  ihren
Heiland  verehren:  nicht  nur  äußerlich  durch  Aufstellung  seiner  Büste
bei  jeder  sozialistischen  Veranstaltung,  sondern  vor  allem  auch  innerlich: ­
  insofern  kein  einziger  Anhänger  der  sozialistischen  Parteien,  so
        <pb n="18" />
        13

ketzerisch  seine  Gesinnung  auch  sein  mag,  sich  gegen  Marx  aufzulehnen
wagen  würde:  alle  Revisionisten,  Reformisten,  Revolutionisten,  die
heute  in  der  sozialistischen  Kirche  Skandal  machen,  wollen  doch  nie
etwas  anderes  als  die  Reinheit  der  Lehre  wiederherstellen:  sie  alle
wollen  die  besten  Marxisten  sein,  sowie  alle  christlichen  Sektierer  die
besten  Christen  sein  wollen.
Stürbe  Marx  heute  erst:  er  würde  von  jenen  25  Millionen
Sozialistenherzen  wie  ein  Vater  betrauert  werden:  wie  ein  Vater,  der
seinen  Kindern  das  Leben  gab  und  der  seine  Kinder  an  seiner  starken
Hand  durchs  Leben  geführt  hat.
*  *
*
Es  entsteht  nun  die  Frage:  auf  was  begründet  sich  diese  ungeheuer ­
  weitreichende  Geltung,  die  Marx  im  letzten  Menschenalter
sowohl  als  Theoretiker,  wie  als  sozialistischer  Führer  gewonnen  hat.
Offenbar  sind  zwei  Dinge  möglich:  entweder  ein  Wahn  hat  die
Geister  ergriffen.  Marx  gilt  so  viel,  weil  so  viele  sich  täuschen  ließen:
wie  ein  Wunderdoktor  in  hohem  Ansehen  bei  Millionen  Menschen
stehen  kann,  obgleich  er  keiner  einzigen  Krankheit  Herr  zu  werden  vermag.
Oder  aber  Marx  hat  wirklich  Großes  geleistet:  Großes,  das  den
Anhängern  der  sozialistischen  Ideale  Kraft  und  Stärke  verlieh;  Großes,
das  fruchtbar  für  die  wissenschaftliche  Erkenntnis  der  Welt  geworden  ist.
Aufgabe  der  folgenden  Betrachtungen  soll  es  sein,  diese  Frage  für
die  beiden  Seiten  des  Marx'schen  Lebenswerkes  zu  beantworten;  das
heißt  also  seine  Bedeutung  festzustellen:  für  die  soziale  Bewegung
unserer  Zeit  und  für  die  soziale  Wissenschaft  (wobei  unerörtert  bleibt,
welche  „Bedeutung"  für  Kultur  und  Menschheit  das  eine  wie  das
andere  Betättgungsgebiet  haben  mag).
        <pb n="19" />
        IL
Was  Karl  Marx  für  die  soziale  Bewegung
bedeutet.
Auf  den  ersten  Blick  erscheint  es  seltsam,  daß  gerade  Marx'sche
Ideen  es  sind,  die  in  den  Köpfen  der  Sozialisten  zum  Siege  gelangt ­
  sind  und  alle  anderen  Ideen  fast  verdrängt  haben.  Denn  von
dem,  was  sonst  die  starke  Sieghaftigkeit  von  Heilslehren  erklärlich
macht,  enthalten  die  Schriften  dieses  Mannes  nichts.
Arm  sind  sie  an  sozialen  Ideen,  arm  an  politischen  Gedanken,
arm  an  warmen,  eindringlichen  Tönen.  Da  wird  den  Massen  kein
Paradies  verheißen;  kein  Wunderland  wird  ihnen  vor  die  Sinne  gebracht, ­
  in  denen  Milch  und  Honig  fließt,  in  denen  alle  Menschen
Grafen  sind  und  ohne  viel  Arbeit  sich  des  Lebens  und  seiner  Genüsse ­
  freuen.  Wie  es  etwa  Fourier  tut  oder  Weitling.  Die  alles
was  das  Herz  des  armen  Mannes  nur  erfreuen  konnte,  in  dem
Lande  der  Zukunft  verwirklicht  sahen,  in  dem  das  salzige  Meerwasser ­
  in  Limonade  verwandelt  war,  die  Menschen  mit  Rosen  im
Haar  die  tägliche  Arbeit  tändelnd  verrichteten,  in  heiterem  Freundeskreise ­
  an  reichbesetzter  Tafel  die  vielen  Mußestunden  verbrachten  und
(die  Hauptsache!)  je  drei  bis  vier  schöne  Frauen  zu  ihrer  freien
Verfügung  hatten.  Alle  diese  bunten  Phantasmagorien  fehlen  bei
Marx.  Kalt,  wuchtig  wie  Hammerschläge  fallen  die  Worte  nieder:
        <pb n="20" />
        15

„Die  Proletarier  haben  nichts  zu  verlieren  als  ihre  Ketten:  sie  haben  j
eine  Welt  zu  gewinnen."  Eine  „Welt":  etwas  ganz  Leeres,  ganz
Abstraktes,  ganz  Unsinnliches.
Man  hört  alte  jüdische  Propheten  reden.  Aber  auch  von  denen
hat  Marx  nichts  als  die  Starrheit  der  Gesinnung.  Nichts  von  dem
Schwung  ihrer  Gefühle,  nichts  von  ihrem  großen  Pathos.  Niemals
oder  fast  niemals  wendet  er  sich  an  die  großen  Leidenschaften  der
Menschen,  niemals  ruft  er  die  Massen  auf,  für  die  großen  Ideale
der  Wahrheit  und  Gerechtigkeit  in  den  Tod  zu  gehen;  etwa  wie  es
die  Prinzip  gewordenen  Helden  der  Montagne  dereinst  getan  hatten.
Er  spottet  eher  über  die,  die  diesen  Idealen  ihr  Leben  opfern.  „Sie
(die  Arbeiterklasse)  hat  keine  Ideale  zu  verwirklichen;  sie  hat  nur
die  Elemente  der  neuen  Gesellschaft  in  Freiheit  zu  setzen,  die  sich
bereits  im  Schoße  der  zusammenbrechenden  Bourgeoisgesellschaft  entwickelt ­
  haben."  Also  ein  schemenhafter,  blutleerer  Dogmatismus  an
Stelle  blühender,  hinreißender,  lebendiger  Begeisterung.
Und  trotz  aller  dieser  abstoßenden  Züge  doch  diese  unerhörte
Sieghaftigkeit  der  Marx'schen  Doktrin!  Wie  sollen  wir  uns  das
erklären?!
Einem  Teil  der  Gründe  bin  ich  in  meiner  Schrift  „Sozialismus
und  soziale  Bewegung'")  nachgegangen,  auf  die  ich  den  Leser  für
alle  Einzelheiten  verweisen  muß.  Was  ich  dort  an  Gründen  für  die
Sieghaftigkeit  der  Marx'schen  Ideenwelt  angeführt  habe,  könnte
man  als  die  realen  Werte  der  Lehre  bezeichnen;  weil  es  diejenigen
sind,  die  wirklich  vorhanden  sind,  weil  es  sich  um  Gedankenschöpfungen
handelt,  die  Marxens  eigenstes  Werk  sind,  die  auch  so  wie  sie  Marx
gemeint  hat,  aufgefaßt  werden  und  die  auch  einer  späteren  Kritik

')  6.  Aufl.,  Jena  1908.
        <pb n="21" />
        16

standgehalten  haben.  Sie  haben  teils  positive,  teils  negative  Vorzüge: ­
  es  sind  Gedanken,  die  teils  deshalb  wirken,  weil  sie  da  sind,
teils  deshalb,  weil  sie  fehlen.
Des  Zusammenhanges  wegen  will  ich  hier  einige  der  Ausführungen ­
  wiederholen,  die  sich  in  meiner  genannten  Schrift  mit  dem
Gegenstände  beschäftigen.  Sie  werden  auch  außerhalb  des  Zusammenhanges, ­
  denke  ich,  in  den  Hauptzügen  deutlich  machen,  um  was  es  sich
handelt,  wenn  wir  von  den  großen  Leistungen  sprechen,  die  Marx  zu
den  anerkannten  Führern  des  modernen  Sozialismus  gemacht  haben.
Zunächst  und  vor  allem  —  was  uns  jetzt  als  Binsenwahrheit
erscheint  —  ist  als  Tat  ersten  Ranges  hervorzuheben  die  historische
Auffassung  der  sozialen  Bewegung  und  die  Jnbeziehungsetzung  der
„ökonomischen",  „sozialen"  und  „politischen"  Erscheinungen  und  Vorgänge. ­
  Marx  wendet  den  Entwicklungsgedanken  auf  die  soziale
Bewegung  an:  Hatten  auch  vor  Marx  hervorragende  Männer  Sozialismus ­
  und  soziale  Bewegung  im  Fluß  historischen  Lebens  zu  erfassen ­
  sich  bemüht:  Keiner  hatte  annähernd  in  so  klarer,  keiner  vor
allem  in  so  einleuchtender,  wirkungsvoller  Form  diese  geschichtlichen
Beziehungen  aufzudecken  gewußt.  Daß  die  politischen  Revolutionen
und  Bestrebungen  im  Grunde  Machtverschiedenheiten  sozialer  Klassen
seien,  war  auch  vor  Marx  ausgesprochen,  aber  wiederum  von  niemand ­
  in  so  eindringlicher  Weise.  Von  den  ökonomischen  Umwälzungen ­
  nimmt  er  seinen  Ausgangspunkt,  um  die  soziale  Klassenbildung ­
  und  den  Klassenkampf  zu  erklären  und  daß  „il  n’y  a  jamais
de  mouvement  politique  qui  ne  soit  social  en  même  temps"  hatte
er  in  der  Misère  (175)  schon  vor  dem  kommunistischen  Manifest
ausgesprochen.  Damit  aber  wird  das  Proletariat  zum  vollen
Bewußtsein  seiner  selbst  gebracht,  daß  es  sich  in  seiner  geschichtlichen ­
  Bedingtheit  erkennen  lernt.
        <pb n="22" />
        17

Aus  dieser  historischen  Auffassung  nun  aber  ergeben  sich  für
Marx  und  für  das  Proletariat  mit  Sicherheit  die  Grundzüge  des
Programms  und  der  Taktik  der  sozialen  Bewegung.  Sie  sind  nur
„allgemeine  Ausdrücke  tatsächlicher  Verhältnisse  eines  existierenden
Klassenkampfes",  hatte  das  kommunistische  Manifest  in  etwas  lockerer
Fassung  gesagt.  Genauer  gesprochen  heißt  das:  Marxens  Theorie
stellte  die  Verbindung  her  zwischen  dem,  was  unbewußt,  instinktiv
sich  als  proletarisches  Ideal  zu  bilden  begonnen  hatte  und  dem,  was
in  der  Wirklichkeit  sich  als  Ergebnis  der  ökonomischen  Entwicklung
beobachten  ließ.  Für  die  Taktik  aber  wurde  der  Gedanke  bestimmend,
daß  Revolutionen  nicht  gemacht  werden  können,  sondern  an  bestimmte ­
  ökonomische  Vorbedingungen  geknüpft  seien,  während  der
Klassenkampf  in  seinen  beiden  Formen,  —  der  politischen,  von  der
hauptsächlich  im  kommunistischen  Manifest  die  Rede  ist,  aber  auch
der  ökonomisch-gewerkschaftlichen,  für  die  Marx  schon  in  der  Misöre
eine  Lanze  gebrochen  hatte  —  als  Werkzeug  erkannt  wird,  dessen
sich  das  Proletariat  bedienen  müsse,  um  in  dem  ökonomischen  Umgestaltungsprozesse ­
  seine  Interessen  zu  wahren.  Er  spricht  damit
aus,  was  jede  proletarische  Bewegung,  die  sich  ihrer  bewußt  wurde,
als  leitende  Grundsätze  anerkennen  mußte.  Sozialismus  als  Ziel,
Klassenkampf  als  Weg  hörten  aus,  persönliche  Meinungen  zu  sein
und  wurden  in  ihrer  historischen  Notwendigkeit  begriffen.
Anerkennen  mußte?  Warum  muß  das  Ziel,  das  in  der  Form
des  Ideals  erscheint,  für  jede  proletarische  Bewegung  notwendig  der
demokratische  Kollektivismus,  d.  h.  die  Vergesellschaftung  der
Produktivmittel  auf  demokratischer  Grundlage  sein?  Auf  diese  Frage
geben  folgende  Erwägungen  die  Antwort:
Die  moderne  soziale  Bewegung  strebt  dasjenige  an,  was  man
in  das  Schlagwort  die  „Emanzipation  des  Proletariats"  zusammen  -
Sombart,  LebenSwrrk  von  Karl  Marx.  2
        <pb n="23" />
        18

fassen  kann.  Diese  nun  hat  zwei  Seiten,  eine  ideale  und  eine
materielle.  Ideal  kann  sich  eine  Klasse  selbstverständlich  nur  dann  als
emanzipiert  betrachten,  wenn  sie  als  Klasse  wirtschaftlich  und  somit
politisch  herrschend  oder  mindestens  unabhängig  geworden  ist,  das
Proletariat,  das  in  ökonomischer  Abhängigkeit  vom  Kapital  sich  befindet, ­
  also  nur,  wenn  es  diese  Abhängigkeit  vom  Kapital  aufhebt.
Man  könnte  sich  vielleicht  denken,  daß  das  Proletariat  Unternehmer
als  Angestellte  unterhielte,  die  die  Produktion  als  Beauftragte  leiteten.
Dann  aber  wäre  die  Leitung  ja  nicht  mehr  in  den  Händen  der  Unternehmer ­
  wie  heute,  sondern  in  den  Händen  des  Proletariats,  dieses
also  Herr  der  Situation.  Solange  diese  Herrschaft  in  irgend  welcher
Form  nicht  erreicht  ist,  kann,  im  Sinne  der  Klasse  gesprochen,  von
einer  Emanzipation  nicht  die  Rede  sein.  Ebenso  kann  materiell  nicht
die  Rede  davon  sein,  solange  diejenigen  Umstünde  weiter  wirken,  die
heutzutage  vom  Standpunkte  der  Klasse  ans  als  die  eigentlichen
Gründe  ihrer  sozialen  Inferiorität  betrachtet  und  ans  dem  kapitalistischen ­
  Wirtschaftssystem  abgeleitet  werden.  Wenn  also  das  Proletariat ­
  sich  klar  ein  Ziel  setzt,  so  kann  dieses  Ziel  nur  sein,  immer
vom  Standpunkte  der  Klasse  aus,  die  Beseitigung  dieses  kapitalistischen
Wirtschaftssystems.  Nun  ist  diese  Beseitigung  in  zwei  Formen
möglich.  Sie  kann  nämlich  entweder  erfolgen,  indem  die  großen
Wirtschaftsformen,  die  die  früheren  kleinen  abgelöst  haben,  zurückgebildet ­
  werden  zu  kleinen  Verhältnissen.  In  diesem  Falle  bedeutete
die  Beseitigung  des  kapitalistischen  Wirtschaftssystems  eine  Rückbildung
in  kleinbürgerlichem  Sinne.  Oder  aber  es  kann  dieses  System  überwunden ­
  werden  in  der  Weise,  daß  die  bestehenden  Formen  der  Großproduktion ­
  erhalten  werden.  Dann  kann  die  Beseitigung  nur  in
einer  Vergesellschaftung  der  Produkttonsmittel  und  gemeinschaftlicher
Organisation  bestehen:  ein  drittes  gibt  es  nicht.  Wenn  also  das
        <pb n="24" />
        19

Proletariat  nicht  den  Kapitalismus  durch  Rückbildung  in  kleinere
Formen  beseitigen  wich  so  kann  es  ihn  nicht  anders  beseitigen,  als
indem  es  an  die  Stelle  der  kapitalistischen  die  sozialistische  Organisation ­
  setzt.  Und  weiter:  Das  Proletariat  als  solches  kann  sich  selbstverständlich ­
  nur  zu  dem  letzten  Sinne  entschließen,  weil  es  ja  seinem
ganzen  Wesen  nach  mit  der  Großproduktion  verknüpft  ist;  es  ist  ja
nichts  anderes  als  der  Schatten  dieser  Großproduktion;  es  entsteht
nur  dort,  wo  die  Großproduktion  herrscht.  Deshalb  also  kann  man
sagen,  daß  die  sozialistische  Zielsetzung  der  sozialen  Bewegung  in
ihren  Grundzügen  sich  mit  Notwendigkeit  aus  der  wirtschaftlichen
Lage  des  Proletariats  ergeben  muß.
Warum  aber  muß  der  Weg  zur  Erreichung  dieses  Ziels  der
Klassenkampf  sein?  Hierauf  werden  wir  in  Kürze  dieses  zu  antworten ­
  haben:  Die  moderne  Gesellschaft  stellt  sich  uns  als  ein  kunstvolles ­
  Durcheinander  zahlreicher  sozialer  Klassen  dar,  d.  h.  solcher
Personengruppen,  deren  Homogenität  aus  der  Interessiertheit  an
einem  und  demselben  Wirtschaftssystem  erwächst.  Wir  unterscheiden
als  Vertreter  feudaler  Landwirtschaft  die  Junker  von  den  Vertretern
des  Kapitals,  der  Bourgeoisie,  die  Repräsentanten  handwerksmäßiger
Produktion  und  Verteilung,  das  Kleinbürgertum  von  den  modernen
Lohnarbeitern,  dem  Proletariat  uff.  Jede  dieser  Gruppen  von  wirtschaftlichen ­
  Interessenten  hat  ihre  besondere  Vertreterschaft  unter  den
„ideologischen"  Elementen  der  Gesellschaft,  d.  h.  den  dem  Wirtschaftsleben ­
  fernstehenden  Beamten,  Gelehrten,  Künstlern  usw.,  die  sich  ihrer
Stellung  und  Herkunft  nach  der  einen  oder  der  anderen  sozialen
Klasse  angliedern.
Die  Zugehörigkeit  zu  einer  sozialen  Klasse  wirkt  nun  bestimmend ­
  in  doppelter  Richtung:  sie  erzeugt  zunächst  die  eigenartige
Welt-  und  Lebensauffassung  solcher  Gruppen  von  Menschen,  deren
2*
        <pb n="25" />
        20

Denken  und  Fühlen  durch  die  Übereinstimmung  der  beeinflussenden
äußeren  Umstünde  einen  Zug  zur  Gleichheit  empfängt.  Gleiche  Wertschätzungen, ­
  gleiche  Ideale  bilden  sich  aus.  Sie  erzeugt  aber  ferner
auch  eine  bestimmte  Willensrichtung  auf  Wahrung  des  von  der
Klasse  vertretenen  Standpunktes:  ihrer  ökonomischen  Position  nicht
minder  als  ihrer  Werte;  sie  erzeugt  das,  was  wir  das  Klasseninteresse ­
  nennen  mögen.
Was  also  überall  sich  ungezwungen  entwickelt,  ist  zunächst  ein
Klassenunterschied,  an  ihn  knüpft  sich  ein  Klasseninteresse  an.  Die
Vertretung  dieses  Klasseninteresses  führt  nun  überall  dort,  wo  ihm
andere  Interessen  entgegenstehen,  zum  Klassengegensatz.  Nicht  immer
muß  notwendig  die  Vertretung  des  eigenen  Klassenstandpunktes  mit
einem  anderen  Klasseninteresse  kollidieren;  gewiß  kann  zeitweise  eine
Jnteressensolidarität  entstehen,  aber  niemals  wird  diese  Übereinstimmung ­
  sich  auf  die  Dauer  erzielen  lassen.  Das  Interesse  des  Junkers
muß  an  einem  bestimmten  Punkte  mit  dem  des  Bourgeois,  das  des
Kapitalisten  mit  dem  des  Proletariats,  das  der  Handwerker  und
Krämer  mit  dem  des  Großbürgertums  usf.  in  Widerstreit  treten;
denn  jedes  strebt  naturgemäß  nach  Verallgemeinerung  und  schließt
damit  andere  Interessen  aus.  Dann  gilt  das  Wort:
„Wo  eines  Platz  nimmt,  muß  das  andere  rücken;
Wer  nicht  vertrieben  sein  will,  muß  vertreiben  .  .  .
Da  herrscht  der  Streit  und  nur  die  Stärke  siegt  "
Hier  ist  es,  wo  Meinungsverschiedenheiten  auftauchen  könnten:
muß  es  wirklich  zum  „Streit",  zum  „Kampfe"  kommen?  Ist  nicht
zu  hoffen,  daß  —  etwa  aus  Menschenliebe,  oder  Mitleiden,  oder
Anteilnahme  am  Gemeinwohl  oder  aus  sonstigen  edlen  Motiven
heraus  —  soziale  Klassen  sich  freiwillig  ihrer  Vorrechte,  die  anderen
im  Wege  sind,  entäußern  könnten?  Natürlich:  wissenschaftlich  „be-
        <pb n="26" />
        %

21

weisen"  läßt  sich  die  Richtigkeit  der  einen  Auffassung  ebensowenig
wie  die  der  anderen,  weil  die  letzten  Gründe  für  den  Entscheid  des
einzelnen  in  den  Tiefen  der  persönlichen  Überzeugung  ruhen.  Was
aber  für  die  Nichtigkeit  des  von  Marx  vertretenen  Standpunktes
immerhin  einiges  Beweismaterial  liefert,  ist  der  Umstand,  daß  die
Geschichte  uns  noch  kein  Beispiel  einer  freiwilligen  Entäußerung  von
Klassenvorrechten  ausweist,  zum  mindesten  will  ich  sagen:  daß  wir
für  jeden  solcher  Fälle,  die  dafür  etwa  angeführt  werden  konnten,
eine  realistische,  nüchterne  Beweisführung  mühelos  antreten  können.
Wir  haben  andererseits  unzählige  Beispiele  in  der  Geschichte,  wo
irgendwelche  Reform  von  wohlwollenden  Menschenfreunden,  etwa
ideologischen  Bureaukraten,  begonnen  wurde,  um  bald  nachher  an
dem  rocher  de  bronce  des  mächtigen  Klasseninteresses  der  bedrohten
herrschenden  Klasse  zu  scheitern.  So  finden  wir,  als  letztes  Glied
in  dieser  Gedankenentwicklnng,  erst  Klassenunterschied,  dann  Klassenillleresse,
  dann  Klassengegensatz,  nun  endlich  den  Klassenkampf.
Bringt  man  sich  dies  zum  Bewußtsein,  daß  die  Kernpunkte
der  Marx'schen  Lehre  wirklich  nur  das  aussprcchen,  was  ist,  daß
fie  sagten,  was  nicht  anders  sein  konnte,  daß  sie  gleichsam  das  Selbstverständliche, ­
  das  Nächstliegende,  nur  entdeckten  und  offenbarten,  so
wird  man  es  begreiflich  finden,  daß  sie  der  Fels  wurden,  auf  dein
die  Kirche  der  sozialen  Bewegung  errichtet  werden  konnte.  Zumal
wenn  man  sich  ferner  klar  macht,  daß  die  Marx'sch  e  Theorie  so
weit  gefaßt  ist,  daß  sie  die  verschiedensten  Strömungen  in  sich
aufzunehmen  vermochte.  Weil  Marx  gar  kein  bestimmtes  Programm
aufstellte,  gar  kein  deutliches  Bild  von  der  erstrebten  Zukunft  zeichnete,
auch  die  Ausführung  des  Klassenkampfes  im  einzelnen  dem  Belieben
überließ,  wurde  er  befähigt,  der  Theoretiker  der  sozialen  Bewegung
schlechthin  zu  werden,  allem  Proletariat  zwar  nur  etwas,  aber  das
        <pb n="27" />
        22

Wichtigste  zu  geben:  das  Bewußtsein  seiner  selbst  und  das  Vertrauen
auf  seine  Kraft,  den  Glauben  an  sich  und  seine  Zukunft.  Daher  er
denn  auch  alle  Ideale  in  das  rein  formale  Ideal  der  Klassenzugehörigkeit ­
  verflüchtigt:  „die  Proletarier  haben  nichts  ...  zu  verlieren
als  ihre  Ketten.  Sie  haben  eine  Welt  zu  gewinnen.  Proletarier
aller  Länder  vereinigt  Euch!"  Aber:  auch  nur  die  Proletarier.
Damit  wurde  die  soziale  Bewegung  abermals  gefestigt  und  in  ihren
Zielen  geklärt.  Die  deutliche  Ausrichtung  des  Sozialismus  auf  die
soziale  Klasse  des  Proletariats,  wie  sie  Marx  vornahm,  ist  nicht
der  letzte  Grund,  weshalb  die  marxistischen  Lehren  allen  anderen
gegenüber  so  siegreich  bleiben.  Denn  damit  schwand  die  Verschwommenheit, ­
  die  für  die  meisten  sozialistischen  Systeme  charakteristisch ­
  gewesen  war:  weil  nun  nicht  mehr  derRoupie",  das  „Volk",
die  „armen  Leute"  schlechthin  oder  sonst  ein  Unbestimmter  als  Träger
der  sozialen  Bewegung  angenommen  wurde,  sondern  eine  scharf  umrissene,
  gleich  interessierte  Gesellschaftsgruppe,  eben  das  Proletariat
im  Sinne  einer  bestimmten  sozialen  Klasse.
Kurz  zusammengefaßt,  was  die  historische  Bedeutung  der  marxistischen ­
  Lehren  für  die  soziale  Bewegung  ausmacht:  Indem  Marx  als
deren  Ziel  die  Vergesellschaftung  der  Produktionsmittel,  als  Weg
den  Klassenkampf  bezeichnete,  richtete  er  die  beiden  Grundpfeiler  auf,
auf  denen  sich  die  Bewegung  aufbauen  mußte.  Es  war  genug,  um
sie  zu  einheitlichem  Bewußtsein  zu  bringen,  es  war  nicht  zuviel,  um
die  Entfaltung  der  nationalen  und  sonstigen  Eigenarten  zu  hemmen.
Indem  er  die  soziale  Bewegung  in  den  Fluß  der  historischen  Eutwicklung
  stellte,  brachte  er  sie  theoretisch  in  Einklang  mit  den  bestimmenden ­
  Faktoren  der  Geschichte,  begründete  er  sie  auf  die  realen
Bedingungen  der  Wirtschaft  und  der  Charakterveranlagung  der  Menschen,
wies  er  ihre  ökonomische  und  psychologische  Bestimmtheit  nach,  wurde
        <pb n="28" />
        er  der  Begründer  des  historischen  (im  Gegensatz  zum  rationalen)  oder
realistischen  (im  Gegensatz  zum  utopistischen)  Sozialismus.
Entscheidend  wurde  dieses;  sobald  einmal  die  Zielpunkte  der
proletarischen  Bewegung  schlechthin  festgelegt  waren,  konnten  sich
darauf  „die  Proletarier  aller  Länder"  vereinigen.  Dem  praktischen
Bedürfnis  nach  Internationalist  der  Bewegung  tat  dieses  Minimumprogramm ­
  auf  das  glücklichste  Genüge.  Auf  dieser  programmatischen
Grundlage  konnte  man  nun  die  Kräfte  entfesseln,  die  in  der  Idee
der  Jnternationalität  noch  gebunden  waren.  Und  somit  wurde
die  Marx'sehe  Lehre  sauf  Umwegen)  doch  die  Erzeugerin  einer  neuen
oder  richtiger  die  Wiederbeleberiu  einer  alten  durchschlagskräftigen
Idee:  die  der  allgemeinen  Menschenverbrüderung,  der  allgemeinen
Menschheitsgesellschaft.
Aber  so  hoch  man  nun  auch  diese  realen  Werte  in  der  Marxschen
  Lehre  als  Erklärung  für  deren  Sieghaftigkeit  veranschlagen  möge:
darüber  kann  kein  Zweifel  bestehen,  daß  sie  allein  niemals  genügt
haben  würden,  um  Marx  für  ein  Menschenalter  zum  Diktator  der
Massen  zu  machen.  Dazu  mußten  die  Eigenarten  seiner  Doktrin
mitwirken,  die  sich  bei  genauem  Hinsehen  als  fiktive  Werte  darstellen,
weil  sie  entweder  in  nichts  anderem  als  einem  glücklichen  Mißverständnisse ­
  des  Gläubigen  beruhen  oder  aber  Irrtümer  sind,  die  schließlich ­
  zwar  als  solche  erkannt  wurden,  die  doch  aber  Jahrzehnte  hindurch ­
  ihre  faszinierende  Wirkung  auf  die  Massen  der  Sozialisten  ausgeübt ­
  hatten.  Ich  erkläre,  was  ich  meine:
Da  ist  zum  Beispiel  seine  berühmte  und  berüchtigte  Wertlehre,
die  früher  (wie  wir  schon  sahen)  häufig  als  die  Marx'sche  Theorie
oder  wenigstens  als  ihr  wesentlicher  Bestandteil  angesehen  wurde.
Ihr  Inhalt  ist  bekanntlich  dieser:  daß  infolge  der  eigentümlichen  Gestaltung ­
  der  Marktverhältnisse  in  der  kapitalistischen  Epoche  der  Lohn-
        <pb n="29" />
        24

arbeitn  nur  einen  Teil  seiner  Arbeit  im  Arbeitslöhne  vergütet  erhält,
während  ein  anderer,  immer  mehr  anwachsender  Teil  unbezahlt  bleibt,
dessen  Ertrag  der  Unternehmer  ohne  Entgelt  in  der  Gestalt  des
Mehrwerts  sich  aneignet.  Jeder,  der  auch  nur  etwas  in  den  Geist
des  Marx'schen  Systems  eingedrungen  ist,  weiß  nun,  daß  dieser
Feststellung  keinerlei  ethische  Färbung  anhaftet,  daß  Marx  sein  Wertgesetz ­
  ganz  und  gar  nicht  etwa  entwickelt  habe,  um  den  Nachweis  zu
führen,  daß  dem  Arbeiter  ein  Teil  seines  Arbeitsertrages  „nnrechtmäßigerweise"
  vorenthalten,  daß  er  vom  Unternehnler  „in  schamloser ­
  Weise"  ausgebeutet  werde  (um  daran  etwa  die  sittliche  Forderung
auf  den  „vollen  Arbeitsertrag"  zu  knüpfen).  Weiß,  daß  in  dem  ganzen
Marx'schen  System  (als  solchem)  „kein  Gran  Ethik"  steckt;  daß
auch  das  Wertgesetz  keine  andere  Bedeutung  hat  als  die  übrigen
Lehren,  nämlich  die:  den  Beweis  für  die  Behauptung  zu  führen,  daß
unsere  Wirtschaft  sich  mit  Naturnotwendigkeit  in  einer  bestimmten
Richtullg  entwickle,  die  unausweichlich  zum  Sozialismus  führen
müsse.  Weiß,  daß  gerade  in  der  Ablehnung  aller  ethischen  Raisonnements ­
  die  spezifische  Eigenart  des  Marx'schen  Denkens  liegt,  daß
Marx  besonders  stolz  darauf  war,  den  Sozialismus  nicht  mit  einem
Appell  an  die  „ewige  Gerechtigkeit"  (wie  Engels  spottet),  sondern
mit  deul  Nachweis  eines  natürlicheil  Verlaufs  der  Ereignisse  begründet ­
  zu  haben,  nicht  als  ein  Soll,  sondern  als  ein  Muß;  daß
also  in  diesem  Denkzusammenhangc  eine  ethisch  orientierte  Wcrtlehre
platter  Unsinn  sein  würde.  Tut  alles  nichts.  Für  sicher  einen  sehr
großeil  Teil  der  Marxgläubigen  hat  der  Meister  den  Nachweis  erbracht: ­
  daß  die  Arbeiter  einen  Teil  ihrer  Arbeit  dem  Unternehmerunbezahlt
  zur  Verfügung  stellen  müssen,  daß  das  „Ausbeutung",  niederträchtige. ­
  gemeine  Ausbeutung  ist,  und  daß  man  die  Hunde  totschlagen
müsse.  „Von  Rechts  wegen".  Man  lese  noch  heute  die  sozial-
        <pb n="30" />
        25

demokratische  Presse,  die  sich  streng  zum  marxistischen  Dogma  bekennt,
inan  höre  die  Reden  der  Agitatoren  zweiten  und  drittel!  Ranges,
die  sich  in  die  Brust  werfen  und  dem  profanen  vulgus  zu  ihren
Füßen  stolzerhobenen  Hauptes  erklären:  „Ich  kenn  meinen  Marx"  —:
ob  man  nicht  täglich  solcherart  ethischen  Raisonnements  in  ihren
Schriften  und  Reden  begegnet,  die  dem  Marxismus  so  innerlich
fremd  sind  wie  Nietzsche  dem  Christentum.  Aber  da  diese  schönen
lind  dein  Herzen  wohltuenden  Lehren  den  Massen  als  marxische  erscheineli,
  so  ist  das  abermals  ein  Grund,  dem  Verkünder  dieser  Lehren
zuzujiibeln.  Und  da  erweist  sich  nun  ein  anderer  Umstand  als  ganz
besonders  geeignet,  die  Marxverehrung  ins  Unermeßliche  zu  steigern:
das  ist  diesmal  der  wirkliche  Geist  seiner  Lehren,  der  als  ein  streng
ìvissenschaftlicher,  das  heißt  auf  die  Erforschung  der  Wahrheit  gerichteter ­
  sich  darstellt.  Das  weiß  inan  allerwärts,  wo  Marx  verkündet ­
  wird:  Marx  hat  ein  großes  System  der  Nationalökonomie
verfaßt.  Dieses  System  ist  der  Gipfel  der  Gelehrsainkeit,  ist  eine
Fundgrube  des  Wissens,  ein  Arsenal  des  Geistes.  Was  in  btefein
System  niedergelegt  ist,  ist  das  Ergebnis  rein  wissenschaftlicher
Forschnng:  es  ist  die  Wahrheit.  Wenn  nun  in  diesem  wissenschaftlichen ­
  Buche  der  Nachweis  geführt  war,  daß  die  Arbeiter  in
der  kapitalistischen  Gesellschaft  „ausgebeutet"  werden:  je  nun  —  was
konnte  noch  inehr  im  Interesse  des  Sozialismus  geleistet  werden,
als  das  instinktive  Empfinden  des  einzelnen  aus  der  Masse  nüt  beni
Glorienschein  objektiver  Wahrheit  zu  umkleiden.  Daß  sich  in  dieser
eigenartigen  Weise  Wissenschaft  und  Ethik  in  der  Vorstellungswelt
des  gemeinen  Mannes  verquicken  konnten:  darin  liegt  sicherlich  eines
der  wesentlichen  Geheimnisse  verborgen,  deren  Enthüllung  uns  die
Sieghaftigkeit  des  Marxismus  verstehen  hilft.
Aber  diese  Eigenart  der  Marx'schen  Lehren:  den  Sozialismus
        <pb n="31" />
        26

nicht  als  sittliche  Forderung,  sondern  als  notwendiges  Entwicklungs-Produkt
  anzusehen,  hat  noch  aus  anderen  Gründen  dazu  beigetragen,
gerade  diese  Lehren  so  allgemein  beliebt  zu  machen.  Nicht  nur,  daß
man  das  sittliche  Bewußtsein  stärkte  mit  dem  Hinweis  auf  die  wissenschaftliche ­
  „Nichtigkeit"  seiner  Forderungen:  man  konnte  auch  weiterleben, ­
  weiteragitieren,  ohne  sich  immer  in  einen  Zustand  sittlicher  Entrüstung
  versetzen  zu  müssen.  Man  war  ja  seiner  Sache  so  sicher!
Der  Sozialismus  mußte  kommen:  wie  ein  Naturereignis.  Wozu  sich
also  in  Unkosten  stürzen  und  etwa  nach  ethischer  Begründung  Ausschau ­
  halten.  Der  gläubige  Marxist  wandelte  seelcnvergnügt  umher
wie  der  gläubige  Christ:  er  wußte,  daß  der  Glaube  selig  macht;  er
wußte,  daß  das  Jenseits  ihm  (oder  doch  wenigstens  seinen  Kindern)
sicher  sei:  kraft  der  Verheißung  durch  Marx.  Und  er  konnte  nun
auch  —  der  gläubige  Marxist  —  allen  unbequemen  Fragern:  wie
denn  der  Zukunftsstaat  „möglich"  sei,  mit  einem  mitleidigen  Lächeln
begegnen,  wiederum  wie  der  Christ,  den  man  nach  der  Einrichtung
des  Himmels  fragt.  Das  wisse  er  nicht,  konnte  er  antworten,  wolle
er  auch  nicht  wissen,  brauche  er  auch  nicht  zu  wissen:  alles  Frageir
beweise  nur  das  Unverständnis  des  Fragenden.  Da  der  Himmel  den
Gläubigen  versprochen  sei,  so  werde  er  auch  wohl  „möglich"  sein
müssen.  Heute  freilich  ist  der  übernatürliche  Nimbus,  der  sich  um
die  Lehren  Marxens  verbreitet  hatte,  schon  wesentlich  verringert.
Man  sindct  in  meinem  „Sozialismus"  den  Nachweis,  daß  kaum  ein
Bestandteil  der  Marx'schen  Entwicklungslehre  (mit  der  der  „naturnotwendige" ­
  Übergang  des  Kapitalismus  in  den  Sozialismus  „be
wiesen"  werden  sollte)  einer  kritischen  Prüfung  standhält.  Mit  dem
Nachweis  aber,  daß  nur  eine  Lehre  Marxens  falsch  sei,  war  für  die
'  Geltung  seines  Systems  mehr  verloren  als  diese  eine  Wahrheit:  es
war  der  Glaube  in  seine  Allgemeingültigkeit,  ich  möchte  sagen:  in
        <pb n="32" />
        27

seinen  Offenbarungscharakter  zerstört.  Es  ist  dem  Marx'schen  System
wie  der  Bibel  ergangen:  war  erst  einmal  erwiesen,  daß  ein  einziger
Satz  mit  den  Ergebnissen  wissenschaftlicher  Forschung  nicht  in  Einklang
stehe,  also  nicht  „wahr"  sei,  so  verlor  damit  das  ganze  Buch  seine
besondere  Beweiskraft.  Es  war  jetzt  nicht  mehr  „die  Wahrheit"
schlechthin,  sondern  nur  eine  Darstellung  der  Dinge  neben  anderen.
Mit  dem  Nachweis,  daß  Marx  geirrt  hatte,  war  das,  was  man
stolz  „wissenschaftlichen  Sozialismus"  genannt  hatte,  überhaupt  zerstört. ­
  Den  Sozialismus  konnte  man  nur  retten,  indem  man  ihn
anders  als  „wissenschaftlich"  begründete.  Für  diese  andere  Begründung
aber  bietet  gerade  das  Marasche  System  besonders  wenig  Anhaltspunkte. ­
  So  daß  man  glauben  sollte:  in  dem  Maße,  wie  das  Prestige
des  „wissenschaftlichen  Sozialismus"  bei  den  Massen  sich  verringerte,
würde  auch  der  Marxismus  seine  Geltung  als  die  Gemeinlehre  des
Proletariats  einbüßen.  Weit  gefehlt!  Gerade  in  den  letzten  Jahren,
die  den  Zusammenbruch  des  Marx'schen  Lehrgebäudes  gesehen  haben,
ist  der  Marxismus  mit  großer  Wärme  wenigstens  von  einem  Teile
der  Sozialisten  als  einzig  wahre  Heilslehre  verkündet  worden:  wiederum
aber  in  einem  neuen  Sinne:  als  Theorie  der  sozialen  Revolution
schlechthin.
Es  ist  in  der  Tat  nicht  schwer,  aus  den  Schriften  namentlich
des  jungen  Marx  genügend  viel  Material  zu  entnehmen,  das  vortrefflich ­
  als  Brandstoff  dienen  kann,  um  das  Feuer  einer  revolutionären
Begeisterung  zu  schüren.
Bor  allem  das  kommunistische  Manifest  ist  durchglüht  von
einem  echt  revolutionären  Feuer;  cs  klingt  wie  ein  Hohes  Lied  der
Revolution.
„Auf  Deutschland  richten  die  Kommunisten,  so  schließt  es,  ihre
Hauptaufmerksamkeit,  weil  Deutschland  am  Vorabend  einer  bürgen
        <pb n="33" />
        28

lichen  Revolution  steht  und  weil  es  diese  Umwälzung  unter  fortgeschritteneren ­
  Bedingungen  der  europäischen  Zivilisation  überhaupt
und  mit  einem  viel  weiter  entwickelten  Proletariat  vollbringt  als
England  im  17.  und  Frankreich  im  18.  Jahrhundert,  die  deutsche
bürgerliche  Revolution  also  nur  das  unmittelbare  Vorspiel  einer
proletarischen  Revolution  sein  kann.  (!)
Mit  einem  Wort,  die  Kommunisten  unterstützen  überall  jede
revolutionäre  Bewegung  gegen  die  bestehenden  gesellschaftlichen  und
politischen  Zustände.

Die  Kommunisten  verschmähen  es,  ihre  Ansichten  uitb  Absichten
zu  verheimlichen.  Sie  erklären  es  offen,  daß  ihre  Zwecke  nur  erreicht ­
  werden  können  durch  den  gewaltsamen  Umsturz  aller  bisherigen
Gesellschaftsordnung.  Mögen  die  herrschenden  Klassen  vor  einer
kommunistischen  Revolution  zittern.  Die  Proletarier  haben  nichts  in
ihr  zu  verlieren  als  ihre  Ketten.  Sie  haben  eine  Welt  zu  gewinnen!"
Das  ist  ein  herrliches  Bum!  Bum!  und  Tschingdara!  wie  es
sich  der  blutrünstige  revolutionäre  Jüngling  und  die  hysterische  revolutionäre ­
  Jungfrau  nicht  schöner  wünschen  können.  Und  die  französischen ­
  und  italienischen  Neu-Blanquisten  haben  sich  wahrhaftig  keine
große  Mühe  zu  geben  brauchen,  um  ihre  revoluüonären  Tiraden  aus
Marxischcn  Worten  zusammenzustellen.
Aber  derselbe  Marx  ist  es  auch  gewesen,  der  in  überzeugender
Weise  die  Nottvendigkeit  einer  organischen  Umbildung  des  Gesellschaftszustandes ­
  und  die  Sinnlosigkeit  jeder  gewaltsamen  Revolution  dargctan
  hat,  aus  dessen  Theorien  sich  ein  ökonomisch-sozialer  Evolutionismus
  ohne  alle  Schwierigkeit  ableiten  läßt.
Damit  aber  habe  ich  einen  letzten  wichttgen  Punkt  berührt,  der
        <pb n="34" />
        29

uns  die  große  Durchschlagskraft  der  Marxischen  Lehren  verständlich
macht:  ich  meine  ihre  außerordentlich  große  Vielseitigkeit  und  Vieldeutigkeit. ­
  Darin  sind  seine  Werke  nur  der  Bibel  vergleichbar,  daß
in  ihnen  der  geistig  verfeinerte  Denker  ebenso  findet,  was  ihn  reizt
und  erfreut  wie  der  grobe  Destillenbudiker  darin  auf  Sätze  stößt,  die
seinem  intellektuellen  Niveau  entsprechen.  Für  alle  Höhenlagen  der
geistigen  Veranlagung  hat  Marx  irgend  etwas  geschrieben.  Und
ebenso  wie  seine  Werke  oder  Stücke  daraus  von  Neichen  wie  Armen
im  Geiste  gelesen  werden  können,  so  bieten  sie  auch  für  Menschen
der  verschiedensten  Lebensauffassung  Anregung  und  Beweisstoff.  Der
Revolutionär  nimmt  aus  ihnen  ebensogut  seine  Waffen,  wie  der
überzeugte  Evolutionist;  der  naturwissenschaftlich  verbildete  Entwicklungstheoretiker ­
  ebenso  wie  der  Ethiker;  der  fette  Grieche  ebenso
wie  der  magere  Nazarener.
So  daß  wir  schließlich  es  gar  nicht  so  wunderbar  finden,
wenn  wir  eben  diese  Eigenarten  der  Marx'scheu  Lehre  zusammenhalten, ­
  daß  sie  freilich  eine  Welt  zu  erobern  die  Kraft  in  sich  trugen.
Daß  sie  heute  anfangen,  an  Sieghaftigkeit  einzubüßen,  habe  ich  schon
angedeutet.  Ich  habe  auch  in  meinem  „Sozialismus"  ausführlich
dargetan,  an  welchen  Stellen  das  Gebäude  des  Marxismus  brüchig
geworden  ist,  wo  es  sich  als  besonders  unzulänglich  erwiesen  hat.
Hier  brauche  ich  auf  diese  Seite  des  Problems  nicht  näher  einzugehen, ­
  wo  ich  nur  zusammenfassend  sagen  wollte,  worin  die  überragende ­
  Bedeutung  bestehe,  die  Karl  Marx  für  die  soziale  Bewegung ­
  unserer  Tage  gehabt  hat  und  wie  sie  zu  erklären  sei.
Damit  ist  aber  das  Lebenswerk  Marxens  erst  nach  seiner
einen  Seite  hin  —  der  praktischen  —  gewürdigt.  Wir  wissen,  daß
Marx  ein  Doppelwesen  war:  neben  dem  Sozialisten  lebte  in  ihm
ein  sozialer  Denker  und  wenn  wir  seinen  Gesamtleistungen  gerecht
        <pb n="35" />
        —  30  —
werden  wollen,  müssen  wir  ebensosehr  fragen,  was  dieser  für  die
Erkenntnis  der  Welt  getan  hat,  worin  die  Bedeutung  Marxens  für
die  Wissenschaft  zu  suchen  sei.  Diese  Frage  versucht  der  letzte  Teil
dieser  Schrift  zu  beantworten,  den  ich  in  ähnlicher  Fassung  schon  an
anderer  Stelle  —  im  Archiv  für  Sozialwissenschaft  und  Sozialpolitik, ­
  Band  27  —  veröffentlicht  habe.  Nur  daß  ich  einige  Punkte
anders  gefaßt  und  eine  Reihe  von  Ergänzungen  hinzugefügt  habe.
        <pb n="36" />
        Was  Karl  Marx  für  die  soziale  Wissenschaft
leistete.
i.
Fünfundzwanzig  Jahre  sind  nun  seit  dem  Tode  Marxens  verflossen ­
  und  noch  immer  erscheint  die  Aufgabe  reizvoll:  Marxens
Bedeutung  für  die  soziale  Wissenschaft  in  Worten  zum  Ausdruck
zu  bringen.  Denn  so  oft  der  Versuch  unternommen  worden  ist:
eine  befriedigende  Lösung  hat  die  Aufgabe  ganz  gewiß  noch  nicht
gefunden.
Daß  Marx  eine  irgendwelche  und  wohl  auch  überragend  große
Bedeutung  für  unsere  Wissenschaft  habe,  gilt  heute,  denke  ich,  als
eine  allgemein  anerkannte  Wahrheit.  Die  Sonderlinge  und  Neidlinge,
  die  ihm  jede  wissenschaftliche  Bedeutung  abstreiten  (weil  sie
immer  nocí)  zu  faul  gewesen  sind,  ihn  zu  lesen),  sterben  langsam
aris.  Aber  wenn  man  sich  auch  allmählich  darüber  einigt:  Marx
sei  einer  der  ganz  großen  Denker  gewesen,  so  gehen  die  Meinungen
doch  noch  recht  weit  auseinander,  wo  es  sich  um  eine  Begründung
dieses  Urteils  handelt.  Noch  immer  begegnet  man  gelegentlich  der
seltsamen  Auffassung,  die  uns  unsere  Lehrer  einst  beibrachten:  Marxens
-Größe  läge  in  der  „Kritik",  die  er  geübt  habe  (im  Gegensatz  zu  der
historischen  Schule  oder  ähnlichen  Dingen,  denen  wir  die  „positive
        <pb n="37" />
        32

Weiterbildung"  der  Sozialwissenschaften  danken  sollten).  Eine  Auffassung, ­
  die  offenbar  aus  einer  Verwechslung  der  Politik  mit  der
Wissenschaft  entstanden  war.  Denn  daß  in  der  Wissenschaft  Marx
irgend  welche  größere  kritische  Arbeit  geleistet  Hütte,  ist  mir  nicht  bekannt ­
  (während  alles  etwa  vorhandene  Verdienst  der  „historischen
Schule"  in  der  „Kritik"  der  „klassischen"  Nationalökonomie  allein
gefunden  werden  könnte).
Aber  auch  dort,  wo  Marxens  wissenschaftliche  Leistungen  stetes
außer  allem  Zweifel  standen,  wo  man  ihn  für  den  Newton  oder
sonst  etwas  ähnliches  der  Nationalökonomie  erklärte:  in  den  Kreisen
seiner  politischen  Anhänger  scheint  mir  das  Urteil  über  Marxens
Oeuvre  nicht  glücklicher  zu  sein.  Insbesondere  das,  was  Friedrich
Engels  zu  sagen  wußte,  um  seinen  Freund  zu  würdigen,  und  was
dann  immer  wieder  nachgesprochen  und  nachgeschrieben  ist,  läßt  ganz
und  gar  unbefriedigt.  Nicht  nur,  daß  es  den  Leistungen  Marxens
nicht  gerecht  wird:  es  sucht  sie  in  einer  Richtung,  in  der  sie  gewiß
nicht  liegen.
Engels  hat  öfters  versucht,  Marx  die  richtige  Stellung  in
der  Geschichte  unserer  Wissenschaft  anzuweisen.  Am  ausführlichsten
wohl  dort,  wo  er  Marx  gegenüber  Rodbcrtus  zu  rechtfertigen
unternimmt:  in  dem  Vorwort  zum  zweiteu  Bande  des  „Kapitals".
Die  bekannten  Worte  lauten  wie  folgt  im  Auszuge:
„Was  hat  dann  aber  M.  über  den  Mehrwert  Neues  gesagt?
Wie  kommt  es,  daß  Marx'  Mehrwertstheorie  wie  ein  Blitz  aus
heiterem  Himmel  eingeschlagen  hat,  und  das  in  allen  zivilisierten
Ländern,  während  die  Theorien  aller  seiner  sozialistischen  Vorgänger,
Rodbcrtus  eingeschlossen,  wirkungslos  verpufften?
Die  Geschichte  der  Chemie  kann  uns  das  an  einem  Beispiel
zeigen.
        <pb n="38" />
        33

Noch  gegen  das  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  herrschte  bekanntlich ­
  die  phlogistische  Theorie  (usw.)  .  .  .  Diese  Theorie  reichte
hin,  die  meisten  damals  bekannten  chemischen  Erscheinungen  zu  erklären ­
  .  .  .  Nun  stellte  1774  Priestley  eine  Luftart  dar,  die  er
so  rein  oder  so  frei  von  Phlogiston  fand,  daß  gewöhnliche  Luft  im
Vergleich  damit  schon  verdorben  schien.  Er  nannte  sie:  dephlogistisierte
Luft.  Kurz  nachher  stellte  Scheele  in  Schweden  dieselbe  Luftart
dar  und  wies  deren  Vorhandensein  in  der  Atmosphäre  nach  .  .  .
Priestley  wie  Scheele  hatten  den  Sauerstoff  dargestellt,
wußten  aber  nicht,  was  sie  unter  der  Hand  hatten  .  .  .  Lavoisier
untersuchte  nun,  an  der  Hand  dieser  neuen  Tatsache,  die  ganze  phlogistische ­
  Chemie,  entdeckte  erst,  daß  die  neue  Luftart  ein  neues
chemisches  Element  war,  daß  in  der  Verbrennung  nicht  das  geheimnisvolle ­
  Phlogiston  aus  dem  verbrennenden  Körper  weggeht,  sondern
dies  neue  Element  sich  mit  dem  Körper  verbindet  und  stellte  so  die
ganze  Chemie,  die  in  ihrer  phlogistischen  Form  auf  dem  Kopfe  gestanden, ­
  erst  auf  die  Füße.
Wie  Lavoisier  zu  Priestley  und  Scheele,  so  verhält  sich
Marx  zu  seinen  Vorgängern  in  der  Mehrwertstheorie.  Die  Existenz
des  Produktenwertteils.  den  wir  jetzt  Mehrwert  nennen,  war  festgestellt ­
  lange  vor  Marx;  ebenso  war  mit  größerer  oder  geringerer
Klarheit  ausgesprochen,  woraus  er  besteht,  nämlich  aus  dem  Produkt ­
  der  Arbeit,  für  welche  der  Aneigner  kein  Äquivalent  gezahlt
hat.  Weiter  aber  kam  man  nicht  .  .  .
Da  trat  Marx  auf.  Und  zwar  in  direktem  Gegensatz  zu  allen
seinen  Vorgängern.  Wo  diese  eine  Lösung  gesehen  hatten,  sah  er
nur  ein  Problem.  Er  sah,  daß  hier  weder  dephlogistisierte  Luft
vorlag  noch  Feuerluft,  sondern  Sauerstoff  —  daß  es  sich  hier  nicht
handelte,  sei  es  um  die  bloße  Konstatierung  einer  ökonomischen  Tat-Sombart,
  LebenSwrrk  von  ñarl  Marx.  3
        <pb n="39" />
        34

sache,  sei  es  um  den  Konflikt  dieser  Tatsache  mit  der  ewigen  Gerechtigkeit ­
  und  der  wahren  Moral,  sondern  um  eine  Tatsache,  die  berufen ­
  war,  die  ganze  Ökonomie  umzuwälzen  und  die  für  das  Verständnis ­
  der  gesamten  kapitalistischen  Produktion  den  Schlüssel  bot
—  für  den  der  ihn  zu  gebrauchen  wußte.  An  der  Hand  dieser  Tatsache ­
  untersuchte  er  die  sämtlichen  vorgefundenen  Kategorien,  wie
Lavoisier  an  der  Hand  des  Sauerstoffs  die  Vorgefundenen  Kategorien ­
  der  phlogistischen  Chemie  untersucht  hatte.  Um  zu  wissen,
was  der  Mehrwert  war,  mußte  er  wissen,  was  der  Wert  war"  usiv.
Wollte  man  nun  wirklich  unter  diesen  Gesichtspunkten  Marxens
Größe  abschätzen  und  ihm  soviel  Bedeutung  für  die  soziale  Wissenschaft ­
  zuerkennen,  als  er  ihr  dauernd  gültige  „Gesetze"  formuliert  hat,
so  müßte  man  freilich  zu  einem  ganz  anderen  Schlüsse  kommen  als
Engels,  nämlich  dem:  daß  er  recht  wenig  geleistet  habe.  Denn
welches  von  Marx  geprägte  „Gesetz"  ließe  sich  anführen,  das  wir
heute  noch  in  seiner  Richtigkeit  anerkennen,  wie  etwa  das  Verbrennungsgesetz ­
  ?  !
Etwa  das  „Wertgesetz",  dem  Engels  so  große  Bedeutung
beimaß?  Doch  gewiß  nicht.  Wir  wissen  heute  sehr  genau,  daß  hier
von  einem  „Gesetz"  in  annähernd  dem  gleichen  Sinne  wie  dem  Fallgesetz ­
  oder  dem  Verbrennungsgesetz  ganz  und  gar  keine  Rede  ist.
Am  letzten  Ende  hat  Marx  selber  den  Nachweis  erbracht,  daß  das
„Wertgesetz"  niemals  in  der  Welt  der  Erscheinungen  Gültigkeit  haben
kann  (da  ja  die  Preise  nach  dem  Kapitalaufwande  und  nicht  nach
dem  Arbeitsaufwande  sich  bestimmen).  Wir  wissen,  daß  wir  die
Marx'sche  Formulierung  bestenfalls  als  heuristisches  Prinzip  für  die
Klarlegung  bestimmter  ökonomischer  Zusammenhänge  verwerten  können,
daß  sie  aber  ganz  und  gar  nicht  der  theoretische  Ausdruck  für  empirisches ­
  Geschehen  ist.  Und  wenn  wir  gar  sehen,  wie  noch  Engels
        <pb n="40" />
        35

versucht,  aus  dem  Wertgesetz  den  Mehrwert  abzuleiten,  so  können
wir  ein  Lächeln  nicht  unterdrücken  angesichts  dieser  geheimnisvollen
Wichtigtuerei.  Für  uns  ist  die  Mehrwertbildung  kein  Prozeß,  der
einer  so  komplizierten  Erklärung  und  einer  fast  mystischen  Ableitung
aus  reinen  Gedankengebilden  (wie  dem  sog.  „Wertgesetz")  bedarf,
sondern  der  uns  ohne  weiteres  als  ein  psychologisch  und  sozial  begründeter ­
  Vorgang  des  täglichen  Lebens  verständlich  erscheint.
Oder  ist  etwa  die  „materialistische  Geschichtsauffassung",  als
deren  Begründer  man  Marx  ansprechen  mag,  das  „Gesetz",  dessen
Formulierung  wir  ihm  verdanken?  Auch  das  läßt  sich  nicht  sagen.
Wäre  es  ein  „Gesetz"  wie  das  Fallgesctz,  so  wäre  Marx  ganz  gewiß ­
  nicht  sein  „Entdecker":  denn  als  solchen  betrachten  wir  den,  der
die  letzte  einwandfreie  Formulierung  gegeben  hat.  Und  gerade
diese  läßt  bei  Marx  am  meisten  zu  wünschen  übrig.  Aber  es  handelt ­
  sich  wiederum  gar  nicht  um  irgend  ein  Gesetz,  sondern  abermals
um  ein  glückliches  heuristisches  Prinzip,  das  sich  mit  Nutzen  bei  der
Anordnung  historischen  Tatsachenmaterials  verwenden  läßt.
Oder  soll  man  an  die  sog.  „Entwicklungsgesetze"  denken,  die
Marx  für  den  Ablauf  der  kapitalistischen  Wirtschaft  aufgestellt  hat?
Mit  diesen  hat  es  auch  seine  eigene  Bewandtnis.
Zum  ersten  sind  es  wiederum  ganz  und  gar  keine  „Gesetze"
nach  Art  des  Verbrennungsgesetzes,  d.  h.  allgemein  gültige  Formulierung ­
  für  immer  gleiches  Geschehen,  sondern  dieses  Mal  nur  Aussagen ­
  über  den  wahrscheinlichen  Verlauf  eines  singulären  geschichtlichen ­
  Ablaufs:  der  modernen  kapitalistischen  Wirtschaftsepoche.
Zum  anderen  sind  sie  großen  Teils  heute  als  falsch  erkannt.
Von  den  einzelnen  Theorien  bleibt  nur  wenig  übrig,  wenn  wir  ihnen
mit  der  Sonde  der  wissenschaftlichen  Kritik  zu  Leibe  rücken.  Ich
habe  in  meiner  oben  genannten  Schrift  „Sozialismus  und  soziale
3*
        <pb n="41" />
        36

Bewegung"  den  Nachweis  zu  führen  versucht,  daß  die  Akkumulationstheorie, ­
  die  Verelendungstheorie  falsch,  die  Zusammeubruchstheorie
unbegründet,  die  Konzentrationstheorie  und  die  Sozialisierungstheorie
einseitig  und  unvollständig  sind.  Daß  somit  auch  die  Gesamtthcorie
der  kapitalistischen  Evolution  haltlos  geworden  ist,  die  ja  von  jenen
Einzeltheorien  getragen  wurde.
Also  auch  hier  ist  Marx  nicht  der  Lavoisier  der  sozialen
Wissenschaft.  Und  wollte  man  nach  ähnlichen  Leistungen  bei  Marx
suchen,  wie  sie  Lavoisier  vollbracht  hat,  so  würde  das  Bild  von
Marxens  wissenschaftlicher  Bedeutung  sich  uns  recht  kümmerlich
darstellen.  Wir  müssen,  scheint  mir,  die  Sache  von  einer  ganz
anderen  Seite  anfassen.
Gegen  den  Vergleich  zwischen  Lavoisier  und  Marx  habe  ich
nicht  sowohl  einzuwenden,  daß  er  inhaltlich  falsch  ist,  als  vielmehr:
daß  er  grundsätzlich  verfehlt  ist.  Und  zwar  deshalb,  weil  es  überhaupt ­
  nicht  angängig  ist,  das  wissenschaftliche  Oeuvre  eines  Sozialforschers ­
  in  irgend  einen  Vergleich  zu  stellen  mit  den  Leistungen
eines  Naturforschers.  Was  hier  Engels  tat,  tun  andere  in  weniger
klaren  Worten  immer  und  immer  wieder.  Und  doch  scheint  mir  der
erste  Schritt  zu  einer  Einsicht  in  das  Wesen  und  die  Bedeutung
denkerischer  Leistungen  der  zu  sein:  daß  man  sich  erst  einmal  völlig
klar  wird  über  die  ganz  und  gar  verschiedenen  Leistungen  und  somit
auch  Verdienste  derer,  die  zum  Gegenstand  ihrer  Betrachtung  die
Natur  haben  und  derer  (das  ist  der  Gegensatz,  wie  noch  zu  zeigen
sein  wird),  die  den  Menschen  als  beseeltes  Wesen  erforschen  wollen.
Naturforscher  nennen  wir  jene,  Menschenforschcr  können  wir  diese

nennen.
        <pb n="42" />
        37

IL
Die  beiden  großen  Gebiete,  in  die  die  Wissenschaft  zerfällt,  sind
die  Naturforschung  und  die  Menschenforschung,  oder  wie  man  auch
unterscheiden  könnte:  die  Körper-  und  die  Seelenforschung,  denn
natürlich  handelt  es  sich  bei  der  Menschenforschung  um  jene  Wissenschaften, ­
  die  die  menschliche  Seele  zum  Objekte  haben  (während  der
menschliche  Körper  ja  Gegenstand  der  Naturforschung  ist).  Diese
Unterscheidung  (die  sich  im  wesentlichen  wohl  mit  der  althergebrachten
in  Natur-  und  Geisteswissenschaften  deckt)  scheint  mir  deshalb  die
richtige  Einteilung  zu  geben,  weil  sie  die  wesentlichen  Verschiedenheiten ­
  des  menschlichen  Denkens  zu  klarer  Gegenüberstellung  bringt.
Daß  diese  Wesensverschiedenheit  nicht  in  der  Verschiedenheit
des  Erkenntniszweckes  oder  des  Artcharakters  der  Erkenntnisse  begründet ­
  liegt,  wissen  wir.  Sorgfältige  Untersuchungen  haben  uns
in  letzter  Zeit  wieder  einmal  darüber  belehrt,  daß  wir  grundsätzlich
zwei  verschiedene  Ziele  unserm  Erkennen  stecken:  die  Erkenntnis  einer
Einzigheit  imi)  die  Erkenntnis  einer  Allgemeinheit  und  der  ihr  unterworfenen ­
  Einzelfülle.  Ob  man  jene  Erkenntnis  als  historische,  diese
als  naturwissenschaftliche  bezeichnen  will,  ist  eine  untergeordnete  Frage
rein  terminologischen  Inhalts.  Die  Hauptsache  ist,  zu  wissen:  daß
beide  Arten  wissenschaftlicher  Erkenntnis  auf  jedem  Gebiete  menschlichen ­
  Denkens  erstrebt  und  geschätzt  werden.
Auch  die  Naturtvissenschaft  sucht  nach  „historischer"  Erkenntnis
(Geschichte  der  Erde,  der  Tierwelt  auf  ihr  usw.,  was  natürlich  ebenso
einzige  Prozesse  sind,  wie  die  Geschichte  der  Menschheit)  und  auch
die  Menschenwissenschaft  wertet  das  „naturwissenschaftliche"  Erkennen
(Lehre  vom  Markte,  vom  Gelde  usw.).
Wesensunterschiede  der  beiden  Gebiete  des  menschlichen  Denkens
ergeben  sich  aber  aus  der  Verschiedenheit  des  Stoffes.  Sei  es  des-
        <pb n="43" />
        38

halb,  weil  wir  diesen  nach  verschiedenen  Gesichtspunkten  auswählen
(auf  welches  Moment  ich  aber  nicht  ein  so  entscheidendes  Gewicht
legen  möchte,  wie  es  von  anderer  Seite  jetzt  geschieht),  sei  es  weil
er  seiner  Natur  nach  uns  eine  verschiedene  Betrachtungsweise  aufnötigt. ­
  Wir  können  (oder  wollen)  die  „Natllr"  nur  als  die  ewig
gleiche  betrachten.  In  der  von  Anbeginn  bis  zu  ihrem  Untergang
dieselben  Kräfte  wirken,  die  sich  „nach  ewigen  ehernen  Gesetzen"
entfalten,  so  mannigfaltig  auch  die  Gestalt  sein  mag,  in  der  sich  uns
das  Natnrgeschehen  darstellt.  Gewiß  ist  der  „Regen"  nichts  ewiges.
Er  ist  genau  so  ein  historisches  Phänomen  wie  die  Preisbildung.
Aber  wir  betrachten  ihn  in  seiner  (wenn  ich  so  sagen  darf)  Ewigkeitsgestalt: ­
  als  Ausdruck  der  immer  gleichbleibenden  Kräfte,  als  eine
bestimmte  Äußerung  eines  und  desselben  chemisch-physikalischen  Prozesses, ­
  der  die  Welt  erfüllt.
Daß  nun  diesen  selben  Prozessen  auch  das  Menschendasein,  auch
des  Menschen  Seele  unterworfen  ist,  wollen  wir  nicht  bezweifeln  (da
mir  persönlich  jede  antimonistische  „Tendenz"  ferne  liegt).  Aber
wir  können  (oder  wollen)  Menschentun  nicht  betrachten  als  Ausfluß
jener  Naturkräfte,  weil  wir  aus  diesen  die  eigentlich  wirksame  Kraft
in  allem  Menschentun  nicht  zu  erklären,  nicht  aufzubauen  vermögen:
die  menschliche  Persönlichkeit,  die  menschliche  Seele.  Sobald  wir
aber  diese  nicht  aus-  oder  richtiger  einschalten  können  in  den  Kausalnexus ­
  menschlicher  Geschichte,  so  erscheint  uns  diese  als  das  Werk
des  lebendigen  Menschen  und  somit  als  das  notwendig  in  seiner
Gestalt  wechselnde  Werk,  weil  von  den  ewig  neu-  und  andersgestalteten ­
  menschlichen  Persönlichkeiten  beeinflußt.  Der  Ausbruch  des
Vesuvs  im  Jahre  79  ist  ebenso  ein  einziges  historisches  Phänomen
wie  die  Zerstörung  des  Tempels  im  Jahre  70.  Jenen  aber  betrachten ­
  wir  als  das  Werk  ewig  gleich  wirkender  Naturkrüfte,  diese  als
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        —  39  —
das  Werk  einer  sonderbar  gestimmten,  nie  wiederkehrenden  Betätigung
menschlicher  Charaktere.  Die  Gestalt  ist  in  beiden  Fällen  einzig
(„historisch"):  aber  „Stoffe"  und  „Kräfte"  setzen  wir  im  einen  Falle
als  ewig  gleiche,  im  andern  Falle  ebenfalls  als  historisch,  das  heißt
in  dieser  Zusammensetzung  einzig  gegebene.  Man  vergleiche  zur  Übung:
Preisbildung  und  Verbrennung!  Schwerkraft  und  Gewinnstreben!
Diese  Unterschiedlichkeit  des  Objektes  bedingt  nun  aber  unmittelbar ­
  den  wie  mir  scheint  bei  weitem  wichtigsten  Unterschied  zwischen
Naturwissenschaft  und  MenschenwissenschafU  die  grundverschiedene  Art
dessen,  was  wir  „erkennen"  nennen.
Die  Natur  erkennen  heißt  sie  beschreiben,  heißt  die  beobachteten
Vorgänge  auf  eine  Formel  bringen,  heißt  Ursachen  Hhpostasieren,
von  deren  Wesenheit  wir  nichts  wissen.  Den  Menschen  und  sein
Handeln  erkennen,  heißt:  erklären,  heißt  deuten  aus  eigenem  Erlebnis,
heißt  Gründe  nachweisen,  von  denen  wir  aus  uns  selbst  heraus  Kunde
haben,  die  wir  somit  kennen.
Anders  ausgedrückt:  wirkliche  Erkenntnis  gibt  es  nur  im  Gebiete
der  Geisteswissenschaft;  während  das,  was  wir  Naturerkennen  heißen,
nichts  anderes  als  eine  Umschreibung  von  Vorgängen  bedeutet,  von
deren  innerem  Zusammenhange  wir  nichts  wissen.
Ich  kenne  die  letzte  Ursache  nicht,  die  den  Stein  zum  Fallen
bringt;  denn  wenn  ich  sie  „Schwerkraft"  nenne,  so  setze  ich  ein  Wort
ein,  ohne  darum  üefer  in  die  Sache  einzudringen.  Wenn  aber  jemand
dem  andern  den  Schädel  mit  einem  Stocke  einschlägt,  so  vermag  ich
hierfür  Gründe  anzugeben,  weil  ich  die  Handlung,  die  zum  Schädeleinschlägen
  geführt  hat,  aus  meiner  Seele  zu  erklären  vermag.  Wer
möchte  sagen,  warum  die  Erde  um  die  Sonne  kreist.  Aber  warum
Romeo  um  Julia,  Napoleon  um  England,  der  Jobber  um  die  Börse
kreisen:  das  weiß  ich,  denn  wiederum  habe  ichs  erlebt.
        <pb n="45" />
        V

40

Seltsame  Kurzsichtigkeit  mancher  Menschen,  die  sichere  Erkenntnis
aus  dem  Erlebnis  durch  die  naturwissenschaftliche  Beschreibung  ersetzen
zu  wollen,  das  heißt  bei  der  Deutung  menschlicher  Handlungen  die
psychologische  Motivierung  umgehen,  die  Persönlichkeit  ausschalten  51t
wollen  und  alles  menschliche  Handeln  in  den  unverstandenen  und
unverständlichen  Naturprozeß  einordnen  zu  wollen;  das  heißt:  das
einzig  sichere  Wissen,  das  wir  von  der  Welt  haben,  um  einer  Mode
willen  preiszugeben.
Im  großen  ganzen,  wird  man  sagen  dürfen,  haben  gerade  im
letzten  Jahrhundert  die  beiden  Wissenschaften  von  der  Natur  und  vom
Menschen  immer  deutlicher  die  ihnen  spezifische  Art  zu  erkennen  ausgebildet ­
  und  sind  sich  dadurch  immer  ferner  gerückt.
Was  die  moderne  Naturwissenschaft  anstrebt,  ist  ja  doch  eben
die  lückenlose  Ersetzung  der  Qualität  durch  die  Quantität,  die  in
einer  mathematischen  Formel  ihren  letzten  und  vollkommensten  Ausdruck ­
  findet.  Worauf  alles  ausgeht,  ist,  wie  man  sagen  kann,  die
Entseelung  der  Natur.  Wo  ehedem  lebendige  Wesen,  lebendiges
Wirken  angenommen  wurden,  da  soll  jetzt  ein  Wechselspiel  toter  Körper ­
  herrschen.  Aufgabe  der  fortschreitenden  Naturerkenntnis  ist  es
recht  eigentlich,  die  lebendige  Seele  aus  den  Dingen  weg  zu  argumentieren: ­
  der  horror  vacui  wird  durch  die  Erfindung  des  Barometers, ­
  das  Phlogiston,  eine  Art  Feuerseelchen,  wird  durch  die  Entdeckung ­
  des  Sauerstoffs,  die  Theorie  von  der  vis  vivendi  wird  durch
die  Synthese  organischer  Körper  ans  der  Welt  geschafft  usw.
Genau  umgekehrt  ist  die  Entwicklung  der  „Geistes"Wissenschaften
verlaufen:  in  ihnen  ist  immer  mehr  die  „psychologische"  Methode  zur
Geltung  gelangt:  das  heißt:  ist  das  Bestreben  immer  deutlicher  hervorgetreten, ­
  alle  Vorgänge  im  Bereich  der  Menschengeschichte  seelisch
'  zu  motivieren.  Beherrscht  die  Naturwissenschaften  die  Tendenz  zur
        <pb n="46" />
        41

Entseelung  und  Quantifizierung,  so  die  Menschheitswissenschaften  die
Tendenz  zur  Beseelung  und  Qualifizierung.
ill.
Nun  möchte  ich  aber  noch  ausdrücklich  betonen,  daß  die  eben
geschilderten  Eigenarten  der  Geisteswissenschaften  von  aller  Wissenschaft
gelten,  deren  Objekt  der  Mensch  ist.  Nicht  nur  von  der  „Geschichte",
sondern  ebenso  auch  von  dem,  was  man  etwa  die  systematischen
Menschheitswissenschaften  nennen  kann,  wie  die  Wissenschaft  von  der
menschlichen  Gesellschaft  oder  einer  ihrer  Tcilwissenschaften,  wie  der
Nationalökonomie.  Auch  hier  die  menschenwissenschaftliche  Eigenart
des  Stoffes  und  seiner  Auswahl,  auch  hier  die  spezifische  Art  des
Erkennens  alls  dem  Erlebnis.  Vonl  Handwerk  und  vom  Kapitalismus, ­
  vom  Preise  und  von  der  Börse,  vom  Arbeitslohn  und  dem
Ballkdiskont  kann  ich  fein  Wort  aussagen,  ohne  daß  inneres  Erlebnis
mir  die  Zunge  gelöst  hätte  (ich  sei  denn  einer  der  Vielen:  ein  Papagei,
der  gehörte  Worte  mechanisch  nachplappert).  Was  die  Soziologie  oder
die  Nationalökonomie  (um  an  dieser  zu  beispielen)  von  der  Geschichte ­
  unterscheidet,  ist  die  „systematische"  Art  der  Erkenntnis.  Aber
das  „System"  dient  lediglich  als  ein  Hilfsmittel,  um  den  einzigen
historischen  Ablauf  der  Menschengeschichte  besser  zu  erfassen.  Was
man  zur  Darstellung  bringen  möchte,  ist  Gegenwartsgeschichte  und
wenn  möglich  Zukunftsgeschichte.  Zu  diesem  Behufe  bedient  man  sich
eines  bisweilen  recht  kunstvollen  Apparates,  dessen  einzelne  Bestandteile ­
  sich  etwa  wie  folgt  beschreiben  lassen.
1.  Es  wird  eine  Summe  von  Begriffen  gebildet  durch  Zusammenstellung ­
  der  wie  man  glaubt  typischen  Merkmale  der  Wirklichkeit ­
  zu  einem  Gedankenbilde  und  diese  Begriffe  werden  zu  einem
Systeme  zusammengefügt:  Oberbegriffen  untergeordnet  usw.:  Stadt,
        <pb n="47" />
        42

Handwerk,  Fabrik,  Wirtschaft,  Betrieb,  Preis,  Grundrente,  Kapitalismus ­
  usw.
2.  Es  wird  eine  möglichst  große  Reihe  von  Kausalzusammenhängen ­
  in  der  Weise  gebildet,  daß  mittels  des  isolierenden  Verfahrens
die  Wirkung  bestimmter  Ursachen  (Motive)  konsequent  in  Gedanken
verfolgt  wird:  Preisbildung,  Grundrenten-,  Lohn-,  Profitbildung  usw.
3.  Es  wird  eine  tunlichst  große  Masse  von  Einzelphänomenen
in  Gedanken  zu  einer  Einheit  zusammengefügt  entweder  dadurch,  daß
sie  auf  einen  Zweck  (diese  auf  andere  usw.)  bezogen  werden:  etwa
Organe  des  Staats,  Funktionen  des  Handels  usw.  oder  auf  Motive
(diese  wieder  auf  andere)  zurückgeführt  werden:  etwa  die  Entstehung
der  modernen  Stadt  aus  den  Interessen  des  Kapitalismus  usw.
4.  Letztlich  werden  reale  Gestaltungslendenzen  auszuweisen  versucht ­
  in  der  Weise,  daß  regelmäßig  wiederkehrende  Massenerscheinungen
auf  eine  konstant  wirkende  Triebkraft  (etwa  das  Gewinnstreben  des
kapitalistischen  Unternehmers)  zurückgeführt  und  somit  (solange  dieselbe ­
  Triebkraft  weiter  wirkt  und  dieselben  Bedingungen  auch  sonst
erfüllt  sind)  als  auch  in  Zukunft  sich  fortsetzende  nachgewiesen  werden:
etwa  die  Verelendungstheorie,  die  Akkumulations-  oder  Konzentrationstheorie. ­
  das  „Gesetz"  der  fallenden  Lohn-,  der  fallenden  Exportquote ­
  usw.
Das  „Gesetz"  .  .  .  Womit  wir  dann  an  das  allerdelikateste
Problem  gerührt  haben,  das  die  Wissenswissenschaft  kennt.  Wiederum ­
  wird  in  der  verschiedenen  Bedeutung,  die  das  „Gesetz"  für
Natur-  und  Menschenwissenschaft  hat,  deren  Grundverschiedenheit
selbst  sich  deutlich  erkennen  lassen.
Die  Naturerforschung  gipfelt  im  Gesetz:  das  Gesetz  ist  die  Erkenntnis. ­
  Das  Gesetz,  das  heißt  also:  eine  mathematische  Formulierung, ­
  die  die  regelmäßige  Aufeinanderfolge  von  Naturvorgängen
        <pb n="48" />
        ¿-V-  -V

43

in  der  Weise  durch  ziffermäßige  Jnbeziehungsetzung  meß-  oder  wägbarer ­
  Großen  zu  einer  gedanklichen  Einheit  ordnet,  daß  kein  Phänomen ­
  unbeschrieben  und  eine  Unterordnung  einzelner  Fülle  unter
die  allgemeine  Regel  möglich  ist.
Gibt  cs  solche  Gesetze  für  die  Menschenwelt,  sind  wir  überhaupt ­
  auf  dem  Wege,  sie  zu  finden,  haben  wir  auch  nur  den  geringsten ­
  Ansatz  dazu?  Antwort:  nein.  Was  wir  an  derartigen
Gesetzen  etwa  im  Bereich  der  Nationalökonomie  haben,  sind  nur
verkappte  Naturgesetze;  wie  etwa  das  Gesetz  des  abnehmenden  Bodenertrages. ­
  Ein  Gesetz,  das  Menschentun,  auf  welchem  Gebiete  es
auch  immer  sich  betätigen  möge,  beherrschte,  also  immer  und  allgemein ­
  gültig  wäre,  gibt  es  kein  einziges.
Der  Grund  für  diese  scheinbar  seltsame  Tatsache  erhellt  ohne
weiteres  aus  der  Eigenart  des  Wissens  vom  Menschen,  wie  wir  es
in  seinen  Grundzügen  kennen  gelernt  haben.  Wie  sollte  ein  „Gesetz"
von  allgemeiner  Geltung  aufgestellt  werden,  da  doch  Objekt  (Stoff)
und  Kräfte  in  der  Menschheitsgeschichte  unausgesetzt  wechseln?  Das
Fallgesetz,  das  Verbrennungsgesetz  stelle  ich  auf  in  der  stillschweigenden
Annahme,  daß,  so  lange  unsere  Jrdischkeit  dauert,  Stoff  und  Kräfte
dieselben  bleiben,  die  den  Stein  zum  Fallen,  das  Holz  zum  Brennen
bringen  und  daß  sie  in  stets  derselben  Wirksamkeit  andauern  werden.
Preisgesetze  aber  werden  nur  gelten:
1.  Wenn  und  solange  Menschen  bestimmte  gewandelte  und
wandelbare  Beziehungen  zu  einander  eingehen  (ihre  Erzeugnisse  auf
dem  Markt  gegen  einander  tauschen).
2.  Wenn  und  insoweit  die  kaufenden  und  verkaufenden  Menschen ­
  eine  ganz  bestimmte  (keineswegs  immer  vorhandene)  Seelenstimmung ­
  aufweisen.  Das  Muß  des  Steinfalles  ist  doch  ein  Wesensanderes ­
  als  das  Muß  des  Käufers,  einen  bestimmten  Preis  zu

T

//(
        <pb n="49" />
        44

zahlen.  Das  Essentielle  des  gesetzmäßigen  Naturvorgangs  ist  die
mathematisch  sich  gleichbleibende  Kraftwirkung,  das  Wesentliche  des
Marktvorgangs  eine  stets  vorhandene  Ungleichheit  der  Motivation
und  Handlung  der  die  „Kräfte"  bildenden  lebendigen  Individuen.
Das  „Preisgesctz"  ist  also  nicht  nur  in  seiner  Ausdehnung
(extensiv),  sondern  ebensosehr  und  noch  mehr  in  seiner  Wirksamkeit
und  somit  Bestimmbarkeit  (intensiv)  beschränkt.
Seine  Bedeutung  für  die  Nationalökonomie  ist  also  grundverschieden ­
  etwa  von  der  des  Fallgesetzes  für  die  Mechanik.  In  ihm
kommt  jene  oben  genannte  Abstraktionstendenz,  deren  wir  uns  als
Hilfsmittel  zur  Erkenntnis  der  Wirklichkeit  bedienen,  zum  Ausdruck.
Wir  verfolgen  die  mögliche  Wirkung  eines  bestimmten  Motivs  (den
Wunsch,  möglichst  teuer  zu  verkaufen,  möglichst  billig  zu  kaufen)  in
Gedanken  und  formulieren  diese  Fiktion  zu  einem  Gesetz,  das  aber
möglicherweise  überhaupt  nie  in  Wirksamkeit  tritt.  Diese  „Gesetze"
sind  nicht  die  Erkenntnis,  sondern  bereiten  die  Erkenntnis  nur  vor.
Wenn  ich  die  Wirkung  der  Steigerung  der  Edelmetallproduktion
„theoretisch"  festgestellt  habe  (z.  B.  in  dem  Satze:  ist  mit  der  Zunahme ­
  der  Produktion  eine  Verminderung  der  Produktionskosten
verbunden,  so  steigen  die  Preise,  im  andern  Falle  nicht)  so  habe  ich
wirkliche  Erkenntnis  noch  gar  keine.  Diese  gewinne  ich  erst  dadurch,
daß  ich  die  Wirkung  der  Entdeckung  von  Potosi  oder  Kaliforniens
usw.  in  concreto  untersuche.  Während  also  die  naturwissenschaftlichen ­
  Gesetze  den  Bestand  an  Erkenntnis  darstellen,  über  den  die
Naturwissenschaften  verfügen,  sind  soziale  „Gesetze"  nichts  anderes
als  ein  technischer  Apparat,  um  damit  Erkenntnisse  zu  gewinnen.
Sie  sind  nicht  das  Ende,  sondern  der  Anfang  der  Erkenntnis.
Neben  diesem  technischen  Hilfsapparat  gibt  es  dann  in  den
Geisteswissenschaften  noch  jene  ebenfalls  bereits  gekennzeichneten
        <pb n="50" />
        „Entwicklungstendenzen",  die  man  gelegentlich  auch  als  Gesetze  anspricht. ­
  Sie  tragen  nun  aber  ganz  und  gar  nicht  den  Charakter
eines  „Gesetzes",  wie  die  Naturwissenschaft  ein  Gesetz  versteht.  Vor
allem  deshalb  nicht,  weil  sie  gar  keine  allgemeine  Formulierung  für
beliebig  sich  einstellende  Einzelfälle  sind,  sondern  nur  den  wahrscheinlichen ­
  Verlauf  eines  einzigen  Vorgangs  voraussagen  wollen.
Das  „Konzentrationsgcsetz"  hat  immer  nur  Geltung  für  ein  einziges
historisches  Milieu:  eine  zeitlich  eng  umgrenzte  Epoche  des  Kapitalismus ­
  in  den  modernen  Staaten  und  kann  selbst  in  diesem  Milieu
etwa  durch  einen  bewußten  Eingriff  der  Staatsgewalt  oder  durch
die  Veränderung  des  Kräfteverhältnisses  (der  Willensintensität)  der
beteiligten  Personen  in  jedem  Augenblicke  aus  der  Welt  geschafft
werden.  Was  also  soll  die  Gleichstellung  derartiger  „Entwicklungstendenzen" ­
  (deren  Ermittlung  nebenbei  bemerkt  sehr  nützlich  sein  kann)
mit  den  „ewigen  ehernen  Gesetzen",  die  die  Naturforscher  für  den
ewig  gleichen  Ablauf  des  Naturgeschehens  formulieren?!
IV.
So  ist  es  kein  Wunder,  wenn  schließlich  sich  die  Geschichte  der
einen  und  der  andern  Wissenschaft  als  etwas  ebenfalls  grundverschiedenes ­
  darstellt.
Die  Geschichte  der  modernen  Naturforschung  —  der  modernen,
das  heißt  also  derjenigen,  die  auf  den  Prinzipien  der  Quantifizierung
fußt  —  erscheint  uns  im  wesentlichen  als  eine  immer  größer  werdende
Sammlung  von  Einzelwissen.  Am  Ende  einer  Generation  ist  ein
bestimmtes  Maß  gesicherten  Wissens  vorhanden,  das  wie  Korn  in
der  Kornkammer  aufgeschüttet  liegt  und  zu  dem  nun  '  die  folgende
Generation  ihren  Teil  hinzuträgt.  Man  ist  stolz,  von  einer  „fortschreitenden ­
  Erkenntnis"  zu  sprechen  und  hat  die  Vorstellung  (auch
        <pb n="51" />
        46

hier  steht  der  Geist  im  Banne  der  quantifizierenden  Methode)  als
ob  es  nur  einer  immer  noch  stärkeren  Vermehrung  des  Besitzes  an
Wissen  bedürfte,  um  schließlich  zu  erkennen:  „was  die  Welt  im
Innersten  zusammenhält".  So  fühlt  sich  auch  jeder  Naturforscher
als  ein  Glied  in  einer  großen  Kette.  Er  steht  auf  den  Schultern
seines  Vormanns  und  wer  es  schließlich  erlebt,  wird  so  hoch  gesüegen
  sein,  daß  er  die  Sterne  greifen  kann.  Er  fühlt  sich  aber
auch  nur  als  der  (unpersönliche)  Mehrer  im  Reiche  seiner  Wissenschaft.
Das  Wissen  von  der  Natur  wird  objektiviert,  sobald  es  zu  Tage
gefördert  ist.  Die  einzelnen  Erkenntnisse  erscheinen  als  rein  sachliche
Erkenntnisse  ohne  jede  persönliche  Note.  Kein  Mensch  sieht  dem
Fallgesetz  an.  daß  Galilei,  dem  Verbrennungsgesetz,  daß  Lavoisier,
dem  Gesetz  von  der  Erhaltung  der  Kraft,  daß  Rob.  Mayer  sein
Vater  ist.
Ganz  das  Gegenteil  trifft  für  die  Geisteswissenschaften  zu.
Hier  trägt  jede  Leistung  einen  persönlichen  Charakter,  und  wenn  es
auch  nur  (wie  meist)  der  Charakter  der  Stümperei  ist.  Die  großen
Schöpfungen  sind  aber  höchstpersönliche  Werke  wie  der  Moses  von
Michelangelo  oder  der  Fidelio  von  Beethoven.  Sie  reihen  sich  deshalb ­
  auch  nicht  irgendwo  in  eine  Kette  von  andern  Leistungen  ein.
Sie  stehen  für  sich  da,  neben  andern.  Sie  fangen  von  vorn  an.  ein
Wissensgebiet  zu  durchleuchten.  Von  irgend  welchem  Ansammeln  von
objektiver  Erkenntnis  (wenn  man  von  dem  Tatsachenmateriale  absieht) ­
  ist  keine  Rede;  von  einem  Weiterbauen  ebensowenig.  Die
Geschichte  der  Wissenschaft  vom  Menschen  stellt  sich  uns  nurmehr
dar  als  ein  Nach-  und  Nebeneinander  persönlicher  Schöpfungen,  die
sich  dann  von  Zeit  zu  Zeit  zu  bestimmten  Manieren.  „Methoden"
genannt,  verhärten,  um  die  ein  oft  recht  unnützer  Meinungskampf
entbrennt.  Es  sind  dann  die  Kleinen,  die  sich  dieser  oder  jener
        <pb n="52" />
        ■

—  47  —
Manier  eines  Meisters  bemächtigen  und  um  sie  streiten,  als  käme  es
darauf  an,  nach  welcher  „Methode"  geschaut  wird,  während  es  doch
nur  bedeutsam  ist,  daß  Einer  Augen  zum  Sehen,  Ohren  zum  Hören
und  einen  Mund  zum  guten  Aussprechen  hat.
Es  ist  begreiflich  genug,  daß  die  Geschichte  der  Geisteswissenschaften
  so  verläuft  und  so  grundverschieden  von  der  der  Naturwissenschaften ­
  sich  gestaltet.  Denn  es  sind  ja  immer  neue  Objekte,  die  zu
betrachten  sind,  immer  neue  Menschen,  die  sie  anschauen,  immer  neue
Bedingungen,  unter  denen  die  „Erkenntnis"  zu  Stande  kommt.  Man
wird  doch  gewiß  nicht  sagen  wollen,  daß  die  „Geschichtswissenschaft"
von  Thucydides  zu  Tacitus  zu  Macchiavelli  zu  Mommsen  irgend
welchen  „Fortschritt"  gemacht  habe,  daß  unser  Wissen  vom  Leben
der  Völker  (unbedeutende  Einzelheiten  außer  Acht  gelassen)  in  dreitausend ­
  Jahren  irgendwie  „vermehrt"  worden  sei.  Oder  man  wird
doch  nicht  behaupten  wollen,  daß  die  Staatslehre  seit  Aristoteles  oder
Montesquieu  irgendwie  „weiter"  gefördert  sei.  Oder  man  wird  doch
nicht  so  töricht  sein  zu  glauben,  daß  unsere  Einsicht  in  den  Zusammenhang ­
  des  Wirtschaftslebens  tiefer  sei  als  die  Pettys  oder
Cantillons;  man  wird  vielmehr  festzustellen  haben,  daß  alles  was
gescheite  Merkanülisten  gelehrt  haben,  genau  ebenso  richtig  und  ebenso
falsch  war  als  das,  was  Quesnay  und  Adam  Smith  zu  ihrer  Zeit
als  die  Wahrheit  verkündeten  und  daß  deren  Wissen  ebenso  tief  ging
(wenn  nicht  tiefer)  als  unseres  von  heute.
Diese  Betrachtungen  gewähren  uns  nun  aber  erst  die  Möglichkeit, ­
  mit  Sicherheit  den  Wert  einer  Leistung  auf  dem  Gebiete  der
Natur-  oder  Menschcnwissenschaft  zu  ermessen;  insbesondere  auch  zu
entscheiden:  wie  beschaffen  die  großen  schöpferischen  Geister  in  diesen
Wissenschaften  sein  müssen.  Alles  was  wir  bisher  erkannt  haben,
drängt  zu  der  Annahme,  daß  große  Leistungen  in  den  Natur-  und
        <pb n="53" />
        48

Geisteswissenschaften  ganz  verschiedenen  Charakter  tragen,  daß  große
Naturforscher  und  große  Menschenforscher  aus  ganz  verschiedenen!
Holze  geschnitzt  werden.
Selbstverständlich  werden  sie  in  vielem  einander  ähneln.  Der
große  Denker  wird  immer  bestimmte  Züge  tragen,  die  ihn  vom
wissenschaftlichen  Schuster  ebenso  unterscheiden  wie  von  dem  bedeutenden ­
  Menschen  anderer  Begabung.  Er  wird  einen  umfassenden
Überblick  über  alles  Tatsächliche  haben.  Dazu  die  Fähigkeit  der
Abstraktion  und  doch  eine  große  sinnliche  Schau.  Er  wird  ein
scharfes  Unterscheidungsvermögen  und  Sinn  für  das  Wesentliche  besitzen. ­
  Eine  große  Darstellungskraft  und  große  Arbeitsenergie.  Und
er  wird  vor  allem  dadurch  von  dem  gewöhnlichen  Handwerker  unterschieden ­
  sein,  daß  sein  bestes  Schaffen  aus  den  Tiefen  seiner  Seele
ungewollt  hervorbricht  und  unterhalb  der  Schwelle  des  Bewußtseins
sich  abspielt.
Dann  aber:  wie  grundverschieden  sind  die  Aufgaben,  die  des
Naturforschers  harren,  von  denen,  die  der  Menschheitsforscher  zu  lösen
hat;  wie  grundverschieden  also  muß  die  Begabung  der  beiden  sein,
damit  sie  je  auf  ihrem  Gebiete  Großes  leisten!
Was  den  bedeutenden  Naturforscher  macht,  ist  die  Fähigkeit,
angefangene  Gedankengänge  bis  zu  Ende  zu  führen,  das  heißt  bis
zu  dem  Punkte,  wo  eine  Fülle  von  Erscheinungen  sich  durch  eine
denkbar  einfache  Formel  beschreiben  läßt.  Er  ist  immer  ein  Vollender.
Und  was  ihn  befähigt,  dies  zu  sein,  ist  seine  überragend  große  Abstraktionskraft.
  Er  muß  ein  genialer  Rechner  sein,  der  mit  endlosen
Zahlenreihen  ins  Bett  geht  und  am  nächsten  Morgen  im  Stande  ist,
dasselbe  Zahlen-  oder  Körperbild  unverändert  vor  seinem  geistigen
Auge  erstehen  zu  lassen.  Er  muß  ein  geschickter  Kombinator  sein,
der  hundert  mögliche  Gestaltungen  sich  vorzustellen  die  Kraft  hat,
        <pb n="54" />
        49

um  von  ihnen  eine  als  die  richtige,  die  die  „Lösung"  enthält,  zu
erkennen.
Vom  Menschenforscher  erwarten  wir  keine  „Lösungen",  man
könnte  vielmehr  mit  einiger  Paradoxie  sagen:  wir  verlangen  von
ihm  Problemstellungen.  Was  ihn  vor  den  andern  groß  macht,  ist
immer  die  neue  Ansicht  vor:  der  Welt  und  den  Menschen.  Auch  er
ist  groß  als  Entdecker.  Aber  nicht  als  Entdecker  (lies  Formulierer)
von  Gesetzen,  sondern  als  Entdecker  von  Menschen  und  menschlichem
Wesen.  Was  wir  an  ihm  schätzen,  ist  die  Kraft,  Menschen  lebendig
zu  machen  und  sie  uns  in  ihrem  Denken  und  Fühlen  und  Tun
leibhaftig  vor  Äugelt  zu  stellen.  Was  macht  denn,  um  ein  paar
beliebige  Namen  aus  unserer  Zeit  zu  nennen,  Carlyle  und  Taine,
Mommsen  und  Burkhardt,  Gneist  und  Treitschke,  Jhering
und  Viktor  Hehn  zu  großen  Forschern?  Doch  nicht,  daß  sie  uns
irgend  ein  „Gesetz"  formuliert  hätten,  sondern  dieses:  daß  sie  uns
Menschen  schauen  ließen.  Die  einen  haben  den  Revolutionsmenschen
elltdeckt,  die  anderlt  den  Rönrer  oder  den  Renaissancemenschen  oder
den  eltglischen  Adligen  oder  den  Italiener  oder  den  preußischen
Bureaukraten  des  ancien  régime  usf.  Was  sichert  Mommsen  den
ewigen  Ruhm?  Ganz  gewiß  nicht  seine  1500  gelehrten  Traktate,
die  er  mit  unübertroffener  Akribie  und  Sachkunde  verfaßt  hat  (aber
an  Akribie  und  Sachkunde  kommt  ihm  manch  ein  beliebiger  Professor
gleich).  Auch  nicht  seine  Edition  des  Corpus  inscriptionum.  Sondern ­
  er  wird  fortleben  als  der  Verfasser  seiner  römischen  Geschichte,
in  der  er  in  hellseherischer  Klarheit  das  Römertum  geschaut  und  uns
mit  genialer  künstlerischer  Gestaltungskraft  vor  Augen  gestellt  hat.
Damit  aber  der  Menschheitsforscher  diese  von  uns  allein  gewertete ­
  Leistung  vollbringen  könne,  braucht  er  kein  großer  Rechner,
kein  großer  Abstrahist  zu  sein.  Aber  was  er  sein  muß:  ein  großer
Sombart,  Lebenstverk  von  Karl  Marx.  4
        <pb n="55" />
        50

Erleber.  Der  Strom  des  Lebens  muß  durch  ihn  t)inburc^ftufceïi  ;  er
muß  die  Menscheuwelt  in  seinem  Innern  lebendig  werben  lassen  und
muß  sic  iu  uns  durch  die  sinnliche  Kraft  seiner  Darstellung  ebenfalls
wieder  erwecken,  sodaß  sie  auch  uns  zum  Erlebnis  werde.  Dazu
gehört  (und  dadurch  unterscheidet  sich  der  große  Forscher  vom  Professor): ­
  daß  Blut  und  keine  Tinte  in  seinen  Adern  fließe.
Alle  „Entwicklung"  des  Wissens  vom  Menschen  (wenn  wir
schon  von  Entwicklung  sprechen  wollen)  erschöpft  sich  in  dem  immer
wiederkehrenden  Vorgänge:  daß  von  einem  großen  Schauer  Menschell
eiltdeckt  und  hingestellt  werden,  daß  dann  langsam  von  den  gelehrte«
Spinnen  das  Bild  so  lange  durch  allerhaud  Spezialistentum  übersponnen
  wird,  bis  es  ganz  und  gar  mlkenntlich  geworden  ist  und
durch  eine  neue  schöpferische  Leistung  ersetzt  werden  muß,  um  lebendig
zu  bleiben.  Wo  die  Schauer  fehlen,  haben  die  Schuster  zu  tuu.
Und  ihr  Werk  ist  es,  das  Lebendige  mit  totem  Wissenskram  zuzudecken, ­
  den  Menschen  und  sein  Wirken  durch  allerhaud  Abstraktionen
zll  ersetzen.  Man  schaue  sich  den  trostloseil  Zustand  der  Verwahrlosung ­
  an,  in  dem  unsere  Geschichtsschreibung  heute  geraten  ist,  nachdem ­
  seit  einem  Menschenalter  kein  großer  Lebendiger  mehr  sich  an
der  Geschichtsforschung  beteiligt.
Fraglich  könnte  wiederllm  nur  sein,  ob  alles  dieses  etwa  bloß
für  die  Geschichtsforschung  im  engeren  Sinne,  bagegen  nicht  auch
für  die  systematische  Wissenschaft  vom  Menschen  in  der  Geschichte,
für  Soziologie  und  ihre  Unterwissenschaften  wie  Nationalökonomie,
Rechtswissenschaft  usw.  Geltung  habe.  Aber  ich  glaube,  daß  auf
dem  Gebiete  der  systematischen  Sozialwissenschaften  auch  immer  nur
die  Mämler  Großes  leisten  werden,  die  stärkstes  Erlebnis  mit  großer
Darstellungskraft  verbinden.  Nur  daß  die  Fähigkeit  zu  erleben  eine
besondere  Nuance  aufweisen  muß:  es  muß  eine  Fähigkeit  sein,  das
        <pb n="56" />
        51

Typische  im  Menschenschicksal  in  sich  lebendig  werden  zu  lassen,,
während  der  „Historiker"  den  Sinn  für  das  Einzigartige  im  Völkerleben ­
  vor  allem  besitzen  muß.  Aber  auch  das  Typische  im  Menschen
mache  ich  mir  nur  durch  das  Erlebnis  zu  eigen:  wie  sollte  ich  über
das  Handwerk  ein  Wort  aussagen  können,  ehe  ich  nicht  das  spezifisch
Handwerkerhafte  einmal  (außerhalb  aller  begrifflichen  Feststellungen)
in  mir  erlebt:  empfunden,  ich  möchte  sagen  geschmeckt  habe.  Und
als  ein  großer  Sozialforscher  wird  uns  der  gelten,  der  große  wichtige
Menschentypen  entdeckt  und  ihr  Wesen  uns  übermittelt  hat.  Vorausgesetzt, ­
  daß  er  auch  die  Fähigkeit  besaß,  die  Einzelbeobachtung  in
einen  großen  Zusammenhang  zu  stellen  und  uns  kraft  eines  glücklichen ­
  Begriffssystems  den  Eindruck  eines  einheitlichen  Zusammenstirnmens
  aller  Einzelphünomene  zu  verschaffen.
V.
Ich  denke:  nun  empfindet  man  schon,  wie  verfehlt  es  ist,  einem
Manne  wie  Marx  und  seinem  wissenschaftlichen  Oeuvre  dadurch  gerecht ­
  werden  zu  wollen,  daß  man  ihm  —  wie  einem  Naturforscher
—  einen  bestimmten  Platz  in  dem  Entwicklungsgänge  der  sozialen
Wissenschaften  einräumt,  daß  man  ihn  in  Reih  und  Glied  mit  feinen
Vorgängern  und  Nachfolgern  einordnet,  daß  man  das  Quantum  objektiven ­
  und  dauernd  gesicherten  Wissens  aufweist,  das  wir  ihm  verdanken ­
  oder  gar  die  „Gesetze"  namhaft  macht,  die  er  aufgestellt  hat.
Würde  danach  die  Größe  eines  Menschheitsforschers  ermessen
werden,  so  stünde  es  schlimm  um  Karl  Marx  und  sein  Renommee
als  großer  Denker.  Denn  was  wir  ihm  an  neuen  „Gesetzen"  verdanken, ­
  sahen  wir  schon  ist  herzlich  wenig  unb  nicht  zu  vergleichen
mit  dem,  was  uns  Geister  minderen  Ranges  —  Ricardo,  Senior,
von  Thünen,  Jevons  u.a.  —  hinterlassen  haben.  Den  technischen  *
4*
        <pb n="57" />
        52

Hilfsapparat  uationalökonomischer  Gesetze  hat  Marx  kaum  vennehrt.
Er  ist  darin  über  Ricardo  nicht  wesentlich  hinausgekommen:  die
Preisgesetze,  die  Verteilungsgesetze  usw.  Ricardos  hat  er  wohl  hie
und  da  verbessert,  aber  in  ihren  Grundzügen  unverändert  gelassen.
Seine  Versuche,  neue  „Gesetze"  jener  Art  zu  formulieren,  sind  fast
durchgängig  gescheitert.  Die  Anläufe,  im  zweiten  Bande  des  Kapitals,
Ricardos  Lehren  für  die  Fragen  des  Kapitalumschlags  usw.  weiter
zu  führen,  sind  im  Sande  verlaufen.
So  blasphemisch  es  den  Ohren  manchen  Marxverehrers  klingen
mag:  ich  wage  es  doch  auszusprechen,  daß  Marxen  für  derartige
Gesetzesschmiederei  offenbar  ein  notwendiges  Requisit  fehlte:  die
Abstraktionskraft  und  in  weiterem  Sinne  —  die  Verstandesschärfe.
Ich  entsinne  mich  noch,  welches  Entsetzen  mich  damals  packte,  als
ich  zum  ersten  Male  das  Urteil  von  Roscher  über  Karl  Marx  las,
das  ill  seinen  Hauptsätzen  also  lautet  (Gesch.  der  Nationalökonomik
in  Deutschland  S.  1021):  „Theoretisch  ist  dieser  geistreiche,  aber  nicht
scharfsimlige  Mann  wenig  geeignet,  komplizierte  Erscheinungen  auf
ihre  einfachen  Elemente  zurückzuführen  ..."  Heute  scheint  mir
dieses  Urteil  durchaus  das  Richtige  zu  treffen.  Denn  einem  Mangel
an  Verstandesschärfe  begegnen  wir  allerorten  in  den  Marx'scheu
Schriften.  Das  zeigt  sich  gailz  besonders  auch  in  der  Art  und
Weise,  wie  er  die  Begriffe  bildet  und  handhabt.
Marx  definiert  fast  nie  und  seine  Begriffe  sind  oft  genug
mehrdeutig  imb  verschwommen:  Wert,  Mehrwert,  Kapital,  Fabrik,
Betrieb,  industrielle  Reservearmee,  Akkumulation,  Konzentraüon,
Verelendung  und  viele  andere  tragende  Begriffe  in  seinem  System
entbehren  durchaus  der  scharfen  Prägullg,  sodaß  manche  Parüen  des
„Kapitals"  als  Seminararbeiten  eine  ganz  schlechte  Note  verdienten.
Unsere  Schulmeister  haben  darum  auch  von  Marx  eine  nur  geringe
        <pb n="58" />
        Meinung:  diejenigen  Leistungen,  dican  niveau  ihres  eigenen  Fassungs
Vermögens  liegen,  sind  tatsächlich  nicht  berühmt.
Aber  sie  entscheiden  auch  ganz  gewiß  nicht  über  die  geschichtliche ­
  Bedeutung  eines  Denkers  wie  Marx.  Zumal  in  unserer  Zeit
ist  die  Beschäftigung,  die  sich  auf  die  Vervollkommnung  des  technischen ­
  Apparates  der  sozialen  Wissenschaften  richtet,  zu  einer  wahren
Schusterarbeit  geworden,  die  recht  und  schlecht  von  einem  beliebigen
Ordinarius  der  Nationalökonomie  ausgeführt  werden  kann.
Was  aber  ist  es  denn  nun  in  Wirklichkeit,  das  Marx  die
überragende  Größe  als  Menschheitsforscher  verleiht?  Nun  offenbar
ein  Geist,  der  in  Überlebensgröße  sich  in  diesem  Menschen  betätigen
konnte:  eine  wundersame  Fruchtbarkeit  an  neuen  und  schöpferischen
Ideen,  on  unerhörten  Gesichten.
Kraft  dieses  Geistes  —  seines  Schaffens  selbst  völlig  unbewnßt
  —  wurde  Marx  der  Begründer  der  modernen  systematischen'
Sozialwissenschaft,  für  die  er  überhaupt  erst  die  Möglichkeit  geschaffen ­
  hat.
Zunächst  holte  er  die  Nationalökonomie  aus  den  nebelhaften
Regionen  der  Teleologie,  in  die  sie  sich  verstiegen  hatte,  herunter
und  stellte  sie  auf  den  sicheren  Boden  einer  durchgängig  kausalen,
von  allem  ethischen  oder  utilitarischen  Beiwerk  freien  Betrachtungsweise. ­
  Was  das  bedeutete,  vermögen  wir  zu  ermessen,  wenn  wir
die  Nationalökonomen,  die  an  Marx  vorbeigegangen  sind,  betrachten:
wie  sie  noch  heute  zwischen  Kausalität,  apriorischer  Teleologie  und
dilettantischer  Ethik  als  orientierende  Prinzipien  hilflos  hin  und
herschwanken.
Dann  aber  zeigte  er  uns,  wie  man  die  Einsicht  in  den  historischen ­
  Charakter  des  Wirtschaftslebens,  also  seine  stete  Wandelbarkeit
im  Ablauf  der  Geschichte  vereinigen  kann  mit  einer  systematischen
        <pb n="59" />
        54

Erfassung  bet  ökonomischen  Borgänge.  Er  vereinigte  die  Errungenschaften ­
  der  klassischen  Nationalökonomie  mit  den  Ergebnissen  der
historischen  Schule,  indem  er  den  Begriff  des  Wirtschaftssystems ­
  (wenn  auch  nicht  mit  klaren  Worten)  schuf  und  ihn
zum  Objekte  der  uationalökonomischen  Wissenschaft  machte.
Damit  begründete  er  gleichzeitig  die  Nationalökonomie  ausdrücklich
als  eine  soziale  Wissenschaft,  deren  Objekte  die  historisch  wandelbaren
Beziehungen  von  Menschen  unter  einander  sind  (und  nicht  etwa
irgend  welche  Naturzusammenhänge  ewig  gleichen  Inhalts,  wie  man
vor  Marx  so  oft  irrtümlich  geglaubt  hatte).
Indem  er  dann  einen  bestimmten  Zusammenhang  zwischen  den
wirtschaftlichen  Vorgängen  imb  allen  übrigen  Erscheinungen  der
menschlichen  Kultur  nachwies,  zeigte  er  —  so  unvollkommen  auch
seine  Formulierung  sein  mag  —  doch  den  einzigen  Weg.  auf  dem
auch  eine  allgemeine  systematische  Gesellschaftslehre  sich  einmal  wird
entwickeln  können.
Das  sind  seine  großen  Leistungen  als  Methodiker  und  Systematiker, ­
  aber  es  sind  noch  nicht  seine  größten  Leistungen.  Diese
sind  vielmehr  Eilldeckertaten  allerersten  Ranges.
Wenn  ich  sagte:  er  machte  eine  systematische  Betrachtung  des
Wirtschaftslebens  auf  geschichtlicher  Grundlage  möglich  dadurch,  daß
er  das  Wirtschaftssystem  zum  Gegenstand  der  Untersuchung  nahm,
so  muß  nun  hinzugefügt  werden,  daß  er  als  Erster  das  unsere  Zeit
beherrschende  Wirtschaftssystem  in  seiner  spezifischen  Eigenart  erkannte,
daß  er  also  (wie  man  mit  Recht  gesagt  hat)  zum  Entdecker  des
Kapitalismus  wurde.
Diese  Entdeckung  möchte  ich  aber  noch  etwas  genauer  beschreiben ­
  lind  dann  verallgemeinern.
Was  Marx  entdeckte,  war  nicht  sowohl  eine  Summe  von
        <pb n="60" />
        Rechtseinrichtungen  und  Wirtschaftsweisen,  wie  sie  ein  Wirtschaftssystem ­
  bilden,  als  vielmehr  die  hinter  diesen  Einrichtungen  und  Vorgängen ­
  steckenden  íebenbtgeii  Menschen.  Er  entdeckte  die  Subjekte
des  Kapitalismus:  die  kapitalistischen  Unternehmer:  die  „eminent
spinners“,  die  „extensive  sausage  makers“,  und  die  „influential
shoe  black  dealers“,  diese  eigentümliche  Abart  des  homo  sapiens
und  wußte  aus  ihrer  Psyche  heraus  das  ganze  große  Getüebe  der
'marktmüßig  organisierten  Wirtschaft  zu  erklären.
Damit  hatte  er  aber  noch  mehr  entdeckt:  den  Menschen,  den
lebendigen  Menschen  als  Gegenstand  sozialwissenschaftlicher  Forschung
überhaupt.  So  seltsam  es  klingt,  wenn  man  es  ausspricht:  es  wird
doch  keinem  Zweifel  unterzogen  werden  können,  daß  Marx  als
Erster,  statt  voll  blutleeren  Begriffen,  von  Menschen  in  seiner
Nationalökonomie  handelte;  oder  richtiger  ausgedrückt:  daß  er  bei
seinen  begrifflichen  Erörterungen  jederzeit  die  Vorstellung  des  Lebens
ill  uns  zu  erzeugen  lvußte.  Da  liegt,  scheint  mir,  das  Geheimnis:
weshalb  llns  die  Lektüre  einer  marxischen  Schrift,  vor  allem  natürlich
  die  Lektüre  des  ersten  Bandes  des  Kapitals  immer  wieder  fortreißt ­
  wie  ein  spannender  Roman.  Die  Seelensümmungen.  die  Marx
in  uns  auslöst,  sind  wcsensandere  als  die,  die  irgend  ein  anderer
sozialer  Denker  ill  uns  erlveckt.  Man  prüfe  sich;  vergleiche  die
besten  Nationalökonomen  vor  Marx:  etwa  Cantillon  oder
Quesnay  oder  Adam  Smith  oder  Ricardo.  Kein  einziger
treibt  uns  das  Blut  zunl  Herzen  wie  Marx  es  tut  (und  das  nicht
etlva  wegen  der  politischen  Tendenz,  von  der  ist  keine  Rede,  sondern
wegeil  der  ganz  ihm  eigenen  Erfassung  des  lebendigen  Menschen,
dell  er  in  greifbarer  Gestalt  vor  uns  sich  bewegen  läßt).
Dllrch  alle  mystische  Hegelei,  durch  alle  verzopfte  Systembildung,
durch  alle  scholastische  Dogmenregistrierung  hindurch  schaut  uns  immer
        <pb n="61" />
        56

wieder  das  feiste  Gesicht  des  englischen  Mannfakturers  an,  werden
wir  die  ausgemergelte  Gestalt  des  englischen  Proletariers  der  1840  er
Jahre  gewahr.
Wo  wir  auch  immer  das  „Kapital"  aufschlagen  mögen,  immer
weht  uns  das  frische  Leben  entgegen:  Beliebig  herausgegriffene
Stellen:
„Um  das  Gold  als  Geld  festzuhalten  und  daher  als  Element
der  Schatzbildung  muß  es  verhindert  werden,  zu  zirkulieren  oder  als
Kaufmittel  sich  in  Genußmittel  aufzulösen.  Der  Schatzbildner  opfert
daher  dem  Goldfetisch  seine  Fleischeslust.  Er  macht  Ernst  mit  dem
Evangelium  der  Entsagung.  Andererseits  samt  er  der  Zirkulation
nur  in  Geld  entziehen,  tvas  er  ihr  in  Ware  gibt.  Je  mehr  er  produziert, ­
  desto  mehr  kann  er  verkaufen.  Arbeitsamkeit,  Sparsatnkeit
und  Geiz  bilden  daher  seine  Kardinaltugenden  ..."
„Beim  Scheiden  von  dieser  Sphäre  der  einfachen  Zirkulation
oder  des  Warenaustausches,  woraus  der  Freihändler  vulgaris  Anschauungen, ­
  Begriffe  und  Maßstab  für  sein  Urteil  über  die  Gesellschaft
des  Kapitals  und  der  Lohnarbeit  entlehnt,  verwandelt  sich,  so  scheint
es,  schon  in  etwas  die  Physiognomie  unserer  dramatis  personae.
Der  ehemalige  Geldbesitzer  schreitet  voratl  als  Kapitalist,  der  Arbeitskraftbesitzer ­
  folgt  ihm  nach  als  sein  Arbeiter;  der  eine  bedeutungsvoll
schmunzelnd  und  geschäftseifrig,  der  andere  scheu,  widerstrebsant,  wie
jemand  der  seine  eigene  Haut  zu  Markt  getragen  und  nun  nichts
anderes  zu  erwartet:  hat  als  die  —  Gerberei."
Und  dann  der  ganze  dritte,  vierte,  fünfte  Abschnitt,  in  betten
ein  tolles  Leben  pulsiert,  wie  nicht  in  hundert  anderen  Traktaten  der
Nationalökonomie  zusammengenommen.
Damit  habe  ich  denn  auch  schon  die  Form  berührt,  in  der  uns
Marx  seine  Gedanken  darbietet.  Daß  die  Darstellungskraft  nicht
        <pb n="62" />
        zuletzt  ben  großen  Menschheitssorscher  macht,  habe  ich  schon  gesagt.
Nun  —  welche  unerhörte  Gewalt  steckt  in  der  Ausdrucksweise
Marxens.  Professorale  Huzzelmännchen  haben  an  seinem  Stil
herumgemäkelt.  Und  ganz  gewiß  enthält  der  viel  Unarten,  aber
Unarten  eines  Sprachkünstlers  ersten  Ranges,  die  wir  ihm  nachsehen
müssen,  ebenso  wie  seine  Derbheiten  und  seine  schlechten  Witze.  Wenn
Marx  schreibt,  so  ist  es,  wie  wenn  ein  Vulkan  Feuer  speit;  da
fliegen  auch  Asche  und  Steine  und  Schlamm  mit  aus  dem  Krater
heraus.  Wie  durchglüht  seine  Sprache  ist;  wie  sie  sich  dem  Gegenstände ­
  anzupassen  weiß;  mit  welcher  Leidenschaftlichkeit,  mit  welcher
Eindringlichkeit  die  Gedanken  entwickelt  werden;  welches  stürmende
Drängen  nach  dem  Ende  einer  Schlußreihe!  Wie  glitzem  und  gleißen
die  Bilder!  Wie  sprudelt  und  quillt  das  Tatsächliche  hervor  wie
aus  einem  unerschöpflichen  Borne!
Wenn  wir  dagegen  irgend  eine  Darstellung  eines  andern  auch  bedeutenden ­
  Denkers  halten,  etwa  die  von  Rodb  ertus,  mit  dem  ja  Marx
so  oft  verglichen  wird  und  der  viele  der  Marx'schen  Gedankengänge
vielleicht  vor  Marx  gegangen  ist.  Wie  armselig,  wie  nüchtern,  wie
dünn  ist  das  alles!  Als  ob  man  Moses  Mendelsohn  gegen  Fichte
oder  Hegel  hielte  oder  die  Kartons  des  Cornelius  mit  dem  jüngsten
Gericht  Michelangelos  in  Parallele-  stellte.
Freilich  —in  Worten  lassen  sich  die  spezifisch  künstlerischen  Valeurs,
die  das  Oeuvre  von  Marx  so  über  alles  Normalmaß  emporheben
ganz  gewiß  nicht  voll  zum  Ausdruck  bringen.  Sie  müssen  selbst
miterlebt,  müssen  empfunden,  gefühlt,  geschaut,  geschmeckt  werden.
Wie  auch  das  seltsam  Dämonische,  das  in  Marx  steckt,  der  Hann,
das  Michelangeleske,  das  Titanenhafte  in  ihm.  Wer  kann  am  letzten
Ende  sagen,  warum  Michelangelo  und  Beethoven  groß  sind?  So
wird  man  auch  von  den  großen  Menschheilsforschem  nicht  alles  aus-
        <pb n="63" />
        58

zusprechen  vermögen,  was  sie  über  die  Menge  erhebt.  An  ihren
Wirkungen  wird  man  sic  erkennen.  Und  daß  Marx  schon  jetzt  unendliches ­
  Licht  verbreitet,  unendliches  Leben  geweckt  hat,  daran  herrscht
ja  kein  Zweifel  mehr,  wie  auch  die  Wirksamkeit  seines  Werkes  in  eine
ferne  Zukunft  hinein  gesichert  erscheint.  Seine  Wirksamkeit  als  Kunstwerk, ­
  als  Zeitenspiegel.  So  wie  heute  noch  Plutarch  und  Plato  und-Tacitus
  und  Caesar  wirken.  Wer  vermöchte  einen  andern  „Gelehrter!"
zu  nennen,  der  auch  nur  ganz  von  ferne  soviel  Wissen  vom  sozialen
Leben  unserer  Zeit  verbreitet  hätte  wie  Karl  Marx.  Ich  wüßte
keinen.  Und  nur  ein  Mann  tritt  mir  vor  Augen,  den  man  rieben^
Marx  stellen  könnte  als  sozialen  Schauer:  Emile  Zola.  Wer  von
beiden  uns  tiefere  Einblicke  in  unser  Wirtschaftsleben  hat  tun  lassen,
größere  Fernen  unsern  Blicken  erschlossen  hat,  rvird  schlver  zu  entscheiden ­
  sein.  Aber  diese  beiden  bilden  sicher  eine  Klasse  für  sich.
Und  es  ist  am  Ende  gar  nicht  so  wunderbar,  wenn  wir  einen
ganz  großen  sozialen  Denker  nur  vergleichen  können  mit  einem  sozialen
„Dichter".  Im  Grunde  ist  das,  was  beide  tun,  nicht  so  arg  verschieden, ­
  wie  man  oft  uns  glauben  machen  möchte.  Die  Form  der
Mitteilung  ist  verschieden.  Nicht  die  Sache,  von  der  sie  uns  Kunde
geben.  Wenn  wir  uns  nur  immer  bewußt  bleiben,  daß  alle  Begriffsf
  und  Systembildung,  alle  Gesetzesmacherei  usw.  bei  der  Erforschung
der  Menschenschicksale  nur  ein  technischer  Hilfsapparat  sind,  so  werden
wir  dieser  äußeren  Form  nicht  das  entscheidende  Gewicht  beilegen,  wie
es  unsere  Professoren  tun.  Wenn  nun  ein  Mann  mit  geheimnisvoller
Schau  wie  Zola  in  die  innersten  Zusammenhänge  des  Bank-  und
Börsenwesens,  der  Bergwerke  und  Eisenbahnen,  der  Warenhäuser  und
Handwerksbetriebe  Einblick  gewinnt  und  uns  in  künstlerischer  Form
mitteilt,  was  er  gesehen  hat:  ist  das  nicht  tausendmal  mehr  „Erkenntnis" ­
  als  die  sterile  Begriffsspielerei,  mit  der  uns  ein  ausgedörrter
        <pb n="64" />
        59

Professor  in  seinem  gelehrten  Traktate  ödet,  ohne  daß  es  ihn:
gelänge,  irgend  etwas  Relevantes  voll  der  Wirklichkeit  auszusagen?
In  einsamer  Höhe  thront  Karl  Marx.  Wer  ihm  und  seinem
Oeuvre  gerecht  werden  will,  wird  es  nicht  vermögen  durch  Betrachtungen, ­
  wie  sie  Friedrich  Engels  angestellt  hat:  das  haben  hoffentlich
meine  Ausführungen  erwiesen.  Aber  freilich  auch  nicht  dadurch,  daß
mau  auf  die  „Irrtümer"  hinweist,  die  er  begangen  hat  und  die  sicher
so  zahlreich  sind,  wie  die  „Wahrheiten",  die  er  ausgesprochen  hat.
Mag  von  Marxens  Oeuvre  bald  kein  einziger  Satz  mehr  der
Kritik  Staild  halten:  es  wird  doch  in  alle  Ewigkeit  groß  und  erhaben
uns  vor  Augen  stehen  und  seine  Schönheiten  uns  zum  Genusse  bieten.
Weil  das,  was  es  groß  macht,  die  einzigartige  Äußerling  einer  über
alles  nórmate  Maß  hinausragenden  Persönlichkeit  ist,  die  eine  hellseherische ­
  Schall  mit  einer  gelvaltigen  Kraft  der  Darstellung  und
einer  leidenschaftlichen  Glut  des  Gemüts  verband.
Dadurch  wurde  das  Werk  ein  lebendiges  Werk:  ein  Werk,  in  dem
Leben  gebunden  lvar  und  das  jederzeit  wieder  Leben  in  andern  auslösen ­
  kann.  Das  Lebendige  in  ihnen  aber  ist  es,  was  die  Werke  der
Menschheitsforschung  wie  die  Werke  der  Künstler  zur  Unsterblichkeit
erhebt.

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        Verlag  von  Gustav  fiteher  in  Iena.

V.  I.  Vroudyon.  Leine  Lehren  und  sein  Leben,  à  vr.  «»rl
in  Königsberg  i.  Pr.  Drei  Abteilungen.  Preis:  13  Mk.  —  1.  Die  Eigentumsnnd
  Wertieljre.  1888.  Preis:  2  Mk-  50  Pf.  —  2.  Das  Saliern  der  ökonomischen
Widersprüche,  die  Lehre  von  Geld,  Kredit,  Kapital,  Zins,  Recht  auf  Arbeit  und
die  übrigen  Theorien,  sowie  die  praktischen  Vorschläge  zur  Lösung  der  sozialen
Frage.  1890.  Preis:  6  Mk.  —  3.  Lein  Leben  und  seine  Lozial'phil'ofophie.  1906.
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Aber  Sozialismus,  Kommunismus  und  Anarchismus.  îşimgen^
Von  Dr.  Karl  Diebl,  Professor  an  der  Universität  Königsberg  i.  Pr.  1906.
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Diese  in  erster  Linie  für  die  akademische  Jugend  bestimmte,  aber  ebenso  für  weitere  Kreise  der  Gebildeten ­
  wichtige  Schrift  ist  aus  Universitätsvorlesungen  des  Verfassers  hervorgegangen  und  bietet  eine  vorzügliche ­
  Einführung  in  den  Jdeengang  der  sozialistischen,  kommunistischen  und  anarchistischen  Theorien.

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¿Mil  ^of.  der  polit.  Õkonouüe  a.  d.  Univ.  Bonn.  I.  Abteilung:
Darstellung  seines  Lebens.  1886  Preis:  Mk.  2.  II.  Abteilung:  Darstellung
seiner  Sozialphilosophie.  1888.  Preis:  4  Mk.  50  Pf.

"Dit»  ^OltûsûUtP  Ibre  Aufgabe,  ihre  Lchulen  und  ihre  neuesten  Fortschritte.  Von
2  Ņ—1  Hchille  Coria.  Vorträge,  gehalten  an  der  Universität  Padua
im  Januar  bis  Mai  1900.  Autorisierte  lind  vom  Verfasser  durchgesehene  Übersetzung ­
  aus  dem  Italienischen  von  Dr.  Klemens  Heiß.  Preis:  1  Mark.

Haint-Hünon  und  die  ökonomische  Keschichtslheorie.  ^on  şi-ieär.
Ein  Beitrag  zu  einer  Dogmengeschichte  des  historischen  Materialismus.  1906.
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Henri  de  Laint-Himon.
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Die  Persönlichkeit  und  ihr  Werk.  Bon  friedlich
Mueble,  Doktor  der  Philosophie.  1908.  Preis:

Der  Iusammenbrnch  der  Wirt  schaflsfrei  heit  und  der  Sic#  des
HtaatsloMlisinus  in  den  Vereinigten  Staaten  von  Amerika.

Von  Dr.  jur.  e.  Herr.  1906.  Preis:  3  Mk.

Die  „Ircien"  Gewerkschaften  seil  1890.  «n  üb°«ck  über  q-°  o--——
  gamsation,  ihre  Ziele  und
ihr  Verhältnis  zur  sozialdemokratischen  Partei.  Von  Dr.  Otto  Heilborn,
Gerichtsassessor.  1907.  Preis:  4  Mk.
De-Oche  Sozialgesetzgebung.
Stier-Somlo  in  Bonn.  1906.  Ermäßigter  Preis:  4  Mk.,  geb.  5  Mk.
Soziale  Medizin  und  Hygiene,  Band  I,  Heft  4:  ...  Das  auch  stilistisch  klar  und  sorgfältig  bearbeitete ­
  Werk  kann  allen,  die  sich  für  die  deutsche  Gesetzgebung  interessieren,  zum  Studium  dringend  empfohlen
werden.

Preußisches  Verivaltungsblatt  vom  7.  April  1906  :  .  .  .  Der  Text  hat  ungefähr  den  Charakter
eines  Grundrisses  und  soll  den  Bedürfnissen  derjenigen  entsprechen,  die  zum  ersten  Male  an  das  große  Gebiet
der  Sozialgesetzgebung  herantreten.  Für  tieferes  Studium  und  als  Nachschlagebuch  dienen  die  Anmerkungen.
Damit  ist  über  den  Grundriß  hinaus  ein  umfassendes  Lehr-  und  Handbuch  gegeben.  So  ivird  das  Werk,  dessen
baldige  Vollendung  dringend  zu  wünschen  ist,  eine  weitere  hochersteuliche  Gabe  von  einem  Verfasser  sein,  der  für
das  Verwaltungsrecht  schon  so  viel  geleistet  hat.

Kapitalismus  und  MitteMandspotiliK.  1907 '
Walters  (ft  ut  Pit  Sein  Leben  und  feine  Bedeutung  für  die  Gegenwart.  Mit  einem
■  '  -  Bildnis  Robert  Owens.  1905.  Von  Helene  Simon.  Preis:
7  Mk  ,  geb.  8  Mk.
        <pb n="67" />
        Verlag  von  Gustav  fiîcber  in  Jena

Wörterbuch  der  Volkswirtschaft
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übertragen  von  V.  Dorn  und  eingeleitet  von  Prof.  Dr.  Heinrich  Waentig.  Preis:  4  Mk.,  geb.  4  Mk.  60  Pf.
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Fünfter  Band:  Grundsätze  der  Volk-tvirtschast  und  Besteuerung.  Von  David  Ricardo.  Aus  dem
englischen  Original,  und  zwar  nach  der  Ausgab«  letzter  Hand  &amp;gt;3.  Aust.  1821),  ins  Deutsche  übertragen  von
Dr.  Ottomar  Thiele  und  eingeleitet  von  Prof.  Dr.  Heinrich  Waentig  in  Halle  a.  S.  Preis:  4  Mk.  80  Pf.,
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  seiner  Bedeutung  für  die  menschliche  Wohlfahrt  in  Vergangenheit  und  Zukunft,  nebst  seiner  Prüfung
unserer  Aussichten  auf  eine  künftige  Beseitigung  und  Linderung  der  Übel,  die  es  verursacht.  Von  Thomas
Robert  Malthus.  Aus  dem  englischen  Original  und  zwar  nach  der  Ausgabe  letzter  Hand  (6.  Slufl.  1*26),
ins  Deutsche  übertragen  von  Valentine  Dorn  und  eingeleitet  von  Prof.  Dr.  Heinrich  Waentig  in  Halle  a.  E.
Erster  Band:  Preis:  S  Mk.,  geb.  5  Mk  60  Pf.
,  Zweiter  Band:  Preis:  S  Mk.,  geb.  5  Mk.  60  Pf.
Achter  und  neunter  Band:  Soziologie.  Von  August  Comte.  Aus  dem  französischen  Original  ins
Deutsche  übertragen  von  Valentine  Dorn  und  eingeleitet  von  Prof.  Dr.  Heinrich  Waentig  in  Halle  a.  S.
Erster  Band:  Der  dogmatische  Teil  der  Sozialphilosophie.  Preis:  «  Mk.,  geb.  6  Mk.  75  Pf.
—  —,  Zweiter  Band:  Historischer  Teil  der  Sozialphilosophie.  Theologische  und  metaphysische
Periode.  Preis:  brosch.  6  Mk.,  geb.  6  Mk.  75  Pf.
Elfter  Band:  Ein,  Untersuchung  über  Natur  und  Wesen  deS  Volkswohlstände-.  Von  Adam
Smith.  Unter  Zugrundelegung  der  Übersetzung  Max  StirnerS,  au»  dem  englischen  Original  nach  der  Aus-Î
 abe  letzter  Hand  (4.  Aust.  1786)  ins  Deutsche  übertragen  von  Dr.  Ernst  Grünfeld  und  eingeleitet  von  Prof.
)r.  Heinrich  Waentig  in  Halle  a.  S.  Band  I:  Preis:  4  Mk.,  geb.  5  Mk.
Weiter  sind  in  Aussicht  genommen:
v.  THünen,  Der  isolierte  Staat  (1826).  —  Steuart,  Inquiry  into  the  principles  of  political ­
  economy  (1767).  —  Mill,  Principles  of  political  economy  (1848).  —  SiSmondi,
Nouveaux  principes  d’économie  politique  (1819).  —  Quetelet,  Sur  l’homme  (1835).

Weimar.  —  Druck  von  R.  Wagner  Sohn.
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        206S07975015
        <pb n="69" />
        40

Seltsame  Kurzsichtigkeit  mancher  Menschen,  die  sichere  Erkenntnis
aus  dem  Erlebnis  durch  die  naturwissenschaftliche  Beschreibung  ersetzen
zu  wollen,  das  heißt  bei  der  Deutung  menschlicher  Handlungen  die
psychologische  Motivierung  umgehen,  die  Persönlichkeit  ausschalten  51t
wollen  und  alles  menschliche  Handeln  in  den  unverstandenen  und
unverständlichen  Naturprozeß  einordnen  zu  wollen;  das  heißt:  das
einzig  sichere  Wissen,  das  wir  von  der  Welt  haben,  um  einer  Mode
willen  preiszugeben.
Im  großen  ganzen,  wird  man  sagen  dürfen,  haben  gerade  im
letzten  Jahrhundert  die  beiden  Wissenschaften  von  der  Natur  und  vom
Menschen  immer  deutlicher  die  ihnen  spezifische  Art  zu  erkennen  ausgebildet ­
  und  sind  sich  dadurch  immer  ferner  gerückt.
Was  die  moderne  Naturwissenschaft  anstrebt,  ist  ja  doch  eben
die  lückenlose  Ersetzung  der  Qualität  durch  die  Quantität,  die  in
einer  mathematischen  Formel  ihren  letzten  und  vollkommensten  Ausdruck ­
  findet.  Worauf  alles  ausgeht,  ist,  wie  man  sagen  kann,  die
Entseelung  der  Natur.  Wo  ehedem  lebendige  Wesen,  lebendiges
Wirken  angenommen  wurden,  da  soll  jetzt  ein  Wechselspiel  toter  Körper ­
  herrschen.  Aufgabe  der  fortschreitenden  Naturerkenntnis  ist  es
recht  eigentlich,  die  lebendige  Seele  aus  den  Dingen  weg  zu  argumentieren: ­
  der  horror  vacui  wird  durch  die  Erfindung  des  Barometers, ­
  das  Phlogiston,  eine  Art  Feuerseelchen,  wird  durch  die  Entdeckung ­
  des  Sauerstoffs,  die  Theorie  von  der  vis  vivendi  wird  durch
die  Synthese  organischer  Körper  ans  der  Welt  geschafft  usw.
Genau  umgekehrt  ist  die  Entwicklung  der  „Geistes"Wissenschaften
verlaufen:  in  ihnen  ist  immer  mehr  die  „psychologische"  Methode  zur
Geltung  gelangt:  das  heißt:  ist  das  Bestreben  immer  deutlicher  hervorgetreten, ­
  alle  Vorgänge  im  Bereich  der  Menschengeschichte  seelisch
zu  motivieren.  Beherrscht  die  Naturwissenschaften  die  Tendenz  zur
        <pb n="70" />
        <pb n="71" />
        <pb n="72" />
        <pb n="73" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
