54

überall  die  Schornsteine  aufhören  müssten  zu  rauchen.  Drei
Monate,  länger  aber  auf  keinen  Fall,  würden  diese  hochagrarischen ­
  Zollsätze  bestehen.  Dann  käme  ein  Sturm  aus  allen
Richtungen  und  fegte  die  Lebensmittelzölle  überhaupt  weg.
Die  Landwirtschaft  ihrerseits  hat  nicht  nur  ein  taktisches,
sie  hat  namentlich  auch  ein  sachlich  wirtschaftliches  Interesse,
dass  auf  diesem  Wege  demnächst  das  Ziel  erreicht  wird.  Es
ist  nicht  wenig,  was  ihr  dargeboten  wird.“
Nachdem  wir  oben  die  Bedeutung  des  neuen  deutschen
Zolltarifes  im  allgemeinen  nach  seiner  Tendenz  gewürdigt  haben,
gehen  wir  an  der  Hand  der  parlamentarischen  Verhandlungen
nunmehr  dazu  über  zu  untersuchen,  welche  Behandlung  die
einzelnen  Waren  der  Drogen-  und  Chemikalienbranche  im  Zolltarif ­
  gefunden  haben,  i)
Ueber  die  Drogenzollpositionen  referierten  die  Reichstagsabgeordneten ­
  Dr.  Müller-Meiningen,  Dr.  Beniner,  Lurz  und
Antrick.
Brom  ist  zollfrei  gewesen  und  geblieben.  Es  war  jedoch
von  einer  Seite  in  der  Zolltarifkommission  der  Antrag  gestellt
worden,  für  Brom  einen  Zollsatz  von  M.  100  einzustellen.  Der
Antrag  ward  damit  begründet,  dass  ein  Kampfmittel  geschaffen
werden  solle  gegen  die  Vereinigten  Staaten,  die  das  einzige
Konkurrenzland  seien.  Dagegen  wurde  von  seiten  des  Reichsamts ­
  des  Innern  ausgeführt,  dass  seit  Jahren  nur  ein  Doppelzentner ­
  Brom  jährlich  eingeführt  werde,  ausgeführt  dagegen
2281  Doppelzentner.  Das  Syndikat  habe  den  Preis  in  ganz
kurzer  Zeit  von  M.  293  auf  375  erhöht.  Amerika  habe  gar
kein  Interesse  daran,  den  einen  Doppelzentner  billiger  einzuführen.
  Die  Regierung  habe  überdies  gar  keine  Veranlassung
das  Syndikat  auf  irgend  eine  Weise  zu  unterstützen.  Auch
von  der  Seite  der  Kommission  wurde  diesen  Ausführungen  vom
Regierungstische  beigetreten.  Es  wurde  gesagt,  dass  ein  Zoll
von  M.  100  eine  Erhöhung  des  Brompreises  um  M.  100  bedeuten ­
  würde,  und  die  Brom  verbrau  eher  dadurch  umgemein
geschädigt  werden  würden.  Dagegen  wurde  vom  Antragsteller
ausgeführt,  dass  es  schon  früher  zu  Zwistigkeiten  zwischen  dem
deutschen  und  amerikanischen  Syndikat  gekommen  sei.  Dazu
sei  das  deutsche  Syndikat  gezwungen  gewesen,  amerikanisches
Brom  aufzukaufen,  um  es  zu  vernichten.
Von  Regierungsseite  dagegen  wurde  darauf  verwiesen,  dass
die  Bromerzeugung  sehr  rentabel  gewesen  sei;  als  der  oben  bel

 )  Stenographische  Berichte  der  deutschen  Reichstagsverhandlungen
1902/03.  231.  Sitzung  vom  5./12.  1902.