Sachsen:  Vogtland  —  Markncukirchcn.

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Einen  Blechinstrumentemnacher  traf  ich  gerade  bei  der  Arbeit  über
einem  großen  Waldhorn.  Derselbe  hatte  einen  Gehilfen,  welchen  er
mit  10  Mk.  pro  Woche  bezahlte.  Wenn  beide  über  einem  solchen
Horn  arbeiteten,  hatten  sie  fast  die  ganze  Woche  zu  tun.  Nach  Abzug
sämtlicher  Unkosten  für  Material  und  Zutaten  blieb  dann  ein  Verdienst
von  zirka  21  Mark.  Ein  anderer  Blechinstrumentemnacher  arbeitete
mit  seinem  achtundzwanzigjährigen  Sohn  und  seiner  Frau.  Er  war
der  einzige,  den  ich  antraf,  der  eine  besondere  Werkstelle  hatte.  Die
Leute  befanden  sich  von  früher  her  in  leidlich  guten  Verhältnissen.  Alle
drei  konnten  bei  der  üblichen  Arbeitszeit  zusammen  pro  Woche  vier
Stück  Trompeten  liefern.  Nach  Abzug  der  Unkosten  blieb  ihnen  pro
Stück  fünf  Mark  Verdienst.  Und  dabei  arbeiteten  die  Leute  anderen
gegenüber  mit  verschiedenen  technischen  Vorteilen.
Auch  hier  sind  die  Zustände  in  sanitärer  Hinsicht  entsetzlich.  Die
Wohnungen  starren  vor  Schmutz.  Die  Frauen  können  ja  auf  Reinigung
derselben  keine  Zeit  verwenden.  Das  Arbeiten  in  denselben  verursacht
ganz  besonders  bei  den  Blechinstrumentenmachern  ungeheuren  Schmutz.
Das  Polieren  der  Instrumente  wird  von  den  Frauen,  mittelst  Wiener
Kalk  und  Stearinöl  besorgt.  Sie  sind  dabei  über  und  über  von  einer
schwarzen  schmierigen  Kruste  bedeckt.  Dieser  Schmutz  teilt  sich  der
ganzen  Wohnung  mit.  Derselbe  ist  nach  den  Erfahrungen,  die  man
damit  in  den  Metallschleifereien  gemacht  hat,  fast  unausrottbar.  Seine
gesundheitsschädliche  Wirkung  ist  bei  den  Metallschleifern  bekannt.  Und
hier  müssen  die  Kinder  diesen  Staub  einatmen,  und  in  einem  solchen
Schmutz  und  Unrat  ihre  Jugend  verleben.  Zudem  wird  noch  in  den
Stubm  gelötet,  gedreht,  gefeilt  und  zum  Biegen  die  Messingrohre  mit
Blei  cusgegossen.  Eine  Frau  traf  ich  beim  Polieren  direkt  neben  dem
Tisch,  an  welchem  die  Kinder  gerade  aßen.  Daß  unter  solchen  Umständen ­
  der  dauernde  Aufenthalt  in  solchen  Räumen,  bei  solcher  Arbeitszeit ­
  und  mangelhafter  Nahrung  auch  die  festeste  Gesundheit  erschütterr
  muß,  dürfte  wohl  ohne  weiteres  klar  sein.  Aber  auch  in
moralischer  Beziehung  wirken  diese  Zustände  verderblich.  Gefühl  und
Sittlichk'it  wird  völlig  ertötet.  Beim  Betreten  einer  Wohnung  trat
uns  eine  Frau  entgegen,  welche  ein  Kind  säugte.  Die  Brust  war
völlig  en.blößt,  trotzdem  war  sie  nicht  im  geringsten  verlegen,  machte
auch  feint  Miene  sich  zu  bedecken.  Sie  war  eine  ganz  ehrbare  Frau,
die  nicht  im  entferntesten  auf  Verworfenheit  schließen  ließ,  der  aber
der  Begrif  für  Scham  abhanden  gekommen  war.  Ich  würde  diesen
Fall  nicht  verallgemeinern,  wenn  mir  mein  Begleiter,  welcher  täglich
die  Währungen  dieser  Leute  besucht,  nicht  auf  das  bestimmteste  versichert ­
  hätte,  solche  und  noch  schlimmere  Sachen  sehe  ich  alle  Tage.
Ein  weiterer  Mißstand  ist  der,  daß  die  in  den  Fabriken  beschäftigten
Arbeiter  nach  Feierabend  und  während  der  Mittagsstunde  zu  Hause
arbeiten.  Abmds  wird  dann  noch  zu  Hause  bis  um  12  oder  1  kkhr
gearbeitet.  Di  werden  Bogen  zu  Trompeten  gemacht  und  Trompeten
poliert.  Auch  die  Frauen  der  Fabrikarbeiter  polieren  tagsüber  Trompeten. ­

Daß  die  Zustände  schauderhafte  sind,  beweisen  auch  die  Selbstmorde. ­
  In  einen  einzigen  Jahre  haben  sich  in  Markneukirchen,  welches