54

Die  Heimarbeit  und  ihre  Verbreitung  in  der  Metallindustrie.

hat  jeweils  einen  halben  Tag  Zeitverlust.  Ersterer  erhält  vielleicht
10  Mk.  Lohn.  Davon  muß  er  80  Pf.  bis  1  Mk.  Fahrgeld  bezahlen.
Es  gibt  natürlich  viele  Sorten  von  Pendel,  die  mehr  oder  weniger
schlecht  bezahlt  sind.  Den  Durchschnittslohn  pro  Woche  kann  man  bei
den  männlichen  Heimarbeitern,  die  auf  Regulateuren  arbeiten,  auf  10  bis
15  Mk.,  mitunter  auch  18  Mk.  rechnen.  Die  Frauen  müssen  Räder
ausschaben  und  glätten  bei  einem  Wochenverdienst  von  4  bis  5  Mk.
Die  meisten  Heimarbeiter  beziehungsweise  -Arbeiterinnen  sind  bei
den  „Amerikaner"-Uhren  tätig.  Die  meistverbreitete  Arbeit  ist  das
Spindelstecken.  Dies  wird  von  Frauen  und  Kindern  besorgt.  Für
100  Stück  Spindeln,  jede  Spindel  mit  sieben  bis  zehn  Drähtchen,
werden  5  bis  10  Pf.  bezahlt.  Um  also  5  Pf.  zu  verdienen,  muß  eine
Frau  oder  ein  Kind  700  bis  1000  Drähtchen  stecken.  Bei  dieser
Arbeit  werden  die  Kinder  von  früh  bis  spät  angespannt,  sogar  solche
von  drei  Jahren  ab.  Ost  stecken  die  Frau  und  Kinder  bis  in  die
Nacht  hinein  und  haben  dann  im  höchsten  Falle  80  bis  90  Pf.  verdient. ­
  Als  vor  mehreren  Jahren  in  der  Schule  angefragt  wurde,  wer
zu  Hause  arbeiten  müsse,  meldete  sich  eine  Zahl,  die  geradezu  unheimlich ­
  war.  Leider  wurde  nicht  gefragt,  wie  lange  und  was  sie  arbeiten
und  wie  viel  sie  erhalten.  Vielfach  dürfen  die  Kinder  erst  nach  dem
Nachtessen  die  Schulaufgaben  machen,  wie  diese  ausfallen,  kann  sich
jeder  denken.  Bemerkt  muß  werden,  daß  das  Spindelstecken,  das  immerwährende ­
  scharfe  Hinsehen  auf  einen  Punkt,  die  Augen  sehr  anstrengt.
Ein  weiterer  Artikel  ist  das  Balanceeinziehen  und  -Abwägen.  Auch
dies  ist  eine  stark  die  Augen  anstrengende  Arbeit  und  kommen  die
Frauen  in  der  Woche  bei  diesen  Arbeiten  vielfach  auf  5  bis  8,  im
besten  Falle  10  Mk.  Hier  möchte  ich  ermähnen,  das  besonders  die
Frauen  der  Werkführer  und  Kompagniemeister  die  bestbezahlten  Arbeiten
erhalten.  Diese  hätten  dies  doch  viel  weniger  notwendig  als  die  Frau
eines  Arbeiters,  der  bloß  2  bis  2,50  Mk.  verdient.  Als  weitere
Arbeiten  sind  zu  nennen:  Pfeiler  bohren  und  versenken,  Schlüssel  zusammenmachen ­
  (100  Stück  7  Pf.),  Balancestifte,  Spiralfedern  anstellen,
Spirale,  richten,  Walzen  machen  (Sperre  aufnieten  40  Pf.,  fertigmachen
30  Pf.  pro  100  Stück),  Bodenräder  zusammenmachen  (100  Stück  30  Pf.),
Absteller  nieten,(100  Stück  4  Pf.),  Spindeln  abscheren  (ein  Kilogramm
5  Pf.),  Grundplatinen  nieten  (100  Stück  50  Pf.).  Es  würde  viel  zu
weit  führen,  wollte  man  jeden  einzelnen  Bestandteil  aufzählen.  Daß
auch  der  Vater  Staat  seine  Arbeiter  schlecht  bezahlt,  kann  man  daraus
ersehen,  daß  viele  Eisenbahnerfrauen  in  die  Fabriken  Arbeit  liefern.
Ein  großes  Kontingent  der  Heimarbeiter  stellen  auch  die  tagsüber  in
der  Fabrik  beschäftigten  Arbeiter  und  Arbeiterinnen.  Alle  Abend  kann
man  diese  mit  einem  Kistchen  oder  Sacke  auf  dem  Buckel  die  Fabrik
verlassen  und  bis  10  und  11  Uhr  arbeiten  sehen.  Sogar  Sonntags
wird  noch  gearbeitet.  Wie  eine  Verhöhnung  des  Arbeiters  klingt  es,
wenn  die  Vertreter  der  christlichen  Liebe  von  der  Kanzel  herunter  dem
Arbeiter  Entsagung  predigen,  währenddem  dieser  zu  Hause  für  sich
und  seine  Familie  arbeitet.
In  vielen  Fällen  ist  der  oben  angegebene  Lohn  nicht  der  richtige.
So  wird  zum  Beispiel  den  Spindelsteckern  für  die  Spindeln  etwas