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        <title>Die Heimarbeit und ihre Verbreitung in der Metallindustrie</title>
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        und  ihre  Verbreitung
in  der  Metallindustrie

Zusammengestellt
vom  Vorstand

f

/

nach  Berichten  der
Bezirksleiter  und  der
Ortsfunktionäre  des
Deutschen  Metallarbeiter
Verbandes  ,

-S—V-tz  Stuttgart  1904  -V—"N—
Druck  und  Verlag  von  Alexander  Schlicke  &amp;amp;  Cie.

96  Q  £  4  6
        <pb n="2" />
        Die  Heimarbeit

und  ihre  Verbreitung
in  der  Metallindustrie

Zusammengestellt  von:  Vorstand
nact&amp;gt;  Berichten  der  Bezirksleiter  und
der  Ortsfunktionäre  des  Deutschen
Metallarbeiter-Verbandes

vsa.

■■  Stuttgart  1904
Druck  und  Verlag  von  Alexander  Schlicke  &amp;amp;  Cie.

8  60*46
        <pb n="3" />
        Baf

1  59  Wel if“11.  4.  61.

Inhaltsverzeichnis.

Vorwort  und  Einleitung  5
Schlesien  11
Königreich  Sachsen  14
Thüringen  25
Rheinland  und  Westfalen  35
Die  Eiseh  Lothringen,  Oberstein  41
Baden  und  Württemberg  44
Pforzheim  und  Umgebung  44
Trossingen  und  Umgebung  49
Schwarzwülder  Ahrenindustrie  52
Tuttlingen  und  Umgebung  57
Bayern  59
        <pb n="4" />
        Vorwort  und  Einleitung.

^^^ie  vorliegende  Schrift  betrachtet  es  nicht  als  ihre  Aufgabe,  die
Lage  der  in  der  Metallindustrie  tätigen  Heimarbeiter  erschöpfend
darzustellen.  Dazu  fehlte  es  bei  der  kurzen  Frist,  die  die  Einberufung
des  Kongresses  gewährte,  an  der  nötigen  Zeit.  Aber  auch  bei  einer
längeren  Spanne  Zeit  wäre  es  kaum  möglich  gewesen,  eine  erschöpfendere
Darstellung  zu  geben.  Ein  Zusammenhang  der  Leimarbeiter  untereinander, ­
  sei  es  in  einer  gewerkschaftlichen  oder  auch  nur  geselligen
Vereinigung,  besteht  nicht.  Jeder  geht  seinen  eigenen  Weg  und  bekümmert ­
  sich  nicht  um  den  andern.  Die  wenigen  Leimarbeiter  aber,
die  einer  gewerkschaftlichen  Organisation  angehören,  sind  vollständig
einflußlos  auf  ihre  übrigen  Standesgenossen.  Dies  Verhältnis  erschwert ­
  den  Verkehr  mit  den  Leimarbeitern  ungeheuer  ,lnd  läßt  es
ausgeschlossen  erscheinen,  sie  je  für  statistische  Erhebungen  über  ihre
Lage  zu  gewinneil  oder  erschöpfende  Auskunft  von  ihnen  in  dieser  Linsicht
  erhalten  zu  können.  Wir  beschränken  uns  daher  lediglich  aus  die
Nachweisung  der  Verbreitung  der  Leimarbeit  in  der  Metallindustrie
und  auf  Angaben  mehr  allgemeiner  und  allen  Leimarbeitern  gemeinsamer ­
  Erschenlungen.
Die  Leimarbeit  tritt  in  der  Metallindustrie  in  den  verschiedensten
Formen  aus.  Als  ausschließliche  Beschäftigung  des  betreffenden
Arbeiters  und  als  Nebenbeschäftigung.  Die  Leimarbeit  als
Nebenbeschäftigung  ist  in  der  Metallindustrie  soweit  verbreitet,
daß  eine  Feststellung,  ja  nur  eine  annähernde  Feststellung  der  Zahl
ihrer  Angehörigen  ganz  ausgeschlossen  erscheint.  Selbst  die  großen
und  größten  Städte  vermissen  sie  nicht.  Lier  finden  wir  Tausende
        <pb n="5" />
        6

Vorwort  und

und  Abertausende  von  Familienvätern,  von  Lausmüttern,  die  nicht
befriedigt  von  des  Tages  Arbeit  noch  Arbeit  mit  nach  Lause  nehmen,
tun  sie  abends  fertig  zu  machen  und  dadurch  ihren  Verdienst  zu  erhöhen. ­
  Natürlich  ist  dies  nur  in  bestimmten  Berufen  möglich.  Lierher
  gehören  die  leichteren  Arbeiten  aller  Art,  die  Ahrmacherei,  einzelne
Branchen  der  Feinmechanik,  namentlich  die  Neißzeugmacherei,  Goldschmiede- ­
  und  kleinere  Silberarbeiten,  Gravierungen,  Ziselierungen,
leichtere  Drahtarbeiten,  kleine  Metallwaren-,  Polier-  und  Lackierarbeiten,
hier  und  da  wohl  auch  Iustierarbeiten.  Ebenso  gehört  das  Anschärfen
und  Jnstandsehen  von  Werkzeugen  nicht  selten  zu  den  gelegentlichen
Leimarbeiten  nach  Feierabend.  Endlich  aber  das  Abzählen,  Sortieren
und  Einpacken  der  in  der  Fabrik  im  Lauptberuf  hergestellten  Waren.
Ein  jeder,  der  als  Gelegenheitsheimarbeiter  tätig  ist,  namentlich  soweit
größere  Städte  in  Betracht  kommen,  ist  in  dem  vollen  Bewußtsein,
eine  Tätigkeit  auszuüben,  durch  die  er  sowohl  seine  eigenen  als  auch
seiner  Berufsgenoffen  Interessen  schädigt.  Dies  zeitigt  bei  ihm  eine
gewisse  Scheu  seinen  Mitarbeitern  gegenüber  und  hindert  ihn,  sich
diesen  zu  nähern  oder  gar  zu  offenbaren.  Er  verschweigt  nicht  nur
seine  geheimnisvolle  Tätigkeit,  sondern  gibt  aus  etwaige  direkte  Fragen
ausweichende  und  unrichtige  Auskünfte.  Dadurch  ist  es  natürlich  ausgeschlossen, ­
  daß  jemals  festgestellt  werden  kann,  wie  hoch  die  Zahl
der  Gelegenheitsheimarbeiter  ist.
Nicht  viel  anders  steht  es  mit  den  Leimarbeitern,  die  die
Leimarbeit  als  ausschließliche  Berufstätigkeit  ausüben.  In
großen  Städten,  wo  ihre  Zahl  nur  gering  und  besondere  Qualistkation
und  Eigenart  des  Berufs  den  betreffenden  Arbeitern  die  Leimarbeit
der  Fabrikarbeit  vorziehen  läßt,  stnden  wir  auch  unter  dieser  Arbeiterkategorie ­
  eine  gewisse  Selbständigkeit  und  ein  selbstbewußtes  Auftreten,
anders  aber  in  den  Leimarbeiterdistrikten  der  Wald-  und  Gebirgsgegenden. ­
  Diesen  Leimarbeitern  geht  das  Selbstbewußtsein
ganz  ab.  Er  vertiert  unter  der  Last  der  Arbeit.  Sein  scheues  mißtrauisches ­
  Wesen  ist  eine  Folge  seiner  Generationen  hindurch  vollzogenen ­
  Knechtung.  Zum  Teil  aber  auch  ist  sein  abgeschlossenes
Wesen  eine  Folge  früherer  Lerrlichkeit,  soweit  man  einer  bescheidenen
Kleinhandwerkerexistenz  überhaupt  eine  solche  mit  Recht  nachsagen
        <pb n="6" />
        Einleitung.

7

kann.  In  einein  wie  im  anderen  Falle  ist  aber  das  zurückhaltende,
verschlossene  Benehmen  des  ausschließlich  von  .Heimarbeit  lebenden
Heimarbeiters  keinesfalls  dem  Bewußtsein  des  betreffenden  entsprungen, ­
  daß  er  durch  seine  .Heimarbeit  sich  und  anderen  schadet.
Ein  solches  Bewußtseilt  ist,  abgesehen  von  einzelnen  Personen,  die
aber  aus  ihrer  .Haut  nicht  heraus  können,  bei  den  ausschließlich  von
Leimarbeit  lebenden  .Heimarbeitern  nie  vorhanden.
Die  Art  der  ausschließlichen.Heimarbeit  in  der  Metallindustrie  ist
noch  nach  folgenden  Merkmalen  zu  unterscheiden.  Man  hat  zu  beachten, ­
  ob  die  Leimarbeit  von  einzelnen  allein  oder  ob  sie  in  Gemeinschaft ­
  init  anderen  geleistet  wird.  Beide  Formen  sind  in  der  Metallindustrie ­
  gang  und  gebe.  Wir  stnden  den  alleinstehenden  Leimarbeiter, ­
  der  nur  mit  seinen  Familienmitgliedern  zusammenarbeitet,
und  den  Leimarbeiter,  der  neben  seinen  Familienangehörigen  und
wohl  auch  ohne  solche  fremde  Arbeitskräfte  beschäftigt.  Im
ersteren  Falle  findet  eine  Lohnzahlung  an  die  Familienmitglieder  nicht
statt,  im  letzteren  Falle  muß  sie  natürlich  an  die  fremden  Arbeiter
stattfinden,  und  gewahrt  man  merkwürdigerweise  nicht  selten,  daß  das
gewiß  nicht  sehr  beneidenswerte  Dasein  des  Gewerbegehilfen  des  Leimarbeiters ­
  sich  vorteilhaft  abhebt  von  dem  seines  Arbeitgebers.  Der
Gehilfe  erhält  einen  bestimmten  Lohn,  der,  wenn  auch  noch  so  niedrig,
doch  immer  eine  bestimmte  Löhe  hat,  der  Gehilfe  ist  gegen  Krankheit
und  Alter  von  Gesetzes  wegen  versichert.  Der.Heimarbeiter  (Zwischenmeister) ­
  dagegen  hat  weder  die  Benefizien  der  Sozialgesetze,  noch  hat
er  einen  fixierten  Verdienst.  Im  Gegenteil  trägt  der  Meister-Leimarbeiter ­
  häufig  noch  ein  nicht  unbedeutendes  Risiko,  hat  bedeutende
Ausgaben  an  Fourinturen  und  Werkzeugen,  so  daß  in  nicht  seltenen
Fällen  der  Verdienst  des  Leimarbeiterzwischenmeisters  nur
zwei  Drittel  bis  drei  Viertel  des  Lohnes  seiner  Gehilfen
beträgt.  Schreiber  dieses  sind  in  Praxis  mehrere  solcher  Fälle
begegnet.
Diese  Erscheinung  zeitigt  nun  bei  den  Leimarbeiterzwischenmeistern
alle  die  Aushilfsmittel,  deren  sich  ja  das  untergehende  .Handwerk  so
gerne  zu  seiner  Rettung  bedient.  Eine  geradezu  grauenvolle  Ausbeutung ­
  jugendlicher  Arbeitskräfte  vom  Kindesalter  an  findet
        <pb n="7" />
        8

Vorwort  und

statt  zu  dem  Zwecke,  die  Leistungsfähigkeit  der  Produktion  zu  erhöhen.
Eine  Ausdehnung  der  täglichen  Arbeitszeit  über  alle  Maßen
geht  damit  Land  in  Land  und  am  notwendigsten,  an  der  Kost,
an  der  Leizung,  an  der  Lüftung  und  au  der  Sauberkeit,
sowohl  was  die  Arbeitsräume  als  was  die  Körperpflege
anbetrifft,  wird  gespart,  so  daß  die  Leimarbeit  in  der  Metallindustrie ­
  genau  denselben  Nährboden  für  Siechtum  und
frühen  Tod  seiner  Jünger  aufweist,  wie  alle  übrigen  Leimarbeitergewerbe.
  Teilweise  wird  diese  Gefahr  noch  vergrößert  durch
schlechte  dunstige  Lokale,  durch  Staubentwicklung  bei  Bearbeitung  von
Metallen  oder  Naucherzeugung  von  Feueressen,  die  zur  Bearbeitung
derselben  dienen.  Auch  Gefahren  für  das  konsumierende  Publikum ­
  sind  in  der  Leimarbeit  der  Metallindustrie  nicht  ausgeschlossen.
Dies  trifft  besonders  auf  diejenigen  Gewerbe  zu,  die  Musikinstrumente,
deren  Ingangsetzung  durch  den  Mund  erfolgt,  als  da  sind  Kindertrompeten, ­
  Blasinstrumente  überhaupt  und  auch  sonstige  Spielwaren
erzeugen.  Wer  in  dem  Kind  die  zukünftige  Generation  verehrt,  wird
nicht  ohne  Grauen  an  der  Tatsache  vorübergehen  können,  daß  ein
Teil  der  Spielwaren  und  gerade  die  Mundmusikinstrumente
häufig  genug  auf  Tuberkelherden  enstehen.
Land  in  Land  mit  der  äußerst  prekären  Lage  der  Leimarbeiter
geht  auch  die  Beschaffenheit  ihrer  Arbeitsräume.  Auch  hier  sind
die  verschiedensteil  Arten  vertreten,  m  weitaus  den  meisten  Fällen
ist  Arbeits-  und  Wohn-  oder  Arbeits-  und  Schlafraum  dasselbe.  Es
gibt  aber  auch  Leimarbeiter  und  Zwischenmeister,  die  zur  Arbeit  besondere ­
  Räume  haben.  Wesentlich  gebessert  sind  dann  allerdings  die
Insassen  auch  nicht,  denn  auch  dieseir  Räumen  fehlt  alles,  was  sie
als  den  sanitären  Anforderungen  genügend  erscheinen  läßt.  Meist
sind  sie  auch  übervölkert.  Im  Rheinland  hat  man  in  einzelnen
Gegendeil  gemeinsame  Betriebswerkstätten,  die  von  Unternehmern
erstellt,  platzweise  vermietet  werden.  Diese  Betriebswerkstätten  trennen
wohl  gesundheitsschädliche  Arbeiten  von  der  Familie  des  Leimarbeiters,
verhiildern  jedoch  natürlich  llicht  die  gesundheitsschädliche  Wirkung
langer  Arbeitszeit,  schlechter  Lüftung  und  Beleuchtung  auf  deil  Leimarbeiter
  selbst.
        <pb n="8" />
        Einleitung.

9

Ist  also  die  Leimarbeit  aus  denselbeu  allgemeinen  Gründen  in
der  Metallindustrie  zu  verwerfen  und  zu  bekämpfen,  wie  in  den  übrigen
Gewerben,  die  sich  ihrer  bedienen,  so  ebenfalls  noch  aus  dem,  daß
sie  den  Industriearbeitern,  den  Fabrik-  und  Werkstättearbeitern ­
  eine  unebenbürtige  Konkurrenz  bereitet,  ihre  Lage
tiefer  drückt  und  ihnen  fo  die  Lebenshaltung  erschwert.
Die  Gründe,  die  zur  Bekämpfung  der  Leimarbeit  in  der  Metallindustrie ­
  zwingen,  sind  kurz  zusammengefaßt:
Ihre  Gefahr  für  die  Volksgesundheit,
1.  durch  direkte  Einwirkung  auf  die  Beteiligten,
2.  durch  Übertragung  ihrer  mit  Infektionsstoffen  versehenen ­
  Erzeugnisse  auf  den  Konsumenten  und
3.  durch  Beeinflussung  der  Lohnverhältnisse  der  Industrieund
  Fabrikarbeiter  im  ungünstigsten  Sinne.
Diese  Gründe  rechtfertigen  unter  allen  Llmständen  die  Gegnerschaft
der  Gewerkschaften  gegen  die  Lausindustrie  lind  werden  hoffentlich
mit  dem  Leimarbeiterschutzkongreß  dazu  beitragen,  auch  diese  Gefahr
den  direkt  beteiligten  Leimarbeitern  mehr  und  mehr  zum  Bewußtsein
zu  bringen.
Zum  Schluffe  noch  einige  Worte  über  die  Bearbeitung  und
die  Zusammenbringung  des  Stoffes.  Da  diese  Arbeit  auf
keine  wesentliche  Anterstützung  seitens  der  Beteiligten  selbst  zu  rechnen
hatte,  erfolgte  sie  auf  Grund  allgemeiner  Beobachtungen  der
Bezirksleiter  und  sonstiger  Verwaltungsbeamten  unseres  Verbandes;
in  einigen  Fällen  gelang  es  auch,  Leimarbeiter  zur  Berichterstattung
heranzuziehen.  Wo  allgemeine  Beobachtungen  nicht  möglich  waren,
beschränkte  man  sich  auf  die  Feststellung  der  Verbreitung  lind  suchte
aus  schon  vorhandenen  Werken  etwas  über  die  Lage  der  Leimarbeiter ­
  herbeizribringen.  Die  Berichte  sind  in  der  Lauptsache  im
Original  wiedergegeben  u&amp;gt;ld  mit  den:  Namen  des  Berichterstatters  gedeckt.
Gelang  es  auch  nicht,  auf  diese  Weise  ein  erschöpfeildes  Bild
zu  gewinnen,  so  dürfte  immerhin  der  nächste  Zweck,  der  zu  erreichen
erstrebt  werden  mußte,  erreicht  sein.  Es  diirste  durch  diese  Zusammen ­
        <pb n="9" />
        10

Vorwort  und  Einleitung.

stellungen  weiten  Kreisen  die  Augen  geöffnet  worden  sein,  über  die
Verbreitung  und  die  Vielseitigkeit  der  Äeimarbeit  in  der  Metallindustrie, ­
  und  diese  Kenntnis  dürfte  dazu  beitragen,  auch  die  organisierten ­
  Industriearbeiter  zu  veranlassen,  mehr  als  bisher  ihre  Aufmerksamkeit ­
  der  für  die  Allgemeinheit  in  der  Äeimarbeit  erwachsenden
Gefahr  zuzuwenden.  Wenil  dieser  Zweck  erreicht  würde,  hätte  das
Schriftcheir  seinen  Zweck  vollkommen  erfüllt.
Stuttgart,  im  Februar  1904.

Der  Vorstand  des
Deutschell  Metallarbeiter-Verbandes.
        <pb n="10" />
        Schlesien.

Obwohl  Schlesien  bedeutende  Metall-  und  Maschinenindustrie  hat
—  sind  doch  rund  100000  Beschäftigte  vorhanden  —,  so  ist  im  Gegensatz
zu  anderen  Provinzen,  wo  die  Ausdehnung  der  Industrie  lange  nicht  in
dem  Maße  wie  in  Schlesien  vorhanden,  die  Heimarbeit  nur  wenig
vertreten.  Einmal  liegt  das  daran,  daß  die  hier  hergestellten  Artikel
zumeist  einer  maschinellen  Bearbeitung  unterworfen  sind.  Aber  selbst
da,  wo  dies  nicht  der  Fall,  die  hausindustrielle  Beschäftigung  also
durchführbar  wäre,  gewinnt  es  den  Anschein,  als  ob  die  Mehrzahl  der
schlesischen  Unternehmer  die  hausindustrielle  Beschäftigung,  die  Heimarbeit ­
  als  wenig  produktiv,  als  unlohnend  betrachten.  Denn  während
in  anderen  Industrien  die  Zahl  der  Heimarbeiter  zugenommen,  ist  bei
uns  ein  fortgesetzter  Rückgang  zu  verzeichnen.  Zumeist  dürfte  dieser
Rückgang  darin  begründet  sein,  daß  bei  der  äußerst  scharfen  gegenseitigen ­
  Konkurrenz  der  Unternehmer  kein  Raum  und  Platz  für  die
weniger  Gewinn  versprechendere  und  auch  unkontrollierbarere  Heimarbeit ­
  ist.  Dies  gilt  besonders  für  die  Uhrenindustrie,  in  der  früher,
bis  zum  Jahre  1899,  die  Zahl  der  Heimarbeiter  etwa  25  Prozent
gegenüber  den  fabrikmäßig  beschäftigten  Arbeitern  und  Arbeiterinnen
betrug.  Doch  davon  weiter  unten.  —  Heimarbeit  ist,  soweit  unsere
Gewerbe  in  Betracht  kommen,  in  der  Uhrenindustrie,  der  Messerund ­
  Scheren-,  der  Gold-  und  Silberwaren-  und  der  Nadel-,
Schnallen-  und  Knopfindustrie  anzutreffen.
In  der  Uhrenindustrie,  die  ihren  Sitz  in  Schweidnitz  und
Areiöurg  hat,  sind  nur  am  letzteren  Orte  Heimarbeiter  vorhanden  und
zwar  höchstens  20  Personen.  Diesen  stehen  zirka  400  industriell  fabrikmäßig ­
  beschäftigte  Metallarbeiter  gegenüber.  Zumeist  sind  es  Frauen,
die  die  Heimarbeit  verrichten.  13  bis  14  Personen  erhalten  die  Arbeit
von  den  Vereinigten  Uhrenfabriken,  Aktiengesellschaft.  Die  anderen
5  bis  6  rekrutieren  sich  aus  Mitgliedern  der  Uhrenfabrik  Urania  zu
Polsnitz,  Gesellschaft  mit  beschränkter  Haftung.  Während  letztere  um
eine  Hilfskraft  zu  sparen,  Arbeiten  mit  nach  Hause  nehmen,  die  Heimarbeit ­
  bei  ihnen  also  Nebenberuf  ist,  sind  die  ersteren  völlig  auf  den
Erwerb  durch  Heimarbeit  angewiesen.  Diesen  Frauen,  zumeist  Witwen,
oder  wenn  keine  Frauen,  Invaliden  und  sonstigen  mehr  oder  weniger
kranken  Personen,  wird  die  Heiniarbeit  als  eine  Vergünstigung  angerechnet, ­
  und  erhalten  sie  die  Arbeit  nur  mit  nach  Haus,  weil  sie  aus
irgend  einem  Grunde  nicht  in  die  Fabrik  gehen  können.  Die  Heiinarbeit
  ist  also  bis  aufs  äußerste  eingeschränkt.  Während  noch  bis  zunr
        <pb n="11" />
        12

Die  Heimarbeit  und  ihre  Verbreitung  in  der  Metallindustrie.

Jahre  1899  die  Zahl  der  hausindustriell  oder  mit  Heimarbeit  beschäftigten ­
  Personen  zirka  150  betrug,  sind  jetzt,  wie  ausgeführt,  kaum
20  Heimarbeiter  für  die  Uhrenindustrie  vorhanden.  Seit  dem  Jahre  1899
existiert  nämlich,  abgesehen  von  der  Urania,  nur  noch  eine  Firma,  das
ist  die  Vereinigte  Uhrenfabrik  Aktiengesellschaft.  Diese  Fabrik  beschäftgt
nicht  mehr  Arbeiter  und  Arbeiterinnen  als  wie  früher  die  fünf  Fabriken
Konkordia,  Germania,  Willmann  &amp;amp;  Cie.,  Kappel  &amp;amp;•  Cie.  und  Becker
beschäftigten.  Da  nun  auf  dem  Uhrenmarkt  die  Konkurrenz  eine  immer
schärfere  geworden,  die  Preise  oft  genug  mn  das  doppelte  zurückgegangen
sind,  so  liegen  hier  tatsächlich  die  Dinge  so,  daß  die  Heimarbeit  als
unlohnend,  unproduktiv  angesehen  werden  muß.  Ferner  kommt  in
Betracht,  daß  nur  noch  bei  wenigen  Werken  die  einzelnen  Teile  so  bearbeitet ­
  werden  wie  früher.  Während  sonst  bei  allen  Teilen  der  Grat
abgezogen  und  die  Seiten  geschlichtet  wurden,  wird  dies  jetzt  nur  noch
bei  besseren  Uhren  gemacht.  Sonst  kommt  alles  in  den  Schüttelkasten,
so  daß  an  den  einzelnen  Teilen,  die  gestanzt  werden,  kein  Feilstrich
mehr  getan  wird.  Dadurch  sind  in  der  Hauptsache  die  Heimarbeiter
überflüssig  geworden,  denn  deren  Tätigkeit  bestand  darin,  den  Grat
wegzunehmen  und  die  Kanten  zu  schlichten.  Gegenwärtig  wird  von
den  vorhandenen  Heimarbeitern  an  folgenden  Teilen,  so  weit  diese  für
bessere  Uhren  sind,  der  Grat  abgezogen:  Räderschenkel,  Einfallschnalle,
Rechenarme,  Sternkegel,  Sperrkegel  (siehe  Zeichnung  und  Proben).
Einzelne  Arbeiter  setzen  noch  Flaschenzüge  und  Backen  zusammen,  bauen
Pendelstangen  und  richten  Triebe.  Die  Bezahlung,  der  Akkordpreis,
ist  der  gleiche  als  in  der  Fabrik  bezahlt  wird.  Nur  müssen  sich  die
Heimarbeiter  sämtliches  Werkzeug  kaufen,  wie  Feilen,  Spannkluppen,
Stichel,  Schraubstöcke  u.  s.  w.
In  Schweidnitz  ist,  soweit  die  Uhrenindustrie  in  Betracht  kommt,
keine  Heimarbeit  vorhanden.  Dort  befindet  sich  aber  ein  Werk  der
Weltfirma  Priem,  die  ja  bekanntlich  in  Budapest,  Wien  und  Stollberg
  bei  Aachen  noch  Fabriken  hat.  In  diesem  Betrieb  sind  tätig
etwa  15  Arbeiter,  25  Arbeiterinnen,  dazu  kommen  11  bis  12  Heimarbeiter, ­
  deren  Kinder,  zirka  24  bis  25,  bei  der  Arbeit  helfen.  Verfertigt ­
  werden:  Haarnadeln,  Häkelnadeln  und  Aufhängerketteln.
Aber  nur  erstere  werden  zum  Verpacken  als  Heimarbeit  vergeben.  Die
Bezahlung  dafür  ist  eine  miserable.  Für  100  Päckchen  Nadeln,  gleichgültig ­
  ob  4  oder  25  eingezählt  werden,  gibt  es  5  Pf.  Dabei  kann
eine  geschickte  Arbeiterin  mit  Hilfe  von  2  Kindern  im  Alter  von  8
bis  9  Jahren  in  10  Stunden  etwa  1000  Päckchen  fertig  bringen.  Es
wird  also  ein  Verdienst  von  50  Pf.  in  10  Stunden  erzielt.  Mehr
wie  100  Päckchen  ist  niemand  imstande  pro  Stunde  zu  leisten.
Alsdann  befindet  sich  in  Schweidnitz  noch  die  Firma  Conrads
Nachfolger,  Fabrik  für  Haarnadeln,  Hosenschnallen,  Knöpfe
und  Ketteln  beziehungsweise  Aufhänger.  Alle  vier  Artikel  werden
teilmeis  hausindustriell  verfertigt.  In  der  Fabrik  sind  beschäftigt  etwa
20  Arbeiter,  30  Arbeiterinnen,  außerdem  60  bis  70  Korrigenden  (Arbeitshäusler), ­
  sodann  sind  für  diese  Fabrik  noch  etwa  30  Heimarbeiter,
zumeist  Frauen,  tätig.  Der  Verdienst  der  letzteren  ist  auch  hier  miserabel.
Bei  den  Haarnadeln  ist  er  genau  so  „hoch"  wie  bei  Priem.  Beim
        <pb n="12" />
        Schlesien:  Freiburg,  Riemberg,  Schweidnitzer  Bezirk.

13

Schnallen  schlagen,  das  kiloweise  bezahlt  wird,  werden  Verdienste  von
2,  3,  4,  5  Mk.  in  14  Tagen  erzielt.  Angaben,  die  Hosenknöpfe  und
die  Aufhänger  betreffend,  waren  leider  nicht  zu  erlangen.
Mit  diesen  Schilderungen  ist  eigentlich  das  Thema  über  die  Heimarbeit ­
  in  der  Metallindustrie  Schlesiens  in  der  Hauptsache  erschöpft.
Ergibt  sich  schon  für  oben  angeführte  Gruppen,  daß  nur  eine  geringe
Zahl  für  die  Heimarbeit  in  Betracht  kommt,  so  ist  die  Zahl  der  in
der  Messerindustrie  u.  s.  w.  beschäftigten  Heimarbeiter  noch  geringer.
In  der  Messerindustrie,  die  i»  dem  Städtchen  Miemberg  und  im
Schweidnitzer  WezirK  betrieben  wird  und  in  der  etwa  250  Personen
beschäftigt  werden,  sind  ilach  unseren  bisherigen  Ermittelungen  höchstens
ein  Dutzend  Heimarbeiter  vorhanden.  Diese  sollen  ja  nun,  nach  einem  in
Nr.  13  im  zweiten  Jahrgang  der  Zeitschrift  Das  Handwerk  erschienenen
Artikel  über  die  Bedeutung  der  Riemberger  Messerindustrie  zufolge,
lohnenden  Verdienst  haben.  Es  heißt  dort:  „Ferner  arbeiten  noch  einige
Meister  nach  alter  Methode  allein,  jedoch  deren  Zahl  verringert  sich
mehr  und  mehr,  denn  sofern  die  Leute  sich  nicht  dem  Großbetrieb ­
  zuwenden  und  zu  Hause  arbeiten,  nehmen  sie  doch
aus  diesem  die  vorgearbeiteten  Rohbestandteile  entgegen,  um
diese  teils  fertig  als  Messer,  teils  bis  zu  einem  gewissen
Grade  verarbeitet,  dahin  bei  leichter  Arbeit  und  lohnendem  (!)
Verdienst  wieder  abzuliefern.  Mit  dem  lohnenden  Verdienst  kann
es  nicht  weit  her  sein.  Ein  Heimarbeiter  beispielsweise,  der  noch  dazu
nebenbei  Chausseearbeiter  ist,  verdient  nur  2  Mk.  wöchentlich.  In  der
Silbermarenindustrie  wird  auch  noch  kein  Dutzend  Heimarbeiter  in
der  ganzen  Provinz  zusammen  kommen.  Hier  sind  es  Frauen,  welche
Polierarbeiten  leisten.  Der  Verdienst  ist  auch  hier  gering,  6  bis  7  Mk.
pro  Woche.  Schließlich  haben  wir  noch  nachweisbar  in  der  Blechwarensabrikation
  einige  „heimliche"  Heimarbeiter,  Leute,  die  vermeintlich
während  ihrer  zehnstündigen  Arbeitszeit  im  Betrieb  nicht  genug  schaffen
und  sich  dann  noch  Arbeit,  zumeist  ohne  Wissen  des  Unternehmers  und
immer  zum  Schaden  der  Allgemeinheit,  mit  nach  Hause  nehmen.  Solche
Art  Heimarbeiter  mögen  übrigens  noch  in  anderen  Gewerben  auch
vorhanden  sein.

Breslau.

Fr.  Schlegel.
        <pb n="13" />
        Königreich  Sachsen.

Über  die  Heimarbeit  in  der  Metallindustrie  im  Königreich  Sachsen
ist  noch  sehr  wenig  in  die  Öffentlichkeit  gedrungen.  Statistische  Aufnahmen ­
  sind  überhaupt  noch  nicht  vorgenommen  worden.  Solchen  Aufnahmen ­
  stellen  sich  auch  ungeheure  Schwierigkeiten  in  den  Weg.  Um
nun  aber  über  die  Lage  dieser  Arbeiter  wenigstens  etwas  genauere
Kenntnis  zu  erhalten,  habe  ich  die  Gegenden,  wo  solche  beschäftigt
werden,  und  dort  wieder  die  Hütten  derselben,  besucht.  Durch  diese
Besuche  lernte  ich  eine  Ausbeutung  kennen,  die  wohl  einzig  dastehen  dürfte.
Die  Heimarbeit  der  Metallindustrie  in  Sachsen  verteilt  sich  auf
folgende  Gegenden  und  Berufe.  In  Weujkadt  und  Umgegend  ist  die
Messerschmiederei  zu  Hause.  Im  oberen  Erzgebirge,  in  den
Dörfern  Sachsenfeld,  Beierfeld,  Bernsbach  und  Grünhain
werden  Blechwaren  gefertigt,  und  in  Markneukirchen  und  Klingenthal ­
  i.  Vogtl.,  sowie  in  den  umliegenden  Dörfern,  werden  Musikinstrumente ­
  aller  Art  gemacht.
Eigenartige  Verhältnisse  herrschen  in  der  Neustädter  Messerschmiederei, ­
  welche  in  den  Händen  von  zwei  Firmen  ist.  Die  Erzeugnisse
bestehen  in  Messern  und  chirurgischen  Instrumenten.  Die  Schmiede  und
Schleifer  arbeiten  in  den  den  Firmen  gehörigen  Fabrikbetrieben,  während
die  sogenannten  Bankarbeiter  die  Arbeit  in  ihren  Wohnungen  verrichten.
Die  Schmiede  müssen  den  Stahl,  die  Kohlen  und  was  sie  sonst  noch
brauchen,  selbst  kaufen.  Den  Stahl  sind  sie  gezwungen  von  der  Firma
zu  beziehen  und,  wie  mir  versichert  wurde,  100  Prozent  teurer  als  diese
ihn  selbst  kauft.  An  dem  Stahl,  der  also  beim  Schmieden  abfällt  oder
Ausschuß  wird,  hat  die  Firma  aus  Kosten  des  Arbeiters  trotzdem  ihren
Profit.  Die  Schleifer  müssen  ebenfalls  Scheiben  und  was  sonst  dazu
gehört,  selbst  stellen.  Schmiede  und  Schleifer  sind  jedoch  vom  Unternehmer ­
  gegen  Krankheit,  Alter  und  Invalidität  versichert,  die  Bankarbeiter ­
  hingegen  nicht.  Die  Zahl  derselben  beläuft  sich  aus  170  bis
180  Mann.
Die  Arbeit  geht  in  folgender  Weise  vor  sich:  Der  Bankarbeiter
bekommt  vom  Unternehmer  eine  Bestellung  ans  eine  gewisse  Anzahl
Messer  nach  einem  bestimmten  Modell.  Er  begibt  sich  nun  zum  Schmied,
bei  dem  er  die  dazu  erforderlichen  Teile  bestellt.  Dieser  hat  sie  nach
einem  von  der  Firma  festgesetzten  Preis  zu  liefern.  Das  Messer  wird
nun  vom  Bankarbeiter  in  seinen  einzelnen  Teilen  gebohrt  und  gefeilt.
Daraus  wird  es  zusammengesetzt  (eingestellt)  und  so  lange  bearbeitet,
bis  es  gut  funktioniert,  wird  dann  wieder  auseinander  genommen  und
        <pb n="14" />
        Sachsen:  Neustadt.

15

in  der  Fabrik  gehärtet.  Dann  erhält  es  der  Bankarbeiter  wieder,  setzt
es  zusammen  und  richtet  die  eventuell  beim  Härten  verzogenen  Teile
gerade.  Nun  kommt  es  wieder  zur  Fabrik  und  wird  geschliffen.  Erst
wenn  es  geschliffen  ist,  werden  die  Schalen  vonr  Bankarbeiter  aufgenietet
und  poliert.  Das  erforderliche  Werkzeug  nmß  sich  der  Arbeiter  selbst
beschaffen,  ebenso  alle  sonstigen  Zutaten  wie  Draht,  Öl  u.  s.  w.  Das
Polieren  der  Mesferschalen  geschieht  meistens  in  einer  sogenannten  Schleifmühle, ­
  zu  welcher  der  Arbeiter  oft  eine  halbe  bis  eine  Stunde  laufen
muß.  Sind  nun  gerade  sämtliche  Stände  besetzt,  so  kann  es  ihm  passieren,
daß  er  eine  bis  zwei  Stunden  ivarten  muß,  wenn  er  den  weiten  Weg
nicht  nochmals  machen  will.  Welche  Unsumme  von  Zeit  durch  dieses
System  den  Arbeitern  verloren  geht,  wird  einem  erst  klar,  wenn  man
bedenkt,  daß  diese  Arbeiter  auf  den  stundenweit  entfernten  Dörfern  verstreut ­
  wohnen.  Diese  unrationelle  Produktionsweise  kann  nur  durch
unerhörte  Ausbeutung  rentieren.
Daher  beträgt  die  Arbeitszeit  der  Bankarbeiter  auch  14,  16  und
noch  mehr  Stunden  pro  Tag.  Von  morgens  6  oder  7  Uhr  wird  gearbeitet ­
  bis  abends  10  und  11  Uhr.  Der  Verdienst  schwankt  zwischen
9  bis  15  Mk.  pro  Woche.  Der  Durchschnitt  kann  kaum  höher  als
12Mk.  angenommen  werden.  Da  derselbe  zum  Leben  für  die  Familie
nicht  langt,  muß  die  Frau  mit  verdienen  helfen.  Die  Frauen  machen
meistens  künstliche  Blumen.  Dies  ist  auch  so  eine  jammervolle  Hausindustrie. ­
  Auf  den  Dörfern  wird  hier  und  da  noch  etwas  Landwirtschaft
betrieben,  welche  der  Familie  vielleicht  die  nötigen  Kartoffeln  abwirft.
Der  Bankarbeiter  verrichtet  seine  Arbeit  meistens  in  der  Wohnstube.
Nur  einzelne  haben  einen  besonderen  Arbeitsraum.  Unter  der  Staubentwicklung ­
  bei  der  Arbeit  haben  daher  auch  die  Kinder  zu  leiden.
Wird  nun  Perlmutter,  Horn  oder  Knochen  zu  den  Schalen  gefeilt,  so
ist  die  Staubentwicklung  ganz  enorm.  Zudem  verarbeitet  die  Mutter
mit  giftigen  Farben  gefärbte  Bestandteile  zu  Blumen.
Eine  ganze  Reihe  anderer  Mißstände  macht  den  Arbeitern  ihre
Lage  geradezu  unerträglich.  Daher  kommt  es  auch,  daß  dort  keine
Lehrlinge  mehr  vorhanden  sind.  Niemand  aus  der  dortigen  Gegend
will  Messerschmied  werden.
Beim  Abliefern  wird  die  Arbeit  mit  der  Lupe  geprüft.  Ist  sie
nicht  ganz  tadellos,  bekommt  sie  der  Arbeiter  wieder  zurück.  Hat  sich
der  Arbeiter  nur  im  geringsten  mißliebig  gemacht,  kann  man  ihn  hier
gehörig  zwiebeln.  Auch  mit  schlecher,  wenig  lohnender  Arbeit  werden
solche  Leute  gemaßregelt.  Es  kommt  oft  vor,  daß  der  Arbeiter  in  kurzer
Zeit  so  viel  zurück  bekommt,  daß  für  die  Nacharbeit  fast  eine  ganze
Woche  darauf  geht,  wo  er  dann  überhaupt  keinen  Verdienst  hat.  Ist
es  dann  ein  Wunder,  wenn  diese  Leute  zur  Schnapsflasche  greifen,  um
Vergessenheit  im  Alkohol  zu  suchen.  Letzterer  hilft  so  die  Degeneration
vervollständigen.  Die  gewerkschaftliche  Organisation  konnte  dort  noch
nicht  Fuß  fassen.
Im  nahen  Böhmen  sollen  die  Mißstände  bei  den  Arbeitern  derselben ­
  Branche  noch  viel  krasser  sein.  Diese  müssen  für  dieselben  Preise
noch  den  halben  Betrag  vom  Zoll  bezahlen.  Dort  wird  die  Lehrlingsausbeutung ­
  betrieben.
        <pb n="15" />
        16

Die  Heimarbeit  und  ihre  Verbreitung  in  der  Metallindustrie.

In  der  oöererzgeliirgischen  Blechwarenbranche  unterscheidet  man
bei  den  Heimarbeitern  zwei  Kategorien.  Nämlich  Schwarz-  und  Weißblechklempner. ­
  Gefertigt  werden  aller  Art  Küchengeräte.  Die  Schwarzblechklempner ­
  arbeiten  für  die  Emaillierwerke  die  Gegenstände  teilweise
bis  zum  Emaillieren  vor.  Die  Weißblechklempner  liefern  hingegen
fertige  Produkte  an  Fabrikanten,  Händler  und  Grossisten.  Die  Preise
für  die  Ware  bestimmt  allenthalben  der  Auftraggeber.  Hier  existiert
ein  ausgeprägtes  Zwischenmeistersystem  und  eine  schauderhafte  Lehrlingszüchterei. ­
  Auch  ist  die  Kinderarbeit  noch  sehr  verbreitet.  Durch  eigene
Ausbeutung  ist  es  eben  den  Heimarbeitern  nicht  möglich,  zu  existieren,
und  so  muß  die  Kinder-  und  Lehrlingsausbeutung  die  Existenzmöglichkeit ­
  verschaffen  helfen.
Bei  zirka  105  Zwischenmeistern  arbeiten  ungefähr  220  Gehilfen,
260  Lehrlinge  und  35  Arbeiterinnen.  Die  Arbeitszeit  beträgt  täglich
13  bis  14  Stunden  und  noch  länger.  Außerdem  ist  Sonntagsarbeit
gang  und  gäbe.  Über  den  Verdienst  habe  ich  nichts  genaues  erfahren
können.  Die  Leute  sind  sehr  mißtrauisch  und  rücken  nicht  mit  der
Sprache  heraus.  Daß  derselbe  sehr  gering  sein  muß,  geht  aus  nachstehenden ­
  Tatsachen  hervor.  Von  den  Gehilfen  konnte  ich  erfahren,  daß
sie  mit  9  bis  12  Mk.  pro  Woche  bezahlt  werden.  Die  Fabrikanten
geben  die  Arbeit  zu  Preisen  an  die  Heimarbeiter,  die  nicht  höher,  ja
sehr  oft  noch  niedriger  sind,  als  wie  sie  den  Arbeitern  in  der  Fabrik
bezahlt  werden.  Der  Heimarbeiter  muß  dafür  noch  Zutaten  wie  Lötzinn, ­
  Holzkohlen  u.  s.  w.  aus  seiner  Tasche  bezahlen,  ferner  das  Werkzeug, ­
  Stanzen,  Schnitte  und  anderes  mehr  selbst  stellen.  Die  Fabrikanten ­
  hätten  sehr  leicht  die  Möglichkeit,  ihre  Betriebe  zu  vergrößern.
Dies  tun  sie  aber  nicht,  sondern  geben  so  viel  als  irgend  geht  nach
außerhalb.  Sie  bekommen  auf  diese  Weise  die  Arbeit  eben  viel  billiger
hergestellt.  Die  Heimarbeiter  machen  sich  zudem  noch  gegenseitig  Konkurrenz ­
  und  unterbieten  sich.  Ein  solcher  Heimarbeiter,  der  zu  einem
anderen  Beruf  übergegangen  ist,  hat  mir  hierüber  folgendes  gesagt:
Ich  habe  für  ein  Emaillierwerk  Henkel  gemacht.  Dafür  bekam  ich  pro
100  Stück  6  Mk.  Das  Material  mußte  ich  dazu  selbst  kaufen  und  kam
auch  für  100  Stück  auf  zirka  1  Mk.  z»  stehen.  Ich  hatte  noch  einen  Jungen,
den  ich  zeitweise  beschäftigte  und  pro  Stunde  5  Pf.  bezahlte.  Meine
Frau  arbeitete  ebenfalls  mit.  Wir  drei  brachten  es  pro  Jahr  auf  einen
Verdienst  von  zirka  800  Mk.,  davon  sind  aber  die  Ausgaben  für  Neubeschasfung
  und  Ersatz  von  Werkzeugen  noch  nicht  in  Abzug  gebracht.
Nun  kam  aber  einer,  der  die  Henkel  für  den  halben  Preis  machen
wollte  und  da  habe  ich  den  Betrieb  eingestellt.  Die  Frau  sagte,  jetzt
leben  wir  glücklich,  früher  hatten  wir  oft  nichts  zu  essen.  Und  dabei
bekommt  der  Mann  in  seiner  jetzigen  Stellung  pro  Woche  12  Mk.  Lohn.
Darnach  kann  man  sich  einen  Begriff  von  dem  Verdienst  dieser  Leute
machen.  Die  Lehrlinge  bekommen  entiveder  Kost  und  Logis  oder  3  Mk.
Lohn  pro  Woche.  Wenn  ihre  „Lehrzeit"  vorüber  ist,  haben  sie  aber
so  gut  wie  nichts  gelernt.  Sie  haben  die  meiste  Zeit  an  der  Stanze
zugebracht.  Da  nur  zwei  oder  drei  Artikel  gemacht  werden,  könnte
die  Ausbildung  eines  solchen  „Lehrlings"  bequem  in  vier  Wochen
erfolgen.  Das  Verbot  der  Kinderarbeit  hat  in  den  Kreisen  dieser  Heim-
        <pb n="16" />
        Sachsen:  Obererzczcbirge,  Vogtland  —  Klingenthal,  Zwota.

17

arbeitet  seinerzeit  eine  große  Erregung  hervorgerufen.  Sie  waren  eben
auf  die  Kinderarbeit  angewiesen  und  haben  keine  Ahnung  von  der
hohen  kulturellen  Bedeutung  dieses  Verbots.
In  den  Wohnräumen  selbst  wird  nicht  gearbeitet.  Trotzdem  sind
die  Zustände  in  sanitärer  Hinsicht  nlitunter  haarsträubend.  Die  Arbeitsräume ­
  find  für  die  Zahl  der  darin  beschäftigten  Personen  viel  zu
klein  und  vor  allen  Dingen  zu  niedrig.  In  diesen  Räumen  sind,  bei
den  Weißblechklempnern,  Lötofen  aufgestellt.  Durch  das  fortwährende
Löten  wird  die  Luft  infolge  des  Gebrauchs  von  Salmiak  und  verdünnter
Salzsäure  vollständig  verdorben.  Betritt  man  einen  solchen  Raum,  so
benimmt  der  Dunst  dem  Besucher  fast  den  Atem.  In  einer  Werkstatt
von  8  Meter  Länge,  4  Meter  Breite  und  2'st  Meter  Höhe  arbeiteten
10  Personen,  nämlich  der  Meister,  ein  Gehilfe,  ein  Mädchen,  sechs
Lehrlinge  und  der  alte  Vater  des  Meisters.  Drei  davon  saßen  ständig
anr  Lötofen.  In  einer  anderen  Werkstatt,  welche  zirka  4  Meter  lang,
3  Meter  breit  und  nur  2  Meter  hoch  war,  traf  ich  5  erwachsene  Personen ­
  bei  der  Arbeit.  Früher  sollen  6  Personen  darin  gearbeitet  haben.
Von  den  5  Personen  arbeiteten  2  an,  Lötofen.  In  einer  dritten  Werkstatt ­
  arbeitete  der  Meister,  ein  Gehilfe,  ein  Lehrling,  die  Frau  und
ein  7-  bis  8jähriger  Knabe  des  Meisters.  Außerdem  hielten  sich  noch
zwei  Kinder  im  Alter  von  ungefähr  3  und  4  Jahren  darin  auf.  Das
vierjährige  Kind  reichte  der  Mutter  Drähte  zu,  welche  diese  in  Reibeisen ­
  einzog.  Der  7-  bis  8jährige  Knabe  saß  mit  am  Lötofen  und
bestrich  für  den  Lehrling  und  den  Gehilfen,  welche  löteten,  Siebe  mit
Lötwasser  (verdünnte  Salzsäure).  Wer  diese  Arbeit  kennt,  weiß  auch
ihre  gesundheitschädliche  Wirkung  selbst  für  den  Erwachsenen  zu  beurteilen.
Der  Organismus  eines  zarten  Kindes  muß  bei  solcher  Arbeit  unter
allen  Umständen  schwer  geschädigt  werden.
Was  nützen  hier  alle  Verbote  von  Kinderarbeit,  wenn  keine  Kontrolle ­
  da  ist.  Warum  unterstellt  man  solche  Betriebe  nicht  der  Gewerbeinspektion ­
  ?
Am  erbärmlichsten  sind  die  Zustände  bei  den  Arbeitern  der  Musikinstrumentenmacherei ­
  im  Mogtkand.  Ganz  besonders  schlecht  gestellt
sind  hier  wieder  die  Arbeiter  in  Kkingenthast  Zwota  und  Umgegend.
Hier  werden  Zieh-  und  Mundharmonikas  gemacht.  Das  Elend  was
da  herrscht,  ist  einfach  unbeschreiblich.  Die  schauderhaften  Zustände
der  Konfektionsbranche  werden  hier  weit  übertroffen.  Inmitten  einer
herrlichen  Natur,  schönbewaldete  Berge  wechseln  mit  anmutigen  Tälern,
wird  durch  eine  geradezu  verbrecherische  Produktionsart  ein  Menschenstamm ­
  zugrunde  gerichtet.  Not  und  Entbehrung  habe  ich  in  jungen
Jahren  am  eigenen  Leibe  kennen  gelernt.  Meine  Tätigkeit  in  späteren
Jahren  gab  mir  sehr  oft  Gelegenheit,  fremdes  Elend  zu  schauen,  so  daß
ich  gewissermaßen  damit  vertraut  bin.  Trotzdem  wirbelte  mir  der  Kopf
und  mehr  als  einmal  mußte  ich  Tränen  unterdrücken,  als  sich  mir
auf  meinem  Rundgang  durch  die  Hütten  dieser  Arbeiter  ein  Elend
offenbarte,  das  sich  nicht  beschreiben  läßt.  Keine  Feder  ist  gewandt,
keine  Zunge  beredt  genug,  um  dies  zu  schildern.  Das  muß  man
gesehen  haben,  um  es  begreifen  zu  können.  Was  anderwärts
der  Alkoholismus  anrichtet,  besorgt  hier  der  Hunger  nnd  die  Arbeitszeit.
        <pb n="17" />
        18

Die  Heimarbeit  und  ihre  Verbreitung  in  der  Metallindustrie.

Nämlich  die  absolute  Tötung  des  Geistes,  die  Zerrüttung  des  Körpers
und  die  völlige  Vertierung  der  Menschen.  Schnaps  wird  keiner  getrunken. ­
  Selbst  dazu  langt  der  Verdienst  nicht,  um  im  elendesten  Fusel,
wie  es  oft  anderwärts  geschieht,  das  Elend  zu  betäuben.  Trockenes
Brot,  schwarze  Cichorienbrühe  und  Kartoffeln  bilden  die  ganze  Nahrung.
Viele  haben  dies  auch  nicht  immer.  Der  Hering  ist  bei  einer  großen
Zahl  ein  Sonntagsgericht,  was  sich  nicht  jeder  leisten  kann.  Essig  und
Zwiebel  hineingeschnitten  ist  die  Zutat  zu  den  Kartoffeln.  Viele,  sehr
viele  bekommen  das  ganze  Jahr  kein  Stück  Fleisch  in  den  Mund.  Nur
den  Bessergestellten  ist  es  vergönnt,  sich  Sonntags  ein  halbes  Pfund
Fleisch  für  die  ganze  Familie  kaufen  zu  können.  Dann  müssen  wir
uns  aber  Montags  einschränken,  ivurde  mir  wiederholt  versichert.  Das
Aussehen  der  meisten  dieser  Armen  ist  schauderhaft,  durchweg  welke,
schwächliche  Gestalten  mit  blutleeren,  gelblichen  Gesichtern,  nicht  einmal
in  den  Lippen  entdeckt  man  eine  Spur  von  Röte  -  und  das  bei  Menschen
im  Alter  von  20  bis  30  Jahren.  Trübe,  ohne  jeden  Glanz  schimmern
die  Augen  im  Gesicht.  Diese  Menschen  können  nicht  lachen.  Selbst
die  Kinder  schleichen  abgespannt  und  gleichgültig  einher.  Von  einer
Fröhlichkeit  der  Jugend  ist  nichts  zu  spüreu.  Auch  keine  Ängstlichkeit
oder  Neugier  bei  Eintritt  eines  Fremden  habe  ich  wahrgenommen,  was
doch  sonst  den  Kindern  eigen  ist.
Die  Fabrikanten  lassen  nur  das,  was  aus  technischen  Gründen
unbedingt  in  den  Fabriken  hergestellt  iverden  muß,  in  letzteren  herstellen.
Alle  andere  Arbeit  geben  sie  den  Heimarbeitern.  Die  Teilarbeit  ist
bis  ins  kleinste  durchgeführt.  Die  Metallplatten  zu  Mundharmonikas
werden  in  der  Fabrik  gestanzt.  Nachdem  erhält  sie  der  Stiftemacher.
Dieser  fertigt  aus  Draht  kleine  winzige  Stifte  und  macht  diese  auf
der  Metallplatte  fest.  Nun  sommert  die  Platten  zum  sogenannten
Richter.  Hier  werden  die  kleinen  Metallplättchen,  welche  den  Ton
geben,  auf  die  Stifte  aufgedrückt  nnb  vernietet.  Diese  Arbeit  muß  sehr
genau  gemacht  werden,  wenn  das  Blättchen  nicht  ganz  genau  sitzt,  kann
es  nicht  schwingen  und  gibt  infolgdessen  keinen  Ton.  Hierauf  müssen
alle  Plättchen  durchprobiert  werden,  ob  sie  schwingen.  Die  letzte  Arbeit
ivird  vom  Stimnrer  gemacht.  Auf  einem  sognnannten  Stimmtisch
werden  mittelst  Blasebalg  die  Stimnren  einzeln  auf  ihren  Ton  untersucht ­
  und  das  Stimmblättchen  mit  einer  kleinen  Feile  solange  gefeilt,
bis  es  den  richtigen  Ton  gibt.  Die  Frau  des  Stiinmers  nagelt  dann
die  Platten  ans  die  Hölzer  auf.  Ist  dies  geschehen,  muß  der  Mann
die  Harmonikas  nochmals  mit  dem  Munde  probieren.  Die  Stiftemacher
müssen  den  Draht  zu  den  Stiften  und  die  Stimmer  die  Nägel  zum
Aufnageln  selbst  kaufen.  Das  erforderliche  Werkzeug  muß  sich  jeder
Arbeiter  ebenfalls  selbst  beschaffen.  Auf  ähnliche  Weise  wie  die  Mundharmonikas
  werden  auch  die  Ziehharmonikas  hergestellt.  Nur  daß  der
Richter,  an  den  bedeutend  stärkeren  Metallplatten,  die  Stimmlöcher
ausfeilen  und  dann  die  Platte  selbst  abfeilen  muß.
Die  ganze  Familie  und  auch  die  Kinder  müssen  bei  der  Arbeit
mithelfen.  Die  Arbeitszeit  ist  grenzenlos.  Je  nachdem  wird  mit  der
Arbeit  morgens  um  5,  6  oder  7  Uhr  begonnen  und  ununterbrochen  bis
abends  10,  11,  12  Uhr  und  noch  länger  gearbeitet.  Das  ist  regulär.
        <pb n="18" />
        Sachsen:  Vogtland  —  Klingenthal,  Zwota.

19

Die  Nacht  vor  dem  Lieferungstag  wird  gewöhnlich  durchgearbeitet.
Daß  Sonntags  gearbeitet  wird,  ist  ganz  selbstverständlich.  Viele
solcher  Arbeiter  verlassen  monatelang  ihre  Wohnung  nicht.  Geliefert
wird  durch  die  Frauen.  Bei  zwei  Frauen,  Mutter  und  Tochter,  habe
ich  folgende  Arbeitszeit  festgestellt:  Morgens  halb  vier  oder  um  vier  Uhr
standen  sie  auf,  arbeiteten  ununterbrochen  den  ganzen  Tag  und  abends
gegen  6  Uhr,  wenn  sie  matt  waren,  legten  sie  sich  bis  halb  10  Uhr  ins
Bett,  darauf  arbeiteten  sie  bis  12  Uhr  nachts,  darnach  legten  sie  sich
wieder  schlafen,  schliefen  ivieder  bis  halb  4  oder  4  Uhr  lind  begannen
ihr  Werk  von  neuem.  Vor  Weihnachten  darf  höchstens  drei  oder  vier
Stunden  pro  Tag  geschlafen  lverden.  Die  übrige  Zeit  wird  fest  gearbeitet, ­
  denn  der  Fabrikant  will  Ware  haben.  Wer  nicht  genügend
liefert,  der  kann  in  der  faulen  Zeit  nur  so  viel  Arbeit  erhalten,  daß
es  für  ihn  auf  höchstens  zehn  bis  zwölf  Stunden  täglich  ausreicht  und
das  bedeutet  hungern.
Ein  klassischer  Beweis  für  die  Arbeitszeit  ist  nachstehender  Brief
an  einen  Bekannten,  welcher  mir  zur  Führung  durch  die  Hütten  der
betreffenden  Heimarbeiter  einen  solchen  besorgen  wollte.  Der  Betreffende
hatte  sich  an  einen  ihm  bekannten  Stimmer  gewandt.  Dieser  Stimmer,
einer  der  bestbezahltesten  und  intelligentesten  Arbeiter,  schrieb  ihni
folgende  Absage:
„Lieber  Freund!"  Ich  habe  heute  Abend  mit  bestem  Willen
keine  Zeit,  denn  ich  muß  Donnerstag  und  Freitag  stets  bis
12  Uhr,  auch  oft  bis  1  Uhr  arbeiten,  weil  die  Harmonikas  stets
am  Sonnabend  4  Uhr  abgeliefert  werden  müssen  und  heute  habe
ich  so  notwendig,  daß  ich  mit  bestem  Willen  nicht  kommen  kann,
lvenn  ich  schon  Dir  es  zum  Gefallen  tun  ivollte,  denn  ich  muß
bis  morgen  früh  9  Uhr  4  Dutzend  Harmonikas  machen  und  habe
es  auch  bestimmt  versprochen.
Mit  Gruß
(Folgt  Unterschrift.)
Der  Verdienst  ist  sehr  schwankend,  je  nach  der  Arbeit  des  Betreffenden. ­
  Die  Stiftemacher  sind  die  schlechtest  bezahltesten  Arbeiter.
Dann  kommen  die  Richter,  und  den  „besten"  Verdienst  haben  die
Stimmer.  Auf  meine  direkte  Frage  nach  dem  Verdienst  erhielt  ich  nie
genaue  Auskunft.  „Je  nu,  macht  mer  viel,  da  kriegt  mer  viel,"  wurde
mir  meistens  geantwortet.  Die  Leute  scheuten  sich  offenbar,  mir  ihren
geringen  Verdienst  anzugeben.  Trotzdem  war  derselbe  sehr  leicht  aus
den  Leuten  herauszubringen.  Denn  der  Akkordpreis  der  betreffenden
Arbeit  wurde  mir  stets  willig  genannt,  auch  kannte  denselben  mein
Begleiter  ganz  genau.  Wie  lange  an  der  betreffenden  Arbeit  gearbeitet
wurde,  konnte  ich  auch  ohne  weiteres  erfahren.  Da  habe  ich  dann
Wochenverdienste  von  4,  4,80  bis  zu  12  Mk.  festgestellt.  Dafür  müssen
sich  die  Arbeiter  das  erforderliche  Werkzeug  noch  kaufen.  Ferner  wird
bei  der  langen  Nachtarbeit  eine  Unmenge  Petroleum  verbrannt,  wodurch
der  Verdienst  noch  ganz  bedeutend  geschmälert  wird.  Die  oben  erwähnten ­
  beiden  Frauen  sind  Stiftemacher,  die  Mutter  bringt  es  bei
der  Arbeitszeit  von  16  bis  17  Stunden  auf  einen  täglichen  Verdienst
        <pb n="19" />
        20

Die  Heimarbeiter  und  ihre  Verbreitung  in  der  Metallindustrie.

von  50  Pf.,  während  die  Tochter  bei  gleicher  Arbeitszeit  70  Pf.  täglich
verdient,  und  davon  muffen  die  beiden  noch  zwei  Kinder  der  Tochter
miternähren.  Für  das  Stiftemachen  gibt  es  für  40  Dutzend  Harmonikas
je  nachdem  1,20  bis  1,40  Mk.  Den  Draht  zu  den  Stiften  müssen  die
Leute  selbst  kaufen  und  wird  zu  40  Dutzend  Harmonikas  für  50  bis
60  Pf.  Draht  gebraucht.
Zwei  andere  Frauen,  Mutter  ilnd  Tochter,  richteten  zusammen.
Bei  einer  Arbeitszeit  von  morgens  5  oder  6  Uhr  bis  abends  9  Uhr
konnten  sie  zusammen  40  Dutzend  Harmonikas  pro  Woche  richten,  wofür
sie  4,80  Mk.  bekamen.
Solche  Beispiele  wären  noch  sehr  viele  anzuführen.  Eine  Statistik
würde,  wenn  sie  sorgfältig  vorgenoinmen  ivird,  diese  erschreckenden  Zustände ­
  ziffernmäßig  nachweisen  können.
Diese  Arbeiter  find  als  selbständige  Unternehmer  weder  gegen
Krankheit  noch  Alter  und  Invalidität  versichert.  Die  Kinderarbeit  ist
trotz  aller  gesetzlichen  Bestimmungen  gang  und  gäbe.  Wer  soll  das  auch
kontrollieren?  Während  bei  den  Arbeitern  ein  so  krasses  Elend  herrscht,
werden  die  Unternehmer  immer  reicher  und  baut  sich  einer  nach  dem
andern  seine  Billa.
Froh  sind  die  unglücklichen  Arbeiter  dieser  Industrie,  wenn  sie  noch
unter  oben  geschilderten  Umständen  Arbeit  haben.  Aber  wehe  ihnen,
wenn  Geschäftsstockungen  kommen,  wo  sie  nur  die  Hälfte  oder  den  dritten
Teil  Arbeit  liefern  dürfen.  Dann  fehlt  sehr  oft  das  trockene  Brot  und
die  Kartoffeln.  Zu  bewundern  ist  nur  die  Kraft,  mit  der  die  Natur
das  Menschengeschlecht  ausgestattet  hat.  Indem  solche  Menschen,  wenn
sie  auch  ganz  elende  Kinder  zeugen,  überhaupt  noch  zeugungsfähig  sind.
Die  Wohnungsverhältnisse  sind  ebenfalls  schauderhaft.  Meistens
besteht  die  Wohnung  aus  Stube  und  Kainmer,  aber  welch  elende  und
niedrige  Löcher  trifft  man  da  an.  Extra  Arbeitsräume  gibt  es  nicht,
die  Arbeit  wird  in  der  Wohnstube  verrichtet.  Die  Luft  darin  ist  zum
Ersticken,  denn  im  Winter  wird  nicht  gelüftet,  sonst  ivird  es  doch  kalt
und  mit  dem  Heizmaterial  muß  sehr  gespart  werden.  Und  wie  schmutzig
sieht  es  in  den  meisten  Wohnungen  aus,  die  armen  Frauen  haben  ja
keine  Zeit  zuni  Reinmachen.  Der  ganze  Hausrat  besteht  oft  nur  aus
einem  alten  Tisch,  einer  Bank,  ein  paar  wackeligen  Stühlen  und  ein
paar  armseligen  Betten.  Kleiderschrank  oder  Kommode  fehlt  sehr  oft
ganz,  wozu  auch,  den  ganzen  Besitz  an  Kleidung  und  Wäsche  tragen
viele  auf  dem  Leibe.
Könnte  die  Zieh-  oder  Mundharmonika,  dem  Proletarier  der  Großindustrie, ­
  rvenn  er  sie  nach  Feierabend  zur  Hand  nimmt,  um  lustige
Weisen  darauf  zu  spielen,  ihm  von  dem  Elend  seiner  Schöpfer  erzählen,
er  würde  sie  betrübt  beiseite  legen.
In  Warkneukirchen  i.  Bogtl.  und  Umgegend  werden  bessere
Blas-  und  Seiteninstrumente,  wie  Signalhörner,  Pistons,  Tenor-,
Waldhörner,  Geigen,  Zithern,  Mandolinen,  Guitarren  u.  s.  w.  gemacht.
Die  Zustände  sind  höchstens  in  bezug  auf  den  Verdienst  um  ein  ganz
geringeres  besser  als  in  Klingenthal.  Im  übrigen  sind  sie  genau  so  schlecht,
in  verschiedener  Hinsicht  noch  schlechter  als  dort.  Besonders  die  Ausbeutung ­
  der  Ärmsten  ist  viel  raffinierter.
        <pb n="20" />
        Sachsen:  Vogtland  —  Markneukirchen.

21

Eigentliche  Fabrikanten  gibt  es  nur  vier  oder  fünf.  Dafür  übergibt ­
  es  eine  große  Zahl  Händler,  die  sich  aber  stramm  als  Fabrikanten
bezeichnen,  obwohl  außer  einein  Packer  in  ihrem  „Betrieb"  nicht  ein
einziger  Arbeiter  beschäftigt  wird.  Diese  „Fabrikanten"  liefern  daher
auch  alle  Sorten  Musikinstrumente,  solche  aus  Holz  sowohl  wie  solche
aus  Metall.  Sie  haben  nicht  das  geringste  Risiko  und  verdienen  dabei
Unsummen.  Haben  sie  Bestellungen,  so  gehen  sie  ganz  einfach  zu  den
betreffenden  Arbeitern  und  lassen  das  Gewünschte  anfertigen.  Gehen
keine  Bestellungen  ein,  so  erwachsen  ihnen  nicht  die  geringsten  Verluste,
ivenn  sie  nicht  produzieren  lassen.  Wenn  sie  nun  dem  Arbeiter  einen
Auftrag  erteilen,  so  wird  ihrerseits  Tag  und  Stunde  der  Ablieferung
sowie  der  Preis  festgesetzt.  Das  Liefern  wird  von  den  Frauen  besorgt,
weil  die  Männer  keine  Minute  Zeit  zu  verlieren  haben.  Der  Liefertag
ist  für  die  armen  Weiber  ein  Tag  des  Schreckens  und  mit  Zittern  und
Zagen  legen  sie  den  Weg  zkim  Fabrikanteik  zurück.  Hat  sich  die  Arbeit
etwas  verzögert  und  sie  kommen  eine  halbe  oder  eine  ganze  Stunde
später,  so  wird  ihnen  sehr  oft  gesagt:  „Wir  können  die  Arbeit  nicht
mehr  brauchen,  die  Sendung  ist  fort,"  obwohl  dies  gar  nicht  wahr  ist.
Man  wartet  gerade  noch  auf  diese  Arbeit,  um  die  Sendung  zu  ergänzen. ­
  Trotzdem  heißt  es:  „Wir  haben,  genug  solches  Gelump  daliegen, ­
  müssen  unser  Geld  auch  verzinsen!"  lind  nun  geht  ein  Feilschen
los.  Es  wird  so  und  so  viel  weniger  geboten.  Wenn  auch  die  armen
Frauen  weinen,  ein  paar  Mark  werden  doch  noch  heruntergedrückt.
Denn  ivas  wollen  sie  machen?  Werden  sie  die  Arbeit  nicht  los,  so
fehlt  es  nicht  bloß  an  Geld  zum  Leben,  sondern  auch  an  der  Möglichkeit, ­
  die  nächste  Woche  arbeiten  zu  können,  denn  die  Auslagen  kosten
das  meiste  von  dein  erhaltenen  Gelde,  mitunter  zwei  Drittel  bis  drei
Viertel  des  ganzen  Betrags.  Kommen  sie  nun  nach  Hause  und  bringen
weniger  Geld,  so  wird  der  Mann  wütend  und  läßt  in  seinem  Unverstand ­
  seinen  Zorn  an  der  unglücklichen  Frau  aus.  Wird  pünktlich
geliefert,  so  finden  die  Fabrikanten  andere  Gründe,  um  Abzüge  machen
zu  können.  Diese  Künstler  führen  ein  elendes  Leben,  nicht  wert,  gelebt
zu  werden.  Denn  ein  Kunsthandwerk  ist  es  zweifellos,  ivas  hier  betrieben ­
  wird.  Ist  die  Arbeit  in  Klingenthal  an  den  Harmonikas  immerhin ­
  eine  rein  mechanische,  wo  ein  Stück  wird  wie  das  andere,  so  kommt
hier  die  Eigenart  des  Arbeiters  völlig  zur  Geltung,  und  jedes  Jnstrument
  fällt  anders  aus.  Besonders  bei  den  Geigen  ist  dies  der  Fall.
Der  Arbeiter  ist  allerdings  nicht  in  der  Lage,  seine  Arbeit  prüfen  zu
können.  Dies  läßt  der  „Fabrikant"  besorgen.  Er  hat  seinen  Stimmer,
der  die  Instrumente  spielt.  Sind  nun  Instrumente  dabei,  die  bessere
oder  hervorragend  schöne  Töne  geben,  so  werden  diese  auf  die  Seite
gelegt  und  für  bedeutend  höheren  Preis  als  üblich  verkauft.  So  kommt
es  vor,  daß  für  Geigen,  welche  der  „Fabrikant"  mit  5,  6  oder  7  Mk.
bezahlt  hat,  ein  Preis  von  50,  60,  ja,  bis  100  Mk.  erzielt  wird.
Der  Arbeiter  bekommt  aber  deswegen  keinen  Pfennig  mehr.  Es  kann
vorkommen,  daß  bei  einer  Lieferung  von  sechs  Stück  zwei  oder  drei
solche  Exemplare  dabei  sind.  Wie  ist  nun  der  Verdienst  dieser  Künstler
beschaffen?  Bei  angestrengter  Arbeit  wird  8  bis  12  Mk.  pro  Woche  verdient. ­
  Einzelne  verdienen  vielleicht  etwas  mehr,  aber  bedeutend  ist  es  nicht.
        <pb n="21" />
        22

Die  Heimarbeit  und  ihre  Verbreitung  in  der  Metallindustrie.

Die  Arbeitszeit  ist  grenzenlos.  Früh  von  3  oder  4  Uhr  ab  ivird
gearbeitet  bis  nachts  11,  12  und  1  Uhr.  Die  Nacht  vor  dem  Liefertag ­
  wird  fast  immer  durchgearbeitet.  Der  Sonntag  ist  ein  Arbeitstag
wie  jeder  andere.  Viele  Männer  leben  wie  die  Gefangenen,  indem  sie
wachen-  und  monatelang  nicht  aus  dem  Hause  kommen.  Die  Arbeitszeit ­
  ivird  auch  nicht  durch  Pausen  unterbrochen,  sondern  das  bißchen
Essen  wird  vielfach  so  nebenbei  besorgt.
Die  Arbeit  wird  fast  durchweg  in  den  Wohnräumen  verrichtet.
Diese,  elende  Locher,  aus  Stube  und  Kammer  bestehend,  kosten  l20  bis
180  Mk.  pro  Jahr  Mietzins.  Es  geht  also  pro  Woche  2sts  bis  3  Mk.
und  mehr  von  dem  geringen  Verdienst  für  Mietzins  ab.  Rechnet  man
den  Verbrauch  von  Petroleum  durch  die  lange  Nachtarbeit  hinzu,  so
kann  man  sich  einen  Begriff  von  der  Lebenshaltung  dieser  Menschen
machen.  Der  Tag  vor  dem  Liefern  wird  gewöhnlich  durchgehungert,
denn  das  Geld  ist  alle;  das  letzte  ist  vielleicht  noch  für  einige  Zutaten
drausgegangen.  Sogenannte  „saure  Brühe"  oder  „Fettsalz"  gibt  es,
wenn  Geld  da  ist,  zu  den  Kartoffeln.  Erstere  besteht  aus  Essig  und
Zwiebeln,  letzteres  aus  Margarine,  Mehl  und  Salz.  Nach  dem  Liefertag, ­
  wenn  alles  gut  gegangen  ist,  wird  vielleicht  ein  Pfund  Pferdefleisch ­
  gekauft.  Mit  einem  Tafelwagen  hält  der  Pserdeschlächter  an
solchen  Tagen  an  einer  Straßenecke.  Ich  selbst  hatte  Gelegenheit,  dies
beobachten  zu  können.  Ein  Fröschelmacher,  den  ich  besuchte  (das  sogenannte ­
  Fröschel  ist  der  untere  Teil  des  Fiedelbogens  und  wird  von
Spezialarbeitern  gemacht),  sagte  mir:  „Heute  mittag  haben  wir  nur
trockenes  Brot,  nicht  einmal  Kartoffeln  können  wir  uns  kaufen."  Auf
meine  Frage  nach  seinem  Verdienst  sagte  er  mir:  „Für  dieses  Fröschel
bekomme  ich  pro  Dutzend  2,20  Mk.,  die  Auslage  daran  kommt  mich
auf  1,20  Mk.  zu  stehen.  Wenn  ich  mit  meiner  Frau  von  früh  4  Uhr
bis  abends  11  und  12  Uhr  arbeite,  kann  ich  anderthalb,  höchstens  aber
zwei  Dutzend  pro  Tag  machen."  Von  solchem  Verdienst  mußte  er  seine
sieben  Kinder  ernähren.  Diese  Fröschelmacher  würden  ja  für  ihre  Arbeit
noch  etwas  niehr  erzielen  können,  wenn  es  ihnen  möglich  wäre,  den  Bogenmachern ­
  direkt  zu  liefern.  Da  sie  aber  nicht  in  der  Lage  sind,  dem
Bogenmacher  auch  nur  eine  Woche  kreditieren  zu  können,  der  Bogenmacher ­
  aber  andererseits  kein  Geld  zur  Barzahlung  hat,  so  sind  beide  dem
Zwischenhändler  verfallen,  der  daran  dann  auch  noch  sein  Geld  verdient.
Ein  Geigenmacher  erklärte  auf  Fragen  meinerseits:  „Für  diese
Geige  bekomme  ich  6  Mk.  pro  Stück,  die  Auslage  kostet  mich  ungefähr
4  Mk.  Bei  der  üblichen  Arbeitszeit  von  4  Uhr  früh  bis  11  und  12  Uhrabends
  mit  Sonntagsarbeit  und  die  Nacht  vor  dem  Liefertag  durch
kann  ich  pro  Woche  höchstens  fünf  bis  sechs  Stück  liefern."  Als  ich
fragte:  „Ja,  wie  halten  Sie  denn  das  eigentlich  aus?"  sagte  die  Frau
betrübt  zu  mir:  „Vorige  Woche  konnte  ich  mich  auch  nicht  mehr  halten,
da  hat's  mich  dreimal  in  die  Stube  geschmissen."
Für  Mann  und  Frau  und  sieben  Kinder  waren  hier  nur  zwei
Betten  vorhanden.  Ein  Mädchen  von  nicht  ganz  sechs  Jahren  stand
an  einer  Waschwanne  und  wusch  ein  paar  armselige  Stückchen  Wäsche.
Mann  und  Frau  standen  int  40.  Lebensjahre.  Ihrem  Aussehen  nach
konnte  man  sie  für  60  Jahre  halten.
        <pb n="22" />
        Sachsen:  Vogtland  —  Markncukirchcn.

23

Einen  Blechinstrumentemnacher  traf  ich  gerade  bei  der  Arbeit  über
einem  großen  Waldhorn.  Derselbe  hatte  einen  Gehilfen,  welchen  er
mit  10  Mk.  pro  Woche  bezahlte.  Wenn  beide  über  einem  solchen
Horn  arbeiteten,  hatten  sie  fast  die  ganze  Woche  zu  tun.  Nach  Abzug
sämtlicher  Unkosten  für  Material  und  Zutaten  blieb  dann  ein  Verdienst
von  zirka  21  Mark.  Ein  anderer  Blechinstrumentemnacher  arbeitete
mit  seinem  achtundzwanzigjährigen  Sohn  und  seiner  Frau.  Er  war
der  einzige,  den  ich  antraf,  der  eine  besondere  Werkstelle  hatte.  Die
Leute  befanden  sich  von  früher  her  in  leidlich  guten  Verhältnissen.  Alle
drei  konnten  bei  der  üblichen  Arbeitszeit  zusammen  pro  Woche  vier
Stück  Trompeten  liefern.  Nach  Abzug  der  Unkosten  blieb  ihnen  pro
Stück  fünf  Mark  Verdienst.  Und  dabei  arbeiteten  die  Leute  anderen
gegenüber  mit  verschiedenen  technischen  Vorteilen.
Auch  hier  sind  die  Zustände  in  sanitärer  Hinsicht  entsetzlich.  Die
Wohnungen  starren  vor  Schmutz.  Die  Frauen  können  ja  auf  Reinigung
derselben  keine  Zeit  verwenden.  Das  Arbeiten  in  denselben  verursacht
ganz  besonders  bei  den  Blechinstrumentenmachern  ungeheuren  Schmutz.
Das  Polieren  der  Instrumente  wird  von  den  Frauen,  mittelst  Wiener
Kalk  und  Stearinöl  besorgt.  Sie  sind  dabei  über  und  über  von  einer
schwarzen  schmierigen  Kruste  bedeckt.  Dieser  Schmutz  teilt  sich  der
ganzen  Wohnung  mit.  Derselbe  ist  nach  den  Erfahrungen,  die  man
damit  in  den  Metallschleifereien  gemacht  hat,  fast  unausrottbar.  Seine
gesundheitsschädliche  Wirkung  ist  bei  den  Metallschleifern  bekannt.  Und
hier  müssen  die  Kinder  diesen  Staub  einatmen,  und  in  einem  solchen
Schmutz  und  Unrat  ihre  Jugend  verleben.  Zudem  wird  noch  in  den
Stubm  gelötet,  gedreht,  gefeilt  und  zum  Biegen  die  Messingrohre  mit
Blei  cusgegossen.  Eine  Frau  traf  ich  beim  Polieren  direkt  neben  dem
Tisch,  an  welchem  die  Kinder  gerade  aßen.  Daß  unter  solchen  Umständen ­
  der  dauernde  Aufenthalt  in  solchen  Räumen,  bei  solcher  Arbeitszeit ­
  und  mangelhafter  Nahrung  auch  die  festeste  Gesundheit  erschütterr
  muß,  dürfte  wohl  ohne  weiteres  klar  sein.  Aber  auch  in
moralischer  Beziehung  wirken  diese  Zustände  verderblich.  Gefühl  und
Sittlichk'it  wird  völlig  ertötet.  Beim  Betreten  einer  Wohnung  trat
uns  eine  Frau  entgegen,  welche  ein  Kind  säugte.  Die  Brust  war
völlig  en.blößt,  trotzdem  war  sie  nicht  im  geringsten  verlegen,  machte
auch  feint  Miene  sich  zu  bedecken.  Sie  war  eine  ganz  ehrbare  Frau,
die  nicht  im  entferntesten  auf  Verworfenheit  schließen  ließ,  der  aber
der  Begrif  für  Scham  abhanden  gekommen  war.  Ich  würde  diesen
Fall  nicht  verallgemeinern,  wenn  mir  mein  Begleiter,  welcher  täglich
die  Währungen  dieser  Leute  besucht,  nicht  auf  das  bestimmteste  versichert ­
  hätte,  solche  und  noch  schlimmere  Sachen  sehe  ich  alle  Tage.
Ein  weiterer  Mißstand  ist  der,  daß  die  in  den  Fabriken  beschäftigten
Arbeiter  nach  Feierabend  und  während  der  Mittagsstunde  zu  Hause
arbeiten.  Abmds  wird  dann  noch  zu  Hause  bis  um  12  oder  1  kkhr
gearbeitet.  Di  werden  Bogen  zu  Trompeten  gemacht  und  Trompeten
poliert.  Auch  die  Frauen  der  Fabrikarbeiter  polieren  tagsüber  Trompeten. ­

Daß  die  Zustände  schauderhafte  sind,  beweisen  auch  die  Selbstmorde. ­
  In  einen  einzigen  Jahre  haben  sich  in  Markneukirchen,  welches
        <pb n="23" />
        24

Die  Heimarbeit  imb  ihre  Verbreitung  in  der  Metallindustrie.

etwas  über  7000  Einwohner  hat,  14  Menschen  das  Leben  genomnlen,
alles  Instrumentenmacher.  Das  ist  zwei  pro  Mille  der  Einwohner.
Ein  Blechinstrumentenmacher  in  den  sechziger  Jahren,  welcher  seine
Miete  nicht  hat  bezahlen  können,  wurde  am  9.  Februar  dieses  Jahres
exmittiert.  Am  anderen  Morgen  wurde  er  neben  seinen  wenigen  Habseligkeiten ­
  erfroren  auf  der  Straße  gefunden.  Auf  der  Erde  lagen
seine  Kriegsdenkmünzen  und  Diplome  verstreut.  Es  war  ein  Kriegsveteran ­
  der  1866  und  1870/71  mitgemacht  hatte.  Nun  wurde  er  vom
Kriegerverein  mit  militärischen  Ehren  begraben.
Daß  es  aber  in  Markneukirchen  auch  Leute  gibt,  denen  es  besser
geht,  beweisen  die  herrlichen  Villen,  die  sich  die  „Fabrikanten"  au  die
Bergesabhänge  gebaut  haben.  Geht  man  vom  Bahnhof  in  die  Stadt
hinein,  so  sieht  man  von  der  Straße  aus  eine  solche  stehen,  welche
man  ihrer  Größe  und  ihrer  herrlichen  Bauart  nach  eher  als  Schloß
bezeichnen  kann.  Auf  meine  Frage  erhielt  ich  die  Auskunft,  daß  dieselbe ­
  drei  Millionen  Mark  gekostet  haben  soll.  An  der  Seite  ist  ein
großer  runder  Glaspavillon  angebaut,  welcher  als  Gewächshaus  dient,
durch  die  Scheiben  sieht  man  die  Wedel  von  Fächerpalmen  winken.
Ja,  es  gibt  hier  auch  reiche  Leute!  Einige  zwanzig  Millionäre,  darimter
solche,  die  über  zwanzig  Millionen  ihr  eigen  nennen,  sind  vorhanden.
Mancher  der  vorstehendes  liest  wird  vielleicht  glauben,  daß  ich
übertreibe,  aber  ich  habe  nur  das  niedergeschrieben,  was  ich  selbst  sah
oder  unzweifelhaft  feststellen  konnte.  Es  ist  nur  ein  kleiner  Bruchteil
des  vorhandenen,  gewissermaßen  Stichproben.  Wenn  meine  Zeilen
dazu  beitragen,  das  Augenmerk  weiter  Kreise  aus  die  unglücklichen
Arbeiter  jener  Gegend  zu  richten,  haben  sie  ihren  Zweck  erfüllt.  In
der  Musikbranche  in  Markneukirchen  und  Klingenthal  werden  etwa
4500  bis  5000  solcher  Arbeiter  beschäftigt.
Wenn  sich  bei  den  Klängen  der  Musik  auf  Bällen  die  Paare  im
Walzertempo  wiegen,  ahnt  wohl  keiner  von  ihnen,  daß  da  drooen  im
Voigtland,  vielleicht  eine  Reihe  von  Erzeugern  dieser  Instrumente  mit
denen  soeben  der  Donauwalzer  so  herrlich  gespielt  wiro,  die  ganze
Nacht  hindurch  mit  leerem  Magen  arbeiten  —  denn  morgen  ist  Liefertag! ­
  Das  blasse  Weib  hilft  mit,  sonst  wird  die  Arbeit  nicht  fertig.

Leipzig.

M.  Haack.
        <pb n="24" />
        0&amp;gt;üringen.

Bei  der  Darstellung  der  Verbreitung  der  Heimarbeit  in  Thüringens
Metallindustrie  ist  vorauszuschicken,  daß  die  Heimarbeit  sich  auf  bestimmte ­
  Gegenden  und  Industriezweige  beschränkt.  Abgesehen  von
einigen  Orten  nnd  der  Nadelindustrie  in  Ichtershausen  und  Ohrdruf,
wo  die  Frauen  und  Kinder  in  starken  Familien,  weil  die  Löhne  der
niännlichen  Arbeiter  zur  Erhaltung  nicht  ausreichen,  mit  dem  sogenannten
„Anschnüren  der  Nadel"  für  die  weitere  Bearbeitung  beschäftigt  werden,
womit  das  Einkommen  um  3  bis  5  Mk.  pro  Woche  erhöht  wird,  wird
Hausindustrie  und  Heimarbeit  betrieben  in:
1.  Suhl  und  Umgegend  für  Gewehrfabrikation;
2.  Zella  St.  Wlasti,  Mehlis  und  Amshausen  für  Fabrikation
von  Gewehren,  Revolver,  Sattler-,  Schuhmacher-  und  Tischlerwerkzeugen, ­
  chirurgischen  Instrumenten  u.  s.  w.;
3.  Steinbach-Hallenberg,  Herges-Hallenberg,  Unter-  und
Oberschönau,  Altersbach  und  Rotterode:  der  sogenannte  Steinbacher ­
  Grund,  der  Hauptsitz  für  Heimindustrie  der  Metallbranche
  in  Thüringen,  liefert  Drahtzangen,  Nägel,  Zwecken
für  die  Schuhfabrikation,  Korkenzieher,  Sardinenmesser,  Brennscheren,
  Pistolen  und  Kinderteschings;
4.  Schmalkalden,  Seligenthal  und  Arotterode:  Feilen,  Raspeln,
Zangen,  Schraubenzieher,  Bohrer,  Ahlen,  Messer,  Sporen,
Trensen  und  Ringe;
5.  Auhla  und  Umgegend  und  Wutha  und  Umgegend:  Kinderspieluhren, ­
  billige  Taschenuhren,  Lampenbrenner,  Portemonnaiebügel,
Beschläge  für  Pfeifen  u.  s.  w.
In  diesen  Orten  und  Industrien  sind  bis  zu  8000  Personen  und
mehr  beschäftigt.  Sehen  wir,  wie  es  dort  den  Heimarbeitern  geht.
Suhl  und  Umgegend.  Suhl  ist  seit  Jahrhunderten  ein  Hauptsitz
der  Waffenfabrikation.  Dieselbe  wird  bis  zum  9.  Jahrhundert  zurückdatiert. ­
  Wahrscheinlich  hat  sie  sich  aus  dem  hier  früh  betriebenen  Bergbau ­
  entwickelt.  Ein  Eisenhammer  wird  aber  erst  1437  erwähnt.
Früher  lieferte  Suhl  für  aller  Herren  Länder  Kriegswaffen.  Von  1550
bis  1634  war  es  in  Deutschland  die  einzige  Waffenfabrik  und  wurde
des  Reiches  Rüstkammer  genannt.  Jetzt  werden  hauptsächlich  Büchsen,
Jagd-  und  Luxusgewehre,  seltener  Militärgewehre  hergestellt,  daneben
Seitengewehre,  Maschinen,  Fahrräder  und  Metallwaren,  auch  Porzellanund
  Holzwaren.
        <pb n="25" />
        20

Die  Heimarbeit  und  ihre  Verbreitung  in  der  Metallindustrie.

In  der  Gewehrbranche  hat  Suhl  23  Fabriken  und  Fabrikanten
in  seinen  Mauern.  Daneben  eine  Fabrik  für  Jagdutensilien,  3  Fabriken
für  Maschinen  und  Werkzeuge  und  3  kleinere  Fabriken  für  Schrauben
und  Fahrradteile.
Die  Hausindustrie  in  der  Gewehrfabrikation  ist  verschieden.
Gewehrfabriken,  die  Gewehre  mit  allen  ihren  Bestandteilen  selbst  herstellen, ­
  vergeben  nur  die  Gravierarbeiten  an  Heimarbeiter,  tvährend
daneben  Verlagsfirmen,  Händler,  die  sich  auch  fast  alle  Fabrikanten
nennen,  die  ganze  Arbeit  durch  Zwischenmeister  herstellen  lassen.
Auch  Kleinmeister  vergeben  Arbeiten,  auf  die  sie  selbst  nicht  eingerichtet
sind,  an  Zwischenmeister  und  Heimarbeiter.  Den  letzteren  liefern  sie
die  aus  Fabriken  bezogenen  Bestandteile  zum  Zusammenbauen.
Die  Werkstätten  der  Zwischenmeister  entsprechen  in  weitaus  den
meisten  Fällen  in  gesundheitlicher  Beziehung  nicht  einmal  den  bescheidensten ­
  Ansprüchen.  Räume,  vielleicht  bei  Erbauung  für  andere  Zwecke
bestimmt,  die  ihrem  Kubikinhalt  nach  zwei  Personen  genügen  dürften
und  nicht  viel  höher  als  mannshoch  sind,  dienen  der  doppelten  Anzahl
Personen  als  Arbeitsstätte.  In  vielen  befindet  sich  noch  eine  Feueresse,
worin  Federn  und  andere  Stahlteile  in  Öl  gehärtet  werden  und  wodurch ­
  die  Luft  mit  undurchdringlichen:  Qualm  erfüllt  wird.  Die  Lüftung
geschieht  durch  Öffnen  der  Türen  und  Fenster,  auch  mährend  der  Arbeitszeit, ­
  Sommer  und  Winter.  Welche  Gefahren  dies  für  die  Gesundheit
der  darin  Beschäftigten  mit  sich  bringt,  braucht  keiner  Erläuterung.
In  Suhl,  Albrechts,  Goldlauter,  Heidesbach  und  einigen
anderen  Orten  sind  zirka  33  Büchsenmachermeister  und  60  Gewehrfabrikanten.
  Von  dielen  betreiben,  wie  oben  angedeutet,  23  die  Produktion ­
  fabrikmäßig,  alle  anderen  kommen  als  Zwischenmeister  oder
Lieferanten  in  Frage.  Ferner  finden  wir  zirka  30  Schäftemeister,
35  selbständige  Graveure,  eine  Anzahl  Schmirgler  oder  Polierer,  Einsetzer ­
  und  Brünierer.  Diese  und  ungefähr  300  Arbeiter,  die  in  eigenen
Werkstätten  arbeiten,  erhalten  ihre  Aufträge  und  Arbeiten  von  Fabrikanten ­
  und  Lieferanten.  Die  Arbeitsteilung  ist  sehr  gut  vorgeschritten
und  ausgenutzt.
Die  Rohre  werden  von  der  Fabrik,  wo  sie  aus  Stahl  geschmiedet,
nach  System  gebohrt  und  gedreht  werden,  geliefert.  In  der  staatlichen
Beschußanstalt  werden  sie  nach  dem  Beschießen  (Probeschießen  mit  dreifacher ­
  Pulverladung)  mit  dem  Beschußstempel  versehen.  So  erhält  sie
der  Rohrmacher,  der  sie  mit  Hammer,  Meißel  rmd  Feilen  bearbeitet,
zu  Zwei-  und  Dreiläusen  zusammensetzt  und  mit  Messing  und  Zinn
lötet.  Der  Systemmacher  erhält  die  fertigen  Rohre,  Rohmaterialien,  Schlagbolzen ­
  und  Zündstifte  und  anderes  mehr  zur  Anfertigung  der  Systeme.
Das  System  erhält  der  Schäftemacher,  der  das  grob  zugehauene  Stück
Holz  einsetzt  und  nüt  Messer,  Raspel  und  anderen  Werkzeugen  zum
Schaft  bearbeitet  und  ihn  mit  Beschlag  versieht.  Vom  Schäftemacher
geht  das  Gewehr  zum  Einrichter,  von  dem  zur  Beschießanstalt,  von
dort  zum  Polierer,  von  diesem  zum  Brünierer,  der  gibt  es  zum  Graveur;
wenn  es  graviert  ist,  erhält  es  der  Einsetzer,  der  mit  heißer  Lederasche
die  Farben  gelb,  braun,  blau,  grün  und  anderes  mehr  auf  den  Eisenteilen
einbrennt,  wobei  dieselben  gleich  eine  harte  Kruste  erhalten.  Nun  geht
        <pb n="26" />
        Thüringen:  Suhl,  Albrechts,  Goldlauter,  Hcidesbach,  Zella  St.  Blasii,  Mehlis.

27

es  zum  Schäftemacher  zurück,  der  den  Schaft  ausputzt  und  poliert.  Von
dem  geht  es  zum  Srfftemmacher  und  nun  kann  es  fertig  gemacht  werden.
Der  Rohrmacher  erhält  für  einen  Zweilauf  5,50  Mk.,  für  einen
Dreilauf  7,60  Mk.  Bei  diefen  Preisen  erhält  er  nur  die  Rohre  geliefert. ­
  Zutun  muß  er  an  Eisenteilen,  Messing,  Zinn  und  Kohlen  für
1,50  bis  1,60  Mk.  Ein  tüchtiger  Rohrmacher  kann  in  einer  Woche
3  Stück  Dreiläufer  und  1  Stück  Zweiläufer  fertigstellen.  Er  muß  aber  13  bis
16  Stunden  pro  Tag  und  auch  am  Sonntag  arbeiten.  Der  Wochenverdienst
beträgt  dann  22  bis  25  Mk.,  wovon  allerdings  noch  Unkosten  für
Werkzeug  und  Miete  abgezogen  werden  müssen.  In  Betracht  zu  ziehen
ist  ferner,  daß  alle  Wege  von  den  Frauen  und  Kindern  geleistet  werden
müssen.  Sie  schleppen  die  Arbeitsobjekte  von  einem  Platze  zum  anderen
und  zum  Lieferanten.
Die  Leistungen  der  anderen  Teilarbeiter  find  nicht  weniger  anstrengend ­
  und  ebenso  schlecht  bezahlt.  Dabei  kommt  es  vor,  daß  Arbeiten, ­
  die  einen  halben  Millimeter  in  der  Dimension  zu  schwach  oder  zu
stark  geraten  sind,  den  Arbeitern  nicht  abgenommen  werden  lind  die
Betroffenen  nicht  nur  für  die  Woche  kein  Geld  erhalten,  nein,  sie  müssen
dann  auch,  da  ihnen  der  ganze  Teil  zur  Verfügung  steht,  die  dazu
verbrauchten  Teile  bezahlen.
Einzelne  Beispiele  wollen  wir  nicht  mehr  anführen.  Aus  dem
obigen  und  unter  Beachtung  dessen,  daß  die  Werkstätten  beschränkt  und
in  sanitärer  Beziehung  mangelhaft  sind,  läßt  sich  die  schlechte  Lage  der
Heimarbeiter  erkennen.  Die  Heimarbeiter  haben  sich  Räume  zu  Werkstätten ­
  reserviert  und  gemietet,  die  starke  Ähnlichkeit  mit  einem  Stalle
haben.  Schreiber  dieses  sah  Räume,  die  von  mehreren  benutzt  wurden,
worin  auf  jeden  Mann  mit  Feilbank  2'st  bis  3'st  Quadratmeter  Platz
kamen,  dazu  5  bis  7  Kubikmeter  Lust.  Die  Arbeiter  müssen  sparen
auf  Kosten  ihrer  Gesundheit.
Ungeregelte  und  lange  Arbeitszeit  haben  die  Heimarbeiter  für
Gewehrfabrikation  in  Suhl;  man  verlangt  von  ihnen  neben  starker
körperlicher  Anstrengung  große  Präzision.  Durch  die  Organisationslosigkeit
  und  zügellose  Konkurrenz  der  Arbeiter  unter  einander  werden
die  Verhältnisse  immer  drückender  und  unhaltbarer.  Und  doch  ist  der
Verdienst,  16  bis  24  Mk.  pro  Woche,  in  Suhl  noch  hoch  im  Vergleich
mit  dem,  was  in  anderen  Orten  zu  finden  ist.
In  Zella  St.  Wkasii  und  Mehlis,  zwei  gothaifchen  Städten,
der  ersten  mit  4500,  der  zweiten  mit  5000  Einwohnern  sind  in  der
Schußwaffen-  und  Werkzeugfabrikation  zirka  1000  Heimarbeiter  beschäftigt. ­
  Die  Schußwaffenfabrikation  ist  hier  vielfacher  wie  in  Suhl.
Die  Lage  der  Heimarbeiter  bei  der  Gewehrfabrikation  ist  dieselbe  wie
in  Suhl.  Schlechter  sind  die  Leute  daran,  die  mit  der  Herstellung  von
Revolvern,  Teschings,  Terzerolen  und  Westentaschenpistolen  beschäftigt
werden.  In  diesen  Branchen  ist  die  Heimarbeit  am  stärksten  eingebürgert ­
  und  sind  die  Preise  am  tiefsten  niedergedrückt.
Zwischenmeister,  die  einige  Gesellen  und  Lehrlinge  beschäftigen,  und
400  bis  500  selbständige  Arbeiter  arbeiten  für  ihre  Kaufleute  in  Mehlis
und  Zella  auf  Bestellung.  Die  Bestellung  erfolgt  zum  Teil  mit  der
Lieferung  der  Rohstoffe,  zum  größten  Teile  ohne  dieselben.  Liefert
        <pb n="27" />
        28

Die  Heimarbeit  unb  ihre  Verbreitung  in  der  Metallindustrie.

der  Arbeiter  die  Rohmaterialien,  so  erhält  er  für  1  Stück  Revolver
1.75  bis  6.—  Mk.  und  mehr  per  Stück,  je  nach  Qualität.  Die  Preise
sind  aber  so  gestellt,  daß  bei  keiner  Qualität  ein  Arbeiter,  bei  13  bis
15  Stunden  Arbeitszeit  pro  Tag,  über  2,50  Mk.,  höchstens  3  Mk.  verdient. ­
  In  den  meisten  Fällen  bleiben  sie  weit  darunter.
Für  die  gangbarste  Sorte  Revolver  erhalten  die  Arbeiter  2  Mk.
pro  Stück.  Sie  können  davon  l2  bis  20  Stück  pro  Woche  liefern.
Auslagen  haben  sie  für  jeden  Revolver:  Rohmaterial,  Temperguß  60  Pf.,
Beschußanstalt  für  Beschießen  25  Pf.,  Schäfter  12  Pf.  und  Polierer
10  Pf.  Es  bleiben  den  Arbeitern  für  jeden  Revolver  93  Pf.  Davon
ist  Miete  und  Unkosten  für  Werkzeug  abzurechnen.  Liefern  die  Arbeiter
diese  Revolver  nur  aus  der  Feile,  das  heißt  soweit,  daß  sie  zur
Schäftung  und  Poliererei  gehen  können,  so  erhalten  sie  70  bis  75  Pf.
pro  Stück  bei  den  Zwischenmeistern.
Nicht  besser  stehen  die  Dinge  bei  den  Teschings.  Für  ein  Aufklapptesching
  zahlen  die  Kaufleute  4,75  Mk.,  für  ein  einfaches  Tesching
3.75  Mk.  Ein  Arbeiter  kann  in  einer  Woche  fünfzehn  Stück  fertigstellen. ­
  Unkosten  entstehen  bei  Nr.  1:  Rohstoffe  und  Einzelteile  2,12  Mk.,
Schäften,  Beschußgeld,  Polieren  und  Brünieren  1,05  Mk.,  zusammen
3,17  Mk.;  Rest  pro  Stück  1,58  Mk.,  davon  ab  Miete  und  Werkzeug.
Unkosten  bei  Nr.  2:  1,20  und  0,85  Mk.,  zusammen  2,05  Mk.;  Rest
1,70  Mk.  Siehe  oben.
Weit  schlechter  ist  der  Verdienst  bei  der  Terzerol-  und  Pistolenfabrikation. ­
  Tagesverdienste  von  80  Pf.  bis  1,50  Mk.  sind  die  Regel.
Die  Schäfter  verdienen  pro  Tag  2  Mk.,  mit  Frau  und  Kindern
2,50  bis  3  Mk.  Den  Polierern  geht's  nicht  um  ein  Haar  besser.  Diese
mieten  sich  bei  Werksbesitzern  einen  Platz  und  Kraft.  Für  ihre  Zutaten ­
  sorgen  sie  selbst.
Den  Arbeitern  in  den  verschiedenen  Werkzeugbranchen  ist  die
Situation  etwas  günstiger;  kommen  dabei  doch  Verdienste  von  24  Mk.
pro  Woche  vor.  Im  großen  und  ganzen  ist  die  Lage  in  Zella  und
Mehlis  für  die  Heimarbeiter  tieftraurig.  Tägliche  Arbeitszeit  dreizehn
bis  fünfzehn  Stunden,  auch  Sonntagsarbeit;  Wochenverdienst  dabei
12  bis  20  Mk.  Lebensmittel  sind  teuer,  ebenso  Wohnungen.  Kleinste
Wohnungen,  Stube,  Kammer  und  Küche,  kosten  120  Mk.  und  mehr.
Steuern  zahlen  diese  Arbeiter  10  bis  40  Mk.  Besserung  ist  für  die
Zukunft  nicht  zu  erwarten,  kommen  doch  die  Arbeiter  aus  den  nahen
Orten:  Benshausen,  Schwarze,  Herges,  Ebershausen,  Bermbach, ­
  aus  dem  Hessengrund  und  lassen  sich  die  Arbeiten  zu  noch
niedrigeren  Preisen  übertragen.  Von  den  Kaufleuten  in  Zella  und
Mehlis  wird  die  Situation  stark  ausgenutzt.  In  Benshausen,  wo  die
Arbeiter  mit  der  Anfertigung  von  Kurzwaren  aller  Art,  Pfeffermühlen,
Brennscheren  und  anderes  mehr  beschäftigt  find  und  auch  Revolver  und
andere  Schußwaffen  angefertigt  werden,  erzielen  sie  einen  Verdienst
von  8,  9,  10  bis  13  Mk.  pro  Woche;  Arbeitszeit  pro  Tag  dreizehn
bis  fünfzehn  Stunden.  Eine  eigentümliche  Erscheinung  ist  die:  Je
mehr  man  dem  Steinbacher  Grunde,  dem  Hessengruud  nahekommt,
  je  mehr  sieht  man  die  Heimarbeit  zunehmen.  In  diesem
Bezirk,  wo  die  sogenannte  Schmalkaldener  Kleineisenindustrie  vorhanden
        <pb n="28" />
        Thüringen:  Zella,  Mehlis,  Schmalkalden,  Steinbach-Hallenberg,  Unter-  u.  Oberschönau,  29
ist,  sind  die  Arbeiter  geplagter  wie  in  der  Konfektion,  Schwere  Arbeit
von  früh  5  Uhr  bis  abends  9  und  10  Uhr,  Wochenverdienste  von
4  bis  18  Mk.,  das  ist  die  Regel.
Die  Heimarbeiter  in  den  oben  bezeichneten  Orten  können,  soweit
sie  der  Waffenbranche  angehören,  mit  Recht  der  scharfen  belgischen
Konkurrenz  von  Lüttich  einen  großen  Teil  Schuld  zuschreiben,  die  die
besseren  Schußwaffen  heute  noch  billiger  aus  den  Markt  bringt,  während
sie  in  den  weniger  guten  Qualitäten  teurere  Preise  fordert,  daß  ihre
Verhältnisse  von  Jahr  zu  Jahr  schlechter  werden.  Alle  aber  sind  darüber ­
  klar,  daß  die  fabrikmäßige  Produktion  vorteilhafter  ist  und  dadurch ­
  Druck  entstehen  muß.  Sichtbar  ist  allen,  daß  das  Kapital  aber
nicht  so  leicht  dazu  übergeht,  Fabriken  anzulegen,  wenn  noch  Aussicht
vorhanden  ist,  die  Arbeiter  mit  schlechteren  Preisen  abspeisen  zu  können.
Die  meisten  Arbeiter  in  diesen  Gebirgsstädten  und  -Dörfern  sind  aus
die  vorhandene  Industrie  angewiesen.  In  den  Städten  entstehen  Fabriken;
die  städtische  Arbeiterschaft  muß  sich  gegen  die  Preisdrückerei  wehren
oder  sich  ausschalten.  Letzteres  ist  schwer  möglich,  weil  Ackerbau  nicht
vorhanden  ist  und  die  Industriearbeiter  ihren  früheren  Acker  und  Besitz
an  Vieh  aufgegeben  haben.  Sie  konnten,  weil  sie  ganz  von  der  Industrie
abhingen,  die  Nebenbeschäftigung  mit  Acker  und  Vieh  nicht  mehr  erfüllen. ­
  In  den  Dörfern  stehen  die  Dinge  ebenso,  daß  Ackerbau  in  den
Bergen  nicht  betrieben  werden  konnte.  In  den  Forsten  konnten  die
vorhandenen  armen  Einwohner  schon  früher  nicht  beschäftigt  werden.
Sie  beschäftigten  sich  mit  der  Herstellung  allerlei  kleiner  Eisenartikel
und  blieben  dabei  so  lange,  bis  die  fabrikmäßige  Produktion  ihnen  die
Artikel  raubte.  Feststellen  kann  man,  daß  die  sogenannten  Schmalkaldener
  Artikel  heute  zum  allergrößten  Teile  in  den  Dörfern  zwischen
Wehkis  und  Schmalkalden  und  den  Orten  um  Schmalkalden
hergestellt  werden.  Aus  Schmalkalden  hat  sich  die  Zangenschmiederei
und  Nagelschmiederei,  Schraubenzieher-,  Korkzieher-,  Brennscherenmacherei
fast  ganz  auf  die  Dörfer  zurückgezogen.  '
In  Steinöach-Kallenberg,  einem  Flecken  mit  zirka  4200  Einlvohnern.
  Unter-  und  Hlierschönau  und  einigen  anderen  Orten  in
der  Nähe  von  Steinbach  sind  allein  mit  Herstellung  von  Frisierscheren ­
  900  Personen  beschäftigt.  Von  diesen  beschäftigen  150  bis
160  Personen  noch  einige  oder  eine  Person.  Die  Brennscheren
werden  in  den  verschiedensten  Qualitäten  und  Preislagen  gefertigt.
Die  billigsten  Sorten  sind  die  gangbarsten.  Für  eine  Sorte  zahlt  der
Kaufmann  pro  Dutzend  1,70  Mk,  Die  Auslagen  dazu  betragen:  Eisen
20  Pf.,  Hefte  (24  Stück)  40  Ps.,  das  Polieren  30  Pf.,  Summa  90  Pf.
Ein  Arbeiter  liefert  davon  pro  Tag  ein  bis  zwei  Dutzend.  Der  Verdienst ­
  beträgt  also  pro  Tag  80  Pf,  bis  1,60  Mk.  bei  dreizehn-  bis
fünfzehnstündiger  Arbeitszeit.  Davon  geht  dann  Miete,  Werkzeug  und
Hilfe  bei  Schmieden  ab.
Mit  der  Herstellung  von  Zangen  aller  Art,  Draht-,  Beiß-,
Rohr-,  Leder-  und  anderen  Zangen  sind  250  bis  300  Personen
beschäftigt.  Davon  nennen  sich  zirka  50  Meister  und  beschäftigen  einige
Leute.  Die  Preise  in  dieser  Branche  sind  ebenso  mangelhaft.  Für  eine
Sorte  Drahtzangen  zahlen  die  Kaufleute  pro  Dutzend  1,50  Mk.,  für
        <pb n="29" />
        30

Die  Heimarbeit  und  ihre  Verbreitung  in  der  Metallindustrie.

eine  andere  1,80  Mk.,  für  eine  dritte  2,10  Mk.  Wenn  ein  fleißiger
Arbeiter,  der  beim  Ausschmieden  vier  Stunden  lang  Hilfe  gebraucht,
2  Mk.  bis  2,50  Mk.  verdienen  will,  so  muß  er  dreizehn  bis  fünfzehn
Stunden  arbeiten  pro  Tag.
Nicht  besser  ist  es  in  der  Kork-  und  Schraubenzieherbranche,
schlechter  bei  den  Nagelschmieden  in  Unter-  und  Oberschönau.
Diese  Branche  steht  schon  längst  auf  dem  Aussterbeetat.  Sie  wird
auch  dadurch  vor  dem  Untergang  nicht  gerettet,  daß  der  Landrat  von
Schnialkalden  mit  den  Le»&amp;gt;ten  eine  Genossenschaft  errichtet  hat,  die  die
Nägel  verkauft  und  durch  die  Verbindung  des  Landrats  auch  Lieferungen
erhalten  kann.  In  etwas  ist  für  die  Nagelschmiede  gegen  früher  Besserung
erzielt  worden.  Aber  auch  der  Landrat,  der  anfangs  geglaubt  hat,  dauernde
Hilfe  geschaffen  zu  haben,  muß  heute  den  Leuten  sagen:  „Laßt  eure
Knaben  vom  Beruf  fern!"  Das  ist  aber  leichter  gesagt  wie  getan.
Die  Kinder  schreien  nach  Brot.  Der  Verdienst  eines  Mannes  reicht
nicht  aus,  den  Hunger  abzuwehren.  Alle  vorhandenen  Hände  müssen
arbeiten,  das  ist  der  Fluch  der  Heimarbeit  auch  in  diesem  Falle.
Heute,  unter  der  Genossenschaft,  verdient  ein  Arbeiter  an  einem
Arbeitstag  von  früh  5  Uhr  bis  abends  9  und  10  Uhr  1,50  bis  2,50  Mk.
Miete  für  Schmiede  muß  davon  noch  bezahlt  werden.  In  der  Arbeitszeit ­
  muß  intensiv  gearbeitet  werden.  Die  folgenden  Preise,  die  für
einige  Sorten  angegeben  werden,  sind  unter  dem  Gesichtspunkt  zu  betrachten, ­
  daß  die  Arbeiter  das  Eisen,  das  ihnen  pro  Zentner  8  bis
10  Mk.  kostet,  und  Kohlen,  Werkzeug  und  Werkstatt  stellen  müssen.
Für  einen  Zentner  Schisfsnägel  (eine  gute  Tagesleistung)  erhalten  die
Nagelschmiede  13  Mk.,  für  einen  Zentner  Radnägel  (drei  gute  Tage)
18  bis  19  Mk.,  einen  Zentner  Baunägel  17  Mk.  (drei  Tage  Arbeit),
einen  Zentner  Hacken  (zwei  Mann  zwei  Tage)  17,50  Mk.,  1000  Stück
Fenstereisen  wiegen  50  Pfund  (zwei  Tage  Arbeit)  7  Mk.  Das  sind
Preise,  die  gegen  früher  besser  genannt  werden  müssen.  Wie  muß  es
hier  früher  ausgesehen  haben?  Dieses  traurige  Bild  läßt  bei  allen
Arbeitern  den  Glauben  an  eine  Besserung  verschwinden.  Trotz  alledem
leben  sie  in  steter  Furcht,  daß  ihnen  ihre  scheinbare  Selbständigkeit  genommen ­
  werden  kann.  Angst  vor  Fabriken,  Neid  auf  einander  ist  stark
vorhanden.  Ein  Beteiligter  sagte  mir  ganz  trocken:  „Hier  ist  einer
dem  anderen  sein  Teufel!"
Können  die  Menschen  anders  sein?  —
Bei  dieser  schweren  Arbeit  und  dem  schlechte!:  Verdienst  arbeiten
die  Arbeiter  in  Werkstätten,  wie  ich  sie  mehrfach  gesehen  in  allen
Orten:  In  Steinbach-Hallenberg  haben  drei  Zangeuschmiede  eine
Werkstatt,  in  die  man  durch  eine  1  Meter  hohe  Türe  kriechen  muß.
Der  obere  Teil  der  Türe  bleibt  fest,  weil  das  der  einzige  Lichtquell
für  eine  Schmiede  ist,  in  der  ein  Ambos  und  eine  Feueresse  Platz  gesunden ­
  hat.  An  der  Wand  hängen  die  diversen  Werkzeuge.  Außerdem
ist  noch  soviel  Platz,  daß  ein  Mann  mit  dem  Rücken  an  der  Wand
hinter  den:  Antbos,  eii:  anderer  Main:  mit  dem  Rücken  an  der  erwähnten ­
  Türe  vor  dem  Ambos  stehen  kann.  Beide  stehen  fest  eingezwängt, ­
  sie  können  nicht  rückwärts,  vorwärts  oder  seitwärts,  blasen
das  Feuer  und  schmieden  das  Eisen.  Der  Schweiß  rollt  ihnen  in
        <pb n="30" />
        Thüringen:  Unter-  und  Oberschönau,  Steinbach-Hallcnberg,  Schmalkalden,  Brotterode.  ZI
großen  Tropfen  am  Körper  herunter.  Draußen  friert  es  und  Schnee
fällt  langsam  hernieder.  Die  ganze  Schmiede  ist  2  Meter  tief,  1  Meter
breit  und  2  Meter  hoch.  Von  dieser  Schmiede  geht  eine  Türe  in  eine
Werkstatt,  die  3  Meter  lang,  V/i  Meter  breit  und  2  Meter  hoch  ist.
Hier  geben  Fenster  genügend  Licht  für  3  Mann,  die  an  Schraubstöcken
und  Bohrmaschinen  die  Zangen  fertig  machen.  In  den  Nagelschmieden
liegen  die  Dinge  noch  schlimmer.  Der  enge  Raum  ist  voll  Staub  und
Schmutz.  Die  Schlacke  und  Asche  liegt  in  großen  Haufen  dort.  Es
ist  keine  Zeit  übrig,  sie  fortzuschaffen.  Man  klettert  darüber  weg.  Die
Anspannung  der  Zangenschmiede  konnte  ich  so  recht  beobachten,  wie  ich
in  eine  soeben  beschriebene  Schmiede  eintrat.  Beide  Schmiede  hatten
gerade  das  Feuer  leer  geschmiedet.  Schweißtriefend,  obschon  sie  nur
mit  Hose  und  keinem  Hemd,  das  weder  Ärmel  noch  Schluß  über  Brust
uud  Rücken  hat,  bekleidet  waren,  standen  sie  und  schöpften  Luft.  Aber
nur  einige  Minuten  dauerte  die  Pause.  Acht  Stangen  Eisen  wurden
aufs  neue  ins  Feuer  gesteckt.  Der  Zuschläger  tritt  den  Blasebalg.
Hitze  auf  Hitze  geht  aus  dem  Feuer  und  wird  gemeinsam  ausgeschmiedet.
Alle  halbe  Minuten  liegt  ein  Zangenteil  zur  Seite  des  Amboses,  noch
glühend  rot.  Für  solche  Kneifzangen  gibt  es  pro  Dutzend  fix  und  fertig
1,20  Mk.  Das  ist  kein  Arbeiten  mehr,  das  ist  Schinden.  Das  ist
die  Hölle.  Schlimmer  kann  sie  nicht  geschildert  werden.
In  Schmalkalden  werden  neben  Zangen  Ahlen,  Sattlerund
  Tapezierernadeln,  Holzbohrer  und  andere  Werkzeuge  fabriziert. ­
  Die  Ahlen-  und  Nadelschmiede  stehen  zu  vier  Mann  um
ein  Schmiedefeuer  und  pinken,  stauchen  und  blasen.  Für  1000  Stück  gibt
es  80  bis  90  Pf.  Da  heißt  es  fleißig  sein,  wenn  in  12  oder  13  Stunden
pro  Tag  3  Mk.  verdient  werden  sollen.  Bei  der  Bohrerfabrikation
wird  geschmiedet  in  den  ims  bekannten  Schmieden.  Am  Schraubstock,
bei  der  weiteren  Bearbeitung,  sind  die  großen  schweren  Feilen  mit
einem  Lederriemen  am  Arm  des  Arbeiters  befestigt.  Ohne  Unterbrechung ­
  wird,  gebückt  auf  dem  Schraubstock,  geschuftet.  Für  ein  Pack
Bohrer,  das  je  nach  der  Nummer  1  bis  20  die  durch  Nummer  bezeichnete ­
  Zahl  Bohrer  enthält,  zahlt  der  Kaufmann  70  bis  80  Pf.
Das  Eisen,  fünf  Pfund  pro  Pack,  liefert  der  Arbeiter  ebenfalls  neben
allen  anderen  Zutaten.  Wochenverdienst  10  bis  17  Mk.
Zu  erwähnen  ist  noch,  daß  die  Löhne  der  Polierer,  die  sich  in
den  sogenannten  Schleiferkothen  ihre  Plätze  ^und  Kraft  mieten,  nicht
besser  sind.  Sie  verrichten  ihre  Arbeit  in  Staub  und  Schmutz  viele
Stunden  am  Tage.  Keine  Dame,  der  das  Kammerkätzchen  die  Haare
brennt,  wird  sich  jemals  vor  Augen  stellen  können,  unter  welch
schlechten  Verhältnissen  die  Arbeiter  leben  und  wirken,  die  ihre  Brennschere ­
  machten.
Nördlich  von  Schmalkalden  liegt  der  preußische  Marktflecken
Mrotterode,  der  am  10.  Juli  1895  innerhalb  zwei  Stunden  niederbrannte, ­
  heute  wieder  neu  erbaut  ist  und  3000  Einwohner  zählt.  Hier
war  schon  vor  dem  Brande  die  Kleineisenindustrie  vorhanden  und  auch
heute  ist  dieselbe  Industrie  zum  allergrößten  Teile  als  Heimarbeit
vorhanden.  Angefertigt  werden  Schnallen,  Ringe  und  Trensen  zu
Pferdegeschirr,  zu  Sattel-  und  Zaumzeug  in  Hunderten  von
        <pb n="31" />
        32

Die  Heimarbeit  und  ihre  Verbreitung  in  der  Metallindustrie.

Arten.  Die  Arbeit  wird  in  Akkord  bei  größter  Arbeitsteilung  verrichtet. ­
  Der  Verdienst  steht  fast  ebenso  niedrig,  wie  im  Steinbacher
Grund.  Die  Arbeitszeit  ist  nicht  ganz  so  unmenschlich  lang  wie  dort,
jedoch  13,  14  und  15  Stunden  wird  pro  Tag  auch  gearbeitet.  Die
Kaufleute  bezahlen  die  Artikel  nach  Gewicht,  das  Pfund  mit  20  bis
30  Ps.  je  nach  Qualität.  Die  Rohmaterialien  kosten  pro  Pfund  11  bis
12  Pf.  Ein  Dutzend  Trensen  wiegt  zirka  6  Pfund.  Zur  Anfertigung
braucht  der  Arbeiter  2 l /t  bis  3  Stunden.  Der  Preis  beträgt  nach
Gewicht  2,40  Mk.  und  noch  mehr.  Für  die  gangbarsten  Schnallen
erhalten  die  Arbeiter  pro  100  Stück:

Für  Zuhauen
-  Zusammenlegen
-  Schweißen
-  Blechschneiden
-  Blechbiegen
-  Blechumlagen
-  Dornmachen
-  Dornspitzen
-  Dornschnallen
-  Draht,  Zutaten  und  Schwarzen
Insgesamt  .
Verzinnen  .

25  mm  hoch  13  mm  hoch
2  Pf.  2  Pf.
4  -  3  -
17  -  12  -
2  -  2  -
4  -  3  -
5  -  5  -
5  -  4  -
3  -  2  -
.3  -  2  -
28  -  10  -
73  Pf.  45  Pf.
10  Pf.

Aus  den  Beispielen  ist  leicht  erklärlich,  daß  der  Wochenverdienst
der  Arbeiter  10  bis  13  Mk.  pro  Woche  nicht  übersteigt  und  daß  Frau
und  Kind  für  den  Unterhalt  mitarbeiten  müssen.
Die  Werkstätten  in  Brotterode  sind  dadurch,  daß  nach  dem  Brande
bei  dem  Wiederaufbau,  so  unzweckmäßige  und  schlechte  Buden,  wie
vordem  bestanden,  nicht  wieder  gebaut  werden  durften,  besser  geworden.
Von  Zella  und  Mehlis  bis  Schmalkalden  findet  man  die  Heimarbeiterwerkstätten ­
  zu  Hunderten  wie  ein  Viehstall  an  die  Wohnhäuser  angeklebt; ­
  zuweilen  Türe  an  Türe,  Wand  an  Wand  mit  dem  Viehstall,
so  daß  über  den  Mist  in  die  Werkstatt  gegangen  werden  muß.  Anders
gestaltet  sich  das  Bild  für  Ruhla,  Wutha,  Eisenach  und  herumliegenden ­
  Orten.
Wuhka,  halb  gothaisch  und  halb  weimarisch,  hat  6600  Einwohner.
Waffen-  und  Messerschmiede  waren  im  18.  Jahrhundert  dort  vorhanden.
Friedrich  II.,  Preußens  König,  zog  1747  die  Messerschmiede  nach
Eberswalde.  In  Ruhla  fing  man  mit  der  Pfeisenbeschlagsabrikation
an.  Heute  werden  in  Ruhla  neben  den  Pfeifenbeschlägen,  Metallspielwaaren, ­
  Jnstallationsartikel  zu  elektrischen  Anlagen,  Taschenuhren ­
  und  anderes  mehr  hergestellt.  In  den  Fabriken  werden  ziemlich
2000  Männer  und  Frauen  beschäftigt;  in  der  Heimarbeit  fast  eben  so
viel.  Rechnet  man  aber  diejenigen,  die  am  Tage  in  der  Fabrik  arbeiten
und  wegen  des  niedrigen  Lohnes  mit  ihren  Familien  am  Abend  zu
Hause  arbeiten,  so  kommt  man  zu  dem  Resultat:  in  Ruhla  sind  alle
Arbeiterfamilien  in  der  Heimarbeit  tätig.
        <pb n="32" />
        Thüringen:  Ruhla.

33

Vier  Gruppen:  Die  Pfeifenbeschlag-,  Musikinstrumenten-,
Spielwarenarbeiter  und  Arbeiter  für  elektrische  Jnstallationsartikel
  kommen  in  Frage.
In  der  Pfeifenbeschlagbranche  kommen  etliche  Hundert  Personen ­
  als  Heimarbeiter  in  Frage.  Die  Beschläger  in  der  Fabrik
verdienen  12  bis  13  Mk.,  15  bis  16  Mk.  und  18  bis  20  Mk.  pro
Woche  bei  7  st?  bis  11  stündiger  Arbeitszeit.  Diese  schleppen  Körbe  voll
Beschläge  nach  Hause,  um  dieselben  von  früh  vier  Uhr  bis  daß  sie  in
die  Fabrik  gehen  und  abends  bis  11  und  12  Uhr  mit  Frau  und  Kind
fertig  zu  machen.  Dafür  erhalten  sie  die  Akkordpreise  der  Heimarbeiter,
welche  für  die  besten  Würzburger  Beschläge  45  Pf.  pro  Dutzend,  für
die  minderwertigen  Unnaer  20  Pf.  und  für  die  Erlanger  12  Pf.  pro
Dutzend  betragen.  Eine  Heimarbeiterfamlilie  kann  mit  15  stündiger
täglicher  Arbeitszeit  pro  Woche  20  bis  23  Mk.  verdienen.  Davon  geht
ab  für  Gasolin  1,30  Mk.,  Schlaglot  1  Mk.  und  für  Draht  40  Pf.
Reinverdienst  17  bis  20  Mk.  von  einer  ganzen  Familie.  Trotz  dieser
miserablen  Preise  zeigt  sich  die  Erscheinung,  daß  die  Heimarbeiter  sich
gegenseitig  in  den  Preisen  unterbieten.
In  der  Musikinstrumentenbranche  werden  zirka  13  Frauen
daheim  beschäftigt;  auch  helfen  die  Männer  abends.  Angefertigt  werden
zu  Hause:  Klappenhalter,  für  1000  Stück  (eine  Stunde  Arbeit)  25  Pf.;
Flöten  und  Trombinos  putzen,  für  ein  Stück  4  bis  5  Pf.,  in  einer
Stunde  sind  vier  bis  sechs  Stück  zu  putzen;  Trompetenklappen  auf
Leder  nieten,  für  1000  Stück  gibt  es  35  Pf.,  5000  bis  6000  ist  eine
Tagesleistung.
In  den  Jnstallations-  und  Lampenartikeln  sind  ständig
zirka  20  Familien  mit  Heimarbeit  beschäftigt.  Sie  setzen  und  löten  zusammen ­
  und  putzen.  Außerdem  sind  zirka  150  Familien  beschäftigt
mit  Heimarbeit,  die  nach  Schluß  der  Fabrikarbeit  geleistet  wird.  Auch
in  diesem  Falle  ist  der  Verdienst  nicht  ausreichend,  wenn  auch  etwas
besser  wie  in  anderen  Branchen.
Die  größte  Zahl  der  Arbeiter  ist  in  der  Spielwarenbranche
tätig.  An  900  Personen  und  mehr  arbeiten  nur  daheim,  an  1000  in
der  Fabrik  und  daheim.  In  der  Fabrik  werden  die  einzelnen  Teile
hergestellt.  Diese  werden  an  die  Heimarbeiter  zur  Fertigstellung  abgegeben. ­
  Die  Heimarbeiter  und  -Arbeiterinnen  müssen  Uhrketten  abteilen ­
  und  Haken  anbiegen,  Gros  für  5  Pf.;  Ketten  mit  Knebel  und
Ösen  versehen  und  anschnüren,  Gros  für  10  Pf.;  mit  Knebel  versehen
und  anschnüren  7  Pf.;  Mittelteile  in  Ketten  einsetzen,  Anhängsel,
Knebel  und  Öse  anmachen,  Gros  für  15  bis  18  Pf.  Bei  diesen
Arbeiten  verdient  eine  Frau  mit  drei  bis  vier  Kindern  pro  Tag  bei
zwölfstündiger  Arbeitszeit  1  bis  1,20  Mk.  Dazu  muß  dann  die  Zeit
für  Holen  und  Liefern  gerechnet  werden.  Ferner  sind  Kinderuhren  zusammenzusetzen. ­
  Bei  dieser  Arbeit  gibt  es  für  100  Dutzend  3,50  bis
4  Mk.  Dafür  sind  Rädchen  in  die  Platte  einzusetzen,  Federn  anzubiegen,
Stift  durch  Rad,  Platte  und  Kapsel  zu  stecken.  Hohl-  und  Remontoirknopf
  aufzusetzen  und  aufzunieten,  Zifferblatt  auszuhauen,  aufzulegen
und  Zeiger  umzulegen,  Gläser  aufzulegen,  Ringe  aufzulegen  und  unter
einer  Maschine  sestzudrücken.  Hierbei  erreicht  eine  Familie  bei  fünfzehn ­
        <pb n="33" />
        84

Die  Heimarbeit  und  ihre  Verbreitung  in  der  Metallindustrie.

stündiger  Arbeitszeit  pro  Tag  3,50  bis  4  Mk.  Verdienst.  So  gibt  es
noch  eine  ganze  Anzahl  Arbeiten,  zum  Beispiel  Uhren  aufnähen  mit
fünf  Stichen,  Gros  für  25  bis  40  Pf.,  und  andere  mehr.  Bei  all
den  Arbeiten  ist  trotz  Sonntagsarbeit,  vierzehn  bis  fünfzehn  Stunden
pro  Tag  und  Anspannung  aller  Kinder  ein  auskömmlicher  Verdienst
nicht  zu  erzielen.  Die  Preise  sind  bis  auf  das  tiefste  Niveau  herabgedrückt. ­
  Bei  diesen  geringen  Preisen  fällt  noch  in  die  Wagschale,  daß
die  Heimarbeiter  bei  Lieferung  und  Empfang  ihrer  Arbeiten  stundenlang, ­
  halbe  Tage  lang  stehen  und  warten  müssen.  Arbeiten,  die  eine
oder  einige  Mark  Verdienst  bringen,  müssen  in  einem  Gewicht  von
50  Pfund  und  mehr  weite  Wege  in  die  Dörfer  geschleppt  werden.
Die  Lebensmittel  und  Wohnungen  in  Ruhla  sind  teurer  wie  in
anderen  Städten.  Eine  Wohnung  von  einer  Stube,  Bodenkammer  und
Küche  kostet  in  Ruhla  150  bis  180  Mk.  und  mehr.  Unter  solchen
Umständen  muß  auch  der  größte  Ignorant  die  schlechte  Lage  der  Heimarbeiter ­
  in  Ruhla  erkennen  können.  Von  Ruhla  hat  sich  die  Spielwarenbranche ­
  durch  die  Firma  Edmund  Flick  &amp;amp;  Co.  nach  Wutha
und  durch  dieselbe  Firma  nach  Eisenach  verpflanzt.  Mit  ihr  ist  die
Heimarbeit  in  Wutha  eingezogen  und  zieht  sie  in  Eisenach  mit  all
ihren  Begleiterscheinungen  ein.
In  dem  Rundgang  durch  die  Heimarbeit  in  Thüringens  Metallindustrie ­
  sehen  wir  in  obigen  Zeilen,  wie  schwer  die  Arbeiter  schanzen,
wie  Frau  und  Kinder  helfen,  wo  irgend  Hilfe  möglich  ist.  Trotzdem
finden  wir  Armut,  Not,  Hunger  und  Elend.  Nirgends  zeigt  sich  Hilfe
und  Besserung;  die  gewerkschaftliche  Organisation  wird  von  den  Arbeitern
nicht  erkannt.  Auch  diese  würde  nur  auf  die  Gefahr  hin,  daß  die  Heimarbeit ­
  schneller  verschwindet,  Hilfe  im  Kampfe  bringen  können.  Die
Heimarbeiter  in  Thüringen  müssen  erkennen  lernen,  daß  die  Heimarbeit
verschwinden  muß.  Es  niag  hart  für  sie  in  der  Gegenwart  sein;  kommen
muß  es.  Der  beste  Schutz  der  Heimarbeiter  ist:  Gesetzliches  Verbot
aller  unzureichenden  Werkstätten  und  der  Kinderarbeit,  Festlegung  bestimmter ­
  Maximalarbeitszeit  und  Garantie  von  Minimallöhnen.  Bis
dahin  scheint  es  noch  weit  zu  sein.  So  lange  sind  der  nichtswürdigsten
Ausbeutung  Tore  und  Türe  geöffnet.  An  die  gewerkschaftlich  organisierte
Arbeiterschaft  muß  der  Ruf  laut  und  deutlich  ergehen:
„Kampf  der  degenerierenden  Heimarbeit  auf  allen  Gebieten!" ­


Magdeburg.

Otto  Voß.
        <pb n="34" />
        -

Rheinland  und  Westfalen.

Rheinland  -  Westfalen  gilt  nicht  mit  Unrecht  als  der  weitest  entwickelte ­
  Jndustriebezirk  der  Metallindustrie.  In  ihm  ist  beinahe  jede
Entwicklungsphase  der  modernen  Produktion  zu  beobachten.  Neben  den
gewaltigen  Unternehmungen  der  Roheisen-  und  Stahlproduktion,  neben
den  Werken  der  Halbzeuge  und  Fertigbearbeitung,  neben  den  mit  allen
technischen  Hilfsvorrichtungen  ausgestatteten  Maschinen  und  Metallverarbeitungsfabriken, ­
  finden  wir  dort  noch  die  rückständigste  aller
Produktionsformen,  die  Hausindustrie.  Nicht  aber  etwa  vereinzelt
und  dünn  gesät,  sondern  noch  stark  vertreten,  ganze  Jndustriebezirke
beherrschend.  Es  gibt  nur  wenige  Gebranchsgegenstände  aus  Metall,
aus  Stahl  oder  Eisen,  die  nicht  mit  der  Hausindustrie  Rheinland-Westfalens
  in  loserem  oder  festerem  Zusammenhang  stände.  Da  ist
die  Scheren-  und  Messerindustrie  von  Solingen,  Ohligs,  Wald
und  Leichlingen,  die  Bügelfabrikation  (Koffer-  und  Portemonnaiebügel) ­
  in  Wald  und  Ohligs,  die  Schirmfabrikation  in  Solingen,
die  Feilen-,  Werkzeug-,  Kaffeemühlenfabrikation  in  Remscheid,
Lennep,  Wermelskirchen  und  Rade  vorm  Wald,  die  Fabrikation
von  Schlössern  und  Schlüsseln  aller  Art  in  Velbert,  Heiligenhaus,
Tönisheide,  Neviges,  Wülfrath,  Rade  vorm  Wald  und  Schwelm,  die
Herstellung  elektrischer  Artikel,  von  Knöpfen,  Haken  und
Besatzartikeln  in  Lüdenscheid  und  Barmen,  Fabrikation  von
Nadeln  und  Fischangelhaken  in  Iserlohn,  die  Herstellung  von
Polsternägeln  und  Patentschuhknöpfen  in  Neheim,  Musikinstrumenten ­
  (Harmonikas)  in  Neuenrade.
Solingen.  Am  stärksten  ist  die  Hausindustrie  im  Kreise  Solingen
vertreten.  Wenn  auch  dort  schon  jahrelang  Organisationen  für  die
einzelnen  Berufe  vorhanden  sind,  so  ist  doch  schwer  gesündigt  worden,
da  man  mit  Ausnahme  der  Feder-  und  Taschenmesserreider  gar
keinen  Wert  darauf  gelegt  hat,  statistische  Erhebungen  zu  veranstalten,
die  bei  etwas  gutem  Willen  leicht  hätten  durchgeführt  werden  können.
Die  Resultate  von  Erhebungen  über  die  Lage  der  Heimarbeiter  sind
1893/94  unter  dem  Titel:  „Zur  Lage  der  Federmesserarbeiter"  veröffentlicht ­
  worden.  Einige  Zahlen  daraus  will  ich  hier  mit  anführen,
auch  über  Lehrlingswesen,'  Kinderarbeit,  Arbeitszeit  u.  s.  w.  In  den
anderen  Berufen  hatte  ich  Gelegenheit,  selbst  Beobachtungen  zu  machen.
Die  Arbeitszeit  der  Feder-  und  Taschenmesserreider  betrug  dreizehn
Stunden  pro  Tag,  abzüglich  der  Pausen.  Doch  wird  in  vielen  Fällen
noch  bedeutend  länger  gearbeitet.  Dann  muß  man  zunächst  bedenken,
        <pb n="35" />
        Die  Heimarbeit  und  ihre  Verbreitung  in  der  Metallindustrie.

30
in  welchen  Werkstätten  gearbeitet  wird.  In  92  Fällen  waren  die
Arbeitsräume  in  gutem  Zustand,  in  92  entsprachen  sie  nur  den  allernotwendigsten
  Anforderungen.  Die  Arbeitsrüume  waren  schlecht  in
216  Fällen  —  54  Prozent,  einschließlich  derer,  die  gleichzeitig  Wohnoder
  Schlafzimmer  waren.  Bemerkt  soll  hier  werden,  daß  es  bei  den
Scherenfeilern,  Naglern,  Heftefeilern,  Gabelfeilern,  Ausmachern, ­
  Rasiermesserreidern  und  Abziehern,  Schalen-,  Schilder- ­
  und  Korkzieherarbeiteru  nicht  besser  aussieht.
Und  wie  ist  der  Verdienst  der  Heimarbeiter  in  der  Feder-  und
Taschenmesserbranche?  Man  kann  ruhig  behaupten,  daß  sich  ein  Fabrikarbeiter ­
  bei  zehnstündiger  Arbeitszeit  besser  steht  als  ein  Heimarbeiter
bei  dreizehn-  bis  sechzehnstündiger  Arbeitszeit.  Es  ist  den  Heimarbeitern ­
  nur  noch  auf  Grund  der  Kinder-  und  Frauenarbeit  und  der
Lehrlingszüchterei  möglich,  zu  existieren.  Von  358  Lehrlingen  bei  804
Meistern  waren  64  Söhne,  50  Brüder  der  betreffenden  Meister,  244
waren  nicht  zur  Familie  gehörend.  Die  meisten  Heimarbeiter  senden
ihre  Kinder  in  die  Fabriken,  weil  sie  dort  bessere  Lohn-  und  Arbeitsbedingungen ­
  haben  als  bei  den  eigenen  Eltern.  Von  fünf  Lehrlingen
ergreifen  nach  erfolgter  Lehrzeit  durchschnittlich  vier  einen  anderen  Beruf,
weil  die,  die  nur  als  Spezialarbeiter  gelernt  haben,  nicht  als  selbständige ­
  Arbeiter  sich  etablieren  können.  Nur  bei  den  minderwertigen
Messersorten  ist  es  noch  möglich,  aus  Grund  der  Lehrlingsausbeutung
als  Heimarbeiter  das  Dasein  zu  fristen.  Im  Kreise  Solingen  und  der
Umgegend  erhalten  die  Reider  keine  Lehrlinge  mehr,  deshalb  wendet
man  sich  nach  auswärts;  es  ist  schon  für  einen  Lehrling,  der  vier
Jahre  lernt,  10  bis  20  Mk.  bezahlt  worden.  Um  so  recht  den  Geist
der  Ausbeutung  zu  charakterisieren,  lasse  ich  den  Ausspruch  eines
Fabrikanten  folgen,  den  er  in  einer  Kommissionssitzung,  als  höhere
Preise  verlangt  wurden,  getan  hat:  „Wir  können  auf  die  ordinären
Sorten  keine  Preise  für  allein  arbeitende  Reider  bewilligen,
diejenigen,  welche  uns  die  Messer  machen,  halten  eine  Anzahl
Lehrlinge,  der  Meister  nimmt  morgens  die  Peitsche  und
peitscht  einmal,  und  dann  geht  es  den  ganzen  Tag  aus  einer
Hand  in  die  andere."
Ein  Vorsitzender  des  Fabrikantenvereins  sagte  einnial,  als  die
Reider  die  Preise  so  bestimmt  wissen  wollten,  daß  auch  der  einzelne
Arbeiter  davon  leben  könnte:  „Die  Lebensfrage  kann  hier  nicht
in  Betracht  gezogen  werden,  es  handelt  sich  darum,  ein  Minima ­
  lpreisVerzeichnis  aufzustellen."
Viele  Frauen  der  Heimarbeiter  müssen  neben  der  häuslichen  Arbeit
noch  der  gewerblichen  Hausarbeit  obliegen.  Ich  selbst  hatte  Gelegenheit, ­
  zu  sehen,  wie  die  ganze  Familie  im  Beruf  mit  tätig  war.  In
der  erwähnten  Broschüre  wird  angeführt,  daß  hochschwangere  Frauen
am  Schraubstock  stehen  und  die  schwersten  Arbeiten  verrichten;  das
gleiche  habe  ich  beobachtet  bei  den  Scherenfeilern.  Kinder,  die  auf  den
Spielplatz  gehören,  müssen  in  der  schulfreien  Zeit  mithelfen,  sie  müssen
Rohmaterial  beischaffen  und  an  der  Werkbank  stehen  und  arbeiten.
Ein  technischer  Fortschritt  macht  sich  jetzt  bemerkbar:  verschiedene
Hausindustrielle  haben  sich  einen  Elektromotor  zugelegt.  Nicht  jeder
        <pb n="36" />
        Rheinland  und  Westfalen:  Solingen,  Remscheid,  Wermelskirchen,  Rade  dorm  Wald.  37

Heimarbeiter  kann  aber  wegen  Mangel  an  Geld  sich  sämtliche  erforderlichen ­
  Werkzeuge  beschaffen,  noch  viel  weniger  die  elektrische  Kraft,
Transmission  und  Vorgelege.  Und  so  muß  der  schlechter  gestellte
Arbeiter  in  der  Hausindustrie  langsam  aber  sicher  im  Kampfe  ums
Dasein  zugrunde  gehen.
Auch  viele  Schleifer,  die  bis  vor  kurzer  Zeit  noch  im  Kotten
geschliffen  hatten,  schafften  sich  einen  Elektromotor  an,  und  so  wird
dadurch  die  Schleiferei  auch  wieder  als  Hausindustrie  betrieben.  Wenn
vor  Jahren  die  Frauen  und  Mädchen  nicht  mehr  in  den  Kotten  mit
ihrer  Männerkleidung  vor  dem  Steine  oder  der  Scheibe  sitzen  dursten
und  somit  Arbeiterinnen  nicht  mehr  im  Schleiferberuf  tätig  waren,  so
kann  man  heute  schon  wieder  beobachten,  wie  Frauen  und  Mädchen
in  der  Hausindustrie  an  der  Scheibe  sitzen  und  die  gesundheitsschädliche
Arbeit  verrichten.  Es  ist  dies  traurig,  aber  leider  wahr.
Schätzungsweise  werden  im  Kreise  Solingen  7000  bis  8000  Heimarbeiter ­
  vorhanden  sein,  die  unter  den  ungesunden  Verhältnissen  dahinleben. ­
  Solingen  ist  berühmt  geworden  durch  seine  Industrie,  doch
fängt  es  auch  schon  an,  bekannt  zu  werden  dadurch,  daß  es  einen
großen  Prozentsatz  der  vorzeitig  invalid  Gewordenen  stellt.  Schreiber
dieses,  Beisitzer  am  Schiedsgericht  für  Arbeiterversicherung,  hat  die
Beobachtung  gemacht,  daß  gerade  aus  der  dortigen  Gegend  Arbeiter
ini  Alter  von  30  bis  35  Jahren  um  Invalidenrente  nachsuchen.  Wirft
dies  nicht  ein  grelles  Streiflicht  auf  die  dortigen  ungesunden  Zustände?
Von  Jugend  cmf  mitarbeiten  bei  nicht  ausreichender  Nahrung,  die
schwangere  Frau  körperlich  angestrengt  arbeiten,  die  Kinder  in  Wohnungen,
die  zugleich  Arbeitsräume  sind,  großgezogen  —  das  ist  das  Los  der
Heimarbeiter  und  ihrer  Familien  im  Kreise  Solingen.
Heilstätten  werden  gebaut,  Genesungsheime  u.  s.  w.  für  die  durch
die  Ausbeutung  zu  lebenden  Ruinen  gemachten  Menschen.  Besser  wäre
es,  wenn  das  Übel  bei  der  Wurzel  gefaßt,  wenn  menschliche  Zustände
herbeigeführt  würden.  Daran  zu  arbeiten  ist  auch  eine  der  heiligsten
Aufgaben  der  Solinger  Heimarbeiter.
Wernscheid.  Hier  ist  die  Feilenerzeugung  vorwiegend  in  der
Hausindustrie,  ebenso  in  Wermelskirchen  und  Wade  vorm  Wald.
Es  sind  in  der  Feilenindustrie
in  Remscheid  ....  650  Heimarbeiter,  davon  27  weibliche,
-  Wermelskirchen  .120  -
-  Rade  vorm  Wald  80  -
Im  Kreise  Solingen  sind  dann  noch  in  der  Werkzeug-  und  Sägefabrikation, ­
  Bohrfeilerei,  Beitel-  und  Hobeleisen-  sowie  der  Kluppenfabrikationen ­
  u.  s.  w.  ungefähr  200  Heimarbeiter  beschäftigt.  Die
Arbeitszeit  dauert  von  nwrgens  6  Uhr  bis  abends  8  Uhr,  doch  meist
wird  noch  länger  gearbeitet.  Die  Frauen  und  Kinder  werden  auch
zur  Mitarbeit  herangezogen.  Sie  müssen  morgens  um  6  Uhr  mit  in
die  Schmette  (Werkstatt).  Das  Kantenkippen  an  den  Sägefeilen  wird
von  den  Kindern  besorgt.  Vor  und  nach  der  Schulzeit  werden  die
Kinder  im  Alter  von  sieben  bis  acht  Jahren  schon  in  den  staubgeschwängerten ­
  Werkstätten  mit  beschäftigt.  Jeder  Feilenhauer  von  auswärts ­
  wundert  sich  über  die  niedrigen  Preise  der  kleinen  Feilen,  die
        <pb n="37" />
        38

Die  Heimarbeit  und  ihre  Verbreitung  in  der  Metallindustrie.

nur  deshalb  so  niedrig  stehen,  weil  die  Frauen  und  Kinder  so  viel  wie
nur  eben  möglich  mitarbeiten.  Kein  Feilenhauer  kann  ohne  Hilfe  der
Frau  und  Kinder  bei  den  kleinen  Preisen  existieren.
Bei  einen:  Heimarbeiter  (Feilenhauer)  mußte  sein  noch  schulpflichtiger
Junge  jeden  Tag  an  zehn  Dutzend  Sägefeilen  die  Kanten  kippen.
Wenn  ein  Feilenhauer  pro  Tag  fünf  Dutzend  Sägefeilen  kippt  und
haut,  hat  er  vollauf  zu  tun.  In  den  meisten  Fällen  sind  die  Frauen
mit  dem  Bläuen,  die  Kinder  mit  dem  Scheuern  beschäftigt.  Der  durchschnittliche ­
  Verdienst  der  Heimarbeiter  der  Feilenindustrie  beträgt
15  bis  18  Mk.  pro  Woche;  davon  muß  Werkstätte,  Werkzeug,  Licht,
Feuer  u.  s.  w.  gestellt  werden.  Was  dann  trotz  aller  Anstrengung  der
ganzen  Familie  zum  Leben  übrig  bleibt,  kann  sich  ein  jeder  leicht
vorstellen.
In  Mekbert,  Keikigenhaus,  Tönisheide,  Wülfrath,  Neviges,
Wade  vorm  Wakd  und  Schwelln  herrschen  ebenfalls  die  traurigsten
Zustände  in  der  Schloßindustrie.  Der  Durchschnittsverdienst  ist
13  bis  16  Mk.  pro  Woche;  Werkzeug,  Werkstätte,  Licht,  Heizung,  Öl,
sogar  Bindfaden  zum  Schlüfselanbinden  muß  von  den  Heimarbeitern
gestellt  werden.  Die  Arbeitszeit  beträgt  zwölf  bis  sechzehn,  sogar  achtzehn
Stunden.  Die  Lehrlingsausbeutung  ist  so  betrieben  worden,  daß  man
dort  jetzt  keine  Lehrlinge  mehr  bekommt,  mit  Ausnahme  solcher,  die
keine  Eltern  mehr  haben.  Hat  ein  Lehrling  dreiviertel  bis  ein  Jahr
gelernt,  so  kommt  er  in  Akkord.  Der  Meister  in  der  Hausindustrie
zahlt  ihm  nun  so  viel  für  die  Arbeit,  daß  der  Lehrling  bei  angestrengter
Arbeit  in  dreizehn  bis  fünfzehn  Stunden  und  bei  Sonntagsarheit
vielleicht  1  bis  2  Mk.  über  das  zu  zahlende  Kostgeld  verdient.  Nur
auf  Kosten  der  Lehrlingsausbeutung  halten  sich  dort  die  Hausinduftriellen
  über  Wasser,  die  Fabrikanten  haben  den  Vorteil.  Die  Heimarbeiter ­
  spielen,  wenn  die  Fabrikarbeiter  in  der  Schloßinduftrie  Verschlechterungen ­
  zurückweisen  wollen,  immer  die  Arbeitswilligen,  indem
sie  die  Schlösser  dann  zu  Hause  fabrizieren.  Die  Meister  in  der  Schloßindustrie ­
  haben  sich  Lehrlinge  aus  den  Waisenhäusern  hinter  Berlin
und  aus  Metz  hergeholt,  die  der  Ausbeutung  gänzlich  preisgegeben
sind,  da  in  den  meisten  Fällen  sich  niemand  mehr  um  die  armen,  dem
Siechtum  überantworteten  Menschen  kümmert.
Man  ersieht  hieraus,  wie  berechtigt  die  Forderung  der  organisierten
Arbeiter  ist:  die  in  der  Hausindustrie  beschäftigten  Arbeiter  der  Arbeiterschutzgesetzgebung ­
  zu  unterstellen.
In  Melieim  sind  ungefähr  200  Frauen  und  Kinder  in  der  Nagelindustrie ­
  (Polsternägel  und  Nägel  für  die  Patentschuhknöpfe)  beschäftigt. ­
  Kinder  im  zartesten  Alter  find  am  Zusammenlegen,  die  ältere
Schwester  oder  die  Mutter  sitzt  an  der  Stanze.  Ich  hatte  auch  hier
Gelegenheit,  die  Arbeiterinnen  und  Kinder  bei  der  Arbeit  beobachten
zu  können.  Nach  der  Schule  geht's  an  die  Arbeit;  für  1000  Nägel
zum  Befestigen  der  Patentschuhknöpfe  zahlt  der  Unternehmer  5  bis  6  Pf.
Schätzungsweise  stehen  zirka  200  Stanzen,  an  denen  gearbeitet  wird,
in  den  Wohnzimmern.
In  Warmen  sind  in  der  Knopf-  und  Besatzartikelinduftrie
(Arbeiterzahl  ungefähr  200)  auch  Kinder  und  Frauen  mitbeschäftigt.
        <pb n="38" />
        Rheinland  und  Westfalen:  Velbert,  Schwelm,  Neheim,  Barmen,  Iserlohn,  Aachen  rc.  39

Sie  legen  die  Haken  und  Ösen  auf,  die  dann  mittels  Gasstichflamme
vom  Vater  aufgelötet  werden.  Im  vorigen  Jahre  ist  in  Barmen  fast
eine  ganze  Familie  durch  ausströmende  Gase  erstickt,  nur  bei  zwei  Personen ­
  hatten  die  Wiederbelebungsversuche  Erfolg.  Ich  hatte  Gelegenheit, ­
  bei  einem  Heimarbeiter  die  Anlage  für  Gaslöterei  zu  besichtigen
und  mußte  erklären,  daß  die  Anlage  allem,  aber  nicht  den  gesetzlichen
Vorschriften  entsprach.
In  der  Musikinstrumentenbranche  in  Meuenrade  hatte  ich
noch  nicht  Gelegenheit,  die  Heimarbeit  zu  beobachten,  doch  sollen  dort
nach  nlir  gemachten  Mitteilungen  die  Zustände  auch  nicht  besser  fein.
In  Iserlohn  ist  die  Heimarbeit  in  der  Nadelinduftrie  und  der
Fabrikation  von  Fischangeln  zu  verzeichnen.  Kinder  sind  mit  Einschnüren ­
  von  Nadeln,  Bestecken  der  Briefe  mit  Stecknadeln,  Einölen
von  Haarnadeln  u.  f.  w.  beschäftigt.  Ein  Fabrikinspektor  hob  seinerzeit
in  seinem  Bericht  hervor,  daß  ein  Lehrer  darüber  klagte,  daß  die  Kinder
der  Nadelarbeiter  schwächlich  und  unaufmerksam  wären  und  ein  blasses
Aussehen  hätten.  Ist  dies  zu  verwundern?  Muß  nicht  die  Gesundheit
der  Kinder  leiden,  wenn  sie  abends  sogar  bei  Licht,  ivenn  sie  müde
find,  noch  ihre  Augen  beim  Einschnüren  anstrengen  müssen,  wenn  sie
schon  in  der  Jugend,  um  zu  verdienen,  mitarbeiten  müssen?  Die  Löhne
oder  Akkordsätze  der  Nadelarbeiter  sind  so  niedrig  gestellt,  daß  abends
Weib  und  Kinder  um  das  tägliche  Brot  mitschuften  müssen,  lind  dabei
will  man  den  Arbeitern  durch  brutale  Aussperrungen  noch  ihre  Organisationen ­
  vernichten,  will  man  jetzt  die  Arbeiter  durch  „Wohlfahrtseinrichtungen" ­
  zu  ködern  suchen.
In  Lüdenscheid  werden  in  der  Hausindustrie  elektrotechnische
Artikel  hergestellt,  ferner  Besatzartikel.  Man  kann  dort  in  vielen
Familien  beobachten,  wie  zur  Herstellung  von  Hosenkrempen,  Patenthosenknöpfen,
  Kleiderkrempen  und  Hosenschnallen  Frauen  und  Kinder
beschäftigt  werden.  Im  Winter  holen  sich  die  Leute  stundenweit  die
Arbeit  von  den  Fabriken,  um  sie  zu  billigem  Preise  herzustellen.  Arbeit
wird  abends  mit  nach  Hause  genommen  und  dann  zu  Hause  weitergearbeitet. ­

In  der  Nadelindustrie  finden  wir  auch  noch  die  Heimarbeit
in  Aachen.  Vorwiegend  sind  daran  Frauen  beschäftigt,  die  als  Mädchen
in  den  Nadelfabriken  tätig  waren.  Auch  hier  werden  die  .Kinder  mit
herangezogen.
Am  schlimmsten  ist  die  Kinderarbeit  und  -Ausbeutung  in  der
Fabrikation  der  Besatzartikel  in  Lüdenscheid  und  Aachen.  Kinder
von  5  Jahren  müssen  schon  die  Kleiderkrempen  und  Ösen  mit  aufnähen ­
  helfen  für  die  Weltfirma  William  Primm  in  Stollberg
bei  Aachen.  Man  kann  Kinder  in  der  Ferien-  und  schulfreien  Zeit
auf  den  Treppen  vor  den  Häusern  beobachten,  zu  sechs  bis  zehn  zusammensitzend, ­
  Ösen  und  Haken  aufzunähen.  Kinder  von  sieben  bis
acht  Jahren  bekommen  schon  von  den  Eltern  eine  Anzahl  Karten  täglich
ausgegeben,  und  erst  nach  der  Fertigstellung  dürfen  sie  spielen  gehen.
Für  fünf  Groß,  das  sind  720  Kartons,  auf  jeden  Karton  24  Haken
und  24  Ösen,  wird  1,50  Mk.  bezahlt.  Eine  Mutter  mit  vier  Kindern
verdient,  wenn  sie  zusammen  gut  eingearbeitet  sind,  beim  Aufnähen
        <pb n="39" />
        40

Die  Heimarbeit  und  ihre  Verbreitung  iu  der  Metallindustrie.

pro  Woche  3,50  Mk.  In  einem  Bezirk,  wo  das  Christentum  gehegt
und  gepflegt  wird,  wo  man  unsere  Organisationen  mit  allen  Mitteln
bekämpft,  wo  das  Zentrum  dominiert,  das  so  viel  in  sozialpolitischer
Beziehung  schon  für  die  Arbeiter  getan  —  haben  will,  ist  die  Kinderund
  Frauenausbeutung  am  stärksten  vertreten.
Das  Vorstehende  ist  nur  ein  allgemeiner  liberblick  über  die
traurigen  Zustände  in  der  Hausindustrie  in  Rheinland  und  Westfalen.
Doch  ist  dadurch  schon  bewiesen,  wie  viel  Not  und  Elend  in  ihr  vorhanden ­
  ist.  Traurige  Zustände  existieren  in  der  Hausindustrie.  Leider
ist  der  Schleier  über  die  Auswüchse  der  Heimarbeit  in  der  Metallindustrie ­
  nie  gründlich  gelüstet  worden.  Von  Staatswegen  wird  nicht
kontrolliert;  die  Unternehmermoral  ist:  Gebet  mir  das  Eure,  laßt  mir
das  Meine.  Nur  billig  produziert,  mögen  Menschen  schon  im  zartesten
Alter  ruiniert  werden,  was  kümmert  das  uns?!  Wollen  die  Heimarbeiter ­
  nicht  weiter  zu  Selbstmördern  an  sich  und  ihren  Familien
werden,  so  müssen  sie  sich  aufraffen  und  mithelfen,  gesunde  Zustände
zu  schaffen.

Düffeldorf.

Karl  Spiegel.
        <pb n="40" />
        Die  Gifel,  Lothringen,  Oberstem

Bei  weitem  nicht  so  dicht  mit  Hausindustrie  besetzt  wie  Thüringen
sowie  Rheinland  und  Westfalen  und  gleichsam  mehr  eine  neutrale  Zone
zwischen  Nord-  und  Mitteldeutschland  bildet  Hessen  und  das  südliche
Rheinland.  Die  Heiinarbeit  als  ausschließliche  Beschäftigung  ist  in
diesem  Teile  schwächer  vertreten.
In  Kassel  unb  Sinzig  am  Rhein  sind  vereinzelte  Arbeiter,  die
die  Federn  zu  den  Chapeau  claques  anfertigen.  Ihre  Zahl
beträgt  kaum  mehr  als  ein  halbes  Dutzend,  so  daß  ein  Eingehen  darauf
sich  nicht  recht  verlohnt,  außerdem  sind  nicht  einmal  alle  ausschließliche,
sondern  die  Mehrzahl  gelegentliche  Heimarbeiter.
In  Wascheid,  Lascheid,  Auw  und  in  der  Schneeeisel  ist  etwas
Kleineisenindustrie,  allerdings  sehr  verstreut,  ebenfalls  in  dem  in  der
Nähe  befindlichen  Orte  Schleiden,  die  hausindustriell  betrieben  wird.
In  nennenswerterem  Umfang  ist  in  Gerolstein,  Aohm,  Wockeskyll
und  Wüscheich  (ebenfalls  Eifel)  die  Heimindustrie  vertreteu.  Es  befinden ­
  sich  dort  Werkstätten  für  Ratten-,  Mäuse-  und  Wildfallen
und  werden  auch  zahlreiche  Arbeiten  an  Heimarbeiter  vergeben.  Es
gelang  bisher  allerdings  noch  nicht,  Fühlung  mit  diesen  Arbeitern  zu
bekommen  und  ist  eine  auch  nur  schätzungsweise  Angabe  der  Zahl  der
Heimarbeiter  ausgeschlossen.
In  Weilstein  unb  Gngelport  a.  d.  Mosel.  wird  die  Herstellung
von  Nippes  (Gußwaren)  und  in  Aplingen,  Webringen,  Gebenhausen,
Gberhost  und  Sevtingen  (Lothringen)  die  Herstellung  von  Schmuckgegenständen ­
  in  Glas,  Perlen  und  in  Metall  hausindustriell  betrieben. ­
  Auch  hier  war  es  bisher  nicht  möglich,  irgend  welchen  Anschluß ­
  zu  erhalten.
Das  wichtigste  Gebiet  der  Heimindustrie  im  südlichen  Rheinland,  in
dem  es  auch  gelungen  ist,  vermittelst  der  gewerkschaftlichen  Organisation
Anschluß  zu  bekommen  und  die  Verhältnisse  zu  beobachten,  ist  das
Gebiet  in  und  um  Oberstem  an  der  Nahe.
Oberstem  a.  d.  Wahr  und  Adar  ist  seit  Jahren  der  Sitz  der
lkhrketten-,  Bijouterie-  und  Achatmarenfabrikation.  Vertreten
sind  die  Edel-  und  Unedelmetallindustrie  und  die  Halbedelsteinschleiferei,
letztere  vornehmlich  in  Idar,  erstere  in  Oberstein.  Beschäftigt  sind  in
dem  Industriegebiet  zirka  5000  Personen,  von  denen  zirka  2500  in
Fabriken  tätig  sind.  Die  übrigen  sind  sowohl  in  den  Orten  als  auch
in  den  umliegenden  Dörfern  als  Heimarbeiter  tätig.  Neben  diesen
ausschließlichen  Heimarbeitern  nehmen  aber  noch  zirka  drei  Viertel
        <pb n="41" />
        42

Die  Heimarbeit  und  ihre  Verbreitung  iu  der  Metallindustrie.

Teile  der  in  der  Fabrik  tätigen  Arbeiter  Arbeit  mit  nach
Hause,  um  sie  nach  Feierabend  mit  Weib  und  Kind  fertig  zu  stellen.
Die  Oberstein-Jdaer  Industrie  hat  sich  aus  kleinen  Handwerksbetrieben ­
  entwickelt.  Die  Mehrzahl  der  letzteren  sind  in  diesem  Konkurrenzkampf ­
  als  selbständige  Existenzen  zugrunde  gegangen  und  fristen
jetzt  ihr  Dasein  als  Heimarbeiter.  Ist  ihr  Los  heute  auch  nicht  beneidenswert, ­
  so  erscheint  es  gegen  die  Zeit,  wo  noch  größere  Selbständigkeit ­
  mit  geringerem  und  zweifelhaftem  Absatz  den  kleinen  Handwerksmann ­
  ausmachte,  gesichert.  Die  Fortschritte  der  Technik,  die  sich  nur
der  Großbetrieb  zunutze  machen  kann,  hat  diese  Kleinhandwerker  mit
ihren  unvorteilhaften  Arbeitsmethoden  und  mangelhaften  Hilfswerkzeugen
von  den  Großbetrieben  abhängig  gemacht  und  ihnen  dadurch,  daß  sie
jetzt  gut  vorgerichtete  Bestandteile  leichter  als  früher  weiter  bearbeiten
können,  einen  besseren  Verdienst  gesichert,  als  sie  ihn  sich  selber  zu
schassen  vermochten.  Dieser  Umstand  trägt  nicht  unwesentlich  dazu  bei,
daß  bei  den  Obersteiner  Heimarbeitern  noch  Überbleibsel  der  früheren
handwerksmeisterlichen  Unnahbarkeit  vorhanden  sind.
Die  Arbeitszeit  ist  nur  in  den  Fabriken  geregelt  und  beträgt  daselbst ­
  10  Stunden.  Zu  Hause  geht's  nach  Feierabend  aber  häufig
genug  bis  12  Uhr  nachts.  Diejenigen,  die  ausschließlich  als  Heimarbeiter
arbeiten,  benützen  jeden  Augenblick  von  morgens  4  oder  5  Uhr  bis  nachts
12  und  1  Uhr.
Als  Arbeitsraum  dient  meist  die  Küche,  die  der  Heizersparnis
halber  meist  Wohn-,  Koch-  und  Arbeitsraum  iu  einem  darstellt.  Die
Wohnungsmieten  stellen  sich  aus  18  bis  20  Mk.  pro  Monat  für  drei
kleine  einfensterige  Zimmer  nebst  Küche,  die  Lebensmittelpreise  werden
als  großstädtische  bezeichnet.
Die  Preise  für  die  Arbeiten  sind  im  Lause  der  letzten  Jahre  außerordentlich ­
  herabgedrückt  worden.  Den  Arbeitern  fehlt  jeder  organisatorische ­
  Rückhalt,  so  daß  die  Unternehmer  in  den  Fabriken  und  Werkstätten ­
  Abzug  auf  Abzug  vornehmen  können.  Gedrängt  werden  die
Unternehmer  durch  die  in  üppiger  Blüte  stehende  Schundkonkürrenz,
die  sie  sich  gegenseitig  bereiten.  Erleichtert  wird  ihr  Vorgehen  durch
die  gelegentliche  Heimarbeit,  die  den  Fabrikarbeitern  neben  ihrem  durch
Fabrikarbeit  erzielten  Lohne  noch  einen  Nebenverdienst  schasst.  Hierzu
kommt,  daß  viele  auf  den  umliegenden  Dörfern  wohnende  Kleinhäusler
auch  die  Söhne  und  Töchtern  von  Bauern  für  die  Zeit,  welche  die
Bestellung  ihrer  Felder  ihnen  frei  läßt,  Arbeit  zu  den  Preisen,  wie  sie
in  Oberstem  bezahlt  werden,  übernehmen.
Die  Kinderarbeit  steht  in  üppigster  Blüte.  Kaum  daß  die  Kinder
auf  den  Tisch  hinaufreichen  können,  müssen  sie  mithelfen  verdienen.
Echte  Ware  (in  Edelmetallen)  wird  überhaupt  nur  sehr  wenig,  in
der  Hausindustrie  aber  fast  gar  nicht  gemacht.  Diamantschleiferei  ist
ist  nur  Fabrikbetrieb,  ebenso  die  Achatschleiferei.  Als  Heimarbeit  wird
neben  dem  Bohren  und  Gravieren  von  Edel-  und  Halbedelsteinen
(Opalen,  Amethysten,  Achaten)  in  der  Hauptsache  die  Bearbeitung  von
Unedelmetallen  zu  Ketten,  Gürtlerei-  und  Bijouteriewaren  betrieben.
Was  den  Verdienst  anbelangt,  so  übersteigt  er  bei  den  Fabrikarbeitern
in  seltenen  Fällen  15  bis  16  Mk.,  Arbeiter,  die  20  Mk.  verdienen,  ge ­
        <pb n="42" />
        ®ic  Eifcl,  Lothringen,  Oberste»!.

43

hören  zu  den  Ausnahmen.  In  der  Hausindustrie  ist  der  Verdienst
schwer  feststellbar,  weil  die  Dauer  der  Arbeitszeit  nicht  bekannt  ist.
Der  stündliche  Verdienst  schwankt  zwischen  15  bis  25  Ps.  und  erreicht
nur  in  einigen  wenigen  Fällen  auch  wohl  30  Pf.  Bei  diesem  Verdienst
müssen  sich  die  Heimarbeiter  ihr  Werkzeug  selbst  stellen,  was  namentlich
bei  den  Achatarbeitern  schwer  ins  Gewicht  fällt,  als  die  Diamantbohrer
tmd  Bohrvorrichtungen  ziemlich  teusr  sind.  In  mehreren  Fällen  müssen
sich  die  Metallarbeiter  auch  den  Borax  und  das  Schlaglot  selbst  kaufen.
Um  einen  Einblick  in  die  Herstellungsart  des  Hauptzweiges  der  Uhrkettenindustrie ­
  zu  bekommen,  soweit  sie  als  Heimarbeit  in  Frage  kommt,
möge  nachstehendes  Beispiel  dienen.  Die  einzelnen  Glieder  zu  einer
Panzeruhrkette  erhält  der  Heimarbeiter  vom  Fabrikanten  geliefert.  Diese
Ringe,  die  auf  einer  Seite  offen  sind,  werden  je  nach  der  Länge  der
Kette  in  entsprechender  Zahl  ineinander  gehängt  und  mit  der  Drahtzange ­
  zugebogen.  Um  einen  Pfennig  zu  verdienen,  muß  der  Heimarbeiter ­
  144  Kettenglieder  in  dieser  Weise  zu  einer  Kette  vereinigen.
Je  nach  Geschicklichkeit  können  bei  fleißiger  Arbeit  in  der  Stunde
1400  bis  1500  Glieder  ineinandergehängt  und  zugebogen  werden  und
entspricht  dieser  Leistung  ein  Verdienst  von  10  Ps.  Diese  Arbeit  wird
hauptsächlich  von  Kindern  (selbst  solchen  vom  5.  Lebensjahre  an)  ausgeführt, ­
  auch  Frauen  sind  daraus  sehr  eingeübt.  Hierauf  wird  die
Kette  an  den  Auslöter  gegeben.  Dieser  glüht  sie  erst  aus,  läßt  sie
langsam  erkalten  und  spannt  sie  auf  einen  Draht.  Hier  wird  dann
der  mit  einer  Säure  angerührte  Borax  nebst  dem  Schlaglot  aufgetragen
und  dann  das  Lot  in  der  Stichflamme  zum  Schmelzen  gebracht,  also
die  Kette  gelötet.  Nach  dem  Erkalten  wird  sie  auf  den  Drehbock  gespannt ­
  und  so  lang  uni  sich  gedreht,  bis  sie  die  rechte  Form  hat,  das
heißt  bis  die  Kettenglieder  flach  ineinander  liegen.
Das  Glühen,  Aufträgen  des  Lotes  und  Borax',  Löten  und  Strecken
der  Kette  ist  ein  Akkord.  Der  Auslöter  erhält  für  das  Gros  je  nach
Länge  und  Qualität  1,70  Mk.  bis  3  Mk.  und  kann  es  auf  einen  Verdienst ­
  von  15  bis  20  Pf.  pro  Stunde  bringen.  Dieser  Verdienst  wird
aber  noch  geschmälert  dadurch,  daß  der  Heimarbeiter  sich  das  Lot,  den
Borax  und  die  Säure  selbst  kaufen  und  auch  das  Brennmaterial  zum
Glühen  und  Löten  selbst  stellen  muß.
Auch  die  Obersteiner  und  Jdarer  Hausindustrie  trägt  alle  charakteristischen ­
  Merkmale  der  Heimarbeit  überhaupt.  Sie  weist  geringen
Verdienst,  lange  Arbeitszeit  in  unzulänglichen,  ungesunden  Räumen,
Ausbeutung  der  Arbeitskraft  selbst  im  jugendlichsten  Alter  auf.  Sie
benachteiligt  die  Arbeiter  in  der  Industrie  durch  ihre  willige  und  billige
Arbeitsmethode,  und  treibt  dadurch  die  Industriearbeiter  zur  gelegentlichen ­
  oder  richtiger  zur  Heimarbeit  nach  Feierabend  an.  Beide  Arbeiterkategorien ­
  machen  sich  in  geradezu  unheiinlicher  Weise  Konkurrenz,
indem  sie  sich  den  Unternehmern  gegenüber  unterbieten  und  letzteren
dadurch  in  den  Stand  sehen,  ihre  bisher  untereinander  betriebene
Schundkonkurrenz  zum  Nachteil  sämtlicher  Berufsangehörigen  fortzusetzen.
Frankfurt  a.  Main.  Fst.  Ehrler.
        <pb n="43" />
        Baden  und  Württemberg.
Baden  unb  Württemberg  beherbergen  in  ihren  schönsten  Teilen
ebenfalls  reichliche  Hausindustrie.  Hier  ist  es  vornehmlich  der  Schwarzwald,
  der  dicht  besetzt  mit  Heimarbeitern  ist.  In  seinen  nördlichen
Ausläufern,  in  der  Umgegend  von  Pforzheim  und  Neuenbürg,
gibt  die  in  Pforzheim  domizilierende  Bijouteriebranche  zahlreichen
Heimarbeitern  Beschäftigung,  während  im  mittleren  und  südwestlichen ­
  Teile  die  Uhrenfabrikation  sich  noch  heute  als  Hausindustrie
behauptet.  Neben  diesen  beiden  Hauptspezies  wird  noch  die  Fabrikation ­
  von  Messern,  Scheren  und  chirurgischen  Instrumenten
zum  Teil  hausindustriell  betrieben  in  Tuttlingen  und  Umgegend,
die  Fabrikation  von  Mundharmonikas  in  Knittlingen  und
Trossingen,  die  Herstellung  von  Sieben  und  Drahtwaren
allerdings  sehr  vereinzelt  in  verschiedenen  Orten  auf  den  Fildern
bei  Stuttgart.  Auch  selbst  in  den  Industriestädten  Stuttgart,
Heilbronn,  Eßlingen,  Göppingen  und  Geislingen,  wo  die  Metallwarenfabrikation
  zu  Hause  ist,  begegnet  man  Poliererinnen,
Graveuren  und  Ziseleuren  als  Heimarbeiter.  Ebenso  in  der  Echtgold- ­
  und  Silberwarenbranche  in  Stuttgart,  Eßlingen,  Heilbronn ­
  und  Schwäb.  Gmünd  den  sogenannten  Poliseusen  und  den
Graveuren.  Die  Lage  all  dieser  Arbeiter  eingehend  zu  untersuchen,  ist
bei  der  Kürze  der  zur  Verfügung  stehenden  Zeit  nicht  möglich  und
können  wir  nachstehend  nur  den  wichtigsten  Branchen  und  Gebieten
Raum  geben.
*  *
*
pforzbenn  und  ümgegend.
Dem  Berichterstatter  ist  es  nicht  möglich,  alle  Einzelheiten  der
Heimarbeit  hier  zu  besprechen,  weil  er  erst  kurze  Zeit  am  Orte  tätig,  um
in  allen  diesen  Fragen  eingeweiht  zu  sein,  doch  gibt  es  bemerkenswertes
genug,  welches  ich  hiermit  der  Öffentlichkeit  übergebe.
Or.  Fuchs  berichtet  uns  in  seinem  Buche:  „Die  soziale  Lage  der
Pforzheimer  Bijouteriearbeiter"  (Verlag  Thiergarten,  Karlsruhe  1901),
daß  in  73  Orten  der  Umgebung  Pforzheims  Heimarbeiter  oder  Hausindustrielle ­
  vorhanden  sind,  von  diesen  73  Orten  gehören  31  zu  Baden,
während  42  zu  Württemberg  zählen.  Dem  Amtsbezirk  Pforzheim  gehören ­
  27  Orte  an,  dem  Amtsbezirk  Durlach  4,  Oberamt  Neuenbürg
21  Orte,  Oberamt  Calw  8  Orte,  Oberamt  Leonberg  6  Orte  und  dem
Oberamt  Maulbronn  gehören  7  Orte  an.  Die  Entfernung  einzelner
        <pb n="44" />
        Baden  und  Württemberg:  Pforzheim  und  Umgegend.

45-

Orte  von  Pforzheim  beträgt  25  Kilometer.  In  diesen  73  Orten  sollen
angeblich  im  Jahre  1900  zur  Zeit  der  Erhebung  durch  Dr.  Fuchs
1259  Heimarbeiter  und  Hausindustrielle  vorhanden  gewesen  sein.  Seit
dieser  Zeit  hat  eine  bedeutende  Steigerung  der  in  der  Hausindustrie
Beschäftigten  stattgefunden  und  niedrig  geschätzt  dürfte  die  Zahl  der
Heimarbeiter  3000  bedeutend  übersteigen.  Das  geht  schon  daraus  hervor, ­
  daß  in  einzelnen  Orten  die  Zahl  der  Heimarbeiter  sich  um  Hunderte
von  Prozente  vermehrte,  so  war  im  Orte  Kieselbronn  im  Jahre  1900
nach  Dr.  Fuchs  bloß  ein  Heimarbeiter  vorhanden,  nach  einer  Zählung,
die  wir  im  Anfang  Februar  d.  I.  vornahmen,  22;  noch  krasser  ist  es
in  einigen  anderen  Orten,  wenn  ich  hier  keine  Zahlen  anführe,  so  bloß
deshalb,  weil  wir  mit  den  Erhebungen  bis  nach  dem  Kongreß  warten
und  diese  Orte  jetzt  bloß  von  uns  besucht  worden  sind,  um  etwas
Material  zu  gewinnen.  Naturgemäß,  das  heißt  anpassend  den  Verhältnissen ­
  der  Gesamtindustrie,  ist  die  Mehrheit  der  in  der  Hausindustrie
Beschäftigten  weiblichen  Geschlechtes.  Also  Frauen,  die,  gezwungen  durch
ungenügende  Löhne  ihrer  Männer,  versuchen,  auf  diese  Weise  die  Lebenshaltung ­
  der  Familie  in  die  Höhe  zu  schrauben,  und  dürste  die  Hälfte
der  weiblichen  Heimarbeiter  Frauen  sein,  den  Mädchen,  die  noch  Heimarbeit ­
  verrichten  und  aus  dem  Lande  wohnen,  ist  eben  der  Weg  in
die  Stadt  in  der  Frühe  und  am  Abend  zu  viel,  doch  kann  man  aus
der  Tabelle  des  Dr.  Fuchs  ersehen,  daß  in  den  Orten,  die  an  dem
Bahnnetz  angeschlossen  sind,  weniger  Heimarbeiter  vorhanden  sind  als
in  jenen  Orten,  von  denen  man  Pforzheim  erst  nach  Zurücklegung  von
2,  3  oder  gar  4  Wegstunden  erreicht.
Die  Hausindustrie,  die,  wie  bereits  erwähnt,  in  den  letzten  zwei
Jahren  an  Umfang  bedeutend  zunahm,  hat  natürlich,  wenn  auch  nicht
gerade  in  jeden:  Falle,  ein  Sinken  der  Lohnhöhe  hervorgerufen,  jedoch
ist  der  Stücklohn  bedeutend  von  den  Unternehmern  reduziert  worden,
teilweise  bis  zu  50  und  60  Prozent,  wie  uns  von  einer  Anzahl  von
Heimarbeitern  nachgewiesen  worden  ist.  Hierbei  sei  auch  gleich  auf
die  schlaue  Art  und  Weise  hingewiesen,  mit  welcher  die  Unternehmer
vorgehen,  um  die  Akkordpreise  zu  drücken.  Kommt  die  flaue  Zeit,  der
Sommer,  dann  wird  dem  Heimarbeiter  gesagt:  „Wir  haben  keine  Arbeit,
das  Geschäft  geht  schlecht  u.  s.  w."  Der  Arbeiter  oder  die  Arbeiterin,
wenn  sie  in  der  Tat  bloß  auf  die  Heimarbeit  angewiesen  sind  (es  gibt
ja  welche,  die  im  Sommer  in  der  Landwirtschaft  schaffen),  sind  gezwungen, ­
  öfters  wieder  zu  kommen  und  nach  Arbeit  nachzufragen,
sie  bekommen  drei-  bis  viermal  dieselbe  Antwort,  bis  endlich  dann  der
Fabrikant  sagt:  „Sie  können  ja  etwas  bekommen,  aber  Sie  müssen  diese
Sorte  billiger  machen,  wenigstens  jetzt  im  Sommer;  wenn  die  Saison
wieder  herankommt,  dann  erhalten  Sie  wieder  den  alten  Preis."  Aus
diese  Weise  kommt  der  in  Pforzheim  unter  dem  Namen  bekannte
„Sommerpreis"  zustande,  der  in  der  Regel  auch  im  Winter  bestehen
bleibt.  Die  Heimarbeiter  sind  machtlos,  sie  müssen  sich's  gefallen  lassen,
und  um  doch  halbwegs  was  verdienen  zu  können,  arbeiten  sie  bis  spät
in  die  Nacht  hinein.  So  werden  diese  armen  Heimarbeiter  ausgebeutet.
Der  größte  Teil  der  in  der  Hausindustrie  Beschäftigten  verfertigt
Ketten;  es  sind  dies  hauptsächlich  die  sogenannten  Meterketten  (unter
        <pb n="45" />
        Die  Heimarbeit  und  ihre  Verbreitung  in  der  Metallindustrie.

40
diesem  Namen  deshalb  bekannt,  weil  sie  nach  Meter  fabriziert  und  auch
entlohnt  werden),  auch  werden  aus  Kettengliedern  zusammengefügte  Börsen
gemacht,  des  weiteren  auch  Broschen,  Ringe  sowie  Armreifen,  jedoch
bloß  im  kleineren  Umfang.  Seit  den  letzten  Jahren  wird  sogar  das
Steinefassen  bei  billigen  Ringen  nach  Hause  gegeben  und  erhalten  die
Jasser  2  bis  2'/s  Pf.  pro  Stein.  Wenn  zum  übergroßen  Teile  in  der
Hausindustrie  nur  Waren  von  unedlem  Metall  (wie  Double)  erzeugt
werden,  so  liegt  der  Grund  nahe.  Mit  dem  unedlen  Metall  braucht
man  nicht  so  sparsam  mnzugehen,  zweitens  bedarf  die  Arbeit  ans  unedlem ­
  Metall  eine  nicht  so  sorgfältige  Ausführung  und  drittens,  da
der  Wert  des  unedlen  Metalls  nur  gering,  ist  nicht  jenes  Maß  von
Vertrauen  notwendig,  welches  vorhanden  sein  müßte  bei  edlem  Metall.
Die  Art  der  Vergebung  der  Arbeit  an  den  in  der  Hausindustrie  Beschäftigten ­
  geschieht  entweder  direkt  durch  den  Unternehmer  oder  durch
den  Zwischenmeister.  Dieses  Zwischenmeisterspstem  führt  zu  Differenzen
zwischen  den  Arbeitern  selbst,  da  ja  meistenteils  der  Zwischenineister
einen  Prozentsatz  des  Lohnes  des  Heimarbeiters  erhält.
Es  kommt  sehr  häufig  vor,  daß  einige  Arbeiter  oder  Arbeiterinnen
in  einem  Raume  zusammenarbeiten.  Hier  ist  der  Zwischenmeister  derjenige, ­
  der  die  Arbeit  ausgibt,  abnimmt,  an  den  Unternehmer  abliefert,
den  Lohn  dafür  erhält,  und  dann  erst  den  Betreffenden  ihren  Lohn
verrechnet  und  seinen  Vorteil  dabei  wahrt  wie  er  nur  kann.  Der
Unternehmer  kennt  in  solchen  Fällen  die  Leute,  die  für  ihn  schaffen,
nicht,  verantwortlich  ist  ihm  der  Zwischenineister.  Es  gibt  auch  Heimarbeiter, ­
  die  für  mehrere  Fabrikanten  schaffen,  das  geht  daraus  hervor,
daß  verschiedene  Male  Heimarbeiter  drei-  bis  viermal  zur  Krankeukasse
gemeldet  wurden.  Der  Heimarbeiter  hat  neben  dein  Arbeitsraum,  der
meistenteils  Wohnstube,  vielfach  auch  Schlafstube  ist,  noch  zu  stellen
die  Lötflamme,  sei  es  Gas,  Spiritus  oder  Benzin,  Werkzeuge,  sowie
verschiedene  andere  Zutaten,  die  im  Fabrikbetrieb  eben  der  Unternehmer
stellen  müßte.  Kein  Wuiider  deshalb,  wenn  die  Hausindustrie  immer
mehr  an  Ausbreitung  gewinnt,  tun  doch  die  Unternehmer  alles,  um  sie
zu  fördern,  denn  neben  der  Verkleinerung  des  Anlagekapitals  erspart
der  Unternehmer  noch  die  Beiträge  zu  den  Versicherungen,  und  was
gerade  den  Pforzheimer  Herren  am  besten  paßt,  das  ist,  daß  diese
Personen  der  Gewerbeordnung  nicht  unterstehen,  die  werden  angehalten,
so  bald  als  möglich  zu  liefern,  und  so  schaffen  manche  Arbeiter  12  bis
14  und  noch  mehr  Stunden.  Mit  einem  Worte,  man  versteht  eben
dadurch  die  Arbeiterschutzgesetze  zu  umgehen,  das  geht  aus  dem  Bericht
der  Handelskammer  ja  deutlich  hervor,  wo  bemerkt  wird,  daß  die
Bestimmung,  daß  die  weiblichen  Arbeiter  am  Samstag  nicht  länger
als  bis  halb  sechs  Uhr  beschäftigt  werden  dürfen,  von  den  Fabrikanten
schwer  empfunden  wird,  und  daß  der  gesetzliche  Zehnstundentag  schwere
Folgen  für  die  Bijouterie-Industrie  zur  Folge  hätte  u.  s.  w.  Das
Anwachsen  der  Heimarbeiter  in  manchen  Orten  ist  seit  1900,  seit  den
Erhebungen  von  Dr.  Fuchs,  wie  schon  erwähnt,  ein  bedeutendes,  so  ist  im
Jahre  1900  im  Orte  K.  blos  ein  Heimarbeiter  vorhanden  gewesen,  nach
einer  Erhebung,  die  von  uns  im  Anfang  Februar  vorgenommen  wurde,  22,
in  einem  anderen  Orte  B.  stieg  die  Zahl  von  3  auf  mehr  als  100.
        <pb n="46" />
        Baden  und  Württemberg:  Pforzheim  und  Umgegend.

47

Ferner  ist  es  auch  nicht  selten,  daß  irgend  ein  Zwischemneister  eine
Anzahl  Arbeiter  beschäftigt,  wie  schon  bemerkt  für  einen  Psorzheimer
Fabrikanten  F.  Da  ist  im  erwähnten  Orte  K.  ein  solcher  vorhanden,
der  20  Mädchen  ans  Ketten  beschäftigt.  Die  Mädchen  erhalten  Stundenlöhne ­
  und  kommen  aus  acht  bis  zwölf  Mark.  Es  kann  wohl  als
Seltenheit  gelten,  daß  in  der  Hausindustrie  in  Stundenlohn  geschafft
wird.  Diese  Arbeiterinnen  müßten  zweifellos/  weil  eine  gewisse  Abhängigkeit ­
  vom  Fabrikanten  als  vorhanden  bezeichnet  werden  muß,  zu
den  gesetzlichen  Versicherungen  angemeldet  sein,  ob  dies  dort  der  Fall,
wurde  seitens  des  Erhebers  nicht  gefragt,  doch  wird  Schreiber  dieses
dies  noch  nachholen.  Diese  21  Personen  schaffen  in  einer  großen
Wohnstube,  doch  als  genügend  kann  dieselbe  nicht  bezeichnet  werden.  Die
gesetzliche  Festlegung  dessen,  daß  Hausindustrielle  sowie  Heimarbeiter
den  Versicherungsgesetzen  zu  unterstellen  sind,  ist  eine  Notwendigkeit,
und  braucht  dies  hier  nicht  näher  ausgeführt  zu  werden.  Wie  verschieden ­
  die  Auffassung  über  den  Unterschied  zwischen  hausindustrielle
Arbeiter  und  Heimarbeiter  ist,  soll  an  einem  Beispiel  erörtert  werden.
Der  Badische  Verwaltungsgerichtshof  hat  in  einer  Entscheidung  gegen
die  Ortskrankenkasse  P.  eine  Arbeiterin  als  Heimarbeiterin  bezeichnet,
die  nach  Ansicht  des  Kassenvorstandes  zu  den  hausindustriellen  Arbeitern
zu  rechnen  ist.  Im  Urteil  sind  einige  Stellen,  die  weitere  Kreise
interessieren  dürften.  Es  heißt  dort:  „Die  Unterscheidungsmerkmale
beider  Arten  (Hausindustrie  und  Heimarbeit)  von  Beschäftigung  sind
zwar  im  Gesetze  und  in  der  wissenschaftlichen  Auslegung  desselben  im
wesentlichen  festgestellt,  aber  die  Anwendung  dieser  Merkmale  aus  den
einzelnen  Fall,  ist  bei  der  Mannigfaltigkeit  der  Gestaltung  der  tatsächlichen ­
  Verhältnisse  und  der  Flüssigkeit  der  Grenze  stets  schwierig
und  muß  von  Fall  zu  Fall  geschehen."  ....  Und  weiter  unten  heißt
es:  „Gewicht  muß  gelegt  werden  aus  folgende  Merkmale:  auf  das  Maß
der  persönlichen  Freiheit,  Unabhängigkeit  des  Arbeiters  vom
Arbeitgeber.  Bei  der  Heimarbeit  unterliegt  der  erstere,  wenn  auch
im  beschränkten  Maße,  einer  fortgesetzten  Leitung  und  Aussicht  des
letzteren,  er  empfängt  fortlaufend  Arbeitsaufträge.  Der  hausindustrielle
Arbeiter  ist  freier,  er  bestimmt  nach  eigenem  Ermessen  Ansang  und
Ende  der  Arbeitszeit,  er  braucht  nicht  regelmäßig  zu  liefern  u.  s.  w."
Also,  auf  die  persönliche  Unabhängigkeit  kommt  es  an,  hier  die  Grenze  zu
finden,  ist  meiner  Ansicht  nach  nicht  leicht.  Die  oben  erwähnte  Arbeiterin
war  int  weitesten  Maße  unabhängig,  denn  sie  arbeitete  zeitweilig  für
zwei  Fabrikanten,  ließ  sich  auch  von  ihrer  Wirtin  helfen,  lieferte,  wenn
es  ihr  paßte  ab,  und  doch  entschied  hier  das  Gericht,  die  Arbeiterin
ist  eine  Heimarbeiterin,  während  die  Begründung  gegen  diese  Annahme
spricht.  Über  dieses  Dilemma  kommt  man  am  besten  fort  durch  Einbezug ­
  aller  dieser  Arbeiterkategorien  in  die  Versicherung.
Zu  bemerken  ist  noch,  daß  die  Heimarbeiter  über  die  Unstetigkeit
der  Arbeitsaufträge  klagen,  während  im  Winter  sie  Arbeit  genügend
haben,  so  seien  sie  im  Sommer  meistens  ohne  Arbeit,  so  daß  sie  gezwungen, ­
  entweder  als  Taglöhner  bei  den  Landwirten,  oder,  soweit
sie  in  der  Stadt  wohnen,  sich  eine  andere  Beschäftigung  zu  suchen,
über  die  Lebenshaltung  selbst  konnten  wir  bloß  von  einigen  Heim ­
        <pb n="47" />
        48

Die  Heimarbeit  und  ihre  Verbreitung  in  der  Metallindustrie.

arbeitern  Antwort  erhalten,  und  erscheint  sie  uns  dürftig  genug.  So
gibt  es  in  einer  Familie  von  vier  Personen  zweimal  die  Woche  Fleisch,
je  ein  halbes  Pfund.  In  manchen  tritt  wohl  an  Stelle  des  teuren
Fleisches  Milchnahrung,  doch  nimmt  dies  ab,  seitdem  die  Landwirte  die
Milch  in  die  Stadt  zu  höheren  Preisen  liefern  können  als  sie  auf  dem
Lande  erhalten.  In  vielen  Fällen,  wo  der  Mann  Heimarbeiter  ist,
hilft  die  Frau  und  auch  die  Kinder  mit,  wenn  auch  Dr.  Fuchs  annimmt,
daß  im  Pforzheimer  Bezirk  nichts  dafür  spreche,  daß  die  Kinderarbeit
sich  eingebürgert  hat  oder  nur  ausnahmsweise  vorkommt.  Wir  müssen
dieser  Annahme  widersprechen,  die  Eltern  sagen  dies  im  seltensten  Falle,
doch  ist  uns  von  vielen  Arbeitern,  die  auf  dem  Lande  wohnen,  erklärt
worden,  daß  auch  Kinder  mit  Kettengliedereinhängen  beschäftigt  find,
wozu  ja  die  kleinen  gelenkigen  Finger  der  Kinder  besser  geeignet  find
als  die  Hände  der  Erwachsenen.
Es  sei  noch  erwähnt,  daß  die  Löhne  teils  niedriger  geworden  oder
stabil  geblieben  find,  während  überall  auf  dem  Lande  geklagt  wird,  daß
die  Ausgaben,  nicht  nur  für  Miete,  sondern  auch  für  die  Lebenshaltung
gestiegen  sind.
Alte  Heimarbeiter  erzählten  uns,  daß  sie  nicht  nur  mehr  leisten
müssen  wie  früher,  sie  müssen  auch  länger  schaffen,  und  doch  wären
sie  nicht  imstande,  sich  alles  das  zu  bieten,  wie  es  vor  fünf  bis  zehn
Jahren  noch  der  Fall  gewesen  ist.  Bemerken  will  ich  hierzu,  daß  dies
keineswegs  alte  Arbeiter  sind,  die  in  ihrer  Leistungsfähigkeit  nachgelassen
haben,  sondern  noch  solche,  die  ihre  volle  Arbeitskraft  besitzen.
Möge  der  Heimarbeiterkongreß  ein  mächtiger  Schritt  nach  vorwärts
werden,  möge  die  Regierung  davon  lernen  und  Gesetz  werden  lassen
jene  Forderungen,  die  wir  ausstellen,  um  die  Klasse  der  Heimarbeiter
vor  allzugroßer  Ausbeutung  zu  schützen.

Pforzheim.

Alfred  Weiß.
        <pb n="48" />
        Bndm  und  Württemberg:  Trossingm  und  Umgegend.

49

4

^roMngen  unä  dmgegenä.
Die  Trossinger  Industrie  beschäftigt  sich,  soweit  die  Metallindustrie
in  Betracht  kommt,  mit  der  Herstellung  von  Mundharmonikas.
Diese  Fabrikation  vollzieht  sich  jedoch,  obwohl  es  sich  hier  fast  nur  um
Massenartikel  handelt,  nur  zum  Teil  fabrikmäßig,  größtenteils  jedoch
auf  haus  industriellem  Wege.  Fabrikmäßig  werden  fast  nur  die  Bestandteile ­
  hergestellt,  während  deren  weitere  Bearbeitung  und  Zusammenstellung
meist  durch  Heimarbeiter  erfolgt.  Dies  Verhältnis  kommt  so  recht  in
den  nachstehenden  Schilderungen  zum  Ausdruck.
Die  Firma  M.  Hohner,  die  größte  am  Orte,  beschäftigt  insgesamt ­
  2000  Personen,  davon  nur  500  in  der  Fabrik,  alle  übrigen
sind  in  der  Hausindustrie  und  in  den  Filialen  dieser  Firma  beschäftigt.
Den  Arbeitern  und  Arbeiterinnen  der  Filialen  wird  das  Material
gerade  so  wie  den  Heimarbeitern  geliefert.
Die  Zahl  der  auf  diese  Weise  beschäftigten  Heimarbeiter  beträgt
in  Trossingen  selbst  800,  in  der  weiteren  Umgegend  auf  4  bis  5  Stunden
im  Umkreis  1200  bis  1500  Personen,  so  daß  die  Gesamtzahl  immerhin
zirka  2000  bis  2300  Personen  betragen  wird.  Die  Art  der  Arbeit  ist
sehr  verschieden.  Wir  begegnen  Heimarbeitern,  die  die  einzelnen  Bestandteile ­
  nacharbeiten  und  die  ganze  Mundharmonika  fertig  machen,
daneben  sehen  wir  wieder  welche,  die  nur  ganz  bestimmte  Arbeiten  an
den  Bestandteilen  verrichten,  die  Fertigmacherei  aber  anderen  überlassen.
Die  Arbeit  der  Heimarbeiter  besteht  im  wesentlichen  in  dem  Aufnageln
der  Stimmzungen  auf  die  Platten,  im  Einpassen  und  Abstimmen  derselben ­
  und  mit  Aufnageln  der  mit  Stimmzungen  versehenen  Platten
auf  das  Holz  und  im  Fertigmachen.  Die  Fabrik  liefert  vorgearbeitet
die  Holzteile  ausgefräst,  die  Platten  gestanzt  und  gelocht,  die  Zungen
ungelocht,  die  Nägel  zum  Aufnageln  dieser,  die  äußeren  Blechschilder,
sowie  die  Befestigungsschrauben  hierzu.
Die  Bezahlung  richtet  sich  nach  der  der  in  Fabrik  beschäftigten
Arbeiter,  verkürzt  sich  natürlich  dadurch  gegeu  den  Verdienst  dieser,
weil  der  Heimarbeiter  Licht,  Heizung,  Werkzeug  und  Arbeitsraum  selbst
stellen  muß.  Außerdem  werden  die  männlichen  Heimarbeiter  zur  Gewerbesteuer ­
  herangezogen.  Nachstehende  Übersicht  mag  einen  Einblick
in  die  Verdienstverhältnisse  der  Heimarbeiter  gewähren.  Es  wird  bezahlt ­
  für:  Aufnageln  der  Federn  einschließlich  Lochen  pro  Dutzend
10  Pf.,  Tagesleistung  ist  12  bis  15  Dutzend,  Verdienst  pro  Tag  1,20
bis  1,50  Mt.;  Festnieten  der  Federn  pro  Dutzend  10  Pf.,  Tagesleistung
12  bis  15  Dutzend,  1,20  bis  1,50  Mk.;  Lösen  der  Zungen  (Hineinpassen ­
  sc.)  pro  Dutzend  15  Pf.,  Tagesleistung  8  bis  10  Dutzend,  1,20
bis  1,50  Mk.;  Stimmen  pro  Dutzend  17  Pf.,  Tagesleistung  15  bis
20  Dutzend,  2,55  bis  3,70  Mk.;  Aufhölzeln  pro  Dutzend  10  Pf.,  Tagesleistung ­
  20  bis  27  Dutzend,  2  bis  2,70  Mk.;  Ausstimmen  pro  Dutzend
11  Pf.,  Tagesleistung  30  bis  35  Dutzend,  3,31  bis  3,60  Mk.;  Aufdeckeln ­
  pro  Dutzend  3  Pf.,  Tagesleistung  40  bis  50  Dutzend,  1,20  bis
1,50  Mk.
        <pb n="49" />
        50

Sic  Heimarbeit  und  ihre  Verbreitung  in  der  Metallindustrie.

Das  Ausstimmen  und  Aufdeckeln  geschieht  meist  in  der  Fabrik,
der  dabei  erzielte  Verdienst  kommt  aber  für  Heimarbeiter  nicht  in  Frage.
Der  Verdienst  dieser  beträgt,  soweit  männliche  Arbeiter  in  Frage
kommen,  dann  2,30  bis  2,80  Mk.  pro  Tag.
Die  Futterale  für  die  Mundharmonikas  werden  ausschließlich ­
  in  der  Heimindustrie  hergestellt.  Die  Arbeiterinnen  bekommen  das
Material  von  der  Fabrik  geliefert.  Da  die  Arbeiter  außerordentlich
schlecht  bezahlt  werden,  so  werden  alle  Familienmitglieder  zur  Mitarbeit ­
  herangezogen.  Greisinnen  von  60  bis  70  Jahren,  Kinder  von
7  bis  8  Jahren  an.  Voriges  Jahr  fiel  es  einem  Lehrer  auf,  daß  ein
zehnjähriges  Kind  während  der  Schulstunden  häufig  schlief.  Zur  Rede
gestellt,  gab  es  an,  daß  es  immer  zu  Hause  arbeiten  müsse.  Derselbe
Lehrer  konnte  dann  die  gleiche  Beobachtung  auch  noch  bei  anderen
Kindern  machen.  Bei  den  Futteralmacherinnen  und  denjenigen  Heimarbeitern ­
  und  Arbeiterinnen,  die  in  der  Fabrik  arbeiten  und  nach  Geschäftsschluß ­
  noch  Arbeit  mit  nach  Hause  nehmen,  kommt  es  häufig
vor,  daß  die  Heimarbeit  bis  nachts  12  Uhr  ausgedehnt  wird.  Dabei
müssen  die  Futteralmacherinnen  oft  2  bis  3  Tage  auf  das  Material
warten.  Dieser  Mangel  in  der  Verteilung  des  Materials  wird  als
eine  der  Ursachen  mit  bezeichnet,  warum  dann  die  Arbeiterinnen  bis
spät  in  die  Nacht  hinein  arbeiten.
Der  Verdienst  der  Arbeiterinnen  stellt  sich  bei  angestrengter  Tätigkeit ­
  auf  3,50  bis  4  Mk.  pro  Woche.  Da  ein  Zwang  zur  Versicherung
gegen  Krankheit  und  Invalidität  nicht  besteht,  so  sind  die  wenigsten  Heimarbeiter ­
  gegen  Krankheit  versichert.  Diejenigen  aber,  die  versichert  sind,
müssen  selbstverständlich  die  ganzen  Beiträge  zahlen.  Es  werden  dagegen ­
  alle  männlichen  Heimarbeiter  ohne  Unterschied  zur  Gewerbesteuer ­
  mit  herangezogen.  Diese  Steuer  macht  bei  einem  der  tüchtigsten
Heimarbeiter  mit  einen:  Jahreseinkommen  von  1100  Mk.  jährlich
3,70  Mk.  aus.
In  Trossingen  sind  mehrere  Hausindustrielle  vorhanden,  die  eine
ganze  Anzahl  Arbeiter  und  Arbeiterinnen  beschäftigen.  Diese  Leute
verdienen  natürlich  noch  weniger  als  die  allein  oder  mit  Familie
arbeitenden  Heimarbeiter.
Über  den  geringen  Verdienst  vermag  sich  ein  Teil  der  Heimarbeiter
hinweg  zu  täuschen,  dadurch,  daß  er  Landwirtschaft  betreibt  unb  ihm
die  Heimarbeit  sozusagen  ein  lohnender  Nebenerwerb  ist,  aus  dessen
Einkünften  er  Sparrücklagen  machen  kann.  Diese  Erscheinung  veranlaßte ­
  den  Stadtschultheiß  von  Trossingen,  in  einer  der  letzten  Sitzungen
der  Handwerkerbank  überschwänglich  zu  erklären:  „Es  steht  glänzend
mit  den  Arbeitern  von  Trossingen  und  der  Umgebung,  das  beweisen
die  vielen  Ersparnisse."
Diese  Äußerung  ist  geeignet,  eine  ganze  falsche  Auffassung  über
die  Lage  der  Trossinger  Heimarbeiter  und  Harmonikaarbeiter  hervorzurufen. ­
  Der  Herr  Stadtschultheiß  hat  hierbei,  ob  mit  Absicht  oder
nicht,  sei  dahingestellt,  außer  Betracht  gelassen,  in  welcher  Zeit  und
mit  welchen  körperlichen  und  geistigen  Anstrengungen  der  Arbeiter
diese  Spareinlagen  erzielt  hat.  Wenn  ein  Arbeiter  zehn  Stunden  lang
in  der  Fabrik  arbeitet,  dann  nach  Feierabend  bis  10,  11  und  12  Uhr
        <pb n="50" />
        Baden  und  Württemberg:  Trossingen  und  Umgegend.

51

als  Heimarbeiter  tätig  ist,  und  außerdem  noch  seine  Frau  und  seine
Kinder  mitarbeiten,  dann  freilich  kann  es  im  Einzelfall  sein,  daß  einige
Mark  erspart  &amp;gt;verden  können.  Die  Tatsache  der  schlechten  Entlohnung
der  Trossinger  Harmonikaarbeiter  wird  damit  nicht  aus  der  Welt
geschafft.
Trossingen.  E.  Birk.

*

*

Derselbe  Industriezweig  wie  in  Trossingen  ist  anet;  in  Kniktlingen,
O.-A.  Maulbronn  in  Württemberg,  vertreten.  Mangels  jeglicher  Fühlung
mit  den  dort  beschäftigten  Arbeitern  war  die  Erlangung  eines  Berichtes
aus  dortiger  Gegend  unmöglich.

Der  .Herausgeber.
        <pb n="51" />
        52

Die  Heimarbeit  und  ihre  Verbreitung  in  der  Metallindustrie.,

Sckxvai'Lwälcler  (lkreninclustriebeLirk.
Zu  derjenigen  Industrie,  die  eine  ganz  bedeutende  Anzahl  Heimarbeiter ­
  ausweist,  gehört  auch  die  Uhrenindustrie  des  badischen  und
württembergischen  Schwarzwaldes.  Diese  Industrie  erstreckt  sich  über
Aurtwangen,  Gütenbach,  St.  Georgen,  Kriverg,  Lenzkirch,
Wiltingen,  sowie  noch  über  die  umliegenden  Ortschaften  obiger
badischer  Städte.  Im  württembergischen  Schwarzwald  sind  es  die  Orte
Weustadt  a.  £).,  Schwenningen  und  Schramberg  mit  Umgebung.
In  den  genannten  Orten  werden  alle  Arten  Schwarzwälder  Holzuhren ­
  wie  sogenannte  Jockeles-,  Schotten-,  Kuckucks-,  Wachtel-  und
Trompeteruhren,  Regulateure,  sogenannte  Pariseruhren,  Uhren  amerikanischen ­
  Systems,  Kontrolluhren,  Jahresuhren  und  Gasmesser-  und
Wasseruhren,  sowie  Phonographen  und  Gramophonen  verfertigt.  Die
Heimarbeit  ist  in  sämtlichen  obigen  Uhrenbranchen  vertreten,  am
bäufigsten  bei  den  Uhren  amerikanischen  Systems.  Die  männlichen
Heimarbeiter  rekrutieren  sich  vielfach  aus  früheren  selbständigen  Kleinmeistern,
  die  vom  Großbetrieb  aufgesogen  wurden  und  sich  nicht  gerne
unter  eine  Fabrikordnung  stellen,  sowie  aus  älteren  Arbeitern,  die  sich
auch  nicht  gerne  schurigeln  lassen  wollen  und  zum  großen  Teile  aus
solchen,  die  noch  ein  Häuschen  und  etwas  Landwirtschaft  ihr  Eigen
nennen.  Die  letzteren  wohnen  meistens  in  den  Landorten  und  arbeiten
um  einen  ganz  geringen  Lohn.  Die  weiblichen  Heimarbeiter  sind
meistens  verheiratete  Frauen  und  Witwen.  Daß  auch  die  Kinderarbeit ­
  eine  sehr  verbreitete  sein  muß,  geht  aus  einer  Bekanntmachung
der  Schwarzwälder  Handelskammer  hervor,  die  diese  mit  einem  Gefühl,
als  habe  sie  den  Schulkindern  eine  recht  große  Freude  bereitet,  in
sämtlichen  Zeitungen  des  Schivarzwaldes  veröffentlicht.  Bekanntlich
dürfen  Kinder  in  solchen  Werkstätten,  in  denen  Blei,  Kupfer,  Zink
oder  Legierungen  dieser  Metalle  verarbeitet  werden,  nicht  beschäftigt
werden.  Als  Werkstätten  werden  auch  die  Räume,  die  zum  Wohnen  u.  s.  w.
dienen,  angesehen.  Die  Handelskammer  schreibt,  daß  ein  solches  Verbot
sehr  nachteilig  für  die  Hausgewerbetreibenden  sei.  Infolgedessen  hat
sie  bei  der  Regierung  Schritte  unternommen,  um  dies  Verbot  aufzuheben.
Der  Bundesrat  ist  dem  Gesuch  nachgekommen,  indem  er  gestattete,  daß
die  eigenen  Kinder  in  solchen  Werkstätten  beschäftigt  werden  dürfen,  in
denen  das  Sortieren  und  Zusaminensetzen  von  Uhrenbestandteilen  erfolgt.
Schon  lange  verlangen  die  organisierten  Arbeiter,  daß  die  Heimarbeiter
unter  die  Arbeiterschutz-  und  Versicherungsgesetze  gestellt  werden  sollen,
aber  noch  nie  hat  sich  die  Regierung  bewogen  gefühlt,  dem  gerechten
Wunsche  der  Arbeiter  zu  entsprechen.  Wir  zweifeln  sehr  daran,  daß
die  Regierung  ein  solches  Entgegenkommen  gezeigt  hätte,  wenn  die
Arbeiter  mit  einem  Wunsche  gekommen  ivären.  Dieser  Vorfall  zeigt
aber  wieder,  daß  die  Profitwut  auch  nicht  vor  der  Ausbeutung  der
Kinder  Halt  macht.
Was  die  Herstellung  von  Holzuhren  betrifft,  so  erfolgt  diese  fast
ausschließlich  in  der  Hausindustrie.  Bei  diesen  Uhren  finden  wir  auch
        <pb n="52" />
        Baden  und  Württemberg:  Schwarzwälder  Uhrmmdustriebezirk.

53

noch  Hausindustrielle,  die  entweder  allein  oder  mit  einigen  Familienangehörigen ­
  oder  Gehilfen  die  Uhren  auf  eigene  Rechnung  oder  für  den
Grossisten  verfertigen.  Vielfach  beziehen  diese  die  fertig  gedrehten  Räder
von  Geschäften,  die  diese  Artikel  als  Spezialität  fabrizieren.  Ein  solches
großes  Geschäft  existiert  in  Schonach  bei  Triberg.  Die  dortigen  Arbeiter ­
  'erhalten  einen  Lohn  von  1,50  Mk.  bis  2,50  Mk.  pro  Tag  bei
zehnstündiger  Arbeitszeit.  Nach  der  Fabrikarbeit  arbeiten  die  Arbeiter
Schonachs  noch  bis  IO  und  11  Uhr  nachts  um  einen  wahren  Schundpreis. ­
  Das  gleiche  gilt  von  Schönwald  zwischen  Triberg  und  Furtwangen ­
  gelegen.  Die  Fabrikation  der  Holzuhren  wird  in  Furtwangen,
St.  Georgen,  Triberg,  Villingen  und  Königsfeld  betrieben.  In
Villingen  und  Königsfeld  existiert  je  ein  Grossist,  der  nicht  einen  Arbeiterin ­
  der  eigenen  Werkstatt  beschäftigt.  Diese  beziehen  die  fertigen  Bestandteile ­
  und  lassen  die  Uhren  von  Heimarbeitern  fertigstellen.  Auch  die
Unternehmer  der  anderen  Orte  lassen  zum  größten  Teile  die  Bestandteile ­
  fertig  kommen.  Die  Arbeitszeit  ist  eine  unbeschränkte  und  gehören
zwölf-  bis  vierzehnstündige  nicht  zu  den  Seltenheiten.  Der  Lohn  schwankt
zwischen  1,50  Mk.  bis  3,50  Mk.  pro  Tag.
Bei  der  Fabrikation  der  Regulateure  ist  die  Heimarbeit  vertreten:
die  verschiedenen  Räder  drehen,  Pendel  machen,  Guß  ausfeilen,  Zifferblätter ­
  machen,  Fallenbengel,  Anker-Baletten  machen.  Die  Räderdreher
erhalten  das  gezahnte  Rad,  den  gezahnten  Stahltrieb  und  den  herabgefrästen ­
  Butzen.  Der  Butzen  ivird  zuerst  aus  den  Trieb  gelötet,
dann  wird  der  Butzen  „läufig"  gedreht  und  zum  Nieten  auf  das  Rad
ausgedreht.  Das  Rad  wird  dann  aufgenietet  und  die  Zapfen  gedreht,
sowie  der  Trieb  blank  poliert.  Die  Zapfen  müssen  sehr  genau  fein,
damit  diese  in  die  Löcher  der  Platte  gut  passen.  Die  Räder  werden
zum  großen  Teile  in  der  Umgegend  von  Villingen  und  Furtwangen
und  auch  auf  dem  Heuberg  (im  Oberamt  Spaichingen)  verfertigt.  Die
Preise  find  feit  einigen  Jahren  sehr  zurückgegangen,  zum  Teil  um  30  bis
50  Prozent.  So  zahlt  jetzt  eine  Firma  für  Räder,  die  diese  früher
selbst  machte,  statt  13  nur  noch  7  Pf.;  statt  11  nur  5  Pf.;  statt  12
nur  6  Pf.  Diese  Firma  steht  natürlich  nicht  allein  da.  Die  Räderdreher
auf  dem  Heuberg  erhalten  noch  weniger,  dabei  muß  man  bedenken,  daß
diese  Arbeit  nicht  von  einem  jeden  gemacht  werden  kann.  Ein  gut
eingeübter  Räderdreher  kann  pro  Tag  (10  Stunden)  noch  2,50  Mk.
bis  3  Mk.  verdienen  bei  ganz  intensiver  Arbeit.  Die  Pendelmacher
erhalten  zum  Teile  die  Querstäbe  heruntergefräst  und  angezeichnet,  die
Drähte  heruntergeschert  und  an  der  Mittelstange  das  Gewinde,  die
Pendelrosette,  Einlage  und  Eisenscheiben  bei  den  gewöhnlichen  Sorten.
Nun  muß  er  die  Querschnitte  bohren,  je  nach  Qualität  abseilen  und
polieren,  zusammenmachen  und  fertigstellen.  Die  Preise  sind  für  polierte
3,65  Mk.,  für  gewöhnliche  2,50  Mk.,  2,30  Mk.,  2,16  Mk.  Bei  den
polierten  hat  er  gut  anderthalb  Tage  angestrengt  zu  arbeiten,  bei  den
anderen  Sorten  auch  mehr  als  einen  Tag  (10  Stunden).  Für  100  Stück
Pendelrosetten  fertigmachen  und  anfassen  eine  Mark.  Tagesverdienst
zirka  3  Mk.  Dieses  ist  jedoch  kein  reiner  Tagesverdienst,  denn  bei  dem
Arbeitholen  und  -abliefern  geht  viel  Zeit  verloren.  So  machen  nach
Villingen  ein  Arbeiter  von  Birgach  und  Mönchweiler  Pendel.  Dieser
        <pb n="53" />
        54

Die  Heimarbeit  und  ihre  Verbreitung  in  der  Metallindustrie.

hat  jeweils  einen  halben  Tag  Zeitverlust.  Ersterer  erhält  vielleicht
10  Mk.  Lohn.  Davon  muß  er  80  Pf.  bis  1  Mk.  Fahrgeld  bezahlen.
Es  gibt  natürlich  viele  Sorten  von  Pendel,  die  mehr  oder  weniger
schlecht  bezahlt  sind.  Den  Durchschnittslohn  pro  Woche  kann  man  bei
den  männlichen  Heimarbeitern,  die  auf  Regulateuren  arbeiten,  auf  10  bis
15  Mk.,  mitunter  auch  18  Mk.  rechnen.  Die  Frauen  müssen  Räder
ausschaben  und  glätten  bei  einem  Wochenverdienst  von  4  bis  5  Mk.
Die  meisten  Heimarbeiter  beziehungsweise  -Arbeiterinnen  sind  bei
den  „Amerikaner"-Uhren  tätig.  Die  meistverbreitete  Arbeit  ist  das
Spindelstecken.  Dies  wird  von  Frauen  und  Kindern  besorgt.  Für
100  Stück  Spindeln,  jede  Spindel  mit  sieben  bis  zehn  Drähtchen,
werden  5  bis  10  Pf.  bezahlt.  Um  also  5  Pf.  zu  verdienen,  muß  eine
Frau  oder  ein  Kind  700  bis  1000  Drähtchen  stecken.  Bei  dieser
Arbeit  werden  die  Kinder  von  früh  bis  spät  angespannt,  sogar  solche
von  drei  Jahren  ab.  Ost  stecken  die  Frau  und  Kinder  bis  in  die
Nacht  hinein  und  haben  dann  im  höchsten  Falle  80  bis  90  Pf.  verdient. ­
  Als  vor  mehreren  Jahren  in  der  Schule  angefragt  wurde,  wer
zu  Hause  arbeiten  müsse,  meldete  sich  eine  Zahl,  die  geradezu  unheimlich ­
  war.  Leider  wurde  nicht  gefragt,  wie  lange  und  was  sie  arbeiten
und  wie  viel  sie  erhalten.  Vielfach  dürfen  die  Kinder  erst  nach  dem
Nachtessen  die  Schulaufgaben  machen,  wie  diese  ausfallen,  kann  sich
jeder  denken.  Bemerkt  muß  werden,  daß  das  Spindelstecken,  das  immerwährende ­
  scharfe  Hinsehen  auf  einen  Punkt,  die  Augen  sehr  anstrengt.
Ein  weiterer  Artikel  ist  das  Balanceeinziehen  und  -Abwägen.  Auch
dies  ist  eine  stark  die  Augen  anstrengende  Arbeit  und  kommen  die
Frauen  in  der  Woche  bei  diesen  Arbeiten  vielfach  auf  5  bis  8,  im
besten  Falle  10  Mk.  Hier  möchte  ich  ermähnen,  das  besonders  die
Frauen  der  Werkführer  und  Kompagniemeister  die  bestbezahlten  Arbeiten
erhalten.  Diese  hätten  dies  doch  viel  weniger  notwendig  als  die  Frau
eines  Arbeiters,  der  bloß  2  bis  2,50  Mk.  verdient.  Als  weitere
Arbeiten  sind  zu  nennen:  Pfeiler  bohren  und  versenken,  Schlüssel  zusammenmachen ­
  (100  Stück  7  Pf.),  Balancestifte,  Spiralfedern  anstellen,
Spirale,  richten,  Walzen  machen  (Sperre  aufnieten  40  Pf.,  fertigmachen
30  Pf.  pro  100  Stück),  Bodenräder  zusammenmachen  (100  Stück  30  Pf.),
Absteller  nieten,(100  Stück  4  Pf.),  Spindeln  abscheren  (ein  Kilogramm
5  Pf.),  Grundplatinen  nieten  (100  Stück  50  Pf.).  Es  würde  viel  zu
weit  führen,  wollte  man  jeden  einzelnen  Bestandteil  aufzählen.  Daß
auch  der  Vater  Staat  seine  Arbeiter  schlecht  bezahlt,  kann  man  daraus
ersehen,  daß  viele  Eisenbahnerfrauen  in  die  Fabriken  Arbeit  liefern.
Ein  großes  Kontingent  der  Heimarbeiter  stellen  auch  die  tagsüber  in
der  Fabrik  beschäftigten  Arbeiter  und  Arbeiterinnen.  Alle  Abend  kann
man  diese  mit  einem  Kistchen  oder  Sacke  auf  dem  Buckel  die  Fabrik
verlassen  und  bis  10  und  11  Uhr  arbeiten  sehen.  Sogar  Sonntags
wird  noch  gearbeitet.  Wie  eine  Verhöhnung  des  Arbeiters  klingt  es,
wenn  die  Vertreter  der  christlichen  Liebe  von  der  Kanzel  herunter  dem
Arbeiter  Entsagung  predigen,  währenddem  dieser  zu  Hause  für  sich
und  seine  Familie  arbeitet.
In  vielen  Fällen  ist  der  oben  angegebene  Lohn  nicht  der  richtige.
So  wird  zum  Beispiel  den  Spindelsteckern  für  die  Spindeln  etwas
        <pb n="54" />
        Badni  und  Württemberg:  Schwarzwälder  Uhrenindustriebezirk.

55

abgezogen,  damit  diese  besser  aufs  Material  achten  sollen.
Kommt  es  vor,  daß  eine  Spindel  nicht  recht  gesteckt  ist,  so  wird  für
jedes  Stück  5  bis  8  Ps.  abgezogen.  Dies  gilt  auch  für  die  anderen
Artikel,  nur  daß  der  Abzug  dort  größer  ist.
Die  Arbeit  wird  gewöhnlich  in  der  Wohnstube  oder  im  Schlafzimmer ­
  vorgenommen.  Die  Zahl  der  Heimarbeiter  und  Heimarbeiterinnen
ist  ungefähr  folgende  (bei  den  männlichen  Arbeitern  sind  auch  die  mitgezählt, ­
  die  unter  tags  in  der  Fabrik  arbeiten):  In  Furtwangen
200  männliche,  400  weibliche,  400  Kinder  (diese  Zahlen  sind  Mindestzahlen, ­
  genaue  Angaben  waren  nicht  zu  erhalten);  in  St.  Georgen
25  männliche,  50  weibliche,  30  Kinder;  in  Triberg  sind  es  außer  den
Hausindustriellen  nur  einige  Mann;  in  Schramberg  150  männliche,
200  weibliche;  in  Schwenningen  60  männliche,  500  weibliche,  700  Kinder;
in  Villingen  50  männliche,  200  weibliche,  40  Kinder;  insgesamt  also
485  männliche  Arbeiter,  1350  weibliche  Arbeiter  und  1170  Kinder.
Diese  Zahlen  umfassen  nicht  alle  Heimarbeiter,  da  die  in  den
Ortschaften  nicht  gezählt  sind.  Auch  halte  ich  die  Zahl  der  Männer
und  Frauen  für  viel  zu  niedrig.  Die  Zahl  der  Kinder  ist  unbedingt
auch  eine  höhere,  denn  sehr  viele  werden  verwendet,  um  Arbeit  zu  holen
und  abzuliefern.  Von  sämtlichen  Heimarbeitern  muß  das  Werkzeug
selbst  angeschafft  werden,  mit  ganz  wenigen  Ausnahmen.  So  erhalten
die,  die  Balance  abwägen,  das  Maschinchen  von  der  Fabrik,  in  Furtwangen ­
  auch  die,  die  die  Sperre  auf  die  Walzen  nieten.
Die  Wohnungspreise  stellen  sich  für  die  einzelnen  Orte  pro
Jahr:  Furtwangen:  ein  Zimmer  mit  Kammer  96  bis  120  Mk-,  zwei
Zimmer  und  Küche  168  bis  216  Mk.,  zwei  Zimmer,  Kammer  und
Küche  216  bis  276  Mk.;  St.  Georgen:  zwei  Zimmer,  jedoch  die  Küche
mit  einem  anderen  Mieter,  144  Mk.,  drei  Zimmer  mit  besonderer
Küche  240  Mk.;  Schramberg:  zwei  Zimmer  130  bis  200  Mk.,  je  nach
Lage  und  Stockwerk,  drei  Zimmer  180  bis  250  Mk.;  Schwenningen:
Dachwohnungen  mit  einem  Zimmer,  ohne  Küche,  mindestens  100  Mk.,
vielfach  der  Abort  in  einem  anderen  Stockwerk,  zwei  Zimmer  200  bis
220  Mk.,  drei  Zimmer  240  Mk.  und  mehr;  Villingen:  zwei  Zimmer
180  bis  220  Mk.,  drei  Zimmer  240  bis  288  Mk.  Um  diese  Mietpreise ­
  zu  verringern,  nehmen  die  mit  drei  Zimmern  gewöhnlich  noch
Schlafgänger.  In  Schwenningen  und  wohl  auch  an  anderen  Orten
vielfach  schon  mit  zwei  Zimmern.
Die  Preise  der  Lebensmittel  sind  folgende.  Von  Furtwangen
habe  ich  keine  Nachricht  erhalten.  St.  Georgen:  Rindfleisch  75  Pf.
pro  Pfund,  Schweinefleisch  75  Pf.,  Kalbfleisch  75  Pf.,  geräucherter  Speck
1,05  Mk.,  Butter  90  Ps.,  Schweineschmalz  85  bis  90  Ps.,  Eier,  zwei
Stück  15  Ps.,  Kartoffeln,  Zentner  2  Mk.,  Mehl  15,  16  und  18  Pf.
pro  Pfund.  Schwenningen:  Rindfleisch  70  Ps.  pro  Pfund,  Schweinefleisch ­
  75  Pf.,  geräucherter  Speck  1,10  Mk.,  Butter,  je  nach  Jahreszeit ­
  0,85  bis  1,15  Mk.,  Schweineschmalz  0,80  bis  1  Mk.,  Eier,  Stück
5  bis  8  Pf.,  Mehl  16  bis  22  Pf.,  Kartoffeln,  Zentner  1,80  bis  2,50  Mk.
Schramberg:  Fleisch  70  bis  75  Pf.,  Brot,  vier  Pfund,  schwarz  42  Ps.,
halbweiß  46  Pf.  und  weiß  48  Pf.,  Mehl  Nr.  0  21  Pf.  Villingen:
Rindfleisch  70  Ps.  pro  Pfund,  Schweinefleisch  75  Pf.,  Kalbfleisch  75
        <pb n="55" />
        56

Die  Heimarbeit  und  ihre  Verbreitung  in  der  Metallindustrie.

bis  80  Pf.,  Speck  1  bis  1,10  Mk.,  Brot,  vier  Pfund  44,  50  und  56  Pf.,
Wurstwaren  60  bis  90  Pf.,  Mehl  18,  19  und  20  Pf.,  Schweinefchmalz
  80  Pf.,  Rindschmalz  1,20  Mk.,  Kartoffeln,  Zentner  2,80  bis
3  Mk.,  Milch,  Liter  16  Pf.,  Butter  0,80  bis  1  Mk.,  Eier,  zwei  Stück
13  bis  15  Pf.,  ein  Stück  8  Pf.
Die  Preise  des  Heizungsmaterials  find  folgende:  St.  Georgen:
Holz  7  bis  8  Mk.  pro  Kubikmeter  (Ster),  Kohlen  1,40,  1,70  bis
2,50  Mk.  pro  Zentner;  Schwenningen:  Holz  9  Mk.,  Kohlen  1,50  bis
1,80  Mk.;  Villingen:  Holz  7,50  bis  8,50  Mk.,  Kohlen  1,50  bis  2  Mk.
Die  teuren  Wohnnngsmieten  und  Lebensmittel  bringen  es  mit  sich,
daß  gerade  die  Arbeiter,  die  eine  zahlreiche  Familie  haben,  gezwungen
find,  nach  der  anstrengenden  Fabrikarbeit  noch  zu  Hause  zu  arbeiten.
Arbeitet  die  Frau  auch  in  der  Fabrik,  so  hat  sie  für  ein  Kind,  das
noch  nicht  laufen  kann,  das  noch  Pflege  braucht,  20  bis  30  Pf.  täglich
zu  zahlen.  Die  größeren  Kinder  können  sich  auf  der  Straße  aufhalten.
Wenn  wir  die  Lage  der  Heimarbeiter  des  Schwarzwaldes  überblicken, ­
  so  kann  man  getrost  sagen,  daß  diese  vielfach  um  keinen  Deut
hinter  derjenigen  anderer  Gegenden  zurücksteht.  Männliche  Arbeiter
verdienen  oft  in  der  Fabrik  10  bis  12  Mk.,  in  der  Hausindustrie  7  bis
9  Mk.  die  Woche.,  Frauen  in  der  Fabrik  7  bis  10  Mk.,  in  der  Hausindustrie ­
  3  bis  5  Mk.;  die,  welche  mehr  verdienen,  find  Werkführersfrauen. ­
  Auch  in  Zukunft  ivird  sich  das  Bild  nicht  ändern.  Die
Fabrikanten  geben  immer  mehr  Arbeit  nach  Haufe.  Auch  der  Zolltarif, ­
  der  unsere  Industrie  sehr  gefährdet,  wird  dazu  beitragen,  die
Lebenshaltung  des  Arbeiters  zu  drücken.

Villingen.

Albert  Kuner.
        <pb n="56" />
        Baden  und  Württemberg:  Tuttlingen  und  Umgegend.

57

Tuttlingen  unä  dmgegencl.
Die  Heimindustrie  am  hiesigen  Platze  erstreckt  sich  auf  die  Herstellung ­
  chirurgischer  Instrumente  und  von  Messerwaren.  Die  Zahl
der  darauf  beschäftigten  Heimarbeiter  beträgt  für  die  chirurgische  Jnstrumentenerzeugung
  zirka  70,  für  die  Messerwarenfabrikation  60  Personen.
Die  chirurgischen  Instrumentenmacher  sind  größtenteils  freiwillige  Heimarbeiter, ­
  während  die  Messerschmiede  sich  gezwungen  der  Heimindustrie
zuwenden,  weil  größere  Fabriken,  die  diese  als  Arbeiter  aufnehmen
könnten,  nicht  bestehen.  In  weitaus  den  meisten  Fällen  ist  die  Heimarbeit ­
  Hauptbeschäftigung,  es  gibt  aber  auch  Heimarbeiter,  welche  dieselbe ­
  als  Nebenbeschäftigung  betreiben,  das  ist  besonders  aus  dem  Lande
der  Fall.  Hier  wird  sie  größtenteils  als  Nebenbeschäftigung  betrieben.
Mit  einigen  Ausnahmen  sind  die  Heimarbeiter  alle  verheiratet  und
besteht  ihre  Wohnung  in  den  meisten  Fällen  aus  zwei  bis  drei  Zimmern.
Es  gibt  aber  auch  hier  wieder  Ausnahmen,  jedoch  sind  größere  Wohnungen
eine  Seltenheit.  Der  größte  Teil  arbeitet  in  besonderer  Werkstatt,  es
gibt  aber  auch  solche,  welche  im  Zimmer  einen  Schraubstock  angebracht
haben,  woran  gearbeitet  wird,  zum  Teile  arbeiten  sie  allein,  zum  Teile
mit  jüngeren  Gehilfen  oder  Lehrlingen.  Man  kannn  auch  Lehrlingszüchtereien
  antreffen.
Die  Arbeitszeit  beginnt  im  Sommer  gewöhnlich  um  5  Uhr  morgens
und  endet  um  7  oder  8  Uhr  abends,  im  Winter  um  7  Uhr  morgens
und  endet  um  9  oder  10  Uhr  abends  und  noch  später.  Samstags  kommt
es  vor,  daß  bis  12  Uhr  und  oft  die  ganze  Nacht  gearbeitet  wird,  meist
arbeiten  die  Gehilfen  und  Lehrlinge  länger  wie  der  Meister  und  erhalten
für  Überzeitarbeit  entweder  Stunden-  oder  Akkordlohn;  die  Arbeitszeit
wird  gewöhnlich  durch  eine  viertelstündige  Pause  vor-  und  nachmittags
unterbrochen.  Sonntagsarbeit  gibt  es  überall.  Der  Verdienst  ist  nicht
kontrollierbar.  Die  Gehilfen  erhalten  5  bis  6  Mk.,  in  Ausnahmesällen
8  bis  10  Mk.  pro  Woche.  Der  größte  Teil  der  Heimarbeiter  arbeitet
für  die  hier  am  Platze  befindlichen  Fabriken.  Es  gibt  aber  solche,
welche  nebenbei  noch  für  eigene  Rechnung  arbeiten,  was  jedoch  von  den
Fabrikanten  nicht  gern  gesehen  wird.  Das  Werkzeug  müssen  die  Heimarbeiter ­
  selbst  anschaffen,  ebenso  Maschinenbetrieb  u.  s.  w.,  soweit  sie
dieselben  benötigen,  auch  müssen  dieselben  die  Rohmaterialien  selbst
kaufen  und  zwar  in  der  Fabrik  zu  bedeutend  höheren  Preisen  als  sie
anderswo  bezahlen  würden,  dafür  erhalten  sie  für  ihre  Arbeit  nicht
mehr,  sondern  vielfach  noch  weniger  wie  Arbeiter  in  der  Fabrik.
Die  Wohnungsmiete  schwankt  zwischen  150  bis  300  Mk.,  je  nach
Lage  und  Größe  der  Wohnung,  wobei  aber  zu  bemerken  ist,  daß  der
größte  Teil  der  Heimarbeiter  Hausbesitzer  ist.  Was  die  Versicherung
gegen  Krankheit  betrifft,  so  gehört  ein  großer  Teil  keiner  Krankenkasse
an.  Fälle,  in  denen  Familienangehörige  versichert  sind,  sind  selten.
Fast  alle  Heimarbeiter  betreiben  nebenher  noch  Landwirtschaft.
Oberflächlich  betrachtet  könnte  mau  leicht  zu  der  Ansicht  kommen,
daß  hier  die  Heimarbeiter  noch  gut  daran  sind.  Sieht  man  sich  die
        <pb n="57" />
        58

Die  Heimarbeit  und  ihre  Verbreitung  in  der  Metallindustrie.

Sache  aber  näher  an,  so  sind  dieselben  nicht  viel  besser  gestellt  wie  im
Kreise  Solingen.  Ist  es  doch  vor  einem  Jahre  bei  schlechtem  Geschäftsgang ­
  vorgekommen,  daß  sie  sich  Arbeit  in  den  Fabriken  geradezu  erbettelt ­
  und  zu  jedem  Schundlohn  übernommen  und  hergestellt  haben.
Selbstverständlich  sind  die  Preise  bei  besserem  Geschäftsgang  nicht  mehr
erhöht  worden.  Daß  unter  solchen  Zustünden  die  Arbeiter  in  den
Fabriken  schwer  zu  leiden  haben,  ist  leicht  erklärlich.  Beschwert  sich
ein  Arbeiter,  so  bekommt  er  gewöhnlich  zur  Antivort:  von  den  Ausivärtigen
  (wie  hier  die  Heimarbeiter  genannt  werden)  bekommen  wir  es
um  den  und  den  Preis.  Um  die  Organisation  bekümmert  sich  niemand,
hier  ist  ein  Heimarbeiter  organisiert.  Dieses  ist  auch  ein  Grund  mit,
weshalb  die  Organisation  unter  den  in  den  Fabriken  beschäftigten  Arbeitern ­
  so  schlechte  Fortschritte  macht.

Tuttlingen.

Fr.  Staust.
        <pb n="58" />
        Bayern.

Für  die  Verbreitung  der  Heimarbeit  in  der  Metallindustrie  Bayerns
kommt  fast  nur  der  Bezirk  WitlekfranKen  in  Betracht  und  ist  es,  da
die  Heimarbeit  leider  sehr  häufig  auch  als  Nebenbeschäftigung  neben
dem  Hauptberuf  als  Fabrikarbeiter  betrieben  wird,  sehr  schwierig  festzustellen, ­
  wieviel  Personen  in  Betracht  kommen  können.  Soweit  meine
in  letzter  Zeit  vorgenommenen  allerdings  sehr  fragmentarischen  Ermittlungen ­
  reichen,  kommen  folgende  Berufe,  die  die  Heimarbeit  ausschließlich ­
  betreiben,  in  Betracht:
1.  Die  Blechspielwarenindustrie  mit  ungefähr  200  männlichen ­
  und  400  bis  500  weiblichen  Heimarbeitern;
2.  Die  mechanische  Spielwarenfabrikation  mit  ungefähr  der
Hälfte  der  in  obigem  Beruf  tätigen  Personen;
3.  Die  Drahtwarenbranche  mit  zirka  100  Personen;
4.  Die  Reißzeugbranche,  über  deren  Stärke  jeder  Anhaltspunkt ­
  fehlt;
5.  Die  Trompetenfabrikation  mit  50  bis  60  Heimarbeitern,
die  zirka  20  Gehilfen  und  ebensoviel  Lehrlinge  und  50  bis  60  Arbeiterinnen ­
  beschäftigen;
6.  Die  Herstellung  von  Spielwaren  mit  Musikwerken  mit
zirka  100  Heimarbeiterinnen  (Stimmenmacherinnen);
7.  Die  Reklame-  und  Taschenspiegelfabrikationmit26männlichen ­
  und  214  weiblichen  Heimarbeitern;
8.  Die  Charnierfabrikation  mit  zirka  200  Heimarbeitern;
9.  Die  Stern-  und  Flitterstickerei  mit  mindestens  200  unter
sehr  ungünstigen  Verhältnissen  stehenden  Heimarbeiterinnen;
10.  Die  Zinnspielwarenfabrikation  (einschließlich  der  Zinnund
  Blechlackiererinnen)  mit  200  bis  300  Blech-  und  500  bis  600
Zinnlackiererinnen;
11.  Die  Herstellung  von  Blattmetallen  in  Silber,  Aluminium
und  Gelbmetall  mit  zirka  300  allein  oder  mit  Gehilfen  arbeitenden
Heimarbeitern.
Ein  näheres  Eingehen  auf  die  Verhältnisse  müssen  wir  uns  versagen, ­
  weil  uns  die  meisten  Verhältnisse  nicht  genügend  bekannt  sind.
Bekannt  geworden  sind  uns  nur  die  Verhältnisse  in  der  Zinnspielwarenfabrikation ­
  und  im  Schlägergewerbe  und  mögen  über  diese  hier
einige  Angaben  Platz  finden:
Die  Zinnspielwarenfabrikation  erstreckt  sich  auf  Nürnberg
und  Fürth.  Ersteres  hat  sieben,  letzteres  zehn  Zinnfigurenfabriken,  in
        <pb n="59" />
        (50

Die  Heimarbeit  und  ihre  Verbreitung  in  der  Metallindustrie.

denen  jährlich  für  eine  Million  Mark  Zinnfiguren  gefertigt  werden.
Zwei  Drittel  dieser  Produktion  geht  ins  Ausland,  ein  Drittel  nimmt
das  Inland  auf.
Nach  einer  nicht  im  Buchhandel  erschienenen  wirtschaftlichen  Studie
über  die  Heimarbeit  beträgt  die  Zahl  der  Heimarbeiterinnen
(Zinnmalerinnen)  500  bis  600.  Die  größte  Zahl  hiervon  wird  in
Fürth  beschäftigt.  Die  Witwen  und  Frauen,  welche  Zinn  malen,  ziehen
auch  die  Kinder  in  unverantwortlicher  Weise  zu  dieser  Arbeit  heran.
Durch  die  im  Schulbezirk  Fürth  im  Jahre  1898  gepflogenen  Erhebungen ­
  ivurde  amtlich  festgestellt,  daß  im  ganzen  151  Schulkinder
(86  Knaben  und  65  Mädchen)  mit  Zinnmalen  beschäftigt  iverden.
Ebenso  groß  dürfte  die  Zahl  der  noch  nicht  schulpflichtigen  Kinder  sein,
welche  ebenfalls  zu  dieser  Arbeit  herangezogen  werden.  Die  Arbeitszeit
der  schulpflichtigen  Kinder  beträgt  nach  der  Enquete  10  7*  bis  12  7*  Stunden
täglich  ausschließlich  der  Schulzeit.  Rechnet  man  die  Schulzeit  mit
fünf  Stunden  täglich,  so  ergibt  sich  eine  Arbeitszeit  von  täglich  fünfzehn
his  siebzehn  Stunden  für  diese  armen  Kinder.  Auch  am  Sonntag
müssen  die  Frauen  und  Kinder  den  ganzen  Tag  arbeiten,  vorausgesetzt,
daß  es  nicht  an  Aufträgen  mangelt.  Die  Frauen,  welche  diese  Arbeit
verrichten,  haben  ebenfalls  eine  fünfzehn-  bis  siebzehnstündige  Arbeitszeit ­
  täglich.  Zur  Zeit  der  Hochkonjunktur  müssen  alle  Woche  zwei  bis
drei  Freinächte  gemacht,  das  heißt  die  ganze  Nacht  durchgearbeitet
werden.  Eine  Frau  gab  an,  daß  sie  sehr  oft  morgens  2  Uhr  fast  bewußtlos ­
  ins  Bett  gehoben  werden  müsse.  Die  Arbeitszeit  richtet  sich
hauptsächlich  darnach,  ob  die  Frau  einen  kleineren  oder  größeren  Nebenverdienst ­
  erzielen  muß,  und  daß  sie  in  der  notwendigen  Zeit  nicht  zu
wenig  liefert,  weil  sie  sonst  Gefahr  läuft,  bei  der  schlechten  Zeit  keine
Arbeit  zu  erhalten.
Der  Verdienst  der  Zinnmalerinnen  richtet  sich  zunächst  nach  deren
Geschicklichkeit,  in  zweiter  Linie  nach  der  Art  der  Feinheit  der  Arbeit.
Man  unterscheidet  sie  in  ordinäre,  halbfeine  und  feine  Ware.  Die
letztere  ist  die  bestbezahlte.  Eine  geschickte  Zinnmalerin  verdient  ohne
fremde  Hilfe  bei  einer  zehn-  bis  zwölfstündigen  Arbeitszeit  täglich  in
der  Woche  höchstenfalls  einen  Bruttoverdienst  von  5  Mk.  Davon  geht
ab  für  die  Farben,  Lack,  Spiritus,  Pinsel  und  Licht,  was  sie  alles
selber  stellen  muß,  pro  Mark  13  Pf.,  mithin  bleibt  ein  Nettoverdienst
von  4,35  Mk.  Das  Arbeitszimmer  ist  zugleich  Wohnzimmer,  mitunter
auch  Schlafzimmer.  Die  Zinnmalerinnen  klagen  alle  über  verdorbene
Augen  und  über  Augenschmerzen.  Die  Ursachen  für  diese  Augenleiden
liegen  nach  Mitteilungen  des  Augenarztes  Dr.  v.  Förster-Nürnberg  in
der  Überblendung  des  Auges  durch  den  Farbenglanz,  durch  die  Übermüdung ­
  des  Auges  infolge  der  langen  Arbeitszeit  und  ferner  an  der
Nachtarbeit  bei  schlechter  Beleuchtung.  Auch  bei  den  hierbei  beschäftigten
Kindern  stellen  sich  sehr  frühzeitig  diese  Augenleiden  ein.
Die  Metallschlägereien  von  Anriß  und  wo  sie  sonst  noch  vorkommen, ­
  wie  Schwab  ach,  Zirndorf,  Lech  hausen,  München,  Dresden,
Großschönau,  Zittau,  bei  Prag  in  Böhmen  u.  s.  w.  können  direkt  zu
der  Hausindustrie  gerechnet  werden.  In  sehr  vielen  Betrieben  besteht
das  ganze  Arheitspersonal  aus  dem  Meister  und  seiner  Familie.  Das
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        Bayern:  Mittelfranken  —  Fürth,  Nürnberg,  Schwabach.

61

Werkzeug  und  das  zu  verarbeitende  Metall  bezieht  der  Meister  vom
Kaufmann  gegen  Abzahlung  oder  Ablieferung  der  fertigen  Ware.  Die
Abrechnungen  erfolgen  halb-  oder  ganzmonatlich.  Der  Kaufmann  bestimmt, ­
  wieviel  der  Meister  Arbeiter  beschäftigen  darf.  Die  Arbeitsiveise
  ist  eine  ungemein  anstrengende  und  ungesunde.  Die  Arbeitsräume
find  sehr  mangelhaft  und  werden  nicht  selten  zugleich  auch  als  Wohnund
  Schlafräume  benützt.  Die  Arbeitszeit  war  früher  eine  zwölf-  bis
vierzehnstündige  pro  Tag,  durch  verschiedene,  von  den  Arbeitern  der
Zwischenmeister  geführte  und  von  den  Meistern  direkt  provozierte
Lohnbewegungen  wurde  auch  eine  Herabsetzung  herbeigeführt.  Eine
große  Anzahl  von  Meistern  arbeitet  aber  doch  mit  ihren  Familienangehörigen ­
  bis  in  die  sinkende  Nacht.  Über  diesen  Beruf  hat  sehr
ausführlich  Dr.  Morgenstern  unter  „Die  Fürther  Metallschlägereien",
geschrieben;  erschienen  zu  Tübingen,  Lauppschen  Verlag.  Die  Angaben
über  Arbeitsmethode  und  die  Stellung  zu  den  Kaufleuten  ist  heute  noch
dieselbe.  Die  Zahl  der  Betriebe  und  des  Arbeitspersonals  hat  sich
wesentlich  verändert,  was  nachfolgende  Zusammenstellung  ergibt:
In  156  Werkstätten  befinden  sich  158  Meister;  von  diesen  arbeiten
130  selbst  mit.  Meisterinnen  dagegen  arbeiten  nur  in  96  Betrieben.  In
den  vorgenannten  Werkstätten  sind  699  Steine  im  Betrieb,  also  699
männliche  Personen  beschäftigt.  In  dieser  Summe  sind  die  Meister
mit  130  und  die  Lehrlinge  mit  78  eingerechnet,  so  daß  die  Gehilfenzahl
491  beträgt.  Weibliche  Arbeitskräfte  sind  764  zu  verzeichnen,  davon
sind  96  Meisterinnen  und  40  Lehrmädchen.  Die  Gesamtzahl  der  un
Beruf  beschäftigten  Personen  beträgt  1456.
Die  Silberschlägerei  ist  nur  in  Aürth,  Würnöerg  und  Schwaliach
zu  finden.  Der  Beruf  zählt  in  Schwabach  67  Werkstätten,  in  Fürth
14  und  in  Nürnberg  3.  In  Schwabach  sind  beschäftigt  72  Gehilfen
und  220  Mädchen.  In
2  Werkstätten  sind  beschäftigt  7  männliche  und  18  weibliche
1  -  -  -  7  -  -  13  -
3  -  -  -  4  -  -  23
2  -  -  -  3  -  -  11  -
5  -  -  -  2  -  -  22  -
15  -  -  -  1  -  -  54  -
In  allen  übrigen  Werkstätten  arbeitet  der  Meister  ohne  Gehilfen
mit  Frau  und  Tochter  oder  fremdem  weiblichen  Personal.
Nur  8  Geschäfte  liefern  direkt,  die  übrigen  alle  an  Kaufleute,  von
denen  sie  wieder  das  zu  verarbeitende  Silber  und  das  Werkzeug  (Form)
erhalten.  Die  Abrechnungen  mit  den  Kaufleuten  erfolgen  gewöhnlich
monatlich.
Die  16  Betriebe  in  Fürth  beschäftigen  43  Gehilfen  und  115  weibliche ­
  Personen.
1  Betrieb  12  Gehilfen  mit  27  Beschneiderinnen
3  -  4  -  -  22
1  -  3  -  -  8
6  -  2  -  -  38
4  -  1  -  -  12
1  -  beschäftigt  keinen  Gehilfen.

1^1

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        Die  Heimarbeit  und  ihre  Verbreitung  in  der  Metallindustrie.

02
Non  den  Meistern  liefern  vier  direkt,  während  die  übrigen  an
Kaufleute  gegen  Werkzeug  und  Rohmaterial  abgeben.
In  Nürnberg  sind  keine  Gehilfen  beschäftigt,  aber  doch  sechs
Mädchen.  Von  den  sämtlichen  Silberschlägern  sind  nur  acht  zu  bezeichnen, ­
  die  nicht  direkt  mitschlagen,  die  übrigen  kommen  alle  als
Schläger  mit  in  Betracht.  Außerdem  arbeiten  noch  32  Frauen  der
Meister  mit,  ebenso  auch  die  Töchter.  Die  Arbeitszeit  ist  täglich  eine
achtstündige,  früher  wurde  12  bis  13  Stunden  gearbeitet.  Die  Werkstättenverhältnisse
  sind  bessere  wie  beim  Metall,  lassen  aber  auch  teilweise
zu  wünschen  übrig.  Die  Silberschlägerei  ist  aus  Kosten  der  Aluminiumschlägerei
  in  den  letzten  Jahren  hedeutend  zurückgegangen,  ebenso  auch
der  Verbrauch  von  Blattsilber.
Die  Aluminiumschlägerei  hat  ihren  Hauptsitz  in  Anrth  und
Schwabach,  doch  gibt  es  auch  welche  in  Nürnberg,  Mühlsteinach  in
Mittelsranken,  Neustadt  a.  d.  A.,  teilweise  in  Sachsen  und  Böhmen.
Die  Aluminiumschlägerei  ist  sehr  leicht  zu  erlernen  und  sind  deshalb
vor  Jabren  eine  große  Anzahl  ungelernter  Schläger  auf  den  Beruf
gekomnien,  was  eine  Übersetzung  des  Berufs  mit  sich  brachte.  Die
Arbeitsmethode  ist  eine  sehr  anstrengende  und  ungesunde,  da  Aluminium
sehr  viel  feinen  Metallstaub  entwickelt.  Die  Werkstattverhältnisse  sind
auch  in  sehr  vielen  Fällen  ganz  schlechte.  Das  Abhängigkeitsverhältnis
der  Meister  vom  Kaufmann  ist  ein  stark  ausgeprägtes.  Der  Meister
war  ganz  der  Willkür  der  Kaufleute  ausgesetzt,  au  diesem  hat  sich  zugunsten ­
  des  Meister  vieles  verändert  seitdem  eine  Tarifgemeinschaft
besteht,  doch  ist  leider  durch  die  Unvernunft  der  Meister  vieles  davon
verloren  gegangen.  Aluminiumschlägereien  gibt  es  in  Schwabach  29
mit  56  Arbeiter  und  80  Arbeiterinnen,  in  Fürth  11  mit  48  Arbeiter
und  55  Arbeiterinnen.  Die  Meister  mit  ihren  Frauen  und  Familienangehörigen ­
  schassen  beinahe  sämtlich  mit.  Zur  Vernichtung  der  Existenz
der  meisten  dieser  Meister  macht  sich  die  Errichtung  von  mechanischen
Federhämmern  stark  bemerkbar,  und  wird  die  Handschlägerei  auf
Aluminium  nur  noch  eine  Frage  der  Zeit  sein,  genau  so  wie  bei  der
Zinnschlägerei,  die  1882  noch  in  33  Betrieben  vorhanden  war  und
heute  wird  dieses  Zinn  in  zwei  inechanischen  Hammerbetrieben  hergestellt.
Die  Feingoldschlägerei  hat  ihren  Hauptsitz  in  Nürnberg,  wo  in
36  Betrieben  370  Gehilfen  mit  über  600  Mädchen  beschäftigt  sind,  in
Schwabach  sind  200  Gehilfen  mit  etwa  600  Mädchen  auf  dieser  Branche.
Außerdem  gibt  es  Feingoldschlägereien  in  Fürth,  München,  Stuttgart,
Augsburg,  Leipzig  und  Dresden.  In  diesem  Berus  gibt  es  wohl  Verlagsmeister, ­
  die  mit  ihren  Angehörigen  arbeiten,  die  Verhältnisse  sind
jedoch  so,  daß  von  hausindustriellen  Betrieben  kaum  geredet  werden
kann.  Das  Beschneiden  des  Blattgoldes  erfolgt  zuweilen  durch  Heimarbeiterinnen ­
  neben  ver  Versorgung  ihres  Hauswesens.  Die  Bezahlung
ist  tariflich  geregelt,  weil  die  Arbeiter  und  Arbeiterinnen  zu  nahezu
90  Prozent  organisiert  sind.
Wenn  man  die  Schlägerberufe  betrachtet,  so  kann  man  wohl
sagen,  daß  sie,  soweit  Heimarbeit  dabei  in  Betracht  kommt,  durchweg
besser  dastehen  als  andere  Branchen.  Das  liegt  daran,  daß  die
rücksichtslose  Ausbeutung  der  Heimarbeiter-Zwischenmeister  durch  die
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        Bayern:  Mittelfrankc»  —  Fürth,  Nürnberg,  Schwabach.

63

Verleger  und  Kaufleute  diese  drängte,  sich  an  den  Löhnen  ihrer  Arbeiter
schadlos  zu  halten,  und  dies  bewirkte  wiederum,  daß  die  bedrängten
Arbeiter  sich  der  Organisation  anschlossen.  Letztere  hat  nun  die  Lohnund
  Arbeitsverhältnisse  der  Arbeiter  tariflich  geregelt  und  überwacht
mit  einer  Vertretung  der  Meister  zusammen  die  Produktion.
Dieser  Schilderung  wird  man  gewiß  den  Vorwurf  der  Lückenhaftigkeit ­
  nicht  vorenthalten  können.  Eine  genaue  Schilderung  der
Lage  der  Heimarbeiter  meines  Bezirkes  ist  aber  zurzeit  nicht  möglich,
weil  diese  Arbeiter  für  die  Organisation  nicht  zu  haben  und  etwaigen
ihnen  begegnenden  Fragern  gegenüber  äußerst  mißtrauisch  sind.  Hoffentlich ­
  gibt  dieser  kleine  Beitrag  wenigstens  ein  Bild  über  die  Verbreitung
der  Heimindustrie  und  trägt  mit  den  Verhandlungen  des  Kongresses
dazu  bei,  das  Gebiet  noch  weiter  zu  erforschen.
Nürnberg.  K.  Enßner.

*6
H  X-JLL


170
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        Baden  und  Württemberg:  Schwarzwälder  Uhrenmdustriebezirk.

53

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noch  Hausindustrielle,  die  entiveder  allein  oder  mit  einigen  Familien-^noaliistigen
  oder  Gehilfen  die  Uhren  auf  eigene  Rechnung  oder  für  den
-^ten  verfertigen.  Vielfach  beziehen  diese  die  fertig  gedrehten  Räder
__  1  Geschäften,  die  diese  Artikel  als  Spezialität  fabrizieren.  Ein  solches
Geschäft  existiert  in  Schonach  bei  Triberg.  Die  dortigen  Arerhalten ­
  einen  Lohn  von  1,50  Mk.  bis  2,50  Mk.  pro  Tag  bei
jndiger  Arbeitszeit.  Oiach  der  Fabrikarbeit  arbeiten  die  Arbeiter
üchs  noch  bis  10  und  11  Uhr  nachts  um  einen  wahren  Schund-Das
  gleiche  gilt  von  Schönwald  zwischen  Triberg  und  Furtn
  gelegen.  ^Die  Fabrikation  der  Holzuhren  wird  in  Furtwangen,
ieorgen,  Triberg,  Villingen  und  Königsfeld  betrieben.  In
len  und  Königsfeld  existiert  je  ein  Grossist,  der  nicht  einen  Arbeitereigenen
  Werkstatt  beschäftigt.  Diese  beziehen  die  fertigen  Bestandnd
  lassen  die  Uhren  von  Heimarbeitern  fertigstellen.  Auch  die
ehmer  der  anderen  Orte  lassen  zum  größten  Teile  die  Bestand-:rtig
  kommen.  Die  Arbeitszeit  ist  eine  unbeschränkte  und  gehören
■:  bis  vierzehnstündige  nicht  zu  den  Seltenheiten.  Der  Lohn  schwankt
i^n  1,50  Mk.  bis  3,50  Mk.  pro  Tag.
&amp;gt;  !ei  der  Fabrikation  der  Regulateure  ist  die  Heimarbeit  vertreten:
ö  sschiedenen  Räder  drehen,  Pendel  machen,  Guß  ausfeilen,  Ziffer-^
  machen,  Fallenbengel,  Anker-Baletten  machen.  Die  Räderdreher
m  das  gezahnte  Rad,  den  gezahnten  Stahltrieb  und  den  heraben
  Butzen.  Der  Butzen  wird  zuerst  auf  den  Trieb  gelötet,
wird  der  Butzen  „läufig"  gedreht  und  zum  Nieten  auf  das  Rad
weht.  Das  Rad  wird  dann  aufgenietet  und  die  Zapfen  gedreht,
der  Trieb  blank  poliert.  Die  Zapfen  müssen  sehr  genau  sein,
diese  in  die  Löcher  der  Platte  gut  passen.  Die  Räder  werden
.roßen  Teile  in  der  Umgegend  von  Villingen  und  Furtwangen
»Puch  auf  dem  Heuberg  (im  Oberamt  Spaichingen)  verfertigt.  Die
t  sind  seit  einigen  Jahren  sehr  zurückgegangen,  zum  Teil  um  30  bis
,-ozent.  So  zahlt  jetzt  eine  Firma  für  Räder,  die  diese  früher
machte,  statt  13  nur  noch  7  Pf.;  statt  11  nur  5  Pf.;  statt  12
Pf.^  Diese  Firma  steht  natürlich  nicht  allein  da.  Die  Räderdreher
-m  Heuberg  erhalten  noch  weniger,  dabei  muß  man  bedenken,  daß
Arbeit  nicht  von  einem  jeden  gemacht  werden  kann.  Ein  gut
bter  Räderdreher  kann  pro  Tag  (10  Stunden)  noch  2,50  Mk.
Mk.  verdienen  bei  ganz  intensiver  Arbeit.  Die  Pendelmacher
m  zum  Teile  die  Querstäbe  heruntergefräst  und  angezeichnet,  die
e  heruntergeschert  und  an  der  Mittelstange  das  Gewinde,  die
lrosette,  Einlage  lind  Eisenscheiben  bei  den  gewöhnlichen  Sorten,
muß  er  die  Querschnitte  bohren,  je  nach  Qualität  abfeilen  und
m,  zusammenmachen  und  fertigstellen.  Die  Preise  sind  für  polierte
Mk.,  für  gewöhnliche  2,50  Mk.,  2,30  Mk.,  2,16  Mk.  Bei  den
:en  hat  er  gut  anderthalb  Tage  angestrengt  zu  arbeiten,  bei  den
n  Sorten  auch  mehr  als  einen  Tag  (10  Stunden).  Für  100  Stück
|  lrosetten  fertigmachen  und  anfassen  eine  Mark.  Tagesverdienst
3  Mk.  Dieses  ist  jedoch  kein  reiner  Tagesverdienst,  denn  bei  dem
holen  und  -abliefern  geht  viel  Zeit  verloren.  So  machen  nach
gen  ein  Arbeiter  von  Birgach  und  Mönchiveiler  Pendel.  Dieser
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