50 Die Achilles ferse des rus sischen Riesen Wittes Finanzpolitik einandersetzung gegeben und lediglich noch eine Frage der Zeit. Denn zwei Staaten hatten hier Lebensinteressen zu vertreten. Aber, so fragt man, kann es denn zweifel haft sein, daß der russische Riese den Zwerg Japan zu Boden wirft? Man hat die Frage in den letzten Tagen so oft gehört, daß man annehmen muß, es sei die landesübliche Meinung, politische Erfolge lassen sich mit dem Zollstock vorher abmessen. Aus der preußischen Geschichte sollte man doch wahrhaftig gelernt haben, daß der Flächeninhalt, den die Landes grenzen umspannen, nicht ins Gewicht fällt. Und doch erscheint Japans Beginnen tollkühn: Das kleine Volk steht auf gegen das große, in demselben Moment, wo die Nachbarn' von Ost und von West ein förmliches Wettkriechen vor dessen Macht veranstalten. Die russische Macht ist in der Tat zur all gemein geglaubten Legende geworden. Und doch hat auch der russische Riese seine Achilles ferse. Für den Eingeweihten sichtbar, steht hinter ihm das Testament Peters des Großen. Europäer sein ist ein teures Vergnügen. Wyschnegradski merkte es, der berufen wurde, die russischen Finanzen in Ordnung zu bringen. Er benahm sich wie ein sorgsamer Hausvater, sammelte einen großen Staatsschatz an und ver mehrte ihn in glücklichen Spekulationen bei seinen Bankiers im Auslande. Er erfand mit genialem Blick neue Steuern, und was aus dem Volk herausgepreßt wurde, diente dazu, den Schmuck des Goldvorrates immer glänzender zu gestalten. Mit einem Schlage war Rußland europäisch: Es bekam Geld zu billigen Zinsen geliehen, baute Bahnen und benahm sich auch sonst so wie eine europäische Großmacht. Aber auf den Gipfelpunkt des Europäer- tums führte das Reich doch Sergej Juljewitsch Witte. Er regulierte die Währung und be glückte Rußland mit dem größten Goldvorrat, den es jemals gehabt hat. Der war nötig. Denn, wie wollte man sonst die Goldwährung in einem