52 die Getreideausfuhr künstlich gefördert. Allein auch diese Maßnahmen reichten nicht aus. Seit langem schon schaffte man das notwendige Gold nur dadurch ins Land, daß man immer aufs neue bei den Nachbarn borgte. Und zu alle dem kam noch, daß man riesige Bahnbauten aufführen mußte. Nicht etwa, um Provinz mit Provinz rationell zu verbinden, damit in Zu kunft nicht mehr an einer Stelle Mangel und in der Nachbarschaft Ueberfluß an Korn herrsche. Nein, man baute nach strategischen Gesichts punkten. Diese Militärlinien sollten dem Kamps um die wirtschaftliche Vorherrschaft Rußlands in Asien dienen. Diese Bahnen ver schlangen ein enormes Geld zum Bau, und sie waren kaum in Betrieb gesetzt, da sank der bisher recht ansehnliche Ertrag, den Rußland aus den Bahnen zog. Seit Peter v. Struve, der russische Patriot, jenes denkwürdige geheime Aktenstück veröffent lichte, das das Protokoll der Plenarsitzung des russischen Reichsrats vom 12. Januar 1903 enthält, weiß man, daß auch Witte selbst vor seinem Sturz bereits sich vollkommen über den Mißerfolg seiner Bestrebungen klar war. Das hielt ihn aber nicht ab, die offiziellen Berichte anzuschminken. Denn was half seine Einsicht. Davon, daß die ausländischen Banken weiter borgten, hing alles ab. Aber sie konnten nur neues Geld geben, wenn ihre heimatlichen Kapitalisten auch fernerhin in dem Wahn er halten wurden, daß russische Papiere erstklassige Anlagewerte sind. Und Herr Witte hatte Glück. Frankreich borgte und Deutschland auch. Er durfte viel leicht hoffen, daß mit der Zeit die Entwickelung das einholen würde, was er ihr vorausgeeilt war. Aber die erste Voraussetzung dazu waren Friedenszeiten. Die Ruhe durfte nicht durch einen Windhauch, geschweige denn durch einen Kanonenschuß gestört werden. Deshalb ward der Zar zum Friedensapostel. Man darf wohl heute als sicher annehmen, daß Herr Witte der