57 eine heimische Industrie aus dem Boden zaubern zu können. Hinter den Zollmauern taten sich ausländische Finanzleute und Industrielle güt lich, freuten sich der billigen und willigen russischen Arbeitkräfte, schleppten die Dividenden in die Heimat, und nach wie vor mußte der arme Muschik sein Getreide, das er selbst für des Leibes Notdurft dringend gebrauchte, über die Grenze schaffen. Der Bauer versank in Not, und die nationale Industrie blieb ein Phantom, hinter derHerrWitte, alles vor sich niederwerfend, hersagte. Und wie Herr Witte auf das Agrar land ein vom Westen importiertes System industrieller Protektion pfropfte, so gab er der politischen Vormacht Asiens eine europäische Währung, zu deren Vergoldung immer und immer wieder das Ausland herhalten mußte. Das Wittesche System legte dem russischen Reich Hunger- und Steuerkuren auf, nur um den notwendigen Glanz nach außen zu be wahren. Wenn man wohlwollend sein will, kann man es mit dem System jener armen Adligen vergleichen, die auf silbernen Schüsseln von behandschuhten Dienern sich Kuhkäse servieren lassen, nur um das Prestige zu wahren. Man kann aber auch an die Sauden, Schmidt, Exner und Schultz denken. Denn auch Herr Witte ist nicht davor zurückgeschreckt, unwahr darzustellen und zu verschleiern. Die Angriffe gegen Witte und sein System haben ein ganzes Heer von Lobhudlern in die Schranken gerufen, die ent rüstet den Tadlern persönliche Motive oder revolutionäre Gesinnung unterschoben. Aber schon, daß der mächtige Minister die ohnehin zahme russische Presse mit staatlichen Annoncen zu füttern für gut befand, mußte stutzig machen. Mehr noch, daß gerade die heftigsten Gegner der Exzellenz nicht liberal und nicht revolutionär waren. Gewiß, Jsscüeff ist Sozialist, Golowin und Peter Struve sind Radikale, v. d. Brüggen und Rohrbach Balten. Aber Scharapow ist ein Erzreaktionär, und die Zeitschrift „Ruski Trud", in der dieser loyale Konservative Wittes Namen Russische Ver schleierungs- Künste