105 als sie das Defizit noch viel zu gering angeben. In Wirklichkeit hat es bereits für das abgelaufene Finanzjahr 1902 die kolossale Summe von 130 Millionen MarkZ betragen. Nur durch die gewagtesten Ver schleierungskünste im Budgetbericht ist das bemäntelt worden. Aber gleichviel: Die Tatsache, daß Herr von Witte der Oeffent- lichkeit gegenüber mit Bewußtsein über russische Finanz Verhältnisse falsche und irreführende An gaben nicht nur allgemeiner, sondern auch detail lierter Natur gemacht hat, ist jetzt aktenmäßig fest- g e st e l l t." Und nachdem wir so Witte-Helfferich zum Schluß auch durch Witte widerlegt haben, erscheint zweifellos bewiesen, daß die Vergröße rung des russischen Staatseisenbahnnetzes die russi schen Finanzen nicht gekräftigt, sondern in hohem Maße geschwächt hat. 3. Rußlands Reichtum. Zu den wichtigsten Legenden, welche im Interesse der russischen Finanzen erfunden und in Umlauf gesetzt wurden, gehört die Legende vom russischen Reichtum. Dem Philister ist vielfach bekannt, daß in Rußland viel gestohlen wird, aber er tröstet sich damit, daß Rußland ein reiches Land sei, deshalb werde es seine Zinsen immer zahlen, und deshalb könne es ihm als Besitzer russischer Papiere schließlich gleichgültig sein, ob in Rußland etwas mehr gestohlen würde oder weniger. Es bedarf geringer Mühe, nachzuweisen, daß der russische Reichtum nur eine Fabel ist. Wenn Rußland so reich wäre, woher kommt es, daß es sein Geldbedürfnis in Kriegs- und Friedenszeiten nicht in Ruß land, sondern im Auslande zu befriedigen sucht? Hier spielt aller dings die Notwendigkeit mit, die Goldvalnta durch Auslands-Anleihen zu schützen, welche sonst gegenüber den Zahlungsverpflichtungen im Aus land nicht aufrecht erhalten werden könnte. Andererseits müßte die Tat sache, daß allein der russische Staat jährlich rund 500 Millionen Francs für Zinsen und Amortisationsauoten seiner Anleihen im Ausland zu zahlen hat, einen vorsichtigen Finanzminister davon abhalten, sich an den auswärtigen Markt zu wenden und so die Schuldenlast im Ausland noch zu vergrößern. — So klug ist aber der russische Finanzminister auch, und wenn er trotzdem sich stets an das Ausland wendet, so liegt es eben daran, daß er sein Kreditbedürsnis im Inland gar nicht oder nur unter weit ungünstigeren Bedingungen befriedigen könnte. — Das heißt aber nichts anderes, als daß die russische Bevölkerung nicht im stande oder willens wäre, ihrer Regierung den erforderlichen Kredit für die Staatsbedürfnisse zu angemessenem Zins zu gewähren. Die Staatsschuld eines Landes bietet ihrem Betrage nach keinen Anhalt für den Reichtum eines Landes, sie ist in dem reichen Frankreich weit größer als in Rußland. Dort sind aber die Anleihen sämtlich im 0 In Wirklichkeit hrt auch Rohrbach noch viel z» gering geschätzt, Nie die WittchewS- kyschc Tabelle ergibt. Der russische Reichtum. Ans Ausland verschuldet.