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        <title>Russlands Bankerott</title>
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        <pb n="1" />
        ﻿plutud Verlag

Berlin -Cbarlottenburg
*906. i
        <pb n="2" />
        ﻿Populär!

Sackkundig!

Uoikswlrtscbaft |		Borsenwesen 1
		
■ Praktisches Handelsrecht	1	| finanz* Wissenschaft

spielen beute eine größere Rolle als je.

Bankier, Bankbeamte,
Kapitalist, Kaufmann,
industrielle, Rechtsanwalt,
Politiker, J^ationalSkonom,
Studierende, Angestellte,

der sieb über die wirbligsten Sragen auf diesen Gebieten
gründlich vom praktischen Standpunkt aus informieren will,
muß den

piutue

föritifebe Wochenschrift für Volkswirtschaft
und §inanzwesen

Herausgeber: Georg Kembard

lesen. Der Name des Herausgebers bürgt für

absolute Unabhängigkeit

von allen §inanzcliquen.

Das Bbonnement kostet (DU. 3,50 pro Quartal durch Post
und Buchhandel, Mk. 4,— bei direkter Bestellung vom

Plutos üerlag

Berlin-€bariottent&gt;ur&lt;j, Goetbeftrafre 68.

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        <pb n="3" />
        ﻿(Kutzkands (Kankerott.

A 44511
        <pb n="4" />
        ﻿Russlands Banktrott

Aufsätze

zur Warnung und als Dokumente der Zeitgeschichte

Plutos

Kritische Wochenschrift für Volkswirtschaft unst Finanzwesen

Ea f

Plufus Mcrlag

Berlin-CHarlokkenburg, KocHestraße 68

ä ^4511
        <pb n="5" />
        ﻿-Äks (Vorwort.

Rußland nimmt soeben beinahe 2 Milliarden Francs Anleihen im Auslande
auf. Damit scheint ein für alle Mal den Schwarzsehern das Handwerk ge-
legt zu sein, die fori und fort den Bankerott des russischen Staates vor-
ausgesagt haben.

Aber es scheint nur so. Denn die Summen, die aus dem Erlös der
Anleihe erzielt werden, sollen dazu Verwendung finden, einen Teil der -
nicht einmal sämtliche — Schulden, die das russische Reich während des
Krieges und während der ersten Phase der Revolution kontrahiert hat, zu-
rückzuzahlen oder zu konsolidieren.

An den finanziellen Verhältnissen dieses Riesenreiches wird dadurch auch
nicht das Mindeste geändert. Enorme Summen werden notwendig sein,
um das sicher zu erwartende Defizit für das nächste Jahr zu decken und
dem Lande die Mittel zur Verfügung zu stellen, die es braucht, volkswirt-
schaftlich, militärisch und finanzpolitisch die Scharten des Krieges auszuwetzen.

Die politische Zukunft Rußlands liegt völlig in Dunkel gehüllt. Wird
die Reaktion oder die Revolution siegen? Wird die Duma gemeinsam mit
dem Zaren durch wirtschaftliche und politische Reformen das russische Volk
zur Höhe westeuropäischer Zivilisation führen, oder werden die treibenden Kräfte
des alten Regimes und die Duma in Gegensatz zueinander treten? Und wird
in diesem Falle die russische Bevölkerung es stumpf über sich ergehen laffen,
daß uian die von ihr erwählte parlamentarische Vertretung womöglich mit
Waffengewalt auseinanderjagt, oder wird nach dem Vorbilde der französischen
Revolution die oppositionelle Duma zum Kristallisationspunkt der großen
Revolution werden, die der Herrschaft der Romanows ein schmähliches Ende
bereitet? Auf diese Fragen heute eine bestimmte Antwort geben zu wollen,
wäre tollkühn. Da können nur Meinungen und allgemeine hislorische Ge-
sichtspunkte geltend gemacht werden, die im besten Falle sehr viel Wahr-
scheinlichkeit, niemals aber wissenschaftliche.Beweiskraft für sich in Anspruch
nehmen können.

.Anders ist es dagegen um die finanziellen Voraussagen bestellt. Daß
Rußland weiter große Mittel brauchen wird, kann niemand bestreiten. Das
Reich hat sich seinen jetzigen Geldgebern gegenüber verpflichtet, innerhalb
        <pb n="6" />
        ﻿zweier Jahre keine neuen Ausländsanleihen aufzunehmen. So lange
kann es aber nicht warten, um die notwendigen Summen zusammenzubringen.
Durch Anleihen ini Jnlande das Geld zu beschaffen, wird nicht möglich
sein, und so bleibt denn als letzter Weg der Appell an die Steuerbewilligungen
der Duma.

Diese Körperschaft, die zum Teil aus Bauern und Bauernfreunden zu-
sammengesetzt sein wird, ist gewählt, um der Bauernbevölkerung endlich die
langersehnte Erleichterung zu verschaffen. Es ist ganz ausgeschlossen, daß sie
Steuern beschließen kann, die den Bauer neu belasten. Genau so, wie
Staaten nach der Lehre Montesquieu^ sich nur mit denselben Mitteln er-
halten können, mit denen sie ins Leben gerufen wurden, kann ein Parlament,
das zu bestimmten Zwecken gewählt worden ist, nicht plötzlich sich seine
Existenzberechtigung dadurch zertrümmern, daß es diesem Zweck zuwider-
handelt. Die russische Duma muß neue Steuern verweigern, soweit sie
agrarischer Natur sind, und Steuern auf Industrie und Handel vermögen,
wenn sie nicht so drückend sein sollen, daß sie Industrie und Handel ruinieren,
im Riesenbudget des russischen Reiches keine Rolle zu spielen.

...	k^Das russische Volk kann nur dadurch entlastet werden, daß es dem

Ausland die Zinsen der ungeheuren Schuldenlast kürzt, die ihm eine durch
,! f	und durch korrumpierte autokratische Gewaltherrschaft skrupellos aufgehäuft

hat. Der Staatsbankerott ist der einzige Ausweg, der der Duma bleiben
wird, mag sich das Gerechtigkeitsgefühl und das moralische Empfinden der
neugewählten Parlamentsmitglieder auch noch so sehr dagegen sträuben.
Die neue Milliarden-Anleihe ändert daran absolut nichts, sie schiebt den
russischen Staatsbankerott auf, aber aufhalten kann auch sie ihn nicht.

Gerade in diesem Moment scheint es mir Pflicht, von neuem das
deutsche Kapitalisten-Publikum zu warnen. Diese Warnung in gegen-
wärtigem Moment ist nicht schädlich. Denn wir haben uns glücklicherweise
an der neuen russischen Anleihe nicht beteiligt. Im Gegenteil, sie kann
außerordentlich nützlich wirken, da das Brillantfeuerwerk, das in Paris,
Wien, London, Amsterdam und Brüssel augenblicklich veranstaltet wird, um
das neue russische Anlehen unterzubringen, den deutschen Kapitalisten die
Möglichkeit gibt, ihren Besitz an russischen Renten nach sjenen Plätzen ab-
zustoßen.

Das ist der Grund, aus dem ich mich entschloffen habe, die nachfolgenden
Artikel aus der von mir herausgegebenen kritischen Wochenschrift für Volks-
wirtschaft und Finanzwesen „Plutus" zu sammeln. Diese Artikel sind in
den Jahren 1904—08 erschienen und haben, lange bevor an das mit so
großer Sensation aufgenommene Buch des Herrn Regieruugsrat Martin zu
denken war, den Ereigniffen in Rußland die Prognose gestellt, die sich bis
jetzt als richtig erwiesen hat. Sie geben gleichzeitig eine, wie ich hoffe
manchem, interessante Uebersicht über die chronologische Folge jener Ereigniffe
        <pb n="7" />
        ﻿und dürfen daher wohl als Beiträge zur finanziellen Zeitgeschichte ausgegeben
werden. Ich habe deshalb auch einen Teil der polemischen Artikel, die ich
im „Plutus" teils ans eigener, teils aus fremden Federn zu publizieren
veranlaßt war, mit aufgenommen. Denn sie legen ein beredtes Zeugnis ab
für die Macht und Anziehungskraft, die das Kapital auf die Presse ausübt.
Seitdem Gentz, der begabteste journalistische Agent der Rothschild'schen Häuser
und des rusflschen Zaren, durch den Tod aus seiner betriebsamen Laufbahn
abgerufen worden ist, hat — das zeigen auch wieder deutlich die in diese
Sammlung aufgenommenen Polemiken — es dem russischen Reiche niemals
an federgewandten Schildknappen gefehlt.

Die Presse der internationalen Hochfinanz jubelt über das neueMilliarden-
Anlehen und höhnt die Warner. Hochmut soll vor dem Fall nichts Seltenes sein!

Berlin, im April 1906.

Heorg Vernhard.
        <pb n="8" />
        ﻿Inhcrtt

X. Zur CKarnung.

Vor dem russischen Bankerott..........................

Vorbereitung zum Staatsbonkerott durch Umfrage bei
Gelehrten. — Schuldbaukerott. — Zinsbankerott. -— Die
Duma. — Verstecksgielen der öffentlichen Meinung.

Geschichte der Btaatshankerotte.......................

Preußen 1806. — Oesterreich 1811. — Rußland 1839.
— Oesterreich 1848. — Oesterreich 1859 und 1868. —
Ungarn 1867. — Strafmaß nahmen der Londoner und
Amsterdamer Börse. — Das Affidavit. — Italien 1864,
1877 und 1894. — Spanien 1820, 1834, 1851, 1867 und
1882. — Das Arrangement. — Portugal 1841, 1855 und
1892. — Mexiko 1827, 1846 und 1859. — Argentinien 1829,
1890 und 1893. — Balkan und Orient. — Die Türkei 1877.
— Serbien. — Aegypten 1880. — Griechenland 1893.

Mie wird Ruseland bankerott machen? .	.	.

Welche Wahl bleibt Rußland? — Kapitalrcduktion
resp. Valutaentwertung. — Couponsteuer. — Die Konsti-
tution als Mutter des Staatsbankerotts. — Rußland muß
bankerottieren. — Das Ausland und die Couponkürzung. —
Die Selbsthilfe des Auslandes. — Die Erzwingung eines
Arrangements. — Sicherheitsleistung für die russische
Schuld. — Das Recht auf Bankerott. — Das russische
Danaidenfaß.

Russischer Budgetschwindel............................

FinanzielleUnfäHigkeit des Absolutismus.—Die russische
Rechts- und Wirtschaftsordnung. — Das Geheimbudget. —
Die Willkür des Zaren. — Geistlichkeit und Kosaken. —
Versteckte Fonds. — Der Etat kein Gesetz. — Der un-
kritische Reichsrat. — Die Jagd nach den fetten Happen. —
Das Familienbudget. — Ein Zierstück fürs Ausland. —
Privatrechtliche Normen gelten nicht. — Der Staats-
baukerott aus heiterem Himmel. — Das russische Budget
eine Farce.

XX. beitrage zur Zeitgeschichte.

Der russische Riese...................................

Vorgeschichte des russisch-japanischen Krieges. — Das
Testament Peters des Großen. — Rußland und Japan. —
Die Achillesferse des russischen Riesen. — Wittes Finanz-
politik. — Der große Bluff.
        <pb n="9" />
        ﻿Seite

fordern ey und Königsberg..............................54

Der Handelsvertrag als Geldquelle. — Warnung vor
neuen russischen Anleihen. — Rußland lebt vom Pump. —
Jndustriezüchtung und Goldwährung. — Russische Ver-
schleierungskünste. — Professor v. Reußner im Königsberger
Prozeß. — Paschawirtschaft. — Die Südwestbahu.

Deutsch-russische Kriegsanleihe........................61

Die Kalkulation des russischen Finanzministers. —

Was ist russische Kultur? — Russische Presse in Deutschland.

— Ein Dokument der Korruption. — Handelspolitik und
Anleihen. — Für uns bleibt nichts übrig. — Der Reichs-
kanzler. — Die Kreiszeitung. — Die neue Lesart der
Kreuzzeitung.

Mendelssohns...........................................68

Die Petersburger Stratzenrevolte. — Die Verant-
wortung für Deutschlands Kapitalverluste. — Mendelssohns
als Emissionshaus. — Die Bearbeitung der Börsenpreise. —
Angebliche Neberzeichnung. — Geschenke an die Börse. —

Der Börsen-Eonrier. — Eine Revolution und keine Emeute.

— Die französische und die russische Revolution. — Necker
&amp; Witte. — Schlimme Aussichten.

Der friede.............................................75

Die Zweikaiserbegegnung. — Gärung gegen England.
Rußland als Bundesgenosse. — Pump und Handel. —
England und Deutschland. — Deutschland zahlt den Tabak
für die Friedenspfeife.

Der Zusammenbruch......................................82

Die Anleihe gescheitert. — Kann Rußland dauernd
Zinsen zahlen? — Das Schwanken des Zaren. — Duma
und französische Ständeversammlung. — Witte und der
Tschin. — Die Revolution und die Finanzen. — Rücksicht-
nahme aller Revolutionäre gegen das Kapital. — Guter
Wille und harte Notwendigkeit. — Der revolutionäre
Finanzminister. — Die Assignaten. — Der Staatsbankerott
als Vorstufe jeder neuen Ordnung. — Die Chance der
russischen Staatsgläubiger.

Das Rätsel von Hlgeciras...............................89

Der Ruffenanleihe die Zulassung verweigert. — Rache
für Algeciras? — Furor asiaticus. — Das Geheimnis
der Lambsdorff-Depesche. — Fürst Bülows Bekehrung.

XIX. polemisches.

fierr Professor Relfferich.............................95

Professor oder Legationsrat Helfferich. — Die Quellen
Helfferichs. — Rußlands Zahlungsbilanz. — Der zweifel-
hafte Ausfuhrüberschuß. — Der Schiffahrttribut. — Der
bedrohte Goldschatz. — Die russischen Bahnen — Hohe
Baukosten. — Willkürliche Wertberechnungen. — Sogenannte
Ueberschüsse. — Baugewinue. — Witte gegen Helfferich. —
        <pb n="10" />
        ﻿Seite

Der russische Reichtum — Ans Ausland verschuldet. —

Der russische Mensch. — Zwangsweiser Getreideexport. —

Die russische Ernte. — Das russische Vieh. — Der russische
Konsum.

Das hantln sdie Bild) .........................................109

Wer ist Martin? — Olle Kamellen. — Die
Schwächen des Buches. — Revolutionsprophezeiung. —

Der Staatsbankerott als Entlastung. — Ankündigung einer
russischen Widerlegung. — Neue Anleihe in Sicht. —

Der korrigierte Helfferich. — Wo bleibt die Antwort auf
Martin?

fürst- Bülow als fwianzpropbet.................................ns

Die Abschütteln»g Martins. —Empfehlung russischer
Anleihen. — Bismarck und Bülow. — Politische und
volkswirtschaftliche Redakteure. — Der Reichskanzler läßt
sich verteidigen. — Ein Gesinnungswechsel der Regierung?

— Der Rückzug der Presse. — Die Nationalzeitung. —

Die Vossische Zeitung.

Oie Vossiscke Teilung..........................................119

Deroute der Russenwerte. —Bezahlte Ehrenrettung. —

Die Lüge vom ordentlichen Budget. — Die Lüge von den
Ueberschüssen. — Die Lüge vom Voranschlag. — Die Lüge
von der Bauernbelastung. — Die Lüge vom Goldguthaben.

— Die deutsche Regierung verläßt das sinkende Russenschiff.

— Zurückweisung von Annoncen. — Der Börsen-Courier. —

Die Anstandstante Boß. — Die Kampfesweise der Vossin.
Mariin über die „Voß". — Kosakenpresse.
        <pb n="11" />
        ﻿I.	Jur Warnung.
        <pb n="12" />
        ﻿(Vor dem russischen (SanKcrokk.

Im Sommer des Jahres 1905 hat be-
kanntlich die russische Regierung eine Reihe
auswärtiger, auch deutscher Gelehrter im ver-
traulichen Weg um eine Darstellung der bis-
herigen Staats bankerotte und ihre Wirkungen
aus die Wirtschaften der betroffenen Reiche er-
sucht. Im Publikum und teilweise in der
Presse war man darüber erstaunt, daß die Re-
gierung des Zarenreiches sich nicht selbst die
nötigen Informationen zu verschaffen wußte,
und unorientierte Leute haben sogar über die
scheinbare Hilflosigkeit des Finanzministeriums
gespottet. Sehr mit Unrecht! Das Problem
des Staatsbankerotts gehört zu den schwierigsten
AusgabenderWissenschaft:Oekonomieund Finanz-
wissenschaft, Völkerrecht und Privatrecht müssen
zur Lösung herangezogen werden — aber, wie das
so oft bei Grenzfragen mehrerer Wissensgebiete
der Fall ist, bisher hat keine der vier Wissen-
schaften der Frage die gebührende Aufmerk-
samkeit zugewendet.

Staatsbankerott! Schon mit diesem Wort
verbindet sich für den Laien die Vorstellung
von einem Zusammenbruch der Staatsfinanzen,
von einer furchtbaren Katastrophe für die Volks-
wirtschaft, vom Schwinden des öffentlichen
Kredits und den größten Verlusten für Handel
und Gewerbe. Und mußte man nun nicht mit
Staunen vernehmen, wie bald versteckt, bald
schon ganz laut dem großen Nachbarreich von
unparteiischer Seite der Bankerott geradezu
empfohlen wurde? Mußte nicht jedermann

Vorbereitung
zum Stauts-
bankrott durch
Umfrage bei
Gelehrten
        <pb n="13" />
        ﻿glauben, daß hier die Wissenschaft z u
einem anderen Resultat gekommen
sei, als man allgemein annahm?

Darüber entstand große Unsicherheit und
Unruhe. Da die staatswissenschaftlichen Enzy-
klopädien und die größeren Lehrbücher teils
über die Frage schweigen, teils veraltete An-
schauungen vertreten, hat sich ein Kreis von
Lesern an die Redaktion des „Plutus" mit
dem Ersuchen um eingehende Darstellung und
Behandlung des vorliegenden Problems und
um unsere Ansicht über die Möglichkeit und
die Wirkungen eines russischen Staatsbankerotts
gewendet. Die Redaktion kam dieser Anregung
nach, als sie den Verfasser mit der Bearbeitung
des Problems betraute. Wir werden im
folgenden eine Schilderung der bis-
herigen Staatsbankerotte geben,
daran eine allgemeine Erörterung der Mittel
und der Wirkungen der Staatskrida anschließen
und auf Grund dieser Untersuchung der Frage
nähertreten, ob die Lage des russischen Staats-
haushalts den Bankerott fordert, welcher Modus
eventuell dafür gewählt werden wird, und
welche Wirkungen diese Eventualität für die
russische Wirtschaft und für das Ausland, in
erster Linie für uns hätte. Abweichend von
unserer sonstigen Gewohnheit wollen wir an-
gesichts der Wichtigkeit der Materie auch die
Literatur anführen, die eingehender über die
einzelnen Fragen zu orientieren vermag.

Als Staatsbankerott können wir nur jene
Fälle bezeichnen, in denen ein Staat seinen bei
Kontrahierung der Schuld übernommenen Ver-
pflichtungen gar nicht oder nur teilweise nach-
kommt; Aufschub der Zinszahlungen ist also
noch kein Bankerott. Die Vertragsverletzung
Schuld- kann entweder in einer R e p u d i a t i o n be-
bankerott stehen, das heißt in einer Verweigerung der
Anerkennung der Kapitalsschuld: solche Fälle
kamen bis in die Neuzeit ungemein häufig beim
Regierungsantritt eines neuen Herrschers vor,
wie denn namentlich Philipp II. die Anleihen

4
        <pb n="14" />
        ﻿seines Vorgängers Karl V. nicht anerkannte.
Mit der Entwickelung der Idee der Staats-
persönlichkeit hörte dieser Anlaß der Verweige-
rung auf, dafür trat ein anderer an die Stelle.
In Amerika wurde es Sitte, die von der Gegen-
partei kontrahierten Schulden nicht als gültig
zu behandeln: zwar die Union hat stets ihre
Verpflichtungen pünktlich erfüllt, aber die ein-
zelnen Bundesstaaten und die größeren Städte
haben oft und sogar bis in die jüngste Zeit
hinein die von den früheren Vertretungen kon-
trahierten Schulden für ungültig erklärt; zahl-
lose Fälle finden sich in der älteren Schrift des
berühmten amerikanischen Professors Patten
„Das Finanzwesen der Staaten und Städte
der nordamerikanischen Union" und bei Bogart
„Die Finanzverhältnisse der Einzelstaaten der
Union" (beide bei Gustav Fischer in Jena er-
schienen) verzeichnet. Das gleiche ist in den
südamerikanischen Staaten die Regel. Man
erinnert sich noch der schweren Verluste an
deutschem Kapital, als die blühendste Provinz
Argentiniens, La Plata, wegen Aenderung ihrer
politischen Vertretung das eben vorher in Berlin
kontrahierte Anlehen kurzerhand annullierte.
Den gleichen Vorgang beobachtete Mexiko
gegenüber der unter Kaiser Maximilian auf-
genommenen Staatsschuld.

In Europa ist man im 19. Jahrhundert
nirgends so weit gegangen, die Kapitalsschuld
abzuleugnen; man begnügte sich hier mit den
milderen Formen der Z i n 8 v e r k ü r z u n g
entweder durch Zw angskonVersion oder
Verschlechterung der Coupon-
valuta oder durch Auferlegung einer
Couponsteuer. Charakteristisch ist auch
hier die Erscheinung, daß die meisten dieser
Verkürzungen gelegentlich einschnei-
dender Verfassungsänderungen
erfolgten; wenn man nach großen politischen
Katastrophen mit der Vergangenheit gründlich
brechen und eine Aera der Reformen beginnen
will, dann kürzt man gewöhnlich die Schulden

Zmsbankerott
        <pb n="15" />
        ﻿der Vorzeit. Die zwei Staatsbankerotte in
Preußen sind mit der Person des Großen Kur-
fürsten und der Hardenbergs verbunden, die
italienische Couponsteuer entstand kurz nach der
Gründung des neuen Reiches und die öster-
reichische wenige Monate nach der Einführung
des Dualismus und dem Erlaß der Staats-
grundgesetze.

In Amerika - wie in Europa ist die Idee
der Staatspersönlichkeit und -kontinuität noch
nicht voll durchgedrungen, außer etwa in Eng-
land, Frankreich und jetzt im Deutschen Reich;
dort, wo der Staat noch mehr einen Sozietät-
charakter hat wie in den amerikanischen Teil-
staaten, annulliert man schlechtweg die Schulden
der früheren Vertretung, dort, wo sich die Idee
der selbständigen staatlichen Existenz durch-
gerungen hat, wie überall in Europa, begnügt
man sich mit Zinsenkürzung, wobei doch immer
noch derselbe Grundgedanke durchklingt,
daß der neu k o n st i t u i e r t e Staat mit
Die Duma dem alten nicht identisch sei. Die
von so vielen geteilte Ansicht, wonach mit Ein-
führung der neuen Verfassung die Sicherheit
der russischen Staatsanleihen erhöht werde,
beruht aus einer Verwechselung von zwei ganz
verschiedenen Dingen. Parlamente achten
sehr auf die konstitutionell aufgenommenen
Schulden, zeigen dagegen die größte
Neigung, die von den absolutistischen Re-
gierungen kontrahierten zu kürzen. Dort,
wo die Macht des Parlaments stark war,
konnte dieser Plan auch gelingen; so hoben die
ungarischen Gesetzesartikel von 1867, die die
Verfassung wieder einführten, die absolutistisch
kontrahierten Schulden auf; iu anderen Staaten
war die Regierung stark genug gegenüber so
weit reichenden Konsequenzen, aber stets ging
die Anregung von der jungen parlamentarischen
Körperschaft aus. Das wird auch in Rußland
der Fall sein. Die Regierung wird nicht
den ersten Schritt tun, das glauben wir ihr,
aber sie wird sich nicht ungern zwingen

6
        <pb n="16" />
        ﻿lassen — und aus diese Eventualität müssen
wir uns rechtzeitig vorbereiten.

Sicherlich wird uns der Einwand nicht Versteckspielen
erspart bleiben, daß wir Wasser aus die Mühle ^öffentlichen
unserer Gegner treiben. Ein Teil der deutschen Meinung
Presse, darunter die vornehmsten Organe der
öffentlichen Meinung, schweigen mit Absicht
über die künftige Gestaltung der russischen
Staatswirtschaft/ weil sie der Regierung des
Zaren den künftigen Bankerott nicht erleichtern
wollen. Die Furcht des Finanzministeriums
vor der Entrüstung und Erregung des Aus-
landes gegenüber einem unerwarteten Gewalt-
streich, werde, so meint man, am wirksamsten
vor einem Staatsbankerott sichern; wird aber
das Publikum in Deutschland und Frankreich
langsam auf diese Möglichkeit vorbereitet, dann
werde die Finanzverwaltung ohne Schwierigkeit
ihre Verpflichtungen verletzen können. Darum
sei es am besten, jetzt zu schweigen und erst zu
sprechen, wenn man vor einem fait accompli stehe.

Was würde man wohl von einem Arzt
sagen, der erklärt: „Ich sehe das Uebel
kommen, aber ich warte, bis der Kollaps da
ist?" Wir glauben nicht daran, daß sich die
kommende Duma in ihren Entschließungen
durch die Stimme der auswärtigen Presse wird
beeinflussen lassen; in einem jungen Parlament
werden so elementare Kräfte entfesselt, daß
jeder Versuch, sie zu regulieren, mit Notwendig-
feit scheitert.

Und ist es nicht primäre journalistische
Pflicht, das Publikum vor der Gefahr, die
kommen wird und kommen muß, rechtzeitig zu
warnen? Ist es unpatriotisch, darüber zu
sprechen in einem Zeitpunkt, wo eine neue
Anleihe in Sicht ist? Ist es voreilig, über die
Retorsionmittel zu sprechen, ehe noch die Ent-
scheidung gefallen ist, und sollen wir
vielleicht warten, bis uns der
Bankerott angekündigt wird, um
dann in hilf- und nutzlose Klagen auszubrechen?

Jetzt muß volle Aufklärung über die ganze

7
        <pb n="17" />
        ﻿Frage geschaffen werden! Man verficht doch
sonst immer die volkswirtschaftlich nützliche
Tätigkeit der Spekulation, die die Ereignisse
vorauszuberechnen sucht und dadurch die Kurs-
bildung regelmäßiger gestaltet und die plötzliche
Baisse verhindert. In diesem Sinne wollen
auch wir wirken und rechtzeitig in den folgenden
Aufsätzen auf die Wirkungen' vorbereiten, die
die russische Krise für uns direkt — durch
Rentenkürzung — und indirekt — durch die
Schwächung des Wirtschaftorganismus unseres
Nachbarreichs — zur Folge haben kann.

8
        <pb n="18" />
        ﻿Geschichte der Staatsßanßerotte.

Bei der folgenden Darstellung der einzelnen
Bankerotte werden wir nur das 19. Jahrhundert
in Betracht ziehen; in früheren Perioden war
der Zusammenbruch der Staatswirtschast weit
häufiger, und selbst in dem heute so soliden
französischen Haushalt folgte bis zu Napoleon l.

Bankerott auf Bankerott; aber diese Krisen waren
ganz anderer Natur als die modernen: noch
hatten die Staatsschulden fast gar keinen
internationalen Charakter, noch hatten sich nicht
die großen Bankinstitute entwickelt.

Erst die Verhältnisse des 19. Jahrhunderts
können für die Gegenwart zum Vergleich heran-
gezogen werden. Den Reigen der Staaten er-
öffnete Preußen, das die Zinszahlung für die Preußen 1806
auswärtige Schuld von 1806—11, für die
heimische von 1806—14 einstellte; wir sehen
hier schon die ungleiche Behandlung der beiden
Gruppen nach ihren Besitzverhältnissen und oie
Bevorzugung des auswärtigen Besitzes, da man
in jenen Kriegstagen in hohem Maße auf den
auswärtigen Kredit angewiesen mar; die Wir-
kungen dieser Maßregel lassen sich nicht kon-
statieren, da der Kurssturz der preußischen Rente
mehr durch den unglücklichen Krieg — Jena! —
veranlaßt war und die Verhältnisse der preußi-
schen Volkswirtschaft infolge der feindlichen
Invasion ganz anomal waren.

Die Bankerotte in Westfalen (1812) und
Kurhessen (1814), die mit dem Zusammenbruch
der Napoleonischen Herrschaft zusammenhingen
und zu Kapitalreduktionen führten, können wir

y
        <pb n="19" />
        ﻿hier übergehen; weit größeres Interesse bieten
Oesterreich uns das gleichzeitige österreichische Fallisse-
1811 ment von 1811, das in gesetzlicher Entwertung
der Valuta bestand. Infolge der langen Kriege
war die Papiergeldemission übermäßig gesteigert
worden, und als nun nach dem Schönbrunner
Frieden ein Teil des Geldes aus den abgetretenen
illyrischen Provinzen zurückströmte, brach das
staatliche Geldsystem zusammen; der Papiergeld-
umlauf von 1060 Millionen Gulden wurde auf
212,160 Millionen Einlösungscheine, also auf
ein Fünftel, reduziert. Eine Reihe von Theo-
retikern jener Tage — und bis in die neueste
Zeit wird diese Ansicht verfochten — stand auf
dem Standpunkt, daß durch eine derartige Ent-
wertung nur das Ausland betroffen werde;
im Inland sei damit keine Veränderung ein-
getreten, denn hier gelte der neue Einlösungs-
schein eben fünfmal soviel als das alte Papier-
geld, und der Rentner bekomme zwar nominell
nur den fünften Teil wie vordem, könne dafür
aber ebensoviel wie früher einkaufen; es sei nur
der Nominalwert, nicht die Kaufkraft geändert.

Wer sich von der Unrichtigkeit dieser Ar-
gumentation überzeugen will, braucht nur an
die fürchterlichen Klagen zu denken, die gerade
in jenen Tagen über die verhängnisvollen Wir-
kungen der Geldentwertung laut wurden; in
Springers „Geschichte Oesterreichs" wie im
„Oesterreichischen Staatshaushalt im 19. Jahr-
Hundert" von Beer finden sich dafür reiche Be-
j lege, und jeder literarisch Gebildete weiß aus
/ .devtSechstbiographie Grillparzers,, wie furchtbar
schwer namentlich die mittleren Klassen der Be-
völkerung zu leiden hatten. Es ist eben nicht
wahr, daß sich die Preise dem neuen gesetzlichen
Geldwert sofort anpassen, das ist erst nach einer-
längeren Periode der Fall, und in dieser Ueber-
gangszeit erleiden nicht bloß die Rentner, son-
dern auch alle jene, die aus feste Bezüge ange-
wiesen sind, eine empfindliche Beeinträchtigung
ihrer Kaufkraft. In neuester Zeit würde eine
derartige Maßregel eineEinkommensverschiebung

10
        <pb n="20" />
        ﻿zuungunsten der mittleren Bürger- wie der
besitzlosen Klassen bedeuten; denn der Unter-
nehmer hat das Recht, den vereinbarten Lohn
in entwertetem Geld zu zahlen, während der
Arbeiter bei seinen Einkäufen nicht das gleiche
tun kann, da die Preise von ihrem alten Niveau
nur langsam Heruntergleiten. Man bezeichnet
einen derartigen Vorgang, wodurch der Nenn-
wert des Geldes auf den tiefstehenden Kurswert
herabgedrückt wird, als Devalvation.

Rußland folgte dem österreichischen Bei- Rußland 1839
spiel ein Vierteljahrhundert später, aber nicht so
unverhüllt und aufrichtig, sondern mit geradezu
teuflischer Arglist; selten wurde je so sehr auf
die Dummheit eines ganzen Volkes spekuliert
— und mit Erfolg spekuliert! — wie damals.

Die Zahl der seit Katharina II. in den Verkehr ,
gebrachten Assignaten war im Laus der Dezennien Z •, , , ?.
übermäßig 'gestiegen unddadurch stark im Wert
gesunken. In einem Manifest von 1839 wurde
nun der Silberrubel zur Münzeinheit erklärt
und die alten Assignaten zum Silberrubel in
das Verhältnis von 3VZ: 1 gebracht; im In-
land sollten die Assignaten weiter gelten, nach
außen der Silberrubel, und die Reform wollte
somit durch Schaffung einer festen Relation
dem Agio und dem steten Schwanken der aus-
wärtigen Wechselkurse ein Ende bereiten; soweit
war alles in Ordnung. Aber nun ersann der
russische Finanzminister Kankrin eine Maßregel,
die man nicht anders denn als Betrug bezeichnen
kann. Um das Währungsmetall heranzuschaffen,
wurde eine Depositenkasse errichtet, die alles
Silber in Empfang nahm und dafür gedeckte
Depotbillets mit Zwaugskurs für das ganze
Reich ausgab. Dem Publikum wurde eingeredet,
daß die Regierung in nächster Zeit kein Silber,
nur solche Billets als Geld annehmen werde,
und zu Haufen drängten sich die Leute zu den
Kassen der Bank, um dort ihr Metall gegen die
Scheine auszutauschen; insgesamt wurden
37 Millionen Rubel Silber deponiert; da aber
die Assignatensumme 595,776 Millionen Rubel
        <pb n="21" />
        ﻿betragen hatte, wären 170,222 Millionen Rubel
(nach der Relation von 3*/z:1) zur Einlösung
nötig gewesen. Die metallische Deckung war
aber nur sür zirka 20°/g vorhanden. Die Re-
gierung gab nun für 170,222 Millionen —
größtenteils ungedeckte — Kreditbillets aus und
nahm den Besitzern der früheren Depositenscheine
das ihnen anfangs gewährte Recht der Bar-
einlösung! Durch diesen Kniff wurde freilich
die schwebende Staatsschuld um 425*4 Millionen
Rubel mit einem Schlag verringert — aber auf
eine Weise, die man nicht näher zu charakteri-
sieren braucht. Dem Publikum wurde das
Silber förmlich aus der Tasche gestohlen und
unter dem Vorwand, es in Depot zu nehmen,
gänzlich entzogen. Selbst der wirkliche russische
Staatsrat von Bloch, der bekannte Friedens-
theoretiker, ein lammfrommer Mann und un-
verfälschter Patriot, vermag in seiner Geschichte
der russischen Finanzen sein Erstaunen über die
Dummheit des Volkes, das Metall für Scheine
gutgläubig hingab, nicht zu unterdrücken. Wir
staunen mehr über die brutale Ausbeutung der
nationalen Unwissenheit durch eine skrupellose
Regierung und die Indolenz einer Bevölkerung,
die sich systematische Beraubung gefallen läßt.

Für das Ausland hatte die russische Maß-
regel damals so gut wie gar keine Bedeutung, um
so'stärkere für das Inland. Unternehmungslust
und Kredit waren für lange Zeit hinaus ge-
schwächt; im bulletin Russe de statistique
financiere von 1899 findet sich eine Uebersicht
der Aktiengesellschaftgründungen im 19. Jahr-
hundert, woraus man deutlich die starke, durch
die Devalvation hervorgerufene Depression ent-
nehmen kann. Freilich waren die Wirkungen
für die ganze Wirtschaft noch nicht so zerstörend,
als man aus den ersten Blick meinen würde,
weil das Zarenreich damals noch das Gepräge
des Agrikulturstaates trug. Die in die Geld-
wirtschaft einbezogenen Kreise empfanden da-
gegen mit voller Wucht den schweren Schlag —
und sie vergaßen ihn auch nicht so bald; noch

12
        <pb n="22" />
        ﻿in der Zeit des Krimkrieges fühlte der Staat
tief das Mißtrauen, das feit jener Zeit im In-
land feinen Kredit schwächte. Für das Aus-
land freilich blieb jener Vorgang, wie schon
gesagt, damals fast belanglos. Man hört gut-
gläubig die mit Emphase bis zum Neberdruß
wiederholte Behauptung der geschickten russischen
Auslandsagenten, der Herren Raffalovich in
Paris und Wittschewsky in Berlin, daß Ruß-
land allein unter allen Kontinentalstaaten stets
gewissenhaft seinen Verpflichtungen nach-
gekommen sei — und vielen war es eine Ueber-
raschung, als Professor Ballod auf den Kankrin-
schen Finanzkrach hinwies. Unter allen
Bankerottenist dieser russischederschmäh-
lichste; in Westeuropa machte man stets offen
Bankerott, nicht in so empörender Weise — und
dort tat man es stets im Notstand, bei feind-
licher Invasion oder nach furchtbarem Krieg —,
Rußland griff aber damals mitten im Frieden
zu dieser Maßregel.

Die bisher besprochenen Bankerotte haben
das Ausland nur wenig betroffen, teils weil
die fremden Anleihen schon durch die Art der
Maßregel nicht tangiert wurden, wie in Ruß-
land und in gewissem Sinne in Preußen, teils
weil die Schuld überwiegend heimisch war, wie
in Oesterreich 1811. Anders war der Fall bei
den späteren österreichischen Bankerotten, die nur
dem Ausland, nicht dem Inland gegenüber als
Krida erscheinen. Die Auszahlung der in Silber
stipulierten Rentenschuld in Papiergeld im Jahre
1848 stellte sich für den Inländer nur als Aus-
fluß der gesetzlich durch das 48erPatent normierten
Gleichstellung von Silber- und Papiergulden
dar, für das Ausland bedeutete sie einen er-
heblichen Verlust. Wieder anders lag der Fall
bei der österreichischen Couponsteuer von
1868. Schon 1849 war nach englischem Vor-
bild von der Rente eine Steuer von 5% ein-
gehoben worden, die 1859 aus 7% und 1868
auf 16% für die allgemeine fundierte und aus
20% für die übrigen Staatsschulden erhöht

Oesterreich

1848

Oesterreich
1859 u. 1868

13
        <pb n="23" />
        ﻿Ungarn 1867

Ttrafmaßnah-
n:en der Lon-
doner u. Am-
sterdamer
Börse

wurde. Unmittelbar nach dem Nikolsburger
Frieden hatte die Dynastie mit den Magyaren
Verhandlungen angeknüpft und ihnen selb-
ständige staatliche Stellung eingeräumt; in den
.Gesetzesartikeln von 1867 repudiierten nun die
Magyaren ausdrücklich die unter dem absolu-
tistischen Regime aufgenommene Staatsschuld
und erklärten sich nur bereit, zur Verzinsung
einen Jahresbeitrag von 29,188 Millionen
Gulden zu leisten; dadurch wurde die ganze
Last der riesigen Staatsschuld — die damals
in mehr als hundert gesonderten Anleihen notiert
war — auf Oesterreich gewälzt, und um diese
unerträgliche Bürde zu erleichtern, wurde auf
Anregung des Parlaments die hohe Coupon-
steuer auferlegt, wodurch die „konsolidierte ge-
meinsame Rente" de facto von 5 auf 4,2%
herabgedrückt wurde; dieser Zustand bestand bis
zur Böhm-Bawerlschen Konversion von 1903
für die ganze Rente fort und besteht noch heute
für den sogenannten „ungarischen Block" im
Betrage von 1400 Millionen Kronen.

Die Wirkungen der achtundsechziger
Couponsteuer, die wegen ihrer Höhe nicht mit
Unrecht als Zwangskonversion angesehen wurde,
waren ganz eigentümliche. Zwar konnte das
Defizit, das zu Ende 1868 52 Millionen fl.
betrug, nicht beseitigt, aber doch um 21% Milli-
onen Gulden gekürzt werden — ohne daß der
inländische Rentenbesitz einen reellen Schaden
erlitt; denn diese Aufbesserung des Budgets
wurde von der Börse mit einem starken
Steigen der Kurse beantwortet, so daß dem-
jenigen, der die Couponsteuer nicht tragen wollte,
Gelegenheit gegeben war, sich ohne Nachteil der
Rente zu entledigen. Damit war im wesent-
lichen derselbe Effekt erzielt, als wenn der Staat
freie Konversion angeboten hätte. Dem Ausland
gegenüber gestaltete sich freilich die Sache anders:
die Londoner Stock Exchange wie die
Amsterdamer Börse strichen die öster-
reichische Rente aus dem Kursblatt; indessen
hatte dieser Akt der Selbsthilfe des fremden

14
        <pb n="24" />
        ﻿Kapitals für den österreichischen Staatskredit
geringere Bedeutung, als man auf den
ersten Mick glauben würde. Von den fremden
Staaten war vornehmlich Holland im Besitz
großer Rentenstocks, und dieses konservative
Land gab nur in mäßigen! Betrage Renten ab,
was allerdings damals infolge Mangels tat-
kräftiger Intervention einige Störungen hervor-
rief. Im ganzen aber muß die Wirkung
der Couponsteuer als überwiegend günstig
angesehen werden, namentlich da Oesterreich in
der Folgezeit auf London und Amsterdam nicht
mehr angewiesen war. Zum gleichen Resultat
gelangt auch Adolf Wagner in seiner „Finanz-
wissenschaft", obwohl er Anfang der sechziger
Jahre in seiner „Ordnung des österreichischen
Staatshaushalts" das schon damals aufgetauchte
Projekt entschieden bekämpft hatte; freilich behielt , ,
eines seiner Argumente auch für die Folgezeit	’

Kraft: durch die Zwangskonversion, so meinte (	(	(

er, würde eine freiwillige Konversion um Jahr- Vtng^nv-.
zehnte ausgeschooen; tnn dieser Voraussage Ijtti
er recht behalten, denn die Zinsreduktion konnte^
in der Tat erst nach fünsunddreißig Jahren
durchgeführt werden.

Während in den bisher erwähnten Fällen
das Ausland mit dem Inland formell gleich
behandelt, in Wirklichkeit schwerer betroffen
wurde, werden wir jetzt eine Reihe von
Staaten in Betracht ziehen, die die auslän-
dischen Gläubiger besonders begünstigten, in-
dem sie sie entweder von den Zwangsmaß-
regeln durch Affidavit ausnahmen oder Das Afftdamt
doch wenigstens nicht einseitig den Vertrag
brachen, sondern nur im Einvernehmen
mit den Gläubigern.

Zur Gruppe der Affidavitstaaten gehören
Italien und Spanien. Italien hat schon Italic» 1864
1864, kurz nach Begründung des Reiches, 1877 “■ 1894
eine Couponsteuer erhoben, die aber über
normale Grenzen nicht hinausging; schon
1877 wurde jedoch der Steuersatz auf 132 o/o
erhöht und 1894 wurde von Obligationen eine
        <pb n="25" />
        ﻿Einkommensteuer von 20 o/o erhoben, die man
wohl als halben Bankerott bezeichn:en kann.
Von dieser Maßnahme werden auch die aus-
wärtigen Besitzer betroffen; ihre Vorzugs-
behandlung bestand bis vor kurzem darin, daß
ihre Coupons in Gold eingelöst wurden, sofern
für den betreffenden Titre das Affidavit ab-
gegeben war. Das Wort Affidavit stammt aus
der englischen Gerichtssprache und bedeutet
eine eidliche Erklärung vor dem No-
tar; bei Renten bedeutet es die eid-
liche Erklärung, daß der Besitzer nicht
Bürger des Schuldnerstaates sei, wodurch
dann bei Entwertung der heimischen Valuta
der Verlust vom ausländischen Kapital ab-
gewendet wird: die Anwendung des Affidavit
bedeutet eine Vermeidung des Bankerotte,
einen Schutz des Auslands; im Fall Italiens
ist diese Begünstigung des fremden Besitzes
in den letzten Jahren nur nominell geworden,
seitdem die Regulierung der Valuta erfolg-
reich durchgeführt wurde.

Spanien 1820, In Spanien dagegen besteht das Asfi-

1834,	1851, davit noch mit voller Wirksamkeit; das arme

1867 u. 1882 iberische Königreich hat seine Kolonien um
ein Jahrhundert zu spät verloren und kommt
aus den Bankerotten gar nicht mehr heraus.
1820, 34, 51, 67, 82 hat es seine Verpflich-
tungen nicht erfüllt: die ersten vier Male
wurden die Zinszahlungen suspendiert; Spa-
nien hatte in der ersten Hälfte des Jahrhun-
derts die angenehme Gewohnheit, unmittel-
bar nach Einzahlung der Anleihen die Zins-
zahlung einzustellen und sie erst dann wieder
aufzunehmen, wenn es eine neue Schuld kon-
trahieren wollte; der Bankerott von 1834
hat für uns deshalb besonderes Interesse, weil
die preußische Regierung damals das Zeit-
geschäft in spanischen Werten an der Ber-
liner Börse verbot — ein Vorläufer der Ter-
minhandelsgesetzgebung. 1851 wurde eine
Zwangskonversion von 5 auf 1 °/o vorge-
nommen, die jedoch infolge des Widerstandes

16
        <pb n="26" />
        ﻿A

A&gt;



der Londoner Börse 1857 wieder rückgängig
gemacht werden mußte. Bei der neuen
40/oigen Anleihe von 1882 hatte der Finanz-
minister Gamacho die Steuerfreiheit zuge-
sichert, und als nun infolge der kriegerischen
Verwicklungen von 1898 Puigcerola zu einer
Einkommensteuer von 20 °/o die Zuflucht
nahm, da eximierte er die Auslandsschuld
von der Steuer, indem er sie durch Ab-
stempelung und Affidavit kenntlich machte:
die Coupons dieser Titres wurden ferner
weiterhin in Gold bezahlt, die übrigen in der
stark entwerteten Valuta; es sind somit zur
Steuerfreiheit und Goldzahlung
zwei Bedingungen erforderlich, eine
sachliche, die Abstempelung, und^eind
persönliche, das Affidavit. r

Die Ansichten über die Zweckmäßig-
feit des Affidavit sind sehr geteilt; die '	/f

ungünstige Beurteilung überwiegt: das Affi- [ IkA r ;'vU
davit schafft einen Rententypus, der für den 1 , ... *
internationalen Zahlungsausgleich schlechthin -	Wui*

unverwendbar ist, weil er stets nur im Aus-, s n'’
landsbesitz sein darf, es erschwert die Arbi-&lt;i ^
trage, zwingt den Staat zur Organisierung
eines Spionagedienstes und verleitet die
Untertanen zu Meineid und Betrug. Zweifel-
los ist die Abstempelung, das ist die Markie-
rung der in einem gegebenen Zeitpunkt im
Ausland befindlichen Effekten, vorzuziehen,
eine technisch leicht und sicher durchführbare
Maßregel!

Diejenigen Staaten, die ihre Verpflich-
tungen durch Arrangement kürzten,
sind ausschließlich Mächte zweiten
Ranges. In jenen Staaten, die an die
Fremde in großem Umfang Kapital verleihen,
bestehen schon seit vielen Dezennien Verbin-
dungen der Auslandsgläubiger: in London
die Corporation ol foreign bondholders, in Paris
die Association nationale des porteurs frangais
des valeurs etrangeres, in Brüssel die association
pour la defense des detenteurs des fonds publics;

Das Arrange-
ment

17
        <pb n="27" />
        ﻿Portugal
1841, 1855 u.

18! »2

Mexiko 1827,
1846 u. 1859

Argentinien
1829, 1890 u.
1893

Balkan und
Orient

in Deutschland ist eine ähnliche „Schutzver-
einigung" in Berlin in den letzten Jahren ins
Leben gerufen worden, von deren Wirksam-
keit man bisher freilich nicht allzuviel er-
fahren hat. Diese Verbände zwingen die
kleineren Staaten zum Arrangement, wid-
rigenfalls sie weiteren Emissionen des Ver-
tragsbrüchigen Reichs den Markt sperren.

Namentlich Portugal hat sich wieder-
holt Arrangements unterwerfen müssen, so
1841, wo ihm gestattet wurde, statt 4 &lt;y0 für
einige Jahre 2ps zu bezahlen, so 1855, wo
es die Zwangskonversion von 1853 um 2 °/g
teilweise anullieren mußte, so 1892, als es
eigenmächtig die Zinsen um Vs reduzierte.

Aehnlich lag der Fall bei Mexiko und
Argentinien. Mexiko hatte seine erste An-
leihe 1825 aufgenommen, schon 1827 die
Zinszahlung eingestellt und bis 1836 nichts
geleistet; von da an nahm es mit vielen
Unterbrechungen (1846—49, 1859—63) den
Coupondienst wieder auf und einigte sich
endlich 1886 mit den Gläubigern dahin, ab
1889 3 o/o zn zahlen. Argentinien hatte
im selben Jahr wie Mexiko seine erste An-
leihe aufgenommen, sie nur fünf Jahre be-
zahlt und dann den Coupondienst durch 28
Jähre (1829—57) storniert! Dann begann
der Staat langsam die Zahlungen aufzuneh-
men; 1890 wurde ein Arrangement mit der
Bank von England getroffen, wonach die
Couponzahlung in Bonds erfolgen sollte, und
1893 wurde mit Rothschild eine Zinsreduk-
tion vereinbart.

Weiter gehen die Vereinbarungen mit
den Orientstaaten Türkei, Aegypten,
Serbien, Griechenland; hier geht das
Arrangement in eineFinanzkon-
trolle über: in Amerika steht einer der-
artigen Einschränkung der Staatstätigkeit die
Monroe-Doktrin im Wege, und es kommt hier
nur zu einer Verpfändung, nicht zu einer
Verwaltung der Einnahmen; die vier Orient-

18
        <pb n="28" />
        ﻿staaten aber sind ihrer ganzen Existenz nach
so sehr von der Gnade der Großmächte ab-
hängig, daß sie sich auch die weitgehendsten
Eingriffe in ihre Souveränität gefallen lassen
müssen.

Die Türkei hatte bis 1875 5 Milliarden
Francs Schulden aufgenommen, zum größten
Teil für unproduktive Zwecke; bei Beginn des
russischen Krieges konnte sie ihre Verpflich-
tungen nicht einhalten und stellte fünf Jahre
hindurch den Zinsendienst ein, 1881 überließ
sie dem Komitee der Delegierten der Gläu-
biger die Verwaltung der Staatseinnahmen
und behielt sich nur die Oberaufsicht vor.

Aehnlich liegen die Dinge in Serbien,
wo anläßlich der Konversion der 5 »/„igen
Rente in eine 4°/oige den Gläubigern als Ent-
schädigung und Sicherung die Monopolver-
waltung überlassen wurde. Während in diesen
beiden Fällen Privaten die Verwaltung staat-
licher Einnahmen überlassen wurde, ist in
Aegypten und Griechenland ein Komitee aus
Vertretern der Großmächte ein-
gesetzt.

In Aegypten wurde 1880dem Komitee
aus Delegierten der fünf europäischen Groß-
mächte hie Verwaltung einer Reihe von
Staatseinnahmen (Bahnen, Telegraph, Hafen
von Alexandria, Tabakeinfuhrzölle, Einkünfte
gewisser Provinzen) überlassen, wogegen die
7- bis 9 o/vige Schuld in eine 5 choige sustpi.-
legierte und 4 o/»tge unifizierte umgewandelt
wurde."

In Griechenland, wo schon seit 1893
die Coupons mit nur 30 o/o eingelöst worden
waren, wurden nach dem unglücklichen Krieg
mit der Türkei, als die Frage der Kriegsent-
schädigung gelöst werden sollte, von den
Mächten die Monopole und Piräuszölle in
Verwaltung genommen; die Monopolanleihe
von 1887 wird mit 43, die übrigen Anleihen
mit 32 o/o bezahlt. In allen diesen Fällen der
Kontrolle ist die Emission neuer Anleihen

Die Türkei
1877

Serbien

Aegypten 1880

Griechenland

1893

19
        <pb n="29" />
        ﻿an die Zustimmung der Verwaltungen ge-
knüpft. Indes haben derartige Kommissionen
nur bei halbzivilisierten Staaten einen Zweck,
wo die Gläubiger für gewisse Einnahmen
eine europäische Verwaltung einführen wol-
len, für geordnete Staatswesen kommen der-
artige Maßregeln — von den politischen
Schwierigkeiten ganz abgesehen — nicht in
Betracht.

20
        <pb n="30" />
        ﻿Mie wir- Kußkand bankerott
wachend

Es werden wohl viele über die lange
Liste der Staatsbankerotte, die wir in dem
vorigen Aufsatz vorgeführt Haben, sehr er-
staunt gewesen sein: man hält gemeiniglich
die treue Erfüllung der Vertragspflichten
durch den Staat für das normale, aber das
gilt nur für die fortgeschrittenen Staaten
Westeuropas — und auch für diese nur in
der neuesten Zeit. Nach Struck waren von
den Staatsanleihen, die von 1820—1875 an
der Londoner Börse gehandelt wurden, im
Gesamtbetrag von 614 228 Millionen £ nur
281,82, also 46 o/o, pünktlich gezahlt worden,
von teilweisem Bankerott waren 175,16, von
totalem 157,23 betroffen worden!

Ueberblicken wir jetzt die Arten des
Bankerotts: Ein Unterschied zwischen Ka-
pitals- und Zinsbaukerott kann schwerlich mit
Recht gemacht werden, da im Grunde auch
die Zinsreduktion eine Kapitalsverkürzung
bedeutet; und wenn der alte Rau die Zins-
verkürzung vorzog, weil sie in späteren Jah-
ren gutgemacht werden kann, so sind wir
heute gegenüber den Vorzügen einer Ka-
pitalerstattung — wie sie Preußen und
Oesterreich nach den napoleonischen Kriegen
vornahmen — sehr skeptisch, weil sie den
Staat unnötig belasten, ohne dem seinerzeit
durch die Zinsreduktion geschädigten zu
nützen; da diese in der großen Mehrzahl der
Fälle längst nicht mehr die Renten besitzen,

Welche Wahl
bleibt Ruß-
land?

21
        <pb n="31" />
        ﻿Kapitalrcduk-
tion resp. Ba-
lutaentwer-
tuiig

bedeutet eine nachträgliche Erstattung eine
grundlose Bereicherung der gegenwärtigen
Besitzer.

Die Kapital reduktiv n kann heute
ernstlich nur in Form der Valutaentwertung
in Betracht kommen — der Aufschub der
Amortisation gehört nicht hierher. In diesem
Fall würde die russische Finanzverwaltung
die Zinsen aller jener Renten, bei denen nicht
ausdrücklich Goldzahlung stipuliert wurde, in
entwerteten Rubeln zahlen.

Für den bei weitem größeren Teil
seiner Anleihen ist nun Goldzahlung ver-
traglich vorgesehen, ausgenommen sind nur
folgende Anleihen:

Russische Anleihen in Kreditrubeln.

Mill. Rubel

6»/„ russische Anleihe 1817 u. 1818 noch umlaufend 38.472

5%	1820	„	„	14.894

5»/o „	1822	„	„	1.893

5°/o „	„	1854	„	„	24.

4°/0 „	„	1859	„	„	153.812

5"/gPräniienanlehen1864 u. 1856	„	„	145.

4°/^ Russische Staatsrente von 1894 .... 2650.

Nicolaibahnobligationen..................... 9.

Moskau—Jaroslow — Archangclbahn ....	56.680

Prämienpfandbriefe der Reichsadelsbauk.	.	. 346.178

Zertifikate der Bauern-Agrarbank............. 425.302

Summe 3865.231

Dagegen sind 4170,880 Millionen in
Gold zu zahlen. Von den Anleihen in
Kreditrubelu ist weitaus die bedeutsamste die
unter Witte geschaffene 1894er Rente; für
sie wurde zivar mit Ukas vom 6. März 1898
eine feste Relation gegenüber den Valuten der
westeuropäischen Gläubigerstaaten festgesetzt,
ohne daß jedoch dadurch einer Va-
lutaentwertung vorgebeugt wäre.
Eine derartige Entschließung kann, wie sie
einseitig gefaßt wurde, auch einseitig abge-
ändert werden; eine bindende Verpflichtung
übernimmt der Staat nur daun, wenn er
gleichzeitig mit der Emission die Wertrelation
festsetzt. Hier ist also die Rechtslage zweisel-

22
        <pb n="32" />
        ﻿haft — und diese Rente kann von einer Ent-
wertung der Währung eventuell betroffen
werden.

Von den anderen Maßregeln kommen Couponsteu-r
nur Zwangskonversion und Coupon-
steuer in Betracht: die offene Zwangs-
konversion wird ein Staat, der so sehr auf
das Wohlwollen der Gläubiger auch in Zu-
kunft angewiesen ist, sicher vermeiden; anders
steht es mit der Couponsteuer: seit 1885 hat
Rußland .eine Kapitalrenten st euer,
von der jedoch der auswärtige Besitz fast ganz
befreit ist; unter diese Steuer fallen aber nur
folgende im Ausland placierten Werte:

a	Mill, Kredit-Rubel

5 °/0 Prämienanleihen von 1864 und 1866	145

Nicolaibahnobligationen 1891 ....	9

MoSkau-Archangelskbahn .....	56.78

Prämienpfandbriefe der Adelsbank . .	226

Zertifikate der Bauenrbank. . . .	._________425.302

Summe 862.082

b	Millionen Goldrubel

Goldrente 1884 ................... 20

Donetzbahn........................ 9.4

Charkowbahn....................... 7.07

Morschanskbahn........................... 2.758

Moskau — Kurskbahn....................... 6.482

Riga—Dünaburgerbahn...................... 9.509

Rjäck — Wjannabahn....................... 3.429

Nicolaibahnobligationen 1888	...	11.8

Jwang orod — Dombrowobahn	.	 21.111______

Summe 91.559

Die russische Finanzverwaltung hat also
nur auf einen kleinen Teil ihrer Renten die
Couponsteuer erstreckt und den Auslandsbesitz
fast völlig freigelassen: nur die 94er Rente
war diesem Abzug bis 1900 unterworfen, seit
diesem Jahr unterliegt ihr aber nur der hei-
mische Teil, während diejenigen Titres, die
für Besitz von Ausländern erklärt werden (kein
Eid nötig, sonst Analogie des Affidavit),
steuerfrei sind. Ob für diese Differenzierung
die Ansichten Leroy-Beaulieus maßgebend
waren, der die Couponsteuer aus dem Unter-
tanverhältnis ableitet und — mit Unrecht —

23
        <pb n="33" />
        ﻿eine Ausdehnung auf baä Ausland perhorres-
ziert, vder ob finanzpolitische Rücksichten den
Ausschlag geben, bleibe dahingestellt; tat-
sächlich blieben die fremden Gläubiger von
jeder Finanzmaßregel — die Periode 1894
bis 1900 ausgenommen — verschont. Kaum 20%
des Gesamtbetrags an öffentlichen Obliga-
tionen unterliegt dem Abzug; eine einfache
Erhöhung der Kapitalrenten st eu er
selbst auf 20 o/o, also um das vierfache, würde
keine ausreichende Erhöhung der
staatlichen Einnahmen zur Folge haben und
zudem den heimischen Kapitalmarkt empfind-
lich schwächen, da künftighin die dem Aus-
land gegenüber so benachteiligten russischen
Kapitalisten die rein inländischen Anleihen
mit großem Mißtrauen behandeln würden.

Man kann nun der russischen Finanz-
verwaltung der letzten Generation das Zeug-
nis nicht versagen, daß sie ihren Auslands-
verpflichtungen in mustergültiger Weise nach-
gekommen ist; wird sie dies auch weiter im-
stande sein? Wird sie mit normalen Mitteln
das wachsende Defizit im Budget zu besei-
tigen vermögen? Wir halten es für ausge-
schlossen und haben eben deswegen diese
Studie unternommen, weil wir glauben, daß
die Verwaltung des Zarenreichs keine
Wahl mehr hat. Eine Untersuchung der
Verhältnisse des gegenwärtigen Staatshaus-
halts würde den Rahmen dieses Artikels
sprengen?)

Fast an jeden unglücklichen Krieg des
neunzehnten Jahrhunderts hat sich der
Bankerott des unterliegenden Staates ange-
schlossen — Frankreich 1871 ausgenommen.
Wenn dann als Folge des Mißtrauens des
Absolutismus gegen sich selbst die Konsti-
tution ins Leben gerufen wurde, war ihre
erste Forderung stets die Kürzung der Schul-
den des vorigen Regime. Warum sollte das

1) ffi? fei hier auf die Schrift Bon Georg Bernhard: „Armes reicher
Rußland!" hingewiesen (Verlag von Georg Reimer, Berlin).

24
        <pb n="34" />
        ﻿in Rußland anders sein, wo eine agrarische
Mehrheit in der Duma sicher ist, die
aufs höchste über die systematische Industrie-
förderung erbittert ist, wie sie unter Wysch-
negradski und Witte betriebeil wurde und
die in letzter Linie zur starken Vergrößerung
der Staatsschuldenlast geführt hat! Zuge-
geben, daß die oft wiederholte Rohrbachsche
These, der russische Staat zahle die Coupons
aus neuen Anleihen, völlig unhaltbar ist -
wird sich die Duma dazu verstehen, neue
Lasten der Landbevölkerung aufzuerlegen, um
das Defizit zu beseitigen? Voraussichtlich
nicht! Die absolute Regierung konnte das
Ausland schonender als das Inland behan-
deln, ein nationales und agrarisches Parla-
ment wird dein starken Drang nicht wider-
stehen köniren, auf Kosten des fremden Gläu-
bigers die Finanzreform vorzunehmen.

Darum müssen wir uns, so lange es
noch Zeit ist, fragen, was uns wohl bevor-
stehen mag und wie wir gegen die kommen-
den Ereignisse uns vorsehen und schützen
können. Mit den gegenwärtigen Mit-
teln kann das Defizit nicht getilgt
werden, die Couponsteuer für die im Inland
untergebrachte Rente kann, auch mehrfach er-
höht, den Ausfall nicht decken: es bleibt nur
die Coupon st euer für die Auslands-
rente oder — das Arrangement.

Ist die Couponsteuer für die Auslands-
rente ein Bankerott? Im allgemeinen nicht;
nach moderner Steuertheorie ist der Staat
berechtigt, auch vom Ausländer die Kapital-
rentensteuer zu erheben, und eine Vertrags-
verletzung wird nur bei Vorzugsbehandlnng
des Inländers (englische Auffassung) oder bei
ausdrücklicher Zusage der Steuerfreiheit an-
genommen; das letztere Moment trifft nun
im Falle Rußland zu — vorausgesetzt, daß
man die ganze Materie nach Analogie des
Privatrechts behandelt, wie es Adolf Wagner
und Meili tun; wenn man aber nach dem

Die Konsti-
tution als
Mutter des
Staatsbanke-
rotts

Rußland mutz
bankerottieren

Das Ausland
u.die Coupon-
Kürzung

25
        <pb n="35" />
        ﻿Vorbild der französischen Verwaltungsjuristen
in der Aufnahme einer Anleihe nicht einen
privatrechtlichen Vertrag, sondern einen Ver-
waltungsakt erblickt, dann wird man einer
Aenderung der einzelnen Bestimmungen ganz
anders gegenüberstehen. Eine Umwandlung
eines vereinbarten Verwaltungsaktes erfor-
dert freilich Zustimmung des anderen, aber
nicht als gleichberechtigten Kontrahenten —
und sie ist ferner im Fall der Existenzgefähr-
dung des Staates selbst ohne diese Einwil-
ligung gestattet.

Wie weit man aber auf diesem Gebiet,
das teils dem Verwaltungs-, teils dem Völ-
kerrecht, also den wenigst geklärten Gebieten
der Jurisprudenz angehört, von „Recht"
sprechen kann, ist sehr zweifelhaft, sicherlich
gibt es aber keine Instanz, die die etwa
gefährdeten Rechte der Glänbigerschaft
schützen würde; mit britischer Aufrichtig-
keit hatte 1848 Lord Palmerstone den Grund-
satz der englischen Regierung gegenüber aus-
wärtigen Bankerotten ausgesprochen: „1t is
for the British Government entirely a question
of discrelion and by no means a question of
international right, whether they should or should
not make this matter the Subject of diplomatic
negotiation“ — das heißt zu deutsch: „Die
kleinen Diebe hängt man auf, die großen
läßt man laufen." Gegen die Türkei, Mexiko,
Tunis, Venezuela, die mittelamerikanischen
Republiken unternahm man kriegerische In-
terventionen, niemals aber gegen eine Groß-
macht, und das kann namentlich im Falle
Rußland nicht sein, wo die am schwersten be-
troffenen Staaten Frankreich und Belgien
sind, denen alle Mittel, an Rußland heran-
zukommen, fehlen. Aber ebensowenig sind
Repressalien anderer Art möglich: in
letzter Linie würde freilich eine Couponsteuer
eine Verschlechterung unserer Zah-
lungsbilanz bedeuten und könnte uus
diesem Grund mit zollpolitischen Feindselig-

26
        <pb n="36" />
        ﻿fetten beantwortet werden; doch daran kann
im Ernst Rußland gegenüber niemand denken.

So bleibt nur die Selbsthilfe: die
einundsechzigste Regel der Londoner Börse
untersagt die Zulassung neuer Anleihen, wenn
der Staat die Bedingungen einer früherett
Anleihe ohne Arrangement verletzt hat;
Amsterdam handelt in der Praxis identisch;
für die übrigen Börsen besteht eine derartige
Bestimmung nicht, namentlich geben die Nor-
men des Pariser und Brüsseler Marktes keinen
Anhaltspunkt zu derartigem Vorgehen, und
jener Paragraph des neuen deutschen Börsen-
gesetzes, der die Zulassung von Emissionen
verbietet, durch welche erhebliche allgemeine
Interessen geschädigt werden oder welche zu
einer Uebervorteilung des Publikums führen,
läßt sich nur mit sehr extensiver Interpre-
tation auf die russischen Anleihen anwenden.
Es bliebe im Fall der Couponsteuer nur ein
Mittel: Die Zulassungsstellen von
Berlin, Paris, London, Brüssel,
A m st e r d a m müßten sich zu einheitlichem
Vorgehen verständigen und der rus-
sischen Regierung gemeinsam die Streichung
der betroffenen Werte androhen — wir ver-
kennen dabei freilich nicht die Schwierig-
keiten einer derartigen Vereinbarung, na-
mentlich, da bei der Pariser Börse der Staat
ein Wort mitzusprechen hat.

Aber nur aus diese Weise wird
sich ein Arrangemettt erzwingen
lassen; denn weder der Londoner noch der
holländische Markt sind für Rußland von
entscheidender Bedeutung, und wenn Paris,
Berlin und Brüssel indifferent bleiben, dann
kann die russische Regierung handeln wie sie
will; am wenigsten wird sie sich darum Sorge
machen, daß bei späteren Anleihen ihr Kredit
geschwächt sein könnte, klagt doch schon Hume
über die Vergeßlichkeit des Volks dieser Welt,
das Karl II. schon zwei Jahre nach seinem
Bankerott zum gleichen Zinsfuß wie früher

DieSelbsthilfe
des Auslands

Die Erzwin-
gung eines
Arrangement
        <pb n="37" />
        ﻿Geld lieh - eine Erscheinung, die uns heute
bei so manchen Emissionen exotischer Staaten
wieder begegnet. Und schließlich könnte«-das
Zarenreich, auf die österreichische Erfahrung
von 1868 gestützt, eine Kurssteigerung im
Hinblick aus die Besserung der Finanzlage
erwarten.

Darum ist es notwendig, beizeiten darauf
vorzubereiten, welche Vorkehrungen gegen
einen russischen Bankerott zu treffen sind;
rasche und doch sehr schwierige Ei-
nigung zwischen ganz verschiede-
nen nationalen Organisationen ist
unbedingt nötig, und zu diesem Zweck
sind umfassende Vorarbeiten erforderlich. Es
ist hier nicht unsere Sache, auszuführen, wie
ein Arrangement aussehen müßte; von weit-
reichenden Eingriffen in die Verwaltung,
Kommissionen von Delegierten usw. ist hier
natürlich keine Rede. Aber es könnte wohl
Sicherheils- eine temporäre Zinsreduktion be-
leistung fürdie willigt werden, wenn zum Entgelt für die
Schuld' heute schwer bedrohten Staatsanleihen eine
Sicherheit geboten würde. Das wäre der
ehrenhafteste Ausweg, er würde das Staats-
budget entlasten und andererseits die Gläu-
biger nicht schädigen, da durch die Spezial-
sicherheit die heute so stark gesunkenen Mrse
sehr günstig beeinflußt würden. Von einer
späteren Restitution könnte man aus den
früher erwähnten Gründen absehen.

James Steuart bezeichnete im 18. Jahr-
hundert den Staatsbankerott als gänzlichen
Untergang einer Nation, und einer der Mata-
boren der liberalen Oekonomie forderte den
"Uö Staat auf, lieber unterzugehen, als seinen
Verpflichtungen untreu zu werden; wir den-
ken heute ruhiger darüber, geben dem Staat
das Recht, in kritischer Zeit im Ein-
vernehmen mit denGlänbigern sich
Luft zu verschaffen und den Staatshaus-
halt so zu ordnen, daß für die
Folgezeit eine sichere Coupon-

28
        <pb n="38" />
        ﻿einlösung undSchuldamortisation
verbürgt wird. Verlangt man übertrie-
bene Vertragstreue, dann gefährdet man die
Interessen der Zukunft. Man darf nicht, wie
es nur allzuoft geschieht, die Ähnlichkeit
mit den Privatrechtsverhältnissen zu weit
treiben, denn bei der Staatsschuld ist ja den
Gläubigern die Möglichkeit gegeben, durch
Herabdrückung des Rentenkurses den Eintritt
einer Zinszahlungsstvckung zu antezipieren
und sie haben von dieser Möglichkeit im
Falle Rußlands reichlich Gebrauch gemacht.

Alle, die vom Eintritt ruhiger Verhält- , •
nisse und von der Wirksamkeit der Duma einen. '	,

günstigen Einfluß im Sinne einer raschen'	'..

Aufwärtsbewegung erwarten, werden schwere
Enttäuschung erleben. Rußland ist das Land
der „begrenzten Möglichkeiten", um die popu-
läre Phrase zu variieren, und alle jene Fak-
toren, die zum Beispiel in Oesterreich nach
1868 die große Gründungsära Hervorrufen
konnten, fehlen in Rußland. Noch ist weit-
aus der größte Teil der Industrie in aus-
ländischem Besitz, und eine weitere Beteili-
gung des fremden Kapitals im großen Stil
ist für die nächsten Jahre umsoweniger zu
erwarten, als der russische Staat für die
nächste Periode kaum in die Lage kommen
wird, der Industrie in dem gleichen Umfang
wie bisher Aufträge zuzuführen; aber ein
allmähliches Ansteigen der Einnahmen und
noch mehr eine Reduktion der übermäßigen
Jnvestitionsausgaben wird langsam in den
Staatshaushalt Ordnung zurückbringen und
damit dem Staat die Möglichkeit zur pünkt-
lichen Erfüllung seiner allzugroßen Verpflich-
tungen gewähren. Für die Gegenwart aber
wird man ohne Moratorium kaum hinweg-
kommen, denn eine weitere Belastung der
Landwirtschaft ist ausgeschlossen, ebenso eine
Erhöhung der indirekten Abgaben, eine
Steuererhöhnng für das heimische Kapital
darf nicht überspannt werden, soll nicht die

29
        <pb n="39" />
        ﻿Zukunftshoffnung des Zarenreichs ernstlich
gefährdet werden, und reicht auch keineswegs
zur Deckung der gegenwärtigen budgetären

Das russische Anforderungen aus; mit neuer Anleihe
Danaidenfaß die Lücke verstopfen, heißt den

Bankerott hinausschieben, nicht
ihn vermeiden; so bleibt der Finanz-
verwaltung als ehrenhaftes und sicheres
Mittel nur die Verständigung mit den Gläu-
bigern, das Arrangement.

Wir haben es für unsere Pflicht gehalten,
die kommenden Möglichkeiten zu überschauen
und uns über die Situation zu orientieren,
um die Mittel anzugeben, mit denen wir uns
schädliche Formen des einseitigen Bankerotts
abwehren, und die Grenzen zu bestimmen, bis
zu denen unsere Einwilligung bei Vergleichs-
verhandlungen gehen darf. Sollte das Zaren-
reich über die Krise ohne Bankerott hinweg-
kommen obwohl das nur einen Aufschub
bedeutet —, so haben wir doch nicht nutz-
lose Arbeit geleistet; wie man während des
Marokko-Konflikts für alle Fälle rüsten mußte,
so müssen wir Rußland gegenübervor-
bereitet sein, um in Ruhe den künftigen
Ereignissen entgegensehen zu können?)

Literatur:')

Allgemeine über Staatsbankerotte im Artikel „Staats-
bankerott im Handwörterbuch der Staatswiffenschaften",
sernerRoscher-Gerlach: „System derFinanzwiffenschaft § 129",
Ad. Wagner: „Finanzwiffenschaft", Korn: „Staatsschulden-
tilgung und Staaisbankerott".

Für die ältere Zeit: Baumstark: „Staatskredit,
Staatsschuld, Staatspapiere", 1833. Hock: „Öffentliche
Abgaben." Nebenius: „Der öffentliche Kredit."

Die einzelnen Bankerotte: Rußland: Bloch,
„Les finances de la Russie“, Paris 1899. Zielinski,
„Der Rubel jetzt und vor hundert Jahren", Jena 1898. —
Oesterreich: Beer, „Der Staatshaushalt Oesterreichs."
Adolf Wagner, „Ordnung des österreichischen Staatshaus-
halts." Springer, „Geschichte Oesterreichs." — Türkei:
Brunswick, „Le banqueroute turque“, Paris 1875. Mora-
witz, „Les finances de la Turquie“, Paris 1902. —
Serbien: Durenberger, „Die Staatskontrolle in Serbien"
(in deutscher Sprache), Paris 1902. — Griechenland:

30
        <pb n="40" />
        ﻿SßoliteS,„Les emprunts d’^tat“,^ariS1894.—Argentinien:
Schmitz, „FinanzenArgentiniens", Leipzig 1894, — Mexiko:
Schmitz, „Finanzen Mexikos", Leipzig 1895.

Ferner reiches Material in den „Ooeuments, memoires
et noies du congres des valeurs mobilieres“, Paris 1902,
sowie in den „Annual Reports of the Council of the
Corporation of foreign bondholders“, London, namentlich
1902 und 1903.

Ueber die rechtliche Seite: Meili, „Staatsbankerott
und moderne Rechtswissenschaft", Berlin 1895. Pflug,
„Staatsbankerott und internationales Recht", München 1893.
Collas, „Staatsbankerott", 68.Heft d. Münchener Studien, 1904.

31
        <pb n="41" />
        ﻿Finanzielle
Unfähigkeit
des Absolutis-
mus

(Russischer (Kudgetschwmdek?)

f4. Februar 1905.)

Die Geschichte aller absolutistischen Staaten
ist zugleich eine lückenlose Chronik von Staats-
bankerotten und wirtschaftlichem Zusammen-
bruch. Die grandiosen Bankerotte in Spanien
während des 16. Jahrhunderts und der völlige
Zusammenbruch des französischen Finanzsystems
am Ende des 18. Jahrhunderts bieten typische
Beispiele dafür. Und wenn die österreichischen
Charten (1860-1867) das Resultat des finan-
ziellen Zusammenbruches sowohl als auch des
unglücklichen Bruderkrieges waren, so ist es
nur eine völlige Bestätigung der allgemeinen
Regel, die wir hier feststellen wollen. Wir
sprechen hier von den kleinen deutschen De-
spotien nicht, die trotz ihrer finanziellen Unver-
schämtheit noch in der ersten Hälfte des 19. Jahr-
hunderts ein trauriges Schauspiel boten. Der
Grund dieser allgemein verbreiteten Erscheinung
liegt für jeden, der ohne vorgefaßte Meinung
an die Sache geht, auf der Hand: der absolu-
tistische Staat ist ganz und'gar unfähig, die
Staatswirtschaft zu leiten. Jedes Land' wird
durch den Absolutismus unbedingt an den
Rand des Bankerottes gebracht. Das gegen-
wärtige Rußland macht in dieser Hinsicht keine
Ausnahme. Trotz seines finanziellen Prestiges,
trotz aller Reichtümer, die sich im Schoße des
ungeheuren Reiches bergen, ist die russische Re-
gierung dennoch nicht in der Lage, den wirt-

&gt;) Dir Verfasser dieses Artikels ist der bekannte em. Professor des
Siaalsrechts an der Universitüt ToinSk Or. Michael b. Reusner.

32
        <pb n="42" />
        ﻿schaftlichen Aufgaben des Landes nachzu-
kommen, und sieht sich gezwungen, den Weg
bedenklicher Operationen und völligen offi-
ziellen Zufammenbruches zu gehen.	,

Wir wollen hier die russischen Finanzen
im einzelnen nicht untersuchen. Wir wollen
nur einige Gründe angeben, die zum völligen
Zusammenbruch des russischen Finanzsystems
unvermeidlich führen müssen. Es gilt, die
Sache hier viel mehr vom juridischen als vom
finanziellen Standpunkt zu betrachten. Wir
wollen die Frage beantworten, ob die Rechts-
ordnung Rußlands genügende Garantien zur
Führung einer geregelten Staatswirtschast
bietet. Oder umgekehrt, ist diese Rechts-
ordnung nicht der wichtigste Grund dafür, daß
Rußland einer finanziellen Zerrüttung und
einem unvermeidlichen Bankerott entgegengeht?

Vor allem müssen wir einen sehr sonder-
baren Irrtum beseitigen. In Westeuropa ist
man geneigt, unserem Budget dieselbe Be-
deutung beizumessen wie dem der kon-
stitutionellen Länder. Man glaubt daher, daß
unser Budget einerseits, seiner materiellen
Grundlage nach, wirklich alle Einnahmen und
Ausgaben des Staates, alle ordentlichen und
außerordentlichen Etatspositionen umfaßt, an-
dererseits, daß es, dem europäischen Budget
gleich, die formelle Gesetzeskraft besitzt. Gegen
diese beiden Irrtümer müssen wir im Namen
der wissenschaftlichen Wahrheit Verwahrung ein-
legen und führen als Beweis dafür die Erlasse
der russischen Regierung an, die, zum Teil in
den offiziellen Sammelwerken enthalten, zum
Teil abgesehen davon, das Eigentum der russi-
schen Wissenschaft geworden sind.

Es ist wahr, nach § 6 des Etatregle-
ments von 1893, wird eine Ausgabe, die im
allgemeinen Etat nicht angegeben ist, nur dann
gestattet, wenn dafür ein „'Kreditzuschuß aller-
höchst gewährt ist; dieser Kredit aber wird auf
dem Wege des Gesetzes" erlangt (§ 49). Es
gibt aber keine Regeln ohne Ausnahme. Die
        <pb n="43" />
        ﻿betreffenden Regeln geben außer dem „ge-
as Geheim- setzmäßigen" Budget noch ein „administratives"
budget an. Dieses letztere Budget, das außerhalb des
Gesetzes bestimmt wird, kommt in drei Fällen
zum Vorschein. Erstens, wenn es notwendig
ist, „infolge plötzlich eingetretener politischer und
militärischer Umstände, die besonders schnell und
geheim erledigt werden müssen", Kredit zu ge-
währen, der den Etat überschreitet. In kon-
stitutionellen Staaten hat die Regierung bekannt-
lich das Parlament um die Indemnität zu er-
suchen, wenn ausnehmenderweise der Etat
überschritten werden muß; dann wird die Größe
des Kredits und die Art der Verausgabung
desselben öffentlich bekannt gegeben. Die
russische Regierung hingegen verzichtet auf diese
langweiligen Formalitäten: sie hat das Recht,
das Geld des Volkes unter dem Vorwand „ge-
heimer und besonders wichtiger Aktion" ohne
jede Kontrolle zu verschwenden. Und man
kann sich vorstellen, wieviel Geld gerade gegen-
wärtig verschwendet wird infolge „plötzlich ein-
getretener politischer und militärischer Um-
stände . . ." Zweitens wird ebenfalls in „ad-
ministrativer Weise" das Budget ergänzt, das
für den Hof bestimmt wird. Und wenn im
Etat des Hos- und Kriegsministeriums die
Summen für den Hof und für das Haupt-
quartier des Kaisers (die Voyage-Summen des
Zaren) unmittelbar festgestellt sind, so läßt sich
der Monarch dennoch aus diesen Etat nicht
beschränken. Diese Summen, die er willkürlich
im allgemeinen Etat für sich feststellt, kann er
immer in „administrativer Weise" nach Belieben
ergänzen. Das ergänzende Budget wird dann
außerhalb des Gesetzes festgesetzt und als „den
Etat überschreitender Kredit für den Allerhöchsten
Hof" bezeichnet. Allein das Reglement von 1893
beschränkt sich auf diese „Ausnahmen" aus dem
allgemeinen Budget nicht. Dem Monarchen
wird noch ein drittes Recht eingeräumt, das
die westeuropäischen Staaten gar nicht kennen.
Er kann das Geld des Volkes ganz einfach

34
        <pb n="44" />
        ﻿und in beliebiger Masse vergeuden oder ver-
schenken ohne jede Rücksicht auf das Staats-
budget. Dieser Teil des administrativen Budgets
wirh in Rußland als „einmalige Substidierung
an verschiedene Personen bezeichnet und un-
mittelbar auf Grund der Anweisungen seiner
Kaiserlichen Majestät festgestellt". Wie man
sieht, begegnen das allgemeine Budget und die
„Etatsüberschreitungen", die „gesetzmäßig" fest-
gestellt werden, einem mächtigen Rivalen in
dem anderen Budget, das gewissermaßen „ge-
heim" gehalten und in einfacherer „administra-
tiver" Weise bestimmt wird. (§ 55.) Das
russische Budget, das in den russischen Blättern
und in der Presse des Auslandes mit so viel
Pomp bekannt gegeben wird, ist nicht das
einzige Budget des Reiches; ja sogar die Etats-
überschreitungen werden auf Ersuchen einzelner
Minister durch neue Überschreitungen „aus-
nahmsweise" ergänzt?) Diese Bestimmungen
gibt der Finanzminister erst am Ende des
Jahres dem Departement der Oekonomie be-
kannt, damit sie, wenn es notwendig ist, im
allgemeinen Etat ausgenommen werden können.
Das Etatreglement läßt freilich die Frage offen,
wie weit hier das „Geheimnis", das zur Be-
ruhigung der Kreditoren im Auslande so not-
wendig ist, gehen muß.

Abgesehen von den erwähnten Formen,
weist das russische Budget noch andere, viel
interessantere auf. Ganze Gebiete der Staats-
wirtschast werden im Dunkel verschiedener
Kanzleien geheim gehalten. Die administrative
Gewalt erhebt nicht nur nach eigenem Er-
messen Steuern, stellt das Budget fest und be-
stimmt die Ausgaben, sondern leitet selbst die
Kontrolle derselben und veröffentlicht Berichte,
die sich jeglicher Kritik entziehen. Besonders
sind hier die ungeheuren Kapitalien und Ein-
künfte der Geistlichkeit und des Kosakenheeres

&gt;&gt; Prof, tkoskunow, Russisches Staatsrccht. Petersburg. 1903.
Bd. II, S. 139-193, Bd. I, 1901, S. 236 ff., Alexejcw, Russisches Staats-
recht, Moskau 1397, S. 210.

Die Willkür
des Zaren

Geistlichkeit
und Kosaken

35
        <pb n="45" />
        ﻿hervorzuheben. „Diese Kapitalien und Ein-
künfte — sagt Pros. Sebeben1) — stehen der
Regierung zur Verfügung, und da sie dem ein-
heitlichen System der Staatskasse und Staats-
kontrolle nicht obliegen und im Etat der spezi-
ellen Mittel nicht aufgenommen werden, so
lassen sie dem willkürlichen unkontrollierten
Wirtschaften der Verwaltungsbehörden großen
Spielraum."

Auf diesem Wege sichert sich die Regierung
völlige Freiheit in der Förderung und Auf-
rechterhaltung der zwei größten Mächte der
modernen Reaktion. Den Kosaken und Geist-
lichen werden grandiose Mittel zur Verfügung
gestellt. Diese Mittel können immer durch das
obenerwähnte administrative Budget ohne ge-
naue Angabe der Posten ergänzt werden; da-
durch aber reißt in der Staatswirtschast des
Landes eine kolossale Kluft ein, die, dem Fasse
der Danaiden gleich, unter den herrschenden
politischen Verhältnissen einen immer größeren

Zufluß von materiellen Mitteln fordert..........

Durch den tatsächlichen Mißbrauch, der mit den
Versteckte speziellen Kapitalien getrieben wird, entstand
Fonds noch e^e andere Verletzung des Reichsbudgets.
Da die einzelnen Verwaltungsbehörden einer
öffentlichen Kontrolle nicht im geringsten ob-
liegen, so benutzen sie ihren eigenen Einfluß
und den Einfluß ihrer Chefs, um sich die
völlige Unabhängigkeit vom allgemeinen Etat
zu sichern und die Summen der Staatskasse,
soweit es geht, für sich allein als „spezielle
Kapitalien" in Anspruch zu nehmen. Und wenn
die Verwaltungsbehörden der Kosaken und der
orthodoxen Kirche als ungeheure Parasiten auf
dem Staatsorganismus erscheinen, die dem all-
gemeinen Fonds der Staatsmittel kolossale
Summen rauben und ohne Kontrolle darüber
verfügen, so bemüht sich auch jede Ver-
waltungsbehörde nicht minder, sich völlige
Unabhängigkeit in der Verausgabung des
Volksgeldes zu sichern, indem sie ihrerseits

i) Prof. Lebeden, Finanzrecht. Petersburg 1893 Bd. I S. 769 «. f.

36
        <pb n="46" />
        ﻿einen Fonds für „spezielle Mittel" bildet. Prof.
Lebeden') führt Fälle an, wo einzelne Ministerien
„einen Teil ihrer Einkünfte" zum „Fonds
spezieller Mittel" machen und dieselben der
Staatskasse trotz aller Forderungen der Staats-
kontrolle entziehen. Selbst der Anspruch der
Staatskasse aus diese Summen gilt den Ver-
waltungsbehörden schon „als Verletzung ihrer
eigenen Interessen". Die Verzeichnung der
„speziellen Mittel", die den Berichten der
Staatskontrolle beigelegt wird, läßt keinen Begriff
von ihrer Entstehung und Bestimmung machen.

Das sind die ' materiellen Grenzen des
russischen Budgets. Sie verschwinden ganz in
der kontrollfreien Wirtschaft des Hofes und der
Ministerien, des Kosakenheeres und der ortho-
doxen Geistlichkeit, sie verschwinden in der
Anarchie der einzelnen Verwaltungsbehörden
und nehmen der russischen Staatswirtschaft jeden
Halt. Hier handelt es sich nur um eine Frage.
Geld für die Geistlichkeit und die Beamten so
viel als möglich: soweit es geht, sie von jeder
Kontrolle frei zu halten und von der nationalen
Wirtschaft unabhängig zu machen.

In formaler Einsicht kann das russische
Budget nichts weniger als ein Gesetz gelten.
Weder in der Feststellung der Posten, noch in
der Bestätigung des Budgets seitens des
Monarchen, noch in der Art der Bekanntgebung
finden wir Merkmale, die es von jedem anderen
administrativen Akt des Zaren unterscheiden
lassen. Der Staatsrat, der aus den höchsten
Beamten besteht, entwickelt gegen Ende des
Jahres nun eine fieberhafte Tätigkeit: er beeilt
sich, aus den Etatposten der einzelnen Ministerien
einen allgemeinen Etat zusammenzustellen und
füllt mit dieser „diplomatischen Leistung" 12 bis
15 Sitzungen aus. Von einer Kritik und Be-
ratung des Budgets kann hier keine Rede sein.
Alles geht darauf hinaus, die Staatskasse ent-
sprechend der Macht und Bedeutung der ein-
zelnen Ministerien zu verteilen.

i) Prof. Lcirden, Finanzrecht, Bd. I, 770 ff.

Der Etat kein
Gesetz

Der unkritische
Rcichsrat

37
        <pb n="47" />
        ﻿Die Jagd nach Jeder Minister, jede Verwaltungsbehörde
fetten verlangt so viel als möglich. Die Beamten
' setzen ihrem entfachten Appetit keine Schranken.
Sie fordern große Summen zur Verfügung und
Kredit. Im Staatsrate beginnt der Handel.
Das Finanzministerium nimmt den Löwen-
anteil in Anspruch. Es muß ihn jedoch mit
dem Hofe, mit dem Kriegs- und Marine-
ministerium und dem Ministerium des Innern
teilen. Die anderen kommen nur dann in Be-
tracht, wenn an ihrer Spitze ein Günstling des
Zaren oder eine durch Konzessionen ganz be-
sonders einflußreiche Persönlichkeit steht. Und
der Staatsrat beschränkt sich aus die Rolle des
Zwischenhändlers derart, daß es darin „nie
verschiedene Meinungen" gibt; die „Mitglieder
desselben machen einander Konzessionen und
sind zu jedem Kompromiß bereit". Aus diese
Weise wird dem Monarchen „ein einheitliches
Budget vorgelegt, das in Praxis um den teueren
Preis der ungeheueren Etatüberschreitungen
verwirklicht wird"?)

Es ist selbstverständlich, daß der Staatsrat
unter diesen Umständen den Willen des Mon-
archen nicht einschränkt; um so mehr, als eine
ganze Reihe anderer Einrichtungen bezüglich
der Ausstellung des Budgets in Etatsüber-
schreitungen mit dem Staatsrat konkurrieren.
Und zwar geht diese Art Konkurrenz nur teil-
weise öffentlich vor sich, das meiste aber spielt
sich hinter den Kulissen geheim ab. Als öffent-
liche Organe erscheinen hier die Minister, die
ohne Rücksicht auf den Staatsrat persönlich den
Kaiser um Kreditzuschüsse ersuchen; andere
Kreditzuschüsse werden in besonderer Beratung
mitdemVorsitzendendesOekonomiedepartements,
dem Staatskontrolleur, dem Kriegsminister und
den Ministern der Finanzen und der Marine
erlangt. Im dritten Falle endlich, wo es sich
um die Staatsschulden handelt, hat das Wort
noch eine geheime Einrichtung, die als „das
Komitee der Finanzen" bezeichnet wird. Selbst-

Prof. Koskunow. Rufs. StaatSr. Bd. II, S. 33 ff.

38
        <pb n="48" />
        ﻿verständlich liegt das Budget des Hofes keiner
Beratung ob und wird von dem Zaren selbst
bestimmt?)

Der ganze Prozeß der Etatsaufstellung
trägt offenbar einen ausgesprochenen Familien-
charakter. Der Wille des Zaren, beeinflußt
durch die Intriguen des Hofes und der höchsten
Beamten, erscheint hier als das einzige ent-
scheidende Prinzip. Bei uns — sagt Koskunow
— hat der Zar allein über die Geldmittel des
Staates zu verfügen — er allein „verfügt über
die Staatskasse, bestimmt, erhebt und verwendet
die Steuern". Das russische Budget beruht
auf der Willkür des Zaren; wenn der Zar will,
befiehlt er?) Als ein einfacher administrativer
Akt besitzt das russische Budget keineswegs die
fornmle Kraft des Gesetzes. Der Wille des
Monarchen genügt, um es abzuschaffen, zu ver-
ändern oder zu ergänzen. Neben dem bekannt
gegebenen Budget existiert also noch ein ge-
heimes, das entweder gar nicht oder nur zum
Teil der Oeffentlichkeit zugänglich ist. Die
einzelnen Minister suchen Etatsposten so viel
als möglich für sich in Anspruch zu nehmen
und in ihren Händen die meisten Geldmittel zu
konzentrieren. Unter dem Einflüsse der Minister-
intriguen werden neue Steuern geplant, spezielle
Geldquellen ausfindig gemacht, die Kreditzu-
schüsse geändert und neue Etatsüberschreitungen
gewährt.

Das Budget erhält nur dann plötzlich
Kraft und Bedeutung, wenn ein Minister dem
anderen Unannehmlichkeiten machen will. Dann
wird dem unglücklichen Kollegen die Möglichkeit
genommen, sich an dem üppigen Feste der
finanziellen Plünderung zu beteiligen. Diesem
gegenüber erhält dann das Budget die formale
Kraft des Gesetzes. Die russische Wissenschaft
und die gebildeten russischen Kreise wissen schon
längst, daß das Budget nur ein Zierstück für
das Ausland ist, ein Zierstück, das nur eine

DasFainilien

budget

Ein Zierstück
fürs Ausland

') Prof. Koskunow. Rufs. StaatSr. Bd. 71, S. 33 ff.
2) Kosknnow, ebenda.
        <pb n="49" />
        ﻿Privatrecht-
üche Normen
gelten nicht

Bedeutung haben kaun: es ist im besten Falle
ein Musterplan dafür, wie jahraus, jahrein
„unter dem Namen finanzieller Maßregeln" die
russische Staatskasse ausgeplündert wird.

Unter diesen Wirtschastsverhältnissen ist es
natürlich, daß fortwährend Anleihen geplant
werden, um aus diesem Weg bares Geld zu
haben und von einem Reservefonds für „Etats-
überschreitungen" sprechen zu können. Die
russische Staatskasse lebt auch von den Anleihen
bei fremden Staaten, denen sie mit aller Zier-
lichkeit des juridischen Stils Tilgung der Schuld
und Auszahlung der hohen Zinsen verspricht.
Das Prestige der russischen Regierung ist sehr
groß. Sie hat hinter ihrem Rücken den ge-
samten Besitz des Landes und die gesamte
russische Volkswirtschaft und verfügt nach eigenem
Ermessen nicht nur über das Staatseigentum,
sondern auch über das privater Leute. Und
wieder einmal sucht die Regierung durch Be-
kanntgebung neuer Gesetze den Ausländern das
ihr anvertraute Eigentum zu sichern. Sonder-
barerweise glauben auch die ausländischen
Kreditoren an die Kraft „dieser Gesetze". Sie
schenken dem russischen Budget Vertrauen und
hegen die Ansicht, daß das russische Volk derart
fest gefesselt ist, daß es nie imstande sein wird,
sich von der hos-bureaukratischen Willkür zu
befreien. Wir heben nur eiuen Punkt dieses
dreifachen Glaubens hervor und fragen, wird
die russische Regierung das Recht haben, eines
schönen Tages alle „Finanzgesetze" abzuschaffen,
die gegenwärtig den Ausländern Garantie für
ihr Geld bieten? Wir müssen diese Frage ohne
weiteres mit Ja beantworten.

Die russische Regierung huldigt der Ansicht,
daß das Gebiet der Staatsfinanzen in demselben
Maße als jedes andere Gebiet der öffentlichen
Tätigkeit einer öffentlich-rechtlichen Reglemen-
tierung obliegt, und daß darauf zugleich sich die
unbeschränkte Staatssouveränität ausdehnt.
Privatrechtliche Normen gelten für die Staats-
schulden nicht. Die Staatskasse ist keine Privat-

40
        <pb n="50" />
        ﻿Person nach dem Typus des alten Fiskus aus
dem Polizeistaate. Die Finanzverwaltung ist
der Staat selbst im Vollbesitze seiner höheren
Rechte. Indem sie sich verpflichtet, die Schulden
zu zahlen, macht sie sür sich folgenden Vor-
behalt: solange es im Interesse des Staates
erforderlich ist! Es kann aber mitunter im
Interesse des absolutistischen Staates liegen,
die Tilgung der Schuld einzustellen, zu ver-
ändern oder aufzuschieben. Ein Staatsbankerott
ist oft das einzige Mittel, um die Kauf- und
produktiven Kräfte der absoluten Monarchie
retten zu können.

Und wenn eine solche finanzielle „Charla-
tanerie" in den konstitutionellen Staaten dank
der Kontrolle des Parlaments und dank der
öffentlichen Meinung undurchführbar ist, so hat
es damit in Rußland eine ganz andere Be-
wandtnis. Die absolutistische Bureaukratie kann
in ihrem eigenen Interesse sich sehr leicht sür
diesen schrecklichen Schritt entschließen. Ja, sie
hat tausenderlei Mittel, um nach und nach den
Staatsbankerott zu bereiten, während nach
außen hin alles in vorzüglicher Weise geordnet
scheint, während offizielle Berichte alle möglichen
Fortschritte, Reservefonds re. verkünden.

Der Weg der Geheimschreiben und der
geheimen Verfügungen des Finanzministeriums
— das ist die mächtige juridische Waffe, die
die russische Regierung' besitzt. Durch geheime
Erlasse ist es immer möglich, das Gold „leih-
weise" aus einer Kaffe in die andere hinüber-
fließen zu lassen. Die unmerkliche allmähliche
Einschränkung des freien Tausches; die fort-
währende Begleichung der Defizite durch immer
im Wachsen begriffene Anleihen; die Herstellung
von falschen Finanzberichten und Bilanzen; die
Veröffentlichung von falschen Budgets, mit
einem Wort ein grandioses, an Verbrechen
grenzendes Spiel ist es, dem die Bureaukratie
die voll Schulden ist, unvermeidlich anheimfallen
muß. Durch die eiserne Disziplin kann die
Finanzverwaltung sür lange Zeit alles verhüllen.

Der Status-
bankerott aus
heitrem
Himmel

41
        <pb n="51" />
        ﻿was sich in ihrem Schoße birgt. Unter dem
schonungslosen Drucke der Zensur kann sie jede
Stimme der Kritik und des Protestes unter-
drücken, jeden Versuch, die verbrecherischen
Machinationen zu enthüllen, beseitigen. Bei
dem absolnten Ausbleiben einer öffentlichen
Kontrolle, unbeengt durch eine Volksvertretung,
verfügt die russische Regierung über ein unge-
heures Arsenal von Mitteln, um ihre Geld-
agonie solange als nröglich zu verzögern und
dadurch nicht nur das russische Volk,' sondern
auch die ausländischen Kreditoren einer schweren
Krise preiszugeben.

^	_	Wir wiederholen, es gibt keine juridischen

Das russische Garantien, die den normalen Zustand der

'n'lnrccmc russischen Finanzen sichern. Das russische
Budget zeigt die wirkliche Lage der Dinge nicht,
seine Posten umfassen nicht die gesamte Staats-
wirtschaft Rußlands, sondern sie verhüllen nur
die grandiosen Geheimfonds, die ohne jede
Kontrolle und ohne jede Einschränkung von der
regierenden Clique verschwendet werden. Aus
den Budgets sind ferner die unzähligen „spe-
ziellen Mittel" und die Posten des oben er-
wähnten „Ausnahmebudgets" nicht zu ersehen.
Infolgedessen gibt es für den Staatsrat und
die Staatskontrolle keine Möglichkeit, irgendwie
die Bestimmung und Verwendung der kolossalen
Summen nachzuprüfen, die auf dem Wege der
Etatsüberschreitungen aus der Staatskasse in
verschiedene spezielle Fonds hinüberfließen.
Andererseits aber verliert das Budget jede Be-
deutung als formales Gesetz, als eine juridische
Norm, die geeignet wäre, der Ausbeutung des
Volkes und dem finanziellen Schwindel vor-
zubeugen. Das russische Budget ist eine
Summenverteiluug für einen patriarchalischen
Haushalt, in dem es keine anderen Ausgaben
gibt als die, welche die Interessen der Bureau-
kratie erfordern. Die Interessen der fremden
Kreditoren können sich daher am wenigsten aus
die rechtliche Grundlage des russischen Staats-
budgets stützen. Das Budget ist, juridisch be-

42
        <pb n="52" />
        ﻿trachtet, eine administrative Verordnung und
kein Gesetz. Es kann durch einen Federstrich
verändert oder abgeschafft werden. Und wenn
es der russischen Bureaukratie einfällt, durch
einen Bankerott die Steuerlast des Landes zu
vermindern, so kann sie nichts daran hindern.

Wir haben die Frage der juridischen Mög-
lichkeit erwogen. Wir überlassen es den Finanz-
leuten, die Frage zu lösen, in welchem Maße
die russische Regierung ihre günstige Situation
bereits ausgenützt hat, in welchem Maße es für
die regierende Clique vom Vorteil ist, das Land
an den Rand des Staatsbankerottes zu bringen.

43
        <pb n="53" />
        ﻿II.	kKeikräge HurMigeseßießte.
        <pb n="54" />
        ﻿Der russische Mese.

sw. Februar 1904.)

„Wo die russische Fahne aufgepflanzt ist,
soll sie nicht wieder sinken." Des Tages, an
dem Nikolaus, des Russenreiches mächtiger
Herrscher, diesen Satz allerhöchsteigenhändig an
den Rand eines ihm unterbreiteten Jmmediat-
berichtes schrieb, sollte man sich heute erinnern.
Denn zu jener Stunde ward der Konflikt ge-
schaffen, dessen Austrag jetzt unter atem-
loser Spannung der gesamten Kulturwelt be-
gonnen hat: Newelski, ein junger Leutnant,
aber des mächtigen Murawiews Schützling,
hatte gegen alle Instruktion an der Amur-
mündung im östlichsten Asien die heimatliche
Flagge gehißt. Sämtliche Perücken in Peters-
burg und Moskau wackelten. Ein hochnot-
peinliches Gericht untersuchte den Frevel, und
Nikolaus bangte vor dem Zorn des mächtigen
Nachbarn in Peking. Aber Murawiew siegte.
Und am 24. Februar 1851 befahl der Zar, der
chinesischen Regierung davon Mitteilung zu
machen, daß Rußland die „Aussicht" über die
Amurmündung übernommen habe.

Was der Feuerkopf Newelski getan, war
nichts weiter als die Wiederholung eines Vor-
ganges, der sich nahezu drei Jahrhunderte vor-
her abgespielt hatte: Von dem schrecklichen Iwan
geächtet, war der kosakische Räuberhauptmann
Jermak über den Ural gezogen und hatte sich
die Gunst seines Herrn durch die Ueberbringung
des sibirischen Geschenkes zurückgekauft. Wie
Jermak, so handelte sicher auch Newelski aus

Vorgeschichte
des russisch-
japanischen
Krieges'

47
        <pb n="55" />
        ﻿Das Testa-
ment Peters
des Großen

planloser Abenteurerlust. Aber der seine
schützende Hand über ihm hielt, der schlaue
Murawiew/ wußte ganz genau, was er tat,
als er den Jüngling anstachelte, die teuren
Lorbeeren des Entdeckers und Eroberers zu
pflücken.

Es ist Torheit, das planmäßige Vordringen
der Russen nach Asien als Ausfluß eines kin-
dischen Gelüstes nach politischer Machtentfaltung
anzusehen. Wer so denkt, sieht nur die Hast,
mit der das Russische Reich am Stillen Ozean
einen Stützpunkt nach dem anderen für seinen
Entscheidungskampf mit dem englischen Rivalen
zu ergattern sucht. Aber er hält etwas für die
Grundursache, was lediglich Symptom ist.
Auch über der russischen Politik schwingt die
wirtschaftliche Notwendigkeit ihre antreibende
Geißel, und lediglich, weil er diese Notwendig-
keit durchschaute, betrieb Murawiew den Kamps
um die Amurmündung mit so rastloser Energie.
Der Zar geruhte, seine Handlungsweise zu ge-
nehmigen, er geruhte, später seinem Reiche
Sachalin anzugliedern, von der Mandschurei
Besitz zu ergreifen und allerhöchst sein Auge auf
die Halbinsel Korea zu werfen. Und seine
Lakaien mögen ihm einreden, daß all diese
Schritte seiner Initiative entspringen, von
seinem Wunsch und Willen abhängen. Und
doch vollstreckt er nur den letzten Willen eines
Größeren: das Testament des großen Peter.

Als die Abberufung des japanischen Ge-
sandten aus Petersburg erfolgte, las man in
der russischen Presse das Wort von der „asia-
tischen Tücke". Unwillkürlich faßte man sich
an den Kops: War es ein russisches Blatt, das
so schrieb, das so schreiben durfte unter der
Aufsicht einer Regierung, deren hauptsächlichste
Ländermacht von jeher auf dem asiatischen
Kontinent gelegen hatte? Aber das anscheinend
so Wunderbare verliert sofort diesen Charakter,
wenn man an das Vermächtnis Peters denkt.
Er hatte seinem Volk das Tor nach Westen ge-
öffnet, und sein sehnlichster Wunsch war, sich

48
        <pb n="56" />
        ﻿in die Reihe der europäischen Fürsten zählen
zu dürfen. Sein Wirken war von Erfolg ge-
krönt. Seine Nachfolger haben in Europens
Geschicke eingegriffen, und zwar — asiatisch.
Und heute sieht man in seinem Reiche bereits
mit Verachtung auf die Asiaten herab.

Rußlands Europamanie aber gerade war
es, die es zwang, sich die Vorherrschaft in Asien
zu sichern. Die Waren, welche der künstlich
gezüchtete Industriestaat Rußland aus eigener
Kraft produziert, sind für den westlich verfeinerten
Geschmack wenig ansprechend. Der „Asiate"
muß sie kaufen. Andererseits braucht Rußland
neben dem Getreide Exportwaren, um seine
Zahlungsbilanz den Westländern gegenüber aus-
zuputzen. Das allein ist der wirtschaftliche
Grund für Rußlands politische Handlungsweise.
Denn sobald eine Macht der Welt ihm diese
Möglichkeiten beschneidet, ist es nichts weiter
mehr als ein ostländischer Ackerbaustaat.

Schon bei der Angliederung Sachalins war
das semieuropäische Reich auf Japans Rivalität
gestoßen. Aber damals gab sich der Mikado
mit der Ueberlassung der Kurilengruppe zu-
frieden. Seitdem ist ein Menschenalter ver-
strichen, und gewaltige Veränderungen haben
sich in dem kleinen Inselstaats vollzogen. Eine
Industrie ist herangereift, die nach Absatz ver-
langt. Der asiatische Kontinent ist natürlich
sein geborener Abnehmer. Und da sollte es
russischen Einfluß gerade in Korea sich einnisten
lassen, das gewissermaßen vor seiner Schwelle
liegt, seiner Industrie Absatz, seinem Kapital
reiche Betätigung verspricht. Wohl mag auch
so eine Art asiatischer Monroedoktrin die Ge-
müter in Japan beherrschen. Aber selbst die
allernüchternste Ueberlegung, die sich von jedem
Chauvinismus fernhält, muß die Japaner ein-
sehen lehren, daß sie sich geradezu jede wirt-
schaftliche Zukunft verbauen, wenn sie dem russi-
schen Vordringen jetzt keineSchranken setzen. Seit-
dem der russische Koloß sich in die Mandschurei
vorschob, war die Tatsache der blutigen Aus-

Rußland und
Japan

49
        <pb n="57" />
        ﻿

Die Achilles-
ferse des rus-
sischen Riesen

Wittes

Finanzpolitik

einandersetzung gegeben und lediglich noch eine
Frage der Zeit. Denn zwei Staaten hatten
hier Lebensinteressen zu vertreten.

Aber, so fragt man, kann es denn zweifel-
haft sein, daß der russische Riese den Zwerg
Japan zu Boden wirft? Man hat die Frage
in den letzten Tagen so oft gehört, daß man
annehmen muß, es sei die landesübliche
Meinung, politische Erfolge lassen sich mit dem
Zollstock vorher abmessen. Aus der preußischen
Geschichte sollte man doch wahrhaftig gelernt
haben, daß der Flächeninhalt, den die Landes-
grenzen umspannen, nicht ins Gewicht fällt.
Und doch erscheint Japans Beginnen tollkühn:
Das kleine Volk steht auf gegen das große, in
demselben Moment, wo die Nachbarn' von Ost
und von West ein förmliches Wettkriechen vor
dessen Macht veranstalten.

Die russische Macht ist in der Tat zur all-
gemein geglaubten Legende geworden. Und
doch hat auch der russische Riese seine Achilles-
ferse. Für den Eingeweihten sichtbar, steht hinter
ihm das Testament Peters des Großen.

Europäer sein ist ein teures Vergnügen.
Wyschnegradski merkte es, der berufen wurde,
die russischen Finanzen in Ordnung zu bringen.
Er benahm sich wie ein sorgsamer Hausvater,
sammelte einen großen Staatsschatz an und ver-
mehrte ihn in glücklichen Spekulationen bei seinen
Bankiers im Auslande. Er erfand mit genialem
Blick neue Steuern, und was aus dem Volk
herausgepreßt wurde, diente dazu, den Schmuck
des Goldvorrates immer glänzender zu gestalten.
Mit einem Schlage war Rußland europäisch:
Es bekam Geld zu billigen Zinsen geliehen,
baute Bahnen und benahm sich auch sonst so
wie eine europäische Großmacht.

Aber auf den Gipfelpunkt des Europäer-
tums führte das Reich doch Sergej Juljewitsch
Witte. Er regulierte die Währung und be-
glückte Rußland mit dem größten Goldvorrat,
den es jemals gehabt hat. Der war nötig. Denn,
wie wollte man sonst die Goldwährung in einem

50
        <pb n="58" />
        ﻿Lande aufrecht erhalten, das aus eigener Kraft
mobile Kapitalien nur erst in ganz winzigen
Mengen hervorbringen kann. Sergej Julje-
witsch wußte Rat. Mußte man denn dem
Schneckengang der Entwickelung seinen Laus
lassen? Konnte man sie nicht zwingen, ein
etwas schnelleres Tempo einzuschlagen? Man
schelte den Mann nicht, der so dachte. Er be-
herrschte wie ein Virtuos alle Künste der Finanz-
technik. Kühn und klug hatte er den Rubel in
Gold verwandelt. Er pfropfte nach und nach
die ganzen dem Westen abgeguckten Finanz-Ein-
richtungen einem Wirtschaflskörper auf, der
völlig unempfindlich dagegen blieb. Mit Zoll-
mauern umgürtete er sein Land, um eine
russische Industrie zu schaffen. Der-Erfolg: In
Massen strömte das Kapital aus Holland, Belgien,
Frankreich und Deutschland herein, brachte zum
Teil die eigenen Arbeiter mit- und zog jahraus,
jahrein fette Dividenden aus dem Land. Die
eigene national-russische Industrie aber ent-
wickelte sich in dem schwerfälligen Tempo, wie
die Natur nun einmal ihre Früchte zur Reife
zu bringen pflegt. Dafür aber machte sich an den
Börsen die Spekulation breit, trieb die Aktien
unter Patronage der Regierung in die Höhe.
Aus der Ferne besehen, blühte und sproßte
alles in Rußland. Aber in Wirklichkeit war
das alles Firnisglanz. Gegen die Lebhaftigkeit
in den oberen Regionen stach die Lethargie
der breiten Schichten erschreckend ab. Diese
ganze falsche Glückseligkeit wurde nicht nur
unter totaler Verständnislosigkeit der breiten
Volksmassen geschaffen, sondern vor alleifi aus
ihre Kosten. Die Geldverpflichtung an das
Ausland stieg beständig. Aber der industrielle
Export, aus den Witte gehofft hatte, blieb aus.
Alles, was exportfähig war, mußte daher ins
Ausland geschafft werden. Vor allem natürlich
Getreide. In den einzelnen Distrikten ver-
hungerte der Bauer auf seiner abgewirt-
schafteten Scholle. Aber durch Differentialtarife
ward von Staats wegen aus den Eisenbahnen

51
        <pb n="59" />
        ﻿die Getreideausfuhr künstlich gefördert. Allein
auch diese Maßnahmen reichten nicht aus. Seit
langem schon schaffte man das notwendige Gold
nur dadurch ins Land, daß man immer aufs
neue bei den Nachbarn borgte. Und zu alle-
dem kam noch, daß man riesige Bahnbauten
aufführen mußte. Nicht etwa, um Provinz mit
Provinz rationell zu verbinden, damit in Zu-
kunft nicht mehr an einer Stelle Mangel und
in der Nachbarschaft Ueberfluß an Korn herrsche.
Nein, man baute nach strategischen Gesichts-
punkten. Diese Militärlinien sollten dem
Kamps um die wirtschaftliche Vorherrschaft
Rußlands in Asien dienen. Diese Bahnen ver-
schlangen ein enormes Geld zum Bau, und sie
waren kaum in Betrieb gesetzt, da sank der
bisher recht ansehnliche Ertrag, den Rußland
aus den Bahnen zog.

Seit Peter v. Struve, der russische Patriot,
jenes denkwürdige geheime Aktenstück veröffent-
lichte, das das Protokoll der Plenarsitzung des
russischen Reichsrats vom 12. Januar 1903
enthält, weiß man, daß auch Witte selbst vor
seinem Sturz bereits sich vollkommen über den
Mißerfolg seiner Bestrebungen klar war. Das
hielt ihn aber nicht ab, die offiziellen Berichte
anzuschminken. Denn was half seine Einsicht.
Davon, daß die ausländischen Banken weiter
borgten, hing alles ab. Aber sie konnten nur
neues Geld geben, wenn ihre heimatlichen
Kapitalisten auch fernerhin in dem Wahn er-
halten wurden, daß russische Papiere erstklassige
Anlagewerte sind.

Und Herr Witte hatte Glück. Frankreich
borgte und Deutschland auch. Er durfte viel-
leicht hoffen, daß mit der Zeit die Entwickelung
das einholen würde, was er ihr vorausgeeilt
war. Aber die erste Voraussetzung dazu waren
Friedenszeiten. Die Ruhe durfte nicht durch
einen Windhauch, geschweige denn durch einen
Kanonenschuß gestört werden. Deshalb ward
der Zar zum Friedensapostel. Man darf wohl
heute als sicher annehmen, daß Herr Witte der

52
        <pb n="60" />
        ﻿eigentliche Regisseur der Haager Friedens-
komödie war.

Die russische Politik des ganzen letzten Der große
Jahrzehnts war ein einziger großer Bluff. Die dluff
herausfordernde Sprache, die das Zarenreich
bei jeder Gelegenheit führte, diente dazu, die
wachsende Angst zu verbergen. Mit richtigem
Blick hatte Japan diese Situation durchschaut
und seinerseits losgeschlagen.

53
        <pb n="61" />
        ﻿Der Handels-
vertrag als
Geldquelle

(Nordernex und AömgsKerg.

(23. Juli &gt;904.)

In Norderney hat sich eine wichtige Staats-
aktion abgespielt: Die Grafen Bülow und
Posadowsky haben mit Herrn Witte über den
deutsch-russischen Handelsvertrag beraten. Was
dabei herausgekommen ist, erfährt man natür-
lich nicht. Die Reporter, die den Spuren der
hohen Herren an den Nordseestrand gefolgt
waren, haben sich damit begnügen müssen, über
Mohrchens Gesundheit und die niedrige Strand-
mütze des Grafen Posa zu berichten. Allenfalls
hat man noch das Genie gelobt, mit dem unser
Kanzler aus den: einfachen Norderney ohne alle
Apparate ein politisches Weltbad machte. Aber
trotzdem weiß man genug! Daß gerade Herr
Witte, der vor kurzem erst als Präsident des
russischen Ministerkomitees kalt gestellte ehe-
malige Finanzmeister des Zarenreiches, jetzt
wieder ins Treffen geschickt lvird, hat in Finanz-
kreisen verständnisinniges Schmunzeln hervor-
gerufen. Konnte wirklich kein anderer, kein
geringerer uin den Fünfmarkzoll auf Getreide
mit deutschen Exzellenzen und Geheimräten
feilschen? Das zu glauben, überlassen die Klugen
den Lesern jener Zeitungen, die mit feierlicher
Wichtigkeit Herrn Witte als den Vater des
deutsch-russischen Handelsvertrages im Jahre
1893 preisen. Den Finanzherren bedeutet Sergej
Juljewitsch Witte viel, viel mehr. Sie wittern,
wo sie ihn sehen, Verdienste. Bisher hat diese
Witterung nie getäuscht. Sollte sie es diesmal?

Ich glaube es nicht. Mir war's vom ersten
Augenblick, wo Wittes Name als Unterhändler

54
        <pb n="62" />
        ﻿auftauchte, sicherste Gewißheit, daß Rußland
bereit ist, den Minimaltarif zu schlucken, wenn
die deutsche Finanzwelt dagegen die Pille einer-
neuen russischen Anleihe einnimmt. Und sollte
es Dementis hageln, es bleibt doch wahr: Das
deutsche Publikum soll mit neuen russischen
Renten gesegnet werden.

Daß Rußland spätestens zum nächsten
Coupontermin neues Geld braucht, wird nie-
mand bestreiten können. Daß es nur in Deutsch-
land damit allenfalls auf Gegenliebe rechnen
kann, lehrt die Geschichte der letzten russischen
Schatzscheinemission. Ihr glänzender Mißerfolg
hat bewiesen, daß der französische Markt ein
treuer Freund nur dem Mächtigen ist. Nicht
umsonst tauchte schon wenige Wochen, nachdem
die Herren Direktoren der Banque Russo-Chine
und der Banque de Paris et des Pays-Bas ihren
Anleihevertrag geschlossen hatten, das Gerücht
aus, nun solle Deutschland beglückt werden. Es
wurde sofort dementiert, war damals auch viel-
leicht wirklich noch rächt aktuell. Nun aber ist
es an der Zeit, zu — warnen.

Um es rund herauszusagen: Eine neue
russische Anleihe, womöglich gar unter Patronanz
des Reiches, wäre im Augenblick eine öffentliche
Gefahr. Ein Handelsvertrag, der nur durch
die Heraufbeschwörung dieser Gefahr erkauft
werden könnte, sollte besser ungeschlossen bleiben.
Ich will hier ganz von dem Gesichtspunkte ab-
sehen, der in der Presse bereits berührt worden
ist, daß es nämlich eine Torheit wäre, jetzt, wo
der Kurs unserer heimischen Anleihen ständig
sinkt, eine hochverzinsliche ausländischeKonkurrenz
zu begünstigen. Es steht Größeres auf dem
Spiel. Die Sache nimmt sich zwar sehr harm-
los aus: Wir bekommen einen guten Handels-
vertrag, und die großen Bankhäuser übernehmen
die Anleihe. Aber man sollte nicht vergessen,
daß sie nur das Geld auslegen, daß in ihrer
Hand schließlich nur der Zwischengewinn bleibt.
Die Zeche zahlt der deutsche Sparer, dem seit
Jahrzehnten schon durch die Börsenpresse Herr

55

Warnung vor
neuen rus-
sischen An-
leihen
        <pb n="63" />
        ﻿Rußland lebt
vom Pump

Industrie-
züchtung und
Goldwährung

Witte und seine Finanzwirtschaft in bengalischer
Beleuchtung produziert wurden. Am 17.März 1902
begrüßte ein hiesiges Börsenblatt die Emission
von 393 Millionen Mark russischer Staatsrente
mit folgendem Lobgesang: „Wenn man sich er-
innert, welch große Rolle die russischen Anleihen
früher an der Berliner Börse gespielt haben,
und welch bedeutende Gewinne das deutsche
Kapitalistenpublikum daran erzielt hat, so wird
man die Wiedereröffnung des deutschen Marktes
für direkte russische Staatsanleihen mit lebhafter
Befriedigung begrüßen können." So sang man,
nur schwieg der Sänger Höflichkeit davon, daß
bereits seit einem Dezennium Jahr für Jahr
die deutschen Sparer Millionen von russischen
Eisenbahnobligationen gekauft hatten. Und man
wird im Herbst 1904 wieder so singen.

Ich habe wiederholt darauf hingewiesen,
daß die finanzielle Situation Rußlands eine
unheimliche ist. Der viel gepriesene russische
Reichtum gleicht den Schätzen des Spekulanten,
der sein gesamtes disponibles Vermögen in
Terrains festgelegt hat und wegen eines fälligen
Wechsels von tausend Mark den Konkurs an-
melden muß. Rußland hat sich nur deshalb
noch nicht bankerott erklären brauchen, weilseine
Gläubiger ihm nicht nur ständig das Geld zur
Einlösung von neuem wieder borgen, sondern
ihm sogar immer noch etwas dazu zu schenken
pflegen. Rußland lebt vom Pump.

Und Sergej Juljewitsch Witte ist es, der
das Reich aus diese Bahn gedrängt hat. Aus
zwei Quellen, die beide Wittes Namen tragen,
kommt Rußlands Not! Millionen und Milliarden
haben die kostspieligen Bahnbauten verschlungen.
Bei ihnen allen aber war nicht die Schaffung
einer besseren Kommunikation zwischen den
Ackerdistrikten und den Landesgrenzen, zwischen
den metallischen Schatzkammern des Bodens
und den der Verarbeitung harrenden Industrie-
stätten der leitende Gedanke. Suprema lex war
die strategische Wertschätzung. Die zweite Quelle
war der Wittesche Irrglaube, durch hohe Zölle

56
        <pb n="64" />
        ﻿eine heimische Industrie aus dem Boden zaubern
zu können. Hinter den Zollmauern taten sich
ausländische Finanzleute und Industrielle güt-
lich, freuten sich der billigen und willigen
russischen Arbeitkräfte, schleppten die Dividenden
in die Heimat, und nach wie vor mußte der
arme Muschik sein Getreide, das er selbst für
des Leibes Notdurft dringend gebrauchte, über
die Grenze schaffen. Der Bauer versank in Not,
und die nationale Industrie blieb ein Phantom,
hinter derHerrWitte, alles vor sich niederwerfend,
hersagte. Und wie Herr Witte auf das Agrar-
land ein vom Westen importiertes System
industrieller Protektion pfropfte, so gab er der
politischen Vormacht Asiens eine europäische
Währung, zu deren Vergoldung immer und
immer wieder das Ausland herhalten mußte.

Das Wittesche System legte dem russischen
Reich Hunger- und Steuerkuren auf, nur um
den notwendigen Glanz nach außen zu be-
wahren. Wenn man wohlwollend sein will,
kann man es mit dem System jener armen
Adligen vergleichen, die auf silbernen Schüsseln
von behandschuhten Dienern sich Kuhkäse servieren
lassen, nur um das Prestige zu wahren. Man
kann aber auch an die Sauden, Schmidt, Exner
und Schultz denken. Denn auch Herr Witte ist
nicht davor zurückgeschreckt, unwahr darzustellen
und zu verschleiern. Die Angriffe gegen Witte
und sein System haben ein ganzes Heer von
Lobhudlern in die Schranken gerufen, die ent-
rüstet den Tadlern persönliche Motive oder
revolutionäre Gesinnung unterschoben. Aber
schon, daß der mächtige Minister die ohnehin
zahme russische Presse mit staatlichen Annoncen
zu füttern für gut befand, mußte stutzig machen.
Mehr noch, daß gerade die heftigsten Gegner
der Exzellenz nicht liberal und nicht revolutionär
waren. Gewiß, Jsscüeff ist Sozialist, Golowin
und Peter Struve sind Radikale, v. d. Brüggen
und Rohrbach Balten. Aber Scharapow ist ein
Erzreaktionär, und die Zeitschrift „Ruski Trud",
in der dieser loyale Konservative Wittes Namen

Russische Ver-
schleierungs-
Künste

57
        <pb n="65" />
        ﻿neben den der Schwindler Mamontow und
Maximow stellte, war ein konservatives Blatt.
„Grashdanin" gilt gleichfalls als eine Stütze
der reaktionären Slavophilen. Und endlich hat
man nie etwas davon gehört, daß der russische
Nationalökonom Georg v. Boutmy zu den
Revolutionären gezählt wird. Dieser Herr
v. Boutmy hat mit Genehmigung der Peters-
burger Zensur vom 25. Februar 1902 Herrn
Witte nachgewiesen, daß sein „Alleruntertänigster
Bericht" an den Zaren über das Budget
des Jahres 1902 haarsträubende — Bilaüz-
kunststückchen enthält, daß er dem Zaren
erzählt, die Vergrößerung der Forsteinnahmen
sei ein Gradmesser der Steigerung des Staats-
vermögens, während sie in Wirklichkeit durch
forcierte Abholzungen entstanden ist, daß die
Einnahmen der staatlichen Eisenbahnen die
Zinsen für die aufgewendeten Kapitalien decken,
während sie in Wirklichkeit nur 2,4% erbringen,
daß der Konsum an Petroleum pro Kopf um
28 o/o gestiegen sei, während er in Wirklichkeit
sich vermindert hat. Boutmy weist ferner
nach, daß nicht, wie Herr Witte an den Zaren
berichtet, im Jahre 1900 die Eisenbahneinnahmen
139 Millionen, sondern nur 86,6 Millionen
Rubel betrugen, daß das staatliche Eisenbahn-
vermögen in 10 Jahren sich nicht, wie Herr
Witte an den Zaren berichtet, um 26/10 Mil-
liarden, sondern nur um l1/* Milliarde ver-
mehrt hat, und daß endlich in denselben zehn
Jahren die Staatsschuld sich nicht, wie Herr
Witte an den Zaren berichtet, um ls/4 Mil-
liarden, sondern um über 3 Milliarden ver-
mehrt hat.

Professor von Bis vor wenigen Wochen noch konnten

Reußner im Gutgläubige Herrn Wittes Rechenfehler für

MnÄ'®et unschuldig, seine Angreifer für böswillig, ihre
451 3 '	Argumente für übertrieben halten. Das geht

jetzt nicht mehr, seitdem in denselben Tagen,
da man in Norderney über den Handelsvertrag
konferierte, in Königsberg fünf deutsche Richter
sich damit abgeben mußten, gegen deutsche

58
        <pb n="66" />
        ﻿Staatsbürger wegen Hochverrats und Majestäts-
beleidigung gegen den Zaren ein hochnotpein-
liches Verfahren zu führen. Ich habe hier
nicht über die politische Bedeutung dieses Pro-
zesses zu befinden. Aber mich dünkt, er hat
gerade im Moment eine ganz erhebliche finanz-
politische Bedeutung. Haben wir nicht auch in
Königsberg von gefälschten Berichten — wohl-
gemerkt, von falschen Berichten amtlicher Per-
sonen — hören müssen? Herr Witte ist glän-
zend gerechtfertigt. Nicht sein System darf
man's fürderhin heißen, russisches Systenr ist es,
das er trotz seines deutschen Namens meisterhaft
zu handhaben versteht.

Kapitalisten aller Länder merkt auf: Unter
seinem Sachverständigeneid hat vor den Königs-
berger Richtern der Ritter des russischen Sankt
Andreas-Ordens und ehemalige Professor des
Staatsrechts an der Universität Tomsk
Dr. Michael von Reußner bekundet, daß in
Rußland die Beamten unbegrenzte Gewalt
haben, daß sie keiner strafrechtlichen Verant-
wortlichkeit unterstehen, wenn nicht die vorge-
setzte Behörde die Genehmigung zur Verfolgung
gibt, daß richterliche Beamte zwar nicht absetz-
bar sind, daß aber meistens stellvertretende
Richter ernannt werden, die ohne weiteres ab-
gesetzt werden können, daß der Justizminister
berechtigt ist, für jeden besonderen Fall be-
sondere Prozeßformen festzusetzen, und endlich,
daß der russische Kaiser der finnischen Bevölke-
rung seinen Eid gebrochen habe. Wo sind in
einem Lande, von dem das alles gerichts-
notorisch ist, die Rechtsgarantien, deren der
Staatsgläubiger dringend bedarf? Herrscht im
kommerziellen Leben, _ in der Finanzgebarung
die gleiche Paschawirtschaft?

Sie herrscht. Derselbe Boutmy, den ich
oben zitierte, erklärt, daß die russische Reichs-
bank, wenn es ihr paßt, einfach die Kredite ver-
kürzt, ohne auf die Interessen des Marktes
Rücksicht zu nehmen, daß der Finanzminister
künstlich die Kurse an den Börsen beeinflußt,

Paschawirl

schnft

59
        <pb n="67" />
        ﻿daß er die Industriellen, die es nicht verstanden
haben, seine Gunst zu erschleichen, bankrott
werden läßt, während zur Unterstützung der
anderen jegliche Maßregel getroffen wird, gleich-
gültig, ob der Staatsbank oder den öffentlichen
Sparkassen daraus Verluste erwachsen.

Aber haben denn nicht die deutschen Sparer
das in Königsberg entschleierte System schon
am eigenen Beutel verspürt? Hat Herr Witte nicht
Die Südwest- in der leidigen Südwestbahn-Affäre anno 1901 zu-
bahn nächst ein für die Genußscheinbesitzer günstiges
Gerichtserkenntnis einfach verheimlicht, dann
die Besitzer vergewaltigt und schließlich, als die
deutschen Kapitalisten sich zur Wehr setzen
wollten, verfügt, daß in Zukunft die Zulassung
von Aktiengesellschaften zum Börsenhandel, an
denen deutsche Reichsangehörige sichtlich be-
teiligt sind, von seiner Genehmigung abhängig
sein sollten?

Will ein deutscher Minister die Verant-
wortung übernehmen, solchem Staat, solchen
Männern deutsches Geld zuzuführen? Trotz
Königsberg?

Mich wundert bloß, daß wir noch nicht
um die Gnade gebeten haben, dem deutschen
Reiche zu gestatten, die Garantie für Kapital
und Zinsen der neuen russischen Anleihe aller-
untertänigst übernehmen zu dürfen!

60
        <pb n="68" />
        ﻿Deuischrrussrsche Ariegeankeiße.

(7. Januar 1905.)

Der russische Finanzminister: „Die neue
Anleihe ist kein gutes Geschäft. Auf 500 Mil- _. &amp; m r
lionen müssen mir uns verpflichten, 41/2°/0 Zinsen titm beg
jährlich zu blechen. Einundneunzig und ein fischen Finanz-
halb Prozent dieser Summe aber bekommen Ministers
wir bloß ausbezahlt. Das macht also in Wahr-
heit 4,8 % Zinsen fürs Jahr. Nach sechs
Jahren darf die westliche Kanaille die Rück-
zahlung zum vollen Betrage verlangen. Dann
kostet die Geschichte noch einmal 8]/2% aus
500 Millionen oder 9,3°/0 auf die 457 Mil-
lionen, die wir bekommen haben. Das be-
deutet für jedes der sechs Jahre ein Extra-
aufgeld von 1-/2°/«. Macht Summa Summa-
rum 6x/3 % jährliche Verzinsung. Ein schönes
Stück Geld für einen sogenannten Kulturstaat,
dem man bisher mit 4%, versuchsweise sogar
mit 3% Milliarden gepumpt hat. Ein Glück,
daß die Sache vor Stöffels Kapitulation zu
Ende kam. Sonst hätte man vielleicht noch
mehr gefordert und auch — erhalten. Wenn
man uns wenigstens die Geschichte mit der
Kündbarkeit erspart hätte. Zu toll, daß das
heilige Reich zwölf, die Kanaille aber nur sechs
Jahre verpflichtet ist. Wird's wieder besser,
können wir wieder billiges Geld bekommen,
steigen die Renten, fordert keiner sein Geld.

Sitzen wir in neuer Klemme, müssen womög-
lich 50/0 dauernd bezahlen, so verlangen die
Kerls ihr Geld, und die Banken verdienen noch
einmal an uns. Aber was soll man machen.

61
        <pb n="69" />
        ﻿Man muß die Gelegenheit beim Schopfe fassen,
solange es überhaupt noch Geld gibt. Ich
würde es, wenn ich das Ausland wäre — das
bleibt natürlich unter uns — selbst für 7°/0
nicht gemacht haben. Ich möchte einmal sehen,
ob die Herren Finanzleute in ihrem Vaterlande
einem Menschen, der nichts als eine falsche
Bilanz sein eigen nennt, um 6'/3% Zinsen Geld
borgen. Die sollten nur in unsere Kassen gucken.
Sie bestaunen unseren Goldvorrat, den wir ge-
rade vorher in Paris gepumpt haben. Der wäre
natürlich schon futsch, wenn wir nicht die Sache
mit den kleinen Rubelnoten und den großenKredit-
billets erfunden hätten. Witte war doch eigent-
lich ein famoser Kerl. Hat es richtig verstanden,
Was ist rus- der Welt das Märchen vom russischen Kultur-
sische Kultur?	aufzubinden. War allerdings gar nicht

so schwer: Kultur ist, wenn man Bahnen baut,
Industrie pflanzt und Geld pumpt. Bloß nicht
bescheiden leben. Das ist immer ein Zeichen
von Rückständigkeit. Wir haben eben Kultur.
Und deshalb glaubt man uns die Geschichte
mit den Rubelnoten, meint, unsere braven
Staatskinder dürften zwischen Papier und Gold
wählen und verzichten aufs Gold aus unend-
lichem Vertrauen zu uns. Wenn die wüßten,
daß „Papier oder Knute?" die Parole heißt.
Aber sie wissen gar nichts. Glauben anscheinend
doch sogar die Finte in meinen! letzten Bericht
über die Diskont- und Vorschußoperationen der
Reichsbank. Die sind im letzten Jahr um 10 Mil-
lionen Rubel gestiegen. Ich beweise daraus,
„wie wenig der gegenwärtige Krieg bisher den
russischen Geschäftsverkehr behindert hat". Ein
seiner Geschäftsverkehr. Lauter prolongierte
Wechsel habe ich im Portefeuille. Aller Welt
muß die Bank unter die Arme greifen. Und
die Tölpel glauben, das sei reeller Handel.
Ein Glück, daß Nicolai sich nicht hat breit-
schlagen lassen, den Semstwos öffentliche Budget-
beratung zu gestatten. Das fehlte gerade noch,
Prämien auf die Vorlauten zu setzen. Frech-
heit! Muß alles Geheimnis bleiben. Nichts

62
        <pb n="70" />
        ﻿darf über die Grenze...........Dummes Pack!

Nicht für zehn Prozent hätt' ich das Geld ge-
geben. Ich glaube, die neue Anleihe ist doch
ein ganz gutes Geschäft." —

Die russische Presse, in Deutschland vertreten
durch den Berliner Börsencourier: „Der Abschluß
der neuen russischen Anleihe .... wird voraus-
sichtlich in der Oeffentlichkeit zu lebhaften Dis-
kussionen Anlaß geben, ob dem deutschen Publi-
kum die Beteiligung an der Anleihe zu empfehlen

sei oder nicht......Niemand wird offenkundige

Mißstände in Abrede stellen und die äußeren
und inneren Gefahren, von denen Rußland
augenblicklich bedroht wird, ableugnen können.

.......Trotzdem ist alles Gold, was glänzt.

.......Alle russischen Budgets haben be-
deutende Ueberschüsse ergeben, die nur von ganz
revolutionären Charakteren angezweifelt worden
sind...Im Vergleich zur starken Schulden-

vermehrung anderer Großstaaten war die Aus-
gabe neuer Anleihen in Rußland bis zum Aus-
bruch des Krieges nur im mäßigen Umfang
erfolgt. Nur durch politische Gegnerschaft kann
es erklärlich, wenn auch nicht entschuldbar ge-
macht werden, daß einzelne Querköpse die russi-
schen Eisenbahnobligationen mit zu diesen
Schulden rechnen...............Bei dem außer-

ordentlich entwickelten Pumpgenie Rußlands
darf mit Sicherheit erwartet werden, daß es
ihm ein leichtes sein wird, auch weitere Mittel

zu erhalten.........Die Beziehungen zwischen

Rußland und Deutschland können als beinahe

turmhohe Freundschaft bezeichnet werden.........

Wer praktische Politik treiben will, muß russische
Anleihen kaufen: Wer nicht wagt, der nicht
gewinnt, wer nicht pumpt, wird keine Waren

los.........Rußland ist ein Kulturstaat ersten

Ranges. Seit langem sind dort alle privaten
Diebstähle untersagt." —

Vossische Zeitung, Annoncenteil der Aus-
gabe vom 29. Dezember: „Ein akademisch
gebildeter Herr, der im russischen Marine-
ministerium die besten Verbindungen hat, emp-

Russische
Presse in
Deutschland

Ein Dokunient
der Kor-
ruption

63
        <pb n="71" />
        ﻿Handelspolitik
und Anleihen

Für uns bleibt
nichts übrig

Der Reichs-
kanzler

stehlt sich Firmen und Erfindern, die was
liefern wollen. Offert, unt. 8. E. 303 an die
Exped. dies. Zeitung." —

Der deutsche Reichsschatzsekretär: „Bülow
hat's leicht, hohe Politik zu machen, wenn
ich den Buckel herhaltet: muß. Er muß mit
dem schlechten Zolltarif leidliche Handels-
verträge zustande bringen und macht das einfach
mit Protektion russischer Anleihe. Für 500
Millionen läßt sich jeder das bißchen Veterinär-
Polizei gefallen. Er hat jetzt den Platz
an der Sonne. Und ich sitze im Schatten der
Finanznot. Trotzdem schwitze ich. Jetzt wäre
eine so schöne Zeit für mich. Das Publikum
hat Geld für seine Coupons bekommen und
könnte schon ein bißchen was in neuen Anleihen
anlegen. Das geht nun alles in die russische
Tasche, die Bülow aushält. Wir kommen im
März, vielleicht auch ein paar Tage früher,
wenn die Moneten wieder knapp sind. Müssen
die Sache ja erst im Reichstag durchschwatzen
lassen. Für Finanzen zweifellos Absolutismus
das allerbeste. Hab's in Bayern zwar anders
gelernt. Geht aber doch am schnellsten. Zug
um Zug. Vor Neid könnten einem ordentlich
dieAugen übergehen. Mir hilft kein Mendelssohn.
Wenn ich emittieren will, setzt man mir nicht
den Privatdiskont in einem fort herunter und
macht gutes Wetter. Im Gegenteil, wenn man
ahnt, daß ich komme, setzt man mir die Anleihen
herunter und den Diskont herauf. Und bei
den Konferenzen hat man tausenderlei Bedenken,
als ob die Wilhelmstraße am Bosporus läge.
Das Vertrauen zur Finanzlage der Staaten
scheint bei unseren Bankleuten im Quadrat der
Entfernungen zu wachsen. O Bülow! Bülow!
Nur eine Bitte habe ich: Pump nicht auch noch
den Ungarn."

Der Reichskanzler: Quid sit futurum cras,
fuge quaerere . . . (Büchmann Seite 411) fellx,
qui potuit rerum cognoscere causas (Büchmann
Seite 402) .... Wächst mir ein Kornfeld in
der stachen Hand? (Büchmann Seite 228) . . .

64
        <pb n="72" />
        ﻿Lieben Freunde, es gab schönere Zeiten als die
unsern, das ist nicht zu streiten (Büchmann
Seite 229).

Neue preußische (Kreuz-) Zeitung, Börsen- Die Kreuz
Wochenbericht vom 30, April: „Man versichert iseitung
zwar, daß die deutsche Hanls-banque an der
russischen Kriegsanleihe nicht beteiligt sei. Allein
bei dem internationalen Zusammenhange des
Großkapitals findet diese Versicherung keinen
rechten Glauben. Es wäre sehr bedauerlich,
wenn sich deutsches Kapital bereit finden ließe,
dieses finanzielle Wagnis mitzumachen. Denn
ein solches ist die Kriegsanleihe Rußlands unter
der heutigen politischen Konstellation ohne
Frage. Bisher ivar man gewohnt, den ge-
waltigen Barschatz des russischen Reiches als
eine Kriegsreserve gepriesen zu hören, die in
Europa nicht ihresgleichen habe. Und kaum
hat der Krieg Rußlands gegen das kleine Japan
begonnen, da muß auch schon die Notenpresse
in Petersburg in Bewegung gesetzt und das
Ausgabenbudget eingeschränkt werden. Diese
Vorgänge können das Vertrauen gu der russi-
schen Finanzwirtschast nicht stärken, und selbst
die strengste Neutralität, die wir Rußland
schuldig sind, darf uns nicht abhalten, dies
offen auszusprechen. Wenn Frankreich sich
moralisch verpflichtet fühlt, seinem Bundes-
genossen durch Uebernahme einer Notenanleihe
beizuspringen, die es sich übrigens sehr hoch
verzinsen läßt, so ist dagegen nichts einzu-
wenden. Neutrale Staaten aber sollten sich —
das ist unsere private Ansicht — in diesem
Falle ausschließlich von ihrem eigenen nationalen
Interesse leiten lassen, und dieses gebietet uns
jetzt mehr als je, mit unseren Mitteln hauszu-
halten, da wir nicht wissen können, ob wir sie
nicht morgen selbst sehr dringend nötig haben.

Wir würden es also für unverantwortlich
halten, wenn sich deutsche Bankinstitute jetzt
entschlössen, ihr eigenes Kapital und das ihrer
Klientel in den Dienst eines zwar befreundeten,
aber nicht mit uns verbündeten Staates zu

65
        <pb n="73" />
        ﻿Die neue Les-
art der Kreuz-
zeitung

stellen. Daß es heimlich doch geschieht, daraus
läßt die außerordentliche Geldflüssigkeit an der
Berliner Börse beinahe schließen, denn sie ist
angesichts der großen Jnanspruchttahme der
Reichsbank nur als künstliche Stimmungsmache
zu erklären."

Neue Preußische (Kreuz-)Zeitung, Börsen-
wochenbericht vom 31.Dezember; „Das wichtigste
Ereignis der Woche ist der Abschluß der neuen
russischen Anleihe von 500 Millionen Mark,
die in erster Linie für den deutschen Markt be-
rechnet ist. Man war zwar daraus gefaßt,
zweifelte aber noch, ob es eine Renten- oder
eine Schatzschein-Anleihe sein werde, und man
ist einigermaßen überrascht durch die jetzt be-
kannt gewordene ingeniöse Vereinigung beider

Anleihetypen............Es ist selbstverständlich

nicht unsere Ausgabe, zum Ankauf dieser neuen
Papiere zu raten, oder davor zu warnen. Wir
empfehlen grundsätzlich nur die in Preußen
tnündelsicheren Papiere, für die der Staat
direkte oder indirekte Garantien geschaffen hat.
Aber die politische Bedeutung der neuen An-
leihe können wir nicht gering anschlagen. Auf
der einen Seite bezeichnet es ein sehr weites
Entgegenkommen der Reichsregierung, daß sie
sich zu dieser Anleihe freundlich stellt in einer
Zeit, da das Deutsche Reich und die Einzel-
staaten selbst uiiter den Schwierigkeiten des
Anleihemarktes zu leiden haben und sich mit
der Ausgabe von Schatzanweisungen behelfen
müssen. Wir haben wiederholt auf die Kon-
kurrenz aufmerksam gemacht, die den heimischen
Fonds gerade ausdenrussischenAnleihenerwächst;
ein großer Apparat ist in der Kursregulierung
dieser Anleihen tätig; ihre Verzinsung ist zwar
etivas höher als die der preußischen Konsuls, aber
der Kurs entspricht doch mehr den bescheidenen
Rentabilitätsansprüchen der Franzosen als der
ärmeren Deutschen und drückt auf den Kurs
unserer Staatspapiere. So ist in der Tat die
Fürsorge, die jetzt von unserer Regierung in
loyalster Befolgung der Nordemeyer Verab-

66
        <pb n="74" />
        ﻿redungen den neuen russischen Anleiheplänen
erwiesen wird, ein recht kostspieliger Freund-
schaftsdienst. Man darf aber andererseits gewiß
sein, daß der Reichskanzler äquivalente Gegen-
dienste empfangen hat. Vor allen Dingen ver-
trauen wir darauf, daß in dem russisch-deutschen
Handelsverträge unserer Ausfuhr nach Rußland
alle die wünschenswerten Erleichterungen ge-
währt worden sind, die sich mit dem Lebens-
interesse der russischen Industrie vereinigen lassen,
und daß namentlich unserer Landwirtschaft auch
der nötige Schutz nicht versagt worden ist. Nur
darin würden wir eine ausreichende wirtschafts-
politische Rechtfertigung für die wahrhaft freund-
schaftliche Behandlung der neuen russischen An-
leihe durch unser Auswärtiges Amt erblicken

können......... Es gehört zu den dauernden

Verdiensten des Grafen Bülow, daß er die Ab-
sichten Sr. Majestät des Kaisers und der ver-
bündeten Regierungen in unserem Verhältnisse
zu Rußland so erfolgreich verwirklicht hat, und
in diesem Zusammenhange können auch die
Umstände, unter denen die neue russische An-
leihe herauskommt, als erfreulich bezeichnet
werden."

Die Bankengruppe: „Drei und ein halbes
Prozent Zwischenprovision auf 500 Millionen
macht Ir Vs Millionen. Vivaut 86gu6iü68."

Die Konzertzeichner: „Hurra, hurra, hurra!"

67
        <pb n="75" />
        ﻿Die Peters-
burger Stra-
ßenrevolte

(Mendekesoßne.

(28. Januar 1905.)'

Zehn Tage nachdem die Subskription auf
324 Millionen Mark russischer 41/a % iger An-
leihe kurz nach der Eröffnung wegen angeblicher
enormer Ueberzeichnung sofort wieder hatte ge-
schlossen werden müssen, krachte aus einem
Salutgeschütz eines russischen Leibartillerie-
regiments der Kartätschenschuß, der das Signal
zur Petersburger Straßenrevolte, wenn auch
vielleicht nicht sein sollte, so doch war. Am
nächsten Tage sanken die russischen Renten
nahezu auf den Emissionskurs zurück, nachdem
man sie vorher mit stolzer Prämie tagelang ge-
handelt hatte.

Für den Teil der deutschen Bevölkerung,
der russische Anleihen im Besitz hat, sie womög-
lich mit Sperrverpslichtung jüngst erst erwarb,
ist jetzt das Kaiserwort: „russische Trauer —
deutsche Trauer" buchstäblich wahr geworden.
Man kann diese Leute nicht bedauern. Wer
nach all den Warnungen, die in der unab-
hängigen Presse veröffentlicht worden sind, sein
Geld dem Zarenreiche zur Verfügung stellte,
hat die bangen Stunden, die er jetzt durchlebt,
sich selbst zuzuschreiben. Er hat jetzt Zeit, sich
die Frage zu beantworten, ob das bißchen Mehr
an Zinsen zusammen mit dem Zukunstsgewinn
von 5°/g genügende Entschädigung für die vielen
Sorgen bietet.

Ob der einzelne verliert oder gewinnt, ist
nicht meine, ist seine Sache. Aber die Verluste
der einzelnen zusammengenommen bilden die
Verluste des Nationalvermögens. Und deshalb

68
        <pb n="76" />
        ﻿muß sich wohl oder Übel die öffentliche Kritik
mit der Tatsache besassen, daß kurz vor einer-
politischen Katastrophe der deutsche Geldmarkt
mit einer russischen Anleihe beschenkt wurde.

Wer trägt die Verantwortung? Rrrssische
Anleihen haben von jeher, viel mehr als alle Die Verant-
übrigen Auslandswerte, in Deutschland als Ortung f?*
politische Anleihen gegolten. Seitdem am 10. No- Kapital-
vember 1887 die' Reichsbank den russischen Verluste
Papieren auf Bismarcks Geheiß die Beleihung
weigern mußte, ist dieser Charakter gewissermaßen
amtlich publiziert worden. Von da ab hat
man sich gewöhnt, die Stellung unserer Finanz-
welt zum russischen Pumpbegehren als Maßstab
für Gunst oder Ungunst der politischen Be-
ziehungen beider Länder anzusehen. Und —
wahrscheinlich mit Recht — hat man auch die
letzte russische Anleihe als ein politisches Er-
eignis, als den deutschen Kaufpreis für einen
russischen Handelsvertrag mit Konzedierung der
Minimalzölle auf Agrarprodukte betrachtet. Ich
sagte das im Juli voraus und warnte damals:

„Eine neue russische Anleihe, womöglich gar
unter Patronanz des Reiches, wäre im Augen-
blick eine öffentliche Gefahr. Ein Handels-
vertrag, der nur durch die Heraufbeschwörung
dieser Gefahr erkauft werden könnte, sollte
besser ungeschlossen bleiben." Graf Bülow hat
sich über alle damals geltend gemachten Be-
denken hinweggesetzt. Ihn trifft, wenn er sie
nicht auf die Reichstagsmehrheit, die die Mini-
malzölle akzeptierte, zurückwälzen will, die volle
Verantwortung.

Freilich, der Prospekt und die Einladung
zur Zeichnung der neuen Anleihen trugen das Mmdelssohns
Signum Bernhard von Bülows nicht. Als n'§ haus
Emissionsfirma fungierte Berlins, ja Deutsch-
lands erstes Bankhaus, die Firma Mendelssohn
&amp; Co. Es ist einer von den merkwürdigen
Zufällen, an denen nicht nur die Welt-, sondern
auch die Finanzgeschichte so reich ist, daß gerade
dieses Bankhaus finanzieller Sachwalter der
größten europäischen Despotie ist: Der Urahn,

69
        <pb n="77" />
        ﻿ein Apostel der Aufklärung, die Urenkel, denen
aus dem Taufbecken das Adelsprädikat erwuchs,
Kämmerer der Volksverdummung. Ein
Treppenwitz der Historie! Aber Pietät und
Sentimentalia sind nun einmal keine Eeschäfts-
prinzipien, und wenn selbst Rothschild, der
allen Antisemiten als „Oberjude" gilt, den Be-
drückern seiner Glaubensbrüder seine Hilfe leiht,
weshalb sollen die Enkel Moses Mendels-
sohns nicht Posbjedonozews Klingelbeutel
füllen? Ich bin überzeugt, die Herren
v. Mendelssohn und ihr Sozius Herr Fischl
glauben an die Zukunft Rußlands. Aber selbst,
wenn all die Enthüllungen der letzten beiden
Jahrzehnte an ihnen nicht eindruckslos vorüber-
gegangen sein sollten, jetzt können sie nicht mehr
zurück. Mit den Darlehen an die Staaten ist
es wie mit der bösen Tat, „die, fortzeugend.
Böses muß gebären". Man muß immer wieder
neues Geld hineinstecken, um das alte einst
wiederzubekommen oder intakt zu erhalten.
Vielleicht — ich weiß es nicht, stelle es nur als
Eventualfall hin — wäre es Mendelssohns sehr
recht gewesen, wenn die Reichsregierung sich
mit Rücksicht aus ihre eigenen desolaten Finanzen
weniger zuvorkommend gegenüber dem russischen
Werben verhalten hätte.' Aber nachdem Deutsch-
lands Kapitalisten einmal an Rußland ver-
schachert waren — ähnlich wie man einst
preußische Landeskinder an England verkauft
hat —, mußten Mendelssohn &amp; Co. die Ver-
mittler spielen, ob sie wollten oder nicht.
Hätten sie nein gesagt, manch einer von denen,
die jetzt gar tugendsam beiseite stehen, hätte
sich an ihre Stelle gedrängt, und Mendelssohns
hätten nicht nur eine lukrative Geschäfts-
verbindung, sondern auch einen Teil ihrerGloriole
verloren.

Ich kann aus diesen Erwägungen heraus
auch den zahlreichen Börsenstimmen nicht bei-
pflichten, die dem Hause Mendelssohn &amp; Co. die
bloße Tatsache der Emission einer neuen russischen
Anleihe schon als Verbrechen anrechnen möchten.

70
        <pb n="78" />
        ﻿Jedoch c’est le ton qui fait la musique: Die
Art, wie die Einführung der Russen geschah,
verdient schärfsten Tadel. Denn die war eines
Hauses unwürdig, zu dem jeder Lehrling mit
beinahemystischerHochachtung aufzuschauenlernt.

Man muß es Herrn Fischt lassen, er ver-
steht es, auf dem Preßinstrument zu spielen.
Weshalb, so wird man fragen, soll er nicht, wenn
er gleichgesinnte oder feile Schreiber findet,
seine Ware loben lassen? Gewiß! Aber war
es nötig, daß jeder, der aus ökonomischer
Ueberzeugung anderer Meinung, aus politischer
Erwägung gegen sein Vorhaben war, als
Trottel, Phantast oder als Revolutionär ver-
höhnt und verlästert wurde? War es not-
wendig, mit lärmender Reklame von horrenden
Ueberzeichnungen zu sprechen, um dann schließ-
lich bis zu fünfzig Prozent auf Zeichnungen
mit Sperrverpflichtung zuzuteilen? Mußte man
überhaupt bei einer Kriegsanleihe von dem
leichtfertigen Anerbieten der Zeichner Gebrauch
machen, sich Sperrfesseln anlegen zu wollen?
Alles, um mit der schnellen Auflösung des
Konsortiums prunken zu können. Und wie
wurde der Markt bearbeitet! Die kleinen
Makler speiste man mit kleinen Geschenken ab.
Ueber die Beteiligung der Großen aber zirkulierten
an der Börse riesige Zahlen — der Berliner
Makler-Verein sollte angeblich allein drei Milli-
onen Mark zur Verteilung an seine Direktoren
und Agenten bekommen haben.

Das Bedenklichste aber scheint mir, daß
man jetzt nach denselben Grundsätzen weiter
arbeitet: Es existiert selbstverständlich keinerlei
Gefahr. Hatte der Fürst Trubetzkoj dem Zaren
zugerufen: „Le n'est pas une erneute, e’est uns
revolution“, so beschwichtigen die Vertrauens-
männer des Herrn Fischt in der Presse die
geängsteten Staatsgläubiger: „es n'est pas une
revolution, c’est une simple erneute“. Beson-
ders tut sich wieder der Berliner Börsen-Eourier
hervor: Obwohl der Börsenwitz, daß russische
Anleihen nur noch „per Erscheinen des Herrn

Die Bearbei-
tung der
Börsenpresse

Angebliche

Überzeichnung

Geschenke an
die Börse

Der Börsen-
Courier

71
        <pb n="79" />
        ﻿Fischl" gehandelt werden, seinen Redakteuren
doch wohl nicht ganz unbekannt geblieben sein
dürfte, erzählt das Blatt: „Es ist überraschend,
daß trotz der Erbitterung und Entrüstung über
das Blutvergießen in den Straßen von Peters-
burg und trotzdem die Erregung hierüber noch
systematisch geschürt worden ist, gerade die
russischen Fonds heute (24. Januar) eine
wesentlich festere Haltung zeigten als gestern."
Zwar wird dann die Tatsacke kräftiger Inter-
ventionen zugegeben. „Aber" — heißt es dann
weiter — „diese Intervention würde gegenüber
einer Panik der Besitzer russischer Papiere doch
versagen, und deshalb ist es klar, daß die Be-
sorgnisse der deutschen Besitzer russischer Wert-
papiere durchaus keinen so hohen Grad erreicht
haben können, wie man von einzelnen Seiten
glauben machen will." Das ist natürlich un-
beeinflußt und im besten Glauben geschrieben.
Denn der Autor weiß sicher nichts davon, daß
bei Besitzern von Sperrstücken jede Panik zweck-
los ist, da sie ja nicht verkaufen dürfen.
Als der Kartätschenschuß fiel, da meinte der
Börsenartikler des Courier: „Sicherlich ist die

Möglichkeit, daß es sich wirklich um eine.....

Unregelmäßigkeit gehandelt haben könnte, nicht
von der Hand zuweisen, ....." Am selben
Tage aber schrieb der Politikus desselben
Blattes: „Der unheimliche Petersburger Kar-
tätschenschuß ist, wie zu erwarten stand, als-
bald für ein „Versehen" erklärt worden........

Aber diese Begründung des Vorganges wird
wohl nirgends viel Glauben finden. . . ."

Gewiß kann es unter den augenblicklichen
Verhältnissen nicht die Ausgabe einer gewissen-
haften Presse sein, das aufgescheuchte Kapital
noch mehr zu beunruhigen. Aber nichts wäre
gewissenloser und verfehlter, als über den Ernst
der heiklen Situation hinwegzutäuschen. Die
Meldungen, die die russische Zensur dein
Wölfischen Telegraphenbureau passieren läßt,
sind im besten Fall lückenhaft, womöglich sogar
gefälscht. Rußland hat sich nie geniert, mit

12
        <pb n="80" />
        ﻿Fälschungen zu operieren. Man braucht nur
die Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen
bis ins Jahr 1887 zurückversolgen und sich an
den denkwürdigen offiziösen Artikel der Köl-
nischen Zeitung vom 22. November jenes Jahres
zu erinnern, der die russische Hofkamarilla und
Herrn v. Giers beschuldigte, dem Zaren ge-
fälschte Dokumente über Bismarcks Politik vor-
gelegt zu haben.

Für den Besitzer russischer Wertpapiere ist
es notwendig, die Geschehnisse in Rußland klar
und deutlich zu erkennen. Nicht darauf kann
es ihm ankommen, ob die russischen Gewalt-
haber noch einmal auf ein paar Monate Ruhe
schaffen können, er muß wissen, was endlich
wird. Darüber aber kann nicht die Meinung
der Zeitungskorrespondenten aufklären, das
sagt das Buch der Geschichte. Und dieses Buch
erzählt uns von einer Revolution. Nicht von
Revolutiönchen, wie sie sich aooo 1848 in
Deutschland abspielten, sondern von einer
großen Umwälzung, wie Frankreich sie 1789
sah. Wer die Geschichte jener Tage studiert,
staunt ob der Ähnlichkeit der Vorgänge
bei aller Verschiedenheit der Einzelheiten. Echte
Revolutionen entwickeln sich spontan, können
nicht vorher planmäßig ausgeheckt werden.
Und gerade das Unvorbereitete der Petersburger
Arbeiterdemonstration, das den Kosaken den
ersten blutigen Erfolg schuf, scheint mir ein
gefährliches Zeichen für den Fortgang. Die
russische Despotie hat schon größere Putsche
bezwungen. Aber da waren nie und nirgends
von ihr selbst Verheißungen gemacht, Wünsche
angeregt worden. Die französische Revolntion
ward nicht am Tage des Bastillensturmes
geboren, sondern durch die Unterzeichnung des
Dekrets, das die Generalstände berief. Und die
russische Revolution fängt nicht an mit den
Petersburger Metzeleien, sondern hat schon lange
begonnen mit dem von der Regierung selbst be-
rufenen Semstwokongreß und den wenigen Tagen,
da man die Presse freier als sonst schreiben ließ.

Eine Revolu-
tion und keine
Emeute

Die französi-
sche und die
russische Re-
volution

73
        <pb n="81" />
        ﻿Necker u. Witte

Schlimme

Aussichten

In Frankreich zwang die Finanzkalamität, an der
Newa die Kriegsnot zur Konzession. Jetzt gibt
es kein Zurück mehr, wie es 1739 in Frankreich
keins mehr gab. Entweder der Zar bewilligt
Reformen, oder die Revolution schreitet fort,
denn sie ist zur historischen Notwendigkeit ge-
worden. Mignet, der Geschichtsschreiber der
französischen Revolution, sagt: „Selten findet
sich ein Fürst, ivelcher .... hellblickend genug
ist, um das abzutreten, dessen Verlust eine Not-
tvendigkeit geworden. Ludwig XVI. hätte es
jedoch getan, wenn er weniger unter der Herr-
schaft seiner Umgebung gestanden hätte..........

Er schwankte unentschlossen zwischen seinen:
Ministerium, welches Necker leitete, und feinern
Hofe ..." Man setze anstatt Jacques Necker
Sergej Juljewitsch Witte — der Vergleich paßt
sogar auch insofern, als beide den Ruhm von
Meistern im Budgetfälschen für sich in Anspruch
nehmen können — und man hat ein treffendes
Bild von der augenblicklichen Situation des
Zaren. Nur daß sich zwischen ihn und das
Volk der Tschin, zwischen Ludwig XVI. und
seine Franzosen aber der Adel drängte. Noch
hat er sein Schicksal in der Hand..........

Der Kapitalist muß also mit der schlimmsten
Eventualität rechnen. Siegt die Revolution,
so wird die Sicherheit seiner Anleihen nicht
etwa von: guten oder bösen Willen der Sieger,
sondern von zwei wichtigen Faktoren abhängen:
Kann ein geordneter Staat nnt dem Witteschen
Budget werter wirtschaften? Bleiben Rußlands
Banken uird Geschäfte auch gesund, werrn die
Staatsbank sie nicht mehr künstlich stützt,
bleiben die Börsenkurse in Petersburg auch
ohne schwindelhafte Kursbeeinflussungen der
Regierung fest. ?

Diese Fragen mögen die „Kenner der
russischen Verhältnisse" beantworten, die der
Börsen-Courier zitiert.

74
        <pb n="82" />
        ﻿Der Lriede.

(5. August 1905.)

„Er war Journalist und lebte unter
Wilhelm II." Wanderer, wenn Du einmal
solche Inschrift auf einem Grabstein liest, so
ziehe Deinen Hut in Ehrfurcht. Denn unter
dem Fleckchen Erde ruht ein Mann, der im
Schweiße seines Angesichts sein Brot verdient
hat. Seitdem unser Kaiser in den Junitagen
des Dreikaiserjahres den vom totkranken Vater
kaum wieder gewärmten Thron bestieg, ist aus
den Redaktionstuben der letzte Rest altväter-
licher Beschaulichkeit gewichen. Selbst in der
Hochsommerglut finden die armen Federfuchser
keine Ruhe mehr. Ruhelos wie Deutschlands
Politik ist auch ihr Leben geworden. Und
keiner von ihnen kann, wenn er in die Ferien
reist, wissen, ob er die fünsundvierzigtägige
Gültigkeit seines Retourbillets auch auszunutzen
vermag.

Nun hat auch das Jahr 1905 seine
Sommersensation. Statt nach den zerklüfteten
Fjorden, die das Nordland der Harald- und
Hakonsöhne ins nördliche Meer treibt, ist dies-
mal die Hohenzollernyacht zu den Klippen und
Inseln des finnischen Meerbusens gesteuert
worden. Und von keinem Sterblichen belauscht,
hat der Beherrscher Rußlands mit dem Reprä-
sentanten des deutschen Volkes intime Zwie-
sprach gepflogen. Kein Wunder, daß dieses
interessante Geschehnis sofort die allsommerliche,
mit sauren Gurken garnierte Seeschlange aus
den Spalten der Zeitungen vertrieb. Denn
am Meer und in den Bergen wollten die Leser

Die Zwei-
kaiserbegeg-
mmg

75
        <pb n="83" />
        ﻿mit Stoff für ihre Unterhaltungen ausgerüstet
sein. War die Entrevue politischer Natur,
oder sind die kaiserlichen Vettern, menschlichem
Sehnsuchtdrange folgend, zueinander geeilt?
Hat Nikolai oder Wilhelm die Anregung zur
Konferenz gegeben? Diesen beiden Hauptfragen
und ihren zahlreichen Unterfragen ist zentnerweise
Druckerschwärze geopfert worden. Sommersonnen-
glut trieb die Phantasie zum Siedepunkt: Selbst
ein norwegisch-schwedisches Bündnis unter dem
Protektorat Deutschlands und Rußlands wurde
uns beschert, und auch die Kandidatur eines
Hohenzollernprinzen für den norwegischen
Königsthron kam aufs Tapet. Obwohl der
gesunde Menschenverstand uns sagen sollte, daß
ein skandinavisches Bündnis sich nur gegen
Rußland richten und ein Hohenzollernkandidat
als Nachfolger der Bernadottes leicht ebenso
zum casus belli werden könnte wie die spanische
Thronfolgefrage anno 1870. Zum casus belli
gegen England.

Freilich, das gerade würde genügen, um
einem solchen Plan in deutschen Gauen ge-
Gärung nirgend Unterstützung zu schaffen. Denn gegen
gegen England @ng(ank gßrt’§ bei uns. Und die Konstatierung
dieser Tatsache ist eigentlich das einzige wirklich
wichtige Ergebnis 'der umfangreichen Preß-
diskussionen' der letzten Tage. Ein deutsch-
sranzösisch-russisches Bündnis gegen England ist
ein Traum, der in weiten Volksschichten ge-
träumt und nicht bloß von den Organen der
politischen Reaktion zum Ausdruck gebracht
wird, Nein, auch liberale Organe, deren In-
timität mit der Kanzlei des gefürsteten Kanzlers
notorisch ist, predigen den gleichen Text. Denn
,vas anders bedeutet es, 'wenn das Berliner-
Tageblatt eine finanzielle Entente zur Bezahlimg
der russischen Kriegskosten ankündigt unter der
Garantie des Friedenszustandes in Europa.
Diese Zusammenstellung ist sehr ergötzlich. An-
scheinend soll der Eindruck erweckt werden, als
ob Frankreich und Deutschland ihr Geld ein-
bringen, Rußland dagegen die Konzession des

76
        <pb n="84" />
        ﻿Friedensschlusses gewähren soll. Wenn das
wirklich Ziel und Zweck der Kaiserreise gewesen
ist, sie hätte ruhig unterbleiben können.

Es ist ja jetzt sehr modern, die Engländer
als Seeräuber zu verschreien, und den Ge-
mäßigten wird es durch die Hetzereien gewisser
englischer Blätter nicht leicht gemacht,, den ent-
gegengesetzten Standpunkt zu vertreten. Dazu
kommt, daß Bismarcks Nachfolger — oder
richtiger seine Epigonen — Freundschaft mit
Rußland für das Alpha und Omega genialischer
Auslandspolitik zu halten scheinen. Daß eines
sich nicht für alle, besonders nicht für alle Zeiten
schickt, ist eine Erwägung, die man den Toren
außerhalb der Amtsstuben überläßt.

Man brauchte über solche Expektorationen
kein Wort zu verlieren, wenn es sich dabei nur
um Phantasien — vielleicht kluger und geist-
voller — Zeitungsschreiber handelte. Aber
wenn die verständigen Ausführungen Cle-
menceaus, der einst von denselben Blättern wie
ein Held gefeiert wurde, in einem Teil der
Presse mit dem Hinweis darauf aä absurdum
geführt wurde, daß dieser nichts ahnende Literat
sich gegen Dinge wende, die von den „Machern"
schon lange beschlossen seien, so darf und muß
man annehmen, so zu deutende Worte seien im
Gespräch mit denen um Bülow gefallen.
Rußland sei freilich — so lautet die offiziöse
Parole — als Feind augenblicklich nicht zu
fürchten, aber es sei ein wichtiger Bundesgenosse.
Ein glänzender Sozius! Kein Heer, keine
Flotte, kein Geld, keine Ordnung! ^Das Land
braucht uns, aber nicht umgekehrt. Und wir
drängen uns an diese gefallene Größe, heben
sie aus den: Staube, trocknen ihr die Wunden
und versorgen sie mit Geld. Ketten Frankreich
gerade in dem Moment wieder an Rußland, wo
es von Nikolai zu Eduard abschwenkt, anstatt
Englands Flotte und Geld und Frankreichs
Schwäche uns dienstbar zu machen. Wenn
Rußland uns durch seine Neutralität in: deutsch-
französischen Kriege zweifellos wertvolle Dienste

Rußland als
Buiidesgenoffe

77
        <pb n="85" />
        ﻿Pump und
Handel

geleistet hat, so tat es das, weil es seinen da-
inaligen Interessen entsprach. Es hat oft genug
seitdem bewiesen, daß es Sentimentalität in
seiner Politik nicht keirnt, und wenn Wörth und
Weißenburg uicht uns, sondern den Franz-
männern den Sieg gebracht hätteil, wer weiß,
ob nicht die russische Neutralität zum Teufel
gegangen wäre. Wir aber wollen jetzt, wo
unser — trotz aller Freundschastversicherungen
— bis jetzt gefürchtetster Gegner am Boden
liegt, aus ben sentimentalischen Erwägungen
die Situation nicht ausnutzen.

Aber nein. In der neugermanischeil Aus-
landspolitik wird zwar nach Sentimellts ge-
hairdelt, allein mall lvill es nachher nicht wahr
haben. Und hier muß dann plötzlich die volks-
wirtschaftliche Notwendigkeit als schweres
Geschütz herhalten. Schon seit Wochen rumoren
ein paar Poltergeister in verschiedenen Zeitungen
umher, schreien, daß man jetzt, wo bald der
neue Handelsvertrag in Kraft treten werde,
Rußland nicht vor den Kopf stoßen dürfe und
bezichtigen die, die das deutsche Publikum
ivarnen, deutsches Geld gegen russisches Papier
einzutauschen, der Störung unserer Handels-
interessen. Eine feine Logik! Wer die Ausfuhr-
statistik selbst ohne allzu subtile Aufmerksamkeit
überliest, wird erkennen müssen, daß unser Ab-
satz ins englische Sprachgebiet um ein Vielfaches
uilseren russischen Export überragt. Den besseren
Kunden also dürfen wir vor den Kopf stoßen,
bell schlechteren aber müssen wir karessieren.
Vielleicht wegen der Zukunft? Man hat Herrn
Witte nach Washington gesaildt, vermutlich iveil
seine Gegner hoffen, er werde dort sein Prestige
verlieren. Gelingt es ihm aber, seülen zahl-
rcichen Feinden ein Schnippchen zu schlagen uild
einen leidlichen Frieden zu schließen, so wird
sein Wille im Reiche russischer Handelspolitik
wieder mächtig werden. Sein Wille aber wird
vor- wie nachdeni den Schutzzoll diktieren.
Immer enger wird sich das russische Reich mit
Zöllen umschließen, und wenn wir erst das Geld

78
        <pb n="86" />
        ﻿gegeben haben werden, wird der amerikanische
Stahltrust die Beziehungen nutzbar machen, die
seine Vertreter anläßlich der Amerikareise mit
Herrn Witte anknüpfen werden. Gewiß, man
kann nicht behaupten, daß uns England in
handelspolitischer Beziehung das Leben leicht
macht. Aber bis zur Stunde haben das Mutter-
land und ein Teil der Kolonien sich noch nicht
hinter Zöllen verbarrikadiert. England ist ein
guter Kunde, freilich auch ein scharfer Konkurrent
gewesen. Aber will man jetzt schon die Kon-
kurrenz als ein Verbrechen betrachten? Geirügt
sie zur politischen Gegnerschaft? Fragt nur cin-
nral urrsere Kaufleute, rvie ihnen der Buren-
rummel bekommen ist, und wie die sortwähren-
derr deutsch-englischen Plänkeleien, wie die Ver-
hetzung arlfs Geschäft wirkt?

Irr Wahrheit verbietet urrs gerade unser England und
rvirtschaftliches Interesse, das englische Volk zu Deutschland
provozieren. Glaubt sich die Diplomatenzunst
darüber hinwegsetzen zu können, so ist das ihre
Sache, der Reichstag mag sich nicht Aufklärung
über ihre Beweggründe holen. Aber unbegreif-
lich ist, daß mit einem Bündnis zwischen
Deutschland, Frankreich und Rußland auch
solche Preßorgane sympathisieren, die unter
liberaler Flagge segeln. Im Kampf gegen die
Reaktion bildet heute Frankreich das Zünglein
an der Wage. Im Bündnis mit England
werden seine Träger freiheitlicher Ideen gestärkt,
treibt Deutschland es zum neuen Bund mit
Rußland, so wird auch in Frankreich allmählich
wieder das politische Dunkelmännertum gestärkt.

Die Zeiteir der heiligen Alliance leben wieder auf.

Hier ist nicht der Ort, diese Frage weiter
auszuspinnen. Aber ich warf sie nicht nur auf
unr des inneren Widerspruches willen, in den:
sich unsere Liberalen befinden. Der polilischen
Konstellation der nächsten Jahre ist eine sehr
große finanzpolitische Bedeutung beizumessen.

Denn wie wirkt sie auf Rußland zurück? Einem
isolierten Rußland bleiben nur zwei Möglich-
keiten: Revolution oder energische Reform. Ein

79
        <pb n="87" />
        ﻿Deutschland
zahlt den
Tabak für die
Friedenspfeife

Rußland int reaktionären Dreibund aber wird
weiter mit dem alten Regime fortzuwursteln
suchen.

Nun gebe ich ohne weiteres zu, man kann
der Ansicht sein, ein autokratisch regiertes
korrumpiertes Rußland sei für uns wirtschaft-
lich weniger gefährlich, als ein freiheitliches,
das all seine großen wirtschaftlichen Kräfte voll
entfalten kann. Allein man vergesse nicht, daß
die neue Entente sich zunächst zu finanziellen
Zwecken bilden will: Zweie solleil geben, einer
will nehmen. Deutsche Kapitalisten sollen mit
lieueil russischen Anleihen bepackt werden. Ich
habe oft schon an dieser Stelle sehr ernste Be-
denken gegen die russische Finanzgebarung
geltend genracht und kann jetzt so wenig, tote
ich es früher konnte, dein deutschen Publikum
raten, russische Anleihen zu kaufen. Denn be-
vor Rußland ilicht dem Ausland eine europä-
ische Finanzkontrolle oder den eigenen Untertanen
eine Verfassung zugesteht, ist' das Land nicht
kreditwürdig. Dilrch den jetzt projektierten
Dreibund aber wird die Möglichkeit eines
liberalen Regierungsystems itt weite Ferne
gerückt.

Ich bin nicht hellhörig genug, um zu
ivisseii, was die Monarchen aus dem Polarstern
lniteinander gesprochen haben, und zu wenig
geistreich, un: Betrachtungen darüber anzustellen,
was sie gesprochen haben könnten. Aber ob
Rußlands finanzielle Situation zur Sprache
gekommen ist oder nicht, wemr die Könige sich
umarmen, bekommen die Bankiers glltes Wetter.
Daß sie es augenblicklich brauchen,' steht außer
allem Zweifel. Denn auch wenn man nicht
wüßte, daß Witte mit Mendelssohns in Berlin
und mit Hoskier und Rothschilds Bevoll-
mächtigten in Paris konferiert hat, daß Ruß-
land eine neue große Anleihe aufnehmen
muß und jetzt schon vorbereitet, wird
niemand bestreiten wollen. Da macht
eine Kaiserreise gute Reklame. Einst fuhr
Nicolai an die Seine, als Herr Witte dort

80
        <pb n="88" />
        ﻿pumpen wollte. Daß man gewagt haben sollte,
unseren Kaiser als Reklame für die neue
Emission einzuspannen, ist undenkbar. Sicher
dagegen ist, daß jetzt schon seine Reise aus-
gebeutet wird. Die Russenkurse steigen.

Binnen kurzem wird man ein schönes
Schauspiel erleben: Unsere konservativen und
agrarischen Politiker wollen den neuen Bund,
nian wird also demnächst in ihren Blättern
Empfehlungen der neuen russischen Anleihe
lesen. Und was haben einst die Herren
Diederich Hahn, v. Kardorff und Genossen
gegen die ausländischen Anleihen gewettert.
Jetzt aber leiten ihre Parteigenossen das deutsche
Publikum in die russische Fährnis. Denn eine
solche ist es, dem russischen Staat zu borgen.
Zeichen und Wunder müßten geschehen, wenn
nach der neuen Anleihe nicht der russische
Staatsbankerott eintritt. Man hat für so etwas
auch lieblicher klingende Namen, die im Buche
der modernen Finanzgeschichte jedermann nach-
lesen kann.

81
        <pb n="89" />
        ﻿Die Anleihe
gescheitert

Der LusaminenKruch.

(11- November 1905.)

Die Revolution hat wieder einmal die
Kapitalisten geschützt. Denn die Vertreter der
französischen, deutschen und englischen Bankwelt
sind aus Petersburg zurückgekehrt, ohne eine
neue Anleihe mit der Regierung des Zaren ab-
geschlossen zu haben. Wären die Straßenrevolten
in den russischen Städten auch nur ein paar
Wochen später erfolgt, Gras Witte hätte seine
neuen Millionen in der Tasche gehabt, und
binnen weniger Tage wäre die unbequeme Last
von den Finanzgruppen auf die Kapitalisten der
verschiedenen Länder abgewälzt worden. Aber
die Unterhändler wurden zu Zeugen der wachsen-
den Revolutionierung des Landes. Durch die
Türen des Finanzministerpalais, wo mit ihnen
unterhandelt wurde, drangen der Lärm der
Prozessionen, das Knattern der Gewehrsalven,
die Wutschreie der von der kosakischen Knute
Bedrohten herein. Die Ruhe der Konferenzen
wurde durch kaiserliche Adjutanten und Kammer-
lakaien gestört, die Witte nach Peterhof befahlen,
wo der Herrscher aller Reußen wie weiland
Ludwig XVI. zwischen dem, durch die Prinzen
seines Hauses aufgestachelten, Machtinstinkt und
den Vernunftgründen weniger ehrlicher Rat-
geber ratlos hin- und herschwankte. Von Tag
zu Tag wurden die Mienen der Unterhändler
düsterer. Graf Witte sah die zunehmende Zag-
heit und griff zum letzten Mittel: die Zeitungen
mußten Empörung heucheln über die allzu
harten Bedingungen, durch welche von der
internationalen Bankwelt Rußlands Notlage

82
        <pb n="90" />
        ﻿ausgebeutet werden sollte. Aber auch das ver-
fing nicht. Die Finanzherren kehrten unver-
richteter Sache dem Lande, das in Hellem Auf-
ruhr entflammte, den Rücken.

Und es ist gut so. Der internationalen
Kapitalistenwelt bleibt somit Zeit und Muße,
die Zukunftschancen russischer Anleihen abzu-
wägen. Die alte, seit dem Beginn dieses Jahres
immer dringender mahnende Frage taucht
wieder auf: Wird Rußland imstande sein, die
Zinsen seiner Anleihen für die Dauer zu be-
zahlen? Aber die Zeit heilt nicht nur Wunden,
sie kann auch die Wunden zu nimmer schließ-
baren ausweiten. Solch Fall liegt hier vor.
Vor Monaten noch stand nur fest, daß das
bisherige Regime allein dann in der Lage sein
werde, vorläufig die Zinszahlungen ausrecht zu
erhalten, wenn das Ausland ihm ständig neue
Goldquellen durch Gewährung von neuen
Anleihen zu erschließen bereit sei. Dabei
blieb die — freilich schwache — Hoffnung,
daß durch die Gewährung liberaler Reformen,
durch eine parlamentarische Kontrolle und die
allmähliche völlige Umgestaltung der russischen
Wirtschaftsverfassung langsam die Basis ge-
schaffen wurde, die eine so riesenhafte Schulden-
last zu tragen vermag.

Allein diese Hoffnungen sind geschwunden.
Der Kaiser hat den richtigen Moment verpaßt,
um dem Volke Geschenke machen zu können.
Mag sich die Börse nur an die Erwartung
klammern, daß die zugestandene Verfassung die
Wogen der russischen Volksbewegung beruhigen
wird. Die Geschichte fällt über solche Leicht-
gläubigkeit ihr Verdikt. Sie lehrt uns als
typisches Merkmal der großen Revolutionen,
daß der einmal entfesselte Sturm sich nicht
wieder in die Schläuche zurückkommandieren
läßt. Jetzt gibt es keine geschenkweise friedliche
Reform mehr. Die gesetzgebende Duma ist dem
Kaiser abgetrotzt; hat sie erst einmal zu tagen
begonnen, so entwickelt sie sich in der Richtung
weiter, wie sie muß, zum selbständigen Organ

Kann Ruß-
land dauernd
Zinsen zahlen?

Das Schwan-
ken des Zaren

83
        <pb n="91" />
        ﻿Duma und
französische
Stündever-
sammlung

Witte und der
Tschin

Die Revolu-
tion und die
Finanzen

der Staatsmaschine, das vom Kaisertum sich zu
emanzipieren sucht.

Die Widerstände, die sich den politischen
Bewegungen entgegensetzen, sind für ihren Weg
viel mehr bestimmend als die in ihr treibenden
Tendenzen. Die französische Ständeversammlung
war von loyalstem Geiste durchdrungen. Sie
wurde erst durch den Widerstand des Adels,
der für seine Privilegien fürchtete, offen
frondierte und insgeheim den König gegen den
tiers etat einzunehmen trachtete, den radikalsten
Elementen in die Arme getrieben. Der Monarch,
der die Versammlung einberufen hatte, uni
Schutz gegen die Abgabenverweigerung des Adels
zu suchen, wurde mit diesem verschlungen, als
er sich von Adel und Geistlichkeit zu Schritten
hinreißen ließ, die dem Einberusungzweck zu-
widerliefen.

Liegen nicht ganz ähnlich die Dinge in
Rußland? Die Duma ist von Witte als
Mittel gedacht, um den Herrscher aus den
Händen des Tschin zu befreien und um Geld
zu beschaffen, das mit dem alten System nicht
mehr zu erlangen ist. Der Zar gibt augen-
blicklich allen Akten, die der — ihm innerlich
doch verhaßte — Mann aufsetzt, seine Unter-
schrift. Aber der Tschin wehrt sich verzweifelt,
die Großfürsten rüsten. Wird der schwache Zar
dem Drängen der mephistophelischen Kräfte
standhalten können? Ein einziger Schritt von
der geraden Linie fort, und die Herrschaft der
Romanows ist gewesen. Noch niemals war
eine revolutionäre Bewegung so organisiert.
In keiner Revolution waren noch je Tendenzen
und Forderungen so präzis formuliert. Ein
Volk, das Bahnen still stehen, Telegraphen
außer Betrieb setzen kann, ist nicht mit teil-
weiser Gewährung gegebener Versprechungen zu
befriedigen.

Der Staatsgläubiger kann für sich nur
zwei Möglichkeiten sehen: Entweder es folgt
dem jetzigen Sturm ein jahrelanges Ringen,
so muß die Notenpresse weiter, wie bisher.

84
        <pb n="92" />
        ﻿arbeiten und die Valuta verschlechtern, um
wenigstens noch eine Zeitlang das Geld für
die Allslandszahlungen aufzusparen. Oder die
Revolution macht schnell reinen Tisch, dann wird
man genau nach dem gleichen Rezept verfahren.

Herr Suworin senior, der Herausgeber der
Noweja Wremja, hat einem Berliner Jour-
nalisten, der ihn interviewte, anvertraut, daß,
welche Regierung auch immer am Ruder sein
wird, sie alles daran setzen dürfte, die Zins-
zahlungen pünktlich zu leisten. Daran ist gar-
nicht zu zweifeln. Aber ebensowenig zweifle
ich daran, daß, welche Regierung auch immer
in Zukunft Rußlands Geschicke lenken wird,
sie diese Leistungen nicht aufzubringen vermag.

Es ist eine eigenartige Ironie der Ge-
schichte, daß in allen Revolutionen das Kapital
äußerst zart behandelt worden ist. Selbst im
Kommuneausstand, der doch gewiß stark von
sozialistischen — ausgesprochen kapitalsfeind-
lichen — Ideen beeinflußt war, hat man die
Bank von Frankreich geschützt und ihren Kassen
nur diejenigen Summen entnommen, die man
unbedingt brauchte. Und eine der ersten Taten
der französischen Revolution war - die Sicher-
stellung der Staatsgläubiger. Das Königtum
hat Schulden auf Schulden getürmt. Der
Konvent geht daran, sie zu ordnen. Mitten
im Trubel der Blutgerichte, während der Wohl-
fahrtsausschuß den politischen Kampf organisiert,
unterbreitet der citoyen Cambon dem Konvent
seinen Plan zur „Demokratisierung der Staats-
schuld", der eine Umwandlung der ungeheuren
Kapitalsschuld in eine Rentenschuld von zwei-
hundert Millionen Francs und die Schaffung
des Großen Buches der Staatsschuld vorsieht.
Stolz ruft er aus: „Bis jetzt haben viele
Kapitalisten geglaubt, ein König müsse die
Schuld zurückbezahlen, weil ein König ihr
Schuldner gewesen ist; nach meinem Vorschlage
übernimmt die Republik die königlichen Schulden,
und die Kapitalisten werden sie deshalb gern
anerkennen." Und in seiner Rede findet sich

Rücksicht-
nahme aller
Revolutionäre
gegen das
Kapital

85
        <pb n="93" />
        ﻿Guter Wille
und harte Not
wendigleit

Der revolu-
tionäre Fi-
nanzminister

Die Assignaten

ferner der Satz: „Die Gläubiger des Aus-
lands freilich, wo die Assignaten keinen Kurs
haben, müssen in bestimmten Fristen bar bezahlt
werden?' So schuf denn nach Cambons Vor-
schlag der französische Konvent im Jahre 1793
die erste vernünftige Finanzmaßnahme, die seit
Colberts Zeiten getroffen worden war.

Sicher wird die russische Duma, welches
auch immer ihr Charakter sein mag, ebenso
handeln. Denn auch die revolutionärste Re-
gierung legt Wert aus finanzielle Reputation,
ohne die sie nicht auskommen zu können glaubt.
Aber die bittere historische Notwendigkeit ist
stärker als der Wille auch einer gesetzgebenden
Versammlung. Es hat bisher noch keine Re-
vollition gegeben, die finanziell nicht dieselben
Wege gewandelt wäre wie die von ihr gestürzte
Regierung. Und die Folge davon war, daß
sich schließlich stets dieselben Mißstände in finanz-
politischer und ökonomischer Beziehung offen-
barten wie unter dem alten Regime, und daß
an diese Mißstände auch die Bestrebungen an-
knüpften, die den früheren Radikalismus er-
heblich beschnitten.

Es gibt Revolutionäre, die reiten lernen,
sich in den Waffen üben und strategische Werke
studieren, um die Revolution kommandieren zu
können. Aber hat sich schon jemals irgendwer
zum Finanzminister der Revolution präpariert?
Auch das revolutionärste Regieren kostet Geld.
Woher soll man es nehmen? Man muß aus
der alten Vorratskammer das nehmen, was
brauchbar ist. Das legitimistische Frankreich hatte
drei Einnahmequellen: Steuerkontributionen, An-
leihen und Assignaten. Die Kontributionen konnte
man nicht weiter verwenden, denn sie hatten
den Haß gegen das Königtum am meisten ge-
schürt. Anleihen waren vom Auslande nicht
zu bekommen, freiwillig vom Jnlande auch
nicht. Man griff zu Zwangsanleihen, die man
den Reichen auferlegte. Aber das ergiebigste
Mittel blieben die Assignaten. Die Assignaten-
wirtschaft ist nicht etwa, wie man viel-

86
        <pb n="94" />
        ﻿fach glaubt, eine Geburt der Revolutionzeit.

Ludwig XV. und XVI. hatten bereits reichlich
mit diesen Anweisungen aus die Staatsgüter
gearbeitet. Gab es nun für Konvent und
Wohlfahrtausschuß etwas Näherliegendes, als
die Summe der Assignaten zu vermehren, da
doch auch die Zahl der Nationalgüter sich durch
die Konfiskationen erheblich vermehrt hatte?

Der Erfolg dieser Wirtschaft ist bekannt: Das
Geld wurde entwertet, die Lebensmittelpreise
stiegen ungeheuerlich, der Staatsbankerott war
unvermeidlich. Als das Etatgesetz vom 30. Sep-
tember 1797 ein Defizit von 172 Millionen Frcs.
aufwies, mußte man den Staatsgläubigern den
Vertrag brechen. Nicht aus bösem Willen, aus
antikapitalistischen Gelüsten, sondern weil man
nicht anders konnte, weil man noch nicht die
Möglichkeit besaß, eine moderneSteuerversassung
auf die alte Wirtschaftorganisation aufzupfropfen.

Man kündigte zwei Drittel der im „Großen
Buch" eingetrageneil Staatsschulden. Diese
zwei Dritteile sollten deil Gläubigern mit dem
zwanzigfachen Betrag der Rente in — ganz
wertlosen — Bons, die beim Ankauf von
Nationalgütern in Zahlung genommen wurden,
zurückgezählt werden. Wieder wirkt es wie eine
Ironie der Geschichte: Der aus Jakobinern be- ^
stehende Wohlfahrtausschuß konsolidiert und bouke»wtt°als
schützt die Staatsschuld. Das Direktorium, die Vorstufe jeder
Vorstufe der neuen Ordnung, verkündet den »euen
Staatsbankrott.	Ordnung

Die Geschichte der französischen Revolution
zeigt den Weg, den die russische Dunra gehen
muß. Auch sie wird zunächst Anstrengungen
zur Sanierung der alten Finanzmißwirtschaft
machen. Aber auch ihr guter Wille wird an
der finanziellen Unmöglichkeit scheitern. Voll
hent auf morgen ist kein neues Steuersystem zll
schaffen. Ihr bleiben Zivangsanleihen ulld
Notenpreffe. Die Verschlechterung der Valuta,
die unvermeidlich ist, hat aber in Rußland
noch eine ganz besondere Bedeutung. Das
revolutionäre Frankreich hatte immerhin doch

87
        <pb n="95" />
        ﻿Die Chance
der russischen
Staats-
giüubiger

eine Währung, die seiner ökonomischen Ent-
wickelungsstufe entsprach. Zwischen Rußlands
künstlich gezüchteter Goldwährung und seinen
wirtschaftlichen Zuständen klafft aber ein unlös-
barer Widerspruch. Da bleibt schließlich kein an-
derer Ausweg, bis der Weg zur neuen Steuer-
verfassung gefunden ist, als die Kürzung oder
Einstellung der Zinszahlungen. Dieser Weg ist"
sogar besonders verlockend, da im Gegensatz zu
den Gläubigern der französischen Republik die
russischen Staatsgläubiger im Ausland sitzen.

Wer heute russische Anleihen besitzt oder
erwirbt und nicht an Wunder glaubt, hat mit-
hin zwischen zwei Chancen zu wählen: Ent-
weder der Zar oder die Republik bleibt ihm
die Zinsen schuldig. Der Kapitalist kann sich
aussuchen, wer ihm seiner politischen Gesinnung
nach als Schuldner lieber ist.

La debäcle est en marche!
        <pb n="96" />
        ﻿Das Paisek von -Äkzecirae.

(14. April 1906.)

Die verbündeten deutschen Regierungen
haben durch den Reichskanzler Herrn von
Mendelssohn zu verstehen gegeben, daß sie die
Begebung einer neuen russischen Anleihe in
Deutschland nicht wünschen, und haben durch
ihre Offiziösen gleichzeitig die Meinung ver-
breiten lassen, daß sie es auch nicht gerne sehen
würden, wenn das deutsche Kapital sich außer-
halb der Landesgrenzen an der Zeichnung auf
diese Anleihe beteiligen wollte. Man hat nach
Diplomatenart dem abschlägig Beschiedenen die
bittere Pille verzuckert, indem man als Grund
die bevorstehende Inanspruchnahme des deut-
schen Geldmarktes durch eigene Anleihen vor-
schützte. Ich sage absichtlich „vorschützte".
Denn niemand im lieben deutschen Vaterland
hat wohl daran gezweifelt, daß der deutsche
Geldbedarf lediglich ein willkommener Vorwand
war, der es ermöglichte, eine brüske Maßregel
in eine unanfechtbare Form zu kleiden. Es
blieben daher von vornherein nur zwei Ver-
mutungen: Entweder beabsichtigte man Rache
für Algeciras zu nehmen, oder man hatte jetzt
über die russische Finanzlage anders urteilen
gelernt, als man sie zu jener Zeit beurteilte,
da der verantwortliche — Lenker oder Leiter
darf man wohl nicht sagen! — Minister für
unsere auswärtigen Angelegenheiten sie von
der Tribüne des Deutschen Reichstages ver-
teidigte. In der Tagespresse hat man sich all-
gemein für die Richtigkeit der ersten Vermutung
entschieden: Revanche für die Marokkopolitik

Der Russen-
anleihe die Zu
lastung ver-
weigert

Rache für
Algeciras?

89
        <pb n="97" />
        ﻿furor asiaticus

DaS Geheim-
nis der Lambs-
dorff-Depesche

des Grafen Lambsdorff. Sehr wahrscheinlich.
Und doch spricht so manches dagegen. Vor
allem die Ueberraschung, die die Entscheidung
der deutschen Regierung sichtlich in Petersburg
hervorgerufen hat. Mußte es denn nicht der
russischen Regierung sofort klar sein, daß die
ebenso plumpe wie schroffe Art, in der Gras
Cassini angewiesen wurde, sich auf die Seite
Frankreichs zu stellen, in Deutschland eine tiefe
Erbitterung wachrufen und die deutsche Re-
gierung zu Gegenmaßregeln herausfordern
würde? Ja, bedeutete denn die berüchtigte
Depesche nicht geradezu einen Verzicht auf
Deutschlands finanzielle Beihilfe und die Bitte
um Unterstützung an Frankreich? Woher also
die Berechtigung zu dem lnror asiations, der
plötzlich einen Teil der russischen Presse ergriff,
als die deutsche Ablehnung in Petersburg
bekannt wurde? Ja, ein russisches Blatt, das
notorisch dem Grafen Witte sehr nahe steht,
schalt sogar Deutschland undankbar? Deutsch-
land undankbar? Wofür schuldete das Deutsche
Reich denn Rußland Dank? Wir haben dem
russischen Reich eine tolle finanzielle Reklame
gemacht, haben durch unsere — schon mehr als
wohlwollende — Neutralität es vor dem
völligen Ruin geschützt, haben seinen politischen
Flüchtlingen nicht nur das Asyl verweigert,
sondern sie sogar den Häschern des zarischen
Absolutismus in die Arme gelegt, und da
sollten wir dankbar sein? Dem Laienverstand
ist solche Forderung unfaßbar, unfaßbar
vollends, nachdem sich Rußland für diese Liebes-
beweise mit einem Fußtritt revanchiert hat.
Oder war es kein Fußtritt? Es hat Leute
gegeben, die sofort nach der Affäre erklärten,
den deutschen Diplomaten sei die Lambsdorff-
Depesche nicht ungelegen gekommen, da sie
einer heiklen und vielen sehr bedrohlich er-
scheinenden Situation jäh das Ende be-
reitet habe, das mit einem Schlage aus allen
Wirrnissen führte. Ja, in Petersburg scheint
man — nach den Andeutungen des Witte-

'10
        <pb n="98" />
        ﻿schen Blattes — in diesem Vorgehen sogar
einen Liebesdienst gesehen zu haben, der
Deutschland dem östlichen Nachbar gegenüber
su Dank verpflichtet. Ob diese Annahme auch
nur einen Schein von Berechtigung für sich hat,
vermag allein derjenige zu entscheiden, der weiß,
ob und was hinter den Kulissen der Marokko-
tagung gespielt und ob es wirklich einen
Moment aus jener Konferenz gegeben hat, in
dem man es in der Wilhelmstraße dankbar
empfinden mußte, daß von irgendwoher durch
einen Gewaltakt klare Situation geschaffen
wurde. Nur wer das zu entschleiern weiß, wird
auch aufzuhellen vermögen, weshalb die Nord-
deutsche Allgemeine Zeitung entgegen der ge-
samten öffentlichen Meinung keine Brüskierung
des Deutschen Reiches in der Lambsdorff-Depesche
zu sehen vermochte.

Aber wie dem auch sein mag. Aus gar
keinen Fall konnte der spii-itu8 rsotor jenes
Artikels ganz wenige Wochen später den Reichs-
boten erklären, die Nichtzulassung der russischen
Anleihen sei aus politischen Gründen erfolgt.
Gab es da eine billigere Ausrede als den
eigenen Geldbedarf? Gewiß nicht. Und doch
wollte der Reichskanzler sie nicht anwenden.
Wie mir bestimmt versichert ward, wurde
am Morgen jenes Tages, an dem der Kanzler
plötzlich von einem Uebelsein befallen worden
ist, Journalisten im Auswärtigen Amt mit-
geteilt, Fürst Bülow werde sich dahin äußern,
daß die innere Lage Rußlands zu ungeklärt
sei, als daß man die Emission einer großen
Anleihe jetzt zulassen könne?) Vor einem Jahr
las man's anders. Inzwischen ist allerdings
manch Ereignis eingetreten, das die finanz-
politische Lage im Reußenreiche auch dem kurz-
sichtigsten Auge in einem anderen Lichte als vor
zwölf Monaten erscheinen läßt. Freilich, der
Staatsmann, der an der Spitze eines großen
Reiches steht, durfte auch damals nicht sich deni
Urteil der Finanzkundigen verschließen. Aber

i) Vergleiche de» Aufsatz: „Fürst Bülow als Finanzprophel."

Fürst Bülow's
Bekehrung

91
        <pb n="99" />
        ﻿hätte er es auch jetzt wieder getan, er würde
gewissenlos gehandelt haben. Er konnte — selbst
aus die Gefahr hin, sich um seinen Propheten-
kredit zu bringen — die Zeichnung russischer
Anleihen durch das deutsche Publikum nicht
zulassen. Denn es kann ihm nicht verborgen
geblieben sein, daß Rußland den Staats-
bankerott systematisch vorbereitet, und daß einer
der namhaftesten nationalökonomischen Lehrer
an einer westlichen deutschen Hochschule gut-
achtlich zu diesem Schritt geraten hat.

92
        <pb n="100" />
        ﻿III.	(J)ofetmfc6es.
        <pb n="101" />
        ﻿Herr Professor Hekfferich.

(29. Oktober 1904)

Unter dem Titel „Die finanzielle Seite des russisch-japanischen
Krieges hat Professor Dr. Helfserich, Wirklicher Legationsrat, einen
umfangreichen Aufsatz in der „Marine-Rundschau" veröffentlicht. Die
Kritik dieses Aufsatzes gibt Gelegenheit, einmal prinzipiell der Legende
von den russischen Finanzen auf den Leib zu rücken. Herr Professor
Helfserich hat einen guten Namen als Nationalökonom, er hat nament-
lich in der Goldwährungssrage wertvolle Aufsätze verröffentlicht. Herr
Professor Helfserich ist aber zugleich Wirklicher Legationsrat, und als
solcher scheint er die Sympathien zu teilen, welche in seinem Amt, sei
es wirklich, sei es wenigstens nach außen, für Rußland gehegt werden.
Es mag dahingestellt bleiben, ob der Russenkurs im Auswärtigen Anit
dahin geht, daß man auch für den Kurs der Russen Sympathien hegt.
Sicher ist jedenfalls, daß ein Angestellter des Amtes einen derartigen
Artikel in der „Marine-Rundschau" wohl nicht veröffentlicht hätte, ohne
der Billigung seines hohen Chefs sicher zu sein. Darin liegt die Be-
deutung des Artikels, welcher im übrigen seines wissenschaftlichen Wertes
wegen eine Besprechung wahrlich nicht verdienen würde. Denn den
Artikel hat nicht der Professor Helfserich geschrieben, sondern der
Wirkliche Legations rat Helfserich, und von dem Professor hat
er nicht die wissenschaftliche Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit über-
nommen, sondern nur die wissenschaftlichen Allüren und die scheinbare
Objektivität. Dagegen hat ihm der Wirkliche Legationsrat die Kunst
geliefert, die Tatsachen zu färben. Unter dem Schein der Objektivität
soll beim Leser die Ueberzeugung erweckt werden, als ob die finan-
ziellen Kräfte Rußlands denen Japans überlegen genug seien, um dieses
im Kriege finanziell zu erdrücken. Insofern Helfserich, um diesen Ein-
druck zu erwecken, sich auf Argumentationen beschränkt, dem Leser aber
das genügende Material geliefert hätte, um sich sein Urteil selbst zu
bilden, wäre weniger dagegen zu sagen. Leider darf ihm der Vorwurf
nicht erspart bleiben, sogar seine Zahlen willkürlich und tendenziös
zusammengestellt zu haben, wenn man nicht zu seiner Entschuldigung
die Hypothese ausstellen will, daß er sein Material vom russischen
General-Konsul in Königsberg oder der russischen Botschaft in Berlin
sich hat zusammenstellen lassen, und daß diese — um den hübschen
Ausdruck des Herrn Landgerichts-Direktors in Königsberg zu gebrauchen

Professor oder
Legationsrat
tzelfferich?

95
        <pb n="102" />
        ﻿Die Quellen
Helfferichs.

- ihm in ähnlicher Weise Zahlen „snppeditierten", wie sie dem Königs-
berger Gerichtshof für den Geheimbunds-Prozeß Gesetzesstellen zurecht-
gemacht haben. Würden sich ähnlich künstliche Zahlen-Zusammenstellungen
wie in dem Helfferichschen Artikel in einem Emissionsprospekt finden, so
würde vermutlich der Richter kein Bedenken tragen, den Emittenten
zu bestrafen. Ein so schwerer Vorwurf bedarf eingehender Begründung.
Es wird am besten sein, für verschiedene einzelne Punkte die Darstellung
von Helfferich und die einschlägigen Zahlen und Tatsachen gegenüber-
zustellen, um dem Leser zu ermöglichen, sich ein Urteil zu bilden.*)

Soweit besondere Quellen nicht angegeben werden, stützt sich die
folgende Darstellung auf die im Jahre 1903 veröffentlichte Schrift Paul
Rohrbachs: „Das Finanzsystem Witte." — Abgesehen von der kleinen
Pikanterie, daß Paul Rohrbach ebenfalls im Dienste des Auswärtigen
Amts steht, was allerdings bei Veröffentlichung der erwähnten Schrift
nicht der Fall war, ist es gewiß bezeichnend, daß der jetzt erschienene
Artikel durch eine nahezu zwei Jahre früher veröffentlichte Schrift wider-
legt werden kann. Bezeichnend, aber nicht wunderbar. Daß Helfferich die
Frage nicht quellenmäßig behandelt hat, ist begreiflich. Wer ist der russi-
schen und japanischen Sprache mächtig? Zum Vorwurf muß ihm indessen
gemacht werden, daß er die deutsche Literatur über die russischen Finanzen
einfach ignoriert hat. Weder Rohrbach noch die jetzt von Wittschewsky
in Conrads Jahrbüchern und im Archiv für Eisenbahnwesen veröffent-
lichten Artikel werden von ihm erwähnt oder berücksichtigt. Seine Haupt-
quellen sind das „LuIIstiu russs äs stutistigus liuunoisrs" und Raffalovich
„Is inurcbs kinunoisr su 1895/6". Ad 1 ein Elaborat von Witte, uä 2
das Elaborat eines Witteschen Agenten, beide Schriften Hilfsmittel in
dem Bestreben, das französische Publikum für russische Anleihen zu ge-
winnen. Daneben sind allerdings Berichte des russischen Finanzministers
benutzt. Leider auch diese mit nicht glücklicher Auswahl. Unbekannt scheint
nämlich Herrn Helfferich der Verricht zu sein, den Witte über das Budget
von 1903 dem Reichsrat erstattet hat, in dem er ein Defizit von 60 Mil-
lionen Rubeln aus dem Betriebe der Eisenbahnen vorsieht. Welches Ver-
trauen im übrigen das erwähnte Luilstin russs und die Budgetberichte
des Finanzministers verdienen, dafür beiläufig einige interessante Belege
aus Rohrbachs Schrift. Der Bericht des Finanzministers an den Zaren
für das Jahr 1900 gibt eine Darstellung über die Entwicklung der
russischen Industrie in den Jahren 1877—1897.

Darin wird die „Verarbeitung von Textilstoffen" mit der riesigen
Summe von 946,3 Millionen angegeben. Nun schreibt schon Rohrbach
(S. 17) über diese Ziffer:

„Der geradezu unglaubliche Fehler, den das Handbuch des Departe-

*1 Die Betrachtung, die in mehreren Abschnitten am 2S. Oktober 1904 im Plutus za er-
scheinen begann, erschien unter dem Pseudonym Ruffophob, hinter denl sich ein — leider inzwischen
verstorbener, durch seine wissenschaftlichen Bestrebungen und praktischen «enntnisse bekannter
Berliner Bankier verbarg. Der vorstehende Aufsatz verdient um so mehr der Vergessenheit ent-
rissen zu werde», als Herr Helfferich einen Teil der hier bekämpften Unrichtigkeiten in seinem
Buch: „Das Geld im russisch-japanischen Krieg" (Berlin IMS Ernst Mittler &amp; Sohn) über-
nommen und zu verteidigen gesucht hat. Ich halte trotz des spöttischen Tones, den Herr
Helfferich da anschlägt, seine Auffassungen nach wie vor für unrichtig.

Yb
        <pb n="103" />
        ﻿ments für Handel und Manufakturen bei seiner Wertberechnung be-
gangen hat, besteht darin, daß es erstens den Wert der Roh-
baumwolle, zweitens den der daraus herge st eilten
Gespinste und drittens den der fertigen Stoffe —
anstatt z u berücksichtigen, daß jede vorhergehende
Ziffer ihrem vollen Betrage nach in der nächst-
folgenden drin st eckt — einfach addiert hat, und das
Resultat soll dann den Gesamtwert der russischen Baumwoll-Textil-
industrie darstellen. So nach Scharapow a. a. O.

Am dunkelsten wird die Sache vollends da, wo im Vorwort zu einer
späteren Publikation des Finanzministers: „Zusammenstellung von Daten
über die russische Fabrikindustrie für das Jahr 1897" der im Jahr vorher
gemachte Fehler zwar eingestanden, darauf aber „das Streben der Fabri-
kanten, den wahren Umfang ihrer Produkte zu verheimlichen", als aus-
reichende Kompensation des unter gelaufenen Versehens in der Berechnung
hingestellt wird. In der an den Kaiser adressierten Denkschrift zum
Budget für 1900 erscheint denn auch richtig wieder die auf Grund jener
originellen Berechnungsmethode gefundene kolossale Summe für den Wert
aller Produkte der russischen Textilindustrie, lind diesen selben groben
Schwindel, um keinen noch stärkeren Ausdruck zu gebrauchen, wagt der
russische Finanzminister in einem an die Person seines Kaisers adressierten
offiziellen Schriftstück der ganzen Welt aufzutischen! Es ist bezeichnend
für dasjenige Maß von Verständnis und Interesse, das bei uns wie
anderswo in Europa für die russischen Dinge existiert, wenn über ein
derartiges Stück außerhalb Rußlands überhaupt noch nichts an die
Oeffentlichkeit gedrungen ist — abgesehen von der 1901 in Berlin er-
schienenen, aber bis jetzt fast ganz unbeachtet gebliebenen, in russischer
Sprache gedruckten Broschüre Scharapows."

Helfferich aber tischt seinen Lesern den alten Schwindel auf, der
schon vor Jahren widerlegt wurde.

Ueber die Zuverlässigkeit des erwähnten LuIIstin russs belehrt uns
Rohrbach (S. 31) in folgender Weise:

„Zum Schluß noch ein letztes Stück Wittescher Rechnungskunst im
Eisenbahnetat. Das russische Finanzministerium gibt seit mehreren
Jahren eine Art Kommentar zum Budget unter dem Namen „LuIIstin
russs äo statistigus linanoitzrs st äs Isgislation" heraus, um das Aus-
land, natürlich in einer durchaus nach den russischen Interessen gefärbten
Weise, über die Details der Finanzverwaltung zu informieren. Im Jahre
1897 verkündete Herr von Witte im „LuIIstin russs", nunmehr fei die
Periode der Eisenbahndefizite vorüber, und der Staat erziele aus seinem
Bahnbetriebe einen Reinüberschuß. Diesen angeblichen Retnüberschuß
gab der Finanzminister für 1896 auf 34,8 Millionen Rubel an. Zwei
Jahre später fand sich im „LuIIstin" der Vermerk, der Ueberschuß pro
1896 sei faktisch um 6,4 Millionen kleiner, weil man das vorige Mal ver-
sehentlich eine private Eisenbahnlinie (Moskau-Brest) unter die Staats-
eisenbahnen gezählt habe! In dem Bericht an den Kaiser zum Budget
für 1900 ist der Reingewinn der Staatsbahnen für 1896 sogar auf bloße
11,3 Millionen Rubel gesunken. Warum? Weil Herr von Witte im

97
        <pb n="104" />
        ﻿Rußlands

Zahlung-

bilanz.

Der zweifel-
hafte Ausfuhr-
überschuß.

„Bulletin russs" die beiden vorigen Male an Stelle der Verzinsung des
vollen Anlagekapitals bloß die Verzinsung der formell in das Staats-
schuldbuch eingeschriebenen Eisenbahnschuld gesetzt hatte. Ein, wenn
auch nicht großer Teil der russischen Eisenbahnen ist aber ohne spezielle
Bauaulcihe aus laufenden Mitteln hergestellt worden, und von diesem
hatte das „Bulletin russe“ zwar den Betriebsgewinn, nicht aber die
Anlagekosten in Rechnung gestellt."

Soweit über die Helffcrichschen Quellen. Uebrigens hat er nicht
einmal die von ihm mitgeteilten Zahlen gehörig benutzt, denn während
er nach älteren Witteschen Noten noch die Melodie von den Eisenbahn-
überschüssen bläst, ergibt der von Helfferich mitgeteilte Budgetvoranschlag
für 1904 im Ordinarium Einnahmen der Staatseisenbahnen — 447,4,
dagegen Ausgaben im Verkehrswesen — 473,6 Will. Rubel. Gehen
wir nunmehr zu einzelnen besonders wichtigen Fragen über.

1.	Die russische Zahlungbilanz.

Helfferich schreibt darüber (S. 1050):

„Der Gesamthandel Rußlands in Einfuhr und Ausfuhr zeigt fol-
gendes Bild:

	Einsuhr	Ausfuhr Ausfuhrüberschuß (Millionen Rubel)	
1885	435,3	538,6	103,2
1895	489,4	691	201,6
1901	533	730	197
1902	527	825	298
1903	601	949	348

Wie aus diesen Zahlen hervorgeht, wirft der russische Außenhandel
einen beträchtlichen Ausfuhrüberschuß ab. Der Ueberschuß schwankt
naturgemäß in den einzelnen Jahren, vor allem nach dem die Größe des
Ausfuhrwertes in erster Linie beeinflussenden Ernteausfall und den Ge-
treidepreisen, sowie nach der Größe der Kapitaleinfuhr aus den west-
europäischen Ländern. Im großen Durchschnitt erscheint der Ausfuhr-
überschuß jedoch mehr als ausreichend, um die jährlichen Zahlungs-
verpflichtungen des russischen Staates und der russischen Volkswirtschaft
an das Ausland zu bestreiten. Auch daraus läßt sich der Schluß ziehen,
daß Rußlands volkswirtschaftliche Kraft zur Erhaltung geordneter Finanz-
und Währungsverhältnisse ausreicht."

Eine derartige Zusammenstellung ist ganz willkürlich. Nach allgemein
wissenschaftlichen Gebräuchen hätten mindestens auch die Zahlen der
Jahre 1899 und 1900 angegeben werden müssen. Es lag absolut kein
Grund vor, diese fortzulassen oder nicht überhaupt sämtliche Ziffern seit
1885 zu bringen, wenn sie nicht eben geeignet wären, das Bild vollständig
zuungunsten der russischen Zahlungbilanz zu verschieben.

Während die Helsferichsche Darstellung den Schein erregt und wohl
auch erregen soll, daß der Ausfuhr-Ueberschuß Rußlands gestiegen sei
und regelmäßig wenigstens 200 Millionen Rubel betrage, ergibt sich
aus der Angabe aller Jahre, daß dies nicht der Fall ist. Vielmehr
war in den achtziger Jahren der Ausfuhr-Ueberschuß größer als jetzt,

98
        <pb n="105" />
        ﻿1899 war sogar die Einfuhr größer als die Ausfuhr. Die Jahre 1902
und 1903 waren Ausnahmejahre zugunsten Rußlands, in welchen mit
guten Getreidepreisen gute Ernten in Südrußland zusammentrafen. Trotz
dieser beiden abnorm günstigen Jahre ergab der Durchschnitt der letzten
zehn Jahre nur einen Aussuhr-Ueberschuß von jährlich 175 Will. Rubel.
Der Ausfuhr-Ueberschnß ist demnach noch nicht einmal ausreichend, um
diejenigen Zahlungen zn leisten, welche der russische Staat für die Zinsen
und Amortisationsquoten seiner Anleihen im Ausland zu entrichten
hat. Damit sind indessen die Zahlungsverpflichtungen Rußlands nicht
erschöpft. Nach einer Aufstellung des russischen Ober-Geh. Finanzrats
Schwanebach^) hat Rußland jährlich etwa 260 Millionen Rubel ans
Ausland zu zahlen.

1.	Mindestens 170 Millionen Rubel Anleihezinsen;

2.	mindestens 50 Millionen Rubel jährlich Ausgaben von Russen
im Auslande;

3.	Ausgaben der Regierung im Auslande für Armee und Marine
mit 16 Millionen Rubel;

4.	Erträgnisse in Rußland angelegter Kapitalien mit 24 Millionen

Rubel.	i

Zu 1 gibt Helfferich (Seite 1036/7) an, daß der Betrag, den Ruß-
land für Verzinsung und Amortisation ins Ausland zu schicken hat, auf
450—500 Millionen Francs veranschlagt wird, d. h. 168—180 Millionen
Rubel. Der Posten zu 2 beruht auf einer Schätzung des früheren
Finanzministers Wyschnegradski. Auch dieser dürfte nicht zu hoch ein-
geschätzt sein. Es ist unzweifelhaft in großem Maße der Reiseverkehr
für die Schweiz und Italien eine große Quelle von Goldimport wie für
Rußland und Amerika die Veranlassung von Goldexport. — Die Posten
3 und 4 sind für die letzten Jahre sicher zu gering gerechnet. Gar nicht
in Ansatz gebracht ist der Tribut, den Rußland an ausländische Reede-
reien für den Warenverkehr zu entrichten hat, an einem Schiffs-
verkehr von rund 18 Millionen Tonnen in russischen
Häfen ist die russische Flagge nur mit 1,9 Millionen
Tonnen, d. h. ca. 11 o/o, beteiligt. Da Rußland aber weder fremden
Warenverkehr vermittelt noch irgendwie in wesentlicher Summe Gläubiger
des Auslandes ist, müssen diese gesamten Verpflichtungen vom Aus-
fuhrüberschuß getragen werden. Und da, wie bemerkt, dieser im Durch-
schnitt der letzten Jahre nur ca. 175 Millionen Rubel beträgt, muß
Rußland im Durchschnitt jährlich ca. 90 bis 100 Mil-
lionen Gold an das Ausland verlieren, wenn es
seinen Goldschatz nicht stets durch neue Anleihen
schützt. Zu demselben Ergebnis kommt man auf dem Wege einer ein-
fachen Bauernrechnung. — Die Schulden Rußlands im Ausland be-
tragen, wie Helfferich (nach französischen Quellen) schätzt, 7—9 Milliarden
Francs in Frankreich, 3 Milliarden in anderen Ländern (S. 1036). Mit
Aktien und Obligationen der Privatbahnen und Jndustriewerte dürften

0 Vgl. Rohrbach, S. 6S.

Der Schiff-
fahrttribut.

Der bedrohte
Goldschatz.

yy
        <pb n="106" />
        ﻿Die russischen
Bahnen.

also 12—14 Milliarden im Ausland untergebracht sein. Nach Abrechnung
des Disagios wären danach mindestens 10—12 Milliarden Francs effektiv
aus dem Ausland nach Rußland geflossen.

Da aber in Rußland — in der Bank und im Verkehr — sich nur
rund ö Milliarden Francs Gold befinden (vergl. Helfferich S. 1046),
müssen rund 5—7 Milliarden Francs wieder abgeflossen sein, beziehent-
lich die 5 Milliarden Gold, die sich Rußland durch Anleihen ins Land
geschafft hat, sind nicht abgeflossen, weil Rußland immer von neuen:
Anleihen im Ausland ausgenommen und Papiere an das Ausland
abgestoßen hat. Hervorheben möchte ich hierbei, daß die Valuta für
zirka 9 Milliarden Francs Anleihen und andere russische Papiere, die sich
in Frankreich befinden, erst seit 1887 im wesentlichen Rußland zugute
kam, denn was aus Deutschland und Holland nach Frankreich ging, ist
reichlich durch die Beträge ersetzt, welche seither Rußland in Deutsch-
land und Holland wieder plaziert hat. Zum allergrößten Teil ist das
Goldmanko von einigen Milliarden Francs daher zweifellos das Er-
gebnis der Zahlungbilanz der letzten 15 bis 20 Jahre. Die Tatsache,
daß Rußland dem Ausland zirka 12 Milliarden schul-
det, aber nur etwa 5 Milliarden Francs Gold be-
sitzt, beweist zwingend, da Rußland nirgends Gläu-
biger des Auslands ist, daß im Durchschnitt der
Jahre Rußlands Kreditposten im Ausland nicht aus-
reichend sind, den Debetposten zu genügen. Rußland
ist auch in Friedenszeiten gezwungen, immer von
neuem im Ausland Geld anzuleihen, wenn es seine
Baluta ausrechterhalten will.

2. Die Erträgnisse der russischen Staatseisen-

bahnen.

Soweit ausnahmsweise bekannt ist, daß die russische Staatsschuld
im letzten Jahrzehnt ungeheuer gewachsen ist, pflegt man dies Wachs-
tum auf die Vergrößerung des Staatseisenbahnnetzes zurückzuführen.
und der Meinung zu sein, daß danach die Zunahme der russischen Staats-
schuld nichts Bedenkliches habe. Im Gegenteil habe sich durch die Zu-
nahme der Einnahmen aus dem Eisenbahnbetrieb die Lage der russischen
Finanzen sogar verbessert. Dies ist der Standpunkt der russischen Re-
gierung und infolgedessen auch der Standpunkt Helfferichs.

Zunächst sei bemerkt, daß die Art der Verwendung der Staats-
anleihen und die Erträgnisse der mit deren Erlös gemachten Investi-
tionen auf die im vorigen Artikel behandelte Frage der Zahlungsbilanz
ohne Einfluß sind. In jedem Falle war die Valuta für die Anleihen
vom Auslande nach Rußland gekommen. Wurden die Materialien in
Rußland beschafft, so blieb das Geld hierfür im Lande, wurde das
Material im Auslande gekauft, so muß es in den Einfuhrziffern schon
enthalten sein. Und es bleibt demgemäß in allen Fällen die Tatsache

100
        <pb n="107" />
        ﻿bestehen, daß der größte Teil der vom Ausland durch Verkauf von
Wertpapieren und Anleihen beschafften Gelder ins Ausland wieder ab-
geflossen ist. Kann somit die Tatsache, daß ein großer Teil der vom
Ausland aufgenommenen Gelder zum Bau von Eisenbahnen Verwendung
gefunden hat, die Tatsache der ungünstigen Zahlungbilanz Rußlands
nicht aus der Welt schaffen oder in ihrer Bedeutung vermindern, so wäre
es doch immerhin möglich, daß im Innern des Landes gute Ertrag-
nisse der Staatseisenbahnen den Steuerdruck erleichtert und den Status
der russischen Finanzen verbessert hätten. Dieser Meinung gibt Helfferich
Ausdruck.

In Uebereinstimmung mit einem Budget-Bericht des russischen
Finanzministers für das Jahr 1902 bemerkt er, daß der Ueberschuß
der Staatsschuld über die Aktiven

am 1. Januar 1892 — 3026,3 Millionen Rubel
„1.	„	1902 — 1882,5

betragen, sonnt um	1143,8

sich vermindert habe.

Dieses schöne Ergebnis erhält Witte-Helfferich dadurch, daß er
alle Ausgaben, welche für die russischen Staats-Eisenbahnen gebucht sind,
als Anlagekosten estimiert. Run ist zunächst zwischen Ausgaben und
wirklichen Baukosten in Rußland ein großer Unterschied. Von 100 Mark,
die in Petersburg verausgabt werden, wird nur ein Teil wirklich ver-
baut. Der Rest wird verdient. Bei den älteren Eisenbahnbauten soll
beispielsweise der Bauunternehmer durchschnittlich für den Kilometer
60 000 Mark empfangen haben, dessen Herstellung 40 000 Mark gekostet
hat, wobei allerdings bemerkt sei, daß der Bauunternehmer nicht die
gesamten 20 000 Mark verdient hat, sondern mit einflußreichen Per-
sonen teilen mußte. Die Auslagen einfach als Wert einzustellen, ist
danach vollständig verfehlt. Hierzu kommt, daß die russische Regierung
auf Kapitalkonto auch solche Posten verbucht, welche anderweit abge-
schrieben, beziehentlich auf den Erneuerungsfouds verrechnet werden.

Wenn Schienen ausgewechselt werden, oder unbrauchbare Waggons
durch andere Ersatz finden, so ist augenscheinlich der Wert der Eisenbahn
nicht vermehrt. Anders nach russischer Berechnungsart; hier werden
die für die Unterhaltung des Betriebes neu zu machenden Anschaffungen
dem Kapital-Konto gut geschrieben, so daß es kein Wunder ist, wenn sich
nach dieser Berechnuugswcise der Wert der russischen Eisenbahnen auch
auf den alten Linien erhöhen muß. Wenn man das gleiche Verfahren
zum Beispiel bei der Dortmunder Union anwenden wollte, würde für
deren Aktien wahrscheinlich noch nicht einmal ein Kurs von 300 aus-
reichend sein, um die Aktiva zu balanziereu. Uebrigens bemerkt Helfferich
selbst zu dieser Berechnung, daß sie einen Faktor von problematischem
Wert darstellt. Dagegen gewähre einen einwandsfreien Ueberblick über
das Verhältnis von Staatsschuld und produktivem Staatsvermögen die
Gegenüberstellung der Erfordernisse für den Dienst der Staatsschuld

Hohe

Baukosten.

Willkürliche

Wertberech-

nuugeu

101
        <pb n="108" />
        ﻿und des Reinertrages aus dem Staatsvermögen. In dieser Beziehung
schreibt Helfferich im Anschluß an den Bndgetbericht für l902 (S. 1044):

im Jahre 1892 im Jahre 1900
Millionen Rubel

Der Reinertrag der Staatsbahnen und die
Zahlungen der Privatbahnen .... 55,4	139,0

Der Reinertrag der Forsten ....	.	10,5	45,6

Zusammen . .	.	66,9	184,6

Der Aufwand für den Anleihedienst. .	.	243,2	275,3

Aus anderen Einnahmequellen blieben mit-
hin für den Anleihedienst zu decken . . 176,3	90,7

Auch wenn man berücksichtigt, daß innerhalb des bezeichneten Zeit-
raums der Anleihedienst eine gewisse Entlastung durch die Verminderung
der Amortisation erfahren hat, bleiben diese Zahlen ein beredtes Zeugnis
für die außerordentliche Kräftigung der russischen Staatsfinanzen."

Sehen wir zunächst vom Reinertrag der Forsten ab, bei dem cs
wesentlich wäre, wie weit solcher innerhalb der Grenzen eines vernünftigen
forstwirtschaftlichen Betriebes, oder was wahrscheinlicher, durch über-
mäßig starke Abholzung erzielt ist, und halten wir uns lediglich an die
Eisenbahnen. Hier sind die Zahlen, die Helfferich angibt, der Wahrheit
nicht entsprechend. Das Ergebnis ist auch hier nur dadurch zustande
gekommen, daß die Ausgaben für Verstärkung und Verbesserung des Be-
triebes, welche dem Betriebs-Konto zur Last zu legen waren, auf Kapital-
Konto als Vermehrung des Anlagekapitals verbucht worden sind. Es
ist dies eine längst bekannte Tatsache, über die schon Rohrbach^) (Seite 31)
folgendes vermerkt:

ogenannte	„Der gelungenste Zug bei der finanzministeriellen Angabe über den

eberschüsse. Wert der Staatsbahnen ist aber der, daß unter den „Anlagekvsten"
natürlich auch jene famosen Ausgaben „zur Verbesserung und Verstärkung"
der bestehenden Eisenbahnen figurieren, Ausgaben, die, wie die oben
abgedruckte Tabelle zeigt, für die Zeit von 1888, wo die Verstaatlichung
der Eisenbahnen begann, bis 1900 insgesamt bereits ca. 315 Millionen
Rubel betrugen — ein Betrag, der für die Zeit von 1892 bis 1902 sogar
noch kaum ausreichen wird. Herr von Witte setzt also nicht nur in un-
zulässiger Weise den effektiven Wert seiner Eisenbahnen den Anlagekosten
gleich, sondern er rechnet unter diese angeblichen Anlagekosten auch noch
frischweg einige hundert Millionen Rubel, die, wie die russische
Reichskontrolle auch korrekterweise tut, auf Konto
der laufenden Betriebskosten gebucht werden müsse n."

Wie ersichtlich, hält selbst die russische Reichskontrolle das Wittesche
Verfahren nicht für korrekt. Entsprechend bemängelt Arthur Norden
in einer Kritik des Helfferichschen Artikels im Berl. Tagebl. vom 22. Ok-
tober, daß die für Bahnunterhaltung und Betrtebszubehör verwendeten
Millionen der Kapitalanlage zugerechnet werden, obgleich das werbende
Vermögen damit keinen Zuwachs erhalte. Ebenso hat Wittchewsky in
den erwähnten Artikeln in Konrads Jahrbüchern und im Archiv für

1) Dr. Paul Rohrbach „Das Finanzsystem Witte." Berit» 1908.

102
        <pb n="109" />
        ﻿Eisenbahnwesen^) die merkwürdige Berechnungsweise Wittes, dessen Fabeln
unentwegt von Helfferich vorgetragen werden, eingehend widerlegt. Er
bringt die folgende Tabelle:

Die Eisenbahnen im Budgetordinarium.

(in Millionen Rubeln)

Einna		hmc	n			klusgaben				
		ZKA	1	|li  Sc:	■§■ J.	CQ 2	s? §“  er Z  O Ä«.	1 Ä -£ Z § -§	I  s	§  s  S&gt;
			co		s	07	s) sa	&amp; Z	Ä	
1892	74,4	36,7	m,i	50,2	73,1	18,5		3,6	145,4	— 34,3
1893	85,1	34,6	119,7	57,0	79,1	14,5	—	3,7	154,3	— 34,6
1894	116,0	39,5	155,5	78,1	88,4	14,0	—	3,4	183,9	— 28,5
1895	194,7	23,0	217,7	125,5	109,6	3,4	12,5	4,4	255,4	— 37,7
1896	293,3	19,1	312,4	150,3	113,1	2,8	21,2	5,2	292,6	+ 19,7
1897	277,8	15,3	293,1	173,4	113,0	3,7	25,8	5,6	321,5	— 28,4
1898	348,2	14,8	363,0	192,8	114,6	1,3	41,0	6,0	355,7	-|- 7,3
1899	347,5	10,2	358,2	212,2	117,3	1,0	43,8	6,2	380,5	— 22,3
1900	361,7	12,2	373,0	237,1	117,4	5.8	45,9	6,8	413,0	— 39,9
1901	378,6	14,4	393,0	269,1	126,1	2,1	84,0	6,8	487,4	— 94,4
92/01 |	-	—	—	— | — | —			274,2	—	—	— 292,3
1902	407,9	9,1	417,0	307,5	128,8	6,11	100,8	3,3	546,6	— 129,6

Wie aus der Tabelle ersichtlich, verblieben 1900 nicht, wie Helffc-
rich angibt, 139 Millionen Rubel, sondern 77,4 Millionen gegenüber einem
Bedarf für Eisenbahnanleihen von 117,4 Millionen Rubel. Mithin hat
sich die Lage wesentlich verschlechtert, 1902 verblieb überhaupt kein
Ueberschuß mehr. Die gesamten Zahlungen für Zinsen und Amortisationen
der Anleihen stellten ein Defizit dar.

Wittchewsky bemerkt im Anschluß an die mitgeteilte Tabelle noch
folgendes:

Nun ist aber außerdem auch das Budgetextraordinarium mit großen
Summen am Eisenbahnwesen beteiligt, die außerordentlichen Aufwen-
dungen für Eisenbahnzwecke sind auf das Jahrzehnt 1892—1901 auf
120 Millionen Rubel jährlich zu beziffern. Da gleichzeitig, wie oben
berechnet, aus dem Ordinarium 29 Millionen Rubel jährlich aufgewendet
werden, so stellt sich die Gesamtbelastung der Budgets für die Eisenbahnen
auf 150 Millionen Rubel jährlich.

Die nieisten Kritiker haben dabei noch einen Punkt nicht berührt,
welcher das Erträgnis der russischen Eisenbahnen in Wirklichkeit noch
ungünstiger erscheinen läßt. Das Netz der russischen Eisenbahnen ist äußerst
schnell gewachsen, im Laufe von fünf Jahren (1. 9. 1898—1. 7. 1902) von
rund 42 000 km auf rund 58 000 km. Dies bedeutet aber für die vor-

9 von Wittschewsk»: Budget und Steiierverhältniffe Rußlands. Conrads Jahrbücher,
Juni 190t S. 782 ff. Desselben: Die Eisenbahnfiiianzen Rußlands, Archiv für Cisendahn-
wesen 1904, Heft 3.

Baugewinne.

103
        <pb n="110" />
        ﻿handenen Eisenbahnen große Transporte an Kohlen, Eisen, Schotter
und anderen Massenartikeln. Daher mußte die Vermehrung der Eisen-
bahnen, die am Ende äußerst ungünstig wirken wird, und schon wirkt,
in der Zwischenzeit das Betriebsergebnis auch vorteilhaft beeinflussen.
Hören die Neubauten auf, so fallen auch diese Transporte fort und damit
ein Teil der Einnahmen.

In jedem Fall ist das Ergebnis unleugbar, daß die Lage der
russischen Staatsfinanzen durch die Vergrößerung des Eisenbahnnetzes,
die meistens nicht nach wirtschaftlichen, sondern nach militärischen Gesichts-
punkten erfolgte, in hohem Maße verschlechtert worden ist. Ueber dieses
Ergebnis sind alle kompetenten Kritiker einig. Wenn Helfferich auf Grund
seiner Studien sich eine andere Ansicht gebildet und diese entsprechend
begründet hätte, so wäre nichts dagegen zu sagen. Er hat aber die um-
fangreiche Literatur, in welcher die Fabeln von Witte widerlegt sind,
einfach ignoriert und die Witteschen Behauptungen unentwegt wieder
vorgetragen. Daß Helfferich sich lediglich an Wittesche Quellen hält,
muß um so mehr befremden, als er dessen System früher selbst äußerst
zutreffend geschildert hat. Sehr glücklich macht der erwähnte Artikel
Nordens im Berliner Tageblatt auf folgende 1901 gemachte Ausführungen
Helfferichs über Rußland aufmerksam^)

„Sie haben dort ein autokratisches Regiment, das die Opposition
der Landwirtschaft gegen eine übertriebene Begünstigung der Industrie
einfach ignorieren kann und ignoriert hat. Sie haben dort einen ziel-
bewußten und energischen Minister, der sich die Erziehung einer leistungs-
fähigen Industrie zur Lebensaufgabe gemacht hat. Sie haben dort
nicht nur hohe Zölle auf Jndustrieprodukte, sondern auch umfangreiche
direkte Staatssubventionen für industrielle Betriebe. Und alle diese
Anstrengungen, dieses ganze Aufgebot von Mitteln
hat nicht viel mehr erreicht, als daß Rußland nach
kurzem Aufblühen der industriellen Tätigkeit in
eine überaus schwere Krisis verfallen ist, die es trotz
aller Staatshilfe um viele Jahre in seiner Entwick-
lung zurückwirf t."

Witte gegen	Schließlich sei bemerkt, daß als Autorität gegen Helfferich —

Helfferich. auch noch der Finanzminister Witte ins Feld zu führen ist. — In der
Plenarsitzung des russischen Rcichsrats vom 30. Dezember 1902 (12. Ja-
nuar 1903) lag ein Bericht Wittes vor, in welchem er ausführt, daß
die Zuschüsse der Krone für die Eisenbahnen 2,6 Millionen Rubel
betragen haben, 1901, nach vorläufiger Feststellung der Reichskontrolle,
dagegen 32,9 Millionen. Für 1902 seien die Zuschüsse auf 45,
1903 auf 51 Millionen Rubel zu schätzen, einschließlich der
ostchincsischen Eisenbahn auf 60 Millionen. Nach Fertigstellung der
neuen Linien Ribinsk-Bologoj und Orenburg-Taschkent könne 1905 das
Defizit die Höhe von 84,5 Millionen Rubel erreichen.

Hierzu bemerkt Paul Rohrbach?): Diese Zahlen sind insofern falsch,

Handelspolitik. Vorträge. Verlag von Duncker &amp; Humblot, Leipzig. Vergleiche
hier die schwache Entgegnung Helfferichs in seinem Bache (S. 49).

2) Die Zeit, 4. Juni 1903, S. 297.

104
        <pb n="111" />
        ﻿als sie das Defizit noch viel zu gering angeben. In Wirklichkeit hat es
bereits für das abgelaufene Finanzjahr 1902 die kolossale Summe von
130 Millionen MarkZ betragen. Nur durch die gewagtesten Ver-
schleierungskünste im Budgetbericht ist das bemäntelt worden. Aber
gleichviel: Die Tatsache, daß Herr von Witte der Oeffent-
lichkeit gegenüber mit Bewußtsein über russische
Finanz Verhältnisse falsche und irreführende An-
gaben nicht nur allgemeiner, sondern auch detail-
lierter Natur gemacht hat, ist jetzt aktenmäßig fest-
g e st e l l t."

Und nachdem wir so Witte-Helfferich zum Schluß auch durch Witte
widerlegt haben, erscheint zweifellos bewiesen, daß die Vergröße-
rung des russischen Staatseisenbahnnetzes die russi-
schen Finanzen nicht gekräftigt, sondern in hohem
Maße geschwächt hat.

3. Rußlands Reichtum.

Zu den wichtigsten Legenden, welche im Interesse der russischen
Finanzen erfunden und in Umlauf gesetzt wurden, gehört die Legende
vom russischen Reichtum. Dem Philister ist vielfach bekannt, daß in
Rußland viel gestohlen wird, aber er tröstet sich damit, daß Rußland
ein reiches Land sei, deshalb werde es seine Zinsen immer zahlen,
und deshalb könne es ihm als Besitzer russischer Papiere schließlich
gleichgültig sein, ob in Rußland etwas mehr gestohlen würde oder weniger.

Es bedarf geringer Mühe, nachzuweisen, daß der russische Reichtum
nur eine Fabel ist. Wenn Rußland so reich wäre, woher kommt es,
daß es sein Geldbedürfnis in Kriegs- und Friedenszeiten nicht in Ruß-
land, sondern im Auslande zu befriedigen sucht? Hier spielt aller-
dings die Notwendigkeit mit, die Goldvalnta durch Auslands-Anleihen
zu schützen, welche sonst gegenüber den Zahlungsverpflichtungen im Aus-
land nicht aufrecht erhalten werden könnte. Andererseits müßte die Tat-
sache, daß allein der russische Staat jährlich rund 500 Millionen Francs
für Zinsen und Amortisationsauoten seiner Anleihen im Ausland zu
zahlen hat, einen vorsichtigen Finanzminister davon abhalten, sich an
den auswärtigen Markt zu wenden und so die Schuldenlast im Ausland
noch zu vergrößern. — So klug ist aber der russische Finanzminister
auch, und wenn er trotzdem sich stets an das Ausland wendet, so liegt es
eben daran, daß er sein Kreditbedürsnis im Inland gar nicht oder
nur unter weit ungünstigeren Bedingungen befriedigen könnte. — Das
heißt aber nichts anderes, als daß die russische Bevölkerung nicht im-
stande oder willens wäre, ihrer Regierung den erforderlichen Kredit
für die Staatsbedürfnisse zu angemessenem Zins zu gewähren. Die
Staatsschuld eines Landes bietet ihrem Betrage nach keinen Anhalt
für den Reichtum eines Landes, sie ist in dem reichen Frankreich weit
größer als in Rußland. Dort sind aber die Anleihen sämtlich im

0 In Wirklichkeit hrt auch Rohrbach noch viel z» gering geschätzt, Nie die WittchewS-
kyschc Tabelle ergibt.

Der russische
Reichtum.

Ans Ausland
verschuldet.

105
        <pb n="112" />
        ﻿Der russische
Mensch.

Zwangsweiser

Getreide-

export.

Inland untergebracht, welches zudem in riesigen Beträgen Gläubiger
des Auslandes ist, Non den russischen Anleihen sind dagegen Wohl achtzig
Prozent im Ausland untergebracht. — Wenn der russische Staat seine
Zinsen nicht zahlt, würden z. B. die Verluste in Deutschland weit größer
sein als in Rußland. Dabei ist Deutschland lange nicht Rußlands größter
Gläubiger. Rußland wäre also reich — es hätte aber kein Geld. —
Es gibt ja auch im privaten Wirtschaftsleben solche „Millionäre", welche
große Terrains besitzen und große Steuerzahler sind, welche aber ihre
Terrains immer stärker belasten müssen, um ihren Zinspflichten gerecht
zu werden. — Wird Rußland dauernd in der Lage sein, dies zu tun?
Augenscheinlich besitzt Rußland zwei Faktoren, Land und Menschen. —
Daß im allgemeinen der russische Mensch kein starker wirtschaftlicher Faktor
ist, ist zweifellos. — Die oberen Klassen neigen zur Verschwendung, der
Bauer ist bedürfnislos, aber wenig intelligent, 50 Millionen Deutsche
bedeuten wirtschaftlich mehrfach die Potenz der 120 Millionen Russen,
von welchen jeder Kopf dem Ausland rund 125 Mark verschuldet.
Bleibt das Land — der Boden ist gilt, aber jeder Boden ist schließlich
nur so viel wert wie seine Bewohner. Gerade an Rußland läßt sich
nachweisen, wie die ursprünglich günstigeren Produktionsverhältnisse durch
schlechte Wirtschaft sich verschlechtert haben. —

Rußlands starker Getreideexport, das Rückgrat des russischen Handels
und der russischen Finanzen, ist nicht eine Folge der großen Erträg-
nisse des Landes, sondern ist durch den starken Steuerdruck bewirkt, welcher
auf der russischen Bauernschaft lastet. Dies ist eine in Fachkreisen, aber
leider nicht dem Publikum bekannte Tatsache. So schreibt die gemäßigte
und durchaus nicht antirussische&gt; eher antijapanische Frankfurter
Zeitung vom 8. Oktober in einer Kritik des Helfferichschen Artikels:
„Wie dieser?) betrieben wird, ist bekannt: die Re-
gierung zwingt den Bauer zllm Verkauf des zur Er-
nährung seiner Familie selb st benötigten Getreides,
indem sie die hohen Steuerrück st ände unmittelbar
nach der Ernte eintreiben läß t."

Daß in diesem Kunstgriff, welcher nicht nur jetzt, während des
Krieges, sondern in dauernder Praxis zur Anwendung gelangt, das Ge-
heimnis des großen russischen Exports liegt, ist von Rohrbach überzeugend
im Anschluß an russische Schriftsteller dargelegt. Er bemerkt (S. 65):
„Das System Witte steht und fällt mit der Erpressung der
Bauern st euern und dem dadurch ins Werk gesetzten
Getreideexpor t."

Einige der Tatsachen, auf Grund deren er zu diesem Schluß ge-
langt, scheinen mir einen zwingenden Beweis zu liefern. Von 100 kg
Ernteertrag hat in Bayern der Bauer 22 Pfennige Steuern zu be-
zahlen, der russische aber 47, also mehr als das Doppelte, wobei man
noch berücksichtigen muß, daß der Russe für sein Getreide einen sehr
viel geringeren Preis bekommt als der Bayer. Der Steuerdruck ist
danach in Rußland etwa dreimal so hoch als in Bayern (Rohrbach S. 57).

*) Nämlich der Getrettehandel.

106
        <pb n="113" />
        ﻿Die Gesamt summe der bäuerlichen Steuerrückstände (obgleich
der russische Steuererheber zweifellos nicht sentimentaler ist als irgend
einer seiner Kollegen) hat sich von 1892 bis 1901 um 78,5 Prozent
vergrößert (Rohrbach S. 59). Dies ist nicht wunderbar, denn
der Ertrag des Bodens ist zurückgegangen, die Ergiebigkeit des Schwarz-
erderayons um volle 27 Prozent. In den 25 Jahren von 1870 bis
1894 hat sich die gesamte russische Getreideproduktion zwar von 400
bis auf 515 Millionen Hektoliter vermehrt, die unter Kultur befindliche
Anbaufläche ist in noch schnellerem Maße gewachsen als der Ernte-
ertrag (Rohrbach S. 59). Durch die überseeische Konkurrenz ist der
Wert des Getreides gesunken. In der Zeit von 1885 bis 1892 wurden
rund 3 Milliarden PndZ Getreide im Werte von 2i/z Milliarden Rubel
ausgeführt, 1893 bis 1900 4 Milliarden im Wert von 22(3 Milliarden
Rubel. Auf den Kopf der Bevölkerung kommt im Jahre 1870 noch eine
Ernte von 5,5, 1894 aber nur noch von 4,9 Hektolitern (Rohrbach S. 47).

In Rußland werden auf den Kopf der Bevölke-
rung, wenn man den Nährwert der Kartoffel im Verhältnis zum
Getreide auf ein Viertel ansetzt und demgemäß ein Mertel der Kar-
toffelernte zu dem Getreidequantum zuschlägt, im Mittel der Jahre
1883—1898 nach Abzug der Aussaat 22,4 Pud geerntet, in
Deutschland werden 24,2 Pud jährlich pro Kopf ge-
erntet. — Der Verbrauch in Deutschland, welches eine
starke Einfuhr in Cerealien hat, beträgt aber sogar 27,8 Pud
per Kopf. (Rohrbach S. 50 1.) Bei einer Ernte von 22,4 Pud ex-
portiert Rußland Getreide, bei einer Ernte von 24,2 Pud importiert
Deutschland Cerealien. — Wenn der Russe ebensoviel Ge-
treide verzehren sollte wie der Deutsche, so würde
nicht nur kein Export von Getreide stattzufinden
haben, sondern es müßte im Gegenteil Rußland Ge-
treide in einer Quantität einführen, welche unge-
fähr dem vierten Teil der russischen Ernte gleich-
käme. — Dabei hat natürlich in anderen Lebensmitteln, wie Fleisch,
Zucker usw., der Deutsche einen weit größeren Konsum als der Russe.
— Der große russische Getreideexport kommt also nicht davon, daß der
russische Bauer mehr produziert, als er normalerweise verzehren kann,
sondern davon, daß er sich nicht satt ißt. Daher ist die Sterblichkeit
in Rußland eine abnorm hohe. — Mit durchschnittlich 34,8 jährlichen
Todesfällen auf das Tausend wird sie, wie Rohrbach (S. 53) angibt,
soweit Statistiken existieren, nur von der Sterblichkeit in Honduras, den
Fidschi-Inseln und der der weißen Bevölkerung in Niederländisch-Jndien
übertroffen. In Oesterreich ist die Sterblichkeit nur 30,9 — in West-
europa zirka 22—25. — Das russische Vieh ist minderwertig, franzö-
sisches Rindvieh wiegt durchschnittlich 25 Pud, russisches gewöhnlicher
Sorte kaum die Hälfte, das Lebendgewicht des französischen Pferdes be-
trägt im Durchschnitt 29 Pud, das des russischen Bauernpserdes 12—18
Pud. (S. 51.) Ebenso mangelhaft wie in qualitativer Beziehung ist

Die rusfische
Ernte.

Das russische
Vieh.

&gt;) 1 Pu» — 16,3 Kilo.

107
        <pb n="114" />
        ﻿Der russische
Konsum.

die Viehhaltung quantitativ. — In dieser Beziehung bringt Rohrbach
(S. 471) folgende tabellarische Uebersicht über den Biehstand, den Ruß-
land tatsächlich hat, und den es nach normaler Wirtschaftsweise in der
in Deutschland, Frankreich usw. üblichen Art haben müßte. — Als Vieh-
bestand auf 1000 DesjatinenZ ergab sich, daß Rußland

	besitzt	besitzen sollte	Defizit
Pferde . .	.	.	17,0	25,0	8,0
Hornvieh .	.	.	24,4	114,6	90,2
Schafe . .	.	.	38,1	144,1	106,0
Schweine .	.	.	9.1	49,3	40,2

Dieser Punkt ist von großer Tragweite, weil von der Viehhaltung die
ordnungsmäßige Düngung des Bodens abhängt, und zweifellos die un-
genügende Düngung für den relativen Rückgang des Bodenerträgnisses
den entscheidenden Faktor gebildet hat.

Helfferich hat sich mit der wichtigen Frage der tvirtschaftlichen
Potenz des russischen Untertanen nur ganz kurz (S. 1040/50) befaßt. Er
gibt dort eine Uebersicht über die Entwicklung einer Anzahl Industrien
und eine Uebersicht über die Zunahme des Konsums einiger besonders
wichtiger Artikel. Auch hier sind die Zahlen, amtliche russische Zahlen,
von Rohrbach schon als unrichtig nachgewiesen. Ueber die erste Tabelle
haben wir die Darlegungen Rohrbachs schon mitgeteilt. — Wir wieder-
holen daraus, daß die ungeheure Ziffer von 046,3 Will. Rubeln als
Wert der russischen Textilproduktion nur dadurch zustande gekommen
ist, daß man den Wert des Rohmaterials, des Garns und des Gewebes
einfach addiert hat. Der Wert der in Rußland hergestellten Gewebe
beträgt in Wirklichkeit höchstens 266&gt;/z Millionen Rubel (Rohrbach S. 17).

Auch bezüglich der zweiten Tabelle ist von Rohrbach

Verbrauch pro Kopf der Bevölkerung

	(in russischen Pkunden)	
	1893	1900
Tee		.	.	0,73	0,94
Zucker ....	. . 8,28	11,20
Baumwollwaren .	. .	3,52	4,32
Petroleum .	. .	. . 10,6	13,4
Eisen und Stahl.	.	.	25,2	39,6

die Unrichtigkeit (S. 15—20) nachgewiesen. Für Petroleum ergeben
seine Ziffern statt einer Steigerung von 10,6 auf 13,4 eine Abnahme
von 1803—1809 von 12,3 ans 11,7, bei Baumwolle eine Abnahme
von 4,6 auf 4,2 im Jahre 1800. — Zucker ergab von 1894—1900 nur
eine Zunahme von 9,7 auf 10,6. Die kleinen Zunahmen von Zucker
und Tee hängen einerseits ivohl mit der Zunahme der Stadtbevölkerung
— andererseits ivohl mit dem Preise zusammen.

Beispielsweise war 1802 der Jnlandpreis des Zuckers 6 Rubel,
der Preis für Exportzucker 3,30 Rubel. Mit der Besserung dieses un-
natürlichen Verhältnisses mußte der Konsum steigen, er ist aber mit

o) Die Dcsjatiue ist ungefähr so groß wie ein Hektar.

108
        <pb n="115" />
        ﻿11 Pfund nicht viel größer als 1/z des Konsums in Deutschland oder
Frankreich, der 31 beziehentlich 30 Pfund pro Kopf ausmacht. — Das
Darben ist dem russischen Bauer zur Gewohnheit geworden, unter-
brochen von den Jahren ausgesprochener Hungersnot, in welchen der
„Golod", der „große Hunger", über die Felder geht — nicht die „Go-
lodowka", das „kleine Hungerchen", welches häufiger Gast ist (vergl.
W. Siebert, Die liberalen Bestrebungen in Rußland un'd ihre Aus-
sichten. Das freie Wort, 2. Novemberheft, 1904). Förmlich zärtlich
klingt die Bezeichnung „das kleine Hungerchen", wie von einem Kame-
raden, an den uns Jahre der Gemeinsamkeit binden.

Daher sind Bauernunruhen in Rußland förmlich typisch geworden.
Den Bauer, der überall konservativ, in Rußland noch besonders schwer
beweglich ist, kann nur die bitterste Not zum Aufruhr treiben, und
deshalb ist die typische Erscheinung der Bauernrevolten ein sicherer Be-
weis für die Verelendung des russischen Bauern. Dabei ist zu berück-
sichtigen, daß Ereignisse, welche außerhalb der wirtschaftlichen Verhält-
nisse Rußlands liegen, die Lage der russischen Bevölkerung in riesigem
Maße hätte bessern müssen. Seit etwa zwei Jahrzehnten geht ein ununter-
brochener Geldstrom von Milliarden aus dem Ausland nach Rußland.
Gewiß, es sind geborgte Milliarden, aber diese waren bisher nicht, zurück-
zuzahlen, sondern nur zu verzinsen. Das Einfließen so riesiger Summen
hätte daher auf die russische Volkswirtschast ungemein befruchtend wirken
müssen. Tausende von Kilometern Eisenbahn wurden von diesem Gelde
gebaut. Bergwerke und Fabriken wurden mit dem Gelde der Aus-
länder betrieben. Dies mußte den Konsum von Eisen vergrößern, mußte
einen konsumierenden Arbeiterstand schaffen, welcher als Abnehmer des
Bauern dessen Lage hätte verbessern und mit seinem Bedarf den Konsum
von Tee, Zucker, Petroleum usw. in starkem Maße hätte steigern müssen.
Daß dies nicht der Fall gewesen ist, ist ein weiterer Beweis für die
schlechte wirtschaftliche Lage der russischen Bevölkerung.

Das Wartmsche (Kuch.

(2. September 1905.)

Wenn man vor wenigen Tagen noch einen Börsenkommis gefragt
hätte: „Na, was sagst du zu Martin?" er hätte unzweifelhaft mit der
Gegenfrage geantwortet: „Was ist's mit ihm? Hat man ihm in Epsom
die Lizenz entzogen? Hat er sich zu Haymarket das Genick gebrochen?"
Denn ganz sicher hätte damals jeder Kommis mit der vertraulichen
Bezeichnung „Martin" den ehemals in Hoppegarten so beliebten Jockey,
den Meister deutscher Reitkunst gemeint. Seit einigen Tagen aber ist

Wer ist
Martin?

109
        <pb n="116" />
        ﻿Olle Kamellen.

ein anderer Martin in der Burgstraße populär: eiu Kaiserlicher Re-
gierungsrat, der früher im Reichsamt des Innern und jetzt im Sta-
tistischen Amt tätig ist und ein Buch über die Zukunft Rußlands und
Japans geschrieben hat. Und wenn man jetzt den Bankkommis nach
„Martin" fragt, so wird er fuchsrot und schreit den Frager an: „Was
kann an dem sein? Der verkehrt ja nur in Berlin W. und möchte gern
reich heiraten." Machst du aber den Kommis durch Aeußerungen des
Zweifels ganz wild, so tischt er dir sicher die schon manch anderem an-
gehängte Anekdote auf — der Herr Regiernngsrat habe sich neulich,
als er seine Tischdame bei der Suppe fragte, ob sie noch Geschwister
habe, zur Antwort sagen lassen müssen: „Ja, bei uns geht es in fünf
Teile."

Komisch, komisch! Seit wann hält man es an der Börse für
schimpflich, in Berlin W. zu verkehren, gern reich heiraten zu wollen
und sich bei seiner Tischdame so ganz direkt nach den Potenzen ihres
Herrn Bakers zu erkundigen? Als ob man nicht auch einen echt ge-
tauften Regierungsrat im Tiergarten gern als Freier sähe! Was tat
euch denn gerade dieser Regierungsrat?

Um es kurz zu sagen: Man klagt ihn der Geschäftsstörung, des
Börsensriedensbruches an. In seinem Buche verdonnert er die russi-
schen Finanzen in Grund und Boden. Alle Welt kauft es. Kleine Sor-
timenter zeigen es mit großen Annoncen in der Zeitung an, die Jour-
nalisten besprechen es in langen Leitartikeln. Mit einem Wort: es wird
bald neben Jörn Uhl, Thomas Truck, Götz Krafft, den „Briefen, die
ihn nicht erreichten", den „Memoiren einer Verlorenen" und dem
Schindcrhanues zu den gclcscnsten Büchern der deutschen Literatur ge-
hören. Da man nun einen Sachverständigen, dessen Gutachten den
Kurs der russischen Werte nach unten beeinflußt, au der Börse nicht
leiden kann, so schimpft man auf ihn.

Für die Börse ist Herr Martin nämlich Sachverständiger und für
einen großen Teil der Presse auch. Man bestaunt jedes seiner Worte
und tut, wie wenn in seinen Zeilen ganz neue Offenbarungen enthalten
seien. Ja, hat man denn das letzte Jahrzehnt verschlafen? Vor vielen
Jahren schon haben der Professor Jsaieff scharfe Kritik an Herrn Wittes
Finanzsystem geübt, Peter Loehtin und Parvus-Lehmann die traurige
Verfassung der russischen Landwirtschaft aufgedeckt, haben Georg v. Boutmi
und Struve den Witteschen Berichtschwindel und Peter Migulin das
Elend der russischen Reichsbank entschleiert. Die Balten Paul Rohrbach
und v. d. Brüggen haben in Büchern, Broschüren und Zeitschriften
diese Kritiken auch deutschen Lesern näher zu bringen versucht. Aber
wo blieb die allgemeine Erregung? Herr Professor v. Reußner^) hat in
den Spalten des Plutus unter Berufung auf die namhaftesten Staats-
rechtslehrer seiner Heimat die willkürliche, betrügerische Art gegeißelt,
in der das russische Budget für das Ausland frisiert wird und — die
russischen Renten sind gestiegen trotz Krieg, Pest und Niederlage. Jetzt
kommt nun ein Kaiserlicher Regierungsrat, der lange bekannte Tatsachen

i) Vergleiche den Aufsatz „Russischer Budgetschwindel" in dieser Sammlung.

110
        <pb n="117" />
        ﻿ausgräbt, zusammenstellt, ein Buch daraus macht, und die ganze Welt,
insoweit sie russische Papiere besitzt, hallt von seinem Ruhme wider.

Wie ist das möglich? Das Buch ist in seinem volkswirtschaftlichen
Teil spottschlecht. Keine Disposition, keine Beweise für schwerwiegende
Behauptungen, phantastische Zahlenschätzungen und in der Hauptsache
ein Sammelsurium von Zitaten, das mit der Prätension eigener Geistes-
arbeit auftritt, ohne daß selbst nur der verbindende Text eine Spur
von Originalität zeigte. Aber ein Regierungsrat hat's geschrieben, und
der ist eben etwas anderes als gewöhnliche Sterbliche. Deswegen feiert's
sicher mancher. Aber es wäre oberflächlich, nur aus solcher Fadheit heraus
die neueste Sensation zu erklären. Man hat gar nicht so unrecht,
wenn man die Autorschaft eines Regierungsrates in diesem Falle als
etwas Ungewöhnliches schätzt. Nicht etwa, weil er im Gegensatz zu
seinem Kollegen in Reichsdiensten, Herrn Helfferich, die russischen Fi-
nanzen schlecht findet. Aber das Buch enthält auch einen sehr inter-
essanten Teil, der nicht von Volkswirtschaft und Statistik, sondern von
Politik und Geschichte handelt. Auch hier ist manches schief, aber vieles
sehr geistreich in den Schlüssen und Vergleichen, und vor allem alles,
aber auch alles ganz anders, als es sein müßte, wenn die augenblick-
liche deutsche Politik gegenüber Rußland gerechtfertigt sein sollte/ Und
daß so etwas ein Reichsbeamter, ein Untergebener des Fürsten Bülow,
schreibt, ist allerdings sehr bemerkenswert.

Der Herr Regierungsrat liest der Börse gehörig den Text, daß
sie nicht an die russische Revolution glauben will, wo man doch mitten
darin sei, und daß sie meint, mit der Einberufung der Duma sei alles
wieder in bester Ordnung, während dann erst die Hauptphase der Re-
volution einsetze. Er beweist seine These an der Hand der Vorgänge
während der großen Revolution, in der Necker eine ähnliche Rolle wie
heut Witte spielte. Behauptung und Vergleiche sind nicht neu. Ich habe,
ohne mir auf das sich jedem Geschichtskundigen geradezu aufdrängende
Gleichnis etwas zugute tun zu wollen, an dieser Stelle im Januar
dieses Jahres geschrieben: „Die französische Revolution ward nicht am
Tage des Bastillensturmes geboren, sondern durch die Unterzeichnung
des Dekrets, das die Generalstände berief. Und die russische Revolution
fängt nicht an mit den Petersburger Metzeleien, sondern hat schon lange
begonnen mit dem von der Regierung selbst berufenen Semstwo-
kongreß .i . . ."*) Damals war von der Duma noch keine Rede. Jetzt
liegt der Vergleich zum Greifen nahe. Und doch gibt Herr Martin hier
manches — na, sagen wir in den Schriften von Regierungsräten sonst
nicht zu Findendes. Er entpuppt sich nämlich — ohne daß er das selbst
gewahr wird — als Marxist und weist haarscharf nach, daß der Gang
der Geschichte durch wirtschaftliche Gesetze beeinflußt wird, und daß die
Mitglieder der zukünftigen russischen Duma, ob sie wollen oder nicht,
durch den Zwang der wirtschaftlichen Gesetze den Staatsbankrott werden
dekretieren müssen: In Frankreich erklärten die Mitglieder der National-
versammlung zunächst das Wort „Staatsbankrott" für infam, und Mira-

i) Verg'eiche den Aufsatz „Mendelssohns" in dieser Sammlung.

Die

Schwächen des
Buches.

Revolutions-

prophe-

zeiung.

111
        <pb n="118" />
        ﻿Der Staats-
bankrott als
Entlastung.

beau bemühte sich, durch Parlamentsbeschluß die Revolution in das
ruhige Fahrwasser konstitutioneller Reformen zu leiten. Aber durch den
guten Willen einzelner Menschen wurden die Schulden nicht kleiner,
hörten die Hungersnöte nicht auf. Die wohlhabenden Klassen, die die
Revolution aufs rein politische Gebiet beschränken wollten, wurden von
den Jakobinern unters Fallbeil geschleift. Die Duma wird dem Bauer
kein Brot geben können, sie wird noch weniger in der Lage sein,
ihn von einem Jahr zum andern von der veralteten Dreifelderwirtschaft
zur Fruchtwechselwirtschaft zu gewöhnen. Und ohne eine blühende Land-
wirtschaft wird nun einmal Rußland die Zinsen seiner vermehrten
Staatsschulden dauernd aufzubringen nicht in der Lage sein.

An dieser Stelle setzt das Eigene und gleichzeitig das Verdienst-
volle des Martinschen Buches ein. Was würde ein Staatsbankrott für
Rußland bedeuten? Die Anleihen dieses Riesenreiches befinden sich
fast vollständig in ausländischem Besitz. Zum größten Teil in Frankreich,
zu einem erheblichen Teil in Deutschland. Wenn Rußland die Zins-
zahlungen einstellt, so schädigt es seinen eigenen Nationalreichtum nicht
im mindesten. Aber, wie schon der alte Klassiker der deutschen National-
ökonomie, Wilhelm Roscher, gerade mit Bezug auf Rußland ausgeführt
hat, besitzt jeder Staat, der seine Anleihen im Ausland untergebracht
hat, damit ein schreckliches Machtmittel gegen seine Gläubiger: Zahlt
Rußland keine Zinsen mehr, so ist augenblicklich ein ganz erheblicher
Teil des deutschen Volksvcrinögens vernichtet. Ein verheerender Krieg
kann uns nicht tiefere Wunden schlagen, als es ein Machtwort des Zaren
oder ein Beschluß der zukünftigen Duma in betreff der Zinsfrage
tun kann. Rußland kann, wenn es will, jeden Tag Europa kampf-
untüchtig machen. Und bei dem notorisch schlechten Gedächtnis, das die
Kapitalisten für Staatsbankrotte haben, wäre dieser Wille für spätere
Geldbeschaffungen nicht einmal verhängnisvoll. Aber wenn Rußland
jetzt noch den guten Willen hat, es kommt einmal die Zeit, wo der
beste Wille nichts nützen wird. Und für diese Zeit soll sich das deutsche
Publikum jetzt schon vorbereiten, indem es seine russischen Anleihen
langsam nach Rußland und Frankreich zurückverkauft und auf keinen
Fall die Zulassung neuer Anleihen geschehen läßt. Konzentriert sich der
russische Rentenbesitz in Paris, so wird der sicher einst eintretende
russische Staatsbankrott die Volkskraft Frankreichs lähmen, und Rußland
muß bis dahin vor einem deutsch-französischen Krieg zittern, der Frank-
reichs Kapitalisten zwingen würde, die Anleihen zurückzuwerfen. Ohne
einen Schwertstreich wäre Deutschland Sieger über seine beiden, bisher
gefürchteten Nachbarn. Schon bei der Marokko-Affäre stand Rußland
vor der Gefahr, daß der Anprall der Anleiheverkäufe des geldbedürf-
tigen, zum Kriege rüstenden Frankreichs seine Goldwährung zertrümmerte.

So steht nach Martin Deutschland am Scheidewege. Die eine
Gabel des Pfades führt zum unblutigen Siege, die andere zu dauernder
Knebelung ohne kriegerische Niederlage. Daß die zukünftigen Kriege
weniger auf dem „Felde der Ehre" als auf dem Parkett der Börse
verloren oder gewonnen werden, hat Herr Martin in neuer Wort- und
Gedankenfassung beleuchtet.

112
        <pb n="119" />
        ﻿Es f 19wWI“ft 1 8 t i 1

Erstes Nachwort.

(16. September 1905.)

Der russische Finanzminister hat erklären lassen, daß er eine Er-	Ankündigung

wtderung dem bekannten Martinschen Buch widmen würde, um die dort	einer russischen

angeführten Einzelheiten bis ins einzelste zu widerlegen. Das wäre kein Widerlegung.
Meisterstück. Ich habe bereits bei der Besprechung des Buches darauf hin-
gewiesen, daß der volkswirtschaftliche und statistische Teil der Martin-
schen Ausführungen außerordentlich oberflächlich sei und dort, wo er Neues
bietet, kaum zu verteidigen sei. Aber das gerave ist ja charakteristisch
für die Wittesche Politik, daß man auf die schwerwiegenden Angriffe,
die seit einem Jahrzehnt beinahe gegen die russische Finanzgebarung
erschienen sind, geschwiegen hat, daß man aber antwortet, sobald ein
schwacher Gegner auf dem Plan erscheint, dessen Phantasien man aller-
dings leicht mit kräftigen Streichen zusammenhauen kann. Insofern ist
für den berechtigten Kampf gegen die gröbliche Täuschung der öffent-
lichen Meinung durch die russischen Gewalthaber das Erscheinen des
Martinschen Buches geradezu ein Unglück gewesen. Denn es gibt dem
rührigen Herrn Witte jetzt willkommene Gelegenheit, der Oeffentlichkeit
wieder Sand in die Augen zu streuen. Und es wird schwer halten,
das Wittesche Lügengewebe von neuem zu entwirren. Man darf ja über-
haupt auf das gespannt sein, was jetzt in Rußland an Schönfärberei
geleistet werden wird. Schon ist die Erklärung veröffentlicht worden,
daß die nächste Etatsaufstellung sich vorzüglich ausnehmen wird, daß
alle ordentlichen Ausgaben durch ordentliche Einnahmen gedeckt werden.

Daß Herr Witte Etats aufmachen kann, wird ihm niemand bestreiten.

Er ist ein kluger, fleißiger und gewandter Mann, und manches, was
er sicher als Privatmann nicht zu tun wagen würde, glaubt er als
warmherziger Patriot und ergebener Diener seines Kaisers im Interesse
des Staates tun zu müssen. Freilich muß er es sich auch gefallen
lassen, daß man im Ausland, wo die Presse nicht an ministerielle
Weisungen gebunden ist, die Staatsbilanz, die er aufstellt, einer pein-
lichen Prüfung unterzieht. Man wird übrigens gut tun, mit dieser
Prüfung nicht bis zum Erscheinen des Etats zu warten, sondern schon
die Ausweise der russischen Staatsbank einer kritischen Betrachtung zu
unterziehen, die nach mancher Richtung hin recht lehrreiche Resultate
ergibt. Der letzte Ausweis vom 29. August zeigt, daß der Notenumlauf
^jch seit der Vorwoche von 1,04 auf 1,06 Milliarden Rubel erhöht hat.

Inzwischen ist die Notenemission weiter auf rund 1,1 Milliarde ge-
stiegen. Mithin ist der Notenumlauf des russischen Staates seit dem
Ausbruch des Krieges von 630 Millionen auf 1100 Millionen ange-
wachsen. Im letzten Ausweis wird ein ganz erhebliches Guthaben des
russischen Staates bei der Reichsbank ausgewiesen. Andererseits aber
sind die der Bank gehörigen Fonds von 54 auf 91 Millionen ge-
stiegen, d. h. aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt, daß der Staat
wohl seine baren Schulden bei der russischen Reichsbank beglichen hat,

113
        <pb n="120" />
        ﻿daß er dafür die Bank aber zwang, seine Anleihen zu übernehmen. Ein
großer Unterschied ist das, wie mir scheint, nicht.

*

*

*

Zweites Nachwort.

(14. Oktober 1905.)

Neue Anleihe
in Sicht I

Der korrigierte
Helfferich.

Es kann kaum noch einem Zweifel unterliegen, daß wir vor der
Ausgabe einer neuen russischen Anleihe stehen. Zu der Zeit, wo ich
diese Zeilen schreibe, wird zwar noch sehr eifrig dementiert. Man be-
hauptet, durchaus nicht zu wissen, was Herr Witte für Absichten und
die Reise des Herrn Fischel nach Petersburg für einen Zweck gehabt habe.
Aber es hat doch sehr den Anschein, als ob es leider trotz aller Be-
mühungen nicht gelungen ist, unsere hohe Finanzwclt davon ^u über-
zeugen, daß es zurzeit weder politisch noch finanziell ratsam ist, ein
neues russisches Anlehen in Deutschland unterzubringen. Ob unser Publi-
kum durch die finanzpolitischen Diskussionen der letzten Jahre klug
geworden ist, um vorläufig die Finger von russischen Anleihen zu
lassen, wird sich erst zu zeigen haben. Ich habe nicht viel Hoffnungen,
da das zugkräftigste Schlagwort auf seiten der Freunde russischer An-
leihen steht: „Rußland ist noch niemandem etwas schuldig geblieben."
Das stimmt zwar nicht ganz, ist aber kurz und liest sich nett. Das ist
bei jeder Reklame die Hauptsache, also auch bei der für russische An-
leihen. Diese zugkräftige Reklame kann jetzt auch dadurch sehr wenig
abgeschwächt werden, daß Herr Professor Helfferich, dessen bekannte
Darlegungen in der Marinerundschau ihre festeste Stütze gebildet haben,
jetzt wesentlich ruhiger sowohl über die Zukunft der russischen wie der
japanischen Finanzen denkt und diesem Denken nunmehr in demselben
Blatt, wo seine Lobeshymnen über Rußland und seine abfälligen Kritiken
über Japan gestanden haben, Ausdruck verleiht. Hätte Herr Professor
Helfferich das gleiche Maß von Skepsis und Kritik bei seiner ersten
schriftlichen Aeußerung walten lassen, manche Preßdebatte wäre ver-
mieden, manche Verführung des Publikums — die Folgen werden sich
später zeigen — wäre verhindert worden. Herr Helfferich ist geschickt
genug, jetzt nicht das Gegenteil von dem zu schreiben, was er früher
schrieb. Es ist auch immerhin anerkennenswert, daß er von seinen
Kritikern gelernt hat, die phantastischen Zahlengebilde des russischen
Finanzministers dürften nicht ohne weiteres als bare Münze genommen
werden. Und ich will ihm deshalb auch keinen Vorwurf daraus machen,
daß er gerade in dem Augenblick in seinem Urteil für Rußland vor-
sichtiger, für Japan zuversichtlicher wird, wo er vom Deutschen Reich,
das am russischen Bündnis interessiert ist, zur Deutschen Bank übertritt,
die an Russen gar nicht, dafür aber an Japaner Interesse hat. Es gibt
Leute, die an ihrer Ueberzeugung zugrunde gehen, und Leute, die
durch ihre Ueberzeugung zu den höchsten Gipfeln der Macht empor-

114
        <pb n="121" />
        ﻿treiben. Daraus darf man den Inhabern solcher bequemen Ueberzeugung
keinen Vorwurf machen. Es ist eben so eine Art geistiger Mimikri. Wenn,
wie gesagt, Herrn Kelsferichs Anschauungsänderung jetzt kaum das wieder
gut machen kann, was er vorher schlecht machte, so befindet sich sein
Kollege im Reichsdienst, Herr Regierungsrat Martin, in einer günsti-
geren Lage. Ich habe auf diesen Seiten schon nachgewiesen, was ich an
diesem Buch für schlecht und was ich für anerkennenswert und für die
Abwehr neuer deutsch-russischer Anleihen für brauchbar halte. Ich hatte
dabei aber keinen Zweifel darüber gelassen, daß ich im großen und
ganzen seine Arbeit für eher gefährlich hielt, weil er ebenso, wie Helfferich
das Material pro, das Material contra russisches Finanzgebaren zu-
sammengetragen und gar noch mit einer recht phantastischen Verbrämung
versehen hat. Ich muß heute zugeben, mich geirrt zu haben. Es hat
sich wieder gezeigt, daß die „Verpackung", wie der Berliner zu sagen
pflegt, die Hauptsache ist. Die sensationelle Aufmachung des Martin-
schen Buches hat es in Kreise lanciert, in die die sachlich gehaltenen An-
klagen gegen Rußlands Finanzen nicht zu dringen vermochten. Das allein
aber scheint mir die Gefahr nicht wett zu machen, die dadurch herauf-
beschworen wurde, daß die Martinschen Ausführungen dem russischen
Finanzministerium und seinen Parteigängern eine glänzend zu bear-
beitende Angriffsfläche boten. Tatsächlich hat denn auch die rüssische
Regierung offiziös sofort erklären lassen, was sie bisher nie tat, daß
sie die Irrtümer Martins offiziell widerlegen werde. Aber siehe da!
Bis auf den heutigen Tag hat noch nicht eine Zeile dieser Widerlegung
die Druckerpresse verlassen, und es ist die Möglichkeit, daß gerade dem
schwächsten Buche gegen die russischen Finanzen der Riesenerfolg be-
schert wird, vor aller Welt die Haltlosigkeit der russischen Position
zu decouvrieren. Denn wenn der russische Finanzminister gegen ein so
schwaches Buch wie das Martinsche keine Erwiderung findet, so ist das
eben ein Beweis, daß er nicht erwidern kann, ohne sich der Gefahr
einer öffentlichen Blamage auszusetzen. Freilich kann ich es mir immer
noch nicht denken, daß tatsächlich der russische Finanzminister die an-
gekündigte Entgegnung ganz unterlassen sollte. Und da erscheint mir
die Frage wohl berechtigt: Wann erscheint diese Entgegnung, und wird
sie noch so rechtzeitig das Licht der Oeffentlichkeit erblicken, daß ihre
Widerlegung möglich ist, bevor der Emissionprospekt über die neue
russische Anleihe in die Welt hinausflattert?

Luvst (Kükow ake LmanMopßei.

(9. September 1905.)

In der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vom 2. September
hat die Regierung erklären lassen, daß Herr Dr. Rudolf Martin, Re-
gierungsrat im Kaiserlichen Statistischen Amt, seine Broschüre „Die

Wo bleibt die
Antwort auf
Martin?

Die Abschütte-
lung Martins.

115
        <pb n="122" />
        ﻿Empfehlung
russischer An-
leihen.

Zukunft Rußlands und Japans" ohne jedes Vorwissen seiner vorge-
setzten Behörde und der Regierung geschrieben hat. Zu dieser Richtig-
stellung war der Kanzler des Reiches nicht nur berechtigt, sondern sogar
verpflichtet, da sehr wohl die Annahme auftauchen konnte, daß direkt
oder indirekt die Vertreter der verbündeten Regierungen das Unter-
nehmen unterstützt hätten. Diese Erklärung wäre sogar die politische
Pflicht des Reichskanzlers gewesen, selbst wenn man in Anbetracht der
kommenden neuen Anleihen eine Warnung des Publikums sehr ungern
gesehen hätte. Aber leider hat der Reichskanzler ein Uebriges getan.
Der Schlußsatz der, wenn auch von ihm nicht verfaßten, jedoch sicher
von ihm gebilligten Erklärung der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung
lautet nämlich: „es ist selbstverständlich, daß die Regierung dem Buche,
das auf Grund haltloser Voraussetzungen zu abenteuerlichen Prophe-
zeiungen über das Schicksal Rußlands in den nächsten Jahrzehnten
kommt, gänzlich fernsteht." Der Reichskanzler hat damit einen Schritt
weiter aus dem Wege getan, den er vorher bereits beschritten hatte.
Obwohl er jüngst im Deutschen Reichstag ausdrücklich die Erklärung ab-
gegeben hat, daß die Emission russischer Anleihen Privatsache der be-
teiligten Banken sei, konnte er sich doch nicht enthalten, in derselben
Rede — freilich in bedingter Form — auf die ungeschwächte finanzielle
Kraft Rußlands hinzuweisen. Was er aber damals bedingt tat, tut er
jetzt unbedingt, indem er die Voraussetzungen des Martinschen Buches
für haltlos erklärt. Wenn man den Satz ganz genau seziert, so kann
man allerdings herauslesen, daß diejenigen Voraussetzungen Martins für
haltlos erklärt werden sollten, auf Grund deren er zu seinen politischen
Schlußfolgerungen kommt, daß hingegen die Voraussetzungen seiner wirt-
schaftlichen Kritik nicht beurteilt werden. Das große Publikum aber
liest Erklärungen nicht mit der Lupe in der Hand. Für sie bedeutet
die Abschüttelung des Herrn Regierungsrates gleichzeitig eine Empfehlung
der russischen Finanzen durch den Reichskanzler. Und damit hat der
Reichskanzler, der doch im Namen der verbündeten Regierungen zu
handeln pflegt, eine Verantwortung übernommen, vor deren Wesen-
haftigkeit er erschaudern müßte. Diese Verantwortung wäre selbst dann
eine sehr große, wenn die Aera des Friedens für Rußland nach den
augenblicklich wißbaren Umständen eine Aera der wirtschaftlichen Reor-
ganisation sein könnte. Ernsthafte Kenner des Landes bestreiten das.
Aber ist der deutsche Reichskanzler wirklich in der Lage, heute voraus-
sagen zu können, was Pest und Revolution im russischen Reiche anzu-
richten vermögen? Will er ernsthaft auch nur für die nächsten zehn
Jahre die Zahlungsfähigkeit Rußlands verbürgen? Es scheint so. Durch
die Erklärung in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung ist erwiesen,
was man allerdings schon lange nicht mehr bezweifelt hat, daß die
Reichsregierung zwar die Voraussetzungen Martins für verfehlt hält und
ihnen fernsteht, daß sie aber anscheinend diejenigen Ausführungen billigt,
die vor kurzer Zeit in seichtester und oberflächlichster Weise der Legations-
rat Herr Professor Helsferich gemacht hat. Der Vertreter der deutschen
Reichsregierung rät den Besitzern russischer Werte, sich nicht aus ihrer
Ruhe aufschrecken zu lassen. Will der Herr Reichskanzler sich die Regreß-

116
        <pb n="123" />
        ﻿Ansprüche gefallen lassen, wenn die Besitzer dereinst zu billigen Kursen
ihre Papiere hergeben müssen? Der Herr Reichskanzler tröstet sich über
solche Bedenken leicht mit dem Gedanken daran, daß Bismarck einst, als
er die russischen Werte aus Deutschland hinaustrieb, auch ihren Besitzern
Schaden zufügte. Allein damals ging die Staatsraison über solche Be-
denken. Denn Bismarck hatte begründete Befürchtung, daß das Geld
der deutschen Kapitalisten zu russischen Kriegsrüstungen gegen Deutsch-
land verwandt werden könne. Aber welche Staatsraison gebietet es
eigentlich, heute den deutschen Kapitalisten zum Kauf und zum Behalten
russischer Wertpapiere zu raten? Diese Rolle eines finanziellen Be-
raters der Privatkapitalisten hätte Bismarck sicher nicht mit seiner
Stellung für vereinbar gehalten, zumal in einer Zeit, wo für Deutsch-
lands eigene Anleihen kaum noch Käufer zu finden sind.

* *

*

(2. Dezember 1905.)

Noch immer versucht man die Stimmungmache für Rußland, obwohl
mit jedem Tage deutlicher die Zeichen des vollkommenen staatlichen Verfalles
und der finanziellen Zerrüttung in die Erscheinung treten. Aber während
die Finanzkünstler emsig an der Arbeit sind, das internationale Kapitalisten-
publikum zu beruhigen, machen ihnen die Politiker einen bösen Strich durch
ihre Rechnung. In der Behandlung der russischen Frage hat seit dem
Ausbruch der Unruhen im Lande des Zaren immer ein gewisser Gegensatz
zwischen den Volkswirtschaftlern und den Politikern geherrscht. Am eklatantesten
kam das in den Börsenblättern zum Ausdruck, wo die politischen Redakteure
die Revolution prophezeiten, während die Redakteure im volkswirtschaftlichen
Teil eine schnelle Beruhigung des Landes garantieren zu können glaubten.
Jetzt geht die Opposition gegen die volkswirtschaftliche Ehrenrettung Rußlands
von den Redakteuren der inneren Politik aus. In mehreren Blättern, am
deutlichsten aber in den Berliner Neuesten Nachrichten, wurde während der
letzten Tage der Reichskanzler aufs eifrigste gegen den Vorwurf verteidigt,
daß er durch sein Auftreten im Reichstag und gegen das Buch des Regierungs-
rats Martin etwa das deutsche Publikum über den Stand der russischen
Finanzen habe beruhigen wollen. Es sei lediglich seine politische Pflicht
gewesen, so meinen seine Verteidiger, da wir mit Rußland in politischer
Freundschaft leben, die Begebung von Anleihen des russischen Reiches nicht
zu erschweren. Aber davon sei ganz und gar das kritische Urteil über die
Bonität der russischen Finanzen zu trennen. In dieser Hinsicht muß das
deutsche Publikum sich selbst vorsehen. Diese Verteidigung umgeht den Kern
der gegen den Kanzler des Deutschen Reiches erhobenen Vorwürfe. Fürst
Bülow mag angesichts der politischen Freundschaft zwischen Deutschland und
seinem östlichen Nachbar Wohl die Verpflichtung in sich gefühlt haben, deutlich
zu erklären, daß der Zusatz „Kaiserlicher Regierungsrat" auf dem Titel des
, Martinschen Buches nicht etwa diese Schrift als offiziös oder gar als offiziell
inspiriert erscheinen lassen dürfe. Hätte er eine solche Erklärung in der

Bismarck und
Bülow.

Politische und
volkswirt-
schaftliche
Redakteure.

Der Reichs-
kanzler läßt
sich ver-
teidigen.

117
        <pb n="124" />
        ﻿Ein

Gesinnungs-
wechsel der
Regierung?

Der Rückzug
der Presse.

Norddeutschen Allgemeinen Zeitung erlassen, so wäre ihm daraus nicht de-
geringste Vorwurf zu machen gewesen. Aber Fürst Bülow hat viel mehr
getan. Er hat von gänzlich haltlosen Grundlagen gesprochen, auf denen das
Martinsche Buch beruhe. Er hat damit über den Inhalt jener Schrift ein
Urteil gefällt und mußte sich ganz klar darüber sein, daß diese offiziöse
Erklärung genau so, wie seine früheren Reden im Reichstag, bei den Besitzern
russischer Finanzen den Eindruck erwecken mußte, man sehe an den leitenden
Stellen der deutschen Reichspolitik die Lage der russischen Finanzen für
durchaus sicher an. Dieser Vorwurf ist vom Fürsten Bülow nicht wegzu-
waschen. Sonderbarerweise hat er bisher auch gar nicht das Bedürfnis
gezeigt, sich von diesem Vorwurf zu reinigen. Weshalb nun — so fragt
man doch unwillkürlich — tritt jetzt plötzlich das Bestreben auf, die Bevölkerung
darauf hinzuweisen, daß der deutsche Reichskanzler kein Finanzprophet ist.
Vielleicht ist des Rätsels Lösung darin zu suchen, daß der Reichstag zusammen-
getreten ist und Fürst Bülow fürchtet, man könnte doch wohl in den Kreisen
der Abgeordneten angesichts der gewichenen Russenkurse das Bedürfnis
empfinden, ihn an den Mangel prophetischer Gabe zu erinnern. Allein auch
das erklärt die Reinwaschtätigkeit der Offiziösen nicht vollständig. Man wird
vielmehr zu dem Schluß gezwungen, daß auch in unsere leitenden politischen
Kreise allniählich die Erkenntnis sich Bahn bricht, daß die finanzielle Position
Rußlands recht prekär ist, und daß man nun allzu gern die Verantwortlichkeit,
das deutsche Publikum noch zum Bezug der letzten Russenanleihe animiert
zu haben, vom Reichskanzler ablenken möchte. Das tut man nun allerdings
mit dem Hinweis darauf, daß seinerzeit die russisch-deutsche Freundschaft
gebot, für Rußland einzutreten, auf eine möglichst ungeschickte Weise. Sind
wir denn heute nicht mehr mit Rußland politisch befreundet, daß unsere
Offiziösen jetzt durch die Art ihrer Verteidigung das Publikum mißtrauisch
gegen die nächste russische Anleihe machen dürfen? Oder soll etwa der
offiziöse Eiertanz von vornherein für neue Lobeshymnen des Reichskanzlers
auf die russischen Finanzen Pardon erbitten? Bei der Beratung des Reichs-
kanzler-Etats werden wir ja sehend)

* *

*

(9. Dezember 1905.)

Ich habe bereits darauf aufmerksam gemacht, daß der Reichskanzler
sein Gemüt zu saldieren versucht, weil er noch vor kurzer Zeit dem deutschen
Publikum Russenwerte empfahl. Wer vor acht Tagen noch geglaubt hat, daß
dieser Versuch des Rückzugs nur in meiner Phantasie bestand, hat sich in der
abgelaufenen Woche davon überzeugen können, daß es sich tatsächlich um
einen wohlausgeklügelten Plan handelt, der von der Verzweiflung des
Moments eingegeben war. Nicht nur dem Reichskanzler, nicht nur seinen
offiziösen Pressetrabanten, nein, der ganze Chorus derjenigen Presse, die

i) Bekanntlich wurde der Reichskanzler, bevor er sich über die russische Anleihe erklären
konnte, im Reichstag plötzlich unwohl. Vergleiche den Artikel „Das Rätsel von Algeciras" in
dieser Sammlung.

118
        <pb n="125" />
        ﻿bisher um das Russeutum und seine Berliner Bankfirma scharwenzelten,
beginnt allmählich dasselbe Grundthema, wenn auch mit mancherlei Variationen,
zu Pfeifen. Die Methode ist überall die gleiche: Auf der einen Seite darf
man nichts Schlechtes über die Russen schreiben. Denn wenn wieder gute
Zeiten kommen, will man die Protektion und die Prospekte der Firma
Mendelssohn nicht entbehren. Andererseits erscheint, seitdem selbst die Spieß-
bürger von Amsterdam und Paris verkaufen, die Situation so brenzlig, daß
man doch natürlich auch etwas wenigstens nach der anderen Seite Vorsorgen
muß. Statt sich nun reuig an die Brust zu schlagen und beschämt den
Lesern einzugestehen, daß man in der Beurteilung der russischen Verhältnisse
etwas zu optimistisch gewesen ist, was ja an sich gar keine Schande wäre,
sucht man jetzt die Rückgänge der russischen Werte und alle eventuellen
Konsequenzen als Teufelswerk hinzustellen. Am schamlosesten macht das die
Nationalzeitung (3. Dezember). Sie sucht alle möglichen Gründe hervor
und meint, daß ein großer Teil der augenblicklichen Verkäufe auf dem
Russenmarkt als Gegenoperationen zu den Uebertreibungen und Auswüchsen
auf dem Kassaindustriemarkt zu betrachten seien. Dann schwindelt sie der
Welt wieder das schon tausendmal wiederlegte Märchen von den russischen
Goldbeständen im Ausland vor und erhebt drohend den Finger: „Geht
Rußland pleite, so sind die gemeinen Menschen schuld daran, die fortgesetzt
das Publikum warnen." Wird denn jetzt die Nationalzeitung schon dafür
bezahlt, daß sie dem russischen Finanzminister die Motivierung des Bankerotts
vorarbeitet? Auch die Vossische Zeitung, die alle Widerlegungen ihrer
von interessierter Seite eingeschmuggelten Russenartikel ihren Lesern unter-
schlägt, hält es für nötig, im sechsten Artikel (29. November) sich ebenfalls
zu salvieren und behauptet, sie habe durch ihre rosafarbenen Artikel keineswegs
dem Publikum das selbständige Denken ersparen, sondern lediglich die
Möglichkeit bieten wollen, sich über die wichtigsten Punkte der russischen
Finanzwirtschaft zu informieren. Wie gering die Möglichkeit war, ein wirk-
liches Bild von der russischen Finanzlage aus den Artikeln der Vossischen
Zeitung zu gewinnen, habe ich jüngst ausführlich nachgewiesen. Diese
Winkelzüge nützen denn auch der Vossischen Zeitung gar nichts. Sie hat in
ganz unverantwortlicher Weise, nachdem sie früher durch Veröffentlichung
fachmännischer Kritiken, — ich denke besonders an das Urteil Migulins über
die Staatsbank — ihre Leser sachlich und unparteiisch informierte, gerade
in kritischer Zeit die Aufgabe nicht erfüllt, die ein unabhängiges Organ zu
erfüllen hat. Und die Vossin steht daher auch heute — obgleich Herr Rouvier
aus derselben Lügenquelle, wie sie, gespeist ist, — in der ersten Reihe der
blamierten mitteleuropäischen Preßorgane.

Die (Vossische Leitung.

(25. November 1905.)

Man darf sich nicht wundern, daß von seiten der russischen Finanz-
verwaltung und ihrer Berliner Vertretung gerade jetzt alles aufgeboten wird,
um die schlechte Meinung zu bekämpfen, die sich allmählich auch der weitesten

Die National-
zeitung.

Die Vossische
Zeitung.

IIS
        <pb n="126" />
        ﻿Deroute der
Ruffenwerte.

Bezahlte

Ehrenrettung.

Die Lüge
vom ordent-
lichen Budget.

Kreise hinsichtlich der russischen Anleihen bemächtigt. Die scharfe Deroute
der Russenwerte der vorigen Woche hat bewiesen, daß ohne die üblichen.
Jnterventionskänfe die Kurse nicht zu halten sind. Dieser schlechte Eindruck
muß jetzt mit allen Mitteln verwischt werden. Es ist natürlich das gute
Recht der russischen Interessen, dem Urteil Pessimistischer Kritiker die
Argumente entgegenzustellen, die ihrer Ansicht nach für die Bonität der
russichen Anleihen sprechen. Eine solche Abwehr gegen die ruffenfeindkiche
Kritik ist in den letzten Tagen in Gestalt einer Artikelserie in der Vossischen
Zeitung erschienen. Man hat sich dieses Blatt für jene Publikation aus-
gesucht, weil es seine Leser in den reichen Berliner Kreisen hat und außer-
dem gerade in finanzpolitischer Hinsicht durch ein ruhiges Urteil bisher aus-
zeichnete. Ich weiß nicht, ob der Vossischen Zeitung daran lag, diese günstige
Meinung über ihre Besonnenheit zu zerstören, oder ob sie wirklich die Dumm-
heit der Welt ungestraft ausschlachten zu können meinte. Jedenfalls, stellen
die Russenartikel des Blattes das Tollste dar, was bisher an lügenhaften
Entstellungen der russischen Finanzverhältniffe geleistet worden ist. Bei einiger
Aufmerksamkeit hätte es der Redaktion des Blattes nicht entgehen dürfen,
daß entweder ein vollkommen kenntnisloser oder ein bezahlter Skribent ihr
diese blamablen Aufsätze angehängt haben kann.

Das Ansehen, das die Vossische Zeitung genießt, könnte schone allein
genügen, um mich zu einer näheren Beleuchtung des Inhalts jener Finanz-
rettung zu veranlassen. Aber sie scheint mir auch schon deshalb geboten, weil
der famose Verfasser von Schriftstellern spricht, die geflissentlich Beunruhigung,
ins deutsche Publikum hineintragen, es aber durchaus unterlassen haben, für
ihre Angaben wirkliche, auf realer Grundlage beruhende Tatsachen anzu-
führen. Ich habe — in meiner Broschüre „Armes reiches Rußland" —-
ganz ausführlich dargelegt, aus welchen sachlichen Gründen mein pessimistisches-
Urteil über die Zukunft Rußlands in finanzieller Beziehung resultiert. Auf
diese Ausführungen sind von amtlicher Seite ebensowenig irgendwelche Er-
widerungen erfolgt, wie auf all das, was über dasselbe Thema seit Jahren
geschrieben worden ist. Nicht einmal auf die teilweise sehr schwach gestützten
Ausführungen Martins hat man sich zu einer Entgegnung, herbeigelassen.
Der Grund war einfach; Man konnte nichts erwidern. Jetzt kommt nun
irgendein Beauftragter des Hauses Mendelssohn, oder irgendeines andernr
Interessenten, der sich wohlweislich hütet, mit seinem Namen hervorzutreten,
der vielleicht inr eigenen Blatt sich nicht einmal seine Ergüsse abzudrucken
getraute, und wagt es, Schriftsteller, die das, was sie schrieben, mit ihrem
Namen und ihrer Reputation deckten, der Gewissenlosigkeit zu zeihen. Und
derselbe Mann, der den Borwurf erhebt, daß ein grausames Spiel mit dev
Unwissenheit des Publikums getrieben worden sei, spekuliert in allein, was
er sagt, auf die allergröbste Unwissenheit. Er bringt kein einziges neues
Argument bei, sondern zieht wieder alle alten Ladenhüter hervor, deren
Zerschlissenheit bereits seit mindestens sechs Jahren aller Welt offenbar ist.

Zunächst debütiert er selbstverständlich mit der Behauptung, daß das
ordentliche Budget Rußlands pro 1905 Einnahmen von rund 2 Milliarden
Rubel ausweise, und daß diese Einnahmen zum großen Teil wie in Preußen
auf dem Erträgnis von Staatsbetrieben, z. B. von Eisenbahnen beruhen.
Diesen Einkünften gegenüber betrage das Bedürfnis an Zinsen und Rück-

120
        <pb n="127" />
        ﻿Zahlungsverpflichtungen 303 Millionen Rubel, also etwa 15% der Gesamt-
einnahmen. Nun wird selbstverständlich darauf hingewiesen, daß sogar in
England diese Verpflichtungen 20% der Einnahmen ausmachen und in Frankreich
natürlich noch mehr. Dabei wird aus Unkenntnis oder Böswilligkeit verschwiegen,
daß im Gegensatz zum Preußischen Etat der russische ein sogenannter Brutto-Etat
ist, d. h. daß er unter den Einnahmen nur die Roheinnahmen der Staats-
betriebe aufführt, während unter den Ausgaben sämtliche Kosten figurieren.
Will man also das prozentuale Verhältnis der Zinsverpflichtungen zu den
Einnahmen feststellen, so muß man natürlich die Kosten dieser Einnahmen
vorher in Abzug bringen. Dabei sind aber dann nicht nur 410 Millionen
Betriebskosten der Eisenbahn und Kosten für ihre Instandhaltung zu rechnen,
sondern u. a. auch über 170 Millionen Rubel Ausgaben für den fiskalischen
Branntweinverkauf, dessen Brutto-Ertrag natürlich auch unter den Einnahmen
aufgeführt ist. In meiner Broschüre habe ich ((Seite 19) für das Etats-
jahr 1904, wo das Einnahmebudget ebenfalls 2 Milliarden betrug, berechnet,
daß man rund 705 Millionen Rubel kürzen müsse, um die wirklichen Er-
trägnisse des Budgets zu erhalten. Dann beträgt das Zinserfordernis aber
nicht mehr 15 °/0, sondern 23 % der ordentlichen Budgeteinnahmen. Das ist
also bedeutend höher, als die englischen Prozentzahlen, wobei man natürlich
immer berücksichtigen muß, daß die englisch-französischen und die russischen
Finanzverhältniffe gar nicht in einem Atem genannt werden dürfen.

Diesem plumpen Schwindel schließt sich ein zweiter würdig an. Es
wird von dem Sachverständigen der Bossischen Zeitung darauf hingewiesen,
daß die Ueberschüsse des ordentlichen Budgets in den letzten zehn Fahren
zwischen 80 und 150 Millionen Rubel betragen haben. Diese freien Summen
werden angeblich zeitweilig dem Barbestand des Tresors zugeschlagen, und
namentlich aus ihnen wurden die staatlichen Eisenbahnbauten sowie die
Kosten der Valutaregulierung bestritten. Diese Legende ist verschiedentlich auf-
getaucht. Unter anderem vor etwa Jahresfrist in einer Zuschrift an die
Frankfurter Zeitung. Diese hat damals bereits darauf erwidert und die
Legende grausam zerstört. Es widert einem förmlich an, noch einmal das
widerlegen zu müssen, was eigentlich kein Mensch mehr behaupten sollte,
ohne der allgemeinen Lächerlichkeit zu verfallen. Zunächst muß betont
werden, daß das ordentliche russische Budget nur nominell einen Ueberschuß
erzielt, weil wichtige Ausgabe-Posten, die eigentlich ins Ordinarium gehören,
ini Extraordinaium Unterkunft finden. Diese — in einer Reihe von Jahren
wenigstens nominellen Ueberschüsse werden tatsächlich dem sogenannten freien
Barbestand der Reichsämter zugeschrieben. Aber in diesen freien Barbestand
kommen auch die Erlöse der Anleihen. Und aus der so entstandenen Summe
sind die Eisenbahn-Ausgaben bestritten worden. Der Sachverständige der
Bossischen Zeitung verschweigt nämlich wohlweislich, das Rußland ein ständiges
großes Defizit im außerordentlichen Budget hat. Denn der ganz über-
wiegende Teil der Einnahmen der außerordentlichen Budgets besteht aus dem
Anleihe-Erlös. Wirft .inan das ordentliche und das außerordentliche Budget
des russischen Reiches zusammen, so ergibt sich als Resultat, daß in den fünf
Jahren von 1898 bis 1902 jährlich 165,89; 94,15; 121,48; 34,01 und
236,9 Millionen Rubel Anleihen zur Deckung des Gesamtdefizits notwendig
waren. Wie da noch behauptet werden kann — der Gewährsmann der

Die Lüge von
den Ueber-
schüffen.

121
        <pb n="128" />
        ﻿Die Lüge vom
Voranschlag.

Die Lüge von
der Bauern-
belastung.

Vosfischen Zeitung hat die Stirn dazu — die Vermehrung der russischen An-
leiheschuld seit 1889 sei nur auf die Ausgabe höherer Nominalbeträge in-
folge der Konvertierungen zurückzuführen, erscheint nicht recht begreiflich.

Nun die dritte grobe Irreführung, die teilweise bereits vom Berliner
Tageblatt gekennzeichnet worden ist: Da der Artikelschreiber der Vosfischen
Zeitung anscheinend aus einer Quelle schöpft, die gewöhnlichen Sterblichen
nicht zugängig ist, so weiß er bereits, daß bis zum September dieses Jahres
trotz des Krieges und der inneren Unruhen die Einnahmen über den
Voranschlag für 1905 einen Ueberschuß vou 80 Millionen Rubel ergeben
haben. Gesetzt der Fall, diese Darstellung ist richtig, so arbeitet der Herr
Sachverständige mit diesem Ueberschuß aus eine ganz unzulässige Weise, indem
er nämlich darauf hinweist, daß selbst, wenn vom September ab keine weitere
Steigerung des Ueberschusses erfolge, diese 80 Millionen bereits genügten,
um 2 Milliarden 4%ige Anleihen zu verzinsen. Da Rußland im ganzen
7,6 Milliarden verzinsliche Staatsschulden hat, so würden 80 Millionen auch
nicht viel für den Zinsendienst besagen. Aber vor allem kommt diese Ziffer
von 80 Millionen für den Zinsendienst gar nicht in Betracht, denn sie stellt
sa nicht etwa den Ueberschuß der Einnahmen über die Ausgaben dar, sondern
lediglich das Mehrerträgnis der Einnahmen des ordentlichen Budgets gegen
die Einnahmen des Vorjahres. Solange man nicht weiß, ob nicht — was
sicher ist — auch die Ausgaben für diesen Zeitraum ganz erheblich gewachsen
find, wäre es eine Frivolität sondergleichen, daraus irgendwelche Schlüffe zu
ziehen. Das Berliner Tageblatt weist sehr richtig darauf hin, daß für 1904
das ordentliche Budget allerdings 111 Millionen Mark Ueberschuß erbracht
hat, daß aber das Gesamtbudget trotz der Einrechnung der Anleiheerlöse
einen Fehlbetrag von 334 Millionen Rubel auswies. Dieses Defizit ver-
ringerte sich durch Restkredite früherer Finanzperioden auf 317 Millionen Rubel.

Einer vierten, allerdings sehr plumpen Fälschung macht sich der
Verfasser dieser Artikelserie in der Vossin in bezug auf die Steuerbelastung
der Bauern in Rußland schuldig. Er berechnet, daß von den 2 Milliarden
Rubel Budgeteinnahmen aus Grundsteuern nur 122 Millionen, aus Ablösungs-
zahlungen nur 6% Millionen Rubel stammen und meint, diese 128 '^Millionen
Rubel konnten angesichts einer Bevölkerung von 135 Millionen Menschen
nicht gerade exorbitant genannt werden. Schon dieser Vergleich ist eine
horrible Naivität. Denn der Verfasser müßte wissen, daß in Rußland auch
nicht annähernd 135 Millionen Menschen Steuern zahlen, daß also schon die
von ihm berechnete Belastung gar nicht so harmlos ist. Wäre sie wirklich so
harmlos, woher kommen dann die etwa 123% bäuerlichen Steuerrückstände
in Rußland? Aber auch die Belastungsziffer ist falsch. Der Bauer zahlt
an den Staat erhebliche Abgaben auf dem Umwege des Branntweinmonopols
und der verschiedenen Akzisen, z. B. auf Zucker. Vor allem hat der ständige
Rückgang der russischen Getreidepreise den Bauer derartig geschädigt, daß er,
in Aequivalente Roggen und Weizen umgerechnet, für Baumwolle zweieinhalb-
mal mehr zu zahlen hat, als der deutsche Bauer, für Soda dreimal mehr,
für Steinkohle sechsmal mehr, für Zucker zweieinhalbnial mehr und für Tee
zehnmal mehr. Das erhellt ohne weiteres blitzartig die wirtschaftliche Situation
des russischen Bauern.

122
        <pb n="129" />
        ﻿Zum Schluß scheint es mir notwendig, noch eins der Mittelchen auf-	Die Lüge vom

zudecken, mit denen für die Glorie der russischen Finanzen gearbeitet wird.	Gold-

Schon der Artikelschreiber der Vossischen Zeitung fabelt von einem enormen	guthaben,

russtschen Goldguthaben im Ausland. Seine Fabel wurde unterstützt durch
die mehr als auffallende Meldung des Petersburger Korresspondenten der
Frankfurter Zeitung, das Rußland ein Guthaben von über eine Milliarde
Francs, d. h. also von etwa 400 Millionen Rubel im Auslande habe. Die
Vossische Zeitung greift diese Meldung triumphierend auf, verrät aber in
ihrer Freude leichtsinnigerweise, daß diese 400 Millionen Rubel sich aus
125 Millionen Rubel wirklichen Staatsguthaben und aus 275 Millionen
Rubel Guthaben der russischen Reichsbank zusammensetzt. Dadurch wird der
ganze Humbug entschleiert. Denn während der Eindruck erweckt werden soll,
daß(es sich um ein zur Disposition stehendes Guthaben handelt, ist es
doch ganz klar, daß die 275 Millionen der russischen Staatsbank kein freies
Guthaben darstellen, sondern vielmehr einen integrierenden Bestandteil des
-Gesamt-Goldschatzes der Reichsbank ausmachen, der zur Deckung der um-
laufenden Noten dient.

Ich denke, es ist genug des grausamen Spiels. Man kann diese Pro-
pheten der Lüge sich selbst überlaffen. Aber wie schlecht muß es um eine
Sache bestellt sein, die nur noch solche Ritter der Geistlosigkeit zu Landes-
beschützern zu werben vermag?

*

*

*

Nachwort.

(14. April 1906.)

Die deutsche Regierung hat es also endlich aufgegeben, den Russen-
kurs zu stützen, sie hat das deutsche Publikum — wenn auch sehr spät
— gewarnt, und gemäßigte, den Regierungskreisen nicht fern stehende
Blätter, wie die Magdeburgische Zeitung, raten den Kapitalisten, ihren
Russenbesitz über die französische Grenze abzuschieben. Das ist natür-
lich dem Russenkonsortium und dem Hause Mendelssohn höchst unbequem,
und diese Interessenten sammeln einen Teil der Berliner Presse um
sich, der ihren Einflüsterungen gläubig Gehör schenkt. Aber nicht nur,
daß diese Blätter unausgesetzt an dem trüben Bilde, das die russische
Finanzlage bietet, herumretouchieren, sogar über ihren Inseratenteil
ist eine scharfe Zensur verhängt, damit auch nicht von fremder Hand
etwa die Aufklärung in die Reihen ihrer Leser getragen werden könnte.

Meine Leser wissen, daß im letzten Heft des Plutus eine Artikel-
serie über den russischen Staatsbankerott zu erscheinen begonnen hat.Z
Diese Aussätze enthalten eine Reihe neuer Gesichtspunkte für die Beur-
teilung der Situation, und ich hatte deshalb den Wunsch, von ihrem
Erscheinen auch denjenigen Interessenten, die nicht zu den ständigen

Die Deutsche
Regierung ver-
läßt das
sinkende
Russenschiff.

Zurückweisung
von Annoncen.

9 Tr sind das die erste» drei Aussätze dieser Sammlung.

123
        <pb n="130" />
        ﻿Der Börsen-
Souriet.

Die Anstands-
tante Voß.

Die Kampfes-
weise der
Vosfin.

Lesern des Plutus gehören, möglichst schnell Kenntnis zu geben. Durch
die Annoncenexpedition der Aktiengesellschaft Haasenstein &amp; Vogler sandte
der Plutus-Verlag verschiedenen großen Tageszeitungen entsprechende
Annoncen. Vom „Berliner Börsen-Conrier" und der „Vossischen Zeitung"
wurde diesen Ankündigungen die Aufnahme verweigert. Ganz ohne
Zweifel einzig und allein deshalb, weil sie die Ueberschrift „Der russische
Staatsbankerott" trugen. Denn die Zahlungsfähigkeit der Gesellschaft
Haasenstein &amp; Vogler ist doch wohl über jeden Zweifel erhaben, und
daß etwa meine polemischen Auseinandersetzungen mit Herrn Salomon
oder Herrn Lessing den Grund für die Ablehnung gegeben haben
könnten, ist schon deshalb ausgeschlossen, weil beide Blätter noch vor
nicht allzu langer Zeit Annoncen des Plutus-Verlages aufgenommen
haben. Aber vom russischen Staatsbankerott darf bei ihnen eben nicht
gesprochen werden, und sie weisen mit stolzer Gebärde Annoncen, die
zwanzig Mark kosten, zurück, weil — das Russenkonsortium größere
Annoncen aufgibt.

Vom Börsen-Courier wundert mich dies Gebaren nicht. Er ist nun
einmal das Anzeigenblatt der hohen Finanzwelt, seine ganze materielle
Existenz beruht auf diesem intimen Verhältnis, seine Redaktion greift
den Reichsbankpräsidenten an, wenn er sich dem Willen der imuts bangus
nicht fügen will, sie macht dem Reichskanzler klar, daß er Deutschlands
Industrie schädigt, wenn er sich den Wünschen der Herren Mendels-
sohn &amp; Co. verschließt, sie behandelt die Mitglieder des Berliner Ma-
gistrats wie grüne Jungen, weil sie nicht nach der Pfeife der Großen
Berliner Straßenbahn tanzen, weshalb sollte das Blatt mich und meinen
Verlag besser behandeln wie gefürstete Herren und Exzellenzen?

Ein ander Ding aber ist's um die Vossische Zeitung. Sie pratscht sich
als unabhängige Hüterin des Volkswohls, trieft von Salbung und Moral
und wird tatsächlich noch immer von einem Teil des Berliner Bürgertums
für ein anständiges Blatt gehalten. Sie schwärmt für die Preßfreiheit, die
fie — nicht selbst unterdrückt, eifert gegen jede Zensur, die sie — nicht selbst
ausübt, bläht sich gegen jede Unanständigkeit, die sie — nicht selbst begeht,
bekämpft jede Unmoral, soweit sie — fie nicht selbst durch ihre Kuppel-
annoncen unterstützt, und ficht tapfer gegen den Antisemitismus, wo immer
er sich auch in — anderen Redaktionen findet. Im Annoncenteil dieses
Blattes dürfen wohl Masseusen ihre Kundschaft fischen, Heiratsvermittler ihre
Netze auswerfen, Lebegreise „zwecks Heirat" Nutten suchen, „arme junge
Witwen" „edeldcnkende Herren" um Unterstützung bitten und Kuppelmütter
sturmfreie Buden mit „separatem Eingang" anbieten. Ja, wenn der Staats-
anwalt nicht wär', brauchten nicht einmal all die unschuldheuchelnden Wort-
zutaten den treuen Kunden der Vosfin die Inserate verteuern. Aber ein an-
ständiger Verleger darf nicht im Inseratenteil der biederen Tante seine Zeit-
schrift ankündigen, von deren Inhalt er annimmt, daß er das Volk vor
Schaden bewahren kann. Er dars's wenigstens nicht, wenn darin gegen das
dem Russenkonsortium Heiligste geschrieben wird.

Die Vossische Zeitung gilt schon seit langem den polftischen Kämpfern
als das unentbehrlichste Blatt der Residenz. Sie hat sich den Vorwurf der
politischen Unehrlichkeit erst jüngst wieder von Herrn Theodor Barth ge-

124
        <pb n="131" />
        ﻿fallen taffen müssen, als sie zum tausendsten Male Herrn b. Gerlach und
Herrn Pfarrer Naumann mit dem Stigma des Antisemitismus zu belasten
suchte; man weiß, daß sie Personen, die ihr politisch oder persönlich unan-
genehm sind, auf die perfideste Weise totschweigt, daß sie Versammlungberichte
fälscht, indem sie die Reden solcher Leute — auch wenn sie im Stenogranim
viele Seiten füllen und von lebhaftem allseitigen Beifall begleitet wurden —
.einfach aus den Berichten herausstreicht. Trotz alledem wird sie von den Un-
eingeweihten noch immer für ein Palladium des Anstandes gehalten, glauben
Kapitalisten an ihre gerechte Objektivität in finanzpolitischen Fragen. Dabei
hat das Blatt gerade in der russischen Frage seine Leser völlig düpiert. Der
Regierungsrat Rudolf Martin, der soeben ein neues Buch über „Die Zukunft
Rußlands" hat erscheinen lassen, das, obwohl eS im wesentlichen eine Neu-
auflage seines ersten Buches und vielfach mit recht aufdringlichem Selbstlob
durchsetzt ist, durch Fortlassung der wesentlichsten finanziellen und volkswirt-
schaftlichen Ungeheuerlichkeiten jetzt viel lesenswerter geworden ist, schreibt
über die Vossin: „Der Berliner Bürger, der in den Jahren 1786—89 zum
Frühstück die Vossische Zeitung las, mußte von Tag zu Tag durch die vor-
züglichen Berichte ihres Pariser Korrespondenten immer mehr zur Erkenntnis
kommen, daß die finanziellen Verlegenheiten Frankreichs beitrügen, eine
Revolution herbeizuführen. Sein Urenkel, der die Vossische Zeitung in den
Jahren 1902—1905 zu lesen pflegte, konnte diesen Eindruck bei der Lektüre
der Nachrichten über Rußland in keiner Weise gewinnen." Bis vor einem
Jahre etwa brachte der Handelsteil der Vosstschen Zeitung manchen wertvollen
Beitrag zur Charakteristik der russischen Finanzgebarung. Aber inzwischen
war ich an dieser Stelle aufzudecken gezwungen, daß die Vossin anscheinend
von interessierter Seite inspirierte Artikel über die russischen Finanzen publi-
zierte, die die Tatsachen fälschten und mit alten, längst ausrangierten Laden-
hütern operierten. Das hat aber die Redaktion des Blattes nicht daran ge-
hindert, bei der Besprechung des Martinschen Buches — dessen Schwächen
anläßlich der ersten Ausgabe kaum jemand schärfer als ich betont hat —
seinen Lesern jetzt wieder dieselben Verdrehungen aufzutischen. Dabei hat ste
nicht einmal den Mut ihrer Meinung. Und wenn sie in zwei Spalten dem
Leser nachgewiesen hat, daß der russische Himmel voller Geigen hängt, so
schließt sie ständig mit der reservatio: „Aber wir wollen die Leser nicht in
Sicherheit wiegen."

Doch das alles gehörte noch zur ersten Phase des Kampfes für Rußlands
Ehre und Größe. Jetzt tritt die Expedition der Vossin auf den Plan und
säubert den Inseratenteil von finanziellen — Anständigkeiten.

Der Kampf mit geistigen Waffen hat aufgehört. Die öffentliche Meinung
wird mit Nagaiken totgeschlagen. Kosakenpreffe!

Martin über
die „Voß".

Kosakenpreffe.

125
        <pb n="132" />
        ﻿Druck von Paß &amp; Garleb ®. m, b. H., Berlin W. 35.
        <pb n="133" />
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Ir um das Russentum und seine Berliner Bankfirma scharwenzelten,
tut allmählich dasselbe Grundthema, wenn auch niit mancherlei Variationen,
seifen. Die Methode ist überall die gleiche: Auf der einen Seite darf
nichts Schlechtes über die Russen schreiben. Denn wenn wieder gute
n kommen, will man die Protektion und die Prospekte der Firma
delssohn nicht entbehren. Andererseits erscheint, seitdem selbst die Spieß-
er von Amsterdam und Paris verkaufen, die Situation so brenzlig, daß
doch natürlich auch etwas wenigstens nach der anderen Seite Vorsorgen
■. Statt sich nun reuig an die Brust zu schlagen und beschämt den
w cinzngestehen, daß man in der Beurteilung der russischen Verhältnisse
s zu optimistisch gewesen ist, was ja an sich gar keine Schande wäre,
man jetzt die Rückgänge der russischen Werte und alle eventuellen
equenzen als Teufelswerk hinzustellen. Am schamlosesten macht das die
ionalzeitung (3. Dezember). Sie sucht alle möglichen Gründe hervor
meint, daß ein großer Teil der augenblicklichen Verkäufe auf dem
mmarkt als Gegenoperationen zu den Uebertreibungen und Auswüchsen
&gt;em Kassaindustriemarkt zu betrachten seien. Dann schwindelt sie der
wieder das schon tausendmal wiederlegte Märchen von den russischen
beständen im Ausland vor und erhebt drohend den Finger: „Geht
and pleite, so sind die gemeinen Menschen schuld daran, die fortgesetzt
Publikum warnen." Wird denn jetzt die Nationalzeitung schon dafür
&gt;lt, daß sie dem russischen Finanzminister die Motivierung des Bankerotts
leitet? Auch die Vossische Zeitung, die alle Widerlegungen ihrer
-interessierter Seite eingeschmuggelten Russenartikel ihren Lesern unter-
st, hält es für nötig, im sechsten Artikel (29. November) sich ebenfalls
Ivieren und behauptet, sie habe durch ihre rosafarbenen Artikel keineswegs
Publikum das selbständige Denken ersparen, sondern lediglich die
ichkeit bieten wollen, sich über die wichtigsten Punkte der russischen
izwirtschaft zu informieren. Wie gering die Möglichkeit war, ein wirk-
Bild von der russischen Finanzlage aus den Artikeln der Vossischen
.ng zu gewinnen, habe ich jüngst ausführlich nachgewiesen. Diese
llzüge nützen denn auch der Vossischen Zeitung gar nichts. Sie hat in
unverantwortlicher Weise, nachdem sie früher durch Veröffentlichung
finnischer Kritiken, — ich denke besonders an das Urteil Migulins über
Staatsbank — ihre Leser sachlich und unparteiisch informierte, gerade
tischer Zeit die Aufgabe nicht erfüllt, die ein unabhängiges Organ zu
!n hat. Und die Vossin steht daher auch heute — obgleich Herr Rouvier
: wrselben Lügenquelle, wie sie, gespeist ist, — in der ersten Reihe der
werten mitteleuropäischen Preßorgane.

Die (Vossische Leitung.

(25. November 1905.)

• Man darf sich nicht wundern, daß von seiten der russischen Finanz-
ltung und ihrer Berliner Vertretung gerade jetzt alles aufgeboten wird,
e schlechte Meinung zu bekämpfen, die sich allmählich auch der weitesten

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Die National-
zeitung.

Die Vossische
Zeitung.
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