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        <title>Russlands Bankerott</title>
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        plutud  Verlag
Berlin  -Cbarlottenburg
*906.  i
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        Populär!

Sackkundig!

Uoikswlrtscbaft  |

Borsenwesen  1

■  Praktisches
Handelsrecht

1

|  finanz*
Wissenschaft

spielen  beute  eine  größere  Rolle  als  je.
Bankier,  Bankbeamte,
Kapitalist,  Kaufmann,
industrielle,  Rechtsanwalt,
Politiker,  J^ationalSkonom,
Studierende,  Angestellte,
der  sieb  über  die  wirbligsten  Sragen  auf  diesen  Gebieten
gründlich  vom  praktischen  Standpunkt  aus  informieren  will,
muß  den
piutue
föritifebe  Wochenschrift  für  Volkswirtschaft
und  §inanzwesen
Herausgeber:  Georg  Kembard
lesen.  Der  Name  des  Herausgebers  bürgt  für
absolute  Unabhängigkeit
von  allen  §inanzcliquen.
Das  Bbonnement  kostet  (DU.  3,50  pro  Quartal  durch  Post
und  Buchhandel,  Mk.  4,—  bei  direkter  Bestellung  vom
Plutos  üerlag
Berlin-€bariottent&amp;gt;ur&amp;lt;j,  Goetbeftrafre  68.
■  Verlangen  Sie  probenummer!  ■
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        (Kutzkands  (Kankerott.

A  44511
        <pb n="4" />
        Russlands  Banktrott

Aufsätze
zur  Warnung  und  als  Dokumente  der  Zeitgeschichte

Plutos
Kritische  Wochenschrift  für  Volkswirtschaft  unst  Finanzwesen

Ea  f
Plufus  Mcrlag
Berlin-CHarlokkenburg,  KocHestraße  68

ä  ^4511
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        -Äks  (Vorwort.

Rußland  nimmt  soeben  beinahe  2  Milliarden  Francs  Anleihen  im  Auslande
auf.  Damit  scheint  ein  für  alle  Mal  den  Schwarzsehern  das  Handwerk  gelegt ­
  zu  sein,  die  fori  und  fort  den  Bankerott  des  russischen  Staates  vorausgesagt ­
  haben.
Aber  es  scheint  nur  so.  Denn  die  Summen,  die  aus  dem  Erlös  der
Anleihe  erzielt  werden,  sollen  dazu  Verwendung  finden,  einen  Teil  der  -
nicht  einmal  sämtliche  —  Schulden,  die  das  russische  Reich  während  des
Krieges  und  während  der  ersten  Phase  der  Revolution  kontrahiert  hat,  zurückzuzahlen ­
  oder  zu  konsolidieren.
An  den  finanziellen  Verhältnissen  dieses  Riesenreiches  wird  dadurch  auch
nicht  das  Mindeste  geändert.  Enorme  Summen  werden  notwendig  sein,
um  das  sicher  zu  erwartende  Defizit  für  das  nächste  Jahr  zu  decken  und
dem  Lande  die  Mittel  zur  Verfügung  zu  stellen,  die  es  braucht,  volkswirtschaftlich, ­
  militärisch  und  finanzpolitisch  die  Scharten  des  Krieges  auszuwetzen.
Die  politische  Zukunft  Rußlands  liegt  völlig  in  Dunkel  gehüllt.  Wird
die  Reaktion  oder  die  Revolution  siegen?  Wird  die  Duma  gemeinsam  mit
dem  Zaren  durch  wirtschaftliche  und  politische  Reformen  das  russische  Volk
zur  Höhe  westeuropäischer  Zivilisation  führen,  oder  werden  die  treibenden  Kräfte
des  alten  Regimes  und  die  Duma  in  Gegensatz  zueinander  treten?  Und  wird
in  diesem  Falle  die  russische  Bevölkerung  es  stumpf  über  sich  ergehen  laffen,
daß  uian  die  von  ihr  erwählte  parlamentarische  Vertretung  womöglich  mit
Waffengewalt  auseinanderjagt,  oder  wird  nach  dem  Vorbilde  der  französischen
Revolution  die  oppositionelle  Duma  zum  Kristallisationspunkt  der  großen
Revolution  werden,  die  der  Herrschaft  der  Romanows  ein  schmähliches  Ende
bereitet?  Auf  diese  Fragen  heute  eine  bestimmte  Antwort  geben  zu  wollen,
wäre  tollkühn.  Da  können  nur  Meinungen  und  allgemeine  hislorische  Gesichtspunkte ­
  geltend  gemacht  werden,  die  im  besten  Falle  sehr  viel  Wahrscheinlichkeit, ­
  niemals  aber  wissenschaftliche.Beweiskraft  für  sich  in  Anspruch
nehmen  können.
.Anders  ist  es  dagegen  um  die  finanziellen  Voraussagen  bestellt.  Daß
Rußland  weiter  große  Mittel  brauchen  wird,  kann  niemand  bestreiten.  Das
Reich  hat  sich  seinen  jetzigen  Geldgebern  gegenüber  verpflichtet,  innerhalb
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        zweier  Jahre  keine  neuen  Ausländsanleihen  aufzunehmen.  So  lange
kann  es  aber  nicht  warten,  um  die  notwendigen  Summen  zusammenzubringen.
Durch  Anleihen  ini  Jnlande  das  Geld  zu  beschaffen,  wird  nicht  möglich
sein,  und  so  bleibt  denn  als  letzter  Weg  der  Appell  an  die  Steuerbewilligungen
der  Duma.
Diese  Körperschaft,  die  zum  Teil  aus  Bauern  und  Bauernfreunden  zusammengesetzt ­
  sein  wird,  ist  gewählt,  um  der  Bauernbevölkerung  endlich  die
langersehnte  Erleichterung  zu  verschaffen.  Es  ist  ganz  ausgeschlossen,  daß  sie
Steuern  beschließen  kann,  die  den  Bauer  neu  belasten.  Genau  so,  wie
Staaten  nach  der  Lehre  Montesquieu^  sich  nur  mit  denselben  Mitteln  erhalten ­
  können,  mit  denen  sie  ins  Leben  gerufen  wurden,  kann  ein  Parlament,
das  zu  bestimmten  Zwecken  gewählt  worden  ist,  nicht  plötzlich  sich  seine
Existenzberechtigung  dadurch  zertrümmern,  daß  es  diesem  Zweck  zuwiderhandelt. ­
  Die  russische  Duma  muß  neue  Steuern  verweigern,  soweit  sie
agrarischer  Natur  sind,  und  Steuern  auf  Industrie  und  Handel  vermögen,
wenn  sie  nicht  so  drückend  sein  sollen,  daß  sie  Industrie  und  Handel  ruinieren,
im  Riesenbudget  des  russischen  Reiches  keine  Rolle  zu  spielen.
...  k^Das  russische  Volk  kann  nur  dadurch  entlastet  werden,  daß  es  dem
Ausland  die  Zinsen  der  ungeheuren  Schuldenlast  kürzt,  die  ihm  eine  durch
,!  f  und  durch  korrumpierte  autokratische  Gewaltherrschaft  skrupellos  aufgehäuft
hat.  Der  Staatsbankerott  ist  der  einzige  Ausweg,  der  der  Duma  bleiben
wird,  mag  sich  das  Gerechtigkeitsgefühl  und  das  moralische  Empfinden  der
neugewählten  Parlamentsmitglieder  auch  noch  so  sehr  dagegen  sträuben.
Die  neue  Milliarden-Anleihe  ändert  daran  absolut  nichts,  sie  schiebt  den
russischen  Staatsbankerott  auf,  aber  aufhalten  kann  auch  sie  ihn  nicht.
Gerade  in  diesem  Moment  scheint  es  mir  Pflicht,  von  neuem  das
deutsche  Kapitalisten-Publikum  zu  warnen.  Diese  Warnung  in  gegenwärtigem ­
  Moment  ist  nicht  schädlich.  Denn  wir  haben  uns  glücklicherweise
an  der  neuen  russischen  Anleihe  nicht  beteiligt.  Im  Gegenteil,  sie  kann
außerordentlich  nützlich  wirken,  da  das  Brillantfeuerwerk,  das  in  Paris,
Wien,  London,  Amsterdam  und  Brüssel  augenblicklich  veranstaltet  wird,  um
das  neue  russische  Anlehen  unterzubringen,  den  deutschen  Kapitalisten  die
Möglichkeit  gibt,  ihren  Besitz  an  russischen  Renten  nach  sjenen  Plätzen  abzustoßen. ­

Das  ist  der  Grund,  aus  dem  ich  mich  entschloffen  habe,  die  nachfolgenden
Artikel  aus  der  von  mir  herausgegebenen  kritischen  Wochenschrift  für  Volkswirtschaft ­
  und  Finanzwesen  „Plutus"  zu  sammeln.  Diese  Artikel  sind  in
den  Jahren  1904—08  erschienen  und  haben,  lange  bevor  an  das  mit  so
großer  Sensation  aufgenommene  Buch  des  Herrn  Regieruugsrat  Martin  zu
denken  war,  den  Ereigniffen  in  Rußland  die  Prognose  gestellt,  die  sich  bis
jetzt  als  richtig  erwiesen  hat.  Sie  geben  gleichzeitig  eine,  wie  ich  hoffe
manchem,  interessante  Uebersicht  über  die  chronologische  Folge  jener  Ereigniffe
        <pb n="7" />
        und  dürfen  daher  wohl  als  Beiträge  zur  finanziellen  Zeitgeschichte  ausgegeben
werden.  Ich  habe  deshalb  auch  einen  Teil  der  polemischen  Artikel,  die  ich
im  „Plutus"  teils  ans  eigener,  teils  aus  fremden  Federn  zu  publizieren
veranlaßt  war,  mit  aufgenommen.  Denn  sie  legen  ein  beredtes  Zeugnis  ab
für  die  Macht  und  Anziehungskraft,  die  das  Kapital  auf  die  Presse  ausübt.
Seitdem  Gentz,  der  begabteste  journalistische  Agent  der  Rothschild'schen  Häuser
und  des  rusflschen  Zaren,  durch  den  Tod  aus  seiner  betriebsamen  Laufbahn
abgerufen  worden  ist,  hat  —  das  zeigen  auch  wieder  deutlich  die  in  diese
Sammlung  aufgenommenen  Polemiken  —  es  dem  russischen  Reiche  niemals
an  federgewandten  Schildknappen  gefehlt.
Die  Presse  der  internationalen  Hochfinanz  jubelt  über  das  neueMilliarden-Anlehen
  und  höhnt  die  Warner.  Hochmut  soll  vor  dem  Fall  nichts  Seltenes  sein!
Berlin,  im  April  1906.
Heorg  Vernhard.
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        Inhcrtt

X.  Zur  CKarnung.
Vor  dem  russischen  Bankerott
Vorbereitung  zum  Staatsbonkerott  durch  Umfrage  bei
Gelehrten.  —  Schuldbaukerott.  —  Zinsbankerott.  -—  Die
Duma.  —  Verstecksgielen  der  öffentlichen  Meinung.
Geschichte  der  Btaatshankerotte
Preußen  1806.  —  Oesterreich  1811.  —  Rußland  1839.
—  Oesterreich  1848.  —  Oesterreich  1859  und  1868.  —
Ungarn  1867.  —  Strafmaß  nahmen  der  Londoner  und
Amsterdamer  Börse.  —  Das  Affidavit.  —  Italien  1864,
1877  und  1894.  —  Spanien  1820,  1834,  1851,  1867  und
1882.  —  Das  Arrangement.  —  Portugal  1841,  1855  und
1892.  —  Mexiko  1827,  1846  und  1859.  —  Argentinien  1829,
1890  und  1893.  —  Balkan  und  Orient.  —  Die  Türkei  1877.
—  Serbien.  —  Aegypten  1880.  —  Griechenland  1893.
Mie  wird  Ruseland  bankerott  machen?  .  .  .
Welche  Wahl  bleibt  Rußland?  —  Kapitalrcduktion
resp.  Valutaentwertung.  —  Couponsteuer.  —  Die  Konstitution ­
  als  Mutter  des  Staatsbankerotts.  —  Rußland  muß
bankerottieren.  —  Das  Ausland  und  die  Couponkürzung.  —
Die  Selbsthilfe  des  Auslandes.  —  Die  Erzwingung  eines
Arrangements.  —  Sicherheitsleistung  für  die  russische
Schuld.  —  Das  Recht  auf  Bankerott.  —  Das  russische
Danaidenfaß.
Russischer  Budgetschwindel
FinanzielleUnfäHigkeit  des  Absolutismus.—Die  russische
Rechts-  und  Wirtschaftsordnung.  —  Das  Geheimbudget.  —
Die  Willkür  des  Zaren.  —  Geistlichkeit  und  Kosaken.  —
Versteckte  Fonds.  —  Der  Etat  kein  Gesetz.  —  Der  unkritische ­
  Reichsrat.  —  Die  Jagd  nach  den  fetten  Happen.  —
Das  Familienbudget.  —  Ein  Zierstück  fürs  Ausland.  —
Privatrechtliche  Normen  gelten  nicht.  —  Der  Staatsbaukerott
  aus  heiterem  Himmel.  —  Das  russische  Budget
eine  Farce.
XX.  beitrage  zur  Zeitgeschichte.
Der  russische  Riese
Vorgeschichte  des  russisch-japanischen  Krieges.  —  Das
Testament  Peters  des  Großen.  —  Rußland  und  Japan.  —
Die  Achillesferse  des  russischen  Riesen.  —  Wittes  Finanzpolitik. ­
  —  Der  große  Bluff.
        <pb n="9" />
        Seite
fordern  ey  und  Königsberg  54
Der  Handelsvertrag  als  Geldquelle.  —  Warnung  vor
neuen  russischen  Anleihen.  —  Rußland  lebt  vom  Pump.  —
Jndustriezüchtung  und  Goldwährung.  —  Russische  Verschleierungskünste. ­
  —  Professor  v.  Reußner  im  Königsberger
Prozeß.  —  Paschawirtschaft.  —  Die  Südwestbahu.
Deutsch-russische  Kriegsanleihe  61
Die  Kalkulation  des  russischen  Finanzministers.  —
Was  ist  russische  Kultur?  —  Russische  Presse  in  Deutschland.
—  Ein  Dokument  der  Korruption.  —  Handelspolitik  und
Anleihen.  —  Für  uns  bleibt  nichts  übrig.  —  Der  Reichskanzler. ­
  —  Die  Kreiszeitung.  —  Die  neue  Lesart  der
Kreuzzeitung.
Mendelssohns  68
Die  Petersburger  Stratzenrevolte.  —  Die  Verantwortung ­
  für  Deutschlands  Kapitalverluste.  —  Mendelssohns
als  Emissionshaus.  —  Die  Bearbeitung  der  Börsenpreise.  —
Angebliche  Neberzeichnung.  —  Geschenke  an  die  Börse.  —
Der  Börsen-Eonrier.  —  Eine  Revolution  und  keine  Emeute.
—  Die  französische  und  die  russische  Revolution.  —  Necker
&amp;amp;  Witte.  —  Schlimme  Aussichten.
Der  friede  75
Die  Zweikaiserbegegnung.  —  Gärung  gegen  England.
Rußland  als  Bundesgenosse.  —  Pump  und  Handel.  —
England  und  Deutschland.  —  Deutschland  zahlt  den  Tabak
für  die  Friedenspfeife.
Der  Zusammenbruch  82
Die  Anleihe  gescheitert.  —  Kann  Rußland  dauernd
Zinsen  zahlen?  —  Das  Schwanken  des  Zaren.  —  Duma
und  französische  Ständeversammlung.  —  Witte  und  der
Tschin.  —  Die  Revolution  und  die  Finanzen.  —  Rücksichtnahme ­
  aller  Revolutionäre  gegen  das  Kapital.  —  Guter
Wille  und  harte  Notwendigkeit.  —  Der  revolutionäre
Finanzminister.  —  Die  Assignaten.  —  Der  Staatsbankerott
als  Vorstufe  jeder  neuen  Ordnung.  —  Die  Chance  der
russischen  Staatsgläubiger.
Das  Rätsel  von  Hlgeciras  89
Der  Ruffenanleihe  die  Zulassung  verweigert.  —  Rache
für  Algeciras?  —  Furor  asiaticus.  —  Das  Geheimnis
der  Lambsdorff-Depesche.  —  Fürst  Bülows  Bekehrung.
XIX.  polemisches.
fierr  Professor  Relfferich  95
Professor  oder  Legationsrat  Helfferich.  —  Die  Quellen
Helfferichs.  —  Rußlands  Zahlungsbilanz.  —  Der  zweifelhafte ­
  Ausfuhrüberschuß.  —  Der  Schiffahrttribut.  —  Der
bedrohte  Goldschatz.  —  Die  russischen  Bahnen  —  Hohe
Baukosten.  —  Willkürliche  Wertberechnungen.  —  Sogenannte
Ueberschüsse.  —  Baugewinue.  —  Witte  gegen  Helfferich.  —
        <pb n="10" />
        Seite

Der  russische  Reichtum  —  Ans  Ausland  verschuldet.  —
Der  russische  Mensch.  —  Zwangsweiser  Getreideexport.  —
Die  russische  Ernte.  —  Das  russische  Vieh.  —  Der  russische
Konsum.
Das  hantln  sdie  Bild)  109
Wer  ist  Martin?  —  Olle  Kamellen.  —  Die
Schwächen  des  Buches.  —  Revolutionsprophezeiung.  —
Der  Staatsbankerott  als  Entlastung.  —  Ankündigung  einer
russischen  Widerlegung.  —  Neue  Anleihe  in  Sicht.  —
Der  korrigierte  Helfferich.  —  Wo  bleibt  die  Antwort  auf
Martin?
fürst-  Bülow  als  fwianzpropbet  ns
Die  Abschütteln»g  Martins.  —Empfehlung  russischer
Anleihen.  —  Bismarck  und  Bülow.  —  Politische  und
volkswirtschaftliche  Redakteure.  —  Der  Reichskanzler  läßt
sich  verteidigen.  —  Ein  Gesinnungswechsel  der  Regierung?
—  Der  Rückzug  der  Presse.  —  Die  Nationalzeitung.  —
Die  Vossische  Zeitung.
Oie  Vossiscke  Teilung  119
Deroute  der  Russenwerte.  —Bezahlte  Ehrenrettung.  —
Die  Lüge  vom  ordentlichen  Budget.  —  Die  Lüge  von  den
Ueberschüssen.  —  Die  Lüge  vom  Voranschlag.  —  Die  Lüge
von  der  Bauernbelastung.  —  Die  Lüge  vom  Goldguthaben.
—  Die  deutsche  Regierung  verläßt  das  sinkende  Russenschiff.
—  Zurückweisung  von  Annoncen.  —  Der  Börsen-Courier.  —
Die  Anstandstante  Boß.  —  Die  Kampfesweise  der  Vossin.
Mariin  über  die  „Voß".  —  Kosakenpresse.
        <pb n="11" />
        I.  Jur  Warnung.
        <pb n="12" />
        (Vor  dem  russischen  (SanKcrokk.

Im  Sommer  des  Jahres  1905  hat  bekanntlich ­
  die  russische  Regierung  eine  Reihe
auswärtiger,  auch  deutscher  Gelehrter  im  vertraulichen ­
  Weg  um  eine  Darstellung  der  bisherigen ­
  Staats  bankerotte  und  ihre  Wirkungen
aus  die  Wirtschaften  der  betroffenen  Reiche  ersucht. ­
  Im  Publikum  und  teilweise  in  der
Presse  war  man  darüber  erstaunt,  daß  die  Regierung ­
  des  Zarenreiches  sich  nicht  selbst  die
nötigen  Informationen  zu  verschaffen  wußte,
und  unorientierte  Leute  haben  sogar  über  die
scheinbare  Hilflosigkeit  des  Finanzministeriums
gespottet.  Sehr  mit  Unrecht!  Das  Problem
des  Staatsbankerotts  gehört  zu  den  schwierigsten
AusgabenderWissenschaft:Oekonomieund  Finanzwissenschaft,
  Völkerrecht  und  Privatrecht  müssen
zur  Lösung  herangezogen  werden  —  aber,  wie  das
so  oft  bei  Grenzfragen  mehrerer  Wissensgebiete
der  Fall  ist,  bisher  hat  keine  der  vier  Wissenschaften ­
  der  Frage  die  gebührende  Aufmerksamkeit ­
  zugewendet.
Staatsbankerott!  Schon  mit  diesem  Wort
verbindet  sich  für  den  Laien  die  Vorstellung
von  einem  Zusammenbruch  der  Staatsfinanzen,
von  einer  furchtbaren  Katastrophe  für  die  Volkswirtschaft, ­
  vom  Schwinden  des  öffentlichen
Kredits  und  den  größten  Verlusten  für  Handel
und  Gewerbe.  Und  mußte  man  nun  nicht  mit
Staunen  vernehmen,  wie  bald  versteckt,  bald
schon  ganz  laut  dem  großen  Nachbarreich  von
unparteiischer  Seite  der  Bankerott  geradezu
empfohlen  wurde?  Mußte  nicht  jedermann

Vorbereitung
zum  Stautsbankrott
  durch
Umfrage  bei
Gelehrten
        <pb n="13" />
        4

glauben,  daß  hier  die  Wissenschaft  z  u
einem  anderen  Resultat  gekommen
sei,  als  man  allgemein  annahm?
Darüber  entstand  große  Unsicherheit  und
Unruhe.  Da  die  staatswissenschaftlichen  Enzyklopädien ­
  und  die  größeren  Lehrbücher  teils
über  die  Frage  schweigen,  teils  veraltete  Anschauungen ­
  vertreten,  hat  sich  ein  Kreis  von
Lesern  an  die  Redaktion  des  „Plutus"  mit
dem  Ersuchen  um  eingehende  Darstellung  und
Behandlung  des  vorliegenden  Problems  und
um  unsere  Ansicht  über  die  Möglichkeit  und
die  Wirkungen  eines  russischen  Staatsbankerotts
gewendet.  Die  Redaktion  kam  dieser  Anregung
nach,  als  sie  den  Verfasser  mit  der  Bearbeitung
des  Problems  betraute.  Wir  werden  im
folgenden  eine  Schilderung  der  bisherigen ­
  Staatsbankerotte  geben,
daran  eine  allgemeine  Erörterung  der  Mittel
und  der  Wirkungen  der  Staatskrida  anschließen
und  auf  Grund  dieser  Untersuchung  der  Frage
nähertreten,  ob  die  Lage  des  russischen  Staatshaushalts ­
  den  Bankerott  fordert,  welcher  Modus
eventuell  dafür  gewählt  werden  wird,  und
welche  Wirkungen  diese  Eventualität  für  die
russische  Wirtschaft  und  für  das  Ausland,  in
erster  Linie  für  uns  hätte.  Abweichend  von
unserer  sonstigen  Gewohnheit  wollen  wir  angesichts ­
  der  Wichtigkeit  der  Materie  auch  die
Literatur  anführen,  die  eingehender  über  die
einzelnen  Fragen  zu  orientieren  vermag.
Als  Staatsbankerott  können  wir  nur  jene
Fälle  bezeichnen,  in  denen  ein  Staat  seinen  bei
Kontrahierung  der  Schuld  übernommenen  Verpflichtungen ­
  gar  nicht  oder  nur  teilweise  nachkommt; ­
  Aufschub  der  Zinszahlungen  ist  also
noch  kein  Bankerott.  Die  Vertragsverletzung
Schuld-  kann  entweder  in  einer  R  e  p  u  d  i  a  t  i  o  n  bebankerott
  stehen,  das  heißt  in  einer  Verweigerung  der
Anerkennung  der  Kapitalsschuld:  solche  Fälle
kamen  bis  in  die  Neuzeit  ungemein  häufig  beim
Regierungsantritt  eines  neuen  Herrschers  vor,
wie  denn  namentlich  Philipp  II.  die  Anleihen
        <pb n="14" />
        seines  Vorgängers  Karl  V.  nicht  anerkannte.
Mit  der  Entwickelung  der  Idee  der  Staatspersönlichkeit ­
  hörte  dieser  Anlaß  der  Verweigerung ­
  auf,  dafür  trat  ein  anderer  an  die  Stelle.
In  Amerika  wurde  es  Sitte,  die  von  der  Gegenpartei ­
  kontrahierten  Schulden  nicht  als  gültig
zu  behandeln:  zwar  die  Union  hat  stets  ihre
Verpflichtungen  pünktlich  erfüllt,  aber  die  einzelnen ­
  Bundesstaaten  und  die  größeren  Städte
haben  oft  und  sogar  bis  in  die  jüngste  Zeit
hinein  die  von  den  früheren  Vertretungen  kontrahierten ­
  Schulden  für  ungültig  erklärt;  zahllose ­
  Fälle  finden  sich  in  der  älteren  Schrift  des
berühmten  amerikanischen  Professors  Patten
„Das  Finanzwesen  der  Staaten  und  Städte
der  nordamerikanischen  Union"  und  bei  Bogart
„Die  Finanzverhältnisse  der  Einzelstaaten  der
Union"  (beide  bei  Gustav  Fischer  in  Jena  erschienen) ­
  verzeichnet.  Das  gleiche  ist  in  den
südamerikanischen  Staaten  die  Regel.  Man
erinnert  sich  noch  der  schweren  Verluste  an
deutschem  Kapital,  als  die  blühendste  Provinz
Argentiniens,  La  Plata,  wegen  Aenderung  ihrer
politischen  Vertretung  das  eben  vorher  in  Berlin
kontrahierte  Anlehen  kurzerhand  annullierte.
Den  gleichen  Vorgang  beobachtete  Mexiko
gegenüber  der  unter  Kaiser  Maximilian  aufgenommenen ­
  Staatsschuld.
In  Europa  ist  man  im  19.  Jahrhundert
nirgends  so  weit  gegangen,  die  Kapitalsschuld
abzuleugnen;  man  begnügte  sich  hier  mit  den
milderen  Formen  der  Z  i  n  8  v  e  r  k  ü  r  z  u  n  g
entweder  durch  Zw  angskonVersion  oder
Verschlechterung  der  Couponvaluta ­
  oder  durch  Auferlegung  einer
Couponsteuer.  Charakteristisch  ist  auch
hier  die  Erscheinung,  daß  die  meisten  dieser
Verkürzungen  gelegentlich  einschneidender ­
  Verfassungsänderungen
erfolgten;  wenn  man  nach  großen  politischen
Katastrophen  mit  der  Vergangenheit  gründlich
brechen  und  eine  Aera  der  Reformen  beginnen
will,  dann  kürzt  man  gewöhnlich  die  Schulden

Zmsbankerott
        <pb n="15" />
        6

der  Vorzeit.  Die  zwei  Staatsbankerotte  in
Preußen  sind  mit  der  Person  des  Großen  Kurfürsten ­
  und  der  Hardenbergs  verbunden,  die
italienische  Couponsteuer  entstand  kurz  nach  der
Gründung  des  neuen  Reiches  und  die  österreichische ­
  wenige  Monate  nach  der  Einführung
des  Dualismus  und  dem  Erlaß  der  Staatsgrundgesetze. ­

In  Amerika  -  wie  in  Europa  ist  die  Idee
der  Staatspersönlichkeit  und  -kontinuität  noch
nicht  voll  durchgedrungen,  außer  etwa  in  England, ­
  Frankreich  und  jetzt  im  Deutschen  Reich;
dort,  wo  der  Staat  noch  mehr  einen  Sozietätcharakter ­
  hat  wie  in  den  amerikanischen  Teilstaaten, ­
  annulliert  man  schlechtweg  die  Schulden
der  früheren  Vertretung,  dort,  wo  sich  die  Idee
der  selbständigen  staatlichen  Existenz  durchgerungen ­
  hat,  wie  überall  in  Europa,  begnügt
man  sich  mit  Zinsenkürzung,  wobei  doch  immer
noch  derselbe  Grundgedanke  durchklingt,
daß  der  neu  k  o  n  st  i  t  u  i  e  r  t  e  Staat  mit
Die  Duma  dem  alten  nicht  identisch  sei.  Die
von  so  vielen  geteilte  Ansicht,  wonach  mit  Einführung ­
  der  neuen  Verfassung  die  Sicherheit
der  russischen  Staatsanleihen  erhöht  werde,
beruht  aus  einer  Verwechselung  von  zwei  ganz
verschiedenen  Dingen.  Parlamente  achten
sehr  auf  die  konstitutionell  aufgenommenen
Schulden,  zeigen  dagegen  die  größte
Neigung,  die  von  den  absolutistischen  Regierungen ­
  kontrahierten  zu  kürzen.  Dort,
wo  die  Macht  des  Parlaments  stark  war,
konnte  dieser  Plan  auch  gelingen;  so  hoben  die
ungarischen  Gesetzesartikel  von  1867,  die  die
Verfassung  wieder  einführten,  die  absolutistisch
kontrahierten  Schulden  auf;  iu  anderen  Staaten
war  die  Regierung  stark  genug  gegenüber  so
weit  reichenden  Konsequenzen,  aber  stets  ging
die  Anregung  von  der  jungen  parlamentarischen
Körperschaft  aus.  Das  wird  auch  in  Rußland
der  Fall  sein.  Die  Regierung  wird  nicht
den  ersten  Schritt  tun,  das  glauben  wir  ihr,
aber  sie  wird  sich  nicht  ungern  zwingen
        <pb n="16" />
        7

lassen  —  und  aus  diese  Eventualität  müssen
wir  uns  rechtzeitig  vorbereiten.
Sicherlich  wird  uns  der  Einwand  nicht  Versteckspielen
erspart  bleiben,  daß  wir  Wasser  aus  die  Mühle  ^öffentlichen
unserer  Gegner  treiben.  Ein  Teil  der  deutschen  Meinung
Presse,  darunter  die  vornehmsten  Organe  der
öffentlichen  Meinung,  schweigen  mit  Absicht
über  die  künftige  Gestaltung  der  russischen
Staatswirtschaft/  weil  sie  der  Regierung  des
Zaren  den  künftigen  Bankerott  nicht  erleichtern
wollen.  Die  Furcht  des  Finanzministeriums
vor  der  Entrüstung  und  Erregung  des  Auslandes ­
  gegenüber  einem  unerwarteten  Gewaltstreich, ­
  werde,  so  meint  man,  am  wirksamsten
vor  einem  Staatsbankerott  sichern;  wird  aber
das  Publikum  in  Deutschland  und  Frankreich
langsam  auf  diese  Möglichkeit  vorbereitet,  dann
werde  die  Finanzverwaltung  ohne  Schwierigkeit
ihre  Verpflichtungen  verletzen  können.  Darum
sei  es  am  besten,  jetzt  zu  schweigen  und  erst  zu
sprechen,  wenn  man  vor  einem  fait  accompli  stehe.
Was  würde  man  wohl  von  einem  Arzt
sagen,  der  erklärt:  „Ich  sehe  das  Uebel
kommen,  aber  ich  warte,  bis  der  Kollaps  da
ist?"  Wir  glauben  nicht  daran,  daß  sich  die
kommende  Duma  in  ihren  Entschließungen
durch  die  Stimme  der  auswärtigen  Presse  wird
beeinflussen  lassen;  in  einem  jungen  Parlament
werden  so  elementare  Kräfte  entfesselt,  daß
jeder  Versuch,  sie  zu  regulieren,  mit  Notwendigfeit
  scheitert.
Und  ist  es  nicht  primäre  journalistische
Pflicht,  das  Publikum  vor  der  Gefahr,  die
kommen  wird  und  kommen  muß,  rechtzeitig  zu
warnen?  Ist  es  unpatriotisch,  darüber  zu
sprechen  in  einem  Zeitpunkt,  wo  eine  neue
Anleihe  in  Sicht  ist?  Ist  es  voreilig,  über  die
Retorsionmittel  zu  sprechen,  ehe  noch  die  Entscheidung ­
  gefallen  ist,  und  sollen  wir
vielleicht  warten,  bis  uns  der
Bankerott  angekündigt  wird,  um
dann  in  hilf-  und  nutzlose  Klagen  auszubrechen?
Jetzt  muß  volle  Aufklärung  über  die  ganze
        <pb n="17" />
        8

Frage  geschaffen  werden!  Man  verficht  doch
sonst  immer  die  volkswirtschaftlich  nützliche
Tätigkeit  der  Spekulation,  die  die  Ereignisse
vorauszuberechnen  sucht  und  dadurch  die  Kursbildung ­
  regelmäßiger  gestaltet  und  die  plötzliche
Baisse  verhindert.  In  diesem  Sinne  wollen
auch  wir  wirken  und  rechtzeitig  in  den  folgenden
Aufsätzen  auf  die  Wirkungen'  vorbereiten,  die
die  russische  Krise  für  uns  direkt  —  durch
Rentenkürzung  —  und  indirekt  —  durch  die
Schwächung  des  Wirtschaftorganismus  unseres
Nachbarreichs  —  zur  Folge  haben  kann.
        <pb n="18" />
        y

Geschichte  der  Staatsßanßerotte.
Bei  der  folgenden  Darstellung  der  einzelnen
Bankerotte  werden  wir  nur  das  19.  Jahrhundert
in  Betracht  ziehen;  in  früheren  Perioden  war
der  Zusammenbruch  der  Staatswirtschast  weit
häufiger,  und  selbst  in  dem  heute  so  soliden
französischen  Haushalt  folgte  bis  zu  Napoleon  l.
Bankerott  auf  Bankerott;  aber  diese  Krisen  waren
ganz  anderer  Natur  als  die  modernen:  noch
hatten  die  Staatsschulden  fast  gar  keinen
internationalen  Charakter,  noch  hatten  sich  nicht
die  großen  Bankinstitute  entwickelt.
Erst  die  Verhältnisse  des  19.  Jahrhunderts
können  für  die  Gegenwart  zum  Vergleich  herangezogen ­
  werden.  Den  Reigen  der  Staaten  eröffnete ­
  Preußen,  das  die  Zinszahlung  für  die  Preußen  1806
auswärtige  Schuld  von  1806—11,  für  die
heimische  von  1806—14  einstellte;  wir  sehen
hier  schon  die  ungleiche  Behandlung  der  beiden
Gruppen  nach  ihren  Besitzverhältnissen  und  oie
Bevorzugung  des  auswärtigen  Besitzes,  da  man
in  jenen  Kriegstagen  in  hohem  Maße  auf  den
auswärtigen  Kredit  angewiesen  mar;  die  Wirkungen ­
  dieser  Maßregel  lassen  sich  nicht  konstatieren, ­
  da  der  Kurssturz  der  preußischen  Rente
mehr  durch  den  unglücklichen  Krieg  —  Jena!  —
veranlaßt  war  und  die  Verhältnisse  der  preußischen ­
  Volkswirtschaft  infolge  der  feindlichen
Invasion  ganz  anomal  waren.
Die  Bankerotte  in  Westfalen  (1812)  und
Kurhessen  (1814),  die  mit  dem  Zusammenbruch
der  Napoleonischen  Herrschaft  zusammenhingen
und  zu  Kapitalreduktionen  führten,  können  wir
        <pb n="19" />
        10

hier  übergehen;  weit  größeres  Interesse  bieten
Oesterreich  uns  das  gleichzeitige  österreichische  Fallisse-1811
  ment  von  1811,  das  in  gesetzlicher  Entwertung
der  Valuta  bestand.  Infolge  der  langen  Kriege
war  die  Papiergeldemission  übermäßig  gesteigert
worden,  und  als  nun  nach  dem  Schönbrunner
Frieden  ein  Teil  des  Geldes  aus  den  abgetretenen
illyrischen  Provinzen  zurückströmte,  brach  das
staatliche  Geldsystem  zusammen;  der  Papiergeldumlauf ­
  von  1060  Millionen  Gulden  wurde  auf
212,160  Millionen  Einlösungscheine,  also  auf
ein  Fünftel,  reduziert.  Eine  Reihe  von  Theoretikern ­
  jener  Tage  —  und  bis  in  die  neueste
Zeit  wird  diese  Ansicht  verfochten  —  stand  auf
dem  Standpunkt,  daß  durch  eine  derartige  Entwertung ­
  nur  das  Ausland  betroffen  werde;
im  Inland  sei  damit  keine  Veränderung  eingetreten, ­
  denn  hier  gelte  der  neue  Einlösungsschein ­
  eben  fünfmal  soviel  als  das  alte  Papiergeld, ­
  und  der  Rentner  bekomme  zwar  nominell
nur  den  fünften  Teil  wie  vordem,  könne  dafür
aber  ebensoviel  wie  früher  einkaufen;  es  sei  nur
der  Nominalwert,  nicht  die  Kaufkraft  geändert.
Wer  sich  von  der  Unrichtigkeit  dieser  Argumentation ­
  überzeugen  will,  braucht  nur  an
die  fürchterlichen  Klagen  zu  denken,  die  gerade
in  jenen  Tagen  über  die  verhängnisvollen  Wirkungen ­
  der  Geldentwertung  laut  wurden;  in
Springers  „Geschichte  Oesterreichs"  wie  im
„Oesterreichischen  Staatshaushalt  im  19.  Jahr-Hundert"
  von  Beer  finden  sich  dafür  reiche  Bej
  lege,  und  jeder  literarisch  Gebildete  weiß  aus
/  .devtSechstbiographie  Grillparzers,,  wie  furchtbar
schwer  namentlich  die  mittleren  Klassen  der  Bevölkerung ­
  zu  leiden  hatten.  Es  ist  eben  nicht
wahr,  daß  sich  die  Preise  dem  neuen  gesetzlichen
Geldwert  sofort  anpassen,  das  ist  erst  nach  einerlängeren
  Periode  der  Fall,  und  in  dieser  Uebergangszeit
  erleiden  nicht  bloß  die  Rentner,  sondern ­
  auch  alle  jene,  die  aus  feste  Bezüge  angewiesen ­
  sind,  eine  empfindliche  Beeinträchtigung
ihrer  Kaufkraft.  In  neuester  Zeit  würde  eine
derartige  Maßregel  eineEinkommensverschiebung
        <pb n="20" />
        zuungunsten  der  mittleren  Bürger-  wie  der
besitzlosen  Klassen  bedeuten;  denn  der  Unternehmer ­
  hat  das  Recht,  den  vereinbarten  Lohn
in  entwertetem  Geld  zu  zahlen,  während  der
Arbeiter  bei  seinen  Einkäufen  nicht  das  gleiche
tun  kann,  da  die  Preise  von  ihrem  alten  Niveau
nur  langsam  Heruntergleiten.  Man  bezeichnet
einen  derartigen  Vorgang,  wodurch  der  Nennwert ­
  des  Geldes  auf  den  tiefstehenden  Kurswert
herabgedrückt  wird,  als  Devalvation.
Rußland  folgte  dem  österreichischen  Bei-  Rußland  1839
spiel  ein  Vierteljahrhundert  später,  aber  nicht  so
unverhüllt  und  aufrichtig,  sondern  mit  geradezu
teuflischer  Arglist;  selten  wurde  je  so  sehr  auf
die  Dummheit  eines  ganzen  Volkes  spekuliert
—  und  mit  Erfolg  spekuliert!  —  wie  damals.
Die  Zahl  der  seit  Katharina  II.  in  den  Verkehr  ,
gebrachten  Assignaten  war  im  Laus  der  Dezennien  Z  •,  ,  ,  ?.
übermäßig  'gestiegen  unddadurch  stark  im  Wert
gesunken.  In  einem  Manifest  von  1839  wurde
nun  der  Silberrubel  zur  Münzeinheit  erklärt
und  die  alten  Assignaten  zum  Silberrubel  in
das  Verhältnis  von  3VZ:  1  gebracht;  im  Inland ­
  sollten  die  Assignaten  weiter  gelten,  nach
außen  der  Silberrubel,  und  die  Reform  wollte
somit  durch  Schaffung  einer  festen  Relation
dem  Agio  und  dem  steten  Schwanken  der  auswärtigen ­
  Wechselkurse  ein  Ende  bereiten;  soweit
war  alles  in  Ordnung.  Aber  nun  ersann  der
russische  Finanzminister  Kankrin  eine  Maßregel,
die  man  nicht  anders  denn  als  Betrug  bezeichnen
kann.  Um  das  Währungsmetall  heranzuschaffen,
wurde  eine  Depositenkasse  errichtet,  die  alles
Silber  in  Empfang  nahm  und  dafür  gedeckte
Depotbillets  mit  Zwaugskurs  für  das  ganze
Reich  ausgab.  Dem  Publikum  wurde  eingeredet,
daß  die  Regierung  in  nächster  Zeit  kein  Silber,
nur  solche  Billets  als  Geld  annehmen  werde,
und  zu  Haufen  drängten  sich  die  Leute  zu  den
Kassen  der  Bank,  um  dort  ihr  Metall  gegen  die
Scheine  auszutauschen;  insgesamt  wurden
37  Millionen  Rubel  Silber  deponiert;  da  aber
die  Assignatensumme  595,776  Millionen  Rubel
        <pb n="21" />
        12

betragen  hatte,  wären  170,222  Millionen  Rubel
(nach  der  Relation  von  3*/z:1)  zur  Einlösung
nötig  gewesen.  Die  metallische  Deckung  war
aber  nur  sür  zirka  20°/g  vorhanden.  Die  Regierung ­
  gab  nun  für  170,222  Millionen  —
größtenteils  ungedeckte  —  Kreditbillets  aus  und
nahm  den  Besitzern  der  früheren  Depositenscheine
das  ihnen  anfangs  gewährte  Recht  der  Bareinlösung! ­
  Durch  diesen  Kniff  wurde  freilich
die  schwebende  Staatsschuld  um  425*4  Millionen
Rubel  mit  einem  Schlag  verringert  —  aber  auf
eine  Weise,  die  man  nicht  näher  zu  charakterisieren ­
  braucht.  Dem  Publikum  wurde  das
Silber  förmlich  aus  der  Tasche  gestohlen  und
unter  dem  Vorwand,  es  in  Depot  zu  nehmen,
gänzlich  entzogen.  Selbst  der  wirkliche  russische
Staatsrat  von  Bloch,  der  bekannte  Friedenstheoretiker, ­
  ein  lammfrommer  Mann  und  unverfälschter ­
  Patriot,  vermag  in  seiner  Geschichte
der  russischen  Finanzen  sein  Erstaunen  über  die
Dummheit  des  Volkes,  das  Metall  für  Scheine
gutgläubig  hingab,  nicht  zu  unterdrücken.  Wir
staunen  mehr  über  die  brutale  Ausbeutung  der
nationalen  Unwissenheit  durch  eine  skrupellose
Regierung  und  die  Indolenz  einer  Bevölkerung,
die  sich  systematische  Beraubung  gefallen  läßt.
Für  das  Ausland  hatte  die  russische  Maßregel ­
  damals  so  gut  wie  gar  keine  Bedeutung,  um
so'stärkere  für  das  Inland.  Unternehmungslust
und  Kredit  waren  für  lange  Zeit  hinaus  geschwächt; ­
  im  bulletin  Russe  de  statistique
financiere  von  1899  findet  sich  eine  Uebersicht
der  Aktiengesellschaftgründungen  im  19.  Jahrhundert, ­
  woraus  man  deutlich  die  starke,  durch
die  Devalvation  hervorgerufene  Depression  entnehmen ­
  kann.  Freilich  waren  die  Wirkungen
für  die  ganze  Wirtschaft  noch  nicht  so  zerstörend,
als  man  aus  den  ersten  Blick  meinen  würde,
weil  das  Zarenreich  damals  noch  das  Gepräge
des  Agrikulturstaates  trug.  Die  in  die  Geldwirtschaft ­
  einbezogenen  Kreise  empfanden  dagegen ­
  mit  voller  Wucht  den  schweren  Schlag  —
und  sie  vergaßen  ihn  auch  nicht  so  bald;  noch
        <pb n="22" />
        13

in  der  Zeit  des  Krimkrieges  fühlte  der  Staat
tief  das  Mißtrauen,  das  feit  jener  Zeit  im  Inland ­
  feinen  Kredit  schwächte.  Für  das  Ausland ­
  freilich  blieb  jener  Vorgang,  wie  schon
gesagt,  damals  fast  belanglos.  Man  hört  gutgläubig ­
  die  mit  Emphase  bis  zum  Neberdruß
wiederholte  Behauptung  der  geschickten  russischen
Auslandsagenten,  der  Herren  Raffalovich  in
Paris  und  Wittschewsky  in  Berlin,  daß  Rußland ­
  allein  unter  allen  Kontinentalstaaten  stets
gewissenhaft  seinen  Verpflichtungen  nachgekommen ­
  sei  —  und  vielen  war  es  eine  Ueberraschung,
  als  Professor  Ballod  auf  den  Kankrinschen
  Finanzkrach  hinwies.  Unter  allen
Bankerottenist  dieser  russischederschmählichste;
  in  Westeuropa  machte  man  stets  offen
Bankerott,  nicht  in  so  empörender  Weise  —  und
dort  tat  man  es  stets  im  Notstand,  bei  feindlicher ­
  Invasion  oder  nach  furchtbarem  Krieg  —,
Rußland  griff  aber  damals  mitten  im  Frieden
zu  dieser  Maßregel.
Die  bisher  besprochenen  Bankerotte  haben
das  Ausland  nur  wenig  betroffen,  teils  weil
die  fremden  Anleihen  schon  durch  die  Art  der
Maßregel  nicht  tangiert  wurden,  wie  in  Rußland ­
  und  in  gewissem  Sinne  in  Preußen,  teils
weil  die  Schuld  überwiegend  heimisch  war,  wie
in  Oesterreich  1811.  Anders  war  der  Fall  bei
den  späteren  österreichischen  Bankerotten,  die  nur
dem  Ausland,  nicht  dem  Inland  gegenüber  als
Krida  erscheinen.  Die  Auszahlung  der  in  Silber
stipulierten  Rentenschuld  in  Papiergeld  im  Jahre
1848  stellte  sich  für  den  Inländer  nur  als  Ausfluß ­
  der  gesetzlich  durch  das  48erPatent  normierten
Gleichstellung  von  Silber-  und  Papiergulden
dar,  für  das  Ausland  bedeutete  sie  einen  erheblichen ­
  Verlust.  Wieder  anders  lag  der  Fall
bei  der  österreichischen  Couponsteuer  von
1868.  Schon  1849  war  nach  englischem  Vorbild ­
  von  der  Rente  eine  Steuer  von  5%  eingehoben ­
  worden,  die  1859  aus  7%  und  1868
auf  16%  für  die  allgemeine  fundierte  und  aus
20%  für  die  übrigen  Staatsschulden  erhöht

Oesterreich
1848

Oesterreich
1859  u.  1868
        <pb n="23" />
        14

Ungarn  1867

Ttrafmaßnahn:en
  der  Londoner ­
  u.  Amsterdamer ­

Börse

wurde.  Unmittelbar  nach  dem  Nikolsburger
Frieden  hatte  die  Dynastie  mit  den  Magyaren
Verhandlungen  angeknüpft  und  ihnen  selbständige ­
  staatliche  Stellung  eingeräumt;  in  den
.Gesetzesartikeln  von  1867  repudiierten  nun  die
Magyaren  ausdrücklich  die  unter  dem  absolutistischen ­
  Regime  aufgenommene  Staatsschuld
und  erklärten  sich  nur  bereit,  zur  Verzinsung
einen  Jahresbeitrag  von  29,188  Millionen
Gulden  zu  leisten;  dadurch  wurde  die  ganze
Last  der  riesigen  Staatsschuld  —  die  damals
in  mehr  als  hundert  gesonderten  Anleihen  notiert
war  —  auf  Oesterreich  gewälzt,  und  um  diese
unerträgliche  Bürde  zu  erleichtern,  wurde  auf
Anregung  des  Parlaments  die  hohe  Couponsteuer ­
  auferlegt,  wodurch  die  „konsolidierte  gemeinsame ­
  Rente"  de  facto  von  5  auf  4,2%
herabgedrückt  wurde;  dieser  Zustand  bestand  bis
zur  Böhm-Bawerlschen  Konversion  von  1903
für  die  ganze  Rente  fort  und  besteht  noch  heute
für  den  sogenannten  „ungarischen  Block"  im
Betrage  von  1400  Millionen  Kronen.
Die  Wirkungen  der  achtundsechziger
Couponsteuer,  die  wegen  ihrer  Höhe  nicht  mit
Unrecht  als  Zwangskonversion  angesehen  wurde,
waren  ganz  eigentümliche.  Zwar  konnte  das
Defizit,  das  zu  Ende  1868  52  Millionen  fl.
betrug,  nicht  beseitigt,  aber  doch  um  21%  Millionen ­
  Gulden  gekürzt  werden  —  ohne  daß  der
inländische  Rentenbesitz  einen  reellen  Schaden
erlitt;  denn  diese  Aufbesserung  des  Budgets
wurde  von  der  Börse  mit  einem  starken
Steigen  der  Kurse  beantwortet,  so  daß  demjenigen, ­
  der  die  Couponsteuer  nicht  tragen  wollte,
Gelegenheit  gegeben  war,  sich  ohne  Nachteil  der
Rente  zu  entledigen.  Damit  war  im  wesentlichen ­
  derselbe  Effekt  erzielt,  als  wenn  der  Staat
freie  Konversion  angeboten  hätte.  Dem  Ausland
gegenüber  gestaltete  sich  freilich  die  Sache  anders:
die  Londoner  Stock  Exchange  wie  die
Amsterdamer  Börse  strichen  die  österreichische ­
  Rente  aus  dem  Kursblatt;  indessen
hatte  dieser  Akt  der  Selbsthilfe  des  fremden
        <pb n="24" />
        Kapitals  für  den  österreichischen  Staatskredit
geringere  Bedeutung,  als  man  auf  den
ersten  Mick  glauben  würde.  Von  den  fremden
Staaten  war  vornehmlich  Holland  im  Besitz
großer  Rentenstocks,  und  dieses  konservative
Land  gab  nur  in  mäßigen!  Betrage  Renten  ab,
was  allerdings  damals  infolge  Mangels  tatkräftiger ­
  Intervention  einige  Störungen  hervorrief. ­
  Im  ganzen  aber  muß  die  Wirkung
der  Couponsteuer  als  überwiegend  günstig
angesehen  werden,  namentlich  da  Oesterreich  in
der  Folgezeit  auf  London  und  Amsterdam  nicht
mehr  angewiesen  war.  Zum  gleichen  Resultat
gelangt  auch  Adolf  Wagner  in  seiner  „Finanzwissenschaft", ­
  obwohl  er  Anfang  der  sechziger
Jahre  in  seiner  „Ordnung  des  österreichischen
Staatshaushalts"  das  schon  damals  aufgetauchte
Projekt  entschieden  bekämpft  hatte;  freilich  behielt  ,  ,
eines  seiner  Argumente  auch  für  die  Folgezeit  ’
Kraft:  durch  die  Zwangskonversion,  so  meinte  (  (  (
er,  würde  eine  freiwillige  Konversion  um  Jahr-  Vtng^nv-.
zehnte  ausgeschooen;  tnn  dieser  Voraussage  Ijtti
er  recht  behalten,  denn  die  Zinsreduktion  konnte^
in  der  Tat  erst  nach  fünsunddreißig  Jahren
durchgeführt  werden.
Während  in  den  bisher  erwähnten  Fällen
das  Ausland  mit  dem  Inland  formell  gleich
behandelt,  in  Wirklichkeit  schwerer  betroffen
wurde,  werden  wir  jetzt  eine  Reihe  von
Staaten  in  Betracht  ziehen,  die  die  ausländischen ­
  Gläubiger  besonders  begünstigten,  indem ­
  sie  sie  entweder  von  den  Zwangsmaßregeln ­
  durch  Affidavit  ausnahmen  oder  Das  Afftdamt
doch  wenigstens  nicht  einseitig  den  Vertrag
brachen,  sondern  nur  im  Einvernehmen
mit  den  Gläubigern.
Zur  Gruppe  der  Affidavitstaaten  gehören
Italien  und  Spanien.  Italien  hat  schon  Italic»  1864
1864,  kurz  nach  Begründung  des  Reiches,  1877  “■  1894
eine  Couponsteuer  erhoben,  die  aber  über
normale  Grenzen  nicht  hinausging;  schon
1877  wurde  jedoch  der  Steuersatz  auf  132  o/o
erhöht  und  1894  wurde  von  Obligationen  eine
        <pb n="25" />
        16

Einkommensteuer  von  20  o/o  erhoben,  die  man
wohl  als  halben  Bankerott  bezeichn:en  kann.
Von  dieser  Maßnahme  werden  auch  die  auswärtigen ­
  Besitzer  betroffen;  ihre  Vorzugsbehandlung ­
  bestand  bis  vor  kurzem  darin,  daß
ihre  Coupons  in  Gold  eingelöst  wurden,  sofern
für  den  betreffenden  Titre  das  Affidavit  abgegeben ­
  war.  Das  Wort  Affidavit  stammt  aus
der  englischen  Gerichtssprache  und  bedeutet
eine  eidliche  Erklärung  vor  dem  Notar; ­
  bei  Renten  bedeutet  es  die  eidliche ­
  Erklärung,  daß  der  Besitzer  nicht
Bürger  des  Schuldnerstaates  sei,  wodurch
dann  bei  Entwertung  der  heimischen  Valuta
der  Verlust  vom  ausländischen  Kapital  abgewendet ­
  wird:  die  Anwendung  des  Affidavit
bedeutet  eine  Vermeidung  des  Bankerotte,
einen  Schutz  des  Auslands;  im  Fall  Italiens
ist  diese  Begünstigung  des  fremden  Besitzes
in  den  letzten  Jahren  nur  nominell  geworden,
seitdem  die  Regulierung  der  Valuta  erfolgreich ­
  durchgeführt  wurde.
Spanien  1820,  In  Spanien  dagegen  besteht  das  Asfi-1834,
  1851,  davit  noch  mit  voller  Wirksamkeit;  das  arme
1867  u.  1882  iberische  Königreich  hat  seine  Kolonien  um
ein  Jahrhundert  zu  spät  verloren  und  kommt
aus  den  Bankerotten  gar  nicht  mehr  heraus.
1820,  34,  51,  67,  82  hat  es  seine  Verpflichtungen ­
  nicht  erfüllt:  die  ersten  vier  Male
wurden  die  Zinszahlungen  suspendiert;  Spanien ­
  hatte  in  der  ersten  Hälfte  des  Jahrhunderts ­
  die  angenehme  Gewohnheit,  unmittelbar ­
  nach  Einzahlung  der  Anleihen  die  Zinszahlung ­
  einzustellen  und  sie  erst  dann  wieder
aufzunehmen,  wenn  es  eine  neue  Schuld  kontrahieren ­
  wollte;  der  Bankerott  von  1834
hat  für  uns  deshalb  besonderes  Interesse,  weil
die  preußische  Regierung  damals  das  Zeitgeschäft ­
  in  spanischen  Werten  an  der  Berliner ­
  Börse  verbot  —  ein  Vorläufer  der  Terminhandelsgesetzgebung. ­
  1851  wurde  eine
Zwangskonversion  von  5  auf  1  °/o  vorgenommen, ­
  die  jedoch  infolge  des  Widerstandes
        <pb n="26" />
        17

A

A&amp;gt;

der  Londoner  Börse  1857  wieder  rückgängig
gemacht  werden  mußte.  Bei  der  neuen
40/oigen  Anleihe  von  1882  hatte  der  Finanzminister ­
  Gamacho  die  Steuerfreiheit  zugesichert, ­
  und  als  nun  infolge  der  kriegerischen
Verwicklungen  von  1898  Puigcerola  zu  einer
Einkommensteuer  von  20  °/o  die  Zuflucht
nahm,  da  eximierte  er  die  Auslandsschuld
von  der  Steuer,  indem  er  sie  durch  Abstempelung ­
  und  Affidavit  kenntlich  machte:
die  Coupons  dieser  Titres  wurden  ferner
weiterhin  in  Gold  bezahlt,  die  übrigen  in  der
stark  entwerteten  Valuta;  es  sind  somit  zur
Steuerfreiheit  und  Goldzahlung
zwei  Bedingungen  erforderlich,  eine
sachliche,  die  Abstempelung,  und^eind
persönliche,  das  Affidavit.  r
Die  Ansichten  über  die  Zweckmäßigfeit
  des  Affidavit  sind  sehr  geteilt;  die  '  /f
ungünstige  Beurteilung  überwiegt:  das  Affi-  [  IkA  r  ; ' vU
davit  schafft  einen  Rententypus,  der  für  den  1  ,  ...  *
internationalen  Zahlungsausgleich  schlechthin  -  Wui*
unverwendbar  ist,  weil  er  stets  nur  im  Aus-,  s  n '’
landsbesitz  sein  darf,  es  erschwert  die  Arbi-&amp;lt;i  ^
trage,  zwingt  den  Staat  zur  Organisierung
eines  Spionagedienstes  und  verleitet  die
Untertanen  zu  Meineid  und  Betrug.  Zweifellos ­
  ist  die  Abstempelung,  das  ist  die  Markierung ­
  der  in  einem  gegebenen  Zeitpunkt  im
Ausland  befindlichen  Effekten,  vorzuziehen,
eine  technisch  leicht  und  sicher  durchführbare
Maßregel!
Diejenigen  Staaten,  die  ihre  Verpflichtungen ­
  durch  Arrangement  kürzten,
sind  ausschließlich  Mächte  zweiten
Ranges.  In  jenen  Staaten,  die  an  die
Fremde  in  großem  Umfang  Kapital  verleihen,
bestehen  schon  seit  vielen  Dezennien  Verbindungen ­
  der  Auslandsgläubiger:  in  London
die  Corporation  ol  foreign  bondholders,  in  Paris
die  Association  nationale  des  porteurs  frangais
des  valeurs  etrangeres,  in  Brüssel  die  association
pour  la  defense  des  detenteurs  des  fonds  publics;

Das  Arrangement ­
        <pb n="27" />
        18

Portugal
1841,  1855  u.
18!  »2

Mexiko  1827,
1846  u.  1859

Argentinien
1829,  1890  u.
1893

Balkan  und
Orient

in  Deutschland  ist  eine  ähnliche  „Schutzvereinigung" ­
  in  Berlin  in  den  letzten  Jahren  ins
Leben  gerufen  worden,  von  deren  Wirksamkeit ­
  man  bisher  freilich  nicht  allzuviel  erfahren ­
  hat.  Diese  Verbände  zwingen  die
kleineren  Staaten  zum  Arrangement,  widrigenfalls ­
  sie  weiteren  Emissionen  des  Vertragsbrüchigen ­
  Reichs  den  Markt  sperren.
Namentlich  Portugal  hat  sich  wiederholt ­
  Arrangements  unterwerfen  müssen,  so
1841,  wo  ihm  gestattet  wurde,  statt  4  &amp;lt;y 0  für
einige  Jahre  2ps  zu  bezahlen,  so  1855,  wo
es  die  Zwangskonversion  von  1853  um  2  °/g
teilweise  anullieren  mußte,  so  1892,  als  es
eigenmächtig  die  Zinsen  um  Vs  reduzierte.
Aehnlich  lag  der  Fall  bei  Mexiko  und
Argentinien.  Mexiko  hatte  seine  erste  Anleihe ­
  1825  aufgenommen,  schon  1827  die
Zinszahlung  eingestellt  und  bis  1836  nichts
geleistet;  von  da  an  nahm  es  mit  vielen
Unterbrechungen  (1846—49,  1859—63)  den
Coupondienst  wieder  auf  und  einigte  sich
endlich  1886  mit  den  Gläubigern  dahin,  ab
1889  3  o/o  zn  zahlen.  Argentinien  hatte
im  selben  Jahr  wie  Mexiko  seine  erste  Anleihe ­
  aufgenommen,  sie  nur  fünf  Jahre  bezahlt ­
  und  dann  den  Coupondienst  durch  28
Jähre  (1829—57)  storniert!  Dann  begann
der  Staat  langsam  die  Zahlungen  aufzunehmen; ­
  1890  wurde  ein  Arrangement  mit  der
Bank  von  England  getroffen,  wonach  die
Couponzahlung  in  Bonds  erfolgen  sollte,  und
1893  wurde  mit  Rothschild  eine  Zinsreduktion ­
  vereinbart.
Weiter  gehen  die  Vereinbarungen  mit
den  Orientstaaten  Türkei,  Aegypten,
Serbien,  Griechenland;  hier  geht  das
Arrangement  in  eineFinanzkontrolle
  über:  in  Amerika  steht  einer  derartigen ­
  Einschränkung  der  Staatstätigkeit  die
Monroe-Doktrin  im  Wege,  und  es  kommt  hier
nur  zu  einer  Verpfändung,  nicht  zu  einer
Verwaltung  der  Einnahmen;  die  vier  Orient-
        <pb n="28" />
        19

staaten  aber  sind  ihrer  ganzen  Existenz  nach
so  sehr  von  der  Gnade  der  Großmächte  abhängig, ­
  daß  sie  sich  auch  die  weitgehendsten
Eingriffe  in  ihre  Souveränität  gefallen  lassen
müssen.
Die  Türkei  hatte  bis  1875  5  Milliarden
Francs  Schulden  aufgenommen,  zum  größten
Teil  für  unproduktive  Zwecke;  bei  Beginn  des
russischen  Krieges  konnte  sie  ihre  Verpflichtungen ­
  nicht  einhalten  und  stellte  fünf  Jahre
hindurch  den  Zinsendienst  ein,  1881  überließ
sie  dem  Komitee  der  Delegierten  der  Gläubiger ­
  die  Verwaltung  der  Staatseinnahmen
und  behielt  sich  nur  die  Oberaufsicht  vor.
Aehnlich  liegen  die  Dinge  in  Serbien,
wo  anläßlich  der  Konversion  der  5  »/„igen
Rente  in  eine  4°/oige  den  Gläubigern  als  Entschädigung ­
  und  Sicherung  die  Monopolverwaltung ­
  überlassen  wurde.  Während  in  diesen
beiden  Fällen  Privaten  die  Verwaltung  staatlicher ­
  Einnahmen  überlassen  wurde,  ist  in
Aegypten  und  Griechenland  ein  Komitee  aus
Vertretern  der  Großmächte  eingesetzt. ­

In  Aegypten  wurde  1880dem  Komitee
aus  Delegierten  der  fünf  europäischen  Großmächte ­
  hie  Verwaltung  einer  Reihe  von
Staatseinnahmen  (Bahnen,  Telegraph,  Hafen
von  Alexandria,  Tabakeinfuhrzölle,  Einkünfte
gewisser  Provinzen)  überlassen,  wogegen  die
7-  bis  9  o/vige  Schuld  in  eine  5  choige  sustpi.-legierte
  und  4  o/»tge  unifizierte  umgewandelt
wurde."
In  Griechenland,  wo  schon  seit  1893
die  Coupons  mit  nur  30  o/o  eingelöst  worden
waren,  wurden  nach  dem  unglücklichen  Krieg
mit  der  Türkei,  als  die  Frage  der  Kriegsentschädigung ­
  gelöst  werden  sollte,  von  den
Mächten  die  Monopole  und  Piräuszölle  in
Verwaltung  genommen;  die  Monopolanleihe
von  1887  wird  mit  43,  die  übrigen  Anleihen
mit  32  o/o  bezahlt.  In  allen  diesen  Fällen  der
Kontrolle  ist  die  Emission  neuer  Anleihen

Die  Türkei
1877

Serbien

Aegypten  1880

Griechenland
1893
        <pb n="29" />
        20

an  die  Zustimmung  der  Verwaltungen  geknüpft. ­
  Indes  haben  derartige  Kommissionen
nur  bei  halbzivilisierten  Staaten  einen  Zweck,
wo  die  Gläubiger  für  gewisse  Einnahmen
eine  europäische  Verwaltung  einführen  wollen, ­
  für  geordnete  Staatswesen  kommen  derartige ­
  Maßregeln  —  von  den  politischen
Schwierigkeiten  ganz  abgesehen  —  nicht  in
Betracht.
        <pb n="30" />
        21

Mie  wir-  Kußkand  bankerott
wachend
Es  werden  wohl  viele  über  die  lange
Liste  der  Staatsbankerotte,  die  wir  in  dem
vorigen  Aufsatz  vorgeführt  Haben,  sehr  erstaunt ­
  gewesen  sein:  man  hält  gemeiniglich
die  treue  Erfüllung  der  Vertragspflichten
durch  den  Staat  für  das  normale,  aber  das
gilt  nur  für  die  fortgeschrittenen  Staaten
Westeuropas  —  und  auch  für  diese  nur  in
der  neuesten  Zeit.  Nach  Struck  waren  von
den  Staatsanleihen,  die  von  1820—1875  an
der  Londoner  Börse  gehandelt  wurden,  im
Gesamtbetrag  von  614  228  Millionen  £  nur
281,82,  also  46  o/o,  pünktlich  gezahlt  worden,
von  teilweisem  Bankerott  waren  175,16,  von
totalem  157,23  betroffen  worden!
Ueberblicken  wir  jetzt  die  Arten  des
Bankerotts:  Ein  Unterschied  zwischen  Kapitals- ­
  und  Zinsbaukerott  kann  schwerlich  mit
Recht  gemacht  werden,  da  im  Grunde  auch
die  Zinsreduktion  eine  Kapitalsverkürzung
bedeutet;  und  wenn  der  alte  Rau  die  Zinsverkürzung ­
  vorzog,  weil  sie  in  späteren  Jahren ­
  gutgemacht  werden  kann,  so  sind  wir
heute  gegenüber  den  Vorzügen  einer  Kapitalerstattung ­
  —  wie  sie  Preußen  und
Oesterreich  nach  den  napoleonischen  Kriegen
vornahmen  —  sehr  skeptisch,  weil  sie  den
Staat  unnötig  belasten,  ohne  dem  seinerzeit
durch  die  Zinsreduktion  geschädigten  zu
nützen;  da  diese  in  der  großen  Mehrzahl  der
Fälle  längst  nicht  mehr  die  Renten  besitzen,

Welche  Wahl
bleibt  Rußland? ­
        <pb n="31" />
        22

Kapitalrcduktion
  resp.  Balutaentwer-



bedeutet  eine  nachträgliche  Erstattung  eine
grundlose  Bereicherung  der  gegenwärtigen
Besitzer.
Die  Kapital  reduktiv  n  kann  heute
ernstlich  nur  in  Form  der  Valutaentwertung
in  Betracht  kommen  —  der  Aufschub  der
Amortisation  gehört  nicht  hierher.  In  diesem
Fall  würde  die  russische  Finanzverwaltung
die  Zinsen  aller  jener  Renten,  bei  denen  nicht
ausdrücklich  Goldzahlung  stipuliert  wurde,  in
entwerteten  Rubeln  zahlen.
Für  den  bei  weitem  größeren  Teil
seiner  Anleihen  ist  nun  Goldzahlung  vertraglich ­
  vorgesehen,  ausgenommen  sind  nur
folgende  Anleihen:
Russische  Anleihen  in  Kreditrubeln.
Mill.  Rubel
6»/„  russische  Anleihe  1817  u.  1818  noch  umlaufend  38.472

5%  1820  „  „  14.894
5»/o  „  1822  „  „  1.893
5°/o  „  „  1854  „  „  24.
4°/ 0  „  „  1859  „  „  153.812
5"/gPräniienanlehen1864  u.  1856  „  „  145.
4°/^  Russische  Staatsrente  von  1894  ....  2650.
Nicolaibahnobligationen  9.
Moskau—Jaroslow  —  Archangclbahn  ....  56.680
Prämienpfandbriefe  der  Reichsadelsbauk.  .  .  346.178
Zertifikate  der  Bauern-Agrarbank  425.302
Summe  3865.231

Dagegen  sind  4170,880  Millionen  in
Gold  zu  zahlen.  Von  den  Anleihen  in
Kreditrubelu  ist  weitaus  die  bedeutsamste  die
unter  Witte  geschaffene  1894er  Rente;  für
sie  wurde  zivar  mit  Ukas  vom  6.  März  1898
eine  feste  Relation  gegenüber  den  Valuten  der
westeuropäischen  Gläubigerstaaten  festgesetzt,
ohne  daß  jedoch  dadurch  einer  Valutaentwertung ­
  vorgebeugt  wäre.
Eine  derartige  Entschließung  kann,  wie  sie
einseitig  gefaßt  wurde,  auch  einseitig  abgeändert ­
  werden;  eine  bindende  Verpflichtung
übernimmt  der  Staat  nur  daun,  wenn  er
gleichzeitig  mit  der  Emission  die  Wertrelation
festsetzt.  Hier  ist  also  die  Rechtslage  zweisel-
        <pb n="32" />
        23

haft  —  und  diese  Rente  kann  von  einer  Entwertung ­
  der  Währung  eventuell  betroffen
werden.
Von  den  anderen  Maßregeln  kommen  Couponsteu-r
nur  Zwangskonversion  und  Couponsteuer
  in  Betracht:  die  offene  Zwangskonversion ­
  wird  ein  Staat,  der  so  sehr  auf
das  Wohlwollen  der  Gläubiger  auch  in  Zukunft ­
  angewiesen  ist,  sicher  vermeiden;  anders
steht  es  mit  der  Couponsteuer:  seit  1885  hat
Rußland  .eine  Kapitalrenten  st  euer,
von  der  jedoch  der  auswärtige  Besitz  fast  ganz
befreit  ist;  unter  diese  Steuer  fallen  aber  nur
folgende  im  Ausland  placierten  Werte:

a  Mill,  Kredit-Rubel
5  °/ 0  Prämienanleihen  von  1864  und  1866  145
Nicolaibahnobligationen  1891  ....  9
MoSkau-Archangelskbahn  .....  56.78
Prämienpfandbriefe  der  Adelsbank  .  .  226
Zertifikate  der  Bauenrbank.  .  .  .  .  425.302

Summe  862.082
b  Millionen  Goldrubel
Goldrente  1884  20
Donetzbahn  9.4
Charkowbahn  7.07
Morschanskbahn  2.758
Moskau  —  Kurskbahn  6.482
Riga—Dünaburgerbahn  9.509
Rjäck  —  Wjannabahn  3.429
Nicolaibahnobligationen  1888  ...  11.8
Jwang  orod  —  Dombrowobahn  .  21.111

Summe  91.559

Die  russische  Finanzverwaltung  hat  also
nur  auf  einen  kleinen  Teil  ihrer  Renten  die
Couponsteuer  erstreckt  und  den  Auslandsbesitz
fast  völlig  freigelassen:  nur  die  94er  Rente
war  diesem  Abzug  bis  1900  unterworfen,  seit
diesem  Jahr  unterliegt  ihr  aber  nur  der  heimische ­
  Teil,  während  diejenigen  Titres,  die
für  Besitz  von  Ausländern  erklärt  werden  (kein
Eid  nötig,  sonst  Analogie  des  Affidavit),
steuerfrei  sind.  Ob  für  diese  Differenzierung
die  Ansichten  Leroy-Beaulieus  maßgebend
waren,  der  die  Couponsteuer  aus  dem  Untertanverhältnis ­
  ableitet  und  —  mit  Unrecht  —
        <pb n="33" />
        24

eine  Ausdehnung  auf  baä  Ausland  perhorresziert,
  vder  ob  finanzpolitische  Rücksichten  den
Ausschlag  geben,  bleibe  dahingestellt;  tatsächlich ­
  blieben  die  fremden  Gläubiger  von
jeder  Finanzmaßregel  —  die  Periode  1894
bis  1900  ausgenommen  —  verschont.  Kaum  20%
des  Gesamtbetrags  an  öffentlichen  Obligationen ­
  unterliegt  dem  Abzug;  eine  einfache
Erhöhung  der  Kapitalrenten  st  eu  er
selbst  auf  20  o/o,  also  um  das  vierfache,  würde
keine  ausreichende  Erhöhung  der
staatlichen  Einnahmen  zur  Folge  haben  und
zudem  den  heimischen  Kapitalmarkt  empfindlich ­
  schwächen,  da  künftighin  die  dem  Ausland ­
  gegenüber  so  benachteiligten  russischen
Kapitalisten  die  rein  inländischen  Anleihen
mit  großem  Mißtrauen  behandeln  würden.
Man  kann  nun  der  russischen  Finanzverwaltung ­
  der  letzten  Generation  das  Zeugnis ­
  nicht  versagen,  daß  sie  ihren  Auslandsverpflichtungen ­
  in  mustergültiger  Weise  nachgekommen ­
  ist;  wird  sie  dies  auch  weiter  imstande ­
  sein?  Wird  sie  mit  normalen  Mitteln
das  wachsende  Defizit  im  Budget  zu  beseitigen ­
  vermögen?  Wir  halten  es  für  ausgeschlossen ­
  und  haben  eben  deswegen  diese
Studie  unternommen,  weil  wir  glauben,  daß
die  Verwaltung  des  Zarenreichs  keine
Wahl  mehr  hat.  Eine  Untersuchung  der
Verhältnisse  des  gegenwärtigen  Staatshaushalts ­
  würde  den  Rahmen  dieses  Artikels
sprengen?)
Fast  an  jeden  unglücklichen  Krieg  des
neunzehnten  Jahrhunderts  hat  sich  der
Bankerott  des  unterliegenden  Staates  angeschlossen ­
  —  Frankreich  1871  ausgenommen.
Wenn  dann  als  Folge  des  Mißtrauens  des
Absolutismus  gegen  sich  selbst  die  Konstitution ­
  ins  Leben  gerufen  wurde,  war  ihre
erste  Forderung  stets  die  Kürzung  der  Schulden ­
  des  vorigen  Regime.  Warum  sollte  das
1 )  ffi?  fei  hier  auf  die  Schrift  Bon  Georg  Bernhard:  „Armes  reicher
Rußland!"  hingewiesen  (Verlag  von  Georg  Reimer,  Berlin).
        <pb n="34" />
        25

in  Rußland  anders  sein,  wo  eine  agrarische
Mehrheit  in  der  Duma  sicher  ist,  die
aufs  höchste  über  die  systematische  Industrieförderung
  erbittert  ist,  wie  sie  unter  Wyschnegradski
  und  Witte  betriebeil  wurde  und
die  in  letzter  Linie  zur  starken  Vergrößerung
der  Staatsschuldenlast  geführt  hat!  Zugegeben, ­
  daß  die  oft  wiederholte  Rohrbachsche
These,  der  russische  Staat  zahle  die  Coupons
aus  neuen  Anleihen,  völlig  unhaltbar  ist  -
wird  sich  die  Duma  dazu  verstehen,  neue
Lasten  der  Landbevölkerung  aufzuerlegen,  um
das  Defizit  zu  beseitigen?  Voraussichtlich
nicht!  Die  absolute  Regierung  konnte  das
Ausland  schonender  als  das  Inland  behandeln, ­
  ein  nationales  und  agrarisches  Parlament ­
  wird  dein  starken  Drang  nicht  widerstehen ­
  köniren,  auf  Kosten  des  fremden  Gläubigers ­
  die  Finanzreform  vorzunehmen.
Darum  müssen  wir  uns,  so  lange  es
noch  Zeit  ist,  fragen,  was  uns  wohl  bevorstehen ­
  mag  und  wie  wir  gegen  die  kommenden
  Ereignisse  uns  vorsehen  und  schützen
können.  Mit  den  gegenwärtigen  Mitteln ­
  kann  das  Defizit  nicht  getilgt
werden,  die  Couponsteuer  für  die  im  Inland
untergebrachte  Rente  kann,  auch  mehrfach  erhöht, ­
  den  Ausfall  nicht  decken:  es  bleibt  nur
die  Coupon  st  euer  für  die  Auslandsrente ­
  oder  —  das  Arrangement.
Ist  die  Couponsteuer  für  die  Auslandsrente ­
  ein  Bankerott?  Im  allgemeinen  nicht;
nach  moderner  Steuertheorie  ist  der  Staat
berechtigt,  auch  vom  Ausländer  die  Kapitalrentensteuer ­
  zu  erheben,  und  eine  Vertragsverletzung ­
  wird  nur  bei  Vorzugsbehandlnng
des  Inländers  (englische  Auffassung)  oder  bei
ausdrücklicher  Zusage  der  Steuerfreiheit  angenommen; ­
  das  letztere  Moment  trifft  nun
im  Falle  Rußland  zu  —  vorausgesetzt,  daß
man  die  ganze  Materie  nach  Analogie  des
Privatrechts  behandelt,  wie  es  Adolf  Wagner
und  Meili  tun;  wenn  man  aber  nach  dem

Die  Konstitution ­
  als
Mutter  des
Staatsbankerotts


Rußland  mutz
bankerottieren

Das  Ausland
u.die  Coupon-Kürzung
        <pb n="35" />
        26

Vorbild  der  französischen  Verwaltungsjuristen
in  der  Aufnahme  einer  Anleihe  nicht  einen
privatrechtlichen  Vertrag,  sondern  einen  Verwaltungsakt ­
  erblickt,  dann  wird  man  einer
Aenderung  der  einzelnen  Bestimmungen  ganz
anders  gegenüberstehen.  Eine  Umwandlung
eines  vereinbarten  Verwaltungsaktes  erfordert ­
  freilich  Zustimmung  des  anderen,  aber
nicht  als  gleichberechtigten  Kontrahenten  —
und  sie  ist  ferner  im  Fall  der  Existenzgefährdung ­
  des  Staates  selbst  ohne  diese  Einwilligung ­
  gestattet.
Wie  weit  man  aber  auf  diesem  Gebiet,
das  teils  dem  Verwaltungs-,  teils  dem  Völkerrecht, ­
  also  den  wenigst  geklärten  Gebieten
der  Jurisprudenz  angehört,  von  „Recht"
sprechen  kann,  ist  sehr  zweifelhaft,  sicherlich
gibt  es  aber  keine  Instanz,  die  die  etwa
gefährdeten  Rechte  der  Glänbigerschaft
schützen  würde;  mit  britischer  Aufrichtigkeit ­
  hatte  1848  Lord  Palmerstone  den  Grundsatz ­
  der  englischen  Regierung  gegenüber  auswärtigen ­
  Bankerotten  ausgesprochen:  „1t  is
for  the  British  Government  entirely  a  question
of  discrelion  and  by  no  means  a  question  of
international  right,  whether  they  should  or  should
not  make  this  matter  the  Subject  of  diplomatic
negotiation“  —  das  heißt  zu  deutsch:  „Die
kleinen  Diebe  hängt  man  auf,  die  großen
läßt  man  laufen."  Gegen  die  Türkei,  Mexiko,
Tunis,  Venezuela,  die  mittelamerikanischen
Republiken  unternahm  man  kriegerische  Interventionen, ­
  niemals  aber  gegen  eine  Großmacht, ­
  und  das  kann  namentlich  im  Falle
Rußland  nicht  sein,  wo  die  am  schwersten  betroffenen ­
  Staaten  Frankreich  und  Belgien
sind,  denen  alle  Mittel,  an  Rußland  heranzukommen, ­
  fehlen.  Aber  ebensowenig  sind
Repressalien  anderer  Art  möglich:  in
letzter  Linie  würde  freilich  eine  Couponsteuer
eine  Verschlechterung  unserer  Zahlungsbilanz ­
  bedeuten  und  könnte  uus
diesem  Grund  mit  zollpolitischen  Feindselig-
        <pb n="36" />
        fetten  beantwortet  werden;  doch  daran  kann
im  Ernst  Rußland  gegenüber  niemand  denken.
So  bleibt  nur  die  Selbsthilfe:  die
einundsechzigste  Regel  der  Londoner  Börse
untersagt  die  Zulassung  neuer  Anleihen,  wenn
der  Staat  die  Bedingungen  einer  früherett
Anleihe  ohne  Arrangement  verletzt  hat;
Amsterdam  handelt  in  der  Praxis  identisch;
für  die  übrigen  Börsen  besteht  eine  derartige
Bestimmung  nicht,  namentlich  geben  die  Normen ­
  des  Pariser  und  Brüsseler  Marktes  keinen
Anhaltspunkt  zu  derartigem  Vorgehen,  und
jener  Paragraph  des  neuen  deutschen  Börsengesetzes, ­
  der  die  Zulassung  von  Emissionen
verbietet,  durch  welche  erhebliche  allgemeine
Interessen  geschädigt  werden  oder  welche  zu
einer  Uebervorteilung  des  Publikums  führen,
läßt  sich  nur  mit  sehr  extensiver  Interpretation ­
  auf  die  russischen  Anleihen  anwenden.
Es  bliebe  im  Fall  der  Couponsteuer  nur  ein
Mittel:  Die  Zulassungsstellen  von
Berlin,  Paris,  London,  Brüssel,
A  m  st  e  r  d  a  m  müßten  sich  zu  einheitlichem
Vorgehen  verständigen  und  der  russischen ­
  Regierung  gemeinsam  die  Streichung
der  betroffenen  Werte  androhen  —  wir  verkennen ­
  dabei  freilich  nicht  die  Schwierigkeiten ­
  einer  derartigen  Vereinbarung,  namentlich, ­
  da  bei  der  Pariser  Börse  der  Staat
ein  Wort  mitzusprechen  hat.
Aber  nur  aus  diese  Weise  wird
sich  ein  Arrangemettt  erzwingen
lassen;  denn  weder  der  Londoner  noch  der
holländische  Markt  sind  für  Rußland  von
entscheidender  Bedeutung,  und  wenn  Paris,
Berlin  und  Brüssel  indifferent  bleiben,  dann
kann  die  russische  Regierung  handeln  wie  sie
will;  am  wenigsten  wird  sie  sich  darum  Sorge
machen,  daß  bei  späteren  Anleihen  ihr  Kredit
geschwächt  sein  könnte,  klagt  doch  schon  Hume
über  die  Vergeßlichkeit  des  Volks  dieser  Welt,
das  Karl  II.  schon  zwei  Jahre  nach  seinem
Bankerott  zum  gleichen  Zinsfuß  wie  früher

DieSelbsthilfe
des  Auslands

Die  Erzwingung ­
  eines
Arrangement
        <pb n="37" />
        28

Geld  lieh  -  eine  Erscheinung,  die  uns  heute
bei  so  manchen  Emissionen  exotischer  Staaten
wieder  begegnet.  Und  schließlich  könnte«-das
Zarenreich,  auf  die  österreichische  Erfahrung
von  1868  gestützt,  eine  Kurssteigerung  im
Hinblick  aus  die  Besserung  der  Finanzlage
erwarten.
Darum  ist  es  notwendig,  beizeiten  darauf
vorzubereiten,  welche  Vorkehrungen  gegen
einen  russischen  Bankerott  zu  treffen  sind;
rasche  und  doch  sehr  schwierige  Einigung ­
  zwischen  ganz  verschiedenen ­
  nationalen  Organisationen  ist
unbedingt  nötig,  und  zu  diesem  Zweck
sind  umfassende  Vorarbeiten  erforderlich.  Es
ist  hier  nicht  unsere  Sache,  auszuführen,  wie
ein  Arrangement  aussehen  müßte;  von  weitreichenden ­
  Eingriffen  in  die  Verwaltung,
Kommissionen  von  Delegierten  usw.  ist  hier
natürlich  keine  Rede.  Aber  es  könnte  wohl
Sicherheils-  eine  temporäre  Zinsreduktion  beleistung
  fürdie  willigt  werden,  wenn  zum  Entgelt  für  die
Schuld'  heute  schwer  bedrohten  Staatsanleihen  eine
Sicherheit  geboten  würde.  Das  wäre  der
ehrenhafteste  Ausweg,  er  würde  das  Staatsbudget ­
  entlasten  und  andererseits  die  Gläubiger ­
  nicht  schädigen,  da  durch  die  Spezialsicherheit ­
  die  heute  so  stark  gesunkenen  Mrse
sehr  günstig  beeinflußt  würden.  Von  einer
späteren  Restitution  könnte  man  aus  den
früher  erwähnten  Gründen  absehen.
James  Steuart  bezeichnete  im  18.  Jahrhundert ­
  den  Staatsbankerott  als  gänzlichen
Untergang  einer  Nation,  und  einer  der  Mataboren
  der  liberalen  Oekonomie  forderte  den
" Uö  Staat  auf,  lieber  unterzugehen,  als  seinen
Verpflichtungen  untreu  zu  werden;  wir  denken ­
  heute  ruhiger  darüber,  geben  dem  Staat
das  Recht,  in  kritischer  Zeit  im  Einvernehmen ­
  mit  denGlänbigern  sich
Luft  zu  verschaffen  und  den  Staatshaushalt ­
  so  zu  ordnen,  daß  für  die
Folgezeit  eine  sichere  Coupon-
        <pb n="38" />
        29

einlösung  undSchuldamortisation
verbürgt  wird.  Verlangt  man  übertriebene ­
  Vertragstreue,  dann  gefährdet  man  die
Interessen  der  Zukunft.  Man  darf  nicht,  wie
es  nur  allzuoft  geschieht,  die  Ähnlichkeit
mit  den  Privatrechtsverhältnissen  zu  weit
treiben,  denn  bei  der  Staatsschuld  ist  ja  den
Gläubigern  die  Möglichkeit  gegeben,  durch
Herabdrückung  des  Rentenkurses  den  Eintritt
einer  Zinszahlungsstvckung  zu  antezipieren
und  sie  haben  von  dieser  Möglichkeit  im
Falle  Rußlands  reichlich  Gebrauch  gemacht.
Alle,  die  vom  Eintritt  ruhiger  Verhält-  ,  •
nisse  und  von  der  Wirksamkeit  der  Duma  einen.  '  ,
günstigen  Einfluß  im  Sinne  einer  raschen'  '..
Aufwärtsbewegung  erwarten,  werden  schwere
Enttäuschung  erleben.  Rußland  ist  das  Land
der  „begrenzten  Möglichkeiten",  um  die  populäre ­
  Phrase  zu  variieren,  und  alle  jene  Faktoren, ­
  die  zum  Beispiel  in  Oesterreich  nach
1868  die  große  Gründungsära  Hervorrufen
konnten,  fehlen  in  Rußland.  Noch  ist  weitaus ­
  der  größte  Teil  der  Industrie  in  ausländischem ­
  Besitz,  und  eine  weitere  Beteiligung ­
  des  fremden  Kapitals  im  großen  Stil
ist  für  die  nächsten  Jahre  umsoweniger  zu
erwarten,  als  der  russische  Staat  für  die
nächste  Periode  kaum  in  die  Lage  kommen
wird,  der  Industrie  in  dem  gleichen  Umfang
wie  bisher  Aufträge  zuzuführen;  aber  ein
allmähliches  Ansteigen  der  Einnahmen  und
noch  mehr  eine  Reduktion  der  übermäßigen
Jnvestitionsausgaben  wird  langsam  in  den
Staatshaushalt  Ordnung  zurückbringen  und
damit  dem  Staat  die  Möglichkeit  zur  pünktlichen ­
  Erfüllung  seiner  allzugroßen  Verpflichtungen ­
  gewähren.  Für  die  Gegenwart  aber
wird  man  ohne  Moratorium  kaum  hinwegkommen, ­
  denn  eine  weitere  Belastung  der
Landwirtschaft  ist  ausgeschlossen,  ebenso  eine
Erhöhung  der  indirekten  Abgaben,  eine
Steuererhöhnng  für  das  heimische  Kapital
darf  nicht  überspannt  werden,  soll  nicht  die
        <pb n="39" />
        30

Zukunftshoffnung  des  Zarenreichs  ernstlich
gefährdet  werden,  und  reicht  auch  keineswegs
zur  Deckung  der  gegenwärtigen  budgetären

Das  russische  Anforderungen  aus;  mit  neuer  Anleihe
Danaidenfaß  die  Lücke  verstopfen,  heißt  den

Bankerott  hinausschieben,  nicht
ihn  vermeiden;  so  bleibt  der  Finanzverwaltung ­
  als  ehrenhaftes  und  sicheres
Mittel  nur  die  Verständigung  mit  den  Gläubigern, ­
  das  Arrangement.
Wir  haben  es  für  unsere  Pflicht  gehalten,
die  kommenden  Möglichkeiten  zu  überschauen
und  uns  über  die  Situation  zu  orientieren,
um  die  Mittel  anzugeben,  mit  denen  wir  uns
schädliche  Formen  des  einseitigen  Bankerotts
abwehren,  und  die  Grenzen  zu  bestimmen,  bis
zu  denen  unsere  Einwilligung  bei  Vergleichsverhandlungen ­
  gehen  darf.  Sollte  das  Zarenreich ­
  über  die  Krise  ohne  Bankerott  hinwegkommen ­
  obwohl  das  nur  einen  Aufschub
bedeutet  —,  so  haben  wir  doch  nicht  nutzlose ­
  Arbeit  geleistet;  wie  man  während  des
Marokko-Konflikts  für  alle  Fälle  rüsten  mußte,
so  müssen  wir  Rußland  gegenübervorbereitet ­
  sein,  um  in  Ruhe  den  künftigen
Ereignissen  entgegensehen  zu  können?)

Literatur:')

Allgemeine  über  Staatsbankerotte  im  Artikel  „Staatsbankerott ­
  im  Handwörterbuch  der  Staatswiffenschaften",
sernerRoscher-Gerlach:  „System  derFinanzwiffenschaft  §  129",
Ad.  Wagner:  „Finanzwiffenschaft",  Korn:  „Staatsschuldentilgung ­
  und  Staaisbankerott".
Für  die  ältere  Zeit:  Baumstark:  „Staatskredit,
Staatsschuld,  Staatspapiere",  1833.  Hock:  „Öffentliche
Abgaben."  Nebenius:  „Der  öffentliche  Kredit."
Die  einzelnen  Bankerotte:  Rußland:  Bloch,
„Les  finances  de  la  Russie“,  Paris  1899.  Zielinski,
„Der  Rubel  jetzt  und  vor  hundert  Jahren",  Jena  1898.  —
Oesterreich:  Beer,  „Der  Staatshaushalt  Oesterreichs."
Adolf  Wagner,  „Ordnung  des  österreichischen  Staatshaushalts." ­
  Springer,  „Geschichte  Oesterreichs."  —  Türkei:
Brunswick,  „Le  banqueroute  turque“,  Paris  1875.  Morawitz, ­
  „Les  finances  de  la  Turquie“,  Paris  1902.  —
Serbien:  Durenberger,  „Die  Staatskontrolle  in  Serbien"
(in  deutscher  Sprache),  Paris  1902.  —  Griechenland:
        <pb n="40" />
        31

SßoliteS,„Les  emprunts  d’^tat“,^ariS1894.—Argentinien:
Schmitz,  „FinanzenArgentiniens",  Leipzig  1894,  —  Mexiko:
Schmitz,  „Finanzen  Mexikos",  Leipzig  1895.
Ferner  reiches  Material  in  den  „Ooeuments,  memoires
et  noies  du  congres  des  valeurs  mobilieres“,  Paris  1902,
sowie  in  den  „Annual  Reports  of  the  Council  of  the
Corporation  of  foreign  bondholders“,  London,  namentlich
1902  und  1903.
Ueber  die  rechtliche  Seite:  Meili,  „Staatsbankerott
und  moderne  Rechtswissenschaft",  Berlin  1895.  Pflug,
„Staatsbankerott  und  internationales  Recht",  München  1893.
Collas,  „Staatsbankerott",  68.Heft  d.  Münchener  Studien,  1904.
        <pb n="41" />
        32

Finanzielle
Unfähigkeit
des  Absolutismus ­


(Russischer  (Kudgetschwmdek?)
f4.  Februar  1905.)

Die  Geschichte  aller  absolutistischen  Staaten
ist  zugleich  eine  lückenlose  Chronik  von  Staatsbankerotten ­
  und  wirtschaftlichem  Zusammenbruch. ­
  Die  grandiosen  Bankerotte  in  Spanien
während  des  16.  Jahrhunderts  und  der  völlige
Zusammenbruch  des  französischen  Finanzsystems
am  Ende  des  18.  Jahrhunderts  bieten  typische
Beispiele  dafür.  Und  wenn  die  österreichischen
Charten  (1860-1867)  das  Resultat  des  finanziellen ­
  Zusammenbruches  sowohl  als  auch  des
unglücklichen  Bruderkrieges  waren,  so  ist  es
nur  eine  völlige  Bestätigung  der  allgemeinen
Regel,  die  wir  hier  feststellen  wollen.  Wir
sprechen  hier  von  den  kleinen  deutschen  Despotien ­
  nicht,  die  trotz  ihrer  finanziellen  Unverschämtheit ­
  noch  in  der  ersten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts ­
  ein  trauriges  Schauspiel  boten.  Der
Grund  dieser  allgemein  verbreiteten  Erscheinung
liegt  für  jeden,  der  ohne  vorgefaßte  Meinung
an  die  Sache  geht,  auf  der  Hand:  der  absolutistische ­
  Staat  ist  ganz  und'gar  unfähig,  die
Staatswirtschaft  zu  leiten.  Jedes  Land'  wird
durch  den  Absolutismus  unbedingt  an  den
Rand  des  Bankerottes  gebracht.  Das  gegenwärtige ­
  Rußland  macht  in  dieser  Hinsicht  keine
Ausnahme.  Trotz  seines  finanziellen  Prestiges,
trotz  aller  Reichtümer,  die  sich  im  Schoße  des
ungeheuren  Reiches  bergen,  ist  die  russische  Regierung ­
  dennoch  nicht  in  der  Lage,  den  wirt-&amp;gt;)

  Dir  Verfasser  dieses  Artikels  ist  der  bekannte  em.  Professor  des
Siaalsrechts  an  der  Universitüt  ToinSk  Or.  Michael  b.  Reusner.
        <pb n="42" />
        schaftlichen  Aufgaben  des  Landes  nachzukommen, ­
  und  sieht  sich  gezwungen,  den  Weg
bedenklicher  Operationen  und  völligen  offiziellen ­
  Zufammenbruches  zu  gehen.  ,
Wir  wollen  hier  die  russischen  Finanzen
im  einzelnen  nicht  untersuchen.  Wir  wollen
nur  einige  Gründe  angeben,  die  zum  völligen
Zusammenbruch  des  russischen  Finanzsystems
unvermeidlich  führen  müssen.  Es  gilt,  die
Sache  hier  viel  mehr  vom  juridischen  als  vom
finanziellen  Standpunkt  zu  betrachten.  Wir
wollen  die  Frage  beantworten,  ob  die  Rechtsordnung ­
  Rußlands  genügende  Garantien  zur
Führung  einer  geregelten  Staatswirtschast
bietet.  Oder  umgekehrt,  ist  diese  Rechtsordnung ­
  nicht  der  wichtigste  Grund  dafür,  daß
Rußland  einer  finanziellen  Zerrüttung  und
einem  unvermeidlichen  Bankerott  entgegengeht?
Vor  allem  müssen  wir  einen  sehr  sonderbaren ­
  Irrtum  beseitigen.  In  Westeuropa  ist
man  geneigt,  unserem  Budget  dieselbe  Bedeutung ­
  beizumessen  wie  dem  der  konstitutionellen ­
  Länder.  Man  glaubt  daher,  daß
unser  Budget  einerseits,  seiner  materiellen
Grundlage  nach,  wirklich  alle  Einnahmen  und
Ausgaben  des  Staates,  alle  ordentlichen  und
außerordentlichen  Etatspositionen  umfaßt,  andererseits, ­
  daß  es,  dem  europäischen  Budget
gleich,  die  formelle  Gesetzeskraft  besitzt.  Gegen
diese  beiden  Irrtümer  müssen  wir  im  Namen
der  wissenschaftlichen  Wahrheit  Verwahrung  einlegen ­
  und  führen  als  Beweis  dafür  die  Erlasse
der  russischen  Regierung  an,  die,  zum  Teil  in
den  offiziellen  Sammelwerken  enthalten,  zum
Teil  abgesehen  davon,  das  Eigentum  der  russischen ­
  Wissenschaft  geworden  sind.
Es  ist  wahr,  nach  §  6  des  Etatreglements ­
  von  1893,  wird  eine  Ausgabe,  die  im
allgemeinen  Etat  nicht  angegeben  ist,  nur  dann
gestattet,  wenn  dafür  ein  „'Kreditzuschuß  allerhöchst ­
  gewährt  ist;  dieser  Kredit  aber  wird  auf
dem  Wege  des  Gesetzes"  erlangt  (§  49).  Es
gibt  aber  keine  Regeln  ohne  Ausnahme.  Die
        <pb n="43" />
        34

betreffenden  Regeln  geben  außer  dem  „geas
  Geheim-  setzmäßigen"  Budget  noch  ein  „administratives"
budget  an.  Dieses  letztere  Budget,  das  außerhalb  des
Gesetzes  bestimmt  wird,  kommt  in  drei  Fällen
zum  Vorschein.  Erstens,  wenn  es  notwendig
ist,  „infolge  plötzlich  eingetretener  politischer  und
militärischer  Umstände,  die  besonders  schnell  und
geheim  erledigt  werden  müssen",  Kredit  zu  gewähren, ­
  der  den  Etat  überschreitet.  In  konstitutionellen ­
  Staaten  hat  die  Regierung  bekanntlich ­
  das  Parlament  um  die  Indemnität  zu  ersuchen, ­
  wenn  ausnehmenderweise  der  Etat
überschritten  werden  muß;  dann  wird  die  Größe
des  Kredits  und  die  Art  der  Verausgabung
desselben  öffentlich  bekannt  gegeben.  Die
russische  Regierung  hingegen  verzichtet  auf  diese
langweiligen  Formalitäten:  sie  hat  das  Recht,
das  Geld  des  Volkes  unter  dem  Vorwand  „geheimer ­
  und  besonders  wichtiger  Aktion"  ohne
jede  Kontrolle  zu  verschwenden.  Und  man
kann  sich  vorstellen,  wieviel  Geld  gerade  gegenwärtig ­
  verschwendet  wird  infolge  „plötzlich  eingetretener ­
  politischer  und  militärischer  Umstände ­
  .  .  ."  Zweitens  wird  ebenfalls  in  „administrativer ­
  Weise"  das  Budget  ergänzt,  das
für  den  Hof  bestimmt  wird.  Und  wenn  im
Etat  des  Hos-  und  Kriegsministeriums  die
Summen  für  den  Hof  und  für  das  Hauptquartier ­
  des  Kaisers  (die  Voyage-Summen  des
Zaren)  unmittelbar  festgestellt  sind,  so  läßt  sich
der  Monarch  dennoch  aus  diesen  Etat  nicht
beschränken.  Diese  Summen,  die  er  willkürlich
im  allgemeinen  Etat  für  sich  feststellt,  kann  er
immer  in  „administrativer  Weise"  nach  Belieben
ergänzen.  Das  ergänzende  Budget  wird  dann
außerhalb  des  Gesetzes  festgesetzt  und  als  „den
Etat  überschreitender  Kredit  für  den  Allerhöchsten
Hof"  bezeichnet.  Allein  das  Reglement  von  1893
beschränkt  sich  auf  diese  „Ausnahmen"  aus  dem
allgemeinen  Budget  nicht.  Dem  Monarchen
wird  noch  ein  drittes  Recht  eingeräumt,  das
die  westeuropäischen  Staaten  gar  nicht  kennen.
Er  kann  das  Geld  des  Volkes  ganz  einfach
        <pb n="44" />
        35

und  in  beliebiger  Masse  vergeuden  oder  verschenken ­
  ohne  jede  Rücksicht  auf  das  Staatsbudget. ­
  Dieser  Teil  des  administrativen  Budgets
wirh  in  Rußland  als  „einmalige  Substidierung
an  verschiedene  Personen  bezeichnet  und  unmittelbar ­
  auf  Grund  der  Anweisungen  seiner
Kaiserlichen  Majestät  festgestellt".  Wie  man
sieht,  begegnen  das  allgemeine  Budget  und  die
„Etatsüberschreitungen",  die  „gesetzmäßig"  festgestellt ­
  werden,  einem  mächtigen  Rivalen  in
dem  anderen  Budget,  das  gewissermaßen  „geheim" ­
  gehalten  und  in  einfacherer  „administrativer" ­
  Weise  bestimmt  wird.  (§  55.)  Das
russische  Budget,  das  in  den  russischen  Blättern
und  in  der  Presse  des  Auslandes  mit  so  viel
Pomp  bekannt  gegeben  wird,  ist  nicht  das
einzige  Budget  des  Reiches;  ja  sogar  die  Etatsüberschreitungen ­
  werden  auf  Ersuchen  einzelner
Minister  durch  neue  Überschreitungen  „ausnahmsweise" ­
  ergänzt?)  Diese  Bestimmungen
gibt  der  Finanzminister  erst  am  Ende  des
Jahres  dem  Departement  der  Oekonomie  bekannt, ­
  damit  sie,  wenn  es  notwendig  ist,  im
allgemeinen  Etat  ausgenommen  werden  können.
Das  Etatreglement  läßt  freilich  die  Frage  offen,
wie  weit  hier  das  „Geheimnis",  das  zur  Beruhigung ­
  der  Kreditoren  im  Auslande  so  notwendig ­
  ist,  gehen  muß.
Abgesehen  von  den  erwähnten  Formen,
weist  das  russische  Budget  noch  andere,  viel
interessantere  auf.  Ganze  Gebiete  der  Staatswirtschast
  werden  im  Dunkel  verschiedener
Kanzleien  geheim  gehalten.  Die  administrative
Gewalt  erhebt  nicht  nur  nach  eigenem  Ermessen ­
  Steuern,  stellt  das  Budget  fest  und  bestimmt ­
  die  Ausgaben,  sondern  leitet  selbst  die
Kontrolle  derselben  und  veröffentlicht  Berichte,
die  sich  jeglicher  Kritik  entziehen.  Besonders
sind  hier  die  ungeheuren  Kapitalien  und  Einkünfte ­
  der  Geistlichkeit  und  des  Kosakenheeres

&amp;gt;&amp;gt;  Prof,  tkoskunow,  Russisches  Staatsrccht.  Petersburg.  1903.
Bd.  II,  S.  139-193,  Bd.  I,  1901,  S.  236  ff.,  Alexejcw,  Russisches  Staatsrecht, ­
  Moskau  1397,  S.  210.

Die  Willkür
des  Zaren

Geistlichkeit
und  Kosaken
        <pb n="45" />
        36

hervorzuheben.  „Diese  Kapitalien  und  Einkünfte ­
  —  sagt  Pros.  Sebeben 1 )  —  stehen  der
Regierung  zur  Verfügung,  und  da  sie  dem  einheitlichen ­
  System  der  Staatskasse  und  Staatskontrolle ­
  nicht  obliegen  und  im  Etat  der  speziellen ­
  Mittel  nicht  aufgenommen  werden,  so
lassen  sie  dem  willkürlichen  unkontrollierten
Wirtschaften  der  Verwaltungsbehörden  großen
Spielraum."
Auf  diesem  Wege  sichert  sich  die  Regierung
völlige  Freiheit  in  der  Förderung  und  Aufrechterhaltung ­
  der  zwei  größten  Mächte  der
modernen  Reaktion.  Den  Kosaken  und  Geistlichen ­
  werden  grandiose  Mittel  zur  Verfügung
gestellt.  Diese  Mittel  können  immer  durch  das
obenerwähnte  administrative  Budget  ohne  genaue ­
  Angabe  der  Posten  ergänzt  werden;  dadurch ­
  aber  reißt  in  der  Staatswirtschast  des
Landes  eine  kolossale  Kluft  ein,  die,  dem  Fasse
der  Danaiden  gleich,  unter  den  herrschenden
politischen  Verhältnissen  einen  immer  größeren
Zufluß  von  materiellen  Mitteln  fordert
Durch  den  tatsächlichen  Mißbrauch,  der  mit  den
Versteckte  speziellen  Kapitalien  getrieben  wird,  entstand
Fonds  noch  e^e  andere  Verletzung  des  Reichsbudgets.
Da  die  einzelnen  Verwaltungsbehörden  einer
öffentlichen  Kontrolle  nicht  im  geringsten  obliegen, ­
  so  benutzen  sie  ihren  eigenen  Einfluß
und  den  Einfluß  ihrer  Chefs,  um  sich  die
völlige  Unabhängigkeit  vom  allgemeinen  Etat
zu  sichern  und  die  Summen  der  Staatskasse,
soweit  es  geht,  für  sich  allein  als  „spezielle
Kapitalien"  in  Anspruch  zu  nehmen.  Und  wenn
die  Verwaltungsbehörden  der  Kosaken  und  der
orthodoxen  Kirche  als  ungeheure  Parasiten  auf
dem  Staatsorganismus  erscheinen,  die  dem  allgemeinen ­
  Fonds  der  Staatsmittel  kolossale
Summen  rauben  und  ohne  Kontrolle  darüber
verfügen,  so  bemüht  sich  auch  jede  Verwaltungsbehörde ­
  nicht  minder,  sich  völlige
Unabhängigkeit  in  der  Verausgabung  des
Volksgeldes  zu  sichern,  indem  sie  ihrerseits
i)  Prof.  Lebeden,  Finanzrecht.  Petersburg  1893  Bd.  I  S.  769  «.  f.
        <pb n="46" />
        37

einen  Fonds  für  „spezielle  Mittel"  bildet.  Prof.
Lebeden')  führt  Fälle  an,  wo  einzelne  Ministerien
„einen  Teil  ihrer  Einkünfte"  zum  „Fonds
spezieller  Mittel"  machen  und  dieselben  der
Staatskasse  trotz  aller  Forderungen  der  Staatskontrolle ­
  entziehen.  Selbst  der  Anspruch  der
Staatskasse  aus  diese  Summen  gilt  den  Verwaltungsbehörden ­
  schon  „als  Verletzung  ihrer
eigenen  Interessen".  Die  Verzeichnung  der
„speziellen  Mittel",  die  den  Berichten  der
Staatskontrolle  beigelegt  wird,  läßt  keinen  Begriff
von  ihrer  Entstehung  und  Bestimmung  machen.
Das  sind  die  '  materiellen  Grenzen  des
russischen  Budgets.  Sie  verschwinden  ganz  in
der  kontrollfreien  Wirtschaft  des  Hofes  und  der
Ministerien,  des  Kosakenheeres  und  der  orthodoxen ­
  Geistlichkeit,  sie  verschwinden  in  der
Anarchie  der  einzelnen  Verwaltungsbehörden
und  nehmen  der  russischen  Staatswirtschaft  jeden
Halt.  Hier  handelt  es  sich  nur  um  eine  Frage.
Geld  für  die  Geistlichkeit  und  die  Beamten  so
viel  als  möglich:  soweit  es  geht,  sie  von  jeder
Kontrolle  frei  zu  halten  und  von  der  nationalen
Wirtschaft  unabhängig  zu  machen.
In  formaler  Einsicht  kann  das  russische
Budget  nichts  weniger  als  ein  Gesetz  gelten.
Weder  in  der  Feststellung  der  Posten,  noch  in
der  Bestätigung  des  Budgets  seitens  des
Monarchen,  noch  in  der  Art  der  Bekanntgebung
finden  wir  Merkmale,  die  es  von  jedem  anderen
administrativen  Akt  des  Zaren  unterscheiden
lassen.  Der  Staatsrat,  der  aus  den  höchsten
Beamten  besteht,  entwickelt  gegen  Ende  des
Jahres  nun  eine  fieberhafte  Tätigkeit:  er  beeilt
sich,  aus  den  Etatposten  der  einzelnen  Ministerien
einen  allgemeinen  Etat  zusammenzustellen  und
füllt  mit  dieser  „diplomatischen  Leistung"  12  bis
15  Sitzungen  aus.  Von  einer  Kritik  und  Beratung ­
  des  Budgets  kann  hier  keine  Rede  sein.
Alles  geht  darauf  hinaus,  die  Staatskasse  entsprechend ­
  der  Macht  und  Bedeutung  der  einzelnen ­
  Ministerien  zu  verteilen.
i)  Prof.  Lcirden,  Finanzrecht,  Bd.  I,  770  ff.

Der  Etat  kein
Gesetz

Der  unkritische
Rcichsrat
        <pb n="47" />
        38

Die  Jagd  nach  Jeder  Minister,  jede  Verwaltungsbehörde
fetten  verlangt  so  viel  als  möglich.  Die  Beamten
'  setzen  ihrem  entfachten  Appetit  keine  Schranken.
Sie  fordern  große  Summen  zur  Verfügung  und
Kredit.  Im  Staatsrate  beginnt  der  Handel.
Das  Finanzministerium  nimmt  den  Löwenanteil ­
  in  Anspruch.  Es  muß  ihn  jedoch  mit
dem  Hofe,  mit  dem  Kriegs-  und  Marineministerium ­
  und  dem  Ministerium  des  Innern
teilen.  Die  anderen  kommen  nur  dann  in  Betracht, ­
  wenn  an  ihrer  Spitze  ein  Günstling  des
Zaren  oder  eine  durch  Konzessionen  ganz  besonders ­
  einflußreiche  Persönlichkeit  steht.  Und
der  Staatsrat  beschränkt  sich  aus  die  Rolle  des
Zwischenhändlers  derart,  daß  es  darin  „nie
verschiedene  Meinungen"  gibt;  die  „Mitglieder
desselben  machen  einander  Konzessionen  und
sind  zu  jedem  Kompromiß  bereit".  Aus  diese
Weise  wird  dem  Monarchen  „ein  einheitliches
Budget  vorgelegt,  das  in  Praxis  um  den  teueren
Preis  der  ungeheueren  Etatüberschreitungen
verwirklicht  wird"?)
Es  ist  selbstverständlich,  daß  der  Staatsrat
unter  diesen  Umständen  den  Willen  des  Monarchen ­
  nicht  einschränkt;  um  so  mehr,  als  eine
ganze  Reihe  anderer  Einrichtungen  bezüglich
der  Ausstellung  des  Budgets  in  Etatsüberschreitungen ­
  mit  dem  Staatsrat  konkurrieren.
Und  zwar  geht  diese  Art  Konkurrenz  nur  teilweise ­
  öffentlich  vor  sich,  das  meiste  aber  spielt
sich  hinter  den  Kulissen  geheim  ab.  Als  öffentliche ­
  Organe  erscheinen  hier  die  Minister,  die
ohne  Rücksicht  auf  den  Staatsrat  persönlich  den
Kaiser  um  Kreditzuschüsse  ersuchen;  andere
Kreditzuschüsse  werden  in  besonderer  Beratung
mitdemVorsitzendendesOekonomiedepartements,
dem  Staatskontrolleur,  dem  Kriegsminister  und
den  Ministern  der  Finanzen  und  der  Marine
erlangt.  Im  dritten  Falle  endlich,  wo  es  sich
um  die  Staatsschulden  handelt,  hat  das  Wort
noch  eine  geheime  Einrichtung,  die  als  „das
Komitee  der  Finanzen"  bezeichnet  wird.  Selbst-Prof.
  Koskunow.  Rufs.  StaatSr.  Bd.  II,  S.  33  ff.
        <pb n="48" />
        verständlich  liegt  das  Budget  des  Hofes  keiner
Beratung  ob  und  wird  von  dem  Zaren  selbst
bestimmt?)
Der  ganze  Prozeß  der  Etatsaufstellung
trägt  offenbar  einen  ausgesprochenen  Familiencharakter.
  Der  Wille  des  Zaren,  beeinflußt
durch  die  Intriguen  des  Hofes  und  der  höchsten
Beamten,  erscheint  hier  als  das  einzige  entscheidende ­
  Prinzip.  Bei  uns  —  sagt  Koskunow
—  hat  der  Zar  allein  über  die  Geldmittel  des
Staates  zu  verfügen  —  er  allein  „verfügt  über
die  Staatskasse,  bestimmt,  erhebt  und  verwendet
die  Steuern".  Das  russische  Budget  beruht
auf  der  Willkür  des  Zaren;  wenn  der  Zar  will,
befiehlt  er?)  Als  ein  einfacher  administrativer
Akt  besitzt  das  russische  Budget  keineswegs  die
fornmle  Kraft  des  Gesetzes.  Der  Wille  des
Monarchen  genügt,  um  es  abzuschaffen,  zu  verändern ­
  oder  zu  ergänzen.  Neben  dem  bekannt
gegebenen  Budget  existiert  also  noch  ein  geheimes, ­
  das  entweder  gar  nicht  oder  nur  zum
Teil  der  Oeffentlichkeit  zugänglich  ist.  Die
einzelnen  Minister  suchen  Etatsposten  so  viel
als  möglich  für  sich  in  Anspruch  zu  nehmen
und  in  ihren  Händen  die  meisten  Geldmittel  zu
konzentrieren.  Unter  dem  Einflüsse  der  Ministerintriguen ­
  werden  neue  Steuern  geplant,  spezielle
Geldquellen  ausfindig  gemacht,  die  Kreditzuschüsse ­
  geändert  und  neue  Etatsüberschreitungen
gewährt.
Das  Budget  erhält  nur  dann  plötzlich
Kraft  und  Bedeutung,  wenn  ein  Minister  dem
anderen  Unannehmlichkeiten  machen  will.  Dann
wird  dem  unglücklichen  Kollegen  die  Möglichkeit
genommen,  sich  an  dem  üppigen  Feste  der
finanziellen  Plünderung  zu  beteiligen.  Diesem
gegenüber  erhält  dann  das  Budget  die  formale
Kraft  des  Gesetzes.  Die  russische  Wissenschaft
und  die  gebildeten  russischen  Kreise  wissen  schon
längst,  daß  das  Budget  nur  ein  Zierstück  für
das  Ausland  ist,  ein  Zierstück,  das  nur  eine

DasFainilien
budget

Ein  Zierstück
fürs  Ausland

')  Prof.  Koskunow.  Rufs.  StaatSr.  Bd.  71,  S.  33  ff.
2)  Kosknnow,  ebenda.
        <pb n="49" />
        40

Privatrechtüche
  Normen
gelten  nicht

Bedeutung  haben  kaun:  es  ist  im  besten  Falle
ein  Musterplan  dafür,  wie  jahraus,  jahrein
„unter  dem  Namen  finanzieller  Maßregeln"  die
russische  Staatskasse  ausgeplündert  wird.
Unter  diesen  Wirtschastsverhältnissen  ist  es
natürlich,  daß  fortwährend  Anleihen  geplant
werden,  um  aus  diesem  Weg  bares  Geld  zu
haben  und  von  einem  Reservefonds  für  „Etatsüberschreitungen" ­
  sprechen  zu  können.  Die
russische  Staatskasse  lebt  auch  von  den  Anleihen
bei  fremden  Staaten,  denen  sie  mit  aller  Zierlichkeit ­
  des  juridischen  Stils  Tilgung  der  Schuld
und  Auszahlung  der  hohen  Zinsen  verspricht.
Das  Prestige  der  russischen  Regierung  ist  sehr
groß.  Sie  hat  hinter  ihrem  Rücken  den  gesamten ­
  Besitz  des  Landes  und  die  gesamte
russische  Volkswirtschaft  und  verfügt  nach  eigenem
Ermessen  nicht  nur  über  das  Staatseigentum,
sondern  auch  über  das  privater  Leute.  Und
wieder  einmal  sucht  die  Regierung  durch  Bekanntgebung
  neuer  Gesetze  den  Ausländern  das
ihr  anvertraute  Eigentum  zu  sichern.  Sonderbarerweise ­
  glauben  auch  die  ausländischen
Kreditoren  an  die  Kraft  „dieser  Gesetze".  Sie
schenken  dem  russischen  Budget  Vertrauen  und
hegen  die  Ansicht,  daß  das  russische  Volk  derart
fest  gefesselt  ist,  daß  es  nie  imstande  sein  wird,
sich  von  der  hos-bureaukratischen  Willkür  zu
befreien.  Wir  heben  nur  eiuen  Punkt  dieses
dreifachen  Glaubens  hervor  und  fragen,  wird
die  russische  Regierung  das  Recht  haben,  eines
schönen  Tages  alle  „Finanzgesetze"  abzuschaffen,
die  gegenwärtig  den  Ausländern  Garantie  für
ihr  Geld  bieten?  Wir  müssen  diese  Frage  ohne
weiteres  mit  Ja  beantworten.
Die  russische  Regierung  huldigt  der  Ansicht,
daß  das  Gebiet  der  Staatsfinanzen  in  demselben
Maße  als  jedes  andere  Gebiet  der  öffentlichen
Tätigkeit  einer  öffentlich-rechtlichen  Reglementierung ­
  obliegt,  und  daß  darauf  zugleich  sich  die
unbeschränkte  Staatssouveränität  ausdehnt.
Privatrechtliche  Normen  gelten  für  die  Staatsschulden ­
  nicht.  Die  Staatskasse  ist  keine  Privat-
        <pb n="50" />
        41

Person  nach  dem  Typus  des  alten  Fiskus  aus
dem  Polizeistaate.  Die  Finanzverwaltung  ist
der  Staat  selbst  im  Vollbesitze  seiner  höheren
Rechte.  Indem  sie  sich  verpflichtet,  die  Schulden
zu  zahlen,  macht  sie  sür  sich  folgenden  Vorbehalt: ­
  solange  es  im  Interesse  des  Staates
erforderlich  ist!  Es  kann  aber  mitunter  im
Interesse  des  absolutistischen  Staates  liegen,
die  Tilgung  der  Schuld  einzustellen,  zu  verändern ­
  oder  aufzuschieben.  Ein  Staatsbankerott
ist  oft  das  einzige  Mittel,  um  die  Kauf-  und
produktiven  Kräfte  der  absoluten  Monarchie
retten  zu  können.
Und  wenn  eine  solche  finanzielle  „Charlatanerie"
  in  den  konstitutionellen  Staaten  dank
der  Kontrolle  des  Parlaments  und  dank  der
öffentlichen  Meinung  undurchführbar  ist,  so  hat
es  damit  in  Rußland  eine  ganz  andere  Bewandtnis. ­
  Die  absolutistische  Bureaukratie  kann
in  ihrem  eigenen  Interesse  sich  sehr  leicht  sür
diesen  schrecklichen  Schritt  entschließen.  Ja,  sie
hat  tausenderlei  Mittel,  um  nach  und  nach  den
Staatsbankerott  zu  bereiten,  während  nach
außen  hin  alles  in  vorzüglicher  Weise  geordnet
scheint,  während  offizielle  Berichte  alle  möglichen
Fortschritte,  Reservefonds  re.  verkünden.
Der  Weg  der  Geheimschreiben  und  der
geheimen  Verfügungen  des  Finanzministeriums
—  das  ist  die  mächtige  juridische  Waffe,  die
die  russische  Regierung'  besitzt.  Durch  geheime
Erlasse  ist  es  immer  möglich,  das  Gold  „leihweise" ­
  aus  einer  Kaffe  in  die  andere  hinüberfließen ­
  zu  lassen.  Die  unmerkliche  allmähliche
Einschränkung  des  freien  Tausches;  die  fortwährende ­
  Begleichung  der  Defizite  durch  immer
im  Wachsen  begriffene  Anleihen;  die  Herstellung
von  falschen  Finanzberichten  und  Bilanzen;  die
Veröffentlichung  von  falschen  Budgets,  mit
einem  Wort  ein  grandioses,  an  Verbrechen
grenzendes  Spiel  ist  es,  dem  die  Bureaukratie
die  voll  Schulden  ist,  unvermeidlich  anheimfallen
muß.  Durch  die  eiserne  Disziplin  kann  die
Finanzverwaltung  sür  lange  Zeit  alles  verhüllen.

Der  Statusbankerott
  aus
heitrem
Himmel
        <pb n="51" />
        42

was  sich  in  ihrem  Schoße  birgt.  Unter  dem
schonungslosen  Drucke  der  Zensur  kann  sie  jede
Stimme  der  Kritik  und  des  Protestes  unterdrücken, ­
  jeden  Versuch,  die  verbrecherischen
Machinationen  zu  enthüllen,  beseitigen.  Bei
dem  absolnten  Ausbleiben  einer  öffentlichen
Kontrolle,  unbeengt  durch  eine  Volksvertretung,
verfügt  die  russische  Regierung  über  ein  ungeheures ­
  Arsenal  von  Mitteln,  um  ihre  Geldagonie
  solange  als  nröglich  zu  verzögern  und
dadurch  nicht  nur  das  russische  Volk,'  sondern
auch  die  ausländischen  Kreditoren  einer  schweren
Krise  preiszugeben.
^  _  Wir  wiederholen,  es  gibt  keine  juridischen
Das  russische  Garantien,  die  den  normalen  Zustand  der
' n 'lnrcc mc  russischen  Finanzen  sichern.  Das  russische
Budget  zeigt  die  wirkliche  Lage  der  Dinge  nicht,
seine  Posten  umfassen  nicht  die  gesamte  Staatswirtschaft ­
  Rußlands,  sondern  sie  verhüllen  nur
die  grandiosen  Geheimfonds,  die  ohne  jede
Kontrolle  und  ohne  jede  Einschränkung  von  der
regierenden  Clique  verschwendet  werden.  Aus
den  Budgets  sind  ferner  die  unzähligen  „speziellen ­
  Mittel"  und  die  Posten  des  oben  erwähnten ­
  „Ausnahmebudgets"  nicht  zu  ersehen.
Infolgedessen  gibt  es  für  den  Staatsrat  und
die  Staatskontrolle  keine  Möglichkeit,  irgendwie
die  Bestimmung  und  Verwendung  der  kolossalen
Summen  nachzuprüfen,  die  auf  dem  Wege  der
Etatsüberschreitungen  aus  der  Staatskasse  in
verschiedene  spezielle  Fonds  hinüberfließen.
Andererseits  aber  verliert  das  Budget  jede  Bedeutung ­
  als  formales  Gesetz,  als  eine  juridische
Norm,  die  geeignet  wäre,  der  Ausbeutung  des
Volkes  und  dem  finanziellen  Schwindel  vorzubeugen. ­
  Das  russische  Budget  ist  eine
Summenverteiluug  für  einen  patriarchalischen
Haushalt,  in  dem  es  keine  anderen  Ausgaben
gibt  als  die,  welche  die  Interessen  der  Bureaukratie ­
  erfordern.  Die  Interessen  der  fremden
Kreditoren  können  sich  daher  am  wenigsten  aus
die  rechtliche  Grundlage  des  russischen  Staatsbudgets ­
  stützen.  Das  Budget  ist,  juridisch  be-
        <pb n="52" />
        43

trachtet,  eine  administrative  Verordnung  und
kein  Gesetz.  Es  kann  durch  einen  Federstrich
verändert  oder  abgeschafft  werden.  Und  wenn
es  der  russischen  Bureaukratie  einfällt,  durch
einen  Bankerott  die  Steuerlast  des  Landes  zu
vermindern,  so  kann  sie  nichts  daran  hindern.
Wir  haben  die  Frage  der  juridischen  Möglichkeit ­
  erwogen.  Wir  überlassen  es  den  Finanzleuten,
  die  Frage  zu  lösen,  in  welchem  Maße
die  russische  Regierung  ihre  günstige  Situation
bereits  ausgenützt  hat,  in  welchem  Maße  es  für
die  regierende  Clique  vom  Vorteil  ist,  das  Land
an  den  Rand  des  Staatsbankerottes  zu  bringen.
        <pb n="53" />
        II.  kKeikräge  HurMigeseßießte.
        <pb n="54" />
        47

Der  russische  Mese.
sw.  Februar  1904.)

„Wo  die  russische  Fahne  aufgepflanzt  ist,
soll  sie  nicht  wieder  sinken."  Des  Tages,  an
dem  Nikolaus,  des  Russenreiches  mächtiger
Herrscher,  diesen  Satz  allerhöchsteigenhändig  an
den  Rand  eines  ihm  unterbreiteten  Jmmediatberichtes
  schrieb,  sollte  man  sich  heute  erinnern.
Denn  zu  jener  Stunde  ward  der  Konflikt  geschaffen, ­
  dessen  Austrag  jetzt  unter  atemloser ­
  Spannung  der  gesamten  Kulturwelt  begonnen ­
  hat:  Newelski,  ein  junger  Leutnant,
aber  des  mächtigen  Murawiews  Schützling,
hatte  gegen  alle  Instruktion  an  der  Amurmündung ­
  im  östlichsten  Asien  die  heimatliche
Flagge  gehißt.  Sämtliche  Perücken  in  Petersburg ­
  und  Moskau  wackelten.  Ein  hochnotpeinliches ­
  Gericht  untersuchte  den  Frevel,  und
Nikolaus  bangte  vor  dem  Zorn  des  mächtigen
Nachbarn  in  Peking.  Aber  Murawiew  siegte.
Und  am  24.  Februar  1851  befahl  der  Zar,  der
chinesischen  Regierung  davon  Mitteilung  zu
machen,  daß  Rußland  die  „Aussicht"  über  die
Amurmündung  übernommen  habe.
Was  der  Feuerkopf  Newelski  getan,  war
nichts  weiter  als  die  Wiederholung  eines  Vorganges, ­
  der  sich  nahezu  drei  Jahrhunderte  vorher ­
  abgespielt  hatte:  Von  dem  schrecklichen  Iwan
geächtet,  war  der  kosakische  Räuberhauptmann
Jermak  über  den  Ural  gezogen  und  hatte  sich
die  Gunst  seines  Herrn  durch  die  Ueberbringung
des  sibirischen  Geschenkes  zurückgekauft.  Wie
Jermak,  so  handelte  sicher  auch  Newelski  aus

Vorgeschichte
des  russischjapanischen ­

Krieges'
        <pb n="55" />
        48

Das  Testament ­
  Peters
des  Großen

planloser  Abenteurerlust.  Aber  der  seine
schützende  Hand  über  ihm  hielt,  der  schlaue
Murawiew/  wußte  ganz  genau,  was  er  tat,
als  er  den  Jüngling  anstachelte,  die  teuren
Lorbeeren  des  Entdeckers  und  Eroberers  zu
pflücken.
Es  ist  Torheit,  das  planmäßige  Vordringen
der  Russen  nach  Asien  als  Ausfluß  eines  kindischen ­
  Gelüstes  nach  politischer  Machtentfaltung
anzusehen.  Wer  so  denkt,  sieht  nur  die  Hast,
mit  der  das  Russische  Reich  am  Stillen  Ozean
einen  Stützpunkt  nach  dem  anderen  für  seinen
Entscheidungskampf  mit  dem  englischen  Rivalen
zu  ergattern  sucht.  Aber  er  hält  etwas  für  die
Grundursache,  was  lediglich  Symptom  ist.
Auch  über  der  russischen  Politik  schwingt  die
wirtschaftliche  Notwendigkeit  ihre  antreibende
Geißel,  und  lediglich,  weil  er  diese  Notwendigkeit ­
  durchschaute,  betrieb  Murawiew  den  Kamps
um  die  Amurmündung  mit  so  rastloser  Energie.
Der  Zar  geruhte,  seine  Handlungsweise  zu  genehmigen, ­
  er  geruhte,  später  seinem  Reiche
Sachalin  anzugliedern,  von  der  Mandschurei
Besitz  zu  ergreifen  und  allerhöchst  sein  Auge  auf
die  Halbinsel  Korea  zu  werfen.  Und  seine
Lakaien  mögen  ihm  einreden,  daß  all  diese
Schritte  seiner  Initiative  entspringen,  von
seinem  Wunsch  und  Willen  abhängen.  Und
doch  vollstreckt  er  nur  den  letzten  Willen  eines
Größeren:  das  Testament  des  großen  Peter.
Als  die  Abberufung  des  japanischen  Gesandten ­
  aus  Petersburg  erfolgte,  las  man  in
der  russischen  Presse  das  Wort  von  der  „asiatischen ­
  Tücke".  Unwillkürlich  faßte  man  sich
an  den  Kops:  War  es  ein  russisches  Blatt,  das
so  schrieb,  das  so  schreiben  durfte  unter  der
Aufsicht  einer  Regierung,  deren  hauptsächlichste
Ländermacht  von  jeher  auf  dem  asiatischen
Kontinent  gelegen  hatte?  Aber  das  anscheinend
so  Wunderbare  verliert  sofort  diesen  Charakter,
wenn  man  an  das  Vermächtnis  Peters  denkt.
Er  hatte  seinem  Volk  das  Tor  nach  Westen  geöffnet, ­
  und  sein  sehnlichster  Wunsch  war,  sich
        <pb n="56" />
        49

in  die  Reihe  der  europäischen  Fürsten  zählen
zu  dürfen.  Sein  Wirken  war  von  Erfolg  gekrönt. ­
  Seine  Nachfolger  haben  in  Europens
Geschicke  eingegriffen,  und  zwar  —  asiatisch.
Und  heute  sieht  man  in  seinem  Reiche  bereits
mit  Verachtung  auf  die  Asiaten  herab.
Rußlands  Europamanie  aber  gerade  war
es,  die  es  zwang,  sich  die  Vorherrschaft  in  Asien
zu  sichern.  Die  Waren,  welche  der  künstlich
gezüchtete  Industriestaat  Rußland  aus  eigener
Kraft  produziert,  sind  für  den  westlich  verfeinerten
Geschmack  wenig  ansprechend.  Der  „Asiate"
muß  sie  kaufen.  Andererseits  braucht  Rußland
neben  dem  Getreide  Exportwaren,  um  seine
Zahlungsbilanz  den  Westländern  gegenüber  auszuputzen. ­
  Das  allein  ist  der  wirtschaftliche
Grund  für  Rußlands  politische  Handlungsweise.
Denn  sobald  eine  Macht  der  Welt  ihm  diese
Möglichkeiten  beschneidet,  ist  es  nichts  weiter
mehr  als  ein  ostländischer  Ackerbaustaat.
Schon  bei  der  Angliederung  Sachalins  war
das  semieuropäische  Reich  auf  Japans  Rivalität
gestoßen.  Aber  damals  gab  sich  der  Mikado
mit  der  Ueberlassung  der  Kurilengruppe  zufrieden. ­
  Seitdem  ist  ein  Menschenalter  verstrichen, ­
  und  gewaltige  Veränderungen  haben
sich  in  dem  kleinen  Inselstaats  vollzogen.  Eine
Industrie  ist  herangereift,  die  nach  Absatz  verlangt. ­
  Der  asiatische  Kontinent  ist  natürlich
sein  geborener  Abnehmer.  Und  da  sollte  es
russischen  Einfluß  gerade  in  Korea  sich  einnisten
lassen,  das  gewissermaßen  vor  seiner  Schwelle
liegt,  seiner  Industrie  Absatz,  seinem  Kapital
reiche  Betätigung  verspricht.  Wohl  mag  auch
so  eine  Art  asiatischer  Monroedoktrin  die  Gemüter ­
  in  Japan  beherrschen.  Aber  selbst  die
allernüchternste  Ueberlegung,  die  sich  von  jedem
Chauvinismus  fernhält,  muß  die  Japaner  einsehen ­
  lehren,  daß  sie  sich  geradezu  jede  wirtschaftliche ­
  Zukunft  verbauen,  wenn  sie  dem  russischen ­
  Vordringen  jetzt  keineSchranken  setzen.  Seitdem ­
  der  russische  Koloß  sich  in  die  Mandschurei
vorschob,  war  die  Tatsache  der  blutigen  Aus-Rußland

  und
Japan
        <pb n="57" />
        50

Die  Achillesferse ­
  des  russischen ­
  Riesen

Wittes
Finanzpolitik

einandersetzung  gegeben  und  lediglich  noch  eine
Frage  der  Zeit.  Denn  zwei  Staaten  hatten
hier  Lebensinteressen  zu  vertreten.
Aber,  so  fragt  man,  kann  es  denn  zweifelhaft ­
  sein,  daß  der  russische  Riese  den  Zwerg
Japan  zu  Boden  wirft?  Man  hat  die  Frage
in  den  letzten  Tagen  so  oft  gehört,  daß  man
annehmen  muß,  es  sei  die  landesübliche
Meinung,  politische  Erfolge  lassen  sich  mit  dem
Zollstock  vorher  abmessen.  Aus  der  preußischen
Geschichte  sollte  man  doch  wahrhaftig  gelernt
haben,  daß  der  Flächeninhalt,  den  die  Landesgrenzen ­
  umspannen,  nicht  ins  Gewicht  fällt.
Und  doch  erscheint  Japans  Beginnen  tollkühn:
Das  kleine  Volk  steht  auf  gegen  das  große,  in
demselben  Moment,  wo  die  Nachbarn'  von  Ost
und  von  West  ein  förmliches  Wettkriechen  vor
dessen  Macht  veranstalten.
Die  russische  Macht  ist  in  der  Tat  zur  allgemein ­
  geglaubten  Legende  geworden.  Und
doch  hat  auch  der  russische  Riese  seine  Achillesferse. ­
  Für  den  Eingeweihten  sichtbar,  steht  hinter
ihm  das  Testament  Peters  des  Großen.
Europäer  sein  ist  ein  teures  Vergnügen.
Wyschnegradski  merkte  es,  der  berufen  wurde,
die  russischen  Finanzen  in  Ordnung  zu  bringen.
Er  benahm  sich  wie  ein  sorgsamer  Hausvater,
sammelte  einen  großen  Staatsschatz  an  und  vermehrte ­
  ihn  in  glücklichen  Spekulationen  bei  seinen
Bankiers  im  Auslande.  Er  erfand  mit  genialem
Blick  neue  Steuern,  und  was  aus  dem  Volk
herausgepreßt  wurde,  diente  dazu,  den  Schmuck
des  Goldvorrates  immer  glänzender  zu  gestalten.
Mit  einem  Schlage  war  Rußland  europäisch:
Es  bekam  Geld  zu  billigen  Zinsen  geliehen,
baute  Bahnen  und  benahm  sich  auch  sonst  so
wie  eine  europäische  Großmacht.
Aber  auf  den  Gipfelpunkt  des  Europäertums
  führte  das  Reich  doch  Sergej  Juljewitsch
Witte.  Er  regulierte  die  Währung  und  beglückte ­
  Rußland  mit  dem  größten  Goldvorrat,
den  es  jemals  gehabt  hat.  Der  war  nötig.  Denn,
wie  wollte  man  sonst  die  Goldwährung  in  einem
        <pb n="58" />
        51

Lande  aufrecht  erhalten,  das  aus  eigener  Kraft
mobile  Kapitalien  nur  erst  in  ganz  winzigen
Mengen  hervorbringen  kann.  Sergej  Juljewitsch
  wußte  Rat.  Mußte  man  denn  dem
Schneckengang  der  Entwickelung  seinen  Laus
lassen?  Konnte  man  sie  nicht  zwingen,  ein
etwas  schnelleres  Tempo  einzuschlagen?  Man
schelte  den  Mann  nicht,  der  so  dachte.  Er  beherrschte ­
  wie  ein  Virtuos  alle  Künste  der  Finanztechnik. ­
  Kühn  und  klug  hatte  er  den  Rubel  in
Gold  verwandelt.  Er  pfropfte  nach  und  nach
die  ganzen  dem  Westen  abgeguckten  Finanz-Einrichtungen ­
  einem  Wirtschaflskörper  auf,  der
völlig  unempfindlich  dagegen  blieb.  Mit  Zollmauern ­
  umgürtete  er  sein  Land,  um  eine
russische  Industrie  zu  schaffen.  Der-Erfolg:  In
Massen  strömte  das  Kapital  aus  Holland,  Belgien,
Frankreich  und  Deutschland  herein,  brachte  zum
Teil  die  eigenen  Arbeiter  mit-  und  zog  jahraus,
jahrein  fette  Dividenden  aus  dem  Land.  Die
eigene  national-russische  Industrie  aber  entwickelte ­
  sich  in  dem  schwerfälligen  Tempo,  wie
die  Natur  nun  einmal  ihre  Früchte  zur  Reife
zu  bringen  pflegt.  Dafür  aber  machte  sich  an  den
Börsen  die  Spekulation  breit,  trieb  die  Aktien
unter  Patronage  der  Regierung  in  die  Höhe.
Aus  der  Ferne  besehen,  blühte  und  sproßte
alles  in  Rußland.  Aber  in  Wirklichkeit  war
das  alles  Firnisglanz.  Gegen  die  Lebhaftigkeit
in  den  oberen  Regionen  stach  die  Lethargie
der  breiten  Schichten  erschreckend  ab.  Diese
ganze  falsche  Glückseligkeit  wurde  nicht  nur
unter  totaler  Verständnislosigkeit  der  breiten
Volksmassen  geschaffen,  sondern  vor  alleifi  aus
ihre  Kosten.  Die  Geldverpflichtung  an  das
Ausland  stieg  beständig.  Aber  der  industrielle
Export,  aus  den  Witte  gehofft  hatte,  blieb  aus.
Alles,  was  exportfähig  war,  mußte  daher  ins
Ausland  geschafft  werden.  Vor  allem  natürlich
Getreide.  In  den  einzelnen  Distrikten  verhungerte ­
  der  Bauer  auf  seiner  abgewirtschafteten ­
  Scholle.  Aber  durch  Differentialtarife
ward  von  Staats  wegen  aus  den  Eisenbahnen
        <pb n="59" />
        52

die  Getreideausfuhr  künstlich  gefördert.  Allein
auch  diese  Maßnahmen  reichten  nicht  aus.  Seit
langem  schon  schaffte  man  das  notwendige  Gold
nur  dadurch  ins  Land,  daß  man  immer  aufs
neue  bei  den  Nachbarn  borgte.  Und  zu  alledem ­
  kam  noch,  daß  man  riesige  Bahnbauten
aufführen  mußte.  Nicht  etwa,  um  Provinz  mit
Provinz  rationell  zu  verbinden,  damit  in  Zukunft ­
  nicht  mehr  an  einer  Stelle  Mangel  und
in  der  Nachbarschaft  Ueberfluß  an  Korn  herrsche.
Nein,  man  baute  nach  strategischen  Gesichtspunkten. ­
  Diese  Militärlinien  sollten  dem
Kamps  um  die  wirtschaftliche  Vorherrschaft
Rußlands  in  Asien  dienen.  Diese  Bahnen  verschlangen ­
  ein  enormes  Geld  zum  Bau,  und  sie
waren  kaum  in  Betrieb  gesetzt,  da  sank  der
bisher  recht  ansehnliche  Ertrag,  den  Rußland
aus  den  Bahnen  zog.
Seit  Peter  v.  Struve,  der  russische  Patriot,
jenes  denkwürdige  geheime  Aktenstück  veröffentlichte, ­
  das  das  Protokoll  der  Plenarsitzung  des
russischen  Reichsrats  vom  12.  Januar  1903
enthält,  weiß  man,  daß  auch  Witte  selbst  vor
seinem  Sturz  bereits  sich  vollkommen  über  den
Mißerfolg  seiner  Bestrebungen  klar  war.  Das
hielt  ihn  aber  nicht  ab,  die  offiziellen  Berichte
anzuschminken.  Denn  was  half  seine  Einsicht.
Davon,  daß  die  ausländischen  Banken  weiter
borgten,  hing  alles  ab.  Aber  sie  konnten  nur
neues  Geld  geben,  wenn  ihre  heimatlichen
Kapitalisten  auch  fernerhin  in  dem  Wahn  erhalten ­
  wurden,  daß  russische  Papiere  erstklassige
Anlagewerte  sind.
Und  Herr  Witte  hatte  Glück.  Frankreich
borgte  und  Deutschland  auch.  Er  durfte  vielleicht ­
  hoffen,  daß  mit  der  Zeit  die  Entwickelung
das  einholen  würde,  was  er  ihr  vorausgeeilt
war.  Aber  die  erste  Voraussetzung  dazu  waren
Friedenszeiten.  Die  Ruhe  durfte  nicht  durch
einen  Windhauch,  geschweige  denn  durch  einen
Kanonenschuß  gestört  werden.  Deshalb  ward
der  Zar  zum  Friedensapostel.  Man  darf  wohl
heute  als  sicher  annehmen,  daß  Herr  Witte  der
        <pb n="60" />
        53

eigentliche  Regisseur  der  Haager  Friedenskomödie ­
  war.
Die  russische  Politik  des  ganzen  letzten  Der  große
Jahrzehnts  war  ein  einziger  großer  Bluff.  Die  dluff
herausfordernde  Sprache,  die  das  Zarenreich
bei  jeder  Gelegenheit  führte,  diente  dazu,  die
wachsende  Angst  zu  verbergen.  Mit  richtigem
Blick  hatte  Japan  diese  Situation  durchschaut
und  seinerseits  losgeschlagen.
        <pb n="61" />
        54

Der  Handelsvertrag ­
  als
Geldquelle

(Nordernex  und  AömgsKerg.
(23.  Juli  &amp;gt;904.)
In  Norderney  hat  sich  eine  wichtige  Staatsaktion ­
  abgespielt:  Die  Grafen  Bülow  und
Posadowsky  haben  mit  Herrn  Witte  über  den
deutsch-russischen  Handelsvertrag  beraten.  Was
dabei  herausgekommen  ist,  erfährt  man  natürlich ­
  nicht.  Die  Reporter,  die  den  Spuren  der
hohen  Herren  an  den  Nordseestrand  gefolgt
waren,  haben  sich  damit  begnügen  müssen,  über
Mohrchens  Gesundheit  und  die  niedrige  Strandmütze ­
  des  Grafen  Posa  zu  berichten.  Allenfalls
hat  man  noch  das  Genie  gelobt,  mit  dem  unser
Kanzler  aus  den:  einfachen  Norderney  ohne  alle
Apparate  ein  politisches  Weltbad  machte.  Aber
trotzdem  weiß  man  genug!  Daß  gerade  Herr
Witte,  der  vor  kurzem  erst  als  Präsident  des
russischen  Ministerkomitees  kalt  gestellte  ehemalige ­
  Finanzmeister  des  Zarenreiches,  jetzt
wieder  ins  Treffen  geschickt  lvird,  hat  in  Finanzkreisen ­
  verständnisinniges  Schmunzeln  hervorgerufen. ­
  Konnte  wirklich  kein  anderer,  kein
geringerer  uin  den  Fünfmarkzoll  auf  Getreide
mit  deutschen  Exzellenzen  und  Geheimräten
feilschen?  Das  zu  glauben,  überlassen  die  Klugen
den  Lesern  jener  Zeitungen,  die  mit  feierlicher
Wichtigkeit  Herrn  Witte  als  den  Vater  des
deutsch-russischen  Handelsvertrages  im  Jahre
1893  preisen.  Den  Finanzherren  bedeutet  Sergej
Juljewitsch  Witte  viel,  viel  mehr.  Sie  wittern,
wo  sie  ihn  sehen,  Verdienste.  Bisher  hat  diese
Witterung  nie  getäuscht.  Sollte  sie  es  diesmal?
Ich  glaube  es  nicht.  Mir  war's  vom  ersten
Augenblick,  wo  Wittes  Name  als  Unterhändler
        <pb n="62" />
        55

auftauchte,  sicherste  Gewißheit,  daß  Rußland
bereit  ist,  den  Minimaltarif  zu  schlucken,  wenn
die  deutsche  Finanzwelt  dagegen  die  Pille  einerneuen
  russischen  Anleihe  einnimmt.  Und  sollte
es  Dementis  hageln,  es  bleibt  doch  wahr:  Das
deutsche  Publikum  soll  mit  neuen  russischen
Renten  gesegnet  werden.
Daß  Rußland  spätestens  zum  nächsten
Coupontermin  neues  Geld  braucht,  wird  niemand ­
  bestreiten  können.  Daß  es  nur  in  Deutschland ­
  damit  allenfalls  auf  Gegenliebe  rechnen
kann,  lehrt  die  Geschichte  der  letzten  russischen
Schatzscheinemission.  Ihr  glänzender  Mißerfolg
hat  bewiesen,  daß  der  französische  Markt  ein
treuer  Freund  nur  dem  Mächtigen  ist.  Nicht
umsonst  tauchte  schon  wenige  Wochen,  nachdem
die  Herren  Direktoren  der  Banque  Russo-Chine
und  der  Banque  de  Paris  et  des  Pays-Bas  ihren
Anleihevertrag  geschlossen  hatten,  das  Gerücht
aus,  nun  solle  Deutschland  beglückt  werden.  Es
wurde  sofort  dementiert,  war  damals  auch  vielleicht ­
  wirklich  noch  rächt  aktuell.  Nun  aber  ist
es  an  der  Zeit,  zu  —  warnen.
Um  es  rund  herauszusagen:  Eine  neue
russische  Anleihe,  womöglich  gar  unter  Patronanz
des  Reiches,  wäre  im  Augenblick  eine  öffentliche
Gefahr.  Ein  Handelsvertrag,  der  nur  durch
die  Heraufbeschwörung  dieser  Gefahr  erkauft
werden  könnte,  sollte  besser  ungeschlossen  bleiben.
Ich  will  hier  ganz  von  dem  Gesichtspunkte  absehen, ­
  der  in  der  Presse  bereits  berührt  worden
ist,  daß  es  nämlich  eine  Torheit  wäre,  jetzt,  wo
der  Kurs  unserer  heimischen  Anleihen  ständig
sinkt,  eine  hochverzinsliche  ausländischeKonkurrenz
zu  begünstigen.  Es  steht  Größeres  auf  dem
Spiel.  Die  Sache  nimmt  sich  zwar  sehr  harmlos ­
  aus:  Wir  bekommen  einen  guten  Handelsvertrag, ­
  und  die  großen  Bankhäuser  übernehmen
die  Anleihe.  Aber  man  sollte  nicht  vergessen,
daß  sie  nur  das  Geld  auslegen,  daß  in  ihrer
Hand  schließlich  nur  der  Zwischengewinn  bleibt.
Die  Zeche  zahlt  der  deutsche  Sparer,  dem  seit
Jahrzehnten  schon  durch  die  Börsenpresse  Herr

Warnung  vor
neuen  russischen ­
  Anleihen ­
        <pb n="63" />
        56

Rußland  lebt
vom  Pump

Industriezüchtung
  und
Goldwährung

Witte  und  seine  Finanzwirtschaft  in  bengalischer
Beleuchtung  produziert  wurden.  Am  17.März  1902
begrüßte  ein  hiesiges  Börsenblatt  die  Emission
von  393  Millionen  Mark  russischer  Staatsrente
mit  folgendem  Lobgesang:  „Wenn  man  sich  erinnert, ­
  welch  große  Rolle  die  russischen  Anleihen
früher  an  der  Berliner  Börse  gespielt  haben,
und  welch  bedeutende  Gewinne  das  deutsche
Kapitalistenpublikum  daran  erzielt  hat,  so  wird
man  die  Wiedereröffnung  des  deutschen  Marktes
für  direkte  russische  Staatsanleihen  mit  lebhafter
Befriedigung  begrüßen  können."  So  sang  man,
nur  schwieg  der  Sänger  Höflichkeit  davon,  daß
bereits  seit  einem  Dezennium  Jahr  für  Jahr
die  deutschen  Sparer  Millionen  von  russischen
Eisenbahnobligationen  gekauft  hatten.  Und  man
wird  im  Herbst  1904  wieder  so  singen.
Ich  habe  wiederholt  darauf  hingewiesen,
daß  die  finanzielle  Situation  Rußlands  eine
unheimliche  ist.  Der  viel  gepriesene  russische
Reichtum  gleicht  den  Schätzen  des  Spekulanten,
der  sein  gesamtes  disponibles  Vermögen  in
Terrains  festgelegt  hat  und  wegen  eines  fälligen
Wechsels  von  tausend  Mark  den  Konkurs  anmelden ­
  muß.  Rußland  hat  sich  nur  deshalb
noch  nicht  bankerott  erklären  brauchen,  weilseine
Gläubiger  ihm  nicht  nur  ständig  das  Geld  zur
Einlösung  von  neuem  wieder  borgen,  sondern
ihm  sogar  immer  noch  etwas  dazu  zu  schenken
pflegen.  Rußland  lebt  vom  Pump.
Und  Sergej  Juljewitsch  Witte  ist  es,  der
das  Reich  aus  diese  Bahn  gedrängt  hat.  Aus
zwei  Quellen,  die  beide  Wittes  Namen  tragen,
kommt  Rußlands  Not!  Millionen  und  Milliarden
haben  die  kostspieligen  Bahnbauten  verschlungen.
Bei  ihnen  allen  aber  war  nicht  die  Schaffung
einer  besseren  Kommunikation  zwischen  den
Ackerdistrikten  und  den  Landesgrenzen,  zwischen
den  metallischen  Schatzkammern  des  Bodens
und  den  der  Verarbeitung  harrenden  Industriestätten
  der  leitende  Gedanke.  Suprema  lex  war
die  strategische  Wertschätzung.  Die  zweite  Quelle
war  der  Wittesche  Irrglaube,  durch  hohe  Zölle
        <pb n="64" />
        57

eine  heimische  Industrie  aus  dem  Boden  zaubern
zu  können.  Hinter  den  Zollmauern  taten  sich
ausländische  Finanzleute  und  Industrielle  gütlich, ­
  freuten  sich  der  billigen  und  willigen
russischen  Arbeitkräfte,  schleppten  die  Dividenden
in  die  Heimat,  und  nach  wie  vor  mußte  der
arme  Muschik  sein  Getreide,  das  er  selbst  für
des  Leibes  Notdurft  dringend  gebrauchte,  über
die  Grenze  schaffen.  Der  Bauer  versank  in  Not,
und  die  nationale  Industrie  blieb  ein  Phantom,
hinter  derHerrWitte,  alles  vor  sich  niederwerfend,
hersagte.  Und  wie  Herr  Witte  auf  das  Agrarland ­
  ein  vom  Westen  importiertes  System
industrieller  Protektion  pfropfte,  so  gab  er  der
politischen  Vormacht  Asiens  eine  europäische
Währung,  zu  deren  Vergoldung  immer  und
immer  wieder  das  Ausland  herhalten  mußte.
Das  Wittesche  System  legte  dem  russischen
Reich  Hunger-  und  Steuerkuren  auf,  nur  um
den  notwendigen  Glanz  nach  außen  zu  bewahren. ­
  Wenn  man  wohlwollend  sein  will,
kann  man  es  mit  dem  System  jener  armen
Adligen  vergleichen,  die  auf  silbernen  Schüsseln
von  behandschuhten  Dienern  sich  Kuhkäse  servieren
lassen,  nur  um  das  Prestige  zu  wahren.  Man
kann  aber  auch  an  die  Sauden,  Schmidt,  Exner
und  Schultz  denken.  Denn  auch  Herr  Witte  ist
nicht  davor  zurückgeschreckt,  unwahr  darzustellen
und  zu  verschleiern.  Die  Angriffe  gegen  Witte
und  sein  System  haben  ein  ganzes  Heer  von
Lobhudlern  in  die  Schranken  gerufen,  die  entrüstet ­
  den  Tadlern  persönliche  Motive  oder
revolutionäre  Gesinnung  unterschoben.  Aber
schon,  daß  der  mächtige  Minister  die  ohnehin
zahme  russische  Presse  mit  staatlichen  Annoncen
zu  füttern  für  gut  befand,  mußte  stutzig  machen.
Mehr  noch,  daß  gerade  die  heftigsten  Gegner
der  Exzellenz  nicht  liberal  und  nicht  revolutionär
waren.  Gewiß,  Jsscüeff  ist  Sozialist,  Golowin
und  Peter  Struve  sind  Radikale,  v.  d.  Brüggen
und  Rohrbach  Balten.  Aber  Scharapow  ist  ein
Erzreaktionär,  und  die  Zeitschrift  „Ruski  Trud",
in  der  dieser  loyale  Konservative  Wittes  Namen

Russische  Verschleierungs- ­
        <pb n="65" />
        58

neben  den  der  Schwindler  Mamontow  und
Maximow  stellte,  war  ein  konservatives  Blatt.
„Grashdanin"  gilt  gleichfalls  als  eine  Stütze
der  reaktionären  Slavophilen.  Und  endlich  hat
man  nie  etwas  davon  gehört,  daß  der  russische
Nationalökonom  Georg  v.  Boutmy  zu  den
Revolutionären  gezählt  wird.  Dieser  Herr
v.  Boutmy  hat  mit  Genehmigung  der  Petersburger ­
  Zensur  vom  25.  Februar  1902  Herrn
Witte  nachgewiesen,  daß  sein  „Alleruntertänigster
Bericht"  an  den  Zaren  über  das  Budget
des  Jahres  1902  haarsträubende  —  Bilaüzkunststückchen
  enthält,  daß  er  dem  Zaren
erzählt,  die  Vergrößerung  der  Forsteinnahmen
sei  ein  Gradmesser  der  Steigerung  des  Staatsvermögens, ­
  während  sie  in  Wirklichkeit  durch
forcierte  Abholzungen  entstanden  ist,  daß  die
Einnahmen  der  staatlichen  Eisenbahnen  die
Zinsen  für  die  aufgewendeten  Kapitalien  decken,
während  sie  in  Wirklichkeit  nur  2,4%  erbringen,
daß  der  Konsum  an  Petroleum  pro  Kopf  um
28  o/o  gestiegen  sei,  während  er  in  Wirklichkeit
sich  vermindert  hat.  Boutmy  weist  ferner
nach,  daß  nicht,  wie  Herr  Witte  an  den  Zaren
berichtet,  im  Jahre  1900  die  Eisenbahneinnahmen
139  Millionen,  sondern  nur  86,6  Millionen
Rubel  betrugen,  daß  das  staatliche  Eisenbahnvermögen ­
  in  10  Jahren  sich  nicht,  wie  Herr
Witte  an  den  Zaren  berichtet,  um  2 6 / 10  Milliarden, ­
  sondern  nur  um  l 1 /*  Milliarde  vermehrt ­
  hat,  und  daß  endlich  in  denselben  zehn
Jahren  die  Staatsschuld  sich  nicht,  wie  Herr
Witte  an  den  Zaren  berichtet,  um  l s / 4  Milliarden, ­
  sondern  um  über  3  Milliarden  vermehrt ­
  hat.
Professor  von  Bis  vor  wenigen  Wochen  noch  konnten
Reußner  im  Gutgläubige  Herrn  Wittes  Rechenfehler  für
Mn Ä'® et  unschuldig,  seine  Angreifer  für  böswillig,  ihre
451  3  '  Argumente  für  übertrieben  halten.  Das  geht
jetzt  nicht  mehr,  seitdem  in  denselben  Tagen,
da  man  in  Norderney  über  den  Handelsvertrag
konferierte,  in  Königsberg  fünf  deutsche  Richter
sich  damit  abgeben  mußten,  gegen  deutsche
        <pb n="66" />
        59

Staatsbürger  wegen  Hochverrats  und  Majestätsbeleidigung ­
  gegen  den  Zaren  ein  hochnotpeinliches ­
  Verfahren  zu  führen.  Ich  habe  hier
nicht  über  die  politische  Bedeutung  dieses  Prozesses ­
  zu  befinden.  Aber  mich  dünkt,  er  hat
gerade  im  Moment  eine  ganz  erhebliche  finanzpolitische ­
  Bedeutung.  Haben  wir  nicht  auch  in
Königsberg  von  gefälschten  Berichten  —  wohlgemerkt, ­
  von  falschen  Berichten  amtlicher  Personen ­
  —  hören  müssen?  Herr  Witte  ist  glänzend ­
  gerechtfertigt.  Nicht  sein  System  darf
man's  fürderhin  heißen,  russisches  Systenr  ist  es,
das  er  trotz  seines  deutschen  Namens  meisterhaft
zu  handhaben  versteht.
Kapitalisten  aller  Länder  merkt  auf:  Unter
seinem  Sachverständigeneid  hat  vor  den  Königsberger ­
  Richtern  der  Ritter  des  russischen  Sankt
Andreas-Ordens  und  ehemalige  Professor  des
Staatsrechts  an  der  Universität  Tomsk
Dr.  Michael  von  Reußner  bekundet,  daß  in
Rußland  die  Beamten  unbegrenzte  Gewalt
haben,  daß  sie  keiner  strafrechtlichen  Verantwortlichkeit ­
  unterstehen,  wenn  nicht  die  vorgesetzte ­
  Behörde  die  Genehmigung  zur  Verfolgung
gibt,  daß  richterliche  Beamte  zwar  nicht  absetzbar ­
  sind,  daß  aber  meistens  stellvertretende
Richter  ernannt  werden,  die  ohne  weiteres  abgesetzt ­
  werden  können,  daß  der  Justizminister
berechtigt  ist,  für  jeden  besonderen  Fall  besondere ­
  Prozeßformen  festzusetzen,  und  endlich,
daß  der  russische  Kaiser  der  finnischen  Bevölkerung ­
  seinen  Eid  gebrochen  habe.  Wo  sind  in
einem  Lande,  von  dem  das  alles  gerichtsnotorisch ­
  ist,  die  Rechtsgarantien,  deren  der
Staatsgläubiger  dringend  bedarf?  Herrscht  im
kommerziellen  Leben,  _  in  der  Finanzgebarung
die  gleiche  Paschawirtschaft?
Sie  herrscht.  Derselbe  Boutmy,  den  ich
oben  zitierte,  erklärt,  daß  die  russische  Reichsbank, ­
  wenn  es  ihr  paßt,  einfach  die  Kredite  verkürzt, ­
  ohne  auf  die  Interessen  des  Marktes
Rücksicht  zu  nehmen,  daß  der  Finanzminister
künstlich  die  Kurse  an  den  Börsen  beeinflußt,

Paschawirl
schnft
        <pb n="67" />
        60

daß  er  die  Industriellen,  die  es  nicht  verstanden
haben,  seine  Gunst  zu  erschleichen,  bankrott
werden  läßt,  während  zur  Unterstützung  der
anderen  jegliche  Maßregel  getroffen  wird,  gleichgültig, ­
  ob  der  Staatsbank  oder  den  öffentlichen
Sparkassen  daraus  Verluste  erwachsen.
Aber  haben  denn  nicht  die  deutschen  Sparer
das  in  Königsberg  entschleierte  System  schon
am  eigenen  Beutel  verspürt?  Hat  Herr  Witte  nicht
Die  Südwest-  in  der  leidigen  Südwestbahn-Affäre  anno  1901  zubahn
  nächst  ein  für  die  Genußscheinbesitzer  günstiges
Gerichtserkenntnis  einfach  verheimlicht,  dann
die  Besitzer  vergewaltigt  und  schließlich,  als  die
deutschen  Kapitalisten  sich  zur  Wehr  setzen
wollten,  verfügt,  daß  in  Zukunft  die  Zulassung
von  Aktiengesellschaften  zum  Börsenhandel,  an
denen  deutsche  Reichsangehörige  sichtlich  beteiligt ­
  sind,  von  seiner  Genehmigung  abhängig
sein  sollten?
Will  ein  deutscher  Minister  die  Verantwortung ­
  übernehmen,  solchem  Staat,  solchen
Männern  deutsches  Geld  zuzuführen?  Trotz
Königsberg?
Mich  wundert  bloß,  daß  wir  noch  nicht
um  die  Gnade  gebeten  haben,  dem  deutschen
Reiche  zu  gestatten,  die  Garantie  für  Kapital
und  Zinsen  der  neuen  russischen  Anleihe  alleruntertänigst ­
  übernehmen  zu  dürfen!
        <pb n="68" />
        61

Deuischrrussrsche  Ariegeankeiße.
(7.  Januar  1905.)
Der  russische  Finanzminister:  „Die  neue
Anleihe  ist  kein  gutes  Geschäft.  Auf  500  Mil-  _.  &amp;amp;  m  r
lionen  müssen  mir  uns  verpflichten,  4 1 / 2 °/ 0  Zinsen  titm  beg
jährlich  zu  blechen.  Einundneunzig  und  ein  fischen  Finanzhalb ­
  Prozent  dieser  Summe  aber  bekommen  Ministers
wir  bloß  ausbezahlt.  Das  macht  also  in  Wahrheit ­
  4,8  %  Zinsen  fürs  Jahr.  Nach  sechs
Jahren  darf  die  westliche  Kanaille  die  Rückzahlung ­
  zum  vollen  Betrage  verlangen.  Dann
kostet  die  Geschichte  noch  einmal  8 ] / 2 %  aus
500  Millionen  oder  9,3°/ 0  auf  die  457  Millionen, ­
  die  wir  bekommen  haben.  Das  bedeutet ­
  für  jedes  der  sechs  Jahre  ein  Extraaufgeld ­
  von  1-/2°/«.  Macht  Summa  Summarum ­
  6 x / 3  %  jährliche  Verzinsung.  Ein  schönes
Stück  Geld  für  einen  sogenannten  Kulturstaat,
dem  man  bisher  mit  4%,  versuchsweise  sogar
mit  3%  Milliarden  gepumpt  hat.  Ein  Glück,
daß  die  Sache  vor  Stöffels  Kapitulation  zu
Ende  kam.  Sonst  hätte  man  vielleicht  noch
mehr  gefordert  und  auch  —  erhalten.  Wenn
man  uns  wenigstens  die  Geschichte  mit  der
Kündbarkeit  erspart  hätte.  Zu  toll,  daß  das
heilige  Reich  zwölf,  die  Kanaille  aber  nur  sechs
Jahre  verpflichtet  ist.  Wird's  wieder  besser,
können  wir  wieder  billiges  Geld  bekommen,
steigen  die  Renten,  fordert  keiner  sein  Geld.
Sitzen  wir  in  neuer  Klemme,  müssen  womöglich ­
  50/0  dauernd  bezahlen,  so  verlangen  die
Kerls  ihr  Geld,  und  die  Banken  verdienen  noch
einmal  an  uns.  Aber  was  soll  man  machen.
        <pb n="69" />
        62

Man  muß  die  Gelegenheit  beim  Schopfe  fassen,
solange  es  überhaupt  noch  Geld  gibt.  Ich
würde  es,  wenn  ich  das  Ausland  wäre  —  das
bleibt  natürlich  unter  uns  —  selbst  für  7°/ 0
nicht  gemacht  haben.  Ich  möchte  einmal  sehen,
ob  die  Herren  Finanzleute  in  ihrem  Vaterlande
einem  Menschen,  der  nichts  als  eine  falsche
Bilanz  sein  eigen  nennt,  um  6'/ 3 %  Zinsen  Geld
borgen.  Die  sollten  nur  in  unsere  Kassen  gucken.
Sie  bestaunen  unseren  Goldvorrat,  den  wir  gerade ­
  vorher  in  Paris  gepumpt  haben.  Der  wäre
natürlich  schon  futsch,  wenn  wir  nicht  die  Sache
mit  den  kleinen  Rubelnoten  und  den  großenKreditbillets
  erfunden  hätten.  Witte  war  doch  eigentlich ­
  ein  famoser  Kerl.  Hat  es  richtig  verstanden,
Was  ist  rus-  der  Welt  das  Märchen  vom  russischen  Kultursische ­
  Kultur?  aufzubinden.  War  allerdings  gar  nicht
so  schwer:  Kultur  ist,  wenn  man  Bahnen  baut,
Industrie  pflanzt  und  Geld  pumpt.  Bloß  nicht
bescheiden  leben.  Das  ist  immer  ein  Zeichen
von  Rückständigkeit.  Wir  haben  eben  Kultur.
Und  deshalb  glaubt  man  uns  die  Geschichte
mit  den  Rubelnoten,  meint,  unsere  braven
Staatskinder  dürften  zwischen  Papier  und  Gold
wählen  und  verzichten  aufs  Gold  aus  unendlichem ­
  Vertrauen  zu  uns.  Wenn  die  wüßten,
daß  „Papier  oder  Knute?"  die  Parole  heißt.
Aber  sie  wissen  gar  nichts.  Glauben  anscheinend
doch  sogar  die  Finte  in  meinen!  letzten  Bericht
über  die  Diskont-  und  Vorschußoperationen  der
Reichsbank.  Die  sind  im  letzten  Jahr  um  10  Millionen ­
  Rubel  gestiegen.  Ich  beweise  daraus,
„wie  wenig  der  gegenwärtige  Krieg  bisher  den
russischen  Geschäftsverkehr  behindert  hat".  Ein
seiner  Geschäftsverkehr.  Lauter  prolongierte
Wechsel  habe  ich  im  Portefeuille.  Aller  Welt
muß  die  Bank  unter  die  Arme  greifen.  Und
die  Tölpel  glauben,  das  sei  reeller  Handel.
Ein  Glück,  daß  Nicolai  sich  nicht  hat  breitschlagen ­
  lassen,  den  Semstwos  öffentliche  Budgetberatung ­
  zu  gestatten.  Das  fehlte  gerade  noch,
Prämien  auf  die  Vorlauten  zu  setzen.  Frechheit! ­
  Muß  alles  Geheimnis  bleiben.  Nichts
        <pb n="70" />
        63

darf  über  die  Grenze  Dummes  Pack!
Nicht  für  zehn  Prozent  hätt'  ich  das  Geld  gegeben. ­
  Ich  glaube,  die  neue  Anleihe  ist  doch
ein  ganz  gutes  Geschäft."  —
Die  russische  Presse,  in  Deutschland  vertreten
durch  den  Berliner  Börsencourier:  „Der  Abschluß
der  neuen  russischen  Anleihe  ....  wird  voraussichtlich ­
  in  der  Oeffentlichkeit  zu  lebhaften  Diskussionen ­
  Anlaß  geben,  ob  dem  deutschen  Publikum ­
  die  Beteiligung  an  der  Anleihe  zu  empfehlen
sei  oder  nicht  Niemand  wird  offenkundige
Mißstände  in  Abrede  stellen  und  die  äußeren
und  inneren  Gefahren,  von  denen  Rußland
augenblicklich  bedroht  wird,  ableugnen  können.
Trotzdem  ist  alles  Gold,  was  glänzt.
Alle  russischen  Budgets  haben  bedeutende ­
  Ueberschüsse  ergeben,  die  nur  von  ganz
revolutionären  Charakteren  angezweifelt  worden
sind  Im  Vergleich  zur  starken  Schuldenvermehrung ­
  anderer  Großstaaten  war  die  Ausgabe ­
  neuer  Anleihen  in  Rußland  bis  zum  Ausbruch ­
  des  Krieges  nur  im  mäßigen  Umfang
erfolgt.  Nur  durch  politische  Gegnerschaft  kann
es  erklärlich,  wenn  auch  nicht  entschuldbar  gemacht ­
  werden,  daß  einzelne  Querköpse  die  russischen ­
  Eisenbahnobligationen  mit  zu  diesen
Schulden  rechnen  Bei  dem  außerordentlich ­
  entwickelten  Pumpgenie  Rußlands
darf  mit  Sicherheit  erwartet  werden,  daß  es
ihm  ein  leichtes  sein  wird,  auch  weitere  Mittel
zu  erhalten  Die  Beziehungen  zwischen
Rußland  und  Deutschland  können  als  beinahe
turmhohe  Freundschaft  bezeichnet  werden
Wer  praktische  Politik  treiben  will,  muß  russische
Anleihen  kaufen:  Wer  nicht  wagt,  der  nicht
gewinnt,  wer  nicht  pumpt,  wird  keine  Waren
los  Rußland  ist  ein  Kulturstaat  ersten
Ranges.  Seit  langem  sind  dort  alle  privaten
Diebstähle  untersagt."  —
Vossische  Zeitung,  Annoncenteil  der  Ausgabe ­
  vom  29.  Dezember:  „Ein  akademisch
gebildeter  Herr,  der  im  russischen  Marineministerium ­
  die  besten  Verbindungen  hat,  emp-Russische


Presse  in
Deutschland

Ein  Dokunient
der  Korruption ­
        <pb n="71" />
        64

Handelspolitik
und  Anleihen

Für  uns  bleibt
nichts  übrig

Der  Reichskanzler ­


stehlt  sich  Firmen  und  Erfindern,  die  was
liefern  wollen.  Offert,  unt.  8.  E.  303  an  die
Exped.  dies.  Zeitung."  —
Der  deutsche  Reichsschatzsekretär:  „Bülow
hat's  leicht,  hohe  Politik  zu  machen,  wenn
ich  den  Buckel  herhaltet:  muß.  Er  muß  mit
dem  schlechten  Zolltarif  leidliche  Handelsverträge ­
  zustande  bringen  und  macht  das  einfach
mit  Protektion  russischer  Anleihe.  Für  500
Millionen  läßt  sich  jeder  das  bißchen  Veterinär-Polizei
  gefallen.  Er  hat  jetzt  den  Platz
an  der  Sonne.  Und  ich  sitze  im  Schatten  der
Finanznot.  Trotzdem  schwitze  ich.  Jetzt  wäre
eine  so  schöne  Zeit  für  mich.  Das  Publikum
hat  Geld  für  seine  Coupons  bekommen  und
könnte  schon  ein  bißchen  was  in  neuen  Anleihen
anlegen.  Das  geht  nun  alles  in  die  russische
Tasche,  die  Bülow  aushält.  Wir  kommen  im
März,  vielleicht  auch  ein  paar  Tage  früher,
wenn  die  Moneten  wieder  knapp  sind.  Müssen
die  Sache  ja  erst  im  Reichstag  durchschwatzen
lassen.  Für  Finanzen  zweifellos  Absolutismus
das  allerbeste.  Hab's  in  Bayern  zwar  anders
gelernt.  Geht  aber  doch  am  schnellsten.  Zug
um  Zug.  Vor  Neid  könnten  einem  ordentlich
dieAugen  übergehen.  Mir  hilft  kein  Mendelssohn.
Wenn  ich  emittieren  will,  setzt  man  mir  nicht
den  Privatdiskont  in  einem  fort  herunter  und
macht  gutes  Wetter.  Im  Gegenteil,  wenn  man
ahnt,  daß  ich  komme,  setzt  man  mir  die  Anleihen
herunter  und  den  Diskont  herauf.  Und  bei
den  Konferenzen  hat  man  tausenderlei  Bedenken,
als  ob  die  Wilhelmstraße  am  Bosporus  läge.
Das  Vertrauen  zur  Finanzlage  der  Staaten
scheint  bei  unseren  Bankleuten  im  Quadrat  der
Entfernungen  zu  wachsen.  O  Bülow!  Bülow!
Nur  eine  Bitte  habe  ich:  Pump  nicht  auch  noch
den  Ungarn."
Der  Reichskanzler:  Quid  sit  futurum  cras,
fuge  quaerere  .  .  .  (Büchmann  Seite  411)  fellx,
qui  potuit  rerum  cognoscere  causas  (Büchmann
Seite  402)  ....  Wächst  mir  ein  Kornfeld  in
der  stachen  Hand?  (Büchmann  Seite  228)  .  .  .
        <pb n="72" />
        65

Lieben  Freunde,  es  gab  schönere  Zeiten  als  die
unsern,  das  ist  nicht  zu  streiten  (Büchmann
Seite  229).
Neue  preußische  (Kreuz-)  Zeitung,  Börsen-  Die  Kreuz
Wochenbericht  vom  30,  April:  „Man  versichert  iseitung
zwar,  daß  die  deutsche  Hanls-banque  an  der
russischen  Kriegsanleihe  nicht  beteiligt  sei.  Allein
bei  dem  internationalen  Zusammenhange  des
Großkapitals  findet  diese  Versicherung  keinen
rechten  Glauben.  Es  wäre  sehr  bedauerlich,
wenn  sich  deutsches  Kapital  bereit  finden  ließe,
dieses  finanzielle  Wagnis  mitzumachen.  Denn
ein  solches  ist  die  Kriegsanleihe  Rußlands  unter
der  heutigen  politischen  Konstellation  ohne
Frage.  Bisher  ivar  man  gewohnt,  den  gewaltigen ­
  Barschatz  des  russischen  Reiches  als
eine  Kriegsreserve  gepriesen  zu  hören,  die  in
Europa  nicht  ihresgleichen  habe.  Und  kaum
hat  der  Krieg  Rußlands  gegen  das  kleine  Japan
begonnen,  da  muß  auch  schon  die  Notenpresse
in  Petersburg  in  Bewegung  gesetzt  und  das
Ausgabenbudget  eingeschränkt  werden.  Diese
Vorgänge  können  das  Vertrauen  gu  der  russischen ­
  Finanzwirtschast  nicht  stärken,  und  selbst
die  strengste  Neutralität,  die  wir  Rußland
schuldig  sind,  darf  uns  nicht  abhalten,  dies
offen  auszusprechen.  Wenn  Frankreich  sich
moralisch  verpflichtet  fühlt,  seinem  Bundesgenossen ­
  durch  Uebernahme  einer  Notenanleihe
beizuspringen,  die  es  sich  übrigens  sehr  hoch
verzinsen  läßt,  so  ist  dagegen  nichts  einzuwenden. ­
  Neutrale  Staaten  aber  sollten  sich  —
das  ist  unsere  private  Ansicht  —  in  diesem
Falle  ausschließlich  von  ihrem  eigenen  nationalen
Interesse  leiten  lassen,  und  dieses  gebietet  uns
jetzt  mehr  als  je,  mit  unseren  Mitteln  hauszuhalten, ­
  da  wir  nicht  wissen  können,  ob  wir  sie
nicht  morgen  selbst  sehr  dringend  nötig  haben.
Wir  würden  es  also  für  unverantwortlich
halten,  wenn  sich  deutsche  Bankinstitute  jetzt
entschlössen,  ihr  eigenes  Kapital  und  das  ihrer
Klientel  in  den  Dienst  eines  zwar  befreundeten,
aber  nicht  mit  uns  verbündeten  Staates  zu
        <pb n="73" />
        66

Die  neue  Lesart ­
  der  Kreuzzeitung


stellen.  Daß  es  heimlich  doch  geschieht,  daraus
läßt  die  außerordentliche  Geldflüssigkeit  an  der
Berliner  Börse  beinahe  schließen,  denn  sie  ist
angesichts  der  großen  Jnanspruchttahme  der
Reichsbank  nur  als  künstliche  Stimmungsmache
zu  erklären."
Neue  Preußische  (Kreuz-)Zeitung,  Börsenwochenbericht ­
  vom  31.Dezember;  „Das  wichtigste
Ereignis  der  Woche  ist  der  Abschluß  der  neuen
russischen  Anleihe  von  500  Millionen  Mark,
die  in  erster  Linie  für  den  deutschen  Markt  berechnet ­
  ist.  Man  war  zwar  daraus  gefaßt,
zweifelte  aber  noch,  ob  es  eine  Renten-  oder
eine  Schatzschein-Anleihe  sein  werde,  und  man
ist  einigermaßen  überrascht  durch  die  jetzt  bekannt ­
  gewordene  ingeniöse  Vereinigung  beider
Anleihetypen  Es  ist  selbstverständlich
nicht  unsere  Ausgabe,  zum  Ankauf  dieser  neuen
Papiere  zu  raten,  oder  davor  zu  warnen.  Wir
empfehlen  grundsätzlich  nur  die  in  Preußen
tnündelsicheren  Papiere,  für  die  der  Staat
direkte  oder  indirekte  Garantien  geschaffen  hat.
Aber  die  politische  Bedeutung  der  neuen  Anleihe ­
  können  wir  nicht  gering  anschlagen.  Auf
der  einen  Seite  bezeichnet  es  ein  sehr  weites
Entgegenkommen  der  Reichsregierung,  daß  sie
sich  zu  dieser  Anleihe  freundlich  stellt  in  einer
Zeit,  da  das  Deutsche  Reich  und  die  Einzelstaaten ­
  selbst  uiiter  den  Schwierigkeiten  des
Anleihemarktes  zu  leiden  haben  und  sich  mit
der  Ausgabe  von  Schatzanweisungen  behelfen
müssen.  Wir  haben  wiederholt  auf  die  Konkurrenz ­
  aufmerksam  gemacht,  die  den  heimischen
Fonds  gerade  ausdenrussischenAnleihenerwächst;
ein  großer  Apparat  ist  in  der  Kursregulierung
dieser  Anleihen  tätig;  ihre  Verzinsung  ist  zwar
etivas  höher  als  die  der  preußischen  Konsuls,  aber
der  Kurs  entspricht  doch  mehr  den  bescheidenen
Rentabilitätsansprüchen  der  Franzosen  als  der
ärmeren  Deutschen  und  drückt  auf  den  Kurs
unserer  Staatspapiere.  So  ist  in  der  Tat  die
Fürsorge,  die  jetzt  von  unserer  Regierung  in
loyalster  Befolgung  der  Nordemeyer  Verab-
        <pb n="74" />
        67

redungen  den  neuen  russischen  Anleiheplänen
erwiesen  wird,  ein  recht  kostspieliger  Freundschaftsdienst. ­
  Man  darf  aber  andererseits  gewiß
sein,  daß  der  Reichskanzler  äquivalente  Gegendienste ­
  empfangen  hat.  Vor  allen  Dingen  vertrauen ­
  wir  darauf,  daß  in  dem  russisch-deutschen
Handelsverträge  unserer  Ausfuhr  nach  Rußland
alle  die  wünschenswerten  Erleichterungen  gewährt ­
  worden  sind,  die  sich  mit  dem  Lebensinteresse ­
  der  russischen  Industrie  vereinigen  lassen,
und  daß  namentlich  unserer  Landwirtschaft  auch
der  nötige  Schutz  nicht  versagt  worden  ist.  Nur
darin  würden  wir  eine  ausreichende  wirtschaftspolitische ­
  Rechtfertigung  für  die  wahrhaft  freundschaftliche ­
  Behandlung  der  neuen  russischen  Anleihe ­
  durch  unser  Auswärtiges  Amt  erblicken
können  Es  gehört  zu  den  dauernden
Verdiensten  des  Grafen  Bülow,  daß  er  die  Absichten ­
  Sr.  Majestät  des  Kaisers  und  der  verbündeten ­
  Regierungen  in  unserem  Verhältnisse
zu  Rußland  so  erfolgreich  verwirklicht  hat,  und
in  diesem  Zusammenhange  können  auch  die
Umstände,  unter  denen  die  neue  russische  Anleihe ­
  herauskommt,  als  erfreulich  bezeichnet
werden."
Die  Bankengruppe:  „Drei  und  ein  halbes
Prozent  Zwischenprovision  auf  500  Millionen
macht  Ir  Vs  Millionen.  Vivaut  86gu6iü68."
Die  Konzertzeichner:  „Hurra,  hurra,  hurra!"
        <pb n="75" />
        68

Die  Petersburger ­
  Straßenrevolte ­


(Mendekesoßne.
(28.  Januar  1905.)'
Zehn  Tage  nachdem  die  Subskription  auf
324  Millionen  Mark  russischer  4 1 / a  %  iger  Anleihe ­
  kurz  nach  der  Eröffnung  wegen  angeblicher
enormer  Ueberzeichnung  sofort  wieder  hatte  geschlossen ­
  werden  müssen,  krachte  aus  einem
Salutgeschütz  eines  russischen  Leibartillerieregiments ­
  der  Kartätschenschuß,  der  das  Signal
zur  Petersburger  Straßenrevolte,  wenn  auch
vielleicht  nicht  sein  sollte,  so  doch  war.  Am
nächsten  Tage  sanken  die  russischen  Renten
nahezu  auf  den  Emissionskurs  zurück,  nachdem
man  sie  vorher  mit  stolzer  Prämie  tagelang  gehandelt ­
  hatte.
Für  den  Teil  der  deutschen  Bevölkerung,
der  russische  Anleihen  im  Besitz  hat,  sie  womöglich ­
  mit  Sperrverpslichtung  jüngst  erst  erwarb,
ist  jetzt  das  Kaiserwort:  „russische  Trauer  —
deutsche  Trauer"  buchstäblich  wahr  geworden.
Man  kann  diese  Leute  nicht  bedauern.  Wer
nach  all  den  Warnungen,  die  in  der  unabhängigen ­
  Presse  veröffentlicht  worden  sind,  sein
Geld  dem  Zarenreiche  zur  Verfügung  stellte,
hat  die  bangen  Stunden,  die  er  jetzt  durchlebt,
sich  selbst  zuzuschreiben.  Er  hat  jetzt  Zeit,  sich
die  Frage  zu  beantworten,  ob  das  bißchen  Mehr
an  Zinsen  zusammen  mit  dem  Zukunstsgewinn
von  5°/g  genügende  Entschädigung  für  die  vielen
Sorgen  bietet.
Ob  der  einzelne  verliert  oder  gewinnt,  ist
nicht  meine,  ist  seine  Sache.  Aber  die  Verluste
der  einzelnen  zusammengenommen  bilden  die
Verluste  des  Nationalvermögens.  Und  deshalb
        <pb n="76" />
        69

muß  sich  wohl  oder  Übel  die  öffentliche  Kritik
mit  der  Tatsache  besassen,  daß  kurz  vor  einerpolitischen
  Katastrophe  der  deutsche  Geldmarkt
mit  einer  russischen  Anleihe  beschenkt  wurde.
Wer  trägt  die  Verantwortung?  Rrrssische
Anleihen  haben  von  jeher,  viel  mehr  als  alle  Die  Verantübrigen
  Auslandswerte,  in  Deutschland  als  Ortung  f?*
politische  Anleihen  gegolten.  Seitdem  am  10.  No-  Kapitalvember
  1887  die'  Reichsbank  den  russischen  Verluste
Papieren  auf  Bismarcks  Geheiß  die  Beleihung
weigern  mußte,  ist  dieser  Charakter  gewissermaßen
amtlich  publiziert  worden.  Von  da  ab  hat
man  sich  gewöhnt,  die  Stellung  unserer  Finanzwelt ­
  zum  russischen  Pumpbegehren  als  Maßstab
für  Gunst  oder  Ungunst  der  politischen  Beziehungen ­
  beider  Länder  anzusehen.  Und  —
wahrscheinlich  mit  Recht  —  hat  man  auch  die
letzte  russische  Anleihe  als  ein  politisches  Ereignis, ­
  als  den  deutschen  Kaufpreis  für  einen
russischen  Handelsvertrag  mit  Konzedierung  der
Minimalzölle  auf  Agrarprodukte  betrachtet.  Ich
sagte  das  im  Juli  voraus  und  warnte  damals:
„Eine  neue  russische  Anleihe,  womöglich  gar
unter  Patronanz  des  Reiches,  wäre  im  Augenblick ­
  eine  öffentliche  Gefahr.  Ein  Handelsvertrag, ­
  der  nur  durch  die  Heraufbeschwörung
dieser  Gefahr  erkauft  werden  könnte,  sollte
besser  ungeschlossen  bleiben."  Graf  Bülow  hat
sich  über  alle  damals  geltend  gemachten  Bedenken ­
  hinweggesetzt.  Ihn  trifft,  wenn  er  sie
nicht  auf  die  Reichstagsmehrheit,  die  die  Minimalzölle ­
  akzeptierte,  zurückwälzen  will,  die  volle
Verantwortung.
Freilich,  der  Prospekt  und  die  Einladung
zur  Zeichnung  der  neuen  Anleihen  trugen  das  Mmdelssohns
Signum  Bernhard  von  Bülows  nicht.  Als  n ' §  haus
Emissionsfirma  fungierte  Berlins,  ja  Deutschlands ­
  erstes  Bankhaus,  die  Firma  Mendelssohn
&amp;amp;  Co.  Es  ist  einer  von  den  merkwürdigen
Zufällen,  an  denen  nicht  nur  die  Welt-,  sondern
auch  die  Finanzgeschichte  so  reich  ist,  daß  gerade
dieses  Bankhaus  finanzieller  Sachwalter  der
größten  europäischen  Despotie  ist:  Der  Urahn,
        <pb n="77" />
        70

ein  Apostel  der  Aufklärung,  die  Urenkel,  denen
aus  dem  Taufbecken  das  Adelsprädikat  erwuchs,
Kämmerer  der  Volksverdummung.  Ein
Treppenwitz  der  Historie!  Aber  Pietät  und
Sentimentalia  sind  nun  einmal  keine  Eeschäftsprinzipien,
  und  wenn  selbst  Rothschild,  der
allen  Antisemiten  als  „Oberjude"  gilt,  den  Bedrückern ­
  seiner  Glaubensbrüder  seine  Hilfe  leiht,
weshalb  sollen  die  Enkel  Moses  Mendelssohns ­
  nicht  Posbjedonozews  Klingelbeutel
füllen?  Ich  bin  überzeugt,  die  Herren
v.  Mendelssohn  und  ihr  Sozius  Herr  Fischl
glauben  an  die  Zukunft  Rußlands.  Aber  selbst,
wenn  all  die  Enthüllungen  der  letzten  beiden
Jahrzehnte  an  ihnen  nicht  eindruckslos  vorübergegangen ­
  sein  sollten,  jetzt  können  sie  nicht  mehr
zurück.  Mit  den  Darlehen  an  die  Staaten  ist
es  wie  mit  der  bösen  Tat,  „die,  fortzeugend.
Böses  muß  gebären".  Man  muß  immer  wieder
neues  Geld  hineinstecken,  um  das  alte  einst
wiederzubekommen  oder  intakt  zu  erhalten.
Vielleicht  —  ich  weiß  es  nicht,  stelle  es  nur  als
Eventualfall  hin  —  wäre  es  Mendelssohns  sehr
recht  gewesen,  wenn  die  Reichsregierung  sich
mit  Rücksicht  aus  ihre  eigenen  desolaten  Finanzen
weniger  zuvorkommend  gegenüber  dem  russischen
Werben  verhalten  hätte.'  Aber  nachdem  Deutschlands ­
  Kapitalisten  einmal  an  Rußland  verschachert ­
  waren  —  ähnlich  wie  man  einst
preußische  Landeskinder  an  England  verkauft
hat  —,  mußten  Mendelssohn  &amp;amp;  Co.  die  Vermittler ­
  spielen,  ob  sie  wollten  oder  nicht.
Hätten  sie  nein  gesagt,  manch  einer  von  denen,
die  jetzt  gar  tugendsam  beiseite  stehen,  hätte
sich  an  ihre  Stelle  gedrängt,  und  Mendelssohns
hätten  nicht  nur  eine  lukrative  Geschäftsverbindung, ­
  sondern  auch  einen  Teil  ihrerGloriole
verloren.
Ich  kann  aus  diesen  Erwägungen  heraus
auch  den  zahlreichen  Börsenstimmen  nicht  beipflichten, ­
  die  dem  Hause  Mendelssohn  &amp;amp;  Co.  die
bloße  Tatsache  der  Emission  einer  neuen  russischen
Anleihe  schon  als  Verbrechen  anrechnen  möchten.
        <pb n="78" />
        71

Jedoch  c’est  le  ton  qui  fait  la  musique:  Die
Art,  wie  die  Einführung  der  Russen  geschah,
verdient  schärfsten  Tadel.  Denn  die  war  eines
Hauses  unwürdig,  zu  dem  jeder  Lehrling  mit
beinahemystischerHochachtung  aufzuschauenlernt.
Man  muß  es  Herrn  Fischt  lassen,  er  versteht ­
  es,  auf  dem  Preßinstrument  zu  spielen.
Weshalb,  so  wird  man  fragen,  soll  er  nicht,  wenn
er  gleichgesinnte  oder  feile  Schreiber  findet,
seine  Ware  loben  lassen?  Gewiß!  Aber  war
es  nötig,  daß  jeder,  der  aus  ökonomischer
Ueberzeugung  anderer  Meinung,  aus  politischer
Erwägung  gegen  sein  Vorhaben  war,  als
Trottel,  Phantast  oder  als  Revolutionär  verhöhnt ­
  und  verlästert  wurde?  War  es  notwendig, ­
  mit  lärmender  Reklame  von  horrenden
Ueberzeichnungen  zu  sprechen,  um  dann  schließlich ­
  bis  zu  fünfzig  Prozent  auf  Zeichnungen
mit  Sperrverpflichtung  zuzuteilen?  Mußte  man
überhaupt  bei  einer  Kriegsanleihe  von  dem
leichtfertigen  Anerbieten  der  Zeichner  Gebrauch
machen,  sich  Sperrfesseln  anlegen  zu  wollen?
Alles,  um  mit  der  schnellen  Auflösung  des
Konsortiums  prunken  zu  können.  Und  wie
wurde  der  Markt  bearbeitet!  Die  kleinen
Makler  speiste  man  mit  kleinen  Geschenken  ab.
Ueber  die  Beteiligung  der  Großen  aber  zirkulierten
an  der  Börse  riesige  Zahlen  —  der  Berliner
Makler-Verein  sollte  angeblich  allein  drei  Millionen ­
  Mark  zur  Verteilung  an  seine  Direktoren
und  Agenten  bekommen  haben.
Das  Bedenklichste  aber  scheint  mir,  daß
man  jetzt  nach  denselben  Grundsätzen  weiter
arbeitet:  Es  existiert  selbstverständlich  keinerlei
Gefahr.  Hatte  der  Fürst  Trubetzkoj  dem  Zaren
zugerufen:  „Le  n'est  pas  une  erneute,  e’est  uns
revolution“,  so  beschwichtigen  die  Vertrauensmänner ­
  des  Herrn  Fischt  in  der  Presse  die
geängsteten  Staatsgläubiger:  „es  n'est  pas  une
revolution,  c’est  une  simple  erneute“.  Besonders ­
  tut  sich  wieder  der  Berliner  Börsen-Eourier
hervor:  Obwohl  der  Börsenwitz,  daß  russische
Anleihen  nur  noch  „per  Erscheinen  des  Herrn

Die  Bearbeitung ­
  der
Börsenpresse

Angebliche
Überzeichnung

Geschenke  an
die  Börse

Der  Börsen-Courier
        <pb n="79" />
        12

Fischl"  gehandelt  werden,  seinen  Redakteuren
doch  wohl  nicht  ganz  unbekannt  geblieben  sein
dürfte,  erzählt  das  Blatt:  „Es  ist  überraschend,
daß  trotz  der  Erbitterung  und  Entrüstung  über
das  Blutvergießen  in  den  Straßen  von  Petersburg ­
  und  trotzdem  die  Erregung  hierüber  noch
systematisch  geschürt  worden  ist,  gerade  die
russischen  Fonds  heute  (24.  Januar)  eine
wesentlich  festere  Haltung  zeigten  als  gestern."
Zwar  wird  dann  die  Tatsacke  kräftiger  Interventionen ­
  zugegeben.  „Aber"  —  heißt  es  dann
weiter  —  „diese  Intervention  würde  gegenüber
einer  Panik  der  Besitzer  russischer  Papiere  doch
versagen,  und  deshalb  ist  es  klar,  daß  die  Besorgnisse ­
  der  deutschen  Besitzer  russischer  Wertpapiere ­
  durchaus  keinen  so  hohen  Grad  erreicht
haben  können,  wie  man  von  einzelnen  Seiten
glauben  machen  will."  Das  ist  natürlich  unbeeinflußt ­
  und  im  besten  Glauben  geschrieben.
Denn  der  Autor  weiß  sicher  nichts  davon,  daß
bei  Besitzern  von  Sperrstücken  jede  Panik  zwecklos ­
  ist,  da  sie  ja  nicht  verkaufen  dürfen.
Als  der  Kartätschenschuß  fiel,  da  meinte  der
Börsenartikler  des  Courier:  „Sicherlich  ist  die
Möglichkeit,  daß  es  sich  wirklich  um  eine
Unregelmäßigkeit  gehandelt  haben  könnte,  nicht
von  der  Hand  zuweisen,  ....."  Am  selben
Tage  aber  schrieb  der  Politikus  desselben
Blattes:  „Der  unheimliche  Petersburger  Kartätschenschuß ­
  ist,  wie  zu  erwarten  stand,  alsbald ­
  für  ein  „Versehen"  erklärt  worden
Aber  diese  Begründung  des  Vorganges  wird
wohl  nirgends  viel  Glauben  finden.  .  .  ."
Gewiß  kann  es  unter  den  augenblicklichen
Verhältnissen  nicht  die  Ausgabe  einer  gewissenhaften ­
  Presse  sein,  das  aufgescheuchte  Kapital
noch  mehr  zu  beunruhigen.  Aber  nichts  wäre
gewissenloser  und  verfehlter,  als  über  den  Ernst
der  heiklen  Situation  hinwegzutäuschen.  Die
Meldungen,  die  die  russische  Zensur  dein
Wölfischen  Telegraphenbureau  passieren  läßt,
sind  im  besten  Fall  lückenhaft,  womöglich  sogar
gefälscht.  Rußland  hat  sich  nie  geniert,  mit
        <pb n="80" />
        73

Fälschungen  zu  operieren.  Man  braucht  nur
die  Geschichte  der  deutsch-russischen  Beziehungen
bis  ins  Jahr  1887  zurückversolgen  und  sich  an
den  denkwürdigen  offiziösen  Artikel  der  Kölnischen ­
  Zeitung  vom  22.  November  jenes  Jahres
zu  erinnern,  der  die  russische  Hofkamarilla  und
Herrn  v.  Giers  beschuldigte,  dem  Zaren  gefälschte ­
  Dokumente  über  Bismarcks  Politik  vorgelegt ­
  zu  haben.
Für  den  Besitzer  russischer  Wertpapiere  ist
es  notwendig,  die  Geschehnisse  in  Rußland  klar
und  deutlich  zu  erkennen.  Nicht  darauf  kann
es  ihm  ankommen,  ob  die  russischen  Gewalthaber ­
  noch  einmal  auf  ein  paar  Monate  Ruhe
schaffen  können,  er  muß  wissen,  was  endlich
wird.  Darüber  aber  kann  nicht  die  Meinung
der  Zeitungskorrespondenten  aufklären,  das
sagt  das  Buch  der  Geschichte.  Und  dieses  Buch
erzählt  uns  von  einer  Revolution.  Nicht  von
Revolutiönchen,  wie  sie  sich  aooo  1848  in
Deutschland  abspielten,  sondern  von  einer
großen  Umwälzung,  wie  Frankreich  sie  1789
sah.  Wer  die  Geschichte  jener  Tage  studiert,
staunt  ob  der  Ähnlichkeit  der  Vorgänge
bei  aller  Verschiedenheit  der  Einzelheiten.  Echte
Revolutionen  entwickeln  sich  spontan,  können
nicht  vorher  planmäßig  ausgeheckt  werden.
Und  gerade  das  Unvorbereitete  der  Petersburger
Arbeiterdemonstration,  das  den  Kosaken  den
ersten  blutigen  Erfolg  schuf,  scheint  mir  ein
gefährliches  Zeichen  für  den  Fortgang.  Die
russische  Despotie  hat  schon  größere  Putsche
bezwungen.  Aber  da  waren  nie  und  nirgends
von  ihr  selbst  Verheißungen  gemacht,  Wünsche
angeregt  worden.  Die  französische  Revolntion
ward  nicht  am  Tage  des  Bastillensturmes
geboren,  sondern  durch  die  Unterzeichnung  des
Dekrets,  das  die  Generalstände  berief.  Und  die
russische  Revolution  fängt  nicht  an  mit  den
Petersburger  Metzeleien,  sondern  hat  schon  lange
begonnen  mit  dem  von  der  Regierung  selbst  berufenen ­
  Semstwokongreß  und  den  wenigen  Tagen,
da  man  die  Presse  freier  als  sonst  schreiben  ließ.

Eine  Revolution ­
  und  keine
Emeute

Die  französische ­
  und  die
russische  Revolution ­
        <pb n="81" />
        74

Necker  u.  Witte

Schlimme
Aussichten

In  Frankreich  zwang  die  Finanzkalamität,  an  der
Newa  die  Kriegsnot  zur  Konzession.  Jetzt  gibt
es  kein  Zurück  mehr,  wie  es  1739  in  Frankreich
keins  mehr  gab.  Entweder  der  Zar  bewilligt
Reformen,  oder  die  Revolution  schreitet  fort,
denn  sie  ist  zur  historischen  Notwendigkeit  geworden. ­
  Mignet,  der  Geschichtsschreiber  der
französischen  Revolution,  sagt:  „Selten  findet
sich  ein  Fürst,  ivelcher  ....  hellblickend  genug
ist,  um  das  abzutreten,  dessen  Verlust  eine  Nottvendigkeit
  geworden.  Ludwig  XVI.  hätte  es
jedoch  getan,  wenn  er  weniger  unter  der  Herrschaft ­
  seiner  Umgebung  gestanden  hätte
Er  schwankte  unentschlossen  zwischen  seinen:
Ministerium,  welches  Necker  leitete,  und  feinern
Hofe  ..."  Man  setze  anstatt  Jacques  Necker
Sergej  Juljewitsch  Witte  —  der  Vergleich  paßt
sogar  auch  insofern,  als  beide  den  Ruhm  von
Meistern  im  Budgetfälschen  für  sich  in  Anspruch
nehmen  können  —  und  man  hat  ein  treffendes
Bild  von  der  augenblicklichen  Situation  des
Zaren.  Nur  daß  sich  zwischen  ihn  und  das
Volk  der  Tschin,  zwischen  Ludwig  XVI.  und
seine  Franzosen  aber  der  Adel  drängte.  Noch
hat  er  sein  Schicksal  in  der  Hand
Der  Kapitalist  muß  also  mit  der  schlimmsten
Eventualität  rechnen.  Siegt  die  Revolution,
so  wird  die  Sicherheit  seiner  Anleihen  nicht
etwa  von:  guten  oder  bösen  Willen  der  Sieger,
sondern  von  zwei  wichtigen  Faktoren  abhängen:
Kann  ein  geordneter  Staat  nnt  dem  Witteschen
Budget  werter  wirtschaften?  Bleiben  Rußlands
Banken  uird  Geschäfte  auch  gesund,  werrn  die
Staatsbank  sie  nicht  mehr  künstlich  stützt,
bleiben  die  Börsenkurse  in  Petersburg  auch
ohne  schwindelhafte  Kursbeeinflussungen  der
Regierung  fest.  ?
Diese  Fragen  mögen  die  „Kenner  der
russischen  Verhältnisse"  beantworten,  die  der
Börsen-Courier  zitiert.
        <pb n="82" />
        75

Der  Lriede.
(5.  August  1905.)
„Er  war  Journalist  und  lebte  unter
Wilhelm  II."  Wanderer,  wenn  Du  einmal
solche  Inschrift  auf  einem  Grabstein  liest,  so
ziehe  Deinen  Hut  in  Ehrfurcht.  Denn  unter
dem  Fleckchen  Erde  ruht  ein  Mann,  der  im
Schweiße  seines  Angesichts  sein  Brot  verdient
hat.  Seitdem  unser  Kaiser  in  den  Junitagen
des  Dreikaiserjahres  den  vom  totkranken  Vater
kaum  wieder  gewärmten  Thron  bestieg,  ist  aus
den  Redaktionstuben  der  letzte  Rest  altväterlicher ­
  Beschaulichkeit  gewichen.  Selbst  in  der
Hochsommerglut  finden  die  armen  Federfuchser
keine  Ruhe  mehr.  Ruhelos  wie  Deutschlands
Politik  ist  auch  ihr  Leben  geworden.  Und
keiner  von  ihnen  kann,  wenn  er  in  die  Ferien
reist,  wissen,  ob  er  die  fünsundvierzigtägige
Gültigkeit  seines  Retourbillets  auch  auszunutzen
vermag.
Nun  hat  auch  das  Jahr  1905  seine
Sommersensation.  Statt  nach  den  zerklüfteten
Fjorden,  die  das  Nordland  der  Harald-  und
Hakonsöhne  ins  nördliche  Meer  treibt,  ist  diesmal ­
  die  Hohenzollernyacht  zu  den  Klippen  und
Inseln  des  finnischen  Meerbusens  gesteuert
worden.  Und  von  keinem  Sterblichen  belauscht,
hat  der  Beherrscher  Rußlands  mit  dem  Repräsentanten ­
  des  deutschen  Volkes  intime  Zwiesprach
  gepflogen.  Kein  Wunder,  daß  dieses
interessante  Geschehnis  sofort  die  allsommerliche,
mit  sauren  Gurken  garnierte  Seeschlange  aus
den  Spalten  der  Zeitungen  vertrieb.  Denn
am  Meer  und  in  den  Bergen  wollten  die  Leser

Die  Zweikaiserbegeg-
        <pb n="83" />
        76

mit  Stoff  für  ihre  Unterhaltungen  ausgerüstet
sein.  War  die  Entrevue  politischer  Natur,
oder  sind  die  kaiserlichen  Vettern,  menschlichem
Sehnsuchtdrange  folgend,  zueinander  geeilt?
Hat  Nikolai  oder  Wilhelm  die  Anregung  zur
Konferenz  gegeben?  Diesen  beiden  Hauptfragen
und  ihren  zahlreichen  Unterfragen  ist  zentnerweise
Druckerschwärze  geopfert  worden.  Sommersonnenglut ­
  trieb  die  Phantasie  zum  Siedepunkt:  Selbst
ein  norwegisch-schwedisches  Bündnis  unter  dem
Protektorat  Deutschlands  und  Rußlands  wurde
uns  beschert,  und  auch  die  Kandidatur  eines
Hohenzollernprinzen  für  den  norwegischen
Königsthron  kam  aufs  Tapet.  Obwohl  der
gesunde  Menschenverstand  uns  sagen  sollte,  daß
ein  skandinavisches  Bündnis  sich  nur  gegen
Rußland  richten  und  ein  Hohenzollernkandidat
als  Nachfolger  der  Bernadottes  leicht  ebenso
zum  casus  belli  werden  könnte  wie  die  spanische
Thronfolgefrage  anno  1870.  Zum  casus  belli
gegen  England.
Freilich,  das  gerade  würde  genügen,  um
einem  solchen  Plan  in  deutschen  Gauen  ge-Gärung
  nirgend  Unterstützung  zu  schaffen.  Denn  gegen
gegen  England  @ n g( an k  gß r t’§  bei  uns.  Und  die  Konstatierung
dieser  Tatsache  ist  eigentlich  das  einzige  wirklich
wichtige  Ergebnis  'der  umfangreichen  Preßdiskussionen'
  der  letzten  Tage.  Ein  deutschsranzösisch-russisches
  Bündnis  gegen  England  ist
ein  Traum,  der  in  weiten  Volksschichten  geträumt ­
  und  nicht  bloß  von  den  Organen  der
politischen  Reaktion  zum  Ausdruck  gebracht
wird,  Nein,  auch  liberale  Organe,  deren  Intimität ­
  mit  der  Kanzlei  des  gefürsteten  Kanzlers
notorisch  ist,  predigen  den  gleichen  Text.  Denn
,vas  anders  bedeutet  es,  'wenn  das  Berliner-Tageblatt
  eine  finanzielle  Entente  zur  Bezahlimg
der  russischen  Kriegskosten  ankündigt  unter  der
Garantie  des  Friedenszustandes  in  Europa.
Diese  Zusammenstellung  ist  sehr  ergötzlich.  Anscheinend ­
  soll  der  Eindruck  erweckt  werden,  als
ob  Frankreich  und  Deutschland  ihr  Geld  einbringen, ­
  Rußland  dagegen  die  Konzession  des
        <pb n="84" />
        77

Friedensschlusses  gewähren  soll.  Wenn  das
wirklich  Ziel  und  Zweck  der  Kaiserreise  gewesen
ist,  sie  hätte  ruhig  unterbleiben  können.
Es  ist  ja  jetzt  sehr  modern,  die  Engländer
als  Seeräuber  zu  verschreien,  und  den  Gemäßigten ­
  wird  es  durch  die  Hetzereien  gewisser
englischer  Blätter  nicht  leicht  gemacht,,  den  entgegengesetzten ­
  Standpunkt  zu  vertreten.  Dazu
kommt,  daß  Bismarcks  Nachfolger  —  oder
richtiger  seine  Epigonen  —  Freundschaft  mit
Rußland  für  das  Alpha  und  Omega  genialischer
Auslandspolitik  zu  halten  scheinen.  Daß  eines
sich  nicht  für  alle,  besonders  nicht  für  alle  Zeiten
schickt,  ist  eine  Erwägung,  die  man  den  Toren
außerhalb  der  Amtsstuben  überläßt.
Man  brauchte  über  solche  Expektorationen
kein  Wort  zu  verlieren,  wenn  es  sich  dabei  nur
um  Phantasien  —  vielleicht  kluger  und  geistvoller ­
  —  Zeitungsschreiber  handelte.  Aber
wenn  die  verständigen  Ausführungen  Clemenceaus,
  der  einst  von  denselben  Blättern  wie
ein  Held  gefeiert  wurde,  in  einem  Teil  der
Presse  mit  dem  Hinweis  darauf  aä  absurdum
geführt  wurde,  daß  dieser  nichts  ahnende  Literat
sich  gegen  Dinge  wende,  die  von  den  „Machern"
schon  lange  beschlossen  seien,  so  darf  und  muß
man  annehmen,  so  zu  deutende  Worte  seien  im
Gespräch  mit  denen  um  Bülow  gefallen.
Rußland  sei  freilich  —  so  lautet  die  offiziöse
Parole  —  als  Feind  augenblicklich  nicht  zu
fürchten,  aber  es  sei  ein  wichtiger  Bundesgenosse.
Ein  glänzender  Sozius!  Kein  Heer,  keine
Flotte,  kein  Geld,  keine  Ordnung!  ^Das  Land
braucht  uns,  aber  nicht  umgekehrt.  Und  wir
drängen  uns  an  diese  gefallene  Größe,  heben
sie  aus  den:  Staube,  trocknen  ihr  die  Wunden
und  versorgen  sie  mit  Geld.  Ketten  Frankreich
gerade  in  dem  Moment  wieder  an  Rußland,  wo
es  von  Nikolai  zu  Eduard  abschwenkt,  anstatt
Englands  Flotte  und  Geld  und  Frankreichs
Schwäche  uns  dienstbar  zu  machen.  Wenn
Rußland  uns  durch  seine  Neutralität  in:  deutschfranzösischen ­
  Kriege  zweifellos  wertvolle  Dienste

Rußland  als
Buiidesgenoffe
        <pb n="85" />
        78

Pump  und
Handel

geleistet  hat,  so  tat  es  das,  weil  es  seinen  dainaligen
  Interessen  entsprach.  Es  hat  oft  genug
seitdem  bewiesen,  daß  es  Sentimentalität  in
seiner  Politik  nicht  keirnt,  und  wenn  Wörth  und
Weißenburg  uicht  uns,  sondern  den  Franzmännern ­
  den  Sieg  gebracht  hätteil,  wer  weiß,
ob  nicht  die  russische  Neutralität  zum  Teufel
gegangen  wäre.  Wir  aber  wollen  jetzt,  wo
unser  —  trotz  aller  Freundschastversicherungen
—  bis  jetzt  gefürchtetster  Gegner  am  Boden
liegt,  aus  ben  sentimentalischen  Erwägungen
die  Situation  nicht  ausnutzen.
Aber  nein.  In  der  neugermanischeil  Auslandspolitik ­
  wird  zwar  nach  Sentimellts  gehairdelt,
  allein  mall  lvill  es  nachher  nicht  wahr
haben.  Und  hier  muß  dann  plötzlich  die  volkswirtschaftliche ­
  Notwendigkeit  als  schweres
Geschütz  herhalten.  Schon  seit  Wochen  rumoren
ein  paar  Poltergeister  in  verschiedenen  Zeitungen
umher,  schreien,  daß  man  jetzt,  wo  bald  der
neue  Handelsvertrag  in  Kraft  treten  werde,
Rußland  nicht  vor  den  Kopf  stoßen  dürfe  und
bezichtigen  die,  die  das  deutsche  Publikum
ivarnen,  deutsches  Geld  gegen  russisches  Papier
einzutauschen,  der  Störung  unserer  Handelsinteressen. ­
  Eine  feine  Logik!  Wer  die  Ausfuhrstatistik ­
  selbst  ohne  allzu  subtile  Aufmerksamkeit
überliest,  wird  erkennen  müssen,  daß  unser  Absatz ­
  ins  englische  Sprachgebiet  um  ein  Vielfaches
uilseren  russischen  Export  überragt.  Den  besseren
Kunden  also  dürfen  wir  vor  den  Kopf  stoßen,
bell  schlechteren  aber  müssen  wir  karessieren.
Vielleicht  wegen  der  Zukunft?  Man  hat  Herrn
Witte  nach  Washington  gesaildt,  vermutlich  iveil
seine  Gegner  hoffen,  er  werde  dort  sein  Prestige
verlieren.  Gelingt  es  ihm  aber,  seülen  zahlrcichen
  Feinden  ein  Schnippchen  zu  schlagen  uild
einen  leidlichen  Frieden  zu  schließen,  so  wird
sein  Wille  im  Reiche  russischer  Handelspolitik
wieder  mächtig  werden.  Sein  Wille  aber  wird
vor-  wie  nachdeni  den  Schutzzoll  diktieren.
Immer  enger  wird  sich  das  russische  Reich  mit
Zöllen  umschließen,  und  wenn  wir  erst  das  Geld
        <pb n="86" />
        79

gegeben  haben  werden,  wird  der  amerikanische
Stahltrust  die  Beziehungen  nutzbar  machen,  die
seine  Vertreter  anläßlich  der  Amerikareise  mit
Herrn  Witte  anknüpfen  werden.  Gewiß,  man
kann  nicht  behaupten,  daß  uns  England  in
handelspolitischer  Beziehung  das  Leben  leicht
macht.  Aber  bis  zur  Stunde  haben  das  Mutterland ­
  und  ein  Teil  der  Kolonien  sich  noch  nicht
hinter  Zöllen  verbarrikadiert.  England  ist  ein
guter  Kunde,  freilich  auch  ein  scharfer  Konkurrent
gewesen.  Aber  will  man  jetzt  schon  die  Konkurrenz ­
  als  ein  Verbrechen  betrachten?  Geirügt
sie  zur  politischen  Gegnerschaft?  Fragt  nur  cinnral
  urrsere  Kaufleute,  rvie  ihnen  der  Burenrummel ­
  bekommen  ist,  und  wie  die  sortwährenderr
  deutsch-englischen  Plänkeleien,  wie  die  Verhetzung ­
  arlfs  Geschäft  wirkt?
Irr  Wahrheit  verbietet  urrs  gerade  unser  England  und
rvirtschaftliches  Interesse,  das  englische  Volk  zu  Deutschland
provozieren.  Glaubt  sich  die  Diplomatenzunst
darüber  hinwegsetzen  zu  können,  so  ist  das  ihre
Sache,  der  Reichstag  mag  sich  nicht  Aufklärung
über  ihre  Beweggründe  holen.  Aber  unbegreiflich ­
  ist,  daß  mit  einem  Bündnis  zwischen
Deutschland,  Frankreich  und  Rußland  auch
solche  Preßorgane  sympathisieren,  die  unter
liberaler  Flagge  segeln.  Im  Kampf  gegen  die
Reaktion  bildet  heute  Frankreich  das  Zünglein
an  der  Wage.  Im  Bündnis  mit  England
werden  seine  Träger  freiheitlicher  Ideen  gestärkt,
treibt  Deutschland  es  zum  neuen  Bund  mit
Rußland,  so  wird  auch  in  Frankreich  allmählich
wieder  das  politische  Dunkelmännertum  gestärkt.
Die  Zeiteir  der  heiligen  Alliance  leben  wieder  auf.
Hier  ist  nicht  der  Ort,  diese  Frage  weiter
auszuspinnen.  Aber  ich  warf  sie  nicht  nur  auf
unr  des  inneren  Widerspruches  willen,  in  den:
sich  unsere  Liberalen  befinden.  Der  polilischen
Konstellation  der  nächsten  Jahre  ist  eine  sehr
große  finanzpolitische  Bedeutung  beizumessen.
Denn  wie  wirkt  sie  auf  Rußland  zurück?  Einem
isolierten  Rußland  bleiben  nur  zwei  Möglichkeiten: ­
  Revolution  oder  energische  Reform.  Ein
        <pb n="87" />
        80

Deutschland
zahlt  den
Tabak  für  die
Friedenspfeife

Rußland  int  reaktionären  Dreibund  aber  wird
weiter  mit  dem  alten  Regime  fortzuwursteln
suchen.
Nun  gebe  ich  ohne  weiteres  zu,  man  kann
der  Ansicht  sein,  ein  autokratisch  regiertes
korrumpiertes  Rußland  sei  für  uns  wirtschaftlich ­
  weniger  gefährlich,  als  ein  freiheitliches,
das  all  seine  großen  wirtschaftlichen  Kräfte  voll
entfalten  kann.  Allein  man  vergesse  nicht,  daß
die  neue  Entente  sich  zunächst  zu  finanziellen
Zwecken  bilden  will:  Zweie  solleil  geben,  einer
will  nehmen.  Deutsche  Kapitalisten  sollen  mit
lieueil  russischen  Anleihen  bepackt  werden.  Ich
habe  oft  schon  an  dieser  Stelle  sehr  ernste  Bedenken ­
  gegen  die  russische  Finanzgebarung
geltend  genracht  und  kann  jetzt  so  wenig,  tote
ich  es  früher  konnte,  dein  deutschen  Publikum
raten,  russische  Anleihen  zu  kaufen.  Denn  bevor ­
  Rußland  ilicht  dem  Ausland  eine  europäische ­
  Finanzkontrolle  oder  den  eigenen  Untertanen
eine  Verfassung  zugesteht,  ist'  das  Land  nicht
kreditwürdig.  Dilrch  den  jetzt  projektierten
Dreibund  aber  wird  die  Möglichkeit  eines
liberalen  Regierungsystems  itt  weite  Ferne
gerückt.
Ich  bin  nicht  hellhörig  genug,  um  zu
ivisseii,  was  die  Monarchen  aus  dem  Polarstern
lniteinander  gesprochen  haben,  und  zu  wenig
geistreich,  un:  Betrachtungen  darüber  anzustellen,
was  sie  gesprochen  haben  könnten.  Aber  ob
Rußlands  finanzielle  Situation  zur  Sprache
gekommen  ist  oder  nicht,  wemr  die  Könige  sich
umarmen,  bekommen  die  Bankiers  glltes  Wetter.
Daß  sie  es  augenblicklich  brauchen,'  steht  außer
allem  Zweifel.  Denn  auch  wenn  man  nicht
wüßte,  daß  Witte  mit  Mendelssohns  in  Berlin
und  mit  Hoskier  und  Rothschilds  Bevollmächtigten ­
  in  Paris  konferiert  hat,  daß  Rußland
  eine  neue  große  Anleihe  aufnehmen
muß  und  jetzt  schon  vorbereitet,  wird
niemand  bestreiten  wollen.  Da  macht
eine  Kaiserreise  gute  Reklame.  Einst  fuhr
Nicolai  an  die  Seine,  als  Herr  Witte  dort
        <pb n="88" />
        81

pumpen  wollte.  Daß  man  gewagt  haben  sollte,
unseren  Kaiser  als  Reklame  für  die  neue
Emission  einzuspannen,  ist  undenkbar.  Sicher
dagegen  ist,  daß  jetzt  schon  seine  Reise  ausgebeutet ­
  wird.  Die  Russenkurse  steigen.
Binnen  kurzem  wird  man  ein  schönes
Schauspiel  erleben:  Unsere  konservativen  und
agrarischen  Politiker  wollen  den  neuen  Bund,
nian  wird  also  demnächst  in  ihren  Blättern
Empfehlungen  der  neuen  russischen  Anleihe
lesen.  Und  was  haben  einst  die  Herren
Diederich  Hahn,  v.  Kardorff  und  Genossen
gegen  die  ausländischen  Anleihen  gewettert.
Jetzt  aber  leiten  ihre  Parteigenossen  das  deutsche
Publikum  in  die  russische  Fährnis.  Denn  eine
solche  ist  es,  dem  russischen  Staat  zu  borgen.
Zeichen  und  Wunder  müßten  geschehen,  wenn
nach  der  neuen  Anleihe  nicht  der  russische
Staatsbankerott  eintritt.  Man  hat  für  so  etwas
auch  lieblicher  klingende  Namen,  die  im  Buche
der  modernen  Finanzgeschichte  jedermann  nachlesen ­
  kann.
        <pb n="89" />
        82

Die  Anleihe
gescheitert

Der  LusaminenKruch.
(11-  November  1905.)
Die  Revolution  hat  wieder  einmal  die
Kapitalisten  geschützt.  Denn  die  Vertreter  der
französischen,  deutschen  und  englischen  Bankwelt
sind  aus  Petersburg  zurückgekehrt,  ohne  eine
neue  Anleihe  mit  der  Regierung  des  Zaren  abgeschlossen ­
  zu  haben.  Wären  die  Straßenrevolten
in  den  russischen  Städten  auch  nur  ein  paar
Wochen  später  erfolgt,  Gras  Witte  hätte  seine
neuen  Millionen  in  der  Tasche  gehabt,  und
binnen  weniger  Tage  wäre  die  unbequeme  Last
von  den  Finanzgruppen  auf  die  Kapitalisten  der
verschiedenen  Länder  abgewälzt  worden.  Aber
die  Unterhändler  wurden  zu  Zeugen  der  wachsenden ­
  Revolutionierung  des  Landes.  Durch  die
Türen  des  Finanzministerpalais,  wo  mit  ihnen
unterhandelt  wurde,  drangen  der  Lärm  der
Prozessionen,  das  Knattern  der  Gewehrsalven,
die  Wutschreie  der  von  der  kosakischen  Knute
Bedrohten  herein.  Die  Ruhe  der  Konferenzen
wurde  durch  kaiserliche  Adjutanten  und  Kammerlakaien ­
  gestört,  die  Witte  nach  Peterhof  befahlen,
wo  der  Herrscher  aller  Reußen  wie  weiland
Ludwig  XVI.  zwischen  dem,  durch  die  Prinzen
seines  Hauses  aufgestachelten,  Machtinstinkt  und
den  Vernunftgründen  weniger  ehrlicher  Ratgeber ­
  ratlos  hin-  und  herschwankte.  Von  Tag
zu  Tag  wurden  die  Mienen  der  Unterhändler
düsterer.  Graf  Witte  sah  die  zunehmende  Zagheit ­
  und  griff  zum  letzten  Mittel:  die  Zeitungen
mußten  Empörung  heucheln  über  die  allzu
harten  Bedingungen,  durch  welche  von  der
internationalen  Bankwelt  Rußlands  Notlage
        <pb n="90" />
        83

ausgebeutet  werden  sollte.  Aber  auch  das  verfing ­
  nicht.  Die  Finanzherren  kehrten  unverrichteter ­
  Sache  dem  Lande,  das  in  Hellem  Aufruhr ­
  entflammte,  den  Rücken.
Und  es  ist  gut  so.  Der  internationalen
Kapitalistenwelt  bleibt  somit  Zeit  und  Muße,
die  Zukunftschancen  russischer  Anleihen  abzuwägen. ­
  Die  alte,  seit  dem  Beginn  dieses  Jahres
immer  dringender  mahnende  Frage  taucht
wieder  auf:  Wird  Rußland  imstande  sein,  die
Zinsen  seiner  Anleihen  für  die  Dauer  zu  bezahlen? ­
  Aber  die  Zeit  heilt  nicht  nur  Wunden,
sie  kann  auch  die  Wunden  zu  nimmer  schließbaren ­
  ausweiten.  Solch  Fall  liegt  hier  vor.
Vor  Monaten  noch  stand  nur  fest,  daß  das
bisherige  Regime  allein  dann  in  der  Lage  sein
werde,  vorläufig  die  Zinszahlungen  ausrecht  zu
erhalten,  wenn  das  Ausland  ihm  ständig  neue
Goldquellen  durch  Gewährung  von  neuen
Anleihen  zu  erschließen  bereit  sei.  Dabei
blieb  die  —  freilich  schwache  —  Hoffnung,
daß  durch  die  Gewährung  liberaler  Reformen,
durch  eine  parlamentarische  Kontrolle  und  die
allmähliche  völlige  Umgestaltung  der  russischen
Wirtschaftsverfassung  langsam  die  Basis  geschaffen ­
  wurde,  die  eine  so  riesenhafte  Schuldenlast ­
  zu  tragen  vermag.
Allein  diese  Hoffnungen  sind  geschwunden.
Der  Kaiser  hat  den  richtigen  Moment  verpaßt,
um  dem  Volke  Geschenke  machen  zu  können.
Mag  sich  die  Börse  nur  an  die  Erwartung
klammern,  daß  die  zugestandene  Verfassung  die
Wogen  der  russischen  Volksbewegung  beruhigen
wird.  Die  Geschichte  fällt  über  solche  Leichtgläubigkeit ­
  ihr  Verdikt.  Sie  lehrt  uns  als
typisches  Merkmal  der  großen  Revolutionen,
daß  der  einmal  entfesselte  Sturm  sich  nicht
wieder  in  die  Schläuche  zurückkommandieren
läßt.  Jetzt  gibt  es  keine  geschenkweise  friedliche
Reform  mehr.  Die  gesetzgebende  Duma  ist  dem
Kaiser  abgetrotzt;  hat  sie  erst  einmal  zu  tagen
begonnen,  so  entwickelt  sie  sich  in  der  Richtung
weiter,  wie  sie  muß,  zum  selbständigen  Organ

Kann  Rußland ­
  dauernd
Zinsen  zahlen?

Das  Schwanken ­
  des  Zaren
        <pb n="91" />
        84

Duma  und
französische
Stündeversammlung


Witte  und  der
Tschin

Die  Revolution ­
  und  die
Finanzen

der  Staatsmaschine,  das  vom  Kaisertum  sich  zu
emanzipieren  sucht.
Die  Widerstände,  die  sich  den  politischen
Bewegungen  entgegensetzen,  sind  für  ihren  Weg
viel  mehr  bestimmend  als  die  in  ihr  treibenden
Tendenzen.  Die  französische  Ständeversammlung
war  von  loyalstem  Geiste  durchdrungen.  Sie
wurde  erst  durch  den  Widerstand  des  Adels,
der  für  seine  Privilegien  fürchtete,  offen
frondierte  und  insgeheim  den  König  gegen  den
tiers  etat  einzunehmen  trachtete,  den  radikalsten
Elementen  in  die  Arme  getrieben.  Der  Monarch,
der  die  Versammlung  einberufen  hatte,  uni
Schutz  gegen  die  Abgabenverweigerung  des  Adels
zu  suchen,  wurde  mit  diesem  verschlungen,  als
er  sich  von  Adel  und  Geistlichkeit  zu  Schritten
hinreißen  ließ,  die  dem  Einberusungzweck  zuwiderliefen. ­

Liegen  nicht  ganz  ähnlich  die  Dinge  in
Rußland?  Die  Duma  ist  von  Witte  als
Mittel  gedacht,  um  den  Herrscher  aus  den
Händen  des  Tschin  zu  befreien  und  um  Geld
zu  beschaffen,  das  mit  dem  alten  System  nicht
mehr  zu  erlangen  ist.  Der  Zar  gibt  augenblicklich ­
  allen  Akten,  die  der  —  ihm  innerlich
doch  verhaßte  —  Mann  aufsetzt,  seine  Unterschrift. ­
  Aber  der  Tschin  wehrt  sich  verzweifelt,
die  Großfürsten  rüsten.  Wird  der  schwache  Zar
dem  Drängen  der  mephistophelischen  Kräfte
standhalten  können?  Ein  einziger  Schritt  von
der  geraden  Linie  fort,  und  die  Herrschaft  der
Romanows  ist  gewesen.  Noch  niemals  war
eine  revolutionäre  Bewegung  so  organisiert.
In  keiner  Revolution  waren  noch  je  Tendenzen
und  Forderungen  so  präzis  formuliert.  Ein
Volk,  das  Bahnen  still  stehen,  Telegraphen
außer  Betrieb  setzen  kann,  ist  nicht  mit  teilweiser ­
  Gewährung  gegebener  Versprechungen  zu
befriedigen.
Der  Staatsgläubiger  kann  für  sich  nur
zwei  Möglichkeiten  sehen:  Entweder  es  folgt
dem  jetzigen  Sturm  ein  jahrelanges  Ringen,
so  muß  die  Notenpresse  weiter,  wie  bisher.
        <pb n="92" />
        85

arbeiten  und  die  Valuta  verschlechtern,  um
wenigstens  noch  eine  Zeitlang  das  Geld  für
die  Allslandszahlungen  aufzusparen.  Oder  die
Revolution  macht  schnell  reinen  Tisch,  dann  wird
man  genau  nach  dem  gleichen  Rezept  verfahren.
Herr  Suworin  senior,  der  Herausgeber  der
Noweja  Wremja,  hat  einem  Berliner  Journalisten, ­
  der  ihn  interviewte,  anvertraut,  daß,
welche  Regierung  auch  immer  am  Ruder  sein
wird,  sie  alles  daran  setzen  dürfte,  die  Zinszahlungen ­
  pünktlich  zu  leisten.  Daran  ist  garnicht ­
  zu  zweifeln.  Aber  ebensowenig  zweifle
ich  daran,  daß,  welche  Regierung  auch  immer
in  Zukunft  Rußlands  Geschicke  lenken  wird,
sie  diese  Leistungen  nicht  aufzubringen  vermag.
Es  ist  eine  eigenartige  Ironie  der  Geschichte, ­
  daß  in  allen  Revolutionen  das  Kapital
äußerst  zart  behandelt  worden  ist.  Selbst  im
Kommuneausstand,  der  doch  gewiß  stark  von
sozialistischen  —  ausgesprochen  kapitalsfeindlichen ­
  —  Ideen  beeinflußt  war,  hat  man  die
Bank  von  Frankreich  geschützt  und  ihren  Kassen
nur  diejenigen  Summen  entnommen,  die  man
unbedingt  brauchte.  Und  eine  der  ersten  Taten
der  französischen  Revolution  war  -  die  Sicherstellung ­
  der  Staatsgläubiger.  Das  Königtum
hat  Schulden  auf  Schulden  getürmt.  Der
Konvent  geht  daran,  sie  zu  ordnen.  Mitten
im  Trubel  der  Blutgerichte,  während  der  Wohlfahrtsausschuß ­
  den  politischen  Kampf  organisiert,
unterbreitet  der  citoyen  Cambon  dem  Konvent
seinen  Plan  zur  „Demokratisierung  der  Staatsschuld", ­
  der  eine  Umwandlung  der  ungeheuren
Kapitalsschuld  in  eine  Rentenschuld  von  zweihundert ­
  Millionen  Francs  und  die  Schaffung
des  Großen  Buches  der  Staatsschuld  vorsieht.
Stolz  ruft  er  aus:  „Bis  jetzt  haben  viele
Kapitalisten  geglaubt,  ein  König  müsse  die
Schuld  zurückbezahlen,  weil  ein  König  ihr
Schuldner  gewesen  ist;  nach  meinem  Vorschlage
übernimmt  die  Republik  die  königlichen  Schulden,
und  die  Kapitalisten  werden  sie  deshalb  gern
anerkennen."  Und  in  seiner  Rede  findet  sich

Rücksichtnahme ­
  aller
Revolutionäre
gegen  das
Kapital
        <pb n="93" />
        86

Guter  Wille
und  harte  Not
wendigleit

Der  revolutionäre ­
  Finanzminister ­


Die  Assignaten

ferner  der  Satz:  „Die  Gläubiger  des  Auslands ­
  freilich,  wo  die  Assignaten  keinen  Kurs
haben,  müssen  in  bestimmten  Fristen  bar  bezahlt
werden?'  So  schuf  denn  nach  Cambons  Vorschlag ­
  der  französische  Konvent  im  Jahre  1793
die  erste  vernünftige  Finanzmaßnahme,  die  seit
Colberts  Zeiten  getroffen  worden  war.
Sicher  wird  die  russische  Duma,  welches
auch  immer  ihr  Charakter  sein  mag,  ebenso
handeln.  Denn  auch  die  revolutionärste  Regierung ­
  legt  Wert  aus  finanzielle  Reputation,
ohne  die  sie  nicht  auskommen  zu  können  glaubt.
Aber  die  bittere  historische  Notwendigkeit  ist
stärker  als  der  Wille  auch  einer  gesetzgebenden
Versammlung.  Es  hat  bisher  noch  keine  Revollition
  gegeben,  die  finanziell  nicht  dieselben
Wege  gewandelt  wäre  wie  die  von  ihr  gestürzte
Regierung.  Und  die  Folge  davon  war,  daß
sich  schließlich  stets  dieselben  Mißstände  in  finanzpolitischer ­
  und  ökonomischer  Beziehung  offenbarten ­
  wie  unter  dem  alten  Regime,  und  daß
an  diese  Mißstände  auch  die  Bestrebungen  anknüpften, ­
  die  den  früheren  Radikalismus  erheblich ­
  beschnitten.
Es  gibt  Revolutionäre,  die  reiten  lernen,
sich  in  den  Waffen  üben  und  strategische  Werke
studieren,  um  die  Revolution  kommandieren  zu
können.  Aber  hat  sich  schon  jemals  irgendwer
zum  Finanzminister  der  Revolution  präpariert?
Auch  das  revolutionärste  Regieren  kostet  Geld.
Woher  soll  man  es  nehmen?  Man  muß  aus
der  alten  Vorratskammer  das  nehmen,  was
brauchbar  ist.  Das  legitimistische  Frankreich  hatte
drei  Einnahmequellen:  Steuerkontributionen,  Anleihen ­
  und  Assignaten.  Die  Kontributionen  konnte
man  nicht  weiter  verwenden,  denn  sie  hatten
den  Haß  gegen  das  Königtum  am  meisten  geschürt. ­
  Anleihen  waren  vom  Auslande  nicht
zu  bekommen,  freiwillig  vom  Jnlande  auch
nicht.  Man  griff  zu  Zwangsanleihen,  die  man
den  Reichen  auferlegte.  Aber  das  ergiebigste
Mittel  blieben  die  Assignaten.  Die  Assignatenwirtschaft ­
  ist  nicht  etwa,  wie  man  viel-
        <pb n="94" />
        87

fach  glaubt,  eine  Geburt  der  Revolutionzeit.
Ludwig  XV.  und  XVI.  hatten  bereits  reichlich
mit  diesen  Anweisungen  aus  die  Staatsgüter
gearbeitet.  Gab  es  nun  für  Konvent  und
Wohlfahrtausschuß  etwas  Näherliegendes,  als
die  Summe  der  Assignaten  zu  vermehren,  da
doch  auch  die  Zahl  der  Nationalgüter  sich  durch
die  Konfiskationen  erheblich  vermehrt  hatte?
Der  Erfolg  dieser  Wirtschaft  ist  bekannt:  Das
Geld  wurde  entwertet,  die  Lebensmittelpreise
stiegen  ungeheuerlich,  der  Staatsbankerott  war
unvermeidlich.  Als  das  Etatgesetz  vom  30.  September ­
  1797  ein  Defizit  von  172  Millionen  Frcs.
aufwies,  mußte  man  den  Staatsgläubigern  den
Vertrag  brechen.  Nicht  aus  bösem  Willen,  aus
antikapitalistischen  Gelüsten,  sondern  weil  man
nicht  anders  konnte,  weil  man  noch  nicht  die
Möglichkeit  besaß,  eine  moderneSteuerversassung
auf  die  alte  Wirtschaftorganisation  aufzupfropfen.
Man  kündigte  zwei  Drittel  der  im  „Großen
Buch"  eingetrageneil  Staatsschulden.  Diese
zwei  Dritteile  sollten  deil  Gläubigern  mit  dem
zwanzigfachen  Betrag  der  Rente  in  —  ganz
wertlosen  —  Bons,  die  beim  Ankauf  von
Nationalgütern  in  Zahlung  genommen  wurden,
zurückgezählt  werden.  Wieder  wirkt  es  wie  eine
Ironie  der  Geschichte:  Der  aus  Jakobinern  be-  ^
stehende  Wohlfahrtausschuß  konsolidiert  und  bouke»wtt°als
schützt  die  Staatsschuld.  Das  Direktorium,  die  Vorstufe  jeder
Vorstufe  der  neuen  Ordnung,  verkündet  den  »euen
Staatsbankrott.  Ordnung
Die  Geschichte  der  französischen  Revolution
zeigt  den  Weg,  den  die  russische  Dunra  gehen
muß.  Auch  sie  wird  zunächst  Anstrengungen
zur  Sanierung  der  alten  Finanzmißwirtschaft
machen.  Aber  auch  ihr  guter  Wille  wird  an
der  finanziellen  Unmöglichkeit  scheitern.  Voll
hent  auf  morgen  ist  kein  neues  Steuersystem  zll
schaffen.  Ihr  bleiben  Zivangsanleihen  ulld
Notenpreffe.  Die  Verschlechterung  der  Valuta,
die  unvermeidlich  ist,  hat  aber  in  Rußland
noch  eine  ganz  besondere  Bedeutung.  Das
revolutionäre  Frankreich  hatte  immerhin  doch
        <pb n="95" />
        Die  Chance
der  russischen
Staatsgiüubiger


eine  Währung,  die  seiner  ökonomischen  Entwickelungsstufe ­
  entsprach.  Zwischen  Rußlands
künstlich  gezüchteter  Goldwährung  und  seinen
wirtschaftlichen  Zuständen  klafft  aber  ein  unlösbarer ­
  Widerspruch.  Da  bleibt  schließlich  kein  anderer ­
  Ausweg,  bis  der  Weg  zur  neuen  Steuerverfassung ­
  gefunden  ist,  als  die  Kürzung  oder
Einstellung  der  Zinszahlungen.  Dieser  Weg  ist"
sogar  besonders  verlockend,  da  im  Gegensatz  zu
den  Gläubigern  der  französischen  Republik  die
russischen  Staatsgläubiger  im  Ausland  sitzen.
Wer  heute  russische  Anleihen  besitzt  oder
erwirbt  und  nicht  an  Wunder  glaubt,  hat  mithin ­
  zwischen  zwei  Chancen  zu  wählen:  Entweder ­
  der  Zar  oder  die  Republik  bleibt  ihm
die  Zinsen  schuldig.  Der  Kapitalist  kann  sich
aussuchen,  wer  ihm  seiner  politischen  Gesinnung
nach  als  Schuldner  lieber  ist.
La  debäcle  est  en  marche!
        <pb n="96" />
        89

Das  Paisek  von  -Äkzecirae.
(14.  April  1906.)
Die  verbündeten  deutschen  Regierungen
haben  durch  den  Reichskanzler  Herrn  von
Mendelssohn  zu  verstehen  gegeben,  daß  sie  die
Begebung  einer  neuen  russischen  Anleihe  in
Deutschland  nicht  wünschen,  und  haben  durch
ihre  Offiziösen  gleichzeitig  die  Meinung  verbreiten ­
  lassen,  daß  sie  es  auch  nicht  gerne  sehen
würden,  wenn  das  deutsche  Kapital  sich  außerhalb ­
  der  Landesgrenzen  an  der  Zeichnung  auf
diese  Anleihe  beteiligen  wollte.  Man  hat  nach
Diplomatenart  dem  abschlägig  Beschiedenen  die
bittere  Pille  verzuckert,  indem  man  als  Grund
die  bevorstehende  Inanspruchnahme  des  deutschen ­
  Geldmarktes  durch  eigene  Anleihen  vorschützte. ­
  Ich  sage  absichtlich  „vorschützte".
Denn  niemand  im  lieben  deutschen  Vaterland
hat  wohl  daran  gezweifelt,  daß  der  deutsche
Geldbedarf  lediglich  ein  willkommener  Vorwand
war,  der  es  ermöglichte,  eine  brüske  Maßregel
in  eine  unanfechtbare  Form  zu  kleiden.  Es
blieben  daher  von  vornherein  nur  zwei  Vermutungen: ­
  Entweder  beabsichtigte  man  Rache
für  Algeciras  zu  nehmen,  oder  man  hatte  jetzt
über  die  russische  Finanzlage  anders  urteilen
gelernt,  als  man  sie  zu  jener  Zeit  beurteilte,
da  der  verantwortliche  —  Lenker  oder  Leiter
darf  man  wohl  nicht  sagen!  —  Minister  für
unsere  auswärtigen  Angelegenheiten  sie  von
der  Tribüne  des  Deutschen  Reichstages  verteidigte. ­
  In  der  Tagespresse  hat  man  sich  allgemein ­
  für  die  Richtigkeit  der  ersten  Vermutung
entschieden:  Revanche  für  die  Marokkopolitik

Der  Russenanleihe ­
  die  Zu
lastung  verweigert ­


Rache  für
Algeciras?
        <pb n="97" />
        '10

furor  asiaticus

DaS  Geheimnis ­
  der  Lambsdorff-Depesche ­


des  Grafen  Lambsdorff.  Sehr  wahrscheinlich.
Und  doch  spricht  so  manches  dagegen.  Vor
allem  die  Ueberraschung,  die  die  Entscheidung
der  deutschen  Regierung  sichtlich  in  Petersburg
hervorgerufen  hat.  Mußte  es  denn  nicht  der
russischen  Regierung  sofort  klar  sein,  daß  die
ebenso  plumpe  wie  schroffe  Art,  in  der  Gras
Cassini  angewiesen  wurde,  sich  auf  die  Seite
Frankreichs  zu  stellen,  in  Deutschland  eine  tiefe
Erbitterung  wachrufen  und  die  deutsche  Regierung ­
  zu  Gegenmaßregeln  herausfordern
würde?  Ja,  bedeutete  denn  die  berüchtigte
Depesche  nicht  geradezu  einen  Verzicht  auf
Deutschlands  finanzielle  Beihilfe  und  die  Bitte
um  Unterstützung  an  Frankreich?  Woher  also
die  Berechtigung  zu  dem  lnror  asiations,  der
plötzlich  einen  Teil  der  russischen  Presse  ergriff,
als  die  deutsche  Ablehnung  in  Petersburg
bekannt  wurde?  Ja,  ein  russisches  Blatt,  das
notorisch  dem  Grafen  Witte  sehr  nahe  steht,
schalt  sogar  Deutschland  undankbar?  Deutschland ­
  undankbar?  Wofür  schuldete  das  Deutsche
Reich  denn  Rußland  Dank?  Wir  haben  dem
russischen  Reich  eine  tolle  finanzielle  Reklame
gemacht,  haben  durch  unsere  —  schon  mehr  als
wohlwollende  —  Neutralität  es  vor  dem
völligen  Ruin  geschützt,  haben  seinen  politischen
Flüchtlingen  nicht  nur  das  Asyl  verweigert,
sondern  sie  sogar  den  Häschern  des  zarischen
Absolutismus  in  die  Arme  gelegt,  und  da
sollten  wir  dankbar  sein?  Dem  Laienverstand
ist  solche  Forderung  unfaßbar,  unfaßbar
vollends,  nachdem  sich  Rußland  für  diese  Liebesbeweise ­
  mit  einem  Fußtritt  revanchiert  hat.
Oder  war  es  kein  Fußtritt?  Es  hat  Leute
gegeben,  die  sofort  nach  der  Affäre  erklärten,
den  deutschen  Diplomaten  sei  die  Lambsdorff-Depesche
  nicht  ungelegen  gekommen,  da  sie
einer  heiklen  und  vielen  sehr  bedrohlich  erscheinenden ­
  Situation  jäh  das  Ende  bereitet ­
  habe,  das  mit  einem  Schlage  aus  allen
Wirrnissen  führte.  Ja,  in  Petersburg  scheint
man  —  nach  den  Andeutungen  des  Witte-
        <pb n="98" />
        91

schen  Blattes  —  in  diesem  Vorgehen  sogar
einen  Liebesdienst  gesehen  zu  haben,  der
Deutschland  dem  östlichen  Nachbar  gegenüber
su  Dank  verpflichtet.  Ob  diese  Annahme  auch
nur  einen  Schein  von  Berechtigung  für  sich  hat,
vermag  allein  derjenige  zu  entscheiden,  der  weiß,
ob  und  was  hinter  den  Kulissen  der  Marokkotagung ­
  gespielt  und  ob  es  wirklich  einen
Moment  aus  jener  Konferenz  gegeben  hat,  in
dem  man  es  in  der  Wilhelmstraße  dankbar
empfinden  mußte,  daß  von  irgendwoher  durch
einen  Gewaltakt  klare  Situation  geschaffen
wurde.  Nur  wer  das  zu  entschleiern  weiß,  wird
auch  aufzuhellen  vermögen,  weshalb  die  Norddeutsche ­
  Allgemeine  Zeitung  entgegen  der  gesamten ­
  öffentlichen  Meinung  keine  Brüskierung
des  Deutschen  Reiches  in  der  Lambsdorff-Depesche
zu  sehen  vermochte.
Aber  wie  dem  auch  sein  mag.  Aus  gar
keinen  Fall  konnte  der  spii-itu8  rsotor  jenes
Artikels  ganz  wenige  Wochen  später  den  Reichsboten ­
  erklären,  die  Nichtzulassung  der  russischen
Anleihen  sei  aus  politischen  Gründen  erfolgt.
Gab  es  da  eine  billigere  Ausrede  als  den
eigenen  Geldbedarf?  Gewiß  nicht.  Und  doch
wollte  der  Reichskanzler  sie  nicht  anwenden.
Wie  mir  bestimmt  versichert  ward,  wurde
am  Morgen  jenes  Tages,  an  dem  der  Kanzler
plötzlich  von  einem  Uebelsein  befallen  worden
ist,  Journalisten  im  Auswärtigen  Amt  mitgeteilt,
  Fürst  Bülow  werde  sich  dahin  äußern,
daß  die  innere  Lage  Rußlands  zu  ungeklärt
sei,  als  daß  man  die  Emission  einer  großen
Anleihe  jetzt  zulassen  könne?)  Vor  einem  Jahr
las  man's  anders.  Inzwischen  ist  allerdings
manch  Ereignis  eingetreten,  das  die  finanzpolitische ­
  Lage  im  Reußenreiche  auch  dem  kurzsichtigsten ­
  Auge  in  einem  anderen  Lichte  als  vor
zwölf  Monaten  erscheinen  läßt.  Freilich,  der
Staatsmann,  der  an  der  Spitze  eines  großen
Reiches  steht,  durfte  auch  damals  nicht  sich  deni
Urteil  der  Finanzkundigen  verschließen.  Aber
i)  Vergleiche  de»  Aufsatz:  „Fürst  Bülow  als  Finanzprophel."

Fürst  Bülow's
Bekehrung
        <pb n="99" />
        92

hätte  er  es  auch  jetzt  wieder  getan,  er  würde
gewissenlos  gehandelt  haben.  Er  konnte  —  selbst
aus  die  Gefahr  hin,  sich  um  seinen  Prophetenkredit ­
  zu  bringen  —  die  Zeichnung  russischer
Anleihen  durch  das  deutsche  Publikum  nicht
zulassen.  Denn  es  kann  ihm  nicht  verborgen
geblieben  sein,  daß  Rußland  den  Staatsbankerott ­
  systematisch  vorbereitet,  und  daß  einer
der  namhaftesten  nationalökonomischen  Lehrer
an  einer  westlichen  deutschen  Hochschule  gutachtlich ­
  zu  diesem  Schritt  geraten  hat.
        <pb n="100" />
        III.  (J)ofetmfc6es.
        <pb n="101" />
        95

Herr  Professor  Hekfferich.
(29.  Oktober  1904)
Unter  dem  Titel  „Die  finanzielle  Seite  des  russisch-japanischen
Krieges  hat  Professor  Dr.  Helfserich,  Wirklicher  Legationsrat,  einen
umfangreichen  Aufsatz  in  der  „Marine-Rundschau"  veröffentlicht.  Die
Kritik  dieses  Aufsatzes  gibt  Gelegenheit,  einmal  prinzipiell  der  Legende
von  den  russischen  Finanzen  auf  den  Leib  zu  rücken.  Herr  Professor
Helfserich  hat  einen  guten  Namen  als  Nationalökonom,  er  hat  namentlich ­
  in  der  Goldwährungssrage  wertvolle  Aufsätze  verröffentlicht.  Herr
Professor  Helfserich  ist  aber  zugleich  Wirklicher  Legationsrat,  und  als
solcher  scheint  er  die  Sympathien  zu  teilen,  welche  in  seinem  Amt,  sei
es  wirklich,  sei  es  wenigstens  nach  außen,  für  Rußland  gehegt  werden.
Es  mag  dahingestellt  bleiben,  ob  der  Russenkurs  im  Auswärtigen  Anit
dahin  geht,  daß  man  auch  für  den  Kurs  der  Russen  Sympathien  hegt.
Sicher  ist  jedenfalls,  daß  ein  Angestellter  des  Amtes  einen  derartigen
Artikel  in  der  „Marine-Rundschau"  wohl  nicht  veröffentlicht  hätte,  ohne
der  Billigung  seines  hohen  Chefs  sicher  zu  sein.  Darin  liegt  die  Bedeutung
  des  Artikels,  welcher  im  übrigen  seines  wissenschaftlichen  Wertes
wegen  eine  Besprechung  wahrlich  nicht  verdienen  würde.  Denn  den
Artikel  hat  nicht  der  Professor  Helfserich  geschrieben,  sondern  der
Wirkliche  Legations  rat  Helfserich,  und  von  dem  Professor  hat
er  nicht  die  wissenschaftliche  Gründlichkeit  und  Gewissenhaftigkeit  übernommen, ­
  sondern  nur  die  wissenschaftlichen  Allüren  und  die  scheinbare
Objektivität.  Dagegen  hat  ihm  der  Wirkliche  Legationsrat  die  Kunst
geliefert,  die  Tatsachen  zu  färben.  Unter  dem  Schein  der  Objektivität
soll  beim  Leser  die  Ueberzeugung  erweckt  werden,  als  ob  die  finanziellen ­
  Kräfte  Rußlands  denen  Japans  überlegen  genug  seien,  um  dieses
im  Kriege  finanziell  zu  erdrücken.  Insofern  Helfserich,  um  diesen  Eindruck ­
  zu  erwecken,  sich  auf  Argumentationen  beschränkt,  dem  Leser  aber
das  genügende  Material  geliefert  hätte,  um  sich  sein  Urteil  selbst  zu
bilden,  wäre  weniger  dagegen  zu  sagen.  Leider  darf  ihm  der  Vorwurf
nicht  erspart  bleiben,  sogar  seine  Zahlen  willkürlich  und  tendenziös
zusammengestellt  zu  haben,  wenn  man  nicht  zu  seiner  Entschuldigung
die  Hypothese  ausstellen  will,  daß  er  sein  Material  vom  russischen
General-Konsul  in  Königsberg  oder  der  russischen  Botschaft  in  Berlin
sich  hat  zusammenstellen  lassen,  und  daß  diese  —  um  den  hübschen
Ausdruck  des  Herrn  Landgerichts-Direktors  in  Königsberg  zu  gebrauchen

Professor  oder
Legationsrat
tzelfferich?
        <pb n="102" />
        Yb

Die  Quellen
Helfferichs.

-  ihm  in  ähnlicher  Weise  Zahlen  „snppeditierten",  wie  sie  dem  Königsberger ­
  Gerichtshof  für  den  Geheimbunds-Prozeß  Gesetzesstellen  zurechtgemacht ­
  haben.  Würden  sich  ähnlich  künstliche  Zahlen-Zusammenstellungen
wie  in  dem  Helfferichschen  Artikel  in  einem  Emissionsprospekt  finden,  so
würde  vermutlich  der  Richter  kein  Bedenken  tragen,  den  Emittenten
zu  bestrafen.  Ein  so  schwerer  Vorwurf  bedarf  eingehender  Begründung.
Es  wird  am  besten  sein,  für  verschiedene  einzelne  Punkte  die  Darstellung
von  Helfferich  und  die  einschlägigen  Zahlen  und  Tatsachen  gegenüberzustellen, ­
  um  dem  Leser  zu  ermöglichen,  sich  ein  Urteil  zu  bilden.*)
Soweit  besondere  Quellen  nicht  angegeben  werden,  stützt  sich  die
folgende  Darstellung  auf  die  im  Jahre  1903  veröffentlichte  Schrift  Paul
Rohrbachs:  „Das  Finanzsystem  Witte."  —  Abgesehen  von  der  kleinen
Pikanterie,  daß  Paul  Rohrbach  ebenfalls  im  Dienste  des  Auswärtigen
Amts  steht,  was  allerdings  bei  Veröffentlichung  der  erwähnten  Schrift
nicht  der  Fall  war,  ist  es  gewiß  bezeichnend,  daß  der  jetzt  erschienene
Artikel  durch  eine  nahezu  zwei  Jahre  früher  veröffentlichte  Schrift  widerlegt ­
  werden  kann.  Bezeichnend,  aber  nicht  wunderbar.  Daß  Helfferich  die
Frage  nicht  quellenmäßig  behandelt  hat,  ist  begreiflich.  Wer  ist  der  russischen ­
  und  japanischen  Sprache  mächtig?  Zum  Vorwurf  muß  ihm  indessen
gemacht  werden,  daß  er  die  deutsche  Literatur  über  die  russischen  Finanzen
einfach  ignoriert  hat.  Weder  Rohrbach  noch  die  jetzt  von  Wittschewsky
in  Conrads  Jahrbüchern  und  im  Archiv  für  Eisenbahnwesen  veröffentlichten ­
  Artikel  werden  von  ihm  erwähnt  oder  berücksichtigt.  Seine  Hauptquellen ­
  sind  das  „LuIIstiu  russs  äs  stutistigus  liuunoisrs"  und  Raffalovich
„Is  inurcbs  kinunoisr  su  1895/6".  Ad  1  ein  Elaborat  von  Witte,  uä  2
das  Elaborat  eines  Witteschen  Agenten,  beide  Schriften  Hilfsmittel  in
dem  Bestreben,  das  französische  Publikum  für  russische  Anleihen  zu  gewinnen. ­
  Daneben  sind  allerdings  Berichte  des  russischen  Finanzministers
benutzt.  Leider  auch  diese  mit  nicht  glücklicher  Auswahl.  Unbekannt  scheint
nämlich  Herrn  Helfferich  der  Verricht  zu  sein,  den  Witte  über  das  Budget
von  1903  dem  Reichsrat  erstattet  hat,  in  dem  er  ein  Defizit  von  60  Millionen ­
  Rubeln  aus  dem  Betriebe  der  Eisenbahnen  vorsieht.  Welches  Vertrauen ­
  im  übrigen  das  erwähnte  Luilstin  russs  und  die  Budgetberichte
des  Finanzministers  verdienen,  dafür  beiläufig  einige  interessante  Belege
aus  Rohrbachs  Schrift.  Der  Bericht  des  Finanzministers  an  den  Zaren
für  das  Jahr  1900  gibt  eine  Darstellung  über  die  Entwicklung  der
russischen  Industrie  in  den  Jahren  1877—1897.
Darin  wird  die  „Verarbeitung  von  Textilstoffen"  mit  der  riesigen
Summe  von  946,3  Millionen  angegeben.  Nun  schreibt  schon  Rohrbach
(S.  17)  über  diese  Ziffer:
„Der  geradezu  unglaubliche  Fehler,  den  das  Handbuch  des  Departe*1 ­

  Die  Betrachtung,  die  in  mehreren  Abschnitten  am  2S.  Oktober  1904  im  Plutus  za  erscheinen ­
  begann,  erschien  unter  dem  Pseudonym  Ruffophob,  hinter  denl  sich  ein  —  leider  inzwischen
verstorbener,  durch  seine  wissenschaftlichen  Bestrebungen  und  praktischen  «enntnisse  bekannter
Berliner  Bankier  verbarg.  Der  vorstehende  Aufsatz  verdient  um  so  mehr  der  Vergessenheit  entrissen ­
  zu  werde»,  als  Herr  Helfferich  einen  Teil  der  hier  bekämpften  Unrichtigkeiten  in  seinem
Buch:  „Das  Geld  im  russisch-japanischen  Krieg"  (Berlin  IMS  Ernst  Mittler  &amp;amp;  Sohn)  übernommen ­
  und  zu  verteidigen  gesucht  hat.  Ich  halte  trotz  des  spöttischen  Tones,  den  Herr
Helfferich  da  anschlägt,  seine  Auffassungen  nach  wie  vor  für  unrichtig.
        <pb n="103" />
        97

ments  für  Handel  und  Manufakturen  bei  seiner  Wertberechnung  begangen ­
  hat,  besteht  darin,  daß  es  erstens  den  Wert  der  Rohbaumwolle, ­
  zweitens  den  der  daraus  herge  st  eilten
Gespinste  und  drittens  den  der  fertigen  Stoffe  —
anstatt  z  u  berücksichtigen,  daß  jede  vorhergehende
Ziffer  ihrem  vollen  Betrage  nach  in  der  nächstfolgenden ­
  drin  st  eckt  —  einfach  addiert  hat,  und  das
Resultat  soll  dann  den  Gesamtwert  der  russischen  Baumwoll-Textilindustrie
  darstellen.  So  nach  Scharapow  a.  a.  O.
Am  dunkelsten  wird  die  Sache  vollends  da,  wo  im  Vorwort  zu  einer
späteren  Publikation  des  Finanzministers:  „Zusammenstellung  von  Daten
über  die  russische  Fabrikindustrie  für  das  Jahr  1897"  der  im  Jahr  vorher
gemachte  Fehler  zwar  eingestanden,  darauf  aber  „das  Streben  der  Fabrikanten, ­
  den  wahren  Umfang  ihrer  Produkte  zu  verheimlichen",  als  ausreichende ­
  Kompensation  des  unter  gelaufenen  Versehens  in  der  Berechnung
hingestellt  wird.  In  der  an  den  Kaiser  adressierten  Denkschrift  zum
Budget  für  1900  erscheint  denn  auch  richtig  wieder  die  auf  Grund  jener
originellen  Berechnungsmethode  gefundene  kolossale  Summe  für  den  Wert
aller  Produkte  der  russischen  Textilindustrie,  lind  diesen  selben  groben
Schwindel,  um  keinen  noch  stärkeren  Ausdruck  zu  gebrauchen,  wagt  der
russische  Finanzminister  in  einem  an  die  Person  seines  Kaisers  adressierten
offiziellen  Schriftstück  der  ganzen  Welt  aufzutischen!  Es  ist  bezeichnend
für  dasjenige  Maß  von  Verständnis  und  Interesse,  das  bei  uns  wie
anderswo  in  Europa  für  die  russischen  Dinge  existiert,  wenn  über  ein
derartiges  Stück  außerhalb  Rußlands  überhaupt  noch  nichts  an  die
Oeffentlichkeit  gedrungen  ist  —  abgesehen  von  der  1901  in  Berlin  erschienenen, ­
  aber  bis  jetzt  fast  ganz  unbeachtet  gebliebenen,  in  russischer
Sprache  gedruckten  Broschüre  Scharapows."
Helfferich  aber  tischt  seinen  Lesern  den  alten  Schwindel  auf,  der
schon  vor  Jahren  widerlegt  wurde.
Ueber  die  Zuverlässigkeit  des  erwähnten  LuIIstin  russs  belehrt  uns
Rohrbach  (S.  31)  in  folgender  Weise:
„Zum  Schluß  noch  ein  letztes  Stück  Wittescher  Rechnungskunst  im
Eisenbahnetat.  Das  russische  Finanzministerium  gibt  seit  mehreren
Jahren  eine  Art  Kommentar  zum  Budget  unter  dem  Namen  „LuIIstin
russs  äo  statistigus  linanoitzrs  st  äs  Isgislation"  heraus,  um  das  Ausland, ­
  natürlich  in  einer  durchaus  nach  den  russischen  Interessen  gefärbten
Weise,  über  die  Details  der  Finanzverwaltung  zu  informieren.  Im  Jahre
1897  verkündete  Herr  von  Witte  im  „LuIIstin  russs",  nunmehr  fei  die
Periode  der  Eisenbahndefizite  vorüber,  und  der  Staat  erziele  aus  seinem
Bahnbetriebe  einen  Reinüberschuß.  Diesen  angeblichen  Retnüberschuß
gab  der  Finanzminister  für  1896  auf  34,8  Millionen  Rubel  an.  Zwei
Jahre  später  fand  sich  im  „LuIIstin"  der  Vermerk,  der  Ueberschuß  pro
1896  sei  faktisch  um  6,4  Millionen  kleiner,  weil  man  das  vorige  Mal  versehentlich ­
  eine  private  Eisenbahnlinie  (Moskau-Brest)  unter  die  Staatseisenbahnen ­
  gezählt  habe!  In  dem  Bericht  an  den  Kaiser  zum  Budget
für  1900  ist  der  Reingewinn  der  Staatsbahnen  für  1896  sogar  auf  bloße
11,3  Millionen  Rubel  gesunken.  Warum?  Weil  Herr  von  Witte  im
        <pb n="104" />
        98

Rußlands
Zahlungbilanz. ­


Der  zweifelhafte ­
  Ausfuhrüberschuß. ­


„Bulletin  russs"  die  beiden  vorigen  Male  an  Stelle  der  Verzinsung  des
vollen  Anlagekapitals  bloß  die  Verzinsung  der  formell  in  das  Staatsschuldbuch ­
  eingeschriebenen  Eisenbahnschuld  gesetzt  hatte.  Ein,  wenn
auch  nicht  großer  Teil  der  russischen  Eisenbahnen  ist  aber  ohne  spezielle
Bauaulcihe  aus  laufenden  Mitteln  hergestellt  worden,  und  von  diesem
hatte  das  „Bulletin  russe“  zwar  den  Betriebsgewinn,  nicht  aber  die
Anlagekosten  in  Rechnung  gestellt."
Soweit  über  die  Helffcrichschen  Quellen.  Uebrigens  hat  er  nicht
einmal  die  von  ihm  mitgeteilten  Zahlen  gehörig  benutzt,  denn  während
er  nach  älteren  Witteschen  Noten  noch  die  Melodie  von  den  Eisenbahnüberschüssen
  bläst,  ergibt  der  von  Helfferich  mitgeteilte  Budgetvoranschlag
für  1904  im  Ordinarium  Einnahmen  der  Staatseisenbahnen  —  447,4,
dagegen  Ausgaben  im  Verkehrswesen  —  473,6  Will.  Rubel.  Gehen
wir  nunmehr  zu  einzelnen  besonders  wichtigen  Fragen  über.

1.  Die  russische  Zahlungbilanz.

Helfferich  schreibt  darüber  (S.  1050):
„Der  Gesamthandel  Rußlands  in  Einfuhr  und  Ausfuhr  zeigt  folgendes ­
  Bild:

Einsuhr

Ausfuhr  Ausfuhrüberschuß
(Millionen  Rubel)

1885

435,3

538,6

103,2

1895

489,4

691

201,6

1901

533

730

197

1902

527

825

298

1903

601

949

348

Wie  aus  diesen  Zahlen  hervorgeht,  wirft  der  russische  Außenhandel
einen  beträchtlichen  Ausfuhrüberschuß  ab.  Der  Ueberschuß  schwankt
naturgemäß  in  den  einzelnen  Jahren,  vor  allem  nach  dem  die  Größe  des
Ausfuhrwertes  in  erster  Linie  beeinflussenden  Ernteausfall  und  den  Getreidepreisen, ­
  sowie  nach  der  Größe  der  Kapitaleinfuhr  aus  den  westeuropäischen ­
  Ländern.  Im  großen  Durchschnitt  erscheint  der  Ausfuhrüberschuß ­
  jedoch  mehr  als  ausreichend,  um  die  jährlichen  Zahlungsverpflichtungen ­
  des  russischen  Staates  und  der  russischen  Volkswirtschaft
an  das  Ausland  zu  bestreiten.  Auch  daraus  läßt  sich  der  Schluß  ziehen,
daß  Rußlands  volkswirtschaftliche  Kraft  zur  Erhaltung  geordneter  Finanzund
  Währungsverhältnisse  ausreicht."
Eine  derartige  Zusammenstellung  ist  ganz  willkürlich.  Nach  allgemein
wissenschaftlichen  Gebräuchen  hätten  mindestens  auch  die  Zahlen  der
Jahre  1899  und  1900  angegeben  werden  müssen.  Es  lag  absolut  kein
Grund  vor,  diese  fortzulassen  oder  nicht  überhaupt  sämtliche  Ziffern  seit
1885  zu  bringen,  wenn  sie  nicht  eben  geeignet  wären,  das  Bild  vollständig
zuungunsten  der  russischen  Zahlungbilanz  zu  verschieben.
Während  die  Helsferichsche  Darstellung  den  Schein  erregt  und  wohl
auch  erregen  soll,  daß  der  Ausfuhr-Ueberschuß  Rußlands  gestiegen  sei
und  regelmäßig  wenigstens  200  Millionen  Rubel  betrage,  ergibt  sich
aus  der  Angabe  aller  Jahre,  daß  dies  nicht  der  Fall  ist.  Vielmehr
war  in  den  achtziger  Jahren  der  Ausfuhr-Ueberschuß  größer  als  jetzt,
        <pb n="105" />
        1899  war  sogar  die  Einfuhr  größer  als  die  Ausfuhr.  Die  Jahre  1902
und  1903  waren  Ausnahmejahre  zugunsten  Rußlands,  in  welchen  mit
guten  Getreidepreisen  gute  Ernten  in  Südrußland  zusammentrafen.  Trotz
dieser  beiden  abnorm  günstigen  Jahre  ergab  der  Durchschnitt  der  letzten
zehn  Jahre  nur  einen  Aussuhr-Ueberschuß  von  jährlich  175  Will.  Rubel.
Der  Ausfuhr-Ueberschnß  ist  demnach  noch  nicht  einmal  ausreichend,  um
diejenigen  Zahlungen  zn  leisten,  welche  der  russische  Staat  für  die  Zinsen
und  Amortisationsquoten  seiner  Anleihen  im  Ausland  zu  entrichten
hat.  Damit  sind  indessen  die  Zahlungsverpflichtungen  Rußlands  nicht
erschöpft.  Nach  einer  Aufstellung  des  russischen  Ober-Geh.  Finanzrats
Schwanebach^)  hat  Rußland  jährlich  etwa  260  Millionen  Rubel  ans
Ausland  zu  zahlen.
1.  Mindestens  170  Millionen  Rubel  Anleihezinsen;
2.  mindestens  50  Millionen  Rubel  jährlich  Ausgaben  von  Russen
im  Auslande;
3.  Ausgaben  der  Regierung  im  Auslande  für  Armee  und  Marine
mit  16  Millionen  Rubel;
4.  Erträgnisse  in  Rußland  angelegter  Kapitalien  mit  24  Millionen
Rubel.  i
Zu  1  gibt  Helfferich  (Seite  1036/7)  an,  daß  der  Betrag,  den  Rußland ­
  für  Verzinsung  und  Amortisation  ins  Ausland  zu  schicken  hat,  auf
450—500  Millionen  Francs  veranschlagt  wird,  d.  h.  168—180  Millionen
Rubel.  Der  Posten  zu  2  beruht  auf  einer  Schätzung  des  früheren
Finanzministers  Wyschnegradski.  Auch  dieser  dürfte  nicht  zu  hoch  eingeschätzt ­
  sein.  Es  ist  unzweifelhaft  in  großem  Maße  der  Reiseverkehr
für  die  Schweiz  und  Italien  eine  große  Quelle  von  Goldimport  wie  für
Rußland  und  Amerika  die  Veranlassung  von  Goldexport.  —  Die  Posten
3  und  4  sind  für  die  letzten  Jahre  sicher  zu  gering  gerechnet.  Gar  nicht
in  Ansatz  gebracht  ist  der  Tribut,  den  Rußland  an  ausländische  Reedereien ­
  für  den  Warenverkehr  zu  entrichten  hat,  an  einem  Schiffsverkehr ­
  von  rund  18  Millionen  Tonnen  in  russischen
Häfen  ist  die  russische  Flagge  nur  mit  1,9  Millionen
Tonnen,  d.  h.  ca.  11  o/o,  beteiligt.  Da  Rußland  aber  weder  fremden
Warenverkehr  vermittelt  noch  irgendwie  in  wesentlicher  Summe  Gläubiger
des  Auslandes  ist,  müssen  diese  gesamten  Verpflichtungen  vom  Ausfuhrüberschuß ­
  getragen  werden.  Und  da,  wie  bemerkt,  dieser  im  Durchschnitt ­
  der  letzten  Jahre  nur  ca.  175  Millionen  Rubel  beträgt,  muß
Rußland  im  Durchschnitt  jährlich  ca.  90  bis  100  Millionen ­
  Gold  an  das  Ausland  verlieren,  wenn  es
seinen  Goldschatz  nicht  stets  durch  neue  Anleihen
schützt.  Zu  demselben  Ergebnis  kommt  man  auf  dem  Wege  einer  einfachen ­
  Bauernrechnung.  —  Die  Schulden  Rußlands  im  Ausland  betragen, ­
  wie  Helfferich  (nach  französischen  Quellen)  schätzt,  7—9  Milliarden
Francs  in  Frankreich,  3  Milliarden  in  anderen  Ländern  (S.  1036).  Mit
Aktien  und  Obligationen  der  Privatbahnen  und  Jndustriewerte  dürften

0  Vgl.  Rohrbach,  S.  6S.

Der  Schifffahrttribut. ­


Der  bedrohte
Goldschatz.

yy
        <pb n="106" />
        100

Die  russischen
Bahnen.

also  12—14  Milliarden  im  Ausland  untergebracht  sein.  Nach  Abrechnung
des  Disagios  wären  danach  mindestens  10—12  Milliarden  Francs  effektiv
aus  dem  Ausland  nach  Rußland  geflossen.
Da  aber  in  Rußland  —  in  der  Bank  und  im  Verkehr  —  sich  nur
rund  ö  Milliarden  Francs  Gold  befinden  (vergl.  Helfferich  S.  1046),
müssen  rund  5—7  Milliarden  Francs  wieder  abgeflossen  sein,  beziehentlich ­
  die  5  Milliarden  Gold,  die  sich  Rußland  durch  Anleihen  ins  Land
geschafft  hat,  sind  nicht  abgeflossen,  weil  Rußland  immer  von  neuen:
Anleihen  im  Ausland  ausgenommen  und  Papiere  an  das  Ausland
abgestoßen  hat.  Hervorheben  möchte  ich  hierbei,  daß  die  Valuta  für
zirka  9  Milliarden  Francs  Anleihen  und  andere  russische  Papiere,  die  sich
in  Frankreich  befinden,  erst  seit  1887  im  wesentlichen  Rußland  zugute
kam,  denn  was  aus  Deutschland  und  Holland  nach  Frankreich  ging,  ist
reichlich  durch  die  Beträge  ersetzt,  welche  seither  Rußland  in  Deutschland ­
  und  Holland  wieder  plaziert  hat.  Zum  allergrößten  Teil  ist  das
Goldmanko  von  einigen  Milliarden  Francs  daher  zweifellos  das  Ergebnis ­
  der  Zahlungbilanz  der  letzten  15  bis  20  Jahre.  Die  Tatsache,
daß  Rußland  dem  Ausland  zirka  12  Milliarden  schuldet, ­
  aber  nur  etwa  5  Milliarden  Francs  Gold  besitzt, ­
  beweist  zwingend,  da  Rußland  nirgends  Gläubiger ­
  des  Auslands  ist,  daß  im  Durchschnitt  der
Jahre  Rußlands  Kreditposten  im  Ausland  nicht  ausreichend ­
  sind,  den  Debetposten  zu  genügen.  Rußland
ist  auch  in  Friedenszeiten  gezwungen,  immer  von
neuem  im  Ausland  Geld  anzuleihen,  wenn  es  seine
Baluta  ausrechterhalten  will.
2.  Die  Erträgnisse  der  russischen  Staatseisenbahnen.

Soweit  ausnahmsweise  bekannt  ist,  daß  die  russische  Staatsschuld
im  letzten  Jahrzehnt  ungeheuer  gewachsen  ist,  pflegt  man  dies  Wachstum ­
  auf  die  Vergrößerung  des  Staatseisenbahnnetzes  zurückzuführen.
und  der  Meinung  zu  sein,  daß  danach  die  Zunahme  der  russischen  Staatsschuld ­
  nichts  Bedenkliches  habe.  Im  Gegenteil  habe  sich  durch  die  Zunahme ­
  der  Einnahmen  aus  dem  Eisenbahnbetrieb  die  Lage  der  russischen
Finanzen  sogar  verbessert.  Dies  ist  der  Standpunkt  der  russischen  Regierung ­
  und  infolgedessen  auch  der  Standpunkt  Helfferichs.
Zunächst  sei  bemerkt,  daß  die  Art  der  Verwendung  der  Staatsanleihen ­
  und  die  Erträgnisse  der  mit  deren  Erlös  gemachten  Investitionen ­
  auf  die  im  vorigen  Artikel  behandelte  Frage  der  Zahlungsbilanz
ohne  Einfluß  sind.  In  jedem  Falle  war  die  Valuta  für  die  Anleihen
vom  Auslande  nach  Rußland  gekommen.  Wurden  die  Materialien  in
Rußland  beschafft,  so  blieb  das  Geld  hierfür  im  Lande,  wurde  das
Material  im  Auslande  gekauft,  so  muß  es  in  den  Einfuhrziffern  schon
enthalten  sein.  Und  es  bleibt  demgemäß  in  allen  Fällen  die  Tatsache
        <pb n="107" />
        101

bestehen,  daß  der  größte  Teil  der  vom  Ausland  durch  Verkauf  von
Wertpapieren  und  Anleihen  beschafften  Gelder  ins  Ausland  wieder  abgeflossen ­
  ist.  Kann  somit  die  Tatsache,  daß  ein  großer  Teil  der  vom
Ausland  aufgenommenen  Gelder  zum  Bau  von  Eisenbahnen  Verwendung
gefunden  hat,  die  Tatsache  der  ungünstigen  Zahlungbilanz  Rußlands
nicht  aus  der  Welt  schaffen  oder  in  ihrer  Bedeutung  vermindern,  so  wäre
es  doch  immerhin  möglich,  daß  im  Innern  des  Landes  gute  Ertragnisse ­
  der  Staatseisenbahnen  den  Steuerdruck  erleichtert  und  den  Status
der  russischen  Finanzen  verbessert  hätten.  Dieser  Meinung  gibt  Helfferich
Ausdruck.
In  Uebereinstimmung  mit  einem  Budget-Bericht  des  russischen
Finanzministers  für  das  Jahr  1902  bemerkt  er,  daß  der  Ueberschuß
der  Staatsschuld  über  die  Aktiven
am  1.  Januar  1892  —  3026,3  Millionen  Rubel
„1.  „  1902  —  1882,5
betragen,  sonnt  um  1143,8

sich  vermindert  habe.
Dieses  schöne  Ergebnis  erhält  Witte-Helfferich  dadurch,  daß  er
alle  Ausgaben,  welche  für  die  russischen  Staats-Eisenbahnen  gebucht  sind,
als  Anlagekosten  estimiert.  Run  ist  zunächst  zwischen  Ausgaben  und
wirklichen  Baukosten  in  Rußland  ein  großer  Unterschied.  Von  100  Mark,
die  in  Petersburg  verausgabt  werden,  wird  nur  ein  Teil  wirklich  verbaut. ­
  Der  Rest  wird  verdient.  Bei  den  älteren  Eisenbahnbauten  soll
beispielsweise  der  Bauunternehmer  durchschnittlich  für  den  Kilometer
60  000  Mark  empfangen  haben,  dessen  Herstellung  40  000  Mark  gekostet
hat,  wobei  allerdings  bemerkt  sei,  daß  der  Bauunternehmer  nicht  die
gesamten  20  000  Mark  verdient  hat,  sondern  mit  einflußreichen  Personen ­
  teilen  mußte.  Die  Auslagen  einfach  als  Wert  einzustellen,  ist
danach  vollständig  verfehlt.  Hierzu  kommt,  daß  die  russische  Regierung
auf  Kapitalkonto  auch  solche  Posten  verbucht,  welche  anderweit  abgeschrieben, ­
  beziehentlich  auf  den  Erneuerungsfouds  verrechnet  werden.
Wenn  Schienen  ausgewechselt  werden,  oder  unbrauchbare  Waggons
durch  andere  Ersatz  finden,  so  ist  augenscheinlich  der  Wert  der  Eisenbahn
nicht  vermehrt.  Anders  nach  russischer  Berechnungsart;  hier  werden
die  für  die  Unterhaltung  des  Betriebes  neu  zu  machenden  Anschaffungen
dem  Kapital-Konto  gut  geschrieben,  so  daß  es  kein  Wunder  ist,  wenn  sich
nach  dieser  Berechnuugswcise  der  Wert  der  russischen  Eisenbahnen  auch
auf  den  alten  Linien  erhöhen  muß.  Wenn  man  das  gleiche  Verfahren
zum  Beispiel  bei  der  Dortmunder  Union  anwenden  wollte,  würde  für
deren  Aktien  wahrscheinlich  noch  nicht  einmal  ein  Kurs  von  300  ausreichend ­
  sein,  um  die  Aktiva  zu  balanziereu.  Uebrigens  bemerkt  Helfferich
selbst  zu  dieser  Berechnung,  daß  sie  einen  Faktor  von  problematischem
Wert  darstellt.  Dagegen  gewähre  einen  einwandsfreien  Ueberblick  über
das  Verhältnis  von  Staatsschuld  und  produktivem  Staatsvermögen  die
Gegenüberstellung  der  Erfordernisse  für  den  Dienst  der  Staatsschuld

Hohe
Baukosten.

Willkürliche
Wertberechnuugeu
        <pb n="108" />
        102

und  des  Reinertrages  aus  dem  Staatsvermögen.  In  dieser  Beziehung
schreibt  Helfferich  im  Anschluß  an  den  Bndgetbericht  für  l902  (S.  1044):
im  Jahre  1892  im  Jahre  1900
Millionen  Rubel

Der  Reinertrag  der  Staatsbahnen  und  die
Zahlungen  der  Privatbahnen  ....  55,4  139,0
Der  Reinertrag  der  Forsten  ....  .  10,5  45,6
Zusammen  .  .  .  66,9  184,6
Der  Aufwand  für  den  Anleihedienst.  .  .  243,2  275,3

Aus  anderen  Einnahmequellen  blieben  mithin ­
  für  den  Anleihedienst  zu  decken  .  .  176,3  90,7

Auch  wenn  man  berücksichtigt,  daß  innerhalb  des  bezeichneten  Zeitraums ­
  der  Anleihedienst  eine  gewisse  Entlastung  durch  die  Verminderung
der  Amortisation  erfahren  hat,  bleiben  diese  Zahlen  ein  beredtes  Zeugnis
für  die  außerordentliche  Kräftigung  der  russischen  Staatsfinanzen."
Sehen  wir  zunächst  vom  Reinertrag  der  Forsten  ab,  bei  dem  cs
wesentlich  wäre,  wie  weit  solcher  innerhalb  der  Grenzen  eines  vernünftigen
forstwirtschaftlichen  Betriebes,  oder  was  wahrscheinlicher,  durch  übermäßig ­
  starke  Abholzung  erzielt  ist,  und  halten  wir  uns  lediglich  an  die
Eisenbahnen.  Hier  sind  die  Zahlen,  die  Helfferich  angibt,  der  Wahrheit
nicht  entsprechend.  Das  Ergebnis  ist  auch  hier  nur  dadurch  zustande
gekommen,  daß  die  Ausgaben  für  Verstärkung  und  Verbesserung  des  Betriebes, ­
  welche  dem  Betriebs-Konto  zur  Last  zu  legen  waren,  auf  Kapital-Konto
  als  Vermehrung  des  Anlagekapitals  verbucht  worden  sind.  Es
ist  dies  eine  längst  bekannte  Tatsache,  über  die  schon  Rohrbach^)  (Seite  31)
folgendes  vermerkt:
ogenannte  „Der  gelungenste  Zug  bei  der  finanzministeriellen  Angabe  über  den
eberschüsse.  Wert  der  Staatsbahnen  ist  aber  der,  daß  unter  den  „Anlagekvsten"
natürlich  auch  jene  famosen  Ausgaben  „zur  Verbesserung  und  Verstärkung"
der  bestehenden  Eisenbahnen  figurieren,  Ausgaben,  die,  wie  die  oben
abgedruckte  Tabelle  zeigt,  für  die  Zeit  von  1888,  wo  die  Verstaatlichung
der  Eisenbahnen  begann,  bis  1900  insgesamt  bereits  ca.  315  Millionen
Rubel  betrugen  —  ein  Betrag,  der  für  die  Zeit  von  1892  bis  1902  sogar
noch  kaum  ausreichen  wird.  Herr  von  Witte  setzt  also  nicht  nur  in  unzulässiger ­
  Weise  den  effektiven  Wert  seiner  Eisenbahnen  den  Anlagekosten
gleich,  sondern  er  rechnet  unter  diese  angeblichen  Anlagekosten  auch  noch
frischweg  einige  hundert  Millionen  Rubel,  die,  wie  die  russische
Reichskontrolle  auch  korrekterweise  tut,  auf  Konto
der  laufenden  Betriebskosten  gebucht  werden  müsse  n."
Wie  ersichtlich,  hält  selbst  die  russische  Reichskontrolle  das  Wittesche
Verfahren  nicht  für  korrekt.  Entsprechend  bemängelt  Arthur  Norden
in  einer  Kritik  des  Helfferichschen  Artikels  im  Berl.  Tagebl.  vom  22.  Oktober, ­
  daß  die  für  Bahnunterhaltung  und  Betrtebszubehör  verwendeten
Millionen  der  Kapitalanlage  zugerechnet  werden,  obgleich  das  werbende
Vermögen  damit  keinen  Zuwachs  erhalte.  Ebenso  hat  Wittchewsky  in
den  erwähnten  Artikeln  in  Konrads  Jahrbüchern  und  im  Archiv  für

1)  Dr.  Paul  Rohrbach  „Das  Finanzsystem  Witte."  Berit»  1908.
        <pb n="109" />
        103

Eisenbahnwesen^)  die  merkwürdige  Berechnungsweise  Wittes,  dessen  Fabeln
unentwegt  von  Helfferich  vorgetragen  werden,  eingehend  widerlegt.  Er
bringt  die  folgende  Tabelle:
Die  Eisenbahnen  im  Budgetordinarium.
(in  Millionen  Rubeln)

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Ä

1892

74,4

36,7

m,i

50,2

73,1

18,5

3,6

145,4

—  34,3

1893

85,1

34,6

119,7

57,0

79,1

14,5

—

3,7

154,3

—  34,6

1894

116,0

39,5

155,5

78,1

88,4

14,0

—

3,4

183,9

—  28,5

1895

194,7

23,0

217,7

125,5

109,6

3,4

12,5

4,4

255,4

—  37,7

1896

293,3

19,1

312,4

150,3

113,1

2,8

21,2

5,2

292,6

+  19,7

1897

277,8

15,3

293,1

173,4

113,0

3,7

25,8

5,6

321,5

—  28,4

1898

348,2

14,8

363,0

192,8

114,6

1,3

41,0

6,0

355,7

-|-  7,3

1899

347,5

10,2

358,2

212,2

117,3

1,0

43,8

6,2

380,5

—  22,3

1900

361,7

12,2

373,0

237,1

117,4

5.8

45,9

6,8

413,0

—  39,9

1901

378,6

14,4

393,0

269,1

126,1

2,1

84,0

6,8

487,4

—  94,4

92/01  |

-

—

—

—  |  —  |  —

274,2

—

—

—  292,3

1902

407,9

9,1

417,0

307,5

128,8

6,11

100,8

3,3

546,6

—  129,6

Wie  aus  der  Tabelle  ersichtlich,  verblieben  1900  nicht,  wie  Helffcrich
  angibt,  139  Millionen  Rubel,  sondern  77,4  Millionen  gegenüber  einem
Bedarf  für  Eisenbahnanleihen  von  117,4  Millionen  Rubel.  Mithin  hat
sich  die  Lage  wesentlich  verschlechtert,  1902  verblieb  überhaupt  kein
Ueberschuß  mehr.  Die  gesamten  Zahlungen  für  Zinsen  und  Amortisationen
der  Anleihen  stellten  ein  Defizit  dar.
Wittchewsky  bemerkt  im  Anschluß  an  die  mitgeteilte  Tabelle  noch
folgendes:
Nun  ist  aber  außerdem  auch  das  Budgetextraordinarium  mit  großen
Summen  am  Eisenbahnwesen  beteiligt,  die  außerordentlichen  Aufwendungen ­
  für  Eisenbahnzwecke  sind  auf  das  Jahrzehnt  1892—1901  auf
120  Millionen  Rubel  jährlich  zu  beziffern.  Da  gleichzeitig,  wie  oben
berechnet,  aus  dem  Ordinarium  29  Millionen  Rubel  jährlich  aufgewendet
werden,  so  stellt  sich  die  Gesamtbelastung  der  Budgets  für  die  Eisenbahnen
auf  150  Millionen  Rubel  jährlich.
Die  nieisten  Kritiker  haben  dabei  noch  einen  Punkt  nicht  berührt,
welcher  das  Erträgnis  der  russischen  Eisenbahnen  in  Wirklichkeit  noch
ungünstiger  erscheinen  läßt.  Das  Netz  der  russischen  Eisenbahnen  ist  äußerst
schnell  gewachsen,  im  Laufe  von  fünf  Jahren  (1.  9.  1898—1.  7.  1902)  von
rund  42  000  km  auf  rund  58  000  km.  Dies  bedeutet  aber  für  die  vor-9

  von  Wittschewsk»:  Budget  und  Steiierverhältniffe  Rußlands.  Conrads  Jahrbücher,
Juni  190t  S.  782  ff.  Desselben:  Die  Eisenbahnfiiianzen  Rußlands,  Archiv  für  Cisendahnwesen
  1904,  Heft  3.

Baugewinne.
        <pb n="110" />
        104

handenen  Eisenbahnen  große  Transporte  an  Kohlen,  Eisen,  Schotter
und  anderen  Massenartikeln.  Daher  mußte  die  Vermehrung  der  Eisenbahnen, ­
  die  am  Ende  äußerst  ungünstig  wirken  wird,  und  schon  wirkt,
in  der  Zwischenzeit  das  Betriebsergebnis  auch  vorteilhaft  beeinflussen.
Hören  die  Neubauten  auf,  so  fallen  auch  diese  Transporte  fort  und  damit
ein  Teil  der  Einnahmen.
In  jedem  Fall  ist  das  Ergebnis  unleugbar,  daß  die  Lage  der
russischen  Staatsfinanzen  durch  die  Vergrößerung  des  Eisenbahnnetzes,
die  meistens  nicht  nach  wirtschaftlichen,  sondern  nach  militärischen  Gesichtspunkten ­
  erfolgte,  in  hohem  Maße  verschlechtert  worden  ist.  Ueber  dieses
Ergebnis  sind  alle  kompetenten  Kritiker  einig.  Wenn  Helfferich  auf  Grund
seiner  Studien  sich  eine  andere  Ansicht  gebildet  und  diese  entsprechend
begründet  hätte,  so  wäre  nichts  dagegen  zu  sagen.  Er  hat  aber  die  umfangreiche ­
  Literatur,  in  welcher  die  Fabeln  von  Witte  widerlegt  sind,
einfach  ignoriert  und  die  Witteschen  Behauptungen  unentwegt  wieder
vorgetragen.  Daß  Helfferich  sich  lediglich  an  Wittesche  Quellen  hält,
muß  um  so  mehr  befremden,  als  er  dessen  System  früher  selbst  äußerst
zutreffend  geschildert  hat.  Sehr  glücklich  macht  der  erwähnte  Artikel
Nordens  im  Berliner  Tageblatt  auf  folgende  1901  gemachte  Ausführungen
Helfferichs  über  Rußland  aufmerksam^)
„Sie  haben  dort  ein  autokratisches  Regiment,  das  die  Opposition
der  Landwirtschaft  gegen  eine  übertriebene  Begünstigung  der  Industrie
einfach  ignorieren  kann  und  ignoriert  hat.  Sie  haben  dort  einen  zielbewußten ­
  und  energischen  Minister,  der  sich  die  Erziehung  einer  leistungsfähigen ­
  Industrie  zur  Lebensaufgabe  gemacht  hat.  Sie  haben  dort
nicht  nur  hohe  Zölle  auf  Jndustrieprodukte,  sondern  auch  umfangreiche
direkte  Staatssubventionen  für  industrielle  Betriebe.  Und  alle  diese
Anstrengungen,  dieses  ganze  Aufgebot  von  Mitteln
hat  nicht  viel  mehr  erreicht,  als  daß  Rußland  nach
kurzem  Aufblühen  der  industriellen  Tätigkeit  in
eine  überaus  schwere  Krisis  verfallen  ist,  die  es  trotz
aller  Staatshilfe  um  viele  Jahre  in  seiner  Entwicklung ­
  zurückwirf  t."
Witte  gegen  Schließlich  sei  bemerkt,  daß  als  Autorität  gegen  Helfferich  —
Helfferich.  auch  noch  der  Finanzminister  Witte  ins  Feld  zu  führen  ist.  —  In  der
Plenarsitzung  des  russischen  Rcichsrats  vom  30.  Dezember  1902  (12.  Januar ­
  1903)  lag  ein  Bericht  Wittes  vor,  in  welchem  er  ausführt,  daß
die  Zuschüsse  der  Krone  für  die  Eisenbahnen  2,6  Millionen  Rubel
betragen  haben,  1901,  nach  vorläufiger  Feststellung  der  Reichskontrolle,
dagegen  32,9  Millionen.  Für  1902  seien  die  Zuschüsse  auf  45,
1903  auf  51  Millionen  Rubel  zu  schätzen,  einschließlich  der
ostchincsischen  Eisenbahn  auf  60  Millionen.  Nach  Fertigstellung  der
neuen  Linien  Ribinsk-Bologoj  und  Orenburg-Taschkent  könne  1905  das
Defizit  die  Höhe  von  84,5  Millionen  Rubel  erreichen.
Hierzu  bemerkt  Paul  Rohrbach?):  Diese  Zahlen  sind  insofern  falsch,

Handelspolitik.  Vorträge.  Verlag  von  Duncker  &amp;amp;  Humblot,  Leipzig.  Vergleiche
hier  die  schwache  Entgegnung  Helfferichs  in  seinem  Bache  (S.  49).
2)  Die  Zeit,  4.  Juni  1903,  S.  297.
        <pb n="111" />
        105

als  sie  das  Defizit  noch  viel  zu  gering  angeben.  In  Wirklichkeit  hat  es
bereits  für  das  abgelaufene  Finanzjahr  1902  die  kolossale  Summe  von
130  Millionen  MarkZ  betragen.  Nur  durch  die  gewagtesten  Verschleierungskünste ­
  im  Budgetbericht  ist  das  bemäntelt  worden.  Aber
gleichviel:  Die  Tatsache,  daß  Herr  von  Witte  der  Oeffentlichkeit
  gegenüber  mit  Bewußtsein  über  russische
Finanz  Verhältnisse  falsche  und  irreführende  Angaben ­
  nicht  nur  allgemeiner,  sondern  auch  detaillierter ­
  Natur  gemacht  hat,  ist  jetzt  aktenmäßig  festg
  e  st  e  l  l  t."
Und  nachdem  wir  so  Witte-Helfferich  zum  Schluß  auch  durch  Witte
widerlegt  haben,  erscheint  zweifellos  bewiesen,  daß  die  Vergrößerung ­
  des  russischen  Staatseisenbahnnetzes  die  russischen ­
  Finanzen  nicht  gekräftigt,  sondern  in  hohem
Maße  geschwächt  hat.
3.  Rußlands  Reichtum.
Zu  den  wichtigsten  Legenden,  welche  im  Interesse  der  russischen
Finanzen  erfunden  und  in  Umlauf  gesetzt  wurden,  gehört  die  Legende
vom  russischen  Reichtum.  Dem  Philister  ist  vielfach  bekannt,  daß  in
Rußland  viel  gestohlen  wird,  aber  er  tröstet  sich  damit,  daß  Rußland
ein  reiches  Land  sei,  deshalb  werde  es  seine  Zinsen  immer  zahlen,
und  deshalb  könne  es  ihm  als  Besitzer  russischer  Papiere  schließlich
gleichgültig  sein,  ob  in  Rußland  etwas  mehr  gestohlen  würde  oder  weniger.
Es  bedarf  geringer  Mühe,  nachzuweisen,  daß  der  russische  Reichtum
nur  eine  Fabel  ist.  Wenn  Rußland  so  reich  wäre,  woher  kommt  es,
daß  es  sein  Geldbedürfnis  in  Kriegs-  und  Friedenszeiten  nicht  in  Rußland, ­
  sondern  im  Auslande  zu  befriedigen  sucht?  Hier  spielt  allerdings ­
  die  Notwendigkeit  mit,  die  Goldvalnta  durch  Auslands-Anleihen
zu  schützen,  welche  sonst  gegenüber  den  Zahlungsverpflichtungen  im  Ausland ­
  nicht  aufrecht  erhalten  werden  könnte.  Andererseits  müßte  die  Tatsache, ­
  daß  allein  der  russische  Staat  jährlich  rund  500  Millionen  Francs
für  Zinsen  und  Amortisationsauoten  seiner  Anleihen  im  Ausland  zu
zahlen  hat,  einen  vorsichtigen  Finanzminister  davon  abhalten,  sich  an
den  auswärtigen  Markt  zu  wenden  und  so  die  Schuldenlast  im  Ausland
noch  zu  vergrößern.  —  So  klug  ist  aber  der  russische  Finanzminister
auch,  und  wenn  er  trotzdem  sich  stets  an  das  Ausland  wendet,  so  liegt  es
eben  daran,  daß  er  sein  Kreditbedürsnis  im  Inland  gar  nicht  oder
nur  unter  weit  ungünstigeren  Bedingungen  befriedigen  könnte.  —  Das
heißt  aber  nichts  anderes,  als  daß  die  russische  Bevölkerung  nicht  imstande ­
  oder  willens  wäre,  ihrer  Regierung  den  erforderlichen  Kredit
für  die  Staatsbedürfnisse  zu  angemessenem  Zins  zu  gewähren.  Die
Staatsschuld  eines  Landes  bietet  ihrem  Betrage  nach  keinen  Anhalt
für  den  Reichtum  eines  Landes,  sie  ist  in  dem  reichen  Frankreich  weit
größer  als  in  Rußland.  Dort  sind  aber  die  Anleihen  sämtlich  im

0  In  Wirklichkeit  hrt  auch  Rohrbach  noch  viel  z»  gering  geschätzt,  Nie  die  WittchewSkyschc
  Tabelle  ergibt.

Der  russische
Reichtum.

Ans  Ausland
verschuldet.
        <pb n="112" />
        106

Der  russische
Mensch.

Zwangsweiser
Getreideexport. ­


Inland  untergebracht,  welches  zudem  in  riesigen  Beträgen  Gläubiger
des  Auslandes  ist,  Non  den  russischen  Anleihen  sind  dagegen  Wohl  achtzig
Prozent  im  Ausland  untergebracht.  —  Wenn  der  russische  Staat  seine
Zinsen  nicht  zahlt,  würden  z.  B.  die  Verluste  in  Deutschland  weit  größer
sein  als  in  Rußland.  Dabei  ist  Deutschland  lange  nicht  Rußlands  größter
Gläubiger.  Rußland  wäre  also  reich  —  es  hätte  aber  kein  Geld.  —
Es  gibt  ja  auch  im  privaten  Wirtschaftsleben  solche  „Millionäre",  welche
große  Terrains  besitzen  und  große  Steuerzahler  sind,  welche  aber  ihre
Terrains  immer  stärker  belasten  müssen,  um  ihren  Zinspflichten  gerecht
zu  werden.  —  Wird  Rußland  dauernd  in  der  Lage  sein,  dies  zu  tun?
Augenscheinlich  besitzt  Rußland  zwei  Faktoren,  Land  und  Menschen.  —
Daß  im  allgemeinen  der  russische  Mensch  kein  starker  wirtschaftlicher  Faktor
ist,  ist  zweifellos.  —  Die  oberen  Klassen  neigen  zur  Verschwendung,  der
Bauer  ist  bedürfnislos,  aber  wenig  intelligent,  50  Millionen  Deutsche
bedeuten  wirtschaftlich  mehrfach  die  Potenz  der  120  Millionen  Russen,
von  welchen  jeder  Kopf  dem  Ausland  rund  125  Mark  verschuldet.
Bleibt  das  Land  —  der  Boden  ist  gilt,  aber  jeder  Boden  ist  schließlich
nur  so  viel  wert  wie  seine  Bewohner.  Gerade  an  Rußland  läßt  sich
nachweisen,  wie  die  ursprünglich  günstigeren  Produktionsverhältnisse  durch
schlechte  Wirtschaft  sich  verschlechtert  haben.  —
Rußlands  starker  Getreideexport,  das  Rückgrat  des  russischen  Handels
und  der  russischen  Finanzen,  ist  nicht  eine  Folge  der  großen  Erträgnisse ­
  des  Landes,  sondern  ist  durch  den  starken  Steuerdruck  bewirkt,  welcher
auf  der  russischen  Bauernschaft  lastet.  Dies  ist  eine  in  Fachkreisen,  aber
leider  nicht  dem  Publikum  bekannte  Tatsache.  So  schreibt  die  gemäßigte
und  durchaus  nicht  antirussische&amp;gt;  eher  antijapanische  Frankfurter
Zeitung  vom  8.  Oktober  in  einer  Kritik  des  Helfferichschen  Artikels:
„Wie  dieser?)  betrieben  wird,  ist  bekannt:  die  Regierung ­
  zwingt  den  Bauer  zllm  Verkauf  des  zur  Ernährung ­
  seiner  Familie  selb  st  benötigten  Getreides,
indem  sie  die  hohen  Steuerrück  st  ände  unmittelbar
nach  der  Ernte  eintreiben  läß  t."
Daß  in  diesem  Kunstgriff,  welcher  nicht  nur  jetzt,  während  des
Krieges,  sondern  in  dauernder  Praxis  zur  Anwendung  gelangt,  das  Geheimnis ­
  des  großen  russischen  Exports  liegt,  ist  von  Rohrbach  überzeugend
im  Anschluß  an  russische  Schriftsteller  dargelegt.  Er  bemerkt  (S.  65):
„Das  System  Witte  steht  und  fällt  mit  der  Erpressung  der
Bauern  st  euern  und  dem  dadurch  ins  Werk  gesetzten
Getreideexpor  t."
Einige  der  Tatsachen,  auf  Grund  deren  er  zu  diesem  Schluß  gelangt, ­
  scheinen  mir  einen  zwingenden  Beweis  zu  liefern.  Von  100  kg
Ernteertrag  hat  in  Bayern  der  Bauer  22  Pfennige  Steuern  zu  bezahlen, ­
  der  russische  aber  47,  also  mehr  als  das  Doppelte,  wobei  man
noch  berücksichtigen  muß,  daß  der  Russe  für  sein  Getreide  einen  sehr
viel  geringeren  Preis  bekommt  als  der  Bayer.  Der  Steuerdruck  ist
danach  in  Rußland  etwa  dreimal  so  hoch  als  in  Bayern  (Rohrbach  S.  57).

*)  Nämlich  der  Getrettehandel.
        <pb n="113" />
        107

Die  Gesamt  summe  der  bäuerlichen  Steuerrückstände  (obgleich
der  russische  Steuererheber  zweifellos  nicht  sentimentaler  ist  als  irgend
einer  seiner  Kollegen)  hat  sich  von  1892  bis  1901  um  78,5  Prozent
vergrößert  (Rohrbach  S.  59).  Dies  ist  nicht  wunderbar,  denn
der  Ertrag  des  Bodens  ist  zurückgegangen,  die  Ergiebigkeit  des  Schwarzerderayons ­
  um  volle  27  Prozent.  In  den  25  Jahren  von  1870  bis
1894  hat  sich  die  gesamte  russische  Getreideproduktion  zwar  von  400
bis  auf  515  Millionen  Hektoliter  vermehrt,  die  unter  Kultur  befindliche
Anbaufläche  ist  in  noch  schnellerem  Maße  gewachsen  als  der  Ernteertrag ­
  (Rohrbach  S.  59).  Durch  die  überseeische  Konkurrenz  ist  der
Wert  des  Getreides  gesunken.  In  der  Zeit  von  1885  bis  1892  wurden
rund  3  Milliarden  PndZ  Getreide  im  Werte  von  2i/z  Milliarden  Rubel
ausgeführt,  1893  bis  1900  4  Milliarden  im  Wert  von  2 2 ( 3  Milliarden
Rubel.  Auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  kommt  im  Jahre  1870  noch  eine
Ernte  von  5,5,  1894  aber  nur  noch  von  4,9  Hektolitern  (Rohrbach  S.  47).
In  Rußland  werden  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung, ­
  wenn  man  den  Nährwert  der  Kartoffel  im  Verhältnis  zum
Getreide  auf  ein  Viertel  ansetzt  und  demgemäß  ein  Mertel  der  Kartoffelernte ­
  zu  dem  Getreidequantum  zuschlägt,  im  Mittel  der  Jahre
1883—1898  nach  Abzug  der  Aussaat  22,4  Pud  geerntet,  in
Deutschland  werden  24,2  Pud  jährlich  pro  Kopf  geerntet. ­
  —  Der  Verbrauch  in  Deutschland,  welches  eine
starke  Einfuhr  in  Cerealien  hat,  beträgt  aber  sogar  27,8  Pud
per  Kopf.  (Rohrbach  S.  50  1.)  Bei  einer  Ernte  von  22,4  Pud  exportiert ­
  Rußland  Getreide,  bei  einer  Ernte  von  24,2  Pud  importiert
Deutschland  Cerealien.  —  Wenn  der  Russe  ebensoviel  Getreide ­
  verzehren  sollte  wie  der  Deutsche,  so  würde
nicht  nur  kein  Export  von  Getreide  stattzufinden
haben,  sondern  es  müßte  im  Gegenteil  Rußland  Getreide ­
  in  einer  Quantität  einführen,  welche  ungefähr ­
  dem  vierten  Teil  der  russischen  Ernte  gleichkäme. ­
  —  Dabei  hat  natürlich  in  anderen  Lebensmitteln,  wie  Fleisch,
Zucker  usw.,  der  Deutsche  einen  weit  größeren  Konsum  als  der  Russe.
—  Der  große  russische  Getreideexport  kommt  also  nicht  davon,  daß  der
russische  Bauer  mehr  produziert,  als  er  normalerweise  verzehren  kann,
sondern  davon,  daß  er  sich  nicht  satt  ißt.  Daher  ist  die  Sterblichkeit
in  Rußland  eine  abnorm  hohe.  —  Mit  durchschnittlich  34,8  jährlichen
Todesfällen  auf  das  Tausend  wird  sie,  wie  Rohrbach  (S.  53)  angibt,
soweit  Statistiken  existieren,  nur  von  der  Sterblichkeit  in  Honduras,  den
Fidschi-Inseln  und  der  der  weißen  Bevölkerung  in  Niederländisch-Jndien
übertroffen.  In  Oesterreich  ist  die  Sterblichkeit  nur  30,9  —  in  Westeuropa ­
  zirka  22—25.  —  Das  russische  Vieh  ist  minderwertig,  französisches ­
  Rindvieh  wiegt  durchschnittlich  25  Pud,  russisches  gewöhnlicher
Sorte  kaum  die  Hälfte,  das  Lebendgewicht  des  französischen  Pferdes  beträgt ­
  im  Durchschnitt  29  Pud,  das  des  russischen  Bauernpserdes  12—18
Pud.  (S.  51.)  Ebenso  mangelhaft  wie  in  qualitativer  Beziehung  ist

Die  rusfische
Ernte.

Das  russische
Vieh.

&amp;gt;)  1  Pu»  —  16,3  Kilo.
        <pb n="114" />
        108

Der  russische
Konsum.

die  Viehhaltung  quantitativ.  —  In  dieser  Beziehung  bringt  Rohrbach
(S.  471)  folgende  tabellarische  Uebersicht  über  den  Biehstand,  den  Rußland ­
  tatsächlich  hat,  und  den  es  nach  normaler  Wirtschaftsweise  in  der
in  Deutschland,  Frankreich  usw.  üblichen  Art  haben  müßte.  —  Als  Viehbestand ­
  auf  1000  DesjatinenZ  ergab  sich,  daß  Rußland

besitzt

besitzen  sollte

Defizit

Pferde  .  .

.  .  17,0

25,0

8,0

Hornvieh  .

.  .  24,4

114,6

90,2

Schafe  .  .

.  .  38,1

144,1

106,0

Schweine  .

.  .  9.1

49,3

40,2

Dieser  Punkt  ist  von  großer  Tragweite,  weil  von  der  Viehhaltung  die
ordnungsmäßige  Düngung  des  Bodens  abhängt,  und  zweifellos  die  ungenügende ­
  Düngung  für  den  relativen  Rückgang  des  Bodenerträgnisses
den  entscheidenden  Faktor  gebildet  hat.
Helfferich  hat  sich  mit  der  wichtigen  Frage  der  tvirtschaftlichen
Potenz  des  russischen  Untertanen  nur  ganz  kurz  (S.  1040/50)  befaßt.  Er
gibt  dort  eine  Uebersicht  über  die  Entwicklung  einer  Anzahl  Industrien
und  eine  Uebersicht  über  die  Zunahme  des  Konsums  einiger  besonders
wichtiger  Artikel.  Auch  hier  sind  die  Zahlen,  amtliche  russische  Zahlen,
von  Rohrbach  schon  als  unrichtig  nachgewiesen.  Ueber  die  erste  Tabelle
haben  wir  die  Darlegungen  Rohrbachs  schon  mitgeteilt.  —  Wir  wiederholen ­
  daraus,  daß  die  ungeheure  Ziffer  von  046,3  Will.  Rubeln  als
Wert  der  russischen  Textilproduktion  nur  dadurch  zustande  gekommen
ist,  daß  man  den  Wert  des  Rohmaterials,  des  Garns  und  des  Gewebes
einfach  addiert  hat.  Der  Wert  der  in  Rußland  hergestellten  Gewebe
beträgt  in  Wirklichkeit  höchstens  266&amp;gt;/z  Millionen  Rubel  (Rohrbach  S.  17).
Auch  bezüglich  der  zweiten  Tabelle  ist  von  Rohrbach
Verbrauch  pro  Kopf  der  Bevölkerung

(in  russischen  Pkunden)

1893

1900

Tee

.  .  0,73

0,94

Zucker  ....

.  .  8,28

11,20

Baumwollwaren  .

.  .  3,52

4,32

Petroleum  .  .  .

.  .  10,6

13,4

Eisen  und  Stahl.

.  .  25,2

39,6

die  Unrichtigkeit  (S.  15—20)  nachgewiesen.  Für  Petroleum  ergeben
seine  Ziffern  statt  einer  Steigerung  von  10,6  auf  13,4  eine  Abnahme
von  1803—1809  von  12,3  ans  11,7,  bei  Baumwolle  eine  Abnahme
von  4,6  auf  4,2  im  Jahre  1800.  —  Zucker  ergab  von  1894—1900  nur
eine  Zunahme  von  9,7  auf  10,6.  Die  kleinen  Zunahmen  von  Zucker
und  Tee  hängen  einerseits  ivohl  mit  der  Zunahme  der  Stadtbevölkerung
—  andererseits  ivohl  mit  dem  Preise  zusammen.
Beispielsweise  war  1802  der  Jnlandpreis  des  Zuckers  6  Rubel,
der  Preis  für  Exportzucker  3,30  Rubel.  Mit  der  Besserung  dieses  unnatürlichen ­
  Verhältnisses  mußte  der  Konsum  steigen,  er  ist  aber  mit

o)  Die  Dcsjatiue  ist  ungefähr  so  groß  wie  ein  Hektar.
        <pb n="115" />
        109

11  Pfund  nicht  viel  größer  als  1 / z  des  Konsums  in  Deutschland  oder
Frankreich,  der  31  beziehentlich  30  Pfund  pro  Kopf  ausmacht.  —  Das
Darben  ist  dem  russischen  Bauer  zur  Gewohnheit  geworden,  unterbrochen ­
  von  den  Jahren  ausgesprochener  Hungersnot,  in  welchen  der
„Golod",  der  „große  Hunger",  über  die  Felder  geht  —  nicht  die  „Golodowka",
  das  „kleine  Hungerchen",  welches  häufiger  Gast  ist  (vergl.
W.  Siebert,  Die  liberalen  Bestrebungen  in  Rußland  un'd  ihre  Aussichten. ­
  Das  freie  Wort,  2.  Novemberheft,  1904).  Förmlich  zärtlich
klingt  die  Bezeichnung  „das  kleine  Hungerchen",  wie  von  einem  Kameraden,
  an  den  uns  Jahre  der  Gemeinsamkeit  binden.
Daher  sind  Bauernunruhen  in  Rußland  förmlich  typisch  geworden.
Den  Bauer,  der  überall  konservativ,  in  Rußland  noch  besonders  schwer
beweglich  ist,  kann  nur  die  bitterste  Not  zum  Aufruhr  treiben,  und
deshalb  ist  die  typische  Erscheinung  der  Bauernrevolten  ein  sicherer  Beweis ­
  für  die  Verelendung  des  russischen  Bauern.  Dabei  ist  zu  berücksichtigen, ­
  daß  Ereignisse,  welche  außerhalb  der  wirtschaftlichen  Verhältnisse ­
  Rußlands  liegen,  die  Lage  der  russischen  Bevölkerung  in  riesigem
Maße  hätte  bessern  müssen.  Seit  etwa  zwei  Jahrzehnten  geht  ein  ununterbrochener ­
  Geldstrom  von  Milliarden  aus  dem  Ausland  nach  Rußland.
Gewiß,  es  sind  geborgte  Milliarden,  aber  diese  waren  bisher  nicht,  zurückzuzahlen, ­
  sondern  nur  zu  verzinsen.  Das  Einfließen  so  riesiger  Summen
hätte  daher  auf  die  russische  Volkswirtschast  ungemein  befruchtend  wirken
müssen.  Tausende  von  Kilometern  Eisenbahn  wurden  von  diesem  Gelde
gebaut.  Bergwerke  und  Fabriken  wurden  mit  dem  Gelde  der  Ausländer ­
  betrieben.  Dies  mußte  den  Konsum  von  Eisen  vergrößern,  mußte
einen  konsumierenden  Arbeiterstand  schaffen,  welcher  als  Abnehmer  des
Bauern  dessen  Lage  hätte  verbessern  und  mit  seinem  Bedarf  den  Konsum
von  Tee,  Zucker,  Petroleum  usw.  in  starkem  Maße  hätte  steigern  müssen.
Daß  dies  nicht  der  Fall  gewesen  ist,  ist  ein  weiterer  Beweis  für  die
schlechte  wirtschaftliche  Lage  der  russischen  Bevölkerung.

Das  Wartmsche  (Kuch.
(2.  September  1905.)
Wenn  man  vor  wenigen  Tagen  noch  einen  Börsenkommis  gefragt
hätte:  „Na,  was  sagst  du  zu  Martin?"  er  hätte  unzweifelhaft  mit  der
Gegenfrage  geantwortet:  „Was  ist's  mit  ihm?  Hat  man  ihm  in  Epsom
die  Lizenz  entzogen?  Hat  er  sich  zu  Haymarket  das  Genick  gebrochen?"
Denn  ganz  sicher  hätte  damals  jeder  Kommis  mit  der  vertraulichen
Bezeichnung  „Martin"  den  ehemals  in  Hoppegarten  so  beliebten  Jockey,
den  Meister  deutscher  Reitkunst  gemeint.  Seit  einigen  Tagen  aber  ist

Wer  ist
Martin?
        <pb n="116" />
        110

Olle  Kamellen.

ein  anderer  Martin  in  der  Burgstraße  populär:  eiu  Kaiserlicher  Regierungsrat, ­
  der  früher  im  Reichsamt  des  Innern  und  jetzt  im  Statistischen ­
  Amt  tätig  ist  und  ein  Buch  über  die  Zukunft  Rußlands  und
Japans  geschrieben  hat.  Und  wenn  man  jetzt  den  Bankkommis  nach
„Martin"  fragt,  so  wird  er  fuchsrot  und  schreit  den  Frager  an:  „Was
kann  an  dem  sein?  Der  verkehrt  ja  nur  in  Berlin  W.  und  möchte  gern
reich  heiraten."  Machst  du  aber  den  Kommis  durch  Aeußerungen  des
Zweifels  ganz  wild,  so  tischt  er  dir  sicher  die  schon  manch  anderem  angehängte ­
  Anekdote  auf  —  der  Herr  Regiernngsrat  habe  sich  neulich,
als  er  seine  Tischdame  bei  der  Suppe  fragte,  ob  sie  noch  Geschwister
habe,  zur  Antwort  sagen  lassen  müssen:  „Ja,  bei  uns  geht  es  in  fünf
Teile."
Komisch,  komisch!  Seit  wann  hält  man  es  an  der  Börse  für
schimpflich,  in  Berlin  W.  zu  verkehren,  gern  reich  heiraten  zu  wollen
und  sich  bei  seiner  Tischdame  so  ganz  direkt  nach  den  Potenzen  ihres
Herrn  Bakers  zu  erkundigen?  Als  ob  man  nicht  auch  einen  echt  getauften ­
  Regierungsrat  im  Tiergarten  gern  als  Freier  sähe!  Was  tat
euch  denn  gerade  dieser  Regierungsrat?
Um  es  kurz  zu  sagen:  Man  klagt  ihn  der  Geschäftsstörung,  des
Börsensriedensbruches  an.  In  seinem  Buche  verdonnert  er  die  russischen ­
  Finanzen  in  Grund  und  Boden.  Alle  Welt  kauft  es.  Kleine  Sortimenter ­
  zeigen  es  mit  großen  Annoncen  in  der  Zeitung  an,  die  Journalisten ­
  besprechen  es  in  langen  Leitartikeln.  Mit  einem  Wort:  es  wird
bald  neben  Jörn  Uhl,  Thomas  Truck,  Götz  Krafft,  den  „Briefen,  die
ihn  nicht  erreichten",  den  „Memoiren  einer  Verlorenen"  und  dem
Schindcrhanues  zu  den  gclcscnsten  Büchern  der  deutschen  Literatur  gehören. ­
  Da  man  nun  einen  Sachverständigen,  dessen  Gutachten  den
Kurs  der  russischen  Werte  nach  unten  beeinflußt,  au  der  Börse  nicht
leiden  kann,  so  schimpft  man  auf  ihn.
Für  die  Börse  ist  Herr  Martin  nämlich  Sachverständiger  und  für
einen  großen  Teil  der  Presse  auch.  Man  bestaunt  jedes  seiner  Worte
und  tut,  wie  wenn  in  seinen  Zeilen  ganz  neue  Offenbarungen  enthalten
seien.  Ja,  hat  man  denn  das  letzte  Jahrzehnt  verschlafen?  Vor  vielen
Jahren  schon  haben  der  Professor  Jsaieff  scharfe  Kritik  an  Herrn  Wittes
Finanzsystem  geübt,  Peter  Loehtin  und  Parvus-Lehmann  die  traurige
Verfassung  der  russischen  Landwirtschaft  aufgedeckt,  haben  Georg  v.  Boutmi
und  Struve  den  Witteschen  Berichtschwindel  und  Peter  Migulin  das
Elend  der  russischen  Reichsbank  entschleiert.  Die  Balten  Paul  Rohrbach
und  v.  d.  Brüggen  haben  in  Büchern,  Broschüren  und  Zeitschriften
diese  Kritiken  auch  deutschen  Lesern  näher  zu  bringen  versucht.  Aber
wo  blieb  die  allgemeine  Erregung?  Herr  Professor  v.  Reußner^)  hat  in
den  Spalten  des  Plutus  unter  Berufung  auf  die  namhaftesten  Staatsrechtslehrer ­
  seiner  Heimat  die  willkürliche,  betrügerische  Art  gegeißelt,
in  der  das  russische  Budget  für  das  Ausland  frisiert  wird  und  —  die
russischen  Renten  sind  gestiegen  trotz  Krieg,  Pest  und  Niederlage.  Jetzt
kommt  nun  ein  Kaiserlicher  Regierungsrat,  der  lange  bekannte  Tatsachen

i)  Vergleiche  den  Aufsatz  „Russischer  Budgetschwindel"  in  dieser  Sammlung.
        <pb n="117" />
        111

ausgräbt,  zusammenstellt,  ein  Buch  daraus  macht,  und  die  ganze  Welt,
insoweit  sie  russische  Papiere  besitzt,  hallt  von  seinem  Ruhme  wider.
Wie  ist  das  möglich?  Das  Buch  ist  in  seinem  volkswirtschaftlichen
Teil  spottschlecht.  Keine  Disposition,  keine  Beweise  für  schwerwiegende
Behauptungen,  phantastische  Zahlenschätzungen  und  in  der  Hauptsache
ein  Sammelsurium  von  Zitaten,  das  mit  der  Prätension  eigener  Geistesarbeit ­
  auftritt,  ohne  daß  selbst  nur  der  verbindende  Text  eine  Spur
von  Originalität  zeigte.  Aber  ein  Regierungsrat  hat's  geschrieben,  und
der  ist  eben  etwas  anderes  als  gewöhnliche  Sterbliche.  Deswegen  feiert's
sicher  mancher.  Aber  es  wäre  oberflächlich,  nur  aus  solcher  Fadheit  heraus
die  neueste  Sensation  zu  erklären.  Man  hat  gar  nicht  so  unrecht,
wenn  man  die  Autorschaft  eines  Regierungsrates  in  diesem  Falle  als
etwas  Ungewöhnliches  schätzt.  Nicht  etwa,  weil  er  im  Gegensatz  zu
seinem  Kollegen  in  Reichsdiensten,  Herrn  Helfferich,  die  russischen  Finanzen ­
  schlecht  findet.  Aber  das  Buch  enthält  auch  einen  sehr  interessanten ­
  Teil,  der  nicht  von  Volkswirtschaft  und  Statistik,  sondern  von
Politik  und  Geschichte  handelt.  Auch  hier  ist  manches  schief,  aber  vieles
sehr  geistreich  in  den  Schlüssen  und  Vergleichen,  und  vor  allem  alles,
aber  auch  alles  ganz  anders,  als  es  sein  müßte,  wenn  die  augenblickliche ­
  deutsche  Politik  gegenüber  Rußland  gerechtfertigt  sein  sollte/  Und
daß  so  etwas  ein  Reichsbeamter,  ein  Untergebener  des  Fürsten  Bülow,
schreibt,  ist  allerdings  sehr  bemerkenswert.
Der  Herr  Regierungsrat  liest  der  Börse  gehörig  den  Text,  daß
sie  nicht  an  die  russische  Revolution  glauben  will,  wo  man  doch  mitten
darin  sei,  und  daß  sie  meint,  mit  der  Einberufung  der  Duma  sei  alles
wieder  in  bester  Ordnung,  während  dann  erst  die  Hauptphase  der  Revolution ­
  einsetze.  Er  beweist  seine  These  an  der  Hand  der  Vorgänge
während  der  großen  Revolution,  in  der  Necker  eine  ähnliche  Rolle  wie
heut  Witte  spielte.  Behauptung  und  Vergleiche  sind  nicht  neu.  Ich  habe,
ohne  mir  auf  das  sich  jedem  Geschichtskundigen  geradezu  aufdrängende
Gleichnis  etwas  zugute  tun  zu  wollen,  an  dieser  Stelle  im  Januar
dieses  Jahres  geschrieben:  „Die  französische  Revolution  ward  nicht  am
Tage  des  Bastillensturmes  geboren,  sondern  durch  die  Unterzeichnung
des  Dekrets,  das  die  Generalstände  berief.  Und  die  russische  Revolution
fängt  nicht  an  mit  den  Petersburger  Metzeleien,  sondern  hat  schon  lange
begonnen  mit  dem  von  der  Regierung  selbst  berufenen  Semstwokongreß
  .i  .  .  ."*)  Damals  war  von  der  Duma  noch  keine  Rede.  Jetzt
liegt  der  Vergleich  zum  Greifen  nahe.  Und  doch  gibt  Herr  Martin  hier
manches  —  na,  sagen  wir  in  den  Schriften  von  Regierungsräten  sonst
nicht  zu  Findendes.  Er  entpuppt  sich  nämlich  —  ohne  daß  er  das  selbst
gewahr  wird  —  als  Marxist  und  weist  haarscharf  nach,  daß  der  Gang
der  Geschichte  durch  wirtschaftliche  Gesetze  beeinflußt  wird,  und  daß  die
Mitglieder  der  zukünftigen  russischen  Duma,  ob  sie  wollen  oder  nicht,
durch  den  Zwang  der  wirtschaftlichen  Gesetze  den  Staatsbankrott  werden
dekretieren  müssen:  In  Frankreich  erklärten  die  Mitglieder  der  Nationalversammlung ­
  zunächst  das  Wort  „Staatsbankrott"  für  infam,  und  Mirai)

  Verg'eiche  den  Aufsatz  „Mendelssohns"  in  dieser  Sammlung.

Die
Schwächen  des
Buches.

Revolutionsprophe ­
 ­
        <pb n="118" />
        112

Der  Staatsbankrott ­
  als
Entlastung.

beau  bemühte  sich,  durch  Parlamentsbeschluß  die  Revolution  in  das
ruhige  Fahrwasser  konstitutioneller  Reformen  zu  leiten.  Aber  durch  den
guten  Willen  einzelner  Menschen  wurden  die  Schulden  nicht  kleiner,
hörten  die  Hungersnöte  nicht  auf.  Die  wohlhabenden  Klassen,  die  die
Revolution  aufs  rein  politische  Gebiet  beschränken  wollten,  wurden  von
den  Jakobinern  unters  Fallbeil  geschleift.  Die  Duma  wird  dem  Bauer
kein  Brot  geben  können,  sie  wird  noch  weniger  in  der  Lage  sein,
ihn  von  einem  Jahr  zum  andern  von  der  veralteten  Dreifelderwirtschaft
zur  Fruchtwechselwirtschaft  zu  gewöhnen.  Und  ohne  eine  blühende  Landwirtschaft ­
  wird  nun  einmal  Rußland  die  Zinsen  seiner  vermehrten
Staatsschulden  dauernd  aufzubringen  nicht  in  der  Lage  sein.
An  dieser  Stelle  setzt  das  Eigene  und  gleichzeitig  das  Verdienstvolle ­
  des  Martinschen  Buches  ein.  Was  würde  ein  Staatsbankrott  für
Rußland  bedeuten?  Die  Anleihen  dieses  Riesenreiches  befinden  sich
fast  vollständig  in  ausländischem  Besitz.  Zum  größten  Teil  in  Frankreich,
zu  einem  erheblichen  Teil  in  Deutschland.  Wenn  Rußland  die  Zinszahlungen ­
  einstellt,  so  schädigt  es  seinen  eigenen  Nationalreichtum  nicht
im  mindesten.  Aber,  wie  schon  der  alte  Klassiker  der  deutschen  Nationalökonomie, ­
  Wilhelm  Roscher,  gerade  mit  Bezug  auf  Rußland  ausgeführt
hat,  besitzt  jeder  Staat,  der  seine  Anleihen  im  Ausland  untergebracht
hat,  damit  ein  schreckliches  Machtmittel  gegen  seine  Gläubiger:  Zahlt
Rußland  keine  Zinsen  mehr,  so  ist  augenblicklich  ein  ganz  erheblicher
Teil  des  deutschen  Volksvcrinögens  vernichtet.  Ein  verheerender  Krieg
kann  uns  nicht  tiefere  Wunden  schlagen,  als  es  ein  Machtwort  des  Zaren
oder  ein  Beschluß  der  zukünftigen  Duma  in  betreff  der  Zinsfrage
tun  kann.  Rußland  kann,  wenn  es  will,  jeden  Tag  Europa  kampfuntüchtig ­
  machen.  Und  bei  dem  notorisch  schlechten  Gedächtnis,  das  die
Kapitalisten  für  Staatsbankrotte  haben,  wäre  dieser  Wille  für  spätere
Geldbeschaffungen  nicht  einmal  verhängnisvoll.  Aber  wenn  Rußland
jetzt  noch  den  guten  Willen  hat,  es  kommt  einmal  die  Zeit,  wo  der
beste  Wille  nichts  nützen  wird.  Und  für  diese  Zeit  soll  sich  das  deutsche
Publikum  jetzt  schon  vorbereiten,  indem  es  seine  russischen  Anleihen
langsam  nach  Rußland  und  Frankreich  zurückverkauft  und  auf  keinen
Fall  die  Zulassung  neuer  Anleihen  geschehen  läßt.  Konzentriert  sich  der
russische  Rentenbesitz  in  Paris,  so  wird  der  sicher  einst  eintretende
russische  Staatsbankrott  die  Volkskraft  Frankreichs  lähmen,  und  Rußland
muß  bis  dahin  vor  einem  deutsch-französischen  Krieg  zittern,  der  Frankreichs ­
  Kapitalisten  zwingen  würde,  die  Anleihen  zurückzuwerfen.  Ohne
einen  Schwertstreich  wäre  Deutschland  Sieger  über  seine  beiden,  bisher
gefürchteten  Nachbarn.  Schon  bei  der  Marokko-Affäre  stand  Rußland
vor  der  Gefahr,  daß  der  Anprall  der  Anleiheverkäufe  des  geldbedürftigen, ­
  zum  Kriege  rüstenden  Frankreichs  seine  Goldwährung  zertrümmerte.
So  steht  nach  Martin  Deutschland  am  Scheidewege.  Die  eine
Gabel  des  Pfades  führt  zum  unblutigen  Siege,  die  andere  zu  dauernder
Knebelung  ohne  kriegerische  Niederlage.  Daß  die  zukünftigen  Kriege
weniger  auf  dem  „Felde  der  Ehre"  als  auf  dem  Parkett  der  Börse
verloren  oder  gewonnen  werden,  hat  Herr  Martin  in  neuer  Wort-  und
Gedankenfassung  beleuchtet.
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        Es  f  19 w WI“ ft  1  8  t  i  1

113

Erstes  Nachwort.
(16.  September  1905.)

Der  russische  Finanzminister  hat  erklären  lassen,  daß  er  eine  Er-  Ankündigung
wtderung  dem  bekannten  Martinschen  Buch  widmen  würde,  um  die  dort  einer  russischen
angeführten  Einzelheiten  bis  ins  einzelste  zu  widerlegen.  Das  wäre  kein  Widerlegung.
Meisterstück.  Ich  habe  bereits  bei  der  Besprechung  des  Buches  darauf  hingewiesen, ­
  daß  der  volkswirtschaftliche  und  statistische  Teil  der  Martinschen ­
  Ausführungen  außerordentlich  oberflächlich  sei  und  dort,  wo  er  Neues
bietet,  kaum  zu  verteidigen  sei.  Aber  das  gerave  ist  ja  charakteristisch
für  die  Wittesche  Politik,  daß  man  auf  die  schwerwiegenden  Angriffe,
die  seit  einem  Jahrzehnt  beinahe  gegen  die  russische  Finanzgebarung
erschienen  sind,  geschwiegen  hat,  daß  man  aber  antwortet,  sobald  ein
schwacher  Gegner  auf  dem  Plan  erscheint,  dessen  Phantasien  man  allerdings ­
  leicht  mit  kräftigen  Streichen  zusammenhauen  kann.  Insofern  ist
für  den  berechtigten  Kampf  gegen  die  gröbliche  Täuschung  der  öffentlichen ­
  Meinung  durch  die  russischen  Gewalthaber  das  Erscheinen  des
Martinschen  Buches  geradezu  ein  Unglück  gewesen.  Denn  es  gibt  dem
rührigen  Herrn  Witte  jetzt  willkommene  Gelegenheit,  der  Oeffentlichkeit
wieder  Sand  in  die  Augen  zu  streuen.  Und  es  wird  schwer  halten,
das  Wittesche  Lügengewebe  von  neuem  zu  entwirren.  Man  darf  ja  überhaupt ­
  auf  das  gespannt  sein,  was  jetzt  in  Rußland  an  Schönfärberei
geleistet  werden  wird.  Schon  ist  die  Erklärung  veröffentlicht  worden,
daß  die  nächste  Etatsaufstellung  sich  vorzüglich  ausnehmen  wird,  daß
alle  ordentlichen  Ausgaben  durch  ordentliche  Einnahmen  gedeckt  werden.
Daß  Herr  Witte  Etats  aufmachen  kann,  wird  ihm  niemand  bestreiten.
Er  ist  ein  kluger,  fleißiger  und  gewandter  Mann,  und  manches,  was
er  sicher  als  Privatmann  nicht  zu  tun  wagen  würde,  glaubt  er  als
warmherziger  Patriot  und  ergebener  Diener  seines  Kaisers  im  Interesse
des  Staates  tun  zu  müssen.  Freilich  muß  er  es  sich  auch  gefallen
lassen,  daß  man  im  Ausland,  wo  die  Presse  nicht  an  ministerielle
Weisungen  gebunden  ist,  die  Staatsbilanz,  die  er  aufstellt,  einer  peinlichen ­
  Prüfung  unterzieht.  Man  wird  übrigens  gut  tun,  mit  dieser
Prüfung  nicht  bis  zum  Erscheinen  des  Etats  zu  warten,  sondern  schon
die  Ausweise  der  russischen  Staatsbank  einer  kritischen  Betrachtung  zu
unterziehen,  die  nach  mancher  Richtung  hin  recht  lehrreiche  Resultate
ergibt.  Der  letzte  Ausweis  vom  29.  August  zeigt,  daß  der  Notenumlauf
^jch  seit  der  Vorwoche  von  1,04  auf  1,06  Milliarden  Rubel  erhöht  hat.
Inzwischen  ist  die  Notenemission  weiter  auf  rund  1,1  Milliarde  gestiegen. ­
  Mithin  ist  der  Notenumlauf  des  russischen  Staates  seit  dem
Ausbruch  des  Krieges  von  630  Millionen  auf  1100  Millionen  angewachsen. ­
  Im  letzten  Ausweis  wird  ein  ganz  erhebliches  Guthaben  des
russischen  Staates  bei  der  Reichsbank  ausgewiesen.  Andererseits  aber
sind  die  der  Bank  gehörigen  Fonds  von  54  auf  91  Millionen  gestiegen, ­
  d.  h.  aus  dem  Russischen  ins  Deutsche  übersetzt,  daß  der  Staat
wohl  seine  baren  Schulden  bei  der  russischen  Reichsbank  beglichen  hat,
        <pb n="120" />
        114

daß  er  dafür  die  Bank  aber  zwang,  seine  Anleihen  zu  übernehmen.  Ein
großer  Unterschied  ist  das,  wie  mir  scheint,  nicht.

*

*

*

Zweites  Nachwort.
(14.  Oktober  1905.)

Neue  Anleihe
in  Sicht  I

Der  korrigierte
Helfferich.

Es  kann  kaum  noch  einem  Zweifel  unterliegen,  daß  wir  vor  der
Ausgabe  einer  neuen  russischen  Anleihe  stehen.  Zu  der  Zeit,  wo  ich
diese  Zeilen  schreibe,  wird  zwar  noch  sehr  eifrig  dementiert.  Man  behauptet, ­
  durchaus  nicht  zu  wissen,  was  Herr  Witte  für  Absichten  und
die  Reise  des  Herrn  Fischel  nach  Petersburg  für  einen  Zweck  gehabt  habe.
Aber  es  hat  doch  sehr  den  Anschein,  als  ob  es  leider  trotz  aller  Bemühungen ­
  nicht  gelungen  ist,  unsere  hohe  Finanzwclt  davon  ^u  überzeugen, ­
  daß  es  zurzeit  weder  politisch  noch  finanziell  ratsam  ist,  ein
neues  russisches  Anlehen  in  Deutschland  unterzubringen.  Ob  unser  Publikum ­
  durch  die  finanzpolitischen  Diskussionen  der  letzten  Jahre  klug
geworden  ist,  um  vorläufig  die  Finger  von  russischen  Anleihen  zu
lassen,  wird  sich  erst  zu  zeigen  haben.  Ich  habe  nicht  viel  Hoffnungen,
da  das  zugkräftigste  Schlagwort  auf  seiten  der  Freunde  russischer  Anleihen ­
  steht:  „Rußland  ist  noch  niemandem  etwas  schuldig  geblieben."
Das  stimmt  zwar  nicht  ganz,  ist  aber  kurz  und  liest  sich  nett.  Das  ist
bei  jeder  Reklame  die  Hauptsache,  also  auch  bei  der  für  russische  Anleihen. ­
  Diese  zugkräftige  Reklame  kann  jetzt  auch  dadurch  sehr  wenig
abgeschwächt  werden,  daß  Herr  Professor  Helfferich,  dessen  bekannte
Darlegungen  in  der  Marinerundschau  ihre  festeste  Stütze  gebildet  haben,
jetzt  wesentlich  ruhiger  sowohl  über  die  Zukunft  der  russischen  wie  der
japanischen  Finanzen  denkt  und  diesem  Denken  nunmehr  in  demselben
Blatt,  wo  seine  Lobeshymnen  über  Rußland  und  seine  abfälligen  Kritiken
über  Japan  gestanden  haben,  Ausdruck  verleiht.  Hätte  Herr  Professor
Helfferich  das  gleiche  Maß  von  Skepsis  und  Kritik  bei  seiner  ersten
schriftlichen  Aeußerung  walten  lassen,  manche  Preßdebatte  wäre  vermieden, ­
  manche  Verführung  des  Publikums  —  die  Folgen  werden  sich
später  zeigen  —  wäre  verhindert  worden.  Herr  Helfferich  ist  geschickt
genug,  jetzt  nicht  das  Gegenteil  von  dem  zu  schreiben,  was  er  früher
schrieb.  Es  ist  auch  immerhin  anerkennenswert,  daß  er  von  seinen
Kritikern  gelernt  hat,  die  phantastischen  Zahlengebilde  des  russischen
Finanzministers  dürften  nicht  ohne  weiteres  als  bare  Münze  genommen
werden.  Und  ich  will  ihm  deshalb  auch  keinen  Vorwurf  daraus  machen,
daß  er  gerade  in  dem  Augenblick  in  seinem  Urteil  für  Rußland  vorsichtiger, ­
  für  Japan  zuversichtlicher  wird,  wo  er  vom  Deutschen  Reich,
das  am  russischen  Bündnis  interessiert  ist,  zur  Deutschen  Bank  übertritt,
die  an  Russen  gar  nicht,  dafür  aber  an  Japaner  Interesse  hat.  Es  gibt
Leute,  die  an  ihrer  Ueberzeugung  zugrunde  gehen,  und  Leute,  die
durch  ihre  Ueberzeugung  zu  den  höchsten  Gipfeln  der  Macht  empor-
        <pb n="121" />
        115

treiben.  Daraus  darf  man  den  Inhabern  solcher  bequemen  Ueberzeugung
keinen  Vorwurf  machen.  Es  ist  eben  so  eine  Art  geistiger  Mimikri.  Wenn,
wie  gesagt,  Herrn  Kelsferichs  Anschauungsänderung  jetzt  kaum  das  wieder
gut  machen  kann,  was  er  vorher  schlecht  machte,  so  befindet  sich  sein
Kollege  im  Reichsdienst,  Herr  Regierungsrat  Martin,  in  einer  günstigeren ­
  Lage.  Ich  habe  auf  diesen  Seiten  schon  nachgewiesen,  was  ich  an
diesem  Buch  für  schlecht  und  was  ich  für  anerkennenswert  und  für  die
Abwehr  neuer  deutsch-russischer  Anleihen  für  brauchbar  halte.  Ich  hatte
dabei  aber  keinen  Zweifel  darüber  gelassen,  daß  ich  im  großen  und
ganzen  seine  Arbeit  für  eher  gefährlich  hielt,  weil  er  ebenso,  wie  Helfferich
das  Material  pro,  das  Material  contra  russisches  Finanzgebaren  zusammengetragen ­
  und  gar  noch  mit  einer  recht  phantastischen  Verbrämung
versehen  hat.  Ich  muß  heute  zugeben,  mich  geirrt  zu  haben.  Es  hat
sich  wieder  gezeigt,  daß  die  „Verpackung",  wie  der  Berliner  zu  sagen
pflegt,  die  Hauptsache  ist.  Die  sensationelle  Aufmachung  des  Martinschen
  Buches  hat  es  in  Kreise  lanciert,  in  die  die  sachlich  gehaltenen  Anklagen ­
  gegen  Rußlands  Finanzen  nicht  zu  dringen  vermochten.  Das  allein
aber  scheint  mir  die  Gefahr  nicht  wett  zu  machen,  die  dadurch  heraufbeschworen ­
  wurde,  daß  die  Martinschen  Ausführungen  dem  russischen
Finanzministerium  und  seinen  Parteigängern  eine  glänzend  zu  bearbeitende ­
  Angriffsfläche  boten.  Tatsächlich  hat  denn  auch  die  rüssische
Regierung  offiziös  sofort  erklären  lassen,  was  sie  bisher  nie  tat,  daß
sie  die  Irrtümer  Martins  offiziell  widerlegen  werde.  Aber  siehe  da!
Bis  auf  den  heutigen  Tag  hat  noch  nicht  eine  Zeile  dieser  Widerlegung
die  Druckerpresse  verlassen,  und  es  ist  die  Möglichkeit,  daß  gerade  dem
schwächsten  Buche  gegen  die  russischen  Finanzen  der  Riesenerfolg  beschert ­
  wird,  vor  aller  Welt  die  Haltlosigkeit  der  russischen  Position
zu  decouvrieren.  Denn  wenn  der  russische  Finanzminister  gegen  ein  so
schwaches  Buch  wie  das  Martinsche  keine  Erwiderung  findet,  so  ist  das
eben  ein  Beweis,  daß  er  nicht  erwidern  kann,  ohne  sich  der  Gefahr
einer  öffentlichen  Blamage  auszusetzen.  Freilich  kann  ich  es  mir  immer
noch  nicht  denken,  daß  tatsächlich  der  russische  Finanzminister  die  angekündigte ­
  Entgegnung  ganz  unterlassen  sollte.  Und  da  erscheint  mir
die  Frage  wohl  berechtigt:  Wann  erscheint  diese  Entgegnung,  und  wird
sie  noch  so  rechtzeitig  das  Licht  der  Oeffentlichkeit  erblicken,  daß  ihre
Widerlegung  möglich  ist,  bevor  der  Emissionprospekt  über  die  neue
russische  Anleihe  in  die  Welt  hinausflattert?

Luvst  (Kükow  ake  LmanMopßei.
(9.  September  1905.)
In  der  Norddeutschen  Allgemeinen  Zeitung  vom  2.  September
hat  die  Regierung  erklären  lassen,  daß  Herr  Dr.  Rudolf  Martin,  Regierungsrat ­
  im  Kaiserlichen  Statistischen  Amt,  seine  Broschüre  „Die

Wo  bleibt  die
Antwort  auf
Martin?

Die  Abschüttelung
  Martins.
        <pb n="122" />
        116

Empfehlung
russischer  Anleihen. ­


Zukunft  Rußlands  und  Japans"  ohne  jedes  Vorwissen  seiner  vorgesetzten ­
  Behörde  und  der  Regierung  geschrieben  hat.  Zu  dieser  Richtigstellung ­
  war  der  Kanzler  des  Reiches  nicht  nur  berechtigt,  sondern  sogar
verpflichtet,  da  sehr  wohl  die  Annahme  auftauchen  konnte,  daß  direkt
oder  indirekt  die  Vertreter  der  verbündeten  Regierungen  das  Unternehmen ­
  unterstützt  hätten.  Diese  Erklärung  wäre  sogar  die  politische
Pflicht  des  Reichskanzlers  gewesen,  selbst  wenn  man  in  Anbetracht  der
kommenden  neuen  Anleihen  eine  Warnung  des  Publikums  sehr  ungern
gesehen  hätte.  Aber  leider  hat  der  Reichskanzler  ein  Uebriges  getan.
Der  Schlußsatz  der,  wenn  auch  von  ihm  nicht  verfaßten,  jedoch  sicher
von  ihm  gebilligten  Erklärung  der  Norddeutschen  Allgemeinen  Zeitung
lautet  nämlich:  „es  ist  selbstverständlich,  daß  die  Regierung  dem  Buche,
das  auf  Grund  haltloser  Voraussetzungen  zu  abenteuerlichen  Prophezeiungen ­
  über  das  Schicksal  Rußlands  in  den  nächsten  Jahrzehnten
kommt,  gänzlich  fernsteht."  Der  Reichskanzler  hat  damit  einen  Schritt
weiter  aus  dem  Wege  getan,  den  er  vorher  bereits  beschritten  hatte.
Obwohl  er  jüngst  im  Deutschen  Reichstag  ausdrücklich  die  Erklärung  abgegeben ­
  hat,  daß  die  Emission  russischer  Anleihen  Privatsache  der  beteiligten ­
  Banken  sei,  konnte  er  sich  doch  nicht  enthalten,  in  derselben
Rede  —  freilich  in  bedingter  Form  —  auf  die  ungeschwächte  finanzielle
Kraft  Rußlands  hinzuweisen.  Was  er  aber  damals  bedingt  tat,  tut  er
jetzt  unbedingt,  indem  er  die  Voraussetzungen  des  Martinschen  Buches
für  haltlos  erklärt.  Wenn  man  den  Satz  ganz  genau  seziert,  so  kann
man  allerdings  herauslesen,  daß  diejenigen  Voraussetzungen  Martins  für
haltlos  erklärt  werden  sollten,  auf  Grund  deren  er  zu  seinen  politischen
Schlußfolgerungen  kommt,  daß  hingegen  die  Voraussetzungen  seiner  wirtschaftlichen ­
  Kritik  nicht  beurteilt  werden.  Das  große  Publikum  aber
liest  Erklärungen  nicht  mit  der  Lupe  in  der  Hand.  Für  sie  bedeutet
die  Abschüttelung  des  Herrn  Regierungsrates  gleichzeitig  eine  Empfehlung
der  russischen  Finanzen  durch  den  Reichskanzler.  Und  damit  hat  der
Reichskanzler,  der  doch  im  Namen  der  verbündeten  Regierungen  zu
handeln  pflegt,  eine  Verantwortung  übernommen,  vor  deren  Wesenhaftigkeit ­
  er  erschaudern  müßte.  Diese  Verantwortung  wäre  selbst  dann
eine  sehr  große,  wenn  die  Aera  des  Friedens  für  Rußland  nach  den
augenblicklich  wißbaren  Umständen  eine  Aera  der  wirtschaftlichen  Reorganisation ­
  sein  könnte.  Ernsthafte  Kenner  des  Landes  bestreiten  das.
Aber  ist  der  deutsche  Reichskanzler  wirklich  in  der  Lage,  heute  voraussagen ­
  zu  können,  was  Pest  und  Revolution  im  russischen  Reiche  anzurichten ­
  vermögen?  Will  er  ernsthaft  auch  nur  für  die  nächsten  zehn
Jahre  die  Zahlungsfähigkeit  Rußlands  verbürgen?  Es  scheint  so.  Durch
die  Erklärung  in  der  Norddeutschen  Allgemeinen  Zeitung  ist  erwiesen,
was  man  allerdings  schon  lange  nicht  mehr  bezweifelt  hat,  daß  die
Reichsregierung  zwar  die  Voraussetzungen  Martins  für  verfehlt  hält  und
ihnen  fernsteht,  daß  sie  aber  anscheinend  diejenigen  Ausführungen  billigt,
die  vor  kurzer  Zeit  in  seichtester  und  oberflächlichster  Weise  der  Legationsrat ­
  Herr  Professor  Helsferich  gemacht  hat.  Der  Vertreter  der  deutschen
Reichsregierung  rät  den  Besitzern  russischer  Werte,  sich  nicht  aus  ihrer
Ruhe  aufschrecken  zu  lassen.  Will  der  Herr  Reichskanzler  sich  die  Regreß-
        <pb n="123" />
        117

Ansprüche  gefallen  lassen,  wenn  die  Besitzer  dereinst  zu  billigen  Kursen
ihre  Papiere  hergeben  müssen?  Der  Herr  Reichskanzler  tröstet  sich  über
solche  Bedenken  leicht  mit  dem  Gedanken  daran,  daß  Bismarck  einst,  als
er  die  russischen  Werte  aus  Deutschland  hinaustrieb,  auch  ihren  Besitzern
Schaden  zufügte.  Allein  damals  ging  die  Staatsraison  über  solche  Bedenken. ­
  Denn  Bismarck  hatte  begründete  Befürchtung,  daß  das  Geld
der  deutschen  Kapitalisten  zu  russischen  Kriegsrüstungen  gegen  Deutschland ­
  verwandt  werden  könne.  Aber  welche  Staatsraison  gebietet  es
eigentlich,  heute  den  deutschen  Kapitalisten  zum  Kauf  und  zum  Behalten
russischer  Wertpapiere  zu  raten?  Diese  Rolle  eines  finanziellen  Beraters ­
  der  Privatkapitalisten  hätte  Bismarck  sicher  nicht  mit  seiner
Stellung  für  vereinbar  gehalten,  zumal  in  einer  Zeit,  wo  für  Deutschlands ­
  eigene  Anleihen  kaum  noch  Käufer  zu  finden  sind.
*  *
*
(2.  Dezember  1905.)
Noch  immer  versucht  man  die  Stimmungmache  für  Rußland,  obwohl
mit  jedem  Tage  deutlicher  die  Zeichen  des  vollkommenen  staatlichen  Verfalles
und  der  finanziellen  Zerrüttung  in  die  Erscheinung  treten.  Aber  während
die  Finanzkünstler  emsig  an  der  Arbeit  sind,  das  internationale  Kapitalistenpublikum
  zu  beruhigen,  machen  ihnen  die  Politiker  einen  bösen  Strich  durch
ihre  Rechnung.  In  der  Behandlung  der  russischen  Frage  hat  seit  dem
Ausbruch  der  Unruhen  im  Lande  des  Zaren  immer  ein  gewisser  Gegensatz
zwischen  den  Volkswirtschaftlern  und  den  Politikern  geherrscht.  Am  eklatantesten
kam  das  in  den  Börsenblättern  zum  Ausdruck,  wo  die  politischen  Redakteure
die  Revolution  prophezeiten,  während  die  Redakteure  im  volkswirtschaftlichen
Teil  eine  schnelle  Beruhigung  des  Landes  garantieren  zu  können  glaubten.
Jetzt  geht  die  Opposition  gegen  die  volkswirtschaftliche  Ehrenrettung  Rußlands
von  den  Redakteuren  der  inneren  Politik  aus.  In  mehreren  Blättern,  am
deutlichsten  aber  in  den  Berliner  Neuesten  Nachrichten,  wurde  während  der
letzten  Tage  der  Reichskanzler  aufs  eifrigste  gegen  den  Vorwurf  verteidigt,
daß  er  durch  sein  Auftreten  im  Reichstag  und  gegen  das  Buch  des  Regierungsrats ­
  Martin  etwa  das  deutsche  Publikum  über  den  Stand  der  russischen
Finanzen  habe  beruhigen  wollen.  Es  sei  lediglich  seine  politische  Pflicht
gewesen,  so  meinen  seine  Verteidiger,  da  wir  mit  Rußland  in  politischer
Freundschaft  leben,  die  Begebung  von  Anleihen  des  russischen  Reiches  nicht
zu  erschweren.  Aber  davon  sei  ganz  und  gar  das  kritische  Urteil  über  die
Bonität  der  russischen  Finanzen  zu  trennen.  In  dieser  Hinsicht  muß  das
deutsche  Publikum  sich  selbst  vorsehen.  Diese  Verteidigung  umgeht  den  Kern
der  gegen  den  Kanzler  des  Deutschen  Reiches  erhobenen  Vorwürfe.  Fürst
Bülow  mag  angesichts  der  politischen  Freundschaft  zwischen  Deutschland  und
seinem  östlichen  Nachbar  Wohl  die  Verpflichtung  in  sich  gefühlt  haben,  deutlich
zu  erklären,  daß  der  Zusatz  „Kaiserlicher  Regierungsrat"  auf  dem  Titel  des
,  Martinschen  Buches  nicht  etwa  diese  Schrift  als  offiziös  oder  gar  als  offiziell
inspiriert  erscheinen  lassen  dürfe.  Hätte  er  eine  solche  Erklärung  in  der

Bismarck  und
Bülow.

Politische  und
volkswirtschaftliche ­

Redakteure.

Der  Reichskanzler ­
  läßt
sich  verteidigen. ­
        <pb n="124" />
        118

Ein
Gesinnungswechsel ­
  der
Regierung?

Der  Rückzug
der  Presse.

Norddeutschen  Allgemeinen  Zeitung  erlassen,  so  wäre  ihm  daraus  nicht  degeringste
  Vorwurf  zu  machen  gewesen.  Aber  Fürst  Bülow  hat  viel  mehr
getan.  Er  hat  von  gänzlich  haltlosen  Grundlagen  gesprochen,  auf  denen  das
Martinsche  Buch  beruhe.  Er  hat  damit  über  den  Inhalt  jener  Schrift  ein
Urteil  gefällt  und  mußte  sich  ganz  klar  darüber  sein,  daß  diese  offiziöse
Erklärung  genau  so,  wie  seine  früheren  Reden  im  Reichstag,  bei  den  Besitzern
russischer  Finanzen  den  Eindruck  erwecken  mußte,  man  sehe  an  den  leitenden
Stellen  der  deutschen  Reichspolitik  die  Lage  der  russischen  Finanzen  für
durchaus  sicher  an.  Dieser  Vorwurf  ist  vom  Fürsten  Bülow  nicht  wegzuwaschen.
  Sonderbarerweise  hat  er  bisher  auch  gar  nicht  das  Bedürfnis
gezeigt,  sich  von  diesem  Vorwurf  zu  reinigen.  Weshalb  nun  —  so  fragt
man  doch  unwillkürlich  —  tritt  jetzt  plötzlich  das  Bestreben  auf,  die  Bevölkerung
darauf  hinzuweisen,  daß  der  deutsche  Reichskanzler  kein  Finanzprophet  ist.
Vielleicht  ist  des  Rätsels  Lösung  darin  zu  suchen,  daß  der  Reichstag  zusammengetreten ­
  ist  und  Fürst  Bülow  fürchtet,  man  könnte  doch  wohl  in  den  Kreisen
der  Abgeordneten  angesichts  der  gewichenen  Russenkurse  das  Bedürfnis
empfinden,  ihn  an  den  Mangel  prophetischer  Gabe  zu  erinnern.  Allein  auch
das  erklärt  die  Reinwaschtätigkeit  der  Offiziösen  nicht  vollständig.  Man  wird
vielmehr  zu  dem  Schluß  gezwungen,  daß  auch  in  unsere  leitenden  politischen
Kreise  allniählich  die  Erkenntnis  sich  Bahn  bricht,  daß  die  finanzielle  Position
Rußlands  recht  prekär  ist,  und  daß  man  nun  allzu  gern  die  Verantwortlichkeit,
das  deutsche  Publikum  noch  zum  Bezug  der  letzten  Russenanleihe  animiert
zu  haben,  vom  Reichskanzler  ablenken  möchte.  Das  tut  man  nun  allerdings
mit  dem  Hinweis  darauf,  daß  seinerzeit  die  russisch-deutsche  Freundschaft
gebot,  für  Rußland  einzutreten,  auf  eine  möglichst  ungeschickte  Weise.  Sind
wir  denn  heute  nicht  mehr  mit  Rußland  politisch  befreundet,  daß  unsere
Offiziösen  jetzt  durch  die  Art  ihrer  Verteidigung  das  Publikum  mißtrauisch
gegen  die  nächste  russische  Anleihe  machen  dürfen?  Oder  soll  etwa  der
offiziöse  Eiertanz  von  vornherein  für  neue  Lobeshymnen  des  Reichskanzlers
auf  die  russischen  Finanzen  Pardon  erbitten?  Bei  der  Beratung  des  Reichskanzler-Etats ­
  werden  wir  ja  sehend)
*  *
*
(9.  Dezember  1905.)
Ich  habe  bereits  darauf  aufmerksam  gemacht,  daß  der  Reichskanzler
sein  Gemüt  zu  saldieren  versucht,  weil  er  noch  vor  kurzer  Zeit  dem  deutschen
Publikum  Russenwerte  empfahl.  Wer  vor  acht  Tagen  noch  geglaubt  hat,  daß
dieser  Versuch  des  Rückzugs  nur  in  meiner  Phantasie  bestand,  hat  sich  in  der
abgelaufenen  Woche  davon  überzeugen  können,  daß  es  sich  tatsächlich  um
einen  wohlausgeklügelten  Plan  handelt,  der  von  der  Verzweiflung  des
Moments  eingegeben  war.  Nicht  nur  dem  Reichskanzler,  nicht  nur  seinen
offiziösen  Pressetrabanten,  nein,  der  ganze  Chorus  derjenigen  Presse,  die

i)  Bekanntlich  wurde  der  Reichskanzler,  bevor  er  sich  über  die  russische  Anleihe  erklären
konnte,  im  Reichstag  plötzlich  unwohl.  Vergleiche  den  Artikel  „Das  Rätsel  von  Algeciras"  in
dieser  Sammlung.
        <pb n="125" />
        IIS

bisher  um  das  Russeutum  und  seine  Berliner  Bankfirma  scharwenzelten,
beginnt  allmählich  dasselbe  Grundthema,  wenn  auch  mit  mancherlei  Variationen,
zu  Pfeifen.  Die  Methode  ist  überall  die  gleiche:  Auf  der  einen  Seite  darf
man  nichts  Schlechtes  über  die  Russen  schreiben.  Denn  wenn  wieder  gute
Zeiten  kommen,  will  man  die  Protektion  und  die  Prospekte  der  Firma
Mendelssohn  nicht  entbehren.  Andererseits  erscheint,  seitdem  selbst  die  Spießbürger ­
  von  Amsterdam  und  Paris  verkaufen,  die  Situation  so  brenzlig,  daß
man  doch  natürlich  auch  etwas  wenigstens  nach  der  anderen  Seite  Vorsorgen
muß.  Statt  sich  nun  reuig  an  die  Brust  zu  schlagen  und  beschämt  den
Lesern  einzugestehen,  daß  man  in  der  Beurteilung  der  russischen  Verhältnisse
etwas  zu  optimistisch  gewesen  ist,  was  ja  an  sich  gar  keine  Schande  wäre,
sucht  man  jetzt  die  Rückgänge  der  russischen  Werte  und  alle  eventuellen
Konsequenzen  als  Teufelswerk  hinzustellen.  Am  schamlosesten  macht  das  die
Nationalzeitung  (3.  Dezember).  Sie  sucht  alle  möglichen  Gründe  hervor
und  meint,  daß  ein  großer  Teil  der  augenblicklichen  Verkäufe  auf  dem
Russenmarkt  als  Gegenoperationen  zu  den  Uebertreibungen  und  Auswüchsen
auf  dem  Kassaindustriemarkt  zu  betrachten  seien.  Dann  schwindelt  sie  der
Welt  wieder  das  schon  tausendmal  wiederlegte  Märchen  von  den  russischen
Goldbeständen  im  Ausland  vor  und  erhebt  drohend  den  Finger:  „Geht
Rußland  pleite,  so  sind  die  gemeinen  Menschen  schuld  daran,  die  fortgesetzt
das  Publikum  warnen."  Wird  denn  jetzt  die  Nationalzeitung  schon  dafür
bezahlt,  daß  sie  dem  russischen  Finanzminister  die  Motivierung  des  Bankerotts
vorarbeitet?  Auch  die  Vossische  Zeitung,  die  alle  Widerlegungen  ihrer
von  interessierter  Seite  eingeschmuggelten  Russenartikel  ihren  Lesern  unterschlägt, ­
  hält  es  für  nötig,  im  sechsten  Artikel  (29.  November)  sich  ebenfalls
zu  salvieren  und  behauptet,  sie  habe  durch  ihre  rosafarbenen  Artikel  keineswegs
dem  Publikum  das  selbständige  Denken  ersparen,  sondern  lediglich  die
Möglichkeit  bieten  wollen,  sich  über  die  wichtigsten  Punkte  der  russischen
Finanzwirtschaft  zu  informieren.  Wie  gering  die  Möglichkeit  war,  ein  wirkliches ­
  Bild  von  der  russischen  Finanzlage  aus  den  Artikeln  der  Vossischen
Zeitung  zu  gewinnen,  habe  ich  jüngst  ausführlich  nachgewiesen.  Diese
Winkelzüge  nützen  denn  auch  der  Vossischen  Zeitung  gar  nichts.  Sie  hat  in
ganz  unverantwortlicher  Weise,  nachdem  sie  früher  durch  Veröffentlichung
fachmännischer  Kritiken,  —  ich  denke  besonders  an  das  Urteil  Migulins  über
die  Staatsbank  —  ihre  Leser  sachlich  und  unparteiisch  informierte,  gerade
in  kritischer  Zeit  die  Aufgabe  nicht  erfüllt,  die  ein  unabhängiges  Organ  zu
erfüllen  hat.  Und  die  Vossin  steht  daher  auch  heute  —  obgleich  Herr  Rouvier
aus  derselben  Lügenquelle,  wie  sie,  gespeist  ist,  —  in  der  ersten  Reihe  der
blamierten  mitteleuropäischen  Preßorgane.

Die  (Vossische  Leitung.
(25.  November  1905.)
Man  darf  sich  nicht  wundern,  daß  von  seiten  der  russischen  Finanzverwaltung ­
  und  ihrer  Berliner  Vertretung  gerade  jetzt  alles  aufgeboten  wird,
um  die  schlechte  Meinung  zu  bekämpfen,  die  sich  allmählich  auch  der  weitesten

Die  Nationalzeitung. ­


Die  Vossische
Zeitung.
        <pb n="126" />
        120

Deroute  der
Ruffenwerte.

Bezahlte
Ehrenrettung.

Die  Lüge
vom  ordentlichen ­
  Budget.

Kreise  hinsichtlich  der  russischen  Anleihen  bemächtigt.  Die  scharfe  Deroute
der  Russenwerte  der  vorigen  Woche  hat  bewiesen,  daß  ohne  die  üblichen.
Jnterventionskänfe  die  Kurse  nicht  zu  halten  sind.  Dieser  schlechte  Eindruck
muß  jetzt  mit  allen  Mitteln  verwischt  werden.  Es  ist  natürlich  das  gute
Recht  der  russischen  Interessen,  dem  Urteil  Pessimistischer  Kritiker  die
Argumente  entgegenzustellen,  die  ihrer  Ansicht  nach  für  die  Bonität  der
russichen  Anleihen  sprechen.  Eine  solche  Abwehr  gegen  die  ruffenfeindkiche
Kritik  ist  in  den  letzten  Tagen  in  Gestalt  einer  Artikelserie  in  der  Vossischen
Zeitung  erschienen.  Man  hat  sich  dieses  Blatt  für  jene  Publikation  ausgesucht, ­
  weil  es  seine  Leser  in  den  reichen  Berliner  Kreisen  hat  und  außerdem ­
  gerade  in  finanzpolitischer  Hinsicht  durch  ein  ruhiges  Urteil  bisher  auszeichnete. ­
  Ich  weiß  nicht,  ob  der  Vossischen  Zeitung  daran  lag,  diese  günstige
Meinung  über  ihre  Besonnenheit  zu  zerstören,  oder  ob  sie  wirklich  die  Dummheit ­
  der  Welt  ungestraft  ausschlachten  zu  können  meinte.  Jedenfalls,  stellen
die  Russenartikel  des  Blattes  das  Tollste  dar,  was  bisher  an  lügenhaften
Entstellungen  der  russischen  Finanzverhältniffe  geleistet  worden  ist.  Bei  einiger
Aufmerksamkeit  hätte  es  der  Redaktion  des  Blattes  nicht  entgehen  dürfen,
daß  entweder  ein  vollkommen  kenntnisloser  oder  ein  bezahlter  Skribent  ihr
diese  blamablen  Aufsätze  angehängt  haben  kann.
Das  Ansehen,  das  die  Vossische  Zeitung  genießt,  könnte  schone  allein
genügen,  um  mich  zu  einer  näheren  Beleuchtung  des  Inhalts  jener  Finanzrettung ­
  zu  veranlassen.  Aber  sie  scheint  mir  auch  schon  deshalb  geboten,  weil
der  famose  Verfasser  von  Schriftstellern  spricht,  die  geflissentlich  Beunruhigung,
ins  deutsche  Publikum  hineintragen,  es  aber  durchaus  unterlassen  haben,  für
ihre  Angaben  wirkliche,  auf  realer  Grundlage  beruhende  Tatsachen  anzuführen. ­
  Ich  habe  —  in  meiner  Broschüre  „Armes  reiches  Rußland"  —-ganz
  ausführlich  dargelegt,  aus  welchen  sachlichen  Gründen  mein  pessimistisches-Urteil
  über  die  Zukunft  Rußlands  in  finanzieller  Beziehung  resultiert.  Auf
diese  Ausführungen  sind  von  amtlicher  Seite  ebensowenig  irgendwelche  Erwiderungen ­
  erfolgt,  wie  auf  all  das,  was  über  dasselbe  Thema  seit  Jahren
geschrieben  worden  ist.  Nicht  einmal  auf  die  teilweise  sehr  schwach  gestützten
Ausführungen  Martins  hat  man  sich  zu  einer  Entgegnung,  herbeigelassen.
Der  Grund  war  einfach;  Man  konnte  nichts  erwidern.  Jetzt  kommt  nun
irgendein  Beauftragter  des  Hauses  Mendelssohn,  oder  irgendeines  andernr
Interessenten,  der  sich  wohlweislich  hütet,  mit  seinem  Namen  hervorzutreten,
der  vielleicht  inr  eigenen  Blatt  sich  nicht  einmal  seine  Ergüsse  abzudrucken
getraute,  und  wagt  es,  Schriftsteller,  die  das,  was  sie  schrieben,  mit  ihrem
Namen  und  ihrer  Reputation  deckten,  der  Gewissenlosigkeit  zu  zeihen.  Und
derselbe  Mann,  der  den  Borwurf  erhebt,  daß  ein  grausames  Spiel  mit  dev
Unwissenheit  des  Publikums  getrieben  worden  sei,  spekuliert  in  allein,  was
er  sagt,  auf  die  allergröbste  Unwissenheit.  Er  bringt  kein  einziges  neues
Argument  bei,  sondern  zieht  wieder  alle  alten  Ladenhüter  hervor,  deren
Zerschlissenheit  bereits  seit  mindestens  sechs  Jahren  aller  Welt  offenbar  ist.
Zunächst  debütiert  er  selbstverständlich  mit  der  Behauptung,  daß  das
ordentliche  Budget  Rußlands  pro  1905  Einnahmen  von  rund  2  Milliarden
Rubel  ausweise,  und  daß  diese  Einnahmen  zum  großen  Teil  wie  in  Preußen
auf  dem  Erträgnis  von  Staatsbetrieben,  z.  B.  von  Eisenbahnen  beruhen.
Diesen  Einkünften  gegenüber  betrage  das  Bedürfnis  an  Zinsen  und  Rück-
        <pb n="127" />
        121

Zahlungsverpflichtungen  303  Millionen  Rubel,  also  etwa  15%  der  Gesamteinnahmen. ­
  Nun  wird  selbstverständlich  darauf  hingewiesen,  daß  sogar  in
England  diese  Verpflichtungen  20%  der  Einnahmen  ausmachen  und  in  Frankreich
natürlich  noch  mehr.  Dabei  wird  aus  Unkenntnis  oder  Böswilligkeit  verschwiegen,
daß  im  Gegensatz  zum  Preußischen  Etat  der  russische  ein  sogenannter  Brutto-Etat
ist,  d.  h.  daß  er  unter  den  Einnahmen  nur  die  Roheinnahmen  der  Staatsbetriebe ­
  aufführt,  während  unter  den  Ausgaben  sämtliche  Kosten  figurieren.
Will  man  also  das  prozentuale  Verhältnis  der  Zinsverpflichtungen  zu  den
Einnahmen  feststellen,  so  muß  man  natürlich  die  Kosten  dieser  Einnahmen
vorher  in  Abzug  bringen.  Dabei  sind  aber  dann  nicht  nur  410  Millionen
Betriebskosten  der  Eisenbahn  und  Kosten  für  ihre  Instandhaltung  zu  rechnen,
sondern  u.  a.  auch  über  170  Millionen  Rubel  Ausgaben  für  den  fiskalischen
Branntweinverkauf,  dessen  Brutto-Ertrag  natürlich  auch  unter  den  Einnahmen
aufgeführt  ist.  In  meiner  Broschüre  habe  ich  ((Seite  19)  für  das  Etatsjahr ­
  1904,  wo  das  Einnahmebudget  ebenfalls  2  Milliarden  betrug,  berechnet,
daß  man  rund  705  Millionen  Rubel  kürzen  müsse,  um  die  wirklichen  Erträgnisse ­
  des  Budgets  zu  erhalten.  Dann  beträgt  das  Zinserfordernis  aber
nicht  mehr  15  °/ 0 ,  sondern  23  %  der  ordentlichen  Budgeteinnahmen.  Das  ist
also  bedeutend  höher,  als  die  englischen  Prozentzahlen,  wobei  man  natürlich
immer  berücksichtigen  muß,  daß  die  englisch-französischen  und  die  russischen
Finanzverhältniffe  gar  nicht  in  einem  Atem  genannt  werden  dürfen.
Diesem  plumpen  Schwindel  schließt  sich  ein  zweiter  würdig  an.  Es
wird  von  dem  Sachverständigen  der  Bossischen  Zeitung  darauf  hingewiesen,
daß  die  Ueberschüsse  des  ordentlichen  Budgets  in  den  letzten  zehn  Fahren
zwischen  80  und  150  Millionen  Rubel  betragen  haben.  Diese  freien  Summen
werden  angeblich  zeitweilig  dem  Barbestand  des  Tresors  zugeschlagen,  und
namentlich  aus  ihnen  wurden  die  staatlichen  Eisenbahnbauten  sowie  die
Kosten  der  Valutaregulierung  bestritten.  Diese  Legende  ist  verschiedentlich  aufgetaucht. ­
  Unter  anderem  vor  etwa  Jahresfrist  in  einer  Zuschrift  an  die
Frankfurter  Zeitung.  Diese  hat  damals  bereits  darauf  erwidert  und  die
Legende  grausam  zerstört.  Es  widert  einem  förmlich  an,  noch  einmal  das
widerlegen  zu  müssen,  was  eigentlich  kein  Mensch  mehr  behaupten  sollte,
ohne  der  allgemeinen  Lächerlichkeit  zu  verfallen.  Zunächst  muß  betont
werden,  daß  das  ordentliche  russische  Budget  nur  nominell  einen  Ueberschuß
erzielt,  weil  wichtige  Ausgabe-Posten,  die  eigentlich  ins  Ordinarium  gehören,
ini  Extraordinaium  Unterkunft  finden.  Diese  —  in  einer  Reihe  von  Jahren
wenigstens  nominellen  Ueberschüsse  werden  tatsächlich  dem  sogenannten  freien
Barbestand  der  Reichsämter  zugeschrieben.  Aber  in  diesen  freien  Barbestand
kommen  auch  die  Erlöse  der  Anleihen.  Und  aus  der  so  entstandenen  Summe
sind  die  Eisenbahn-Ausgaben  bestritten  worden.  Der  Sachverständige  der
Bossischen  Zeitung  verschweigt  nämlich  wohlweislich,  das  Rußland  ein  ständiges
großes  Defizit  im  außerordentlichen  Budget  hat.  Denn  der  ganz  überwiegende ­
  Teil  der  Einnahmen  der  außerordentlichen  Budgets  besteht  aus  dem
Anleihe-Erlös.  Wirft  .inan  das  ordentliche  und  das  außerordentliche  Budget
des  russischen  Reiches  zusammen,  so  ergibt  sich  als  Resultat,  daß  in  den  fünf
Jahren  von  1898  bis  1902  jährlich  165,89;  94,15;  121,48;  34,01  und
236,9  Millionen  Rubel  Anleihen  zur  Deckung  des  Gesamtdefizits  notwendig
waren.  Wie  da  noch  behauptet  werden  kann  —  der  Gewährsmann  der

Die  Lüge  von
den  Ueberschüffen.
        <pb n="128" />
        122

Die  Lüge  vom
Voranschlag.

Die  Lüge  von
der  Bauernbelastung. ­


Vosfischen  Zeitung  hat  die  Stirn  dazu  —  die  Vermehrung  der  russischen  Anleiheschuld ­
  seit  1889  sei  nur  auf  die  Ausgabe  höherer  Nominalbeträge  infolge ­
  der  Konvertierungen  zurückzuführen,  erscheint  nicht  recht  begreiflich.
Nun  die  dritte  grobe  Irreführung,  die  teilweise  bereits  vom  Berliner
Tageblatt  gekennzeichnet  worden  ist:  Da  der  Artikelschreiber  der  Vosfischen
Zeitung  anscheinend  aus  einer  Quelle  schöpft,  die  gewöhnlichen  Sterblichen
nicht  zugängig  ist,  so  weiß  er  bereits,  daß  bis  zum  September  dieses  Jahres
trotz  des  Krieges  und  der  inneren  Unruhen  die  Einnahmen  über  den
Voranschlag  für  1905  einen  Ueberschuß  vou  80  Millionen  Rubel  ergeben
haben.  Gesetzt  der  Fall,  diese  Darstellung  ist  richtig,  so  arbeitet  der  Herr
Sachverständige  mit  diesem  Ueberschuß  aus  eine  ganz  unzulässige  Weise,  indem
er  nämlich  darauf  hinweist,  daß  selbst,  wenn  vom  September  ab  keine  weitere
Steigerung  des  Ueberschusses  erfolge,  diese  80  Millionen  bereits  genügten,
um  2  Milliarden  4%ige  Anleihen  zu  verzinsen.  Da  Rußland  im  ganzen
7,6  Milliarden  verzinsliche  Staatsschulden  hat,  so  würden  80  Millionen  auch
nicht  viel  für  den  Zinsendienst  besagen.  Aber  vor  allem  kommt  diese  Ziffer
von  80  Millionen  für  den  Zinsendienst  gar  nicht  in  Betracht,  denn  sie  stellt
sa  nicht  etwa  den  Ueberschuß  der  Einnahmen  über  die  Ausgaben  dar,  sondern
lediglich  das  Mehrerträgnis  der  Einnahmen  des  ordentlichen  Budgets  gegen
die  Einnahmen  des  Vorjahres.  Solange  man  nicht  weiß,  ob  nicht  —  was
sicher  ist  —  auch  die  Ausgaben  für  diesen  Zeitraum  ganz  erheblich  gewachsen
find,  wäre  es  eine  Frivolität  sondergleichen,  daraus  irgendwelche  Schlüffe  zu
ziehen.  Das  Berliner  Tageblatt  weist  sehr  richtig  darauf  hin,  daß  für  1904
das  ordentliche  Budget  allerdings  111  Millionen  Mark  Ueberschuß  erbracht
hat,  daß  aber  das  Gesamtbudget  trotz  der  Einrechnung  der  Anleiheerlöse
einen  Fehlbetrag  von  334  Millionen  Rubel  auswies.  Dieses  Defizit  verringerte ­
  sich  durch  Restkredite  früherer  Finanzperioden  auf  317  Millionen  Rubel.
Einer  vierten,  allerdings  sehr  plumpen  Fälschung  macht  sich  der
Verfasser  dieser  Artikelserie  in  der  Vossin  in  bezug  auf  die  Steuerbelastung
der  Bauern  in  Rußland  schuldig.  Er  berechnet,  daß  von  den  2  Milliarden
Rubel  Budgeteinnahmen  aus  Grundsteuern  nur  122  Millionen,  aus  Ablösungszahlungen ­
  nur  6%  Millionen  Rubel  stammen  und  meint,  diese  128  '^Millionen
Rubel  konnten  angesichts  einer  Bevölkerung  von  135  Millionen  Menschen
nicht  gerade  exorbitant  genannt  werden.  Schon  dieser  Vergleich  ist  eine
horrible  Naivität.  Denn  der  Verfasser  müßte  wissen,  daß  in  Rußland  auch
nicht  annähernd  135  Millionen  Menschen  Steuern  zahlen,  daß  also  schon  die
von  ihm  berechnete  Belastung  gar  nicht  so  harmlos  ist.  Wäre  sie  wirklich  so
harmlos,  woher  kommen  dann  die  etwa  123%  bäuerlichen  Steuerrückstände
in  Rußland?  Aber  auch  die  Belastungsziffer  ist  falsch.  Der  Bauer  zahlt
an  den  Staat  erhebliche  Abgaben  auf  dem  Umwege  des  Branntweinmonopols
und  der  verschiedenen  Akzisen,  z.  B.  auf  Zucker.  Vor  allem  hat  der  ständige
Rückgang  der  russischen  Getreidepreise  den  Bauer  derartig  geschädigt,  daß  er,
in  Aequivalente  Roggen  und  Weizen  umgerechnet,  für  Baumwolle  zweieinhalbmal
  mehr  zu  zahlen  hat,  als  der  deutsche  Bauer,  für  Soda  dreimal  mehr,
für  Steinkohle  sechsmal  mehr,  für  Zucker  zweieinhalbnial  mehr  und  für  Tee
zehnmal  mehr.  Das  erhellt  ohne  weiteres  blitzartig  die  wirtschaftliche  Situation
des  russischen  Bauern.
        <pb n="129" />
        123

Zum  Schluß  scheint  es  mir  notwendig,  noch  eins  der  Mittelchen  auf-  Die  Lüge  vom
zudecken,  mit  denen  für  die  Glorie  der  russischen  Finanzen  gearbeitet  wird.  Gold-Schon
  der  Artikelschreiber  der  Vossischen  Zeitung  fabelt  von  einem  enormen  guthaben,
russtschen  Goldguthaben  im  Ausland.  Seine  Fabel  wurde  unterstützt  durch
die  mehr  als  auffallende  Meldung  des  Petersburger  Korresspondenten  der
Frankfurter  Zeitung,  das  Rußland  ein  Guthaben  von  über  eine  Milliarde
Francs,  d.  h.  also  von  etwa  400  Millionen  Rubel  im  Auslande  habe.  Die
Vossische  Zeitung  greift  diese  Meldung  triumphierend  auf,  verrät  aber  in
ihrer  Freude  leichtsinnigerweise,  daß  diese  400  Millionen  Rubel  sich  aus
125  Millionen  Rubel  wirklichen  Staatsguthaben  und  aus  275  Millionen
Rubel  Guthaben  der  russischen  Reichsbank  zusammensetzt.  Dadurch  wird  der
ganze  Humbug  entschleiert.  Denn  während  der  Eindruck  erweckt  werden  soll,
daß(es  sich  um  ein  zur  Disposition  stehendes  Guthaben  handelt,  ist  es
doch  ganz  klar,  daß  die  275  Millionen  der  russischen  Staatsbank  kein  freies
Guthaben  darstellen,  sondern  vielmehr  einen  integrierenden  Bestandteil  des
-Gesamt-Goldschatzes  der  Reichsbank  ausmachen,  der  zur  Deckung  der  umlaufenden ­
  Noten  dient.
Ich  denke,  es  ist  genug  des  grausamen  Spiels.  Man  kann  diese  Propheten ­
  der  Lüge  sich  selbst  überlaffen.  Aber  wie  schlecht  muß  es  um  eine
Sache  bestellt  sein,  die  nur  noch  solche  Ritter  der  Geistlosigkeit  zu  Landesbeschützern ­
  zu  werben  vermag?

*

*

*

Nachwort.
(14.  April  1906.)

Die  deutsche  Regierung  hat  es  also  endlich  aufgegeben,  den  Russenkurs ­
  zu  stützen,  sie  hat  das  deutsche  Publikum  —  wenn  auch  sehr  spät
—  gewarnt,  und  gemäßigte,  den  Regierungskreisen  nicht  fern  stehende
Blätter,  wie  die  Magdeburgische  Zeitung,  raten  den  Kapitalisten,  ihren
Russenbesitz  über  die  französische  Grenze  abzuschieben.  Das  ist  natürlich ­
  dem  Russenkonsortium  und  dem  Hause  Mendelssohn  höchst  unbequem,
und  diese  Interessenten  sammeln  einen  Teil  der  Berliner  Presse  um
sich,  der  ihren  Einflüsterungen  gläubig  Gehör  schenkt.  Aber  nicht  nur,
daß  diese  Blätter  unausgesetzt  an  dem  trüben  Bilde,  das  die  russische
Finanzlage  bietet,  herumretouchieren,  sogar  über  ihren  Inseratenteil
ist  eine  scharfe  Zensur  verhängt,  damit  auch  nicht  von  fremder  Hand
etwa  die  Aufklärung  in  die  Reihen  ihrer  Leser  getragen  werden  könnte.
Meine  Leser  wissen,  daß  im  letzten  Heft  des  Plutus  eine  Artikelserie ­
  über  den  russischen  Staatsbankerott  zu  erscheinen  begonnen  hat.Z
Diese  Aussätze  enthalten  eine  Reihe  neuer  Gesichtspunkte  für  die  Beurteilung ­
  der  Situation,  und  ich  hatte  deshalb  den  Wunsch,  von  ihrem
Erscheinen  auch  denjenigen  Interessenten,  die  nicht  zu  den  ständigen

Die  Deutsche
Regierung  verläßt ­
  das
sinkende
Russenschiff.

Zurückweisung
von  Annoncen.

9  Tr  sind  das  die  erste»  drei  Aussätze  dieser  Sammlung.
        <pb n="130" />
        124

Der  Börsen-Souriet.


Die  Anstandstante
  Voß.

Die  Kampfesweise ­
  der
Vosfin.

Lesern  des  Plutus  gehören,  möglichst  schnell  Kenntnis  zu  geben.  Durch
die  Annoncenexpedition  der  Aktiengesellschaft  Haasenstein  &amp;amp;  Vogler  sandte
der  Plutus-Verlag  verschiedenen  großen  Tageszeitungen  entsprechende
Annoncen.  Vom  „Berliner  Börsen-Conrier"  und  der  „Vossischen  Zeitung"
wurde  diesen  Ankündigungen  die  Aufnahme  verweigert.  Ganz  ohne
Zweifel  einzig  und  allein  deshalb,  weil  sie  die  Ueberschrift  „Der  russische
Staatsbankerott"  trugen.  Denn  die  Zahlungsfähigkeit  der  Gesellschaft
Haasenstein  &amp;amp;  Vogler  ist  doch  wohl  über  jeden  Zweifel  erhaben,  und
daß  etwa  meine  polemischen  Auseinandersetzungen  mit  Herrn  Salomon
oder  Herrn  Lessing  den  Grund  für  die  Ablehnung  gegeben  haben
könnten,  ist  schon  deshalb  ausgeschlossen,  weil  beide  Blätter  noch  vor
nicht  allzu  langer  Zeit  Annoncen  des  Plutus-Verlages  aufgenommen
haben.  Aber  vom  russischen  Staatsbankerott  darf  bei  ihnen  eben  nicht
gesprochen  werden,  und  sie  weisen  mit  stolzer  Gebärde  Annoncen,  die
zwanzig  Mark  kosten,  zurück,  weil  —  das  Russenkonsortium  größere
Annoncen  aufgibt.
Vom  Börsen-Courier  wundert  mich  dies  Gebaren  nicht.  Er  ist  nun
einmal  das  Anzeigenblatt  der  hohen  Finanzwelt,  seine  ganze  materielle
Existenz  beruht  auf  diesem  intimen  Verhältnis,  seine  Redaktion  greift
den  Reichsbankpräsidenten  an,  wenn  er  sich  dem  Willen  der  imuts  bangus
nicht  fügen  will,  sie  macht  dem  Reichskanzler  klar,  daß  er  Deutschlands
Industrie  schädigt,  wenn  er  sich  den  Wünschen  der  Herren  Mendelssohn ­
  &amp;amp;  Co.  verschließt,  sie  behandelt  die  Mitglieder  des  Berliner  Magistrats ­
  wie  grüne  Jungen,  weil  sie  nicht  nach  der  Pfeife  der  Großen
Berliner  Straßenbahn  tanzen,  weshalb  sollte  das  Blatt  mich  und  meinen
Verlag  besser  behandeln  wie  gefürstete  Herren  und  Exzellenzen?
Ein  ander  Ding  aber  ist's  um  die  Vossische  Zeitung.  Sie  pratscht  sich
als  unabhängige  Hüterin  des  Volkswohls,  trieft  von  Salbung  und  Moral
und  wird  tatsächlich  noch  immer  von  einem  Teil  des  Berliner  Bürgertums
für  ein  anständiges  Blatt  gehalten.  Sie  schwärmt  für  die  Preßfreiheit,  die
fie  —  nicht  selbst  unterdrückt,  eifert  gegen  jede  Zensur,  die  sie  —  nicht  selbst
ausübt,  bläht  sich  gegen  jede  Unanständigkeit,  die  sie  —  nicht  selbst  begeht,
bekämpft  jede  Unmoral,  soweit  sie  —  fie  nicht  selbst  durch  ihre  Kuppelannoncen ­
  unterstützt,  und  ficht  tapfer  gegen  den  Antisemitismus,  wo  immer
er  sich  auch  in  —  anderen  Redaktionen  findet.  Im  Annoncenteil  dieses
Blattes  dürfen  wohl  Masseusen  ihre  Kundschaft  fischen,  Heiratsvermittler  ihre
Netze  auswerfen,  Lebegreise  „zwecks  Heirat"  Nutten  suchen,  „arme  junge
Witwen"  „edeldcnkende  Herren"  um  Unterstützung  bitten  und  Kuppelmütter
sturmfreie  Buden  mit  „separatem  Eingang"  anbieten.  Ja,  wenn  der  Staatsanwalt ­
  nicht  wär',  brauchten  nicht  einmal  all  die  unschuldheuchelnden  Wortzutaten ­
  den  treuen  Kunden  der  Vosfin  die  Inserate  verteuern.  Aber  ein  anständiger ­
  Verleger  darf  nicht  im  Inseratenteil  der  biederen  Tante  seine  Zeitschrift ­
  ankündigen,  von  deren  Inhalt  er  annimmt,  daß  er  das  Volk  vor
Schaden  bewahren  kann.  Er  dars's  wenigstens  nicht,  wenn  darin  gegen  das
dem  Russenkonsortium  Heiligste  geschrieben  wird.
Die  Vossische  Zeitung  gilt  schon  seit  langem  den  polftischen  Kämpfern
als  das  unentbehrlichste  Blatt  der  Residenz.  Sie  hat  sich  den  Vorwurf  der
politischen  Unehrlichkeit  erst  jüngst  wieder  von  Herrn  Theodor  Barth  ge-
        <pb n="131" />
        125

fallen  taffen  müssen,  als  sie  zum  tausendsten  Male  Herrn  b.  Gerlach  und
Herrn  Pfarrer  Naumann  mit  dem  Stigma  des  Antisemitismus  zu  belasten
suchte;  man  weiß,  daß  sie  Personen,  die  ihr  politisch  oder  persönlich  unangenehm ­
  sind,  auf  die  perfideste  Weise  totschweigt,  daß  sie  Versammlungberichte
fälscht,  indem  sie  die  Reden  solcher  Leute  —  auch  wenn  sie  im  Stenogranim
viele  Seiten  füllen  und  von  lebhaftem  allseitigen  Beifall  begleitet  wurden  —
.einfach  aus  den  Berichten  herausstreicht.  Trotz  alledem  wird  sie  von  den  Uneingeweihten ­
  noch  immer  für  ein  Palladium  des  Anstandes  gehalten,  glauben
Kapitalisten  an  ihre  gerechte  Objektivität  in  finanzpolitischen  Fragen.  Dabei
hat  das  Blatt  gerade  in  der  russischen  Frage  seine  Leser  völlig  düpiert.  Der
Regierungsrat  Rudolf  Martin,  der  soeben  ein  neues  Buch  über  „Die  Zukunft
Rußlands"  hat  erscheinen  lassen,  das,  obwohl  eS  im  wesentlichen  eine  Neuauflage ­
  seines  ersten  Buches  und  vielfach  mit  recht  aufdringlichem  Selbstlob
durchsetzt  ist,  durch  Fortlassung  der  wesentlichsten  finanziellen  und  volkswirtschaftlichen ­
  Ungeheuerlichkeiten  jetzt  viel  lesenswerter  geworden  ist,  schreibt
über  die  Vossin:  „Der  Berliner  Bürger,  der  in  den  Jahren  1786—89  zum
Frühstück  die  Vossische  Zeitung  las,  mußte  von  Tag  zu  Tag  durch  die  vorzüglichen ­
  Berichte  ihres  Pariser  Korrespondenten  immer  mehr  zur  Erkenntnis
kommen,  daß  die  finanziellen  Verlegenheiten  Frankreichs  beitrügen,  eine
Revolution  herbeizuführen.  Sein  Urenkel,  der  die  Vossische  Zeitung  in  den
Jahren  1902—1905  zu  lesen  pflegte,  konnte  diesen  Eindruck  bei  der  Lektüre
der  Nachrichten  über  Rußland  in  keiner  Weise  gewinnen."  Bis  vor  einem
Jahre  etwa  brachte  der  Handelsteil  der  Vosstschen  Zeitung  manchen  wertvollen
Beitrag  zur  Charakteristik  der  russischen  Finanzgebarung.  Aber  inzwischen
war  ich  an  dieser  Stelle  aufzudecken  gezwungen,  daß  die  Vossin  anscheinend
von  interessierter  Seite  inspirierte  Artikel  über  die  russischen  Finanzen  publizierte, ­
  die  die  Tatsachen  fälschten  und  mit  alten,  längst  ausrangierten  Ladenhütern
  operierten.  Das  hat  aber  die  Redaktion  des  Blattes  nicht  daran  gehindert, ­
  bei  der  Besprechung  des  Martinschen  Buches  —  dessen  Schwächen
anläßlich  der  ersten  Ausgabe  kaum  jemand  schärfer  als  ich  betont  hat  —
seinen  Lesern  jetzt  wieder  dieselben  Verdrehungen  aufzutischen.  Dabei  hat  ste
nicht  einmal  den  Mut  ihrer  Meinung.  Und  wenn  sie  in  zwei  Spalten  dem
Leser  nachgewiesen  hat,  daß  der  russische  Himmel  voller  Geigen  hängt,  so
schließt  sie  ständig  mit  der  reservatio:  „Aber  wir  wollen  die  Leser  nicht  in
Sicherheit  wiegen."
Doch  das  alles  gehörte  noch  zur  ersten  Phase  des  Kampfes  für  Rußlands
Ehre  und  Größe.  Jetzt  tritt  die  Expedition  der  Vossin  auf  den  Plan  und
säubert  den  Inseratenteil  von  finanziellen  —  Anständigkeiten.
Der  Kampf  mit  geistigen  Waffen  hat  aufgehört.  Die  öffentliche  Meinung
wird  mit  Nagaiken  totgeschlagen.  Kosakenpreffe!

Martin  über
die  „Voß".

Kosakenpreffe.
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Preis  I  Mark

Angesichts  der  augenblicklichen  Verhältnisse  im  Russenreiche ­
  ist  diese  eingehende,  scharf  kritische  Untersuchung
der  russischen  Finanzlage  für  jeden  Kapitalisten  u.  Volkswirt ­
  äusserst  lesenswert.  —  Zu  beziehen  durch  den
Plutus  Verlag
KSttrsKssrrrss  Sortiments-Abteilung  KKsrrSLSKKK
Charlottenburg,  Goethestr.  68
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Ir  um  das  Russentum  und  seine  Berliner  Bankfirma  scharwenzelten,
tut  allmählich  dasselbe  Grundthema,  wenn  auch  niit  mancherlei  Variationen,
seifen.  Die  Methode  ist  überall  die  gleiche:  Auf  der  einen  Seite  darf
nichts  Schlechtes  über  die  Russen  schreiben.  Denn  wenn  wieder  gute
n  kommen,  will  man  die  Protektion  und  die  Prospekte  der  Firma
delssohn  nicht  entbehren.  Andererseits  erscheint,  seitdem  selbst  die  Spießer ­
  von  Amsterdam  und  Paris  verkaufen,  die  Situation  so  brenzlig,  daß
doch  natürlich  auch  etwas  wenigstens  nach  der  anderen  Seite  Vorsorgen
■.  Statt  sich  nun  reuig  an  die  Brust  zu  schlagen  und  beschämt  den
w  cinzngestehen,  daß  man  in  der  Beurteilung  der  russischen  Verhältnisse
s  zu  optimistisch  gewesen  ist,  was  ja  an  sich  gar  keine  Schande  wäre,
man  jetzt  die  Rückgänge  der  russischen  Werte  und  alle  eventuellen
equenzen  als  Teufelswerk  hinzustellen.  Am  schamlosesten  macht  das  die
ionalzeitung  (3.  Dezember).  Sie  sucht  alle  möglichen  Gründe  hervor
meint,  daß  ein  großer  Teil  der  augenblicklichen  Verkäufe  auf  dem
mmarkt  als  Gegenoperationen  zu  den  Uebertreibungen  und  Auswüchsen
&amp;gt;em  Kassaindustriemarkt  zu  betrachten  seien.  Dann  schwindelt  sie  der
wieder  das  schon  tausendmal  wiederlegte  Märchen  von  den  russischen
beständen  im  Ausland  vor  und  erhebt  drohend  den  Finger:  „Geht
and  pleite,  so  sind  die  gemeinen  Menschen  schuld  daran,  die  fortgesetzt
Publikum  warnen."  Wird  denn  jetzt  die  Nationalzeitung  schon  dafür
&amp;gt;lt,  daß  sie  dem  russischen  Finanzminister  die  Motivierung  des  Bankerotts
leitet?  Auch  die  Vossische  Zeitung,  die  alle  Widerlegungen  ihrer
-interessierter  Seite  eingeschmuggelten  Russenartikel  ihren  Lesern  unterst, ­
  hält  es  für  nötig,  im  sechsten  Artikel  (29.  November)  sich  ebenfalls
Ivieren  und  behauptet,  sie  habe  durch  ihre  rosafarbenen  Artikel  keineswegs
Publikum  das  selbständige  Denken  ersparen,  sondern  lediglich  die
ichkeit  bieten  wollen,  sich  über  die  wichtigsten  Punkte  der  russischen
izwirtschaft  zu  informieren.  Wie  gering  die  Möglichkeit  war,  ein  wirk-Bild
  von  der  russischen  Finanzlage  aus  den  Artikeln  der  Vossischen
.ng  zu  gewinnen,  habe  ich  jüngst  ausführlich  nachgewiesen.  Diese
llzüge  nützen  denn  auch  der  Vossischen  Zeitung  gar  nichts.  Sie  hat  in
unverantwortlicher  Weise,  nachdem  sie  früher  durch  Veröffentlichung
finnischer  Kritiken,  —  ich  denke  besonders  an  das  Urteil  Migulins  über
Staatsbank  —  ihre  Leser  sachlich  und  unparteiisch  informierte,  gerade
tischer  Zeit  die  Aufgabe  nicht  erfüllt,  die  ein  unabhängiges  Organ  zu
!n  hat.  Und  die  Vossin  steht  daher  auch  heute  —  obgleich  Herr  Rouvier
:  wrselben  Lügenquelle,  wie  sie,  gespeist  ist,  —  in  der  ersten  Reihe  der
werten  mitteleuropäischen  Preßorgane.

Die  (Vossische  Leitung.
(25.  November  1905.)
•  Man  darf  sich  nicht  wundern,  daß  von  seiten  der  russischen  Finanzltung
  und  ihrer  Berliner  Vertretung  gerade  jetzt  alles  aufgeboten  wird,
e  schlechte  Meinung  zu  bekämpfen,  die  sich  allmählich  auch  der  weitesten

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Die  Nationalzeitung. ­


Die  Vossische
Zeitung.
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