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Der  Finanzminister,  der  den  Beschluß  der  Zweiten  Kammer  bei
den  Standesherren  zu  vertreten  gehabt  hätte,  habe  die  Standesherren
gegen  diesen  Beschluß  scharf  gemacht.  Er  habe  der  Ersten  Kammer
gesagt,  sie  solle  sich  nichts  weis  machen  lassen,  auch  i»  der  Zweiten
Kammer  sei  man  sich  bewußt,  daß  ein  6°/»iger  Tarif  ruinös  wirke.  Da
sei  es  nicht  verwunderlich,  daß  die  Standesherren  „kommunistische
Tendenzen"  in  der  Einkommenssteuervorlage  entdeckt  haben.  Die  Abschwächung
  des  Tarifs  vermindere  den  Ertrag  der  Steuer  um  nahezu
eine  halbe  Million.  Um  so  viel  hätten  die  anderen  Steuern  reduziert
werden  können,  wenn  an  den  ersten  Beschlüssen  festgehalten  worden
wäre.  Wenn  der  neue  Zolltarif  in  Kraft  treten  sollte,  so  würde
der  Prozentsatz,  den  die  unteren  Volksschichten  von  ihrem  Einkommen ­
  opfern  müßten,  weit  über  den  Prozentsatz  der  wohlhabendsten ­
  Schichten  hinausgehen.  Beklage  man,  daß  die  großen
Einkommensbezieher  bis  zu  17  %  an  Steuern  zahlen  sollen,  so  entstehe ­
  die  Frage:  von  wem  könne  man  mit  mehr  Recht  eine  Steuer
von  17  u /o  des  Einkommens  fordern,  von  dem,  der  über  ein  Einkommen ­
  von  200000  Mk.  oder  von  dem,  der  über  ein  solches  von
600—700  Mk.  verfüge?  Die  Frage  beantworte  sich  selbst.  Wenn
in  der  Ersten  Kammer  mit  Bezug  auf  diese  Anschauungen  von  einer
„Herrenmoral  der  Arbeiter"  gesprochen  worden  sei,  so  könne  man
mit  großem  Fug  erwidern,  daß  auf  jener  Seite  die  Drückebergermoral ­
  der  Herren  gepflegt  werde.  Die  Abschwächung  des  Tarifs
sei  auch  für  die  Gemeinden  von  großem  Nachteil,  die  Finanznot
der  Gemeinden  werde  immer  größer.  Man  habe  nun  gehofft,  dieser
Finanznot  einigermaßen  Einhalt  zu  tun  mit  dem  Einkommenssteuerzuschlag ­
  bis  zu  50  %  der  staatlichen  Sätze,  den  die  Gemeinden  erheben ­
  dürfen.  Je  schmäler  aber  jetzt  die  staatliche  Einkommenssteuer
zugeschnitten  werde,  um  so  geringer  werde  auch  der  Ertrag  sein,
den  die  Gemeinden  daraus  ziehen.
Die  Mehrheit  hörte  nicht  auf  Gründe.  Der  Zentrumsführer
Gröber  hatte  in  der  ersten  Beratung  an  das  soziale  Gewissen  der
Besitzenden  appelliert;  er  hatte  mit  Emphase  ausgerufen:  „Empfinden ­
  denn  die  Herren  nicht,  was  sie  der  Gesamtheit  schuldig  sind?
Ich  appelliere  doch  auch  au  das  Ehrgefühl  solcher  Besitzer  von
großen  Einkommen.  Was  heißt  es,  wenn  unten  die  kleinen  Leute
mit  tausend  oder  ein  paar  tausend  Mark  Einkommen  3,  4  oder
mehr  Prozent  allein  an  indirekten  Steuern  bezahlen  müssen  und
jemand  mit  200  000  oder  500  000  Mk.  soll  sich  sträuben  b°/o
Einkommenssteuer  zu  bezahlen?"  (Die  Gegenüberstellung  wäre
noch  treffender  gewesen,  wenn  Gröber  die  kleinen  Leute  mit  ein
paar  hundert,  nicht  tausend  Mark  Einkommen,  die  20—  30°/«,
nicht  3  und  4°/«  an  indirekten  Steuern  zahlen,  genannt  hätte.)
Der  Führer  der  Deutschen  Partei,  v.  Geß,  hatte  in  der  ersten
Beratung  den  bis  6"/«  gehenden  Tarif  noch  als  viel  zu  mäßig
bezeichnet.  Konrad  Haußmann,  das  Haupt  der  Volkspartei,
konstatierte  in  der  ersten  Verhandlung,  die  Kommission  habe  mit
6  °/o  durchaus  das  Richtige  gefunden.  Sie  alle  stimmten  jetzt  der