﻿Ätherische Öle

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Ätherische Öle

mit Kalkmilch neutralisiert, mit Wasser zur
Entfernung des Alkohols geschüttelt und
schließlich durch Rektifikation über Chlor-
kalzium rein erhalten. Er stellt in diesem
Zustande eine wasserhelle, leicht bewegliche
Flüssigkeit von eigenartigem, durchdringen-
dem Geruch und brennendem Geschmack dar,
welche unter starker Wärmeentziehung ver-
dampft und bei 34,9° siedet. Ä. ist sehr
leicht entzündlich und brennt mit leuchten-
der Flamme, seine Dämpfe bilden mit Luft
explosive Gemenge. Mit Alkohol, Chloro-
form, Schwefelkohlenstoff, sowie fetten und
ätherischen Ölen ist Äther in jedem Verhält-
nis mischbar, hingegen löst er sich nur in
der 13 fachen Menge Wasser, von welchem
wiederum nur 1 Teil in 35 Teile Äther über-
geht. Ä. ist ein vortreffliches Lösungsmittel
für zahlreiche organische Stoffe, wie Fette,
Harze, Alkaloide, Paraffin usw. Von an-
organischen Substanzen löst er Brom, Jod,
Gold- und Platinchlorid. Man unterscheidet
im Handel 4 Sorten. Am reinsten ist der Ä.
des D. A. B. und der ebenfalls medizinisch
verwandte Ä. pro narcosi, welche beide das
spez. Gew. 0,720 haben. Letzterer kommt
in braunen, vollständig gefüllten Glasstöpsel-
flaschen von 50—250 g Inhalt in den Handel.
Geringere Sorten sind Ä. bisrectificatus
vom spez. Gew. 0,725 und Ä. rectificatus
mit dem spez. Gew. 0,750. Der reine Ä.
muß folgenden Anforderungen entsprechen:
Spez. Gew. 0,720, Siedepunkt 35°. Mit Ä.
getränktes Filtrierpapier soll nach dem Ver-
dunsten des Ä. geruchlos sein. Beim Ver-
dampfen darf kein sauer reagierender Rück-
stand hinterbleiben, und bei längerem Stehen
mit Kaliumhydroxyd, sowie mit Kaliumjodid
in völlig gefüllter, geschlossener Flasche bei
Lichtabschluß keine Gelbfärbung entstehen.
Verwendung findet der Ä. in der Medizin
als Anästhetikum, ferner im Gemisch mit Al-
kohol als „Hoffmannstropfen“ bei Ohn-
macht, Krämpfen, und in Verbindung mit
fetten ölen zu Einreibungen. Die Technik be-
nutzt ihn bei der Fabrikation von Tannin,
Milchsäure, photographischem Kollodium. Die
Aufbewahrung muß in sehr kühlen, feuer-
sicheren Räumen, das Abfüllen nur bei Tages-
licht geschehen. Die Versendung auf Eisen-
bahnen erfolgt nur mit besonderen Güter-
zügen, sog. „Feuerzügen“. Als Verpackung
sind Flaschen zu wählen, welche in starke,
mit Kleie oder Sägemehl ausgefütterte Holz-
kisten gestellt werden, oder Glasballons mit
hinreichendem Verpackungsmaterial in Kör-
ben mit gutschließendem Deckel. — Zoll:
S. Tarif Nr. 347. Hoffmannstropfen Nr. 178/9.

Ätherische Öle (flüchtige öle, lat. Olea
aetherea, frz. Essences, Huiles volatiles, engl.
Volatile oils). Mit diesern Namen belegt man
eine große Zahl stark riechender flüchtiger
Stoffe von ölartigem Aussehen, die von den
eigentlichen oder fetten Ölen sowohl hinsicht-
lich ihrer Eigenschaften, als auch ihrer che-
mischen Zusammensetzung vollständig ver-
schieden sind. Sie bilden auch unter sich
keine bestimmt ausgeprägte Gruppe chemi-

scher Verbindungen, sondern bestehen meist
aus natürlichen Gemischen verschiedener
Kohlenwasserstoffe mit zusammengesetzten
Äthern, Aldehyden und organischen Säuren.
Die im Handel vorkommenden ätherischen Öle
sind sämtlich Produkte des Pflanzenreiches
und werden aus verschiedenen Pflanzenteilen
durch Destillation mit gespannten Wasser-
dämpfen gewonnen. Nur einige, wie Zitronen-
öl, Pomeranzenöl, Bergamottöl, kann man
auch durch Auspressen der betr. Fruchtscha-
len erhalten. Werden die ätherischen Öle
einer nochmaligen Destillation unterworfen,
so nennt man sie rektifizierte bzw. dop-
peltrektifizierte Öle. Viele Fabrikanten
filtrieren die ätherischen öle auch noch, um
ihnen ein blankeres Aussehen zu geben. Die
Fabrikation der ätherischen Öle hat sich
auf gewisse Gegenden konzentriert, und be-
sonders Leipzig bildet einen Hauptfabrika-
tions- und Handelsplatz für diesen Artikel.
Italien, namentlich Sizilien, liefert hauptsäch-
lich Zitronenöl, Pomeranzenöl und Berga-
mottöl, das südliche Frankreich Neroliöl,
Petitgrainöl, Lavendelöl und Thymianöl, Al-
gier Geraniumöl, die Türkei Rosenöl und
Geraniumöl, England Pfeffermünzöl und La-
vendelöl, Nordamerika Pfeffermünzöl und
Wintergrünöl, Rußland Anisöl. Aus Ostindien
und China werden die Gewürzöle importiert,
namentlich Kassia- und Zimtöl, Nelkenöl,
Mazisöl und Kardamomöl, doch fabrizierte
man dieselben auch schon seit langer Zeit
in dem früher außerhalb des Zollvereins ge-
legenen Hamburg. Seitdem die zur Ölfabri-
kation bestimmten Gewürze zollfrei eingehen,
werden sie auch im Zollverein, allerdings
unter Kontrolle von Steuerbeamten, destilliert,
die hierbei zurückbleibenden, vom Öle be-
freiten Gewürze müssen vernichtet werden.
— Die gangbarsten ätherischen Öle sind außer
den bereits genannten: Anis-, Kümmel-, Fen-
chel-, Angelika-, Wermut-, Zedernholz-, Kal-
mus-, Wachholder-, Bittermandel-, Senf-, Stern-
anis-, Rosmarin-, Zitronell- und Terpentinöl.
Verwendung finden die ätherischen Öle in
der Medizin und Likörfabrikation, ferner zur
Herstellung feiner Parfümerien, wie Eau de
Cologne und anderer Riechwässer, zum Par-
fümieren von Seifen, Pomaden, Haarölen.
Einige werden auch in der Konditorei ver-
wendet, die billigen, wie Terpentinöl, in der
Lackfabrikation. —Die allgemeinen Eigen-
schaften der ätherischen Öle lassen sich
dahin zusammenfassen, daß sie sämtlich einen
starken, mehr oder weniger angenehmen Ge-
ruch besitzen, sich leicht entzünden lassen,
mit stark rußender Flamme brennen, auf
Papier einen in der Hitze wieder verschwin-
denden Fettfleck hervorbringen, in Wasser
sich nur in sehr geringer Menge lösen, aber
leicht löslich in starkem Alkohol und in
Äther sind. Die meisten sind leichter, einige
auch schwerer als Wasser. Sie besitzen ein
starkes Lichtbrechungsvermögen und drehen
die Ebene des polarisierten Lichtes nach rechts
oder links. Der Siedepunkt der ätherischen
öle ist sehr verschieden, liegt aber durch-