﻿Flachs

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Flachs

schmutzig, und verliert an Keimkraft. Zur
Saat ist der zweijährige vorzuziehen. Die
Keimkraft dauert bis 4 Jahre und wird durch
gelindes Erwärmen auf höchstens 30° C eben-
so wie die Haltbarkeit erhöht. Der Bedarf
an Samen ist lokal verschieden und beträgt
m den Ostseeprovinzen von 1,35 hl an, in
Deutschland bis 2,68 hl, durchschnittlich 2,0 hl
pro ha zu Samengewinnung und 3—4,6 hl
für Bastgewinnung; 1 hl wiegt 67—68 kg.
— Die Leinpflanze bringt nicht in allen Län-
dern und Gegenden eine gleich gute Faser,
aber selbst unter günstigen klimatischen Ver-
hältnissen erfordert der Flachsbau schon von
der Ackerbestellung an bis zur Ablieferung
die sorgfältigste Pflege. Die Art der Aussaat
richtet sich nach der Bestimmung. Den
hauptsächlich auf Fasern zu nutzenden F.
säet man dicht und zwar um so dichter, je
feiner die Faser werden soll, den zum Samen-
tragen bestimmten viel dünner, da hierdurch
der Same sich vollkommener ausbildet, der
Stengel dagegen stark und ästig wird und
nur grobe Fasern gibt. In Holland und
Belgien legt man zur Erzielung feinsten
Flachses bei dichter Saat vielfach ein aus
Schnüren gebildetes Gitter mit quadratischen
Öffnungen über das Flachsfeld, durch welches
die Pflanzen hindurchwachsen und so eine
Stütze zur Geradehaltung und gegen _ das
Lagern finden. Eine andere Methode dieses
sog. Länder ns kommt auch in der Weise
zur Ausführung, daß man das Flachsfeld mit
sperrigem Reisig überdeckt. Ein öfterer
Samenwechsel ist beim Flachsbau nützlich
und zur Erzeugung besserer Qualitäten sogar
notwendig. Die mit F. bestandenen Felder
müssen vom Unkraut sorgfältigst gereinigt
werden. Das Ziehen oder Raufen des zur
Samenzucht angebauten F. erfolgt, sobald
die Kapseln anfangen, sich zu bräunen, bei
den zur Bastgewinnung bestimmten Pflanzen
aber im noch grünen Zustande, sobald am
Stengel die unteren Blättchen abfallen. Der
Same ist dann noch nicht völlig ausgereift
und sonach nicht zur Aussaat, wohl aber
zur Ölgewinnung brauchbar. Den richtigen
Zeitpunkt der Ernte zu treffen, ist wich-
tig, da zu frühes Ziehen zwar feine, aber
haltlose Fasern gibt, während die überreife
Faser starr und brüchig geworden ist. Die
gerauften Flachsstengel werden gewöhnlich
in mäßige Bündel gebunden und auf dem
Felde aufgestellt, bis sie völlig lufttrocken
sind. Durch Riffeln, d. h. Durchziehen
durch eine Reihe aufrecht stehender eiserner
Zinken streift man die Samenkapseln ab und
bringt das Stroh entweder sogleich oder im
nächsten Frühjahr zur Röste. Die nutzbare
bildet den Bast des Flachsstengels,
welcher den mehr holzigen inneren Kern
umgibt und wieder von der äußeren Rinden-
haut umschlossen wird. Diese sämtlichen
1 eile sind durch Pflanzenleim fest miteinan-
der verbunden, dessen Zerstörung durch Fäul-
nis, Verwesung oder Auflösung Zweck aller
Röstverfahren ist, weil dann erst die Bast-
faser, welche jenen zerstörenden Einflüssen

am längsten zu widerstehen vermag, von der
übrigen Stengelmasse abgesondert werden
kann. Die gewöhnlichste Art des Röstens
oder Rottens ist die Wasserröste, wozu am
besten fließendes, jedenfalls weiches Wasser
benutzt wird. Im gewöhnlichen ländlichen
Betriebe pflegt diese Prozedur in sehr ein-
facher Weise so zu geschehen, daß die Flachs-
bündel in seichte Gewässer, Flüsse, Bäche,
Teiche eingelegt und durch Steine unter der
Oberfläche gehalten werden. Bei rationellerem
Betriebe hat man bessere Vorrichtungen, so
namentlich in Belgien und Holland gemauerte
Gruben, in welche die Bündel eingestellt
und unter Wasser gesetzt werden, das nach
Erfordern gewechselt wird. Die Röste ist
je nach der Witterung in 8—12 Tagen voll-
endet. Die dabei stattfindende Gärung der
leimartigen Bestandteile entwickelt eine Menge
stinkender Gase; das Röstwasser färbt sich
von gelösten Stoffen mehr oder weniger braun,
und auch die Faser nimmt die gleiche Farbe
an. Der Fortgang der Röste muß genau
überwacht werden, da leicht eine Überröstung
eintreten kann. Sie wird beendet und die
Stengelmasse getrocknet, wenn die Faser
leicht losgeht und der holzige Teil beim
Biegen wie Glas zerspringt. Auch die Tau-
röste, bei welcher die Halme einfach auf
einem Stoppelfelde, damit sie nicht unmittel-
bar den Erdboden berühren, ausgebreitet und
bei öfterem Wenden den Einflüssen der Wit-
terung ausgesetzt werden, gelangt noch viel-
fach zur Anwendung. Ist die Witterung zu
trocken, so muß man freilich mit Begießen
nachhelfen. Hier unterliegt die Pflanzenmasse
einer mehr trockenen geruchloseren Ver-
wesung, auch kann eine Überröstung nicht so
leicht eintreten, aber der Prozeß dauert immer
mehrere Wochen und außerdem fehlt es der
Röste auch an der gehörigen Gleichmäßig-
keit. Bisweilen verbindet man beide Methoden,
indem man erst die Wasserröste anwendet und
dann bei annähernder Gare mit der Tauröste
schließt. Weit bequemer, zuverlässiger und
rascher führen die neueren Methoden zum
Ziele, bei denen die Auflockerung der Flachs-
stengel durch warmes Wasser oder durch
Dampf bewirkt wird. Bei der am meisten in
Aufnahme gekommenen Warmwasserröste
wird das Wasser, in welches der F. in großen
Behältern eingelegt ist, durch eingelassenen
Dampf allmählich, so daß die Temperatur
in der Stunde höchstens um einen Wärme-
grad zunimmt, auf 30—35° C gebracht und
auf dieser Wärme erhalten. Schon nach 60
oder bei hartem Wasser 90 Stunden ist die
Röstung, bei welcher anfänglich aromatische
Gerüche entweichen, während später Schwefel-
wasserstoffgas auftritt, beendet. Bei der
Dampfröste treten die Dämpfe zu den in
einen geschlossenen Behälter gebrachten
Stengeln und entziehen denselben noch rascher
alle löslichen Teile. Die geröstete Masse wird
dann, am besten in der heißen Sonne, oder
sonst in Trockenstuben bei gelinder Wärme,
gut ausgetrocknet, da eigentliche Hitze, z. B.
die des Backofens, die Haltbarkeit der Faser