﻿Hirschtalg	________183	________Holunder

die eigentümlich gerauhte oder genarbte
Außenseite erhalten bleibt, da sie sowohl
hübsch aussieht als praktisch im Gebrauch
ist. Man ahmt daher auch das H. ziemlich
gut in gepreßtem Holz nach. Die schaufe-
ligenGeweihe des Damhirsches sind weniger
nutzbar und gelten kaum halb so viel wie die
des Edelhirsches. Ähnliche Verwendung wie
H., besonders zu Pfeifen und anderen Drechs-
lerwaren finden die Rehgeweihe, von denen
besonders die wulstigen wie mit Perlen be-
setzten unteren Endstücke (Rehkronen) ge-
schätzt und unzerteilt benutzt werden. Hirsch-
nnd Rehgehörne werden zuweilen von Lieb-
habern für Sammlungen und zum Aus-
schmücken von Sälen und Zimmern über-
gewöhnlich hoch bezahlt. Hirschgeweihe
kommen am meisten von Tirol, Ungarn und
Mittelamerika. — Dem Hirschgeweih wurden
früher ganz besondere Kräfte zugeschrieben,
und es gab eine Anzahl pharmazeutischer
Präparate daraus, die zum Teil unter den
alten Namen noch fortbestehen, jetzt aber,
wo man weiß, daß diese Substanz vor
anderen Knochenmassen nichts Besonderes
voraus hat, nicht mehr aus H. dargestellt
werden. Durch längeres Kochen wurde aus
geraspeltem H. (lat. Cornu cervi raspa-
tum) eine Gallerte erhalten, die früher mit
Zucker u. dgl. an Kranke verabreicht und auch
zum Klären von Getränken benutzt wurde.
Die Produkte der trockenen Destillation, die
man in früheren Zeiten aus H. darstellte,
wie z. B. Hirschhornöl, Hirschhorn-
salz, sind ganz dieselben, die man auch aus
Knochen erhält. Hirschhornsalz istkohlen-
saures Ammoniak. S. Näheres bei den be-
treffenden Artikeln. — Zoll: Hirschhorn ist
zollfrei.

Hirschtalg (lat. Sebum cervinum, frz. Suif,
engl. Tallow). Unter diesem Namen wurde
früher in Apotheken das Fett der Hirsche
geführt. Jetzt benutzt man statt desselben
jedoch Rinds- oder Schöpsentalg. — Zoll:
2,50 M.

Hirse (frz. Mil, Millet, engl. Millet) nennt
man die Samen mehrerer Getreidearten der
Gattung Panicum, besonders P. miliaceum
(Gemeine oder Rispenhirse), P. itali-
cum (Setaria italica, Kolbenhirse,
Fennich) und P. sanguinale (Bluthirse).
Die H. stammt aus Indien, wird aber jetzt in
Mitteleuropa, auch Deutschland, angebaut
und gibt auf trockenem, gut gedüngtem
Boden, in warmer Lage (Weinklima) hohe Er-
träge von 15—30 hl zu 60—70 kg pro ha.
Die Hirsekörner sind von ihren Spelzen fest
umhüllt und besitzen in diesem Zustande
eme gelbe, weißlich-gelbe, graue, schwärz-
liche oder rote Farbe. Nach Entfernung der
?5n° ,^usm^cbenden Spelzen erscheinen sie
hellgelb. Die ungeschälten Körner enthalten
™ Durchschnitt 12% Wasser, 12% Protein,

3/0 fett, 10o/o Rohfaser, 3% Mineralstoffe
und 60% Kohlenhydrate. Durch das Schälen
wird der Gehalt an Rohfaser auf 1—2%
erniedrigt. Die H. wird in enthülstem Zu-
stande in Form von Gries oder Grütze (Hirse-

brei mit Milch), seltener als Mehl und Brot
zu Nahrungszwecken verwandt und dient
außerdem zur Branntweindarstellung. Beson-
ders im Kaukasus wird aus Hirse ein be-
liebter Schnaps, Ar an, hergestellt. Auch die
nicht destillierte, sondern nur filtrierte Maische
bildet nach kurzer Gärung unter dem Namen:
Kwas, nach längerer Zeit als Braga oder
Busa ein verbreitetes Getränk. Das Stroh,
dessen Ertrag 10—20 dz pro ha beträgt,
wird als Viehfutter geschätzt. Die Haupt-
bezugsländer für H. sind Ungarn und die
Balkanstaaten. — Zoll: 1,50 M.

Hirtentäschelkraut (lat. Herba bursae
pastoris, frz. Panetiöre, engl. Shepherd’s
purse), ein jetzt nur noch selten vorkom-
mender Artikel des Drogenhandels, ist ein
kleines, überall wachsendes Kraut (Capsella
bursae pastoris) mit pfeilförmigen Stengel-
blättern und herzförmigen, dreieckigen Schöt-
chen, in Form einer Hirtentasche. Es schmeckt
im frischen Zustande scharf und wird nach
Pfarrer Kneipp als Mittel gegen Blasenleiden

verwendet. — Zollfrei.

Hoang-Nan, die von Tonkin aus in den
Handel gekommene, bitter schmeckende,
schwärzlichgraue Rinde einer zur Gattung
Strychnos gehörigen Kletterpflanze, enthält
Bruzin und Strychnin und ist demnach giftig.
— Zollfrei.

Hofmanns Violett (Jodviolett), der be-
kannte, von A. W. Hofmann 1863 entdeckte
Teerfarbstoff, kommt in mehreren verschie-
denen Arten in den Handel, je nachdem man
bei der Bereitung auf Fuchsin oder auf Ros-
anilin Jodmethyl, Chlormethyl oder Bromäthyl
einwirken läßt. Diese Farben sind demnach
Salze des Trimethyl- und Triäthylrosanilins.
Man unterscheidet blaustichiges Violett
(Dählia) und rotstichiges Violett (Pri-
mula, Rotviolett 5 R extra). Es sind dun-
kelgrün glänzende, kristallinische Pulver oder
auch Stücke, die sich mit Ausnahme der
Jodverbindungen in Wasser lösen. Wolle und
Seide können mit diesen Farben direkt ge-
färbt werden, Baumwolle nur nach voran-
gegangenen Beizen. Das H. ist durch das
ähnliche und billigere Methylviolett vielfach
verdrängt worden. — Zollfrei.

Holunder (Hollunder, Flieder, Schi-
bicken, Quewecken, lat. Sambucus nigra),
der bekannte, in ganz Europa und dem nörd-
lichen Asien einheimische Baum ist, abge-
sehen von allen hausarzneilichen und haus-
wirtschaftlichen Anwendungen als offizinelles
Gewächs aufzuführen, und wird wegen der
den Blüten und Früchten innewohnenden
schweißtreibenden Wirkung viel gebraucht.
Zu diesem Zwecke werden sowohl die bei
Sonnenschein gesammelten und wohlgetrock-
neten Blüten (lat. Flores sambuci, frz. Fleurs
de sureau, engl. Eider flowers), als der zu
einem Mus eingedickte Holundersaft (lat.
Extractum sambuci seu Succus seu Roob sam-
buci, frz. Rob de sureau, engl. Roob of
elder) benutzt. Der letztere wird aus den reifen
Holunderbeeren (lat. Fructus sambuci,
frz. Fruits de sureau, engl. Eider berries) her-