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lappen, und benutzt auch die Felle von Hasen
und Kaninchen, denen das Haar für die Hut-
macherei abgeschoren ist, ferner havarierte
Häute, Abfälle von Pergament, Weiß- und
Handschuhleder als Leimgut. Nach der
chemischen Zusammensetzung unterscheidet
man das Collagen, welches die eigentliche
Leimsubstanz, das Glutin (Haut- oder
Knochenleim) liefert, und das Chondrogen,
aus welchem das Chondrin (Knorpelleim)
gewonnen wird. Das letztere kommt wegen
seiner geringeren Bindekraft weniger in Be-
tracht. Um eine Fäulnis der leicht zersetz-
lichen tierischen Stoffe zu verhindern, wer-
den sie entweder mit Karbolsäure behandelt,
oder getrocknet oder in Kalkmilch eingelegt.
Das letztere Verfahren hat gleichzeitig den
Vorteil, daß es das Fett und andere lösliche
Stoffe entfernt, macht aber eine spätere
Wässerung erforderlich, weil der Kalk für
die Bildung und Beschaffenheit des Leims
verderblich ist. Aus dem gleichen Grunde
werden Knochen vor ihrer Verarbeitung meist
solange mit verd. Salzsäure mazeriert, bis
nur die organische Substanz zurückbleibt.
Nach erfolgter Wässerung breitet man die
Masse in dünner Schicht aus, um die noch
vorhandenen Kalkspuren in unlöslichen
kohlensauren Kalk überzuführen, oder man
behandelt sie zur Bleichung auch wohl mit
schwefliger Säure. Zum Versieden des Leim-
gutes bediente man sich früher meist mit
Siebboden versehener Kessel auf offenem
Feuer, ist aber jetzt dazu übergegangen, das
in geschlossenen Zylindern auf etagenförmi-
gen Sieben angebrachte Leimgut mit Dampf
zu extrahieren. Die unten angesammelte
Leimlösung wird periodisch abgezapft und,
vielfach in Vakuumapparaten, eingedampft.
Das zuerst erhaltene Produkt, welches am
kürzesten erhitzt worden ist, gibt die hellste
und beste Primasorte. Die folgenden zeigen
nach und nach immer dunklere Färbungen
und geringere Klebkraft. Die eingedampfte
und durch Stehen geklärte Lösung wird dann
filtriert, eventuell durch Einleiten von schwef-
liger Säure noch etwas gebleicht und in
hölzernen oder metallenen Formen dem Ge-
rinnen überlassen. Zum Zerschneiden der
Gallerte bedient man sich gespannter Messing-
drähte und bringt die erhaltenen Tafeln auf
Rahmen mit weitem Draht- oder Bindfaden-
geflecht in die Trockenräume. Nach dem
Trocknen, welches sehr vorsichtig in ein-
strömender warmer Luft von allmählich stei-
gender Temperatur erfolgen muß, taucht man
die Tafeln zur Erzeugung des Glanzes einen
Augenblick in heißes Wasser und trocknet
nochmals schnell zu Ende. — Als Neben-
produkte gewinnt man Knochenfett, präzi-
pitiertes Kalziumphosphat und entleimtes Kno-
chenmehl. — Eine besondere Abart, der Fisch-
leim, wird in den Donaufürstentümern u.a. O.
aus der Haut, den Blasen und Gedärmen von
Knorpelfischen durch anhaltendes Kochen mit
Wasser hergestellt und in Form zusammen-
gerollter dünner Blättchen vom Aussehen
der Hausenblase in den Handel gebracht.

Die Hausenblase selbst ist kein eigentlicher
Leim, sondern die getrocknete innere Haut
der Schwimmblase, also unverändertes Col-
lagen. — Die Farbe des L. variiert von hell-
gelb bis dunkelbraun, und ebenso ist der
Grad der Durchsichtigkeit großen Schwan-
kungen unterworfen. Im allgemeinen wird
heller und klarer L. höher bewertet und für
gewisse Zwecke ausschließlich benutzt. Je-
doch hängt die Klebkraft keineswegs immer
von diesen Eigenschaften ab, vielmehr ist
der durch Kalziumphosphat fast immer
milchig getrübte Knochenleim zum Kleben
von Holz vortrefflich geeignet. — In kaltem
Wasser quillt L. unter Aufnahme derlO—12-
fachen Menge seines eigenen Gewichtes an
Wasser auf und wird um so höher geschätzt,
je größer diese Wasseraufnahme in 24 Stun-
den ist. Weiter verlangt man von ihm, daß
er glänzend, hart und spröde und an der Luft
trocken sei, beim Biegen kurz abbreche und
einen glasartigen Bruch gebe. Der Wasser-
gehalt soll 15%, der Aschengehalt 1—5%
nicht übersteigen, da bereits Zusätze von 2
bis 3% Mineralstoffen die Klebkraft verrin-
gern. In kaltem Wasser darf guter L. selbst
nach 48 Stunden nicht völlig zerflossen sein,
muß aber mit heißem Wasser eine völlig
neutrale Lösung geben, welche in lproz.
Konzentration beim Abkühlen zu einer steifen
Gallerte erstarrt. Das zuverlässigste Urteil
über die Güte des L. bietet die Ermittelung
der Klebkraft, indem man unter Innehaltung
bestimmter Vorschriften Holzstücke anein-
der leimt und das zum Zerreißen erforder-
liche Gewicht bestimmt. — In chemischer
Hinsicht besteht gewöhnlicher L. der Haupt-
sache nach aus Glutin, neben welchem in
geringer Menge Peptone. Farbstoffe und
Mineralstoffe zugegen sind. Das Glutin ge-
hört zü den Albuminoi'den und unterscheidet
sich von den Eiweißkörpern sowie dem Chon-
drin dadurch, daß es durch verdünnte Säuren,
auch Essigsäure, leicht gelöst wird und nicht
mit Ferrocyankalium, Alaun, Eisenvitriol und
Bleizucker Niederschläge liefert. Durch Gerb-
säure wird Glutin aus wässriger Lösung ge-
fällt. Beim Kochen mit verdünnten Säuren
oder Laugen gibt es zum Unterschiede vom
Chondrin Glykokoll (Leimzucker). — Von
den zahlreichen nach Städten gebildeten Han-
delsbezeichnungen (Kölner, Breslauer, Nörd-
linger, Reutünger, Kahlaer, Mühlhäuser L.)
sind die meisten außer Gebrauch gekommen,
mit Ausnahme des Kölner L„ unter welchem
man eine besonders helle, durchscheinende
Sorte versteht. Russischer L., eine mit
weißer Mineralfarbe (Bleisulfat, Bleiweiß,
Zinkweiß, Kreide) vermischte gewöhnliche
Leimmasse, welche jetzt auch als weißer L.
bezeichnet wird, hat keinerlei Vorzüge, son-
dern höchstens verminderte Klebkraft. An
Stelle der alten Ursprungsnamen bedient man
sich neuerdings mehr der Bezeichnungen:
hell, fein, mittelfein, mittel und ordinär. —
Der L. findet als allgemeines Klebemittel
ausgedehnte Verwendung. Hellere Sorten
dienen zu Weberschlichte, zur kalten Vergol-