﻿Leinengewebe

tung kommen soll, wie bei Damast, ist das
Handgarn nicht zu verdrängen. Es kann
sich überhaupt um so eher gegen die Ma-
schine behaupten, je besser gesponnen wird,
denn gutes Handgarn von gleichem Faden
ist stets dem besten Maschinengarn vorzu-
ziehen. Man hat daher auch schon längst
in den Spinnereidistrikten durch Spinnschulen
die Geschicklichkeit der Arbeiterinnen zu
heben und sie namentlich auf die feineren
Nummern hinzuführen gesucht. Die Lage
der Spinner ist daher auch jetzt nicht mehr
so trostlos als zu den Zeiten, zu welchen die
mechanischen Spinnereien Englands zuerst
ihre Massenprodukte auf den Markt brachten.
— Die Leinengarne werden je nach ihrer Be-
stimmung, ob zum Verweben oder zu Zwirn,
schon beim Spinnen verschieden fest gedreht.
Das Kettengam erhält mehr Drehung als
das mehr lockere Schußgarn, und auch das
zu Zwirn bestimmte wird weniger fest ge-
sponnen. Leinenzwirn entsteht durch Zu-
sammendrehen von 2, 3 oder 4 einzelnen
Garnfäden zu einem Ganzen, und zwar ge-
schieht diese Drehung entgegengesetzt der-
jenigen, unter welcher das Garn entstand.
Je nach der Anzahl der Fäden, die ihn zu-
sammensetzen, heißt er zwei-, drei- und vier-
drähtig usw. Im übrigen werden die zahl-
reichen Sorten und Nummern gewöhnlich
nach dem Gebrauch, für den sie bestimmt
sind, also als Näh-, Strick-, Spitzen-,
Litzenzwirn benannt. Die Ware kommt
teils gebleicht, teils ungebleicht in den Han-
del. Der Nähzwirn wird häufig gefärbt und
appretiert, damit er beim Nähen nicht rauh
wird. —- Zoll: S. Tarif Nr. 472ff.

Leinengewebe. Die eigentliche Lein-
wand (frz. Toile, engl. Linen) besitzt die
für glatte Gewebe charakteristische Bindung.
Die Kette ist in zwei gleiche Abteilungen
geordnet, welche die Fäden 1, 3, 5, bzw,
2, 4, 6 enthalten und beim Weben abwech-
selnd nach oben und unten gezogen werden,
so daß nur zwei Tritte am Webstuhl nötig
sind. Nach dem Material unterscheidet man
Flachsleinwand oder reine Leinwand,
Hanfleinen (nur gröbere Sorten), Werg-
leinwand und gemischte Gewebe. Letztere
zerfallen wieder in halbflächsene mit
Flachsgarnkette und Schuß von Werkgam,
und halbbaumwollene, bei welcher Flachs-
und Baumwollgarn Kette und Schuß oder
auch Schuß und Kette bilden. Diese letz-
teren Gemische geben stets eine untergeord-
nete, obwohl häufig gut aussehende Ware,
die auch wohl irische Leinwand genannt
wird. Das gröbste leinwandartige Gewebe
ist das Segeltuch, meist aus Hanfgarn,
dann folgen Zelt-, Pack- und Sackleinen.
Das zu Leibwäsche bestimmte Gewebe er-
scheint in sehr verschiedenen Graden der
Stärke und Feinheit. Zu den stärkeren ge-
hört gewöhnlich die Hausleinwand, zu
welcher das Garn in ländlichen Wirtschaften
selbst gesponnen wird. Die fabrikmäßig er-
zeugte Kaufleinwand besteht meistens aus
Maschinengarn, da in Fabriken nur selten

Leinengewebe

Handstühle aufgestellt sind. Immerhin ge-
schieht das Weben noch vielfach auf den
gewöhnlichen Handwebstühlen, da einerseits
Handgespinst wegen seiner Ungleichheit für
den Maschinenstuhl gar nicht paßt, anderseits
Maschinengarn, selbst das trocken gespon-
nene, häufig nicht geschmeidig genug und
daher leicht dem Umschlingen und Reißen
unterworfen ist, so daß nicht mit der erfor-
derlichen Raschheit gearbeitet werden kann.
Meist werden die Garne im ungebleichten
Zustande verwebt, nur die schlesische und
böhmische Weißgamleinwand (Creas) und das
westfälische Löwentlinnen bestehen aus ge-
bleichtem Garn. Die Rohgarne kocht man
vor dem Spulen in Soda- oder Pottasche-
lauge, wodurch sie geschmeidiger werden.
Diejenigen Gewebe von Rohgarnen, welche
ungebleicht bleiben sollen, sind vom Web-
stuhl weg fertig und werden nur in Stück-
pakete gerollt und gebunden. Alle übrigen
erhalten Appretur, welche in Bleichen, Stär-
ken, Kalandern und zuweilen auch Glänzen
besteht. Gebleicht wird entweder naturell
durch Rasenbleiche oder rascher unter An-
wendung von Chlor (Schnellbleiche). Die
Rasenbleiche dient einer Ware zur Empfeh-
lung, da Chlor, wenn es nicht sehr sparsam
und behutsam angewandt wird, die Haltbar-
keit der Faser leicht herabmindern kann.
Das Bleichen bezweckt die Löslichmachung
und Entfernung der anhaftenden dunkel-
farbigen Stoffe und besteht in abwechselnder
Behandlung durch Laugenbäder, Einseifen,
Walken und Aussetzen an die Luft, unter
Begießung oder zum Teil auch ohne solche.
Die böhmische Naturbleiche dauert 80 bis
90 Tage, und das Rohleinen verliert dabei
20—30 o/o seines ursprünglichen Gewichts.
Durch konzentriertere und heißere Laugen,
sowie namentlich durch Hinzunehmen von
Chlorbädern läßt sich der Bleichprozeß bis
auf 6 Tage abkürzen. Das Stärken der
Leinenwaren besteht darin, daß ein dünner,
mit weißem Wachs oder Paraffin und etwas
Unschlitt gekochter, mit Ultramarin oder
dergleichen angebläuter Stärkekleister auf
das Gewebe gebracht und eingetrocknet wird.
Hierdurch wird die Dichte, Schwere und
der Griff des Stoffes künstlich vermehrt.
Das Glätten der gestärkten Leinwand ge-
schieht durch' Mangeln oder Kalandern,
entweder so, daß das Zeug auf glatte Rund-
hölzer gewickelt und wie alle Wäsche gerollt
wird, oder indem man es einfach oder
doppelt durch' ein System von 2, 3 oder
mehr geheizten und stark aufeinander ge-
preßten Walzen gehen läßt. Häufig wirken
metallene mit Papierwalzen zusammen, welche
eine sehr milde Glättung erzeugen; zuweilen
wird der Stoff auch zugleich auf dem Ka-
lander geglänzt, indem eine glatte Walze
darauf wirkt, welche sich viel rascher dreht,
als das Zeug fortschreitet. Die alte Glätt-
maschine, wie sie noch für die speziell soge-
nannte Glanz lein wand gebraucht wird, hat
als Hauptorgan ein poliertes rundes Stück
von Achat, Feuerstein oder Glas, das am

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