﻿Leinöl	277

unteren Ende einer federnden Stange sitzt
und damit auf dem Zeuge hin und her ge-
führt wird. Die appretierte Leinwand wird
stückweise gelegt oder gerollt, gepreßt, ge-
bunden usw. Die vielen Sortennamen sind
zum Teil nur für den auswärtigen Absatz
bestimmt, und zahlreich beliebt gewordene
Lokalprodukte werden nicht selten in anderen
i abrikdistrikten nachgemacht und mit dem
Originalnamen ausgestattet, so daß z. B. ir-
ländische L. auf dem Kontinent, Osnabrücker
in England, Bielefelder und holländische in
Böhmen und Schlesien fabriziert werden. Die
feinen irischen Hemdenleinen, welche beson-
ders in Südamerika und den englischen Kolo-
nien Absatz finden, sind eine Nachahmung
der holländischen und Bielefelder Leinwand.
Andere Stoffe aus Leinengarn, die unter ihren
Namen besonders aufgeführt werden, sind
Damast, Drell, Batist, Linon und
Gazon. Auch Leinenplüsch, der sich
durch außerordentliche Haltbarkeit und einen
schimmernden Lüster auszeichnet, wird in
großen Mengen dargestellt. Zur Unterschei-
dung des L. von Baumwolle bedient man sich
meist der Schwefelsäureprobe. Das Gewebe
wird durch sorgfältiges Waschen von der
Appretur befreit, getrocknet, 1—2 Minuten
in englische Schwefelsäure getaucht und
dann mit Wasser oder einer Sodalösung unter
Nachspülen mit Wasser ausgewaschen. Die
zu einer gallertartigen Masse aufgelöste
Baumwolle verschwindet bei richtig gewählter
Behandlung in der Schwefelsäure, während
die Leinenfäden unberührt bleiben und ge-
zählt werden können. Das sicherste Urteil
gewährt jedoch das Mikroskop. Die Lein-
faser ist zylindrisch mit sehr enger innerer
Höhlung und zeigt in bestimmten Entfer-
nungen knotenartige Anschwellung wie ein
Strohhalm, bei starker Vergrößerung Längs-
streifung, die Baumwolle dagegen ist band-
artig plattgedrückt mit verdickten Seiten-
rändern und vielfach schraubenartig um sich
selbst gedreht. Zur Bestimmung der Fein-
heit des Gewebes dient der Fadenzähler, eine
Lupe besonderer Einrichtung, welche auf das
Gewebe gesetzt wird. — Zoll: S. Tarif
Nr. 484 ff.

Leinöl (lat Oleum Iini, frz. Huile de lin,
engl. Linseed-oil), das fette trocknende Öl
nus den Samenkörnern der Leinpflanze
(s. Flachs), ist wie dieser Same selbst ein
wichtiger Handelsartikel. Die zur Ölgewin-
nung bestimmten Körner, der sog. Schlag-
*ein, stammen hauptsächlich von den zur
Fasergewinnung gebauten Pflanzen, haben
®fso, da diese immer vor völliger Reife ge-
zogen werden, nicht den vollen Ölgehalt, wie
Bie speziell zur Aussaat gezogenen reifen
Körner, der Saat lein, von welcher höher-
wertigen Sorte nur das zu alt gewordene oder
sonst verdorbene Gut noch dem Schlaglein
zufällt. Die Gewinnung des Öls geschieht
mit den gewöhnlichen Mitteln der älteren
oder neueren Ölmüllerei und besteht haupt-
sächlich im Zerkleinern der Samen auf
Stampf- oder Walzwerken, oder zwischen

Lemongrasöl

Mühlsteinen, und Auspressen des so erhal-
tenen Pulvers in Säcken mittels Keil-, Schrau-
ben- oder hydraulischen Pressen. In der
Regel wird warm gepreßt, indem man das
Mahlgut über Feuer oder mittels Dampf auf
Platten bis gegen 90° C erhitzt, dabei fleißig
wendet und dann gleich in die Presse gibt.
In der Hitze gerinnt das Sameneiweiß und
das Wasser verdampft, das öl läuft daher
dünnflüssiger und reiner und zugleich in
größerer Menge ab, als wenn keine Hitze
angewendet würde. Das Warmpressen er-
gibt zwischen 25 und 27% Öl, das gold- oder
braungelb aussieht, aber einen Übeln Ge-
ruch besitzt, so daß es nicht als Genußmittel
gebraucht werden kann. Bei kaltem Aus-
pressen ist die Farbe hellgelb und der Ge-
schmack milder und angenehmer, die Aus-
beute beträgt aber nur 20—-22%. Das Kalt-
pressen ist daher besonders in Ländern üb-
lich, wo das Öl zum Genüsse gebraucht wird,
wie in Rußland, Polen, Sachsen usw. Die
Methode der Extraktion wird bei Lein-
samen nur selten angewendet. Reines kaltge-
preßtes L. hat ein spez. Gew. von 0,930—0,940
und erstarrt bei —16°. Die häufigste und
wichtigste Verwendung des Öles ist die zu
Firnissen (s. d.), zu denen aber nur altes öl,
das bei ein- bis zweijährigem Lagern den
größten Teil seiner schleimigen Bestandteile
ausgeschieden hat, benutzt werden soll. Als
Verfälschungsmittel hat man beobachtet:
Rüb-, Senf-, Hanf-, Baumwollsamenöl, Fisch-
tran, Mineralöl, Harzöl, Ölsäure (Olein), Fett-
säuren aus Wollfett, Aleuritesöl usw. Ihr
Nachweis ist meist nur auf chemischem Wege
möglich, jedoch liefert oft schon ein Probe-
sieden auf Firnis wertvollen Aufschluß. Eine
Reinigung von schleimigen Teilen wird durch
Schütteln mit heißem Wasser, heißer Koch-
salzlösung, Eisenvitriol, Vermischen mit
Schnee, Durchfrierenlassen und Wiederauf-
tauen bewirkt, während längeres Aussetzen
an Licht und Sonne das Öl heller macht. —•
Minder wichtige Anwendungen des L. sind
noch die Bereitung von Schmierseife, Buch-
druckerschwärze und von pharmazeutischen
Präparaten, wie Schwefelbalsam und Brand-
salbe. Als Brennöl ist es, als stark rußend,
nicht zu gebrauchen. — Die Preßrück-
stände bilden die Leinölkuchen, die ein
wertvolles Viehfutter liefern und getrocknet
und wieder gepulvert als Leinkuchenmehl
(lat. Farina seu Placenta lini, frz. Gäteau de
lin, engl. Linseed cake) auch zu erweichen-
den Umschlägen dienen. — Zoll: Leinöl s.
Tarif Nr. 166/7. Leinölfirnis s. Tarif Nr. 341ff..
Leinkuchen s. Tarif Nr. 193.

Lemongrasöl (Limongrasöl, Grasöl,
Idrisöl, Nardenöl, lat. Oleum Lemongras,
frz. Essence de Lemongras, engl. Lemongrass
oil), ein aus Ostindien und Kotschinchina kom-
mendes ätherisches Öl, wird durch Destillation
von Andropogon Nardus, einer Grasart,
gewonnen und besitzt einen angenehmen, dem
Verbenaöl ähnlichen Geruch. Es ist gelblich
bis bräunlich, löst sich in 2—3 Teilen 70proz.
Alkohols und besitzt das spez. Gew. 0,899 bis