﻿Moschus

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Moschus

Kanton in den Handel gelangt. Von dort
geht die Ware nach England und Deutsch-
land, von denen sich dann die anderen Länder
versorgen. Die Originalpackung erfolgt inläng-
lich viereckigen Kästchen, sog. Catties, von
etwa 20 cm Länge und 9—11 cm Breite und
Höhe, welche innen mit Bleifolie gefüttert,
außen mit starkem Seidenstoff überzogen sind.
In jedem Kästchen liegen etwa 25 Moschus-
beutel, welche einzeln in zartes, mit chinesi-
schen Bildern und Zeichen bedrucktes Papier
gewickelt sind. Die Kästchen werden in mit
Zink ausgeschlagenen Holzkisten verpackt und
gelangen so nach Europa. Die tibetanischen
Moschusbeutel sind stumpfkantig, rundlich
oder länglich, auf der Haarseite stark gewölbt,
auf der Hautseite flach, 3—4,5 cm dick, bis
3 cm hoch und 15—45 g schwer. Die Haare
der konvexen Seite sind glatt anliegend, gegen
die Mitte gerichtet und am Rande abge-
schoren. Auf der Höhe der gewölbten Seite
befinden sich zwei kleine Öffnungen. Der
beim Aufschneiden des Beutels gewonnene M.
zeigt im getrockneten Zustande eine schwarz-
braune oder dunkelrötlichbraune Farbe und
bildet eine lockere, krümlige Masse, welche
zum Teil aus Körnchen und Klümpchen von
der Größe eines Stecknadelkopfes bis einer
Erbse besteht. Der Geschmack ist bitter,
der Geruch stark und sehr charakteristisch.
Unter dem Mikroskop lassen sich braune und
weiße Körnchen von unregelmäßiger Form,
Öltröpfchen, Epithelien und Haare erkennen.
Auf Papier gibt der trockne Tonkin-M. einen
braunen Strich. Die Hauptexporthäfen für tibe-
tanischen M. sind Shanghai und Kanton. Der Ex-
port im Jahre 1905 betrug 877 Catties ä ll/sPfd.
1906 aber 1137 Catties. 100 g Moschus in
vesicis kosteten 1906 etwa 260 M., 100 g
Moschus ex vesicis 320 M. Die feinste Quali-
tät Tonkin-M. wird als „pile I all Mueskins“
bezeichnet und besteht aus gut beschnittenen,
ausgesuchten Beuteln, von denen die äußere
Haut zu zwei Dritteln abgezogen worden ist.
Andere Qualitätsbezeichnungen sind pile I,
pile II und pile III. — Der kabardinische
M. (russische, sibirische M.) ist die am
meisten gehandelte Moschussorte, welche aus
dem südlichen Sibirien stammt und über
Petersburg in den Handel kommt. Ein Teil
des russischen M. geht nach China, ein an-
derer nach England, Deutschland usw. Die
jährliche Sendung nach dem Westen beträgt
etwa 250 kg oder 10—12 000 Beutel. Die
Verpackung erfolgt in verlöteten Blechkisten
von 2—6 kg Inhalt, welche wieder in Holz-
kisten eingesetzt sind. Der kabardinische M.
dient nur zu Pafümeriezwecken und ist drei-
bis viermal so wohlfeil als der chinesische M.
Die Beutel sind größer, länglichoval oder
birnenförmig, sehr platt und auf der unteren
unbehaarten Seite schmutzig gelbbraun und
gerunzelt. Die Haare auf der Oberseite,
welche gewöhnlich kurz geschnitten sind,
sehen silberfarben oder bräunlich aus. Die
Moschussubstanz bildet eine knetbare, nicht
körnige Masse von hellbrauner Farbe. Auf
Papier gestrichen entsteht ein hellbrauner

Strich. Der russische M. riecht etwas urinös,
an Pferdeschweiß erinnernd und darf in Apo-
theken nicht verwendet werden. — Von
weniger wichtigen Moschussorten sind zu er-
wähnen der Yünnan-M., der Taupi-M. und
der Assam-M. Der Yünnan-M., nach der
gleichnamigen chinesischen Provinz benannt,
wird meist in China selbst verbraucht und
wenig exportiert, hauptsächlich nach Japan.
Er besteht aus fast kugelrunden Beuteln,
welche glatt, unbehaart und sehr dickhäutig
sind. Der Inhalt ist gelblichbraun mit einem
Stich ins Rötliche und von sehr feinem Geruch.
Der Taupi-M. stammt ebenfalls aus China
und kommt in zwei Sorten vor (Tonkin-Taupi
und Yünnan-Taupi). Die Beutel haben einen
Durchmesser von 3—4 cm, die äußere Haut
und die Muskelhaut fehlen. Der Taupin-M.
gilt als sehr fein, wird aber fast noch mehr
als der Tonkin-M. verfälscht. Der Assam-M.
oder bengalische M. hat ziemlich große
Beutel, die dem chinesischen M. sehr ähnlich
sind, aber oft kugelige oder abgestutzt kegel-
förmige Gestalt besitzen. — Die Moschus-
beutel enthalten im Durchschnitt 50°/o ihres
Gewichtes Moschus. Sie werden entleert,
indem man sie auf einen Bogen glattes Papier
legt, die unbehaarte Seite durch einen kreis-
förmigen Schnitt mit einem scharfen Messer
abtrennt und den Inhalt herauskratzt. Dann
sucht man die Hautteilchen und Haare mit
einer Pinzette heraus und bringt den M.
sofort in kleine Gläser, die man sehr gut
verschließt. Ist der M. noch feucht, so trocknet
man ihn im Exsikkator über Schwefelsäure
oder Chlorkalzium. — Die entleerten
Moschusbeutel bilden einen Handels-
artikel für sich und werden von den Parfü-
meuren zur Bereitung einer geringeren Quali-
tät von Moschustinktur gekauft; das Stück
kostet ungefähr IM. — Den aus den Beuteln
entnommenen, sog. „ausgemachten“ M.
(Moschus ex vesicis) kann man übrigens auch,
wie schon erwähnt, direkt im Handel be-
kommen, entweder in Klümpchen oder in
Pulverform. Durchgängig stammt dieser aus-
gemachte M. von den in Europa eröffneten
Beuteln; aus China und Assam gelangt mit-
unter Moschus ex vesicis in zinnähnlich glän-
zenden Büchsen in den Handel. — Der M.
enthält außer verschiedenen unwesentlichen
Bestandteilen als wichtigsten den Riechstoff,
über welchen bis vor kurzem gar nichts be-
kannt war. Erst 1906 gelang es der Firma
Schimmel & Co., aus dem M. ein dickes, farb-
loses öl, das Muskon, zu isolieren, ein Keton
von höchst angenehmem, reinem Moschus-
geruch, welches das riechende Prinzip des
M. darstellt. Völlig ausgetrockneter M. ist
fast ohne Geruch, nimmt aber angefeuchtet
denselben allmählich in dem früheren Grade
wieder an. Interessanterweise geht der Geruch
des M. auch verloren, wenn man ihn mit
verschiedenen Stoffen, wie Metallsulfaten,
Goldschwefel, Schwefelmilch, Kampfer, Chi-
nin, Senföl, Mutterkorn usw. vermischt, wird
aber beim Anfeuchten des Gemisches mit
Salmiakgeist wieder hergestellt. Tierkohle