﻿Musseline	320

gelbe, talgartige Fett löst sich zu etwa 55%
in kaltem Alkohol, völlig in siedendem Al-
kohol, Äther und Chloroform. M. findet als
Grundlage für Pflaster und Salben medizinische
Anwendung und muß in der gewöhnlichen
Handelsform, mit Stanniol umhüllten Riegeln,
in verschlossenen Gefäßen kühl aufbewahrt
werden. — Zoll: S. Tarif Nr. 169.

Musseline (frz. Musseline, engl. Muslin)
ist eine Gattung feiner, locker gewebter, halb
durchsichtiger Gewebe aus den höchsten
Nummern von Baumwollgarn oder Wollen-
garn (Baumwollmusseline und Woll-
musseline), welche ursprünglich aus Ost-
indien und dem Orient eingeführt, seit lan-
ger Zeit auch in England, Frankreich,
Deutschland und der Schweiz ebenso schön
und gut und durch ihren Fabrikbetrieb be-
deutend billiger hergestellt werden. Die Ware
kommt in den verschiedensten Formen, glatt,
gestreift, durchbrochen, geblümt und gedruckt
in den Handel und dient auch als Grund von
Weißstickereien. Die Musselinweberei und
die Ausfuhr von Geweben nach dem Orient
wurde in der Schweiz und Deutschland (Vogt-
land) schon lange vor Einführung der Spinn-
maschine betrieben. Mit der Ausbildung der
Maschinenspinnerei ging die Garnerzeugung
jedoch vollständig auf diese über, während
die Weberei nach wie vor dem Handstuhle
verblieb. Sie wurde früher in Kellerräumen
betrieben, da die Arbeit in trockner Luft
nicht gut gelingt, kann aber nach Behandlung'
des Garnes mit Glyzerin überall ausgeführt
werden. Die Maschine hat auch die alte ost-
indische Industrie soweit beeinflußt, daß die
dortigen Weber jetzt englische Game ver-
arbeiten, wenngleich die Fabrikation aus
Handgespinst in beschränktem Maße fort-
dauert. Als Beweis für die große Zartheit und
Feinheit der indischen Musseline wird an-
geführt, daß man ein ganzes Kleid durch
einen Fingerring ziehen könne, oder daß 15
bis 20 m Turbanmusselin nur 150 g wiegen.
Dabei sollen sie aber auch in der Güte, be-
sonders in Halt- und Waschbarkeit die euro-
päischen Stoffe übertreffen. Als besondere
Arten der Musseline sind zu erwähnen:
Musselinets mit eingewebten, weiß oder
bunt gemusterten Streifen; Mull, ein ganz
weicher, weißer Musselin; Vapeur, ein sehr
lockerer und feiner, und Zephyr, der aller-
feinste Musselin aus den höchsten Garnnum-
mern. — Zoll: Baumwollmusselin s. Tarif
Nr. 450ff. Woll-Musselin Nr. 432.

Mutterkorn (Kriebelkorn, lat. Secale
cornutum, frz. Ergot, Seigle ergotö, engl.
Black grain of corn, Blighied corn) besteht
aus dem Dauermyzelium oder Sklero-
tium eines Pilzes, Claviceps purpurea,
welcher auf den Ähren vieler Gräser, nament-
lich des Roggens, seltener auf Weizen und
Gerste, schmarotzt, für den medizinischen Ge-
brauch aber nur von Roggen gesammelt wer-
den soll. Es bildet 30—35 mm lange, bis 6 mm
dicke, etwas bogenförmig gekrümmte, stumpf
dreikantige Körnchen, welche auf jeder Seite
mit einer Längsfurche versehen sind. DieFarbe

Myrobalanen

ist außen violettschwarz, innen weißlich, die
Konsistenz frisch weich und zähe, nach dem
Trocknen hart und spröde. In Masse zeigt
M. einen eigentümlich dumpfigen Geruch, der
nach dem Pulvern noch stärker hervortritt.
Als wirksamen Bestandteil enthält das M.
ein Alkaloid: Ergotinin in Menge von höch-
stens 0,27%, während alle übrigen angeblich
isolierten Alkaloide, wie Kornutin u. a. als
Zersetzungsprodukte des Ergotinins aufzu-
fassen sind. Daneben finden sich noch ver-
schiedene giftige Verbindungen, wie die
Sphazelinsäure oder das Ergotin, die
Ergotinsäure und die Farbstoffe Sclerery-
thrin (rot) und Scleroxanthin (gelb). Das
M. ist ein außerordentlich heftiges Gift,
welches als Bestandteil des Brotmehles die
sog. Kriebelkrankheit (Lähmung der Glie-
der) hervorruft. Wegen seiner Eigenschaft,,
bei schwängern Frauen Wehen zu befördern,
findet es in der Geburtshilfe medizinische
Anwendung. Die Einsammlung soll kurz vor
der Fruchtreife, also auf dem Acker, er-
folgen. Die ausgelesenen guten Stücke wer-
den bei niedriger Temperatur getrocknet und
in gut schließenden gelben Gläsern, aber
nicht länger als ein Jahr aufbewahrt. In
gepulvertem Zustande ist es nicht haltbar,
da das Fett ranzig wird. M. und seine Zu-
bereitungen (Extrakte) dürfen nur von Apo-
theken und auch hier nur gegen ärztliches
Rezept verkauft werden. — Zollfrei.

Mutterlaugensalz. Unter diesem Namen
kommen verschiedene Salzmassen in den
Handel, die durch Verdampfen der Mutter-
lauge gewisser Mineralwässer erhalten werden.
Beim Verdampfen der letzteren scheiden sich
zunächst die aus den Bikarbonaten stammen-
den Monokarbonate (einfachkohlensaureSalze)
des Kalkes, der Magnesia und des Eisen-
oxyduls, dann die übrigen schwer löslichen
und leicht kristallisierbaren Salze aus, wäh-
rend die schwer kristallisierbaren, leicht lös-
lichen Salze in der Mutterlauge gelöst bleiben
und durch Verdampfen in fester Form er-
halten werden. Sie müssen an trockenen Or-
ten aufbewahrt werden, da sie leicht Feuchtig-
keit anziehen, und dienen als Zusatz zu Bä-
dern. Die bekanntesten sind das Nauheimer
und das stark bromhaltige Kreuznacher M.
— Zoll: S. Tarif Nr. 280.

Myrobalanen (lat. Myrobalani, frz. und
engl. Myrobalane) sind die harten, 2V2 bis
3V2 cm langen, im trockenen Zustande sehr
runzligen Steinfrüchte verschiedener ost-
indischer Sträucher oder Bäume der Gattung
Terminalia. Die größte Bedeutung be-
sitzen die kleinen Madras-M. von Termi-
nalia chebula und die großen Bombay-
M. von T. citrina. Weniger wichtig sind die
sog. grauen M. von Phyllantus emblica
und die runden M. von Terminalia belle-
rica. Die M. enthalten außerordentlich große
Mengen (32—45%) eines Gerbstoffs, welcher
mit demjenigen der Algarobilla identisch ist,
und werden daher für die Zwecke der Ger-
berei, Tintenfabrikation und zum Schwarzfär-
ben in steigendem Maße nach England ein-