﻿Oxalsäure

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Oxyphensäure

Acide oxalique, engl. Oxalic acid), eine starke
organische Säure, findet sich in zahlreichen
Pflanzen, teils an Kali, teils an Kalk gebunden.
Von ihrem Vorkommen im Sauerklee (Oxa-
’is acetoseila) hat sie ihre deutsche und
chemische Bezeichnung erhalten. Außer dem
Sauerklee enthalten auch Sauerampfer und
Rhabarber größere Mengen Oxalsäure in Form
des sauren oxalsauren Kaliums (Kalium-
bioxalat, lat. Oxalium, Kalium bioxalicum,
trz. Bioxalate de potasse, engl. Bioxalate of
Potash), das sich leicht aus ihnen gewinnen
läßt. Vor der Entdeckung der künstlichen
Parsteilung wurden tatsächlich in der Schweiz,
im Württembergischen und im Schwarzwald
aus den genannten Pflanzen größere Mengen
Oxalsäure dargestellt, indem man den aus-
gepreßten und geklärten Saft zur Kristalli-
sation eindampfte. Das in Form weißer un-
durchsichtiger Prismen und Pyramiden aus-
kristallisierende Salz wurde durch Zusatz von
Kalk in das oxalsaure Kalzium übergeführt,
und aus letzterem mit Schwefelsäure die freie
Oxalsäure abgeschieden. Heutzutage stellt
tnan die Oxalsäure nur noch auf chemischem
Wege, und zwar durch Behandlung organi-
scher Stoffe mit Salpetersäure oder schmelzen-
den Alkalien her. Nach dem ersten Verfahren
erhitzt man zucker- oder stärkehaltige Stoffe
(Melasse) mit Salpetersäure auf etwa 50°,
dampft die Lösung ein und kristallisiert die
ausgeschiedene Oxalsäure aus heißem Wasser
um. Von dieser Methode leitet sich der
Name: Zuckersäure ab. Für den Großbetrieb
eignet sich mehr das Schmelzen von Säge-
spänen mit Alkali, indem man ein Gemisch
von Holzmehl mit Kali-Natronlauge in eisernen
Pfannen zur Trockne bringt, allmählich auf
e>ne Temperatur von 170—240° erhitzt und
darauf unter beständigem Rühren so lange
orhält, bis alle Holzpartikel zersetzt sind. Aus
der Schmelze werden zunächst mit wenig
kaltem Wasser die kohlensauren Alkalien zum
größten Teile ausgelaugt, und die hinter-
bleibenden Stoffe in siedendem Wasser ge-
löst. Beim Erkalten kristallisiert das schwer
lösliche oxalsaure Natrium aus und wird von
der Mutterlauge durch Zentrifugieren getrennt.
Aus dem Natriumsalze wird, wie oben be-
schrieben, durch doppelte -Umsetzung mit
Kalk und Schwefelsäure die freie Oxalsäure
isoliert. Nach einem neuen, besonders vor-
teilhaften und aussichtsreichem Verfahren stellt
tnan die Oxalsäure durch Glühen eines Ge-
büsches von ameisensaurem und kohlensaurem
Kalium dar. Zur völligen Reinigung der er-
haltenen Oxalsäure von den sehr schwierig
tu entfernenden Alkalisulfaten und -oxalaten
wird, die freie Säure mit heißem absoluten
Alkohol in Lösung gebracht oder aus einem
Paraffinbade bei 157° sublimiert. — Die
Oxalsäure kristallisiert in farblosen, durch-
sichtigen Nadeln mit zwei Molekülen Kristall-
nasser. An der Luft verwittern die Kristalle
bnter teilweisem Verlust des Wassers, welches
üurch Erhitzen auf 70° völlig ausgetrieben
nird. Bei vorsichtigem Erhitzen schmilzt die
Säure zunächst in ihrem Kristallwasser und

sublimiert zum Teil unzersetzt. Bei raschem
Erhitzen zerfällt sie jedoch leicht in Wasser,
Kohlensäure und Kohlenoxyd. Die Oxalsäure
löst sich leicht in Wasser und Alkohol, hin-
gegen schwer in Äther und ist, wie auch ihre
Salze, stark giftig. Beide müssen daher vor-
sichtig aufbewahrt werden, besonders weil die
vom Publikum oft gebrauchte falsche Be-
zeichnung: Bitterkleesalz verschiedentlich
Verwechslungen mit Bittersalz verursacht
hat. — Von den Verbindungen der Oxal-
säure haben das namentlich in der Photo-
graphie gebrauchte neutrale Kaliumoxa-
lat (lat. Kalium oxalicum neutrale, frz. Oxa-
late de potasse, engl. Oxalate of potash)
und das Kaliumtetraoxalat, welches als
Titersubstanz in der Maßanalyse benutzt wird,
großes wissenschaftliches Interesse, das
saure Kaliumoxalat (Kaliumbioxalat,
Kleesalz) hingegen außerordentliche tech-
nische Bedeutung. Zu seiner Darstellung
setzt man der Oxalsäure so viel Pottasche
zu, daß nur die Hälfte der Säure neutralisiert
wird. Bisweilen sättigt man auch nur ein
Viertel der Säure ab, läßt auskristallisieren
und erhält dann das vierfach saure Salz.
— Die Oxalsäure und ihre Salze finden aus-
gedehnte Anwendung in der Technik. Die
Färberei und Zeugdruckerei benutzen sie
wegen ihrer bleichenden und farbenzerstören-
den Eigenschaften. Außerdem dienen sie zum
Bleichen von Strohhüten, von Leder, Glyzerin
und Fetten und zur Entfernung von Tinten-
und Rostflecken. Die chemische Industrie
verwendet sie zur Herstellung von Ameisen-
säure und verschiedenen Farbstoffen, die
analytische Chemie als Titersubstanz und als
wichtigstes Reagens auf Kalk. — Zoll: 8 M.

Oxyphensäure (Brenzkatechin, Pyro-
katechin, lat. Brenzcatechinum, frz. und engl.
Pyrocatechine), in chemischer Hinsicht ein
zweiwertiges Phenol, Orthodioxybenzol,
findet sich in geringer Menge in einigen
Pflanzen, z. B. den Blättern von Ampelopsis
hederacea, ferner im rohen Holzessig und,
als Schwefelsäureäther, im Pferdeharn. Sie
entsteht beim Schmelzen von Benzoe, Guajalc-
harz und vielen anderen Harzen mit Ätzkali,
bei der trockenen Destillation von Katechu,
Kino und Gerbstoffen, sowie als Nebenprodukt
bei der Paraffingewinnung. Zur fabrik-
mäßigen Darstellung wird Katechu oder Kino
der trocknen Destillation, oder Chlorphenol
der Kalischmelze unterworfen, oder man
leitet endlich in geschmolzenes Guajakol so
lange Jodwasserstoff ein, bis kein Jodmethyl
mehr erweicht. — O. bildet glänzend weiße
rhombische Blättchen, welche bitter schmelo
ken, bei 104° schmelzen und bei 240—245°
sieden. Sie löst sich leicht in Wasser, Al-
kohol und Äther. Die wäßrige Lösung wird
auf Zusatz von Eisenchlorid grün und darauf
nach Zusatz von wenig Ammoniak blau ge-
färbt. Sie reduziert die Salze der meisten
Schwermetalle schon in der Kälte, alkalische
Kupferlösung hingegen erst in der Hitze und
gibt mit Bleizuckerlösung einen weißen
Niederschlag. Alkalische Lösungen färben