﻿Paraffin

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Paraffin

sitzen, also ebenfalls Anspruch auf den Na-
men P. haben. Die fabrikmäßige Darstel-
lung des P. nahm von 1855 an besonders in
der Provinz Sachsen einen^ großen Auf-
schwung. Das P. findet sich im gelösten Zu-
stande im Erdöl, in fester Form als Erd-
wachs oder Ozokerit in Galizien am Fuße
der Karpathen, in Siebenbürgen, in der Mol-
dau und an der Ostküste des Kaspischen
Meeres. In großen Mengen gewinnt man das
P. aus den Destillationsprodukten gewisser
Braunkohlensorten, die sich besonders in der
Provinz Sachsen zwischen Weißenfels und
Zeitz finden, ferner aus Torf und bituminösem
Schiefer. Die zur Darstellung von P. ge-
eignete Braunkohle führt den Namen Pa-
raffinkohle (Pyropissit) und hat ein wenig
kohlenartiges Aussehen, erscheint vielmehr
wie eine leichte, hellbraune, bröcklige Erde.
Sie wird zur Verarbeitung auf P. zunächst
geschwelt, d. h. einer trockenen Destillation
unterworfen. Der gewonnene Teer, welcher
weder dem Steinkohlen- noch dem Holzteer
ähnelt und im warmen Zustande ein klares,
dünnes, hellbraunes Öl darstellt, wird in große
gußeiserne Blasen gebracht und nach Zusatz
von 1/4—1/2 % Ätzkalk einer erneuten De-
stillation unterworfen. Die zuerst abdestillie-
renden leichteren und mittleren Produkte sind
paraffinarm und bilden das Rohöl, welches
auf Photogen und Solaröl verarbeitet
wird, die zuletzt destillierenden schweren Pro-
dukte sind paraffinreich und werden als Roh-
paraffinmasse bezeichnet. Sie enthalten
außer P. noch schwere Öle (Paraffinöl,
Schmieröl). Um das paraffinhaltige Destil-
lat von Harz, Kreosotölen und anderen Stoffen
zu befreien, behandelt man es in der Wärme
mit konz. Schwefelsäure, hierauf mit Natron-
lauge und schließlich mit warmem Wasser.
Das erhaltene Produkt wird in großen, in
kühlen Räumen stehenden Bassins mehrere
Wochen sich selbst überlassen, wobei der
größte Teil des P. sich in glänzenden, gelb-
weißen Blättern ausscheidet. Die gewonnene
sog. Paraffinmasse oder Paraffinbutter
wird in Filterpressen abgepreßt; ein großer
Teil des Öles (Paraffinöl) läuft hierbei ab,
während in der Presse die Paraffinschuppen
oder das Rohparaffin Zurückbleiben. Sie wer-
den mittels hydraulischer Pressen stark ausge-
preßt, mit 10—15% der flüchtigsten Bestand-
teile des Braunkohlenteers — dem Braun-
kohlenbenzin — zusammengeschmolzen,
und die erstarrte Masse abermals gepreßt. Die
ganze Manipulation wird noch ein bis zwei-
mal wiederholt, und hierdurch ein fast weißes
P. erhalten, da das Benzin mit den im Roh-
paraffin noch befindlichen Ölen auch den
Farbstoff hinwegnimmt. Um das Benzin voll-
ständig zu entfernen, kocht man das P. mit
Dampf aus und digeriert es schließlich in
der Hitze mit entfärbend wirkenden Mitteln,
wie Knochenkohle oder feinem Ton. Das nun
vollständig weiße P. wird heiß filtriert und,
wenn es nicht sofort auf Kerzen verarbeitet
wird, für den Handel in Blöcke gegossen. —
Die Teerausbeute ist je nach der Beschaffen-

heit der Braunkohlen sehr verschieden.
1 Tonne Kohle liefert 15—18 kg Teer. 100
Teile Teer geben 5—8 Teile leichte Öle, 28
bis 35 Teile Solaröl und Photogen, 15—17
Teile P. und 10—15 Teile schwere Öle.
Von den bei der Herstellung des P. aus
Braunkohlen gewonnenen Nebenprodukten
sind die wichtigsten das Photogen und das
Solaröl. Sie sind ebensowenig einheitliche
Verbindungen wie das P., sondern Gemenge
von Kohlenwasserstoffen mit verschiedenen
Siedepunkten. In der Praxis rechnet man
diejenigen Fraktionen, welche ein spez. Gew.
unter 0,825 haben, zum Photogen, die höheren
Fraktionen bis 200° C zum Solaröl. Beide
Flüssigkeiten werden, wie schon erwähnt,
durch fraktionierte Destillation des Rohöls
gewonnen und durch Schütteln mit Schwefel-
säure, Behandeln mit Ätznatronlauge, Wa-
schen mit Wasser und abermalige Destilla-
tion gereinigt. Das Photogen bildet eine
farblose oder schwach gelbliche Flüssigkeit
vom spez. Gew. 0,770—0,825 und riecht un-
angenehm rettichartig. Die niedrig siedenden
Anteile des Photogens, das Braunkohlenbenzin,
haben ein spez. Gew. von 0,770—0,810 und
dienen meist zur Reinigung des P. (s. oben),
während die höher siedenden Teile, Photogen,
Ligroin oder deutsches Petroleum, mit dem
spez. Gew. 0,810—0,825, zu Beleuchtungs-
zwecken, als Fleckwasser oder zum Ver-
mischen mit Petroleumbenzin benützt werden.
Das Solaröl ist gelblich, ziemlich dickflüssig
und hat das spez. Gew. 0,825—0,835. Es
steht in seiner Leuchtkraft dem amerikani-
schen Petroleum ziemlich nahe und wird in-
folge seiner Billigkeit als Leuchtmaterial viel-
fach verwendet, während das Photogen seiner
Feuergefährlichkeit halber als solches nur
noch selten Anwendung findet. Das dicke,
zum Brennen untaugliche öl, welches bei der
Ausscheidung des P. übrigbleibt, kommt unter
dem Namen Schmieröl (Paraffinöl) in
den Handel und dient als Schmiermittel und
zur Ölgasfabrikation. — Die Darstellung von
P. aus dem bituminösen Schiefer, welcher
in großer Menge in Ungarn und im Banat
vorkommt, geschieht in ähnlicher Weise wie
die aus dem Braunkohlenteer. Das aus den
hochsiedenden Anteilen des Erdöls durch Aus-
kristallisieren gewonnene P. führt den Namen
Beimont in. Das ebenfalls aus Erdöl ohne
Destillation erhaltene Weichparaffin wird
Vaseline oder Paraffinsalbe genannt und
stellt eine zarte, salbenartige Masse dar. Erd-
wachs oder Ozokerit wird zur Verarbei-
tung auf P. mit überhitztem Wasserdampfe
destilliert, und die abgeschiedene Paraffin-
masse in ähnlicher Weise wie die aus dem
Braunkohlenteer gewonnene behandelt. Der
Ozokerit gilt als das wertvollste Material zur
Paraffingewinnung, indem er 50—80% beste
Paraffinmasse liefert. Die überwiegende
Hauptmenge des Ozokerits wird aber nicht
durch Destillation auf eigentliches P. ver-
arbeitet, sondern ohne Destiilation mittels
rauchender Schwefelsäure und Entfärben der
wieder entsäuerten Masse durch Tierkohle ge-