﻿Schießpulver

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Schießpulver

Kautschuk- oder Paraffinlösungen gegen
Feuchtigkeit unempfindlich gemacht werden.
Auch läßt sich der Brei in einer hin- und
hergehenden Trommel in Körner (gekörnte
S.) verwandeln, die dann durch kurzes Ein-
tauchen in Essigäther gehärtet werden. —
Bei der Nitrierung hat die Baumwolle ihr
Aussehen nicht geändert, fühlt sich aber
härter und rauher an und ist durch Aufnahme
der Nitrogruppe um 50°/o schwerer geworden.
Wie das Nitroglyzerin ist auch die. S. kein
eigentlicher Nitrokörper, sondern ein Ester
der Salpetersäure, und zwar Zellulosehexa-
oder nach anderen Angaben -trinitrat. Sie
löst sich nicht in Wasser, Alkohol und Essig-
säure, schwer in Äther und Azeton, hingegen
leicht in Essigester, Nitrobenzol und Äther-
Alkohol. Frei entzündet, verbrennt die S.
blitzartig, aber mit so geringer Kraftentwick-
lung, daß sie eine darunter befindliche Wage
nicht ins Schwanken bringt. Durch Druck,
Schlag oder plötzliche Entzündung auf hohe
Temperatur explodiert sie hingegen mit un-
geheurer Gewalt, welche diejenige des Pul-
vers bis zum Zehnfachen übertrifft. Die S.
wird vor allem zu Sprengungen benutzt, und
hat hierbei den Vorzug, daß das Bohrloch
nicht verrammt zu werden braucht. Ferner
dient sie zum Füllen von Torpedos, Granaten
und Minen und zur Herstellung des rauch-
losen Pulvers. Die in ähnlicher Weise her-
gestellte Kollodiumwolle (s. d.) ist Zellu-
losetetranitrat. Die S. kann in feuchtem oder
gekörntem Zustande völlig gefahrlos trans-
portiert werden. — Zoll: S. Tarif Nr. 363.

Schießpulver (Pulver, frz. Poudre ä canon,
engl. Gun-powder), ein wahrscheinlich schon
seit uralten Zeiten bekannter Stoff, besteht
aus Mischungen von Salpeter, Kohle und
Schwefel in wechselnden Verhältnissen, welche
durch besondere Maßnahmen in eine gekörnte
Form übergeführt werden. Zur Herstellung
des S. wird reinster, chlorfreier Kalisalpeter,
selbstgemahlener Stangen- oder Brotschwefel,
hingegen keine Schwefelblumen, und eine be-
sonders leichte, poröse Holzkohle verwandt.
Vor allem eignet sich hierzu die Kohle von
Pappel, Faulbaum, Linde und Kastanie, welche
in geschälten, daumendicken und völlig
trockenen Stäben in eisernen Zylindern auf
nicht zu hohe Temperaturen, am besten mit
überhitztem Wasserdampf, erhitzt werden.
Auch Flachs, Hanf und Weinrebe geben gute
Kohle. Bei einer Temperatur von 270—300°
erhält man die raschentzündliche, für Jagd-
pulver geeignete Rotkohle, bei 350° die
schwerer brennbare Schwarzkohle für
Kriegspulver. Zur Vermeidung von Wasser-
anziehung und Selbstentzündung wird die
Kohle möglichst bald in Stampfwerken oder
Kugelmühlen zerkleinert und in den mit Leder
überzogenen Mengtrommeln mit der erforder-
lichen Menge Schwefel und Salpeter vermischt.
Die fein gepulverte Masse wird mit etwas
Wasser gleichmäßig angefeuchtet, und der
entstandene Teig auf einem endlosen Tuche
zwischen Walzen hindurchgeführt, oder durch
hydraulische Pressen verdichtet. Man erhält

hierdurch Platten von dem Aussehen und
der Härte des Schiefers, welche zwischen
geriffelten Walzen oder in mit Sieben ver-
sehenen Körnmaschinen in Körner verschie-
dener Größe zerteilt werden. Die letzteren
werden an der Luft vorgetrocknet, in Trom-
meln durch gegenseitige Reibung poliert und
darauf bei höherer Temperatur völlig ge-
trocknet. Zum Versand kommt das P. in Fässer,
für größere Transporte aber erst in leinene
oder lederne Säcke und mit diesen in Holz-
fässer. Kleinere Mengen Jagdpulver werden
auch in Glas- oder Blechflaschen versandt.
Pulverfässer dürfen nie gerollt, sondern müssen
stets getragen werden. Die einzelnen Pulver-
sorten unterscheiden sich sowohl durch die
chemische Zusammensetzung wie den Grad
der Feinheit. Jagdpulver enthält im Durch-
schnitt meist 77 Teile Salpeter, 13 Kohle,
10 Schwefel; Militärpulver 75 Teile Salpeter,
15 Kohle, 10 Schwefel; Sprengpulver 66Teile
Salpeter, 11 Kohle, 23 Schwefel. Erhöhter
Schwefelgehalt macht das Pulver unempfind-
licher gegen Feuchtigkeit und haltbarer für
den Transport, erniedrigt aber die Kraft und
verlangsamt die Verbrennung. Größerer
Kohlenstoffgehalt steigert die Entzündlichkeit
aber auch die Neigung zum Feuchtwerden.
Großkörniges Pulver verbrennt langsamer und
wird daher als Geschützpulver verwandt. Das
Birsch-, Jagd- oder Scheibenpulver ist
die feinste Sorte mit mohnsamengroßen, po-
lierten und runden Körnen. Das Musketen-
pulver ist gröber und weniger poliert, noch
grobkörniger das meist aus eckigen Bruch-
stücken bestehende Geschützpulver. Für
großes Belagerungsgeschütz, Strandbatterien
und Schiffsgeschütze wird meist das pris-
matische Pulver benutzt, welches aus 6sei-
tigen, von 6 Kanälen durchzogenen Prismen
besteht und durch Pressen des angefeuchteten
Pulverkuchens in Formen hergestellt wird.
Gutes S. muß staubfrei sein und darf nicht
abfärben. Das Korn sei fest und gleichmäßig
schwach glänzend, die Farbe bleigrau. Tief-
schwarzes Pulver hat entweder einen zu hohen
Kohlenstoffgehalt oder ist naß gewesen. Der
Feuchtigkeitsgehalt soll 1 Vs0/« nicht über-
steigen. Auf Papier verbrannt, darf gutes S.
die Unterlage nicht entzünden und nur einen
unbedeutenden schwarzen Fleck hinterlassen.
— Das für die Handfeuerwaffen des Militärs
bestimmte rauchlose Pulver (Blättchen-
Pulver) wird durch Auflösen von Schieß-
baumwolle in Essigäther, Azeton oder Alkohol-
äther, Auswalzen der entstehenden gelatine-
artigen Masse und Zerschneiden in runde
oder viereckige Blättchen hergestellt. Dieses
Pulver brennt, mit offener Flamme entzündet,
schnell aber ruhig ab. Im geschlossenen,
Raume explodiert es ohne Rauchentwicklung.
Von anderen rauchlosen Pulvern besteht das
Nobelsche Ballistit aus einem Gemenge
von Kollodiumwolle mit Nitroglyzerin, das
Kordit der englischen Armee aus einem
Gemisch von Nitroglyzerin mit in Azeton ge-
löster Schießbaumwolle. Auch hat man Ver-
bindungen der Pikrinsäure zu gleichem Zwecke