﻿Schwefel

442

Schwefel

oder aber in ausgedehnten Lagern, mit Gips,
Kalkstein und bituminösem Mergel gemischt.
Man erklärt sich die Entstehung des S. in
vulkanischen Gegenden aus der Umsetzung der
beiden Gase Schwefelwasserstoff und schwef-
lige Säure. Diese entströmen Erdlöchern (S o 1 -
fataren) und zersetzen sich beim Zusammen-
treffen unter Abscheidung von S., welcher an
den Mündungen der Erdlöcher Krusten bildet.
Teilweise dringen die vulkanischen Gase auch
in das lockere Erdreich ein und hinterlassen
in diesem den S. Eine der großartigsten
Solfataren ist die von Puzzuoli bei Neapel.
Viel reichlicher und verbreiteter als freier S.
kommen seine Verbindungen in der Natur
vor. An Metalle gebunden, findet sich der
S. in verschiedenen Erzen, welche in der
Mineralogie als Kiese, Glanze und Blen-
den bezeichnet werden. Die bekanntesten
sind der Kupferkies, Eisenkies, Bleiglanz,
Antimonglanz, Molybdänglanz und die Zink-
blende. In Verbindung mit Arsenik bildet der
S. die Mineralien Realgar und Auripigment.
Auch in Form von schwefelsauren Salzen
kommt er sehr verbreitet vor. Derartige natür-
lich vorkommende schwefelsaure Salze (Sul-
fate) sind z. B. der Gips, der Schwerspat,
der Kieserit und das Bittersalz. Im Tier- und
Pflanzenreich finden sich ebenfalls Schwefel-
verbindungen, z. B. im Knoblauch- und Asa-
foetidaöl, ferner in den Eiweißkörpern usw.
Die überwiegende Menge des im kontinen-
talen Handel vorkommenden S. wird aus dem
in Italien, hauptsächlich in der Romagna und
auf Sizilien sich vorfindenden natürlichen S.
gewonnen. Auf Sizilien erstreckt sich die
schwefelhaltige Gegend an der Südküste von
Girgenti nordöstlich bis an den Fuß des
Ätna in einer Länge von ungefähr 25 Meilen
bei 5—6 Meilen Breite. Man gewinnt das
schwefelhaltige Gestein und Erdreich, welches
außer S. noch Gips, Kalkstein und Mergel
enthält, teils direkt aus den zutage liegenden
Anhäufungen, teils bergmännisch aus den in
der Tiefe sich befindenden Lagern. Die
Gesteine enthalten durchschnittlich etwa
25°/o S., die reichsten gegen 50°/o. Beträgt
der Schwefelgehalt unter 10°/o, so ist die Ver-
arbeitung unlohnend. Die Abscheidung des
natürlichen gediegenen S. aus dem Ge-
stein und Erdreich ist eine sehr einfache Ope-
ration und geschah früher in Sizilien auf
folgende Weise: In runden, 2,5 m im Durch-
messer, 0,4 m in der Tiefe messenden Erd-
löchern (Calcarelle) wurden die Erze zu
einem hohen Haufen aufgeschichtet, dieser
dann am Abend angezündet, und am anderen
Morgen der durch die Wärme in dem äußeren
Ringe der Vertiefung angesammelte ge-
schmolzene S. ausgeschöpft. Es liegt auf der
Hand, daß bei diesem rohen Verfahren mit
großen Verlusten gearbeitet wurde. Infolge-
dessen sann man auf andere Gewinnungs-
weisen und wendet seit 1858 ein verbessertes
Ausschmelzverfahren in den sog. Calcaroni
an. Die letzteren sind runde, etwa 2,5 m tiefe
Gruben von 10 m Durchmesser, deren Innen-
wand mit einer geglätteten Gipsmauer aus-

gekleidet ist, und welche meistens an einem
Abhange liegen, so daß sich ein vollständiges
Abfließen des S. ermöglichen läßt. In den
Gruben werden die Schwefelerze aufge-
schichtet, und dann der ganze Haufen, welcher
die Gestalt eines abgestumpften Kegels be-
sitzt, mit ausgebrannten Erzen bedeckt. Der
S. wird durch Anzünden des Haufens von
unten zum Schmelzen gebracht und sam-
melt sich an der tiefsten Stelle an. Von hier
fließt er durch ein Zapfloch in einen Be-
hälter und wird schließlich in Formen ge-
gossen. Neuerdings gewinnt man den S. in
Sizilien auch dadurch, daß man die Schwefel-
erze einfach in großen Pyramiden auf-
schichtet, diese nach Art eines Meilers dick
mit Erde bedeckt und unter der Decke in
Brand setzt. Hierbei geht ziemlich wenig S.
durch Verbrennen verloren, und die Methode
ist deshalb recht vorteilhaft, wenn auch etwas
langwierig, da das Ausschmelzen eines Mei-
lers gegen 20 Tage erfordert. Aus besonders
schwefelreichen Erzen scheidet man den S.
auch durch Ausschmelzen in Kesseln bei
möglichst geringer Hitze und möglichster
Fernhaltung der Luft ab. Nachdem die Masse
einige Zeit in Fluß gestanden, und die fremden
Teile sich zu Boden gesetzt haben, schöpft
man den S. in naßgemachte, hölzerne Kästen
und läßt ihn zu Blöcken erstarren. Die weit
rationellere Methode, den S. durch Aus-
schmelzen in geschlossenen Gefäßen mittels
gespanntem Wasserdampf oder durch Destil-
lation schwefelreicherer Erze, wie sie in der
Romagna gang und gäbe ist, zu gewinnen,
ist in Sizilien nicht ausführbar, weil dort der
S. das einzige Brennmaterial bildet, und
Kohlen zu kostspielig sind. — Aller durch
Schmelzprozesse gewonnene S. ist Roh-
schwefel. Er kommt in unregelmäßigen
Brocken in den Handel und muß für viele
Zwecke noch gereinigt (raffiniert) werden.
Große Mengen Rohschwefel werden für die
Schwefelsäurefabrikation gebraucht, der Haupt-
abnehmer für sizilianischen Rohschwefel ist
England. Zur Darstellung von Schwefelsäure
ist eine Reinigung des S. nicht erforderlich.
— Das Raffinieren des Rohschwefels, wel-
cher außer erdigen Beimengungen oft auch
Arsen enthält, wird in verschiedenen Mittel-
meerstädten, besonders in Marseille, ausge-
führt, doch finden sich Schwefelraffinerien
auch in Antwerpen, Schönebeck usw. Die
Reinigung geschieht durch Sublimation oder
Destillation. Zu diesem Zwecke wird der S.
in gußeisernen Retorten oder horizontalen
Zylindern in Dampf verwandelt, und dieser
durch einen Kanal in eine gemauerte Kammer
geleitet, worin er sich, solange die Tempe-
ratur des Raumes unter 112° bleibt, als feines
kristallinisches Pulver — Schwefelblumen
(lat. Flores sulfuris seu Sulfur sublimatum,
frz. Fleurs de soufre, engl. Flowers of sul-
phur) — verdichtet. Nehmen aber im wei-
teren Verlauf der Destillation die Kammer-
wände die Temperatur an, bei welcher der
S. schmilzt, so können sich keine Schwefel-
blumen mehr bilden, sondern aller S. sam-