﻿Schwefelsäure

447

Schwefelsäure

weist man nach, indem man sie mit einem
Körnchen Zucker eindampft, wobei ein
schwarzer Rückstand hinterbleibt. ln freiem
und gebundenem Zustande erkennt man die
S. an dem weißen Niederschlag, welchen
Baryumsalzlösungen mit ihr geben. — Im
Handel unterscheidet man in der Haupt-
sache 3 Arten von S., rauchende, rohe
und reine S. Außerdem trifft man noch die
verdünnte S. des D. A. B. und die sog.
wasserfreie S. an. — Die rauchende oder
Nordhäuser S. (Vitriolöl, Pyroschwe-
felsäure, lat. Acidum sulfuricum fumans,
frz. Huile de vitriol, engl. Vitriol-Oil) wurde
früher in der Gegend von Nordhausen durch
Destillation von entwässertem Eisenvitriol aus
tönernen Retorten hergestellt. Jetzt wird rau-
chende S. besonders in Böhmen und Eng-
land gewonnen, und zwar wird der Eisenvitriol
nicht nur entwässert, sondern durch fort-
gesetztes Rösten möglichst vollständig in ba-
sisches schwefelsaures Eisenoxyd verwandelt.
Dadurch erzielt man eine größere Ausbeute
an rauchender S., indem der gesamte
Schwefel des Eisenvitriols in Schwefelsäure-
anhydrid umgesetzt wird, während bei dem
Nordhäuserverfahren ein Teil als schweflige
Säure verloren geht. Das Destillationsprodukt
wird in Vorlagen, die wenig Wasser oder
englische S. enthalten, aufgefangen. Der
Rückstand in den Retorten besteht aus Eisen-
oxyd und findet unter dem Namen Col-
cothar (s. d.) (lat. Caput mortuum) Verwen-
dung. Nahezu reine rauchende S., sowie reines
Schwefelsäureanhydrid wird neuerdings nach
dem Verfahren von CI. Winkler dargestellt.
Nach diesem werden die Dämpfe von eng-
lischer S. über poröse, rotglühende Steine
geleitet, und das aus schwefliger Säure, Sauer-
stoff und Wasserdampf bestehende Gasge-
menge in einen Koksturm übergeführt, von
dem S. niederrieselt. Das nun vom Wasser
befreite Gemisch leitet man über glühenden,
platinierten Asbest, wobei sich Schwefelsäure-
anhydrid bildet. Dieses wird entweder als
solches aufgefangen oder, falls S. vorgelegt
ist, in feste rauchende S. übergeführt. Die
rauchende S. des Handels bildet eine dicke,
ölige, braune Flüssigkeit, welche das spez.
Gew. 1,860—1,900 besitzt, höchst ätzend wirkt
und an der Luft dicke, weiße Dämpfe von
Schwefelsäureanhydrid ausstößt. Sie enthält
als wesentlichsten Bestandteil Pyroschwefel-
säure, die in chemischer Beziehung als eine
Verbindung gleicher Moleküle Schwefelsäure
und Schwefelsäureanhydrid anzusehen ist.
Die nach dem Winklerschen Verfahren her-
gestellte kristallisierte, rauchende S., welche
ebenfalls im Handel zu haben ist, besteht
aus nahezu reiner Pyroschwefelsäure. Beim
Erwärmen verwandelt sich die rauchende S.
in S. und Schwefelsäureanhydrid. Die rauchende
S. dient zum Auflösen des Indigos, zur Ider-
stellung von Sulfosäuren in der Farbentechnik,
zum Bleichen von Ozokerit, zur Darstellung
von Stiefelwichse usf. — Als sog. wasserfreie
S. wird fälschlicherweise das Schwefelsäure-
anhydrid bezeichnet, welches entweder nach

dem Verfahren von Winkler oder durch ge-
lindes Erhitzen von rauchender S. und Auf-
fangen der Dämpfe in einer gut gekühlten
Vorlage gewonnen wird. Es stellt lange, farb-
lose Prismen dar, die schon bei 15° schmelzen,
und kommt in verlöteten Blechkisten von
1 Zentner Inhalt als 98—99prozentiges An-
hydrid in den Handel. Das Schwefelsäure-
anhydrid findet in der wissenschaftlichen und
technischen Chemie Verwendung. — Die
rohe, gewöhnliche oder englische S. (lat.
Acidum sulfuricum crudum seu anglicum, frz.
Acide sulfurique, engl. Sulfuric acid) ist die
nach dem Bleikammerprozeß dargestellte S.
und bildet eine klare, farblose oder schwach
gelbliche, ölige Flüssigkeit vom spez. Gew.
1,830—1,833, entsprechend einem Gehalte von
92—93°/o S. Die engl. S. ist in der Haupt-
sache durch Arsen und Blei, manchmal auch
durch Salpetersäure und Oxyde des Stickstoffs
verunreinigt. Ihre Verwendung ist außer-
ordentlich vielseitig. Die größten Mengen
werden zur Sodafabrikation gebraucht; ferner
dient sie zur Gewinnung von Salpetersäure,
Phosphorsäure, Chromsäure, Weinsäure, Essig-
säure und Zitronensäure und zur Herstellung
von Superphosphaten aus Knochenmehl,
Apatit, Phosphoriten und Guano. Weiter ge-
braucht man sie zur Bereitung von Äther
und Essigäther, von schwefelsaurer Tonerde,
Alaun, Kupfervitriol, Zinkvitriol, in Stärke-
zucker-, Stearinkerzen- und Mineralwasserfabri-
ken, sowie Affinieranstalten. Auch in der Teer-
farbenfabrikation, in der Ölraffinerie, zum Rei-
nigen des Petroleums, zur Darstellung von
Pergamentpapier, Schießbaumwolle und Nitro-
glyzerin findet die S. Verwendung. Die Auf-
bewahrung der englischen S. hat ebenso wie
die der rauchenden S. in starken Glas-
gefäßen mit Glasstopfen zu erfolgen. Bei
letzterer hat man noch besonders darauf zu
achten, daß in dem Raume, worin sie lagert,
die Temperatur nicht unter 0° fällt, da sie
sonst unter Volumenvermehrung fest wird. —
Die reine oder offizineile S. (lat. Acidum
sulfuricum purum seu rectificatum, frz. Acide
sulfurique pur, engl. Pure sulfuric acid) wird
durch Destillation der vom Arsen befreiten
englischen S. aus Glasretorten hergestellt
und bildet eine färb- und geruchlose, ölige
Flüssigkeit vom spez. Gew. 1,836—1,840, ent-
sprechend 94—98% reiner S. Die Prüfung
dieser Säure auf Reinheit hat sich vorzugs-
weise auf einen etwaigen Gehalt an Arsen,
Blei, schwefliger Säure und Salpetersäure zu
erstrecken. In zweiter Linie kommen andere
Metalle, Salzsäure und Oxyde des Stickstoffs
in Betracht. Die reine S. dient zu medizini-
schen Zwecken, zur Herstellung reiner Sulfate
und als Reagens der chemischen Laboratorien.
— Die verdünnte S. des D. A. B. endlich
(lat. Acidum sulfuricum dilutum), eine Misch-
ung aus 5 Teilen Wasser und 1 Teil reiner
S., besitzt das spez. Gew. 1,112 und wird
medizinisch verwendet. Rohe verdünnte S.
findet als Putzmittel für Kupfer, Messing
und Zink Anwendung. — Die Produktion von
englischer S. im Deutschen Reiche hat in