﻿Seide

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Seidelbastrinde

Die erste wird aus der besten Rohseide, aus
gedrehten und duplierten Fäden unter fester
Drehung hergestellt. Die zweite besteht aus
ungedrehten Einzelfäden * wird auch beim
Zwirnen nur schwach gedreht und ist daher
von lockerer, weicher Beschaffenheit. An-
dere Sorten sind Nähseide, Strickseide
und Stickseide. Der Stärke- oder Fein-
heitsgrad der gezwirnten S. wird durch Num-
mern angegeben, deren Bestimmung (Titrie-
ren) durch Abmessen einer bestimmten Zahl
von Stab oder Metern und Wägen derselben
auf einer feinen Wage erfolgt. Da die S.
aus feuchter Luft rasch Wasser bis zu 20
und 30% aufnimmt, ohne doch feucht zu
erscheinen, wird durch besondere Prüfungs-
ämter, sogenannte Konditionierungs - oder
Trockenanstalten, der Wassergehalt und
wahre Handelswert der Ware ermittelt. —
Die bei der Herstellung der eigentlichen,
aus langen Kokonfäden zusammengesetzten
S. entstehenden Abfälle werden als Florett-
oder Flockseide (frz. Fleuret, Filoselle, engl.
Floret-silk) zusammengefaßt. Die beste Sorte
der Florettseide kommt von Doppelkokons,
die zweite von den bei dem Abhaspeln
übrigbleibenden pergamentartigen Häutchen,
welche erweicht, zerrissen, gekratzt und ge-
kämmt werden. Von diesem sog. Stamm
= Kreszentinstamm (frz. Cardette) wird
durch Abspinnen das Kreszentingarn ge-
wonnen. Der nicht kämmbare Teil (Chappe)
wird zur Zerstörung des die Fasern zusammen-
haltenden Leimes einem Fäulnisprozeß unter-
worfen und ist nun spinnbar. Die geringste
Sorte Florettseide liefern die von den Reisern
abgezogenen Fäden, mit welchen die Raupe den
Kokon befestigt hatte. Sie sind sehr lose und
finden zu Wattseide Verwendung. End-
lich unterscheidet man noch Strazza (frz.
Estrasse), die Abfälle bei der Verarbeitung
der Rohseide zu Organsin und Trama, und
Seidenwerg oder Stumpen (frz. Bourre de
soie), den Abfall bei dem Kämmen der ge-
faulten Kokons, aus welchem das Bour-
rettegarn gesponnen wird. Die gesponnene
Florettseide ist ein wirkliches, durch Zu-
sammendrehen kürzerer und längerer Fasern
entstehendes Garn, das aber nie die Glätte
und den Glanz der filierten S. erreicht. — In
chemischer Hinsicht besteht die S. hauptsäch-
lich, zu 50—60%, aus einem stickstoffhaltigen
Körper, dem sog. Fibroin, daneben sind 24
bis 25% Albumin, sowie geringe Mengen
Wachs, Harz und Farbstoffe vorhanden. Der
ungefähr 20 % ausmachende gummiartige
Überzug, welcher beim Degummieren der
Rohseide entfernt wird, der Seidenleim
oder das Serizin, ist als ein Oxydations-
produkt des Fibroins aufzufassen. Neben
den zahlreichen Verfälschungen der S. durch
fremde Gespinste, welche mit Hilfe des Mikro-
skops nachgewiesen werden, finden sich auch
mineralische Beschwerungsmittel, selbst gif-
tige Blei- und Quecksilbersalze. Über ihre
Anwesenheit gewährt meist schon die ein-
fache Verbrennungsprobe Aufschluß. Ver-
sucht man reine, echte, schwarz gefärbte S.

zu verbrennen, so kräuselt sie sich sofort
zusammen, verlöscht bald und hinterläßt sehr
wenig Asche von ganz hellbräunlicher Farbe.
Verfälschte Seide, die leicht speckig wird und
bricht, brennt dagegen langsam fort, nament-
lich glimmen die Schußfäden weiter, wenn
sie sehr mit Farbstoff beschwert sind, und
hinterlassen eine dunkelbraune Asche, die sich
im Gegensatz zur echten S. nicht kräuselt,
sondern nur krümmt. Die zahlreichen Seiden-
stoffe, welche meist durch einfaches Zusam-
menlegen und Pressen, bisweilen auch durch
Gummieren und Kalandern hergestellt wer-
den, unterscheidet man in 1. glatte, 2. ge-
köperte, 3. gemusterte, 4. Gaze, 5. Samt.
Unter den glatten oder leinwandartig ge-
webten Stoffen sind die Tafte leichtere und
schwerere Zeuge aus entschälter S. mit Or-
gansinkette und Einschlag von Tramseide.
Ganz leichte Gewebe bilden den Futtertaft
(Avignon, Florence), etwas schwerere den
Kleidertaft. Bei diesen ist die Kette ein-,
der Einschuß ein- bis dreifädig. Doppeltaft
(Marcelline) hat zweifädige Kette und zwei-
bis dreifädigen Einschuß. Die dichtesten taft-
artigen Zeuge, Gros, haben zweifädige Kette
und zwei- bis sechsfädigen Schuß. Zu den
geköperten Stoffen gehören die verschie-
denen Sergen (Croisö, Levantin, Drap de
Soie, Bombasin) und der Atlas oder Satin.
Gemusterte Zeuge kommen in der größten
Mannigfaltigkeit, unter den verschiedensten
Namen und sowohl gewürfelt, gestreift und
geblümt vor. Samtartige Stoffe sind der
echte Samt, geschnitten und ungeschnitten,
sowie Plüsch und Felbel. Gazeartige Ge-
webe kommen als Gaze, Flor, Marly, Krepp,
Stramin, Barüge und Beutelgaze in den Handel.
Daneben werden noch gemischte Stoffe
in Verbindung mit Wolle, Alpaka, Mohair,
Baumwolle und Leinen, sowie Gewebe aus
Seidenshoddy nach Art der Kunstwolle
hergestellt. — Zoll: Seide und Seidenwaren
s. Tarif Nr. 391 ff. Seidengehäuse (Kokons)
Nr. 152.

Seide, künstliche, wird nach verschiedenen
Verfahren aus Derivaten der Zellulose dar-
gestellt. Zur Herstellung der Chardonnet-
schen Kunstseide werden dickflüssige Lösun-
gen von Kollodiumwolle aus feinen Öffnun-
gen gepreßt, und die in Wasser erhärtenden
Fäden aufgehaspelt und getrocknet. Durch
eine Behandlung mit Natrium- oder Ammo-
niumsulfid (das sog. Denitrieren) macht man
die S. unverbrennlich. Andere Arten von
Kunstseide werden aus Lösungen von Zellu-
lose in Kupferoxydammoniak, Zinkchlorid,
Schwefelsäure oder Phosphorsäure gewonnen.
Auch baumwollene Gewebe, denen man durch
eine mechanische Behandlung mit geriffelten
Walzen oder eine chemische Einwirkung von
Natronlauge (Merzerisieren) einen Seidenglanz
verliehen hat, werden als künstliche S. be-
zeichnet. — Zoll: S. Tarif Nr. 400.

Seidelbastrinde (Kellerhalsrinde, lat.
Cortex mezerei, frz. Ecorce de mdzdröon, engl.
Mezereon bark). Der zu den Giftpflanzen ge-
hörende Seidelbast, Daphne Mezereum,