﻿Seife

452

ist ein in höher gelegenen Laubwäldern des
nördlichen Europa und Asien nicht seltener
Strauch mit kleinen rosenroten, trichterför-
migen und vierspaltigen, vor den Blättern er-
scheinenden, stark duftenden Blüten und bei
der Reife ziegelroten Beeren. Die im Spät-
herbst geschälte dünne Rinde der meist nur
federkielstarken und oft noch dünneren
Stämmchen oder Ruten dient ihrer scharfen
Bestandteile halber als blasenziehendes oder
hautreizendes Mittel, indem sie entweder im
aufgeweichten Zustande aufgelegt wird, oder
indem man das daraus bereitete weingeistige
Extrakt verwendet. Als charakteristische Be-
standteile sind Daphnin, welches sich in
Daphnetin und Zucker spalten läßt, sowie
das hautreizende Anhydrid der Mezerin-
säure vorhanden. — S. ist zollfrei. S.-Extrakt
s. Tarif Nr. 386.

Seife (lat. Sapo, frz. Savon, engl. Soap).
Als Seifen im weiteren Sinne bezeichnet der
Chemiker alle Verbindungen von Basen mit
einer organischen fetten Säure und spricht
demnach von Kaliseife, Kalk- und Mag-
nesiaseife und Bleiseife. Die letztere bil-
det die Grundlage von Pflastern und Salben,
Kalk- und Magnesiaseifen sind in Wasser un-
lösliche pulverige Körper, und nur die Alkali-
seifen lösen sich in Wasser zu schäumenden
Flüssigkeiten. Unter eigentlichen Seifen für
Waschzwecke versteht man ausschließlich die
letzteren, also fettsaure Alkalien. Als Aus-
gangsmaterialien zur Fabrikation der S. kom-
men ätzende Alkalien (Kali- oder Natronlauge)
und Fette tierischen oder pflanzlichen Ur-
sprungs in Betracht. Beim Kochen der Fette
mit den Alkalien spalten sie Glyzerin ab,
während die freiwerdende Fettsäure sich mit
der Base zu fettsaurem Alkali (Seife) ver-
bindet. Nach der Natur des benutzten Alkali
unterscheidet man die zwei großen Gruppen
der weichen Kaliseifen (Schmierseifen)
und der harten Natronseifen. Die Her-
stellung der Natronseifen erfolgt im Prinzipe
in der Weise, daß man die Fette mit der
berechneten Menge Natronlauge unter be-
ständigem Rühren auf freiem Feuer oder
besser mit direktem Dampf erhitzt, bis der
Kesselinhalt sich in eine dünne gallertartige
Masse, den Seifen leim, verwandelt hat,
die beim Herausnehmen zu Fäden ausgezogen
werden kann („spinnt“). Auf Zusatz von Koch-
salz („Aussalzen“) trennt sich die Masse in
die nach oben steigende feste krümlige S.
und die unten stehende Unterlauge, welche
zur Gewinnung des Glyzerins Verwendung fin-
det. Nach dem Ablassen der Unterlauge wird
die S. noch ein- oder mehrere Male zu Leim
aufgesotten, ausgesalzen und schließlich mit
reinem Wasser klargesotten. Die entstehende
zähe, plattenartige Masse wird noch heiß auf
Formen gefüllt, große, zum Auseinander-
nehmen eingerichtete Holzkästen mit Sieb-
bpden, durch den die anhaftende Feuchtigkeit
abläuft. Während des langsamen Abkühlens
bildet sich infolge der vorhandenen Verun-
reinigungen ein feines, bisweilen farbiges
Geäder, die sog. Marmorierung (Fluß,

Seife

Faser), welche als Zeichen der Güte ange-
sehen und daher vielfach durch Zusatz von
Braunstein, Bolus oder gefärbter S. nach-
geahmt wird. An Stelle der Ätznatronlauge
verwendet man neuerdings auch kohlensaures
Natron zum Verseifen und ersetzt dann das
Fett durch die freien Fettsäuren. Der nach
dem einen oder anderen Verfahren erhaltene
Seifenblock wird schließlich in Platten, Riegel
und Stücke zerschnitten, die als Kernseife
in den Handel kommen. Von den nach der
Art des verwendeten Fettes unterschiedenen
Sorten der Kernseifen wird die Talgkern-
seife wegen ihrer Reinheit und ihres spar-
samen Verbrauchs bei hoher Reinigungskraft
besonders geschätzt, doch sind auch die unter
Zusatz von Palmöl oder Palmkernöl oder mit
Palmöl allein hergestellten Kernseifen wegen
ihres leichten Schäumens sehr beliebt. Mar-
seiller S. ist eine ursprünglich aus reinem
Olivenöl, später aus Gemischen von Olivenöl
mit anderen Fetten hergestellte Kernseife.
Oberschalseife, eine hauptsächlich in Ber-
lin gebräuchliche Kernseife von besonders
rauher und gerippter Oberfläche, wird aus rei-
nem Palmöl oder reinem Talg bereitet. Eine
Unterabteilung der reinen Kernseifen bilden
die Kernseifen auf Leimniederschlag
oder abgesetzten Kernseifen, bei denen
nicht vollständig ausgesalzen wird. Vielmehr
sorgt man bei ihrer Herstellung durch Anwen-
dung ungenügender Salzmengen oder eines
Überschusses von Lauge dafür, daß sich ein
alle Verunreinigungen enthaltender Leim-
niederschlag ausscheidet. Sie werden stets
unter Verwendung pflanzlicher Öle (Palmkern-
öl, Kokosfett) hergestellt und umfassen u. a.
die Wachsseife und die mit Zusatz von Harz
bereiteten Oranienburger und die reinen
Harzkernseifen. Die Verwendung des
Harzes zur Seifenfabrikation beruht auf sei-
nem Gehalte an freien Harzsäuren, deren
Alkalisalze den fettsauren Alkalien analoges
Verhalten zeigen. Zur Erhöhung der Aus-
beute werden die S. nach dem Klarsieden
noch häufig mit schwacher salzhaltiger Lauge
gekocht, „geschliffen“, wobei sie größere
Mengen Wasser aufnehmen, oder auch mit
billigeren Surrogaten, wie Wasserglas und
Soda, oder für Waschzwecke völlig wertlosen
Stoffen, wie Talk und anderen Mineralpulvern
vermischt, „gefüllt“. Die geringwertigsten
S„ die sog. Leimseifen, werden ohne Aus-
salzen, durch einfaches Erstarrenlassen des
ganzen Kesselinhalts, dargestellt und enthal-
ten demnach die gesamte Unterlauge. Sie
vertragen, ohne an Aussehen und Festigkeit
einzubüßen, außerordentlich hohe Zusätze von
Soda, Wasserglas, Mehl, Talk, Ton und an-
dernen Füllmitteln und geben demnach außer-
ordentlich hohe Ausbeuten. Die Güte der
Erzeugnisse steht allerdings im umgekehrten
Verhältnis wie der Grad der Vermehrung.
Deite gibt als klassisches Beispiel einer
800prozentigen Ausbeute folgendes Rezept
an: 100 kg Kokosöl, 80 kg Natronlauge,
200 kg Pottaschelösung, 300 kg Salzwasser,
60 kg Sodalösung, schließlich nochmals 60 kg