﻿Süßholz

478	Süßholz

aus Kleinasien und Nordamerika stammende
Ware. — Das russische S. (lat. Radix li-
quiritae russica, echinata seu mundata), von
Glycyrrhiza glabra, var. glandulifera, besteht
aus Wurzeln und Ausläufern und ist die
alleinige offizinelle Droge des deutschen
Arzneibuches. Die Pflanze bildet eine bis
2 m hohe Staude, ist im südlichen Rußland,
in Ungarn, Galizien, Armenien und Persien
heimisch und wird besonders im südlichen
Rußland für den Handel gebaut. Im Gegen-
satz zu der spanischen Süßholzpflanze ist die
russische drüsig behaart. Das russische S.,
welches von Petersburg in Ballen von 75 bis
100 kg, mit Lindenbastmatten umgeben, zu
uns gelangt, bildet dicke, oft gespaltene
Wurzelstücke oder auch Ausläufer, die ge-
schält in den Handel kommen. Das Holz
ist sehr faserig, strahlig zerklüftet und besitzt
neben einem helleren Gelb ein lockereres
Gefüge als das spanische S. Infolgedessen
ist es leicht und schwimmt auf dem Wasser.
Der Geschmack des russischen S. ist süß,
ohne kratzenden Nachgeschmack. — Apo-
theken und Drogerien beziehen das S.
größtenteils von Großhandlungen in ge-
schnittenem Zustande. Ebenso wird das Pul-
vern des S. von diesen besorgt, da sich die
faserige Wurzel ohne maschinelle Einrich-
tungen nur schwer zerkleinern läßt. Die
Güte eines Süßholzpulvers wird hauptsächlich
nach der Farbe bewertet. Je reiner und
intensiver das Gelb ist, als desto besser gilt
die Sorte. Etwaige Verfälschungen des Pul-
vers lassen sich mikroskopisch und durch die
Aschenbestimmung leicht erkennen. — Der
charakteristische Bestandteil der Süßholz-
wurzel ist der Süßholzzucker, das Gly-
cyrrhizin, welches sich in der Wurzel als
saures Ammoniumsalz zu 6—7% vorfindet. Es
ist unkristallisierbar, gelblichweiß und von
stark süßem Geschmack. Beim Kochen mit ver-
dünnten Säuren spaltet es sich in Trauben-
zucker und eine harzartige Substanz. Außer
Glycyrrhizin enthält die Süßholzwurzel noch
Asparagin, Pflanzeneiweiß, Farbstoffe, Zucker,
ungefähr 7 °/o Mineralstoffe, Stärke und ein brau-
nes Harz. Das letztere verursacht den kratzen-
den Nachgeschmack und ist in der russischen
Wurzel nur in sehr geringer Menge vorhanden.
Das Harz ist zwar an und für sich in Wasser
unlöslich, wird aber doch beim Auskochen der
Wurzel unter Vermittlung der übrigen Süß-
holzbestandteile mit ausgezogen. Die S. findet
ausgedehnte Anwendung in der Pharmazie.
Die ganze Wurzel wird häufig im Handverkauf
als „Süßholz in Stangen“ verlangt, die ge-
schnittene ist ein Hauptbestandteil des Brust-
tees, und die gepulverte findet sich im Brust-
pulver (lat. Pulvis liquiritiae compositus) wie-
der, Letztere dient auch als Bindemittel zu
Pillenmassen, während das geschnittene S.
zur Herstellung des Süßholzextraktes, des
Süßholzsirups usw. benutzt wird. Im allge-
meinen gilt das S. als reizlinderndes, die
Tätigkeit der Schleimhäute anregendes, ge-
schmackverbesserndes Mittel. —• Die ver-
schiedenen Pharmakopoen sind sich nicht

einig, ob dem spanischen oder dem russischen
S. der Vorrang gebührt. Während das
deutsche Arzneibuch nur die Verwendung des
letzteren gestattet, lassen andere Arznei-
bücher, z. B. das schweizerische und öster-
reichische, beide Arten zu. — Süßholzsaft,
Lakritzensaft, Bärendreck (lat. Succus
seu Extractum liquiritiae seu glycyrrhizae,
frz. Suc ou Jus de r^glisse, engl. Juice of liquo-
rice) heißt das durch Auskochen der Süßholz-
wurzel gewonnene Extrakt; es wird überall
bereitet, wo die Wurzel gebaut wird, doch nicht
immer in gleich guter Qualität. Besonders
Unteritalien, Sizilien, Südspanien und Süd-
frankreich produzieren große Mengen. Die
Gewinnung geschieht in umfangreichen Siede-
reien, welche von den Pflanzern die Wurzeln
kaufen. Diese werden frisch in kürzere Stück-
chen geschnitten, gewaschen, zu Brei zer-
malmt und in großen Kesseln mit Wasser
auf freiem Feuer 4—5 Stunden ausgekocht.
Die von dem Rückstand abgeseihte und ab-
gepreßte Flüssigkeit wird durch Absitzen-
lassen geklärt und dann in Eisen- oder Kupfer-
pfannen eingedampft, zuletzt unter bestän-
digem Umrühren, damit die Masse keine
Klümpchen bildet, sondern eine gleichförmige
Honigdicke erlangt. Aus dem Teige werden
dann runde oder flachgedrückte Stangen von
verschiedener Länge und Dicke, seltener
Kuchen oder Brote geformt. Der trockene Süß-
holzsaft stellt schwarze oder schwarzbraune
Stangen oder Massen dar, welche kurz und
mit stark glänzenden Flächen brechen. Der
Geschmack ist angenehm süß. Der Süßholz-
saft enthält die wesentlichen Bestandteile
der Wurzel in konzentrierter Form, ungefähr
15°/o Glycyrrhizin, 5% Zucker, 15°/o gummöse
Stoffe, 7°/o Mineralbestandteile. Eine gute
Ware hat kaum mehr als 15% Wasser und
hinterläßt beim Erschöpfen mit lauwarmem
Wasser höchstens 25% Rückstand. Sobald
dieser größer ist, liegt der Verdacht vor, daß
eine Verfälschung mittels Dextrin, Stärke oder
Mehl stattgefunden hat. Auf etwaigen Kupfer-
gehalt prüft man den Saft, indem man die
Asche mit verdünnter Salzsäure erwärmt. Das
Filtrat darf durch Schwefelwasserstoffwasser
nicht gebräunt werden. Der gewöhnliche Süß-
holzsaft, in den Apotheken als roher S. be-
zeichnet, findet als Brust- und Hustenmittel,
ferner zu Tabakssaucen und auch wohl als
Wasserfarbe Verwendung und dient vor allem
zur Herstellung des gereinigten S. Die Süß-
holzsaftstangen des Handels haben gewöhnlich
Zylindrische Form und sind 15—20 cm dick und
10—15 cm lang. Sie stammen aus Unteritalien,
Kalabrien, Sizilien, Frankreich, Spanien und
Südrußland und sind fast stets auf der Längs-
seite mit dem Ursprungs- und Fabrikstempel
versehen. Die Versendung geschieht in Kisten,
mit Lorbeerblättern als Packmaterial. Nur
Rußland verwendet Eichenblätter zur Ver-
packung. Die französische Ware bildet dünne
Stengel, zu je 100 Stück in Kartons von 1 kg
verpackt. Kalabreser Lakritzen gelten auch
heute noch als bevorzugte Sorte. Am meisten
wird die Marke Barracco geschätzt, dann