79

kennt.  Mit  wenigen  Ausnahmen  muss  gesagt  werden,  dass  —
und  vor  allem  gilt  das  von  den  deutschen  Stadtverwaltungen  —
dass  man  sich  noch  zu  keinem  Standpunkt  aufgeschwungen  hat,
der  gewissermassen  als  Lösung  der  Vorfrage  für  eine  Reihe  wichtigster ­
  Erscheinungen  eingenommen  werden  muss.  Der  Grund
dafür  ist  zunächst  gewiss  auch  in  dem  Umstand  zu  suchen,  dass
man  über  die  Vorstellung  einer  ganz  bestimmten  Relation  zwischen ­
  den  Einkommensverhältnissen  der  Arbeiter  zu  denen  der
übrigen  Klassen  nicht  hinauskommt.  Noch  mehr  aber  fehlt  es
m.  E.  wohl  an  Einsicht  gegenüber  Veränderlichkeit,  sowie  am
Blick  für  den  tatsächlichen  Wandel,  denen  das  Arbeitsverhältnis
in  seinen  Grundlagen  unterliegt.
Es  können  in  diesem  Zusammenhang  nur  in  aller  Kürze  die
Tendenzen  des  Entwicklungsganges  angedeutet  werden;  da  ich
aber  den  Einblick  in  dieselben  für  eine  wichtige  Voraussetzung
einer  vorurteilslosen  Stellungnahme  zu  den  Emanzipationsfragen
der  Arbeiterschaft  halte,  so  kann  ich  nicht  verzichten,  hier  darauf
einzugehen.
Die  Entwicklung  der  Individualwirtschaft  lässt  zwei  das  Prinzip ­
  der  Arbeitslast  durchdringende  Tendenzen  zum  Durchbruch
kommen,  die  sich  bemerkbar  machen,  sobald  und  insoweit  eine
Arbeitsaufgabe  auch  tatsächlich  als  Last  empfunden  wird  *).  Die
beiden  Tendenzen  sind:  I.  Abwälzung  der  Arbeit  auf  andere,
2.  Verminderung  der  Arbeitslast  durch  und  für  den  einzelnen  Arbeitenden ­
  selbst.  Führt  die  zweite  Tendenz  in  der  Hauptsache
zur  technischen  Vervollkommnung  der  Arbeitsprozesse,  so  bildet
die  erste  das  treibende  Element  für  die  Ausgestaltung  der  verschiedenen ­
  Formen  von  Organisation  der  Arbeitskräfte  und  damit ­
  auch  der  verschiedenen  Grundlagen  des  Arbeitsverhältnisses
schlechthin.
Das  Ziel  der  Arbeitsabwälzung  wird  nämlich  erreicht:  I.  zunächst ­
  durch  reine  Gewaltverhältnisse,  unter  denen  die
väterliche  Gewalt  wohl  eine  besondere  Stellung  einnimmt;  dass
auch  der  natürlichen  Uebermacht  des  Mannes  gegenüber  der
Frau  eine  grosse  Bedeutung  zukommt,  wird  nicht  ganz  in  Abrede
zu  stellen  sein.  Vor  allem  aber  ist  an  die  Sklaverei  zu  denken;
l)  Es  soll  aber  mit  diesem  Satz  und  den  folgenden  Gedanken  keineswegs  der
Theorie  vom  horror  laboris  die  Reverenz  bezeugt  werden.  Nach  den  Bücher'sehen
Forschungen  (vgl.  Arbeit  und  Rhythmus,  insbes.  I.  Kapitel)  kann  die  Unrichtigkeit
dieses  Studierstubenproduktes  wohl  nicht  mehr  angezweifelt  werden.