3. Kapitel. Die sozialpolitischen Richtungen. 23 Agitation hinzustellen, obwohl der weitaus größte Teil der sozial politischen Gesetze gegen die sozialdemokratischen Stimmen zustande gebracht werden mußte. Dies Verhalten entspringt Zweckmäßigkeits erwägungen, hat aber mit dem Wesen der Sache nichts zu tun. Die Sozialpolitik ist in Wahrheit weder eine Annäherung noch eine Kon zession an den Sozialismus. Ihr Ausgangspunkt und ihr Ziel sind vollständig anders, als die des Sozialismus. Der Sozialismus hat zwar zur Erkenntnis der vorhandenen Miß stände manches beigetragen, obwohl seine Kritik an den bestehenden Zuständen vielfach weit über das Ziel hinausschoß, und er hat sich weiter nach Kräften und nicht ohne Erfolg bemüht, die durch die neuere Sozialpolitik geschaffenen Organisationen als Stützpunkte seiner Agitation zu benutzen. Aber es ist ihm unmöglich, sich ganz auf den Boden der Sozialpolitik zu stellen, weil er damit eine der wichtigsten Stützen seines ganzen Gebäudes zerstört. Der Sozialismus sieht nicht nur die vorhandenen Mißstände als notwendige Folge der heutigen Gesellschaftsordnung an, sondern er leugnet auch die Möglichkeit, vom Boden dieser Gesellschaftsordnung aus und unter Aufrechterhaltung ihrer wesentlichen Grundlagen eine nennenswerte Besserung der Lage der arbeitenden Klassen herbeizuführen. Deshalb gerade fordert er die völlige Beseitigung der heutigen Gesellschaftsordnung und ihre Ersetzung durch eine neue Ordnung, die sich infolge der mit ihr ein tretenden Überführung aller Produktionsmittel in das Gemeineigentum auf völlig andere Grundlagen stützen muß. Die Sozialpolitik erkennt die Mißstände, die aus der neueren Ent wickelung hervorgegangen sind, durchaus an, aber sie sieht darin Schwächen und Auswüchse der heutigen Gesellschaftsordnung. Darin liegt, daß sie die pessimistische Auffassung von der Unverbesserlichkeit dieser Ordnung nicht teilt. Im Gegenteil, sie geht davon aus, daß die Gesellschaftsordnung zwar der Verbesserung und Weiterentwickelung bedarf, aber auch dessen durchaus fähig ist. Deshalb will die Sozial politik die Mißstände mildern und wenn möglich beseitigen, ohne alle die Hebel des wirtschaftlichen und kulturellen Fortschrittes zu zer stören, die durch die heutige Ordnung geboten werden. Die Sozial politik will den Mißständen nicht, wie der Sozialismus, durch Auf hebung und Vernichtung, sondern durch organische Fortentwickelung der vorhandenen Grundlagen des Gesellschafts- und Wirtschaftslebens entgegenwirken. Sie führt deshalb nicht zur Auflösung, sondern zur Verbesserung und Befestigung der Ordnung, auf die sich die Ver hältnisse der heutigen Kulturstaaten gründen. Dieser grundsätzliche Gegensatz zwischen Sozialpolitik und Sozialismus mag oft genug ver wischt werden; zu beseitigen ist er nicht ohne Zerstörung des inneren Wesens der einen oder der anderen Richtung.