24 I. Teil. Allgemeines. Praktischen und dauernden Wert hat ftir die Arbeiterklasse im letzten Grunde nur die Sozialpolitik. Ob die sozialistische Gesell schaftsordnung jemals zu dauernder Geltung gelangen kann, und wie sich in einer sozialisierten Gesellschaft die Verhältnisse gestalten werden, kann niemand sagen. Auch die, welche an den Sieg der sozialistischen Ideen glauben, erwarten ihn jedenfalls erst in einer fernen Zukunft, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Was hat davon der heut lebende Arbeiter? Es mag schön und verlockend sein, sich in eine ideale Zu- kunfswelt hineinzuträumen; an den jetzt bestehenden Mißständen wird dadurch nichts gemildert. Gibt es Wege, die Übelstände, die in unserer Zeit bestehen, zu beseitigen oder wenigstens abzuschwächen und den ärmeren Volksschichten, namentlich den Lohnarbeitern, zu besseren Lebensverhältnissen zu verhelfen, so bringt das den Bedrängten un mittelbare und schnelle Hilfe. Daß dies nicht immer erkannt wird, daß trotz aller Fortschritte der sozialpolitischen Arbeit gerade von den Lohnarbeitern ein sehr großer Teil dem Sozialismus anhängt, hat viele Gründe. Auf den Mitgenuß der erreichten Fortschritte braucht ja deshalb kein Arbeiter zu verzichten, weil er an den sozialistischen Zukunftsträumen festhält, und da ihm das Erreichte in der richtigen sachlichen Würdigung selten oder gar nicht dargestellt wird, und da trotz des Erreichten für jeden noch viel zu wünschen bleibt, so sucht er die Richtung auch politisch zu fördern, die ihm mehr verspricht, als die Sozialpolitik. Man kann nicht leugnen, daß für die Massen des Volkes der Sozialismus, dessen Verheißungen kein Arbeiter auf ihre innere Begründung und Berechtigung prüfen kann, eine viel größere werbende Kraft hat, als die Sozialpolitik, die ständig dazu mahnt, sich auf das Erreichbare zu beschränken. Es ist die alte, in der Geschichte aller Zeiten bestätigte Erscheinung, die sich hier wiederholt, daß der in seiner Kritik und in seinen Forderungen un beschränkte Standpunkt leichter eine gläubige Anhängerschaft um sich schart, als der gemäßigte. Mit dieser Tatsache wird man rechnen und sich abfinden müssen. Daß die politischen Vertreter des Sozialis mus an sich keine Veranlassung haben, der Sozialpolitik zu größerer Anerkennung bei der breiten Masse des Volkes zu verhelfen, wurde schon gesagt. Wenn gleichwohl innerhalb der dem Sozialismus an hängenden Parteien in Deutschland und noch mehr im Auslande Gruppen vorhanden sind, die bereit sind, an der Lösung der sozialpolitischen Aufgaben mit zu arbeiten, so zeigt das nur, daß in einer Partei von so großer Ausdehnung Unterschiede in der grundsätzlichen Auffassung unausbleiblich sind, die aber aus taktischen und politischen Erwägungen lange Zeit hindurch verdeckt werden können. Käme es einmal dahin, daß derartige Erwägungen nicht mehr wirksam sind, so würde sich zeigen, daß mit den bisherigen Grundlehren des Sozialismus ein Pak